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Einleitung in die Philosophie und Grundriß der Metaphysik: Zur Reform der Philosophie

Jakob Frohschammer · 1858 · Scanned text

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Author
Jakob Frohschammer
Language
German
Published
1858
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Contents (5)

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Inhalt

Vorrede Einleitung.

Erſter Abſchnitt.

Ueber die Aufgabe und den Begriff der Philoſophie I. Allgemeine Aufgabe der Philoſophie und die verſchie⸗ denen ihr geſtellten Aufgaben. 5 7 II. Die wahre Aufgabe der Philoſophie III. Die Fundamentalaufgabe der Philoſophie

Zweiter Abſchnitt.

Die Gründung der Metaphysik oder Fundamentalphiloſophie . 1. Berechtigung und Nothwendigkeit der Metaphyſik II. Die naturaliſtiſch⸗ rationale (objective) Metaphyſik III. Die aprioriſch⸗idealiſtiſche und pſychologiſche (ſubjeetive) Metaphyſik. 0 8 2 5 A . 8 IV. Die wahre, hiſtoriſch⸗pſychologiſche (ſubjeetiv⸗ objec⸗ tive) Metaphyſik. 85 8 8 5 ;

Dritter Abſchnitt.

Princip und Methode der Philofophie .

I. Begriff eines wiſſenſchaftlichen Princips II. Verſchiedene unrichtige Principien der Philoſophie III. Das wahre Princip der Philoſophie, insbeſondere der Metaphyſik l I: S IV. Bedeutung und methodiſche Anwendung des philoſo⸗ phiſchen Princips.

Seite

III — X 1— 8

II Inhalt.

Vierter Abſchnitt.

Chriſtliche Philoſophie. Philoſophie und Theologie. Philoſophie und Auctorität . = E 0 . 3 5

I. Chriſtliche Philoſophie . 4 8 0 1

II. Philoſophie und Theologie. „ 0

III. Philoſophie und Auctorität . 8 6

Fünfter Abſchnitt.

Grundriß der Metaphyſik . £ 5 1 0 5

Erſter Theil.

Einleitung f 9 5 5 8 . .

I. Urſprung und Weſen des Gottesbewußtſeyns 8 II. Hiſtoriſcher Proceß des Gottesbewußtſeyns .

Zweiter Theil.

Einleitung. 2 5 . . . . . ö x I. Theologie „ b - IE ue 16 II. Kosmologie. 5 8 . . . . .

Dritter Theil.

Ethik En ERDE een

Berichtigungen.

Seite 5 Zeile 14 das erſte „ſich“ zu tilgen. 15 22 „ 15 „ſubjectiv“ ſtatt „ſubectiv“. „ 13 letzte Zeile unten 6) nach „iſt“ zu ſetzen ftatt nach „nicht“. „ 206 Zeile 12 von unten nach „Evidenz“ ein () zu ſetzen. „ 251 „ 2 von oben „der Objectivität ſtatt „Objectivität“. „ 273 „ 2 von unten das ()) nach „ſelbſt“ zu tilgen. „ 283 „ 7 von unten „erkennenden“ ftatt „erkennende“.

„ 294 „ 18 von oben „die höchfte Weisheit“ zu leſen ſtatt „der höchften Weisheit“

„ 339 „ 413 von oben „Apereüs“ ſtatt „Apercü's“. „ 416 „ 2 von unten „werden“ ſtatt „wer-“. „ 432 „ 9 von unten „pſychiſche“ ſtatt „pſychiſcher“.

Vorrede.

Das Beſtreben, auf die Frage, was die Philo— ſophie eigentlich ſey und was ſie wolle, eine ganz be— ſtimmte, klare Antwort zu geben, hat den Verfaſſer zu Unterſuchungen veranlaßt, als deren Reſultat das vor— liegende Werk erſcheint. Mit jener erſten Frage ver— band ſich naturgemäß die zweite, auf welche Weiſe die wahre Aufgabe der Philoſophie zu löſen ſey, und dieſe führte zur Unterſuchung über das Prineip und die Methode der Philoſophie. Und nach dieſem war es ge— rathen, auch über Werth und Bedeutung der Philo— ſophie und über ihr Verhaͤltniß zum religiöſen Glauben und Chriſtenthum möglichſt klar ſich zu orientiren. So entſtand aus dem Streben nach einem klaren Begriff von „Philoſophie“ eine Unterſuchung über die eigent— lichen (methodologiſchen) Prineipienfragen derſelben, welche ſich zu einer Einleitung in die Philoſophie geſtaltete.

IV Vorrede.

Unabhängig von jedem philoſophiſchen Syſtem ward die Unterſuchung begonnen. Alsbald zeigte ſich, daß Be⸗ griff und Aufgabe der Philoſophie beſtimmter, als bisher üblich war, gefaßt und abgegränzt werden müſſe, wenn man mit dem Namen Philoſophie eine beſtimmte, von den übrigen Wiſſenſchaften verſchiedene, ſich ſelbſt klare und ihrem Namen entſprechende Wiſſenſchaft be— zeichnen wolle. Die klare Feſtſtellung der Aufgabe, und insbeſondere der Fundamentalaufgabe der Philoſophie, ermöglichte auch eine beſtimmtere Faſſung des Prin— eips und der Methode derſelben. Und indem in dieſer Beziehung die übliche Unbeſtimmtheit überwunden, das große Gebiet der formalen Wiſſenſchaft von der Philo— ſophie ausgeſchieden, die Fundamentalphiloſophie als Metaphyſik gefaßt, und dieſe auf das Daſeyn und die Be— ſchaffenheit des hiſtoriſchen Gottesbewußtſeyns, nicht mehr bloß auf das Daſeyn der Natur und ihrer Formen ge— gründet, oder als leeres Formelwerk aus ſogenanntem reinem Denken geſponnen wurde — glaube ich einige Berechtigung zu haben, dieß Werk als einen Verſuch „zur Reform der Philoſophie“ zu bezeichnen. 5

Der Begriff Reform ſchließt es ſchon in ſich, daß dabei die bisherigen Leiſtungen in der Philoſophie nicht ohne weiters verworfen, ſondern daß gute und berech— tigte Elemente in denſelben anerkannt und zur Weiter— bildung verwerthet werden ſollen, ſo daß die hiſtoriſche Continuität keineswegs geradezu abgebrochen wird. Wir verſuchen es erſtlich, den objeetiven Standpunkt der alten

Vorrede. V und mittelalterlichen Philoſophie mit dem vorherrſchend fubjectiven der neueren zu verbinden, und möchten dann auch den berechtigten Momenten in den verſchiedenen Formen der neueren Philoſophie, im Dogmatismus und Kritieismus, ſowie auch im Empirismus und Idealismus anerkennende Rechnung tragen, und ſie zur Geltung bringen.

Wie ſchon in der Einleitung bemerkt iſt, mußte hiebei auch der ſcholaſtiſchen Philoſophie beſondere Auf— merkſamkeit gewidmet werden, theils deßwegen, damit ihr Verhältniß zur neueren Philoſophie zum klareren Bewußtſeyn kommt als es bisher der Fall war, theils weil ſie gerade in neuerer Zeit wieder zur Geltung ge— bracht, und ihre Wiederherſtellung als wahre Reform der Philoſophie geprieſen wird.

Daß unſere Auffaſſung der Philoſophie ohne Wider— ſpruch bleibe, dürfen wir nicht erwarten; vielmehr dürfte wohl von zwei Seiten zugleich derſelbe ſich erheben, — ſowohl von Seite der ſcholaſtiſchen und objectiv-rationa— liſtiſchen Philoſophie nämlich, als auch von Seite der modernen idealiſtiſchen und ſubjeetiv-rationaliſtiſchen. Werden Gründe unſeren Gründen gegenüber geſtellt, jo ſoll uns auch der Widerſpruch willkommen ſeyn, obwohl ſelbſtverſtändlich die Beiſtimmung uns willkom— mener iſt. Wer mit uns die Ueberzeugung zu gewinnen vermag, daß der Geiſt der höheren Weltanſchauung und Wahrheit im geſchichtlichen Bewußtſeyn der Menfchheit eigentlich lebt oder wohnt, die Natur dagegen nur

VI Vorrede.

den Buchſtaben oder Leib dazu geben kann — der wird ſie uns ſchwerlich verſagen.

Was die ſcholaſtiſche Philoſophie betrifft, ſo iſt in den folgenden Unterſuchungen unſere Stellung zu ihr wohl genugſam dargelegt und begründet. Wenn wir einerſeits keineswegs die Geringſchätzung und Verken— nung theilen, welche die neuere Philoſophie großentheils gegen ſie beurkundet, und vielmehr nach Kräften be— müht ſind, zu ihrer Kenntniß und Anerkennung beizu— tragen, jo vermögen wir andererſeits auch denen nicht beizuſtimmen, welche von ihr alles Heil für die Philo— ſophie erwarten, ſie in Bauſch und Bogen wieder her— ſtellen wollen. Dieß gilt von der Scholaſtik überhaupt, und von Thomas von Aquin insbeſondere. Wir müſſen die Zumuthung, auf ihn zu ſchwören, als unberechtigt zurückweiſen, und können es auch nicht dulden — weder im Intereſſe der Wiſſenſchaft, noch in dem des großen Scholaſtikers ſelbſt — daß man ihn uns wie einen Wauwau hinſtelle, der uns von allem ſelbſtſtändigen Denken und Forſchen zurückſchrecken ſoll, und daß man deſſen Anſichten zum Vorwand jeder unwiſſenſchaftlichen Gehäſſigkeit und Verdächtigung benütze. Wollen wir bei chriſtlichen Forſchern Anknüpfungspunkte ſuchen für philoſophiſche Reform und Fortſchritt, ſo haben auch Andere, z. B. Anſelm von Canterbury und Auguſtinus, nicht minder ein Recht auf unfere Beachtung und Anerkennung, als Thomas von Aquin. Und was insbeſon— dere unſern Verſuch einer hiſtoriſch- rationalen Metaphyſik

Vorrede. VII betrifft, ſo dürfte derjenige ſicher ihn als vollkommen berechtigt anerkennen müſſen, dem es wünſchenswerth erſcheint, daß das Beſtreben, das ſich in des Auguſtinus de Civitate Dei kund gibt, mit dem verbunden werde, aus welchem die Summa des Thomas von Aquin hervorgegangen iſt. Um ſo mehr dürfte ſolch ein Verſuch berechtigt und erwünſcht ſeyn, wenn es gelingen ſollte, auch dem Richtigen im Grundbeſtreben des Carteſius und Kant dabei Geltung zu wahren.

Denn auch der neueren Philoſophie dürfen wir, wie ſchon bemerkt, Berechtigung und Erfolge nicht in jedem Sinne abſprechen, und wir verſagen daher die Anerkennung mehr oder weniger verdienſtlichen Strebens Kant, Fichte, Hegel, Schelling, Herbart und Baader keines— wegs. Insbeſondere aber wollen wir die Verdienſte und das Recht auf Dank denen nicht ſchmälern, die in den letzten Jahrzehnten bis auf die Gegenwart, trotz der Ungunſt der Zeit und unter dem Druck der Verkennung und Mißachtung philoſophiſcher Forſchungen, des heiligen Feuers am Herde der Philoſophie gewartet, und die philoſophiſche Continuität erhalten haben — wir meinen A. Günther, J. H. Fichte, Trendelenburg, H. Ritter, H. Ulriei, Chalybäus, Erdmann, Fr. Hoffmann u. A.

Das aber ſteht uns feſt, daß die Art und Weiſe der Philoſophie, die wir anzubahnen ſuchen, vor allem oder vielmehr allein geeignet ſey, aus der Einſeitigkeit, Unfruchtbarkeit, Gemüthloſigkeit und Formelkrämerei des philoſophiſchen Strebens herauszukommen, und die Philo⸗

VIII Vorrede.

ſophie wieder für das Leben bedeutend und fruchtbar zu machen. Sicher iſt, daß durch einige logiſche Kunſtgriffe ſo wenig, als durch eine neue Art und Wendung ontologiſcher Begriffsſpielerei eine Reform der Philoſophie möglich iſt. Nach unſerer Anſicht darf die Philoſophie allerdings nicht ſyſtemlos ſeyn, ſie tappt ſonſt unſicher, formlos und auf Gerathewohl umher, und kann mit einzelnen Fragmenten und Einfällen falſche Syſteme und verkehrte Weltanſchauungen nicht überwin— den. Aber fie darf auch nicht ein völlig abftractes, lebloſes und doch abſolut fertiges, ſprödes Begriffsſyſtem ſeyn, denn dadurch iſt Befangenheit im ſtarren Forma— lismus, Vorurtheil, Stillſtand und Unfruchtbarkeit an— gebahnt. Das Syſtem, das allein berechtigt iſt, iſt das, welches einem beſtändig wachſenden Organismus gleicht, der ſtets dem Weſen nach fertig, doch beſtändig zur Aufnahme des Neuen bereit, und ſtets des Wachs— thums und des Fortſchrittes fähig iſt. Ein ſolches Syſtem iſt das Ziel unſeres Strebens; und zwar ein Syſtem, in dem ebenſowohl die Geſchichte der Menſch— heit und ihr Inhalt, als die Reſultate der Forſchungen in den Gebieten des natürlichen Daſeyns ihre philo⸗ ſophiſche Erkenntniß finden könnten. Es iſt, im Grunde genommen, dieß kein anderes, als das Syſtem der Menſchheit und ihres hiſtoriſchen Bewußtſeyns ſelbſt, in organiſchem Fortſchritt begriffen.

Was den fünften Abſchnitt betrifft, oder den Grundriß der Metaphyſik, fo iſt ſchon in der Einlei-

Vorrede. IX tung dazu bemerkt, daß er nur die Anſprüche eines Grundriſſes macht; weßhalb auch an ihn keine andern Anſprüche zu machen ſind! In der That iſt Vollſtaͤn⸗ digkeit und Ausführlichkeit durchaus nicht beabſichtigt in demſelben; es war nur darum zu thun, die Hauptſache in Kürze zu erörtern, und das metaphyſiſche oder fun— damentalphiloſophiſche Syſtem in den Grundzügen darzu— ſtellen. Man mag daher manche Lücken gewahren, und wird Manches nur kurz erwähnt finden. Es handelte ſich dabei vor— zuͤglich auch darum, den Anfängern in der Philoſophie und den gebildeten Leſern eine kurze ſachliche Darſtellung zu geben, da für dieſe die Prineipienfragen der Einleitung weniger Intereſſe bieten, oder wenigſtens dem Verſtändniß nicht leicht zugänglich ſind, ohne die ſachliche Darſtellung des Grundriſſes. In dieſem iſt daher auch grundſätz— lich alles bloß abftracte Formelwerk vermieden, und eine möglichſt conerete Betrachtung, die es ſtets mit der Sache ſelbſt, nicht bloß mit Formeln zu thun hat, iſt zum Geſetz gemacht. Dabei ſind die Fragen be— ſonders berückſichtigt, die gegenwärtig bei philoſophi— ſchen Erörterungen im Vordergrund ſtehen, oder die ſonſt im Leben hauptſächlich Gegenſtand der Bedenken und Ungewißheit zu ſeyn pflegen, bei denen, die über den Inhalt ihres religiöſen Glaubens nachzudenken be— ginnen. Bedenken und Fragen, von deren Gährung und Beantwortung vielleicht die künftige Geſtaltung der ganzen Weltanſchauung der gebildeten Völker, und damit das Geſchick der Menſchheit bedingt iſt. Aus abſtracten

X Vorrede.

Formeln aber kann die gebildete Welt ſich keine Belehrung hierüber ſchöpfen, um ſich ein Urtheil zu bilden; und wozu ſonſt ſoll denn die Philoſophie dienen, wenn nicht zur Belehrung über die wichtigſten Ange— legenheiten des Gemüthes, des Willens und der Ver— nunft? Und da es ſich einmal darum handelt, ſo iſt es natürlich, daß allenthalben die Vertheidigung idealer (nicht idealiſtiſcher) und die Bekaͤmpfung der materiali⸗ ſtiſchen Weltanſchauung in den Vordergrund tritt — wie in einem philoſophiſchen Werke ohnehin nicht ans ders zu erwarten, da Philoſophie und ideale Weltauffaſſung ſich ebenſo entſprechen, wie Unphiloſophie und Materialismus.

Muͤnchen, im Juni 1858.

Der Verfaſſer.

Einleitung

Wohl zählt die Philoſophie ihr Alter ſchon nach Jahrtau⸗ ſenden, und wohl haben die begabteſten, die tief- und ſcharf⸗ ſinnigſten Geiſter ihre Kraft und Anſtrengung daran geſetzt, ſie zu gründen und fortzubilden, dennoch aber iſt bis zur Stunde der Begriff der Philoſophie noch nicht klar und ſicher feſtgeſtellt, iſt noch nicht endgültig entſchieden, was denn unter Philoſophie eigent⸗ lich zu verſtehen ſey, was ſie zu leiſten habe und auf welche Art und Weiſe ſie ihre Aufgabe löſen müſſe. Man iſt alſo noch nicht einig darüber, welches die Aufgabe oder das eigentliche Problem der Philoſophie, und ebenſowenig darüber, welches der Ausgangs—⸗ punkt, die Quelle, das Princip und die Methode derſelben ſey. Ueber all dieß iſt die Frage noch offen, und iſt erneute, ange⸗ ſtrengte Unterſuchung herausgefordert, wenn auch allerdings von den verſchiedenen philoſophiſchen Syſtemen Antworten auf dieſe Fragen, und zwar öfters ſehr entſchiedene und zuverſichtliche, aber freilich auch verſchiedene, ja entgegengeſetzte ſchon gegeben wurden und noch werden.

Die Feinde der Philoſophie verſäumen nicht, dieſen Umſtand hervorzuheben, daß dieſelbe nach ſo vielen Jahrhunderten doch noch nicht wiſſe was ſie eigentlich ſey und was ſie wolle, wie fie anfangen, und welchem Ziele fie zuſtreben müſſe; und fie erblicken ſchon hierin den ſicheren Beweis, daß es nichts ſey mit der Philoſophie. Darin ſtimmen fie aber dann nicht ganz überein, wie dieſe Einſicht über die Werthloſigkeit derſelben am beſten zu verwerthen ſey. Die Einen benützen ſie, um die ſogenannten poſitiven Wiſſenſchaften zu erheben und als einzig werthvoll und berechtigt hinzuſtellen; Andere meinen dem Glauben durch dieſe Werthloſigkeit der Philoſophie eine feſte Stütze geben, und ſeine alleinige Berechtigung in Bezug auf höhere Lebensanſchauung und Wahrheit damit männiglich klar und deutlich darthun zu können. Noch Andere endlich finden eine große Beruhigung darin, daß die Philoſophie nichts leiſte und nichts vermöge, denn nun iſt ihre Gleichgültigkeit in Betreff der höheren Lebensfragen berechtigt, und nun ſind ſie von der Laſt des Denkens hierüber befreit und vor der Unruhe geſichert, welche geiſtige Anſtrengung dem harmloſen Lebensgenuß bereitet!

Indeß iſt hiemit die Sache doch nicht ſo leicht abgethan, wie dieſe Gegner der Philoſophie meinen. Denn was den Vorzug der ſogenannten empiriſchen oder poſitiven Wiſſenſchaften betrifft, fo iſt er, wenn wir die geſchichtliche Entwicklung derſelben be— trachten, nicht ſo evident und ſicher, wie man glaubt. Alle haben ſich allmählich erſt vervollkommnet nicht nur, ſondern ihrem Begriffe nach gerade ſo ſich gebildet und nur ſo ſich bilden können; und gerade bei denen, die in neuerer Zeit am meiſten in den Vordergrund treten, den Naturwiſſenſchaften, tritt dieß am auf— fallendſten hervor. Welch abenteuerliches Treiben ging Jahrhun— derte lang der Wiſſenſchaft voraus, die jetzt Chemie genannt wird! Wie lange wußten die Chemiker ſelbſt nicht, was ſie eigentlich wollten und wie ſie ein Ziel erſtreben ſollten! Und dennoch ging hieraus nun eine große, wenn auch noch nicht voll— kommen in ſich abgeſchloſſene und vollendete Wiſſenſchaft hervor! Die Philoſophie iſt daher in dieſer Beziehung ſchwerlich den übrigen Wiſſenſchaften gegenuber im Nachtheil; fie hat im Gegentheil bei aller Verſchiedenheit der Anſichten und Strebungen der Philo— ſophirenden dennoch über ihre grundweſentliche Aufgabe von ihrem

Beginne an wohl klareres Bewußtſeyn beurkundet, als manche andere, ſogenannte poſitive Wiſſenſchaft.

Der Glaube aber dürfte eine ſehr ſchwach geſtützte Berech— tigung und Eriſtenz haben, wenn er ſich auf die Unmöglichkeit philoſophiſchen Erkennens gründen müßte, und er ſollte ſich wenig ſolcher Befeſtigung freuen, die der geiſtigen Blindheit, dem Aber— glauben und dem Unglauben ebenſo oder noch mehr zu gute käme. Was endlich die geiſtige Gleichgültigkeit und Denkfaulheit betrifft, ſo möchte ihre Begründung und Rechtfertigung, die ſie daraus ziehen will, daß die Philoſophie bisher nicht fertig ge— worden, man ſich ihretwegen daher nicht viel Unruhe und Anſtrengung unterziehen ſolle, — auch nicht ganz geſichert und noth— wendig ſich erweiſen, ja gerade in das Gegentheil ſich wenden laſſen. Könnte man denn nicht gerade daraus, daß die Philo— ſophie bisher über ſich ſelbſt noch nicht zu voller Klarheit ge— kommen ſey, vielmehr die Folgerung ziehen, daß man ebendeßhalb mit verdoppelter Anſtrengung ſich beſtreben müſſe, nunmehr die⸗ ſelbe zu erringen?

Es iſt richtig, die Philoſophen ſind über Begriff, Aufgabe, Princip und Methode der Philoſophie noch nicht vollkommen einig, während bei den meiſten andern Wiſſenſchaften mit Beſtimmtheit und allgemeiner Uebereinſtimmung feſtgeſtellt iſt, was ſie ſeyen und wollen. Allein dieſer Umſtand, daß auf ſolche Weiſe die Philoſophie noch nicht zum vollen Bewußtſeyn ihrer ſelbſt ge— kommen, ihren eigenen Begriff und ihr Weſen noch nicht gewonnen habe und bewußt beſitze, iſt kein ſolcher, der einen ſchlechthinigen Widerſpruch in ſich ſelbſt enthielte, und ihr Weſen und ihre Eriſtenz zerſtörte; denn es iſt Aehnliches bei Allem, was wird, der Fall. Weiß doch ſelbſt der menſchliche Geiſt, der zum Selbſtbe— wußtſeyn beſtimmt iſt, am Anfange und lange Zeit im Laufe ſeiner Entwicklung nicht, was er eigentlich ſey, was er wolle und anſtrebe. Obwohl er alſo eriſtirt, weiß er doch ſeine eigene Exiſtenz noch nicht, und kann ſie lange nicht von dem, was ein Anderes

1 * als er ſelbſt iſt, unterſcheiden. Nur allmählich gewinnt er ſich ſelbſt, kommt er zum Bewußtſeyn ſeines eigenen Seyns und We⸗ ſens, und ſcheidet Fremdes immer mehr aus. Aber ſelbſt nach langer Thätigkeit iſt das Selbſtbewußtſeyn oft nur in ge— ringem Grade in Selbſterkenntniß erhöht, und kommt in die⸗ ſer Beziehung eigentlich gar nicht zum Abſchluß, daher der Menſch ſeines eignen Seyns und Weſens nicht vollkommen inne wird und noch weniger dasſelbe vollkommen begreift.

Faſſen wir nun vorläufig die Philoſophie als allgemeinen höheren Bewußtſeyns- und Erkenntnißproceß der Menſchheit in Betreff ihrer ſelbſt, ihres Daſeyns, Weſens und Zieles, dann iſt es begreiflich, wie ſie über ſich ſelbſt nicht gleich von Anfang an voll— kommen im Klaren ſeyn und doch ſich bethätigen konnte; wie fte (die Philoſophie), indem ſie thaͤtig war und ſich ausgebildet und vervoll— kommnet, zugleich beſtimmteres Bewußtſeyn über ſich ſelbſt gewann, aber auch der Trübung, dem Irrthum ſelbſt in Bezug auf Begriff und Aufgabe unterliegen konnte. Wie das individuelle menſchliche Selbſt— bewußtſeyn anfangs noch unklar, mit Fremdartigem getrübt und verſetzt iſt aus Mangel an klarer Scheidung von demſelben, ſo auch war das philoſophiſche Bewußtſeyn und Streben anfangs ein unbeſtimmtes, unklares, von fremdartigem Denken und Erkennen noch nicht klar ausgeſchieden. Und wie dem Selbſtbewußtſeyn des Menſchen, jo gelingt es auch der Philoſophie — dem höheren Selbftbewußtſeynsproeeß der Menſchheit, nur allmählich ſich ſelbſt klar zu faſſen, ſich ſelbſt zu gewinnen, des eignen Begriffes oder Weſens inne zu werden und Fremdartiges von ſich zu thun und auszu— ſcheiden.

Zu dieſem Behufe aber iſt es allerdings nothwendig, daß die Philoſophie von Zeit zu Zeit recht eigentlich auf ſich ſelbſt ſich beſinne, um über das eigne Weſen einen höheren Grad von Bewußtſeyn zu erringen, und mit erneuter Kraft an die Erfüllung ihrer Aufgabe zu gehen. Sie wird daher über das eigne Weſen, über ihre Aufgabe, Princip und Methode zur Löſung derſelben nach— zuforſchen haben, um ein neues Stadium des Selbſtbewußtſeyns zu erringen, und dadurch wiederum um ſo fähiger zu werden ihr Ziel zu verfolgen.

Nach ziemlich allgemeinem Gefühl der Gebildeten, und nach dem Zugeſtändniß der Philoſophirenden ſelbſt, das durch die Betrachtung der philoſophiſchen Zuftände der Gegenwart beftätigt wird, dürfte gerade jetzt ein Zeitpunkt gekommen ſeyn, der zu ſolch er— neuerter Beſinnung der Philoſophie auf ſich ſelbſt dringend auffordert, um ſich in der Kriſis, die für ſie unſtreitig eingetreten iſt, zu behaupten, und wo möglich in geläuterter, neugefräftigter Form, mit erhöhtem Bewußtſeyn ihres eignen Weſens, und klarerer Er⸗ kenntniß ihrer Aufgabe und der rechten Weiſe, die Löſung derſelben anzuſtreben, daraus hervorzugehen. Sie wird ſich zu dieſem Behufe in Selbſtbeſinnung ſich in ſich ſelbſt concentriren, wird Fremd— artiges noch mehr von ſich ausſcheiden, Wege, die nicht zum Ziele geführt, vermeiden, und Aufgaben, die fie ihrem Weſen nach nicht zu löſen berufen iſt, abweiſen. Einen Beitrag hiezu möchten wir im Folgenden geben, und verſuchen es zu dem Zwecke, die Grund—⸗ fragen, um die es ſich bei einer Reform der s handelt, in Erörterung zu ziehen und zu beantworten.

Wir werden demnach, recht von vorne und in müglichſer Einfachheit beginnend, zuerſt unterſuchen, welches die Aufgabe der Philoſophie ſey und wie ſich ihr Begriff gemäß derſelben geſtalte. Dann werden wir die Art und Weiſe zu erkennen ſtreben, wie das Grund-Problem der Philoſophie zu löfen ſey, oder wie die Fundamentalphiloſophie gegründet werden könne.

Daran wird ſich die Unterſuchung über Princip und Methode der Philoſophie ſchließen.

Hierauf ſoll der Verſuch gemacht werden, das Verhältniß der Philoſophie als hiſtoriſcher Macht zu den übrigen verwandten Mächten des geiſtigen Lebens der Menſchheit zu beſtimmen.

Endlich wird ein kurzer Grundriß der Fundamentalphiloſophie oder Metaphyſik die beabſichtigte Umgeſtaltung der philoſophiſchen

Grundwiſſenſchaft wenigſtens in ihren allgemeinen Zügen und Glie⸗ dern zur Anſchauung zu bringen ſuchen.

Aus dem bisher Bemerkten wird ſchon hervorgehen, daß es ſich nicht darum handelt, zu verlaſſenen Küſten zurückzuſteuern, ſeyen ſie nahe oder ferne; d. h. daß wir die Reform der Philo⸗ ſophie nicht in irgend einer Rückkehr ſuchen zu einem philoſophi⸗ ſchen Syſtem oder zu irgend einer philoſophiſchen Methode der Ver⸗ gangenheit; daß wir nicht den Schatten irgend eines Philoſophen heraufbeſchwören wollen, damit er uns die Philoſophie rette oder wiederherſtelle, ſey es nun Kant oder Carteſius, Thomas von Aquin oder Ariſtoteles. Naturgemäß vielmehr ſoll die Philoſophie und ihre Reform aus dem ganzen Bildungsproceß der Gegenwart her— vorgehen, denn ſie iſt und will nichts anderes ſeyn als ein menſch— liches Werk, ein Werk menſchlicher Geiſteskraft und der jeweiligen Bildung der geiſtigen Kräfte der Menſchheit, und kann daher auch nicht anderes als die Signatur einer beſtimmten Zeit, beſtimmter Verhältniſſe, Grundanſchauungen und Beſtrebungen an ſich tragen. Dem ganzen Zeitbewußtſeyn, wie es ſich im Laufe der Zeit und der ganzen geiſtigen Thätigkeit und Strebungen gebildet hat, irgend ein philoſophiſches Syſtem der Vergangenheit aufdrängen wollen, hieße den neuen Wein in alten Schlauch gießen, hieße die Ver— gangenheit auf Koſten der Gegenwart und Zukunft erheben, oder vielmehr für allein berechtigt erklären, die hiſtoriſche Natur der Menſchheit verkennen und das menſchliche Denken, das die Philo— ſophie ſelbſtthätig hervorbringen ſoll, von vornherein in Miß⸗ achtung und in Mißcredit bringen. Denn offenbar müßte dieß die Folge ſeyn, wenn man ihm nicht mehr das zutraute, was die Vergangenheit gekonnt, und deßhalb ihm eine Philoſophie durch Borgen von jener verſchaffen zu müſſen glaubte. Solch eine mechaniſche Hülfe wäre im Grunde genommen keine, denn dieſe fremde Philoſophie müßte doch verſtanden, müßte ſelbſtthätig angeeignet wer⸗ den, wenn ſie Bedeutung haben ſollte; damit aber wäre doch das Recht und die Nothwendigkeit anerkannt, dieſelbe ſelbſt zu prüfen, und dieſer Prüfung gemäß zu reproduciren mit den für nöthig ex» achteten Modificationen. Und das könnte wieder nicht für Ein beſtimmtes Syſtem nur gelten, ſondern müßte für jedes, alſo für die ganze Geſchichte der philoſophiſchen Thätigkeit Geltung haben, da man ohne vorhergehende Prüfung nicht wiſſen könnte, welches Syſtem vorzugsweiſe oder allein Anſpruch auf unbedingte Aner⸗ kennung hätte. Und das wäre zuletzt doch wiederum das, was wir wollen und erſtreben; nämlich die Reform der Philoſophie zu gewinnen aus der Prüfung des geſchichtlichen Proceſſes der bis— herigen philoſophiſchen Forſchungen und aus dem ganzen Bildungs: ſtande der Gegenwart.

Die Reform der Philoſophie kann alſo naturgemäß weder mechaniſch, durch bloße Wiedereinführung irgend eines der Ver— gangenheit angehörigen Syſtems, noch auch radical durch gänz⸗ lichen Bruch mit der Geſchichte und durch völlig neue, alles Ge— ſchichtliche mißachtende Aufſtellungen gewonnen werden. Wie unſtatthaft und unmöglich gerade dieß Letztere ſey, gedenken wir mit beſonderer Sorgfalt in den folgenden Unterſuchungen zu zeigen, da dieſelben vor allem das beabſichtigen, der geſchichtlichen Natur und Entwicklung des Menſchen ihre Bedeutung und Berechtigung in der philoſophiſchen Forſchung zuzuerkennen und zu ſichern. Daß wir hiebei den früheren philoſophiſchen Richtungen und Methoden vorzugsweiſe kritiſche Aufmerkſamkeit widmen müſſen, liegt in der Natur der Sache, wenn man darauf ausgeht, ihre Fehler zu vermeiden und ihre Mängel zu verbeſſern, um dadurch wo möglich eine Reform der Philoſophie dem Bedürfniß und der Forderung der Zeit und dem wahren Begriffe und der Aufgabe derſelben gemäß zu bewerkſtelligen. Es will dabei nicht in Abrede geſtellt werden, daß in denſelben viel Wahres enthalten und viel Groß⸗ artiges geleiſtet ſey. Dieß gilt ſowohl von der neuen Philoſophie, insbeſondere von der Richtung, wie ſie Baader und Schelling angebahnt, als auch von der ſcholaſtiſchen Philoſophie, der wir eine beſondere Aufmerkſamkeit widmen, ſowohl deßwegen, weil ſie

8 Einfeitung.

in neuefter Zeit vielfach verbreitet wird als die wahre Reform der Philoſophie, als auch deßwegen, weil ſie noch am wenigſten be⸗ achtet wird und noch wenig in ihrer Stellung und ihrem Ber, hältniß zu den neueren philoſophiſchen Syſtemen erforſcht und er— kannt iſt. Um ſo mehr iſt dieß geboten, da bei der ſo dringenden Anforderung an die Philoſophie der Gegenwart, daß ſie eine chriſtliche werden ſoll, vor allem die Art Philoſophie beachtet und geprüft zu werden den Anſpruch hat, oder wenigſtens die Herausforderung enthält, die ſich als die vorzugsweiſe chriſtliche zu bezeichnen pflegt.

Erſter Abſchnitt.

I

Ueber die Aufgabe und den Begriff der Philoſophie.

Ik

Allgemeine Aufgabe der Philoſophie und die verfchiedenen ihr geſtellten Aufgaben.

Die Frage nach dem Begriff der Philoſophie iſt im Grunde dieſelbe wie die nach der Aufgabe derſelben, mit der einen findet zugleich auch die andere ihre Beantwortung. Mit der Aufgabe der Philoſophie iſt auch der Begriff derſelben gefunden, das Suchen nach der einen iſt daher zugleich Suchen nach der andern. Die Erkenntniß von beiden iſt die Doppelaufgabe dieſes Abſchnittes.

Auf die Frage nun, welche Aufgabe hat die Philoſophie? können wir zunächſt eine Antwort geben, mit der zuverläſſig Alle vollkommen einverſtanden ſind, welche philoſophiren; ja gegen welche ſelbſt die Gegner der Philoſophie ſchwerlich etwas einzuwenden haben. Wir können ſagen: die Philoſophie hat die Aufgabe, die Wahrheit zu erkennen; ſie iſt demnach Forſchen, Streben nach Wahrheit; und inſofern dieſes Streben von Erfolg gekrönt iſt, iſt Philoſophie: Erkenntniß der Wahrheit. Ueberein⸗ ſtimmend damit iſt auch die urſprüngliche Bedeutung des Wortes „Philoſophie“ (pıRocopie); denn dieſes ſagt nichts anders aus, als: Liebe zur Weisheit und Streben darnach. Und da Weisheit ohne Erkenntniß der Wahrheit nicht möglich iſt, fo bedeutet Philoſophie: Liebe zur Weisheit und Streben darnach durch Erforſchung und Erkenntniß der Wahrheit.

So einfach aber und richtig dieſe Antwort iſt auf die Frage nach der Aufgabe der Philoſophie, ſo wird die Sache doch bald wieder unklar und ſchwierig, wenn nun gefragt wird nach dem Verhältniß der Philoſophie zu den übrigen Wiſſenſchaften, die nicht als Philoſophie bezeichnet werden und gelten. Auch dieſe nämlich ſtellen ſich die Aufgabe, die Wahrheit zu erforſchen, zu er⸗ kennen und allenfalls auch im Leben anwenden zu lehren. Und ganz natürlich, wornach denn ſonſt ſollen ſie ſtreben, wenn nicht nach Wahrheit? Für alle Wiſſenſchaften ift fie das Ziel, iſt fie es, die den Forſchenden Begeiſterung, ihrer Forſchung Würde und Bedeutung verleiht. Und zwar umſpannen dieſe nicht-philoſophi⸗ ſchen oder empiriſchen Wiſſenſchaften, wie wir ſie nennen wollen, das ganze Daſeyn, das geſchichtliche wie das natürliche, das irdi— ſche wie das überirdiſche, ſo daß in der That die Wahrheit von Allem, was iſt — im Himmel und auf Erden, durch ſie erforſcht und erkannt zu werden ſcheint, oder wenigſtens die Erforſchung und Erkenntniß davon ihnen zur Aufgabe geſtellt iſt.

Es ſcheint hienach kaum ein Gebiet des Daſeyns übrig zu bleiben für die Philoſophie, um es zu erforſchen und durch Er⸗ kenntniß desſelben Wahrheit zu gewinnen; dadurch aber hätte ſie von ſelbſt die Möglichkeit und das Recht der Exiſtenz verloren, und hätte nicht bloß zu herrſchen, ſondern auch zu ſeyn aufgehört. Sie wäre aufgegangen in die hiſtoriſche und eracte Wiſſenſchaft, hätte ſich aufgelöst in die verſchiedenen empiriſchen oder poſttiven Wiſſenſchaftszweige. In der That iſt das die Meinung nicht weniger der wiſſenſchaftlichen Forſcher der Gegenwart, welche deß⸗ halb die Philoſophie nunmehr für abgethan erklären, oder ihr höch—⸗ ſtens nur noch ein ganz dürftiges Geſchäft zuweiſen. Und dieſer Anſicht fehlt es ſogar nicht an einiger hiſtoriſchen Begruͤndung. Von Anfang an nämlich wurde alles wiſſenſchaftliche Streben als Philoſophie bezeichnet, und jede denkende Betrachtung ward als philoſophiſche Forſchung angeſehen. Ariſtoteles unterſchied zwar zwiſchen erſter und zweiter Philoſophie, aber mit dem Namen „Philoſophie“ bezeichnet er doch alles wiſſenſchaftliche Forſchen, alles denkende Betrachten der natürlichen, der menſchlichen und göttlichen Dinge. Damals alſo hätte man hienach alles Denken und For⸗ ſchen als „Philoſophie“ bezeichnet, wie man es jetzt „Wiſſenſchaft“ nennt. Es hätte nur den Namen gewechſelt, und der ſonſtige Unterſchied beſtünde hauptſächlich darin, daß dasſelbe, als man es Phi— loſophie nannte, noch im Keime verſchloſſen oder wenigſtens noch in den erſten Stadien der Entwicklung begriffen war, während es zu unſerer Zeit, wo man es Wiſſenſchaft nennt, ſich in eine Fülle einzelner Wiſſenſchaftszweige erſchloſſen hat.

Bekanntlich hat ſich die chriſtliche Theologie zuerſt von der ſogenannten Philoſophie losgetrennt, ohne dadurch aufhören zu wollen Wiſſenſchaft zu ſeyn; ſie geſtaltete ſich zur poſitiven Theo— logie, im Unterſchiede von der natürlichen Theologie im philo— ſophiſchen Geſammtſyſteme des Ariſtoteles. Dieſe natürliche Theo— logie ließ man zwar auch im Mittelalter, nachdem man genauere Kenntniß davon erlangt, als Metaphyſik noch beſtehen, aber doch nur in ſehr untergeordneter Stellung, als Magd der poſitiven Theologie, deren Dienſte zudem nicht eigentlich für unumgänglich nothwendig galten. Alle übrigen Zweige der Wiſſenſchaft aber, wie Ariſtoteles fie ge— ſtaltet, galten für Philoſophie, indem man darunter die durch die natürlichen Kräfte des Geiſtes gewonnenen Kenntniffe verſtand, im Unterſchied von den durch göttliche Offenbarung gegebenen.

Allmählich aber geſtalteten ſich immer mehr wiſſenſchaftliche Disciplinen, die ſich nicht für philoſophiſche ausgaben oder dafür gehalten wurden. So beſonders die poſitive Rechtswiſſenſchaft und die Geſchichte, deren Verhältniß zur Philoſophie ohnehin auch im Alterthum ohne klare und recht ausdrückliche Beſtimmung geblieben war. Aber auch die Naturwiſſenſchaft unterſchied ſich endlich von der Philoſophie, ohne darum auf den Namen einer „Wiſſenſchaft“ zu verzichten; im Gegentheil, ſie iſt bereits dahin gediehen, daß ſie häufig den Anſpruch erhebt, einzig und allein als Wiſſenſchaft zu gelten, und zwar als eracte oder als die Wiſſenſchaft ſchlechtweg. Und gegenwärtig unterſcheiden ſich nicht bloß die ſogenannten Facul⸗ tätswiſſenſchaften beſtimmt von der Philoſophie, ſondern auch die meiſten Diseiplinen der ſogenannten philoſophiſchen Facultät können weder, noch wollen ſie den Anſpruch erheben, Philoſophie zu ſeyn, ſondern es genügt ihnen, ſich als Wiſſenſchaften geltend zu machen. Wenn nun gleichwohl trotz dieſer Geſtaltung der Dinge die Philoſophie niemals aufgehört hat zu exiſtiren und auf Bedeutung und Geltung Anſpruch zu machen, ſo entſteht die Frage: wodurch hat ſich die Philoſophie die Möglichkeit und das Recht der Eriftenz geſichert oder zu ſichern geſtrebt; welches Daſeynsgebiet bleibt ihr zu erforſchen übrig neben den empiriſchen und hiſtoriſch-poſitiven Wiſſenſchaften, die doch in der That das ganze Daſeyn und deſſen Wahrheit mit ihrem Forſchen zu erſchöpfen ſcheinen?

Welche Wahrheit hat ſie zu erforſchen, zu erkennen, um nicht bloß ihre Eriſtenz zu ſichern, ſondern auch ihren Namen zu rechtfertigen? Die Philoſophie iſt in dieſer Beziehung, den übrigen Wiſſen— ſchaften gegenüber, ſo verlegen nicht, wie es auf den erſten Blick ſcheinen könnte. Schon dieſe andern Wiffenfchaften ſelbſt, fo aus⸗ gebreitet und umfaſſend ſie auch geworden ſind, unterlaſſen es in der Regel, auf Eine ſchwierige und wichtige Frage eine Antwort zu verſuchen oder zu geben, auf die nämlich nach dem Grund und Urſprung aller Dinge, alles natürlichen und hiſtoriſchen Daſeyns. Und ſo könnte ſich die Philoſophie ſchon dadurch eine Stellung und Berechtigung neben den andern, den empiriſchen Wiſſenſchaften ſichern, daß ſie dieſe große Frage zu beantworten ſich als Aufgabe ſtellte; wie denn auch die Philoſophie häufig noch definirt wird als Wiſſenſchaft von den letzten Gründen und (dadurch) vom Weſen der Dinge. Freilich eine von der Geſchichts- und Natur⸗ wiſſenſchaft in der Regel wenig beneidete, ja ſogar wenig geach— tete Aufgabe — weil man ihre Löſung von vornherein für un⸗ möglich hält. Denn gerade weil die erſten (abſoluten) Anfänge der Dinge als unſerer Forſchung unzugänglich betrachtet werden, verzichten die eracten und hiſtoriſchen Wiſſenſchaften auf Beant⸗ wortung jener Frage, und halten auch von vornherein alle Be⸗ ſtimmungen, welche die Philoſophie darüber gibt oder zu geben verſucht, für nichts anderes als für mehr oder weniger geiſtreiche Hypotheſen oder geradezu für Spielerei der Phantaſie. Doch wie es ſich hiemit verhalten mag — ſelbſt wenn die Philoſophie auch vuf dieſes Gebiet der letzten Gründe und erſten Anfänge des hiſto— riſchen und natürlichen Daſeyns verzichten wollte, würde ihr doch noch Wahrheit zu erforſchen übrig bleiben und dadurch ihr eine Auf— gabe und das Recht der Exiſtenz neben den andern Wiſſenſchaften gewahrt ſeyn. a

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