XI. Geflügelte Worte aus lateinischen Schriftstellern.[63]
[Fußnote 63: Aus diesem Kapitel (15. Aufl.) ging A. ~Otto~'s Werk hervor: "Die Sprichwörter und sprichwörtlichen Redensarten der Römer" (Lpzg., Teubner, 1890), eine vortreffliche Arbeit, der dieses Buch manchen wertvollen Aufschluss verdankte.]
*Jeder ist seines Glückes Schmied*
ist nach der dem ~Sallust~ zugeschriebenen Schrift "de republica ordinanda" 1, 1, wo es heisst: "quod in carminibus Appius ait, fabrum esse suae quemque fortunae", auf ~Appius~ *Claudius* (Consul 307 v. Chr.) zurückzuführen. ~Plautus~ ("Trin." 2, 2, 84: "sapiens ipse fingit fortunam sibi") schreibt diese Fähigkeit nur dem Weisen zu; während ein von Cornelius ~Nepos~ (Atticus 11, 6) mitgeteilter Jambus eines Unbekannten wiederum aussagt:
*Sui cuique mores fingunt fortunam* (hominibus).
Jedes Menschen Glück schmiedet ihm sein Charakter.--
* * * * *
Als Citatenquelle ist *Plautus* (um 254-184 v. Chr.) zu erwähnen mit:
*Nomen atque omen,*
Name und zugleich Vorbedeutung,
aus dem "Persa", 4, 4, 74, und mit dem ebenda 4, 7, 19 vorkommenden, von ~Terenz~ im "Phormio" 3, 3, 8 angewendeten
*Sapienti sat* (est)!
Für den Verständigen genug!
(d.h. für ihn bedarf es keiner weiteren Erklärung).--
*Oleum et operam perdidi*
Öl und Mühe habe ich verschwendet
kommt in des ~Plautus~ "Poenulus" 1, 2, 119 vor und wird dort von einer Dirne gebraucht, die sich vergebens hat putzen und salben lassen. ~Cicero~ überträgt es auf Gladiatoren ("Ad familiares" 7, 1); dann wird damit auf das verschwendete Öl der Studierlampe angespielt (Cicero "Ad Atticum" 13, 38; "Iuvenal" 7, 99).--
Allgemein bekannt ist auch des ~Plautus~ Komödientitel
*Miles gloriosus*
Der ruhmredige Kriegsmann.
Das Original dieses Stückes war von einem uns unbekannten griechischen Dichter und hiess "Ἀλαζών" ("der Marktschreier", "Aufschneider", "Gloriosus"), wie ~Plautus~ (2, 1, 8 u. 9) selbst bezeugt.--
*Summa summarum,*
Alles in allem,
finden wir zuerst bei ~Plautus~ ("Truculentus" 1, 1, 4).--
Im "Trinummus" (5, 2, 30) des ~Plautus~ heisst es:
*Tunica propior pallio.*
*Das Hemd ist mir näher als der Rock.--*
Bei ~Plautus~ ("Stichus" 5, 4, 52 "Casina" 2, 3, 32) kommt
*Ohe iam satis!*
Oh, schon genug!
vor, das sich auch bei ~Horaz~ (Sat. 1, 5, 12) und ~Martial~ (4, 91, 6 u. 9) findet.--
* * * * *
*Ennius* (239-169 v. Chr.) wird in ~Ciceros~ "Laelius" 17, 64 citiert mit:
*Amicus certus in re incerta cernitur,*
Den sicheren Freund erkennt man in unsicherer Sache.--
Schon ~Euripides~ (Hec. 1226) sagt ähnlich:
"Ἐν τοῖς κακοῖς γὰρ οἱ ἀγαθοὶ σαφέστατοι Φίλοι".
"Denn in der Not sind gute Freund' am sichersten".--
* * * * *
In 1, 1, 99 der "Andria" des *Terenz* (185-155 v. Chr.) erzählt Simo, wie er sich erst über des Sohnes Pamphilus Thränen beim Begräbnis einer Nachbarin gefreut, dann aber der Verstorbenen hübsche Schwester unter den Leidtragenden bemerkt habe ... "Das fiel mir gleich auf. Haha! Das ist's!
*Hinc illae lacrumae!"*
"Daher jene Thränen!"
Dies Wort wird bereits von ~Cicero~ ("pro Caelio", c. 25) und von ~Horaz~ ("Epistel" 1, 19, 41) citiert.--
Aus 1, 2, 23 der "Andria" des ~Terenz~ ist die Antwort des Davus:
*Davus sum, non Oedipus,*
Davus bin ich, nicht Ödipus,
d.h. "ich verstehe dich nicht, denn ich kann nicht so geschickt Rätsel lösen wie Ödipus".--
Aus der "Andria" 1, 3, 13:
Inceptio est amentium, haud amantium,
Ein Beginnen von Verdrehten ist's, nicht von Verliebten,
ist in den Gebrauch übergegangen:
*Amantes, amentes,*
Verliebt, verdreht,
was wohl zuerst in dem Titel des 1604 in 3. Auflage erschienenen Lustspiels "Amantes amentes" von ~Gabriel Rollenhagen~ vorkommt. "Amens amansque" (verdreht und verliebt) findet sich übrigens schon bei ~Plautus~ "Merc." Prolog. 81.--
Aus der "Andria" 2, 1, 10 und 14 ist:
*Tu si hic sis, aliter sentias,*
Wärst du an meiner Stelle, du würdest anders denken;
*Interim fit* (eigentlich: fiet) *aliquid;*
Unterdessen wird sich schon irgend etwas ereignen;
(in des Plautus "Mercator" 2, 4, 24 heisst es: aliquid fiet).--
Aus 3, 3, 23 sind die Worte:
*Amantium irae amoris integratio* (est)
Der Liebenden Streit die Liebe erneut,
eine Verschönerung des Menandrischen "ὀργὴ φιλούντων μικρὸν ἰσχύει χρόνον", "Nicht lange währt der Zorn der Liebenden" (s. Stobäus Serm. LXI, p. 386. 11); aus 4, 1, 12:
*proximus sum egomet mihi,
Jeder ist sich selbst der Nächste.--*
Aus dem "Eunuch" (Prolog 41) des ~Terenz~ stammt:
*Nullum est iam dictum, quod non sit dictum prius,*
Es giebt kein Wort mehr; das nicht schon früher gesagt ist;
(s. Goethe: "Wer kann was Dummes ...")--
Aus 4, 5, 6 kommt uns das damals schon sprichwörtliche
*Sine Cerere et Libero friget Venus*
Ohne Ceres und Bacchus bleibt Venus kalt.
Bereits ~Euripides~ sagte ("Bacchae", 773):
οἴνου δὲ μηκέτ' ὄντος, οὐκ ἔστιν Κύπρις.
Wo's keinen Wein mehr giebt, giebt's keine Liebe.--
In des ~Terenz~ "Heautontimorumenos" (s. auch unter: Menander) 1, 1, 25 heisst es:
*Homo sum; humani nihil a me alienum puto,*
Mensch bin ich; nichts, was menschlich, acht' ich mir als fremd.
Es liegt hier wohl zweifellos die Übersetzung eines, schon im Menanderschen Original befindlich gewesenen Wortes vor.--
Aus des ~Terenz~ "Adelphi" 4, 1, 21 citieren wir den erschreckten Ruf des Syrus, als er Ctesiphos Vater plötzlich erblickt, über den er gerade mit jenem spricht:
*Lupus in fabula!*
(~Cicero~ "ad. Attic." 13, 33 wendet das Wort an, das schon bei ~Plautus~ "Stich." 4, 1, 71 in der Form "ecce tibi lupum in sermone" vorkommt.) Zu übersetzen wäre: "Wenn man vom Wolf spricht, ist er nicht weit"; doch wollen andere Ausleger den Volksglauben der Alten hineinziehen, dass man beim Anblick eines Wolfes verstummen müsse (s. Voss z. Vergils Ecl. 9, 54 u. Meineke zu Theokrits Id. 14, 22), da ja auch die plötzliche Ankunft dessen, von dem wir reden, uns verstummen mache.--
"Adelphi" 4, 7, 21-23 heisst es:
"Ita vita est hominum, quasi, cum ludas tesseris; Si illud, quod maxume opus est iactu, non cadit, Illud quod cecidit forte, id arte ut corrigas".
"So gleicht des Menschen Leben einem Würfelspiel: Wenn just der Wurf, den man am meisten braucht nicht fällt, So korrigiert man, was der Zufall gab, durch Kunst".
Aus dieser Stelle stammt
*corriger la fortune*
"das Glück verbessern", d.h. "falsch spielen", was sich in ~Hamiltons~ 1713 erschienenen "Mém. d. Grammont" K. 2, in ~Prévosts~ "Manon Lescaut" (1743) 27, 1 und auch in ~Lessings~ "Minna von Barnhelm" (1767) 4, 2 findet.
~Molière~ (1663 "L'École des Femmes" 4, 8) hat "corriger le hazard" beim Würfelspiel, aber durch "bonne conduite". In ~Regnards~ "Le Joueur" (1696) 1, 10 weiss Toutabas, wenn's sein muss, "par un peu d'artifice d'un sort injurieux corriger la malice"; und in G. ~Furquhars~ "Sir Harry ~Wildair~" (1701) Akt 3 z. A. sagt "Monsieur Marquis" in seinem Kauderwelsch: "Fortune give de Anglis Man de Riches, but Nature give de France Man de Politique to correct unequal Distribution".--
*Duo cum faciunt idem, non est idem,*
Wenn zwei dasselbe thun, so ist es nicht dasselbe,
ist eine Verkürzung der Stelle "Adelphi" 5, 3, 37:
Duo cum idem faciunt, ..., Hoc licet impune facere huic, illi non licet.
Wenn zwei dasselbe thun, ... so darf der Eine es ungestraft thun, der Andere nicht.--
Aus des ~Terenz~ "Phormio" 1, 2, 18 stammt:
*Montes auri pollicens;*
Berge Goldes *(goldene Berge) versprechen*(d).
Wenn ~Georg Ebers~ ("Ägypten in Bild und Wort" S. 17) den Komödiendichter ~Menander~ aus Athen an seine Geliebte schreiben lässt: "Ich habe von Ptolomäus ... Briefe ..., in denen er mir mit königlicher Freigebigkeit ~goldene Berge~ verspricht", so ist dies nur eine freie Übersetzung von "τῆς γῆς ἀγαθά, die Güter der Erde". In des ~Plautus~ "Miles gloriosus" 4, 2, 73 kommen aber schon "argenti montes", "Berge von Silber", vor und im "Stichus" 1, 1, 24-5 heisst es: "Neque ille sibi mereat Persarum montes, qui esse aurei perhibentur", "Und er möchte sich die Perserberge nicht erwerben, die von Gold sein sollen". Auch ~Varro~ (bei "Nonius" p. 379) singt von diesen Perserbergen:
"Non demunt animis curas ac religiones Persarum montes, non atria divitis Crassi";
"Weder die Berge der Perser, noch Hallen des prunkenden Crassus Können die Herzen befreien von Angst und von nagenden Skrupeln";
während der Perserkönig im ~Aristophanes~ ("Acharn." 81) nach achtmonatlichem Sitzen auf goldenen Bergen (ἐπὶ χρυσῶν ὀρῶν) eine Befreiung anderer Art fand. Es scheint, als deute unser Gudrunepos (vor 1200) mit seinem (V. 493) "und waere ein berc golt, den naeme ich niht dar umbe" auf eine gemeinsame indogermanische Quelle.--
Aus des ~Terenz~ "Phormio" 2, 2, 4 ist:
*Tute hoc intristi; tibi omne est exedendum,*
Du hast es eingerührt; Du musst es auch ganz ausessen;
aus 2, 4, 14:
*Quot homines, tot sententiae,*
So viel Leute, so viel Ansichten,
was schon ~Cicero~ ("De fin." 1, 5, 15) anführt, (vrgl. unten: Horaz "Sat." 2, 1, 27.)--
* * * * *
*Oderint, dum metuant,*
Mögen sie hassen, wenn sie nur fürchten,
aus der Tragödie "Atreus" des *Accius* (170-104 v. Chr.), citierten bereits ~Cicero~ (1. "Philipp." 14, 34, "pr. Sest." 48, "de offic." 1, 28) und ~Seneca~ ("Üb. d. Zorn" 1, 20, 4; "Üb. d. Gnade" 1, 12, 4 u. 2, 2, 2). Nach ~Sueton~ ("Calig." 30) war es ein Lieblingswort des Kaisers Caligula.--
* * * * *
Bei *Lucilius* († 103 v. Chr.) steht (ed. Lachmann, Berl. 1877, v. 2, ebenso bei ~Persius~ 1, 2):
*Quis leget haec?*
Wer wird das (Zeug) lesen?--
Auch stammt nach ~Macrobius~ ("Saturnalien", 6, 1, 35)
*non omnia possumus omnes*
wir können nicht Alle Alles
von ~Lucilius~ her und wurde von ~Furius Antias~ citiert. ~Vergil~ verwendete es Ecloge 8, 63. ~Homer~ mag des Gedankens Vater sein, denn, dass ~einem~ Menschen nicht alle Gaben verliehen seien, spricht er öfters aus (s. "Iliade" 4, 320; 13, 729 u. "Odyssee" 8, 167).--
* * * * *
*Varro* (116-27 v. Chr.) "De lingua latina" VII, 32 (n. Otfr. Müllers Ausg.) sagt: "Sed canes, quod latratu signum dant, ut signa canunt, canes appellatae". Dies ist spöttisch umgestaltet worden zu:
*canis a non canendo*
Hund wird "canis" genannt, weil er nicht singt (non canit)
(s. Quintilians "lucus a non lucendo").--
Auch citieren wir das von ~Gellius~ (1, 22, 4 u. 13, 11, 1) als Titel einer ~Varro~nischen Schrift angeführte:
*Nescis, quid vesper serus vehat.*
Du weisst nicht, was der späte Abend bringt.--
* * * * *
*Cicero* (106-43 v. Chr.) nennt "pro Roscio Amerino", 29 die Mordgesellen, die zu Sullas Zeiten Gutsbesitzer ermordeten und dann deren Güter betrügerisch an sich zu bringen und vorteilhaft zu verschachern wussten:
sectores collorum et bonorum,
*Halsabschneider* und *Güterschlächter.--*
Im Anfange der 1. Rede "in Catilinam" finden wir das auch bei Livius 6, 18 und bei Sallust "Catilina" 20, 9 vorkommende, ungeduldige
*Quousque tandem ...?*
Wie lange noch ...?--
In Ciceros "Catilina" 1, 1 (vrgl. Martial IX, 71); IV, 25, 56, sowie "pro rege Deiotaro" 11, 31 und "de domo sua" 53, 137 steht:
*O tempora! O mores!*
O Zeiten! O Sitten!
Im "Hofmeister" (1774) von R. ~Lenz~ citiert es (5, 10) der Schulmeister Wenzeslaus, und als Refrain von ~Geibels~ "Lied vom Krokodil" (1840) fand es die weiteste Verbreitung.--
In ~Ciceros~ "Catilina" 2, 1 findet sich:
*Abiit, excessit, evasit, erupit.*
Er ging, er machte sich fort, er entschlüpfte, er entrann.--
*Videant consules ne quid res publica detrimenti capiat,*
Die Konsuln mögen dafür sorgen, dass die Republik keinen Schaden leidet
bildete, seit man vom 6. Jahrh. an die Diktatur nicht mehr in Rom anwenden wollte, das sogenannte senatus-consultum ultimum, welches die Konsulargewalt zu einer diktatorischen machte (s. ~Cicero~ "pr. Mil." 26, 70, "in Catil." I, 2, 4, "Phil." 5, 12, 34, "Fam." 16, 11, 3; ~Cäsar~ "de bell. civ." 1, 5, 3; 1, 7, 4; Liv. 3, 4, ~Sallust~ "Catil." 29, ~Plutarch~ "C. Gracch." 14 u. "Cic." 15.)--
Aus ~Ciceros~ "de fin." 5, 25, 74 stammt:
*Consuetudo* (quasi) *altera natura,*
*Die Gewohnheit ist* (gleichsam) *eine zweite Natur;*
~Galenus~ ("De tuenda valetudine", cap. 1) bietet die heute übliche Form: "Consuetudo est altera natura". Schon in des ~Aristoteles~ "Rhetorik", 1370a 6 (Bekker) heisst es: "die Gewohnheit ist der Natur gewissermassen ähnlich" (τὸ εἰθισμένον ὥσπερ πεφυκὸς ἤδη γίγνεται).--
In ~Ciceros~ "Tuscul." 1, 17, 39 heisst es:
*Errare .. malo cum Platone, .. quam cum istis vera sentire,*
Lieber will ich mit Plato irren, als mit denen (den Pythagoreern) das Wahre denken.--
*Di minorum gentium*
(wörtlich: "Götter aus den geringeren Geschlechtern") nennen wir die untergeordnete Schicht einer Klasse Menschen mit Beziehung auf das "maiorum gentium di" (d.h. "die oberen zwölf Götter" bei ~Cicero~ "Tusc." 1, 13, 29), Bezeichnungen, die daraus entsprangen, dass Tarquinius ausser den von Romulus berufenen "patres maiorum gentium" ("Senatoren aus den hervorragenden Geschlechtern") auch "patres minorum gentium" ("Senatoren geringerer Herkunft") berief (vrgl. Cicero "d. rep." 2, 20; Liv. 1, 35, 6 und dazu das "Patrici minorum gentium" bei Cic. "Fam." 9, 21 und Liv. 1, 47, 7).--
Aus ~Ciceros~ I. "Philippica", 5, 11 und zugleich aus "De finibus" 4, 9, 22, (vrgl. Livius 23, 16 im Anfang, wo es in nicht übertragener Bedeutung steht) stammt die für eine den Staat bedrohende Gefahr gebräuchlich gewordene Wendung:
*Hannibal ad* (~nicht: ante~) *portas.*
su Hannibal (ist) an den Thoren.
Diese Redensart, wie die Erinnerung an Catilina und an das aus ~Livius~ (XXI, 7: "dum ea Romani parant consultantque, iam Saguntum summa vi oppugnabatur") geschöpfte Wort:
*Dum Roma deliberat, Saguntum perit,*
Während Rom beratschlagt, geht Sagunt zu Grunde,
(auch in der Form:
*Roma deliberante Saguntum perit*
citiert) wurden von ~Goupil de Préfeln~ in einer Sitzung der konstituierenden Versammlung von 1789 zu dem unrichtigen Citate vermischt:
*Catilina est aux portes, et l'on délibère.*
Er stichelte damit auf ~Mirabeau~, der diesem Worte dadurch erst recht Bahn verschaffte, dass er es in seiner berühmten Rede zur Abwendung des Bankerotts wiederholte und variirte.--
In ~Ciceros~ II. "Philippica" 14, 35, "pro Milone" 12, 32 und "pro Roscio Amerino" 30, 84 und 31, 86 wird das uns geläufige
*cui bono?*
(Wozu?)
*(A quoi bon?)*
eigentlich: "Wem zum Nutzen?" ausdrücklich als ein Wort des L. *Cassius* bezeichnet. Aus der zuletzt angeführten Stelle ersehen wir, dass L. Cassius, ein Mann von äusserster Strenge, bei den Untersuchungen über Mord den Richtern einschärfte, nachzuforschen, "cui bono", wem zum Nutzen das Ableben des Ermordeten war.--
Cicero spricht in seiner Rede "pro Roscio Amer." 16, 47: "Homines notos sumere odiosum est, cum et illud incertum sit, velintne hi sese nominari" ("angesehene Leute nennen, ist eine heikle Sache, da es auch zweifelhaft ist, ob sie selbst genannt werden wollen"). Daher sagen wir, wenn es gescheidter ist, keine Namen zu nennen:
*Nomina sunt odiosa,*
Namen sind verpönt.--
Aus ~Ciceros~ Rede "pro Milone" 4, 10 ist bekannt:
*Silent leges inter arma.*
Im Waffenlärm schweigen die Gesetze.
~Lucanus~ ahmt diese Worte ("Pharsalia" I, 277) also nach: "Leges bello siluere coactae".--
Die altrömische Formel des Richters, der nicht entscheiden kann, ob Schuld oder Unschuld vorliegt, das
*Non liquet*
citieren wir aus Cicero "pro Cluentio" 28, 76 (vrgl. Gellius 14, 2. g. E. und das "liquet" bei Cicero "Caecin." 10; Quintilian "Instit." 3, 6, 12): "Deinde homines sapientes, et ex vetere illa disciplina iudiciorum, qui neque absolvere hominem nocentissimum possent, neque eum, de quo esset orta suspicio, pecunia oppugnatum, re illa incognita, primo condemnare vellent, ~non liquere~ dixerunt." "Darauf gaben einsichtige Männer von der alten Schule der Geschwornengerichte, die weder solchen Verbrecher freisprechen konnten, noch ihn, gegen Den, wie man munkelte, mit Bestechung der Richter vorgegangen war, vor Untersuchung dieser Sache im ersten Termin verurteilen wollten, folgenden Spruch ab: ~es ist nicht aufgeklärt~."--
Weil ~Cicero~ seine Reden gegen Antonius im Vergleich mit den gewaltigen Reden des ~Demosthenes~ gegen Philipp von Macedonien "Philippische" nannte, so nennt man noch heute jede Donnerrede eine
*Philippika.--*
Der Titel der ~Cicero~nischen Rede "de domo sua" ist in der älteren Lesart
*pro domo*
für das eigene Haus
zum allgemeinen Ausdruck für jede Thätigkeit geworden, die auf Erhaltung der eigenen Habe abzielt, und wir nennen danach eine der Selbstverteidigung oder dem eigenen Vorteil dienende Rede eine
*oratio pro domo.--*
Aus ~Ciceros~ ("De harusp. respons." 20, 43) Redewendung: "resistentem, longius, quam voluit, popularis aura provexit", "Die Volksgunst trieb den Widerstrebenden weiter, als er wollte", stammt das später von Vergil, Horaz, Livius und Quintilian ähnlich angewandte Wort:
*aura popularis,*
Hauch der Volksgunst.--
*Suum cuique*
*(Jedem das Seine)*
finden wir bei ~Cicero~ "de offic." 1, 5; "de natur. deor." 3, 15, 38; "de leg." 1, 6, 19; (vrgl. ~Tacitus~: "Annalen", 4, 35, ~Plinius~: "Natur. hist." 14, 6, 8 und den ähnlichen Gedanken bei ~Theognis~ 332 u. 546).
"De finibus" 5, 23, 67 sagt ~Cicero~: "Iustitia in suo cuique tribuendo cernitur", "Die Gerechtigkeit erkennt man daran, dass sie Jedem das Seine zuerteilt"; und "suum cuique tribuere" ist eine Rechtsregel ~Ulpians~ ("Corp. iur. civ." "Digest." I, 1 "de iustitia et iure" § 10); daher es in ~Shakespeares~ "Andronicus" 1, 2 heisst: "Suum cuique spricht des Römers Recht". Friedrich I. von Preussen wählte das "Suum cuique" zur Inschrift vieler Medaillen und Münzen und zum Motto des am 17. Januar 1701 gestifteten Ordens vom schwarzen Adler, und seitdem blieb es Preussens Wahlspruch.--
Das von ~Cicero~ "de offic." 1, 10, 33 als "abgedroschenes Sprichwort" citierte
*Summum ius, summa iniuria*
Das höchste Recht (ist) das höchste Unrecht
scheint eine spätere Fassung des Sprichwortes in des ~Terenz~ "Heautontimorumenos" 4, 5 zu sein:
Dicunt: ius summum saepe summa est malitia.
Man pflegt zu sagen: Das höchste Recht ist oft die höchste Bosheit.
~Luther~ 21, 254 schreibt: "Wie der Heide Terentius sagt: 'Das strengest Recht ist das allergrossest Unrecht'". (23, 295 führt Luther das Wort auf ~Scipio~ zurück.)--
Aus ~Ciceros~ "de offic." 1, 16, 52, wo es sich um allgemeine Gefälligkeiten gegen Jedermann handelt, wie z.B. dass wir es Jedem gestatten müssen, sich an unserem Feuer das seinige anzuzünden, citieren rauchende Gelehrte, um Feuer bittend:
*Ab igne ignem.*
Vom Feuer Feuer.--
"De offic." 1, 22, 77 enthält den von ~Cicero~ selbst verfertigten Vers:
*Cedant arma togae, concedat laurea laudi,*
Es mögen die Waffen der Toga, d.h. dem Friedensgewande, nachstehen, der Lorbeer der löblichen That,
worüber er sich in der Rede "in Pisonem" 29 und 30 eines Weiteren auslässt, während er nur "cedant arma togae" in der 2. "Philippica" 8 schreibt.--
Aus "de offic." 1, 31, 110 kennen wir das schon hier von ~Cicero~ als Sprichwort citierte, in "ad familiares" 3, 1 und 12, 25 wieder vorkommende und von ~Horaz~ in der "Kunst zu dichten", 385, angewendete
*Invita Minerva;*
Wider den Willen der Minerva;
aus "de offic." 3, 1, 3:
*ex malis eligere minima;*
*von zwei Übeln das kleinere wählen;*
"minima de malis" war nach 3, 29, 105 sprichwörtlich.--
Aus ~Ciceros~ "de offic." 3, 33, 117 (sed aqua haeret, ut aiunt) und aus "ad Quintum fratrem" 2, 8 (in hac causa mihi aqua haeret) stammt:
*Hic haeret aqua,*
Hier stockt es.--
Aus ~Cicero~ "de legibus" 3, 3, 8 citieren viele:
(his) *salus populi suprema lex* (esto),
Für diese (nämlich für die Regierenden) sei das Wohl des Volkes das vornehmste Gebot.--
In "de finibus" 2, 32, 105 führt ~Cicero~ als Sprichwort an:
*Iucundi acti labores;*
Angenehm (sind) die gethanen Arbeiten;
und er fügt hinzu, auch ~Euripides~ sage nicht übel: "Suavis laborum est praeteritorum memoria", was in dessen "Andromeda" (nach Stobaeus: "Florib." 29, 57) also lautete: "Ἀλλ' ἡδύ τοι σωθέντα μεμνῆσθαι πόνων".--
Aus ~Ciceros~ "de natur. deor." 3, 40 citieren wir:
*Pro aris et focis* (certamen);
(Kampf) um Altar und häuslichen Herd.--
In "pro Milone" 29, 79 sagt ~Cicero~: "Liberae sunt nostrae cogitationes" (Frei sind unsere Gedanken), und L. 48 der "Digesten" 19, 18 heisst es aus ~Ulpians~ lib. III ad Edictum: "Cogitationis poenam nemo patitur" (Für seinen Gedanken wird niemand bestraft). Das ist umgewandelt worden zu dem sprichwörtlichen:
*Gedanken sind zollfrei,*
was sich wohl zuerst bei ~Luther~ ("Von weltlicher Oberkeit, wie man ihr Gehorsam schuldig sei". 1523) findet.--
Aus ~Ciceros~ "pro Sestio" cap. 45 stammt:
*Otium cum dignitate,*
Musse mit Würde,
oder, wie dort steht: "cum dignitate otium". Der Sinn ist: "behagliche Ruhe, verbunden mit einer angesehenen Stellung". Auch im Anfange der Schrift "de oratore" ist es zu finden und in Ciceros Briefen "ad. famil." 1, 9, 21 wird es als ein häufig von ihm angewendetes Wort erwähnt.--
In diesen Briefen ~Ciceros~ "ad famil." 5, 12 steht:
Epistola non erubescit,
Ein Brief errötet nicht,
häufig umgestellt in:
*Literae non erubescunt,*
auch in:
*Charta non erubescit.--*
*Imperium et libertas*[64]
Herrschaft und Freiheit
stammt aus ~Ciceros~ 4. Rede gegen Catilina, IX, 19, wo er dem Senat zuruft: "Bedenket, wie in einer Nacht die so mühsam befestigte Herrschaft (quantis laboribus fundatum ~imperium~) und die so trefflich begründete Freiheit (quanta virtute stabilitam ~libertatem~) fast zu Grunde ging!" Die Rede schliesst mit der Forderung, dass der Senat "über die Herrschaft und die Freiheit Italiens" (de ~imperio~, de ~libertate~ Italiae) die Entscheidung treffen möge.--
[Fußnote 64: ~Lord Beaconsfield~ (Disraeli) sagte in einer Rede beim Lord-Mayors-Mahl am 10. Nov. 1879: "Einer der grössten Römer wurde nach seiner Politik gefragt. Er antwortete: imperium et libertas". Die Nationalzeitung vom 28. Nov. 1879 (Morgen-Ausg.) teilte mit, dass auf ihre Anfrage bei dem Lord die Antwort erfolgt sei, die Quelle der citierten Worte fände sich im 1. Buche von ~Bacons~ "Advancement of Learning". (Ausg. Spedding, Ellis und Heath, vol. III, p. 303.) Bacon übersetzt daselbst das in des ~Tacitus~ "Agricola" 3 vorkommende "principatum ac libertatem", wofür er "imperium et libertatem" schreibt, mit: "government and liberty". Dass ein nach seiner Politik gefragter grosser Römer diese Aussage gethan habe, ist also ein Irrtum.]
* * * * *
*Ut sementem feceris, ita metes*
Wie du gesäet, so wirst du ernten,
dies Wort des M. *Pinarius Rufus* steht bei ~Cicero~ "de oratore", 2, 65, 261. Ihm mochte des ~Aristoteles~ Satz (Rhetor. 3, 3) vorschweben: "σὺ δὲ ταῦτα αἰσχρῶς μὲν ἔσπειρας, κακῶς δὲ ἐθέρισας", "was du hier böse gesäet, das hast du schlimm geerntet". (vrgl. in der Vulgata Hiob 4, 8: "et seminant dolores et metunt eos", nach Luther: "Die da Mühe pflügten und Unglück säeten, ernteten sie auch ein". Galater 6, 8: "Quae enim seminaverit homo, haec et metet", nach Luther Gal. 6, 7: "Denn was der Mensch säet, das wird er ernten", dann Sprüche Sal. 22, 8; 2. Cor. 9, 6 und "Gefl. Worte a. d. Bibel" Hosea 8, 7.)--
* * * * *
Aus einigen Hexametern des Julius *Cäsar* (100-44 v. Chr.) über Terenz, die in dessen Biographie von ~Sueton~ (p. 294, 35, ed. Roth) enthalten sind, hat man vermittelst eines falsch gesetzten Kommas die Bezeichnung
*vis comica*
Kraft der Komik
herausgelesen. Die betreffenden Verse heissen:
Lenibus atque utinam scriptis adiuncta foret vis, Comica ut aequato virtus polleret honore Cum Graecis;
Wenn sich doch Kraft dir zu deinem gefälligen Dichten gesellte, Dass dein Wort in der Komik die nämliche Geltung erreiche, Wie sie die Griechen besitzen!
Es ist in ihnen daher von einer "virtus comica", nicht aber von einer "vis comica" die Rede. ("Klein. Schrift, in latein. u. deutscher Sprache" von Fr. Aug. ~Wolf~, herausg. von G. Bernhardy, II, p. 728).--
* * * * *
Aus *Lucretius* (98-55 v. Chr.) "Über die Natur" ist 1, 102:
*Tantum religio potuit suadere malorum.*
Zu so verderblicher That vermochte der Glaube zu raten.--
Aus 1, 149; 1, 205; 2, 287 wird citiert:
*De nihilo nihil,*
*Aus Nichts wird Nichts,*
was ~Persius~ ("Satiren" 3, 84) wiederholt. ~Lucretius~ hatte seine Ansicht aus ~Epikur~ entlehnt, der (nach Diog. Laërtius 10, n. 24, 38) an die Spitze seiner Physik den Grundsatz stellte: "οὐδὲν γίνεται ἐκ τοῦ μὴ ὄντος", "Nichts wird aus dem Nichtseienden". Vor Epikur hatte schon ~Melissus~ gesagt, dass aus Nichtseiendem nichts werden kann (~Überweg~ "Geschichte der Philosophie des Altertums", 1, S. 63), wie auch ~Empedokles~ die Ansicht bekämpft, dass Etwas, was vorher nicht war, entstehen könne (ebenda 1, S. 66). ~Aristoteles~ ("Physik" 1, 4) sagt, ~Anaxagoras~ habe die übliche Ansicht der Philosophen für wahr gehalten, dass aus dem Nichtseienden Nichts entstünde ("οὐ γινομένου οὐδενὸς ἐκ τοῦ μὴ ὄντος"). In ~Mark Aurels~ (121-180 n. Chr.) "Selbstbetrachtungen" 4, 4 heisst es: "denn von Nichts kommt Nichts, so wenig als Etwas in das Nichts übergeht".--
Aus 2, 1 und 1 ist berühmt:
*Suave, mari magno, turbantibus aequora ventis, E terra magnum alterius spectare laborem.*
Bei der gewaltigsten See, bei Wogen aufwühlenden Winden Anderer grosses Bemüh'n vom Land aus seh'n, ist behaglich.--
* * * * *
Aus *Sallust*s (86-35 v. Chr.) "Jugurtha" 10 ist:
*concordia parvae res crescunt, discordia maximae dilabuntur.*
Durch Eintracht wächst das Kleine, durch Zwietracht zerfällt das Grösste.--
* * * * *
Aus dem 187. Spruch des *Publilius Syrus* (bl. um 50 v. Chr.):
Heredis fletus sub persona risus est,
Das Weinen des Erben ist ein maskiertes Lachen,
oder aus den sogenannten "Varronischen Sentenzen" (12): "sic flet heres, ut puella nupta viro; utriusque fletus non apparens risus", "Ein Erbe weint wie eine Braut; Beider Weinen ist heimliches Lachen" (vrgl. auch Horaz "Sat." 2, 5, 100-104)
scheint:
*Lachende Erben*
hervorgegangen zu sein. Schon 1622 kommt in Baden ein "Lacherbengeld" vor (vrgl. Rau: "Grundsätze der Finanzwissenschaft", 5. Ausgabe 1864; § 237, S. 371 Anm. a) und Friedrich ~von Logau~ schreibt (Salomons von Golau Deutscher Sinn-Getichte Drey Tausend. Breslau. In Verlegung Caspar Klossmanns. 1654, jedoch ohne Jahresangabe erschienen. Zweite "Zugabe" zum 3. Tausend "unter wehrendem Druck eingetroffen" No. 78 u. 79):
"Lachende Erben". "Wann Erben reicher Leute die Augen wässrig machen Sind solcher Leute Thränen nur Thränen von dem Lachen."
\*/*\*/
"Die Römer brauchten Weiber, die weinten für das Geld; Obs nicht mit manchem Erben sich ebenso verhält?"
Dann heisst es in ~Othos~ "Evangelischem Krankentrost" (1664), S. 1034: "Freu' dich, liebes Mütlein; traure, schwarzes Hütlein, heisst's bei lachenden Erben".--
Die 245. Sentenz des ~Publilius Syrus~:
Inopi beneficium bis dat qui dat celeriter
Dem Armen giebt eine doppelte Wohlthat, wer schnell giebt,
wird verkürzt zu:
*Bis dat qui cito dat*
Doppelt giebt, wer gleich giebt.--
* * * * *
*Vergil* (70 v.-19 n. Chr.) bietet "Eclogen" 1, 6, die manchmal als Hausinschrift verwendeten Worte des behaglich gelagerten Hirten Tityrus:
*Deus nobis haec otia fecit,*
Ein Gott hat uns diese Musse geschaffen.
"Ecl." 2, 1:
*Formosum pastor Corydon ardebat Alexin,*
Corydon glühte, der Hirt, für die schöne Gestalt des Alexis
ist namentlich durch die verdrehte Übersetzung:
Der Pastor Corydon briet einen wunderschönen Hering
bekannt, die Christian ~Weise~ in seiner vom 27. Sept. 1692 datierten Vorrede zu ~Zincgrefs~ "Apophthegmata" (Frankf. u. Leipz. 1693) erwähnt.
"Ecl." 2, 65 sagt Corydon von seiner Liebe:
*Trahit sua quemque voluptas.*
Jeden reisst seine Leidenschaft hin.
"Ecl." 3, 93 warnt Damoetas die Blumen und Erdbeeren pflückenden Knaben:
*Latet anguis in herba,*
Die Schlange lauert im Grase
(vrgl. "Georgica" 4, 457-459).--"Ecl." 3, 104 fordert Damoetas den Menalcas auf, ihm zu sagen, in welcher Gegend der Himmel nur drei Klafter breit sei, "und", fügt er hinzu, "wenn Du darauf antworten kannst,
*eris mihi magnus Apollo",*
dann wirst Du für mich gross wie Apoll sein".
Danach pflegt man Fragen, deren Beantwortung man nicht erwartet, mit diesem Spruche zu begleiten.--
"Ecl." 3, 108 heisst es:
*Non nostrum tantas componere lites,*
Nicht unseres Amtes ist's, solchen Streit beizulegen;
"Ecl." 3, 111:
*Claudite iam rivos, pueri; sat prata biberant.*
Schliess't nun die Rinnen, ihr Knechte! genugsam getränkt sind die Wiesen.
"Ecl." 10, 69:
*Omnia vincit Amor.*
Alles besiegt der Gott der Liebe.--
~Vergils~ "Georgica" 1, 30 bietet die Bezeichnung eines weit entlegenen Eilandes:
*Ultima Thule,*
Die äusserste Thule.--
"Georgica" 1, 145 heisst es: "Labor omnia vicit inprobus", was citiert wird in der Form:
*Labor omnia vincit improbus;*
Die unablässige Arbeit besiegt alles;
"Georgica" 2, 490:
*Felix, qui potuit rerum cognoscere causas;*
Glücklich, Wer zu erkennen vermocht' die Gründe der Dinge!
"Georgica" 3, 284:
*Sed fugit interea, fugit irreparabile tempus.*
Doch unterdessen entfliehet die Zeit, flieht unwiederbringlich.--
*Tantaene animis caelestibus irae!*
So heftiger Zorn in der Seele der Götter!
ruft ~Vergil~ "Aeneïde" 1, 11 aus und in ~Shakespeares~ "Heinrich VI." T. II, Akt 2, Sc. 2 ruft es Glocester dem Kardinal Beaufort zu.--
Nach "Aen." 1, 26-7
*manet alta mente repostum*
bleibt (der Juno) tief in die Seele gesenkt
"das Urteil des Paris" (s. Kap. II), weil danach Venus für die Schönere galt.--
"Aen." 1, 33 heisst es:
*Tantae molis erat Romanam condere gentem.*
Solcherlei Mühsal war es, das römische Volk zu begründen,
was ~Herder~ dem vierten Teile seiner "Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" (Riga und Leipzig 1791) in der Form: "Tantae molis erat Germanas condere gentes" als Motto voranstellte.
Eine Artikelüberschrift in den "Deutschen Blättern" von F. A. Brockhaus (1814) sagte: "Germanam" und "gentem", indem sie im übrigen mit der Herderschen Fassung übereinstimmte.--
"Aen." 1, 118 lautet:
~(Apparent)~ *rari nantes in gurgite vasto*
Wenige (sieht man) nur in dem riesigen Flutschwall schwimmen.--
"Aen." 1, 135 beschwichtigt Neptun die Winde mit seinem
*Quos ego!*
Euch werd' ich!--
Viel citiert wird auch "Aen." 1, 204:
*Per varios casus, per tot discrimina rerum,*
Durch so verschied'ne Geschicke, so viele gefährliche Lagen.--
Das Wort des Äneas "Aen." 2, 3:
*Infandum, regina, iubes renovare dolorem*
ist auch in der ~Schiller~schen Übersetzung (Gedichte von Friedrich Schiller, 1. T., Leipz., Crusius, 1800) üblich:
*O Königin, Du weckst der alten Wunde*
*Unnennbar schmerzliches Gefühl.--*
Aus "Aen." 2, 6 ist:
*Et quorum pars magna fui.*
Und worin ich eine grosse Rolle spielte.--
Berühmt ist der Warnungsruf des Laokoon, als er das Krieger bergende Riesenpferd vor Trojas Mauern sieht, "Aen." 2, 49:
*Quidquid id est, timeo Danaos et dona ferentes.*
Was es auch ist, ich fürchte die Griechen auch dann, wenn sie schenken.
Uns hat dieser Vers für eine verdächtige Gabe, die Vorteil verspricht und mit Nachteil droht, den Ausdruck:
*Danaergeschenk*
zugeführt, wohl nach des ~Seneca~ ("Agam." 624) "Danaum fatale munus". ~Vergil~ mag dabei des griechischen Sprichwortes gedacht haben, das ~Sophokles~ ("Ajax" 644) also überliefert: "Ἐχθρῶν ἄδωρα δῶρα, κοὐκ ὀνήσιμα", "Der Feinde falsche Gaben sind Nichts wert". Als die Trojaner dennoch das hölzerne Ross in die Stadt ziehen, fährt ~Vergil~ ("Aen." 2, 247, s. auch ~Aeschylus~: "Agamemnon" 1070 ff.) fort:
Tunc etiam fatis aperit Cassandra futuris Ora. Dei iussu non unquam credita Teucris.
Da nun thut auch
*Kassandra*
den Mund auf, Unheil verkündend, Die auf Apollos Geheiss nie Glauben gefunden in Troja.--
"Aen." 2, 274 mahnt der Dichter an den siegprangenden Hektor, im Hinblick auf den nun verwundeten, mit dem Ausruf:
*Quantum mutatus ab illo* (Hectore)!
Wie anders gegen jenen (Hektor von damals)!--
In der Schilderung von Trojas Brande heisst es "Aen." 2, 311:
*Iam proximus ardet Ucalegon,*
Schon brennt's bei dem Nachbarn Ucalegon,
und nach dem Brande "Aen." 2, 325:
*Fuimus Troes,*
Trojaner sind wir ~gewesen~,
und "Aen." 2, 354:
*Una salus victis nullam sperare salutem,*
Ein Heil bleibt den Besiegten allein, ~kein~ Heil mehr zu hoffen.--
"Aen." 2, 774 und 3, 48 schildert Aeneas also sein Entsetzen über den Anblick der Schatten seiner Crëusa und des Polydorus:
*Obstupui, steteruntque comae, et vox faucibus haesit.*
Ich war starr, und mir hob sich das Haar, und die Stimme versagte.--
"Aen." 3, 57 bietet:
*Auri sacra fames!*
O, fluchwürdiger Hunger nach Gold!,
"Aen." 4, 175:
*Viresque acquirit eundo,*
Und Kräfte bekommt sie (die Fama) durchs Gehen,
was auch geändert wird zu:
*Fama crescit eundo,* oder nur *Crescit eundo,*
Das Gerücht wächst, indem es sich verbreitet.--
"Aen." 4, 569-570 steht:
*Varium et mutabile semper femina*
Ein Weib ist stets ein wankendes und veränderliches Wesen.
Nach ~Verdis~ "Rigoletto" (Text von ~Piave~. 1851) citieren wir dies Wort auch italienisch:
*Donna e mobile.--*
"Aen." 4, 625 lesen wir:
*Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor!*
Rächer, erstehe du mir dereinst aus meinen Gebeinen!
Der grosse Kurfürst, sagt man, citierte diese Worte, als er, vom Kaiser preisgegeben, am 29. Juni 1679 den Frieden von St. Germain-en-Laye unterzeichnete; und der spanische General Diego Leon rief sie bei seiner Exekution (1841) den auf ihn feuernden Soldaten Esparteros entgegen, was Freiligrath zu seinem Gedicht "Aus Spanien" begeisterte, dessen Motto und Refrain jener Spruch bildet.--
"Aen." 5, 320 heisst es bei Gelegenheit des dort geschilderten Wettlaufspiels, dass Nisus der erste war und ihm Salius
*longo sed proximus intervallo*
nach langem Zwischenraum, doch als der Nächste
folgte. Schon ~Plinius~ der ~Jüngere~ wendet das Wort in den "Briefen" (7, 20) auf seinen eigenen litterarischen Wert im Vergleich zu dem des Tacitus an.--
"Aen." 5, 814-815 verheisst Neptun, Aeneas und die Seinen würden das Land erreichen, bis auf Einen ...
"Unum pro multis dabitur caput",
"Ein Haupt wird für Viele geopfert".
Und wirklich: Palinurus, der Steuermann, wird als Sühne von dem Gott in die Fluten geworfen, während die Andern entrinnen. Daher rührt unser
*Unus pro multis,*
vEiner für Viele,*
was wir aber im Sinne eines Sichopferns, eines öffentlichen Eintretens für Meinungsgenossen, zu brauchen pflegen.--
"Aen." 6, 95 steht:
*Tu ne cede malis, sed contra audentior ito.*
Weiche dem Unheil nicht, noch ~mutiger~ geh' ihm entgegen!--
Des Aeneas Begleiter, der
*fidus Achates,*
*der getreue Achates,*
"Aen." 1, 188 und auch sonst erwähnt, ist zum Muster eines treuen Freundes geworden.
Das erste deutsche Reisehandbuch erschien zu Ulm im Verlage Georg Wildeysers unter dem Titel: "Martini Zeilleri Fidus Achates oder Getreuer Reisegefert u.s.w." und es befindet sich ein Exemplar der dritten Auflage vom Jahre 1661 auf der Giessener Universitätsbibliothek. ~Zeiller~ war nach Joechers Gelehrtenlexikon ein Pfarrersohn in Ulm, Ephorus des Gymnasiums, Inspektor der deutschen Schulen, Censor der philosophischen und historischen Bücher, "aber dabei sehr leichtgläubig".--
"Aen." 6, 261 heisst es:
*Nunc animis opus, Aenea, nunc pectore firmo!*
Jetzt, Aeneas, bedarf es des Muts, jetzt kräftigen Herzens.--
Aus "Aen." 6, 620 wird citiert:
*Discite iustitiam moniti, et non temnere divos.*
Lernet, gewarnt, recht thun und nicht missachten die Götter.
Aus "Aen." 6, 727 ist:
*Mens agitat molem;*
Der Geist bewegt die Materie;
aus "Aen." 6, 583:
*Parcere subiectis et debellare superbos,*
Die Unterworfenen schonen, die Übermüt'gen besiegen;
aus "Aen." 7, 312:
*Flectere si nequeo superos, Acheronta movebo;*
Kann ich die Götter für mich nicht erweichen, so lock' ich die Hölle;
aus "Aen." 8, 560:
*O mihi praeteritos referat si Juppiter annos!*
O, wenn Zeus mir gäbe zurück die vergangenen Jahre!--
Die Tonmalerei in "Aen." 8, 596:
*Quadrupedante putrem sonitu quatit ungula campum,*
Dröhnend erschüttert das lockere Feld vierfüssiger Hufschall,
wandelt der Dichter "Aen." 11, 875 um, indem er "cursu" statt "sonitu", "Lauf" statt "Schall" und "quadrupedoque" statt "quadrupedante" setzt.--
Als Motto dienen oft Apolls Worte an Julus nach dessen glorreicher Waffenthat, "Aen." 9, 641:
*Sic itur ad astra!*
So steigt man zu den Sternen!--
Aus "Aen." 10, 63, 64:
Quid me alta silentia cogis rumpere?
Warum zwingst Du mich, das tiefe Schweigen zu brechen?
ist entnommen:
*altum silentium*
tiefes Schweigen. --
"Aen." 10, 467 findet sich:
*Stat sua cuique dies,*
Jedem steht sein Tag bevor! --
*Experto credite,*
Glaub't es dem, der es selbst erfuhr,
steht "Aen." 11, 283. Es ist auch in ~Ovid~ "Ars amandi" 3, 511 zu finden und, umgestellt in "crede experto", bei ~Silius Italicus~ "Punica", 7, 395. "Experto crede" heisst es in des heiligen Bernhard Ep. 106 und im Prologus zum 1. Buche des "Policraticus" von ~Johannes von Salesbury~ († c. 1180). Dann kommt es in den maccaronischen Gedichten des ~Antonius de Arena~ († 1544): "Ad compagnones", im dritten Verse des "consilium pro dansatoribus" zu "Experto crede Roberto" erweitert, vor, was ~Neander~ "Ethice vetus et sapiens" (Leipz. 1590, S. 89) als sprichwörtlich anführt. Ed. ~Fournier~ "l'Esprit des Autres" (6. Ausg. 1881, S. 32) citiert einen mittelalterlichen Vers: "Quam subito, quam certo, experto crede Roberto". Endlich wird in ~Moscheroschs~ 1643 erschienenen "Gesichte Philanders von Sittewald" (in "der Welt Wesen") als ratgebender Führer des Autors erwähnt:
*Expertus Robertus. --*
Das Wort ~Vergils~:
*Sic vos non vobis,*
ist uns vom jüngeren ~Donatus~ ("Leben des Vergil", 17) also überliefert: Vergil habe einst an das Thor des Augustus ein für den Kaiser schmeichelhaftes Distichon anonym angeschrieben. Bathyll, ein schlechter Dichter, habe sich für den Verfasser ausgegeben und sei deshalb von Augustus mit Ehren und Gaben bedacht worden. Um die Blösse des unverschämten Poeten aufzudecken, schrieb ~Vergil~ darauf den obigen Halbvers viermal unter einander an das Thor. Augustus forderte die Ergänzung dieses Versanfangs. Vergebens versuchten sich Einige daran. Da kam endlich Vergil, und nachdem er unter das erst erwähnte Distichon die Worte gesetzt hatte: "Hos ego versiculos feci, tulit alter honores" (Ich schrieb hier diese Verschen, die Ehren ein And'rer davontrug) ergänzte er die Anfänge so:
Sic vos non vobis nidificatis aves, Sic vos non vobis vellera fertis oves, Sic vos non vobis mellificatis apes, Sic vos non vobis fertis aratra boves.
d. i.:
So bau't ihr Nester, o Vögel, nicht für euch, So trag't ihr Wolle, o Schafe, nicht für euch, So mach't ihr Honig, o Bienen, nicht für euch. So zieh't ihr Pflüge, o Rinder, nicht für euch. --
* * * * *
*Horaz* (65-8 v. Chr.) gab 24 oder 23 v. Chr. die drei ersten Bücher seiner "Oden" heraus; aus diesen ist in Deutschland geläufig I, 1, 7:
*Mobilium turba Quiritium,*
Die Schaar der wankelmütigen Quiriten;
I, 3, 9:
*Aes triplex circa pectus,*
*Mit dreifachem Erz gepanzert.*
I, 3, 37:
*Nil mortalibus arduum est,*
Nichts ist Sterblichen allzuschwer;
I, 4, 15:
*Vitae summa brevis spem nos vetat inchoare longam,*
Die kurze Summe des Lebens verbietet uns eine lange Hoffnung anzufangen;
I, 9, 13:
*Quid sit futurum cras, fuge quaerere,*
Was morgen sein wird, frage nicht;
I, 11, 8:
*Carpe diem,*
Beute den Tag aus;
I, 16, 22:
*Compesce mentem*
Beherrsche deinen Unmut;
I, 22, 1:
*Integer vitae scelerisque purus,*
Der im Wandel Reine und von Schuld Freie;
I, 24, 7:
*Nuda ... Veritas*
*die nackte Wahrheit;*
I, 24, 9:
*Multis ille bonis flebilis occidit,*
Von vielen Guten beweint, starb er hin;
I, 28, 15:
*Omnes una manet nox,*
Auf Alle harrt ein und dieselbe Nacht;
I, 32, 1:
*Poscimur,* Wir werden vom Geist ergriffen;
(vrgl. ~Ovid~, "Metam." 5, 333).--
"Oden" II, 3, 1:
*Aequam memento rebus in arduis Servare mentem.*
Bedenk' es, wie du standhaft im Ungemach Den Gleichmut wahrest;
II, 3, 25:
*Omnes eodem cogimur,*
Zum selben Ort hin (d.h. zum Orcus) müssen wir Alle;
II, 6, 13:
*Ille terrarum mihi praeter omnes Angulus ridet,*
Jenes Plätzchen lächelt mir vor allen anderen auf der Erde zu,
was sich als Hausinschrift nicht selten findet;
II, 10, 5:
*Aurea mediocritas,*
*Goldene Mittelstrasse*
II, 14, 1 u. 2:
*Eheu fugaces, Postume, Postume Labuntur anni ...*
O weh, die Jahre, Postumus, Postumus, Entgleiten flüchtig ....
II, 16, 27:
*Nihil est ab omni Parte beatum;*
Es giebt kein vollkommenes Glück.--
"Oden" III, 1, 1:
*Odi profanum vulgus et arceo;*
Ich hasse die uneingeweihte Menge und halte sie fern;
III, 1, 2:
*Favete linguis!*
Hütet die Zungen! (d.h. zanket und schwatzet nicht! seid andächtig!)
Aus ~Cicero~ (de divin. I, 45, 102 u. II, 40, 83) ergiebt sich, dass dieser Ruf von Alters her bei öffentlichen Religionshandlungen in Rom üblich war.
III, 3, 1:
*Iustum et tenacem propositi virum;*
Den Biedermann, der seinem Entschlusse treu;
III, 3, 7:
*Si fractus illabatur orbis, Impavidum ferient ruinae;*
Ob berstend auch einstürzt der Himmel, Stirbt in den Trümmern der Held doch furchtlos;
III, 4, 65:
*Vis consili expers mole ruit sua;*
Kraft ohne Weisheit stürzt durch die eig'ne Wucht;
III, 16, 17:
*Crescentem sequitur cura pecuniam;*
Dem wachsenden Geld folgt die Sorge;
III, 24, 6:
*dira necessitas;*
Die furchtbare Notwendigkeit;
III, 29, 55:
*Mea virtute me involvo;*
*Ich hülle mich in meine Tugend ein;*
III, 30, 1:
*Exegi monumentum aere perennius;* Ein Denkmal habe ich mir gesetzt, dauernder als Erz:
III, 30, 6:
*Non omnis moriar,* Nicht ganz werde ich sterben.--
"Oden" IV. Buch (ersch. um 18 v. Chr.) 1. 3:
*Non sum qualis eram;* Ich bin nicht mehr, der ich war;
(vrgl. ~Ovid~, "Tristia" 3, 11, 25: "Non sum qui fueram");
IV, 7, 16:
*Pulvis et umbra sumus;*
Staub und Schatten sind wir;
(vrgl. Kap. X. ~Pindar~ "Pyth." 8, 136, ferner ~Sophokles~ "Elektra" 1159 und ~Euripides~ "Meleagros" Frg. 536, ed. Nauck).
Aus IV. 9, 45:
"Non possidentem multa vocaveris Recte beatum"
"Nicht den, der viel besitzt, wirst du mit Recht glücklich nennen"
mag der Widerspruchsgeist
*Beati possidentes!*
Glücklich die Besitzenden!
entwickelt haben. Dieser Ausdruck wurde durch die Juristen üblich, die nicht im "Corpus iuris", wohl aber sonst oft von "beatitudines possessionis" ("Vorteilen, die der Besitz gewährt") und von "beati possidentes" reden.
IV, 12, 28:
*Dulce est desipere in loco,*
Lieblich ist's, zu seiner Zeit den Thoren spielen,
was ~Seneca~ ("De tranquill. anim." 15, g. End.) in der Form "aliquando et insanire iucundum est" auf einen griechischen Dichter zurückführt. Vielleicht meint er ~Menanders~ "καὶ συμμανῆναι δ' ἔνια δεῖ", "man muss mit Andern auch mal thöricht sein" (bei Clemens Alexandrinus "Stromat." VI, p. 204; Bentley: συμμανῆναι für συμβῆναι).--
Aus den "Epoden" (um 30 v. Chr.) des ~Horaz~ ist bekannt 2, 1:
*Beatus ille, qui procul negotiis* (Ut prisca gens mortalium) *Paterna rura bobus exercet suis* (Solutus omni fenore;)
Glückselig, wer dem Treiben der Geschäfte fern Gleichwie die Menschheit alter Zeit Mit eignen Rindern sein ererbtes Gut bepflügt Von allen Wucherplagen frei.--
Den "Satiren" des Horaz entnehmen wir I (ersch. 35 v. Chr.) 1, 24:
(Quamquam) *ridentem dicere verum* (Quid vetat?)
(Doch) *lächelnd die Wahrheit sagen* (was hindert daran?),
welche Stelle meistens umgeändert wird in:
*Ridendo dicere verum.*
I, 1, 69 und 70:
*Mutato nomine de te fabula narratur;*
Die Geschichte handelt von dir, nur der Name ist geändert;
I, 1, 106:
*Est modus in rebus, sunt certi denique fines;*
Es ist Mass und Ziel in den Dingen, es giebt, mit einem Worte, bestimmte Grenzen;
I, 3, 6:
*ab ovo usque ad mala;*
Vom Ei bis zu den Äpfeln,
d.h. vom Anfange des Mahles, wo Eier gereicht wurden, bis zu dessen Ende, wo man die Früchte auftrug, bedeutet: "von Anfang bis zu Ende, ohne Unterlass, ohne Unterbrechung".
Aus "Sat." I, 4, 34:
dummodo risum Excutiat sibi, non hic cuiquam parcet amico,
Wenn er nur Lachen für sich erweckt, wird er keinen Freund verschonen,
entstand wohl das schon bei ~Quintilian~ "de institut. orat." 6, 3, 28 als sprichwörtlich angeführte (Propositum illud:
Potius amicum, quam dictum perdendi)
*Lieber einen Freund verlieren, als einen Witz.*
(~Boileau~, Sat. 9, 22 hat:
Mais c'est un jeune fou qui se croit tout permis,
Et qui pour un bon mot va perdre vingt amis.
~Quitard~ "Dictionnaire des proverbes", Paris 1842, p. 44 führt auf: "Il vaut mieux perdre un bon mot qu'un ami").--
"Sat." I, 4, 62 sagt ~Horaz~, nachdem er ein klangvolles Fragment des ~Ennius~ angeführt hat:
"invenias etiam disiecti membra poetae".
(Nach ~Wieland~: "Ihr werdet auch in den zerstückten Gliedern den Dichter wieder finden"). Daraus stammt unser:
*disiecta membra poëtae.*
~Horaz~ scheint dies Wort dem ~Polybius~ zu verdanken, nur dass er es anders verwendet. Letzterer meint (1, 4), wer nur Einzelforschungen treibe, könne aus den Bruchstücken nicht auf den grossen Gang und Zusammenhang der Geschichte schliessen, ebenso wenig, wie Die, welche nur "die zerstreuten Gliedmaassen" ("διεῤῥιμμένα τὰ μέρη") eines Körpers vor sich sähen, aus dem Einzelnen nachweisen können, wie das Ganze in seiner lebendigen Schöne gewesen sei.
I, 4, 85:
*Hic niger est, hunc tu, Romane, caveto,*
Das ist eine schwarze Seele; vor ihm, o Römer, hüte dich;
I, 5, 100:
*Credat Iudaeus Apella,* *Das glaube der Jude Apella,*
(d.h.: Glaube es, wer es will; ich glaube es nicht);
I, 9, 59:
*Nil sine magno vita labore dedit mortalibus,*
Das Leben gab dem Sterblichen Nichts ohne grosse Arbeit;
I, 9, 71:
*Unus multorum.*
Einer von den Vielen, vom grossen Haufen, ein Dutzendmensch;
I, 9, 78:
*Sic me servavit Apollo,*
So hat mich Apollo gerettet;
ein Anklang an das homerische ("Iliade" 20, 443) "τὸν δ' ἐξήρπαξεν Ἀπόλλων"--"doch schnell entrückt ihn Apollon", nämlich den von Achill bedrängten Hektor.
I, 10, 72:
*Saepe stilum vertas,*
Oft wende den Griffel,
d.h. "feile den Ausdruck" (indem du mit dem oberen breiteren Ende des Griffels verwischest, was du mit dem unteren spitzen in die Wachstafel gegraben hast).
"Satir." II, (wahrscheinlich 30 v. Chr.) 1, 27 steht:
" ... quot capitum vivunt, totidem studiorum Milia"--
woraus mit Anlehnung an des Terenz ("Phormio" 2, 4) "Quot homines, tot sententiae" gebildet wurde:
*Quot capita, tot sensus!*
So viel Köpfe (es giebt), so viele Meinungen (giebt es);
II, 2, 17 u. 18:
--cum sale panis Latrantem stomachum bene leniet,
"Brot mit Salz wird den bellenden Magen gut besänftigen",
woraus wir entnehmen:
*Bellender* oder *knurrender Magen.*
II, 3, 243 lesen wir von den Söhnen eines Reichen, die das Teuerste, Nachtigallen, massenhaft zu vertilgen liebten:
*Par nobile fratrum,*
Ein edles Brüderpaar, so wie man höhnisch sagt: "ein Paar nette Burschen!"
II, 6, 1 steht:
*Hoc erat in votis;*
Dies gehörte zu meinen Wünschen!
II, 6, 49:
*Fortunae filius,*
*Sohn des Glücks* oder *Glückskind.--*
Die "Episteln" des Horaz bieten I (ersch. 20 od. 19 v. Chr.) 1, 14:
*Iurare in verba magistri,*
Auf des Meisters Worte schwören;
I, 1, 54:
(O cives, cives, quaerenda pecunia primum est;) *Virtus post nummos;*
Bürger, o Bürger, ihr müsset zunächst Reichtümer erstreben; Tugend erst nach dem Gelde!
I, 1, 76 nennt ~Horaz~ das römische Volk:
belua multorum capitum,
*Ein vielköpfiges Ungeheuer,*
oder wie wir auch übersetzen hören:
*eine vielköpfige Bestie;*
I, 2, 14:
*Quidquid delirant reges, plectuntur Achivi;*
Wie auch immer die Könige (Agamemnon und Achilles) wüten, die Griechen, sie büssen's (d.h. das Volk büsst es);
I, 2, 16:
*Iliacos intra muros peccatur et extra;*
G'rade wie drinnen in Ilions Burg wird draussen gefrevelt;
I, 2, 40:
*Dimidium facti, qui coepit, habet;*
wer nur begann, der hat schon halb vollendet,
was dem bei Aristoteles viermal (s. im Index von Bonitz "ἥμισυ") vorkommenden Sprichwort ("ἡ ἀρχὴ ἥμισυ παντός", "der Anfang ist die Hälfte des Ganzen") nachgebildet ist, welches Lucian ("Hermotimos" 3) fälschlich dem Hesiod zuschreibt, während es Jamblichus dem Pythagoras ("Leben d. Pyth." 29) zuweist. Der horazische Vers schliesst mit den Worten (vrgl. Kap. X.: Theognis):
*Sapere aude*
Wage es, weise zu sein!
I, 2, 62:
*Ira furor brevis est;*
Der Zorn ist eine kurze Raserei;
I, 2, 69:
*Quo semel est imbuta recens, servabit odorem Testa diu.*
Lange wird neues Geschirr noch ~danach~ riechen, womit man's Füllte zuerst.
I, 6, 67 enthält:
*Si quid novisti rectius istis, Candidus imperti; si non, his utere mecum;*
Wenn du was Besseres weisst, als dies hier, Teil' es mir redlich mit; wenn nicht, so benutze, wie ich, dies;
was an des ~Isokrates~ (436-339 v. Chr.) Wort anklingt ("Ad Nicocl." § 39): "χρῶ τοῖς εἰρημένοις, ἢ ζήτει βελτίω τούτων". "Benutze das Gesagte, oder suche etwas Besseres, als dies!"
I, 10, 24:
*Naturam expollas furca; tamen usque recurret;*
Treibst du Natur mit dem Knüppel auch aus, sie kommt doch zurück stets,*
(s. Kap. V: "Chassez le naturel etc.").--
I, 11, 27:
*Caelum non animum mutant, qui trans mare currunt;*
Wer über See geht, der wechselt das Klima und nicht den Charakter;
~Horaz~ entlehnte diesen Gedanken den Griechen.
Schon ~Aeschines~ (in "Ctesiph." 78) sagte: "ὅστις ἐστὶν οἴκοι φαῦλος, οὐδέποτ' ἦν ἐν Μακεδονίᾳ καλὸς κἀγαθός· οὐ γὰρ τὸν τρόπον ἀλλὰ τὸν τόπον μετήλλαξεν"--"Wer daheim ein Feigling ist, war nie in Macedonien ein Held; denn er wechselte nicht den Charakter, sondern den Ort". Und vor ihm ~Bias~ (s. Stobaeus "Floril." p. 51 ed. Gessner): "Τόπων μεταβολαὶ οὔτε φρόνησιν διδάσκουσιν, οὔτε ἀφροσύνην ἀφαιροῦνται"--"Ortswechsel belehrt weder den Verstand, noch nimmt er Einem den Unverstand".--
I, 11, 28 bietet (vielleicht nach des Aristophanes "Fröschen", 1498, wo "διατριβὴ ἀργός", "faule Thätigkeit" vorkommt): "strenua ... inertia", woraus unser
*geschäftiger Müssiggang*
entsprungen ist, wenn wir es nicht aus des ~Phaedrus~ 2, 5 "occupata in otio" oder aus ~Senecas~ ("Üb. d. Kürze d. Leb." 11. g. E.) "desidiosa occupatio", (ebenda 12) "iners negotium", und ("Üb. d. Ruhe d. Seele" 12) "inquietam inertiam" herleiten wollen. Joh. Elias ~Schlegels~ Lustspiel "Der geschäftige Müssiggänger" (im vierten Bd. von Gottscheds "Deutscher Schaubühne ..." Lpz. 1743) machte das Wort in Deutschland geläufig.--
I, 12, 19 steht:
*Concordia discors*
Zwieträchtige Eintracht,
(~Ovid~, "Metam." 1, 433 hat: discors concordia);
I, 17, 35:
*Principibus placuisse viris, non ultima laus est,*
Wer den vorzüglichsten Männern gefiel, dess Ruhm ist gering nicht;
Danach schrieb ~Marcellinus~ in seinem Leben des "Thukydides" § 35: "ὁ γὰρ τοῖς ἀρίστοις ἐπαινούμενος καὶ κεκριμένην δόξαν λαβὼν ἀνάγραπτον εἰς τὸν ἔπειτα χρόνον κέκτηται τὴν τιμήν;" "Wer von den Besten gelobt wurde und diesem Lobe entsprach, dess Ruhm wird ewig unvergänglich sein"; und dann ~Schiller~ im "Prolog" (1798) zu "Wallensteins Lager":
(Denn) *wer den Besten seiner Zeit genug Gethan, der hat gelebt für alle Zeiten.--*
I, 17, 36 finden wir:
*Non cuivis homini contingit adire Corinthum;*
Nicht einem Jeglichen wird es zu Teil, nach Korinth zu gelangen;
(d.h. hier: das Höchste zu erreichen. Es ist die Übersetzung des griechischen Sprichworts "οὐ παντὸς ἀνδρὸς εἰς Κόρινθον ἔσθ' ὁ πλοῦς", dessen frivole Deutung man ~Gellius~ 1, 8, 4 nachlesen kann. Korinth bot aber auch ideale Genüsse und die Seefahrt von Rom dorthin war ein Wagnis. Daraufhin zielt der horazische Vers.)
I, 18, 71 steht:
*Et semel emissum volat irrevocabile verbum;*
Und, einmal entsandt, fliegt unwiderruflich das Wort hin.--
I, 18, 84 steht:
*Nam tua res agitur, paries cum proximus ardet;*
Brennet des Nachbars Wand, so bist du selber gefährdet;
I, 19, 19:
*O imitatores, servum pecus;*
O Nachahmer, sklavisches Gezücht!--
Aus dem zweiten Buch der "Episteln", das in den letzten Lebensjahren des ~Horaz~ erschien, ist 2, 102:
*Genus irritabile vatum.*
Das reizbare Geschlecht der Dichter.--
Aus der "Kunst zu dichten" des ~Horaz~ entlehnen wir dem Verse 4 (mit leichter Umwandlung) den Vergleich für eine unharmonische Dichtung:
*Desinit in piscem mulier formosa superne;*
In einen Fischschwanz endet das oberhalb prachtvolle Weibsbild;
aus Vers 5:
*Risum teneatis, amici?*
Würdet Ihr, Freunde, Euch da des Lachens erwehren?
Vers 9 u. 10:
*Pictoribus atque poëtis Quidlibet audendi semper fuit aequa potestas,*
Maler und Dichter, erlaubt war stets euch jegliches Wagstück;
Vers 11:
*Hanc veniam petimusque damusque vicissim;*
Diese Vergünstigung fordern wir selbst und gewähren sie Ander'n;
als Citat wird dies ganz allgemein von gegenseitigen Diensten gebraucht; ~Horaz~ bezieht es auf die dichterischen Freiheiten, die er andern Poeten gestatten und sich selbst erlaubt wissen will;
aus Vers 19:
*non erat his locus;*
Das war hier nicht am Platze;
aus Vers 25 u. 26:
*Brevis esse laboro obscurus fio;*
Ich bemühe mich kurz zu sein und werde dunkel;
aus Vers 39 u. 40:
*Versate diu, quid ferre recusent, Quid valeant humeri;*
Überleget euch lang', was die Schultern verweigern, Was sie zu tragen vermögen;
Vers 78:
(Grammatici certant, et) *adhuc sub iudice lis est,*
Da sind die Forscher nicht eins, und der Streit hängt noch vor dem Richter,
woraus das übliche Scherzwort entsprungen sein mag:
*Darüber sind die Gelehrten noch nicht einig;*
aus Vers 97:
*sesquipedalia verba*
ellenlange Wörter.--
Vers 147 rühmt von Homer, dass er den trojanischen Krieg nicht
*ab ovo*
vom Ei (der Leda an, aus dem Helena hervorging),
d.h. "vom ersten, entlegensten Anfang" an zu erzählen beginne, sondern den Zuhörer (V. 148) sofort
*in medias res*
Mitten in die Dinge hinein
führe.--
Vers 173 nennt den Greis:
*Laudator temporis acti*
Lobredner der Vergangenheit.--
Aus Vers 276: "Dicitur et plaustris vexisse poemata Thespis" (Man sagt, dass Thespis seine Dramen auf Wagen umhergefahren habe) ist der
*Thespiskarren*
entlehnt. Doch irrt sich ~Horaz~ in seiner Angabe, da der Wagen der ältesten griechischen Komödie angehört, während Thespis der älteste attische Tragödiendichter war.--
Vers 333 steht:
*Aut prodesse volunt aut delectare poetae.*
Entweder wollen die Dichter uns nützlich sein oder ergötzen.
Vers 343 spricht ~Horaz~ vom Dichter:
(Omne tulit punctum qui miscuit) *utile dulci*
Jeglichen Beifall errang, wer Lust und Nutzen vereinte,
woraus die Redensart stammt:
*Das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden.*
Diese letzten Worte scheinen aus ~Polybius~ entlehnt zu sein, der (1, 4) sagt, man könne "aus der Geschichte ~zugleich Nutzen und Vergnügen~ schöpfen" ("ἅμα καὶ τὸ χρήσιμον καὶ τὸ τερπνὸν ἐκ τῆς ἱστορίας λαβεῖν").
(S. auch ~Lucian~ "Wie man Geschichte schreiben muss" 9, "Über den Tanz" 33, "Anacharsis" 6 u. 10.)--
Aus Vers 359:
Indignor, quandoque bonus dormitat Homerus.
Ich ärgere mich, wenn der vortreffliche Homer auch einmal schläft (d.h. im Ausdruck nachlässig ist)
wird fälschlich als eine Entschuldigung für Schlummerköpfe citiert:
*Quandoque bonus dormitat Homerus.*
Zuweilen schlummert ja selbst der vortreffliche Homer.--
Ebenso irrig ist oft aus Vers 361 das
*Ut pictura poësis: ...*
(Ein Gedicht gleicht darin einem Gemälde, dass ...)
herausgerissen citiert worden, als bedeute es: "Malerei und Poesie haben die gleichen Gesetze". (vrgl. Kap. X: "Simonides").--
Von einer Schrift, zu deren Lektüre man gern zurückkehrt, citiert man den Ausgang des 365. Verses:
*Decies repetita* (poësis) *placebit.*
Zehnmal wiederholt, wird sie gefallen.
Solche Schrift wird zu jenen gehören, deren Verfasser das berühmte:
*Nonumque prematur in annum,*
Und bis ins neunte Jahr muss sie verborgen bleiben (d.h. gefeilt werden),
den Ausgang des 388. Verses, beherzigt haben.--
Von Einem, der sich als Mann bewährt, sagen wir mit Vers 413:
*Multa tulit, fecitque puer, sudavit et alsit,*
Viel hat, in Hitze und Frost, schon als Kind er gethan und erlitten.--
* * * * *
Des *Livius* (59 v.-17 n. Chr.) Redewendung (4, 2, 11):
"potius sero, quam nunquam,"
(Lieber spät, als niemals),
citieren wir französisch:
*Mieux vaut tard, que jamais.--*
Im ~Livius~ steht (38, 25, 13): "cum iam plus in mora periculi quam in ordinibus conservandis praesidii esset, omnes passim in fugam effusi sunt"--"Als schon mehr Gefahr im Verzuge, als Hilfe im Aufrechterhalten der Heeresordnung lag, strömten Alle in planloser Flucht auseinander". Hieraus bildete sich das Wort:
*periculum in mora,*
*Gefahr im Verzuge.*
39, 26, 9 enthält das Drohwort "nondum omnium dierum solem occidisse"--"es sei noch nicht die Sonne aller Tage untergegangen", was wir kürzen zu:
*Es ist noch nicht aller Tage Abend.--*
* * * * *
Bei *Tibull* (54-19 v. Chr.) 2, 5, 23 steht:
*Roma aeterna.*
*Das ewige Rom.--*
* * * * *
*Propertius* (48-16 v. Chr.) bietet uns 2, 10, 5-6:
"Quod si deficiant vires audacia certe Laus erit: *in magnis et voluisse sat est,"*
Wenn auch die Kräfte versagen, so wird doch das kühne Beginnen Rühmlich sein: schon genügt's, hat man nur Grosses gewollt.
Joh. ~Agricola~ von Eisleben ("Terent. Andria" Berl. 1544, d. 4, 1) nennt dies eine Sentenz Platonis. Wieso?--Anklingt ~Tibulls~ (4, 1, 7): "Est nobis voluisse satis"--"Uns genügt's, gewollt zu haben".--
Aus des ~Propertius~ Pentameter (3, 21, 10):
Quantum oculis, animo tam procul ibit amor,
Wie aus den Augen sie schwand, schwand auch die Lieb' aus dem Sinn,
scheint herzurühren:
*Aus den Augen, aus dem Sinn.--*
* * * * *
Aus dem Pentameter des *Ovid* (43 v.-17 n. Chr.) "Heroiden" 13, 84: "Bella gerant alii! Protesilaus amet" ist offenbar das berühmte Distichon entstanden:
*Bella gerant alii! tu, felix Austria, nube! Nam quae Mars aliis, dat tibi regna Venus!*
Kriegführ'n lasse die Andren! du, glückliches *Österreich*, freie! Mehrer des Reiches ist Mars Anderen, Venus nur dir!
"Felix Austria" findet sich schon auf einem Siegel Herzog Rudolfs IV. vom Jahre 1363 (vrgl. Dr. Franz Kürschner: "Herzog Rudolfs IV. Schriftdenkmale"). Dass, wie man meinte, Matthias Corvinus des Distichons Urheber sei, erwies Béla von Tóth als Irrtum (s. dessen "Szájrul szájra" (von Mund zu Munde), Budapest 1895, S. 22-25). Bis jetzt ist der ovidkundige Verfasser der Verse noch unerforscht.--
Aus Ovids "Amores" 3, 4, 17 stammt:
*Nitimur in vetitum semper, cupimusque negata,*
Zu dem Verbotenen neigen wir stets und begehren Versagtes;
oder wie es in einem Altdorfer Stammbuch v. J. 1722 übersetzt wird:
"Unser Tichten, Trachten, Ringen Geht nur nach verbotnen Dingen."
(vrgl. "Deutsche Stammbücher" von den Gebrüdern Keil, 1893 No. 912).--
"Amor" 3, 8, 55 (und "Fasti" 1, 217) bieten:
*Dat census honores,*
Die Einkünfte geben die Ehren;
"Amor." 3, 11, 7 vrgl. "Ars amandi" 2, 178:
*Perfer et obdura* (dolor hic tibi proderit olim)
Trage und dulde: dir wird ~der~ Schmerz dermaleinst noch nützen.
("Tristia" 5, 11, 7 lautet: "Perfer et obdura, multo graviora tulisti", eine Übertragung von ~Homers~ "Odyss." 20, 18 [s. Kap. X]. Vor ~Ovid~ sang ~Catull~ 8, 11: "Obstinata mente perfer, obdura", und ~Horaz~ "Sat." 2, 5, 39: "Persta atque obdura").--
Brief 17, 166 steht:
*An nescis longas regibus esse manus?*
Weisst du denn nicht, wie weit reichet der Könige Hand?
Schon bei ~Herodot~ (8, 140) heisst es von Xerxes: "καὶ γὰρ δύναμις ὑπὲρ ἀνθρώπον ἡ βασιλέος ἐστι καὶ χεὶρ ὑπερμήκης", denn der König hat auch die Gewalt über den Menschen und eine über die Maassen lange (d.h. weitreichende) Hand".--
Aus ~Ovids~ "Kunst zu lieben" ("Ars amandi") 1, 99 ist das Wort über die Frauen bekannt:
*Spectatum veniunt, veniunt spectentur ut ipsae,*
Zum Seh'n kommen sie hin, hin kommen sie, dass man sie sehe.
Aus 2, 13 der "Kunst zu lieben" wird citiert:
Nec minor est virtus, quam quaerere, *Parta tueri.*
Weniger schwer, als Erwerben, ist's nicht: Erworb'nes bewahren;
wohl eine Reminiscenz aus ~Demosthenes~ ("Olynth.") 1, 23, der da sprach: "πολλάκις δοκεῖ τὸ φυλάξαι τἀγαθὰ τοῦ κτήσασθαι χαλεπώτερον εἶναι", "oft scheint es schwerer zu sein, Schätze zu bewahren, als sie zu besitzen".-- Der 91. Vers der Ovidischen "Mittel gegen die Liebe" ("Remedia amoris") heisst:
*Principiis obsta* (sero medicina paratur).
Sträube dich gleich im Beginn (zu spät wird bereitet der Heiltrank).
Auch wird "Principiis obsta" oft aus dem Zusammenhange gerissen und "wehre dich gegen Principien!" darunter verstanden. ~Ovid~ mag dabei an des ~Theognis~ Rath gedacht haben (v. 1133):
"Κύρνε, παροῦσι φίλοισι κακοῦ καταπαύσομεν ἀρχήν, ζητῶμεν δ' ἕλκει φάρμακα φυομένῳ."
"Heilen wir, wo Freunde weilen, Böses, Kyrnos, gleich zur Stunde! Lass' uns mit dem Balsam eilen, Wenn im Wachsen ist die Wunde!"--
Aus ~Ovids~ "Metamorphosen" 1, 7 ist die Bezeichnung des Chaos verbreitet:
*Rudis indigestaque moles*
Eine rohe, verworrene Masse;
"Met." 2, 13 und 14, bringt die Schilderung der Nymphen:
*Facies non Omnibus una, Nec diversa tamen* (qualem decet esse sororum):
Nicht gleich sind alle von Antlitz, Und doch auch nicht verschieden (so wie sich's gehöret bei Schwestern);
"Met." 2, 137:
*Medio tutissimus ibis*
In der Mitte wirst du am sichersten gehen.
"Met." 3, 136 und 137:
*Dicique beatus Ante obitam nemo supremaque funera debet,*
Niemanden soll man Glücklich heissen, bevor er gestorben und eh' er begraben.
(vrgl. Kap. XII: "nemo ante mortem beatus".)
"Met." 5, 416-7:
*Si componere magnis parva mihi fas est,*
Wenn es mir erlaubt ist, Kleines mit Grossem zu vergleichen,
(s. Kap. X: Herodot 2, 10 und 4, 99.);
"Met." 6, 376 die das Quaken der Frösche malenden Worte:
*Quamvis sint sub aqua, sub aqua maledicere tentant,*
Ob in der Tiefe sie quaken, sie quaken doch, nur um zu schimpfen;
"Met." 7, 20-1 die Worte der sich in aufkeimender Liebe zu Iason überraschenden Medea:
*Video meliora proboque; Deteriora sequor.*
Wohl seh' ich das Bess're und lob' es: Aber ich folge dem Schlecht'ren.
(vrgl. Euripides: "Medea", 1078-9 und "Hippol." 380.)--
Aus "Met." 9, 711 stammt:
*Pia fraus,*
*Frommer Betrug;*
und aus "Met." 15, 234:
*Tempus edax rerum,*
Die Zeit, welche die Dinge zernagt;
(auch in den "Epistolis ex Ponto" 4, 10, 7 wendet Ovid "tempus edax" an. "Edax vetustas" [zernagendes Alter] steht "Metam." 15, 872; vrgl. oben: "Zahn der Zeit").--
Aus ~Ovids~ "Fasti" (Festkalender) 1, 218 wird citiert:
*Pauper ubique iacet,*
Ein Armer hat allerwärts einen niederen Stand,
und aus 6, 5:
*Est deus in nobis, agitante calescimus illo,*
In uns wohnet ein Gott, wir erglüh'n durch seine Belebung.--
Aus ~Ovids~ "Tristia" sind bekannt 1, 9, 5 u. 6:
*Donec eris felix, multos numerabis amicos: Tempora si fuerint nubila, solus eris*
Freunde, die zählst du in Menge, so lange das Glück dir noch hold ist, Doch sind die Zeiten umwölkt, bist du verlassen allein;
(vrgl. ~Theognis~ 115, 643, 697, 857, 929 u. ~Plautus~ "Stichus" IV, 1, 16.)--
"Trist." 3, 4, 25: "bene qui latuit, bene vixit" in der Form:
*Bene vixit, qui bene latuit*
Glücklich lebte, wer in glücklicher Verborgenheit lebte,
(nach Epikurs: "λάθε βιώσας", "bleibe verborgen im Leben!" s. Plutarch p. 1128 ff. u. Useners "Epicurea" 1887, 8. 326 u. 327.)--
"Trist." 4, 3, 37:
*Est quaedam flere voluptas!*
Im Weinen liegt eine gewisse Wonne;
"Trist." 5, 10, 37:
*Barbarus hic ego sum, quia non intelligor ulli,*
Ein Barbar bin ich hier zu Land, da mich keiner versteh'n kann.--
In ~Ovids~ "Briefen aus dem Pontus" 1, 2, 143 stammt das Wort:
*Besser sein als sein Ruf,*
denn er sagt dort von Claudia: "ipsa sua melior fama", sie sei selbst besser als ihr Ruf. Dann erwidert Figaro auf Almavivas Vorwurf, er stehe in abscheulichem Rufe (réputation), in "Figaros Hochzeit" (1784) 3, 3, von ~Beaumarchais~: "Et si je vaux mieux qu'elle?" "Und wenn ich nun besser bin, als mein Ruf?" Und in ~Schillers~ "Maria Stuart" (1801) 3, 4 heisst es:
*Ich bin besser, als mein Ruf.*
Auch ~Goethe~ verwendet das Wort gegen Ende des siebenten Buches von "Dichtung und Wahrheit".
Des Perikles Wort bei Thucydides 2, 41: "Die Stadt sei noch besser, als ihr Ruf (ἀκοῆς κρείσσων)" kann nicht als Quelle angesehen werden, weil der Sinn wesentlich abweicht.--
Ebenda bei ~Ovid~ 3, 4, 79 (s. oben: Properz 2, 10, 5-6) steht:
*Ut desint vires, tamen est laudanda voluntas,*
Wenn's auch an Kräften gebricht, so ist doch der Wille zu loben.--
* * * * *
Aus dem ersten (um 12 v. Chr. verf.) Buche der "Astronomica" des *Manilius* wurde V. 104, der von der menschlichen Vernunft aussagt:
Eripuitque Jovi fulmen viresque tonandi,
Und selbst Zeus entriss sie den Blitz und die Donnergewalten,
vom Kardinal ~Polignac~ (1745. "Anti-Lucretius" 1, 96) in folgender Umgestaltung gegen Epikur gerichtet, der den Griechen ihre Götter raubte:
Eripuit fulmenque Jovi Phoeboque sagittas.
Zeus entriss er den Blitz und dem Phoebus entriss er die Pfeile.
Hiernach schmiedete man in Paris für des Freiheitsapostels und Blitzableiter-Erfinders, Benjamin ~Franklins~, Porträtbüste von Houdhon den Vers:
Eripuit coelo fulmen, mox sceptra tyrannis,
Erst entriss er dem Himmel den Blitz, dann den Herrschern die Scepter.
Nach Condorcet (Oeuvr. compl. Par. 1804. V. 230-1. "Vie de Turgot") war der Minister ~Turgot~ († 1781) der Verfasser dieses Lobspruches, doch mass sich Friedrich ~v. d. Trenck~ in seinem Verhör vor den Richtern zu St. Lazare in Paris (9. Juli 1794) die Urheberschaft bei (s. G. Hiltl: "Des Frh. v. Trenck letzte Stunden. Nach d. Akt. d. Droit publ. u. Archiv. Mittheil." Gartenlaube 1863. No. I). Heute wird gewöhnlich citiert:
*Eripuit coelo fulmen, sceptrumque tyrannis.--*
* * * * *
*Klassischer Zeuge*
beruht auf folgendem Satz des *Verrius Flaccus* (um Chr. G.) im Auszuge bei Paulus Diaconus (p. 56, 15; Müller): "classici testes dicebantur qui signandis testamentis adhibebantur"--"klassische Zeugen pflegte man die zur Testamentsunterzeichnung Verwendeten zu nennen". Wir aber brauchen das Wort verallgemeinernd, wie "sicherer Bürge".
"Classici" hiessen die zur ersten Vermögensklasse eingeschätzten Steuerzahler (vrgl. "infra classem" bei Paul. Diac. p. 113, 12 u. Gellius VI, 13, 1).--
* * * * *
Im 6. Briefe des jüngeren *Seneca* (4-65 n. Chr.) heisst es:
*Longum iter est per praecepta, breve et efficax per exempla.*
Lang ist der Weg durch Lehren, kurz und erfolgreich durch Beispiele (s. Phaedrus 2, 2, 2: "exemplis discimus", "an Beispielen lernen wir").--
Auf der Stelle des 7. Briefes:
Homines dum docent discunt
beruht:
*Docendo discitur,* oder: *Docendo discimus*
Durch Lehren lernen wir.--
Im 23. Briefe heisst es:
(Mihi crede,) *res severa est verum gaudium,*
(Glaube mir,) eine ernste Sache ist eine wahre Freude.
Diese Worte standen als Weihespruch am alten Gewandhause in Leipzig und stehen nun wieder dort am neuen Konzerthause. Der Musikdirigent ~Langer~ übersetzte sie: "eine schwere Sache ist ein wahrer Spass".--
Aus dem 96. Briefe wird citiert:
*Vivere* (mi Lucili) *militare est,*
Leben, mein Lucilius, heisst kämpfen,
(s. Kap. V: "ma vie est un combat").--
Der 106. Brief schliesst mit dem vorwurfsvollen: "Non vitae, sed scholae discimus" (leider lernen wir nicht für das Leben, sondern für die Schule). Wir stellen es um und citieren belehrend:
*Non scholae, sed vitae discimus,*
Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.--
Im 107. Briefe wird mit Anlehnung an Verse des Stoikers ~Kleanthes~ (4. Jahrh. v. Chr.), die ~Epiktet~ (c. 52. Ausg. v. Chr. Gottl. Heyne. Lpzg. 1783) überliefert, das Wort geschaffen:
*Ducunt volentem fata, nolentem trahunt,*
Den Willigen führt das Geschick, den Störrischen schleift es mit.--
*Licentia poetica,*
*Poetische Licenz,*
ist entlehnt aus ~Senecas~ "Natural. quaest." II, 44, wo es heisst: "poeticam ista licentiam docent". (vrgl. ~Cicero~ "de orat." 3, 38, wo "poetarum licentiae" und ~Phaedrus~ 4, 25, wo "poetae more ... et licentia" steht. ~Lucians~ "Gespräch mit Hesiod" nennt diese Licenz: τὴν ἐν τῷ ποιεῖν ἐξουσίαν).-- Vielleicht ist auch
*per aspera ad astra*
über rauhe Pfade zu den Sternen
aus ~Seneca~ geschöpft, in dessen "rasendem Herkules" Vers 437 lautet:
Non est ad astra mollis e terris via.
Der Weg von der Erde zu den Sternen ist nicht eben.--
* * * * *
*Das Wasser trüben*
beruht auf *Phaedrus* (bl. etwa 30 nach Chr.), B. 1, Fab. 1, wo der am oberen Laufe des Baches stehende Wolf komischerweise dem weiter unten stehenden Lamme frech zuruft:
Cur (inquit), turbulentam fecisti mihi Aquam bibenti?
Warum hast du mir, der ich trinke, das Wasser trübe gemacht?
Von "Schafen", die "schöne Borne" durch "darein treten" "trübe gemacht" haben, ist übrigens auch die Rede ~Hesekiel~ 34, 18-19 (vrgl. 32, 2 und 13).--
Die Verse des ~Phaedrus~ (I, 10):
Quicumque turpi fraude semel innotuit,
Etiamsi verum dicit, amittit fidem ...
gab ~von Nicolay~ (1737-1820) in seinem Gedichte "Der Lügner" also wieder:
Man glaubet ihm selbst dann noch nicht, Wenn er einmal die Wahrheit spricht.
Danach hat sich die landläufig gewordene genauere Übertragung gebildet:
*Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht; Selbst dann, wenn er die Wahrheit spricht.*
Dieser Gedanke wird schon dem ~Demetrius Phalereus~ (4. Jahrh. v. Chr.) zugeschrieben von Stobaeus ("Florileg." 12, 18).--
Behandelt ein äusserst Minderwertiger eine gefallene Grösse schlecht, so reden wir vom
*Eselstritt;*
denn, als der Esel sah, wie ~Phaedrus~ (1, 21) erzählt, dass Eber und Stier den sterbenden Löwen ungestraft misshandelten, da schlug er ihm mit den Hufen ein Loch in die Stirn.--
In der Fabel des ~Phaedrus~ (1, 24) "Der geplatzte Frosch und der Ochse" (Rana rupta et bos) heisst es vom Frosch, dass er, "vom Neid über solche Grösse erregt (tacta invidia tantae magnitudinis), sich so lange aufgebläht habe (inflavit pellem), um ihr gleichzukommen, bis er "mit geplatztem Leibe dalag" (rapto iacuit corpore). Daher sagen wir von einem Dünkelhaften, er sei wie ein
*aufgeblasener Frosch,*
oder kurzweg, er sei
*aufgeblasen,*
oder:
*ein aufgeblasener Mensch;*
und daher stammt auch ~Martials~ in sechs Distichen (9, 98) zwölfmal vorkommendes, gegen einen Neider seines Ruhmes gerichtetes "Rumpitur invidia" und unser:
*Vor Neid bersten* oder *platzen.*
Die Fabel war nicht des ~Phaedrus~ Erfindung. Schon ~Horaz~ kannte sie (vrgl. "Sat." 2, 3, 314) und ~Vergil~ ("Ecl." 7, 26) lässt Thyrsis singen:
"Pastores, hedera nascentem ornate poetam, Arcades, invidia rumpantur ut ilia Codro."
"Schmücket, arkadische Hirten, den werdenden Dichter mit Epheu, Dass dem Kodrus vor Neid die Eingeweide zerbersten".--
* * * * *
*Valerius Maximus* (bl. um 30 n. Chr.) spricht im "Prologus" von sich als
*mea parvitas,*
und ~Aulus Gellius~ (bl. um 150 n. Chr.) XII, 1, 24 sagt danach von sich:
*mea tenuitas,*
*Meine Wenigkeit,*
was zuerst ~Opitz~ ("Prosodia Germanica oder Buch von der Teutschen Poeterey", Kap. 5, Brieg 1624) gebraucht.--
* * * * *
In des älteren *Plinius* (23-79 n. Chr.) "Natur. hist." 23, 8 heisst es in einem Gegengiftrecept: "addito salis grano" (unter Hinzufügung eines Salzkörnchens), was citiert wird umgestaltet in:
*cum grano salis*
(mit einem Salzkörnchen, d.h. mit einem Bischen Witz).
Ebenda (29, 19) meldet ~Plinius~ vom Basilisken, dass er den Menschen tödten solle, wenn er ihn nur ansehe ("hominem si aspiciat tantum dicitur interimere"). Daher unser:
*Basiliskenblick.*
(vrgl. unter Jesaias "Basiliskenei").--
Ein Wort, das ~Plinius~ häufig im Munde führte:
*Nullus est liber tam malus, ut non aliqua parte prosit,*
Kein Buch ist so schlecht, dass es nicht in irgend einer Beziehung nütze,
wird vom ~jüngeren Plinius~ in B. 3, Ep. 5 mitgeteilt.
(vrgl. ~Varros~ (fr. 241, Bücheler): "neque in bona segete nullum est spicum nequam, neque in mala non aliquod bonum"--"weder giebt's gute Saat ohne eine schlechte Ähre, noch schlechte ohne irgend eine gute").--
* * * * *
*Persius* (34-62 n. Chr.) bietet in "Satire" 1, 1:
*O quantum est in rebus inane;*
O wie viel Leeres ist in der Welt;
in 1, 28:
*At pulchrum est digito monstrari et dicier: hic est!*
Schön ist's doch, wenn man auf dich zeigt und der Ruf tönt: Der ist's!
(vrgl. ~Horaz~, Od. 4, 3, 22: "monstror digito praetereuntium");
und in "Satire" 1, 46, wie ~Juvenal~ 6, 164:
*Rara avis*
(Ein seltener Vogel)
in dem uns geläufig gewordenen Sinn für "ein seltenes Wesen" überhaupt; während Horaz ("Sat." II, 2, 26) die Worte zwar auch schon anwendet, aber in nicht übertragener Bedeutung.--
* * * * *
*Quintilian* (um 35-95) fragt ("de institutione oratoria" 1, 6): "Dürfen wir einräumen, dass einige Worte von ihren Gegenständen abstammen, wie z.B. lucus, Wald, weil er, durch Schatten verdunkelt, nicht sehr licht ist (luceat)?" Daher rührt:
*Lucus a non lucendo.*
Wald wird "lucus" genannt, weil es darin dunkel ist
(non lucet),
was nach dem Scholiasten Lactantius Placidus (zu Statius "Achilleis" 3, 197) auf einen unbekannten Grammatiker ~Lykomedes~ zurückgeht. Aus 10, 7 ist:
*Pectus est* (enim) *quod disertos facit* (et vis mentis).
Sinn und Verstand ist's, was den Redner macht.
So übersetzte M. ~Haupt~, sehr gegen die Übersetzung eifernd: Das Herz macht beredt.--
In ~Quintilians~ "Declamationes" (350, Burmanns und Dussault) heisst es: "caedes videtur significare sanguinem et ferrum"--"Mord" (d.h. in juridischem Sinne) "scheint
*Blut und Eisen*
zu bedeuten" (d.h. eine Tödtung durch eine Eisenwaffe, die Blut fliessen lässt). ~Arndt~ mochte dies dunkel vorschweben als er sang (1800, in dem Gedichte "Lehre an den Menschen" Str. 5; s. "Gedichte" Grfsw. 1811. S. 39-41 und das Inhaltsverzeichnis):
"Zwar der Tapfre nennt sich Herr der Länder Durch sein Eisen, durch sein Blut".
Nach ihm ruft Max ~von Schenkendorf~ aus ("Das eiserne Kreuz"):
"Denn nur Eisen kann uns retten, Und erlösen kann nur Blut Von der Sünde schweren Ketten, Von der Bösen Übermut".
Und in einem Aufsatz ~Schneckenburgers~ "Über Deutschland und die europäische Kriegsfrage" (geschr. Ende Okt. 1840, auszüglich abgedruckt im "Schwäb. Merkur" v. 30. Aug. 1870) lesen wir: "Der bei den Franzosen obwaltende Mangel an gediegener Volksbildung und echter Religiosität, das reizbare, oberflächliche, aller Gründlichkeit bare, leidenschaftsloser Belehrung unzugängliche, schnell absprechende Wesen ihres Nationalcharakters, die grobe Entsittlichung beinahe aller Klassen begründen meine Zweifel und scheinen für die absolute Notwendigkeit einer Eisen- und Blutkur zu sprechen". Otto ~von Bismarck~ aber verlieh dem Wort erst Flügel, als er am 30. Sept. 1862 in der Abendsitzung der Budgetkommission des preussischen Abgeordnetenhauses sprach: "Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die grossen Fragen der Zeit entschieden--das ist der Fehler von 1848 und 1849 gewesen--sondern
*durch Eisen und Blut".--*
*Lucanus* (39-65 n. Chr.), "Pharsalia" 1, 128 bietet:
*Victrix causa diis placuit, sed victa Catoni,*
Die siegreiche Sache gefiel den Göttern, aber die unterliegende dem Cato,
und 1, 135:
*Stat magni nominis umbra,*
Er steht da, der Schatten eines grossen Namens,
eigentlich vom Pompejus gesagt, verkürzt in:
*Stat nominis umbra,*
Eines Namens Schatten steht da,
das Motto der "Juniusbriefe" (ersch. im "Public. Advertiser" vom 21. Jan. 1769-12. Mai 1772. London). In der "Pharsalia" 1, 256 steht:
*Furor teutonicus,*
Deutsches Ungestüm,
(vrgl. "Furia Francese").--
* * * * *
*Petronius Arbiter* (1. Jhrh. n. Chr.) bringt die Sentenz: "qualis dominus, talis et servus", die wir also im Munde führen:
*Wie der Herr, so der Knecht.--*
* * * * *
*Martial* (um 40-102 n. Chr.) lässt 6, 19 den Advokaten Posthumus, der in seiner Rede von Cannae, von Mithridates, von den Puniern, von Marius, Sulla u.s.w. spricht, auffordern, zu den drei gestohlenen Ziegen zurückzukommen, um die sich der Streit dreht. Diese Martialstelle bildet die Grundlage der Redensart:
*Um auf besagten Hammel zurückzukommen,*
die in der französischen Farce des 14. oder 15. Jahrhundert "l'Advocat Patelin"[65] vorkommt.
[Fußnote 65: ~Littré~ "Histoire de la langue française", 5. éd., Paris 1869, Bd. 2, p. 30 u. 45 erklärt die Farce für anonym: der Verfasser müsse in den letzten Jahren des 14. und den ersten des 15. Jahrhunderts gelebt haben (pag. 50). Schon 1470 (p. 46) kommt "pateliner" vor. Pierre ~Blanchet~, dem man "Patelin" zuschrieb, starb 1519 als Sechzigjähriger, wäre also 1470 erst ein zehnjähriger Knabe gewesen.]
"Patelin, ein verhungerter Advokat, braucht für seine Frau und sich Tuch. Er tritt in den Laden eines Tuchhändlers, den er durch Lobpreisungen seines verstorbenen Vaters und seiner verstorbenen Tante rührt. Als er diese zum Geprelltwerden geeignete Stimmung im Verkäufer erweckt hat, giebt er sich den Anschein, als sei er von der Güte eines Stückes Tuch, das er in dem Laden erblickt, wie geblendet. Er sei nicht gekommen, um Einkäufe zu machen, aber der Güte solcher Waren könne er nicht widerstehen, und wohl sehe er, dass die ersparten Goldstücke, die er zu Hause liegen habe, heran müssten. Der Händler, den die Aussicht auf ein vorteilhaftes Geschäft noch mehr für Herrn Patelin einnimmt, ist sofort bereit, ihm sechs Ellen Tuch mitzugeben, und Herr Patelin ladet ihn ein, sich gleich seine Bezahlung zu holen und bei ihm zu speisen. Der Tuchhändler kommt, vernimmt aber von der Frau des Advokaten zu seinem Erstaunen, dass der Mann schon seit elf Wochen gefährlich krank, gerade jetzt im Sterben liegt und also unmöglich heute Tuch gekauft haben kann. Da er nun gar den Kranken selbst in verschiedenen Sprachen phantasieren hört, so zieht er sich endlich, halb überzeugt, halb zweifelnd zurück. Bald darauf wird derselbe Tuchhändler von seinem Schäfer um Hammel betrogen und klagt. Der Schäfer wendet sich an den Advokaten Patelin, der ihm den Rat erteilt, auf alle Fragen des Richters nichts zu antworten als "Bäh". Im Termin erscheinen nun der Tuchhändler als Kläger und der Schäfer als Verklagter in Begleitung seines Anwalts. Der Kläger ist über das unerwartete Erscheinen Patelins so bestürzt, dass er seines Prozesses vergisst und den Anwalt beschuldigt, ihn um sechs Ellen Tuch betrogen zu haben. Der Richter ruft ihm daher zu:
Sus, *revenons à ces moutons!*[66]
Wohlan, lasst uns auf die besagten Hammel zurückkommen!
[Fußnote 66: So heisst es in der letzten Ausgabe des "l'Advocat Patelin" vom ~Bibliophile Jacob (Paul Lacroix)~. In früheren heisst es:
*à nos moutons!*
und so wird es gewöhnlich in Frankreich citiert.--]
Da der Kläger trotzdem fortfährt, in der Auseinandersetzung des Thatbestandes das gestohlene Tuch und die gestohlenen Hammel zu verwechseln, so wird er mit seiner Klage abgewiesen.
{~Rabelais~ citiert das Wort bereits 1532, statt "revenir" stets "retourner" anwendend, in "Gargantua und Pantagruel", 1, 1; 1, 11; 3, 34, ~Grimmelshausen~ "Der abenteuerliche Simplicissimus", Mompelgart 1669 (herausg. von ~Keller~, Stuttgart 1854, I. S. 34), sagt: "Aber indessen wieder zu meiner Heerd zu kommen". ~Kotzebue~ lässt im Lustspiele "Die deutschen Kleinstädter" (Leipz. 1803) den Bürgermeister Staar zu Krähwinkel die Worte sagen: "Wiederum auf besagten Hammel zu kommen". Auch im Englischen findet sich jetzt das Wort. Es heisst in "German Home Life", Lond. 1876, p. 17: "But to return to our sheep"}.--
~Martial~ bietet ferner 8, 56:
*Sint Maecenates, non deerunt, Flacce, Marones.*
Wenn's Mäcene nur giebt, mein Flaccus, dann giebt's auch Vergile!--
Der Name des
*Maecen*(as)
war durch die Gedichte des Vergil, Horaz und Properz zur typischen Bezeichnung eines Gönners und Beschützers der Künste geworden und ist es geblieben.--
Es heisst 12, 51:
*semper homo bonus tiro est,*
Ein guter Mensch bleibt immer ein Anfänger,
(d.h.: er wird oft getäuscht, weil er immer unbefangen bleibt wie ein Kind). Es wird auch citiert:
*Bonus vir semper tiro;*
denn so schrieb ~Goethe~ das Wort in seine "Maximen und Reflexionen" (3. Abteilung).-- Aus "De spectaculis, 31;
Cedere maiori virtutis fama secunda est; Illa gravis palma est quam minor hostis habet,
Wer dem Gewalt'geren weicht, dess Mut gilt gleichsam als zweiter; Das ist der schmerzliche Ruhm für den geringeren Feind,
ist:
*Cedo maiori*
Vor dem Grösseren trete ich zurück
entlehnt (s. Kap. XII: "Der Starke weicht einen Schritt zurück").
*Maiori cedo*
lautet es in den Sentenzen der unter dem Namen "Dionysius Cato" schon im 4. Jahrh. bekannten Spruchsammlung.--
* * * * *
Aus *Juvenal* (etwa 47-113 n. Chr.) wird citiert Satire 1, 30:
*Difficile est satiram non scribere;*
Es ist schwer, (da) ~keine~ Satire zu schreiben;
1, 74:
*Probitas laudatur et alget;*
Rechtschaffenheit wird gepriesen und friert dabei;
1, 79:
(Si natura negat) *facit indignatio versum;*
Wenn das Talent es versagt, so schmiedet Entrüstung die Verse;
1, 168:
*Inde irae et lacrumae,*
Daher Zorn und Thränen,
was mit Anlehnung an Terenz, "Andria", 1, 1:
"*Hinc illae lacrumae!*"
umgemodelt wird zu:
*Inde illae irae,* oder *Hinc illae irae;*
(Daher jener Zorn).
2, 24:
*Quis tulerit Gracchos de seditione querentes?*
Wer wohl die Gracchen erträgt, die um Aufruhr Klagen erheben?
d.h. wer hört auf den, der das, wogegen er eifert, selbst thut? D. J. Strauss übersetzte:
"Ist es auch billig, darf man fragen,
Wenn Gracchen über Aufruhr klagen?"--
2, 63:
*Dat veniam corvis, vexat censura columbas!*
Alles verzeihen die Krittler den Raben und peinigen die Tauben;
(d.h.: die Sittenrichter sind milde gegen die Männer und streng gegen die Frauen).
4, 91 steht:
*Vitam impendere vero;*
Sein Leben dem Wahren weihen,
(J. J. ~Rousseaus~ Wahlspruch);
6, 223 höhnt ein herrisches Weib ihren Mann, der sich sträubt, einen Sklaven ohne Schuldbeweis zu kreuzigen, dass er einen Sklaven für einen Menschen halte, und schliesst kategorisch:
*Hoc volo, sic iubeo; sit pro ratione voluntas;*
Ich will's: also befehl' ich's: statt Grundes genüge der Wille
(oft wird "Sic volo" etc. citiert; so von ~Luther~ 31, S. 150).--
6, 242 und 243:
"Nulla fere causa est, in qua non femina litem Moverit"
"Kaum giebt's einen Prozess, wo den Streit nicht hätte begonnen Irgend ein Weib"
scheint die Grundlage manches Wortes zu sein. So heisst es in ~Richardsons~ Romane "Sir Charles Grandison" (1753) 1, Brief 24: "Such a plot must have a woman in it" (hinter solchem Anschlage muss eine Frau stecken); und es wird häufig citiert:
"*Cherchez la femme*" oder "*Où est la femme?*"
~Juvenal~ 7, 154 lesen wir von den Lehrern, die den Schülern bis zur Erschlaffung immer wieder dieselbe Geistesspeise auftischen müssen:
Occidit miseros *crambe repetita* magistros.
Immer wieder *aufgewärmter Kohl* tötet die armen Schullehrer.
Hiernach entstand der Ausdruck
*Kohl*
für "langweiliges Geschwätz" (~Weigand~ nahm dies in der 1. Aufl. d. "Wörterbuches" an, während er in der 2. Aufl. das Wort aus der Gaunersprache herleitet. ~Grimms~ "Deutsch. Wörterb." hält aber die Beziehung auf Iuvenal aufrecht).
Das Wort des ~Juvenal~ enthält eine Anspielung anf das griechische Sprichwort "δὶς κράμβη θάνατος", "zweimal hintereinander Kohl ist der Tod" (vrgl. ~Basilius Magnus~, † 379, vol. 3, epist. 186 u. 187, ed. Hemsterhuys, und ~Suidas~ unter "κράμβη"). Jedoch in Deutschland drang diese Anschauung nicht durch. So singt z.B. Wilhelm Busch in "Max und Moritz" von dem Kohl der Witwe Bolte:
"Wofür sie besonders schwärmt,
Wenn er wieder aufgewärmt".--
~Juvenal~ 7, 202 liefert uns:
"Corvus albus",
*Ein weisser Rabe,*
als Bezeichnung für einen Ausnahmemenschen.-- 8, 83-84 heisst es:
"Summum crede nefas, animam praeferre pudori Et propter vitam vivendi perdere causas".
"Als grösste Sünde gelt' es dir, Der Ehre vorzuzieh'n das Leben Und um das liebe Leben hier Des Daseins Ziele aufzugeben!"
Hieraus wird citiert, es sei verwerflich:
*propter vitam vivendi perdere causas,*
und daraus dann die Warnung gemacht:
*Non propter vitam vivendi perdere causas!--*
10, 81 bietet als das Verlangen des römischen Volkes:
*Panem et circenses;*
Brot und Circusspiele;
10, 356:
*Mens sana in corpore sano;*
Gesunde Seele in gesundem Körper;
14, 47:
*Maxima debetur puero reverentia.*
Die höchste Scheu sind wir dem (zu erziehenden) Knaben schuldig.--
* * * * *
*Tacitus* (52-117 n. Chr.) nimmt sich in den unter Trajan geschriebenen "Annalen" I, 1 vor,
*sine ira et studio*
Keinem zu Lieb' und keinem zu Leid
(eigentlich: "ohne Zorn und ohne Vorliebe", d.h. "ohne Parteilichkeit", "vorurteilsfrei") zu schreiben, wobei ihm der ~Sallust~ische Satz (51, 13) vorschweben mochte: "in maxuma fortuna minuma licentia est; neque studere, neque odisse, sed minume irasci decet" ("In der höchsten Glückslage liegt die geringste Freiheit; man soll da weder Vorliebe, noch Hass zeigen, am allerwenigsten aber Zorn").-- "Annalen" 1, 7 steht:
*ruere in servitium,*
sie stürzen sich in die Knechtschaft.--
*Durch seine Abwesenheit glänzen*
ist ein Taciteïscher Edelstein in Chénierscher Fassung. ~Tacitus~ erzählt ("Annalen", B. 3, letztes Kap.), dass, als unter der Regierung des Tiberius Iunia, die Frau des Cassius und Schwester des Brutus, starb, sie mit allen Ehren bestattet ward; nach römischer Sitte wurden dem Leichenzuge die Bilder der Vorfahren vorangetragen;
"aber Cassius und Brutus leuchteten gerade dadurch hervor, dass man ihre Bildnisse ~nicht~ sah";
"~sed praefulgebant~ Cassius atque Brutus, eo ipso, ~quod~ effigies eorum ~non visebantur~".
Daraus machte J. ~Chénier~ in der Tragödie "Tibère", 1, 1:
Cnéius: Devant l'urne funèbre on portait ses aïeux: Entre tous les héros qui, présents à nos yeux, Provoquaient la douleur et la reconnaissance, Brutus et Cassius *brillaient par leur absence.*
(Dem Aschenkruge voraus trug man die Bildnisse ihrer Vorfahren. Unter allen den Helden, die unsern Schmerz und unsere Dankbarkeit weckten, glänzten Brutus und Cassius durch ihre Abwesenheit.)--
* * * * *
Der jüngere *Plinius* (62-113 n. Chr.) teilt uns in Ep. VII, 9 mit: Aiunt multum legendum esse, non multa.
*multum, non multa,*
Vieles, nicht vielerlei,
hat hierin seinen Ursprung, ebenso wie
*non multa, sed multum.*
Plinius meint wahrscheinlich die Stelle im ~Quintilian~ X, 1, 59: "multa magis quam multorum lectione formanda mens" ("der Geist ist mehr durch viele als durch vielerlei Lektüre zu bilden"), vrgl. auch "schrecklich viel gelesen haben".--
Ep. VIII, 9 bietet "~illud iners quidem, iucundum tamen nil agere~" ("das zwar unerspriessliche, aber angenehme Nichtsthun"), was wir in italienischer Form also citieren:
*il dolce far niente.*
Das süsse Nichtsthun.
Übrigens sagte bereits ~Cicero~ ("de oratore" II, 24): "Nihil agere ... delectat", "Nichts thun ist angenehm": und wer weiss, wie Viele schon vor ihm diese Bemerkung machten?--
* * * * *
*Tres faciunt collegium,*
Drei machen ein Kollegium aus,
ist ein "Digesten" 87, "de verborum significatione" 50, 16 in der Form: "*Neratius Priscus* tres facere existimat collegium--" (Neratius Priscus meint, dass drei ein Kollegium ausmachen) vorkommender Rechtsspruch, welcher die Bedeutung hat, dass wenigstens drei Personen da sein müssen, um die Grundlage einer Art der juristischen Person, einen Verein zu bilden. (Priscus lebte um 100 n. Chr.) Im gewöhnlichen Leben besagt der Spruch, dass wenigstens drei Studenten im Auditorium sein müssen, wenn der Professor lesen soll, oder dass ein Trinkgelage zu Dreien bereits behaglich ist.--
*Ultra posse nemo obligatur*
Über sein Können hinaus ist Niemand verpflichtet
ist die Umformung des Rechtssatzes vom ~jüngeren~ *Celsus* (um 100 n. Chr.): Impossibilium nulla obligatio est (s. "Digesten" Lib. 50, Tit, 17, L. 185).--
* * * * *
*Klassischer Schriftsteller*
stammt aus dem Satz des *A. Gellius* (XIX, 8, 15 Hertz; bl. um 125-175 n. Chr.): "classicus adsiduusque scriptor, non proletarius". Nach sonstigem Sprachgebrauche würde dies geheissen haben: "ein zur ersten Vermögensklasse gehörender und zur höchsten Steuer verpflichteter Schriftsteller, kein Proletarier", hier aber steht es zum ersten Male in der übertragenen Bedeutung: "ein vornehmer Autor ersten Ranges, kein untergeordneter" d.h. "ein mustergültiger Schriftsteller" (vergl. ~Verrius Flaccus~: "Klassischer Zeuge").--
* * * * *
Aus dem Satze des *Tertullian* (um 145-220 n. Chr.) "Über das Fleisch Christi" 5: "Und gestorben ist Gottes Sohn; es ist ganz glaubwürdig, weil es ungereimt ist. Und begraben, ist er auferstanden; es ist gewiss, weil es unmöglich ist", hat sich entwickelt:
*Credo, quia absurdum.*
Ich glaube es, weil es widersinnig ist.
Diese Worte stehen ~nicht~ bei Augustinus, wie oft behauptet wird.--
* * * * *
*Ulpian* (um 170-228) schuf den Rechtssatz (Lib. 56 ad. Edict.--Digest. XLVII, X, 1, § 5):
"Ein unseren Kindern zugefügtes Unrecht berührt unsere eigene Ehre so sehr, dass einem Vater die Klage wegen erlittenen Unrechts auf seinen Namen zusteht, wenn ihm einer den Sohn, selbst mit dessen Einwilligung, verkaufte; dem Sohn aber steht sie nicht zu, weil das kein Unrecht ist, was einem geschieht, der es so haben will" ("quia nulla est iniuria quae in volentem fiat").
Aus den Schlussworten entwickelte sich das übliche
*Volenti non fit iniuria*
(Dem, der es so haben will, geschieht kein Unrecht).--
* * * * *
In des *Terentianus Maurus* (nach ~Lachmann~ Ende des 3. Jahrh. n. Chr.) "Carmen heroicum", einem Teile seines Gedichtes "De literis, syllabis et metris", lautet Vers 258:
(Pro captu lectoris) *habent sua fata libelli.*
(Ganz wie der Leser sie fasst,) so haben die Büchlein ihr Schicksal.--
* * * * *
*Roma locuta* (est), *causa finita* (est)
Rom hat gesprochen, die Sache ist zu Ende
ist zurückzuführen auf *Augustinus* (354-430 n. Chr.), Sermo 131, No. 10: "Iam enim de hac causa (Pelagiana) duo concilia missa sunt ad sedem apostolicam. Inde etiam rescripta venerunt: ~causa finita est~; utinam aliquando finiatur error". ("Denn es sind schon in Sachen des Pelagius zwei Concilien zum päpstlichen Stuhle entsandt worden. Auch kamen von da die Rescripte: die Sache ist zu Ende. Wenn doch einmal der Irrtum ein Ende nähme!") Nämlich die Synoden zu Karthago und Mileve (416) untersuchten den Gnadenbegriff des Pelagius. Infolgedessen wurden Pelagius und Caelestius bis zum Widerruf exkomniuniciert. Innocenz I. bestätigte den Synodalbeschluss, welchen Augustinus mit den angeführten Worten seiner Gemeinde mitteilte. Wer aber hat zuerst die dem "Causa finita est" voranstehenden Worte in: "Roma locuta est" zusammengezogen? (Die Rescripte des Papstes vom Jahre 417 stehen bei Augustinus Epist. 181 und 182).--
* * * * *
*Si vis pacem, para bellum,*
Wenn du Frieden haben willst, sei kriegsbereit,
ist wohl den Worten des *Vegetius* (Ende 4. Jahrh. n. Chr.) entlehnt: "Qui desiderat pacem, praeparet bellum" ("Epitome institutorum rei militar." 3. prolog.)--
* * * * *
*O si tacuisses, philosophus mansisses*
Wenn du geschwiegen hättest, wärst du ein Philosoph geblieben
erklärt sich aus des *Boëtius* (um 473-525 n. Chr.) "Tröstung der Philosophie" 2, 17:
"Als jemand einen Mann, der den falschen Namen eines Philosophen nicht zum Vorteil wahrer Tugend, sondern aus hochmütiger Eitelkeit führte, mit Schmähung angegriffen und hinzugefügt hatte, dass er bald erfahren würde, wenn jener nämlich die zugefügten Beleidigungen sanft und geduldig trüge, ob derselbe ein Philosoph sei, so trug letzterer einige Zeit lang Geduld zur Schau, und gleichsam höhnend über die erlittene Schmähung fragte er: "Merkst Du nun endlich, dass ich ein Philosoph bin?" Darauf sagte der erste recht beissend: "Intellexeram, si tacuisses" ("Ich hätt's gemerkt, wenn Du geschwiegen hättest"). Mit anderen Worten: "Du wärst ein Philosoph geblieben, wenn Du geschwiegen hättest". Ist die Bibel die erste Quelle dieses Wortes? In Hiob 13, 5 heisst es: "Wollte Gott, ihr schwieget: so würdet ihr weise"; in Sprüche Salomonis 17, 28: "Ein Narr, wenn er schwiege, würde auch weise gerechnet und verständig, wenn er das Maul hielte". Vielleicht spielt der heilige ~Bernhard~ († 1153) darauf an, wenn er in der "Praefatio in librum de diligendo Deo" sagt: "Accipite de mea paupertate quod habeo, ne tacendo philosophus puter" (Nehmt von meiner Armut an, was ich habe, damit ich nicht wegen meines Schweigens für einen Philosophen gelte).--
* * * * *
*In flagranti* (crimine comprehensi)
*Auf frischer That ertappt*
stammt aus dem von *Tribonian* († 545) und neun anderen Juristen 529 n. Chr. edierten "Codex Justinianeus", einem Teile des "Corpus iuris" (1. 13. C. 9, 1). Dort steht: "in ipsa rapina et adhuc flagrante crimine comprehensi."--
Ebendaher stammt (1. 27. C. 3, 28) das "levis notae macula adspergi", "mit einem kleinen Schandflecken bespritzt werden", daher wir kurz sagen
*levis nota*
ein leichter Verweis.
(vrgl. "Handlexikon zu den Quellen des römischen Rechts" von H. G. Heumann. 6. Aufl. 1884.)--
* * * * *
*Ut, re, mi, fa, sol, la, si,*
die italienische Benennung der Töne durch ~Guido~ von ~Arezzo~ (11. Jahrh.), bildete man aus den Anfangssilben der ersten Strophe der sapphischen Ode von *Paulus Diaconus* († 797) an den heiligen Johannes:
*Ut* queant laxis *re*sonare fibris *Mi*ra gestorum *fa*muli tuorum *Sol*ve polluti *la*bii reatum *S*ancte *J*ohannes!
Dass mit leichtem Herzen die Jüngerscharen Deine Wunderthaten besingen können, Nimm hinweg die Schuld von den Sünderlippen, Heil'ger Johannes!
(Des Wohlklangs wegen setzten dann die Italiener für "ut" "do", während die Franzosen bei "ut" blieben).--
* * * * *
*Secunda Petri*
oder:
*Altera pars Petri*
wird für "Urteilsvermögen" gebraucht nach dem 2. Buche "de iudicio" ("Über das Urteil") der "Sententiarum" des *Petrus Lombardus* († 1164).--
* * * * *
Das kanonische Recht enthält im 6. Buch der "Decretalen" (B. 5, Tit. 12, Reg. 43) den Grundsatz von *Bonifacius VIII.* († 1303):
*Qui tacet, consentire videtur.*
Wer schweigt, von dem wird angenommen, dass er zustimmt.
Es erinnert an des ~Sophokles~ Worte ("Trach." 814): "οὐ κάτοισθ' ὅθ' οὕνεκα ξυνηγορεῖς σιγῶσα τῷ κατηγόρῳ;" "begreifst du nicht, dass du durch dein Schweigen dem Ankläger beipflichtest?" (vrgl. auch ~Euripides~ "Orest." 1592 "Iphig. Aul." 1142 und ~Terenz~ "Eunuch" 3, 2). ~Bonifacius~ verbessert übrigens den zu weit greifenden Satz durch den folgenden aus des ~Paulus~ lib. 56 ad Edictum (v. l. 142. D. 50, 17; l. 11 § 4. 7 D. 11, 1; l. 13 § 11 D. 19, 2) geschöpften: "Is qui tacet non fatetur, sed nec utique negare videtur" ("Wer schweigt, pflichtet nicht etwa bei, sondern scheint nur nicht schlechtweg Nein zu sagen"), vrgl. Windscheid "Pandekten" 1, § 72 u. 10.--
* * * * *
Aus der 1277 verfassten "Alexandrëis"[67] des ~Philippe~ *Gualtier* de Châtillon (5, 301) stammt:
*Incidis in Scyllam, cupiens vitare Charybdin,*
Während du wünschst, die Charybdis zu meiden, verfällst du der Scylla.
[Fußnote 67: Der Titel der ersten Ausgabe lautet: "Alexandri Magni Regis Macedonum vita per Gualtherum Episcopum Insulanum heroico carmine elegantissime scripta. 1513"; und im 5. Buch lesen wir dort:
"Incidis in scillam cupiens vitare caribdim".]
Dieser Vers ist einem griechischen Sprichworte bei ~Apostolius~ 16, 49 (Paroemiogr. Graeci ed. Leutsch II, 672) nachgebildet, das sich aus Homers "Odyssee" (XII, 85-110) entwickelte, wo die Gefahren der beiden Meeresstrudel Scylla und Charybdis zuerst geschildert werden. Auch setzt man für "Incidis" "Incidit" und dann für "cupiens" "qui vult". Homerischer als Gualtier sagen wir:
*Aus der Scylla in die Charybdis gerathen;*
denn Homer schildert die Scylla zuerst.--
* * * * *
Im Gedichte W. *Langland*s (Mitte des 14. Jahrh.) "Piers Ploughman's Vision" V. 12, 908 heisst es:
Clarior est solito post maxima nebula (sic!) Phoebus.
Glänzender scheinet, als sonst, nach mächtigen Wolken die Sonne.
Das Citat ist in dieser unrichtigen Form durch Jahrhunderte bis in ~Binders~ "Novus Thesaurus Adagiorum Latinorum" (2. Ausg., Stuttgart 1866) gewandert; berichtigt, enthält es das bekannte, schon in ~Sebast. Francks~ "Sprichwörter" (1541, II, 104'a) aufgenommene:
*Post nubila Phoebus.*
(Nach Wolken die Sonne).
Vielleicht beruht das Wort auf Tobias 3, 23: "... nach dem Ungewitter lässest du die Sonne wieder scheinen".--
* * * * *
*In dulci iubilo ...*
In süssem Jubel ...
beginnt ein Weihnachtslied, das aus einer des Mystikers ~Suso~ Leben enthaltenden Handschrift des 14. Jahrh. stammt und somit nicht, wie oft behauptet wurde, von dem 1440 gest. ~Petrus Dresdensis~ herrührt (s. Hoffmann v. Fallersleben: "In dulci jubilo" S. 8. Hannover 1854). Das Wort findet sich später in Studentenliedern und hat dort den Sinn von in "Saus und Braus".--
* * * * *
*De omni re scibili et quibusdam aliis*
Über alles Wissbare und einiges Andere
wird auf ~Giovanni~ *Pico*, Graf. *v. Mirandola* († 1494) zurückgeführt, der in Rom (1486) 900 Thesen bekannt machte, die er sich öffentlich zu verteidigen erbot. In der elften rühmt er sich, vermittelst der Zahlen zur Entdeckung und zum Verständnis von Allem zu gelangen, was man erfahren könne (ad omnis scibilis investigationem et intellectionem). Citiert wird auch:
*De omnibus rebus et quibusdam aliis.--
* * * * *
Fortiter in re, suaviter in modo*
Stark in der That, milde in der Art
ist zurückzuführen auf den vierten Jesuitengeneral *Aquaviva* (1543-1615), der in "Industriae ad curandos animae morbos" (Venedig 1606) sagt: "Dass die Art der Regierung stark und mild sein muss, lehrt nicht allein die sich gleich bleibende Autorität der heiligen Väter, sondern das lehren auch in reichem Masse unsere Satzungen", und nach weitläufiger Erörterung dieses Grundsatzes schliesst: "~Fortes in fine assequendo et suaves in modo~ assequendi simus" (Lasst uns stark sein in der Erreichung des Ziels und milde in der Art es zu erreichen). Wohl möglich, dass hierzu des Sophisten ~Himerius~ (4. Jahrh. n. Chr. "Or." 7, 15, Firmin Didot) "πρᾷος τοὺς λόγους, ὀξὺς τὰ πράγματα", "mild im Reden, schneidig im Handeln" die Anregung gab; während der Wortlaut aus der "Weisheit Salomonis" zu stammen scheint, wo von der Weisheit geschrieben steht (8, 1): "Sie reichet von einem Ende zum andern gewaltiglich und regieret alles wohl"; nach der Vulgata: "attingit ergo a fine usque ad finem fortiter et disponit omnia suaviter".--
* * * * *
Nach ~Berners~ Vermutung ("Lehrb. d. deutsch. Strafrechts" 1879. S. 120. Anm.) ist der römische Rechtsgelehrte Prosper *Farinacius* (1544-1618) der Urheber des Ausdrucks
*Corpus delicti,*
welchen ~Klein~ ("Grunds, d. gem. deutsch, peinl. Rechts" 1799. § 68) zuerst mit
*Thatbestand*
übersetzt habe. Bei ~Farinacius~ (1581. Quaest. I, n. 6) steht: "Primum Inquisitionis requisitum est probatio corporis delicti", "Das erste Erfordernis richterlicher Untersuchung ist die Prüfung des Thatbestandes", und weiterhin (Quaest. 2, n. 1-30) handelt er eingehend vom "Corpus delicti".--
* * * * *
Von dem Wittenberger Professor Friedrich *Taubmann* (1565-1613) ist:
*Quando conveniunt Ancilla, Sibylla, Camilla, Garrire incipiunt et ab hoc et ab hac et ab illa!*
Ancilla, Sibylla, Camilla, wenn Die sich wiedersehn, Gleich geht's mit Schnattern los über Die und dann Die und dann Den!
was sich in der Form:
Quando conveniunt Margretha, Catharina, Sybilla (sic!) etc.
wohl zuerst im "Kurtzweiligen Zeitvertreiber" von 1666, S. 56 findet. In der Form:
Quando conveniunt Catharina, Sibylla, Camilla, Sermones faciunt vel ab hoc vel ab hac vel ab illa
steht es als Kanon in ~Göpels~ Kommersbuch, 2. Ausg., S. 357, No. 249. In Grotefends grösserer latein. Grammatik (II, 87. 4. Aufl. 1824) heisst es "Catharina, Rosina, Sibylla" u. sonst wie oben.--
* * * * *
*Et in Arcadia ego* (Auch ich war in Arkadien)
setzte der Maler Bartolommeo *Schidone* (1559-1615) auf sein im Palast Sciarra-Colonna in Rom befindliches Gemälde unter einen am Boden liegenden Totenkopf, den zwei junge Hirten ergriffen betrachten. Bekannter wurde jedoch das Wort durch Nic. ~Poussin~ († 1663), der es auf dem Grabhügel eines Landschaftsgemäldes anbrachte, welches im Louvre hängt und in einer etwas veränderten, kleineren Wiederholung im Besitze des Herzogs von Devonshire ist. Auch ist es als Basrelief auf Poussins Grabmonument zu sehen, das Chateaubriand in San Lorenzo in Lucina zu Rom setzen liess. In den Jahren 1765-80 wurde dann das Bild oft durch den Stich verbreitet und von Oeser, Bach u.A. nachgeahmt. Die älteste deutsche Übersetzung des Wortes ist wohl die in J. G. ~Jacobis~ "Winterreise" (ersch. 1769, vrgl. seine "Sämtl. Werke", Halle 1770, II, S. 87): "Wenn ich auf schönen Fluren einen Leichenstein antreffe, mit der Überschrift: "~Auch ich war in Arkadien~"; so zeig' ich den Leichenstein meinen Freunden, wir bleiben stehen, drücken uns die Hand und gehen weiter".
So redet Joh. Benj. ~Michaelis~ in einem 1771 bei Gross in Halberstadt gedruckten Brief an "An Herrn Canonicus Gleim" (31. 7. 1771) von einem "unvermuteten Grabmal mit der Aufschrift: ~Auch ich war in Arkadien~". In ~Wielands~ "Pervonte" (1778) heisst es:
"Und auch nicht eine dieser Schönen Schien nach der Grabschrift sich zu sehnen: Auch ich lebt' in Arkadia!"
und am Schlusse:
"Und ruft mit Wehmut aus: "Du arme Vastola, Auch du warst in Arkadia!"
(~Delille~ übersetzte es in seinem 1782 erschienenen Lehrgedicht "Les Jardins", Str. 3, V. 139 mit: "Et moi aussi je fus pasteur dans l'Arcadie".) Das letzte Stück von ~Weissens~ Kinderfreund (24. T. 1782) schliesst mit dem Schäferspiel: "Das Denkmal in Arkadien"; und ~Herder~ schreibt 1785 ("Ideen" VII, 1, Werke, I. X. S. 41): "Auch ich war in Arkadien ist die Grabschrift aller Lebendigen in der sich immer verwandelnden, wiedergebärenden Schöpfung". ~Schiller~ beginnt seine "Resignation" (1786): "Auch ich war in Arkadien geboren" (s. Kap. III), und ~Herder~ wiederum schliesst 1787 sein Gedicht "Die Erinnerung" (nach dem Spanischen) mit dem entsetzlichen Reim:
"Lies die Inschrift glänzend schön: Auch hier ist Arkadien!"
und 1789 sein "Angedenken an Neapel" fast noch ärger:
Doch ein Hauch wird lispelnd zu euch wehen; Ich, auch ich war in Arkadien!
Garlieb ~Merkels~ "Erzählungen" (1800) haben das Motto: "Auch ich war in Arkadien", und Herzog ~Emil August von Sachsen-Gotha~ schrieb einen Roman: "Kyllenion, oder: Ein Jahr in Arkadien", Gotha 1815. Endlich wählte ~Goethe~ "Auch ich in Arkadien" zum Motto beider, 1816 und 1817 erschienenen Bände seiner "italienischen Reise", während E. T. A. ~Hoffmann~ in dem Motto zum 2. Abschnitt des 1. Bandes der "Lebensansichten des Kater Murr" (Berl. 1821-2) wieder zu dem üblichen "anch ich war in Arkadien" zurückkehrte.--
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*Vademecum*
("Gehe mit mir") in der Bedeutung "Taschenbuch, Begleitbuch fürs Leben", ist der Titel des Buches von ~Johann Peter~ *Lotichius*: "Vade mecum sive epigrammatum novorum centuriae duae", Frankfurt a. M. 1625 (Vademecum oder zwei Hunderte neue Epigramme). Als der Horazübersetzer Pastor ~Lange~ über das kleine Format von ~Lessings~ "Schriften" spöttelte: er wolle wohl seine gesammelten Werke zu einem "Vademecum" machen, veröffentlichte dieser: "Ein Vademecum für den Herrn Sam. Gotth. Lange, Pastor in Laublingen, in diesem Taschenformate ausgefertiget von Gottfr. Ephr. Lessing" (Berl. 1754). Hiernach bekam "Vademecum" den spöttischen Sinn: "Denkzettel fürs Leben". Ohne Bezug auf Litterarisches findet sich das Wort vor ~Lotichius~ in Frankreich, da schon 1532 in des ~Rabelais~ "Gargantua und Pantagruel" (II, 28) Panurge ein Ledertäschchen sein "Vademecum" nennt.--
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*Pia desideria*
*Fromme Wünsche*
ist der Titel einer Schrift des belgischen Jesuiten ~Hermann~ *Hugo* (Antwerpen 1627). Joh. Georg ~Alpinus~ übertrug sie unter dem Titel "Himmelflammende Seelenlust. Oder Hermann Hugons Pia Desideria, d.i. Gottselige Begierden u.s.w." (Frankfurt 1675). Der lateinische Titel wurde 1675 von Philipp Jakob ~Spener~ für jene in der Geschichte der Religion bedeutende Schrift gewählt, wodurch er, der Verinnerlichung des Glaubens das Wort redend, der starren Orthodoxie gegenübertrat. Von da rührt der Widerhall her, den das Wort bekam.--
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*In necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus autem caritas,* In notwendigen Dingen Einheit, in zweifelhaften Freiheit, in allen aber liebendes Dulden,
kommt in der Form vor: "si nos servaremus in necessariis unitatem, in non necessariis libertatem, in utrisque charitatem, optimo certe loco essent res nostrae" in "Paraenesis votiva pro Pace Ecclesiae. Ad Theologos Augustanae Confessionis. Auctore Ruperto Meldenio Theologo". Diese Schrift ist in zwei Exemplaren in Kassel und Hamburg wiederaufgefunden worden und scheint (vrgl. Fr. Lücke: "Über das Alter u.s.w. des kirchlichen Friedensspruches, In necessariis etc. Gott. 1850. S. 46.) dem Inhalte nach zwischen 1622 und 1625 erschienen zu sein, der Titelvignette nach ist sie in Frankfurt a. M. gedruckt. Über ~Rupertus~ *Meldenius* ist sonst nichts bekannt. Schon 1628 wird der Spruch, der vor Meldenius nicht nachzuweisen ist, in einer in Frankfurt a. O. gedruckten Schrift eines Gregor ~Frank~ in der Form angeführt: "servemus in necessariis unitatem, in non necessariis libertatem, in utrisque charitatem".--
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Thomas *Hobbes* (1588-1679) sagt ("De Cive" Par. 1646; 1, 8): "Quoniam autem jus ad finem frustra habet, cui jus ad media necessaria denegatur, consequens est, cum unusquisque se conservandi jus habeat, ut unusquisque jus etiam habeat ~utendi omnibus mediis, et agendi omnem actionem, sine qua conservare se non potest~"--"Weil dem, welchem man das Recht versagt, die nötigen Mittel anzuwenden, das Recht, zum Zweck zu streben, nichts hilft, so folgt daraus, dass, da Jeder das Selbsterhaltungsrecht hat, auch jeder berechtigt ist, ~alle Mittel anzuwenden und jede That, ohne die er sich selbst nicht erhalten kann, zu vollziehen~". Hieraus scheint der Satz
*Der Zweck heiligt die Mittel*
entnommen zu sein, der gemeinhin fälschlich als Quintessenz der Jesuitenmoral gilt. Der Jesuitenpater Hermann ~Busenbaum~ schreibt allerdings in seiner "Medulla theologiae moralis" ("Kern der Moraltheologie" 1650. Lib. IV, Cap. III, Dub. VII, Art. II § 3): "cum finis est licitus etiam media sunt licita"-- "da der Zweck erlaubt ist, sind auch die Mittel erlaubt" und (Lib. VI, Tract. VI, Cap. II, Dub. II, Art. I § 8): "cui licitus est finis, etiam licent media"--"Wem der Zweck erlaubt ist, dem sind auch die Mittel erlaubt". An der ersten Stelle schliesst er aber ausdrücklich verwerfliche Mittel aus und an der zweiten wird auch nur Zulässiges zur Erreichung des Zwecks empfohlen. Man riss seine Worte aus dem Zusammenhange und deutete sie so, als habe Busenbaum gemeint, man dürfe sich zur Erreichung eines guten Zwecks schlechter Mittel bedienen, weil diese dadurch geheiligt würden. ~Pascal~ scheint das zuerst in die Welt gesetzt zu haben, da er (1656. "Les provinciales, ou lettres ...", 7. lettre) einen Jesuiten sagen lässt: "nous corrigeons le vice du moyen par la pureté de la fin"--"wir verbessern die Lasterhaftigkeit des Mittels durch die Reinheit des Zwecks".--
* * * * *
Einschneidender war aber ~Pascal~, als er im 9. seiner "Lettres provinciales" die jesuitische "doctrine des restrictions mentales" an den Pranger stellte. Diese "~restrictio mentalis~", oder, wie wir heut sagen:
*reservatio mentalis,*
"der Gedankenvorbehalt des Eidleistenden" findet sich zuerst bei dem Jesuiten Hermann *Busenbaum* (1600-68) in der "Medulla theologiae moralis" (III, 2), nachdem schon der Jesuit ~Sanchez~ ("Opus morale", Colon. 1614; III, 6, § 15) gesagt hatte: "si quis ... iuret se non fecisse aliquid, quod re vera fecit, vel aliam diem ab ea, in qua facit, vel quodvis aliud additum verum, re vera non mentitur, nec est periurus ..." ("Schwört einer, er habe etwas nicht gethan, was er doch gethan hat, indem er einen anderen Tag, als den der That, oder irgend etwas anderes wahrheitsgemässes hinzufügt, so ist er thatsächlich kein Lügner oder Meineidiger").--
* * * * *
Benedictus de *Spinoza* (1632-77) sagt im "Tractatus politicus" cap. 1, § 4 (1677): "Sedulo curavi,
*humanas actiones non ridere, non lugere, neque detestari, sed intelligere."*
"Ich habe mich eifrig bemüht, des Menschen Thun weder zu belachen, noch zu beweinen, noch es zu verabscheuen, sondern es zu begreifen". Und so citieren wir auch, wenn wir von einem Philosophen sagen, er betrachte die Dinge
*sub specie aeternitatis,*
(unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit),
den ~Spinoza~, der in seiner "Ethik" (1677) den Satz aufstellt (5, 29-31), der Geist sei ewig, "quatenus res sub aeternitatis specie concipit" ("insofern er die Dinge unter der Form der Ewigkeit begreife").--
* * * * *
Im "Corpus Iuris Hungarici" (Tyrnaviae 1751, tom. II p. 424) findet sich im Decretum II (~Mariae~ II, Ungariae regis quadragesimi octavi) ann. 1751, Artic. 37 die Wendung: "... miseram ... contribuentem plebem gravantes exactiones ..." (die das arme zahlende Volk bedrückenden Steuern). Diese Worte gelten als Quelle des üblichen:
*misera contribuens plebs,*
das arme steuerzahlende Volk.
Da jedoch ein daktylischer Versschluss hierin erklingt, so könnte auch eine noch unentdeckte ältere Dichterstelle zu Grunde liegen.--