Front matter
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DER. KAMI
E MAEM
Inhalt
1.5: Aufbauider Arbäit.u..a. ae nennen nn a e 42 Teil 1:
Uber den Zweiten Weltkrieg hinaus.
Traditionen und Neubelebung des Trotzkismus in der Schweiz
1: Juni IAO ea ea nes Hure 49
Vom gelebten Internationalismus zur Sachpolitik Die Organisierung des Schweizer Trotzkismus
Teil 2: Internationalismus und transnationale Netzwerke 5:5- DerFall Otto Freitag sre: 4.0 dan e 5 173 6 Sozialismus und internationale Solidarität
7.2 Die Zusammensetzung der Schweizerischen Bewegung
Teil 3: Opposition im Umbruch und Wandel 8.3 Die trotzkistischen Ideen und Figuren als Kristallisationspunkt und:als:Reibungsfläche-....:...:2. 220. RER E aE aae 27
Anhang Kurzbiografieni.:.25:.2.. 2.2 rar amt ne drehen 317 INtE VIEWS r en ae ae Dune EEE Teer erg ee 327 Verzeichnisse Abbildungen... rar aka nn wenn 335 Abkürzungen s.a ea na a nn DE E EENS 337
Literati er A de ee 34
Danksagung
Es war der 21. Dezember 2018 morgens um zehn Uhr dreißig. Ich saß damals im Schweizerischen Sozialarchiv in Zürich und arbeitete an der vorliegenden Dissertation. Von draußen, vor dem Gebäude mit den knarzenden Fußböden, drang Lärm durch die geöffneten Fenster in den Lesesaal. Ich ging zum Fenster und um die Ecke kam ein Demonstrationszug. Eine Demonstration an einem Freitagmorgen, die Parolen waren unbekannt, die Schilder alle selbst bemalt: Das war neu in Zürich. Es waren ganz junge Leute, SchülerInnen, die aus den Gymnasien und teilweise den Berufsschulen kamen und im Rahmen der Fridays-for-Future-Proteste, die in der Schweiz unter dem Namen Klimastreik bekannt wurden, ihren Schulunterricht bestreikten und griffige Klimaschutzmaßnahmen für eine lebenswerte Zukunft forderten.
Es herrschte aufgeregte Stimmung, sowohl auf der Straße als auch im Lesesaal des Sozialarchivs, dieser für die Geschichte sozialer Bewegungen in der Schweiz so zentralen Institution. Die darauffolgenden Monate waren geprägt von einer jungen, energischen sozialen Bewegung, wie sie die Schweiz schon lange nicht mehr gesehen hat. Vernetzt, international ausgerichtet und mit klaren Forderungen traten der Klimastreik und seine ExponentInnen auf. Ich konnte mich von Beginn weg mit der Bewegung identifizieren und sie erinnerte mich in einigen Dimensionen an das, was ich selbst gerade als Historiker erforschte. Die sich vor meinen Augen entfaltende politische Dringlichkeit der Jugend verdeutlichte mir zudem, wie unvorhersehbar soziale Bewegungen und politische Projekte sein können und wie viel wir lernen können und auch müssen aus all denen, die gescheitert oder irgendwie verschwunden sind.
Der vorliegende Text wäre nicht möglich gewesen ohne die im Folgenden immer wieder zu Wort kommenden ZeitzeugInnen, die eine Erforschung des Schweizer Trotzkismus vor 1968 überhaupt erst initiierten und mit einer bedeutenden Vorarbeit möglich machten.
Weiter möchte ich mich für die geduldige Unterstützung, die Nachsicht, die Textkorrekturen und die kritischen Rückmeldungen aus meinem Umfeld, für das Vertrauen und die Unterstützung von Prof. Dr. Monika Dommann, die hilfreichen Hinweise von Prof. Dr. Christian Koller, die wichtigen Rückmeldungen aus dem
Doktoratsprogramm des Zentrums Geschichte des Wissens, für die dreijährige Finanzierung des Projekts durch den Forschungsfonds Ellen Rifkin Hill des Schweizerischen Sozialarchivs, das doc.mobility-Stipendium des Schweizerischen Nationalfonds sowie das halbjährige Stipendium der Janggen-Pöhn-Stiftung bedanken. Vier Jahre sind eine lange Zeit und die vergangenen vier Jahre waren zudem außerordentlich turbulent. Es ist nicht selbstverständlich, dass man über diesen Zeitraum hinweg als Haupttätigkeit an einer solchen Arbeit schreiben und dabei zudem seine Lebenshaltungskosten decken kann.
Ein besonderer Dank sei an dieser Stelle an Moritz Mähr für die Unterstützung beim Setzen dieser Arbeit, Jonas Wenger für jahrelange Diskussionen und Rückmeldungen sowie Hannah Borer für das kontinuierliche Gegenlesen und die wichtigen inhaltlichen Anstöße ausgerichtet. Ohne euch hätte ich dieses Projekt vermutlich nicht abgeschlossen.
Denn natürlich ist es auch hin und wieder anstrengend, eine Dissertation zu schreiben, und die Auseinandersetzung mit dem vor Jahren festgelegten Thema im einsamen Büro oder Archivraum verkommt unweigerlich phasenweise zu einer Auseinandersetzung mit sich selbst. Das universitäre Umfeld hilft zudem nicht immer gegen das Gefühl, eigentlich verloren zu sein, irgendwo zwischen der vermeintlichen Beliebigkeit des Themas und den leisen Zweifeln, den Ansprüchen nicht zu genügen. Dennoch habe ich es schlussendlich geschafft, die Arbeit ist fertig geworden und ich kann etwas zurück- oder weitergeben.
Es bleibt mir an dieser Stelle nur zu hoffen, dass die Resultate der folgenden Seiten neue Erkenntnisse liefern und dass sie zukünftig vielleicht die eine oder den anderen inspirieren, die reichhaltige Geschichte politischer Bewegungen im Allgemeinen und des Trotzkismus im Speziellen mit neuen Perspektiven zu untersuchen und so zu neuen Erkenntnissen zu gelangen oder sogar selbst das eine oder andere in sozialen Bewegungen oder in politischen Projekten so oder anders zu machen. Denn auch wenn so manche behaupten, dass wir aus der Geschichte nicht lernen können: Mit Blick auf den Zustand der Welt, insbesondere auf die im Gange befindliche Klimakatastrophe, bleibt gar nichts anderes übrig, als es doch zu versuchen. Und die Fehler, die im Kampf für eine bessere Welt gemacht wurden, nicht einfach sinnlos zu wiederholen.
Zürich, den 31. Oktober 2021
1. Einleitung Eine Geschichte der Schweizer TrotzkistInnen vor 1968
1.1 Annäherung an eine bewegte Geschichte
Gegen Ende der 1950er- und zu Beginn der 1960er-Jahre sah sich die Schweizer Politik mit einem ungewohnten Protestphänomen konfrontiert. Tausende Menschen aus allen Landesteilen hatten sich in der Schweizerischen Bewegung gegen die atomare Aufrüstung (SBgaA) zusammengeschlossen und argumentierten, politisierten und protestierten gegen die Pläne des Bundesrats und der Armeeführung, Atomwaffen für die Landesverteidigung der Schweiz zu beschaffen. Es waren vornehmlich Jugendliche und junge Erwachsene, welche sich mit ihren Körpern und ihren Stimmen gegen die Atomwaffen stellten.
Nicht nur in der Schweiz wurde ab den späten 1950er-Jahren gegen die Atombombe und die damit verbundenen Gefahren für die Fortexistenz der Menschheit demonstriert. Es entstand eine ganze globale Protestbewegung, die sich in gewissen bis heute bekannten Bildern, so der auf fünf vor zwölf stehenden Uhr, die verdeutlichen soll, wie kurz vor dem Ende sich die Menschheit befindet, oder im bekannten Peace-Zeichen verdichtete.'
In der Schweiz kam der Anstoß zu diesen Protesten gegen die atomare Aufrüstung von den TrotzkistInnen. Sie initiierten die Gründung der SBgaA und an der Spitze der Bewegung, als deren Wortführer, stand der öffentlich als Trotzkist bekannte Heinrich Buchbinder. Die TrotzkistInnen waren es, welche die Bedrohung durch die atomare Aufrüstung ab Mitte der 1950er-Jahre auf ihre politische Agenda setzten und entscheidende Arbeit leisteten, dass der Widerstand gegen die Pläne von Politikern und Militärs zur atomaren Bewaffnung der Schweiz organisiert werden konnte.
Es war dabei nicht zufällig die trotzkistische Bewegung, welche unterschiedliche soziale und politische Gruppen in der SBgaA vereinen konnte. Durch ihre politische Unabhängigkeit von den Machtblöcken des Kalten Kriegs sowie von den politisch linken Parteien der Schweiz konnte sie ein Interesse an der Thematik
1 Horn, Eva: Zukunft als Katastrophe, Frankfurt a.M. 2014, S. 77-81.
glaubhaft vermitteln und dabei heterogene Kräfte, von religiösen PazifistInnen bis hin zu AnarchistInnen, ansprechen. Die SBgaA versuchte primär mithilfe einer Volksinitiative zu erreichen, dass die Schweizer Armee keine Atomwaffen beschaffen dürfe. Sie organisierte aber gleichzeitig auch die bekannten Ostermärsche und andere Protestformen.
Der Trotzkismus ist eine inhärent internationale Bewegung und als die ersten Proteste gegen die atomare Bewaffnung in Großbritannien begannen, waren darin auch die britischen TrotzkistInnen organisiert, die ihre Erfahrungen mit der neuen Bewegung in die Vierte Internationale und so zu den Schweizer trotzkistischen Exponenten trugen. Die auf Basis dieses Austauschs initiierte Schweizer Antiatomwaffenbewegung sah denn auch nicht nur die Gefahr durch Atombomben als eine globale, sondern beharrte darauf, dass die Antwort auf diese Gefahr unweigerlich die nationalstaatlichen Grenzen überwinden müsste.
Die SBgaA war im Verlaufe der 1960er-Jahre ein erster, gar nicht so unerfolgreicher Versuch der politischen Linken in der Schweiz, der anhaltenden Lähmung in der Entwicklung alternativer Gesellschaftsvorstellungen auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs und einer sozialen Stabilität durch den anhaltenden Wirtschaftsaufschwung die Aktion und die parteiüberschreitende Organisierung entgegenzustellen.
Als die Antiatombewegung in den frühen 1960er-Jahren ihren Höhepunkt erreichte, verschwanden gleichzeitig die eigenständigen trotzkistischen Organisationen in der Schweiz, die in den 1930er-Jahren entstanden und nach den Verwerfungen des Zweiten Weltkriegs wieder neu gegründet wurden, von der Bildfläche. Die TrotzkistInnen haben zu diesem Zeitpunkt aber etwas erreicht, was sie die vorangegangenen beiden Jahrzehnte immer wieder versucht hatten, woran sie aber mehrmals scheiterten: eine kritische, von den beiden Machtblöcken des Kalten Krieges unabhängige, emanzipatorische Linke zu vereinen. Damit war die SBgaA und die sich darin manifestierende Jugendbewegung eine wichtige Voraussetzung für die kommenden Bewegungen rund um 1968 in der Schweiz.
In den Quellenbeständen zum Schweizer Trotzkismus geht es aber nicht nur um den Kampf gegen Atombomben. Zwischen dem Zweiten Weltkrieg und den 1960er-Jahren waren TrotzkistInnen in der Schweiz konstant politisch aktiv, und in ihren Kampagnen sowie in ihren Zeitungen ging es um Arbeitskämpfe, um internationale Solidarität und um Rüstungs- und Finanzfragen der Schweiz. Sie beschäftigten sich mit der Wirtschaft und dem politischen System der Schweiz auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs, mit imperialistischen Kriegen, mit strategischen Fragen, wie Systeme überwunden werden können und wie Revolutionen geschehen. In den Akten werden dabei nicht nur politische Organisationen und ihre Ausrichtung erkennbar, sondern darüber hinaus Individuen, die sich gegen vielfältige Ausprägungen eines politischen und wirtschaftlichen Systems wehrten, mit dem sie nicht einverstanden waren.
Was die Leistungen und der Einfluss des Schweizer Trotzkismus vor 1968 waren, darüber ist bislang in der historischen Forschung noch sehr wenig bekannt geworden. Klar ist: Die TrotzkistInnen organisierten sich auf vielfältige Weise und versuchten durch ihre Analyse der Welt zu den richtigen politischen Schlüssen zu kommen, um in ihrer Vision eine sozialistische Gesellschaft zu erreichen, die auf einer radikalen Demokratie beruhen sollte. Ihre politische Positionierung im Rahmen des Kalten Kriegs war außergewöhnlich, ebenso die von ihnen gesetzten Themen. Die TrotzkistInnen wurden trotz ihrer zahlenmäßigen Schwäche wahrgenommen - mal als unbequem, mal als unkonventionell und immer wieder auch als gefährlich. Während die Schweizerische Bundespolizei in den TrotzkistInnen eine potenzielle Gefahr für die Stabilität des Landes sah, galten sie in der Partei der Arbeit (PdA) und dem Rest der kommunistischen Bewegung meistens als VerräterInnen. Für linke SozialdemokratInnen wiederum konnten sie ein mühsamer, aber notwendiger Stachel im Fleisch der konkordant gewordenen Sozialdemokratie und der Gewerkschaften sein.
Den Organisationen des Schweizer Trotzkismus war nie eine wirkliche Massenbasis beschieden. Sie blieben vor 1968 sogar auf wenige Dutzend Mitglieder beschränkt und über Jahrzehnte prägten dieselben Personen diese Organisationen. Auf den folgenden Seiten soll es dennoch darum gehen, in welchen Bereichen sich die Schweizer TrotzkistInnen einen gewissen Einfluss erarbeiteten. Es wird darum gehen, wie sie neben der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SPS) und der PdA als kleine dritte Kraft einen Raum offenhielten, der für die sozialen Bewegungen der 1960er-Jahre und für die 68er-Bewegung wichtig wurde. Und es wird darum gehen, wie sie in einem Umbruchsprozess der politischen Linken selber auseinanderfielen, dadurch aber gleichzeitig der größten trotzkistischen Organisation in der Schweizer Geschichte, der Revolutionären Marxistischen Liga (RML), die Klinke in die Hand gaben.
Natürlich gäbe es noch viele andere Geschichten aus der Zeit der Schweiz im Kalten Krieg zu erzählen. Und auch die Politik- und Organisationsgeschichte hat, trotz ihrer einstigen Popularität, noch so einige Desiderate. So ist bis heute keine umfassende Parteigeschichte der Freisinnig-Demokratischen Partei (FDP) geschrieben worden, wie Prof. Dr. Matthieu Leimgruber mir gegenüber in einem Master- und Doktorandenseminar einmal besonders hervorgehoben hat. Auch eine solche würde natürlich viele der politischen Prozesse in der Zeit des Kalten Kriegs verständlicher machen. Es gilt aber zu betonen, dass nicht nur die großen, etablierten und bekannten politischen Organisationen und Parteien zum Verständnis der Schweizer und der internationalen Politik und ihrer Entwicklungen beitragen. Gerade auch kleine Organisationen wie diejenigen, in denen sich die Schweizer TrotzkistInnen organisierten, oder gescheiterte politische Projekte können eine äußerst spannende Linse auf bekannte und unbekannte historische Phänomene sein und die bisherige Erforschung dieser mit neuen Perspektiven ergänzen.
Ein wichtiger Anstoß dazu, den bislang wenig beachteten Schweizer Trotzkismus zum Gegenstand einer historischen Untersuchung zu machen, kam zudem von ehemals selbst beteiligten AktivistInnen. Der Initiative und der Vorarbeit von ehemals im Umfeld der TrotzkistInnen aktiven Personen ist es zu verdanken, dass das Projekt, dessen Resultat das vorliegende Buch ist, überhaupt durchgeführt werden konnte.
Gerade im Hinblick auf die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen, die sozialen, politischen und ökologischen Krisen, die sich in ihrer Wirkung jeweils gegenseitig verstärken, lohnt es sich, auf vergangene politische Projekte, Visionen und Utopien zu schauen, die ihnen zugrundeliegenden gesellschaftlichen Kräfte zu verstehen, aber auch die ausgelösten Gegenreaktionen auf gesellschaftliche Neuentwürfe zu studieren. Die Schweizer TrotzkistInnen eignen sich hierfür besonders, mit ihren sehr spezifischen Vorstellungen einer gerechteren Gesellschaft, die das Wohl möglichst aller in den Blick zu nehmen hätte, und mit ihrer frühen Aversion gegenüber den zerstörerischen Kräften eines sich global ausbreitenden Wirtschaftssystems, ihrer differenzierten Positionierung gegenüber technologischen Entwicklungen und ihrer präsenten Kritik an den realsozialistischen Staatskonzeptionen des 20. Jahrhunderts.
Um allerdings politische Phänomene wie die Schweizer TrotzkistInnen produktiv ins Blickfeld nehmen zu können und die angestrebte Erweiterung der Perspektive durch das Prisma von solchen Kleinstorganisationen tatsächlich leisten zu können, sind einige bedeutende Erweiterungen und Anpassungen in der Konzeption einer Politik- und Organisationsgeschichte, wie sie hier vorliegt, notwendig. Dabei müssen insbesondere die Grenzziehungen des Politischen als auch die unterschiedlichen Ebenen und AkteurInnen politischen Handelns Beachtung finden.
1.2 Methodische und thematische Überlegungen
Die Historiografie des Trotzkismus war über weite Strecken des 20. Jahrhunderts eng verknüpft mit der Geschichte des Trotzkismus selbst. Sie ist geprägt von den Auseinandersetzungen zwischen trotzkistischen Strömungen und wurde häufig zur Rechtfertigung der einen oder anderen Position oder zur Einschreibung in eine politische Tradition genutzt. Die dem Trotzkismus eigene, große Affinität gegenüber schriftlicher Analyse und historischer Arbeit führte dazu, dass sich viele der in der trotzkistischen Bewegung aktiven Personen auch mit der Geschichte des Trotzkismus, in einem aktivistischen oder akademischen Sinne, beschäftigt haben. Die vorliegende Arbeit soll demgegenüber einen Blick zurück und nicht einen rechtfertigenden Blick aus dem Trotzkismus hinaus darstellen. Es geht nicht darum, eine Position oder eine politische Strömung zu verteidigen, sondern das Erkenntnisinteresse darauf zu lenken, wie diese im Kontext des Kalten Kriegs in der Schweiz zwischen dem Zweiten Weltkrieg und 1968 aktiv war, was sie verändert hat, wo sie in Erscheinung trat und woran sie gescheitert ist.
Die vorliegende Arbeit rückt also politische Organisationen und ihre AkteurInnen ins Zentrum. Bedeutende Paradigmenwechsel in der Geschichtswissenschaft wie der Linguistic Turn und die Postcolonial Studies haben die einstmals relativ stark auf politische Parteien und ihre parlamentarische Repräsentation beschränkte Politikgeschichte mit neuen Paradigmen und Erkenntnissen ergänzt.”
Durch die Erweiterung des Verständnisses von politischen Prozessen und politischen AkteurInnen wird die Untersuchung des Schweizer Trotzkismus zu einem erkenntnisreichen Unterfangen. Und dies, obwohl die Organisationen der TrotzkistInnen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nur eine Handvoll Mitglieder hatten, in den 1950er-Jahren dann einige Dutzend und in den sechziger Jahren bereits wieder deutliche Auflösungserscheinungen zu beobachten waren.
Die vorliegende Arbeit nimmt bewusst nicht nur die trotzkistischen Organisationen, sondern auch die nationalen und transnationalen Prozesse, in die sie eingebunden waren, in den Blick. Sie schaut auf die Zirkulation von politischem Wissen in den trotzkistischen Organisationen, auf Repräsentationsformen, auf die hierarchischen Strukturen und die verschiedenen Funktionen innerhalb der trotzkistischen Bewegung sowie auf die Wechselwirkungen zwischen politisch aktiven Individuen, den Organisationsprogrammen und den tatsächlichen Betätigungsfeldern der Organisationen.
Daraus ergibt sich ein historiografischer Ansatz, der als »Neue Politikgeschichte« bezeichnet werden kann. Hierbei wird versucht, das politische Handeln der historischen AkteurInnen, auch im weiteren Sinne, ins Zentrum der Betrachtung zu stellen.?
Die vorliegende Arbeit muss hierfür insbesondere die grundsätzlich sehr starre Eingrenzung des Feldes des »Politischen« in Frage stellen. Dass es gerade diese
2 Zur Geschichte der Politikgeschichte siehe Steinmetz, Willibald; Haupt, Heinz-Gerhard: The Political as Communicative Space in History: The Bielefeld Approach, in: Steinmetz, Willibald; Gilcher-Holtey, Ingrid; Haupt, Heinz-Gerhard (Hg.): Writing Political History Today, Frankfurt; New York 2013 (History of Political Communication 21), S. 11-36; Haupt, Heinz- Gerhard: Historische Politikforschung: Praxis und Probleme, in: Frevert, Ute; Haupt, Heinz- Gerhard (Hg.): Neue Politikgeschichte. Perspektiven einer historischen Politikforschung, Frankfurt a.M. 2005 (Historische Politikforschung 1), S. 306-313.
3 Frevert, Ute: Neue Politikgeschichte. Konzepte und Herausforderungen, in: Frevert, Ute; Haupt, Heinz-Gerhard (Hg.): Neue Politikgeschichte. Perspektiven einer historischen Politikforschung, Frankfurt a.M. 2005 (Historische Politikforschung), S. 7-26, S.10. Die Neue Politikgeschichte in diesem Sinne orientierte sich in ihrer Entstehung stark an der politischen Soziologie, die sich nicht mit staatlichen Akteuren, sondern mit den Bezügen zwischen »Gesellschaft: und »Politik« beschäftigt und hier insbesondere in den 1970er- und 1980er-Jahren den Fokus auf»(neue) soziale Bewegungen, Verbände und Parteien legte. Ebd., S. 12.
Grenzziehungen sind, die von besonderem Erkenntnisinteresse sein können, wird in theoretischen Überlegungen zur Erneuerung der Politikgeschichte immer wieder betont. In diesem Sinne schreibt Ute Frevert über die Aufgaben einer Neuen Politikgeschichte:
»[Es ist die Aufgabe der Neuen Politikgeschichte,] frühere Zeiträume unter dem Gesichtspunkt zu betrachten, welche Vorstellungen des Politischen jeweils kursierten, welche Definitionskämpfe ausgefochten wurden, welche Verhaltensweisen als politisch wahrgenommen wurden und welche nicht. Vorstellungen, Kämpfe und Deutungen lassen sich dabei vorzugsweise in symbolischen Formen entziffern, in den Semantiken politischer Sprache und Rituale sowie in deren Wandel. Darin Machtbeziehungen zu entdecken, Ein- und Ausschlussregeln zu identifizieren, sie auf ihre sozialen Bezugspunkte zu untersuchen, zugleich und vor allem aber danach zu fragen, in welchen Medien und unter welchen Kommunikationsstrukturen Soziales, Ökonomisches, Religiöses, Kulturelles, Moralisches in Politisches transformiert wird und wie die Grenzen der Transformierbarkeit bestimmt werden -das sind Aufgaben für eine »neue Politikgeschichte«, die ihren Gegenstand nicht primär in einem »Sachgebiet« findet, sondern in den Modalitäten und
Mechanismen von Grenzziehungen.«*
Gerade für die Betrachtung des Trotzkismus ist dieses Vorgehen besonders hilfreich. Denn die TrotzkistInnen und ihre Organisationen wurden selten als vollwertige politische Alternative wahrgenommen. Sie wurden, aufgrund ihrer Ablehnung der Verfasstheit des Schweizer Staates gegenüber, als antidemokratisch und ihre politischen Vorstöße als ungültig bezeichnet. Sie fielen quasi links aus dem politischen Spektrum hinaus. Auch die Etablierung der Antiatombewegung Ende der 1950er-Jahre wurde von weiten Teilen der politischen Vertreter der Schweiz nicht als politische, sondern als staatsschützerische Herausforderung verstanden.
4 Frevert: Neue Politikgeschichte. Konzepte und Herausforderungen, 2005, S. 24. Es existieren unterschiedliche Definitionen und theoretische Überlegungen dazu, was als Neue Politikgeschichte bezeichnet werden sollte. Während die Auffassung einer Neuen Politikgeschichte im oben genannten Sinne im deutschsprachigen Raum nicht besonders weit verbreitet ist, waren Versuche, eine neue Politikgeschichte als Kulturgeschichte des Politischen zu deuten, einflussreicher. Stollberg-Rilinger, Barbara: Was heisst Kulturgeschichte des Politischen? Einleitung, in: Beihefte der Zeitschrift für historische Forschung 35, 2005; Mergel, Thomas: Überlegungen zu einer Kulturgeschichte der Politik, in: Geschichte und Gesellschaft 28, 2002, S. 574-606. Spezifisch zur Theorie einer Neuen Politikgeschichte im hier verwendeten Sinne existiert ein Sammelband aus dem Jahr 2005, der von Ute Frevert und Heinz-Gerhard Haupt herausgegeben wurde. Frevert, Ute; Haupt, Heinz-Gerhard (Hg.): Neue Politikgeschichte. Perspektiven einer historischen Politikforschung, Frankfurt a.M. 2005 (Historische Politikforschung 1).
Dass die Bewaffnung der Schweizer Armee demokratisch beantwortet werden sollte, löste heftige Reaktionen und Konflikte im Lager der AtomwaffenbefürworterInnen aus. Die Schweizer TrotzkistInnen waren hierbei aktiv an Verschiebungen von dem, was Gegenstand politischer Aushandlungsprozesse sein sollte und was nicht, beteiligt.
Doch auch wenn die trotzkistischen Organisationen selbst genauer betrachtet werden, können einige gewichtige Entwicklungen in der ArbeiterInnenbewegungsforschung und damit auch in der Forschung zu den entsprechenden Organisationen fruchtbar gemacht werden. In diesen neueren Ansätzen wird betont, dass eine politische Organisation, die von ihr hochgehaltene politische Ideologie sowie die in ihr organisierten Mitglieder und deren Praktiken nicht einfach deckungsgleich oder widerspruchsfrei sein müssen. Stattdessen sind die drei Ebenen auch drei verschiedene Elemente, die jeweils separat und in ihren Interaktionen in den Fokus der Analyse genommen werden sollten.”
Gerade bei kleinen Organisationen, die stark von einzelnen Personen geprägt waren, wie dies bei den Schweizer TrotzkistInnen der Fall ist, ist diese Perspektive hilfreich. Persönliche Entwicklungen, Streitigkeiten und zerbrochene Beziehungen konnten die politischen Organisationen grundlegend verändern. Andererseits prägte das politische Engagement die Lebensläufe der TrotzkistInnen, und ihre politischen Projekte sind in den Erinnerungen eng verwoben mit dem eigenen Leben.
In der Schweiz auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges war das politische Klima nicht nur von einer Vorstellung des Politischen als auf Parlament und Wahlen beschränkt verengt, sondern zudem durch den Kalten Krieg weiter versteift. Oder wie Peter Huber schreibt: »Die auf Antikommunismus umprogrammierte »geistige Landesverteidigung« und die Rede vom »Sonderfall Schweiz schnürten das öffentlich Denk- und Sagbare ein.«®
Die Schweizer TrotzkistInnen waren von dieser Einschnürung besonders betroffen. Sie bewegten sich in ihrem politischen Denken, aber auch in ihren Interventionen oftmals außerhalb des als politisch Definierten, überschritten die Definition davon, was allgemein als denk- und sagbar galt, und halfen darüber hinaus dabei, die Grenzen des Sagbaren und die des Politischen herauszufordern, zu dehnen und teilweise neu zu ziehen.
5 Federer, Lucas; Albert, Gleb J.: Einleitung, in: Albert, Gleb J.; Dommann, Monika; Federer, Lucas (Hg.): Archive des Aktivismus. Schweizer Trotzkist*innen im Kalten Krieg, Zürich 2018 (Ather 2), S. A1-A21, S. A16; siehe bspw. Wolff, Frank: Neue Welten in der Neuen Welt. Die transnationale Geschichte des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes, 1897-1947, Köln 2014.
6 Huber, Peter: Der Antikommunismus der SPS. Finnisch-sowjetischer Winterkrieg (1939- 1940), Umsturz in Prag (1948) und Aufstand in Ungarn (1956), in: Caillat, Michel; Cerutti, Mauro; Fayet, Jean-Francois u.a. (Hg.): Histoire(s) de l’anticommunisme en Suisse = Geschichte(n) des Antikommunismus in der Schweiz, Zürich 2008, S. 265-282, S. 278.
Erstens taten sie dies auf einer inhaltlichen Ebene. Die Schweizer TrotzkistInnen waren international vernetzt und hatten Kontakte zur trotzkistischen Vierten Internationale, aber auch zur globalen Friedensbewegung, zu antikolonialen Befreiungsbewegungen und sogar zu Regierungsmitgliedern in Ländern wie Algerien oder Ghana. Innerhalb der Schweiz setzten sie Themen auf die politische Agenda, die vorher kaum Beachtung fanden (atomare Aufrüstung) oder nicht als Gegenstand der Aufmerksamkeit einer Schweizer Politik verstanden wurden (Algeriensolidarität). Sie leisteten darüber hinaus einige Vorarbeit, die in den Vietnamkriegsprotesten und schlussendlich in den Bewegungen rund um 1968 mündeten. Die TrotzkistInnen waren in vielen Fällen Mitglieder von Gewerkschaften, sie hatten enge Kontakte zur gewerkschaftlichen und sozialdemokratischen Linken und ein meist angespanntes Verhältnis zur »stalinistischen« oder »poststalinistischen« Linken in der Schweiz. Durch diese einzigartige Positionierung kam es immer wieder zu einem intensiven theoretischen, methodischen, aber auch ästhetischen Austausch zwischen den verschiedenen AkteurInnen, zwischen politischen Organisationen und zwischen sozialen Bewegungen. Über die TrotzkistInnen lassen sich Traditionen nachvollziehen, die das verbinden, was als »Neue« und »Alte« Linke oftmals als Gegensatz dargestellt wird. Gerade diese Verbindungen zwischen alter ArbeiterInnenbewegung und den neuen sozialen Bewegungen der ausgehenden 1960er-Jahre sind geprägt von einer Grenzverschiebung dessen, was zeitgenössisch als »politisch« im eigentlichen Sinne klassifiziert wurde, und was eben aus den Grenzen dieses »Politischen« herausfiel, was als gegenläufig, staatsgefährdend und aufrührerisch angesehen wurde.
Zweitens hielten sich die TrotzkistInnen der Nachkriegszeit selten an die oftmals physischen, mindestens aber geografischen, nationalstaatlichen Grenzen zwischen einzelnen Ländern. Im politischen und sozialen Kontext der Schweiz der 1950er- und 1960er-Jahre, der sehr stark vom Bezugsrahmen des Nationalstaates geprägt war, wurden politische Prozesse, die diesen Rahmen überwanden, anders wahrgenommen und mit besonderen Vorzeichen verhandelt. Das lässt sich beispielsweise an der permanenten Verknüpfung sozial- und gesellschaftskritischer Elemente mit dem »Ausland«, zumeist mit der Sowjetunion erkennen. Sei es die Kritik an der geplanten Beschaffung von Atombomben durch die Schweizer Armee oder die Skizzierung einer alternativen Vision der sozialstaatlichen Ausgestaltung in der Schweiz: Sofort wurde der Verdacht geäußert, dass Organisationen und Personen in Verbindung mit dem Ausland stünden beziehungsweise AgentInnen des Kommunismus seien. Sowohl die imaginierten als auch die tatsächlich reichlich vorhandenen transnationalen Aspekte der trotzkistischen Politik ermöglichen eine Untersuchung, die sich auf die internationalen Kontakte und auf grenzüberschreitende Debatten einlassen kann beziehungsweise auf diese ein besonderes Augenmerk legen sollte.
Und drittens kann auch dort, wo die Schweizer TrotzkistInnen nicht die Grenzen des Politischen erweiterten, sondern im Gegenteil in den vorhandenen Mustern und Rahmen politisierten, die Suche nach den Vorstellungen des Politischen und nach dessen Transformierbarkeit den Blick auf zentrale Aspekte lenken.
Gerade wenn man die geschlechtergeschichtliche Dimension einer Geschichte des Trotzkismus anschaut, wird dies besonders offensichtlich. Die trotzkistischen Organisationen waren von Männern dominiert. Es gab zwar einige wenige Frauen, die sich in diesen Organisationen politisch engagierten, und die TrotzkistInnen erwähnten an verschiedenen Stellen, dass die politische Teilhabe der Frauen und das Bürgerrecht grundlegende Voraussetzungen seien für einen emanzipatorischen Kampf. Und trotzdem tauchen Frauen in den schriftlichen Quellen fast nicht auf. In den trotzkistischen Organisationen redeten Männer mit Männern. Hier stellt sich die Frage nach dem Warum. Warum sind Frauenrechte, warum sind feministische Anliegen für eine solche linke Organisation nur peripher und maximal theoretisch von Bedeutung, und dies in einer Zeit, in der die bürgerliche Stimmrechtsbewegung ein beträchtliches mediales Echo auslösen konnte? Wie ist es möglich, dass Menschen, die sich für eine sozialistische Revolution und für die Überwindung der bürgerlichen Ordnung einsetzen, gleichzeitig sehr »bürgerliche« Beziehungsmodelle pflegen, die Rollenaufteilung klar erscheint und die Frauen in der Bewegung in erster Linie reproduktive oder repräsentative Funktionen innehaben? Wie gingen die Frauen selbst mit diesen Widersprüchen um und was hatten diese mit der weiteren Entwicklung der Organisation zu tun?
Die Abgrenzungspraktiken von »Politischem« und »Privatem« rücken hier ins Blickfeld. Was mit der neuen Frauenbewegung ab den 1970er-Jahren unter dem Slogan »Das Private ist politisch« propagiert wurde, war in den 1950er- und auch in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre noch weit weg von einer gesellschaftlichen Realität. Geschlechterbeziehungen, Lebensformen und Geschlechterverhältnisse hatten außerhalb eines sehr engen Verständnisses von Politik nur eine periphere politische Bedeutung, und das bis weit in die sogenannte »radikale« Linke hinein.
Die vorliegende Untersuchung möchte die trotzkistischen Organisationen also nicht als isoliertes Phänomen in den Blick nehmen. Viele der bisherigen Untersuchungen zu trotzkistischen Organisationen oder ganzen »Trotzkismen« einzelner Länder vermögen dies nur sehr bedingt zu leisten. Gesellschaftliche Veränderungen, weltpolitische Großlagen oder auch das soziale Klima kommen oftmals nur dann zur Sprache, wenn sie die Diskussionen in und um die trotzkistischen Organisationen unmittelbar betrafen. Ansonsten bleiben die historiografischen Erkenntnisse darauf beschränkt, wer sich mit wem verstritten hat und welche Fraktionen wann ihre Abspaltung von einer trotzkistischen Strömung bekanntgegeben haben. Nur beschränkt wird versucht, solche auf den ersten Blick partei- oder organisationspolitischen Dynamiken mit gesellschaftlichen Prozessen in Verbindung zu setzen.”
Die Geschichte des Schweizer Trotzkismus zwischen 1945 und 1968 muss im größeren Kontext der Schweiz im Kalten Krieg untersucht werden. Thomas Buomberger schreibt, die Quintessenz der Schweiz im Kalten Krieg suchend:
»Die Schweiz ist seit über 200 Jahren von einem heissen Krieg verschont geblieben. Nicht so vom Kalten Krieg: Die Konfrontation zwischen den USA und der Sowjetunion, die nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzte, war in der Schweiz kälter als anderswo. Die Kälte spürten insbesondere Linke, am meisten die Kommunisten. Wer sich als Kommunist zu erkennen gab, befand sich ab 1945 ausserhalb der politischen Gemeinschaft, wurde geächtet, überwacht und ausgegrenzt. Der Kommunismus war unschweizerisch, der Antikommunismus war identitätsstiftend und generierte einen helvetischen Konformismus.«®
Der Antikommunismus des Kalten Kriegs war nicht einfach nur Einbildung oder eine Vorstellung, die im Begriff des »Kalten Krieges« schon ein Stück weit eingeschrieben ist, sondern prägte als Idee und Imagination ganz konkret die gesellschaftliche und politische Realität der Schweiz mit. Oder mit den Worten von David Eugster und Sibylle Marti gesprochen:
»Eine Untersuchung des Kalten Krieges als Epoche, die stark vom Imaginären mitgeprägt wurde, trägt der Tatsache Rechnung, dass die Blocksituation des Kalten Krieges als dichotome Spaltung der Welt in sämtliche Bereiche der Gesellschaft eindrang und einen zentralen Referenzpunkt selbst in davon abgekoppelten Debatten darstellte.«?
Die politischen Positionen, Vorstellungen und Projekte der TrotzkistInnen waren vor diesem Hintergrund zum einen immer selbst von der dichotomen Spaltung der Welt geprägt. Die TrotzkistInnen verorteten sich bewusst in der Blocksituation des Kalten Kriegs und die weltpolitischen Auseinandersetzungen stellten durchgehend einen zentralen Referenzpunkt dar. Zum anderen aber kontestierten die politischen Ideen der Schweizer TrotzkistInnen auch das eng umrissene »Denk- und Sagbare«, das, was öffentlich als legitim zum Ausdruck gebracht werden konnte, und - ganz wichtig - forderten in verschiedener Hinsicht das Denken in zwei ideologisch antagonistischen Blöcken heraus.
7 Siehe bspw. Grant, Ted: History of British Trotskyism, London 2002.
8 Buomberger, Thomas: Die Schweiz im Kalten Krieg 1945-1990, Baden 2017, S. 15.
9 Eugster, David; Marti, Sibylle: Einleitung. Das Imaginäre des Kalten Krieges, in: Eugster, David; Marti, Sibylle (Hg.): Das Imaginäre des Kalten Krieges. Beiträge zu einer Kulturgeschichte des Ost-West-Konfliktes in Europa, Essen 2015 (Frieden und Krieg 21), S. 3-18, S. 5-6.
Auch die SPS hielt sich großmehrheitlich innerhalb der eng gesteckten Grenzen eines helvetischen antikommunistischen Konsenses auf. Ihre politische Positionierung während des Kalten Kriegs ist hiervon geprägt, wie Peter Huber feststellt: »Wegen ihrer marxistischen Ursprünge wurde die SPS von bürgerlicher Seite immer wieder in die Nähe des Sowjetkommunismus gerückt; die SPS trat die Flucht nach vorne an und antwortete mit einem eigenen, virulenten Antikommunismus, um ihre Staatsverträglichkeit unter Beweis zu stellen.«' Hier tut sich eine zentrale Bruchlinie zwischen der Sozialdemokratie und dem Trotzkismus auf, welche die politischen Projekte der Schweizer TrotzkistInnen maßgeblich prägte.
Neben dem dominanten Antikommunismus beeinflusste der Kalte Krieg noch auf andere Weise die politischen Projekte der TrotzkistInnen. Und zwar veränderte der wirtschaftliche Aufschwung und die Fixierung einer Nachkriegsordnung die organisierte ArbeiterInnenbewegung in Europa drastisch. Diese Bewegung aber war die zentrale Adressatin der Politik der TrotzkistInnen, die weiterhin stark auf die ArbeiterInnenklasse und deren Rolle im Produktionsprozess fokussierten. Der politisch den sozialistischen Ideen am nächsten stehende Teil der ArbeiterInnenklasse begann nach dem Zweiten Weltkrieg in eine Phase des Niedergangs einzutreten. Pierre Frank schrieb hierzu bereits 1974 in seiner »Geschichte der IV. Internationale«:
»In dieser Konjunktur ohnegleichen stagnierte die europäische Arbeiterbewegung, die am längsten organisiert war und alte marxistische Traditionen besass. Sie machte politisch sogar ausgesprochene Rückschritte: die sozialdemokratischen Parteien neigten dazu, sich formal selbst vom Sozialismus loszusagen und zu >»Volksparteien< zu werden, die kommunistischen Parteien wurden sozialdemokratisch«, die linken Tendenzen der Sozialdemokratie zerfielen, und die revolutionären Avantgarden schrumpften auf ein Minimum zusammen. Die in Europa entstandene und über hundert Jahre alte sozialistische Bewegung war mit der Perspektive einer sozialistischen Revolution in Europa geschaffen worden, die der ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Entwicklung der anderen Weltteile vorangehen sollte; aber dieser alten Vorstellung entsprach sie nicht mehr.«"
Damit stoßen wir noch auf einen letzten Punkt, der für eine Untersuchung des Trotzkismus im Kalten Krieg unbedingt in Betracht gezogen werden muss. Die TrotzkistInnen dachten, schrieben, handelten und kämpften so, als ob sie die Partei einer zukünftigen sozialistischen Revolution seien. Sie organisierten sich in der Vierten Internationale, die während Jahrzehnten den Anspruch vertrat, Partei der
10 Huber: Der Antikommunismus der SPS. Finnisch-sowjetischer Winterkrieg (1939-1940), Umsturz in Prag (1948) und Aufstand in Ungarn (1956), 2008, S. 278. 11 Frank, Pierre: Die Geschichte der IV. Internationale, Hamburg 1974, S. 60-61.
Weltrevolution zu sein. Gleichzeitig waren die TrotzkistInnen in vielen Ländern, so auch in der Schweiz, eine verglichen mit diesem Anspruch äußerst schwache Kraft. Der eigene Anspruch korrelierte kaum mit den tatsächlichen gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen. Dieser Widerspruch wirkte auf vielfältige Weise in die trotzkistische Bewegung zurück. Und dieser Widerspruch ist, das bleibt zu zeigen, ein zentraler Auslöser der Auflösungsprozesse im Schweizer Trotzkismus der 1960er-Jahre.
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The end
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