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Editionsrichtlinien: * Überschriebene „e“ über den Vokalen „a“, „o“ und „u“ werden als moderne Umlaute transkribiert. * Der Seitenwechsel erfolgt bei Worttrennung nach dem gesamten Wort. * Abkürzungen werden aufgelöst. * In Antiqua gesetzte Worte werden in dicktengleicher Schrift Antiqua, hervorhebungen im Text kursiv wiedergegeben
Wie deß Mahlers Farb-gemeng, So ist unser Sprach-gepräng
Gedruckt unter der Preß / in dem jenigen Land / darinnen dasselbe lobwürdig Geschirr erstmahls erfunden worden / ALs seIne LIebe Innwohner neben anDern VöLCkern anfIengen / Den Iahren Vnsers HeILs naCh / In gLeICher ZahL zV zähLen 1673.
Caput I. Lob der Sprachkündigen
Mehr als gewiß ists / und es wirds auch nimmermehr kein Verständiger verneinen / daß es einem Manns-Menschen (die Weibsbilder werden billich von diesem Geschäfft in seiner gewissen Maaß ausgeschlossen / weil nicht viel auf die geraifte Frauen und erfahrne Jungfern gehalten wird) nicht übel: sonder recht wol / zier- und löblich anstehet / wann er vieler Sprachen erfahren; Und wann ein solcher das Lobwürdige / so er gelernet und begriffen / seinem Vatterland zum besten: und seinem Nächsten zum Nutzen anzulegen genaigt und beflissen ist / so ist er billich mehr zu ehren und hervor zu ziehen / als sonst tausend seiner andern Landsleuth / die nur hinterm Ofen gesessen / und nichts anders können / als Aepffel oder Birn braten.
Der Elephant und das Naßhorn übertreffen den Menschen mit der Grösse: die Hirsch kommen ihm zuvor mit ihrem schnellen Lauff / die Ochsen mit ihrer Stärck: die Lüchse mit ihrem Gesicht: die Löwen mit ihrer hertzhafftigen Großmütigkeit / die Affen mit der Geschwindigkeit / die Hunde mit ihrem Geruch / etc. Aber der Mensch gehet ihnen allen vor mit der Sprach! Man liset zwar / daß etliche Raben / Atzlen und Staaren geredet / höret es auch noch täglich an den Papegeyen / und ich selbst hab eine Dole abgerichtet / daß sie unterschiedliche Wörter ausgesprochen; Aber es ist ein grosser Unterscheid zwischen ihrer und der Menschen Red / bey dieser erzeiget sich Vernunfft und Verstand / welches allerdings bey ihnen manglet; Die Häher / die man auch Schecken nennet / öhmen der Hunde bellen / der Geissen und Schaafe plecken / der Hüner gacksen und andern Thiern mehr dergleichen Dings nach / sie wissen aber drumb selbst nicht warumb? Also lernen zwar etliche Vögel einige deutliche Wörter aussprechen / wissen und verstehen aber nicht / was sie gelernet und geredet haben / wie im Gegentheil der Mensch thut; Dannenher ohn Zweifel die Griechen beydes die Red und den Verstand mit einem Namen genennet / weil sie mit einem unzertrennlichen Band zusammen gebunden / zumahlen eine Red ohne Verstand vor keine Red zu halten.
Wann nun der Mensch umb seiner vernünfftigen Sprach willen allen Thiern vorzuziehen / umb wieviel höher ist dann der jenig zu halten und zu ehren / der unterschiedlicher Sprachen kündig / und damit beydes die unvernünfftige Thier und andere Menschen / die nur ihre Mutter-Sprach reden können / übertrifft?
So ist auch der Nutz / den man von den Sprachkündigen hat / an sich selbsten sehr nahe unaussprechlich / und zwar / wann man nur schlechthin bedenckt / was vor Künste und Wissenschafften unsere gelehrte liebe Teutsche durch Ubersetzung frembder Bücher ihrem Vatterland beygebracht und mitgetheilet haben! massen mehr als genugsam bekandt / daß unsere kriegerische rohe Vorfahren sich / als ein wildes Volck / nicht so bald der Weisheit beflissen / wie die Aegyptier / Hebraeer / Griechen / Lateiner / und andere Völcker gethan / die auch anfänglich / und zwar gar zeitlich zu ihrer Sprach bequeme Buchstaben erfunden; daß nun Teutschland zu einem und dem andern gelangt / hat man sonst niemand als den Sprachkündigen zu dancken; ja nicht nur dieses / sonder auch / daß wir durch sie die Erkandtnus GOttes und seines heiligen Worts und Willens empfangen / wannenhero wir die seelige Ewigkeit zu hoffen / in deren Ermanglung wir hingegen der Verdambnus nicht entrinnen möchten;
Dann gleichwie GOtt zu Nimbrods Zeiten durch Zertheilung der Sprachen die Menschen voneinander trennet / daß sie den vorhabenden gewaltigen Thurn zu Babylon nicht auszubauen vermöchten; Also hat Er nach der Himmelfahrt unsers Erlösers durch Sendung seines H. Geists den Aposteln die Gab geben mit mancherhand Zungen zu reden / damit sie durch solches Mittel die Menschen wieder in Einigkeit zusammen bringen: und Ihme also die Christliche Kirch aufferbauen könten.
Ist also die Gab unterschiedliche Sprachen zu reden / nicht allein eine nutzliche und höchstnothwendige: sonder auch eine Göttliche Gab / ohne welche die hiebevor barbarisch gewesene Völcker immerhin im Finstern leben / und wie das Viehe sterben müssten; da sie hingegen in Geniessung derselben jetzunder das jenige / warzu sie als Menschen erschaffen / vollbringen: und ihrer Seelen Heyl würcken können; und wol dem / der diese hohe Gab (welche der H. Paulus der Gab der Propheceyung verglichen) durch GOttes Gnad besitzt / und solche zu seines Schöpffers Ehr: zu seiner Seelen Heyl / und zu seines Nächsten und Vatterlands Nutz wol anlegt.
Derohalben wie die Apostel und andere Glaubige in der Ersten Kirch damit begabt / also haben auch alle Christliche Theologi sich derselben beflissen; und beklagt der H. Augustinus lib. Confessionum, daß Er sich in seiner Jugend in dem Sprachen nicht mehr geübt / welche ihm jetzund zu Erklärung Heil. Schrifft so trefflich zu statten kämen; bezeugt auch lib. de doctrina Christiana, daß die Lateiner zum rechten Verstand der H. Schrifft der andern beydem Sprachen / nemblich der Griechischen und Hebraeischen bedörfftig; und scheinet / daß Christus selbst diese drey Sprachen hierzu am H. Creutze geheiligt / allwo sie auff seinem Sieghafften Titul gestanden.
Die Juristen müssen ebenmässig frembder Sprachen kündig seyn / sintemal der Codex Justinianaeus so viel griechische Wörter in sich hält / daß zu vermuthen / er seye erstlich in derselben Sprach beschrieben worden; Und wie können die rechtschaffne Medici frembter Sprachen entbehren / wann sie den hebraeischen Isaac Rabbi levi: Die Arabische Aertzt Avicennam und den Averoes: den griechischen Hippocratem und Galenum und anderer Nationen Autores, so von der Medicin in ihrer Sprach geschriben / verstehen wollen? Und eben also ists auch mit den Mathematicis beschaffen;
Und wie will ein Stadt in die Läng bestehen oder eine Nation glückselig regiert werden können / wann deroselben vornembste Vorsteher und Regenten der benachbarten Sprach (mit denen sich gleichsamb täglich irrige Händel und Spänn zutragen) nicht verstehen? Müste nicht alles / was sonst durch eine freundliche Unterredung gütlich beygelegt werden könde / auff Verbitterung und blutige Krieg hinaus lauffen? Und zwar / so ist es auch denen / so Krieg führen / so nötig / ihrer Feinde und des Lands Sprach / darinn sie kriegen / zuverstehen / als nötig ihnen Gewehr und Waffen / Vivers und Munition immer seyn mag! Was wollen wir aber vom Kauffhandel sagen / der mit Außländischen getrieben werden muß? Wie würde sichs immermehr schicken / wann man dasselbe wichtige Geschaffte (das in so vielen unterschiedlichen oder absonderlichen Stücken bestehet / als man bey nahe Wahren und Geldsorten findet / und welches itzige Welt weder entbehren will / kan noch mag) nur mit deuten / wie man mit den Stummen handlen muß / verrichten wolte? Würde es nit gehen / wie man findet / daß es den Atheniensern mit einem Narren gangen / welchen ihnen die Römer / als sie von ihnen Gesetze begehrt / zu einer stummen Disputation vorgestellt / umb zuerfahren / ob sie / die Römer / auch würdig wären / solche heilsame Recht und Gesetz zu empfahen oder nicht? Alwo die Weise von dem Narren betrogen worden?
Man sagt von einem Frantzosen / welcher sich von seiner Gesellschafft in Cöln verirret / und so lang herumb gelauffen / biß ihre der Hunger dermassen im Magen vexiert / daß er allerdings krafftloß darvon worden / weil er auff teutsch weder Speiß noch Tranck fordern / viel weniger nach seiner Herberg fragen können / biß ihm endlich einer von seinen Landsleuten / den er an der Kleydertracht erkant / auffgestossen / welchem er seine Noth geklagt / der ihn in eine Gasse gewiesen / und gesagt / er werde dort ein Hauß finden mit einem ausgehenckten rothen Schild / alwo man ihm gnug Essen und Trincken umbs Geld geben würde; Der gute Kerl folgt / gerath aber in eines Balbiers Hauß / das auch einen rothen Schild hatte (massen nit nur die Wirths: sondern auch andere Häuser mehr alldorten Schild zu haben pflegen) und deutet damit ins Maul / als hätte er sprechen wollen / man solte ihme etwas zu fressen hergeben: Der Barbierer aber verstehet / er solte ihm einen Zahn ausbrechen / sucht derowegen seine Instrumenten hervor / das Werck anzugehen / dem sich aber der Welsche von allen Kräfften widersetzte / aber es halff nichts / dann weil der Balbier vermeinte / er entsetzte sich vor dem Schmertzen / nahm er seine beyde Gesellen zuhülff / und riß dem Tropffen wider seinen Danck und Willen einen Zahn auß / vor welche Mühe er ihm noch darzu lohnen muste.
Seynd also die Sprachkündige nicht allein alles Lobs und grosser Ehren werth / sondern sie können auch mit jederman umbgehen / und vielen andern verholffen seyn / welche die Sprache nicht verstehen; Könige und Potentaten können der Dolmetschen so wenig als gemeine Leuth entberen / wenn sie mit Frembden zuthun haben / sonder müssen sie wo nit unter ihre Liebling: doch wenigst unter die jenige rechnen und auffnehmen / die stetig umb sie seyn.
Caput II
Daß einem drumb an der Vollkommenheit nothwendig nichts abgehen müsse / wann er gleich nur seiner Mutter-Sprach redet / und verstehet.
GOtt hat durch seine allerweiseste und gütigste Vorsehung einem jedem Ding / das er dem einen oder andern Menschen als eine sonderbare Gab vor andern verliehen / so ihn aber zur Hoffarth reitzen möchte / etwas entgegen gesetzt / das ihne in den Schrancken der Demuth zu verbleiben erinnert / und seiner selbst Erkantnus wahrzunehmen; Das allerschönste Frauenzimmer hat die allergröste Gefahr an seiner Ehr und Keuschheit am allerersten Schiffbruch zu leiden; Die allerheiligste Menschen werden vom Teuffel am mehristen versucht; Die tapfferste Helden-Gemüther müssen die gröste Gefahr überstehen; Das Ehrwürdig Alter hat durch Erfahrung grosse Weißheit gesamblet / empfindet aber auch mehrere Gebrechlichkeiten als die unbesonnene Jugend! auff daß es nit zu auffgeblasen werde; Man sagt / je gelehrter je verkehrter; und weiß noch nicht / ob Demostnenes und Cicero mit ihrer Witz und Wolredenheit dem gemeinen Nutz mehr geschadet oder genutzet haben?
Gleichwie wir aber das Gute selten erkennen / und das / was uns zur Demuth / dem Fundament aller Tugenden / weiset / noch langsamer annehmen; Also bilden sich theils Sprachkündige ein / wollen auch andere Leuth so bereden / sie allein hören das Graß wachsen; Ist aber ein irriger Wahn und grosser Fehler unserer Zeit / wann man ungezweiffelt darvor halten will / es müsse ein jeder Teutscher Weltmann nothwendig Latein: Frantzöß: und Sclavonisch: Ein jeder Geistlicher aber neben seinem Latein auch Griechisch und Hebraeisch verstehen / reden und schreiben können / soll man anders jenen vor klug und erfahren: diesen aber vor gelehrt genug halten; gleichsam als wann GOtt Weißheit und Verstand / ja alle Kunst und Wissenschafften nur in die fremde Sprachen verborgen / und eines jeden Muttersprach / oder vielmehr die jenige / so nur ein Sprach reden / allein lähr gelassen hätte.
Wir können nicht eitel Mirandulani, Scaligeros, Salmasii, Vossios, Grotii, Heinsii, Birckheimer / und dergleichen Sprachkündige Wundermänner seyn / welche ohn das unter allerhand Ständen so dünn gesäet / als die annoch verhandene gewichtige Rosenobel / die ehemahlen auß Raimundi Lullii Kunstgold gemüntzt worden seyn sollen; dann es ist nicht jedem gegeben mit Zungen zu reden (und gleichwol haben wir keinen Mangel an erfahrnen / weisen / tapffern / kunstreichen / und allerhand geschickten Leuten! deren man gemeiniglich mehr als der Sprachkündigen findet.) Der Engel ist diese Gab eigen / und den heiligen Dienern GOttes wird sie bißweilen zu Außbreitung seines allerheiligsten Nahmens Ehr verliehen / wie wir von den Aposteln und andern mehr lesen.
Zwar ists eine gewisse Anzeigung einer vortrefflichen Gedächtnus / wann ein Mensch viel Sprachen lernen und behalten kan / und dahero zu schliessen / ein solcher werde auch im übrigen keinen höltzern Kopff haben / in welchem sich kein Hirn befindet; Aber in Warheit dieser Wahn betreugt offt; neulich war ich dabey / als sich ein Sprachheld bey einem vornehmen Obristen umb Dienst anmeldet; er wurde gefragt / was er könte / und was vor Dienste er zuversehen getraute? Seine Antwort war / ich rede meine Sprachen / Latein / Frantzösisch / Italianisch / Spanisch und Böhmisch! mit den Geberden aber gab er genugsamb zuvernehmen / daß er entweder wenig bey rechtschaffnen Leuthen gewesen / oder daß ihm sonsten durch Einladung so vieler Sprachen die Hirnkammer dermassen angefüllt worden / daß kein Winckel mehr übrig / noch etwas nutzlichs hinein zu packen; Kurtz gesagt / er sahe auß / wie einer / dems ins Tach regnet. Der Obrist antwortet ihm / die Atzlen können auch schwätzen / aber die losen Vögel können auch sonst nichts anderst / als das Gelt vertragen; Und damit hatte der gute Kerl seine Abfertigung; hätte er aber darneben auch Pulver schmecken können / und auff den Nothfall die Hand mit an den Degen zu legen getraut / welches viel Einspracher geschwind lernen / so wäre er ohn Zweiffel bey diesem Herrn willkommner gewesen / wann er gleich ein par Sprachen weniger gekönt.
Es ist sich aber nicht drüber zu verwundern / wann einer drüber zum Narren wird / der neben dem Teutschen auch vollkommen Lateinisch / Hebraeisch und Sclavonisch lernen will / dann auß dem Hebraeischen kombt Syrisch / Chaldaeisch / Arabisch / Persisch / Medisch / Türckisch / aus dem Sclavonischen Polnisch / Böhmisch / Russisch / Croatisch / Wendisch etc. Auß dem Lateinischen / Italianisch / Spanisch / Französisch / und mancherley Rebsteckenwelsch / gleichwie auß dem rechten Teutschen Holländisch / Englisch / Dänisch / Schwedisch / Nordwegisch etc. entsprungen; Wann nun eine alle Kräffte seines Verstandes anlegt / diese Sprachen zulernen / massen viel Witz in einem guten Kopff hierzu erfordert wird / Lieber / was wird ihme übrig verbleiben / solches zu andern Sachen zugebrauchen? Sehen wir doch täglich /wie geckisch sich theils der Unserigen beydes in Kleidung / Sitten und Geberden stellen / wann sie auß Franckreich kommen / und kaum anderthalbe Sprachen gelernet / wie wurden sie ererst thun / wann sie deren noch mehr könten?
Aber gesetzt / es wäre irgends ein solcher Wunder-Mensch (die liebe Heylige neben den guten und bösen Englen werden hier außgenommen) der alle obige Sprachen / und noch darzu Malaisch / Chinesisch / Japonisch / Americanisch / Griechisch / Abissinisch / und in Summa alle Sprachen die sich unter der Sonnen befinden / mit und bey guter gesunder Vernunfft verstehen / reden und schreiben könte? Lieber / was wärs alsdann wol mehr? Mithridates König in Ponto redet 22. Sprachen / und der Römer Crassus kondte seinen Untergebenen in Asia durch fünff underschidliche dialectos der Griechischen Sprach recht sprechen! aber waren dise beyde Sprachkündige drumb besser / edler / weiser / klüger / und was das meiste ist / glückseliger als andere Menschen ihrer Zeit / die nur ihre eintzige Mutter-Sprach geredet? Ich gestehe es / man hat Ursach sich über sie und andere zu verwundern! hätten sie aber so heilig gelebt / und wären so selig gestorben als der heilige Kirchenlehrer Hieronymus / welcher Hebraisch / Chaldaeisch / Persisch / Medisch / Arabisch / Griechisch und Lateinisch gekönt / so hielte ichs vor kein Wunder / wann sich etliche Sprachkündige entblödeten den Unwissenden einzubilden / die Kündigkeit viler unterschidlicher Sprachen mache die Menschen nit allein vollkommen / gescheid / klug / und besser als andere / sonder sie sey auch nöthig zu dem höchsten Gut zu gelangen.
Der grosse berühmte Einsidel Antonius konte nicht allein sonst keine als seiner Mutter Sprach / sonder war auch gar deß Lesens und Schreibens ohnerfahren / und dannoch wuste er die gantze heilige Schrifft sambt ihrer Außlegung! Er war nit gereist /die Weißheit in der Frembde zusuchen / noch sie und sein Vollkommenheit in den Außländischen Sprachen zu ergreiffen / und gleichwol lieffe alle Welt: ja der Keyser selbst sendet zu ihm / als zu einem seltenen Wundermann / jene von ihm zu lernen / dieser seines Raths zu pflegen / beyde Theil aber sich in sein Gebett zu befehlen.
Ist und verbleibt demnach ein blinder Wahn / deren die darvor halten / und andere Leuthe auch also zu glauben bereden wollen / man könne nicht recht verständig seyn / noch vor vollkommen gnug gehalten werden / man habe sich dann zuvor durch Begreiffung frembder Sprachen darzu bequemt und einen Weeg zur Witz gemacht; der Verstand dardurch erhöhet; die Vernunfft geschärpfft! die Sinne erleuchtet / und in Summa alle gute Gaben (die aber / wie man in meinem Heimet sagt / von oben herab kommen) durch die Thür der frembden Wörter erhascht / und sich zugeaignet; dannenhero kombts / daß sich bißhero noch kein verständiger Teutscher zu todt gegrämt / vil weniger sich gar erhenckt / umb willen er keine andere als seiner Mutter Sprach begreiffen mögen; wirds auch fürterhin noch keiner thun / weil er keine sonderbare grosse Ursach darzu hat.
Caput III
Von absonderlicher Hoffart etlicher Sprach-Helden / die ihnen wol übrig verbleiben könnte.
Gleichwie ichs vor einen groben Unverstand halte / jemand umb dessentwegen zu tadlen / der frembde Sprachen zu lernen sich bemühet / ja einen solchen Tadler seinen Unverstand mehr vor eine Sünd als eine Grobheit auffrechnen wolte / wann er dergleichen etwas wider einen Sprachkündigen auff die Bahn brächte / der das jenig / was er erlernet / wol anlegt / und beydes seinem Vatterland und Neben-Menschen damit dienet: Also ist mir hingegen unmöglich das Lachen zu verhalten / wann ich sehe / wie hochtrabend ein Teutscher herein tritt / so bald er nur ein wenig von unserer Nachbarn zusammen geflickten Sprachen verstehen und daher lallen kan! ob sie gleich unserer vollkommenen in / an / und vor sich selbst bestehenden Teutschen Helden-Sprach weder an Güte noch Alterthumb das Wasser nit zu bieten vermögen.
Dann Lieber wer wolte nicht lachen (er wolte dann mit aller Gewalt sich zwingen ein Heraclites zu seyn) wann er sihet / daß ein solcher Phantast auch durch närrische Veränderung der Sitten und Kleydungen sich verlarven: mit allem fleiß zum Unteutschen machen: und seine redliche Landsleut verachten will / weilen sie nit so meisterlich als er auff Böhmisch zu stehlen: aufs Cretisch zu lügen / auff Italianisch zu lefflen: auff Spanisch zu schmeichlen und zu betriegen: auff Russisch zu prallen / und auff gut Frantzösisch zu potzmartern wissen; welches dann bey theilen gemeiniglich die schöne Tugenden und siben Sachen zu seyn pflegen / die sie neben den erlernten Sprachen umb ihr gut Teutsch Gelt in der Frembde begriffen / und mit sich nach Hauß gebracht haben; es wäre dann sach / daß der ein oder ander gelehrnige Kopff auch erfahren / was neben einem bösen Gewissen die Spanische Blattern: Frantzösische Grätze und Italianische Driesen vor grausame Thier seyen.
Es sihet ihm gleich / wann die Indianische Pfauen und Calecutische Haanen mit hangenden Flügeln und ausgespreiten Schwäntzen prangen / als ob sie mit solchen hoffärtigen närrischen Gebärden und stoltzem Schnupffen und Gekoller unserem teutschen Geflügel auffrupfften und rühmten / aus wie fernen Landen sie / als ein vortreffliche edle Art / zu ihnen hergeholet worden sey; dessen dann unser teutsch Geflügel / wann es ihm sowol als den Menschen gegeben worden wäre / sich satt genug lachen möchte; Wann aber unsere eingeborne Lands-Kinder so auffziehen / und in unnöthiger Herweisung der erlernten Sprach / der närrischen Gebärden: der frembden Kleyder-Tracht und erst kürtzlich angenommener ausländischen Sitten sich auszuärtlen scheinen / was thuen sie anderst / als daß sie ihre ernsthaffte redliche Landsleuth / die nicht gleicher Thorheit mit ihnen ergeben / verachten? soviel an ihnen ist / ihr Vatterland verläugnen: und sambt seinen Einwohnern verschmähen wollen? in und vor sich selbst aber sich ihres Herkommens unwürdig machen. Wie aber die Sitten und Gebärden eines solchen Phantasten beschaffen / hat meine nahe Baaß Catharin (die mir zwar keine Verwandtschafft gestehet / sonder mich zum Salbader logiert / wiewol sie die drey ärgste Ertz-Narrn in der Welt auff einen Wurff: gleichwie ich den Simplicissimum geborn) in ihrem Kindbeth am 20. Capitel mit lebendigen Farben geistreich genug abgemahlet / allwo sich der großgünstige Leser Berichts erholen mag.
Es ist aber schon vorlängst eine allgemaine Sucht eingerissen / der Art / daß die jenige / so daran kranck ligen / weit von ihrem Vatterland gebürtig zu seyn wünschen; diese wurde so hefftig / daß auch aus selbiger ungereimten Thorheit ein Sprichwort entsprungen / welches man zu denen gesagt / die man verachten wollen; (nemblich) Du bist nit weit her! Wann nun eine Narrheit die andere entschuldigen könte / so müste diese denen / welche aus Teutschgebornen zu der ausländischen Nationen Affen worden / umb etwas wenigs zum besten gedeyen / (vornemblich weil ohnedas kein Prophet in seinem Vatterland etwas gilt) also daß man sie noch neben andern Blödhirnigen gedulten möchte.
Doch behüte mich mein GOtt / daß ich einen / der gelerniger als ich / klüger als ich / erfahrner als ich / höflicher als ich / geschickter als ich / verständiger als ich / kunstreicher als ich / etc. darumben unter die Narren zehlen solte / weil ich selbst ein Ignorant und grober / ungeschickter / unwissender Esel zuverbleiben praedestinirt seyn: und nicht zum tausendsten Theil so vil Witz haben möchte / mich / wie sie es können / durch die läuffige mode unserer Zeit bey jederman beliebt und angenehm zu machen; Nein so weit treibet mich der Neyd und Mißgunst nicht! Aber gleichwol erinnert mich der Eyfer vor die ehemahls so hochberühmte teutsche Standthafftigkeit / die jenige Wanckelmüthige / so auß obiger Kranckheit angetriben / ihrem Vatterland frembd werden wollen / zu dem weisen Thale in die Schul zuschicken; welcher dem Glück eben so hoch gedanckt / daß er ein Griech und kein Barbarus: als daß er kein Weib: sonder ein Mann / ja kein unvernünfftig Thier / sonder ein Mensch geboren worden! und hierzu veranlast mich vornemblich diß / daß ich täglich sehe / wie etliche unserer Landsleuthe sich selbst verderben / und ihrer teutschen Art absterben / wann sie sich neben Ergreiffung frembder Sprachen / auch frembder delicater Speisen / prächtiger Kleydungen Gebrauchs: und im übrigen durchauß ein zärtlich Weibisch / ja schier Viehisches Leben angewöhnet: und sich also ihres Herkommens / Standes und Namens entwürdigt haben.
Schön stehets / wie ich auch oben gemeldet / wann einer sprachkündig ist / und geraiset hat! Aber gleichwol schätzte das Oracul zu Delphis Aglaum Psophidium vor den allerglückseligsten Menschen seiner Zeit / ob er gleich niemahlen keinen Fuß auß seinem geringen Bauren-Gut gesetzt / noch ein andere Sprach / als die seine Mutter geredet / gelernet hatte: Uberdas haben die nahmhaffteste Völcker ihr Vatterland und dessen gemeinen Nutzen jeweils höher geachtet / als ihr aigen Reputation, Ehr und Leben / massen an den tapffern Spartanern abzusehen; und welcher es mit fremden Sitten befleckt / hat schlechte Ehr davon getragen / wie noch an dem Nachklang deß Römers Scipionis Asiatici wahrzunehmen!
Und zwar ihr neugierige verderbte Landsleuthe / machts wie ihr wolt / so könnt ihr euch selbst doch nicht anderst machen; ihr müsset ein: vor allemal geborne Teutsche seyn und verbleiben / und solt ihr gleich die Vorhäut auff Jüdisch oder Türckisch / eben als wie die Bärt auff Frantzösisch / Spanisch oder Croatisch beschneiden lassen; ja wann ihr gleich Tartarisch reden: mit den Indianern nackend gehen: oder euch gleich den Novazemblern in Beltzwerck biß über die Ohren verkleyden würdet.
Ihr arme Tropffen seyd schier zubetauren / die ihr sonst so klug und erfahren seyn wollet / und billich seyn sollet / daß ihr euch selbsten nicht kennet / sonder verkleinert! wisset ihr dann nicht / daß ihr von den Teutschen der Allerdapffersten: der Alleredelsten: der Allerältisten Nation unter der Sonnen entsprungen? Wisset ihr nicht / daß beynahe die vornembste Geschlechter: und es manglet wenig / die Allerdurchleuchtigste Häuser in Hispania / in Italia und anderswo mehr / sich vor ein grosse Ehr halten; wann sie sich nur ein wenig zurühmen vermögen / ihre Vorfahren seyen auß Teutschem Geblüt entsprossen? Seyd ihr dann so unwissend / oder wolt ihrs sonst nit achten / daß die jetzige Frantzosen selbst von den Teutschen abkommen; deren unteutschen Sitten (die sie vielleicht von den alten Gallis, welche ihre alte teutsche Vorfahren ritterlich überwunden / erlernet und angenommen) ihr jetzo nachöhmet? und vermittelst solcher Nachäffung euerem Vatterland zum Spott und Hohn euch dem einen oder anderen zum Schlaven macht; gleichsamb als wären selbige von unseren Löbl. Vorfahren mit Fleiß in die umbliegende Länder geschickt worden / frembde Sitten und Gebräuch zu begreiffen / damit sie euch künfftig / wie jetzt vor Augen zu sehen / Gesätze vorschreiben: und euch lernen solten / wie ihr euch in Kleydungen / in Geberden / in Essen und Trincken etc. etc. etc. und was das allermeiste ist / in Beobachtung euer und euers Vatterlands selbst Erhaltung stellen und anlassen sollet!
Wisset ihr nicht daß die alte kluge Egyptier / und ihr gewaltiges Königreich / die ihres gleichen in der Welt nit gehabt / zu Grund gangen? Wisset ihr nicht / daß die alte Phoenicier abgangen / die ehemals wegen so vieler sinnreichen Erfindungen dem gantzen Erdboden mit ihrem annoch unsterblichen Lob durchstralet? Wisset ihr nicht / daß die Herrlichkeit und Majestät deß Römischen Volcks von euren Edlen Vorältern gedemütigt: und der Adler von ihnen auß seinem Nest zu uns Teutschen gehollet worden? Worüber sie dann auch ihre aigne Sprach das reine Latein nit behaupten mögen / sonder sich mit einer zusammen gestickelten / sowol als die Frantzosen / von ihren Müttern / beschlagen lassen müssen; Was habt ihr vor Ursach den Griechen nachzuöhmen? Sie haben zwar gegen andern Völckern zurechnen / so wol als die Hebraeer / Chaldeer / und Araber auch vortrefliche Leuth der Welt geboren und dargeben; aber sehet! sie seyn auch so wol als dise zu Sclaven worden / so / daß bey ihren Nachkömblingen kaum ein geringer Schatten von dem Glantz ihres hiebevorigen Ruhms übrig verblieben! Wohingegen euere liebe Vorfahren nicht allein seit unsers Großvatters deß Aschenatz Zeiten ihr Vatterland unvermischt und rein erhalten / beständig bewohnet / und gegen alle andere Außländer beschützt / sonder noch darzu dasselbe mit der frembden Künsten / Wissenschafften: (geschweige hier ihrer aignen Erfindung / als der Zeig- und Schlag-Uhren / der Druckerey / deß Büchsen-Pulvers) ja was noch mehr ist / so gar mit der Römischen Monarchia illustrirt und geziert: und in Summa es so weit gebracht haben / daß nunmehr zufragen stünde / was guts und nutzlichs doch immermehr jetziger Zeit die Außländer noch übrig hetten / daß wir nit so wol als sie vorlängst besessen; was es wäre / daß der Mühe noch lohne / daß umb dessentwillen ein teutscher Sinn durch Lernung frembder Sprachen den Kopff zerbreche? Es nehme dann der eine oder andere der Schacherey halber die Müh auff sich / darvon er aber wenig Ruhm und Ursach zu pralen haben wird.
Darumb mein lieber Teutscher Landsmann / überhebe dich nit in deiner Einbildung / wann du gleich ein baar vermischter Sprachen von deinen auch vermischten Nachbarn: oder auch wol gar die drey so genante Haupt-Sprachen (das eintzig ansehenliche Uberbleibsel der Juden / Griechen und Römer) gelernet hettest; GOtt gab seinen Aposteln Gnad mit allerhand Zungen zureden / warbey sie dannoch demütig verblieben / als welche wol wusten / daß hingegen andere die Gab hatten zu weissagen / Teuffel außzutreiben / Todte zuerwecken etc. ob sie gleich nit mit Zungen redeten; wann Witz / Weißheit und Verstandt oder Tugend / und Dapfferkeit allein in den frembden Sprachen verborgen läge / so würden beydes Hebraeer / Griechen und Lateiner die Herrlichkeit ihrer Reiche im Flor: und ihre so glückselige und wolgesegnete Sprachen bey ihrer Reinigkeit erhalten haben; welche aber sie selbsten jetzunder bey ihnen so schlim antreffen lassen / als wann sie sich ihrer schämten.
Caput IV
Noch von einer anderen Art Sprach-Verbesserer / oder wahrhaffter zu reden / Teutsch-Verderber.
Ohne dise erzehlte ohnärtige Art / Vatterlands- und Muttersprach-Verächter / gibts noch eine andere Gattung Sprach-Helden / welche jenen zuwider / unser Teutsches / gleich wie die Affen ihre Junge / nur gar zu hoch lieben / und dasselbe durch Erfindung neuer Wörter: oder vilmehr durch eine neue zuvor unerhörte Orthographiam: wie die Alchimisten die unvollkommene Metall durch ihr Elixir divinum, auff den höchsten Grad zubringen sich bemühen / umb ihnen bey der unbeständigen neugierigen Welt ein Ansehen zumachen; gleich wie sie aber hierin nur ihr aigne Ehr suchen? also bringen sie auch so närrische Ding / so lächerliche Fratzen / so lahme Zotten / so elende Mißgeburten auff die Bahn / daß ich mich kühnlich versichert halten kan / wann ich meinem Schulmeister mit dergleichen Grillen auffgezogen kommen wäre / wie sie zu thun pflegen / daß er mich dermassen zerfitzt hätte / daß ich gumpen müssen wie ein Esel / dem irgends einer eine Hand voll scharpffer Distel oder Brenn-Nessel unter den Schwantz gelegt.
Ihr elende Tropffen! was bildet ihr euch ein? daß ihr euere Vätter vnterstehet zu lernen / wie sie Kinder zur Schul thun: und euere Mütter / wie sie ihnen die Sprach mit eurer durchsaurten / an statt der wahren und rechten natürlichen Muttermilch einflötzen sollen? Warhafftig ihr dauret mich / wann ihr durch solche Thorheit und vergebliche Mühe hoffen wollet / bey der allerlobwürdigsten Frucht-bringenden Gesellschafft euern Banner anzubringen / und euerer Teutschverderberey wegen an selbigem höchstrühmlichsten Ort einen Ehren-Platz zu finden; allwo man euch billicher mit Ruthen zu stäupen: als mit Ehr und Lob zu becrönen befugt.
Betrachtet doch / ich bitt euch umb GOttes willen! betrachtet doch selbst; was ein rechtschaffner / ehrlicher alter Teutscher gedencken und sagen möchte? wann er siehet / daß ihr Fader für Vatter: slächt vor schlecht: entslagen vor entschlagen: Kwäll vor Quell: fon für von: sleichen vor schleichen: fer vor ver: fil vor viel: ädel vor edel: fäst vor vest: Kwaal vor Quahl / und so fortan schreibet? därfft ihr euch wol einbilden / er werde vermeinen / solches seye recht und wol geschrieben? Ach nein! ein solcher alter: oder auch wol aus unsern Nachkömlingen ein jeder junger Teutscher / werden im ersten Anblick / wann sie über euere Schrifften kommen / urtheln und schliessen / entweder der Schreiber sey ein Weib oder A-B-C-Schütz: wo nit gar ein Narr: oder der unschuldige Setzer und Corrector in der Druckerey wären hinlässige Hudler und ungelehrte Tropffen gewesen.
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The end
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