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III. Geflügelte Worte aus deutschen Schriftstellern

Part 3 of 6 · Büchmann, Georg, Robert-tornow, Walter · Public domain text

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Contents (13)

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III. Geflügelte Worte aus deutschen Schriftstellern

Dem 13. Jahrhundert gehört

*Neue Besen kehren gut*

an, was zuerst[15] in *Freidank*s "Bescheidenheit" (W. Grimms Vrîdanc 15: "Von Dieneste" g. E.) in der Form vorkommt:

Der niuwe beseme kert vil wol ê daz er stoubes werde vol. (Der neue Besen kehrt sehr wohl, Eh' dass er Staubes werde voll.)--

[Fußnote 15: Vrgl. über Dieses und Ähnliches die "~Einleitung~", in der gesagt ist, dass auch Sprichwörter nicht vom Himmel fallen, sondern stets ihren ersten Urheber haben müssen. Falls also nicht aus der Form des ersten Befundes mit Sicherheit hervorgeht, dass ein bereits gebräuchliches Sprichwort vorliegt, kann der Sammler die erste schriftstellerische Quelle getrost anmerken. Die spätere Forschung möge dann untersuchen, ob das Wort schon in früheren Tagen im Volke verbreitet war.]

* * * * *

*Das fünfte Rad am Wagen*

stammt aus *Herbort* von Fritzlars (1. Decennium des 13. Jahrh.) "Liet von Troye" 83 "so zele man mich zem fünften Rade" oder aus "~Vrîdanc~" 41 "Von Guote und Uebele":

der wagen hât deheine stat dâ wol stê daz fünfte rat. (Der Wagen hat keine Stelle, Wo das fünfte Rad wohl angebracht wäre.)--

* * * * *

*Den Mantel nach dem Winde kehren*

findet sich zuerst in *Gottfried von Strassburg*s (um 1215) "Tristan und Isolt" (262, 32 f. Massmann, Leipz. 1843) in der Form:

man sol den mantel keren, als ie die winde sint gewant.--

* * * * *

Aus dem "Sachsenspiegel" (1219-1233) *Eike von Repkow*s, eines Schöffen aus der Nähe von Magdeburg, stammt:

*Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.*

Es lautet bei ~Homeyer~ ("Des Sachsenspiegels erster Teil oder das Sächsische Landrecht nach der Berliner Handschrift von 1369"; 3. Ausg., Berlin 1861, 2. Buch, Artikel 59, § 4): "Die ok irst to der molen kumt, die sal erst malen".--

* * * * *

*Wer seinen Kindern giebt das Brot Und leidet nachmals selber Not, Den soll man schlagen mit der Keule tot,*

befindet sich an manchem Stadtthore Norddeutschlands neben einer aufgehängten Keule angebracht. Dieser Spruch ist einer Erzählung des *Rüdiger von Hünchhover* entnommen, der in Urkunden 1290-1293 erscheint (Herrigs Archiv 7, 340). Sie heisst "Der Schlägel" und lautet also: "Ein alter Mann, der sein ganzes Vermögen seinen Kindern überlassen hat, die ihn nun schlecht behandeln, weiss in ihnen den Glauben zu erwecken, dass er noch einen Schatz zurückbehalten habe, worauf sie ihn wieder in Ehren halten. Nach seinem Tode finden aber die Kinder in der vermeintlichen Schatzkiste nichts als einen Schlägel, mit der Beischrift, dass man einem jeden, der seine ganze Habe seinen Kindern übergiebt und infolgedessen in Not und Elend lebt, mit diesem Schlägel das Gehirn einschlagen müsse".

("Koloczaer Codex altdeutscher Gedichte" von Graf ~Mailáth~ und ~Köffinger~, S. 155, und v. ~der Hagens~ "Gesamtabenteuer" 49, vrgl. auch "Meister Stephans Schachbuch", ein mittelniederdeutsches Gedicht des 14. Jahrhunderts, herausgegeben von W. Schlüter 1889-90, V. 4730-4881.) Nach ~Thiele~ "Danmarks Folkesagen", I, 107 wird in Dänemark diese Geschichte von Olaf Bagger in Odense unter Friedrich II. (1559-1588) erzählt.--

* * * * *

*Die Welt will betrogen sein*

steht in der Form "die wellt die will betrogen syn" in ~Sebastian~ *Brant*s (1458-1521) 1494 erschienenen "Narrenschiff" (Ausg. Zarncke, S. 65, Sp. 1). Man führt es oft in der lateinischen Form an:

*Mundus vult decipi.*

So heisst es schon in Sebast. ~Franks~ 1533 erschienenen "Paradoxa", No. 236 (247): "Die Welt will betrogen und belogen sein und nur mit Wahn geäfft und regiert werden, wie jener Mönch sagt, der für sein Thema hält:

Mundus vult decipi darumb bin ich hie,

dem man zu Lohn alle Säcke voll stiess". Hierin sieht Dr. ~Weinkauff~ (Birlingers "Alemannia", VI, 1. S. 48 u. 49) die Grundlage von

*Mundus vult decipi, ergo deciplatur*

(Die Welt will betrogen sein, darum sei sie betrogen);

während ~Thuanus~ (Bch. 12, anno 1556) dies lateinische Wort auf den päpstlichen Legaten ~Caraffa~ (späteren Papst Paul IV., † 1559) zurückführt.--

* * * * *

*Grobian*

ist auch ein Wort ~Sebastian Brants~ aus dem "Narrenschiff" (Zarncke, S. 71 u. 72). Er spricht dort von einem "neuen Heiligen, Grobian geheissen", den er weiterhin "Sankt Grobian" nennt.--

* * * * *

*Hanswurst*

findet sich zum ersten Male in der Form ~Hans Worst~ in der niederdeutschen Übersetzung von ~Sebastian Brants~ "Narrenschiff" (Rostock 1519, No. 76, 83, Ausg. ~Zarncke~, S. 75, Sp. 2). Bei Brant selbst steht ~hans myst~. ~Hans Mist~ ist auch der Name eines Bauern in einem Fastnachtspiele des 15. Jahrh. (~Keller~ I, S. 342). Hans Worst wiederholt sich bei ~Luther~ in der "Vermahnung an die Geistlichen, versammelt auf dem Reichstag zu Augsburg", 1530, im Abschnitte "Vom ehelosen Stande"; in der Predigt über die "Auferstehung der Toten", B. 19, 133; in "Wider den Meuchler zu Dresden" (1531), 25, 105; und in "Wider Hans Worst" (Wittenberg 1541, 26, 4) sagt ~Luther~:

"Dies Wort, Hans Worst, ist nicht mein, noch von mir erfunden, sondern von andern Leuten gebraucht wider die grossen Tölpel, so klug sein wollen, doch ungereimt und ungeschickt zur Sache reden und thun".

Schon hieraus möchte man schliessen, dass Luther an eine volkstümliche Bühnengestalt gedacht hat, besonders aber aus den kurz darauf folgenden Worten:

"Wohl meinen etliche, ihr haltet meinen gnädigen Herrn (den Kurfürsten von Sachsen) darum für Hans Worst, dass er von Gottes, dem ihr feind seid, Gaben stark, fett und volliges Leibes ist. Also hab ichs auch oft gebraucht, sonderlich und allermeist in der Predigt".

Die heut übliche Form "Hans Wurst" steht erst in ~Fischarts~ "Gargantua" (1575. c. 8. g. E.): "Trink alzeit for den durst--So tringt dich kain durst--Mein Hans Wurst".--

* * * * *

*Calembourg*

entstammt nach der von Philarète ~Chasles~ ("Études sur l'Allemagne ancienne et moderne", Paris 1854, p. 83) aufgestellten und in ~Littrés~ Lexikon gebilligten Etymologie dem Schwankbuche Philipp *Frankfurter*s "Der Pfaffe von Kalenberg" (nachweisbar erst Ende des 15. Jahrh. geschrieben, vielleicht schon im 11. Jahrh.). Aus Calembourg haben wir dann zur Bezeichnung hervorragend schlechter Wortwitze

*Kalauer*

gemacht, wobei wohl an Leder und die geringere Qualität der Stiefel gedacht worden ist, wie sie die Stadt Kalau liefert. Andere wollen wissen, der Ausdruck rühre daher, dass Ernst Dohm seine guten Witze dem "Kladderadatsch" Sommers aus Kalau sandte.--

* * * * *

Der Name

*Amerika*

entstand nach dem des Amerigo (Americus) Vespucci auf den Vorschlag des Buchhändlers und Professors Martin *Waldseemüller* (Hylacomylus in St.-Dié), welcher Vespuccis dritte Reise nach der "Neuen Welt" i. J. 1507 herausgab (vrgl. A. v. Humboldt "Examen critique de l'histoire et de la géographie du nouveau continent". IV., 97ff. 104-6).--

* * * * *

*Die Geister platzen aufeinander*

steht in *Luther*s (1483-1546) auf das Münzersche Treiben in Altstadt bezüglichem Briefe (vom 21. August 1524) "an die Fürsten zu Sachsen von dem aufrürischen Geiste", B. 53, Nr. 108, S. 255ff, in der Form: "Man lass die Geister auf einander platzen und treffen".--

* * * * *

Nach dem "Was ist das?" zum 8. Gebot in ~Luthers~ "Katechismus" (1529) sollen wir

*Alles zum Besten kehren,*

und im dritten Hauptstück heisst es: "Vater unser, der du bist im Himmel.--Was ist das? Gott will uns damit locken, dass wir glauben sollen, er sei unser rechter Vater". Hiernach ist

*Er will uns damit locken*

ein geflügeltes Wort geworden. Ebenda zählt Luther in der Erklärung der "vierten Bitte" des "Vaterunsers" auch

*Gute Freunde, getreue Nachbarn*

zu "unserem täglichen Brod".--

*Wasser thuts freilich nicht*

stammt aus dem vierten Hauptstück.--

*Die Kunst geht nach Brot,*

(d.h. "die Kunst geht betteln",) was in ~Lessings~ "Emilia Galotti", 1, 2 vorkommt, steht bei ~Luther~, B. 64, S. 183: "Kunst gehet itzt nach Brot, aber Brot wird ihr wieder nachlaufen und nicht finden". Bei Neander: "Ethice vetus et sapiens", (Lpz. 1590) steht S. 338 unter "Proverbia Germanorum" bereits: "Kunst gehet nach Brot".--

* * * * *

Aus ~Luthers~ "Ein' feste Burg ist unser Gott" (im Klugschen Gesangbuche von 1529, S. 21) wird citiert:

*Mit unsrer* (eigentl.: unser) *Macht ist nichts getan,*

ferner:

*Das Wort sie sollen lassen stan,*

und:

*Lass fahren dahin.*

Letzteres benutzte ~Schiller~ im "Reiterliede" (Schillers Musenalmanach für 1798, S. 137) am Schluss von "Wallensteins Lager":

Lass fahren dahin, lass fahren!

~Bürger~ singt in Strophe 14 des Gedichtes "der Bruder Graurock und die Pilgerin" (1777):

Lass fahren! Hin ist hin!--

* * * * *

Für "Legende" braucht ~Luther~ "~Lugenda~" in seiner "Predigt am 25. Sonntag nach der heiligen Dreifaltigkeit, Anno 1537, in tempio parochine", B. 6, S. 244: "Sonderlich hat die Lugenda von den Wunderzeichen Franzisci ein Sack voll erlesener, grosser, schändlicher Lügen". ~Lugende~ steht in Grimmelshausens "wunderbarlichem Vogelnest", (1672) II, 13. Später wurde aus Lugenda "Lügende" und "Lüg-Ente". In "~Schelmuffskys~ Curiöser und sehr gefährlicher Reisebeschreibung zu Wasser und Lande, von E. S.[16] Gedruckt zu Schelmerode in diesem Jahr" (1696) heisst es zu Anfang: "so wusste ich allmalen so eine artige ~Lüg-Ente~ vorzubringen". Daraus ist

*Ente*

für Zeitungslüge geworden. Grimm jedoch sagt im "Wörterbuch": Man nennt eine in Zeitungen verbreitete, gleichsam fortschwimmende, wieder auftauchende Fabel oder Lüge heute gewöhnlich Ente; früher hiess es blaue Ente; blau ist nebelhaft, nichtig; einem etwas Blaues vormachen, blauen Dunst machen bedeutet vorlügen". Es folgen dann mehrere Belegstellen, wobei zu bemerken ist, dass auch im Französischen "canard" und im Spanischen "ánade" für Zeitungslüge gebraucht wird.--

[Fußnote 16: Der Verfasser war der einunddreissigjährige Christian ~Reuter~, dessen Leben und Werke Friedrich Zarncke beschrieb. Vrgl. Bd. IX d. "Abhandl. d. philol.-hist. Classe der Kgl. sächs. Gesellsch. d. Wissensch." No. 5. Lpz. S. Hirzel. 1884.]

* * * * *

Allgemein wurde, doch ohne jegliche Gewähr, auf ~Luther~ der Spruch zurückgeführt:

*Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang,* *Der bleibt ein Narr sein Lebelang;*

auch die Lutherstube auf der Wartburg ist jetzt damit geschmückt. ~Xanthippus~ ("Spreu" IV, München 1883) hat wohl mit Recht als die Quelle den italienischen Reim bezeichnet:

"Chi non ama il vino, la donna e il canto Un pazzo egli sara e mai un santo."

"Wer nicht liebt Gesang und Weib und Wein, Der wird ein Narr und nie ein Heiliger sein."

Zum ersten Male, scheint es, tritt die Luther-Legende im "Wandsbecker Bothen" von 1775, No. 75 in folgender "Devise an einen Poeten" auf:

Dir wünsch' ich Wein und Mädchenkuss, Und deinem Klepper Pegasus Die Krippe stets voll Futter! Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, Der bleibt ein Narr sein Lebenlang. Sagt Doktor Martin Luther.

Nach ~Redlich~ ("Die poetischen Beiträge zum Wandsbecker Bothen", Hamburg 1871, S. 57) machte wahrscheinlich ~Joh. Heinrich Voss~ diese Verse, also nicht ~Claudius~, wie W. ~Roeseler~ ("Mathias Claudius und sein Humor", Berlin 1873, S. 41) annimmt. Dann teilt ~Voss~ den oben citierten Vers 1777 im "Musenalmanach" (Hamburg, S. 107) mit der Überschrift "Gesundheit" und der Unterschrift "Dr. M. Luther" mit. Auch sein 1777 gedichtetes Lied: "An Luther" (~Voss~: "Sämmtl. Gedichte" Königsb. 1802. B. 4, S. 60) endet mit jenen Worten, und aus seiner Anmerkung S. 294, ersehen wir, dass Hamburger Pastoren in dem Abdrucke des Spruches im Musenalmanach eine Verunglimpfung Luthers erblickten und deshalb Vossens Wahl zum Lehrer am Johanneum vereitelten. Über den Ursprung gab Voss keine Auskunft. ~Herder~ ("Volkslieder", 1. T. Leipz. 1778, S. 12) schliesst die Zeugnisse über Volkslieder mit:

Wer nicht liebt, Weib, Wein und G'sang, Der bleibt ein Narr sein Leben lang. Luther.

~Karl Müchler~ giebt in dem zuerst in F. W. A. Schmidts "Neuem Berliner Musenalmanach für 1797", S. 48 gedruckten Trinkliede "Der Wein erfreut des Menschen Herz" ("Lieder geselliger Freude", herausg. von J. F. Reichardt, 1797, 2. Abtlg. S. 15) jeder Strophe die Kehrreime:

-- -- Was Martin Luther spricht: Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, Der bleibt ein Narr sein Lebelang; Und Narren sind wir nicht.

Auch in ~Methfessels~ "Allgemeinem Commers- und Liederbuch", Rudolstadt 1818, schliesst das ~von Lichtensteinsche~ Lied "Wo der geistige Freudenbringer":

Drum singt, wie Doktor Luther sang: Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, Der bleibt ein Narr sein Leben lang.

Wenn in den "Epistolis obscurorum virorum" (Lips. 1864, p. 371) gesagt wird: "Quamvis Salomon dicat: musica, mulier et vinum laetificant cor hominis, primo Proverbiorum XII". "Obgleich Salomon sagt: Musik, Weib und Wein erfreuen des Menschen Herz, erstes Buch der Sprüche 12", so ist das ein erdichtetes Citat, da es kein erstes Buch der Sprüche Salomos giebt.--

* * * * *

*Dunkelmänner,*

die wörtliche Übersetzung von "obscuri viri", hat folgenden Ursprung: der für die Reformation kämpfende Humanist ~Reuchlin~ gab, um sein Ansehen im Streite gegen die kölner Papisten, Pfefferkorn, Hochstraten, Arnold von Tongern, Ortuinus Gratius u.s.w. zu stärken, 1514 seinen Briefwechsel mit berühmten Leuten: "Epistolae clarorum virorum" heraus. Von ihm befreundeter Seite, es werden Crotus Rubianus, Ulrich Hutten, Jacob Fuchs, Eobanus Hesse, Petreius Eberbach genannt, erschien 1515 der erste, 1517 der zweite Band "Epistolae obscurorum virorum" (Briefe unberühmter Leute), die so abgefasst sind, als kämen sie von seinen Feinden, und die auch an Ortuinus Gratius gerichtet sind. Zuerst frohlockten diese; als sie aber merkten, dass sie gemeint seien, erschien 1518 die Gegenschrift: "Lamentationes obscurorum virorum, non prohibitae per sedem Apostolicam". So bekam "obscuri viri", eigentlich "unberühmt" im Gegensatz zu "clari viri", den Nebensinn von Obscuranten, Finsterlingen, "Dunkelmännern". Letzterer Ausdruck scheint erst im 19. Jahrhundert gebildet worden zu sein. In der von ~Bentzel-Sternau~ herausgegebenen Zeitschrift "Jason", Jahrgang 1809, III. Band, S. 271 wird gesagt: "Bekannt ist es, welche heilsame Wirkung die Briefe der Dunkelmänner auf den Lesenden (den kranken Erasmus) hervorbrachten." ~Hoffmann von Fallersleben~ brachte in den "Unpolitischen Liedern" (1. T. 1840) ein Gedicht "Dunkelmannstracht" und H. ~Heine~: "Wintermärchen" (1844), Kap. 4, sagt von Köln:

Ja, hier hat einst die Klerisei Ihr frommes Werk getrieben, Hier haben die Dunkelmänner geherrscht, Die Ulrich von Hutten beschrieben.--

* * * * *

~Ulrich~ *von Hutten* (1488-1523) ist wegen seines Wahlspruches:

*Ich hab's gewagt,*

zu erwähnen, welcher sich zuerst auf dem Titelblatt seiner Übersetzungen der "Conquestiones" (wahrscheinlich--nach Böcking--1520 erschienen) sowie als Unterschrift in der, nach Böcking gleichfalls 1520 erschienenen "Klag über den Lutherischen Brandt zu Mentz (Mainz)" findet. Ebenso beschliesst Hutten mit diesem Spruch das Vorwort zu seinem "Gesprächbüchlein" (1521) und in demselben seinen Dialog in Prosa: "Die Anschauenden", und er hängt ihn fast stets seinen deutschen Versen als Schluss, ohne Zusammenhang mit dem Vorhergehenden, an. Im Zusammenhang steht es am Schluss seiner "Klag und Vormahnung gegen den übermässigen unchristlichen Gewalt des Bapsts zu Rom", wo es heisst:

Wohlauf, wir haben Gottes Gunst, Wer wollt in solchem bleiben d'heim? Ich hab's gewagt, das ist mein Reim.

Auch beginnt ein 1521 gedrucktes Lied von ihm:

Ich hab's gewagt mit Sinnen,

dessen sechste Strophe schliesst:

Bin unverzagt, Ich hab's gewagt, Und will des Ends erwarten.

Er sah in diesem deutschen Wahlspruch eine Übersetzung seines lateinischen, bereits 1517 als Motto seinem "Phalarismus" vorgesetzten und auch später noch, z.B. in der Vorrede "an alle freien Männer Deutschlands" (ad liberos in Germania omnes) von ihm angewendeten Wahlspruches:

*Jacta est alea.*

Gefallen ist der Würfel.

(vrgl. Menander unt. "Gefl. Worte aus Griech. Schriftst.").--

* * * * *

Nach dem Buchdrucker ~Johann~ *Ballhorn* (eigentlich Balhorn), der seit 1531 in Lübeck (nach Balthasar ~Schuppius~ zu Soest in Westfalen) thätig war, heisst

*ballhornisieren* oder *verballhornen*

so viel wie "verschlimmbessern", "lächerliche Veränderungen in einem Schriftstück anbringen". Der erste, welcher Johann Ballhorn erwähnt, ist ~Schuppius~ in dem "Kalender" (1659) S. 588 und 601. An der ersten Stelle heisst es: "wie Johann Ballhorn, der Buchdrucker zu Soest in Westfalen, welcher das ABCbuch vermehrt und verbessert herausgehen liess"; und an der zweiten: "als ich dasselbe erbrochen, lag darin dieses Pasquill, auctior et correctior, wie Johann Ballhorn zu schreiben pflag". Andere leiten "verballhornen" von dem jedoch durch Johann Ballhorn nur gedruckten Buche "Lübeckische Statuta" u.s.w., (1586) ab, weil die darin vorgenommenen und dem allein auf dem Titelblatt genannten Ballhorn fälschlich zugeschriebenen Verbesserungen allseitigen Tadel gefunden hätten. Noch Andere schieben ihm zu, dass er dem auf der letzten Seite der Fibeln üblichen Hahn ein paar Eier untergelegt habe. Eine Fibel mit dem Bilde des Hahnes, im Jahre 1583 gedruckt zu Hamburg, befindet sich in der dortigen Stadtbibliothek. In "Deutscher Recht- nicht Schlechtschreibung" (S. 5, Berlin 1877) wird "Johann Ballhorn von Buxtehude" genannt; einen solchen giebt es nicht.--

* * * * *

Aus dem "Esopus", (4, 62; 1548) des ~Burchard~ *Waldis* (1490-1556) stammt:

*Das ist für die Katze,*

oder, wie man im Königreich Sachsen zu sagen pflegt:

*Das ist der Katze,*

d.h. das lohnt nicht, das bringt nichts ein. Der Ausdruck ist ein Rest der dort befindlichen Erzählung "Vom Schmied und seiner Katze". Ein Schmied nahm sich vor, von seinen Kunden nichts für seine Arbeit zu verlangen, sondern die Bezahlung ihrem eigenen Willen anheimzustellen; sie begnügten sich aber mit dem blossen Danke. Nun band er seine fette Katze in der Werkstatt an, und wenn ihn die Kunden mit leeren Worten des Dankes verliessen, sagte er: "Katz, das geb ich dir!" Die Katze verhungert, und der Schmied beschliesst, es zu machen wie die anderen Handwerker.[17] ~Seume~ glaubte, die Schnurre rühre von ~Taubmann~ her; denn er schreibt in seinem Buche "Mein Leben", ziemlich gegen Ende: "so dass ich -- -- -- weiter nichts erntete, als ein freundliches 'Wir bleiben Euch in Gnaden gewogen', wovon doch am Ende selbst Taubmanns Katze ihr Bischen Geist aufgab".

[Fußnote 17: S. ~Balthasar Schuppius~ "Freund in der Not" (1657) S. 229, "der Kurtzweilige Zeitvertreiber" von 1666, S. 41 und ~Abraham~ a St. ~Clara~ "Huy und Pfuy der Welt".]

In den "Deutschen Rechtssprichwörtern" von Graf und Dietherr, 2. Ausg., Nördlingen 1869, S. 267 steht "vom Danke kann man keine Katze füttern" und in der Anmerkung a: "von'n danke kan man keine katten futtern". Es ist also ebenso möglich, dass ~Waldis~ seine Erzählung daraus herspann, wie, dass diese Worte aus ihr entsprangen.--

* * * * *

*Lehrstand, Nährstand, Wehrstand*

wird bei Erasmus *Alberus* (1500-53) zum ersten Male angedeutet. In seiner "Predigt vom Ehestand" aus dem Jahre 1546 (auf der Königl. Bibliothek in Berlin) heisst es Bogen 6: "Der Priester muss lehren, die Oberkeit wehren, die Bauerschaft nähren" und in seinem "Buch von der Tugend und Weisheit, nämlich 49 Fabeln" (Frankfurt a. M. 1550, Fabel 47, Morale):

"Fein ordentlich hat Gott die Welt Mit dreien Ständen wohl bestellt. Wenn die sich nur wüssten zu halten, So liess Gott immerdar hin walten. Ein Stand muss ~lehrn~, der andre ~nährn~, Der dritt' muss bösen Buben ~wehrn~".

In Luthers "Tischreden", 1560, (B. 59, S. 207) heisst es:

"Amt eines treuen Seelsorgers".

"~Nähren~ und ~wehren~ muss in einem frommen, treuen Hirten und Pfarrherrn beisammen sein ... sonst wenn das ~Wehren~ nicht da ist, so frisst der Wolf die Schafe desto lieber, da sie wohl gefüttert und feist sind. ... Ein Prediger muss ein Kriegsmann und ein Hirte sein. ~Nähren ist lehren~, und das ist die schwerste Kunst; darnach soll er auch Zähne im Maule haben und ~wehren~ oder streiten können". In den "Tischreden" (ed. Förstemann, Abt. 3, S. 415) steht Kap. XXXVII, § 118: "Einem Lehrer gebührt, dass er gewiss lehre, nähre und wehre" und bei Bindseil "Colloquia latina", V. p. 280: "Id eo ad Doctorem pertinet nehren und wehren docere et confutare". "Nähramt, Wehramt" kommt bei Luther am Schluss der Schrift "Ob Kriegsleute u.s.w." vor, und "Vom Nähr- und Lehrstande" u.s.w. ist die Überschrift zu Sirach 39. Im ~Wencel Scherffer~ ("Geist- und Weltliche Gedichte", Brieg 1652, S. 74) werden die drei Beine einer von den Herzögen zu Liegnitz und Brieg erlegten dreibeinigen Bache auf die drei Stände: "den Regier-, Lehr- und Nährstand" gedeutet und "Wehr-Lehr-Nähr-Her-Stand" betitelt Friedrich von ~Logau~ einen seiner Verse (Salomons von Golau Deutscher Sinn-Getichte drey Tausend. Breslau. In Verlegung Caspar Klossmanns. 1654 ersch. jedoch ohne Jahresangabe. 2. Tausend 8. Hundert No. 21). Die drei Substantiva "Wehrstand, Lehrstand, Nährstand" findet man in der Überschrift, welche ~Weidner~ dem 3., 4. und 5. Teile von ~Zincgrefs~ "Apophthegmata" (1653-55) giebt. ~Zeller~ erläutert ("Geschichte der Philosophie", II, 1, 764) die drei Stände in Platos "Staat" durch diese deutschen Bezeichnungen.--

In der Schrift des ~Erasmus Alberus~ "Ein Dialogus oder Gespräch etlicher Personen vom Interim" (1548; Blatt Diiij) heisst es:

(Gehe hin, und) *thu, das du nicht lassen kannst.*

~Lessing~ wiederholt es in "Emilia Galotti" (1772), 2, 3; v. ~Hippel~ in den "Lebensläufen nach aufsteigender Linie", I, 5 (1778) sagt: "Er thue, was er nicht lassen kann"; in ~Wielands~ "Pervonte" (1778) heisst es von Vastola, als diese den Pervonte küssen muss (2. Teil); sie "that was sie nicht lassen konnte"; ~Schiller~ in "Wilhelm Tell", I, 1 lässt Tell sagen: "ich hab' gethan, was ich nicht lassen konnte".--

* * * * *

*Atlas*

für "Landkartensammlung" führte Gerhard *Mercator* (Kremer; 1512-94) durch sein Werk ein "Atlas sive geographicae meditationes de fabrica mundi et fabricati figura", (Atlas oder geographische Betrachtungen über die Erschaffung der Welt und über die Gestalt der erschaffenen Welt) Duisburg 1595.--

* * * * *

Der Pastor in Frankfurt a. O. Andreas *Musculus* (Mensel; 1514-81) gab 1556 die Schrift heraus "Vom zuluderten zucht und ehrerwegnen pluderichten Hosen Teuffel vermanung und warnung", auf deren neuer Auflage v. J. 1629[18] der Hosenteufel bezeichnet wird als "Dess jetzigen Weltbeschreyten verachten und verlachten Al-modo Kleyder Teuffels Alt-Vatter". Dies sehen wir als die Quelle des üblichen Wortes

*Modeteufel*

an (mit Julius ~Lessing~: "Der Modeteufel" S. 5; Berl. 1884. "Volkswirtschaftl. Zeitfr." Heft 45).--

* * * * *

In Johann *Fischart*s (1547-89) "Gargantua" (S. 160) lesen wir: "Duck dich Seel, es kommt ein Platzregen," was vielleicht die Quelle des bekannten Wortes ist:

"*Freue dich, liebe Seele, jetzt kommt ein Platzregen*",

wie unter einer in den vierziger Jahren des 19. Jahrh. zu Berlin erschienenen kolorierten Zeichnung steht, die einen dicken schweisstriefenden Herrn darstellt, der, an einem Tisch sitzend, die Hand nach einem vollen Glase Berliner Weissbier ausstreckt.--

~Fischart~ verdanken wir auch den tief ins Volk gedrungenen Witz

*Jesu-wider*

(für "Jesuit", "Jesuiter"); denn er reimt in seinem "Jesuitenhütlein" (1580, Kap. 4):

"Aber weil der Nam Wider Christ Noch etlichen zuwider ist, Welche doch noch zu gewinnen weren: So that den Namen ich verkehren

Und setzt das förderst rechts darhinder, Auff dass mans finden könt dest minder, Macht Christ Wider und Jesu Wider Für Wider Christ, den sonst kennt jeder".--

[Fußnote 18: Dieser nach des ~Musculus~ Tode erschienene Nachdruck fehlt in der Kgl. Bibliothek zu Berlin, ist aber vorhanden in der reichhaltigen Costume-Bibliothek des Freiherrn von Lipperheide in Berlin.]

* * * * *

Johannes Olorinus *Variscus* (Johann Sommer; 1559-1622) erzählt in "Ethographia Mundi", (1609, 1. T., 17. Regel) unter andern Lügengeschichten, dass jemand, ans Ende der Welt gekommen, dort

*Die Welt mit Brettern vernagelt*

oder, wie er sagt, "verschlagen" gefunden habe.--

* * * * *

*Gas*

ist ein von *van Helmont* (1577-1644) in Brüssel erfundenes Wort. In seinen "Opera omnia", (ed. M. B. Valentini, 1707) heisst es S. 102, Sp. 12 § 14 nach Erwähnung des von ihm entdeckten Gases: "Hunc spiritum, incognitum hactenus, novo nomine ~gas~ voco" (Diese bislang unbekannte Art Luft benenne ich mit dem neuen Namen "Gas").--

* * * * *

Friedrich *von Logau* (1604-55) sang in seinen Sinngedichten (Salomons von Golau deutscher Sinn-Getichte drey Tausend. Breslau. In Verlegung Caspar Klossmanns ersch. 1654 jedoch ohne Jahresangabe. 1. Tausend, 8. Hundert, No. 2) nach vollendetem dreissigjährigen Kriege:

"Gewaffneter Friede".

"Krieg hat den Harnisch weg gelegt, der Friede zeucht ihn an, Wir wissen was der Krieg verübt, wer weiss was Friede kann?"

und (3. Tausend, 5. Hundert, No. 78):

"Der geharnischte Friede".

"Der Friede geht im Harnisch her, wie ist es so bestellt? Es steht dahin; er ist vielleicht die Pallas unsrer Welt".

Danach sagen wir:

*ein bewaffneter Friede.--*

Eben daher citieren wir (2. Tausend, 4. Hundert, No. 34):

"Der Mai".

"*Dieser Monat ist ein Kuss, den der Himmel giebt der Erde, Dass sie jetzund seine Braut, künftig eine Mutter werde*".--

~Logaus~ Sinngedichte ("Die Liebe". 2. Tausend, 4. Hundert, No. 14):

"Nenne mir den weiten Mantel, drunter alles sich verstecket; Liebe thuts, die alle Mängel gerne hüllt und fleissig decket",

und (2. Taus., 9. Hundert) "Christliche Liebe":

"Liebe kaufte neulich Tuch, ihren Mantel zu erstrecken, Weil sie, was durch dreissig Jahre Krieg verübt, soll alles decken",

sind wohl unsere Quellen, wenn wir sagen, dass wir etwas

*Mit dem Mantel der Liebe zudecken.*

* * * * *

In Friedrich Wilhelm ~Gotters~ "Gedichten" (I, S. 91; Gotha 1787) heisst es in der Romanze "Die Trauer" (1774):

"Elise, die gern Thränen stillt, Verirrte gerne leitet, Und über kleine Schwächen mild Der Liebe Mantel breitet".

Es sei hierbei erinnert an "Sprüche Salomonis" 10, 12: "Liebe decket zu alle Übertretungen", an 1. Petri 4, 8: "Die Liebe decket auch der Sünden Menge" und an das (nach dem "Corpus iuris canonici", Dist. 96, c. 8) dem Kaiser Konstantin zugeschriebene Wort: "er würde, wenn er mit eigenen Augen einen Priester oder Einen im Mönchsgewande sündigen sähe, seinen Mantel ausziehen und ihn so damit bedecken, dass Niemand ihn gewahre" ("chlamydem meam expoliarem et cooperirem eum, ne ab aliquo videretur").--

* * * * *

Aus ~Paul~ *Gerhardt*s (1606-76) Kirchenliede "Nun ruhen alle Wälder" (Geistliche Lieder und Psalmen", Berlin 1653) stammt die Frage:

*Wo bist du, Sonne* (ge)*blieben?--*

Auch citiert man die erste Zeile seines 1649 gedichteten Liedes vom Folgenden abgelöst, also:

*Wach auf, mein Herz, und singe!--*

* * * * *

Ein Weihnachtslied von *Johann Rist* (1607-67) beginnt:

*Ermunt're dich, mein schwacher Geist.--*

* * * * *

*Nürnberger Trichter*

beruht auf dem Titel eines Buches von *Harsdörffer* (1607-58): "Poetischer ~Trichter~, die Teutsche Dicht- und Reimkunst, ohne Behuf der lateinischen Sprache, in VI Stunden einzugiessen", das 1648 ohne Namen in ~Nürnberg~ erschien.

Das Bild vom Trichter ist nicht seine Erfindung, da er sich in der Vorrede auf "H. ~Schickards~ Hebreischen Trichter" (Tüb. 1627) bezieht, und ein solcher Trichter schon in der lateinischen Komödie "Almansor, sive ludus literarius" des Mart. ~Hayneccius~ (Lpz. 1578) 5, 5, genannt wird. Vrgl. ~Zincgref-Weidner~ ("Apophthegmata", T. 3, Amst. 1653, S. 227): "Der Drechter Almansoris, mit welchem man den Leuten ingegossen, ist lang verlohren". "Mit einem Trichter eingiessen" steht bereits bei Sebast. ~Franck~ ("Sprichw." 1541, II, 107 b). "Eintrichtern" sagen wir jetzt. Franz ~Trautmann~ gab 1849-50 in Nürnberg ein humoristisches Blatt "der Nürnberger Trichter" heraus.--

* * * * *

Philipp *von Zesen* (1619-89), wendete

*lustwandeln*

in "Der Adriatischen Rosemund" (1645) zum ersten Male für "spazieren gehen" an. Mit seinen anderen, S. 366 daselbst zusammengestellten Verdeutschungen drang er nicht durch; aber "lustwandeln" erhielt sich, weil es den Spott ganz besonders hervorrief. Christian ~Weise~ macht sich in dem satirischen Romane (1672) "Die drei ärgsten Erznarren in der ganzen Welt", Kap. 11 darüber lustig, sowie ~Grimmelshausen~ in "Des weltberühmten Simplicissimi Pralerey und Gepräng mit seinem Teutschen Michel u.s.w." (o. O. u. J. Kap. 5 g. E.). Im obengenannten Verzeichnisse bildete Zesen das Wort

*Gottestisch* (für Altar)

wohl mit Anlehnung an 1. Kor. 10, 21 "Teilhaftig sein des Herrn Tisches".--

* * * * *

Samuel *Rodigast* (1649-1708) dichtete das evangelische Gesangbuchlied:

*Was Gott thut, das ist wohlgethan.--*

* * * * *

Wenn in unfeinen Kreisen die Geliebte eines Menschen als seine

*Charmante*

(noch gemeiner: Schockscharmante) bezeichnet wird, so ist dieser Ausdruck dem Französischen nicht unmittelbar entnommen, da "sa charmante" einem Franzosen in diesem Sinne unverständlich ist. "Charmante" ist vielmehr eine der Geliebten des Helden in Christian *Reuter*s (geb. 1665) die entarteten Simpliciaden geisselnden Romane "Schelmuffskys Wahrhafftige, Curiöse und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande, in hochteutscher Frau Muttersprache eigenhändig und sehr artig an den Tag gegeben von E. S". (Hamburg 1696.)--[19]

[Fußnote 19: S. die Anmerkung unter "Ente".]

* * * * *

Das Ende der 2. Strophe im Liede Erdmann *Neumeister*s (1671-1756): "Herr Jesu Christ, mein Fleisch und Blut" lautet:

Herr Jesu Christ! wo du nicht bist, Ist Nichts, das mir erfreulich ist;

was geschmacklos umgestaltet wurde in:

*Wo du nicht bist, Herr Organist, Da schweigen alle Flöten.--*

* * * * *

Als Bezeichnung Berlins findet sich

*Spree-Athen*

wohl zuerst in dem Gedichte des Erdmann *Wircker* zu Friedrichs I. Lobe "An seiner königl. Majestät zu Preussen im Nahmen eines andern", worin es heisst:

"Die Fürsten wollen selbst in deine Schule gehn, Drumb hastu auch für Sie ein Spree-Athen gebauet".

(In dem Buche "Märkische neun Musen, welche sich unter dem allergrossmächtigsten Schutz Sr. koenigl. Majestät in Preussen als Ihres allergnädigsten Erhalters und ändern Jupiters bey glücklichen Anfang Ihres Jubel-Jahres auff dem Franckfurtischen Helicon frohlockend aufgestellt" Erste Assemblée verlegts Johann Völcker 1706. S. 59.)--

* * * * *

*Bramarbas*

für "Prahlhans" ist dem satirischen Gedichte eines nicht bekannten Verfassers "Cartell des Bramarbas an Don Quixote" entnommen, das Philander ~von der Linde~ (Burchard Menke 1675-1732) in der zu seinen "Vermischten Gedichten", (Leipz. 1710) den Anhang bildenden "Unterredung von der deutschen Poesie" mitteilt. Hiernach gab ~Gottsched~ ("Deutsche Schaubühne", Leipz. 1741, III) dem Lustspiele ~Holbergs~ "Jacob von Tyboe eller den stortalende Soldat" (oder der grosssprecherische Soldat), das er in der Übersetzung ~Dethardings~ veröffentlichte, den Titel "Bramarbas oder der grosssprecherische Officier", weil, wie er sich in der Vorrede äussert, der Name Tyboe "in unserer Sprache keine Anmut gehabt haben würde"; er setzt hinzu, dass er diesen Namen dem Philander von der Linde entlehnt habe.--

* * * * *

Ein sorglos bei seinem Tagewerk Singender und überhaupt ein laut Vergnügter wird gern

*Johann, der muntre Seifensieder*

genannt nach der Anfangs- und Schlusszeile des Friedrich *von Hagedorn*schen (1708-54) Gedichtes "Johann der Seifensieder" ("Versuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen" 1. Buch, Hamb. 1738). Auch spricht man kurzweg von einem

*muntren Seifensieder,*

wie denn schon ~Gleim~ ("An die Freude". S. Voss: "Musenalm." f. 1798; S. 88) dichtet:

"Alle muntren Seifensieder Sind verschwunden aus der Welt! Hagedorns und meine Lieder Singt kein Trinker und kein Held!"

~Hagedorn~ schöpfte den Stoff aus ~La Fontaines~ ("Fables" VIII, 2) "Le savetier et le financier", nur machte er aus dem "Schuhflicker" einen "Seifensieder", indem er wohl "savetier" von "savon" ableitete. Die Moral der Geschichte stammt aus Horaz (Epist. 1, 7, 95): "vitae me redde priori"; "gieb mich meiner alten Lebensart zurück!"--

* * * * *

*von Haller* (1708-77) sagt in dem Gedichte "Falschheit menschlicher Tugenden" im "Versuche schweizerischer Gedichte" (1732 in Bern zuerst anonym erschienen):

"Ins Innre der Natur dringt kein erschaffner Geist; Zu glücklich, wann sie noch die äussre Schale weist".

Dieser Behauptung widerspricht ~Goethe~ heftig in den Gedichten "Allerdings" (1820, 3. Heft der Morphologie) und "Ultimatum" (zuerst in der Ausg. von 1827). Aus dem Ersteren citieren wir ~Hallers~ Wort also:

*In's Innre der Natur Dringt kein erschaffner Geist, Glückselig! wem sie nur Die äussre Schale weis't!--*

In demselben Buche Hallers (S. 47) steht zu lesen:

"Unselig Mittelding von Engeln und von Vieh! Du prahlst mit der Vernunft und du gebrauchst sie nie".

~Brockes~ trat in seinem "Irdischen Vergnügen in Gott" (1748; 133. 9, S. 344) diesen Gedanken breit, dem der Altonaer Goldschmied Joachim Lorenz ~Evers~ die knappe Form gab:

*Was ist der Mensch? Halb Tier, halb Engel.*

So nämlich beginnt seine Nr. 369 der 1797 erschienenen "Vierhundert Lieder", die "der geselligen und einsamen Fröhlichkeit gewidmet" sind.

Bemerkt sei hier, dass ~Hallers~ Verse wohl ~Goethe~ ("Faust", "Prolog im Himmel", 43-44) zu den Worten des Mephistopheles über den Menschen anregten:

"Er nennt's Vernunft und braucht's allein, Nur tierischer als jedes Tier zu sein".--

* * * * *

*Sternwarte*

ist ein von *Popowitsch* ("Untersuchungen vom Meere", Frankf. u. Leipz. 1750, S. 89) geschaffener Ausdruck. Nicht ~Haller~ bildete das Wort, wie ~Jahn~ ("Deutsches Volkstum", VIII, 1, 6) angiebt.--

* * * * *

*Baumgarten* (1714-62) hielt 1742 zu Frankfurt a. O. über die Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis Vorlesungen, welche er unter dem Namen "Aesthetica", Frankfurt a. O. 1750-58, herausgab. Daraus entstand

*Aesthetik.--*

* * * * *

*Gellert*s (1715-69) Fabel "Der Tanzbär" (B. 1 der "Fabeln u. Erzählungen", Lpz. 1746) liefert uns das Begrüssungswort für einen Heimkehrenden:

*Petz ist wieder da!*

womit die Bären des Waldes sich freudig anbrummen, als der Tanzbär zu ihnen zurückgekommen ist.--

Aus ~Gellerts~ Erzählung (B. 1): "Die Widersprecherin" haben wir uns zur Bezeichnung einer Widerspruch liebenden Frau das Wort:

*Der Hecht, der war doch blau*

zurecht gemacht, welches in dieser Form nicht darin vorkommt. Es handelt sich in der Fabel darum, ob ein Hecht zu blau oder zu wenig blau gesotten ist; dem Hausherrn ist er's zu wenig, der Hausfrau zu sehr. Da Jener bei seiner Meinung beharrt, so fällt Ismene darob in Ohnmacht, aus der sie Nichts zu erwecken vermag. Ihr Tod scheint gewiss. Der tiefbetrübte Mann bricht in die Klage aus:

"Wer hiess mich dir doch widerstreben, Ach der verdammte Fisch! Gott weiss, er war nicht blau!" Den Augenblick bekam sie wieder Leben. "Blau war er", rief sie aus, "willst Du Dich noch nicht geben?"--

~Gellerts~ Erzählung "Der Greis" (B. 1) schliesst:

(Er ward geboren,) *Er lebte, nahm ein Weib und starb.*

Hiermit ahmte Gellert des ~Chr. Gryphius~ Epigramm nach ("Poetische Wälder". Anderer Teil. Bresl. u. Leipz. 1718, S. 439):

"Ein sechzigjähr'ger Mann ward unlängst beigesetzt; Er kam auf diese Welt, ass, trank, schlief, starb zuletzt.--

Die Schlussworte aus ~Gellerts~ Erzählung "Der sterbende Vater" (1748; B. 2), worin der Vater dem ältesten Sohn ein Juwelenkästchen, dem jüngeren nichts vermacht, heissen:

*Für Görgen ist mir gar nicht bange, Der kommt gewiss durch seine Dummheit fort.--*

Aus ~Gellerts~ Erzählung "Das junge Mädchen" (B. 2) wird citiert:

*Vierzehn Jahr' und sieben Wochen,*

womit dies heiratslustige Wesen eine irrige Angabe ihres Vaters verbessert, als er ihre vierzehn Jahre als Einwand gegen einen Eheschluss anführt. Es ist die Bearbeitung einer Anekdote im "Kurtzweiligen Zeitvertreiber" von 1666, S. 351.--

Aus ~Gellerts~ Erzählung "Der Bauer und sein Sohn" (B. 2) führen wir an:

*Die Brücke kommt. Fritz, Fritz! wie wird dir's gehen?*

was auch umgestaltet wird zu:

*Fritz, Fritz! Die Brücke kommt!--*

Weit verbreitet ist eine geschmacklose Travestie des Beginns von ~Gellerts~ "Morgengesang" ("Geistliche Oden und Lieder" 1757):

"Mein erst Gefühl sei Preis und Dank!"--

Aus ~Gellerts~ Liede "Zufriedenheit mit seinem Zustande" (a.a.O.) sind die Verse:

*Geniesse, was dir Gott beschieden, Entbehre gern, was du nicht hast. Ein jeder Stand hat seinen Frieden, Ein jeder Stand auch seine Last.*

In dem folgenden Liede "Vom Tode" beginnt die zweite Strophe:

*Lebe, wie du, wenn du stirbst, Wünschen wirst, gelebt zu haben.*

Vielleicht ist dieser Gedanke dem frommen Spruchdichter ~Antoine Faure~ (1551-1624) entlehnt, dessen Quatrain No. 48 (Ausg. v. 1612) lautet:

Puisque tu sais quel moyen il faut suivre Pour vivre bien, pourquoi ne vis-tu pas Pour bien mourir ainsi, qu'à ton trépas Tu voudrais bien avoir su toujours vivre?

Faures Quatrains waren noch im 18. Jahrh. ein sehr verbreitetes Spruchbuch. Doch mögen Faure und Gellert aus ~Marc Aurel~ geschöpft haben, der (5, 29) lehrt: "Wie du beim Hinscheiden gelebt zu haben wünschest, so kannst du jetzt schon leben" (Ὡς ἐξελθὼν ζῆν διανοῇ, οὕτως ἐνταῦθα ζῆν ἔξεστιν). In des Christian ~Germann~ aus Memmingen Stammbuch schrieb 1766 ~Gellert~ zu einem Todtenkopf die Worte:

"Fac ea, quae moriens facta fuisse velis".

(s. "Deutsche Stammbücher" der Brüder Keil. 1893 Nr. 1729).--

* * * * *

*Lichtwer* (1719-83) gab 1748 zu Leipzig "Vier Bücher Aesopischer Fabeln" ohne Namen heraus. In der 22. Fabel des 1. Buches "Die Katzen und der Hausherr" lautete, wie in der Ausgabe von 1758, der 1. Vers der 2. Strophe:

Mensch und Tiere schliefen feste,

während in der zu Berlin und Stralsund 1762 mit Namen erschienenen Ausgabe die Fabel umgeändert ist, mit den Worten

*Tier' und Menschen schliefen feste,*

beginnt und ferner die Worte

*So ein Lied, das Stein erweichen, Menschen rasend machen kann,*

enthält, welche in den beiden früheren Auflagen gar nicht vorkommen. Die Fabel schliesst:

*Blinder Eifer schadet nur.--*

Der Anfang von ~Lichtwers~ Fabel (4, 24) "Die Kröte und die Wassermaus":

"Von dem Ufer einer See Krochen annoch Abends späte Eine Wassermaus und Kröte An den Bergen in die Höh"

begeisterte den Berliner Hofschauspieler ~Rüthling~ zu folgenden Versen:[20]

"Eines Abends noch sehr späte Gingen Wassermaus und Kröte Einen steilen Berg hinan".

"Da sprach die Wassermaus zur Kröte: Eines Abends es war schon späte Gehen wir diesen Berg hinan".

"Da sprach zur Wassermaus die Kröte: Eines Abends noch sehr späte Gehen wir diesen Berg hinan!"

"Und so gingen Wassermaus und Kröte Eines Abends noch sehr späte Diesen steilen Berg hinan".

[Fußnote 20: Zu finden in der Intendanturbibliothek des Berliner Kgl. Schauspielhauses (Französischestr. 36) als Einlage im Souffleurbuch von "Richard's Wanderleben" (Lustspiel in 4. Aufz. nach d. Englischen des John O. Keefe frei bearbeitet v. G. Kettel), zuerst aufgeführt 1831.]

Hieraus hat sich das "geflügelte Wort" gebildet:

*Eines Abends spöte Gingen Wassermaus und Kröte Einen steilen Berg hinan ...*

was dann verschieden fortgesetzt zu werden pflegt.--

* * * * *

*Gleim* (1719-1803) sagt in den "Fabeln", Berlin 1756 (anonym), S. 9 am Schlusse der 4. Fabel: "Der Löwe, der Fuchs":

(Denn) *was von mir ein Esel spricht, Das acht' ich nicht.--*

Im "Musenalmanach für das Jahr 1798", hrsg. von J. H. Voss, dichtet ~Gleim~:

"Beim Lesen eines wizreichen Buchs".

"Wiz auf Wiz! Bliz auf Bliz! Schlag auf Schlag! Ob's auch einschlagen mag?"

Hieraus entstammt unser:

*Witz auf Witz! Schlag auf Schlag!*

vrgl. ~Raupachs~ "Schleichhändler" (1828)2, 9, wo der Bader Schelle sagt: "Und so ging der Witz immer weiter, Schlag auf Schlag".--

* * * * *

Fr. K. *von Moser* (1723-98) schrieb an ~Hamann~ ein "Treuherziges Schreiben eines Layen-Bruders im Reich an den

*Magum im Norden*

oder doch in Europa, 1762" (Mosers "Moral. u. pol. Schrift." Bd. 1, Frankf. a. M. 1766, S. 503). Hamann adoptierte das Wort sofort und nannte sich

*Magus im Norden* und *Magus des Nordens.--*

* * * * *

Anton Friedrich *Büsching* (1724-93) übersetzte "Geographie" zuerst mit

*Erdbeschreibung.*

Der 1. Teil seiner "Erdbeschreibung" erschien 1754 in Hamburg.--

* * * * *

*Klopstock* (1724-1803) singt wiederholt in seiner Ode "der Zürchersee" (1750), Dichterunsterblichkeit sei

*des Schweisses der Edlen wert.--*

*Saat, von Gott gesäet, dem Tage der Garben zu reifen,*

was ~Klopstock~ 1758 auf seiner Meta Grab in Ottensen bei Altona setzen liess, was seine zweite Gattin 1803 ihm auf's Grab setzte, und womit ~Rückert~ sein Gedicht "Die Gräber zu Ottensen" schliesst, ist der 845. Vers des 11. Gesangs des "Messias" (1768). ~Klopstock~ lehnt sich hier an Vers 5 und 6 des 125. Psalms an: "Die mit Thränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben".--

* * * * *

Immanuel *Kant*s (1724-1804)

*kategorischer Imperativ*

kommt zuerst in seiner 1785 zu Riga herausgegebenen "Grundlegung der Metaphysik der Sitten" vor, wo es im zweiten Abschnitt heisst: "Alle ~Imperativen~ gebieten entweder ~hypothetisch~ oder ~categorisch~. Jene stellen die praktische Notwendigkeit einer möglichen Handlung als Mittel zu etwas Anderem was man will (oder doch möglich ist, dass man es wolle) zu gelangen vor. Der categorische Imperativ wird der sein, welcher diese Handlung als für sich selbst, ohne Beziehung auf einen andern Zweck, als objektiv notwendig vorstellt". Weiterhin sagt Kant: "Dieser ~Imperativ~ mag der ~der Sittlichkeit~ heissen".--

* * * * *

Karl Wilhelm *Ramler*s (1725-98) Ode: "Der Triumph", worin er Friedrich den Grossen feierte, beginnt:

*Schäme dich, Kamill,* (Dass du mit vier Sonnenpferden In das errettete Rom zogst),

weil der König am 30. März 1763 nach dem Friedensschlusse dem festlichen Empfange der Berliner aus dem Wege gegangen war.--

*Ja, Bauer! das ist ganz was Anders,*

steht in ~Ramlers~ "Fabellese" (Berlin 1783-90), 1, 45 in der Fabel "Der Junker und der Bauer", einer Umschmelzung der Fabel Michael Richeys, welche in dessen "Deutschen Gedichten" (herausg. von Gottfried Schütz in Hamburg von 1764-66) im 1. Bande unter dem Titel "Duo quum faciunt idem, non est idem" (Wenn zwei dasselbe thun, ist's nicht dasselbe) die einhundertneunzehnte Nummer der 4. Abt. "Sinn- und Scherzgedichte" ist, und wo der entsprechende Vers lautet:

Ja, Bauer, das ist ganz ein anders!

Die dort erzählte Geschichte ist alt.--[21]

[Fußnote 21: ~Halliwell~ "Dictionary of archaic and provincial words", Lond. 1844-1845, führt die alte sprichwörtliche Redensart "The case is altered, quoth Plowden" (der Fall ist ein anderer, sprach Plowden) auf diesen ausgezeichneten Juristen zur Zeit der Königin Maria von England (1553-58) zurück. In "Tales and quicke Answeres", (o. J. um 1535) wird sie von einem Bauer in Seeland erzählt; (Shakespeare Jest-Boocks. W. Carew Hazlitt. Lond. 1860. Vol. I. 2. Abt. S. 134, No. 121); auch ~Erasmus~ in "Ecclesiastae sive de ratione concionandi" (2. Ausg., 1536, S. 454) nennt sie eine Seeländische Geschichte. Nach "Luthers Tischreden", Eisleben, 1566, S. 612 erzählte sie ~Luther~ 1546. Dort heisst es: "Da sprach der Schultes: 'War's meine Kuh? Das ist ein ander Ding'. In "~Bidermanni~ ex societate Jesu Acroamatum libri 3" wird in 3, 1, 13 sprichwörtlich "die Kuh des Praetor" angeführt. Eine andere Geschichte, in der einem Bauer doppeltes Recht, das zweite Mal mit den Worten: "Mein Bauer, das wär ein anders" in Aussicht gestellt wird, erzählt ~Grimmelshausen~ im "Wunderbarlichen Vogelnest", 1, 6 (1672); er wiederholt sie im "Deutschen Michel", 8.]

* * * * *

*Ach, wie ist's möglich dann, Dass ich dich lassen kann*

ist der Anfang eines um 1750-1780 entstandenen Volksliedes. ("Deutscher Liederhort" von Erk und Böhme, 1893, No. 548.) Zur ersten Strophe sind zwei hinzugedichtet; diese drei bilden den jetzt üblichen Text, den ~Georg Scherer~ ("Volkslieder", 1868, No. 40) mitteilt. Der neue Text ist komponiert von Moritz ~Ernemann~: "Acht Lieder. Berlin 1825"; darin steht unter dem Texte: ~Hel~. (mina) ~v. Chézy~ (1783-1856).

Die jetzt übliche Melodie hat ~Friedrich Kücken~ (geb. 1810, † 1882) komponiert. Die "Gartenlaube" machte Louis Böhmer († 1860) zum Dichter und Komponisten des Liedes, was ~Hoffmann von Fallersleben~ "Unsere volkstümlichen Lieder", 3. Aufl., Leipzig 1869, S. 159 eine Schrulle nennt. Erk schrieb darüber an Büchmann: "Der Bummelante Böhner kann nichts dazu, dass ihm unverständige Leute die Melodie zugeschrieben haben".--

* * * * *

*Morgen, morgen! nur nicht heute!*[22] (Sprechen immer träge Leute)

ist der Anfang des Liedes "Der Aufschub" von Christian Felix *Weisse* (1726-1804) in dessen "Liedern für Kinder", 1766, verm. Aufl. Mit neuen Melodien v. J. A. ~Hiller~, (Leipz. 1769, S. 104-5). Laut Vorrede sind die Lieder von S. 100 an hier neu hinzugekommen.--

[Fußnote 22: "Also das Eilige auf Morgen" sprach ~Archias~ lächelnd zu Pelopidas und steckte den Brief zu sich, welchen ihm dieser als eilig überbrachte. Das "οὐκοῦν εἰς αὔριον τὰ σπουδαῖα" wurde nach ~Plutarch~ ("Pelopidas" c. 10) sprichwörtlich in Griechenland.]

* * * * *

Aus Gotthold Ephraim *Lessing*s (1729-81) "Sinngedichten" (1753) citieren wir den Schluss des ersten "Die Sinngedichte an den Leser":

(Wer wird nicht einen Klopstock loben? Doch wird ihn Jeder lesen?--Nein.)

*Wir wollen weniger erhoben Und fleissiger gelesen sein.*

Geschöpft sind diese Verse aus ~Martials~ (4, 49) Spottworten an den Dichter Flaccus:

"Confiteor: laudant illa, sed ista legunt",

Ja; dich preisen sie hoch, doch lesen thuen sie mich".--

Aus ~Lessings~ "Liedern" (1, 6) citiert man ungenau, aber verbessernd den Schluss der "Antwort eines trunknen Dichters":

*Zu viel kann man wohl trinken, Doch trinkt man nie genug.*

Im Text heisst es: "Doch nie trinkt man genug".--

Aus ~Lessings~ "Hamburger Dramaturgie", 101.-104. Stück, (1768) stammt:

*Seines Fleisses darf sich jedermann rühmen.--*

Aus "Emilia Galotti" (1772) 1, 4 ist

*Weniger wäre mehr*

durch ~Wielands~ Vermittelung entstanden, welcher im Neujahrswunsche der Zeitschrift "Merkur" von 1774 den Ausspruch des Prinzen:

"Nicht so redlich, wäre redlicher"

folgendermassen umformte:

"Und minder ist oft mehr, wie Lessings Prinz uns lehrt".

(Siehe ~Hesiod~: "die Hälfte ist mehr als das Ganze" und ~Cervantes~, in dessen "Don Quijote" [1, 6 g. E.] der Pfarrer den "Schatz mannichfaltiger Dichtungen" also kritisiert: "como ellas no fueran tantas, fueran mas estimadas", "wären es nicht so viele, so hätten sie mehr Wert").--

Das oft wiederholte Wort aus "Emilia Galotti":

*Raphael wäre ein grosser Maler geworden, selbst wenn er ohne Hände auf die Welt gekommen wäre,*

lautet in derselben Scene eigentlich also:

"Oder meinen Sie, Prinz, dass Raphael nicht das grösste malerische Genie gewesen wäre, wenn er unglücklicher Weise ohne Hände wäre geboren worden?"

(~Seneca~ "De beneficiis", IV, 21: "Artifex est etiam, cui ad excercendam artem instrumenta non suppetunt", "auch der ist ein Künstler, dem zur Ausübung der Kunst die Werkzeuge mangeln").--

Aus "Emilia Galotti" 2, 7 u. 8 wird citiert:

*Perlen bedeuten Thränen,*

womit ~Lessing~ einen Aberglauben wieder auffrischt, der bereits im 9. Jahrh. verbreitet war. Zu jener Zeit erschienen die "Traumlehren" des ~Astrampsychus~ und des ~Nicephorus~ (her. v. Rigaltius. Par. 1603), in denen es heisst: "οἱ μάργαροι (bei Niceph.: "μαργαρῖται") δηλοῦσι δακρύων ῥόον", "Perlen bedeuten einen Thränenstrom".--

Aus "Emilia Galotti" 4, 7 stammt:

*Wer über gewisse Dinge den Verstand* (5, 5: *seinen Verstand*) *nicht verliert, der hat keinen zu verlieren.*

Gewiss kam der in spanischer Litteratur so bewanderte ~Lessing~ auf diese Wendung durch Baltazar ~Gracians~ Wort: "Muchos por faltos de sentido, no le pierden"-- "Viele verlieren den Verstand deshalb nicht, weil sie keinen haben" ("Oraculo manual" § 35, 1637 zuerst erschienen, übersetzt von Arth. ~Schopenhauer~: "Handorakel" 3. Aufl. 1877, S. 22).--

In "Emilia Galotti" 4, 7 heisst es ferner:

(Ha, Frau,) *das ist wider die Abrede.*

~Schiller~ lässt in "Kabale und Liebe", 2, 3, Ferdinand, und im "Fiesco", 2, 9, den Mohren diese Worte sagen. Fr. ~Kind~ legt sie in der Wolfschluchtscene des "Freischütz" dem Jägerburschen Max in den Mund.--

"Emilia Galotti", 5, 2 steht:

*Hohngelächter der Hölle;*

und 5, 6:

*Wer lacht da?* (Bei Gott, ich glaub', ich war es selbst).--

Ebenda 5, 7 ruft Emilia, als sie die Rose zerpflückt hat, die ihrem gemordeten Verlobten Appiani galt, und sie nun, den Dolch im Herzen, niedersinkt:

*Eine Rose gebrochen, ehe der Sturm sie entblättert.--*

"Nathan der Weise" (1779) enthält 1, 2:

*Es ist Arznei, nicht Gift, was ich dir reiche,*

wobei ~Lessing~ wohl an Romeos Worte in "Romeo und Julia", 5, 2:

Come cordial, not poison,

Komm Medizin, nicht Gift,

gedacht hat, und 1, 3 (ähnlich 3, 10):

*Kein Mensch muss müssen.--*

Als Bekräftigung dient uns das in Lessings "Nathan" 1, 5 sechsmal vorkommende Wort des Klosterbruders:

*Sagt der Patriarch.--*

Viel citiert werden auch die Worte Nathans 2, 5:

*Nur muss der Eine nicht den Andern mäkeln, Nur muss der Knorr den Knubben hübsch vertragen, Nur muss ein Gipfelchen sich nicht vermessen, Dass es allein der Erde nicht entschossen.--*

Der Schluss vom 2. Akt des "Nathan" ist:

*Der wahre Bettler ist* (Doch einzig und allein) *der wahre König!--*

4, 2 steht dreimal:

*Thut nichts, der Jude wird verbrannt.--*

und 4, 4:

*Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten.--*

* * * * *

Aus Christoph Martin *Wieland*s (1733-1813) "Idris und Zenide", 3, 10 (1768) citieren wir:

*Ein Wahn, der mich beglückt, Ist eine Wahrheit wert, die mich zu Boden drückt,*

was vielleicht dem Worte ~Grays~ aus "On the Prospect of Eton College" nachgebildet ist:

Where ignorance is bliss, 't is folly to be wise. Wo Nichtwissen Seligkeit, Ist es Thorheit klug zu sein.--

~Wieland~ ist ferner durch seine Worte in "Musarion" (1768 B. 2, V. 142, in späteren Ausgaben, V. 135):

Die Herren dieser Art blend't oft zu viel Licht; Sie seh'n den Wald vor lauter Bäumen nicht,

der Schöpfer der Redensart:

*Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen*

geworden, die er in seiner "Geschichte der Abderiten" (1774), V. 2 wiederholt. ~Blumauer~ bestätigt diese Autorschaft Wielands durch "Aeneis", B. 2, Str. 9:

Er sieht oft, wie Herr Wieland spricht, Den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Eigentlich aber hat Wieland nur ein älteres Wort "die Stadt vor lauter Häusern nicht sehen" umgeändert, welches J. Eiselein ("Sprichwörter" S. 576) falsch auf Agricola zurückführt, und das französischen Ursprungs ist.[23] Auch fühlt man sich erinnert an Ovids (Trist. 5, 4, 9 und 10):

"Nec frondem in silvis, nec aperto mollia prato Gramina, nec pleno flumine cernit aquas."

"Weder die Blätter im Wald, noch auf sonniger Wiese die zarten Gräser, noch im Fluthstrom weiss er das Wasser zu seh'n."

und an des Properz (1, 9. 16): "Medio flumine quaerere aquam", mitten im Fluss das Wasser suchen".--

[Fußnote 23: Edouard Fournier "l'Esprit des Autres", 7. Ausg., S. 2 citiert ein Lied eines poitevinischen Bauern:

La hauteur des maisons Empêch' de voir la ville.

Dies Citat scheint aus der Luft gegriffen. Die Redensart steht vielmehr in "Les bigarrures et touches du seigneur des Accords. Avec les Apophthegmes du Sieur Gaulard. Et les Écraignes dijonnoises. Dernière édition, revue et beaucoup augmentée. Paris. Jean Richter 1603". Der besondere Titel des zweitgenannen Werkes ist: "Les contes facétieux du sieur Gaulard, gentilhomme de la Franche Comté Bourguignotte" (sic!). (1. Ausg. 1582.) S. 21 heisst es: "Als er in Paris war und durch die Strassen ging, sprach er: Jeder sagte mir, ich würde eine so grosse und schöne Stadt sehen; aber man machte sich über mich lustig; denn man kann sie nicht sehen wegen der Menge von Häusern, die den Umblick verhindern". Sam. ~Gerlach~ teilt dann in "Eurapeliae" (Lübeck 1639), 3. Hundert, No. 7-29 närrische Reden und Wendugen des M. Gaulard mit und erzählt No. 24 die eben erwähnte Äusserung.--~Zincgref-Weidner~ ("Apophthegmata", 3. T. 1653 S. 55 und 5. T. 1655 S. 112) wiederholt die Geschichte und nennt den Erzähler (S. 118) Herrn Gaulardt, Baron aus Burgundien.]

In ~Wielands~ "Oberon" (1780) steht

1, 1:

*Ritt in das alte romantische Land,*

5, 30:

*Nichts halb zu thun ist edler Geister Art,*

7, 75:

*Ein einz'ger Augenblick kann Alles umgestalten.--*

Aus ~Wielands~ Singspiel "Alceste", 4, 2 wird citiert:

*Noch lebt Admet* (in deinem Herzen).

1, 2 heisst es:

*noch Lebt dein Admet.--*

* * * * *

August Ludwig *von Schlözer* (1735-1809) wurde in gerechtem Zorn über die Hinrichtung der "Hexe" Anna Göldi aus Glarus zum Schöpfer des Wortes

*Justizmord.*

Nämlich in seinen "Staatsanzeigen" (1782-93; 2. Bd., S. 273) steht ein Aufsatz von ihm: "Abermaliger Justizmord in der Schweiz 1782". In der Fussnote heisst es:

"Ich verstehe unter diesem neuen Worte die Ermordung eines Unschuldigen, vorsätzlich, und sogar mit allem Pompe der heiligen Justiz, verübt von Leuten, die gesetzt sind, dass sie verhüten sollen, dass ein Mord geschehe oder, falls er geschehen, doch gehörig gestraft werde".

Von "assasins juridiques", Justizmördern, sprach übrigens schon ~Voltaire~ in einem Briefe an Friedrich II. (Apr. 1777).--

* * * * *

Aus Gottlieb Konrad *Pfeffel*s (1736-1809) "Tobakspfeife" (1782 gedichtet, 1783 im Vossischen "Musenalmanach" S. 159 erschienen) citiern wir:

*Gott grüss Euch, Alter! Schmeckt das Pfeifchen?*

und:

*Ein andermal von euren Thaten!--*

* * * * *

In Gottlob Wilhelm *Burmann*s (1737-1805) "Kleinen Liedern für kleine Jünglinge" (Berlin und Königsberg 1777) beginnt das Lied "Arbeit" also:

*Arbeit macht das Leben süss.--*

* * * * *

Von Matthias *Claudius* (1740-1815) citieren wir:

*Ach, sie haben Einen guten Mann begraben; Und mir war er mehr*

aus seinem Gedichte "Bei dem Grabe meines Vaters" (I. und II. T. d. "Wandsbecker Bothen", Hamburg 1775, S. 96); aus seinem 1775 im Vossischen "Musenalmanach" auf das Jahr 1776 erschienenen, von Joh. André ("Musikal. Blumenstrauss", Offenbach 1776) komponierten "Rheinweinlied":

*Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben,*

und aus seinem im Vossischen "Musenalmanach" auf das Jahr 1786 erschienenen Liede "Urians Reise um die Welt" die Anfangsverse:

*Wenn jemand eine Reise thut, So kann er was verzählen.--*

* * * * *

Die Bezeichnung einer unmöglichen Existenz durch:

*Messer ohne Klinge, an welchem der Stiel fehlt*

gehört Georg Christoph *Lichtenberg* (1742-99), der im Göttingenschen Taschen-Kalender von 1798 ein "Verzeichnis einer Sammlung von Gerätschaften, welche in dem Hause des Sir H. S. künftige Woche verauktioniert werden sollen", angeblich "nach dem Englischen" mitteilt, in welchem Verzeichnis unser Wort den ersten Auktionsartikel bildet.--

* * * * *

Joh. Gottfried *Herder* (1744-1803) nannte (in der 1801 bis 1803 erschienenen "Adrastea", Bd. 3, im Artikel "Kunst-Sammlungen in Dresden", S. 52-56) Dresden wegen seiner Kunstschätze ein "Deutsches Florenz", woraus

*Elb-Florenz*

entstanden ist.--

Aus seinem Gedichte "Der gerettete Jüngling" (in der Sammlung der Legenden, die Herder in seinen "Zerstreuten Blättern", 6. Sammlung, Gotha 1797, S. 285-289 gab) wird citiert:

*Eine schöne Menschenseele finden Ist Gewinn.--*

Aus ~Herders~ Gedicht "Der Gastfreund" wird

Nur über meinen Leichnam geht der Weg

nicht nach ~Schillers~ Fassung ("Wallenst. Tod" 5, 7):

Erst über meinen Leichnam sollst du hingehn,

sondern nach ~Körners~ ("Hedwig" 3, 10) also citiert:

*Nur über meine Leiche geht der Weg.--*

~Herders~ Gedicht "Die wiedergefundenen Söhne" ("Adrastea" 2, 200-204, Lpz. 1801) bietet:

*Was die Schickung schickt, ertrage! Wer ausharret wird gekrönt.*

Die erste Zeile stammt wohl aus ~Shakespeares~ (Heinrich VI., T. 3, 4, 3):

"What fates impose, that men must needs abide".--

Der von ~Herder~ bearbeitete "Cid" (1805) beginnt:

*Trauernd tief sass Don Diego.--*

Im 28. Gesange heisst es:

*Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo! -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Rückwärts, rückwärts, stolzer Cid!--*

Der 51. Gesang enthält:

"Auf ins Feld! Es geht zum Siege, Krieger, gen Valencia!"

was wir nach Pius Alex. ~Wolffs~ "Preciosa" (1821) 4, 12 in der Form citieren:

*Auf* (denn)*--nach Valencia!*

~Reinhold Köhler~, "Herders Cid und seine französische Quelle", (Lpz. 1867) hat nachgewiesen, dass mit Ausnahme von 14 Romanzen Herders Cid eine bald mehr bald weniger treue metrische Übertragung einer namenlosen französischen Prosabearbeitung der spanischen Cid-Romanzen in der "Bibliothèque universelle des Romans", (1783, Juli) ist. Die 22 ersten Romanzen erschienen in der "Adrastea" 5, 165-239, Leipz. 1803.--

* * * * *

Karl Arnold *Kortum*[24] (1745-1824) lässt in T. I, Kap. 19 der 1784 in Münster erschienenen "Jobsiade" bei den wunderlichen Antworten des Examinanden stets die Verse wiederkehren:

*Über diese Antwort des Kandidaten Jobses Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes.--*

[Fußnote 24: Nicht: ~Kortüm~.]

* * * * *

In Trapps "Braunschweigischem Journal", 11. Stück, Novemberheft 1790, schlägt der Sprachreiniger Joachim Heinrich *Campe* (1746-1818) auf S. 280-282:

*Zerrbild*

oder: "Zerr-gemälde" für "Karikatur" vor und für "Delicatesse" auf S. 282:

*Zartgefühl,*

was ~Weigand~ ohne Begründung auf ~Lessing~ zurückführt. In ~Wielands~ "Pervonte" (1778) wird das Wort noch wie "Zärtlichkeitsgefühl" gebraucht, wenn (3. Teil) Vastola sagt:

"Wo nimmt es wohl Pervonte her, Dass unser einer sich von Zartgefühlen nähre?"--

In seiner Schrift "Über die Reinigung und Bereicherung der deutschen Sprache" (Dritter Versuch. Verb. u. verm. Ausg., Brnschw. 1794, Ausübender Teil, S. 284) empfahl ~Campe~ für "Rendez-vous" das Wort "Stell-dich-ein", welches wir jetzt

*Stelldichein*

schreiben. Ebenda (S. 14) spricht er von dem "anfangs so laut verworfenen, nachher von vielen guten Schriftstellern angenommenen Wort":

*Umwälzung*

für "Revolution". Dies Wort hatte er in den "Briefen aus Paris" zum ersten Male versucht, welche im "Braunschweigischen Journal" abgedruckt wurden. Im 3. Bd., 1789, 2. Brief aus Paris, steht S. 303:

*Staatsumwälzung.--*

* * * * *

Aus Friedrich Justin *Bertuch*s (1747-1822) Lied "Das Lämmchen" ("Wiegenliederchen", Altenburg 1772, S. 30) wird

*Ein junges Lämmchen, weiss wie Schnee,*

und:

Die Freuden, die man übertreibt, Die Freuden werden Schmerzen.

in der Form citiert:

*Die Freuden, die man übertreibt, Verwandeln sich in Schmerzen.--*

* * * * *

Gottfr. Aug. *Bürger*s (1748-94) Gedicht "Die Weiber von Weinsberg" (1774) enthält:

*O weh, mir armen Korydon!,*

eine Klage, die sich ursprünglich auf den in unerwiderter Liebe zum schönen Alexis hinschmachtenden Schäfer Korydon in ~Vergils~ 2. Ecloge[25] bezieht, der den Namen seinem Vorbilde Theokrit entlehnte, in dessen 4. Idylle Korydon handelnd auftritt, während er Idylle 5, 6 nur erwähnt wird. Bürger benutzte ein altes Studentenlied, in dem ein Vers beginnt:

O weh, mir armen Choridon, o weh!

("Studentenlieder des 17. und 18. Jahrh.", herausg. v. Rob. u. Rich. Keil, 1861, S. 171.) Zu erinnern ist hier auch noch an das Gedicht des Adam Olearius:

"Coridons Klage über die jetzige verkehrte Welt".--

[Fußnote 25: Vrgl. Vers 69:

"Ah, Corydon, Corydon! Quae te dementia cepit!" "Korydon, Korydon, Ach! Welch Wahnsinn hat dich ergriffen!"

Wonach dann bei Iuvenal 9, 102 "O Corydon, Corydon!" so viel heisst, wie "O du Hans Narr!"--]

In ~Bürgers~ "Lenore" (Göttinger Musenalmanach von 1774, S. 214) Strophe 1, 3 steht:

*Bist untreu, Wilhelm, oder todt?--*

Strophe 2, 2 bietet:

*Des langen Haders müde.--*

und Strophe 9, 1 u. 2 enthält das Wort:

*Hin ist hin! Verloren ist Verloren!--*

Der 6. Vers der 20. Strophe dieses Gedichtes, der mehrmals darin wiederholt wird:

*Die Toten reiten schnell!*

ist nicht Bürgers Erfindung, sondern (nach ~Althof~ "Leben Bürgers" Göttingen 1798, S. 37) dem Munde eines Bauermädchens entnommen, das er einst im Mondschein singen hörte:

Der Mond, der scheint so helle, Die Toten reiten so schnelle, Fein's Liebchen, graut dir nicht?

Diese wenigen Worte hätten ihm nie wieder aus dem Sinne gewollt, und aus ihnen hätte sich nach und nach das gewaltige Lied "Lenore" gestaltet.

Nach ~Herders~ erst 1815 nach seinem Tode erschienener Recension (Ausg. Suphan, Bd. 20, S. 377-379) des Althofschen Buches hat Herder in seiner Kindheit in einer Weltecke in Ostpreussen oft ein Zaubermärchen erzählen hören, in dem der Refrain (und zwar mit einer Antwort vermehrt) gerade die Strophe war, die Bürger singen hörte. Der Geliebte nämlich reitet mit der Geliebten in einer kalten, mondhellen Winternacht und spricht sie im Weiterreiten wiederholt an:

Der Mond scheint hell, Der Tot reit't schnell, Feinsliebchen, grauet dir?

worauf sie antwortet:

Und warum sollt's mir grauen? Ist doch Feinslieb bei mir.

"Die Toten reiten schnell", heisst es auch in dem in "Des Knaben Wunderhorn" (B. II, S. 19; 1. Ausg. 1808) mitgeteilten Liede "Lenore", welches die Überschrift hat: "Bürger hörte dieses Lied nachts in einem Nebenzimmer". L. ~Erk~ hält es nicht für ein Volkslied. Die Überschrift "Aus dem Odenwald", welche es in der 2. Ausg. v. J. 1846 bekommen hat, enthält wohl nur eine Mutmassung. Erk hat kein solches Lied im Odenwald ausfindig machen können. In der Bearbeitung von Achims ~von Arnim~ und Clemens' ~Brentano~ "Des Knaben Wunderhorn", die ~Birlinger~ und ~Crecelius~ 1876 lieferten, steht es T. 2, S. 263 und ist betitelt "Die Toten reiten schnell". In ~Heines~ "Französischen Zuständen", Brief XIII vom 25. Juli 1840 heisst es:

"Auf den hiesigen Boulevards-Theatern wird jetzt die Geschichte Bürgers, des deutschen Poeten, tragiert; da sehen wir, wie er, die Leonore dichtend, in Mondschein sitzt und singt: Hurrah! les morts vont vite--mon amour, crains-tu les morts?"

Schon Mme de Staël (1813: "De l'Allemagne" XIII) citierte bei Besprechung Bürgers das "Les morts vont vite".--

Aus der Schlussstrophe der "Lenore" ist:

*Geduld! Geduld! wenn's Herz auch bricht!--*

Aus ~Bürgers~ "Der Kaiser und der Abt" ("Gedichte", Götting. 1778) stammt:

*Drei Männer umspannten den Schmerbauch ihm nicht,*

und:

*Der Mann, der das Wenn und das Aber erdacht, Hätt' sicher aus Häckerling Gold schon gemacht.--*

~Bürgers~ Ballade "Die Entführung, oder Ritter Karl von Eichenhorst und Fräulein Gertrude von Hochburg" (Januar 1778) beginnt:

*Knapp', sattle mir mein Dänenross, Dass ich mir Ruh erreite.--*

~Bürgers~ "Trost" (vermutlich 1786):

*Wenn dich die Lästerzunge sticht, So lass dir dies zum Troste sagen: Die schlechtsten Früchte sind es nicht, Woran die Wespen nagen,*

stand zuerst im Göttinger Musenalmanach für 1787, S. 7.--

* * * * *

Ludw. Heinr. Christoph *Hölty*s (1748-76) 1775 verfasstes, im Vossischen Musenalmanach für 1776 zuerst gedrucktes Rheinweinlied beginnt:

*Ein Leben wie im Paradies.--*

Im Jahrgange 1777 des erwähnten Almanachs erschien auch zuerst ein 1776 gedichtetes Lied:

*Wer wollte sich mit Grillen plagen?*

aus dem dann noch die Verse bekannt sind:

*O, wunderschön ist Gottes Erde Und wert darauf vergnügt zu sein.--*

Im Jahrgang 1778 desselben Almanachs steht ~Höltys~ ebenfalls 1776 gedichtetes Lied:

*Rosen auf den Weg gestreut Und des Harms vergessen!*

Diese beiden Lieder fanden durch J. F. Reichardts Composition die weiteste Verbreitung.

Endlich finden wir im Vossischen Musenalmanach von 1779 ~Höltys~ Lied:

*Üb' immer Treu und Redlichkeit,*

das nach der Melodie des Liedes "Ein Mädchen oder Weibchen" aus Mozarts "Zauberflöte" (1791) gesungen zu werden pflegt.--

* * * * *

Aus *Goethe* (1749-1832) sind folgende geflügelte Worte. In "Götz von Berlichingen" (1773) 1. Akt, erwidert Götz den Wunsch Weislingens, er möge Freude an seinem Sohn Karl erleben, mit dem Spruche:

*Wo viel Licht ist, ist starker Schatten.--*

Kurz darauf antwortet Weislingen dem ihm mit den Worten: "Ein fröhlich Herz!" zutrinkenden Götz:

*Die Zeiten sind vorbei! --* (vrgl. das lächelnde "Tempi passati".)

* * * * *

In ~Goethes~ "Clavigo" 1, 1 (1774) sagt Carlos:

*Man lebt nur einmal in der Welt;*

und Akt 2 am Ende:

*Da macht wieder jemand einmal einen dummen Streich.--*

Im 4. Akt gegen Ende sind:

*Luft! Luft! Clavigo!*

die Worte der sterbenden Marie Beaumarchais.--

* * * * *

In "Dichtung und Wahrheit" (14. Buch) gedenkt Goethe seines am 19. Juli 1774 gedichteten Schwankverses "Diné zu Coblenz". Er schildert sich darin bei Tische zwischen Lavater und Basedow sitzend. Lavater belehrt einen Geistlichen über die Geheimnisse der Offenbarung; Basedow beweist einem Tanzmeister, dass die Taufe ein veralteter Gebrauch sei; Goethe widmet sich unterdessen den Genüssen der Mahlzeit:

*Prophete rechts, Prophete links, Das Weltkind in der Mitten.--*

* * * * *

In den "Leiden des jungen Werthers" (1774) B. II, unterm 24. Dez. 1771 lesen wir: "Und das

*Glänzende Elend,*

die Langeweile unter dem garstigen Volke, das sich hier neben einander sieht!"

In ~Gellerts~ Fabel "Damokles" (1746) hiess es schon:

"Bei aller Herrlichkeit stört ihn des Todes Schrecken Und lässt ihn nichts, als teures Elend schmecken".

Dies deutet weiterhin auf ~Ovid~, der ("Met." 11, 133) den Midas in Verzweiflung vor seinen in Gold verwandelten Speisen zum Bacchus beten lässt:

" ... miserere, precor, speciosoque eripe damno".

"Sei barmherzig und mach' mich frei von dem glänzenden Übel!"--

* * * * *

In der "Iris" (Jacobis), Bd. 2, St. 3, März 1775, S. 161-224 erschien ~Goethes~ Singspiel "Erwin und Elmire", das im 1. Auftritte des 1. Aufzuges die Worte enthält:

*Ein Schauspiel für Götter,* (Zwei Liebende zu sehn!)

~Goethe~ mochte hierzu durch ~Gellerts~ Lustspiel "Die zärtlichen Schwestern" (1747) angeregt worden sein, worin es (2, 6) heisst: "Kann wohl ein schönerer Anblick sein, als wenn man zwei zärtliche sieht, die es vor Liebe nicht wagen wollen, einander die Liebe zu gestehen?"--

In "Erwin und Elmire" (a. a. O. S. 242) steht auch das Gedicht "Neue Liebe, neues Leben" mit dem Anfangsvers:

*Herz! mein Herz? was soll das geben?--*

* * * * *

Aus ~Goethes~ Ballade "Der Fischer"[26] wird citiert:

*Kühl bis ans Herz hinan!*

und:

*Halb zog sie ihn, halb sank er hin.--*

[Fußnote 26: In "Volks- und anderen Liedern, mit Begleitung des Fortepiano. In Musik gesetzt von Siegm. Frhr. v. Seckendorff", Weimar 1779, S. 5, in demselben Jahre von ~Herder~ ("Volkslieder", 2. T., S. 3) als "Das Lied vom Fischer" wieder abgedruckt.]

* * * * *

Aus der Ballade "Erlkönig" (1782 im Singspiel "Die Fischerin" erschienen, 1781 gedichtet) wird citiert:

*Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt.--*

* * * * *

Aus dem Gedichte "Das Göttliche" (zuerst im Tiefurter Journal, 1782, No. 40) citieren wir:

*Edel sei der Mensch, Hülfreich und gut.--*

* * * * *

Das von ~Goethe~ am 7. September 1783 an einen Fensterpfosten des Bretterhäuschens auf dem Gickelhahn bei Ilmenau geschriebene Lied:

*Über allen Gipfeln ist Ruh*

schliesst:

*Warte nur, balde Ruhest du auch!--*

* * * * *

Am 16. März 1787 schrieb ~Goethe~ in Bezug auf seine "Iphigenie" in Caserta:

*So eine Arbeit wird eigentlich nie fertig.--*

"Iphigenie", 1787, bietet in 1, 2 die Worte der Titelheldin:

*Das Land der Griechen mit der Seele suchend*

und:

*Ein unnütz Leben ist ein früher Tod*

und:

*Das Wenige verschwindet leicht dem Blick, Der vorwärts sieht, wie viel noch übrig bleibt,*

ferner die des Arkas:

*Ein edler Mann wird durch ein gutes Wort Der Frauen weit geführt.--*

In ~Goethes~ "Iphigenie" 1, 3 stehen die Worte des Thoas:

*Du sprichst ein grosses Wort gelassen aus*

und:

*Man spricht vergebens viel, um zu versagen; Der andre hört von allem nur das Nein;*

in 2, 1 die Worte des Pylades:

*Lust und Liebe sind die Fittige Zu grossen Thaten;*

endlich in 3, 1 die Worte des Orest an Iphigenie:

*Zwischen uns sei Wahrheit!*

die Friedrich Wilhelm IV., der belesene Fürst, am 11. Apr. 1847 dem vereinigten Landtage zurief.--

* * * * *

*Das Beste ist gut genug*

ist entnommen aus ~Goethes~ "Italiänischer Reise", unter "Neapel", am Ende des 2. Briefes vom 3. März 1787, wo es heisst: "In der Kunst ist das Beste gut genug".--

* * * * *

~Aristophanes~, der Dichter des von Goethe 1787 übersetzten Lustspiels "Die Vögel" wird im Epiloge zu dieser Übersetzung von ~Goethe~

*der ungezogene Liebling der Grazien*

genannt, ein Wort, das später gern auf Heinrich ~Heine~ angewendet wurde. Vielleicht zuerst 1846 von L. ~Schücking~ (s. dessen "Lebenserinnerungen" 1886, Bd. 2, S. 137 und 140).--

* * * * *

Aus ~Goethes~ "Egmont" (1788) werden die Worte 3, 2:

*Ich versprach dir einmal Spanisch zu kommen*

von demjenigen citiert, welcher mit einem Rohrstocke droht.--

Clärchens Lied in "Egmont", Akt 3:

*Freudvoll Und leidvoll, Gedankenvoll sein; Langen Und Bangen In schwebender Pein, Himmelhoch jauchzend, Zum Tode betrübt, Glücklich allein Ist die Seele, die liebt,*

wurde uns zu einer Kette von "Geflügelten Worten". "Langen" hat hier die Bedeutung von "Verlangen tragen", "sich sehnen" (englisch: to long), und wird oft in "Hangen" verändert.

Geschah dies zuerst durch ~Beethoven~, der 1810 die Musik zum Egmont mit dieser Veränderung drucken liess? In der Handschrift des Egmont auf der Königl. Bibliothek zu Berlin steht von ~Goethes~ Hand: "Langen"; "Hangen" wurde wohl durch die 'schwebende Pein' hervorgerufen. Das Volk singt wie der vermeintliche Schneidergeselle in ~Heines~ "Harzreise" (1824):

Freudvoll und leidvoll, Gedanken sind frei.

"Zum Tode betrübt" entlehnte ~Goethe~ den Worten Jesu (Matth. 26, 38; Mark. 14, 34):

"Meine Seele ist betrübt bis an den Tod".--

Auch sind die gegen Ende des 5. Aktes von Egmont gesprochenen Worte zu verzeichnen:

*Süsses Leben! schöne freundliche Gewohnheit des Daseins und Wirkens! von dir soll ich scheiden!--*

* * * * *

Aus dem Singspiele "Die ungleichen Hausgenossen", woran ~Goethe~ 1785-89 arbeitete, ist das zuerst in Schillers Musen-Almanach für 1796 veröffentlichte Gedicht: "Antworten bei einem gesellschaftlichen Fragespiel". Daraus führen wir an die Worte eines "Erfahrenen":

*Geh' den Weibern zart entgegen, Du gewinnst sie auf mein Wort. Und wer rasch ist und verwegen, Kommt vielleicht noch besser fort. Doch, wem wenig d'ran gelegen Scheinet, ob er reizt und rührt, Der beleidigt, der verführt.--*

* * * * *

Aus dem 1789 im 8. Bd. von "Goethes Schriften" (Leipz., Göschen) erschienenen Gedichte "Beherzigung" wird die Schlussstrophe citiert:

*Eines schickt sich nicht für alle! Sehe jeder, wie er's treibe, Sehe jeder, wo er bleibe, Und wer steht, dass er nicht falle.*

Der letzte Vers beruht auf 1. Korinther 10, 12: "... wer sich lässt dünken, er stehe, mag wohl zusehen, dass er nicht falle", während der erste Vers aus lateinischer Quelle geflossen zu sein scheint. Vrgl. ~Cicero~ pro Roscio Amerino 42, 122: "Non in omnes, arbitror, omnia convenire"; ~Properz~ 4, 9, 7: "Omnia non pariter rerum sunt omnibus apta"; ~Tacitus~ "Ann." 6, 54: "non eadem omnibus decora" und ~Plinius~ "Epist." 6, 27: "non omnibus eadem placent, nec conveniunt quidem".--

Unmittelbar hinter diesem Gedichte stand dasjenige, welches jetzt "Erinnerung" heisst:

*Willst du immer weiter schweifen? Sieh', das Gute liegt so nah. Lerne nur das Glück ergreifen: Denn das Glück ist immer da.*

Das Gedicht: "Frisches Ei, gutes Ei" endigt:

*Begeisterung ist keine Heringsware, Die man einpökelt auf einige Jahre.--*

Das Gedicht: "Wie du mir, so ich dir" heisst:

*Mann mit zugeknöpften Taschen, Dir thut niemand was zu lieb; Hand wird nur von Hand gewaschen; Wenn du nehmen willst, so gieb!*

vrgl.: "manus manum lavat".--

* * * * *

Aus ~Goethes~ "Tasso" (1790) citieren wir:

*Du siehst mich lächelnd an, Eleonore,* (1, 1) (Und siehst dich selber an und lächelst wieder);

*Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, Ist eingeweiht;* (1, 1)

*Es bildet ein Talent sich in der Stille, Sich ein Charakter in dem Strom der Welt;* (1, 2)

(_Doch--haben alle Götter sich versammelt Geschenke seiner Wiege darzubringen:_)

*Die Grazien sind leider ausgeblieben.* (2, 1)--

Das 2, 1 vorkommende:

"So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt"

wird in der Form citiert:

*Man merkt die Absicht und man wird verstimmt.--*

In derselben Scene finden wir das Wort Tassos:

*Erlaubt ist, was gefällt,*

was dem

libito fè licito

aus ~Dantes~ "Hölle" V, 55 nachgeahmt zu sein erscheint, aber von Goethe aus ~Tassos~ Schäferspiel "Aminta" entnommen ist, worin die zweite Strophe des Chorliedes am Ende des ersten Aktes mit den Worten schliesst:

"ein goldnes, glückliches Gesetz, Das die Natur schrieb: Wenn's gefällt, so ziemt's,"

wie überhaupt die begeisterten Worte über die goldene Zeit, die Goethe hier dem Tasso in den Mund legt, eine Umschreibung dieses Chorgesanges sind. Zu Grunde liegt wohl dem Allem das freche "si libet, licet", was Julia zu ihrem Stiefsohn Caracalla sagte, als er sie zum Weibe begehrte (bei ~Spartian~: "Antonin. Caracalla", c. 10). -- Die Prinzessin erhebt dann bei Goethe sofort den Spruch des Dichters zu dem einfach schönen:

"Erlaubt ist, was sich ziemt",

wozu sie ihm den Weg durch die Worte weiset:

*Willst du genau erfahren, was sich ziemt, So frage nur bei edlen Frauen an.*

Die Gegenüberstellung des "Erlaubt ist, was gefällt", und des "Erlaubt ist, was sich ziemt", verdankte Goethe entweder dem Schäferdrama "Il pastor fido" (1585) des ~Guarini~ (Mailand. 1807. S. 368ff.), der in bewusstem Gegensatze zu Tassos Worten singt: "Wenn es sich ziemt, gefällt's" (piaccia, se lice"), oder er entnahm es diesen ihm wohl durch Herder zugänglich gemachten Versen des Jakob ~Balde~ (geb. 1603, gest. 1668; "Poemata" Colon. 1660. "Lyric." IV, Od. 14. Str. 12):

"Ardente Roma: QVOD LIBET, HOC LICET Clament NERONES: QVOD LICET, HOC LIBET; TRAJANE, dices. At nec omne Quod licet, hoc libeat regenti."

Herder arbeitete, ehe der "Tasso" erschien, an einer Übersetzung des Balde. In der "Terpsichore" I. T. 1795 lautet bei ihm die obige Strophe (s. "Sämtl. Werke", her. v. B. Suphan, Bd. 27, S. 67):

"Neronen singen, während dem Brande Roms: 'Erlaubt ist, was beliebet'. Mein König singt: 'Nur was erlaubt ist, das beliebt mir'. Königen auch ist erlaubt nicht Alles".--

* * * * *

Aus ~Goethes~ "Faust. Ein Fragment". (Echte Ausgabe. Leipzig, Göschen. 1790) wird citiert:

Nacht.

Faust: *Da steh' ich nun, ich armer Thor! Und bin so klug, als wie zuvor. Es möchte kein Hund so länger leben! Urväter Hausrat. Welch Schauspiel! aber ach! ein Schauspiel nur! Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein!*

Geist: (So schaff ich) *am sausenden Webstuhl der Zeit.*

Faust: *Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen. Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen. Wenn es euch nicht von Herzen geht.*

Wagner: (Allein) *der Vortrag macht des Redners Glück.*

Faust: *Es trägt Verstand und rechter Sinn Mit wenig Kunst sich selber vor.*

Wagner: (Und) *wie wir's dann zuletzt so herrlich weit gebracht.--*

Faust. Mephistopheles. (Seit der Ausgabe von 1808: Studierzimmer.)

Mephist.: *Ich sag' es dir: ein Kerl, der spekuliert, Ist wie ein Tier, auf* (einer Heide. Seit 1808:) *dürrer Heide Von einem bösen Geist im Kreis herum geführt, Und rings umher liegt schöne grüne Weide.--*

(Schülerscene.)

Mephist.: *In spanische Stiefel eingeschnürt.*

Mephist.: *Irrlichteriere(n)*

Schüler: *Mir wird von allem dem so dumm,[27] Als ging mir ein Mühlrad im Kopf herum.*

Schüler: *Denn was man schwarz auf weiss besitzt Kann man getrost nach Hause tragen.*

[Fußnote 27: In den späteren Bearbeitungen: *von alle dem.*]

Mephist.: *Es erben sich Gesetz' und Rechte Wie eine ew'ge Krankheit fort.*

Mephist.: (Vernunft wird Unsinn, Wohlthat Plage;) *Weh dir, dass du ein Enkel bist!* (_Vom Rechte, das mit uns geboren ist, Von dem ist leider nie die Frage._)

Mephist.: *Im Ganzen--haltet euch an Worte! Am besten ist's auch hier, wenn ihr nur Einen hört Und auf des Meisters Worte schwört.*

(vrgl. ~Horaz~ "Epist." I, 1, 14, "jurare in verba magistri".)

Mephist.: *Denn eben wo Begriffe fehlen, Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.*

Mephist.: *Ich bin des trocknen Tons nun satt.*

Mephist.: *Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen.*

Mephist.: *Doch der den Augenblick ergreift, Das ist der rechte Mann.*

Mephist.: *Besonders lernt die Weiber führen; Es ist ihr ewig Weh und Ach So tausendfach Aus einem Punkte zu kurieren.*

Schüler: *Das sieht schon besser aus! Man sieht doch, wo und wie.*

Mephist.: *Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, Und grün des Lebens goldner Baum.*

Mephist.: (_Folg' nur dem alten Spruch und meiner Muhme, der Schlange_), *Dir wird gewiss einmal bei deiner Gottähnlichkeit bange!*

Mephist.: *Sobald du dir vertraust, sobald weisst du zu leben.--*

Auerbach's Keller in Leipzig.

Siebel: (Fühlt man erst recht) *des Basses Grundgewalt.*

Brander: *Ein garstig Lied! Pfui! Ein politisch Lied!*

Brander: *Hatte sich ein Ränzlein angemäst't Als wie der Doktor Luther.*

Mephist.: (Mit) *wenig Witz und viel Behagen.*

Frosch: *Mein Leipzig lob' ich mir! Es ist ein klein Paris und bildet seine Leute.*

Schon in einer Beschreibung Leipzigs vom Jahre 1768 heisst es "Paris im Kleinen" (Düntzers Faust, 2. Aufl.) und in dem seltenen Buche "Gepriesenes Andencken von Erfindung der Buchdruckerey ...", Lpzg. 1740, singt der Magister und Rektor in Sangerhausen, Christian Gottlob ~Kändler~ (S. 139):

"So schlecht der Fremde von uns spricht, So untersteht er sich doch nicht, Was Leipzig drucket zu verschmähen, Papier und Littern sind zu schön, Er denkt zum Schluss: Paris zu sehen, Allein er siehet Leipzig stehn".

Mephist.: *Den Teufel spürt das Völkchen nie, Und wenn er sie beim Kragen hätte.*

*Spanien, das Land des Weins und der Gesänge*

entwickelte sich aus den Worten des Mephistopheles:

"Wir kommen erst aus Spanien zurück, Dem schönen Land des Weins und der Gesänge".

Frosch: *Denn wenn ich judicieren soll, Verlang' ich auch das Maul recht voll.*

Brander: *Ein echter deutscher Mann mag keinen Franzen leiden, Doch ihre Weine trinkt er gern.*

_Alle singen: _*Uns ist ganz kannibalisch wohl Als wie fünfhundert Säuen.--*

Hexenküche.

Mephist.: (Auch) *die Kultur, die alle Welt beleckt,* (Hat auf den Teufel sich erstreckt).

Mephist.: *Den Bösen sind sie los, die Bösen sind geblieben.*

Mephist.: *Dies ist die Art, mit Hexen umzugehn.*

Mephist.: (Denn) *ein vollkommner Widerspruch Bleibt gleich geheimnisvoll für Kluge wie für Thoren.*

Mephist.: *Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, Es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.--*

Strasse.

Faust: *Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, Meinen Arm und Geleit ihr anzutragen?--*

Abend.

Margarete: *Nach Golde drängt, Am Golde hängt Doch Alles!*

Mephist.: *Gleich schenken? Das ist brav! Da wird er reüssieren!--*

Der Nachbarin Haus.

Mephist.: *Es ist eine der grössten Himmelsgaben, So ein lieb Ding im Arm zu haben.* (In späteren Ausgaben: *'s ist* u.s.w.)

Margarete: *Das ist des Landes nicht der Brauch.*

Mephist.: *Durch zweier Zeugen Mund Wird allerwegs die Wahrheit kund.*

(Dies ruht auf 5. Mos. 19, 15: "Es soll kein einzelner Zeuge wider jemand auftreten, sondern in dem ~Munde zweier~ oder dreier ~Zeugen~ soll die Sache bestehen" und auf Joh. 8, 17: "Auch stehet in eurem Gesetz geschrieben, dass zweier Menschen Zeugnis ~wahr~ sei", vrgl. 5. Mos. 17, 6; Matth. 18, 16; 2. Kor. 13, 1; 1. Tim. 5, 19.)

Faust: *Wer recht behalten will und hat nur eine Zunge Behält's gewiss.--*

Gretchens Stube.

Gretchen: *Meine Ruh' ist hin. Mein Herz ist schwer.--*

Marthens Garten.

Faust: *Name ist Schall und Rauch, Umnebelnd Himmelsgut.*

Margarete: *Es thut mir lang schon weh', Dass ich dich in der Gesellschaft seh'.*

Faust: *Es muss auch solche Käuze geben.*

Faust: *Ahnungsvoller Engel* (du)!

Faust: *Du hast nun die Antipathie!*

Margarete: *Ich habe schon so viel für dich gethan, Dass mir zu thun fast nichts mehr übrig bleibt.*

Mephist.: *Die Mädels sind doch sehr interessiert, Ob einer fromm und schlicht nach altem Brauch. Sie denken, duckt er da, folgt er uns eben auch.*

Mephist.: *Hab' ich doch meine Freude d'ran!--*

Dom.

Gretchen: *Nachbarin! Euer Fläschchen!--*

Aus ~Goethes~ 1794 erschienenem "Reinecke Fuchs" stammt:

*Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen.--*

* * * * *

Im 11. Kap. des 2. Buches von "Wilhelm Meisters Lehrjahren" (erschienen 1795 und 1796) kommt in dem am Schlusse stehenden Liede des Harfenspielers (gedichtet 1782):

*O Trank der süssen Labe!*

vor. Das Lied erhielt später unter "Balladen" den Titel: "Der Sänger". Hier sind die Worte verändert in:

*O Trank Toll süsser Labe!--*

Die Worte des Harfenspielers in "Wilhelm Meisters Lehrjahren" 2, 13:

*Wer nie sein Brot mit Thränen ass, Wer nie die kummervollen Nächte Auf seinem Bette weinend sass, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte*

schrieb die Königin Luise in ihr Tagebuch, als sie auf der Flucht nach Königsberg am 3. Dez. 1806, von einem Schneesturm überfallen, zu Ortelsburg in ein Bauernhaus einkehren musste. Goethe spricht sich bewegt hierüber aus in den "Sprüchen in Prosa" (n. 153. Werke 19, 43. Hempel. vrgl. "Du speisest sie mit Thränenbrot" ... Ps. 80, 6 und "Der Betrübten Brot" Hosea 9, 4).--

Aus der sich bei ~Goethe~ anschliessenden Strophe:

Ihr führt ins Leben uns hinein, Ihr lasst den Armen schuldig werden, Dann überlasst ihr ihn der Pein; *Denn alle Schuld rächt sich auf Erden,*

ist der letzte Vers sehr bekannt. Dahinter steht bei ~Goethe~ ein anderer Gesang des Harfenspielers, welcher beginnt:

*Wer sich der Einsamkeit ergiebt, Ach! der ist bald allein!--*

*Das Land, wo die Citronen blüh'n,*

ist aus dem Liede "Mignon" (Wilhelm Meisters Lehrjahre 3, 1): "Kennst du das Land, wo die Citronen blüh'n?"--

In der 3. Strophe heisst es:

*Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg,*

was auf unklare Menschen angewendet zu werden pflegt.--

In "Wilhelm Meisters Lehrjahren" 4, 9 stehen Philines Worte:

*wenn ich dich lieb habe, was geht's dich an!*

~Goethe~ citiert sie in "Wahrheit und Dichtung", 14. Buch, also: "Jenes wunderliche Wort (~Spinozas~): "Wer Gott recht liebt, muss nicht verlangen, dass Gott ihn wieder liebe", mit allen den Vordersätzen, worauf es ruht, mit allen den Folgen, die daraus entspringen, erfüllte mein ganzes Nachdenken. Uneigennützig zu sein in Allem, am uneigennützigsten in Liebe und Freundschaft, war meine höchste Lust, meine Maxime, meine Ausübung, so dass jenes freche spätere Wort

*Wenn ich dich liebe, was geht's dich an*

mir recht aus dem Herzen gesprochen ist". Das Wort ~Spinozas~ steht in seiner Ethik, pars V, propositio XIX in der Form: "Qui Deum amat, conari non potest, ut Deus ipsum contra amet".--

Wir citieren die Überschrift des 6. Buches von "Wilhelm Meisters Lehrjahren", wenn wir

*Bekenntnisse einer schönen Seele*

sagen.--

* * * * *

~Goethes~ Ballade "Der Zauberlehrling" (zuerst in Schillers Musen-Almanach für 1798, S. 32) enthält die Worte:

*Die ich rief, die Geister, Werd' ich nun nicht los;*

und aus seiner Ballade "Der Schatzgräber" (zuerst ebenda S. 46) wird citiert:

*Tages Arbeit! Abends Gäste! Saure Wochen! Frohe Feste!--*

* * * * *

Aus ~Goethes~ Sonett in "Was wir bringen" (Vorspiel bei Eröffnung des neuen Schauspielhauses zu Lauchstädt: 26. Juni 1802; 19. Auftritt) wird citiert:

*In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister.*

Dies Sonett befindet sich mit dem Titel "Natur und Kunst" auch in dem "Epigrammatisch" überschriebenen Abschnitte seiner Gedichte.--

* * * * *

Im Wieland-Goetheschen "Taschenbuch auf das Jahr 1804", S. 97 steht ~Goethes~ "Tischlied" zum 22. Jan. 1802:

*Mich ergreift, ich weiss nicht wie, Himmlisches Behagen;*

und S. 113 das Gedicht "Schäfers Klagelied", das nach Zelters "Briefwechsel mit Goethe" (I, S. 21 und 41) schon 1802 bekannt war. Am Ende der zweiten Strophe befinden sich, die das träumende Hinabwandeln des Schäfers vom Berge schildernden Zeilen:

*Ich bin heruntergekommen Und weiss doch selber nicht wie,*

die wir in ganz anderem Sinne ("heruntergekommen" in übertragener Bedeutung) citieren.--

* * * * *

Aus ~Goethes~ (ebenda S. 115-116 zuerst erschienenem) Gedichte "Trost in Thränen" wurde üblich:

*Die Sterne, die begehrt man nicht.*

S. 150 ebenda lässt ~Goethe~ am Ende des Gedichtes "Frühlingsorakel" den Kuckuck seinen eigenen Namen

*Mit Grazie in infinitum*

wiederholen.--

* * * * *

Aus dem zu Schillers Todtenfeier am 10. Aug. 1805 von der Lauchstädter Bühne erklungenen ~Goethe~schen "Epiloge zu Schillers Glocke" blieben die folgenden Worte der vierten Strophe haften:

*Denn er war unser!* (_Mag das stolze Wort Den lauten Schmerz gewaltig übertönen!_) *Und hinter ihm in wesenlosem Scheine, Lag, was uns Alle bändigt, das Gemeine.*

Erschienen im "Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1806" her. v. Huber, Lafontaine, Pfeffel u. A., Tübingen, J. G. Cotta; wiederholt und erneut bei der Vorstellung am 10. Mai 1815; abgedruckt in den "Sämtl. Werk." 6, 423. Stuttg. u. Tüb., J. G. Cotta 1840.--

* * * * *

Aus dem in Tübingen, 1808, bei Cotta (8. Band von ~Goethes~ Werken) erschienenen "Faust" wird citiert:

Zueignung (gedichtet 1797).

*Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten.--*

Vorspiel auf dem Theater.

Direktor: (Zwar sind sie an das Beste nicht gewöhnt. Allein) *sie haben schrecklich viel gelesen.*

Dichter: *Was glänzt, ist für den Augenblick geboren, Das Echte bleibt der Nachwelt unverloren.*

Direktor: *Wer Vieles bringt, wird Manchem etwas bringen.*

_Lustige Person:_ *Greift nur hinein in's volle Menschenleben!*

_Lustige Person:_ *Und wo ihr's packt, da ist's interessant.*

_Lustige Person:_ *Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen, Ein Werdender wird immer dankbar sein.*

Direktor: *Der Worte sind genug gewechselt, Lasst mich auch endlich Thaten seh'n.--*

Prolog im Himmel.

Der Herr: *Es irrt der Mensch, so lang er strebt.*

Der Herr: *Ein guter Mensch, in seinem dunkeln Drange Ist sich des rechten Weges wohl bewusst.*

Mephist.: *Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern.--*

Faust. Der Tragödie erster Teil. Nacht.

Wagner: *Zwar weiss ich viel, doch möcht' ich alles wissen.*

Faust: *Was du ererbt von deinen Vätern hast. Erwirb es, um es zu besitzen.*

Faust: *Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube; Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.--*

Vor dem Thor.

Bürger: *Nein, er gefällt mir nicht, der neue Burgemeister!*

_Andrer Bürger:_ *... hinten, weit in der Türkei.*

Faust: *... ein dunkler Ehrenmann.*

Faust: *Was man nicht weiss, das eben brauchte man, Und was man weiss, kann man nicht brauchen.*

Faust: *Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust.* _Die eine will sich von der andern trennen; Die eine hält mit derber Liebeslust Sich an die Welt mit klammernden Organen; Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust Zu den Gefilden hoher Ahnen._

Schon Wieland lässt in dem lyrischen Drama "Die Wahl des Herkules" (1773) diesen, zwischen Tugend und Begehrlichkeit schwankenden Halbgott ausrufen:

"Zwei Seelen--ach, ich fühl' es zu gewiss! Bekämpfen sich in meiner Brust Mit gleicher Kraft." ...

Und lange vor Wieland singt ~Racine~ (1639-1699) im dritten Gesange seiner "Cantiques spirituels", "Plainte d'un Chrétien sur les contrariétés qu'il éprouve au dedans de lui-même", den er dem siebenten Kapitel des "Römerbriefes" entlehnte, wo Paulus den Kampf seines inneren und äusseren Menschen schildert:

"Mon Dieu, quelle guerre cruelle! Je trouve deux hommes en moi: L'un veut, que plein d'amour pour toi, Mon coeur te soit toujours fidèle,-- L'autre, à tes volontés rebelle, Me révolte contre la loi".

"L'un tout esprit et tout céleste, Veut, qu'au ciel sans cesse attaché, Et des biens éternels touché, Je compte pour rien tout le reste, Et l'autre par son poids funeste Me tient vers la terre penché". etc.

~Wieland~ und ~Goethe~ setzten für "deux hommes" unwillkürlich "deux âmes" als den üblichen Begriff. Sie kannten wohl die Lehre des Mani (3. Jahrh. n. Chr.), von deren Anhängern Balthasar ~Bekker~ ("Bezauberte Welt" I. Buch, XVIII. Hauptstück § 7; holländ. 1691, deutsch 1693 Amsterd.) sagt: "Sie halten gar dafür, dass jeder Mensch zwo Seelen habe, deren eine allezeit wider die andere streite". Und Beide hatten gewiss in ~Xenophons~ "Cyropaedie" VI, 41 des wider Willen sündhaft verliebten Araspes Vermuthung gelesen, "er müsse ohne Frage zwei Seelen haben (δύο γὰρ, ἔφη, ὦ Κῦρε, σαφῶς ἔχω ψυχάς), denn ~eine~ Seele könne nicht böse ~und~ gut sein, noch zugleich etwas wollen und es auch nicht wollen." Bereits in den "Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten" (1793-1795) lässt ~Goethe~ den "Alten" von "Ferdinand" sagen, er habe seiner Eltern grundverschiedene Gemüthsarten in sich vereinigt, so dass "seine Freunde zu der Hypothese ihre Zuflucht nehmen mussten, dass der junge Mann wohl zwei Seelen haben mochte"; und weiterhin heisst es da "die gute Seele schien die Oberhand zu gewinnen". ~Hierzu~ brauchte ~Goethe~ Racine nicht; seine Faustworte aber strömen klar aus jener Quelle.--

Faust: (Du hast wohl recht:) *ich finde nicht die Spur Von einem Geist, und alles ist Dressur.*--

Studierzimmer.

Faust: *mein geliebtes Deutsch.*

Mephist.: *Wozu der Lärm? was steht dem Herrn zu Diensten?*

Faust: *Das also war des Pudels Kern!*

Faust: *Der Kasus macht mich lachen.*

Mephist.: *der Geist, der stets verneint!*

Mephist.: *Beisammen sind wir, fanget an!*

Mephist.: *Du bist noch nicht der Mann, den Teufel fest zu halten!--*

Studierzimmer.

Mephist.: *Allwissend bin ich nicht; doch viel ist mir bewusst.*

Faust: *Was willst du armer Teufel geben?*

Faust: *Verweile doch! Du bist so schön!*

(vrgl. T. II, 5 "Grosser Vorhof des Palastes".)

Mephist.: *Blut ist ein ganz besondrer Saft.*

Schon in Christian Heinrich ~Postels~ Singspiel "Die Gross-Muthige Thalestris oder Letzte Königin der Amazonen" (Hamburg. Vorgestellet anno 1690) heisst es im "anderen Auftritt":

"Blut ist der Safft vor allen Säfften, Der tapfren Muth im Herzen kann ernähren".--

Hexenküche.

Mephist.: *Ein stiller Geist ist Jahre lang geschäftig; Die Zeit nur macht die feine Gährung kräftig.*

Tiere: (Wir kochen) *breite Bettelsuppen.--*

Walpurgisnacht.

Mephist.: *süsser Pöbel.*

(G. v. ~Loeper~ führt dies Wort in seiner Ausgabe des Faust auf ein "dolce plebe" im Ariost zurück, giebt aber keine Stelle an.)

Mephist.: *Die Müh' ist klein, der Spass ist gross.*

Mephist.: *Du glaubst zu schieben und du wirst geschoben.*

(vrgl. "Maximes et réflexions morales du Duc de la Rochefoucauld" 1782, No. 43 "L'homme croit souvent se conduire lorsqu'il est conduit".)--

Feld.

Mephist.: *Sie ist die erste nicht.* (Nicht Goethes Erfindung, sondern ein altes Wort.)--

Kerker.

Faust: *Der Menschheit ganzer Jammer fasst mich an.*

Margarete: *Heinrich! Mir graut's vor dir.--*

* * * * *

Das Bild

*der rote Faden*

wird in ~Goethes~ "Wahlverwandtschaften" (1809), II. 2, also erklärt:

"Wir hören von einer besonderen Einrichtung bei der englischen Marine: Sämtliche Tauwerke der königlichen Flotte, vom stärksten bis zum schwächsten, sind dergestalt gesponnen, ~dass ein roter Faden durch das Ganze durchgeht~, den man nicht herauswinden kann, ohne alles aufzulösen, und woran auch die kleinsten Stücke kenntlich sind, dass sie der Krone gehören.

Ebenso zieht sich durch Ottiliens Tagebuch ein Faden der Neigung und Anhänglichkeit, der alles verbindet und das Ganze bezeichnet".

~Goethe~ citiert den roten Faden noch einmal in den "Wahlverwandtschaften", II, 4 zur Einleitung eines Stücks von Ottiliens Tagebuch: "Manches Eigene von innigerem Bezug wird an dem roten Faden wohl zu erkennen sein."

"Dieser rote Faden" schrieb Lothar ~Bucher~ ("National-Zeit." 8. Juli 1865 Morgenbl.), "sieht in Wirklichkeit gar nicht rot aus, sondern gelb". Das war aber damals nur bei den in Chatham angefertigten Tauen der englischen königlichen Marine der Fall, während die aus Portsmouth rot, die aus Plymouth blau und die aus Pembroke grün gekennzeichnet wurden. Jetzt ist der rote Faden allein üblich, was zu Goethes Zeit sich ebenso verhalten haben wird. Seit 1776 besteht der Brauch in Englands Flotte. Als Unterscheidungszeichen für Zwillinge kommt "der rote Faden" 1. Mos. 38, 28 u. 30 vor.--

*Es wandelt niemand ungestraft unter Palmen*

(d.h. in der Region der Ideale) steht im Tagebuche Ottiliens ("Wahlverwandtschaften", II, 7) und wird oft vergeblich in ~Lessings~ "Nathan" gesucht. Dort sagt I, 6 der Tempelherr zu Daja: "Weib macht mir die Palmen nicht verhasst, worunter ich so gern sonst wandle".--

* * * * *

*Nur der Lump ist bescheiden*

entlehnen wir ~Goethes~ Versen aus dem zuerst 1810 im "Pantheon" gedruckten, von Zelter komponierten Gedichte "Rechenschaft":

Nur die Lumpe sind bescheiden, Brave freuen sich der That.

Goethe mag hierauf, wie Schopenhauer ("Par. u. Paral." 2, 496; Lpzg. 1877) bemerkte, durch ~Cervantes~ gekommen sein, welcher in den seiner "Reise auf den Parnass" angehängten Verhaltungsregeln für Dichter auch diese giebt: "Jeder Dichter, den seine Verse lehrten, dass er einer sei, achte und schätze sich hoch, indem er sich an das Sprichwort halte: ein Lump sei, wer sich für einen Lump hält" ("ruin sea el que por ruin se tiene!").--

* * * * *

*Hier sind wir versammelt zu löblichem Thun*

ist der 1. Vers von ~Goethes~ am 26. März 1810 nach Berlin gesandtem und in den "Gesängen der Liedertafel", 1811, No. 44, zuerst gedrucktem Liede: "Ergo bibamus" (s. auch "Geflügelte Worte aus der Geschichte"). Das Lied sollte, wie Reinhold ~Steig~ (Goethe-Jahrbuch XVI, S. 186 ff.) aus den Akten der Singakademie nachwies, den Geburtstag der ~Königin Luise~ post festum verherrlichen. "Wunderlichst in diesem Falle!" Als "Ein Spätling zum 10. März" ist es wirklich in der Handschrift vom Dichter bezeichnet. ~Zeller~ setzte es in Musik.--

* * * * *

Das in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts mit seinen Verwandten ~genial~ oder, wie man damals sagte, ~genialisch~ entstandene Wort:

*Geniestreich*

hat seine schriftstellerische Weihe durch ~Goethe~ im 1814 geschriebenen 3. Teile, im 19. Buche, von "Dichtung und Wahrheit" gefunden, wo er kurz nach der Definition: "Genie ist die Kraft des Menschen, welche durch Handeln und Thun Gesetz und Regel giebt", sagt: "Wenn einer zu Fusse, ohne recht zu wissen warum und wohin, in die Welt lief, so hiess dies eine Geniereise, und wenn einer etwas Verkehrtes ohne Zweck und Nutzen unternahm, ein Geniestreich".

Als ältere Stellen sind anzuführen:

Alman. de belletr. 1782 S. 100, wo es von den Sturm- und Drang-Dichtern (nach Grimm) heisst: "die Herrn samt ihren Geniestreichen ... sind beinahe vergessen"; dann erschien 1786 ein Buch unter dem Titel "Folgen einer akademischen Mädchenerziehung, mit unter einige Geniestreiche. Kein pädagogischer Roman"; und endlich schrieb Schiller am 1. Nov. 1790 an Koerner über die wahrscheinliche Verheirathung Goethens mit "Mamsell Vulpius", es könnte ihn doch verdriessen, "wenn er mit einem solchen Geniestreich aufhörte".--

* * * * *

Das häufige Zurückweisen auf Shakespeare bezeichnen wir mit dem Titel eines im "Morgenblatt für gebildete Stände", 1815, No. 113, am 12. Mai erschienenen Aufsatzes von ~Goethe~:

*Shakespeare und kein Ende.--*

* * * * *

~Goethes~ zuerst für die Ausgaben von 1815 vereinigte Sammlung "Sprichwörtlich" liefert uns den Vers:

*Alles in der Welt lässt sich ertragen, Nur nicht eine Reihe von schönen Tagen;*

was bei ~Luther~ (B. 57, S. 128) "Gute Tage können wir nicht vertragen" lautet; und das aus dem "Epilog zum Trauerspiel Essex" abgelöste, von ~Goethe~ am 18. Okt. 1813, dem Schlachttage von Leipzig gedichtete:

*Der Mensch erfährt, er sei auch, wer er mag, Ein letztes Glück und einen letzten Tag.--*

Aus dem Abschnitt "Sprüche" (zugleich auch aus dem "Westöstlichen Divan. Buch der Sprüche") citieren wir das nach Ev. Joh. 9, 4 (s. Kap. I dieses Buches) gebildete:

*Noch ist es Tag, da rühre sich der Mann! Die Nacht tritt ein, wo niemand wirken kann.--*

In ~Goethes~ "Sprüchen in Prosa", Abt. 2 heisst es:

"Es giebt

*problematische Naturen,*

die keiner Lage gewachsen sind, in der sie sich befinden, und denen keine genug thut".

Hiernach gab Friedrich Spielhagen einem seiner Romane den Titel "Problematische Naturen" (1860). ~Goethe~ schrieb auch in der "Geschichte der Farbenlehre" (III. Abt. "Bacon v. Verulam"): "Man durchsuche Dictionnaire, Bibliotheken, Nekrologe, und selten wird sich finden, dass eine problematische Natur mit Gründlichkeit und Billigkeit dargestellt worden ..." und er wandte das Wort noch einmal an, als er in Jena am 8. Okt. 1827 zu Eckermann ("Gespräche" III, 143) vom Kuckuck sagte: "Er ist eine höchst problematische Natur, ein offenbares Geheimniss, das aber nichtsdestoweniger schwer zu lösen, weil es so offenbar ist".--

* * * * *

Aus ~Goethes~ "West-östlichem Divan" (1819) stammt das beliebte Aufsatzthema:

*Mach't nicht so viel' Federlesen! Setz't auf meinen Leichenstein: Dieser ist ein Mensch gewesen Und das heisst ein Kämpfer sein.*

Eigentlich aber sagt dort im "Buch des Paradieses" in dem Gedichte "Einlass" der Dichter zur Huri:

Nicht so vieles Federlesen! Lass mich immer nur herein: Denn ich bin ein Mensch gewesen Und das heisst ein Kämpfer sein.

(vrgl.: "Ma vie est un combat".) Man hat wohl den Schlussreim des unter "Epigrammatisch" befindlichen, 1815 erschienenen ~Goethe~schen Gedichtes "Grabschrift" beim Citieren damit verschmolzen:

"Auf deinem Grabstein wird man lesen: Das ist fürwahr ein Mensch gewesen".

vrgl. 1. Tim. 6, 12: "Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben ..." und 2. Tim. 4, 7: "Ich habe einen guten Kampf gekämpfet, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten".--

~Goethes~ "Noten und Abhandlungen zu besserem Verständnis des West-östlichen Divans" (1819) tragen das Motto:

"Wer das Dichten will verstehen Muss ins Land der Dichtung gehen; *Wer den Dichter will verstehen Muss in Dichters Lande gehen".*

In den "Noten" selbst sagte Goethe, unter "Eingeschaltetes": "Der Dichter steht viel zu hoch, als dass er Partei machen sollte"; ein Ausspruch, der durch ~Freiligraths~ Gedicht "Aus Spanien" (1841) zu dem geflügelten Wort wurde:

*Der Dichter steht auf einer höhern Warte Als auf den Zinnen der Partei.*

Hierauf antwortete ~Herwegh~ mit dem Gedichte "Die Partei", dessen Schlussverse lauten:

~Ich~ hab' gewählt, ich habe mich entschieden, Und ~meinen~ Lorbeer flechte die ~Partei~!--

* * * * *

Aus dem 2. Buche der ~Goethe~schen "Zahmen Xenien" (1823) wurde üblich:

*Im Auslegen seid frisch und munter! Legt ihr's nicht aus, so legt was unter;*

aus dem 4.:

*Liegt dir Gestern klar und offen, Wirkst du heute kräftig frei, Kannst auch auf ein Morgen hoffen, Das nicht minder glücklich sei;*

aus dem 5.:

*Sollen dich die Dohlen nicht umschrei'n, Musst nicht Knopf auf dem Kirchturm sein,*

und:

*Jeder solcher Lumpenhunde Wird vom zweiten abgethan;*

aus dem 6. (zuerst in Wendts Musen-Almanach für 1831, S. 42, "Die vereinigten Staaten"):

*Amerika, du hast es besser,*

und aus dem 7.:

*Wie fruchtbar ist der kleinste Kreis, Wenn man ihn wohl zu pflegen weiss.--*

* * * * *

Im Jahre 1827 schenkte uns ~Goethe~ das Wort

*Weltliteratur.*

Zu dieser Zeit entstand sein also betiteltes Gedicht (in "Epigrammatisch"); in seinen "Sprüchen in Prosa ..." heisst es gegen Ende der 6. Abteilung: "Jetzt da sich eine Weltliteratur einleitet, hat, genau besehen, der Deutsche am meisten zu verlieren; er wird wohl thun, dieser Warnung zu gedenken". Auch findet sich bei Goethe (Cotta 1840. XXXII, 433-8) unter "Ferneres über Weltliteratur" ein Wink, wie sich der Einzelne dieser Erscheinung gegenüber gedeihlich zu verhalten habe. Endlich sprach er zu Eckermann 31. Jan. 1827: "Nationalliteratur will jetzt nicht viel sagen, die Epoche der Weltliteratur ist an der Zeit, und jeder muss jetzt dazu wirken, diese Epoche zu beschleunigen"; und (15. July 1827): "Es ist sehr artig, dass wir jetzt, bei dem engen Verkehr zwischen Franzosen, Engländern und Deutschen, in den Fall kommen, uns einander zu corrigieren. Das ist der grosse Nutzen, der bei einer Weltliteratur herauskommt und der sich immer mehr zeigen wird".--

* * * * *

Aus ~Goethes~ 1831 vollendetem, 1833 bei Cotta in Stuttgart erschienenen 2. Teil des "Faust" wird citiert:

1. Akt. Anmutige Gegend.

Faust.: *Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.--*

Kaiserliche Pfalz.

Kanzler: *Natur und Geist--so spricht man nicht zu Christen,*

Mephist.: *Daran erkenn' ich den gelehrten Herrn.--*

Weitläufiger Saal.

Gärtnerinnen: *Denn das Naturell der Frauen Ist so nah mit Kunst verwandt.--*

2. Akt. Hochgewölbtes, enges gotisches Zimmer.

Baccalaureus: *Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist.*

Mephist.: *Original, fahr' hin in deiner Pracht. Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken, Das nicht die Vorwelt schon gedacht.*

(s. des ~Terenz~: "Nullum est iam dictum...)

*Wenn sich der Most auch ganz absurd geberdet, Es giebt zuletzt doch noch 'nen Wein.--*

5. Akt. Grosser Vorhof des Palastes.

Faust: *Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, Der täglich sie erobern muss. Es kann die Spur von meinen Erdetagen Nicht in Aeonen untergehn.--*

Bergschluchten, Wald, Fels, Einöde.

_Chorus mysticus:_ *Das Unzulängliche Hier wird's Ereignis;* _Das Unbeschreibliche, Hier ist's gethan;_ *Das Ewig-Weibliche Zieht uns hinan.--*

* * * * *

Der Anfang eines Gedichtes des Johann Heinrich *v. Reitzenstein*: "Lotte bey Werthers Grabe", Wahlheim 1775, das in demselben Jahre in Wielands "Teutschem Merkur" und im "Rheinischen Most", No. 7, erschien, lautet:

*Ausgelitten hast du--ausgerungen.*

Schiller mag hierdurch zu den Versen seines "Siegesfestes" angeregt worden sein:

"Ausgestritten, ausgerungen Ist der lange schwere Streit."--

* * * * *

Friedr. Leop. *Graf zu Stolberg* (1750-1819) hat uns durch das "Lied eines alten schwäbischen Ritters an seinen Sohn" mit dem Verse beschenkt:

*Sohn, da hast du meinen Speer*

Das Lied stand zuerst im "Wandsbecker Bothen", 1774, No. 77 vom 14. Mai.--

* * * * *

Johann Martin *Miller*s (1750-1814)

*Für mich ist Spiel und Tanz vorbei*

ist der Anfangsvers der 2. (in seinen Gedichten, Ulm 1783, fortgelassenen) Strophe des zuerst im Göttinger Musen-Almanach auf 1773 gedruckten, dort L. unterzeichneten "Klagelied eines Bauern", (komponiert von Frh. v. Seckendorff (?) und Chr. Dan. Schubart). Aus ~Millers~ 1776 gedichtetem, zuerst im Vossischen Musen-Almanache für 1777 gedrucktem Liede "Zufriedenheit" (komponiert von Mozart, aber erfolgreicher von Neefe) sind bekannt der Anfang:

*Was frag' ich viel nach Geld und Gut, Wenn ich zufrieden bin?*

sowie die Endverse der 2. Strophe:

*Je mehr er hat, je mehr er will, Nie schweigen seine Klagen still.*

vrgl. Seneca "de benef." 2, 27: "Eo maiora cupimus, quo maiora venerunt"--"wir begehren um so mehr, je mehr uns zufiel"; Justinus 6, 1: "... more ingenii humani, quo plura habet, eo ampliora cupientis"--"nach Art des Menschengeistes, der je mehr er hat, um so mehr begehrt ..."; und Luther B. 57, S. 345: "Je mehr er hat, je mehr er haben will"; ähnlich B. 62, S. 144.--

* * * * *

*Im Grab' ist Ruh'*

ist der Anfangs- und Schlussvers eines im Göttinger Musenalmanach für 1792 (S. 16) enthaltenen Gedichtes "Die Ruhe im Grabe", unterzeichnet "Ung.", während die Komposition "Langhansen" unterzeichnet ist.[28] Nach dem "Versuch eines Chiffernlexikons" u.s.w. von ~Redlich~ (Hamburg 1875, S. 30) ist *Langhansen* (1750-1816) der Verfasser. (S. "Chr. Erh. ~Langhansens~ u.s.w. Gedichte, nach dem Tode d. Verf. her. v. Ulr. v. ~Schlippenbach~", Mitau 1828, S. 28.) ~Heines~ "Buch der Lieder" ("Junge Leiden" 1817-21. "Bergstimme") verschaffte dem Wort die weiteste Verbreitung.--

[Fußnote 28: Der eigentliche Komponist war Georg Carl Claudius, vrgl. "Als der Grossvater die Grossmutter nahm". Ein Liederbuch für altmodische Leute. 2. Aufl. Lpzg. 1887, hersausg. von Gustav Wustmann, S. 584.]

* * * * *

Aus der von Mozart 1791 komponierten "Zauberflöte" Emanuel *Schikaneder*s (1751-1812), der einen Plan Ludwig ~Gisekes~, Schauspielers und Choristen am Schikanederschen Theater (s. ~Jahn~ "Mozart", T. IV, S. 603, Leipz. 1859), benutzte, stammt:

*Dies Bildnis ist bezaubernd schön. Ich kann nichts thun, als dich beklagen, Weil ich zu schwach zu helfen bin.*

*Zur Liebe will* (nicht: kann) *ich dich nicht zwingen.*[29]

*In diesen heil'gen Hallen Kennt man die Rache nicht,*

und:

*Das höchste der Gefühle.--*

[Fußnote 29: ~Wieland~ "Ausgewählte Briefe", Zürich 1815, Bd. 3, S. 176 schreibt 9. Jan. 1774 an Gleim: "Ich begreife nichts von dem, was Herr H.*** (Heinse) von mir will. Man kann doch wohl niemand zur Liebe zwingen".--]

* * * * *

August Cornelius *Stockmann*s (1751-1821)

*Wie sie so sanft ruhn*

steht im Leipz. Musen-Almanach auf das Jahr 1780, S. 214 und ist "Der Gottesacker" betitelt. Friedrich Ludwig ~Beneken~ setzte das Lied in Musik.--

* * * * *

~Johann Heinrich~ *Voss* (1751-1826) ist zu nennen wegen des im "Vossischen Musenalmanache" von 1782 befindlichen, von Joh. Abraham Peter ~Schulz~ komponierten Liede

*Seht den Himmel, wie heiter!*

und wegen des Distichons mit der Unterschrift X. im "Vossischen Musenalmanache", 1792, S. 71:

~Auf mehrere Bücher.~ Nach Lessing.

Dein redseliges Buch lehrt mancherlei Neues und Wahres, Wäre das Wahre nur neu, wäre das Neue nur wahr!

was in dieser Form citiert wird:

*Das Neue daran ist nicht gut, und das Gute daran ist nicht neu.*

Die Stelle, nach welcher das Distichon gemacht ist, steht in Lessings "Briefen, die neueste Litteratur betreffend" (111. Brief, 1760, 12. Juni) und heisst: "wenn es erlaubt ist, allen Worten einen andern Verstand zu geben, als sie in der üblichen Sprache der Weltweisen haben, so kann man leicht etwas Neues vorbringen. Nur muss man mir auch erlauben, dieses Neue nicht immer für wahr zu halten".--

* * * * *

A. G. ~Eberhard~ ("Blicke in Tiedges und Elisas Leben", S. 19) erzählt von Christoph Aug. *Tiedge* (1752-1841):

"~Einmal~ vorzüglich musste ich seine andauernde Geduld bei meinen wiederholten Kritteleien ganz vorzüglich bewundern. Als ich nämlich im Manuskript der Urania auf eine Stelle stiess, die einen sehr ansprechenden Gedanken enthielt, äusserte ich gegen ihn, dass er daraus ein wahres Kleinod für die Stammbuchsentenzen-Schreiberinnen bereiten könnte, wenn er sich die Mühe gäbe, sie möglichst gedrängt und glatt in der äusseren Form und hierdurch recht mund- und gedächtnisgerecht zu machen. Er machte sich sogleich an diese Arbeit, aber immer hatte ich noch bald diese, bald jene Ausstellung zu machen, bis der Hauptgedanke möglichst zusammengedrängt war, die darin befindlichen Gegenstände symmetrisch gegenübergestellt und die Verse, zwei und drei, gleich lang waren. Durch den eingeworfenen Scherz, dass es schon einiger Mühe wert sei, eine klassische Stammbuchsentenz für Mit- und Nachwelt zurecht zu machen, entstand endlich die Stelle:

Sei hochbeseligt oder leide: Das Herz bedarf ein zweites Herz. *Geteilte Freud' ist doppelt Freude, Geteilter Schmerz ist halber Schmerz.*

Zwar hätte ich wohl gegen "doppelt" statt "doppelte" noch eine Einwendung zu machen gehabt; allein ich unterliess es, um ihn nicht aus seiner guten Laune zu bringen und ungeduldig zu machen. Meine Prophezeihung ist auch so in Erfüllung gegangen: jene Stelle hat in dem Munde unzähliger Leser fortgelebt und ist in eine Menge von Stammbüchern eingeschrieben und eingekritzelt worden".

Die Verse 221-224 des vierten Gesangs der "Urania" (1801) sind die citierten. ~Rückert~ hat darüber eine Glosse gedichtet (Ges. poet. Werke in 12 Bänden, 7, 326).

v. ~Treitschke~ ("Historische und politische Aufsätze", 4. Aufl. Leipz. 1871, 1. Bd.) sagt in dem Aufsatz "Lessing", (Leipz. 1863) S. 70: "Das widrige Sprichwort, das in jenen weichlichen Tagen von Mund zu Munde ging, das Wort "geteilter Schmerz ist halber Schmerz" hatte der Jüngling (Lessing) schon mit der stolzen Gegenrede abgewiesen:

"Was nutzt mir's, dass ein Freund mit mir gefällig weine? Nichts, als dass ich in ihm mir zwiefach elend scheine."

So wäre das Tiedgesche Wort ein älteres Sprichwort? Es fehlt dafür jeder Beweis. Der Gedanke freilich ist nicht neu, denn schon ~Cicero~, Laelius, cap. 6, § 22, sagt: "et secundas res splendidiores facit amicitia et adversas partiens communicansque leviores" (anteilnehmende Freundschaft macht das Glück strahlender und erleichtert das Unglück) und ~Seneca~, Epistolae, 6: "Nullius boni sine socio iucunda possessio est" (ohne Genossen ist kein Glücksbesitz erfreulich).--

* * * * *

Christoph *Kaufmann* (1753-1795), der herrnhutische Arzt und Apostel der Geniezeit, schlug ~Klinger~, der ihm 1776 in Gotha sein Drama "Wirrwarr" vorlas, dafür den Titel

"*Sturm und Drang*"

vor und gab damit der ganzen Litteraturperiode vom Anfange der 70er bis in die Mitte der 80er Jahre ihren dauernden Namen. Klinger schrieb darüber an ~Goethe~ (s. "Verhandlungen der 8. Versamml. deutsch. Philologen und Schulmänner in Darmstadt" S. 48, Darmst. 1846): dass ihm ~Kaufmann~ "den Titel Sturm und Drang aufdrang, an dem später mancher Halbkopf sich ergötzte".

(vrgl. "Chr. Kaufmann" von H. Düntzer, Leipzig 1882, S. 69 und Riegers "Klinger", Darmst. 1880, S. 163).--

* * * * *

Der Anfangsvers eines Liedes von Chr. Ad. *Overbeck* (1755-1851), das zuerst im Vossischen Musenalmanach (v. J. 1776, S. 49) steht und von Mozart componiert wurde, wird abgerissen citiert:

*Komm, lieber Mai, und mache (!)*

als bedeute dies "mache" soviel wie "eile dich!", während der Dichter fortfährt:

"die Bäume wieder grün!"--

Ferner beginnt, auch in "Frizchens Liedern" (Hamburg 1781, S. 72), ein von F. F. Hurka komponiertes Lied ~Overbecks~:

*Das waren mir selige Tage.--*

* * * * *

Aus Aloys *Blumauer*s (1755-1798) "Virgils Aeneis travestirt", (Wien 1784-1788), Bd. 2, Strophe 54 stammen die Worte des seine Gemahlin vermissenden Aeneas:

*Kreusa!--Schatzkind!--Rabenvieh, Wo hat dich denn der Teufel?*

Im Text steht aber der letztere Vers vor dem ersteren.--

* * * * *

Balthasar Gerhard *Schumacher* (geb. 1755) brachte in der "Haude und Spenerschen Zeitung" am 17. Dezember 1793 unter dem Titel "Berliner Volksgesang" ein Lied mit den Anfangsworten:

*Heil dir im Siegeskranz,*

welches nichts ist, als eine Umarbeitung des "Liedes für den dänischen Unterthan an seines Königs Geburtstag zu singen in der Melodie des englischen Volksliedes: God save the King". Heinrich ~Harries~ dichtete es und veröffentlichte es am 27. Januar 1790 im "Flensburger Wochenblatt". Es beginnt also:

"Heil Dir dem liebenden Herrscher des Vaterlands! Heil, ~Christian~, Dir!"

Nach Hoffmann von Fallersleben ("Unsere volksthümlichen Lieder" 2. Aufl. Lpzg. 1859. S. 66) schuf der Hoforganist John ~Bull~ die englische Hymne zur Zeit der Errettung König Jakobs I. vom Tode durch die Pulververschwörung im November 1605; während nach Friedrich Chrysander ("Jahrbuch für musikalische Wissenschaften", Lpzg. 1863, B. I. S. 380ff.) Henry ~Carey~ die Hymne, wie Händel sein "Dettinger Te Deum", zur Feier von König Georgs II. Sieg bei Dettingen über die Franzosen im Frühling 1743 dichtete und mit Joh. Christoph ~Schmidts~ Hülfe komponierte. Doch ist Chrysanders Begründung minder stichhaltig, als sie heute Manchem erscheint.--

* * * * *

Aus Aug. Friedr. Ernst *Langbein*s (1757--1835) 1803 verfasstem Gedichte "Die Wehklage", ("Neuere Gedichte", Tübingen 1812) Strophe 1 stammt:

*Schon sieben--und Georg nicht hier!*

und aus der 14. Strophe des in den "Gedichten" (1788) erschienenen "Abenteuers des Pfarrers Schmolke und Schulmeisters Bakel":

*Sperr' oculos!*

(Sperre die Augen auf!).

Sein ebenda erschienenes Gedicht "Die neue Eva" endigt:

Tadeln können zwar die Thoren, Aber klüger handeln nicht,

woraus der Volksmund gemacht hat:

*Tadeln können zwar die Thoren, Aber besser machen nicht!--*

Der Anfang des 1810 verfassten ~Langbein~schen Gedichtes "Der Zecher" lautet:

*Ich und mein Fläschchen sind immer beisammen.--*

Altväterische, verschwundene Zeiten bezeichnen wir mit der Anfangszeile eines (1813 in Beckers "Taschenbuch zum geselligen Vergnügen" erschienenen) ~Langbein~schen Liedes:

*Als der Grossvater die Grossmutter nahm.*

Dies Wort erkor Gustav Wustmann zum Titel seiner vortrefflichen Sammlung der wackeren Gesänge unserer Gross- und Urgrosseltern, die nur noch leise aus der Kinderzeit in uns nachklangen. (3. Aufl. Leipzig 1895. Fr. Wilh. Grunow.)--

*Das verschweigt des Sängers Höflichkeit*

ist der Kehrreim eines in Berlin (bei S. F. Lischke, jetzt Karl Paez) erschienenen Liedes, welches beginnt:

Als der liebe Gott die Welt erschaffen, Schuf er Fische, Vögel, Löwen, Affen,

und dessen Verfasser unbekannt ist. Jedoch eine 1804 gedichtete Erzählung ~Langbeins~ "Die Weissagung" (Langbeins neuere Gedichte, Tübingen 1812, S. 237) hebt an:

In einem Städtlein, dessen Namen Des Dichters Höflichkeit verschweigt,

und in "Allerhand für Stadt und Land", Jahrg. 1808, 8. Stück, Zittau, herausg. v. G. B. ~Flaschner~, steht S. 117 ein Lied: "Des Dichters Höflichkeit", dessen Strophen mit dem Kehrreime "Das verschweigt des Sängers Höflichkeit" schliessen.--

* * * * *

*Namen nennen dich nicht*

ist der Anfang eines im Göttinger Musen-Almanach von 1786, S. 127 erschienenen Liedes Wilhelm *Ueltzen*s (1758-1808). Ludwig ~Berger~ (1812) komponierte es und Goethe legte dann 1813 dieser Komposition sein Lied "Alles kündet dich an" unter, das den Titel "Gegenwart" trägt.

Später schuf ~Georg Neumann~ (im "Rheinischen Odeon" Jahrg. 1. Koblenz 1836) das Lied dadurch um, dass er den 5 Strophen desselben 5 neue Strophen vorstellte. Er hatte die Verwegenheit, diese Umwandlung als ein von ihm verfasstes Gedicht zu bezeichnen und es in die "Gedichte von Karl Georg Neumann, Königl. Preuss. Regierungs- und Medicinalrate a. D." S. 80, Aachen 1841, aufzunehmen. Hier führt es den Titel: "An Charlotte, 1792".--

* * * * *

In *Schiller*s (1759-1805) "Räubern" (1781), 2, 3 lesen wir Karl Moors Worte:

*Ich kenne dich, Spiegelberg,*

oft umgestellt in:

*Spiegelberg, ich kenne dich,*

(aber ich will nächstens unter euch treten und)

*fürchterlich Musterung halten;*

und am Ende des zweiten Aktes:

*Ich fühle eine Armee in meiner Faust.*

Im 4. Akte schliesst in der 5. Scene Moors Gesang von Brutus und Cäsar

*Geh' du linkwärts, lass mich rechtwärts geh'n,*

was an 1. Mos. 13, 9 erinnert: "Willst du zur Linken, so will ich zur Rechten, oder willst du zur Rechten, so will ich zur Linken". Weiterhin ruft der alte Moor:

*Bist du's, Hermann, mein Rabe?*

der Raben gedenkend, die nach 1. Könige 17, 4 und 6 dem Elias Nahrung zuführten.

5, 1 enthält Franz Moors Worte:

*Hab' mich nie mit Kleinigkeiten abgegeben!*

und die letzten Worte des Schauspiels:

*Dem Mann kann geholfen werden,*

sind eine ganz triviale Redensart geworden.--

*Konfiszierter Kerl*

ist wahrscheinlich auch auf Schiller zurückzuführen. Karl Hoffmeister ("Schillers Leben für den weiteren Kreis seiner Leser", T. 1, Kap. 4) erzählt über diese Redensart folgendes:

"Als Schiller einst den Freunden die Worte vortrug, die Franz Moor im Anfange des fünften Aktes zu Moser spricht: 'Ha! was, du kennst keine drüber (über den Vatermord)? Besinne dich nochmals--Tod, Himmel, Ewigkeit, Verdammnis schwebt auf dem Laute deines Mundes! keine einzige drüber?' da Öffnete sich die Thür, und der hereintretende Aufseher sah Schillern halb in Verzweiflung die Stube auf- und abrennen. 'Ei, so schäme man sich doch', sagte er, 'wer wird denn so entrüstet sein und fluchen!' Als er den Rücken gekehrt, rief ihm Schiller, zu den lachenden Gesellen gewandt, das Wort aus den "Räubern" nach: '~Ein konfiszierter Kerl~!'" Jedoch dieser Ausdruck findet sich nirgends in den "Räubern", sondern in "Kabale und Liebe", 1, 2, wo Musikus Miller von Sekretär Wurm sagt: "~Ein konfiszierter~ widriger ~Kerl~, als hätte ihn irgend ein Schleichhändler in die Welt meines Herrgotts hineingeschachert". Im Personenverzeichnis zu "Fiesco" wird Muley Hassan, Mohr von Tunis, als "konfiszierter Mohrenkopf" bezeichnet.

*Und darum Räuber und Mörder*

steht nicht in der ersten Ausgabe der "Räuber" (Frankfurt u. Leipz. 1781), sondern in der noch heute allen Bühnen-Aufführungen zu Grunde liegenden Umarbeitung, welche ~Schiller~ mit seinem Stücke für das Mannheimer Theater auf Andrängen des Intendanten Dalberg vornahm, im 4. Akt, Sc. 17 (Neue für die Mannheimer Bühne verbesserte Aufl. Mannheim 1782).--

* * * * *

Aus ~Schillers~ Gedichte "Kastraten und Männer" (in der "Anthologie auf das Jahr 1782. Gedruckt in der Buchdruckerei zu Tobolsko", S. 125) in seiner späteren Umbildung "Männerwürde" genannt, stammt:

*Zum Teufel ist der Spiritus, Das Phlegma ist geblieben.*

Das Bild ist vom Destillationsprozesse hergenommen, bei dem nach Herstellung des Spiritus eine wässerige, fade schmeckende Flüssigkeit zurückbleibt, welche früher "Phlegma" hiess. In derselben "Anthologie" bietet in dem Gedichte: "In einer Bataille. Von einem Offizier", S. 49 (später "Die Schlacht" genannt):

*Das wilde eiserne Würfelspiel*

eine viel citierte Umschreibung für Kampf und Krieg.--

* * * * *

Aus ~Schillers~ ebenda abgedrucktem Gedichte "An Minna", S. 190, wird citiert:

*Meine Minna geht vorüber? Meine Minna kennt mich nicht?--*

* * * * *

~Schillers~ "Verschwörung des Fiesco" (1783) bietet 1, 5 Gianettino Dorias Fluch:

*Donner und Doria!,*

und aus 3, 4 pflegt man zu citieren:

*Der Mohr hat seine Schuldigkeit gethan; der Mohr kann gehen,*

während es an Ort und Stelle "Arbeit", nicht "Schuldigkeit" heisst.

3, 5 steht Fiescos Drohung:

(Fahre wohl, Doria, schöner Stern.) *Auch Patroklus ist gestorben, Und war mehr als du;*

ein Citat aus ~Homers~ "Iliade" 21, 106 und 107, wo Achill dem um sein Leben flehenden Lykaon zuruft:

*Ἀλλά, φίλος, θάνε καὶ σύ. τίη ὀλοφύρεαι οὕτως; Κάτθανε καὶ Πάτροκλος, ὅπερ σέο πολλὸν ἀμείνων.*

Stirb denn auch du, lieber Freund! Warum wehklagest Du also? Starb ja doch auch Patroklos, der sehr viel besser als du war.--

*Verderben, gehe deinen Gang!*

heisst es im "Fiesco" am Ende von 5, 1.

Man erinnert sich dabei an Shakespeares "Julius Caesar" 3, 2:

"Mischief, thou art afoot, Take thou what course thou wilt!" "Unheil, du bist im Zuge, Nimm, welchen Lauf du willst!"

Im "Fiesco" 5, 4 steht:

*Deutsche Hiebe;*

5, 16 spricht Fiesco: "Was zerrst du mich so am Mantel?--er fällt!" Verrina (mit fürchterlichem Hohne): "Nun, wenn der Purpur fällt, muss auch der Herzog nach!" (Er stürzt ihn ins Meer.) Dies wird also citiert:

*Wenn der Mantel fällt, muss der Herzog nach.--*

* * * * *

Aus "Kabale und Liebe" (1784) 2, 2 ist:

*Legt's zu dem Übrigen,*

was ~Schiller~ später auch in "Maria Stuart" 1, 1 gebraucht. Ferner finden wir in "Kabale und Liebe":

5, 3:

*Unglückseliges Flötenspiel!*

5, 7:

*Die Limonade ist matt, wie deine Seele.--*

* * * * *

~Schillers~ Gedicht "An die Freude" ("Thalia", I. Bd. 1787, 2. Heft, S. 1-5) enthält:

*Freude, schöner Götterfunken; Seid umschlungen, Millionen!*

und:

*Wem der grosse Wurf gelungen.*

Das Wort dieses Gedichtes:

*Wer ein holdes Weib errungen, Mische seinen Jubel ein!*

hat am Schlusse von Beethovens Oper "Fidelio" und im Finale seiner neunten Symphonie die musikalische Weihe gefunden; jedoch lautet es da:

Wer ein solches Weib errungen, Stimm' in unsern Jubel ein!

(nach der auf ~Beethovens~ Wunsch durch F. ~Treitschke~ umgearbeiteten ~Sonnleitner~schen Übersetzung des Operettentextes ~Bouillys~: "Léonore ou l'amour conjugal").--

Weitere Citate aus dem Gedicht "An die Freude" sind:

*Unser Schuldbuch sei vernichtet!*

und

*Männerstolz vor Königsthronen! Dem Verdienste seine Kronen.--*

* * * * *

Der Anfang des Schillerschen Gedichtes "Resignation" ("Thalia", I. Bd. 2. Heft) lautet:

*Auch ich war in Arkadien geboren.*

(Siehe "Et ego in Arcadia".) Aus demselben Gedichte gebrauchen wir die beiden Strophenanfänge:

*Des Lebens Mai blüht einmal und nicht wieder*

und:

*Mit gleicher Liebe lieb' ich meine Kinder,*

sowie die beiden Strophenschlüsse:

*Die Weltgeschichte ist das Weltgericht*

und:

*Was man von der Minute ausgeschlagen, Giebt keine Ewigkeit zurück.--*

* * * * *

In ~Schillers~ "Don Carlos" (1787) 1, 1 stehen die Worte, mit denen Don Carlos in der "Rheinischen Thalia" von 1785 jedoch nicht begann:

*Die schönen Tage in Aranjuez Sind nun zu Ende.*

Aus derselben Scene citieren wir:

*Brechen Sie Dies rätselhafte Schweigen;[30]

O wer weiss, Was in der Zeiten Hintergrunde schlummert;*[31]

und:

*Wo alles liebt, kann Karl allein nicht hassen.*

[Fußnote 30: In der "Rheinischen Thalia" von 1785: "Nur brechen Sie dies grauenvolle Schweigen".]

[Fußnote 31: Ebenda in 2, 3.]

Sc. 2:

*Wer kommt?--Was seh' ich?--O, ihr guten Geister! Mein Roderich![32]

Du sprichst von Zeiten, die vergangen sind;--

O der Einfall War kindisch, aber göttlich schön;[33]

Sprich mir von allen Schrecken des Gewissens, Von meinem Vater sprich mir nicht.*

[Fußnote 32: Ebenda. "Was seh' ich?--O, ihr guten Geister! Mein Rodrigo".]

[Fußnote 33: Ebenda.]

Beim Citieren wird statt "meinem Vater" je nach Umständen der Gegenstand des Entsetzens eingeschaltet.

Sc. 4 enthält:

*Grosse Seelen dulden still;*

Sc. 5:

*Ein Augenblick, gelebt im Paradiese, Wird nicht zu teuer mit dem Tod gebüsst;*[34]

[Fußnote 34: Ebenda.]

Sc. 6:

(_Deswegen Vergönn' ich Ihnen zehen Jahre Zeit_) *Fern von Madrid* (darüber nachzudenken),[35]

und was ~Schiller~ bereits vorfand:

*Die Sonne geht in meinem Staat nicht unter.*[36]

[Fußnote 35: Ebenda.]

[Fußnote 36: Ebenda. "Die Sonne geht in meinem Reich nicht unter".]

Der Gedanke findet sich schon im Keime bei ~Herodot~ (7, 8), wo ~Xerxes~ († 465 v. Chr.) zu seinem Kriegsrate von dem Feldzugsplane gegen die Athener spricht: "Wenn wir uns Die und deren Nachbarn aus dem Reiche des Phrygiers Pelops unterwerfen, so thun wir dar, dass Persien dann an den Aether des Zeus grenzt. Denn ~dann~ "χώρην γε οὐδεμίαν κατόψεται ἥλιος ὁμουρέουσαν τῇ ἡμετέρῃ" ~wird die Sonne auf kein Land mehr herabblicken, das an das unsrige grenzt~; vielmehr werde ich, ganz Europa mit euch durchstreifend, alle Länder zu einem Lande vereinigen". Die erste Aldiner Ausgabe des Herodot wurde 1502 in Venedig gedruckt. 1585 wurde zu Turin bei der Vermählung des Herzogs von Savoyen mit Katharina von Österreich ein Schäferdrama "Il pastor fido" von ~Guarini~ aufgeführt, in dessen Prolog es heisst:

Altera figlia Di qel Monarca, a cui Nè anco, quando annotta, il Sol tramonta.

Hehre Tochter jenes Monarchen, dem die Sonne auch dann nicht untergeht, wenn es nachtet.

Balthasar ~Schupp~ sagt in der "Abgenötigten Ehrenrettung" (1660), S. 665: "Der König in Spanien ist ein grosser Potentat; er hat einen Fuss stehen im Orient, den anderen im Occident, und die Sonne gehet nimmer unter, dass sie nicht in etlichen seiner Länder scheine". Nach ~Edmund Dorer~ "An Calderon zum 25. Mai 1881" ("Die Gegenwart", 4. Juni 1881, S. 361) hat es ein König von Spanien zuerst gesagt. Welcher? wann? wo?--

In ~Schillers~ "Don Carlos" 1, 6 findet man ferner die Worte:

*Hier ist die Stelle, wo ich sterblich bin;*[37]

und:

*Wenn ich einmal zu fürchten angefangen, Hab' ich zu fürchten aufgehört.*[38]

(Ob Schiller hier an ~Shakespeares~ "Othello", 3, 3 gedacht hat:

to be once in doubt Is once to be resolved, Einmal zweifeln macht mit Eins entschlossen?)--

Die Worte derselben Scene:

*Der Knabe Don Karl fängt an, mir fürchterlich zu werden*[39]

soll ~Ludwig Devrient~ einst in der Weinstube von Lutter und Wegener in Berlin, Charlottenstrasse No. 49, dem Kellner Karl zugerufen haben, als dieser ihm die stark aufgelaufene Rechnung reichte.--

[Fußnote 37: In der "Rheinischen Thalia" von 1785.]

[Fußnote 38: Ebenda.]

[Fußnote 39: Ebenda "Dieser Knabe Don Karl u.s.w."]

Im "Don Carlos" 1, 9 steht:

*In des Worts verwegenster Bedeutung,*

und:

*Arm in Arm mit dir, So fordr' ich mein Jahrhundert in die Schranken.*

2, 1 bietet:

*In seines Nichts durchbohrendem Gefühle,*[40]

was Alba in Sc. 5 in der Form: "In meines Nichts durchbohrendem Gefühle" wiederholt.

[Fußnote 40: In der "Rheinischen Thalia" von 1785.]

Ebenda 2, 2 steht:

*Wer ist das? Durch welchen Missverstand hat dieser Fremdling Zu Menschen sich verirrt?*[41]

*Dreiundzwanzig Jahre! Und nichts für die Unsterblichkeit gethan;*[42]

[Fußnote 41: Ebenda.]

[Fußnote 42: Ebenda heisst es: "Dreiundzwanzig Jahre und König Philipps Sohn, und nichts gebaut und nichts zertrümmert unter diesem Monde".]

2, 8:

(Poesie!--Nichts weiter.--) *Mein Gehirn Treibt* (öfters) *wunderbare Blasen auf,* (Die schnell, wie sie entstanden sind, zerspringen.)

*Die Liebe ist der Liebe Preis,*[43]

*Beim wunderbaren Gott--das Weib ist schön;*

[Fußnote 43: Ebenda.]

2, 15:

*Unrecht leiden schmeichelt grossen Seelen.*[44]

[Fußnote 44: Ebenda.]

3, 10:

*Stolz will ich Den Spanier;*

(Ich mag es gerne leiden,) *wenn auch der Becher überschäumt, Wenn solche Köpfe feiern,* (welch ein Verlust für meinen Staat):

*Ich kann nicht Fürstendiener sein,*

*Die Ruhe eines Kirchhofs.*

*Geben Sie Gedankenfreiheit!*

was gern erweitert wird zu:

*Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!*

*Sonderbarer Schwärmer,*

*Anders, Begreif' ich wohl, als sonst in Menschenköpfen Malt sich in diesem Kopf die Welt.*

4, 21:

(Königin!) *O Gott, das Leben ist doch schön!*

was auch also angeführt wird:

*O Königin, das Leben ist doch schön!*

und in der letzten Scene des letzten Aktes:

*So sehen wir uns wieder,*

was auch in der "Braut von Messina" vorkommt, als Isabella ihre Tochter wiedersieht. Die vom König gesprochenen Schlussworte des "Don Carlos" lauten:

*Kardinal, ich habe Das Meinige gethan. Thun Sie das Ihre.--*

* * * * *

Aus der in ~Schillers~ Monatsschrift "Die Horen" (Tübingen, Cotta, 1795; IV. Bd., 10. Heft, S. 72) enthaltenen "Elegie", welche später den Titel "Der Spaziergang" erhielt, wird der Anfang citiert:

*Sei mir gegrüsst, mein Berg, mit dem rötlich strahlenden Gipfel!*

und aus dem 134. Verse:

*Der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht;*

sowie der Schlussvers:

*Und die Sonne Homers, siehe! sie lächelt auch uns.--*

* * * * *

Aus ~Schillers~ (ebenda, IV. Bd., 11. Heft, S. 17 anonym erschienenen) "Teilung der Erde" stammt:

*Was thun? spricht Zeus,*

und:

*Willst du in meinem Himmel mit mir leben, So oft du kommst, er soll dir offen sein.--*

* * * * *

In dem Gedichte "Die Ideale" (S. 135 des Schillerschen Musen-Almanachs für das Jahr 1796, Neustrelitz) redet der Dichter die fliehende Zeit also an:

*So willst du treulos von mir scheiden?--*

* * * * *

Aus dem Gedichte "Würde der Frauen", ebenda S. 186, ist:

*Ehret die Frauen! sie flechten und weben Himmlische Rosen ins irdische Leben.*

was oft geschmacklos travestiert wird.--

* * * * *

Aus ~Schillers~ "Xenien" (Musen-Almanach für das Jahr 1797) gehören folgende Citate hierher:

das Distichon "Wissenschaft":

*Einem ist sie die hohe, die himmlische Göttin, dem Andern Eine tüchtige Kuh, die ihn mit Butter versorgt,*

aus dem Distichon "Kant und seine Ausleger":

*Wenn die Könige bau'n, haben die Kärrner zu thun.*

"Sonntagskinder" (aus Vereinigung zweier Distichen entstanden, deren erstes "Geschwindschreiber" betitelt war), die heute schon lehren wollen, was sie gestern gelernt, werden in dem gleichnamigen Doppeldistichon mit:

*Ach, was haben die Herrn doch für ein kurzes Gedärm!*

abgefunden.--

*Das grosse gigantische Schicksal, Welches den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zermalmt,*

steht im 35. und 36. Verse der ~Schiller~schen Parodie "Shakespeares Schatten". -- Aus den auf die "Xenien" ebenda folgenden "Tabulae votivae" (Votivtafeln) ~Schillers~ wird citiert:

Pflicht für jeden.

*Immer strebe zum Ganzen! und, kannst du selber kein Ganzes Werden, als dienendes Glied schliess' an ein Ganzes dich an!*

Der Schlüssel.

*Willst du dich selber erkennen, so sieh', wie die Andern es treiben; Willst du die Andern versteh'n, blick' in dein eigenes Herz,*

und aus dem Distichon

Wahl.

(_Kannst du nicht Allen gefallen durch deine That und dein Kunstwerk, Mach' es Wenigen recht;_) *Vielen gefallen ist schlimm.--*

Endlich bietet uns ("Mus.-Alm." 1797) ~Schillers~ Gedicht

"*Das Mädchen aus der Fremde*"

die Verse:

*Doch eine Würde, eine Höhe Entfernte die Vertraulichkeit,*

und seine "Nadowessische Todtenklage" (ebenda) das schalkhaft auf Lebende angewandte:

*Mit dem Anstand, den er hatte ...*

und seine Ballade "Ritter Toggenburg" (ebenda) den Vers:

*Und so sass er, eine Leiche ...--*

Aus ~Schillers~ "Hoffnung" (10. Stück der Horen von 1797, S. 107) sind die Endverse bekannt:

*Und was die inn're Stimme spricht, Das täuscht die hoffende Seele nicht.--*

* * * * *

Der Musen-Almanach für 1798 enthält eine Reihe ~Schiller~scher Balladen. Aus dem "Ring des Polykrates" (S. 24) wird citiert Strophe 9:

*Des Lebens ungemischte Freude Ward keinem Irdischen zu Teil,*

und Strophe 11:

*Noch Keinen sah ich fröhlich enden, Auf den mit immer vollen Händen Die Götter ihre Gaben streun;*

endlich Strophe 16:

*Hier wendet sich der Gast mit Grausen.--*

aus dem "Handschuh" (S. 41) stammt:

*Die Damen in schönem Kranz*

und:

*Den Dank, Dame, begehr' ich nicht.--*

Aus ~Schillers~ "Taucher" (S. 119) wird citiert:

*Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp, Zu tauchen in diesen Schlund?

Da unten aber ist's fürchterlich, Und der Mensch versuche die Götter nicht;

Unter Larven die einzig fühlende Brust;

Lasst, Vater, genug sein das grausame Spiel,*

gewöhnlich citiert in der Form:

*Lass, Vater, genug sein des grausamen Spiels.--*

Ebenda stehen (S. 221) "Die Worte des Glaubens", worin im Anfange der zweiten Strophe:

*Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, Und würd' er in Ketten geboren,*

und am Schlusse der dritten, mit Benutzung des 1. Kor. 1, 19 vorkommenden "Verstands der Verständigen":

(Und) *was kein Verstand der Verständigen sieht, Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt.--

Aus der Ballade "Die Kraniche des Ibykus" (ebenda S. 267) wird citiert:

*Wer zählt die Völker, nennt die Namen?

Es steigt* (nicht: es ragt) *das Riesenmass der Leiber Hoch über Menschliches hinaus.*

und

*Sieh' da, sieh' da, Timotheus, Die Kraniche des Ibykus!--*

Aus dem "Gang nach dem Eisenhammer" (ebenda S. 306):

Str. 7:

*Red'st du von Einem, der da lebet?*

Str. 14:

*Dess freut sich das entmenschte Paar.*

Str. 25 u. 28:

*Der ist besorgt und aufgehoben.*

Str. 28:

*Herr, dunkel war der Rede Sinn.*

Str. 30:

*Dies Kind, kein Engel ist so rein.--*

* * * * *

In seinem im Okt. 1798 bei Wiedereröffnung der Schaubühne in Weimar gesprochenen "Prolog" zu "Wallensteins Lager" schuf ~Schiller~ die Worte:

*Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze,* (Denn) *wer den Besten seiner Zeit genug Gethan, der hat gelebt für alle Zeiten.*

(s. unten Horaz: "principibus placuisse ..." u.s.w.)

*Im engen Kreis verengert sich der Sinn, Es wächst der Mensch mit seinen grössern Zwecken.*

(vrgl. ~Seneca~: "Natur. quaest." III, praef.: "Crescit animus, quoties coepti magnitudinem attendit".)

*Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt, Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte;

Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst.--*

In "Wallensteins Lager" (1798), 5. Auftritt, ruft der erste Jäger, als die Marketenderin kommt:

*Was? der Blitz! Das ist ja die Gustel aus Blasewitz.*

Im 6. Auftritt wirft der Wachtmeister einem Jäger vor, dass ihm

*der feine Griff und der rechte Ton*

fehle, den man nur in des Feldherrn Nähe lernen könne. Der Jäger erwidert darauf:

*Wie er räuspert und wie er spuckt, Das habt ihr ihm glücklich abgeguckt.*

was aus ~Molières~ "Femmes savantes" 1, 1 entlehnt ist, wo Armande sagt:

Wer sich nach andern bilden will und achten. Hat ihren guten Sitten nachzutrachten. Das heisst gewiss sein Vorbild nicht erreichen, Im Räuspern nur und Spucken (tousser et cracher) ihm zu gleichen.

~Moland~ sagt in seiner Molière-Ausgabe, VII, Paris 1864: "Molière bringt hier nur eine sprichwörtliche Redensart, die zu seiner Zeit gebräuchlich war, in Verse", und führt zum Beleg "Francien" von ~Sorel~, Buch XI an: "ce n'est pas imiter un homme que peter et tousser comme lui".

Der Anfang der Kapuzinerpredigt[45] in "Wallensteins Lager" lautet:

*Heisa, juchheia! Dudeldumdei! Das geht ja hoch her. Bin auch dabei!*

[Fußnote 45: Manche meinen, das Wort "Kapuzinade" sei nach dieser Schwankpredigt gebildet, aber es ist älter als Schillers "Wallensteins Lager", und wer es zuerst brauchte, ist noch unentschieden.]

Es treten im Lager zwei Arquebusiere auf, philisterhafte Gesellen, die sich zweimalige Kritiken zuziehen, im 10. Auftritt:

(Lass sie gehen, sind) *Tiefenbacher, Gevatter Schneider und Handschuhmacher,*

und im 11. Auftritt:

(Schad' um die Leut; sind sonst wackre Brüder) *Aber das denkt wie ein Seifensieder.*

Aus dem Schlussworte des letzten von Körner, Zahn, Zelter und Zumsteeg komponierten Chorgesanges in "Wallensteins Lager" wird citiert:

*Und setzet ihr nicht das Leben ein, Nie wird euch das Leben gewonnen sein.--*

* * * * *

Dem Musen-Almanach für das Jahr 1799 entnehmen wir folgende Citate: aus ~Schillers~ Ballade "Der Kampf mit dem Drachen" (S. 151):

*Was rennt das Volk, was wälzt sich dort Die langen Gassen brausend fort?

Mut zeiget auch der Mameluck, Gehorsam ist des Christen Schmuck;*

aus seiner "Bürgschaft" (S. 176);

*Möros, den Dolch im Gewande;

Das sollst du am Kreuze bereuen;

Zurück! du rettest den Freund nicht mehr;*

(Der fühlt) *ein menschliches Rühren;*

(Und) *die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn.*

Endlich wird aus der "Bürgschaft" citiert:

*Ich sei, gewährt mir die Bitte, In eurem Bunde der dritte,*

was kein ursprünglicher Einfall Schillers war, sondern vielmehr einer der Fundstellen dieser Ballade entlehnt ist. (S. Register: Dionys der Jüngere.)--

Aus "Des Mädchens Klage" (ebenda, S. 208) und dann, um zwei Strophen verkürzt, als Theklas Lied ("Piccolomini" 3, 7) wird citiert:

*Ich habe genossen das irdische Glück; Ich habe gelebt und geliebet.--*

Die Schlussverse der letzten Strophe des Gedichts vom Jahre 1799: "An Goethe, als er den 'Mahomed' von Voltaire auf die Bühne brachte":

*Der Schein soll nie die Wirklichkeit erreichen, Und siegt Natur, so muss die Kunst entweichen*

erfuhren nach ~Schillers~ Tode eine bizarre Umgestaltung.

Es giebt nämlich eine alte, gewöhnlich in die Zeit Karls V. von Frankreich verlegte, aber bereits in einem viel älteren französischen Roman enthaltene Sage, nach welcher ein französischer Ritter, Aubry, von einem seiner Waffengefährten, Robert Macaire, dessen Name in Frankreich eine typische Bezeichnung für einen Hallunken geworden ist, meuchlings erschlagen, und die Ermordung Aubrys durch das feindselige Betragen des Hundes des Getöteten gegen den Mörder ans Tageslicht gebracht wird. Diese Sage wurde zu einem Melodrama verarbeitet, in welchem ein dressierter Pudel die Hauptrolle spielte, der den Pariser Janhagel in Begeisterung versetzte. 1816 gab sich die königliche Bühne in Berlin dazu her, den Pudel auftreten zu lassen, was, wie ~Zelter~ (Brief 246) an ~Goethe~ schreibt, die Berliner zu dem Witze veranlasste, dass "den Hund aufs Theater bringen" eigentlich "das Theater auf den Hund bringen" sei. Auch der Grossherzog von Weimar, ein grosser Hundeliebhaber, wünschte den vierbeinigen Schauspieler auf seiner Bühne zu sehen, stiess aber auf Widerstand bei ~Goethe~, dem Intendanten. Der Pudel wurde jedoch heimlich verschrieben, Goethe ging am Abend der Theaterprobe, am 20. März 1817, mit eigenmächtiger Urlaubserteilung nach Jena, reichte nach der am 12. April stattgehabten Aufführung den Abschied ein und erhielt darauf von Karl August folgende Zeilen: "Aus den mir zugegangenen Äusserungen habe ich die Überzeugung gewonnen, dass der Geheimrat von Goethe wünscht, seiner Funktion als Intendant enthoben zu sein, welches ich hiermit genehmige". Die Tagesblätter veränderten die obigen Verse Schillers demzufolge also:

Dem Hundestall soll nie die Bühne gleichen Und kommt der Pudel, muss der Dichter weichen,

und nannten den Pudel den "Schicksalspudel". Goethe selbst erwähnt in den "Annalen" unter dem Jahre 1817 von diesen Vorkommnissen nichts.--[46]

[Fußnote 46: ~Carl Eberwein~ "Weimarer Sonntagsblatt", 1857, S. 312. In Gotthardis "Weimarischen Theaterbildern" II, 168 soll diese Travestie mit einer kleinen Variante stehen.]

* * * * *

Schwindet ein Wesen oder ein Werk ohne Ruhm dahin, so hört man sagen, dass es

*Klanglos zum Orkus hinab*

ging, ein Wort, welches den Schluss von ~Schillers~ "Nenie" bildet (ged. 1. Okt. 1799).--

* * * * *

Aus "Hektors Abschied" (zuerst in den "Gedichten von Friedrich ~Schiller~", 1. T., Leipz. 1800) wird citiert:

*Will sich Hektor ewig von mir wenden?*

und

*Theures Weib, gebiete deinen Thränen!*

(In Goedekes "Historisch-kritischer Ausg.", T. 11, wird das Gedicht mit der Jahresbezeichnung 1780-93 versehen, was wohl heissen soll, dass die ältere Form, wie sie in den "Räubern", 4, 4 vorliegt, aus dem Jahre 1780, die neuere aus dem Jahre 1793 stammt.)--

* * * * *

Im "Musen-Almanach für das Jahr 1800" S. 243, erschien ~Schillers~ "Lied von der Glocke"; daraus werden als Citate verwendet die Worte:

*Von der Stirne heiss Rinnen muss der Schweiss ...;

Zum Werke, das wir ernst bereiten, Geziemt sich wohl ein ernstes Wort;

Wenn gute Reden sie begleiten, Dann fliesst die Arbeit munter fort;

Nehmet Holz vom Fichtenstamme;

Die schwarzen und die heitern Lose;

Errötend folgt er ihren Spuren;

O zarte Sehnsucht, süsses Hoffen. Der ersten Liebe goldne Zeit! Das Auge sieht den Himmel offen,[47] Es schwelgt das Herz in Seligkeit;

O dass sie ewig grünen bliebe, Die schöne Zeit der jungen Liebe;

Denn wo das Strenge mit dem Zarten, Wo Starkes sich und Mildes paarten, Da giebt es einen guten Klang;

Drum prüfe, wer sich ewig bindet, Ob sich das Herz zum Herzen findet;

Der Wahn ist kurz, die Reu' ist lang;

Doch mit des Geschickes Mächten Ist kein ew'ger Bund zu flechten, Und das Unglück schreitet schnell;

Wohlthätig ist des Feuers Macht, Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht;

Mütter irren (!)

Leer gebrannt Ist die Stätte;

Ein süsser Trost ist ihm geblieben, Er zählt die Häupter seiner Lieben, Und sieh! ihm fehlt kein teures Haupt;*

[Fußnote 47: Anschluss an Joh. 1, 51: s. Kapitel I.]

(Die Berliner sagten 1813 von Bernadottes geringen Verlusten bei Grossbeeren und Dennewitz nach ~Häussers~ "Deutscher Geschichte", 3. Aufl., Bd. 4, S. 267:

_Er zählt die Häupter seiner Lieben, Und sieh! es fehlten ihm nur sieben._)

*... die Gattin ..., die teure;

... das Auge des Gesetzes wacht;

Wenn sich die Völker selbst befrei'n, Da kann die Wohlfahrt nicht gedeih'n;

Da werden Weiber zu Hyänen;

Gefährlich ist's, den Leu zu wecken, Verderblich ist des Tigers Zahn; Jedoch der Schrecklichste der Schrecken, Das ist der Mensch in seinem Wahn.--*

* * * * *

Aus ~Schillers~ Drama "Die Piccolomini" (1800) wird citiert:

*Spät kommt ihr, doch ihr kommt* (1, 1),

wobei bemerkt werden mag, dass schon in der Odyssee, 23, 7 von Odysseus gesagt wird, er komme nach Hause, obwohl er spät komme. (Ursprünglich begannen weder "Don Carlos" noch die "Piccolomini" mit ihren so berühmten Worten. Der Anfang der "Piccolomini" lautete:

Gut, dass Ihr's seid, dass wir Euch haben! wusst' ich doch, Graf Isolani bleibt nicht aus.)

*Was ist der langen Rede kurzer Sinn?* (1, 2.)

*Des Dienstes immer gleichgestellte Uhr.* (1, 4.)

*In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne.* (2, 6.)

*Wohl ausgesonnen, Pater Lamormaín!* (2, 7.)

*Wär' der Gedank' nicht so verwünscht gescheit, Man wär' versucht, ihn herzlich dumm zu nennen* (ebenda).

(_O, der ist aus dem Himmel schon gefallen, Der an der Stunden Wechsel denken muss!_)

*Die Uhr schlägt keinem Glücklichen* (3, 3),

was gewöhnlich in der Form citiert wird:

*Dem Glücklichen schlägt keine Stunde;*

*Das Spiel des Lebens sieht sich heiter an, Wenn man den sichern Schatz im Herzen trägt* (3, 4),

*Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme* (3, 8),

was als Nebentitel des von ~Hauff~ unter dem Namen H. ~Clauren~ und gegen diesen geschriebenen Romans "Der Mann im Monde" (1825) noch bekannter geworden ist;

*Das eben ist der Fluch der bösen That, Dass sie fortzeugend immer Böses muss gebären* (5, 1).

Derselbe Gedanke wird schon im "Agamemnon" des ~Äschylus~, 758 so ausgesprochen: "Die gottlose That erzeugt mehre, die ihrem Geschlecht gleichen", und von ~Saxo Grammaticus~ († 1204) in seiner Erzählung von "Hamlet" folgendermassen: "Das eben ist der Fluch der Schuld, dass sie immer wieder Reiz und Veranlassung zu neuer Schuld enthalten muss". (Simrock, "Quellen des Shakespeare", 2. Aufl., I., 104.)--

* * * * *

Aus "Wallensteins Tod" wird citiert:

1, 4:

*Ernst ist der Anblick der Notwendigkeit;*

*Denn aus Gemeinem ist der Mensch gemacht Und die Gewohnheit nennt er seine Amme;*

*Sei im Besitze, und du wohnst im Recht;*

1, 5:

*Ich hab' hier bloss ein Amt und keine Meinung.*

2, 2:

*Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort:*

*Eng ist die Welt und das Gehirn ist weit-- Leicht bei einander wohnen die Gedanken, Doch hart im Raume stossen sich die Sachen.*

2, 3:

*Es giebt im Menschenleben Augenblicke;*

*Und Ross und Reiter sah ich niemals wieder.*

2, 6:

*Dank vom Haus Österreich!*

3, 9:

*Das war kein Heldenstück, Octavio!*

3, 10:

*Nacht muss es sein, wo Friedlands Sterne strahlen;*

(Gern wird für "Sterne strahlen" hier "Sterne glänzen" gesagt, weil es weicher klingt.)

3, 13:

*Du hast's erreicht, Octavio!*

was gewöhnlich so citiert wird:

*Du hast's gewollt! Octavio!*

*Da steh' ich, ein entlaubter Stamm!*

3, 15:

*So ist's, mein Feldherr!*

*Daran erkenn' ich meine Pappenheimer*

3, 18:

*Max, bleibe bei mir!*

4, 10:

*Keines Überfalls gewärtig;*

*Gekeilt in drangvoll fürchterliche Enge;*

*Man sagt, er wollte sterben.*

Theklas Monolog in 4, 12 enthält:

*Was ist das Leben ohne Liebesglanz?*

und schliesst:

*Das ist das Loos des Schönen auf der Erde!*

5, 5 findet sich:

*Ich denke einen langen Schlaf zu thun, Denn dieser letzten Tage Qual war gross;*

und 5, 11:

*Des Menschen Engel ist die Zeit.--*

* * * * *

Aus "Maria Stuart" (1801) citieren wir

4, 6: "Graf! dieser Mortimer starb Euch sehr gelegen",

in der Form:

*Der starb Euch sehr gelegen.*

Die Schlussverse aus "Maria Stuart" lauten:

*Der Lord lässt sich Entschuldigen; er ist zu Schiff nach Frankreich.--*

* * * * *

In ~Schillers~ Gedicht "Der Antritt des neuen Jahrhunderts" ("Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1802". S. 167) heisst es:

*Freiheit ist nur in dem Reich der Träume, Und das Schöne blüht nur im Gesang.*

Ebenda, S. 231, steht "Voltaires Pucelle und die Jungfrau von Orleans", später "Das Mädchen von Orleans" genannt. Daraus wird citiert:

*Es liebt die Welt das Strahlende zu schwärzen Und das Erhab'ne in den Staub zu zieh'n.*

* * * * *

Aus der zweiten Scene des Prologes zur "Jungfrau von Orleans", die zuerst 1801 in Leipzig aufgeführt wurde, und deren erster Druck unter dem Titel: "Kalender auf das Jahr 1802. Die Jungfrau von Orleans" u.s.w. (Berlin, Unger) erschien, wird citiert:

*Wie kommt mir solcher Glanz in meine Hütte?*

aus der dritten:

*Mein ist der Helm, und mir gehört er zu; Nichts von Verträgen, nichts von Übergabe.*

Der Anfangsvers der ersten Strophe des Monologs Johannas:

*Lebt wohl ihr Berge, ihr geliebten Triften,*

wird, wie ihr Schlussvers:

*Johanna geht, und nimmer kehrt sie wieder,*

bei einem Abschiede angewendet. Die Worte des Königs Karl (VII, 1, 2):

*Drum soll der Sänger mit dem König gehen, Sie beide wohnen auf der Menschheit Höhen,*

erscheinen mit ihrem "Drum" als eine Schlussfolge aus den vorhergehenden Betrachtungen Karls; citiert wird das Wort, indem man für "Drum" eigenmächtig "Es" setzt.

*Mit dem Volke soll der Dichter gehen,* Also les' ich meinen Schiller heut'!

sagt ~Freiligrath~.

Ferner sind uns aus der "Jungfrau von Orleans" folgende Stellen geläufig:

*Kann ich Armeen aus der Erde stampfen? Wächst mir ein Kornfeld in der flachen Hand?* (1, 3)

(wobei zu bemerken, dass nach ~Plutarchs~ "Cäsar", K. 33, Pompeius einst geprahlt hatte, er könne Armeen aus der Erde stampfen;)

*Nichtswürdig ist die Nation, die nicht Ihr Alles freudig setzt an ihre Ehre* (1, 5);

1, 9:

*Ein Schlachten war's, nicht eine Schlacht zu nennen;*[48]

[Fußnote 48: Solche Gegenüberstellung findet sich bereits: ~Livius~ 5, 44; 22, 48; 23, 40; 25, 14; ~Curtius~ 4, 15; ~Tacitus~, hist. 3, 77: "pugna" und "caedes"; ~Livius~ 2, 53 und 5, 45; ~Tacitus~, hist. 4, 33: "proelium" und "caedes"; ~Livius~ 28, 16: "pugna" und "trucidatio velut pecorum".]

1, 10:

*Von wannen kommt dir diese Wissenschaft?*

(Schiller ahmte sich selbst in diesem Verse nach; denn in "Macbeth", 1, 5 (1801) übersetzt er das Shakespearesche 1, 3 vorkommende:

_Say from whence You owe this strange intelligence?_

also:

_Sagt, von wannen kam euch Die wunderbare Wissenschaft?_)

1, 10:

*Unsinn, du siegst, und ich muss untergeh'n!*

3, 6:

*Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens.*

4, 1:

*Ach, es war nicht meine Wahl!*

5, 14:

*Wie wird mir? Leichte Wolken heben mich;*

und der Schlussvers des ganzen Dramas:

*Kurz ist der Schmerz, und ewig ist die Freude!--*

* * * * *

~Schillers~ Gedicht "An die Freunde" ("Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1803", Tübingen, Cotta, S. 1 u. 2) enthält das Wort:

(Und) *der Lebende hat recht*

dann die Umschreibung für Theaterbühne:

*Die Bretter, die die Welt bedeuten*

S. 201 und S. 202 daselbst steht das Gedicht: "Thekla. Eine Geisterstimme", aus dem der Endvers citiert wird:

*Hoher Sinn liegt oft in kind'schem Spiel.--*

* * * * *

Aus der "Braut von Messina" (1803) sind bekannt der Anfangsvers

*Der Not gehorchend, nicht dem eignen Trieb,*

der vielleicht aus dem Wort des Apothekers in Shakespeares "Romeo und Julie" (5, 1) entstand:

"My poverty, but not my will, consents",

oder aus Dantes ("Inferno" 12, 87):

"Necessità 'l c' induce e non diletto".

Nachdem Don Manuel zum ersten Male die Bühne verlassen hat, ertönt das Wort des Chors:

*Etwas fürchten und hoffen und sorgen Muss der Mensch für den kommenden Morgen.*

Ferner citieren wir:

1, 7:

*Ein jeder Wechsel schreckt den Glücklichen;*

2, 5:

*Die ist es oder keine sonst auf Erden!*

3, 4:

*Blendwerk der Hölle!*

3, 5:

*Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe!*

4, 4:

*Nicht an die Güter hänge dein Herz, Die das Leben vergänglich zieren! Wer besitzt, der lerne verlieren, Wer im Glück ist, der lerne den Schmerz;*

4, 7:

*Auf den Bergen ist Freiheit!

Die Welt ist vollkommen überall, Wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual.

Das Leben ist der Güter höchstes nicht, Der Übel grösstes aber ist die Schuld.*

Der zweite Vers ist die Übersetzung von ~Ciceros~ [ad. fam. VI, 4, 2]: ("nec esse ullum malum praeter culpam".--A. W. v. ~Schlegel~ versah diese Verse mit Bezug auf ~Müllners~ Drama "Die Schuld", 1816, im Wendtschen Musen-Almanach von 1832 mit der Überschrift: "Unter Müllners Bildnis" und Carl ~Bagger~ ["Digtninger, gamle og nye", 1836] schreibt:

[In ein Stammbuch.]

Das Leben ist der Güter höchstes nicht, Der Übel grösstes aber sind die Schulden).--

* * * * *

Der erste Vers aus ~Schillers~ Romanze "Der Jüngling am Bache", welche in dem am 12. Okt. 1803 in Weimar aufgeführten und 1806 erschienenen "Parasiten" 4, 4 eingeflochten ist, lautet:

*An der Quelle sass der Knabe.*

Der "Parasit" ist von ~Schiller~ aus ~Picards~ "Médiocre et Rampant ou le moyen de parvenir" (1797) weniger übersetzt als übertragen; die Schillersche Romanze hat mit der Picards nur die Stimmung gemein, so dass obiges Citat durchaus Schiller angehört, während jedoch der Schluss der Romanze:

*Raum ist in der kleinsten Hütte Für ein glücklich liebend Paar*

seine Entstehung wohl einer Reminiscenz verdankt. Nämlich in ~Wielands~ "Musarion" (1768), Bd. 1, stottert Fanias: "Gewiss sehr viel Ehre! Allein mein Haus ist klein"; worauf die Schöne versetzt: "Und wenn es kleiner wäre, für eine Freundin hat die kleinste Hütte Raum" und in J. A. ~Leisewitzens~ "Julius von Tarent" (1776) 2, 3 ruft Bianca: "Diese Hütte ist klein; Raum genug zu einer Umarmung.--Dies Feldchen ist enge--Raum genug für Küchenkräuter und zwei Gräber; und dann, Julius, die Ewigkeit;--Raum genug für die Liebe!"--

* * * * *

Aus ~Schillers~ Ballade "Der Graf von Habsburg" ("Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1804", Tübingen, Cotta) stammt:

*die kaiserlose, die schreckliche Zeit!*

aus dem "Siegesfest" (ebenda):

*Von des Lebens Gütern allen Ist der Ruhm das höchste doch; Wenn der Leib in Staub zerfallen, Lebt der grosse Name noch,*

sowie:

*Trink ihn aus, den Trank der Labe, Und vergiss den grossen Schmerz.--*

Der vorletzte Vers des von ~Schiller~ 1804 für Beckers "Taschenbuch" verfassten Gedichtes "Der Alpenjäger" lautet:

*Raum für alle hat die Erde.--*

* * * * *

Citate aus "Wilhelm Tell" (1804) sind Tells Worte an Ruodi den Fischer (1, 1):

*Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt;*

Ruodis Antwort:

*Vom sichern Port lässt sich's gemächlich raten;*

Ferner Ruodis:

*Da rast der See und will sein Opfer haben;*

Tells Worte an den Hirten (s.: Erasmus ~Alberus~):

*Ich hab' gethan, was ich nicht lassen konnte;*

und der Schlussvers der ersten Scene:

*Wann wird der Retter kommen diesem Lande?*

In der zweiten Scene wendet Gertrud ein Wort an, das nur die Wiederauffrischung eines alten Sprichworts ist:

*Dem Mutigen hilft Gott!*[49]

[Fußnote 49: s.: Fortes fortuna adiuvat.]

Der zweite Akt führt uns aus der ersten Scene zu:

*Ich bin der letzte meines Stamms;*

wobei zu erinnern ist, dass bereits Friedr. Leop. Graf zu ~Stolberg~ in seiner "Romanze" (1774; "ges. W." der Brüder Stolberg T. 1, S. 56) sang:

"Er, der letzte seines Stammes Weinte seiner Söhne Fall".

Aus derselben Scene des "Tell" citieren wir:

*Ans Vaterland, ans teure, schliess dich an, Das halte fest mit deinem ganzen Herzen, Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft;*

und:

*Es lebt ein anders denkendes Geschlecht.*

2, 2 bietet:

*Wir sind ein Volk und einig woll'n wir handeln,* und gegen Ende:

*Wir wollen sein ein einzig* (nicht: einig) *Volk von Brüdern, In keiner Not uns trennen und Gefahr.*

Aus 3, 1 entnehmen wir die Worte Walthers:

*Was da fleucht und kreucht,*

gewöhnlich in der Form sämtlicher späteren Auflagen:

*Was da kreucht und fleucht,*[50]

Worte, die sich an 1. Mos, 7, 14 anlehnen.

[Fußnote 50: Schon ~Walther von der Vogelweide~ singt (nach Simrocks Übersetzung, 6. Aufl., Leipz. 1876, S. 5) im Gedichte "Wahlstreit" (1198): "Was kriechet oder flieget", vrgl. ~Homers~ "Ilias" 17, 447: "ὅσσα τε γαῖαν ἔπι πνείει τε καὶ ἕρπει", ~Herodot~ 1, 140: "τἆλλα ἑρπετὰ καὶ πετεινά" u.s.w.--]

Aus derselben Scene brauchen wir drei Worte Tells:

*Früh übt sich, was ein Meister werden will;*

*Die Axt im Haus erspart den Zimmermann;*

*Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig leisten.*

3, 3 enthält des Rudenz Worte:

*Allzu straff gespannt, zerspringt der Bogen.*[51]

[Fußnote 51: ~Amasis~, König von Ägypten (570-526) sagte vom Bogen (Herodot II, 173): "εἰ γὰρ δὴ τὸν πάντα χρόνον ἐντεταμένα εἴη, ἐκραγείη ἄν"--"denn bliebe er alle Zeit gespannt, so würde er wohl zerbrechen". Er entschuldigte damit seinen Hang, die Regierungsmühen mit Trinkgelagen abwechseln zu lassen. Dann leiht Phädrus (3, 4, 10) dem ~Aesop~ die Weisheit, der Geist brauche Spiel, um wieder denkfrisch zu werden, denn: "Cito rumpes arcum, semper si tensum habueris"--"du zerbrichst den Bogen schnell, wenn du ihn stets gespannt haben willst". ~Grimmelshausens~ "Simplicissimus" IV, 1 bietet: "Wann man den Bogen überspannet, so muss er endlich zerbrechen". Doch Schiller schöpfte wohl aus F. M. ~Klingers~ Trauerspiel: "Die Zwillinge" (1774), wo es 2, 2 heisst: "wir wollen den Bogen nicht zu stark spannen, damit die Sehne halte".]

4, 2 spricht der sterbende Attinghausen:

*Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, Und neues Leben blüht aus den Ruinen;*

*Seid einig--einig--einig!*

Aus Tells Monolog 4, 3 wird citiert:

*Durch diese hohle Gasse muss er kommen, Es führt kein andrer Weg nach Küssnacht.--Hier Vollend ich's. Die Gelegenheit ist günstig. Dort der Hollunderstrauch verbirgt mich* (ihm);

*Mach deine Rechnung mit dem Himmel, Vogt! Fort musst du, deine Uhr ist abgelaufen;*

*in gährend Drachengift hast du Die Milch der frommen Denkart mir verwandelt;*

(wobei wohl 5. Mos. 32, 33 "Ihr Wein ist Drachengift" und Lady Macbeth ["Macbeth" 1, 5] vorgeschwebt hat, die vom Gemüt ihres Mannes sagt, es sei "zu voll von der Milch der Menschenliebe";)

*Es lebt ein Gott zu strafen und zu rächen;

Entränn' er jetzo kraftlos meinen Händen* (nämlich der Pfeil), *Ich habe keinen zweiten zu versenden;*

endlich:

*Auf dieser Bank von Stein will ich mich setzen,*

was schon des auffallenden Stils wegen citiert wird.

Aus dem darauf folgenden Gespräch Tells mit dem Flurschützen ist bekannt:

*Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, Wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt,*

die Umänderung eines älteren Sprichworts: "Niemand kann länger Frieden haben, als seinem Nachbar beliebt".

Dann ruft der getroffene Gessler (4, 3):

*Das ist Tells Geschoss!*

Und nun singen die barmherzigen Brüder:

*Rasch tritt der Tod den Menschen an.--*

Aus dem durch ~Schillers~ Tod (1805) unvollendet gebliebenen "Demetrius" citieren wir:

*Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen,*

wodurch ein oft dagewesener Gedanke[52] für uns seine bleibende Form erhielt.--

[Fußnote 52: S. ~Cicero~ "d. off." 2, 22: "non enim numero haec iudicantur, sed pondere"; ~Plinius d. jüng.~ B. 2, Ep. 12: "numerantur enim sententiae, non ponderantur"; ~Moses Mendelssohn~ (Ges. W. 3, 370; an Nicolai): "Stimmen ... wollen gewogen und nicht gezählt sein"; ~Wieland~ (1774. "Abderiten" 5, 3), der da meint, es komme nicht auf "majora" (das Mehr), sondern auf "saniora" (das Vernünftigere) an; ~Lichtenberg~ (1777. Ausg. v. 1867 B. 2, 3, 236), der es bedauert, "dass wir so oft die Stimmen nur zählen können. Wo man sie wägen kann, soll man es nie versäumen"; ~Klopstock~ (Aug. 1800. "Die Wage"): "Du zählst die Stimmen; wäge sie--" und endlich ~Schiller~ selbst (1801. "Maria Stuart" 2, 3): "Nicht Stimmenmehrheit ist des Rechtes Probe", (vrgl. Stahls "Autorität nicht Majorität!")] der in "Trogalien zur Verdauung der Xenien, Kochstädt, zu finden in der Speisekammer", 1797 zu lesen ist.--

* * * * *

Chr. Fürchteg. *Fulda*, Lehrer am Pädagogium zu Halle, ist der Verfasser eines Spottverses gegen Goethes und Schillers "Xenien":

Die neumodischen Distichen.

- u u - - - - - u u - u u - - *In Weimar und in Jena macht man Hexameter wie der. Aber die Pentameter sind doch noch excellenter,*

* * * * *

Nikolaus *Sturm*, mit dem Klosternamen ~Marcellinus~ (1760-1819), ist Verfasser eines Liedes, dessen Anfang lautet:

*Nach Kreuz und ausgestand'nen Leiden.*

("Lieder, zum Teil in bayerischer Mundart von P. Marcelin ~Sturm~, ehemaligem Augustiner". 1819 No. 15.)--

* * * * *

Joh. Peter *Hebel* (1760-1826) "Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes" (1811) erzählt eine Geschichte "Die zwei Postillone":

"Diese Postillone, welche zwischen Dinkelsbühl und Ellwangen fuhren, hatten von zwei Handelsleuten stets so schlechte Trinkgelder erhalten, dass sie sich vornahmen, die Herren freigebiger zu machen. Einst traf es sich, dass der Dinkelsbühler Schwager, den einen dieser Handelsleute fahrend, auf der Landstrasse dem Postillon von Ellwangen begegnete, welcher den anderen Handelsmann fuhr. Keiner will dem anderen ausweichen. Zuerst zanken sich die Postillone, und als die Reisenden sich in den Wortwechsel mischen, schlägt der Ellwanger Postillon dem Passagier in dem gegenüberstehenden Postwagen mit der Peitsche ins Gesicht, worauf der Postillon aus Dinkelsbühl ein Gleiches an dem anderen Passagier that. Nachdem sie ihre gegenseitigen Passagiere durchgepeitscht hatten, trennten sie sich. Diesmal gab jeder der beiden Reisenden ein besseres Trinkgeld.--Hebel lässt den einen Postillon sagen: 'Du sollst meinen Passagier nicht hauen; er ist mir anvertraut und zahlt honett, oder ich hau' den Deinigen auch'."

Der Volksmund hat die Worte des Postillons verkürzt zu:

*Haust Du meinen Juden, so hau' ich Deinen Juden.*

~Hebel~ erklärt in der Vorrede, dass mehrere der mitgeteilten Geschichten anderswo bereits zu hören oder zu lesen waren, und dass er auf diese Kinder des Scherzes und der Laune, denen er ein nettes und lustiges Röcklein angehängt, keine weiteren Ansprüche mache. Wem entlehnte er diesen Schwank?--

* * * * *

Durch Aug. Friedr. Ferd. von *Kotzebue*s (1761-1819) Lustspiel "Die Indianer in England" (1789 zu Reval aufgeführt, 1790 zu Leipzig erschienen) ist der Name der Tochter des Nabob von Mysore,

*Gurli,*

eine Bezeichnung für ein gefühlvoll-naives Frauenzimmer geworden. Auch citiert man den Sammeltitel einiger Schriften ~Kotzebues~:

*Die jüngsten Kinder meiner Laune*

(Leipz. 1793-97) gewöhnlich in der Form:

*Das jüngste Kind meiner Laune,*

mit welchem Scherzworte der Tischler Valentin in ~Raimunds~ "Verschwender" 3, 7 seine Pepi vorstellt.--

* * * * *

Die Anfangsverse von ~Kotzebues~ 1802 verfasstem, von Himmel komponierten Liede (im Februarheft des "Freimütigen" von 1803) "Trost beim Scheiden" (zuerst "Gesellschaftslied" genannt) citieren wir in der Form:

*Es kann ja nicht immer so bleiben Hier unter dem wechselnden Mond,*

und den Anfang von dessen vierter Strophe also:

*Wir sitzen so fröhlich beisammen, Wir haben einander so lieb;*

während es ursprünglich "Es kann schon nicht Alles so bleiben" hiess und "Wir haben uns Alle so lieb".--

* * * * *

Der Anfangsvers einer 1810 erschienenen Romanze ~Kotzebues~ aus seinem Lustspiele "Der arme Minnesinger" (Alman. dram. Spiele, 9. Jhrg. S. 146) heisst:

*Über die Berge mit Ungestüm.*

Das Lied wurde 1811 allgemein bekannt durch Carl Maria von Webers Composition, die seine erste war.--

* * * * *

*Rinaldo Rinaldini*

wurde zur stehenden Bezeichnung für einen räuberhaften Gesellen durch des Chr. Aug. *Vulpius* (1762-1827) ehemals weitverbreiteten Schauerroman "Rinaldo Rinaldini, der Räuberhauptman; eine romantische Geschichte unsers Jahrhunderts" (Leipz. 1797 ff.). In seiner Zeitschrift "Janus" veröffentlichte ~Vulpius~ im Jahre 1800 "Romanzen und Lieder über Rinaldini". Die zweite "Romanze" dort (1, 371) beginnt: "In des Waldes düstern Gründen", und wurde zum Volkslied (vrgl. den "Liederhort" von Erk und Böhmer). Diesen Anfangsvers citieren wir in der Form:

*In des Waldes tiefsten Gründen,*

wohl mit Anlehnung an ~Schiller~, der in seiner "Kassandra" (1802) singt:

"In des Waldes tiefste Gründe Flüchtete die Seherin."--

* * * * *

Die letzte Strophe des Gedichtes "Das Grab" von Joh. Gaudenz Gusert Graf von *Salis-Seewis* (1762-1834) lautet ("Götting. Mus.-Alman." f. 1788):

*Das arme Herz, hienieden Von manchem Sturm bewegt, Erlangt den wahren Frieden Nur, wo es nicht mehr schlägt.--*

* * * * *

Der Anfang des Weihnachtsliedes:

*Morgen, Kinder, wird's was geben, Morgen werden wir uns freu'n,*

wird oft angewendet. Es steht in Splittegarbs Liedersammlung, Berlin 1795, 2. Aufl., S. 317, wurde aber schon vor 1783 von Joh. Phil. Kirnberger in Berlin komponiert. Nach einer Familientradition war der Verfasser der Schulvorsteher Martin Friedrich Philipp *Bartsch* in Berlin († 1833).--

* * * * *

*Unterbrochenes Opferfest*

ist der Titel einer ~von Winter~schen, 1796 erschienenen Oper, deren Text von F. X. *Huber* herrührt.--

* * * * *

Joh. Gottfr. *Seume* (1763-1810) bietet uns in dem Gedichte "Der Wilde" ("Gedichte", Riga, 1801) die Worte:

(Ein Kanadier, der noch) *Europens Übertünchte Höflichkeit* (nicht kannte).

(Seht,) *wir Wilden sind doch bess're Menschen, Und er schlug sich seitwärts in die Büsche.*

Zuerst erschien das Gedicht in Schillers "Neuer Thalia" (Bd. 3 S. 255 Lpz. 1793) und begann:

"Ein Amerikaner, der Europens ..."--

In der "Zeitung für die elegante Welt", 1804, No. 23, liess ~Seume~ das Gedicht "Die Gesänge" erscheinen, dessen erste Strophe:

Wo man singet, lass dich ruhig nieder, Ohne Furcht, was man im Lande glaubt; Wo man singet, wird kein Mensch beraubt; Bösewichter haben keine Lieder,

im Volksmunde umgewandelt worden ist in:

*Wo man singt, da lass dich ruhig nieder; Böse Menschen haben keine Lieder.*

Schon ~Luther~ sagt in seinem Gedichte "Frau Musica" (Klugs Gesangbuch, Wittenberg 1543):

Hie kann nicht sein ein böser Mut, Wo da singen Gesellen gut,

und ~Cervantes~ "Don Quijote", II 34 (1615) gegen Ende:

Senora, donde hay musica, no puede haber cosa mala. Gnädige Frau, wo Musik ist, da kann nichts Böses sein.

Die Parodie der Seumeschen Verse von David ~Kalisch~:

*Wo man raucht, da kannst du ruhig harren, Böse Menschen haben nie Cigarren*

steht im "Humoristisch-satirischen Volkskalender des Kladderadatsch" von 1850, S. 27.--

* * * * *

*Jean Paul* (Johann Paul Friedrich Richter, 1763-1825) machte zum Schauplatz seiner Satire "Das heimliche Klaglied der jetzigen Männer" (Bremen 1801) das Landstädtchen[53]

*Krähwinkel,*

das dadurch, wie dann durch ~Kotzebues~ Lustspiel "Die deutschen Kleinstädter" (1803), die Bedeutung eines Klatschnestes erhielt. Auch schrieb ~Kotzebue~ "Des Esels Schatten oder der Process in Krähwinkel" im "Almanach dramatischer Spiele für 1810" (Riga 1809). Danach nennt man jedes kleinstädtisch aufgebauschte Ereignis eine

*Krähwinkelei.--*

[Fußnote 53: Crawinkel, von ~Jahn~ (nach H. Pröhle in "Fr. Ludwig Jahns Leben") in einem Briefe von 1825 Krähwinkel genannt, ist ein Dorf bei Laucha im Kreise Eckartsberga unweit von Jena; Krehwinkel, ein Weiler im Oberamt Schorndorf in Württemberg; Krähwinkel, ein Dorf im Kreise Solingen des Regierungsbezirks Düsseldorf.]

Ferner gab Jean Paul (1804-5) den Roman

"*Flegeljahre*"

heraus, nachdem er schon in seinem "Siebenkäs" (1795 Band 2, Kap. 5) schrieb: "Wenn der Mensch über die Tölpeljahre hinüber ist, so hat er noch jährlich einige Tölpelwochen und Flegeltage zurückzulegen".--

Auch ist wohl ~Jean Paul~ als der Schöpfer des Worts

*Weltschmerz*

anzusehen. In seinem 1810 begonnenen posthumen Werke "Selina oder über die Unsterblichkeit" (ersch. 1827; s. Bd. 2, S. 132) sagt er von Gott: "~Nur sein~ Auge sah alle die tausend Qualen der Menschen bei ihren Untergängen. Diesen Weltschmerz kann er, so zu sagen, nur aushalten durch den Anblick der Seligkeit, die nachher vergütet." Hier also bedeutet das Wort entweder "Qualen aller Menschen" oder "schmerzliches Mitgefühl Gottes für das Weltelend". ~Heine~ jedoch verlegte den "Weltschmerz" dann in die empfindsame Menschenseele, indem er in seiner pariser Schrift "Aus der Gemälde-Ausstellung von 1831" bei der Besprechung des Bildes von Delaroche: "Oliver Cromwell vor Karls I. Leiche" ausruft: "Welchen grossen Weltschmerz hat der Maler hier mit wenigen Strichen ausgesprochen". Es bedeutet hier "Schmerz für den fühlenden Menschen über die Vergänglichkeit alles Irdischen". An Jean Paul und Heine lehnte sich dann Julius ~Mosen~ an, der da sang ("Gedichte" 1836, S. 93: "Weltsünde" Str. 2):

"Und meine Seele riss entzwei der Schmerz, Doch der mich schlug, den hört' ich also sagen: Das ist der Weltschmerz, den einst Gott getragen!"

und ferner ("Ahasver" 1838, Gesang 1 Str. 10) im Sinne eines die ganze Welt umfassenden heroischen Schmerzes:

"Zur Zeit nur eines Volkes Todesschmerzen, Zur Zeit die Noth nur einer einz'gen Stadt, Trägt er den Weltschmerz bald in seinem Herzen".

~Heine~ wiederum wendet dann das Wort in der Vorrede (1854) zu den "Geständnissen" ironisch an im Sinne des Mitleids für das Weltelend, das auch "Schufte von Gefühl" hegen. Wir aber brauchen "Weltschmerz" heut im Sinne von "schmerzlichem oder eingebildetem Ekel an Welt und Leben"; und dazu schlug abermals ~Heine~ die Brücke, obwohl er das Wort da in "Weltqual" ummodelt, durch folgende 1840 geschriebene Stelle ("Ges. W." Strodtmann, 12, 230): "Wenn ich auch am Tage wohlbeleibt und lachend dahinwandle durch die funkelnden Gassen Babylon's, glaubt mir's! sobald der Abend herabsinkt, erklingen die melancholischen Harfen in meinem Herzen, und gar die Nacht erschmettern darin alle Pauken und Cymbeln des Schmerzes, die ganze Janitscharenmusik der Weltqual, und es steigt empor der entsetzlich gellende Mummenschanz ..."--

* * * * *

Das 1793 von Johann Martin *Usteri* (1763-1827) verfasste Lied:

*Freut euch des Lebens, Weil noch das Lämpchen glüht; Pflücket die Rose, Eh' sie verblüht!*

erschien zuerst als Einzeldruck 1793 in Zürich und dann mit Nägelis Komposition in Böheims "Freimaurer-Liedern mit Melodien" (Berlin 1795).--

* * * * *

Ludwig Ferdinand *Huber* (1764-1804) nannte Goethes 1803 zuerst in Weimar aufgeführtes und 1804 erschienenes Trauerspiel "Die natürliche Tochter" (im "Freimütigen" von 1803, No. 170, S. 678)

*marmorglatt und marmorkalt.*

(L. F. Hubers "Sämtliche Werke seit dem Jahre 1802", 2. T., S. 240.)--

* * * * *

Der Prediger Friedr. Wilh. Aug. *Schmidt* zu *Werneuchen* (1764-1838) hat in seinem Gedichte "Der Mai 1795" ("Neuer Berliner Musen-Almanach für 1797", S. 86) Anlass zu der Redensart gegeben:

*Sich freuen wie ein Stint,*

indem er sang:

"O sieh; wie alles weit und breit, Von lindem Schmeichelwind Mit Wonneblüten überstreut, An warmer Sonne minnt! Vom Storche bis zum Spatz sich freut, Vom Karpfen bis zum Stint!"--

* * * * *

Aus Wenzel ~Müllers~ Singspiele "Das Neu-Sonntagskind" (1793 zuerst aufgeführt, 1794 zuerst in Pressburg gedruckt), Text von Joachim *Perinet* (1765-1816), stammt:

Wer niemals einen Rausch hat g'habt, Der ist ein schlechter Mann,

was in der Form:

*Wer niemals einen Rausch gehabt, Der ist kein braver Mann*

citiert wird und sein Vorbild hat in den Versen, die wir bei ~Keil~ in den "Deutschen Studentenliedern des 17. u. 18. Jahrh.", S. 33 finden:

Denn wer sich scheut, ein Rausch zu han, Der will nicht, dass man ihn soll kennen, Und ist gewiss kein Biedermann.--

* * * * *

Joh. Friedr. *Kind* (1768-1843) ist zu nennen wegen:

*Komm doch näher, liebe Kleine!*

aus seinem Gedichte "Der Christabend" (das auch Citat aus Mozarts "Don Juan" sein kann); und aus seinem Text zu Karl Maria von Webers zuerst am 18. Juni 1821 in Berlin aufgeführtem "Freischütz" citieren wir:

*Glaubst du, dieser Adler sei dir geschenkt? Werft* (eigentlich: *Stürz't) das Scheusal in die Wolfsschlucht! Samiel, hilf!* oder: *Hilf, Samiel! Er war von je ein Bösewicht; Ihn traf des Himmels Strafgericht! Was gleicht wohl auf Erden Dem Jägervergnügen!--*

* * * * *

Von Friedr. Dan. Ernst *Schleiermacher* (1768-1834) rührt her:

*In sieben Sprachen schweigen.*

In "Zelters Briefwechsel mit Goethe" (V. S. 413) sagt Zelter in einem Briefe vom 15. März 1830: "nun muss ich schweigen, (wie unser Philologus Bekker, den sie den Stummen in sieben Sprachen nennen)"; und ~Halm~ "Nekrolog auf Immanuel Bekker" ("Sitzungsber. d. bayerisch. Akad. d. Wissensch." 1872, S. 221) sagt: "Schleiermachers geistreiches Wort, Bekker schweige in sieben Sprachen, ist zu einem geflügelten geworden".

*Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.*

wird in Berlin auch auf ~Schleiermacher~ zurückgeführt. Wo findet es sich aber in ~dieser Form~ zuerst gedruckt?--

* * * * *

~Ernst Moritz~ *Arndt* (1769-1860) beginnt sein "Vaterlandslied" (1812):

*Der Gott, der Eisen wachsen liess, Der wollte keine Knechte;*

und ferner verdanken wir ihm das Wort:

*Soweit die deutsche Zunge klingt,*

welches den dritten Vers der sechsten Strophe seines Gedichtes "Des Deutschen Vaterland" bildet, das 1813 zu Ostern erschien (s. "Deutsche Wehrlieder für das Kgl. preuss. Frei-Corps", 1. Samml.) und 1825 von Gustav ~Reichardt~ komponiert wurde.--

Schliesslich citieren wir auch den Titel von ~Arndts~ 1813 zu Leipzig bei W. Rein erschienener Schrift: "Der Rhein, Teutschlands Strom, aber nicht Teutschlands Gränze" in der Form:

*Der Rhein, Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze.*

Diese Worte schmücken Afingers Arndtdenkmal in Bonn.--

* * * * *

~Friedr.~ *Voigt* (1770-1814) beginnt ("Lieder für das Herz; zur Beförderung eines edlen Genusses in der Einsamkeit", Lpz. 1799) ein Lied "Elisas Abschied":

*Noch einmal, Robert, eh' wir scheiden,* (Komm an Elisas klopfend Herz).

Ursprünglich stand Heinrich statt Robert da (s. den ersten Druck in der deutschen Monatsschrift, August 1798, S. 281 ff.).--

* * * * *

*Den Bürgermeister ausgenommen*

steht in dem Gedichte "Die Ausnahme" von Andreas *Wilke* († 1814 zu Grabow in Mecklenburg-Schwerin als Vorsteher einer Privatschule). Entlehnt hat er wohl den Schwank einer Erzählung im "Vademecum für lustige Leute" (8. T., Berlin 1781, S. 68, No. 130). Danach sagt ein Fremder in einer kleinen Stadt nach der Mahlzeit zum Gastwirt, er habe so gut gegessen wie irgend einer im Lande. Der Wirt, ein Ratsherr des Städtchens, versetzt darauf: "den Herrn Bürgermeister ausgenommen". Als der Fremde dies bestreitet, muss er vor Gericht einen Gulden Strafe zahlen. Dabei aber bemerkt er: "Der Kerl, der mich hier vor Gericht gebracht hat, ist der grösste Narr der Christenheit--Sie, Herr Bürgermeister, ausgenommen".--

* * * * *

*Alles, was ist, ist vernünftig*

ist eine Umformung der Worte Georg Wilh. Friedr. *Hegel*s (1770-1831) in der Vorrede zu seinen: "Grundlinien der Philosophie des Rechtes" (1821):

Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig;

(Aristot. Ethic. Nicom. I, 8, § 1). ~Pope~ "Essay on Man", 1, 289 hat:

Whatever is, is right,

Alles was ist, ist recht so.--

* * * * *

Das Motto der Briefe ~Rahels~:

*Still und bewegt*

entlehnte ~Varnhagen v. Ense~ aus Joh. Christ. Friedr. *Hölderlin*s (1770-1843) "Hyperion" (Tübingen 1797-99, Bch. 2, Brief 2: "Wie der Sternenhimmel, bin ich still und bewegt"), eingedenk der Worte Goethes (1795) über Rahel: "Sie ist, soweit ich sie kenne, in jedem Augenblicke sich gleich, immer in einer eigenen Art ~bewegt, und doch ruhig~,--kurz, sie ist, was ich eine schöne Seele nennen möchte", (vrgl. "Rahel, ein Buch des Andenkens für ihre Freunde". Berlin 1833. S. 98.) Wahrscheinlich ist ~Hölderlins~ Vergleich eine Übertragung von: "in motu immotum", dem Motto des Kardinals Luigi Este († 1586), das mit dem Emblem des sternenbedeckten Firmaments die Devise jenes Fürsten bildete.--

*Der König rief, und alle, alle kamen,*

ist der Anfang eines von H. *Clauren* (Carl Heun 1771-1854) gedichteten Liedes, dessen erster Druck das Datum "Gnadenfrei, den 24. Juni 1813" trug, "in Kommission zu haben bei W. G. Korn in Breslau und bei Gröbenschütz in Berlin".--

* * * * *

Der Anfangsvers eines Liedes von ~August~ *Mahlmann* (1771-1826) in ~Beckers~ "Taschenbuch zum geselligen Vergnügen" (1802, S. 278, 279) lautet:

*Ich denk' an euch, ihr himmlisch schönen Tage* (der seligen Vergangenheit!).--

* * * * *

Von Friedrich von *Schlegel* (1772-1829) ist:

*Der Historiker ist ein rückwärts gekehrter Prophet.*

Es steht in dem von seinem Bruder August Wilhelm und ihm herausgegebenen "Athenaeum", Berlin 1798-1800, Bd. 1, Stück 2, S. 20 unter "Fragmente".--

*Göttliche Grobheit*

ist aus Fr. v. ~Schlegels~ Roman "Lucinde" (Berlin 1799) entwickelt, in dem es S. 30 heisst:

"Ich wollte Dir erst beweisen und begründen, es liege ursprünglich und wesentlich in der Natur des Mannes ein gewisser tölpelhafter Enthusiasmus, der gern mit allem Zarten und Heiligen herausplatzt, nicht selten über seinen eigenen treuherzigen Eifer hinstürzt und mit einem Wort leicht ~bis zur Grobheit göttlich ist~".

~Koberstein~ ("Grundriss", 5. Auflage, 4. Band, S. 696) sagt: "Die Gegner (der Romantiker) griffen den Ausdruck Fr. Schlegels 'göttliche Grobheit', dessen er sich in der 'Lucinde' bedient hatte, auf und wandten ihn häufig auf die Kritik und Polemik der neuen Schule an". (?) Hiernach wäre der erste, welcher "göttliche Grobheit" anwendete, nicht E. T. A. ~Hoffmann~ gewesen. (?) In seiner Erzählung im Berlinischen Taschen-Kalender von 1821: "Die Irrungen. Fragment aus dem Leben eines Phantasten" heisst es im Kapitel "Traum und Wahrheit": "O Baron, sprach die Jungfrau, du hast Mut und nicht fremd blieb dir göttliche Grobheit".--

* * * * *

Von *Novalis* (Friedrich Freiherr von Hardenberg 1772-1801) ist das im Schlegel-Tieckschen Musenalmanach für 1802 mitgeteilte:

*Wenn ich ihn nur habe, Wenn er mein nur ist,*

sowie das ebenda befindliche:

*Wenn alle untreu werden, So bleib' ich dir doch treu.*

Max von ~Schenkendorf~ ("Gedichte", Cotta 1815, S. 141 "Erneuter Schwur". Junius 1814. An Friedrich Ludwig Jahn.) wiederholte diese Verse, nur dass er "euch" statt "dir" setzte und die Gefährten seiner Jugend damit besang.--

* * * * *

Nach R. ~Köpke~: "Ludwig Tieck, Erinnerungen aus dem Leben des Dichters" (I, 210 und 211) ist ~Ludwig~ *Tieck* (1773-1853) der Schöpfer des Wortes:

*Waldeinsamkeit.*

Es heisst daselbst: "Als Tieck sein Märchen 'Der blonde Eckbert' (1797) im Kreise der Freunde aus dem Korrekturbogen vorlas, erfuhr das Wort, welches im Mittelpunkt desselben stand, ~Waldeinsamkeit~, eine scharfe Kritik, ~Wackenroder~ erklärte, es sei unerhört und undeutsch, wenigstens müsste es heissen: "Waldeseinsamkeit". Die Übrigen stimmten bei. Umsonst suchte ~Tieck~ sein Wort durch ähnliche Zusammensetzungen zu verteidigen. Er musste endlich schweigen, ohne überzeugt zu sein, strich es aber nicht aus und gewann ihm das Bürgerrecht in der Litteratur". ~Tieck~ selbst erzählt dies in seiner 1841 in der "Urania", (S. 133 ff.) erschienenen Novelle "Waldeinsamkeit", nennt jedoch das Jahr 1796.--

Das Wort

*romantisch,*

das 1734 im "Bernischen Spectateur" neben dem bis dahin üblichen "romanisch" zuerst[54] vorkommt, erlangte seine allgemeine Bedeutung als litterarischer Parteiname, nachdem ~Tieck~ 1800 seine Gesamtgedichte unter dem mit vollster Unbefangenheit gewählten Titel "Romantische Dichtungen" herausgegeben hatte (s. R. ~Köpke~: "Ludwig Tieck, Erinnerungen aus dem Leben des Dichters", I, 265; s. auch II, 172). Erst A. W. ~Schlegel~ stellte in "Charakteristiken und Kritiken" (Königsberg 1801) die klassische Poesie des Altertums und die romantische des Mittelalters und der Neuzeit als auf ganz verschiedene Weise entstanden gegenüber. ~Romantic~ wird nach ~Friedländer~ ("Darstell. aus d. Sittengesch. Roms", 5. Aufl. 1881. Bd. 2, S. 245) im Englischen schon Mitte des 17. Jahr. von Personen und Naturscenen gebraucht.--

[Fußnote 54: S. "Die Gegenwart" XXVII, S. 71 "Klassisch und Romantisch." Eine Wortstudie von H. Breitinger.]

Ein Losungswort für und gegen die Romantik war einst Tiecks:

*Mondbeglänzte Zaubernacht.*

Nämlich im Prolog und am Schlusse seines "Kaiser Oktavianus" (1804) glossiert er das Thema:

Mondbeglänzte Zaubernacht, Die den Sinn gefangen hält, Wundervolle Märchenwelt, Steig' auf in der alten Pracht!

~Uhland~ verwendet das Wort in seiner Glosse "Der Romantiker und Recensent".--

* * * * *

Amadeus Gottfr. Adolf *Müllner*s (1774-1829) Worte in dem Drama "Die Schuld" (aufgeführt 1813, ersch. 1816) 2, 5:

(Und) erklärt mir, Oerindur, Diesen Zwiespalt der Natur! (Bald möcht' ich in Blut sein Leben Schwinden seh'n, bald--ihm vergeben)

hat der Volksmund also umgestaltet:

*Erkläret* (löset) *mir, Graf Oerindur, Diesen Zwiespalt der Natur.--*

* * * * *

Von ~Luise~ *Brachmann* (1777-1822) citieren wir den ersten Vers ihres Gedichtes "Columbus":

*Was willst du, Fernando, so trüb und so bleich?--*

* * * * *

~De la Motte~ *Fouqué*s (1777-1843) "Trost" ("Frauentaschenbuch für 1816" S. 187) beginnt:

*Wenn alles eben käme, Wie du gewollt es hast.--*

* * * * *

*Zahlen beweisen*

oft erweitert zu:

*Zahlen beweisen, sagt Benzenberg,*

müsste eigentlich heissen: "Zahlen entscheiden"; denn so lautet es an vielen Stellen der Schriften des rheinischen Physikers und Publicisten Joh. Friedr. *Benzenberg* (1777-1846). Verbreitet wurde der Ausdruck besonders durch die "Kölnische Zeitung". Als nämlich 1833 der Stadt Köln das Stapelrecht genommen und ihr zum Ersatz ein Freihafen gegeben wurde, entspann sich unter den Beteiligten ein lebhafter Streit über den Nutzen oder den Schaden der neuen Einrichtung, welcher in der genannten Zeitung unter der abwechselnden Überschrift "Zahlen beweisen" und "Zahlen beweisen nicht" ausgefochten wurde. Der Karneval von 1834 bemächtigte sich der Frage und verschaffte durch allerlei drollige Wendungen und Zusätze dem Worte Eingang in die weitesten Kreise.--

* * * * *

In Clemens *Brentano*s (1778-1842), Lustspiel "Ponce de Leon" (1804), 5, 2, sagt der Haushofmeister Valerio zu einem Schulmeister mit Bezug auf eine erwartete Musikantenschar: "Diese schlechten Musikanten und guten Leute aber werden sich unter Eurer Anführung im Walde versammeln". Hieraus entstand durch E. T. A. ~Hoffmann~ ("Seltsame Leiden eines Theater-Direktors", anonym, Berl. 1819, S. 198, u. "Kater Murr", 1820, 2. Abschn.) und ~Heinrich Heine~ ("Ideen. Das Buch le Grand", 1826, Kap. 13) das Dictum:

*Gute Leute und schlechte Musikanten.*

~Brentano~ wird dadurch zu seinem Worte angeregt worden sein, dass die Amme in Shakespeares "Romeo und Julia" (IV, 5) die Musikanten "Ihr guten Leute" anspricht, denen weiterhin Peter sagt: "Es heisst 'Musik mit ihrem Silberklang', weil solche Kerle, wie ihr, kein Gold fürs Spielen kriegen".--

* * * * *

Aus dem zuerst im "Neuen Liederbuch für frohe Gesellschaften", Hamburg 1808, S. 91, sodann im Sommer 1810 bei J. A. Böhme in Hamburg erschienenen "Gesellschaftslied: Im Kreise froher kluger Zecher, in Musik gesetzt fürs Piano-Forte von Karl ~Döbbelin~" stammt:

*Wir Menschen sind ja alle Brüder.*

(Schon Maleachi 2, 10 ruft aus: "Haben wir nicht alle einen Vater?") Das Lied ist unterzeichnet *Ludwig*. Ist damit ~Johannes Ludwig~ gemeint, der Verfasser der "Lieder und Gedichte für Freunde der Natur und häuslichen Glückseligkeit", Hildburghausen 1802? Später steht ~Zschokkes~ Name unter dem Liede. Nach dem "Nekrolog der Deutschen" (IV, 281) soll Christian Gottlob ~Otto~, Professor der Mathematik an der Fürstenschule zu Meissen (1763-1826) der Verfasser sein.--

* * * * *

*Volkstum*

ist Friedrich Ludwig *Jahn*s (1778-1852) Erfindung. Er gab "Das deutsche Volkstum" 1810 zu Lübeck heraus. In der bereits 1808 geschriebenen, dem Buche vorangehenden "Erklärung", erwähnt er, dass er schon früher eine Schrift "Volkstum" verfasst habe, die verloren gegangen sei.--

*Turnen*

ist ein ebenfalls von ~Jahn~ um jene Zeit eingeführtes Wort. Er eröffnete 1811 den ersten Turnplatz in der Hasenhaide bei Berlin. Turner (mit turnieren in Verbindung) steht bereits gegen 1650 bei ~Moscherosch~, "Philander von Sittewald", II, 146. (Althochdeutsch turnan = wenden, lenken).--

* * * * *

(Das Publikum, das ist) *ein Mann, Der alles weiss und gar nichts kann,*

beginnt ein Gedicht "Das Publikum" von ~Ludwig~ *Robert* (1778-1832), welches nach dem Nekrolog von W. Alexis für Robert (im "Freimütigen", Juli 1832) "von Mund zu Munde" ging (s. "Ludw. ~Roberts~ Schriften". Mannh. 1838. T. I, S. 19). Ernst ~von Wildenbruch~ in seinem "Christoph Marlow" (1884) lässt Ben Jonson sagen (Akt 3, Sc. 5): "Ein Recensent, siehst du, das ist ein Mann, der Alles weiss und gar nichts kann".--

Aus ~Roberts~ Gedicht "An L. Tieck. Promenaden eines Berliners in seiner Vaterstadt" (1824) stammt das Wort (s. "Morgenblatt" vom 21. Sept. 1824 und L. Roberts "Schriften" II, 125):

*Hof-Demagoge.*

("So nämlich nenn' ich keinen Berliner! Hof-Demagogen sind Männchen, Die allem Volke den Hof machen Und bei jeder Gelegenheit Für massigen Preis, Was preussisch ist, preisen".)

Dies wurde der Spitzname für den aus Münchengosserstädt stammenden Berliner Schriftsteller Friedrich ~Förster~, der ein eifriger Liberaler und Hofgelegenheitsdichter war. Später nannte ein Kritiker der "Nachträge zu den Reisebildern (1831)" im "Konversationsblatt" Heinrich ~Heine~ einen "Salondemagogen" (s. "Ges. W." XX, 225, 1876), woraus dann das harmlosere Witzwort "Salontiroler" entsprungen sein mag, was Berthold ~Auerbach~ in seinem Roman "Auf der Höhe" gebraucht und das von ~Defregger~ zum Titel und Inhalt eines Gemäldes (Berliner Nationalgalerie) auserkoren ward, nur dass dort nicht das Waldkind im Salon, sondern der Salonmensch unter den Wäldlern die komische Figur spielt.--

* * * * *

Der "Denkspruch" von ~Karl~ *Streckfuss* (1779-1844):

Im Glück nicht stolz sein und im Leid nicht zagen, *Das Unvermeidliche mit Würde tragen,* Das Rechte thun, am Schönen sich erfreuen, Das Leben lieben und den Tod nicht scheuen, Und fest an Gott und bess're Zukunft glauben, Heisst leben, heisst dem Tod sein Bitt'res rauben,

findet sich in seinen "Gedichten" (Lpzg. 1811) und ist im Inhaltsverzeichnisse mit der Jahreszahl 1809 versehen. Die zweite Reihe wurde zum "geflügelten Worte".

Nach den Mitteilungen seiner Söhne bestimmte Streckfuss 1831, als die Cholera in Berlin herrschte, in seinem Testamente, dass jene Verse auf sein Grab gesetzt werden sollten. Sie befinden sich auch auf seinem namenlosen Grabstein auf dem alten Dreifaltigkeitskirchhofe in Berlin vor dem Hallischen Thore. 1843, ein Jahr, ehe Streckfuss starb, liess die litterarische Gesellschaft, deren Vorsteher er war, ihn durch Franz ~Kugler~ zeichnen und die, mit dem von ihm eigenhändig geschriebenen Denkspruch versehene Zeichnung lithographisch vervielfältigen.--Der gleiche Gedanke ist schon früh den Griechen aufgestiegen. Vrgl. ~Theognis~, 591-594 (Poetae lyrici graeci, ed. Bergk. Leipz. 1882, 4. Aufl. Tom. II):

Τολμᾶν χρή, τὰ διδοῦσι θεοὶ θνητοῖσι βροτοῖσιν, ῥηϊδίως δὲ φέρειν ἀμφοτέρων τὸ λάχος, λίην χαλεποῖσιν ἀσῶ φρένα, μηδ' ἀγαθοῖσιν τερφθῇς ἐξαπίνης, πρὶν τέλος ἄκρον ἰδεῖν.

(_Der Mensch soll dulden, was die Gottheit sendet, Und, wie das Loos auch fällt, es leicht ertragen. Im Leid lass nie dein Herz zu tief verzagen, Im Glück nicht jubeln, eh' du weisst, wie's endet!_)

und die Worte des ~Kleobulus~ bei Diogenes Laertius (I, 6 u. 4, 93):

εὐτυχῶν μὴ ἴσθι ὑπερήφανος ἀπορήσας μὴ ταπεινοῦ.

(Sei nicht übermütig im Glück, nicht kleinmütig im Unglück.)

Conz († 1827) übersetzt den am Ende des "Handbuches des Epiktet" (Stuttgart o. J.) befindlichen Vers (der nach Simplicius dem ~Kleanthes~, Schüler des Zeno und Lehrer des Chrysippus, angehört):

Ὅστις δ' ἀνάγκῃ συγκεχώρηκεν καλῶς

(Wer sich der Notwendigkeit in schöner Weise fügt)

mit Benutzung der Streckfussischen Worte:

Und wer das Unvermeidliche mit Würde trägt.

Die erste Zeile der Streckfussischen Grabschrift entsprang wohl dem Verse

"Im Glücke bin ich stolz, verzagt in Kümmernissen"

aus ~Gellerts~ Gedicht "Das natürliche Verderben des Menschen" (s. "Geistliche Oden und Lieder" 1757).--

* * * * *

Aus der zuerst 1809 aufgeführten "Schweizerfamilie" Joseph ~Weigls~ mit Text von Ignaz Friedr. *Castelli* (1781-1862) citieren wir:

*Setz' dich, liebe Emeline, Nah', recht nah zu mir.--*

* * * * *

Der Anfang eines Liedes von ~Johann Rudolf~ *Wyss d. J.* (1781-1830) lautet:

*Herz, mein Herz, warum so traurig? Und was soll das Ach und Weh?*

Es erschien im Schweizeralmanach "Alpenrosen" 1811 zuerst in Berner Mundart:

"Herz, myn Herz, warum so trurig?"--

* * * * *

Adalbert *v. Chamisso*s (1781-1831):

*Der Zopf, der hängt ihm hinten,*

(1822. "Tragische Geschichte". Zuerst in "Moosrosen" auf das Jahr 1826, herausg. von Wolfgang ~Menzel~, Stuttg. 1826, S. 395, 396) ist ebenso bekannt, wie sein

*Das ist die Zeit der schweren Not,*

was zuerst in einem im Juni 1813 von ~Chamisso~ an J. ~Hitzig~ aus Kunersdorf geschriebenen Briefe vorkommt (J. Hitzig: "Leben und Briefe von Ad. v. Chamisso", I., S. 343, Leipz. 1839), wo es heisst: "Gott verzeihe mir meine Sünden!

Thema. Das ist die schwere Zeit der Not, Das ist die Not der schweren Zeit, Das ist die schwere Not der Zeit, Das ist die Zeit der schweren Not".

Diese vier Zeilen führen in den Werken Chamissos jetzt den Titel "Kanon".--

In ~Chamissos~ "Nachtwächterliede" (1826; Werke 3, 95 Lpz. Weidmann, 1836) lautet die dritte Strophe:

"Hört, ihr Herrn, so soll es werden: Gott im Himmel, wir auf Erden, *Und der König absolut, Wenn er unsern Willen thut.* Lobt die Jesuiten!"--

Auch wird aus ~Chamissos~ "Frauen-Liebe und -Leben" 2 ("Gedichte" 1831 n. A.) citiert:

*Er, der herrlichste von allen.*

vrgl. Hiob 1, 3: "Er war herrlicher, denn Alle, die gegen Morgen wohneten".--

* * * * *

Max von *Schenkendorf* (1783-1817) sagt in der vorletzten Strophe von "Schills Geisterstimme" (1809):

*Für die Freiheit eine Gasse!*

Theodor ~Körner~ sagt nach ihm in seinem "Aufruf" (von 1813) "Frisch auf, mein Volk! die Flammenzeichen rauchen", wo es den Anfang des vorletzten Verses der ersten Strophe bildet:

*Der Freiheit eine Gasse!*

Dass Arnold von Winkelried, wie erzählt wird, sich mit diesen Worten 1386 in der Schlacht bei Sempach in die Speere der Feinde gestürzt habe, lässt sich nicht nachweisen. Im Liede ~Halbsuters~, das von Liliencron in den "historischen Volksliedern der Deutschen vom 13. bis 16. Jahrh.", 1. Bd. S. 125-140 mitteilt, wird nur Strophe 27 "Ein Winkelried" genannt und Strophe 29 von ihm gesagt:

Hie mit da tet er fassen ein arm voll spiess b'hend; den sinen macht er gassen, sin leben hat ein end.

~Herwegh~ besang Winkelrieds That mit einem Gedichte, dessen Titel und Kehrreim: "Der Freiheit eine Gasse!" ist. Ähnlich sagte schon um 61 n. Chr. ~Seneca~ ("de provid." 2), indem er schildert, wie Cato Uticensis sich nach der Niederlage bei Thapsus (46 v. Chr.) das Leben nahm: "Una manu latam libertati viam faciet"--"mit einer Hand wird er der Freiheit eine breite Bahn schaffen".--

Auch citieren wir den Anfangsvers von ~Schenkendorfs~ Liede (1813):

*Freiheit, die ich meine,* Die mein Herz erfüllt, Komm' mit deinem Scheine, Süsses Engelsbild!--

* * * * *

*Was vergangen, kehrt nicht wieder; Aber ging es leuchtend nieder, Leuchtet's lange noch zurück!*

bildet in den Gedichten ~Karl~ *Förster*s (1784-1841), herausg. v. L. ~Tieck~, Leipz. 1843, I. S. 60 den Anfang des Gedichtes "Erinnerung und Hoffnung".--

* * * * *

Das von ~Pius Alex.~ *Wolff* (1784-1828) nach des Cervantes Novelle: "la gitanilla de Madrid" gedichtete Drama "Preciosa" (zum ersten Male in Berlin 14. März 1821 auf die Bühne gekommen) enthält 1, 5:

*Herrlich! Etwas dunkel zwar-- Aber 's klingt recht wunderbar,*

und

*Leb' wohl, Madrid!* (Nie wende sich dein Glück!)--

Der 2, 1 vorkommende Reim:

Wird man wo gut aufgenommen, Muss man ja nicht zweimal kommen,

lautet als stehendes Citat gefälliger so:

*Wird man wo gut aufgenommen, Muss man nicht gleich wiederkommen.--*

2, 2 enthält Preciosas Gesang:

*Einsam bin ich nicht alleine,*

(s. "Geflügelte W. a. d. Geschichte". "Rom": Scipio.)--

Aus 3, 2 der "Preciosa" sind die Worte Pedros:

*Auf der grossen Retirade*, und: *Peter des Plaisirs*

für "maitre de plaisir", und

*Thut nichts, könnt's noch öfter hören;*

aus Sc. 3 u. 8:

*Donnerwetter Parapluie;*

Die Stelle der dritten Scene lautet:

Pedro: Parapluie!

Ambrosio: Flucht nicht so grässlich!

Pedro: Donnerwetter!

Pedro spricht gern in wälschen, von ihm missverstandenen Wörtern, und so wird jenes "Parapluie" von ihm aus "parbleu" verzerrt, das seinerseits aus "par Dieu" entstand, wie "Potsdonnerwetter" aus "Gottsdonnerwetter".--

* * * * *

Ernst Benj. Sal. *Raupach* (1784-1852) lässt seinen "König Enzio" (1831) zweimal sagen:

*Das Glück war niemals mit den Hohenstaufen.*

(Akt 2, Sc. 2, Auftritt 5 und Akt 4, Sc. 2, Auftritt 8.)--

* * * * *

Adolf *Bäuerle*s (1784-1869) Lied "Was macht denn der Prater?" aus seinem von Wenzel ~Müller~ komponierten Operntext "Aline" (aufgef. in Wien am 9. Okt. 1822) hat den Refrain:

"Ja nur ein' Kaiserstadt, ja nur ein Wien".

Dies Lied wurde in K. v. ~Holteis~ "Die Wiener in Berlin" (4. Jahrb. d. Bühne für 1825) eingeschoben, und man citiert es im Wiener Dialekt:

*'s giebt nur a Kaiserstadt, 's giebt nur a Wien!*

"Es giebt nur a Wien" steht übrigens schon in einer 1781 in Wien erschienenen, namenlosen Schrift "Schwachheiten der Wiener".--

* * * * *

Ein altes jüdisches Sprichwort: "Butterbrot fällt uf's Ponim" (d.h. aufs Gesicht, vom hebräischen "panim") hat Ludwig *Börne* (1786-1837) zu dem Worte verarbeitet (Ges. Schr., 3, 276):

*Minister fallen, wie Butterbrode, gewöhnlich auf die* gute *Seite.--*

In seiner "Rede auf Jean Paul" (Ges. Schr., 1, 313) sagt ~Börne~ (vrgl. Kap. IX ~Heraklits~ "*πάντα ῥεῖ*"):

*Nichts ist dauernd als der Wechsel,*

was ~Heine~ als Motto seiner "Harzreise" (1824) verwendet.--

In den "Briefen aus Paris" schreibt ~Börne~ unter dem 4. Nov. 1831 (Ausg. 1833: IX, 83): "Salvandy ist einer von den ~bequemen Carlisten~, die in ~Pantoffeln und im Schlafrock~ die Rückkehr Heinrichs V. abwarten". Dies Wort verwandte der preussische Minister des Auswärtigen, Frhr. v. ~Manteuffel~, als er am 8. Jan. 1851 in der ersten Kammer über eine etwaige Beamtenrevolution sagte: "Ja, meine Herren, ich erkenne eine solche ~Revolution~ für sehr gefährlich, gerade weil man sich dabei in ~Schlafrock und Pantoffeln~ beteiligen kann, während der Barrikadenkämpfer wenigstens den Mut haben muss, seine Person zu exponieren". Daher stammt der Ausdruck:

*Revolutionäre in Schlafrock und Pantoffeln.*

Börne wird nur ein in Paris wohl längst bekanntes Wort ~Napoléons~ umgemodelt haben, welcher, nach den "Memoires de Mdme la Duchesse d'Abrantés" (Par. 1832, VI, 40), kurz bevor er die Tempel der Pariser Theophilanthropen schloss (Décret des 1. Consuls vom 4. Okt. 1801), deren Religion "une religion en robe de chambre" nannte.--

* * * * *

*Der Karnickel hat angefangen!*

steht in folgender von dem Reimer und Kupferstecher Heinrich *Lami* (1787-1849) in Verse gebrachten Geschichte, "Eigennützige Dienstfertigkeit" (s. "Mixpickel (sic!) und Mengemus, eingemacht von H. ~Lami~", Magdeburg 1828, S. 21 und 22): Der Pudel eines über den Markt wandelnden Herrn zerreisst ein lebendiges Kaninchen, das zu dem Kram einer Hökerin gehört. Obwohl der Herr ihr zehnfachen Ersatz bietet, besteht die Verkäuferin, in der Absicht, ihn zu prellen, darauf, dass er mit ihr "auf die Obrigkeit" gehen soll. Ein Schusterjunge, der dem Streite zugehört hat, nimmt Partei für den Herrn und verspricht, gegen ein Trinkgeld zu bezeugen, "det der Karnickel hat angefangen" (dass das Kaninchen angefangen hat). Der Ausdruck ist jetzt auch ins Französische übergegangen. Am Schluss eines Artikels "Aménités" der Pariser Zeitung "Le Bien public", No. 66, 7. März 1877, heisst es: "Encore une fois,

c'est le lapin qui a commencé!"--

* * * * *

Aus Ludwig *Uhland*s (1787-1862) "Wanderliedern" (7, "Abreise"; 14. Sept. 1811; zuerst gedruckt im "Deutschen Dichterwald", S. 32, Tübingen 1813, wo es die Bezeichnung 6 trägt) wird citiert:

*Von Einer aber thut mir's weh;*

aus ~Uhlands~ "Frühlingsglauben" ("Frühlingslieder", 2; 21. März 1812; zuerst ebenda S. 5):

*Nun muss sich Alles, Alles wenden,*

und:

*Die Welt wird schöner mit jedem Tag; Man weiss nicht, was noch werden mag;*

aus ~Uhlands~ "Freier Kunst" (24. Mai 1812, zuerst gedruckt im "Deutschen Dichterwald", S. 3):

*Singe, wem Gesang gegeben,*

was Chamisso 1831 zum Motto seiner "Gedichte" erkor; aus "Des Sängers Fluch" (3. u. 4. Dez. 1814; Gedichte, Stuttg. u. Tüb., Cotta, 1815, S. 335) das vielfach travestierte:

*Denn was er sinnt, ist Schrecken, und was er blickt, ist Wut, Und was er spricht, ist Geissel, und was er schreibt, ist Blut;*

ferner:

*Noch eine hohe Säule zeugt von verschwundener Pracht;*

und:

*Versunken und vergessen.--*

Aus der "Schwäbischen Kunde" (6. Dez. 1814), ebenda S. 287 wird citiert:

*Der wackre Schwabe* (oft verwandelt in: *Ein wackrer Schwabe) forcht sich nit;*

aus ~Uhlands~ "Vaterländischen Gedichten. Am 18. Okt. 1816":

*Untröstlich ist's noch allerwärts;*

aus "Bertran de Born" ("Morgenblatt von 1829", No. 283. 6. Nov.):

*Deines Geistes Hab' ich einen Hauch verspürt.--*

* * * * *

Aus dem einaktigen, 1836 erschienenen Vaudeville Karl *Blum*s (1786-1844): "Ein Stündchen vor dem Potsdamer Thor", ist wohl nur in Norddeutschland geläufig:

*O Kyritz, mein Vaterland!--*

* * * * *

Aus Louis *Angely*s (1788-1835): "Fest der Handwerker" (Angelys "Vaudeville und Lustspiele", Berlin 1828-34, II. 11) sind die Worte des Maurerpoliers Kluck:

*Positus, ich setz' den Fall,*

mit Anlehnung an ~Jean Pauls~ "Posito, gesetzt Sie werden unser Landmesser" (in dem "heimlichen Klaglied der jetzigen Männer", "4. Ruhestunde") und:

*Darum keine Feindschaft nicht!* (eigentlich: "Dadrum keene Feindschaft nich")

sowie die Redensart Hähnchens des Tischlers:

*Allemal derjenige, welcher,*

besonders in Berlin übliche Citate geblieben.--

Aus demselben Lustspiele erhielt sich auch Hähnchens Wort

*Nie ohne dieses.--*

* * * * *

Arthur *Schopenhauer* (1788-1860) braucht in seinen 1856-1860 geschriebenen "Materialien zu einer Abhandlung über den argen Unfug, der in jetziger Zeit mit der deutschen Sprache getrieben wird" (A. Sch.'s "Handschriftlicher Nachlass", her. v. J. Frauenstädt. Lpz. 1864. S. 66) zuerst das Wort

*Zeitungsdeutsch.--*

* * * * *

Aus Joseph Freiherr *v. Eichendorff*s (1788-1857) Gedichte "Der frohe Wandersmann" (1822), zuerst gedruckt in der Novelle "Aus dem Leben eines Taugenichts", (Berlin 1826. S. 4-5) wird der Anfang citiert:

*Wem Gott will rechte Gunst erweisen, Den schickt er in die weite Welt.--*

* * * * *

Aus Friedrich *Rückert*s (1788-1866) Gedichte "Welt und Ich" wird citiert:

*Wenn die Rose selbst sich schmückt, Schmückt sie auch den Garten.*

Es stand zuerst im "Deutschen Musen-Almanach" von ~Chamisso~ und ~Schwab~, 1834, No. 19, S. 41. 42.--

* * * * *

Aus Ferdinand *Raimund*s (1790-1836) Zauberspiele "Der Diamant des Geisterkönigs", (1824) 2, 19 wird citiert:

*Ich bin dein Vater Zephises Und habe dir nichts zu sagen als dieses.--*

In ~Raimunds~ romantischem Original-Zaubermärchen (1826) "Der Bauer als Millionär" oder "Das Mädchen aus der Feenwelt", 2, 6, singt die Jugend:

Scheint die Sonne noch so schön. Einmal muss sie untergeh'n,

was durch Heinr. ~Heine~ ("Buch der Lieder", Vorrede zur 2. Aufl. 1837) in der Umformung Citat wurde:

*Und scheint die Sonne noch so schön, Am Ende muss sie untergeh'n.--*

In ~Raimunds~ romantisch-komischem Märchen (1828) "Der Alpenkönig und der Menschenfeind" (1, 20 u. 21) singt die arme Kohlenbrennerfamilie "Glühwurm" beim Verlassen ihres vom reichen "Rappelkopf" gekauften Hauses, das sie in Leid und lärmendem Zwist bewohnt, fünfmal die Verse:

*So leb' denn wohl du stilles Haus.* Wir ziehn betrübt aus dir hinaus.--

* * * * *

Aus Theodor *Körner*s (1791-1813) "Hedwig" 2, 10 citieren wir:

*Die Pferde sind gesattelt* (gnäd'ger Herr)

als Beispiel für eine unbedeutende Rolle, da es die einzigen Worte sind, die ein auftretender Diener in jenem Stück zu sprechen hat.--

Aus ~Körners~ "Aufruf" (1872. "Frisch auf, mein Volk! ...") stammt:

*Vergiss die treuen Toten nicht!--*

* * * * *

Aus Franz *Grillparzer*s (1791-1813) "Ahnfrau" (1816) ist anzuführen:

*Den Jüngling ziert Bescheidenheit,*

eine Umstellung der Worte gegen Ende des ersten Aufzuges:

Ziert Bescheidenheit den Jüngling, (Nicht verkenn' er seinen Wert,)

welche auch die bekannte Travestie hervorgerufen haben:

*Bescheidenheit ist eine Zier, Doch kommt man weiter ohne ihr.--*

Aufzug 3 der "Ahnfrau" bietet:

*Ja, ich bin's, du Unglücksel'ge, Bin der Räuber Jaromir;*

auch dies ist verändert, da zwischen beiden Versen fünfzehn andere des ursprünglichen Textes weggelassen werden.--

In ~Grillparzers~ "Abschied von Wien" (1842) wird Wien

*Capua der Geister*

genannt, weil Capua bei den Alten wegen seiner entnervenden Üppigkeit berühmt war.--

* * * * *

*Ich bin ein Preusse, kennt ihr meine Farben?*

wurde zum Geburtstage ~Friedrich Wilhelms III.~ 1830 von J. B. *Thiersch* (1794-1855) verfasst und steht in den "Liedern und Gedichten des Dr. Bernhardt Thiersch, von seinen Freunden in und bei Halberstadt für sich herausgegeben" (Halberstadt 1833).--

* * * * *

Graf August *v. Platen* (1796-1835) sagt in einem titellosen Gedichte vom Jahre 1818:

*So viel Arbeit um ein Leichentuch!--*

* * * * *

August Heinrich *Hoffmann von Fallersleben* (1798-1874) dichtete 1822 das Lied:

*Du siehst mich an und kennst mich nicht.*

Es erschien zuerst in seinen "Gedichten", Breslau 1827, S. 114. Sein auf Helgoland entstandenes Lied:

*Deutschland, Deutschland über alles*

erschien zuerst als Einzeldruck am 1. September 1841 zu Hamburg, und zwar mit Haydns Melodie zu "Gott erhalte Franz den Kaiser", wodurch Hoffmann die österreichische Volkshymnenweise geschickt nach Deutschland hinüberspielte.--

* * * * *

Aus dem 1826 zum ersten Male auf der Königstädtischen Bühne in Berlin gegebenen Singspiele von Karl *v. Holtei* (1798-1880): "Der alte Feldherr" sind folgende zwei Liederanfänge:

*Denkst du daran, mein tapferer Lagienka?*

eine Nachbildung des 1815 gedichteten Liedes von Emile ~Debraux~:

Te souviens-tu, disait un capitaine Au vétéran qui mendiait son pain?

("Chants et chansons populaires de la France par H. L. Delloye", Paris 1843, 2. Serie, No. 1), und

*Ford're niemand mein Schicksal zu hören!--*

Der Anfang des 1827 geschriebenen Mantelliedes aus ~Holteis~ "Lenore" (zum ersten Male aufgeführt zu Berlin, 12. Juni 1828) lautet:

*Schier dreissig Jahre bist du alt, Hast manchen Sturm erlebt.*

Das Lied fand die weiteste Verbreitung, weil es nach der schönen alten Volksweise gesungen wird: "Es waren drei Reiter gefangen".--

* * * * *

Aus Heinrich *Heine* (1799-1856) citieren wir das 1822 in den "Gedichten" mit der Überschrift "An Karl von U(echtritz). Ins Stammbuch" abgedruckte:

(_Anfangs wollt' ich fast verzagen Und ich glaubt' ich trüg' es nie, Und ich hab' es doch getragen,_--) *Aber fragt mich nur nicht wie?--*

Und aus seiner ebenda befindlichen, 1819 gedichteten Romanze "Die Grenadiere":

*Was schert mich Weib, was schert mich Kind?* (Lass sie betteln gehn, wenn sie hungrig sind.)

Dies entsprang den Versen der altschottischen Ballade "Edward, Edward" (s. Percy: "Reliques of ancient english poetry", 2. ed., London 1767, p. 59):

"And quhat wul ze leive to zour bairns and zour wife, Quhan ze gang ovir the sea, O? The warld is room, late them beg throw life, Mither, mither."

Nach Herder (Suphan, Bd. 25, S. 20, Berl. 1885), aus dem Heine wohl schöpfte:

"Und was willst lassen dein'm Weib und Kind wann du gehst übers Meer--o! Die Welt ist Raum!--lass's betteln drinn Mutter, Mutter."--

Aus ~Heines~ "Lyrischem Intermezzo" (1823 mit den "Tragödien" erschienen) sind die Anfangsverse der Gedichte (No. 1 u. 9):

*Im wunderschönen Monat Mai,*

und:

*Auf Flügeln des Gesanges,*

sowie (No. 39) die Verse aus dem zuerst im Berliner "Gesellschafter" vom 9. Okt. 1822 gedruckten Gedichte: "Ein Jüngling liebt' ein Mädchen":

*Es ist eine alte Geschichte, Doch bleibt sie immer neu.--*

Aus ~Heines~ "Heimkehr" (No. 2) ist das zuerst im Berliner "Gesellschafter" vom 26. März 1824 abgedruckte:

*Ich weiss nicht, was soll es bedeuten, Dass ich so traurig bin; Ein Märchen aus alten Zeiten, Das kommt mir nicht aus dem Sinn,*

mit dem Schlusse:

*Und das hat mit ihrem Singen Die Lorelei gethan;*

ferner der Schluss des zuerst in den "Rheinblüten" (Taschenbuch auf das Jahr 1825) abgedruckten Gedichtes (No. 19):

Sei mir gegrüsst, du grosse, Geheimnisvolle Stadt,

mit dem überraschenden Wortspiel:

(_Die Thore jedoch, die liessen Mein Liebchen entwischen gar still;_) *Ein Thor ist immer willig, Wenn eine Thörin will;*

und aus dem (ebenda zuerst gedruckten) Gedichte (No. 38) "Mensch, verspotte nicht den Teufel" die Zeile:

*Mensch bezahle deine Schulden;*

sowie der Anfang des Liedes (No. 64):

*Du hast Diamanten und Perlen*

mit seinem Kehrreim:

*Mein Liebchen, was willst du mehr?*[55]

welches mit der Notiz "Geschrieben im Herbst 1823" zuerst in der Hamburger Zeitschrift "Die Biene" vom 31. Jan. 1826 erschien; und das in No. 66 enthaltene:

*Die Leutnants und die Fähnderichs, Das sind die klügsten Leute.--*

[Fußnote 55: Eine Anlehnung an den Kehrreim in Goethes "Nachtgesang": "Schlafe! ~was willst du mehr~?" (vrgl. "Goethe in Heines Werken" v. W. Robert-tornow. 1883. S. 11) der dem "Dormi, ~che vuoi di più~?" eines von Reichardt komponierten italienischen Volksliedes nachgebildet ist, welches Viehoff ("Goethes Gedichte" I, 110; 3. Aufl. 1876) mitteilt.]

Am Schlusse eines Gedichtes in der "Harzreise" (1824; Ges. W. I, 63) nennt ~Heine~ sich einen "Ritter von dem heil'gen Geist"; ein Wort, das uns in der Form

*Ritter vom Geist*

durch ~Gutzkows~ Roman "Die Ritter vom Geiste" (1850-52) geläufig wurde.--

Aus dem siebenten Gedichte des zweiten Cyklus von ~Heines~ "Nordsee" (1826), "Fragen", wird der Schlussvers citiert:

*Und ein Narr wartet auf Antwort.--*

Alle bisher angeführten Heinecitate finden sich im "Buch der Lieder".--

In den "Englischen Fragmenten" (1828, Kap. 12, Vorrede von 1830) nennt sich ~Heine~ "so recht

*europamüde".*

Ernst ~Willkomm~ schrieb dann (1838) einen Roman "Die Europamüden", und ~Immermann~ citierte das Wort im "Münchhausen" (Düsseld. 1839. I, 18). Im Vorwort zu A. ~Weills~ "Sittengemälden aus dem elsässischen Volksleben", 1847 (Ges. W. XIV, 151), und im "Romancero", 1846-51 (Ges. W. XVIII, 79 u. 122), wendet Heine selbst das Wort wiederum an.--

Aus ~Heines~ "Neuem Frühling" (1831), No. 6, stammt:

*Wenn du eine Rose schaust, Sag', ich lass' sie grüssen.--*

Aus Kap. 24 von ~Heines~ "Atta Troll" (Kap. 1-24 ersch. 1843 in der "Zeitung für die elegante Welt") ist:

*Kein Talent, doch ein Charakter,*

und aus Kap. 27 des "Atta Troll" (ersch. Hamb. 1847), wo Heine von den jungen Freiheitsdichtern im Gegensatz zu den alten Romantikern singt:

"Das sind ja des Völkerfrühlings Kolossale Maienkäfer, Von Berserkerwut ergriffen!"

citieren wir den

*Völkerfrühling.*

Fürst ~Bismarck~ schloss seine Reichstagsrede am 2. März 1885 mit dem Satz: "Es liegt eine eigentümliche prophetische Voraussicht in unserem alten nationalen Mythus, dass sich, so oft es den Deutschen gut geht, wenn ein deutscher Völkerfrühling wieder, wie der verstorbene Kollege Völk sich ausdrückte, anbricht, dass dann auch stets der Loki nicht fehlt, der seinen Hödur findet, einen blöden, dämlichen Menschen, den er mit Geschick veranlasst, den deutschen Völkerfrühling zu erschlagen, respektive niederzustimmen". Joseph ~Völks~ Rolle im öffentlichen Leben begann aber erst nach dem Erscheinen des "Atta Troll", so dass er wohl schwerlich vor ~Heine~ vom "Völkerfrühling" gesprochen haben wird. ~Heine~ singt schon in seinem "Poseidon" (1825-26 "Die Nordsee" I, 5) von Hellas' leuchtendem "Menschenfrühling" und Friedrich ~Delbrück~ schrieb ein Buch "Über die Verehrung gegen Eltern und der Frühling der Natur verglichen mit dem Frühling des Menschengeschlechts". Magdeburg 1799.--

Schliesslich citiert man aus ~Heines~ "Neuen Gedichten", 1844 (Jolanthe und Marie):

*Blöde Jugendeselei,*

und aus dem "Romancero" (1846-51 "Zwei Ritter") als Muster verkommenen Polentums:

*Krapülinski und Waschlapski.--*

* * * * *

Aus Wilhelm *Hauff*s (1802-27) Liede "Reiters Morgengesang" (gedichtet 1824 nach dem schwäbischen Volksliede) citieren wir, das Vergängliche menschlicher Pracht betonend:

*Gestern noch auf stolzen Rossen,* (_Heute durch die Brust geschossen, Morgen in das kühle Grab!_).

und:

*... ach, wie bald Schwindet Schönheit und Gestalt!--*

* * * * *

Aus Nikolaus *Lenau*s (1802-50) Liede "Der Postillon" hört man oft den Anfangsvers citieren:

*Lieblich war die Maiennacht.--*

* * * * *

Aus des Wieners ~Friedrich Kaiser~ Posse "Verrechnet", deren Kouplets von Johann Nepomuk *Nestroy* (1802-62) sind, blieb

Es muss ja nicht gleich sein, -- es hat ja noch Zeit,

in der Form bekannt:

*Muss es denn gleich sein?--*

* * * * *

Ludolf *Wienbarg* (1802-72) versah sein Buch "Aesthetische Feldzüge", 1834, (nach ~Strodtmann~ "Heines Leben" I, S. 432, auf den Vorschlag seines Verlegers ~Julius Wilh. Campe~) mit einer Widmung an

*das junge Deutschland,*

und im folgenden Jahre richtete W. ~Menzel~ ("Litteraturblatt", 11. und 13. Sept.) seinen ersten Angriff auf die junge Litteratur, der er zum Zeichen der Verachtung ihres kosmopolitischen Strebens den Namen "la jeune Allemagne" gab.--

*Des Lebens Unverstand mit Wehmut zu geniessen, Ist Tugend und Begriff;*

stammt aus dem Anfange dieses Jahrhunderts und hat nicht, wie die "Braunschweiger Anzeigen" (Okt. 1876. St. 232. S. 2809) behaupten, den weiland braunschweigischen Hof-Buchbinder Joh. Engelh. Voigts zum Verfasser, sondern den General und Oberhofmarschall des Kurfürsten von Hessen, Hans Adolf *von Thümmel* († 1851), der in dem Glauben, ein Dichter zu sein, viele ähnliche Verse beging. Die obigen begeisterten einen Kandidaten der Theologie, A. L., dazu, ins Fremdenbuch der Rudelsburg folgende Worte (mit Zeichnung) einzutragen:

Und wer des Lebens Unverstand Mit Wehmut will geniessen, Der lehne sich an eine Wand Und strample mit den Füssen.--

Derselbe v. Thümmel soll auch der Verfasser sein von:

*Im Schatten kühler Denkungsart.*

Möglicherweise aber sind ~diese~ Worte Eigentum des oben genannten ~Voigts~, wie in dem angeführten Artikel der "Braunschweiger Anzeigen", allerdings ohne Beleg, versichert wird.--

* * * * *

Aus Gust. Albert *Lortzing*s (1803-51) zuerst 1837 in Berlin aufgeführter Oper "Czar und Zimmermann" citieren wir:

*O, ich bin klug und weise, Und mich betrügt man nicht.*

und:

*Es ist schon lange her--*

endlich:

*O selig, o selig, ein Kind noch zu sein!*

Der Text zu dieser komischen Oper ist nach ~Hoffmann von Fallersleben~ ("Unsere volkstümlichen Lieder", No. 817, Nachtrag) von Salomon ~Reger~ (1804-57); nach dem Textbuche Hermann Mendels (Herausg. d. musikal. Convers.-Lex.) hat aber ~Lortzing~ den Operntext selbst gedichtet, und nur das Czarenlied stammt von Salomon *Reger* her.--

* * * * *

Aus Eduard *Mörike*s (1804-75) Gedichten ist in Süddeutschland als Citat anzusehen:

*Sommerweste.*

Nämlich in dem Gedichte "An meinen Vetter" (1. Ausg. der Gedichte, Stuttg. u. Tüb. 1838, S. 208-9) heisst es:

Lieber Vetter! Er ist eine Von den freundlichen Naturen, Die ich Sommerwesten nenne.--

* * * * *

*Setze dir neben mir, Dir steh'n zu seh'n, das jammert mir,*

und:

*Was ist mich das, mein Kind, mit dich! Du isst mich nich, du trinkst mich nich,*

und:

*Du bist mich doch nich krank?*

sind einem, die in Berlin gewöhnliche Verwechselung von ~mir~ und ~mich~ verspottenden Gedichte des Hofschauspielers *Rüthling* († 1849) entnommen, lauten jedoch im Originale ("Museum komischer Vorträge", No. 1, 11. Aufl., Berlin) etwas anders.--

* * * * *

Aus den Gedichten von Karl Friedrich Heinrich *Strass* (1803-64) citieren wir den Anfang eines von ihm 1842 gedichteten, von ~Chemnitz~ umgearbeiteten und von C. G. ~Bellmann~ komponierten Liedes:

*Schleswig-Holstein, meerumschlungen.--*

* * * * *

Ludwig *Feuerbach* (1804-72) schrieb in seiner Anzeige von ~Moleschotts~ "Lehre der Nahrungsmittel für das Volk" i. J. 1850 das geflügelt gewordene Wort:

*Der Mensch ist, was er isst,*

wobei ihm ~Brillat-Savarin~ (s. unter Kap. V) vorgeschwebt haben mag. Da nun ~Feuerbachs~ Satz von den Gegnern des Materialismus noch platter aufgefasst wurde, als er gemeint war, so gab Feuerbach zur Erläuterung die Schrift heraus "Das Geheimnis des Opfers oder der Mensch ist, was er isst" (Ges. Werke. Lpz. 1864-66. X). Darin heisst es (S. 6):

"Gott ist, was er isst; er isst Ambrosia, d.h. also Unsterblichkeit oder unsterbliche Speise, also ist er ein Unsterblicher, ein Gott; der Mensch dagegen isst Brot, isst Früchte der Erde, also Irdisches, Nicht-Ambrosisches, Sterbliches, also ist er ein Mensch, ein Sterblicher".

Und weiterhin (S. 26) fragt er:

"Sind die Juden nicht auch deswegen von den Heiden so verspottet und gehasst worden, weil sie die Speisen verschmähten, welche diese liebten? ... Liegt aber diesem Hasse nicht der Gedanke zu Grunde: Wer nicht ~isst~, was wir essen, der ~ist~ auch nicht, was wir sind?"--

* * * * *

Aus Louis *Schneider*s (1805-78) Schwank "Der reisende Student" stammt:

*Ungeheure Heiterkeit* (Ist meines Lebens Regel),

welches er der Melodie des Beauplanschen Liedes "C'est le galop qui fait le bonheur de ma vie" als Text unterlegte.--

L. ~Schneiders~ Lustspiel "Der Kurmärker und die Picarde" giebt uns, als Einlage das Lied:

*O Tannebaum, o Tannebaum, Wie grün sind deine Blätter!*

Dies entsprang (nach dem "Deutschen Liederhort" von Erk und Böhmer, 1893, No. 175 a, b, c, d u. 176) aus dem zwischen 1550 und 1580 auf einem fliegenden Blatt gedruckten Liede (s. Strophe 9, die sich wiederholt in No. 121 des 1582 erschienenen Ambraser Liederbuches) "Es hing ein Stallknecht seinen Zaum u.s.w.":

"O Tanne, du bist ein edler Zweig, Du grünest Winter und die liebe Sommerzeit, Wenn alle Bäume dürre sein, So grünest du, edles Tannenbäumelein".--

* * * * *

Der Anfang des von Ida Gräfin *Hahn-Hahn* (1805-80) 1835 verfassten Liedes:

*Ach wenn du wärst mein eigen!*

wird allgemein citiert, jedoch soll nach ~Erk~ und ~Böhmer~ ein Volkslied aus dem 16. Jahrh. den gleichen Anfang haben.--

* * * * *

Das vor 1826 entstandene, von ~Mendelssohn~ komponierte Gedicht Eduard Freiherr *von Feuchtersleben*s (1806-49) "Nach altdeutscher Weise" beginnt:

Es ist bestimmt in Gottes Rat, Dass man, was man am liebsten hat, Muss meiden,

und schliesst:

*Wenn Menschen auseinandergehn, So sagen sie: auf Wiedersehn!* Ja Wiederseh'n!

Die Anfangszeilen jedoch citieren wir in der Form, die der Komponist ihnen gab:

*Es ist bestimmt in Gottes Rat, Dass man vom Liebsten, was man hat, Muss scheiden.--*

* * * * *

Friedrich *Halm* (Pseudonym für Eligius Franz Joseph Freiherr v. ~Münch-Bellinghausen~; 1806-71) bietet in dem Drama "Der Sohn der Wildnis" (1842):

*Zwei Seelen und ein Gedanke, Zwei Herzen und ein Schlag!--*

* * * * *

Den

*Staatshämorrhoidarius*

erfand Graf Franz *Pocci* (1807-76) für die Münchener "Fliegenden Blätter". Der "Staatshämorrhoidarius" Poccis gelangte in dieser Zeitschrift zum Abdruck in elf Nummern aus den Jahren 1844-47.--

* * * * *

Johann Hermann *Detmold* (1807-51), der nachmalige Minister und Bundestagsgesandte, schrieb als konservativer Abgeordneter der deutschen Nationalversammlung 1849 die vielbelachte illustrierte Satire "Thaten und Meinungen des Herrn Piepmeyer, Abgeordneten zur konstituirenden Nationalversammlung zu Frankfurt am Mayn". Heft 2 p. 8 übt Piepmeyer eine Rede ein und spricht tiefnachdenklich: "Eine verräterische Camarilla, eine brutale Soldateska!" Daher das Schlagwort:

*Vertierte Soldateska.--*

* * * * *

David Friedrich *Strauss* (1808-74) gab 1847 in Mannheim die Schrift heraus "Der Romantiker auf dem Thron der Caesaren oder Julian der Abtrünnige", worin er die Auffrischung des Heidentums durch Julianus Apostata mit der der protestantischen Orthodoxie durch Friedrich Wilhelm IV. verglich. Diesen König nannte man seitdem oft den

*Romantiker auf dem Throne.--*

* * * * *

*Sie sollen ihn nicht haben, Den freien deutschen Rhein*

ist der Anfang eines 1840 von Nicolaus *Becker* (1809-45) gedichteten Liedes, das zuerst im Rheinisch. Jahrbuch, 1841, S. 365 stand.--

* * * * *

*Struwwelpeter*

ist der Titel einer 1845 erschienenen Kinderschrift von Heinrich *Hoffmann-Donner* in Frankfurt a. M. (geb. 1809). In der Form "Strubbelpeter" kommt das Wort früher vor. Als Goethe 1765-68 in Leipzig studierte, nannte ihn die Frau des Kupferstechers Stock "den Frankfurter Strubbelpeter" und zwang ihn, sich das Haar auskämmen zu lassen (s. "Kunst und Leben" aus Försters Nachlass hrsg. v. H. Kletke. 1873. S. 102 ff.).--

Auch der die Suppe verschmähende

*Suppenkasper*

ist aus ~Hoffmanns~ Schrift bekannt.--

* * * * *

*O lieb', so lang du lieben kannst,*

ist der Anfang von Ferdinand *Freiligrath*s (1810-76) Gedichte "Der Liebe Dauer", das, 1830 verfasst, zuerst im "Morgenblatt für gebildete Leser", Stuttgart, No. 271, 12. Nov. 1841 stand.

Auch ~Freiligraths~ Gedichttitel

*Der Blumen Rache*

wurde zum geflügelten Wort. Doch nimmt man hier Blumen in übertragenem Sinn und denkt an weibliche Rache, während in dem Gedichte wirkliche Blumen durch ihren Duft ein schlummerndes Mädchen tödten, aus Rache dafür, dass sie von ihr grausam aus der Erde gerissen wurden.--

* * * * *

*Rrr! ein ander Bild!*

sind die Worte des Guckkästners in des pseudonymen ~Brennglas~ (*Glasbrenner*s) "Berlin, wie es ist--und trinkt" (Lpz. 1832-50). Aus denselben Heften ist:

*Auch eine schöne Gegend!* (eigentlich: Ooch 'ne scheene Jejend.)

Diese Redensart kommt in einem Gespräche zweier Berliner Frauen vor, die einander fragen, wo ihre beiderseitigen Söhne im Freiheitskriege gefallen seien. Auf die Antwort der Einen: "Bei Leipzig", erfolgt nun die oben angeführte Äusserung im breitesten Berliner Dialekt.

Heinrich ~Heine~ schaffte dem Worte weitere Verbreitung; denn er sagt im "Tannhäuser" (1836):

Zu Hamburg sah ich Altona, ~Ist auch eine schöne Gegend,~

im "Ex-Nachtwächter":

~Das ist eine schöne Gegend Ebenfalls.~

und in "Himmelfahrt" (Letzte Gedichte, 1853-55):

Sie (die Spree) fliesst gemütlich über, wenn's regent Berlin ist ~auch eine schöne Gegend~.

Vielleicht kam ~Glasbrenner~ auf diese Wendung durch ~Tiecks~ "Gestiefelten Kater" (1797), worin (3, 5) der König sagt:

"Auch eine hübsche Gegend. Wir haben doch schon eine Menge schöner Gegenden gesehen".--

* * * * *

In der No. 395 der Münchener "Fliegenden Blätter" (1852) befindet sich ein "Die Wassersnoth in Leipzig" betiteltes Gedicht, das anfängt:

*In der grossen Seestadt Leipzig,*

und in dessen Verlauf sich die bekannten Zeilen finden:

*Auf dem Dache sitzt ein Greis, Der sich nicht zu helfen weiss.*

Das Gedicht ist unterzeichnet G. H. und der Dichter war nach einer Mitteilung der Redaktion der "Fliegenden Blätter" ein damals in Kiel lebender stud. jur. G. J. F. ~Hansen~. Es wird aber behauptet, dass das Gedicht schon vor 1852 in Leipzig allgemein bekannt war.--

* * * * *

Die in Gustav *Raeder*s (1810-68) Posse "Robert und Bertram oder die lustigen Vagabonden" (1859) häufig vorkommende und vielfach umgestaltete Redensart Bertrams:

*Weiter* (oder: *Sonst) hat es keinen Zweck*

ist ein sehr gebräuchliches Wort geworden, ebenso wie das in seiner Zauberposse "Der artesische Brunnen" (ersch. 1860) oft im Munde Balthasars vorkommende:

*Meine Mittel erlauben mir das!--*

* * * * *

Aus ~Fritz~ *Reuter*s (1810-74) "Ut mine Stromtid" (ersch. 1862-64) Kap. 3 wird Inspektor Bräsigs Äusserung zu Karl Havermann citiert:

*Darin bin ich dir über.--*

* * * * *

*Alles schon dagewesen,*

pflegt Rabbi Ben Akiba in Karl *Gutzkow*s (1811-78) "Uriel Acosta" (1847) in den verschiedensten Formen zu wiederholen [s.: Prediger Salomo 1, 9].--

* * * * *

Wir sprechen, um die Richtung des Komponisten ~Richard~ *Wagner* (1813-83) und seiner Anhänger zu bezeichnen, auf Grund seiner Schrift: "Das Kunstwerk der Zukunft" (Leipz. 1850) von

*Zukunftsmusik.*

In der "Niederrheinischen Musikzeitung" von 1859, No. 41 schrieb deren damaliger Redakteur, Prof. Ludwig ~Bischoff~: "All' die Ungegohrenheit, der Schwindel, all' die Eitelkeit, all' die Selbstbespiegelung, all' die Trägheit, der Zukunft zuzuschieben, was man selbst leisten müsste, all' die Hohlheit und Salbaderei der ästhetischen Schwätzer--wie schön fasst sich das alles in dem einen Wort 'Zukunftsmusik' zusammen". ~Wagner~ antwortete darauf (s. "Das Judentum in der Musik" S. 36): "Prof. Bischoff in der Kölnischen Zeitung verdrehte meine Idee eines 'Kunstwerkes der Zukunft' in die lächerliche Tendenz einer Zukunftsmusik". Jedoch adoptierte ~Wagner~ später das Spottwort; denn er gab 1861 eine Schrift "Zukunftsmusik. Brief an einen französischen Freund" heraus. Übrigens ist die Idee nicht ganz Wagners Eigentum. Schon in Rob. ~Schumanns~ "Gesammelten Schriften" (Bd. I, S. 46) findet man unter den Aufzeichnungen Florestans die Bemerkung aus dem Jahre 1833: "Eine Zeitschrift für zukünftige Musik fehlt noch"! und Karl ~Gaillard~, Redakteur der "Berliner musikalischen Zeitung", sagt No. 24, Jahrgang 1847 derselben: "Schafft sich Herr Berlioz ein eigenes Orchester an, so mag er dirigieren, soviel es ihm beliebt, und seinen musikalischen Hokuspokus, genannt 'die neue Musik' oder 'die Musik der Zukunft', treiben", (vrgl. die gründliche Erörterung Wilh. ~Tapperts~ in dessen "Wagner-Lexikon", Lpz. 1877, S. 45.)--

* * * * *

~Emanuel~ *Geibel*s (1815-84) Lied "Der Zigeunerbube im Norden" beginnt:

"Fern im Süd' das schöne Spanien, Spanien ist mein Heimathland, Wo die schattigen Kastanien Rauschen an des Ebro Strand."

Danach sagen wir:

*Spanien, das Land der Kastanien"--*

Aus ~Geibels~ Lied "Wo still ein Herz von Liebe glüht" wird citiert:

*O rühret, rühret nicht daran!*

und aus seinem Gedichte "Hoffnung" ("Zeitstimmen", Lübeck 1841, S. 15):

*Es muss doch Frühling werden.--*

* * * * *

Johannes *Scherr* (1817-86) gab dem ersten Kapitel des achten Buches seines Werkes "Blücher und seine Zeit" (1862-63) die auf Napoléon I. bezügliche Überschrift:

*Kaiserwahnsinn;*

danach dann (1864) in der "Verlorenen Handschrift" Gustav *Freytag*s (geb. 1816) Professor Werner von der Meisterschaft spricht, mit welcher Tacitus die eigentümlichen Symptome und den Verlauf des

*Caesarenwahnsinns*

schildert.--

* * * * *

~Georg~ *Herwegh*s (1817-75) Gedicht "Aus den Bergen" bietet:

*Raum, ihr Herren, dem Flügelschlag Einer freien Seele*

und sein Gedicht "Strophen aus der Fremde" schliesst:

*Das arme Menschenherz muss stückweis brechen.*

Es stand zuerst in Rückerts "Musenalmanach" (Lpz. 1840, S. 246 ff.) und darauf in den "Gedichten eines Lebendigen" (Zürich u. Winterthur 1841).--

* * * * *

Der Titel eines Walzers von Johannes Strauss:

(An der Donau) *An der schönen blauen Donau*

ist der Kehrreim der ersten beiden Strophen des Gedichtes "An der Donau" aus den "Stillen Liedern" (Lpz. 1839) von Karl *Beck* (1817-79).--

* * * * *

Es giebt eine alte Anekdote[56] von einem Reisenden, der im Auslande Bienen von der Grösse eines Schafes gesehen zu haben vorgab, während die Bienenkörbe nicht grösser gewesen seien, als die in der Heimat, und der dann auf die Frage "Wie die Bienen denn hineinkämen?" die Antwort giebt: "Dafür lass' ich sie selbst sorgen." Diese Anekdote hat ~Wilhelm~ *Camphausen* (geb. 1818) in den "Düsseldorfer Monatsheften" illustriert und einem für sein Vaterland begeisterten Russen die volkstümlich gewordene Antwort

*Der Bien' muss*

in den Mund gelegt.--Von demselben Künstler ist die Illustration zu dem berühmten Worte eines Unteroffiziers an einen Soldaten:

*Was nutzt mich der Mantel, wenn er nicht gerollt ist?*

welche auf No. 23 der "Münchener Bilderbogen", 5. Aufl., steht und schon 1847 in den "Fliegenden Blättern", Bd. V. No. 98 unter dem Titel: "Der einjährige Freiwillige auf dem Marsche" zu finden war.--

[Fußnote 56: S. den Lügenmärchen-Anhang zur 6. Ausgabe des "~Laienbuches~" (Schiltbürger) von 1597, deren einziges bekanntes Exemplar sich auf der Wiener Hofbibliothek befindet; ferner: ~Melanders~ "Jocor. atq. serior. centur. aliq." No. 115 (Frkf. 1603), Olorin. ~Variscus~ "Ethogr. mundi", T. 1 No. 2 (Magdb. 1609), Nicod. ~Frischlini~ "Beb. et Pogii facetiae, item additamenta Phil. Hermotimi", p. 304 (Amst. 1660), "~Kurtzweiliger Zeitvertreiber~" von 1666, S. 117 unter "Aufschneidereien", und ~Abraham a Santa Clara~ in "Huy und Pfuy! der Welt" (1680) unter "Ross".]

* * * * *

Aus der "Wacht am Rhein", gedichtet 1840 von ~Max~ *Schneckenburger* (1819-49) stammt:

*Lieb Vaterland, magst ruhig sein!*

Das 1854 von Carl ~Wilhelm~ komponierte Lied wurde erst im Jahre 1870 volkstümlich. Anton ~Langer~ in Wien verfasste im Aug. 1872 eine Entgegnung darauf unter dem Titel "Donauwacht". Als Antwort auf dieses antideutsche Pasquill schrieb F. F. *Masaidek* (geb. 1840), ein Mitarbeiter des Wiener Figaro, ein Gegenpasquill:

*Die Wacht am Alserbach,*

das am 23. Aug. 1872 in der "Deutschen Zeitung" und im "Figaro" erschien und Tags darauf vom "Vaterland", der "Tagespresse", der "Wehrzeitung", dem "Volksfreund" und dem "Extrablatt" abgedruckt wurde. Der Titel hat sich in Österreich erhalten und dient heute zur Bezeichnung der exaltierten Schwarzgelben.--

* * * * *

Aus der Posse "Berlin, wie es weint und lacht" von ~David~ *Kalisch* (1820-75) stammt:

*Alles muss verrungeniert werden,* (Alles muss ruiniert werden,)

und:

*Was ich mir dafür kaufe!* (eigentlich: *Wat ick mir dafor kofe!)* (im Sinne von: Was ich mir daraus mache!).--

Das Wort

*'s Geschäft bringt's mal so mit sich*

stammt aus ~Kalischs~ "Berlin bei Nacht";

*Darin bin ich komisch*

und:

*So'n bischen Französisch, Das ist doch ganz wunderschön*

aus seiner Posse "Der gebildete Hausknecht".

*So lasst ihm doch das kindliche Vergnügen*

ist aus der Posse "Namenlos" von ~Pohl~ und ~Kalisch~. ~Kalisch~ ist auch der Schöpfer der typisch gewordenen Gestalten des "Kladderadatsch" (begründet 1848): des ewigen Quartaners

*Karlchen Miessnick,*

des schlagfertigen Berliner Spiessbürgerpaares

*Müller und Schultze*

und des breitspurig jüdelnden

*Zwückauör* (Zwickauer),

der auch in ~Kalischs~ gleichzeitiger Posse "100,000 Thaler" als Börsenspekulant mit Herrn Zittauer auftritt und nach Max ~Rings~ "Erinnerungen", ein Breslauer Urbild gehabt haben soll.--

* * * * *

*Gegen Demokraten Helfen nur Soldaten*

ist der Schluss des Gedichtes *v. Merckel*s "Die fünfte Zunft", das als fliegendes Blatt im Aug. oder Sept. 1848 erschien, in den "Zwanzig patriotischen Liedern" von ~v. Merckel~ (Berlin 1850) wieder abgedruckt wurde und in ~Paul Lindaus~ "Gegenwart" vom 16. Nov. 1878 zu finden ist. Sehr bekannt wurde das Wort als der Titel einer 1848 zu Berlin erschienenen Broschüre, die ein Oberst ~v. Griesheim~ verfasst haben soll (s. Graf Roons Denkwürdigkeiten 1, 270).

Wenn Karl ~Braun-Wiesbaden~ in "Nur ein Schneider" den Schneider sagen lässt, der Prinz von Oranien-Nassau habe seit 1787 den Grundsatz im Munde geführt: "Gegen Demokraten helfen nur Soldaten", so ist das wohl nur eine Erfindung.--

* * * * *

*Wie denken Sie über Russland?*

ist der Titel eines in Berlin 1861 erschienenen Lustspiels von Gustav *v. Moser* (geb. 1825).--

* * * * *

*Es wär' so schön gewesen, Es hat nicht sollen sein*

ist die Umgestaltung von

Behüet dich Gott! es wär' zu schön gewesen, Behüet dich Gott, es hat nicht sollen seyn!

im XIV. Stück des "Trompeter von Säkkingen" (1854) Viktor *v. Scheffel*s (1826-1886).--

* * * * *

In "Immanuel Kant. Ein Denkmal seiner unsterblichen Philosophie, dem deutschen Volke geweiht von Fr. M. *Freystadt*" (1. u. 2. Aufl., Königsb. 1864; S. 16) nennt der Verfasser

*Königsberg die Stadt der reinen Vernunft*

und fügt in einer Anmerkung hinzu: "Schreiber dieses war der Erste, der Königsberg den gedachten Ehrentitel gab in einem Korrespondenzartikel für die Leipziger Allgemeine Zeitung während der vierziger Jahre dieses Säculums". (Jahrgang und Nummer giebt er nicht an.) Dies Wort scheint frei nach Heinrich Heine gebildet zu sein, der 1828-29 im 2. T. der "Reisebilder" (Ges. W. II, 12) von Berlin "der gesunden Vernunftstadt" spricht.--

* * * * *

Julius *Stettenheim*s (geb. 1831) ergötzlicher Lügenberichterstatter und Verdreher geflügelter Worte

*Wippchen*

ist zur typischen Figur geworden und viel citiert wird dessen oft wiederkehrende und meistens überflüssige Wendung:

*Verzeihen Sie das harte Wort!*

(vrgl. "Wippchens sämtliche Berichte" von ~Julius Stettenheim~ 1878ff.). "Verzeiht ein hartes Wort mir!" sagt schon in ~Herders~ "Cid." (I, 21) Doña Uraca zu ihrem sterbenden Vater.--

* * * * *

Aus Wilhelm *Busch*s (geb. 1832) "Max und Moritz, eine Bubengeschichte in sieben Streichen" (Münch. 1865) ist der Vers verbreitet:

*Dieses war der erste Streich, Doch der zweite folgt sogleich.--*

* * * * *

Aus Hermann *Salingré*s (1833-79) Posse "Graupenmüller" (1865) wird citiert:

*Man muss die Feste feiern, wie sie fallen.--*

Der Titel eines 1876 als Manuscript gedruckten Lustspiels von Julius *Rosen* (Nikolaus Duffek 1833-92) lautet:

*O diese Männer!*

Schon in dem ~Richardson~schen Romane "Sir Charles Grandison" (1753), Bd. 3, Brief 16 heisst es:

"O these men!"--

* * * * *

Als am 9. Sept. 1865 zu Danzig ein auf Rechnung des Herrn Friedrich Heyn erbautes Fregattschiff "Marineminister von Roon" von Stapel gelassen wurde, ward dabei ein vom Regierungsrat *Wantrup* († 1891) verfasstes Gedicht gesprochen, aus dessen Anfangszeilen:

_Vom Fels zum Meere weh'n des Königs Fahnen, Und auch die blaue Salzflut grüssen ihre Farben Schwarzweiss_--*so reinlich und so zweifelsohne*

die letzten fünf Worte unvergänglich geworden sind.--

* * * * *

Ein sonst unbekannter, nun verstorbener Schriftsteller *Hogarten* ist der Verfasser des weitverbreiteten Verses:

*Geniess't im edlen Gerstensaft Des Weines Geist, des Brotes Kraft.*

Er schrieb diese Worte im Auftrage der Berliner Tivolibrauerei, deren Saalgebäude sie seit 1869 schmücken. Als Kuriosum sei erwähnt, dass sich der Dichter, dem man einen Friedrichsd'or bot, zwanzig dafür erstritt.--

* * * * *

In einem Feuilletonartikel "tote Seelen" in der "Neuen freien Presse" (31. März 1875; wieder abgedruckt in "Halb-Asien", 2. Aufl. 1879. II, 81 ff.), der das Treiben jüdischer Wucherer in Galizien geisselte, schuf Karl Emil *Franzos* (geb. 1848) das Schlagwort:

*Jedes Land hat die Juden, die es verdient,*

und nannte es den "Schlüssel zur neueren Geschichte der Juden". Antisemiten und Philosemiten zogen gegen das Wort los, es hallte wieder in der europäischen Presse und blieb geflügelt. ~Franzos~ hat es offenbar dem Satze nachgebildet: "Chaque pays a le gouvernement qu'il mérite", der auf ~Proudhon~ zurückgeführt zu werden pflegt. Ob mit Recht, bleibt noch zu erforschen. Andere meinen, Friedrich ~Gentz~ sei des Gedankens Vater.

*Halb-Asien*

wird ein Teil des von der Kultur nur überfirnissten Osteuropas genannt, nachdem ihn Karl Emil ~Franzos~ zuerst im Feuilleton der "Neuen freien Presse" (Herbst 1875, "Von Wien nach Czernowitz") so bezeichnete. Franzos citierte sich dann selbst, als er (Jan. 1876) das Buch herausgab: "Aus Halb-Asien. Kulturbilder aus Galizien, der Bukowina, Südrussland und Rumänien".--

* * * * *

In der No. 28 der "Züricher Post" vom 2. Februar 1888 steht ein satirisches Lied von Karl *Henckell* (geb. 1864), das den Titel: "Lockspitzellied" führt. Davon stammt das Wort

*Lockspitzel*

als Verdeutschung von "agent provocateur". Die Bezeichnung "Spitzel" für Spion entstammt der österreichischen Volkssprache.--

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