VIII. Eßbare Knollengewächse
Außer den mancherlei Früchten waren wohl die stärkemehlreichen Wurzelknollen, die keine Gifte oder sonst schädliche Stoffe enthielten, die vom Menschen zur Stillung seines Hungers am meisten gesuchten Pflanzenteile. Am Feuer geröstet, waren sie sehr wohl geeignet, seinen stets regen Hunger zu stillen. Daß dabei die Menschen der Urzeit keine Kostverächter waren und viele Wurzelknollen und andere Teile von Pflanzen aßen, die wir heute zu essen verschmähen, das ist ganz selbstverständlich. So verzehrten die Pfahlbauern Mitteleuropas zur späteren Stein- und Bronzezeit nicht bloß die mehlreichen Früchte der +Wassernüsse+ (~Trapa natans~), deren Schalen wir in ihren Speiseabfällen finden, sondern wohl auch deren fleischige Wurzeln, die heute noch viele Liebhaber unter den Naturvölkern finden. So werden sie, wie die nach Kastanien schmeckenden Nüsse, geröstet, in Menge selbst von den Bewohnern Kaschmirs, und in einer nahe verwandten Art (~Trapa bicornis~) von den Chinesen, die sie in besonderen Teichen kultivieren, als Speise namentlich der ärmeren Volksklasse gegessen.
Den alten Ägyptern dienten zu demselben Zwecke die Wurzelknollen der +Papyrusstaude+ und verschiedener +Seerosen+. Man aß sie roh, geröstet oder gekocht und verwendete sie, zu Brei zerstoßen, wie die alten Schriftsteller berichten, insbesondere zur Ernährung der Kinder, die noch keine gröbere Kost ertragen konnten. An der in ihrer Gestalt und Farbe unserer weißen Seerose ähnlichen +ägyptischen Lotospflanze+ (~Nymphaea lotus~) und deren Schwester, der +himmelblauen Seerose+ (~Nymphaea coerulea~), war aber nicht bloß der knollige Wurzelstock, dessen angenehm süßlicher Geschmack gerühmt wird, als Speise geschätzt, sondern auch die kleinen braunen, eiweißhaltigen Samen, die in einer fächerreichen, kugeligen Frucht von schmutziggrüner Farbe liegen. Die Lotospflanze hieß bei den alten Ägyptern ~suschin~, im Hebräischen -- daraus entlehnt -- ~schuschan~, eine Bezeichnung, welche später auf die weiße Lilie überging und uns in dem Namen Susanna erhalten ist. Noch heute heißt die weiße Lilie im Arabischen ~susan~. Auch bei den ältesten Griechen wurde die weiße Lotos als Lilie (~leírion~) bezeichnet. Der älteste griechische Geschichtschreiber, Herodot, der um 460 v. Chr. selbst in Ägypten war, berichtet darüber: „Die Früchte der Lotospflanze (~lōtós~) aber schneiden sie (die Ägypter) ab und trocknen sie an der Sonne. Hierauf zerstoßen sie die darin befindlichen Körner, welche dem Mohn ähnlich sind, und bereiten sich mit Hilfe des Feuers Brot daraus. Auch die Wurzel ist eßbar und schmeckt nicht übel; sie ist rundlich und von der Größe einer Quitte.“ Nach ihm berichtet der große, pflanzenkundige Schüler des Aristoteles, Theophrast (390-286 v. Chr.): „Der Lotos wächst in Ägypten auf den Feldern, wenn sie der Nil überschwemmt. Ihre weiße Blüte schließt sich bei Sonnenuntergang und verbirgt die Frucht; bei Sonnenaufgang aber tritt sie wieder über das Wasser und öffnet sich. Dies wiederholt sie bis die Frucht reif ist und die Blumenblätter abgefallen sind. Die Frucht ist so groß wie der größte Mohnkopf und ebenso in Fächer geteilt. In dieser liegt der Same dicht und sieht so aus wie Hirsekorn (~kénchros~). Die Ägypter legen die reifen Früchte in Haufen zusammen und lassen sie liegen, bis die Schale gefault ist, worauf die Samen herausgenommen werden. Diese trocknet man, zerstampft sie und bäckt Brot daraus. Die Wurzel des Lotos heißt kórsion, ist rund, so wie eine Quitte, hat eine schwärzliche Rinde wie die Kastanie. Das Innere ist weiß; gekocht oder gebraten wird es wie Eidotter gegessen und ist sehr wohlschmeckend. Man kann sie auch roh essen.“
Als dann um 500 v. Chr. von Persien her der rosenrot blühende +indische Lotos+ (~Nelumbium speciosum~) im Niltal eingeführt und kultiviert wurde, haben die Ägypter auch dessen olivenkerngroße, braune, in Vertiefungen der der Brause einer Gießkanne ähnelnden Frucht steckenden Samen und die mehlreichen Wurzelknollen gern gegessen. Der vorhin erwähnte Herodot meint sie, wenn er sagt: „Neben dem Lotos haben die Ägypter auch noch andere im Wasser wachsende Lilien, deren Frucht einer Wespenwabe gleicht, worin Samen, so groß wie Olivenkerne, in Menge sitzen; man ißt sie frisch und gedörrt.“ Diese Samen waren die ~kýamoi aigýptioi~ oder ~fabae aegyptiacae~, d. h. ägyptischen Saubohnen der griechischen und römischen Schriftsteller des Altertums, die eine sehr beliebte Volksnahrung der alten Ägypter bildeten und nur von den Priestern gemieden wurden, da die sie erzeugende Pflanze in den Kult aufgenommen war und als heilig galt. Von dieser Pflanze, der heiligen ~padma~ der Inder, die noch heute in ihrer Heimat Südasien, besonders aber in China und Japan der mehlreichen Wurzelknolle und der wohlschmeckenden Samen wegen in stehenden Gewässern viel gezogen wird, schreibt Theophrast in seiner Pflanzenkunde: „Die ~kýamos~ wächst in Sümpfen und stehenden Gewässern Ägyptens. Ihre Stämme werden bis vier Ellen lang, sind fingersdick, krustenlos, haben aber inwendig Scheidewände, welche quer durchgehen. Auf den Stämmen stehen die Fruchtköpfe, die wie runde Wespennester aussehen und in jeder Vertiefung eine etwas hervorragende saubohnenähnliche Frucht tragen. Es sind in jeder Frucht gewöhnlich 30 Bohnen enthalten. Die Blume ist doppelt so groß wie eine Mohnblume und tief rosa gefärbt. Die Frucht steht über der Wasserfläche. Neben den Früchten kommen große Blätter hervor, wie breitkrempige Hüte; ihre Stiele sehen aus wie die der Früchte. Die Wurzel ist dicker als die des dicksten Schilfes und hat ebensolche Scheidewände wie der Stamm. Sie wird roh, gekocht und geröstet verzehrt. Die Pflanze wächst häufig wild, wird aber auch gesät, indem man deren Samen in Ton wickelt und mit diesem ins Wasser senkt. Wo die Pflanze einmal steht, da dauert sie sehr lange aus. Die Wurzel ist stark, der Schilfwurzel ähnlich, aber dornig. Deswegen vermeidet sie das Krokodil, weil es fürchtet, seine Augen an den Dornen zu verletzen. Die Pflanze wächst auch in Syrien und Kilikien, trägt dort aber keine reifen Früchte. Sie wächst auch bei Torone in Chalchidike in einem mäßig großen See und in diesem bringt sie ihre Frucht zur Reife.“ Später schreiben der aus Kilikien gebürtige griechische Arzt Dioskurides um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. und der um 200 n. Chr. in Alexandria und Rom lebende, aus Naukratis in Ägypten stammende griechische Grammatiker Athenaios, daß der ~kýamos aigýptios~ in Ägypten in reicher Fülle wachse, sich aber auch in Asien und Kilikien in stehenden Gewässern finde. Die eßbaren Samen würden auch ~kibórion~ genannt, während die Wurzel ~kolokásia~ genannt und ebenfalls gegessen werde.
Schon bei den ältesten Griechenstämmen war die durch unbestimmte Berichte aus Ägypten beeinflußte Sage von den Lotophagen, d. h. Lotosessern, sehr verbreitet. Läßt doch schon Homer in der Odyssee seinen Helden Odysseus zu den Lotophagen, worunter wohl zweifelsohne die Ägypter zu verstehen sind, gelangen und erzählt in phantasiereicher Weise von der seltsamen Wirkung der Frucht:
„Doch von den Lotophagen geschah nichts Leides den Männern Unserer Schar; sie reichten vom Lotos ihnen zu kosten. Wer des Lotos Gewächs nur kostete, süßer denn Honig, Nicht an Mahnung zum Aufbruch dachte der, noch an die Rückkehr, Sondern sie trachteten dort in der Lotophagen Gesellschaft Lotos pflückend zu bleiben und abzusagen der Heimat; Aber ich führt an die Schiffe die Weinenden wieder mit Zwang hin, Zog sie in die geräumigen Schiffe und band sie fest an die Bänke; Doch die andern ermahnt ich und trieb die werten Genossen Schleunig hinwegzufliehn, in die hurtigen Schiffe sich rettend, Daß nicht einer, vom Lotos gereizt, noch vergäße der Heimat. Alle stiegen hinein auf die Ruderbänke sich setzend, Saßen gereiht und schlugen die grauliche Woge mit Rudern.“
Nun kann aber dieser honigsüße Lotos Homers nicht die Frucht der ägyptischen Lotosblume, die keineswegs süß ist, gewesen sein, sondern war vermutlich diejenige des dem Judendorn nahe verwandten ~Zizyphus lotos~, eines dort und in anderen Ländern am Mittelmeer wachsenden Strauches mit längeren Dornen und größeren Früchten, die ein gelblichweißes, mehliges Fruchtfleisch von schleimigem, sehr süßem, an Datteln erinnerndem Geschmack besitzen und heute noch im Orient, wo der Strauch wild wächst, gern von der einheimischen Bevölkerung gegessen werden.
Tafel 49.
Tafel 50.
Der +Papyrus+ (~Cyperus papyrus~) -- altägyptisch ha -- ist ein niemals in schnellfließenden, tiefen Gewässern, sondern im seichten Wasser der Strombuchten, am Rande der Seen und in Sümpfen wachsende, bis 5 m hohe Grasart des tropischen Afrika, die einst in ganz Ägypten sehr häufig war, heute aber nur noch in Nubien und den Ländern am Oberlaufe des Nils wildwachsend in ausgedehnten Beständen angetroffen wird. Ihre fleischige Grundachse ist ein Hauptnahrungsmittel der Flußpferde, die sie mit ihren kräftigen, weit vorstehenden Schneidezähnen leicht aus dem schlammigen Boden heben, um sie schmatzend zu verzehren. Ihrem Beispiel folgten die Menschen. Wie heute noch die Stämme im oberen Nilgebiet, so haben schon die alten Ägypter die saftige, mehlreiche, aromatisch schmeckende Grundachse der Papyruspflanze, die erst im Alter verholzt, roh und gekocht als beliebte, billige Speise gegessen. Auch das untere Ende des saftreichen dreikantigen Stengels wurde von ihnen, weil infolge des reichen Zuckergehaltes süß schmeckend, gern wie anderwärts das Zuckerrohr gekaut, um den Saft auszusaugen. Schon der Vater der griechischen Geschichtschreibung, Herodot (484 v. Chr. in der kleinasiatischen Stadt Halikarnaß geboren, bereiste Ägypten und Babylonien, war seit 456 wieder in Griechenland, ging dann 443 nach der griechischen Pflanzstadt Thurii in Süditalien, wo er um 424 verstarb) schreibt: „Die Bewohner des ägyptischen Marschlandes reißen den Papyrus (~býblos~), der alljährlich nachwächst, aus dem Schlamm, schneiden das Obere ab, um es sonst zu verwenden; das ellenlange Wurzelstück dagegen essen oder verkaufen sie. Soll es recht gut schmecken, so wird es zuvor in einem heißen Ofen geröstet und dann erst gegessen.“ Eine ausführliche Beschreibung der Pflanze und ihres Nutzens gibt uns der pflanzenkundige Theophrast (390-286 v. Chr.), der von ihr sagt: „In Ägypten kommen zahlreiche Wasserpflanzen vor; dieselben sind im allgemeinen süß und eßbar. Der ~pápyros~ wächst nicht in tiefem Wasser, sondern nur etwa 2 Ellen oder auch weniger tief. An Dicke kommt die Wurzel der Handwurzel eines starken Mannes gleich und dabei wird sie über 10 Ellen lang. Sie tritt über den Boden hervor, schickt seitlich viele dünne Wurzeln nach unten, nach oben aber dreikantige, bis 4 Ellen hoch wachsende Stengel, die man insbesondere ~pápyros~ heißt. Solche Stengel treibt die Wurzel überall in Menge. Diese sind zu vielerlei brauchbar. Man macht aus ihnen Fahrzeuge, und aus dem Baste (~bíblos~) werden Segel, Matten, Seile, Kleider und viele andere Dinge geflochten. Im Ausland ist das daraus gewonnene Papier (~ta bíblia~) allgemein bekannt. Für die Eingeborenen ist aber die Nahrung, die sie aus dem ~pápyros~ ziehen, am wichtigsten. Sie kauen ihn roh, gekocht und geröstet, verschlucken den Saft und speien das übrige aus. Die (älteren) Wurzeln dienen statt Holz zum Brennen und zum Verfertigen von allerlei Geräten.“ Fast dreihundert Jahre später schrieb der aus Sizilien gebürtige griechische Geschichtschreiber Diodor, da er vom häuslichen Leben und der Kinderpflege der Ägypter handelte, daß den Eltern unglaublich wenig Kosten für die Ernährung der Kinder erwachsen, „denn sie kochen ihnen die nächste beste einfache Speise; auch geben sie ihnen von der Papyrusstaude den untern Teil zu essen, soweit man ihn im Feuer rösten kann... Daher kostet ein Kind seinen Eltern, wenn es erwachsen ist, im ganzen nicht über 20 Drachmen“ (etwa 12 Mark).
Ein naher Verwandter des Papyrus ist das eßbare +Cypergras+ (~Cyperus esculentus~), auch Erdmandel genannt, deren Knollen man auch bisweilen mit anderen Pflanzenresten in den altägyptischen Sarkophagen als beliebte Totenspeise findet. So fand man welche in Gräbern des mittleren Reiches (2160-1788 v. Chr.) in Der el bahri bei Theben. Die im Berliner ägyptischen Museum aufbewahrten sollen nach A. Braun rundlicher und kleiner sein, als die heutigentags in Ägypten kultivierten. Die Pflanze hieß bei den alten Ägyptern gaiu und die Wurzelknolle ~schabin~. Der erste Grieche, der die Pflanze erwähnt, ist Theophrast. Er sagt von ihr: „Die ~malinathállē~ wächst in der Nähe der Flüsse Ägyptens auf sandigem Boden, ist rund von Gestalt, an Größe der Mispel gleich, ohne Kern und ohne Schale. Aus dieser Masse kommen Blätter wie beim Zypergras hervor. Die Leute sammeln die Knollen und kochen sie in Gerstenbier; auf diese Weise werden sie sehr süß. Sie werden auch allgemein zum Nachtisch gegessen.“ In ähnlicher Weise drückt sich der ältere Plinius (23-79 n. Chr.) aus: „In Ägypten wächst das ~anthalion~; es hat die Größe und Rundung einer Mispel, weder Kern noch Schale, aber Blätter wie Zypergras. Es wird gegessen, nachdem es durch Feuer zubereitet ist.“ Noch heute ist die Erdmandel oder Chufa eine für die Völker Nordafrikas sehr wichtige und deshalb allgemein angebaute Nährpflanze, deren Knollen überall in den Basaren, auch in Ägypten und im Orient als ~hab el asis~, d. h. vorzügliche Knolle, zu kaufen sind. Aus letzteren bereiten die Araber ein sehr süßes, wohlschmeckendes Getränk, ~scherbet~ genannt (vom Arabischen ~schariba~ = trinken abzuleiten). Überall, wo die Araber einst herrschten, wurde die Pflanze häufig angebaut, so auch in Sizilien und Süditalien, und neuerdings wird sie wegen des süßen Geschmacks ihrer nahrhaften Wurzelknolle auch in Süddeutschland und Österreich kultiviert. Vielfach trifft man sie auch in Südasien und sogar in Amerika an. Die stärkemehl-, öl- und zuckerreichen Wurzelknollen von ausgezeichnetem mandelartigem Geschmack werden vielfach in den Handel gebracht und dienen zur Gewinnung eines als Speiseöl sehr geschätzten Öles. Da die Pflanze auch längere Trockenzeiten mit Leichtigkeit zu überstehen vermag, so bilden ihre Knollen, die roh und gekocht in der verschiedensten Zubereitung gegessen werden, in dem trockeneren Südafrika eines der wichtigeren Nahrungsmittel, weshalb die Erdmandel in vielen Teilen Afrikas, u. a. auch in Deutsch-Südwestafrika, angebaut wird.
Auch die nahrhaften Wurzeln verschiedener anderer Pflanzen wurden und werden manchenorts vom Menschen gegessen. So bildeten die mehlhaltigen Wurzelstöcke gewisser +Farnkräuter+ die fast ausschließliche Pflanzennahrung der Maori Neuseelands vor ihrer Entdeckung durch die Europäer. Sie waren um 1300 n. Chr. von Norden her auf dieses Eiland eingewandert und bewohnten ausschließlich die Nordinsel, sich hier vorzugsweise vom Fischfang und der Jagd ernährend. Noch als der berühmte Seefahrer James Cook den Südwinter 1773 bei ihnen verbrachte, hatten sie daran und am Fleische der gewaltigen, flügellosen Vögel, die in zahlreichen Arten jene Insel bewohnten, genügend zu essen; als aber letztere zu Beginn des 19. Jahrhunderts ausgerottet wurden und die Eingeborenenbevölkerung sich so weit vermehrt hatte, daß die Fleischnahrung als notwendige Zukost zur eiweißarmen Wurzelnahrung im Innern, wo kein Fischfang möglich war, mangelte, da begannen die Maori notgedrungen, sich gegenseitig aufzufressen, bis die Europäer durch Einführung der Schweine als Eiweißnahrung und der Kartoffeln an Stelle der viel geringwertigeren Farnwurzeln als Pflanzenkost der chronischen auf dieser übervölkerten Insel herrschenden und zu den Gräueln des Kannibalismus führenden Hungersnot ein Ende machten, worauf der Menschenfraß von selbst aufhörte. Heute noch dienen allerlei Farnwurzeln, namentlich von ~Pteris aquilina~, im Himalaja und in Japan zur Ernährung des Menschen.
Noch häufiger aber werden andere stärkemehlhaltige Wurzelstöcke als Nahrung benutzt, so vor allem diejenigen der in der ganzen Inselwelt des Stillen Ozeans und Südasiens heimischen +Tahitipfeilwurz+ (~Tacca pinnatifida~), auf Tahiti und den benachbarten Inseln ~pia~ genannt. Diese niedrige, ausdauernde Staude wird hier überall, wie auch in Queensland, dem malaiischen Archipel, Indien, Südchina und der Ostküste von Afrika um Sansibar herum wegen ihrer stärkemehlreichen Wurzelknollen kultiviert, obgleich dieselben eine Schärfe besitzen, welche selbst durch mehrmaliges Auswaschen nicht vollständig entfernt werden kann. Von den Europäern wird sie deshalb gewöhnlich mit Essig gegessen, der die Schärfe unterdrückt. In China und Cochinchina dienen auch die gekochten Blattstiele zur Nahrung. Von dieser Pflanzenknolle wird ein sehr geschätztes Stärkemehl gewonnen, das als ostindisches ~Arrowroot~, d. h. Wurzelmehl, in den Handel gelangt, meist aber an Ort und Stelle verbraucht wird. Neuerdings wird diese Pfeilwurz mit bestem Erfolg auch im Kamerungebiete und in Deutsch-Südwestafrika angebaut und zur Gewinnung von Stärkemehl benutzt, das vielfach auch von den Fidschi-, Samoa- und Sandwichinseln, wie auch von Neuguinea in den Handel kommt.
Sonst wird das Arrowroot des Handels meist aus Wurzelstöcken verschiedener im tropischen Südamerika heimischer Pflanzen aus der Familie der Marantazeen, einer Art Gewürzlilien, gewonnen. Dieses Wurzelmehl gewannen die Indianer schon lange vor ihrer Bekanntschaft mit den Europäern und nannten es ~aruruta~ (von ~aru~ Mehl und ~ruta~ Wurzel), woraus die Engländer irreführenderweise ihr ~arrowroot~ machten, was also „+Wurzelmehl+“ und nicht „Pfeilwurz“ bedeutet, wie man glauben könnte. Das beste Stärkemehl liefert ~Maranta arundinacea~, eine 2-3 m hohe Staude mit geradem, schlankem Stengel, langen, ovallanzettlichen, unterseits etwas behaarten Blättern, kleinen weißen Blüten, die in kurzen Ähren an den verzweigten Blütenständen erscheinen und welchen Kapselfrüchte von der Größe der Johannisbeeren folgen. Der fleischige Wurzelstock verzweigt sich im Boden; seine einzelnen Glieder, „Finger“ genannt, werden 25 bis 45 cm lang, sind weiß und müssen zur Zeit des Absterbens der Stengel, wenn sie am stärkereichsten sind, geerntet werden. Wenn der Wurzelstock jung ist, enthält er nur 7-8 Prozent Stärkemehl, dann wächst der Gehalt allmählich und erreicht im 10.-12. Monat, je nach der Gunst des Klimas, 25-26 Prozent. Die abgeschnittenen Stauden dienen als Gründüngung, während die mit Hacken ausgegrabenen Wurzelstöcke geschält, gewaschen, zwischen Walzen zerquetscht und die Stärkemehlkörnchen auf feinen Sieben ausgeschlämmt werden. Darauf folgt die Trocknung in großen, flachen Kupferpfannen, in welche die Stärke mit neusilbernen Schöpflöffeln übertragen wird, und darauf das Verpacken in Fässer oder noch besser in Zinnkisten. Aus ihrer Heimat im tropischen Südamerika war die Pfeilwurz vor der Ankunft der Europäer überall in Westindien verbreitet und wird schon lange auch in Ostindien, Afrika und Australien im großen kultiviert. Besonders in Süd- und Westafrika hat sich ihr Anbau in neuerer Zeit sehr gehoben. Natal führt davon jährlich bis zu 300000 kg aus, wovon das kg im Großhandel etwa 1 Mark kostet. Solches Arrowroot wird in Westindien auch von ~Calathea allouya~ gewonnen, einer Pflanze mit rundlichen, kleinen Knollen, die wie die Maranta von den Eingeborenen Guianas und Westindiens häufig als Knollenpflanze bei den Häusern angebaut wird. Dann wird aus verschiedenen Cannaarten, die mit Maranta nahe verwandt sind und wie diese kultiviert werden, Arrowroot gewonnen, das unter dem Beinamen Tulema (verdorben aus ~tous les mois~) bekannt ist, ~Canna discolor~ aus Mittelamerika soll wenig, aber eine sehr gute Sorte geben, die in Trinidad unter dem Namen ~Cannaroot~ in den Handel kommt. Während die verschiedensten südamerikanischen Cannaarten, so namentlich ~C. gigantea~ aus Brasilien und ~C. paniculata~ aus Peru, zur Stärkemehlgewinnung angepflanzt werden, wird nur die ebenfalls in Peru heimische ~Canna edulis~ in Süd- und Mittelamerika, wie seit langer Zeit auch im östlichen Australien für den Export im großen angebaut. In ihrer Heimat Peru heißt sie ~adeira~ und werden ihre Knollen wie bei uns die Kartoffeln gegessen. Sie ist außerordentlich zähe und genügsam an den Boden und wird im Gegensatz zur weißen Arrowrootpflanze (~Maranta arundinacea~ mit der weißen Blüte), weil sie scharlachrote Blüten und dunkelpurpurfarbene Früchte besitzt, die rote Arrowrootpflanze genannt. In Queensland hat sie infolge ihrer leichteren Erntebereitung, trotzdem ihr Produkt weit geringere Preise erzielt, die Marantakultur schon fast ganz verdrängt. Sonst kommt die meiste Cannastärke von St. Kitts in Westindien nach London auf den Markt.
Andere nennenswerte Arrowrootquellen sind einige Ingwerarten Ostindiens aus der Gattung Curcuma, deren eine die als Gewürz gebrauchte Gelbwurz liefert; die beste Sorte liefert ~Curcuma angustifolia~. Das daraus gewonnene Stärkemehl wird meist auf den indischen Basaren unter einheimischen Namen verkauft und kommt kaum in den europäischen Handel, doch soll es vielfach zur Verfälschung des echten Arrowroots aus ~Maranta arundinacea~ gebraucht werden. In Westindien dient zu der seltener vorkommenden Verfälschung derselben eine ihr ähnlich sehende Stärke, die von verschiedenen Cycadeen oder Palmfarnen, besonders ~Zamia tenuis~, ~furfuracea~ und ~pumila~, gewonnen wird. Dem gleichen Zwecke dienen die im Tieflande Mexikos wachsenden großen Samen des Palmfarns ~Dioon edule~. In Chile ist ~Astroemeria pallida~ eine Arrowrootquelle; das gewonnene Produkt dient aber nur dem einheimischen Verbrauch.
Eine als Nahrungsmittel außerordentlich wichtige Knollenfrucht liefert die südamerikanische Wolfsmilchart ~Manihot utilissima~. Dieses Wurzelgewächs wird in Westindien und den Vereinigten Staaten +Cassava+, in Zentralamerika, Kolumbien, Venezuela, Peru, Ekuador und Bolivien +Yuca+, in Brasilien, Argentinien und Paraguay aber +Mandioca+ genannt. Und als +Maniok+ wird es auch von den Europäern in Amerika gewöhnlich bezeichnet, während es die in Westafrika, wo es früh durch südamerikanische Sklavenhändler eingeführt wurde, lebenden Weißen als Cassada oder Stockyams bezeichnen. Besonders an der Küste Westafrikas, wo es die Eweer Agbeli nennen, wird es neben dem ebenfalls aus Südamerika eingeführten Mais als Hauptbrotfrucht gepflanzt. Man unterscheidet in seiner Heimat bittern und süßen Maniok; der letztere wird als ~Manihot aipi~ bezeichnet, ist mehr in Südbrasilien, Paraguay und Nordargentinien zu Hause, hat lange Staubbeutel und ungeflügelte, nur etwas eckige Kapseln, während ersterer dagegen mehr aus Nordbrasilien, Guiana und Westindien stammt und kurze Staubbeutel und breitgeflügelte Kapseln besitzt. Obschon der süße Maniok, namentlich in kühleren Gegenden, besser gedeiht als der bittere, auch in bezug auf den Boden weniger anspruchsvoll ist und kürzere Zeit, nämlich 8-10 Monate, zur Reife gebraucht, wird er weniger als der bittere angebaut, der reicheren Ertrag geben soll und dessen Knollen sich im Boden auch besser halten sollen als die süßen. Sie sind größer als letztere und nicht weißlich, sondern dunkel gefärbt. Die Pflanze gehört zu den halbholzigen Sträuchern, der weißliche, spröde Stengel ist mit dickem Mark gefüllt, mehrfach verästelt und wird 1,5-2 m, unter günstigen Verhältnissen sogar 3 m hoch. Er ist schwach mit bläulichgrünen, drei- bis siebenlappigen Blättern besetzt und trägt rispiggestellte unscheinbare Blüten männlichen und weiblichen Geschlechts, aus welch letzteren Kapselfrüchte hervorgehen. Die fleischigen Wurzeln stehen in Büscheln beisammen und bilden den Dahlien- oder Georginenknollen ähnliche, nur bedeutend größere und schwerere, außen meist rotbraun, innen dagegen gelbweiß wie die Kartoffel gefärbte, fingerförmig auseinanderstehende Knollen mit derber Schale. Meist erreichen sie nur 30-45 cm Länge, können aber auch bis 70 cm Länge und ein Gewicht von 4-5 kg erlangen. Sie enthalten gleich dem Strauche einen äußerst giftigen Milchsaft, der schon wenige Minuten nach dem Genuß den Tod herbeiführt. Durch Unkenntnis dieser Verhältnisse bei der ihnen bis dahin unbekannten Knollenfrucht gingen zahlreiche der schwarzen, aus Ostafrika mitgenommenen Suaheliträger auf dem letzten großen Zuge Stanleys kongoaufwärts zum Entsatze von Emin Pascha an Vergiftung zugrunde. Glücklicherweise läßt sich aber das Gift, das aus Blausäure besteht, schon teilweise durch sorgfältiges und wiederholtes Auswaschen, vollständig aber durch Rösten und Kochen entfernen. Die Hitze verflüchtigt es so schnell, daß dünne Wurzelschnitten, einige Stunden an der Sonne getrocknet, dem Vieh als Futter verabreicht werden können, und sogar, falls sie völlig trocken sind, auch vom Menschen gegessen werden dürfen. Vor ihrer Zubereitung raspelt und zerreibt man die Knollen, preßt die Masse aus, wäscht sie wiederholt im Wasser aus und drückt sie schließlich durch ein Bambusrohrgeflecht. Das dabei Zurückbleibende ist das Mandiocamehl, in Südamerika meist nur ~farinha~, d. h. Mehl genannt, das, zu Brot oder Kuchen gebacken oder mit Wasser zu Brei verrührt, in einem großen Teile Südamerikas für die ärmere Bevölkerung das ist, was die Kartoffel für Irland. Aus dem durch das Bambusgeflecht abgelaufenen Wasser schlägt sich reines Stärkemehl nieder, das als +Tapioka+ (aus dem ~tipiok~ der Indianer entstanden), Manioksago oder brasilianisches Arrowroot in den Handel gelangt und als Kindermehl oder zu feinem Backwerk verwendet wird. Damit sich das Mandiocamehl leichter zu Brot backen läßt, wird es in Amerika vielfach mit Weizenmehl vermischt. Als Würze zu den etwas fade schmeckenden Maniokklößen oder dem Tapiokabrei genießt man vielfach den mit Pfeffer gekochten frischen Milchsaft der Pflanze, und sogar die Blätter werden gekocht als Gemüse gegessen. Da die Kultur des Manioks eine äußerst einfache ist, die Pflanze selbst mit geringem Boden vorlieb nimmt und bei geringer Arbeit einen hohen Ertrag liefert, so ist es kein Wunder, daß sie sich aus ihrem Stammland Brasilien, wo sieben verschiedene Arten derselben angebaut werden, über ganz Südamerika, Mexiko und die Antillen schon vor der Ankunft der Europäer verbreitet hatte. Im 16. Jahrhundert kam sie durch die Portugiesen nach Westafrika, wo sie sich mit der Zeit weithin verbreitete; später ward sie auch nach Asien gebracht und wird da stellenweise angebaut, so besonders auf der Halbinsel Malakka. Doch nimmt heute noch Brasilien weitaus die erste Stelle in bezug auf den Export von Tapioka ein. Hat doch dieses Land eine Jahresausfuhr von 15 Millionen kg im Wert von über einer Million Mark, nach ihm kommt Singapur mit 12,4 Millionen kg. Die deutschen Kolonialgebiete in Westafrika produzieren fast nur für den Eigenbedarf, weil von seiten der Europäer bis jetzt keine Nachfrage nach diesem Artikel besteht. Doch hat Togo immerhin im Jahre 1906 schon 250000 kg im Werte von fast 22000 Mark ausgeführt. Die Kultur ist so überaus einfach und ergiebig, daß sie selbst dem arbeitsscheuen Neger einleuchtet und sich von selbst bis nach Westafrika quer durch den Kontinent ausbreitete. Sowohl in Deutsch-Ostafrika als auch namentlich im portugiesischen Teile spielt sie heute eine große Rolle. Der Maniok, der von den Deutschen Westafrikas im Gegensatz zum eigentlichen, wie wir gleich sehen werden, rankenden Yams auch als Stockyams bezeichnet wird, gedeiht am besten auf trockenem Sandboden, während er bei zu großer Feuchtigkeit, z. B. im Gebirge, durch starken Giftgehalt ausgezeichnet ist und dann mit der größten Vorsicht durch die vorhin genannten Maßnahmen entgiftet werden muß.
In seiner Heimat Brasilien, wie in Afrika und auf Malakka, wird der Maniok in der denkbar einfachsten Weise angepflanzt, indem man ein Stück Urwald mit Axt und Feuer lichtet und den Grund behackt. In Abständen, die mit Rücksicht auf die Größe des sich entwickelnden Strauches durchschnittlich 1,5-2 m betragen, werden etwa 30 cm lange Stengelstücke, an denen in ausgiebigster Weise Knospen angelegt sind, die in der folgenden Vegetationsperiode zur Entwicklung gelangt wären, bis nahezu zur Hälfte schräg in den Boden gesteckt. Schon nach 2 bis 3 Wochen bemerkt man das Austreiben der Knospen, welche sich dann sehr schnell entwickeln, so daß bereits nach sieben Monaten, während welcher nur ein- bis zweimal zur Beseitigung des gröbsten Unkrauts gehackt zu werden braucht, die Ernte der Knollen beginnen und infolge der stetigen Entwicklung neuer Knollen mehrere Monate fast ununterbrochen fortgesetzt werden kann. Dabei müssen die Knollen, die sich an der Luft nicht gut halten, bis zu ihrem Verbrauche im Boden belassen werden, worin sie sich ausgezeichnet konservieren. In Westafrika wird der Maniok in ausgedehnten, meist sorgsam gehegten Feldern bei den Negerdörfern gebaut, indem um jede Pflanze ein Erdhaufen zusammengeharkt wird, welcher infolge der Belaubung der über Mannesgröße erreichenden Stauden meist frei von Unkraut bleibt. Dabei kann man auf einen Ernteertrag von 5 kg Knollen pro Pflanze rechnen mit einem Mehlertrag von etwa 33 Prozent. Die anfänglich leeren Abstände benützt man vielfach zum Anbau schnellwachsender Pflanzen wie Mais oder Bergreis und legt häufig Mischkulturen von Maniok und Bananen an. Auch der Maniok hat seine Feinde, von denen namentlich Raupen mitunter in größeren Mengen an die Pflanze herangehen. Bedeutend mehr wird aber die durch einen Fadenpilz hervorgerufene Kräuselkrankheit der jungen Triebe gefürchtet. Einfallende Schwärme von Wanderheuschrecken können durch Abfressen des für sie trotz der Giftigkeit unschädlichen Laubes großen Schaden anrichten, ebenso Wildschweine und in Amerika Agutis durch Wegfressen der Knollen trotz ihrer Bitterkeit. Die Blätter fallen vielfach auch Hirschen und Antilopen zum Opfer.
Eine andere uralte Kulturpflanze des tropischen Amerika ist die +Batate+ oder +süße Kartoffel+ (~Ipomaea batatas~), die durchaus nicht mit der gemeinen Kartoffel verwandt ist, sondern ein Windengewächs mit eßbaren Wurzelknollen ist. Wegen der großen Ähnlichkeit der letzteren mit den Kartoffelknollen in Verbindung mit deren ausgesprochen süßem Geschmack wurden sie als süße Kartoffeln bezeichnet. Die Pflanze ist ausdauernd, sie hat aus einer Wurzel mehrere lange, auf dem Boden kriechende Stengel, langgestielte, breite, tiefeingeschnittene Blätter, zu 3-4 an einem ebenfalls langen Stiele aus den Blattwinkeln hervorbrechende große, purpurrote, rötliche oder weiße Trichterblüten und entwickelt mehrere lange, walzen- oder spindelförmige, spitz zulaufende, außen purpurrote, weiße oder gescheckte, inwendig aber weiße, weiche mehlreiche Wurzelknollen, die im allgemeinen nur ein Gewicht von 1-2 kg erreichen; doch sind solche von 6 kg keine Seltenheit, und auf Java soll man sogar Knollen von 25 kg gezogen haben. Obschon die Pflanze noch nirgends im wilden Zustande angetroffen wurde, so ist doch höchst wahrscheinlich Brasilien ihre engere Heimat, da dort verwandte wilde ~Ipomaea~-Arten angetroffen werden, deren Knollen gleichfalls gegessen werden können. Seit den ältesten Zeiten wird sie durch das ganze tropische Amerika von Paraguay und Peru, in welch letzterem Lande sie ~apichu~ genannt wird und nach den Gräberfunden von Ancon schon von den vorgeschichtlichen Indianerstämmen angepflanzt wurde, bis Mexiko und den Antillen kultiviert, und zwar in einer großen Zahl von Kulturvarietäten, die indessen nicht durchweg beständig zu sein scheinen. Sie wurde im Jahre 1519 in Europa bekannt, indem Pigafetta über ihre Kultur in Brasilien berichtete. Bald darauf wurde sie in Spanien eingeführt und von dort und den Kanaren kam sie noch vor der Kartoffel nach England. Wegen ihrer großen Vorzüge als Nährfrucht verbreitete sie sich sehr rasch über die Alte Welt und fand sich schon im 17. Jahrhundert in ausgedehntem Maße in Ostasien, besonders China, angepflanzt. Man baut sie gegenwärtig außer sehr allgemein in Amerika, wo sie sich den ganzen Süden der Vereinigten Staaten erobert hat, in Nordafrika, Ostindien, China, Japan und dem malaiischen Archipel an. Selbst in Südeuropa hat man sie einzubürgern versucht; doch ist es ihr hier nicht warm genug, so daß sie nicht recht zu gedeihen vermag.
Die Kultur der Batate, deren Namen die Engländer als die ihnen von den beiden Knollengewächsen zuerst bekannt gewordene als ~potatoe~ auf die Kartoffel übertrugen, erfordert in den warmen Ländern sehr wenig Arbeit. Sie wächst in jedem Boden, ist aber für ausgiebige Düngung dankbar. Man steckt die Saatknollen, oder falls man Stecklinge erhalten kann, meist diese in Abständen von 1 m in den Boden, nachdem der Boden durch Hacken gelockert und das Unkraut als Gründüngung untergegraben ist. Die beste Pflanzzeit ist in den Tropen die zweite Regenzeit oder, falls nur eine existiert, die zweite Hälfte derselben; doch pflanzt man meist während der ganzen Regenzeit, um stets frische Süßkartoffeln zu haben. Meist setzt man sie als Zwischenfrucht auf Feldern, die zum zweiten Male Mais tragen. Und zwar wählt man die Zeit, da der Mais schon 30-40 cm hoch ist und als Schattenpflanze für die jungen Bataten dienen kann. Nach zwei Monaten wird der Mais geerntet, nach fünf Monaten aber die Bataten entweder ohne Zwischenfrucht, oder man sät noch einmal Mais dazwischen. Andere Zwischenfrüchte, wie z. B. Bananen, wählt man jetzt nicht mehr oder nur selten. Dadurch, daß die Stengel der Bataten auf dem Erdboden kriechen und mit zahlreichen Blättern versehen sind, unterdrücken sie die Entwicklung von Unkräutern. Man braucht also nicht zu hacken, sondern kann den Boden fest lassen, wodurch auch die Ausbildung großer und mehr runder Knollen begünstigt wird. Bei der Ernte, welche etwa Anfang April beginnt, werden die Knollen für den jedesmaligen Bedarf oder in gewissen, meist nicht sehr großen Quantitäten mit möglichster Schonung der Pflanze herausgenommen. Diese setzt dann fortwährend neue Knollen an, so daß die Felder oft erst nach zwei bis drei Jahren erneuert werden. Nachher aber werden die Blätter kleiner und die Knollen bleiben aus, so daß die Kulturen frisch angelegt werden müssen. Die Ernte soll man möglichst nur bei trockenem Wetter vornehmen. In vielen Fällen heben die Knollen zur Zeit der Ernte, da das Laub gelb zu werden beginnt, die Erde empor und lassen sich leicht auffinden und mit der Hacke ausgraben. Der Wert der durch einen großen Reichtum an Stärkemehl und Milchsaft ausgezeichneten Knollen wird durch ihre geringe Haltbarkeit beeinträchtigt, zumal in einem feuchten Klima. Vor allem müssen sie in einem trockenen, luftigen Raum aufbewahrt werden. Zu diesem Zwecke baut man gutgedeckte Scheuern, worin sie aufgehängt oder, wie es die Neger meist machen, lose aufeinander geschichtet werden. Man ißt sie aber meist bald nach der Ernte und bereitet sie in derselben Weise wie die Kartoffeln zu, indem man sie in Butter geröstet und als Puree oder Salat zubereitet ißt. Sie sind sehr bekömmlich und nahrhaft, zart und von angenehmem, süßem Geschmack, sind leichter verdaulich, stehen aber für unser Empfinden in bezug auf Wohlgeschmack weit hinter den Kartoffeln zurück. Im Ofen getrocknet oder in Zucker eingelegt, lassen sie sich auch konservieren; auch benutzt man sie zur Gewinnung eines berauschenden Getränkes, das in Westindien ~mobby~, bei den Portugiesen aber marmoda heißt. Die von Würmern angefressenen, die leicht faulen, und die unreifen Knollen können als Viehfutter verwendet werden. Als ebensolches dienen auch die Blätter und Stengel; erstere werden bisweilen auch solange sie jung sind wie Spinat gekocht vom Menschen gegessen, schmecken aber nicht sehr gut.
Unter der Bezeichnung +Yams+ oder +Igname+ werden seit uralter Zeit verschiedene kletternde Knollenpflanzen aus der Gattung ~Dioscorea~ (nach dem griechischen Arzte Dioskurides im 1. Jahrhundert n. Chr. so genannt) im tropischen Amerika, in Afrika und Asien kultiviert, deren wilde Stammformen meist nicht mehr zu finden sind. Von den zahllosen Formen sind ~Dioscorea batatas~, ~sativa~ und ~alata~ die wichtigsten. Unter ihnen hat die erstgenannte mit Sicherheit in China und dem indo-malaiischen Gebiet ihre Heimat; hier wird sie in den ältesten auf uns gekommenen Schriften mit einheimischen Namen erwähnt. Ferner hat sich herausgestellt, daß der in Südamerika für sie gebräuchliche Name Igname, der sich mit dem Gewächs weithin verbreitet hat und beinahe ebenso oft gebraucht wird als die Bezeichnung ~Yams~, aus Westafrika stammt und wahrscheinlich mit der Frucht durch Sklaven dahin gelangte. Alle Yamsarten sind windende Pflanzen mit bis 6 m langem, dünnem, hartem, vielfach noch mit Dornen ausgestattetem Stengel, spiral darum herumlaufenden herzförmigen Blättern, getrennt geschlechtigen, unscheinbaren grünen, der Johannisbeertraube ähnlichen Blüten, harten, herzförmigen, ungenießbaren Früchten, 0,5-1 m und mehr langen, bis 10 kg schweren fleischigen Knollen mit dunkler Rinde und mehlreichem Inhalt. Bei vielen sind letztere stark bitter oder geradezu giftig, in welch letzterem Falle sie einen ekelhaften Geruch beim Kochen von sich geben. Durch Wässern und längeres Kochen werden aber diese Stoffe vollständig beseitigt, so daß sie dann eine sehr wohlschmeckende Speise abgeben, die an Nährwert der Kartoffel gleichkommt. Sie werden geschält, zerschnitten, weich gekocht, in Holzmörsern zerstampft und der so entstandene dicke Brei mit Pfeffer und Öl gewürzt verzehrt.
Der Yams verlangt einen guten, durchlässigen, humusreichen Boden, weshalb er meist auf früherem Waldboden kultiviert wird, und ein feuchtwarmes Klima. Als Saatgut dienen kleine Knollen, die vielfach nicht unterirdisch, sondern an den Blattwinkeln entstehen. Solche überirdische Knollen werden besonders von einigen afrikanischen Yamssorten erzeugt, die speziell in Abessinien kultiviert werden und überhaupt keine unterirdischen Knollen bilden. Je größer die gepflanzten Knollen oder Knollenstücke sind, um so kräftigere Schößlinge treiben sie aus und um so mehr Frucht setzen sie an. In Abständen von 1 m häufelt man die Erde zu kleinen Hügelchen auf, pflanzt die Knollen dort ein und steckt gleichzeitig bei jeder eine Stange, die zwar nicht die Höhe, aber die Stärke einer Hopfenstange haben muß. Sobald die Ranken einige Fuß lang sind, bindet man sie wie Bohnenranken an. Im übrigen besteht die Pflege in mehrmaligem Jäten des Unkrauts und Auflockern des Bodens, außerdem in wiederholtem Anhäufeln nach Bedarf um die sich bildenden Knollen herum. Eine Zwischenfrucht ist nicht zu empfehlen, höchstens etwa Mais oder Bataten, wobei dann aber selbstverständlich größere Abstände nötig sind.
Im ganzen wird der Yams von den Kolonisten nur selten feldbaumäßig wie von den Eingeborenen angepflanzt, sondern nur zum Hausgebrauch in Gärten den Zäunen entlang, oder zur Belaubung von Veranden gleich den Zierkürbissen gezogen. Nach 9-11 Monaten sind die Knollen reif, was man am Welken der Stengel merkt; man wartet aber, bis die Stengel völlig abgestorben sind und ihre sämtlichen Nährstoffe in die Knollen geschafft haben. Der Durchschnittsertrag darf auf 2-4 kg per Pflanze gerechnet werden, was bei Abständen von 1 m 20-40000 kg pro Hektar ergibt. Hat man schwächliche oder kleine Knollen zur Aussaat benutzt, so braucht man mehrere Jahre zum Erzielen von großen Knollen; da muß man mit 1 kg schweren Knollen zufrieden sein. Mittelstarke Saatknollen geben Ernteknollen von 2-5 kg. Riesenknollen von 15-18 kg sind ausnahmslos das Produkt des Wachstums mehrerer Jahre. Auf den Fidschiinseln, wo die Yamskultur durch die Eingeborenen in hoher Blüte steht, versteht man Knollen von 1,8 m Länge und 50 kg Gewicht zu erzielen. Die Leute dort geben an, daß man zur Erzielung von so großen Knollen einen harten, nicht bearbeiteten Boden brauche; auch bereitet man den Pflanzen durch untergelegte Steine einen künstlichen Widerstand und pflegt dabei zu sagen, der Yams müsse sich erst ärgern, um seine ganze Kraft zu zeigen. Auch die Eingeborenen von Neuguinea vermögen Riesenknollen von 40 kg Gewicht zu erzielen.
In ganz Westafrika ist der Yams neben dem Maniok eine der wichtigsten Nährpflanzen, ja geradezu die Kartoffel der Eingeborenen und der dort lebenden Europäer. An der Küste gedeiht er nicht so gut wie im Binnenlande; hier ist neben Mais der Cassava oder Stockyams genannte Maniok die Hauptknollenfrucht, während die Knollen des gewöhnlichen Yams in großen Mengen aus dem Innern eingeführt werden. Im Binnenlande, in welchem der Yams zu Hause ist, wächst er dort am besten, wo am Fuß der sanft ansteigenden Gebirgszüge und in den Tälern sich ein guter, lockerer Humusboden abgelagert hat. Schon im Monat Februar, zur Zeit des Harmattan und am liebsten nach dem Grasbrand, der den Boden mit seiner fruchtbaren Asche düngt, begibt sich der schwarze Yamsbauer in den Busch, um sich entweder auf dem eigenen Land oder dem seiner Familie oder seines Stammes den Platz für die anzulegende Pflanzung herzurichten, indem er mit seinem Buschmesser den Boden vom niedrigen Gestrüpp, Buschwerk und Gras, falls der Brand letztere noch nicht vernichtet hat, säubert. Palmen und größere Laubbäume bleiben als wohltuende Schattenspender stehen, außerdem leitet er die rasch wachsenden Yamslianen durch Palmrippen zu diesen Bäumen, an denen sie dann ähnlich wie der Hopfen hoch hinaufranken. Zu dichte Baumgruppen lichtet der Neger dadurch, daß er den einen oder andern Baum unten über der Erde am Stamm abbrennt. Dadurch stirbt er ab, wird dürr und liefert im kommenden Jahr gutes Brennholz für die Küche. Das abgehauene und rasch dürr gewordene Gestrüpp wird nun auf Haufen gebracht und an Ort und Stelle verbrannt. Dann werden in 1-1,5 m Abständen mit der Hacke rundliche Erdhaufen in der Größe unserer Ameisenhügel gemacht und in jeden solchen mit der Hand eine kleine Yamsknolle mit 1-2 Triebaugen gepflanzt. Leicht mit Erde zugedeckt, treibt sie schon nach 2-3 Wochen eine armlange Ranke, die nun einen Pfahl erhält. Ist ein Baum in der Nähe, so erhält die Yamsranke nur eine Palmrippe der Ölpalme, die zwar im Boden rasch morsch wird, aber nur dazu dienen soll, sie auf den benachbarten Baum zu leiten. Die übrigen Pflanzen erhalten im Busch gehauene, unten zugespitzte und in den Boden gesteckte Pfähle wie unsere Bohnenstangen. Nun hat der Yamsbauer während der folgenden 6-8 Monate bis zur Ernte den Boden mit der kurzen Hacke zu lockern und vom Unkraut freizuhalten. Ist das Yamsfeld weit entfernt, so baut sich der Neger dabei eine kleine Hütte, in der er mit den Seinigen haust. Für die jungen Söhne pflanzt der Vater gewöhnlich eine Reihe von 20 bis 30 Yamsstöcken, deren Ertrag sie für sich verkaufen dürfen. Auch die Frau bekommt 2-3 Reihen, etwa 60-80 Yamspflanzen, über deren Ertrag sie frei verfügen kann. Ist der Mann gut zu ihr, so darf sie zwischen den einzelnen Yamsreihen Tomaten, Fetri oder Kaschokeln, Pfeffer und Zwiebeln pflanzen. Zu Anfang Oktober schneidet der Neger die Yamsranke am Kopfe der Knolle in der Weise ab, daß noch eine dünne Scheibe an ihr hängen bleibt, und pflanzt sie in denselben Hügel etwas abseits gleichsam noch einmal. Die ausgewachsenen, armdicken, 30-50 cm langen und bis 10 und 12,5 kg schweren, reifen Knollen werden vorläufig noch im Boden belassen und nach Bedarf daraus entnommen. Bringt der Neger mehrere Lasten Yams nach Hause, so werden die einzelnen Stücke an einer schattigen, kühlen Ecke im Hof in die Erde gegraben, damit sie frisch bleiben, und nach Bedarf in der Küche verbraucht. Die wieder gepflanzte Ranke setzt bei günstiger Witterung 3, 4 und mehr kleine, etwas verkrüppelte Knollen, ~teta~ genannt, an. Diese Knollen sind nach 6 bis höchstens 8 Wochen reif und bilden die Saatfrucht für das nächste Jahr. Ende November, wenn die Ranken dürr geworden sind, werden die großen und kleinen Knollen geerntet. Diese Yamsernte ist der willkommene Anlaß zu einem fröhlichen mit Schmaus, Trinkgelagen aus Palmwein und Tanz gefeierten Fest. Für die westafrikanischen Neger, die wir hier besonders im Auge haben, ist es zugleich das Neujahrsfest. Lautes Freudengeschrei ertönt überall auf den Feldern und in den Dörfern. Am Morgen opfern die Priester den Fetischen, in denen sie die Geister ihrer Verstorbenen hausend wähnen, Yams mit Palmöl gemischt. Man beschenkt sich gegenseitig mit Yams, und das Lieblingsgericht der Neger, der „Fufu“, wird in großen Mengen aus der Frucht hergestellt und verzehrt. Zu diesem Zwecke werden die Yamsknollen von den Weibern auf denen sonst alle Arbeit ruht, geschält, zerkleinert und gekocht, um dann zuletzt in einem mörserartig ausgehöhlten Holzblock mit Holzstampfern zu Brei gestampft zu werden. Dieser Brei wird dann in Form eines brotleibähnlichen Klumpens aufgetischt und, da er etwas fade schmeckt, mit Palmöl- und Pfeffersuppe, die daneben gestellt werden, gewürzt gegessen. Der Hausherr bekommt mit seinen Söhnen eine besondere Schüssel, die Hausfrau mit ihren Töchtern desgleichen. Beim Essen trennt jeder mit Zeige- und Mittelfinger ein Stück des Brotbreies ab, drückt mit dem Daumen eine Vertiefung hinein und fährt mit dem Stück durch die daneben stehende scharfe Sauce, um bei dieser Prozedur möglichst viel davon in der eingedrückten Höhlung aufzufangen. Schnell, ohne lange gekaut zu werden, wird der Bissen hinuntergeschluckt. Was der Neger täglich an Yams gebraucht, holt er sich jeweilen vom Felde. Sobald aber die Ranken dürr geworden sind, werden die Yamsknollen ausgegraben und in das auf der Plantage aus dünnen Pfählen mit quer daran festgebundenen Palmrippen errichtete und mit Palmblättern gedeckte Yamshaus gebracht, wo sie möglichst trocken aufbewahrt werden müssen. An den vier Innenwänden des überaus luftigen Yamshauses wird jede Knolle vermittelst Schlingpflanzen festgebunden und hält sich so 6-8 Monate, gröbere Sorten sogar 10-12 Monate lang, da die Luft beständig Zutritt hat. Diese Eigenschaft ist von großer Bedeutung, da er die einzige Frucht bildet, die im Lande aufbewahrt werden kann. Mais, der zweimal im Jahre geerntet wird, ist schon nach kurzer Zeit vom Kornwurm angegriffen, und die Wurzelknolle des Maniok oder Stockyams hält sich ausgegraben höchstens drei Tage. Missionar Fies hat die Namen von 42 Yamssorten aus Togo notiert und sagt, es gebe noch weitere, denen aber keine große Bedeutung zukomme. Ist die Yamsernte gut ausgefallen, so verkauft der Yamsbauer von den Früchten an die Küstenneger oder auch an die Europäer, die ihn ebenfalls gerne essen; denn der Handel mit dem verhältnismäßig hoch im Preise stehenden Yams ist recht einträglich und dürfte in der wirtschaftlichen Entwicklung der hier gelegenen deutschen Kolonien, besonders von Togo, eine wichtige Stellung einnehmen.
Tafel 51.
Tafel 52.
Neben dem Yams spielen die Knollen eines in Polynesien +Taro+, in Westafrika aber +Dinde+ genannten Aronsstabgewächses mit der lateinischen Bezeichnung ~Colocasia antiquorum~, eine sehr wichtige Rolle. Während der Regenzeit und der ersten Hälfte der Trockenzeit ist er für die Polynesier und an der Küste lebenden Neger Westafrikas sogar die wichtigste Feldfrucht. Auch im malaiischen Archipel, in Ostasien bis Japan, in Indien, Südarabien, Ägypten und Ostafrika ist die Tarokultur recht verbreitet, wenn sie auch fast nirgends als Hauptkultur betrieben wird. Ebenso ist sie durch den Einfluß der Araber nach Algerien und Südspanien gelangt, doch spielt sie hier, wie auf den Kanaren, in Westafrika und in Amerika eine sehr untergeordnete Rolle. Der Taro ist eine mehrjährige Pflanze mit langgestielten, breiten Blättern in Herzform, einem kolbenförmigen, von einer großen Scheide umgebenen Blütenstand von etwa 15 cm Länge und einer bis kopfgroßen, rundlichen Wurzelknolle, neben welcher sich am Wurzelhalse noch kleine Tochterknollen entwickeln. Je nach den verschiedenen Arten, die sich schon äußerlich an der verschiedenen, grünen oder violetten Färbung der Blattrippen und Stengel unterscheiden lassen, sind die Knollen außen weiß, gelblich, rötlich oder violett, innen aber stets weiß und recht stärkereich. Sie enthalten 2,5 Prozent Eiweiß und 15 Prozent Stärke. Roh können sie nicht gegessen werden, da sie einen scharfen Stoff enthalten, der aber schon beim Kochen und Rösten in Asche oder auf heißen Steinen, welch letzteres Verfahren fast ausschließlich in der Südsee geübt wird, verschwindet. Man genießt sie in der verschiedensten Zubereitung wie unsere Kartoffeln, besonders auch in Form von Taroschnitten geröstet, und ißt auch die Blätter, nachdem man die starken Rippen von ihnen entfernt hat, gekocht als Gemüse.
Die Heimat des Taro ist Südasien, speziell Indien, von wo aus sich die Nutzpflanze allseitig verbreitete, soweit der Mensch sie in Pflege nahm. In China wird sie etwa seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. erwähnt. Die ersten europäischen Seefahrer trafen ihre Kultur bereits in Japan und in ganz Ozeanien, bis zum nördlichen Teile Neuseelands vor. Bei den Kulturvölkern Westasiens und des Mittelmeergebiets ist die Pflanze im Altertum nicht heimisch geworden, nur im Niltal wurde sie etwa seit der Mitte des letzten vorchristlichen Jahrtausends gepflanzt, wie uns Theophrast berichtet. Die Beschreibung von Dioskurides und Plinius um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. einer ägyptischen Knollenpflanze, dürfte sich eher auf den indischen Lotos als auf sie beziehen. Aber im Mittelalter wurde sie unter der arabischen Bezeichnung ~kolkâs~, woraus dann von den abendländischen Gelehrten, insbesondere vom Venezianer Prosper Alpino, der eine Reise nach Ägypten ausführte, wonach er ein Buch über „ägyptische Pflanzen“ schrieb, und als Professor der Botanik in Padua 1617 starb, die Bezeichnung ~colocasia~ entstand, im Niltal häufig gepflanzt und breitete sich damals über Nubien und Sennar nach Afrika aus.
Die Kultur des Taro ist derjenigen des Yams ähnlich, nur daß man natürlich, da sie keine Kletterpflanze ist, keiner Stangen bedarf. Am besten eignet sich dazu sandiger Lehm, der recht feucht sein und durch fleißiges Behacken locker gehalten werden muß. Das Wärmebedürfnis der Pflanze ist kein besonders großes, vielmehr verlangt sie außer reichlicher Wasserzufuhr Schatten, den man ihr meist durch Dazwischenpflanzen von Bananen zuteil werden läßt. Andererseits benutzt man sie wiederum vielfach und mit Erfolg zur Beschattung junger Kaffee- und Kakaopflanzen. Die Vermehrung geschieht entweder durch die Tochterknollen, die aber viel Zeit zur Entwicklung brauchen, oder zweckmäßiger durch den oberen Teil der Knollen früherer Ernten, die in Abständen von etwa 1 m gepflanzt werden. Die Güte und Zartheit des beim Kochen eine gelbliche Farbe annehmenden und einen etwas schleimigen, jedoch nicht unangenehmen Geschmack aufweisenden Fleisches der 0,5-2 kg schweren Knollen hängt neben der Sorte, der Feuchtigkeit und dem Boden, von der Sorgfalt der Bearbeitung ab. Namentlich muß das Feld von Unkraut rein gehalten werden. Schon nach zwei Monaten sind die ersten Knollen genießbar, nach fünf bis sechs Monaten haben die frühreifen Sorten bereits ihre definitive Größe erreicht, die anderen werden nach acht bis zwölf Monaten geerntet; länger darf man nicht warten, da sonst die Knolle wieder austreibt. Die gleichfalls gut brauchbaren Tochterknollen kann man aber schon vorher mit Vorsicht ausgraben, ohne die Pflanze zu schädigen. Nur in Gegenden mit ausgeprägter Trockenzeit welken die Blätter vollständig; man muß sich deshalb die Zeit des Auspflanzens merken, um die Erntezeit nicht zu verpassen. Ein großer Vorteil ist, daß die Knolle sich im Boden wenigstens einige Monate hindurch hält, so daß man ernten kann je nach Bedarf; auch ist die Zahl der Tochterknollen in gutem Boden eine sehr reiche, was die Vermehrung sehr erleichtert. Nur einen Nachteil besitzt der Taro, daß er nämlich in bezug auf Boden und Klima wählerisch ist und bedeutend weniger Ertrag gibt als die meisten anderen, für den Anbau zur Verfügung stehenden Knollengewächse.
Außer dem Taro werden übrigens in Ostasien und Polynesien noch eine Reihe anderer Aronsstabgewächse wegen ihrer mehlhaltigen Knollen angebaut, so z. B. die 1 m hohe ~Alocasia macrorhiza~ mit noch größeren Blättern, deren Knolle aber dem Taro an Güte nachsteht und zudem einen außerordentlich scharfen, giftigen Saft enthält. Zur Entfernung desselben muß sie lange eingeweicht und unter Erneuerung des Wassers gekocht werden. Ferner werden in denselben Gegenden hier und da Arten der Gattung ~Amorphophallus~ kultiviert, die aus einer mächtigen, oft über 15 kg schweren Knolle nur ein einziges, bis 3 m hohes, riesiges, mehrfach gelapptes Blatt erzeugen, nach dessen Absterben dann ein ebenfalls sehr großer, kolbiger, mit dunkelvioletter Scheide umgebener Blütenstand hervortreibt, der in der Vollblüte einen ekelhaften Aasgeruch verbreitet. Die Schärfe der Knollen muß ebenfalls durch mehrfaches Auswässern und längeres Kochen zerstört werden. In Japan wird besonders ~Alocasia rivieri~ kultiviert, aus deren Knollen die Japaner ein ~konniyak~ genanntes Stärkemehl gewinnen. Auf den Molukken wird zuweilen die auch in wildem Zustande sehr gemeine ~Alocasia campanulata~ gepflanzt. Andere Arten werden in Vorderindien und Afrika benutzt, freilich aber nicht kultiviert.
Den Taro vertreten im tropischen Amerika seit alter Zeit andere Aronsstabgewächse der Gattung ~Xanthosoma~, die in Westindien +Taya+, in Brasilien dagegen +Mangareto+ genannt werden. Wie der Maniok und andere amerikanische Nutzpflanzen sind sie dann durch die Portugiesen schon sehr früh nach Westafrika übergeführt worden, wo sie in manchen Gegenden der Küste, z. B. in Kamerun, noch heute eine weit größere Rolle spielen als der Taro. Von den asiatischen Arten unterscheiden sich die Pflanzen leicht durch den milchigen Saft, während er beim Taro durchsichtig ist. Die wichtigste Art ist ~Xanthosoma sagittifolium~, die wegen ihrer weißen, ganz angenehm, wenn auch weniger gut als die Kartoffel schmeckenden mehligen Knollen ~Mangareto branco~, d. h. weiße Mangareto genannt wird. Die apfelgroße, als sehr schmackhaft geltende Hauptknolle wird von einer Anzahl nur nußgroßer Tochterknollen umgeben, die besser als die größeren schmecken. Die violette Taya hat violette Blattstiele und grünviolette Blätter; eine andere Sorte wird Bananentaya genannt. Die Touca besitzt viel kleinere und mehr graugrüne Blätter; ihre besonders wohlschmeckenden Knollen sind innen gelb und behalten die Farbe auch beim Kochen. Auch von diesen Pflanzen ißt man die gekochten Blätter als Gemüse.
Ein anderes amerikanisches Knollengewächs, das mühelos reiche Ernten liefert, ist eine Kürbisart, die schon die Azteken in Mexiko kultivierten. Sie nannten sie ~chayotli~, was „stacheliger Kürbis“ heißt. Daraus wurde ihre heutige mexikanische Bezeichnung +Chayote+. Ihre Verbreitung nach Westindien, wo sie +Chocho+ genannt wird, wurde durch die Tatsache begünstigt, daß sie außer den mehlreichen Wurzelknollen, die oft 10 kg schwer werden und äußerlich wie im Geschmack der Yamswurzel gleichen, nur im frischen Zustande ein bitteres, abführendes, durch Kochen in Wasser leicht zu beseitigendes Prinzip enthalten, 10-15 cm lange, rauhhaarige, bleichgrüne oder gelblichweiße Früchte liefern, welche große, eßbare Samen enthalten. Letztere können roh kaum genossen werden, schmecken auch gekocht recht fade, doch lassen sich aus ihnen durch Hinzufügen von Zucker und Zitronensaft ausgezeichnete Marmeladen und Fruchtspeisen herstellen. Sie vertragen auch gut den Export, nur muß man sich vor Verletzung derselben hüten, da sie dann alsbald zu faulen beginnen. Gute Sorten haben etwa Nußgeschmack und sind viel mehliger als der Kürbis oder die Gurke. In Algier und auf Réunion hat man sie als Gemüseobstpflanze eingeführt, auch findet man sie jetzt vielfach in Ostindien angepflanzt. Wo sie sehr häufig ist, wie in Westindien, dient die Frucht auch als Schweinefutter, aber wohl nirgends in so ausgedehntem Maße wie in Jamaika, wo diese Pflanze eigens zum Zwecke der Schweinemast angebaut wird. Die jungen, noch nicht beblätterten Sprosse werden in Mexiko als Spargel gegessen und sollen ähnlich wie dieser schmecken. In Paris und anderswo wird das leichte Fasergewebe der Pflanze zur Herstellung von Damenhüten verwendet. Die Kultur erfolgt wie bei einem gewöhnlichen Kürbis in sandiger Erde in Abständen von 1 m in der einen und von 3 m in der andern Richtung durch Pflanzen der der Frucht entnommenen Samen. Wenn nicht geduldet wird, daß das Unkraut den Boden überwuchert, wachsen die Pflanzen außerordentlich schnell und liefern noch in demselben Jahre eine Ernte ihrer großen, grünen, stacheligen Früchte. Im nächsten Jahre kann eine Aberntung von Wurzelknollen stattfinden; diese erzeugt nämlich Nachkommen, die abgelöst werden können, ohne daß die Lebenstätigkeit der Pflanze gestört wird. Zugleich kann abermals eine Ernte von Früchten stattfinden. Diese Doppelernten können noch sechs bis sieben Jahre wiederholt werden, wenigstens in Gegenden, wo kein Frost auftritt. Nach Ablauf dieser Zeit ist aber die Pflanze erschöpft und muß durch Stecken eines Sämlings neu gepflanzt werden. Da sie keinerlei Kulturarbeit erfordert und sich innerhalb der heißen Zone leicht an Boden und Klima anpaßt, verdient sie als äußerst nützliches Tropengewächs allgemeine Beachtung und weitere Verbreitung.
Das weitaus nützlichste Kulturgewächs aber, das der an Pflanzen mit eßbaren Wurzelknollen so reiche Kontinent Amerika den Ländern mit gemäßigtem Klima, so vor allem auch Europa schenkte, ist die +Kartoffel+ (~Solanum tuberosum~). Bedenken wir, daß allein Deutschland jährlich etwa 30 Milliarden kg Kartoffeln erzeugt und zum weitaus größten Teil als Nährfrucht verbraucht, ferner daß in diesem Lande ein volles Achtel des Ackerlandes auf den Anbau dieser Knollenfrucht verwendet wird, so kann man schon daraus ermessen, welche ungemein große Bedeutung dieser Amerikanerin allenthalben, wo Europäer sich niedergelassen haben, zukommt. Sie stammt aus den gemäßigten Gegenden des westlichen Südamerika, dem Gebiete der Anden von Chile und Peru, und wurde daselbst seit ältester Zeit von den Eingeborenen als Nahrungsmittel verwendet und im Laufe vieler Jahrhunderte durch Kulturauslese zu der hochgezüchteten Knollenfrucht, wie sie den Europäern bei der Entdeckung des Inkareiches entgegentrat, entwickelt. Ihr Wert beruht ausschließlich in den stärkemehlreichen Knollen, die keine Wurzelanschwellungen, sondern zu Reservestoffspeichern verdickte unterirdische Stengel analog den Ausläufern der Erdbeerpflanze sind und wie die übrigen Teile der Pflanze namentlich dicht unter der Haut den Giftstoff Solanin enthalten, der allerdings bei den Kultursorten ein sehr unbedeutender ist und leicht durch Kochen beseitigt wird. Immerhin sind auch bei uns schon Vergiftungsfälle vorgekommen, so namentlich, wenn zu junge, unzeitige Knollen mit der Schale gegessen wurden. Die Blätter erzeugen das Stärkemehl, das in den unterirdischen, verdickten Stengeln aufgespeichert wird. Im Gegensatz zu diesen blaß bleibenden Trieben unter der Erde ergrünen die oberirdischen Triebe und erzeugen außer den dunkelgrünen Blättern, welche mit Hilfe der Energie der Sonnenstrahlen die Kohlensäure der Luft zerlegen, den Sauerstoff ausatmen und den Kohlenstoff zurückbehalten, um ihn in Verbindung mit den Bestandteilen des Wassers zum Aufbau der Stärkemehlkörnchen zu verwenden, an ihrem Gipfel Dolden von weißen, rötlichen oder violetten Blüten, je nachdem die Knollen weiße, rötliche oder violette Schalen bilden. Die Frucht ist die bekannte grüne, zuweilen weißliche, etwas über kirschgroße Beere, die viele Samen enthält. Die Zucht aus Samen ist zur Bildung neuer Formen durch Kreuzung von einer gewissen Bedeutung; doch wird sie für die Vermehrung der Pflanze nicht verwendet, da die Knollen der daraus gezogenen Kartoffeln, wie diejenigen der wild wachsenden Arten höchstens pflaumengroß werden. Letztere sind erst durch langjährige Kultur dazu gebracht worden, viel größere Knollen zu erzeugen, die man dann auf vegetativem Wege vermehrt.
So wird die Kartoffel lediglich durch Knollen vermehrt, die, sobald sie über eine bestimmte Größe hinausgehen, unbeschadet der Wachstumsmöglichkeit in Stücke geschnitten werden können, an denen dann die daran befindlichen Augen austreiben. Durch die Boden-, weniger durch die Klimaverschiedenheit nimmt die Kartoffel unter auffallender Vergrößerung mannigfaltigste Form, Farbe und Beschaffenheit an und ändert sich der Ertrag und der Stärkemehlgehalt ihrer Knollen. Sie gedeiht am besten in einem tiefgründigen, lockeren, etwas sandigen Boden in warmer, sonniger Lage; in feuchtem Lehmboden oder in nassem Moorboden verringert sich sowohl der Ertrag an Knollen, als auch ihr Stärkemehlgehalt ganz bedeutend. Die Saatknollen wählt man im Herbst aus und lagert sie sorgfältig. Im Frühjahr setzt man sie in Reihen. Die Triebe entwickeln sich nun kranzförmig rings um die Mutterknolle und werden in der Weise angehäufelt, daß in die Mitte derselben Erde gebracht wird, so daß die unbedeckt bleibenden beblätterten Stengel sich sternförmig nach außen niederbiegen und bei mehrmaligem Anhäufeln ein flacher Erdhügel entsteht, in welchem sich die jungen Knollen ausbilden. Die frühesten Sorten werden schon Mitte Juli reif, doch erfolgt die Haupternte erst im September und Oktober, nachdem das Kraut abgedorrt ist. Das Ausnehmen geschieht mit Hacke und Forke (vom lateinischen ~furca~, Gabel), oder mit dem Pfluge. Die großen Ansprüche, welche die Aussaat und die Ernte der Kartoffeln an die menschliche Arbeitskraft stellen, haben neuerdings zur Erfindung von besonderen Maschinen zum Legen und Ausgraben der Knollenfrüchte geführt. Zur Erzielung gesunder und sehr großer Kartoffeln sollte jede Saatknolle einen Wachsraum von 1 qm erhalten; doch begnügt man sich meist mit einem bedeutend kleineren Raum. Durchschnittlich erntet man pro Hektar 13000-18000 kg, doch können die Erträge unter günstigen Umständen auf 20000-40000 steigen. Die Knollen sollen in trockenen, kühlen Kellern aufbewahrt werden. Gleich nach der Ernte reifen sie noch nach, wobei sie Kohlensäure abgeben und Wärme entwickeln, wie alle Lebewesen überhaupt beim Lebensprozesse. Bald nimmt dann die Lebenstätigkeit ab und ruht fast völlig, bis sie im Frühjahr neu erwacht. Dies geschieht um so später, je kühler und trockener sie lagern. Sie halten deshalb im Frühjahr auf einem luftigen Boden viel länger ohne zu keimen als im Keller, und wenn sie auch einschrumpfen, so werden sie durch Legen ins Wasser leicht wieder glatt. In den austreibenden Keimen findet sich besonders der Giftstoff Solanin, so daß diese sorgfältig vor dem Genusse der Knollen entfernt werden müssen. Bis zum Frühjahr verlieren sie etwa 10-12 Prozent ihres Gewichtes durch Atmung. Bei starken Kältegraden tritt ein Erfrieren der Kartoffeln ein, wobei das Leben der Knollen getötet wird und sie nach dem Auftauen infolge der Desorganisation sehr rasch faulen. Bei geringen Kältegraden, schon bei +2-3° C., tritt ein Süßwerden der Kartoffeln ein, was oft auch Erfrieren genannt wird. Die Ursache liegt darin, daß bei derartigen Temperaturen die Knollen den aus dem Stärkemehl sich bildenden Zucker nicht veratmen können und ihn aufspeichern. Bewahrt man solche süßgewordene Kartoffeln mehrere Tage bei Temperaturen von 10-16° C. auf, so verliert sich dieser unangenehme Geschmack infolge Verbrennens des angesammelten Zuckers. Wird eine Kartoffel gekocht, deren Reservevorrat noch intakt ist, dann quellen die in ihr enthaltenen Stärkekörner durch Wasseraufnahme stark auf, drücken mit großer Kraft gegen die Wände der Zellen, in denen sie eingeschlossen sind, und bewirken dadurch, daß die Gänge und Spalten zwischen den einzelnen Zellen und die Zellen selbst aufgerissen werden bis zu ihrer völligen Trennung. Zu junge Knollen und solche, aus denen im Frühjahr das Stärkemehl teilweise wieder verschwunden ist, indem es zur Ernährung der austreibenden Knospen verwendet wurde, werden begreiflicherweise nicht mehr „mehlig“.
Die Kartoffel wird jetzt überall auf der bewohnten Erde kultiviert, wo es ihr nicht zu warm oder zu kalt ist. In Europa geht sie bis zum 70° nördlicher Breite und in Deutschland bis zu 1000 m Meereshöhe; im Kanton Bern findet sie sich noch bei 1400 m und im Kanton Wallis am Simplon mit der Saubohne sogar bis zu 2000 m über Meer angebaut. Die gegen 3000 kultivierten Spielarten werden nach der Form in runde oder Lärchenkartoffeln, spitze oder Hornkartoffeln und lange oder Nierenkartoffeln, nach der Reifezeit in frühe, mittelfrühe und späte Kartoffeln, endlich nach der Verwendung in Speise-, Futter- und Brennkartoffeln eingeteilt. Letztere werden vorzugsweise zur Bereitung von Spiritus verwendet. Sie enthalten 9-25, im Mittel 18 Prozent Stärkemehl neben bloß 0,6-4,4, durchschnittlich 2,0 Prozent Eiweißstoffen und rund 1 Prozent Gummi und Salzen, besonders viel Kalisalzen. Indem nun diese Kalisalze nach dem Essen von Kartoffeln ins Blut gelangen, entziehen sie der Chlornatrium-, d. h. Kochsalzlösung des Blutes teilweise das Natron, das sich mit dem Kali als dem stärkeren Alkali verbindet und als für den Körper nicht weiter verwendbarer Stoff durch die Nieren ausgeschieden wird. Dieser Kochsalzverlust muß nun durch Einnahme dieser Verbindung gedeckt werden; deshalb schmeckt uns die Kartoffel nur mit Salz und mit gesalzenen Speisen wie Heringen, die gleichzeitig das ihr fehlende Eiweiß enthalten. Jedenfalls ist die Kartoffel weniger nahrhaft als das Getreide, weil in ihr das Stärkemehl mit einer weit geringeren Menge Eiweiß als in jenen verbunden ist. Unmöglich können wir mit ihr allein auskommen, sondern müssen Fett durch Schmälzen und etwas Eiweiß in Form von Hülsenfrüchten, Brot oder Fleisch dazu genießen. Dann ist sie eine sehr gute Speise, die wir auch tatsächlich nicht mehr missen möchten.
Diese Knollenfrucht wurde zuerst von den Indianern der chilenischen Anden in Pflege genommen und nach und nach durch Kulturauslese zur großknolligen, nahrhaften Nutzpflanze erhoben. Die noch jetzt zwar nicht mehr auf dem Festlande, wohl aber auf der chilenischen Insel Chiloe an steilen, felsigen, meist in der Nähe der Seeküste in gemäßigter Lage wildwachsend angetroffene Kartoffelpflanze bringt nur kleine, unschmackhafte, wässerige Knollen hervor und hat immer weiße, und zwar im Gegensatz zur kultivierten, wohlriechende Blüten. Im alten Kulturreiche der Inkas, das außer Peru auch Chile und Ekuador umfaßte, wurde diese Nährfrucht, die, nach der Zahl der schon damals vorhandenen Spielarten zu urteilen, schon seit Jahrtausenden in Kultur gestanden haben muß, überall angepflanzt, als der vormalige Schweinehirt, dann Soldat Francisco Pizarro mit einem Häuflein von Glücksrittern wie er selbst, die Uneinigkeit im Hause der „Sonnensöhne“ klug benutzend, durch Treulosigkeit, Verrat und unerhörte Grausamkeit das Land im Jahre 1533 einnahm, um dann 1541 63jährig von seines Genossen Almagros Sohn ermordet zu werden. Zuerst finden wir die Kartoffel in einer im Jahre 1553 in Sevilla gedruckten Chronik Perus von Petrus Ciça als trüffelartige Frucht erwähnt. Bald nach 1560 brachten die Spanier sie in ihre Heimat nach Spanien, von wo aus sie nach Italien gelangte. Hier nannte man sie nach ihrer Ähnlichkeit mit der Trüffel ~tartufulo~, d. h. Trüffel, woraus dann die Deutschen, als sie von Italien her mit dem Knollengewächs bekannt wurden, ihre zu Anfang des 17. Jahrhunderts noch allgemein gebräuchliche Bezeichnung Tartuffel bildeten, das später in Kartoffel umgeändert wurde. Der Erneuerer der Botanik Clusius (eigentlich Charles de l’Ecluse, 1526 in Arras geboren, war von 1573-1587 Hofbotaniker in Wien und von 1593 bis zu seinem 1609 erfolgten Tode Professor der Pflanzenkunde in Leiden in Holland), schreibt in seinem 1609 erschienenen Buch über ausländische Pflanzen, dieses Knollengewächs sei in Italien sehr gemein; man genieße die als ~tartufoli~ bezeichneten Knollen wie die Rüben und den Pastinak zum Fleisch, füttere aber damit vorzugsweise die Schweine. Die ersten Kartoffeln erhielt jener Gelehrte zu Anfang des Jahres 1588 von einem Freunde aus Belgien zugesandt. Damals war sie aber, durch die spanische Herrschaft eingeführt, teilweise schon in Burgund in Kultur.
Unabhängig von der Einführung durch die Spanier in die iberische Halbinsel, von wo sie sich dann nach Italien und dem übrigen Südeuropa verbreitete, gelangte die Kartoffel nach England. Und zwar herrschte im 18. und teilweise noch im 19. Jahrhundert bei den Gelehrten allgemein die Ansicht, daß sie zuerst durch den Engländer Franz Drake nach England eingeführt worden sei, von wo aus sie dann ihren Siegeszug nach dem europäischen Kontinent angetreten habe. Deshalb wurde diesem verdienten Manne 1853 ein Denkmal in der badischen Stadt Offenburg gesetzt. Diese Annahme hat sich bei genauerer Untersuchung als durchaus unrichtig erwiesen. Diesem Manne kommt nur das Verdienst zu, die Batate oder süße Kartoffel nach Europa gebracht zu haben, wo es ihr allerdings nur im Süden warm genug war, um zu gedeihen. So verbreitete sie sich bald über die heißen Gegenden der Alten Welt, ohne den Völkern Europas einen nennenswerten Nutzen zu bringen. Die Kartoffel dagegen gelangte zuerst auf britisches Gebiet durch den Sklavenhändler Hawkins, der sie bald nach 1565 aus Peru nach Irland brachte. Sie fand aber in jenem Lande, das heute diese Knollenfrucht vor allen anderen der Erde konsumiert, zunächst noch keine Beachtung. Im Jahre 1584 wurde sie durch den Schiffskapitän Walter Raleigh aus Virginien abermals nach Irland gebracht, wo er sie zunächst auf seinem Gute Yonghal pflanzte; von dort aus kam sie nach Lancashire in England. Dann soll Thomas Herriott 1586 ebenfalls Kartoffelknollen aus Virginien nach England gebracht haben. Doch ist hierzu zu bemerken, daß die Kartoffel in Virginien selbst im 16. Jahrhundert noch nicht kultiviert wurde, sondern vermutlich auf dem Handelswege, wenn nicht durch Raub auf einem Flibustierzuge in den Besitz der dort niedergelassenen Engländer gelangte, um von diesen den Schiffskapitänen nach Europa mitgegeben zu werden. Durch Franz Drake erhielt der Botaniker Gerard außer Bataten auch einige Saatkartoffeln, die er 1596 in seinem Garten in London anpflanzte. 1610 brachte Walter Raleigh abermals Kartoffeln aus Nordamerika nach seiner Heimatinsel Irland. Hier aber fand sie immer noch keine Aufnahme beim Volke, bis die Royal Society 1663 ihren Anbau durch alle möglichen Mittel zu befördern suchte, um der hier infolge von Mißernten des Getreides immer wieder auftretenden Hungersnot zu steuern. Trotz allen Bemühungen von Privaten und gemeinnützigen Gesellschaften, diese Nährfrucht im Lande einzuführen, wurde die Kartoffel in England erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts allgemeiner bekannt.
In Deutschland wurde die Kartoffel zuerst 1588 als Kuriosität in den kaiserlichen Gärten von Frankfurt am Main und Wien durch den bereits genannten Clusius unter der Bezeichnung ~Papas peruvianorum~ gepflanzt. Erst der von einem Hugenotten aus Amiens in der Picardie stammende, 1560 in Basel geborene und hier 1624 als Stadtarzt und Professor für Anatomie und Botanik verstorbene Kaspar Bauhin gab ihr im Jahre 1590 den ihr bis auf den heutigen Tag verbliebenen wissenschaftlichen Namen ~Solanum tuberosum~. In Frankreich kam die Kartoffel als große ausländische Rarität 1616 auf die königliche Tafel, ein Jahr nachdem der 1601 als Sohn Heinrichs IV. und der Maria von Medici geborene Ludwig XIII. unter Vormundschaft seiner Mutter die Regierung seines Reiches angetreten hatte, als sein Vater dem Anschlage des Mörders Ravaillac erlegen war. Um 1630 scheint sie zuerst in Lothringen und im Lyonnais angebaut worden zu sein; aber das ganze 16. Jahrhundert hindurch wurde sie nur versuchsweise angepflanzt und spielte als Nährmittel noch keinerlei Rollen. Noch unter Ludwig XIV. (1638 geboren, regierte seit seines Vaters Tod am 14. Mai 1643, zuerst unter Vormundschaft seiner Mutter Anna von Österreich und des Ministers Jules Mazarin, dann nach des letzteren Tode 1661 selbständig bis zu seinem 1715 erfolgten Tode, sein Reich in völliger Zerrüttung hinterlassend) war sie nur ein Leckerbissen der Vornehmen, von dem das gemeine Volk nichts wissen mochte. Um sie nun bei der konservativ an ihrem Hirse- und Haferbrei nebst Weizen- und Roggenbrot hängenden Landbevölkerung einzuführen, soll ein findiger Apotheker folgende List angewandt haben. Er versah mit Kartoffeln bestellte Felder mit Warnungstafeln, auf denen allen, die es wagen sollten, die kostbaren Feldfrüchte zu stehlen, empfindliche Strafen angedroht wurden. Durch diesen Kunstgriff soll dann erzielt worden sein, was durch einfache Empfehlung nicht erreicht werden konnte. Die Bauern der Umgegend stahlen die verbotene Frucht und lernten sie so kennen. Der König -- es soll Ludwig XV. gewesen sein --, die Königin und die Höflinge sollen sogar eine Zeitlang die Kartoffelblüte im Knopfloche getragen haben, um diese Knollenfrucht bei den Untertanen beliebt zu machen. Aber trotz allem Liebeswerben beharrten die französischen Bauern bei der Ablehnung der Kartoffel. Erst durch Parmentier, der sie in Deutschland kennen gelernt hatte, fand sie bald nach 1770 zunächst im Osten des Landes weitere Verbreitung. Als der Engländer Arthur Young kurz vor der großen Revolution von 1791 das Land bereiste, war sie in weiten Gebieten, namentlich in Westfrankreich, eine noch fast unbekannte Nährfrucht, und unter hundert Bauern, meint er, hätten sich gewiß neunundneunzig geweigert, sie auf irgendwelche Weise zubereitet auch nur in den Mund zu nehmen. Hier wie anderswo trugen erst die Hungersnöte von 1793 und 1817 zur Überwindung des Vorurteils gegen die Amerikanerin das ihrige bei, so daß sich die Bevölkerung nach und nach entschloß, sie bei sich einzuführen.
In Deutschland trugen die Nöte des Dreißigjährigen Krieges viel zur Einführung der Kartoffel bei, so daß sie hier früher als in Frankreich sich allgemeinerer Anerkennung erfreute. Schon um die Mitte des 17. Jahrhunderts wurde sie in Baden, Franken, Sachsen, Braunschweig und Westfalen gebaut. Friedrich II., der Große, der von 1740 bis 1786 regierte, verbreitete durch Gewaltmaßregeln den Anbau der schon 1738 in Preußen eingeführten Kartoffel in Pommern und Schlesien. Im Siebenjährigen Krieg, den er im Bunde mit England gegen Österreich, Rußland, Frankreich, Schweden, Sachsen und die Mehrzahl der deutschen Reichsstände von 1756-1763 führte, zeigte sich dann der Nutzen der Einführung dieser Mehlfrucht, ohne welche die Not und das Elend im Mißjahr 1770 noch viel größer geworden wären. Aber auch in Deutschland begann erst nach Abschaffung der reinen Brache ums Jahr 1780 ihr Anbau im großen. Als nach den Befreiungskriegen die wohlfeile Zeit anbrach, begann man sie in umfangreichem Maße auch als Viehfutter und zur Spiritusbrennerei zu verwenden. Um 1726 kam sie nach Schweden, um 1730 wurde sie bei Bern kultiviert und um 1760 war sie in den meisten Ländern eine bekannte Frucht, die von 1770 an größere Verbreitung in Böhmen und Ungarn fand. Nach Böhmen war sie von Brandenburg aus gekommen, weshalb sie in jenem Lande heute noch Bramborg heißt. Aber erst im 19. Jahrhundert wurde sie die beliebte und geradezu unentbehrliche Speise, als welche sie uns heute entgegentritt. Auch die russische Regierung wollte nicht zurückbleiben und ermunterte das Volk zu deren Anbau durch das Aussetzen von Prämien. In Griechenland verbreitete sich der Kartoffelbau erst, als der zum Könige des Landes ernannte Prinz Otto von Bayern 1833 mit bayerischen Truppen in Nauplia landete und die Verwaltung des Landes nach abendländischem Muster organisierte. Die Engländer verpflanzten sie in alle ihre Kolonien; schließlich fand sie auch im nördlichen China Aufnahme. Heute ist sie über die ganze Kulturwelt verbreitet und schätzt man die Produktion in Europa und den Vereinigten Staaten auf etwa 200 Milliarden kg, was eine ganz respektable Zahl bedeutet.
Mit dem allgemeineren Anbau der Kartoffel stellten sich aber auch verschiedene Krankheiten, wie sie mit Vorliebe die Kulturgewächse heimsuchen, ein. So verursachte von 1845-1850 die von einem Schmarotzerpilze aus der Familie der Peronosporeen (~Phytophthora infestans~) hervorgerufene Kartoffelkrankheit verheerende Epidemien in ganz Mitteleuropa. Vereinzelt war sie schon seit 1830, nach ihrer Einschleppung aus Amerika, in Deutschland beobachtet worden, doch erst seit dem regenreichen Sommer 1845, der zu ihrer Entwicklung sehr günstig war, fand sie allgemeine Verbreitung. Seit dieser Zeit ist sie nie mehr ganz verschwunden; doch ist die Wirkung des Pilzes offenbar in den letzten Jahrzehnten eine schwächere geworden und verursacht nur noch in sehr nassen Sommern größeren Schaden. Durch Infektion der Knollen verursacht sie die Knollenfäule, die sich nur durch Verwendung gesunder Knollen als Saatgut verhüten läßt. In neuerer Zeit hat man mehrfach widerstandsfähigere Sorten mit dickeren Schalen gezüchtet, die von der Krankheit weniger zu leiden haben. Von tierischen Feinden schaden der Kartoffel namentlich Engerling, der Drahtwurm, die Raupen der Nonne und Saateule, wie auch des Totenkopfes, endlich der nach seiner Heimat, den Tälern des Koloradoflusses im nordamerikanischen Felsengebirge, als Koloradokäfer bezeichnete Blattkäfer ~Doryphora decemlineata~, der zuerst die Kartoffelernten der westlichen Staaten Nordamerikas Jahre hindurch dermaßen vernichtete, daß man in vielen Distrikten den Anbau der Kartoffeln ganz aufgab. Unaufhaltsam schritt der Koloradokäfer seit 1859 nach dem Osten der Union vor, überall permanente Kolonien gründend, und trat 1877 in der Nähe von Mühlheim am Rhein und bei Torgau in Schlesien auf, ohne daß ermittelt werden konnte, wie er dorthin gelangt war, obschon die meisten Staaten Europas versucht hatten, durch ein im Frühjahr 1875 erlassenes Verbot der Einfuhr amerikanischer Kartoffeln sich den lästigen Schmarotzer vom Leibe zu halten. Dank dem sofortigen energischen Eingreifen der preußischen Regierung vermochte die Gefahr in der Folge abgewendet zu werden, wenn der Koloradokäfer auch 1888 nochmals bei Torgau, wo man ihn vernichtet wähnte, in größerem Maße auftrat.
Von anderen südamerikanischen Nachtschattenarten mit knolligen Reservestoffspeichern ist noch die +Sumpfkartoffel+ (~Solanum commersoni~) zu erwähnen, die in Argentinien und Uruguay heimisch ist und am La Plata häufig neben der Kartoffel gezogen wird, da sie mancherlei Vorzüge vor jener besitzt. Am besten gedeiht sie in schwerem, nassem Lehmboden, wobei das gelbe, bisweilen grünliche Fleisch seine ursprüngliche Bitterkeit mehr und mehr verliert. Als die Europäer nach Südamerika vordrangen, war sie die in Brasilien, wo die Kartoffel völlig unbekannt war, allein kultivierte Knollenfrucht aus der Familie der Nachtschattengewächse. Später wurde sie hier durch die eigentliche Kartoffel völlig zurückgedrängt. Auch in Europa hat sie sich bis jetzt nicht einzubürgern vermocht. So werden besonders in Frankreich fortgesetzt Versuche zu ihrer Akklimatisation gemacht, doch hat es bis jetzt nicht glücken wollen, sie hier zur Reife zu bringen. Im Jahre 1901 tauchte dort plötzlich in der Kultur des Gutsbesitzers Labergerie in Verrières (Dep. Vienne) eine sehr ertragreiche und gegen die gewöhnliche Kartoffelkrankheit widerstandsfähige Varietät mit violettem Fruchtfleisch auf. Außerdem zeichnete sie sich dadurch aus, daß sie auch in den Blattachseln sehr große Luftknollen erzeugte, die bis 21 cm lang, 8 cm breit und 850 g schwer wurden. Fünf an einem Bächlein gepflanzte Stöcke gaben 10 kg Knollen, ein anderer deren 2,5 kg, darunter eine gegliederte Knolle von 1 kg Gewicht. Allerdings zeigte diese vielversprechende violette Abart zahlreiche Rückschläge in den gelben Urtypus. In Deutschland und Österreich waren die Ergebnisse hauptsächlich wegen des Ausbleibens der Reife noch weniger günstige; doch dürfte diese Kartoffel in einem warmen Klima vielversprechend sein. Zudem ist sie leicht durch Kultur auf fruchtbarem Boden dahin zu bringen, daß ihr Fruchtfleisch seine Bitterkeit verliert.
Die Indianer der Anden von Peru und Bolivia, denen wir die für die Kulturwelt so überaus wichtige Kartoffelkultur verdanken, bauen außer der Kartoffel eine Reihe anderer Knollengewächse an, von denen dem einen oder anderen vermutlich eine größere Zukunft beschieden sein mag. Unter ihnen ist die von den Peruanern +Oca+ genannte ~Oxalis tuberosa~ die wichtigste. Diese Verwandte des Sauerklees hat große, gelbe, in langgestielten Dolden stehende Blüten mit am Rande gekerbten Blumenblättern und je nach der Sorte längliche oder runde, bis 7 cm lange, im allgemeinen unter Hühnereigröße bleibende außen weiße, gelbe, rosafarbene oder rotviolette Knollen, die 10-12 Prozent Stärkemehl enthalten, sich leicht kochen lassen und auch gut schmecken, aber 6-10 Tage der Sonnenwärme ausgesetzt werden müssen, um den ihnen sonst innewohnenden säuerlichen Geschmack zu verlieren. Bei längerem Aussetzen an die Sonne verlieren die Knollen einen Teil des Saftes und bekommen einen deutlich süßen Geschmack. Durch Frost und Mazerieren in stehendem Wasser bereiten sich die Peruaner eine Art Käse, Caya genannt, der trotz seines ekelhaften, faulendem Fleisch ähnlichen Geruches von den Eingeborenen sehr geschätzt wird. Die Vermehrung geschieht durch Knollen, die man in Abständen von einem Meter einlegt; die Ernte erfolgt im Herbst, wenn das Kraut durch Frost zerstört ist. Die Knollen lassen sich an einem kühlen Ort oder in trockenem Sand gut aufbewahren; auch kann man sie den Winter über in der Erde lassen. Ihre Zubereitung geschieht wie bei der Kartoffel; meist werden sie geschält und etwa 20 Minuten in Wasser gekocht mit Zusatz von etwas Soda, die ihnen eine schöne Bernsteinfarbe gibt. Mit Pfeffer und Salz geben sie ein angenehm schmeckendes, leicht verdauliches Gericht. Der Hauptvorzug der Oca vor der Kartoffel besteht in ihrer Ergiebigkeit, die dadurch außerordentlich gesteigert werden kann, daß man sie anhäufelt. Die Blätter und Spitzen der Schößlinge können wie Sauerampfer als Gemüse gekocht oder als Salat genossen werden. Sie ist seit längerer Zeit in Mittelfrankreich eingeführt. Eine andere, aus Mexiko stammende vielblätterige Sauerkleeart (~Oxalis esculenta~) hat rübenförmige Knollen von 10-20 cm Länge und 2-5 cm Dicke. In Wasser mit Salz gekocht sollen sie ähnlich wie gelbe Rüben schmecken; auch lassen sich die Blüten als Salat und die Blätter wie Sauerampfer verwenden. Beide Arten verdienen es, in den Bergregionen der Tropen angebaut zu werden.
Auf der Hochebene der Anden Perus wird auch eine als +Maca+ bezeichnete Art Kapuzinerkresse (~Tropaeolum tuberosum~) ihrer kastanienförmigen Knollen wegen gepflanzt. Frisch soll sie wässerig und von fadem Geschmack sein, doch wird sie von den Eingeborenen gerne gegessen und deshalb viel angebaut. Ähnlich wie die Oca kann man auch sie durch Besonnung und nachheriges Gefrierenlassen zum Süßwerden, zur Einschrumpfung und zu jahrelanger Haltbarkeit bringen. Ebenso werden in Chile die Knollen einiger Arten der Gattung ~Tropaeolum~ von den Eingeborenen gegessen und teilweise angebaut. Wichtiger als diese ist der +Ulluco+ (~Ullucus tuberosus~), eine Meldenart mit zarthäutigen, je nach der Varietät außen weiß, rosa, rötlich, gelb, violett, innen dagegen gelb bis grünlich gefärbten, länglichen oder runden Knollen, die etwas kleiner sind als Kartoffeln. Die kletternden, überall Wurzeln bildenden Stengel tragen langgestielte, herzförmige, glänzend-grüne, dicke Blätter. Es gibt unter ihnen schlechtere und bessere Sorten; letztere werden sehr gerühmt, schmecken aber in Wasser gekocht etwas fade, weshalb man sie mit Pfeffer ißt. Auf solche Weise gewürzt munden sie sehr und sollen an Güte den Ocas gleichkommen, sollen aber schwerer verdaulich sein und sich frisch nur zwei Monate halten. Besonnt aber und dem Frost ausgesetzt, sollen sie sich wie die vorigen über ein Jahr aufbewahren lassen. Außerdem läßt sich das Kraut wie Spinat benutzen. Die Ernte findet im Spätherbst statt, wenn das Kraut abgestorben ist, und zwar ist die Ergiebigkeit eine ganz außerordentliche. So hat man beispielsweise aus fünf ausgepflanzten Knollen in Gent und in Riga nicht weniger als 2000 allerdings meist ziemlich kleine Knollen erzielt.
In weit tieferen Lagen als die vorgenannten Knollengewächse gedeiht in den Bergen von Venezuela und Kolumbien ein als +Arracacha+ bezeichnetes Doldengewächs mit fast einem halben Meter langen, dreiteilig gespaltenen Blättern und gelblichen oder dunkelvioletten Blüten. Die Güte und der Nährwert der Knolle wird vielfach von den Reisenden gerühmt. Sie wird wie die Kartoffel verwendet, auch Stärkemehl und ein alkoholisches Getränk wird daraus gewonnen; doch wird die Pflanze kaum je außerhalb ihrer Heimat angetroffen, da sie sich nicht sehr leicht akklimatisiert. Eine dieser als ~Arracacia xanthorhiza~ genannten Umbellifere nahe verwandte Art, ~Arracacia moschata~ wird in Mexiko in ähnlicher Weise benutzt und ziemlich häufig angepflanzt. Auch sie dürfte vor allen Dingen für solche Gebirgsgegenden in den Tropen in Betracht kommen, wo die Kartoffel wegen zu großer Feuchtigkeit schlecht gedeiht, während die vorher besprochenen Knollengewächse in besonders hohen und trockenen Gebirgsgegenden der Tropen versucht werden sollten.
Im östlichen Nordamerika dagegen ist ein anderes Knollengewächs heimisch, das sich sehr wohl zum Anbau in kälteren Gegenden eignet und auch in Mitteleuropa reiche Erträge liefert. Es ist dies der +Erdapfel+ oder +Topinambur+ (~Helianthus tuberosus~), ein im Staate Indiana wildwachsend gefundener Verwandter unserer Sonnenblume (~Helianthus annuus~), der schon von den Indianern im Gebiet der heutigen Vereinigten Staaten und von Kanada angepflanzt wurde. Er hat einen 2,5-3,8 m hohen, blattreichen Stengel und gelbe, 8 bis 10 cm im Durchmesser haltende Blütenköpfe, die bei uns nur in warmen Herbsten zur Entwicklung gelangen. Zuerst kam er 1617 nach England und ein Jahr später durch Lescarbot nach Frankreich, wo man ihn bald darauf als ~topinambaux~ zu verkaufen anfing. Die Wilden aber nannten ihn, wie letzterer Autor in seiner ~histoire de la nouvelle France~ erzählt, ~chiqiuebi~. Der erste Europäer, der in Nordostamerika die Bekanntschaft der ovalen, außen rötlichen, innen aber weißen, spitz zulaufenden Knollen bei den Indianern machte, war der Engländer Champlain, der im Jahre 1603 berichtet, daß die Eingeborenen diese den Geschmack von Artischocken besitzenden Wurzeln anbauen. Auch der Name Topinambur scheint aus der Sprache eines nordamerikanischen Indianerstammes herzurühren. Die Pflanze gedeiht noch im schlechtesten Boden und ist winterhart; ihr Ertrag kommt im allgemeinen demjenigen der Kartoffel ziemlich nahe, dabei ist sie viel einfacher und billiger zu pflanzen. In nahrhaftem Boden setzt eine Pflanze 4-5 kg sehr nahrhafter, nach dem Kochen in Wasser angenehm süßlich schmeckender Knollen an. Diese können im November geerntet und den Winter über in trockenem Sand aufbewahrt werden; oder man kann sie auch im Boden belassen und nach Bedarf herausnehmen, in welchem Falle sie mit Stroh bedeckt werden, damit die Erde zur leichteren Entnahme frostfrei bleibe. Trotz der großen Vorzüge hat die Pflanze, nachdem sie kurz nach dem 1648 zu Ende gegangenen Dreißigjährigen Krieg nach Deutschland eingeführt wurde, nur vorübergehend für den Menschen Bedeutung als Nährpflanze erlangt und wurde im Laufe des 18. Jahrhunderts durch die Kartoffel verdrängt. Noch dient sie in manchen Gegenden dem Menschen zur Speise, doch wird sie bei uns fast nur noch als Viehfutter und zur Spiritusgewinnung angepflanzt, obschon ihre Wurzelknollen einen sehr angenehmen Artischockengeschmack besitzen und sehr nahrhaft sind. In neuester Zeit bindet man den Flugsand mit Vorliebe mit Topinambur.
Weit größere Bedeutung als er scheint eine andere nahe Verwandte aus dem südlichen Nordamerika erlangen zu wollen. Es ist dies der +~Helianthi~+, in seiner Heimat meist ~Salsifis~ genannt, ein Kreuzungsprodukt von ~Helianthus doronicoides~ und ~decapetalus~, das eine Pflanze von 3,5 m Höhe mit dunkelgrünem Laub und goldgelben Blütenköpfchen darstellt. Das Kraut gibt ein vorzügliches Grünfutter und die saftigen, verdickten Wurzeln bilden ein sehr schmackhaftes, leichtverdauliches und dabei sehr nahrhaftes Gemüse, das mit der Zeit noch große Bedeutung erlangen wird. Der Ertrag ist sehr bedeutend, indem eine einzige Pflanze bis 9,5 kg Wurzelknollen ergibt. Ein Hektar Land mit ~Helianthi~ bepflanzt bringt wenigstens 100000 kg Knollen, also um die Hälfte mehr, als wenn die Fläche mit Kartoffeln bepflanzt worden wäre. Man pflanzt ihn von November bis Ende April in irgendwelchen gedüngten Boden. Ein einmaliges Behacken und Behäufeln genügt. Gegen Mitte November beginnt die Ernte, sobald die Stengel vertrocknet sind. Man kann aber auch die Knollen an Ort und Stelle im Boden lassen, die Büschel abschneiden und die Oberfläche mit einer guten Schicht Stroh bedecken, damit der Frost das Herausnehmen der Knollen nicht erschwere. Die Pflanze widersteht der größten Hitze wie der größten Kälte Nordamerikas und ist berufen, nicht als Ersatz der Kartoffel, wohl aber als wichtiges, billiges Wintergemüse eine ungemein bedeutende Rolle zu spielen. Sind die Knollen des ~Helianthi~ gegen das Frühjahr hin geschrumpft, so genügt es, sie einige Stunden ins Wasser zu legen, damit sie Aussehen und Geschmack von frischen erhalten.
Dem östlichen Nordamerika, von Kanada bis Virginien, gehört eine dem ~Topinambur~ ähnliche Knollenwurzel von ~Apios tuberosa~ an. Dieselbe soll wie Artischocken schmecken und wird stellenweise angepflanzt und als Speise gegessen. Desgleichen finden ihre Samen Verwendung. Für die Westküste Nordamerikas jenseits des Felsengebirges dient die mehlreiche Wurzel von ~Lupinus littoralis~ denselben Zwecken. Am meisten wird sie von den Bewohnern des Staates Kolumbia als Nahrung benutzt. Eine dritte Leguminose, die +Batatenbohne+ (~Stizolobium tuberosum~) auf den Antillen, zeichnet sich durch eine kindskopfgroße Knollenwurzel, eine vierte, die +Rübenbohne+ (~Pachyrhizus angulatus~) auf den Philippinen und Molukken, durch eine dicke, rübenartig schmeckende Wurzel aus. Sie ist im ganzen tropischen Asien bekannt und wird teilweise angebaut. Von der Batatenbohne dienen auch die Samen dem Menschen zur Nahrung.
Im Orient werden die großen Zwiebeln von ~Crocus edulis~, zur Zeit, da sie eben zu treiben beginnen, gern gegessen und kommen in Menge auf den Markt. In ähnlicher Weise wird in der Türkei die Zwiebel des Safrans roh oder gekocht verzehrt. Als Gemüsepflanze kommt für uns Europäer neuerdings auch der in China und Japan heimische Knollenziest (~Stachys tuberifera~) in Betracht, der ebenfalls sehr nahrhafte Wurzelknollen bildet, die kastanienähnlich schmecken und sehr leicht verdaulich sind, so daß sie sich besonders für Leute mit schwacher Verdauung eignen. Die Pflanze wurde 1887 zuerst in Crosnes in Frankreich eingeführt, gedeiht mit Leichtigkeit in einem durchlässigen, nahrhaften Boden und leidet nicht durch Frost. Nach dem Absterben des Krautes können die Knollen geerntet werden, doch läßt man sie gewöhnlich bis zum Gebrauch im Boden, da sie sich außerhalb der Erde nicht lange halten. Ihr Geschmack ist sehr fein; mit Vorliebe werden sie wie die vorigen mit holländischer Sauce zubereitet.
Berühmt durch äußersten Wohlgeschmack sind manche unterirdische Knollenbildungen bei Pilzen. Von den in Europa wachsenden sind die +Trüffeln+ die geschätztesten. Es sind dies die unter der Erde sich bildenden fleischigen Fruchtkörper einiger Pilze aus der Familie der Tuberazeen, deren als Mycel bezeichnetes feines Geflecht von weißen Fäden sich spinnwebeartig im Waldboden ausbreitet und nach Art der ~Mykorrhiza~ in Symbiose mit den Wurzeln der verschiedensten Waldbäume lebt. Vorzüglich gedeihen diese Pilze im humusreichen, kalkhaltigen Boden um Eichen, Hain- und Rotbuchen, Kastanien und Haselnußsträucher. Wird der Waldbestand abgeholzt, so verschwinden auch die Trüffeln; wenn aber der Boden wieder mit Gehölz bewachsen ist, so erscheinen sie alsbald aufs neue. Von den etwa 50 Arten in Europa ist die in den Laubwäldern, besonders Eichenwaldungen, Südfrankreichs und Italiens, selten auch in der Rheingegend vorkommende +schwarze Trüffel+ (~Tuber melanosporum~) mit dunkelbrauner Oberfläche und schwärzlichen Adern besser als die außen gleichgefärbte, innen aber mit schwärzlichgrauen Adern durchzogene ~Tuber brumale~, die bis zu 1 kg schwer und dann über faustgroß wird. Die meisten in den Handel kommenden Trüffeln haben die Größe einer mittleren Kartoffel oder einer welschen Nuß, sind kugelig und mit zahlreichen Wärzchen besetzt. Sie zeigen die Härte einer Kartoffel und sind außen schwarzrötlich, innen dagegen hell- oder dunkelviolett gefärbt. Am geschätztesten sind die von Périgueux in Südfrankreich versandten sogenannten Périgordtrüffeln, die man durch zu diesem Zwecke abgerichtete Hunde oder Schweine, die dem aromatischen Geruch des Fruchtkörpers des Trüffelpilzes nachgehen und den Erdboden an den Stellen, wo sich solche finden, aufzuwühlen beginnen, aufsucht. Übrigens gibt es in Frankreich auch viele geübte Trüffelsucher, die ohne weitere Hilfsmittel das Vorhandensein von Trüffeln an gewissen Veränderungen, kleinen Spalten oder dergleichen, der Bodenoberfläche erkennen. Sie liegen 2 bis 10 cm tief und geben den spezifischen Geruch von sich, um allerlei Insekten und Würmer herbeizulocken, die die winzigen Sporen, mit denen sie sich beim Fressen an der Trüffel besudeln und die sie auch in ihrem Kote von sich geben, zu verbreiten haben.
Bei der in Südfrankreich betriebenen Trüffelkultur handelt es sich nicht um die Aufzucht aus den Sporen, die bis vor kurzem nicht gelingen wollte, sondern um Verbreitung und reichlichere Entwicklung bereits im Boden befindlicher Mycelien durch die von ihnen bewohnten Wurzeln lebender Bäume, besonders Eichen. Bei Aufzucht von solchen Sämlingen aus Trüffelrevieren lassen sich schon nach zehn Jahren reichliche Trüffelernten gewinnen. Erst in jüngster Zeit hat man regelrechte Trüffelkulturen zustande gebracht, indem man die in Laboratorien zum Keimen gebrachten Sporen der Trüffel mit Rübenschnitzeln oder zerkleinerten Eicheln vermischte und die darin erzielten Mycelien, d. h. Pilzfäden, mit der Beigabe von Rüben oder Eicheln in jungen Eichenwäldern sorgfältig in den Boden eingrub, damit der Pilz die Symbiose mit dem Wurzelgeflecht der Bäume eingehe. Solche Kulturen lassen schon nach 4 bis 5 Jahren die erste ausgiebige Trüffelernte gewinnen. Der französische Trüffelhandel datiert seit dem Jahre 1770 und erstreckt sich jetzt nicht bloß über Süd-, sondern auch Mittelfrankreich. Am meisten dieses von den Feinschmeckern überaus hochgeschätzten Leckerbissens erzeugt die Provence. Besonders berühmt sind die Trüffelkulturen am Fuße des Mont Ventoux im Departement Vaucluse, der bei allen Gebildeten durch die Schilderung bekannt ist, die der berühmte italienische Dichter Francesco Petrarca von seiner im Jahre 1336 mit seinem Bruder Gerardo unter großen Schwierigkeiten und ohne Führer unternommenen Besteigung gab, als die Freude an pittoresker Naturbetrachtung zum erstenmal bei den Menschen des Abendlandes zum Durchbruch gelangte. Die Abhänge dieses Berges wurden seit 1858 neu mit Eichen aufgeforstet, die nun eine reiche Trüffelernte abwerfen. Seither kommt in der Stadt Apt im Departement Vaucluse jeden Winter eine Trüffelernte von 15000 kg zu Markt. Der Ertrag dieser Knollenart für ganz Frankreich läßt sich auch nicht annähernd abschätzen, doch muß er ein ganz gewaltiger sein, wenn man bedenkt, daß die Ausfuhr dieses Landes sich auf mehr als 1,5 Millionen kg im Werte von etwa 35 Millionen Franken jährlich beziffert.
Das Trüffelsammeln, das heute berufsmäßig betrieben wird, war früher ein Sport, dem viele große Herren mit Leidenschaft oblagen. Damals beherrschten die vornehmen Dilettanten das Feld, das heute einen lohnenden Beruf für viele bildet. Der Herzog Victor Amadeus II. von Savoyen (1675-1730), der im Frieden von Utrecht 1713 außer dem Königstitel die Insel Sizilien bekam, die er dann 1720 gegen die Insel Sardinien vertauschte, hatte eine besondere Vorliebe für die Trüffel„jagd“, wie sie von den Franzosen gern genannt wird. Sein Sohn Karl Amadeus III., der von 1730 bis 1773 das Land regierte, teilte diese Vorliebe und hielt sich ganze Meuten von Trüffelhunden und erfahrenen Jagdgehilfen, mit denen er alljährlich mehrmals große Trüffeljagden abhielt. Mit Vorliebe wurden solche den Gästen zu Ehren abgehalten. Auch der Herzog von Cumberland war ein passionierter Trüffeljäger, gleich Ludwig XV. und vielen deutschen und polnischen Königen. Zu diesem Zwecke wurden an den Höfen des 18. Jahrhunderts stets sorgfältig abgerichtete Trüffelhunde gehalten, deren erste Exemplare ums Jahr 1720 von Burgund nach Deutschland kamen.
In Deutschland kommt die schwarze Trüffel nur im wärmeren Südwesten, besonders im Rheintal vor. Hier könnte sie mit Erfolg gezüchtet werden, wodurch viel deutsches Geld, das für französische Trüffeln außer Land geht, im Lande behalten werden könnte. Außer den beiden genannten berühmtesten Trüffelarten werden aber noch verschiedene andere gegessen, so die +weiße italienische Trüffel+ (~Tuber magnatum~) mit hellbrauner, glatter Oberfläche und starkem knoblauchartigem Geruch, dann ~Tuber aestivum~ und ~T. mesentericum~, deren Fruchtfleisch mit hellbraunen Adern durchzogen ist, ferner die sogenannte +Holztrüffel+ (~Tuber excavatum~ und ~T. rufum~), die alle am häufigsten in Frankreich und in Italien, doch auch stellenweise in Deutschland vorkommen. Eine der wichtigsten Arten für letzteres Land ist die sogenannte +weiße deutsche Trüffel+ (~Choiromyces maeandriformis~) mit etwa faustgroßen, außen blaßbraunen, innen weißen, mit wenigen dunkeln Adern durchzogenen Knollen. Sie findet sich besonders in Schlesien und Böhmen, außerdem in Oberitalien und England. Volkswirtschaftlich von großer Bedeutung sind zwei in den Mittelmeerländern vorkommende Arten, ~Terfezia leonis~ und ~T. boudieri~, die schon von den Römern sehr geschätzt wurden und von ihnen in großer Menge aus Nordafrika und später auch aus Syrien bezogen wurden. Hier überall schmarotzen diese Pilze an den Wurzeln von Helianthemumarten. Von der nordafrikanischen Bezeichnung ~terfez~ für sie ist nicht nur die wissenschaftliche Bezeichnung ~Terfezia~, sondern wahrscheinlich auch die italienische Benennung ~tartufi~ und daraus unser Trüffel wie auch Kartoffel (aus dem Italienischen ~tartufoli~) abzuleiten. Diese Trüffelarten besitzen ein sehr angenehmes Aroma und galten bei den Alten wie alle Trüffeln überhaupt als die Sinnlichkeit anregendes Mittel. Sie wurden damals schon gebraten oder mit Rotwein gekocht und mit Olivenöl genossen, auch als Bestandteil von Pasteten, oder als Zusatz zu Fleischspeisen, Brühen, Suppen usw. verwendet. An den Rändern der Sahara kommen diese letztgenannten Arten in solchen Mengen vor und werden von der Eingeborenenbevölkerung, besonders in Algerien, in derartigen Quantitäten gesammelt, daß sie für jene fast ebenso wichtig ist als die Kartoffeln für uns. Die Trüffeln müssen in luftigen Räumen aufbewahrt werden und kommen in Fässern verpackt oder als Konserven oder in Wein gekocht und dann in Öl eingemacht in den Handel. Frische Trüffeln halten sich im Erd- oder Sandbett in guten Kellern bis 14 Tage und länger.
Den Trüffeln schließen sich naturgemäß, obschon sie keine unterirdischen Knollen, sondern oberirdische Fruchtkörper in Form von Hüten bilden, die verschiedenen andern +eßbaren Pilze+ an, die im Gegensatz zum grünen Gemüse verhältnismäßig sehr reich an Eiweiß sind, so daß man sie mit Recht als das Fleisch des Waldes bezeichnet hat. Durch ihre Schmackhaftigkeit und ihr angenehmes Aroma haben sie von jeher ihre Liebhaber besonders bei den Feinschmeckern gefunden, wenn sich auch die große Menge des Volkes, aus Angst sich zu vergiften, bis jetzt, sehr mit Unrecht, ablehnend dagegen verhielt; denn es sind an wirklich giftigen Pilzen noch sehr wenig Menschen gestorben. Diejenigen, die davon krank wurden, wurden es dadurch, daß sie im Übermaß alte, bereits in Zersetzung übergegangene Pilze aßen. Solche nachteilige Folgen können aber auch von andern überständigen und in zu großen Mengen gegessenen Speisen hervorgerufen werden.
Die Pilze verdienen es in der Tat, ein Volksnahrungsmittel zu werden, da sie nicht nur herrlich schmecken, sondern auch recht nahrhaft sind. Wenn sie auch zu neun Zehnteln aus Wasser bestehen, so ist doch ein Viertel des verbleibenden Restes für den Menschen ausnutzbares Eiweiß, so daß sie bei den steigenden Lebensmittelpreisen und der zunehmenden Fleischteuerung gerade für die weniger Bemittelten einen willkommenen Ersatz des Fleisches bilden. 1 kg frische Pilze enthält etwa ebensoviel ausnutzbares Eiweiß als 100 g frisches Fleisch. Und zwar sind junge Pilze nach den Untersuchungen von Kohlrausch und Lösecke eiweißreicher als alte. So beträgt der Eiweißgehalt des getrockneten Hutes junger Pilze nach Margiewicz beim Steinpilz 44,99 Prozent, beim Birkenröhrling 43,90, beim Rothautröhrling 40,91, beim Butterröhrling 40,74, beim Filzröhrling 39,85, beim echten Reizker 38,12, beim Hallimasch 28,16, beim echten Gelbling 27,77 Prozent. Zudem besitzen sie außer etwas Fett und Kohlehydraten einen reichen Gehalt an Nährsalzen, besonders phosphorsauren und Kaliverbindungen, so beim getrockneten Steinpilz, als dem nährsalzreichsten, 19 Prozent, während im besten Ochsenfleisch nur 17 Prozent davon enthalten sind. In frischem Zustande beträgt der Nährsalzgehalt durchschnittlich ½-2 Prozent. Auf die Trockensubstanz berechnet enthält an Nährsalzen der Steinpilz also 19 Prozent, der Pflaumenrößling 15, der Nelkenschwindling 10,75, die Spitzmorchel 9,0, der echte Gelbling 8,19, der Butterröhrling 6,38, der Traubenziegenbart 6,23, der Kuhröhrling 6,0, das Schafeuter 2,8 Prozent. Bei diesem Nährwert lohnt es sich schon der Mühe, die zahlreichen eßbaren Pilze, die der Wald umsonst bietet, und die der Mensch aus Unkenntnis und Trägheit darin verfaulen läßt, zu sammeln, wobei das Suchen dieser Pflanzen an sich schon Körper und Geist günstig beeinflußt. Welche Freude bietet nicht eine solche Exkursion für alt und jung, welcher Jubel schallt da nicht durch Wald und Feld, wenn sich die verschiedensten Pilze an den dem Kenner wohlbekannten Standorten finden, und wie schmecken zu Hause diese Schwämme, die man selbst gesucht hat, weit besser als Markthallenware! Zudem lassen sie sich durch Trocknen oder Sterilisieren oder Einmachen in Essig konservieren und so jederzeit als schmackhafte Würze und Beilage verwenden. Um die eßbaren von den giftigen Pilzen zu unterscheiden, gibt es zahlreiche Pilzbüchlein mit schön kolorierten Tafeln, unter denen das vom Kaiserlichen Gesundheitsamte in Berlin herausgegebene Pilzmerkblatt, das zur Orientierung vollkommen genügt, schon für 10 Pfennige zu haben ist. Hauptsächlich sollte es die Schule übernehmen, auf Ausflügen die Jugend mit den eßbaren und nichteßbaren Pilzen bekanntzumachen. So würde die übertriebene Furcht vor giftigen Pilzen durch Aufklärung weiterer Volksmassen am ehesten zu beheben sein; denn es gibt glücklicherweise nur verhältnismäßig wenig giftige Pilze, und diese sind zudem von der Natur als solche deutlich gekennzeichnet, so daß man sie mit einiger Übung leicht und untrüglich als solche herausfinden kann. Die Hauptsache aber bleibt stets, daß die Pilze frisch und in mehr jugendlichem Zustande gepflückt als Speise verwendet werden, da alte, verdorbene Exemplare von eßbaren Sorten vielfach ebenso schädlich als die eigentlich giftigen sind. Fast alle Pilzvergiftungen lassen sich darauf zurückführen, daß solche verdorbene Pilze verspeist wurden. Und wer im Volke sie nicht selbst essen mag, der sammle und verkaufe sie und kaufe sich mit dem daraus erworbenen Gelde eine ihm besser zusagende Speise. Die Armen ernähren sich auch nicht mit Erdbeerschnitten, obgleich die Erdbeeren im Walde umsonst zu haben sind.
Tafel 53.
Tafel 54.
Der geschätzteste der eßbaren Hutpilze und der einzige unter ihnen, der im großen Maßstabe künstlich gezüchtet wird, ist der +Feldblätterschwamm+ oder +Brachpilz+ (~Agaricus campestris~), besser unter dem französischen Namen +Champignon+ bekannt. Er findet sich vom Mai bis Oktober auf sandigen Waldwiesen und auf Weideplätzen, in gedüngten Feldern und Obstgärten, in Weingärten und an Waldrändern in Europa, Asien, Nordamerika und Nordafrika und bildet bis 10 cm breite, weiße bis bräunliche fleischige Hüte. Eine besonders aromatische Varietät wird vielfach in Kellern und andern dunkeln Räumen mit möglichst gleichmäßiger Temperatur gezogen. Bei der Anlage solcher Kulturen bringt man nicht zu alte käufliche Champignonbrutziegel aus Pferde- und Kuhmist mit etwas Gartenerde, die mit den Myzelien des Brachpilzes durchwachsen sind, in Beete von frischem, strohfreiem, durch vorherige Behandlung nicht mehr gärungsfähigem Pferdemist, die nach 3-4 Wochen etwa 3 cm hoch mit lockerer, sandiger Erde bedeckt werden. Die Brutbeete werden durch öfteres Begießen feucht gehalten. Dabei durchwuchert das Pilzfadengeflecht rasch das gesamte Nährsubstrat und schreitet dann, nachdem es ihm seine Nährstoffe entzogen hat, zur Bildung der Fruchtkörper. Wenn letztere nach 7-8 Wochen hervorbrechen, werden sie, bevor sich der Hut zu sehr in die Breite entwickelt hat, an der Stielbasis mit einem Messer abgeschnitten und auf den Markt gebracht. Läßt der Ertrag nach einigen Wochen nach, so werden neue Beete angelegt. Besonders um Paris herum wird die Champignonkultur in den zahllosen unterirdischen Steinbrüchen mit ihrer gleichmäßigen Wärme im großen betrieben und bildet für zahllose einfache Leute eine lohnende Beschäftigung, die auch in Deutschland mit aller Energie betrieben werden sollte; denn dieser vortreffliche Speisepilz wird in der feinen Küche sehr viel verwendet und der aus ihm bereitete Extrakt bildet ein vorzügliches Würzmittel für Suppen und Saucen. Schon die römischen Feinschmecker schätzten seinen delikaten Geschmack sehr und Kaiser Nero, dem es gewiß nicht an guten Bissen fehlte, soll ihn sogar als Götterspeise bezeichnet haben. Bis in unsere Zeit gab es Gourmets, besonders französische, die diesen beliebten Pilz gern eigenhändig sammelten und zubereiteten. Franzosen waren es auch, die den Champignon in deutsche Küchen einführten, namentlich vornehme Emigranten, die, auf den Broterwerb angewiesen, sich in der Fremde nicht selten der in ihrer Heimat hochkultivierten Kochkunst widmeten und dadurch mitunter ein Vermögen erwarben. Die einfachste Art der Zubereitung ist, ihn in frischer Butter zu dünsten und mit ein wenig Zitronensaft zu beträufeln. Manche Leute behaupten, daß sein Aroma angenehmer hervortrete, wenn man statt Butter Ochsenmark verwende. Auch in Ausbackteig gebacken schmeckt er nicht übel, und wohl kaum ein anderer Pilz findet so viel Verwendung wie er zu Saucen, Ragouts und Frikassees.
Neben dem Champignon wird der +Steinpilz+ (~Boletus edulis~), in Frankreich ~cèpe~ genannt, sehr geschätzt und kommt getrocknet in Schnitzen und als Ölkonserve in den Handel. Ihn durch Aussäen von Sporen auf Stellen im Walde zu übertragen, wo er bisher fehlte, ist nicht gelungen, wohl aber bei der +Nußkraterelle+ (~Craterellus nucleatus~), die im Aroma nur der Perigordtrüffel nachsteht. In Japan wird ein außerordentlich schmackhafter Pilz (~Agaricus shitake~) in großen Massen gezüchtet, indem seine Kultur für ganze Distrikte des japanischen Waldes die einzige Art der Forstbenutzung bildet. Nach dem Laubfall werden jüngere Stämme und armdicke Äste verschiedener Laubholzarten gefällt, etwa 100 Tage im Walde liegen gelassen und dann in meterlange Stöcke zersägt, die mit tiefen Einschnitten versehen werden. Die an den Pilzkulturplätzen stets gegenwärtigen Sporen des Schitakepilzes nisten sich in diese Wundstellen ein, das sich entwickelnde Pilzmyzel verwandelt das Holz in eine weißliche, brüchige Masse und schon im Herbst des ersten Jahres, besonders aber im zweiten und in den folgenden vier Jahren nach der Infektion brechen teils aus der Rinde, teils aus der Schnittwunde die Pilze hervor, die merkwürdigerweise je größer, desto besser und teuerer sind. Prof. Mayr hat versucht, den Schitakepilz bei uns einzuführen. Dabei zeigte es sich, daß Buche, Hainbuche und Birke sich am besten zur Aufzucht desselben eignen, daß jedoch die jungen Kulturen sehr unter den einheimischen Pilzen, die sich an denselben Stellen ansiedeln, und unter Schneckenfraß zu leiden haben. Doch sollen die Versuche fortgesetzt werden. Jedenfalls wäre der Pilz geeignet, im Regenwalde der tropischen und subtropischen Kolonien am Holze der wertlosen Baumarten, die doch nur das Wachstum der wertvollen behindern, gezüchtet zu werden.
Schon die Römer der Kaiserzeit schätzten die Trüffel, die sie ~tuber~ nannten, wie auch die verschiedenen anderen Speisepilze. Am höchsten stand in ihrer Wertschätzung der in den Wäldern von ganz Italien heimische und heute noch beim Volke als Speise beliebte +Kaiserling+ (~Agaricus caesareus~), den sie ~boletus~ nannten. Er sieht dem Fliegenschwamm ähnlich, weshalb verhängnisvolle Verwechslungen vorkommen können. Plinius schreibt in seiner Naturgeschichte, daß er, wie auch die +Steinpilze+ (~suillus~), zu seiner Zeit bei den Vornehmen in Mode kam. Beide wachsen um die Wurzeln von Eichen, und zwar wachsen die besten an denen der Stieleiche; „die unter Steineichen, Zypressen und Pinien aber sind schädlich. Man ißt sie auf gut Glück und sie bilden jedenfalls eine vortreffliche Speise, doch sind sie auch schon zu entsetzlichen Verbrechen benutzt worden. So ist der Kaiser Tiberius Claudius durch Gift ums Leben gekommen, das seine (zweite) Gemahlin Agrippina unter ein Gericht Kaiserschwämme gemischt hatte.“ Der Geschichtschreiber Suetonius (70-140 n. Chr.), der Geheimschreiber des Kaisers Hadrian, sagt in seiner Biographie des 52 n. Chr. erst 43 Jahre alt vergifteten Kaisers Claudius, dieser sei sehr gierig nach diesen Schwämmen gewesen. Und in der Biographie Neros bemerkt er dazu: „Wenn auch Kaiser Nero nicht an der Vergiftung seines Stiefvaters Claudius geradezu schuld gewesen ist, so hat er doch jedenfalls darum gewußt: Das leugnete er auch gar nicht und nannte die Kaiserlinge (~boletus~) -- denn in diesen war das Gift dem Claudius beigebracht worden -- eine Speise für Götter.“ Und derselbe Autor sagt in seiner Biographie des Tiberius: „Kaiser Tiberius gab dem Asellius Sabinus 200000 Sesterzien (etwa 30000 Mark) für einen Dialog, worin der Kaiserling, die Feigendrossel, die gewöhnliche Drossel und die Auster (als die feinsten Leckerbissen) um den Vorrang stritten.“ Der Satiriker Martial (40-120 n. Chr.) erwähnt in seinen Gedichten öfter den Kaiserling. In einem Epigramm sagt er: „Ich begreife wahrhaftig nicht, Poeticus, wie du mich zu Tische laden und dabei so grob sein kannst, mir Mießmuscheln, an denen ich mir die Lippen zerschneide, Steinpilze (~suillus~), die für die Schweine gehören, und eine im Käfig krepierte Elster vorzusetzen, während du deinen Bauch mit gemästeten Austern, Kaiserlingen und zarten Turteltauben anfüllst.“ In einem andern ruft er aus: „Bist du denn verrückt, Caecilianus, daß du dich allein hinsetzest und Kaiserlinge vor aller Welt issest (ohne mich zu solchem Mahle einzuladen)? -- Du bist ein gefräßiges Leckermaul und ich wünsche dir einen Kaiserling in den Hals, wie ihn Kaiser Claudius gegessen hat.“ Und in einem seiner Xenien meint er von einem Schlemmer: „Silber, Gold und kostbare Kleider entbehrt das Leckermaul leicht, aber Kaiserlinge wahrhaftig nicht.“
Der griechische Arzt Claudios Galenos (131-200 n. Chr.) bezeichnet in seiner Schrift über die Eigenschaften der Nahrungsmittel die Kaiserlinge, die auf allerlei Weise gewürzt gegessen werden, als geschmacklos, aber jedenfalls als die unschädlichste Sorte Pilze: „Nach ihnen folgen dem Range nach die +Champignons+ (~amanítai~). Der Sicherheit wegen sollte man andere Pilze gar nicht anrühren, denn es sind schon viele Leute durch sie vergiftet worden. Ich kenne sogar jemand, der nach dem reichlichen Genuß nicht gehörig gekochter Kaiserlinge (~bōlítēs~), die doch für ganz unschädlich gelten, schwere Zufälle, Ohnmacht und kalten Schweiß bekam, und sich nicht eher erholte, als bis er die Schwämme ausgespien hatte.“ Plinius empfiehlt an dritter Stelle die +Steinpilze+ (~Boletus edulis~), von den Römern ~suillus~, d. h. Schweinepilz genannt. „Diese aber“, fährt er fort, „werden am leichtesten zu Vergiftungsversuchen gebraucht. So sind vor kurzer Zeit ganze Familien und ganze Tischgesellschaften damit ums Leben gekommen, so Annaeus Serenus, Oberst bei der Garde Neros, so Tribunen und Zenturionen. Wie ist es möglich, daß jemand sich nach einer so gefährlichen Speise kann gelüsten lassen?
Manche haben die Pilze nach den Bäumen, bei denen sie wachsen, als eßbar oder giftig unterscheiden wollen; aber diese Unterscheidung kann denen nicht helfen, die von fremden Leuten gesammelte Pilze kaufen. Alle giftigen Pilze sehen bläulich aus, und sie sind für um so giftiger zu halten, je ähnlicher der Saft des Baumes, bei dem er gewachsen, dem des Feigenbaumes (also milchig) ist.
In manchen Fällen können Pilze auch als Heilmittel gebraucht werden. So hält Glaucias die Kaiserlinge für magenstärkend. Die Steinpilze werden, mit einer Binse durchstochen, aufgehängt und getrocknet; so kommen sie von Bithynien aus in den Handel. Sie werden gegessen um rheumatische Entzündungen des Unterleibs zu heilen, dienen auch äußerlich gegen Fehler der Haut.
Ich will ferner noch einige allgemeine Bemerkungen über die Zubereitung der Pilze geben, weil sie der einzige Leckerbissen sind, den die vornehmen Leute eigenhändig zubereiten, wobei sie im voraus in Erwartung des bevorstehenden Genusses ganz selig sind, und die Pilze mit Elektron- (Silber und Gold gemischt) oder Silbermessern zerschneiden.
Schädlich sind diejenigen Pilze, die beim Kochen härter werden; solche werden unschädlich, wenn man sie mit Zusatz von Soda tüchtig durchkocht. Auch dadurch schützt man sich vor Vergiftung durch sie, daß man sie mit Fleisch oder mit Birnenstielen kocht. Auch Birnen, welche gleich nach den Pilzen gegessen werden, sind nützlich; ferner ist Essig ein Mittel, das ihrem Gifte entgegenwirkt.“
Der Arzt Galenos rät gegen Pilzvergiftung Wermut oder Raute mit Essig zu trinken und fährt fort: „Asklepiades gibt bei Pilzvergiftung rohen Rettich in Menge zu essen und ungemischten Wein dazu zu trinken. Ich aber habe in Mysien einen Mann kennen gelernt, der denjenigen, die an Pilzvergiftung litten, Hühnermist eingab, und ich habe dann selbst Versuche mit diesem Mittel angestellt, indem ich den Mist fein zerrieb und in mit Wasser oder Honig gemischten Essig tat. Die Patienten bekamen alsbald, nachdem sie die Mischung getrunken hatten, Erbrechen und genasen sodann. Dabei ist zu beachten, daß der Mist von freigehenden Hühnern weit wirksamer ist als derjenige von eingesperrten.“
Auch die Trüffeln fanden bei den alten Griechen und Römern ihre Liebhaber. So sagt Plinius von den Trüffeln (~tuber~), die Martial in einem Epigramm an Wohlgeschmack nur den Kaiserlingen nachstehen läßt: „Sie sollen nach heftigen, im Herbst eintretenden Regengüssen und Gewittern entstehen. Ihre Entstehung und die Tatsache, daß sie ganz ohne Wurzel wachsen, berechtigen, sie zu den wunderbaren Dingen zu rechnen. Sie liegen ganz in der Erde ohne mit ihr in irgend einem Zusammenhang zu stehen und ohne sie emporzutreiben. Sie haben eine eigentümliche Rinde und finden sich meist in trockenem, sandigen Boden unter Gebüsch. Sie erreichen die Größe einer Quitte und die Schwere eines Pfundes. Es gibt zwei Arten derselben: eine sandige, welche den Zähnen schadet, und eine reine. Übrigens unterscheidet man sie nach ihrer braunroten oder schwarzen und inwendig weißen Farbe. Am höchsten werden die afrikanischen geschätzt. Wie sie entstehen, und ob sie Leben haben, weiß man nicht, wohl aber, daß sie zuletzt verfaulen. Dem gewesenen Praetor Lartius Licinius, der zu Carthago in Spanien (dem heutigen Cartagena) die Rechtspflege verwaltete, ist es, wie ich weiß, vor wenigen Jahren passiert, daß er auf einen Denar, der in eine Trüffel eingewachsen war, so biß, daß sich seine Vorderzähne schief bogen, woraus man auf die Art und Weise, wie die Erde sich zu Trüffeln ballt, schließen kann. Als sicher kann man es jedenfalls ansehen, daß sie entstehen, aber auch als sicher, daß man sie nicht anpflanzen kann.
Den Trüffeln ähnlich ist das Misy in der Provinz Cyrenaika (dem heutigen Barka in Tripolis); es zeichnet sich durch lieblichen Geruch und Geschmack aus, ist aber fleischiger; auch ist ihnen in Thracien das ~iton~ und in Griechenland das ~geranion~ ähnlich. -- Bei Mytilenä soll es nun Trüffeln geben, wenn Trüffelsamen durch Überschwemmung von Tiarä, wo sie sehr häufig sind, herabkommt. In Kleinasien finden sich die beliebtesten zu Lampsacus und Alopekonnesus, in Griechenland um Elis.“
Endlich sagt der griechische Arzt Galenos, der einer der gesuchtesten Ärzte Roms war und zur Zeit des Septimius Severus daselbst starb: „Die Trüffel (~hýdron~) muß man zu den Wurzeln oder Knollen zählen. Sie haben an sich wenig Geschmack, werden mit Gewürz gegessen, und sind unschädlich.“
Wie in Europa, so finden übrigens auch überall anderwärts verschiedene Pilze als geschätzte Nahrung des Menschen Verwendung, unter denen wir wegen seiner außergewöhnlichen Größe nur den als ~indian potatoe~ bezeichneten +Riesenpilz+ ~Lycoperdon solidum~ erwähnen wollen, der überall in den Südstaaten der nordamerikanischen Union auf eben abgeholztem Waldboden erscheint. Er erreicht ein Gewicht von 8-15 kg und wurde von den Indianern gern verzehrt. Ebenso lebten einst die in die Wälder flüchtenden Negersklaven fast gänzlich von ihm.
Wie die Pilze sind auch viele Arten von +Seetang+ eine vom Menschen gern gegessene, von der Natur gespendete Speise. So werden eine ganze Anzahl derselben an den verschiedenen Küsten teils roh, teils gekocht gegessen. Manche derselben enthalten außer knorpligem Schleim auch ziemliche Mengen von Stärkemehl und Zucker. Ebenso verhält es sich mit manchen +Flechten+, unter denen die +Mannaflechte+ (~Lecanora esculenta~) die bekannteste ist. Sie wächst vorzugsweise in den Steppen von Südrußland bis Zentralasien in großer Menge auf sonst von Vegetation völlig entblößtem, lehmigem Boden oder nacktem Fels, locker mit der Unterlage, auf der sie haftet, verbunden, ohne von ihr Feuchtigkeit, sondern nur einige Nährsalze zu verlangen. Sie wird daher durch Winde, die ja in diesen Steppen eine außerordentliche Gewalt annehmen, leicht losgerissen, in Vertiefungen angesammelt, oder durch heftige Stürme auch wohl in weitere Entfernungen getragen, wo sie dann das höchst merkwürdige Phänomen des Mannaregens hervorbringt, das in Kleinasien und Persien zu verschiedenen Malen und auch an anderen Orten beobachtet wurde. Diese meist in haselnußgroßen Stücken gefundene Flechte enthält außer Stärkemehl und Inulin über 23 Prozent Gallerte und wird von den armen Steppenvölkern, vermahlen und zu Brot gebacken, gern gegessen. Sie wurde fälschlicherweise von Ehrenberg für das Manna der Bibel erklärt, das wir unter den Zuckerarten kennen lernen werden.
Überall im Norden wird auch die als „isländisches Moos“ bezeichnete +Renntierflechte+ (~Cetraria islandica~) als ein nach Entfernung des ihr anhaftenden Bitterstoffes durchaus nicht zu verschmähende Nahrung nicht nur für die Renntiere, die sich hauptsächlich von ihr ernähren, sondern auch für den Menschen gegessen und teilweise ebenfalls zu Brot verbacken. In den zirkumpolaren Gegenden, wo es mit der pflanzlichen Nahrung sehr übel bestellt ist, nimmt der hungrige Mensch dankbar solche Nahrung entgegen. Und wenn Eskimos ein Renntier erlegt haben, ist ihnen der mit dieser Flechte erfüllte Renntiermagen ein sehr geschätzter Leckerbissen, dessen Inhalt sie sorgfältig sammeln, um ihn mit Blut vermischt für festliche Anlässe aufzubewahren, bei denen er dann nur mit Herbeiziehung der allerbesten Freunde als eine Leckerei ohnegleichen gegessen wird. Doch muß man schon ein genügsames Kind der Arktis sein, um an einem solchen Kompott ein so großes Wohlgefallen zu haben.
IX. Die Ölgewächse
Hinsichtlich ihres Vermögens der Arbeitsleistung und Wärmebildung im Körper stehen die Fette hoch über den Eiweißkörpern und Kohlehydraten, d. h. den Stärkemehl und Zucker enthaltenden Nahrungsstoffen. Beträgt der Verbrennungswert dieser letzteren, sowohl der Eiweißkörper als der Kohlehydrate, 4,1 Wärmeeinheiten pro g, so beläuft sich dieser Betrag beim Fett auf 9,3 Wärmeeinheiten pro g. Bei dieser mehr als doppelten Nährkraft ist es kein Wunder, daß namentlich der in einem kalten Klima lebende Mensch, der reichlich durch Ausstrahlung verloren gehende Wärme zu ersetzen hat, mit Vorliebe fettreiche Speisen verzehrt, die er, solange er auf der Jägerstufe lebte, in den Fettablagerungen der von ihm erbeuteten Tiere fand. Noch heute klingt es in den Sagen aller Nordvölker durch, welch große Bedeutung dem Nierenfett und dem Knochenmark als vielbegehrtem Leckerbissen der Vorzeit zukam. Als der Mensch sich zum Viehzüchter erhob, konnte er dieses instinktive Bedürfnis nach Fett im fetten Fleische und dem Speck, später auch in der aus der Milch gewonnenen Butter seiner Herdentiere befriedigen.
Erst als er zum Hackbau sich erhob und infolgedessen notgedrungen an die von ihm bearbeitete Scholle gebunden war, suchte er seinen Fettbedarf aus dem Pflanzenreiche zu decken. Dieser war ein besonders großer, da die mehlreichen Samen und Wurzelknollen, wie auch die grünen von ihm verspeisten Pflanzenteile in der Regel auffallend arm an Fett sind. Deshalb war er darauf angewiesen, seine Mehlspeisen zu schmälzen; nur so schmeckten sie ihm. Wie heute noch unsere Landbevölkerung ihre Schmarren und Knödel in Schmalz oder Butter bäckt und Butter oder fetten Käse zum Brote genießt, so suchte die Hackbäuerin der Urzeit unter den Pflanzen ihrer Umgebung instinktiv nach solchen, die Fett in ihren Samen enthielten. Diese zerquetschte sie und genoß sie als solche; auf einer höheren Stufe jedoch preßte sie das Fett aus ihnen aus und benutzte es zum Schmälzen ihrer aus dem Mehl der verschiedenen Getreidearten bereiteten Fladen und Breie. Um solche Fettspender stets zur Hand und in größerer Menge zu haben, nahm sie solche in Hegung und vermehrte dann durch Kulturauslese den Ertrag an dem gewünschten Rohstoff.
Einer der ältesten Ölspender der Menschheit ist der +Sesam+ (~Sesamum indicum~), der seit sehr langer Zeit in Südasien, speziell Indien, im großen kultiviert wird. Seine Heimat ist nach A. de Candolle das östliche tropische Asien, insbesondere Indonesien, wo er heute noch, beispielsweise auf Java, wild angetroffen wird. Der Berliner Botaniker Ascherson dagegen hält unter Berücksichtigung der pflanzengeographischen Ermittlungen Afrika für die Heimat der Sesampflanze, da von den 12 Arten der Gattung ~Sesamum~ nicht weniger als 10 diesem Erdteile angehören. Trotzdem scheint uns letztere Annahme wenig wahrscheinlich. Jedenfalls läßt sich für uns ihre Kultur zuerst in Indien nachweisen, wo der Engländer Watt in Behar und im nordwestlichen Himalaja eine der Sesampflanze sehr nahestehende wilde Art fand. Schon vor 3500 Jahren drang die Sesamkultur aus Indien in die Euphratländer, wo nach Herodots Zeugnis alles Öl aus Sesamsamen gewonnen wurde. Er schreibt darüber: „In Assyrien (und Babylonien) hat man kein Olivenöl, dagegen gebraucht man dort das Öl, das man vom Sesam (~sḗsamon~) gewinnt, der dort baumhoch wird.“ Nach Ägypten kam die Kultur des Sesams erst während der Mitte des letzten vorchristlichen Jahrtausends, wo ihn Theophrastos (390-286 v. Chr.) zuerst erwähnt. Früher war er im Niltal vollständig unbekannt und wird weder im Kult, noch auf den Denkmälern der alten Ägypter erwähnt; auch finden sich in den Grabbeigaben keinerlei Spuren von ihm. Auch das Alte Testament kennt ihn durchaus nicht, was doch der Fall sein müßte, wenn ihn die Juden vor ihrem Auszuge in Ägypten kennen gelernt hätten. Auch nach China kam er erst zu Beginn der christlichen Zeitrechnung; wenigstens wird erst in einem Buche des 5. Jahrhunderts seiner Erwähnung getan. Er heißt dort ~chi-ma~, während er im Sanskrit ~tila~, im Indischen ~gingils~, im Malaiischen ~widjin~ und im semitischen Vorderasien ~simsim~ hieß, woraus dann die Griechen ~sḗsamon~ machten. Die alten Ägypter scheinen die Pflanze ~ake~ genannt zu haben, während sie die Samen derselben ~schemschem~ hießen. Letzteres ist also die ägyptisierte semitische Bezeichnung; demnach müssen es Semiten gewesen sein, die diese Kulturpflanze in Ägypten einführten. Wie diese uralte Kulturpflanze in der indischen Kultur eine wichtige Rolle spielt, so tat sie es auch im frühen Mittelalter bei den Arabern, die sie ~semsem~ nannten. Welche bedeutende Rolle sie bei jenen spielte, bekunden schon die Märchen aus Tausend und Einer Nacht, wo das Wort Sesam als ~semsem~ einen Zauberspruch zum Öffnen von Türen bildet.
Heute bildet der Sesam eine sehr wichtige Nutzpflanze für China, Japan, ganz Süd- und Vorderasien, Ost- und Westafrika und neuerdings sogar Amerika; denn er hat sich fast das ganze Gebiet der Tropen und Halbtropen erobert. Er ist ein einjähriges, aufrechtes Kraut mit ungeteilten Blättern und einzeln in den Blattachseln stehenden, rachenförmigen, hellroten Blüten. Ein blühendes Sesamfeld gewährt einen sehr hübschen Anblick. Die reife Frucht ist eine längliche, stumpf-vierkantige Kapsel, welche von der Spitze nach der Basis aufspringt und in jedem Fache eine Anzahl etwa 3 mm langer und 1,5 mm breiter, zu beiden Seiten abgeplatteter Samen von braunschwarzer, rötlicher oder gelblicher Farbe trägt. Nach diesen Farbendifferenzen des Samens, die als Beweis uralter Kulturvarietäten ins ferne Altertum zurückgehen, unterscheidet man eine dunkle und eine helle Sesamsaat. Letztere gibt ein besseres, erstere aber ein reichlicheres Öl von gelber Farbe, fast ohne Geruch und von angenehm süßem Geschmack, das die vorzügliche Eigenschaft besitzt, nicht leicht ranzig zu werden. Da die Samen außer größeren Mengen Eiweiß durchschnittlich 56,8 Prozent Öl besitzen, ist ihr Nährwert ein sehr großer, so daß sie in Form von Mehl oder als daraus gewonnenes Öl und selbst als Ölkuchen die tägliche Nahrung für die große Mehrzahl der indischen Bevölkerung bilden.
Der Sesam gedeiht am besten in möglichst gleichmäßig warmem Klima auf leichtem, lehmig-sandigem Boden. Sein Anbau erfordert keine große Mühe und bringt in der Regel reiche Erträge. Die ganze Kultur der Pflanze liegt in den Händen der Eingeborenen, die ihn vorzugsweise als Brotkorn für ihren eigenen Bedarf bauen und nur aus dem Überschuß des Ertrages Öl pressen, das sie meist verkaufen. Eine vorzügliche Sorte baut man in Ägypten und Palästina an, wo aus Sesammehl die berühmte Fastenspeise ~chalba~, eine Art mit Zitronat und Honig versetzter Kuchen, bereitet wird. Die grob zerstoßenen Samen dienen auch zur Herstellung eines nahrhaften Breies, der selbst Europäern mundet, und das gewöhnliche Brot, wie auch alle Kuchen, werden mit den ganzen Samen bestreut, so wie man bei uns den Mohn- oder Kümmelsamen verwendet. Meist jedoch wird auch hier das in ihnen enthaltene Öl ausgepreßt und im Haushalt als Speiseöl und zur Beleuchtung verwendet, während die Preßkuchen Menschen und Tieren als Nahrung dienen.
Das Sesamöl ist von süßlichem, sehr angenehmem Geschmack, völlig geruchlos und wird erst nach langer Zeit durch Aufnahme von Sauerstoff aus der Luft ranzig. Da die Sesamsamen durchschnittlich 56 Prozent desselben enthalten, ist der Ertrag daran ein sehr reichlicher. Doch schwankt bei ihnen wie bei allen hier zur Besprechung gelangenden andern Fettlieferanten der Fettgehalt je nach Klima und Kulturmethode; auch ist die Ausbeute an Öl je nach der Gewinnungsmethode verschieden. Stets werden die Samen zuerst in Stampfen oder neuerdings zwischen Walzen zerquetscht und unter Zusatz von Wasser auf Filtergängen gemahlen, um die Zellen, die das Öl enthalten, zu zerreißen. Aus den tropischen oder subtropischen Produktionsländern gelangt der als Überschuß der Ernte verkaufte Sesam meist als Samen nach Europa, und zwar hauptsächlich nach Marseille, wo erst das Öl in großen Pressen gewonnen wird, um dann bei der Kunstbutterbereitung, bei der Seifenfabrikation und zum Verschneiden des Olivenöls Verwendung zu finden. Die Rückstände, welche außer Fett noch 36 Prozent Eiweiß enthalten, liefern ein sehr wertvolles Viehfutter. Ostindien führt jährlich gegen 200 Millionen kg Sesamsamen und 13,5 Millionen kg Sesamöl aus; Ost- und Westafrika exportiert etwa halb soviel. Deutschlands Sesameinfuhr beträgt jährlich etwa 615 Millionen kg im Werte von 15 Millionen Mark.
In Indien, wie in ganz Südasien und Ozeanien stehen seit alter Zeit die 67 Prozent Fett enthaltenden +Kokosnüsse+ als beliebtes Speisefett im Gebrauch. Das ölreiche, weiße Nährgewebe derselben ist für die Eingeborenen ein wichtiges Nahrungsmittel, das feingerieben den verschiedensten Mehlspeisen zugesetzt wird. Außerdem stellt es einen wichtigen Handelsartikel dar, das sich seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts den europäischen Weltmarkt erobert hat. Hierzu wird es an der Sonne getrocknet und heißt dann +Kopra+. Als solches kommt es nach Europa, wo es in großen Kesseln erwärmt wird; das dabei ausgeschmolzene Fett sammelt sich oben an und wird abgeschöpft. Es ist schön weiß und schmeckt milde, hat aber einen unangenehmen Geruch, wird auch leicht ranzig. Die moderne Technik hat es aber zustande gebracht, das Kokosnußfett von seinen unangenehm riechenden Bestandteilen zu befreien und ein Fett in den Handel zu bringen, das als sehr geschätzter, billiger und sehr haltbarer Ersatz für tierische Fette unter dem Namen +Kunerol+, +Palmin+ usw. sich mit Recht einer zunehmenden Verwendung als Speisefett an Stelle oder gemischt mit Milchbutter erfreut. Der weitaus größte Teil des Kokosnußfetts wird aber zur Herstellung von Kerzen und Seifen verbraucht. Weil Kokosseife die einzige ist, die auch im salzigen Meerwasser schäumt, ist sie besonders bei den Seeleuten sehr beliebt. Die Gesamteinfuhr Deutschlands an Kopra beträgt gegenwärtig etwa 18 Millionen Mark, wovon es jetzt schon über ein Drittel aus seinen Kolonien decken kann. Weitaus am meisten liefert Samoa im Werte von gegen 3 Millionen Mark. Aus 7000 Früchten erhält man 1000 kg Kopra. Das Zerschneiden und Trocknen der Kokoskerne wurde zuerst von den Franzosen in Ostafrika praktiziert und dann von einer Hamburger Firma auch auf den Südseeinseln eingeführt.
Für den europäischen Markt war früher und ist heute noch das +Olivenöl+ das wichtigste Speise- und Brennfett. Aus den am besten mit der Hand abgenommenen Oliven, die 56-70 Prozent Fett enthalten, wird bei schwacher Pressung in der Kälte das gelbliche, süße, feine Speiseöl gewonnen, während man bei stärkerem Druck und warmer Pressung das gewöhnliche Öl gewinnt, das vielfach als Lampenöl Verwendung findet, besonders aber bei der Seifenfabrikation benutzt wird. Dem guten Olivenöl der Provence verdankt die Marseiller Seife ihren guten Ruf, von der nach beiläufiger Schätzung jährlich 600000 Zentner gewonnen werden. Die Preßrückstände werden schließlich noch mit Wasser ausgekocht, wodurch allerdings nur geringwertige Ölsorten gewonnen werden, die höchstens als Maschinenöl dienen können. Sie sind trübe und werden in Knochenkohlefiltern geklärt. Aber selbst aus ihren Rückständen läßt sich durch langsame Zersetzung in halb mit Wasser gefüllten Zisternen, wobei sich alles noch vorhandene Öl auf der Oberfläche der fürchterlich riechenden Flüssigkeit sammelt und abgeschöpft wird, ein noch für Fabriken verwendbares Öl gewinnen. Solches Öl ist auch das Tournantöl, das in der Türkischrotfärberei eine große Rolle spielt.
Noch wichtiger als die bisher genannten Öle ist das +Palmöl+, das aus dem Fruchtfleisch der Ölpalme (~Elaeis guineensis~) gewonnen wird. Es kann geradezu als das wichtigste aller Fettstoffe aus dem Pflanzenreiche gelten, von dem Deutschland jährlich für gegen 40 Millionen Mark einführt. Es dient hauptsächlich zur Seifen- und Kerzenfabrikation, wird aber auch zur Herstellung von Kunstbutter verwendet. Die Preßrückstände bilden ein beliebtes Viehfutter, aber auch ein Verfälschungsmittel für Gewürze, namentlich für Pfeffer.
Die Heimat der Ölpalme ist, wie wir sahen, das tropische Westafrika, wo sie manchenorts weit sich erstreckende Wälder bildet. Eigentlich angebaut wird sie selten; in der Regel beschränken sich die Eingeborenen darauf, vor Beginn der Regenzeit die überflüssigen Wedel mit dem Buschmesser zu entfernen und die ganze Krone durch Ausbrennen von Ungeziefer zu reinigen. Sie haben dann nur zu ernten, aus den Palmnüssen das Fruchtfleisch auszubrechen, dasselbe durch Kochen in Wasser oder Liegenlassen in der Sonne zu erweichen und in Mörsern zu zerstampfen, wobei das Öl heraustritt. Dasselbe ist orangegelb, hat einen angenehmen Geschmack, riecht leicht nach Veilchenwurzel und hat bei Zimmertemperatur Butterkonsistenz. Den Negern dient es allgemein als Speisefett; doch wird es mit der Zeit weiß und ranzig. Den Überschuß ihres Öles und die Palmkerne verkaufen sie an die Europäer, die aus den letzteren in Europa vermittelst eigens dazu konstruierter Maschinen das Palmkernöl gewinnen, das noch wertvoller als das Palmöl aus dem Fruchtfleische der Palmnüsse ist.
In Westafrika ist auch die +Schibutter+ beliebt, die aus den Samen des im Sudan heimischen Schibaums (~Butyrospermum parkii~) gewonnen wird. Hier findet sich der etwa 9 m hohe, zu den Sapotazeen gehörende Baum von der Tracht eines Apfelbaums vorzugsweise an trockenen und steinigen Orten von Senegambien bis zu den Ufern des Nils, meist im lichten Buschwald. Der Stamm ist rauh, reich verästelt und hat eine breite, aber nicht dichte Krone. Die langgestielten, ovalen, etwas lederigen, in der Jugend mit rostfarbenem Filz bedeckten Blätter sind büschelartig an den Enden der dicken Zweige zusammengedrängt. Die Blüten sind kurzgestielt und haben ebenfalls einen rostfarbenen Filzbelag. Die Früchte sind eirunde, einsamige, grüne Beeren, deren äußere Schicht von einem weichen, wohlschmeckenden, gelben Fleische gebildet wird, das die Eingeborenen gerne essen. Darunter liegt +ein+ glänzendbrauner Samen von Taubeneigröße ohne Nährgewebe, aber mit ölreichen, fleischigen Kotyledonen (Samenlappen), die die Schibutter liefern. Diese ist ein hellgrünliches Fett von angenehmem Geruch und Geschmack, das nicht leicht ranzig wird und von den Eingeborenen zum Backen und Kochen, zum Einreiben des Körpers, zum Brennen in den Lampen usw. gebraucht wird. In der europäischen Industrie dient sie zur Herstellung von Kerzen und Seife. Hierzu ist sie so geeignet als das Palmöl, vor dem sie noch den Vorzug hat, daß sie nicht gebleicht zu werden braucht.
In den deutschen Kolonien Togo und Kamerun kommt der Schibaum überall in den Steppen wild vor. Die Neger bauen ihn kaum an, weil die wilden Bestände ihrem Bedarf vollständig genügen. Weil der Baum vorzugsweise im Innern vorkommt und der Transport an die Küste durch Träger viel zu teuer ist, lohnt sich der Absatz an die europäischen Faktoreien in den meisten Fällen schlecht. Mit den besseren Transportmitteln und der stärkeren Nachfrage würde sich auch das Angebot an Schinüssen steigern. Auch würde der Anbau des Baumes den Eingeborenen keine Schwierigkeit machen, zumal er mit dem schlechtesten Boden vorlieb nimmt und sehr geringer Feuchtigkeit bedarf. Aus Togo werden etwa für 30000 Mark Schifrüchte jährlich ausgeführt. Obwohl die Schibutter den Vorzug hat, sich auch bei der Berührung mit Luft lange zu halten, ohne ranzig zu werden, so eignet sie sich weniger für den Handel als die reifen Früchte. Aus diesen gewinnen die Eingeborenen das Fett, indem sie die Samen nach Entfernung der Schale in Wasser kochen und dann zerstampfen. Das sich an der Oberfläche sammelnde Öl wird abgeschöpft und erkalten gelassen.
Ähnlich wie die Früchte des Schibutterbaumes werden diejenigen eines im westafrikanischen Urwald wachsenden, ansehnlichen, 30-40 m hohen, von den Duallas in Kamerun +~nyabi~+ genannten Baumes, den wir auf beifolgender Tafel gefällt vorführen, verwendet. Derselbe besitzt eine dicke Borke ähnlich der Eiche, darunter eine Milchsaft führende Schicht, und ein außerordentlich hartes, rötliches Holz ähnlich dem Mahagoni, nur noch feinporiger, das gerne als Werkholz benutzt wird, obschon der bei der Bearbeitung desselben entwickelte Holzstaub die Schleimhäute stark reizt. Die apfelgroßen, grünen Beerenfrüchte enthalten drei kastanienartige, nur länglichere Samenkerne, die bei der Reife in einem schleimigbreiigen Fruchtfleische liegen. Bei der während der Regenzeit erfolgenden Reife sammeln die Neger die abgefallenen Früchte, kochen sie in Wasser weich, drücken sie nach dem Erkalten mit den Händen aus und sieden das so entstandene Mus dann nochmals, wonach sie das weiße, gänseschmalzartige Fett abschöpfen. Trotz seinem etwas eigentümlichen Beigeschmack wird es von den Eingeborenen so gerne wie Palmöl als Speise zu ihrer sonst fettarmen Pflanzenkost gegessen.
Als weiteren Fettspender besitzt das tropische Westafrika den +Butterfruchtbaum+ (~Pentadesma butyraceum~). Es ist dies ein hoher Baum mit gegenständigen, großen, länglicheirunden Blättern, großen, roten, einzelstehenden Blüten, aus denen fleischige Früchte von der Größe kleiner Melonen hervorgehen. In ihnen liegen 4 cm lange und 3 cm dicke rote Samen, aus deren fleischigen Kotyledonen die Eingeborenen ein gelbes Fett gewinnen, das sie als Zusatz zu ihrem ~fufu~ genannten Brei aus stärkemehlhaltigen Knollen sehr lieben.
Fernerhin wachsen dort einige baumartige Sapotazeen mit gestielten, lederartigen Blättern und eirunden Früchten, die als +Illipenüsse+ von den Negern gesammelt werden, um aus den ölreichen, fleischigen Kotyledonen ein ebenfalls geschätztes Speisefett zu gewinnen. Ebenso finden sich dort baumartige Euphorbiazeen mit großen, langgestielten Blättern und Steinfrüchten, die als +Osangilenüsse+ aus dem Kamerungebiet in den Handel kommen. Aus diesen, die von den Deutschen als Kerzennüsse bezeichnet werden, gewinnt man gleichfalls durch Kochen der Samen mit fleischigen, ölreichen Samenlappen ein als Speisefett geschätztes Öl.
In den Küstenregionen des tropischen Westafrika, aber auch im Innern, wächst stellenweise in größeren Mengen der zu den Leguminosen gehörende +Owalabaum+ (~Pentaclethra macrophylla~) mit gelblichweißen Blüten und 60-80 cm langen und 10 cm breiten Hülsen, deren verholzte Klappen sich bei der Reife oft plötzlich und mit großer Gewalt zurückrollen, so daß die 8-10 Samen mitunter weit fortgeschleudert werden. Letztere sind 8 cm lang, 5 cm breit und 1 cm dick. Sie haben eine glänzende holzige Samenschale, die sie befähigt, wenn sie von den an der Küste befindlichen Bäumen aus ins Meer fallen, unbeschadet der Keimkraft weite Reisen mit den Meeresströmungen zu machen. So hat man an der norwegischen Küste wiederholt solche und andere Hülsen tropischer Leguminosen angeschwemmt gefunden, die noch vollkommen entwicklungsfähig waren. Die dicken Kotyledonen sind sehr ölreich, enthalten außerdem über 30 Prozent Stickstoff, sind also stickstoffreicher als unsere Hülsenfrüchte. Das daraus gepreßte Öl eignet sich sehr gut für die Kerzen- und Seifenindustrie, und die Preßrückstände liefern ein vorzügliches Viehfutter. Die Eingeborenen benutzen sie als geschätztes Nahrungsmittel, das sie teils roh, teils gekocht, teils zu einem sehr nahrhaften Brot gebacken genießen.
Nicht minder beliebt ist das Dika-Brot, das besonders die Gabunneger gerne essen. Es wird durch Einwirkung eines milden Feuers aus den ebenfalls sehr ölreichen Samen des +Dikabaumes+ (~Irvingia gabunensis~) hergestellt. Es ist dies ein bis 30 m hoher, breit ausladender Baum des tropischen Westafrika mit langen Zweigen, welche erst nach den Enden zu reichlicher verästelt sind und große lederartige Blätter tragen. Die Frucht ist eine grüne, eirunde, ziemlich große Steinfrucht mit saftigem Fruchtfleisch, in welchem die sehr eiweiß- und ölreichen Samen stecken.
Große ölreiche Samen haben auch die bis 30 m hohen +Karapabäume+ (~Carapa guianensis~), die die Küsten des tropischen Westafrika, aber auch Guianas und der Karaiben bewohnen. Ihre Frucht ist eine 10 cm dicke, fünffächerige, kugelige, holzige, in jedem Fache 6-8 kantige, kastaniengroße, braune Samen enthaltende Kapsel, welche sich mit fünf Klappen öffnet. Die rundlichen Samen enthalten eine braune, holzige Schale, welche sie befähigt, durch die Meeresströmungen getrieben, unbeschadet der Keimkraft, weite Seereisen zu machen. In ihren fleischigen Kotyledonen enthalten sie zu 60 Prozent ein für die Industrie sehr wertvolles Öl, das Karapaöl, dessen große Bitterkeit indessen eine Verwendung desselben bei der Bereitung von Speisen ausschließt; doch ist es für die Seifenfabrikation sehr gut geeignet. Gleichfalls in Guiana, wie auf den Antillen und an der westafrikanischen Küste wächst ~Carapa procera~, das ein ähnliches bitteres Öl liefert, das von den Negern hauptsächlich zu dem Zwecke gewonnen wird, um ihre Körper zum Schutze gegen Insekten damit einzuschmieren. ~Carapa moluccensis~ in Südasien dagegen liefert ein Öl, das in der Seifenfabrikation verwendet wird. In Indien und Ceylon betrachten die Eingeborenen dieses Öl als ein gutes Mittel gegen Rheumatismus. Wie das westafrikanische Karapaöl dient dasjenige der Samen eines eben dort heimischen rankenden Strauches ~Omphalea diandra~, die bis zu 65 Prozent eines bernsteinfarbenen Öles enthalten, den Negern zu mannigfacher Verwendung.
Ein anderer Fettspender, der im tropischen Afrika weit verbreitet ist und namentlich im Gebiet des oberen Niger und in Sierra Leone seit längerer Zeit, in Togo dagegen erst neuerdings von den Eingeborenen gepflanzt wird, ist ~Polygala butyracea~, ein Strauch von mehr als 1 m Höhe mit rutenförmigen, behaarten Stengeln und langen, schmalen, kurzbehaarten Blättern. Endständig entwickeln sich aus den Blütentrauben Kapselfrüchte mit länglichen Samen, die 18 Prozent eines bräunlichgelben, butterartigen Fettes enthalten, das einen angenehmen, nußartigen Geschmack besitzt und die Speisen, denen es zugesetzt wird, trefflich würzt.
Ostafrika besitzt einen Ölspender im +Fettbaum+ (~Allanblackia stuhlmanni~), einem von den Eingeborenen ~mkani~ genannten, über 20 m hohen Baum mit lederartigen, glänzenden Blättern und 30 cm langen goldgelben Früchten, von denen eine einzige 0,5 kg Fett liefert. Da dasselbe sich für die Kerzen- und Seifenfabrikation wohl eignet, dürfte dieser Baum einige Bedeutung erlangen, sobald bessere Verbindungen mit dem Innern hergestellt sein werden.
Wichtiger noch ist für das tropische Ostafrika eine riesige Schlingpflanze, die sich an den Bäumen des Urwaldes emporrankt. Es ist dies der +Kouëme+ oder +Talerkürbis+ (~Telfairia pedata~). Er bringt 30-50 cm lange und 15-20 cm breite, gelbe, gurkenartige Früchte hervor, die unter einer faserigen Hülle eine erhebliche Zahl von in Längsreihen angeordneten, dunkelbraunen, fast talergroßen, runden, auf beiden Seiten abgeplatteten Samen bergen. Ihr Geschmack ist ein angenehmer, mandelartiger; deshalb bilden sie in ähnlicher Weise wie bei uns die Mandeln eine beliebte Speise, die roh, geröstet oder gekocht von den Negern gegessen wird. Aber sie enthalten nicht bloß 59 Prozent eines schmackhaften, leicht verdaulichen Fettes, sondern auch viel Eiweiß, bilden also ein wertvolles Nahrungsmittel, das einst in größeren Mengen ausgeführt werden wird, sobald die Eingeborenen sie häufiger pflanzen und die Samen regelmäßig auf den Markt bringen werden. Zur Zeit scheitert ihre Einführung in die europäische Industrie daran, daß es noch keine Maschine zum Schälen der Samen gibt; und wiederum können Schälmaschinen erst dann gebaut werden, wenn eine größere, dauernde Anfuhr nach Europa gesichert ist. Übrigens existiert auch in Togo eine verwandte Kürbisart mit ähnlichen Früchten.
Südasien besitzt einen trefflichen Fettspender in der der Mangostane verwandten ~Garcinia indica~, einem Baum mit hängenden Zweigen, dunkelgrünen Blättern, apfelgroßen Früchten mit purpurrotem Fruchtfleisch und nieren- oder halbmondförmigen Samen, aus denen man die +Kokumbutter+ gewinnt, ein talgartiges, weißes, brüchiges Fett von schwachem, nicht unangenehmem Geruch, das bei 35° C. schmilzt, bei 24° C. erstarrt und zur Verfälschung der Schibutter, in England auch zur Bereitung von Pomade dient. Ferner im +indischen Butterbaum+ (~Illipe butyracea~), einem etwa 16 m hohen Baum mit behaarten, verkehrt eiförmigen Blättern, hängenden, blaßgelben Blüten und länglichen Beerenfrüchten. Er ist im Himalaja heimisch und wächst in Ostindien auf Anhöhen. Seine Samen liefern die +Fulwabutter+, ein talgartiges, angenehm riechendes und schmeckendes, weißes Fett, das zur Herstellung von Seife, als Brennmaterial und auch zu medizinischen Zwecken verwendet wird. Vor allem aber wird es von den Eingeborenen als Speisefett geschätzt, das sich selbst im heißen Klima Indiens monatelang unverändert erhält. Deshalb wird es im Lande selbst völlig verbraucht, so daß es nicht im Handel erscheint. Auch die Preßkuchen dienen dem Menschen als Nahrung. Der Saft der Blüten wird auf Zucker verarbeitet.
Auch die Samen von ~Illipe malabrorum~, dem +Gallertbaum+ auf Malabar und Ceylon, liefern ein grünlichgelbes Speiseöl, das nicht leicht ranzig wird. Seine weißen, fleischigen Blüten und die gelblichen, dichtbehaarten, kugeligen Früchte werden gegessen. Der +Mahdukabaum+ (~Illipe latifolia~) liefert in seinen Samen ein als +Mahwabutter+ bezeichnetes Fett, das als Brenn- und Speiseöl, zur Herstellung von Seife usw. verwendet wird. Die Preßkuchen dienen zur Betäubung der Fische. Dieser Fettspender ist ein mäßig hoher Baum mit gelben, wohlriechenden Blüten und mit 5 cm langen, eiförmigen, braunen Früchten, der im gebirgigen Ostindien, besonders in Bengalen, wächst. Seine Blüten verwelken nicht nach der Befruchtung, werden vielmehr fleischig und speichern reichlich Zucker in den Blumenblättern auf, um erst nach dem Fruchtansatz abzufallen. Sie schmecken wie Rosinen, werden getrocknet und bilden eine wichtige Nahrung der Eingeborenen. Ein Baum liefert bis 150 kg der süßen Blüten. Sie sind um so mehr geschätzt, als sie mit großer Regelmäßigkeit auftreten und deshalb bei Mißernten eine wichtige Ersatzspeise bilden. Man verarbeitet sie auch auf Branntwein, der in Gudscherat und in Bengalen in großer Menge verbraucht wird, frisch den Europäern aber verderblich sein soll.
Den hier aufgezählten südasiatischen Fetten ähnlich ist in Südamerika das gelbliche, frisch nach Muskatnußbutter riechende, aber bald ranzig werdende +Virolafett+, das in der Kulturwelt zur Kerzen- und Seifenfabrikation dient. Unendlich viel wichtiger als Fettspender ist aber nicht nur für diesen Erdteil, sondern überhaupt die zur Familie der Leguminosen gehörende +Erdnuß+ (~Arachis hypogaea~), deren Heimat Südamerika, und zwar speziell Brasilien ist, von wo sie sich noch vor dem Eintreffen der Weißen über das ganze tropische Amerika verbreitete, nach der Entdeckung des Erdteils durch Kolumbus bereits im 16. Jahrhundert nach Westafrika gelangte und sich bald über den Tropengürtel der Erde ausdehnte. Der Spanier Oviedo, der sich von 1513-1524 auf der Insel Kuba aufhielt, nennt sie zuerst in seiner Chronik von Indien (also Amerika) vom Jahre 1547. Er sagt von der Erdnuß, daß sie in den Gärten der Indianer gemein sei und von ihnen ~mani~ genannt werde, ein Name, den sie übrigens auch jetzt noch dort führt. Ausführlicher beschreibt sie der spanische Arzt Nikolaus Monardes (1493-1578) in seinem erst nach seinem Tode 1579 in Antwerpen gedruckten Werke über Indien. Er sagt darin, daß in Peru eine merkwürdige Frucht ohne Wurzel und Stengel in der Erde wachse gleich der Trüffel. Sie besitze mehrere Kerne, die, wenn die Früchte trocken seien, in ihnen klappern wie die Mandel in ihrem Gehäuse. Die Erdnuß bildet ein einjähriges, niedriges, sich am Boden ausbreitendes Kraut, das mit magerem, selbst sandigem Boden zufrieden ist, der aber durchaus einen bestimmten, wenn auch nicht sehr bedeutenden Kalkgehalt besitzen muß. Bei völligem Mangel an Kalk bringt nämlich die Erdnuß, wie eingehende Versuche unwiderlegbar bewiesen, ihre Früchte nicht zu voller und ausgiebiger Entwicklung.
Von dieser Nutzpflanze, die eine uralte Kulturform der in Brasilien nicht seltenen ~Arachis prostrata~ zu bilden scheint, unterscheidet man zwei Formen, welche aber nicht selten ineinander übergehen, nämlich eine niederliegende und weniger behaarte, die vorzugsweise in Afrika kultiviert wird, und eine aufrechte, etwas mehr behaarte, die vornehmlich in Asien gepflanzt wird. Nach diesen ihren Hauptkulturgebieten bezeichnet man sie auch als ~Arachis africana~ und ~A. asiatica~.
Dieses in den größten Kulturformen bis 50 cm hoch werdende Kraut von ausgebreitetem Wuchs mit behaarten Stengeln und Blättern trägt eine Pfahlwurzel, welche an ihrem unteren Teile zahlreiche Nebenwurzeln entwickelt. Diese sind meist mit Bakteroidenknöllchen gespickt, jenen kleinen symbiontischen Laboratorien, in denen mit Hilfe der von der Pflanze herbeigelockten und in der Wurzel angesiedelten Stickstoffbakterien der sonst dem Gewächs unzugängliche Stickstoff der Luft zu salpeter- und salpetrigsauren Salzen gebunden wird. Auf diese Weise kann sich die Pflanze, wie die übrigen Leguminosen, die alle diese Lebensgemeinschaft mit bestimmten, mit dieser Fähigkeit der Stickstoffbindung ausgestatteten winzigen Bodenbakterien eingegangen sind, selbst in dem an gebundenem Stickstoff ärmsten Boden ansiedeln und darin vortrefflich gedeihen. Die Blätter sind abwechselnd gestellt und tragen nur zwei Paare länglicheiförmiger Fiederblättchen. Aus den Blattachseln entspringen kurze Ähren von 2-3 ziemlich großen, gelben Schmetterlingsblüten. Nach deren Verblühen infolge eingetretener Befruchtung streckt sich die bis dahin kaum entwickelte Blütenachse allmählich zu einem 5-20 cm langen, an seinem Ende den Fruchtknoten tragenden Stiel, wird, während er, so lange er die Blüte trug, positiv heliotropisch war, d. h. dem Sonnenlichte zustrebte, damit die die Befruchtung vollziehenden Insekten die Blüten leicht finden konnten, auf einmal negativ heliotropisch, d. h. flieht das Licht und bohrt sich mehr und mehr in die Erde ein, wo die Samen vor den Angriffen lüsterner Tiere geschützt heranreifen. Die Frucht ist eine mit einem Netz von stärkeren Längs- und schwächeren Querrippen bedeckte, ziemlich dickwandige Hülse, die 1-4, meist jedoch 2 bohnengroße, ölige, süße Samen mit dünner, spröder, weißlicher, rötlicher oder bräunlicher Schale umschließt. In ihnen fehlt zwar das Nährgewebe, doch ist der Nährstoffvorrat der jungen Pflanze in den dicken, fleischigen Kotyledonen aufgespeichert. Ihr großer Gehalt an Fett, Eiweißstoffen, Stärkemehl und Zucker (zusammen 80-85 Prozent des Gewichtes) verleiht den Samen einen sehr großen Nährwert, weshalb sie überall in den Tropen als Nahrungsmittel von den Eingeborenen sehr geschätzt werden. Sie werden von ihnen geröstet, gekocht oder gemahlen und gebacken gegessen.
Diese von allen Menschenstämmen heißer Landstriche fleißig kultivierte Nutzpflanze gedeiht als echte Tropenpflanze innerhalb des Tropengürtels weitaus am ergiebigsten, kann aber auch noch in den Subtropen gebaut werden. Sie gedeiht auch ohne große Feuchtigkeit auf sandigem Boden. Das Pflanzen findet kurz vor oder bei Beginn der Regenzeit statt und ist sehr einfach. Man macht nämlich in bestimmten Abständen kleine Löcher in den Boden und legt in jedes zwei Samen. Nach 10-12 Tagen erscheinen dann die jungen Keimlinge, die bald zu buschigen Pflanzen aufwachsen. Der Raum zwischen den jungen Erdnußpflänzchen muß in der Folge durch Jäten von Unkraut freigehalten werden. Bei der Ernte, die in der Regel am Ende der auf die Regenzeit folgenden Trockenperiode stattfindet, wenn sämtliche Blätter abgestorben sind, wird der Boden leicht mit der Hacke oder einem anderen Gerät gelockert und die mehr oder weniger vertrockneten Reste mit den anhängenden Früchten vorsichtig ausgehoben. Diese bleiben nun zum Trocknen 14 Tage am Boden liegen; dann erst werden sie abgepflückt und verwendet oder in entsprechender Verpackung nach Europa gesendet.
In neuerer Zeit werden die Erdnüsse, welche 38-55 Prozent eines dem Olivenöl ähnlichen und demselben fast gleichwertigen fetten Öles enthalten, zur Darstellung des Erdnußöles in großen Mengen auch nach Europa gebracht, und zwar meist nach Marseille, wenig nach Deutschland. Dort wird das Öl fabrikmäßig aus ihnen gewonnen. In erster Linie dient es zur Seifebereitung; daneben findet ein großer Teil als Speiseöl und bei der Schokoladefabrikation Verwendung, meist mit Olivenöl vermischt, dessen etwas herber Geschmack durch das milde Erdnußöl gemildert wird. Dieses gemischte Speiseöl kommt unter dem Namen Oliven- oder +Tafelöl+ in den Handel. In der Regel werden die Erdnüsse dreimal ausgepreßt. Die erste Pressung liefert das feinste Tafelöl, die zweite Öl zur Seifenbereitung, die dritte Schmieröl. Die eiweiß- und stärkemehlreichen Rückstände werden zu sogenannten Erdnußkuchen geformt und in gleicher Weise wie die Kokosnuß-, Sesamkuchen usw. als außerordentlich nahrhaftes Viehfutter in der Landwirtschaft verwendet. Auch das Erdnußstroh wird vom Vieh sehr gern gefressen. Für die Menschen aber sind in den Hülsen geröstete Erdnüsse ein beliebter Leckerbissen, nach welchem besonders die Kinder sehr lüstern sind. Wie in Nordamerika, wo sie ~peanuts~ heißen, werden sie auch bei uns in zunehmendem Maße verzehrt. Außerdem finden sie, gemahlen und mit Zucker und Gewürzen versetzt, zur Herstellung von Biskuits und Suppen von sehr hohem Nährwert, die in ihrem Geschmack lebhaft an Bohnensuppe erinnern, vielfache Verwendung. Auch würden sie sich sehr zur Vermischung mit Schokolade eignen.
Seinen Bedarf an Erdnüssen deckt der europäische Großhandel zum weitaus größten Teil aus Westafrika, wo sie an der Küste vom Senegal bis zum Kunene überall in ziemlicher Menge angepflanzt werden. Und zwar liegt die gesamte Erdnußkultur bemerkenswerterweise in den Händen der Eingeborenen, ist also ein Erzeugnis freiwilliger und selbständiger Negerarbeit. Diese Leute sind also doch nicht ganz so faul, wie sie in der Regel von den Europäern gescholten werden. Schon im Jahre 1902 betrug die westafrikanische Ausfuhr an Erdnüssen 160 Millionen kg im Werte von 21,5 Millionen Mark. Daran beteiligt sich in erster Linie Senegambien, wo die französische Kolonialregierung diesem Erzeugnisse verstärkte Aufmerksamkeit zuwendet. In diesem Lande, das nach Dr. Westermann schon im Jahre 1837 670000 kg ausführte, betrug die Erdnußausfuhr im Jahre 1897 76 Millionen kg im Werte von etwa 15 Millionen Mark. Sierra Leone verschifft jährlich 30000 kg, Oberguinea etwa 10 Millionen kg (1840: 1200 kg). In Togo, Kamerun und Deutsch-Ostafrika, wo der Anbau der Erdnuß seit langem bekannt ist und ebenfalls ausschließlich von den Eingeborenen geübt wird, beträgt die Ausfuhr zusammen jetzt schon etwa 3 Millionen kg im Werte von etwa 400000 Mark. Sie wird aber mit den Jahren bedeutend steigen, da die Kultur dieser Nutzpflanze wegen der geringen Anbauschwierigkeiten und der großen Ergiebigkeit auch hier einen gewaltigen Aufschwung zu nehmen beginnt.
Eine weitere ölreiche Hülsenfrucht, die ihre Samen ebenfalls erst in der Erde reifen läßt, ist die +Erderbse+ (~Voandzia subterranea~). Es ist dies ein im tropischen Afrika in umfangreichem Maße angebautes einjähriges Kraut, das außer einer Pfahlwurzel weithin auf dem Boden kriechende Verzweigungen des Stengels entwickelt. Es trägt kleeartige dreiteilige Blätter und kurzgestielte einzelne Blüten, die nach der Befruchtung sich dem Boden zuwenden und sich durch eine drehende Bewegung der Blütenachse, unterstützt von rückwärts gerichteten steifen Borsten, in denselben hineinbohren. Die in der Erde reifenden Früchte sind kurze Hülsen mit in der Regel nur +einem+ Samen, der länglich-kugelig, dunkelbraun oder gelblich, größer als eine Erbse ist und reichlich Öl enthält. Besonders in Ostafrika, wo die Heimat der Pflanze zu suchen ist, werden die Früchte gerne gegessen, kommen aber nicht in nennenswerten Mengen zum Export.
Afrika ist auch das Ursprungsland der +Rizinusstaude+ (~Ricinus communis~), die an mehreren Orten, wie im Ambolande, am Kilimandjaro, in Abessinien und Kordofan wildwachsend angetroffen wird und stellenweise größere Bestände bildet. Diese wegen ihrer schönen Erscheinung bei uns öfter in Gärten als Zierpflanze gezogene große, einjährige Staude wird in Europa nur 2-2,5 m hoch, während sie in ihrer Heimat bis 12 m Höhe erreicht. Ihre großen, handförmig gelappten Blätter dienen in Bengalen als Futter des großen Eria-Seidenspinners (~Saturnia cynthia~), der dort zur Gewinnung einer allerdings gelben Seide gezogen wird. Die 16 Varietäten, die es von ihr gibt, weisen auf eine uralte Kultur im Schwarzen Erdteil hin; und tatsächlich haben schon die ältesten Ägypter sie angepflanzt. Sie hieß bei ihnen ~dekam~ und der Same ~kiki~. Die alten Griechen nannten aber die Pflanze selbst ~kiki~ und sagten, daß die Ägypter daraus ein Brennöl herstellen. Schon Herodot im 5. vorchristlichen Jahrhundert schreibt, daß die Ägypter den Wunderbaum (~sillikýprion~), den sie ~kiki~ nennen, anpflanzen. „Dieser trägt seine übelriechenden Früchte sehr reichlich. Sie werden gesammelt, zerstampft, gepreßt, oder geröstet und dann gekocht. So fließt das Öl aus, das ebenso gut wie Olivenöl in der Lampe brennt, aber stark rußt.“ Der 400 Jahre später lebende griechische Geograph Strabon sagt: „In Ägypten wird der ~kiki~ auf Feldern angebaut. Er liefert Öl, das fast überall den Bauern zum Brennen und ärmeren Leuten, sowohl Männern als Weibern, zum Salben dient.“ Und der griechische Arzt Dioskurides im 1. Jahrhundert n. Chr. meint, das Kikiöl tauge nicht als Speise, wohl aber als Brennöl und zum Herstellen von Pflastern.
Zur Gewinnung von Brennöl hat sich die Pflanze vom Niltal über Westasien nach Indien verbreitet. Bei den alten Juden hieß sie ~kikajon~, wie wir aus der Stelle beim Propheten Jonas lesen, der unter Jerobeam II. von Israel, dem Sohn und Nachfolger des Joas (regierte von 790-749 v. Chr.), von Jahve den Auftrag erhielt, dem gottlosen Ninive den Untergang anzudrohen, wenn es sich nicht bessere. Und als sich die Bewohner tatsächlich zu Gott wandten und verschont blieben, ging Jonas verdrossen aus der Stadt hinaus, „setzte sich gegen Morgen der Stadt und machte sich daselbst eine Hütte; in deren Schatten setzte er sich, bis er sähe, was der Stadt widerfahren würde. Gott der Herr aber verschaffte ihm einen ~kikajon~ (von Luther fälschlich mit Kürbis übersetzt) -- also eine Rizinusstaude --, der wuchs über Jonas, daß er Schatten gab über sein Haupt. Und Jonas freute sich sehr über den ~kikajon~; aber der Herr sandte des Morgens, da die Morgenröte anbrach, einen Wurm, der stach den ~kikajon~, daß er verdorrete.“
Heute wird die Rizinusstaude außer in Westafrika besonders in Süd- und Ostasien, wie auch in Amerika in großer Menge zur Ölgewinnung angebaut. Man sät sie meist als Zwischenfrucht zu Beginn der Regenzeit und schneidet am Ende der Trockenzeit die Rispen, kurz bevor sich die Fruchtkapseln öffnen, ab, um sie an der Sonne zu trocknen. Dabei öffnen sie sich von selbst und lassen die ziemlich großen, meist glänzendgrauen, mitunter auch schwarzen oder rotbraunen Samen herausfallen. Diese sind innen weiß, öligfleischig, talgweich, enthalten 52-55 Prozent des durch Pressung gewonnenen gelblichen, dickflüssigen +Rizinus-+ oder +Kastoröls+, das bekanntlich ein mildes Abführmittel ist, aber gleichwohl von den Chinesen vielfach als Speiseöl benutzt wird. In Südasien wird es meist als Brennöl gebraucht, da es ein helles, weißes Licht gibt. Sonst wird es vielfach zur Herstellung von Kerzen und Seifen verwendet. Leider wird es an der Luft leicht ranzig, so daß in Europa die Samen eingeführt werden, aus denen hier erst das Öl gepreßt wird. Da aber die Rückstände das Ricin, ein äußerst heftiges, das Blut zur Gerinnung bringendes Gift enthalten, sind sie trotz ihres hohen Nährwertes als Viehfutter ungeeignet.
Noch viel schärfer reizend wirkt auf die Darmschleimhaut das +Krotonöl+, das aus den Früchten von ~Croton tiglium~, einem nur 4 bis 6 m hohen, in Indien heimischen Baum aus der Familie der Wolfsmilchgewächse gewonnen wird. In seiner Heimat wird er als Schattenspender für Kaffee-, Kakao-, Vanille- und Kardamompflanzen oder zur Bildung von Hecken, die von allen Tieren streng gemieden werden, angebaut. Von dem zähflüssigen gelben Öl genügt ein Tropfen zur ausgiebigen Darmentleerung und, ebensoviel auf die Haut gebracht, bewirkt Blasen. Ebenfalls, wenn auch schwächer abführend, ist das tiefgelbe, zähflüssige +Purgiernußöl+, das von den Samen der im nördlichen Südamerika heimischen ~Jatropha curcas~ stammt. Als Heckenpflanze oder Stützpflanze für Vanille und Pfeffer wird der Strauch jetzt in fast allen, tropischen Ländern gezüchtet, am ausgedehntesten wohl auf den Kapverdischen Inseln, die jährlich bis 5 Millionen kg Samen nach Europa ausführen, um hier das Öl zu pressen, das ein vorzügliches Brennöl ist und auch als Schmieröl und in der Seifenfabrikation befriedigt.
Tafel 55.
Tafel 56.
(~Copyright by F. O. Koch.~)
Ein Öl, das zunehmende Bedeutung in der Industrie erlangt hat und von dem Deutschland jährlich, zumeist aus Amerika, für 25 bis 30 Millionen Mark einführt, ist das +Baumwollsamenöl+, das in China und in Mittelasien schon seit Jahrhunderten in sehr primitiven Mühlen gewonnen wird. Aus ägyptischem Baumwollsamen gepreßtes Öl wurde zuerst 1852 versuchsweise auf den europäischen Markt gebracht. Bis man auf diese neue Verwendungsmöglichkeit aufmerksam wurde, bildeten die Samen der Baumwollarten bei der Gewinnung des Spinnstoffes ein Nebenprodukt, das lange Zeit als lästiger, wertloser Abfall angesehen und als solcher verbrannt oder in den nächsten Fluß geschüttet wurde. So hat der Mississippi Millionen Zentner davon in den Atlantischen Ozean getragen. Heute ist dieses lästige Abfallsprodukt ein so wertvoller Rohstoff geworden, daß die Samenernte und das daraus gewonnene Öl noch lukrativer sind als die Baumwollernte selbst. Von einem 1 Hektar großen Baumwollfeld kann man etwa 1000 kg Samen ernten, und da diese 20-25 Prozent fettes Öl enthalten, so ist deren Ausbeute sehr beträchtlich. Die Baumwollsamen werden in Ölmühlen gemahlen und das daraus gewonnene Öl dient hauptsächlich zur Herstellung von Kunstbutter und Seife. Es ist dickflüssig, trübe, von brauner bis schwarzbrauner Farbe, gereinigt dagegen hellgelb und von angenehmem nußartigem Geschmack. Es findet namentlich in Nordamerika als Speiseöl, aber auch zur Verfälschung anderer wertvoller Speiseöle Verwendung. Das in den Vereinigten Staaten unter dem Namen Olivenöl verkaufte Tafelöl besteht zu 90 Prozent aus Baumwollsamenöl. Die Preßrückstände, die man heute schalen- und haarefrei herzustellen vermag, bilden ein sehr wertvolles Kraftfutter für das Vieh.
Im Gegensatz zu den anfänglich besprochenen Fettstoffen, die nicht trocknende Öle darstellen, sind die beiden letztgenannten, das Rizinus- und Baumwollsamenöl, trocknende Öle, welche infolge des Besitzes von Olëinsäure an der Luft zu einem durchsichtigen, harzartigen Körper eintrocknen. Zu solchen gehören ferner das Lein-, Leindotter-, Mohn-, Hanf-, Raps-, Rübsen-, Sonnenblumensamen-, Haselnuß-, Walnuß-, Kürbissamenöl u. a. m.
Die älteste in Europa nachweisbare, Fett liefernde Kulturpflanze ist der +Lein+ oder +Flachs+, den schon die neolithischen Pfahlbauern nicht bloß zur Gewinnung eines Faserstoffes, sondern vor allem auch zum Verspeisen der ölreichen Samen anpflanzten, wie sie dies gleicherweise mit dem Mohn taten, dessen Samen sich ebenfalls in ihrer Hinterlassenschaft im moorigen Schlamm der seither größtenteils verlandeten Seen an den Stellen vorfand, die einst Pfahlbauansiedelungen trugen. Er wurde teils allein, teils mit anderen Körnerfrüchten zusammen in Form von Brei oder Fladen verspeist. So fand man in der Hinterlassenschaft des neolithischen Pfahlbaues von Robenhausen im Kanton Zürich eine Art Flachskuchen in Form einer aus Flachssamen zusammengesetzten dünnen Scheibe, außerdem Reste eines Hirsebrotes, dem einzelne Weizenkörner und Flachssamen beigemengt sind. Heute noch wird in Indien der Lein nur seiner ölreichen Samen wegen angebaut, während seine Fasern keine Verwendung finden; auch in Abessinien dient der Lein ausschließlich als Speisepflanze. Noch im Altertum aßen die Mittelmeervölker seine Samen regelmäßig; deshalb finden wir sie unter den Totenspeisen der Ägypter aus dem alten und mittleren Reiche, also bis zur Mitte des vorletzten christlichen Jahrtausends. Ebenso finden wir sie bei den alten Griechen zeitig als beliebte Speise neben den Mohn- und Sesamkörnern; und zwar wurden sie mit Vorliebe als Beimischung zu Hirsebrot verwandt oder für sich als Brei, oftmals mit Honig vermengt, genossen. Urkundlich erwähnt sie zuerst in solcher Zubereitung im 7. vorchristlichen Jahrhundert der Dichter Alkman aus der Stadt Sardes in Kleinasien, der von süßen Kuchen, aus Mohn-, Lein- und Sesamsamen spricht. Der griechische Geschichtschreiber Thukydides berichtet, daß in dem 431-404 v. Chr. zwischen der dorisch-spartanischen und der ionisch-attischen Bundesgenossenschaft geführten sogenannten peloponnesischen Kriege, der die Macht Athens brach, gleichzeitig aber ganz Griechenland schwächte, Taucher der von den Athenern belagerten Inselstadt Sphakteria unter dem Wasser in Schläuchen Mohnsaat in Honig und zerstoßene Leinsaat als willkommene Speise zuführten. Auch in dem nördlich vom Po gelegenen Oberitalien gab es nach Plinius um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. bei den dort wohnenden keltischen Stämmen eine sehr süße ländliche Speise aus Leinsaat, die aber damals nur noch bei Opfern Verwendung fand, von den Lebenden aber nicht mehr gegessen wurde.
Während heute die meisten Länder den Lein als Gespinstpflanze bauen, wird er außer in Indien und Abessinien nur noch in Ägypten und Rußland vornehmlich der ölhaltigen Samen wegen kultiviert. Nur die guten, ausgereiften Samen dienen in diesen Ländern zur Aussaat; die minder guten oder unreifen dagegen werden zur Gewinnung eines als pflanzliches Speisefett sehr geschätzten Öles benutzt, mit dem man in jenen Gegenden wie auch manchenorts in Europa, z. B. in Böhmen, Schlesien, Thüringen und wohl auch Brandenburg, das landesübliche Gebäck schmälzt. Die Fruchtkapseln der Leinpflanzen enthalten je zehn eiförmige, glatte, bräunliche Samen, die 31-35 Prozent eines aus indischen Produkten hellgelben, aus nördlicheren dagegen bräunlichgelben Öles bergen, das durch kaltes Pressen in feinerer Qualität als Speiseöl, durch warmes Pressen dagegen in geringerer Qualität als Industrieöl gewonnen wird. Doch müssen die Samen vorher 2 bis 6 Monate lagern, da das Öl sonst trübe und schleimig wird. Das meist goldgelbe, dickflüssige, etwas scharf, aber sonst angenehm schmeckende und riechende Öl wird an der Luft durch Sauerstoffaufnahme leicht ranzig, heller und trocknet ein. Bis auf 290° C. erhitzt, wird es zäher, trocknet leichter ein und liefert den Firnis, der als schützender Überzug auf Holz und Eisen gebraucht wird. Ganz besonders wird er mit Mennige verrieben zum konservierenden Anstrich aller Eisenkonstruktionen an Brücken, Häusern, Einhegungen usw. verwendet, da er mit jener eine äußerst fest haftende, lange vor Rost schützende Vereinigung eingeht. Auf diesen ersten Überzug wird dann in der Regel graue Ölfarbe aufgetragen. Auf höhere Temperatur gebracht wird es noch konsistenter und als Buchdruckerfirnis brauchbar. Auch zu wasserdichten Stoffen, besonders zu Linoleum, wird es verwendet. Mit Schwefel zusammengeschmolzen, liefert es eine plastische, erhärtende, aber brüchige Masse, die zur Verfälschung und als sehr schlechter Ersatz für Kautschuk auf den Markt gelangt. Die frischen Leinsamen werden bekanntlich in der Apotheke geführt, weil sie in Wasser gekocht, wie die Quittensamen und andere, große Mengen Schleim aus der obersten Samenschale abgeben, welcher zu Umschlägen und als Breikissen gebraucht wird. Die nach dem Pressen zurückbleibenden Reste endlich bilden als Lein- oder Ölkuchen ein vorzügliches Viehfutter.
Bis zum Mittelalter hat man die Samen dieser Ölpflanze zerquetscht und gegessen. Erst nach der Zeit der Kreuzzüge begann man das Öl als solches zu gewinnen und zu verwenden. Vorher hatte man in Deutschland alles zu ritualen und Speisezwecken verwendete Öl für Kirchen und Klöster in Form von Olivenöl aus dem Süden, aus den romanischen Ländern als vielbegehrten Handelsartikel eingeführt. Dieser Import hörte dann auf, und da das einheimische Öl billig zu stehen kam, fand es bald ausgedehnte Verwendung. Dabei wurde seit dem 13. Jahrhundert neben dem Leinsamen auch der 51-55 Prozent Öl enthaltende +Mohnsamen+ als Fettspender gezogen, um aus letzterem das ~mâgöl~ zu gewinnen. Denn ~mâgo~ oder ~mâg~ hieß althochdeutsch der Gartenmohn, den schon Karl der Große in den Verordnungen für seine Landgüter anzupflanzen befahl. Auch der fränkische Mönch Walahfried Strabo empfahl um die Mitte des 9. Jahrhunderts dessen Anbau in einem uns erhaltenen lateinischen Gedicht, weil den Körnern schlafbringende Kraft innewohne. Zur Gewinnung der ölreichen Samen haben schon die neolithischen Pfahlbauern eine der Stammpflanze des Gartenmohns sehr nahe stehende Mohnart in ziemlicher Menge angebaut. Dies beweist uns die große Menge von Mohnkörnern, die sich in manchen ihrer einstigen Niederlassungen vorfanden. So kam in Robenhausen, wo wir selbst schon vor 20 Jahren Ausgrabungen beiwohnten, außer zahlreichen vereinzelten Sämchen ein Mohnkopf und ein ganzer Kuchen aus verkohlten Mohnsamen zum Vorschein, der aus Tausenden kleiner, zu einer Masse zusammengebackener Sämchen besteht. Es scheinen also schon damals die Samen in Form von Mohnkuchen gegessen worden zu sein. Aber ein Öl daraus zu pressen, verstand man damals wie noch lange später nicht. Erst nach den Kreuzzügen kam solches in Mitteleuropa auf, und im späteren Mittelalter trat dann die Erzeugung von Öl aus Mohnsamen so sehr in den Vordergrund, daß man die Pflanze selbst ~mâgöl~ nannte.
Heute ist in den weiten Gebieten, in denen Opium gewonnen wird, der Mohnsamen ein wichtiges Nebenprodukt, und zwar gibt der weiße Mohnsamen feineres Öl, während der blauschwarze einen reicheren Ertrag daran liefert. Man gewinnt aus ihnen 60-80 Prozent eines dünnflüssigen, klaren Öles. Und zwar finden auch hier zwei Pressungen statt. Das erstemal wird der Samen kalt gepreßt. Dadurch gewinnt man ein blaßgelbes Öl von angenehmem Geschmack und Geruch, das den großen Vorteil hat, schwer ranzig zu werden; deshalb findet es vorzugsweise als Speiseöl Verwendung. Bei der zweiten warmen Pressung erhält man das dunkelgefärbte sogenannte rote Mohnöl, das unangenehm nach Leim riecht und einen kratzenden Geschmack besitzt, weshalb man es nur industriell verwendet. Besonders dient es zur Seifenfabrikation, aber auch zur Herstellung von Firnis und Malerfarben, da es ebenfalls an der Luft mit der Zeit eintrocknet. Zur Bereitung feiner Ölfarben benutzt man lieber das Öl der 40 bis 70 Prozent davon enthaltenden +Walnußkerne+, das ohne rissig zu werden trocknet. Auch als Speiseöl ist letzteres vortrefflich und fand früher auch als Brennöl Verwendung, da es ein schönes, helles Licht liefert. In derselben Weise werden bisweilen auch die 60 Prozent Fett enthaltenden +Haselnüsse+ zur Ölgewinnung gepreßt. Soweit der Haschisch im Orient als betäubendes Genußmittel Verwendung fand, verzehrte man auch die 31-33 Prozent Öl enthaltenden Samen des ihn liefernden +Hanfes+ als willkommene pflanzliche Fettspeise. Erst sehr viel später fanden die zähen Fasern der Stengel dieser Pflanze zu allerlei Gespinsten Verwendung, zu welchem Zwecke ausschließlich der mittelasiatische Hanf aus dem Morgenlande in Europa eingeführt wurde. Zuerst bauten ihn hier nach dem Berichte des griechischen Geschichtschreibers Herodot die Skythen, aber noch nicht zur Verwendung des Faserstoffs, wie ausdrücklich bemerkt wird, sondern als Genußmittel an, um sich durch Verbrennen der Hanfsamen auf im Feuer heiß gemachten Steinen in niederen, allseitig geschlossenen Zelten aus Wollfilzdecken mit einem tragenden Gerüst aus Holzstangen zu betäuben. Die ölreichen Samen jedoch werden sie kaum gegessen haben, da sie wohl aus der Milch ihrer Herdentiere Butter gewannen, die sie zur Schmälzung ihrer Mehlgerichte verwendeten.
Viel wichtigere Ölpflanzen sind bei uns +Raps+ und +Rübsen+, die heute fast in ganz Europa, besonders aber in Frankreich und Belgien viel angepflanzt werden. Sie treten uns geschichtlich erst spät, und zwar zuerst um Erfurt herum angebaut, entgegen, breiteten sich dann aber auch am weitesten aus, da sie sich vorzüglich zum Brennen am Docht eigneten. Aus diesem Grunde hielt man sie in der Vorzeit, bevor das Petroleum als Beleuchtungsmittel aufkam, in hohen Ehren. Das Rapsöl ist dickflüssiger als das olivenbraune Rüböl. Heute dienen sie weniger als Brenn-, denn als Schmieröle, werden aber auch der Kunstbutter zugesetzt, um sie salbenförmig, streichfähig zu machen. Bei dem ungeheuren Bedarf der Seifen- und Schmierölindustrie genügen aber die europäischen Kulturen nicht, vielmehr werden aus Ostindien große Mengen davon importiert. Der Raps ist eine gelbe Kohlrübe, auch Erdrübe genannt, die, weil man sie in Blüten schießen läßt, nur eine dünne und holzige Pfahlwurzel hat; der Rübsen ist die dem Raps entsprechende Form der weißen Rübe. Beide werden in zwei Formen gezogen, als im Herbste gesäte und im folgenden Sommer zur Reife gelangende Winterform und eine andere, im Frühjahr gesäte, die noch in demselben Jahre ihren Vegetationszyklus vollendet. Dabei ist die Winterform ölreicher als die Sommerform. So enthält der Sommerraps 35 Prozent, der Sommerrübsen 34 Prozent Öl, während der Winterraps 37-39 Prozent und der Winterrübsen 35-38 Prozent desselben aufweist. Die Kultur dieser Fettspender ist in vorgeschichtlicher Zeit von um die Nord- und Ostsee wohnenden Völkern vorgenommen worden und hat sich im vorletzten vorgeschichtlichen Jahrtausend nach Westasien und im letzten vorgeschichtlichen nach Ostasien verbreitet.
Ein anderer als Fettspender wichtiger Kreuzblütler ist der +Flachs+- oder +Leindotter+ (~Camelina sativa~), eine 0,3-1 m hohe einjährige Pflanze mit kleinen, gelben Blüten und länglichen, dottergelben, sehr kleinen Samen, die 27-31 Prozent Fett enthalten. Diese im gemäßigten Europa wie in Nordasien heimische Pflanze wird besonders in Belgien, in den Niederlanden und in Süddeutschland als Ölpflanze angebaut. Sie ist in ihrem Ertrage sicherer als der Sommerraps und der Sommerrübsen und wird gern angebaut, wenn der Winterraps infolge zu intensiver Kälte zugrunde ging. Dagegen saugt sie den Boden stärker aus und ist weniger einträglich als jener. Das hellgelbe, fast geruch- und geschmacklose aus den Samen gewonnene Öl dient als Speiseöl und zur Seifenfabrikation; nur wird es leicht ranzig.
Die weißen, grauen, gelben bis schwarzen Samen der aus Mexiko stammenden +Sonnenblume+ enthalten etwa 32 Prozent klares, blaßgelbes, geruchloses, angenehm schmeckendes Öl, das sich gut als Speiseöl verwenden läßt, meist jedoch der Seifen- und Firnisfabrikation dient. Als die Europäer in das atlantische Gebiet Nordamerikas gelangten, fanden sie außer Mais, das als Hauptnährfrucht diente, Bohnen, Kürbis, Tabak auch Sonnenblumen von den Indianern angepflanzt, deren Samen man röstete und zu Mehl zerrieb. Bald nach der Entdeckung Amerikas gelangte die Sonnenblume nach Europa und verbreitete sich allmählich bis Südasien. Heute stammt das meiste in den Handel gelangende Sonnenblumensamenöl aus Ungarn, Italien, dem südlichen Rußland und Indien.
Selbst die +Bucheckern+, die 15-28 Prozent Fett enthaltenden Früchte der Rotbuche, werden in Thüringen, Hannover, am Rhein und in Frankreich gepreßt und das hellgelbe, klare, mild schmeckende, fast geruchlose Bucheckernöl daraus gewonnen. Kalt gepreßt liefert es ein gutes Speiseöl und dient zur Fälschung des Mandelöls; heiß gepreßt dagegen ist es bräunlich, dient als Brennöl und zur Seifenbereitung, wobei es weiche, gelbliche, später grünlich werdende Seifen liefert. Die Preßrückstände können nur an Schweine und Wiederkäuer, nicht aber an Pferde verfüttert werden, da sie das giftige Cholin enthalten, gegen das die ersteren unempfindlich sind, das aber Pferden schädlich wird.
Reiche Buchensamenjahre, wie sie alle 8-10 Jahre vorkommen, liefern unendliche Massen dieser köstlichen, billigsten Ölfrucht, die man meist nutzlos im Walde verfaulen läßt, statt sie auszunützen. Am ausgiebigsten sammelt man die Bucheckern durch Anschlagen stärkerer Äste mit einem hölzernen Hammer, wobei die herabfallenden Früchte in untergelegte Tücher aufgefangen werden. Die Herstellungskosten für einen Liter Bucheckernöl, das als Back- und Salatöl meist allen anderen Schmälzmitteln vorgezogen wird, stellen sich insgesamt auf höchstens 40 Pfennige. Die Aufbewahrung desselben geschieht am besten in großen, gut verschlossenen Steinkrügen; auch empfiehlt es sich, dasselbe nach Verlauf eines halben Jahres nochmals abzudampfen. Derart behandelt hält es sich wenigstens drei Jahre lang ohne zu verderben.
Die Früchte des zum Färben dienenden +Saflors+ (~Carthamus tinctorius~), die 20 bis 30 Prozent eines sich besonders als Brennöl eignenden Öles enthalten, und die der +Nigersaat+ (~Guizotia abessinica~), einer Pflanze des tropischen Afrika, die 40-50 Prozent enthalten, werden ebenfalls auf fettes Öl verarbeitet. Das Nigersaatöl erinnert durch den Geschmack an Nußöl und findet besonders in Ostindien, wo man den Wert dieses Öles schon lange schätzen gelernt hat, bei der Zubereitung von Speisen vielfach Verwendung. Die Nigersaat gedeiht sehr leicht auf jedem Boden und liefert schon vier Monate nach der Aussaat reife Samen. Die Pflanze ist eine bis 1,5 m hohe, an ihren oberen Teilen rauhhaarige, unten dagegen fast kahle Komposite mit gegenständigen, schmalen, gezähnten Blättern und gelben Blüten, die nach der Befruchtung durch Insekten etwa 5 mm lange und 3 mm breite, glänzendschwarze Samen liefern. Da sie sehr eiweißreich sind, geben die Preßrückstände ein außerordentlich nahrhaftes und deshalb gesuchtes Futter. In ihrer Heimat, dem tropischen Afrika, hat dieser wichtige Fettspender nicht die verdiente Kultur gefunden. Nur in Abessinien baut man ihn in umfangreicherem Maße an. Besonders hat aber Ostindien den Wert dieser Ölpflanze erkannt und kultiviert sie in Menge. Neuerdings sollte ihr in Ostafrika, wo sie heimisch ist, vermehrte Aufmerksamkeit geschenkt werden, da sie in ihren Samen einen wertvollen, viel nach Europa eingeführten Handelsartikel bildet.
Aus den Samen von ~Bactris minor~ wird auf Trinidad und Jamaika ein gelbliches Fett mit Veilchenaroma und süßem Geschmack, die +Macajabutter+, gewonnen und allgemein als Speisefett verwendet. Sehr ergiebig sind die Samen von ~Litsea sebifera~, deren Fett der Kerzenfabrikation dient. Die Früchte eines einzigen Baumes geben genügend Material zur Herstellung von 500 Kerzen. Das +Rettichöl+ wird in China wie das Sesamöl zur Bereitung der schwarzen Tusche zum Schreiben verwendet; das +Senföl+ dagegen, das zu 22-29 Prozent in den Senfsamen enthalten ist, dient in Indien als ausgezeichnetes Brennöl. Heute wird der Senf in Indien nicht mehr als Gewürzpflanze, sondern fast nur noch zur Gewinnung dieses Öls kultiviert.
Ein sehr feines, geruch- und farbloses, süßliches Öl ist dasjenige von ~Moringa oleifera~, das +Behenöl+, das für die Parfümerie und Uhrenmacherei sehr geschätzt wird. Ebenfalls für die Kosmetik von Bedeutung ist das +Mandelöl+, zu dessen Bereitung man süße und bittere Mandeln mischt; doch enthalten die bitteren Mandeln weniger Öl, nämlich nur 43-48 Prozent, als die süßen, die 50-55 Prozent davon aufweisen. Da sie aber außerdem über 24 Prozent Eiweißkörper besitzen, so liefern die nach der Pressung zurückbleibenden Preßkuchen ein sehr gutes Viehfutter. Das Mandelöl ist hellgelb, geruchlos, angenehm schmeckend, dünnflüssiger als Olivenöl, wird aber leicht ranzig. Es kommt mit Mohn-, Nuß-, Pfirsichkern- und Aprikosenkernöl verfälscht in den Handel. Letztere beiden Öle werden auch an und für sich von Südfrankreich aus als „süßes Mandelöl“ verkauft. Echtes Mandelöl, das in der Parfümerie und zur Fabrikation der sehr festen Mandelseife verwendet wird, stammt fast nur aus England.
In den bitteren Mandeln ist das Mandelöl an das Amygdalin gebunden, einen Körper, der ihnen den bitteren Geschmack verleiht. Außerdem ist darin ein Ferment, Emulsin genannt, enthalten, welches beim Verreiben der bitteren Mandeln mit Wasser das Amygdalin in Traubenzucker, Bittermandelöl und Blausäure spaltet. Da nun etwa 0,8 Prozent der Verbindung Bittermandelöl-Blausäure in den bitteren Mandeln enthalten ist, so ist es begreiflich, daß bittere Mandeln eine giftige Wirkung äußern. Ein Dutzend derselben kann bei Erwachsenen schon schwere Vergiftungen hervorrufen. Das Bittermandelöl wird in der Likörfabrikation und Medizin, am häufigsten aber zum Parfümieren billiger Seifen, z. B. der Kokosnußseifen, verwendet. Allerdings hat hier der Mensch tätig eingegriffen und es der Natur gleichgetan, indem er im synthetisch aus Benzol und Salpetersäure hergestellten Nitrobenzol, auch Mirbanöl genannt, einen vollständigen Ersatz für das Bittermandelöl als Parfümeriemittel schuf. Deshalb ist letzteres in der gewerblichen Verwendung fast völlig durch das künstliche Produkt verdrängt worden. Aus den süßen Mandeln dagegen wird die für kosmetische Zwecke geschätzte Mandelkleie hergestellt.
Ebenfalls in der Parfümerie, Pharmazie und Seifenfabrikation viel verwendet wird die aus den Kakaobohnen gewonnene +Kakaobutter+, die zu 52 Prozent in diesen enthalten ist. Sie wird in der Weise aus ihnen ausgezogen, daß die gerösteten und geschälten Bohnen auf etwa 80° C. erwärmt, in Zwilchsäcke gepackt und das Öl dann zwischen warmen Preßplatten ausgequetscht und hernach filtriert wird. Es ist weißlich, von mildem, angenehmem Geschmack und Geruch nach Kakao und wird schwer ranzig. In gleicher Weise wird das Fett der Muskatnüsse, die +Muskatbutter+, aus den zurückgestellten, kleinen, schadhaften, feingemahlenen Nüssen durch Auspressen in erwärmtem Zustande gewonnen. Die talgartige, rötlichbraune Masse wird dann in Metallgefäßen erstarren gelassen und kommt in kleinen Würfeln in den Handel. Sie riecht angenehm nach Muskatnuß und dient besonders der Parfümfabrikation.
Zur Kerzenfabrikation dient der +chinesische Talg+, das weiße bis grünliche Fett der Samen des chinesischen Talgbaumes (~Sapium sebiferum~), von welchem diese ganz umhüllt sind. Dieser Baum ist eine kahle, in China und Japan heimische Euphorbiazee, die in diesen Ländern seit alter Zeit kultiviert wird. Er wurde aber auch nach Ostindien und allen wärmeren Ländern beider Erdhälften verpflanzt und gedeiht meist sehr gut. Die in den Monaten November und Dezember gesammelten Samen werden in große, mit Löchern versehene Holzzylinder gebracht und mit heißem Wasserdampf behandelt, wobei der Talg abfließt, um nach dem Erstarren noch einmal geschmolzen und filtriert zu werden. Er bildet erstarrt mattweiße, brüchige Stücke, die in mächtigen Platten von 40-50 kg Gewicht in den Handel gelangen und vornehmlich in der Kerzenfabrikation Verwendung finden. Die zurückgebliebenen Samen, deren Nährgewebe sehr ölreich ist, werden in Steinmörsern zerstampft, mit Wasser erhitzt und gepreßt, wobei ein von den Chinesen ~fing-yu~ genanntes flüssiges Fett erhalten wird, das man zur Firnisfabrikation und als Brennöl benützt.
Diesem chinesischen Talg ähnlich ist der in Ostindien durch Auskochen der gerösteten und gemahlenen Samen der ~Vateria indica~ gewonnene +Vateriatalg+, der zuerst gelblich, später aber farblos ist, ganz angenehm schmeckt und riecht und in England zur Kerzenfabrikation dient.
Sehr verbreitet ist im Pflanzenreich die Ausscheidung eines Überzuges von +Wachs+ an Organen, besonders Blättern, bei denen die Verdunstung herabgesetzt werden soll. Auch an Früchten ist gelegentlich dieser Wachsüberzug zu finden, man denke nur an den leichten Wachsüberzug unserer Pflaumen und Zwetschen, der sie wie bereift erscheinen läßt. Allerdings ist in der Regel die Wachsausscheidung eine viel zu geringe, als daß sie sich ausbeuten und technisch verwerten ließe. Nur ganz ausnahmsweise ist dies der Fall, so bei der in Nordamerika heimischen +Wachsgagel+ (~Myrica cerifera~). Es ist dies eine unserer, auf den norddeutschen Heiden weit verbreiteten, stark riechenden Gagel (~Myrica gale~) verwandte Art, deren erbsengroße, braune Früchte von einer schneeweißen Wachskruste bedeckt sind. Kocht man die Beeren in Wasser, so sinken sie unter und das Wachs sammelt sich an der Oberfläche der Flüssigkeit als fettige Masse an, wird abgeschöpft und in flachen Schüsseln erkalten gelassen. Ein Strauch gibt 10-15 kg Beeren mit etwa 25 Prozent dieses als +~Myrica~+- oder +Myrtenwachs+ bezeichneten vegetabilischen Wachses. Es ist härter als Bienenwachs, geschmacklos, von schwachem Balsamgeruch und wurde von den Indianern in Menge verzehrt. Jetzt dient dieses Myrtlewachs, wie es die Amerikaner nennen, zur Anfertigung von Kerzen, die nach dem Auslöschen einen angenehmen Geruch verbreiten. Diesem ähnlich ist das von ~Myrica carolinensis~ in Nordamerika, von ~Myrica carcassana~ in Neugranada und ~Myrica quercifolia~, ~M. cordifolia~ und ~M. laciniata~ am Kap der Guten Hoffnung durch ebenfalls Auskochen mit Wasser gewonnene grünliche, sehr schwach balsamisch riechende vegetabilische Wachs, das wie Bienenwachs benutzt und mit diesem vermengt verwendet wird.
Auf dieselbe Art wird in China und Japan das sogenannte +Japanwachs+ aus den Beeren des von Japan längs der Ostküste Asiens bis in den Himalaja verbreiteten +Wachs-Sumachs+ (~Rhus succedanea~) gewonnen und ebenfalls meist zu Kerzen verarbeitet. Auch die Beeren von ~Rhus vernicifera~ und ~silvestris~ werden in gleicher Weise durch Auskochen und Pressen zur Gewinnung von Wachs verarbeitet. Dieses ist blaßgelb, nach längerem Liegen außen dunkelgelb bis bräunlich mit schneeweißem Anflug. Es ist das für den Handel weitaus wichtigste Pflanzenwachs, das seit dem Jahre 1854 in großen Mengen in Form zentnerschwerer Blöcke oder Scheiben nach Europa und Amerika gelangt. Von ihm werden in London allein jährlich mehr als 200000 kg umgesetzt. Es hat die Eigentümlichkeit, beim Einschmelzen bis 30 Prozent Wasser aufzunehmen, es wird daher auch oft mit Wasser verfälscht. In Japan wird es als Ersatz für tierischen Talg und Bienenwachs, auch zum Aufpolieren von gedrechselten Gegenständen aus Holz, bei uns dagegen hauptsächlich für Wachsstreichhölzchen und Wachskerzen, überhaupt als Zusatz zu Bienenwachs verwendet; es ist nämlich nur halb so teuer wie dieses. Ein naher Verwandter des Wachs-Sumachs ist übrigens der giftige +Firnis-Sumach+ (~Rhus vernicifera~), ein hoher Baum, aus dessen Stamm durch Einschnitte der Firnis gewonnen wird, mit Hilfe dessen die Japaner ihren so vortrefflichen, unverwüstlichen Lack herstellen, der in einem späteren Abschnitte eingehender besprochen werden soll.
Außerordentlich reich an einem wachsartigen Harz sind manche +Balanophoren+, fleischige Wurzelschmarotzer der Tropen von staudenartiger Tracht, die, weil sie des Blattgrüns und größerer Blätter völlig entbehren, eher an Pilze als an hoch organisierte Gewächse erinnern. Die getrockneten Pflanzen brennen angezündet mit leuchtender Flamme, deshalb werden sie beispielsweise in Südamerika als ~siejas~ auf den Märkten verkauft und an kirchlichen Feiertagen wie Kerzen verbrannt. Auf Java zerstößt man solche frische Balanophoren zu Brei und bestreicht mit dieser Paste dünne Bambusstäbchen, welche als Taschenkerzchen dienen.
Technisch wichtiger ist das Wachs der +Wachspalme+ (~Ceroxylon andicola~), die auf den Anden Südamerikas in den Staaten Columbien, Ekuador und Neugranada in 2000-3000 m Höhe wächst. Sie besitzt einen bis 75 m hohen, geringelten Stamm von mehr als 30 cm Durchmesser, der in der halben Höhe anschwillt und von unten bis oben von einer etwa 6 mm starken Schicht blaßgelben, spröden Wachses bedeckt ist, das ihm ein marmorartiges Aussehen verleiht. Obschon es zu ⅖ mit Harz vermischt ist, wird es ziemlich wie Bienenwachs benutzt und neuerdings in großer Menge in die verschiedenen Kulturländer, auch nach Europa, eingeführt. Die gefiederten Blätter werden 6-7,5 m lang und sind oben dunkelgrün, unten silberweiß. Das Wachs, das einen namhaften Handelsartikel bildet, gewinnt man durch Abschaben der gefällten Stämme, von denen jeder etwa 12 kg liefert. Mit Talg zusammengeschmolzen gibt es eine gute Kerzenmasse, die aber gelb ist, weil dieses Baumwachs nicht gebleicht werden kann. Das Holz ist sehr dauerhaft und wird besonders als Bauholz geschätzt. Mit den Blättern deckt man, wie mit denjenigen der meisten anderen Palmenarten, Dächer und benutzt sie zu allerlei Flechtwerk.
Ebenfalls in Südamerika, aber im östlichsten Zipfel dieses Kontinents, nämlich in den brasilischen Provinzen Ceara, Pernambuco und Rio Grande besonders an Flußufern heimisch, ist die gleichfalls Wachs liefernde +Karnaubapalme+ (~Copernicia cerifera~). Es ist dies ein 12-15 m hoher Baum, dessen blaugrüne, bereifte, bis 2 m langen Blätter eine kugelrunde Krone bilden. Auf feuchtgründigem Boden bildet er oft ansehnliche Bestände. Sein Holz ist sehr dauerhaft und wird als Nutzholz verwendet, während die Blätter zu Bedachung der Hütten und als Flechtmaterial dienen, auch einen starken Faserstoff zur Herstellung der in jedem Hause statt der Betten gebräuchlichen Hängematten, von Stricken usw. liefern. Die jüngeren derselben, die als Viehfutter verwendet werden können, liefern ein strohgelbes Wachs, das beide Blattflächen bedeckt. An der Oberseite der Blätter ist die Wachsschicht dicker und sitzt loser, so daß sie sich beim Schütteln der Blätter in Form kleiner Schuppen ablöst, an der Unterseite jedoch ist sie dünner und sitzt fester, so daß man das betreffende Wachs nur durch Abschaben gewinnen kann. Wenn die jungen Fächerblätter sich eben auszubreiten beginnen, schneidet man sie vorsichtig ab, trocknet sie und klopft sie so lange mit einem Stock, bis die Wachsschichten vollständig abgefallen sind. Das so erhaltene grauweiße Pulver wird dann über einem freien Feuer zusammengeschmolzen oder mit wenig Wasser in einem Topfe gekocht. Nach einer anderen Methode taucht man die Blätter in heißes Wasser und sammelt das auf der Oberfläche sich abscheidende flüssige Wachs, um es in tönerne Formen zu gießen, in denen es zu etwa 2 kg schweren Kuchen erstarrt. Dieses rohe Karnauba-Wachs ist schmutzig gelblichgrün, stellenweise bräunlich, hart, spröde, geschmacklos und wird -- früher ausschließlich in Europa, jetzt meist schon in Brasilien -- gereinigt und ist dann von blaßgrünlich-gelber Farbe, dichtem Gefüge und sehr schwach aromatischem Geruch. Es wird seit dem Jahre 1852 in zunehmendem Maße auch nach Europa ausgeführt, um hier zur Herstellung von Siegellack, Kerzen, weichen Firnissen, als Schuhmacherwachs und zum Glänzendmachen des Sohlleders verwendet zu werden. Es läßt sich so wenig als das Wachs der Wachspalme künstlich bleichen, doch wird ihm seine Sprödigkeit durch Beimengung von Talg oder Bienenwachs genommen. Viele Menschen beschäftigen sich ausschließlich mit der Gewinnung desselben. Jährlich werden etwa 2 Millionen kg exportiert und fast ebensoviel im Lande selbst verbraucht. Aus den trockenen Blättern flicht man Matten, die violetten, haselnußgroßen, bitteren Früchte werden roh oder gekocht von den Indianern gegessen und deren geröstete und gemahlene Kerne geben ein nahrhaftes Getränk als Ersatz des Kaffees. Aus dem Marke des Stammes gewinnt man ein schmackhaftes Mehl und die Blattknospen geben einen trefflichen Palmkohl.
Außer als Nahrung haben die verschiedenen Fettkörper im Laufe der Kulturentwicklung der Menschheit besonders zur Gewinnung von Seife und Beleuchtungsmaterial eine große Bedeutung gewonnen. Die Seife ist eine keltische Erfindung, bestehend aus einer Mischung von Fett mit Asche, später mit Aschenlauge, und stellt chemisch betrachtet ein Salz dar, in welchem alkalische Basen mit Fettsäuren verbunden sind. Von den Alkalien werden sowohl Kali als Natron verwendet; zuerst benutzte man sie zusammen, später aber, als man beide voneinander zu scheiden vermochte, getrennt, wobei die Kaliseifen als eine weiche, schmierige Masse, die Natronseifen jedoch in harter Form gewonnen wurden. Die keltische Bezeichnung für die Seife ist ~saipo~, ein Wort, das im Deutschen sich als Seife erhielt. Unter der Bezeichnung ~sapo~ gelangte sie zu den Römern, die vorher, wie alle antiken Völker, außer gefaultem Urin oder gewissen, Saponine oder Seifenstoff enthaltenden Pflanzenabkochungen vor allem die Holzasche als natürliche Soda zum Waschen benutzt hatten. Nach Plinius bereiteten die Gallier feste und flüssige Seife aus Ziegentalg und Buchenasche und benutzten sie als äußerliche Arznei und Haarverschönerungsmittel. Erst Galenos (131-200 n. Chr.) spricht von der deutschen Seife, die als Reinigungsmittel benutzt werde. Durch die Verwendung von gebranntem Kalk bei der Herstellung der Aschenlauge wurden dann später bessere Seifen erzielt. Nachdem die Seifensiederei aus einem in jedem Haushalt für sich hergestellten Geschäft in den gewerblichen Betrieb übergegangen war, scheint sie sich jahrhundertelang durch das ganze Mittelalter hindurch ohne besondere Fortschritte erhalten zu haben. Schon im 9. Jahrhundert hatte Massalia, das heutige Marseille, einen bedeutenden Seifenhandel, und zwar diente dort vorzugsweise das Olivenöl als Fett bei der Seifenbereitung. Ihm verdankt die Marseillerseife bis auf den heutigen Tag ihren guten Ruf. Im 15. Jahrhundert lag der Seifenhandel besonders in den Händen Venedigs, und im 17. Jahrhundert hatten Savona, Genua neben Marseille die Führung darin. Eine mächtige Förderung erhielt die Seifenindustrie seitdem der französische Chemiker Chevreul die Natur der Fette und mithin das Wesen des Verseifungsprozesses kennen gelehrt, andererseits die Entwicklung der Sodaindustrie einen mächtigen Anstoß zur Verbesserung des Verfahrens der Seifengewinnung gegeben hatte. Gegenwärtig wird aus Liverpool allein mehr Seife jährlich ausgeführt als vor der Begründung der Sodaindustrie aus sämtlichen Häfen Großbritanniens zusammengenommen. Weiterhin wurde die Seifenindustrie durch die Einführung von Palmöl, Kokosöl, südamerikanischem und australischem Tiertalg und nordamerikanischem Fichtenharz begünstigt. Das Kokosöl gestattete die Herstellung der Leimseifen; es kam um 1830 zuerst nach Deutschland und Douglas bereitete aus ihm auf kaltem Wege die erste Kokosnußöl-Sodaseife für medizinische Zwecke. Heute führt Deutschland rund 1,8 Millionen kg Seife ein und 10 Millionen kg Seife aus. Was es selbst verbraucht, ist nicht anzugeben, doch stellt dies eine sehr große Menge dieses heute völlig unentbehrlichen Reinigungsmittels dar.
Wie die Seifenbestandteile, das Öl und die Holzaschenlauge, so entstammt auch alles Beleuchtungsmaterial direkt oder indirekt dem Pflanzenreiche. Der älteste Lichtspender ist das flackernde Holz des Herdfeuers, das seinen warmen Schein schon dem unstet nach tierischer Beute umherschweifenden Höhlenbewohner der Urzeit, wie dem durch Feldbau und Viehzucht ansässig gewordenen Neolithiker in seiner bescheidenen Behausung erstrahlen ließ. Ihm folgte auf einer späteren Stufe als spezifiziertes Beleuchtungsmittel der schräg in einen Ständer aus unverbrennlichem Material, am besten aus Metall, sobald solches bekannt und zu haben war, gesteckte Kienspan; denn schon sehr früh wird der Mensch die Beobachtung gemacht haben, daß Holz um so leichter und mit um so größerer Flamme brennt, je harzreicher es ist. Deshalb suchte er bei den Nadelhölzern die harzreichsten Teile, das Wurzelwerk, zur Beleuchtung zu erlangen. Die Kulturvölker des Altertums benutzten daneben auch mit Pech und Wachs getränkte Flachsschnüre, und in späterer Zeit in Pech getauchte oder mit Wachs überzogene getrocknete Binsen oder Streifen von dürrem Papyrusmark. Auch Schilfrohr, dessen Höhlung mit Fett ausgegossen war, diente als Vorläufer der Kerze. Diese selbst scheint erst in der römischen Kaiserzeit als ~candela~ -- das sich im französischen ~chandelle~ erhielt -- aufgekommen zu sein und wurde schon damals sowohl aus Wachs, als aus Talg hergestellt und demnach als ~cerea~ (von ~cera~ = Wachs) oder ~sebacea~ (aus ~sebum~ = Talg) unterschieden. Man stellte sie in der Weise her, daß man dürre Binsenstengel oder Streifen von Papyrusmark, später auch Flachsfäden als Docht so oft in geschmolzenes Fett oder Wachs tauchte, bis die Fetthülle im Verhältnis zum Kern eine ansehnliche Dicke erreicht hatte. Besonders bei Leichenbegängnissen wurden bei den vornehmen Griechen und Römern der späteren Zeit große Kerzen in den Dimensionen unserer Kirchenlichter getragen, während im Haushalte besonders bei festlichen Anlässen kleinere gebraucht wurden, die man in Leuchter der verschiedensten Konstruktionen steckte. War der Lichtträger sehr hoch, damit die dareingesteckten Kerzen weithin leuchteten, so hieß er (nach ~candela~ = Kerze) ~candelabrum~.
In Deutschland wurde die Talgkerze erst im 9. Jahrhundert bekannt und begann hier allmählich den bis dahin üblichen Kienspan zu verdrängen. Wachskerzen dagegen kamen erst im 14. Jahrhundert in Gebrauch, waren aber auch an Höfen reicher Fürsten immer noch etwas Kostbares, mit dem man sehr sparsam umging. Im Laufe des 15. Jahrhunderts erst wurde der Gebrauch von Wachskerzen durch die katholische Kirche immer mehr gesteigert und dehnte sich im 16. Jahrhundert ins Fabelhafte aus; so wurde beispielsweise zu Luthers Zeiten allein in der Schloßkirche zu Wittenberg etwa 36000 Pfund Wachskerzen im Jahre als Opferspenden verbrannt. Dieser mit dem Kult in Zusammenhang stehende Luxus blieb aber auf die Gotteshäuser beschränkt; denn die Bürger und Bauern begnügten sich in ihren Häusern mit den viel billigeren Talglichtern, deren Herstellung die Hausfrau immer noch selbst besorgte. Im November, wenn die Feldarbeit beendet war, begann wie für den Mann die Drescharbeit in der Tenne, so für die Frau die Zeit des „Lichtstippens“. Durch wiederholtes Eintauchen des aus Leinen und später Baumwolle angefertigten Dochtes in geschmolzenen Talg wurden die Lichter auf die gewöhnliche Dicke gebracht. Erst seit dem 17. Jahrhundert wurden die Unschlittkerzen auf der Form gegossen, und zwar dünnere für die Werktage und dickere für die Feiertage.
Zu Anfang des 19. Jahrhunderts begann man den Talg durch Entfernung der Ölsäure vermittelst Pressen härter zu machen und ihm das öligschmierige Aussehen zu nehmen. 1823 erschienen die wichtigen Untersuchungen über die Fette tierischen Ursprungs des französischen Chemikers Chevreul, denen zufolge zwei Jahre später Cambacérès, der zuerst die geflochtenen und außerdem chemisch mit Schwefelsäure zubereiteten Dochte in Anwendung brachte, Kerzen aus Fettsäuren herzustellen versuchte; doch waren diese braun, fühlten sich immer noch fettig an und verbreiteten einen unangenehmen Geruch. Die ersten einigermaßen brauchbaren Kerzen brachte ein Herr von Milly in Paris auf. Er war vormals Kammerherr Karls X. gewesen, hatte aber durch die Julirevolution und die danach folgende Abdankung des Königs 1830 seinen Posten verloren; deshalb errichtete er, um sich eine neue Existenz zu gründen, zu Paris eine kleine Fabrik zur Herstellung von Kerzen. Die erste Entdeckung, die er machte, bezeichnete schon einen sehr erheblichen Fortschritt. An Stelle der kaustischen Soda, die Chevreul und sein Teilhaber Gay-Lussac zur Verseifung der Fette seit 1825 angewandt hatten, benutzte er dazu den Ätzkalk und erhielt dadurch eine Kalkseife, aus der die Fettsäuren zur Herstellung von Kerzen sich mit Hilfe der Schwefelsäure leicht abscheiden ließen. Durch anfänglich kalte, im Verlaufe jedoch gesteigerte und zuletzt warme Pressungen waren die bei gewöhnlicher Temperatur festen Fettsäuren leicht von der Olëinsäure zu trennen. Die aus den festen Fettsäuren, der Palmitin- und Stearinsäure (vom griechischen ~stéar~ = Fett), die in der ersten Zeit als eine einzige betrachtet und ihrer perlmutterartig glänzenden Krystalle wegen (nach dem lateinischen ~margarita~ = Perle) Margarinsäure genannt wurden, bis man auch sie voneinander zu scheiden vermochte, bereiteten Kerzen hatten jedoch den einen Übelstand, daß der Masse ein kleiner Rest Kalk beigemengt blieb, der sich beim Verbrennen in den Docht sog und dessen Porosität verringerte. Auch darin schaffte Milly Abhilfe, indem er den Docht statt wie nach Cambacérès mit Schwefelsäure mit Borsäure tränkte, welche alle Aschenbestandteile zu winzigen, glasartigen Kügelchen zusammenschmilzt. Ebenso begegnete er dem für die Kerzenfabrikation fatalen Bestreben der nunmehr vorzugsweise zur Herstellung von Kerzen verwendeten Stearinsäure zu kristallisieren und infolgedessen im Innern der Formen Hohlräume zu bilden. Man hatte zwar in der arsenigen Säure schon ein Mittel gegen diesen Umstand in Anwendung gebracht, doch war dasselbe zu gesundheitsgefährlich, um sich auf die Dauer im Gebrauch halten zu können.
Milly fand zuerst, daß ein geringer Zusatz von Wachs zur Stearinsäure eine gleichmäßige und durchgängig zusammenhängende Masse gebe. Späterhin entdeckte er, daß die Stearinsäure nur kristallisiert, wenn sie in sehr dünnflüssigem Zustande in die Formen gegossen wird, daß sie aber ein völlig gleichmäßiges Gefüge erhält, wenn sie bei einer Temperatur verarbeitet wird, die dem Schmelzpunkte so nahe liegt, daß die Masse eben nur fließend erhalten wird.
Solchergestalt verbesserte Stearinkerzen brachte Milly 1834 unter dem Namen ~bougies de l’étoile~ in den Handel, doch waren sie in der ersten Zeit ihres hohen Preises wegen mehr ein Luxusgegenstand für Reiche als ein volkstümlicher Beleuchtungsartikel. Um sie zu einem Gegenstand allgemeinen häuslichen Verbrauchs zu machen, bedurfte man weiterer Verbesserungen in der Methode der Stearinfabrikation. Den wesentlichsten Vorteil zog man aus der Entdeckung, daß die flüssige Olëinsäure ein sehr wertvolles Material für die Seifenfabrikation sei, das das Olivenöl sogar in vielen seiner Eigenschaften zu ersetzen imstande ist. Durch Höherwertung des einen Bestandteils mußten aber die anderen sich billiger gestalten, und diese wirtschaftliche Tatsache kam der Stearinsäure zugute. Auch konnte man jetzt im festen Material dem geflochtenen Docht eine so starke Drehung geben, daß sich die Spitze desselben fortwährend nach außen drehte und so an der Peripherie der Flamme stets genug Sauerstoff zur Verbrennung zu Asche fand. Im Jahre 1839 gab es allein in Paris neun Fabriken, die solche neue, immer höheren Ansprüchen genügende Kerzen herstellten. Andere Länder blieben nicht zurück, und ganz besonders gelangte diese neue Industrie in Österreich zu großer Bedeutung.
Als Beleuchtungsmittel noch viel gebräuchlicher als die Kerzen waren seit dem frühesten Altertum die +Lampen+, in denen zuerst tierisches, später auch pflanzliches Fett vermittelst eines aus einem Holzsplitter oder noch besser aus irgend welchen getrockneten Pflanzenfasern bestehenden Dochts verbrannt wurde. Die älteste Lampe war ein ausgehöhlter Stein, und erst nach Erfindung der Töpferkunst eine aus Ton gebrannte, zuerst offene und später, zum Schutze gegen das Ausschütten und das Hineingelangen von Verunreinigungen mehr oder weniger geschlossene kleine Schüssel. Solche Lampen, in denen besser als fester tierischer Talg nach der Erlangung von ölspendenden Kulturpflanzen flüssiges fettes Öl verbrannt wurde, besaßen schon die ältesten Ägypter und Assyrer. Meist waren sie aus Ton gebrannt, seltener aus Metall und nur ausnahmsweise aus Alabaster oder Glas hergestellt. Sie bestanden aus einem runden oder ovalen Ölbehälter mit einer meist in der Mitte gelegenen Öffnung zum Eingießen des Öles, einer oder mehreren vorspringenden Tüllen für den Docht an der einen und einem Griff oder Henkel an der anderen Seite. Von den einfachsten bis zu den kunstvollsten, kostbarsten Formen waren alle Übergänge vorhanden, darunter außer kleinen auch große, die bis zu 12 und mehr Flammen nebeneinander brennen lassen konnten. Sie hingen an Ketten oder standen wie die Kerzen auf einem bei den Römern ebenfalls ~candelabrum~ genannten Träger. Aus der römischen Kaiserzeit haben uns, abgesehen von den Funden in Pompeji, besonders die Gräber eine reiche Ausbeute an Lampen geliefert, da es Sitte war, den Toten Lampen mitzugeben, die eigens zu diesem Zwecke fabriziert wurden und nicht zu praktischem Gebrauch geeignet waren.
Die ersten Christen verzierten ihre Lampen mit christlichen Emblemen, wie dem Christusmonogramm, dem Lamm, der Taube oder dem ein Lamm auf seinem Rücken tragenden guten Hirten. Aus den beim Katakombenkultus gebrauchten Lampen zum Aufhängen vermittelst Kette an der Decke oder einem Holz- oder Metallarm entwickelte sich die während des ganzen Mittelalters gebrauchte Hängelampe, die sowohl für Kultuszwecke in christlichen Kirchen und muhammedanischen Moscheen, als auch für Profanzwecke überall im Gebrauche stand. Das übliche Öl, das darin verbrannt wurde, war in Europa meist Rüböl und der Docht ein massiver Runddocht, während der Flachdocht erst 1783 durch Leger in Paris, der hohle Docht 1789 durch den in Genf geborenen Techniker Argand in London aufkam. Letzterer war auch der Erfinder des nach ihm benannten Brenners mit doppeltem Luftzug, indem er den bis dahin über der Flamme angebrachten blechernen Zugzylinder durch einen gläsernen ersetzte.
Eine vollständige Umwälzung in der Lampenfabrikation brachte die Einführung des +Petroleums+ hervor, für die Silliman in den Vereinigten Staaten 1855 die erste Lampe konstruiert haben soll. Zwar hatte man schon im Altertum gelegentlich Erdöl in Lampen gebrannt. So berichten Dioskurides und Plinius um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. vom Erdöl von Agrigent auf Sizilien, das als „sizilisches Öl“ in Lampen gebrannt wurde. Auch das Erdöl der „Pechquelle“ bei Bechelbronn im Unterelsaß, die schon 1498 erwähnt wird, soll im 16. Jahrhundert zum Brennen in Ampeln benutzt worden sein. Im 19. Jahrhundert diente das zu Amiano unweit Parma gefundene Erdöl zur Beleuchtung einiger italienischer Städte, namentlich Genuas. Seit uralter Zeit betrachtete man die mancherorts aus dem Boden hervorsickernde brennbare Flüssigkeit mit heiliger Scheu und benutzte sie als geschätzte Medizin. Die heiligen Feuer der Erdölgegend von Baku waren den Anhängern Zoroasters ein Gegenstand religiöser Verehrung und sind es ihren Nachkommen, den Parsen, bis auf den heutigen Tag geblieben. Weil ihre Priester an den Orten, wo das „ewige Feuer“ brannte, die Versöhnung mit Gott vermittelten, nannte man sie ~nephtar~, d. h. Versöhnungsorte, wovon sich der Name Naphtha für Petroleum oder Erdöl ableitet. Erst vom Jahre 1859 an datiert der Beginn der Petroleumbenutzung in weiteren Kreisen, zuerst der Vereinigten Staaten, dann auch Europas und der ganzen Kulturwelt. 20 Jahre später wurde die Petroleumlampe durch die Konstruktion der Glühlampe von Edison entthront, die ganz wesentlich zur Verbreitung des elektrischen Lichtes in den Haushaltungen beitrug.