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Die Heilpaedagogik mit besonderer Berücksichtigung der Idiotie und der Idiotenanstalten

Jan Daniel Georgens · 1861 · Scanned text · Free in the US

110,571 words · about 7 h 45 min to read

Period artwork: Interior of the Bodleian Library, 1845
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About this book

Author
Jan Daniel Georgens
Language
German
Published
1861
Length
110,571 words · about 7 h 45 min
Sections
3 reader sections
Text
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Rights
Public domain in the United States · PD-US by publication date

 

Contents (3)
  1. Front matter under 1 min
  2. Vorwort about 5 min
  3. Inhalt about 7 h 39 min

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Front matter

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Vorwort

Die Vorträge, welche wir hiermit dem Publicum darbieten und von denen nebenbei bemerkt sein mag, dass sie in dem Hörsaale der k. k. Akademie der Wissenschaften zu Wien in den Monaten Mai und Juni des vergangenen Sommers gehalten wurden, erörtern Fragen und Aufgaben, die nach unserer Ansicht für die gegenwärtige, d. h. in der Gegenwart nothwendig gewordene Culturgestaltung sehr wesentlich sind, von einem bestimmten Standpuncte.

Der praktische Boden, auf dem wir stehen und das nächste Interesse, das wir vertreten, sind der Boden und das Interesse der Heilpädagogik, die als ein Ganzes aufzufassen und darzustellen eine durch unsere specielle Praxis — die Idiotenerziehung — uns nahe gelegte theoretische Aufgabe war. Indem wir aber den Zusammenhang der heilpädagogischen Bestrebungen, der an sich besteht und daher verwirklicht werden muss, herauszustellen hatten, konnten wir unmöglich von dem Verhältniss der heilpädagogischen Praxis zu den Wohlthätigkeitsbestrebungen überhaupt auf der einen , von ihrem Verhältniss zu der allgemeinen oder normalen Erziehung auf der andern Seite absehen. Wir konnten und wollten es nicht,

YX VORWORT.

weil nach unserer Überzeugung die heilpädagogischen Leistungen isolirte und durch diese Isolirtheit verschwindende bleiben, so lange ihre gemeinsame Beziehung zu der organisirten Wohlthätigkeit und zu der Volksschule den Heilpädagogen nicht zum Bewusstsein und zu praktischer, wie zu theoretischer Geltung gekommen ist, weil ferner, was damit zusammenhängt, die eigentliche Bedeutung der Heilpädagogik nicht in ihren nächsten Erfolgen bei den heil- und besserungsbedürftigen Individuen, sondern in der Vorarbeit liegt, die sie der pädagogischen Reform und dem systematischen Kampfe gegen bedrohliche Gesellschaftsübel zu leisten vermag und leisten muss.

Aus dem Gesagten und daraus, dass wir zu unsern Erörterungen die Form des Vortrags gewählt haben, geht hervor, dass wir als „Leser" keineswegs blos die Fachleute, d. h. diejenigen, welche die Heilpädagogik üben, und diejenigen, an deren Fachgebiet sie vermittelnd angrenzt, die Ärzte, Pädagogen und Seelsorger im Auge haben, sondern, indem wir an den Wohlthätigkeitssinn, an den Patriotismus, an den Gedanken, den die socialen Zustände und Fragen ernst beschäftigen, appelliren, ein allgemeines Interesse für die heilpädagogischen und die Nothanstalten hervorrufen , damit aber die sociale Gesinnung kräftigen und ihr eine bestimmte Richtung geben möchten. Dass das Vermögen an den Willen selten hinanreicht, braucht uns nicht gesagt zu werden, aber Jeder hat das zu thun, was an ihm ist, und wir glauben, indem wir unsrerseits und von unserem Standpunkte aus die Notwendigkeit der socialen Reform geltend machen und ihre Aufgaben umzeichnen, eine Pflicht zu erfüllen. Wir wollen förderlich anregen und erwarten daher wie den Widerspruch, so das Hervortreten ergänzender Ansichten. Aufzuregen, d. h.

VMKUnkl VII

herrschenden Meinungen und \ rorurtheilen , so wie der Selbstgefälligkeit lind »lern Egoismus VOIl Personen und (lassen hart zu begegnen, ist nicht unsere Absicht gewesen, aber wer anregen will, kann es nicht Immer vermeiden, unangenehm

ZU werden.

Was die Arzte und Pädagogen insbesondere anbetrifft, so verlängt die praktische Heilpädagogik ihr Zusammenwirken und ihre Verständigung; wir sind aber der Ansieht, dass diese Verständigung wie jenes Zusammenwirken über den nächsten heilpädagogischen Zweck weit hinausgreifen kann und muss, dass es vor allen Dingen noth wendig ist, um die anthropologische Wissenschaft an sich und für die praktische Verwerthung durchzubilden und dass diese Verwerthung als sociale Aufgabe begriffen werden muss. Wir haben daher die Gesichtspuncte, welche uns zur Verknüpfung des ärztlichen und pädagogischen Interesses wesentlich erscheinen, hervorzuheben gesucht, wobei wir uns wohl bewusst waren und sind, in dieser Beziehung bei einem grossen Theile der Ärzte und Pädagogen nicht nur der Apathie, sondern auch der Antipathie zu begegnen. Indessen darf es uns zur Ermuthigung dienen, dass sich wenigstens hier und da auf pädagogischer Seite das Streben zeigt, für die Pädagogik eine anthropologische Basis zu gewinnen — die eine andere ist als die enge und sterile der in pädagogischen Kreisen populären Psychologie — und die Gesundheitsfrage ernster anzufassen als es bis jetzt geschehen, während sich erst neuerlich wieder anerkannte ärztliche Stimmen für eine positivere Auffassung des ärztlichen Berufes und die Notwendigkeit umfassender medicinisch-prophylaktischer Maassnahmen ausgesprochen haben — eine Notwendigkeit, die an sich auf die Leistungen organisirter Wohlthätigkeit und auf die gesundheitsgemässe Gestaltung des

VIII VORWORT.

Erziehungswesens hinweist. — Es giebt aber auch Arzte, wie Dr. Schreber, welche mit uns schon längst auf dem gleichen Boden des Strebens und Wirkens stehen und uns wesentlich vorgearbeitet haben, indem sie, vom Heilzwecke und der heilenden Thätigkeitsregelung ausgehend, pädagogische Interessen warm vertreten und entschieden geltend machen. Sie und die Geltung, welche sie sich verschafft haben, geben uns die unmittelbarste Bürgschaft, dass unser Verlangen nach einem ergiebigen Zusammengreifen der medicinischen und pädagogischen Theorie und Praxis mehr als ein frommer Wunsch ist. Den positiven Beitrag, den wir in den vorliegenden Vorträgen zur Förderung der anthropologischen Wissenschaft gegeben haben, schlagen wir nicht sehr hoch an, und können es um so weniger, als uns nach dieser Seite die weitere, begründende und zusammenfassende Ausführung versagt war, glauben aber den Zusammenhang, in welchem der Fortschritt des anthropologischen Wissens mit den dringendsten wie mit den höchsten Aufgaben der Praxis steht, nicht blos oberflächlich angedeutet und nicht belanglose Gesichtspuncte für die Forschung und Verständigung auf dem anthropologischen Gebiete eröffnet zuhaben. Hierbei sei ausgesprochen, dass wir die Beiträge, welche ausser den Gemeindeverwaltungen diejenigen Seelsorger, die sich in der That um die Einzelnen und ihr „Heil bekümmern", zur Erweiterung des anthropologischen Wissens — wie zur Kenntniss der Gesellschaftszustände — liefern könnten, nicht gering anschlagen, und es für einen sehr erfreulichen Fortschritt halten würden, wenn sie sich, die den meisten noch eigene theologische Abgeschlossenheit aufgebend, zur Theilnahme an der wissenschaftlichen Arbeit grade nach dieser Seite entschliessen wollten. Im Allgemeinen bleibt zu betonen, dass die „Anthropologie" nicht das Product einer abgesperrten und dadurch

einseitigen Wissenschaft sein kann, und dass selbsl die Physiologie, obgleich die betreffenden „Fachmänner" diejenigen sind und bleiben, welche auf dem Wege des exact- wissenschaftlichen Experiments zu ihren Resultaten gelangen, sofern wir die Notwendigkeit der wissenschaftlichen Arbeitstheilung annehmen, einer ergänzenden Beihülfe, und zwar von Seiten Solcher, die zur systematischen Beobachtung der Lebenserscheinungen und Kraftäusserungen berufen sind, ohne auf die naturwissenschaftliche Analyse eingehen zu wollen und zu dürfen , unzweifelhaft bedarf. Die Grenzen, welche das exaetwissenschaftliche Experiment an sich hat, werden auch je länger je mehr von Fachmännern, und zwar — wie erst neuerdings — von solchen, die einen ausgezeichneten Ruf besitzen, anerkannt.

Der zweite Cyclus der Vorträge wird sich mit dem Idiotismus und den Idioten an st alten besonders beschäftigen und insbesondere auch auf die Heil- und Erziehungsmittel eingehen, durchgehends aber alle übrigen Zweige der Heilpädagogik sowie die Nothanstalten und Nothveranstaltungen berücksichtigen. Vieles was im ersten Cyclus nur berührt oder vorläufig besprochen ist, werden wir im zweiten Cyclus näher auszuführen Gelegenheit haben und dabei auf kritische Gegenäusserungen, die uns bis zum Erscheinen des zweiten Bandes begegnen und beachtenswerth erscheinen, gebührende Rücksicht nehmen.

Wien, Weihnachten 1860.

Dr. Georgens. Heinrich Deinhardt.

Zweiter Vortrag.

1. Die herrschenden Vorstellungen und Begriffe der Normalität und Ab-

normität und ihre Bedingtheit. — Der Schönheits- und Sittlichkeitsbegriff. — Die gesellschaftliche Tendenz, das Abnorme zu beseitigen und auszuschliessen. — Die Klassen der Ausgeschiedenen und Ausgestossenen. — Das Ausstossen als Gegenmittel gegen endemische Übel. — Das Ausstossen und Aufgeben der Kinder. — Der Kindermord und die Malthusianer. — Die im Hause aufgegebenen und ausgeschlossenen Kinder. — Das Ausweisen und Ausstossen aus der Schule. — Die Typen der aufgegebenen und ausgestossenen Kinder

2. Die Ähnlichkeit und Unähnlichkeit der Individuen. — Der Unterschied

innerhalb der Formalität als verschiedene Summe von Abweichungen. — Die Bestimmtheitssphären und ihr Verhältniss zu einander, ihre Abhängigkeit und Unabhängigkeit. — Die falsche Charakteristik der Bestimmtheitssphären ; die Vermischung der Entartungszüge und der nor-

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