IV. Geflügelte Worte aus dänischen Schriftstellern
Durch Ludwig Freiherr von *Holberg*s (1684-1754) 1722 erschienenes Lustspiel "Der politische Kannegiesser" hat das Wort
*Kannegiesser*
die Bedeutung eines politischen Schwätzers bekommen, und wir leiten selbst Wörter davon ab wie:
*kannegiessern, Kannegiesserei.*
Der Titel eines anderen Lustspiels von Holberg:
*Don Ranudo de Colibrados*
ist die Bezeichnung eines von Adelstolz aufgeblähten, bettelhaften Menschen geworden. Ranudo ist Anagramm von O du Nar(r).--
V. Geflügelte Worte aus französischen Schriftstellern
Einen Menschen, dem die Wahl zwischen zwei gleich wertvollen Gegenständen schwer wird, vergleichen wir mit
*Buridans Esel.*
Um zu beweisen, dass keine Handlung ohne einen bestimmenden Willen stattfinden könnte, soll sich ~Buridan~, ein französischer Philosoph des 14. Jahrh., des Bildes eines Esels bedient haben, der in gleichem Abstande von zwei Bündeln Heu, gleichmässig von beiden angezogen, notwendigerweise verhungern müsse. Er mag dies mündlich gethan haben, denn in Buridans Werken ist der entsprechenden Stelle vergeblich nachgespürt worden. Durch ~Schopenhauer~ ("Die beiden Grundprobleme der Ethik" 2. Aufl., S. 58) wissen wir, dass ~Bayle~ († 1706) im Artikel "Buridan" die Grundlage alles seitdem darüber Geschriebenen ist. Schopenhauer sagt daselbst ferner:
"Auch hätte Bayle, da er die Sache so ausführlich behandelt, wissen sollen, was jedoch auch seitdem nicht bemerkt zu sein scheint, dass jenes Beispiel .... weit älter ist als Buridan. Es findet sich im Dante, der das ganze Wissen seiner Zeit inne hatte, vor Buridan lebte und nicht von Eseln, sondern von Menschen redet, mit folgenden Worten, welche das vierte Buch seines Paradiso eröffnen:
Intra duo cibi distanti e moventi D'un modo, prima si morria di fame Che liber' uomo l'un recasse a' denti.
(Zwischen zwei gleich entfernten und gleich anlockenden Speisen würde der Mensch eher sterben, als dass er bei Willensfreiheit eine von ihnen an die Zähne brächte.) Ja, es findet sich schon im Aristoteles 'über den Himmel', 2, 13 mit diesen Worten: 'Ebenso was über einen heftig Hungernden und Dürstenden gesagt wird, wenn er gleich weit von Speise und Trank absteht, denn auch dieser muss in Ruhe verharren'. ~Buridan~, der aus diesen Quellen das Beispiel überkommen hatte, vertauschte den Menschen gegen einen Esel, bloss weil es die Gewohnheit dieses dürftigen Scholastikers ist, zu seinen Beispielen entweder Sokrates oder Plato oder asinum zu nehmen".--
* * * * *
(Mais) *où sont les neiges d'antan?*
Wo ist der Schnee des verflossenen Jahres?
ist der Kehrreim der "Ballade des Dames du temps jadis" François *Villon*s (1431-61), in der er die Vergänglichkeit aller weiblichen Schönheit des Leibes und der Seele besingt.--
* * * * *
*L'appétit vient en mangeant*
Je mehr man hat, je mehr man will,
eigentlich: "Die Esslust kommt beim Essen", steht in des François *Rabelais* (1483-1553) "Gargantua", Kap. 5. Das im "Leben des Gargantua und Pantagruel" vorkommende und seitdem für Nachäfferei angewendete
*Les moutons de Panurge*
Die Schafe des Panurge
findet seine Erklärung darin, dass in der Erzählung Panurge einem eine Herde Schafe mit sich führenden Viehhändler, der sich auf demselben Schiff befindet, ein Schaf abkauft und es über Bord wirft, worauf alsdann die ganze Herde nachspringt.
*Horror vacui*
Grauen vor dem Leeren
lässt sich auf "Gargantua et Pantagruel" 1, 5: "Natura abhorret vacuum" zurückführen.
*Deficiente pecu, deficit omne, nia*
(Mangelt im Beutel die Bar--mangelt's an Jeglichem,--schaft,)
heisst es in "Gargantua und Pantagruel", III, 41 (1546).--
* * * * *
Clément *Marot* (1495-1544) schilderte (1531) in einer poetischen Epistel an den König (Au Roy pour avoir esté des-robbé), wie ihn sein Diener bestohlen habe, "ein Fresser, Trunkenbold, ein unverschämter Lügner, ein falscher Spieler, Spitzbube, Flucher, Lästerer, dem man auf hundert Schritt anriecht, er werde an den Galgen kommen,
sonst der beste Kerl von der Welt",
*au demeurant le meilleur fils du monde".--*
* * * * *
Der Kanzelredner Pierre *Charron* (1541-1603) sagt am Anfang der Vorrede des ersten Buches seines "Traité de la Sagesse" (Bordeaux 1601): "La vraie science et le vrai étude de l'homme, c'est l'homme". Diesen Satz citieren wir englisch nach Pope, der ihn (1733) in seinem Lehrgedichte "Essay on Man" 2, 1 also wiedergab:
*The proper study of mankind is man.*
"Das eigentliche Studium der Menschheit ist der Mensch"
sagt ~Goethe~ in den "Wahlverwandschaften" II, 7 am Ende.--
* * * * *
*Chronique scandaleuse*
ist der Titel einer historischen Schrift über Louis XI., die man ~Jean de Troyes~ zugeschrieben hat, die aber von Ludwigs XI. écuyer und maître d'hôtel ~Denis Hesselin~ inspiriert, wenn nicht verfasst ist. Die Schrift heisst ursprünglich "Chroniques du très-chréstien et victorieux Louys de Valois, unziesme de ce nom". Erst ein Buchhändler, der 1611 diese Schrift wieder abdruckte, gab ihr den Titel "Chronique scandaleuse", den sie ihrem Inhalte nach nicht verdient. (Aubertin "Hist. de la littérature franç. au moyen-âge", II, 271).--
* * * * *
Einen schmachtenden Liebhaber nennen wir nach einer Person des Romans "Astrée" (1619) von *d'Urfé* (1567-1625) statt Céladon:
*Seladon.--*
* * * * *
Réne *Descartes* (Renatus Cartesius, 1596-1650) bezeichnet als die erste und sicherste Erkenntnis des Philosophen (s. "Princip. Philos." 1, 7 u. 10. Amst. 1644) den Satz: "ego
*cogito, ergo sum".*
Ich denke, also bin ich.--
* * * * *
Aus 4, 3 des "Cid" (1636) von Pierre *Corneille* (1606-84) ist:
*Et le combat cessa, faute de combattants,*
Und endlich schwieg der Kampf, da es an Kämpfern fehlte.--
* * * * *
Jean *Rotrou* (1609-50) schrieb in seiner zuerst 1636 gegebenen Komödie "Les Sosies" (IV, 4):
"Point point d'Amphytrion (sic!), où l'on ne disne point",
"Amphitryon ist hin, wenn er uns nicht mehr sättigt".
Dieser Vers wurde wohl dadurch angeregt, dass bei ~Plautus~ ("Amphitruo" III, 3, 13 s. auch 2, 70) Jupiter unter des Titelhelden Maske den Blepharo durch Sosias zum Frühstück bitten lässt, und er rief ~Molières~ Worte hervor ("Amphitryon" 1668, III, 5):
"Le véritable Amphitryon Est l'Amphitryon où l'on dîne".
Amphitryon, der echte rechte, Ist der Amphitryon, bei dem man tafelt".
So wurde denn "L'Amphitryon où l'on dîne" in Frankreich "geflügelt" und danach erlangte auch bei uns, ohne Beziehung auf Plautus,
*Amphitryon*
die Bedeutung eines gefälligen Gastgebers.--
* * * * *
*Die Kastanien aus dem Feuer holen,*
*Tirer les marrons du feu,*
entlehnen wir der Fabel Jean de *La Fontaine*s (1621-95), 9. Bch., 17 "Der Affe und die Katze". Der Affe Bertram bewegt die Katze Raton, geröstete Kastanien aus dem Feuer zu holen, die er sofort verspeist, bis eine Magd dazu kommt, worauf beide Tiere fliehen. "Raton war nicht zufrieden, sagt man", schliesst die Fabel, welche schon im 16. Jahrh. von Sim. ~Majoli~ in "Dies caniculae" lateinisch und von Noël du ~Fail~ in "Eutrapel" französisch, im 17. von Jac. ~Regnerius~ lateinisch und von Guil. ~Bouchet~, Pierre ~Deprez~, Is. ~Benserade~ französisch erzählt wurde, vrgl. Fabel 17 in des Armeniers ~Vartan~ († 1271) Fabelsammlung (Paris 1825).--
* * * * *
Nach *Molière*s (Jean Baptiste ~Poquelin~ 1622-73) Komödie "Le dépit amoureux" (1656) reden wir von einem
*dépit amonreux,*
verliebtem Trotze.--
* * * * *
Aus ~Molières~ "l'Amour médecin" (1665) 1, 1 dienen Sganarelles Worte an den Goldschmied Josse:
*Vous êtes orfèvre, Monsieur Josse*
Sie sind ein Goldschmied, Herr Josse
zur Verspottung eigennützigen Rates. Herr Josse nämlich hatte ihm geraten, seiner Tochter zur Bekämpfung ihrer Melancholie eine Garnitur von Rubinen, Diamanten und Smaragden zu kaufen.--
* * * * *
Als Sganarelle, der Holzhauer, in Molières "le Médecin malgré lui" (1666) 1, 6 den Preis des von ihm gefällten Holzes angiebt, will er sich auf kein Feilschen einlassen. Anderswo könne man das Holz allerdings billiger bekommen; aber
*Il y a fagots et fagots;*
Zwischen Holz und Holz ist ein Unterschied;
und als er, wider seinen Willen den Arzt spielend, die Lage der Leber und des Herzens verwechselt und auf diesen Irrtum aufmerksam gemacht wird, erwidert er 2, 6:
*Nous avons changé tout cela,*
Wir haben das Alles geändert.--
* * * * *
Aus 1, 1 des ebenfalls 1666 erschienenen "Misanthrope" sind die Worte des Alceste bekannt:
*L'ami du genre humain n'est point du tout mon fait.*
Wer aller Menschen Freund, der ist der meine nicht.--
* * * * *
*Tartufe,*
die Hauptperson in "le Tartufe", (1667) ist ein allgemein verständlicher Ausdruck für "Scheinheiliger" geworden.
(Molière selbst schrieb: Tartuffe. Tartufo kommt als Bezeichnung eines bösartigen Menschen in Lippis "Malmantile" vor, der handschriftlich in Frankreich vor dem Tartufe in Umlauf war. S. Littré.)--
*Les envieux mourront, mais non jamais l'envie.*
Die Neider sterben wohl, doch nimmermehr der Neid,
in 5, 3 des "Tartufe" ist ein älteres, von ~Molière~ in die Litteratur eingeführtes Sprichwort, welches ~Quitard~ ("Dictionnaire des proverbes") aus Philippe ~Garniers~ 1612 in Frankfurt erschienener Sammlung citiert.--
* * * * *
Aus ~Molières~ "George Dandin" (1668), 1, 9 sollten wir: "Vous l'avez voulu; vous l'avez voulu, George Dandin, vous l'avez voulu" bei selbstverschuldetem Missgeschick citieren; statt dessen sagen wir:
*Tu l'as voulu, George Dandin, tu l'as voulu.*
Du hast es so haben wollen, George Dandin, du hast es so haben wollen.--
* * * * *
In ~Molières~ "Fourberies de Scapin" (1671) 2, 11 wiederholt Géronte siebenmal:
*Que diable allait-il faire dans cette galère!*
Was zum Teufel hatte er auf jener Galeere zu suchen?
womit wir auf den Unvorsichtigen zielen, der, wie man zu sagen pflegt, in ein Wespennest gestochen hat. Schon früher hatte Molières Jugendfreund, ~Cyrano de Bergerac~, in "le Pédant joué", 2, 4 dies Wort angewendet; doch erfahren wir aus ~Grimarests~ "Leben Molières", Paris 1715, dass es Cyrano samt der ganzen Scene, in der es vorkommt, nur Molières vertraulichen Mitteilungen verdankte und während dessen Abwesenheit in der Provinz seinem Lustspiel einverleibte; dass dann ~Molière~ nach seiner Rückkehr zur Hauptstadt sich seines geistigen Eigentums, als er die "Fourberies de Scapin", schrieb, mit den Worten "Je reprends mon bien où je le trouve" wiederbemächtigte, was umgeändert in
*Je prends mon bien où je le trouve*
Ich nehme mein Eigentum, wo ich es finde,
ein geflügeltes Wort wurde. "Je reprends mon bien où je le trouve" ist aber wohl nur eine Übersetzung des Rechtssatzes "Ubi rem meam invenio, ibi vindico", der auf L. 6 Dig. "De rei vindicatione" (I, 9) beruht: "ubi enim probavi rem meam esse, necesse habebit possessor restituere".--
* * * * *
In ~Molières~ "Les Femmes savantes", (1672) 3, 2 sagt Armande:
*Nul n'aura de l'esprit, hors nous et nos amis!*
Keiner soll Geist haben als wir und unsere Freunde!--
* * * * *
Einen Menschen, der sich einbildet, krank zu sein, nennen wir einen
*Malade imaginaire*
nach ~Molieres~ Komödie "Le Malade imaginaire" (1673), aus der uns Argans Seufzer (2, 11) geläufig wurde:
*Ah, il n'y a plus d'enfants!*
Ach, es giebt keine Kinder mehr!--
* * * * *
*Juste milieu*
Richtige Mitte
kommt zuerst vor in Blaise *Pascal*s (1623-62) "Pensées sur la religion" (3, 3, Amst. 1692; 1. Ausg. Par. 1670). ~Ludwig Philipp~ wandte das Wort auf seine innere Politik an ("Nous chercherons à nous tenir dans un juste-milieu également éloigné des excès du pouvoir populaire et des abus du pouvoir royal" ... s. den "Moniteur universel" vom 31. Januar 1831) und gab damit seinem Regierungssystem den bleibenden Namen.--
* * * * *
Aus Nicolas *Boileau-Despréaux*s (1636-1711) 9. Epistel, Anfang, ist:
*Rien n'est beau que le vrai; le vrai seul est aimable.*
Schön ist das Wahre nur; das Wahre nur ist lieblich.
Aus seiner Satire 1, 52 stammt:
*J'appelle un chat un chat et Rolet un fripon.*
'ne Katze nenn' ich Katz' und Rolet einen Schelm.
Dieser Rolet war ein Prokurator von schlechtestem Rufe; öffentlich mit ihm anbinden war gewagt, und ~Boileau~ glaubte sich damit zu helfen, dass er seinem Verse die Randbemerkung hinzufügte: "Rolet, Gastwirt bei Blois". Nun wollte aber der Zufall, dass bei Blois wirklich ein Gastwirt Rolet wohnte, den dieser unbeabsichtigte Angriff in nicht geringe Wut versetzte. Der Dichter hatte Mühe ihn zu besänftigen.--
Der Schlussvers des zweiten Gesanges der "Art poétique" des ~Boileau~ lautet:
*Un sot trouve toujours un plus sot, qui l'admire*
Ein Thor fand immer noch den Tropf, der ihn bewundert.--
* * * * *
In *Nolant de Fatouville*s "Arlequin, Empereur dans la Lune", aufgeführt 1684, (Ghérardi "Théâtre italien", B. 1) macht Harlekin, der sich für den Kaiser im Monde ausgegeben hat, dem Doktor, dessen Tochter er heiraten will, eine Beschreibung der Mondbewohner; bei jedem Zuge dieser Beschreibung bemerken die Umstehenden: "C'est tout comme ici" und zwar neunmal. Daraus entstand das bekannte
*tout comme chez nous,*
ganz wie bei uns.
~Holberg~ benutzt im "Ulysses" 2, 2 diese Wendung häufig in dänischer Form (ligesaa hos os).--
* * * * *
*Embarras de richesses,*
Reichtumsnot,
ist der Titel einer Komödie des Abbé *d'Allainval* († 1753).--
* * * * *
Philipp Néricault *Destouches* (1680-1754) sagt in der Komödie "Le Glorieux" (zuerst gegeben 18. Jan. 1732) 2, 5:
*La critique est aisée, et l'art est difficile,*
Die Kritik ist leicht, und die Kunst ist schwer;
in 3, 5 befindet sich der dem ~Horaz~ (Epist. 1, 10, 24 "Naturam expellas etc.") nachgebildete Vers:
*Chassez le naturel, il revient an galop.*
Vertreib't das Naturell, es kommt im Nu zurück.--
* * * * *
Das Bild für eine komisch grosse Erregung in kleinem Kreise,
*Sturm im Glase Wasser,*
verdanken wir Charles de Sécondat, Baron de *Montesquieu* (1689-1755), welcher die Wirren in der Zwergrepublik San Marino "tempête dans un verre d'eau" nannte (s. Balzacs "le Curé de Tours" p. 281, Oeuvr. compl. Par. 1857).
Ihm floss dieser Vergleich wohl aus den Alten zu. In ähnlichem Sinne nämlich war zur Zeit ~Ciceros~ (s. "de leg." 3, 16) "excitare fluctus in simpulo" (Stürme im Schöpflöffel erregen) sprichwörtlich; und im ~Athenaeus~ ("Deipnos." VIII, 19) verspottet der Flötenspieler Dorion die Tonmalerei des Zitherspielers Timotheos, der einen Seesturm spielen wollte, mit den Worten: "er habe in einem siedenden Kochtopfe schon einen grösseren Sturm gehört".--
* * * * *
Von Worten François Marie Arouet de *Voltaire*s (1694-1778) sind bekannt: aus "Candide":
*Tout est pour le mieux dans le meilleur des mondes possibles,*
Alles ist aufs beste bestellt in der besten der möglichen Welten,
ein von ~Leibniz~ in "Theodicaea", (1710) 1, 8 (---- nisi inter omnes possibiles mundos optimus esset, Deus nullum produxisset, Gott hätte keine Welt geschaffen, wenn sie nicht unter allen möglichen die beste wäre) ausgesprochener und von ~Voltaire~ in diesem Romane verspotteter Gedanke; dann Vers 1, 7 der Komödie "Charlot":
*Et voilà justement comme on écrit l'histoire*
Und das ist just die Art, wie man Geschichte schreibt,
während er ein Jahr früher, 24. Sept. 1766, an Madame du Deffand in Prosa geschrieben hatte: "Et voilà comme on écrit l'histoire". In ~Voltaires~ "Jeannot et Colin" lesen wir: "Toutes les histoires anciennes, comme le disait un de nos beaux esprits, ne sont que des fables convenues" und vermuten Voltaire selbst in dem "Schöngeist", der uns so die Geschichte eine
*fable convenue*
vereinbarte, zugegebene Fabel
nennen lehrte. Andere rathen auf ~Fontenelle~, wie Garnier in seiner Voltaire-Ausgabe T. XXI, p. 237 ohne Fundstelle.--
* * * * *
Aus dem ersten Gesange von ~Voltaires~ "Henriade" ist der 31. Vers:
*Tel brille au second rang, qui s'éclipse au premier,*
Oft glänzt im zweiten Rang, wer ganz erlischt im ersten;
aus der Vorrede zum "Enfant prodigue":
*Tous les genres sont bons, hors le genre ennuyeux,*
Alle Kunstgattungen sind gut, mit Ausnahme der langweiligen Kunstgattung,
(von ~Wieland~ am Ende seiner "Sendschreiben an einen jungen Dichter", von ~Goethe~ in dem am 11. Juni 1792 gesprochenen Epilog [s. seine "Theaterreden"], nachgeahmt);
aus "le Mondain":
*Le superflu, chose très-nécessaire,*
Das Überflüssige, ein höchst notwendiges Ding.--
* * * * *
*Der Salomon des Nordens*
wird ~Friedrich der Grosse~ zuerst in ~Voltaires~ "Ode an die Preussen bei der Thronbesteigung Friedrichs" (1740) und später oft in den Briefen genannt.
~Voltaires~:
*Ecrasez l'infâme*
findet sich in seinem Briefwechsel mit einigen ihm befreundeten Freigeistern in dem Zeitraume von 1759-68. Man trifft diesen Ausdruck, und ähnliche, in seiner Korrespondenz mit Friedrich dem Grossen, Helvetius, Diderot, d'Alembert, Marmontel, Thieriot, dem Advokaten Christin, dem Grafen d'Argental, Marquis d'Argens, Madame d'Épinay und Damilaville. Namentlich zeichnete Voltaire seine Briefe an d'Alembert oft und an Damilaville, den anonymen Verfasser eines "Enthüllten Christentums", einen seiner zuverlässigsten Freunde, gewöhnlich statt mit seinem Namen mit Écr. l'inf... oder auch wohl Écrlinf, so dass die mit der Eröffnung staatsgefährlicher Briefe betrauten Beamten dies für den Namen des Absenders hielten. Der Ausdruck "L'infâme" findet sich zum ersten Mal in einem Briefe Friedrichs des Grossen an den Marquis d'Argens vom 2. Mai 1759, dann in einem Briefe, den der König am 18. Mai 1759 aus Landshut an Voltaire richtet, und zuletzt in einem Brief Voltaires am 27. Jan. 1768 an Damilaville. Das Wort scheint später aus Voltaires Korrespondenz zu verschwinden, weil es eine ihm gefährliche Berühmtheit bekommen mochte. Aus sämtlichen Stellen geht hervor, dass "infâme" als weibliches Eigenschaftswort zu denken ist, zu dem man daher ein entsprechendes Hauptwort zu ergänzen hat. Voltaire wünschte, das zu ergänzende Hauptwort solle "superstition", Aberglaube, sein, was sich aus vielen seiner Briefe ergiebt, z.B. 1) aus einem vom 23. Jan. an d'Alembert, 2) aus einem vom 29. Aug. 1762 an den König, 3) aus einem vom 28. Nov. 1762 an d'Alembert, und 4) aus einem vom 21. Juni 1770 an denselben. Voltaire meinte mit "Aberglauben" die Kirche (nicht die Religion).--
* * * * *
*Séide, Seïde,*
der Sklave Muhameds, ist durch ~Voltaires~ Tragödie "Le fanatisme ou Mahomed le prophète" (1739) die Bezeichnung für einen fanatischen Nachbeter und Anhänger geworden.--
Ebenda 2, 4 spricht Mahomed das Wort aus, das Beaumarchais zum Motto nahm:
*Ma vie est un combat,*
Mein Leben ist ein Kampf.
Dieser Gedanke war nicht neu; denn nach der Vulgata lautet ~Hiob~ 7, 1 "Militia est vita hominis" ("des Menschen Leben ist ein Kampf", nach Luther: "Muss nicht der Mensch immer im Streit sein auf Erden?"); ~Euripides~ ("Die Hülfeflehenden" 550) sagt: "πάλαισμά θ' ἡμῶν ὁ βίος" ("Unser Leben ist ein Kampf") und ~Seneca~ schreibt im 96. Briefe: "Vivere militare est", "leben heisst kämpfen" (vrgl. "Gefl. Worte aus lateinischen Schriftst." und 1. Tim. 6, 12; 2. Tim. 4, 7 sowie ~Goethes~ "Denn ich bin ein Mensch gewesen u.s.w.").--
* * * * *
In ~Voltaires~ "Discours sur l'homme", 6, lesen wir:
"Mais malheur à l'auteur qui veut toujours instruire! *Le secret d'ennuyer est celui de tout dire".*
Doch wehe dem Poët, der lehrt in jeder Zeile! Wer Alles sagt, besitzt die Kunst der Langenweile.--
* * * * *
*Le style, c'est l'homme,*
Wie der Stil, so der Mensch,
ist eine Umänderung der Worte des Grafen George Louis Leclerc de *Buffon* (1707-88) in seiner Antrittsrede in der Akademie: "Recueil de l'Académie" (1753, S. 337) "le style est l'homme même". Die Lesart späterer Ausgaben lautet aber: "le style est de l'homme même".--
* * * * *
*Où peut-on être mieux Qu'au sein de sa famille?*
Tout est content, le coeur, les yeux. Vivons, aimons comme nos bons aieux!
(Wo kann man besser weilen, als im Schosse seiner Familie? Alles ist befriedigt, das Herz, die Augen. Leben wir, lieben wir, wie unsre guten Voreltern!)
ist aus Jean François *Marmontel*s (1723-99) am 5. Januar 1769 zuerst aufgeführten, von Grétry komponierten "Lucile".--
*Ils sont passés, ces jours de fête,*
Sie sind vorbei, des Festes Tage,
stammt aus *Anseaume*s am 20. Sept. 1769 zuerst aufgeführten Oper "Le Tableau parlant".--
* * * * *
*Les extrêmes se touchent*
ist in Louis Sebastien *Mercier*s (1740-1814) "Tableau de Paris" (Amst. 1782-88) die Überschrift vom 348. Kapitel des vierten Bandes. Es kommt ferner vor bei ~Anquetil~ in "Louis XIV, sa Cour et le Régent", (Paris 1789) 1. Bd. (1674-80).-- ~Labruyère~ ("Caractères", 1687) sagt: "Une gravité trop étudiée devient comique; ce sont comme des extrémités qui se touchent", und ~Pascal~ ("Pensées", 1692): "Les sciences ont deux extrémités qui se touchent".
~Epiphanius~ (4. Jahrh.) "Adversus haereses" I. 3, t. 2 führt als berühmten Ausspruch heidnischer Philosophen an: "αἱ ἀκρότητες, ἰσότητες, extremitates, aequalitates". In des Aristoteles "Moral. Eudemiorum" lib. 3, c. 7, 1234 steht: ἔστι δ' ἐναντιώτερον τοῖς ἀκροῖς τὸ μέσον ἢ ἐκεῖνα ἀλλήλοις, διότι τὸ μὲν μετ' οὐδετέρου γίνεται αὐτῶν τὰ δὲ (τὰ ἄκρα) πολλάκις μετ' ἀλλήλων. (Extrema frequenter una habitant.) Der Commentator zu ~Cassiani~ († um 448) "Collationes", c. 16, ~Alardus Gazaeus~ sagt: "videtur haec sententia (nimitates aequalitates) proverbialis locutio ex Aristotele desumpta II, Ethik 6".--
* * * * *
Évariste Vicomte de *Parny* (1753-1814) singt ("Poësies", Par. 1777, Lettre 4):
"La peine est aux lieux qu'n habite Et le bonheur où l'on n'est paso".
"Die Qual ist überall, wo wir auch hausen, Und wo wir nicht sind, ist das Glück".
Dies citieren wir mit der Schlusszeile von "Des Fremdlings Abendlied", das ~Schmidt von Lübeck~ 1808 im "Taschenbuch zum geselligen Vergnügen" veröffentlichte, in folgender Form:
*Da, wo du nicht bist, ist das Glück!*
~Zelter~ komponierte das Lied und dann ~Schubert~, der es aber veränderte und "Der Wanderer" betitelte. Bei ihm schliesst es:
"Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück!"--
* * * * *
Jean François *Collin d'Harleville*s (1755-1806) stolze Redensart in "Malice pour malice" (1793), 1, 8:
Impossible est un mot que je ne dis jamais,
"Unmöglich" ist ein Wort, dass ich nie ausspreche,
mochte ~Napoléon I.~ vorschweben, als er aus Dresden am 9. Juli 1813 (s. "Correspondance") an den Kommandanten von Magdeburg, Grafen Lemarois, schrieb: "'Ce ~n'est pas possible~', m'écrivez-vous: ~cela n'est pas français~"--"'Es ist nicht möglich', schreiben Sie mir: Das ist unfranzösisch". Hieraus entsprang das geflügelte Wort
*Impossible n'est pas un mot français.--*
* * * * *
Anthelme *Brillat-Savarin* (1756-1826) begann seine "Physiologie du goût" (1825) mit den "Aphorismes du professeur", deren viertes lautet:
*Dis-moi ce que tu manges, je te dirai ce que tu es.*
Sage mir, was du isst, und ich sage dir, was du bist.
S. ~Feuerbachs~ "Der Mensch ist, was er isst".--
* * * * *
Das ganz unverbürgte Wort des Müllers von Sanssouci an Friedrich den Grossen: "Ja, wenn das Berliner Kammergericht nicht wäre", hat François Guillaume Jean Stanislas ~Andrieux~ (1759-1833) den Stoff zu einer poetischen Erzählung "der Müller von Sanssouci" (1797) geliefert. Daraus wird der Vers:
Oui, si nous n'avions pas de juges à Berlin,
Ja, wenn wir in Berlin nicht Richter haben würden,
auch in Deutschland citiert und zwar in der Fassung
*Il y a des juges à Berlin.*
~Lehmanns~ "Florilegium politicum auctum", (Frankfurt 1662, 1. T., S. 332, No. 46) erzählt eine ähnliche Geschichte, von der eine persische Version aus der Zeit des Chosrev Nuschirvan (531-79) in Wüstenfelds "Zeitschrift der deutschen Morgenländischen Gesellschaft" (18, 406; 1864) mitgeteilt wird.--
* * * * *
*Allons, enfants de la patrie!*
Auf, Kinder des Vaterlands!
ist der Anfang des in der Nacht vom 24. zum 25. April 1792 in Strassburg von dem Ingenieuroffizier Joseph *Rouget de Lisle* (1760-1836) gedichteten und komponierten "Chant de guerre de l'armée du Rhin" ("Schlachtgesang der Rheinarmee").
Am 25. April trägt er das Lied beim Maire Dietrich vor und schickt es an demselben Tage mit Widmung an den Oberbefehlshaber der Rheinarmee, Marschall de Luckner. Ende Mai oder Anfang Juni erschien es anonym, mit der Widmung auf zwei Queroctav-Blättern. Am 30. Juli singen es die Marseiller Verbündeten bei ihrem Einzuge in Paris, und von nun an nimmt es die Bezeichnung "Marseillaise" an. Eine Originalausgabe ist in Strassburg i. E. Dann erschien das Lied als "Le Chant des Combats" 1793 im "Almanach des Muses" zu Paris und 1796 in den "Essais en vers et en prose" par Joseph Rouget de Lisle" (Paris. P. Didot l'ainé. An 5'e de la republique. S. 57-59) unter dem Titel: "Le Chant des Combats, vulgairement L'Hymne des Marseillois. Aux Mânes de Sylvain Bailly, premier Maire de Paris".--
* * * * *
Anne Louise Germaine Baronne *de Staël*-Holstein, geb. Necker (1766-1817) sagt in ihrem Buch "Corinne, ou L'Italie" (1807; L. 18, Ch. 5): "Überlegenheit von Geist und Seele fürchtet man mit Unrecht; diese Überlegenheit ist vielmehr höchst sittlicher Natur; denn ("tout comprendre rend très-indulgent") "Alles richtig verstehen macht sehr nachsichtig ..." Hieraus scheint der stets auf Frau von ~Staël~ zurückgeführte weiter greifende Satz gebildet zu sein:
*Tout comprendre c'est tout pardonner.*
Alles verstehen ist Alles verzeihen.--
* * * * *
François Auguste Vicomte de *Chateaubriand* (1768-1848) schildert am Schluss seines Buches "Les Martyrs ou le triomphe de la religion chrétienne" ("Oeuvres" t. 21. p. 132, Paris 1836), wie Alles in Rom donnert und kracht, als ein edles Märtyrerpaar den Tigern in der Arena preisgegeben wird, wie die Götterbilder wanken und man, wie einst in Jerusalem, eine Stimme rufen hört:
*Les dieux s'ent vont.*
Dies Wort brachte ~Heine~ bei uns auf, der 1833 ("Romantische Schule". "Werke". Strodtmann. VI, 101) schrieb: "Les dieux s'en vont, Goethe ist todt." ~Chateaubriand~ aber schöpfte aus Flavius Josephus, der ("de bello judaico" VI, 5, 3) unter den Vorzeichen von Jerusalems Untergang anführt, die Priester hätten zu Pfingsten im Tempel ein Getöse verspürt und den vielstimmigen Ruf gehört: "Wir gehen fort von hier!"--
* * * * *
Das in Camille *Jordan*s (1771-1821) "Vrai sens du vote national sur le consulat à vie" (1802, S. 46) enthaltene
"Le couronnement de l'édifice"
*die Krönung des Gebäudes*
ist durch ~Napoléon III.~ zum Schlagworte geworden. Er wendete es in einem Schreiben an den Staatsminister ~Rouher~ an, das sein Dekret über vorzunehmende Reformen vom 20. Januar 1867 begleitete. Schon am 14. Febr. 1853 hatte er in seiner Eröffnungsrede des Parlaments gesagt: "La liberté n'a jamais aidé à fonder d'édifice politique durable; elle le couronne quand le temps l'a consolidé". (Die Freiheit hat niemals ein dauerhaftes Staatsgebäude gründen helfen; sie krönt es, wenn die Zeit es befestigt hat".)--
* * * * *
Aus ~Méhuls~ zuerst 1807 in Paris und in Deutschland 1809 aufgeführtem "Joseph in Ägypten", Text von Alexandre *Duval* (1767-1842), Akt 1 ist:
*Ich war Jüngling noch an Jahren.--*
* * * * *
Artikel 340 des "Code *Napoléon*" (vom 20. März 1804) lautet:
*La recherche de la paternité est interdite.*
Die Erforschung der Vaterschaft ist untersagt.--
* * * * *
Aus ~Boieldieus~ zuerst 1812 aufgeführtem "Johann von Paris", dessen Text von *St. Just* gedichtet ist, stammt:
*Welche Lust gewährt das Reisen!--*
Aus einer Romanze der zuerst 1814 in Paris aufgeführten Oper ~Isouards~ "Joconde" (3. Aufz. No. 1), Text von *Étienne* (1778-1845) stammt:
"(On pense, on pense encore A celle qu'on adore,) *Et l'on revient toujours A ses premiers amours."*
"An Die man denkt und denkt, Der's Herz man einst geschenkt Und stets kommt man zurück Aufs erste Liebesglück."
Viele citieren den Vers verderbend: "premières amours", weil sie wähnen, die männliche Form sei ganz unzulässig; aber im "Dictionnaire de l'Académie" (v. J. 1800) steht unter "Amour (Liebschaft)": "~presque~ toujours feminin au pluriel ..." und ~Etienne~ bedurfte des Jambenflusses halber dieser Ausnahme von der Regel.--
* * * * *
Aus ~Boieldieus~ 1825 zuerst aufgeführten Oper "Die weisse Dame", deren Text von Augustin Eugène *Scribe* (1791-1861) ist, stammt:
*Ha! welche Lust, Soldat zu sein!*
* * * * *
Aus *Scribe*s und Germain *Delavignes*s(1790-1868) von Hermann Mendel übersetztem Texte zu ~Meyerbeers~ zuerst in Paris 1831 aufgeführtem "Robert der Teufel" ist:
(Ja) *das Gold ist nur Chimäre,*
das auch den Franzosen in der Form spruchhaft wurde:
Oui, l'or est une chimère.--
* * * * *
*Revanche für Pavia!*
ist der Nebentitel des Lustspiels "Die Erzählungen der Königin von Navarra" (1851) von *Scribe* und Ernest *Legouvé* (geb. 1807).--
* * * * *
*Les enfants terribles*
erfand der Satirenzeichner Paul *Gavarni* (Sulpice Guillaume Chevalier, 1801-66) für eine seiner komischen Bilderfolgen.--
* * * * *
Das Lied:
*Reich mit des Orients Schätzen beladen,*
ist die Übersetzung von ~Léon~ *Halévy*s (1802-82):
"Un beau navire à la riche carène etc.",
die der Dresdener Oberpfarrer Karl ~Kirsch~ 1829 lieferte (s. "Troubadour, eine Sammlung von Romanzen, Liedern und Nocturnes, Worte von Karl Kirsch". Lpzg. o. J., Industrie-Comptoir). Den Titel "La jeune Indienne" übertrug er mit "das Hindumädchen"; die erste Zeile lautete jedoch: "Reich mit des Orients Segen beladen". Der Komponist Louis ~Huth~ veränderte es zu der oben angegebenen Fassung. Hiernach wären die Angaben ~Hoffmann v. Fallerslebens~ ("Unsere volkstümlichen Lieder", No. 741) umzugestalten. Jedenfalls kannte der Übersetzer die Verse aus ~Schillers~ "Ring des Polykrates":
"Mit fremden Schätzen reich beladen, Kehrt zu den heimischen Gestaden Der Schiffe mastenreicher Wald."--
* * * * *
Aus Eugène *Sue*s (1804-57) "le Juif errant" (1844-45) ist
*Rodin*
für die Bezeichnung eines Jesuiten typisch geworden.--
* * * * *
*Chauvin,*
ein Rekrut, tritt in dem am 19. März 1831 im Theater "Folies dramatiques" mit vielem Beifall aufgeführten Lustspiele der Gebrüder *Cogniard* (Théodore, 1806-72, und Hippolyte, 1807-82,) "La cocarde tricolore" auf. Im "Figaro" (28. Jahrg., Sér. 3, No. 41) behauptet ein alter Pariser, er habe diesen Haudegen persönlich gekannt. Nach Littré ist es jedoch nur eine auf volkstümlichen Zeichnungen vorkommende Figur, die, eines verblendeten und beschränkten Patriotismus Gefühle in Bezug auf Napoléons I. Erfolge und Misserfolge ausdrückend, demjenigen den Namen gab, der übertriebene und lächerliche Ansichten über Vaterlandsliebe und Krieg hat.--
* * * * *
*La propriété. c'est le vol!*
Eigentum ist Diebstahl,
sagt Pierre-Joseph *Proudhon* (1809-65) in "Qu'est-ce que c'est que la propriété? ou: Recherches sur le principe du droit et du gouvernement" (Paris 1840). ~Brissot~ schrieb bereits in seinen "Recherches philosophiques sur le droit de propriété et sur le vol considéré dans sa nature" (1780): "La propriété exclusive est un vol dans sa nature". Übrigens sagen schon im 13. Jahrh. die Weisheitssprüche hinter Jehuda Tibbons Ermahnungsschrift (Berlin 1852), dass Eigentum, d.h. Geld, Diebstahl ist; und "Eigentum ist etwas Abscheuliches" heisst es in ~Morellys~ "Le Code de la nature" (Amsterd. 1755).--
* * * * *
*Le spectre rouge* (de 1852)
*Das rothe Gespenst* (von 1852)
ist der Titel einer Broschüre M. A. *Romieu*s (4'e Edit. Berlin 1851), in welcher er für Frankreich den Bürgerkrieg prophezeit.--
* * * * *
(Le) *Demi-monde*
Halbwelt
ist der Titel eines 1855 veröffentlichten Romans von ~Alexandre~ *Dumas* dem Jüngeren (geb. 1824).--
* * * * *
*Auf, nach Kreta!*
ist aus ~Offenbachs~ Operette "Die schöne Helena" (1865), deren Text von Henry *Meilhac* (geb. 1832) und Ludovic *Halévy* (geb. 1834) herrührt.--
VI. Geflügelte Worte aus englischen Schriftstellern
*Utopien*
(d.h. Nirgendreich aus dem griechischen οὐ, nicht, und τόπος, Ort) nennen wir ein von der Phantasie geschaffenes, ideales, unmögliches Land nach der von Thomas *Morus* (1480-1535) 1516 verfassten Schrift "De optimo reipublicae statu deque nova insula Utopia" ("über den besten Zustand des Staates und über die neue Insel Utopien").--
* * * * *
In Sir Philip *Sidney*s (1554-86) "Arcadia", 3, die erst nach seinem Tode erschien, steht:
My better half
meine *bessere Hälfte.--*
* * * * *
In englischer Sprache citieren wir:
*My house is my castle,*
Mein Haus ist meine Burg,
die Umformung eines Rechtsspruches bei Sir Edward *Coke* (1551-1633), der ("Institutes", T. 3, R. 162, Abschnitt "Gegen das Bewaffnetgehen") den Satz "Es darf Jemand Freund und Nachbarn versammeln, um sein Haus gegen Diejenigen zu verteidigen, welche ihn berauben oder töten oder ihm darin Gewalt anthun wollen", also begründet:
For a man's house is his castle.
Denn eines Mannes Haus ist seine Veste.
Er sagt ferner in "Semaynes Case" (5, Report 91): "Das Haus eines Jeglichen ist ihm gleich wie seine Burg und seine Veste, sowohl zu seiner Verteidigung gegen Beleidigung und Gewalt wie zu seiner Ruhe". Doch hätten wir es kaum nötig, diesen alten Rechtsspruch englisch zu citieren, da er im Haimburger Stadtrecht von 1244 deutsch lautet: "Wir wollen auch, daz einem jegeleichen purger sein Haus seine Veste sei". (~Osenbrüggen~ "Der Hausfrieden", Erlangen 1857, S. 3 und 4.)--
* * * * *
~Francis~ *Bacon* (1561-1626) veröffentlichte "Essayes. Religious Meditations. Plaies of perswasion and disswasion". (Scene and allowed. Print. f. H. Hooper. Chancery Lane. 1597.) Der besondere Titel der zweiten, auf dem Gesamttitel als "Religious Meditations" bezeichneten Abteilung lautet: "Meditationes sacrae". (Londini. Excud. Joh. Windel.) Nur diese "Meditationes sacrae" erschienen hier in lateinischer Sprache, und in deren 11. Artikel "De Haeresibus" steht die Stelle: "nam et ipsa scientia potestas est" (denn die Wissenschaft selbst ist Macht). 1598 wurde dieser Sammelband bei demselben Verleger wieder abgedruckt, nur dass in dieser Ausgabe die "Religious meditations" auch englisch erschienen; hier im 11. Artikel "Of Heresies" ist Obiges übersetzt: for (denn)
*knowledge* (itself) *is power,*
*Wissenschaft* (selbst) *ist Macht.*
Im "novum organum" 1, 3 (vrgl. 2, 1 u. 3) begründet es Bacon also:
"scientia et potentia humana in idem coincidunt, quia ignoratio causae destituit effectum" (Der Menschen Wissen und Macht fällt in Eins zusammen, weil Unkenntnis jeden Erfolg vereitelt).--
* * * * *
*Shakespeare* (1564-1616), der hier nach der sogenannten ~Schlegel-Tieck~schen Übersetzung citiert wird, in der jedoch dreizehn Dramen von Wolf Graf ~Baudissin~ bearbeitet sind, bietet im "Hamlet" 1, 2:
*Schwachheit, dein Nam' ist Weib!*
*Frailty, thy name is woman!*
Vordem übersetzte ~Wieland~:
*Gebrechlichkeit, dein Nam' ist Weib!*
~Raupach~ ("Die Schleichhändler", Akt 2 geg. Ende) bildete daraus die Travestie:
*O Verstellung, dein Name ist Kieckebusch!--*
Im "Hamlet" 1, 2 heisst es ferner:
*Er war ein Mann, nehmt Alles nur in Allem, Ich werde nimmer seines Gleichen seh'n,*
*He was a man, take him for all in all, I shall not look upon his like again,*
wie auch Antonius vom Brutus im "Cäsar", 5, 5 sagt:
*Dies war ein Mann;*
*This was a man!*
"Hamlet" 1, 4 steht:
(Du kommst in) *so fragwürdiger Gestalt,*
(Thou com'st in) *such a questionable shape,*
*Etwas ist faul im Staate Dänemark;*
*Something is rotten in the state of Denmark;*
1, 5:
(But soft! methinks,) *I scent the morning air,*
(Doch still! mich dünkt) *ich witt're Morgenluft,*
(was in ~Bürgers~ "Lenore", Str. 28 wiederholt wird);
*Es giebt mehr Ding' im Himmel und auf Erden, Als eure Schulweisheit sich träumen lässt;*
*There are more things in heaven and earth, Horatio, Than are dreamt of in our philosophy;*
*Die Zeit ist aus den Fugen,*
*The time is out of joint.*
"Hamlet" 2, 2 steht:
*Kürze ist des Witzes Seele,*
*Brevity is the soul of wit;*
auch hört man die Übersetzung: "Kürze ist des Witzes Würze";
*Mehr Inhalt, wen'ger Kunst;*
*More matter, with less art;*
*Zweifle an der Sonne Klarheit, Zweifle an der Sterne Licht, Zweifl', ob lügen kann die Wahrheit, Nur an meiner Liebe nicht;*
*Doubt thou, the stars are fire, Doubt that the sun doth move; Doubt truth to be a liar; But never doubt, I love;*
*Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode;*
*Though this be madness, yet there is method in it;*
*Kaviar für das Volk;*
*Caviare to the general;*
*Behandelt jeden Menschen nach seinem Verdienst, und wer ist vor Schlägen sicher?*
*Use every man after his desert, and who should 'scape whipping?*
*Was ist ihm Hekuba, was ist er ihr, Dass er um sie soll weinen?*
*What's Hecuba to him, or he to Hecuba, That he should weep for her?*
In ~Homers~ "Iliade" (6, 449 ff.) sagt Hektor zu Andromache, dass ihn sogar der Hekuba, seiner Mutter, künftiges Leid minder bekümmere, als ihres, der Gattin.
Aus Hamlets Monolog in 3, 1 ist:
*Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.*
*To be or not to be, that is the question.*
(s' ist) *ein Ziel Aufs innigste zu wünschen* (näml. der Todesschlaf).
*'tis a consummation Devoutly to be wish'd;*
*Der angebor'nen Farbe der Entschliessung Wird des Gedankens Blässe angekränkelt;*
*And thus the native hue of resolution Is sicklied o'er with the pale cast of thought.*
Das Wort Hamlets ebenda:
Get thee to a nunnery,
Geh' in ein Kloster,
wird bei uns in der Form citiert:
*Geh' in's Kloster,*
so von ~Heine~ in den "Romancero"-Gedichten: "Die alte Rose" und "Der Exnachtwächter".--
Ferner enthält diese Scene Ophelias:
*O welch' ein edler Geist ist hier zerstört!*
*O what a noble mind is here o'erthrown!*
Aus 5, 1 ist Hamlets Ausruf:
*Ach, armer Yorick!*
*Alas, poor Yorick!*
Lorenz ~Sterne~ veröffentlichte seine "Predigten" (London 1760 und 1766) unter dem Namen Yorick, womit er sich keine geringe Schmeichelei sagte, da Hamlett den Yorick, des Königs Spassmacher, 5, 1 einen "Burschen von unendlichem Humor, voll von den herrlichsten Einfällen" nennt. Auch ~Sternes~ "Sentimentale Reise" erschien nach seinem Tode (1768) unter dem Namen Yorick.--
Aus 5, 2 werden Hamlets letzte Worte citiert:
*Der Rest ist Schweigen.*
*The rest is silence.--*
* * * * *
Aus dem 1. Teile von ~Shakespeares~ "König Heinrich IV." wird der Beiname Heinrich Percys,
*Hotspur, Heisssporn*
auf einen heissblütigen, ritterlichen Jüngling angewendet. 2, 4 bietet die Worte des Kellners Franz:
*Gleich, Herr, gleich!*
*Anon, Sir, anon!*
und die drei Worte des Falstaff:
*So lag ich, und so führt'*(e) *ich meine Klinge,*
*Here I lay, and thus, I bore my point;*
(Wenn Gründe) *so gemein wie Brombeeren* (wären),
(If reasons were) *as plenty as blackberries;*
*Hol' die Pest Kummer und Seufzen! Es bläst einen Menschen auf, wie einen Schlauch,*
*A plague of sighing and grief; it blows a man up like a bladder.*
Auch fordert Falstaff dort mehrfach "a cup of sack", "ein Glas Sekt", worunter ein südlicher Wein zu verstehen ist. Das Wort
*Sekt* (oder Sect)
soll zuerst in Berlin und bald in ganz Deutschland die Bedeutung "Champagner" dadurch bekommen haben, dass sich Ludwig ~Devrient~, die Rolle des Falstaff weiter spielend, in der Weinstube von Lutter und Wegener in Berlin (Charlottenstr. 49) also sein schäumendes Lieblingsgetränk zu bestellen pflegte.
4, 2 bietet Falstaffs
*Futter für Pulver* (oder: *Kanonenfutter*),
*Food for powder.*
5, 1 gegen Ende finden wir Falstaffs:
*Ich wollte, es wäre Schlafenszeit, Heinz, und Alles gut.*
I would it were bedtime, Hal, and all well.*
5, 4 sagt Prinz Heinrich, als er den sich tot stellenden Falstaff unter den Gefallenen auf dem Schlachtfelde erblickt:
*Ich könnte besser einen Bessern missen,*
*I could have better spared a better man,*
und ebenda sagt Falstaff:
*Das bessere Teil der Tapferkeit ist Vorsicht.*
*The better part of valour is discretion.*
Im zweiten Teil von ~Shakespeares~, "König Heinrich IV.", 4, 4 haben wir des Königs Worte:
*Dein Wunsch war des Gedankens Vater, Heinrich,*
*Thy wish was father, Harry, to that thought.*
Es liesse sich annehmen, dass irgendwie des ~Demosthenes~ Gedanke (3. Olynthische Rede § 19): "ὃ γὰρ βούλεται, τοῦθ' ἕκαστος καὶ οἴεται" (Jeder bildet sich die Dinge so ein, wie er sie sich wünscht) bis zu Shakespeare gelangt wäre, der ihm dann seine dauernde Form gab.--
* * * * *
In ~Shakespeares~ "Julius Cäsar", 1, 2 sagt Cäsar:
*Er denkt zu viel, die Leute sind gefährlich.*
*He thinks too much; such men are dangerous.*
Das in 3, 1 vorkommende Wort des Antonius:
Zuletzt, doch nicht der letzte meinem Herzen,
Tho' last, not least in love,
ist in der Form, in der es Lear, 1, 1 zu Cordelia spricht
*Du jüngste, nicht geringste,*
Although *the last, not least,*
geläufiger (Shakespeare fand es bereits in ~Spensers~ [† 1599] "Colin Clout", 444 vor).
In "Julius Cäsar" 3, 2 finden wir die Worte des Antonius:
*Denn Brutus ist ein ehrenwerter Mann; Das sind sie Alle, Alle ehrenwert.*
*For Brutus is an honourable man, So are they all, all honourable men.*
Die Umwandlung einer aus ~Plutarchs~ "Caesar" 69 entlehnten Stelle (ὄψῃ δέ με περὶ Φιλίππους) lautet in ~Shakespeares~ "Julius Caesar" 4, 3:
*Bei Philippi sehen wir uns wieder.--*
* * * * *
In Shakespeares "Heinrich V.", 2, 1 (und in den "Lustigen Weibern von Windsor" 2, 1) sagt Nym:
*Das ist der Humor davon,*
*There's the humour of it,*
was sich in derselben Scene viermal in der Form
that is the humour of it
wiederholt. Aus 4, 3 führen wir ein uns nur in englischer Form:
*Household words*
(Alltagsworte)
geläufiges Wort an. Es ist dadurch so bekannt geworden, dass Charles ~Dickens~ es zum Titel eines viel gelesenen litterarischen Unterhaltungsblattes wählte.--
* * * * *
In ~Shakespeares~ "Richard III.", 1, 1 steht:
*the winter of our discontent.*
*Der Winter unseres Missvergnügens;*
5, 4:
*Ein Pferd! ein Pferd!* (m)*ein Königreich für'n Pferd*
*A horse! a horse! my kingdom for a horse!*
Beim Citieren wird dieses Wort häufig travestiert, so dass statt "ein Pferd" der jedesmalige Gegenstand des Wunsches gesetzt wird.--
* * * * *
Aus ~Shakespeares~ "Heinrich VIII.", 4, 2 stammt:
*Men's evil manners live in brass; their virtues We write in water.*
Der Menschen Sünden leben fort in Erz; Ihr edles Wirken schreiben wir ins Wasser.
Shakespeare hat hier offenbar Thomas ~Mores~ "History of Richard III.", 1557, S. 57 benutzt: "Men use, if they have an evil turne, to write it in marble, and whoso doth us a good a tourne, we write it in duste". (Hat man ein Ungemach erfahren, so pflegt man es in Marmor zu schreiben, und jede uns erwiesene Wohlthat schreiben wir in den Staub).--
* * * * *
Aus ~Shakespeares~ "Sommernachtstraum" 5, 1 entnehmen wir:
*Des Dichters Aug' in schönem Wahnsinn rollend,*
*The poets eye, in a fine frenzy[57] rolling;*
ferner des die Satzglieder verdrehenden Prologusspielers Worte "That is the true beginning of our end" ("Das ist das wahre Beginnen unseres Endes", anstatt "Das ist das wahre Endziel unseres Beginnens"), die wir in der Form:
*Das ist der Anfang vom Ende,*
oder französisch citieren:
*C'est le commencement de la fin,*
was in den "Hunderttagen" zu seinem Erstaunen Talleyrand zugeschrieben wurde (s. Fournier: "l'Esprit dans l'histoire", Par. 1882, 4. Aufl. S. 438); endlich rufen wir aus derselben Scene ironisch einem grossprahlenden Redner zu:
*Gut gebrüllt, Löwe!
*Well roared, lion!--*
[Fußnote 57: Horaz, Od. III, 4: amabilis insania.]
* * * * *
~Shakespeares~ "Kaufmann von Venedig" bietet 1, 2:
*Gott schuf ihn, also lasst ihn für einen Menschen gelten.*
*God made him, and therefore let him pass for a man;*
2, 2:
*Das ist ein weiser Vater, der sein eigen Kind kennt,*
*It is a wise father, that knows his own child,*
(Telemachs Worte: "Odyssee", I, 215-16). Aus 4, 1 wird citiert:
*Ich steh' hier auf meinen Schein.*
*I stay here on my bond.--*
* * * * *
Aus ~Shakespeares~ "Sturm" ist:
*Caliban*
für einen ungefügen, plumpen Gesellen sprichwörtlich; aus 2, 2 ist:
*Die Not bringt einen zu seltsamen Schlafgesellen,*
*Misery acquaints a man with strange bedfellows.--*
* * * * *
Aus ~Shakespeares~ "Romeo und Julia" citieren wir die Namen der streitenden Familien Montague und Capulet, als Typen des Parteizwistes zweier Häuser, in der Form:
*Montecchi und Capuletti;*
aus "Romeo und Julia", 2, 2:
*Der Narben lacht, wer Wunden nie gefühlt,*
*He jests at scars, that never felt a wound;*
*Was ist ein Name? Was uns Rose heisst, Wie es auch hiesse, würde lieblich duften;*
*What 's in a name? that which we call a rose, By any other name would smell as sweet;*
aus 3, 5:
*Es war die Nachtigall und nicht die Lerche;*
*It was the nightingale and not the lark;*
aus 5, 3:
*O, wackrer Apotheker! Dein Trank wirkt schnell.*
*O, true apothecary! Thy drugs are quick.--*
* * * * *
Aus ~Shakespeares~ "Macbeth", 1, 3, ist anzuführen (diesmal nach ~Schillers~ Übersetzung, nur dass er "rennt" statt "rinnt" nahm):
*Komme, was kommen mag, Die Stunde rinnt auch durch den rauh'sten Tag;*
*Come what come may, Time and the hour runs through the roughest day;*
aus 1, 5:
*Zu voll von Milch der Menschenliebe,*
*Too full of the milk of human kindness.*
(vrgl. Schillers "Tell" 4, 3). Hat Shakespeare dabei an 1. Petri 2, 2 gedacht: "Und seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch, als die jetzt geborenen Kindlein, auf dass ihr durch dieselbige zunehmet?"
Aus "Macbeth" 5, 1 wird citiert:
*Alle Wohlgerüche Arabiens,*
*All the perfumes of Arabia.--*
* * * * *
In ~Shakespeares~ "Mass für Mass" 5, 1 kommt
*tooth of time*
vor, was ~Wieland~ ("Abderiten", im "Teutschen Merkur", 1774, 1 n. 2, IV, 12 u. "Peregrinus Proteus", 1791, 3) mit
*Zahn der Zeit*
in Deutschland einbürgerte. Übrigens findet sich die "scharfzahnige Zeit" bereits bei ~Simonides aus Keos~ († 468 v. Chr.); s. Stobaeus "Eclog. Phys." I, 8, 22 u. vrgl. Ovid, "Metam." 15, 234-5 u. 872.--
Auch der Titel von ~Shakespeares~ Lustspiel:
*Verlor'ne Liebesmüh'*
nach ~Tieck~:
*Liebes-Leid und Lust*
*Love's labour's lost*
wird citiert; ebenso lebt bei uns der Titel seines Lustspiels
*Comedy of errors*
in dieser Form:
*Eine Komödie der Irrungen*
und der Titel seines Lustspiels:
*Viel Lärm*(en) *um Nichts,*
*Much ado about nothing.--*
* * * * *
Aus ~Shakespeares~
*Othello,*
dessen Name sprichwörtlich für einen eifersüchtigen Ehemann wurde, 1, 3 wird citiert:
*Thu' Geld in deinen Beutel!*
*Put money in thy purse!*
aus 5, 2:
*Hast du zur Nacht gebetet, Desdemona?*
*Have you prayed to-night, Desdemona?--*
* * * * *
Aus ~Shakespeares~ "König Lear" 3, 2 stammt des Narren trübes Wort (vrgl. "Was ihr wollt" 5. a. E.):
*Denn der Regen, der regnet jeglichen Tag;*
*For the rain it raineth every day;*
aus 3, 4:
*Kundiger Thebaner;*
*Learned Theban;*
und aus 4, 6:
*Ja, jeder Zoll ein König!*
*Ay, every inch a king!*
und:
*Narr des Glücks.*
*Fool of fortune.*
Letzteres kommt auch in "Timon von Athen", 3, 6 und in der Form "fortune's fool" in "Romeo und Julia", 3, 1 vor.--
* * * * *
In der ersten Folio-Ausgabe Shakespeares (London 1623) folgt dem Vorworte eine Reihe von Gedichten, zunächst ~Ben~ *Jonson*s (1574-1637): "Dem Gedächtnisse des Autors, meines geliebten William Shakespeare" u.s.w. In diesem Gedichte steht:
*He was not of one age, but for all times,*
Nicht seiner Zeit nur, allen Zeiten lebt er,
sowie die unsterblich gewordene Bezeichnung des zu Stratfort am Avon geborenen Shakespeares:
*sweet swan of Avon,*
süsser Schwan vom Avon,
welche Jonson wohl ~Horaz~ nachbildete, der ("Od." 4, 2, 25) Pindar--"Dircaeum cycnum"--"den Schwan vom Dirkequell" nennt, weil dieser in des Dichters Heimat floss und der singende Schwan dem Apoll geweiht war.--
* * * * *
Henry *More* (1614-87) behauptet im "Encheiridion metaphysicum" (1671), "die Körper hätten bloss drei Dimensionen, die Geister aber vier". Diese
*vierte Dimension,*
worunter wir jetzt gewöhnlich blühenden Unsinn verstehen, ist uns besonders durch Friedrich ~Zöllners~ (1834-82) "Die transcendentale Physik und die sogenannte Philosophie" (Lpz. 1879) in tiefstem Ernst verkündet worden.
Er spricht dort vom "Württembergischen Prälaten Friedr. Christ. ~Oetinger~ (1702-82. Sämtl. Schriften, hrsg. v. ~Ehmann~, Pfarrer in Unteriesingen bei Tübingen, Stuttg. 1868), der S. 314 über die Philosophie seines Freundes ~Fricker~ (1729-66, Pfarrer von Dettingen unter Urrach) sagt: "Zu diesen arithmetischen Schlussfolgen gehört auch ein geometrisch Concept, nämlich das Intensum oder die vierte Dimension".--
* * * * *
Der Theologe Thomas *Tully* oder Tullius, (1620-79) wird von John ~Tillotson~ (1630-94) bewundernd citiert wegen des Satzes: "Dii immortales ad usum hominum fabricati paene videantur" ("fast scheinen die unsterblichen Götter zum Nutzen der Menschen erschaffen zu sein"). Tillotson umschreibt das dann also ("Sermons" Lond. 1712; vol. 1 p. 696, Serm. 93): "if God were not a necessary Being of himself, he might almost seem to be made on purpose for the use and benefit of Men" ("wäre Gott nicht an und für sich notwendigerweise da, er müsste, scheint es, eigens zu Nutz und Frommen der Menschheit geschaffen werden"). Und hieraus schöpfte ~Voltaire~ ("Épitre à l'Auteur du livre des trois imposteurs") den berüchtigten Vers:
*Si Dieu n'existait pas, il faudrait l'inventer,*
Und gäb' es keinen Gott, wir müssten ihn erfinden.--
* * * * *
John *Bunyan*s (1628-88)
"*Vanity Fair*"
(Markt der Eitelkeit) aus "the Pilgrims Progress", (1678-84) hat ~Thackeray~ zum Titel eines satirischen Romans (1847) gewählt.--
* * * * *
*Lilliput*
ist bei Jonathan *Swift* (1667-1745) "Gullivers Reisen" (1726) der Name des Märchenlandes der daumenhohen
*Lilliputer oder Lilliputaner.--*
*John Bull*
als Bezeichnung des englischen Volkes stammt aus John *Arbuthnot*s (1675-1735) politischer Satire "History of John Bull" (1712). Ein Hoforganist John Bull komponierte i. J. 1605 das Volkslied "God save the king" (vrgl. Heil Dir im Siegerkranz). Weil dieser Tondichter so Volksthümliches schuf, mag Arbuthnot darauf verfallen sein, dessen Namen auf das Volk im Ganzen anzuwenden. George ~Colmans~ Schauspiel "John Bull" (1805), das in Karl ~Blums~ Übertragung bei uns (1825) aufgeführt wurde, gab aber wohl erst dem Worte Flügel.--
* * * * *
Alexander *Pope* (1688-1744) sang in seiner "Ode on St. Cecilia's day" (1708):
"... 'tis no crime to love"
(Lieben ist kein Verbrechen).
In ~Gellerts~ Lustspiel "Die zärtlichen Schwestern" (1747) sagt Lottchen (1, 11), sie halte "die vernünftige Liebe für kein grösser Verbrechen, als die vernünftige Freundschaft", und Siegmund ruft aus (2, 10): "Julchen widersteht ja seiner Liebe. Ist es ein Verbrechen? was kann ich dafür, dass sie mich rührt?" Dann sagt Marwood in ~Lessings~ "Miss Sara Sampson" (1755; 4, 8): "Es ist kein Verbrechen geliebt haben; noch viel weniger ist es eines, geliebt worden sein, aber die Flatterhaftigkeit ist ein Verbrechen". Und ebenda (5, 10) spricht die sterbende Sara: "Noch liebe ich Sie, Mellefont, und wenn Sie lieben ein Verbrechen ist, wie schuldig werde ich in jener Welt erscheinen!" In ~Wielands~ "Grazien" (1770; 2. B.) spricht Amor: "Ist euch lieben ein so gross Verbrechen?" und C. F. ~Weisse~ übersetzt ~Popes~ Worte in seinen "kleinen lyrischen Gedichten" (Lpz. 1772; Bd. 3, 5. 183) mit: "Ist Lieben ein Verbrechen?" So entstand der Anfangsvers des schon 1810 bekannten Liedes eines Unbekannten:
*Ist denn Lieben ein Verbrechen?--*
*Hénault* schrieb den Vers:
*Indocti discant, et ament meminisse periti.*
Laien, die mögen hier lernen und Kenner sich freu'n der Erinn'rung.
als Motto auf sein "Abrégé chronologique de l'histoire de France" (1744) und teilte in der 3. Aufl. dieses Abrisses (1749) mit, dass er ihn den Reimen ~Popes~ entnommen habe:
"Content, if hence th' unlearn'd their wants may view, The learn'd reflect on what before they knew", "Froh, wenn hiernach den Laien sein Kenntnismangel kränkt, Und abermals der Kenner sein Wissen überdenkt".
(Pope "Essay on Criticism" 1711, V. 744-5).--
* * * * *
Samuel *Richardson* (1689-1761) gab uns das Muster eines Damenhelden in
*Lovelace,*
einer Figur seines Romans "Clarissa Harlowe" (1749), und ist für uns der Urheber des Wortes
*sentimental,*
denn "sentimental" wird in seinem Romane "Sir Charles Grandison" (1753. Bd. 6, Brief 52) durch liegende Schrift als neu und ungewöhnlich bezeichnet und im Index angeführt. Zwölf Jahre später erschien ~Sternes~ Buch "Yorick's sentimental journey", dessen Verdeutscher J. J. Ch. ~Bode~ (1768) den Titel auf ~Lessings~ Rat mit "Yoricks empfindsame Reise" wiedergab. In der Vorrede führt Bode Lessings eigene Worte also an:
"Es kommt darauf an, Wort durch Wort zu übersetzen, nicht eines durch mehrere zu umschreiben. Bemerken Sie sodann, dass "sentimental" ein neues Wort ist. War es Sterne erlaubt, sich ein neues Wort zu bilden, so muss es eben darum auch seinem Übersetzer erlaubt sein. Die Engländer hatten gar kein Adjectivum von 'sentiment', wir haben von 'Empfindung' mehr als eines: 'empfindlich, empfindbar, empfindungsreich', aber diese sagen alle etwas anderes. Wagen Sie 'empfindsam'! wenn eine mühsame Reise heisst, bei der viel Mühe ist, so kann ja auch eine empfindsame Reise heissen, bei der viel Empfindung war; ich will nicht sagen, dass Sie die Analogie ganz auf Ihrer Seite haben dürften. Aber was sich die Leser vor's erste bei dem Worte noch nicht denken, mögen sie sich nach und nach dabei zu denken gewöhnen".
Lessing bildete also das Wort:
*empfindsam*
nach "sentimental", das er irrtümlich für eine Erfindung Sternes hielt. Noch 1769 braucht ~Herder~ in seinen "Kritischen Wäldern" stets "Empfindbarkeit".--
* * * * *
Aus ~Benjamin~ *Franklin*s (1706-90) "Weg zum Reichtum" ist:
*Three removes are as bad as a fire.*
Dreimal umziehen ist so gut, wie einmal abbrennen,
ebendaher ist:
*Early to bed and early to rise, Makes a man healthy, wealthy and wise,*
Früh zu Bett, früh auf der Reise, Macht gesund und reich und weise.--
* * * * *
Das gelegentlich einmal von Samuel *Johnson* (1709-84) gebrauchte und von seinem Biographen ~Boswell~ (im 66. Lebensjahre Johnsons) mitgeteilte
*Hell is paved with good intentions,*
Die Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert,
führt ~Walter Scott~ in seinem Werke "Die Braut von Lammermoor" (1819), B. 1, Kap. 7 auf einen englischen Theologen zurück. Wahrscheinlich meint er Georg ~Herbert~ († 1632), der in "Iacula prudentum" (S. 11, Ausg. von 1651) denselben Gedanken in der Form:
Hell is full of good meaning and wishings
ausspricht. Wir sagen auch:
*Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.*
Vielleicht lehnt sich dies Wort an ~Jesus Sirach~ 21, 11: "Die Gottlosen gehen zwar auf einem feinen Pflaster, dess Ende der Höllen Abgrund ist".--
* * * * *
Oliver *Goldsmith* (1728-74) hat es schwerlich geahnt, dass die im zweiten Akt seiner Komödie "Der gutmütige Mann" (1760) vorkommenden Worte Loftys:
*Massregeln, nicht Menschen*
*Measures, not men*
einst ein mit Erbitterung angewendetes politisches Schlagwort werden würden. So sagt der Verfasser der "Juniusbriefe" in Unkunde über die Quelle des Citats: "Massregeln und nicht Menschen ist der gewöhnliche Ruf angeblicher Mässigung. Das ist eine elende Heuchelei, von Schurken aufgebracht und von Narren in Umlauf gesetzt"; und ~Burke~ in seinen "Gedanken über die Gründe der jetzigen Unzufriedenheit", 1773: "Von diesem Kaliber ist die heuchlerische Phrase: Massregeln, nicht Menschen, eine Art Zauberformel, wodurch manche sich jede Ehrenpflicht abschütteln".
Aus ~Goldsmiths~ "The Hermit", stanza 8, wird citiert:
*Man wants but little here below, Nor wants that little long,*
Hienieden braucht der Mensch nicht viel, Noch braucht er's lange Zeit,
während ~Young~ schon in "Nightthoughts" (1741) 14, 118 sagt:
Man wants but little, nor that little long.--
* * * * *
William *Cowper* (1731-1800) ist zu nennen wegen der im Gedichte "The task" (1785) Buch 4 enthaltenen Bezeichnung des Thees:
*The cups, That cheer, hut not inebriate.*
Die Schalen, Die erheitern, nicht berauschen.--
* * * * *
Richard Brinsley *Sheridan* (1751-1816) liefert uns den Titel seiner berühmten Komödie (1777), der auf so viele gesellige Vereinigungen angewendet wird:
*The school for scandal.*
Die *Lästerschule.--*
* * * * *
Das bei Robert *Burns* (1759-96) in dem Gedichte: "Is there for honest poverty" vorkommende
For a' that and a' that
übersetzt ~Freiligrath~ mit:
*Trotz alledem und alledem.*
~Schmidt-Weissenfels~ sagt in einem biographischen Bei- und Nachtrag: "Lassalle und Freiligrath" ("Gegenwart" vom 26. Mai 1877):
"Wenn aus dem Briefwechsel in dieser Zeit noch etwas erwähnenswert ist, so ist es die sichtliche Liebhaberei, mit welcher Lassalle das Lieblingswort Freiligraths: 'Trotz alledem und alledem' darin mehrfach citiert. Freiligrath führte es schon in der glücklichen Poetenzeit, die er früher am Rhein verlebte, im Munde, hatte es dann nach Burns zum Titel und Gedankengang eines seiner leidenschaftlichsten revolutionären Gedichte[58] benutzt, und seitdem war es zu einem geflügelten Wort geworden. Aber eifersüchtig war der Dichter darauf, dass ihm das Urheberrecht daran gewahrt bleibe; auch trug es sein Siegel als Wahlspruch".--
[Fußnote 58: "Neuere politische und sociale Gedichte" von F. Freiligrath, Köln 1849. 1. Heft, S. 62. vrgl. auch Ferd. Freiligraths "ges. Dicht". Stuttg. Göschen, 1870, S. 44 und 172.]
* * * * *
William *Wordsworth* (1770-1850) bietet aus "My heart leaps up" das von ~Lewes~ zum Motto des ersten Buches von "Goethes Leben" auserkorene:
*The child is* (the) *father of the man.*
*Das Kind ist des Mannes Vater.--*
* * * * *
Aus Thomas *Campbell*s (1777-1844) "Lochiel's Warning" ist das von ~Byron~ als Motto für "Dantes Prophezeiung" gewählte:
(_'T is the sunset of life gives me mystical lore And_) *coming events cast their shadows before.*
(_Der Abend des Lebens giebt mir geheimnisvolle Weisheit, Und_) *künftige Ereignisse werfen ihre Schatten voraus.--*
* * * * *
Thomas *Moore* (1779-1852) beginnt ein schwermütiges Lied seiner "Irischen Melodieen" (1807-34):
"'tis the last rose of summer."
Danach nennen wir, ohne auf den Text weiter einzugehen, den holden Gegenstand der Liebesneigung eines bejahrten Herrn seine
*letzte Rose.--*
* * * * *
Aus Lord George *Byron*s (1783-1824) Tagebuche sind bekannt die von ihm mit Bezug auf den unerwarteten Erfolg der beiden ersten Gesänge seines "Childe Harold" geschriebenen Worte:
*I awoke one morning and found myself famous,*
Ich erwachte eines Morgens und fand mich berühmt!
und aus "Childe Harold", 4, 79 citiert man die Bezeichnung als:
*Niobe of Nations.*
Niobe der Nationen.
In seinem "Don Juan" (11, 45 und 13, 49; ersch. 1823) giebt ~Byron~ als Zahl der Londoner höheren Schichte reicher hochnäsiger Nichtsthuer "etwa Viertausend" ("about twice two thousand") an und so (11, 54), auch nach Lanne, als die Zahl der "lebenden Schriftsteller": etwa "Zehntausend" ("ten thousand"). Vor ihm bezeichnete man die obere Schichte mit "the upper-crust", dann aber sagte man, wohl die erwähnten beiden Stellen des elften "Don Juan"--Gesanges vermengend, meistens:
*The upper ten thousand,* oder *The upper ten,*
*Die oberen Zehntausend.*
Oder wäre schon Edmund ~Burke~ hier als Quelle anzusehen? Dieser versteht nämlich (1793. "Remarks on the policy of the allies ..."; "Works", Lond. 1815 VII, p. 140-1) "ganz England" unter dessen 35000 Grundbesitzern und spricht von 10000 adligen Kavalleristen als von der Kraft Preussens, die 1792 gegen Frankreich zog.--
* * * * *
Washington *Irving* (1783-1859) veröffentlichte 1837 eine Skizze "The Creole Village", in der er den Wunsch ausspricht, es möge unter den unschuldigen Bewohnern dieses Dorfes
"the almighty dollar"
*der allmächtige Dollar*
immer verachtet bleiben. In "Wolfert's Roost and other Papers" (1855) brachte er dann die kleine Erzählung wieder und sagt in einer Anmerkung (p. 48), jener Ausdruck sei zuerst von ihm damals gebraucht und inzwischen landläufig geworden.--
* * * * *
Der Dichter und Komponist von (Tell me the tales that to me were so dear)
*Long, long, ago*
*Lang', lang' ist's her*
ist T. H. *Bayly* (Cramers Vocal Gems, No. 1).--
* * * * *
"The last of the Mohicans"
*Der letzte Mohikaner*
(1826), und
"The Path-Finder"
*Der Pfadfinder*
(1840) sind Romantitel James Fenimore *Cooper*s (1789-1851).--
* * * * *
Aus James Robinson *Planché*s (1796-1880) englischem, von Th. ~Hell~ verdeutschten Texte zu Karl Maria ~von Webers~ am 12. April 1826 in London zuerst aufgeführten "Oberon" stammt:
*Mein Hüon, mein Gatte!*
scherzhaft erweitert durch:
*Im Schlafrock von Watte!*
nach dem musikalischen Quodlibet "Fröhlich" (von L. ~Schneider~), das in den 30er Jahren in Berlin gegeben wurde, und in dessen 1. Akte der Oberon-Text also parodiert wird:
Alexander, mein Gatte, Im Schlafrock von Watte!--
* * * * *
Edward George Lytton *Bulwer* (1803-73) nennt die Deutschen in der Vorrede zu "Ernest Maltravers", London 1837, "das Volk der Dichter und Kritiker". Wir citieren gewöhnlich:
*Volk der Dichter und Denker.*
Vielleicht weckte diesen Gedanken Frau von ~Staël~, die in der Vorrede vom 1. Oktober 1813 zu ihrem Buche "De l'Allemagne" schreibt, sie habe vor drei Jahren Preussen und die umliegenden nordischen Länder "la patrie de la pensée" genannt.--
* * * * *
Aus dem Titel von Charles *Darwin*s (1809-82) Werk "On the origin of species by means of natural selection or the preservation of favoured races in the
*struggle for life"*
(1859) sind die letzten Worte:
*Kampf ums Dasein*
ins Leben übergegangen. Angeregt zu diesem Schlagworte wurde Darwin durch ~Malthus~, der schon in seinem "Essay on the principles of population" (London 1798) von "struggle for existence" gesprochen hatte.
In der alten fünfaktigen Einteilung von Schillers "Wallensteins Tod" endete der dritte Akt mit einem, bei der neuen Einteilung fortgebliebenen Monologe Buttlers, in dem die Worte vorkommen:
"Nicht Grossmut ist der Geist der Welt, Krieg führt der Mensch, er liegt zu Feld, Muss um des Daseins schmalen Boden fechten".--
VII. Geflügelte Worte aus italienischen Schriftstellern
Der erste Vers von *Dante* ~Alighieris~ (1265-1321) "Göttlicher Komödie" ("Hölle" 1, 1) lautet:
*Nel mezzo del cammin di nostra vita,*
Auf halbem Wege dieser Lebensreise,
und der letzte Vers der Inschrift über der Höllenpforte ("Hölle" 3, 9):
*Lasciate ogni speranza, voi ch' entrate*
Beim Eintritt hier lasst alle Hoffnung fahren!
Aus 5, 121 der "Hölle" citiert man:
*Nessun maggior dolore Che ricordarsi del tempo felice Nella miseria.*
Kein grössrer Schmerz ist denkbar, Als sich erinnern glücklich heit'rer Zeit Im Unglück.
Derselbe Gedanke findet sich bereits in des ~Boëtius~ († 524 oder 526 n. Chr.) "Tröstung der Philosophie", 2, 4, welche Schrift Dante gern las: "In omni adversitate fortunae infelicissimum genus infortunii est fuisse felicem", "Bei aller Schicksalstücke ist Glücklichgewesensein die unseligste Unglücksart".--
* * * * *
Rodomonte, wovon man
*Rodomontade*
ableitete, ist der Name eines heidnischen Helden in Lodovico *Ariosto*s (1474-1533) "Rasendem Roland" (ersch. 1515). Er ist dem des "Rodamonte" (Bergzertrümmerer) in ~Bojardos~ "Verliebtem Roland" (ersch. 1495) sinnzerstörend nachgebildet.--
* * * * *
*Furia Francese*
französischer Ungestüm
erscheint zuerst bei Antonius *de Arena* († 1544) "Ad compagnones", S. 11 und entstand wohl aus dem
*furor teutonicus*
deutscher Ungestüm
bei ~Lucanus~ († 65 v. Chr.) "Pharsalia", 1, 255. 256. Auch ~Petrarca~ († 1374), Canzone 5, v. 53 spricht von "tedesco furor".--
* * * * *
*Se non è vero, è* (molto) *ben trovato*
(Wenn es nicht wahr ist, ist es sehr gut erfunden)
steht in Giordano *Bruno*s (1550-1600) "Gli eroici furori" (Paris 1585, 2. T., 3. Dialog, vrgl. "Opere di Giordano Bruno", hrsg. von Ad. Wagner, Leipz. 1830, Bd. 1, S. 415). Doch gab hiermit ~Bruno~ nur einer schon vor ihm üblichen Wendung die knappere Form (s. Fumagalli "Chi l'ha detto?" 1895. S. 349).--
* * * * *
Aus ~Mozarts~ zuerst 1787 aufgeführtem "Don Juan", dessen italienischer Text von Lorenzo *Daponte* (1749-1838) verfasst und durch Friedr. ~Rochlitz~ verdeutscht wurde, stammt 1, 1 (s. "Gefl. Worte aus der Bibel": Offenb. Joh.):
*Keine Ruh' bei Tag und Nacht*
und:
*Das ertrage, wem's gefällt;*
sowie 1, 9:
*Reich' mir die Hand mein Leben!*
und 2, 6:
*Weiter* (Sonst) *hast du keine Schmerzen?*
was auch in der Form citiert wird:
*Hast du sonst noch Schmerzen?--*
* * * * *
*Cosi fan tutte*
(So machen's alle Weiber)
ist der Titel einer zuerst 1790 in Wien aufgeführten komischen Oper ~Mozarts~, deren Text auch von Lorenzo ~Daponte~ herrührt.--
* * * * *
*Mich fliehen alle Freuden,*
was oft travestiert wird, ist der Anfang eines Liedes aus dem komischen Singspiele "Die schöne Müllerin" (la molinara) von Giovanni *Paesiello* (1741-1816), das vermutlich Christian Gottlob ~Neefe~ (1748-98) übersetzt hat. Das italienische Lied beginnt:
"Nel cor più non mi sento
Brillar la gioventù".
Aus ~Rossinis~ zuerst 1813 in Venedig aufgeführtem "Tancred", Akt I, citieren wir:
*di tanti palpiti,*
*nach so langen Leiden.--*
Aus ~Donizettis~ zuerst 1836 in Neapel aufgeführter Oper "Belisar", deren italienischer Text nach Eduard ~von Schenks~ gleichnamigem Trauerspiel von Salvatore *Cammarano* gedichtet und von J. ~Hähnel~ verdeutscht wurde, wird citiert Akt 2. Sc. 3:
*Trema, Bisanzio!*
*Zitt're Byzanz!--*
VIII. Geflügelte Worte aus spanischen Schriftstellern
Einen närrischen Verfechter veralteter Anschauungen nennen wir einen
*Don Quijote,*
nach dem Titelhelden des Romanes von Miguel de *Cervantes* (1547-1616): "El ingenioso hidalgo Don Quijote de la Mancha" (1. T. 1605. 2. T. 1615). Nach dem Kampfross des Don Quijote nennen wir einen elenden Gaul eine (richtiger einen)
*Rosinante*
(spanisch: "Rocinante", zusammengesetzt aus "rocin", Klepper und "antes", früher). Don Quijote gab dem Pferde diesen Namen, weil dadurch ausgedrückt würde, was es einst als blosser Reitklepper gewesen, und was es jetzt als die Perle aller Rosse der Welt geworden wäre.
Nach der Erkorenen Don Quijotes bezeichnen wir eine Geliebte als
*Dulcinea;*
wir lassen verblendete Draufgänger, die Windmühlen für Riesen halten, wie Don Quijote (I, 8),
*mit Windmühlen kämpfen,*
(molinos de viento acometer)
und nennen einen Kopfhänger, wie Sancho Pansa (I, 19) seinen von Schlägen zerbläuten Herrn, einen
*Ritter von der traurigen Gestalt*
(El Caballero de la Triste Figura).--
* * * * *
Der Titel eines Lustspiels von Don Pedro *Calderon* (1600-81) ist:
"El secreto á voces",
wonach Carlo ~Gozzi~ (Venezia. Colombani 1772, Tom. 4) sein in Modena bereits 1769 gegebenes Stück
"Il pubblico secreto"
verfasste, das zuerst (1781) F. W. ~Gotter~ für uns bearbeitete, unter dem Titel:
"Das *öffentliche Geheimnis*",
und später Karl ~Blum~ (1786-1844) unter dem Titel:
"Das *laute Geheimnis*".
~Schiller~ citiert schon in einem Brief an Koerner (4. Sept. 1794): "Was man in einer Zeitung und auf dem Katheder sagt, ist immer ein öffentliches Geheimnis".--
Auch citieren wir deutsch ~Calderons~ Lustspieltitel "La vida es sueño":
*Das Leben ein Traum.--*
Von ~Calderon~ stammt auch (aus dem vor 1644 erschienenen Stück "In diesem Leben ist Alles wahr und Alles Lüge") der Ausspruch her:
Ultima razon de Reyes ...
"Das letzte Wort der Könige
(im Kriege sind Pulver und Kugeln").--Ludwig XIV. wählte hiernach für die französischen Geschütze (wohl um 1650, da sie sich nicht früher findet) die schlecht-lateinische Inschrift:
Ultima ratio regum,
welche durch Beschluss der Assemblée vom 17. Aug. 1796 verpönt wurde.--In Preussen tritt nach Preuss ("Oeuvres de Frédéric-le-Grand" XI, p. 118)
*Ultima ratio regis*
seit 1742 als Kanonen-Inschrift auf. Alle Bronzegeschütze Friedrichs des Grossen trugen sie, die eisernen aus Haltbarkeitsrücksichten nicht; weshalb sie bei den meistens eisernen Festungsgeschützen ganz fortblieb. Daher rührt es, dass heut die Inschrift nur bei preussischen Feldgeschützen vorkommt und nicht bei Festungsgeschützen, gleichviel ob sie aus Bronze, Eisen oder Stahl sind.--
IX. Geflügelte Worte aus russischen Schriftstellern
Iwan *Turgenjew* (1818-83) schreibt in den "Literatur- und Lebens-Erinnerungen" (VI.--"Deutsche Rundschau", Febr. 1884. S. 249 u. 253) über den Helden seines Romans "Väter und Söhne" (1862): "Die Figur des Basarow ist das Ebenbild eines jungen, kurz vor dem Jahre 1860 verstorbenen, in der Provinz lebenden Arztes, den ich kennen gelernt hatte, und in dem mir das verkörpert zu sein schien, was man später ~Nihilismus~ nannte". Und ferner: "Das von mir erfundene Wort
*Nihilist*
wurde von Vielen angegriffen, die nur auf eine Gelegenheit, einen Vorwand warteten, die Bewegung, die sich der russischen Gesellschaft bemächtigt hatte, aufzuhalten. Nicht im Sinne eines Vorwurfs, einer Kränkung hatte ich dieses Wort gebraucht, vielmehr als einzig richtigen Ausdruck für ein historisches Faktum; es wurde aber zu einem Werkzeuge falscher Anklagen--ja beinahe zu einem Brandmal der Schande gemacht".--
Allerdings gab ~Turgenjew~ dem Worte "Nihilist" seine heutige, auf die russischen Umstürzler allein bezügliche Bedeutung; aber erfunden hat er es ebensowenig, wie das Wort "Nihilismus". Schon i. J. 1799 schrieb Fr. H. ~Jacobi~ ("Werke" 3, 44) an Fichte, dass er den Idealismus in der Philosophie "Nihilismus" schelte; 1804 schrieb Jean Paul ("Vorschule der Aesthetik" Abt. I, § 4):
"Wenn der Nihilist das Besondere in das Allgemeine durchsichtig zerlässet und der Materialist das Allgemeine in das Besondere versteinert und verknöchert, so muss die lebendige Poesie eine solche Vereinigung beider verstehen und erreichen, dass jedes Individuum sich in ihr wiederfindet",
und 1838 lehrte ~Krug~ in seinem "Handwörterbuch der philosophischen Wissenschaften" ("Supplem." 2. Abt. S. 83):
"Im Französischen heisst auch der ein 'Nihiliste', der in der Gesellschaft, und besonders in der bürgerlichen, nichts von Bedeutung ist (nur zählt, nicht wiegt oder gilt), desgl. in Religionssachen nichts glaubt.[59] Solcher socialen oder politischen oder religiösen Nihilisten giebt es freilich weit mehr, als jener philosophischen oder metaphysischen, die alles Seiende vernichten wollen".
[Fußnote 59: Im Jahre 1846 spricht Meinhold in der Vorrede zur zweiten Auflage seiner Novelle "Maria Schweidler die Bernsteinhexe" (p. XXIV) von der "nihilistischen Kritik" der Evangelien.--]
In der ersten Ausgabe v. J. 1828 (3, 58) erklärte ~Krug~ "Nihilismus" noch kurzweg als "eine in sich selbst zerfallende Behauptung", so dass inzwischen die politische Bedeutung des Wortes in Frankreich entstanden sein wird.
X. Geflügelte Worte aus griechischen Schriftstellern
*Homer* verdanken wir den Ausdruck:
ἔπεα πτερόεντα,
*geflügelte Worte,*
welcher 46mal in der "Iliade", 58mal in der "Odyssee" vorkommt. Er wird seit dem Erscheinen des vorliegenden Buches, also seit 1864, allgemein auf den in ihm behandelten Stoff angewendet, so dass ~Georg Büchmann~ als Urheber der ~wissenschaftlichen~ Bedeutung dieses Wortes zu nennen ist (vrgl. die "Einleitung").--Auch drang die Bezeichnung in die holländische, dänische, schwedische und französische Sprache ein (vrgl. vorne das "Gedenkblatt"). Carlyle brauchte in seinem 1838 geschriebenen Essay über Walter Scott den Ausdruck "winged words" schon in dem Sinne der "citierbaren Sentenzen".--
*Nestor,*
der älteste und weiseste Grieche in der "Iliade" (1, 247 ff. und anderwärts) hat hervorragenden Greisen seiner Art den Namen gegeben.--
Das kriegerische Volk, welches in Homers "Iliade" dem Achill unterthänig ist, gab uns für jede, mit dem Schwerte, der Feder oder der Zunge kampfbereite Gefolgschaft seinen Namen:
*Myrmidonen.--*
"Iliade" 1, 599 und "Odyssee" 8, 326 steht:
ἄσβεστος γέλως;
"Odyssee" 20, 346:
ἄσβεστον γέλω,
*unauslöschliches Gelächter,*
woraus wir
*homerisches Gelächter*
gemacht haben, was sich vielleicht zuerst als "rire homérique" in Frankreich findet, wie z.B. in den aus den achtziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts stammenden "Memoires de la Baronne d'Oberkirch" (cap. 29): "on partit d'un éclat de rire homérique".--
* * * * *
"Iliade" 2, 204 und 205 steht:
*Οὐκ ἀγαθὸν πολυκοιρανίη, εἷς κοίρανος ἔστω, Εἷς βασιλεύς ...*
Niemals frommt Vielherrschaft im Volk; nur Einer sei Herrscher, Einer König allein ...
So schliesst ~Aristoteles~ (Metaph. 12. 10 gegen Ende) seine Theologie im Gegensatz zu der Speusippischen Sonderung der Wesenklassen.--
"Iliade" 2, 212-277 schildert uns das Urbild eines boshaften Schwätzers, den "hässlichsten Mann vor Ilion",
*Thersites,*
wie er zeternd den Agamemnon frech verleumdet und vom Odysseus mit Worten und Schlägen unter dem heiteren Beifall der Achaier zum Schweigen gebracht wird.--
Das "Iliade" 2, 408. 563 u. 567 und sonst noch 22mal vorkommende βοὴν ἀγαθόςβοὴν ἀγαθός (im Schlachtruf tüchtig), ein Beiwort des Menelaus und des Diomedes, hat ~Voss~[60] frei übersetzt mit
*Rufer im Streit.--*
[Fußnote 60: Job. Heinrich Voss gab seit 1777 einzelne Stücke der Odyssee heraus, dann 1781 die ganze Odyssee und 1793 die Iliade.]
Aus "Iliade" 4, 164, 165 und 6, 448, 449 ist:
*Ἔσσεται ἦμαρ, (ὅτ' ἄν ποτ' ὀλώλῃ Ἴλιος ἱρή--)*
*Einst wird kommen der Tag, (da die heilige Ilios hinsinkt--).*
Auf Grund der Erwähnung "Stentors mit der ehernen Stimme, der so laut schreien konnte wie fünfzig andere", ("Iliade", 5, 785) nennen wir eine ungewöhnlich laute Stimme eine
*Stentorstimme.--*
In "Iliade" 6, 142 werden die Menschen harmlos als solche bezeichnet, "die des Feldes Frucht essen", "οἳ ἀρούρης καρπὸν ἔδουσιν" (vrgl. auch "Odyssee" 8, 222; 9, 89; 10, 101) was wir im verächtlichen Sinne nach ~Horaz~ (Epist. I, 2, 27) lateinisch citieren:
(Nos numerus sumus et) *fruges consumere nati,*
(Wir sind Nullen) geboren allein zum Essen der Feldfrucht.--
"Iliade" 6, 484 steht:
*δακρυόεν γελάσασα,*
*Unter Thränen lächelnd*
nimmt Andromache ihr Söhnchen dem scheidenden Hektor ab.--
Aus "Iliade" 12, 243 ist:
*Εἷς οἰωνὸς ἄριστος ἀμύνεσθαι περὶ πάτρης.*
Ein Wahrzeichen nur gilt! das Vaterland zu erretten!--
In der "Iliade" 15, 496 lesen wir:
*... οὔ οἱ ἀεικὲς ἀμυνομένῳ περὶ πάτρης Τεθνάμεν ...*
Nicht ruhmlos ist's, für des Vaterlandes Errettung sterben.
Dies erweiterte ~Tyrtäus~ (s. Bergk "Poet. lyr. graec." p. 397 frgm. 10) also:
τεθνάμεναι γὰρ καλὸν ἐνὶ προμάχοισι πεσόντα ἄνδρ' ἀγαθὸν περὶ ᾗ πατρίδι μαρνάμενον,
Schön ist der Tod für den tapferen Mann, der unter den Kämpfern Fiel in den vordersten Reih'n, als er fürs Vaterland focht.
Wir citieren aber die kürzere Form, welche ~Horaz~ ("Od." III., 2, 13) dieser Empfindung lieh:
*Dulce et decorum est pro patria mori,*
Glorreich und süss ist sterben fürs Vaterland.--
"Iliade" 21, 107 steht:
κάτθανε καὶ Πάτροκλος, ὅπερ σέο πολλὸν ἀμείνων,
*Auch Patroklus ist gestorben und war mehr als du,*
(s. Schillers "Fiesko" 3, 5). Es war nach ~Diog. Laertius~ (IX, 11, n. 6, 67) ein Lieblingsvers des Philosophen ~Pyrrhon~, und nach ~Plutarch~ ("Alexander" 54) soll ~Kallisthenes~ diesen Vers wiederholt ausgesprochen haben, als er bei Alexander in Ungnade gefallen war.--
Ferner wird citiert das "Iliade" 17, 514; 20, 435; "Odyssee" 1, 267; 1, 400; 16, 129 vorkommende:
*Θεῶν ἐν γούνασι κεῖται,*
*Das liegt oder ruht im Schosse der Götter.--*
* * * * *
Der dritte Vers der "Odyssee" kündet von dem gereisten Manne, der
*πολλῶν δ' ἀνθρώπων ἴδεν ἄστεα καὶ νόον ἔγνω,*
*Vieler Menschen Städte gesehn* und Sitten gelernt hat.--
"Odyssee" 1, 149 lautet:
Οἱ δ' ἐπ' ὀνείαθ' ἑτοῖμα προκείμενα χεῖρας ἴαλλον,
*Und sie erhoben die Hände zum lecker bereiteten Mahle.--*
Aus "Odyssee" 1, 170 wird die Frage an den Fremdling citiert:
*τίς πόθεν εἴς ἀνδρῶν?*
*unde gentium?*
*Woher der Männer?--*
Nach "Odyssee" 2, 94-109 sprechen wir von
*Penelopearbeit*
als einer stets von vorn beginnenden, nie fortschreitenden Arbeit. ~Penelope~ hatte ihren Bewerbern Gehör versprochen, sobald sie für ihren Schwiegervater Laertes ein Totengewand fertig gewebt haben würde, vernichtete aber bei Nacht, was sie den Tag über geschaffen hatte. Schon ~Plato~ ("Phaed." p. 84 A) citiert diese "Arbeit ohne Ende" ("ἀνήνυτον ἔργον").--
Auf "Odyssee" 3, 214-215:
"εἰπέ μοι ἠὲ ἑκὼν ὑποδάμνασαι, ἦ σέ γε ~λαοὶ~ ἐχθαίρουσ' ἀνὰ δῆμον ~ἐπισπόμενοι θεοῦ ὀμφῇ~",
"Sag', ob willig Du Dich demütigst, oder das ~Volk~ Dich Etwa hasst in dem Lande, ~befolgend die Stimme des Gottes?~"
beruht vielleicht
*Vox populi, vox Dei,*
*Volkes Stimme, Gottes Stimme,*
Eher stammt es jedoch aus ~Hesiods~ ("Werke u. Tage" 763-764. Ausg. Goettling):
"Φήμη δ' οὔ τις πάμπαν ἀπόλλυται, ἥντινα πολλοὶ Λαοὶ φημίζουσι. θεός νύ τις ἐστὶ καὶ αὐτή".
"Nie wird ganz ein Gerücht sich verlieren, das vielerlei Volkes Häufig im Munde geführt; denn ein Gott ist auch das Gerücht selbst".
~Aeschines~ ("c. Tim." 129) wendet diese Stelle an, ~Demosthenes~ ("d. fals. legat." 243) antwortet darauf und ~Aeschines~ ("d. fals. legat." 144) entgegnet ihm wiederum. Auch ~Aristoteles~ ("Nikom. Ethik" 1153b 27), ~Dio Chrysostomus~ (37 extr.) u.A. citieren die Verse ~Hesiods~, die also im Alterthum ein "geflügeltes Wort" waren. Schon Alcuin (735-804 n. Chr.) bekämpft das "Vox populi, vox Dei" ("Capitulare admonitionis ad Carolum". Baluzzi Miscell, I, p. 376, Paris 1678) also: Auf diejenigen muss man nicht hören, die zu sagen pflegen 'Volkes Stimme, Gottes Stimme', da die Lärmsucht des Pöbels immer dem Wahnsinn sehr nahe kommt".--
Der als Führer und Ratgeber des Telemach aus der "Odyssee" und wohl noch mehr aus ~Fénélons~ "Télémaque" bekannte
*Mentor*
gilt als Bezeichnung eines Erziehers.--
"Odyssee" 4, 349, 365, 384 und 401 taucht Proteus auf als
γέρων ἅλιος,
*Meergreis.*
(vrgl. die Vossische Übersetzung: der "untrügliche Greis des Meeres"; des "meerdurchwallenden Greises"; "ein Greis des salzigen Abgrunds"; "der untrügliche ~Meergreis~.")--
"Odyssee" 6, 208 und 14, 58 steht:
*δόσις δ' ὀλίγη τε φίλη τε,*
So gering die Gabe auch ist, so angenehm ist sie doch.--
Aus der Erzählung von der Hadesstrafe des Sisyphus ("Odyssee" 11, 593-600. S. unt. Kap. II, "Sisyphusarbeit") citiert man V. 598:
αὖτις ἔπειτα πέδονδε κυλίνδετο λᾶας ἀναιδής,
wieder entrollte darauf in die Eb'ne der schändliche Felsblock,
weil Voss (Musenalmanach für 1778 S. 149) die Tonmalerei des in lauter Daktylen dahinstürzenden Hexameters also wiedergeben zu müssen glaubte:
*Hurtig mit Donnergepolter* (entrollte der tückische Marmor),
und die drei ersten im griechischen Texte gar nicht vorhandenen Wörter dieser Übersetzung zum Citate geworden sind.
In der frühesten Form, wie sie ein Brief von Voss an Gleim vom 27. März 1777 aufbewahrt, finden wir:
"Und wie ein Wetter herunter entrollte der tückische Felsen."
Bernays fügt hinzu ("Homers Odyssee von J. H. Voss", Stuttg. 1881, S. LXI): "Es sei hier bemerkt, dass auch Pope diese Verse mit besonderer Anstrengung behandelt und ihnen das stärkste Mass sinnlich nachahmender Bewegung zu erteilen versucht hat:
"The huge round stone, resulting with a bound, Thunders impetuous down, and smokes along the ground."
Wie sehr auch Voss den Popeschen Homer verachtete und bespöttelte, zu seinem Donnergepolter liess er sich wahrscheinlich doch durch den Engländer verleiten".--
"Odyssee" 12, 208-12 enthält die Trostworte des Odysseus an seine Ruderer, die vor der Scylla erschrecken:
"ὦ φίλοι, οὐ γάρ πώ τι κακῶν ἀδαήμονες εἰμέν. ... καί που τῶνδε μνήσεσθαι ὀίω".
Freunde, wir sind ja bisher nicht ungeübt in Gefahren ... Und ich hoffe, wir werden uns einst auch dieser erinnern".
Die letzten Worte citieren wir nach ~Vergils~ leicht veränderter Wiedergabe ("Aen." 1, 203):
*... forsan et haec olim meminisse juvabit,*
Dereinst wird auch dieses vielleicht zur Erinnerungsfreude.--
"Odyssee" 17, 218 steht:
(κακὸς κακὸν ἡγηλάζει), ὡς αἰεὶ τὸν ὁμοῖον ἄγει θεὸς ὡς τὸν ὁμοῖον.
(Ein Taugenichts führet den andern), Wie doch stets den Gleichen ein Gott gesellet zum Gleichen!
Hieraus mag den Griechen das von ~Plato~ (Symp. 195b.) überlieferte Sprichwort "ὡς ὅμοιον ὁμοίῳ αἰεὶ πελάζει", entsprungen sein, was von ~Cicero~ (Cato M. 3, 7) mit "pares cum paribus facillime congregantur" wiedergegeben wird und von uns mit:
*Gleich und gleich gesellt sich gern.--*
Das Trostwort "Odyssee" 20, 18 lautet:
(Τέτλαθι δὴ κραδίη.) *καὶ κύντερον ἄλλο ποτ' ἔτλης.*
Dulde nur still, mein Herz! Schon Schnöderes hast du erduldet!
Horaz "Od." 1, 7, 30: "O fortes peioraque passi Mecum saepe viri, Nunc vino pellite curas"; "Sat." 2, 5, 21: "Et quondam maiora tuli"; u. Ovid. "Trist." 5, 11, 7: "Perfer et obdura".--
*Sardonisches Lachen*
stammt aus "Odyssee" 20, 301-2:
"μείδησε δὲ θυμῷ Σαρδάνιον μάλα τοῖον",
"er lächelte so recht sardonisch in sich hinein".
~Pausanias~ (X, 17, 7) meint, auf der Insel Sardo wachse ein Kraut, nach dessen Genuss man vor Lachen sterbe.--
* * * * *
*Hesiod* (9. Jahrh. v. Chr.) gebraucht:
Πλέον ἥμισυ παντός
*Die Hälfte ist mehr als das Ganze,*
(Vers 40, Ausg. ~Goettling~, des an seinen Bruder Perses gerichteten Gedichtes "Werke und Tage".) Hesiod und Perses hatten das väterliche Erbe unter sich geteilt; die ungerechten Richter, die den armen Poeten nötigten, die Hälfte seines Eigentums dem Perses zu überlassen, nennt er in jenem Verse: "Thoren! Sie wissen nicht, um wieviel die Hälfte mehr ist als das Ganze!" Denn Hesiod verwaltete den Rest seiner Habe so weise, dass er nichts eingebüsst zu haben schien, während sich des Bruders Vermögen durch Trägheit mehr und mehr verringerte.--
Ebenda, 289, bietet ~Hesiod~:
*Τῆς δ' ἀρετῆς ἱδρῶτα θεοὶ προπάροιθεν ἔθηκαν* (Ἀθάνατοι· μακρὸς δὲ καὶ ὄρθιος οἶμος ἐπ' αὐτὴν).
Schweiss verlangen die Götter, bevor wir die Tugend erreichen; Lang und steil ist der Pfad, der uns zu dem Gipfel hinanführt.--
Ebenda, 309, sagt Hesiod:
Ἔργον δ' οὐδὲν ὄνειδος.
*Arbeit schändet nicht.--*
* * * * *
Nach alter Rhapsodensitte (s. Demodokos bei Homer "Odyss." 8, 499) singt *Alkman* (bl. um 610 v. Chr.; frg. 31): "ἐγὼ δ' ἀείσομαι, ἐκ Διὸς ἀρχόμενος" (ich werde singen, von Zeus beginnend). Darnach lautet der Anfang der "Phainomena", eines Lehrgedichtes des ~Aratus~, so wie der Anfang des 17. Idylls seines Freundes ~Theokrit~ (bl. um 250 v. Chr.) "Ἐκ Διὸς ἀρχώμεσθα" (von Zeus lasst uns beginnen). ~Vergil~ "Eclogen", 3, 60 überträgt es mit:
*Ab Jove principium,*
was ~Statius~ (1. Jahrh. n. Chr.) im prosaischen Prooemium zum 1. Buch seiner "Silvae" und ~Calpurnius~ (1. Jahrh. n. Chr.) in Ecloge 4, 82 wiederholten.--
* * * * *
(Ἐξ ὄνυχος τὸν λέοντα γράφειν)
*Ex ungue leonem* (pingere),
(Der Klaue nach den Löwen malen, d.h. aus einem Glied auf die ganze Gestalt schliessen)
wird von ~Plutarch~ ("De defectu oraculorum", 3) auf *Alcäus* (bl. um 610 v. Chr.), von ~Lucian~ ("Hermotimus", 54) auf ~Phidias~ (geb. um 500 v. Chr.) zurückgeführt. Es findet sich sprichwörtlich schon bei dem Mimendichter ~Sophron~ aus Syrakus (5. Jahrh. v. Chr.).--
~Alcäus~ bezeichnet es zwar als Sprichwort, ist aber für uns die Quelle von
*Im Weine* (liegt) *die Wahrheit,*
was noch öfter in der lateinischen (nicht antiken) Form citiert wird:
*In vino veritas,*
denn er zuerst singt (frgm. 16, Bergk): "οἶνος ... ἀνθρώποις δίοπτρον"--"der Wein ist ein Spiegel für die Menschen" und (frgm. 57): "οἶνος, ὦ φίλε παῖ, καὶ ἀλάθεα ..." "Wein, liebes Kind, (wird) auch Wahrheit (genannt)".
Vrgl. Theognis (500): "ἀνδρὸς ... οἶνος ἔδειξε νόον"--"Wein offenbart des Menschen Sinn"; Äschylus (fragm. 13): "κάτοπτρον εἴδους χαλκός ἐστ', οἶνος δὲ νοῦ"--"des Wuchses Spiegel ist das Erz, der Wein des Sinns"; Ion (bei Athen. X, p. 477): "τῶν ἀγαθῶν βασιλεὺς οἶνος ἔδειξε φύσιν"--"Wein, der die Edlen beherrscht, deckte das Innerste auf"; Plato ("Symp." 33) nennt als Sprichwort: "οἶνος ... ἦν ἀληθής"--"der Wein ist wahr" (d.h. macht, dass man die Wahrheit sagt); Theokrit (29, 1) ebenfalls mit Anlehnung an Alcäus:
"Οἶνος, ὦ φίλε παῖ, λέγεται καὶ ἀλάθεα· Κἄμμε χρὴ μεθύοντας ἀλαθέας ἔμμεναι."
"Wahrheit nennet man auch, o geliebtester Knab', den Wein: Und so müssen wir nun, wie Betrunkene, wahr nur sein".
Auch Plinius ("N. H." XIV, 28): "vulgoque veritas iam attributa vino est"--"gewöhnlich wird dem Wein die Wahrheit zuerteilt"; ferner Plutarch ("Artaxerx." 15), Athenäus II, 6 p. 37 u.a.m.--
Ein Freudengesang des ~Alcäus~ (12, Schneidewin 20. B.) auf den Tod des Tyrannen von Lesbos, Myrsilos, beginnt:
Νῦν χρὴ μεθύσθην,
was wir nach ~Horaz~ (Od. I, 37, 1) lateinisch citieren:
*Nunc est bibendum,*
Jetzt muss getrunken werden!--
* * * * *
Bekannte Worte sind die Inschriften des Apollotempels in Delphi, das:
*γνῶθι σεαυτόν,*
*Erkenne dich selbst,*
*(Nosce te,*
wie Cicero, Tuscul. 1, 22, 52 übersetzt), das Einem der sieben Weisen, bald dem *Thales* (um 620 - 543 v. Chr.), bald dem *Chilon*, bald anderen zugeschrieben wird, und das von ~Terenz~ ("Andria" I, 1, 34) durch
*Ne quid nimis*
übersetzte, bald auf *Chilon*, bald auf *Solon* (um 640 - 559 v. Chr.), bald auf *Sokrates* (469-399 v. Chr.), endlich im allgemeinen auf die Sieben Weisen zurückgeführte
*μηδὲν ἄγαν,*
Nichts zu viel.
(~Diogenes Laërtius~ I, 1 n. 14, 41; I, 2 n. 16, 63; II, 5 n. 16, 32; IX, 11 n. 8, 71. vrgl. Theognis 219, 335 und 401.)--
*De mortuis nil nisi bene,*
Über die Toten (sprich) nur gut,
ist wahrscheinlich eine Übersetzung des von ~Diogenes Laërtius~ (I, 3 n. 2, 70) überlieferten Wortes des *Chilon*:
τὸν τεθνηκότα μὴ κακολογεῖν.
Doch führt ~Plutarch~ "Solon", c. 21 (Anfang) den Spruch in etwas anderer Form auf Solon zurück. ~Thucydides~ sagt II, 45: "τὸν γὰρ οὐκ ὄντα ἅπας εἴωθεν ἐπαινεῖν", "Den, der nicht mehr ist, pflegt Jeder zu loben".--
* * * * *
*Epimenides* aus Kreta (um 596 v. Chr.) galt den Alten als der Verfasser des Verses:
"Κρῆτες ἀεὶ ψεῦσται, κακὰ θηρία, γαστέρες, ἀργαί",
den Luther in der "Epistel S. Pauli an Titum" (1, 12) also übersetzt: "Die Creter sind immer Lügner, böse Tiere und faule Bäuche". Danach sagen wir von einem trägen Schlemmer, er sei ein
*fauler Bauch.--*
* * * * *
In *Äsop*s (6. Jahrh. v. Chr.)[61] Fabel 27: "Der flöteblasende Fischer" (citiert wird hier stets die Halmsche Ausgabe) versucht ein Fischer erst vergeblich durch Flötenspiel die Fische an sich zu locken: dann greift er zum Netz und spricht, als sie nun vor ihm auf dem Strande hüpfen: "ὦ κάκιστα ζῶα, ὑμεῖς, ὅτε μὲν ηὔλουν, οὐκ ὠρχεῖσθε, νῦν δὲ ὅτε πέπαυμαι, τοῦτο πράττετε"--"O ihr schlechtes Getier, als ich flötete, wolltet ihr nicht tanzen, nun ich aber aufhöre, thut ihr's!" Diese Fabel erzählte Cyrus in Sardes höhnend den Gesandten der Ioner und Äoler, weil die Ioner, als er sie bitten liess, vom Krösus abzufallen, nicht auf ihn hörten, nun aber, da er die Herrschaft erlangt, gehorsamst bereit waren. Er schliesst: "Παύεσθέ μοι ὀρχεόμενοι, ἐπεὶ οὐδ' ἐμέο αὐλέοντος ἠθέλετε κβαίνειν ὀρχεόμενοι"--"Höret auf vor mir zu tanzen, denn als ich euch flötete, da wolltet ihr nicht herauskommen und tanzen!" (Herodot I, 141.) Der Evangelist ~Matthäus~ (11, 17; vrgl. Luk. 7, 32) kürzt das äsopische Wort also: "ηὐλήσαμεν ὑμῖν καὶ οὐκ ὠρχήσασθε". Und wir entnehmen aus Luthers Übersetzung "Wir haben euch gepfiffen und ihr wolltet nicht tanzen" unser:
*Nach Jemandes Pfeife tanzen sollen.--*
[Fußnote 61: Die "geflügelten Worte" aus griechischen Fabeln sind zwar dem 6. Jahrh. unter Äsop eingereiht, aber es ist wohl möglich, dass keines von ihnen dem Fabelerzähler Äsop sein Dasein verdankt, da die auf uns gekommene Sammlung "äsopischer" Fabeln diesen Namen mit keinem besseren Rechte führt, als die der "anakreontischen" Gedichte den des Anakreon.]
Wie der Fuchs in ~Äsops~ Fabel (33 u. 33b) "Der Fuchs und die Trauben" sagen wir, das Misslingen unserer Pläne nicht der eigenen Unzulänglichkeit, sondern den Umständen zuschreibend:
*Die Trauben sind sauer,*
(ῥᾷγες ὀμφακίζουσι μάλα)
wenn sie für uns zu hoch hängen.--
Aus ~Äsops~ Fabel 97 "Der Bauer und die Schlange" und 97'b "Der Wanderer und die Natter" entlehnen wir:
*Eine Schlange am Busen nähren;*
(vrgl. Petron. 77: "tu viperam sub ala nutricas").--
Zu den äsopischen Fabeln (158) wird auch eine Erzählung des Sophisten ~Prodikus~ (bl. um 430 v. Chr.) in seinen "Horen" gerechnet, die wir in Xenophons "Denkwürdigkeiten" (2, 1, 21) durch den Mund des Sokrates erfahren, wonach Herkules als Jüngling in der Einöde zwei Wege vor sich sah, den zur Wollust und den zur Tugend, und lange zweifelte, welchen er einschlagen solle (vrgl. Cicero "de off." 1, 32). Wir citieren danach:
*Herkules am Scheidewege.--*
Aus ~Äsops~ Fabel (200) "Die Dohle und die Eule" und 200'b "Die Dohle und die Vögel" stammt:
*Sich mit fremden Federn schmücken.--*
In ~Äsops~ Fabel (203) "Der Prahler" und (203'b) "Der prahlerische Fünfkämpfer" rühmt sich jemand, dass er in Rhodus einst einen gewaltigen Sprung gethan, und beruft sich auf die Zeugen, welche es dort mit angesehen hätten. Einer der Umstehenden antwortet ihm: "Freund, wenn's wahr ist, brauchst du keine Zeugen. ~Hier ist Rhodus, hier springe~" (ἰδοὺ ἡ Ῥόδος, ἰδοὺ καὶ τὸ πήδημα), was lateinisch in der Form citiert wird:
*Hic Rhodus, hic salta.--*
Aus ~Äsops~ Fabel (232) "Der Hund und der Koch" wird kurz herausgegriffen:
*παθήματα--μαθήματα.*
*Leiden sind Lehren.*
vrgl. Paulus im Ebräerbriefe 5, 8: "ἔμαθεν ἀφ' ὧν ἔπαθε τὴν ὑπακοήν"--"er lernte an dem, was er litt, Gehorsam".--
Die 237b. Fabel "Die Hasen und die Frösche" schliesst: "ὁ μῦθος δηλοῖ· ὅτι οἱ δυστυχοῦντες ἐξ ἑτέρων χείρονα πασχόντων παραμυθοῦνται", "die Fabel lehrt, dass die Unglücklichen aus den schlimmeren Leiden Anderer Trost schöpfen" (vrgl. Thucyd. 7, 75; Seneca "Über den Trost, an Polybius" 31). Mit einer leichten Veränderung des Sinnes wurde hieraus im Mittelalter ein Hexameter gebildet, den wir bei ~Dominicus de Gravina~ ("Chronic. de reb. in Apul. gest. ab anno 1333-50", s. "Raccolta di varie croniche etc." Nap. 1781. II, 220) also citiert finden: "iuxta illud verbum poëticum: gaudium est miseris socios habuisse poenarum", "nach jenem Dichterwort: Wonne für Jeden im Leid ist Leidensgefährten zu haben". Dann bietet ~Marlowes~ "Faustus" (1580): "Solamen miseris socios habuisse doloris", "Trost für Jeden im Leid ist Schmerzensgefährten zu haben"; während die heute übliche, schon von Spinoza ("Ethik" 4, 57; ersch. 1677) als sprichwörtlich bezeichnete Form lautet:
*Solamen miseris socios habuisse malorum.*
Trost für Jeden im Leid ist Unglücksgefährten zu haben.--
Aus ~Äsops~ Fabel (240) "Die Löwin und der Fuchs" und (240'b) "Die Löwin" stammt:
*Eins, aber es ist ein Löwe.*
(ἕνα ... ἀλλὰ λέοντα.)--
In der 246. Fabel antwortet der Fuchs dem in der Höhle krank liegenden Löwen auf dessen Frage, warum er nicht näher trete: "ὅτι ὁρῶ ἴχνη πολλῶν εἰσιόντων, ὀλίγων δὲ ἐξιόντων", "weil ich die Spuren vieler Hineingehenden, aber weniger Hinausgehenden sehe". Schon Plato ("Alcib." I. p. 123 A) citiert diese Stelle und Horaz ("Epist." 1, 1, 74 nach ~Lucilius~ bei Nonius p. 303 u. 402) überträgt sie also: "Quia me vestigia terrent", "Omnia te adversum spectantia, nulla retrorsum", woraus sich das "geflügelte Wort" entwickelte:
*Vestigia terrent,*
Die Spuren (der verunglückten Vorgänger) schrecken ab.
So antwortete (nach Zincgref "Apophth.", Strassb. 1626. S. 49) Kaiser Rudolf I. auf die Frage, ob er nicht nach Rom reisen wolle, um die Salbung vom Papst zu empfangen: "Vestigia terrent". Gleich dem Fuchs in der Fabel wollte er nicht, wie seine Vorgänger,
*Sich in die Höhle des Löwen wagen.--*
Aus ~Äsops~ Fabel (258) "Der Löwe und der wilde Esel" und (260) "Der Löwe, der Esel und der Fuchs" entlehnen wir:
*Löwenanteil,*
d.h. den unverschämt grossen Anteil, den sich der Stärkere kraft des Rechts des Stärkeren zuspricht. Auf Grund dieser Fabel heisst in der Rechtswissenschaft (s. Lex. 29, § 2; Dig. pro socio 17, 2) ein Gesellschaftsvertrag, wonach der eine Teilnehmer allen Nachteil trägt, der andere allen Nutzen zieht, eine
*societas leonina.--*
Fabel 304 "Der verschwenderische Jüngling und die Schwalbe" erzählt, wie ein Jüngling, der seine Habe bis auf einen Mantel verthan, auch diesen verkaufte, als er die erste Schwalbe heimkehren sah, weil es nun schon Sommer sei (οἰόμενος ἤδη θέρος εἶναι). Danach aber fror es noch so, dass die Schwalbe tot blieb und der frierende Verschwender ihr Worte des Zornes über die Täuschung nachrief. Hieraus stammt wohl das von Aristoteles (Nik. Eth. I, 6) überlieferte Wort: "μία χελιδὼν ἔαρ οὐ ποιεῖ" "Eine Schwalbe macht keinen Frühling", welches wir, auf Äsop zurückgreifend, also citieren:
*Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.--*
Nach ~Athenäus~, 14, p. 616 E (vrgl. Plutarch "Agesilaos" 36) sagte der Ägypterkönig ~Tachos~ zum Spartanerkönig Agesilaos: Ὤδινεν ὄρος, Ζεῦς δ' ἐφοβεῖτο, τὸ δ' ἔτεκεν μῦν (der Berg kreisste, Zeus geriet in Angst, der Berg aber gebar eine Maus). ~Horaz~ machte daraus ("Ars poëtica", 139) auf die hochtrabend beginnenden Dichterlinge den Spottvers:
*Parturiunt montes, nascetur ridiculus mus.*
Wie das Gebirg' auch kreisst, es kommt nur 'ne schnurrige Maus 'raus,
(vrgl. ~Phädrus~ "Fabeln" IV. 22). Die erste Anwendung dieses wohl ursprünglich Äsopischen Wortes im Deutschen scheint am Ende des 12. Jahrh. in ~Hartmanns von der Aue~ "Erec", 9048, vorzukommen.--
* * * * *
Ein Wort des griechischen, ohne Habe aus seinem Vaterlande fliehenden Philosophen *Bias* (bl. um 570 v. Chr.) nahm der "Wandsbecker Bote" in der lateinischen Form:
*Omnia mea mecum porto*
Alles Meinige trage ich bei mir
zum Motto. ~Claudius~ veranstaltete dann eine Sammlung seiner Werke unter dem Titel "Asmus omnia sua secum portans oder: Sämtliche Werke des Wandsbecker Boten", 8 Bde., Hamburg 1774-1812. ~Cicero~ "Paradoxa", 1, 1, 8 stellt die Worte so: "Omnia mecum porto mea". Bei ~Valerius Maximus~ 7, 2, externa, 3 heisst es: "ego, inquit, vero bona mea mecum porto". ~Seneca~ legt einen fast wörtlich, dem Sinne nach ganz gleichen Ausspruch dem Philosophen *Stilpon* (bl. um 300 v. Chr.) bei, im 9. Briefe und in der Schrift "Über die Standhaftigkeit der Weisen", Kap. 5 u. 6; so auch ~Plutarch~ "Über Seelenruhe", Kap. 17. (S. ~Zeller~ II, 1, p. 234'5.) ~Phädrus~ führt 4, 21 den Ausdruck auf den Dichter *Simonides* von Keos (556-469 v. Chr.) zurück, dem wir auch nach ~Claudians~ Verse ("Ep." 4, 9):
"Fors iuvat audentes, Cei sententia vatis",
"Wagende fördert das Glück, so sagte der Dichter von Keos",
(andere Lesart:
"Fors iuvat audaces, prisci sententia vatis",
"Herzhafte fördert das Glück, so sagte ein uralter Sänger")
mittelbar das
*Fortes fortuna adiuvat*
verdanken sollen, was sich zuerst bei ~Terenz~ ("Phormio" 1, 4), dann bei ~Cicero~ ("Tusc." 2, 4, 11; "de fin." 3, 4, 16 kurz weg "fortuna fortes") findet, dem ~Livius~ (34, 37) schon als altes Sprichwort gilt und ähnlich vom älteren ~Plinius~ ("Epist." 6, 16 des Neffen Plinius) citiert wurde bei Erforschung des Vesuvausbruchs, wobei er trotzdem sein Leben verlor.
vrgl. auch ~Ennius~ bei Macrobius 6, 6; ~Vergil~ "Aen." 10, 284; ~Tibull~ 1, 2, 16 ("fortes adiuvat ipsa Venus"); ~Livius~ 8, 29; ~Ovid~ "Ars am." 1, 608; "Met." 10, 586; "Fast." 2, 782, ~Seneca~ "Epist." 94 und oben ~Schillers~ "Dem Mutigen hilft Gott".--
Ferner nannte ~Simonides~ (nach Plutarch: "De Gloria Atheniensium" 3) "τὴν μὲν ζωγραφίαν ποίησιν σιωπῶσαν, τὴν δὲ ποίησιν ζωγραφίαν λαλοῦσαν", worüber Lessing in der Vorrede seines "Laokoon oder Über die Grenzen der Malerei und Poësie" bemerkt: "Die blendende Antithese des griechischen Voltaire, dass
*die Malerei eine stumme Poësie und die Poësie eine redende Malerei*
sei, stand wohl in keinem Lehrbuche. Es war ein Einfall, wie ~Simonides~ mehrere hatte, dessen wahrer Teil so einleuchtend ist, dass man das Unbestimmte und Falsche, welches er mit sich führt, übersehen zu müssen glaubt".
Schon ~Plutarch~ gab (a.a.O.) die Erläuterung, beide Künste seien ("ὕλῃ καὶ τρόποις μιμήσεως") "in den Gegenständen wie in der Art der Nachahmung" verschieden.
~Goethes~ Satz (s. Eckermann "Gespräche" 23. März 1829), dass
*die Baukunst eine erstarrte Musik*
sei, hat wohl in des ~Simonides~ Worten seine Wurzel, wenn er auch zunächst durch Mdme de ~Staëls~ "Corinne" (1807) angeregt sein mag, die (4, 3) vor dem St. Petersdom ausruft: "La vue d'un tel monument est comme une musique continuelle et fixée ..." Nach ~Schelling~ ("Vorlesungen über Philosophie der Kunst" S. 576 und 593) würde der Satz lauten:
*Die Architektur ist die erstarrte Musik,*
und Schopenhauer lässt sich ("Die Welt als W. u. V." 2, 519) über das "Witzwort" aus, dass
*Architektur gefrorne Musik*
sei.--
* * * * *
*Sphärenharmonie (*oder *Sphärenmusik)*
ist nach des *Pythagoras* (geb. um 582 v. Chr.) Annahme das Tönen der sich im Raume bewegenden Planeten. (~Zeller~ "Die Philos. d. Griech. in ihrer gesch. Entw." I, p. 398 ff. 4. Aufl. Lpzg. 1876).--
*Philosophie*
soll als technischer Ausdruck für die Wissenschaft der Philosophie (nach einer Angabe des Plato-Schülers Heraklides aus Pontus, deren historische Wahrheit jedoch bezweifelt wird) auch dem ~Pythagoras~ seine Entstehung verdanken (~Zeller~ a. a. O. I, p. 1 ff.).--
Nach Plutarch ("Über das Hören" 13) sagte ~Pythagoras~, ihm habe sich aus der Philosophie das "μηδὲν θαυμάζειν" ergeben, ein Lehrsatz, den wir nach ~Horaz~ ("Epist." 1, 6, 1) also citieren:
*Nil admirari!*
Nichts anstaunen!--
*Kosmos*
für "All", "Weltall" soll nach Diogenes Laërtius 8, 48 zuerst von den Pythagoräern gebraucht worden sein. (~Zeller~ a. a. O. I, p. 409'3, und "Doxographi Graeci" ed. H. Diels. Berlin 1879, p. 327'8). Eigentlich hiess "Κόσμος" "Ordnung", als welche den Pythagoräern aber das All erschien, da die Zahlen ihnen die Dinge waren und zugleich ein System bildeten.--
*Ipse dixit,*
Er selbst hat's gesagt,
das Cicero "de natura deorum", I, 5, 10 als das Wort überliefert, womit die Schüler des Pythagoras des Meisters Lehren priesen, ist uns in der lateinischen Form ebenso zur Hand, wie das griechische:
*αὐτὸς ἔφα,*
das der Scholiast zu Vers 196 der "Wolken" des ~Aristophanes~ erhalten hat.--
* * * * *
*Theognis* (bl. um 540 v. Chr.) bringt uns zuerst den Gedanken (V. 327-8):
ἁμαρτωλαὶ ... ἐν ἀνθρώποισιν ἕπονται θνητοῖς ...
Fehltritte haften den sterblichen Menschen an.
~Sophokles~ "Antig." 1023-4, ~Euripides~ "Hippol." 615 und ein unbekannter Tragiker (bei Nauck "frgm. poët. trag." 261) sagen dasselbe mit ähnlichen Worten, während es in dem Epigramm auf die bei Chäronea Gefallenen (V. 9 beim Demosthenes "pro corona" § 289) heisst: "μηδὲν ἁμαρτεῖν ἐστι θεῶν ..."--"In nichts irren ist eine Eigenschaft der Götter". Dann bietet ~Cicero~ ("Philipp." 12, 2): "Cuiusvis hominis est errare, nullius nisi insipientis in errore perseverare"--"Jeder Mensch kann irren, nur der Dumme im Irrtum verharren". Wir pflegen hiernach zu sagen:
*errare humanum est,*
*Irren ist menschlich.*
vrgl. Seneca Rhetor controvers. 4, 3 und Hieronymus epist. 57, 12: "errasse humanum est".--
Des ~Theognis~ (398):
τὸν δ' ἀγαθὸν (νόον) τολμᾶν χρή
gab wohl Horaz ("Epist." I, 2, 40) wieder mit seinem knappen:
*Sapere aude*
Wage es, weise zu sein!--
~Theognis~ (583) singt ferner:
*Ἀλλὰ τὰ μὲν προβέβηκεν, ἀμήχανόν ἐστι γενέσθαι Ἀργά· τὰ δ' ἐξοπίσω τῇ φυλακῇ μελέτω.*
Was nun einmal geschehen, lässt ungescheh'n niemals sich machen; Aber für Das, was da kommt, sorge mit wachsamem Sinn!
Diesem Spruch des von den Alten gern citierten Dichters mögen des ~Plautus~ Worte ("Aulul." 4, 10, 15) entstammen:
Factum illud: fieri infectum non potest,
Geschehen ist's: ungeschehen kann's nicht gemacht werden,
und ("Trucul." 4, 2, 21):
Stultus es, qui facta infecta facere verbis postules,
Dumm bist du, weil du Geschehenes durch Worte ungeschehen machen willst;
wir sagen danach:
*Geschehene Dinge lassen sich nicht ungeschehen machen* und:
*Geschehenes ungeschehen machen wollen.--*
* * * * *
Mit dem Klagelaut des sterbenden Singschwans ("Cycnus musicus" s. Brehms "Thierleben" 1879, II, 3 S. 446: "sein letztes Aufröcheln ist klangvoll wie jeder Ton, welchen er von sich giebt") vergleicht *Äschylus* (525-456 v. Chr.) eines Menschenkindes schwungvolle Worte vor dem Tode, indem er ("Agam." 1445) Klytämnestra von Kassandra sagen lässt:
"ἡ δέ τοι, κύκνου δίκην τὸν ὕστατον μέλψασα θανάσιμον γόον",
"Jene, die nach Art des Schwans Zu singen anhub letzten Todesklaggesang".
~Cicero~ wendet ("de orat." 3, 2, 6) denselben Vergleich auf L. Crassus an, der starb, kurz nachdem er eine Rede gehalten: "Illa tanquam cycnea fuit divini hominis vox"--"Das war gleichfalls die Schwanenstimme des göttlichen Menschen". Und so nennen wir die letzte Schöpfung eines dahingeschwundenen Geistes sein
*Schwanenlied*
oder seinen
*Schwanengesang.--*
* * * * *
*Pindar* (521-441 v. Chr.) bietet die Worte ("Olymp." 1, 1):
*Ἄριστον μὲν ὕδωρ,*
Das Beste ist das Wasser;
und ("Pyth." 8, 136, vrgl. unten Horaz "Od." IV, 7, 16 mit Anm.):
*Σκιᾶς ὄναρ ἄνθρωποι,*
Eines Schattens Traum (sind) die Menschen.--
Aus einem uns verlorenen Gesange ~Pindars~ hat sich ein Bruchstück erhalten (s. Boeckh: "Frgm." 151 und Plato: "Gorgias" 484 b), worin es mit Bezug auf die Tötung und Beraubung des Geryon durch Herkules heisst:
"νόμος ὁ πάντων βασιλεὺς θνατῶν τε καὶ ἀθανάτων ἄγει δικαιῶν τὸ βιαιότατον ὑπερτάτᾳ χειρί."
"Das Gesetz (sc. der Natur, das dem Stärkeren Recht giebt), der König über alle Sterblichen und Unsterblichen, waltet mit allmächtiger Hand, das Gewaltsamste billigend".
~Herodot~ (3, 38) citiert ausser dem Zusammenhang: "[ὀρθῶς μοι δοκέει Πίνδαρος ποιῆσαι νόμον πάντων βασιλέα φήσας εἶναι".--"Pindar scheint mir in seinem Dichten recht zu haben, wenn er sagt: 'das Herkommen ist König über Alle'"; und wiederum anders (7, 104): "ἔπεστι γάρ σφι δεσπότης νόμος ... (ἐπικρατέειν ἢ ἀπόλλυσθαι)"--"über ihnen steht nämlich als Despot das Gesetz (zu siegen oder zu sterben)". Diesen Stellen entsprang das Wort:
*Usus tyrannus,*
Der Brauch ist Tyrann,
was im Hinblick auf des ~Horaz~ ("A. P." 71-72) "usus Quem penes arbitrium est et ius et norma loquendi", "Über die Sprache verfügt der Gebrauch, Recht giebt er und Regel", gewöhnlich auf Sprachliches bezogen wird, wie denn schon Luther (29, S. 258) sagt: "Die natürliche Sprache ist Frau Kaiserin".--
* * * * *
Auf *Heraklit* (bl. um 500 v. Chr.) wird der bekannte Satz zurückgeführt, dass Alles ewig wechsle (vrgl. oben Kap. III: Börne):
*Πάντα ῥεῖ,*
Alles fliesst.
Nach ~Aristoteles~ "de coelo" 3, 1 (vrgl. "Metaph." 1, 6 n. "de anima" 2, 2), während er nach ~Plato~ ("Kratyl." 402 a.) gesagt haben soll: "πάντα χωρεῖ" ("Alles bewegt sich fort").--
* * * * *
*Sophokles* (496-406 v. Chr.) sagt im "Oedipus auf Kolonos" 1026-7:
"... τὰ γὰρ δόλῳ τῷ μὴ δικαίῳ κτήματ' οὐχὶ σώζεται".
Wir citieren dies nach ~Paulus Diaconus~ (p. 222. Muell.) aus ~Naevius~ († 204) also:
*Male parta male dilabuntur*
(vrgl. dasselbe bei ~Cicero~ "Philipp." II, 27 ohne Quellenangabe und ~Plautus~ "Poenulus" 4, 2, 22: "Male partum, male disperit") und auf Deutsch, aber aus den "Sprüchen ~Salomonis~" 10, 2 schöpfend, in der Form:
*Unrecht Gut gedeiht nicht.--*
Auch citieren wir den Anfang des herrlichsten Chors der "Antigone" (331-2) des ~Sophokles~:
*Πολλὰ τὰ δεινὰ, κοὐδὲν ἀν- θρώπου δεινότερον πέλει,*
Vieles Gewalt'ge lebt, und nichts Ist gewaltiger, als der Mensch;
sowie der Titelheldin sanftes Wort (516):
*Οὔ τοι συνέχθειν, ἀλλὰ συμφιλεῖν ἔφυν,*
*Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da.--*
Die in dem Scholion zu des ~Sophokles~ "Antigone", 620, angeführten Verse eines ~unbekannten griechischen Tragikers~:
Ὅταν δ' ὁ δαίμων ἀνδρὶ πορσύνῃ κακά, Τὸν νοῦν ἔβλαψε πρῶτον, ᾧ βουλεύεται,
citieren wir in der schlecht lateinischen Form:
*Quos Deus perdere vult, dementat prius,*
Die, welche Gott verderben will, verblendet er vorher.
(~Velleius Paterculus~ II, 118: "Ita se res habet, ut plerumque fortunam mutaturus deus consilia corrumpat". ~Publilius Syrus~, 490 bei Ribbeck: "Stultum facit Fortuna, quem vult perdere".) Ein Fragment bei Lykurg advers. Leocratem § 92 lautet ähnlich:
ὅταν γὰρ ὀργὴ δαιμόνων βλάπτῃ τινά, τοῦτ' αὐτὸ πρῶτον ἐξαφαιρεῖται φρενῶν τὸν νοῦν τὸν ἐσθλόν.--
* * * * *
*Vier Elemente,*
Feuer, Wasser, Luft, Erde, stellte *Empedokles* (geb. 490 v. Chr.) in seinem Lehrgedichte "über die Natur" auf.--
* * * * *
*Herodot* (484-428 v. Chr.) sagt (2, 10), das Land zwischen den Gebirgen nördlich von Memphis sei einst ein Meerbusen gewesen, gerade wie das Gebiet um Ilion u.s.w., "wenn es erlaubt ist, so Kleines mit Grossem zu vergleichen"--"ὡς ... εἶναι σμικρὰ ταῦτα μεγάλοισι συμβαλεῖν", und er braucht dieselbe entschuldigende Wendung (4, 99; nur steht dort ταῦτα vor σμικρά), als er die Küste Skythiens mit der Attikas vergleicht. Daher rührt wohl ~Vergils~ Wort ("Georgica" 4, 176) gelegentlich des Vergleichs der Bienen-Arbeit mit der der blitzeschmiedenden Cyclopen:
*Si parva licet componere magnis,*
Wenn man Kleines mit Grossem vergleichen darf.
(vrgl. "Ecl." 1, 24; Ovid "Met." 5, 416-7 u. "Trist." 1, 3, 25 u. 1, 5, 28).--
Ebenso ist das übliche, die Glaubwürdigkeit beschränkende
*Relata refero*
(Ich erzähle Erzähltes)
auf ~Herodot~ zurückzuführen, der (7, 152) auseinandersetzt: "ἐγὼ δὲ ὀφείλω λέγειν τὰ λεγόμενα, πείθεσθαί γε μὲν οὐ παντάπασι ὀφείλω, καί μοι τοῦτο τὸ ἔπος ἐχέτω ἐς πάντα λόγον"--"mir liegt ob zu erzählen, was erzählt wird, aber mir liegt nicht immer ob es zu glauben; und dies Wort soll mir bei Allem gelten, was ich erzähle" (vrgl. dieselbe Vorsicht 1, 183; 4, 173, 187, 195; 6, 137).--
* * * * *
In des *Euripides* (480-406 v. Chr.) "Orestes" 234 schlägt Elektra dem kranken Bruder vor aufzustehen, denn:
μεταβολὴ πάντων γλυκύ
Abwechselung ist immer angenehm,
was den Griechen "geflügelt" wurde: denn Aristoteles ("Nikom. Eth." 7, 15) citiert: "Abwechselung ist das Allerangenehmste, wie der Dichter sagt" ("μεταβολὴ δὲ πάντων γλυκύτατον κατὰ τὸν ποιητήν").
Als Übersetzung dieses Wortes lässt sich aus der nachchristlichen römischen Litteratur (s. Valerius Maximus II, 10 ext. I; Phädrus II, Prolog 10; Justinus "Praefatio")
varietas delectat[62]
herleiten; wir aber citieren:
*variatio delectat,*
Abwechselung ergötzt,
was sich nirgends findet. Der muntere Dichter und Komponist August Schäffer († 1879) irrt, wenn er eins seiner Lieder beginnt:
"Delectat variatio Das steht schon im Horatio".--
[Fußnote 62: So wird es richtig citiert in Hans Clauerts "wercklichen Historien" (1591, cap. XV) und mit dem Zusatz versehen: "Wie der Teuffel sagt, da er Buttermilch mit einer Mistgabel ass".]
In des ~Euripides~ "Iphigenie in Tauris" (568) sagt Orest, er lebe unglücklich:
κοὐδαμοῦ καὶ πανταχοῦ,
Sowohl nirgends als auch überall;
~Seneca~ schreibt ("epist." 2, 2):
Nusquam est, qui ubique est,
Nirgends lebt, wer überall lebt;
~Martial~ (7, 73, 6):
Quisquis ubique habitat, ... nusquam habitat,
Wer überall haust, haust nirgends;
Und so sagen wir denn:
*Überall und nirgends sein.--*
* * * * *
Ein Vers des Dichters und pythagoräischen Philosophen *Epicharmus* (5. Jahrh. v. Chr.) findet sich im pseudoplatonischen "Axiochus" 366 und in des Äschines "Dialogen" III, 6 also verstümmelt:
Ἁ δὲ χεὶρ τὰν χεῖρα νίζει· δός τι, καὶ λαβέ τι
Die Hand wäscht die Hand: Gieb etwas und nimm etwas.
Liest man den Schluss mit C. Fr. Hermann ("Gesch. d. plat. Philos." S. 306) "λάβοις τί κα" "so magst du auch etwas kriegen", so ergiebt sich der gute Sinn des Goetheschen "Wie du mir, so ich dir". Schon bei den Griechen wurde "χεὶρ χεῖρα νίπτει" geflügeltes Wort (s. Menander "Monostich." 543 und die Stellen S. 274 im "Epicharm." von Lorenz Berl. 1884). Wir citieren es nach ~Senecas~ "Verkürbissung des Claudius" und ~Petronius~ c. 45 lateinisch in der Form:
*manus manum lavat*
und übersetzen:
*Eine Hand wäscht die andere.--*
* * * * *
Die Worte des (401 v. Chr. †) *Choerilos* von Samos (s. Kinkel. "Frgm. Epic. Graec." I, p. 271. fr. 10; 1877):
Πέτρην κοιλαίνει ῥανὶς ὕδατος ἐνδελεχείῃ
*Der Tropfen höhlt den Stein* (durch Beharrlichkeit)
citieren wir auch in der lateinischen Form
*Gutta cavat lapidem non vi sed saepe cadendo*
Der Tropfen höhlt den Stein nicht durch Kraft, sondern durch häufiges Niederfallen.
Ovid ("ex Ponto" 4, 10, 5) singt: "Gutta cavat lapidem" ... fährt dann aber fort "consumitur annulus usu" ("der Ring wird durch den Gebrauch abgenutzt"). Das "non vi sed saepe cadendo" war schon im 16. Jahrh. bekannt, da es folgende Verse hervorrief, welche sich in Giordano Brunos Lustspiel "Il candelajo" ("Der Lichtzieher", 1582) III, 6 finden:
"Gutta cavat lapidem, non bis sed saepe cadendo:
Sic homo fit sapiens, bis non sed saepe legendo".
("Der Tropfen höhlt den Stein, nicht durch zweimaligen, sondern durch öfteren Fall: so wird der Mensch weise, nicht durch zweimaliges, sondern durch öfteres Lesen").--
* * * * *
Ein Wort des *Sokrates* (469-399 v. Chr.) in Xenophons Memorabilien 1, 3, 5, das ~Cicero~ "de finibus" 2, 28, 90 in der Form "cibi condimentum est fames" (Hunger ist der Speise Würze) mitteilt, erscheint schon im 13. Jahrh. im Deutschen. In ~Freidanks~ "Bescheidenheit" (Wilh. Grimms "Vridanc", 39) heisst es bereits unter "Von dem Hunger":
*Der Hunger ist der beste Koch.--*
Nach ~Sokrates~ (s. Cornificius "ad. Herenn." 4, 28, 39; Quintilian 9, 3, 85; Aulus Gellius 19, 2; Athenäus "Deipnos." 4, p. 158F; Diog. Laërtius II, 5, n. 16, 34: "ἔλεγε, τοὺς μὲν ἄλλους ἀνθρώπους ζῆν, ἵν' ἐσθίοιεν· αὑτὸν δὲ ἐσθίειν, ἵνα ζώῃ" "er sagte, andere Leute lebten, um zu essen; er aber esse, um zu leben") citieren wir auch
*Wir leben nicht, um zu essen; wir essen, um zu leben.--*
* * * * *
*Hippokrates* (um 460-370 v. Chr.) hat im Anfange der Schrift "Prognostikon" ein Menschenantlitz, auf dem sich die Kennzeichen des nahenden Todes einstellen, so vortrefflich zu schildern gewusst, dass man noch jetzt ein solches Gesicht
*Hippokratisches Gesicht*
*facies hippocratica*
nennt. Wer aber nannte es zuerst so?--
Den Anfang der "Aphorismen" des ~Hippokrates~ "Ὁ βίος βραχὺς, ἡ δὲ τέχνη μακρή" citieren wir in der lateinischen Form:
*Vita brevis, ars longa* (vrgl. Seneca "de brev. v." 1),
Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang;
und ebenso, den Schluss: "Ὁκόσα φάρμακα οὐκ ἰῆται, σίδηρος ἰῆται, ὅσα σίδηρος οὐκ ἰῆται, πῦρ ἰῆται (ὅσα δὲ πῦρ οὐκ ἰῆται, ταῦτα χρὴ νομίζειν ἀνίατα)", das Motto von Schillers "Räubern":
"*Quae medicamenta non sanant, ferrum sanat,
quae ferrum non sanat, ignis sanat.*
(Quae vero ignis non sanat, insanabilia reputari oportet")--"Was Arzneien nicht heilen, heilt das Messer; was das Messer nicht heilt, heilt Brennen; was aber Brennen nicht heilt, muss als unheilbar angesehen werden".--
* * * * *
Aus *Thucydides* (um 454-396 v. Chr.) 1, 22 ist bekannt:
Κτῆμα ἐς ἀεί
Ein Besitztum auf immer.--
2, 45 lässt ~Thucydides~ den Perikles zu den Witwen der gefallenen Athener Folgendes sprechen: "τῆς τε γὰρ ὑπαρχούσης φύσεως μὴ χείροσι γενέσθαι ὑμῖν μεγάλη ἡ δόξα καὶ ἦς ἂν ἐπ' ἐλάχιστον ἀρετῆς περὶ ἢ ψόγου ἐν τοῖς ἄρσεσι κλέος ἦ." "Ihr werdet grossen Ruhm ernten, wenn Ihr Euch nicht schwächer erweiset, als die Natur Euch schuf, und am meisten Die, von der unter den Männern im Guten wie im Bösen am Wenigsten gesprochen wird!" Dadurch wurde das Wort gebildet:
*Die beste Frau ist die, von der man am Wenigsten spricht.--*
* * * * *
Als in des *Aristophanes* (um 444-380) "Vögeln" unter dem Schwarm auch eine Eule herbeifliegt, fragt (V. 301) Euelpides: "τίς γλαῦκ' Ἀθήναζ' ἤγαγε"; "Wer hat die Eule nach Athen gebracht?" sc.: "wo schon so viele sind"; denn die Eule, kein seltener Vogel dort, war Athenes Wappentier und prangte auf den Münzen der Stadt, die (nach V. 1106: "Γλαῦκες ὑμᾶς οὔποτ' ἐπιλείψουσι" ... "An Eulen wird es euch nie mangeln") schlechtweg "Eulen" hiessen. So ward denn wohl
*Eulen nach Athen (tragen)*
im Sinne von "etwas Überflüssiges leisten" ein griechisches Sprichwort (vrgl. Suidas: "Γλαῦκα εἰς Ἀθήνας"), welches uns zum "geflügelten Wort" wurde durch ~Aristophanes~ und ~Cicero~ ("Γλαῦκ' εἰς Ἀθήνας" v. "Fam." 6, 3; 9, 3; "Quint. fr." 2, 16).--
V. 376 der "Vögel" des ~Aristophanes~:
ἀλλ' ἀπ' ἐχθρῶν δῆτα πολλὰ μανθάνουσιν οἱ σοφοί,
aber wer klug ist, der lernt fürwahr von dem Feinde gar Vieles
kürzt ~Ovid~ ("Metam." 4, 428) zu dem Schlagwort ab:
*Fas est et ab hoste doceri*
Recht ist's, auch vom Feinde zu lernen.--
Ebenfalls in des ~Aristophanes~ "Vögeln" (V. 821 u. sonst) wird die von den Vögeln in die Luft gebaute Stadt
νεφελοκοκκυγία
*Wolkenkukuksheim*
genannt, was gleichbedeutend mit "Phantasiegebilde" gebraucht wird.--
In des ~Aristophanes~ "Plutos" steht (1151):
πατρὶς γάρ ἐστι πᾶσ' ἵν' ἂν πράττῃ τις εὖ
Ein Vaterland ist jedes (Land), wo es einem gut geht.
(vrgl. die Parallelstellen bei Nauck: "Tragic. graec. fragm." S. 691). Dies lautet bei Cicero "Tusc." 5, 37 (verm. herrührend vom Tragiker ~Pacuvius~, † 130 v. Chr.)
Patria est, ubicunque est bene,
Das Vaterland ist allenthalben, wo es gut ist;
und hierin sehen wir die Quelle des als Kehrreim des Liedes "Froh bin ich und überall zu Hause" ("Gedichte" von Fr. Hückstädt, Rostock 1806. S. 144-5) bekannten Wortes:
*Ubi bene, ibi patria,*
Wo (es mir) gut (geht), da (ist mein) Vaterland.--
* * * * *
*Plato* (um 427-347 v. Chr.) sagt im "Phaedon" 91 c.: "ὑμεῖς μέντοι, ἂν ἐμοὶ πείθησθε, σμικρὸν φροντίσαντες Σωκράτους, τῆς δὲ ἀληθείας πολὺ μᾶλλον", "wenn ihr mir folget, so kümmert ihr euch um Sokrates ein wenig, viel mehr aber um die Wahrheit". Dieses Wort überliefert uns ~Ammonius~ ("Leben d. Aristot.") in der zugespitzten Form: "φίλος μὲν Σωκράτης, ἀλλὰ φιλτάτη ἡ ἀλήθεια", "Sokrates ist mir lieb, aber die Wahrheit am allerliebsten". Wir citieren es in lateinischer Sprache und setzen für "Sokrates" "Plato":
*Amicus Plato, sed magis amica veritas,*
Plato ist mir lieb, aber die Wahrheit ist mir noch lieber,
wie es sich schon in des ~Cervantes~ "Don Quijote" (c. 51. T. II, ersch. 1615) findet; während ~Luther~ ("de servo arbitrio" z. A.) schreibt: "Amicus Plato, amicus Socrates, sed praehonoranda (höher zu schätzen) veritas" (vrgl. Aristot. 1096, a, 14. Bekker).--
In "Tim. 26, e" stellt ~Plato~ "πλασθέντα μῦθον" "die erdichtete Fabel" und "ἀληθινὸν λόγον" "die wahre Überlieferung" einander gegenüber. Auch wendet er "μῦθος" und "λόγος" einzeln in demselben Sinne an, weshalb F. A. ~Wolf~ ("zu Platos Phaedon". Berl. 1811. S. 27) diese Worte mit
*Dichtung und Wahrheit*
übersetzte, indem er auf den gleichen Gebrauch in des Aristoteles "Poëtik" hinwies. Vor ihm hatte schon G. E. ~Lessing~ ("Vossische Zeitung" v. 12. Juni 1751) "Erdichtung und Wahrheit" und J. G. ~Jacobi~ (in d. Aufs. "Dichtkunst. Von der poetischen Wahrheit". S. 9 u. 17, mit dem er im Okt. 1774 die "Iris" eröffnete) den Ausdruck
*Wahrheit und Dichtung*
angewendet. ~Goethe~ nannte dann (1811) seine Lebensbeschreibung "Dichtung und Wahrheit", welcher Titel nach seinem Tode durch ~Riemer~ und ~Eckermann~ in "Wahrheit und Dichtung" keck verändert wurde.--
Aus ~Platos~ "Gorgias", 1, citieren wir das damals schon sprichwörtliche "κατόπιν ἑορτῆς" stets in der lateinischen Form:
*post festum,*
nach dem Fest,
d.h. "zu spät, wenn alles, weswegen man kommt, vorüber ist"; obgleich sich die Römer dieses Ausdrucks selbst nicht bedienten.--
*Platonische Liebe*
nennt man diejenige, welche sich zu der geliebten Person nicht durch Sinnenreiz hingezogen fühlt, sondern durch die Schönheit der Seele und des Charakters; platonisch heisst sie, weil ~Plato~ im "Gastmahl" sie von Pausanias also erklären lässt.--
*Deus ex machina*
beruht auf ~Plato~, der ("Kratylos", p. 425, D) den ~Sokrates~ sagen lässt: "wir müssten uns denn auch unsererseits mit der Sache so abfinden, wie die Tragödiendichter, die ihre Zuflucht zu den Maschinen nehmen, wenn sie in Verlegenheit sind, und die Götter herbeischweben lassen, indem wir sagten, die ursprünglichen Wörter hätten die Götter eingeführt und deshalb wären sie richtig".--
~Platos~ "Gesetze" rügen (p. 625), dass die meisten es nicht einsehen, "dass ihr Lebelang stets alle Städte mit allen Städten in beständigem Kriege wären", und es heisst ferner dort (pag. 626): "dass naturgemäss stets alle Städte mit allen Städten in unversöhnlichem Kriege wären", und nicht nur diese, sondern dass auch "Dorf gegen Dorf, Haus gegen Haus, Mensch gegen Mensch, ein Jeder gegen sich selbst Krieg führe", ja "dass Alle mit Allen auf Kriegsfuss seien" ("πολεμίους εἶναι πάντας πᾶσι"). Hiernach heisst es vielleicht bei ~Lucilius~ (Lachm. v. 1020):
"insidias facere, ut si hostes sint omnibus omnes",
"sie legen Fall'n, als wären Alle Allen Feind'",
und gewiss bei ~Hobbes~ ("De cive" .... als Mscpt. gedr. 1642, ersch. Amst. 1648 .... c. 1, 12):--"es ist unleugbar, dass Krieg der natürliche Zustand der Menschen war, bevor die Gesellschaft gebildet wurde, und zwar nicht einfach der Krieg, sondern der
*Krieg Aller gegen Alle",*
*Bellum omnium in omnes,*
während sich in seinem "Leviathan" (engl. Lond. 1651, latein. Amst. 1668) c. 18 der Ausdruck also wiederholt:
*Bellum omnium contra omnes.--*
* * * * *
*Kosmopolit*
*Weltbürger*
stammt nach ~Diogenes Laërtius~ VI, 2 n. 6, 63 von *Diogenes* dem Cyniker (412-323 v. Chr.), der auf die Frage, woher er sei, sich "κοσμοπολίτης" nannte.
~Cicero~ erzählt ("Tusc." 5, 37, 108): "Als Sokrates gefragt wurde, aus welchem Lande er sei, antwortete er: 'Aus der Welt'. Denn er hielt sich für einen Einwohner und Bürger der ganzen Welt". Dass dies Wort mit Unrecht auf Sokrates zurückgeführt wird, darüber vrgl. ~Zeller~ II, 1, p. 160'6 und 277'4. (3. Aufl., Lpz. 1875.)--
* * * * *
*Aristoteles* (384-322 v. Chr.) sagt uns, der Mensch (ἄνθρωπος) sei von Natur (φύσει) ein
*πολιτικὸν ζῷον* ("Polit." 1, 2), *ζῷον πολιτικόν* (3, 6),
*politisches Geschöpf, geselliges Wesen, geselliges Tier,*
"Der Mensch ein gesellicht Thier" ist die Überschrift eines Verses von Friedrich von ~Logau~ (Salomons von Golau Deutscher Sinngetichte. Drey Tausend. Breslau. In Verlegung Caspar Klossmanns. 1654 ersch. Jedoch ohne Jahresangabe. 3. Tausend, 10. Hundert No. 95).--
~Aristoteles~ spricht ("Hist. animal." 6, 3) davon, dass sich im Weissen des Eies das Herz des werdenden Vogels "als ein Blutfleck" anzeige, "welcher Punkt, wie ein Lebewesen, hüpfe und springe" ("Στίγμη αἱματίνη ἐν τῷ λευκῷ ἡ καρδία· τοῦτο δὲ τὸ σημεῖον πηδᾷ καὶ κινεῖται, ὥσπερ ἔμψυχον"). Theodorus ~Gaza~ († 1478) übertrug die letzten Worte also: "quod ~punctum salit~ iam et movetur ut animal". Volcher ~Coiter~ ("Exercitat. anatom." Norib. 1573) citiert dies: "punctum salit", und dann nennen ~Aldovrandi~ ("Ornithol." Frcf. 1610; L. 14 c. 1) und W. ~Harvey~ ("Exercit. d. gener. anim." 17; Lond. 1651) "den hüpfenden Punkt", der sich (s. Schiller "Der Genius" 1795) "verborgen im Ei reget":
*punctum saliens,*
welch'
*springender Punkt*
("der Lebenspunkt, der Punkt, auf den Alles ankommt") von uns meistens übertragen auf das in geistiger Beziehung als Hauptsache Hervorspringende angewandt wird.--
Im ~Aristoteles~ ("De incessu animalium" cap. 2 n. 8) findet sich der Satz "Die Natur macht Nichts vergeblich" ([ἡ φύσις οὐδὲν ποιεῖ μάτην) (natura nihil frustra facit) und es scheint, als habe man zerstreuterweise hieraus das dann viel gebrauchte Wort mit völlig anderer Bedeutung gebildet:
*Natura non facit saltus*
*Die Natur macht keinen Sprung* (wörtl. keine Sprünge)
(vrgl. Linné "Philosophia botanica" 1751 unter 77); denn es wird (cap. 8) bald darauf das Springen (ἅλσις, ~saltus~) der Tiere besprochen.
Julius ~Frauenstädt~ leitet es irrig in seiner Einleitung von Schopenhauers "sämtl. Werken" (S. 22. 2. Aufl. Lpz. 1877) kurzweg aus obiger Aristotelesstelle her.--
Auf dem von ~Aristoteles~ ("Histor. animal." 8, 28) überlieferten Sprichworte: "ἀεὶ φέρει τι Λιβύη καινόν", "immer bringt Afrika etwas Neues" beruht:
*Quid novi ex Africa?*
Was giebt es Neues aus Afrika?
(vrgl. ~Aristot.~ "de generat. animal." 2, 5, ~Anaxilas~, Komödiendichter um 350 v. Chr. bei ~Athen.~ 14, p. 623 E., ~Plin.~ "Nat. hist." 8, 17: "vulgare Graeciae dictum: semper aliquid novi Africam afferre" und ~Nicephorus Gregoras~ [um 1350] "Histor. Byzant.", p. 805, 23, ed. Schopen).--
~Aristoteles~ ("de anima" 3, 4) sagt: "ὥσπερ ἐν γραμματείῳ ᾧ μηδὲν ὑπάρχει ἐντελεχείᾳ γεγραμμένον" ("wie auf einer Tafel, auf der wirklich nichts geschrieben ist"). Hierzu fügt Trendelenburg das Wort ~Alexanders aus Aphrodisias~ (um 200 v. Chr.): "ὁ νοῦς ... ἐοικὼς πινακίδι ἀγράφῳ" ("die Vernunft, einer unbeschriebenen Tafel gleichend"), das ~Plutarch~ "Aussprüche d. Philos". 4, 11 (χαρτίον, "Blatt" für "Tafel" setzend) den Stoikern zuschrieb. Wir citieren lateinisch
*Tabula rasa,*
abgewischte Schreibtafel;
was nach Prantl ("Gesch. d. Logik") zuerst bei ~Ägidius a Columnis~ († 1316) vorkommt.
"Tabellae rasae" lesen wir zwar schon bei ~Ovid~ ("Ars Amandi" 1, 437) aber ohne jene Beziehung auf Geistiges.--
~Aristoteles~ ("Problemata" 30, 1) fragt: "Διὰ τί πάντες ὅσοι περιττοὶ γεγόνασιν ἄνδρες, ἢ κατὰ φιλοσοφίαν, ἢ πολιτικὴν, ἢ ποίησιν, ἢ τέχνας, φαίνονται μελαγχολικοὶ ὄντες ..." "Woher kommt es, dass all' die Leute, die sich in der Philosophie, oder in der Politik, oder in der Poesie, oder in den Künsten auszeichneten, offenbar Melancholiker sind?" Hieraus bildete Seneca ("de tranquill, anim." 17, 10) den uns geläufigen Satz:
*Nullum magnum ingenium sine mixtura dementiae fuit.*
Es hat keinen grossen Geist ohne eine Beimischung von Wahnsinn gegeben.--
Im ~Aristoteles~ ("Oekonom." 1, 6) lesen wir: "Καὶ τὸ τοῦ Πέρσου, καὶ τὸ Λίβυος ἀπόφθεγμα εὖ ἂν ἔχοι· ὁ μὲν γὰρ ἐρωτηθεὶς τί μάλιστα ἵππον πιαίνει,
ὁ τοῦ δεσπότου ὀφθαλμὸς
ἔφη· ὁ δὲ Λίβυος, ἐρωτηθεὶς ποία κόπρος ἀρίστη, τὰ τοῦ δεσπότου ἴχνη, ἔφη." "Sowohl des Persers, wie des Libyers Ausspruch ist gut, denn Jener sagte auf die Frage, was ein Pferd am Besten mäste:
*Das Auge des Herrn;*
während der Libyer auf die Frage, welcher Dünger am Besten sei, sagte: des Herrn Fussstapfen". ~Columella~ (4, 18) vermengt diese Worte, indem er schreibt: "oculos et vestigia domini res agro saluberrimas", "die Augen und Fussstapfen des Herrn seien die heilsamsten Dinge für den Acker", und ~Plinius~ ("Nat. hist.", 18, 2) kürzt dies also: "majores fertilissimum in agro
*oculum domini*
esse dixerunt".--"Die Altvordern sagten, am fruchtbringendsten für den Acker sei das Auge des Herrn".--
Im ~Aristoteles~ ("Analyt." prior. B. 18 p. 66 ed. Bekker) steht: "Ὁ δὲ ψευδὴς λόγος γίνεται παρὰ τὸ πρῶτον ψεῦδος", "der falsche Satz entspringt dem falschen Grundgedanken" oder "die falsche Conclusion der falschen Prämisse". Hieraus stammt für "Grundirrtum"
*Das πρῶτον ψεῦδος,*
das wir jedoch nach dem Sprachgebrauch, der "ψεῦδος" nicht als "Irrtum" sondern als "absichtliche Täuschung" nimmt, oft als "Grundbetrug" oder "Urlüge" aufzufassen und theologisch anzuwenden geneigt sind.--
* * * * *
*Theophrast* (um 372-287 v. Chr.) pflegte (nach Diogen. Laërt. V. 2 n. 10, 40) zu sagen: "πολυτελὲς ἀνάλωμα εἶναι τὸν χρόνον", "Zeit sei eine kostbare Ausgabe". Hieraus scheint hergeleitet:
*Zeit ist Geld,*
was wir auch englisch ausdrücken:
*Time is money.*
In Bacons "Essayes" ("Of Dispatch" 1620) heisst es: "Time is the measure of business, as money is of wares: and business is bought at a deare hand, where there is small dispatch" (Zeit ist der Arbeitmesser, wie Geld der Waarenmesser ist: und Arbeit wird teuer, wenn man nicht sehr eilt).--
* * * * *
Der Redner *Pytheas* (um 340 v. Chr.) sagte (nach Plutarch "Staatslehren" 6 n. "Demosthenes" 8, sowie nach
Aelian "variae hist." 7, 7) von den Reden des von ihm unaufhörlich angefeindeten Demosthenes, dass sie "nach Lampendochten röchen" (ἐλλυχνίων ὄζειν) und noch heute sagen wir
*nach der Lampe riechen*
von jeder litterarischen Arbeit, welche ohne Anmut der Form nächtliches Studium verrät.--
* * * * *
Bei ~Stobäus~ (Serm. LXVI, p. 419. Gesn.) finden wir des *Menander* (342-290 v. Chr.):
Τὸ γαμεῖν, ἐάν τις τὴν ἀλήθειαν σκοπῇ, Κακὸν μέν ἐστιν, ἀλλ' ἀναγκαῖον κακόν.
Heiraten ist, wenn man die Wahrheit prüft, Ein Übel, aber ein
*notwendiges Übel.*
~Malum necessarium~, die lat. Übersetzung, steht in des ~Lampridius~ (4. Jahrh. n. Chr.) "Alexander Severus" 46.--
~Plutarch~ überliefert uns in der "Trostrede an Apollonius", dessen Sohn gestorben war, (p. 119'e; cap. 34) den Vers des ~Menander~:
"*Ὃν οἱ θεοὶ φιλοῦσιν ἀποθνήσκει νέος*",
den ~Plautus~ ("Bacch." 4, 7, 18) also übersetzt:
"quem di diligunt adolescens moritur"
und der bei uns zu lauten pflegt:
*Wen die Götter lieben, der stirbt jung.--*
~Menanders~ Wort "ἀνεῤῥίφθω κύβος" ("der Würfel falle!"--Überl. v. Athenäus XIII, p. 559 c.) citierte ~Cäsar~, als er 49 v. Chr. den Rubicon überschritt, in griechischer Sprache, wie Plutarch ("Pompeius", 60 und "Ausspr. v. Kön. u. Feldh.") ausdrücklich hervorhebt. Sueton hingegen lässt ihn lateinisch sagen ("Caesar" 32):
*Alea iacta est!*
*Der Würfel ist gefallen!*
(Erasmus verbessert: "Iacta esto alea!" "Der Würfel falle!") Huttens Wahlspruch (s. Kap. III) "Jacta est alea" hat hier seine Quelle.--
Die 422. Gnome der "Monostichen" des ~Menander~
*Ὁ μὴ δαρεὶς ἄνθρωπος οὐ παιδεύεται*
*Wer nicht geschunden wird, wird nicht erzogen*
stellte ~Goethe~ als Motto vor den 1. Teil seiner Selbstbiographie.--
Eine Komödie ~Menanders~
*Ἑαυτὸν τιμωρούμενος*
kam auf uns durch des ~Terenz~ Komödie
*Heautontimorumenos,*
"Der Selbstpeiniger".
* * * * *
Die nach ~Diogenes Laërtius~ (VII, 1 n. 19, 23) von dem Stoiker *Zeno* (geb. 340 v. Chr.) aufgestellte (von ~Porphyrius~ im "Leben des Pythagoras" aber auf diesen zurückgeführte, in ~Plutarchs~ Schrift "Die Menge der Freunde" und in dem ~Pseudo-Aristotelischen~ Buch "Magna Moralia" II, 15 citierte) Definition des Freundes "Ἄλλος ἐγώ" wenden wir an in der lateinischen und deutschen Form:
*Alter ego,*
*Ein zweites Ich.*
Bei ~Cicero~ findet sich "me alterum" "ad. fam." 7, 5, 1; "ad Attic." 3, 15, 4; 4, 1, 7; "Alterum me" "ad fam." 2, 15, 4; "verus amicus est tanquam alter idem" "de amic." 21, 80; bei Ausonius "alter ego" praef. 2, 42 (4. Jahrh. n. Chr.). Der griechische Romanschreiber ~Eustathius~ [6. Jahrh.? 12. Jahrh.?] sagt dreist von sich: "Ein zweites Ich; denn also bezeichne ich den Freund". ~Hercher~ "Erotici Graeci" 2, p. 164, 25; vrgl. 165, 18. Späterhin nahm "Alter ego" die Bedeutung eines Stellvertreters der souveränen Gewalt an.--
* * * * *
Am Schlusse jeder Beweisführung des Mathematikers *Euklid* (bl. um 300 v. Chr.) heisst es:
ὅπερ ἔδει δεῖξαι,
*quod erat demonstrandum,*
was zu beweisen war.--
Des (um 270 v. Chr. bl.) Philosophen *Bion* Witz: "Εὔκολον τὴν εἰς Ἅιδου ὁδόν· καταμύοντας γοῦν κατιέναι", "der Weg zum Hades ist leicht; man kommt ja mit geschlossenen Augen hinab" (s. Diog. Laërt. IV, c. 7, n. 3, § 49) wird von uns in der kürzeren Form des Vergil citiert ("Aen." 6, 126):
*Facilis descensus Averno,*
Das Hinabsteigen in die Unterwelt ist leicht;
worauf dann folgt, dass das Wiederauftauchen daraus schwer sei.--
* * * * *
*Philo Judaeus* († 54 n. Chr.) sagt ("de migr. Abrahami" 15, p. 449, Mangey) von den ägyptischen Zauberern: "ἀπατᾶν δοκοῦντες ἀπατῶνται" (sie glaubten zu betrügen und wurden betrogen). Danach schreibt der gern citierende Apostel ~Paulus~ im 2. Briefe an Thimotheus 3, 13 auch von den Magiern Ägyptens: "Mit den bösen Menschen aber und verführerischen wird es je länger je ärger, "verführen und werden verführt" ("πλανῶντες καὶ πλανώμενοι"). Dann sagt ~Porphyrius~ in seines Lehrers Plotin Leben (16): "οἳ--ἐξηπάτων καὶ αὐτοὶ ἠπατημένοι" ("die betrogen und selbst betrogen waren") und ~Augustinus~ ("Bekenntnisse" 7, 2): "deceptos illos et deceptores", und G. E. ~Lessing~ ("Nathan" 3, 7) verdeutschte in der Parabel von den drei Ringen das Wort also:
*Betrogene Betrüger.*
{vrgl. ~Margarete von Navarra~ in dem 1543 erschienenen "Heptameron" Novelle 1, 6, 15, 23, 25, 28, 45, 51, 62; ~Cardanus~ († 1576) "De subtilitate", 1663, III, 551; ~Cervantes~ "Don Quijote" 2, 33 (1615) u.s.w.; ~Moses Mendelssohn~ ("Ges. Schr.", 1843, III, 115; Brief vom 9. 2. 1770 an Bonnet über eine Sekte): "Wollen wir sagen, dass alle ihre Zeugen Betrogene und Betrüger sind?" Eine komische Oper von Guilet et Gaveaux (1799) heisst "Le trompeur trompé".}--
* * * * *
Flavius *Josephus* (37 n. Chr.--nach 93) sagt in seiner Schrift "Gegen Apion" (II, 16) von Moses im Gegensatze zu Minos: "Ὁ δὲ ἡμετέρος νομοθέτης εἰς μὲν τούτων οὐδοτιοῦν ἀπεῖδεν, ὡς δ' ἄν τις εἴποι βιασάμενος τὸν λόγον,
θεοκρατίαν
ἀπέδειξε τὸ πολίτευμα, Θεῷ τὴν ἀρχὴν καὶ τὸ κράτος ἀναθείς"--"Unser Gesetzgeber richtete jedoch auf Alles Dieses gar nicht sein Augenmerk; er machte die Staatsverfassung zu einer
*Theokratie*
(Gottesherrschaft), wenn man sich so gewaltsam ausdrücken darf, indem er Gott die obrigkeitliche Macht beilegte".--
* * * * *
Einen Spruch des *Epiktet* (geb. um 50 n. Chr.) teilt ~Aulus Gellius~ 17, 19, 6 in der lateinischen Form mit:
*Sustine et abstine,*
ἀνέχου καὶ ἀπέχου,
*Leide und meide.--*
* * * * *
*Plutarch* (geb. um 50 n. Chr., † 120 n. Chr.) erzählt in seiner Biographie des L. ~Aemilius Paullus~ (Kap. 5), dass dieser sich aus unbekannten Gründen von seiner Gattin, Papiria, habe scheiden lassen. Plutarch vermutet, dass der Scheidungsgrund ein ähnlicher gewesen sei, wie derjenige eines gewissen Römers. Dieser habe sein Weib fortgeschickt und alsdann auf die Fragen seiner Freunde: "Ist sie denn nicht sittsam? Nicht schön von Gestalt? Schenkte sie Dir denn keine Kinder?" ihnen seinen Schuh hingestreckt und gefragt: "Ist er nicht fein? Ist er nicht neu? Aber Niemand von Euch sieht, an welcher Stelle mein Fuss gedrückt wird, (οὐκ ἂν εἰδείη τὶς ὑμῶν. καθ' ὅτι θλίβεται μέρος οὑμὸς πούς)". Hierauf fusst die Stelle des ~Hieronymus~ (adv. Jovin. 1, 48): "Legimus quendam apud Romanos nobilem, cum eum amici arguerent, quare uxorem formosam et castam et divitem repudiasset, protendisse pedem et dixisse eis: Et hic soccus, quem cernitis, videtur vobis novus et elegans, sed nemo scit praeter me, ~ubi me premat~." Hier findet sich zuerst das bekannte Bild unseres Sprachschatzes:
*Nicht wissen* und *wissen, wo Einen der Schuh drückt.--*
Durch *Lucian*s (um 160 n. Chr.) Abhandlung "wie man Geschichte schreiben müsse" wurde die thracische Stadt
*Abdera*
für immer als lächerlich gebrandmarkt; und sie wurde als solche in Deutschland berühmt durch ~Wielands~ im "teutschen Merkur" 1774, 1. und 2. erschienene "Geschichte der
*Abderiten".--*
* * * * *
Bei *Sextus Empiricus* (Ende des 2. Jahrh. n. Chr.; "Adversus mathematicos", 287; Imm. Bekker, Berl. 1842; S. 665) steht:
ὀψὲ θεῶν ἀλέουσι μύλοι, ἀλέουσι δὲ λεπτά.
Lange zwar mahlen die Mühlen der Götter, doch mahlen sie Feinmehl. (Ähnlich in "Orac. Sibyll." 8, 14. ed. Friedlieb, Lpz. 1852.)
In Eiseleins "Sprichwörtern" wird das Wort ohne jeglichen Beleg auf ~Plutarch~ zurückgeführt. ~Sebastian Franck~ ("Sprichwörter", 1541, II, 119'b) führt an: "Sero molunt deorum molae, Gottes Mühl stehet oft lang still" und "die Götter mahlen oder scheren einen langsam, aber wohl", ferner einige Zeilen weiter unten "Der Götter Mühl machen langsam Mehl, aber wohl", und ~Logau~ (1654) III, 2, 24 macht daraus:
*Gottes Mühlen mahlen langsam, mahlen aber trefflich klein.* (Ob aus Langmut er sich säumet, bringt mit Schärf er alles ein.)
Daraus dürfte die bekannte Redensart: "Langsam, aber sicher" entstanden sein.--
* * * * *
*Plotin* († 270 n. Chr.) bereichert unsere Sprache um zwei "geflügelte Worte". Wir lesen bei ihm (Enn. I, 6 p. 57; Ausg. v. Kirchhoff I, S. 12): "οὐ γὰρ πώποτε εἶδεν ὀφθαλμὸς ἥλιον, ἡλιοειδὴς μὴ γεγενημένος, οὐδὲ τὸ καλὸν ἂν ἴδοι ψυχὴ μὴ καλὴ γενομένη", "Nie hätte das Auge je die Sonne gesehen, wäre es nicht selbst sonnenhafter Natur; und wenn die Seele nicht schön ist, kann sie das Schöne nicht sehen". Hieraus stammt
*Schöne Seele*
und der ~Goethe~sche Vers (1823. "Zahme Xenien". Bd. 3):
*Wär' nicht das Auge sonnenhaft, Die Sonne könnt' es nie erblicken.*
Mit diesem Gedanken lehnte ~Plotin~ sich an ~Plato~ an, der in seinem "Staat" p. 508 sagt: "Das Gesicht ist nicht die Sonne ... aber das sonnenähnlichste ... unter allen Werkzeugen der Wahrnehmung", und der ebenda weiter unten "Erkenntnis und Wahrheit, wie Licht und Gesicht, für sonnenartig" erklärt.--
* * * * *
*Julianus Apostata* (331-363 n. Chr.) meint (oratio VI ed. Ez. Spanhemius, 1696, p. 184), "es dürfe nicht Wunder nehmen, dass wir zu der, gleich der Wahrheit, einen und einzigen Philosophie auf den verschiedensten Wegen gelangen. Denn auch wenn Einer nach Athen reisen wolle, so könne er dahin segeln oder gehen und zwar könne er als Wanderer die Heerstrassen benutzen oder die Fusssteige und Richtwege und als Schiffer könne er die Küsten entlang fahren oder wie Nestor das Meer durchschneiden". Damals galt noch Athen als Ziel der Gebildeten, später wurde es Rom. "Es führen viele Wege nach Athen" liegt im obigen Satz und mochte sich in das uns geläufige Wort verwandeln:
*Es führen viele Wege nach Rom,*
wofür jedoch sichere Belege noch zu suchen sind.--
* * * * *
*Proclus* (412, 485 n. Chr.) nennt in seinem Commentar zu Platos "Timaeus" (154c) den "οὐρανός" (Himmel) die
*πέμπτη οὐσία*
*Quintessenz*
(Das fünfte Seiende)
und auch in dem "Leben des Aristoteles" von ~Ammonius~ (Westermann, "vitarum scriptores Graeci minores", 1845, p. 401) wird die "εʹ οὐσία" erwähnt. Damit ist nach Aristoteles ("De mundo", Kap. 2) der Äther gemeint, der dort "ein anderes Element als die vier, ein göttliches, unvergängliches" genannt wird. (Aristot. "Meteor." 1, 3; "de coelo", 1, 3; "de gen. an.", 2, 3.) Proclus ist die Quelle für das Wort. Viel später jedoch wurde der heut damit verknüpfte Begriff des feinsten Extrakts, der innersten Wesenheit oder des Kerns einer Sache in dies Wort hineingelegt. ~Raimundus Lullus~ gab 1541 sein Buch "De secretis naturae sive Quinta essentia" heraus, in dem er zu Anfang des zweiten Teiles diese "Quintessenz" als Allheilmittel preist, und 1570 erschien Leonhart ~Thurneysser~ zum Thurns "Quinta essentia, das ist die höchste Subtilitet, Krafft und Wirkung ... der Medicina und Alchemia" ... In der Vorrede stellt er die "Quinta Essentz Olea" neben den "Stein der Weisen", den "lapis philosophorum". Im 13. Buch nennt er sich einen Schüler des Theophrastus ~Paracelsus~, der also der Vater des Schwindels mit der "Quintessenz" sein wird, wie er so manchen anderen Schwindels Vater gewesen ist.--