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Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange (part 3 of 5)

Part 3 of 5 · Lippmann, Edmund O. von (Edmund Oskar) · Public domain text

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Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange (part 3 of 5)

Produkte der Verdichtung sind ferner die Salze, Boraxe (tinkâr), Alaune (schabb), Vitriole usf.[4385]. Die Alaune gebrauchen die Färber zum Beizen und Fixieren der Farbstoffe, die Chemiker aber zum Reinigen und Färben der Metalle[4386]. Die Vitriole werden bald durch Eisen gelb und rot, bald durch Kupfer grün gefärbt; die Kalkand und Kalkadis genannten sind äußerst scharf und hitzig, dienen zum Räuchern und ergeben beim Erhitzen unter Entwicklung eines furchtbaren Dunstes Kalkatâr [Colcotar][4387]. -- Den Salzen ähnlich, aber sublimierbar, ist der Nauschâdar [Salmiak], der sich in vielen Gruben findet, sowie im feinen hitzigen Dunst der Bäder[4388].

Weitere Ergebnisse mehr oder minder weit fortgeschrittener Verdichtung sind u. a. noch: Die Naphtha (naft), deren schwarze Sorte durch Destillation mit Helm und Alambik weiß wird[4389]; die Tûtijâ, die nach einigen ein beim Reinigen des Kupfers [?] entweichender Rauch ist, nach anderen nur in Silbergruben vorkommt, nach noch anderen aber aus gewissen farbigen Mineralien Indiens [Vitriolen?] besteht[4390]; die Magnesia [hier = Braunstein], die durch ihren Bleigehalt [!] Kiesel und Alkali zu Glas zusammenschmilzt[4391]; der Magnet, der den berühmten Magnetberg bildet und seine Kraft durch Gegenwart von Zwiebeln oder Knoblauch verliert, durch Essig oder Bocksblut aber wiedergewinnt[4392]; die nur sehr allmählich reifenden Edelsteine, wie der Diamant, der Smaragd, der Jâkand [Jâqût = ὑάκινθος, Hyazinth][4393] und viele andere. Nicht zu diesen gehörig ist der Kahrubâ [= Strohräuber, d. i. Bernstein], der vielmehr das verhärtete Harz des römischen Nußbaumes vorstellt[4394].

Viele Mineralien sind, wie schon ~Aristoteles~ [d. h. das „Steinbuch des ~Aristoteles~“] lehrte, wichtig für die Kunst der Metallverwandlung, niedergelegt in den Büchern des ~Hermes~, aus denen u. a. auch ~Alexander der Grosse~ seine medizinischen und chemischen Kenntnisse schöpfte[4395]. Das Arsen, sowohl das gelbe und rote, wie das beim Calcinieren entstehende weiße, die sämtlich furchtbare Gifte sind, Fliegen und Läuse töten, und zuweilen auch als Depilatorien Verwendung finden, weißt das Kupfer[4396] und ebenso wirkt der calcinierte arsenhaltige Ifrangis [Stein der Franken] beim Projizieren auf 50 Teile Kupfer[4397]. Auch der schwefelhaltige Markasit dient in der chemischen Kunst zur Überführung von Kupfer und Blei in Silber, oder doch in ein silberähnliches Metall[4398]; aus Blei, Kupfer, Eisen und Zinn ergeben ferner gutes Silber die Steine Talk, Baumwollmagnet, Kidâmi und Karsijâd[4399], welche letzteren, ebenso wie der Furslus, der Wollmagnet und der Bleimagnet, auch Quecksilber zu glänzendem, festem, ausgezeichnetem Silber härten[4400]. Der Wetzstein erzeugt aus Silber ein dem Gold sehr ähnliches Metall[4401], der Satansstein färbt 14 Teile Silber zu rotem Gold[4402], der Stein Hâdî sowie die Korallenasche fixieren Quecksilber zu Gold[4403], der Chrysolith [= golderzeugender Stein] und der rote, indische Stein Hâmî gilben auch Kupfer zu Gold, das durch Talk noch ganz besonders schön glänzend wird[4404].

28. ~Aldimeschqi~ (1256 bis 1327 oder 1331), Verfasser der berühmten, sehr ausführlichen „Kosmologie“[4405], aus der schon weiter oben das die Ssabier Betreffende angeführt wurde. Allgemeiner Ansicht nach, die schon zur Zeit des ~Ibn Wahschijah~ (um 900) die herrschende war, erweisen sich die sieben Metalle, d. s. Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Zinn, Blei und Châr Sinî (nach anderen aber Quecksilber, nach noch anderen Zink)[4406], sämtlich als nahe verwandt, da sie alle aus verschiedenen Mengen Schwefel und Quecksilber von mehr oder minder hoher Reinheit zusammengesetzt sind und sich untereinander wie Blüten, Knospen und Früchte verhalten[4407]; nach Farbe, Natur und Eigenschaften gleichen sie den sieben leuchtenden Planeten, denen sie zugeordnet und durch deren Strahlen sie entstanden sind, und mit Recht sagt daher der Mystiker ~Ibn Alʿarabi~ (gest. 1240): „Gold und Silber sind die großen Namen, abhängig von den Planeten und ihren Häusern“[4408].

Der Schwefel ist der „Vater der Metalle“, der „Samen der Metalle“[4409], er verdichtet sich aus den öligen Teilen der irdischen Wässer und Ausdünstungen, findet sich daher in manchen Quellen und in der Nähe der Vulkane[4410] und ist gelb, auch rötlich oder weißlich, leicht entzündlich und sehr brennbar[4411]; ihm äußerst ähnlich, aber schwieriger entflammbar, sind das gelbe und rote Arsen und das männliche oder weibliche Sandarach, das, mit Kalk vereinigt, den Indern als wirksamstes Enthaarungsmittel dient[4412], sowie auch das Arsen, „Dik ber Dik“ [aus einem Tiegel in den andern sublimiert; Arsenigsäure], das Rattengift, das in Spanien auch als „Erde“ [Mineral] vorkommen soll[4413]. -- Das Quecksilber, die „Mutter der Metalle“, bildet sich durch allmähliche Verdichtung des himmlischen Wassers, namentlich des auf Schwefel fallenden; es ist zwar äußerlich weiß, innerlich aber rot, ergibt Legierungen mit den Metallen, besonders auch mit dem Gold, dessen „Magnet“ es ist, weißt das Kupfer und löst sich in der Hitze zu Dampf auf, der tödlich ist wie Kohlendunst[4414]. -- Erst weiterhin vereinigen sich, wie angegeben, Schwefel und Quecksilber miteinander; sie reifen dann, je nach den Umständen und der Länge der Zeit, zu einem oder dem anderen der 7 Metalle heran.

Die Alchemisten, die alle diese Lehren aufstellen, versichern nun, die Natur nachahmen, das Reifen beschleunigen und so künstlich Gold und Silber machen zu können; aber alles, was sie behaupten, ist unmöglich und unwahr, und sie selbst sind Täuscher, Betrüger, Fälscher, Münzfälscher, bestenfalls „Färber“, niemals aber „Macher“[4415]. Ihre Theorien „alle Metalle verwandeln sich beim Erhitzen in Quecksilber; die Blüte Quecksilber trägt die Frucht Gold; die übrigen Metalle sind Zwischenstufen und enthalten mehr Schwefel,...“ sind verkehrt und unsinnig, denn jedes Metall ist und bleibt ein besonderes Wesen, allein abhängig von der Natur des zugehörigen Planeten, seines Erzeugers[4416]. Ihre Vergleiche „Vitriol, Galläpfel und Wasser, obwohl nicht schwarz, geben zusammen schwarze Tinte; Kieselsand, Alkali und Magnesia [Braunstein], obwohl nicht durchsichtig, geben zusammen durchsichtiges Glas; so geben unsere Präparate zusammen Silber oder Gold,...“ führen irre und beweisen gar nichts[4417]. Alles, was sie vermögen, kommt darauf hinaus, dem Blei durch verschiedene Zusätze eine silberähnliche Farbe zu erteilen, den Zinnober, den sie „roten Schwefel“ und „Salz der Sonne“ nennen, für Gold zu erklären und auszugeben, u. dgl. ähnliches[4418].

In Wahrheit wird das +Gold+ aus den Mineralien, deren es 700 oder mehr gibt, durch die Hitze der Sonne, seines Planeten, ausgekocht, weshalb es auch fast nur in heißen Ländern verkommt; Quecksilber haftet ihm an, die Ausdünstung des Bleies macht es zerbrechlich und durch Salmiak wird es glänzend[4419]. -- +Silber+ findet sich in der Nähe des persischen Golfes und nördlich vom asowischen Meere, wo es noch mit den unvollkommensten Mitteln ausgeschmolzen wird[4420]. -- +Kupfer+, von dessen griechischem Namen Kypros sich auch jener der Insel Cypern herschreibt[4421], schätzen manche Negervölker höher als Gold, wie das auf einigen indischen Inseln auch mit dem Eisen, in den Ländern der Nilquellen (Gânah) mit dem Zinn, und in Abessynien mit dem Messing der Fall ist[4422]. Das „weiße Kupfer“, Isfid-rûy, auch Isfad-rûy, Isbâdârîh, Sefidrûy, von manchen auch Châr sinî genannt, aus dem man prächtig klingende Glocken, Spiegel u. dgl. anfertigt, ist eine Art sehr heller, weißglänzender, harter, leicht und trefflich polierbarer Bronze, zeigt aber zuweilen auch gelbliche bis goldige Färbung, oder ein Gemenge hellerer und dunklerer Teile; es kommt aus China, wo es Pe-tong = „weißes Kupfer“ heißt, und besteht nach chinesischen Werken aus einer Legierung von Kupfer, viel Zinn (ein Fünftel und mehr) und etwas Arsen, das den aus ihm angefertigten Waffen tödliche Eigenschaften erteilen soll[4423]. -- +Zinn+, qasdîr, qalî, anûk, maqad, weißes rasâs (Blei) genannt, halten viele für ein aussätziges oder pockennarbiges Silber, so wie sie das Blei für ein unfertiges und ungares Gold erklären[4424]. -- +Eisen+ wird aus vielerlei Erzen gewonnen, vor allem aus Hämatit [Roteisenstein], dem Chumâhan oder Kamâhen, von dem es mächtige Lager zwischen Nil und rotem Meer gibt[4425]; das beste, namentlich für Schwerter geeignetste, kommt aus Indien und China[4426]. Aus ungeheuren Eisenplatten verfertigte ~Alexander der Grosse~ die Mauer um die wilden Völker zu Magog im äußersten Norden der Erde, ferner erbaute der persische König ~Sapor~ [241-272] einen Aquädukt, ruhend auf riesigen, eisernen, mit „Bleizement“ vergossenen Säulen[4427]. Zu den größten Merkwürdigkeiten gehört es, daß ein Stein, der Magnetstein, das Eisen anzieht und oft das Doppelte seines eigenen Gewichtes festhält[4428]; noch gesteigert wird seine Kraft durch Berührung mit Bocksblut, das auch sonst sehr wunderbare Eigenschaften zeigt, denn nach dem Bestreichen damit werden die Diamanten im Feuer schmelzbar, und kupferne (bronzene?) Waffen verursachen tödliche Wunden[4429] -- +Ithmid+, das schwarze Antimon [bald Spießglanz, bald metallisches Antimon], soll aus dem Kupfer in Gegenwart zu vielen Schwefels entstehen und „verbrennt“ die meisten anderen Metalle, selbst das Eisen[4430]. Das beste findet sich in Ispahan, am Ebro, sowie in Andalusien, wo es mit zunehmendem Monde wächst; eine Quelle bei Cadix liefert einmal im Jahre während einer Woche geschmolzenes Blei und schwarzes Quecksilber, das zu schwarzem Antimon erstarrt[4431]. -- +Zink+, das einige, wie angegeben, zu den 7 Metallen zählen[4432], kommt einzig aus China, und niemand vermag zu sagen, wie es dort hergestellt wird; es ist ein weißes Metall, gleicht dem Zinn, hat aber einen dumpfen Klang und zeigt sich veränderlich, indem es allmählich seine Farbe und Härte verliert[4433] [sich oxydiert, zerfällt, ...]; seine persische Bezeichnung ist Isfidrûy, d. i. weißes Kupfer, auch Sapîd-rûy, Isbidâri, Sbiadâr [wovon sich der alte Name „Spiauter“ für Zink ableitet][4434].

Zu den wichtigsten Mineralien zählen: Pyrit und Markasit [Schwefelkies u. dgl.], deren 7 Arten die 7 Metalle enthalten sollen, die man aus ihnen gewinnen kann, indem man den gleichzeitig vorhandenen vielen Schwefel abscheidet[4435]; die Magnesien, vor allem die der Glasmacher [= Braunstein][4436]; der Asbest[4437]; der Salmiak, dessen natürliche Sorten aus China, Persien und Ferghâna kommen, während man ihn in Ägypten künstlich zu bereiten versteht[4438]; die Naphtha, die weithin ausgeführt und u. a. von den koptischen Christen [in Ägypten] nebst Pulver und sonstigen geeigneten Substanzen zur Feier des Weihnachtsabendes angezündet und verbrannt wird[4439]. Manche Arten Naphtha sind von Natur aus wasserhell und so flüchtig, daß man sie nicht in offenen Gefäßen aufbewahren kann, andere werden aus einer Art Erdpech erst in trüber und dunkler, dann aber durch nochmalige Umarbeitung in klarer und weißer Beschaffenheit gewonnen, und zwar „indem man sie wie Rosenwasser destilliert“[4440]. Letztere Kunst wird hauptsächlich in Damaskus betrieben, und man bedient sich dabei besonderer, oft in mehrstöckig aufgebaute Öfen, besser aber in Wasser- oder Dampf-Bäder eingesetzter Gefäße aus Blei, Eisen oder Glas[4441]; das richtig Überdestillierte [Übergeschwitzte; Schweiß = araq][4442] ist von bester Beschaffenheit, dauernd haltbar und schön klar, so wie man auch wieder vom Bergkrystall sagt, daß er „durchsichtig ist wie reines destilliertes Wasser“[4443].

29. ~Alakfani~ (auch ~Ansari~ und ~Alsachawi~ genannt; gest. 1348). Alkîmijâ ist die Kunst, den Metallen, die sämtlich nahe verwandt und nur in kleinen Akzidentien verschieden sind, gewisse noch erforderliche, sie ein wenig verändernde Eigenschaften zu erteilen und so zur Erzeugung von Silber und Gold zu gelangen[4444]; dies geschieht mit Hilfe des „geehrten Steines“ Aliksîr, der ganz wie die Krankheiten und Schäden der Menschen auch die der Metalle heilt, z. B. Aussätzigkeit, Epilepsie, Apoplexie, Verbrennungen, ..., und sie hierdurch in Silber oder Gold überführt, -- ohne dabei selbst die geringste Veränderung zu erleiden. Alle Mitteilungen der Alten über seine Herstellung, für die auch die Einflüsse der Planeten (vor allem des ~Hermes~) von Belang sind[4445], lauten undeutlich, dunkel und rätselhaft und +mußten+ dies auch, da [technische] Schwierigkeit und [moralische] Gefahr der Sache die größte Vorsicht bedingen. Notwendige Materialien sind Schwefel und Quecksilber, als Grundlagen der Metalle, sublimierter Zarnich [Arsenigsäure], der das Kupfer ebenso weißt wie die Tûtijâ [Galmei u. dgl.], ferner gewisse Salze und Aschen, pflanzliche und tierische Substanzen, sowie endlich unedle Metalle, deren Menge nach bestimmten Gewichtsverhältnissen der Wage zu bemessen ist[4446]. Deshalb heißt die Kîmijâ auch „Wissenschaft der Wage“, weil allein mittels dieser die zur Gewinnung des Elixirs und der Edelmetalle erforderlichen Mischungen nach vorgeschriebenem Gewicht oder Volum so kombiniert werden können, daß ihr Gewicht und Volum dem des „Gesuchten“ gleich ist; wie viel aber auf die richtigen Verhältnisse ankommt, zeigt die Erfahrung, daß verschiedene Stoffe in einer Flüssigkeit bald schwimmen, bald untersinken, bald eben nur die Oberfläche berühren[4447].

Das Elixir fixiert auch das Quecksilber und verwandelt Krystall, dessen schönste Sorte der arabische Bergkrystall ist[4448], in Edelsteine[4449]; die wertvollsten von diesen sind der fleischfarbige oder rötliche Korund (jaqût)[4450], die Perle (dschauhar)[4451] und der Diamant, der auch aus Jemen, Cypern und Macedonien kommt (?), Stahl- oder Silberglanz zeigt und ganz außerordentlich giftig ist[4452].

30. ~Ibn Khaldun~ (geb. 1332 in Tunis, gest. 1406 in Kairo; der bekannte Historiker)[4453]. Die Alchemisten geben vor, ein aus mineralischen, pflanzlichen oder tierischen Stoffen dargestelltes, bald festes, bald flüssiges Präparat „Aliksîr“ zu besitzen, von dem schon ein Körnchen oder ein Tropfen genügen soll, um 1000 Teile der passend vorbehandelten „Körper“ des Kupfers oder Silbers mit „Geist“ zu erfüllen und sie hierdurch, kraft einer erfolgenden Fäulung, „Vermählung“ oder „Verbindung“, in reines Silber oder Gold zu verwandeln[4454]. In Wirklichkeit gibt es aber eine Alchemie ebensowenig wie eine Astrologie oder Magie, und es ist gerade so vergeblich, sich mit ihren rätselhaften, unsinnigen und unverständlichen Schriften und Vorschriften zu beschäftigen, wie Astrologie oder Magie zu studieren[4455]: weder sind die Metalle tatsächlich „nahe verwandt“ und „leicht ineinander verwandelbar“, noch läßt sich ihr angeblich 1000 Jahre währendes „Reifen“ in der Natur beweisen, nachahmen oder beschleunigen, auch gibt es keinen „Stein der Weisen oder Alkîmijâ“, und er erzeugt daher auch nicht „einer Hefe gleich aus wenigem Golde vieles“[4456]. Niemals hat die Alchemie einen Erfolg gezeitigt, niemals hat sie einen Armen reich gemacht, -- „~Abuʾlhasan~ blieb stets arm und schmutzig“, sagt bereits der „Fihrist“[4457] --, und wie schon der arme ~Alfarabi~ sie verteidigte, während der reiche ~Avicenna~ sie verwarf, so betreiben sie auch jetzt noch die Bedürftigen und nicht etwa die Wohlhabenden[4458]. Die Alchemisten waren und sind Lügner und Betrüger: sie wissen Kupfer mit Quecksilber oder Sublimat wie Silber zu weißen, schlechten Metallgemischen Goldglanz zu verleihen, kupfernen Schmuck auf allerlei Weise mit dünnen Schichten Gold oder Silber zu überziehen und ihn für echten auszugeben, und alle diese oder ähnliche Unterschleife führen sie so geschickt aus, daß nur der ganz Erfahrene ihren Schlichen entgehen kann. Endlich betreiben sie auch noch Falschmünzerei, in der sich namentlich die Studierenden des Rechtes und der Theologie im Maghreb (Nordwest-Afrika) hervortun, weshalb man dort nicht wenige der Ertappten mit abgehauenen Händen umhergehen sieht[4459].

31. ~Abuʾlfadil~, im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts, zur Zeit des nordindischen Königs ~Akbar~, der ein Anhänger der Alchemie war und selbst Gold erhalten zu haben glaubte[4460], macht einige Mitteilungen über Metall-Legierungen und zählt unter diesen auf[4461]: a) Sefîdrûy, aus Kupfer und Zinn, eine sehr helle Bronze[4462]; b) Kaulpatr (?), aus Sefîdrûy mit mehr Kupfer; c) Rûy, aus Kupfer und Blei [weißem = Zinn?]; d) Birindsch, aus Kupfer und Tûtijâ [Galmei, ...], d. i. Messing von verschiedener Färbung; e) Sîm-i-Suchtah, aus Silber, Bronze und Blei; f) Hescht-Dhât = „(aus) acht Sachen“, also ein Mischmetall aus acht Bestandteilen; g) Haft-Dschôsch = aus Sieben oder Sieben-Geschmolzenes, bestehend aus den 7 Metallen Tilâ (Gold), Nukra (Silber), Mis (Kupfer), Ahan (Eisen), Surb (Blei), Qalî (Zinn) und Rûh-i-Tûtijâ, wörtlich „Geist des Galmeis, Galmeigeist“, d. i. metallischem Zink. Mit Haft-Dschosch identisch soll auch Tâliqûn sein, das indessen andere für ein aus China kommendes und mit einem Giftstoff [Arsen?] versetztes „siebenmal gekochtes Kupfer“ halten, und noch andere für eine besondere Legierung aus Kupfer oder Eisen.

32. (+Anhang+): +Die Erzählungen+ „1001 +Nacht+“. Diese Erzählungen[4463] gehören zu den merkwürdigsten und eigenartigsten Dokumenten der gesamten muslimischen Kulturgeschichte und erfordern daher an dieser Stelle Berücksichtigung, obwohl man sie keineswegs als ein einheitliches Werk ansehen kann, und nicht sowohl von ihren Verfassern als von ihren Sammlern zu sprechen hat[4464]. Die Rahmenform des Ganzen, aber auch mancherlei des Stoffes, ist zweifellos indischen Ursprunges[4465]; in Persien waren die Märchen wohl mindestens schon seit dem 8. Jahrhundert im Umlaufe, und dort lernten sie auch die Araber kennen, bei denen sie aber noch im 10. Jahrhundert der „Fihrist“ als „persische“ bezeichnet, und ~Almasʿudi~ unter persischem Titel als die „1000 Erzählungen“ oder „1000 Nächte“ erwähnt, die jedoch damals schon mit neuen, nachträglich eingeführten Geschichten durchsetzt waren[4466]. Ein alter Grundstock reicht also vermutlich bis in die abbasidische Frühzeit zurück, und Bagdad lieferte auch die Hauptmenge der späteren Zutaten[4467]; ihre maßgebende Gestalt erhielten jedoch die Erzählungen „1001 Nacht“, -- +dieser+ Name kommt nicht vor dem 12. oder 13. Jahrhundert auf[4468] --, erst im Kairo der Mamluken-Dynastie, also während des 13. Jahrhunderts[4469], und das älteste erhaltene Manuskript der so neu geschaffenen Gestalt ist etwa um 1350 niedergeschrieben[4470]. Weitere Umarbeitungen brachte die Folgezeit, und zwar bis in das 18. Jahrhundert hinein[4471].

Da aus dem Werke selbst nur ganz vereinzelte feste Daten zu ersehen sind[4472], so kann naturgemäß von chronologischer Sicherheit zumeist keine Rede sein, immerhin ist aber, abgesehen von gewissen, schon ihrem Inhalte nach leicht kenntlichen, späten Einschiebungen, der weitaus größte Teil der Angaben sehr wertvoll und für die während der Blütezeit des arabischen Reiches herrschenden Verhältnisse höchst charakteristisch.

Von Magie, Astrologie und Alchemie ist in „1001 Nacht“ so oft und unter so mannigfaltigen Umständen die Rede, daß sich hieraus ohne weiteres die ungeheure Rolle ersehen läßt, die diese Geheimwissenschaften in sämtlichen Kreisen der muslimischen Welt spielten. Sie werden als allerorten heimisch vorausgesetzt, da die Menschen, durch die gefallenen Engel ~Harut~ und ~Marut~ einmal in ihren Besitz gelangt[4473], sie überallhin verbreiteten; doch soll Afrika, insbesondere Nordwest-Afrika, die gefährlichsten +Magier+ und mächtigsten Zauberer besitzen, „berüchtigt ob ihrer unheilvollen Kenntnisse“[4474].

Die +Astrologie+ mit ihren Theorien von den 7 in den Sphären kreisenden Planeten, deren Auf- und Absteigen, Konstellationen und Aspekten, Häusern und Ordnungen usf., ist von höchster Wichtigkeit für alle öffentlichen und privaten Angelegenheiten[4475], u. a. auch für die Erziehung der Kinder[4476] und für die Ausbildung der Ärzte[4477]; nur ganz ausnahmsweise wird über sie gespottet, z. B. wenn eine Konjunktion von ~Ares~ und ~Hermes~ den günstigen Augenblick zum Haarschneiden gewährleisten soll[4478], in der Regel aber begegnen ihre Lehren und alle an diese geknüpften Folgerungen der ernstlichsten Erörterung, wir hören daher von silbernen und goldenen astrologischen Instrumenten mit 7 Scheiben und zugehörigen geomantischen Tafeln[4479], von den 7 Farben der 7 Planeten[4480], von Seide in 7 Farben, den einzelnen Tagen entsprechend[4481], von 7 Schlössern, aus Krystall, Marmor, chinesischem Stahl, Edelsteinen, Porzellan, Silber, Gold[4482], u. dgl. mehr.

Die +Alchemie+ geht aus von den vier Elementen und vier Säften, denn aus Wärme, Kälte, Feuchte und Trockenheit schuf Allah zunächst Feuer, Luft, Wasser und Erde, die heiß und trocken, heiß und feucht, kalt und feucht, kalt und trocken sind[4483], und aus denen alle übrigen Dinge bestehen. Die Kunst, Silber und Gold zu machen, ist die Chemie oder „natürliche Magie“[4484]; sie steht in enger Verbindung mit der Astrologie[4485] und ist niedergelegt in den Büchern, die da handeln von den Eigenschaften der Mineralien, Steine und Kräuter, von Zaubereien und Talismanen, Giften und Gegengiften, vom Schneiden und Fassen der Edelsteine, usf.[4486]. Wer sie beherrscht, kann nach dem rechten Rezepte für 10000 Dinare Gold herstellen, ja selbst auf einmal 1000 Drachmen [7½ Pfunde] Silber oder 10 Pfunde Kupfer ohne weiteres in feines Gold verwandeln, wozu er nicht mehr als eine halbe oder ganze Drachme des „gelben Kohols“ [= goldgelben Streupulvers] gebrauchen wird, das auch Scheidepulver oder Elixir heißt[4487]. Man erzählt hierüber, daß auf einer Zauberinsel goldgelbe, nachts leuchtende Blüten wachsen, die bei Sonnenaufgang abfallen, vom Winde unter die Felsen geweht werden und dort zu Elixir eintrocknen, das die Menschen sammeln und zur Kunst des Goldmachens gebrauchen[4488]; diese ist jedoch des Betruges und Schwindels wegen verboten, und die sie betreiben, werden mit dem Tode bestraft[4489]. Manche erklären übrigens, es gebe in Wahrheit nur ein einziges +wirkliches+ Elixir, nämlich +jenes+ flüssige Gold der Weisen, das man in Bechern abmessen könne, den Wein[4490]. Hingegen versichern andere[4491], die eigentlichen alchemistischen Regeln, diese „Wunder der Kunst“, fänden sich samt den Annalen der alten ägyptischen Priester auf Syenittafeln verzeichnet, die nebst Götzenbildern und Figuren, Inschriften, Geräten, Waffen, Schätzen, Vasen voll Edelsteinen, Gefäßen aus Krystall und aus „biegsamem“ [unzerbrechlichem] Glase, Heiltränken usf., im Innern der Pyramiden verborgen seien; der Khalif ~Almamun~ versuchte deshalb (um 810) die größte Pyramide zu öffnen, jedoch ohne Erfolg[4492].

Aus +Kupfer+ bestehen rote, prächtig polierte Palasttüren, Türbeschläge und Türringe[4493], große Schalen und Kochgeschirre[4494], Lampen[4495], Waffen[4496], Zaubergeräte[4497] und Statuen[4498]; aus +Messing+, „gelbem Kupfer“, „goldgleichem Kupfer“, „andalusischem gelbem Kupfer im Werte des Goldes“[4499], Statuen und Löwen[4500], Türen und Türringe[4501], Beschläge von Türen und Fußböden[4502], Gitterfenster und Bänke[4503], Kessel, Schüsseln und Gefäße[4504], Ketten, Ringe, Klappern und Schellen[4505], Stifte, um in Sand, und Federn, um mit Tinte (auch mit azurblauer) zu schreiben[4506], die gurken- und kürbisförmigen Flaschen, in die König ~Salomon~ die bösen Geister verschloß und einsiegelte[4507], sowie die gewaltige sagenhafte „Messing-Stadt“[4508]; aus +Bronze+ Dächer von Pagoden[4509], Gefäße und Krüge[4510], Zauberruten (die man auch aus je einem Vierteil Kupfer, Bronze, Eisen und Stahl zusammensetzt)[4511] und der aus bronzeartigem Mischmetall gegossene Zauberspiegel König ~Salomons~, der dem Hineinblickenden alles zeigt, was sich in den 7 Klimaten der Welt begibt[4512].

+Blei+, dessen Scheiben so groß wie Brotlaibe sind[4513], dient zum Vergießen der Fundamente mächtiger Gebäude, z. B. der Pyramiden[4514], zur Anfertigung der todbringenden Pfeile, Fluchtafeln und Wundersiegel, z. B. jener des Königs ~Salomon~[4515], und besitzt die Kraft, Diamanten zu teilen und zu zerbrechen[4516]. -- Weißes Blei oder +Zinn+ findet sich nach den Berichten des Seefahrers ~Sindbad~ [spätestens gegen 800] in den „Blei“-Minen der ostindischen Insel Qalah[4517], gleicht dem Silber, weshalb man auch das Pferdegeschirr verzinnt[4518], Zinn und Messing dem Silber und Gold unterschiebt[4519] und anscheinend übergoldetes Zinn oder Kupfer für echtes Gold ausgibt[4520].

+Eisen+ wird geschmiedet und gegossen, so daß riesige Stadtmauern geschmolzenen Eisenmassen gleichen[4521]; ein wunderbarer Stein, der Magnet, der im indischen Meere einen ganzen Berg bildet, zieht es an und hält es fest[4522]. Das härteste Eisen, das mit dem Feuerstein Funken gibt[4523], ist der Stahl, von dem Indien und China die besten Sorten liefern, namentlich auch den glänzend blanken und den „gewässerten“ [damascierten][4524]; man macht aus ihm Stäbe und Keulen von 1 bis 2½ Zentnern Schwere[4525], Türen und Schlösser[4526], Dolche und Schwerter[4527], Steigbügel[4528] usf.

+Quecksilber+ (zîbak) ist äußerst beweglich, und der hurtige Läufer ~ʿAli Zibak~ trägt daher seinen Namen[4529]; es ist ein gutes Augen-Heilmittel, wirkt [als Sublimat] konservierend[4530] und dient [als Zinnober] zur Herstellung von Malerfarbe und Farbe für rote Schrift[4531].

+Antimon+ oder +Kohol+ [ein feines Pulver aus Antimon- oder Bleiglanz] wird an sehr zahlreichen Stellen zum Umrändern der Augen und als Augenschminke empfohlen, um so mehr als es auch die Sehkraft stärkt und vor dem „bösen Blicke“ schützt[4532], weshalb Vornehme es in einem Silber-Büchschen (nebst dem zum Auftragen dienenden Silberstifte) stets an einer Kette um den Hals zu tragen pflegen[4533]; auch bildlich ist die Rede vom „Kohol des Blickes“; gelber und roter Kohol findet sich ebenfalls erwähnt[4534].

Gelbes +Arsen+ [Auripigment] nebst Kalk dient als zuverlässig wirkendes Enthaarungsmittel[4535].

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Ein Rückblick auf die in den letzten Abschnitten besprochene Litteratur läßt erkennen, daß weder Syrer noch Araber die eigentliche Alchemie auch nur um einen einzigen neuen oder originellen Gedanken bereicherten. Sämtliche angeführten Autoren (denen zweifellos noch viele andere anzureihen wären), mögen sie nun Freunde oder Gegner der Alchemie sein, -- und an diesen hat es schon von Anfang an nicht gefehlt --, zehren ausschließlich von der Hinterlassenschaft ihrer hellenistischen Vorfahren; sie halten fest, was diese überlieferten, verbreitern und vergröbern die verstandenen Ideen, entstellen und verzerren die unverstandenen, erheben sich aber nirgendwo im geringsten über die hergebrachten Dogmen, die ihnen vielmehr, als geheiligt durch die „großen Autoritäten“ der Vergangenheit, unverbrüchlich feststehen. Entgegen früheren Anschauungen ist daher, wie in nicht wenigen anderen Punkten so auch hier, die Rolle der Araber so gut wie ausschließlich eine empfangende und vermittelnde, -- durch welche Einsicht jedoch der Anerkennung ihrer ganz außerordentlichen Wichtigkeit keinerlei Abbruch geschehen soll.

Anhang.

Des Zusammenhanges wegen seien an dieser Stelle noch die Schicksale der Alchemie in einigen dem islamischen Kulturkreise zugehörigen Ländern berührt, jedoch nur in aller Kürze, da nirgendwo neue Gesichtspunkte auftauchen oder Ansätze zu weiterer Entwicklung hervortreten.

In +Persien+ besaßen und besitzen die eigentlichen Parsen keinerlei Bücher, die der Magie und Zauberei oder deren Nebenzweigen gewidmet wären, da ihre Religion diese durchaus verbietet, und schon ~Zoroaster~ als erbitterter Feind alles derartigen Wesens bezeichnet wird[4536]; zudem ist die Ausübung der Chemie noch besonders untersagt, weil sie eine Verunreinigung des geheiligten Feuers bedingt[4537]. Wenn also ~Zosimos~, ~Synesios~ und andere griechische Autoren, und diesen folgend wieder die Verfasser der syrischen Manuskripte, den ~Zoroaster~ teils allein, teils zusammen mit ~Ostanes~, ~Sophar~, ~Osron~ usf. als alchemistische Autoritäten zitieren und außerdem allerlei „persische“ Schriften, Vorschriften und Präparate anführen, und wenn ~Alnadim~ im Fihrist berichtet, daß einige den Ursprung der Alchemie nach Persien verlegen, so walten hierbei entweder bewußte, gewissen Zwecken dienliche Unterschiebungen ob; oder es werden (aus ähnlichen Gründen) alchemistische Verfahren zusammengeworfen mit metallurgischen, deren die Perser seit altersher manche ganz treffliche besaßen; oder endlich es handelt sich um die so häufige, aber irrtümliche Bezeichnung der Babylonier (Chaldäer) als „Perser“. Diese erklärt sich, wie bereits weiter oben erwähnt, aus den politischen Verhältnissen, bezüglich derer nochmals daran erinnert sei, daß die Perser im babylonischen Reiche, wie nach der ersten Eroberung durch ~Cyrus~ so auch späterhin, stets nur eine ganz dünne Oberschicht bildeten, und zwar die Herrschermacht in Händen hatten, auf Sitten und Gebräuche, Glauben und Aberglauben der großen Masse der Bevölkerung aber keinen maßgebenden Einfluß ausübten und umgekehrt einen solchen auch nur in beschränktem Umfange und sehr allmählich erfuhren. Anfänge alchemistischer Bestrebungen traten daher in Persien wohl erst durch syrische und nestorianische Vermittlung zutage, während alchemistische Schriften nicht vor der Zeit tiefgreifender Umwälzung durch die arabische Eroberung abgefaßt wurden, dann aber, soweit bekannt, ausschließlich seitens arabisch schreibender Perser oder Syrer, also nicht in persischer Sprache, sondern in arabischer.

Dafür aber, daß einige Jahrhunderte genügten, um auch den persischen Geist gänzlich mit alchemistischen und astrologischen Anschauungen zu durchdringen, zeugt das gegen 1000 vollendete persische Nationalepos, das „Königsbuch“ (Schâh-Nâmeh), dessen Verfasser, ~Firdusi~ (= der Paradiesische), übrigens für seine Person dem Aberglauben freien Geistes gegenübersteht. Schon weiter oben wurde angeführt, daß er die Chemie und ihr Elixir erwähnt und daß ihm ein Herz „voll Kîmijâ“ ein Herz „voll Falschheit“ ist; er kennt auch die vier Elemente und sagt von ihnen[4538]:

„Durch Mischung von Feuer, von Wasser, von Erd’ Und von Luft, wird das Antlitz der Welt verklärt.“

„Wer die vier Grundstoffe verband, Nahm mit Mannheit die Welt in die Hand.“

Von den Astrologen und ihren Auslegungen der Planeten-Tafeln und -Kreise, sowie des mit den Bildern der sieben Planeten geschmückten „Weltenbechers“, der Gegenwart und Zukunft anzeigt[4539], hat er jedoch keine günstige Meinung[4540]; es heißt über sie:

„Vor jedem Schâh ein Sterndeuter stand, Voll Gedanken, Sterntafeln zur Hand; Nach dem Geheimnis spähten sie, Wem die Sphär’ ihre Gunst verlieh? Die Sterne schauten zu den Scharen, Und die Sterndeuter ratlos waren[4541],“

und über ihren Auftraggeber, den Schâh:

„Nicht wußt’ er: es ist kein Verlaß auf die Kreise, Der Sterne sind viel, doch Gott nur ist weise[4542].“

Bei den Dichtern der Folgezeit sind chemische, alchemistische und astrologische Anspielungen etwas Alltägliches und geradezu Unentbehrliches, daher offenbar auch dem Leserkreise durchaus Geläufiges; so sagt schon ~ʿOmar Alkhajjam~ (um 1100, der berühmte Mathematiker)[4543]:

„Die Traube kann mit ihrem Saft Der Weisen Zweifel widerlegen: Sie ist’s, die reines Gold, -- Heil ihr und Segen! --, Aus dieses Lebens schlechtem Kupfer schafft.“

„Der Traube Saft wird Deine Unruh’ bändigen, Und den Streit der Weisen beendigen: Trink +einen+ Krug dieser Alchemie[4544], +Tausend+ Gebrechen heilet sie,“

und bei ~Saʿdi~ (1184-1286) finden sich in einem „Alchemie“ überschriebenen Gedichte des „Bostan“ (Fruchtgartens) folgende Verse:

„Du hast ja wohl gehört, daß vormals Staub und Sand Zu Gold und Silber ward in eines Frommen Hand[4545].“

„Willst Du erreichen, hab’ zum Suchen Kraft Wie der Adept, der rastlos hoffend schafft Und Haufen Goldes wandelt um in Erde, Daß ihm, aus Erde, Golds ein Körnlein werde[4546].“

Ferner:

„Schwarzes Metall, mit Gold überfangen, Zum Tiegel der Schmelze gebracht, Wird anders daraus hervorgelangen, Als die Leute gedacht[4547].“

„Bist Du ein heller Edelstein, so sei Doch härter nicht als Diamanten: So hart sie sind, sie fügen sich dem Blei, Das weich ist und doch abschleift ihre Kanten[4548].“

Bei dem tiefsinnigen Mystiker ~Dschelaleddin Rumi~ (1204-1273) ist „Kîmijâ“ das Elixir, das, wie unedle Metalle in edle, so Unwissenheit, Unglauben und Empörung des Menschenherzens in Weisheit, Glauben und Gehorsam umsetzt und dem Frommen durch Gottes Gnade zu Teil wird:

„An Gottes Zauberkraft reicht die der Menschen nie, Noch ihre Alchemie an seine Alchemie[4549].“

„Gottergebnen wird aus Staub lautres Gold gewährt, Sündern aber sich zu Staub lautres Gold verkehrt. Falsches Gold auch gibt oft Gott; soll echt sich’s weisen In der Flamme Glut, so bleibt nur schwarzes Eisen[4550].“

Ein ungenannter Dichter der nämlichen Zeit schreibt:

„Gott goß in Dich Vernunft als Leitung zu den Sternen, Wie in das Feuer Licht und in den Moschus Duft; Willst Du die Wissenschaft, den Glauben kennen lernen, So hör’ die Stimme, die aus sieben Minen ruft: Der Kopf sei heller Stahl, das Herz sei Gold gediegen, Sitz’ fest wie schweres Blei, die Brust sei glänzend Erz, Zur Lende soll sich Zinn, zum Fuß Quecksilber schmiegen, Und silbern sei die Hand des Manns von Kopf und Herz[4551].“

Die Hofpoeten preisen den Schâh[4552], „der als Himmelsschreiber den Merkur bestellt hat“, der Blei in Gold zu verwandeln und den Stein der Weisen zu bereiten weiß, während ~Ibn Jamin~ (gest. 1344) diesen nicht durch das Tun des Fürsten verwirklicht sieht, sondern durch das des Ackerbauers[4553]:

„Das, was Du sätest, blüht Dir auch empor: Der Stein der Weisen ist kein Werk der Kunst, Zur Erde wirf’ Dich, birgt ihn doch +ihr+ Flor.“

„Alchemie, das Werk der Nacht, leitet ins Verderben, Weil es mehr verlieren macht, als es macht erwerben. Willst Du wahre Alchemie, deren ganzen Segen Reicht kein irdisches Genie würdig zu erwägen: Bauer sei und schlichten Sinns pflüge Deine Erde, Daß, was Fülle des Gewinns, offenbar Dir werde. Welchem Grund, wie ihr, entspringt Überfluß, der wundert? Wo, wie in der Erde, bringt +Eines+ siebenhundert?“

~Hafis~ (gest. 1389) verkündigt:

„Sieh’, der Chemiker der Liebe wird des Körpers Staub behandeln, Wird ihn, wär’ er noch so bleiern, doch in reines Gold verwandeln[4554].“

„Freue Dich des Weines! Dieser Alchemist Macht, daß gleich dem König reich der Bettler ist[4555].“

„Dem Dürft’gen gilt oft schon allein Die Bitte für des Weisen Stein[4556].“

„Dein Glück wird jeder, der Dich kennt, gar höchlich preisen: Du hast in Dir das Element des Steins der Weisen[4557],“

auch verspricht er den Berufenen die Schätze der Sphären:

„Dient Saturn Dir doch, der Neger, Und der Himmel ist Dein Sklave,“

wobei Saturn „Neger“ heißt, weil er auch ein schwarzer böser Dämon ~Zuhal~ ist und als solcher der Schutzherr aller Räuber, Betrüger, Schatzgräber und ähnlicher zweifelhafter Gestalten[4558]. Unter diesem Namen erwähnt ihn auch ~Dschami~ (1414-1492) gelegentlich der Himmelfahrt ~Muhammeds~ durch die sieben Sphären in „~Jusuf~ und ~Suleikha~“[4559], wo er auch sagt[4560]:

„Was frommt’s, daß +Der+ ein Alchemiste heißt, Kann er vergolden nicht den +eignen+ Geist?“

„Mache, daß Dein Blick einmal mich Armen auch berühre, Deines Blickes Elixir mich zum Reichtum führe.“

Daß ~Dschami~ der 7, in den Farben der 7 Planeten prangenden, für je einen Tag der Woche bestimmten Paläste gedenkt[4561], ist schon weiter oben angeführt worden; oft spricht er auch von den 4 Elementen, deren Beinamen geradezu unzählige sind, z. B. die 4 Arten, Badeöfen, Drachen, Fußdecken, Geier, Genossen, Gewölbe, Kinder, Lastträger, Lehrer, Mütter, Nägel, Perlen, Pfeiler, Polster, Saiten, Säulen, Schnüre, Steuermänner, Wurzeln[4562].

Im eigentlichen +Arabien+ blieb, wie die Angaben ~Snouck-Hurgronjes~ aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts zeigen[4563], die Alchemie während des ganzen Mittelalters bis in die neueste Zeit hinein lebendig, und zwar in ziemlich unveränderter Gestalt[4564]; das nämliche gilt für +Ägypten+, wo ~Vansleb~ noch 1700 in Siut an 360 Derwische antraf, bemüht, durch Magie die Metalle zu transmutieren, besonders mittels Quecksilbers, das sie als „Substanz“ bei sich zu führen pflegten, und überzeugt, daß in den Pyramiden ungeheure Schätze verborgen seien[4565]. Auch in den Küstenländern Nord- und Nordwest-Afrikas (Maghrebs), unter denen +Marokko+ seine Blüte zur Zeit der Almohaden (etwa 1150-1200) erlangte, und in die schon die Erzählungen „1001 Nacht“ die gefährlichsten Zauberer und mächtigsten Magier versetzen, erfreute sich die Alchemie fast seit Beginn der arabischen Eroberung unausgesetzter und eifriger Pflege. Der aus Tunis gebürtige ~Ibn Khaldun~ (1332-1406) eiferte zwar, wie weiter oben berichtet wurde, nach Kräften gegen die Schwindeleien und Betrügereien der Alchemisten, die er namentlich auch der Münzfälschung beschuldigte, aber seine Stimme verhallte ungehört, und noch anderthalb Jahrhunderte später erzählt der sog. ~Leo Africanus~ (gest. 1526) in seiner „Beschreibung Afrikas“[4566]: „In der Stadt Fez gibt es eine Unmenge Alchemisten, die sich ganz ungeheuer um diese eitelste aller Künste bemühen; es sind das völlig verdummte Menschen, die sich mit Schwefel und anderen stinkenden Sachen zu tun machen; des Abends pflegen sie regelmäßig in einer Moschee auf einer Anhöhe zusammen zu kommen und über ihre unsinnigen Lehren zu disputieren.... Es gibt ihrer zwei Arten, die einen suchen nämlich nach dem Elixir, das Kupfer und Metalle tingieren soll, die anderen aber betreiben die ‚Vermehrung‘ (multiplicatio) der Metalle vermöge geeigneter Vermischungen. Gewöhnlich läuft alles auf Falschmünzerei hinaus, daher sieht man in Fez die meisten dieser Leute mit [zur Strafe] abgehauener Hand herumlaufen.“

Über das Treiben der Alchemisten in Fez und Tanger zu Beginn des 17. Jahrhunderts berichtet der englische Kapitän ~Parry~[4567], und ausgestorben ist die Alchemie in Nord- und Nordwest-Afrika auch während der seither vergangenen drei Jahrhunderte nicht; „noch heute, -- so sagt ~Doutté~ mit Recht[4568] --, beherrscht der Zauberglaube der ausgehenden Antike die gesamte islamische Welt“.

6. Die Alchemie in Indien und Tibet.

+Noch+ weniger weit als die Erforschung der naturwissenschaftlichen arabischen Litteratur ist die der indischen fortgeschritten, auch bestehen auf diesem Gebiete ganz eigenartige Schwierigkeiten allgemeiner und besonderer Natur, die bisher nur zum kleinsten Teile behoben werden konnten. Die erste ist der dem indischen Geiste eingeborene völlige Mangel an chronologischem Sinne, der u. a. auch in dem fast gänzlichen Fehlen einheimischer Geschichtschreiber oder Annalisten zutage tritt. Die zweite die eigentümliche Art der Abfassung indischer Werke, die, um einen der Botanik entlehnten Ausdruck zu gebrauchen, durch Intussuszeption wachsen, d. h. neue Materialien ohne weiteres und immer wieder mit in ihren alten Bestand aufnehmen oder einlagern, wodurch dann unübersichtliche und unentwirrbare Gebilde entstehen, wahre Ineinander-Schachtelungen der mannigfaltigsten, oft um ein halbes Jahrtausend und mehr an Alter verschiedenen Einzelheiten. Die dritte endlich die Neigung, das Alter der vorhandenen Schriften und ihres gesamten Inhaltes in eine möglichst entlegene Vergangenheit hinaufzurücken, -- ein Bestreben, das bei den einheimischen Autoren begreiflich und verzeihlich sein mag[4569], dem aber, selbst noch neuestens, auch europäische Gelehrte (z. B. ~G. Oppert~) stattgaben, namentlich auf dem ihnen häufig nicht genügend vertrauten naturwissenschaftlichen Gebiete. Infolge dieser Umstände bleibt es bei vielen Quellenschriften dahingestellt, ob sie überhaupt zur angenommenen Zeit verfaßt wurden, ob sie, wenn dies zutrifft, seither frei von weitgehenden Einschiebungen blieben, und ob, wenn auch dies der Fall ist, die vorausgesetzte Bedeutung der Fachworte als richtige und mit der ursprünglichen noch übereinstimmende angesehen werden darf. Diese Fragen vermag die Wissenschaft derzeit in vielen Fällen gar nicht, in anderen nur mit großer Zurückhaltung zu beantworten, und demgemäß ist auch der Wert der im nachstehenden gegebenen Darlegungen nach mehr als einer Richtung hin nur mit aller Vorsicht einzuschätzen.

Die früher weitverbreitete Ansicht, die nach dem Süden einwandernden Inder hätten schon zur Zeit der Entstehung ihrer heiligen Gesänge, der Veden (etwa zwischen 1600 und 1000 v. Chr.), die Planeten verehrt und ihre Siebenzahl mit der der Metalle in Verbindung gebracht, hat sich längst als vollkommen irrtümlich erwiesen. In den +älteren+ Teilen der Veden werden zwar Sonne und Mond oft zusammen genannt, auch gemeinsam mit den Sternen als himmlische Feuer bezeichnet, besondere Erwähnungen der Planeten und einer Gesamtheit von 5 Wandelsternen oder 7 Planeten fehlen jedoch[4570]; von Siebenheiten, z. B. der großen Götter, der Jungfrauen, der Töne, der Ströme, der Schritte usf. ist zwar zuweilen die Rede[4571], doch haftet diesem Begriffe, der einem festen Rahmen gleich benützt und ausgefüllt wird, sichtlich etwas Fremdes an, so daß er wohl von außen übernommen wurde und vermutlich, ebenso wie gewisse Spuren im vedischen Kalender, auf babylonische Einflüsse hinweist[4572]. Was die Metalle anbelangt, so gilt allein das Gold, -- wie aus naheliegenden Gründen bei so vielen Völkern der ganzen Erde --, als Symbol der Sonne, ferner auch als wesensgleich mit dem Gotte des Feuers ~Agni~ und als entstanden aus dessen Samen, der sich, in die Wässer ergossen, zu dem Golde umwandelte, das die Flüsse mit sich führen[4573]. Erst in +jüngeren+ Abteilungen der Veden, besonders im Atharva-Veda, lassen sich manche Stellen, wenngleich keineswegs mit Sicherheit, als Hinweise auf 5 oder 7 Planeten auffassen[4574], und zu den unzähligen (zum Teil auf sehr alte Grundlagen zurückgehenden) abergläubischen Bemerkungen, die daselbst vorgetragen werden, zählen auch die, daß Gold ein kräftiges Amulett sei und das Leben verlängere, Blei aber vor der Macht der Zauberei schütze[4575].

Im Laufe der Periode zwischen etwa 1000 und 500 v. Chr., jener der „Upanischaden“ (= „Verehrungen“, d. s. im wesentlichen Erläuterungen und Erklärungen der vedischen Texte)[4576], werden anfänglich die 5 Planeten selbst des näheren bekannt, während betreff ihrer Bewegungen noch große Unsicherheit herrscht; weiterhin machen sich, soweit die noch höchst unzureichenden Untersuchungen ersehen lassen, astrologische Vorstellungen über ihre Einflüsse geltend und zwar ganz in Form der auch in Griechenland bekannten spätbabylonischen (chaldäischen)[4577]; schließlich finden sich die Unregelmäßigkeiten der Bahnen gewissen „Formen der Zeit“ genannten, geistigen Wesen zugeschrieben, die die Planeten an Seilen aus Luft hinter sich herziehen[4578]. Als Zahl der Planeten geben diese spätesten Texte 9 an, indem sie den 7 bekannten (u. a. ~Çukra~ = ~Venus~, ’~Cani~ = ~Saturn~) noch ~Rahu~ und ~Ketu~ beifügen, „Kopf und Schwanz des Drachen“, d. s. die (wohl wegen ihrer Rolle bei den Verfinsterungen) materiell gedachten sog. auf- und absteigenden Knoten der Mondbahn[4579]. Von Metallen werden u. a. das rote (rohita) Kupfer und das schwarze (trishna) Eisen genannt, auch zusammen mit dem weißen (çukla) Ton in Gleichnissen aufgeführt[4580]; aber nur vom Golde heißt es, daß sich im Innern der Sonne ein goldener Mann befinde[4581], und daß Gold den Keim des Welteneies bilde, dem sich späterhin auch zwei Schalen aus Gold und Silber zugeschrieben finden[4582]. Sonne und Mond bestehen im übrigen aus Feuer, Wasser und Erde[4583], also aus dreien der fünf Elemente, die man gegen Ende dieser Periode schon ganz allgemein annimmt, und zwar in der Reihenfolge Äther, Wind (Luft), Feuer, Wasser, Erde[4584]. Ein Zusammenhang zwischen der indischen, sehr ausführlichen Elementenlehre[4585] und der griechischen erscheint, entgegen ehemaligen Voraussetzungen, weder nachweisbar noch wahrscheinlich, um so mehr als die griechische Theorie vermutlich bedeutend weiter zurückreicht und auch eine andere Reihenfolge der Elemente einhält, nämlich Äther, Feuer, Luft, Wasser, Erde[4586]; die Frage, ob vielleicht beide Lehren von dritter Seite aus beeinflußt wurden, etwa von persischer[4587], läßt sich derzeit nicht entscheiden. Als ursprüngliches und grundlegendes Element wird der in den Upanischaden oft erwähnte Äther (âkâça) angesehen[4588], zugleich aber auch in vieler Hinsicht mit dem endlosen Raume identifiziert, der „allgegenwärtig“ und „von der feinsten Substanz des Äthers erfüllt ist“[4589]: „Aus dem Âkâça (Äther, Raum) entspringt der Wind, aus ihm das Feuer, aus ihm das Wasser, aus ihm die Erde“[4590]. Dies ist die „fünffache Wesensschar“[4591], die Schar der fünf „grobstofflichen Elemente“ (Mahabhûta), so genannt, weil ihnen oft auch fünf „feinstoffliche“ (Tanmâtra) als Grundsubstanzen von Schall, Gefühl, Farbe, Geruch und Geschmack gegenübergestellt werden[4592] [also eine Art Imponderabilien]; solche genaue Unterscheidungen sind keineswegs gleichgültig, denn nicht minder wie die Gestalt ist auch der Name jeglichen Dinges ein eigentliches und bedeutsames Stück seines Wesens, dessen Realität sich schon in der erfolgreichen Verwendung zu Zwecken der Zauberei sichtlich und ganz offenbar zu erkennen gibt[4593].

Die Theorien der jüngsten, nachvedischen Periode (etwa von 500 v. Chr. bis 1500 n. Chr.)[4594] verbreiten sich ausführlich über die gegenseitigen Umwandlungen der Elemente, vom Äther bis zur Erde bei Bildung und Entstehung, von der Erde bis zum Äther bei Vernichtung und Auflösung der Welt[4595], sowie über das Hervorgehen der Einzeldinge und Lebewesen aus den Elementen[4596]. Aber auch andere, von den vedischen unabhängige Schulen, die in ihren Anfängen zum Teil bis in die vorhergehende Periode zurückreichen mögen und sich später gleichzeitig und nebeneinander weiterentwickeln, halten an der Lehre von den Elementen fest[4597]. Die „rationelle“ Sâmkhya-Philosophie (Sâmkhya = Zahl), als deren angeblicher Begründer der völlig mythische ~Kapila~ gilt[4598], und die nach ~Oldenberg~, entgegen ~Deussen~[4599], schon vorbuddhistischen Ursprunges ist[4600], setzt seit jeher die 5 Elemente Äther (âkâça), Feuer, Luft, Wasser und Erde voraus[4601]. Den zahlreichen Kommentaren gemäß, deren letzte erst dem 16. Jahrhundert angehören[4602], nimmt sie eine Urmaterie an, die zwar einheitlich und unteilbar ist, zugleich aber „so wie der einheitliche Wald aus Bäumen“ aus drei Komponenten besteht und sich so lange nicht verändert, als alle drei in ursprünglichem Gleichgewichte verharren; sobald dieses aber „durch magnetartige, Erschütterung bewirkende Triebe“ gestört wird, bilden sich in erster Linie die fünf „groben“ Elemente und sodann, indem diese sich nach verschiedenen Mengen und Arten mischen, die sämtlichen Einzelstoffe der Welt[4603], ungefähr ebenso, wie aus dem gelben Farbstoffe der „gelben Wurzel“ [Kurkuma] durch Einwirkung von Kalk ein neuer roter hervorgeht[4604]. -- Bei den Buddhisten und schon bei ~Buddha~ selbst, der um 480 v. Chr. starb, ist von den 4 Elementen die Rede[4605], zuweilen auch von 5, wobei der Äther, oder von 6, wobei das Bewußtsein mit eingeschlossen ist[4606], niemals aber, wie man wohl behauptet hat, von 7, die angeblich in Zusammenhang mit den 7 Planeten und Metallen stehen sollten; die Siebenzahl als solche ist jedoch ~Buddha~ nicht unbekannt, wie z. B. die Gleichnisrede von den 7 Arten der Frauen bezeugt[4607]. -- Auch in den Systemen der Jainas[4608], des ~Gotama~ [4609] und vieler anderer[4610], spielen die Elemente eine wichtige Rolle, und zur einfachen Theorie der Elemente gesellt sich die der Atome und Atom-Aggregate, die der Sâmkhya-Philosophie noch fehlt[4611], den jüngeren Buddhisten und Jainas bereits geläufig ist[4612], ihre ausführliche Entwicklung aber erst im „Vaiçeshikam-System“ fand, dessen Urheber der im übrigen gänzlich unbekannte ~Kanada~ sein soll[4613]. Der eingehenden Darstellung zufolge, die ~Anambhatta~ zwar erst im 17. Jahrhundert, jedoch auf Grund der besten und ältesten Quellen gab[4614], treten nach ~Kanada~ zwar nicht der alldurchdringende Äther, der durchaus einheitlich, unendlich, ewig und sinnlich unwahrnehmbar ist, wohl aber Luft, Feuer, Wasser, Erde (einzeln oder zueinander gesellt), in Form veränderlicher und vergänglicher Aggregate auf, -- so z. B. ist das Gold nach einigen reines, nach anderen mit Erde vermischtes, festgewordenes Feuer[4615] --, in letzter Linie bestehen sie aber aus ewigen und unvergänglichen Atomen (paramânu). Abweichend von jenen der griechischen Philosophie sind diese sämtlich kugelförmig, gleich groß, nämlich sechsmal kleiner als das kleinste wahrnehmbare Sonnenstäubchen, mit bestimmten Qualitäten behaftet, sowie mit der Fähigkeit ausgestattet, sich zu je zweien aneinander zu lagern und hierdurch kleine Aggregate zu bilden, die sich dann weiter zu größeren und ganz großen vereinigen können[4616]. Diese Lehre von den doppelten, dreifachen, vierfachen Atomen usf. ist schon bei ~Kanada~ eine keineswegs leicht verständliche[4617], wird aber in späterer Zeit und durch die jüngeren Schulen auf äußerst verwickelte Voraussetzungen hin noch weiter ausgebaut; sie schwankt dann oft in gänzlich unklarer Weise zwischen eigentlich atomistischen und mehr korpuskularen Anschauungen hin und her[4618].

Wie zahlreichen Völkern der alten und neuen Welt, so schwebte auch den Indern als höchstes Gut ein langes Leben in Gesundheit und Wohlstand vor, und demgemäß fehlte es auch bei ihnen niemals an Leuten, die da versicherten, den rechten Weg zu diesem schönen Ziele weisen zu können und, -- sei es vermöge Frömmigkeit oder Zauberei --, in Besitz der zu seiner Erreichung erforderlichen Mittel gelangt zu sein. Daß als solche eigentlich alchemistische und auch nach bekannten alchemistischen Methoden dargestellte Elixire in Frage kämen, und daß diese schon in den frühesten medizinischen Werken Indiens abgehandelt würden, hat sich indessen als eine vollkommen unhaltbare Behauptung erwiesen, deren Aufstellung nur infolge des Dunkels erklärlich scheint, das noch bis vor kurzem über den Anfängen der indischen Medizin und den Abfassungszeiten ihrer „klassischen“ Schriften lag, gegenwärtig aber, wenn nicht gänzlich behoben, so doch in ausreichender Weise aufgehellt ist[4619].

Als ältestes Dokument indischer Medizin, das uns in zweifellos unverändertem Zustande vorliegt, hat man das sog. ~Bower~-Manuskript anzusehen, das eine Sammlung um etwa 350-375 n. Chr. auf Birkenbast geschriebener Texte enthält und in Chinesisch-Turkestan im Inneren eines buddhistischen Denkmals (sog. Stupa) aufgefunden wurde[4620]; es erwähnt u. a. als Heilmittel natürliche Soda und Pflanzenasche, Kupfer- und Eisen-Vitriol, Blei- und Antimonglanz, Realgar, Kupferrost, ferner Gold, Silber, Kupfer, Eisen[4621] und an einer Stelle auch das in den alten Schriften sehr selten vorkommende Quecksilber[4622], kennt dagegen kein Calcinieren der Metalle[4623], versteht auch unter „Râsa“ (= Saft) nicht ein Elixir, sondern den Chylus des menschlichen Körpers[4624], und führt zwar einen wunderwirkenden Trank an, der „tausendjährige Lebensdauer“ verleiht[4625], bringt ihn aber mit keinerlei alchemistischer Vorstellung in Verbindung. -- Was die „große Dreiheit“ der Ärzte, ~Susruta~, ~Caraka~ (~Charaka~) und ~Vaghbata~ betrifft, so dürfte ~Susruta~ der älteste (schon vorchristliche?), und sein Werk eine Hauptvorlage für ~Caraka~ und ~Vaghbata~ gewesen sein[4626]; die Form aber, in der wir es gegenwärtig besitzen, ist das Ergebnis sehr zahlreicher, noch während des 7. bis 11. Jahrhunderts oft erneuerter, tiefgreifender Umarbeitungen und läßt bestimmte Schlüsse auf seine Urgestalt nur in recht beschränktem Maße zu[4627]. ~Caraka~ scheint seine (nicht ganz vollendete) Schrift auf Grund älterer Quellen im 2. Jahrhundert n. Chr. abgefaßt zu haben, doch kennen wir sie nur in gänzlich abgeänderter, erst aus dem 8. Jahrhundert herrührender Gestalt[4628]; ~Vaghbatas~ Kompendium endlich mag zuerst frühestens im 6. oder 7. Jahrhundert abgeschlossen worden sein[4629]. Die Heilmittel aller drei Autoren sind in ihrer großen Mehrzahl vegetabilischer Herkunft[4630], doch bereitet ~Susruta~ u. a. auch reine natürliche Soda und Pflanzenasche durch wiederholte Auslaugung, macht die Lösung mit gebranntem Kalk ätzend und kocht sie in eisernen Kesseln ein[4631]; ferner verwendet er „getötete“ und geröstete Metalle[4632], führt aber als solche nur an einer Stelle Zinn, Blei, Kupfer, Silber, Gold, Eisen (loha)[4633] und in sehr unbestimmter Weise auch Quecksilber an[4634]. ~Caraka~ erwähnt neben Gold auch Silber, Kupfer, Blei, Zinn und Eisen, nebst ihren „Unreinigkeiten“ (Kalken?); ferner Kupfer- und Eisen-Rost, mit Schwefel geröstetes Silber, Kupfer und Eisen; sodann natürlichen Kupfer- und Eisen-Vitriol, Pyrit, Antimonglanz, Schwefel, Auripigment und Realgar, Salz; endlich natürliche Soda, Pflanzenasche (auch durch Ausziehen mit Wasser gereinigte), Kalk, Lasur und allerlei Edelsteine[4635]. Bei ~Vaghbata~ wird außerdem Quecksilber genannt, z. B. als Bestandteil einer auch noch Blei, Schwefelblei und Kampher enthaltenden Augensalbe[4636]. Weder bei diesen der „großen Dreiheit“ Zugehörigen, noch bei ~Vaghbatas~ angeblichem Zeitgenossen ~Varamihira~, -- der u. a. von Glockenmetall, Bronze, Eisen als Tonikum, sowie Quecksilber als Aphrodisiakum spricht[4637] --, noch bei sonstigen Ärzten des 6. (?) Jahrhunderts, die auf „festes“ (fixiertes?) Quecksilber anspielen sollen[4638], werden jedoch die wunderbaren Wirkungen der Edel-Metalle und -Steine, des Quecksilbers usf., mit alchemistischen Vorstellungen in Verbindung gebracht. Da nun z. B. selbst bei ~Susruta~ „rasa“ noch = „Saft“ ist, und nicht = Quecksilber[4639], so bleibt es unberechtigt und irreführend, den Namen der Wissenschaft von den Säften, „Rasâyana“, mit „Alchemie“ zu übersetzen und daraufhin wieder die bei ~Susruta~, ~Caraka~ und anderen vorkommenden Wundertränke, die Gesundheit, Heilung, langes Leben usw. bewirken sollen, ohne weiteres als Elixire, Panaceen und Essenzen im bekannten alchemistischen Sinne zu bezeichnen. Ein Lehrer dieser Rasâyana war u. a. schon in vorchristlicher Zeit, nach den einen im 2., nach den anderen im 4. Jahrhundert, ~Patañjali~[4640], dessen Werk zwar noch erhalten ist, aber nur in einer aus unbestimmbar später Periode stammenden Überarbeitung[4641]; von ihr spricht auch ~Albiruni~, der, nach mehrjährigem Aufenthalte in Nordindien gelegentlich der Eroberungszüge des Sultans ~Mahmud~ von ~Ghazna~, im Jahre 1031 sein so außerordentlich wichtiges Werk über Indien verfaßte. Wie er in diesem berichtet[4642], beschäftigten sich [wenigstens in den von ihm besuchten Gegenden] die Inder noch zu seiner Zeit nicht, oder doch so wenig mit Alchemie, daß er Näheres hierüber und namentlich betreff der etwa benützten mineralischen Substanzen nicht in Erfahrung bringen konnte; dagegen besitzen sie eine sehr alte, ganz besondere, ihnen eigentümliche Wissenschaft „Rasâyana“[4643], die bestimmte Methoden zur Darstellung merkwürdiger, aus allerlei Drogen und pflanzlichen Substanzen zusammengesetzter Arzneien und Tränke lehrt, die dem sie Genießenden Gesundheit, Jugend und langes Leben gewährleisten[4644].

~Albiruni~ zufolge lebte im 9. Jahrhundert der gelehrte ~Nagarjuna~, der die Darstellung des [anfangs] schwarzen Schwefel-Quecksilbers entdeckt haben soll[4645], die indessen andere auch dem ~Vrinda~ (um 950) oder dem ~Chakrapani~ (um 1050) zuschreiben[4646]. ~Rây~ versetzt jedoch den ~Nagarjuna~ in die Mitte des 2. Jahrhunderts und preist ihn als großen Philosophen und als „wichtigste Gestalt der indischen Alchemie“, sowie als Erfinder der Sublimation und Destillation[4647]; sein hoher Ruhm mache es begreiflich, daß seine Biographie schon bald nach 400 ins Chinesische übersetzt wurde, daß der chinesische Pilger ~Hiuen-Thsang~ (629-645 in Indien) ihn als „Sonne der Welt“ rühmt[4648], und daß auch einheimische Schriften des 7. (?) Jahrhunderts ihn als einen Zauberer, Magier, Astrologen und Alchemisten kennen und von ihm zu erzählen wissen, daß er die große Kunst „von einem alten Heiligen auf einer Insel des indischen Ozeans erlernte“[4649]. Den Bruchstücken seines Werkes „Rasaratnâkara“ ist zu entnehmen, daß der „Meister der Kunst“ seine alchemistischen Kenntnisse in Traumvisionen[4650] empfing und zum Teil in Dialogform niederlegte, daß er u. a. durch Destillation des Zinnobers (darada) dessen Wesen oder Essenz, das Quecksilber, darzustellen, es mittels Salz und Salmiak zu fixieren und mit den „acht Metallen“ zu amalgamieren lehrte[4651], daß er durch 1 Teil seines „Projektions-Pulvers“ 10 Millionen Teile gemeiner Metalle in Gold verwandelte[4652], Gold ferner noch durch Rösten von Silber mit Schwefel oder Zinnober, sowie von Kupfer mit Galmei (rasaka) gewann[4653], und aus diesem letzteren auch metallisches Zink abzuscheiden wußte[4654]. Alle diese fast ausnahmslos wohlbekannten und keinerlei indisches Gepräge tragenden Züge und Kenntnisse sprechen entschieden gegen die Entstehung des Werkes im 2. oder überhaupt in einem frühmittelalterlichen Jahrhunderte[4655], und der offenbare Irrtum ~Râys~ rührt nach ~Sêal~ daher, daß er ohne zureichende Gründe den obigen ~Nagarjuna~ mit dem gleichnamigen (buddhistischen) Begründer der Mâdhyamika-Philosophie identifiziert[4656], dem Bearbeiter des ~Susruta~ und Herausgeber von Schriften über Metallgewinnung und Alchemie, der aber einer um sieben oder mehr Jahrhunderte späteren Periode angehört, wie dies schon seine Vertrautheit mit dem Quecksilber und den Quecksilber-Präparaten beweist[4657].

Obwohl nämlich das Quecksilber den Indern schon frühzeitig bekannt war, so wird es doch, wie bereits erwähnt, in den wirklich alten Schriften nur sehr selten genannt, und wenn man von solchen zweifelhafter Echtheit absieht, so finden sich genauere Angaben über das Metall selbst, und vollends über seine Derivate, erst in jenen, die dem Zeitalter der arabischen Eroberungszüge angehören, also dem Ende des ersten Jahrtausends. Der Lexikograph ~Amarasinha~ z. B. (um 1000) kennt das Quecksilber (pârada, chapala, suta) schon unter dem Namen rasa = Saft, Flüssigkeit, aber auch Schweiß[4658]; ~Govinda~ (etwa im 11. Jahrhundert)[4659] weiß es durch Destillation von beigemengtem Blei oder Zinn zu befreien und durch Schwefelarsen oder andere Sulfide in einen Stoff „rot wie Lack der Cochenille“ [also Zinnober] überzuführen[4660]; auch im Wörterbuche „Vaijayanti“ (11. Jahrhundert?) ist von verschiedenen Quecksilber-Amalgamen die Rede[4661]. In den Werken aus der etwa um 1100 einsetzenden „Zeit der Tantras“ (= Traktate, Abhandlungen) beginnt das Quecksilber eine maßgebende Rolle zu spielen: in der sehr wichtigen „Rasârnara“ (= Quecksilber-See) z. B. heißt es pârada oder rasa (= Schweiß, weshalb es den Körper, aus dem es kommt, auch wieder schützt)[4662]; es wird durch siebenmalige Destillation von dem zwecks Verfälschung zugesetzten Blei und Zinn befreit[4663], mit Alaun, Salz und grünem Vitriol „getötet“ und in Sublimat oder Calomel übergeführt[4664], und durch zahlreiche (18 und mehr) besondere Verfahren der Alchemie (Vasasiddha) fixiert und in verschiedene Präparate verwandelt, z. B. in Zinnober[4665]. Mit Schwefel werden jedoch, so wie Quecksilber, auch die übrigen Metalle geröstet, d. s. Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Zinn, Blei[4666], sowie jene „aktive Grundmaterie“ oder „Essenz“, die aus dem nämlichen Rasaka [Galmei], das mit Kupfer Gold [goldgelbes Messing] gibt[4667], beim Erhitzen mit pflanzlichen [Kohle liefernden] Zutaten, mit Pflanzenasche, oder mit Borax [Alkali] hervorgeht und wie Zinn aussieht [metallisches Zink][4668]. Aber allein das Quecksilber verleiht Gesundheit und Unsterblichkeit; es besteht aus allen fünf Elementen, stellt eine Verkörperung des Gottes ~Siva~ dar, und ist 1188 dem Lexikographen ~Mahesvara~ bereits unter dem Namen „Haravija“ (= Samen des ~Hara~ = ~Siva~) bekannt[4669].

~Rây~ ist der Ansicht, schon um 400 n. Chr. habe die Verschmelzung des alten ~Siva~-Kultes mit der nördlichen Form des Buddhismus begonnen[4670] und Anlaß zur Entwicklung der buddhistischen „Tantras“ gegeben, die sich unter Miteinfluß entstellter Lehren anderer Systeme (besonders des Yoga-Systems) vielfach mit Zauberei, Magie, Wunderwirkungen, Unsterblichkeitstränken und Alchemie beschäftigen[4671]. Daß sie bereits im 5. und 6. Jahrhundert vorhanden waren[4672], sollen tibetanische Übersetzungen aus dem 6.-8. Jahrhundert bezeugen, die vom Quecksilber sprechen, „das den Körper stärkt, alle Krankheiten austreibt, ... und die gemeinen Metalle in Gold überführt“[4673] und die auch erwähnen, daß die betreffenden Tantras eigenhändige Werke des ~Siva~ seien, dessen Samen, pârada = Quecksilber, sechsmal „getötet“ und mit Schwefel geröstet usf., ein Präparat liefere, das Kupfer in Gold verwandelt[4674]. Aus den Anschauungen dieser Tantras, so meint ~Rây~, seien dann im Laufe des 12. Jahrhunderts die des obengenannten „Rasârnara“ hervorgegangen[4675] und im Laufe des 13. jene, die weiteren wichtigen Schriften zugrunde liegen, z. B. dem „Rasaratna“ (um 1300)[4676], sowie dem sog. „Quecksilber-System“[4677]. In der Darstellung des ~Madhara~ (um 1350) über die sechzehn großen philosophischen Systeme der Inder nimmt „Raseçvara“, das Quecksilber-System, die neunte Stelle ein[4678]; gestützt auf die irrtümliche Etymologie pârada = pâra-da = „das jenseitige Ufer verheißend“, verspricht es „Rettung aus dem Strom der Seelenwanderung an das andere Ufer“, „Erlösung schon bei Lebzeiten“, „Gewinnung und Erhaltung eines göttlichen Leibes“ u. dgl. mehr, und empfiehlt zu diesem Zwecke das Einnehmen eines von den mächtigsten Zauberern empfohlenen Wundertrankes, der aus Quecksilber besteht, oder aus Quecksilber und „Talk“ (entstanden aus dem Gotte ~Hara~ = ~Siva~ und der Göttin ~Gauri~, seiner Gemahlin). Das Quecksilber ist flüssig, kann aber sowohl luftförmig werden, als auch (durch „Töten“ und „Ersterben“) fest [fixiert], wobei es dann in verschiedenen Farben schillert und, obwohl selbst „tot“, dennoch belebend und die Krankheiten austreibend wirkt. Voraussetzung hierfür ist aber die genaueste und sorgfältigste Zubereitung durch achtzehnerlei „Werke“, nämlich Schwitzen [Destillieren?], Zerreiben, Starrmachen, Fixieren, Absetzenlassen, Einzwängen [?], Pressen, Glühen, Dämpfen, Abmessen, Pulvern, Bedecken, Schmelzen (inneres und äußeres), Ätzen, Fließenlassen (in Farben), Vermengen, Durchmischen, Einnehmen; nur bei peinlicher Einhaltung aller dieser Vorschriften bewährt sich das Quecksilber „als das Wesen, das Blut und Leib durchdringt“ und von dem es heißt:

„Es ist der Säfte Fürst, denn es verleiht Dem Leib Nichtaltern und Unsterblichkeit.“[4679]

Den Höhepunkt seiner Bedeutung als Mittel zur Lebensverlängerung und zugleich zur Metallverwandlung erlangt das Quecksilber indes erst während der um 1300 einsetzenden Oberherrschaft der Iatrochemie, deren Wurzeln aber vermutlich bis in das 12. Jahrhundert zurückreichen[4680]. Aus seinen Vorgängern schöpfend, z. B. aus ~Nandi~, „dem Erfinder der Sublimation“, berichtet ~Somadeva~ (12. oder 13. Jahrhundert?) über Quecksilber und Quecksilber-Präparate, sowie über Darstellung von Gold durch Legieren verschiedener Metalle, darunter Zink, nach bestimmten Gewichtsverhältnissen[4681]. ~Yasodhava~ (13. Jahrhundert?)[4682], „der alle Versuche selbst ausgeführt hat“, entdeckte angeblich „das Metall des Galmeis“ [Zink], „das sich glänzend wie geschmolzenes Blei aus dem Tiegel ergießt“, die Darstellung des Wundermittels Calomel, „dieses Kamphers aus Quecksilber“, und die Bereitung eines Projektionspulvers aus Zinn, Pyrit, Salmiak, Realgar und etwas Blei oder Silber, das 100 Teile gemeine Metalle in Gold verwandelt[4683]. ~Rasakalpa~ (13. Jahrhundert), „der alles selbst erprobt, und nichts aus anderen entlehnt hat“[4684], nennt als „große Mittel“ Quecksilber, auch das mit Salmiak und anderen Salzen „getötete“, das ~Siva~, „der König der Quecksilber-Lehre“, selbst erfand, ferner Schwefel, Arsen und Zinnober, den natürlichen oder den künstlich aus Quecksilber und Schwefel gewonnenen. Sie alle dienen auch dazu, die gemeinen Metalle in Gold und Silber zu verwandeln, oder diese doch zu „vermehren“, denn „Reichtum gewinnt, wer Gold oder Silber, die vermehrt sind, z. B. durch 100 Teile Kupfer, Blei oder Quecksilber-Amalgam, als [vollwertiges] Geld ausgibt“[4685]; zu jenen gemeinen Metallen zählen Kupfer, Eisen, Zinn, Blei, aber auch das Zink, das sechs verschiedene Namen führt, u. a. „Bruder des Silbers“[4686], d. i. das Metall jenes vielverbreiteten Galmeis[4687], der mit Kupfer pittala (Messing) liefert[4688]. Verschiedene andere medizinische Schriften dieses Zeitalters[4689] nennen neben den 6 einfachen Metallen[4690], neben dem „einer besseren Art Blei gleichenden“ Metall aus Antimonglanz [Antimon][4691], dem zinnähnlichen Metall Jasada aus Galmei [Zink][4692], den Legierungen Pittala (aus Kupfer und Zink; Messing), Kâmsya oder Kâmsyaha (aus 8 Teilen Kupfer und 2 Teilen Zinn; Glockenmetall), Vartaloha (= geschichtetes Metall, aus 5 Bestandteilen) usf.[4693], noch folgende „große Mittel“: die Edelsteine, die, je nach Glanz, Farbenspiel und Größe der Krystalle, als männliche, weibliche und Zwitter unterschieden werden[4694], und deren vornehmster, der Diamant, mit Bocksblut bestrichen zu Asche verbrennbar ist[4695]; den Schwefel, das gelbe und rote Arsen [Auripigment, Realgar]; den Antimon- und Bleiglanz, dessen Name „Surma“ einer Sprache der Urbevölkerung entstammen soll[4696]; vor allem aber das Quecksilber, „dessen Kräfte den Arzt, der sie recht versteht, zum Gotte machen“[4697]. Quecksilber ist der „Samen des ~Siva~“, der beim Abtropfen auf die Länder Darada (Dardistan in Kaschmir) und Parada (nicht näher bekannt) deren Boden mit Zinnober (Hingula) erfüllte[4698], als dessen „Wesen“ es bei der Destillation wieder hervorgeht[4699]. Es ist flüssig, läßt sich aber destillieren und mittels Salmiak und anderer Salze auch fixieren[4700], verleiht langes Leben, macht frei von Krankheit und Sünde und ist Wesen und Träger der von ~Siva~ selbst gelehrten Alchemie, der Kunst, Gold und Silber herzustellen[4701]. Zu den Präparaten, mit denen die Metalle zwecks ihrer Umwandlung behandelt werden, zählen die Säuren, und zwar ausschließlich die vegetabilischen[4702], die gold- und silberfarbigen Pyrite, der Blei- und Antimonglanz, die natürlichen Kupfer- und Eisen-Vitriole, der Schwefel, das Auripigment und Realgar, der beim Brennen mit Dung bereiteter Ziegel entstehende Salmiak (Navasara; vom persischen Nûschâdir)[4703] und die verschiedenen Salze und Alaune[4704].

Reichhaltige, sichtlich auf einer Fülle altüberlieferter Beobachtungen beruhende Verzeichnisse aller dieser Mineralien enthalten das um 1300 entstandene „Rasaratna“[4705], vor allem aber das Buch „Raganighantu“ des Arztes ~Narahari~ aus Kaschmir[4706], das nach ~Garbe~ um 1250 verfaßt ist, während ~Rây~ es (ohne genauere Angabe) für ein Werk „aus ziemlich später Zeit“ erklärt[4707], als welche freilich auch 1250 schon gelten kann. Unter den Metallen zählt ~Narahari~ die folgenden auf: Gold, 42 Namen führend, gelblich, gelbrot oder rot, fünferlei Legierungen mit Silber und ein Amalgam mit Quecksilber bildend[4708]; Silber, das mondähnliche Metall oder Metall des Mondes, mit 17 Namen[4709]; Kupfer, rot, das Metall der Sonne, giftig (mit 12 Namen)[4710], aus dem da entsteht das helltönende weiße und das goldähnliche, kurkumafarbige, gelbe und rote Messing (mit zusammen 26 Namen), das Fäden, Blätter, sowie heilsame Asche und Schlacke liefert (mit zusammen 20 Namen)[4711]; Zinn, in Bengalen, wohin es aus Birma kommt, Vanga, im Sanskrit Jaçada geheißen, zu Fäden und Blättern verarbeitbar, mit 10 Namen[4712]; Blei, bläulich, giftig, mit 16 Namen[4713]; Eisen, mit 9 Namen, ergebend den Stahl „Kinaga“ = Chinesischen (mit 15 Namen), den damascierten Stahl (mit 8 Namen), und das Magneteisen (mit 7 Namen)[4714]; Antimon, mit 7 Namen, das Metall des für die Augen wohltätigen „Surma“ [des Antimon- und Bleiglanzes][4715]; Quecksilber, pârada oder rasa, das Metall der Metalle, mit 33 Namen, darunter Çivabîga (= Samen ~Sivas~), Amrita (= Ambrosia), Khekara (= Sublimiertes), Himmlisches, Edelstes usf.[4716]. Quecksilber ist für sich, sei es flüssig oder getötet, gemeinsam mit anderen Substanzen, z. B. mit Magneteisen, vor allem aber zusammen mit Schwefel als „schwarzes Präparat“, ein Mittel von wahrhaft wundertätiger Fähigkeit, eine Vereinigung sämtlicher großer Kräfte, daher Jugend, Gesundheit, langes Leben und alles Heil verleihend[4717]; sein Erz ist der herrliche, aber sehr giftige Zinnober, der 15 Namen trägt[4718]. -- Von sonstigen Mineralien nennt ~Narahari~ u. a.: Schwefel, den weißen, gelben, roten und schwarzen, mit 15 Namen[4719]; Realgar und Auripigment, die goldfarbigen, heilsamen, mit 27 Namen[4720]; Schwefelkies, den gold- und silberfarbigen[4721]; Talk, den gold- und silberfarbigen, auch weißen oder schwarzen, von welchem letzteren es heißt: „Quecksilber und schwarzer Talk entstehen in ~Hara~ (~Siva~) und seiner Gattin ~Gauri~, wenn die Liebe sie vereinigt“[4722]; Mennige und gelben oder roten Oker, mit je 14 Namen[4723]; Eisenvitriol, den grünen und gelben, sowie Kupfervitriol (Tuttha), den blauen (nila), Erbrechen erregenden, mit zusammen 23 Namen[4724]; Alaun, den die Farben festigenden, und Alaunschiefer (?), mit 8 und 14 Namen[4725]. Ihnen schließen sich noch an: Bergkrystall, Sonnen- und Mond-Stein [Adular-Arten][4726], Lasur und Türkis (blauer und grünlicher)[4727], sowie die Edelsteine, „die dem, der sie trägt, die Planeten günstig machen“[4728]. Es gehören nämlich zu: Rubin (15 Namen) der Sonne[4729]; Perle (25 Namen) und der ähnliche Tabaschir aus Bambusrohr [die aus Kieselsäure bestehende Ausscheidung der Halmknoten] dem Monde[4730]; Smaragd (11 Namen) dem ~Merkur~[4731]; Diamant (14 Namen; die fehlerhaften heißen weibliche) der ~Venus~[4732]; Koralle (8 Namen) dem ~Mars~[4733]; Topas (8 Namen) dem ~Jupiter~[4734]; Sapphir (8 Namen) dem ~Saturn~[4735]; Hyazinth (6 Namen) und Katzenauge (6 und 10 Namen) dem ~Rahu~ und ~Ketu~, d. i. dem auf- und absteigenden Knoten der Mondbahn[4736].

Weitere, besonders die Metalle betreffende Angaben hat ~G. Oppert~ aus einer Anzahl indischer Werke beigebracht[4737]; da er indes ihr Alter, das er meist unerörtert läßt, in verschiedenen Fällen sichtlich weitaus überschätzt, zudem ihren gesamten Inhalt stets als aus der nämlichen Zeit herrührend behandelt und endlich chemisch-technische Sachkunde merklich vermissen läßt, so sind sie nur mit aller Vorsicht zu benützen. Einige jener Schriften sprechen von „7 in den Bergen entstehenden Metallen“, Gold, Silber, Kupfer, Zinn (oder Zink?), Quecksilber, Blei und Eisen, nebst den Gemischen Bronze (aus Kupfer und Zinn) und Messing (yasoda aus Kupfer und kupya, d. i. Galmei; oder pârada aus Kupfer und Quecksilber); andere von „8 Metallen göttlichen Ursprunges“, Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Zinn, Quecksilber, Blei, wobei aber die letzteren zum Teil auch durch Messing, Bronze, Stahl, Magneteisen oder Zink vertreten werden, und die Namen von Blei, Zinn und Zink oft zusammenfallen (wie im Tamulischen bei „nâga“); noch andere von 9 Metallen, Gold, Silber, Messing, Blei, Kupfer, Zinn (oder Zink), Eisen (oder Stahl), Bronze und Magneteisen. Für ihre Namen gibt schon das Wörterbuch „Vaijayanti“, das aus dem 11. Jahrhundert herrühren soll, mannigfaltige Synonyma an: so z. B. ist Kupfer Tâmram und Tâmba (woher Tombak); Zinn Vanga, Vangam, Nâgam, Kastirâm; Blei Sîm [persisch: Silber], Trapu; Messing „das weiße, rote oder goldgelbe Metall“, aus dem, in Legierung mit Gold, Silber, Eisen, Zinn und Quecksilber (!) die Reliquienkästchen ~Buddhas~ und ähnliche kunstvolle Arbeiten bestehen; Bronze „das künstliche Metall“ oder „Glockenmetall“, das Glockenton besitzende; Pañcaloham, „Fünfmetall“, eine Legierung von Gold, Silber, Kupfer, Blei und Zinn (oder Zink), u. dgl. mehr.

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Auf Grund seiner eigenen Untersuchungen und verschiedener der im vorstehenden wiedergegebenen, freilich noch sehr unvollständigen Mitteilungen gelangt ~Rây~ zum Schlusse, eine wahre Alchemie sei auf indischem Boden durchaus selbständig und ohne jede fremde Vermittlung erwachsen[4738], und diese Ansicht hält er fest, wenngleich er an +einer+ Stelle aufrichtigerweise selbst zugesteht, daß in der so schwierigen Frage das letzte Wort noch zu sprechen und die endgültige Aufklärung abzuwarten bleibe[4739].

Völlige Eigenart zeigt nach ~Rây~ die indische Alchemie darin, daß sie keinen Zusammenhang zwischen den Planeten und den 7 Metallen annimmt, -- obwohl Kupfer und Silber nicht selten Sonnen- und Mond-Metall benannt werden --, und auch überhaupt nur 6 Metalle kennt[4740]; erst ~Sangadhara~, der um 1363 schrieb, soll von 7, oder einschließlich Bronze und Messing von 9 Metallen reden, die den 7 oder 9 Planeten entsprechen[4741], und sein Kommentator ~Adhamalla~ verbindet dann Kupfer und Sonne, Silber und Mond, Bronze und ~Mars~, Eisen und ~Saturn~, Gold und ~Jupiter~, Zinn und ~Venus~, Blei und ~Merkur~, Kâmsya (Glockenmetall) und ~Rahu~, Vartaloha (Messing) und ~Ketu~, während Quecksilber als „~Siva~“ oder „Samen des ~Siva~“ abseits stehen bleibt[4742]. Indessen ist daran zu erinnern, daß schon ~Nagarjuna~ 8 Metalle aufzählt, die daher, nach ~Râys~ Datierung dieses Autors, bereits im 2. Jahrhundert bekannt gewesen sein müssen[4743], und daß ~Narahari~ um 1250 Listen der Zugehörigkeit der Edelsteine zu den Planeten anführt, die er, wie alle seine sonstigen Angaben, aus weitaus älteren Quellen schöpfte.

Während sich, ~Rây~ zufolge, die Alchemie im nördlichen Indien bis etwa in das 6. oder 7. Jahrhundert hinein der eifrigsten Pflege erfreute, die die tibetanischen Übersetzungen des 6. bis 8. Jahrhunderts in ihren Berichten über Quecksilber-Panaceen und Metall-Verwandlungen widerspiegeln[4744], soll sie seit der Zurückdrängung des Buddhismus, die er erst in das 8. Jahrhundert versetzt, vernachlässigt und schließlich ganz vergessen worden sein; erst um 1350 sei sie aus Tibet, und zwar in ihrer alten, fast unverändert erhalten gebliebenen Gestalt, wieder nach Indien zurückgewandert, und daher hätten dort, zugleich mit dem damals neu (?) auftauchenden Opium, auch Quecksilber und Quecksilber-Präparate abermals weitgehenden Einfluß zu erlangen begonnen[4745]. -- Diese Behauptungen lassen sich nicht leicht mit den an anderer Stelle überlieferten vereinbaren, denen gemäß Alchemie und Tantra-Mystik [diese doch erst gegen 1100 beginnend!] vorzugsweise in dem jedem fremden Einfluß entrückten Zentral-Indien zur Entwicklung gekommen und von da aus wie nach Südindien so auch über Magadha nach Tibet gelangt wären[4746]. Auch ermangeln sie insoferne des Beweises, als die belangreiche Rolle, die eine mit dem Buddhismus enge verknüpfte Alchemie +vor+ dessen Zurückdrängung in Nordindien gespielt haben soll, durch die Tatsachen nicht bestätigt wird. Ganz besondere Wichtigkeit besitzen in dieser Hinsicht die Berichte der chinesischen Pilger ~Fa-hien~ (399-414)[4747], ~Hiuen-Thsang~ (verfaßt 629)[4748] und ~I-Tsing~ (671-695)[4749], die sich, um den Buddhismus an seiner Quelle kennen zu lernen, viele Jahre, ja jahrzehntelang in Nordindien aufhielten und über Glauben, Anschauungen und Sitten der Einwohner sehr ausführliche Beschreibungen hinterließen. Keiner von ihnen bringt auch nur mit einem Worte den Buddhismus mit der Alchemie in Verbindung, oder tut überhaupt der Metallverwandlung Erwähnung; ~Fa-hien~ spricht keineswegs, älteren Angaben gemäß, von den 7 Metallen und der Verehrung der 7 Planeten, sondern zählt die 7 kostbaren oder heiligen Substanzen (Saptaratna) auf, die man zur Ausstattung der Tempel und zur Anfertigung der ~Buddha~-Statuen gebraucht, nämlich Gold, Silber, Lasurstein, Bergkrystall, Rubin, Diamant (oder Smaragd) und Achat[4750]; ~Hiuen-Thsang~ gedenkt bei ähnlichem Anlasse nur des roten und gelben Kupfers (Messings)[4751] und außerdem vorübergehend des Zinns und des gelben Arsens (Auripigments)[4752]. Am ehesten wäre nähere Nachricht gelegentlich der ziemlich ausführlichen Beschreibung zu erwarten, die ~I-Tsing~ von der indischen Medizin gibt[4753], und zwar zum Teil auf Grund „der acht Bücher des durch ganz Indien verbreiteten Ayur-Veda“[4754], zum Teil buddhistischen Theorien folgend. Was die im 8. Buche des Ayur-Veda behandelte „Verlängerung des Lebens“ betrifft, so bestanden die vorgeschriebenen Tränke zur Zeit des ~I-Tsing~ fast ausschließlich aus Pflanzensäften[4755] und nicht, wie erst spätere Autoren überliefern, aus metallischen Präparaten[4756]; die eigentlich wirksamen Mittel zur Verlängerung des Lebens soll es nach ihm freilich nur in China geben, wo man über 400 Arten heilsamer Pflanzen und auch Steine besitze[4757], aber die von der indischen Medizin als „râsayâna“ bezeichneten streben immerhin ähnliche Ziele an[4758]. Nach buddhistischer Lehre, die bereits ~Buddha~ selbst verkündet haben soll[4759], hängen Gesundheit, Wachstum usf. von den vier „großen Elementen“ (Mâhabhûta) Feuer, Wasser, Luft und Erde ab, sowie von einem gewissen Gleichgewicht, in dem sie innerhalb der Säfte des Körpers stehen sollen, und dementsprechend hat man die zur Behebung von Störungen oder zur Erreichung bestimmter Zwecke erforderlichen Arzneien zu bemessen[4760]. Unter diesen erwähnt ~I-Tsing~ den Tah-Shih = roten Stein, d. i. den Zinnober, und warnt vor ihm, da das „Verschlucken“ gefährlich sei und schon so manchem das Leben gekostet habe[4761]. Im übrigen ist bei ~I-Tsing~, wie schon die sichtlich griechischen Einflüsse betreff der Elementen- und Humoral-Theorie erwarten lassen, von Zinnober, Quecksilber, oder anderen metallischen Präparaten nicht weiter die Rede[4762], auch findet sich zwar der Schwefel besprochen[4763], aber nicht mit Quecksilber in Verbindung gebracht, und Anspielungen auf Goldmachen und Alchemie fehlen völlig, -- denn der bei vielen Völkern bekannte Vergleich der Weltentwicklung aus dem Chaos mit der Entstehung des Vogels im Ei[4764] ist nicht als solche anzusehen.

Wie aus der oben angeführten Stelle des ~Albiruni~ hervorgeht, war in den von ihm bereisten Gegenden des nördlichen Indiens auch noch etwa 500 Jahre +nach+ der Zeit dieser chinesischen Buddha-Pilger von Alchemie nichts, oder so gut wie nichts bekannt, was ~Rây~ allerdings daraus erklären will, daß die große Kunst inzwischen in Indien ausgestorben sei, und ihr Leben nur mehr in Tibet weiter zu fristen vermochte. Daß es dort bereits im 6. bis 8. Jahrhundert Übersetzungen eigentlich alchemistischer indischer Schriften gegeben habe, ist aber bisher ebenso unbewiesen, wie das Vorhandensein der jedenfalls doch +noch+ älteren indischen Originale selbst; auch die medizinischen Schriften Tibets lassen einschlägige Spuren nicht erkennen, halten vielmehr nach ~Laufer~ den aus Indien überlieferten Stand, der so ziemlich dem von ~I-Tsing~ geschilderten entspricht, noch lange mit großer Beharrlichkeit fest[4765]. Betreff der Zeit vor und gegen 1350, zu der nach ~Rây~ die Alchemie wieder nach Indien zurückgebracht worden sein soll, fehlt es leider noch an ausreichenden Forschungen und besonders an Übersetzungen aus dem Tibetanischen, indessen hat ~Grünwedel~ neuerdings wenigstens +eines+ der ausführlichsten und kulturgeschichtlich wichtigsten Werke dieser Periode, die „Geschichte der 84 Zauberer“, ins Deutsche übertragen, und diesem lassen sich eine ganze Anzahl beachtenswerter Anhaltspunkte entnehmen. Den öfters erwähnten Trank des langen oder ewigen Lebens[4766], der auch „Amrita“ zubenannt wird [d. i. die gleichfalls Unsterblichkeit gewährende Ambrosia der Götter], bereitet u. a. ein Zauberer „mitten im dichten Walde“, woselbst er die erforderlichen Zutaten sammelt, unter denen hier also offenbar vegetabilische verstanden sind[4767]. An späterer Stelle[4768] sucht jedoch der „begüterte Brahmane ~Vyali~“ die Amrita aus Quecksilber und aus dem Pulver vieler, nach der Vorschrift eines Rezeptbuches zusammengekaufter Drogen darzustellen, was ihm trotz dreizehnjähriger Arbeit, die sein Vermögen aufzehrt und ihn zum Bettler macht, nicht glückt, da ihm +ein+ Bestandteil fehlt, die „rote Myrobalane“; erst nach langer Zeit wird diese zufälligerweise durch einen Tropfen Blut ersetzt, der dem Finger einer badenden Hetäre entquillt, und nun gelingt der Trank so vortrefflich, daß er nicht nur der Hetäre und dem Brahmanen Unsterblichkeit verleiht, sondern sogar dessen Pferde, das ihn gekostet hat. Da es aber von dem Brahmanen schließlich heißt, „er sei besessen gewesen vom Sündenleben, das am Gold hängt“, so handelt es sich in dieser Erzählung anscheinend um ein wahres, sowohl Gesundheit und langes Leben spendendes, als auch die Metalle verwandelndes Elixir; ein solches muß auch ein anderer Zauberer besitzen, der sich entschließt, die Umwandlung eines Berges, der bereits erst zu Eisen und dann zu Kupfer geworden ist, lieber nicht bis zum Endzustande des Goldes fortzusetzen, weil er hiervon schreckliche Folgen für das Wohl der Allgemeinheit befürchtet[4769]. Wieder in einer anderen Erzählung ist sogar ausdrücklich vom „Steine der Weisen“ die Rede[4770], und in noch anderen wird der Gewinnung der Goldtinktur und der Amrita mit Hilfe von Urin und Kot gedacht[4771], sowie der Tatsache, daß die nämlichen Mittel bald Gifte und bald Bestandteile der Medizinen sein können, so daß nur der Kundige Entscheidung zu treffen weiß[4772].

Nun ist aber die „Geschichte der 84 Zauberer“ kein tibetanisches Originalwerk, sondern die Übersetzung einer indischen Schrift, deren Verfasser und Alter zwar bisher nicht ermittelt ist[4773], die jedoch sichtlich nur eine Zusammenfassung mannigfaltiger, viel älterer Überlieferungen darstellt und die Tantra-Zeit als auf voller Höhe stehend und auf eine lange Entwicklung zurückblickend, durchaus voraussetzt[4774], also dem 12. oder 13. Jahrhundert angehören dürfte. In dieser Periode war demnach, entgegen ~Rây~, in Indien, auch in Nordindien, die Alchemie keineswegs gänzlich vergessen; was von ihr berichtet wird, trägt aber nicht indische Züge, sondern ausgeprägt griechische.

Soweit daher zur Zeit ein Urteil über die Entwicklung der Alchemie in Indien überhaupt möglich und zulässig ist, dürfte folgender Sachverhalt der wahrscheinlichste sein: Eine „Râsâyana“ genannte „Lehre von den Säften“ (râsa), zuweilen die Säfte des menschlichen Körpers betreffend, hauptsächlich aber die der Pflanzen (einschließlich der Lösungen vegetabilischer Mittel und Drogen), ist in Indien nicht minder alt wie in vielen anderen Ländern, befaßt sich aber ursprünglich nur mit der Erlangung von Gesundheit und langem Leben und hat nichts mit Metallverwandlung und Alchemie zu tun; neben verschiedenen, natürlich vorkommenden mineralischen Substanzen sind auch Zinnober und Quecksilber in Indien frühzeitig bekannt und werden (zunächst ohne Ahnung ihrer nahen Verwandtschaft) gleich den übrigen äußerlich, vielleicht auch innerlich, als Heilmittel angewandt[4775]; wann, woraufhin, und wie dies zuerst geschah, bleibt vorerst ungewiß. Das ~Bower~-Manuskript (4. Jahrhundert) erwähnt an einer Stelle zwar den Wundertrank, der tausendjährige Lebensdauer verheißt, und an einer anderen das Quecksilber, weiß aber von keiner Verbindung beider; unter den chinesischen Buddha-Pilgern führt nur ~I-Tsing~ den Zinnober an und warnt vor seinem Gebrauche[4776]; die Ärzte der „großen Dreiheit“ sprechen von Quecksilber nicht oder nur vorübergehend, „râsa“ gilt ihnen = Saft, und das nämliche ist noch einige Jahrhunderte später bei den Gewährsmännern des ~Albiruni~ der Fall, die nur von pflanzlichen Substanzen und Drogen als Bestandteilen des Unsterblichkeits-Trankes berichten. Da auch die sonstigen, von ~Rây~ ohne ausreichende Unterlagen in das 6.-8. Jahrhundert versetzten Texte[4777] sowie ihre angeblich wenig jüngeren tibetanischen Übersetzungen nicht in Betracht kommen können, so fehlt bisher jeder genügende Beweis für die Behauptung, die Inder hätten sich bereits zu so früher Zeit mit Alchemie beschäftigt und unter Anwendung von Quecksilber oder Quecksilber-Präparaten eigentliche Metall-verwandelnde und Leben-verlängernde Elixire bereitet[4778].

Die Annahme, die ersten Nachrichten über Alchemie seien schon gegen Ende des 2. oder zu Anfang des 3. Jahrhunderts aus Ägypten nach Indien gedrungen, erscheint zwar angesichts der damaligen regen Handelsbeziehungen beider Länder nicht an sich unmöglich, aber allen näheren Umständen nach wenig glaubhaft und jedenfalls durch keinerlei Tatsache belegbar. Wahrscheinlicher klingt die Vermutung, anfängliche Verkündiger seien die Nestorianer gewesen, die, im 5. Jahrhundert als Ketzer aus dem oströmischen Reiche ausgetrieben, u. a. in Persien festen Fuß gefaßt hatten und insbesondere die maßgebende Rolle an der medizinischen Schule zu Gondisapûr im Tigris-Delta spielten; diese Schule, eines der wichtigsten Bindeglieder für die Übermittlung antiker Bildung und Wissenschaft an den Orient, stand aber um jene Zeit seit langem in enger Verbindung mit Indien, wo überdies die Nestorianer bereits so verbreitet waren, daß z. B. der Reisende ~Kosmas Indikopleustes~ um 530 selbst in Malabar ganze Gemeinden antraf[4779]. Immerhin liegen aber bestimmte Zeugnisse auch in dieser Richtung nicht vor[4780], und es spricht daher vieles für die Voraussetzung, daß maßgebend für die Verbreitung der Alchemie, wie in zahlreichen anderen Ländern so auch hier, erst die Araber waren[4781], die mit Indien schon seit dem 7.-8. Jahrhundert in sehr lebhaftem Verkehr zu Wasser und seit dem 8.-9. auch zu Land standen, während ihre großen planmäßigen Eroberungszüge erst gegen Ende des 10. begannen[4782].

Auf derartigen, etwa seit dem 8. Jahrhundert einsetzenden Vermittlungen beruht nach ~Jolly~ das Aufkommen des „Tötens“ der Metalle und des Röstens mit Schwefel (schon in jüngeren Fassungen der dem ~Susruta~ und ~Caraka~ zugeschriebenen Werke), der „Wiederbelebung“, des „Fixierens“ von Quecksilber, und schließlich des Machens und „Vermehrens“ von Gold und Silber[4783]. Wohl erst von dieser Zeit an begann das den Indern schon längst bekannte Quecksilber die Rolle anzunehmen, die es in der griechischen Alchemie spielt und die bei ~Amarasinha~ (um 1000) in der Gleichsetzung von Quecksilber und „rasa“ schon deutlich hervortritt. Nicht von „alten Heiligen auf Inseln des indischen Ozeans“, sondern von arabischen Meistern dürften auch im 9. und 10. Jahrhundert ~Nagarjuna~, ~Vrinda~ und ihre Zeitgenossen die Künste gelernt haben, als deren Erfinder nachher bald der eine, bald der andere von ihnen hingestellt wurde, nämlich die Sublimation und Destillation, insbesondere des Quecksilbers, die Abscheidung dieses Metalls aus Zinnober, die Darstellung des schwarzen und roten Schwefelquecksilbers aus seinen beiden Bestandteilen, das Töten und Fixieren von Quecksilber, die Gewinnung von Sublimat und Calomel[4784], u. dgl. mehr. Der nämlichen Abkunft ist auch die Bereitung des Elixirs, des „Pulvers der Projektion“, das bei ~Nagarjuna~ schon 10 Millionen Teile unedler Metalle in Gold verwandelt und zugleich Gesundheit, langes Leben, oder gar Unsterblichkeit verleiht, ferner die Bezeichnung des Quecksilbers als Zubehör, ja als Verkörperung eines Gottes und als dessen Samen, und endlich die Betrachtung von Quecksilber und Schwefel[4785] als ausschlaggebende Elemente und Bestandteile der Metalle[4786]. Erreichte auch die Ausbildung dieser Theorien und die Anwendung solcher Kenntnisse ihren Höhepunkt erst im „Quecksilber-Systeme“[4787], in der Iatrochemie, sowie in der alchemistischen Praxis des 13. bis 14. Jahrhunderts, -- wobei dann Gott ~Siva~ (dem ~Hermes~ gleich) als Vater und Lehrer der großen Kunst, die Zeitgenossen (~Yasodhara~ und andere) aber als Erfinder der Sublimation und Destillation, des Sublimats und Calomels, des Projektionspulvers usf. gelten --, so waren sie doch auch vorher schon, zwar nicht allgemein[4788], aber immerhin weit verbreitet und keineswegs nur in einzelnen, engumgrenzten Bezirken Indiens. Dies bestätigen, neben verschiedenen der weiter oben gegebenen Anführungen, namentlich der auf die „Geschichten der 84 Zauberer“ bezüglichen, auch noch die Berichte des ~Marco Polo~, die sich auf Zustände in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts beziehen. Wie ~Polo~ erzählt, erreichen z. B. gewisse, der Sekte der Jainas[4789] angehörige Priester zu Lar im mittleren Südindien das hohe Alter von 150 bis 200 Jahren, indem sie zweimal monatlich einen aus Schwefel und Quecksilber bereiteten Trank genießen[4790]; auch ~Argon~, ein König aus der damals in Persien regierenden mongolischen Dynastie, befragte indische Asketen, worin ihre Kunst der Lebensverlängerung bestehe, und als sie auf ihren Trank aus Schwefel und Quecksilber verwiesen, nahm er diesen ebenfalls acht Monate lang, starb aber dann trotzdem[4791], -- oder eher infolge des Trankes, den man vielleicht wirklich mit aus Schwefel und Quecksilber zusammenbraute, statt aus den unter diesen symbolischen Namen zu verstehenden Bestandteilen. Für die Dauerhaftigkeit und Festigkeit, mit der sich solcherlei abergläubische Vorstellungen unausrottbar erhalten, zeugt ~Pigafetta~, der Begleiter des ~Magelhaës~ auf der ersten Reise um die Erde (1519-1522), der zu melden weiß, daß die Mohammedaner auf gewissen Inseln des ostindischen Meeres einen derartigen Trank genießen, der nicht nur die Krankheiten heilen, sondern auch die Gesundheit dauernd erhalten soll, weshalb Quecksilber und Zinnober daselbst sehr gesucht seien und hoch im Preise stünden[4792].

Zugunsten des arabischen Ursprunges der indischen Alchemie sprechen endlich noch die Tatsachen, daß das Kupfer bei den indischen Alchemisten einen anderen Namen führt als in der Sanskrit-Litteratur, was für das späte Aufkommen der betreffenden Lehren sehr bezeichnend ist[4793], ferner daß die Vorschriften für das Leben und Verhalten der Alchemisten völlig mit den arabischen (ursprünglich griechischen) übereinstimmen[4794], und endlich daß nicht nur die chemischen Operationen nebst ihren Namen und Bezeichnungen, sondern auch die zur Ausführung vorgeschriebenen Geräte und Apparate durchaus den wohlbekannten arabischen (griechischen) gleichen[4795]. Daß die Inder sie trotzdem für sich selbst in Anspruch zu nehmen und einheimischen Erfindern zuzuschreiben trachten, kann nicht überraschen, aber auch nicht überzeugen, um so mehr als das nämliche Bestreben auch bei anderen Gelegenheiten hervortritt, z. B. beim Versuche, der Kunst, metallisches Zink darzustellen (die, soweit sich übersehen läßt, aus China nach Indien gelangte)[4796], indischen Ursprung zu sichern, wobei dann als Erfinder (wie oben angeführt) die verschiedensten Gelehrten ausgegeben, und mit großer Willkür bald in das 11. oder 12., bald in das 13. oder 14. Jahrhundert versetzt werden[4797].

7. Chemie und Alchemie in China.

Nicht anders wie Ägypten oder Babylonien, Persien oder Indien, so hatte sich zeitweise, namentlich im 18. Jahrhundert, auch China einseitiger Überschätzung und maßloser Bewunderung seitens gewisser europäischer Gelehrter zu erfreuen, die daselbst die Heimat jeglicher Kultur und Wissenschaft, sowie die Entstehungsstätte aller geheimen Weisheit aufgefunden zu haben vermeinten; so sollten die Chinesen auch seit jeher Großes in der Naturwissenschaft geleistet und u. a. schon vor Jahrtausenden eingehende Kenntnis der Chemie und Alchemie besessen und diese letztere in nahe Verbindung mit der Astronomie und der Planeten-Verehrung gebracht haben, -- wie dies alles durch unzählige Zeugnisse einer uralten Litteratur unwiderleglich bewiesen werde. Sämtliche Voraussetzungen solcher Art haben indessen einer näheren Prüfung nicht standzuhalten vermocht.

Zunächst ist daran festzuhalten, daß die chronologisch beglaubigte Geschichte Chinas erst mit dem Jahre 841 v. Chr. beginnt[4798], und daß auch in den ältesten kanonischen Schriften, die ~Confucius~ (~Kung-fu-tze~ = ~Kung~ der Meister, 551-478) abgefaßt haben soll[4799], alle über diese Grenze hinausgehenden Angaben auf Mythe und Phantasie beruhen. Von den echten alten Schriften fand ferner ein sehr großer Teil im Jahre 213 v. Chr. seinen Untergang, als der Kaiser ~Schi-hoang-ti~ zwecks wirksamer Bekämpfung der Neuerer alle ihm erreichbaren Bücher verbrennen ließ, mit Ausnahme derer über Ackerbau, Baumzucht, Wahrsagerei, Medizin und Pharmazie[4800]. Zur Zeit der Han-Dynastie (205 v. Chr. bis 220 n. Chr.), die bald darauf das Zerstörte nach Möglichkeit wieder herzustellen suchte und für die Herbeischaffung alles der Vernichtung Entgangenen hohe Belohnungen gewährte, entwickelte sich dann die Fälschung zu einem ebenso ausgebreiteten wie einträglichen Gewerbe[4801], und obwohl man sie durch vorbeugende Maßregeln einzuschränken suchte[4802], wurde doch die Zahl teils bewußt untergeschobener, teils aus wahren und angeblichen Bruchstücken wieder zusammengesetzter, teils durch nachträgliche Ergänzungen und Zusätze nach Belieben erweiterter Werke alsbald fast unübersehbar[4803]. Weil aber der von den Han-Kaisern hochgehaltene Grundsatz der „Rückkehr zur ruhmreichen Vergangenheit“ auch für die ganze fernere Gestaltung der Litteratur maßgebend blieb, entfaltete sich seither die für den chinesischen Geist so bezeichnende und ihm offenbar ganz besonders zusagende Tätigkeit der Sammler, Herausgeber, Erklärer und Kommentatoren[4804]: in endloser, seit über anderthalb Jahrtausenden niemals abreißender Reihe fügten sie ein Glied der Kette an das andere und schufen ihre immer dickleibiger und vielbändiger werdenden Zusammenstellungen und Enzyklopädien, stets erfüllt von Fleiß und vom Bestreben, alles so vollständig wie tunlich zu bringen und es als so alt wie möglich hinzustellen, dagegen meist gänzlich unbeirrt von Wahrheitsliebe, Gewissenhaftigkeit und Kritik. Boten schon ältere kanonische Texte, z. B. die sog. „Landesbeschreibung“, eine Fülle unerhörter und märchenhafter Wunderdinge[4805], so glaubten spätere Autoren ihrer Erfindungsgabe erst recht freien Lauf lassen zu dürfen; man nahm ferner keinen Anstand, selbst wirklich bessere historische Werke, u. a. das des ~Chu-Hi~ (1130-1200), immer wieder, und zwar bis in das 18. Jahrhundert hinein, „neu herauszugeben“, hierbei im Stillen bis zur Gegenwart herab- und bis in die mythische Urzeit zurückzuführen[4806] und durch willkürliche Zutaten und Ergänzungen zu bereichern, deren späten Ursprung oft nur ganz zufälligerweise irgend ein vereinzelter Zug verrät[4807]. Infolgedessen kann es nicht überraschen, daß gewisse „Fanatiker der Skepsis“[4808] schließlich die Echtheit fast +aller+ chinesischen Litteraturwerke in Zweifel zogen, sogar die des von ~Confucius~ redigierten kanonischen „Schi-king“ und „Schu-king“[4809], deren Inhalt in der Regel als beruhend auf wesentlich echten Überlieferungen des 12. bis 7. Jahrhunderts v. Chr. anerkannt wird[4810], sowie die des „Tao-teh-king“ (= Buch vom Tao) des großen Religionsstifters ~Lao-tze~ („des Meisters ~Lao~“, 604-425 v. Chr.?)[4811], -- wobei ihnen in nicht wenigen Fällen allein entgegen gehalten werden kann, daß es ganz unwahrscheinlich wäre, Fälschern so viel geistige Eigenart und Tiefe, aber auch Gewandtheit und Geschicklichkeit zuzutrauen[4812].

Was die chinesische Astronomie anbelangt, so hält es ~Kugler~ für wahrscheinlich, daß der altchinesische Kalender von babylonischem Einflusse zeugt[4813], und ~Bezold~ für gewiß, daß den einigermaßen sicher datierbaren Werken, wie z. B. dem um 100 v. Chr. abgefaßten „Schi-ki“, chaldäische Anschauungen zugrunde liegen[4814], während wieder ~Saussure~ das hohe Alter und den einheimischen Ursprung einer rein wissenschaftlichen, in innigem Verbande mit Religion und Staatswesen stehenden Astronomie nachgewiesen zu haben glaubt[4815]. In Ansehung der Tatsache, daß der chinesische Geist seit jeher und auf sämtlichen Gebieten immer nur allein die praktisch brauchbaren Erfolge als wertvolle anstrebte und als würdige anerkannte, müßte die frühzeitige Ausbildung einer wirklich theoretischen Astronomie wundernehmen; vermutlich kommen daher nicht sowohl astronomische als astrologische Beobachtungen in Frage, zusammenhängend mit dem weitverbreiteten und auch in China sehr alten Volksglauben, „daß die Ereignisse auf Erden irgendwie beeinflußt würden von denen am Himmel“, und das Geschick des Gesamtstaates und seiner Einzelprovinzen „sich widerspiegle im gestirnten Firmament, dieser himmlischen Projektion des irdischen Reiches“[4816]. Zwecks richtiger Deutung der Himmelsbilder unterhielt der Staat eigene Beamte[4817], die sich u. a. im 2. und im 7. Jahrhundert v. Chr. als „Astrologen“ und „Großastrologen“ erwähnt finden[4818], sowie für 671 v. Chr. auch im „Yih-king“[4819], dem kanonischen, wie man glaubt in ziemlich ursprünglicher Gestalt vorliegenden „Buche der Wandlungen“[4820]. In diesem, hauptsächlich von Wahrsagerei handelnden Werke sind die Astrologen etwa gleichwertig den Wahrsagern, Losziehern, Geisterbannern und Traumdeutern, von welchen letzteren auch das Buch „Schi-king“ spricht, wo es die Träume mit den Stellungen der Gestirne am Himmel in Verbindung bringt[4821], während +andere+ Arten des Aberglaubens in ihm, wie auch im „Schu-king“, +keine+ Erwähnung finden[4822]. Daß die großen Ritualwerke „Li-ki“ und „Chou-li“ der Chou-Dynastie (1122-255 v. Chr.) sie +sämtlich+ kennen und als „uralte“ bezeichnen[4823], wäre daher schon an sich auffällig, doch wissen wir zudem, daß z. B. das Buch „Li-ki“ erst in den Jahrhunderten zwischen 200 v. und 200 n. Chr. zusammengestellt wurde, und daher keinerlei Rückschlüsse auf eine entfernte Vergangenheit gestattet[4824]. Daß erst in solchen jungen und zweifelhaften Texten die Planeten besonders erwähnt, zusammen mit Sonne und Mond als „7 Lenker“ und „7 Regenten“ bezeichnet und ebenso wie die zwölf Tierkreisbilder mit gewissen Opfern bedacht werden[4825], spricht für das späte Aufkommen auch dieser, sichtlich aus der Fremde stammenden Vorstellungen[4826]; von einer Verbindung der 7 Wandelsterne mit den 7 Metallen ist übrigens zunächst auch hierbei gar nicht die Rede, vielmehr werden nur die 5 Planeten mit den sog. 5 „Elementen“ der Chinesen in Beziehung gebracht, nämlich Saturn mit Erde, Mars mit Feuer, Merkur mit Wasser, Jupiter mit Holz und Venus mit Metall[4827].

Die Lehre von diesen 5 Elementen wird allerdings als eine schon in der Zeit der Einwanderung der „hundert Familien“ (= des Volkes) in China[4828], mindestens aber in jener der mythischen Kaiser ~Ki~ (um 2200 v. Chr.) oder gar ~Hoang-hi~ (um 2700 v. Chr.) wohlbekannte vorausgesetzt[4829], gehört jedoch in der Tat erst einer weit späteren Periode an, die indessen vorerst noch nicht genau abgegrenzt werden kann. Von wirklich hohem, vermutlich weit über das der kanonischen Schriften hinausreichende Alter ist nur die Theorie von dem „allgegenwärtigen Dualismus“ der beiden einander entgegengesetzten kosmischen Urkräfte Yang und Yin, durch deren Zusammenwirken und Kreislauf schon das Buch „Yih-king“ alle überhaupt vorhandenen Einzeldinge körperlicher und geistiger Natur aus dem chaotischen Anfangszustande der Welt hervorgehen und sich sodann weiter entwickeln läßt[4830]. Unter diesen Kräften gilt seit jeher Yang als die lichte, männliche, zeugende, herrschende, aktive, den geraden Linien und ungeraden (vornehmeren) Zahlen entsprechende, Yin aber als die dunkle, weibliche, empfangende, dienende, passive, den gebrochenen Linien und geraden (gemeineren) Zahlen zugehörende[4831]; weiterhin wurde dann Yang mit der roten Farbe, der Sonne, den guten Geistern, und in der Pharmakologie mit dem Heißen, Trockenen, Heilsamen, in Verbindung gebracht, Yin aber mit der schwarzen Farbe, dem Monde, den bösen Geistern, und in der Pharmakologie mit dem Kalten, Feuchten, Schädlichen[4832]. Nach der Lehre des ~Lao-tze~ sind Yang und Yin mit in seinem „Tao“ (= „Weg“ und auch „Vernunft“) enthalten, weil dieses Prinzip, als höchstes und umfassendstes, -- in mancher Hinsicht dem griechischen Logos vergleichbares[4833] --, wie die ganze übrige Welt so auch „jene beiden Wagenlenker der schaffenden Kräfte“ in sich schließen muß[4834]. Hierbei bleibt jedoch ihr völliger Gegensatz unverändert bestehen, und ihn nach monistischer Weise in eine höhere Einheit aufzulösen versuchte erst ~Chou-tze~ (~Chou~ der Meister), dessen Lebenszeit in die Jahre 1017-1073 fällt[4835]: bei ihm erzeugt das ewige und einzige Urprinzip „Tai-kih“ durch seine Bewegung den Yang, und durch seine Ruhe am Ziele der Bewegung den Yin, und diese erst gesellen sich und bringen dadurch die 5 Elemente Wasser, Feuer, Erde, Holz, Metall hervor, „jedes von seiner eigenen Beschaffenheit, jedes von seiner eigenen Natur“, so daß man im Tai-kih bereits Yang und Yin als enthalten anzusehen hat, und in diesen beiden wiederum die 5 Elemente[4836]. In den folgenden Jahrhunderten und namentlich unter dem Einflusse der rasch zu andauernder und kaum glaublicher Bedeutung gelangenden sog. Wissenschaft „Feng-Schui“, einer Art vom gröbsten (namentlich auch astrologischen) Aberglauben erfüllten Geomantie[4837], erfolgte dann zum Teil eine Erweiterung, zum Teil eine Neuschöpfung und systematische Ausgestaltung der Lehre von den Beziehungen der 5 Elemente zu allem nur Möglichen und Unmöglichen, u. a. zu den 5 Planeten[4838], zu den 5 Farben (grün, gelb, rot, weiß, blau)[4839], zu den Tieren, Pflanzen, Mineralien und Metallen, sowie zu deren Gottheiten[4840], zu den verschiedenen Teilen der Länder, der Erdoberfläche, des Erdinneren usf.[4841].

Was die Frage nach dem Auftauchen einer eigentlichen Alchemie betrifft, so hat man sich im Bereiche der chinesischen Kultur nicht minder als in dem der indischen davor zu hüten, daß man zwischen einheimischen Gedanken oder Vorstellungen und irgendwie ähnlichen, aus der griechischen Alchemie her bekannten, statt einer gewissen Analogie kurzweg Identität voraussetze und dieser durch unmittelbare Anwendung der überlieferten hellenistischen Schlagworte auch schon eine ausreichende Stütze gesichert zu haben glaube. Der Wunsch z. B., ein langes Leben in Gesundheit und Wohlstand hinzubringen, ist ein so tief in der menschlichen Natur begründeter, daß es nicht überraschen darf, ihn bei den verschiedensten Völkern der alten und neuen Welt auftauchen und sich allerorten der Meinung verbinden zu sehen, das erstrebte Ziel sei entweder durch Frömmigkeit und Gebete oder durch Zauberkraft und magische Kunst in mehr oder weniger vollkommener Weise erreichbar. So zweifelten die alten Mexikaner nicht an der Wirksamkeit ihres Unsterblichkeits-Trankes[4842]; bei innerafrikanischen Negerstämmen begegnete ~Schweinfurth~ dem Glauben, man vermöge mittels gewisser Pflanzensäfte Gold zu erzeugen oder die ewige Jugend zu gewinnen[4843]; sowohl südamerikanische wie südasiatische Völker hielten sich für überzeugt, daß bestimmte Pflanzen, besonders die vermeintlich der Sonne oder dem Monde zugehörigen, nicht nur verborgene Schätze finden ließen, sondern auch selbst Gold oder Silber hervorbrächten, während wieder bestimmte andere (z. B. solche, die Erschöpfte stärken, Kranke heilen, weiße Haare schwarz färben) auch Jugend, Gesundheit, Zeugungsfähigkeit, langes Leben, ja Unsterblichkeit verliehen[4844]. Es kann daher nicht wundernehmen, auch bei den alten Chinesen schon frühzeitig auf verwandte Anschauungen zu stoßen, die sich hauptsächlich an ihre „großen drei Glücksgüter“ (San-fuh) knüpften, d. s. langes Leben, Kindersegen und Reichtum[4845].

Bereits im 4. vorchristlichen Jahrhundert ist eine an den Mythus von der Atlantis anklingende Sage lebendig, von fabelhaften, inmitten des fernen östlichen Ozeans liegenden, für die jetzigen Menschen nicht mehr erreichbaren Inseln, deren Einwohner Paläste und Tore aus Gold und Silber, sowie den Trank des langen Lebens und der Unsterblichkeit besäßen, bereitet aus der Pflanze Ling-chi-tsao[4846]; noch im 3. Jahrhundert v. Chr. rüstete deshalb der Kaiser ~Schi-hoang-ti~ eine Flotte zur Aufsuchung dieser Inseln aus, die jedoch, obwohl sie unter der Leitung eines besonders hervorragenden „Zauberers“ stand, ihre Aufgabe nicht zu lösen vermochte[4847]. In China selbst soll den Unsterblichkeits-Trank zuerst ~Chung-li-küan~ „erlangt“ haben, von dem man nur weiß, daß er noch zur Zeit der Chou-Dynastie (also spätestens 255 v. Chr.) lebte, zu den „acht großen Siën“ gehörte, d. h. zu den Genien und Obermeistern aller magischen und geheimen Wissenschaften, und diesen auch die Kenntnis der neuen Errungenschaft übermittelte „in der Verborgenheit der tiefsten Wildnis seiner heimatlichen Berge“[4848]. Hiernach wird man annehmen dürfen, daß ~Chung-li-küans~ Trank hauptsächlich aus Pflanzensäften bestand, und daß er selbst zu jenen Einsiedlern gehörte, deren Erscheinung den während der letzten vorchristlichen Jahrhunderte dem Aberglauben ganz besonders ergebenen Chinesen etwas völlig Neues und höchst Erstaunliches war, und denen man daher übernatürliche Kräfte aller Art zutraute, z. B. Fliegen durch die Luft, willkürliches Trennen der Seele vom Körper, Verlängern des Lebens, Überwinden des Todes, usf.[4849]. Es ist sehr wahrscheinlich, daß das Auftauchen dieses dem eigentlichen chinesischen Geiste ganz fern liegenden Einsiedlertumes und alles sich daran Knüpfenden mit dem Eindringen des Buddhismus zusammenhängt[4850], dessen Verbreitung in China, entgegen früheren Annahmen, schon im 3. Jahrhundert v. Chr. begann und im 2. bereits eine ziemlich ausgedehnte war[4851].

Die sehr weitgehenden gegenseitigen Beeinflussungen und Anpassungen der älteren chinesischen Religionen und des Buddhismus erstreckten sich insbesondere auch auf die Lehre des ~Lao-tze~, dessen philosophische Betrachtungen über das Tao der großen Menge ohnehin seit jeher vielerlei Schwierigkeiten geboten hatten. Schon im Laufe des 2. vorchristlichen Jahrhunderts zerfiel daher die Tao-Lehre in zwei Richtungen, deren eine die Grundlagen des reinen und lauteren Aufwärtsstrebens festhielt, während in der anderen das Tao vom Prinzipe höchsten Gutes und vollkommenster Einsicht zu dem des Wundertuns und Zauberns herabsank, das den Gläubigen vor allem Erfüllung ihrer irdischen Wünsche in Aussicht stellte, u. a. derer nach langem Leben und Reichtum[4852]. Die letztere Richtung daraufhin von vornherein als „alchemistische“ zu bezeichnen[4853], liegt indessen keine Berechtigung vor, denn auch in seiner Entstellung bleibt das Tao zunächst nichts weiter als ein geistiges Symbol ungeheurer geheimer Macht: „dem, der es erlangt hat, ist nichts unmöglich“, daher vermag er sogar den Tod zu überwinden und sich durch seine Kunst Gold zu verschaffen[4854]. Natürlicherweise wurden diese Fähigkeiten in besonders hohem Grade schon dem ~Lao-tze~ selbst zugeschrieben: Einer der großen „Siën“ unterrichtete ihn in allen zauberkräftigen und geheimen Wissenschaften, und er selbst vervollkommnete sich in diesen dermaßen, daß er unendliche Schätze an Gold zu gewinnen verstand, -- weshalb ihn die chinesischen Alchemisten noch heutzutage als Schutzpatron verehren --, und sein Leben bis 1040 n. Chr. zu verlängern wußte, in welchem Jahre er auf einem mit blauen Ochsen bespannten Wagen nach dem Abendlande zu entschwand, um in Indien als ein Buddha wiedergeboren zu werden[4855].

Diese Überlieferungen gehören indessen, wie schon die genannte Jahreszahl zur Genüge zeigt, einem weitaus späteren Zeitalter an, in dessen Verlaufe die Chinesen andauernde und tiefgehende, nach ihren Einzelheiten noch durchaus ungenügend erforschte Beeinflussungen von Westen her erfahren hatten: in Chinesisch-Turkestan vollzog sich u. a. die Berührung mit manichäischen und nestorianischen Lehren, deren Träger zum Teil auch ostiranische Sogdier waren[4856], 635 erreichten die Nestorianer von Indien aus auf dem Seewege China[4857], und 714 erschienen die ersten arabischen Schiffe in dem 700 den fremden Völkern geöffneten Hafen von Kanton, worauf sich der Handelsverkehr alsbald mit überraschender Schnelligkeit zu fast unglaublicher Höhe emporschwang[4858]. Nach der Überzeugung, die sich einer der größten Kenner Chinas und der chinesischen Litteratur, ~v. Richthofen~, im Laufe jahrzehntelanger Forschungen bildete[4859], gelangten die Chinesen erst seit dieser Periode, also etwa seit dem 8. Jahrhunderte, zur Kenntnis einer wirklichen Alchemie, nämlich der von den Arabern übermittelten hellenistischen, gliederten deren Gesamtbilde ein, was sie selbst an irgend passenden, oder unter einiger Umänderung verwertbaren Zügen besaßen, und suchten sodann, gemäß der unbeschränkten Eitelkeit, die eine Haupteigenschaft ihres Nationalcharakters bildet, das Ganze als ihre eigene, selbstverständlich uralte Erfindung hinzustellen. Wie auf anderen Gebieten, so nahm man auch auf diesem keinen Anstand, die fehlenden Beweise nachträglich zu beschaffen, und dem Sachkenner muß sich, nach ~Richthofen~, je gründlicher er sich mit dem Problem beschäftigt, desto überzeugender die Ansicht aufdrängen, daß jenseits des 8. Jahrhunderts, sobald Alchemie in Frage kommt, sowohl einzelne litterarische Zeugnisse wie ganze Werke durchwegs entweder späterer betrügerischer Einschiebungen oder gänzlicher Fälschung verdächtig sind.

Zu den erwähnten verwertbaren Zügen einheimischer Herkunft gehören in erster Linie die mit der Erlangung von Gold und langem Leben zusammenhängenden. Das schon weiter oben angeführte hohe Alter der Unsterblichkeits-Tränke wird auch seitens der chinesischen Medizin bestätigt, deren früheste wirklich zuverlässige Werke, die allerdings, entgegen der üblichen Tradition, nicht aus dem 2. oder gar 3. +vor+christlichen Jahrtausende herrühren, sondern erst aus dem 3. Jahrhundert n. Chr.[4860], bereits von jugend- und lebenserhaltenden Pflanzensäften und Drogen berichten, wie sie die Weisen der fernen Vergangenheit herzustellen verstanden[4861]. Die Ergebnisse dieser inländischen Gelehrten scheinen sich aber nicht ausreichend bewährt zu haben, denn schon gegen 100 v. Chr. soll der Chinese ~Yo-fu-ku~ nach Japan gekommen sein, um +dort+ nach Unsterblichkeitsmitteln zu suchen[4862], und eine andere Überlieferung besagt, daß zu gleichem Zwecke laut ~I-Tsing~ (671-695 n. Chr.) einer seiner Landsleute nach Indien gesandt wurde[4863], -- obwohl ~I-Tsing~ seiner persönlichen Meinung dahin Ausdruck gibt, die wahrhaft wirksamen Mittel zur Verlängerung des Lebens besitze man nur in China selbst, wo man über mehr als 400 Arten heilsamer Pflanzen und auch Steine verfüge[4864]. Daß die vegetabilischen Substanzen seit jeher die an Zahl weitaus überwiegenden waren und dies auch blieben, beweist u. a. das große, 1548-1578 verfaßte, 1597 in 52 Bänden gedruckte Sammelwerk „Pen-tsao“ des ~Li-schi-tschin~, das auf Grund von 800 der wichtigsten alten Schriften (freilich aber auch vieler neuerer und ganz später) nicht weniger als 1892 Medizinen und 11896 Rezepte wiedergibt[4865] und als zu deren Herstellung erforderlich 347 Bestandteile aufführt, unter denen sich nur 43 mineralische befinden[4866]. Auch alte abergläubische Vorstellungen (die sich zum Teil bis zur Gegenwart erhielten) kennen nur ein „Kraut der Unsterblichkeit“[4867]; die spätere Tao-Lehre läßt den Hasen, den die Chinesen im Monde zu erblicken glauben, in einem Mörser die Kräuter zur Gewinnung des Unsterblichkeits-Trankes kleinstoßen[4868]; auch ~Chang-tao-ling~, der um 70 n. Chr. erster „Meister des Himmels“, d. h. erstes eigentliches Oberhaupt der Tao-Hierarchie wurde, soll seinen Trank des ewigen Lebens in einer verborgenen Höhle des Gebirges zubereitet haben[4869], also wohl aus Pflanzenstoffen. Wenn die Sage hinzufügt, die kostspieligen Versuche hätten seine ganze Barschaft verschlungen, so bezieht sich dieses vermutlich auf die seit jeher für ganz besonders wirksam erachteten Zusätze an Perlen und edlen Steinen oder Metallen, betreff derer ein Buch von 1108 schon ausführliche Auszüge aus Werken der Vorzeit gibt[4870]; zu den aus diesen stammenden Mythen gehört u. a. die seitens ~Pfizmaiers~ angeführte vom „Edelsteinfett“, das aus gewissen unzugänglichen Bergen quillt, binnen 10000 Jahren allmählich zerrinnt und dabei schließlich zur Pflanze der Unsterblichkeit wird, die dem glücklichen Besitzer wenn nicht ewiges, so doch wenigstens tausendjähriges Leben gewährleistet[4871].

+Für+ die Behauptung, die Bewohner des „Reiches der Mitte“ hätten sich bereits in so weit zurückliegender Ferne eingehender Kenntnisse mineralogischer und chemischer Natur erfreut, fehlen bisher glaubhafte Beweise. +Gegen+ sie spricht es aber, daß die Chinesen, nach so genauen Kennern ihrer älteren und neueren, gelehrten und volkstümlichen pharmakologischen Litteratur wie ~Hanbury~[4872] und ~Hübotter~[4873], zu keiner Zeit über die empirische Handhabung gewisser für die Praxis (namentlich die metallurgische und keramische) brauchbarer Verfahren hinauskamen; sie besaßen weder eigenartige chemische Methoden noch Apparate einheimischer Herkunft, sie verwandten als mineralische „Heilstoffe“ teils völlig unwirksame Substanzen, teils ganz unreine und rohe, und sie gelangten niemals zu einem zureichenden Begriffe von der Notwendigkeit und Art richtiger Dosierung[4874]. Aus der Reihe der in älteren Schriften sowie im „Pen-tsao“ erwähnten und unter Angabe der einheimischen Fundorte[4875] aufgezählten Mineralien seien hier angeführt: die Edel- und Schmucksteine, an deren Spitze der unermeßlich kostbare Yü (Jadeït, Nephrit) steht, hervorgehend durch allmähliche Reifung und Gerinnung der edelsten Teile einer im Erdboden enthaltenen Materie Ki[4876]; die Edelmetalle und Metalle, d. s. Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Blei (das aber zugleich auch Zinn und Zink mit umfaßt) sowie ihre Erze, u. a. das an der Grenze gegen Anam bei Kwang-si in großen Mengen vorkommende Zinkerz [basisches Zinkcarbonat][4877]; die Yu und Pi geheißenen Verdichtungen aus den gemeineren Teilen der Materie Ki, d. s. weibliches gelbes Auripigment und männliches rotes Realgar, aus denen man auch ganze Becher verfertigte, die die Heilkraft der Arzneien außerordentlich erhöhen sollten[4878]; Naoscha [= Nûschâdir, Salmiak], eine Art Salz oder Alaun vulkanischen Ursprunges, das man noch gegenwärtig im Innern Chinas für besonders wirksam ansieht, daher teuer bezahlt und oft mit anderen Salzen verfälscht[4879]; Schwefel, eines der mächtigsten Gegengifte, Zauber- und Schutzmittel, der durch seine Dämpfe die bösen Geister austreibt, sowie die von diesen verursachten Krankheiten heilt, und alle, die am Tage des Drachen-Bootfestes ein wenig in Wein eingerührt trinken, ein Jahr lang vor dem Übelwollen sämtlicher Arten Dämonen schützt[4880]; das Quecksilber, von dem es im fernen Westen ein unterirdisches Meer geben soll[4881], ein Stoff, dem man trotz seiner eigenen Giftigkeit die Fähigkeit zuschreibt, die Wirkungen anderer (namentlich metallischer) Gifte aufzuheben, und der auch sonst für kräftig, heilsam und kalt (daher auch weiblicher Natur) gilt[4882]; der Zinnober, den man wegen seiner roten Farbe, die glückbringend und deshalb den bösen Geistern unerträglich ist, für einen hervorragenden Talisman hielt, für ein die Krankheiten heilendes, die Fieberhitze vertreibendes, die Wunden schließendes, zauberhaftes Mittel, und außerdem für einen nahen Verwandten des gleichfalls roten Goldes[4883]. Daß die enge Beziehung, die zwischen Zinnober und Quecksilber waltet, keineswegs schon in „uralten“ Zeiten bekannt war, beweist eine Bemerkung im Buche des ~Ko-hung~, das man für ein unzweifelhaft echtes Erzeugnis des 4. Jahrhunderts n. Chr. ansehen zu dürfen glaubt[4884]: es heißt daselbst, daß beim „Verbrennen“ von Zinnober Quecksilber entstehe, was den meisten, die hiervon vernehmen, völlig unbegreiflich und auch unglaublich erscheine, da doch weder ein Stein wirklich verbrennen, noch dabei, während er selbst rot gefärbt sei, weißes Quecksilber ergeben könne[4885]; dennoch, versichert ~Ko-hung~, ist dies so, und das gewonnene Quecksilber verleiht ewiges Leben und erhebt die Menschen zum Range von „Siën“ (großen Geistern, Genien), wie das jene richtig beurteilen werden, die die „Lehre“ eingesehen haben [offenbar die Tao-Lehre in ihrer späteren Gestalt]. Nach gewissen „Meistern“ des 4. und 5. Jahrhunderts, die ihre Studien in den Gebirgen des Südens betrieben, angeblich weil sie daselbst mehr Zinnober vorfinden, soll dieser, indem er beim Erhitzen Quecksilber ergibt, selbst „Leben bekommen“, und daher auch wieder geeignet sein, andere mit Leben und Unsterblichkeit zu erfüllen[4886]; solche und ähnliche allegorische Auslegungen sind indessen vermutlich erst späteren Ursprunges, während es sich anfangs nur um rein abergläubische Vorstellungen, sowie um Zauberkünste zur Überführung ohnehin schon goldfarbiger Mineralien, z. B. Zinnober, Realgar, oder Auripigment, in wirkliches Gold gehandelt haben mag. Wird doch schon vom Kaiser ~Wu-ti~ (140-87 v. Chr.) berichtet, er habe den Tau des Himmels in einer Schale gesammelt, die eine vor seinem Palaste errichtete Statue in Händen hielt, und aus ihm durch Einrühren feingepulverten Yüs (Jadeïts, Nephrits) einen Unsterblichkeits-Trank bereitet[4887]; auch ein Prinz seines Hauses beschrieb sowohl die Entstehung des Goldes in der Erde durch allmähliche (1500 Jahre dauernde) Umwandlung feinster, dem Himmel entstammender Teilchen, als auch die Darstellung des Unsterblichkeits-Trankes, und soll, nachdem er ihn gekostet, alsbald gen Himmel emporgefahren sein, wohin ihm sein Hund nachfolgte, der einige vergossene Tropfen aufgeleckt hatte[4888]. Dem nämlichen Kaiser ~Wu-ti~ riet ein Zauberer, er möge kraft bestimmter Opfer gewisse mächtige Geister bannen, sie Zinnober in Gold verwandeln lassen und aus derlei Goldgeschirr essen und trinken: dadurch werde er nicht nur das Gold erlangen, sondern auch langes Leben, den Anblick der „Genien der fernen Inseln“ und durch diese schließlich Unsterblichkeit[4889]. Die großen Gaben, Reichtum und langes Leben, gehen hier aus dem „Kin-tan“ (= Gold-Rot) genannten Zinnober hervor, und zwar ausschließlich durch Zauberei; falls also die Quellen wirklich berichten, „unter der Regierung des Kaisers ~Wu-ti~ habe man zuerst den ‚Stein der Weisen‘ besessen“[4890], so müssen mindestens diese Worte auf Einschiebung aus späterer Zeit beruhen, in der die eigentliche Alchemie schon bekannt geworden und zu jener Vereinigung mit der entstellten Tao-Lehre gelangt war, die Anlaß zur Entstehung einer ausgebreiteten, an Umfang reichen, an Inhalt armen, okkultistischen Litteratur gab[4891].

In dieser treten dann, wie leicht begreiflich, die Analogien hervor, die u. a. ~Grube~ auffielen und ihn zu dem Ausspruche veranlaßten, die chinesische und die mittelalterliche Alchemie zeigten eine Reihe merkwürdig verwandter Züge[4892], während andere Forscher sogar aus ihnen folgern wollten, die Araber hätten die Idee vom „Stein der Weisen“ und überhaupt die ganze Alchemie aus China geholt[4893]. Tatsächlich begannen dort erst seit etwa dem 8. Jahrhundert einige aus dem Westen übermittelte chemische Kenntnisse, sowie die alchemistischen Ideen, Boden zu fassen. Der „Einsiedler in der Abgeschiedenheit des Gebirges“ muß nun kultische Reinheit beobachten, den Lebenswandel eines Geweihten führen, die rechte Jahreszeit und die richtige Stellung der Gestirne wahrnehmen[4894], die Beziehungen zwischen den fünf Planeten und dem Gold, Silber, Kupfer, Eisen und Blei (oder Zinn und Zink) berücksichtigen[4895], mit dem Blei als „Mutter“ und dem Quecksilber als „Seele“ der Metalle Bescheid wissen[4896], das allmähliche Heranreifen des aus den Erddünsten zuerst niedergeschlagenen Bleies zu den edleren Metallen und schließlich zu Gold nachahmen[4897], und mit Fleiß und Geduld die äußerst schwierige und mühevolle Transmutation betreiben, die eine mystische Ähnlichkeit mit der 9 Monate währenden Entwicklung des Fötus zeigt, 9 Umwandlungen erfordert und 9 Monate in Anspruch nimmt, -- ist doch 9 auch eine „heilige Zahl“ der Tao-Lehre[4898]. Zahl und Beschaffenheit der zur Darstellung des Elixirs erforderlichen Ausgangsstoffe werden verschieden angegeben, in der Regel sind es Schwefel, Quecksilber, Zinnober, gelbes und rotes Arsen, alkalische Salze, Alaun, Kalkstein, Seifenstein, Kaolin, Talk (= Perlmutter?) und ein Mineral namens Kung-tsing[4899]; das aus ihnen hervorgehende Präparat, Tan (= Rotes), Tan-sha (roter Sand), Kin-tan (Goldrot), später auch Gold-Elixir, Metallsaft, Metallösung, Trank der Siën usf. geheißen, verwandelt 200 Teile Blei oder Quecksilber in Gold; es heilt alle Krankheiten, indem es die Dämonen austreibt, den Körper reinigt und ihm seine und des lauteren Goldes Beständigkeit und Unvergänglichkeit mitteilt; es macht alles Zerbrochene und Verdorbene wieder ganz und heil und verleiht langes Leben und Unsterblichkeit[4900]. Schwefel und Quecksilber beginnen seit der angegebenen Zeit auch in China die maßgebende Rolle zu spielen, desgleichen kommen Quecksilber-Verbindungen wie Sublimat und Calomel in Gebrauch, -- zu deren Darstellung man aber fast bis zur Gegenwart (gleichwie in Indien und in Japan) nur die unvollkommensten, den alten arabischen nachgebildeten Apparate besaß und beibehielt[4901], -- und die „heilbringenden“ Elixire werden gemeingefährlich, sei es, daß sie allzu lange in Berührung mit giftigen Substanzen blieben, sei es, daß man Zusätze von wirklichem Quecksilber, Schwefel u. dgl. an Stelle der mit diesen allegorischen Namen gemeinten Beigaben treten ließ; so z. B. starben allein in den Jahren 801 bis 860 nicht weniger als vier Kaiser der Tang-Dynastie infolge fortgesetzten oder übermäßigen Genusses der für sie „aus Schwefel und Quecksilber“ hergestellten und auch noch mit Perlen und Edelsteinen „verstärkten“ Lebens- und Unsterblichkeits-Tränke[4902]. Mag die Erlangung solcher ehemals das Hauptbestreben der Zauberer, und ihr gegenüber die des Goldes „weniger ein Ziel als ein Mittel“ gewesen sein[4903], -- seit der Berührung mit den Arabern änderte sich dieses jedenfalls gänzlich[4904], und während der Jahrhunderte des Mittelalters erscheinen Alchemie und Alchemisten Chinas und Europas durchaus im nämlichen Lichte. Schon in dem Sammelwerke „Wundergeschichten aus alter und neuer Zeit“, dessen jetzt vorliegende Form etwa dem 15. Jahrhundert angehören soll, das aber auf weit älteren Quellen fußt, schildert z. B. eine Novelle „mit wahrhaft drastischem Humor den Gimpelfang durch die Alchemisten“, die seit jeher sämtlich nichts anderes waren als Schwindler, Lügner, Betrüger und geschickte Ausnützer von Leichtgläubigkeit und Dummheit der großen Menge[4905]: da kennt der schlaue Gauner die „Geheimnisse der 9 Umwandlungen“, er bereitet aus Schwefel nebst Quecksilber (= Zinnober) ein Streupulver, von dem schon eine Fingerspitze voll das richtig geläuterte Zinn oder Quecksilber sogleich in reines Silber oder Gold verwandelt, er unterstützt diese Transmutation, indem er etwas Silber oder Gold als „Muttermetall“ hinzusetzt, „je mehr, desto besser“, und prellt so auf bekannte Weise und mit bekanntem Erfolge seine Opfer. -- Auch die von ~Pfizmaier~ benützten, leider jedoch nicht kritisch gesichteten, ihrem Alter nach aber meist weitaus überschätzten Schriften erzählen von „den Leuten vom Weißen und Gelben“, von den „Bereitern der Arzneien“ [= medicinae, phármaka], die Blei und Zinn mittels solcher Arzneien oder „Blüten“ in Silber und Gold verwandeln, -- was ihnen aber freilich nicht immer, oder doch nicht so gelingt, daß die Erzeugnisse das Schmelzfeuer aushalten[4906] --, die ferner aus „geläutertem“ oder nebst gewissen „Arzneien“ in einer Röhre verbranntem Quecksilber bald einen das Leben über 100 Jahre hinaus fristenden Trank, bald edle Metalle bereiten[4907] und endlich aus diesen „weiße und gelbe Eßgeräte“ herstellen, durch deren tägliche Benützung der Besitzer Unsterblichkeit erlangt[4908].

Von eigentlichen chemischen Kenntnissen in wissenschaftlichem Sinne, wie sie das europäische Mittelalter allmählich ausbildete, kann aber im chinesischen gar nicht die Rede sein, auch fehlten solche noch zur Zeit der ersten Erschließung Chinas im 16. Jahrhundert daselbst vollkommen. Nach ~Klaproth~, dessen Vermutungen von 1807 ~Guareschi~ neuerdings wiedererwähnte[4909], kannten allerdings die Chinesen schon im 8. Jahrhundert den Sauerstoff als „Yin der Luft“, als durch Feuer austreibbare Substanz verschiedener Steine, z. B. des Salpeters, sowie als Bestandteil des Wassers, „das sie demnach als zusammengesetzt ansahen“; sie wußten auch, daß der Yin aus Luft, aus Wasser, oder aus Alaun [?], das Kupfer in Grünspan [?] verwandle; ferner, daß der Yin sich nur mit dem Golde nicht verbinde, weshalb dieses auch nie anders als gediegen vorkomme, während er die anderen Metalle angreife und dabei deren Oxyde ergebe, z. B. das seit uralter Zeit zum Färben des Porzellans benützte, aber streng geheim gehaltene Antimonoxyd[4910], usf. usf. Alle diese Voraussetzungen sind indessen hinfällig, oder beruhen nur auf Auslegungen in vorgefaßtem Sinne: Yin und Yang, die beide, wie schon weiter oben erwähnt, als kosmische Urstoffe gelten, sind freilich überall und in allem vorhanden[4911], daher auch in Luft und Wasser; sie bilden auch die 5 Elemente, und ihr richtiges Verhältnis verleiht dem menschlichen Körper, dessen Säfte sie samt Blut und Atemluft erfüllen, Gesundheit[4912] und der Erdoberfläche sowie dem Erdinnern Fruchtbarkeit, gute Beschaffenheit usf.[4913]; aber nicht der geringste Anhaltspunkt liegt +dafür+ vor, daß man sie jemals als „Bestandteile“ in chemischem Sinne betrachtete, den Yin, der doch das minderwertige und passive Prinzip ist, mit dem Sauerstoff identifizierte, oder diesen seiner elementaren Natur und seiner Verbindungsfähigkeit nach richtig erkannte. Die angeführten, ohnehin sehr verworrenen chemischen Einzelheiten stammen sichtlich erst aus später Zeit; auf eine solche weist auch die Bemerkung hin, daß in die Zusammensetzung der Metalle, mit Ausnahme des reinen und vollkommenen Goldes, also vom Silber abwärts, steigende Mengen Schwefel mit eingehen sollen[4914], und ebenso die Angabe betreff des Porzellans, da dessen Herstellung, früheren Annahmen entgegen, in China keineswegs uralt ist, vielmehr erst gegen Ende des 6. Jahrhunderts n. Chr. einen gewissen, aber immerhin noch bescheidenen Grad der Vollkommenheit erreichte[4915].

Die weiter oben geschilderten Vorstellungen, wie sie im 7. und 8. Jahrhundert in China herrschten, gelangten im Laufe des 8. Jahrhunderts auch nach +Japan+; das Doppelprinzip des Yin und Yang, sowie die Theorie von den 5 Elementen, deren Zahl aber unter buddhistischem Einflusse alsbald wieder auf 4 (Feuer, Wasser, Erde, Luft) beschränkt wurde, blieben, namentlich in der für Japan fast allein in Betracht kommenden medizinischen Richtung, bis in das 16. und 17. Jahrhundert hinein völlig alleinherrschend[4916]. Beweise dafür, daß während des Mittelalters, außer einigen unvollkommenen, trotzdem aber stets unverändert beibehaltenen Verfahren und Apparaten, auch eigentlich chemische Kenntnisse in Japan vorhanden gewesen, oder aus China dahin gelangt seien, haben sich bisher nicht erbringen lassen, und so bestätigt auch dieser Umstand wieder die Überzeugung, daß die Chinesen solche selbst nicht besaßen; die völlige Haltlosigkeit aller entgegengesetzten Behauptungen, sowie deren Ursprung aus den zu gewissen Zwecken absichtlich entstellten Berichten der jesuitischen Missionäre deckte übrigens schon 1773 ~De Pauw~ auf[4917], indem er nachwies, daß noch zur genannten Zeit den Chinesen weder mineralische Säuren bekannt waren, noch eigentliche Destillationsapparate, noch irgendwelche neuere Vorrichtungen, Verfahren oder Präparate, noch endlich auch nur die Begriffe Chemie und Chemiker.

Fünfter Abschnitt.

Die Alchemie im Okzident.

1. Die Alchemie des europäischen Mittelalters bis 1300.

Die Wege, auf denen nach den Stürmen der Völkerwanderung die chemischen und chemisch-technologischen Kenntnisse des späten Altertums aufs neue zum Gemeingute des Abendlandes wurden, sind im einzelnen noch bei weitem nicht genügend erforscht und aufgeklärt. Betreffs ihrer Gesamtrichtung meint zwar ~Berthelot~, als erster die ganz neue und höchst wichtige Tatsache entdeckt zu haben, daß neben und vor der arabischen, hauptsächlich von Spanien her wirksamen Tradition, auch eine unmittelbare, auf byzantinische Überlieferung zurückweisende bestanden habe, -- doch schreibt er sich hierbei, wie auch in anderen Fällen, Verdienste zu, die ihm in Wirklichkeit keineswegs gebühren. Daß nämlich mit dem Ende des Altertums, also mit dem Falle des weströmischen Reiches im Jahre 476, plötzlich die gänzliche und endgültige Vernichtung alles Bestehenden eingetreten sei, und eine spätere Zeit auf sämtlichen Gebieten wieder völlig von neuem zu beginnen und die leer gewischten Tafeln allein aus eigenen Kräften allmählich neu zu beschreiben gehabt hätte, war allerdings ehemals eine weitverbreitete Vorstellung; sie ist jedoch längst der besseren Einsicht gewichen, daß wie zwischen Mittelalter und Neuzeit so auch zwischen Altertum und Mittelalter Verbindungen und Übergänge nirgendwo gefehlt haben, und daß insbesondere das geistige Band auf keinem Gebiete jemals vollkommen gerissen ist. Auf wenigen Feldern hat sich diese Überzeugung so frühzeitig aufgedrängt und gefestigt als auf dem des Kunstgewerbes und der Kunsttechnik, und es ist daher sehr auffällig, daß ~Berthelot~, der sich ihr im übrigen nicht verschließt[4918], gerade auf diesem seine Entdeckung gemacht zu haben glaubt; um die Selbsttäuschung begreiflich zu finden, müßte man annehmen, daß ihm nicht nur die älteren und neueren Forschungen hervorragender französischer Philologen und Kunsthistoriker unbekannt blieben, sondern auch die Spezialwerke von ~Eastlake~[4919] und ~Merrifield~[4920], die Abhandlungen und Kommentare der Herausgeber in der großen als „Wiener Quellenschriften“ bezeichneten Sammlung[4921], usf. Da aber einige seiner zuweilen nicht ganz an der Oberfläche liegenden Anführungen ersehen lassen, daß ihm diese Veröffentlichungen durchaus nicht entgangen waren, so muß es genügen, die Tatsache festzustellen, daß bereits die genannten Autoren, sobald sie auf den fraglichen Zusammenhang zu sprechen kommen, ihn als einen +im allgemeinen+ ganz offenkundigen voraussetzen; sie betrachten ihn als einen angesichts der politischen und kulturgeschichtlichen Beziehungen zwischen dem oströmischen Reiche und Italien gar keinem Zweifel unterliegenden und beziehen sich hierbei u. a. auf die nämlichen frühesten Werke des Mittelalters, von denen auch ~Berthelots~ Darlegungen ihren Ausgang nehmen, d. s. hauptsächlich die „Compositiones ad tingenda musiva“ und die „Mappae clavicula de efficiendo auro“. Hingegen befanden sie sich, da ihnen der Wortlaut der chemischen Texte griechischer und byzantinischer Herkunft gar nicht oder nur sehr unvollkommen, der Inhalt demnach fast nur aus den spärlichen Berichten zweiter oder dritter Hand bekannt war, nicht in der Lage, auch +im einzelnen+ Ähnlichkeiten und Analogien zu erkennen und nachzuweisen, und in dieser Hinsicht bleibt die Leistung ~Berthelots~, deren wahre Vorzüge nicht verkleinert werden sollen, selbstverständlich die weitaus überlegene.

Was die erwähnte Übermittlung chemischer und vor allem chemisch-technologischer Traditionen durch die Araber betrifft, -- die schon seit Beginn des 8. Jahrhunderts ihre Herrschaft und ihren Einfluß über Sizilien, Süditalien, Spanien und Südfrankreich zu erstrecken begonnen hatten --, so steht sie zwar als +Ganzes+ fest, und an ihrer Tatsächlichkeit und hohen Bedeutung ist nicht zu zweifeln; ihre +Einzelheiten+ hingegen liegen noch so gut wie gänzlich im Dunkeln, und nur in Ausnahmefällen lassen sich die Fragen beantworten, welche Vorbilder zunächst Nachahmung fanden, oder wo, wann und durch wen dies zuerst geschah? Überlegt man, daß die einschlägigen Verfahren nach Tunlichkeit geheim gehalten wurden, weshalb selbst die spätere Litteratur nur selten einige dürftige Winke über sie gibt, daß ferner deren ausschließliche eigene Verwertung größte Wichtigkeit für Handel und Verkehr der Eroberer besaß, daß aber die Arabisierung der besetzten Länder nur eine oberflächliche war und blieb (selbst in weiten Teilen Spaniens), so ist wohl allein an eine unverhütbare allmähliche Aneignung seitens Mitbeschäftigter und Lernbeflissener zu denken, nicht aber an eine gewollte Lehrtätigkeit der Araber. Ebenso sind auch gewisse, wie in älterer so noch in neuerer Zeit mit lebhaften Farben ausgemalte Schilderungen abzuweisen, denen gemäß, etwa vom 11. Jahrhundert an, junge Leute mitteleuropäischer Herkunft die arabischen Universitäten Spaniens aufgesucht hätten, um dort neben anderen Geheimwissenschaften auch Alchemie zu studieren und sie in den Laboratorien der großen Meister praktisch zu betreiben[4922]. In Wirklichkeit[4923] waren nämlich diese „Universitäten“ teils eine Art Seminare und als solche unmittelbar den Moscheen angegliedert[4924], teils eine Art Stifte oder Kollegien und als solche in eigenen, „Medreseh“ genannten Schulgebäuden untergebracht. Unterrichtsgegenstände bildeten in ersteren ausschließlich Theologie und ihre Nebenzweige, namentlich Jurisprudenz, in letzteren aber auch Philosophie, Philologie, sowie zuweilen Medizin, Astronomie und Mathematik[4925], und zwar wurden, wie noch heutzutage etwa in den entsprechenden Anstalten zu Konstantinopel oder Kairo, die Paragraphen des von einer „anerkannten Autorität“ verfaßten Lehrbuches durch den Vortragenden abgelesen und erklärt, die Lehrstoffe aber durch die Zuhörer nachgeschrieben und memoriert; nur die „Vorlesung“ kam also in Betracht, nicht eine selbständige und praktische Forscherarbeit der Lehrer, geschweige denn der Schüler, am allerwenigsten aber eine auf dem Gebiete der Naturwissenschaften, die als solche noch gar kein Sonderdasein führten, in den Lehrplänen keine Stätte besaßen und in den Augen der Strenggläubigen immer noch mit Magie und Zauberei zusammenhingen, also für „verdächtig“ galten. Endlich waren aber auch diese Schulen, angesichts der gerade in Spanien großen Intoleranz der Geistlichkeit und ihrer regen Eifersucht gegen alles Fremde[4926], für Ungläubige völlig unzugänglich, so daß schon allein dieser Umstand der angeführten Hypothese jeden Boden entzieht. Infolgedessen wurde sie dahin abgeändert, daß nicht die arabischen Hochschulen Ziel der Alchemie-Studierenden gewesen seien, sondern die aus ihnen schon seit der Rückeroberung Toledos (1085) hervorgegangenen spanischen. Aber auch diese sog. Universitäten pflegten, gleich sämtlichen mittelalterlichen, ausschließlich die Geisteswissenschaften (in weiterem Sinne), -- in erster Linie natürlich die Theologie --, während die Naturwissenschaften für sie überhaupt nicht vorhanden waren und auch späterhin nicht die geringste Beachtung erfuhren; wer niemals Anlaß hatte, sich mit den Erzeugnissen ihres rein scholastischen Betriebes zu befassen, schöpft die richtigste Vorstellung von ihrer starr konservativen und orthodoxen Gesinnung in früheren Jahrhunderten aus einer Antwort, die noch 1771 die vornehmste Universität, Salamanca, auf Vorschläge König ~Karls~ III. zu einer zeitgemäßen Umgestaltung der Lehrweise erteilte: „~Newton~ lehrt nichts, was einen guten Logiker oder Metaphysiker bilden könnte, und ~Gassendi~ oder ~Descartes~ stimmen nicht mit der Wahrheit der Offenbarung überein, wie das ~Aristoteles~ tut[4927].“ Von einem Studium der Chemie an den spanischen Universitäten und von alchemistischen Arbeiten in deren Laboratorien, kann also ernstlich gar nicht gesprochen werden. Wie sich indessen die großen Übersetzer arabischer Werke aller Art in das Lateinische, z. B. ~Gerhard von Cremona~ (1114-1187)[4928] und andere, gelegentlich ihres Aufenthaltes in Toledo und sonstigen spanischen Städten nicht etwa der Mithilfe akademischer Kreise bedienten, sondern jener gelehrter sach- und sprachkundiger Juden, so dürften sich auch die auf Kenntnis der Geheimwissenschaften und der Alchemie Ausgehenden unmittelbar an Personen gewendet haben, die im Rufe standen, selbst mit diesen Dingen Bescheid zu wissen. Das werden aber, wie jederzeit und allerorten, vorwiegend Schwindler, Betrüger und allenfalls betrogene Betrüger gewesen sein, die teils einzeln im verborgenen wirkten, teils jenen mystischen, magischen und nekromantischen Geheimzirkeln angehörten, die z. B. nach ~Del Rio~ und ~Gesner~ noch um 1600 in Toledo, Granada, Cordova, Sevilla und Salamanca ihr Wesen trieben[4929], und es kann daher nicht wundernehmen, daß das im Dunkeln Ausgeübte auch im Dunkeln verblieb, und schriftliche Aufzeichnungen darüber nicht vorliegen. -- Im ganzen scheint man jedoch überhaupt die Rolle des eigentlichen Spaniens als Ausgangspunkt der Verbreitung und Vervollkommnung chemischer und alchemistischer Kenntnisse und Verfahren bisher überschätzt zu haben, und die maßgebenden arabischen Anregungen fielen vermutlich in der Provence, in Italien und in Sizilien auf fruchtbareren Boden. Die einschlägige arabische Litteratur dieser Länder ist leider noch sehr ungenügend erforscht, doch steht es z. B. fest, daß schon ~Ibn Badschrun~, ein sizilischer Autor (des 11. Jahrhunderts?), ein Buch „Sirr Alkîmijâ“ (= Geheimnis der Chemie) verfaßte, und sizilischen Ursprunges scheint auch eine ausführliche Anweisung zu sein, behandelnd die Herstellung von Tinten in verschiedenen Farben, von Goldtinte mittelst Auripigment, von Silbertinte mittelst Zinnamalgam, sowie die Vergoldung von Papier und Pergament[4930].

In Sizilien wurden um 1150 alchemistische Schriften auch +ohne+ den Umweg über das Arabische unmittelbar aus dem Griechischen übersetzt[4931]. Daß dies möglich war, kann nicht überraschen, wenn man bedenkt, daß große Teile Italiens, namentlich Süditaliens, seit ihrer Wiedereroberung durch die oströmischen Kaiser jahrhundertelang in engster Verbindung mit dem byzantinischen Reiche standen, so daß die griechische Sprache bis tief in das Mittelalter hinein eine allgemein verstandene, ja in vieler Hinsicht eine herrschende blieb: daher zeigen zahlreiche süditalische Münzen des 8. bis 11. Jahrhunderts griechische Aufschriften[4932], und noch Kaiser ~Friedrich~ II. erließ im 13. Jahrhundert seine Gesetze zugleich in lateinischer und griechischer Fassung[4933]. Diese Umstände sind namentlich sehr beachtenswert betreffs der Überlieferung der chemisch-technologischen Kenntnisse und der auf ihnen beruhenden kunstgewerblichen Verfahren. Schon während der Kaiserzeit war die römische Kunst „nur eine von Nicht-Römern geleitete Fortbildung hellenistischer Motive“, wie dies schon allein die Tatsache zeigt, daß für die im Kunstgewerbe beschäftigten kaiserlichen Freigelassenen und Sklaven in sämtlichen bekannten Inschriften, mit einer einzigen Ausnahme, nur griechische und orientalische Namen erscheinen[4934]; nach dem Sturze des weströmischen Reiches gingen dann die Traditionen der Kunst, die am getreuesten und längsten die Werkstätten der ägyptischen Edelschmiede bewahrt hatten, zunächst ganz an die Byzantiner und später an die Araber über und wurden durch sie erhalten und weiter verbreitet[4935].

Sowohl ~Eastlake~ als ~Merrifield~ heben in ihren oben genannten Werken nachdrücklich und an vielen Stellen die Bedeutung der byzantinischen Übermittlung hervor, die teils auf mündlichem, teils auf schriftlichem Wege, bald an geistliche, bald an profane Künstler, und in vielen Fällen auch außerhalb Italiens weit früher erfolgte, als man sehr allgemein anzunehmen pflegt[4936]: sind doch z. B. „griechische“ Glasmaler, die nicht nur die Malereien auszuführen, sondern auch die erforderlichen Farben zu bereiten verstanden, schon 687 in Frankreich nachweisbar[4937] und um die nämliche Zeit nach ~Beda Venerabilis~ auch in England[4938]. Sehr bezeichnend für die „innige Kontinuität“ der hellenistischen, byzantinischen und italienischen Vorschriften erweisen sich nach ~Wessely~ auch die frühmittelalterlichen Rezepte für „Chrysographie“ (Goldschrift), denn unter 17 von ihm angeführten gehen 8 auf die bewährten alten Verwendungen echten Goldes zurück (Grundieren; Auftragen von Goldstaub, Goldblättchen, Goldamalgam, nebst Gummi u. dgl.; Polieren mit dem Tierzahn) und 9 auf die ebenso bekannten der Ersatzmittel (Auripigment, Zinnober, Safran, Galle, ...)[4939]. Charakteristische, den hellenistischen und byzantinischen Quellen entlehnte Züge sind ferner u. a. die folgenden: die Herstellung von „Auripetrum“[4940] durch Vergolden von Zinnfolie mittelst eines Firnisses aus Sandarach (oder anderen Harzen) und Leinöl oder Nußöl (dieses nach ~Aëtios~, 6. Jahrhundert), sowie mittelst Gallenfarben[4941]; das Feinreiben von Gold und anderen Materialien auf ägyptischem Porphyrstein, so daß „porphyrisiert“ überhaupt so viel wie „feingerieben“ bedeutet, -- eine Benennung, die sich im französischen „porphyriser“ dauernd erhalten hat; die Verwendung von Zusätzen, z. B. Bleiweiß, zur „Multiplicatio“ (Vervielfachung) des Azurs, dessen violette Sorte den Namen „Manghanese“ führt[4942], sowie des Zinnobers, der sich auch in Italien findet und dort Hämatit heißt [d. i. in Wirklichkeit Roteisenstein][4943]; das „Ausbrüten“ von Quecksilber in einem „Ei“ zu Gold von der richtigen „Goldfarbe“[4944]; die Anfertigung künstlicher Perlen und ihre Reinigung durch Verfüttern an Tauben oder Hühner[4945]; die Benützung von Ätzkalk zu Mischungen, die sich in Berührung mit Wasser entzünden[4946]; das Aufsagen von Gebeten (Paternoster, Miserere, Ave Maria) zwecks Zeitmessung[4947], usf. Wie völlig bewußt sich die frühmittelalterlichen Autoren dieser Zusammenhänge waren, beweist u. a. auch die „Schedula diversarum artium“ des sog. ~Theophilus Presbyter~, die im 11. oder 12. Jahrhundert auf Grund weit älterer Überlieferungen abgefaßt ist und sich nicht nur wiederholt auf „griechische“ Rezepte zur Darstellung von Gold (aus Zinn und Safran), Farben, Präparaten und Gläsern beruft, sondern auch ausdrücklich versichert, „alles zu enthalten, was nur die Griechen an verschiedenen Gattungen von Farben und Mischungen besitzen“[4948]. Nach Deutschland, besonders auch nach Norddeutschland, scheinen „griechische Meister“ nicht selten bereits im 10. Jahrhundert, unter der Regierung Kaiser ~Ottos~ II., gekommen zu sein, dessen Gemahlin ~Theophano~ bekanntlich eine byzantinische Prinzessin war; in Verbindung hiermit steht vielleicht die Erwähnung eines byzantinischen Alchemisten bei einem Kommentator der „Kirchengeschichte“ des ~Adam von Bremen~ aus der Zeit ~Ottos~ III. (983 bis 1002), während dessen Minderjährigkeit seine Mutter ~Theophano~ die Würde der Reichsverweserin bekleidete[4949].

a) „Compositiones ad tingenda musiva ...“.

~Muratori~, der im Laufe des 18. Jahrhunderts eine große Reihe wichtiger, die politische und Kultur-Geschichte Italiens betreffender Abhandlungen und Sammelwerke herausgab, entdeckte diese, dem 8. Jahrhundert angehörige Schrift „Über das Färben der Mosaïke ...“ in der Bibliothek zu Lucca und veröffentlichte sie zum ersten Male in seinen „Antiquitates Italicae medii aevi“[4950], jedoch nach ~Guareschi~[4951] anscheinend nicht ganz vollständig. Sie besteht aus einer Sammlung von Rezepten zu praktischen, meist kunsttechnischen Zwecken, die verschiedenen Quellen entlehnt und ziemlich regellos aneinander gereiht sind, und ist in einem barbarischen Latein abgefaßt, das deutlich die mindestens teilweise Übersetzung aus dem Griechischen und den byzantinischen Ursprung erkennen läßt; letzteren bezeugt sie auch durch die Bewahrung gewisser griechischer und ägyptischer Überlieferungen, die sich in späteren gleichartigen Werken z. B jenen des sog. ~Heraklius~ und ~Theophilus~ (aus dem 10. bis 12. Jahrhundert?), nicht mehr erhalten haben. ~Kopp~, ~Hoefer~ und anderen Historikern der Chemie, blieb ihr Vorhandensein unbekannt[4952], obwohl ~Lessing~ in der Schrift „Vom Alter der Ölmalerei“ (1774)[4953], ~Beckmann~ in den „Beiträgen zur Geschichte der Erfindungen“ (1792)[4954], ~Berthollet~ in den „Elements de l’art de la teinture“ (1804)[4955], und in neuerer Zeit ~Eastlake~ (1847)[4956], ~Merrifield~ (1849)[4957] und ~Bucher~ (1875)[4958] ihrer gedachten. Der wesentliche Inhalt, soweit chemische Fragen in Betracht kommen, ist nach ~Berthelot~ der folgende[4959]:

Die Metalle, wie Gold, Silber, Kupfer, Orichalcum (= Messing), Blei usf., werden aus verschiedenen Erzen gewonnen, Blei z. B. aus männlichen und weiblichen, und miteinander durch Löten vereinigt[4960]. Aus Gold macht man zarte Fäden, aus Gold und Silber feinen „Staub“, und aus Gold, Silber und Zinn auch äußerst dünne Blätter[4961], die man mit Leinöl oder ähnlichen Mitteln auf unedle Metalle, Glas, Stein, Holz und Gewebe aufklebt, um diese zu vergolden oder zu versilbern[4962]. Blattgold ersetzt man nach Bedarf durch Zinnfolie, die man mit einem [bereits im Leidener Papyrus erwähnten] Firnis aus Safran, Chelidonium und Auripigment überzieht[4963], doch versteht man Metalle, besonders Kupfer, überhaupt so zu „färben“, daß sie wie Gold aussehen[4964]. Das Blattgold löst man ferner in Quecksilber und gebraucht das Amalgam zur Herstellung von Goldschrift, doch können auch hier Safran und andere gelbe Farbstoffe [wie im Leidener Papyrus] zur Aushilfe dienen[4965].

Als „Compositio brandisii“ wird die Bereitung einer Legierung aus 2 Teilen Kupfer (aeramen), 1 Teil Blei und 1 Teil Zinn, oder aus 2 Teilen Kupfer, 1 Teil Blei, ½ Teil Zinn und ½ Teil „Vitrum“ [wörtlich Glas, hier wohl ein krystallinisches Flußmittel] beschrieben[4966]; sie ist also eine bleihaltige und daher minderwertige +Bronze+, und letzterer Name soll nach ~Berthelot~ von dem dieser Legierung abgeleitet sein (siehe weiter unten).

Von Mineralien und Präparaten finden sich genannt: Schwefel und Auripigment[4967]; Hämatit (Roteisenstein), Oker und Rötel[4968]; das Kupfererz Chalkitis, gebranntes Kupfer, Kupferblau (?) und Jarin [Grünspan] aus Kupfer und Essig[4969]; Bleiglätte, Bleiweiß aus Blei und Essig, sowie Siricum [Mennige, zuweilen aber auch Rötel][4970]; Kathmia, auch kupferhaltige[4971]; natürliches und künstliches Quecksilber, sowie Zinnober, bereitet aus Quecksilber und Schwefel[4972]; Lasurstein (?), Koralle und Gagat[4973]; Salz, Alaun und Vitriol [ein unreines, eisenhaltiges Kupfersulfat aus zersetztem Pyrit], durch Einkochen der wässerigen Lösung dargestellt und nach ~Berthelot~ hier zuerst unter dem Namen „vitriolum“ erwähnt[4974], [der aber sicherlich sehr viel älter ist, da z. B. schon ~Plinius~ die Ähnlichkeit der krystallisierten Substanz mit blauem Glase hervorhebt]; Nitron und Aphronitron (Schaumnitron)[4975].

Durch Erhitzen von Nitron und Glassand in den Glasöfen schmilzt man das Glas zurecht und verleiht ihm zugleich durch gewisse Zusätze beliebige Farben: Zinn macht es weiß, Bleiglätte gelb, Zinnober, gebranntes Kupfer und Kathmia hell- bis dunkelrot, usf., und aus solchem buntem sowie aus vergoldetem und versilbertem Glase verfertigt man die Glasmosaïken, die auch eine schöne Politur annehmen[4976]; prächtig gelbe, purpurne und andere Färbungen lassen sich aber auch mittelst geeigneter Firnisse bewirken, z. B. mittelst des „antimio di damia“ (?) genannten[4977].

Zum „Färben“ [Bemalen; Anstreichen] von Pergament, Holz, Knochen, Horn, Mauerwerk usf. bedient man sich zahlreicher Farbstoffe[4978], teils der oben genannten mineralischen, die sich auch zu Beimischungen eignen, teils tierischer, z. B. des Purpurs[4979], teils pflanzlicher. Zu diesen zählen u. a. die der Rinden und Früchte von Nußbäumen, Ulmen und Eichen [Galläpfel], der Blüten von Veilchen, Mohn, Lein, blauen Lilien usf., der Wurzeln des Krapps, ferner Vermeil, Ficarin, Lazurin, Lulazin oder Lulax, u. dgl. mehr[4980]. Als Lösemittel gebraucht man Regenwasser, Seewasser, Essig oder gefaulten Harn, als Bindemittel aber, je nach der Natur des Untergrundes, Öl, Leinöl, Harze, Mastix, Gummi, Fett, Wachs, Bitumen, Fischleim, die „amor aquae“ (?) genannte schaumige Masse usf.[4981].

Stoffen und Geweben erteilt man ebenfalls alle möglichen Farben, z. B. purpur, zinnoberrot, dunkelgelb, hellgelb (melium), grün, blaugrün (venetum)[4982] und „pandium“, zu dem Bleiweiß, Zinnober, Grünspan und gewisse blaue, grüne und purpurne Farbstoffe verwendet werden[4983].

b) „Mappae clavicula“.

Als „Mappae clavicula de efficiendo auro ...“, „Schlüssel zur Anweisung Gold zu machen“ (zunächst zu Zwecken der Malerei und des Kunstgewerbes) führt nach ~Becker~[4984] das Bibliotheks-Verzeichnis des Klosters Reichenau aus dem Jahre 821-822 eine (jetzt verlorene) Schrift an, in der ~Berthelot~ die älteste, noch sämtliche Rezepte der „Compositiones ad tingenda musiva ...“ mitenthaltende Vorlage der bis auf uns gekommenen „Mappae clavicula“ vermutet[4985]. Von dieser ist ein kürzerer Auszug in einer nach ~Giry~ spätestens dem 10. Jahrhundert entstammenden (noch ungedruckten) Handschrift in Schlettstadt vorhanden, sowie ein ausführlicherer, dem 12. Jahrhundert angehöriger, das sog. „~Way~sche Manuskript“, in England[4986]; für den Verfasser des letzteren erklärt ~Berthelot~ (oder sein nicht klar ersichtlicher Gewährsmann) den ~Adelhard~ von ~Bath~, einen hochgebildeten englischen Mönch, der um 1130 von weiten Reisen zurückkehrte, die ihn bis in den Orient führten, und unter dessen Werken sich eine „Mappae clavicula“ erwähnt findet[4987]. Hiernach würde es sich erklären, daß der ~Way~sche Text einige Worte altenglischen und arabischen Ursprunges zu enthalten scheint[4988], und daß allein in ihm an die Stelle der zum Teile weggefallenen Rezepte der „Compositiones“ verschiedene Zusätze späterer Herkunft getreten sind, die teils arabischen Einfluß verraten (wie die über Zucker, Stärke, Seife, ... handelnden), teils auf die sog. „Schedula“ des ~Theophilus~ (12. Jahrhundert?) oder deren Quellen zurückweisen[4989]. -- Die ursprüngliche „Mappae clavicula“ ist als eine nach ~Berthelot~ in Italien, nach ~Diels~[4990] eher im karolingischen Frankreich um 800 verfaßte Sammlung von Rezepten anzusprechen, die entweder griechischen und byzantinischen Schriften entnommen wurden, oder (was wahrscheinlicher ist) älteren lateinischen Auszügen aus solchen; Spuren, die diese Entstehungsart verraten, sind eine Anzahl griechischer Lehnworte[4991], gewisse Übereinstimmungen mit Vorschriften des Leidener Papyrus und des ~Pseudo-Moses~[4992], Reste heidnischen Götterglaubens[4993], Empfehlungen von „Gebeten“ um gutes Gelingen der Operationen[4994] usf. -- Die hauptsächlichen Angaben, die chemische Kenntnisse und Verfahren betreffen, sind die nachstehenden[4995]:

Silber und Gold bereitet man durch Herstellung entsprechend gefärbter Legierungen aus edlen und unedlen Metallen, auch unter Benützung von Auripigment, Sandarach und anderen Zutaten[4996]; gefördert werden diese verschiedenen Methoden der „Diplosis“ oder „Duplicatio auri“ (= Verdopplung des Goldes) durch Beifügen kleiner Mengen fertigen Silbers oder Goldes[4997] und durch Bittgebete während des Schmelzens[4998]; dieses setzt man fort „donec hilare fiat“, „bis die Masse hellen Blick zeigt“ (s. unser „Silberblick“), -- „καὶ γένηται ἱλαρός“ heißt es im Leidener Papyrus[4999]. Zum Versilbern und Vergolden bedient man sich auch des „Magnesia“ genannten Quecksilber-Amalgams, das aber nicht identisch mit der Magnesia der Glasmacher ist[5000], oder gewisser silber- und goldfarbiger Firnisse[5001]; mittelst solcher Firnisse, die Auripigment, Galle verschiedener Tiere, Drachenblutharz u. dgl. Bestandteile enthalten, -- die Vorschriften kommen teils schon im Leidener Papyrus und bei ~Pseudo-Moses~ vor, teils scheinen sie erst aus dem ~Heraklius~ und ~Theophilus~ interpoliert zu sein --, bringt man auch Gold- und Silberschrift auf Pergament, Stein oder Metall da an, wo die Verwendung echter goldener oder silberner zu teuer wäre[5002].

Die Rezepte zur Herstellung und Bereitung von Metallen (und auch von Gläsern, s. unten) sind im Schlettstädter Manuskript nur dem Titel nach erhalten[5003], dagegen findet sich nach ~Giry~ +allein+ in diesem, und +nicht+ in der ~Way~schen Handschrift, eine Angabe über die „Compositio brindisii“ aus 2 Teilen Kupfer und 1 Teil Blei, sowie (unter den Zusätzen, die auf einigen der letzten Blätter eingetragen stehen) über die „Compositio brondisono“ aus 2 Teilen Kupfer, 1 Teil Blei und 1 Teil Zinn[5004]; ~Berthelot~ zieht auch diese Stellen als Stütze seiner Vermutung über den Ursprung des Namens „Bronze“ heran (s. unten).

Nur im ~Way~schen Manuskripte vorhanden sind die das Niello (nigellum) betreffenden, allerlei arabische Worte aufweisenden Vorschriften[5005], eine ganze Anzahl den „Compositiones ad tingenda musiva“ entlehnte[5006], sowie einige auf Glas bezügliche: diese berichten vom Callaïnum oder Calaino, das wohl als ein grünes Krystallglas anzusehen ist[5007], -- da auch der „Papyrus ~Kenyon~“ (im 3. Jahrhundert) von Smaragd und Kallaïs als „grünen Steinen“ spricht[5008] --, sowie von dem schon bei den antiken Autoren oft erwähnten „unzerbrechlichen Glase“[5009], dessen Bereitung auch „ein rätselhaftes und mystisches, Drachenblut enthaltendes Rezept“ dienen soll, das sich weiterhin bis auf den sog. ~Raymund Lull~ und andere spätere Alchemisten forterbte. ~Berthelot~ vermutet, es habe sich hierbei im Grunde doch um eine wirkliche, schon zu Beginn der römischen Kaiserzeit gemachte Erfindung gehandelt, ebenso wie bei dem gleichfalls angeführten Verfahren „ad cristallum comprimendum in figuram“ (Krystallglas in Formen zu pressen).

Auf griechische und byzantinische Quellen zurück geht die Schilderung der Feuerpfeile und Brandsätze aus Harzen, Erdölen u. dgl. (+nicht+ aber aus Salpeter)[5010], sowie die Beschreibung der hydrostatischen Wage, die sich auch bei ~Heraklius~, sowie im Pariser Sammel-Manuskripte 12292 (aus dem 10. Jahrhundert) findet[5011].

Allein im ~Way~schen Manuskripte ist endlich anhangsweise eine anagrammatische Vorschrift zur Darstellung von Weingeist erhalten: sie befiehlt, 1 Teil alten und sehr starken Wein nebst ⅓ Teil Salz in den hierzu gebräuchlichen Gefäßen zum Sieden zu bringen, wodurch man ein „Wasser“ erhält, das sich zur Flamme entzündet, ohne seine Unterlage zu verbrennen [also einen noch stark wasserhaltigen Weingeist]; in dem Anagramm sind die Buchstaben jedes Wortes durch die ihnen im Alphabete nachfolgenden ersetzt, xkok, qbsuf, tbmkt bedeuten also vini, parte, salis, usf. Wie in den Schriften anderer späterer Autoren des 13. Jahrhunderts (s. unten), so soll nach ~Berthelot~ auch in der hier besprochenen das angeführte Rezept einer arabischen Quelle entnommen sein[5012]; diese Behauptung ist indessen ganz irrtümlich, der Alkohol ist vielmehr eine Erfindung des Abendlandes, die vermutlich erst im 11. Jahrhundert gemacht wurde, und wahrscheinlich in Italien[5013].

c) Heraklius.

Das Werk „Von den Farben und Künsten der Römer“[5014], überliefert als das des ~Heraklius~, -- in welchem Namen aber einige nur eine Anspielung auf den „herakleïschen Stein“ = Probierstein sehen wollen --, gliedert sich in drei Abschnitte, deren erster und zweiter, in Hexametern abgefaßte, vermutlich von einem zu Rom lebenden (geistlichen?) Autor des 10. Jahrhunderts herrühren, während der dritte, in Prosa geschriebene, erst zu Anfang des 12. oder 13. Jahrhunderts in Frankreich entstanden und nachträglich hinzugefügt sein dürfte[5015]. Auf Grund der verschiedenen Handschriften, die schon ~Lessing~ 1774 in der Abhandlung vom „Alter der Ölmalerei“ erwähnte, jedoch erst ~Giry~ 1877 kritisch verglich, stellte zuerst ~Merrifield~ einen korrekten Text her[5016], und 1873 ließ ~Ilg~ eine neue verdienstliche Ausgabe mit (unzuverlässiger) Übersetzung und eingehenden Erklärungen folgen[5017].

Die beiden älteren Abschnitte besprechen hauptsächlich die Vergoldung mit echtem Flitter- und Blatt-Gold oder mit den Ersatzmitteln, wie Auripigment und Gallenfarben, ferner die Herstellung goldener und farbiger Miniaturen und Verzierungen auf Glas- und Tonwaren, das Anbringen weißen, schwarzen, grünen und bunten Emails auf Tongefäßen, die Bereitung des Grünspans und einiger anderer Präparate, das Erweichen von Glas und Krystall (u. a. mit dem für besonders heiß angesehenen Bocksblute, das auch zum Härten des Stahles empfohlen wird), sowie die Gewinnung künstlicher Edelsteine durch Färben des Glases. -- Die dritte, weit reichhaltigere Abteilung erörtert u. a.: die Feststellung des Goldgehaltes von Gold- und Silber-Legierungen unter Benützung der hydrostatischen Wage (sehr unklar!); das Löten von Gold, Silber und Messing mittelst eines Lotes aus Messing und Zinn nebst Borax; das Vergolden von Silber, Kupfer, Erz, Messing und Eisen mittelst des Amalgams aus Gold und Quecksilber, welches letztere sich in den Zinnober-Bergwerken vorfindet; das Vergolden der Zinnblätter (Auripetrum); die Anfertigung von Goldschriften aus Gold oder aus Oker, Karmin u. dgl.; das Verzieren des Silbers mit Niello (Nigellum), einer schwarzen Masse aus Kupfer, Blei, Quecksilber und Schwefel; das Schmelzen des Glases aus weißem Sand und Asche, z. B. der aus Farnkraut[5018], ferner die Herstellung sog. biegsamer Gläser[5019], Glasspiegel mit Metall-Folien[5020], farbiger Gläser (hell- und dunkelroter, rosiger, grüner, gelber, ...), bunter Edelsteine, sowie mittelst Kupfer, Messing oder Eisenrost gefärbter Bleigläser; das Schneiden von Edelsteinen mittelst der Bleiplatte, das Schleifen und das Polieren (auch mit Nußöl); das Versehen der Tonwaren mit farbigen Glasuren, auch schon mit Bleiglasuren. An Materialien werden u. a. genannt: Salz, Alaun, Chalkanthum, Lasur, Auripigment, Sandarach, Bleiweiß, Mennige, Zinnober, Chrysokolla (hier eine Art Malachit), Grünspan, Indigo [seines Metallglanzes halber für ein Metall angesehen] und verschiedene Erden; Waid, Krapp (sandix, garancia), indisches Drachenblut [rotes Harz], indisches Braxillium oder Brasilium [Rotholz]; Vermeil [vermiculum, vom arabischen Kermes = Würmchen, d. i. die Eichenschildlaus Coccus ilicis; daher auch Carmoisin, Karmin]; Purpur aus dem Safte der Schnecke, Purpur aus dem Blute des Fisches Ostrea; Vernix (= Firnis), Leinöl, Nußöl, Glassa (= Bernstein).

Daß ein erheblicher Teil dieser Verfahren und Präparate bereits arabischen Einfluß verrät, bedarf wohl kaum der Hervorhebung.

d) Theophilus.

Die „Schedula diversarum artium“ (Verzeichnis verschiedener Künste) genannte Schrift, die u. a. 1530 ~Cornelius Agrippa~[5021] und 1688 ~Morhof~[5022] erwähnten, über die 1774 ~Lessing~ in der Abhandlung „Vom Alter der Ölmalerei“ ausführlich berichtete, deren in neuerer Zeit ~Bucher~[5023] sowie ~Guareschi~[5024] gedachten, und die ~Ilg~ in berichtigtem Wortlaute herausgab[5025], stammt in der vorliegenden Form vermutlich aus der Zeit um 1100. Ihr Verfasser, dessen Namen und Heimat sicher zu ermitteln noch nicht gelungen ist, schöpfte aus einer großen Anzahl zum Teil weit älterer Vorgänger und beabsichtigte, alles zu beschreiben, was Italien (besonders Tuscien = Toscana), Frankreich, Deutschland und Arabien auf dem Gebiete der Künste und Kunstgewerbe zu leisten vermögen, und so auch „alles, was nur Griechenland an verschiedenen Gattungen von Farben und deren Mischungen besitzt“[5026]. Die Benützung ursprünglich griechischer, richtiger byzantinischer Quellen erhellt u. a. aus der Nennung von griechischem Pergament[5027], griechischen Blättern (folia graeca) aus Niello[5028], griechischem Glas (Mosaïk)[5029], griechischem Salz oder Nitron[5030], Affronitron (Aphronitron)[5031], Ematis (= Hämatit)[5032], Marmor porphyriticus (= Porphyrstein)[5033], Olivenöl-Pressen[5034] usf.; auf spanische Herkunft deuten spanisches Gold, spanisches Messing, spanisches Grün (Viride hispanicum = Grünspan)[5035], auf deutsche der Leim vom Fische Huso (= Hausen)[5036] und vielleicht auch die Glassa (Bernstein)[5037], auf orientalische der Barabas (= Borax)[5038] und möglicherweise auch die Namen Posch oder Pox sowie Menesch für zwei Farbstoffe[5039].

Im Vordergrunde stehen die kunstgewerblichen Arbeiten aus Metallen, deren Gewinnung nur andeutend, deren Verarbeitung aber ausführlich beschrieben wird[5040].

Von den Arten des +Goldes+ ist die schönste das arabische, deren prächtiges Rot die Neueren (moderni) durch Verschmelzen von ⅘ Blaßgold mit ⅕ Kupfer nachzuahmen suchen, -- doch hält die auf solche betrügerische Weise hergestellte Mischung dem Feuer nicht stand[5041]; zu manchen kunstgewerblichen Zwecken sind indessen Gemische von ⅔ Gold mit ⅓ Rotkupfer sehr geeignet[5042]. Gold wird, teils für sich, teils mit Quecksilber [d. h. nach der Abscheidung aus dem Amalgam], zu „Staub“ gemahlen[5043], zu Blättchen gehämmert und in dünne Fäden ausgezogen[5044] und läßt sich mittelst gebrannten Kupfers [Kupferoxydes], Zinns und eingedickter Lauge aus Buchenasche (laxiva; französisch lessive) auch gut löten[5045]. Um es von Silber zu trennen schmilzt man das Gemisch so oft mit Schwefel, bis sich kein schwarzes Schwefelsilber mehr bildet, -- aus welchem letzteren man das Silber durch Schmelzen mit Kohle, Buchenholzasche und Blei zurückgewinnen kann[5046]. Zur Trennung von Kupfer wickelt man das Schabsel in Bleiblech, schmilzt erst mit Holzasche und gebrannten Knochen [Kohle, Phosphaten], sodann mit Blei und setzt dies so lange fort, bis alles Kupfer ausgeschieden ist[5047]. Zu Vergoldungen aller Art, namentlich auch von Schriften und Büchern[5048], verwendet man feine Goldblättchen (auripetula), die sich aber je nach Bedarf auch durch Oker oder Auripigment, gefirnißte Zinnblättchen, Ochsengalle, Safran und den safrangelben Farbstoff gewisser Rinden ersetzen lassen[5049]. Bestreicht man dünne Blättchen reinsten Rotkupfers beiderseits mit einer Mischung aus scharfem Essig, getrocknetem Blut eines Rothaarigen und Asche des Basilisk genannten Tieres (das die Heiden aus den Eiern alter Hähne großzuziehen verstehen), glüht sie im Feuer und löscht sie in der nämlichen Mischung, so nehmen sie völlig Farbe und Gewicht des Goldes an und taugen so gut wie dieses zu jeglicher Verwendung[5050]. -- +Silber+ reinigt man durch wiederholtes Schmelzen mit Blei und Abschöpfen des aufsteigenden Schaumes; sollte es hierbei kochen und spratzen, so war es mit Zinn oder Messing versetzt, und man überstreut es dann mit feingepulvertem Glase, setzt neues Blei zu und fährt mit dem Schmelzen fort, bis sich kein Schaum mehr abscheidet[5051]. Aus Silber gewinnt man ebenfalls „Staub“ und feine Fäden[5052], sowie durch Verschmelzen mit Kupfer, Blei und Schwefel das schwarze Nigellum [Niello][5053]. -- +Kupfer+ stellt man durch Brennen gewisser in der Erde wachsender Steine mit Kohle dar, und das Reinste ist schön rot[5054]. Beim Verbrennen gibt es „flos aeris“ [Kupferoxyd][5055]; beim Eingraben dünner Platten nebst Essig, Harn oder auch Salz in Mist das schön grüne Viride salsum und hispanicum [Grünspan u. dgl.][5056]; beim Verschmelzen mit Calamina [Galmei] und Kohle das prächtige Aurichalcum[5057] [Messing; irrtümlich auch mit aes = Bronze bezeichnet][5058]; beim Verschmelzen mit Zinn endlich „das Metall, aus dem man die Glocken gießt“[5059] [aes, d. i. Bronze, welcher Name sich aber nicht genannt findet]. Auch aus Kupfer und Messing verfertigt man Staub und Fäden, sowie dünne Blättchen (laminae), die sich leicht schön vergolden und versilbern lassen[5060] (z. B. mit flüssigem Zinn). -- +Zinn+ dient, entweder für sich, oder mit Blei und zuweilen auch mit etwas Quecksilber versetzt, zum Gießen von Kännchen und ähnlichen Geräten, zum Ziehen feiner Drähte, zur Herstellung von Lötmetall[5061], sowie zur Bereitung dünner Blättchen zwecks Vergoldung und Versilberung[5062]. -- +Eisen+ geht aus den in der Erde wachsenden Eisensteinen durch Erhitzen, Schmelzen und Bearbeiten hervor und läßt sich mit Kupfer (oder Kupfer und Zinn) nebst gebranntem Weinstein und Salz löten[5063] und auch dauerhaft verzinnen[5064]; durch Glühen und Härten, am besten im Harn eines mit [angeblich sehr hitzigem] Farnkraut gefütterten Bockes oder eines rothaarigen kleinen Knaben, wird es zu Stahl, der „Calibs“ heißt, „von dem Berge, wo er zumeist gebraucht wird“[5065]. -- +Blei+ ist weich, leichtflüssig und schwarz, ergibt aber die schön weiße Cerosa [Bleiweiß], die beim Erhitzen in gelbe Bleiglätte übergeht und beim Brennen in rotes Minium[5066]. -- +Quecksilber+ und namentlich sein erstickender Rauch (foetor) sind furchtbare Gifte; erhitzt man es mit Schwefel in einem gut verschlossenen, mit Ton lutiertem Gefäße (ampulla), bis man ein starkes Geräusch hört, so entsteht Zinnober (cenobrium)[5067].

Von +Farbstoffen+ werden genannt: Sinopis [Rötel], gebrannter Oker, Zinnober[5068], Minium[5069], Karmin [Carmoisin, Kermes][5070], Rubrica [Krapp][5071]; Bleiglätte[5072], Auripigment[5073], Croceum [Safran], safrangelbe Rinde[5074]; Indicum [Indigo], Lasur[5075]; Grünspan und grünliches Prasinum[5076], sowie die Säfte von Sambucus [Holunder], Schwertlilie, Lauch und Kohl[5077]; Ruß und der auch als Tinte (incaustum) dienliche Saft der Spina [Schwarzdorn][5078]; Gips, Bleiweiß und die aus Weiß und Schwarz gemischte Veneda[5079]; die Mischfarben (?) Posch und Menesch, die bläulichen, rötlichen, grünlichen und anderen Ton besitzen können[5080]; die Säfte der Folium-Arten [Croton tinctorium], die sich als rot, purpurn und sapphirblau beschrieben finden[5081]. -- Aus der Reihe der +Binde-+ und +Verdickungs-Mittel+ sind anzuführen: Tannenharz, die Harze Drachenblut und Glassa [Bernstein][5082]; Nuß-, Mohn-, Lein- und Oliven-Öl[5083]; Eikläre und Eidotter[5084]; Käsestoff (gluten casei)[5085]; Kleister aus Weizenmehl[5086]; Wachs und Pech[5087]; arabisches, Kirsch- und Pflaumen-Gummi[5088]; Leim aus Knochen, Leder und Pergament, sowie Fischleim aus der Blase (vesica) des Huso [Hausen][5089]; Vernitio [Firnis][5090]. -- +Chemikalien+, die gelegentlich sonst noch genannt werden, sind Schwefel[5091], Atrament [auch = Colcothar, Cothus?][5092], Alaun[5093], Nitron und Aphronitron[5094], Pflanzenasche[5095], roher und gebrannter Weinstein[5096] und Barabas [Borax][5097].

Aus einer Mischung von 2 Teilen bester Buchenholzasche und 1 Teil reinster Kiesel, die man in gut gebrannte Töpfe aus weißem Ton füllt, stellt man das +Glas+ dar, und zwar durch andauerndes Schmelzen in großen eingewölbten Werköfen, zu denen auch Kühlöfen und Öfen zum Ausbreiten des mit der Pfeife erblasenen Tafelglases gehören[5098]; man kann es klar und durchsichtig belassen, oder auch weiß, gelb, rotgelb, purpurn, sapphirblau, grün usf., in hellen und dunklen Tönen färben, und so zur Zusammensetzung der kostbaren bunten oder mit Glasgemälden gezierten Fenster verwenden[5099]. Nicht durchsichtig, sondern fest und dicht wie Marmor sind die bunten, schon bei den Heiden zur Herstellung von „opus musivum“ [Mosaïk] gebrauchten, aber auch für die des Elektrons [hier = Email] dienlichen Glaswürfel[5100], die sich mit Gold- oder Silber-Blättchen auch schön zu „vitrum graecum“ [griechischem Glase] vergolden oder versilbern lassen[5101]. Durch Blasen und Schwingen des Glases formt man ferner Gefäße, Flaschen, Schalen, Ringe und vieles andere, in den verschiedensten Gestalten[5102], weiß, bunt, vergoldet, mittelst vorsichtigen Einbrennens feinst gemahlenen Glases jeglicher Farbe bunt verziert, mit weißen und bunten Fäden oder Stäbchen umwunden[5103], usf. Aus bunten Glasflüssen bestehen ferner die gläsernen Edelsteine, die man (ebenso wie die natürlichen und wie das „Krystall“ genannte, durch vieljährigen scharfen Frost zu einer Art Eis verhärtete Wasser) erst mit Feinsand oder mit Ismaris [Schmirgel], sodann auf der Bleiplatte mit bestem Ziegelstaube und Speichel (saliva), zuletzt aber mittelst feinster Hirschhaut poliert[5104], jedoch auch durch Einlegen in frisches [überaus heißes] Bocksblut erweicht, und dann durch Sägen (unter Benützung äußerst zarten und scharfen Sandes) nach Belieben zerschneidet[5105].

In ähnlicher Weise wie Glaswaren verziert man auch +Tonwaren+, bemalt sie mit bunten Glaspulvern oder anderen passenden Farben, belegt sie mit Gold- oder Silber-Blättern usf. und setzt sie dann vorsichtig zum Brennen in die Öfen[5106].

e) Marcus Graecus.

Unter den chemischen Schriften des frühen Mittelalters, die man auf griechischen Ursprung zurückzuführen pflegt, gebührt dem sog. „Feuerbuche“ des ~Marcus Graecus~ eine hervorragende Stelle, schon weil es u. a. eine der ersten Vorschriften zur Darstellung des Schwarzpulvers enthält, die sogar unbestritten als überhaupt erste gelten müßte, wenn (wie man lange, ja vielfach bis in die neueste Zeit hinein glaubte) das „Feuerbuch“, so wie es uns heute vorliegt, als ein Erzeugnis des 8. oder 9. Jahrhunderts anzusehen wäre.

Mit gewohntem Scharfsinne verfocht indessen bereits 1805 ~Beckmann~ die Meinung, daß dieses Werk in der Form, in der wir es gegenwärtig besitzen, nicht vor etwa 1250 niedergeschrieben sein könne[5107]; nach ~Kopp~[5108] weicht überdies die ältere Fassung, d. i. jene der 1438 vollendeten Münchener Handschrift, in vielen Punkten sehr erheblich von der jüngeren ab, die z. B. das Pariser Manuskript Nr. 7156 bietet. Im 16. und 17. Jahrhundert kennen den ~Marcus Graecus~ u. a. ~Porta~, ~Biringucci~, ~Cardanus~ und ~Scaliger~, letzterer wohl auf Grund seiner Studien in der Pariser Bibliothek. Den in Nr. 7156, sowie in noch einem anderen Pariser Manuskript enthaltenen Text gab aber erst 1804 ~La Porte du Theil~ heraus, jedoch nur in ganz wenigen Exemplaren, die nicht in den Handel gelangten, so daß ihn ~Hoefer~ 1842 in seiner „Geschichte der Chemie“ zum ersten Male vollständig zu veröffentlichen glaubte[5109]; ~Beckmann~, und später auch ~Kopp~[5110], war indessen die Publikation ~La Porte du Theils~ bekannt.

~Berthelot~ nennt bei Besprechung dieser Verhältnisse[5111] die Namen ~Beckmanns~ und ~Kopps~ nicht und übergeht es auch mit Stillschweigen, daß letzterer die Verschiedenheiten der jüngeren Pariser und der älteren[5112] Münchener Handschrift bereits erwähnt und betont[5113]. Auf Grund der von ihm selbst vorgenommenen Prüfung und Vergleichung beider Manuskripte bezeichnet er den ~Hoefer~schen Abdruck als fehlerhaft und flüchtig[5114] und beschuldigt ~Hoefer~ auch, die (vermutlich bei ~Dutens~ vorgefundene) falsche Behauptung wiederholt zu haben, daß ~Marcus Graecus~ schon seitens des arabischen Arztes ~Mesue~ zitiert werde[5115]; hierzu ist jedoch zu bemerken, daß die Schriften mindestens des älteren der beiden unter diesem Namen berühmten Ärzte (aus dem 9. und 11. Jahrhundert) von sehr zweifelhafter Echtheit sind, daß ~Hoefer~ es dahingestellt sein läßt, ob ein dort angeblich genannter ~Marcus~ gerade ~Marcus Graecus~ sei, und daß ~Kopp~ diese Bemerkungen ~Hoefers~ in seinen „Beiträgen“ auch ausführlich wiedergibt[5116].

~Berthelot~ selbst neigt zur Annahme, das „Feuerbuch“ sei ursprünglich in griechischer Sprache abgefaßt, sodann in die arabische und schließlich in die lateinische übersetzt worden, wobei es zahlreiche Ergänzungen und Einschiebungen erfahren haben mag, die letzten im Laufe des 13. Jahrhunderts[5117]; sein eigentlicher Verfasser könnte vielleicht der nämliche Chemiker gewesen sein, der als ~Markos~, ~Markusch~, „König ~Marchus~“ und „~Markusch~, König von Ägypten“ in einigen späten und unklaren orientalischen und lateinischen Überlieferungen auftaucht[5118], dessen „Gespräche“ die syrischen Manuskripte, und dessen „Künste“ die von ~Carra de Vaux~ übersetzten arabischen „Wundergeschichten“ rühmen[5119]. Das Vorhandensein eines Manuskriptes mit dem +griechischen+ Titel „περὶ τῶν πυρῶν“ in einer englischen Bibliothek erwähnte schon 1733 ~Jebb~, der erste und sehr willkürliche Herausgeber von ~R. Bacons~ „Opus majus“, doch zitiert er aus ihm nur lateinische Sätze, deren genaue Übereinstimmung mit den in anderen lateinischen Vorlagen enthaltenen den Schluß rechtfertigt, daß auch der Text, den er benützte, ein +lateinischer+ war[5120]. Weiteres über jenes Manuskript scheint auch nicht wieder verlautet zu sein, wir besitzen ferner weder eine Handschrift aus früherer griechischer, noch aus späterer byzantinischer Zeit, während wiederum von einer +selbständigen+ litterarischen Produktion der jüngeren Byzantiner auf naturwissenschaftlichem Gebiete allen neueren Forschungen zufolge überhaupt nicht die Rede sein kann[5121]; endlich wurde bisher auch keine arabische Übersetzung aufgefunden, und die gegenwärtig bekannten lateinischen Texte stammen erst aus der Zeit gegen 1300, der auch die meisten anderen im Pariser Codex Nr. 7156 enthaltenen angehören[5122]. Die Hinweise auf arabische Quellen, deren Benützung ~Kopp~ sowie ~Berthelot~ annehmen[5123], müssen übrigens Zweifeln begegnen, denn Worte wie Alkitran (= Pech), Zambac (ein flüchtiges Öl), Kampher u. dgl.[5124], oder Anschauungen wie die von ~Aristoteles~ als magischem Künstler und Erfinder[5125], können sehr wohl auch auf spanische, provençalische oder italienische Vermittlung zurückgehen; ganz irrtümlich ist endlich ~Berthelots~ Identifikation[5126] des ~Hassan al Rammah~, angeblichen Verfassers eines arabischen Feuerwerksbuches um 1300, mit ~Ibn Amram~, einem gelehrten arabischen Botaniker und Arzte (?) gegen 900.

Immerhin ist es nicht unmöglich, daß das „Feuerbuch“ tatsächlich zuerst von einem Griechen ~Markos~ und in griechischer Sprache geschrieben wurde; in diesem Falle dürfte es jedoch anfänglich +allein+ von Brandsätzen, allenfalls auch vom sog. „griechischen Feuer“ des ~Kallinikos~ (7. Jahrhundert) u. dgl. gehandelt haben, worauf schon der Titel „Liber ignium ad comburendos hostes“ hinweist, der vom „Verbrennen der Feinde“ spricht, und nicht etwa vom „Erschießen“. Die Anwendung von Zündmassen und Brandsätzen aus leicht entflammbaren Bestandteilen war schon der Kriegskunde des frühen Altertums durchaus geläufig[5127], später aber kannte man insbesondere auch solche, die Ätzkalk, Schwefel, Erdöle usf. enthielten und sich beim Benetzen (infolge der Wärmeentwicklung beim Ablöschen) entzündeten; zu diesen zählen u. a. auch die von ~Livius~ (aus dem Jahre 186 v. Chr.) erwähnten „Fackeln der Bacchantinnen“, die sich beim Eintauchen in Wasser entflammten[5128], die Brandsätze, deren ein Einschiebsel des 7. (?) Jahrhunderts in den „Kesten“ des ~Sextus Julius Africanus~ gedenkt[5129], sowie ähnliche Zündmassen, deren Rezepte sich bis auf das Sammelbuch des ~Jehan le Begue~ von 1431 fortgeerbt zu haben scheinen[5130]. Angeblich konnten ihre durch Wasser nicht zu erstickenden Flammen allein durch den mit so besonders kalter Natur begabten Essig gelöscht werden[5131].

Das „griechische Feuer“, das der byzantinische Architekt ~Kallinikos~ (aus Heliopolis in Syrien) im Jahre 678 in Konstantinopel einführte, bestand aus Mischungen von leichtflüchtigen Erdölen (oder aus Lösungen von Harz, Asphalt, Teer u. dgl. in solchen Ölen) mit feingepulvertem gebranntem Kalk, und entzündete sich beim Aufspritzen auf Wasser infolge der heftigen Reaktionswärme des sich ablöschenden Ätzkalkes. ~Berthelots~ Behauptung, „die Basis des griechischen Feuers, das die Araber den Byzantinern entlehnt und gegen 1300 nach dem Westen gebracht hätten, sei Salpeter gewesen“, und das „sal coctum“ (gekochtes Salz) in den einschlägigen, bei ~Marcus Graecus~ wiedergegebenen Rezepten bedeute Salpeter[5132], ist völlig irrtümlich und unhaltbar[5133]. Abgesehen davon, daß Salpeter, nach allem was man bisher weiß, im Abendlande vor dem 13. Jahrhundert nicht bekannt war, und daß dem Schwarzpulver analoge Mischungen, selbst wenn man sie schon 678 zu bereiten verstanden hätte, auf Wasser gespritzt oder gegossen nicht in Brand geraten wären, ist auch das „sal coctum“ nichts weiter als ein feinkörniges, aus Sole gekochtes Salz, im Gegensatze zu dem im nämlichen Abschnitte erwähnten grobkörnigen gewöhnlichen „sal commune grossum“[5134]; im Münchener Manuskript +fehlt+ überdies die Vorschrift seines Zusatzes[5135], der wohl allein deshalb erfolgte, weil man die intensiv gelbe Kochsalzflamme auch für ganz besonders heiß hielt[5136].

Erst in späterer Zeit wurden in den Text des ~Marcus Graecus~ jene Rezepte eingeschoben, die die Bereitung des Schwarzpulvers aus Kohle, Schwefel und Salpeter, sowie dessen Benützung zur Herstellung von Raketen (ignis volans = fliegendes Feuer) und anderen Feuerwerkskörpern zum Gegenstande haben[5137], und die zudem der (ältere) Münchener Codex größtenteils noch gar nicht enthält[5138]; wie neu der Salpeter zur Zeit ihrer Abfassung noch war, geht aus der Tatsache hervor, daß der Autor glaubt, zunächst erklären zu müssen, was Salpeter eigentlich ist: „Sal petrosum est minera terrae ..., reperitur in scrophulis contra lapides“, „Salpeter ist ein Mineral aus dem Erdboden, ... wird aber auch als Ausschwitzung an den Mauern gefunden“.

Als jüngere, aber allerdings nicht genau zu datierende Interpolationen sind auch die Vorschriften des Münchener Codex über Destillation anzusehen[5139]. Vom Terpentin (terebentinum) wird gesagt[5140], daß man es bei gelindem Kohlenfeuer in Gestalt einer wasserhellen und wasserklaren Flüssigkeit so wie Rosenwasser destillieren könne, wobei jedoch große Vorsicht geboten sei, wegen des „etor et incendium“; ~Berthelot~ übersetzt dies mit „odeur et risque d’incendie“[5141], gemeint ist aber „+Dunst+ und Feuersgefahr“, und im Sinne eines „subtilen Dunstes“ findet sich das Wort auch anderweitig schon frühzeitig gebraucht, z. B. in der (gelegentlich von ~Berthelot~ selbst zitierten) um 1200 verfaßten lateinischen Übersetzung eines alchemistischen Traktates des ~Pseudo-Platon~, woselbst es heißt: „Ether est substantia lucis, vacua accidentibus“, „Äther ist die Substanz des Lichtes und frei von jeder Beimischung“[5142]. Durch Destillation wird ferner das [von den arabischen Ärzten seit jeher als besonders heilkräftig gerühmte] „Oleum laterinum“ (Ziegelöl) bereitet, das man durch Zersetzung von Lein-, Nuß- oder Hanföl an glühenden Ziegelbrocken und durch Übertreiben der entstehenden aromatischen Produkte gewinnt[5143]. Nur im Anhange des Codex beigeschrieben findet sich endlich ein Rezept zur Darstellung des Weingeistes, das nahe verwandt, aber nicht identisch mit dem des Pariser Manuskriptes Nr. 7156 ist[5144].

Dieses letztere schreibt vor[5145]: man löse „in una quarta“ [in einer Quart, nicht in einem viertel Pfund, wie ~Berthelot~ meint] alten dichten Rotweines 2 Skrupel feinstgepulverten Schwefels, 1 oder 2 Skrupel (?, ~Berthelot~ meint Pfunde) aus gutem Weißwein gewonnenen Weinsteines, und 2 Skrupel gewöhnlichen groben Salzes; man fülle das Ganze in eine „cucurbitam bene plumbeatam“, bringe den Helm (alembicum) an und destilliere das „brennbare Wasser“ ab (destillabis aquam ardentem), das man in einem geschlossenen Glasgefäße aufzubewahren hat; ebenso wie „aqua ardens“ destilliert man auch Terpentin [für das zuweilen die nämliche Bezeichnung gebraucht wird]. -- Der Zusatz des flüchtigen und leicht entzündlichen Schwefels hat vermutlich den Zweck, die „Brennbarkeit“ des Destillates zu fördern, während die Beigaben von Weinstein und Salz den Siedepunkt des Phlegmas erhöhen, also die Abscheidung reichlicher und wasserarmer Alkoholdämpfe beim Erhitzen erleichtern. Die „cucurbita bene plumbeata“, in der dieses erfolgt, ist übrigens kaum, nach ~Berthelot~, ein Gefäß aus Blei (alembic de plomb), das zum Abdestillieren von Alkohol so ungeeignet wie möglich wäre, sondern eher „ein gut plombiertes“ (= gedichtetes), oder, wie es an anderer Stelle heißt[5146], „juncturis bene lutatis“, „eines mit gut lutierten (d. h. mit Ton, lutum, verschmierten) Dichtungen“; ebenso hat man unter der „cucurbita bene vitreata“ nicht, mit ~Berthelot~[5147], ein „gut mit Firnis, vernix, gestrichenes Gefäß“ zu verstehen, sondern ein „gut glasiertes“ (vitrum = Glas, Glasur). Das „sal comatum“, das ~Berthelot~ unerklärt ließ[5148], ist offenbar das feine, fadenartige „Haarsalz“ (griechisch „Trichitis“; lat. coma = Haar); „classa“ (une matière résineuse?) aber[5149] bedeutet „glaessa“ oder „glaessum“, welches germanische Wort für Bernstein schon zur römischen Kaiserzeit wohlbekannt war; „semen psillii“ endlich[5150] ist nicht Samen der Petersilie, sondern Psyllium, Flohsamen.

Auf +Italien+ als das Land, in dem der lateinische Text (oder die lateinische Übersetzung?) des sog. ~Marcus Graecus~ niedergeschrieben wurde, deutet nach ~Berthelot~ die Erwähnung des „aes italicum“ hin, sowie die der „terra de Michna, dico Messinae“, also des „italischen Erzes“ und der „Erde von Michna, d. i. Messina“[5151]. Diesen vereinzelten Anführungen mangelt es allerdings an zureichender Beweiskraft, doch spricht eine andere Tatsache zugunsten der Vermutung: das Pariser Manuskript Nr. 7156 und das analoge, gleichfalls zwischen 1275 und 1300 niedergeschriebene Nr. 6514, enthält nämlich neben dem Text des ~Marcus Graecus~ noch eine ganze Anzahl von verschiedenen Autoren herrührender Abhandlungen, die des sog. ~Arnaldus~ von ~Villanova~ und ~Raymund Lull~ noch mit keinem Worte gedenken[5152] und zumeist auf griechische Tradition zurückgehen, daneben aber auch einige arabische Fachausdrücke aufweisen. Zu diesen zählen nach ~Berthelot~ „Antimonium“[5153] und „Tutia, deren verschiedene Sorten das Kupfer gelb machen“[5154], -- während das hier und bei ~Marcus Graecus~[5155] zuerst nachweisbare „Lato“ (ad latonem deaurandum) +kein+ arabisches Wort ist, vielmehr entsprechend ~Ducanges~ Vermutung von „Elektron“ stammt, was auch die Worte des ~Vincentius Bellovacensis~ (um 1250) über das Messing bestätigen: „hoc aurum ... vocatur electrum“, „diese goldige Masse nennt man Elektrum“[5156]. In jenen Abhandlungen nun ist häufig von den zahlreichen Alchemisten des 12. und 13. Jahrhunderts in Nord- und Süditalien die Rede, und zwar nach Namen, Wohnort und Stand, wodurch, soweit letzterer (wie sehr oft) der geistliche ist, der Nachweis aus den Annalen der Minoriten, Predigermönche usf. ermöglicht wird, durch den die erwähnten Angaben Bestätigung finden. Diese geistlichen Alchemisten besitzen Bücher chemischen Inhaltes, sie arbeiten praktisch über Metalle und andere nützlich verwertbare Präparate[5157], geraten aber leicht in den Verdacht der Zauberei, Ketzerei und Häresie[5158], und bedienen sich deshalb, um ihre Forschungen und Resultate zu verbergen, nicht selten der Kryptogramme[5159]; einige von diesen sind bisher unentzifferbar geblieben, bei anderen ist die Enträtselung gelungen, z. B. bei dem für „alchimia“, dem für Schwarzpulver (überliefert bei ~R. Bacon~) und dem für Weingeist (s. oben).

f) Zeitalter der lateinischen Übersetzer und Pseudepigraphen.

α) +Übersetzer.+

Während die bisher besprochenen frühmittelalterlichen Werke vorwiegend Chemisches oder Chemisch-Technologisches enthalten und nur ziemlich selten, an vereinzelten Stellen, Anspielungen auf alchemistische Lehren Raum geben, bilden diese letzteren den eigentlichen Gegenstand jenes Teiles der abendländischen Litteratur, der auf arabische Vermittlung zurückgeht. Die Frage, wie sich die Verbreitung alchemistischer Lehren durch die Araber, üblicher Annahme gemäß hauptsächlich von Spanien her, vermutlich aber auch von Sizilien, Italien und der Provence aus, im einzelnen vollzog, kann (wie schon weiter oben bemerkt) auch heute noch, trotz der andauernden Erschließung arabischer, spanischer, katalonischer, provençalischer und italienischer Quellen, nach keiner Richtung hin genügend beantwortet werden. Über Personen und Werke der Anfangszeit, die einige schon mit dem 9. oder 10. Jahrhundert einsetzen lassen, liegt immer noch dichtes Dunkel, viele Schriften aus der +ersten+, gegen Ende des 12. Jahrhunderts beginnenden Periode der lateinischen Übersetzungen erregen schon mannigfaltige Bedenken, bei den meisten der +zweiten+, die bis in das letzte Viertel des 13. Jahrhunderts hineinreicht, bleibt es aber, wie ~Kopp~[5160] treffend ausspricht, nur zweifelhaft, ob die Frechheit im Unterschieben oder die Leichtgläubigkeit im Hinnehmen größer gewesen sei, so daß mindestens als unsicher anzusehen ist, was sich nicht ohne weiteres als unwahr und gefälscht zu erkennen gibt.

Auch nach ~Berthelot~[5161] ist die Hauptzeit für die Abfassung der lateinischen Übersetzungen das 12. und 13. Jahrhundert, und als ihre Grenzwerke kann man einerseits das Buch des ~Morienus~ betrachten, das nach ausdrücklicher Angabe des lateinischen Textes im Jahre 1182 vollendet ist, andererseits das sog. „Rosarium philosophicum“, das anscheinend bald nach 1250 niedergeschrieben wurde[5162]. Die +ältesten+ dieser Bücher sind nach ~Berthelot~ aus arabischen Originalen übersetzt, -- vorsichtiger wird man, da diese bisher unbekannt blieben, sagen müssen, daß sie sich für Übersetzungen aus solchen geben --, und erweisen sich als formlose und ungeordnete Kompilationen, die ganz vorwiegend den Theorien und Traditionen der alexandrinischen Chemiker folgen, freilich unter zuweilen erheblicher, oft völliger Entstellung des ursprünglichen Kernes[5163]. Die +späteren+ dagegen[5164] haben hauptsächlich praktische Zwecke im Auge, atmen in ihrer guten Disposition, wohlgeordneten Darstellung und systematischen Vortragsweise den Geist der Scholastik und verraten sich schon hierdurch als apokryph, -- ganz abgesehen davon, daß die angeblichen arabischen Vorlagen durchwegs fehlen, daß die lateinischen Handschriften erst gegen 1300 oder später auftauchen, und daß ~Vincentius Bellovacensis~ (der um 1250 schrieb), ~Albert der Grosse~ (der 1280 starb) und andere wichtige Autoren des 13. Jahrhunderts sie noch nicht kennen.

Eine ausführliche Erörterung der genannten Übersetzungen ist an dieser Stelle nicht beabsichtigt, um so mehr als sie selbständiger Gedanken völlig ermangeln und sich ausschließlich auf die mehr oder minder getreue Wiedergabe der in ihren Vorbildern enthaltenen beschränken; größere Breite und Ausführlichkeit geht dabei keineswegs mit besserem Verständnisse parallel.

Zu den wichtigsten Vertretern der ersten +älteren+ Gruppe gehören das bereits weiter oben besprochene Buch des (als vorgeblicher Lehrer des omajjadischen Prinzen ~Khalid ibn Jazid~ bezeichneten) ~Morienes~ oder ~Marianos~, dem der Überlieferung nach ein arabischer Text des 8. Jahrhunderts zugrunde liegen soll[5165], ferner die seitens der Späteren oft zitierten Schriften des ~Rosinos~, ~Rosinus~ oder ~Rubinus~, d. s. Auszüge aus den Werken des ~Zosimos~, die noch vielerlei griechische Worte und Fachausdrücke enthalten[5166], und endlich die sog. „Turba philosophorum“ (Versammlung der Philosophen). Diese Abhandlung, deren Name „Turba“ bereits in religiösen Schriften der ersten Jahrhunderte vorkommt[5167], während ihre Form schon bei ~Olympiodoros~, ja eigentlich schon bei ~Cicero~ ihr Vorbild hat[5168], schildert die Beratungen einer Anzahl Alchemisten, die in wirrem und völlig phantastischem Durcheinander, ohne eine Spur sachlichen Verständnisses und ohne die geringste wirkliche Kenntnis der alten Autoren deren vermeintliche Vorschriften und Theorien vortragen und besprechen. Nach ~Berthelot~[5169] muß die benützte arabische Vorlage einer sehr frühen Zeit entstammen, denn sie führt noch keine arabischen Autoritäten an, sondern nur griechische (teils mit richtigen, teils mit entstellten, teils mit erdichteten Namen), und zeigt sehr nahe Beziehungen zu den Schriften der alexandrinischen Chemiker, besonders denen des ~Pseudo-Demokritos~[5170]; aus diesen werden ganze Stellen wiedergegeben, und zwar einige in zutreffender und sachgemäßer Gestalt, andere in durch Mißverständnisse getrübter, und noch andere (infolge falscher Auslegung und mystischer Einschiebungen) in völlig sinnloser[5171]. -- Trotz ihrer wahrhaft trostlosen Inhaltsarmut und Formlosigkeit erfreute sich übrigens gerade die „Turba“ eines besonders großen Erfolges, sowie einer ganz ausnehmenden Beliebtheit und Verbreitung; schon zu Beginn des 12. Jahrhunderts genießt sie autoritatives Ansehen und ruft zahlreiche, meistens +noch+ minderwertigere Nachahmungen ins Leben.

Als bezeichnendes Produkt einer +etwas späteren+ Übergangszeit ist das „Buch der Priester“ anzuführen („Liber sacerdotum“; nicht identisch mit einem gleichnamigen, dem ~Alrazi~ zugeschriebenen), das ~Berthelot~ aus dem Pariser Manuskript Nr. 6514 abgedruckt hat[5172], leider in völlig unkritischer Art und ohne irgendwelche Korrektur, so daß selbst die unsinnigsten Schreibfehler, wie z. B. sol (Sonne) statt sal (Salz) u. dgl., unverbessert stehen geblieben sind[5173]. Das Werk ist vermutlich im 10. oder 11. Jahrhundert abgefaßt, im 12. oder 13. aber durch einen nicht näher bekannten ~Johannes~ aus dem Arabischen in das Lateinische übersetzt und dabei umgearbeitet[5174]. Die Bemerkungen dieses Autors betreffs seiner Erfahrungen in Ferrara[5175], sowie seine Versicherung[5176], gewisse Vorschriften seien wiedergegeben „juxta assertionem Romanorum“, „gemäß Angabe der Römer“, -- die ~Berthelot~ irrtümlich für alte Römer hält --, bieten abermals beachtenswerte Hinweise auf Italien. Der vorliegende lateinische Text vereinigt, wie schon sein Titel erkennen läßt, hellenistische und arabische Traditionen[5177], enthält viele aus dem Arabischen, aber auch verschiedene aus dem Griechischen und einige aus dem Spanischen entlehnte Worte[5178] und weist auch eine Art arabisch-lateinischen Lexikons der Namen vielgebrauchter Chemikalien auf[5179]. Eine Auswahl wichtiger Termini, die jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, bietet nachstehende Liste:

Alkali[5180]. Alkitran (Pech)[5181]. Alkool (ein feines Pulver, meist von Schwefelantimon)[5182]. Almizadir (Alnûschâdir, Salmiak)[5183]. Alumen scaiolae (Feder- und „kastilischer“ Alaun)[5184]. Attincar (Borax)[5185]. Azenzar, auch Azur (Zinnober)[5186]. Brunire (= deaurare, vergolden)[5187]. Calcitarin (Kupfervitriol u. dgl.)[5188]. Cinis clavellata (gestampfte Asche, Pflanzenasche)[5189]. Duenec (Vitriol)[5190]. Ismet, Ismit (Schwefelantimon)[5191]. Laton (Messing, franz. laiton)[5192]. Magnesia (der Glasmacher, und andere)[5193]. Marcacide, al-Marcacida (Markasit); auch „lapis canis“[5194]. Oleum laterinum (Ziegelöl)[5195]. Sapo, sapo gallicus (Seife, französische Seife)[5196]. Tartarus = faex vini (Weinstein)[5197]. Tutia (unreines Zinkoxyd u. dgl.)[5198]. Vermilio (ein Rötel?; franz. vermeil)[5199].

Ausführlich gedacht wird des Gold- und Silber-Machens, der Verwandlung und Färbung der Metalle, der Diplosis, sowie der zugehörigen Präparate[5200], u. a. des Quecksilbers und des Schwefels, die beim Erhitzen schließlich Zinnober, anfangs aber nur eine schwarze Masse liefern[5201]. Der „Stein zum Goldmachen“ heißt bald „Alkimia“, bald „Kimium“, wird auch als Schmelze oder Lösung angewandt („aqua alkimiae“) und ergibt „aurum optimum“, „bestes Gold“[5202]; ob die Worte „dimitte in alkemia“[5203] nur als ungenaue Ausdrucksweise anzusehen sind, oder ob Alkemia hier auch einen chemischen +Apparat+ bedeuten soll, bleibe dahingestellt.

β) +Fälscher+: ~Pseudo-Geber~, ~-Avicenna~, ~-Razi~, usf.

Unter den Pseudepigraphen der +letzten+ Periode, also des ausgehenden 13. Jahrhunderts, nehmen die wichtigste Stelle die Schriften des sog. ~Geber~ ein, die man, wie schon weiter oben angeführt, bis in die neueste Zeit für Übersetzungen solcher des ~Dschabir~, und demgemäß als aus dem 8. oder 9. Jahrhundert stammend ansah, -- wodurch die Geschichte der Chemie in zahlreiche schwere und unlösbare Widersprüche verwickelt wurde. Diese fielen allerdings schon manchen Historikern des 17. und 18. Jahrhunderts auf, wie denn z. B. bereits 1718 ~Stahl~ in seinem Buch „Vom Sulphure“ berichtet, daß u. a. auch die Lebensbeschreibung und die Werke ~Gebers~ für der Hauptsache nach erdichtet und durchaus fragwürdig gelten[5204]; der Orientalist ~Reiske~ (1716-1774) nennt ~Geber~ den fabelhaften Autor angeblicher alchemistischer Werke[5205]; ~Beckmann~ bezeichnet diese 1800 als Fälschungen etwa des 12. Jahrhunderts[5206], ~Sprengel~ 1820 als teils entstellt, teils unecht[5207], ~Davy~ 1820 als Kompilationen von Alchemisten des 15. oder 16. Jahrhunderts[5208]; ~Wüstenfeld~ unterscheidet 1840 zwischen den Werken des ~Dschabir~ und den nur „unter seinem Namen in [lateinischer] Übersetzung gedruckten Büchern“ des ~Geber~[5209]; 1856 sagt in seiner „Geschichte der Botanik“[5210] ~E. Meyer~, der selbst des Arabischen mächtig und mit den neueren morgenländischen Forschungen vertraut war, „daß sich Geschichte und Sage betreff des ~Geber~ vermischen, ... und dieser vielleicht gar nie gelebt und geschrieben hat“; 1869 vertritt ~Latz~ die Meinung, „daß den lateinischen Abhandlungen ~Gebers~ nie und nimmer ein arabisches Original zugrunde lag, daß es sich vielmehr um abendländische Schriften und einen fingierten Autor handelt“[5211]; 1871 endlich erklärt ihn der Orientalist ~Steinschneider~ für „eine fast mythische Person“[5212] und bemerkt, daß die ihm zugeschriebenen Kenntnisse in den Werken des wahren ~Dschabir~ nicht zu finden seien. Diese letzteren Hinweise waren es jedenfalls, die ~Kopp~ veranlaßten[5213], die von ihm in der „Geschichte der Chemie“ (1843), und ebenso von ~Hoefer~ in der „Histoire de la Chimie“ (1842 und 1866) festgehaltene Meinung von der Echtheit der ~Geber~schen Schriften, in den „Beiträgen zur Geschichte der Chemie“ einer Revision zu unterziehen[5214]: Die Mängel der älteren Angaben über ~Geber~, sowie die Verwechslung mit Gleichnamigen, haben bisher die Geschichtsforscher irregeführt[5215]; nach dem um 850 [in Wirklichkeit 987] vollendeten arabischen Sammelwerke „Fihrist“ war aber schon zu jener Zeit nichts Sicheres über ~Gebers~ Person, die Tatsachen seines Lebens und die Echtheit der zahlreichen ihm zugeschriebenen Werke bekannt[5216], und die im „Fihrist“ aufgezählten Büchertitel sind nicht die der angeblichen ~Geber~schen Schriften[5217]; auch die Verfasser der großen arabischen „Lexica der Biographien“, ~Ibn Khallikan~ im 13. und ~Hadschi Khalifa~ im 16. Jahrhundert, führen jene Werke nicht an und nennen auch nichts, was als deren arabisches Original gelten könnte[5218]; wie der Orientalist ~Weil~ feststellte, spricht auch kein Umstand dafür, daß die vorliegenden lateinischen Texte des ~Geber~ aus dem Arabischen übersetzt seien[5219], und kein wirklicher Araber des nämlichen oder eines späteren Zeitalters besitzt die in ihnen niedergelegten, geschweige denn erweiterte Kenntnisse[5220]. Erwäge man endlich, daß die ~Geber~schen Abhandlungen durchaus die gute scholastische Form und Darstellungsart aufweisen, daß erst die Schriftsteller um und nach 1300 sie zitieren, und daß Handschriften aus früherer Zeit nicht, solche aus der genannten und aus späterer aber in ziemlicher Anzahl vorliegen[5221], so komme man zum Schlusse, daß zwischen dem Inhalte der arabischen Schriften des ~Dschabir~ und der lateinischen des ~Geber~ irgendwelche Zusammenhänge nicht nachgewiesen und auch gar nicht glaublich seien[5222]. Nur „mit einem nach dem Vorhergehenden leicht zu bemessenden Vorbehalte“ meint ~Kopp~, in seiner gewohnten großen Zurückhaltung und Vorsicht, die fraglichen Werke noch insolange „als solche ~Gebers~ bezeichnen, und darauf, daß sie aus dem Arabischen übersetzt seien, Bezug nehmen zu dürfen“, als für ihre „Unechtheit und Entstellung“ nicht auch der +positive+ Beweis geliefert sei[5223]. -- Insoweit nun, allem Dargelegten zufolge, ein solcher wirklich noch von nöten war, hat ihn ~Berthelot~ durch die sehr verdienstliche Herausgabe der (schon weiter oben besprochenen) Schriften des echten ~Dschabir~ erbracht und dadurch den letzten Ring in die Beweiskette des fast allzu gewissenhaften ~Kopp~ eingefügt; dafür aber, daß er seiner Vorgänger, und vor allem ~Kopps~, auch bei diesem Anlasse +mit keinem Worte+ Erwähnung tut, alles Verdienst vielmehr mit größtem Nachdruck und bei jedem Anlasse immer aufs neue +ganz allein sich selber+ zuschreibt, gibt es keine Erklärung.

Auf den Inhalt der sog. ~Geber~schen Schriften hier des näheren einzugehen, ist nicht erforderlich, um so mehr als alle größeren chemischen Geschichtswerke in dieser Hinsicht Ausführliches bieten. Es sei jedoch daran erinnert, daß ~Geber~ u. a. zahlreiche verbesserte Verfahren und Apparate zum Verdunsten, Kochen, Filtrieren, Schmelzen, Sublimieren, Destillieren und Krystallisieren mit außerordentlicher Klarheit und Genauigkeit schildert; daß er verschiedene Vitriole und Alaune, das mineralische und vegetabilische Alkali, den Salmiak und Salpeter usf. annähernd rein zu erhalten versteht; daß er durch Erhitzen von Schwefel mit Alkalien sog. Schwefelleber, und durch Fällen einer Lösung von Schwefel in Ätzlauge mittelst Essigsäure Schwefelmilch zu bereiten, ferner Quecksilberoxyd, Sublimat, Zinnober, Silbernitrat, Bleiacetat und andere Acetate, rein und zum Teil krystallisiert zu gewinnen weiß; daß er die Darstellung unreiner Schwefelsäure durch trockene Destillation des Alauns und die der Salpetersäure durch Erhitzen eines Gemenges von Salpeter, Vitriol und Alaun beschreibt, und endlich auch die Entstehung des Königswassers beim Lösen von Salmiak in Salpetersäure, sowie die Löslichkeit des Schwefels und des Goldes im Königswasser kennt[5224]. Die Fragen, woher der Verfasser der sog. ~Geber~schen Schriften sein Wissen geschöpft hat, und wo, wann zuerst, und durch wen, die Verfahren und Methoden entdeckt und ausgebildet wurden, die uns bei ihm, gegen Ende des 13. Jahrhunderts, in völliger Vollendung, demnach als Ergebnisse einer längeren Entwicklungszeit entgegentreten, lassen sich vorerst nicht beantworten, und gehören zu den dunkelsten, weiterer Aufklärung bedürftigsten, in der ganzen Geschichte der Chemie[5225]. Die Araber spielen auf diesem Gebiete keinesfalls die ihnen früher zugeschriebene, allgemein bahnbrechende Rolle, bleiben doch z. B. die so ungeheuer wichtigen, gegen 1300 auftauchenden Mineralsäuren, bei ihnen und im ganzen Bereiche der rein arabischen Chemie noch jahrhundertelang unbekannt und unbenützt. Dagegen weisen auch hier viele Umstände auf Italien hin: von dort scheint die nähere Kenntnis des Salpeters und die Bekanntschaft mit dem Schwarzpulver auszugehen; von „römischem Harz“, „Körnern der Franken“, „fränkischen Verfahren“ sprechen die jüngsten Einschiebsel der syrischen Manuskripte; mit dem Worte σαλονίτρον (Salonítron), das dem italienischen Salnítro nachgebildet ist, und +nicht+ (wie zu erwarten wäre) mit ἁλονίτρον (Halonítron), bezeichnen die späten Byzantiner den Salpeter; „römischen Vitriol“ (richtiger Alaun) empfehlen ihre schon weiter oben erwähnten Rezepte zur Darstellung der Schwefelsäure und der Salpetersäure, die „ὕδωρ ἰσχυρόν“ (aqua fortis, ital. aqua forte) genannt wird (λέγεται), wenn sie den Helm, τὸ καπούτζιν (ital. capuccio, Kaputze), des Destillations-Apparates verläßt; ähnliche, dem Italienischen entlehnte Bezeichnungen für Chemikalien und chemische Verfahren finden sich auch sonst noch in größerer Zahl (s. oben).

Reich wie an wertvollen einzelnen Tatsachen erweisen sich die ~Geber~schen Schriften auch an wichtigen allgemeinen Betrachtungen; die besondere Originalität, die man für diese in Anspruch zu nehmen pflegt, kommt ihnen jedoch in Wahrheit nicht zu, und dies gilt vor allem, entgegen den Annahmen sämtlicher bisheriger Historiker der Chemie, für die Theorie vom Bestehen der Körper, und insbesondere der Metalle, aus Schwefel und Quecksilber. Dieser Gedanke, der vom +chemischen+ Standpunkte aus ganz unbegreiflich, ja völlig widersinnig erscheint, ist in der Tat nicht +chemischen+ Anschauungen entsprossen, sondern gewissen Grundsätzen spätgriechischer +Philosophen+: er beruht nämlich auf den Lehren, daß alle Körper wechselnde Mischungen sämtlicher vier Elemente enthalten müssen, daß unter diesen einerseits die „aktiven“, d. s. Feuer und Luft, andererseits die „passiven“, d. s. Wasser und Erde, zwei in vielen Hinsichten teils einander entgegengesetzte, teils einander ergänzende Gruppen bilden, und daß als deren geeignetste und geradezu typische Vertreter der brennbare und als Dunst verfliegende (also viel Feuer und Luft enthaltende) Schwefel, sowie das flüssige und metallische (also an Wasser und Erde reiche) Quecksilber anzusehen sind. Bereits in der großen arabischen Enzyklopädie der sog. „~Lauteren Brüder~“ (richtiger: „~Treuen Brüder~“), die im 10. Jahrhundert abgefaßt ist, aber durchweg auf weit ältere Vorlagen zurückgeht, tritt diese Lehre (wie schon weiter oben ausgeführt wurde) im steten Verbande mit anderen rein griechischer Herkunft in völlig bestimmter, rein dogmatischer Gestalt auf und wird ohne jeden Anspruch auf Neuheit als etwas Selbstverständliches und zweifellos Feststehendes vorgetragen. Die späteren Araber haben sie demnach, wie so unzähliges andere, den Schriften älterer Vorfahren entnommen, allenfalls (ihren Gewohnheiten entsprechend) erweitert und verbreitert, und in dieser Gestalt ihren jüngeren Nachfolgern und Nachahmern zugebracht. Wenn also, wieder aus +deren+ Werken schöpfend, z. B. der sog. ~Geber~ sagt, der Schwefel (als dessen bloße Abart ihm auch das Arsen gilt) sei das Prinzip der Verbrennbarkeit und Flüchtigkeit, das Quecksilber bestehe aus Wasser und Erde, beide zusammen ergäben die Metalle, wobei ein höherer Gehalt an Schwefel die minderwertige Beschaffenheit, ein solcher an Quecksilber aber die größere Vollkommenheit bedinge, so daß u. a. Blei auf Zufuhr weiteren Quecksilbers hin in Zinn übergehe, usf.[5226]: so kommen hier nicht, wie ~Kopp~ meinte[5227], „Verwebungen der aristotelischen Lehren von den vier Elementen mit +neuen+ Betrachtungen über Schwefel und Quecksilber in Frage“. Ebenso ist auch ~Berthelot~ im Unrecht[5228], der in der Lehre vom Bestehen der Metalle aus mehr oder weniger großen Mengen Schwefel und Quecksilber von mehr oder minder hoher Reinheit eine „doctrine singulière“ erblickt, hervorgegangen vielleicht durch „modification profonde“ der Ideen des ~Synesios~ und ~Stephanos~ über die Fixierung des Quecksilbers durch den Schwefel (bei der Bildung des Zinnobers); da sich in den Schriften des ~Dschabir~ nichts Zugehöriges findet, soll diese „modification“ erst im 11. Jahrhundert stattgefunden haben, und zwar wohl durch ~Avicenna~, worauf sie dann im 12. Jahrhundert aus den arabischen Originalen des ~Avicenna~ und des ~Pseudo-Aristoteles~ auch in Europa bekannt und dort alsbald allgemein angenommen wurde[5229].

Wie indes schon weiter oben erwähnt, ist ~Avicennas~ „De anima“ benannte „Alchemie“ +selbst+ eine ganz späte pseudepigraphische Schrift, für die man ein arabisches Original weder kennt noch vorauszusetzen hat, deren Verfasser aber vermutlich mit den älteren arabischen Quellen vertraut war und vieles aus ihnen schöpfte[5230]. Beweisen, wie den von ~Berthelot~ versuchten, kann sie daher als zureichende Grundlage nicht dienen.

Das nämliche gilt betreffs der Abhandlung „De perfecto magisterio“ („Vom vollkommenen Elixir“) des ~Pseudo-Aristoteles~ und der mit ihr vielfach genau übereinstimmenden Schrift „Lumen luminum“ („Licht der Lichter“) des ~Alrazi~, richtiger (wie ebenfalls bereits weiter oben dargelegt) ~Pseudo-Razi~. Diese dürfte, da ihrer ~Vincentius Bellovacensis~ noch nicht gedenkt, erst nach 1250 abgefaßt sein[5231] und zeigt streng scholastische Eigenart, mindestens in ihrer ursprünglichen, in den Pariser Manuskripten erhaltenen Fassung, denn eine spätere (u. a. im „Theatrum Chemicum“ von 1616 abgedruckte) enthält zahlreiche Interpolationen aus dem arabischen (?) „Buch des Emanuel“ und „Buch der zwölf Wässer“[5232]; sie definiert die Chemie als eine irdische Astrologie, erörtert daher in eingehender Weise die Beziehungen der Metalle zu Planeten und Geistern, und bespricht die Darstellung von Gold und Silber mit Hilfe des Elixirs, das der „Stein der Philosophen“ und zugleich das „Wasser des ewigen Lebens“ (aqua vitae) ist[5233]. -- Den gleichfalls pseudepigraphischen Charakter der dem ~Vincentius Bellovacensis~ noch unbekannten Abhandlung des ~Pseudo-Razi~ „De salibus et aluminibus“ („Über Salze und Alaune“) erkannten schon 1832 ~Schmieder~[5234] und 1866 ~Steinschneider~[5235], welcher letztere bemerkt, daß der Verfasser sich selbst als in Spanien wohnhaft bezeichnet, von einem Vitriol als „bei uns in Spanien vorkommend“ spricht[5236] und neben ~Geber~ auch ~Gilgil~ zitiert, d. i. ~Ibn Dschuldschul~, der um das Jahr 1000 in Spanien wirkte; ~Kopp~ gibt diese Angaben ausführlich wieder[5237], während ~Berthelot~ auch hier seine Vorgänger vollständig übergeht[5238].

g) Die „Autoritäten“ des 13. Jahrhunderts.

Den im vorstehenden genannten apokryphen und pseudepigraphischen Schriften, sowie ihren gleichartigen Nachahmungen und Erweiterungen, verdanken den Hauptteil ihrer einschlägigen Kenntnisse diejenigen Autoren des 13. und beginnenden 14. Jahrhunderts, aus deren Werken, echten oder +abermals+ untergeschobenen, das ganze weitere Mittelalter und die Neuzeit (bis fast zur Gegenwart) ihre alchemistische Weisheit schöpften, das sind ~Albert der Grosse~, ~Thomas von Aquino~, ~Vincentius Bellovacensis~, ~Roger Bacon~, ~Arnoldus von Villanova~ und ~Raymund Lull~[5239]. Daß schon bei ihnen, geschweige denn bei ihren Nachfolgern, die alten hellenistischen Traditionen der Alchemie sowie die griechischen Eigennamen und Fachausdrücke teils ganz der Vergessenheit anheimfallen, teils nur mehr undeutlich und entstellt unter der immer dichteren Schicht „arabischen“ Firnisses hindurchschimmern, vermag angesichts der geschilderten Art der Überlieferung nicht wunder zu nehmen. Auf die hohe allgemeine Bedeutung dieser Schriftsteller und auf die hervorragende Wichtigkeit ihrer eigentlichen, der Theologie, Philosophie, Medizin usf. zugehörigen Hauptwerke einzugehen, ist an dieser Stelle ganz ausgeschlossen, und es mögen daher einige wenige, nur die Geschichte der Chemie und Alchemie betreffende Andeutungen genügen.

~Albert von Bollstaedt~, geboren 1193 zu Lauingen an der Donau, gestorben 1280 als emeritierter Bischof von Regensburg zu Köln, wegen seiner umfassenden und allseitigen Gelehrsamkeit ~Albertus Magnus~ zubenannt[5240], zählt zu den Häuptern der Scholastik und schreibt, ihren Grundsätzen gemäß, nicht als selbständiger Forscher, sondern als vielbelesener Gelehrter, dessen Richtschnur die von der Kirche anerkannten „Autoritäten“ sind, und der als „zulässig“ nur solche Ergebnisse anstrebt und (anscheinend absichtslos) auch stets erreicht, die zu deren schon im voraus als unfehlbar feststehenden „Meinungen“ stimmen, mögen letztere nun der Wahrheit entsprechen oder nicht.

Was die chemischen Anschauungen des ~Albertus Magnus~ betrifft, so ist die schon im 14. Jahrhundert vielgelesene Schrift „De mirabilibus mundi“ („Von den Wundern der Welt“), die u. a. vom Salpeter (sal petrosum), dem Schwarzpulver und der Herstellung von Feuerwerkskörpern (Raketen, Kanonenschlägen) berichtet, fraglos +unecht+[5241]; +untergeschoben+ sind auch, wie man schon im 17. Jahrhundert einsah, das Buch „Compositum de Compositis“[5242], sowie die „Alchemie“ (Liber de Alchemia)[5243], die sich im Mittelalter gleichfalls großen Ansehens erfreute und nach ~Berthelot~ zu den ganz vereinzelten abendländischen Werken gehört, die noch in spätbyzantinischer Zeit unter dem Namen des Ἀμπέρτος Θεοτονικός (= ~Albertus Teutonikos~, ~Albert des Deutschen~), in das Griechische übersetzt wurden[5244]. Echt sind dagegen die Bücher „De mineralibus“, aus denen (und aus einigen anderen Schriften) schon ~Kopp~ die wichtigsten einschlägigen Stellen ausgezogen und dazu bemerkt hat, daß aus ihnen teils rein aristotelische, teils arabische Lehren und Anschauungen sprechen[5245]: Die Metalle sind, wie alle Substanzen, aus sämtlichen vier Elementen zusammengesetzt, bestehen aber zunächst (der „materia proxima“ nach) aus mehr oder weniger großen Mengen mehr oder minder reinen Schwefels und Quecksilbers, von denen der flüchtige und verbrennliche (daher als „fettig“ bezeichnete) Schwefel vorwiegend Luft und Feuer enthält, das flüssige und metallische Quecksilber aber Wasser und Erde[5246]. Die Verwandlung der Metalle durch Tinkturen und Elixire, wie sie ~Hermes~, ~Pythagoras~, ~Kallisthenes~, ~Platon~ und ~Aristoteles~ lehrten, ist und scheint gemäß deren bisher unwiderlegter Autorität möglich, -- von +eigenen+ Erfahrungen ist nirgends die Rede --, und zwar erfolgt sie entweder auf dem Wege über die „Materia prima“, oder analog der „Säuberung“ kranker Körper durch „Medizinen“, die die Wirksamkeit der Natur unterstützen: indem die „affinitas“ und „cognatio“ (Affinität, Verwandtschaft) das gleiche zum gleichen ziehen, und +ein+ Stoff stets in den nächstverwandten übergeht, entsteht schließlich das Gold, -- nicht anders, wie auf dem besten und geeignetsten Boden aus +jedem+ Getreidesamen Weizen hervorsprießt[5247]. Das weiße und gelbe Metall hingegen, die man aus Kupfer durch Arsen und durch Calamina (Galmei), oder durch die „ex fumo“ (aus Rauch) gewonnene Tuchia (Tutia) gewinnt, indem man sie mit Hilfe eines Flußmittels zusammenschmilzt und legiert (ligatur per oleum vitri supernatans), sind +nicht+ Silber und Gold, obwohl das die Fälscher und Betrüger in Paris und Köln behaupten, sondern eine Art Erz (aes, aurichalcum)[5248].

Salmiak und Salpeter kennt ~Albertus Magnus~ noch nicht[5249], dagegen erwähnt er verschiedene „Stiptica“, d. s. Alaune und Vitriole, z. B. weißen und roten, gelben (alkofol = feingepulvert) und grünen (alkanthus = chalkanthum), „der von einigen auch ‚Vitreolum‘ genannt wird“[5250]; daß, wie man lange Zeit glaubte, diese (vermutlich schon in der klassischen Zeit übliche) Bezeichnung hier zum ersten Male nachweisbar sei, ist irrtümlich, denn sie taucht (wie weiter oben angeführt) schon in den „Compositiones ad tingenda musiva“ auf[5251] und wird auch in den Kommentaren der salernitanischen Autoren als eine schon wohlbekannte gebraucht, z. B. in dem (um 1150 verfaßten) des ~Platearius~ zu dem weltberühmten „Antidotarium“ des ~Nikolaos~[5252].

Mineralische Säuren sind dem ~Albertus Magnus~ ebenfalls noch unbekannt; Essig bildet sich nach ihm, den antiken Traditionen getreu, aus dem Wein, indem dessen heiße und feurige Teilchen verfliegen, während die kalten zurückbleiben, -- wodurch die so äußerst kalte Natur des Essigs ihre vollkommene Aufklärung erfährt[5253]. -- Wird alter starker Wein „nach Art des Rosenwassers sublimiert“, so geht anfangs eine Flüssigkeit über, die „obenauf schwimmt, von ölartiger, fettartiger [d. h. verbrennlicher) Natur und leicht entzündlich ist“, „liquor supernatans, humor oleaginosus, unctuositas inflammabilis“, [d. i. der +Alkohol+][5254]; mit einem besonderen +Namen+ bezeichnet sie ~Albertus Magnus~ noch nicht, auch macht er keine näheren Angaben über die Destillation des Weines, während er an anderen Stellen der „Alutel“ zum „Sublimieren“, des Destillierhelmes (alembicus), sowie des Wasserbades (vas aquae bullientis) wiederholt gedenkt, ferner auch vom Quecksilber berichtet, daß man es in einem (nur unklar beschriebenen) Gefäße mit langem Halse und einer langen Röhre zur Verdichtung der Dämpfe fast ohne Veränderung und Gewichtsabnahme oft „sublimieren“ könne[5255].

Wie die meisten dieser Beispiele zeigen, schöpft ~Albertus Magnus~ mit Vorliebe aus ~Aristoteles~ und ~Pseudo-Avicenna~ und bietet nur wenig Eigenes; den Ausspruch „die Flamme ist nichts als ein entzündeter Rauch“ nannte zwar ~Kopp~ „einen für seine Zeit anerkennenswerten“[5256], doch übersah er hierbei, daß diese Definition schon bei ~Aristoteles~ und bei ~Galenos~ zu finden ist.

So wenig wie ~Albertus Magnus~ ist auch ~Vincentius Bellovacensis~ (~Vincenz von Beauvais~, gest. 1256 oder 1264), der gelehrte Vorleser und Prinzenerzieher am Hofe König ~Ludwigs des Heiligen~, ein selbständiger Forscher; das umfangreiche Wissen, das sein um 1250 vollendetes „Speculum naturale“ (ein Teil seiner großen Enzyklopädie) verrät, gründet sich vielmehr ausschließlich auf vielerlei, meist ohne jede Kritik und ohne weitere Verarbeitung einfach aneinander gereihte Auszüge aus den klassischen Autoren, aus ~Isidorus Hispalensis~ (gest. 636), aus ~Pseudo-Razi~, ~Pseudo-Avicenna~[5257], nach ~Berthelot~[5258] ferner aus ~Averroes~, aus der lateinischen Übersetzung des verlorenen arabischen „Buches der 70“ (dessen Kern das gleichnamige Werk ~Dschabirs~ sein soll)[5259], +nicht+ aber aus ~Dschabir~ selbst (dessen Name jedoch zweimal genannt wird)[5260], und auch +nicht+ aus ~Geber~[5261]. Über die Entstehung der Metalle aus Schwefel und Quecksilber, über die Metallverwandlung durch Tinkturen oder Elixire, sowie über die Erfolge der Projektion spricht er sich genau nach ~Pseudo-Avicenna~ und im nämlichen Sinne wie ~Albertus Magnus~ aus, auch äußert er gleich diesem einige schüchterne Zweifel und bemerkt, daß die Alchemisten nicht selten auf trügerische Weise verfahren[5262]. Was er von den vier Geistern, vom Herauskehren der verborgenen Eigenschaften u. dgl. berichtet, ist gleichfalls dem ~Pseudo-Avicenna~ entlehnt[5263], ebenso der größte Teil dessen, was er über Metalle und Mineralien vorbringt; +keine+ Erwähnung tut er des Alkohols und der mineralischen Säuren, die (wie schon wiederholt angedeutet) erst um und nach 1300, und zuerst im Okzident auftreten[5264].

Betreffs der übrigen weiter oben genannten „Autoritäten“ ist nur weniges hinzuzufügen: ~Thomas von Aquino~ (1225 oder 1227-1274), die Leuchte der Scholastik, dessen Ruhm sehr mit Unrecht den seines Lehrers ~Albertus Magnus~ überstrahlt, zweifelte zwar nicht an der Materia prima, ihren Wandlungen unter dem Einflusse der von Geistern geführten Gestirne, und ihrer Wichtigkeit für die Probleme der Herstellung des Goldes, des Lebenswassers und des Steines der Weisen, sowie für jene der Transmutation und der Alchemie[5265], hat aber fraglos selbst niemals wirklich eine „Alchemie“ verfaßt[5266] und sagt ausdrücklich mit aller Zurückhaltung: „machten die Alchemisten wahres Gold und Silber, der Substanz und nicht bloß dem äußeren Scheine nach, dann freilich wäre es auch nicht unerlaubt, es für wahres natürliches Gold und Silber zu verkaufen“[5267]. Desgleichen sind die dem ~Roger Bacon~ (1214-1292?) zugeeigneten alchemistischen Werke „Breve Breviarium“, „Tractatus trium verborum“, „Speculum Alchemiae“ u. dgl. bloße Pseudepigraphen. Schon ~Kopp~ hob richtig hervor, daß sie keine Spur der strengen Anordnung in logischer und der rühmlichen Bestimmtheit in sachlicher Richtung zeigen, durch die alle echten Werke ~R. Bacons~ in so hohem Maße hervorragen, namentlich auch da, wo er über die wahren Aufgaben der Chemie als Wissenschaft spricht[5268]: an Stelle der in Ansehung seiner Grundsätze zu erwartenden klaren Darlegung von Ergebnissen induktiver Forschungen und planvoller Versuche begegnet man in jenen Schriften vielmehr einem oft fast unverständlichen Durcheinander von aristotelischen Ideen, von wirren Theorien nach ~Hermes~, ~Ostanes~, ~Pseudo-Aristoteles~, ~Pseudo-Avicenna~ und ~Geber~, von mystischen Anpreisungen des „philosophischen Eies“ (als Präparat), des Gold, Gesundheit und Unsterblichkeit verleihenden Elixirs, usf.[5269].

In der 1914 erschienenen Festschrift zu ~R. Bacons~ 700jährigem Geburtstage hebt der Herausgeber, ~Little~, auch nur hervor, daß, gleich allen seinen Zeitgenossen, auch ~Bacon~ (schon unter dem Einflusse der geozentrischen Weltanschauung) an Astrologie geglaubt habe[5270] und ebenso an Alchemie, daß aber seine sog. alchemistischen Werke ein wahres Chaos darstellen, in das zunächst einige Ordnung gebracht werden müsse[5271]. Diese Aufgabe zu lösen ist aber ~Muir~, der ihr eine besondere Abhandlung widmete[5272], nicht gelungen, und als einziges Ergebnis bleibt daher vorerst das rein negative bestehen, daß wohl keine der zahlreichen Schriften, wie sie gedruckt und ungedruckt vorliegen[5273], als von ~Bacon~ selbst verfaßt anzusehen sei. Wo dieser sonst, in seinen echten Werken, auf Alchemie zu sprechen kommt, versteht er unter „Alchemia speculativa“ die Kunst „Metalle zu verwandeln vermöge gewisser Umänderungen der in ihnen enthaltenen Elemente“, und was er hierüber, sowie über die Gold und langes Leben verleihenden Medizinen vorbringt, knüpft größtenteils an die einschlägigen Lehren des ~Pseudo-Aristoteles~ an[5274].

Was endlich die sehr zahlreichen und umfangreichen alchemistischen Abhandlungen des ~Arnaldus~ von ~Villanova~ (1235 oder 1248 bis 1312 oder 1314?) und des ~Raymund Lull~ (1236-1315?) anbelangt, so sind sie, wie schon ~Kopp~ anführte[5275], in bahnbrechender Weise aber erst ~Hauréau~ bewies, sämtlich durch katalanische und provençalische „Schüler“, oder durch Verfasser, die sich als solche ausgaben, untergeschoben, zumeist erst während des 14. Jahrhunderts[5276]; demgemäß zitieren sie, neben ~Albertus Magnus~[5277], sehr oft den ~Geber~[5278], und verraten, bei sonst nicht wesentlich erweitertem empirischem Wissen, eine recht genaue Kenntnis des Alkohols und der mineralischen Säuren[5279]. Im übrigen sprechen sie mit größter Bestimmtheit über die Transmutation, den „Stein der Weisen“, der unendliche Reichtümer, Gesundheit und langes Leben verleiht, und zeigen sich auch sonst gänzlich durchdrungen von den abergläubischen Vorstellungen aller Art, die jenes Zeitalter völlig erfüllten und zu einem der dunkelsten des Mittelalters gestalteten; diese sind jedenfalls zu einem großen Teile aus den „halb philosophischen, halb astrologischen“ Werken geschöpft, die nach ~P. Paris~ seit dem 12. Jahrhundert besonders zahlreich in Spanien verfaßt und von ihren Autoren in rein willkürlicher Weise irgendwelchen gelehrten Arabern, Syrern und Juden, oder beliebigen anderen, genügend berühmten und als „Autoritäten“ angesehenen Männern zugeschrieben wurden[5280].

2. Die Alchemie nach 1300.

Die Ausbreitung der am Schlusse des vorigen Abschnittes erwähnten astrologischen und alchemistischen Gedanken seit 1300 und damit die ferneren Geschicke der Alchemie während des späteren Mittelalters und der Neuzeit in eingehender Weise zu schildern, ist an dieser Stelle nicht beabsichtigt, und zwar aus verschiedenen Gründen.

Zunächst kann von einer Weiterentwicklung, deren Verfolgung chemisches oder wissenschaftliches Interesse böte, nicht mehr die Rede sein, vielmehr ist für diese ganze Periode in noch höherem Maße als für die ihr vorausgehende festzustellen, daß die Autoren so gut wie ausschließlich nur die nämlichen, längst bekannten, der hellenistischen Zeit entstammenden Ideen und Theorien immer wieder aufs neue vorbringen, ausdeuten, umdeuten, erklären und kommentieren; begreiflicherweise wird hierbei das Verständnis allmählich immer unzureichender und die Sachkenntnis immer geringer, dagegen die Verwässerung des Inhaltes immer ausgiebiger und die Dunkelheit des Ausdruckes immer größer. Auf wenigen Gebieten bewähren sich wie auf diesem die ~Goethe~schen Worte vom „Kochen breiter Bettelsuppen“ und vom „getretenen Quark, der breit wird, nicht stark“. Manche Schriften machen sogar, wie schon ~Kopp~ treffend hervorhob, geradezu parodistischen Eindruck und würden dazu auffordern, sie als Träger eines ganz anderen, der scheinbar behandelten Sache völlig fernliegenden Sinnes anzusehen, soferne ein solcher ihnen nur überhaupt irgendwie zu entnehmen wäre.

Sodann erfreuen sich sowohl die Geschichte der eigentlichen Alchemie und ihrer immer bedeutsamer hervortretenden führenden Persönlichkeiten, der Schwärmer und Schwindler, als auch die ihres kulturhistorischen Zusammenhanges mit den verschiedenen Formen des Aberglaubens und Sektenwesens, mit dem Treiben der Rosenkreuzer und Illuminaten usf., für dieses Zeitalter (namentlich für die zweite Hälfte seines Verlaufes) bereits eingehender, nach mancher Richtung sogar erschöpfender Darstellung[5281]. Außer auf die schon oft genannten Hauptschriften ~Chevreuls~[5282], ~Hoefers~ und ~Kopps~, vor allem dessen „Alchemie in älterer und neuerer Zeit“[5283], ist der Belehrung Suchende hauptsächlich auf nachstehende Werke zu verweisen, die teils den Wortlaut der frühmittelalterlichen, echten und gefälschten Quellen wiedergeben, teils die Art und Weise ersehen lassen, in der diese zunächst die Schriftsteller der Folgezeit beeinflußten, und sodann bis in die neuere, ja neueste Zeit hinein nach den mannigfaltigsten Seiten hin weiter fortwirkten:

~Perna~, „Artis, quam Chemiam vocant, antiquissimi auctores“ = „Älteste Autoren der Chemie genannten Kunst“ (Basel 1572).

~Zetzner~, „Theatrum chemicum“ = „Chemischer Schauplatz“ (Straßburg 1613-1622; 2. Aufl. 1659): die umfangreichste Sammlung, 6 enggedruckte Bände, im ganzen etwa 5000 Seiten umfassend.

~Manget~, „Bibliotheca chemica curiosa“ = „Bibliothek chemischer Merkwürdigkeiten“ (Genf 1702).

~Lenglet du Fresnoy~, „Histoire de la philosophie hermétique“ (Paris 1742).

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~Del Rio~, „Disquisitiones magicae“ = „Untersuchungen über Magie“ (Venedig 1599 und 1652).

~Borrichius~, „De ortu et progressu Chemiae“ = „Über Ursprung und Entwicklung der Chemie“ (Kopenhagen 1668); „Hermetis, Aegyptiorum, et Chemicorum sapientia“ = „Weisheit des Hermes, der Ägypter, und der Chemiker“ (ebd. 1674); „Conspectus scriptorum chemicorum illustriorum“ = „Übersicht der Werke berühmter Chemiker“ (ebd. 1696).

~Conring~, „De hermetica medicina“ = „Über die hermetische Medizin“ (Helmstaedt 1648 und 1669).

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~Welling~, „Opus mago-cabbalisticum et theosophicum“ = „Über Magie, Kabbala und Theosophie“ (Frankfurt 1760)[5284].

~Wiegleb~, „Historisch-kritische Untersuchung der Alchemie“ (Weimar 1777): ein kritisches Hauptwerk.

~Schmieder~, „Geschichte der Alchemie“ (Halle 1832).

~Migne~, „Dictionnaire des sciences occultes“ (Paris 1848): Enthält, außer „Alchemie“ (2, 308), noch zahlreiche einschlägige Artikel des gelehrten, aber fanatisch-ultramontanen Verfassers.

~Graesse~, „Bibliotheca magica et pneumatica“ (Leipzig 1843).

~Figuier~, „L’alchimie et les alchimistes“ (Paris 1854).

~Schindler~, „Der Aberglaube des Mittelalters“ (Breslau 1858).

~Meyer~, „Der Aberglaube des Mittelalters“ (Basel 1884), 41.

~Jacob~, „Curiosités des sciences occultes“ (Paris 1885); besonders 1, 3-155.

~Poisson~, „Théories et symboles des Alchimistes“ (Paris 1891).

~Lehmann~, „Aberglaube und Zauberei“ (Stuttgart 1898), 140, 190.

~Steinschneider~, „Der Aberglaube“ (Hamburg 1900).

~Seligmann~, „Der böse Blick“ (Berlin 1910).

~Jennings~, „Die Rosenkreuzer“ (Berlin 1912), 197: sehr reichhaltiges Material, leider in ganz unkritischer und unübersichtlicher Fassung.

~Silberer~, „Probleme der Mystik und ihrer Symbolik“ (Wien und Leipzig 1914): mißt, unter vorwiegender Berücksichtigung der ~Freud~schen „Psychoanalyse“, in absonderlich-einseitiger, jedoch gerade hierdurch auch wieder lehrreicher Weise, erotischen Problemen eine übertriebene Bedeutung bei.

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Endlich stehen zwar, dank den angeführten und vielen anderen Schriften, Richtung und Verlauf der +Gesamt+entwicklung im allgemeinen genügend fest, was dagegen den +besonderen+ Anteil der einzelnen Zeiten und Länder (namentlich betreffs der ersten Anfänge) anbelangt, so fehlt es immer noch, und meist gerade bezüglich der entscheidenden Fragen, an ausreichenden Vorarbeiten; diese zum Ziele zu führen, oder auch nur mit Aussicht auf einen wesentlichen Fortschritt in die Wege zu leiten, übersteigt aber bei weitem die Kräfte eines einzelnen.

Die nachstehenden Zeilen erheben daher nicht den Anspruch, ein irgend vollständiges Bild zu bieten, sie sollen vielmehr nur einiges hellere Licht auf wenige Punkte geschichtlichen Interesses werfen, die bisher entweder keine, oder doch keine entsprechende Beachtung fanden. Vorausgeschickt sei die Bemerkung, daß die Kirche gegenüber Alchemie und Astrologie keineswegs stets eine unbedingt ablehnende Haltung einnahm. Der letzteren gegenüber fand sie häufig die Zusicherung für ausreichend, daß die Sterne nicht bewirken, sondern nur anzeigen, während sie sich bezüglich der ersteren (wenigstens zeitweilig) mit dem Hinweise beschwichtigen ließ, daß schon die hl. Schrift „die das Feuer vertragenden sechs Metalle, Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Blei, Zinn, ganz nach gehöriger Ordnung“ im 4. Buche ~Mosis~, sowie Silber, Erz (Kupfer), Eisen, Blei, Zinn, „die man im Schmelzofen schmilzt“, auch bei ~Ezechiel~ aufzähle[5285], im übrigen aber nichts enthalte, was +gegen+ die Möglichkeit einer Metallverwandlung spräche; +zugunsten+ einer solchen wurde übrigens, neben einigen noch weniger deutlichen Stellen, der evangelische Satz angeführt: „~Jesus~ autem transiens per medium illorum ibat“ („Jesus aber ging hinweg, ihre Mitte durchquerend“), „denn ungesehen und geheimnisvoll wie ~Jesus~ durch die Mitte der Pharisäer schritt, wird in der Mitte der Unwissenden auch das Gold hervorgebracht“[5286].

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In +Spanien+, dessen einheimische Litteratur sich erst nach Zurückdrängung der Araber, etwa von 1150 an, kräftiger zu entwickeln begann, scheint die Alchemie, vermutlich gerade infolge der engen Berührungen mit arabischen Kreisen, ziemlich frühzeitig in ihrer Nichtigkeit erkannt und als ausgesprochen heidnische und unchristliche Wissenschaft angesehen worden zu sein, im Gegensatze zur Astrologie, die unter den bekannten Einschränkungen meist als zulässige und zuverlässige Kunst galt. Schon ~Alfons~ X. von Castilien, wegen seiner umfassenden Bildung und seiner Bemühung um Förderung geistiger Bestrebungen aller Art „der Weise“ (richtiger: der Gelehrte) genannt, der 1252 zur Regierung gelangte, glaubte zwar an die Astrologie und schützte deren Ausübung in den 1265 von ihm erlassenen Gesetzen, verbot jedoch in diesen an zwei Stellen ausdrücklich die Alchemie als etwas Unmögliches und Unausführbares[5287]; hiermit stimmt es überein, daß eine 1272 verfaßte Abhandlung „Tesoro“ (= der Schatz), die teils in Prosa, teils in achtzeiligen Stanzen (den ältesten der spanischen Litteratur) den Stein der Weisen behandelt, -- jedoch der noch unentzifferten Geheimschrift halber vielfach unverständlich ist --, nicht von ~Alfons~ X. herrührt, wie man früher glaubte, sondern von einem anderen, vorerst nicht sicher ermittelten Autor[5288]. Auch ein Neffe dieses Königs, der Prinz ~Don Juan Manuel~ (1282-1347), von dessen gerühmten Schriften allein die „Graf Lucanor“ betitelte erhalten blieb, eine Sammlung von Anekdoten, Geschichten und Gleichnissen zumeist morgenländischer Herkunft[5289], macht sich im 8. Kapitel über die Alchemie lustig, über die Leute, die vorgeben sie auszuüben (facer alqimia)[5290], sowie über die Fürsten, die an sie glauben und dabei abgefeimten Betrügern zum Opfer werden; die sehr unterhaltende Erzählung, die er als Beispiel vorbringt, entstammt ebenfalls einer orientalischen Quelle[5291]. Der Dichter ~Villena~ (1384-1434), der sich außer mit Geschichte, Philosophie und Astrologie auch noch mit Alchemie befaßt haben soll, galt dieserhalb für einen Zauberer[5292], und mit einem solchen zu verkehren und seine Werke zu besitzen oder auch nur im Munde zu führen, war bedenklich, ja selbst gefahrbringend. Mit derlei Anschauungen ist es vielleicht auch in Verbindung zu bringen, daß z. B. in der umfassenden Sammlung „Altspanischer Sprichwörter“[5293] keine auf Alchemie bezüglichen vorkommen, und daß auch in der schönen Litteratur, die sich seit dem 15. Jahrhundert so herrlich und überreich entfaltet, einschlägige Anspielungen ganz auffällig selten zutage treten, während astrologische aller Art sehr häufig sind.

So z. B. eröffnet ~Gil Vincente~ (1470-1532?) eines seiner „Auto“ genannten geistlichen Festspiele mit dem Auftreten des ~Merkur~ als Planeten, der in eingehender Rede die Konstruktion des ganzen Weltsystems vorträgt[5294]; bei ~Encina~ (1468-1534) hilft ~Merkur~ sogar einen Toten auferwecken, was bei der Geistlichkeit großen Anstoß erregte[5295]; bei dem etwas späteren ~Carajaval~ äußern sich u. a. ~Heraklit~ und ~Demokritos~ über die Himmel und ihre Sphären[5296]; bei ~Yanguas~ endlich führt die Himmelfahrt der hl. ~Maria~ diese durch alle sieben Sphären, deren Götter sie willkommen heißen, bis auf ~Venus~, die sich aus Scham verborgen hält[5297]. Von ~Lope de Vega~ (1560-1635) wird berichtet, daß er sich in seiner Jugend den Geheimwissenschaften und „dem Labyrinth des ~Raymund Lull~“ ergab[5298], doch der Alchemie gedenkt er nur selten und dann in abweisendem Tone[5299], ganz so wie sein Zeitgenosse ~Bernardo~ (1568-1627) in den „Epischen Fragmenten“[5300]. Schon diesen Dichtern gilt alles, was in Beziehung zur Magie steht, an deren Wirklichkeit keiner von ihnen im geringsten zweifelt, für „arabisch“, rein heidnisch und durchaus verwerflich[5301]; in ganz dem nämlichen Sinne spricht auch ~Poyo~, dessen Stücke um 1600 erschienen, von Horoskopie, Zeichendeuterei und Zauberei[5302]; ~Amesuna~ (1578-1635?) läßt die Planeten-Dämonen ihre Sphären und deren Zubehör an Gold, Silber, Edelsteinen usf. regieren und „Nigromancia“ lehren[5303]; ~Alarcon~ wieder (1580-1617) erwähnt in dem berühmten Schauspiele „Die Höhle von Salamanca“ den allgemeinen Glauben an die Magie, an ihre Kräfte (die richtig zu gebrauchen man „studiert“) und an die ungeheure Macht der arabischen Zauberer, besonders der afrikanischen[5304]. Bei ~Calderon~ (1601-1681) versteht und lehrt im „Wundertätigen Magier“ (Magico prodigioso) ein gefallener Engel, der die Gestalt eines Dämons angenommen hat, Magie und Zauberei, die Künste der Magier des Orients gelten auch hier als die hervorragendsten, und am Schlusse erscheint der böse Geist auf seinem Zaubertiere, der Schlange, reitend[5305]. Das Horoskopstellen spielt eine Hauptrolle in dem reizenden Lustspiele „El Astrologo fingido“ (Der falsche Astrolog)[5306], das alsbald von italienischen und französischen Autoren nachgebildet wurde, u. a. auch von ~Corneille~, und auf dessen Arbeit hin noch in zweiter Verdünnung von englischen (~Dryden~)[5307]. In den 18 Bänden der „Fronleichnams-Festspiele“ (Autos) begegnet man sehr zahlreichen allegorischen Figuren, -- von denen übrigens bei gleichem Anlasse schon ~Gil Vincente~ Gebrauch machte[5308] --, u. a. den 4 Elementen[5309], den 4 Weltaltern[5310], den 7 Wochentagen, die eine Himmelskugel mit den Tierkreisbildern und Planeten geleiten[5311], sowie dem ~Merkur~, der „alles Wissens Meister“, zugleich aber als Cherub mit dem feurigen Schwerte auch Paradieses-Hüter ist[5312]; ferner findet wiederholt die Astrologie Erwähnung, bald als etwas Erlaubtes[5313], bald als etwas Teuflisches und Verwerfliches[5314]; nirgends ist jedoch von Alchemie die Rede, auch nicht in dem Auto „Der verborgene Schatz“[5315], das hierzu reichlichen Anlaß böte. -- Erst in der Zeit des Verfalles der Litteratur, die etwa mit 1675 einsetzt, treten Alchemie, Magie und Zauberei wieder mehr in den Vordergrund, und zwar auf dem Theater vornehmlich mit Rücksicht auf Effekthaschereien und Dekorationskünste[5316]; aufgeklärtere Geister standen indessen auch damals dieser Vorliebe nur als Satyriker gegenüber, wie z. B. das ausführliche Spottgedicht über die Alchemie in ~Solorzanas~ Novelle „La garduna de Sevilla“ (um 1680) beweist[5317].

In +Frankreich+ waren Astrologie und Alchemie schon im 12. Jahrhundert vielfach und im 13. sehr allgemein verbreitet, nicht nur in den provençalischen Landesteilen, -- deren Litteratur zahlreiche einschlägige Anspielungen enthält und auch allerlei Übersetzungen, sowie einige anscheinend von einheimischen Verfassern herrührende, jedoch ganz unselbständige Werke hervorbrachte[5318] --, sondern auch im Norden, wie dies schon die oben angeführte Äußerung des ~Albertus Magnus~ (1193 bis 1280) über die Pariser Fälscher bezeugt. ~Langlois~ bringt hierfür in dem bereits erwähnten, trefflichen Buche „La connaissance de la nature et du monde au moyen-âge“ eine Anzahl Belege bei: ~Bartholomaeus Anglicus~ (der für einen Zögling der Schule von Montpellier gilt) hält in seinem gegen 1240 verfaßten Werke „De proprietatibus rerum“, einer der wichtigsten, vielgelesensten und maßgebendsten Kompilationen des gesamten Mittelalters, die Existenz der Alchemie für etwas ganz Selbstverständliches und zweifelt nicht daran, daß z. B. die Wärme aus Erde und gewissen Zutaten ganz ebenso das Silber und Gold hervorzubringen vermöge, wie aus Kieselsand und Asche das Glas[5319]; der Bearbeiter des Buches „~Sidrach~“ (um 1250) schildert die „Salbe der Philosophen“ als eine allgemeine Panacee, die „die Aussätzigen heilt“, die Kranken gesund, die Männer unverwundbar, die Frauen fruchtbar macht, und während der ersten acht Tage des April[5320] durch die Philosophen und Astrologen der in Großindien gelegenen Stadt Stramon hergestellt wird, und zwar aus 372 [= 365 + 7] Kräutern und dem Blute des weißen indischen Drachen[5321]; nach dem Verfasser der Erzählung „~Placidus~ und ~Timeo~“ (gegen 1300) stehen die Metalle in engster Verbindung mit den die Geschicke lenkenden Planeten, und diese sind nach gewissen Helden benannt, z. B. nach ~Jupiter~ und ~Merkur~, die die Griechen zu Göttern erhoben und als Herren der Gestirne ansahen[5322], usf.

Frühzeitig fanden alchemistische Ideen auch Eingang in die poetische Litteratur, und dies läßt ersehen, wie sehr der allgemeine Zeitgeist sich bereits mit ihnen befreundet hatte und wie vertraut sie, bis zu gewissem Grade, auch jener großen Menge geworden waren, die den Leser- und Hörerkreis volkstümlicher Dichtungen bildete[5323]. Eines der lehrreichsten zugehörigen Beispiele enthält der altfranzösische, fast 24000 Verse umfassende „Roman de la rose“, der um 1237 von ~Guillaume de Loris~ begonnen und um 1277 von ~Jean Clopinel~ (genannt ~de Meung~) vollendet wurde und fast fünf Jahrhunderte lang eines der volkstümlichsten, verbreitetesten und einflußreichsten Bücher der französischen Litteratur blieb, -- dank dem novellistischen Interesse seiner Fabel, der beispiellos kühnen Satire auf weltliche und geistliche Macht und dem Reize dunkler naturgeschichtlicher Anspielungen. Zu den letzteren zählt auch eine alchemistische Stelle, in der der Verfasser schildert, wie die Natur immer und überall der Kunst überlegen bleibe, worauf er im Hinblicke auf letztere fortfährt[5324]:

„Und brächt’ Alchemie ihr auch bei, die Metalle Mit farbigem Glanz zu tingieren alle, Sie könnte, und sollt’s um ihr Leben sich handeln, Doch Art nie wirklich in Art verwandeln, -- Sie müßte denn erst einen Weg ersinnen, Die ‚materia prima‘ zurückzugewinnen: Daß sie ihr Lebtag dessen Spur Nicht findet, dafür sorgt Natur. Mag sie nun noch so mühsam streben, Den Stoffen die Urform zurückzugeben, Fruchtlos bleibt sie des Werks beflissen, Denn ihr Fehler ist: nicht zu wissen, Wie ihr das Elixir gelänge, Dem die richtige ‚Form‘ entspränge, Die, mit ‚Materie‘ im Verbande, Die einzelnen Stoffe bringt zustande, -- Dies Elixir, das erscheinen muß, Bringt einer die Sache recht zum Schluß. Dennoch aber, und mit Vergunst, Ist Alchemie eine wahre Kunst; Wunderbare Dinge fände, Wer sie nur so recht verstände. Würd’ +der+ sich an die Substanzen machen Mit Hilfe der seltsamen Siebensachen, Die zu sotanem Werke nötig: +Der+ fänd’ sie zu jeglicher Wandlung erbötig. Er ändert ihre Komplexion Durch diese und jene Digestion, Und wenn die Verwandlung gelungen ganz, So hat er eine +neue+ Substanz, Und die +alte+ ging auf in Dunst. So wissen die Meister der Glasmacherkunst Aus den Pflanzen vom Strand am Meer[5325] Asche und Glas zu stellen her Kraft einer Läuterung sanft und milde; Und doch ist die Pflanze kein Glasgebilde, Und auch das Glas kein Gewächs im Meer! Dann, -- wenn der Blitz und der Donner schwer In den Boden schlägt: da wird sich Dir zeigen, Wie den Gesteinen Dämpfe entsteigen, Die sonst niemals aus Felsen brechen. Bist Du nun Kenner, dann magst Du sprechen Und die Ursache machen kund, Die solcher Wandlung liegt zu Grund, Völlig die Stoffe umgestaltet, Völlig neu an ihnen entfaltet (Sei es durch Zwang, sei’s durch Natur) Fremdes Wesen und fremde Figur.

Wer gründlich erfaßt diese Wege alle, Verwandelt leicht auch die Metalle. Er weiß von Beimischung sie zu befreien Und ihnen die rechte Form zu verleihen, Er macht sie die Nachbarstufen durchschreiten, Die eine zur andren hinüberleiten, Bis +so+ das Werk er fertig bringt, Wie der Natur es selbst gelingt: Denn, wie in weisen Büchern zu lesen, Laßt diese der Metalle Wesen Aus Schwefel und Quecksilber sich gestalten Durch mancherlei Kraft in der Erde Spalten. Wer nun die Geister Zu nützen wüßt’ als Meister, Wer ihre Kraft könnt’ zwingen Ins Innre der Stoffe zu dringen Und, ohne wieder zu verfliegen, Im reinen Stoffe festzuliegen, (Denn +rein+ muß der Schwefel sein wie billig, Zu weißer und roter Tingierung willig), -- +Der+ wäre Fronherr der Metalle, Und wandelte nach Wunsch sie alle.

Der, dem die Alchemie ist hold, Gewinnt gar leicht aus Quecksilber Gold, Und verleiht ihm den Glanz und der Schwere Kraft Durch Zutaten, die er sich billig verschafft. Aus Gold auch macht er sich Edelsteine Herrlich leuchtend in lautrem Scheine Und aus gemeiner Metalle Substanz Zeugt er Silber von hellem Glanz Durch kräftig bleichende Medizinen, Die die Form zu veredeln dienen. Doch nichts von all dergleichen Dingen Wird dem Sophisten[5326] je gelingen: Der mühet sich, Zeit seines Lebens, Natur zu meistern ganz vergebens.“

Wie eindrucksvoll diese in geschickter und leicht faßlicher Weise vorgebrachten Lehren für die Dauer blieben, bezeugt die Tatsache, daß noch ~Palissy~ (1510-1590?), der hervorragende Technologe und Vorkämpfer der induktiven Methode, neben den Werken des ~Geber~ und des ~Arnold~ von ~Villanova~ den „Roman de la Rose“ als wichtigste der von den Vorfahren hinterlassenen Schriften bezeichnet[5327]. Er selbst verwirft übrigens wie die Astrologie[5328] so auch die Alchemie[5329], deren Theorien und Methoden durchaus unsinnig und betrügerisch sind[5330]; freilich versichern so manche der zahlreichen Alchemisten und Ärzte Frankreichs, an den künstlichen Edelmetallen, sowie an ihrem die größten Wunderkuren verrichtenden „trinkbaren Golde“ viel Geld zu verdienen; aber bis sein Wunsch in Erfüllung gehe, deren Verfahren selbst ausüben zu lernen, ziehe er vor, stillzuschweigen und jenen die Beweise für ihre Behauptungen zu überlassen[5331]. Diesen gemäß müßte übrigens das Gold, um in Lösung gehen zu können, in Schwefel und das giftige Quecksilber zerfallen, aus denen es, gleich sämtlichen anderen Metallen, nach den Lehren aller „Philosophen“ bestehen und entstehen soll, -- woran nur insofern etwas Richtiges sein mag, als diese Stoffe vielleicht irgendwie bei der Abscheidung der Metalle und Erze im Innern der Erde mitwirken, dann aber gleich unbrauchbaren Schlacken wieder abgeschieden werden[5332].

Für ~Palissys~ großen Zeitgenossen ~Rabelais~ (1483-1555) sind Astrologen und Alchemisten ein unerschöpflicher Gegenstand beißenden Witzes, und in unnachahmlicher Weise trifft die Lauge seines Hohnes bald ihre Voraussetzungen und Deutungen, bald die Erzeugnisse ihrer „Künste“, -- zu denen auch die von Hühnern blank verdauten Perlen gehören[5333] --, bald die „chaldäischen“ Wirkungen, ausgeübt von den 7 planetarischen Metallen und Steinen, in Form von Ringen, von Weinkrügen, von Statuen, die in einem verborgenen Zaubertempel aufgestellt sind, usf.[5334]. -- Mit gleich scharfem Spotte äußert sich ~Periers~ in den geistvollen Satiren seines „Cymbalum mundi“ (= „Weltglocke“; 1537) und der „Nouvelles récréations“ (1558)[5335]: die Alchemisten sind und bleiben Schwindler und Betrüger, groß im Versprechen, klein im Halten, verheißen den Gläubigen die Geheimnisse des Königs ~Salomon~ und der Prophetin ~Maria~, speisen sie aber mit Redensarten ab, stellen ihnen den Stein der Weisen in Aussicht, liefern jedoch statt dessen Sand, lassen die Getäuschten rechtzeitig im Stiche, suchen neue Anhänger, finden sie auch, und werden hierin fortfahren, so lange sie solche finden.

Zu sehr weit zurückliegender Zeit faßte die Alchemie in +Italien+ Boden, woselbst (wie oben erwähnt) nachweislich auch zahlreiche Geistliche des 12. und 13., und vermutlich bereits solche des 11. Jahrhunderts, sie auf das Eifrigste betrieben; damit, daß „Italien diese Krankheit so sehr früh durchmachte“, steht es nach ~Burckhardt~[5336] im Zusammenhange, daß es sie auch als erstes aller Länder glücklich überstand, nämlich „dem Wesentlichen nach schon im Verlaufe des 14. Jahrhunderts“, um dessen Mitte die große Kunst in den Augen der Einsichtigen „bereits allen ihren Reiz eingebüßt hatte“ und zum bloßen Werkzeuge der Übervorteilung und des Betruges herabgesunken war. Demgemäß versetzt ~Dante~ schon in der um 1300 vollendeten „Hölle“ den Alchemisten, der auf verbotenen Wegen (vielleicht auch im Bunde mit bösen Geistern) als „Affe der Natur“ die echten Metalle nachzuahmen suchte, in die tiefste, dem Höllenfeuer zunächst liegende der zehn „Bolgen“[5337]; desgleichen spricht ~Petrarca~ (1304-1374) in seiner 1366 verfaßten Abhandlung „De remediis utriusque fortunae“ mit schärfstem Hohn und denkbar größter Verachtung und Erbitterung über das Treiben der Alchemisten, und wählt als Motto des betreffenden Dialoges das Distichon:

„Alchemistischer Trug, der Vielen ein Gipfel der Kunst scheint, Haß nur erweckt er dem Mann, der die Betörten verlockt[5338].“

Auch der Münzfälschung gelten die Goldmacher wenn nicht für überwiesen so doch für verdächtig, und derlei Vorfälle scheinen Anlaß zu der diesen öffentlichen Schaden ausdrücklich erwähnenden Bulle Papst ~Johannes~ XXII. (1316-1334) gegeben zu haben, die jede Ausübung der Alchemie grundsätzlich verbot[5339]; eine Wirkung erzielte sie natürlich nicht, es sei denn die, daß man den Papst selbst als geheimen Alchemisten hinzustellen versuchte, der aber bei seinen Bemühungen vom Glück nicht begünstigt gewesen sei[5340].

Zur Zeit der Renaissance, während derer die italienischen (aber auch andere) „Meister“ in den nordischen Ländern und an deren Fürstenhöfen die lohnendsten Erfolge einheimsten und zu niegesehenem Einflusse gelangten, spielte die Alchemie in Italien selbst nur mehr eine ganz untergeordnete Rolle, so daß z. B. der „Große Rat“ zu Venedig die fernere Ausübung dieser Betrügerei schon 1488 ein für allemal untersagte[5341], und am päpstlichen Hofe die wenigen, die ihr noch anhingen, für „ingenia curiosa“, (= nicht recht gescheit) galten[5342]. Als daher 1514 der „große“ ~Aurelio Augurelli~ (1441-1524) dem Papste ~Leo~ X. seine poetische Darstellung und Verherrlichung der Alchemie überreichte[5343], in der er u. a. den kühnen, schon dem ~Raymund Lull~ zugeschriebenen Satz erneuerte: „Das Meer würde ich in Gold verwandeln, bestünde es aus Quecksilber“, ließ ihm jener aufgeklärte Fürst als Gegengeschenk einen leeren Beutel verabfolgen und tröstete den Betroffenen mit den Worten: „Wer selbst Gold zu machen versteht, bedarf nur einer Börse, um es aufzubewahren.“

~Lionardo da Vinci~ (1452-1519), der mit erstaunlichen naturwissenschaftlichen Kenntnissen und Erkenntnissen allgemeinen Charakters auch weitgehende besondere Erfahrungen über chemische Operationen mannigfaltiger Art verband[5344], war ein abgesagter Feind „der lügnerischen und verderblichen Kunst der Alchemie und ihrer fälschenden und betrügenden Anhänger“, bestritt, daß Schwefel und Quecksilber Bestandteile der Metalle seien, und erklärte die künstliche Darstellung des Goldes für ebenso unmöglich wie die Quadratur des Kreises oder die Erfindung des Perpetuum mobile[5345]. Ähnliche Ansichten äußert auch sein Zeitgenosse, der hervorragende Technologe ~Biringucci~ (1480-1539?), -- der feststellt[5346], daß noch kein Alchemist jemals die Wahrheit seiner Versicherungen auch nur im geringsten Punkte nachgewiesen habe, daß er selbst an derlei Möglichkeiten nicht glaube und nichts über sie wisse, und daß die Metalle weder Schwefel noch Quecksilber enthielten[5347] --, sowie der etwas spätere ~Garzoni~, der Verfasser des enzyklopädischen Werkes „Piazza universale“ (1585); nach Wiedergabe der alchemistischen Verheißungen ruft er dem Leser ein „Hüte Dich!“ zu[5348] und empfiehlt dem nach Silber und Gold Begehrenden, sich lieber in irgend ein Münzamt zu begeben, woselbst er die beste „Alchemie“ vorfinden werde, nämlich die wahre Kunst des Goldmachens[5349].

In ~England~ war die Alchemie im 13. und 14. Jahrhundert nicht minder verbreitet als in Frankreich; während der andauernden Kämpfe zwischen diesen beiden Ländern, die die englischen Finanzen wiederholt in die mißlichste Lage brachten, scheint sie in nahe Beziehungen zur Münzfälschung getreten zu sein, die von englischer Seite zeitweise geradezu von Staats wegen gefördert wurde, angeblich auch, um den feindlichen Wohlstand durch das in Umlauf gesetzte Truggold zu schädigen. Jene äußerst anrüchige Verbindung, die zu mehrmals wiederholten strengen Verboten führte, u. a. durch ~Carl~ V. (1380) für Frankreich und ~Heinrich~ VI. (1404) für England[5350], erklärt wohl die Tatsache, daß die Alchemie in England verhältnismäßig frühzeitig in so völligen Verruf kam, wie ihn das 4. Buch der „Confessio amantis“ des Dichters ~Gower~ (vollendet 1390)[5351] und in noch höherem Grade die „Canterbury-Tales“ seines Zeitgenossen ~Chaucer~ (verfaßt 1391?) ersehen lassen: die ganze ausführliche „Erzählung des Canonicus“[5352] ist eine einzige schonungslose Satire auf das unverschämte Auftreten, die frechen Vorspiegelungen und die gemeinen Betrügereien der Alchemisten, dieser würdigen Klienten ihrer Schutzpatrone, des ~Platon~, ~Hermes~ und ~Arnold~ von ~Villanova~. -- Auf die Dauer hielt diese Erkenntnis überlegener Geister freilich auch hier nicht vor, und im 15. und 16. Jahrhundert zeigt sich die gerade in England besonders konservative Denkweise der großen Menge wieder völlig durchsetzt von alchemistischen und astrologischen Vorstellungen und Gedanken. Daß solche jedermann verständlich waren und selbst dem gewöhnlichen Theaterbesucher durchaus vertraut klangen, beweisen die sehr mannigfaltigen Anspielungen auf dramatischem Gebiete: so z. B. erhalten in „Maria Magdalena“, einem der seit 1450 besonders zahlreichen und beliebten „Moralitäten- und Mysterien-Spiele“, die ausziehenden 7 „Fürsten der Hölle“ (= 7 Todsünden) als Geschenke der Planeten deren 7 Metalle, von der Sonne das Gold, vom Monde das Silber, vom Mars das Eisen, vom Merkur das Quecksilber, von der Venus das Kupfer, vom Jupiter das Zinn, vom Saturn das Blei[5353]; die zwischen 1590 und 1612 auf der Bühne erschienenen Werke ~Shakespeares~ wimmeln von alchemistischen und astrologischen Hinweisungen[5354]; sehr häufig finden sich solche auch in den Stücken seiner Zeitgenossen, u. a. des ~Lilly~ (1554-1602), z. B. in der „Gallathea“[5355], sowie in „The woman in the moon“, worin „Natur“ eine Hirtin ~Pandora~ erschafft und mit allen möglichen Gaben ziert, „geraubt den Göttern der 7 Planeten“, die dann zur Rache „aufgehen“ und ~Pandora~ auch aller ihrer bösen Eigenschaften teilhaftig machen, bis sie zuletzt unter dem Einflusse der Luna „lunatic“ (wahnsinnig) wird[5356]; ~Ben Jonsons~ Lustspiel „Der Alchemist“ (1610) setzt sogar eine völlig ins einzelne gehende Kenntnis des alchemistischen Schwindels, mindestens aber ein sehr lebhaftes Interesse für ihn voraus[5357].

Auch in einem bald nach 1500 verfaßten erzählenden Gedichte des ~Hawes~, Hofpoëten König ~Heinrich~ VII., besiegt ein die „Seele“ verkörpernder Ritter das „Ungeheuer der 7 Metalle“, dessen Glieder eine Zauberin unter dem Einflusse der gerade regierenden Planeten schuf, -- das Haupt aus Gold, den Nacken aus Silber, die Brust aus Eisen, die Vorderfüße aus Messing [Mischmetall?], den Rücken aus Kupfer, die Hinterfüße aus Zinn, den Schweif aus Blei[5358] --, und noch in den um ein Jahrhundert jüngeren Erzählungen des ~Barclay~, „Euphormio“ (1603) und „Argenis“ (1621), diesen (in lateinischer Sprache geschriebenen) Moderomanen der Zeit, die ihren Weg sofort durch alle Länder Europas nahmen, spielen Alchemie und Astrologie eine ausführliche, sichtlich den Bedürfnissen des Leserkreises angepaßte Rolle[5359].

In wissenschaftlicher Hinsicht sei daran erinnert, daß ~Bacon~ von ~Verulam~ (1551-1626) zwar die eigentliche Alchemie verwirft, dagegen auf Grund seiner eigenen Theorien vom Wesen der Materie die Umwandlung der unedlen Metalle in edle, sowie die künstliche Darstellung des Goldes für sehr wohl möglich erklärt; er gibt hierzu sogar eine ausführliche Anweisung, die darauf hinausläuft, die einzelnen, seiner Ansicht nach selbständig bestehenden „Formen“ des Goldes, also die gelbe Farbe, den Glanz, die Dehnbarkeit und Hämmerbarkeit, das hohe spezifische Gewicht usf., zu vereinigen, um so eine Art Synthese des Goldes zu bewerkstelligen[5360]. -- Während der folgenden Jahrhunderte traten in England noch eine ganze Reihe einflußreicher Alchemisten auf, deren Schriften in ~Ashmoles~ „Theatrum chemicum Britannicum“[5361] und zum Teil auch in den „Collectanea chemica“ abgedruckt sind[5362]. Kaum glaublich erscheint es, daß noch 1702 ~Dickinson~ großes Aufsehen mit der Behauptung erregen konnte, der Mensch enthalte infolge astraler Einflüsse wahres Quecksilber im Blute und wahre Metalle in Fleisch, Eingeweiden und Exkrementen, so daß man aus seinem Körper Gold, die Universaltinktur, sowie den Stein der Weisen auszuziehen vermöge[5363]; aber sogar noch 1779 kaufte das Parlament einer alten Jungfer namens ~Jane Stephens~ ihr Verfahren zur Herstellung des Steines der Weisen für 5000 Pfund ab, „um es zum allgemeinen Nutzen öffentlich bekannt zu machen“, -- „jedoch (so sagt ~Wiegleb~ sehr hübsch)[5364], wie gewöhnlich, bekannt gemachte Geheimnisse verlieren ihren Wert!“

Für +Deutschland+ zählen die oben angeführten Berichte bei ~Adam~ von ~Bremen~ (gest. 1076) über das Erscheinen eines byzantinischen Alchemisten namens ~Paulus~ am Hofe des Erzbischofs ~Adalbert~ von ~Bremen~[5365], -- er behauptete, Kupfer in Gold verwandeln zu können --, sowie des ~Albertus Magnus~ über die Tätigkeit der Kölner Fälscher jedenfalls zu den ältesten Erwähnungen der Alchemie. Irrtümlich ist die Behauptung, daß ihrer auch der sprachgewaltige Kanzelredner Bruder ~Berthold~ von ~Regensburg~ (gest. 1272) gedenke, denn in seinen Predigten erwähnt er zwar oft die 7 Planeten und ihre vielerlei Kräfte[5366], auch die vier Elemente[5367], das Wachsen von Gold und Silber in der Erde[5368], die Legierungen von Zinn mit Gold und Kupfer, deren erstere sich wieder zerlegen lasse, während die letztere „kein Meister und nicht die ganze Welt voneinander bringen kann“[5369], nirgends berührt er aber auch nur mit einem Worte die Goldmacherei.

Außerordentlichen Aufschwung nahmen Alchemie und Astrologie seit Beginn der Renaissance, die zwar den Hang zur Mystik und sog. Geheimwissenschaft allerorten steigerte, nirgendwo aber in höherem Maße als in Deutschland, dessen Zersplitterung und Kleinstaaterei den „Adepten“ ein von der kaiserlichen bis zur bescheidensten reichsunmittelbaren Hofhaltung herabreichendes, ebenso ausgebreitetes wie lohnendes Feld der Tätigkeit eröffnete. Unter den Größen des 15. Jahrhunderts sei an dieser Stelle nur „die Leuchte der Weisheit“, der hochgelehrte Abt ~Trithemius~ von Sponheim bei Kreuznach (1462-1516) erwähnt; er selbst scheint zwar nichts von Goldmacherei gehalten zu haben, sein 1506 zu Passau schon gedruckt erschienenes „Wunderbuch“ ist aber eine wahre Fundgrube abergläubischer Vorstellungen, u. a. derer über die 7 Planeten, ihre Geister und Zeichen[5370]; über die zugehörigen Pflanzen, Steine und Metalle, sowie deren innere Verwandtschaft mit den Wandelsternen[5371]; über die unreifen und reifen Metalle nebst ihren Zwittern und Hermaphroditen (auch einen aus Eisen und metallischem Antimon)[5372]; über das ägyptisch-chaldäische „Elektron magicum“, eine aus allen sieben Metallen zusammengeschmolzene Legierung, deren unbeschreibliche Eigenschaften sie besonders geeignet zur Anfertigung von Zaubervorrichtungen aller Art machen[5373], usf.

Bei ~Trithemius~ erwarb, nach eigener Angabe, einen erheblichen Teil ihrer alchemistischen Kenntnisse die größte Gestalt der deutschen Renaissance, ~Theophrastus Paracelsus~ (~Hohenheim~; 1483-1541), auf dessen überragende Bedeutung für die Geschichte der Medizin, der Chemie und anderer Wissenschaften nebst ihren Seitenzweigen, aber auch für die des Humanismus und der Mystik, hier nur hingewiesen, nicht eingegangen werden kann. Der Umfang seiner überlieferten einschlägigen Schriften, -- sie füllen in der Sonderausgabe von ~Waite~[5374] etwa 800 Seiten in Großquart --, die Schwierigkeit, sie angesichts des fast völligen Mangels eigenhändiger Manuskripte in echte, entstellte und untergeschobene zu sondern, die Unsicherheit betreffs ihrer zeitlichen Entstehung, nicht zum mindesten auch die Dunkelheit und Zweideutigkeit des Ausdruckes, machen es ungewöhnlich schwer, über die wahren Ansichten des ~Paracelsus~ Klarheit zu gewinnen. An vielen Stellen verwirft er die eigentlichen Lehren der Alchemisten, „dieser Narren, die leeres Stroh dreschen“; an vielen billigt er sie, wenn auch oft nur zum Teil und in abgeänderter Weise, wie er denn Schwefel und Quecksilber als die beiden Grundbestandteile aller Substanzen annimmt, ihnen aber „Salz“ als einen gleich wichtigen dritten hinzufügt; an anderen deutet er sie symbolisch um, und an wieder anderen überträgt er sie aus dem Gebiete der Chemie in das der Medizin und gelangt so zu seinen iatrochemischen Elixiren, Essenzen, Quintessenzen („Tugenden der Dinge“), Tinkturen, Arkanen[5375], Panaceen, Allheilmitteln und Universalpräparaten[5376]. Die durch ~Paracelsus~ und die Paracelsisten entfesselte Bewegung war mächtig und tiefgreifend; nicht nur im deutschen Reiche, sondern in allen Kulturländern löste sie geistige Kämpfe von weitgehender Bedeutung aus, und wie so oft in derlei Fällen trugen die Mißverständnisse und Übertreibungen der Schüler nicht zum wenigsten dazu bei, auch den schwachen Lehren des Meisters unverdiente Beachtung zu verschaffen, hier also der Alchemie zu neuem und gesteigertem Ansehen zu verhelfen.

In der Zeit vor und gegen 1500 war dieses auf einen gewissen Tiefpunkt gesunken, so daß z. B. ~Sebastian Brand~ im „Narrenschiff“ (1494) die Alchemisten und Astrologen nicht nur als Narren hinstellt, sondern als Gauner, Betrüger und gemeingefährliche Fälscher[5377]; als solche sahen sie auch die Behörden an, und es erklären sich hieraus die wiederholten und strengen Verbote der Alchemie, wie sie u. a. 1492 die Reichsstadt Nürnberg erließ, allerdings ohne dauernden Erfolg[5378]. Noch für den in den Naturwissenschaften nicht unbewanderten ~Melanchthon~ (1497-1560), der übrigens Schwefel und Quecksilber als Universalelemente bestehen ließ, ist die Alchemie nichts weiter als ein „sophistischer Schwindel“[5379], während ~Luther~ (1483-1546) zwar die Astrologie mit fast gleichlautenden Worten verwirft[5380], die Alchemie aber mit Rücksicht auf die Wiederbelebung der getöteten Metalle milder beurteilt, „besonders um ihrer Allegorie und heimlichen Deutung willen, die überaus schön ist, nämlich die Auferstehung der Toten am jüngsten Tage“[5381]. Irrtümlich ist die Angabe, daß auch sein Zeitgenosse ~Agricola~ (1494-1555) zu Chemnitz ein Freund oder gar Förderer der Alchemie gewesen sei; die Schriften, aus denen dies gefolgert wurde, gehören nämlich nicht ihm an, sondern einem Namensvetter, während er selbst sich in seinen ausgezeichneten und geradezu grundlegenden mineralogischen und metallurgischen Werken durchaus zurückhaltend äußert und allenfalls nur die Frage nach der bloßen Möglichkeit einer Metall-Verwandlung als eine vorerst noch offene bestehen läßt.

Etwa von 1550 an schwillt allerorten, zumeist aber in Deutschland, die alchemistische Litteratur zur Hochflut auf, so daß um 1650 die Zahl der zugehörigen Werke von ~Borelli~ auf annähernd 4000, und um 1720 von ~Rothscholz~ auf über 5000 beziffert wird[5382], -- und alles dies, ohne daß auch nur ein einziger wirklich neuer Gedanke befruchtend eingriffe! Der Alchemie huldigen nicht nur die Mystiker, wie etwa ~Khunrath~ (1560 bis 1605), Verfasser des „Amphitheaters der ewigen Weisheit“ und des „Dreieinigen natürlichen Chaos der Chemiker“, oder ~Jakob Böhme~ (1575 bis 1624), der sich in der „Signatur der Dinge“, der „Aurora“ usf., an der Macht der Planeten und ihres Zubehörs, an den Kräften des „Marcurius“ und „Sallniter“, an den Wundern des Schwefels, Quecksilbers, Salzes, u. dgl. mehr, gar nicht genug zu tun weiß, sondern auch die bedeutendsten Naturforscher des Zeitalters, u. a. ~Libavius~ (gest. 1616), ~Van Helmont~ (1577-1644), der den Stein der Weisen selbst in der Hand gehabt und mit größtem Erfolge gebraucht hat, ~De la Boe~ (1614-1672), ~Kunckel~ (1630-1702), ja zum Teil sogar ~Boyle~ (1626-1691) und ~Boerhaave~ (1686-1738); und doch hatte dieser selbst nachgewiesen, daß die Metalle weder Schwefel noch Quecksilber enthielten, daß die Fixation des letzteren unmöglich sei, und daß sich Blei nicht in Quecksilber überführen lasse[5383]. Auch für diese Periode findet sich also bewährt, was ~Kopp~ betreffs des Mittelalters ausspricht: „Daran, daß die Alchemie ihr Problem lösen könne, glaubten fast alle, daran, daß sie es bereits gelöst habe, und zwar mit großartigem Erfolge, die meisten, selbst hervorragende geistige Größen[5384].“

Sehr vereinzelt stehen unbedingte Verurteilungen da, wie die durch den berühmten Jenaer Mediziner und Anatomen ~Rolfink~ (1599-1673), der die an Alchemie Glaubenden den Starblinden gleichstellt[5385], oder durch den, trotz aller Absonderlichkeiten, von staunenswertem Wissen erfüllten ~Athanasius Kircher~ S. J. (1665); dieser will zwar nicht bestreiten, daß vordem, jedoch freilich nur mit Hilfe des Teufels, künstliches Gold gemacht worden sei, im übrigen sind aber für ihn einfach alle Astrologen Beutelschneider und alle Goldmacher Münzfälscher[5386]. Der gesunde Sinn solcher Männer verdient aufrichtige Bewunderung, wenn man liest: wie sich 1629 der Vorsteher der kurfürstlichen Sammlung in Dresden bemühte, die 7 Hauptmetalle den Kräften der 7 Planeten gemäß aufzustellen und „auszuteilen“[5387]; wie 1669 ~Becher~, in vielem unbedingt einer der offensten Köpfe seiner Zeit, mit weitläufigen Darlegungen die Behauptung verteidigt, König ~Salomon~ habe, trotzdem er genötigt war Gold aus Ophir holen zu lassen und seine Untertanen übermäßig zu besteuern, doch den Stein der Weisen besessen[5388]; wie 1682 der gelehrte Jenaer Professor ~Wedel~, dessen altes bleiernes Tintenfaß zufällig durch Quecksilber beschädigt worden war, die abenteuerlichsten Hypothesen über die Ursache der plötzlichen Umwandlung des einen Metalles in das andere erörterte[5389]; wie der überaus belesene Polyhistor ~Morhof~ 1719 die Transmutation der Metalle für eine zweifellose Tatsache erklärte[5390]; wie Kaiser ~Franz~ I. 1746 gegen den vermeintlich im Besitze des Steines der Weisen befindlichen Adepten ~Sehfeld~ „peinlich inquirieren“ ließ, und der sonst so mißtrauische ~Friedrich der Grosse~ 1751 zur Durchführung alchemistischer Versuche seitens einer Frau ~von Pfuel~ 10000 Taler bewilligte[5391]; wie 1764 ~Koelreuter~ zugunsten seiner grundlegenden Beobachtungen über Pflanzenbastarde anführt, daß sie trefflich mit den Theorien der Alchemisten hinsichtlich der Umwandlung der Metalle übereinstimmen[5392]; endlich, wie 1760 der keineswegs ganz ungläubige, aber durchaus ehrliche ~Justi~[5393], vor allem aber 1777 der ebenso sachverständige wie unbestechliche ~Wiegleb~[5394], zwar die völlige Nichtigkeit der Alchemie mit den überzeugendsten Gründen für jedermann nachwiesen, der für solche empfänglich ist, einen dauernden Erfolg aber nicht zu verzeichnen hatten. Schon wenige Jahre später vermochte ein Schwindler wie ~Price~, Mitglied der Londoner „Royal Society“, -- der sich schließlich vergiftete, als diese Gesellschaft auf ernstliche Untersuchung drang --, das Urteil auch der deutschen Gelehrten derartig irrezuführen, daß 1782 selbst der aufgeklärte und scharfsinnige ~Lichtenberg~ schwarz auf weiß versicherte, ihm vorerst den Glauben nicht versagen zu können[5395]; ebenso wurden erst 1789 die Ankündigungen des redlichen Halleschen Theologieprofessors ~Semler~, denen gemäß in seinen vor den Fenstern stehenden Gläsern Goldblätter etwa so wuchsen wie Hyacinthen, als Ausflüsse eines Betruges aufgedeckt, dem der Leichtgläubige selbst zum Opfer gefallen war[5396]. Aber auch diese Enthüllungen, die großes und berechtigtes Aufsehen erregten, fielen rasch der Vergessenheit anheim, und von 1796 an konnte ~Kortum~[5397] mit Hilfe des damals in Gotha erscheinenden „Reichsanzeigers“ weite ungelehrte und gelehrte Kreise mit dem Glauben an das Bestehen einer vielverzweigten „Deutschen Hermetischen Gesellschaft“ erfüllen und sie über ein Jahrzehnt lang in einer Weise an der Nase herumführen, die dem witzigen Verfasser der „Jobsiade“ insgeheim manche vergnügte Stunde bereitet haben mag.

Einen nochmaligen Aufschwung nahm die Alchemie im Zeitalter der Romantik, das dem Mystizismus, dem Glauben an Wunderwirkungen, Geister, Gespenster usf. ganz außerordentlich ergeben war, -- es braucht in dieser Hinsicht nur an den polaren „männlichen und weiblichen Feuerstoff“ des Jenenser Mediziners ~Voigt~[5398], oder an den „tierischen Magnetismus“ erinnert zu werden, dessen Entdecker, ~Mesmer~ (1734-1815)[5399], sich schon 1766 durch die abenteuerliche Dissertation „Über den Einfluß der Planeten auf den menschlichen Körper“ hervorgetan hatte. Begünstigend, wenn nicht geradezu fördernd, erwies sich dabei die Haltung der sog. Naturphilosophie. Läßt doch selbst der Begabteste ihrer Vertreter, ~Schelling~ (1775-1854), in der „Philosophie der Kunst“ (1802)[5400], in seiner „Zeitschrift für spekulative Physik“[5401] und der „Neuen Zeitschrift für spekulative Physik“[5402], in den „Ideen zu einer Philosophie der Natur“[5403] usw., eine Fülle ebenso wortreicher wie nichtssagender, völlig hohler Redensarten niedergehen, die auf eine noch unfertige Jugend nur verwirrend wirken konnten: Da beweist die Naturphilosophie, daß den verschiedenen Ordnungen der Metalle, dem Silber oder Gold, gleiche Ordnungen am Himmel entsprechen; daß die Gestirne auf die Bildungen der Erde Einflüsse von eigentlich magischer, mit der gewöhnlichen natürlichen ganz unvergleichbarer Art ausüben; daß hierbei die Gesetze der Zahl und des Abstandes der Planeten mitspielen, die zugleich Einsicht in das innere System der Töne eröffnen, wobei sich die Zentripetalkraft als Rhythmus, die Zentrifugalkraft aber als Harmonie erkennen lassen; da ist die Rede von den geheimnisvollen Zusammenhängen zwischen den vier edlen Metallen (hier Gold, Silber, Quecksilber, Platin) und dem Reiche der Planeten; da wird die wahrhafte innere Gleichheit und absolute Identität aller Materien und die Lehre von den Metamorphosen dieser Urmaterie verkündigt usf. Es waren derlei phantastische Träume, wie sie diese Werke, in noch erhöhtem Maße aber das berüchtigte, seit 1810 in wiederholten Auflagen erschienene ~Oken~sche „Lehrbuch der Naturphilosophie“ erfüllten[5404], aus denen ~Liebig~, der 1821 in Erlangen ~Schellings~ Hörer gewesen war, „mit Schrecken und Entsetzen“ erwachte[5405]; von ihnen umnebelt sah noch 1824 der Bonner Chemieprofessor ~Wurzer~ in den von ihm geprüften Mineralwässern „organische Verbindungen von der Physik und Chemie unerreichbaren Imponderabilien und geheimnisvollen Potenzen“[5406], erklärte sich noch 1832 der verdiente Historiker der Alchemie, ~Schmieder~, als durchdrungen von der Erkenntnis, daß das Goldmachen eine Tatsache sei, und daß es einzelne bevorzugte Besitzer des Steines der Weisen allezeit gegeben habe und noch immer gebe[5407].

Der Glauben an die Möglichkeit der Alchemie ist übrigens bis auf den heutigen Tag nicht völlig erloschen, ja die gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als ein unverkennbares Zeichen der Zeit, abermals allerwärts und in überraschender Weise hervortretende Neigung zu Okkultismus, Mystik, Astralkunde, Theosophie, Spiritismus usf., führte ihm neue Nahrung zu. So entstand in Paris 1894 eine „Société hermétique de France“[5408] und bald darauf eine „Société alchimique de France“[5409], in deren Laboratorien ~Jollivet-Castelot~ und seinen Freunden die Darstellung des Goldes gelang oder doch beinahe gelang[5410]; seit 1890 erschien eine „Bibliothèque rosicrucienne“, seit 1894 eine „Collection hermétique“ in zwei Serien, seit 1896 eine Monatsschrift „Hyperchimie et Rosa alchemica“, seit 1904 eine „Revue d’Astrologie“[5411], und alle diese Unternehmungen scheinen bis in die jüngste Zeit fortgesetzt worden zu sein. Aber auch in Deutschland begann, etwa mit der Herausgabe des (sehr oberflächlichen) „Handbuches der Astrologie“ von ~E. Mayer~ (1891)[5412], die einer ganzen Anzahl ähnlicher Schriften, und die gesamte geistesverwandte Litteratur nahm alsbald derartig an Umfang zu, daß sich 1907 „die Notwendigkeit ergab“, in Leipzig ein „Zentralblatt für Okkultismus“ und 1912 eine „Astrologische Bibliothek“ zu begründen. Daß das „Wöchentliche Verzeichnis des Börsenvereines der Deutschen Buchhändler“ eine ständige Abteilung „Philosophie und Geheimwissenschaft“ führt, daß ferner Anzeigen betreffs Astrologie, Nativitäts-Stellen, Wahrsagerei u. dgl. alltäglich in vielen großen Zeitungen erscheinen, sich also sichtlich gut bezahlt machen, beweist ebenfalls, daß es an einem ausgebreiteten Leserkreise auch gegenwärtig keineswegs fehlt[5413]. Was aber insbesondere die Hoffnungen der Goldmacher anbelangt, so werden sie zur Zeit wesentlich mit Hinweis auf das Radium und die radioaktiven Stoffe wachgehalten[5414], „von deren völlig wunderbaren und für die Wissenschaft gänzlich unerklärlichen Eigenschaften sich +alles+ erwarten läßt“ und denen man, je ungenügender sie noch bekannt sind, desto kühner die außerordentlichsten Wirkungen zuschreiben darf, ohne eine unmittelbare Widerlegung durch den Versuch befürchten zu müssen.

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Nicht des näheren eingegangen, sondern nur kurz hingewiesen werden kann an dieser Stelle auf die Beziehungen der Alchemie zur +Kunst+, die wesentlich durch jene zu den 7 Planeten bedingt sind.

Zu Alexandria, woselbst, wie weiter oben dargelegt, der Kult der Planeten, gefördert von den Gnostikern, Mithrasverehrern, Neuplatonikern usf. erst zu voller Entwicklung und vielseitigster Bedeutung gelangte, dürften auch die Urbilder, aus ihnen aber wieder die bleibenden Typen jener plastischen und zeichnerischen Darstellungen entstanden sein, die u. a. als Vorlagen der in den ältesten astrologischen Codices des Mittelalters auftauchenden und aus diesen dann auch von den meisten jüngeren Handschriften übernommenen Miniaturen anzusehen sind. Sichtlich zeigen sie sich durchaus beeinflußt von der Antike, namentlich auch von der spätrömischen und byzantinischen Verehrung der Planeten als Tagesgottheiten, die bereits im Laufe der Kaiserzeit große Verbreitung und allgemeine Volkstümlichkeit erlangt hatte[5415].

Aber auch für den Osten wurden jene „hellenistischen Typen“ maßgebend, allerdings in „orientalisierter Gestalt“; verraten doch die islamischen Darstellungen der Planeten[5416], deren älteste auf einer Messingkanne des 12. Jahrhunderts und in der Damascener ~Qazwini~-Handschrift von 1366 vorliegen, ein sichtlich schon längst[5417] feststehendes Gepräge deutlich synkretistischer Art, dessen orientalischer Bestandteil in letzter Linie auf die chaldäischen Planetengötter zurückgeht[5418] und hauptsächlich wohl durch die Ssabier übermittelt wurde, mit deren Angaben über die Gestalten der Planeten-Idole und über die zugehörigen Symbole, Farben, Kleidungen usf. die islamischen Nachbildungen durchaus übereinstimmen[5419]. Erst seit dem 12. Jahrhundert sollen diese aber weitere Verbreitung in den muslimischen Kreisen und durch sie auch in jenen der westlichen Mittelmeer-Völker gewonnen haben, und zwar kamen den letzteren nicht nur, wie man früher annahm, bloße Beschreibungen (aus litterarischen Quellen) zu, sondern auch die charakteristischen Abbildungen, die sich u. a. noch in den farbigen Miniaturen alchemistischer Handschriften (z. B. des ~Geber~, gegen 1300) unverkennbar erhalten haben[5420]. Die Frage, durch wen und wo diese Weitergaben im einzelnen erfolgten, läßt sich vorerst nicht ausreichend beantworten; +eine+ der Stellen, denen hierbei eine wichtige Rolle zufiel, war aber zweifellos der am Hofe des kastilischen Königs ~Alfons~ X. tätige Gelehrtenkreis, dem um 1240 die sog. „Picatrix“ entsprang, ein Buch, das u. a. (natürlich nur indirekt) aus ssabischen Quellen, z. B. aus dem „Ghâjat“ schöpfte und in seinen Planeten-Beschreibungen bei ~Jupiter~, dem „großen Glücke“[5421], sowie bei ~Mars~ ausdrücklich auch deren Metalle erwähnt, bei ~Mars~ den Ring aus Kupfer und die Räucherpfanne aus Eisen[5422]. Die „Picatrix“ gehört anscheinend mit zu den Vorlagen des von ~Michael Scotus~, dem Hofastrologen Kaiser ~Friedrichs~ II., gegen 1250 vollendeten großen astrologischen Traktates, in dem die alten chaldäischen Astralgötter, wenn auch nicht nochmals neu- so doch umgebildet, nunmehr auch in mittelalterlichem Gewande und Äußeren erscheinen[5423]. Den ~Scotus~ versetzt ~Dante~ (um 1300) in die Bolge der falschen Wahrsager und Zauberer[5424], da er selbst, ganz so wie ~Albertus Magnus~ (gest. 1280), der ausschließlich griechische, jüdische oder arabische Autoren astrologischer Schriften nennt, vom christlichen Standpunkte aus die gesamte Sterndeuterei völlig verwirft[5425]. Im übrigen schließt er sich, gleich ~Thomas~ von ~Aquino~, der schon von ~Origenes~ gebilligten Lehre an, daß die Planeten von Schutzengeln geistigen Wesens (substantiae spirituales) gelenkt und geleitet werden und spricht diese daher im „Paradies“, sowie in der zweiten Canzone des „Gastmahles“ (Convito) mit den Worten an: „Voi, che intendendo il terzo cielo movete“. ~Gildemeister~ übersetzt sie[5426]: „O Ihr, Die Ihr den dritten Himmel lenkt, erkennend,“ ~Kannegiesser~[5427]: „Die denkend Ihr bewegt der Himmel Dritten“. Indem ~Dante~ den 7 Planeten die 7 Sphären sowie die 7 Reihen der Seligen, im „Gastmahl“[5428] aber auch die 7 Wissenschaften des Tri- und Quadriviums zuordnet, bahnt er einen ersten Schritt in der Richtung der künstlerischen Darstellungen enzyklopädischer Art an, die allmählich, und besonders seit der Zeit der Renaissance, das Übergewicht über die älteren, wesentlich vom mittelalterlich-scholastischen, kirchengemäßen Geiste getragenen erlangten[5429].

Betreffs einer der frühesten Wiedergaben der 7 Planeten (anscheinend auf Wandteppichen), von der gegen 1107 das sehr merkwürdige Gedicht des Abtes ~Baudri~ über „Das Schlafgemach der Gräfin ~Adele~ von ~Blois~“ berichtet, läßt sich leider Näheres nicht angeben, da der von ~Schlosser~ veröffentlichte Auszug gerade an dieser Stelle große Lücken aufweist[5430]; auch über die Miniaturen der im Britischen Museum befindlichen, gegen 1320 vollendeten lateinischen Übersetzung der „Astronomie“ des ~Albumasar~ (= ~Abu Maschʿar~, gest. 886) ist Genaueres nicht bekannt[5431], was desto bedauerlicher erscheint, als dieser Autor wieder Vieles aus der „Sphaera“ des ~Teukros~ von ~Babylon~ schöpfte, die ihm allerdings nur in persischer Übersetzung zugänglich war[5432].

Von Werken der italienischen Frühkunst kommen in Betracht: die Planeten-Fresken des ~Lorenzetti~ im Rathause zu Siena, 1338-1341[5433]; die dem ~Talenti~, einem Schüler ~Pisanos~, zugeschriebenen Reliefs am Campanile zu Florenz, um 1350[5434]; der Cyclus des ~Bonajuti~ in der spanischen Kapelle zu Florenz, gegen 1370[5435]; die Gruppe an einer Säule des Dogenpalastes zu Venedig, um 1350 oder 1400[5436]; die Fresken des ~Guariento~ (?) in der Kirche der Eremitani zu Padua, um 1365 oder 1400[5437]; die Fresken des ~Miretto~ (aus der Schule ~Giottos~) im Justizpalast zu Padua, um 1420[5438]; die Gemälde des ~Duccio~ in der Malatesta-Kapelle zu Rimini, um 1455[5439]; die des ~Cossa~ im Schlosse Schifanoja bei Ferrara, gegen 1470[5440]; die des ~Perugino~ an der Decke des Audienzsaales im Gebäude der Wechslerzunft (Cambio) zu Perugia, um 1499[5441]; die des ~Raffael~ in der Kirche Sta. Maria del popolo zu Rom, um 1516[5442]. Bei den älteren unter ihnen fehlen ins einzelne gehende Einflüsse der bekannten Übermittlungen ganz, es sei denn, daß (wie schon bei ~Lorenzetti~) die Sonne, statt ihrer aber oft auch der ~Jupiter~, in Gestalt eines Königs mit der Krone erscheint, wie einstens ~Mithras~[5443]. Erst in der Gruppe des Dogenpalastes (1350, 1400) führt ~Merkur~ die Bezeichnung „Stilbons“ (= στίλβων, Stilbon, der Glänzende) und hält ~Mars~ ein Banner mit der Inschrift „De ferro sum“ (Ich bin aus Eisen)[5444], und bei ~Miretto~ (1420) trägt letzterer Gott einen roten Mantel[5445]; dieser Künstler bildet auch zum ersten Male ~Merkur~ als Astrologen ab[5446], während ihn ~Duccio~ (1455) als ~Hermes Psychopompos~ auffaßt und mit Schlangenstab und Mandoline ausstattet, an deren Stelle bei ~Cossa~ (1470) eine Geige tritt, beide als Ersatz der antiken Leyer[5447]. ~Perugino~ greift schon ganz offenbar auf die antiken Typen zurück, nach Art der in den gleichzeitigen Holzschnitten zum „Astrolabium“ des ~Joh. Angelus~ (Venedig 1494) und in den Stichen des ~Baldini~ zutage tretenden[5448], und bei ~Raffael~ vollends tragen die Planeten die ausgesprochene Gestalt der alten Götter, werden aber zugleich von Engeln geleitet[5449]. Nur sehr langsam, dem allmählichen Fortschritte entsprechend, der zur Entfaltung der Renaissance führt, ändert sich also auch die Auffassung und Nachbildung der Planeten; erst das volle, für die Höhezeit der Renaissance so bezeichnende Wiederhervortreten der mystischen, abergläubischen und astrologischen Elemente[5450] bringt sie auch als Tagesgötter und Vertreter der Siebenzahl-Theorie abermals zu Ehren[5451], lehrt aufs neue ihren Zusammenhang mit Metallen, Steinen, Pflanzen, körperlichen Teilen und geistigen Eigenschaften, Lebensaltern, Farben, Gerüchen, Tönen, Buchstaben usf.[5452] und veranlaßt ihre schon oben erwähnten enzyklopädischen Darstellungen in Verbindung mit den 7 Tugenden und Lastern, Sakramenten und Todsünden, Wissenschaften und Künsten, mit den Musen als Vorsteherinnen der Sphärenharmonie und Leiterinnen der Himmel und Himmelskörper[5453], mit den Propheten und Heiligen, oder mit den Jahreszeiten und Tierkreisbildern. Ein Versuch, die fernere künstlerische Entwicklung der einschlägigen Gestalten, der Symbole und Attribute, der für die Planeten genau zu berücksichtigenden Farbengebung usf., im einzelnen zu erörtern, ist aber an dieser Stelle ausgeschlossen.

Die ziemlich zahlreichen alchemistischen Gemälde und Stiche aus späteren Zeiten stellen teils die von auffälligen Apparaten und seltsamem Urväter-Hausrat erfüllten Laboratorien dar, teils tragen sie, gleich den bekannten ~Teniers~schen, den Charakter von satirischen oder Genre-Bildern; Belehrung über die Geschichte der alten Alchemie bieten sie daher nicht mehr.

Sechster Abschnitt.

(Anhang.)

Zur älteren Geschichte der Metalle.

Einleitung.

Die +vorausgehenden+ Abschnitte boten bereits vielfachen Anlaß zur Erörterung einzelner wichtiger Punkte aus der älteren Geschichte der Metalle; angesichts des innigen Verbandes, in dem diese mit der Entwicklung der Alchemie steht, soll sie aber der +vorliegende+ nunmehr noch in zusammenhängendem Umrisse und in etwas erweiterter Form darstellen. Das Hauptgewicht ist jedoch hierbei auf die kulturgeschichtlichen und etymologischen Beziehungen gelegt, während nicht etwa beabsichtigt wurde, aus der Geschichte wohlbekannte Tatsachen zu wiederholen, oder nach berg- und hüttenmännischer, chemischer und technologischer Seite hin auf den ungeheuren Wissensschatz einzugehen, der sich in zahlreichen, ebenso ausführlichen wie gründlichen Werken hervorragender Sonderforscher niedergelegt findet.

Was den Ausdruck „Metall“ anbelangt, so sei bemerkt, daß die sämtlichen älteren Etymologien dieses Wortes jeglichen Wertes entbehren, die neueren aber ebenfalls noch nicht feststehen oder allgemein anerkannt sind[5454]. Schon vor fast anderthalb Jahrhunderten brachte ~Gehler~, jedenfalls auf +noch+ ältere Quellen hin, „Metall“ in Verbindung mit dem homerischen Zeitworte μεταλλᾶν (metallán) = aufsuchen, nachforschen[5455]; tatsächlich entsprechen diesem auch im Griechischen nach ~Schrader~ die Hauptworte μεταλλή (metallé) = Nachforschung und μέταλλον (métallon) = „Ort der Nachforschung“ in ganz gleicher Weise wie es innerhalb der lebenden Sprachen z. B. im Russischen der Fall ist[5456]. In erster Linie bedeutete also Métallon nichts weiter als eine beliebige Grube, in zweiter dann ein Bergwerk (im Armenischen noch jetzt Métalk), in dritter ging der Name von dem +Orte+ auf den +Gegenstand+ der Nachsuchung über, und erst in vierter und spätester auf jene bestimmte +Art+ des Gegenstandes, die man unter Metall im heutigen Sinne zu verstehen pflegt[5457]. Wie die Bezeichnungen vieler edler Metalle und Steine, denen man seit jeher zauberisch schützende, abwehrende, oder heilende Eigenschaften beilegte, z. B. χρυσός (Gold), χαλκός (Kupfer), ferner vielleicht σάπφειρος (Sapphir), ἀμέθυστος (Amethyst) und andere, so entstammte vermutlich auch μέταλλον einer orientalischen Sprache[5458], anscheinend der eines kleineren, keiner der führenden Hauptfamilien zugehörigen Volkes. Im Sinne von Bergwerk begegnen wir μέταλλον erst bei ~Herodot~ (489-425)[5459]; bei ~Aristophanes~ (geb. 444) sind μέταλλα auch schon die Pachtgelder für Bergwerke[5460]; metallum im Sinne von Metall scheint, wohl zufälligerweise, erst bei ~Lucretius~ (98-55) bezeugt zu sein[5461]. ~Strabon~ (66 v. bis 24 n. Chr.)[5462] und auch ~Diodor~ (zur Zeit ~Caesars~)[5463] sprechen von Alaun und Alaungruben als „Metalla“, und diese Bezeichnung der Grube oder des Gegrabenen wendet ~Vitruv~ (zur Zeit des ~Augustus~) auch auf Melinum an (eine weiße oder gelbliche Erdart)[5464], ~Plinius~ (um 75 n. Chr.) u. a. auf Kreide und Diamant[5465], ~Solinus~ (um 250) in seinen dürftigen Auszügen aus ~Plinius~ auf Salz (salinarum metalla)[5466], sein Zeitgenosse ~Heliodor~ auf Smaragden[5467], usf. In späterer Zeit heißen Metallarii, μεταλλεῖς, erst die mit dem Graben von Gängen und Stollen beim Bergbau und auch bei Belagerungen Beschäftigten[5468], und im 4. Jahrhundert sind „Metallarii“ die den Zünften der Bergwerks- und Steinbruch-Arbeiter Angehörenden. Das Anlegen der Gruben und die Verarbeitung der Metalle bildete damals, gleich dem Sammeln und Verwerten des Purpurs, der Herstellung feiner Gewebe (besonders des Leinens) und dem Betriebe vieler anderer Gewerbe, ein kaiserliches Vorrecht oder Monopol[5469]; um dessen Ertrag zu sichern, war der Stand der Metallarii ein zwangsweise erblicher[5470], unterlag der Aufsicht besonderer Oberbeamten, -- ein „Comes metallorum per Illyricum“, „Berghauptmann oder Berggraf für Illyrien“, ist für 366 nachgewiesen[5471] --, und hatte eine feste Abgabe, „Canon metallicus“, zu leisten, die derart eingetrieben wurde, daß der Kaiser z. B. den privilegierten Goldsuchern oder Goldwäschern (aurileguli) eine bestimmte Menge ihres Goldes in natura abforderte, während ihm für den Rest das Vorkaufsrecht zu einem Vorzugspreise zustand[5472].

1. Gold.

Sowohl in der alten wie in der neuen Welt tritt das Gold in vielen Fällen als zuerst bekanntes Metall auf[5473], wozu nicht minder sein Vorkommen wie seine Eigenschaften Anlaß bieten[5474], denn auf primärer und sekundärer Lagerstätte sowie als Flußgold findet es sich gediegen und völlig oder annähernd rein, mußte also durch Schwere und Glanz, Unzerstörbarkeit und Festigkeit, Geschmeidigkeit und Dehnbarkeit schon frühzeitig die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich lenken. Seine leuchtende Farbe erklärt die sehr allgemeine Beziehung zur Sonne, und diese wieder den weitverbreiteten Glauben an seine höheren, himmlischen, zauberhaften Kräfte. So behaupten z. B. einige malayische Stämme noch heutzutage, Gold, aber auch Silber und Zinn, bildeten die Wohnstätten göttlicher Geister (die sie auch wachsen und nachwachsen machen), dürften daher nur unter gewissen heiligen Zeremonien und namentlich unter sorgfältiger Vermeidung aller diesen Geistern unangenehmen Geräusche aufgesucht und ausgegraben werden, seien aber selbst wieder besonders geeignet zur Unterstützung der religiösen und Kult-Handlungen[5475]. Die verhältnismäßige Weichheit des reinen Goldes, die Leichtigkeit, mit der es sich bereits in der Kälte hämmern, auch zu Blechen, ja selbst Drähten gestalten läßt, sowie die Schwierigkeit, die unter gleichen Umständen das Zusammenfügen kleiner Einzelstücke bietet, erschließt ohne weiteres das Verständnis für die Formen der ältesten Fundstücke[5476]: Schmuck aus mit dem Steinhammer bearbeiteten Goldplättchen weisen schon die Gräber der neolithischen (jüngeren steinzeitlichen) Periode auf[5477], später folgen mit Goldblech belegte oder beschlagene Holz-Geräte und -Waffen, sodann durch „kaltes Hämmern“ gestaltete Platten, Ringe, Treib- oder Hohl-Arbeiten, während geschmiedete, geschweißte und gelötete Gegenstände erst Erzeugnisse weitaus späterer Zeitalter darstellen[5478]. Daß sich aber während solcher die älteren Verfahren noch lange weiter erhalten können, und zwar auch in benachbarten Gegenden, dafür bietet die neue Welt ein lehrreiches und zur Vorsicht bei allen ins einzelne gehenden Schlüssen mahnendes Beispiel: denn während die Einwohner der Antillen und der nördlichen Teile Südamerikas nur mit dem kalten Hämmern und Treiben des Goldes vertraut waren[5479], hatten jene Mexikos und Perus die Bearbeitung von Gold und anderen Metallen bereits zur höchsten technischen und künstlerischen Vollendung entwickelt. Auf dem Markte der Stadt Mexiko sah schon ~Cortez~ nicht nur Silber, Kupfer, Blei und Zinn, sondern auch Gold in Säckchen und Körbchen, sowie in Gestalt von Barren verkaufen[5480]; Gold und Silber standen dort in naher Beziehung zu Sonne und Mond, die man neben der Venus göttlich verehrte, wie denn astrologische Ideen weitverbreitet waren[5481] und auch der Glaube an vier Elemente und an die Möglichkeit eines Unsterblichkeits-Trankes waltete[5482]. In Peru war man ebenfalls durchaus vertraut mit dem Schmelzen, Gießen, Löten, Treiben und Plattieren des Goldes, mit der Herstellung äußerst dünner Vergoldungen, mit der Gewinnung feinster Drähte und Bleche, -- die herrlichen großen Gold-Schmetterlinge sind nur 0,1 mm dick --, und mit der Bereitung verschiedenfarbiger Goldlegierungen, u. a. solcher mit Silber, Kupfer, Zinn, Antimon, oder mehrerer von diesen zusammen[5483]; bekannt sind die Schilderungen des ~Garcilasso de la Vega~, nach denen der große Sonnentempel der Inkas mit goldenen Platten ausgelegt und eingedeckt war, ein goldenes Standbild des Sonnengottes und unzählige goldene Schmucksachen, Gefäße und Weihgeschenke enthielt, während sich das Gelaß seiner Gemahlin, des Mondes, nach gleicher Weise in Silber ausgestattet fand[5484].

Über die Geschichte des Goldes in +Ägypten+ ist schon in den vorausgehenden Abschnitten, an Hand der frühesten Aufzeichnungen bis zu den Erzählungen des ~Agatharchides~ herab, Näheres berichtet worden, so daß nur an weniges zu erinnern bleibt. Bereits in den Gräbern der älteren Steinzeit finden sich vereinzelte goldene Schmucksachen[5485]. Im 4. Jahrtausend stand die Verarbeitung des Goldes schon in hoher Blüte[5486], und zur Zeit der Thiniten, um 3300, wurde eine „Steuer vom Gold“ = „Steuer vom Vermögen“ erhoben und das Gold hauptsächlich aus Nubien bezogen[5487]; sein ältester Name lautet daher Nub[5488], und sein ältestes hieroglyphisches Zeichen ist der Sack zum Auswaschen, nach dem es als „Nub en nun“ (Gold des Wassers, des Flusses) vom „Nub en set“ (Gold des Felsens, des Gebirges) unterschieden wird[5489]. Gegen 2000 erfolgte die Eroberung der Goldgruben Nubiens und des Wüstenplateaus Wadi Allaki, mit der zugleich der Frondienst der Negerstämme einsetzt[5490], und nicht viel später begann das Heranholen des Goldes zur See aus den Punt-Ländern, als die man vermutlich die Küsten des südlichen Arabiens und östlichen Afrikas anzusehen hat[5491]; unter König ~Thutmosis~ III. (1501-1447) kam bereits vieles Punt-Gold nach Ägypten[5492], und die Berichte aus seiner und aus der Folgezeit (z. B. die im Papyrus ~Harris~ aus dem 13. Jahrhundert) schildern eingehend die besonderen Eigenschaften und Farben der verschiedenen Goldarten[5493]. Für das Wägen und Messen des Goldes bestanden seit altersher bestimmte Vorschriften, wie man denn überhaupt festen Gewichtsnormen in Ägypten schon um 2800 begegnet[5494]. In jüngerer Zeit ist ein Hauptmaß das in 10 Kite geteilte Deben (etwa 130 g); eines der im Papyrus ~Ebers~ (um 1500) gebräuchlichen Medizinal-Gewichte, das ⅔ Kite beträgt, ging später als Drachme von Aegina in den griechischen Kulturkreis über[5495], während wiederum 36 Kite das römische Pfund bildeten[5496]. Das Abmessen feinen Goldstaubes erfolgte in kleinen, mit einem passenden Handgriffe versehenen Bronzezylindern und war, wie einige Fundstücke ersehen lassen, um 1500 ebenfalls schon längst üblich[5497].

Die +Sumerer+, die nichtsemitischen Ur-(?)Einwohner Sinears, des südlichen Zweistromlandes, deren von ~Lenormant~[5498] behauptete Verwandtschaft mit den turanischen Völkern, den Ugro-Finnen und den Tschuden des nördlichen Asiens, durchaus fragwürdig ist[5499], kannten zweifellos schon in ältester Zeit das Gold, das Silber, das Kupfer und die Edelsteine, sowie deren Verwertung[5500]; sie besaßen Schriftzeichen für die genannten Metalle, hielten deren Glanz für etwas Heilbringendes und Überirdisches, verehrten metall-hütende und -verarbeitende Götter, sahen in der die untere Hemisphäre durchwandernden Sonne eine Gottheit der verborgenen metallischen Schätze, die „aufzusteigen begehren“[5501] und sollen den ersten Anlaß zu jenen Lehren des nachfolgenden babylonischen Zeitalters gegeben haben, denen gemäß den Göttern die verschiedenen Metalle als Attribute zugewiesen wurden[5502]. ~Inlil~, der Gott der ersten sumerischen Hauptstadt Nippur, galt für den „Herrn des Goldes“, eine Würde, die nachher auf ~Marduk~, den Stadtgott von Babel, überging[5503]; der alte Gott ~Ea~ von Eridu, später zum Herrscher der Tiefe geworden und als Bringer erhabenster Weisheit aus ihrer Urflut auftauchend, wird (auch unter dem Namen ~Oannes~) ebenfalls als Gott des Goldes bezeichnet, als Schutzherr der Goldschmiede, sowie der Schmiede und Metallarbeiter überhaupt[5504]. Noch später versah dieses Amt der Feuergott ~Gibil~, Meister der „heiligen oder himmlischen Schmiede“, die aber, entgegen ehemaligen Meinungen, im Sinne von Fegefeuer für Altbabylon nirgendwo bezeugt ist[5505]. Nach babylonischem Glauben entstammt das Gold dem „finsteren Norden“[5506], -- woraus also das Unzutreffende der Ansicht erhellt, es finde sich überall und allerorten mit den Lichtgottheiten verbunden[5507] --, und zwar dem Lande Aralli, dem goldreichen, unter einem silbernen Himmel liegenden Wohnsitze gewisser Götter und Geister[5508]. -- Um 2500, unter dem Könige ~Sargon~ I., soll u. a. der Landstrich von Melucha in Arabien viel Goldstaub nach Sinear geliefert haben[5509]; gegen 2000, zur Zeit ~Hammurabis~, wird Gold, z. B. in Barren und „Zungen“, zwar öfters erwähnt[5510] und man kannte anscheinend schon den Voll- und Hohlguß, sowie die Herstellung gehämmerter Platten[5511], doch war es immerhin noch ziemlich selten, und wenn der König ~Sumulailu~ den Thron des ~Marduk~ mit Silber und Gold ausschmückte, so wird dies ausdrücklich hervorgehoben[5512]. Gegen 1600 muß indessen die Verbreitung schon eine recht erhebliche gewesen sein, und ägyptische Inschriften erwähnen goldene babylonische Gefäße, Kunstwerke und Statuen als Siegesbeute[5513]. Das um diese Zeit seitens der Ägypter übernommene, babylonische sexagesimale Maß- und Gewichts-System[5514], dem auch das „Mine“ genannte Gold-Gewicht (die μνᾶ der Griechen) angehörte[5515], läßt sich bis auf etwa 2500 zurückverfolgen, und zwar bestanden die Gewichte anfangs aus Steinen, z. B. Hämatit, später aus Blei und noch später auch aus Bronze[5516]; schon gegen 2300 bestimmte man ein festes Wertverhältnis der Gewichtseinheiten Gold und Silber (später auch Silber und Kupfer), dessen wiederholt abgeänderter Betrag schließlich bei 11: 1 verblieb und als solcher in jüngeren Zeiten zur Norm der lydischen, persischen, phönizischen und karthagischen Münzprägung wurde[5517]. -- Der babylonische Name des Goldes, der vermutlich kein einheimischer war, lautete „hurasu“, und sein ältestes, den Ost- und West-Semiten gemeinsames Wortzeichen bedeutete „das Glänzende“[5518].

Im Bereiche der +ägäischen+ Kultur beginnt an einer der ältesten und wichtigsten Fundstätten, dem Palaste zu Knossos auf Kreta, Metall erst gegen 3000 aufzutauchen, Gold zunächst in Gestalt verhältnismäßig spärlicher Schmucksachen aus Golddraht, die u. a. das Spiralmotiv zeigen[5519]; auf den Cycladen ist Gold um 2500 noch recht selten[5520], ebenso in Cypern, wo zunächst φθοΐδες, d. s. Klümpchen und flache Kuchen, und erst weiterhin dünne Stangen und Barren zutage treten[5521]. -- In +Troja+, richtiger in dem mächtigen Schutthügel von Hissarlik, dessen tiefstliegende Ansiedlung bis gegen 3000 oder 3300 zurückreichen dürfte, weisen die Schichten um 2600 neben φθοΐδες, kleinen Stangen und Barren, bereits Schmuck aus Golddraht und Goldperlen, sowie goldene Bleche und aus solchen getriebene oder gepreßte Geräte auf[5522]; die der Zeit zwischen 2500 und 2000 angehörigen, in denen ~Schliemann~ den sog. „Schatz des ~Priamos~“ fand, zeigen außerdem auch reich gegliederten, zum Teil auch schon gelöteten Goldschmuck, allerlei getriebene Gefäße aus Gold, Silber und Kupfer, sowie größere Zungen und Barren[5523], letztere nach ägyptischem Gewichte ausgewogen[5524]. -- Die gegen 2000 entstehende +mykenische+ Kultur[5525] entwickelte sich durch Berührung der vorgenannten Mittelmeer-Kulturen mit denen Ägyptens und des Orients, wobei Hauptvermittler die Phönizier zur See waren, und die Chetiter (über Kleinasien und Syrien) zu Lande[5526]; wie die Funde zu Mykene und an vielen anderen Stätten beweisen, war dieses Zeitalter reich an Gold[5527], besaß eine ausgebreitete Goldindustrie[5528] und wußte aus Gold verschiedener Färbung, in Verbindung mit Alabaster, Elfenbein, Malachit, Lasurstein, bunten Glasflüssen (namentlich künstlichem Blaustein) u. dgl. mehr, eine Fülle schöner, reich ornamentierter Schmucksachen und Gebrauchsgegenstände herzustellen, u. a. auch aus getriebenen oder gepreßten Blechen geformter und gelöteter[5529].

An das erste Bekanntwerden der +Griechen+ mit dem Golde hat die Sage noch eine Erinnerung bewahrt, indem sie es nach Überlieferungen, die uns durch ~Plinius~[5530], ~Hyginus~ (2. Jahrhundert n. Chr.?)[5531], und ~Cassiodorius~ (gest. um 580 n. Chr.)[5532] erhalten blieben, bald durch ~Thoas~, bald durch ~Aeakus~ oder ~Sakus~, einen Sohn des ~Zeus~, in Panchaia oder auf einem daselbst gelegenen Berge Thasos auffinden ließ. Den Namen des Goldes, χρυσός (Chrysós), übernahmen die Griechen wohl von Semiten, und diese wiederum von einem Volke des goldreichen Kleinasiens[5533], jedoch nicht, wie man ehedem glaubte, von den Phrygern, da das Gold bei diesen γλουρός (Glurós) hieß = gr. χλωρός (Chlorós, d. i. Grüngelbes)[5534]. Wahrscheinlich leitet sich Chrysós vom semitischen, daher auch phönizischen Harût oder Charûz ab[5535], denn Gold und Silber wurden in Griechenland fraglos hauptsächlich durch die Phönizier verbreitet, wenn auch der Zeitpunkt, zu dem dies geschah, noch strittig ist: nach einigen Forschern befuhr nämlich jenes Handelsvolk erst seit etwa 1100 die Küsten Nordafrikas, Siziliens, Sardiniens und Spaniens, und nicht vor 800, also erst +nach+ der mykenischen Periode, die Griechenlands und der griechischen Inseln[5536]; nach anderen hingegen trug es schon zur Entstehung der mykenischen Kultur mit bei und unterhielt gerade mit den ihm benachbarten Küsten bereits damals einen lebhaften, und um 1600 schon einen vollständig entwickelten Verkehr[5537]. Jedenfalls wurden die Gold- und Erzgruben auf den Inseln Thasos (auch Chryse geheißen!), Thera, Melos, Kimolos, Seriphos, Siphnos und anderen, ferner die in Thrazien (besonders am Pangaios) und Mazedonien usf., zuerst von Phöniziern angelegt und in Gang gebracht[5538]. Als sich die europäischen Griechen im 8. und 7. Jahrhundert der Führung der lange Zeit unter lebendiger Nachwirkung der mykenischen Kultur stehenden kleinasiatischen entwanden und neue orientalische Einflüsse von Assyrien, Ägypten und Kyrene her erfuhren[5539], kannten sie daher längst das Gold sehr wohl; häufiger wurde es dagegen bei ihnen erst seit etwa 500, wenngleich die Sagen von den goldgrabenden Ameisen und goldbewachenden Greifen, vom goldenen Vließ usf., auch für diese Periode die Dürftigkeit des näheren Wissens noch weiter bezeugen. In der Regel erhielt der Goldschmied (χρυσοχόος) vom Auftraggeber das Gold geliefert, das er mit dem herakleïschen Steine (dem Steine aus Herakleia in Lydien) probierte[5540], schmolz, zu Platten und Blättern hämmerte und trieb, seltener auch (zu meist nur kleineren Gegenständen) goß; die dünnen Blätter und Blättchen (πέταλα, λεπίδες) blieben dauernd in vielfältigem Gebrauche[5541] und dienten namentlich auch zum Vergolden, wobei an die Stelle des echten Goldes frühzeitig Oker, Rötel, Sinopis und ähnliche Ersatzstoffe traten, die mit Hilfe eines Klebemittels aufgetragen wurden[5542]. Die Vergoldung im Feuer mittelst Quecksilber, sowie dessen Benutzung zum Lösen und Ausziehen des Goldes, sind erst bei ~Vitruv~[5543] und ~Plinius~ bezeugt, allerdings bereits als etwas längst Bekanntes[5544]. Dem Golde verschiedene weißliche, gelbliche und rötliche Töne zu verleihen, dienten die βαφεῖς χρυσοῦ (Färbungen des Goldes), die durch Legieren mit Silber, Elektron, Kupfer, oder Gemengen von diesen erfolgten. Zum Löten benützte man Chrysokolla (= Goldleim), unter dem wohl schwerlich, früheren Voraussetzungen gemäß, Borax zu verstehen ist, -- wenngleich solcher in einem sehr alten Gold-Schmelztiegel zu Delos nachgewiesen sein soll[5545], wie denn borhaltige Mineralien in Vorderasien keineswegs fehlen --, vielmehr ursprünglich wohl Malachit, der beim Erhitzen in Kohlensäure und Kupfer zerfällt, welches letztere die Lötung bewirkt; in den sog. Schriften des ~Hippokrates~ bedeutet Chrysokolla nichts anderes als Malachit[5546], und als Malachit ist auch der „falsche (ψευδής) Smaragd“ des ~Theophrastos~ aufzufassen, der sich in Gold- und noch häufiger in Kupfer-Gruben vorfinden soll und ein vortreffliches Goldlot abgibt[5547].

Bei den +Etruskern+ ist Gold, dessen Name „aurum“ = „das Gelbe“ ein rein italischer sein soll[5548], erst in den Gräbern jüngeren Ursprunges nachweisbar und auch in diesen sichtlich nur als Gegenstand orientalischer Einfuhr, während Waren eigener Technik nicht vor etwa 700 auftauchen[5549]. In +Rom+ war Gold anfänglich sehr selten, immerhin bilden aber Goldarbeiter (aurifices), wohl hauptsächlich Vergolder und Goldschläger, die u. a. Platten (bractea) und Blätter (lamina) hergestellt zu haben scheinen, schon eine der angeblich von König ~Numa~ bestätigten Zünfte, und bekannt ist die Erzählung, daß der Abzug der Gallier im Jahre 390 v. Chr. durch Bezahlung von 1000 Pfunden Gold erkauft worden sei[5550]. Späterhin pflegte man das Gold durch Umschmelzen (coquere = kochen, entsprechend dem gr. ἕψειν; conflare) zu läutern und regelmäßig auf seinen Gehalt zu untersuchen; die Feuerprobe heißt bei ~Cicero~ obrussa oder obryza, das Feingold daher obryzum oder obryzatum (sc. aurum), und dieses Wort, das als οβρύζη oder βρύζη wieder ins Griechische überging, findet sich im Sinne von purum (rein) noch auf den Goldmünzen des Kaisers ~Konstantin~ sowie auf den Goldbarren vor[5551], die amtlich auf ihren Feingehalt geprüft und dann abgestempelt wurden[5552].

In +Spanien+ war das ziemlich reichlich vorkommende Gold bereits frühzeitig Gegenstand der Gewinnung und Verwertung, und Schmucksachen wurden schon in der jenseits 1000 v. Chr. liegenden Periode hergestellt[5553]. In +Gallien+ betrieben die Kelten seit altersher Gold-Gräberei und -Wäscherei, über deren unvollkommene Verfahren sich einige Berichte bei ~Athenaeus~[5554] (3. Jahrhundert n. Chr.) und bei ~Strabon~ erhielten, welchem letzteren einige keltische Stämme für πολύχρυσοι (goldreich) gelten[5555]. -- In Mitteleuropa dürfte das Gold ursprünglich zugleich mit dem Kupfer bekannt geworden sein[5556], größere Mengen gelangten aber erst seit der Berührung mit den Römern dahin; die sehr alten einheimischen Bezeichnungen der +Germanen+, +Letten+ und +Slaven+, gulth, zelto und zoloto, bedeuten das „Gelbe“[5557]. Von den Germanen übernahmen das Wort für Gold (kulda) auch die +Finnen+[5558], die im 4. oder 5. Jahrhundert, ausgestattet mit der Kultur der Eisenzeit, in ihre jetzigen Wohnsitze einwanderten[5559]; Edelmetalle und Schmiede spielen eine große Rolle in den alten Sagen ihrer „Kalewala“, nach denen u. a. die eine Hälfte eines Eies zur Erde wird, die andere aber zum Himmel, an dem Sonne und Mond, aus Gold und Silber bestehend, erglänzen[5560]. Sehr oft erwähnen Gold und Silber auch die Erzählungen des „Kalewipoeg“[5561], sowie die „Mythischen und magischen Lieder der Esthen“ und die „Esthnischen Mährchen“, denen gemäß die Unterirdischen Gold und Silber graben und schmelzen, was der Kundige am Geräusche, das aus dem Erdboden dringt, zu erkennen und zu erhorchen vermag[5562].

Wie weit die Kenntnis des Goldes in +China+ und +Indien+ zurückreicht, bleibt vorerst unbestimmbar; im Sanskrit heißt Gold hiranya = das gelbe, glänzende (nämlich ayas, Metall)[5563]. Indien gilt, wo immer es in der Geschichte auftaucht, stets als ein äußerst goldreiches Land: ~Ktesias~, der seit 415 v. Chr. als Arzt am persischen Hofe verweilte, erzählt, daß seine Flüsse, gleich jenen Lydiens und anderen den Griechen wohlbekannten Kleinasiens, Goldkörner mit sich führen, daß seine Gebirge vieles Gold enthalten, dessen man sich aber, der Greifen halber, nur unter höchster Lebensgefahr zu bemächtigen vermag, und daß daselbst eine Wunderquelle flüssigen Goldes (ὑγροῦ χρυσίου) sprudelt, von dem man jährlich hundert Tongefäße voll ausschöpft, es an der Luft erstarren läßt und schließlich durch Zerschlagen der Gefäße rein gewinnt[5564]. Letztere Angabe erinnert an die des ~Herodot~, der zufolge die +Perser+ zur Zeit des ~Darius~ (521-485) aus Indien Goldbarren als Tribut empfingen, das Gold umschmolzen und die Kuchen, die die Form der Schmelztiegel besaßen, als solche im Reichsschatze aufbewahrten[5565]. Über Natur und Herkunft des Goldes waren die alten Perser wohlunterrichtet, und erst spätpersische Sagen lassen es neben den anderen Metallen aus den Gliedern des sterbenden Urmenschen ~Gayomard~ hervorgehen, der kosmologischen Charakter trägt, und mit dessen Tode, ähnlich wie mit dem des Urstieres nach der ~Mithras~-Lehre, die Weltentwicklung beginnt[5566]. Der altpersische Name des Goldes, zaranya, ist offenbar der nämliche wie der altindische (hiranya)[5567]; im Pehlewi heißt Gold zar, daher zarik = goldig[5568]. Die Bezeichnung der Ost-+Finnen+, zaranya, ist sichtlich dem Iranischen entlehnt[5569]; die bei den Völkern des Urals und Altais übliche „altun“, ist eine turko-tatarische[5570], die der +Armenier+, „oski“, vermutlich eine kaukasische[5571]. Nicht sicher bekannt ist die der +Tschuden+ im nordöstlichen Asien, deren uralte, aber schon zur Zeit des ~Pallas~ (1770) völlig zerwühlte Gräber zahlreiche Beigaben an Gold und anderen Metallen aufweisen[5572], sowie jene der Bewohner von Kolchis am schwarzen Meere, die das feine Flittergold der Flüsse seit altersher mit Hilfe haariger Häute aufgefangen und so Anlaß zur Entstehung der Sage vom goldenen Vlies gegeben haben sollen[5573].

Schon zu entlegenster Zeit wurde als „gesegnet durch Fülle des Goldes“ +Arabien+ gepriesen, dessen kostbarste Ausfuhrware, „arabisches Gold“, nicht minder in Ägypten wie im Zweistromlande rühmlich bekannt und eifrig begehrt war[5574]. Dieser nicht unbegründete Ruf des Reichtumes an Gold überdauerte die Jahrtausende, und zu ihm gesellte sich später jener der kunstfertigen Verarbeitung; arabische Goldgefäße für Wein und Räucherwerk, sowie arabische Goldschmucksachen hatten bereits bald nach Beginn unserer Zeitrechnung eine hohe Stufe der Vollendung erreicht[5575], und es kann daher nicht wundernehmen, daß schon ~Muhammed~ (571-632) jedermann, der Schmuck im Gewichte von über 20 Dinar (etwa 30 g) besaß, eine besondere Steuer von ½ Dinar auferlegte[5576]. Während der nächstfolgenden Jahrhunderte wurde diese erhöht und zu einer Steuer auf „alles Schmiedbare“ erweitert, u. a. auf Gold, Silber, Kupfer, Bronze, Messing (+beide+ zumeist „sufr“ genannt)[5577], über deren Gewinnung und Verwendung es eine ausführliche Litteratur gab, die aber fast gänzlich verloren gegangen ist[5578]. Die Rechtsgelehrten stritten darüber, ob es dem Khalifen zustehe, Abbaurechte, wie auf Gold, Silber, Kupfer oder Eisen, „die +nicht+ offen liegen“, auch auf Erdöl, Erdpech, Salz, Kohol [Antimonsulfid] u. dgl. zu erteilen, „die offen liegen“[5579], und Fachleute wie ~Alschirazi~ (1003-1083) verfaßten bereits eingehende Werke über die juristischen Verhältnisse des Bergbaues[5580]. Gold bezogen die Khalifen aus fast allen Gegenden ihres Weltreiches, u. a. aus Allaki in Ägypten „15 Tagereisen von Assuan“[5581], ferner aus dem Maghreb (Westafrika)[5582], aus Transoxanien und Ferghana[5583], aus Kerman[5584] usf., nicht aber aus dem eigentlichen Persien[5585]. In der arabischen Dichtung und Litteratur sind, wie schon in früheren Abschnitten hervorgehoben, Anspielungen auf das Gold, seine Gewinnung und Verwertung häufig; Fragen allerdings, wie die oft erörterten, „warum die Erde zwar vielen Ton hervorbringe, aus dem Geschirr, aber nur wenig Sand, aus dem Gold wird“, „warum Ton häufiger sei als Blei, dieses häufiger als Eisen, dieses häufiger als Kupfer, dieses häufiger als Silber, dieses häufiger als Gold“, oder „warum das Gold, das sonst nur im Sand entstehe, gerade auch in der Pfauenfeder zutage trete, also schon im Pfauenei mitenthalten sei“[5586], können keinen Anspruch auf Neuheit erheben, denn sie finden sich in völlig gleicher Weise schon in Werken des hellenistischen Zeitalters behandelt, z. B. in dem um 90 n. Chr. verfaßten sog. „4. Buche ~Esra~“[5587], -- und auch dort schwerlich zum ersten Male.

2. Silber.

In +Ägypten+ war das Silber, hâd oder hât = das Weiße genannt, um 3000 noch sehr selten und bis etwa 1500 wertvoller und geschätzter wie Gold; dies erklärt sich aus dem Umstande, daß es im Nordosten Afrikas nicht oder kaum vorkommt und daß seine Gewinnung und Reindarstellung zumeist bereits einigermaßen fortgeschrittene berg- und hüttenmännische Kenntnisse voraussetzt[5588]. In späterer Zeit, bis in das 6. Jahrhundert hinein, tritt es häufig in der Form von Hacksilber auf, das dem Empfänger zugewogen wird, aber auch in der von Kuchen, Stangen, Barren und Zungen, ganz so wie das Gold, mit dem es die Verwendung teilt[5589].

In +Sinear+, dem Zweistromlande, heißt Silber bei den Sumerern ku-babber = das Weiße, Glänzende[5590], und bei den Babyloniern mit einem semitischen Gemeinworte kaspu[5591]. Schon in der ältesten, bis etwa 2900 zurückreichenden Schicht der Ruinen von Lagasch (nächst der Mündung des einstigen Tigris-Hauptarmes), in Telloh, finden sich silberne Schmuckstücke und Ringe[5592], und aus der nämlichen Zeit dürfte die dem Gotte ~Enlil~ (= ~Bel~) von Nippur geweihte Silbervase des Priesterfürsten ~Entemena~ stammen[5593]; um 2575 wird gelegentlich der Zerstörung einer Stadt der Raub von Silber berichtet[5594]; gegen 2000, zur Zeit ~Hammurabis~, ist das bis dahin noch seltene Metall schon häufiger als Gold, es dient zur Ausschmückung der Tempel und Götterthrone[5595] und wird maßgebend für Bildung und Gestaltung der Preise[5596]; im 16. Jahrhundert werden silberne Geräte als Gegenstand der babylonischen Ausfuhr nach Syrien genannt[5597], aus dem 13. rühren die Silbertafeln assyrischer Grabstätten her[5598] und aus dem 10. und 9. die Hacksilber-Funde assyrischer Abkunft[5599]. Wann die Verbindung des Silbers mit dem Monde und dem Mondgotte ~Sin~ beginnt, auf die hin wie der Mond so das Silber oft als „grün“ bezeichnet wird, ist unsicher; ~Jeremias~ verlegt sie schon in die älteste Zeit[5600]. Ungewiß bleibt auch, woher das Zweistromland sein Silber bezog; ursprünglich lieferten es wohl das benachbarte Baktrien und Karmanien[5601], später die alten vorderasiatischen Haupterzeugungsstätten, nämlich Armenien sowie das gegen das schwarze Meer abfallende armenische und kaukasische Gebirge[5602], und noch später, etwa seit dem 16. Jahrhundert, brachten die Phönizier auf dem Seewege bedeutende Mengen nach dem Osten[5603], wodurch das weiße Metall in Ägypten und Babylonien bekannter, aber auch billiger wurde und dem Golde gegenüber den bisherigen Wert der Seltenheit verlor.

In der +Ägäis+ ist man schon frühzeitig im Besitze von Silber, auf den Inseln Cypern und Syros, wie das dort gefundene Diadem aus Silberblech zeigt, wohl schon vor 3000[5604], auf anderen, den Cycladen zugehörigen, aber erst gegen 2500, und auch da nur vereinzelt[5605]. -- Zu +Troja+ führt bereits die sog. 2. Schicht (3000-2000?) Schmucksachen, Perlen, Geräte, Zungen und Barren aus Silber[5606]. -- Das +mykenische+ Zeitalter war reich an Silber und besaß eine ausgebildete Silberindustrie, namentlich Kunstindustrie[5607].

Die +Griechen+, und zwar die Athener, sollen, gemäß der Überlieferung bei ~Hyginus~ und ~Cassiodorius~ (s. oben), das Silber durch den völlig mythischen ~Erichthonios~ kennen gelernt haben, nachdem es nicht lange vorher von ~Indus~, einem Könige der Skythen, zuerst aufgefunden worden war; diese späte Sage ist selbstverständlich nicht ernst zu nehmen, daher erübrigen sich Vermutungen wie die ~Zippes~[5608], denen zufolge die fraglichen skythischen Stämme nordasiatische Tschuden gewesen, oder doch mit diesen seit jeher an Silber reichen Völkerschaften in Verbindung gestanden wären. Ganz unzutreffend sind auch die Angaben über das ungeheuer hohe Alter der Bergwerke von Laurion in Attika, deren Blütezeit vielmehr erst gegen Ende des 6. Jahrhunderts beginnt, und über deren stets recht unvollkommene Betriebsweisen nur ganz dürftige Nachrichten vorliegen[5609]. In Wirklichkeit wurden die Griechen jedenfalls auch mit dem Silber zuerst durch Vermittlung der Phönizier vertraut, die dieses Metall schon im 16. Jahrhundert aus Sardinien und Spanien holten und in späterer Zeit die Gruben auf Thasos und anderen griechischen Inseln, sowie die Thraziens in Gang brachten[5610].

In +Etrurien+ und in +Rom+ erreicht Silber erst lange nach dem Golde einige Bedeutung, auch ist das Wort argentarius (Silberarbeiter) weitaus jünger wie aurifex, während ein analoges argentifex überhaupt nicht gebräuchlich war[5611]. -- Die +Gallier+ sollen seit jeher viel Silber besessen, und seine Verarbeitung, namentlich auch die Versilberung, trefflich verstanden haben[5612]. -- Die älteste und reichste Fundstätte auf europäischem Boden war jedoch +Spanien+[5613], woselbst nach ~Diodor~[5614] die Phönizier schon in grauer Vorzeit unglaubliche Massen von den unwissenden Bewohnern eintauschten, und wo seither bis in das sinkende Altertum, ja zum Teil bis zur Schwelle der Neuzeit, ununterbrochen die Gruben Erze förderten, und die wegen ihrer Höhe gerühmten Schornsteine der Silberhütten rauchten[5615]. Im Süden des Landes besaßen schon die Ansiedlungen zur Bronzezeit reichliches Silber, vermutlich der Sierra Morena entstammend; etwa vom 16. bis zum 6. Jahrhundert herab lassen sich in ihnen die Spuren östlicher phönizischer, vormykenischer, mykenischer, griechischer und schließlich karthagischer Kultureinflüsse verfolgen, allezeit standen aber den mannigfachen Einfuhrwaren als Hauptwert der Ausfuhr die Metalle des erzreichen Landes gegenüber und nicht zum wenigsten das Silber[5616].

In +Mitteleuropa+ tritt das Silber fast stets erst nach dem Golde, Kupfer und Zinn auf, meist erst kurz vor dem Eisen, also gegen 1000 v. Chr.[5617]. Viele seiner Namen sollen sich vom armenischen argat oder arcat ableiten, unter Verschmelzung mit einem anklingenden indogermanischen Worte argent (= weiß, glänzend), so u. a. das indische (spätvedische) rajata, das iranische erezata, das keltische argento, das italische argent, vielleicht auch das griechische ἄργυρος (Argyros), während wieder aus dem pontischen ἀλύβη (Alybe)[5618] oder σαλύβη (Salybe) das germanische silubr, sowie das lettische und slavische sidabras und sirebro hervorgegangen zu sein scheinen[5619].

Über das Alter der Silbergewinnung an den Gebirgsstöcken des Altai, bei den Tschuden, und in +China+ fehlt es an zuverlässigen Nachrichten; die von ~Pfizmaier~ zusammengestellten Angaben über das „weiße, gelbe, rote und schwarze Silber“ der Chinesen[5620] sind sichtlich erst sehr neuen Ursprungs. -- +Indien+ soll nach ~Ktesias~[5621] in seinem Innern viele und große Silbergruben bergen, die jedoch weniger tief seien als jene Baktriens; diese Behauptungen sind indessen unzuverlässig, wie so viele des ~Ktesias~. -- +Persien+ besaß in einigen Provinzen Silberbergwerke und empfing viel Silber aus dem an Edelmetallen sehr reichen Lydien, -- das schon vor 700 die ältesten gestempelten Zahlbarren, und bald nach 700 die ersten Münzen besaß[5622] --, sowie zur Zeit des ~Darius~ als Tribut aus Kappadozien und Karmanien[5623]; gleich dem Gold wurde auch das Silber umgeschmolzen und in Gestalt von Barren dem Reichsschatze einverleibt[5624].

~Arabien~ ist an Silber arm, und größere Mengen des weißen Metalles kamen bei den Arabern erst nach Errichtung des Khalifates in Umlauf; einiges wenige lieferte damals das eigentliche Persien[5625], mehr Kerman[5626], noch mehr Transoxanien und Ferghana[5627], die Hauptmasse aber Chorâsân, das z. B. im 8. Jahrhundert einen jährlichen Tribut von 1000 Barren zu bezahlen hatte[5628].

3. Elektron.

Die in den früheren Abschnitten wiederholt erwähnte, in der Natur vorkommende Gold-Silber-Legierung war in ~Ägypten~ bereits zu Beginn des 3. Jahrtausends unter dem Namen Asem (Asemu, Ismu, Usem) wohlbekannt und wurde damals aus Nubien und Äthiopien eingeführt[5629]. Zur Zeit des Königs ~Sankhara~, um 2300, wird Asem erwähnt[5630]; um 2000 ist in einem Märchen die Rede von einem Schurz „mit Asem überzogen“[5631], um 1700 von einem Zauberbuch „mit Asem beschlagen“[5632]; um 1500 läßt ~Thutmosis~ III. Asem, in Beutel gefüllt und in Gestalt von Ringen, aus den Puntländern (Südarabien und Somali-Gebiet?) herbeiholen[5633]; um 1445 setzt dies seine Schwester, die Königin ~Hatschepsut~, weiter fort und befiehlt, zwei Obelisken mit Spitzen aus bestem Asem zu versehen[5634]; im Papyrus ~Harris~ des 13. Jahrhunderts und in anderen gleichzeitigen oder späteren Urkunden, Inschriften und Briefen wird des Asems, des Einkommens an Asem, des „weißen arabischen“ Goldes im Gegensatze zum „gelben äthiopischen“, auch des „Goldes, Feingoldes, Weißgoldes, Asems,..“ neben anderen gedacht[5635], usf. Die Verwendung des Asems war die nämliche wie die des Goldes, dem es zu mancherlei Zwecken vorgezogen wurde, teils seiner schönen Farbe und des prächtigen weißlichen Glanzes, teils seiner größeren Härte wegen, die die Bearbeitung erleichtert.

In +Babylon+ scheint man das Weißgold ebenfalls schon seit altersher gekannt zu haben, doch sind frühe Zeugnisse zweifelhafter Natur und selten; ein jüngeres[5636], aus der Zeit ~Nebukadnezars~ II. (605-561), berichtet über Unterschlagungen „reinen und gemischten Goldes“, welches letztere vermutlich Asem war; ob als solches auch das „leuchtende Hasmal“ anzusehen ist, von dem die Schriften des alten Testamentes ein einziges Mal (bei ~Ezechiel~) sprechen, steht dahin[5637].

In der +Ägäis+ tritt im 3. Jahrtausend Weißgold ebenso wie Gold zunächst in Klümpchen (φθοΐδες) auf, später auch in Stangen, Kuchen und Barren[5638], desgleichen in +Troja+, in den Schichten um 2500[5639]; die +mykenische+ Periode verwendet es häufig zu Schmucksachen und Gebrauchsgegenständen[5640].

Die +Griechen+ lernten das Weißgold zuerst in Kleinasien kennen, woselbst es reichlich vorkommt, u. a. im Flusse Paktolos bei Sardes (in Lydien), am Tmolos und Sipylos usf.[5641]. Die Identität des griechischen „Elektron“ mit dem ägyptischen Asem wies zuerst ~Lepsius~ nach, zeigte den Unterschied zwischen ὁ ἤλεκτρος = Elektron, τὸ ἤλεκτρον = Bernstein und ἡ ἤλεκτρος = Bernstein-Verzierung[5642], und hob hervor, wie schwierig es sei, das Elektron mancher griechischen Schriftstellen mit Bestimmtheit sei es auf das Metall, sei es auf Bernstein zu deuten[5643]. Bei ~Homer~ und in den sog. homerischen Hymnen ist z. B. das Elektron in den Palästen des ~Menelaos~[5644] und der ~Eiresione~[5645] offenbar Weißgold, dagegen das der phönizischen Halsbänder und Schmucksachen[5646] Bernstein; wenn ~Helena~ für den Tempel der ~Athene~ zu Lindos einen Kelch aus Elektron nach dem Maße ihres Busens stiftete[5647], so kann es sich nur um Weißgold handeln, und von diesem sprechen auch ~Hesiod~ im Gedichte vom „Schild des ~Herakles~“[5648], ~Herodot~, wo er das lydische Weißgold (χρυσὸς λευκός) dem gelben, durch Ausschmelzen gereinigten (ἄπεφθος) gegenüberstellt[5649], sowie ~Sophokles~, der in der „~Antigone~“ der Bestechung durch Schätze „sardischen Elektrons und indischen Goldes“ Erwähnung tut[5650].

Das Wort „Elektron“ hängt nach ~Usener~ zusammen mit Ἠλέκτωρ (~Elektor~) = dem Strahl, dem Namen eines besonderen Gottes der Sonne, der sich noch im „~Helios Elektor~“ der epischen Dichtung erhalten hat, sowie in den Eigennamen ~Elektryon~ (Vater der ~Alkmene~), ~Elektryone~ oder ~Alaktryona~ (rhodische Göttin), ~Elektra~ (vorgriechische Lichtgöttin; Tochter des ~Atlas~; bei ~Homer~ noch nicht Tochter des ~Agamemnon~), usf.; Elektros heißt ein an glitzerndem Wasser reicher Fluß in Kreta, die „elektrische Pforte“ zu Theben ist die „schimmernde“ (wenn nicht etwa die „südliche“, der Sonne, dem ~Helios Elektor~ zugewandte), und so dürfte auch „Elektros“ ursprünglich das Strahlende, dem Sonnenscheine des ~Helios Elektor~ Gleichende bedeuten[5651]. Fraglich bleibt, ob der nämlichen Gruppe von Ausdrücken auch ἀλέκτωρ (Aléktor), ἀλεκτορίς, αλεκτρυών, zuzuzählen ist, der gelbglänzende, den Sonnenaufgang verkündende Vogel der Iranier, der Hahn[5652]; ~Keller~ z. B. will dessen Bezeichnung mit dem persischen al Keter (= der Gekrönte, cristatus) in Verbindung bringen[5653], ~Wessely~ aber mit dem ~Alektor~, der bei ~Homer~ noch als Eigenname vorkommt, später jedoch Kämpfer und Abwehrer bedeutet[5654]. Hiernach glaubt er auch „Elektros“, den Bernstein, nach dessen Farbe erst hinterher das Metall benannt sei, von den Wurzelsilben ἀλεκ = „abwehren“ und τρον = „Mittel zur Tätigkeit“ ableiten zu sollen, so daß „Elektros“ = Abwehrmittel, Amulett, aufzufassen wäre, und nichts mit ἠλέκτωρ zu tun hätte, das „Mittel zum Glänzen“ ergäbe, statt „Glänzendes“[5655]. ~Schrader~ hält hingegen eine solche Trennung, die nach allem Obigen auch sonst vielerlei Schwierigkeiten begegnet, für ganz unzulässig[5656].

Daß das Elektron aus Gold und Silber besteht und ersteres von letzterem durch „Wegkochen, Wegbrennen, Wegschmelzen“, d. h. auf metallurgischem Wege, befreit werden kann, scheint man in Lydien wenn nicht überhaupt herausgefunden, so doch frühzeitig erkannt und demgemäß die wegen ihrer Farbe, Härte und Billigkeit schätzbare Legierung auch wieder durch Zusammenschmelzen ihrer Bestandteile künstlich dargestellt zu haben[5657]. Die in Lydien zuerst aufgekommenen Münzen wurden anfangs, etwa gegen 700, aus natürlichem Elektron verfertigt, das zu solchem Zwecke freilich sehr wenig geeignet war, weil sein Wert mit der wechselnden Zusammensetzung stark schwankte[5658], -- denn der Silbergehalt beträgt oft nur 6-16%[5659], wobei es einen goldig hellen, oft aber 33-50% und noch mehr[5660], wobei es einen weißlichen bis silberweißen Schimmer zeigt; in ägyptischem Elektron sind nach ~Hultsch~ 27% Silber nachgewiesen[5661], in mykenischem nach ~Rhousopoulos~ 12-24%[5662], in vorderasiatischem nach ~Blümner~ 20-48%[5663], nach ~K. B. Hofmann~[5664] sowie ~Hultsch~[5665] 40-50, meist sogar 60%. Der Ersatz jener Elektron-Münzen durch solche aus reinem Gold und Silber ist unstreitig ein Verdienst der Lyder, und zwar wurden zunächst nur größere Stücke, erst weiterhin aber auch Teil- und Scheide-Münzen in Verkehr gesetzt, wobei das Wertverhältnis Silber: Elektron: Gold = 1 : 10 : 13⅓ betrug[5666]. Die Griechen lernten das Münzwesen zuerst in ihren kleinasiatischen, unter lydischer Oberhoheit stehenden Städten kennen[5667], und ihre ersten Geldstücke, z. B. die von Aegina und von Athen (mit der Eule), bestanden in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts ebenfalls aus Elektron, etwas später aber auch schon aus Silber[5668]; jene von Aegina entsprechen der uralten Gewichtsnorm des ägyptischen Königs ~Chufu~ von etwa 2800, offenbar wegen des Handelsverkehrs mit Unterägypten[5669], und eines der ältesten, aus Elektron bestehenden, zeigt noch den Namen des für seinen Wert haftenden τραπεζίτης (wörtlich: Bankhalters) und trägt die Umschrift „Φάνους ἐιμὶ σῆμα“, „Ich bin das Zeichen des ~Phanes~“[5670].

In +Etrurien+ kommt Elektron erst verhältnismäßig spät vor, in Nordafrika (Karthago) noch später, etwa von 500 an; dort, sowie in Gallien, stand es lange Zeit hauptsächlich zu Münzzwecken in Verwendung[5671]. In +Rom+ lebt das Elektron, das fast allerorten vermöge der Fortschritte der Metallurgie schon frühzeitig durch das reine Gold und Silber stark zurückgedrängt wurde, vorwiegend nur in der Litteratur fort: ~Vergil~ erwähnt es bei der Beschreibung des von ~Vulkan~ für ~Aeneas~ verfertigten Schildes[5672]; ~Plinius~ stellt allerlei Angaben zusammen[5673]; ~Silius Italicus~ (25-100 n. Chr.) sagt im Gedicht vom „Punischen Kriege“:

„Spaniens Boden erglänzt vom Doppelmetall des Elektrons“[5674];

die „Sibyllinen“ rühmen die Freigebigkeit Kaiser ~Hadrians~ (117-138), „der Gold und Elektron verschenkte“[5675]; ~Pausanias~ spricht von dem „aus Gold und Silber gemischten Elektron“[5676]; Kaiser ~Julianus Apostata~ erzählt in den um 362 verfaßten „Cäsaren“ gelegentlich einer Götter-Versammlung: „Der Sitz des ~Saturn~ war schimmernd schwarzes Ebenholz, der des ~Zeus~ war heller als Silber, jedoch blässer als Gold, -- ob man aber den Stoff Elektron benennen soll, oder wie sonst, wußte mir ~Hermes~ nicht ganz genau der Wissenschaft der Metallkunde gemäß anzugeben.“ -- In jüngerer, byzantinischer Zeit wurde auch das glänzende Email als „Elektron“ bezeichnet[5677], -- so z. B. übersandte Kaiser ~Justinian~ (518-527) dem Papste ~Hormisdas~ (514-523) „gabatum electrinam“, einen emaillierten Kelch[5678] --, und in noch späterer heißt selbst ein glänzender Firnis „Elektron“, so z. B. bei ~Stephanos Magnetes~ gegen 1100[5679].

Während des Mittelalters, und noch in der Neuzeit, versteht man unter Elektron nicht selten Gemische aus beliebigen Metallen, nicht bloß aus edlen, wenngleich diese vorwiegend in Betracht kommen. ~Petrus Martyr~ erzählt, man habe bei Auffindung Cubas daselbst eine große Menge Elektron erbeutet, dessen Herkunft nicht zu erfahren war[5680]; es ist dies das nämliche Metall, das nach dem Berichte der ersten Entdecker auch die Bewohner Haïtis und verschiedener kleiner Antillen unter dem Namen „Guanin“ besaßen, und dessen Proben nach ~Humboldt~ 56% Gold, 19% Silber und 25% Kupfer, oder 63% Gold, 14% Silber und 19% Kupfer enthielten[5681]. Noch der Predigermönch ~Labat~ teilt mit, daß gegen 1700 die Eingeborenen Westindiens das Wort „Caracoli“ für ihren Halsschmuck gebrauchten, aber auch für das zu seiner Verfertigung dienende, schöne und glänzende Metall, das angeblich zusammengeschmolzen werde aus Gold, Silber und Kupfer, „die sie alle drei sehr rein haben“, das aber vielleicht auch ein Naturprodukt sei und jedenfalls von den Europäern nur sehr unvollkommen nachgeahmt werden könne[5682]. Den Anlaß zur Darstellung solcher Gemische gab hier wie allerorten die zu große Weichheit des reinen Goldes, die seine Bearbeitung in hohem Grade erschwert. -- In dem vor 1500 verfaßten „Wunderbuche“ des Abtes ~Trithemius~ überliefert dieser „Electrum magicum“ als Namen einer aus allen sieben Metallen bestehenden, daher äußerst zauberkräftigen Legierung, „die sich die Araber und Ägypter von den Chaldäern aneigneten“[5683]; Ringe von geheimer Kraft, aus der nämlichen Legierung bereitet „während einer Konstellation des Merkur und Saturn“, rühmt ~Paracelsus~[5684], dergleichen Ringe und Taler der etwas spätere ~Thurneisser~[5685], und einen unfehlbaren „magischen Degen“ aus Elektron noch ~Schwenter~ 1636[5686]. -- Der Merkwürdigkeit halber sei schließlich der Tatsache gedacht, daß nordamerikanische Anhänger der Doppelwährung noch vor einigen Jahrzehnten die Prägung von Dollars aus einer Elektron-Legierung empfahlen[5687].

Auf das, so oft mit dem metallischen „Elektros“ zusammen genannte, oder mit ihm verwechselte „Elektron“, den +Bernstein+, des näheren einzugehen, ist an dieser Stelle ausgeschlossen, und es muß genügen, hier nur auf einige, für weiter unten zu erörternde Fragen wichtige Hauptpunkte seiner Geschichte hinzudeuten, im übrigen aber auf die einschlägige, zwar kurzgefaßte, aber sehr inhaltreiche Schrift ~Wesselys~ zu verweisen[5688].

Im nördlichen Mitteleuropa ist Bernstein bereits während der älteren Steinzeit nachweisbar, zuweilen sogar in recht beträchtlichen Mengen, die hauptsächlich das große Bernsteingebiet West-Dänemarks, zum Teil aber auch das Ostpreußens lieferte[5689]; in der jüngeren Steinzeit, und nach deren Ende, etwa von 2000 ab, wird er jedoch daselbst selten, zugleich aber im südlichen Mittel- und in Süd-Europa, die ihn vorher kaum kannten, unerwartet häufig; fraglos hängt dies mit dem Eindringen von Gold, vor allem aber von Bronze, zusammen, für die er das vornehmlichste, ja oft einzige Tauschmittel darstellte, so daß ihn ~Wessely~ mit vollem Recht „eine eminent europäische Kulturerscheinung der prähistorischen Zeit“ nennt[5690]. Ein Austausch geschätzter Waren von Volk zu Volk vollzog sich offenbar allerorten schon in +weit+ früheren Perioden, als man zumeist anzunehmen pflegt, wovon für das zentrale Europa das Vorhandensein von Muscheln des Mittelmeeres in Funden aus der älteren Steinzeit Zeugnis ablegt, für das zentrale Nordamerika aber jenes von Schnecken und Muscheln des atlantischen Ozeans im Inhalte der sog. „Mounds“ am Mississippi[5691]. Auf solche Weise gelangte auch der Bernstein spätestens gegen etwa 1600 an die Küsten des westlichen Mittelmeeres, von wo ihn die Phönizier bald darauf nach dem Osten brachten[5692], so daß das vereinzelte Vorkommen von Bernsteinperlen in vorderasiatischen und assyrischen Grabstätten aus der Zeit vor und seit 1500[5693] und das reichliche in den mykenischen Kuppelgräbern gegen 1100[5694], sowie in den jedenfalls noch erheblich jüngeren kaukasischen Gräbern nächst Koban[5695], nicht wundernehmen kann. Ein Hauptweg, den der aus dem Norden kommende Bernstein einschlug, führte über die Rheinlande und rheinaufwärts, oder über Gallien und rhoneabwärts nach dem Po-Gebiete des östlichen sowie nach den Küstenstrichen des westlichen Norditaliens[5696]. An diese, ursprünglich vorwiegend von Ligurern bewohnten Gegenden knüpfen sich bei den Griechen, -- jedoch noch nicht bei ~Homer~, der Bernsteinschmuck in den Händen phönizischer Kaufleute erwähnt[5697] --, die Sagen über die Schwestern des ~Phaethon~, die, an der Mündung des Eridanos (Po) in Pappeln verwandelt, Bernstein-Tränen vergießen, sowie die über das λυγκούριον (Lynkúrion), den zu Bernstein verhärtenden Harn (οὔρον, Uron) des Luchses (λύγξ, Lynx), den dieses boshafte Tier den Menschen nicht gönnt und deshalb in der Erde verscharrt. Letztere Fabel erklärt sich aus einer mißverständlichen Volksetymologie, indem λιγούριον δάκρυ, die „ligurische Träne“, oder das abgekürzte „Ligurion“, zu „Lynkurion“ entstellt, und dieses als „Harn des Luchses“ gedeutet wurde[5698]. Derlei, schon dem ~Theophrastos~ (um 320 v. Chr.) geläufige Märchen[5699] erhielten sich bis in das späte Altertum lebendig, -- noch ~Lukian~ stellte sie in seiner Abhandlung „De electro“ zusammen[5700] --, und gingen dann in gleicher Weise in die Litteratur des Mittelalters, ja die der Neuzeit über, so daß z. B. ~Ruellius~, der 1543 sein großes Pflanzenwerk herausgab, nicht verabsäumt, sie anzuführen, wo er von den „drei Arten des Elektrons“ spricht, „dem natürlichen, dem künstlichen und dem Bernstein“[5701].

Daß man sich über das Wesen des Bernsteins als verhärtetes Baumharz seit altersher klar war, beweist u. a. die Behauptung des ~Ktesias~ (um 415 v. Chr.), daß das an Schätzen jeglicher Art überreiche Indien auch die Bäume hervorbringe, auf denen der Bernstein „wächst“[5702], -- eine Behauptung, die, weitergegeben durch ~Aelian~[5703] und den spätbyzantinischen ~Manuel Philes~[5704] (13. Jahrhundert, zur Zeit des Kaisers ~Michael Palaeologus~), ihren Weg in die gesamte abendländische Litteratur nahm[5705]. -- Was die Herkunft des Bernsteins betrifft, so wußte man ebenfalls schon frühzeitig, daß ihn nicht die Küsten Liguriens oder des westlichen Mittelmeeres erzeugen, aus deren Häfen ihn die Phönizier zuerst heranholten, sondern gewisse, in äußerster Ferne gelegene Inseln; bei den späteren +Griechen+ heißen sie Elektriden, unter welchem Namen sie auch ~Plinius~[5706], und noch um 400 n. Chr. ~Martianus Capella~ kennen und als „Insulae Electrides, in quibus electrum gignitur“ (die den Bernstein hervorbringen) anführen[5707], bei den +Römern+ aber, z. B. bei ~Plinius~, „Insulae glaesariae prope Brittaniam“, „Glas hervorbringende Inseln, gelegen unweit Britanniens“[5708], d. s. die dem westdänischen Gebiete vorgelagerten Inseln der Nordseeküste. Glaes, latinisiert glaesum oder glaessum = Glas, Glast, Glanz, war offenbar der alte einheimische Name des Bernsteins[5709], den erst in späterer Zeit „dessen Surrogat- und Konkurrenz-Artikel an sich riß“, das gewöhnliche Glas[5710]; Glasperlen sind in Mitteleuropa während der reinen Bronzezeit noch sehr selten, und Funde wie in einem Pfahlbau von ungefähr 1500 zu Wollishofen (Schweiz) stehen vereinzelt; gegen Ende dieser Periode, etwa seit dem 12. und 11. Jahrhundert, erweisen sie sich aber, oft zusammen mit Silber und Eisen, schon ziemlich verbreitet[5711], -- es sind gegenwärtig etwa 25 nordeuropäische Funde orientalischer Glasperlen bekannt[5712] --, und die Bezeichnung des Bernsteins, Glas, ging dann allmählich auf die neue Ware über. Das Bernsteingebiet Ostpreußens betraten die Römer, wie ~Plinius~[5713] berichtet, erst zur Zeit ~Neros~; der von ihm angeführte lateinische, richtiger latinisierte Name „Sucinum“ oder „Succinum“ leitet sich von einem in jener Gegend gebräuchlichen einheimischen ab, der sich noch im lettischen „Sakai“ (eigentlich = Harz) erhalten hat[5714], und steht vielleicht auch mit dem nach ~Plinius~ bei den Ägyptern und Skythen üblichen „Sacal“ und „Sacrium“ im Zusammenhang.

Zum Schlusse sei noch erwähnt, daß zur Lösung der für die Beurteilung von Funden oft entscheidenden Frage nach der Herkunft des zugehörigen Bernsteins die chemische Analyse wichtige Anhaltspunkte liefert: von anderen charakteristischen Produkten abgesehen ergibt z. B. unter sonst gleichen Umständen der Ostsee-Bernstein 65-80% Bernsteinsäure, der zuweilen in Sizilien vorkommende nur 1-16%, der Nordsee-Bernstein aber einen Betrag von mittlerer Höhe; diese, schon vor längerem entdeckten, nachher aber wieder angezweifelten Tatsachen, haben in neuerer Zeit durch die genauen vergleichenden Untersuchungen von ~Reuther~[5715] ihre endgültige Bestätigung erfahren.

4. Kupfer.

Da das Kupfer an verschiedenen Stellen beider Hemisphären in gediegenem Zustande vorkommt, u. a. in kleineren abgerundeten Körnern im Ural[5716], in größeren Stücken und Klumpen in Sibirien, am Altai, im nordöstlichen Asien, sowie in Mexiko[5717], in sehr bedeutenden Massen aber am Oberen See in Nordamerika, woselbst es abbauwürdig unmittelbar zutage tritt[5718], da es ferner glänzend, dehnbar, biegsam, auch in der Kälte hämmerbar und leicht zu bearbeiten ist, so zählt es zu den am längsten bekannten und schon frühzeitig weitverbreiteten Metallen[5719].

Die Indianer am Obersee z. B. sollen es „seit jeher“ verstanden haben, aus dem gediegenen Kupfer, -- das sie, neben den zum Tätowieren dienlichen Eisenoxyden, dem Boden auch vermöge oberflächlicher Schurfarbeiten abgewannen[5720] --, durch kaltes Hämmern und Treiben allerlei Schmucksachen und Werkzeuge anzufertigen[5721]; solche gaben sie auch im Tauschhandel an benachbarte Stämme weiter, bei denen Kupferschmuck eine ähnliche Rolle spielte wie bei den Bewohnern des südlichen Ostafrikas zur Zeit ~Vasco de Gamas~[5722], bei den Hottentotten des Kaplandes im 18. Jahrhundert[5723] und bei manchen Völkern Neuguineas noch gegenwärtig[5724]. Immerhin betrachteten aber die Indianer das Kupfer ursprünglich doch als Errungenschaft einer verhältnismäßig jüngeren Zeit, es durfte daher nicht bei religiösen und Kult-Handlungen angewandt werden, z. B. nicht beim sog. „Seelentanze“[5725], während es hinwiederum später, als auch andere Metalle bekannt wurden, selbst als „uralt“ galt und kultischen Rang erhielt, so daß man z. B. bei der sakralen Zerimonie des „ersten Haarabschneidens“ nur kupferne Messer für zulässig ansah[5726].

Die falsch gestellte und daher in dieser Form unlösbare Frage, ob die Menschen früher Kupfer oder Eisen in Benützung genommen hätten, ist oftmals, nicht selten aber ohne ausreichende Sachkenntnis behandelt worden[5727]. An dieser Stelle sei vorerst nur bemerkt, daß Kupfer, trotz seines hohen Schmelzpunktes von 1135°, aus oxydischen und schwefelhaltigen Erzen +leichter+ abscheidbar ist als Eisen, daß stark schwefelhaltige Erze unter gewissen Umständen sogar von selbst metallisches Kupfer auszusondern vermögen[5728], daß sich die metallurgische Gewinnung und die mechanische Verarbeitung des Kupfers sicherer und müheloser vollzieht als die des Eisens[5729], endlich daß eine erforderliche weitere Reinigung durch „Garmachen“[5730] jedenfalls bei Rohkupfer weitaus einfacher verläuft als bei Roheisen. Vielfach hat man früher aus diesen Tatsachen den Schluß gezogen, daß sich überall und allerorten der Steinzeit zunächst eine Kupfer-, sodann eine Bronze- und erst zuletzt eine Eisenzeit angereiht habe; man glaubte, ihn einerseits durch die gemachten Funde bestätigt zu sehen, andererseits durch die antiken Überlieferungen von einem ehemaligen Kupfer- oder Bronze-, richtiger „Erz“-Zeitalter[5731], ferner durch die große Rolle des Erzes in Aberglauben und Kult[5732], durch den Übergang der Bezeichnung χαλκεύς (Chalkeús) vom Kupfer- und Erz- auf den Eisen-Schmied, usf. Spätere Untersuchungen erwiesen indessen, daß diese Folgerung viel zu weitgehend und in solcher Allgemeinheit ebenso unzutreffend ist wie die zugunsten des Eisens lautende entgegengesetzte. Eine in allen Ländern und bei allen Nationen gleichartige, oder gar gleichzeitig einsetzende und fortschreitende Entwicklung erscheint völlig ausgeschlossen, vielmehr hängt deren Richtung und Verlauf von den verschiedensten Bedingungen ab, namentlich von den örtlich gegebenen: bei gewissen Völkern, z. B. zahlreichen afrikanischen, ist daher eine der Eisenzeit vorhergehende Kupferzeit gar nicht nachweisbar; bei anderen, z. B. einigen westasiatischen, mag das Kupfer, oft schon frühzeitig mit der Bronze vergesellschaftet, zweifellos eine langandauernde Rolle gespielt haben; bei noch anderen, z. B. manchen europäischen, bildet die Kupferzeit anscheinend nur eine verhältnismäßig kurze Übergangsperiode zwischen Stein- und Eisenzeit, unter ganz vorwiegender Anlehnung an erstere[5733].

In +Ägypten+ finden sich schon in den vorgeschichtlichen, tief in das 5. Jahrtausend zurückgehenden Hockergräbern der älteren Steinzeit vereinzelte Geräte aus Kupfer[5734], das aller Wahrscheinlichkeit nach dem Gebiete des Sinaï entstammte[5735]; dort standen schon damals im Wadi Maghâra (Höhlental) erst einige wenige, alsbald aber zahlreichere kleine Öfen in Tätigkeit, für deren Betrieb der hohe Schmelzpunkt des Kupfers eine künstliche Luftzufuhr durch einfache Blasebälge zur unabweisbaren Voraussetzung macht[5736]. Den Rohstoff bildeten die dort reichlich vorhandenen, erdigen, leicht schmelz- und reduzierbaren Kupfererze[5737], die hauptsächlich aus basischen Karbonaten, Phosphaten und Hydrosilikaten bestehen und eingesprengte Lager von Mafek (Grünstein, Malachit), Chesbet (Blaustein, Türkis; dort ein schwach kupferhaltiges Tonerde-Phosphat), Hämatit (Roteisenstein) und Pyrolusit (Braunstein, Mangansuperoxyd) führen[5738]; sie zeichnen sich durch einen bedeutenden, oft einige Prozente erreichenden Gehalt an Arsen aus, der das Kupfer, das in reinem Zustande weich und strengflüssig ist, leichter schmelzend, härter und besonders geeignet für Werkzeuge macht[5739]. Immerhin ist das Gestein im ganzen ziemlich arm an Kupfer, daher mußte dessen Gewinnung, bei der das gesamte Eisen in die Schlacke ging[5740], viele Arbeit und große Kosten verursachen, die sich nur durch den außerordentlich hohen Wert des Metalles zur Stein- und Holzzeit bezahlt machen konnten[5741]. Die ältesten, im Wadi Maghâra gefundenen Bruchstücke von Werkzeugen bestehen aus recht reinem Kupfer, namentlich aus dem härteren arsenhaltigen[5742], und sollen hierdurch von jenen zu unterscheiden sein, die in späterer Zeit aus dem Metall einiger im eigentlichen Ägypten (im Fayum?) gelegenen Gruben dargestellt wurden[5743].

Bis gegen Ende des 4. Jahrtausends gewann das Kupfer nur +sehr+ langsam Boden, so daß von einer merklichen Verdrängung der Steingeräte frühestens zur Zeit der Thiniten die Rede sein kann, also etwa um 3000[5744]. Seither scheinen die Fortschritte aber raschere gewesen zu sein; im Totentempel des Königs ~Sahure~ bei Abusir, der gegen 2500 errichtet ist, wurde z. B. eine 400 m lange Wasserleitung aufgedeckt, deren Röhren, bei 4 cm Durchmesser und 1 mm Wandstärke, aus getriebenem Kupfer angefertigt sind[5745]; eine Statue des der 6. Dynastie zugehörigen Königs ~Pepi~ I., gleichfalls um 2500, besteht aus getriebenen und vernieteten Kupferplatten[5746] und ein Szepter dieses Herrschers aus reinem Kupfer[5747]. Das nämliche gilt von einigen anderen aus der Zeit des alten Reiches herrührenden Fundstücken[5748], meist Waffen, Kunstgegenständen und Werkzeugen[5749], welche letzteren zum Teil bis 4% Arsen enthalten und sich daher durch bedeutende Härte auszeichnen[5750]. Nicht zulässig ist jedoch der Schluß, daß umgekehrt alles aus reinem Kupfer Hergestellte dieser ältesten Periode angehöre, denn für viele Zwecke, besondere für kultische, dauerte die Benützung des Kupfers noch bis in späte Zeiten hinein fort[5751]. Um 2300 werden Lanzen mit Spitzen aus Kupfer, neben Pfeilen mit solchen aus Feuerstein gemalt[5752]; gegen 2000 erwähnen die Verfasser gewisser Gedichte „Türen aus Kupfer“, und die der „Altägyptischen Sagen“ die Schätze des Sinaï an Kupfer[5753], das sich auch als unreines schwarzes (chomt kemi) und als reines rotes, in Gestalt von faustgroßen Stücken, Platten, Barren und Ziegeln (dobe) annähernd gleichen Gewichtes verschiedentlich abgebildet findet[5754]. Was unter dem mehrfach erwähnten Kupfer „von der Farbe des Ein-Drittel-Goldes“, oder „des Goldes dritter Güte“ zu verstehen ist, bleibt vorerst ungewiß[5755]. Vieles Kupfer gelangte unter der Regierung ~Thutmosis~ III. (1501-1447) nach Ägypten, und zwar aus Cypern[5756]; was aber die Berichte dieses ruhmredigen Herrschers als „Abgaben des Königs von Asiy“ (Cypern) erwähnen und als „Barren, dargebracht von den Keftiu“ (Kretern) im Bilde vorführen[5757], das erweisen die in Tell-el-Amarna entdeckten Briefe aus der Zeit ~Amenophis~ IV. (1375-1358) als die zu eigentümlich gestalteten, viereckig geschweiften Barren und Platten geformte Handelsware aus Kupfer und Bronze, die um 1500 von den erwähnten Inseln her nach allen Weltgegenden verschifft wurde und insbesondere in Ägypten einen Gegenstand steter Nachfrage bildete[5758]. Trotz dieser verstärkten Einfuhr blieb übrigens Kupfer sehr teuer; noch unter ~Rhamses~ II. (1348-1281) war es so kostbar, daß der König den Göttern u. a. auch Geschenke an Kupfer darbrachte, daß es neben Gold und Silber die Schatzkammern der Tempel füllte und gleich den Edelmetallen zur Bezahlung in Arabien eingekaufter Luxuswaren diente[5759].

Für die sehr alte Bekanntschaft der +Sumerer+ mit dem Kupfer spricht schon der Umstand, daß bei ihnen unter den Namen der Metalle +allein+ der des Kupfers, urudu, mit keinem zusammengesetzten Ideogramm geschrieben wird[5760]; von den Metallgöttern, die die Sumerer nach ~Lenormant~ verehrten, soll der Gott des Kupfers der wichtigste und hervorragendste gewesen sein, und in Hymnen und Inschriften begegnet man nicht selten Sätzen wie „Dein Ruhm strahle wie Kupfer in hellem Glanze“, „Dein Übel zerrinne wie geschmolzenes Kupfer“ u. dgl. mehr[5761]. In den ältesten Schichten der Ruinen von Telloh fanden sich u. a. eine große Lanzenspitze des Königs ~Lugal~ von Kisch, der gegen 2900 den König von Telloh bekriegte[5762], eine Votiv-Tafel und -Statue[5763], sowie verschiedene Hacken und Geräte, sämtlich aus reinem Kupfer[5764], und ebensolche Götterbilder und Gefäße kamen aus den vermutlich gleichalterigen Gräbern in Ur zutage[5765]; da aber in beiden Fällen die kupfernen Gegenstände auch schon von bronzenen begleitet werden, so ist eine reine Kupferzeit für Sinear bisher nicht nachgewiesen[5766]. Das Metall einer Statue des Königs ~Bur-Sin~ von Ur (um 2600?) enthält 82% Kupfer und 18% Blei, und auch Kupfer mit 3% Eisen kommt vor[5767], doch lassen solche Zusätze keinen bestimmten Schluß auf eine spätere Herkunft zu, denn eine Statue des Königs ~Rin-Sin~ z. B. (um 2200?) besteht wieder aus ganz reinem Kupfer[5768]. Zur Zeit ~Gudeas~, um 2300, lieferte Kimâs (am oberen Euphrat?) vieles Kupfer[5769], und unter ~Hammurabi~ und ~Singarid~, der einen Höchstpreis für dieses Metall festsetzte[5770], war es billig und diente nur zur Herstellung von Geräten, Instrumenten (auch medizinischen)[5771], sowie Werkzeugen, u. a. der sog. Doppelbeile, deren Bestimmung aber auch in anderer Weise ausgelegt wird (s. unten). Noch später, im 16. Jahrhundert, erscheinen Kupfer- und Bronze-Gegenstände unter den Ausfuhrwaren Babyloniens nach Vorderasien, z. B. nach Syrien[5772].

Die +Ägäis+ weist im Palaste von Knossos auf Kreta Metalle nicht in den ältesten, bis gegen 4000 zurückreichenden Schichten auf, wohl aber in den der Zeit um 3000 angehörigen, und zwar hauptsächlich Kupfer (u. a. Schmucksachen aus Kupferdraht, die das Spiralmotiv zeigen), nach einigen aber auch schon etwas Bronze, so daß eine reine Kupferperiode nicht gesichert erscheint[5773]. Die Heimat jenes Kupfers ist aber nicht das metallarme Kreta selbst, sondern offenbar Cypern, das an der südwestlichen Küste zahlreiche und sehr ergiebige Fundorte besitzt, während des gesamten Altertumes wegen seiner reichhaltigen Minen und seiner vortrefflichen Erzeugnisse berühmt war und von der Sage zur eigentlichen Heimstätte des Bergbaues und der Metallurgie gestempelt wurde[5774]: sollen doch, wie noch ~Servius~ (5. Jahrhundert n. Chr.) überliefert, die Korybanten zuerst in Cypern die reichen Erze des Berges Koryum entdeckt und aus ihnen Kupfer auszuschmelzen gelehrt haben[5775]. Sehr frühzeitig, schon um 3000, war in Cypern das Kupfer vorherrschend und diente an Stelle des Steines zur Erzeugung von Waffen und Geräten, ohne daß jedoch auch hier eine scharfe Trennung von Kupfer- und Bronzezeit möglich wäre[5776]. Alsbald werden auch gewisse charakteristische Formen nachweisbar, z. B. die der Doppelaxt und der eigentümlich gestalteten, nach kyprischen Minen (von 608 g) oder deren Vielfachen ausgewogenen Barren[5777], die bereits während der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends zur Ausfuhr gelangen; wer diese vermittelte, von wann an die Phönizier an ihr teilhatten, ob diese wirklich gerade Cypern erst +nach+ der mykenischen Zeit eifriger besuchten[5778] und ob +sie+ es waren, die sodann das cyprische Kupfer zuerst nach Ägypten brachten (s. oben), ist ungewiß[5779]. Bald nach etwa 1600, sei es infolge politischer Verhältnisse und des Niederganges der mykenischen Kultur, oder der Fortschritte der Nautik, scheint Kreta zur wichtigsten Schiffsstation des ägäischen Meeres und zum Mittelpunkte des gesamten Kupfermarktes aufgestiegen zu sein; dies erklärt die ganz außerordentliche Verbreitung des Kupfers in Gestalt von Barren kretischen Gewichtes (der Mine von 618 g und ihrer Vielfachen), sowie von Doppeläxten[5780], betreff derer vielleicht auch ein Zusammenhang mit der hohen sakralen Bedeutung der λάβρυς (Lábrys, Doppelaxt) in Kreta anzunehmen ist[5781].

In +Troja+ tragen die untersten Schichten (um etwa 3300) noch völlig steinzeitlichen Charakter, scheinen aber bereits vereinzelte kupferne Erzeugnisse zu enthalten, z. B. sehr dünne Messer[5782]; die folgenden führen Geräte aus Kupfer, auch gegossene, schon ziemlich häufig[5783], gleichfalls aber bereits solche aus Bronze, so daß auch hier von einer reinen Kupferzeit nicht wohl die Rede sein kann[5784]. Grabstätten vom Charakter der sog. trojanischen Kultur aus der Zeit um 2000 finden sich auch in einigen Gegenden des inneren Kleinasiens und sind dort nicht minder reich an kupfernen Werkzeugen, Messern und Nadeln[5785].

Die +mykenische+ Zeit um 2000 besaß eine ausgebildete Kupferindustrie, verstand das Kupfer nicht nur kalt zu hämmern und zu gießen, sondern auch zu schmieden, zu treiben, zu löten, zu dünnen Blechen zu schlagen, zu feinen Fäden zu ziehen, usf., und bildete einen ihr eigentümlichen Dekorationsstil aus[5786]; Stücke, wie die große zu Mykene gefundene Kanne, oder wie die Dolche, die aus einem Kupferkerne mit einer Überfangschicht schwarzen Schwefelsilbers und eingelegten Figuren aus Gold oder Elektron bestehen, sind als hervorragende Leistungen des Kunstgewerbes anzusehen[5787]. Der χαλκεύς (Chalkeús), ursprünglich einfach ein Bearbeiter des Kupfers, später auch Kupfer-Gießer, war nunmehr zum eigentlichen Kupferschmiede geworden[5788].

Die +Griechen+ lernten vermutlich auch das Kupfer (Chalkós) durch die Phönizier kennen, die es anfangs als Händler brachten, hauptsächlich aus Cypern, später aber auch die ersten Bergwerke in Gang setzten, u. a. die zu Chalkis auf Euböa[5789]; wenn in der Odyssee[5790] ~Mentes~ nach dem kupferreichen (πολύχαλκος) Temesos fährt, um dort Kupfer einzutauschen, so hat man hierunter nicht Temesos in Unteritalien zu verstehen (obwohl es auch dort Kupfergruben gab), sondern Temesos auf Cypern[5791], wobei zu bemerken ist, daß sich der Name +beider+ Städte vom phönizischen (semitischen) tamassos = Schmelzhütte ableitet[5792]. Das Wort χαλκός weist übrigens nach ~Curtius~ nicht allein oder vorzugsweise auf Kupfer hin, sondern eher auf Metall überhaupt, und könnte mit dem semitischen chalaqa = bearbeiten in Verbindung stehen[5793]. Hierzu würde es stimmen, daß (wie erwähnt) χαλκεύς anfangs nichts weiter ist als ein „Bearbeiter“ des Kupfers, später aber, so schon bei ~Homer~, auch der irgend eines anderen Metalles[5794]; als möglich wird aber auch ein Zusammenhang zwischen χαλκός, dem Kupfer, und χάλκη, der Purpurschnecke, hingestellt, und zwar mit Beziehung auf die gemeinsame Farbe, nach der beide die „Roten“ hießen[5795]. Doch bezeichnet χαλκός fast von Anbeginn an ebensowohl das rote Kupfer wie die goldfarbige Bronze (Erz), so daß die meisten Litteraturstellen, selbst die berühmte hesiodische, die vom „Zeitalter des Erzes“ berichtet, eine gewisse Unklarheit darüber walten lassen, welches von beiden Metallen im Einzelfalle gemeint sei.

In Italien stehen die +Etrusker+ sehr frühzeitig im Besitze reichlichen Kupfers, das sie zum Teil aus den ergiebigen, aber bald erschöpften Gruben der Insel Elba erhielten, zum Teil auf dem Wege des Seehandels[5796]. Kupfer-Bergwerke waren außerdem in der lokrischen Ansiedlung Temesos (Temesa) vorhanden, sowie an verschiedenen anderen Stellen der Halbinsel[5797]; spät (kaum vor 500 v. Chr.) und verhältnismäßig spärlich findet sich Kupfer in den Grabstätten der Po-Ebene[5798], was aber vielleicht nur auf besonderen Zufällen beruht. Im mittleren Italien ist Kupfer, als vorgewogenes Brocken-Kupfer, „aes rude“ oder „raudus“, schon seit dem 9. Jahrhundert ein wichtiger, später aber bis zum 3. Jahrhundert herab, ein fast allgemeiner Wertmesser; allmählich treten hierbei an die Stelle der ungeformten Brocken Kupfer-Stücke oder -Barren, die schließlich auch gemustert und wie die römisch-campanischen mit eingepreßten schönen Bildern von Schweinen oder Stieren verziert werden (daher pecunia = Geld, von pecus = Vieh, das ursprünglich in natura zur Bezahlung diente). Diese Umstände machen die einflußreiche Rolle erklärlich, die Worte spielten wie pendere (zahlen; eigentlich abwägen) und die von aes abgeleiteten aestimare (bewerten, schätzen; eigentlich mit Erz aufwägen), aerarium (Erz-Schatz), u. dgl. mehr[5799]. Wie χαλκός, so bedeutet übrigens auch aes sowohl Kupfer wie Bronze, und es läßt sich nicht stets ohne weiteres entscheiden, welches von diesen. -- Die Inseln des westlichen Mittelmeeres sollen in ältester Zeit, früheren Vermutungen entgegen, nicht viel Kupfer erzeugt haben, ganz außerordentliche Mengen besaß hingegen +Spanien+, vor allem in den Minen der asturischen Gebirge bei Oviedo, deren Halden bis in das zweite Jahrtausend zurückreichen[5800], sowie in jenen der Sierra Morena; aus Tartessos, das die einen für den Namen einer Stadt, die anderen für die Bezeichnung der ganzen Südwestküste erklären, holten es die Phönizier schon seit Beginn ihrer Fahrten nach dem Westen, und es war wohl die älteste und damals wichtigste Ausfuhrware des Landes.

Über das Auftauchen des Kupfers in +Mitteleuropa+ gehen die Meinungen der Forscher noch stark auseinander. Schon in Grabresten, die noch der reinen Steinzeit (um etwa 2500) angehören, finden sich vereinzelt aus kupfernen Perlen oder Drähten hergestellte Schmucksachen, die allem Anscheine nach dem Südosten Europas entstammen[5801]; bekannter wird das Kupfer aber erst gegen 2000 und gewinnt, durch Einwanderer oder Tauschhändler aus dem Südosten herangebracht, weitere, jedoch nur langsame Verbreitung[5802], teils in Gestalt von Spangen, Ringen u. dgl., teils in der von Barren und Beilen[5803]. Diese, namentlich die Doppelbeile, die ihren ersten Ursprung von sumerisch-babylonischem Boden her genommen haben sollen[5804], scheinen nach ~Forrer~ zuerst aus Cypern, seit etwa 1300 aber aus Kreta gekommen zu sein und zeigen dementsprechend anfangs die cyprischen, später die kretischen charakteristischen Formen und Gewichte[5805]. ~Regling~ glaubt zwar, daß ~Forrer~ seine Befunde nicht selten „phantastisch verwertet habe“[5806], gibt aber doch zu, daß die vermutlich cyprischen Doppelbeile der sog. Depot- oder Massenfunde, deren etwa 20 aus ganz Mitteleuropa bekannt sind, zum Teil eingeschlagene Fabriks- oder Gewichtsmarken tragen und daher „in einigen Fällen justiert worden sind[5807]; er betrachtet übrigens diese „praktisch unbenützbaren Formen“ nicht als Werkzeuge, sondern als „Metall in gebrauchsfähiger Gestalt“, im Sinne von Wertgegenständen oder Geldvorräten, etwa wie die späteren eisernen „Spieße“ der Spartaner, die ὄβελοι oder ὀβελίσκοι (Obelisken)[5808]. Nach Nordeuropa verbreiten sich die nach kretischen Minen abgewogenen, 0,5-3 kg schweren Barren und Doppeläxte nur sehr langsam[5809], so daß dort die eigentliche Kupferzeit erst erheblich später einsetzt als in Mitteleuropa, wo sich z. B. um 2000 in den Pfahlbauten des Mondsees schöne Äxte aus reinem Kupfer bereits in größerer Zahl vorfinden[5810]; erst im Verlaufe dieser Kupferzeit, die in Mitteleuropa etwa von 2000 bis 1800 währt, lernt man daselbst zunächst Kupfer, und zwar fertig zugebrachtes, selbst zu gießen und nach dem Vorbilde der noch lange in Benützung bleibenden Steingeräte zu formen[5811], schließlich aber vielleicht auch schon, aus seinen Erzen an Ort und Stelle zu gewinnen. Ob indessen die Annahme zutrifft, daß für Kupfer-Bergbau und -Verarbeitung in Ungarn, Deutschland, den Alpengegenden usf., -- keinesfalls aber in Skandinavien --, ein derart hohes Alter in Anspruch zu nehmen sei[5812], bleibt immerhin zweifelhaft; erstens dauert nämlich die Einfuhr von Kupfer in Gestalt von Ringen kretischen und phönizischen Gewichtes noch nach Beginn des 1. Jahrtausends (der sog. frühen Hallstädter Zeit) fort[5813], und zweitens reichen die ältesten Kupferbergwerke der Alpen, z. B. die zu Mitterberg und Kitzbüchel, keinesfalls so weit zurück, wie dies ~Much~ und andere Forscher voraussetzten[5814], sie gehören vielmehr nach den Untersuchungen von ~Hoernes~ erst der Bronzezeit an[5815].

Widersprechen nun obige Tatsachen einerseits der von einigen Gelehrten verfochtenen Theorie, der gemäß das Kupfer in Mittel- und besonders in Nordeuropa einen selbständigen Entstehungskreis besitze, so sind sie andererseits auch schwer vereinbar mit den Anschauungen von ~Montelius~, nach denen zwei Verbreitungswege des Kupfers nach Mittel- und Nordeuropa in Frage kommen sollen, ein östlicher über die Balkanländer und den Balkan, sowie ein westlicher über das Mittelmeer und den Boden des heutigen Frankreichs[5816]. Gallien war während des gesamten Altertums, ja selbst zu römischer Zeit, niemals besonders reich an Kupfer[5817], wie ja auch von Britannien noch ~Caesar~ behauptet, man mache daselbst nur von eingeführtem Kupfer (aere importato) Gebrauch[5818]. Falls es nun richtig ist, daß gegen Ende der Steinzeit gewisse rundköpfige Stämme aus den Hauptsitzen der sog. Grenelle-Rasse im nördlichen Frankreich über den Rhein und quer durch Deutschland weithin nach Osten und Norden drangen und daß diese damals zuerst das Kupfer verbreiteten, in dessen Besitz sie sich bereits befanden[5819], so fehlt bisher jedenfalls der Nachweis, daß und auf welche Art sie ihre Kenntnisse aus dem Orient empfingen; woher sonst sie ihnen zukamen, bleibt aber allerdings ebenfalls im Dunkeln, und so liegt hier eines der zahlreichen noch ungelösten Rätsel vor, wie z. B. das betreffs der oben erwähnten Kupferbeile der Charente, die eine gewisse Zeit lang bis 3% Arsen enthalten, während sie sich nach deren Ablauf gänzlich arsenfrei erweisen[5820].

Die +Indogermanen+ kennen vor ihrer Trennung und der Zeit der beginnenden Abwanderung aus ihrer immer noch vielumstrittenen Urheimat, also um 2500 und gegen Ende der jüngeren Steinzeit, nur +ein+ Metall, das Kupfer, benützen aber auch dieses nur in sehr beschränktem Umfange, und zwar in Form von Schmucksachen, Flachbeilen, Dolchen, Pfriemen, vielleicht auch Sicheln; sie verstehen, es in Steinformen zu gießen, nicht aber, es zu schmieden[5821]. Nach dem einen Namen des Kupfers, „ayas“ (lat. aes), der zu den ältesten Bestandteilen des indogermanischen Wortschatzes gehört, benennen sie später die ihnen neu bekannt werdenden Metalle, z. B. Gold, als „das gelbe“, Silber als „das weiße“, Eisen (Stahl) als „das blaue“, nämlich Metall[5822]; ein zweiter Name ist raudhâ oder roudhos, der das Kupfer als das „Rote“ bezeichnet, aber auch mit dem anklingenden sumerischen urudu in Zusammenhang stehen soll, -- so wie pereku, das Beil, gr. πέλεκυς (Pélekys), sanskr. paraçu, mit sumer. balag, assyr. pilakku --, ohne daß sich aber angeben ließe, wo oder gar wann diese Beziehung vermittelt wurde[5823]. -- Daß die westlichen +Finnen+ auch vom Kupfer (rauta, ruda) erst durch indogermanische Nachbarn Kunde erlangt hätten, trifft nicht zu; sie waren offenbar schon in ihrer alten Heimat, als die das Ural-Gebiet angesehen wird, mit ihm wohlvertraut[5824] und erklären es in ihren Volkssagen als das älteste Metall. In der „Kalewala“ wird daher der Gott ~Ilmarinen~ gleich mit den kupfernen Geräten des Schmiedes geboren, Kupferschmiede spielen eine große Rolle, und das Kupfer (nicht aber die ganz unbekannte Bronze) findet unzählige Verwendungen[5825]; das nämliche ist im „Kalewipoeg“ der Fall, und in den „Esthnischen Märchen“ gelten u. a. auch kupferne Geräte als „bei uns zu Lande verfertigt“[5826].

Seit wann in +China+ und +Indien+ Kupfer bekannt ist, und ob man daselbst eine eigentliche, jener der Bronze vorausgehende Kupferzeit anzunehmen hat, entzieht sich nach Maßgabe der vorliegenden Funde und Berichte noch jeder Beurteilung[5827]; die zahlreichen von ~Pfizmaier~ zusammengestellten chinesischen Angaben sind teils unklar, teils verraten sie sichtlich schon arabische Einflüsse, wie die über das männliche und weibliche Kupfer, über den „Geist des Kupfers“, über die fünf farbigen Arten des Kupfers, über die „Blüte des Kupfers“ (= Grünspan), die gemeinsam mit Zinnober, Kupferlasur, sowie männlichem und weiblichem Arsen, die „fünf Steine“ bildet, usf.[5828]. In Indien sprechen die Fundstücke für ein sehr hohes Alter des Kupfers, dessen Gewinnung seit jeher in den äußerst unvollkommenen, jedoch mit einer Art Blasebalg versehenen, kleinen Öfen erfolgt sein mag, die daselbst noch gegenwärtig im Betriebe anzutreffen sind[5829]; bemerkenswert ist es, daß noch zu Beginn unserer Zeitrechnung ~Strabon~ versichert, die Indier kennten keine geschmiedeten Kupfergefäße, sondern nur gegossene, die beim Hinfallen zerbrächen wie irdene[5830].

+Persien+ besaß reiche Kupfergruben, die während des ganzen Altertums und Mittelalters in dauerndem Betriebe standen, dessen noch 629 der chinesische Pilger ~Hiuen-Thsang~ gedenkt[5831]. Die bei den Ausgrabungen in Susa zutage gekommenen ältesten Werkzeuge und Nägel bestehen aus reinem Kupfer[5832], dessen erste Darstellung die persische Sage in die fernste Urzeit zurückverlegt und dem völlig mythischen Schah ~Hoscheng~ zuschreibt; in ~Firdusis~ „Schahnameh“ heißt es von ihm[5833]:

„Erz und Gestein er schied mit Verstand. Zum Werkstoff glänzendes Erz er macht’, Das er zog aus dem Felsenschacht: Er kannt’ es und fing die Schmiedekunst an, Durch die er Beil, Säg’ und Axt gewann.“

Auch in den uralten Vorstellungen vom Weltende, die nach den „Gathas“ genannten Verspredigten im „Avesta“ von ~Zarathustra~ selbst, also wohl aus dem 2. Jahrtausend, herrühren sollen, spielt das Kupfer eine wichtige Rolle: neben dem roten Feuer erwähnen sie das rote, lohende, geschmolzene Metall, dessen glühenden Strom die Auferstehenden durchschreiten müssen, wobei ihn die Guten als ein laues Bad empfinden, während er den Bösen die furchtbarsten Qualen bereitet[5834]. In der jüngeren Fassung des „Avesta“ tritt dann unter den auch schon den Gathas bekannten sechs iranischen Erzengeln die Gestalt des ~Schahrewar~ auf, des „Oberherrn der Metalle“, des „Herrn der 7 Metalle“, der diese schmilzt, „das Eisen, das Blei und das gemeine Metall“ (d. i. das Kupfer); im „Bundehesch“ ist er der „Herr der Waffen und der Waffengewalt“, in den späteren Pehlewi-Texten aber der „Geber des Reichtums“, nämlich der Metalle, die Geld und Gut darstellen, und die er am jüngsten Tage durch ein herabfallendes Meteor (?) schmilzt, wobei sie die Gerechten wie laue Milch umfangen[5835].

Bei den +Arabern+ scheint das Kupfer erst nach der Eroberung Persiens weitere Verbreitung gefunden zu haben[5836]; sehr frühzeitig wird ein persischer Klient als Kupferschmied erwähnt[5837], und zur Zeit des Khalifats sind alsbald große Mengen Kupfer vorhanden, Erzeugnisse Syriens, Kleinasiens, der südöstlichen Küstenländer des schwarzen Meeres, Armeniens, Kermans (des alten Karmaniens)[5838], aber auch des Maghrebs (Westafrikas)[5839] und nicht zum wenigsten Transoxaniens und Ferghanas, die als ebenso reich an Kupfer gerühmt werden wie an Türkis, Marienglas, Nûschâdir (Salmiak), Schwefel, Naphtha und zahlreichen anderen Mineralien, Erzen und Metallen[5840].

Was die +Namen+ des Kupfers betrifft, so sind das sumerische urudu und das indogermanische ayas bereits oben erwähnt worden; von letzterem leiten sich das indische ayas ab, das altpersische ayah, das gotische aiz, das lateinische aes, vielleicht auch das keltische umajo und das irische umae[5841]. Mit der roten Farbe des Kupfers hängt die zweite indogermanische Bezeichnung zusammen, raudhâ oder roudhos, und mit dieser wieder die für Rot und Kupfer im Indischen (rudhira und lôha), im Altpersischen (ruad und rôdh, wovon neupersisch rôy), ferner das griechische ἐρυθρός, das lateinische ruber, das gotische raudo, das altslavische rudru und das südslavische ruda, das lettische raudunes, das altpreußische rauda, vielleicht auch das finnische rauta oder ruda, sowie das baskische urreïda[5842].

Für das Wort „Kupfer“ sind einige weithergeholte Etymologien vorgeschlagen worden, nach ~Ludwig~ z. B. käme es vom semitischen K’pôr = Deckel, Scheibe, bedeutete also eigentlich Platten- oder Scheibenkupfer[5843]; nach ~Wilser~ hätten die Römer ihr cuprum der Sprache nordischer Völker entlehnt, etwa solcher Britanniens oder Skandinaviens, woselbst die Kupfergewinnung eine ganz außerordentlich alte sei[5844], -- welche letztere Behauptung übrigens nach ~Hoops~ durchaus nicht zutrifft[5845]. Die größte Wahrscheinlichkeit spricht vorerst immer noch für die nächstliegendste und natürlichste Erklärung, der gemäß cuprum von Cypern abzuleiten ist[5846], seiner ältesten und wichtigsten Gewinnungsstätte, deren hohe Bedeutung auch weiter fortdauerte, als die Insel 57 v. Chr. in römischen Besitz übergegangen war: machte doch noch Kaiser ~Augustus~ dem ~Herodes~, der ihm 300 Talente als Gabe dargebracht hatte, ein wahrhaft kaiserliches Gegengeschenk, indem er ihn mit dem halben Ertrage der cyprischen Erzgruben belehnte[5847]. Das Griechische besaß ursprünglich keinen mit Cypern zusammenhängenden Namen für Kupfer, vielmehr hieß dieses einfach χαλκός (Chalkós), so wie die Bronze, oder zuweilen zum genaueren Unterschiede von dieser χαλκός ἐρυθρὸς = rotes Kupfer, so schon bei ~Homer~[5848], aber auch noch bei ~Poseidonios~ (um 100 v. Chr.)[5849]. Das Lateinische kennt den nämlichen Ausdruck „aes rubrum“, neben diesem tritt aber auch „aes cyprium“ auf, das sich z. B. bei ~Vitruv~ findet, ferner „aes cypreum“ (oft bei ~Plinius~), „aes cyprinum“ und „aes cupreum“; „cuprum“ allein (ohne aes), sowie „cuprinus“ (= kupfern), kommen dagegen erst bei sehr späten Schriftstellern vor, z. B. bei ~Spartianus~ (4. Jahrhundert), bei ~Palladius~, und einigen anderen von ~Rossignol~[5850] und ~Blümner~[5851] aufgezählten Autoren, denen noch der Arzt ~Caelius Aurelianus~ (5. Jahrhundert) anzureihen wäre, der an einer Stelle „lepida cyprina“ (Kupfer-Schuppen) vorschreibt[5852]. Die späte Nachweisbarkeit einer Vokabel in der Litteratur erbringt freilich keine Entscheidung über ihr Alter, es wird z. B. kaum jemand voraussetzen, daß das Wort vitrum = Glas, für das bisher ~Cicero~ der früheste Gewährsmann sein soll, erst zu seiner Zeit plötzlich aufgetaucht sei; so wird wohl auch, neben vielen anderen als cyprische bekannten Erzeugnissen, das cyprische Erz, aes cyprium, cypreum, oder cupreum, im Sinne von Kupfer, dem Volksmunde längst vertraut gewesen, und in der Vulgärsprache abgekürzt „cuprum“ genannt worden sein, worauf u. a. die Bezeichnung der εἰς κύπρον (in Kýpron, in Kupfer) Arbeitenden im Maximaltarife des ~Diokletian~ von 301 hinweist (s. oben S. 274). In ganz ähnlicher Weise ging z. B. der (+nicht+ von Cypern abzuleitende) Name der Cypresse, der noch bei dem höfischen ~Vergil~ „cyparissus“ lautet[5853], nach Beginn der Kaiserzeit, und anscheinend gerade unter Anlehnung an „cuprum“ ganz allgemein in „cupressus“ über, war jedoch schon weit früher in dieser Gestalt gebräuchlich, was sich hier rein zufällig aus einem Verse des ~Ennius~ (239-169 v. Chr.) belegen läßt[5854]. -- Nichts zu tun hat „cuprum“ mit dem von ~Varro~ als sabinisch überlieferten „ciprum“ = gut[5855] und mit den etrurischen Städtenamen Cupra maritima und montana; diese selbst führt man wieder auf eine Göttin ~Cupra~ zurück, in der man bald die griechische ~Kypris~ erblicken wollte, bald die römische ~Juno~, weil nach ~Pausanias~[5856], der aber hierin schon völlig den synkretistischen Anschauungen folgt, ~Hera~ auch ~Aphrodite~ genannt worden sei[5857]. -- Unter den romanischen Sprachen besitzt nur die französische das von cuprum abgeleitete cuivre; die übrigen nahmen das vulgär-lateinische „aeramen“ (etwa = Kupferzeug) auf und bildeten, wie z. B. das italienische „rame“ zeigt, ihre Ausdrücke aus diesem.

5. Bronze.

Die Geschichte der Bronze, der Legierung von Kupfer und Zinn, ist auf das Innigste mit jener dieses letzteren Metalls verknüpft, auf die jedoch aus verschiedenen Gründen erst weiter unten des näheren eingegangen und daher an dieser Stelle nur hingewiesen werden kann.

Die Erfindung der Bronze, sei sie anläßlich zufälligen gemeinsamen Verschmelzens von Kupfererzen und Zinnstein, oder von fertigem Kupfer und Zinn gemacht worden[5858], setzt jedenfalls gewisse metallurgische Erfahrungen voraus, namentlich solche im Darstellen und Gießen des Kupfers, und zwar eines ziemlich reinen[5859], -- wenngleich es unmöglich ist, ihr, mit ~Kahlbaum~ und ~Hoffmann~[5860], schon die klare Absicht unterzulegen, den hohen Schmelzpunkt des Kupfers (1135°) durch den niedrigen des Zinns (228°) auf den mittleren der Bronze (900°) herabzudrücken. Sie einem einzigen bestimmten Volke zuzuschreiben, etwa den Ägyptern[5861] oder den Phöniziern[5862], erweist sich als unzulässig, vielmehr scheint sie an mehreren, wenn auch nur wenigen Punkten selbständig gemacht und dann von diesen aus allmählich weiter verbreitet worden zu sein[5863], wobei sich zwar Vorderasien, Europa und Afrika als zusammengehörig ergeben, ein völlig gemeinsamer Herd aber selbst für die +alte+ Welt so gut wie undenkbar erscheint[5864]. Auch im vorliegenden Falle mahnt nämlich die +neue+ zur Vorsicht in allen weitgehenden Schlüssen, denn „in beiden Hemisphären findet sich die Kunst dieser Legierung“, wie bereits ~Humboldt~ hervorhob[5865]: so besaßen die Mexikaner, bei denen ~Cortez~ Zinn in großen Mengen gewinnen und an Geldes Statt benützen sah[5866], auch bronzene Geräte und Werkzeuge, 94% Kupfer und 6% Zinn enthaltend, und waren im Gusse größerer und großer Gegenstände wohlerfahren[5867]; die Peruaner, bei denen sich auch Wagen und Gewichte vorfanden, die in Mexiko fehlten, verstanden ebenfalls, Bronze mit 6% Zinngehalt herzustellen und zu gießen, und wandten sie zu den mannigfaltigsten Zwecken an, obwohl ihnen das Eisen nicht mehr unbekannt war[5868]; endlich bedienten sich auch einige, jedoch nicht alle Völkerschaften Chiles, vermutlich von Peru aus beeinflußt, neben der kupfernen auch bronzener Schmucksachen, Werkzeuge, Geräte und medizinischer Instrumente[5869].

Für die oben erwähnte Vermutung ~Smiths~, die Bronze sei in +Ägypten+ erfunden worden, lassen sich zureichende Gründe nicht vorbringen, dagegen kannte man sie daselbst in weit früherer Zeit, als ~Gsell~ annahm[5870], nämlich schon unter der Regierung der Thiniten und der ersten Königsdynastien[5871], also etwa seit 3000; um 2500 war sie bereits verbreiteter[5872], und dem alten Reiche scheint auch ein aus Kupfer gegossenes Gefäß anzugehören, das schon ein mittels eines Bronze-Plättchens verlötetes Loch aufweist[5873]. In einem Gedichte aus der Zeit um 2000 ist von „Riegeln aus Bronze an Türen aus Kupfer“ die Rede[5874], und spätestens um 1500 verstand man den Hohlguß auch größerer Stücke und Statuen[5875], der jedenfalls eine lange andauernde Übung voraussetzt. Die Frage, ob die Bronze, als deren Namen thisd, thesed, aber auch chesmen angegeben werden[5876], sowie die Bronze-Technik, den Ägyptern aus einem bestimmten Lande des Orients zugekommen sei, aus welchem, und namentlich aus oder über Cypern, muß vorerst unentschieden bleiben, ebenso wie die nach der Herkunft des zu ihrer Darstellung erforderlichen Zinns. Tatsache ist, daß dieses anfangs nur in sehr kleiner Menge vorhanden war[5877]: der Gehalt beträgt bei den ältesten Bronze-Funden (um 3000) nur 1-2%[5878], bei den etwas jüngeren (um 2500) schon 6%[5879], und steigt dann rasch auf die normale Höhe von 10-12%, die im 2. Jahrtausend bereits die gewöhnliche ist[5880]. Die Fundstücke umgekehrt, auf Grund ihres Zinngehaltes, einem bestimmten Zeitalter zuzuteilen, ist aber im Einzelfalle ganz unzulässig, da man zinnarme Bronzen auch in späterer Zeit weiter erzeugte, ferner aber auch Bronze-Gegenstände, wahrscheinlich aus religiösen Gründen, zu gewissen Zwecken, z. B. als Grabbeigaben, nicht anwandte, diese vielmehr (noch um 1500) ausschließlich aus reinem Kupfer anfertigte[5881]. In älteren, gegossenen Bronze-Gegenständen findet sich nicht selten ein merklicher, zwischen 6 und 12% schwankender Zusatz an Blei, offenbar weil dieses die Verflüssigung und Handhabung der Legierung erleichtert[5882], während jüngere, geschmiedete, zuweilen 1-2% Eisen enthalten, das vermutlich aus den benützten Kupfererzen herstammt und ihnen eine bedeutende, aber zur Bearbeitung der Hartgesteine doch nicht ausreichende Härte verleiht[5883]. Mit was für Werkzeugen die Ägypter Granit, Syenit, Diorit und Basalt meisterten, ist noch strittig; ein Härten der Bronze nach Art des Stahles, durch Abschrecken in Wasser oder Öl (διά τινος βαφῆς), von dem ~Proklos~ und einige Spätere fabeln[5884], darf für ausgeschlossen gelten, die Bereitung einer Art Phosphor-Bronze mittels phosphorhaltiger Beigaben ist unbewiesen und unwahrscheinlich[5885], und ein Zusatz von 22-30% Zinn macht die Bronze zwar stahlhart, aber auch äußerst spröde[5886]. Da indessen ägyptische Prägestempel des 6. Jahrhunderts v. Chr. von gerade dieser Zusammensetzung vorliegen[5887], die Sprödigkeit zum großen Teil durch Ausglühen zu beheben ist[5888], ferner sehr harte Instrumente, z. B. medizinische, durch anhaltendes starkes Hämmern hergestellt werden können[5889], endlich aber auch bronzene Feilen aufgefunden wurden[5890], so scheint die Existenz einer Hartbronze doch noch keineswegs ausgeschlossen; weitere Untersuchungen müssen Aufklärung darüber bringen, ob bei ihrer Gewinnung mechanische Behandlungsweisen die Hauptrolle gespielt haben, chemische Beimischungen (unter denen auch noch das Arsen zu berücksichtigen wäre), oder beide.

Den +Sumerern+ war die Bronze schon gegen 3000 gut bekannt, da die ältesten Schichten zu Telloh (um 2900) zahlreiche bronzene Ringe, Äxte und Götterbilder aufweisen[5891], aus der nämlichen Zeit ein prächtiger Stierkopf in Bronze herrührt[5892], und aus der nur wenig jüngeren des Königs ~Urnina~ (um 2800) zahlreiche Bronzefiguren vorliegen[5893], sowie Bronzestifte von Rollsiegeln[5894]. Um 2700 tragen die Krieger auf der sog. Geier-Stele des ~Eannatum~, Sohnes des ~Entemena~, mit Metallbuckeln beschlagene Schilde, Lederhelme mit Metallrändern, sowie Lanzen mit zweischneidigen Metallspitzen, und das Metall scheint Bronze zu sein[5895]; eine ganze Anzahl kleiner, sehr gut gearbeiteter Bronzefiguren sind nur etwa 30 Jahre nach dieser Stele angefertigt[5896]. Unter der Regierung ~Gudeas~, der zu den „Königen von Sumer und Akkad“ gehört[5897], etwa um 2300, stand die Verarbeitung von Gold, Kupfer, Zinn und Bronze auf einer hohen Stufe, und letzteres Metall wird auch in Inschriften und Zaubersprüchen erwähnt[5898]; auffälligerweise erteilen die Sumerer in dieser Periode den Göttergestalten nicht mehr den Typus ihres eigenen Volkes, sondern jenen der Semiten[5899], von denen sie anscheinend auch die Verbindung der Götter mit den Gestirnen sowie mit dem Lebenswasser übernahmen, -- wie denn auch auf dem Siegel ~Gudeas~ ein sitzender Gott Vasen hält, aus denen das Wasser des Lebens hervorsprudelt[5900]. Im Zeitalter ~Hammurabis~, um 2000, war die Bronze längst allgemein bekannt[5901], und im 16. Jahrhundert bilden bronzene Rüstungen und Waffen einen Gegenstand der Ausfuhr nach Syrien[5902]. Wie bei den Bronzen Ägyptens, so ist im allgemeinen auch bei denen Babyloniens und Assyriens der Gehalt an Zinn anfangs sehr gering, oft nur 0,1-0,3%, steigt dann auf 3-5 und später auf 10-12, zuweilen auch auf 16-20%, und wird nicht selten von einem solchen an Blei (3-7%), Antimon (4%), Eisen (2-4%,), Arsen (0,6%) und etwas Nickel begleitet, die, mit Ausnahme des Bleies und vielleicht des Antimons, wohl sämtlich aus dem benützten Rohkupfer herrühren[5903]. Bestimmte Anhaltspunkte über das Alter einzelner Gegenstände liefert aber der Zinngehalt auch hier nicht, so z. B. fand ~Berthelot~ in einigen Stücken aus dem 2. Jahrtausend 10-12% Zinn, in jüngeren (Anfang des 1. Jahrtausends) 11%, in noch jüngeren (um 800) 8,5%, aber auch 14-20%, neben 3,5-7% Blei und 2-3% Eisen oder Nickel[5904]. -- Was die Frage betrifft, ob das Land der Sumerer als die (oder doch als eine) Ursprungsstätte der Bronze anzusehen sei, so ist zu bemerken, daß +allein+ dieses Volk neben dem Worte für Kupfer, urudu, noch ein besonderes für Bronze besitzt, zabar, das „feurigrot, glänzend“ bedeutet; in einem zweisprachigen Hymnus an ~Gibil~, den Gott des Opfer-, Herd- und Welt-Feuers, den Lehrmeister der Schmiede[5905], heißt es: „Du bist es, der Gold und Silber läutert; Du bist es, der Kupfer (urudu) und Zinn (anna) mischt“[5906], und in diesen Versen wird unleugbar dem Gotte die Erfindung der Legierung zugeschrieben[5907]. Sollte aber wirklich „anna“ ursprünglich nicht Zinn, sondern Blei bedeutet haben[5908], so läge die Vermutung nahe, daß die Blei-Bronze, -- es sei hier nur an die Statue des Königs ~Bur-Sin~ von Ur (um 2600) mit 18% Blei erinnert[5909] --, älter ist als die Zinn-Bronze, und daß der anfängliche Zusatz ein solcher von Blei war, das erst späterhin durch Zinn ersetzt wurde. -- In jüngerer babylonischer Zeit führt die Bronze auch andere Namen, so z. B. weihte ~Nebukadnezar~ II. (um 600) einer Göttin je zwei Hunde aus Gold, Silber und Bronze, für welche Metalle die Bezeichnungen hurasu, kaspu, und eru oder namru stehen, d. h. „glänzendes Kupfer“[5910]. Ob der ältere Name zabar in dem noch bei den späteren Arabern gebräuchlichen zafar, zafr, safr, fortlebt[5911], ist fraglich.

In der +Ägäis+ soll nach ~Karo~ das Kreta der frühminoïschen Periode (3. Jahrtausend) Bronze noch nicht, und das der spätminoïschen (2. Jahrtausend) anfangs nur spärlich, reichlicher erst seit etwa 1600, besonders aber seit 1500, besessen haben[5912]; nach ~Meyer~ ist aber Bronze schon zu Beginn des 3. Jahrtausends bekannt[5913] und nach ~Forrer~ bald nach dessen Ende in Knossos nicht selten[5914]. Das nämliche gilt nach den zuletzt genannten Autoren von Cypern, woselbst jedoch die Bronze-Gegenstände noch lange Zeit hindurch die Formen der kupfernen festhalten und sich neben diesen nur sehr allmählich Bahn brechen[5915]. Auch die Cykladen sind, entgegen ~Karos~ Ansicht[5916], um 2500 schon reich an Bronze-Geräten, -Gefäßen und -Waffen; nur die Spitzen der dortigen Pfeile sind nicht aus Bronze gefertigt, sondern aus dem Obsidian der vulkanischen Insel Melos[5917].

Zu +Troja+ findet sich Bronze, wenngleich vereinzelt, schon in sehr tiefliegenden Schichten, und ist anfangs arm an Zinn[5918]; um 2500 ist bereits viel Bronze und solche von 8-11% Zinngehalt vorhanden[5919], um 2000 treten Schmucksachen (auch gelötete) und getriebene Gefäße auf[5920] und um 1500, in der sog. homerischen Schicht, mannigfaltige Geräte und Waffen[5921].

Das +mykenische+ Zeitalter (um 2000) war mit der Verarbeitung der Bronze durchaus vertraut, namentlich auch mit der Herstellung größerer Gegenstände in Hohlguß[5922]; der Gehalt an Zinn ist sehr wechselnd, kaum 1% bei einem Kessel aus Mykene[5923], 5,5% bei einem Schwert und 9,5% bei einem Szepter (?) ebendaher[5924], dagegen 10-13% bei Fundstücken aus Tiryns[5925]. Nach einigen Forschern waltet hierbei der Zufall, nach anderen sollen die zinnreichen Geräte durch die Phönizier eingeführt sein[5926]; die Herstellung kleinerer Gußsachen dürften diese schon sehr frühzeitig verstanden haben, und jedenfalls reichte ihre Erfahrung aus, um ihnen im 11. Jahrhundert den Guß der gewaltigen Bronzesäulen vor dem Tempel zu Gades (der sog. Säulen des ~Herkules~) zu ermöglichen, und im 10. Jahrhundert den der Prunkstücke im Tempel ~Salomons~, wobei sie Tonformen benützten[5927]. Unter mykenischem Einflusse standen auch die Inseln des östlichen Mittelmeeres sowie Sizilien[5928]; betreffs ersterer ist dem weiter oben Gesagten noch hinzuzufügen, daß in Cypern die einheimischen Erzeugnisse auch während dieser Zeit noch die alten Formen beibehielten und daher durchaus archaisch erscheinen[5929], während sich in Kreta starke babylonische Einflüsse geltend machten, deren Spuren auch die Bronze-Barren von ¼, ½ und 1 Talent babylonischen Gewichtes verraten[5930].

Unter den +Griechen+ lernten die Bronze zuerst jedenfalls jene Kleinasiens kennen, woselbst man gegen Ende des 10. Jahrhunderts z. B. in Ephesus schon Zahlbarren (ohne Prägung) in Gold, Silber, Elektron, Bronze und Blei besaß[5931] und wo auch der Hohlguß um diese Zeit längst in Anwendung stand, so daß dessen „Erfinder“, ~Theodoros~ und ~Rhoikos~ von Samos (6. Jahrhundert), von denen ~Pausanias~ und andere erzählen, in Wirklichkeit wohl nur die Verbreiter waren[5932]. Das nämliche gilt betreffs der Bronze selbst, die nach den „Wunder-Geschichten“ des ~Pseudo-Aristoteles~ ein Lyder ~Skythes~, nach ~Theophrastos~ ein Phryger ~Delas~, und nach den „Fabulae“ des ~Hyginus~ der Phönizier ~Kadmos~ zu Theben zuerst bereitet haben soll[5933]. Auch von der Erfindung durch die im Ida-Gebirge hausenden Daktylen berichten ältere Sagen[5934], doch ist es unzutreffend, daß dieser bereits ~Homer~ gedenke; bei ihm bedeutet χαλκός (Chalkós) bald Kupfer, bald Bronze, die dem geschilderten Zeitalter wohlbekannt ist und als φαεινός (glänzend), αἶθοψ (funkelnd), νῶροψ (blendend) bezeichnet wird[5935]. Wann die +europäischen+ Griechen zuerst von ihr Gebrauch machten, läßt sich nicht bestimmt angeben, doch fehlt sie z. B. noch in den tiefsten, bis in das 2. Jahrtausend zurückreichenden Schichten Olympias[5936]; auf frühzeitiges erstes Auftauchen deuten die Sagen vom ehernen Zeitalter, sowie die Anschauungen, daß Bronze als das ältere Metall sich auch besser und edler erweise als Eisen, für kultische und daher auch für medizinische Anwendungen den Vorzug verdiene, den Göttern wohlgefällig sei, ihre Stimme in seinem Klange wiedertönen lasse, die bösen Geister und Gespenster vertreibe, Zauber und Zauber-Wirkungen breche, u. dgl. mehr[5937]. Die Darstellung der Bronze aus Kupfer und Zinn, sowie ihre Eigenschaften, waren zwar spätestens im 5. Jahrhundert ganz allgemein bekannt, -- ~Empedokles~ (gest. 444) erwähnt ihrer, und ~Aeschylos~ (gest. 456) sagt, „das Erz ist ein Spiegel des Körpers wie der Wein einer der Seele“[5938] --, aber über ihr Wesen als Legierung kam man nicht ins klare; noch ~Aristoteles~ war, wie schon weiter oben ausführlich erörtert, der Ansicht, daß das Kupfer durch Zinn etwa ebenso zu Bronze „gefärbt“ werde, wie durch Galle zu „Gold“, und daß das Zinn sich völlig auflöse und im Kupfer verschwinde, wobei es dieses hart, rein, glänzend mache und „färbe“[5939]. Die griechischen Erzgießer und Künstler verstanden es, der Bronze durch allerlei Beimischungen die verschiedensten Farbentöne zu erteilen (s. das aes hepatizon, graecanicum usf. bei ~Plinius~)[5940], und dies trug vielleicht dazu bei, die aristotelische Lehrmeinung zu bestätigen und zu festigen, so daß sie als übliches Schulbeispiel dauernd in jedermanns Munde blieb, wie denn z. B. noch ~Plutarch~ (48-125) sie bei jeder Gelegenheit immer wieder vorbringt[5941].

In +Etrurien+ weisen schon die älteren Nekropolen, sowie die wiederholt erwähnten Grabstätten zu Villanova und Felsina (Bologna) viel Bronze auf[5942], die ursprünglich gegossen, sehr frühzeitig aber auch schon getrieben wurde, derart, daß die ältesten Tonwaren des Landes sich als Nachahmungen solcher getriebener Bronzegefäße zu erkennen geben[5943]; diese besitzen einen eigenartigen Stil, den die Phönizier mindestens seit dem 15. Jahrhundert nicht mehr tiefer beeinflußten[5944], und sind an ihm meist mit Sicherheit kenntlich, z. B. im Norden, wohin sie bereits in alter Zeit ihren Weg nahmen[5945]. Die auch für den vorliegenden Fall bedeutsame Frage nach orientalischen, insbesondere babylonischen Beziehungen der Etrusker, für die unleugbare religiöse Anhaltspunkte vorliegen sollen (Zauberwesen, Aberglauben, Leberschau)[5946], ist, ebenso wie die nach ihrer orientalischen Herkunft und nach der Stellung ihrer Sprache, vorläufig noch strittig und nicht spruchreif. -- Bei den +Römern+, deren Glauben und Aberglauben so vielfach an den etruskischen anknüpft, ist die kultische Bedeutung der Bronze bemerkenswert, so z. B. dürfen sich die Flamines genannten Priester gelegentlich gewisser Opfer nur tönerner Gefäße, wollener Kleider mit Erzspangen und bronzener Geräte bedienen[5947]. Noch um 300 v. Chr. stand die Bronze so hoch im Preise, daß unter den Geschenken, die ~Fabricius~ den Samniten wieder zurücksandte, außer fünf Sklaven und fünf Pfunden Silbers auch zehn Pfunde Erz aufgezählt werden[5948]. Im Laufe des 2. Jahrhunderte wurde Campanien, und ganz besonders die Stadt Capua, zum Hauptsitze einer ausgedehnten Bronze-Industrie, namentlich auch Kunst-Industrie, die seither, zumeist aber vom Beginne der Kaiserzeit an, ganz Italien sowie die Provinzen mit ihren Erzeugnissen versorgte, u. a. mit Spiegeln, deren beste, die Brundisium (Brindisi) lieferte, etwa 30% Zinn, zuweilen auch etwas Blei (5-6%) enthielten[5949]; anderen Bronzewaren wurde jedoch, besonders in späterer Zeit, viel mehr Blei beigemischt.

In +Mitteleuropa+ ist, wie schon oben erwähnt, bereits während der jüngeren Steinzeit ein Handel anzunehmen, der sich auf Feuersteine, Steinwerkzeuge, Tongeräte und primitiven Schmuck, vor allem Bernstein, erstreckte, gegen Ende der Periode aber auch Muscheln des Mittelmeeres, Glasperlen, Kupfer in Barren und Doppeläxten, Gold, Zinn und Bronze umfaßte[5950]. Die sog. Bronzezeit setzt in Mitteleuropa um 2000 ein, erstreckt sich in mehreren Stufen bis zu dem nicht überall gleichzeitig (etwa zwischen 1000 und 600) erfolgenden Eintritte der Eisenzeit, dauert aber auch während deren älteren (sog. Hallstädter) und jüngeren (sog. La Tène-)Abschnittes weiter fort, -- die Grenze beider bildet ungefähr das Jahr 400 --, und endigt vollständig erst um 100 v. Chr.[5951]; im nördlichen Europa beginnt sie erst gegen 1700 und währt bis etwa 50 v. Chr.[5952]. Da gerade jene Gegenden Mitteleuropas, in denen sich die Bronzezeit am reichsten entfaltete, damals weder Kupfer noch Zinn erzeugten[5953], das Zinnland Britannien aber keine Bronze besaß[5954], so fanden die Behauptungen einiger Gelehrten, z. B. ~Wilsers~[5955], von einer selbständigen Erfindung der Bronze in Mittel- oder Nordeuropa bisher keinen Anklang in der Wissenschaft; die allgemeine Meinung geht vielmehr dahin, daß der Gebrauch der Bronze aus dem Südosten des Weltteils, woselbst sie zuerst bekannt war, sich allmählich nach Mittel- und von da aus nach Nordeuropa ausgebreitet habe[5956]. Träger dieser Verbreitung, die um 2000 nachweisbar wird, aber erst einige Jahrhunderte später ihren Höhepunkt erreicht, waren anfangs Tauschhändler, durch deren Tätigkeit die besondere Wichtigkeit des Bernsteins, auf die schon weiter oben aufmerksam gemacht wurde, sichtlich zutage tritt[5957], später wohl auch wandernde eigentliche Erz-Händler und -Arbeiter, aus deren Händen die in den ältesten Pfahlbauten vorgefundenen bronzenen Geräte und Schmucksachen herrühren dürften[5958]. Diese wurden also zunächst in fertiger Gestalt eingeführt, und zwar offenbar von wenigen gemeinsamen Ausgangspunkten her[5959], wobei als erste Hand, anscheinend bis gegen 1500, kretische, nachher aber phönizische Vermittler ins Spiel kamen, so daß sich hieraus das Auftreten von Ringen, Barren und Geräten anfänglich kretischen, später aber (bis in die ältere Hallstädter Zeit hinein) phönizischen Gewichtes genügend erklärt[5960]. Jedenfalls „zehren die Funde aus der Bronzezeit überall vom Einflusse des Ostens und der Ägäis“[5961], und für ihren einheitlichen Ursprung zeugen die fast allerorten gleichmäßigen Formen, Verzierungen und Mischungsverhältnisse[5962]. Die ältesten weisen einen geringen Zinngehalt auf, doch steigt dieser alsbald auf den regelmäßigen von 10-12%[5963], während Blei gänzlich zu fehlen pflegt[5964]. Wann das für die allgemeine Verbreitung ausschlaggebende Gießen an Ort und Stelle begann, -- zunächst wohl durch die fremden Händler und Wanderarbeiter, nachher auch durch Einheimische --, läßt sich genauer nicht feststellen, um so mehr als fürs erste nur kleine Gegenstände in Frage kamen, die teils aus eingeführten Barren, teils aus Bruchstücken oder Resten angefertigt wurden[5965]; auf einen frühen Anfang solcher Bemühungen deutet aber die Benützung von Gußformen aus einheimischen Gesteinen, sowie die beharrliche Nachahmung der Gestalten von Stein- und Kupfergeräten[5966], die namentlich im Norden bis in späte Zeiten hinein andauert, obwohl man zu diesen auch dort schon verhältnismäßig vollendete Gegenstände anzufertigen verstand, wie Wagen, Wagenräder mit Speichen, u. dgl.[5967]. Im Laufe des 2. Jahrtausends schreitet die Gußtechnik jedoch allenthalben erheblich fort[5968]; ihr schließt sich die Treibarbeit an, die fraglos südlichen Vorbildern nacheifert[5969], und zuletzt, wohl erst seit Beginn der Eisenzeit (etwa um 1000), folgt das Schmieden, als jüngste der Künste[5970].

Über den Bahnen, auf denen die Kenntnis der Bronze nach Mitteleuropa gelangte, schwebt noch Dunkel. Zwischen der Ägäis und der ostkarpathischen Ebene walten zwar sehr alte, bis gegen 2500 zurückreichende Zusammenhänge, sie brechen aber bald nach dieser Zeit jäh ab[5971] und ob sie sich wirklich später erneuerten und zu einer Benützung des Weges Donau-aufwärts Anlaß gaben, bleibt ungewiß. Unter den westlichen Pfaden gilt als der wichtigste der längs der Rhone aufwärts bis in das Quellgebiet des Rheins und weiterhin der Donau, und dann wieder diese Flußläufe abwärts führende, doch läßt die genauere Erforschung dieses Hauptzuges noch ebensoviel zu wünschen übrig wie die seiner Verzweigungen, besonders der auf französischem Boden vorauszusetzenden; sehr auffällig sind die Bronzen der Charente, die zeitweise ebenfalls bis 3% Arsen (aus dem Kupfer herrührend) enthalten[5972], sowie einige sog. Depotfunde, z. B. die von Bonneville (um 1000?), die neben 7% Zinn bis 5% Blei und zuweilen auch Antimon führen[5973]. Was endlich die jüngeren etrurischen Einflüsse anbelangt, so soll sie ~Genthe~[5974] nach manchen Richtungen überschätzt haben, ob aber in so hohem Grade wie ~Partsch~ und einige andere Forscher behaupten[5975], bleibt fraglich.

Ein durchaus selbständiges Entstehungs- und Verbreitungsgebiet der Bronze ist, soweit sich dermalen übersehen läßt, das ostasiatische, u. a. das indische, malayische und chinesische. In +China+ erfanden nach „uralten Überlieferungen“ heilige Männer den Nutzen des Feuers und verfertigten mit seiner Hilfe Gefäße aus Kupfer und Bronzen[5976], deren Bestandteile, Kupfer und Zinn, schon unter der Regierung des völlig mythischen Kaisers ~Yü~ (angeblich um 2200 v. Chr.) von gewissen Völkern neben Gold und Silber als Tribut geliefert wurden[5977]; nach anderen, ebenso alten Erzählungen sollen aber fremde Eroberer vor unvordenklichen Jahren die Kunst der Bronze-Darstellung nach China gebracht haben[5978]. Jedenfalls ist eine erste Blütezeit der Bronzetechnik schon in die Periode 1800-1500 v. Chr. zu setzen und eine zweite in die der Tschou-Dynastie, d. i. 1000-900 v. Chr.[5979]; aus letzterer sind datierte Stücke von ganz außerordentlicher Vollendung erhalten[5980], auch liegen Rezepte über sechs verschiedene Mischungsverhältnisse vor, die den Zinnzusatz auf 20-100% des Kupfers bemessen, niemals aber auf den im Mittelmeergebiete vorherrschenden von 10-12%[5981]. Die ältesten Bronzen, z. B. die im Lössboden gefundenen Gefäße[5982], sollen ausschließlich aus Kupfer und Zinn bestehen[5983] und sich dadurch jenen der Altai-Gegenden und der Tschudengräber anschließen, die gleichfalls 20 und mehr Prozent Zinn zu enthalten pflegen[5984]; spätere Legierungen, darunter bereits die der Glocken, deren Gebrauch in China aber immerhin schon sehr alt ist, weisen dagegen nicht selten auch bis 3% Arsen und Antimon auf[5985].

In +Indien+ besaß man Bronze schon in der älteren vedischen Zeit, aus der zahlreiche Funde vorliegen sollen, die bemerkenswerterweise sehr zinnarm sind[5986]; da die Indogermanen +vor+ ihrer Trennung noch nichts von der Bronze wußten[5987], so müßten die Einwanderer sie entweder bei der indischen Urbevölkerung schon vorgefunden, oder unterwegs kennen gelernt haben. -- Den alten +Iraniern+ scheint die Bronze unbekannt geblieben zu sein; einige Erwähnungen im „Avesta“ sind fragwürdiger Natur, zudem läßt sich ihre Abfassungszeit nicht ermitteln[5988]. In späteren Epochen waren dagegen die Perser wie mit metallurgischen Verfahren aller Art, so auch mit der Gewinnung und Verwendung der Bronze wohlvertraut; noch 629 n. Chr. berichtet der chinesische Pilger ~Hiuen-Thsang~ von den Platten, aus denen die riesigen Statuen des ~Buddha~ zusammengesetzt werden, und sagt, daß zu ihrer Herstellung der „Stein“ Teou-Schih von goldgelber Farbe diene, der angeblich in Persien gefunden werde[5989]. Zur Zeit des Khalifats waren persische Bronzen, nach dem Haupthandelsplatze auch Mossul-Bronzen genannt, ein wichtiger Gegenstand der Ausfuhr[5990].

Was die +Namen+ der Kupfer-Zinn-Legierung anbetrifft, so stehen ganz abseits das irische créd-uma = „Zinn-Kupfer“ und das deutsche Erz (althochdeutsch aruz, erezi; altnordisch arud, so auch in Ortsnamen; mittelhochdeutsch erz), das ~Hehn~ von „aes arretium“ ableiten will, da Arezzo lange Zeit hindurch einen der wichtigsten Erzeugungsorte der über die Alpen gehenden Waren bildete[5991]. Alle anderen neueren Sprachen bedienen sich aber der Bezeichnung „Bronze“, die bei den alten Griechen und Römern unbekannt war, und über deren Herkunft schon eine ganze Anzahl sehr verschiedener Vermutungen ausgesprochen worden sind.

~Ducange~ im 17. Jahrhundert und ihm folgend ~Muratori~ im 18. und ~Diez~ im 19., nahmen als Stammwort das spätlateinische bruntus und brunus an, das bald soviel wie braun besagen soll, bald so viel wie glatt oder glänzend[5992]; diese Vieldeutigkeit entspringt nach ~Eastlake~ dem Umstande, daß das Wort ursprünglich die Farbe des armenischen Bolus bezeichnete, den man im Kunstgewerbe als Untergrund für das Auflegen von Gold zu benützen pflegte[5993]. Hiernach scheint es erklärlich, daß z. B. schon in älteren Schriften des Mittelalters, aus denen dann noch mehr als ein halbes Jahrtausend schöpfte, „brunire“ = deaurare (vergolden) und „or bruni“ = aurum politum (glänzendes, poliertes Gold) ist[5994], daß ~Boileaus~ erstes Pariser Statutenbuch, das „Livre des métiers“ von 1254, unter brunti oder bruni nichts weiter als poli versteht[5995], und daß die mittelhochdeutschen Dichter und Schriftsteller brunit auf Waffen, Schmucksachen, Gläser usw. abwechselnd im Sinne von braun, von glatt, oder von glänzend anwenden[5996]. Aus „aes brunum“ oder „brunum aes“ soll dann nach ~Rossignol~[5997], der als „verkürzte Sprechweise“ „brunses“ annimmt, sowie nach ~Schrader~[5998], das mittellateinische bronzium hervorgegangen sein, sowie das italienische bronzo, bronza (auch = glühende Kohle), das französische bronce und braise, das deutsche Bronze, wohl auch das angelsächsische braes, das englische brass, das albanesische brunto, das russische bronza usf.; desgleichen aus dem mittellateinischen brunitius das italienische brunizzo, bruniccio, bronzino[5999]. Mit brunus bringt ~Rossignol~ auch das von ~Ducange~ für 804 nachgewiesene „brunia“ in Verbindung, d. i. der erzene Küraß[6000]; hiermit befindet er sich aber jedenfalls im Irrtum, denn dieses Wort, gotisch brunjo, altnordisch brynja, angelsächsisch byrne, altfranzösisch broigne und brunie, provençalisch bronha, althochdeutsch brunja und bronja, mittelhochdeutsch bruyna, neuhochdeutsch Brünne, leitet sich vom keltischen und irischen „bruisne“, d. i. Brust, ganz ebenso ab, wie altfranzösisch harnais, französisch harnois, italienisch arnese, spanisch arnes, altnordisch hardneskja, mittelhochdeutsch harnasch, neuhochdeutsch harnisch, vom keltischen und irischen „iarn“ oder „haiarn“, d. i. Eisen[6001]. -- Obwohl sich nun der Zusammenhang vieler der angeführten Worte mit bruntus und brunus nicht bezweifeln läßt, so erscheint es doch auffällig, daß nach ~Schrader~ diese selbst wieder in letzter Linie vom germanischen bruno = braun herkommen sollen[6002]; denn da die Spätlateiner die Bronze nicht von den Germanen kennen lernten, sondern umgekehrt, und die braune Farbe auch nicht wohl als die für Bronze charakteristische anzuerkennen ist, so behält hierdurch die ganze Erklärungsweise etwas Gezwungenes.

Das nämliche gilt von einer anderen, durch ~Pott~[6003] und später durch ~Karabacek~[6004] aufgestellten, der gemäß die Stammworte der Bronze das armenische plinj, das kaukasische pilindz und spilendzi, das mittelpersische barnidz und beredsch, vor allem aber das neupersische baradsch und birindsch sein sollen[6005]; als ihre eigentliche Bedeutung wird „leuchtend, glänzend“ angegeben, und aus dieser dürfte es sich erklären, daß die Perser mit Birindsch u. a. auch gewisse Pflanzen und Pflanzenteile bezeichnen, z. B. die Reiskörner[6006]. Die Frage aber, wann, wo, und unter welchen Umständen gerade dieses persische Wort zur Benennung der Bronze auserkoren und für sie maßgebend geworden wäre, läßt sich vorerst nicht in überzeugender Weise beantworten.

In den von ~Berthelot~ unter dem Namen „Technische Abhandlungen“ zusammengestellten, meist spätgriechischen Vorschriften findet sich auch eine zur Herstellung des für Gußsachen dienlichen βροντήσιον (Brontésion) „aus einem Pfunde cyprischen Kupfers und zwei Unzen Zinn“[6007]. ~Berthelot~ glaubt, sie stamme aus der Zeit gegen 1100 und war zunächst der Meinung, daß hier zum ersten Male das wahre Ursprungswort der Bronze, βροντήσιον, auftauche; von Gegenständen ἀπὸ βροτισίων (Brotisíon) spricht aber schon eine Stelle bei ~Zosimos~[6008], und wenn sie auch angeblich erst ein byzantinisches Einschiebsel aus dem 8.-10. Jahrhundert sein soll[6009], so bezeugt sie doch ein bereits erheblich höheres Alter des Ausdruckes. Daß dieser bereits vor 800 wohlbekannt war, ergibt sich aus zwei von ~Berthelot~ zuerst nachgewiesenen Rezepten: die im 8. Jahrhundert verfaßten „Compositiones ad tingenda ...“, derer schon weiter oben eingehend gedacht wurde, beschreiben als „compositio Brandisii“ und „alia compositio Brandisii“ Legierungen aus 2 Teilen Kupfer, 1 Teil Zinn, 1 Teil Blei, oder aus 2 Teilen Kupfer, ½ Teil Zinn, 1 Teil Blei und ½ Teil Glas (vitrum)[6010]; die desgleichen oben erwähnte „Mappae clavicula“ enthält ebenfalls die „Compositio Brindisii“, und zwar nach ~Giry~ allein im älteren Schlettstädter Texte, während der jüngere ~Way~sche die betreffende Vorschrift, jedoch mit 1 Teil statt ½ Teil Zinn, als „compositio brondisono“ nur unter den einzelnen Rezepten aufweist, die die letzten Blätter der Handschrift ausfüllen[6011]. ~Berthelot~ wirft nun die Frage auf, +wonach+ eigentlich die Kupfer-Zinn-Legierung βροντήσιον heiße? Die Benennung nach der Farbe, also nach bruntus, scheint ihm wenig zutreffend; ihr Befürworter, ~Ducange~, führt eine „Compositio Brundi“ an (2 Teile Kupfer, 1 Teil Zinn, 1 Teil Blei), deren das nicht näher ermittelte alte Werk eines Autors namens ~Palladius~ gedenke[6012]; ferner kommt ein Mineral βροντήσινος (Brontésinos), vermutlich eine Art Pyrit, auch im sog. „Lexikon“ vor[6013], das einen Bestandteil schon der ältesten alchemistischen Handschriften bildet, aber allerdings einen erst nachträglich beigefügten und nicht einheitlichen. Eine Beziehung zu dem anklingenden βροντή (Bronté) = Donner ist auch nicht anzunehmen, ebensowenig eine solche zu einem Erfindernamen. Die größte Wahrscheinlichkeit spricht daher für die zu einem Ortsnamen, nämlich zu Brundisium (= Brindisi), dem wichtigsten und hervorragendsten Fabrikationsorte römischer Bronzewaren[6014]. Wie es nach ~Plinius~ ein korinthisches, aeginetisches, delisches Erz gab, so vermutlich auch ein brundusisches, „aes brundusinum“, das die Bronze im Gegensatze zum „aes cyprium“, dem Kupfer, bezeichnet haben mag, und das wohl schon ~Plinius~ im Sinne hatte, als er von der Vortrefflichkeit der „brundisina specula“ sprach[6015], d. i. der brundusischen (also bronzenen) Spiegel; in diesem Zusammenhange scheint es beachtenswert, daß auch der ~Way~sche Text der „Mappae clavicula“ im Abschnitt 89, der von Versilberung handelt, der „brundisini speculi, tusi et cribellati“ Erwähnung tut, der „zerstoßenen und gesiebten [Masse] der brundisischen Spiegel“[6016].

Nach ~Festus~ (4. Jahrhundert n. Chr.), der seine etymologischen Darlegungen dem ~Verrius Flaccus~ (einem Autor der beginnenden Kaiserzeit) entnahm, den selbst wir aber wieder nur aus kärglichen Auszügen des ~Paulus Diaconus~ (um 800) kennen, hieß Brundisium ursprünglich Βρεντήσιον (Brentésion), abgekürzt auch Βρέντη (Brénte), Brenda, Breonda, Brendum, Brentium, und zwar nach den Worten βρέντη, βρέντον, βρέντιον, die bei den Gründern der Stadt, -- es sollen Kreter oder Messapier gewesen sein --, Hirsch und Hirschgeweih bedeuteten; der Name des Handelshafens hätte also eine Anspielung auf seine vielfach verzweigte Gestalt und Ausbreitung gebildet[6017]. Dies bestätigen auch im 5. Jahrhundert ~Hesychios~[6018], im 7. ~Isidorus~[6019] und zu Beginn des 9. ~Warnefried~, der in seiner „Geschichte der Longobarden“ bemerkt, „nach der Gestalt des Hirschkopfes hießen die griechischen Gründer den Ort Brondisium“[6020]. Von diesem Namen, der sich bis in die Neuzeit hinein erhielt, -- sagt doch z. B. noch 1538 ~Hollanda~ in den „Gesprächen über die Malerei“[6021], daß die Via Appia „bis Brondusio“ führt --, wäre also der des brundisischen oder brondisischen Erzes abzuleiten, dessen verschiedene Formen Brunzo, Brunzi, Bronze, Bronza, Bronsa, Brense gleichfalls bis in das 15., ja bis in das 17. Jahrhundert hinein nachweisbar bleiben[6022].

Die Hypothese ~Berthelots~ haben indessen schon ~K. B. Hofmann~[6023] sowie ~Schrader~ abgelehnt[6024], und in der Tat sprechen vielerlei Gründe gegen sie. Vor allem war Brundisium gar nicht „der wichtigste und hervorragendste Fabrikationsort für Bronzewaren“, als welcher vielmehr, wie oben erwähnt, Capua in Betracht kommt; der Behauptung, die Bronze sei gerade nach den Spiegeln Brundisiums benannt, die zwar schon ~Plinius~ rühmt, die aber doch immerhin nur eine beschränkte Spezialität bildeten, wohnt daher nicht viel Wahrscheinlichkeit inne. Wenig glaubhaft ist es ferner, daß sich von der Stadt Brundisium auch das spätgriechische oder frühbyzantinische βροντήσιον der „Technischen Abhandlungen“ und des Zusatzes bei ~Zosimos~ herleite, welches Wort in den folgenden Jahrhunderten noch weiter entstellt wird, wie denn z. B. nach ~Ducange~ von einem Gebäude zu Konstantinopel (?) die Rede ist, das πόρτας προύτζινες (prútzines) = bronzene Türen hatte[6025]. Endlich läßt sich auch das Mineral βροντήσινος nicht wohl mit Brundisium in Verbindung bringen, und daß die brundisischen Spiegel der „Mappae clavicula“ aus Bronze bestanden, ist gewiß sehr möglich, aber nicht erweisbar. Was schließlich die Zusammensetzung der verschiedenen „Compositiones“ anbelangt, so spricht der hohe Bleigehalt von 25% zwar für spätrömischen Ursprung der Rezepte, er erscheint aber, sobald die Herstellung der vortrefflichen brundisischen Spiegel in Betracht kommt, als so ungeeignet wie möglich, da ein derartig starker Zusatz an Blei die Härte und Politurfähigkeit der Legierung ganz erheblich beeinträchtigt, dem angestrebten Hauptzwecke also völlig zuwiderliefe; nach ~Bibra~[6026] enthält daher gutes antikes Spiegelmetall ebenso wie das heutige etwa 70% Kupfer und 30% Zinn, und entweder gar kein Blei, oder nur geringe Mengen, allenfalls 5-6%.

Sämtliche Vorteile von ~Berthelots~ Annahme lassen sich indessen wahren, wenn man zwar mit ihm Bronze von βροντήσιος (Brontésios) ableitet, dieses Wort aber nicht mit dem verführerischen Brundisium in Verbindung bringt, sondern mit dem von ihm nur im Vorübergehen erwähnten und ohne weiteres abgelehnten βροντή (Bronté) = Donner. In der griechischen Mythologie ist Bronte der personifizierte Donner, der Donner- und Blitzschlag, -- schon ~Olympias~ empfing ~Alexander~ den Großen von dem unter Donnergerolle, βροντή, in der Schlangengestalt des Blitzes niedergefahrenen Zeus[6027] --, und ~Brontes~ heißt ein Gewitter- und Vulkan-Dämon, der später zum Cyklopen und Schmiedegehilfen des ~Hephaistos~ wird[6028]. Aus den Donnerwolken herab (e tonitribus) fällt nach ~Plinius~ und ~Isidorus~ der wunderbare Donnerstein Brontea oder Brontia, der das vom Blitz gezündete Feuer zu löschen vermag[6029], dessen Zauberkräfte das gesamte Mittelalter rühmt, ja dem noch 1648 ~Aldrovandi~ in seinem trefflichen, von wissenschaftlichem Geiste erfüllten „Museum metallicum“ eine ausführliche, mit vielen Abbildungen ausgestattete Abhandlung widmet[6030]. ~Zeus Brontos~, ~Brontaios~ oder ~Brontesios~ endlich ist „~Zeus~ der Donnerer“, der ~Jupiter tonans~, tonitrator oder tonitrualis der Römer[6031]. An den Namen des Donnersteines Brontia und des ~Zeus Brontesios~ läßt sich völlig ungezwungen jener der Bronze anknüpfen, also des χαλκὸς βροντήσιος des donnernden, einen mächtigen Donnerschall verbreitenden Erzes; dieser Voraussetzung gereicht es zur Bestätigung, daß nach den spätantiken Autoren die Donnermaschine der Theater βροντεῖον (Bronteíon) hieß und aus einem λέβης χαλκοῦς, einem bronzenen Kessel, bestand, der mit großen Kieseln gefüllt war[6032]. Auch bezeichnet das Italienische mit „Bronzino“ noch jetzt gewisse Steine, z. B. venetianische Marmorarten, deren Platten, vermöge ihrer eigenartigen Struktur, beim Anschlagen einen starken, lange nachhallenden Klang von sich geben[6033]; in ähnlicher Weise mag das der pyritähnliche Stein βροντήσινος getan haben, dessen Namen ~Berthelot~ mit „fulgurante“ übersetzt[6034], -- soferne für seine Benennung nicht schon seine bronzeartige Farbe maßgebend war.

Noch bleibt aber die Frage zu beantworten, an welche Form des Erzes der Beiname des „donnernden“ mit besonderer Berechtigung zu knüpfen war, und ob sich in der Zeit, zu der der Name Bronze gebräuchlicher wurde, d. i. jedenfalls schon +vor+ dem 8. Jahrhundert, ein bestimmter Anlaß zu einer derartigen Anknüpfung geboten hatte? In dieser Hinsicht sei die Vermutung ausgesprochen, daß als solcher die Ausbildung oder Vervollkommnung des +Glocken+-Gusses zu betrachten ist.

Bronzene Glocken sollen in China schon um 1000 v. Chr. im Gebrauch gestanden, ursprünglich, wie ~Beckmann~ bereits 1799 anmerkte, aus den hölzernen sog. Lärmbrettern und Lärmtrommeln hervorgegangen und deshalb auch, gleich diesen, durch äußeres Anschlagen zum Tönen gebracht worden sein[6035]. Eine kleine bronzene Glocke mit Klöppel (9 cm hoch), etwa von 860 v. Chr., kam bei den Ausgrabungen nächst Ninive zum Vorschein[6036], und daß man ähnliche kleinere Glocken, sowie Glöckchen, Schellen, Cymbeln u. dgl. mehr auch in Persien, Vorderasien, Ägypten, Griechenland und Rom sehr wohl kannte, ist vielfach bezeugt, und kann der Natur der Sache nach nicht wundernehmen[6037]; völlig fehlt es dagegen an Berichten über große Glocken im Sinne der unsrigen, sowie an Überresten von solchen. Ebenso alt wie die Glocken, ja vermutlich noch älter, waren in China die gleichfalls durch Umwandlung der hölzernen Lärmbretter entstandenen Gongs, runde, meist zum Aufhängen, oft aber (durch Anbringen eines schrägen Randes) auch zum Aufstellen eingerichtete Bronzeplatten, denen man mittels eines Schlägels laute, weithin hörbare Töne entlockte[6038]; auch derlei Vorrichtungen genossen im westlichen Asien weite Verbreitung und können daselbst ebenso selbständig erfunden worden sein wie in China. Nach der „Glockenkunde“ ~Bossis~[6039], des gelehrten Mitgliedes der päpstlichen „Liturgischen Akademie“, steht es nun fest, daß sich die ersten christlichen Gemeinden im Orient, ihnen nachfolgend aber auch die des Okzidentes, zur Berufung ihrer Versammlungen, sowie zu anderen liturgischen Zwecken anfänglich großer hölzerner Tafeln bedienten, die entweder gegeneinander gestoßen oder mit schweren hölzernen Hämmern bearbeitet wurden[6040]. Im Orient blieb diese Sitte sehr allgemein lebendig und wurde in späteren Jahrhunderten, als nach Ausbreitung des Islams den Christen das Glockenläuten verboten war, sogar wieder alleinherrschend; aber auch das katholische Ritual bewahrte „als Erinnerung an die alte, noch glockenlose Zeit“ den Gebrauch, daß während der Passionszeit, wenn die Glocken zu schweigen haben, „statt ihrer das Crotalum, d. i. eine starke Holzplatte, mittels schwerer Holzkugeln geschlagen wird“[6041]. Vielfach trat jedoch, sowohl im Osten wie im Westen, an Stelle der hölzernen Tafel eine bronzene oder eiserne, die man in der Nachbarschaft der Versammlungsstätten an hohen Bäumen, an passenden Gerüsten, oder an eigenen freistehenden Türmchen befestigte und mit metallenen Hämmern anschlug[6042]; derlei Vorrichtungen zum Geben gewisser, bürgerlichen und häuslichen Bedürfnissen dienlicher Signale, daher „Signa“ genannt, besaß übrigens schon das spätere Altertum[6043]. Im Okzident erhielten sie sich bis gegen Ende des Mittelalters zu allerlei Zwecken, und zwar namentlich zum „Schlagen“ der Stunden durch besondere Wächter und durch die mit Zeitmessern und Uhren verbundenen „Schlagwerke“[6044]; aber auch der Orient bediente sich ihrer, so z. B. spricht schon der arabische Dichter ~Ibn Almuʿtazz~ (861-909) vom Schlage „der den Morgen verkündet“ und „durch den die Christen ihren Ruf ergehen lassen“[6045], die Erzählungen „1001 Nacht“ berichten vom Schlagen der Metallplatte auf dem Dache einer christlichen Kirche[6046], und die Schriften der „Treuen Brüder“ erörtern die Fortpflanzung solchen Schalles durch die Luft. Wo und wann zuerst der Gedanke verwirklicht wurde, mehrere metallene Bleche zu einem schallgebenden Gefäß (vas) zusammen zu nieten, ist bisher nicht ermittelt, doch scheint dies bereits in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung geschehen zu sein[6047], da ein angeblich 613 angefertigtes, jedenfalls aber außerordentlich altes Exemplar, bestehend aus drei mit Bronzenägeln vernieteten Eisenplatten, in Köln erhalten geblieben ist[6048]. Den weiteren Fortschritt, derartige „vasa“ in +einem+ Stück zu +gießen+, knüpft die Überlieferung an den Bischof ~Paulinus~ von ~Nola~ in Campanien, um 400, und findet es hiernach erklärlich, daß bald darauf eigentliche große Glocken unter dem Namen „signum“ oder „campana“ und kleine unter der Bezeichnung „nola“ bekannt zu werden beginnen[6049]. Erwähnungen der Campana aus dem Anfange des 6. Jahrhundert[6050] sind nicht ausreichend sicher bezeugt[6051], 580 aber kennt der Geschichtsschreiber ~Gregor~ von ~Tours~ die Glocke schon am Seile hängend[6052], 613 läutet man bei der Belagerung von Sens durch den merowingischen König ~Chlotar~ I. die Glocke der Kirche, „um das Volk zusammen zu rufen“[6053], und um etwa die nämliche Zeit wird des Signums oder der Campana auch in Paris gedacht[6054]. ~Beda Venerabilis~ (gest. 735) nennt den Schall der Glocken, „der die Gemeinde versammelt“, einen wohlbekannten (notum campanae sonum)[6055]. ~Alkuin~ (gest. 804) sagt in „De divinis officiis“, „es sei nicht neu, die Glocken zu weihen, zu ölen und zu benennen“[6056]; ~Karl der Grosse~ verbietet diese Taufe der Campanae, „deutsch Clocae genannt“[6057], und 874 stellt die Kirche das Läuten gegossener Glocken als rituale Vorschrift auf[6058], obwohl noch Papst ~Leo~ IV. (gest. 855) „eine Glocke mit einem bronzenen Hammer“ gestiftet hatte (campana cum malleo aereo)[6059]. Bemerkenswert ist es, daß 864 der Doge ~Orso Patritiaco~ dem Kaiser ~Michael~ zwölf große Glocken für die Sophien-Kirche als Geschenk zusandte, denn da die Byzantiner mit dem Erzgusse sehr vertraut waren und den Venetianern viele seiner Feinheiten erst beibrachten[6060], so muß man annehmen, daß sie selbst sich damals der Glocken nicht bedienten; dies scheinen sie auch später nicht getan zu haben, denn noch gegen 1200 meldet ~Antonius~ von ~Nowgorod~ in seinem „Pilgerbuche“: „... in der Sophien-Kirche haben sie [die Griechen] keine Glocken, sondern kleine Handklopfer aus Eisen (?), ... die man gemäß der Vorschrift eines Engels gebraucht; ... die Lateiner hingegen läuten mit Glocken“[6061].

Was nun die angebliche Erfindung des campanischen Bischofs ~Paulinus~ von ~Nola~ anbelangt, so handelt es sich hierbei offenbar um eine Sage, wie schon die Tatsache zeigt, daß bereits bei dem spätrömischen Dichter ~Avienus~ (um 350) das Glöckchen am Hundehalsbande „nola“ heißt[6062]; aber völlig dürfte sie des geschichtlichen Hintergrundes nicht ermangeln. Wie schon oben erwähnt, hatte nämlich die römische Bronze-Industrie ihren Hauptsitz in Campanien, insbesondere aber in Capua. Diese Stadt, um 600 v. Chr. von den Etruskern ins Leben gerufen und über 150 Jahre lang ein rein etrurisches Gemeinwesen, scheint u. a. auch die Kunst des Bronzegusses von ihren Begründern übernommen und in den folgenden Jahrhunderten sorgfältig und unter ausschließlicher Verwendung der besten Rohstoffe gepflegt zu haben[6063]; von maßgebender Einwirkung war hierbei jener in Süditalien („Groß-Griechenland“) stets mächtige griechische Einfluß, der Capua zu einem Mittelpunkte der Kunstindustrie überhaupt und zur berüchtigten Stätte des Luxus und Wohllebens machte, die noch ~Cicero~ ein zweites Rom (Roma altera) benannte[6064]. Capuanische Bronzewaren fanden bereits seit dem 5. Jahrhundert v. Chr., in größerem Umfange aber seit der Begründung Aquilejas zu Beginn des 2., ihren Weg nach dem Norden (teils über den Brenner, teils durch Pannonien) und bleiben unter den dortigen Funden, trotz allen Wechsels der Verhältnisse, bis in das 3. nachchristliche Jahrhundert hinein nachweisbar, namentlich in Gestalt charakteristischer Bronze-Eimer[6065]. Aber auch im Inlande waren sie hochberühmt[6066]; der alte ~Cato~ (gest. 149 v. Chr.) rät, Bronzegefäße nur in Capua einzukaufen, zur Zeit des ~Augustus~ bewirkten griechische Künstler daselbst einen neuen Aufschwung der Industrie[6067], ~Horaz~ preist sein campanisches Bronzegeschirr (campana supellex)[6068], ~Plinius~ lobt das campanische Erz als das beste, reinste, von Blei freie[6069], und wenn auch im späteren Verlaufe der Kaiserzeit ein Rückgang in künstlerischer Hinsicht eintrat, so dauerte doch die Massenerzeugung stets weiter fort, wie u. a. noch der ~Horaz~-Kommentator ~Porphyrio~ im 3. Jahrhundert bezeugt[6070]. Um diese Zeit hatte aber das Christentum schon seit langem in Capua Boden gefaßt, die Stadt besaß bereits eine größere christliche Gemeinde[6071] und eine „Basilika der Apostel“[6072], und es ist daher durchaus glaublich, daß sich die Umgestaltung der Lärmtafel oder des oben erwähnten Schallgefäßes (vas) zur eigentlichen Glocke hier vollzog[6073]; gehörten doch „glockenförmige“ Eimer und Mischgefäße zu den althergebrachten Erzeugnissen der dortigen Künstler, denen auch die zum Gusse der ersten Glocken erforderliche, keineswegs gering zu veranschlagende Geschicklichkeit und Erfahrung zuzutrauen ist[6074]. Ob nun, wie anzunehmen, die Glocken den Namen „Campana“ nach dem des Landes Campanien und Capuas empfingen, -- denn ~Varro~ sagt ausdrücklich, daß das richtige Wort für alles aus Capua stammende campanus ist und nicht capuanus[6075] --, oder etwa nach dem campanischen Erze, dem aes campanum des ~Plinius~, oder nach der Art ihrer Aufhängung, d. i. jener der längst gebräuchlichen „statera campana“, der campanischen Schnellwage[6076] usf., muß vorerst dahin gestellt bleiben; jedenfalls erhielten sie ihn aber erst gelegentlich ihrer Weiterverbreitung, also schon außerhalb Campaniens oder Capuas. In dieser Stadt selbst aber, in der, wie in ganz Süditalien, der griechische Einfluß jederzeit ein herrschender und die griechische Sprache eine allgemein gebräuchliche blieb[6077], dürften die Künstler, die zum ersten Male die Glocken „dumpf zusammen hallen“ ließen, dem Glockengute die Bezeichnung χαλκὸς βροντήσιος oder κρᾶμα βροντήσιον, „donnerschallendes Kupfer oder Erz“, erteilt haben, sei es, daß sie sie selbst erdachten, oder schon samt den unvollkommeneren Vorbildern vom Osten her übernahmen; aus diesem Brontesios oder Brontesion gingen dann, als seine Bedeutung und Herkunft in Vergessenheit gerieten oder nicht mehr verstanden wurden, die entstellten Namen Brandisium, Brindisium, Brondisono usf. hervor, und aus diesen wieder, oder mit ihnen zugleich, die im Volksmunde vermutlich längst gebräuchlichen Abkürzungen Brontea oder Brontia[6078], die unmittelbar zu „Bronzo, Bronza, Bronze“ hinüberleiten. Diminutiva technischer Namen auf -ίον sind nach ~Schmidt~ charakteristisch für die späte, vulgär-griechische Arbeitersprache[6079], und dieser Umstand spricht daher gleichfalls für die Ableitung des Wortes βροντήσιον von βροντή, dem Donner; aus ihr erklärt sich auch ~Ducanges~ Angabe, daß Bronzina, neben „vas bronzinum“ die älteste der einschlägigen, frühmittelalterlichen Bezeichnungen, ein „tormentum bellicum“ bedeutet[6080], also eine jener Kriegsmaschinen, die bei Angriffen und Belagerungen nach zahlreichen Berichten „unter donnerartigem Getöse“ mächtige Steine und Felsblöcke schleuderten. Des weiteren macht der dargelegte Zusammenhang verständlich, daß nicht nur „Bronzo“ bis in das 17. Jahrhundert hinein ohne weiteres als Synonym von „Glockenspeise“ gebraucht wird, -- so noch von ~Becher~ (1635 bis 1675)[6081] --, sondern auch umgekehrt „Glockenspeise“ jederlei Bronzeguß bezeichnet; so z. B. sagt ~Vitalis de Furno~ (1247-1327), „unter Erz verstehe man das, woraus die Glocken gegossen werden“ (aes vocamus, unde fiunt campanae)[6082], und ~Veranzio~ spricht um 1595 von der zum Bau einer Brücke erforderlichen Glockenspeise[6083]. Doch sei hervorgehoben, daß in Deutschland, wo im 9. Jahrhundert Kirchenglocken schon allgemein gebräuchlich wurden und Glockengießer u. a. in Aachen urkundlich nachgewiesen sind[6084], der Name Bronze erst spät auftaucht; er fehlt z. B. in den zahlreichen von ~Schlosser~ gesammelten Dokumenten frühmittelalterlicher Kunst[6085], sowie bei ~Theophilus Presbyter~, der um 1100, und angeblich in Deutschland, in seiner „Schedula diversarum artium“ (Verzeichnis verschiedener Künste oder Kunstgriffe) auch ausführliche Vorschriften über Glockenguß bringt[6086], die er jedoch zum Teil unzureichend wiedergegeben oder auch selbst nicht richtig aufgefaßt hat[6087]. Eine genaue und zutreffende Beschreibung findet sich auffälligerweise erst 1540 in der „Pirotecnia“ des ~Biringucci~[6088], der aber wieder vielfach aus deutschen Quellen geschöpft zu haben scheint.

Nach der Lehre der katholischen Kirche, wie sie im Abschnitte „De benedictione Signi vel Campanae“ (Über das Weihen des Signum oder der Campana) des „Pontificale romanum“ niedergelegt ist, besitzt die Glocke, das „vasculum ad invitandos filios sanctae Ecclesiae“, das „Gefäß, das die Kinder der heiligen Kirche zusammenruft“, die Kraft, böse Geister und Gespenster aller Art zu verscheuchen, Unwetter und Stürme hinweg zu treiben, Blitz- und Donnerschläge abzuwenden[6089]. Diese Anschauungen sind ein Erbteil der Antike. Allgemein war in ihr der Glaube, den die Glöckchen, Cymbeln, Erzbecken und Sistren der Priester, Hierophanten, Schwärmer und Mysten bezeugen, daß der Klang des angeschlagenen Erzes als der einer Götterstimme anzusehen sei, daher reinige und sühne, Beschwörungen und Zauber breche, Dämonen und böse Geister banne[6090]. Auf ihn gründete sich die Überzeugung der Kirche und des gesamten Mittelalters, daß der Teufel und seine höllischen Heerscharen den Schall geweihter Glocken fliehen müssen, daß man sie daher durch Glockenläuten vertreiben könne und samt ihnen, durch „Wetterläuten“, auch die durch ihre Bosheit erregten Wirbelwinde und Stürme, Nebelschwaden und Gewitter[6091]. Ebendeshalb sollte es dem Blitze völlig unmöglich sein, in eine Glocke zu schlagen, namentlich in eine tönende[6092]; „fulgura frango“ ist daher der Wahlspruch, der so recht eigentlich der Glocke geziemt, der sie als echte Erbin jenes das Blitzesfeuer löschenden Donnersteines Brontia kennzeichnet und der abermals, von wiederum anderer Seite her, die Abstammung der Bronze vom donnerschallenden Erze Brontésion bestätigt.

6. Messing.

Da es mit Gewißheit feststeht, daß metallisches Zink in Asien nicht vor dem späteren Mittelalter, in Europa aber erst gegen 1600 bekannt wurde (s. unten), so kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die Messing genannte Kupfer-Zink-Legierung ursprünglich allein durch gemeinsames Verschmelzen von Kupfer oder Kupfererzen mit zinkhaltigen Mineralien, namentlich Galmei (Zink-Carbonat, zuweilen auch -Silikat), gewonnen wurde und daher keine gleichbleibende Zusammensetzung und Färbung besaß, vielmehr, je nach der Höhe des Zinkgehaltes, einen rötlichen, gelblichen, goldgelben bis weißen Farbenton zeigte[6093].

In welchem Lande oder welchen Ländern und zu welcher Zeit das Messing zuerst dargestellt wurde, steht bisher nicht fest; in Babylonien, in der Ägäis, in Troja und während der älteren mykenischen Periode scheint es nicht, während der jüngeren nicht sicher nachgewiesen zu sein[6094]; aber auch betreffs Ägyptens bleibt es fraglich, ob Messing unter jenem Kupfer zu verstehen sei, das unter der Regierung ~Ramses~ III. (1269-1244) „mit der Färbung des Goldes dritter Feinheitsgüte“ aus Etek (im Sinaï?) kam, oder unter jener Kupfermischung „von der Farbe des guten Wüstengoldes“, die nach Angabe des „Papyrus ~Harris~“ (13. Jahrhundert) erst gegossen und dann gehämmert wurde[6095].

Frühzeitig sollen die Perser die Kunst der Messing-Gewinnung betrieben haben, und aus Messing bestanden nach aller Wahrscheinlichkeit die Trinkschalen des Königs ~Darius~, von denen die „Wundergeschichten“ des ~Pseudo-Aristoteles~ berichten, daß sie glänzend, leuchtend, unverrostbar wie Gold und von diesem nicht der Farbe, sondern nur dem Geruch nach unterscheidbar gewesen sein[6096]; daß nämlich, abweichend vom Golde, die unedlen Metalle tatsächlich einen gewissen, besonders beim Reiben und Erwärmen hervortretenden Geruch zeigen, bestätigten schon im 16. Jahrhundert ~Las Casas~, im 17. und 18. ~Becher~ sowie ~A. von Haller~ und noch neuerdings (1907) ~Gruhn~[6097]. Persien ist sehr reich an dem zur Herstellung des Messings unentbehrlichen Galmei; dessen Benennung „Tutia“, die schon im frühen Mittelalter auftaucht, ist nichts anderes als das persische „Dûd“ = Rauch und bezog sich ursprünglich auf die für die Galmeiöfen charakteristische Wolke zartesten weißen Zinkoxydes, das zufolge augenblicklicher Verbrennung des zunächst in feinsten Tröpfchen abgeschiedenen metallischen Zinks entsteht und in dichten Massen an die Ofendecke emporsteigt[6098]. Der chinesische ~Buddha~-Pilger ~Hiuen-Thsang~ erzählt 629 n. Chr. von der Darstellung des Messings in Persien aus Kupfer und Galmei, dem Steine Yu-Schih[6099], der daselbst in vielen Gegenden vorkomme[6100]. Aus Persien soll diese Kunst nach Indien gelangt sein, wo man angeblich erst im 6. Jahrhundert an Stelle der älteren kupfernen oder bronzenen ~Buddha~-Statuen messingene zu setzen begann[6101] und das Messing seither schon ebenso zu Schmucksachen verarbeitete, wie dieses ~Somadeva~ noch ein halbes Jahrtausend später erwähnt[6102]; nach ~Hiuen-Thsang~[6103] gab es auch in Indien viel Galmei, besonders im Sind, -- doch läßt dieser Bericht Zweifeln Raum, da die Übersetzung des betreffenden chinesischen Wortes mit „Galmei“ nicht ganz sichersteht. Den Chinesen soll die Darstellung des Messings nach einigen ebenfalls aus Persien zugekommen sein, und zwar nicht vor dem 8. Jahrhundert[6104], während andere sie als eine einheimische Errungenschaft hohen Alters betrachten. Jedenfalls gelangte im Mittelalter Tutia nicht nur aus Kerman und Ispahan in Persien, sondern auch aus Indien und China nach den östlichen Mittelmeer-Ländern, und es bestand namentlich zu Damaskus eine ausgedehnte und technisch höchst vollendete Fabrikation von Messingwaren, was aber nicht hinderte, daß solche gleichzeitig auch aus Europa in den Orient kamen, besonders nach Ägypten[6105].

In Griechenland erwähnen die dem ~Hippokrates~ zugeschriebenen Werke gewisse medizinische Instrumente aus „weißem Kupfer“[6106], im Gegensatze zum gewöhnlichen „roten“[6107], und versichern, „das weichste und leichteste Kupfer sei das geeigneteste zur ausgiebigen Mischung“[6108], als deren Ergebnis zweifellos Messing anzusehen ist. Fraglich bleibt dagegen, ob man dieses auch als von Anfang her identisch mit dem ὀρείχαλκος (Oreíchalkos, Orichálcum) zu betrachten habe, einem u. a. bei ~Hesiod~[6109], in der sog. homerischen Hymne an ~Aphrodite~[6110], sowie im „Kritias“ des ~Platon~ erwähnten, diesem aber schon nicht mehr näher bekannten, goldähnlichen Metalle von angeblich ganz außerordentlichem Werte[6111]. Die „Wundergeschichten“ des ~Pseudo-Aristoteles~ melden, daß man aus ihm zu Chalcedon auch ganze Statuen anfertigte, und halten es offenbar für das nämliche wie das „Erz der Mossinöken“ (am Südostufer des Schwarzen Meeres), die eine „vom Erfinder geheim gehaltene Legierung“ (κρᾶμα, κρᾶσις) nicht aus Kupfer und Zinn, sondern aus Kupfer und einer in ihrem Lande vorkommenden „Erde“ darzustellen verstanden[6112]; das Röstprodukt dieser Erde, die sog. „phrygische Asche“ [unreines Zinkoxyd], wird zugleich als vortreffliches Augenheilmittel gerühmt[6113]. Vermutlich beruhten die Berichte über das Vorkommen des Orichalcum in der Natur auf bloßen Sagen, die dadurch entstanden, daß man die zuerst wohl in Kleinasien auftauchende Legierung nicht als solche erkannte, sie vielmehr als ein einheitliches Metall unbekannter Herkunft ansah[6114]. Die Bezeichnung Oreíchalkos leiten einige vom „Erz des ~Oreios~“ ab[6115], welcher Erfinder aber sichtlich nur ein Heros eponymos ist, andere, gemäß der wörtlichen, aber ganz nichtssagenden Übersetzung der Worte ὄρος (Oros) und χαλκός, von „Berg-Erz“, noch andere endlich von ὀρεύς (Oreús), dem Berg- oder Maultier, das durch Vermischung von Pferd und Esel ganz ebenso entstehe, wie das Orichalkum durch die von Kupfer und Galmei[6116].

Bei den Römern wurde der Name Oreíchalkos durch eine Volksetymologie zu Aurichalcum (= goldiges Kupfer, Goldkupfer) umgestaltet und bezeichnete eine Legierung aus Kupfer und Kadmia (Galmei), Kupfer und „cadmischer Erde“[6117], Kupfer und [zinkhaltigem] sog. „Ofenbruch“ der Silberhütten[6118]. Im Anfange des hellenistischen Zeitalters schwankte die Bedeutung allerdings zwischen Messing, Bronze und Kupfer[6119], wovon die Aufzählungen der 6 (oder 7) Metalle bei ~Pollux~[6120] (2. Jahrhundert n. Chr.), ja noch bei ~Albertus Magnus~[6121] (um 1260) eine Spur bewahrt haben, indem sie an Stelle des Kupfers, oder neben ihm, Orichalcum anführen; spätestens vom 2. Jahrhunderte v. Chr. an war aber Aurichalcum ausschließlich = Messing[6122] und gilt daher bei ~Plautus~, ~Cicero~, ~Horaz~ und anderen für billig und wertlos. Was ~Vergil~ als „orichalcum album“ erwähnt[6123], ist vielleicht als χαλκὸς λευκός, aes candidum (eine Kupfer-Silber-Legierung) anzusehen[6124], vielleicht aber auch nur als ein sehr helles Weißmessing, identisch mit dem vielgedeuteten χαλκολίβανος (Chalkolíbanos) der „Apokalypse Johannis“[6125]. ~Plinius~ erwähnt das Orichalcum nur ziemlich flüchtig[6126], ~Festus~ bespricht seinen Namen, nennt es eine Mischung oder Legierung (κραματινά) und weiß, daß „cadmische Erde in Kupfer geworfen wird, damit es entstehe“[6127]. Ähnlich äußern sich ~Hesychios~[6128], für den Messing ein bronzeähnlicher Stoff ist, sowie ~Isidorus~[6129], der seine goldgelbe Farbe auf die Beimischung eines „medicamen“ zum Kupfer zurückführt; ὀριχαλκεύς im Sinne von Messingschmied kommt um die nämliche Zeit (um 600) im byzantinischen Ägypten vor, jedoch nur ganz vereinzelt[6130].

Wie die als „Periplus“ bekannte, etwa um 40 n. Chr. verfaßte Handelsbeschreibung der Gestade des Roten Meeres erwähnt, führten die Küstengegenden Ostafrikas schon damals Orichalcum = Messing ein, das als Schmuck sowie an Geldesstatt diente, zu welchem Zwecke man es in passende Stücke zerschnitt[6131]. Etwas später, zur Zeit des ~Plinius~[6132], wurden die Galmeilager des niederrheinischen Gebietes entdeckt, und alsbald entwickelte sich dort, hauptsächlich in der Gegend von Juliacum (Jülich), eine ausgedehnte Messingindustrie, deren Blütezeit um 150 anzusetzen ist und deren Erzeugnisse durch die römischen Großkaufleute erst in alle Nordsee-, später aber auch in die Ostsee-Länder verhandelt wurden[6133]; als gegen 300 die Barbaren einbrachen, ging sie zwar unter, aber das Vorhandensein der Galmeilager daselbst, in der Aachener und Stolberger Gegend, sowie im Maastale scheint niemals völlig in Vergessenheit geraten zu sein und veranlaßte jedenfalls die Wiederaufnahme dieses Gewerbszweiges vom 11. Jahrhundert an[6134].

Was den Namen „Messing“ betrifft, so wollte man ihn u. a. von einem slavischen *mosengju ableiten, dieses vom spätpersischen miss, miess, moess (= Kupfer) und dieses wieder vom pontischen *moss oder mossu, dem Erze der Mossynöken[6135]. Viel näher liegt aber als Stammwort das mittellateinische massa = Klumpen, Klotz (als „Massel“ noch jetzt für die Roheisen-Luppen gebräuchlich), das als mass, mess, meze, messe nachgewiesen ist[6136], im mittelhochdeutschen mösch, möschnic, missinc, messinc, messing lautet[6137], auch in der „Sarepta“ des ~Mathesius~ als „messinc, messnic, messen“ nachklingt[6138], in niederländischen Dokumenten von 1517 und 1579 als myssink und massener Ware[6139], und noch im Basler Zeughaus-Inventare von 1666 als Mössinc, Möschnic, Mösschinen[6140]. Im Niederländischen, Flämischen und Holländischen wird aber Messing oft auch mit „Kupfer“ bezeichnet (s. das französische cuivre blanc), indem es für eine bloße Art gefärbten Kupfers galt[6141]; auf Gleichsetzung mit Bronze wiederum deutet wohl das angelsächsische braes und das englische brass[6142].

Der in älteren Aachener Urkunden vorzufindende Namen „Latven“ kommt vom französischen laiton (span. laton; ital. lottone, oder, unter Hinweglassung des vermeintlichen Artikels, ottone), und dieses nach ~Dietz~ von plata, latta, latte (engl. latten), der Bezeichnung für das allezeit so beliebte dünngeschlagene Weißmessing-Blech[6143], nach ~Rossignol~ von „aes luteum“ (= gelbes Erz)[6144], nach der zweifellos richtigen Erklärung ~Ducanges~ aber von „Elektron“[6145]. Das französische „archal“, von dem neben laton ~Boileau~ schon 1254 spricht[6146], geht auf Orichalcum zurück; noch 1575 heißt in Stolberg das Rohmessing Arko[6147]. -- Ganz abseits stehen das neugriechische τούντζυ (Túntzy) und das rumänische Tuciu, die offenbar mit Tutia zusammenhängen und nicht mit Tumbac oder Tombacco, d. i. das malayische Wort tambâja = Kupfer[6148]. Daß das Westfinnische ein eigenes Wort für Messing besessen habe, ist ein Irrtum; Messing war im alten Finnland ebensowenig bekannt wie Bronze und taucht erst im „Kalewipoeg“ auf, der aber auch sonst vieles sehr junge erwähnt, z. B. Branntwein und sogar Tabak[6149].

7. Blei.

Da Bleierze in den verschiedensten Gegenden weit verbreitet sind und sich, wie namentlich das wichtigste unter ihnen, der Bleiglanz (d. i. Schwefelblei), glatt reduzieren lassen, da ferner der niedrige Schmelzpunkt und die große Leichtflüssigkeit des Metalles einfache Abscheidungs- und mannigfaltige Anwendungsweisen ermöglichen, so ist das Blei in manchen Ländern schon seit früher Zeit wohlbekannt und steht in dieser Hinsicht zuweilen dem Kupfer nur wenig nach.

Seit wann die +Ägypter+ es zu benützen verstanden, läßt sich des genaueren nicht angeben, im 2. Jahrtausend, besonders in dessen zweiter Hälfte, kommen aber größere Barren und Ziegel aus Blei (teht, tacht) schon sehr häufig vor und scheinen auch bereits aus Spanien eingeführt worden zu sein[6150]; in den sog. Tribut-(richtiger Handels-)Listen ~Thutmosis~ III. (um 1500) ist wiederholt von bedeutenden Mengen die Rede, da sich aber ~Ramses~ III. (um 1200) rühmt, den Göttern neben anderen kostbaren Metallen auch 9000 Pfunde Blei zum Geschenke dargebracht zu haben[6151], so muß sein Wert auch damals noch ein recht erheblicher gewesen sein. Daß es späterhin massenhaft vorhanden war, als billige und gemeine Ware vielerlei Verwendung fand, seiner leichten Schmelzbarkeit halber dem ~Osiris~, dem „Herrn alles Flüssigen“, beigesellt wurde und schließlich als Grundlage aller übrigen Metalle galt, hat bereits in früheren Abschnitten Erwähnung gefunden; in ptolemäischer Zeit sprechen die Urkunden öfters vom Bleiarbeiter (μολυβδουργός) und vom Bleilöter (κολλητής), der Wasserleitungen anlegt und ausbessert und die beschädigten Rohre (σωλῆνες) der Badeöfen wieder herstellt[6152].

Auch bei den +Sumerern+ ist die Kenntnis des Bleies uralt, und einige sehen es als das schon dem Gotte ~Ea~ von Eridu zugehörige Metall an, während andere als solches allerdings das Kupfer betrachten[6153]. Seiner Verwendung im Laufe des 3. Jahrtausends, sowie der Statue des Königs ~Bur-sin~ von Ur (um 2600), die aus Bleibronze mit 18% Blei (abâru) besteht[6154], ist schon weiter oben gedacht worden[6155]; aus der Zeit um 2300 wird von einem prächtigen Bassin aus Stein und Blei berichtet, das König ~Gudea~ für einen Tempel stiftete[6156]. Die Assyrer nannten das Blei ebenfalls abâru[6157], besaßen große Mengen davon und verwandten es u. a. zu nicht näher aufgeklärten kultischen Zwecken, so daß sich z. B. in einigen Gräbern des 13. Jahrhunderts schwere Bleitafeln, darunter solche bis zu 500 kg Gewicht, vorgefunden haben[6158].

Auch in der +Ägäis+ ist Blei bereits während des 3. Jahrtausends nachgewiesen, desgleichen in +Troja+, woselbst aus einer tiefen Schicht (von etwa 2500) die noch sehr rohe Bleifigur einer Göttin zutage gefördert wurde[6159]; ebenfalls wohlvertraut war das Blei der +mykenischen+ Kultur, und bleierne Drähte, Ringe usf. zählten nach Beginn des 2. Jahrtausends nicht mehr zu den Seltenheiten[6160].

Die +Griechen+ lernten das Blei anfänglich in Kleinasien kennen, worauf noch die Sage hinweist, daß König ~Midas~ von Phrygien es zuerst aufgefunden habe[6161]; reichlicher scheinen es später die Phönizier eingeführt zu haben, und zwar nach ~Hekataios~, der um 500 v. Chr. schrieb, aus Spanien, woselbst eine Stadt Molybdíne jenseits Tartessos lag, eine Stadt Molybdana auf der Insel Plumbaria bei Carthagena[6162], und wo ein Volk namens Plumbarii die lusitanische Provinz Madubriga bewohnte[6163]. Zur Zeit des ~Hekataios~ war den Griechen auch die Verarbeitung des heimischen Bleiglanzes (Molybdaína, Galéna) und anderer Blei und Silber führender Erze schon seit längerem geläufig, und sie stellten nach verschiedenen, wenngleich noch recht unvollkommenen Verfahren Blei dar; sie bereiteten ferner sog. Werkblei (auch Lithargyrina genannt?), Bleiglätte (u. a. die gold- und silberglänzende Chrysitis und Argyritis)[6164], Mennige, Bleiweiß [das auch als Schminke diente[6165] und über das ~Theophrast~ schon ungefähr dasselbe mitteilt wie ~Dioskurides~], sowie Schwefelblei, dessen Gewinnung durch Brennen von Blei mit viel Schwefel bereits die sog. Schriften des ~Hippokrates~ schildern[6166]. Kleine Bleifiguren aus dem 6. Jahrhundert wurden zu Sparta gefunden, etwas jüngere zu Athen[6167], und die ersten der neu aufgekommenen Münzen sind nicht selten ebenfalls bleihaltig[6168]. Das Metall galt für besonders „kalt“ und daher schon bei ~Theophrastos~[6169], aber auch noch bei ~Galenos~[6170], für besonders geeignet zum dauernden Aufbewahren empfindlicher Salben und Wohlgerüche. Im Zusammenhange mit seiner großen Kälte steht auch vielleicht, -- neben der Zuteilung an ~Osiris~ und andere chthonische Gottheiten --, die Verwendung zur Herstellung der schon weiter oben erwähnten sog. „Fluchtafeln“, deren gegenwärtig etwa 400 griechischen, etruskischen und hellenistischen Ursprunges bekannt sind[6171]. Der Gebrauch derartiger Tafeln erhielt sich bis in die späte Kaiserzeit[6172]; sie tragen, wie schon ~Tacitus~ angibt[6173], als Inschriften „carmina et devotiones“ (Fluch- und Bannsprüche), weisen aber zuweilen auch merkwürdige Zeichnungen auf, z. B. die Gestalt des verderblichen ~Typhon-Seth~ und bei den gnostischen Sethianern auch jene des ~Christus-Seth-Typhon~, mit dem von den sog. Spottkruzifixen her bekannten Kopfe des Esels, als des dem ~Seth-Typhon~ heiligen Tieres (das ursprünglich das Okapi gewesen sein soll)[6174].

Bei den +Arabern+ stand das Blei seit der Eroberung Persiens in ganz allgemeinem Gebrauch; bleierne Marken, die an einer Schnur um den Hals getragen wurden, dienten u. a. als Quittung für die Bezahlung der Kopfsteuer seitens der Ungläubigen[6175]. Die größten Mengen lieferten Transoxanien[6176] sowie das eigentliche Persien[6177]; Ray und Demâwend erzeugten treffliche Bleiglätte[6178], und aus Ispahan kam das schönste Bleiweiß, dessen Güte auch die Pharmakopöe des ~Abu Mansur~ (um 975) rühmt[6179]. Endlich waren die Araber wenn nicht Erfinder so doch Verbreiter der mit Bleiglasur versehenen Tonwaren, deren Anfertigung sie in allen von ihnen eroberten Ländern auf das eifrigste betrieben, u. a. in Ägypten, Sizilien, Spanien, Südfrankreich und den Inseln des westlichen Mittelmeeres, von deren einer, dem heutigen Majorka, sich der Name Majolika herschreibt[6180].

Im südlichen +Mitteleuropa+ wurde das Blei schon während des Verlaufes der Bronzezeit bekannt, im nördlichen erst gegen deren Ende[6181]. In einigen der Schweizer Pfahlbauten fanden sich plattgedrückte, mit Ösen versehene Bleiklumpen und -kugeln, die anscheinend als Gewichte dienten oder doch ursprünglich solche waren. Die ältesten sind nach babylonischen, ägyptischen oder kretischen Minen (von 618 g) ausgewogen, die jüngeren (um 1000 v. Chr.) nach phönizischen (von 728 g), die jüngsten nach karthagischen (von 392 g)[6182]; derartig geformte Bleigewichte waren in Phönizien und Karthago seit altersher üblich[6183] und fanden zugleich mit anderen Maßen bereits sehr frühzeitig Aufnahme in den westlichen Mittelmeer-Ländern, wie denn z. B. die Leuge, d. i. die alte, namentlich in Gallien gebräuchliche Wegmeile von 2200 m Länge, 50000 phönizische Ellen von 44 cm Länge beträgt[6184]. Bronzen der älteren Eisenzeit (900 bis 800 v. Chr.) enthalten nicht selten 4-5% Blei[6185], doch sollen hierbei ausschließlich solche südlichen Ursprunges in Betracht kommen, während die in Mittel- oder Nordeuropa selbst bereiteten entweder kein oder nur sehr wenig Blei führen (z. B. neben 97% Kupfer und 2,4% Zinn bloß 0,4%), wirklich reich an Blei (bis zu 14, ja 24%) aber nur jene aus den ersten Jahrhunderten der Kaiserzeit sind, z. B. die auf der Saalburg gefundenen[6186]. Der jüngeren Eisenzeit (um 500) entstammen Stäbchen, Drähte und Figuren aus ziemlich reinem Blei, die aber stets nur vereinzelt und in verhältnismäßig geringen Mengen vorkommen[6187].

Stammwort für den +Namen+ des Bleies ist vielleicht das indogermanische *mliwom = blau, von dem sich das indische mulwa, das gemein-germanische *bliwa, das keltische *blawa, das germanische blîu, bly, blâa und Blei, sowie das griechische μόλιβος, μόλυβος, βόλιμος und βόλιβος ableiten, während das lateinische plumbum ursprünglich nur = Ziegel oder Barren ist[6188]. Daß nicht die iberischen Städtenamen Molybdíne und Molybdána vom griechischen μόλυβος und μολύβδαινα kommen sollen, sondern umgekehrt, sowie daß Zusammenhänge mit dem baskischen berûn oder mit einem anklingenden keltischen Worte bestehen, ist ganz unwahrscheinlich[6189]; aus dem keltischen (und irischen) luaide ist hingegen das westgermanische *lauda, das mittelhochdeutsche lot, das niederdeutsche lood, das angelsächsische leod und das englische lead hervorgegangen[6190]. Ganz abseits stehen das indische sîsa[6191], sowie das litu-slavische olovo und alwas; das Westfinnische besitzt nur entlehnte Bezeichnungen[6192].

8. Zinn.

Das Zinn kommt als Metall nur sehr selten und meist nur in feinen Körnern und dünnen Blättchen vor, tritt aber hauptsächlich in Gestalt des Kassiterits auf; dieser besteht aus Zinndioxyd (SnO₂) und bildet zuweilen sehr schöne, durchsichtige oder auch gelbliche bis bräunliche Krystalle von ganz auffälliger Schwere und von so lebhaftem Glanze, daß er in manchen Gegenden noch jetzt zu den Edelsteinen gezählt und gleich diesen gefaßt und als Schmuck getragen wird[6193]. Die genannten Eigenschaften sind es vielleicht, die zuerst die Aufmerksamkeit auf das Mineral lenkten, worauf dann der Zufall gelehrt haben mag, daß es ohne besondere Schwierigkeit zu einem schön silberweißen, luftbeständigen und leichtflüssigen Metalle reduzierbar ist. Diese Entdeckung, die auch der +neuen+ Welt nicht fremd war[6194], dürfte in der +alten+ an einigen der recht spärlichen Punkte, die sich durch Reichtum an Zinnerz auszeichnen, selbständig gemacht worden sein; ihr Gegenstand, das Zinn, galt anfangs wohl als eine Kostbarkeit wie Gold oder Silber, und es ist nicht ausgeschlossen, daß Versuche, das Kupfer irgendwie mit Zinn einzulegen oder zu verzieren, zur Entdeckung der Bronze führten, deren Schönheit und Nützlichkeit wieder das Zinn zu einer vielbegehrten und gesuchten Bedarfsware machen mußten.

Mit großer Wahrscheinlichkeit, wenn auch nicht mit Gewißheit, läßt sich behaupten, daß den Bewohnern +Sinears+, des +Zweistromlandes+, die sich mit der Bronze, wie oben angeführt, schon gegen 3000 v. Chr. wohlvertraut zeigten, das Zinn bereits in noch früherer Zeit bekannt geworden war und daß es ihnen in dieser bereits ebenso wie im Laufe des 3. Jahrtausends[6195] aus nördlich oder nordöstlich gelegenen Gegenden zukam. Daß das Metall außer von diesen auch noch von der kaukasischen Landschaft Iberien geliefert wurde, deren Gruben jedoch sehr frühzeitig erschöpft worden seien[6196], ist eine haltlose Vermutung, und tatsächlich konnten bisher nirgendwo im Kaukasus Lagerstätten von Zinnerz aufgefunden werden[6197]. Nachgewiesen sind solche dagegen in den südöstlich des kaspischen und Aral-Sees verlaufenden Gebirgszügen Chorasans und Transoxaniens, im Paropamisus, ferner in der Drangiana, im östlichen Iran und im Tale des Etymandros (jetzt Hilmend), woselbst sich bis tief in das Mittelalter hinein, -- so lange nämlich die (später dem sagenhaften ~Rustem~ zugeschriebenen) Kanäle in Stand erhalten wurden --, ein reich bewässertes und daher überaus fruchtbares Kulturland erstreckte[6198]; ihr Vorhandensein ist bezeugt durch das Vorkommen von Zinnschmuck in nordpersischen Gräbern aus der Zeit um 2000 bis gegen 1500[6199], durch die Erwähnungen bei ~Strabon~[6200], ~Ibn Hauqal~ (902-968), ~Alistakhri~ (um 970) und anderen arabischen Schriftstellern, sowie durch Bestätigungen aus neuerer Zeit[6201].

Wie der geringe Zinnzusatz der ältesten Bronzen ersehen läßt, war das Metall anfänglich sehr kostbar und selten; von wann an es etwas häufiger wurde, läßt sich nicht mit Sicherheit angeben, um so mehr als auch nicht genügend feststeht, welcher Periode die Wandflächen babylonischer Gebäude entstammen, die völlig durch sehr schöne Ziegel mit einer durchscheinenden zinnhaltigen Glasur überkleidet sind[6202]. Daß es auch in verhältnismäßig später Zeit hochgeschätzt und gesucht blieb, zeigt z. B. die Tatsache, daß noch 842 König ~Jehu~ von Israel an ~Salmanassar~ III. neben Gold und Silber in Barren sowie goldenen Gefäßen auch Zinn als Tribut abzuliefern hatte[6203]. Bei den Babyloniern (und nach ihnen bei den Syrern und Arabern) hieß das Zinn ânak, welches Wort ursprünglich nur Blei bezeichnet haben soll, als dessen Abart das Zinn fast allerorten galt; ânak findet sich auch in den biblischen Schriften, jedoch nur einmal, und zwar beim Propheten ~Amos~[6204], während sonst der Ausdruck bedîl benützt wird[6205], dessen Bedeutung aber ebenfalls noch als unsicher und schwankend anzusehen ist[6206]. Bei den Akkadern war der Name des Zinns anna oder naga, bei den Assyrern anaku, außerdem gebrauchten aber diese Völker noch einen anderen, der bei den ersteren ik-kasduru, bei den letzteren kâzazatira lautet[6207] und u. a. auch das Material einer der sieben schon weiter oben erwähnten Platten bezeichnet, die in den Fundamenten des 706 v. Chr. errichteten Palastes von Khorsabad aufgefunden wurden. Er ist weder sumerischen, noch akkadischen, noch assyrischen, noch sonstigen semitischen Ursprunges, sondern vermutlich „barbarischen“[6208], d. h. er gehört der Sprache irgend eines der Völker an, aus deren Gebiet das Zinn zuerst nach dem Zweistromlande gebracht wurde; nach ~Bapst~ ging aus ihm auch das spätbabylonische kastira hervor[6209].

Daß die +Ägypter+ gegen 3000 ebenfalls schon Bronzen besaßen, und zwar zunächst sehr zinnarme, ist bereits weiter oben erörtert worden; ungewiß bleibt aber, ob sie diese fertig einführten oder selbst bereiteten, seit wann sie, wenn letzterer Fall zutrifft, dieser Kunst mächtig waren und woher sie das erforderliche Zinn bezogen. Lager von Zinnstein sind zwar im Süden, Südwesten und Südosten Afrikas, in Nigeria sowie am Kongo vorhanden, und es ist nicht ausgeschlossen, daß die Eingeborenen schon vor vielen Jahrtausenden verstanden, was noch ~Vasco de Gama~ von ihnen berichtet, nämlich das Ausschmelzen des Zinns und seine Verwendung zu Schmuck oder Zierrat an Waffen[6210]; der Gedanke einiger Forscher aber, Verbindungen zwischen jenen Gegenden und dem Ägypten des alten Reiches (2895-2540) anzunehmen, ist ein derart phantastischer, daß er einer ernstlichen Erörterung nicht erst bedarf. Dafür, daß das nordwestliche Arabien in der Ägypten benachbarten Landschaft Midian Zinn hervorgebracht habe[6211], fehlt, wie ~Beckmann~ schon vor über hundert Jahren betonte[6212], jeglicher Beweis; desgleichen wird die Behauptung, das Zinn Südarabiens sei seit altersher über das Rote Meer an den oberen Nil und dann flußabwärts nach Ägypten gelangt, durch die Tatsache widerlegt, daß Südarabien gar kein Zinn besitzt und daß dieses nach ~Aldimeschqi~ (gest. 1327) gerade bei den Bewohnern der oberen Nilgegenden bis ins späte Mittelalter hinein noch wenig bekannt und daher hochgeschätzt war. Kaum glaubhaft klingt auch die Vermutung, orientalische Seefahrer hätten Ägypten schon gegen 3000 mit Zinn aus den westlichen Mittelmeerländern versehen[6213], da deren Küsten zu so entlegener Zeit, nach allem was man weiß, weder selbst solches besaßen, noch überseeischem Verkehre erreichbar waren. Die größte Wahrscheinlichkeit spricht also dafür, daß die Ägypter gleich der Bronze auch das Zinn zuerst aus dem Osten erhielten, und zwar auf den nämlichen Wegen, die dem uralten, sich durch ganz Vorderasien erstreckenden Handel seit jeher als Bahnen dienten[6214]. Wie in Asien selbst, so blieb aber auch in Ägypten das Zinn spärlich, kostbar und gesucht; +diese+ Umstände waren es, die im Laufe des 2. Jahrtausends, als die Schiffahrt sich wesentlich vervollkommnet hatte, kühne Seefahrer, wie die Phönizier, veranlaßten, anfänglich den Spuren des Handels mit Zinn nachzugehen, dem sie vermutlich zuerst im südwestlichen Spanien zufällig begegnet waren, späterhin aber auch die Stätten seiner Herkunft ausfindig zu machen. Es liegt auf der Hand, daß kein Kauffahrer daran denken konnte, von den Grenzen der bewohnten Welt her mit unsagbaren Gefahren und Kosten eine Ware heranzuholen, über deren Verwendbarkeit und Wert nicht schon längst völlige Gewißheit bestand; entgegen der üblichen Tradition lernte man also nicht vom Zinne Gebrauch zu machen, als die Phönizier solches einführten, sondern diese schafften es herbei, weil sie wußten, daß die heimische Nachfrage das Angebot weitaus übersteige und daher ein ungewöhnlich hoher Handelsgewinn sicher sei[6215]. Mit der fortschreitenden Entwicklung der Westschiffahrt bei den Phöniziern, neben denen vielleicht eine Zeitlang auch sardinische und etrurische Seefahrer in Betracht kamen[6216], nahm daher etwa von 1600 an die Menge des verfügbaren Zinns im Osten und so auch in Ägypten merklich zu, mit ihr aber auch jene der erzeugten Bronze[6217]; selten und kostspielig blieb es jedoch noch viele weitere Jahrhunderte lang, so daß noch der gegen 1200 verfaßte „Papyrus ~Harris~“ von ~Ramses~ III. „den Göttern gemachte Geschenke“ verzeichnet, die 95 und später 2130 Pfunde Zinn „aus den Tributen“ betrugen[6218]. Ein altägyptischer Name des Zinns fehlt nicht völlig (wie man bis vor einiger Zeit annahm), er lautet aber nicht tran, -- welches Wort erst im „Leidener Papyrus“, also ganz spät, auftaucht[6219] --, sondern nach dem Ägyptologen ~W. M. Müller~ „dhti techt“ = „Blei, weißes“, stimmt also völlig mit dem lateinischen, noch zu Beginn der Kaiserzeit allein üblichen „plumbum album“ oder „plumbum candidum“ überein[6220]. Hinsichtlich der Zinneinfuhr nach Ägypten in der Periode vom 12. bis etwa zum 4. Jahrhundert ist Näheres nicht bekannt; andauernd groß und umfangreich gestaltete sie sich unter den Ptolemäern und bildete die Grundlage einer höchst vollkommenen Bronze-Industrie (namentlich Kunstindustrie), deren Blüte auch während der römischen, ja bis zu gewissem Grade noch während der byzantinischen Herrschaft fortdauerte und deren Bedeutung u. a. durch umfangreiche Funde, durch zahlreiche Fachausdrücke, sowie durch die Erhebung einer eigenen Gewerbesteuer, nach den verschiedensten Richtungen hin bezeugt ist[6221]. Aber auch aus Zinn selbst fertigten besondere Handwerker mannigfache Geräte an[6222], ferner diente Zinn als Zusatz bei der von ~Agatharchides~ und ~Diodor~ beschriebenen Reinigung des Goldes durch Umschmelzen[6223], und endlich bereitete man aus ihm die so vielgebrauchte Zinnfolie, deren πέταλα und λεπίδες auch in der Zauber-Litteratur ihre Rolle spielten[6224] und nach ~Alexander von Aphrodisias~ (um 210 n. Chr.) u. a. schon zum Belegen von Glasspiegeln dienten[6225]. Als Herkunftsort des Zinns wird Britannien genannt, wohin noch im 6. Jahrhundert n. Chr. alexandrinische Schiffe mit Getreide fuhren, die sich den Preis ihres Frachtgutes zur einen Hälfte in Geld bezahlen ließen, zur anderen in Zinn[6226]; für ~Stephanos~ von ~Alexandria~ (7. Jahrhundert) ist dieses daher einfach „das britannische Metall“, „ἡ βρεττανικὴ μέταλλος“[6227].

In der +Ägäis+ läßt sich, wie oben angegeben, Bronze um 3000 nachweisen, in +Troja+ nach Beginn des 3. Jahrtausends, woraus aber nicht folgt, daß man daselbst auch schon das Zinn als solches kannte; für das Cypern des +mykenischen+ Zeitalters dürfte dies aber zutreffen, da diese Insel damals bereits eine einheimische, wenngleich noch sehr primitive Bronzefabrikation besaß[6228]. Im übrigen scheinen während der mykenischen Periode zinnarme und zinnreiche Bronzen nebeneinander herzugehen, und die Vermutung ist nicht unbegründet, daß letztere durch die Phönizier eingeführt, erstere aber mittels orientalischen Zinns an Ort und Stelle angefertigt worden seien[6229]; in menschlichen Knochen von etwa 2000 aus Kreta und Kleinasien vermochte ~Kobert~ einen Gehalt an Zinn nachzuweisen, dessen Quelle, wie er mit Recht bemerkt, nur die benützten Bronzegefäße sein können[6230].

Zuerst in Kleinasien lernten wohl auch die +Griechen+ gleich den meisten anderen Metallen das Zinn kennen, und zwar anfangs vermutlich das orientalische[6231], wofür der Name κασσίτερος (Kassíteros) spricht, der mit den oben angeführten akkadischen, assyrischen und spätbabylonischen Bezeichnungen ik-kasduru, kâzazatira und kastira in sichtlichem Zusammenhange steht. Nach Kleinasien verlegt die griechische Sage die erste Auffindung des Zinns durch König ~Midas~ von Phrygien[6232], und der Name κασσίτερος ist ein orientalischer[6233] und keinesfalls ein keltischer, den etwa die Phönizier zugleich mit dem keltischen Zinn übermittelt hätten[6234]: das Zinn heißt nämlich irisch créd und im keltischen ystaen, sten, staen (woher das spätlateinische stagnum und stannum rührt[6235], und der verführerische, von vielen Forschern betonte Anklang an keltische Eigennamen, wie ~Cassignatos~, ~Cassiovelaunus~, ~Viducassis~ usf. ist ein rein zufälliger, da „cassis“ in diesen Worten „gelockt“ bedeutet[6236].

Entgegen den von manchen Seiten erhobenen Bedenken kann es keinem Zweifel unterliegen, daß das bei ~Homer~ zuerst in der griechischen Litteratur auftauchende κασσίτερος Zinn bedeutet, und daß das archaische, in der „Ilias“ geschilderte Zeitalter, -- auch wenn die uns vorliegende letzte Redaktion des Gedichtes bis in das 8. oder 7. Jahrhundert herabreicht[6237] --, tatsächlich das Zinn bei der Ausstattung und Verzierung von Waffen und Geräten +so+ anwandte, wie dies ~Homer~ angibt[6238]; zuzugestehen ist dabei, daß z. B. „zinnerne“ Beinschienen nicht die Widerstandskraft besitzen könnten, die er ihnen zuschreibt, daß er also entweder die Eigenschaften des Metalles nicht näher kannte[6239], oder sich, da er nicht als Technologe, sondern als Dichter schrieb, eines nicht wörtlich zu nehmenden Ausdruckes bediente, so wie wir etwa von einem mit Diamanten verzierten Diadem als einem „diamantenen“ sprechen, ohne damit sagen zu wollen, daß es in seiner Gänze aus Diamant bestehe. In ähnlicher Weise wie ~Homer~ erwähnt auch ~Hesiod~ das Zinn in dem angeblich gegen 700 verfaßten Gedichte vom „Schilde des ~Herakles~“[6240]; eine schon sehr frühzeitige Benützung zinnerner Gerätschaften und Instrumente in der Medizin beweisen die zahlreichen Anführungen in den sog. Schriften des ~Hippokrates~[6241].

Daß das Zinn aus den entlegensten Gegenden Europas komme, scheint zuerst der Geschichtschreiber ~Hekataios~ von ~Milet~ (um 500) als etwas zu seiner Zeit längst Wohlbekanntes ausgesprochen zu haben, und nennt als Heimat des Metalles die kassiteridischen Inseln oder Kassiteriden[6242], an deren Namen und Lage sich eine ganze Litteratur knüpft, die hier nur einigen Hauptpunkten nach besprochen werden kann[6243].

Nach dem Osten gelangte, wie schon mehrfach angedeutet, das westeuropäische Zinn zuerst durch die Phönizier, deren West-Verkehr im 16. Jahrhundert schon völlig entwickelt war, wenngleich er sich lange Zeit nur auf Vermittlung des Handels beschränkte; eigene größere Niederlassungen entstanden erst allmählich wie in Cypern und Kreta so auch in Unteritalien und Nordafrika, ferner auf den Mittelmeer-Inseln und an den Südküsten Spaniens[6244]. Daselbst, in der südwestlichen Landschaft Tartessos oder Tarschisch, war die Hauptniederlassung die um 1100 gegründete Stadt Gades (jetzt Cadix)[6245], irrtümlich auch selbst als Tartessos bezeichnet; sie erfreute sich der besonders vorteilhaften Lage nächst der Mündung des großen Stromes Baëtis (Guadalquivir) und in einer Gegend, nach der schon frühzeitig und auf verschiedenen Wegen die wertvollsten Erzeugnisse der Länder von weither gebracht wurden, u. a. Edelmetalle, Kupfer und Zinn. Auf dem Umstande, daß die Griechen von +daher+, anfänglich durch die Phönizier[6246], später durch die Karthager[6247] und schließlich (etwa von 700 an) auch schon durch eigene Schiffer[6248], das Zinn empfingen, beruht die ganz grundlose Fabel, der Baëtis setze zugleich mit seinem Sande und neben Gold, Silber und Kupfer auch gediegenes Zinn ab, -- wie ihn denn noch der Dichter ~Skymnos von Chios~ als den Fluß rühmt,

„Der stromgerolltes Zinn aus Keltika Und Gold zugleich und Erz in Menge führt[6249]“;

sie geht vielleicht auch auf die Bemühung zurück, zwischen Kassiteros und dem Namen des Berges Kassios auf der Insel Erytheia im Baetis-Delta einen etymologischen Zusammenhang herzustellen[6250].

Das Zinn, dem die Phönizier zu Tartessos, vermutlich in Form von Schmuck u. dgl., zuerst begegneten, gelangte dahin zunächst wohl durch Landhandel oder Küstenschiffahrt aus Lusitanien (Portugal), Callaecien (Provinz Gallizia) und den der nordwestlichen iberischen Küste vorgelagerten kleinen Inseln; sodann, als deren geringe Hervorbringung der Nachfrage nicht mehr genügte, aus der westlichsten Bretagne und den ihr benachbarten Inselchen; schließlich aber, als der steigende Bedarf die Beschaffung immer bedeutenderer Mengen erforderte, aus Britannien. (Spätestens vom letzteren Zeitpunkte ab schlug jedoch der Zinnhandel auf gallischem Boden auch noch andere Wege ein, auf die weiter unten zurückzukommen sein wird.) Der Herkunft des kostbaren Metalles nachspürend dehnten demgemäß die Phönizier und später auch die Karthager den Umfang ihrer Seefahrten immer weiter aus, sie erkundeten die ozeanischen Küsten der iberischen Halbinsel, erforschten allmählich jene Galliens und erreichten zuletzt auch die Britanniens, des eigentlichen Vaterlandes und einzigen Massenerzeugers des Zinns[6251]. Über dessen stets nur spärliche Gewinnung bei den Artabrern im nördlichen Lusitanien sowie in Callaecien ist nichts Näheres überliefert, weder bei ~Poseidonios~, der zuerst den Namen Καλλεγία, Καλαικία (Callaecia, Gallaecia, Gallicia ...) erwähnt[6252], noch bei ~Diodor~[6253], noch bei ~Plinius~[6254]; die vorgelagerten Inseln, d. s. die 10 oder 11 kleinen Eilande an der Küste von Pontevedra zwischen Cap Folceiro und Silleiro, mögen ehemals ein wenig Zinn hervorgebracht haben (?), können aber, gemäß allen vorliegenden Angaben, entgegen einigen Forschern, unmöglich als die Kassiteriden angesehen werden[6255]. Das nämliche gilt von den mit diesen iberischen Inseln zuweilen verwechselten oestrymnischen vor der Bretagne[6256], die zwar erst ~Avienus~ im 4. Jahrhundert +nach+ Chr. anführt[6257], jedoch auf Grund von Quellen, die dem 4. oder 5. Jahrhundert +vor+ Chr. entstammen, zu welcher Zeit karthagische Handelsschiffe sie noch besuchten[6258]. Ungewiß ist auch hier, ob ihre Bewohner selbst Zinn ausschmolzen, oder ob sie es von jenem Teile der keltischen Ostrymnier (auch Osismier genannt) empfingen, der das äußerste Ende der Bretagne, gegenüber den Inseln, bewohnte[6259]; dort, am Cap Pennestain oder Penstain, in dessen Namen die Silbe „Stain“ das lateinische stannum = Zinn bedeuten soll, in einigen benachbarten Gegenden des westlichen und in einigen des mittleren Galliens, gab es tatsächlich uralte Zinngruben, deren Ergiebigkeit allerdings nur sehr mäßig war[6260], und den dortigen keltischen Völkerschaften wird auch die Erfindung des Verzinnens von Gefäßen zugeschrieben, die noch ~Plinius~[6261] als eine von den Biturigern gemachte überliefert[6262]. Die wirklichen Kassiteriden, der Endpunkt der phönizischen und karthagischen Entdeckungsfahrten, waren die der Südwestspitze Britanniens vorgelagerten heutigen Scilly-Inseln, Hauptsitz des Zinn-Zwischenhandels der Eingeborenen mit dem Zinn (und Blei) aus Cornwall, und daher auch (wie in so vielen ähnlichen Fällen) irrtümlich selbst als „Heimat des Zinns“ angesehen[6263]. Wann es den Phöniziern gelang, sie zu erreichen, bleibt vorerst ungewiß; die Tatsache aber überliefert noch ~Plinius~[6264] mit den Worten: „Zinn brachte zuerst aus der kassiteridischen Insel (ex cassiteride insula) ~Midacritus~“, unter welchem Namen unschwer jener des phönizischen Schutzgottes und Heros ~Melkart~ zu erkennen ist. Desgleichen weiß ~Strabon~ zu melden, daß die Phönizier das Zinn ursprünglich im Tauschhandel gegen festes Salz erwarben[6265], das also sichtlich noch etwas Neues und Schätzbares für die Bewohner der Kassiteriden war. Daß letzterer Name kein aus dem Keltischen stammender und von den Phöniziern nur weiterverbreiteter ist, wurde bereits oben angeführt; wie die Bernstein liefernden „elektridischen“ Inseln ihre Bezeichnung dem Elektron (Bernstein) verdanken und nicht umgekehrt, so wurden offenbar auch die Zinn liefernden „kassiteridischen“ nach dem Kassiteron (Zinn) benannt, -- in beiden Fällen kannte man eben die Erzeugnisse seit undenklicher Zeit, ehe es gelang, ihre Ursprungsstätte ausfindig zu machen; ausdrücklich sagt überdies ~Plinius~[6266], „diese Inseln seien Kassiteriden geheißen worden wegen ihres Reichtums an Blei“ (nämlich an „weißem“).

Unter den anderen Wegen, auf denen das britannische Zinn die Mittelmeer-Küsten erreichte, sind namentlich zwei zu erwähnen. Der erste führte zur See längs der gallischen Küste bis zum Ausflusse der Garonne, stromaufwärts bis in die Gegend von Tolosa (Toulouse) und von dort den Abhängen der Pyrenäen entlang an den Sinus gallicus; es ist der nämliche, dessen noch der Araber ~Ibn Saʿid~ (1212-1274) gedenkt, wo er erwähnt, daß man das britannische Zinn auf Saumtieren aus Toulouse nach Narbonne bringe, um es dort nach Alexandria zu verschiffen[6267], und auch der nämliche, der zu dem Glauben Anlaß gab, die Pyrenäen selbst brächten das Zinn hervor[6268]. Der zweite benützte die Niederungen und Wasserstraßen der Loire, der Seine oder des Rheins, gelangte von deren Mittel- oder Oberläufen unter Überwindung der geringen Höhenunterschiede an die Saône und Rhône und diesen folgend an den gallischen Meerbusen, oder, einen Seitenweg über die Alpen und das Gebiet der Tauriner einschlagend, an den ligurischen, sowie an die Mündung des Po[6269]. Der britannische Zinnhandel nach den Küsten des nördlichen Galliens und Belgiens hatte seinen Mittelpunkt auf der Insel Iktis oder Viktis (jetzt Wight)[6270]; nach ihr wurde, wie noch ~Diodor~[6271] (hierin dem ~Timaios~, gest. um 260, folgend) und ~Plinius~[6272] zu berichten wissen, das Zinn 6 Tagereisen weit gebracht, um dort verkauft und dann zunächst über die See und weiterhin binnen 30 Tagen quer durch Gallien nach dem Sinus gallicus und der Mündung der Rhône, oder noch durch Ligurien nach jener des Po zu gehen. Aus diesen Gegenden und vor allem aus der um 600 durch die Phokäer gegründeten Colonie Massalia (Massilia, Marseille)[6273], die das Zinn aber auch von der pyrenäischen Seite her empfing, holten griechische Schiffer schon frühzeitig, spätestens im 5. Jahrhundert, das kostbare Metall[6274]. Von Massilia aus trat um 360 auch ~Pytheas~ die berühmte Seefahrt nach den nordwestlichen und nördlichen Küsten Europas an, die die einen als Forschungs-, die anderen eher als Handelsreise betrachten, indem ihr Hauptzweck die Erreichung der Insel Viktis und der Kassiteriden gewesen sei[6275]; jedenfalls betrat und beschrieb er wohl als erster unter den Griechen das blei- und zinnreiche Britannien und schilderte den Zinnbergbau in der Nähe des Vorgebirges Belerion an der Westspitze von Cornwall[6276]. Die richtigen Kenntnisse über die Lage der Kassiteriden, die sich bei ~Hekataios~ (um 500) in letzter Linie auf phönizische oder karthagische Berichte, bei ~Pytheas~ aber auf eigene Anschauung stützten, wurden jedoch alsbald wieder verdunkelt. Schon ~Herodot~ (gest. 429) sagt, wo er die Herkunft des Zinns aus den äußersten Gegenden Europas streift, „kassiteridische Inseln kenne ich nicht“[6277]. Aus den Schriften des ~Pytheas~ wieder schöpften u. a. der oberflächliche ~Timaios~ (gest. um 260)[6278] und sodann ~Polybios~ (198-117), der Belerion für die Inseln an der nordwestlichen Küste Spaniens hält[6279], sowie ~Poseidonios~ (135-51), der neben dem Zinn Lusitaniens auch das Britanniens und den Seehandel von da aus nach Gallien kennt, der Kassiteriden aber nur flüchtig gedenkt und nichts Näheres über ihre Lage mitteilt[6280]. Nur hieraus ist es erklärlich, daß der Irrtum des gelehrten und einflußreichen ~Polybios~ nicht nur von ~Diodor~[6281] und von ~Strabon~[6282] festgehalten wurde, sondern sogar noch von ~Ptolemaios~ (um 150 n. Chr.)[6283], obwohl schon ~Caesars~ Legat ~Crassus~ die Fahrt nach den Kassiteriden, den Zinninseln, gemacht und hierdurch alle etwa noch bestehenden Zweifel endgültig beseitigt hatte[6284].

Im Laufe des 5. Jahrhunderts v. Chr. war das Zinn in Griechenland bereits wohlbekannt und nicht übermäßig teuer, so z. B. kosteten im Jahre 421 zu Athen das Kilo Blei und Zinn etwa 1 und 7 Mark[6285], welche Preise, um sie den heutigen Geldwerten vergleichbar zu machen, allerdings um mindestens das 30- bis 40fache erhöht werden müßten[6286]. ~Aristoteles~ spricht einige Male von Zinn, und die unter seinem Namen gehenden „Wundergeschichten“ wissen, daß dieses Metall den keltischen Ländern entstamme und behaupten, daß auf jenen elektridischen Inseln, die an der Mündung des Po liegen, eine Statue aus Zinn und eine andere aus Bronze stehe[6287]; sein Schüler und Nachfolger ~Theophrastos~ erwähnt im Aufsatze „Über das Feuer“ verzinntes Kupfergeschirr als etwas nicht mehr Ungewöhnliches[6288], und während der Folgezeit waren zinnerne und verzinnte Gefäße schon ganz allgemein gebräuchlich[6289].

In +Etrurien+ fanden sich ehemals unweit der Küste gegenüber Elba und besonders bei Populonia einige verhältnismäßig reiche Lager von Zinnerz, die Anlaß zur Verfertigung von Bronze an Ort und Stelle und damit zur selbständigen Entwicklung der so wichtigen etruskischen Bronzeindustrie gegeben haben mögen[6290]; ob sie jemals genügten, um eine Zinnausfuhr durch etrurische Seefahrer zu gestatten, steht dahin, und jedenfalls waren sie ziemlich frühzeitig so gut wie erschöpft, so daß das Land seither seinen Zinnbedarf auf einem der oben erörterten Wege zu decken hatte[6291]. Ganz irrtümlich ist die Ansicht, Kassiteros leite sich vom etrurischen „cassis“ ab, denn dieses nur zufälligerweise anklingende Wort bezeichnet den charakteristischen etrurischen Eisenhelm, der überdies bei den Römern erst zur Zeit der Republik in Gebrauch gekommen sein soll[6292]; zudem heißt das Zinn im Lateinischen ursprünglich nicht Kassiteros, sondern „plumbum album“ oder „plumbum candidum“, d. i. weißes oder feines Blei[6293], so noch bei ~Plinius~, zu dessen Zeit die campanische Bronze vielfach mittels spanischen „plumbum argentarium“ bereitet wurde[6294], unter welchem mehrdeutigem Ausdrucke an dieser Stelle vielleicht auch nichts anderes als Zinn zu verstehen ist[6295]. Erst im Laufe der Kaiserzeit taucht das dem Keltischen entlehnte stannum, sowie das dem Griechischen entnommene Kassiterum auf, und ~Festus~ führt z. B. beides gleichzeitig an, neben Gold, Silber, Orichalkum, Eisen und Blei[6296]. Äußerst mannigfach waren die Verwendungen des Zinns; hervorzuheben ist unter ihnen die zur Herstellung der Glasspiegel, von denen eine Anzahl mit Zinn-, aber auch mit Blei- oder Gold-Folie belegter und mit Firnisüberzug versehener, in Ägypten, in der Rheinprovinz, im Taunus und anderwärts aufgefunden wurde[6297].

Daß +Indien+ wie kein Kupfer so auch kein Zinn besitze, sagt schon ~Plinius~[6298]. Die Angabe, ~Ktesias~ erwähne es als Erzeugnis dieses Landes, ist unzutreffend[6299] und stützt sich nur auf ein unrichtiges Zitat in den „Wunderberichten“ des späten alexandrinischen Grammatikers ~Apollonios Dyskolos~ (im 2. Jahrhundert n. Chr.), demzufolge nach ~Ktesias~ ein in Indien vorkommendes Holz alle Metalle anziehen soll, auch das Zinn[6300]. Bloße Fabel ist ferner, was ~Euhemeros~ (um 280 v. Chr.) vom Zinnreichtume der „indischen“ Insel Panchaia erzählt[6301], -- fehlte ja sonst mit dem kostbaren Metalle ein unvergleichlicher Schatz auf dieser „glücklichen Insel“ (νῆσος εὐδαίμων)[6302], die übrigens keine andere ist, als die schon in ägyptischen Märchen des 2. Jahrtausends vorkommende Pa-anch oder Pen-en-ka (= Weihrauch-Insel), d. i. Sokotora[6303]. Daß Vorderindien zu Beginn unserer Zeitrechnung tatsächlich kein Zinn besaß[6304], bestätigt auch der um 40 n. Chr. verfaßte „Periplus“[6305], das berühmte kaufmännische Handbuch der Küstenschiffahrt im Roten und im nördlichen Indischen Meere: nach dem indischen Haupthafen Barygaza (südlich der Indus-Mündung) +ein+geführt wurden damals u. a. Stimmi (Schwefelantimon), Arsenikum, Sandarach, Blei, Kupfer und Zinn[6306], welche letzteren man von da aus zum Teil nach anderen Punkten der persischen und arabischen Küste weiter verfrachtete[6307], und dieser Import okzidentalischen Zinns dauerte bis in die späte Kaiserzeit fort[6308]. Wie schon hieraus hervorgeht, sind die Behauptungen ~Bapsts~[6309], die Phönizier hätten das Zinn aus Malakka und Banka geholt und mit ihm zugleich den indischen Namen „Kastira“ nach Europa gebracht, leere Phantasien; das indische kastira ist vielmehr umgekehrt, wie schon ~Movers~[6310] und ~Lenormant~[6311] mutmaßten, aus Kassiteros entstanden, wofür ebenso die Benennung „yavanestha“ = „abendländisches“ (Metall) zeugt[6312] wie der einheimische Name sisa und trapu (= dunkles), der ursprünglich das Blei bezeichnete, als dessen Abart das Zinn auch hier zunächst angesehen wurde[6313].

Wann das Zinn der malaiischen Inseln und der hinterindischen Halbinsel zuerst nach dem Westen gelangte, ist bisher nicht bestimmt ermittelt, doch fanden es die Araber, deren Schiffahrt im 8. und 9. Jahrhundert ihre erstaunliche Entwicklung nahm, in Vorderindien noch nicht vor; die schon weiter oben erwähnten Erzählungen ~Sindbads~ (um 800), sowie die bei ~Abu Saʿid~ (9. Jahrhundert), bei ~Almasʿudi~ (gest. 956), bei ~Almuqaddasi~ (um 975), bei ~Jaqut~ (1178-1229) und bei anderen Reisenden, Geographen und Enzyklopädisten erhaltenen Berichte stimmen dahin überein, daß das Zinn zuerst in Qalah geholt wurde, worunter aber nicht das jetzige Point de Galles auf Ceylon zu verstehen ist[6314], sondern Qalah auf Malakka. Nach diesem Orte soll das Zinn den volkstümlichen Namen „Blei al Qalai“, abgekürzt auch Alqalai oder Qalai empfangen haben[6315], der als Alcalai, Algalai, plumbum alcalai, plumbum akaleum, alsbald auch in die wissenschaftliche und namentlich in die medizinische Litteratur überging[6316] und sich in den entstellten Formen Alkalir, Alkardir, Alardir bis in das 18. Jahrh. hinein erhielt[6317]. Doch wird auch vermutet, daß umgekehrt der Ort nach dem Metall benannt wurde, das den Arabern bereits unter der Bezeichnung Qalai oder Qalja bekannt gewesen sei, wie denn z. B. Zinn im Georgischen gala, im Ossetischen kala, im Armenischen galjak, im Türkischen kalai heiße usf.[6318]. Während Zinn aus dem malayischen Archipelagus und aus Birma, wie u. a. der in einem früheren Abschnitte angeführte indische Mineraloge ~Narahari~ berichtet, nach Bengalen erst im 12. oder 13. Jahrhundert gelangt zu sein scheint, brachten es gemäß den Angaben des berühmten Geographen ~Alidrisi~ (um 1150) und des ~Ibn Alwardi~ (gest. 1232?) die arabischen Kaufleute und Händler schon im 10. und 11. Jahrhundert bis nach Aden[6319], und zwar nicht nur aus den hinterindischen Inseln, deren Zinnreichtum noch den Entdeckern des 16. Jahrhunderts sehr überraschend erschien[6320], sondern sogar aus China.

In +China+ war das Zinn bereits seit undenklicher Zeit gut bekannt, wie schon die beiden ersten, um 1800 und um 1000 v. Chr. einsetzenden Blüteperioden der Bronzeindustrie beweisen[6321], sowie die spätestens dem 12. Jahrhundert v. Chr. angehörigen Vorschriften über Verfertigung von sechs verschiedenen Kupfer-Zinn-Mischungen zwecks Herstellung von allerlei Gefäßen, Idolen usf.[6322]; es wird schon zur Zeit des völlig mythischen Kaisers ~Yü~ neben Gold, Silber und Kupfer unter den empfangenen Tributen aufgezählt[6323] und war zweifellos ein uralter Gegenstand des inneren Handels, der hauptsächlich aus dem Süden kam[6324], wie denn z. B. noch um 250 v. Chr. „die wertvollen Schätze des Zinnes und Goldes geliefert werden aus dem Gebirge Kiang-Nan“[6325]. Über das Wesen des Zinns war man sich jedoch auch in späterer Zeit noch im unklaren: einige sahen es als ein edleres oder geläutertes Blei an, andere glaubten, es sei die Asche besonderer, nur in gewissen fernen Gegenden wachsender Pflanzen[6326].

In +Mitteleuropa+ beginnt das Zinn gegen Ende der Kupferzeit aufzutauchen, also etwa um 2000, und zwar zunächst als Blattzinn, das zur Verzierung von Tongefäßen[6327] und von Schmucksachen dient und letztere nur auf der Schauseite bedeckt, weshalb ~Vogel~ vermutet, daß derlei Versuche, kupferne Gegenstände mit Blattzinn, später auch durch Eintauchen in das geschmolzene Metall, zu verzinnen, erst zur Entdeckung der Bronzedarstellung führten[6328]. Ein wenig häufiger wurde das Zinn im Laufe der Bronzezeit. Unter den immerhin sehr spärlichen Fundstücken aus den Pfahlbauten, z. B. jenen des Neuenburger und Züricher Sees, sind u. a. zu verzeichnen: Tongefäße und Schilde mit Ein- und Auflagen aus Zinn[6329], zinnerne Dolchspitzen, Spatel, Nadeln, Stäbchen, Stifte, Rädchen, Ringe, Perlen, Spiralen, Spiralscheiben, sowie allerlei kleinere und größere „Klumpen“[6330]; diese, zu denen auch eine 1800 g schwere, an einem Bronzering befestigte „Scheibe“ gehört[6331], sind nach ~Forrer~ nichts weiter als plattgedrückte Kugeln, die ursprünglich, gleich den bleiernen, als Gewichte dienten[6332]. Erwähnenswert sind ferner zinnerne Fäden, wie sie u. a. auch in Gräbern der Nordseeinsel Amrum aufgefunden wurden und bei den Eskimos noch um 1800 in Benützung standen [6333]. -- Die Frage, auf welche Weise das Zinn nach Mitteleuropa gelangte, läßt sich nicht eindeutig und endgültig beantworten, doch spricht alle Wahrscheinlichkeit dafür, daß es ursprünglich dahin nicht den unmittelbaren Weg aus Britannien einschlug, sondern den Umweg über die Mittelmeerküsten, denen (als den Stätten des Bedarfes) die uralten westlichen Handelsstraßen zur See und zu Lande zustrebten[6334]; in Übereinstimmung hiermit steht auch das Vorkommen von zinnernen Fundstücken der oben beschriebenen Art in den Pfahldörfern des einst ligurischen Po-Gebietes[6335]. Der germanische Name tin, zin, angelsächsisch tan, mittelhochdeutsch zein, d. i. Stäbchen (noch in der Münztechnik erhalten), leitet sich nicht aus dem Keltischen ab; auch hat, entgegen früheren Angaben, das keltische Wort „mein“ nicht die Bedeutung Zinn, sondern bezeichnet jedes rohe Metall und daher auch dessen Fundstätte (rom. mina, germ. Mine)[6336].

Während des frühen Mittelalters wurde das Zinn zur Herstellung wertvoller Gefäße und Geräte und zu Zwecken des Kunstgewerbes verwendet, wie dies z. B. die einschlägigen Schriften des sog. ~Heraklius~ und ~Theophilus Presbyter~ aus dem 9. bis 11. Jahrhundert zeigen[6337], sowie das „Livre des métiers“ des ~Boileau~ von 1252[6338]; wohl auf die Autorität griechischer und arabischer Vorschriften hin blieb es auch in der Medizin gebräuchlich, so z. B. spricht um 1260 ~Johannes de Sancto Amando~ in den „Areolae“ von „rasas, id est stagnum“[6339]. Als marktbeherrschender Erzeuger kam zunächst nur England in Betracht, dessen Zinn aber als +Roh+metall nach Nordfrankreich, der Provence, Majorka, Genua und Venedig ausgeführt, dort durch Umschmelzen gereinigt und nun als hochwertige Ware weiterverkauft wurde. In Gallien gab es nach ~Venantius Fortunatus~ bereits gegen 600 n. Chr. verzinnte Kupferdächer[6340], und in England deckte man schon frühzeitig ganze Kirchen „mit Zinn statt mit Blei“ völlig ebenso ein, wie das noch im 15. Jahrhundert der Ritter ~Rozmital~ in seiner Reisebeschreibung mit großer Verwunderung erwähnt[6341]. Venedig und Genua lieferten ihr Feinzinn bis in das 16. Jahrhundert hinein nach Konstantinopel, Kleinasien, Cypern, Persien und Ägypten[6342]; wie ~Pegolotti~ versichert, war um 1300 in der ganzen Levante das venetianische Zinn als das beste bekannt[6343] und aus ihm bestanden auch die prächtigen Gefäße, die man nach ~Leo Africanus~ in Kairo bis zur Zeit der türkischen Eroberung (1517) mit feinstem Geschmacke und in mannigfachster Auswahl anfertigte[6344].

Das Zinn der pyrenäischen Halbinsel erwähnt zwar noch ~Alqazwini~ (gest. 1283), doch spielte es nicht einmal im Lande selbst eine Rolle. Ein ernstlicher Wettbewerber erstand dem englischen Zinn erst im deutschen, das nach der „Chronik“ des ~Matthaeus Parisiensis~ im Jahre 1241 aufgefunden worden sein soll[6345], und zwar sogleich in großer Menge und hoher Reinheit; diese Angabe dürfte aber schwerlich zutreffend sein, da eine Zinngewinnung in Deutschland schon vor der Zeit ~Alberts des Grossen~ (1193-1280) an verschiedenen Stellen im Gange war[6346].

Sehr frühzeitig kannten das Zinn die westlichen +Finnen+, deren Land es, wenn auch nur in geringer Menge, selbst hervorbringt; in den Sagen der „Kalewala“ gilt es noch als selten und dient, wenngleich einmal auch eine Stopfnadel aus Zinn erwähnt wird[6347], in der Regel nur als Schmuck, so daß „die Zinn-Geschmückte“ als stehender Beiname edler Frauen und Mädchen erscheint[6348]; im „Kanteletar“ dagegen ist der Zinnschmuck schon „verächtlich, nur gut für Bettlerinnen“[6349], Das „Kalewipoeg“[6350] und die „Mythischen und magischen Lieder der Esthen“[6351] kennen Zinn noch als Verzierung, in den „Esthnischen Märchen“ aber bestehen aus ihm bereits die dem täglichen Gebrauch dienenden Hausgeräte[6352]. Der lettische Name des Zinns, alwas, leitet sich von olovo ab, das im Altslavischen das Blei bedeutete[6353].

9. Zink.

Die Tatsache, daß der gesamte Umkreis der Antike noch niemals einen aus Zink bestehenden Gegenstand an das Tageslicht gelangen ließ, sowie daß jede Gewinnung des Zinks die Anwendung gewisser, dem Altertum selbst in ihrer unvollkommensten Gestalt fremd gebliebener Destillations-Methoden voraussetzt, führt zur Folgerung, daß +Griechen+ und +Römer+ keinerlei Kenntnis vom metallischen Zink besaßen. Zwar erwähnt ~Strabon~ gelegentlich[6354] ein zu Andeira in der Troas auftretendes Gestein, das beim Brennen Eisen ergebe, beim Schmelzen mit einer gewissen Erde „Pseudárgyros“ (nach ~Forbiger~[6355] „Scheinsilber“) abtropfen lasse, -- das nämliche, das sich auch im Gebirge Tmolos vorfinde --, mit Kupfer aber die Oreichalkos genannte Legierung (κρᾶμα) liefere; dieses Pseudárgyros nun erklärten ältere und auch neuere Ausleger für Tropfzink, entstanden aus einem der nicht gerade seltenen eisenhaltigen Zinkerze[6356]. Wie indessen schon ~Hofmann~ und ~Blümner~ hervorhoben[6357], ist die fragliche Stelle völlig unklar, was nicht wundernehmen kann, da ~Strabon~ kein Fachmann war und über vieles Technische (ebenso wie etwa ~Plinius~) nur auf Hörensagen hin und nach Maßgabe seines Verständnisses berichtete; die Annahme, es sei bei ihm vom Zink die Rede, ist daher durchaus abzuweisen[6358]. Dahingestellt bleibt dabei, was man unter dem Pseudárgyros zu verstehen habe, ob nach ~Gsell~[6359] metallisches Arsen, nach ~Zippe~[6360] Arsenkupfer, nach ~Schäfer~[6361] eine sonstige Arsen-Legierung, nach einem anderen Autor metallisches Nickel usf.; daß es aber +kein Zink+ gewesen sei, darf dem ganzen Sachverhalte gemäß und nach den Auseinandersetzungen zwischen ~Diergart~[6362] und ~Neumann~[6363] für unzweifelhaft gelten.

Wenn nun auch nicht das Zink selbst, so waren aber den Alten doch gewisse zinkhaltige Mineralien bekannt, und sie verwendeten diese, oder einige aus ihnen gewonnene Produkte, zu technischen und medizinischen Zwecken, ohne freilich (wie in so zahlreichen anderen Fällen) die Ursache der eintretenden Wirkungen im geringsten zu ahnen; als Beispiel sei nur auf des ~Pseudo-Aristoteles~ „Wundergeschichten“ verwiesen, die von der Darstellung des Messings aus Kupfer mittels einer im Lande der Mossynöken vorkommenden „Erdart“ erzählen, sowie von der bei Augenkrankheiten so heilsamen „phrygischen Asche“[6364], vermutlich der nämlichen Substanz, deren zu gleichem Zwecke schon der medizinische „Papyrus ~Ebers~“ gedenkt[6365] (niedergeschrieben um 1500 v. Chr. auf Grund noch weit älterer Vorlagen). Unter jenen Mineralien dürfte in erster Linie das heute „Galmei“ genannte in Frage kommen, ein Zinkcarbonat, aus dem man u. a. durch Erhitzen und Rösten mit gewissen (reduzierenden) Zusätzen den Pómpholyx (weißes, staubfeines Zinkoxyd) und den Spodós (dunklen, zinkhaltigen Rückstand, sog. Ofenbruch) abzuscheiden verstand[6366]; was indessen ~Plinius~[6367], ~Dioskurides~[6368], ~Galenos~[6369] und einige andere Schriftsteller über diese Vorgänge mitteilen, ist zum großen Teile verworren und läßt namentlich auch Vorkommen und Beschaffenheit der benützten Rohstoffe mehr als billig im Dunklen. Wie es scheint, führen bereits die dem ~Hippokrates~ zugeschriebenen Werke, in denen der „Ofenbruch“ (zuweilen als cyprischer bezeichnet) schon eine vielseitige Rolle spielt[6370], Galmei mit unter der Bezeichnung „Chalkitis“ an; doch ist dies ein bloßer Sammelname, der auch Alaun, eisen- oder kupferhaltigen Alaunstein, Eisenoxyde, Schwefeleisen, Eisenvitriol, Kupfervitriol, eisenhaltigen Kupfervitriol u. dgl. mehr umfassen kann[6371], und dessen große Vieldeutigkeit daher nur selten bestimmte Schlüsse zuläßt. In jüngerer Zeit taucht der Name καδμία, καδμεία (Kadmeía) auf[6372], der als abgeleitet gilt „von jenem des Phöniziers ~Kadmos~“, der das Gestein und seine Verwendung entdeckt und diese zuerst aus dem Orient nach Griechenland gebracht haben soll[6373]. Die Deutung des Namens ~Kadmos~ als eines phönizischen oder überhaupt semitischen im Sinne des „Östlichen“, des „Orientalischen“, der gemäß sich auch jener des Metall-grabenden und -bearbeitenden Kabiren ~Kadmos~ auf Samothrake erkläre[6374], wird jedoch neuerdings völlig abgelehnt: ~Kadmos~ ist ursprünglich Heros eponymos der Burg Kadmeia zu Theben und dort allein nachweisbar[6375], auch kennen die ältesten Berichte keine phönizischen Ansiedlungen im ägäischen Meere; erst seit dem 7. Jahrhundert läßt die Sage wie den ~Danaos~ aus Ägypten so den ~Kadmos~ aus dem Orient kommen, bringt ihn mit dem Karischen Bergnamen Kadmos (= Ostberg?) in Verbindung[6376], sieht in ihm später (bei ~Hekataios~; zum Teil sogar erst in hellenistischer Periode) einen phönizischen König oder Heros[6377] und identifiziert ihn schließlich mit einer etwa dem ~Hermes~ analogen semitischen Gottheit ~Kadmillos~ oder ~Kamillos~[6378]. Sollte nun in ~Kadmilos~ oder ~Kadmos~ ein semitisches Wort für Gold verborgen sein[6379], und das Gestein Kadmia seinen Namen von ~Kadmos~ führen, so könnte es nur das „zu Gold machende“, d. h. dem Kupfer Goldfarbe verleihende, bedeuten; diese weithergeholte Annahme ist aber allein Obigen zufolge durchaus unwahrscheinlich, es liegt vielmehr erheblich näher, an den tatsächlich Zinkerz führenden Bergvorsprung Kadmos des Tmolos zu denken[6380], wonach also das Mineral einfach, wie in so manchen anderen Fällen, nach einer frühzeitig gutbekannten Fundstätte benannt worden wäre.

Aus dem griechischen Kadmeia entstand später bei den +Arabern+, wie ~Karabacek~ 1891 zeigte[6381], vermöge fortschreitender Entstellung der anfangs richtigen Transkription zunächst Kalmeia, sodann Kalimija und Kalimina; hieraus wieder ging bei der Rückübersetzung ins Lateinische das mittelalterliche „lapis calaminaris“ hervor, schließlich aber auf verschiedenen Umwegen das moderne Galmei mit seinen Nebenformen, unter denen eine nächst Aachen noch jetzt gebräuchliche, Kalmis oder Kelmis, dort bereits gegen 1500 nachweisbar ist[6382]. Ein ebenfalls durch die Araber verbreiteter Ausdruck ist Tutia, entstammend (wie schon in früheren Abschnitten erwähnt) dem persischen Dûd, d. i. Rauch, nämlich der in Gestalt einer dichten weißen Wolke feinsten Zinkoxydes aufsteigende Rauch der Galmeiöfen; noch ~Marco Polo~, dessen Reisen in die Jahre 1275 bis 1291 fallen, schildert Anlage und Betrieb solcher zu Cobinam zwischen Yezd und Kerman in +Persien+ errichteter Öfen[6383] und gedenkt ihrer beiden, unter den Bezeichnungen Pómpholyx und Spodós bereits den Griechen bekannten Produkte; die Namen dieser wichtigen Arzneimittel gingen schon frühzeitig aus der medizinischen Litteratur der Araber in die gesamte europäische über, die sie entweder in den latinisierten Gestalten Tutia und Spodium kennt, oder in entsprechenden einheimischen, als welche z. B. ~Aldebrandino di Sienas~ altfranzösisches „Regime du corps“ von 1225 „Tuschie“ und „Podien“ gebraucht[6384]. Irrtümlich ist die Angabe, die Perser hätten in sehr alter Zeit auch schon die Darstellung metallischen Zinks verstanden; soweit hierbei die Pharmakologie des ~Abu Mansur~ (um 975) in Betracht kommt, handelt es sich, wie ~Lippmann~ vermutete und ~Diergart~ des näheren bewies, um einen Übersetzungsfehler[6385]; bei ~Marco Polo~ aber ist von der Gewinnung eines Metalles aus Galmei überhaupt mit keinem Worte die Rede.

Auch die Schriften der fast durchaus aus persischen Quellen schöpfenden alten arabischen Augenärzte ~Ali Ibn Isa~ (gegen 1000), ~Al-mausili~ (um 1000), sowie die ihrer späteren Nachfolger und Ausschreiber ~Alhalabi~ (um 1256) und ~Salah Addin~ (um 1296)[6386], erwähnen +nur+ „gewöhnliche“ und „leichte“ Tutia [= nihilum album] aus den persischen Orten Kirman[6387] und Haschar[6388], ferner „gewöhnliche“, „beste“ und „grüne“ Tutia ohne Herkunftsbezeichnung[6389], sodann Zinkblume („gewöhnliche“, „grüne“, „indische“)[6390], Zinkasche (auch „grüne“)[6391], sowie Galmei aus Kirman und Ispahan[6392], mit keinem Worte jedoch gedenken sie des metallischen Zinks.

Nicht nach Persien, sondern nach +Indien+ will ~G. Oppert~ die Erfindung der Zinkdarstellung verlegen, sie jedoch nicht erst den eigentlichen Indern zuschreiben, sondern bereits den Ureinwohnern des Landes[6393] in deren Sprache (+nicht+ im Sanskrit) bedeute Kalam, oder eigentlich Kal-Ijam, den „Stein des Bleies oder Zinnes“, ganz so wie Kar- und Vel-Ijam das „schwarze und weiße Blei“; desgleichen heiße im Tamulischen Ven-Kalam das „Weißmetall“ (= Messing) und im Malayischen Kalang das „Zinn“, usf. Kalang hätten die Araber in der Form Kalai nach Indien zurückgebracht, und von Kalai und Kalam leiteten sich einerseits die Ausdrücke Kalaïm und Calaëm ab, unter denen die Portugiesen das ostindische Zink im 16. Jahrhundert in Europa bekannt machten, andererseits aber auch die alten Worte Kalimija, Klimia, Calaminaris und sogar Cadmia, bei welchem letzteren die häufige Lautverschiebung l--d zugrunde liege, wie z. B. bei lacrima -- δάκρυ (Träne). Kaum bedarf es nach allem Vorausgehenden des Beweises, daß diese Darlegungen ~Opperts~ sprachlich zum Teil anfechtbar, sachlich durchaus unhaltbar und nur aus seiner eigentümlichen, oft zur Hintansetzung jeglicher Kritik führenden Sucht erklärlich sind, das älteste Indien als Ursprungsstätte aller nur möglichen wichtigen Erfindungen hinzustellen. Unterlagen für die Behauptung, die alten Inder hätten das Zink durch eine Art absteigender Destillation mittels gewisser unvollkommener, nach ~Rây~ noch gegenwärtig benützter Apparate im kleinen dargestellt[6394], fehlen gänzlich, auch in medizinischer Richtung[6395], und wenn es zutrifft, daß die Messingbereitung erst im 6. Jahrhundert aus Persien nach Indien gedrungen sei, so ist es auch unwahrscheinlich, daß die Inder sich vorher überhaupt schon viel mit dem Galmei beschäftigten. ~Hiuen-Thsang~ (629 n. Chr.) sagt zwar[6396], das nordwestliche Indien sei reich an Galmei, da aber die Übersetzung des betreffenden chinesischen Wortes unsicher und strittig ist[6397], Galmei überdies noch zur Zeit ~Marco Polos~ in das westliche Vorderindien +ein+geführt wurde[6398], so kann jene Angabe vorerst nicht als beweisend gelten. Wenig zuverlässig ist auch alles das, was die in einem früheren Abschnitte besprochenen indischen Werke chemischen oder mineralogischen Inhaltes über die Entdecker und die Entdeckung des metallischen Zinkes vorbringen; denn über die Abfassungszeit fast aller dieser Schriften besteht große Ungewißheit, und über das Alter der zahlreichen Einschiebungen, die sie nach indischer Gewohnheit bis in die neueste Zeit fortgesetzt erfuhren, liegen wissenschaftliche Untersuchungen noch kaum vor. Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß keines der Bücher, in denen metallisches Zink erwähnt sein soll, älter ist als die Zeit der Tantras (beginnend etwa 1100 n. Chr.); das Wort yaçada oder yasada für Zink findet sich nach dem indischen Gelehrten ~Rây~ sogar erst in einem Wörterbuche von 1374. Über die damalige Darstellungsweise aus Galmei (rasaka) wird berichtet, daß man das Mineral zerkleinerte, mit Hilfe organischer Zusätze [die als Reduktionsmittel dienten] zu Kugeln formte, diese in bedeckten Tiegeln erhitzte und das gebildete Zink vermöge einer Art absteigender Destillation abfließen ließ und sammelte[6399]; sie war also eine äußerst unvollkommene und gewährte bestenfalls eine ganz geringe Ausbeute. Es bleibt überdies zweifelhaft, ob sie wirklich in Indien ausgearbeitet und später von dort, wie es heißt, nach China verpflanzt wurde[6400]; verschiedene Tatsachen sprechen vielmehr für den umgekehrten Vorgang[6401], unter ihnen als wichtigste die, daß fraglos Zink im großen zuerst in +China+ gewonnen wurde[6402].

Die ausführliche chinesische Enzyklopädie des ~Li-schi-tschin~ von 1552, „Pen-tsao“ genannt, soll allerdings noch nichts über Zink enthalten, vielleicht weil seine Bereitung geheimgehalten wurde, und auch was die späteren Enzyklopädien von 1637 und 1713 mitteilen, ist (vermutlich aus dem nämlichen Grunde) äußerst unvollständig und unklar; da sich aber, wie aus den Berichten der europäischen Entdecker hervorgeht, im 16. Jahrhundert bereits größere Mengen Zink im Handel befanden, so kann seine Darstellung damals schon längst nichts Neues mehr gewesen sein. Soweit die dürftigen Angaben älterer und die flüchtigen Erzählungen späterer Schriftsteller zu ersehen gestatten, erhitzte man ein Gemenge von Galmei und Kohle in gut verschlossenen tönernen Gefäßen oder Tiegeln auf nicht zu hohe Temperatur, ließ die Zinkdämpfe durch ein Abzugsrohr aufsteigen und verdichtete sie in kaltem Wasser[6403]. Das so im großen, aber freilich doch nur in geringer Ausbeute erhaltene Metall galt als solches eigener Art und kann daher weder mit dem weiter oben besprochenen Char Sînî identifiziert werden[6404], noch mit der Kupfer-Zink-Nickel-Legierung Packfong[6405], noch mit der Kupfer-Zink-Eisen-Legierung Tutanego (Tutenage), dem sog. „chinesischen Kupfer“ der Malayen[6406]. Bei letzteren, also in Hinterindien und im Archipelagus, scheinen die Portugiesen und später die Holländer zuerst die Bekanntschaft des Zinkes gemacht, es aber mit dem dort gleichfalls vorgefundenen Zinn verwechselt, oder für eine bloße Abart des Zinns, für „indisches Zinn“, gehalten zu haben, -- woraus sich auch die dem malayischen Namen des Zinns, kalai, nachgebildete portugiesische Benennung Calaïm oder Calaëm erklärt. Noch ~Van Linschoten~, der 1579, gelegentlich seiner Fahrt an der Küste von Malakka, zu Para dem Zink begegnete, spricht darüber in seiner Reisebeschreibung[6407] mit Worten, die erkennen lassen, daß es ihm sichtlich ganz neu war; zur Zeit des Reisenden ~De Laval~ (1601) prägten die Könige der indischen Inseln Münzen aus dem „allerorten hochgeschätzten Metall Kalin, das so weiß wie Zinn, aber viel härter und schöner ist“, und die Portugiesen hatten ihnen diesen Brauch damals schon nachgeahmt[6408]; 1620 kaperten die Holländer ein portugiesisches Schiff und verkauften das auf ihm vorgefundene indische Zinn als „Speautre“[6409]. Dieser Name, der auch als Spiauter, Spelter, Piautre, Pewter auftritt[6410], leitet sich nach ~Karabacek~ von einem persischen Beinamen des Zinnes ab, der isbîdâr lautet und selbst wieder auf das persische sefîd rûy (= das Weißglänzende) zurückgeht[6411]. In Persien scheint metallisches Zink unter der Bezeichnung jest oder dschest, die selbst wieder mit dem indischen jasada zusammenhängen dürfte[6412], erst in später Zeit aufzutreten; es fand Anwendung zur Herstellung der zahlreichen, bis dahin aus Kupfer und Galmei gewonnenen Legierungen, unter denen hervorzuheben sind: Rotguß mit 80-97% Kupfer nebst 20-30% Zink; Gelbguß mit 50-70% Kupfer nebst 50-30% Zink; Weißmessing mit 20-55% Kupfer und 80-45% Zink; schmiedbares Messing mit 60% Kupfer und 40% Zink; Beidri (aus der Stadt dieses Namens?) mit 94% Zink nebst etwa 3% Kupfer, 3% Blei und etwas Zinn; Koftgari; Haftdschausch aus je ⅐ Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Zinn, Blei und Zink, -- eine Legierung, deren Perlen in Persien noch jetzt als Amulett um den Hals getragen werden[6413].

In +Europa+ scheint man an den alten Erzeugungsstätten des Messings schon frühzeitig eine richtige, jedoch nirgends weiter verfolgte Ansicht über die Natur des Galmeis gewonnen zu haben; spricht doch bereits ~Albert der Grosse~ an einer allerdings nicht ganz einwandfreien[6414] Stelle seiner mineralogischen Schrift vom Goslarer „Gold-Markasit“ (marchasita aurea) im Sinne eines „zu Gold machenden“ (das Kupfer zu Gold färbenden) und sagt, daß sein Metall im Feuer verfliege und nur unnützen Rückstand hinterlasse[6415]. Die Frage, wann und wo es dennoch glückte, des Metalles habhaft zu werden, und ob das, wie ~Paracelsus~ (1493-1541) in seiner 1538 erschienenen „Chronik des Landts Kärnthen“ behauptet, tatsächlich in diesem Herzogtum zuerst gelang, läßt sich nicht mit Sicherheit beantworten, zumal die Angaben des ~Paracelsus~, wie in so vielen Fällen, genügender Bestimmtheit ermangeln. In der „Chronica“ ist er der (irrtümlichen) Ansicht, daß allein in Kärnten „das Ertz Zincken, ... ein gar frembdes Metall“ vorkomme[6416]; hiernach, sowie auf einige gleich unklare Äußerungen hin[6417], hat man angenommen, ~Paracelsus~ habe mit „Zincken“ nur das Galmei+erz+ benannt, -- der zackigen Formen wegen, nach denen auch viele Bergspitzen in den Ostalpen Zinken heißen --, das +Metall+ Zink sei ihm hingegen unbekannt geblieben[6418]. In Wirklichkeit aber redet er zwar öfters von den „künstlichen Bollen oder Zincken der falschen Korallen“[6419], von den „Zincken des Hirschhorns“[6420], von den „Spitzen und Ecken, Schroffen und Zincken der Mineralien“[6421], unterscheidet jedoch sehr wohl einerseits den „Galmey, der Messing macht“[6422], und andererseits den „Zincken, ... der ein Metall ist unbekannt in der Gemein, ... flüssig [= gießbar] aber nicht hämmerbar“[6423], den „Zincken, ... der ein Metall ist, nicht bei den Alten“[6424], den „Zinck, der ein Metall ist und auch keins, ... ein Bastart vom Kupfer“[6425]. Ausdrücklich erklärt er ferner „im Zincken wird gefunden primum ens stanni“[6426] (= das Wesen des Zinnes, mit dem er das Zink gleichstellt), und wenn dieser Ausspruch dadurch Verdunkelung erleidet, daß gelegentlich auch Kupfer, Blei oder Eisen aus „Zincken“ hervorgehen, so setzt ihn doch die Bezeichnung des Quecksilbers als des „primum ens“ des Zinnobers wieder ins rechte Licht: ~Paracelsus~ gebraucht eben Zincken oder Zinck in der Regel von Erzen und so auch vom Galmeierz, überträgt den Namen aber auch auf das aus dem „einzigen“ kärnthner Erze gewinnbare Metall, und ihm, als dem Schöpfer einer ebenso ausgedehnten wie willkürlichen Nomenklatur auf zahlreichen Gebieten, ist ein solches Vorgehen ohne weiteres zuzutrauen. Umgekehrt nimmt er „Metall“ keineswegs nur im strengen heutigen Sinne, es ist ihm vielmehr (wie noch so manchen späteren) häufig gleichbedeutend mit Gefördertem oder Mineral überhaupt.

~Agricola~ wendet in seinem Hauptwerke „De re metallica“, das schon um 1530 vollendet gewesen sein soll, aber erst 1550 erschien, das Wort Zink nicht an, scheint aber das Metall als „Conterfey“ zu kennen[6427], d. h. als eine „Nachbildung“ sei es des Zinns und Silbers, sei es (gemeinsam mit Kupfer, demnach als Messing) des Goldes; in den erst nach seinem Tode erschienenen Schriften „De natura fossilium“[6428] und „Bermannus“[6429] erwähnt er zwar „das, was die Kärnthner und Tiroler Zink nennen“ (quod Norici et Rheti Zincum vocant) und „das, was sie in Rauris Zink heißen“ (quod Zincum nominant), versteht aber hierunter, der ganzen Beschreibung nach, kein Metall, sondern offenbar eine Art Kies[6430]. ~Luthers~ Freund ~Mathesius~ sagt 1555 in der 3. „Bergpredigt“[6431], zu Freiberg habe man „roten und weißen Zink“, womit er ebenfalls nur gewisse Erze meinen kann, und auch in des ~Albinus~ „Meißnischer Bergchronika von 1590 ist „Zincken“ nur „eine Bergarth, die in Freyberg schön roth und weiß bricht“[6432]. ~Fabricius~ wieder erklärt 1565 in „De metallicis rebus“[6433] das „Cincum“ für ein gut gießbares, aber nicht hämmerbares Metall und mutmaßt dessen Identität mit Antimon, während sich ~Dorn~ 1583 im „Dictionarium Paracelsi“[6434] ungefähr ebenso wie sein Meister äußert, nur noch etwas unbestimmter. Nach des ~Libavius~ „Alchymia“ und den „Commentationes metallicae“ von 1597 ist „Zinckum“ eine Art weißer oder roter Markasit von der Natur des Kupfers[6435], und die nämliche Definition geben auch noch 1615 seine „Arcana Alchymiae“[6436]. Inzwischen hatte ~Libavius~ zwar sowohl das Goslarer Zink kennen gelernt, -- er klagt in einem Briefe, daß er sich nicht noch mehr davon verschaffen könne --, als auch das ostindische (ihm 1597 aus Holland zugekommene) Calaëm, das er „indisches und malabarisches Blei“ oder „malabarisches Zinn“ nennt[6437], aber er blieb im unklaren, ob das Messing Galmei oder Zink enthalte, und ob Zink und Calaëm das nämliche seien oder nicht[6438]; schließlich entscheidet er sich dafür, daß Calaëm +nicht+ aus „Conterfey“ bestehe, sondern aus Quecksilber, Arsen und Silber, in welches letztere es daher auch überzugehen vermöge[6439].

In deutlicher Weise erklärt 1617 ~Löhneyss~ das Zink oder Conterfeyt, das zum Nachmachen des Goldes dient, für ein Metall (das er aber irrtümlich dem Wismut gleichsetzt) und schildert, wie es sich an und vor den Wandungen der Goslarer Schmelzöfen ansammle und dort von den Knechten, falls ihnen jemand ein Trinkgeld verspreche, abgeklopft werde[6440]. Der französische Arzt ~Jean Rey~ (1583-1646), der zuerst die Gewichtszunahme der Metalle beim „Verkalken“ durch Aufnahme eines Bestandteiles aus der Luft erklärte, spricht 1630 auch vom Verbrennen des indischen Calaëm zu Zinkblumen[6441]; ~Glauber~ (1657)[6442] und ~Becher~ (1661)[6443] halten Zink oder Spiauter für ein Metall, „aber für ein unzeitiges, wie Quecksilber, Antimon, Zinnober und Vitriol“; auch ~Boyle~ (1626-1691) gedenkt in seinen Schriften neben dem neuen ostindischen Metall „Tutanag“[6444] wiederholt des Metalls „zink“[6445], „pewter“[6446], „zink or spelter“[6447], unter welchem letzteren Namen es bei den Händlern bekannt sei[6448]. In deutschen Städten, z. B. in Nürnberg, wurde nach ~Jungius~ (1667) zu dieser Zeit einheimisches Zink auch bereits in größeren Mengen verkauft und zu verschiedenen Zwecken verwendet[6449]; ob zu diesen auch die medizinischen zählten, ist fraglich, denn was einige Apotheker-Taxen von 1687 und 1700 unter dem Namen „Marchasita pallida“ aufführen[6450], kann nicht das +Metall+ „Zinck“ sein. Über die Darstellung des letzteren findet sich noch nichts in dem ausführlichen Kapitel des „Museum museorum“ ~Valentinis~ von 1714[6451], 1721 war sie jedoch dem deutschen Bergmeister ~Henckel~[6452] und spätestens 1730 auch englischen Hüttenleuten bekannt, es gelang aber, sie einige Jahrzehnte lang weiterhin versteckt zu halten. Noch in seiner „Kieshistorie“ von 1754 teilt ~Henckel~ zwar die Gewinnung aus Galmei und Kohle mit[6453], spricht öfters von „zinkischem Wesen“[6454] und beschreibt das Metall[6455], gibt jedoch vor, „vom Halbmetall Zink oder Spiauter ... könne die Entstehung noch nicht so gar eigentlich gelehret werden“[6456] und ähnlich behauptet er auch 1755 in seiner „Terra saturnizans“[6457]: „Der Zink, ... ein Körper von der allerseltensten Mischung und Eigenschaft, wird auf den Harzer Schmelzhütten in denen Spuren der Öfen gefunden, ... und man kann eigentlich nicht sagen, woraus er kommt und besteht.“ So blieb es denn dem großen Chemiker ~Marggraf~ (1709-1782) vorbehalten, auf dem Wege selbständiger Forschung das eigentliche Geheimnis der Darstellung ausfindig zu machen, nämlich die Fernhaltung der Luft, die das reduzierte Zink sogleich zu Zinkoxyd verbrennt, und da er weder zu den Dunkelmännern zählte, noch anderen als rein wissenschaftlichen Zielen nachstrebte, gab er seine Beobachtungen auch umgehend (zuerst 1743) öffentlich bekannt[6458]; praktische Verwendungen bahnte er jedoch auch in diesem Falle nicht an.

Was den +Namen+ „Zink“ anbelangt, so hat man ihn mit dem neupersischen seng in Verbindung zu bringen gesucht[6459]; obwohl sich als Bestätigung anführen ließe, daß nach ~Hammer~ auch jener des Musikinstrumentes Zinke (einer helltönenden Trompete) vom persischen „Tscheng“ herstammen soll[6460], so dürfen doch beide Ableitungen als unzutreffend gelten, die erstere besonders deshalb, weil seng im Persischen nicht etwa gerade Zink bedeutet, sondern Stein, Erz oder Mineral überhaupt, ferner auch, weil das Zink nachweislich nicht aus oder über Persien nach Europa gelangte. Wenig wahrscheinlich ist auch ein Zusammenhang von Zink mit dem althochdeutschen zinco oder zincho, mittelhochdeutsch zinke, d. i. nach ~Kluge~ „der weiße Fleck im Auge“ (von tinka = weiß?)[6461]. Am naheliegendsten und natürlichsten ist es, an das von ~Kluge~ gleichfalls angeführte althochdeutsche zinko zu denken, altnordisch tindr, angelsächsisch tind, mittelhochdeutsch zint oder zinke, d. i. Zacke oder Zinke, also an das Wort, von dem ~Paracelsus~ tatsächlich ausgeht, das sich in gleichem Sinne auch bei späteren Schriftstellern vorfindet, z. B. bei ~Hainhofer~, der von den „Zincken der Aloe und der Korallen“ redet[6462], und dessen sich in nämlicher Weise auch die heutige Sprache noch zu bedienen pflegt. Daß sich in dem Briefwechsel ~Reys~ und des ihm befreundeten Apothekers ~Brun~ mit dem hochgelehrten ~Mersenne~, dem 1632 das „Calaëm“ noch etwas ganz Unbekanntes war[6463], der „indische Regulus“ nicht nur „Speautre, deutsch Spiauter“ benannt findet, sondern auch „Zinc“[6464], und daß dieses deutsche Wort ebenso dem ~Boyle~ ganz geläufig ist, erklärt sich jedenfalls aus der Bekanntschaft dieser Forscher mit den einschlägigen (lateinisch abgefaßten) Schriften deutschen Ursprungs, auf die sie sich nicht selten ausdrücklich beziehen, so ~Boyle~ auf ~Glauber~, und ~Rey~ auf ~Libavius~[6465].

10. Quecksilber.

Das Quecksilber, das in der Regel als Begleiter seines wichtigsten Erzes, des Zinnobers (Schwefel-Quecksilbers) auftritt und in verschiedenen Ländern der alten und neuen Welt vorkommt, wenn auch nur selten in größerer Menge, dürfte durch seine auffälligen äußeren Eigenschaften schon seit jeher die Aufmerksamkeit der Beobachter erregt haben; weil aber die Möglichkeit regelmäßiger Verwendung fehlte, wie sie z. B. der Zinnober zu allen Zeiten und in allen Weltteilen als Farbstoff fand, -- zunächst zwecks Bemalung des menschlichen Körpers --, so blieb ihm auf lange hinaus nur der Reiz einer Merkwürdigkeit anhaften.

Als ältester Fund von Quecksilber ist der durch ~Schliemann~ während seiner ägyptischen Reisen zu Kurna gemachte anzusehen, woselbst aus Gräbern, die dem 16. oder 15. Jahrhundert v. Chr. angehören, ein kleines mit Quecksilber gefülltes Gefäß zutage gefördert wurde, vermutlich ein Amulett, nach Art der Quecksilber enthaltenden Nüsse, Kapseln und Federspulen, die im Orient noch gegenwärtig im Gebrauch stehen[6466]; wahrscheinlich stammte es aus Kleinasien, vielleicht aber auch aus Spanien, dessen nächst dem späteren Sisapo (dem heutigen Almaden) gelegenen Gruben bereits zu +sehr+ früher Zeit ausgebeutet wurden[6467] und u. a. auch den schon in den biblischen Schriften (z. B. im „Hohen Liede“) erwähnten „Stein von Tarschisch“ lieferten, d. i. den krystallisierten Zinnober, der wegen seines goldroten Glanzes auch als Chrysolith (= Goldstein) bezeichnet wurde[6468]. -- Unbewiesen ist, daß die Quecksilber-Gewinnung zu Avala, im jetzigen Serbien, in eine gleich entlegene Vergangenheit zurückreiche; die dort vorgefundenen Tonschalen und -töpfe, die zum Sammeln des Quecksilbers gedient haben sollen, sind nicht als „urgeschichtliche“ anzuerkennen, sondern bestenfalls als vorrömische[6469].

In +Griechenland+ ist nicht, wie meist angegeben wird, ~Theophrastos~ der erste, der das Quecksilber erwähnt, sondern ~Aristoteles~ (gest. 322), nach dessen Bericht der halbmythische Allerweltskünstler ~Daidalos~ ἄργυρον χυτόν, d. i. „geschmolzenes Silber“ (= Quecksilber) in die Höhlung eines hölzernen Abbildes der ~Aphrodite~ eingoß, um es dadurch beweglich erscheinen zu lassen[6470]. Nach ~Natorp~ hätte diese Erzählung erst der attische Komöde ~Philippos~ aufgebracht, und zwar als „rationelle Erklärung“ der Behauptung, dem ~Daidalos~ sei es zuerst gelungen, Statuen mit der Gabe und dem Anscheine wahrer Bewegung zu schaffen, weshalb sie gar nicht als eine ernstliche aufzufassen wäre[6471]; dies kann indessen dennoch sehr wohl der Fall sein, denn schon eine Figur etwa nach Art der sog. „Stehaufmännchen“, oder dergl., dürfte der damaligen Zeit als etwas höchst Wunderbares erschienen sein. Daß das Quecksilber spätestens zu Anfang des 5. Jahrhunderts bereits wohlbekannt war, zeigt übrigens eine bisher unbeachtet gebliebene Stelle der um diese Zeit verfaßten „Indika“ des ~Ktesias~[6472]; er fabelt in ihr von einer zu Indien fließenden Quelle „flüssigen Goldes“ (ὑγροῦ χρυσίου), das offenbar als indisches Wunderprodukt das „flüssige Silber“ (ἄργυρον ὑγρόν) noch übertrumpfen soll und demgemäß auch dessen entsprechend umgebildeten Namen trägt. -- Über die nahe Beziehung, in der Quecksilber zum Zinnober steht, sowie über die Möglichkeit, es aus ihm zu gewinnen, war man sich um die Zeit des ~Theophrastos~ (um 300) schon seit langem im klaren; doch sind seine und seiner Nachfolger einschlägige Angaben sämtlich undeutlich und verworren, da ihnen allen der springende Punkt verborgen blieb, nämlich die Notwendigkeit eines Zusatzes von Metall oder einem anderen Reagens (z. B. Kalk), das zum Schwefel des Zinnobers eine größere Verwandtschaft besitzt als das Quecksilber; ~Theophrastos~ selbst schreibt z. B. vor[6473], den Zinnober, der sich reichlich bei Ephesus in Kleinasien, in Kolchis und in Spanien vorfinde, unter Beigabe von Essig in einem kupfernen Gefäße mit einem kupfernen Stämpfel zu verreiben, wobei sich Quecksilber (ἄργυρος χυτός) abscheide [insoweit etwas Schwefel in Form von Schwefelkupfer abgespalten wird][6474].

Wo die Bildung der Amalgame und die Löslichkeit der Edelmetalle in Quecksilber entdeckt wurde, ist nicht bekannt, doch dürfte es in Kleinasien oder in Ägypten geschehen sein, woselbst, wie schon weiter oben erwähnt, das Vergolden mit Quecksilber-Amalgam sowie die Herstellung der Goldschrift zu den Geheimnissen der Tempelwerkstätten gehörte. Um Beginn unserer Zeitrechnung beschreibt ~Vitruv~[6475] die Gewinnung von Quecksilber aus den Dämpfen des im natürlichen Zinnober eingeschlossenen [oder beim Erhitzen mit einem Zusatze aus ihm frei werdenden] Metalles durch Kondensation an den Deckengewölben der Öfen und erwähnt bei diesem Anlasse auch das Ausziehen des Goldes mittels Quecksilbers aus der Asche alter, unbrauchbar gewordener Goldstickereien. ~Plinius~, dem besagter Kunstgriff ebenfalls geläufig ist[6476] und der auch der kalten, sowie der Feuer-Vergoldung mit Quecksilber gedenkt[6477], unterscheidet das natürliche „argentum vivum“ (= lebendiges Silber) vom künstlichen „hydrargyrum“ (= Silberwasser) und bespricht die Darstellung dieser „ewig flüssigen“ Substanz (liquor aeternus) aus Zinnober nach der Vorschrift des ~Theophrastos~, sowie nach einem höchst unvollkommenen Destillations-, richtiger Sublimations-Verfahren durch Erhitzen in einer überdeckten eisernen Schale[6478] [wobei, falls nichts anderes beigefügt wurde, das Eisen den Schwefel zu binden hätte]. Nach ~Dioskurides~[6479] findet sich das Quecksilber (ὑδράργυρος, Hydrárgyros) in den Gruben (ἐν μετάλλοις), ist sehr giftig, besonders in Gestalt seines Dampfes, und wird aus dem Zinnober mit Hilfe eines [sehr primitiven] Sublimations-Apparates gewonnen, der aber immerhin schon aus zwei Teilen besteht, und an dessen oberem, dem ἄμβιξ (Ambix = Deckel), sich das Quecksilber als ἀιθάλη (Aithále = Dunst) ansetzen soll.

Über die wichtige Rolle des Quecksilbers bei den alexandrinischen Alchemisten ist schon in früheren Abschnitten eingehend berichtet worden, desgleichen über die hervorragende Bedeutung der vermutlich im 4. Jahrhundert n. Chr. gemachten Entdeckung der Quecksilber-Destillation[6480], sowie über die auf gewisse aristotelische Anschauungen hin entwickelte Theorie des Bestehens aller Substanzen, vornehmlich aber aller Metalle, aus Schwefel und Quecksilber[6481]. Für die fortgesetzte Verwendung zu mancherlei, denen des ~Daidalos~ ähnlichen Kunststücken zeugt die Erwähnung solcher bei ~Heron~ von ~Alexandria~[6482] (dessen Lebenszeit bald in das 1. oder 2. Jahrhundert +vor+, bald +nach+ Chr. verlegt wird) und vielleicht bei ~Hippolytos~ in dem um 200-230 verfaßten Kapitel „Gegen die Magier“[6483]; dort ist namentlich auch von der Vergiftung durch Eingießen des Quecksilbers in die Ohren die Rede [die man als in unmittelbarer Verbindung mit dem Sitze der Seele stehend wähnte][6484]. Bei den griechischen Ärzten scheint, eben seiner Giftigkeit halber, Quecksilber nicht oder kaum in Gebrauch gestanden zu sein; ~Galenos~ (131-200?) führt es auffälligerweise nur als ein (offenbar aus Zinnober gewonnenes) Präparat an, das sich als solches etwa dem Bleiweiß oder dem Grünspan anschließt, schweigt völlig über sein natürliches Vorkommen, fügt jedoch hinzu, daß ihm weder über die äußere noch die innere Anwendung dieser giftigen Substanz irgendwelche eigene Erfahrung zu Gebote stehe[6485]. Auch spätere Ärzte, wie ~Oreibasios~ (326-403) und ~Caelius Aurelianus~ (um 400), ~Alexander~ von ~Tralles~ (um 550) und andere benützen das giftige Quecksilber nicht, und erst bei ~Paulos Aigineta~ (um 640) findet sich eine kurze unklare Bemerkung über „zu Asche gebranntes Quecksilber“ als angebliches Heilmittel bei Koliken und Darmverschlingungen[6486].

Stätten der äußeren und inneren Anwendung, die der Ausspruch des ~Galenos~ bezeugt, dürften +Ägypten+ und der +Orient+ gewesen sein, woselbst man es frühzeitig verstand, das „bewegliche und lebendige Quecksilber“ durch Verreiben mit Schwefel, Alkalien, Fetten, Ölen, Speichel usf. in feine Verteilung zu bringen, unbeweglich zu machen, also „abzutöten“, und die so dargestellten Mittel zur Bekämpfung der beiden schlimmsten Landesplagen zu verwenden, der Hautkrankheiten und des Ungeziefers. In Persien z. B., dessen Provinzen und Nachbarländer reich an Quecksilber sind[6487], waren, wie die Art der Erwähnung in der ersten persischen Pharmakologie des ~Abu Mansur~ (um 975) zeigt[6488], Quecksilbersalben zur Bekämpfung von Ekzemen und Parasiten, namentlich Läusen, jedenfalls schon seit Jahrhunderten wohlbekannt, und dem arabischen Schriftsteller ~Ibn Qutaïba~ (834-898) ist daher die Vertreibung der Läuse durch Quecksilbersalbe schon etwas ganz Geläufiges[6489]. ~Alrazi~ (10. Jahrhundert) erzählt[6490], daß er einem Affen Quecksilber eingegeben und es als solches unschädlich befunden habe, außer beim Eingießen in die Ohren; dagegen seien „getötetes“ Quecksilber (extinctum = ausgelöschtes), oder gar „sublimiertes“ (Sublimat), desgleichen auch Zinnober, furchtbare Gifte, die sich aber eben deshalb in Form von Salben vortrefflich zur Vernichtung der Läuse und zur Heilung gewisser Hautkrankheiten eignen. ~Avicenna~ (~Ibn Sina~; 11. Jahrhundert) sagt im „Canon der Medicin“, Quecksilber in Substanz, natürliches wie aus Zinnober dargestelltes, -- die sich, entgegen der Ansicht des ~Galenos~, als identisch erweisen, und mit Schwefel behandelt Zinnober zurückergeben, -- sei bei einmaliger Anwendung nur gefährlich, wenn man es ins Ohr eingieße, bei andauerndem Gebrauche aber giftig, und führe entsetzliche Folgezustände herbei, ganz besonders in Form seines Dampfes; getötet (extinctum), sublimiert, oder in Zinnober verwandelt, sei es dagegen innerlich unter allen Umständen ein schreckliches Gift, solle aber auch äußerlich nur mit großer Vorsicht gehandhabt werden, so ausgezeichnet es sich auch bei der Heilung von Hautkrankheiten (scabies), Skrofeln, Wunden, Fisteln, Geschwüren und Krebs, sowie bei der Vernichtung von Läusen und anderem Ungeziefer bewähre[6491]. In gleicher Weise wie ~Alrazi~ und ~Avicenna~, und ohne wesentlich Neues hinzuzufügen, äußern sich auch alle späteren arabischen Ärzte, z. B. der sog. jüngere ~Serapion~ (~Ibn Sarafiun~)[6492].

Über die Quecksilber-Teiche, die die arabischen Herrscher des 9. und 10. Jahrhunderts zur Verzierung ihrer Schloßgärten in Cordova, Kairo und Bagdad anlegen ließen, ist schon weiter oben berichtet worden. Ein Stoff, der in so großen Mengen zur Verfügung stand, mußte auch im übrigen allgemein bekannt sein, und dies bestätigen u. a. die Erwähnungen in der schönen Litteratur. Bei dem Dichter ~Mutanabbi~ (915-965) heißt es[6493]:

„Unsere Augen rollen wir voll Angst und Verwirrung; So wie das Quecksilber rollt, rollt Lid auf dem Lid“;

bei ~Unsuri dem Perser~ (gest. 1038)[6494]:

„Sein Schwert, geschwungen gen den Feind, Quecksilber Dir im Feuer scheint“;

bei ~Thaʿalibi~ (961-1038)[6495]:

„Es glänzt der Stern des Jupiter Quecksilber, dem Bewegten, gleich“;

bei ~Omar Alkhajjam~ (um 1100)[6496]:

„Füllt mir den Becher! Mein Herz steht in Flammen! Wie Quecksilber nur hält das Leben zusammen!“,

und ein Unbekannter, der die silberglänzenden Tropfen des Morgentaues als Quecksilber vom Himmel herabfallen läßt[6497], preist die Gnade des Khalifen mit den Worten:

„Er träufelt vom Gewölb des Regenbogens Quecksilber auf die Erde, die durchnäßte“[6498].

Die Erzählungen „1001 Nacht“ gedenken des Quecksilbers als eines Heilmittels, nennen einen eiligen Hin- und Herläufer ~Ali Zaibak~ = Ali den quecksilbernen, und sprechen von Zinnober als einer kostbaren Farbe der Bilder- und Schriftenmaler[6499]. Vielfach beschäftigten sich, wie ebenfalls schon erwähnt, die arabischen Physiker und Chemiker mit dem Quecksilber: ~Albiruni~ (gest. 1048) und ~Alkhazini~, der Verfasser der „Wage der Weisheit“ (1121), bestimmten das spezifische Gewicht dieses „schwersten aller Körper“ zu 13,557 bis 13,560, welche Werte genauer sind als die ~Galileis~ (13,357 und 13,760)[6500]; einen hohlen Wagebalken, gefüllt mit etwas Quecksilber, das bei unauffälligem Neigen auf die Seite der Last hinüberfloß, benützten nach ~Aldschaubari~ (gegen 1220) die Betrüger beim Verkaufe von Edelsteinen und Gewürzen[6501]; Gold den feingepochten Gesteinen mittels Quecksilbers zu entziehen verstanden im 12. Jahrhundert nach ~Alidrisi~ bereits einige einheimische Völkerschaften des westlichen Afrikas und nördlichen Abessyniens[6502], die dies jedenfalls von den Arabern erlernt hatten, usf. Das meiste Quecksilber scheinen diese aus den bei dem heutigen Almadén liegenden Gruben empfangen zu haben[6503], und noch im Zeitalter der Kreuzzüge war Quecksilber ein wichtiger Gegenstand der Ausfuhr, den die Schiffe aus den spanischen Häfen nach Sizilien, Ägypten und dem Orient beförderten[6504].

In +China+ kannte man, wie schon in einem früheren Abschnitt erörtert, seit altersher sowohl Quecksilber wie Zinnober; letzterer, dessen Farbe die kaiserliche und daher auch die des kaiserlichen Siegels war, blieb dauernd sehr kostbar und nicht selten dem Silber gleichwertig[6505]; in den Gartenanlagen um die Kaisergräber wurden Hügel aus Zinnober aufgeschüttet, zwischen denen sich Teiche, Bäche, Flüsse, ja Meere aus Quecksilber befunden haben sollen, für deren stete Bewegung eigene Antriebs-Vorrichtungen sorgten[6506]. Zur Zeit ~Marco Polos~ war das Quecksilber in China besteuert[6507], vielleicht als Luxusgegenstand.

Näheres über die Kenntnis von Quecksilber und Zinnober in +Indien+ ist ebenfalls bereits weiter oben beigebracht worden; die Einverleibung beider Substanzen in den allgemein üblichen Arzneischatz erfolgte daselbst, auch nach ~Tschirch~, erst unter dem Einflusse arabischer Vermittlung[6508].

Ausschlaggebend war diese auch für das +mittelalterliche Europa+. Nach ~Vitalis de Furno~[6509] (1247-1327) hätte zuerst der in Salerno tätige ~Constantinus Africanus~ (gest. 1087)[6510] nach orientalischem Beispiele das Töten des Quecksilbers mittels Asche, Öl, Butter, Fett oder Speichel gelehrt, sowie die Vernichtung der Läuse durch derlei Quecksilbersalben oder auch, soweit Kleider in Betracht kamen, durch Quecksilber-Dämpfe; von ihm übernahm dann die „Schule von Salerno“ diese Kunstgriffe, die u. a. als bereits wohlbewährte ~Matthaeus Platearius~ im „Circa instans“ darlegt, dem um 1150 verfaßten Hauptwerke der Salernitaner[6511], durch die sie seither allgemeine und weitgehende Verbreitung fanden. Eine solche wurde in gleicher Weise, und vielleicht von mehr als einer Seite aus, auch dem Gebrauche der Quecksilbersalben gegen Hautkrankheiten zuteil, so daß sich im 13. Jahrhundert Quecksilber-Schmierkuren schon verschiedentlich und als etwas sichtlich nicht mehr ganz Neues beschrieben finden, so z. B. in der 1266 abgeschlossenen berühmten „Cyrurgia“ von ~Borgognoni~ Vater und Sohn[6512]; auf Einzelheiten aus der Frühzeit derartiger, rein medizinischer Anwendungen kann jedoch an dieser Stelle ebensowenig eingegangen werden wie auf Schilderungen der späteren Neuerungen des ~Paracelsus~, durch dessen bahnbrechende Tätigkeit auch das Quecksilber nebst seinen Verbindungen, wie überhaupt die metallischen Heilmittel, zu völlig ungeahnter Bedeutung gelangten.

Darauf, daß die spätgriechische, von den Arabern aufgenommene und erweiterte Theorie vom Schwefel und Quecksilber als Grundbestandteilen der Metalle in der gesamten europäischen Wissenschaft zur unbedingten und widerspruchslosen Herrschaft gelangte, ist bereits weiter oben hingewiesen worden; daß man sie auf die Autorität des ~Aristoteles~ und ~Platon~ zurückführen zu können glaubte[6513], gereichte ihr zur ganz besonderen Stütze, und da einige schüchterne Zweifel, die sich zur Zeit der Renaissance zu erheben begannen, gegen den überragenden Einfluß der paracelsischen Lehren nicht aufzukommen vermochten, behielt sie bis tief in das 17. Jahrhundert hinein die Oberhand und wurde selbst durch so bestimmte Widerlegungen wie die seitens ~Aldrovandis~[6514] oder ~Boyles~[6515] keineswegs endgültig abgetan. Unentwegt fest hielten an ihr allezeit die eigentlichen Alchemisten; nicht anders als ein halbes Jahrtausend vorher versuchten sie auch noch gegen 1800 Quecksilber und Schwefel im Ei zu Gold auszubrüten[6516], und zwar unter Mitwirkung des Geistes ~Azoth~, dessen Namen ~Paracelsus~ aus dem arabischen Worte für Quecksilber „Azoch“ bildete, dem nämlichen, von dem sich der spanische Ausdruck „azogue“ für dieses Metall herschreibt[6517].

Welche zähe Lebenskraft auch dem Glauben an die mystischen Beziehungen des Quecksilbers innewohnte, zeigt die Bemerkung eines sonst in vieler Hinsicht so vorgeschrittenen Geistes wie ~Comenius~, der in seiner „Physicae Synopsis“ von 1625 über die angebliche Verwandlung von Eisenschlacke in Quecksilber bei zweijährigem Liegen berichtet, und sie durch Hinzuströmen des „Weltgeistes“ erklärt[6518], des ~Hermes~ oder ~Mercurius~ der Alten.

Die Annahme, daß es, wie ~Plinius~ behauptet, zwei verschiedene Quecksilber gebe, natürliches und künstliches, wiederholen gänzlich kritiklos noch die Gelehrten des 16. Jahrhunderts, z. B. ~Brasavola~[6519]; auch dieser Irrtum wurde, gleich unzähligen ähnlichen, niemals geradezu als solcher einbekannt, sondern starb langsam aus, wozu im vorliegenden Falle die allmählich zunehmende bessere Bekanntschaft mit dem Quecksilber beitrug, gefördert hauptsächlich durch seine Anwendung bei der Gewinnung der Edelmetalle. Diese erfolgte jedoch nicht erst in der neuen Welt, wie häufig behauptet wird, sondern war bereits der alten geläufig, u. a. auch bei der Aufarbeitung des goldführenden Rheinsandes im Elsaß, wo sie sich z. B. 1582 als etwas in Straßburg schon längst Bekanntes erwähnt findet[6520].

11. Eisen.

Wie bereits weiter oben bemerkt wurde, können weder die Ansichten betreffs einer ursprünglichen Kupfer- und Bronzezeit[6521] noch die Vermutungen hinsichtlich eines überlegenen Alters des Eisens[6522] irgendwelchen Anspruch auf ausschließliche Wahrheit und Allgültigkeit erheben; ebensowenig läßt sich ein bestimmtes Land als erster Ausgangspunkt, oder ein bestimmtes Volk als erster Erfinder der Eisen-Gewinnung bezeichnen, -- auch völlig abgesehen von der neuen Welt, in deren Kulturstaaten, Mexiko und Peru, zur Zeit der Entdeckung zwar ganz vorwiegend Kupfer in Gebrauch stand, Eisen aber keineswegs mehr durchaus unbekannt war[6523]. Es ist vielmehr sicher, daß die Darstellung des Eisens in selbständiger Weise zu sehr verschiedenen Zeiten entdeckt wurde und auch an sehr verschiedenen Punkten, an solchen nämlich, die passende und leicht reduzierbare Erze besaßen; zu ihnen sind mit größerer oder geringerer Wahrscheinlichkeit u. a. zu zählen: China, Indien, Persien, Armenien, die kaukasischen und die Pontus-Länder[6524], Phönizien, Palästina, Cypern[6525], die Gebiete der Jakuten, der Tungusen[6526], das zentrale, nordwestliche und südliche Afrika, Finnland[6527], Illyrien, Keltiberien usf. Zwar trifft es zu, daß das +Meteoreisen+ bei vielen Völkern frühzeitig bekannt war, seiner „himmlischen“ Herkunft wegen in großer Verehrung stand und zuweilen auch, angesichts seiner hohen Reinheit, ohne weiteres zu Bedarfszwecken benützt und verarbeitet wurde, wie das z. B. nach dem Nordpolfahrer Ross noch 1818 bei den Eskimos durch „kaltes Hämmern“ geschah[6528]; die immer noch verbreitete Ansicht aber, die Entwicklung einer Eisenzeit habe von +ihm+ aus ihren Ursprung genommen, ist völlig unhaltbar, und keine einzige geschichtliche oder technische Überlieferung gereicht ihr zur Stütze. In dieser Hinsicht genügt es, daran zu erinnern, daß das Erhitzen und Schmelzen festen gediegenen +Eisens+ bei 1500-1600° oder darüber +sehr+ erhebliche Anforderungen an den Kunstfertigen und an seine Werkvorrichtungen stellt, daß sich hingegen aus vielen +Erzen+ das Eisen mittels Kohle ohne besondere Schwierigkeit bei verhältnismäßig niedriger Temperatur (etwa 700°) in erweichtem (+nicht+ in geschmolzenem) Zustande gewinnen und sodann mehr oder minder schlackenfrei ausschmieden läßt[6529]; beide Vorgänge sind freilich in ihrem Gelingen von vielerlei Umständen und Wechselfällen in so weitgehender Weise abhängig, daß es nicht wundernehmen darf, wenn die Untersuchung alter Fundstücke nach den modernen metallographischen Verfahren zur Erkenntnis führt, es könne bei ihnen von irgend regelmäßiger Zusammensetzung und von scharfen Grenzen zwischen Eisen und Stahl nicht im entferntesten die Rede sein.

Die besondere Natur des Eisens und die durch sie bedingte Eigenart seiner Behandlung brachte es mit sich, daß erst mit dem Anfange der Eisenzeit jene eigentliche Entwicklung der Schmiedekunst einsetzte[6530], die in erster Linie den +Eisen+schmied zum „Schmiede“ machte und seine Bedeutung und Stellung in bemerkenswerter Weise beeinflußte. Der Schmied ist in seiner Tätigkeit an das Vorhandensein bestimmter Rohstoffe gebunden, er haust im Waldgebirge, wo ihm das Nötige an Erz, Holz oder Holzkohle zur Verfügung steht, er kann den Ort, den andere noch mit nomadischer Unbeständigkeit wechseln, nicht ohne weiteres verlassen, wird dadurch frühzeitig seßhaft, hierdurch aber wieder für die Nachrückenden ein Fremdling, dessen Kunst überdies einen unheimlichen, ja zauberischen Charakter trägt. Aus diesen Umständen erklärt es sich, daß zahlreiche Völker der verschiedensten Herkunft den Schmied als außerhalb des Stammes und der Gemeinschaft stehend betrachten, auch ihm und den Seinigen die Einheirat versagen; während sie ihn als unentbehrlich, sein Erzeugnis als wichtiges Bedarfs- und Tauschmittel, sein Haus daher als öffentlichen und neutralen Platz anerkennen[6531], begegnen sie zugleich seiner Person mit Scheu und Mißtrauen, wenn nicht mit Abneigung und Haß, da sie ihn einerseits verachten, andererseits fürchten, auf alle Fälle aber gebrauchen[6532]. Nach einer von ~Lenormant~ eifrig verfochtenen Behauptung ~d’Ecksteins~ (1854) wären turanische und finnische Völker, die ihre ursprünglichen Sitze im Gebiete des Altai, des Paropamisos und des Kaukasus hatten, die den Glanz der Metalle verehrten und ihn mit ihren Mythen und Lehren von den „Göttern der Tiefe“ in Zusammenhang brachten, auch die ersten eigentlichen Bergleute, Metallarbeiter und Schmiede gewesen[6533]. Spätere Eroberer rotteten sie aus, oder verdrängten sie in ferne Gegenden, und die Mitglieder der restlichen, weithin zersprengten Stämme oder Familien, die letzten Träger der alten, sorgfältig geheimgehaltenen Künste[6534], galten nun als mächtige und gefährliche Zauberer, zugleich aber als häßliche und mißgestaltete Stammfremde; so wurden sie allmählich zu jenen „Karrikaturen der Stämme, die zuerst Metalle verarbeiteten“, denen man bei allen möglichen Völkern unter den Namen von Gnomen, Zwergen, Kobolden, Pygmäen, Daktylen, Kabiren, Kureten, Telchinen, Korybanten, und unter den Gestalten des ~Ptah~, ~Hephaistos~, ~Vulcan~, ~Mimir~ usf. begegnet[6535]. Läßt sich nun auch diese Hypothese weder in ihrer Gesamtheit, noch allen Einzelheiten nach aufrecht erhalten, so muß man doch zugeben, daß ihr ein gewisser berechtigter Kern innewohnt und daß sie insoferne die Erscheinung, zu deren Deutung sie aufgestellt wurde, in manchen Fällen wirklich zureichend erklären mag, während in anderen zu bedenken bleibt, daß viele Völker Verkrüppelte oder Lahme, die aber sonst genügende Kräfte besitzen, zur Ausübung von Handwerksarbeiten, und so u. a. auch von Schmiedekünsten, anzuhalten pflegen[6536].

Sehr beachtenswert ist in den berührten Beziehungen das Verhalten der afrikanischen Stämme, bei denen, wie bereits erwähnt, eine der Eisenzeit vorausgehende Kupfer- und Bronzeperiode nicht nachzuweisen ist[6537]. Sowohl zahlreiche Negervölker, als auch die Hottentotten, stellen Eisen teils in primitivster Weise durch Erhitzen von Erzen mit Holzkohle in Erdgruben dar, teils nach bereits verbesserter durch Schmelzen in (freilich immer noch sehr unvollkommenen) Öfen mit oder ohne Tonmantel, sowie in tönernen Tiegeln; nach ersterer lassen sich durch sog. „Rennarbeit“[6538] viele Rasen- und Brauneisensteine, nach letzterer aber auch Hämatit und Magnetit schon von 700° an mehr oder weniger vollständig reduzieren, und zwar zu schwammartigen, fest zusammenhängenden Massen, deren Klumpen mittels Steinen zu einer Art Stabeisen ausgeschmiedet werden. Unentbehrlich ist hierbei in den weitaus meisten Fällen die Anwendung eines (gewöhnlich aus Tierfellen angefertigten) Gebläses, mittels dessen, je nach Erfordernis, 3 bis 6, aber auch bis 40 Stunden lang Luft eingeblasen werden kann[6539]; das Ergebnis der Schmelzarbeit ist also eine halbfeste Eisenmasse, nicht etwa flüssiges Gußeisen, und jenes der Schmiedearbeit im wesentlichen weiches Eisen (Schmiedeeisen)[6540], wenngleich es an Übergängen zu härteren Sorten und auch zu Stahl mancherorts nicht fehlt[6541]. Auf diese Weise werden, oft äußerst geschickt, allerlei Gegenstände und Waffen angefertigt, aber auch zum Schmuck dienende Perlen[6542], Spiralen und Spangen[6543], schwere Halsringe[6544], dicke und dünne Drähte[6545] u. dgl. m. Die in derlei Arbeiten geübten Bewohner eisenreicher Gegenden durchstreifen nicht selten, bloß mit den notwendigsten Geräten versehen, als „Wanderschmiede“ die Nachbarstaaten; ihre Künste sind dort gesucht und finden reichliche Entlohnung, sie selbst gelten aber für gefährliche Zauberer, für Angehörige einer verachteten und verfemten Kaste, für ehrlose und unreine Stammfremde, deren Erzeugnisse daher ebenfalls unrein sind und erst nach ritueller Reinigung in Gebrauch genommen werden dürfen[6546]. Den Nomadisierenden ereilt also hier, inmitten bereits dauernd Ansässiger, das nämliche Schicksal, wie in anderem Falle den schon an festem Wohnsitze Haftenden seitens wandernder oder bis vor kurzem auf Wanderung begriffener Völkerschaften.

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+Ägypten+ besaß, wie schon weiter oben erwähnt, in den bereits um 4000 bearbeiteten Minen des Sinai-Gebietes treffliche, mangan- und titanhaltige Eisenerze, die aber völlig unbenützt blieben[6547]; auch das Niltal selbst, die östliche Wüste längs des Roten Meeres, sowie Nubien, Äthiopien und der Sudan sind reich teils an gering-, teils an hochwertigen Erzen (darunter Rot- und Magnet-Eisenstein); es ist daher beachtenswert, daß im eigentlichen Ägypten bisher nur eine einzige, nächst der Südgrenze gelegene Grube ziemlich leicht reduzierbaren Roteisensteins und Eisenglanzes entdeckt ist, die schon in sehr ferner Periode gründlich abgebaut worden zu sein scheint[6548]. Zur Zeit der Thiniten (um 3000) fehlt Eisen noch[6549], zu jener des alten Reiches (2896-2540) ist aber schon von Eisen „des Südens und des Nordens“ die Rede[6550], auch entstammt ihm weiches Eisen in Gestalt verschiedener Stücke, aber noch kein eisernes Werkzeug[6551]. Als älteste Spur eines solchen gilt das 1837 von ~Hill~ aus dem Mauerwerk der um 2500 errichteten großen Pyramide des ~Cheops~ bei Gizeh hervorgezogene Bruchstück, das aus weichem Eisen besteht und neben gebundenem Kohlenstoff eine Spur Nickel enthält, die aber keineswegs rechtfertigt, es mit ~Feight~ für gekohltes Meteoreisen zu erklären[6552]; überdies liegen ähnliche Funde jetzt auch aus anderen, nur wenig jüngeren Pyramiden vor, z. B. aus der des Königs ~Unas~[6553], während aus der gegen 2000 vollendeten von Dahschur sogar ein ganzer Haufen zerbrochener Werkzeuge an das Tageslicht gelangte[6554], das um 1800 erbaute Grabmal eines Unbekannten aber auch bereits eine eiserne Lanzenspitze lieferte, die älteste bisher bekannt gewordene Eisenwaffe[6555]. Da auf den frühesten ägyptischen Abbildungen häufig Tribute von Eisen-Erzen (?) und -Waffen zu sehen sind, die seitens nubischer, äthiopischer oder sudanesischer Neger dargebracht werden[6556], so vermuten einige Forscher in diesen die Lehrmeister, durch die sich die Ägypter in die Kunst der Eisen-Darstellung hätten einweihen lassen; andere sind indessen der umgekehrten Meinung und glauben, daß die Negervölker ihre primitive Technik den Ägyptern verdanken[6557], wofür besonders die Benützung des Blasebalges spreche, den die Ägypter selbst wieder, und zwar vermutlich samt der Eisen-Darstellung, gewissen orientalischen Völkerschaften entlehnt haben sollen[6558]. Diese Hypothesen beruhen indessen sämtlich auf sehr unzureichenden Grundlagen. Tatsache ist, daß schon das alte Reich das Eisen mit dem Worte „men“ schreibt, durch Zusatz des (schon vorher üblichen) Zeichens für Kupfer determiniert[6559] und dieses gewöhnliche (Schmiede-)Eisen bräunlich oder schwärzlich malt[6560]; nach ~Lepsius~ kommt men nur in den frühesten Inschriften vor[6561], während in späterer, jedoch nicht genau angebbarer Zeit ein anderes Wort „tehset“ oder „techset“ auftaucht, das nach ihm nicht Bronze bedeutet[6562], sondern das „echte Eisen“, das „reine Eisen“[6563], d. i. den Stahl, der blau gemalt wird, jedenfalls wegen der bekannten Anlauffarben, die er bei etwa 300° zu zeigen beginnt[6564]. ~Gsell~ glaubt, daß seine Darstellung durch Kohlung von Schmiedeeisen mit Tierdung geschah[6565] und schon im alten Reiche bekannt gewesen sein müsse, weil die nachweislich schon damals ausgeübte Bearbeitung von Granit und anderen Hartgesteinen +allein+ mittels stählerner Werkzeuge möglich sei[6566]. Diese Ansicht, die auch schon ~Lepsius~ erwog[6567], läßt aber nach anderen Gelehrten noch Zweifeln Raum: zunächst ist, wie schon oben erwähnt, die Benützung einer Hartbronze nicht ausgeschlossen, die von Obsidian und Schmirgel[6568] aber in technischer Hinsicht nicht genügend erforscht; sodann kommen auf den Abbildungen aus dem alten Reiche blau gemalte, also stählerne Gegenstände nicht vor, vielmehr sind Waffen und Arbeitsgeräte aller Art, auch Sägen, Meißel, Rasiermesser usf. nur hellbraun oder rot wiedergegeben[6569]; endlich sind auch keinerlei stählerne Fundstücke bekannt, und die Annahme, diese seien durchgehends verrostet[6570], steht im Widerspruche mit der Erfahrung, daß uralte stählerne und eiserne Überreste, wenn auch in beschädigtem Zustande, im Boden sehr vieler anderer Länder bewahrt blieben, deren wechselndes und feuchtes Klima einer dauernden Erhaltung sehr viel ungünstiger ist, als das im ganzen so beständige und trockene der meisten Gegenden Ägyptens. Aus allen diesen Ursachen ist es unwahrscheinlich, daß schon das alte Reich mit dem Stahle vertraut gewesen sei; auf Gemälden aus jüngerer, aber nicht genau datierbarer Zeit wird er, blau gemalt, von semitischen Völkern als Tribut dargebracht[6571], was auf eine Einfuhr aus Vorderasien schließen ließe (s. unten).

In gewissen Pyramiden-Inschriften und Papyrus-Urkunden wird das Eisen in Beziehung zu dem bösen Gotte ~Seth~ (~Typhon~) gebracht, z. B. wenn es heißt: „Ein Haken aus Eisen, aus dem Eisen (bj’), das aus dem ~Seth~ gekommen ist“[6572]; da der rote Eisenrost auch den Decknamen „Blut des ~Osiris~“ führt[6573], so erklärt sich vermutlich hieraus die von ~Plutarch~ auf die Autorität ~Manethons~ hin überlieferte Bezeichnung des Eisens als „Knochen des ~Seth~“ und des Magneteisensteins als „Knochen des ~Horus~“[6574], sowie die alte Vorstellung, daß das Eisen unrein sei und deshalb bei religiösen Zeremonien, als Grabbeigabe usf., nicht verwendet werden dürfe[6575]. Erst etwa im Verlaufe der Hyksos-Zeit (1785-1580) soll die Anschauung durchdringen, daß das Meteoreisen, „bj’-ni-pet“ (benipet, benipe; koptisch benîpe), als „Eisen des Himmels“ aus dem eisern gedachten Himmel herabfalle[6576], und soferne diese Etymologie richtig ist, -- was nach ~Lepsius~[6577] und ~Schrader~[6578] ungewiß bleibt --, erschiene es begreiflich, daß seither das Eisen überhaupt allmählich höher geachtet und schließlich auch als für kultische Zwecke zulässig befunden wurde[6579]. Der auf Grund von Vorlagen aus dieser und noch älterer Zeit um 1500 niedergeschriebene medizinische „Papyrus ~Ebers~“ erwähnt Eisen nur zweimal, als „Eisen aus der Stadt Qesi“ (in Oberägypten), und als „art-pet“ = himmelsgemachtes Eisen, d. i. wohl Meteoreisen, dem viele Völker seit jeher seines Ursprunges halber besondere Kräfte und namentlich auch Heilwirkungen zuschrieben[6580].

Zu Anfang des 15. Jahrhunderts eroberte ~Thutmosis~ III. (1501-1447) das eisenreiche Palästina und Syrien; eiserne Waffen und Geräte erscheinen auf seinen Siegesberichten als Tribute der den Libanon bewohnenden Retenu, sowie als Beutestücke (neben Gold, Silber, Chesbet, Mafek, ...), und das Eisen wird seit dieser Zeit in Ägypten häufiger[6581], ohne aber die Bronze schon weitgehend zu verdrängen[6582]. ~Ramses~ II. (1348-1281) verlangt noch 1290 „reines Eisen“ (= Stahl) vom Chetiterkönig ~Chattusil~, der ihm erwidert, er habe augenblicklich keines vorrätig, werde es aber anfertigen lassen, und übersende ihm einstweilen eine eiserne (stählerne) Schwertklinge[6583]. Chetiter, die mit eisernen Waffen abgebildet werden, lieferten Eisen und Stahl auch noch unter der Regierung ~Ramses~ III., um 1200, und erst seither kann man in Ägypten von einer eigentlichen Eisenzeit sprechen[6584], in der angeblich auch schon Gußeisen bekannt war, jedoch nicht oder kaum in Verwendung stand[6585]. Sehr allmählich entwickelte sich dann eine eigentliche Eisenindustrie, die aber ihren technischen Höhepunkt, unter weitgehender Spezialisierung, erst in der ptolemäischen und römischen Ära erreichte[6586]; sie verfiel während der späteren Kaiserzeit und der byzantinischen Herrschaft, so daß seit dem frühen Mittelalter Ägypten wieder fortdauernder Einfuhr bedurfte, die noch im Zeitalter der Kreuzzüge, trotz der päpstlichen und venetianischen Verbote jeglicher Waffenlieferung an Ungläubige, in fast unverminderter Weise fortdauerte[6587].

Die +Sumerer+ sollen nach ~Schrader~[6588] das Eisen schon +vor+ der Einwanderung der Semiten, also um 3000 oder noch früher, gekannt und barza benannt haben[6589]; dies erscheint insoferne auffallend, als barzillu (barzel, barza) gerade das ur- und gemeinsemitische Wort für Eisen ist[6590], das als barzil auch in den biblischen Schriften vorkommt und noch den Namen des ~Berzelaios~ beim Historiker ~Flavius Josephus~ (1. Jahrh.) sowie der äthiopischen Heiligen ~Berzelia~ zugrunde liegt, die also nichts anderes bedeuten als der oder die Eiserne[6591]. Im babylonischen Gilgamesch-Epos, und zwar in einer etwa aus dem Jahre 2000 herstammenden Fassung, findet sich bereits der „Tod durch das Eisen“ erwähnt[6592], -- falls keine spätere Einschiebung vorliegt; an eine solche zu glauben liegt aber insofern nahe, als unter ~Hammurabi~, also so ziemlich im nämlichen Zeitalter, Eisen noch für kaum bekannt gilt und nur 8mal niedriger als Silber, oder 24 mal niedriger als Gold im Preise stand[6593]. Während der Regierung der späteren und spätesten babylonischen und assyrischen Könige ist Eisen noch fortdauernd kostspielig und begehrt, so z. B. mußte der Philisterkönig ~Mari~ im Jahre 800 an ~Hadadmirari~ IV. neben 20 Talenten Gold, 2300 Talenten Silber und 3000 Talenten Kupfer auch 5000 Talente Eisen abliefern[6594], ebenso der König ~Hiskia~ im Jahre 701 an ~Senacherib~ (~Sanherib~) neben 20 Talenten Gold und 800 Talenten Silber auch Geräte aus Kupfer, Bronze, Zinn und Eisen[6595]; es kann daher nicht überraschen, daß z. B. bei den Ausgrabungen im Palaste zu Khorsabad, den ~Sargon~ II. 705 errichtete, ein Schatz von nicht weniger als 1600 dz Eisen (meist in Gestalt roher Luppen) zutage kam, der dort als Vorrat aufgehäuft und bei späterer Gelegenheit gänzlich verschüttet worden war[6596]. Sowohl nach diesen, wie nach den vorerwähnten ägyptischen Berichten zeichneten sich Palästina und Syrien durch großen Reichtum an Eisen aus. Die Angaben der biblischen Schriften lauten hierüber nicht übereinstimmend, was sich jedoch aus der Verschiedenheit ihrer Quellen und aus den oft weit auseinander liegenden Zeiten der Abfassung und Redaktion genügend erklärt. Wie ~Lepsius~ erinnert[6597], gehörten unter ~Josua~ eiserne Geräte noch zum Schatze des Heiligtums, die Lanzenspitze des in Erz gerüsteten ~Goliath~ bestand aus Eisen, und zum Baue des Tempels ~Salomonis~ (um 1000) wurden nicht weniger als 100000 Talente Eisen aufgewandt; unter der Regierung ~Samuels~ war dagegen kein Schmied im Lande vorhanden und man ließ die Geräte bei den Philistern schärfen[6598]. Ferner finden sich im alten Testamente eiserne Waffen und Geräte zwar öfters erwähnt, aber den erzenen gegenüber doch nur im Verhältnisse 4 : 83[6599], und bei Kulthandlungen darf von Eisen in der Regel kein Gebrauch gemacht werden[6600]. Aus späterer Zeit sei nur der Nachricht gedacht, daß ~Nebukadnezar~ II. im Jahre 604 aus Damaskus an tausend Schmiede und Zimmerleute ins Exil wegführte[6601].

Die +Perser+ verlegen die Erfindung des Eisens und Stahles in die fernste Urzeit und schreiben sie schon dem völlig mythischen König ~Dschemschid~ zu. ~Firdusis~ „Königsbuch“ berichtet von ihm:

„In Fürstenglanz er Eisen schmolz; So Helm wie Panzer und Harnisch stolz, So Waffenrock wie Roßgeschirr Schuf er, und ward im Werk nicht irr“[6602];

des weiteren erzählt ~Firdusi~, daß gelegentlich der Einsetzung des gleichfalls mythischen Schahs ~Feridun~ das Schurzfell seines Parteigängers, des Schmiedes ~Kawe~, zum Reichspanier erhoben wurde[6603] und daß es damals bereits einen „Bazar der Schmiede“ gegeben habe[6604]. Letzteres ist natürlich ein dem Dichter zu verzeihender Anachronismus, ebenso wie der (in die nämliche sagenhafte Periode verlegte) Gebrauch von Schwertern, Schilden, Speeren und Beilen aus indischem oder chinesischem Stahle[6605], von damascierten Klingen[6606] und von mittels Blut gehärteten [gekohlten = verstählten] Waffen[6607]. Es unterliegt aber keinem Zweifel, daß die Perser tatsächlich schon zu +sehr+ früher Zeit jene hohe Vollendung in der Darstellung und Verarbeitung von Eisen und Stahl erlangten, die ihnen seitens aller antiken und mittelalterlichen Schriftstellen einstimmig nachgerühmt wird[6608], wobei nur an die persischen Ringel- und Kettenpanzer, an die sog. Sichelwagen, sowie an die Panzer-Reiter und -Rosse erinnert sei. Hiernach ist die Erwähnung des Stahles im (nachexilischen) „Buche ~Daniel~“, das starke iranische Einflüsse verrät, sowie im „Avesta“ leicht erklärlich[6609]; in diesem nimmt das Wort ayah, ursprünglich = Kupfer oder Bronze, allmählich die Bedeutung des Eisens an, das im „tannur“ (= Ofen) zurechtgeschmolzen wird[6610]. Stahl heißt im Pehlevi pulafat, im Neupersischen pulad, woher auch das russische bulatu rührt[6611]. Ein anderes, später weitverbreitetes Wort ist „andun“, das nach ~Schrader~ dem Ossetischen entstammen soll[6612], während es ~Yule~ vom persischen Hindwaniy und Hundwan = Indischer [Stahl] ableitet; dieses findet sich als Hindiah auch bei ~Avicenna~ und ~Alidrisi~ (im 11. und 12. Jahrhundert), sowie als Andaine, Andoine, Ondanique usf. auch bei frühmittelalterlichen europäischen Schriftstellern, z. B. bei ~Marco Polo~, der über die persischen Stahlwaren, u. a. die herrlichen großen Stahlspiegel, sowie über die Eisengewinnung in Kerman und Cobinam eingehend berichtet[6613].

Andun ist eine auch sonst in vielen kaukasischen Sprachen gebräuchliche Bezeichnung[6614], und es steht außer Frage, daß das Bergland des +Kaukasus+ mit zu den Hauptausgangspunkten der Eisenerzeugung zählt[6615], wenn man es auch nicht zur „ersten“ Stätte der Erfindung stempeln kann, wie dieses ~Forrer~ mit dem Hinweise tut, daß Gräber aus dem 13. oder 11. Jahrhundert bei Koban (nächst Tiflis) eiserne Beigaben enthalten, und zwar noch sehr spärliche und rein ornamental ausgeführte[6616]. Auf dem Gebiete Vorderasiens und insbesondere +Kleinasiens+ dürfte die Darstellung des Eisens mindestens bis 1500 v. Chr. zurückreichen[6617], und die metallographischen Untersuchungen der ältesten Funde zeigen, daß gewisse Kenntnisse vom Härten und wohl auch Anlassen des Stahles ebenfalls als schon uralte anzusehen sind[6618]. Besondere Wichtigkeit erlangte die Eisengewinnung in den erz- und holzreichen kleinasiatischen Landschaften am südöstlichen Ufer des schwarzen Meeres, bei den Mossynöken und Tibarenern (den Moschern und Tubal des alten Testamentes)[6619], vor allem aber bei den +Chalybern+, einem versprengten Reste der noch bei ~Herodot~ erwähnten Alarodier[6620]; sie können zwar nicht als eigentliche „Erfinder der Kunst des Ausschmelzens von Erzen im Feuer, sowie der Darstellung von Eisen und Stahl“ gelten, wohl aber als deren eifrige und außerordentlich alte Pfleger[6621], von deren Namen (Χάλυβες, Χαλύβοι) sich u. a. der griechische Name χάλυψ (Chályps) für Stahl ableitet, den erst späte Scholiasten mit ~Chalyps~, einem angeblichen Sohne des ~Ares~, in Verbindung bringen wollten[6622]. Als chalybisches Erzeugnis lernten jedenfalls die Griechen, vermutlich die kleinasiatischen, den Stahl zuerst kennen; das beim Propheten ~Jeremias~ erwähnte „nordische Eisen“ scheint gleichfalls Stahl der Chalyber gewesen zu sein[6623]; endlich führte auch ein Trupp nach dem Städtchen Doliche im nördlichen Syrien einwandernder Chalyber dort die Verehrung des „~Baal von Doliche~, des Erfinders des Eisens“ ein[6624], die noch zur Kaiserzeit durch syrische Söldner, Händler und Sklaven, als die des „~Jupiter Dolichenus~“ weithin durch das römische Reich verbreitet wurde, so daß z. B. Weihinschriften bekannt sind, die den „Jupiter optimus maximus Dolichenus“ ausdrücklich „natus ubi ferrum nascitur“ benennen („geboren, wo das Eisen herstammt“)[6625]. Dieser Baal (= Gott) der Chalyber ist indes, wie ~Ed. Meyer~ erwies, kein anderer, als der Feuer- und Gewittergott ~Teschub~ der Chetiter[6626], und es erhebt sich hiernach die (derzeit nicht spruchreife) Frage, in welchem Verhältnisse die Chalyber zu den Chetitern standen, und ob sie vielleicht die Eisenerzeugung von ihnen entlehnten, oder umgekehrt? Daß sich die Chetiter bereits zur Zeit ~Ramses~ II. (um 1300) altbewährten Rufes in der Stahlerzeugung erfreuten und sich mit eisernen Waffen und Geräten abgebildet finden, ist schon weiter oben erwähnt worden; sie besaßen auch Sagen über ein den Daktylen (= Däumlingen) analoges, schmiedendes Volk der Zwerge, Diener der „großen Göttin“, deren Kult bereits im 2. Jahrtausend bei ihnen nachweisbar ist[6627].

In der +Ägäis+ erscheint das Eisen während der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends, ist gegen 1100 schon recht verbreitet[6628] und in Cypern vielleicht auch in Gestalt von Gußeisen nicht ganz unbekannt[6629]. Zu +Troja+ wurden aus Schichten mittlerer Tiefe eiserne Rasierklingen, sowie stählerne oder verstählte Dolche zutage gefördert[6630], und ähnliche Funde sind auch aus der phrygischen Landschaft bekannt[6631]. Im +mykenischen+ Zeitalter fehlt anfänglich, z. B. in Mykene und Tiryns, Eisen noch ganz und tritt auch später nur in sehr spärlichen Mengen auf[6632], denn einzelne Exemplare von Waffen, die sorgfältig mit Streifen aus Gold, Kupfer oder Bronze eingelegt sind, sprechen noch für seine Seltenheit und Kostbarkeit[6633]; erst gegen Ende der Periode erfolgt hierin jener tiefgreifende Wandel, der das allgemeine Übergewicht des Eisens in den nachfolgenden Jahrhunderten anbahnt[6634].

Zu den +Griechen+ verbreitete sich das Eisen seit etwa 1500 von Kleinasien, Syrien und Phönizien her, jedoch nur äußerst langsam[6635], so daß eine eigentliche Eisenzeit erst mit dem Erlöschen der mykenischen Kultur einsetzt und zu durchgreifender Bedeutung nicht vor 1300, nach anderen Forschern sogar nicht vor 1000 gelangt[6636]. Die Erinnerung an eine Epoche, zu der es, wie ~Hesiod~ sagt, „noch kein dunkles Eisen gab“ (μέλας δ’ οὐκ ἔσκε σίδηρος)[6637], und man dieses Material noch nicht „zum Unheil der Menschheit entdeckt hatte“[6638], war im heroischen Zeitalter noch nicht erloschen; den homerischen Gesängen sind jedoch, namentlich in den Teilen mittleren und jüngeren Alters, Eisen und Stahl schon durchaus geläufig (wenngleich sie ihnen noch eine gewisse Seltenheit und Kostbarkeit zusprechen), und der χαλκεύς (Chalkeús), der ursprünglich nur Kupfer und Edelmetall bearbeitete, ist bereits zum Eisenschmiede geworden[6639]. Einen σόλον ἀυτοχόωνον, d. i. einen erweicht gewesenen Eisenklumpen, eine Rohluppe, setzt ~Achilleus~ als Kampfpreis aus[6640]; Eisen dient als Tauschmittel[6641], ~Mentes~ bringt Eisen nach Temese und holt dagegen dort Kupfer[6642]; der Schmied härtet φαρμάσσων (d. h. ein Phármakon, ein Kunstmittel, anwendend) das Beil in kaltem Wasser[6643]; Waffen und Werkzeuge bestehen aus Eisen, richtiger wohl aus Stahl, der als κύανος (Kýanos) = der Blaue, oder als ἰόεις = der Veilchenfarbige bezeichnet wird[6644]; das graue Eisen (πολιός) und der funkelnde Stahl (αἴθοψ) sind πολύκμητος = mühevoll zu gewinnen und zu bearbeiten[6645]; endlich ist auch oft schon in übertragenem Sinne von einem eisernen Herzen, Gemüte, Kampfe usf. die Rede. Einen besonderen Namen für Stahl gebraucht ~Homer~ nicht, ein solcher, und zwar Adamas = der Unbezwingliche, findet sich erst bei ~Hesiod~, der von einer ἀδάμας κυνέη, einer stählernen (ihrer Härte wegen unbezwinglichen) Sturmhaube spricht[6646]. -- Den Stahl der Chalyber lernten die Griechen anfänglich wohl in Kleinasien kennen, näher aber erst seit der Kolonisation der Pontos-Küsten, die ungefähr gegen 750 begann[6647]; in der Litteratur tauchen die „eisenbearbeitenden Chalyber“ (Χάλυβες σιδηροτέκτοντες) und ihr Erzeugnis, der Stahl (χάλυψ, Chálybs), zuerst[6648] bei ~Aischylos~ auf[6649], später auch bei ~Sophokles~[6650] und ~Euripides~[6651], bei ~Xenophon~, nach dem „fast alle Chalyber von der Herstellung des Eisens (σιδηρία) leben“[6652], und auch bei anderen Schriftstellern.

Wann die Griechen selbst mit der Eisengewinnung begannen, läßt sich nicht genau angeben, doch dürfte es kaum vor 1000 geschehen sein[6653], und zwar zunächst auf den erzreichen Inseln, wie Samothrake und Euböa[6654], sowie in den erzreichen Landschaften, z. B. Sparta und Böotien[6655], nicht aber in Kreta, Rhodus und anderen metallarmen Gegenden[6656]; in diese verlegte erst eine spätere Zeit den Schauplatz von Sagen, deren ursprüngliche Heimat das nordöstliche Kleinasien und Kolchis, Syrien und Cypern, vor allem aber Phrygien war[6657], und die gewisse übernatürliche Wesen betrafen, Zwerge oder Riesen, bekannt als Daktylen, Kabiren, Kureten, Korybanten und Telchinen, die in Wäldern und Höhlen das Schmiedehandwerk ausübten und als Meister ihrer Kunst geschätzt, ebensosehr aber als arglistige und trugvolle Bösewichte gefürchtet wurden[6658]. Ein Gedicht über die Kureten und das Eisenschmieden soll bereits ~Hesiod~ verfaßt haben[6659]. Von den Daktylen meldet der Dichter ~Hellanikos~ (gest. um 400)[6660] in der „Phoronis“, sie hätten in Phrygien, im troischen Ida-Gebirge, als ιδαῖοι γόητες (idäische Zauberer) und werktätige kunstgeübte Dämonen die Bereitung des Eisens erfunden, und zwar im Dienste und Auftrage der auch ~Adrasteia~ genannten „großen Göttin“, der „großen Mutter“, der „Mutter der Berge“ (μήτηρ ορείη), die als Herrin der Klüfte auch deren Erze durch ihre Gefolgleute, die κόβαλοι (Kobolde)[6661], fördern und bearbeiten läßt. Über Zahl, Geschlecht und Name der Daktylen gehen die Berichte jüngerer Quellen auseinander, was sich aus dem unter hellenistischen und orphischen Einflüssen entstandenen synkretistischen Wirrwarr und der Verbindung und Verwechselung mit Kureten und Kabiren, Telchinen und Korybanten genügend erklärt; nach ~Hellanikos~ jedoch hießen die drei phrygischen oder idäischen Daktylen ~Kelmis~ (Amboß), ~Akmon~ (Hammerstein) und ~Damnameneus~ (Bezwinger)[6662]. Bis in späte Zeiten hinein gelten diese „Erfinder und Bearbeiter des bläulichen Eisens (= Stahles) im phrygischen Ida“ als δημιουργοί (hier = Kunstkundige), φαρμακεῖς (hier = Wundertäter) oder γόητες (Zauberer)[6663], und demgemäß spielt ~Damnameneus~ noch in den Zauberpapyri eine Rolle[6664]; auch ~Plutarch~ erwähnt, daß die (kauderwelschen) Worte „Damnameneus, askion, kataskion, lix, tetrax, aïsion“ ein unfehlbares Schutz- und Heilmittel darstellten, da sie „ephesische Charaktere“ seien, d. h. solche, die sich auch an der Statue der ephesischen ~Diana~ angeschrieben fanden[6665]. Die „große ~Diana~ von Ephesos“[6666] ist aber nur eine der Formen, unter denen die schon wiederholt erwähnte „große Göttin“ seit dem zweiten Jahrtausend in ganz Vorderasien verehrt wurde[6667], und mit ihrem Kult gerieten die Daktylen offenbar auf die nämliche naheliegende Weise in Verbindung, wie etwa mit jenem der ~Demeter~ als Herrin Samothrakes und seiner Mysterien[6668]. Die Versetzung der Daktylen nach Kreta erklärt sich vermutlich durch Identifikation des kretischen Berges Ida mit dem phrygischen; auf welchem Wege aber aus den Daktylen, die in Phrygien ursprünglich (wie schon ihr Name besagt) als Däumlinge angesehen und verehrt wurden, die gewaltigen Riesen hervorgingen[6669], die schließlich als cyklopische Schmiedegesellen des ~Hephaistos~ galten, bedarf noch der näheren Erforschung.

Über die Technik der griechischen Eisendarstellung liegen nur mangelhafte Nachrichten vor; ursprünglich scheint es sich um sog. Rennarbeit gehandelt zu haben, bei der man die Erze in kleinen Gruben mit Kohle zum μύδρος (Mýdros; Massa) niederschmolz, worauf dieser dann noch glühend und weich zu Schmiedeeisen ausgehämmert wurde, ein Vorgang, der nach ~Herodot~ noch zur Zeit des ~Krösus~ (im 6. Jahrhundert) dem Zuschauer sehr neu und wunderbar erschien[6670] und keineswegs stets derartig glückte, daß das Eisen tadellos und frei von Hohlstellen (διπλόη, Diplóe) ausfiel[6671]. Derartiges Schmiedeeisen dürften die sog. spartanischen Spieße (ὀβελοί, ὀβελίσκοι; Obelisken) gewesen sein, die, ebenso wie eiserne Ringe und Barren, in Sparta und anderen peloponnesischen Staaten als „Eisengeld“ dienten, richtiger als Metall in gebrauchsfähiger und daher stets verwertbarer Gestalt[6672]. Erster Erfinder des Zusammenschweißens (κόλλησις, Kóllesis) von Eisenstücken, -- nicht, wie meist angenommen wird, des Verlötens --, war ~Herodot~ zufolge[6673] ~Glaukos~ von ~Chios~ (um 700), der aber wohl eher nur als Verbreiter des Verfahrens anzusehen ist[6674]. Eigentliches Gußeisen, also dünnflüssig geschmolzenes, nicht nur in zäher Form +aus+geschmolzenes Eisen, scheint in Griechenland, wie überhaupt bei den Alten, nicht oder nur im kleinen gelegentlich dargestellt worden zu sein, da man keine Hochöfen besaß, die die zur Gewinnung bedeutender Massen erforderliche Temperatur zu erreichen gestatteten[6675]. Die einschlägigen Litteraturstellen sind durchwegs so unsicherer und fragwürdiger Natur[6676], daß selbst jene Fachmänner, die sie zugunsten einer Kenntnis des Gußeisens auszulegen geneigt sind, entweder zugestehen, von Vorschriften einer eigentlichen Gießereitechnik könne nicht die Rede sein[6677], oder annehmen, diese wären aus nicht näher bekannten Gründen wieder in Vergessenheit geraten und verloren gegangen[6678], -- wobei insbesondere noch eine Bemerkung des Alexandriners ~Aristarchos~ (220-145) zu beachten ist, der gemäß „Eisen nicht (so wie Erz) gegossen wird“[6679]. Was aber die Fundstücke und deren metallographische Untersuchung anbelangt, so dürfen die Deutungen nur mit größter Vorsicht aufgenommen und keinesfalls verallgemeinert werden, da man von den Erzeugnissen des Altertums in keiner Hinsicht Gleichmäßigkeit und Einheitlichkeit zu erwarten, vielmehr stets zu bedenken hat, daß es sich um Produkte rein empirischer Verfahren handelt, deren Beschaffenheit je nach der Art der Rohstoffe und der Geschicklichkeit des Künstlers innerhalb weiter Grenzen schwanken kann, und die nicht selten sogar am nämlichen Stücke Übergänge zwischen den verschiedenen Arten des Eisens aufweisen[6680]. Die klare Erkenntnis, daß Gußeißen (mit 2,25-5% Kohlenstoffgehalt) durch teilweise Entkohlung in Stahl (mit über 0,4-0,5% Kohlenstoff) übergeht und umgekehrt, ist eben eine +sehr+ neue Errungenschaft; noch was die besten Autoren des 16. bis 18. Jahrhunderts schreiben[6681], läßt ersehen, wie gänzlich sie im Dunkeln tappen, ja noch 1805 sagt der hervorragendste Technologe seiner Zeit, ~Beckmann~, mit gewohnter Redlichkeit: „Was eigentlich das Eisen zu Stahl macht, wissen wir noch nicht einmal, ... ob eine Verdichtung, ob ein Verlust oder Zusatz, ob ein solcher von Kohlenstoff oder etwas anderem“[6682]. Ebenso meint ~Döbereiner~ noch 1815, daß es eine Beimischung von Braunstein sei, die das Eisen zum Stahle mache[6683]. Hiernach erscheint es leicht begreiflich, daß zwar die Kunstgriffe, Eisen durch Erhitzen und Abkühlen, Härten und Anlassen, in Stahl überzuführen, schon frühzeitig entdeckt und ausgeübt wurden, daß man aber die Vorgänge hierbei nur unzureichend zu beherrschen und gar nicht ihrem Wesen nach zu beurteilen verstand. Dem Löschen in Wasser oder Öl, welches letztere schon dem ~Hippokrates~ geläufig ist[6684], haftet daher in seinen Wirkungen etwas Zauberisches an[6685], es ist ein Ummischen und Umfärben (βαφή, Baphé), ein temperare und tingere[6686], dessen Erfolg in weitgehendem Maße von der geheimnisvollen Beschaffenheit des benützten Wassers abhängt[6687] und durch das Geheimmittel des für äußerst „hitzig“ geltenden Bocksblutes in hohem Grade gefördert werden kann[6688].

Den Namen des Eisens, der schon bei ~Homer~ σίδηρος (síderos), dorisch und äolisch auch σίδαρος (sídaros) lautet[6689], brachte ~Pott~ mit sidus (= Gestirn) in Verbindung, ausgehend von der Vorstellung über den himmlischen Ursprung des Meteoreisens und die eiserne Beschaffenheit des Himmelsgewölbes[6690]; nach ~Schrader~ fehlt aber hierzu jegliche Berechtigung[6691], es ist vielmehr das kaukasische zido = Eisen zugrunde zu legen, an das auch eine Reihe kaukasischer Ortsnamen anklingt[6692]; ~Pauli~ endlich verweist auf ein ähnliches, in manchen Eigen- und geographischen Namen Lykiens erhaltenes Wort, ferner auf das verwandte etruskische sethala (Eisen), auf ~Sethlans~ (den etruskischen ~Vulkan~ = den Eisernen), sowie auf die Benennung Haithalia, Saithalia (= Land des Eisens), die sowohl der dem ~Hephaistos~ heiligen Insel Αἰθάλεια (Aitháleia, d. i. Lemnos) als auch dem eisenreichen Eilande Elba zukommt[6693]. -- „Magnetis“ (ἡ μαγνησίη λίθος, der magnesische Stein) ist nicht die Bezeichnung unseres heutigen Magneten oder überhaupt eines bestimmten einheitlichen Minerals, sondern, wie schon in früheren Abschnitten erwähnt, die sehr verschiedener Gesteine, die im Gebiete der Städte namens Magnesia vorkommen, z. B. bei Magnesia am Mäander, Magnesia am Sipylos, Magnesia in Mazedonien. Der eigentliche Magneteisenstein war seit alters her bekannt und seiner wunderbaren Eigenschaften halber auch als Heilmittel gebraucht, kann also sehr wohl unter dem „magnetischen Stein“ der hippokratischen Schriften zu verstehen sein[6694]; der μαγνῆτις λίθος des ~Theophrastos~ hingegen, das silberglänzende Gestein, das man nach ihm u. a. auf der Drehbank bearbeitete[6695], war vermutlich Hämatit, denn die oft prächtig silberfarben schimmernden, feinkörnigen Varietäten dieses Erzes wurden sowohl in Babylonien als in Ägypten schon seit jeher hochgeschätzt und zur Herstellung von Siegelzylindern, Schmucksteinen u. dgl. verwendet[6696].

In +Italien+ beginnt die eigentliche Eisenzeit um 1150 v. Chr.[6697], doch war das Eisen, insbesondere das Elbas, schon einige Jahrhunderte vorher bekannt[6698], vielleicht bereits bald seit dem Auftreten der Etrusker, das einige Gelehrte vor der Mitte, andere gegen das Ende des 2. Jahrtausends stattfinden lassen[6699]. In den ältesten etrurischen Nekropolen von Felsina (Bologna) und Villanova spielt das Eisen der Bronze gegenüber noch kaum eine Rolle[6700], nach dem Jahre 1000 nahm aber seine Erzeugung erheblich zu und wurde bald so bedeutend, daß aithalisches Eisen zur See bis nach Griechenland ausgeführt wurde[6701]; in Oberitalien war jedoch Eisen um diese Zeit noch sehr selten und in den Pfahldörfern der Po-Ebene, auch in jenen, die an Kupfer und Bronze schon recht reich sind, fehlt es gänzlich[6702]. In Rom gab es, wie die neueren Ausgrabungen erwiesen, schon vor der Zeit der angeblichen Stadtgründung Eisenschmiede, deren Erzeugnisse völlig die Formen der uralten bronzenen besaßen[6703]. Zu Beginn der Republik (um 500) unternahm es der etrurische König ~Porsenna~, den besiegten Römern jede Verwendung des Eisens außer zu Ackergeräten zu verbieten[6704]; sie bedienten sich also damals offenbar noch überwiegend des Erzes, das sich aber auch späterhin lange Zeit mannigfacher Bevorzugung erfreute, die namentlich in kultischen und abergläubischen Gebräuchen zutage tritt: so z. B. durfte bei vielen religiösen Zerimonien, u. a. beim Dienste der Arvalbrüder, kein Eisen benützt werden[6705], ebensowenig beim Beginne des Pflügens und Aussäens, bei den Feld- und Gartenarbeiten während des Vollmondes[6706], beim Einernten heilkräftiger Pflanzen[6707], usf. Grund derartiger Vorschriften war die Annahme, das Eisen vernichte und zerstöre die Wirkung der Geister, denen es widerlich und verhaßt sei[6708]; in späterer Zeit entsprang ihr die Lehre, man könne Eisen, als den Feind böser Geister, auch benützen, um diese fernzuhalten, zu vertreiben, sowie ihren Zauber zu brechen, und es ist wahrscheinlich, daß den eisernen Ringen der Römer, besonders den eisernen Brautringen, der Charakter eines schützenden Amuletts zukam[6709].

Die Etymologie des Wortes „ferrum“ ist noch strittig; „acies“ bezeichnete, wie das griechische στόμωμα (Stómoma), ursprünglich die Schärfe, den verstählten schneidenden Teil des Eisens, erst weiterhin aber den Stahl selbst, der auch als „nucleus ferri“ = Knospe oder Blüte des Eisens angesehen wird, also als dessen Bestes und Edelstes[6710].

In Ostasien ist +China+ ein ganz selbständiges Gebiet der Eisendarstellung, die nach einigen Überlieferungen bis gegen 3000 zurückreichen soll[6711]; nach anderen hingegen besaßen die Chinesen zur Zeit der Einwanderung der „hundert Familien“, d. i. des Volkes, nur steinerne Waffen und Geräte, -- weshalb auch „Beil“ noch jetzt mit dem Zeichen des Steines geschrieben wird --, und nahmen das Eisen erst viel später in Gebrauch, ganz allgemein sogar erst in den letzten Jahrhunderten v. Chr.[6712]. Auch die von ~Pfizmaier~ zusammengestellten Berichte melden, daß den Chinesen anfänglich das Eisen fremd war[6713], daß sie es sodann kennen lernten und als Tribut einhoben[6714], nachher aber auch selbst herstellten, und zwar mit so großem Nutzen, daß „Eisenschmelzen“ für ein wichtiges und den Weg zum Reichtum erschließendes Gewerbe galt, das zuletzt nur mit Genehmigung der Obrigkeit und unter Überwachung durch eigene Beamte, die „Behörden des Eisens“, betrieben werden durfte[6715]. Genaue Zeitangaben über diese Entwicklung fehlen, doch wird z. B. erzählt, daß der Vater des ~Confutse~ (~Confucius~), der zu Beginn des 6. Jahrhunderte v. Chr. lebte, die Riesenkraft besaß, allein eine schwere eiserne Gitter-Falltüre zu heben[6716], und daß um 500 v. Chr. chinesische Lehrmeister die Kunst der Eisengewinnung nach Japan verpflanzten[6717]. Schon frühzeitig sollen die Chinesen den Eisenguß, die Überführung von Guß- in Schmiedeeisen und umgekehrt, sowie die Darstellung des Stahles verstanden haben[6718], doch mangelt es auch hier an sicheren zeitlichen Bestimmungen. Die 5 m hohe gußeiserne Riesenfigur des thronenden ~Buddha~ zu Tschinanfu wurde angeblich im 6. Jahrhundert n. Chr. vollendet[6719]; ferner stellte man schon damals große eiserne Glocken her, -- deren Schall, wie der aller Eisengeräte, die bösen Geister vertreiben sollte[6720] --, obzwar keine so riesigen, wie die 1403 auf Befehl Kaiser ~Yumlös~ gegossene von 625 dz Gewicht[6721]; endlich verfertigte man aus Gußeisen auch kleinere Gegenstände, u. a. die bekannten gelochten Scheidemünzen, die an Schnüren aufgereiht werden[6722]. Ob dem Eisen und Stahl der Serer, die schon ~Plinius~ als die besten von allen rühmt[6723], chinesischer Ursprung zuzuschreiben sei, steht dahin, da die vielerörterten Fragen, wer die Serer waren, wo ihre Wohnsitze lagen, und ob man sie als Erzeuger oder nur als Vermittler anzusehen habe, noch immer nicht endgültig gelöst sind[6724]. Der chinesische Buddha-Pilger ~I-Tsing~, der 671-695 n. Chr. Indien bereiste, rühmt den hohen Tauschwert des Eisens auf den Inseln des chinesischen Meeres[6725]; die malayischen Bewohner des indischen Archipelagus schätzten es hoch, fürchteten aber sein „Gift“ und zerstörten dieses vor der Benützung durch Zaubersprüche[6726]; die Araber bezogen schon in vorislamischer Zeit chinesische Eisen-(Stahl-)Waffen und berichteten später über den Eisenreichtum Chinas, über die dort befindlichen Magnetberge[6727] und über die Gewinnung großer Mengen trefflichen Eisens und Stahles, -- deren auch noch ~Marco Polo~ an verschiedenen Stellen seiner Landesbeschreibung gedenkt[6728].

Den +Indern+ war das Eisen bereits in der letzten Hälfte des 2. Jahrtausends bekannt, eine eigentliche Eisenzeit setzt aber erst um 1000 v. Chr. ein[6729], also gegen Ende der vedischen Periode[6730]; es steht hiermit keinesfalls im Widerspruch, daß die Veden, deren Wortlaut mancherlei Veränderung erlitt und schriftlich erst in verhältnismäßig sehr neuer Zeit festgelegt wurde, sowohl des „dunkelblauen ayas“ (des Stahles) gedenken[6731], als des Eisens, von dem es im „Rigveda“ heißt:

„Der Schmied, mit dürrem Reiserwerk, Mit Flederwisch als Blasebalg, Mit Amboßstein und Feuersglut, Wünscht einen, der das Gold nicht spart“,

d. h. der ihm Aufträge erteilt[6732]. Verschiedene Stellen in den epischen Gedichten, z. B. im „Ramâyana“, sind wegen der zahlreichen Einschiebungen, die diese immer und immer wieder erlitten, nicht so beweisend für ein unabsehbares Alter der indischen Eisentechnik, wie ~Oppert~ dies annahm[6733]; auch stammt die berühmte schmiedeeiserne Kutub-Säule zu Delhi nicht, seiner Voraussetzung gemäß, aus dem 9. +vor+-, sondern aus dem 4. +nach+christlichen Jahrhundert[6734]. Da sie indessen bei 60 cm Durchmesser und 7,5 m Höhe etwa 170 dz schwer und außerdem in höchst merkwürdiger, bisher nicht näher aufgeklärter Weise zusammengeschweißt ist, so setzt auch schon das angegebene Alter eine lange und stetige Entwicklungszeit der Schmiedekunst voraus, und für diese zeugen noch einige andere kleinere, aus einzelnen Stücken verschweißte, teils hohle, teils mit Schlacke gefüllte Säulen und Träger im Tempel zu Dhar (Mittelindien) und in der Pagode zu Orissa (Bengalen)[6735]. Die Gewinnung des Eisens erfolgte in Indien und auch in Ceylon, wo es schon im 1. Jahrhundert n. Chr. häufig und vielgebraucht war[6736], durch Rennarbeit, vermutlich in ganz den nämlichen, oft auffällig kleinen Öfen, deren sich die Schmiede und die in Indien noch sehr verbreiteten Wanderschmiede, bis auf den heutigen Tag bedienen[6737]; der erweichte Eisenklumpen wurde dann ausgeschmiedet, worüber es bereits in den seit etwa 1000 v. Chr. abgefaßten „Upanischaden“ in einem Gleichnisse heißt: „(und dies geschieht) ... gerade so, wie ein Eisenklumpen, vom Feuer überwältigt und von den Werkleuten gehämmert, mannigfaltige Gestalten annimmt“[6738].

An das fertige Eisen knüpften sich zahlreiche abergläubische Vorstellungen: Pflanzen, die in der Nähe von Eisen wuchsen, galten für giftig; mit Wunder- oder Heilkräften begabte Pflanzen durften nicht mit eisernen Geräten berührt oder geschnitten werden[6739]; zwei eiserne Schwerter, die auf dem Grunde eines Brunnens lagen, wehrten Sturm und Hagel ab, wenn man sie hervorholte und in die Erde pflanzte[6740], usf.

Indisches Eisen und indischer Stahl (στόμωμα) waren nach ~Plinius~ bereits zu Anfang der Kaiserzeit hochgeschätzt[6741] und wurden u. a. auch nach Ostafrika ausgeführt[6742], dessen Eisen man vielleicht schon damals, jedenfalls aber in späteren Jahrhunderten, nach Indien verschiffte, weil es besseren Stahl ergeben sollte als das indische selbst[6743]. Seit alters her gelangte ferner indischer Stahl nach Arabien[6744], Persien und Syrien, später aber bezog man ihn dorthin oft nur in Blöcken, um ihn erst entsprechend umzuarbeiten[6745]; berühmt waren die Schwerterschmiede der von Kaiser ~Diokletian~ in Damaskus angelegten Waffenfabriken, die ihre Kunst, allen Stürmen der Zeiten trotzend, von Geschlecht zu Geschlecht vererbten, bis 1399 ~Tamerlan~ ihre letzten Nachkommen gewaltsam aufhob und ins Exil nach Samarkand und Chorasan verschleppte[6746]. -- Der sog. „damascierte Stahl“ war aber ursprünglich +kein+ damascener Erzeugnis, sondern gelangte nur über diese Stadt in den Handel, oder wurde dort zu den wegen ihrer Schönheit und Biegsamkeit hochgeschätzten damascener Klingen und Schwertern umgeschmiedet, und zwar aus einem Rohmaterial, dessen Heimat Indien und vor allem die Gegend des Pendschabs war[6747]. Seine Herstellung geschieht dort noch heutzutage im kleinen, indem man das aus sehr reinen Erzen gewonnene Schmiedeeisen in Stäbchen zerteilt, diese in gewisser Weise mit Holz und Blättern bestimmter Pflanzen zusammenschichtet und erhitzt, das entstehende Gemisch an Kohlenstoff ärmeren und reicheren Eisens wiederholt umschmiedet und es schließlich anätzt, wobei die Säure das kohlenstoffreichere Produkt schwächer angreift und hierdurch die bekannte wellen- oder flammenförmige Zeichnung erzeugt; als wesentlich ergibt sich hierfür, daß genügend lange, aber nicht zu stark (keinesfalls bei oder oberhalb 700°) geglüht und die fertige Mischung der Eisen-Kohlenstoff-Verbindungen (feinkörnigen Cementits und Perlits) weder einer zu hohen Temperatur ausgesetzt noch während der Abkühlung durchgearbeitet wird[6748]. Unrichtig ist, daß dabei geringe, aus den benützten Erzen herrührende Gehalte an seltenen Bestandteilen, z. B. an Wolfram, von Einfluß sind, und fraglich, ob sich ein schon 1780 von ~Perret~ erwähntes eigentümliches Härten (durch Abkühlen mit kalter, durch eine schmale Spalte austretender Preßluft) als nützlich oder notwendig erweist[6749]. Das Zusammenschweißen von fertigen Stäben Stahl und Schmiedeeisen nebst etwas Holzkohle, Graphit oder Roheisen, -- oft nach ganz bestimmten Mustern --, ergibt zwar in den Händen Geübter recht schöne Ware, führt aber stets nur zu mehr oder minder gelungenen Nachahmungen der eigentlichen echten; Schärfe und Gleichmäßigkeit der Zeichnung, sowie Glanz und Schiller ins silber- oder goldfarbige hängen dabei völlig von Beschaffenheit, Reinheit und Mischungsverhältnis der Rohstoffe ab, sowie von Erfahrung und Geschicklichkeit des Ausführenden[6750].

Die alten +Araber+ schrieben nach ~Ibn Rusteh~ (um 900) die Erfindung der eisernen Pflüge, Waffen und Geräte meist dem König ~Salomon~ zu, verlegten sie also in die mythische Vorzeit, während ~Thaʿalibi~ (um 1000) zu erzählen weiß, der um etwa 500 Jahre ältere ~Dhu Ihzan~ aus dem Stamme der Himjariten sei zuerst auf den Gedanken gekommen, die Speeresspitzen aus Rinderhorn durch solche aus Eisen zu ersetzen[6751]. In Wirklichkeit bestand aber schon in vorislamischer Zeit eine alte einheimische Eisenindustrie in Ostarabien, Bahraïn, Oman und Jemen, wo Lanzen, Helme, Schwerter und auch Panzer angefertigt wurden, die besten aus persischem, indischem und angeblich auch chinesischem Eisen und Stahl, welche letzteren man auf dem Seewege erhielt[6752]. Die Behauptung, die ersten Schwerter hätten aus Eisen des Himmels = Meteoreisen bestanden, ist eine bloße Sage[6753], gegen die nicht nur die Schwierigkeit spricht, dieses Material zu schmelzen und zu bearbeiten, sondern auch die Tatsache, daß die Schmiede bei den Arabern seit jeher und bis auf den heutigen Tag mißachtet sind, für stammfremd gelten und außerhalb der Ehegemeinschaft stehen[6754]; es ist dies um so auffälliger, als die 57. Sure des Korans lehrt, daß das Eisen eine den Menschen von ~Allah~ verliehene Gabe sei, weshalb es die Araber, abweichend von vielen anderen Völkern, auch niemals als solches hinter Kupfer oder Bronze zurücksetzten[6755]. Nach Beginn der Eroberungskriege und zur Zeit des Khalifats entfaltete sich die Eisenindustrie in glänzender Weise, worüber schon weiter oben Näheres berichtet wurde, und zwar besonders in Syrien und Persien[6756], in Kerman[6757], in Transoxanien, das jährlich 1300 Barren als Tribut bezahlte[6758], aber auch im Maghreb (Westafrika)[6759]. Persisches Harteisen, fulâd (= Stahl), gehörte zu den wichtigsten Ausfuhrwaren nach Indien und China[6760], obwohl die Araber bis zur Schwelle der Neuzeit hin auch wieder indischen Stahl nach den ägyptischen, syrischen und kleinasiatischen Häfen brachten[6761], zugleich aber europäische Eisenwaren aller Art über Ägypten nach Indien verkauften[6762]. Arabischer Vermittlung verdankt der indische Stahl auch seinen hohen Ruf bei den mittelalterlichen Schriftstellern, die ihn nicht selten als den vorzüglichsten und widerstandsfähigsten der Welt anpreisen; in dieses Lob stimmen selbst die Dichter ein, wie z. B. ~Wirnt von Gravenberch~ (um 1210) an einer Stelle seines „~Wigalois~“ sagt[6763]:

„Dort in der innren India Da hat von bester Art man Stahl, Der glänzt wie rotes Gold zumal Und ist so hart, daß er den Stein Zerschneidet wie ein Stäbchen fein.“

In +Mitteleuropa+ beginnt die eigentliche Eisenzeit um 1000 v. Chr., wenn auch vereinzelte Gegenstände schon einige Jahrhunderte vorher bekannt gewesen sein mögen[6764], und umfaßt die ältere sog. Hallstädter- und die jüngere sog. La Tène-Periode, deren Zeitgrenze etwa das Jahr 400 v. Chr. bildet[6765]. Nach ~Forrer~ scheint man anfangs versucht zu haben, kleinere Gegenstände nach Art der Bronze und in ähnlichen Formen durch Guß herzustellen[6766], wobei sich in der Regel bedeutende Schwierigkeiten und unzureichende Erfolge ergeben mußten, die das neue Metall nur langsam und spärlich Boden fassen ließen; daher weisen auch die späteren Pfahlbauten nur wenige eiserne Schmucksachen auf, z. B. hin und wieder Bronzebeile mit eingelegten Eisenklingen, u. dgl.[6767]. Zur Hallstädter Zeit hatte, falls überhaupt noch kleinere Gußsachen vorkamen[6768], die Schmiedekunst schon das völlige Übergewicht erlangt und hierdurch dem Eisen ausgebreitete und steigende Anwendung gesichert; Schmuck ist selten, Waffen, Werkzeuge und Geräte werden aber in verhältnismäßig bedeutenden Mengen angefertigt und auch schon oberflächlich gehärtet und verstählt[6769]. Noch größere Ausdehnung und Mannigfaltigkeit erreicht die Erzeugung zur La-Tène-Zeit[6770], daß es aber damals auch eine Gußtechnik gegeben habe, die aus unbekannten Gründen wieder verloren gegangen und dann erst gegen Ende des Mittelalters aufs neue entdeckt worden sei[6771], ist ganz unwahrscheinlich und wird durch die gemachten Funde nicht bestätigt. Die metallographische Prüfung der Erzeugnisse beider Perioden erweist die Auswahl guter, oft sogar vorzüglicher Erze und weitgehende Erfahrung hinsichtlich der Ausgleichung von Fehlern der Materialien durch die Bearbeitung, lehrt aber zugleich, daß diese doch noch eine äußerst unvollkommene und unregelmäßige war, so daß z. B. von ausreichender Trennung zwischen Schmiedeeisen und Stahl gar nicht die Rede sein kann, und Gegenstände besserer Beschaffenheit auch dann als Einfuhrware (meist etruskische) gelten dürfen, wenn nicht schon andere Kennzeichen sie mit Sicherheit als solche erweisen[6772].

Träger der Hallstädter Kultur scheinen +Illyrier+ gewesen zu sein[6773], Träger der von La-Tène +Kelten+[6774]. Letztere waren schon lange vor der römischen Zeit im Bergbau wohlerfahren und verstanden bereits, Schwerter, Speere, Spieße u. dgl., ferner Handwerkszeug und vielleicht auch eine Art zum Tauschhandel dienlicher Eisenbarren in ganz der nämlichen Weise herzustellen, von der später ~Caesar~ berichtet[6775]; auch wußten Kelten und Keltiberer frühzeitig treffliche Stahlwaffen zu gewinnen[6776], deren außerordentliche Härte und Biegsamkeit bereits der Kriegsschriftsteller ~Philon~ (gegen 200 v. Chr.) als eine altbekannte rühmt[6777], und zwar sollen sie zu diesem Zwecke das Eisen zunächst in die Erde eingegraben und so lange in ihr belassen haben, bis die weniger widerstandsfähigen Anteile verrostet waren, und nur das Brauchbarste als Kern (nucleus = acies) übrigblieb[6778]. -- Die +Germanen+, denen ursprünglich, wie allen Indogermanen, allein das Kupfer bekannt war, -- noch ~Herodot~ meldet als etwas Besonderes, daß ein Skythenstamm seinen Kriegsgott unter der Gestalt eines eisernen Schwertes (σιδήρεος ἀκινάκης) verehre[6779] --, empfingen das Eisen, sowohl Sache wie Namen, etwa seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. von den Kelten[6780]; in das Licht der Geschichte eintretend besitzen sie bereits Eisen und Stahl, wenngleich, wie noch ~Tacitus~ hervorhebt, nur in bescheidener Menge[6781], und bereiten es durch Ausschmelzen der Erze in kleinen Erdlöchern mittels des Gebläses, sowie durch Aushämmern der Rohluppen in jenen urwüchsigen Waldschmieden, die sich in wenig veränderter Gestalt bis tief ins Mittelalter hinein erhielten[6782]. Auch bei ihnen gelangte erst in der Eisenzeit die Kunst des Schmiedens zur eigentlichen Entwicklung, daher ist ihnen der Schmied, für den die Indogermanen noch keine Bezeichnung haben, und der im Gotischen smitha, im Altnordischen smîdr, im Althochdeutschen smid heißt, anfänglich nur ganz im allgemeinen ein Künstler, ein zu irgendwelchen Handgriffen Geschickter, der sich z. B. auf das Holzschnitzen, oder auf das Zurechtmachen und Wiederherstellen von allerlei Hausgeräten versteht usf.[6783]. Erst weiterhin wird er zum ausschließlichen Fachmanne, zum Eisen-Schmiede, dem angesichts seiner besonderen Kunst ein gewisser Schein des Weisen, Wundertätigen und Zauberers anhaftet; in dieser Eigenschaft vollbringt er übernatürliche Taten, wie sie die Sage etwa von ~Wieland dem Schmied~ berichtet[6784], überlistet und vertreibt er böse Geister und Dämonen (später auch den Teufel), heilt dadurch als „Kurschmied“ kranke Tiere und Menschen und verfertigt eiserne Opfer- und Weihe-Gaben aller Art, wie sie bei der katholischen Bevölkerung des deutschen Südens noch gegenwärtig eine wichtige Rolle spielen[6785]. Der deutsche +Name+, Eisen, wird seitens einiger Forscher vom gemein-keltischen und in vielen geographischen Bezeichnungen der Kelten nachklingenden isarno abgeleitet, dessen erste Silbe is mit ayas, aes, aiz (ursprünglich = Kupfer) zusammenhängen soll, und das zunächst in das germanische îsarn, eisarn überging[6786]; nach anderen aber hat isarno nichts mit ayas oder aes zu tun, sondern kommt vom keltischen isarâ = stark, kräftig, das sich in zahlreichen Flußnamen erhalten hat (u. a. in Isarkos = Eisack), und bedeutet also das starke, kräftige Metall (gegenüber dem Kupfer und der Bronze). Da aber die angedeuteten Namen, auch Isarkos, ursprünglich illyrisch sein sollen, so gilt hiernach die Voraussetzung für gerechtfertigt, die Kelten hätten hinwiederum das Metall und seinen Namen den Illyriern entlehnt, womit es übereinstimme, daß illyrische Veneter als Träger der älteren Eisenkultur der Hallstädter Zeit anzusehen seien[6787].

Im +Norden+ Europas, z. B. in Schweden, wird Eisen um 800 v. Chr. bekannt[6788], die Eisenzeit aber beginnt nach ~Montelius~ und ~S. Müller~ frühestens um das 5. Jahrhundert v. Chr.[6789]; es werden eiserne Schmucksachen, Waffen und Werkzeuge dargestellt[6790], im ganzen geht aber die nordische Entwicklung nur äußerst langsam vor sich, so daß z. B. nach Norwegen bessere Stahlwaren noch im 9. Jahrhundert n. Chr. aus Lüttich zur Einfuhr gelangen[6791].

Während die östlichen +Finnen+ das Eisen mit dem iranischen oder kaukasischen Lehnworte andun benennen, heißt es bei den Westfinnen rauta (ursprünglich = Kupfer)[6792], wonach ~Schrader~ vermutet, die Finnen hätten es erst durch ihre germanischen Nachbarn kennen gelernt und wären anläßlich seiner Benützung allmählich zu tüchtigen Schmieden geworden[6793]. Nach ~Hackmann~ besaßen indessen die im 4. oder 5. Jahrhundert in ihre jetzigen Sitze einwandernden Finnen bereits die Kultur des Eisenzeitalters[6794], und die alten Sagen der „Kalewala“ gedenken in der Tat unzählige Male des Eisens, des Stahles und der Schmiede, und schildern auch in ausführlicher Weise die Vorstellungen, die man sich von der Entstehung des Eisens aus dem Sumpferze machte[6795]. Im „Kalewipoeg“ ist sehr häufig von Eisen und Stahl die Rede, u. a. von „Stahl, gehärtet mit 7 Wässern“[6796]; in den „Mythischen und magischen Liedern der Esthen“ schmelzen und schmieden die „Unterirdischen“ das Eisen, „dessen Wunden giftig sind“[6797], und in den „Esthnischen Märchen“ sind eiserne Geräte „Gegenstände täglichen Gebrauches, bei uns zu Lande verfertigt“[6798].

Völlig irrtümlich ist die Angabe, man habe im Norden schon zu sehr früher Zeit die Kunst verstanden, Weißblech darzustellen, also das Eisen zu verzinnen; diese Erfindung wurde vielmehr aller Wahrscheinlichkeit nach während des 14. Jahrhunderts im Erz- und Fichtelgebirge gemacht, auf das Sorgfältigste geheimgehalten und erst um 1665 an einen aus England entsandten Auskundschafter verraten[6799].

12. Antimon.

Das wichtigste Erz des Antimons, das Schwefelantimon, Antimonsulfid oder Grauspießglanzerz, auch Grauspießglanz oder Antimonglanz genannt, bildet prächtige Drusen wohlausgestalteter, oft erstaunlich langer, hellgrau bis silberweiß glänzender, leicht brüchiger und spröder Nadeln, läßt sich schon bei gelinder Wärme aus- und umschmelzen und ist außerordentlich leicht zu metallischem Antimon reduzierbar; es kann daher nicht wundernehmen, daß letzteres schon zu sehr entlegener Zeit an mehr als einem Orte bekannt war, wenn es auch oft nur für Blei oder für eine Art Blei gehalten wurde. So z. B. erwies sich eine in den Ruinen von Telloh (im Zweistromlande) aufgefundene Vase aus dem Anfange des 3. Jahrtausends v. Chr. als aus reinem Antimonmetall bestehend[6800]; aus dem Gräberfelde von Koban bei Tiflis, das der Zeit gegen 1000 angehört, kamen kleine Geräte und Schmucksachen aus gediegenem Antimon zutage[6801]; Gebrauchsgegenstände der ältesten babylonischen Periode, zu der man noch kein oder nur wenig Zinn besaß, enthalten nicht selten bis 3% Antimon, stellen also wahre Antimon-Bronzen dar, die vielleicht der Zinnbronze vorausgingen[6802]; in gewissen französischen Depotfunden aus der Bronzezeit sind neben 85% Kupfer und 8,25% Zinn etwa 6,75% Antimon und Blei vorhanden[6803], in Fundstücken aus den Pfahlbauten des Neuenburger Sees 10 und selbst 15%[6804] usf. Auch in China stellte man bereits zu sehr früher, wenngleich nicht näher angebbarer Zeit metallisches Antimon und Antimon-Blei dar, also ein Hartblei, das dem in Japan noch jetzt zum Gießen von Spiegeln üblichen glich und vielleicht mit dem weiter oben erwähnten Char Sînî identisch war, oder doch unter diesem Sammelnamen mit begriffen wurde[6805]; endlich verstanden auch die alten Japaner, und nach ~Rivero~ die alten Peruaner, Antimonmetall abzuscheiden und es mit Silber, Zinn und anderen Metallen zu legieren[6806].

Eine weit bedeutendere Rolle als das metallische Antimon spielte jedoch das Schwefelantimon oder Grauspießglanzerz, und zwar in Gestalt seines feinsten, glänzend-schwarzen Pulvers, das sich vortrefflich zum Schminken, sowie zum Bemalen oder Verlängern der Augenbrauen eignet. Gebräuche dieser Art, vermutlich Überreste der bei allen Völkern des Erdballs weitverbreiteten Sitte der Körperbemalung, lassen sich in den entlegensten Kulturkreisen nachweisen, z. B. in Mexiko[6807], in Abessinien[6808], in Indien, wo schon dem ~Brahma~ 100 Himmelsjungfrauen „Augensalbe“ darbringen[6809], in Babylonien, dessen älteste Grabstätten aus der Zeit um 3000 bereits Schminknäpfe und -töpfe aus Alabaster enthalten[6810], vor allem aber in Arabien und Ägypten. Im Klima dieser Länder erweisen sich nämlich metallische Präparate wie Braunstein (Mangansuperoxyd), Bleiglanz (Schwefelblei), Antimonglanz usf. auch als höchst wirksame Vorbeugungs- und Schutzmittel gegenüber den endemischen Augenkrankheiten verschiedener Art[6811].

In +Ägypten+ z. B. schminkte man bereits während der vorgeschichtlichen Steinzeit Lider und Brauen schwarz, umgab die Augen mit grünen Ringen fein gepulverten Malachits (eines Kupfercarbonates) und setzte unter sie einen grünen Strich[6812]; in den Gräbern dieser Periode pflegt die Hand der Toten die zum Anreiben der Schminke bestimmten Schiefertafeln zu halten, die oft schon reich geschmückt sind[6813]; die Schönheit der Ausstattung nimmt unter der Herrschaft der ältesten Könige, der Horus-Verehrer (um 4240), noch zu[6814], und erst zur Zeit der Thiniten, um 3000, kommt die Benützung solcher Tafeln allmählich ab, ist aber auch während des alten Reiches noch nicht gänzlich verschwunden[6815]. Die der Schminken selbst dauert hingegen fort: nach den Ritualbüchern des alten Reiches legt der Priester den Götterbildern schwarze und grüne Schminke auf und bedient sich dieser auch zum Malen gewisser Zeichen beim Hersagen von Zaubersprüchen und Beschwörungen[6816]. Um 2500, sowie unter König ~Senkhera~ um 2300, kommt die schwarze Augenschminke in Säckchen oder Beuteln aus oder über Pitsew, d. i. Arabien, heißt Stem, Mestem oder Stimmi[6817], und besteht, soweit die erhaltenen Reste ersehen lassen, aus Bleiglanz (Schwefelblei)[6818]. Das nämliche gilt von dem „guten Stimmi“ aus den auf uns gekommenen Toiletten-Kästchen des mittleren Reiches (2160-1785)[6819], sowie von dem damals im Tempeldienst allgemein gebräuchlichen, als dessen Ursprungsort die Puntländer angegeben werden[6820], also Südarabien und Ostafrika; 1901 erhielt aber König ~Sesostris~ II. auch aus Syrien seitens eines Häuptlings ein Geschenk an Schminke[6821], über deren Beschaffenheit und Herkunft jedoch nichts Näheres bekannt ist. Erst seit Anfang des neuen Reiches beginnt man unter Stimmi, welcher Name sich weiter erhält[6822], auch den Grauspießglanz mitzuverstehen[6823]. Unter ~Thutmosis~ III. und der Königin ~Hatschepsut~, um 1500, kam die Augenschminke Stimmi oder Stibi[6824] in Beuteln und Krügen aus dem Punt[6825]; im „Papyrus ~Ebers~“ des nämlichen Zeitalters ist von „echtem“ und von „männlichem“ Stimmi die Rede, -- wonach es also offenbar auch ein „unechtes“ (vielleicht Schwefelblei, vielleicht aber auch bloß Kohle oder Ruß) und ein „weibliches“ (minderwertiges) gab[6826]. Daß ~Ramses~ III. den Göttern u. a. 50 Pfunde Stimmi zum Geschenke machte[6827], beweist die fortdauernde Kostbarkeit dieser Ware auch im 13. Jahrhundert. Woher die Ägypter zuerst den Grauspießglanz empfingen, steht nicht sicher fest; die Annahme, daß er über Arabien aus Indien zu ihnen gelangte, besitzt wenig Wahrscheinlichkeit, denn die schwarze Augenschminke der Inder, die bei diesen (wie bei allen Orientalen) auch als sicheres Mittel gegen den „bösen Blick“ galt[6828], bestand aus Schwefelblei und hieß „Surma“, was auch der indische Name des Bleiglanzes ist[6829], während „Stimmi“ noch zu Beginn unserer Zeitrechnung nach den großen Hafenplätzen der vorderindischen Westküste +ein+geführt wurde, anscheinend aus Ostafrika[6830]; vermutlich waren also dessen Landschaften seine Heimat.

Die in +Syrien+ und +Palästina+ übliche Augenschminke wird in den Büchern des alten Testamentes entweder „Puch“ benannt[6831], was sich in der „Septuaginta“, der zur ptolemäischen Zeit verfertigten griechischen Bibel-Übersetzung, mit Stimmi wiedergegeben findet, oder „Kahhâl“[6832]; dieses Wort bezeichnet als „Kuchli“ auch die Schminke, die König ~Hiskia~ 701 als Tribut an König ~Senacharib~ (~Sanherib~) abzuliefern hatte[6833] und besagt in den semitischen Sprachen, als „Kohol“, schließlich oft nichts weiter wie ein sehr feines, im übrigen aber ganz beliebiges Pulver.

Aus Vorderasien oder Ägypten, wo das Stimmi außer als Zusatz zu Augenheilmitteln und -kollyrien auch sonst als trocknende, blutstillende, fäulniswidrige Substanz vielfach in der Medizin benützt wurde, dürften die +griechischen+ Ärzte seine Anwendung entlehnt haben. Für die älteste Erwähnung pflegt man die an einer Stelle der hippokratischen Schriften anzusehen, woselbst bei Erläuterung eines Rezeptes vom τετράγωνον (Tetrágonon = Viereckigem) die Rede ist, und zwar ohne jede nähere Angabe[6834]; es bleibt indessen durchaus zweifelhaft, was unter diesem Tetrágonon zu verstehen sei und ob sich das Wort nicht etwa bloß auf die äußere (viereckige) Form der verschriebenen Pastillen beziehe[6835], denn dem Grauspießglanz kommt keineswegs charakteristische „viereckige“ Gestalt zu, und von metallischem Antimon, dessen Krystalle zuweilen viereckige Pyramiden bilden sollen[6836], kann im betreffenden Zusammenhange nicht wohl die Rede sein. Daß man aber Stimmi tatsächlich bei der Herstellung gewisser Pastillen benützte, zeigen die Auszüge aus späteren griechischen (im Original nicht erhalten gebliebenen) Werken bei den Autoren der beginnenden römischen Kaiserzeit: ~Celsus~ (um 30 n. Chr.) verordnet sehr oft Stimmi, rohes, gewaschenes und gebranntes, läßt Pastillen und Zäpfchen aus ihm anfertigen und rühmt es als wohltätig für die Augen, austrocknend und erweichend[6837]; ~Scribonius Largus~ (um 50 n. Chr.) macht häufig von Stibium oder Stibi Gebrauch, u. a. von ausgeschmolzenem (coctum)[6838]; ~Plinius~ und ~Dioskurides~ (um 75) kennen Stimmi auch unter den Namen Stibi, Larbasis (unerklärtes Fremdwort), Alabastron (nach dem Material der Gefäße?), Chalkedónion (chalkedonisches), Platyophthalmón (Augen-Erweiterndes), Kalliblépharon (Augen-Verschönerndes), Gynaikéion (den Weibern Zukommendes), unterscheiden männliches und weibliches, rühmen seine medizinischen Eigenschaften und wissen, daß es beim Erhitzen mit Kohle ein Metall ergibt, das sie für Blei halten (plumbum fit; μολυβδοῦται)[6839]; ~Soranus~ (um 100, zur Zeit ~Trajans~) empfiehlt Stimmi zu gynäkologischen Zwecken[6840], ~Galenos~ (131-200?) zu ophthalmologischen, laryngologischen, sowie als allgemeines Prophylaktikum[6841], und in ähnlicher Weise äußern sich alle späteren Ärzte, bis herab zu ~Marcellus Empiricus~[6842] im 5., ~Alexander~ von ~Tralles~[6843] im 6. und ~Paulos Aigineta~[6844] im 7. Jahrhundert. Die Verwendung als Kosmetikum, die in der griechischen Litteratur anscheinend bei dem Komöden ~Antiphanes~ im 4. Jahrhundert v. Chr. zuerst auftaucht[6845], dauert aber während dieser ganzen Zeit ebenfalls weiter fort[6846]. Mittels Stibi (στίβι) und der von Stimmi und Stibi abgeleiteten Verba στιμμίζω (stimmízo) oder στιβίζω (stibízo) übersetzt schon die „Septuaginta“ das Wort Puch sowie die Ausdrücke für das Schminken mit Schönheitsmitteln dieser Art, deren sich, wie oben erwähnt, die biblischen Schriften bedienen[6847]; im „Períplus des Roten Meeres“ (um 40 n. Chr.) ist von στίμη (Stíme) und στῆμι (Stémi) die Rede[6848]; ~Kriton~, der Leibarzt der Kaiserin ~Plotina~, der Gemahlin ~Trajans~, verfaßte ein Toiletten-Handbuch „χρισμᾶτων σκευασία“, dessen allein erhaltene Kapitelüberschriften ersehen lassen, daß es die Bereitung zahlreicher Salben, Pomaden und Schminken behandelte, u. a. die der στιμμίσματα (Stimmísmata) für die Augenbrauen[6849]; über die nämlichen Gegenstände berichten im 2. Jahrhundert auch ~Pollux~[6850] und ~Galenos~[6851], deren ersterer vom στίμμις ομματογράφος spricht (dem „Stimmi zum Augenmalen“), während letzterer die ὁσημέραι στιμμιζόμεναι γυναῖκες erwähnt („die sich täglich schminkenden Weiber“), wobei στιμμίζειν ganz ebenso „sich mit Stimmi malen“ bedeutet, wie nach ~Hesychios~ ἀγχουσίζεσθαι „sich mit Anchusa malen“ (= rotfärben)[6852]. Auch als Name der Sklavin, die ihrer Herrin das Kalliblépharon anschminkt, ist „~Stimmi~“ überliefert[6853]. Den christlichen Autoren galten alle Künste dieser Art für spezifisch heidnische, ja teuflische[6854], weshalb ~Tertullianus~[6855] (gest. 220), ~Arnobius~[6856] (gest. 330), ~Hieronymus~[6857] (gest. 420) und andere sie unbedingt verwerfen und sich namentlich auf das Schärfste gegen die „orbes stibio fuliginatos“ aussprechen, „die mit Stimmi angerußten Augenbrauen“[6858].

Bei den +alexandrinischen Alchemisten+ gehört, wie in früheren Abschnitten dargelegt, das Stimmi zu den wichtigsten, und seitens aller Autoren von ~Pseudo-Demokritos~ bis ~Hierotheus~ am häufigsten genannten Präparaten. Schon nach dem „Leidener Papyrus“ soll ein Farbstoff fein gerieben werden wie Stimmi[6859], und im „Papyrus ~Kenyon~“ wird Stimmi von Koptos (in Oberägypten) als Augenheilmittel empfohlen[6860]. Stimmi (στίμμι, στίβι, στίμι[6861], στίμη[6862], στήμη[6863]), und zwar koptisches, italisches, occidentalisches und chalkedonisches, sowie die „Schwärze aus Stimmi“ (μελανία στίμμεως)[6864], erwähnen ~Pseudo-Demokritos~ und seine Nachfolger[6865]; sie betrachten Stimmi, -- offenbar wegen des weißen Glanzes seiner Krystalle --, als dem Silber und samt diesem dem Monde zugehörig[6866], benützen es zum „Machen“ von Gold und Silber und gewinnen aus der weiblichen Abart Blei, nämlich „unser Blei“ (μόλυβδος ἡμῶν)[6867], d. i. metallisches Antimon, dessen Sublimierbarkeit sie kennen und es daher auch als ein Quecksilber (ὑδράργυρος) ansehen[6868]. Die syrischen Auszüge aus ~Demokritos~ und ~Zosimos~ gedenken ebenfalls des koptischen und italischen (occidentalischen?) Stimmis[6869], das zum Machen oder Färben von Gold und Silber „fein wie Kohol“ zerrieben werden muß[6870], das dem Schwefelblei ähnlich sieht „wie es die Augenärzte durch Verbrennen von Blei mit Schwefel darstellen“[6871], das als „Staubwolke“ (= feiner Staub) ein treffliches Augenheilmittel abgibt[6872], und aus dem [bei der Reduktion] etwas entsteht, was den beiden Quecksilbern [d. i. dem Quecksilber und Arsen] aus Zinnober oder Sandarach gleicht[6873], [nämlich das metallische, gleichfalls sublimierbare Antimon]. An einer Stelle sprechen sie auch von spanischem Stimmi, das sich angeblich gut zum Blaufärben (?) des Glases eignen soll[6874].

Die +Araber+, denen der Gebrauch des Kohol (eigentlich Kohl) ohnehin schon wohlbekannt war, fanden ihn auch bei den Syrern vor, ferner bei den Persern, die ein eigenes „Fest des Stibi“ besaßen, in deren Ritual das Mittel aber auch an anderen Feiertagen seine bestimmte Stelle einnahm[6875], sowie besonders bei den Ssabiern, die an gewissen Festtagen ihre Augen mit Stimmi malten[6876]; sie begegneten ferner in Persien der in der Pharmakologie des ~Abu Mansur~[6877] von 975 bezeugten medizinischen, sowie in Syrien oder Ägypten der chemischen Anwendung der Präparate und unternahmen es in ihrer üblichen Weise, die in allen diesen Beziehungen herrschenden Anschauungen und Lehren zu vereinigen und zu erweitern.

Der Tradition zufolge bestrich schon ~Muhammed~ seine Augenlider mit Kohol, nicht anders als dies die Beduinen seit jeher gewohnt waren und bis in die neuere und neueste Zeit hinein gewohnt blieben[6878]; der Stift, dessen er sich hierbei bediente, war in einer Moschee zu Kairo als kostbare Reliquie zu sehen[6879]. Die Schriften der „Treuen Brüder“ überliefern, Stimmi[6880] entstehe durch völlige Verbrennung seiner Bestandteile, des Schwefels und Quecksilbers[6881], brauche 10759 Tage bis zu seiner gänzlichen „Reifung“[6882] und vermöge dann, dieser seiner Natur gemäß, selbst nicht mehr weiter zu schmelzen oder zu verbrennen[6883]. Nach ~Alrazi~ (850-923 oder 932?) ist Stibi oder Kohol kalt, trocken, adstringierend und nützlich bei vielen Krankheiten, vor allem bei denen der Augen[6884]; ähnlich äußert sich in Spanien ~Abulkasis~ (912-1013?) und läßt beim „Brennen“ der Substanz Blei entstehen[6885]. ~Avicenna~ (980-1037) erklärt im „Kanon der Medizin“ ausführlich das Wesen des Stimmi[6886], das er auch Itmid (Atmed oder Atemed) nennt und als „faex plumbi“ (Hefe = Abfall des Bleies) ansieht[6887], rühmt die treffliche bei Ispahan in Persien vorkommende Sorte[6888] und führt es (unverändert oder gebrannt) als Bestandteil zahlreicher bewährter Rezepte an, besonders solcher für die Augensalben und -kollyrien[6889]. Die spätarabischen und -persischen Ärzte sowie ihre Jünger wiederholen in bekannter Weise, und ohne Stimmi und metallisches Antimon stets genügend auseinander zu halten, die Aussprüche dieser klassischen Autoritäten: so z. B. der sog. jüngere ~Serapion~ (12. Jahrhundert?)[6890], der auch den Ausdruck Itmid gebraucht[6891]; ferner die unter dem Namen „Al Kahhâl“ (= die Schminker) bekannten Augen-Spezialisten des 11. und 12. Jahrhunderts[6892]; sodann der Armenier ~Mechithar~, der im „Trost bei Fiebern“ (1184) namentlich den Grauspießglanz von Ispahan preist[6893]; ~Ibn Baitar~ aus Malaga (gest. 1248), der eine lange Reihe von Zitaten über Stimmi und Kohol zusammenstellt[6894]; ein Ungenannter, nach dem Glanz und Sehkraft der Augen durch nichts mehr gefördert werden als durch „Kohol mit Fliegen verrieben“[6895]; endlich ~Ibn Alʿauwam~ (um 1150), der auch in der Veterinärkunde allerlei „fein wie Kohol geriebene“ Augenheilmittel verschreibt[6896].

Die Quellen, aus denen das „Steinbuch des ~Aristoteles~“ schöpft, verstehen unter dem bei den Krankheiten der Augen, aber auch bei vielerlei anderen, so wohltätigen Itmid bald Antimon-, bald Bleiglanz, und die Übersetzer bezeichnen es auch als Itmad, Atmid, Azmet, Ezmit u. dgl.[6897]. Bei den Syrern soll „Tu“, das in der Regel Blei (Bleiglanz?) bedeutet, auch = Kohol, Stibi oder Stimmi sein[6898]; es gehört zu den sieben Steinen, die einen „Geist“ (etwas Flüchtiges) enthalten, tritt in sieben Arten von sieben Farben auf[6899] und liefert das „Blei des Kohols“ (Alkohls, Alkools, Alchools, Alcofols, Alchofols)[6900], d. i. metallisches Antimon, das u. a. mit Kupfer die goldfarbige Legierung Schabah (eine Antimonbronze) bildet[6901]. Für ~Altughrai~ (gest. 1128), den angeblich unter dem Namen ~Artefius~ im Abendlande frühzeitig bekannten Alchemisten, ist Antimon „ein Stück des Bleies und hat allermaßen dessen Natur“[6902], und im nämlichen Sinne sprechen auch die in der „Turba philosophorum“ zitierten älteren Meister vom Blei aus dem Stein Kuhul[6903]. Nach ~Qalqaschandi~ war im Ägypten des 12. und 13. Jahrhunderts Augenschwärze eine der wichtigsten Waren und wurde ebenso wie Augenschminke und -salbe pfundweise verkauft[6904]. ~Alqazwini~ (gest. 1283) erzählt, daß das so nützliche Antimonium am reichlichsten in Persien zu Ray (bei Teheran) und in Spanien vorkomme, woselbst ein Berg es bei zunehmendem Monde regelmäßig in großen Mengen ausschwitze[6905]; die Vortrefflichkeit der verschiedenen (mindestens viererlei) Sorten Ithmid aus Ispahan und Spanien bestätigt auch ~Aldimeschqi~ (1256 bis 1327)[6906], hält seine Entstehung durch Verbrennen von Schwefel und überschüssigem Quecksilber bei starker Hitze für erwiesen, gibt jedoch zu, daß es selbst noch weiter vom Feuer verändert werde und u. a. das Eisen „verbrenne“[6907]. Nach ~Abulfeda~ (1273-1331) übertrifft seit jeher keine Sorte Kohol die von Ispahan[6908], obwohl auch Spanien und Westafrika vortreffliche hervorbringen[6909]; tatsächlich wird schon in den ersten Zeiten des Khalifats der Kohol von Ispahan, von Ray (bei Teheran) und vom Demawend als vorzügliches Schmink-, Heil- und Abwehrmittel gegen den „bösen Blick“ empfohlen[6910] und, weil „offen zutage liegend“, als ein Gemeingut erklärt, auf das dem Herrscher keinerlei besonderes Schurfrecht oder Regal zustehe[6911]. In den Erzählungen „1001 Nacht“ findet sich der Kohol unzählige Male erwähnt: man trägt ihn (nebst dem Silberstift zum Auflegen) in einer kleinen Büchse an zierlicher Kette um den Hals[6912], er verschönert die Augen und Augenbrauen[6913], er stärkt die Sehkraft der Neugeborenen[6914], die Frauen haben Augen „von Natur gefaßt in Linien von Kohol“[6915], sie sind siegreich „durch den magischen Kohol ihres Blickes“[6916], und man möchte ihnen „den Kohol vom Augapfel stehlen“[6917]. -- Eine fast zahllose Menge ähnlicher Bilder weist die schöne Litteratur der Araber und Perser auf, in deren Liebesgedichten der Kohol einen nicht minder unentbehrlichen Bestandteil darstellt, wie Moschus und Ambra, Rosen und Nachtigallen. Schon in den alten Liedern der von ~Abu Tammam~ (805-846) zusammengestellten „Hamâsa“ heißt es:

„Zarte Adern schwellen ihrer Augen Stern, Deren Schöne mißt schwarze Schminke gern.“

„Von Augensalbe redet +sie+ mit Hohn, Sie braucht sie nicht und hörte nur davon“,

und von einer Negerin:

„Es ist, als ob das Auge sie färbte mit der Haut[6918].“

~Mutenabbi~ (915-965) sagt:

„Der Scharfsinn schmückte sie, statt des Kohols, mit Klarheit.“

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