Vorwort
Indem ich die Absicht habe, eine Sammlung experimenteller Arbeiten herauszugeben, die ich in den fünf Jahren meines Hierseins in dem unter meiner Leitung befindlichen physiologischen Laboratorio ausgeführt habe, konnte ich mich anfangs nicht recht dazu entschliessen, vorliegende Arbeit für sich erscheinen zu lassen, da ich meinen Fachgenossen lieber vorher eine meiner, den Vorgängen des vegetativen Lebens zugewandten Hauptrichtung angehörige Schrift vorgelegt hätte. Diese rein persönliche Rücksicht durfte indess nicht bestimmend sein, da ich die vorliegende Untersuchung zu einem Abschluss gebracht hatte, der mir ihr Erscheinen, beim gegenwärtigen Standpunkte der betreffenden Fragen, gerade jetzt als zeitgemäss erscheinen Hess. Dazu kam noch, dass die Bilder in gegenwärtiger Arbeit ein Quartformat nothwendig machten, während ich für die anderen experimentellen Beiträge ein Octavformat vorziehen würde, und endlich wollte ich mehrere derselben, nachdem sie jahrelang, zu einem gewissen Abschluss gebracht, geruht haben, einer nochmaligen experimentellen Revision unterwerfen, wodurch ihre Herausgabe noch etwas verzögert werden wird. Wenn ich mich in vorliegender Arbeit vielfach genöthigt sah , manchen von sehr ausgezeichneten Forschern gegenwärtig besonders beliebten Auffassungen und Erklärungsweisen entgegenzutreten, so hoffe ich es in einer objectiven, die Persönlichkeiten meiner Gegner nicht verletzenden Weise gethan zu haben. Wer die besonderen Schwierigkeiten des behandelten, an das Gebiet der Psychologie zum Theil anstreifenden Gegenstandes kennt, wird hoffentlich diese Arbeit milde beurtheilen.
Kiel, Anfang April 1858.
P. L. Paimm.
Einleitung
IJass man beim Sehen mit zwei Augen die Dinge anders sieht, als mit einem Auge, ist eine, namentlich seit Wheatstone's Erfindung des Stereoskops, Allen bekannte Thatsache. Jeder kennt die eigenthümliche Wahrnehmung des Körperlichen und der Tiefe beim Betrachten stereoskopischer Bilder oder körperlicher Gegenstände. Fast Jeder kennt auch die merkwürdigen Empfindungen des Glanzes, des Abwechseins der Farben und der unter gewissen Umständen wahrgenommenen Farbenverschmelzung, wenn von zwei verschiedenen Farben die eine dem rechten und die andere dem linken Auge dargeboten wird. Dennoch darf ich behaupten, dass die hieher gehörigen Erscheinungen nur noch sehr unvollständig gekannt und untersucht sind. Manche auffallende, zum Theil ganz neue Wahrnehmungen, die ich bei einer Untersuchung über verschiedene Punkte der Lehre vom Sehen mit zwei Augen machte, forderten mich auf, eine consequent durchgeführte Analyse des gemeinschaftlichen Gesichtsfeldes zu unternehmen. Statt zusammengesetzter Bilder, welche die Beobachtung der einzelnen Momente unendlich erschweren, und welche den denkenden Untersucher verwirren, nahm ich gleichsam die Elemente, aus denen ein solches Bild besteht, nämlich die verschiedenen Contouren und Flächen, einzeln vor. Ich untersuchte dann die eigenthümlichen Wahrnehmungen im gemeinschaftlichen Gesichtsfelde, welche aus dem Verschmelzen oder der Wechselwirkung der mehr oder weniger von einander verschiedenen, elementaren Eindrücke beider Netzhautbilder hervorgehen. Ich habe die Freude gehabt, dass diese Untersuchung der Wechselwirkung der Contouren beider Gesichtsfelder mir neue positive Thatsachen geliefert, und andere, bereits bekannte, in ein klareres Licht gestellt hat.
Eine experimentelle Prüfung der verschiedenen Erklärungen mehrerer bereits bekannter, hieher gehöriger Thatsachen war der Ausgangspunkt dieser Arbeit. Es wurde mir schon bei dieser vorläufigen Untersuchung sehr wahrscheinlich, dass die psychischen Erklärungen hier in viel zu weitem Umfange angewandt wurden, und dass das Moment der rein sinnlichen Empfindung dabei vernachlässigt war; zugleich aber wurde es mir klar, dass die Thatsachen noch viel zu unvollständig gekannt seien, als dass man, mit einiger Aussicht auf bleibenden Erfolg, Theorien auf ihnen bauen könnte. Das Streben nach einer besseren Einsicht in den ursächlichen Zusammenhang der mannigfaltigen, hieher gehörigen Erscheinungen, musste sich natürlich auch im Fortgange der Arbeit, bei der mehr systematischen Untersuchung geltend machen. Ich enthielt mich indess vor der Hand eines jeden Versuchs, Theorien aufzubauen, welche auf die letzten Ursachen zurückgingen, sondern suchte zunächst auf empirischem Wege die Bedingungen festzustellen, welche für die verschiedenen eigenthümlichen Wahrnehmungen im gemeinschaftlichen Gesichtsfelde geboten sind. Hierdurch, hoffe ich, ist es mir gelungen, eine nicht ganz geringe Zahl von Thatsachen festzustellen, und den Nachweis zu führen, dass viele Wahrnehmungen, die man bisher gewöhnlich auf psychische Thätigkeiten zurückzuführen pflegte, von der reinen Sinnlichkeit, von specifischen Nervenenergien abzuleiten sind. Diese Feststellung neuer Thatsachen, und die Eroberung eines bisher gewöhnlich der Psychologie vindicirten Terrains für die Physiologie, ist das Verdienst, das diese Arbeit beanspruchen möchte. Nachdem ich die Wechselwirkung der verschiedenen Combinationen je zweier Netzhautbilder, bei ihrer Vereinigung im gemeinschaftlichen Gesichtsfelde, kennen gelernt, und ihre Bedingungen ermittelt hatte, stellte ich die gewonnenen Eesultate am Ende jedes der drei Capitel mit den bisher bekannten Thatsachen und Erklärungen zusammen, um den Ueberblick zu erleichtern und um eine einheitliche theoretische Auffassung vorzubereiten. Wohl fühlend, dass eine vollständige einheitliche Theorie, welche auf die letzten Ursachen zurückgeht, als dem Grenzgebiete unseres Wissens angehörig, noch nicht durchgeführt werden kann, und vielleicht niemals wird durchgeführt werden können, hätte ich gern hiermit die Arbeit beschlossen! Wenn ich dennoch im Schlusswort einen Versuch gemacht habe, die Art und Weise, wie die eigenthümlichen Empfindungen des gemeinschaftlichen Gesichtsfeldes zu Stande kommen, näher festzustellen, und zum Theil auf die Anordnung der Nervenelemente zurückzuführen, so bin ich mir dabei sehr wohl bewusst gewesen , dass dieser Erklärungsversuch nur eine Hypothese ist, der ich selbst keinen weiteren Werth beilege, als dass sie dem Gedächtniss und der Auffassung zu Hülfe kommt. In einem ganz kurzen Resume habe ich zuletzt die allerwichtigsten Resultate der Arbeit zusammengefasst.
Die meisten Beobachtungen und Versuche, die hier in Betracht kommen, lassen sich sehr bequem mittelst eines gewöhnlichen, käuflichen Linsenstereoskops anstellen. Da dies Instrument, der schönen stereoskopischen Photographien halber, eine weite Verbreitung, auch ausserhalb des eigentlichen Kreises der Naturforscher, gefunden hat, und daher in Vieler Händen ist, habe ich die Objecte so in den Text eindrucken lassen, dass der Leser nur sein Stereoskop darüber zu stellen braucht, um meine Angaben zu controliren. Bezüglich der Schwierigkeiten, auf die der Eine oder Andere für das Zusammenbringen der Objecte stossen möchte, muss ich auf das in 2ter Abth. Cap. 1. B. Angeführte verweisen. Dass die besprochenen Erscheinungen dies Zusammenbringen mit Notwendigkeit voraussetzen, versteht sich wohl von selbst.
Uebrigens habe ich ein eignes Instrument angefertigt, das für alle hieher gehörigen und für mehrere andere verwandte Versuche geeignet ist. Dasselbe besteht aus zwei inwendig geschwärzten Pappröhren, die, wie bei dem allereinfachsten von Wheatstone angegebenen Instrumente, um senkrechte Achsen drehbar sind. Statt aber den Drehpunkt in die Mitte des Rohrs zu verlegen, habe ich ihn am vorderen Rande angebracht, so dass die Drehung beliebig verändert werden kann, ohne den Abstand der den Augen zugewandten Oeffnungen Von einander zu verändern. Dies ist dadurch bewerkstelligt, dass die Pappröhren in breite messingene Ringe eingeschoben werden, welche, von beweglichen Messingsäulchen getragen, an einem Gestell von gleichem Metall befestigt sind. Die Grösse der Drehung kann mittelst eines Gradbogens mit einem Zeiger näher bestimmt werden. Der Abstand der Mittelpunkte der Röhren kann ferner dadurch verändert und bestimmt werden, dass die mit den Messingringen versehenen Säulchen in horizontaler Richtung verschoben werden können. Nach Bedürfniss können längere oder kürzere Pappröhren in die Messingringe eingeschoben werden, und die Pappröhren können offen bleiben oder es können Oculare mit convexen oder concaven Gläsern in dieselben eingesetzt werden. Vorn kann jede Röhre ferner mittelst eines mit einem Spalt versehenen Deckels verschlossen werden, und bei der Drehung dieser Deckel kann der Convergenzwinkel, den die Spalten beider Deckel mit einander bilden, gemessen werden. Das messingene Gestell, das die Pappröhren trägt, kann an ein kleines Tischchen angeschraubt werden, das, auf einen gewöhnlichen Tisch gestellt, die Pappröhren in eine für den sitzenden Beobachter passende Höhe bringt. Die wagerechte Bewegung der mittelst des Gestelles am Tischchen befestigten Pappröhren ist dadurch gesichert, dass sie sich zwischen zwei horizontalen Brettchen bewegen, deren Entfernung von einander der Dicke der Pappröhren entspricht. — Mittelst dieses Instruments, durch welches man, auch ohne Gläser, mit Leichtigkeit alle hier in Betracht kommenden Versuche anstellen kann, habe ich immer die durch das gewöhnliche Linsenstereoskop gemachten Beobachtungen controlirt.
Bevor ich aber zur Darlegung meiner eigentlichen Untersuchung schritt, stellte ich im ersten Capitel der ersten Abtheilung die Thatsachen, welche bezüglich unseres Gegenstandes schon bekannt waren, mit den für dieselben gelieferten Erklärungsversuchen zusammen. Ich hoffe dadurch den Standpunkt nachgewiesen zu haben, den die meisten Forscher bisher diesen Fragen gegenüber einnahmen. Dies durfte ich um so weniger unterlassen, als der Ausgangspunkt meiner Arbeit, wie gesagt, eine experimentelle Prüfung mehrerer durch diese früheren Untersuchungen begründeten Ansichten war. Ich hatte deshalb anfangs versucht, die Besprechung derselben ganz mit der Darlegung meiner Untersuchung zu verflechten, kam aber von diesem Beginnen zurück, weil ich fand, dass der ohnehin bei einer solchen Arbeit nicht leichte Ueberblick dem Leser dadurch noch bedeutend erschwert werden würde. Im zweiten Capitel der ersten Abtheilung habe ich dann meinen Standpunkt vor der gegenwärtigen Arbeit angegeben, indem ich die Zweifel entwickelte, welche die bis dahin vorliegenden Thatsachen an der Richtigkeit der gegebenen Erklärungen bei mir aufkommen Messen.
1*
Erste Abtheilung.
Erstes Capitel.
Kurze Darstellung der bereits bekannten Erscheinungen und ihrer
Erklärungsversuche.
Ueber die Erscheinungen des Glanzes und über die unter Umständen zu beobachtende Verschmelzung der Farben beim binoculären Sehen, wenn verschiedene Farben den einzelnen Augen dargeboten werden, haben Dove, Brücke, Helmholz, Brewster u. A. schöne Untersuchungen angestellt, deren Resultate, wenn auch noch nicht in allen Punkten zum Abschluss gebracht, doch die Theorie dieses Abschnitts der Lehre vom Sehen sehr wesentlich gefördert haben. Dagegen hat sich auffallender Weise der Einfluss der Verschiedenheit der Contouren beider Netzhautbilder auf die im gemeinschaftlichen Gesichtsfelde wahrnehmbaren Erscheinungen keiner so eingehenden Untersuchung zu erfreuen gehabt. Wenn ich aber ein möglichst kurzes historisches Referat über das Wichtigste, das ich über diesen Gegenstand in der Literatur angezeichnet finde, meinen eignen Versuchen werde vorausgeschickt haben, wird es einigermassen begreiflich erscheinen, wie eine ins Detail gehende Untersuchung, gerade bezüglich der Contouren, welche den Ausgangspunkt für die ganze neuere Lehre vom binoculären Sehen bildete, bisher in so auffallender Weise vernachlässigt werden konnte.
Wheatstone machte in seiner berühmten Arbeit *) bekanntlich zuerst in eindringlicher Weise darauf aufmerksam, dass beim Betrachten eines nahen körperlichen Gegenstandes zwei wesentlich verschiedene Bilder auf den Netzhäuten entworfen werden, und dass wir denselben mit dem linken Auge anders als mit dem rechten, und mit beiden Augen anders als mit einem Auge sehen. Er schloss hieraus, dass zwei verschiedene Zeichnungen für die verschiedenen Projectionen beider Augen nothwendig seien, imi einen Körper ganz so darzustellen, wie wir ihn mit zwei Augen sehen, und dass man dann diese, nach verschiedenen Projectionen gezeichneten Bilder, durch entsprechende Einstellung der Augenachsen vereinigen oder zusammen sehen müsse. Dieser glückliche Gedanke führte ihn zur Construction des Stereoskops und der stereoskopischen Bilder, deren an das Magische grenzende Effect, bezüglich der dritten Dimension des Raumes, der Tiefe, nunmehr einem Jeden bekannt, seine Vermuthung auf das Glänzendste bestätigte. Dass die zwei wesentlich verschiedenen Netzhautbilder beim Sehen mit zwei Augen
*) Ch. Wheatstone aus London: Beiträge zur Physiologie des Gesichtssinnes, in Poggendorff's Annalen 1842. Bd. 51. (Ergänzungsband.) Nach Philos transact. 1838. Bd. IL auf eine höchst eigenthümliche Weise mit einander zu einem einheitlichen körperlichen Bilde verschmelzen, war hierdurch wohl thatsächlich bewiesen. Die Erklärung dieser Thatsachen war aber sehr schwierig, und Wheatstone vermochte sie namentlich nicht mit der schon vor Haller's Zeiten begründeten Theorie von den sogenannten correspondirenden oder identischen Netzhautpunkten zu vereinbaren. Da es ganz einleuchtend war, dass zwei bezüglich ihrer Lage und Form verschiedene Bildobjecte unmöglich gleichzeitig auf identische oder correspondirende Netzhautpunkte fallen können, schloss Wheatstone, dass die Theorie der correspondirenden Netzhautpunkte, mit der Thatsache unvereinbar sei, der zufolge wir die verschiedenen Bilder einheitlich und zwar körperlich sehen, und dass diese Theorie also falsch sein müsse.
Brücke*) suchte gegen diesen Einwurf W h e a t s t o n e's die Theorie von den identischen Stellen der Netzhäute zu retten, indem er die Ansicht entwickelte, dass die Augenachsen, beim Betrachten eines nahen körperlichen Gegenstandes oder eines stereoskopischen Doppelbildes, fortwährend ihre Stellung verändern, und mit einer solchen Geschwindigkeit die verschiedenen, im Körper oder Bilde gegebenen Horopter durchlaufen sollten, dass die Nachbilder mit einander in ähnlicher Weise verschmelzen, wie bei der Betrachtung der stroboskopischen Scheiben. Er wies durch Berechnung nach, dass sehr kleine Augenbewegungen hierzu ausreichen würden, indem die Horopterabstände wachsen, wie die Tangenten der Drehungswinkel, und dass daher diese kleinen Bewegungen leicht rasch genug erfolgen könnten, damit die Nachbilder, die etwa x/6 Secunde dauern, einander ablösen könnten. Hierdurch würde also das einheitliche Erscheinen der Bilder erklärt sein. Die Empfindung der dritten Dimension des Raumes, der Tiefe, könnte dann durch das Muskelgefühl erklärt werden, indem Gegenstände, die wir bei stärker convergirenden Augenachsen fixiren, uns näher erscheinen, als solche, die wir bei schwacher Convergenz der Augenachsen betrachten.
Dass jedoch auf diese Weise das Verschmelzen der beiden Netzhautbilder zu einem körperlichen Bilde nicht genügend erklärt werden kann, schien aus einem Versuche hervorzugehen, durch den Dove**) zeigte, dass das körperliche Sehen durch das Stereoskop auch bei der Beleuchtung durch den elektrischen Funken möglich ist, obgleich diese Beleuchtung nur etwa 0,0000001 Secunde dauert. Die Augenbewegungen , mittelst deren die verschiedenen Horopter des Bildes durchlaufen werden sollten, um das Verschmelzen der Nachbilder zu bewirken, und deren Empfindung die Wahrnehmung des Körperlichen wesentlich mit vermitteln sollte, sind natürlich bei einer, so kurzen Dauer der Beleuchtung unmöglich gemacht.
Da die Lehre von den identischen Stellen der Netzhäute für die Theorie des Einfachsehens ganz unentbehrlich, und durch vielfache Erfahrungen geboten zu sein schien, die von Brücke im Obigen gegebene Erklärung aber ungenügend, und für manche Fälle gar nicht anwendbar war, musste man die Thatsache des einheitlich körperlichen Sehens mit zwei Augen auf andere Weise zu erklären suchen, und zwar so, dass der Widerspruch mit der Lehre von den identischen Stellen der Netzhäute wegfallen würde.
Man hat demnach gemeint, dass Doppelbilder bei der Verschiedenheit der Contouren beider Netzhautbilder freilich unvermeidlich seien, sie seien auch vorhanden, aber wir beachteten sie nur nicht weiter, als dass wir durch das Undeutliche und Nebelhafte derselben in einer unbestimmten Weise afficirt würden, welche die Wahrnehmung der dritten Dimension des
*) E. Brücke: Ueber die stereoskopischen Erscheinungen und Wheatstone's Angriff auf die Lehre von
den identischen Stellen der Netzhäute. J. Müller's Archiv für Anatomie und Physiologie 1841. **) Dove in den Monatsberichten der Berliner Akademie 1841 S. 251.
Raumes, der Tiefe, wesentlich mit begründe. Hierzu könnten folgende Umstände besonders beitragen. Einmal treffen die Doppelbilder meist Theile der Netzhaut, die an sich nicht scharf sehen, indem die Augenachsen sich für die Punkte der Bilder oder Körper einstellen, die wir gerade fixiren. Diese sehen wir daher einfach, mit den correspondirenden Stellen der Netzhautpartien, welche am deutlichsten sehen, während die Doppelbilder mehr seitlich auf Netzhauttheile fallen, die weniger scharf sehen. Dazu kommt noch, dass die Helligkeit und Deutlichkeit der mit zwei identischen Punkten gesehenen Bilder grösser ist, als beim monoculären Sehen, wodurch also die Doppelbilder der nicht fixirten Objecte relativ noch undeutlicher werden. Beim Betrachten eines nahen Körpers richtet sich ferner die Accommodation nach der grösseren oder geringeren Nähe des fixirten Punkts. Beim Fixiren eines nahen Punkts accommodiren sich die Augen für die Nähe und hierdurch müssen die Doppelbilder der entfernteren Bildpunkte, als ausserhalb der Accommodationsebene liegend, undeutlich erscheinen, und umgekehrt. Auch bei der Betrachtung stereoskopischer Bilder würde dies in Anschlag kommen, vorausgesetzt freilich, dass die Accommodation und die seitlichen Augenbewegungen, wodurch die Convergenz verändert wird, mit einander Schritt halten. Endlich ist die Macht der Aufmerksamkeit für den Inhalt des durch die Sinne wirklich Wahrgenommenen so gross, dass Vieles unsere Sinne afficirt, ohne dass es zu unserem Bewusstsein kommt. Unser Gehörorgan wird z. B. von vielen Tönen afficirt, die wir durchaus nicht wahrnehmen oder unterscheiden, wenn die Aufmerksamkeit ihnen nicht zugewandt wird. Mit anderen Gedanken beschäftigt, glauben wir oft Worte nicht gehört zu haben, die wir aber, wenn wir uns besinnen, doch hörten, und auf die wir nachträglich antworten können. Unser Tastorgan wird in Gleichem von unzähligen Eindrücken fortwährend afficirt, z. B. durch die Berührung unserer Kleidungsstücke, die wir empfinden können, aber nicht empfinden. Warum sollte es denn, sagt man, mit dem Sehorgan anders sein? Dass unzählige Doppelbilder beim Sehen mit zwei Augen in der Regel vorhanden sind, die wir gewöhnlich nicht beachten, ist ja eine Thatsache, die ein Jeder selbst bemerken kann, sobald er darauf achtet. Wenn wir mit einem Finger ein fernes Object zu decken suchen, so gelingt uns dieses beim Sehen mit zwei Augen nicht, indem wir entweder den Finger doppelt und undeutlich sehen, wenn der ferne Gegenstand uns deutlich und einfach erscheint, oder umgekehrt, wir sehen den Finger deutlich und einfach, den fernen Gegenstand aber doppelt und undeutlich. Wenn wir nun in der Regel diese Doppelbilder nicht bemerken, so ist das nach dem soeben Angeführten allerdings sehr erklärlich.
Wenn man sich nun endlich überzeugt, dass man auch bei der Betrachtung stereoskopischer Bilder, oft genug Doppelbilder bemerken kann, wenn man sie nur beachtet, so könnte es fast scheinen, dass die Sache hiermit in einer Weise erklärt sei, wobei die Theorie der identischen Punkte noch vollkommen aufrecht erhalten werden könnte. Diese Erklärung kann man mit wenig Worten so fassen: Die Doppelbilder sind bei der binoculären Betrachtung naher körperlicher Gegenstände, sowie stereoskopischer Bilder, wirklich vorhanden, wir beachten sie aber nicht, weil sie sehr schwach sind, im Vergleich mit den fixirten und einfach gesehenen Partien. Mit anderen Worten, das Verschwinden der Doppelbilder wird der psychischen Intention zugeschoben. Die eigentümliche Empfindung des Körperlichen oder Erhabenen oder der Tiefe im Räume, beim Sehen mit zwei Augen, wird dann, bei dieser Auffassung, theils abhängig gemacht von der eigentümlichen , meist unbewussten, und unbestimmt nebelhaften Empfindung der Doppelbilder, theils vom Muskelgefühl oder der Empfindung des Convergenzund Accommodationszustandes unserer Augen ; ganz besonders aber wird sie von der auf psychischen Thätigkeiten beruhenden Erfahrung abgeleitet.
Bezüglich der Empfindung der Tiefe im Räume, womit die Beurtheilung der Nähe und Ferne aufs Innigste zusammenhängt, hat man mit Recht darauf aufmerksam gemacht, dass dieselbe auch beim monoculären Sehen, wenngleich in unvollkommnerer Weise, vorhanden ist. Was hierbei Urtheil, und was rein sinnliche Empfindung ist, lässt sich oftmals schwer trennen und unterscheiden. Für die Beurtheilung der Tiefe im Räume, beim monoculären Sehen, kommen verschiedene Hülfsmittel in Betracht: 1) die perspectivischen Erfahrungen, welche sich durch Vergleichung des Verhältnisses der absoluten, relativen und scheinbaren Grösse ergeben; 2) das verschiedene Verhältniss der Lichtstärke, der Farben und des Schattens bei nahen und fernen Gegenständen, welches wir ebenfalls durch Erfahrung kennen. Ausser diesen Momenten, die den Gemälden ihren körperlichen Effect verleihen, kommt bei wirklichen Körpern noch hinzu, dass wir 3) durch Bewegungen des Kopfes oder Körpers im Stande sind, uns nach einander verschiedene Netzhautbilder vom Gegenstande zu verschaffen, durch deren Vergleichung wir uns ein Urtheil über die Dimension der Tiefe im Gegenstande oder Räume bilden können. Dabei kommt uns für die Beurtheilung der Nähe und Ferne die Erfahrung zu Hülfe, dass nähere Gegenstände ihre Lage zu den ferneren Objecten um so mehr bei diesen Kopfbewegungen zu ändern scheinen, je näher die Objecte uns sind. Ferner kommt 4) die Erfahrung, die wir bezüglich der Empfindung des Accommodationszustandes unseres Auges für einen näheren oder ferneren Punkt gemacht haben, hinzu.
Einige Schwierigkeit bereitete die Erklärung des sogenannten Necker 'sehen Versuchs, dem zufolge man beim monoculären Sehen die einfache Contourzeichnung eines Körpers gleichsam umkehren kann, so dass man in der Zeichnung eines in allen Contouren gleichmässig ausgeführten Würfels nach Belieben die eine oder die andere Seite als die vordere auffassen kann. Dasselbe gilt von dem Versuche mit einer Münze oder Gemme, wobei das Gepräge bei der Betrachtung unter dem Mikroskope Einigen vertieft, Anderen erhaben erscheint. N e c k e r erklärte seinen Versuch durch die Annahme einer Veränderung der Accommodation; je nachdem man die eine Seite vorn oder hinten sähe, sollte man mehr für die Nähe oder mehr für die Ferne aecommodiren. Dies kann aber offenbar nicht angenommen werden, da das ganze Bild in der Ebene des Papiers liegt, und das für einen Punkt desselben aecommodirte Auge auch für die anderen Punkte aecommodirt sein muss *). Wheatstone erklärte diese beiden Versuche durch psychische Thätigkeit, indem die Einbildungskraft, beim Mangel an festen Anhaltspunkten für das Urtheil, durchgreife. Brewster meinte, das Urtheil werde durch die Umkehrung von Licht und Schatten bei der Umkehrung des Bildes durch das Mikroskop irregeleitet, indem man irrthümlich das Bewusstsein von der Seite zu haben meine, woher das Licht komme. Brücke erklärte die Erscheinung durch die Annahme, dass die jedesmal fixirte Stelle der körperlichen Contourzeichnung vorn gesehen werde, weil diese Stelle, als auf den Ort des deutlichsten Sehens fallend, am lebhaftesten empfunden werde. Dass jedoch die Einbildungskraft hierbei eine Hauptrolle spielt, scheint schon daraus hervorzugehen, dass man, nachdem man die Figur in einer bestimmten Weise aufgefasst hat, den Fixationspunkt sehr Avohl verändern, und doch die Figur in derselben Weise, durch die geistige Auffassung, festhalten kann. Dass der Punkt, den man anhaltend fixirt, am leichtesten vorn erscheint, ist freilich richtig, besonders wenn die Contouren sämmtlich gleich stark sind. Wenn man aber die eine oder die andere Contour, die sonst beliebig vorn oder hinten
*) Hierbei ist von der verschiedenen Accommodation für senkrechte und horizontale Linien abgesehen, da diese hier nicht in Betracht kommt.
erscheinen kann, stärker macht, so tritt sie immer in den Vordergrund, und kann durch Fixiren und Phantasie nur schwierig, oder gar nicht, nach hinten verlegt werden. Unter Anderen hat Cr am er hierauf besonders aufmerksam gemacht. Dies widerspricht jedoch durchaus nicht der durch das oben angeführte Verhalten begründeten Annahme, dass die Wahrnehmung hauptsächlich in der Phantasie oder geistigen Anschauung begründet ist, wobei Urtheil und Erfahrung mit eingreifen, indem sie die, durch Licht und Schatten, sowie durch Lichtstärke bestimmten Eindrücke verwerthen.
Indem man also versuchte, die eigenthümliche Empfindung der dritten Dimension des Raumes, der Tiefe, beim Sehen mit einem sowohl, als mit beiden Augen, auf ihre ursächlichen Verhältnisse zurückzuführen, stiess man in letzter Instanz 'immer auf psychische Thätigkeiten: Aufmerksamkeit oder psychische Intention, Phantasie und Urtheil, in Verbindung mit der Erfahrung, die ja wiederum eine besondere geistige Thätigkeit, das Gedächtniss, voraussetzt.
Von Einigen wurde freilich der specifischen Empfindung der Accommodationszustände, sowohl beim monoculären, als beim binoculären Sehen, und überdies der specifischen Empfindung der Convergenzzustände der Augen, mit einem Wort dem Muskelgefühl, einiger Antheil an der Perception der Tiefe im Räume zugeschrieben, und der unbestimmten, nebelhaften, meist unbewussten Empfindung der Doppelbilder wurde ebenfalls ein Antheil am Effect bei dieser Perception eingeräumt, wesentlich schien aber der Vorgang ein geistiger oder psychischer zu sein, und das, was uns als Empfindung der Tiefe des Raumes erscheint, würde insofern nicht diese Benennung verdienen, als es sich hiernach nicht sowohl um eine specifische Art der Sinnesempfindung, als um eine psychische Empfindung zu handeln scheint.
Dies Resultat, zu welchem die bisherigen Untersuchungen zu führen schienen, dürfte den Grund enthalten, warum man bisher die Art und Weise, wie die eigenthümliche Empfindung der Tiefe im gemeinschaftlichen Gesichtsfelde durch die Verschiedenheit der Contouren beider Netzhautbilder bedingt wird, nicht einer eingehenden, gleichsam analysirenden Untersuchung unterworfen hat. Man könnte von einer solchen Untersuchung nämlich offenbar nur dann ein Resultat erwarten, wenn diese eigenthümliche Empfindung der Tiefe im Räume wesentlich ein reiner Sinnesact, eine specifische Qualität der sinnlichen Empfindung beim Sehen sei, und wenn es möglich wäre, das rein sinnliche Moment, unabhängig von den Einflüssen der psychischen Thätigkeiten und Fähigkeiten, zu untersuchen. Da aber, bei der gangbaren Auflassung, das Eine nicht annehmbar, und das Zweite nicht wohl möglich schien, beruhigte man sich bei den bequemen und elastischen psychischen Erklärungen.
Bezüglich der Ausfüllung des gemeinschaftlichen Gesichtsfeldes durch den mehr oder weniger verschiedenen Inhalt der beiden Netzhautbilder nach der Flächenausbreitung, ohne Rücksicht"1 auf die Tiefe, hat man sich, abgesehen von der Erscheinung des Glanzes, und der unter Umständen zu beobachtenden Verschmelzung der Farben, noch weniger in eingehender Weise beschäftigt. Es hegen bisher nur einzelne hieher gehörige Fälle vor, die zum Gegenstand der Besprechung gemacht wurden.
Hieher gehört die von Wheatstone, als, seiner Meinung nach, gegen die Theorie der identischen Netzhautstellen besonders beweisend, hervorgehobene Thatsache, dass man zwei Kreise von etwas ungleicher Grösse, wenn man sie beim binoculären Sehen im gemeinschaftlichen Gesichtsfelde zur Deckung zu bringen sucht, wirklich ganz einfach sieht, als ob sie einander vollständig auf identischen Netzhautpunkten deckten. Wheatstone versuchte keine Erklärung dieser Thatsache, Brücke hingegen versuchte sie durch Annahme einer ungleichen Accommodation beider Augen zu erklären, wobei zugleich ihre Bedeutung als Einwurf gegen die Lehre von den identischen Punkten beseitigt sein würde. Man könnte gegen diese Erklärung zunächst den Einwurf machen, dass das Sammelbild ganz scharf in seinen einfachen Contouren erscheint, vorausgesetzt, dass der Grössenunterschiecl der Kreise nicht zu gross ist. Diesem Einwurf könnte man dann freilich dadurch begegnen, dass man annähme, der Abstand der Knotenpunkte des Auges ändere sich zugleich bei dieser Accommodation in der Weise, dass die Retinabilder des grösseren und des kleineren Kreises, unbeschadet der Deutlichkeit, in Wirklichkeit gleich gross würden. Diese Erklärung trifft aber bei complicirten Bildern nicht zu, denn eine relative Verkleinerung des einen, oder eine relative Vergrösserung des anderen Netzhautbildes, ist natürlich nur für das ganze Bild denkbar. Diese Erklärung der in Rede stehenden Thatsache scheint also nicht haltbar zu sein, und sonnt steht dieselbe vorläufig unerklärt da.
Ausserdem hat Wheatstone noch einen anderen hi eher gehörigen Versuch mitgetheilt. Wenn man nämlich in zwei gleich grossen Kreisen zwei verschiedene Buchstaben, z. B. A und B, durch das Stereoskop im gemeinschaftlichen Gesichtsfelde zur Deckung bringt, so erscheint der Kreis unveränderlich, die Buchstaben aber treten abwechselnd hervor, indem der zuerst gesehene Buchstabe in mehrere Stücke zu zerbrechen scheint, mit denen sich Stücke des anderen vermischen, bis dieser endlich ganz hervortritt, um nach einiger Zeit in gleicher Weise vom anderen abgelöst zu werden. Eine bestimmte Erklärung dieser Erscheinung giebt Wheatstone nicht, er scheint aber, nach der Weise wie er bei dieser Gelegenheit einen von du Tour angegebenen Versuch anzieht und bespricht, eine psychische Erklärung im Sinne zu haben. Indem nämlich du Tour jedem Auge eine andere Farbe darbot, fand er, dass diese abwechselnd hervortreten, und gründete hierauf seine Behauptung, man könne wohl bisweilen zugleich mit zwei Augen, aber niemals mit zwei correspondirenden Netzhautpunkten gleichzeitig sehen. Wheatstone theilt nun diese Meinung, dass die Farben immer abwechselnd gesehen werden, und schreibt es einer vorgefassten Meinung zu, wenn Andere, z.B. Reid, Janin und Haldat, die Mischfarbe bei diesem Versuche gesehen zu haben angeben.
Die späteren Untersuchungen haben bekanntlich über die Wechselwirkung verschiedener, den Augen beim binoculären Sehen dargebotener Farben, viel Neues gebracht. Das für unsere Fragen Wichtigste, das in dieser Angelegenheit vorliegt, glaube ich liier anziehen zu müssen, weil eine gewisse Analogie der Erscheinungen bei dem in Rede stehenden Versuche mit den Erscheinungen des Glanzes, und noch mehr mit den Erscheinungen des alternirenden Farbensehens, wohl nicht in Abrede gestellt werden kann.
Nachdem Haldat 's, Reid's und Jan in 's Angaben, dass unter den angegebenen Verhältnissen eine Mischfarbe im gemeinschaftlichen Gesichtsfelde auftrete, fast von allen Physiologen in Abrede gestellt war, indem sie nur ein Abwechseln der Farben gesehen hatten, zeigte D o v e *) zuerst, dass bei Anwendung der durch den Polarisationsapparat erzeugten Farben wirklich die Mischfarbe im gemeinschaftlichen Gesichtsfelde auftritt. Alle Personen, die beide Augen gebrauchen, sehen hier Weiss, wenn dem einen Auge die eine, und dem anderen die andere zweier complementären Farben dargeboten wird. Regnault-Foucault, Seebeck und viele Andere haben diese, nunmehr über allen Zweifel erhabene Thatsache constatirt. Dass bei Anwendung verschieden gefärbter Gläser in der Regel Abwechseln der Farben, statt
*) Dove in den Monatsberichten der Berliner Akademie der Wissenschaften 1841 S. 251 u. folgende.
l'anum, Physiologische Untersuchungen etc. 2 der Farbenmischung beobachtet wird, erklärte Do ve später*) durch die in diesem Falle zu verschiedene Elongation der Schwingungen der Lichtwellen. Das subjective Verschmelzen der Polarisationsfarben stellte er aber den Tartinischen Tönen an die Seite, welche durch verschieden gestimmte Stimmgabeln hervorgebracht werden, von denen eine vor dem linken, die andere vor dem rechten Ohre gehalten wird. Brücke**) wies ferner nach, dass die Farbenmischung, bei passender Wahl der Farben, auch beim binoculären Sehen durch verschieden gefärbte Gläser wirklich eintritt, wie es schon Haldat 1806 angab. Namentlich trat eine Verschmelzung von Blau und Gelb zum Grau der London-smoke Brillen ein. Bei Anwendung von Pigmentfarben sah auch Ludwig die Mischfarben beim binoculären Sehen. Von vielen anderen älteren und neueren Verfassern, z. B. Funke, wurden dieselben aber geleugnet.
Mit einer solchen subjectiven Farbenmischung scheint der in Rede stehende Wh eat st one'sche Versuch mit den Buchstaben nun freilich nicht viel gemein zu haben, dagegen ist die Analogie mit dem Alterniren der Farben nicht zu verkennen. Man hat daher die Theorie des sogenannten Wetteiferns der Sehfelder, der zufolge das Centralorgan des Sehens abwechselnd für die eine und andere Farbe unempfindlich werden sollte, auch auf diesen Versuch in Anwendung gebracht. Man hat auch wohl von einer abwechselnden Erlahmung der einen und der anderen Netzhaut für die eine oder andere der verschiedenartigen Empfindungen gesprochen. Wiederum Andere, z. B. Funke, haben die Erscheinung durch ein abwechselndes „Spiel der Aufmerksamkeit" erklärt. Brücke***) endlich hat auch diesen Wheatstone'schen Versuch auf eine besondere Weise zu erklären gesucht, indem erden Wechsel von einem unwillkürlichen Bestreben, die Doppelbilder als einen nicht homogenen Reiz zu vermeiden, ableitete. Diese Erklärung scheint Beifall gefunden zu haben, indem die sogenannte „Scheu vor Doppelbildern" eine jetzt sehr gewöhnliche Redensart geworden ist.
Endlich gehören hieher noch einige von Hermann Meyer f) mitgetheilte Beobachtungen.
Sieht man mit einem Auge durch eine offene Röhre gegen den klaren Himmel, gegen die Milchglaskuppel einer Studirlampe, oder gegen hell beleuchtetes, weisses Papier, und mit dem anderen Auge auf einen gleichen Grund durch eine eben solche Röhre, die aber vorn bis auf eine ldeine Oeffnung geschlossen ist, und stellt die Röhren so, dass die Gesichtsfelder beider Augen einander decken, so sieht man im gemeinschaftlichen Gesichtsfelde einen hellen Fleck, der dem kleinen Loche entspricht, unmittelbar umgeben von einem tief gesättigten, dunklen Rande, welcher, gegen die Peripherie des Gesichtsfeldes hin, allmälig in Halbschatten übergeht. Brücke besprach diesen Versuch in der Wiener Akademie ff ), und fand, dass derselbe einen neuen Beweis für den Antheil, den das Centralorgan des Sehens, im Gehirn selbst, am Sehen habe, enthielte. Brücke erklärte die Erscheinung auf folgende Weise: Durch die örtliche Bestrahlung der Netzhaut des Auges, welches durch die gedeckte Röhre sieht, wird der
*) Dove in den Monatsberichten der Berliner Akademie der Wissenschaften 1850. **) Brücke in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie 1853. ***) J. Müller's Archiv 1841. f) Ueber den Einfluss der Aufmerksamkeit auf die Bildung des Gesichtsfeldes überhaupt und des gemeinschaftlichen Gesichtsfeldes beider Augen im Besondern. Archiv für Ophthalmologie, herausgegeben von Arlt, Donders und Gräfe. 2ter Bd. 2te Abthlg. Berlin 1856. S. 77. tt) Sitzungsberichte der Wiener Akademie 1851. Bd. 7. S. 455.
Bezirk des Centralorgans, zu welchem die, durch jene Bestrahlung bedingte Erregung zunächst fortgeleitet wird, in seiner nächsten Umgebung so verändert, dass diese weniger disponirt ist, zur Empfindung des Leuchtenden erregt zu werden, als die davon entfernt liegenden Punkte ; deshalb empfinden auch diese die Erregung, welche von dem anderen Auge her zugeleitet wird, stärker, und dadurch entsteht beim binoculären Sehen der dunkle Hof auf hellem Felde,
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The end
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