← Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte

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Part 9 of 10 · Reinhardt, Ludwig · Public domain text

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Contents (19)
  1. Opening about 5 min
  2. I. Die Getreidearten about 36 min
  3. II. Die Getreidearten about 38 min
  4. III. Die Getreidearten about 29 min
  5. IV. Die Fruchtbäume about 2 h 8 min
  6. V. Die Fruchtbäume about 2 h 5 min
  7. VI. Die Agrumen about 29 min
  8. VII. Die Gemüsearten about 2 h 25 min
  9. VIII. Eßbare Knollengewächse about 1 h 14 min
  10. IX. Die Ölgewächse about 53 min
  11. X. Der Zucker about 25 min
  12. XI. Der Kaffee about 32 min
  13. XII. Der Tee about 37 min
  14. XIII. Der Kakao about 24 min
  15. XIV. Die Gewürze about 1 h 58 min
  16. XV about 1 h 16 min
  17. XVI about 26 min
  18. XVII. Der Tabak about 26 min
  19. XVIII. Die Gärungserreger about 1 h 22 min

Continue:

XV

Die berauschenden Getränke.

Es scheint dem Menschen das tiefgehende Bedürfnis inne zu wohnen, sich bisweilen zu berauschen. Diese eigentümliche Neigung teilt er übrigens mit der Tierwelt, die sich gerne, wo sie nur kann, über sich ihr darbietende alkoholhaltige Getränke hermacht, um sich daran in einen Rauschzustand zu versetzen. Wenn beispielsweise eine Eiche oder sonst ein Baum infolge irgendwelcher Verletzung blutet und der austretende Zuckersaft durch das Hinzutreten der allgegenwärtigen Hefepilze in alkoholische Gärung gerät, so kommen die Hirschkäfer von weit und breit angeflogen und feiern mit solcher Ausdauer ein Gelage, daß sie oft dutzendweise völlig beduselt am Fuße des Baumes herumliegen. An blutenden Birken mit gärendem Safte findet man stets eine Menge von Trauermänteln, Hornissen, Fliegen und anderen Insekten, die durch ihr absonderliches Benehmen erkennen lassen, daß ihnen die gefährliche Flüssigkeit das Unterscheidungsvermögen geraubt hat. Gleicherweise hat man Bienen an wässerigem und dann rasch in alkoholische Gärung übergegangenem Honigtau sich dermaßen berauschen gesehen, daß sie den Heimweg nicht mehr fanden und, betrunken, auf den betreffenden Bäumen übernachteten. Wie Affen kann man bekanntlich auch Pferde und Hunde leicht an geistige Getränke gewöhnen, so daß sie eine förmliche Sucht danach bekommen, und selbst an frei lebenden Säugetieren, wie z. B. an Eichhörnchen, die sich an gegorenem Eichensafte berauschten, lassen sich derartige Neigungen beobachten.

Allerdings war es für den Menschen im Naturzustande äußerst schwierig, sich solche Stoffe zu verschaffen, die ihn in einen derartigen Zustand der Berauschung brachten. Beim zufälligen Genusse giftiger Pflanzen lernte er diesen wohl zuerst kennen und suchte ihn gelegentlich später freiwillig zu erneuern. So ist vielleicht die Tollkirsche einst bei den Steinzeitvölkern Europas in der Weise gebraucht worden, wie heute noch der Fliegenschwamm bei den ostsibirischen Mongolenstämmen. Wenn diese auf niederer Kulturstufe stehenden Menschen ein Fest zu feiern wünschen, so genießen sie eine Abkochung des giftigen Fliegenschwammes, den sie in den Wäldern sammeln und trocknen, um ihn für solche Gelegenheiten aufzubewahren. Dieser bringt sie in einen rauschartigen Zustand, so daß sie taumeln und wie betrunken hinfallen. Den Weibern, die nüchtern bleiben, da sie nichts von diesem Berauschungstranke genießen dürfen, fällt dann die Aufgabe zu, die betreffenden Ehegatten aufzulesen und sie unbeschädigt nach Hause zu bringen, wo sie ihren schweren Rausch ausschlafen können. Um nun diesen mit schweren Träumen und Delirien verbundenen Rauschzustand möglichst lange auszudehnen, trinken jene Leute, aus dem Dusel erwachend, immer wieder ihren eigenen Urin, in dem das Gift aus dem Körper ausgeschieden wird, bis endlich nach mehrtägiger Vergiftung die Ernüchterung erfolgt.

Was für verschiedene Pflanzengifte die ältesten Menschen Europas zu solchem Rausche verwandten, das steht völlig dahin. Nur das eine wissen wir, daß der +berauschende Honigtrank+ mit der Zeit die anderen weniger angenehmen Berauschungsmittel verdrängte und sich in späterer vorgeschichtlicher Zeit allgemeiner Beliebtheit erfreute. Auch hier führte der Zufall zur Entdeckung dieses Betäubungsmittels der Urzeit. Überall sammelt der Mensch auf niederer Kulturstufe mit Vorliebe den leckeren Honig wilder Bienen, den er, weil dessen starke Süße in konzentrierter Form in größerer Menge seinem Geschmacke widerstand, in Wasser verdünnt genoß. Blieb eine solche Honiglösung in einer als Gefäß benützten dürren Kürbisschale oder sonst welchem Naturgefäß einige Tage hindurch stehen, so begann sie durch spontane alkoholische Gärung infolge von Hineingelangen der allgegenwärtigen Hefepilze berauschend zu wirken. Als man diese Erfahrung gemacht hatte, stellte man absichtlich in Wasser stark verdünnten Honig beiseite, um sich daraus das älteste alkoholische Getränk, den +Met+, als sehr geschätztes Berauschungsmittel zu bereiten.

Diesen Honigtrank liebten schon die Indogermanen, als sie zu Ende der Steinzeit noch als +ein+ Volk in Norddeutschland hausten. Wie im Sanskrit ~mádhu~ Honig und Honigtrank bedeutet, so bedeutet im Griechischen ~méthy~ der berauschende Trank schlechthin und ~méthē~ die Trunkenheit. Im Deutschen benutzen wir dafür das Wort Met, das wie das altslawische ~medu~ sowohl Honig als den daraus bereiteten Trank bedeutet. Den ältesten nachweisbaren Germanen war der aus Wildhonig bereitete Met das beliebte Festgetränk, das noch in der Edda als die Menschen und Götter gleicherweise erfreuend häufig genannt wird. In einer der ältesten schriftlichen Aufzeichnungen aus Hellas, dem orphischen Fragment 49, gibt die personifizierte Nacht dem Zeus den Rat, den Vater Kronos, der seinerseits bereits seinen Vater Uranos (d. h. Himmel) entthront und seine sämtlichen Kinder außer Zeus verschlungen hatte, wenn er „honigberauscht“ unter den Eichen liege, zu binden und zu entmannen. Es war also auch bei den Griechen, die schon sehr früh mit dem Wein bekanntgemacht wurden, die Urzeit als mettrinkend gedacht. Und noch in der klassischen Zeit Griechenlands waren die in Südrußland wohnenden Skythen, wie die in Mitteleuropa hausenden Barbaren den Griechen als Mettrinker bekannt. Bei diesen letzteren, die uns später als Germanen entgegentreten, war es bis ins Mittelalter hinein Pflicht des Häuptlings und Fürsten, seine Dienstmannen, wie seine Gäste, reichlich mit diesem beliebten Getränk zu bewirten.

Die Herstellung dieses Nationalgetränkes der Deutschen, wie Europäer der Urzeit überhaupt, war bis in die merowingische Zeit einfach genug. Man sott das Honigwasser, um die spätere Gärung zu beschleunigen, und stellte es dann in offenen Gefäßen zur Ausgärung hin. Von der Merowingerzeit an liebte man es mit würzigen Kräutern, besonders Salbei, zu versetzen und etwas Hefe hinzuzufügen, welch letztere nach erfolgter Wirkung wieder abgeschieden wurde. Erst im 12. Jahrhundert hat dann das höfische Leben das bis dahin noch allgemein herrschende Ansehen des Metes in Mitteleuropa zugunsten von Bier und Wein herabgedrückt, bis derselbe schließlich in ganz Süd- und Mitteldeutschland mit dem Ende des 15. Jahrhunderts völlig außer Gebrauch kam. Nur in Norddeutschland, speziell Westfalen, und in Rußland hat er sich als beliebtes Volksgetränk bis auf unsere Zeit erhalten.

Etwas jüngeren Datums, wenn auch schon sehr lange im Gebrauch, ist das +Bier+. Wie der aus Wildhonig bereitete Met vorzugsweise das Getränk des Jägers und Viehzüchters war, so war das Bier das Getränk des seßhaften Ackerbauers, das den Besitz von Getreide zu dessen Bereitung voraussetzt. Nach der Ernte und zu sonstigen Festzeiten wurde dann das, was man davon entbehren zu können glaubte, zur Herstellung dieses beliebten Trankes verwendet, das damals noch, wie auch der Met, so schwach an Alkoholgehalt war, daß erst größere Mengen davon berauschend wirkten.

Das Bier wurde in der Weise hergestellt, daß man das Getreide erst einweichte, bis die einzelnen Körner zu keimen begannen und aus dem Stärkemehl derselben durch Fermentwirkung Zucker entstanden war. Dann erst wurden die erweichten Körner auf der Handmühle zerquetscht und an der Sonne oder, wie das Obst, auf einer Hürde über dem Herdfeuer gedörrt, damit bei dem darauffolgenden Kochen kein Brei, sondern ein zuckerreicher Extrakt entstehe. Die durch Kochen ausgezogene Zuckerlösung wurde durch Hinzufügen des hefehaltigen Restes des letztgebrauten Bieres zum größten Teil zu Alkohol vergoren und damit war das Bier zum Trinken fertig.

Altgermanisch nannte man das Getränk ~alu~, was zweifellos mit ~alan~ groß, kräftig werden zusammenhängt, indem man ihm, wie dies noch in geschichtlicher Zeit geschah, kräftigende Eigenschaften zuschrieb. Daher heißt das Bier heute noch in Skandinavien und Dänemark Öl, wie in England aus dem angelsächsischen ~ealu~ (altsächsisch ~alo~) ~ale~. Bei den Engländern heißt ~alehouse~ das Bierhaus. Ein weit jüngerer Name ist bei den Germanenstämmen das althochdeutsche ~bior~, aus dem unsere Bezeichnung Bier sich ableitet, das durchaus nichts mit dem lateinischen ~bibere~ trinken zu tun hat, wie manche Etymologen fälschlicherweise heute noch annehmen.

Alle möglichen Getreidearten dienten und dienen heute noch den verschiedenen primitiven Völkern zur Herstellung von Bier, das zum Teil schon vor der Begründung des Ackerbaus aus wildwachsenden Getreidearten und vor der Erfindung der Töpferei durch Erhitzen mit darein geworfenen heißen Steinen bereitet wurde, wie letzteres beispielsweise bei den Letten bis zum Ende des 18. Jahrhunderts noch der Fall war. Erst mit der Zeit traf man hierin eine Auswahl des Besseren und schließlich des Besten. Wie anderswo Hirsebier, so trank man noch im 12. Jahrhundert in Deutschland Hafer-, Weizen- und Gerstenbier. Wo aber schon frühzeitig vorzugsweise oder allein Gerstenbier genannt wird, so ist eben auch nur diese in Europa älteste Anbaufrucht die ursprünglich dazu benützte gewesen. Solchen Gerstentrank brauten schon die ältesten für uns nachweisbaren Ägypter. Sie nannten es ~haki~ und ließen zu seiner Herstellung, wie auch wir heute noch tun, die Gerstenkörner keimen und gewannen so aus dem Malz eine Zuckerlösung, die durch Hefegärung einen mäßigen Gehalt an Alkohol aufwies. Jedenfalls tranken sie dieses Erzeugnis gerne neben dem später aufgekommenen Wein. So mahnt der Schreiber Ani (ums Jahr 1000 v. Chr.) seinen Sohn Chunsuhotep nach einem auf uns gekommenen Papyrus: „Versitz nicht im Bierhaus die Zeit, und Übles vom Nächsten darfst du auch im Rausche nicht reden... Leicht fällst du zu Boden und brichst dir die Glieder, und keiner reicht dir die Hand zur Hilfe. Sieh deine Genossen, sie trinken und sagen. Geh heim, der du genug getrunken!...“ In einem in den Papyri Sallier und Anastasi uns erhaltenen Briefwechsel zwischen mehreren Schreibern rügt Kakabu das leichtsinnige Leben seines Kollegen Anana mit folgenden Worten: „Es ist mir gesagt worden, du verlassest das Schrifttum, du sehnst dich nach Lustbarkeiten, du gehest von Kneipe zu Kneipe. Der Biergeruch, wohin führt er? Man meide den Biergeruch, da er die Leute herunterbringt und ihren Geist benachteiligt.“ Trotz aller weiser Mahnungen muß es aber in Ägypten oft recht toll zugegangen sein und mancher schwere Rausch mit nachfolgendem Katzenjammer hat altägyptische Gelage beschlossen; denn gleich dem viel älteren Herodot, der ums Jahr 460 v. Chr. Ägypten bereiste, meldet uns der griechische Geschichtschreiber Diodoros aus Sizilien, der in der zweiten Hälfte des letzten vorchristlichen Jahrhunderts seine „Historische Bibliothek“ in 40 Büchern schrieb, daß das von den Ägyptern aus Gerste gebraute, als ~zýthos~ bezeichnete Bier sie so lustig mache, als ob sie Wein getrunken hätten. Und wir finden auch tatsächlich in den bildlichen Darstellungen an den Grabwänden drastische Beispiele für die Wirkung dieses Gerstensaftes. In Beni Hassan sehen wir zwei Sklaven ihren Herrn als „Bierleiche“ davontragen, und eine zweite Leiche folgt hinterher. In einem Wandgemälde des Gräberfeldes von Theben ist eine ägyptische Dame so mit Bier gefüllt, daß sie den Überschuß des aufgenommenen Getränks erbricht. Besonders ausgelassen muß es nach Herodot an den großen Festen zugegangen sein, an denen bis tief in die Nacht zu Ehren der zu feiernden Gottheit getrunken wurde. Die auf uns gekommenen griechischen Papyrusurkunden lehren uns, daß aber auch noch in späterer Zeit, als schon reichlich Wein gekeltert wurde, allenthalben in Ägypten viel Bier gebraut und getrunken wurde. Unter den prunkliebenden Ptolemäerkönigen war die Bierbrauerei sogar ein königliches Monopol, was gewiß nicht der Fall gewesen wäre, wenn der Ertrag aus diesem Gewerbe nicht sehr erklecklich gewesen wäre.

Ebensolche Biertrinker wie die Ägypter waren die nichtarischen Urbewohner Spaniens und Italiens, die Iberer und Ligurer, ebenso die arischen Stämme der Phrygier, Thrakier und Armenier. So sagt der um 25 n. Chr. verstorbene griechische Geograph Strabon: „Die Ligurer wohnen an der Südseite der Alpen, leben großenteils von der Milch ihrer Herden und trinken (bei Festlichkeiten) Gerstenbier (~kríthinon póma~).“ Ebenso an einer anderen Stelle: „Die Lusitanier (im heutigen Portugal) trinken Bier und nur selten Wein; statt des Öls gebrauchen sie Butter. Bei Trinkgelagen tanzen sie nach dem Takt der Flöte oder Trompete und springen dabei in die Höhe.“ Plinius dagegen sagt: „In Spanien braut man sogar ein Bier, das sich lange hält.“ Viel früher, nämlich schon ums Jahr 700 v. Chr., berichtet uns der Grieche Archilochos, daß die Phrygier und Thrakier aus Gerste und dem Würzkraut ~konýzē~ ein als ~brýton~ bezeichnetes Bier brauen und trinken. Ein anderer Grieche, Xenophon aus Athen, ein Schüler Platons, der im Jahre 400 v. Chr. als Vierzigjähriger die zehntausend Mann griechische Truppen, welche dem jüngeren Kyros gegen dessen Bruder Artaxerxes Mnemon zu Hilfe gezogen und geschlagen worden waren, durch das gebirgige Armenien ans Schwarze Meer und nach Byzanz führte, um sie von da aus zu Schiff nach Griechenland, ihrer Heimat, befördern zu lassen, berichtet in seinem über jenen strapaziösen Rückzug geschriebenen Bericht, der jedem Griechisch lernenden Schüler bekannten Anábasis, daß seine Leute, vom Karduchischen Gebirge kommend, in Dörfern rasteten, wo sie außer anderen Vorräten auch mit „Gerstenwein“ gefüllte Gefäße fanden. In ihnen habe noch die Gerste herumgeschwommen; zum Trinken aus diesem Gemisch dienten Rohrhalme, durch die man die Flüssigkeit einsog, ohne die darin befindlichen Gerstenkörner in den Mund zu bekommen. Das Getränk sei stark und berauschend gewesen, wenn man es nicht durch Zusatz von Wasser verdünnte; im übrigen aber hätten alle, die sich daran gewöhnten, diesem den weintrinkenden Griechen sonderbaren Tranke Geschmack abgewonnen.

Auch von den alten Illyriern wird uns gemeldet, daß sie ein als ~sabaja~ oder ~sabajun~ bezeichnetes Bier tranken, und von den Pannoniern berichtet uns Priscus, als er sie im Jahre 448 n. Chr. gelegentlich einer Gesandtschaftsreise besuchte, daß sie aus Gerste ein als ~camum~ bezeichnetes Getränk bereiteten. Den weitaus ältesten Bericht über das Vorkommen von Bier bei den Mitteleuropäern verdanken wir aber dem unternehmenden griechischen Kaufmanne Pytheas aus Massalia, dem heutigen Marseille, der zu Ende des 4. vorchristlichen Jahrhunderts auf seiner Fahrt um die Ostküste Europas nach dem Bernstein liefernden Norddeutschland bis in die Nordsee vordrang und uns von den dort lebenden Stämmen berichtet, daß sie kaum Gartengewächse und Haustiere besäßen, sich aber, außer von Kräutern, Beeren und Wurzeln, von angebauter Hirse nährten, aus der sie ein Getränk brauten, das neben dem aus Honig erzeugten -- also dem Met -- im Gebrauch sei.

Dann berichtet der griechische Geschichtschreiber Diodoros aus Sizilien von den Germanen, daß sie ein meist aus Gerste gebrautes Bier trinken. Nach ihm sagt der römische Historiker Tacitus in seiner bekannten Schrift über Germanien: „Das Getränk der Germanen wird aus Gerste und anderem Getreide gebraut und ist weinartig. Die am Rheinufer Wohnenden kaufen auch Wein. Sie trinken so gierig, daß man sie ebensogut durch Lieferung berauschender Getränke, wie durch Waffengewalt überwinden kann.“ Schon im Altertum muß die Freude am Bier- wie am älteren Metgenuß allen Germanenstämmen gemeinsam gewesen sein und kein Fest wurde ohne Gelage gefeiert, an welchem diese Getränke reichlich getrunken wurden. So erfreuen sich auch in der Edda alle Götter daran, und der Meergott Ägir ist zugleich auch himmlischer Braumeister in Walhalla. Er besitzt -- als Symbolisierung des Meeresbeckens, dessen Gott er ist -- einen Riesenkessel und alljährlich einmal ladet er alle Asen zu einer feierlichen Kneiperei ein. Aber in derselben Sammlung von altnordischen Volksliedern, die als ältere Edda im 12. Jahrhundert auf Island vorgenommen und niedergeschrieben wurde, wird doch auch schon vor den schädlichen Folgen des Trinkens solcher berauschender Getränke gewarnt. So stammt aus Odins, des Göttervaters Sprüchen, der Ausspruch, daß zu reichlicher Met- und Biergenuß „der Sterblichen Stamme“ nichts tauge. Vor allzu schlimmen Wirkungen sollte das Legen der „Bierrune“ oder das Tragen der Wurzel des Zauberlauches (~Allium victoralis~) als Amulett schützen. Damals war das Trinken von Bruderschaft, das nicht mehr wie in der Urzeit mit Blut, sondern nur mit Met oder Bier vorgenommen wurde, eine heilige Handlung, die gegenseitiges Eintreten bis zum Tode bedeutete.

Selbstverständlich war das ganze Altertum und frühe Mittelalter hindurch die Bereitung des Bieres, wie auch des älteren Metes, für die kleinen Haushaltungen der Vorzeit Sache der Hausfrau, die das Kochen und alle übrigen Hausgeschäfte besorgte. Wie der Met war auch das Bier nicht nur Gesellschafts-, sondern auch Opfertrank. Als der heilige Columbanus ums Jahr 600 zu den Alamannen kam, da opferten diese dem Wodan noch regelmäßig Met oder Bier, indem sie ihm den ersten Ausguß weihten und den Rest zu seinen Ehren tranken. Später wurde der Zins an die Kirchen und Klöster vielfach in Form von Bier -- in Norddeutschland Met -- bezahlt. Der römische Naturforscher Plinius der Ältere berichtet, daß das Bier in Spanien ~caelia~ oder ~cerea~, im keltischen Gallien dagegen ~cervisia~ genannt und in beiden Ländern aus verschiedenen Getreidearten gebraut werde. Doch scheint es den an den Genuß von Wein gewöhnten Römern nicht gemundet zu haben. Auch Kaiser Julian der Abtrünnige, der es, als er während der Mitte des 4. Jahrhunderts in Gallien weilte, hier versuchte, spottet darüber in einem uns noch erhaltenen Gedicht.

Diese Kelten Galliens haben das Bier, wie auch den auch von ihnen daneben noch häufig getrunkenen Met, zuerst in aus meist eichenen Dauben hergestellten Holzbottichen bereitet und dann in aus demselben Material hergestellten Fässern mit einer kleinen, oberen Öffnung kurze Zeit aufbewahrt und transportiert. Bis dahin waren bei den Römern und Griechen, wie bei den übrigen Kulturvölkern der alten Welt, große Tonkrüge (griechisch ~píthos~, lateinisch ~dolium~) im Gebrauch gewesen, und diese Neuerung nahmen die umwohnenden Völker als sehr zweckmäßig bald an. So treten uns in den Darstellungen der römischen Denkmäler des 3. Jahrhunderts n. Chr. in der Moselgegend Kufe und Holzfaß der Kelten auch für Bereitung, Aufbewahrung und Transport von Wein von seiten der Römer entgegen.

Jedenfalls würde das rohe „Gegorene“, das die Kelten und Germanen in ihren Grubenwohnungen oder sonstigen primitiven Behausungen bis ins Mittelalter hinein tranken, uns heutigen, so überaus verwöhnten Europäern sehr wenig munden; denn, abgesehen von allem anderen, ist die Bierbereitung mit Zusatz von +Hopfen+ als Würze erst nach der Zeit der Völkerwanderung aufgekommen. Zwar war es -- wie wir sahen -- schon bei manchen der verschiedenen bierbereitenden Völker des Altertums gebräuchlich gewesen, dem Biere noch irgend ein würziges Kraut oder herbe Eichenrinde zur Verbesserung des sonst etwas süßlichen Geschmackes dem einfachen Malzauszuge beizufügen; aber Hopfen befand sich sicher nicht darunter, obschon er damals in ganz Mitteleuropa wildwachsend angetroffen wurde und durch seine aromatisch-bitteren Fruchtähren schon früh auffallen mußte und jedenfalls auch als Heilmittel diente.

Der Zusatz von Hopfen zu Bier, um den Gerstentrank würziger und heilkräftiger, zugleich aber auch haltbarer zu gestalten, verdanken wir nach den eingehenden Untersuchungen von Kobert wohl zuerst finnisch-ugrischen Stämmen. Bei Finnen, Letten und Esthen finden wir bereits in alten Traditionen und Sagen die Kenntnis und Anwendung gehopften Bieres. So wird auch in ihrem Nationalepos Kalewala, das jahrhundertelang durch mündliche Überlieferung erhalten wurde, bis es Lönnrot sammelte und geordnet herausgab, der Hopfen als Bierwürze genannt. Von diesen Stämmen der Ostsee drang die Sitte, das Bier mit Hopfen zu würzen, langsam westlich vor. Zwischen der Zeit des Abzuges der Angeln und Sachsen von der unteren Weser und Elbe nach England im Jahre 449 und dem Aufkommen der Karolinger als Hausmeier im Frankenreiche der Merowinger im 7. Jahrhundert muß dieser Gebrauch nach Westeuropa gelangt sein. Zuerst tritt er uns in nordgallischen Klöstern um die Mitte des 8. Jahrhunderts entgegen, und es klingt wie eine verdunkelte Erinnerung an die Einführung einer solch wichtigen Neuerung, wenn seit dem Mittelalter die Sage ging, daß in der Landschaft Brabant ein König Gambrinus das Würzen des Bieres mit Hopfen erfunden habe. Nun wissen wir aus den mittelalterlichen Urkunden jener Gegend, daß die besonders in den Klöstern amtierenden Bierbrauer mittellateinisch ~cambarii~ und ihre Werkstatt, das Brauhaus, ~camba~ hieß. Aus diesem ~cambarius~ hat die geschäftige Legende einen König Gambrinus gemacht; aber dieser Erfinder des gehopften Bieres trug keine Krone, sondern den geschorenen Scheitel und die wollene Kutte eines Mönchs. Und bei den engen Verbindungen der Klöster untereinander ist es nicht zu verwundern, daß das Hopfenbier mehr und mehr in Aufnahme kam und das weniger schmackhafte und haltbare ungehopfte Bier allmählich verdrängte.

Die erste nachweisbare Erwähnung einer Hopfenpflanzung befindet sich unter der Bezeichnung ~humularia~ in einer Schenkung Pippins des Kleinen, des Sohnes Karl Martells und Vaters Karls des Großen, aus dem Jahre seines Todes 768; vierhundert Jahre später war die heilige Hildegard, Äbtissin des Klosters Rupertsberg bei Bingen (1098-1197), der erste Autor, der den Hopfen als würzenden Zusatz zu Bier nennt. Zu ihrer Zeit pflanzte man schon ziemlich Hopfen in Bayern, Franken und Niedersachsen, aber erst im 14. Jahrhundert wurde die Kultur dieser Pflanze in Deutschland von größerer Bedeutung. Während des ganzen Mittelalters trank man in den Klöstern Europas viel Bier in mancherlei Sorten wie Gersten-, Weizen- und Haferbier; das letztere scheint nach den Aufzeichnungen des Klosters St. Gallen im 10. Jahrhundert das gewöhnliche Alltagsgetränk der Mönche gewesen zu sein, und erstere müssen mehr Festgetränke gebildet haben. In den Klöstern, wohin die leibeigenen Bauern den Zehnten ihres Gewinnes an Vieh und Frucht abzugeben hatten, lernte das Volk dieses Getränk kennen und schätzen. So bildeten sich mit der Zeit in Dörfern und Städten öffentliche Bierbrauereien, deren Erzeugnisse teilweise weithin Ruf erlangten.

Neben dem Hopfen dienten damals noch alle möglichen anderen Pflanzenstoffe als Bierwürze, so besonders die Blätter von Esche, Porsch, Rosmarin und Myrte. So zählt das Hausbuch von Colerus aus dem 16. Jahrhundert an „medizinalischen Bieren“ auf: Rosen-, Wermut-, Salbei-, Beifuß-, Polei-, Isop-, Rosmarin-, Wolgemut-, Nelken-, Lavendel-, Lorbeer-, Melissen-, Kirsch-, Haselwurz-, Eichel-, Schlehen-, Himbeeren- und Hirschzungenbier. Auch von einem Honigbier melden uns bereits die Konzilienbeschlüsse von Worms aus dem Jahre 868 und Tribur 895.

Je mehr nun das Trinken des gehopften Bieres aus den Klöstern in die Laienkreise überging und besonders unter der Bürgerschaft der Städte Aufnahme fand, um so mehr suchte die Obrigkeit seine Herstellung zu regeln. So enthalten bereits die Königsurkunden der Merowinger Bestimmungen über Herstellung, Aufbewahrung und Verkauf von Bier. Nach ihnen erließen die Karolinger und die verschiedensten Herrscher des Mittelalters Verordnungen über die Fabrikation und den Ausschank dieses wichtigen Volksgetränkes. In den freien Reichsstädten wirkte jeweilen der Rat in diesem Sinne und schrieb vielfach die dazu zu verwendenden Rohstoffe vor. So ließ beispielsweise eine Verordnung der freien Reichsstadt Nürnberg vom Jahre 1290 einzig den Gebrauch der Gerste zur Bereitung von Bier zu und verbot Dinkel, Weizen, Roggen und Hafer dazu zu nehmen. Im 14. Jahrhundert taten sich die Bierbrauer in den Städten zu Zünften zusammen und wählten den mythischen König Gambrinus von Brabant zu ihrem Schutzpatron.

Während des späteren Mittelalters wurde das Bier wenigstens in Süddeutschland mehr und mehr von dem als vornehmer geltenden Weine verdrängt, bis später das haltbarere, nach besseren Braumethoden bereitete norddeutsche Bier das verlorene Terrain wieder einigermaßen eroberte. So hatte im 16. Jahrhundert das Einbeckerbier, das auch Luther mit Vorliebe trank, einen besonderen Ruf und wurde weithin versandt. Nach ihm wird das heutige Bockbier genannt. Im Jahre 1591 wurde das Münchener Hofbräuhaus eröffnet, und erst vom 17. Jahrhundert an wandte sich die bis dahin Rebbau treibende und Wein trinkende Bevölkerung Bayerns wiederum dem Biere zu. Lagerbier braut man in Deutschland seit dem 13. Jahrhundert. 1492 erfand Christian Mumme in Braunschweig das nach ihm benannte Bier, das später selbst nach Indien exportiert wurde, und 1738 kam die Gose, ein obergäriges Bier, aus dem Dessauischen nach Eutritzsch im Sächsischen. Hier erzeugte eine einzige Brauerei 30000 Hektoliter jährlich und versorgte mit seinem Erzeugnis das benachbarte Leipzig. Im Jahre 1541 wurde in Nürnberg das erste Weißbier gebraut. Sonst war das Weizenbier besonders in England beliebt, das während des ganzen 15. Jahrhunderts von dort viel nach Hamburg ausgeführt wurde. 1526 begann man es in Hamburg selbst zu brauen, ebenso seit 1572 in Berlin, wo es sich zum heutigen Weißbier entwickelte.

In England war die Anwendung des Hopfens beim Brauen von Bier bis ins 15. Jahrhundert verboten. Noch im 17. Jahrhundert erhob die Bevölkerung von London beim Parlament Beschwerde „gegen zwei der größten Übelstände ihrer Zeit“ -- gegen den Steinkohlengebrauch, dessen Rauch die Luft verpeste, und gegen den Hopfenzusatz zum Biere, weil dadurch der angenehm süßliche Geschmack dieses Getränkes verdorben werde. Ale und Porter werden in England seit kaum mehr als hundert Jahren gebraut. Ersteres wurde vom Braumeister Harwood erfunden und ist hell, wird wenig gekocht, aber stark gehopft, letzteres dagegen ist dunkel und wird durch langes Kochen aus stark gedörrtem, dunkelm Malz gewonnen, ist daher recht vollmundig. Beide enthalten bis 8 und 9 Prozent Alkohol, während das gewöhnliche Bier nicht mehr als 3 bis höchstens 5 Prozent dieses Stoffes enthält.

Noch heute steht Europa unter den biererzeugenden Erdteilen mit etwa 203 Millionen Hektolitern Jahreserzeugnis weitaus an erster Stelle; dann folgen die Vereinigten Staaten von Nordamerika mit 65 Millionen Hektolitern, Australien mit 2,5 Millionen, Südamerika mit 1,5 Millionen, Asien mit 0,6 Millionen und Afrika mit 0,15 Millionen Hektolitern. Von den europäischen Staaten überragt das Deutsche Reich bei einer jährlichen Produktion von annähernd 74 Millionen Hektolitern Bier -- also mehr als einem Drittel der Weltproduktion (!) -- die übrigen Staaten bedeutend. Ihm folgen Großbritannien und Irland mit 58 Millionen Hektolitern, Österreich-Ungarn mit 22 Millionen, Belgien mit 16,5 Millionen, Frankreich mit 14,5 Millionen, Rußland mit 6,6 Millionen, Schweden mit 3,3 Millionen, die Schweiz mit 2,6 Millionen, Dänemark und die Niederlande mit je 2,5 Millionen Hektolitern jährlich. Von den 74 Millionen Hektolitern Jahresproduktion des Deutschen Reiches entfallen auf Norddeutschland 47 Millionen, auf Süddeutschland 27 Millionen, davon auf Bayern 18,4 Millionen Hektoliter. Wenn nun auch Deutschland das meiste Bier erzeugt, so konsumiert es gleichwohl nicht am meisten, sondern kommt darin, auf den Kopf der Bevölkerung berechnet, erst an dritter Stelle. Mit einem gewaltigen Vorsprung marschieren Belgien mit 222 Litern, dann England mit 146 Litern Bierverbrauch pro Kopf der Bevölkerung jährlich. Deutschland mit 119 Litern folgen Dänemark mit 93 Litern, die Vereinigten Staaten von Amerika mit 76 Litern, die Schweiz mit 65 Litern, Schweden mit 52 Litern, Österreich-Ungarn mit 41 Litern, Frankreich mit 34 Litern, Norwegen mit 14, Rußland mit 5, Spanien mit 1,3 und Italien mit 1 Liter.

Bei den Völkern des klimatisch gesegneten Mittelmeergebietes hat von jeher der +Wein+ den Vorzug vor dem Biere erhalten, wenn letzteres überhaupt gebräuchlich war und die Bevölkerung nicht etwa noch am altertümlicheren Mete hing. Wie den Syrern und Kleinasiaten galt auch den Griechen der Wein als weitaus das edelste aller gegorenen Getränke. Schon in homerischer Zeit, d. h. vor dem Jahre 1000 v. Chr., stand er bei den Völkern um das Ägäische Meer in allgemeinem Gebrauch und wird als eine natürliche Gabe des Landes vorausgesetzt. Brot, Wein und Kleider waren für die Menschen jener Zeit die drei ersten Lebensbedürfnisse. In der Ilias wird besonders Phrygien durch das kennzeichnende Beiwort ~ampeloéssa~, d. h. das rebenbepflanzte, bezeichnet, und auf dem ehernen runden Schilde des Achilleus soll unter anderem auch eine Weinlese dargestellt gewesen sein. In der Odyssee werden die Gärten des Alkinoos, des Königs der Phäaken, wie auch des Odysseus als durch eine Fülle von Trauben ausgezeichnet geschildert. In seiner Heimat auf der Insel Ithaka besaß letzterer, nach den Mitteilungen im Epos, selbst ausgedehnte Rebberge, von deren Ertrag die Hirten und selbst ihre Unterknechte den Wein tranken. Und als Odysseus nach seinen langen Irrfahrten in seine Heimat zurückkehrte, wurde er von seinem getreuen „göttlichen“ Schweinehirten Eumaios mit Ferkelbraten und Wein bewirtet.

Eine Menge alter Landschafts- und Städtenamen des alten Griechenland sind vom Wein und vom Rebbau abgeleitet oder führen den kennzeichnenden Beinamen der rebenreichen als Beweis dafür, wie populär die Kultur dieser Nutzpflanze in diesem Lande schon in sehr früher Zeit war. Auch in späterer Zeit waren besonders reich an Rebbergen die kleinasiatische Küste des Ägäischen Meeres und das dahinter gelegene Land, besonders Mysien, von wo, wie Herodot berichtet, die Kunst der Weinbereitung in grauer Vorzeit zuerst zu den wilden Thrakern, den Verehrern des Kriegsgottes Ares, gelangte.

Die edle +Weinrebe+ (~Vitis vinifera~) war ursprünglich nicht in diesen Gegenden heimisch, sondern sie gelangte, wie der Gott des Weines und des Natursegens überhaupt, Dionysos, dem der ferne Orient, ja Indien, die Heimat sein sollte, aus Westasien dahin, wo sie in den ausgedehnten Waldungen zwischen Kaukasus, Ararat und Taurus heute noch wildwachsend gefunden wird. Dort schlingt sie ihre aus einem bis armdick werdenden Stamme hervorsprossenden Zweige lianenartig von Baumkrone zu Baumkrone und läßt ihre im Naturzustande kleinen und etwas herben Trauben reifen, die der Mensch im Laufe der Jahrhunderte durch Kulturauslese größer, saftiger und süßer gestaltete. Dies geschah wohl zuerst irgendwo in ihrer Heimat im Berglande Armenien. Die Bezeichnung Wein, wie auch das lateinische ~vitis~ = Rebe scheint zur urindogermanischen Wurzel ~uei~ oder ~ui~ „sich winden“ zu gehören. Nach S. Schraders einleuchtender Vermutung wurzelt der Name speziell im Armenischen, von wo er sich einerseits zu den Westsemiten, andererseits über Kleinasien zu den Balkanvölkern und von da zu den Griechen verbreitete. So ist aus dem älteren ~uainio~ einesteils das semitische ~jáin~ und arabische ~wain~, andernteils das phrygische ~uaina~, daraus das griechische ~oinos~ und zuletzt das lateinische ~vinum~ entstanden, aus welchem dann die verschiedenen heutigen europäischen Bezeichnungen dieses Getränkes hervorgingen.

Wenn wir nun auch offenkundig den indogermanischen Stämmen Vorderasiens die Verbreitung des Namens Wein verdanken, so muß doch die Kultur des Weinstocks älter sein als sie und ist zweifellos einem vorarischen Volke zu verdanken, das aber jedenfalls kein semitisches war. Charakteristischerweise nennt auch die biblische Überlieferung keinen Semiten, sondern den gemeinsamen Ahnherrn der Semiten, Hamiten und Japhetiten als ersten Weinbauern. Es ist dies bekanntlich Noah, der sich nach der großen Flut (Sintflut, d. h. allgemeine Flut) am Fuße des Berges Ararat, unweit des armenischen Hochlandes, niedergelassen haben soll. Hier nahm er den Weinstock in Pflege und trank von dessen vergorenem Safte. „Noah aber fing an, ward ein Bauer und pflanzte Weinberge. Und da er vom Wein trank, ward er trunken und lag in der Hütte nackt.“ Da sah nun sein jüngster Sohn Ham seines Vaters Scham und sprach davon zu seinen beiden Brüdern draußen. „Da nahmen Sem und Japhet ein Gewand, legten es auf ihre beiden Schultern und gingen rücklings hinzu und deckten ihres Vaters Scham zu; und ihr Gesicht war abgewandt, damit sie ihres Vaters Scham nicht sahen. Als nun Noah erwachte von seinem Wein und erfuhr, was ihm sein kleiner Sohn getan hatte, so verfluchte er ihn und sprach: er sei ein Knecht aller Knechte unter seinen Brüdern.“ 1. Mose 9, 20-23. Auch später gehörte der Wein bei seinen Nachkommen zu den Bedürfnissen des Lebens. Als Jakob Isaak segnete, sprach er: „Gott gebe dir vom Tau des Himmels und der Fettigkeit der Erde und Korn und Wein die Fülle.“

Nach ihrer eigenen Geschichtserzählung fanden die Juden den Rebstock als längst eingeführte Kulturpflanze in Palästina vor, als sie ums Jahr 1250 v. Chr. dieses Land eroberten. Es sei hier nur an die Kundschafter erinnert, die Moses aussandte, und die dann mit Trauben von seltener Größe beladen aus dem Lande Kanaan zurückkehrten. Dort heißt es wörtlich: „Und sie kamen bis an den Bach Eskol und schnitten daselbst eine Rebe ab mit +einer+ Traube und ließen sie zwei an einem Stecken tragen, dazu auch Granatäpfel und Feigen.“ 4. Mose 13, 24. Ferner an die Verheißung Jahves, die er seinem Volke durch Mose kundtun ließ: „Denn der Herr, dein Gott, führet dich in ein gutes Land, worinnen Bäche, Brunnen und Seen sind, die an den Bergen und durch Auen fließen, ein Land, da Weizen, Gerste, Weinstöcke, Öl-, Feigen- und Granatbäume darinnen sind, da es Öl und Honig gibt, ein Land, da du Brot genug zu essen hast und dir nichts mangelt.“ 5. Mose 8, 7 u. 8.

Solange sie selbst noch nomadische Viehzüchter waren, hatten sie für Milch und Honig als die für sie begehrenswertesten Nahrungs- und Genußmittel geschwärmt und sich auf ihrem Zuge durch die Wüste einen Wohnsitz gewünscht, der ihnen solche Herrlichkeiten in Fülle böte. Da entdeckten sie in diesem ihnen von ihrem Gotte Jahve durch Moses gelobten Lande die großbeerigen Trauben und die daraus gepreßten Vorräte von Wein, den die älteren unter ihnen von Ägypten her kannten und den sie auf ihrer langen Wüstenwanderung gewiß bitter entbehrt hatten. Sie fuhren nun fort, die eroberten Rebberge zu kultivieren und wiederum selbst, wie einst im Lande Gosen, Wein zu keltern und in großen Tonkrügen mit Ölabschluß oder in Schläuchen aufzubewahren, wie solches sie und ihre Vorfahren schon in Ägypten getan hatten. Denn im Niltale war schon zu Ende des 4. vorchristlichen Jahrtausends neben dem älteren Gerstenbier auch der Wein als Genußmittel bekannt, der, wie die Wandmalereien in den Grüften der Vornehmen jener Zeit bekunden, aus im Lande selbst gezogenen Reben gekeltert wurde. Zwar berichtet der griechische Geschichtschreiber Herodot, der um 460 v. Chr. selbst in Ägypten war, Ägypten besitze keine Weinstöcke und bringe keinen Wein hervor; auch sollte derselbe nach demselben Gewährsmann dort weder getrunken, noch zum Opfer verwendet worden sein. Aber das war zweifellos eine unrichtige Beobachtung des Griechen, der wohl nicht sehr weit im Lande herumkam und dort das gemeine Volk nur Gerstenbier trinken sah.

Die zahllosen Darstellungen an den Grabwänden der altägyptischen Totenstädte und das Bild der Weinrebe, ihrer Kultur und Ernte in den ältesten Monumenten und Papyrustexten tun uns aufs unzweideutigste kund, daß die Rebe bereits zu Beginn des 3. vorchristlichen Jahrtausends in ausgedehntem Maße in Ägypten kultiviert wurde. Die Rebe und die reife Traube hießen im Altägyptischen ~aruri~, der Wein ~arp~, während die unreifen Beeren ~gangani~ und die von den Trauben gelesenen und an der Sonne getrockneten Beeren, die auch mit Vorliebe den Toten mitgegeben wurden, ~ashep~ genannt wurden. Solche getrocknete Weinbeeren haben sich häufig in den altägyptischen Gräbern gefunden und wurden auch zu Opfern verwendet. Herodot berichtet uns, daß man dem beim Opfer an die Isis verbrannten Stier außer Weihrauch, Myrrhen, Honig und Feigen auch solche getrocknete Weinbeeren in den Bauch tat.

Schon durch eine der ältesten hieroglyphischen Inschriften erfahren wir von Amten, dem Oberjägermeister des Königs Snofru aus der 3. Dynastie (um 2900 v. Chr.), daß er inmitten eines großartigen Parkes einen Weingarten anlegte und daraus sehr viel Wein gewann. Bereits im alten Reiche (2980-2475 v. Chr.) werden nach den Inschriften vier Sorten Wein angeführt und nach Farbe und Ursprungsort als schwarzer, roter, weißer und nördlicher (aus dem Delta) bezeichnet. Aus dem Papyrus Harris I. erfahren wir, daß Ramses III. aus der 20. Dynastie (1200-1090 v. Chr.) nicht nur in Ober- und Unterägypten, sondern auch in den verschiedenen Oasen westlich vom Niltal Weingärten „ohne Zahl“ anlegen ließ, und namentlich dem berühmten Weinberg ~Ka-en-kêmet~, der den ausgedehnten Gartenanlagen des großen Ammontempels in Theben angehörte, seine besondere Fürsorge widmete.

Bis in die Ptolemäerzeit lassen sich die Spuren einer fleißigen Kultur der Weinrebe in Ägypten verfolgen. Die meisten Weingärten lagen im arsinoitischen Nomos (Gau), dem heutigen Fajûm, und im Delta. So waren bei den Griechen und Römern verschiedene Weinsorten aus jenen Gegenden sehr berühmt, so der mareotische, plinthinische, taniotische, sebennitische, selonnytische, ekboladische und der von Koptos und Anthylla. Man zog die Rebe an Spalieren, in Lauben oder an Stangen. In den Wandgemälden sind die Rebstöcke rotbraun, das Laub grün und die Trauben meist dunkelblau, seltener blaßrot oder blaßviolett dargestellt. Auf einem der Gemälde in der Totenstadt Theben begießt einer der Winzer die Stöcke des Weingartens; zwei andere pflücken Trauben, noch andere tragen sie in großen Körben von dannen und ein Knabe verscheucht mit einer Holzklapper die daran zu naschen versuchenden Vögel. -- Die Trauben wurden durch Austreten mit den Füßen in Holzkufen gekeltert und der ausgepreßte Saft floß seitlich durch einen mit Hahn verschließbaren Auslauf in die daneben gestellten Bottiche. Um den ausgetretenen Beeren die letzten Saftreste zu entnehmen, tat man sie in grobe Leintücher oder Bastmatten und drehte an den beiden Enden, an denen zur größeren Kraftentfaltung Holzstäbe staken. Der dabei ausfließende Saft wurde in großen, nach unten spitz auslaufenden Tongefäßen aufgefangen. Auf Grabgemälden in Beni Hassan und an andern Orten finden wir sowohl Männer als Frauen mit solchem Auspressen der Beeren beschäftigt. Zuletzt wurde der Most filtriert und in große, oft mehr als 1,5 m hohe Tonkrüge geleert, darin mit Deckeln verschlossen, versiegelt, von den Schreibern notiert und in den Vorratskammern entweder auf besondere Holzgestelle oder den Wänden entlang in langen Reihen nebeneinander aufgestellt. An diesen umfangreichen, teilweise zweihenkeligen Tonkrügen von sehr gefälliger Amphorenform wurde dann zum Schluß die Aufschrift ~arp~, d. h. Wein angebracht. Wo verschiedene Sorten nebeneinander zur Aufbewahrung gelangten, war genau notiert, ob sie ~abs arp~, d. h. Weißwein, ~tesr arp~, d. h. Rotwein oder sonst eine Marke enthielten, damit keine Verwechslung möglich war. Zum täglichen Bedarfe entnahm man ihn durch Ansaugen vermittelst langer Heber und mischte ihn nach Belieben mit andern Weinsorten oder Wasser. So sehen wir auf einer Darstellung der Gräberstadt von Theben einen Schenken vermittelst dreier Heber aus Metall Wein aus drei verschiedenen kleinen Krügen, die auf einem Gestell von drei übereinander gereihten Lagen von je vier Krügen ruhen, entnehmen, um sie in einer auf einem Taburett stehenden flachen, zweihenkeligen Schale zu mischen und den Gästen beim Mahle als Trank zu reichen.

Most und Wein scheinen den alten Ägyptern vortrefflich gemundet zu haben. An einer Wand des großen Tempels zu Edfu ist der König mit einem Becher in der Hand dargestellt und die erläuternde Inschrift lautet: „Man tat Weinbeeren in das Wasser, davon trinkend sprach der König...“ In manchen altägyptischen Gedichten wird der Wein als „Seife der Sorge“ bezeichnet, und im „Liede des Harfners“ aus dem Grabe des altthebanischen Königs Entufe heißt es ermahnend: „Mit strahlendem Gesicht feiere einen frohen Tag und ruhe nicht an ihm; denn niemand nimmt seine Güter mit sich und niemand kehret wieder, der dahingegangen ist.“ Und daß man sich trotz des so weitgehenden Totenkultes die Freude am vollen Lebensgenuß nicht nehmen ließ, das zeigen die häufig zur Darstellung gelangten Trinkgemälde an den Wänden altägyptischer Gräber. Andere weisen die Folgen solcher Trinkgelage auf. So tragen in einem Grabgemälde von Beni Hassan zwei Sklaven ihren sinnlos betrunkenen Herrn an Kopf und Füßen gefaßt von einem Trinkgelage heim. Ihnen folgen drei andere, über deren Köpfen regungslos ausgestreckt der Körper seines Kumpanen liegt. Der erste der Diener hält mit der einen Hand das schwer herabhängende Haupt des Gebieters. Neben Gelagen von Männern der obersten Gesellschaftskreise finden wir auch solche von Damen dargestellt. So führt uns ein Wandgemälde zu El kab in eine mit Lotosblüten geschmückte zahlreiche Damengesellschaft. Der Knabe, welcher die munteren Schönen bedient, reicht einer derselben eine flache, mit Wein gefüllte Trinkschale und spricht: „Trinke bis zum Rausche und feiere einen guten Tag; merke auf die Worte deiner Nachbarin. Werde nicht müde.“ Einer andern Dame braucht diese Aufforderung nicht erst gesagt zu werden. Sie ruft dem kleinen Diener zu: „Reiche mir 18 Becher mit Wein. Siehe, ich sehne mich nach einem Rausche! Die Stätte, an der ich weile, ist von Stroh!“ Aus solchen und andern Äußerungen des ägyptischen Volksgeistes ersieht man, daß man damals selbst an der Stätte des Todes den derben Humor nicht scheute.

Auf einem Grabgemälde der Totenstadt Thebens werden bei einem Gelage mehrere Weinsorten gemischt und wir sehen zur Entnahme des Weines mehrere lange Heber in Funktion, deren einer vom Diener eben an den Mund gesetzt wird, um durch Ansaugen die Luft darin zu verdünnen und den Inhalt eines Kruges zum Herausfließen zu bringen. An den großen Festen zu Ehren der Götter floß der Wein in Strömen, so besonders bei der Techu(d. h. Volltrink)feier und an dem bacchanalischen Bubastisfeste, das man mit großen Opfern, Schwelgereien und sehr ausgelassenen, uns sittenlos vorkommenden Aufführungen beging und an welchem, wie Herodot berichtet, an einem Tage mehr Wein getrunken wurde, als während des ganzen übrigen Jahres zusammengenommen.

In den langen an den Tempelwänden verzeichneten Geschenklisten der Pharaonen bilden unter den liegenden Gütern auch Weinberge und Baumgärten, wie auch Krüge mit Wein eine nicht unbedeutende Rolle. So schenkte nach dem Papyrus Harris Ramses VII. (um 1100 v. Chr.) den Tempeln Ober- und Unterägyptens insgesamt 514 Weinberge und Baumgärten, und während seiner 31jährigen Regierungszeit wurden von ihm 28080 Krüge Wein für die Priester außer 228380 Krügen Rebensaft für die Opferfonds gestiftet. Gaben an Wein nebst Brot, Kuchen und Fleisch von Haustieren, besonders Gänsen, fehlten keinem Opfer, sei es an die Himmlischen, sei es an die Geister vornehmer Verstorbener. Solchen Totenopfern verdanken wir auch die Reste von Weintrauben, die mehrfach in Form von zusammengeschrumpften schwärzlichen Rosinen von holziger Beschaffenheit, teilweise noch mit dem bläulichen Wachsüberzug bedeckt, auf uns gekommen sind. In manchen derselben konnte noch der einst beim Trocknen ausgeschiedene Traubenzucker nachgewiesen werden.

Wie der Weinbau bereits zu Ende des 4. vorchristlichen Jahrtausends aus dem mesopotamischen Hochlande über Mesopotamien und Syrien nach Ägypten gelangt war, so wanderte er etwas später durch ganz Kleinasien, und gelangte schließlich an die Ostküste und auf die Inseln des Ägäischen Meeres, wo er um die Mitte des 2. vorchristlichen Jahrtausends bereits eingeführt war. Auch die Mykenäer pflanzten schon Reben, wie uns die Traubenkerne beweisen, die in den Ruinen der mykenischen Burgen von Tiryns im Peloponnes und von Troja am Hellespont aus dem 16. und 15. vorchristlichen Jahrhundert gefunden wurden. Immerhin beweist uns ihre auffallende Kleinheit, daß die damals von ihnen gepflanzte Rebe noch recht kleinbeerig und wenig durch Kultur veredelt war. Dasselbe beweisen auch die Reihen mächtiger, von den Griechen ~pithoi~ genannter Vorratskrüge aus gebranntem Ton in den Palästen von Knosos und anderer Herrensitze aus mykenischer Zeit auf der Insel Kreta, die außer für Getreide und Öl jedenfalls auch ganz besonders zur Aufbewahrung von Wein gedient haben werden.

Die Kultur der Rebe scheint auf zwei verschiedenen Wegen nach Griechenland gelangt zu sein. Der eine, ältere ging, wie erwähnt, über Kleinasien und Thrakien, von woher die Griechen den Weinbau und den damit zusammenhängenden Dionysoskult erhalten haben wollen. Von solchen Reben an der thrakischen Küste bereiteten Wein tranken nach Homer die Griechen bei der Belagerung Trojas, die ihn nach den Angaben in der Ilias beim Genusse nicht weniger als zwanzigfach mit Wasser verdünnt genossen. Der andere, jüngere Weg führte der Südküste Kleinasiens entlang über die Inseln Kreta, Naxos und Chios, die ebenfalls mit dem Dionysoskult in engerer Verbindung standen, nach dem griechischen Festlande. Auf diesem letzteren scheinen die schiffahrtkundigen Phönikier in erster Linie die Vermittler gewesen zu sein.

Besonders berühmt war im alten Griechenland der pramnische Wein vom Berge Pramne auf der Insel Ikaros und der maroneische von der thrakischen Küste, dann diejenigen der Inseln Lesbos, Kos und Thrasos. Doch würden sie wahrscheinlich unseren Beifall nicht ganz gefunden haben, da man sie nach uralter Sitte durch Zusatz von Harz der Aleppokiefer (~Pinus maritima~) haltbar zu machen suchte; deshalb bildet ein Tannenzapfen den Knauf des rebenumwundenen Thyrsosstabes, den die Bacchanten am Feste des Gottes Dionysos mit Weinlaub bekränzt schwangen.

Schon bei den Griechen haben sich eine Menge Sitten und Gebräuche an die geselligen, mit Weingelagen einhergehenden Zusammenkünfte geknüpft. Das Präsidium besaß der ~symposiárchos~, der die Sitzung leitete und das Zutrinken bewachte. Den ersten Schluck brachte man dem Weingotte Dionysos selbst dar, den zweiten dem Göttervater Zeus, den dritten der Gesundheit und den vierten dem Götterboten Hermes, dem Herrn der Nacht, dem Spender des Schlafes und der süßen Träume. Dabei bekränzte man sich mit Weinlaub und Rosen und erfreute sich dabei der vollkommensten Redefreiheit, die denn auch bei dem witzigen, geistreichen Volke gehörig ausgenutzt wurde.

Mit der ausgedehnten griechischen Koloniengründung kam der Weinstock und sein Anbau sehr früh auch nach Sizilien und Unteritalien und von da in der Folge zu den damals noch auf Mittelitalien beschränkten Römern, die aus dem Akkusativ des griechischen ~oínon~ den Namen ~vinum~ für Wein bildeten. Bevor die Römer durch die unteritalischen Griechen mit diesem Getränke bekannt gemacht wurden, kannten sie als Getränk außer Wasser nur die Milch der Herdentiere, welche auch die ältesten uns bekannt gewordenen Opfersatzungen dieses Volkes den Göttern zu opfern geboten. Wenn auch nicht besonders angeführt, wird auch Met bei festlichen Anlässen getrunken worden sein, Bier dagegen fehlte. Während aber noch Romulus den Göttern Milch als das vornehmste Getränk opferte, verbot schon Numa Pompilius, der zweite König von Rom, der von 715-672 v. Chr. geherrscht haben soll, bei den Totenfeiern den Holzstoß, auf dem die Leichen verbrannt wurden, mit dem aus Großgriechenland importierten Wein zu besprengen.

In Unteritalien gedieh die Rebe so üppig, daß schon Herodot im 5. vorchristlichen Jahrhundert diesem Lande die Bezeichnung Oinótria, d. h. Land der Weinpfähle gab, weil hier die Weinstöcke an Pfählen gezogen wurden, im Gegensatz zu den Landschaften, wo sie an Bäumen emporwuchsen, wie in Etrurien und Campanien, dem Gebiete des alten Kulturvolkes der Etrusker oder Tusker, oder ohne Stütze kurz und niedrig gehalten wurden, wie im südlichen Gallien und Spanien, wohin die Rebe vielleicht schon durch die handeltreibenden und ebenfalls noch vor den Griechenstämmen Kolonien gründenden Phönikier gelangte. In Latium, wo die Rebenkultur erst im Jahre 180 v. Chr. soll in Aufnahme gekommen sein, untersagten die früheren römischen Gesetze Frauen überhaupt und Männern vor dem 25. Jahre Wein zu genießen. Später aber war man darin viel nachsichtiger, wie dies bei den Griechen Sitte war. Zu Ende der Republik werden uns in Mittelitalien die Landschaften Campanien und Picenum als besonders weinreich geschildert. Auch in die Gegenden um die Pomündungen muß der Weinstock mit dem griechischen Seeverkehr schon früh gekommen sein, so weit der niedrige, leicht Überschwemmungen ausgesetzte Boden diese Kultur gestattete. Mit Recht verwundert sich der im letzten vorchristlichen Jahrhundert in Italien lebende griechische Geograph Strabon über das merkwürdige Zusammentreffen der dortigen Sümpfe mit überaus reichem Weinbau. Tatsächlich war der Wein zur römischen Kaiserzeit in Ravenna wohlfeiler als Wasser, so daß der ums Jahr 102 n. Chr. verstorbene bissige römische Dichter Martialis in einem bekannten Epigramm meinte, er möchte daselbst lieber eine Zisterne mit Wasser als einen Weinberg besitzen, und sich beklagt, ein betrügerischer Schankwirt jener Stadt habe ihm einst reinen Wein, statt den von ihm verlangten mit Wasser vermischten verkauft.

Es galt nämlich sowohl bei den Griechen, als auch bei den Römern der früheren Zeit für unfein und war deshalb verpönt, den Wein, weil ziemlich stark, pur zu trinken. Man verdünnte ihn deshalb stets reichlich mit Wasser. Erst in späterer Zeit, als die Sitten üppiger wurden, begann man vielfach unverdünnten Wein zu trinken. Dabei kühlte man den Wein auf Eis, versetzte ihn gerne mit Gewürzen und fing an nach alten Jahrgängen zu trachten. Bei den prunkvollen Gastmählern der Vornehmen Roms mußte schon acht- bis zehnjähriger Wein aufgetischt werden, um geschätzt zu werden. Aber noch viel älteren, selbst zweihundertjährigen Wein gab es damals. So mundete dem im größten Luxus aufgewachsenen Kaiser Caligula, der von 37 bis 41 n. Chr. regierte, vornehmlich Wein vom Jahre 121 v. Chr., dem besten Jahrgange, den Italien jemals erlebt hatte. Dieser vor allen geschätzte Wein wurde der opimische genannt, weil damals Opimius Konsul war. Es war dies übrigens das verhängnisvolle Jahr, in welchem der letzte der Gracchen, Gajus, wegen der mit seinem Bruder Tiberius veranlaßten Äckerverteilungen zugunsten der ärmeren Bürger, einen gewaltsamen Tod fand. Selbstverständlich war das kein billiger Wein; denn nach dem Berichte des älteren Plinius kam eine Amphore solchen Weines auf mehr als 240000 Mark zu stehen. Da nun die Amphore 20 Liter faßte, so kostete also der Liter dieses berühmten opimischen Weines nicht weniger als 12000 Mark. Ein Genuß, den sich allerdings nur die Allerreichsten der reichen Römer leisten konnten. Daß es aber damals überhaupt so alte Jahrgänge gab, beweist, daß man sich also im Altertum weit besser auf die Konservierung von Wein verstand als im modernen Italien, dessen Weine kaum eine einjährige Aufbewahrung zulassen. Zu solchem Zwecke versetzte man ihn mit dem Harz der Strandkiefer, mit Gips oder Ton, auch Marmor- und Kalkstaub -- letzteres, um ihm die Säure zu nehmen --, oder man kochte ihn ein, vielfach mit Zusatz von wohlriechenden Kräutern. Der ältere Plinius rühmt speziell das Anmachen des Weins mit Seewasser als für den Magen besonders heilsam.

Hatte zunächst in der alten Kulturwelt Griechenland lange Zeit hindurch ein Monopol mit seinen Weinen ausgeübt, so übernahm ein solches mit dem Beginne der christlichen Zeitrechnung das durch die römische Weltherrschaft mächtig gewordene Italien. Zur Zeit des älteren Plinius um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. gehörten von den 80 berühmtesten Weinlagen der damaligen Kulturwelt mehr als zwei Drittel der italienischen Halbinsel an, die durch diesen ihren Reichtum den Sieg über die Pflanzenschätze aller Länder davontrug mit alleiniger Ausnahme der Gewürzpflanzenländer. „Es ist aber,“ fährt Plinius fort, „wenn der Weinstock in Blüte steht, kein Duft lieblicher als seiner.“ Der Dichter Horaz, den Maecenas, der Freund des Kaisers Augustus, protegierte und dem er ein Gütchen im Sabinerlande schenkte -- woher das Wort Mäcen die Bedeutung von Beschützer und Gönner der Künste und Wissenschaften erhielt --, hat in seinen Gedichten, die von allen gebildeten Römern gelesen wurden, dem Falernerwein vom ~ager Falernus~ im nordwestlichen Campanien, dessen vorzüglichste Marke der Massiker war, eine Reklame gemacht, die dem wirklichen Werte des Weines durchaus nicht entsprach. Nach allgemeinem Urteil des Gourmets des alten Rom war der Cäcuber an der Küste besser; doch verschwand er zu ihrem Leidwesen, als Kaiser Nero zwischen Bajä und Ostia einen Kanal graben ließ. Als Tischwein zog Kaiser Augustus allen andern denjenigen von Setia vor, den auch seine Nachfolger auf dem Throne der Cäsaren begünstigten „weil die Erfahrung lehrte, daß man von diesem Wein keine üblen Folgen zu befürchten hat“. Livia dagegen, die Gattin des Augustus, schrieb ihre körperliche Frische, die sie bis zu ihrem 86. Lebensjahre bewahrte, dem Umstande zu, daß sie sich täglich an Pucinerwein erlabte. Man rühmte im alten Rom auch die Vorzüge des Weines von Surrentum (dem heutigen Sorrent bei Neapel); doch erklärte Kaiser Tiberius diesen Wein für einen ganz gemeinen Essig, der seinen Ruf nur der bezahlten Lobpreisung einer Ärzteklique verdanke. Außer dem Surrentiner und Cäcuber erklärte Columella den Massiker und Albaner für die edelsten Weine der damaligen Welt. Der erstere wuchs in der Nähe Neapels, der letztere dagegen in der Nähe Roms. Julius Cäsar soll der erste gewesen sein, der seinen Gästen zu einer Mahlzeit vier verschiedene Weine vorsetzte. Seit jener Zeit wollte jeder reiche Römer einen wohlassortierten Weinkeller besitzen und suchte einer den andern mit feinen Marken zu überbieten, für die teilweise, wie wir beim alten opimischen Wein sahen, fabelhafte Preise bezahlt wurden.

Wie zu Ende der Republik Italien geradezu ein Weinland geworden war, das Wein ausführte, aber Getreide einführte, so gedieh die von kleinasiatischen Griechen schon im 7. vorchristlichen Jahrhundert nach Spanien gebrachte Rebe auch in diesem Lande vortrefflich. Nach Plinius war der hispanische Wein auch in Rom sehr beliebt, ebenso der aus dem südlichen Gallien stammende. Um ihn haltbarer zu machen, pflegte man die Tonkrüge, in denen man ihn aufbewahrte, nach orientalischer und griechischer Sitte in Rauchkammern zu räuchern oder mit Terpentin oder Mastix zu versetzen. Solchem Weine würden wir heute ebenso wenig Geschmack abgewinnen, als solchem der mit Meerwasser versetzt war, wie dies besonders in Kleinasien und Griechenland geschah, ein Verfahren, das Plinius als für den Magen heilsam bezeichnete. Auch die uralte Sitte, den Wein in innen geharzten Ziegenschläuchen zu transportieren, würde kaum unsern Beifall gefunden haben, da er dadurch einen widerlichen, bockigen Beigeschmack erhielt.

In Frankreich, dem heute vorzugsweise Weinbau treibenden Lande, hat um die altgriechische Kolonie Massalia herum, der erste Rebberg gestanden. Hierher brachten, wenn nicht schon die Phönikier, so jedenfalls die Phokäer ums Jahr 600 v. Chr. die Rebe. Jedenfalls war die Art ihres Anbaues, die aus der griechischen Mutterstadt in Kleinasien -- etwas nördlich von Smyrna gelegen -- mitgebrachte ohne Stützen und Pfähle. Von jener ältesten Pflanzstätte des Weinbaues in Gallien verbreitete sich diese Kultur längs der Küste, zunächst um die befestigten Ansiedelungen herum. Und bald waren die umwohnenden Ligurer auf dieses neue, wohlschmeckende Genußmittel erpicht, das sie im Tauschhandel gegen die Rohprodukte ihres Landes, hauptsächlich um Vieh, Häute und Getreide erstanden. Aber nur die Wohlhabenden konnten sich diesen Luxus gestatten, während die Ärmeren notgedrungen bei ihrem altgewohnten Gerstenbier verblieben.

Von der Küste drang nun der Wein und seine Kultur, wie auch gleichzeitig diejenige des ebenfalls von den Griechen angebauten Ölbaumes, zunächst dem Rhonetal folgend, immer weiter ins Innere Galliens vor, so daß die Römer, die nicht bloß ein Krieger-, sondern auch ein höchst eigennütziges Kaufmannsvolk waren, bald für ihre Ausfuhr an Wein und Öl in jenes Land zu fürchten begannen und den von ihnen besiegten transalpinen Galliern die Enthaltung von Öl- und Weinbau als Friedensbedingung auferlegten. Die Folge davon war, daß immer noch eine starke Einfuhr von italischem Wein über das inzwischen von den Römern unterjochte Massalia stattfand, als nach den Siegen über die Allobroger und Arverner die Gegend zwischen Pyrenäen, Cevennen und Alpen zur römischen Provinz ~Gallia narbonensis~ erhoben wurde. Als dann Cäsar um die Mitte des letzten vorchristlichen Jahrhunderts das ganze übrige Gallien bis zur Nordsee und zum Rhein eroberte, drang mit der römischen Kultur auch der Weinbau immer mehr nach Norden und Westen vor.

So war schon zu Ende des 1. christlichen Jahrhunderts nicht nur das südliche Gallien im Gebiete der Rhone und Garonne, sondern auch das nördliche im Bereiche der Saône und Mosel ein eigentliches Weinland mit besonderen Trauben- und Weinsorten, welch letztere nicht nur bei den Germanenstämmen, sondern vielfach auch in Italien selbst Anklang fanden und in ziemlichen Mengen dahin exportiert wurden, obschon sie durch künstliche Behandlung mit Harz zur besseren Haltbarkeit einen nach unseren Begriffen jedenfalls nicht sehr angenehmen Geschmack danach besaßen. Solche anerkannt gute gallische Weine waren nach dem älteren Plinius diejenigen der ~Gallia narbonensis~, die schon Cäsar rühmte, dann diejenigen der Bituriger (die Vorläufer des heutigen Bordeauxweines), der arvernische (der Auvergne) und der bäternanische (von Frontignac).

Um nun den italienischen Weinbau gegen die Konkurrenz hauptsächlich der gallischen Weine zu schützen, erließ Kaiser Domitian, der von 81-96 n. Chr. regierte, eine Verordnung zur Einschränkung der Weinkultur in den Provinzen; zugleich ließ er die Hälfte der gallischen Weinberge zerstören. Erst Kaiser Probus, der von 276-282 die Herrschaft inne hatte, hob im Jahre 280 diese Verfügung für Gallien, Spanien und Britannien auf und ließ in Gallien, Pannonien und Mösien zu den alten zahlreiche neue Rebberge anlegen. Unter Aurelian und den Antoninen wurde die ~Côte d’or~ in Westfrankreich mit Reben bepflanzt, woher die Weine jener Gegend noch heute nach den Römern ~Romané~ heißen.

Vom 2. nachchristlichen Jahrhundert an war die Moselgegend ein Zentrum des Weinbaus im nördlichen Gallien, das das Erzeugnis seiner Reben in Holzfässern, wie uns verschiedene Abbildungen aus römischen Denkmälern jener Zeit lehren, auf Schiffen und Wagen weithin ausführte. Es war dies gegenüber den sonst von den Römern gebrauchten tönernen Gefäßen, den Dolien und Amphoren, in denen der Wein durch eine Schicht Olivenöl, wie heute noch der Chianti, von der atmosphärischen Luft abgeschlossen wurde, eine wichtige Neuerung, die seinem Transport in entferntere Gegenden sehr zugute kam. Im 4. Jahrhundert entwirft uns der römische Dichter Ausonius von Burdigala (Bordeaux) in seinem Gedichte Mosella ein malerisches Bild von den rebenbepflanzten Hügeln der Moselgegend, die ihn an die Umgebung seiner Heimat Bordeaux erinnern; sie trugen in theaterartig ansteigendem Aufbau bis zum obersten Gipfel hinauf die grünenden Ranken und süßen Früchte. Noch Venantius Fortunatus in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts stellt dem in Wogen rauschenden Rhein die traubenreiche Mosel gegenüber. Von Trier bis Koblenz scheinen damals alle besseren, sonnigen Lagen mit Rebbergen bestanden gewesen zu sein.

Unter den merowingischen Königen, die auf ein gutes und reichliches Weinlager hielten und Naturlieferung von Wein als Steuer forderten, wie uns der fränkische Geschichtschreiber Gregor von Tours (540-594) berichtet -- so setzte König Chilperich fest, daß jeder Besitzer von Grund und Boden eine Amphora Weines auf jede ~aripennis~ Land gebe --, griff der Weinbau im nördlichen Gallien immer weiter um sich. Seit dem 6. und 7. Jahrhundert haben wir zerstreute Zeugnisse dafür, die mit den Zeiten der Karolinger immer häufiger werden. So meldet Gregor von Tours von Bischöfen, wie z. B. Nicetius von Lyon, und Herzögen, wie Chrodin von Dijon, daß sie mit Anlegen und Verbessern von Weinbergen dem Volke als leuchtendes Beispiel vorangingen. Das salische Gesetz schützte solche bereits durch Strafbestimmungen und setzte für die Winzer, wie für andere kunstfertige unfreie Diener, auch ein höheres Wergeld fest.

Von der Moselgegend erhielten wohl die Germanen zuerst den römischen Wein und damit auch den lateinischen Namen dafür, der althochdeutsch ~vîn~ lautet und männlich ist, wie dies hier in Gallien der Fall war, in dessen Sprachgebrauch das Neutrum früh verloren ging. Aber erst nach dem Untergange der Römerherrschaft empfingen sie auch die Rebe und alle Gerätschaften und Bezeichnungen, die die Römer für deren Kultur besessen hatten. Vor allem aber diente ihnen die aus eichenen Dauben hergestellte Kufe (~cupa~) und das Faß keltischen Ursprungs bei der Weinbereitung. Solche Behälter sind aber, wie die Erfahrung der Weinbauern lehrte, um so besser, je älter sie sind. Frisch hergestellt sind sie nicht gut zu gebrauchen; sie müssen vielmehr zur ausgiebigen Auslaugung der löslichen Bestandteile des Holzes, die dem Wein sehr schlecht bekommen, zunächst ein halbes Dutzend mal mit kaltem Wasser, das man geraume Zeit in ihnen stehen läßt, behandelt und dann ebenso oft mit heißem Wasser ausgebrüht werden. Aber auch dann wird kein guter Edelwein in solchen frischen Fässern aufbewahrt, sondern eine minderwertige Sorte, mit der sich das Holz sättigen kann, wodurch es erst die Fähigkeit verliert, noch irgend welche lösliche Bestandteile an den in ihnen lagernden Wein abzugeben.

Form und Bestandteile, die das von den Kelten Galliens übernommene Faß beim römischen Weinbau an der Mosel besaß, sind ihm später geblieben, als der Weinbau und die Kunst der Weinbereitung in Gärkellern zunächst von den Klöstern übernommen wurde. In ihnen blühte demgemäß auch die Böttcherei. Der unter Abt Gozbert zwischen 816 und 832 angefertigte Grundriß des Klosters von St. Gallen zeigt im Bier- und Weinhaus große und kleine Fässer, die auf starken Balkenlagen liegen, und der 973 verstorbene St. Galler Mönch Ekkehard I., der Verfasser des auf alte deutsche Heldenlieder zurückgehenden, in lateinischen Hexametern geschriebenen Walthariliedes und Onkel des aus Scheffels Roman bekannten Ekkehard II., redet von einem Ordensbruder, der mit geschwungener Axt die Reifen aus Weidenholz vom Fasse lösen wollte. Aber unbequem waren diese alten Fässer insofern, als sie nur eine obere Öffnung zum Ein- und Ausfüllen besaßen. Erst allmählich sah man ein, daß es praktischer sei, auch dem Faßboden an seiner vorderen, unteren Stelle eine kleine Öffnung zum Abfüllen zu geben. Dieses Loch wurde mit einem Holzzapfen geschlossen. Erst im 15. Jahrhundert wurde zum Ablassen eine hölzerne Röhre mit drehbarem Hahn gebräuchlich, eine Vorrichtung, die sich ohne große Änderung bis heute erhielt. Für die Leistungen der Böttcherei im 16. Jahrhundert, um dies hier noch zu erwähnen, reden gewisse Riesenfässer, von denen das 1591 unter Kurfürst Johann Kasimir erbaute große Faß auf der Burg in Heidelberg den größten Ruhm erlangte. Der Kurfürst Karl Ludwig ließ 1664 ein neues Faß aufstellen, das dann Karl Theodor 1751 durch das jetzt noch vorhandene 221726 Liter haltende berühmte Faß ersetzte.

Kehren wir nach dieser kurzen Abschweifung technischer Art zur Einführung des Weinbaus in Deutschland zurück, so muß hier bemerkt werden, daß ein solcher auf deutschem Boden im Rheintal zunächst nur in der Umgebung der römischen Kastelle und späteren Pfalzen von Bingen bis Sinzig am linken Ufer des Stromes betrieben wurde. Gregor von Tours bezeugt uns zum Jahre 589 Weinberge bei Zabern und eine Urkunde von 613 Weinbau um Straßburg. Später berichtet Venantius Fortunatus von ausgedehnten Weinbergen bei Andernach, die auf dem rechten Rheinufer gelegen haben müssen. Der Mönch Regino hebt im Jahre 885 Koblenz, Andernach und Sinzig als Stapelplätze für den einheimischen Wein hervor. Später waren Regensburg, Nürnberg, Bacharach und Köln bedeutende Weinhandelsplätze.

Schon im letzten vorchristlichen Jahrhundert war der Weinbau nach dem Veltlin und Südtirol vorgedrungen. Die dort gekelterten rätischen Weine waren nach dem Dichter Vergil, der ihnen nur den Falerner vorzog, das Lieblingsgetränk des Kaisers Augustus. Kaiser Probus, der von 276-282 regierte, ließ griechische Reben nach Pannonien, Syrmien und in die Südtäler der Karpathen bringen und dort anpflanzen. Von Rätien wanderte die Rebe nach Noricum und Pannonien. In Noricum, südlich der Donaulinie, erbaute sich der heilige Severin im 5. Jahrhundert an einem entlegenen Orte, bei den Weinbergen genannt, eine Zelle, in welcher er als Klausner lebte. Nördlich der Donau sind die ersten Weinberge im 7. Jahrhundert bezeugt. Bis zum 10. Jahrhundert hatten sie in Bayern eine ziemlich große Ausdehnung erlangt. Im Laufe des 8. Jahrhunderts bürgerte sich der Weinbau im württembergischen Unterland um Heilbronn ein, und im 9. Jahrhundert finden wir ihn in Franken um die alte Bischofsstadt Würzburg, ebenso in Böhmen und Mähren verbreitet. Im 10. Jahrhundert war er über Hessen nach Thüringen, wo ihn im Hildesheimischen besonders der kunstsinnige Bischof Bernwart begünstigte, und gegen Ende desselben bis in die Gebiete von Werra, Saale und Unstrut vorgedrungen. Urkunden vom Jahre 973 melden uns an letzteren Orten von Weinbergen. Im 11. Jahrhundert gelangte der Weinbau nach Schlesien, Brandenburg und Pommern und im 12. durch die Ritter des deutschen Ordens sogar nach Holstein und Ostpreußen, wo er allerdings bald wieder als unrentabel aufgegeben wurde.

Erst im 10. und 11. Jahrhundert wurden nach den auf uns gekommenen Urkunden die heute so berühmte Weinsorten liefernden Steilgehänge am rechten Rheinufer zwischen Mainz und Bingen mit Terrassenbau für die Rebenkultur in Angriff genommen. Von solchen darauf gewonnenen Weinen wird besonders der Deidesheimer, Heppenheimer, Rüdesheimer, Asmannshauser und Niersteiner hervorgehoben. Von Elsässerweinen, die im Mittelalter sich in Deutschland besonderer Wertschätzung erfreuten, wird von einem St. Galler Mönche der Sigoltsheimer als stark und anfeuernd gerühmt. In der Förderung des Weinbaus gingen überall die Klöster als Haupterben der altrömischen Kultur den Laienkreisen voran; es geschah dies schon aus dem Grunde, weil sie den Wein zu rituellen Zwecken benutzten. Da sie ihn zum Abendmahle nötig hatten, ließen sie sich dessen Anbau überall, wo sie Fuß faßten, angelegen sein. Ihnen folgten dann zunächst die großen Grundherren, die es vorzogen, den Wein durch ihre Hörigen selbst zu erzeugen, statt ihn wie bisher zu teurem Preise aus Gallien zu beziehen; und erst viel später begannen auch Bürger der Städte wie Bauern, die sich bis dahin an Met und Bier erlabt hatten, sich in geeigneten Lagen eigene Rebberge anzulegen, um bei festlichen Anlässen wie die Vornehmen Wein trinken zu können; denn bis dahin hatten sie schon wegen der hohen Transportkosten nicht daran denken können, es hierin jenen gleich zu tun.

Aber dieses deutsche Eigengewächs war in den meisten Fällen recht herb und sauer, im Gegensatz zum feuerigen, milden, ausländischen Weine. Deshalb pflegte man solches das ganze Mittelalter hindurch durch Zusatz von allerlei würzigen Kräutern trinkbarer zu machen. Als solche aromatische Zusätze nennen uns schon die altrömischen Schriftsteller, so Columella im ersten nachchristlichen Jahrhundert, Wermut, Isop, Stabwurz, Thymian, Fenchel, Polei und Myrte. Im Mittelalter dagegen sind Wermut, Rosmarin, Salbei, Alant, Lavendel, Pimpernell, Fenchel, Pfeffer- und Frauenminze die gebräuchlichsten. Im Jahre 854 rät der Mönch Wandalbertus, Diakon der Benediktinerabtei Prüm in der Eifel, ein Rheinländer von Geburt, in einem kürzlich von ihm aufgefundenen lateinischen Gedicht über den Kreislauf der Jahreszeiten „den herben Wein mit duftigen Kräutern zu versetzen, die die Fluren zu allerlei Arznei hervorsprießen lassen und sich damit im voraus gegen die Giftkräutlein der tückischen Stiefmütter zu sichern“. So hat man das ganze Mittelalter hindurch solchen +Kräuterwein+ als beliebten Gesundheitstrank getrunken. Welche Wertschätzung derselbe genoß, zeigt der Refrain eines einst viel gesungenen mittelalterlichen Trinkliedes, der folgendermaßen lautet:

„Er setzt das gleslein für sein mund, krauseminte, er trank es ausz bisz auf den grund, salveie, poleie, die blümlein an der heiden, krauseminte!“

Seit uralter Zeit war es im Orient, wo man Wohlgerüche auch in Speisen überaus hochschätzte, Sitte gewesen, den Wein mit Würzkräutern und duftigen Blüten zu versetzen. Die gebräuchlichsten solcher Zusätze, um ihn zu parfümieren, waren Mastix und Myrrhen; später fanden besonders Gewürznelken und Pfeffer Verwendung, die wie den römischen Zungen des Altertums, so auch den deutschen des Mittelalters durch ihre Stärke vornehmlich zusagten.

Die vornehmen Römer der Kaiserzeit ließen bei ihren Gastmählern die von ihnen bevorzugten alten Jahrgänge des Falerners und Cäcubers durch Rosenfilter gießen, um ihm den von ihnen so geschätzten Duft nach jenen Blüten zu geben, wie im Orient mit Rosen parfümierter Sirup und andere Süßigkeit von alters her beliebt waren. Und wenn die vornehmen Römer und Griechen bei ihren Gelagen begannen berauscht zu werden, so entblätterten sie den ihr Haupt schmückenden Rosenkranz, um die wohlriechenden Rosenblätter in den Wein zu schütten. Mit den aus Indien bezogenen Gewürzen bereiteten sie den ~vinum pigmentatum~ oder ~claratum~. Diese letztere Bezeichnung führte er von der Klärung her, die man ihm zum Schlusse angedeihen ließ, um ihm ein recht appetitliches Aussehen zu geben.

Tafel 77.

Tafel 78.

Einen womöglich noch köstlicheren Blütennektar bereiteten sich die Muhammedaner im Scherbet (vom arabischen ~scharab~ Trank so genannt), den sie durch Abkochen von Rosen-, Veilchen-, Zitronen- und anderen wohlriechenden Blüten in mit säuerlichem Limonensaft versetztem Zuckerwasser bereiteten. Schon Muhammed hat einen solchen aus Honig und wohlriechenden Blüten hergestellten Trank über alle anderen Genüsse gestellt. Da er seinen Anhängern den Genuß des Weines als entnervend verboten hatte, so hielten sie sich gern an dergleichen aromatische süße Tränke, die bis heute in allen dem Islam verfallenen Ländern in der verschiedensten Weise bereitet werden.

Überall, wo die Muhammedaner sich zu Herren des Landes aufwarfen, konnte naturgemäß ein Produkt nicht mehr gedeihen, dessen Genuß das Gesetz der Eroberer den Gesunden aufs strengste untersagte und nur Kranken in mäßiger Menge als Arznei gestattete. So ging nicht nur in Vorderasien, der Wiege der Rebenzucht und Weinkultur, sondern auch in Nordafrika, Spanien und Sizilien der Weinbau nach dem Eindringen der Araber stark zurück. Manche fanatische Kalifen duldeten seinen Anbau überhaupt nicht. So befahl auch in Spanien Hakim II. den größten Teil der Weinberge auszurotten; bloß etwa ein Drittel derselben ließ er stehen zum Genusse ihrer Früchte als reife Trauben, frisch oder getrocknet, oder zu Traubenhonig eingekocht, was zu genießen der Prophet erlaubt hatte.

Was dem Islam in Spanien nicht ganz gelang, wie die heutigen Malaga- und Xeresweine beweisen, das setzte er im gegenüberliegenden Marokko durch. Die atlantische Küste des letztgenannten Landes war im Altertum ein berühmter und ergiebiger Weinbezirk, dem die Rebe schon von den Phönikiern zugetragen wurde. Dort lag das Vorgebirge Ampelusia, d. h. Rebenkap (das heutige Kap Spartel), und die uralte Stadt Lix, die auf ihren punischen und punisch-römischen Münzen die Traube als Wahrzeichen führte. Noch im frühen Mittelalter, bei der Ankunft der Araber, muß eine blühende Rebenkultur hier bestanden haben, da die an Stelle des alten Lix gegründete muhammedanische Stadt den Namen El Araisch, d. h. zum Weinberg, erhielt. Jetzt trägt das überaus fruchtbare Land infolge der arabischen Herrschaft fast keine Weinpflanzungen mehr; nur unter einigen unabhängig gebliebenen Stämmen der Küste konnte der altgewohnte Trank nicht abgeschafft werden und ist deshalb einiger Rebbau zu finden.

Das heutige Griechenland, das einst vorzügliche Weine produzierte, erzeugt mit wenigen Ausnahmen nur schlechten Wein. Der Ruhm der Weine von Chios, Lesbos und Thasos ist längst dahin, und der nach Harz schmeckende Resinato, über den schon der langobardische Bischof Liutbrant von Cremona auf seiner Gesandtschaftsreise nach Konstantinopel im Jahre 968 klagte, ist ein sehr schlechter Ersatz dafür. Auch die heute daselbst angepflanzten +Korinthen+ -- so genannt, weil sie von Korinth aus exportiert werden -- scheinen nur eine durch Degeneration entstandene Varietät der Weintraube zu sein. Sie sollen ursprünglich von der Insel Naxos gekommen und nicht vor dem Jahre 1600 in Morea bekannt gewesen sein. Heute sind sie wiederum gänzlich von Naxos verschwunden und werden ausschließlich in Patras, auf Zante und Kephalonia gepflanzt, von wo jährlich etwa 100 Millionen kg ausgeführt werden.

Nur an zwei Punkten hat am Ausgang des Mittelalters die Hand des Menschen den Bezirk der Rebe wirklich erweitert, nämlich auf Madeira und den Kanarischen Inseln. Auf der ersteren Insel ließ schon der portugiesische Prinz Heinrich der Seefahrer am Ende des 15. Jahrhunderts Rebenschößlinge vom Peloponnes und von der Insel Kreta bringen, nach Teneriffe aber verpflanzte der Spanier Alonzo de Lungo gegen das Jahr 1507 Weinstöcke von Madeira. Der dort also aus griechischen Reben gewonnene Wein wurde in der Folge recht berühmt und besonders von den auf weiten Bezirken der Erde angesessenen Engländern gern getrunken, die auch die starken Weine der pyrenäischen Halbinsel, den nach dem Exporthafen Xeres benannten Sherry und den nach dem Einschiffungsorte Oporto geheißenen Portwein bevorzugen, wie sie auch die starken Schnäpse und scharfgewürzten Biere -- man denke nur an das Ingwerbier -- lieben.

Nach Ungarn waren italienische Reben unter König Stephan im 11. Jahrhundert gelangt. Aus ihnen erwuchs dann der Tokayerwein, der seine volle Berühmtheit allerdings erst vom Ende des 15. Jahrhunderts und besonders seit 1560 erhielt, als man begann Ausbruch aus den dortigen Reben herzustellen. Von diesen ungarischen, wie auch griechischen und syrischen Reben brachten französische Ritter aus den Kreuzzügen Ableger in ihre Heimat mit, um die einheimischen Sorten damit zu veredeln. Denn als zu Beginn des 2. christlichen Jahrtausends das Abendland durch die Kreuzzüge regere Verbindungen mit dem Morgenlande anknüpfte, kam begreiflicherweise die Kenntnis und damit auch die Wertschätzung der von den Christen in Palästina gezogenen starken, edlen Weine nach Europa. Diese wurden bald von den Vornehmen, die sich solch teuren Trunk leisten konnten, bevorzugt, bis schließlich auch diese Gebiete wiederum von den Muhammedanern besetzt wurden, wodurch der morgenländische Weinbau rasch ein Ende nahm. Damit hörte auch der Import der palästinensischen Edelweine nach dem Abendlande auf. Dafür bezog man, solange die muhammedanische Invasion dahin noch nicht stattgefunden hatte, den griechischen Wein, der nach der Gegend von Malvasia auf Morea Malvasier genannt wurde, oder als ~kipper~-, auch ~ciperwîn~ von Zypern stammte. Besonders letzterer wurde so sehr geschätzt, daß Gedichte der mystischen Richtung ihn selbst die Seligen im Himmel trinken ließen. Den Charakter eines südlichen Weines trägt auch der aus Ungarn, der unter dem Namen ~osterwîn~ nach Deutschland verführt wurde.

Als diese beliebten Süßweine nicht mehr zu bekommen waren, begann die Christenheit als Ersatz dafür die bis dahin üblichen +Würzweine+ mit Honig zu süßen und an Stelle der schwachwürzenden einheimischen Kräuter die starken Gewürze Indiens zu verwenden, die die Venezianer mit ihren Schiffen aus dem Morgenlande, speziell Ägypten, holten und den Abendländern teuer verkauften. Von da brachten Säumer die kostbare Ware über die Alpen nach den reichen deutschen Städten, wo diese Gewürze trotz ihrer hohen Preise rasch Absatz fanden. Man benutzte sie zur Herstellung von allerlei „~gepîmenteten wînen~“ -- aus ~vina pigmentata~ verdeutscht -- wie die Würzweine damals hießen, deren Feuer dadurch gehoben werden sollte.

Im 14. und 15. Jahrhundert erfreute sich der als ~clarêt~ bezeichnete Würzwein besonderer Hochschätzung. In französischen Klöstern war er zuerst aufgekommen und hatte mit der mittellateinischen Benennung ~claretum~ -- aus ~vinum claratum~, d. h. geklärter Wein -- in deutschen Klöstern und dann auch in Laienkreisen gute Aufnahme gefunden. Er wurde in der Weise hergestellt, daß man Pfeffer, Zimt, Gewürznelken, Kardamomen und Ingwer pulverisiert in Beutelchen in den mit Honig versüßten und, war es Weißwein, mit Safran vielfach gefärbten Wein hing und bis zum völligen Ausgelaugtwerden und Abklären darin beließ. So gewann der Trank, wie man hervorhob, die Stärke und den Reiz des Weines, die Würze und den Duft der Spezereien und die Milde und Süße des Honigs. Eine halbe Verdeutschung ist das mittelhochdeutsche ~clârtrank~, während das völlig deutsche Wort ~lûtertrank~ eine seit dem 12. Jahrhundert in Deutschland zuerst aufgekommene Art mit Honig gesüßten Würzweins von unbestimmter Zusammensetzung bezeichnete. Lange gingen die beiden Ausdrücke ~clarêt~ und ~lûtertrank~ nebeneinander für zwei verschiedene Begriffe, obwohl es sich dabei nur um durch die Verschiedenheit der verwendeten Gewürze entstandene Spielarten eines und desselben Stoffes handelte, bis schließlich keine Unterscheidung mehr bei ihnen gemacht werden konnte.

Wahrscheinlich spielte die Farbe des Weines dabei keinerlei Rolle, und Claret wie Lautertrank konnten ebenso von rotem, wie von weißem Weine gemacht werden. Oft erscheint in den Schilderungen der mittelalterlichen Gastmähler der ~lûtertrank~ hinter dem wîn genannt, und gleichsam als Steigerung hervorgehoben. Jedenfalls war er oder der ~clarêt~ der Ehrentrunk, der bei festlichen Anlässen vornehmen Gästen offiziell reichlich gespendet wurde. Für den gemeinen Mann und für einfache Verhältnisse waren solche Luxusgetränke nicht bestimmt. So verbot beispielsweise der Rat zu Magdeburg im Jahre 1505 bei einfachen Verlöbnissen, ebenso beim Kirchgange der Braut ~clarêt~ zu schenken als zu kostbar.

Eine besondere Sorte solchen Würzweins aus Rotwein bildete der +Sinopel+, der bei manchen Dichtern, wenn auch nicht häufig, erwähnt wird; so z. B. wenn gesagt wird: (sie genossen) „den ~lûtertrank~ und daz ~clarêt~, darzuo den roten ~sinopel~“. Im deutschen Epos Parzival wird dieser rote Sinopel im heiligen Gral wie sonst der das Blut Christi versinnbildlichende Rotwein beim Abendmahl der Christen reichlich gespendet. Der Name rührt vom lateinischen ~cinnabaris~, mittellateinisch ~cinnobris~, deutsch Zinnober her von seiner schön hellroten Farbe, die an das von den alten Römern ~cinnabaris~ genannte rote Drachenblut von der Insel Sokotra erinnerte. Das Wort hat also nichts mit der von uns Zinnober genannten Quecksilberverbindung zu tun, wie man ohne genaue Kenntnis der Drogenkunde der Völker des Altertums glauben könnte, sondern bezieht sich auf die rote Lösung von Drachenblut, mit der das Getränk Ähnlichkeit hatte. Die daneben angetroffene Form ~siropel~ nimmt Bezug auf die Süßigkeit und knüpft an ~siropel~ im Sinne von Sirup an, das seinerseits vom arabischen Worte ~scharab~ für Trank abzuleiten ist.

Ein anderer ebenfalls aus Rotwein hergestellter Würzwein des Mittelalters war der heute noch mancherorts bei festlichen Anlässen, in Basel z. B. an Sylvester und Neujahr, aufgetischte +Hippokras+, der seiner vermeintlichen heilkräftigen Wirkung wegen nach dem angesehensten Arzte des Altertums, dem Vater der Heilkunde, Hippokrates so genannt wurde. Der englische Dichter Shakespeare erwähnt ihn mehrfach in seinen Dramen, und noch im 18. Jahrhundert war er auf der französischen Tafel allgemein verbreitet. Auch er ist als ~hypocras~ wie der ~clarêt~ eine französische Erfindung, obschon der deutsche Arzt Brunfelsz in seinem 1532 erschienenen Spiegel der Arzneikunde erklärt: „Dieser tranck heißt Ipocras, wann Hypocras (gemeint ist natürlich Hippokrates) hat in seer genützt (benutzt), und auch selbst erfunden.“ Man bereitete ihn in der Weise, daß man Rotwein in einer Terrine mit Zucker, Zimt, Pfeffer, Gewürznelken, Muskatblüte, Ingwer und Schnitzen des Reinetteapfels versetzte und diese Mischung einige Tage stehen ließ, dann das Ganze seihte, klärte und in Flaschen abfüllte. Als eine besonders feine Abart kam im 18. Jahrhundert in Frankreich der ~hypocras parfumé~ auf, dem außer geriebenen Mandeln besonders Bisam (Moschus) und Ambra zugesetzt wurde. Auch dieser fand in Deutschland bald Aufnahme und ein märkischer Chronist des 16. Jahrhunderts findet ihn „recht anmutig und schleckerhaft“.

Neben dem Hippokras wurden eine Menge +medizinische Weine+ getrunken, die meist nach ihrer Wirkung auf ein bestimmtes Organ oder einen kranken Körperteil benannt wurden. So empfahl ein Gemminger Arzt, mayster Thoman Rüsz, im Jahre 1479 der Gräfin Margarete von Württemberg gegen ihr Milzleiden einen wahrscheinlich von ihm selbst bereiteten Milzwein, dessen Zusammensetzung allerdings in dem uns erhaltenen Briefe nicht angegeben wird. Wir wissen nur aus den Arzneibüchern, daß die mannigfaltigsten Kräuter dazu verwendet wurden, so vornehmlich je nach der beabsichtigten Wirkung Johanniskraut oder Boretsch oder Augentrost, Salbei oder Isop.

Solchen Würzwein trank man wie den Wein überhaupt je nach Geschmack und Bedürfnis warm oder kalt. Ersteren bevorzugte man in Fällen von Krankheit und bei Kälte. So berichtet uns Gregor von Tours vom Jahre 590, daß sich Wächter einer Stadt Frankreichs im Winter an einem offenen Feuer Glühwein bereiteten und sich daran berauschten; und von Ludwig I., dem Frommen, dem dritten Sohne Karls des Großen von seiner dritten Gemahlin Hildegard, berichtet uns sein Biograph, daß er sich noch kurz vor seinem Tode im Jahre 840 bei Mainz einen Schluck warmen Weines zur Stärkung geben ließ.

Die starken und kräftig schmeckenden gewürzten Weine unserer Vorfahren sind heute außer Mode gekommen, bis auf den +Glühwein+ und die verschiedenen Arten von +Bowlen+. Zu ersterem wird der Wein gewärmt, mit Gewürznelken, Zimt und einem Zitronschnitz versehen, getrunken; bei letzteren verwendet man mit Wasser oder Schwarztee verdünnte gezuckerte Weine, denen durch duftende Früchte wie Erdbeeren, Pfirsich, Ananas oder wohlriechende Kräuter wie Waldmeister mit Zusatz von einigen Apfelsinenscheiben (Maitrank) oder Schalen bitterer Pomeranzen (Bischof) ein angenehmes Aroma verliehen wird. In England ist von solchen Getränken besonders der ~claret cup~ beliebt, der aus Rotwein besteht, in den man grüne Gurkenscheiben geschnitten hat. Von allgemeiner Wertschätzung ist der +Wermutwein+, der dadurch gewonnen wird, daß man dem gärenden Moste Wermutkraut zusetzt, wodurch er einen etwas herben Beigeschmack erhält, den viele lieben. Am bekanntesten ist der norditalische ~Vermut di Torino~.

Außer dem Traubenwein, der nur den Wohlhabenden zugänglich war, und auch von diesen nur bei festlichen Anlässen genossen wurde, trank man von alters her durch ganz Europa die verschiedensten +Obst+- und +Beerenweine+. Die Äpfel und Birnen, die man nicht frisch oder gedörrt aufzubewahren vermochte, wurden im überreifen, weichen Zustande gekeltert und +Most+ aus ihnen gewonnen, der angenehm schmeckte, durch seinen geringen Alkoholgehalt kaum berauschte und durch seinen Reichtum an Pflanzensäuren, besonders Apfelsäure, angenehm durstlöschend wirkte, was besonders in der Sommerhitze von Vorteil war. Im Notfalle mußten Holzäpfel und Holzbirnen zur Herstellung solchen Trankes dienen; selbst aus den sauren Schlehen gewann man einen wegen seiner heilkräftigen Wirkung beliebten ~slêhentranc~. Der aus Kirschen hergestellte ~kerswîn~ und der aus Quitten gewonnene ~kütenwîn~ wurden besonders Kranken als Labetrunk gespendet. Reiche Leute taten sich an solchen Obstweinen gütlich, die mit Honig gesüßt und auf verschiedene Weise gewürzt waren.

Schon zur Merowingerzeit war ein Getränk aus zerquetschten wilden Maulbeeren, worunter auch Brombeeren verstanden sind, beliebt, deren Saft in einem gepichten Faß mit Honig und, nach Belieben, mit würzigen Kräutern versetzt wurde. Ein offenbar romanischer Schreiber des 9. Jahrhunderts gibt uns ausführliche Vorschriften über die Zubereitung dieses als ~vinum moratum~ oder ~moraz~ bezeichneten Getränkes, das sich namentlich in den Klöstern besonderer Beliebtheit erfreute. Anfänglich nur aus Beerensaft bereitet, wurde er dann an den Höfen des Mittelalters in der Weise gewonnen, daß man Maulbeeren beziehungsweise Brombeeren in Wein ansetzte. Auch die Verwendung von Heidel- und Preiselbeeren, wie auch Johannisbeeren für einen gegorenen Haustrunk ist uralt. Schon das ~Capitulare de villis~ Karls des Großen aus dem Beginne des 9. Jahrhunderts hat eine sorgfältigere Bereitung des Beerenweins im Auge, wie es auch das Stampfen der Weintrauben mit den nackten Füßen als unappetitlich verbot, was allerdings durchaus fruchtlos blieb, da diese Sitte nach wie vor geübt wurde und sich teilweise bis in die Gegenwart erhielt.

Die Erzeugung von +gebranntem Wein+ kam in Europa erst im 13. Jahrhundert auf, und zwar durch die Vermittlung arabischer Ärzte, die ein Destillat aus Wein und seinen Häuten und Trebern schon seit dem 10. Jahrhundert kannten und als ~al kehal~, d. h. das Feine, Edle -- woraus dann unser Wort Alkohol wurde -- zu äußerlichem Gebrauche bei Erkrankungen aller Art, besonders bei Gicht, verwendeten. Die Kunst des Brennens gehört dem Orient an, wo sie zuerst im 9. Jahrhundert in Persien, dann auch in Syrien, Kleinasien und den Inseln des griechischen Archipels zur Gewinnung des wohlriechenden ätherischen Rosenöles geübt wurde. Stets haben ja die Morgenländer eine leidenschaftliche Vorliebe für Wohlgerüche gehabt, und da kann es uns nicht wundern, daß sie Mittel und Wege suchten, den Blumenduft zu konzentrieren. Dies gelang ihnen zuerst mit den Rosen, deren Blumenblätter sie mit Wasser angemacht in einem geschlossenen Kessel mit einem schnabelförmigen, langen Abzugsrohr erhitzten, um die Dämpfe mit dem wohlriechenden ätherischen Rosenöl durch Abkühlung in einem andern damit verbundenen Gefäß sich niederschlagen zu lassen. Ein solches Destillat lernte man bald auch aus anderen duftenden Blumen und Pflanzenstoffen aller Art gewinnen, die dann alle als äußere Heilmittel wie auch der Weingeist zum Einreiben gegen mancherlei Krankheit sehr geschätzt waren.

Als dann die Abendländer zur Zeit der späteren Kreuzzüge mit der morgenländischen Methode des Destillierens bekannt wurden und diese Kunst selbständig zu üben begannen, wurden aus sehr zahlreichen Pflanzen alkoholische Wässer für Heilzwecke gebrannt. Diese Kunst übten zunächst Laien, bis die später aufkommenden Apotheker sich ihrer bemächtigten und sie technisch weiter ausbildeten. Sie erst begannen zu Heilzwecken den gebrannten Wein als ~aqua vitae~, d. h. Lebenswasser, in größeren Mengen unter das Publikum zu bringen. Während er vorher nur äußerlich gebraucht wurde, begann man ihn im 14. Jahrhundert den Kranken auch innerlich zu geben. Erst im 15. Jahrhundert begannen ihn auch Gesunde angeblich „zur Erhaltung einer festen Gesundheit“ zu trinken, und zwar „alle Morgen einen Löffel voll“; „wer dies tue“, sagt uns ein Bericht des 16. Jahrhunderts, der „werde nimmer krank“. Leider fand diese Sitte zum Zwecke der Vorbeugung gegen Krankheit nur zu rasch Aufnahme bei den besser Situierten, die sich dieses teure ~aquavit~ oder ~aqua ardens~, weil es beim Hinunterschlucken brannte, als Genußmittel leisten konnten. Schon zu Ende des 15. Jahrhunderts und mehr noch im 16. Jahrhundert erließen die Räte mancher Städte, wie z. B. als eine der frühesten Nürnberg 1496, die Verordnung, daß man ~gebrant wîn~ weder Feiertags noch Alltags auf Straßen oder vor Häusern feilhalten dürfe. Erst der dreißigjährige Krieg (1618-1648), der so namenloses Elend über Deutschland brachte und zu allgemeiner Sittenverwilderung führte, hat das Schnapstrinken, wie auch das Rauchen, in weiteren Kreisen populär gemacht. Die zügellose Soldateska tat sich damit groß, und in der allgemeinen Not der Zeit begannen Bürgersmann und Bauer diese leidige Sitte nachzuahmen. Dabei fanden sie bald genug Geschmack daran.

Auch in der Folgezeit waren es stets die Kriege mit der sich daran knüpfenden Verrohung und Verwilderung der Sitten, welche wie die Unmäßigkeit im Genusse geistiger Getränke überhaupt, so auch speziell dem Schnapstrinken gewaltigen Vorschub leisteten. So waren es besonders der Siebenjährige Krieg (1756-1763) und danach die napoleonischen Feldzüge, welche diese für das Volkstum überaus verderbliche Unsitte in hohem Maße förderten. Zugleich damit wurden die Verfahren zur Herstellung konzentrierter geistiger Getränke immer mehr vervollkommnet und besonders auch billige Rohmaterialien wie Korn und Kartoffeln zu deren Gewinnung verwendet, wodurch der Preis natürlich mehr und mehr sank, so daß selbst die Ärmsten sich für wenige Pfennige den Genuß von Schnaps gestatten konnten. Die Folge davon war die „Branntweinpest“, die besonders im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts eine bedenkliche Verbreitung fand. Sie veranlaßte die erste antialkoholische Bewegung, welche recht schöne Früchte zu zeitigen begann, als die Revolution von 1848 einsetzte und ihren verdankenswerten Bestrebungen ein vorzeitiges Ende machte.

In der Folge nahm der Mißbrauch geistiger Getränke wieder bedeutend zu und erreichte eine beängstigende Höhe als die moderne Temperenzbewegung einsetzte und den Alkohol in jeder Form als Plasmagift feststellte, das den Einzelnen wie auch seine Nachkommen vom Mutterleibe an zugrunde richtet, die größten sozialen Schäden hervorruft und geradezu den Kulturfortschritt bedroht. Ist es nicht eine geradezu beunruhigende Tatsache, zu vernehmen, daß die Bevölkerung des Deutschen Reiches nicht weniger als drei Milliarden Mark jährlich für den Kauf geistiger Getränke ausgibt. Das macht pro Kopf, selbst die keine geistigen Getränke zu sich nehmenden Säuglinge und Kinder mitgerechnet, +60 Mark jährlich+. Es ist dies ein ungeheurer Luxus, der im Begriffe ist, die bedenklichsten Folgen zu zeitigen! Gibt doch das deutsche Volk in demselben Zeitraum eines Jahres nur wenig mehr, nämlich 3060 Millionen Mark, für das wichtigste Lebensmittel, nämlich für Getreide, Brot, Mehl und Backwaren einschließlich der Kartoffeln aus.

Unter diesen 3000 Millionen Mark, die das deutsche Volk jährlich für geistige Getränke ausgibt, fallen fast zwei Drittel auf das Bier. Der Bierkonsum hat durch alle Schichten der Bevölkerung eine solche Ausdehnung erlangt, daß er trotz seines verhältnismäßig schwachen Alkoholgehaltes die schlimmste Geißel des neu angetretenen Jahrhunderts zu werden verspricht. Sein Konsum hat sich in den letzten 40 Jahren bei uns geradezu vervierfacht und beträgt heute schon über 140 Liter auf den Kopf der Bevölkerung jährlich. Davon entfällt mehr als das Doppelte dieser Zahl an jeden Einwohner der eigentlichen Bierländer wie München, wo das Bierherz und die Biernieren sehr gewöhnliche Erscheinungen der Krankenhäuser sind.

Es ist durch sorgfältige statistische Erhebungen nachgewiesen, daß heute im Deutschen Reiche nicht weniger als 1/15 des Ackerbodens allein für die Gewinnung der Rohprodukte zur Bereitung alkoholhaltiger Getränke verwendet wird, und daß jeder sechzehnte arbeitsfähige Deutsche für die Erzeugung und den Vertrieb geistiger Getränke arbeitet. Alle diese Leute erhöhen nicht im geringsten den Volkswohlstand, sondern untergraben ihn vielmehr direkt, indem sie unter vorzugsweiser Bereicherung des Großkapitals der Verarmung und geistigen wie körperlichen Zerrüttung der großen Massen des Volkes den denkbar größten Vorschub leisten, die Kranken- und Armenhäuser, die Gefängnisse und Irrenanstalten füllen helfen und eine Unzahl sozialer Übel heraufbeschwören.

Heute trinkt man nicht mehr die leichten, nicht haltbaren Biere, wie dies unsere Vorfahren taten, die höchstens 2 Prozent Alkohol enthalten, sondern solches von durchschnittlich 4,5 Prozent bis zum schweren Exportbier mit 8 Prozent Alkohol. Diese nähern sich sehr dem Wein, der zwischen 9 und 15 Prozent Alkohol enthält, während die mit Branntweinzusatz haltbar gemachten Südweine bis 22 und 24 Prozent Alkoholgehalt steigen können und allmählich zu den Likören führen, die 30 und mehr Prozent daran enthalten. Diese +Liköre+ werden in der verschiedensten Stärke und Zusammensetzung aus entfuseltem Branntwein mit Zusatz von Zucker, der ihm den milden, öligen Charakter verleihen soll, aromatischen Pflanzenextrakten und Wasser in verschiedener Menge hergestellt und, mit den verlockendsten Phantasienamen versehen, zum Kaufe angeboten. Diese führen unmittelbar zu den eigentlichen Schnäpsen, deren schwerste bis zu 70 Prozent Alkohol enthalten und ätzend wie Feuerwasser den Schlund hinabgleiten.

Von dem im Deutschen Reiche erzeugten Branntwein kommen abzüglich des exportierten durchschnittlich etwa 12 Liter auf den Kopf der Bevölkerung. Nicht weniger als 78 Prozent desselben werden aus Kartoffeln, 16 Prozent aus Getreide, 3 Prozent aus Melasse, 2 Prozent aus Wein, Weinhefe und Trebern und nur 1 Prozent aus Obst und Obsttrebern hergestellt. Für die Gewinnung des gemeinen +Spiritus+, der auch für die technische Verwertung große Bedeutung erlangt hat, ist heute die stärkemehlreiche Kartoffel das wichtigste Rohmaterial, wie sie auch im Speisezettel von uns Mitteleuropäern eine dominierende Rolle spielt.

Da der muhammedanischen Welt der Genuß geistiger Getränke von ihrem Propheten verboten wurde, benützt sie die Trauben, soweit sie dieselben nicht frisch genießt, durch Einkochen von deren süßen Saft zur Herstellung von Sirup und verwendet sie auch getrocknet in Form von Rosinen. In Asien ist die Traubenkultur besonders in Persien verbreitet, wo die einheimische Kischmischtraube, aber auch die südspanische Malagatraube gezogen wird. Dort wird außer dem Schire genannten Traubensirup auch ein von den weniger strenge an den Satzungen Muhammeds hängenden Persern genossener würziger Wein hergestellt, der als Wein von Schiras oft genug von den Dichtern besungen wurde. Außerordentlich alt ist die Rebenkultur auch in Ostasien, wo das sehr früh zu namhafter Kultur emporgestiegene mongolische Volk der Chinesen außer dem jetzt dort einzig noch gebräuchlichen Reisbranntwein schon vor 4000 Jahren den Wein kannte und die heute noch in Nordchina wildwachsende Rebe mit herrlichen Trauben zu dessen Herstellung fleißig anpflanzte. Am Wein labten sich damals nicht nur die Menschen, sondern er diente wie im Orient und bei Griechen und Römern gleicherweise als Opfertrank für die zu ehrende Gottheit. Doch wurde später seine Gewinnung und Benutzung von einsichtsvollen Regenten verboten, und auf ihre strenge Weisung hin mußten die Weingärten unerbittlich ausgerodet werden. Auch als zur Zeit der römischen Kaiser die von Seidenhändlern aus Westasien nach China mitgebrachte Rebe angebaut und Wein daraus zu bereiten versucht wurde, untersagte die Regierung dieses Beginnen abermals. So vermochte der Weinbau selbst im nördlichen China, wo er sehr gute Bedingungen fände, bis heute nicht aufzukommen. Doch haben seit 1890 Europäer kalifornische und österreichische Reben in Tschifu in der Provinz Schan-tung eingeführt, und auch die fortschrittlich gesinnte Regierung von Japan hat seit 1880 sehr gut gedeihende Versuchsweinpflanzungen mit französischen, deutschen und österreichischen Reben eingerichtet.

Am Kap der Guten Hoffnung, von wo heute ein vorzüglicher Wein in großen Mengen exportiert wird, begründeten französische Hugenotten im Jahre 1685 den Weinbau. In Nordamerika schlug 1620 ein Versuch, aus der wilden Rebe Virginiens Wein zu bereiten, fehl. So mußte der Wein aus Europa für die Liebhaber desselben in der Neuen Welt eingeführt werden, bis Schweizer Kolonisten ums Jahr 1800 aus der einheimischen Fuchsrebe (~Vitis labrusca~) einigermaßen trinkbaren Rotwein herstellten. Festen Fuß faßte der Weinbau in den Vereinigten Staaten aber erst seit dem Jahre 1821, als Adlum die der Fuchsrebe nahe verwandte, ebenfalls rotbeerige +Catawbarebe+ vom Flusse Potomac nach Washington brachte. Heute sind sie in vielen Varietäten im Norden der Vereinigten Staaten zur Weinbereitung kultiviert, während im Süden der Union die mehr die Wärme liebende +Büffelrebe+ (~Vitis rotundifolia~) gezüchtet wird. Da diese amerikanischen Reben noch nicht durch Jahrtausende alte Kultur verzärtelt sind, erweisen sie sich viel widerstandsfähiger gegen die Reblaus, jene bei uns so überaus gefürchtete Wurzellaus des Weinstocks (~Phylloxera vastatrix~), welche in Frankreich fast sämtliche weinbautreibende Departements heimsuchte und seit ihrem Auftreten im Jahre 1869 bis heute jenem Lande einen Schaden von über 20 Milliarden Franken brachte. In Deutschland trat dieser Schädling zuerst im Jahre 1874 auf, zeigte sich im Jahre 1881 im Ahrtal und hat von da aus dank seiner unglaublichen Fruchtbarkeit -- die Nachkommenschaft eines einzigen Tieres beziffert sich nämlich im Laufe eines Sommers nach Millionen -- in der Folge auch andere Gebiete ergriffen, so daß man sich zu den strengsten Gegenmaßregeln verpflichtet sah. Vor allem begann man in den von der Reblaus am meisten heimgesuchten Gegenden die dagegen bedeutend widerstandsfähigeren amerikanischen Reben als Unterlagen für die europäischen zu benützen.

In den Vereinigten Staaten, die nun auch die besseren europäischen Rebensorten besitzen, entwickelte sich der Weinbau am günstigsten im Staate Ohio, bis in den letzten Jahren Kalifornien wie in der Anpflanzung sämtlicher Obstarten, so auch im Anbau von Reben den größten Vorsprung gewann. Endlich kam die Rebenkultur im Jahre 1862 auch nach Australien, wo sie heute schon eine ganz erhebliche Ausdehnung besitzt.

Was nun die Weinerzeugung in den verschiedenen Weinbauländern betrifft, so steht Italien mit 52 Millionen Hektolitern jährlichem Ertrag obenan, ihm folgt Frankreich auf dem Fuße nach, dessen Durchschnittsertrag der letzten zehn Jahre 49 Millionen Hektoliter betrug. Im Jahre 1908 hat Frankreich 60 Millionen Hektoliter Wein hervorgebracht. (Außerdem wird in diesem Land eine Milliarde Hektoliter Kunstwein gebraut und konsumieren das Departement du Nord 300 Liter Bier und das Departement Calvados 350 Liter Apfelwein, auf den Kopf der Bevölkerung berechnet.) An dritter Stelle steht Spanien mit einer Produktion von 21 Millionen Hektoliter Wein pro Jahr. In weitem Absatz folgt an vierter Stelle Algerien mit 8,6 Millionen Hektolitern. Nach ihm kommen Portugal mit 4,5 Millionen, Österreich mit 3,5 Millionen, Ungarn mit 3,1 Millionen, Rußland und Rumänien mit je 2,6 Millionen, Bulgarien und Chile mit je 2,1 Millionen, Deutschland mit 1,9 Millionen, die Vereinigten Staaten von Nordamerika mit 1,6 Millionen, die Türkei und Cypern mit 1,5 Millionen, Argentinien mit 1,3 Millionen, Griechenland mit 1,5 Millionen und endlich die Schweiz mit 0,9 Millionen Hektolitern als durchschnittlichem Jahresertrag an Wein. Dabei beträgt der mittlere Weinverbrauch auf den Kopf der Bevölkerung in Litern jährlich: in Spanien 115, Griechenland 109,5, Bulgarien 104,2 Portugal 95,6, Italien 95,2, Frankreich 94,4, Schweiz 60,7, Rumänien 51,6, Österreich-Ungarn 22,1, Türkei 20,3, Deutsches Reich 5,7, Rußland 3,3, Belgien 3,2, Holland 2,2, Vereinigte Staaten 1,9, Großbritannien 1,7, Dänemark 1,2, Norwegen 0,9 und Schweden 0,5.

Dieselbe Rolle, die die Rebe als Lieferantin eines berauschenden Getränkes bei den Kulturvölkern der Alten Welt spielt, kommt bei denen der Neuen Welt dem in alkoholische Gärung gebrachten zuckerigen Saft der Agave zu. Wie die Kakteen sind die zu den Amaryllisgewächsen gehörenden +Agaven+ ausschließlich in Amerika zu Hause und wachsen dort in etwa 80 Arten in den regenarmen Steppen im südlichsten Teile Nordamerikas, besonders aber in Mexiko und teilweise noch im Andengebiet Südamerikas. Die wichtigste unter ihnen ist die in Mittel- und im nördlichsten Südamerika heimische ~Agave americana~, in Mexiko ~maguey~, weiter im Süden ~metl~ genannt. Bei uns wird sie fälschlicherweise wegen einer gewissen Ähnlichkeit mit der afrikanischen Lilienart Aloë, deren bitteres Harz als Abführmittel vielfach bei allen Kulturvölkern der Erde Verwendung findet, auch Aloë genannt, und zwar im Gegensatz zu jener +hundertjährigen Aloë+, weil es bei uns viele Jahrzehnte gehen kann, bis sie zur Blüte gelangt und mit der Fruchtreife ihre Vegetationsperiode abschließt, ein Ziel, das sie in ihrer heißen, fast regenlosen Heimat, wo die Sonne das ganze Jahr hindurch mit ungeschwächter Kraft scheint, in wenigen Jahren erreicht. Am kurzen Stamm sitzt eine Rosette von 1-3 m langen, am Grunde oft über 40 cm breiten und bis 30 cm dicken, graugrünen, dorniggezähnten, fleischigen Blättern, deren inneres Gewebe als Nahrungs- und zugleich Wasserreservoir dient. Hat die Pflanze genug Reservematerial erworben und in ihren Blättern aufgespeichert, was in ihrer tropischen Heimat im Alter von 6-10 Jahren, in unsern Gewächshäusern jedoch erst nach 40-60 Jahren der Fall ist, so treibt sie einen an der Basis über armdicken, bis 10 m hohen Blütenschaft, der oben kandelaberartig viele Hunderte von einschließlich der Staubgefäße 12-13 cm langen, gelbgrünen Blüten aufweist. Nach Befruchtung derselben durch bestimmte Immen reifen die dattelartigen Früchte heran, wonach die Pflanze, die dabei all ihre Vorräte erschöpft hat, abstirbt, nachdem sie noch zahlreiche Wurzelschößlinge hervorgetrieben hat, die man auch neben dem Samen zur Vermehrung verwendet.

Die Magueypflanze wurde schon von den alten Mexikanern zur Gewinnung eines berauschenden Getränkes in Plantagen angebaut, wie dies heute noch in jenem Lande geschieht. Sobald sie ihren Blütenschaft zu treiben beginnt, schneidet man ihr die Gipfelknospe heraus und vertieft die Wunde zu einer schüsselförmigen Mulde von 30 bis 50 cm Durchmesser. Diese füllt sich 1-6 Monate lang täglich mit dem für die Blüten- und Fruchtbildung bestimmten zuckerreichen Saft in der Menge von 4-5, ja bei kräftigen Pflanzen 7 Litern im Tag, so daß eine Pflanze nach und nach bis 1100 Liter Zuckersaft liefert. Täglich wird dieser vermittels eines langen, hohlen Kürbisses durch Aufsaugen gesammelt und in lederne Schläuche gefüllt, in denen man ihn vergären läßt. Er liefert dann, auf Flaschen gezogen, ein stark moussierendes, erfrischendes, aber leicht berauschendes Getränk, das in Farbe und Geschmack an Berliner Weißbier erinnert und das Nationalgetränk der Mexikaner bildet, die unglaubliche Mengen davon vertilgen. Bei den alten Azteken hieß er ~oktli~, die heutigen Bewohner Mexikos dagegen nennen ihn +Pulque+ (sprich pulke). Überall im Lande gibt es sogenannte Pulquerias, d. h. Lokale, die ihn frisch aus den Lederschläuchen, in denen er vergor, ausschänken. Es sind meist nur offene Schuppen, die gleichzeitig als Tanzböden dienen, in denen das vom Pulque animierte Volk seine Feste feiert. Aus dem Pulque wird durch Destillation ein als ~tequila~ bezeichneter Branntwein gewonnen, während mit Wasser und Zucker vermischter Agavensaft nach kurzer Gärung den leichten, nur wenig berauschenden ~tepache~ liefert.

Durch Röstung des zuckerreichen Gewebes der treibenden Knospe und der jungen Blätter und nachherige Gärung erhält man den sehr alkoholreichen ~mescal~. Schon die alten Mexikaner liebten den Pulque leidenschaftlich, aber dessen Genuß war vorsorglich nur bei hohen Festen oder bei harter Arbeit den Männern vom 30. Jahre an gestattet. Die jüngeren Leute und Frauen mußten sich mit dem aus Maismehl mit Zusatz von etwas Honig und teilweise Kakao bereiteten Bier begnügen. Außer dem beliebten Getränk lieferte ihnen die Agave in ihren äußerst zugfesten Fasern, welche die fleischigen Blätter durchziehen und auf höchst einfache Weise gewonnen wurden, Bindfaden und Stricke, wie auch das Rohmaterial für Kleidungsstoffe und Papier. Die saftigen Blätter wurden und werden heute noch als Gemüse gegessen, dienen teilweise auch zum Dachdecken, während die starken Dornen als Nägel oder zu Pfeilspitzen und die dürren Blütenschäfte als Lanzenstangen benutzt wurden. Wie einst, so wird auch die Wurzel heute noch arzneilich verwendet, und zwar besonders gegen die Syphilis, die schon in vorkolumbischer Zeit stark im Lande verbreitet war, wie wir auch aus mexikanischen und peruanischen Gesichtsurnen mit den typischen Erscheinungen der tertiären Lues entnehmen können. Die Begleiter des Kolumbus müssen diese Krankheit nach Europa gebracht haben, wo sie kaum vorhanden war, jedenfalls keine nennenswerten Erscheinungen bot. Kolumbus landete am 15. März 1493 in Südspanien nach der Entdeckung des neuen Weltteils, den er aber bis zu seinem Tode nicht als solchen erkannte, sondern für Indien ansah. Und seine Matrosen verbreiteten alsbald die Krankheit, die, von den laxen Sitten und der mangelhaften Reinlichkeit der damaligen Zeit begünstigt, in den Jahren 1494 und 1495 als neue Krankheit besonders in dem von Karl VIII. von Frankreich geführten Heere stark auftrat und durch die heimkehrende Soldateska eine gewaltige Ausdehnung durch ganz Europa fand, so daß sie von den höchsten bis zu den niedersten Schichten der Gesellschaft zahlreiche Opfer forderte.

Erst lange nach der Lustseuche, nämlich im Jahre 1561, kam auch die Agave durch die Spanier aus Mexiko nach Spanien und von da nach dem übrigen Südeuropa, wo sie sich überall, wie auch durch ganz Nordafrika, so leicht verbreitete, so daß sie heute eine Charakterpflanze der Mittelmeerländer geworden ist. Auch in Mittel- und Nordeuropa wird sie vielfach in großen Kübeln zur Zierde gezogen, muß aber in trockenen, frostfreien Räumen überwintert werden. Aber nicht nur in den Mittelmeerländern, über alle tropischen und subtropischen Gegenden hat sich die Agave verbreitet und wird vorzugsweise als Heckenpflanze und zur Befestigung von Flußsand angebaut. Überall ist sie mit einer anderen Amerikanerin, der +Opuntie+ oder dem +Feigenkaktus+ (~Opuntia ficus indica~) vergesellschaftet, die beide aus demselben Lande stammen und infolgedessen dieselben Lebensbedürfnisse aufweisen.

Die Opuntien sind wie alle Kakteen amerikanischen Ursprungs und wurden ihrer schmackhaften Früchte wegen schon von den Mexikanern angepflanzt. Mit den Agaven repräsentieren die Kakteen die Sukkulenten, d. h. mit den Nährstoffen auch Wasser, an Schleim gebunden, in ihren Geweben aufspeichernde Pflanzen, wie solche in den trockenen Gegenden der Alten Welt, speziell Südafrikas, die Euphorbiazeen darstellen, die teilweise den Kakteen sehr ähnliche Formen aufweisen.

Die eigentümlichen Gestalten der Kakteen und Agaven erregten bei den im Gefolge des Fernando Cortez im Jahre 1549 670 Mann stark mit 15 Geschützen zur Eroberung des Landes auf die trockene Hochebene von Mexiko hinaufsteigenden Spaniern um so mehr Aufsehen, als sie bis dahin noch keinerlei Art aus der Familie der Sukkulenten gesehen hatten. Schon im Berichte des Mönches Hernandez, der die Eroberung des alten Kulturlandes auf der Hochebene von Anahuac mit der 2282 m über Meer gelegenen Hauptstadt der Azteken, Tenochtitlan -- dem heutigen Mexiko -- schildert, werden die Opuntien noch mehr als die Agaven mit Ausdrücken des höchsten Erstaunens erwähnt. Auf jener Hochebene, wo diese Kaktusart ihre Heimat hat, unterschied jener Mönch schon neun verschiedene, kultivierte Opuntienarten, von denen die +baumartige Feigendistel+, auch +indischer Feigenbaum+ genannt (~Opuntia ficus indica~) mit 50 cm langen und 30 cm breiten Gliedern wegen ihrer wohlschmeckenden Früchte wohl am häufigsten angepflanzt wurde. Sie war damals schon als willkommener Obstspender über ganz Mittel- und Südamerika verbreitet und gelangte in der Folge nach allen warmen Ländern der Erde.

Von den 150 Opuntienarten, die in allen Ländern Amerikas heimisch sind, wo überhaupt Kakteen gedeihen, und zwar meist in gebirgigen Gegenden mit heißem, trockenem Klima vorkommen, ist bald auch die +gemeine Fackeldistel+ (~Opuntia vulgaris~) mit kürzeren Gliedern und zitronengelben Blüten von den Spaniern aus den südwestlichen Vereinigten Staaten nach den Ländern am Mittelmeer gebracht worden, wo sie jetzt neben der Agave ebenfalls als Charakterpflanze der Landschaft auftritt. Wie jene ist sie, sich selbst überlassen, überall verwildert und überzieht nun mit ihren stacheligen Stengelgliedern die unfruchtbarsten Felswände und Steingründe und bietet in ihren Früchten monatelang ein geschätztes Nahrungs- und Erfrischungsmittel für das Volk wie in ihrer Heimat. Weil sie im Geschmack ähnlich wie Feigen sind, haben sie den Opuntien, die sie erzeugen, die Bezeichnung Feigenkaktus oder indischer Feigenbaum eingetragen. Da sie über und über mit feinen Stacheln mit Widerhaken versehen sind, die sich ungemein leicht bei der leisesten Berührung in Finger und Lippen beziehungsweise Zunge einbohren, müssen sie zuvor sorgfältig geschält werden. Die Stengelglieder frißt das Vieh und die ganze Pflanze dient mit Vorliebe zu Einzäunungen. In ihrer Heimat, den trockensten Gegenden von Nordmexiko und Texas, sind sie als nahrhaftes Futter und Wasserspender für das Vieh ungemein wichtig, so daß sich die Verbindungswege durch die steinigen Wüsten danach richten, wo die meisten Exemplare dieser Pflanzenart wachsen.

Tafel 79.

Tafel 80.

In seinem lateinischen Buche über die Gärten Deutschlands vom Jahre 1561 erwähnt der Züricher Naturforscher Konrad Gesner zum erstenmal die Fackeldistel als Bürgerin Europas unter der Bezeichnung ~ficus indica~, d. h. indische Feige. Sie muß damals in Spanien, Nordafrika und Süditalien schon ziemlich häufig gewesen sein und hat sich seither, wie die Agave, nördlich bis Bozen verbreitet. Seit etwa 50 Jahren ist sie besonders in Neusüdwales und Queensland, wohin sie ihrer Früchte wegen wie in die übrigen Länder der Tropen und Subtropen vom Menschen verbracht wurde, dermaßen verwildert, daß sie Tausende von Quadratkilometern Land für die Kulturen des Menschen entzogen und wertlos gemacht hat. Alle Verteidigungsmaßregeln gegen ihr Überwuchern blieben erfolglos.

Neuerdings ist es dem berühmten kalifornischen Pflanzenzüchter Luther Burbank in Santa Rosa, der in seinen kostspieligen Versuchen teilweise durch den in Schottland niedergelassenen einstigen nordamerikanischen Stahlkönig Carnegie finanziell unterstützt wurde, gelungen, eine völlig stachellose, großstengelige und überaus saftige Abart der Opuntie zu züchten, die äußerst leicht durch Ableger sich fortpflanzt -- es genügt dazu, einfach ein Stückchen der fleischigen Stengel in den Boden zu stecken, wo es ohne weiteres anwächst -- und sowohl durch die Stengelglieder, als auch durch die sehr wohlschmeckenden und nahrhaften feigengroßen Früchte ein geradezu unschätzbar wertvolles Geschenk für alle wasserarmen, wüstenhaften Gegenden, in denen sich der Mensch niederläßt und durch künstliche Berieselung mit Hilfe von durch Dämme gestautem Wasser sich Existenzbedingungen schafft, zu werden verspricht. Im Jahre 1909 ist dieses einzigartige Züchtungsprodukt des „Zauberers von Santa Rosa“ (wie Burbank von seinen Landsleuten mit Vorliebe genannt wird), das so reiche Ernten wie kaum eine andere Pflanze liefert, zum erstenmal in den Handel gelangt. Sein Anbau soll sich nach dem hauptsächlichen Mitarbeiter von Burbank, ~Dr.~ Doud, auch im südlichen Deutschland in wärmeren Lagen rentieren. Dabei soll die Pflanze eine Durchschnittsernte von 50000 bis 75000 kg auf den Acre (= 40,5 Ar) ergeben. Die Stengelglieder bilden ein wohlschmeckendes, nahrhaftes Gemüse für Menschen und Tiere, das gekocht und roh, auch als Salat, gegessen werden kann, und die ebenfalls stachellosen, rötlichen Früchte sollen von unvergleichlichem Wohlgeschmack sein.

Wir können die Besprechung dieser für die künftige Besiedelung von Wüstengegenden durch den Menschen eine geradezu unabsehbare Bedeutung aufweisende Opuntie nicht verlassen, ohne hier noch kurz zu erwähnen, daß die Opuntien zuerst unter dem mexikanischen Namen tuna in Spanien bekannt wurden und von da, wie De Candolle meint, von den durch Ferdinand V., den Katholischen, nach der Eroberung des letzten Restes maurischer Herrschaft, nämlich Granadas 1492, vertriebenen Arabern -- tatsächlich aber erst später in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts durch die Spanier selbst -- nach Nordafrika verbracht wurden, wo sie unter dem Namen „Feigen der Christen“ allgemeine Verbreitung fanden. Die Bezeichnung ~Opuntia tuna~ kommt heute einer baumartigen Verwandten der ~Opuntia ficus indica~ mit roten Blüten zu, die in Mexiko und in den Anden des nördlichen Südamerika wild wächst und neben der ~Opuntia pseudotuna~ mit roten Stengelgliedern und gelben Blüten und dem Nopalkaktus (~Nopalea coccinellifera~) in Mexiko, der, nebenbei bemerkt, im Wappen dieses Landes figuriert, früher als Weidepflanzen für die einst zur Gewinnung von Karmin, das heute auf chemischem Wege hergestellt wird, gezüchteten Cochenilleschildläuse diente. Dabei zog man besonders solche Arten vor, die keine Stacheln trugen, weil man sich in diesen Gebüschen beim Ablesen der den vormals sehr wichtigen Farbstoff liefernden Tiere ungehinderter bewegen konnte. Besonders blühte die Cochenillekultur zuletzt auf den Kanarischen Inseln, bis ihr durch die Entwicklung der Teerfarbenindustrie ein jähes Ende bereitet wurde. Auch die Früchte der birnförmigen, fleischigen Tunaopuntien sind eßbar und werden in der Heimat der Pflanzen von der Bevölkerung sehr gern verzehrt.

Zum Schluß sind hier der Vollständigkeit wegen noch zwei Arten berauschender Getränke kurz zu erwähnen, denen eine gewisse Bedeutung nicht abzusprechen ist. Das eine ist der in ganz Polynesien, besonders den Samoa-, Sandwich- und Freundschaftsinseln beliebte +Kawa+, der von der fleischigen Wurzel einer Pfefferart gewonnen wird. Es ist dies der +Kawapfeffer+ (~Piper methysticum~), ein 2 m hoher Strauch mit langgestielten, eiförmigen Blättern und dicker, fleischiger Wurzel. Aus dieser letzteren wird der betäubende Trank in der Weise gewonnen, daß Frauen und Jungfrauen in Scheiben geschnittene Stücke derselben gehörig zerkauen und in Gefäße spucken, worin die Masse, mit Wasser übergossen, eine kurze Zeit liegen bleibt, bis das Stärkemehl mit Hilfe des diastatischen Speichelferments in Zucker und dieser durch die allgegenwärtigen Hefepilze in Alkohol übergeführt worden ist. Der wichtigste betäubende Stoff darin ist aber ein der Wurzel innewohnender Stoff, der in besonderer Weise auf das Zentralnervensystem einwirkt, indem der Trinker bei ausgiebigem Kawagenuß bei vollem Bewußtsein die Herrschaft über seine Glieder verliert. Der in Polynesien wild wachsende Kawapfeffer wird als geschätztes Genußmittel auch von den Eingeborenen angepflanzt. So hat die deutsche Insel Samoa im vergangenen Jahr nicht bloß ihren eigenen Bedarf gedeckt, sondern auch noch 16900 kg im Werte von 25400 Mark nach den Nachbarinseln auszuführen vermocht.

Wer in Samoa, der Perle der Südsee und wohl dem schönsten Stückchen des ganzen deutschen Kolonialbesitzes reist, der darf überall, wohin er kommt, bei der unbegrenzten Gastfreundschaft der Samoaner der besten Aufnahme gewiß sein. In jedem Dorf ist eine Taupo genannte Ehrenjungfrau vorhanden, der als Repräsentantin des Dorfes die Unterbringung und Bewirtung des Fremden obliegt. Mit untergeschlagenen Beinen läßt sich der Besucher auf den mit Matten belegten Boden der sauberen, offenen Hütte nieder. Die Dorfältesten folgen diesem Beispiel, und es beginnt die zeremonielle Bereitung des Nationalgetränkes. Die Taupo, manchmal zusammen mit anderen Mädchen, speit die durch längeres Kauen zerkleinerte Kawawurzel in eine flache, auf mehreren Füßen ruhende Holzschüssel, gießt aus einer hohlen Kokosnuß Wasser hinzu, läßt das Ganze etwas stehen, zieht zum Schluß den ausgelaugten Brei zur Entfernung der holzigen Bestandteile durch ein Bastsieb und die Bowle ist fertig. Lautes Klatschen des Hausherrn zeigt die Fertigstellung der Kawa an. Die Taupo reicht den Becher mit dem graugrünen, von den einen wie Pfefferminztee, von andern wie Seifenwasser schmeckend angegebenen Getränk dem Gaste, dessen Name verkündet wird und der ihn mit dem samoanischen Prosit „~Manuia~“ leert und der Taupo zurückgibt. Das Trinkgefäß macht dann die Runde bei allen Anwesenden, genau in der Reihenfolge ihrer Würde und ihres Alters. Während des Rundtranks werden zahlreiche Reden gehalten. Der Gast wird von den hervorragendsten Anwesenden begrüßt. Man dankt ihm in wohlgesetzter Rede für seinen Besuch und bittet um seine Freundschaft. Nach dem Bewillkommnungstrank werden die Speisen aufgetragen: Bananen, Yams, Taro, Fische, Muscheln, Kokosnüsse, Hühner und eventuell Schweine. Alles, auch das Obdach für die Nacht, soll der Gast mit dem Wirte teilen. In derselben Hütte schläft auch die Taupo; aber sie ist Tag und Nacht von zwei älteren Ehrendamen bewacht, die auf ihre Reinheit acht haben. Denn im Gegensatz zu den gewöhnlichen Mädchen Samoas, die sich in ihrem ledigen Stande alles erlauben dürfen, ohne an Ansehen zu verlieren, muß die Taupo unantastbar bleiben, um später die Frau irgend eines angesehenen Häuptlings zu werden. Wie zur Begrüßung des Gastes spielen die Taupo und die Kawa bei allen Festen, Versammlungen und sonstigen offiziellen Anlässen eine höchst wichtige Rolle im samoanischen Leben.

Das andere berauschende Getränk gehört der Geschichte an und spielte einst beim asiatischen Zweige der Indogermanen eine große Rolle. Es ist dies der +Somatrank+ der alten Inder oder der +Haoma+ der alten Perser. Von keinem berauschenden Getränke reichen die Urkunden so weit zurück, keins ist durch seinen Gebrauch in ein so mystisches Dunkel gehüllt und keins ist je höher gepriesen worden, als dieser heilige, nicht nur belebende und beseligende, sondern Menschen und Göttern Kraft und Gesundheit spendende Trank, mit dem auch Indra -- in der ältesten Zeit, von der wir hier sprechen, der oberste Gott der Inder, der Schöpfer und Erhalter der Welt, der später zum Haupt der niederen Götter wurde -- sich zum Kampfe gegen die Dämonen stärkte. Nach den geschichtlichen Überlieferungen und den Angaben des Sâma-Veda war dieser Somatrank eine Art Met, der aus einer in Gärung gebrachten Honiglösung mit Zusatz von Gersten- oder anderem Mehl und Milch oder Molken hergestellt wurde, wozu höchst sparsam als Würze der Saft einer mit großer Sorgfalt in mondhellen Nächten auf Bergeshöhen gesammelten Staude hinzugefügt wurde. Die blattlosen oder entblätterten Stengel der als ~Soma-lata~ bezeichneten Somapflanze wurden dann unter dem Gesange bestimmter Hymnen mit Steinen zerquetscht und ausgepreßt, um den so hochgeschätzten Saft dem Gemisch von Gerstenmehl und Milch in vergorener Honiglösung zu spenden. Sicheres über diese Pflanze wissen wir nur so viel, daß sie auf dem Gebirge wuchs und Milchsaft führte.

Wie hoch die arischen Inder der vorgeschichtlichen Zeit ihren heiligen Somatrank als Labung für Menschen und Götter priesen, mögen folgende Stellen aus dem Sâma-Veda dartun: „Wir jauchzen dir zu, du ausgepreßter Soma, dir, dem gerstengemischten Somatrank! Gar köstlich schmeckend und von Milch strotzend, gehst du erhebend honigsüßer Glanzstrahl. Du gehst, o Reiniger, unaufhaltsam strömend für Indra, o Soma, ringsum flutbesprengt. -- Den schönen, gottersehnten Trank, in Flut gereinigt und von Männern gepreßt, würzen mit Milch die Kühe. -- Wie Vögel sitzen um dich her beim milchgekochten Met, dem süßen, die Indra preisen. Ihm gebührt der milchgemachte Göttertrank. -- Wir denken dein, Falbrossiger. (Damit ist Indra gemeint.) Im Opfer gedenke unseres Lobgesangs in des Soma Rausch. -- Sprengt ringsum den Soma, das wichtigste Opfer, das wir mit Steinen gepreßt haben. Diesen haben wir, mit Gerste wie mit Milch ihn mischend, versüßt, o Indra, an diesem Feste. -- Freue dich des kuhgemischten Trankes!“

Wie er im alten Indien bei keinem Opfer fehlte, so wurde bei den alten Persern kein Gebet gesprochen, ohne ihn genossen zu haben. Von ihm sollten sich die Götter ernähren. Der um 25 n. Chr. verstorbene griechische Geograph Strabon aus Amasia in Pontos berichtet, daß bei jedem Hause in Persien eine Haomapflanzung und in jedem Hause ein Holzmörser mit Keule zum Stampfen und Auspressen des Saftes ein unerläßliches, heiliges Gerät sei, welches gleich dem Feuer und dem Bündel von Myrtenzweigen vor Entweihung geschützt werden müsse. Wie in Indien so geschah auch in Persien die Bereitung des Haomatrankes unter Lobgesängen und liturgischen Gebeten. Der in Rom als Lehrer der Philosophie lebende griechische Schriftsteller Plutarchos (50-120 n. Chr.) beschreibt die Zubereitung des von ihm als Omomi (= Haomi) bezeichneten Getränkes. Nach ihm wurde dazu der Saft einer in Armenien und Medien wachsenden, dem Weinstocke ähnlichen Pflanze mit knotigen Stengeln, Blättern wie Jasmin, Blüten wie Levkoje, traubenförmigen Samen, duftend und von bitterem Geschmack genommen. Vielleicht ist der auf assyrischen Bildwerken, in denen der König mit erhobener Schale ein Trinkopfer darbringt, dargestellte, in seltsam verschlungener Figur den heiligen Baum, die Dattelpalme, umrankende Gewächs, das uns auch anderweitig auf Skulpturen, von geflügelten, adlerköpfigen Gottheiten adorierend umstanden, entgegentritt, nichts anderes als die Haoma der Alten. Und zwar glaubte man bis in die neueste Zeit zwei nahe miteinander verwandte, in Indien und Persien einheimische milchsaftführende Calotropisarten, die noch wildwachsend angetroffen werden, für die heilige Somapflanze ansehen zu dürfen. Kürzlich hat jedoch Joseph Bornmüller festgestellt, daß die indischen Parsen, die die altiranischen Religionsgebräuche bis in die Gegenwart bewahrten, zu ihren gottesdienstlichen Handlungen die auf felsigen Standorten wachsende sehr ästige, blattlose und äußerlich einem Schachtelhalme ähnliche Strauchart ~Ephedra vulgaris~ aus Persien beziehen. Man darf also diese als die heilige Haomapflanze der Perser ansehen, die von jeher als identisch mit der Somapflanze der Inder galt. Der aus ihr ausgepreßte Saft, der später zum Gotte Soma erhoben wurde, erhielt später bei den Ariern dieselbe Bedeutung wie der Wein im christlichen Abendmahle.

Übrigens wird noch heute der Saft gewisser Calotropisarten von manchen Stämmen des Sudans dem Hirsebrei zugesetzt, während andererseits manche Tatarenstämme ihren aus Pferde- und Kamelmilch bereiteten Getränken gern narkotische Säfte von Kräutern hinzufügen. Bei den alten Ariern wird eben jenes ältere Genußmittel mit der Zeit durch bessere, jüngere verdrängt worden sein, wodurch es bald in völlige Vergessenheit geriet, bis auf die streng an den Gebräuchen ihrer Vorfahren hängenden Parsen, von denen ja heute noch wie vor Tausenden von Jahren das Feuer als eine Gottheit verehrt wird.

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XVI

Die betäubenden Pflanzenstoffe.

Ähnlich wie die geistigen Getränke, aber noch in weit stärkerem Maße die Gehirntätigkeit in besonderer, vielfach krankhafter Weise beeinflussend wirken andere narkotische Pflanzenstoffe, denen wir nunmehr unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden haben. Bei der ungeheuer wichtigen Rolle, die die hierher gehörenden Drogen spielen, sind die sie erzeugenden Pflanzen von der größten kulturgeschichtlichen und wirtschaftlichen Bedeutung. Denn, wie wir bereits zu Beginn des vorigen Abschnitts sahen, sind die narkotischen Gifte dem Menschen vielfach unersetzliche Genußmittel, die er sich schon auf niedriger Kulturstufe unbedingt zu verschaffen sucht. Kein Volk der Erde ist so armselig und primitiv, daß es nicht im Besitze irgend eines Mittels wäre, dessen Genuß den Geist in einen Rauschzustand zu versetzen vermag. Und zwar ist die Erlangung eines solchen Rauschmittels den Naturvölkern vielfach wichtiger als der Besitz von Nahrung spendenden Pflanzen. So bauen manche von Viehzucht lebende Negerstämme Tabak an, pflanzen aber daneben keinerlei Getreide.

Unter diesen „Sorgenlösern“, die den Menschengeist in künstliche Ekstase, d. h. in einen Zustand des Entrücktseins in andere Welten versetzen, spielt der +Haschisch+ eine sehr wichtige Rolle. Sind doch nicht weniger als etwa 250 Millionen Menschen in Asien und Afrika Haschischesser oder Haschischraucher. Mit Vorliebe wird er in Konfekt genossen, wie ja die Orientalen meist das Süße lieben. Dieser Haschisch besteht aus einer ein ätherisches Öl, Harze und verschiedene Glykoside enthaltenden Ausscheidung der in Ostindien heimischen und von dort sehr früh schon in Persien eingeführten +Hanfpflanze+ (~Cannabis indica~). Schon bei uns riecht diese mit dem Hopfen aufs engste verwandte, in weiblichen und männlichen Exemplaren auftretende Krautart aromatisch und betäubend. In noch viel höherem Maße ist dies in warmen Gegenden, speziell im heißen Indien der Fall, wo sie allein ein gelblichgrünes, aromatisch riechendes Gummiharz aus den Stengeln und namentlich den Blütenständen ausscheidet. Dieses wird gesammelt, indem Arbeiter, in der Regel nackt, nur ausnahmsweise mit einem Lederanzuge bekleidet, durch die Hanffelder streifen. Dabei klebt ihnen die vom Hanf ausgeschiedene harzige Masse an. Diese wird dann mit stumpfen Messern abgeschabt und zu einem dem Opium ähnlichen Teig zusammengeknetet. Wie dieses wird es in besonderen kleinen Pfeifen geraucht oder als grünliches Extrakt mit allerlei meist parfümierten Kuchen, sogenannten Fröhlichkeitskuchen, und in Form von Konfekt genossen. Die Wirkung des Haschisch ist derjenigen des Tabaks ähnlich, nur viel stärker, indem er rasch betäubt und Delirien erzeugt.

Besonders reich an diesem narkotischen, harzigen Gifte sind die weiblichen Blütenstände, die deshalb auch getrocknet als solche geraucht oder zur Extraktion von Haschisch verwendet werden. Von der Anwendung des getrockneten Krautes, namentlich der weiblichen Blütenstände als den am narkotischen Stoffe reichsten Teilen, zum Rauchen wie Tabak, um eine beglückende Betäubung an sich hervorzurufen, rührt der Name der Droge her; denn ~haschîsch~ heißt persisch das Kraut. In Indien unterscheidet man zwei Sorten desselben: ~bhang~ oder ~siddhi~, die zur Blütezeit entnommenen, zerkleinerten Blätter, die mit Wasser oder Milch, Zucker nebst schwarzem Pfeffer und anderem Gewürz zu einer grünen Flüssigkeit zerrieben werden, und ~gânjâ~, die getrockneten, jungen, weiblichen Blütentriebe, die, dem Tabak beigemischt, in der Wasserpfeife geraucht werden. Letzterer gilt als viel kräftiger und wird deshalb auch viel teuerer bezahlt. Während von ersterem etwa 30 g für den daran Gewöhnten genommen werden müssen, genügen von letzterem viel kleinere Mengen, um eine ausgiebige Wirkung zu erzielen. In anderen Ländern bindet man die wirksamen Bestandteile an Butter, mischt diese mit Gewürzen und formt aus der Masse Pillen, die als beliebtes ~hadschi~ eingenommen werden.

Nächst Indien ist Persien das Hauptland der Erzeugung und des Verbrauches von Haschisch. Hier ist, wie in Indien, die Kultur des Hanfes als Rauschmittel uralt, und die altpersische Sprache bezeichnet die Trunkenheit mit einem Worte (~banga~), das im Sanskrit Hanf bedeutet. Von Persien drang die Hanfkultur früh schon westwärts vor und gelangte schon um die Mitte des 2. vorgeschichtlichen Jahrtausends nach Südrußland zu den Viehzucht treibenden Skythen. Der im Jahre 484 v. Chr. geborene griechische Geschichtschreiber Herodot nennt uns den Hanf als Betäubungsmittel dieses Volkes. Nach ihm streuten die Skythen, um sich zu betäuben, Hanfkörner auf glühend gemachte Steine, die auf den Boden von kleinen Schwitzbadhütten gebracht worden waren, und atmeten den so entstehenden Qualm ein. Dadurch wurden sie in einen solchen Rausch versetzt, daß sie aus lauter Behagen laut brüllten. Auch bei den Thrakern war sein Gebrauch damals schon üblich; außerdem benutzten sie die Fasern des Hanfstengels, um Stoff daraus zu weben. Beides war den Griechen, die die Pflanze noch nicht kannten, neu. Ebenso bauten die Kelten bereits den Hanf an, um sich seiner sowohl als narkotisches Genußmittel, als auch als Gespinstpflanze zu bedienen. Als der König Hieron II. von Syrakus, der von 269-215 v. Chr. regierte, ein ungeheures Prachtschiff baute, zu dessen Herstellung er aus allen Ländern am Mittelmeer das Beste in seiner Art kommen ließ, wurden Hanf zu Tauen und Pech von den Kelten des unteren Rhonetales im südlichen Gallien bezogen. Also muß die Hanfkultur damals schon bei ihnen in hoher Blüte gestanden haben. Von den römischen Schriftstellern ist der ums Jahr 100 v. Chr. lebende Satiriker Lucilius der erste, der den Hanf als Gespinstpflanze erwähnt und Plinius der ältere (23-79 n. Chr.) berichtet in seiner Naturgeschichte, daß der Hanf um die Ortschaft Reate im Sabinerlande Baumeshöhe erreiche.

Die alten Juden und Ägypter kannten den Hanf noch nicht. Erst die Araber, die sich seiner vorzugsweise als Berauschungsmittel bedienten, brachten dessen Kultur im Nilland, wie in Nordafrika in Blüte. Aber noch am Ende des 18. Jahrhunderts wurde diese Pflanze nur zur Gewinnung von Haschisch gepflanzt, der heute einen sehr großen Teil seiner Anhänger in Afrika zählt. Als neuartige Gespinstpflanze erwähnt den Hanf zum erstenmal in Palästina die jüdische Gesetzessammlung des Mischna.

In geringen Dosen genossen bewirkt der Haschisch ein nicht endenwollendes Lachen, zugleich wird die Phantasie mächtig angeregt und entzückende Bilder ziehen am geistigen Auge vorüber. Die Ideenverkettung wird durch ihn beschleunigt, die Sinneseindrücke werden lebhafter und die Sexualsphäre wird erregt. Etwas größere Dosen rufen ein traumhaftes Glückseligkeitsgefühl hervor, es entsteht ein Gefühl der Körperlosigkeit, der für den Berauschten das Vorhandensein von Raum und Zeit ausschließt. Noch größere Dosen lösen berückende farbige Visionen aus, bewirken aber auch Delirien und Tobsuchtsanfälle. Der Genuß dieses Mittels ist am größten bevor dessen Gebrauch zur Gewohnheit wird. Sobald aber letzteres der Fall wird, stellen sich hochgradige Schädigungen des Nervensystems und aller Körperorgane ein, die eine zunehmende Melancholie mit fortschreitender Verblödung des Geistes und körperlichem Verfall bewirken, bis schließlich der Tod durch Schlaganfall oder Lähmung eintritt. Dieser durch Haschischgenuß hervorgerufene Zustand einer Ekstase spielt bei manchen religiösen Sekten des Morgenlandes eine große Rolle. Am bekanntesten unter ihnen ist die heute nur noch in einigen hundert Familien im Libanongebirge hausende Sekte der Assassinen, die von einem schiitischen Muhammedaner, Hassan aus Chorasan, im Jahre 1090 gegründet wurde, indem er zunächst eine Anzahl persischer Jünglinge um sich sammelte, die er durch Haschischgenuß ihm völlig ergeben und zu willenlosen Werkzeugen seiner fanatischen Ideen machte. Zur Zeit der Kreuzzüge waren die Assassinen als Meuchelmörder von den Christen sehr gefürchtet. Die Burg Kahf im Libanon war die Residenz ihres Häuptlings, des Scheich ul dschebel, d. h. Oberhaupt des Gebirges, von den Europäern nur der „Alte vom Berge“ genannt. In Syrien von den Machthabern namentlich im 12. und 13. Jahrhundert mißbraucht, sanken sie nach und nach zu gewöhnlichen Meuchelmördern herab, die für Geld jedem dienten, so daß seither bei den Romanen ~assassin~ so viel als Meuchelmörder bedeutet.

Bei uns sind alkoholhaltige Getränke die häufigsten, aber auch die ärmlichsten Erreger der künstlichen Ekstase. Dazu dient im Orient, dem der Alkohol nach dem Gebote des Propheten Muhammed in jeder Form versagt blieb, außer dem Haschisch auch das +Opium+. Es ist dies bekanntlich der eingetrocknete Milchsaft des +Schlafmohns+ (~Papaver somniferum~), der ein Abkömmling des in den Mittelmeerländern, besonders Kleinasien, heimischen ~Papaver setigerum~ ist, der sich durch borstig behaarte Kelchblätter und Stengel von der kultivierten Art unterscheidet. Dieser wilden Urform stand, nach der Beschaffenheit der uns erhalten gebliebenen Samenkörner zu urteilen, noch der Mohn sehr nahe, den die neolithischen Pfahlbauern der Schweiz in ihren wenig sorgsam mit der Hacke bearbeiteten kleinen Feldern an den Seeufern pflanzten. Wie andere vorgeschichtliche Völker werden sie sich der Samen vorzugsweise als Ölspender, daneben aber auch noch als Heilmittel zur Betäubung von Schmerzen bedient haben, wie dies heute noch bei der Bauernbevölkerung auf dem Lande geschieht.

Bei den alten Griechen waren die jene Samenkörner bergenden Fruchtkapseln des Mohns die sinnbildlichen Attribute des Schlafgottes Morpheus. Also müssen sie schon früh die betäubende Wirkung dieser Samen und überhaupt der ganzen Pflanze gekannt haben. Doch bauten auch die Griechen der ältesten Zeit den Mohn nicht zur Opiumgewinnung, sondern zur Ernte seiner ölreichen Samen, wie heute noch die mitteleuropäische Bauernbevölkerung, an. Daneben mögen gelegentlich die schmerzlindernden Eigenschaften der verschiedenen Produkte der Pflanze benutzt worden sein; aber das waren große Ausnahmen. Der Mohn war ihnen eine Ölpflanze. Zu diesem Zwecke muß er schon wenigstens im 9. vorchristlichen Jahrhundert von Kleinasien her in Griechenland eingeführt worden sein; denn der im 8. vorchristlichen Jahrhundert in Böotien lebende Dichter Hesiod nennt uns in seiner Theogonie eine Ortschaft Mēkṓne, d. h. Mohnstadt, wohl von der dort besonders intensiv betriebenen Mohnkultur herrührend. Diese unweit von Korinth gelegene Ortschaft wurde dann später infolge ihrer ausgedehnten Gurkenkultur in Sikyon, d. h. Gurkenstadt umgetauft, als welche sie uns in geschichtlicher Zeit entgegentritt.

Es ist bemerkenswert, daß noch Hippokrates von Kos, der von 460-364 v. Chr. lebende größte griechische Arzt, das Opium nicht kannte, wenn er auch den Milchsaft opós der Blätter und Früchte als Linderungsmittel bei Schmerzen anwandte. Auch der Schüler des großen Aristoteles, Theophrastos (390-286 v. Chr.), kannte so wenig als die Hippokratiker das Opium, und wo er von ~mēkóneion~ spricht, meint er damit den betäubenden Milchsaft einer Wolfsmilchart (~Euphorbia peplus~). Erst im 3. vorchristlichen Jahrhundert scheint in Griechenland die Verwendung des durch Ritzen der unreifen Fruchtkapsel des Mohns gewonnenen Milchsafts als Arzneimittel aufgekommen zu sein. Wenigstens sind Diokles von Karystos und Herakleides von Tarent die ersten griechischen Ärzte, von denen berichtet wird, daß sie diese Droge zur Schmerzlinderung anwandten.

Das von der griechischen Bezeichnung dafür, nämlich ~opós~ Milchsaft, abgeleitete ~ópion~ übernahmen dann die Römer mit der Droge, deren Kenntnis ihnen die bei ihnen ihre Tätigkeit ausübenden griechischen Ärzte vermittelten. Zu Beginn der römischen Kaiserzeit wurde außer in Kleinasien besonders auch in Ägypten, später auch in Spanien und Nordafrika Opium gewonnen, wie wir von den damaligen Schriftstellern vernehmen. Zu Beginn des Mittelalters kam dann das Opium im Abendlande fast ganz außer Gebrauch, während es die arabischen Ärzte noch teilweise anwandten. Dafür wurden Abkochungen der Mohnkapseln, die für weniger gefährlich galten, benutzt. Erst im späteren Mittelalter kam das Opium im Abendlande wieder zur Benutzung, worüber das Nähere im Abschnitt über die Heilpflanzen mitgeteilt werden soll.

Für jetzt genüge die Feststellung der Tatsache, daß, wie schon im Altertum, so noch heute Kleinasien das beste Opium erzeugt. Dort wird die Kultur des Schlafmohns und die Gewinnung des Opiums aus dessen unreifen Fruchtkapseln in folgender Weise betrieben. Die einjährige Pflanze mit den hübschen, weiß bis violett gefärbten Blüten wird nach den Herbstregen in drei Perioden vom September bis März ausgesät, um so den Wechselfällen des Klimas zu begegnen und die Arbeitskräfte während einer längeren Periode auszunützen. Auf dem gut gedüngten Boden wächst die Pflanze rasch heran, erreicht die Höhe von 1 m und erzeugt durch reiche Verästelung 5-30 Blüten. Etwa 6-7 Tage nach dem Abfallen der Blumenblätter bekommen die jungen, grünen Fruchtkapseln einen bläulichweißen Anflug und sind zur Opiumernte recht. Nun muß die Arbeit in 8-10 Tagen vollendet werden, da sie später keinen Milchsaft mehr austreten lassen. Die Opiumgewinnung geschieht in der Weise, daß die grünen Fruchtkapseln in den Nachmittagsstunden mit einem Messer, dessen Klinge bis auf die Spitze mit Bindfaden umwickelt ist, mit mehreren wagrechten Schnitten angeritzt werden. Der dabei aus den Wunden austretende weiße Milchsaft gerinnt rasch an der Luft und nimmt eine gelbrötliche und zuletzt bräunliche Farbe an. Am folgenden Morgen wird er mit dem Messer vorsichtig abgelöst und auf ein Mohnblatt abgestrichen. Ist eine größere Masse beisammen, so knetet man daraus Kuchen von etwa 600 g Gewicht, die man in Mohnblätter einschlägt und im Schatten gut trocknen läßt, damit sie nicht später auf dem Transport faulen. Damit die Opiumbrote nicht zusammenkleben, werden sie durch dazwischen gestreute trockene Rumex- oder Sauerampferfrüchte getrennt. So werden sie in kleine Säcke und diese ihrerseits wieder in Körbe gepackt, die nach Smyrna oder Konstantinopel ausgeführt werden. Durchschnittlich produziert Kleinasien jährlich 400000 kg Opium. Doch unterliegen Erzeugung, Ausfuhr und Preis desselben starken Schwankungen, da der Ertrag der Fruchtkapseln an Milchsaft nach den Jahrgängen sehr ungleich ist. Je reifer die Frucht wird, eine um so geringere Saftmenge liefert sie. Doch hindert das Anschneiden der Milchsaftröhren in den Kapseln, die nach dem Abfallen der Blumenblätter prall gefüllt sind, die Früchte nicht am völligen Reifwerden; sie fallen nur etwas kleiner aus. Die Samen werden dann nach deren Reife geerntet und aus ihnen das Mohnöl als gutes Speisefett gewonnen.

Nach der Frühjahrsernte wird auf demselben Felde nach abermaliger reichlicher Düngung eine zweite Mohnkultur angelegt und im Herbste geerntet, und zwar erzeugt die Herbsternte den größten Teil des Ertrages. Nach Flückiger liefert eine Mohnkapsel in Kleinasien in ein bis drei Schnitten ungefähr 0,02 g Opium. Dabei ist es von Wichtigkeit, die Schnitte nicht zu tief zu machen und die Kapselwandung nicht zu durchschneiden, da sich sonst ein Teil des Milchsaftes ins Innere der Kapsel ergießt und für die Opiumgewinnung verloren geht. Auch würden derart geschädigte Kapseln keine Samen mehr reifen lassen. Zwischen dem Einschneiden, wozu in Persien und Indien besondere Messer mit bis zu fünf Klingen benutzt werden, und dem Sammeln des gebräunten Milchsaftes dürfen nicht mehr als 24 Stunden verstreichen. Die getrockneten Opiumkuchen sehen im Bruche zimtbraun aus, riechen stark narkotisch und schmecken bitter. Vielfach werden sie mit Mohnkapselpulver, Mehl, Aprikosen- und Feigenzusätzen, auch mit verschiedenen Gummiarten verfälscht. Außerdem wird auch besseres mit schlechterem Opium gemischt, um den medizinisch geforderten Morphingehalt von 10-20 Prozent aus dem gewöhnlich mehr davon enthaltenden Opium zu gewinnen.

Auch in Persien wird viel Opium erzeugt, das zum größten Teile im Lande selbst verbraucht wird, und zwar in Kuchen und Konfekt gegessen, nicht wie in China geraucht wird. Von der jährlichen Gesamtproduktion von Opium im Betrage von 23 Millionen kg erzeugt China 14 Millionen kg und Britisch-Ostindien 5,5 Millionen kg. Das Opium und seine Verwendung als Mittel zur Betäubung von Schmerzen und, unabhängig davon, zur Erlangung eines Zustandes von Entrücktsein, gelangte im frühen Mittelalter von Kleinasien nach Osten, wo es die haschischrauchenden Perser und Araber als ~afiun~ freudig aufnahmen und im 8. Jahrhundert weiter zu den Hindus gelangen ließen, die diese Droge als wertvolle Bereicherung ihres Arzneischatzes gern entgegennahmen. Durch die Inder, die dann bald auch die Mohnkultur selbst bei sich einführten, gelangte das Opium nach Hinterindien und in die malaiische Inselwelt und von da im Laufe des 10. Jahrhunderts als ~o-pién~ oder ~o-fu-yung~ nach China, wo es später eine außerordentliche Bedeutung erlangen sollte. Die frühesten Nachrichten über die Versendung indischen Opiums nach China verdanken wir dem Portugiesen Odoardo Barbosa, der bald nach Auffinden des Seeweges nach Ostindien nach Kalikut an der Malabarküste fuhr, um dort die Produkte Indiens an der Quelle einzuhandeln. Im Jahre 1516 berichtete er über die Erlebnisse seiner Reise und bemerkt, daß er außer kleinasiatischem zweierlei Arten indischen Opiums auf dem Markte von Kalikut vorfand. In demselben Jahre 1516 nennt der portugiesische Apotheker Pires Opium aus Cambaia und solches aus Cous, der heutigen Landschaft Kus Bahar im nordöstlichen Bengalen.

Die Sitte, Opium zu rauchen, erhielten die Chinesen aus Formosa, und die Bewohner dieser Insel sollen ihr Opium aus Java bezogen haben. Schon im 11. Jahrhundert soll in China selbst Mohn zur Gewinnung von Opium angebaut worden sein, aber er wurde ausschließlich für medizinische Zwecke verwendet. Im ~Pen-tsao-kung-mu~, einem zwischen 1552 und 1578 verfaßten chinesischen Kräuterbuche, wird die Gewinnung des Opiums und seine Verwendung, aber nur eine solche als Medikament, beschrieben. In den Jahren 1589 und 1615 wird das Opium in chinesischen Arzneitarifen angeführt. Erst gegen das Ende des 17. Jahrhunderts kam das Opiumrauchen in weiteren Kreisen der Bevölkerung in China auf, wogegen 1729 von der Regierung aus ein strenges Verbot erlassen wurde. Trotzdem erlosch diese Unsitte nicht, sondern blühte im geheimen weiter und wurde bald wieder offenkundig betrieben. Die chinesische Regierung, welche die unheilvolle, entnervende Wirkung dieser Leidenschaft sehr wohl erkannte und ihr nach Möglichkeit entgegentrat, verbot in den Jahren 1799 und 1800 das Opiumrauchen abermals im ganzen Reiche aufs strengste und untersagte im Jahre 1820 auch die Einfuhr des Stoffes. Diese Maßregel traf aber in erster Linie die ostindische Handelskompagnie, die Opium in großen Mengen nach China importierte. Um nun den für sie äußerst gewinnbringenden Handel nicht zu verlieren, organisierte sie einen lebhaften Schmuggel dorthin. Die fortgesetzten Reibereien zwischen China, das den Opium nicht zulassen, und England, das um jeden Preis sein einträgliches Geschäft fortsetzen wollte, führten endlich im Jahre 1841 den berüchtigten Opiumkrieg herbei, durch dessen für England siegreiche Beendigung im Jahre 1842 durch den Vertrag von Nan-king China zwar nicht offiziell der Einfuhr des Opiums geöffnet wurde, doch aller von Indien gelieferter Opium in den chinesischen Vertragshäfen zur Einfuhr zugelassen werden mußte.

Infolge zunehmender Feindseligkeiten, die der üppiger als je emporblühende Opiumschmuggel nach China hervorrief, kam es im Jahre 1856 zu weiteren Feindseligkeiten und zu einer Intervention, wonach China 1860 die Einfuhr von Opium in sein Reich völlig freigeben mußte. Seither machten die Engländer mit ihrer Opiumausfuhr von Indien nach China famose Geschäfte, obschon China selbst eine Menge davon erzeugte, so daß allein die Provinzen Sze-tschwan und Yün-nan die Produktion Indiens darin übertreffen sollen. Zu den 14 Millionen kg, die im Lande selbst geerntet werden, liefert Ostindien noch über 5 Millionen kg, dazu noch Persien und Kleinasien, dessen Produkte als ~kinni~, d. h. goldener Kot, besonders geschätzt werden, eine unbestimmte Menge. Das Hauptgebiet der indischen Opiumgewinnung ist Bengalen in Nordindien am Mittellaufe des Ganges um die Städte Bihar und Benares, wo über eine Million Bauern sich mit Mohnbau beschäftigen. Schon unter den muhammedanischen Herrschern Indiens war der Anbau von Mohn zur Gewinnung von Opium ein Monopol derselben, das diesen viel eintrug. Durch den Sieg des englischen Generals Clives bei Plassey im Jahre 1757 kamen die Besitzungen des Großmoguls und damit das Opiummonopol in die Hände der Engländer. Mit dem Jahre 1773 begann dann der indisch-chinesische Opiumhandel der englisch-ostindischen Kompagnie, den vorher die Portugiesen von Goa und die Holländer von Java aus betrieben hatten. Da nun in Indien die Opiumgewinnung heute noch ein Monopol der englischen Regierung ist, sind im ganzen Gebiete englische Beamte angestellt, die sämtliche Vorgänge von der Pflanzung des Mohns bis zur Ablieferung des fertigen Rohprodukts aufs strengste überwachen. Die indischen Bauern sammeln den Milchsaft in irdenen Gefäßen, um ihn an die Faktoreien der Regierung abzuliefern, wo er genau geprüft, durchknetet und zu Kugeln von etwa 15 cm Durchmesser und 1,5 kg Gewicht geformt wird. Diese werden auf Hürden getrocknet und, von einer dicken Hülle von Mohnblumenblättern umgeben, in Kisten verpackt.

Das Opiummonopol soll der Regierung des britischen Indien früher einen Reinertrag von 160 Millionen Mark jährlich gebracht haben. Doch hat diese sich unter dem Druck der öffentlichen Meinung dazu verstehen müssen, ihre Ausfuhr nach China in letzter Zeit immer mehr einzuschränken. Die chinesische Regierung hat nämlich im Jahre 1906 für das ganze Reich ein Gesetz erlassen, wonach von 1916 an kein Opium mehr geraucht oder sonstwie genossen werden darf; nur Männer über 60 Jahren, von denen man annimmt, daß sie dieser Gewohnheit nicht mehr entsagen können, dürfen seinem Genusse bis zu ihrem Tode in gewohnter Weise frönen.

Hier in China hat nämlich der Opiumgenuß allmählich ganz entsetzliche Dimensionen angenommen, so daß dieser kaiserliche Erlaß höchst notwendig war, sollte nicht die ganze Bevölkerung zugrunde gerichtet werden. So berichtet ~Dr.~ Thwing, Sekretär des Kongresses, der durch die Initiative des ehemaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten, Theodor Roosevelt, gegen das Laster des Opiumgenusses am 1. Februar 1910 in Shang-hai eröffnet wurde, daß für fünf Provinzen Chinas genauere statistische Angaben vorliegen, wonach in ihnen auf eine Bevölkerung von 58 Millionen Einwohner zwischen 20 und 80 Prozent Opium rauchen und daß das dafür ausgegebene Geld 800 Millionen Mark jährlich überschreitet. Und der englische Pfarrer Gregg berichtet, daß in China jährlich eine halbe Million Menschen infolge Opiumvergiftung zugrunde gehen. In manchen Provinzen dieses gewaltigen Reiches, wie beispielsweise in Yün-nan, huldigt sozusagen jeder Erwachsene, vom Mandarinen und Gelehrten bis hinab zum einfachsten Handwerker und Bauer abends nach getaner Arbeit diesem Genusse. Alle Landleute pflanzen für ihren Bedarf einen kleinen Acker voll Schlafmohn neben ihrem Hause und bereiten sich den Opium selbst. Sie formen davon Kügelchen, die sie in einen Pfeifenkopf mit winziger Höhlung bringen, dann in liegender Stellung mit Hilfe einer glühenden Kohle zur Verdampfung bringen und den Dampf rasch einatmen. So werden die Opiumdämpfe durch die Lungen ins Blut gebracht.

Dem energischen Vorgehen der chinesischen Regierung gegen dieses volkszerrüttende Laster des Opiumrauchens, dem dank dem durch den Opiumkrieg von 1841 China auferlegten Zwang heute noch über 120 Millionen frönen, steht die 1842 festgelegte Klausel des Vertrages von Nang-king mit England entgegen, wonach die ganze von Indien gelieferte Opiumproduktion in den chinesischen Häfen zugelassen werden muß. Nun haben die chinesischen Staatsmänner sich sowohl mit der englisch-indischen Behörde in Kalkutta, als auch mit der englischen Kolonie in Hong-kong, die zumeist das von Indien nach China gelieferte Opium unter die Bewohner des Landes bringt, in Verbindung gesetzt, um eine starke Verminderung der noch immer jährlich gelieferten 46000 Kisten mit diesem Gift gegen Konzessionen auf anderen Gebieten zu erzielen. Hoffentlich gelingt es den chinesischen Staatsmännern bald, den der Engländer unwürdigen Vertrag ganz aufzuheben und damit zu einem schon längst von ihnen erstrebten absoluten Einfuhrverbot zu gelangen.

In neuester Zeit hat die chinesische Regierung in jeder Stadt eine bedeutende Zahl von Opiumkneipen geschlossen, in größeren 1000 bis 7000 solcher. Man hat berechnet, daß auf diese Weise im ganzen Reich gegen 2 Millionen Häusern das Recht des Opiumvertriebes genommen wurde. Ferner ist der Anbau des Mohns in sämtlichen Provinzen Chinas verboten worden. Dies hat für viel kleine Landbesitzer, für die die Opiumkultur die Haupteinnahme bildete, eine schwere Krise herbeigeführt und zahllose Existenzen sind dadurch ruiniert worden. Doch sollen die ausgedehnten, bisher zur Mohnproduktion benutzten Ländereien für den Getreidebau verwendet und damit der angerichtete ökonomische Schaden wieder gut gemacht werden. Endlich ist allen Persönlichkeiten, die irgend welche öffentliche Stellung bekleiden, der Opiumgenuß absolut verboten worden. Dieser Befehl betrifft in jeder Provinz mehr als tausend Funktionäre, die mit ihrer Enthaltsamkeit vorbildlich auf den Rest der Bevölkerung wirken sollen.

Alle diese von jedem rechtlich denkenden Menschen nur zu billigenden Maßnahmen werden von der Regierung mit der größten Strenge durchgeführt, vor allem in der Provinz Pe-tschi-li, in der die Hauptstadt Pe-king liegt. Die erzielten Resultate reden schon heute eine deutliche Sprache; und ist erst einmal der Einfuhr indischen Opiums der Riegel geschoben, so dürften die Tage des Opiummißbrauchs im Reiche der Mitte bald gezählt sein.

Bei den ganz unleugbaren schädlichen Wirkungen des gewohnheitsmäßigen Opiumgenusses auf den menschlichen Organismus wirkt es geradezu lächerlich, wenn jüngst eine von der englischen Regierung in Belang in Bengalen eingesetzte, aus englischen, von der Regierung selbst besoldeten Ärzten bestehende Kommission durch eingehende Studien zu dem Resultat gekommen sein will, daß dieser gewohnheitsmäßige Genuß vielmehr nur gute, die Leistungsfähigkeit der Betreffenden effektiv erhöhende Wirkungen ausübe. Was macht nicht alles dieses christlich sich gebärdende Krämervolk, das ja sonst unbestreitbar große Verdienste um die Kolonisation ausgedehnter Länder der Erde sich erworben hat, um ein gutes Geschäft zu machen und die außerordentlich hohen Gehälter seiner höheren Beamten in Indien bezahlen zu können! Wenn es nur recht verdienen kann, ist es skrupellos bis zum Exzeß. Auf denselben Dampfern bringt es die Missionare und ganze Schiffsladungen von in England hergestellten Götzenbildern nach Indien, und zwingt andererseits Hunderttausende von Eingeborenen in Bengalen das China so verhaßte, schädliche Opium zu erzeugen. Wenn auch Millionen der gelben Zopfträger schmählich daran zugrunde gehen, das läßt die fühllosen Krämerseelen kalt. Wenn nur ein gutes Geschäft für sie dabei abfällt.

Außer in China wird zurzeit wohl in Persien am meisten Opium geraucht. Kaum sind es vierzig Jahre her, daß dieses Laster in jenem Lande Eingang fand, und schon wird es in allen Städten in Menge geraucht, nicht nur im geheimen in den Häusern, sondern öffentlich auf den Basaren und Straßen. Ebenso sehr wie die Männer sind die Frauen dem Opiumgenuß ergeben, dem sie daheim frönen, während ihre kleinen Kinder neben ihnen liegen oder in ihrer Nähe sitzen und spielen. Oft sind schon halbwüchsige Jungen an dieses Gift gewöhnt. Nun hat seit Beginn des Jahres 1910 auch hier die neue Bakhtiari-Regierung den Kampf gegen das Opium aufgenommen, indem Beamte unter militärischer Eskorte ohne vorherige Warnung in die Karawansereien, Kaufläden, Kaffeehäuser usw. eindrangen und die Herausgabe des Opiums erzwangen. Dieses Gift wird nun in allen Ortschaften in besonderen Zentralniederlagen zu einem höheren Preise an solche verkauft, die bis jetzt nicht ohne solches Stimulans sein können und den hohen Preis desselben nicht scheuen. Nach einigen Monaten soll der Preis dafür noch mehr erhöht werden, bis schließlich die Leute gezwungen sind, es als Genußmittel ganz aufzugeben. Allerdings umgehen viele Perser das Rauchverbot einfach dadurch, daß sie das Opium essen, da es so in kleineren Dosen dieselbe Wirkung wie das Opiumrauchen in größeren Dosen ausübt.

Aber auch wir Europäer haben unsere, immer weitere Kreise der Gebildeten erfassende Opiumseuche. Statt dieses Gift zu rauchen, wie die Chinesen, treiben es die diesem Laster frönenden Europäer noch viel raffinierter, indem sie sich seit der Einführung der sogenannten Pravazspritze in die Medizin in den 1870er Jahren das wirksamste Alkaloid dieser Droge, das nach dem griechischen Schlafgotte Morpheus genannte Morphin, in wässeriger Lösung unter die Haut spritzen, von wo es rasch in den Kreislauf gelangt und seine den Betreffenden bald unentbehrliche Giftwirkung ausübt. Dieses Morphin war die erste Pflanzenbase, wissenschaftlich Alkaloid genannt, die vom deutschen Apotheker Sertürner in Hameln (Hannover) 1805 aus dem Opium gewonnen wurde. Zur fabrikmäßigen Morphingewinnung wird bei uns hauptsächlich das über Smyrna verschiffte kleinasiatische Produkt als das morphinreichste und daneben, als ihm sehr nahe kommend, das in Makedonien, wo ebenfalls ausgedehnte Mohnkulturen angelegt sind, gewonnene Opium verarbeitet.

So unschätzbare Dienste dieses in wässeriger Lösung eingespritzte Morphin in der Hand des gewissenhaften Arztes der leidenden Menschheit leistet, so schlimm wird sein gewohnheitsmäßiger Gebrauch bei den an den Genuß dieses Betäubungsmittel Gewöhnten. Mit allen anderen gewohnheitsmäßig genossenen Giften wie Alkohol, Nikotin, Haschisch, Kokain usw. teilt es die verhängnisvolle Eigenschaft, daß der betreffende Organismus sich mit der Zeit daran gewöhnt, weshalb die Dosis zur Erreichung der gewollten Wirkung immer mehr gesteigert werden muß. Dadurch wird der Organismus des Morphin- wie des Opiumsüchtigen immer mehr vergiftet und die Gesundheit vollständig untergraben. Durch dieses Narkotikum wird man scheinbar der irdischen Schwere enthoben, man glaubt zu schweben. Während die Glieder wie gelähmt erscheinen, wird die Denktätigkeit subjektiv erleichtert und angeregt. Traumartig ziehen die wunderbarsten Bilder vor der Seele vorbei; besonders stellen sich buntwechselnde Architekturvisionen ein, bis man schließlich mit schwerem Kopf in elender Verfassung aus der Exstase aufwacht. Dieses Gefühl des Katzenjammers wird am raschesten durch die Einverleibung einer neuen Dose beseitigt. So gelangt man unwillkürlich in einen unmäßigen Gebrauch des Giftes, das schließlich den Charakter verdirbt und die Gesundheit vollkommen untergräbt. Die Folgen des Lasters sind völlige Zerrüttung der Verdauung und dadurch bedingte starke Abmagerung, Gliederzittern, Schlaflosigkeit und schließlich Verblödung des Geistes.

Ein Abgehen vom Opium- beziehungsweise Morphingebrauch ist ganz außerordentlich schwierig und nur vermittelst Anstaltsbehandlung mit Erfolg durchzuführen, da bei den an das Gift Gewöhnten jegliche Energie gelähmt ist und die besten Vorsätze, dasselbe zu lassen, vollständig in die Brüche gehen. Zudem muß bei der Entwöhnung von diesem Gifte vor allem eine absolute Enthaltung von allen geistigen Getränken, die ebenfalls den Willen zur Durchführung der Morphinabstinenz lähmen, durchgeführt werden, sonst ist eine Heilung von diesem Laster auch bei der Anstaltsbehandlung nicht möglich, da die Betreffenden zu Hause sofort wieder rückfällig werden. Besonders ausgedehnt ist der Morphinismus in den Kreisen der Ärzte und Apotheker, denen das Mittel jederzeit zu Gebote steht und die deshalb leicht der Verführung zu dessen Gebrauch, der stets in Kürze einen Mißbrauch nach sich zieht, erliegen. Daneben sind es vor allem die Kreise der Intellektuellen in den großen Städten, die der Versuchung unterliegen und vielfach diesem für sie bald unentbehrlichen Laster frönen. Weist doch die Stadt Paris allein über 50000 Morphinisten auf. Da auch bei diesen die beruhigende, anregende und beglückende Wirkung des gewohnheitsmäßig unter die Haut eingespritzten Giftes nur anhält, wenn die Menge regelmäßig um etwas gesteigert wird, so gelangen diese Unglücklichen zu enormen Tagesdosen, die nicht daran Gewöhnten sicheren Tod bringen würden. Infolge ihres Lasters verlieren die Morphinisten alle ihre ethischen Gefühle bald vollständig, betrügen, lügen und stehlen, vorerst bloß, um sich das unentbehrliche, so heiß ersehnte Gift zu verschaffen, dann aber auch sonst aus dabei erworbener Perversität.

Außer dem Morphinismus zieht aber auch das ostasiatische Laster des Opiumrauchens mehr und mehr bei den Europäern ein. Überall, wohin die Chinesen aus ihrer übervölkerten Heimat auswanderten, brachten sie die Unsitte des Opiumrauchens mit, die heute nicht bloß in allen malaiischen Hafenplätzen, sondern auch in Kalifornien häufig angetroffen wird. Aus dem Westen der Union hat sie sich bald über die größeren Städte, besonders die Hafenstädte, verbreitet. Schon im Jahre 1889 zählte Neuyork 10000 Opiumraucher. Von dort drang das Opiumrauchen nach England und die englischen Kolonien vor, wo ihm besonders in den Hafenstädten gefrönt wird. Denn überall sind es in erster Linie die Matrosen, die sich auf ihren Reisen nach dem Osten diese Unsitte in den von Chinesen bevölkerten Städten angewöhnen und zu Hause nicht davon lassen können. In Frankreich gehören dazu vielfach auch Soldaten, die in Tonking dienten. So sind nicht bloß die Hafenstädte, besonders Marseille und Toulon, seit über 25 Jahren in zunehmendem Maße vom Laster des Opiumrauchens verseucht, sondern auch die größeren Städte wie Bordeaux, Lyon und vornehmlich Paris. In Marseille allein soll nach zuverlässiger Quelle täglich für über 1000 Franken Opium von Weißen geraucht werden. Auf diese von den Chinesen übernommene Unsitte hat der englische Romanschriftsteller Charles Dickens zuerst durch einen seiner Romane die Augen der Welt gelenkt.

Neben dem Opiumrauchen ist in ganz Asien und auch in England das Laster des Opiumessens, der sog. Opiophagie, sehr verbreitet, wobei man gewöhnlich die in den Apotheken vorrätig gehaltene Opiumtinktur genießt. Auch von ihr müssen schließlich horrende Mengen eingenommen werden, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Während die einfache Dosis der Opiumtinktur für medizinische Zwecke 15 bis höchstens 20 Tropfen beträgt, gelangt ein Opiumesser mit der Zeit bis zu 8000 Tropfen täglich, was jeden nicht daran Gewöhnten natürlich sofort umbringen würde. So weit brachte es auch der begabte französische Schriftsteller Thomas de Quincey, der 1821 seine Memoiren als „Bekenntnisse eines Opiumessers“ herausgab. Höchst merkwürdig ist es, daß von solchen Opiophagen sehr starke Dosen des äußerst giftigen Sublimats nicht bloß ertragen, sondern auch dem Opium absichtlich zugesetzt werden, wenn dessen Wirkung zu versagen beginnt.

Während die Alte Welt Haschisch und Opium als Mittel einer künstlichen Ekstase benutzte, wandte man in Südamerika schon lange vor der Entdeckung durch die Spanier zu solchem Zwecke die Blätter einer der Leinpflanze sehr nahe verwandten Rotholzart, des +Koka+strauches (~Erythroxylon coca~), an. Schon ums Jahr 1499 erfuhren die Spanier, daß die Indianer des Andengebiets, speziell in Peru, die Blätter dieser Pflanze, teils ohne Zusatz, teils mit dem aus gebrannten Muschelschalen gewonnenen Kalk oder der Asche des als wichtige Nährfrucht angepflanzten ~Chenopodium quinoa~ kauten und dadurch in bezug auf ihr Nervensystem angeregt und befähigt wurden, außerordentliche Strapazen bei den beschwerlichen Gängen über das Gebirge zu ertragen. Daß diese Sitte schon recht alt gewesen sein muß, erwiesen die Funde auf dem Gräberfelde von Ancon und anderer Orte in Peru, wo man sehr häufig den in Hockstellung in Säcke eingebundenen Mumien der alten Inkas als Totenbeigabe mitgegebene kleine Umhängetaschen mit Kokablättern findet. Auch berichten die spanischen Geschichtschreiber zur Zeit der Eroberung Perus durch Francisco Pizarro 1532-1533, daß die Inkas bei ihren heiligen Götterfesten sich damit berauschten und auch die Menschen, die sie dabei opferten, teilweise damit betäubten.

Der 1,5 +m+ hoch werdende Kokastrauch wächst wild in hochgelegenen, milden, feuchten Bergwäldern in Peru, Ekuador und besonders Bolivia, wo auch heute die größten Kokagärten, ~cocales~, sich finden. Sie erstrecken sich vorzugsweise an den östlichen Abhängen der Anden in einer Höhe von 1000-2000 m über dem Meer, und reichen heute vom nördlichen Chile über Bolivien bis zur Sierra nevada da Santa Martha in Kolumbien und geben einen jährlichen Ertrag von über 30 Millionen kg, was bei dem geringen Gewichte der getrockneten Blätter eine ungeheure Menge bedeutet. Die Blätter des Kokastrauches sind wechselständig, 5-8 cm lang, 3-4 cm breit, lanzettlich bis eiförmig, ganzrandig, kahl, lederartig, oberseits olivengrün, unterseits gelblich graugrün. Sie besitzen zuerst zarte grünliche, später hornartig und braun werdende Nebenblätter und einen besonders an der Unterseite stark hervortretenden Mittelnerv, zu dessen Seiten zwei zarte Längslinien als Druckmarken der bei der Knospenanlage umgeschlagenen Blattränder verlaufen. Sie riechen und schmecken wie Tee, besitzen aber einen bittern Nachgeschmack. Am höchsten wird die bolivianische Ware geschätzt, dann kommt die peruanische und an dritter Stelle erst diejenige von Ekuador.

Bei der großen Bedeutung, die der Kokastrauch neuerdings für die Medizin erlangt hat, wird er, um so mehr, als er sehr leicht auch in andern Gegenden wächst, in zunehmendem Maße in den verschiedensten Gebieten der Tropen, besonders in einigen Teilen des englischen Kolonialreiches in Indien und auf Ceylon, außerdem auch auf Java kultiviert. Seine Fortpflanzung geschieht am besten durch Samen, die kurz vor der Regenzeit, dem besten Zeitpunkt für die Aussaat, geerntet werden. Die Samen werden auf ein humusreiches, gut durchgearbeitetes Beet gesät, das reichlich bewässert und durch ein Schutzdach aus Matten vor den grellen Sonnenstrahlen beschützt wird. Wenn die Sämlinge 15 cm hoch sind, wird letzteres entfernt. Bei Eintritt der nächsten Regenzeit werden die dann etwa 30-50 cm hohen Pflänzchen auf fetten, etwas trockenen Boden, der häufig durch Hacken gelockert und von Unkraut gereinigt werden muß, in Reihen verpflanzt und Mais dazwischen gesät, um ihnen den nötigen Schatten zu spenden und den Boden feucht zu erhalten. 1½ Jahre nach dem Verpflanzen können zum erstenmal Blätter, die nur etwa zu zwei Dritteln entfernt werden dürfen, geerntet werden. Und zwar pflückt man nur reife Blätter, die man an ihrem Stich ins Gelbliche erkennt. Sie müssen bei trockenem Wetter gesammelt werden, da sie sehr dem Verderben durch Feuchtigkeit ausgesetzt sind. Kommen sie in den Regen, so ist die ganze Ernte verdorben. Alle 2-3 Monate wiederholen sich die Ernten bis zum 40. Jahre. Die geernteten Blätter werden auf einer wärmeaufsaugenden schwarzen Unterlage aus Wolltuch oder Schiefer, die zuvor gehörig von der Sonne durchwärmt wurde, getrocknet und dann in Säcke aus Wolltuch zu Ballen von etwa 25 kg Inhalt fest zusammengestopft, um das Eindringen von Feuchtigkeit zu verhindern. Da die Blätter durch chemische Umsetzungen beim Transport bis zu 50 Prozent ihres Gehaltes an Kokain verlieren, so müssen sie möglichst schnell verschickt und verarbeitet werden. Die Indianer halten die Kokablätter schon nach 5 Monaten für unschmackhaft und nach 7 Monaten für völlig wertlos. Deshalb wird ein großer Teil der Blätter gleich an Ort und Stelle auf Kokain, das höchstens bis zu 1 Prozent in ihnen enthalten ist, verarbeitet. 1 kg Blätter liefern dabei 2 g Kokain.

Die europäischen Ärzte wurden auf dieses das Nervensystem hochgradig anregende Genußmittel, das über 8 Millionen Eingeborener Südamerikas regelmäßig genießen, wobei der durchschnittliche Tagesbedarf an Blättern 60-80 g beträgt, erst aufmerksam gemacht, als die österreichische Weltumseglung der „Navarra“ ansehnliche Mengen dieser Blätter zur Prüfung der darin enthaltenen Stoffe nach Europa brachte. Das darin schon 1855 von Gädicke nachgewiesene, von ihm Erythroxylin und erst 1860 von Nieman Kokain bezeichnete Alkaloid wurde erst 1884 durch Freund und Koller als unempfindlich machendes Mittel in den Arzneischatz eingeführt. Seither datiert auch der Beginn des Mißbrauchs dieses als Arznei unschätzbaren Mittels. Wie es äußerlich, in wässeriger Lösung auf die Schleimhäute gebracht, dieselben sehr bald völlig unempfindlich macht und ein Abblassen derselben durch Zusammenziehung der Blutgefäße bewirkt, regt es innerlich schon in kleinen Mengen die seelischen und motorischen Zentren der Großhirnrinde an und beschleunigt die Herztätigkeit. Als Mittel zur geistigen und körperlichen Anregung, zur Erzeugung einer künstlichen Ekstase, wozu es von den Europäern wie das Morphin mit der Pravazspritze unter die Haut gebracht wird, um rasch in die Blutzirkulation aufgenommen zu werden, erzeugt es wie die andern, vorhin besprochenen Berauschungsmittel in kurzer Zeit die Sucht nach dem täglichen Gebrauch und zunehmender Steigerung der Dosen. Also ist es völlig ungeeignet etwa als Ersatz des Morphins, wie man es anfangs anwenden zu können glaubte. Zudem treten die schlimmen Folgen noch rascher als bei jenem ein. Die Persönlichkeit des chronischen Kokainisten wird vollständig vernichtet. Er ist zu keiner anhaltenden Arbeit mehr fähig, wird mehr und mehr gedankenschwach und vergeßlich, seine moralischen Gefühle schwinden, Wahnideen stellen sich ein, es tritt Schlaflosigkeit, Abmagerung und zunehmender Verfall des Körpers auf, bis schließlich der Tod an Entkräftung erfolgt. Häufig sind dabei Kokainpsychosen mit dem Gefühle, als ob es unter der Haut von Ungeziefer wimmle, in Verbindung mit erschreckenden Bildern. Da in den letzten Jahren ein zunehmender Mißbrauch mit diesem für Augen-, Nasen- und Kehlkopfheilkunde, wie auch für die in der chirurgischen Praxis äußerst wichtige Infiltrationsanästhesie der Haut bisher unentbehrlichen Alkaloid stattfindet, ist davor von ärztlicher Seite sehr zu warnen. Ebenso vor dem Einnehmen von Äther und Chloroform, die an Stelle des keinen genügenden Reiz mehr auf sie ausübenden Alkohols von manchen Lebemenschen männlichen und weiblichen Geschlechts in den großen Städten eingenommen werden.

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XVII. Der Tabak

Der Tabak als Genußmittel ist bekanntlich amerikanischen Ursprungs. Die Indianer haben diese narkotische Pflanze schon lange vor der Entdeckung Amerikas beinahe in ihrem ganzen Kontinent angebaut, um die getrockneten Blätter derselben auf die verschiedenste Weise als Genußmittel zu gebrauchen. Auf den westindischen Inseln, auf denen Kolumbus zuerst landete, wurden sie fest zusammengerollt in ein dürres Maisblatt gewickelt und am einen Ende angezündet wie Zigarren geraucht. Diese Rauchrolle nannten die Indianer auf Befragen der Spanier ~tabaco~, woher sich der Name Tabak ableitet, der aber später auf das Kraut selbst übertragen wurde.

Die Indianer behaupteten, dieses narkotische Kraut vom großen Geist selbst erhalten zu haben und hielten es für heilig; deshalb kreiste bei ihren Zusammenkünften die Friedenspfeife als ein Symbol des Gottesfriedens, der dann unter ihnen herrschen sollte. Ursprünglich werden die dürren Blätter der Tabakstaude mit anderen getrockneten Kräutern zum Regenzauber gebraucht worden sein, indem man mit den in die Luft geblasenen Rauchwolken befruchtendes Naß für die vor Dürre schmachtende Vegetation, vor allem die nahrungspendenden Anpflanzungen des Menschen aus den dadurch vermeintlich gebildeten Regenwolken zaubern wollte, wie es heute noch die Primitiven in den verschiedensten Ländern tun.

Zu solchem Regenzauber und zu ähnlichen Manipulationen haben auch die Völker der Alten Welt in vorgeschichtlicher und geschichtlicher Zeit die verschiedensten einheimischen Kräuter aus regelrechten, teilweise aus Metall, und zwar meist Bronze, gegossenen und uns in solchem dauerhaften Material erhalten gebliebenen Pfeifen geraucht. Dabei entdeckte man sehr bald, daß der Rauch gewisser Pflanzen eine narkotische Wirkung auf den Menschen ausübe. So betäubten sich bereits die alten Babylonier durch Verbrennen von dürrem Hanf in Becken und Einsaugen des dabei entstehenden Dampfes durch hohles Schilfrohr. Von verschiedenen Barbarenstämmen Europas wird berichtet, daß sie getrockneten Huflattich rauchten oder durch Rohrpfeifen den Rauch des Cypergrases (einer ~kýpeiros~ genannten Binsenart) einsogen. Das sollte ihnen nach Apollodoros (um 140 v. Chr.) Kraft und Widerstandsfähigkeit verleihen. Ebenso ließen sich die Priester der alten Gallier und Germanen durch das Einatmen von Dampf von verbranntem Hanf zum Zwecke der Weissagung in Ekstase bringen, wie die Pythia in Delphi durch das Kauen von Lorbeerblättern und das Einatmen betäubender, aus der Erde hervordringender Dämpfe, über die der Dreifuß, auf dem sie saß, gestellt war, gleichfalls in einem Zustande von narkotischer Verzückung den Willen der Gottheit zu ergründen suchte.

Während die Völker der Alten Welt durch das Einatmen solchen Rauches die narkotische Wirkung mancher Kräuter entdeckten, kamen diejenigen der Neuen Welt auf die Entdeckung des Tabakes als Betäubungsmittel. In welcher Gegend Amerikas dies geschah, läßt sich nicht mehr bestimmen; doch scheint der Süden Nordamerikas und Mittelamerika der älteste Herd des Tabakgenusses gewesen zu sein. Von da verbreitete sich derselbe nach Süden und Norden, so daß diese der Alten Welt fehlende narkotische Pflanze lange vor der Ankunft der Europäer von Chile bis Kanada von den Indianern angebaut wurde, um als Zauber- und Genußmittel zu dienen. Einzig im Gebiet des La Platastromes, in Uruguay und Paraguay wurde der Tabak in keinerlei Weise gebraucht. Sonst bedienten sich seiner alle amerikanischen Völker in irgend welcher Form, und zwar meist nur die Männer, denen dieses Genußmittel auf ihren ausgedehnten Kriegs- und Jagdzügen erlaubte, Hunger und Durst längere Zeit als ohne ihn zu ertragen. Bei den zivilisierteren Stämmen, wie den Azteken Mexikos, diente er als verfeinertes Reizmittel, dem sich die Männer nach getaner Arbeit gerne hingaben. Alle feierlichen gottesdienstlichen oder politischen Handlungen gingen bei diesen Völkern stets nur unter dem Genusse von Tabak vor sich. Bei den nordamerikanischen Indianern (von denen wir die beste Kunde haben), waren die Rauchgeräte heilige Geräte, wie das Rauchen selbst eine Kulthandlung war, die bei keiner religiösen Zeremonie fehlen durfte. An die symbolische, aus den Indianergeschichten genugsam bekannte Friedenspfeife wurde bereits erinnert. Und solche heilige Tabakspfeifen oder Calumets haben schon die längst ausgestorbenen Vorläufer der nordamerikanischen Indianer besessen, die Erbauer der gewaltigen Erdwälle und Grabhügel vielfach in Tierform, die in den Tälern des Mississippi und seiner östlichen Nebenflüsse, besonders des Ohio, dann aber auch in den Golfstaaten in besonders dichter Menge gefunden werden und nach denen man sie in der Wissenschaft mit einem englischen Worte als die Moundbuilders bezeichnet. Sie müssen kulturell ziemlich hoch gestanden haben, da sie mit vereinten Kräften vermittelst der höchst primitiven ihnen zu Gebote stehenden Werkzeuge solche teilweise enorme Erdanhäufungen durchführen konnten, deren Tierform mit Sicherheit beweist, daß sie dem heute noch in jenem Kontinente so hoch ausgebildeten Totemismus huldigten. In einem solchen Mound im Ohiotale hat man neben kalt geschmiedeten, d. h. durch Hämmern mit Steinen gewonnenen Werkzeugen und Schmucksachen aus Kupfer nicht weniger als 200 Tabakspfeifen gefunden, weshalb er heute die Bezeichnung ~pipe-mound~ führt. Die in ihm, wie auch in anderen solchen Grab- und Kulthügeln gefundenen Pfeifen sind alle, wie auch derjenigen der späteren nordamerikanischen Indianer, aus einem bestimmten, nur an einer einzigen Stelle im Staate Minnesota gefundenen roten Pfeifenstein geschnitzt. Dieser wird nach dem amerikanischen Maler und Ethnographen George Catlin (1796-1874), dem die Siouxindianer als erstem Weißen nach Überwindung großer Schwierigkeiten den Besuch des betreffenden Steinbruchs im Jahre 1832 erlaubten, in der Wissenschaft als Catlinit bezeichnet. Dieser Stein ist dicht, aber nicht sehr hart, so daß er sich mit dem Feuersteinmesser schneiden läßt, und besteht hauptsächlich aus Kieselsäure und Tonerde mit einer Beimischung von Eisen, das ihm die schöne rote Farbe verleiht. Beim Polieren erhält er einen matten Glanz und erscheint dann blutrot. Diese eine Fundstelle des Pfeifensteins war ein geheiligter, neutraler Ort, wo sich die Indianer das nötige Material zur Herstellung ihrer Tabakspfeifen entweder selbst holten oder von befreundeten Stämmen eintauschten. Hier soll einst in grauer Vorzeit der „Große Geist“ die verschiedenen indianischen Völkerschaften versammelt und sie in der Anfertigung der Friedenspfeife unterwiesen haben, welchen Vorgang der amerikanische Dichter Longfellow in seinem „Sang von Hiawatha“ beschrieb und dadurch in weiteren Kreisen bekannt machte. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts haben sich die Sioux oder Dakotas die Herrschaft über den heiligen Steinbruch angemaßt, den sie noch heute behaupten.

Wie die Moundbuilders und späteren nordamerikanischen Indianer haben auch manche mittelamerikanischen Völker den Tabak aus solchen aus weichem Stein geschnitzten Pfeifen geraucht, so unter den Mayastämmen die Tarasken auf der mexikanischen Halbinsel von Yucatan, in deren Skulpturen an den Tempeln wir diesem heiligen Gerät ebenfalls begegnen. Sonst wurde bei den Mayas der Tabak in die feinen Hüllen der Maiskolben eingewickelt unter der Bezeichnung ~zicar~, woraus dann unsere Bezeichnung Zigarre entstand, geraucht, daneben auch zur Erzielung von Rauschzuständen, in welchen man mit den Abgeschiedenen in Verbindung treten zu können glaubte, gekaut und der mit dem betäubenden Saft versetzte Speichel hinuntergeschluckt. Die südamerikanischen Indianer dagegen kannten die Pfeife nicht, rauchten auch kaum „Zigarren“, bildeten dafür aber das Schnupfen zu wahrer Virtuosität aus. Sie benutzten dazu vielfach überhaupt keinen Tabak, sondern ein wohlriechendes Pulver von unbekannter Zusammensetzung, das sie sich gegenseitig durch hohle Röhrenknochen von Vögeln einbliesen. Auch die Karaibenstämme der großen Antillen, deren Bezeichnungen für Mais, Tabakrolle und Hängematte (~mahiz~, ~tabaco~ und ~hamaca~, aus welch letzterem Wort das englische ~hammock~ und das deutsche „Hangmatte“ hervorging) mit den betreffenden Gegenständen in den Sprachschatz der europäischen Völker übergingen, schnupften die zu Pulver zerriebenen Tabakblätter; rauchten sie aber außerdem in Maiskolbenhüllen eingewickelt. In solcher Weise rauchend traf der Genuese Christoforo Colombi, besser unter dem Namen Kolumbus bekannt, die ersten westindischen Indianer auf der Insel Guanahani (heute Watling-Island), als er am 12. Oktober 1492 mit seinen drei mit spanischen Matrosen bemannten Caravellen in Indien, wie er zeitlebens glaubte, landete. Er starb ja bekanntlich ohne die geringste Ahnung davon zu haben, eine neue Welt entdeckt zu haben. Und wie ihm und seinen Begleitern das gefundene Land das ersehnte Gewürzland Indien war, so waren deren Bewohner für sie Indiani, d. h. Indier, woraus die Bezeichnung Indianer hervorging. Diese Indianer aus dem Volke der Aruak, die dort noch nicht von den Karaiben verdrängt worden waren, rauchten sämtlich in die dürren, feinen Hüllen von Maiskolben eingewickelte getrocknete Tabaksblätter und nannten diese Rauchrollen ~tabaco~, eine Bezeichnung, die, wie gesagt, erst nachträglich auf das Rauchkraut selbst überging.

Nach der zweiten Expedition, die Kolumbus nach „Indien“ unternahm, blieb der ihn begleitende Mönch Romano Pane auf Haiti zurück, und von ihm stammt aus dem Jahre 1496 die erste Beschreibung der Tabakpflanze und die Schilderung der Rauchsitten der Indianer. Er erzählt, daß die Indianer die getrockneten Blätter jenes Krautes aufgerollt in den Mund nahmen, an der Spitze anzündeten und den eingezogenen Rauch aus dem Munde bliesen, „um damit die lästigen Moskitos zu vertreiben,“ wie er meinte. Außerdem erfuhr er, daß das Kraut auch als Arznei gegen mancherlei Leiden verwendet werde. Gleich ihm schrieb der Missionar Petrus Martyr in einer im Jahre 1532 erschienenen Schrift der Pflanze auch Heilkräfte zu.

Die Spanier befreundeten sich bald mit der den Indianern abgelauschten Sitte des Rauchens und begannen zuerst auf der Insel San Domingo Tabak zu bauen. Bald folgten die Portugiesen in Brasilien und die Engländer in Virginien ihrem Beispiel. Gonzalo Hernandes de Ovieda y Valdes, der Statthalter von San Domingo, gab die erste genaue Beschreibung der Pflanze; die ersten Samen der Pflanze aber brachte der Spanier Hernandez Boncalo aus Toledo, der von König Philipp II. mit einer Studie über die Pflanzenwelt Amerikas beauftragt war, mit in sein Vaterland, wo, wie Nikolaus Monardes, ein berühmter spanischer Arzt und Botaniker in seinem 1571 zu Sevilla gedruckten Buche über „Indien“ schreibt, die Tabakpflanze wohl ihrer schönen roten Blüten, nicht aber ihrer betäubenden Eigenschaften wegen in einigen Gärten angepflanzt wurde. So ward sie halb als Wunderkraut, halb als Arzneipflanze zuerst in Spanien in Gärten gezogen. An das Rauchen ihrer getrockneten Blätter dachte zunächst noch niemand.

Im Jahre 1560 brachte der französische Gesandte am königlichen Hofe in Lissabon, Jean Nicot de Viblemain aus Lyon, Tabaksamen aus dem Garten des portugiesischen Königs nach Frankreich mit, wo er ihn in seinem eigenen Garten aussäte und daraus wiederum frischen Samen gewann. Gleichzeitig gab er auch welchen an den Hof Franz II. ab, wobei er das daraus hervorwachsende Kraut als gutes Betäubungsmittel gegen Schmerzen aller Art rühmte. Ihm zu Ehren hat dann der französische Botaniker Dalechamps in seiner im Jahre 1586 erschienenen ~Historia plantarum~ die Pflanze als ~herba Nicotiana~, d. h. Nicotsches Kraut bezeichnet, und dieser Name hat sich dann in der von Karl von Linné aufgestellten botanischen Bezeichnung ~Nicotiana tabacum~ bis auf den heutigen Tag erhalten.

Die Sitte des Tabakrauchens kam erst ums Jahr 1570 durch spanische Matrosen aus Westindien nach Spanien und wurde 1586 durch englische Kolonisten aus Virginien auch nach England eingeführt. Als nämlich der englische Schiffskapitän Walter Raleigh 1584 die zu Ehren der jungfräulichen Königin Elisabeth Virginia genannte Kolonie gründete, fand er das Rauchen, wie den Tabakbau bei den dortigen Eingeborenen allgemein verbreitet. Während der Regierungszeiten Karls IX., Heinrichs III. und Heinrichs IV. (1560-1610) kam dann das Tabakrauchen auch in Frankreich als betäubendes Linderungsmittel besonders bei Zahnschmerzen auf, und zwar wurde das Kraut damals aus einer Rohrpfeife mit Metallknopf geraucht, wie sie Nicot aus Portugal mitgebracht hatte. Erst unter der Regierung Ludwigs XIII. (1610-1643) kam das Rauchen als Selbstzweck, auch ohne als Linderungsmittel bei Schmerzen zu dienen, in Aufnahme, obschon viele Ärzte und Gelehrte gegen diese „abscheuliche“ Unsitte mit allen Mitteln des Spottes zu Felde zogen. Besonders in England wurde diese neue Mode heftig bekämpft, und König Jakob I., Sohn der Maria Stuart, der von 1603-1625 regierte, war selbst ein so heftiger Gegner derselben, daß er eine Schrift unter dem Titel Misokapnos, d. h. Rauchfeind, dagegen verfaßte und zu beweisen versuchte, daß das Tabakrauchen ein wahres Höllenwerk sei: „Erstens,“ sagt er darin, „ist es ein Rauch, und das sind nach dem Worte der Bibel alle Eitelkeiten der Welt. Zweitens ergötzt es die, welche es treiben, gleich andern Lüsten, welche den Menschen unfähig machen ihnen zu entsagen. Drittens macht es trunken und toll im Kopfe; so tun es auch die Eitelkeiten der Welt. Viertens, wer raucht, der sagt, er könne es nicht lassen, er sei wie behext; gerade so ist es mit allen weltlichen Lüsten. Fünftens, das Tabakrauchen ist der Hölle gleich in seinem Wesen; denn es ist ein stinkendes, ekelhaftes Ding.“ Der König schließt mit folgender Ermahnung an das englische Volk: „Wenn endlich, o Bürger, noch Scham in euch ist, so gebt jenen heillosen Gebrauch auf, der der Schande entsprungen, aus Irrtum aufgenommen, durch Torheit verbreitet worden ist, durch den Gottes Zorn gereizt, des Körpers Gesundheit zerstört, das Hauswesen zerrüttet, das Volk im Vaterlande herabgewürdigt und auswärts verächtlich gemacht wird; einen Gebrauch, der unangenehm in der Nase, dem Gehirn nachteilig, den Lungen verderblich und, wenn ich es recht sagen soll, durch die schwarzen Rauchwolken dem Höllendampfe vollkommen gleicht.“

Der Nachfolger Jakobs I., der schließlich vom Parlament hingerichtete König Karl I. (1625-1649), sah die Tabakfrage nüchterner und praktischer an; er wollte dieses Laster, wenn es sich nicht ausrotten ließ, finanziell ausbeuten und machte den Handel damit zum Staatsmonopol. Er ließ es sich wenig kümmern, ob die Leidenschaft nach diesem neuen Genußmittel, die nahezu sein ganzes Volk ergriffen hatte, sündhaft sei oder nicht -- wenn sich nur die Staatskassen, die auch die seinigen waren, füllten!

Gleicherweise wurde auch in Frankreich, wo diese neue Sitte von England aus Fuß zu fassen begann, von der Regierung dagegen agitiert. So scheute man sich anfänglich öffentlich zu rauchen, deshalb entstanden in den wichtigsten Städten Frankreichs, vor allem in Paris, besondere, als ~tabagies~ bezeichnete Lokale für die Freunde des Tabakrauchens. Ähnlich war es in den Städten Deutschlands, in denen dieser Name bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts allgemein für öffentliche Lokale gebraucht wurde. Noch bis zum Jahre 1848 wurde das Rauchen auf offener Straße in den meisten Ländern Europas verboten. In Frankreich fand das Rauchen bald solche Verbreitung, daß man sich nicht scheute, diesem Vergnügen auch in der Öffentlichkeit zu huldigen. Und zwar nahm merkwürdigerweise der Bürgerstand und die Bauersame vor dem Adel diese Mode an, so daß es der Staat bald für gut befand, die Einfuhr des Tabaks ebenfalls zu besteuern, was für ihn eine reiche Einnahmequelle wurde. Ludwig XIII. (1610-1643) ließ gegen den Willen seines Leibarztes Tabak unter das Kriegsvolk verteilen, und Ludwig XIV. (1643-1715) befahl sogar während seines Krieges mit Holland im Jahre 1672, daß sich jeder Soldat mit Rauchgerätschaften zu versehen habe. Bei den höheren Ständen Frankreichs konnte sich das Rauchen zunächst nicht recht einbürgern; dafür kam aber bei ihnen das Schnupfen auf, und der Besitz einer kunstvoll verzierten Schnupftabaksdose wurde bald zu einem wichtigen Requisit der Vornehmen, das ihnen allerdings die Bürgerlichen bald genug nachahmten.

Die heute nur noch von manchen älteren Leuten geübte Sitte des Tabakschnupfens verbreitete sich im 18. Jahrhundert durch alle Volksschichten. Sie wurde zuerst in Frankreich unter Franz II. (1559-60), und zwar von Spanien her eingeführt, das zu jener Zeit die erste Schnupftabakfabrik in Europa erhielt, die Frankreich den „Spaniol“ lieferte. Im Jahre 1636 führten spanische Geistliche das Tabakschnupfen in Rom ein, was indessen den Papst Urban III. so erboste, daß er eine Bannbulle gegen diese spanische Unsitte erließ, die erst 1724 aufgehoben wurde. 1657 gab die Republik Venedig die Fabrikation und den Verschleiß des Schnupftabaks auf ihrem Territorialgebiete in Pacht. Das Tabakkauen indessen ist eine europäische Erfindung, die durch die Matrosen aufkam und heute noch unter diesen die meisten Anhänger zählt.

Gegen das Ende des 16. Jahrhunderts war das Rauchen bereits in Spanien, Portugal, England und Holland durchaus populär. Nach Deutschland kam die erste Tabakpflanze als Heilkraut 1565 aus Frankreich durch Occo in Augsburg, und fünf Jahre später, 1570, gelangte sie ebenfalls aus Frankreich nach Holland. Der holländische Arzt ~Dr.~ William van der Meer in Delft schrieb ums Jahr 1590, daß er damals in Leiden englische und französische Studenten zuerst habe rauchen gesehen. Sie rauchten den Tabak aus irdenen Pfeifen, trotz der Warnung der ärztlichen Fakultät, daß ihre Gehirne davon schwarz werden würden. Im Anfang des 17. Jahrhunderts begann dann der Gebrauch des Tabaks in den unteren Ständen des holländischen Volkes allgemein zu werden. Das Kraut wurde zunächst in großen Mengen aus Westindien eingeführt, bis man im Jahre 1615 es in Holland selbst zu pflanzen begann. So „trank“ bald jedermann Tabak aus Gipspfeifen; selbst minderjährige Kinder taten es, trotz immer wiederkehrender Proteste besonders der Theologen und Ärzte, die zum größten Teil von diesem „teuflischen Kraute“ nichts wissen wollten. 1617 wurde der erste Tabak in England, 1620 im Elsaß, 1625 in Lothringen und seit der Mitte des 17. Jahrhunderts auch in Deutschland gebaut, und zwar zuerst in Baden, wohin er vom Elsaß her über den Rhein gelangt war.

Tafel 81.

Tafel 82.

Nächst Holland war es besonders England, das die Sitte des Rauchens rasch aufnahm. Durch englische Hilfstruppen, welche im Jahre 1620 nach Böhmen marschierten, wurde sie nach Deutschland gebracht, dessen Bevölkerung sich ebenfalls verhältnismäßig rasch damit befreundete, obschon auch hier Staat und Kirche das neue Luxus- und Genußmittel zu bekämpfen suchten. Doch predigten die Moralisten umsonst gegen den „holländischen Rauch“. Besonders dehnte sich dessen Gebrauch in der Pfalz aus, wo 1622 englische und holländische Hilfstruppen sich längere Zeit aufhielten und das Rauchen populär machten. Seit 1659 wurde zuerst zu Suhl im Hennebergischen, dann seit 1679 in der Mark Brandenburg und seit 1697 in der Pfalz und in Hessen Tabak angepflanzt. Im Laufe des Dreißigjährigen Krieges, der von 1618-1648 dauerte, kam dann durch den Einfluß der Soldateska und der verwilderten Sitten das Rauchen in Deutschland allgemeiner auf. Seit jener Zeit half kein Verbot und keine Strafe mehr gegen die überhandnehmende Unsitte. Dabei wurde der Tabakbau immer weiter östlich gebracht, und zwar waren es die Pfälzer, die nach der auf Befehl Ludwigs XIV. durch den französischen General Graf von Mélac 1689 vorgenommenen Verwüstung ihrer Heimat auswanderten und dabei den Tabakbau nach Thüringen, Sachsen und Brandenburg brachten. Die Regierungen erblickten fortan im Tabakbau eine ergiebige Finanzquelle und belegten den Konsum dieses neuen Genußmittels mit hohen Steuern.

Tafel 83.

Tafel 84.

Manche Fürsten haben dann in der Folge diesem narkotischen Kraute selbst gehuldigt. So führte der sonst so zeremonielle Kurfürst Friedrich III., seit 1701 König Friedrich I. von Preußen (1688-1713), Tabaksgesellschaften bei Hofe ein und ließ sogar von einem Künstler das Bild einer solchen Zusammenkunft malen, bei welcher seine Gemahlin Sophie Charlotte selbst dem Fürsten die lange holländische Pfeife anzündet. Mit weniger Prunk, aber mehr Behagen widmete sich Friedrich Wilhelm I. (1713-1740) seinem bekannten Tabakskollegium, in welchem beim Bierkrug und bei langen holländischen Tonpfeifen derbe Wachtstubenwitze und dick aufgetragene Schwänke erzählt und belacht wurden. Die lustige Person, eine Art Hofnarr, in diesem Tabakskollegium war jener vom Könige zum Freiherrn und spöttischerweise zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften erhobene gelehrte Charlatan J. P. von Gundling, der sich in der Trunkenheit bei Eimbecker Bier und holländischem Tabak zu vielen derben Späßen mißbrauchen lassen mußte. Sein Nachfolger Friedrich der Große (1740 bis 1786), der daran als Kronprinz auch teilnahm, rauchte zwar nicht, schnupfte aber dafür nach vornehmer französischer Sitte, der er eifrig anhing.

Wie England und Deutschland nahm auch Dänemark den Tabaksgenuß rasch auf, während in der Schweiz die Obrigkeit denselben zunächst, wenn auch umsonst, bekämpfte. Im Jahre 1661 erließ die Stadt Bern strenge Verordnungen gegen den Gebrauch des Tabaks. Auch in der Türkei hatte das Tabakrauchen, das 1605 zuerst in Konstantinopel auskam, anfänglich große Schwierigkeiten zu überwinden, da die Muftis (Rechtsgelehrten) erklärten, dieser neue Gebrauch widerspreche den Vorschriften des Korans. Wer beim Tabakrauchen erwischt wurde, dem bohrte man als abschreckendes Mittel das Pfeifenrohr quer durch die Nase. Doch selbst diese grausame Strafe fruchtete nichts gegen die überhandnehmende Rauchsitte, so daß Sultan Murad IV. im Jahre 1630 bestimmte, daß jeder, der des Tabakrauchens überwiesen werden könne, geköpft werden solle. Dadurch bewirkte er allerdings, daß die geängstigte Bevölkerung sich notgedrungen vom Rauchen abwandte, dafür aber dem nicht verbotenen Schnupfen des Tabaks huldigte. Sobald aber unter seinem Nachfolger das Rauchverbot nicht mehr so streng gehandhabt wurde, kam auch das Rauchen wieder auf und hat sich seither dermaßen bei den Osmanen eingebürgert, daß bald der Türke mit seinem Tschibuk symbolisch auf den Ladenschildern der Tabakverkäufer im Abendlande sich präsentierte. Tabakrauchend und kaffeeschlürfend mit übereinandergeschlagenen Beinen auf seinem Teppich zu sitzen und sich stundenlang dem träumerischen Zustande des Kef hinzugeben, das ist heute das Paradies der Türken auf Erden.

Ähnlich grausam wie in der Türkei ging man in Rußland gegen die neu aufkommende Sitte des Tabakrauchens vor. Zar Feodorowitsch Romanow bestimmte im Jahre 1641, daß, wer auch seiner Untertanen beim Tabakrauchen betroffen werde, ohne weiteres getötet oder ihm wenigstens die Nase abgeschnitten werden solle. Obschon diese strenge Maßregel auch oft genug in die Tat umgesetzt wurde, ließ sich das russische Volk so wenig als das türkische davon abbringen, schließlich doch diese Unsitte anzunehmen. Erst Feodorowitschs Enkel, Peter der Große, dem die Engländer 15000 Pfund Sterling (= 300000 Mark) anboten für die Erlaubnis, den Tabak in Rußland einführen zu dürfen, willigte in diesen wenig rühmlichen Handel ein, obwohl der Tabakverkauf vom russischen Patriarchen verboten war und das Rauchen noch immer von der Kirche als sündhaft und unrein verdammt wurde. Ja, dieser rohe Monarch versprach den Engländern gegen solch reiche Bezahlung, dem Patriarchen selbst das Rauchen beizubringen. Ob ihm solches gelang, wird allerdings nicht berichtet; jedenfalls aber steht die eine Tatsache fest, daß bald auch das heilige Rußland mit Hilfe der profitgierigen Engländer dem Rauchteufel erlag, und heute wird in jenem Lande so gut wie in der Türkei und in der Schweiz von vornehm und gering, selbst von vielen Frauen dieser indianischen Unsitte gehuldigt.

Nach Japan brachten die Portugiesen schon im Jahre 1605 den Tabak, der sich von hier aus ebenso schnell über ganz Ost- und Südasien verbreitete. Obschon auch hier, so in Japan bereits 1612, von der Obrigkeit sehr strenge Gesetze dagegen erlassen wurden, fand die Sitte des Rauchens bald beim Volke Eingang. Ebenso war es unter den europäischen Kolonisten in Nordamerika der Fall, wo noch im Jahre 1650 ein Rauchverbot, allerdings auch hier umsonst, erlassen wurde. Aller Warnung zum Trotz fand das giftige Kraut seine Liebhaber, die sich so an dasselbe gewöhnten, daß sie nicht mehr von ihm lassen konnten. Auch heute noch fällt es dem daran Gewöhnten leichter, den Genuß geistiger Getränke zu lassen, als sich das Rauchen abzugewöhnen. Diese Leidenschaft beherrscht eben den Menschen ganz so wie der gewohnheitsmäßige Genuß anderer narkotischer Mittel wie Opium, Morphin, Kokain und dergleichen.

Es sei hier noch kurz bemerkt, daß bei allen Nationen das Rauchen zuerst aus Pfeifen erfolgte und größtenteils noch heute so geübt wird. Auch in Deutschland hat man im 18. Jahrhundert noch ausschließlich aus Pfeifen geraucht. Nur reiche Leute konnten sich’s leisten, als etwas Seltenes und Kostbares eine aus Holland, England oder Amerika eingeführte Zigarre zu rauchen. Als diese Ausnahmen sich mehrten, kam ein Hamburger, der in Spanien das Zigarrenmachen erlernt hatte, im Jahre 1788 auf den Gedanken, in Hamburg eine Zigarrenfabrik zu errichten. Doch hatte er zunächst keinerlei Erfolg. Er mußte seine Zigarren verschenken, um seine Landsleute auf das Fabrikat aufmerksam zu machen und ihnen die Überzeugung beizubringen, daß auch in Deutschland hergestellte Zigarren gut schmeckten. Als trotz seiner Bemühungen das fremdländische Fabrikat den Vorzug behielt, nahm er seine Zuflucht zu einem Betrug, indem er seine Zigarren nach Kuxhaven sandte, dort auf Schiffe verladen ließ, die aus Amerika kamen, und sie dann als echte amerikanische in Hamburg in Empfang nahm. Als diese nun zu billigen Preisen verkauft wurden, befreundete man sich mit ihnen und rauchte später, als die Sache an den Tag kam, auch das einheimische Fabrikat. So wurde nach und nach das Zigarrenrauchen in Deutschland eingeführt.

Die +echte+ oder +gemeine Tabakstaude+ (~Nicotiana tabacum~) gehört mit den Petunien, dem Stechapfel, dem Bilsenkraut, der weißen, besonders am Abend stark duftenden Trompetenblume (~Datura suaveolens~), der Tollkirsche, der Paprikapflanze, der Tomate, der Eierpflanze (franz. ~aubergine~, ~Solanum melongena~), dem Bittersüß und der Kartoffel in die Familie der Nachtschattengewächse, deren Mitglieder meist durch irgend ein Gift vor dem Gefressenwerden durch Tiere geschützt sind. Sie ist ein einjähriges, bis 2 m hoch werdendes, aufrechtes Kraut, das allseitig mit einfachen und drüsigen Haaren besetzt ist. Die frisch unangenehm, betäubend riechenden und scharf bitter schmeckenden Blätter sind länglichoval, ganzrandig und langzugespitzt. Sie sind oben dunkel- und unten hellgrün. Jede Pflanze hat deren etwa 10 bis 20, von denen die untersten bis 50 cm lang und 10-15 cm breit werden. Die mit trichterförmiger, rötlicher Blumenkrone und fünfzähnigem, grünem Kelche versehenen Blüten stehen in Rispen und erzeugen befruchtet eine zweiklappige Kapsel mit zahlreichen, außerordentlich kleinen, eirunden Samen, die außer Eiweißkörpern ziemliche Mengen eines Öles enthalten, das in Südrußland ausgepreßt und zu Beleuchtungszwecken verwendet wird.

Der Stengel der Tabakpflanze ist während der ersten Periode des Wachstums mit einem klebrigen Marke gefüllt und bricht sehr leicht; später wird er holzig und besitzt ein ziemlich großes Widerstandsvermögen gegen Bruch, was für die Kultur von großer Wichtigkeit ist. Der runde Stengel verzweigt sich bei üppigem Wachstum nur oben; zuweilen bilden sich aber für die Kultur sehr lästige Seitenschosse in den Achseln der Blätter, die fast nicht oder nur mit Aufopferung des Blattes, aus dessen Achsel sie entsprangen, zu entfernen sind. Sobald die Pflanze sich ihrer Reife nähert, wird ihre Lebenskraft hauptsächlich dazu verbraucht, Wurzelschosse zu treiben, die alsbald entfernt werden, um die zu erntenden Blätter rascher zur Reife zu bringen und ihnen auch eine heilere Farbe zu verleihen.

Ist die Tabakpflanze auch im wärmeren Amerika heimisch, so kann sie gleichwohl an den meisten Orten der Erde gezogen werden; indessen gibt sie nur in beschränkten Breiten bessere Produkte. Die dicken und schweren Blätter, die sich schon bei uns entwickeln, sind nur minderwertige Ware und die Pflanzen der höheren Breiten sind nicht mehr zum genußreichen Rauchen zu verwenden. Aber auch in viel wärmeren Gegenden gibt der Tabak nicht durchaus gleichwertige Blätter. Den berühmtesten Tabak liefert Kuba, wo indessen, wie überhaupt auf allen westindischen Inseln mit Ausnahme von Portoriko, die Tabakkultur zugunsten der Kultur des Zuckerrohrs mehr und mehr abnimmt. Der berühmte Havannatabak wird auf einer kleinen Strecke der Westküste, der ~vuelta abaja~, d. h. dem „niedrigen Land“ gebaut, das sich in 110 km Länge und 30 km Breite als der beste Tabakboden der Welt zwischen dem Gebirge im Norden und dem Meere im Süden erstreckt. Aller verfügbarer Boden ist hier für die Tabakkultur verwendet, die in Plantagen von etwa 13 Hektar Ausdehnung betrieben wird, auf der 20-30 Mann, Farbige und Weiße, arbeiten. Der Tabak wird während des sogenannten Winters gebaut, da der geringere Regenfall und der verminderte Sonnenschein, sowie die gegen 10° C., gegenüber dem übrigen Teil des Jahres niedrigere Temperatur günstig auf die Entwicklung des Aromas der Tabakblätter, des Ruhms von Havanna, einwirken. Fast der ganze Ertrag wird in den Fabriken von Havanna verarbeitet, die in der Regel jedes Jahr den Ertrag derselben Plantage aufkaufen, wodurch sie in der Lage sind, ein Produkt von möglichst gleicher Qualität zu liefern. Nirgends trifft man so viel verschiedene Sorten Tabak wie in Havanna, wodurch natürlich der Einkauf der Rohtabake sehr erschwert wird. Die am meisten dort geschätzten werden noch ziemlich feucht geraucht, in einem solchen Zustande, daß sie sich um sich selbst drehen und über den Finger biegen lassen, ohne zu brechen. Manche Sorten haben im Fabrikationsorte Havanna selbst einen Preis bis zu zwei Mark und darüber das Stück.

Andere berühmte Lagen sind in Brasilien, in Florida, auf Sumatra, hauptsächlich im Distrikt von Deli und auf Neu-Guinea. Diese Tabake sind besonders deshalb wertvoll, weil sie vorzügliche Deckblätter geben, die dünn und dennoch fest wie Handschuhleder sind. Große Mengen von Tabak werden auch in Mexiko, in den Staaten Maryland, Virginia und Kentucky gebaut, obschon die letzteren, weil zu schwer, nur minderklassig sind. In Europa erzeugt Ungarn große Mengen für den österreichischen Bedarf. Vortrefflich ist auch der auf der Balkanhalbinsel gezogene Tabak, an den sich die kleinasiatischen Sorten anschließen. Hier wird auch eine andere Art, der mit kleineren, runden Blättern und gelbgrünen, kürzeren Blüten versehene sogenannte +Bauerntabak+ (~Nicotiana rustica~) angebaut, der einen ganz ausgezeichneten dünnblätterigen Tabak liefert; dieser kommt als türkischer Tabak in den Handel und wird nur, sehr fein geschnitten, zu Zigarettentabaken verarbeitet. Besonders in Ägypten nimmt die Zigarettenindustrie in Kairo und Alexandria ständig zu.

Die Tabakpflanze stellt sehr hohe Anforderungen an die Nährkraft des Bodens, indem ihre grünen Teile, besonders die Blätter, ungemein reich an mineralischen Bestandteilen sind; außerdem enthalten sie die starken narkotischen Gifte Nikotin und Nikotianin, auf deren Einverleibung im wesentlichen die Wirkung des Rauchens beruht. Durch jene Gifte wird wohl das Nervensystem etwas beruhigt, das Empfinden und Wollen angeregt, aber als ungünstige Nebenwirkung die Herztätigkeit beschleunigt und der Blutdruck erhöht. Das Schnupfen des Tabaks ruft weit weniger Allgemeinerscheinungen hervor, weil die bald eintretende Verdickung der Nasenschleimhaut die Aufsaugung des Nikotins verhindert.

Der Tabak gehört also mit dem Alkohol zu den zweifellos schädlichen Genußmitteln. Je besser die Sorte, um so geringer sind die Giftwirkungen, da geringe Tabaksorten reicher an Nikotin zu sein pflegen als die feinen. Dieselbe Beschaffenheit des Bodens und Klimas, die die Bildung dieses Giftes begünstigt, wirkt zugleich ungünstig auf die Entwicklung des Aromas. Deshalb ist eine stark nikotinhaltige Tabakpflanze gleichzeitig weniger aromatisch, wie z. B. die Virginia mit gegen 6 Prozent Nikotin, während ein geringer Nikotingehalt von nur 2 Prozent, wie bei der Havanna, Hand in Hand mit der stärksten Ausbildung des Aromas geht. Je größer der Abstand der Pflanzen untereinander ist, je weniger Blätter ihnen gelassen werden, je höher die Blätter am Stengel sitzen und je später sie gepflückt werden, desto größer ist im allgemeinen ihr Nikotingehalt und desto geringer ihr Aroma. Da nun ein möglichst geringer Nikotingehalt und ein möglichst feines Aroma zu erstreben sind, müssen alle die Zunahme des Nikotins begünstigenden Faktoren vermieden werden. Die Luft soll feucht sein und die Pflanze soll zunächst viel Regen erhalten, bis sich die Blätter zu entwickeln beginnen; dann schaden allerdings starke Regengüsse, indem die Blätter ein geringes Aroma und unerwünscht dicke Blattnerven bekommen, sich auch weniger günstig beim Trocknen und Gären verhalten.

Da stehendes Wasser dem Tabak sehr nachteilig ist, so muß der Boden, auf dem Tabak gepflanzt werden soll, leicht durchlässig sein und darf nicht im Überschwemmungsgebiet der Flüsse liegen. Am geeignetsten ist etwas welliges Terrain. Kalk darf darin nur in geringen Mengen enthalten sein, dagegen ist Kalireichtum günstig, da erfahrungsgemäß die Güte des Tabaks durch einen hohen Gehalt an diesem Alkali bedingt wird. Stickstoff- und Chlorreichtum vermindern die Brennbarkeit des Tabaks und setzen sein Aroma herab. Das Gedeihen eines guten Tabaks ist also unabhängig von Düngungsmitteln, im Gegensatz zu anderen Pflanzen, z. B. Getreide und Gemüse. Ähnlich wie beim Weinbau bedingt die Örtlichkeit zu einem großen Teil den Erfolg. Aber auch in der besten Lage sind nicht alle Blätter einer Tabakpflanze von derselben Güte, sondern die der Mitte des Stengels entnommenen sind, was Brennbarkeit und Aroma anlangt, die besten; deshalb werden sie als „Bestgut“ bezeichnet.

Der erfolgreiche Anbau des Tabaks verlangt große Sorgfalt und Pflege. Die Anzucht im Großbetriebe erfolgt in besonderen Saatbeeten, die sowohl gegen übermäßige Sonnenbestrahlung als auch gegen die heftigen Regengüsse, wie sie bekanntlich in den Tropen häufig sind, geschützt werden müssen. Deshalb bedeckt man sie mit auf Stangen von 1-1,5 m Höhe befestigten schrägen Dächern, die den Durchgang der nötigen Luft nicht behindern. Nach drei Wochen werden die Keimpflänzchen möglichst schnell an ihren definitiven Standort überführt und hier etwa zwei Wochen lang, bis sie erstarkt sind, zum Schutze gegen Witterungseinflüsse mit dütenförmigen Holzmützen bedeckt.

Nach etwa 75 Tagen ist die Pflanze ausgewachsen und wird geerntet, wobei seltener die reifen Blätter, sondern meist die ganzen Pflanzen abgeschnitten, in Bündel gebunden und entweder an der freien Luft oder durch Feuerwärme in Trockenhäusern getrocknet werden. Sie verlieren dabei ihren Stärkegehalt und erlangen die gewünschte braune Farbe. Dann werden die Blätter vom Stengel abgebrochen -- wenn sie es nicht schon waren -- und dabei zugleich nach ihrer Qualität sortiert, um dann abermals zu Bündeln vereinigt und in geschlossenen Räumen zu großen Haufen, sogenannten Stöcken, aufeinander geschichtet zu werden, die 100-800 Zentner Tabakblätter umfassen. Hier machen sie eine von besonderen Bakterien hervorgerufene Gärung durch, wobei diejenigen aromatischen Verbindungen entstehen, durch welche der fertige Tabak beim Rauchen den angenehmen Geruch und Geschmack erhält, weicher zum Bearbeiten wird und gleichmäßiger gefärbt erscheint. Zugleich wird der Gehalt an dem äußerst giftigen Nikotin um etwa 30 Prozent der ursprünglich vorhandenen Menge desselben herabgesetzt. Dabei tritt in einem feuchten Klima ein „Schwitzen“ genanntes Austreten eines klebrigen Stoffes auf, was in einem trockenen dagegen unterbleibt. Den Beginn der Gärung (Fermentation) erkennt man an einer Wärmezunahme, welche im Innern des Stockes am bedeutendsten ist und daselbst bis 50° C. und mehr steigen kann. Sobald dies eingetreten ist, nimmt man die Bündel auseinander und baut aus ihnen einen neuen Stock auf, in welchem die bisher im Innern befindlichen Bündel an die Außenseiten gelegt werden. Derartige Umlagerungen werden wiederholt vorgenommen, damit jedes Bündel in annähernd gleicher Stärke fermentiert wird.

Ist dies geschehen, so werden die Stöcke je nach Sorten, Klima und Witterungsverhältnissen entweder ganz auseinander genommen, um weiter verarbeitet zu werden, oder abermals in kleineren Partien zusammengelegt, wobei noch eine zweite Fermentation stattfindet. Näheres über die Einzelheiten bei diesem Vorgang findet sich im Abschnitt über die Gärungserreger. Nach der Fermentation werden die Blätter gelüftet, getrocknet und schließlich in Fässer verpackt, um in die Tabakmanufakturen zu gelangen, wo die schlechteren Sorten oft noch zur weiteren Herabsetzung des Nikotingehaltes ausgelaugt und zur Verstärkung des Aromas „gesaucet“, d. h. mit verschiedenen, meist opiumhaltigen Brühen behandelt werden. Für Deutschland ist Bremen ein Haupthandelsort für Tabak. Dort gibt es die größten Tabak- und Zigarrenfabriken Europas.

Während heute überall in den Tabak produzierenden Ländern der rötlich blühende echte oder gemeine Tabak gebaut wird, pflanzt man im Orient, sowie in Nordafrika den nur 1 m Höhe erreichenden, gelblich blühenden +Bauern+- oder +türkischen Tabak+ (~Nicotiana rustica~), der in Mexiko seine Heimat hat. Wir sahen bereits, daß er den türkischen oder Latakiatabak liefert. Die Kultur ist dieselbe wie beim echten Tabak, und an ihm werden, gleicherweise wie bei jenem, gelegentlich eine Reihe von durch winzige Spaltpilze hervorgerufene Krankheiten beobachtet, unter denen der sogenannte „Spickel“, sowie der Blattfleckenrost und eine dritte Blattfleckenkrankheit die wichtigsten sind.

Entsprechend dem großen Verbrauch des Tabaks ist sein Anbau ein ganz bedeutender und beträgt auf der ganzen Erde wenigstens 550 Millionen kg, wovon auf die Vereinigten Staaten von Nordamerika 225 Millionen kg, auf Britisch-Ostindien 172 Millionen kg und auf Deutschland 40 Millionen kg entfallen. Außerdem führte Deutschland im Jahre 1906 für 120 Millionen Mark unbearbeitete Tabakblätter ein. Auf den Kopf der Bevölkerung kommen daselbst jährlich fast 2 kg Tabak.

Was nun endlich die Verarbeitung des Tabaks betrifft, so beginnt man beim Rauchtabak mit einer genauen Sortierung der Blätter nach der Farbe, wobei man die Blätter mischt, um die gewünschte Qualität zu bekommen. Darauf werden die Blätter angefeuchtet, um ihnen die nötige Elastizität zu erteilen, und zwischen Walzen gepreßt, auf Rollen gesponnen oder sofort geschnitten. Bei der Zigarrenfabrikation wird zum Innenblatt eine geringere Qualität, zum Deckblatt dagegen eine bessere, vielfach mit hellen Flecken versehene, genommen. Letztere entstehen in der Natur durch Tautropfen, die den Sonnenstrahlen als Brennglas dienen; dem Publikum zuliebe werden sie vielfach auch künstlich durch Einwirkung von Salpetersäure erzeugt. Das Schneiden der Deckblätter erfordert viel Übung und ein gutes Auge, da man trachten muß, aus einem Blatt so viel Deckblätter wie möglich herauszuschneiden. Das Ganze wird dann durch Maschinen gerollt. Danach werden die Zigarren an der Sonne oder am Ofen getrocknet, je nach Farbe und Sauberkeit des Deckblatts sortiert und in Kistchen verpackt.

Tafel 86.

Die Zigarren müssen an einem trocknen Orte aufbewahrt werden, da sie sonst leicht schimmeln. Im allgemeinen werden sie durch das Aufbewahren besser, erstens, weil sie dabei vollkommen trocken werden, und zweitens, weil in ihnen eine leichte Nachgärung stattfindet. Nach einer bestimmten Zeit verliert aber die Zigarre wieder an Güte, weil sie brüchig wird und das Aroma sich wieder verflüchtigt.

Die früher meist vom Raucher selbst gedrehten Zigaretten werden jetzt meist mit Maschinen hergestellt. Zur Fabrikation des Zigarettenpapiers werden gewöhnlich sehr feine leinene Lumpen verwendet, die sorgfältig gereinigt werden. Statt des Papiers werden manchmal auch die allerfeinsten Tabakblätter als Hülle verwendet. Diese sogenannten Zigarillos haben vor den übrigen Zigaretten den Vorzug, daß bei ihnen der unangenehme Papiergeschmack wegfällt.

Bei der Herstellung von Kautabaken werden die Blätter mit Salz, Sirup, Zucker, Rum, Salmiak, dem Fruchtfleisch der Tamarinde, Anis, Gummi, Dextrin, allerlei ätherischen Ölen usw. versetzt; dem Schnupftabak setzt man meist nur Salmiak und Pottasche zu. Für die Fabrikation des letzteren wählt man die schwärzesten Tabaksorten und von diesen die dicksten und fleischigsten Blätter von nicht zu heller Farbe. Nachdem die Blätter einen Gärungsprozeß von verschieden langer Dauer durchgemacht und die betreffenden Zusätze erhalten haben, werden sie an der Luft getrocknet, geschnitten und fein gestampft oder in Mühlen fein gemahlen. Dann wird der Schnupftabak gesiebt, parfümiert und verpackt.

Die ersten Rauch- und Schnupftabakfabriken in Deutschland entstanden in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die ersten Zigarrenfabriken in Hamburg und Bremen gegen das Ende des 18. und den Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Stadt Bremen besaß 1851 bereits 281 Fabriken mit 5300 Arbeitern. In Sachsen entstand die erste Zigarrenfabrik 1825, in Baden 1843. Als in den Jahren 1852 und 1854 Braunschweig und Hannover dem Zollverein beitraten, wurden die hanseatischen Fabriken in das Zollinland verlegt und in Hamburg und Bremen nur noch die besten Sorten hergestellt. Seit der Mitte der 1860er Jahre wurden die Tabakfabriken mehr und mehr aus den großen Städten auf das Land und in die kleineren Städte verlegt.

Begreiflicherweise hat der Fiskus einen so allgemein beliebten Luxusartikel ausgiebig besteuert. So bildet die Tabaksteuer eine bedeutende Einnahmequelle aller Kulturstaaten. Einige Regierungen, wie in Europa Österreich-Ungarn, Frankreich, Italien, Spanien, Portugal, Serbien und Rumänien, haben sich sogar das Monopol auf die Tabakindustrie und den Tabakverkauf reserviert, um auf diese Weise einen möglichst großen Profit aus dem Tabak zu ziehen. In England, Rußland und der Türkei steht der Tabak unter staatlicher Aufsicht; in den übrigen Ländern dagegen ist er frei.

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