Vorwort
Der Bitte des Verfassers, meines langjährigen Assistenten und Mitarbeiters in der Göttinger Klinik, einige einführende Worte zu diesem Buche zu schreiben, entspreche ich um so lieber, als ich in den von mir durchgesehenen Blättern Vieles finde, was man in einer Anzahl von Büchern, welche sich in den Händen der Studenten befinden, vermisst, und worauf ich in meinen klinischen Stunden von jeher Gewicht gelegt habe. Ich meine die Bemerkungen des Verfassers, welche sich darauf beziehen, die topographische Anatomie am lebenden Körper zu studiren und zu lernen, dass man durch Sehen, Hören, Fühlen an der Körperoberfläche die unter den Hüllen liegenden anatomischen Theile dem geistigen Auge erschliessen kann. Zu wünschen ist, dass auch Der, welcher dieses Buch zu seiner Belehrung vornimmt, nicht die besonders auf die Belehrung in der gedachten Richtung berechneten Kapitel, wie es leicht geschieht, überschlägt.
Mancher wird sich die Frage vorlegen , ob angesichts der Thatsache, dass wir eine Anzahl guter kleiner, für die Ghirurgie berechneter topographischer Bücher haben, das Erscheinen des Hi ldebrand 'sehen Buches gerechtfertigt ist. Ich beantworte dieselbe mit: ja. Die chirurgisch-topographischen Leitfaden müssen, wenn sie etwas werth sein sollen, Kinder ihrer Zeit sein. Sie treiben nicht reine Wissenschaft, sondern sie sind „ad hoc“, d. li. dem zeitlichen Streben und Arbeiten der chirurgischen Kunst in vielen Stücken angepasst. Es müssen heute viele spezielle Verhältnisse hervorgehoben werden, welche vielleicht vor einem oder zwei Jahrzehnten
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Vorwort, den praktischen Chirurgen nicht interessirten. Ich erinnere nur an die Bauchhöhle. Somit hat das Buch, welches diesen augenblicklichen Verhältnissen Rechnung trägt, seine entschiedene Berechtigung. Wir sind aber auch der Meinung, dass sich dasselbe durch die vortrefflich gelungene Kombination des Textes mit der darstellenden Zeichnung aus der Hand des Herrn Maler Peters sehr bald zahlreiche Freunde erwerben wird. Und so gebe ich den Wunsch, dass es so sein möge im Interesse der Förderung topographisch-chirurgischen Wissens, dieser Arbeit des Herrn Dr. Hildebrand mit auf ihren Weg.
Göttin gen, im Oktober 1893.
König.
Vorrede zur ersten Auflage.
Hiermit übergebe ich einen Grundriss der chirurgisch -topographischen Anatomie dem ärztlichen Publikum. Die Gründe, die mich bestimmt haben dies Buch zu schreiben und ihm diesen Titel vorauszusetzen, möchte ich hier kurz entwickeln.
Eine chirurgisch -topographische Anatomie soll es sein. Chirurgische Anatomie allein würde das Wesen nicht aussprechen, da dieser Grundriss manche Thatsache der systematischen Anatomie, die chirurgisch von Wichtigkeit ist, nicht enthält. Bloss topographische Anatomie im gewöhnlichen Sinne träfe den Inhalt auch nicht ganz, weil es, abgesehen von den vielfachen Hinweisen auf die praktische Bedeutung und Yerwerthung des Geschilderten, keine einfache topographische Anatomie darstellt, sondern eine solche von chirurgischem Standpunkt aus. Die topographischen Verhältnisse sind also nicht gleichmässig in rein anatomisch-wissenschaftlicher Hinsicht behandelt worden, sondern insofern sie in der Chirurgie eine Rolle spielen. Für die Wahl des Standpunktes bei dei Betrachtung waren somit im wesentlichen chirurgische Gesichtspunkte bestimmend. Diese, wenn man so will, praktische Betrachtungsweise liess mich noch zu etwas anderem kommen. Eiu Theil unserer Lehrbücher der topographischen Anatomie giebt nur in gewissem Sinne Topographie. Es scheint mir für den Praktiker von viel grösserem Werthe zu sein, wenn der Körper in eine Anzahl Regionen zerlegt wird und nun von der Oberfläche nach der Tiefe zu schichtenweise die Lage der Theile zu einander in diesen Schichten betrachtet wird, als wenn die einzelnen Theile
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Vorwort.
z. B. die Muskeln, die Gefässe, die Nerven einer grösseren Gegend in bestimmter Reihenfolge nach einander bezüglich ihrer Lage zu anderen Tlieilen durch verschiedene Schichten hindurch verfolgt und geschildet werden. Kurz, ich halte es für richtiger, wenn die Darstellung das Nebeneinander der Augenwahrnehmung bei der schichtenweisen Betrachtung des Körpers, soweit wie möglich, wiederzugeben sucht, weil so eine Reihe von Bildern entsteht, die leichter zu einem Ganzen zusammenzufügen sind, und weil im Wesentlichen diese Bilder es sind, die dem Praktiker entgegentreten. Schliesslich ist es doch der Hauptzweck alles anatomischen Unterrichtes, unserer Vorstellung eine Anzahl von Bildern des menschlichen Körpers als Besitz zu geben. Für Denjenigen, der nicht mit der Anschauung arbeitet, geht freilich vielleicht durch den Mangel an Schematismus etwas an Klarheit und Uebersichtlichkeit verloren.
Dazu kommt weiter, dass ich nicht nur wie gewöhnlich, den Todten zunächst berücksichtigte und nur indirekt den Lebendigen, sondern, dass ich den Begriff der topographischen Anatomie weiter als Lehre von der Lagebeziehung der Organe des menschlichen Körpers auffasste, ohne Rücksicht auf die Methode der Erforschung. Aus dieser Auffassung heraus fügte ich jedem Abschnitt ein Kapitel hinzu, in dem ich die topographische Anatomie am Lebenden behandelte, für die das Sehen, das Palpiren, die Perkussion, die Auskultation etc. ohne das Hilfsmittel des Aufschneidens die Forschungsmethoden sind. Ich that dies auch noch aus dem Grund, weil ich vielfach beim Unterricht die Beobachtung gemacht habe, dass die Studenten mit der topographischen Anatomie am Lebenden nicht gerade sehr vertraut sind, dass ihnen die normale Körperform, die anatomischen Thatsachen, soweit sie am Lebenden zu konstatiren sind, durchaus nicht sehr bekannt sind. Wie soll dann bei geringen Veränderungen ein richtiges Diagnostiziren möglich sein? Wir müssen uns ja leider mit der Thatsache abfinden, dass ein Theil unserer Studenten der Medizin die natürliche Begabung für den Beruf nicht mitbringt. Viele haben nicht die Sinnesbegabung, die nöthig ist. Nur für den kleineren Theil spielt z. B. ein exakter Gebrauch des Auges die Vermittlerrolle genauer anatomischer Kenntnisse. Vielleicht lässt sich aber auch noch im Unterricht etwas nach dieser Richtung hin verbessern,
Vorwort.
IX indem man die anatomischen Studien nicht nur an der Leiche, sondern auch am Lebenden betreiben lässt, indem man die Studenten lehrt, mit. Hilfe der Anhaltspunkte, die der lebende Körper bietet, und der ergänzenden Erfahrungen, die an der Leiche beim Präpariren gesammelt werden, sich den lebenden Körper in dem Aufbau seiner Theile zu konstruiren. Wie viele Studenten bekümmern sich denn darum, welche der anatomischen Thatsachen sie am lebenden Körper finden können? Und doch wie einfach ist es, wo jeder diese Studien fast ganz am eigenen Körper treiben kann. So nothwendig es ist durch das Präpariren die Anatomie des Körpers kennen zu lernen, so nothwendig erscheint es mir diese so erworbenen Kenntnisse durch genaue Untersuchung des lebenden Körpers auf diesen übertragen zu lernen. Für Menschen, die viel mit ihren Sinnen arbeiten, macht dies ja, wenigstens was die grösseren Verhältnisse betrifft, nicht viel Schwierigkeiten, nicht so für eine nicht unbeträchtliche Zahl unserer Medizin-Studirenden. In dieser Richtung hin dem Lernenden eine kurze Anleitung zu geben, das ist der Zweck des letzten Kapitels eines jeden grösseren Abschnittes. Dass dies etwas anderes ist als eine sogenannte Künstleranatomie, brauche ich wohl nicht des längeren auseinanderzusetzen; berühren doch den Künstler nur solche anatomische Thatsachen, welche in der äusseren Form des Körpers, sei es des ruhenden, sei es bewegten, zum sichtbaren Ausdruck gelangen.
Am meisten würde wohl die anatomische Anschauung gefördert werden, wenn die Lernenden die bei der Sektion erworbenen Kenntnisse in der Weise umsetzen müssten, dass sie aus gegebenen Bausteinen, den einzelnen Muskeln, Knochen etc. die Körperteile aufbauen müssten, wenn also die Analyse zur Synthese führte, wie es schon Goethe im Wilhelm Meister als zweckmässig andeutete. ,, Verbinden heisst mehr als Trennen, Nachbilden mehr als Ansehen.“ Doch
darauf muss wohl aus verschiedenen Gründen Verzicht geleistet werden.
Für die Studien zu diesem Buch hat Herr Prof. Merkel, der mir überhaupt die erste Anregung gab, die Sammlung des anatomischen Institutes in freundlichster Weise mir zur Verfügung gesteht, wofür ich ihm zu ganz besonderen Dank verpflichtet &bim - Ein Theil der Zeichnungen wurde nach diesen Präparaten ange-
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Vorwort.
fertigt. Für einen grossen Theil der Abbildungen aber dienten eigene von mir hergestellte Präparate als Grundlage, die soweit es möglich war, an frischen Leichen’ gemacht wurden. Letzteres Material erhielt ich durch die Unterstützung und das Entgegenkommen der Herren Professoren König und Orth. Schliesslich möchte ich noch Herrn Maler Peters meinen Dank auch hier aussprechen für das grosse Interesse und das verständnisvolle Eingehen, das er bei der Anfertigung der Abbildungen zeigte.
Wenn ich das Buch jetzt der Oeffentlichkeit übergebe, so geschieht es mit dem vollen Bewusstsein, dass noch nicht alles dem entspricht, was ich gewollt, aber mit der Hoffnung, dass diese Entäusserung und die Kritik anderer leichter die Mängel aufdecken und damit die Verbesserung ermöglichen werden.
Göttin gen, im Oktober 1893.
Der Verfasser.
Vorrede zur zweiten Auflage.
In der zweiten Auflage des Grundrisses habe ich I alsches berichtigt, formell Schlechtes zu verbessern mich bemüht und die Beziehungen auf die praktische Chirurgie noch vermehrt. Durch Hinzufügung einer Reihe von Abbildungen wurde dem Bedürfnis nach Anschauung in noch höherem Maasse Rechnung getragen. Eine grössere Uebersichtlichkeit suchte ich durch verschiedenen Druck zu erreichen. Auf manche dieser Dinge wurde ich durch die Kritik einer Anzahl Recensenten aufmerksam gemacht, denen ich dafür danke. Ganz besonderen Dank aber bin ich Herrn Geheimrath Braun in Göttingen schuldig, der das ganze Buch aufs eingehendste kritisirte.
Basel, im März 1900.
Der Verfasser.
Inhalt
Seite
Erste Abtheilung. Der Kopf.
A) Gehirntheil des Kopfes.
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The end
You’ve reached the end of Grundriss der chirurgisch-topographischen Anatomie mit Einschluss der Untersuchungen am Lebenden.
