II. Geflügelte Worte aus Sagen und Volksmärchen
Aus den Sagen und Volksmärchen citieren wir dauernd eine Anzahl Ausdrücke und Namen, deren Auftauchen zu erforschen nicht ohne Reiz ist.
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In ~Homers~ "Iliade" (3, 6) heisst es von den Kranichen:
"ἀνδράσι Πυγμαίοισι φόνον καὶ κῆρα φέρουσαι",
"welche Verderben und Tod darbringen Pygmäischen Männern".
Diese klassischen Däumlinge (wörtlich: "Fäustlinge"), die
*Pygmäen,*
wurden uns zum spasshaften Symbol für die Auflehnung kleiner Geister gegen Geistesheroën, weil sie den Tod des Riesenbruders Antaeus (s. weiterhin) am Herkules zu rächen gedachten und gegen den schlafenden Halbgott zu Felde zogen, d.h. auf seinen Gliedern herumkrabbelten und sein Haupt in Belagerungszustand versetzten, ohne ihn im mindesten zu schädigen. Der Gewaltige wachte auf, lachte, sammelte all die kleinen Helden in sein Löwenfell und brachte sie seinem Arbeitgeber Eurystheus.
(Vrgl. ~Philostrat~, "Icon." 2, 22. -- Frans de Vriendt, gen. Floris, der "niederländische Rafaël", 1520-1570, zeichnete diese Scene, und H. Cock verbreitete das Blatt durch den Kupferstich.)--
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Eine anmutige Mundschenkin nennen wir eine
*Hebe*
nach ~Homer~ ("Il." 4, 2), wo beim Zeus den Göttern "πότνια Ἥβη ἐῳνοχόει"--"die herrliche Hebe Wein einschenkt", welche er ("Od." 11, 603) als "καλλίσφυρον"--"die mit den schönen Knöcheln" preist.--
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Im ~Homer~ erscheint uns auch zuerst der "Οὔλυμπος",
*Olymp,*
ein Berg auf Thessaliens und Macedoniens Grenze, als "Sitz der Unsterblichen", oder "Göttersitz" ("Il." 8, 456 "ἀθανάτων ἕδος"; "Od." 6, 42-46 "θεῶν ἕδος"). Späteren Dichtern (s. ~Sophokles~ "Frg." 490, Nauck; ~Aristophanes~ "Thesmoph." 1068 ff.; ~Vergil~ "Ecl." 5, 56-57) heisst dann auch das Himmelsgewölbe, auf dem die Götter wohnen, "Olymp"; während wir damit die obersten Sitzreihen im Theater wohl deswegen bezeichnen, weil sie dem wolken- und götterreichen Plafond zunächst liegen.--
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*Ganymed*
ist uns das Urbild eines erfreulichen Mundschenken nach ~Homers~ Schilderung ("Il." 20, 232 ff.):
"[... ἀντίθεος Γανυμήδης ὃς δὴ κάλλιστος γένετο θνητῶν ἀνθρώπων τὸν καὶ ἀνηρείψαντο θεοὶ Διὶ οἰνοχοεύειν κάλλεος εἵνεκα οἷο, ἵν' ἀθανάτοισι μετείῃ".
"Ganymedes, den Göttern vergleichbar, Welcher der Schönste war von allen sterblichen Menschen; Ihn ja rafften die Götter empor, Zeus' Becher zu füllen, Wegen der schönen Gestalt, dass er lebe mit ewigen Göttern".--
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Bei ~Homer~ ("Il." 24, 25-30) findet sich auch die erste Hindeutung auf
*Das Urteil des Paris,*
das zu unzähligen Darstellungen verwertet ward und noch heut citiert wird, wo es gilt, einen Streit um Frauenschönheit zu entscheiden. Here und Athene zürnten Ilion wegen der frevelhaften Verblendung des Alexandros (Paris),
"ὃς νείκεσσε θεὰς, ὅτε οἱ μέσσαυλον ἵκοντο, τὺν δ' ᾔνησ' ἥ οἱ πόρε μαχλοσύνην ἀλεγεινήν",
"welcher die Göttinnen schmähte, als ihm ins Gehöfte sie kamen, und die pries, die zum Lohn ihm verderbliche Üppigkeit anbot".
nämlich Aphrodite, der er als der Schönsten den Apfel gab (vrgl. ~Euripides~ "Hec." 633, "Troad." 930). Die Vorgeschichte hierzu liefert ~Lucian~ ("dial. marin." 5; vrgl. in des Proclus "Chrestomathie": "Kyprien", wo der Apfel noch unerwähnt ist) also:
Die zur Hochzeit des Peleus und der Thetis nicht gebetene Eris (Discordia, Göttin der Zwietracht) rollte einen goldenen Apfel mit der Aufschrift "Die Schöne soll mich bekommen" dahin zwischen die Gäste, wo Here, Athene und Aphrodite weilten, die alsbald in Zwist gerieten, welcher von ihnen der Apfel gebühre. Für ein Streitobjekt entnehmen wir daraus den bildlichen Ausdruck:
*Apfel der Zwietracht, Zankapfel, Erisapfel,*
der uns zuerst bei ~Justinus~ (XII, 15; XVI, 3) als "malum Discordiae" und "Discordiae malum" begegnet.[14] Dieser Zwist der Göttinnen rief dann eben das den trojanischen Krieg entfesselnde "Urteil des Paris" hervor, das "iudicium Paridis" (s. Kap. XI: Vergil "Aen." 1, 27).--
[Fußnote 14: ~Justinus~ (2. Jahrh. n. Chr.) excerpierte den ~Pompeius Trogus~ (um 20 v. Chr.), der also schon das Wort gebraucht haben mag.]
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Ein unzertrennliches Freundespaar nennen wir
*Orest und Pylades*
nach den beiden Vettern, Freunden und Schwägern, deren gemeinsame Rache an Aegisth und Klytemnestra wegen Agamemnons Ermordung des ~Hagias von Troezen~ "Heimkehr" schilderte (s. Proclus: "Chrestomathie"). Als bester Freund und Waffengefährte des Orest beim Rachezug und bei Iphigeniens Heimführung begegnet uns dann Pylades bei ~Aeschylus~ ("Choëph." 557), bei ~Sophokles~ ("Elektra" 15) und bei ~Euripides~ ("Orest." 388, 705-712, 773, 779 ff., 859 ff, 927 ff, 991 ff, 1042-1076, 1370 ff, 1586-7; "Elektra" 82-85, 835-837, 870-879; "Iphig. Taur." 94 ff, 296-300, 307 ff, 469, 570-579, 621, 643-691, 868). Darum spricht ~Cicero~ ("de fin." 2, 26) von "Pyladeïscher Freundschaft" ("Pyladea amicitia"). Am berühmtesten ist der Beiden edler Wettstreit, welcher von ihnen sterben soll (s. ~Euripides~ "Orest." 1046-1076; "Iphig. Taur." 570-579, 621, 643-679 und danach M. ~Pacuvius~, den ~Cicero~ "Laelius" 2, 24 citiert; vrgl. ~Cic.~ "de fin." 2, 24 und ~Ovid~ "ex Pont." 3, 2, 85-86).--
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Für ein vielgestaltiges wandelbares Wesen gab uns der Meergott
*Proteus* (Πρωτεύς)
den Namen. ~Homer~ singt ("Od." 4. 416-418 u. 456-458) zuerst von dessen Fähigkeit, sich in Alles zu verwandeln, was auf Erden webt und lebt, um nicht Rede stehen zu müssen.--
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Einen himmlischen Aufenthalt nennen wir ein
*Elysium*
nach ~Homers~ "Odyssee" 4, 565-568, an welcher Stelle der überwältigte Proteus dem Menelaos das "an der Erde Grenzen" liegende "Elysische Gefilde" ("Ἠλύσιον πεδίον") also ausmalt:
"τῇ περ ῥηίστη βιοτὴ πέλει ἀνθρώποισιν· οὐ νιφετός, οὔτ' ἂρ χειμὼν πολὺς οὔτε ποτ' ὄμβρος, ἀλλ' αἰεὶ Ζεφύροιο λιγὺ πνείοντος ἀήτας Ὠκεανὸς ἀνίησιν ἀναψύχειν ἀνθρώπους".
"Wo in behaglicher Ruhe den Menschen das Leben dahinfliesst: Dort ist kein Schnee, kein schneidender Sturm, kein strömender Regen, Sondern der Ocean sendet empor zur Erquickung der Menschen Immer den luftigen Hauch des frischhinwehenden Zephyrs".--
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*Nektar und Ambrosia*
als "Göttertrank und Götterspeise" finden wir bei Homer ("Od." 5, 93; vrgl. 5, 199-201), wo Kalypso Hermes den Tisch deckt:
"ἀμβροσίης πλήσασα, κέρασσε δὲ νέκταρ ἐρυθρόν αὐτὰρ ὁ πῖνε καὶ ἦσθε διάκτορος ἀργειφόντης ".
"Füllte Ambrosia auf und mischt' ihm rötlichen Nektar; Hierauf ass er und trank, der argostötende Bote".
Sonst wurde Ambrosia auch oft als Trank oder als Salböl der Götter angesehen.--
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Ein durch dämonischen Zauber fesselndes Weib nennen wir eine
*Circe*
nach ~Homer~ ("Od." 10, 210 ff.), wo die Göttin Κίρκη, die lockige und ränkevolle, den Odysseus zur Liebe verleitet; obwohl er sie fürchtete, weil sie seine Gefährten in Schweine verwandelt hatte.--
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Von den Enkeln Neptuns, den Riesenbrüdern Otos und Ephialtes, überliefert ~Homer~ ("Od." 11, 305-320), dass sie die Götter also bedrohten:
"Ὄσσαν ἐπ' Οὐλύμπῳ μέμασαν θέμεν, αὐτὰρ ἐπ' Ὄσσῃ Πήλιον εἰνοσίφυλλον, ἵν' οὔρανος ἄμβατος εἴη".
"Ossa zu höh'n auf Olympos gedachten sie, aber auf Ossa Pelion, rege von Wald, um hinauf in den Himmel zu steigen".
Apoll aber tötete vorher die Überkühnen. Für ein gewaltiges, gleichsam Himmel und Erde bewegendes Beginnen brauchen wir daher das Wort:
*Den Pelion auf den Ossa stülpen* oder *türmen wollen.--*
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Im ~Homer~ ("Od." 11, 582-92) berichtet Odysseus vom Tantalus, er habe ihn in der Unterwelt zur Büssung seiner Frevel bis zum Knie im Wasser stehend gefunden, das hinwegschwand, sowie er sich zum Trinken neigte, während die Fruchtzweige zu seinen Häupten vom Winde entführt wurden, wenn er sich nach ihnen reckte. Für die Qualen unbefriedigten Verlangens bildete sich daher das Wort
*Tantalusqualen.--*
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Weiterhin (593-600) erzählt Odysseus, dass er in der Unterwelt auch den Sisyphus sah, welcher dort zur Strafe für seine Erdensünden ein immer wieder herabrollendes Felsstück (s. Kap. X: "Hurtig mit Donnergepolter" u.s.w.) immer von neuem einen Berg hinaufzuwälzen hatte. Danach nennen wir, wie ~Properz~ (3, 8: "Sisyphios labores") eine mühevolle und ergebnislose Arbeit eine
*Sisyphusarbeit.--*
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Circe warnt im ~Homer~ ("Od." 12, 39 ff.) den Odysseus vor den Sirenen, jenen beiden zauberisch singenden Wesen, die den Schiffer Weib und Kind vergessen machten, ihn an sich lockten und töteten. Hiernach nennen wir ein liebreizendes, durch Schmeicheltöne ins Verderben lockendes Weib eine
*Sirene*
und sprechen von bezauberndem
*Sirenengesang*
und von einer verführerischen
*Sirenenstimme.--*
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Ein Wesen, das uns zu raten giebt, nennen wir eine
*Sphinx;*
denn die thebanische Sphinx, welche nach ~Cinaethos~, des Milesiers, "Oedipodie" (s. ~Proclus~ "Chrestomathie") keine "Bestie" ("θηρίον"), sondern eine "Wahrsagerin" ("χρησμολόγος"), nach anderen jedoch (~Apollodor~ III, 5, 8) ein Geschöpf war mit Weibsgesicht, Löwenkörper und Vogelflügeln, diese Sphinx, die ~Hesiod~ ("Theog." 326) "Echidnas und Orthys' Tochter", "die furchtbare" ("ὀλοήν") und "ein Verderben für die Kadmeer" ("Καδμείοισιν ὄλεθρον") nennt, sie gab den Thebanern Rätsel auf und tötete deren viele, die an der Auflösung verzagten, bis Oedipus auf ihre Frage: "Wer ist morgens vierbeinig, mittags zweibeinig, abends dreibeinig?" die kluge Antwort: "der Mensch" zu geben wusste, worauf sie sich selbst (oder er ihr) das Leben nahm.
Belegstellen s. bei Heyne zu ~Apollodor~ a.a.O. u. ferner: ~Aeschylus~ "Sieb. geg. Th." 526, 543; ~Sophokles~ "Oedip. tyr." 1179; ~Euripides~ "Phoen." 6, 745, 784ff., 1297, 1442ff., 1668ff.; ~Hygin.~ 67; ~Ausonius~ "Griphus" 38-41 u.a.m.--
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Nach dem ~homerischen~ Hymnus auf Apoll (285-289) baute sich dieser Gott der Musen und Dichter am Fusse des "Πάρνησος",
*Parnass*
(Berg in Phokis) einen Tempel. Auch der "Ἑλικών",
*Helikon*
(Berg in Böotien) ist Aufenthalt der Musen, die dort tanzen und sich in der Quelle "Ἱππουκρήνη",
*Hippokrene*
baden (~Hesiod~ "Theog." 1ff.). Diesen Musenquell liess der Hufschlag des als Spross Neptuns und der Medusa von der Erde zu den Göttern schwebenden Flügelrosses
*Pegasus*
(~Hesiod~ "Th." 284: "Πήγασος ἵππος") entspringen (~Ovid~ "Met." 5, 257: "Dura Medusaei quem praepetis ungula rupit") und wer sich mit dem Wasser dieses "Rossquells" "die Lippen netzte", d.h. wer daraus trank, wurde ein Dichter (s. ~Persius~ "Prolog.": "Nec fonte labra prolui caballino" und andere Stellen bei J. Mallet "Quaestiones Propertionae" Gött. 1882 S. 4-7, wo nachgewiesen wird, dass diese Vorstellung auf alexandrinische Dichter zurückgeht).--
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Im ~Hesiod~ ("Theog." 227) begegnet uns zuerst die Tochter der Eris, Lethe (Λήθη, die Vergessenheit). Der mythische Fluss
*Lethe*
wurde nach ihr benannt und aus diesem,
*aus dem Strom der Vergessenheit trinken*
die abgeschiedenen Seelen, die vom Elysium zu verklärtem Dasein übergehen (vrgl. ~Vergil~ "Aen." 6, 714-715: "Lethaei ad fluminis undam ... longa oblivia potant").--
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~Hesiod~ ("Theog." 313) erwähnt zuerst die Tochter Typhons und Echidnas, "Ὕδρην ... λύγρ' εἰδυῖαν Λερνειήν", "die Verderben brütende, Lernaeische
*Hydra* oder *Hyder",*
wozu der Scholiast (p. 257) treffend bemerkt, sie versinnbildliche das Böse, das immer wieder sein Haupt erhebt, so sehr man es auch vernichten will. Herkules tötete aber die Hydra, obgleich nach ~Apollodor~ (II, 5, 2) "μιᾶς κοπτομένης κεφαλῆς δύο ἀνεφύοντο", "ihr zwei Köpfe wiederwuchsen, wenn einer abgehauen war".
Vrgl. ~Ovid~ "Met." 9, 71-74. Die Zahl ihrer Häupter wird verschieden angegeben. Vrgl. ~Pisander~ aus Kamiros bei Pausan. II, 37. p. 399, 400; ~Alcaeus~ beim Scholiasten zu Hesiod, a.a.O.; ~Euripides~ "Herc. fur." 419; ~Diodor~ 4, 21; ~Hygin.~ "Fab." 30.--
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Von ~Hesiod~ (9. Jahrh. v. Chr.) wird auch zuerst
*die goldene Zeit* oder: *das goldene Zeitalter*
erwähnt ("Werke und Tage" 109-123). Es ist das saturnische Zeitalter gemeint, "wo die Menschen sorglos ohne Arbeit und Weh dahinlebten, wie die Götter, ohne Altersbeschwer, immer tafelfreudig, und starben, als schliefen sie ein; wo der Acker von selbst Frucht trug" u.s.w.
Vrgl. ~Aratus~ "Phaenomena" 96-106; ~Tibull~ 1, 3, 35; ~Ovid~ "Amor." 3, 8, 40; "Met." 1, 89-112; d. Verf. d. "Aetna" V. 9 u. ~Claudian~ "Lob d. Stilicho" 1, 85.--S.: Eichhoff in "Fleckeisens Jahrb. f. Philol. u. Pädag." 120, 581. Viele einschlagende Stellen der alten Komödiendichter giebt ~Athenaeus~ 6 p. 267 E.-270 A. Auch schrieb ~Eupolis~ ein "χρυσοῦν γένος".--
* * * * *
In der attischen Komödie des fünften Jahrhunderts v. Chr. finden wir unter anderen Zügen der "goldenen Zeit" bei ~Krates~ (s. Athenaeus a.a.O.): "παρατίθου τράπεζα"--"Tisch, decke dich!", dem wir im deutschen Märchen wieder begegnen als
*Tischlein, decke dich!--*
~Telekleides~ aber singt (ebenda): "ὀπταὶ κίχλαι μετ' ἀμητίσκων εἰς τὴν φάρυγ' εἰσεπέτοντο"--"Gebratene Krammetsvögel mit kleinen Kuchen flogen Einem in den Schlund hinein"; während sie nach ~Pherekrates~ (ebenda), sehnsüchtig verspeist zu werden, Einem "περὶ τὸ στόμ' ἐπέτοντο"--"um den Mund herumflogen". Der gleichen Vorstellung entsprang unser:
*Gebratene Tauben, die Einem ins Maul fliegen,*
von denen schon 1536 ~Hans Sachs~ ("Gedichte", Nürnb. 1558, S. 544) in seinem "Schlaweraffen Landt" weiss, so wie das in "les navigations de Panurge" (in d. 1547 zu Valence ersch. Nachdruck d. "Gargantua u. Pantagruel" von Rabelais) vorkommende:
*Il attend, ques les alouettes lui tombent toutes rôties* (er erwartet, dass ihm die Lerchen ganz gebraten herabfallen).--
Das Märchen vom Lande der Faullenzer (mittelhochdeutsch "slur"), bei uns
*Schlaraffenland*
genannt, ist den europäischen Völkern gemeinsam. "Das Schluraffenlandt" heisst es 1494 in Sebastian ~Brants~ "Narrenschiff" (Zarncke, S. 104), während es bei Hans ~Sachs~ (a. a. O.) "Schlaweraffen Landt" und "Schlauraffenlandt" lautet (s.: J. Pöschel in "Beitr. z. Gesch. d. deutschen Spr. u. Lit." Bd. 5, Halle 1878 u. F. Liebrechts Nachträge dazu in Gräbers "Zeitschr. f. roman. Philol." 3, 127).--
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Aus ~Hesiod~ ("W. u. T." 94 ff.) entnehmen wir ferner das beliebte Wort für etwas Unheilbergendes und Unheilausströmendes:
*Büchse der Pandora* oder *Pandorabüchse.*
Die Menschen, so erzählt er, lebten, bevor Zeus ihnen zur Strafe für den Feuerdiebstahl des Prometheus die Pandora mit der schreckensvollen Büchse sandte, ohne Drangsal, Krankheit und Alter:
"ἀλλὰ γυνὴ χείρεσσι, πίθου μέγα πῶμ' ἀφελοῦσα ἐσκέδασ' ἀνθρώποισι, δ' ἐμήσατο κήδεα λυγρά"
"Aber das Weib hob ab von der Büchse den mächtigen Deckel, Streute mit Händen daraus: für die Menschheit sann sie auf Trübsal".
Nur die Hoffnung blieb tückisch in der Büchse zurück.--
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Auch besingt ~Hesiod~ ("Theog." 311) zuerst den
"Κέρβερον ὠμηστὴν, ἀίδεω κύνα χαλκεόφωνον, πεντηκοντοκάρηνον, ἀναιδέα τε κρατερόν τε ..."
"Cerberus, der rohes Fleisch frisst, den Höllenhund mit der ehernen Stimme, den fünfzigköpfigen, frechen und starken", dessen Wächteramt vor den Thoren des Hades ~Vergil~ ("Aen." 6, 417ff.) u.a. schildern. Wir nennen daher einen grimmigen Thürhüter einen
*Cerberus.--*
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Im ~Aeschylus~ (525-456 v. Chr.) finden wir zuerst den Argus ("Ἱκέτιδες" 805), welcher die von der eifersüchtigen Juno in eine Kuh verwandelte Io zu hüten hatte, erwähnt als "den Alles sehenden Wächter" -- "τὸν πάνθ' ὁρῶντα φύλακα". Daher nennen wir scharfe aufmerksame Augen
*Argusaugen.--*
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*Die Gelegenheit beim Schopf* oder *bei der Stirnlocke fassen*
citieren wir aus dem griechischen Mythus, nach welchem der durch ~Ion von Chios~ († 422 v. Chr.) besungene, in Olympia als Gott verehrte (~Pausanias~ V, 14) Kairos (Καιρός, Occasio, die günstige Gelegenheit) mit lockigem Vorhaupt und kahlem Nacken im Davonfliegen geschildert wurde, da man die gute Gelegenheit hintennach zu spät ergreift. So beschreibt ihn uns (um 280 v. Chr.) im 13. Epigramm ~Posidipp~ ("Griech. Anthologie" IV) als vom ~Lysipp~ plastisch dargestellt.
~Ausonius~ (Epigr. 12) nennt nur deshalb ~Phidias~ als den Meister, weil ihm dessen Name besser in den Vers passt. Vrgl. auch ~Phaedrus~ ("Fab." V, 8) und ~Kallistrat~ ("Stat." 6).--
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Aus ~Sophokles~ (496-406 v. Chr.) erfahren wir ("Trach." 549ff.), dass der wegen seines Angriffs auf Deïanira von deren Gatten Herkules durch einen Giftpfeil getötete Kentaur Nessus der Begehrten sterbend riet, sein Blut als Liebesmittel aufzubewahren, damit sie den Herkules dauernd an sich fesseln könne. Als dieser sich nun in Iole verliebte, sandte ihm die Gattin ein mit dem giftigen Blute bestrichenes Opferhemd. Herkules zog es an und verfiel in so rasenden Schmerz, dass er den Flammentod wählte. Daher gilt uns als etwas die höchste Pein Verursachendes das
*Nessushemd.--*
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Grundloses, plötzliches Entsetzen nennen wir, wie die Alten, einen
*panischen Schrecken,*
oder, nach dem französischen "panique", eine
*Panik;*
denn Griechen und Römer führten den im Heerlager durch blinden Lärm hervorgerufenen nächtlichen Schrecken (seltener den bei Tage) auf Pan zurück. Im ~pseudoeuripideischen~ "Rhesus" (36 ff.) fragt Hektor den Chor, der ihn nachts zu den Waffen ruft:
"ἀλλ' ἦ Κρονίου Πανὸς τρομερᾷ μαστίγι φοβεῖ, φυλακὰς δὲ λιπών κινεῖς στρατιάν;"
"Sag', bist du erschreckt von dem schwirrenden Schwung Der Geissel des Pan, des Kroniden, und liess'st Den Posten im Stich, erregend das Heer?"
~Eratosthenes~ ("Katast." 27) meldet vom Pan, er habe durch Blasen auf einer Seemuschel die Titanen in die Flucht gejagt, und ~Hygin~ ("Poet. Astr." 2, 28) lässt ihn dasselbe durch Werfen mit Muscheln erreichen. ~Valerius Flaccus~ (3, 46) hingegen besingt den nächtlichen Schrecken, den Pans Stimme verbreitet, und ~Plutarch~ ("Is. u. Osir." 14) erwähnt die durch Pane und Satyrn in Ägypten erregten "panischen Schrecken" ("ταραχὰς πανικάς"); während ~Polyaenus~ ("Strateg." 1, 2) die Feinde des bacchischen Heeres durch Pans wildes, vom Echo vermehrtes Geschrei in die Flucht treiben lässt (vrgl. Auct. "de incredibilibus" 11, ed. Teucher 1796). Die 11. "~orphische Hymne~" nennt Pan (7):
"φαντασιῶν ἐπαρωγέ, φόβων ἔκπαγλε βροτείων",
"Bringer der Schreckphantasie'n, Erreger der menschlichen Ängste",
(23):
"Πανικὸν ἐκπέμπων οἶστρον ἐπὶ τέρματα γαίης",
"Bis zu den Grenzen der Erd' entsendend das panische Rasen".
Und nicht allein Dichter und Mythographen, auch Geschichtsschreiber wissen davon zu erzählen.
~Xenophon~ ("Anab." 2, 2) und ~Aeneas Tacticus~ (27) geben verschiedene Mittel an, nachts im Lager die Mannszucht aufrecht zu erhalten, damit nicht der "panische Schrecken" um sich greife. Dies muss sehr nötig gewesen sein; denn ~Pausanias~ (10, 23) berichtet über die von den Macedoniern geschlagenen Gallier unter Brennus: "In der Nacht befiel sie ein panischer Schrecken ("φόβος Πανικός") ... sie glaubten Pferdegetrappel zu hören und den Feind zu sehen und huben an, sich in ihrer Verblendung untereinander anzugreifen und zu töten".
Die Römer schrieben nach ~Dionys von Halikarnass~ (5, 16) dem Faunus die Eigenschaften Pans zu, Phantome, seltsame Geräusche und Schrecken ("τὰ Πανικά") nachts im Heerlager hervorzurufen. ~Cicero~ bringt das Wort stets in griechischer Form ("πανικός" sc. "φόβος" u. "πανικά" sc. "δείματα") und bezieht es einmal ("Att." 5, 20) auf den Kriegsschrecken, sonst ("Att." 14, 3; 16, 1; "Ad. fam." 16, 23) auf leere Schreckversuche oder Schreckensgerüchte anderer Art. In Hirts "Bilderbuch" (II, S. 160, Vign. 4) findet sich die Abbildung eines antiken Terracottareliefs, das den "panischen Schrecken" darstellt.--
* * * * *
Aus der alten, im pseudoplatonischen "Axiochus" (371 e) und in des ~Aeschines~ "Dialogen" (3, 21) flüchtig berührten, uns erst von ~Hyginus~ (168) erzählten Mythe, dass die Töchter des Danaus, ausgenommen Hypermnestra, zur Strafe des Gattenmordes verdammt waren, in der Unterwelt beständig Wasser in ein leckes Fass zu schöpfen, entwickelte sich das sprichwörtliche Bild für Verschwendung "ὁ τετρημένος πίθος", "das durchlöcherte Fass" (s. ~Aristoteles~ "Oekon." 1, 6) und für vergebliche Arbeit "εἰς τὸν τετρημένον πίθον ἀντλεῖν", "in das durchlöcherte Fass schöpfen" (s. ~Xenophon~ "Oekon." 7, 40). ~Lucian~ nennt dieses Fass zuerst ("Hermot." 61): "ὁ τῶν Δαναίδων πίθος".
*Das Fass der Danaiden*
füllen zu wollen, ist uns daher ein Bild bodenloser Anstrengung und Vergeudung.--
* * * * *
"Ζεὺς ὑέτιος", "Zeus der Regenspender" tritt uns zuerst im ~Aristoteles~ ("de mundo" 7) entgegen. Die Griechen verehrten ihn an mehreren Orten (s. ~Pausanias~ 2, 19; 9, 39), und er ist auf der Antoninussäule zu Rom geflügelt dargestellt. Wasserströme fliessen vor ihm nieder. Im ~Tibull~ (1, 7, 26) finden wir, dass am Nil "kein dürres Gras zum Regenspender Zeus (Pluvio Jovi) flehe", wonach wohl Goethe in "Wanderers Sturmlied" (1771) und im 22. "Epigramm" (Venedig 1790) vom
*Jupiter pluvius*
singt, den er in Deutschland zum geflügelten Wort gemacht hat.--
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~Aristoteles~ (Πολιτ. Σαμ. Frg. 523, ed. Rose, vrgl. Tzetzes zu Lykophron 488) erzählt die Anekdote vom ~Ancaeus~, dem mythischen König auf Samos, und dessen Knecht. Ancaeus pflanzte Weinstöcke, und der Knecht prophezeite ihm, er würde sterben, ehe er Wein davon tränke. Als nun der Wein reifte, sagte Ancaeus er würde es doch noch erleben; aber der Knecht orakelte:
*Πολλὰ μεταξὺ πέλει κύλικος καὶ χείλεος ἄκρου*
Zwischen dem Rande der Lipp' und des Bechers kann Viel sich ereignen.
Und richtig! Ancaeus wurde von einem Wildschwein getötet, bevor er seinen Wein getrunken. Dieser Spruch wird auch gern lateinisch citiert:
*Multa cadunt inter calicem supremaque labra;*
in England sagt man statt dessen:
There is many a slip--t'wixt cup and lip;
im französischen "Reinecke Fuchs" lautet V. 5468:
Entre bouche et cuillier--Avient souvent grand encombrier!
und bei uns heisst es nach Fr. ~Kinds~ Gedicht "Ankaeos" (1802 verf.--S. "Gedichte" v. Fr. K. Lpz. 1817. I, 85):
*Zwischen Lipp' und Kelchesrand Schwebt der finstern Mächte Hand.--*
* * * * *
~Theokrit~ (um 250 v. Chr.) schildert zuerst den Liebling der Venus, den Adonis, als blühend (I, 109), schön (XV, 127), rosig, achtzehn- oder neunzehnjährig und so flaumbärtig, dass sein Kuss nicht sticht (XV, 85, 128-130). Auch Bion (I, 1, 2, 5, 6, 7, 37, 38, 63, 67, 71, 79, 92), ~Vergil~ ("Ecl." 10, 18), ~Properz~ (2, 13, 53), ~Ovid~ ("Met." X, 522) und die ~apollodorische~ "Bibliothek" (III, 14, 4) preisen seine Schönheit und Zartheit. Daher nennen wir einen gar zu schönen jungen Mann einen
*Adonis.--*
* * * * *
Wenn wir von dem Zauber reden, der die Seele dessen stärkt, der den Boden der Heimat wieder betritt, so citieren wir gern den mythischen Beherrscher Libyens, den Riesen
*Antaeus,*
welchen Herkules nur dadurch besiegen konnte, dass er ihn vom Erdboden emporhob und also erwürgte, weil jenem die Kräfte im Ringkampf wuchsen, wenn er die Erde berührte, die für seine Mutter galt (s. ~Apollodors~ "Bibl." 2, 5, 11; ~Lucan~ 4, 598-616; ~Philostrat.~ "Icon." 2, 21).--
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Einen höllenstrengen Richter nennen wir einen
*Rhadamanth*
nach dem "Ῥαδάμανθυς", von dem es in ~Apollodors~ "Bibliothek" (III, 1, 2) heisst, dass er "im Hades mit Minos Recht spreche" ("ἐν ᾅδου μετὰ Μίνωος δικάζει"), welche beiden Brüder ~Cicero~ ("Tusc." 1, 5, 10) "die unerbittlichen Richter" und ("Tusc." 1, 41, 98), zusammen mit Aeacus und Triptolemus "die einzig wahren Richter" nennt. ~Vergil~ ("Aen." 6, 566) erwähnt hingegen allein des Rhadamanth "überaus hartes Regiment" ("durissima regna"), mit dem er Geständnisse auspresse, und ~Claudian~ (5, 478 ff.) nennt ihn im Gegensatz zu Minos "den gestrengen Bruder" ("rigidum fratrem"), der die Sünder zur Strafe mit wilden Tieren zusammenkoppele; während er bei ~Homer~ noch als der "gottgleiche, blonde Sohn des Zeus und der Europa nach Euböa reist und im Elysium weilt" ("Il." 14, 322; "Od." 4, 564; 7, 322) und ~Pindar~ ("Pyth." 2, 133) nur andeutet, dass er "den Täuschungen abhold" sei ("οὐδ' ἀπάταισι θυμὸν τέρπετα ἔνδοθεν").--
* * * * *
~Diodor~ (um d. Mitte d. 1. Jahrh. v. Chr.) erzählt uns zuerst (Buch 4), dass Prokrustes in Attika die des Weges Kommenden auf ein Bett legte, nach dessen Länge er die zu Kleinen reckte und die zu Grossen kürzte. So wurde uns das
*Prokrustesbett*
ein Bild für jegliche Art gewaltsamen Ausdehnens oder Abkürzens.--
* * * * *
In demselben Buche ~Diodors~ wird uns, wie in der Apollodorischen "Bibliothek" (2, 55), als eine Kraftleistung des Herkules berichtet, dass er des Augias, Königs von Elis, seit vielen Jahren nicht gesäuberten Rinderstall in einem Tage von Dung befreite, indem er zwei Flüsse hindurchleitete. Daher reden wir, wenn es gilt, massenhaft angehäufte Missstände zu durchbrechen und zu beseitigen, mit ~Lucian~ (Alex. 1: "Τὴν Αὐγείου βουστασίαν ἀνακαθήρασθαι") und mit ~Seneca~ (Apoc. 7: "cloacas Augeae purgare"), von einem
*Augiasstall,*
dessen Reinigung
*herkulische Kraft*
erfordere, und sprechen, mehr im Hinblick auf diese als auf die anderen elf Arbeiten jenes Halbgottes, von einer
*Herkulesarbeit.--*
* * * * *
Heiligzuhaltendes, dessen Bewahrung uns Schutz gewährt, nennen wir ein
*Palladium*
nach jenem Pallasbilde von Holz, das in Ilion zuerst, als ein vom Himmel gefallenes, verehrt und sorgsam behütet wurde, da sein Besitz die Stadt unüberwindlich machen sollte (s. ~Vergil~ "Aen." I, 164ff. und dazu Heyne).--
* * * * *
Die geheime Ratgeberin eines Staatslenkers nennen wir seine
*Egeria*
weil, nach Livius 1, 19 und 21 (vrgl. Valerius Maximus 1, 2, 1; Vergil "Aen." 7, 763 u. 775; Ovid "Amor." 2, 13, 18, "Fast." 3, 154; 261 sqq.; 4, 669; "Met." 15, 432 sqq.; 547 sqq.; Juvenal 3, 12 sqq.; Dionys v. Halik. 2, 60 sqq.), König Numa behauptete, von jener Nymphe, seiner Gemahlin, in nächtlichen Zusammenkünften zu erfahren, was er zu thun habe. Diese geheime Zwiesprache verlegen Manche in einen Hain bei Aricia, Andere in einen Hain vor der Porta Capena bei Rom.--
* * * * *
Aus einem Wirrsal, einem
*Labyrinth,*
leitet uns, wie Theseus, der
*Faden der Ariadne,* der *Ariadnefaden,*
von dem wir im ~Ovid~ ("Her." 10, 103; "Met." 8, 172; "Fast." 3, 462) und ~Hygin~ (42) lesen. Danach nennen wir ein handliches Büchlein, das uns durch die verschlungenen Pfade einer Wissenschaft führt, einen
*Leitfaden.--*
* * * * *
Bei ~Ovid~ (43 v.-17 n. Chr.) finden wir auch ("Met." 8, 183-235; vrgl. ~Hygin~ 40) die Erzählung von Ikarus, der trotz des Daedalus väterlicher Warnung mit den wachsverklebten Flügeln der Sonne zu nahe flog, so dass sie schmolzen und er im Meere ertrank. Hiernach nennen wir ein tollkühnes, missglückendes Wagnis einen
*Ikarusflug.--*
* * * * *
Das Urbild aller greisen, frommen und treuliebenden Ehepaare ist für uns
*Philemon und Baucis,*
die nach ~Ovid~ ("Met." 8, 620-725) Jupiter und Merkur gastlich aufnahmen, ohne sie noch als Götter erkannt zu haben, die dafür ihre Hütte zum Tempel verwandelt sahen, dessen Diener sie werden durften, und die, auf Verlangen zur selbigen Stunde sterbend, in eine Eiche und eine Linde umgestaltet wurden, welche gepaart an Phrygiens Höhen wuchsen, von Gläubigen bekränzt. ~Hagedorn~ ("Werke" 1793; II, 197) und danach ~Goethe~ (1802 "Was wir bringen"; 1809 "Wahlverwandtschaften" II, 1 und 1833 "Faust" II, 5) brachten weiteren Kreisen Deutschlands den Stoff nahe, den bereits ~La Fontaine~ ("Philemon et Baucis") verwertet hatte.--
* * * * *
*Morpheus,*
in dessen Armen wir Schlafende ruhen lassen, besitzt nach ~Ovid~ ("Met." 11, 634-693), als ein Sohn des Schlafgottes Somnus, die Macht, Traumgestalten hervorzurufen ("μορφή", die Gestalt; danach: "Μορφεύς", der Gestaltende).--
* * * * *
In der 107. Fabel des ~Hyginus~ (bl. um 10 v. Chr.) tötet Apoll in der Gestalt des Paris den Achill durch einen Pfeilschuss in die Ferse. Hier war die Stelle, wo er sterblich war; denn bis auf die Ferse, an der sie ihn hielt, hatte Thetis den Neugeborenen in den unverwundbar machenden Styx getaucht (s. Fulgentius 3, 7). Wir nennen daher die schwache, verwundbare Stelle eines Menschen seine
*Achillesferse*
(von den Ärzten wird der sich von der Wade zur Ferse hinziehende Sehnenstrang "Achillessehne" genannt).--
* * * * *
Nach ~Hyginus~ (Fab. 178) tötete Cadmus den Drachen, der den kastalischen Quell bewachte, und säete dessen Zähne aus und pflügte sie unter. Daraus entsprossen dann Krieger, die sich, bis auf fünf, einander erschlugen. Hiernach nennen wir eine Saat der Zwietracht
*Drachensaat,*
obwohl es richtig wäre, von einer "Drachenzahnsaat" zu reden.--
* * * * *
Wir pflegen zu sagen, dass ein neubelebt aus dem Zusammenbruch des Bestehenden hervorgehender Staat oder Mensch sich erhebe, wie ein
*Phönix aus der Asche;*
denn also schildert ~Claudian~ (44 "Phoenix", 102: "origo per cinerem") die Wiedergeburt des indischen Wundervogels, der, alt geworden, sich im eigenen Neste verbrenne, um verjüngt aus der Asche zu erstehen. Die weiteren Phönixmythen s. b. ~Creuzer~ ("Symbolik" II, 163ff.; 3. Aufl. 1841) und bei Th. ~Graesse~ ("Sagen des Mittelalters" Dresd. 1850).--
* * * * *
Die Märchensammlung "Tausend und ein Nacht" liefert uns aus "Aly Baba und die vierzig Räuber" die schatzerschliessende Zauberformel:
*Sesam! öffne dich!*
Dieser Sesamblüte der orientalischen Sage ähnelt
*die blaue Blume*
der deutschen, von der J. ~Grimm~ ("Deutsche Mythol." 3. Aufl. Gött. 1854, S. 1152) schreibt:
"Die ungenannte blaue Wunderblume (S. 916, 924), die dem Hirten, wenn er sie unversehens aufgesteckt hat, plötzlich seine Augen öffnet und den bisher verborgenen Eingang zum Schatz entdeckt (S. 923), erscheint desto geheimnisvoller, weil sie gar nicht angegeben werden kann. Der Name Vergissmeinnicht, den sie sich gleichfalls selbst beilegt, soll bloss ihre Bedeutsamkeit ausdrücken und mag erst im Verlauf der Zeit auf Myosotis angewandt worden sein".
In des ~Novalis~ Roman "Heinrich von Ofterdingen" (1802) erfüllt die "blaue Blume" die Sehnsucht des Titelhelden. So wurde sie zum Losungswort der Romantik.--
* * * * *
Aus dem Tierepos haben wir den schon um 1200 vorkommenden Namen des Wolfes
*Isegrim* (Eisenhelm)
zur Bezeichnung eines grimmigen Menschen entnommen.--
* * * * *
Für ein zurückgesetztes, zur niedrigsten Hausarbeit verwendetes Mädchen giebt uns das deutsche Märchen den Namen
*Aschenbrödel* oder *Aschenputtel.--*
* * * * *
Eine schwäbische Sage, die Gustav ~Schwab~ nach mündlicher Überlieferung in seiner Ballade "Der Reiter und der Bodensee" (1826, s. "Gedichte" Stuttg. 1828-9) dem deutschen Volke schenkte, lautet also: Über die Schneefläche des zugefrorenen Bodensees sprengt ahnungslos ein Reiter, der, jenseits angekommen, tot vom Ross sinkt, als er hört, welcher Gefahr er entronnen. Wir erinnern daher bei ähnlichen Schrecken nach unbewusst überstandenem Unheil an den
*Reiter über den Bodensee.--*
* * * * *
Aus der norwegisch-isländischen Sage citieren wir für wilde Kampfeswut und Ingrimm die
*Berserkerwut;*
denn in der "älteren Edda" (16, 23 Simrock) heisst es:
"Zu Sorgen und Arbeit || hatte die Söhne Arngrim gezeugt || mit Eyfura, Das Schauer und Schrecken || von Berserkerschwärmen Über Land und Meer || gleich Flammen lohten".--
* * * * *
In der "jüngeren Edda" (1, 27 Simrock) lesen wir von einem der zwölf göttlichen Asen, vom Heimdall: "Er bedarf weniger Schlaf als ein Vogel und sieht sowohl bei Nacht als bei Tag hundert Rasten weit; er hört auch das Gras in der Erde und die Wolle auf den Schafen wachsen, mithin auch alles, was einen stärkeren Laut giebt". Mit der Wendung
*Das Gras wachsen hören*
bezeichnen wir daher noch heut eine übermenschliche Feinspürigkeit.--
* * * * *
Wenn ein zuverlässiger Hüter und Warner von uns ein
*Treuer Eckart* oder ein *Getreuer Eckart*
genannt wird, so entlehnen wir diesen Namen der nordischen, auf deutscher Grundlage ruhenden Wilkinasage. Eckart rettet als Erzieher der Harlunge diese vor einem Überfall. Dann finden wir ihn vor Frau Holles wilder Jagd als Warner, dass die Leute aus dem Wege gehen (s. ~Grimm~: "deutsche Mythol." S. 887), und am Venusberge, dass niemand hineingehe (s. "Heldenbuch" ges. 1472 und "die Mohrin" verf. 1453 von H. v. ~Sachsenheim~). Schon bei ~Agricola~ ("Sprichw." Hagenau, 1584) heisst das 667. Sprichwort: "Du bist der treue Eckart; du warnest jedermann", ~Tieck~ gab (1799) die romantische Erzählung heraus: "Der getreue Eckart und Der Tannenhäuser" und ~Goethe~ schrieb (1813) die Ballade "Der getreue Eckart".--
* * * * *
Einen verführerischen Wüstling nennen wir einen
*Don Juan*
nach dem Helden einer spanischen Sage des 14. Jahrhunderts, die sich an eine historische Person knüpft, den Don Juan Tenorio, einen Freund Peters des Grausamen. Der Sage nach hatte er die Tochter eines Komturs entführen wollen, den er im Zweikampf erstach. Die dem Gefallenen errichtete Bildsäule ladet er höhnend zum Abendessen, und jener
*Steinerne Gast*
findet sich wirklich ein und überliefert den Sünder der Hölle. Dies Wort citieren wir im Sinne ~Schillers~, der ("Piccolomini" IV, 6 a. E.) den vor sich hinbrütenden Max einen "steinernen Gast" schelten lässt, "der uns den ganzen Abend nichts getaugt". Die Don-Juan-Sage ging in mannigfacher Gestaltung über die Bühnen Spaniens (zuerst 1634 durch Tirso de Molina), Italiens, Frankreichs und Englands, bis die Musik unseres ~Mozart~ (1787) dem Libretto Lorenzo ~Dapontes~ (s. Kap. VII) zum Siege über alle Vorgänger verhalf.--
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Einen bösen Ehemann nennen wir einen
*Blaubart*
nach dem ursprünglich altfranzösischen Märchen "Raoul, Le Chevalier Barbe-Bleue", in dem dieser blutdürstige Ritter seine sechs Gemahlinnen wegen ihrer Neugier tötet. Auch seine siebente würde er getötet haben, hätte man ihn nicht erschlagen.--
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Aus dem im Anfang des 16. Jahrhunderts auftauchenden Märchen "Von den 7 Schwaben" (herausg. v. Richard Michael Bück in Bartsch-Pfeiffers "Germania". Neue Reihe V. 317) ist die Aufforderung des sechsten unter ihnen, der bald "Gelbfüssler", bald "Jokele", bald "Hansele" heisst, allgemein gebräuchlich geworden:
"*Hannemann! geh' du voran!* *Du hast die grössten Stiefeln an*", (Dass dich das Tier nicht beissen kann).--