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Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange (part 2 of 5)

Part 2 of 5 · Lippmann, Edmund O. von (Edmund Oskar) · Public domain text

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Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange (part 2 of 5)

Die +Vergöttlichung+ der Elemente, wie sie bereits im Orient und frühzeitig bei den Orphikern gebräuchlich war, fand bei den Stoïkern allgemeine Aufnahme[2199], desgleichen die mit ihr in naher Verbindung stehende Anschauung, daß, wie jede Gottheit, so auch jedes Moment ursprünglich +mannweiblicher+ Natur sei[2200]. Den Ägyptern war schon von altersher die Annahme geläufig, das finstere Urwasser ~Nun~ habe männliche und weibliche Keime in sich getragen, aus denen ein Ei hervorging, das Einige als „Weltenei“ durch ~Chnum~ der Göttin ~Neith~ übergeben ließen um es auszutragen, während Andere es mit dem Skarabäus oder dem Geier in Verbindung brachten, die man als zweigeschlechtlich (zuweilen auch als ungeschlechtlich) ansah[2201]; +nicht+ altägyptisch ist hingegen die von ~Seneca~[2202] und ~Iamblichos~ (gest. 330)[2203] erwähnte Lehre, daß jedes der vier Momente einen männlichen und weiblichen Teil enthalte, die man als die acht Elementen-Götter verehre, vielmehr ist diese erst ein Erzeugnis ptolemäischer Zeit und geht wohl auf griechische Überlieferung zurück[2204]. Der Glaube an androgyne Gottheiten war nämlich bereits der älteren griechischen Welt keineswegs fremd[2205], doch nahm er erst gegen 400 v. Chr. und besonders in Athen lebhaften Aufschwung, teils unter dem Einflusse kleinasiatischer und cyprischer Kulte (z. B. des der „bärtigen ~Aphrodite~“, ~Aphrodite~ barbata, geweihten), teils zufolge der Bestrebungen großer Künstler, männliche und weibliche Körperschönheit in der nämlichen Statue harmonisch zu vereinigen, das ἀρῥενόθηλυ in Gestalt von Hermaphroditen darzustellen[2206]; da er zuerst bei Pythagoräern und Orphikern nachweisbar wird, -- es sei nur an das Ei des ~Phanes~ und dessen Zweigeschlechtigkeit erinnert, -- und zum Teil mit unzüchtigen Kultgebräuchen zusammenzuhängen scheint[2207], so ist es sehr wohl möglich, daß es ihnen aus dem Oriente zukam[2208], und tatsächlich ist es eine echt orientalische, in der babylonischen, iranischen und vielleicht auch jüdischen Litteratur nachweisbare Vorstellung[2209], daß das, was zu allem werden, was alles aus sich schaffen und was alles Leben in der Natur hervorbringen kann, die Zeugungskraft beider Geschlechter in sich vereinigen muß[2210]. Die Stoïker, die diese Vorstellung aufgriffen, erweiterten und pantheistisch umdeuteten, nahmen daher eine androgyne höchste Gottheit an[2211], deren männliche und weibliche Teile späterhin auch als ζωὴ καὶ φῶς (Leben und Licht), ψυχὴ καὶ νοῦς (Seele und Geist), Leben (ζωή = Milch oder Trank der Unsterblichkeit, φάρμακον τῆς ἀθανασἰας) und Tod (νοῦς = guter Hirt = Totengott ~Anubis~) allegorisiert werden[2212]. Soweit hellenistische Einflüsse reichen, haben sich auch ähnliche Gedanken erhalten, z. B. in den mannweiblichen Urgottheiten der Gnostiker und Manichäer[2213], den Gestalten zahlreicher gnostischer Erzählungen und Legenden[2214], den (mit den Urgottheiten oft wesensgleichen oder verwandten) Urmenschen phrygischer, iranischer und jüdischer Mythen[2215], den 7 zweigeschlechtlichen Menschen bei ~Poimandres~[2216], den Dämonen der meist im 2. Jahrhundert verfaßten, jedoch zum Teil erst im 3. oder 4. niedergeschriebenen Zauberpapyri[2217] usf. Fraglich bleibt es, ob aus den nämlichen Gesichtspunkten, wie manche wollen, auch die Annahme männlicher und weiblicher Edelsteine, Mineralien und selbst Drogen zu erklären sei, denn da das Vorhandensein männlicher und weiblicher Palmbäume und anderer Gewächse im Orient seit altersher und in Griechenland mindestens seit ~Herodot~ und ~Ktesias~ bekannt war[2218], kann es sich hierbei auch um unmittelbare Analogien anderer Art handeln; jedenfalls sprechen als von etwas Wohlbekanntem schon ~Theophrastos~ und seine späteren Nachfolger, aus deren Werken ~Plinius~ die betreffenden Kapitel der „Naturgeschichte“ kompilierte, von männlichem und weiblichem Carneol (σάρδων), Lasurstein (κύανος), „Luchsstein“ (λυγκούριον), „Adlerstein“ (ἀετίτης), Stimmi (στίμμι = Antimonglanz) usf., wobei die größeren, härteren, dunkleren und glänzenderen Exemplare für die männlichen gelten[2219]; ebenso ist bereits bei ~Hippokrates~ u. a, von männlichen Weihrauchtropfen die Rede[2220], unter denen offenbar gleichfalls die größeren und längeren zu verstehen sind, wie man denn auch bei Sträuchern und Kräutern die höher und kräftiger aufschießenden Varietäten, ja Individuen, kurzweg als „männliche“ zu bezeichnen pflegte.

Schon weiter oben wurde darauf hingewiesen, daß zu den sonstigen Lehren, die die Stoïker zwar nicht aufbrachten, aber zu tonangebenden ausgestalteten, +erstens+ die von der Umwertung der irdischen Elemente zu Elementen und Grundpfeilern des Himmels zählt, -- die fortan gleichfalls στοιχεῖα (Stoicheía) heißen und namentlich in Gestalt der 7 Planeten als „Herren“ der Tage, Jahre und Zeitperioden, sowie als κοσμοκράτορες (= Weltregenten) das gesamte allgemeine und besondere Geschehen beherrschen und lenken[2221] --, und +zweitens+ die vom Zusammenhange zwischen Planeten und Erzeugnissen der Erde, z. B. Tieren, Pflanzen, Mineralien, Metallen, aber auch Gewürzen, Wohlgerüchen usf.[2222]; da indessen derlei Theorien in engster Verbindung mit den eigentlich astrologischen stehen, so sollen sie im nachfolgenden Absatze gemeinsam mit diesen besprochen werden.

c) Die Astrologie.

Die Astrologie der synkretistischen Zeit ist der Versuch, auf anscheinend untrügliche und zweifellos feststehende (in Wahrheit freilich unverstandene oder mißdeutete) Naturgesetze hin ein einheitliches Weltbild zu gestalten und dabei die Vorgänge im ganzen Kosmos als abhängig von denen am Sternenhimmel zu erweisen[2223]. Grundlagen dieses Versuches waren der alte griechische Volksglauben an die Göttlichkeit der Gestirne, der ältere babylonische Stern- und der jüngere chaldäische[2224] Planetendienst, sowie die griechische Philosophie und Wissenschaft, besonders die der Stoa mit ihren Lehren von der Heimarméne, der allgemeinen Sympathie im Weltall und der Einwirkung des Makro- auf den Mikrokosmos, die nicht selten lebhaft an die Vergleiche moderner Soziologen zwischen Gesellschaft, Staat oder Menschheit und einem großen Organismus, sowie an die Theorien vom Einflusse des sog. Milieu erinnern[2225]. Die Astrologie als Resultierende dieser Komponenten ist entschieden ein Erzeugnis des Hellenismus[2226], unter dessen Einfluß die Griechen Stern-Dienst und -Verehrung allmählich und „nur nach langem Sträuben“ annahmen, zunächst und vorzugsweise in Ägypten[2227]. Unter den Schriften ihrer hervorragenden Astronomen zeigen z. B. noch jene von ~Platons~ Schüler ~Eudoxos~ und die in derlei Hinsicht an Gelegenheiten zur Anknüpfung so überreichen „Sternerscheinungen und Wetterzeichen“ des ~Aratos~ (um 250 v. Chr.) keinerlei Spuren astrologischer Vorstellungen, vielmehr treten solche erst bei ~Hipparchos~ von Alexandria zutage, also um 150 v. Chr.[2228]; zu dieser Zeit waren aber in Ägypten neben dem u. a. auch dem Fälscher ~Bolos~ von ~Mende~ zugeschriebenen Buche über die „Sternzeichen“ (περὶ σημείων)[2229] schon die weiter oben erwähnten „Hermetischen Untersuchungen“ erschienen, sowie das Hauptwerk des ~Petosiris~ und ~Nechepso~, das für Ansehen und Auffassung der Astrologie während der folgenden Jahrhunderte nach jeder Richtung hin ausschlaggebend blieb.

Von großer Bedeutung für die Ausbreitung dieser „Wissenschaft“ erwies sich ihre Aufnahme und Förderung durch die jüngeren Stoïker, sowie die Neu-Pythagoräer und -Platoniker, welche letzteren Schulen als eine ihrer Hauptquellen die Schriften des „uralten Dichters und Sehers“ ~Orpheus~ ausgaben, den die Abbildungen nicht selten beim Spielen der Leier in nächtlicher Stunde zum Sternenhimmel aufblickend darstellen. Die sog. „Orphischen Hymnen“, die als Reste der ihm zugeschriebenen mystisch-philosophischen Lehrgedichte vorliegen, stammen indessen ihrer ursprünglichen Gestalt nach erst aus den beiden letzten vorchristlichen Jahrhunderten und unterlagen zudem später oft wiederholten und tiefgreifenden Abänderungen, teils durch Einschiebung stoïsch-pantheistischer Gedanken und popular-philosophischer Wendungen, teils durch Umformung zu Zwecken der Magie und Dämonologie, -- in welcher Form sie dann in die Zauberpapyri des 3. und 4. Jahrhunderts übergingen[2230]. Sie sind also selbstverständlich nicht beweisend für ein Zurückreichen astrologischer Gedanken bis in das mythische Zeitalter und können die Tatsache nicht erschüttern, daß sich der griechische Geist mit den chaldäischen Lehren, namentlich von den 7 Himmeln und den 7 beherrschenden Planetengöttern, erst seit Beginn der hellenistischen Periode zu befreunden begann. Bezeichnend für die verhältnismäßig rasch fortschreitende Durchdringung chaldäischen und griechischen Geistes ist es, daß bereits im 1. vorchristlichen Jahrhundert ~Asklepiades~ von ~Myrleia~ den ~Homer~ astrologisch kommentierte, und daß Siegelsteine (sog. Zylinder) der griechischen Spätzeit die 5 Planetengötter nebst Sonne und Mond eingeschnitten zeigen[2231]. Nach ~Philo~ von Alexandria, der um Beginn unserer Zeitrechnung schrieb, gelten die 7 Planeten als Herrscher von unbeschränkter Gewalt, deren Ruhm und Macht gar nicht genügend gepriesen werden kann[2232], die man in ihren Sinnbildern, z. B. 7 Lichtern, einem siebenarmigen Leuchter, den 7 griechischen Vokalen αεηιυοω usf. zu verehren pflegt[2233], und die im engsten Zusammenhange mit den „göttlichen“ vier Elementen stehen, aus denen sich die gesamte Welt (einschließlich des Menschen) aufbaut[2234], und in die sie auch wieder zerfällt, „da kein Wesen zu nichts wird, sondern sich zu dem auflöst, woraus es entstand“[2235].

Die endgültige wissenschaftliche Darstellung der Astrologie auf Grund der pythagoräischen, peripatetischen und stoïschen Lehren liegt in dem gegen 160 n. Chr. verfaßten „Tetrabiblos“ des ~Ptolemaios~ vor, welcher Forscher, ebenso wie sein größerer Fachgenosse ~Kepler~, neben der Astronomie auch die Astrologie zu betreiben geneigt oder genötigt war. Dieses Werk faßt in eingehender, oft fast haarspalterisch eindringlicher Weise die Ansichten sämtlicher Vorgänger zusammen, und zwar so vollständig und in seiner Art so vollendet, daß es fortan das dauernd maßgebende und überhaupt das letzte selbständige der ganzen Gattung blieb, zu dem alle späteren sich nur als Auslegungen und Kommentare verhalten[2236]. Der Umfang dieser erklärenden und ergänzenden Litteratur ist erstaunlich, da zur Zeit allein an griechischen Handschriften mindestens 170 bekannt, wenn auch in dem großen Sammelwerke „Catalogus codicum astrologorum graecorum“[2237] nur zum geringsten Teile und auszugsweise veröffentlicht sind[2238]. Die Planeten spielen bei ~Ptolemaios~ eine ganz hervorragende Rolle, doch ist zu bemerken, daß er, abgesehen von dem für apokryph zu erachtenden Schlußkapitel, stets nur von fünfen spricht[2239], neben denen Sonne und Mond stehen; die Gestalt, in der die Sonnengottheit auftritt, ist, wenngleich sie noch nicht mit dem betreffenden +Worte+ bezeichnet wird, schon völlig die des „+Königs+ Helios“ und beeinflußt als solche die gesamte spätere Literatur und die malerische und plastische Darstellung, auch noch die mittelalterliche[2240]. Als trocken und daher männlich sieht ~Ptolemaios~ ~Ares~, ~Zeus~ und ~Kronos~ an, als feucht und daher weiblich ~Selene~, ~Aphrodite~ und auch ~Hermes~, der sonst meist für mannweiblich gilt[2241]; die männlichen sind tages- und lichtfroh und freuen sich (χαίρουσιν), zusammen mit der Sonne auf- oder unterzugehen[2242]. ~Kronos~ bezeichnet er als aschgrau, ~Zeus~ als weiß, ~Ares~ als rot, ~Aphrodite~ als gelb oder blond und ~Hermes~ als bunt oder wechselnd, doch stimmen die Handschriften und die Überlieferungen bei den Scholiasten nicht genügend überein, und die näheren Angaben letzterer lauten völlig verwirrt[2243].

Von den Abänderungen der ptolemaeischen Theorien ist nur eine einzige als bedeutsam zu bezeichnen; unter der üblichen Berufung auf ~Pythagoras~ und ~Platon~ und in Anlehnung an gewisse Vorstellungen des platonischen „Timaeus“ lehrten nämlich die Neuplatoniker, daß die Sterne, insbesondere die Planeten, die Geschehnisse im Weltall zwar nicht selbst +bewirken+, sie jedoch +anzeigen+[2244]: mit Recht beobachteten daher die „Weisen“ des platonischen Staates, die in den Augen der Neuplatoniker Astrologen waren, die Stellungen und Bewegungen der Gestirne, denn diese gestatteten ihnen wichtige Rückschlüsse z. B. betreff der „richtigen“ Zeiten für Ehe, Konzeption, Entwicklung des Fötus usf.[2245]; die Entscheidung über das, was in der Welt zu geschehen hat, geht freilich von der Gottheit aus, aber vermittelt, angezeigt und ausgeführt werden ihre Befehle durch die demiurgischen Wesen, vor allem durch die Dämonen, „die an Zahl den Mikroben gleichen, allerorten gegenwärtig sind und überall ihre Hand im Spiele haben“[2246], -- weshalb auch die Dämonologie, die Kunst des Rufens, Erkennens, Unterscheidens, Verehrens und Bannens der Geister eine der umfangreichsten und wichtigsten Seiten des neuplatonischen Systemes bildet[2247]. Indem dieses jedoch das +Wirken+ der Gottheit vorbehielt, die von Dämonen gelenkten Planeten aber für bloße +Anzeiger+ des göttlichen Willens erklärte, machte es die Astrologie vereinbar mit sämtlichen Religionen, auch den streng monotheistischen, und hierin besteht die Wichtigkeit der besprochenen Umdeutung[2248]; allgemein angenommen oder folgerichtig durchgeführt wurde sie übrigens keineswegs, und als im Kampfe des von griechischen, ägyptischen, chaldäischen und jüdischen Einflüssen durchtränkten Neuplatonismus mit Mithrasdienst, Manichäismus und Christentum das letztere Sieger und „Universalerbe“ geblieben war[2249], erhielt der ptolemaeische Gedanke sogar allmählich wieder die Oberhand, trotzdem er in unlösbarem Widerspruche mit christlichen Grundwahrheiten stand.

Wie im Osten, so faßte die Sterndeuterei, gefördert durch die jüngere Stoa und ganz besonders durch ~Poseidonios~, auch im Westen Boden, so daß in Italien schon 139 v. Chr. von einer ersten Austreibung der „Chaldäer“ als gemeingefährlicher Lügner und Betrüger berichtet wird[2250]. Diese blieb aber nicht nur ohne jeden dauernden Erfolg, sondern der „chaldäische Geist“ erwies sich als geradezu unüberwindlich, erfaßte mit staunenswerter Raschheit immer weitere Kreise und hatte schon zur Zeit ~Ciceros~ die gesamte prosaische und poetische Litteratur derart durchdrungen, daß er sich bei allen, auch bei den sonst freiesten und aufgeklärtesten Schriftstellern der klassischen Periode, geschweige denn bei ihren späteren Nachfolgern, als etwas völlig selbstverständliches, einer Begründung gar nicht erst bedürftiges geltend macht[2251]. Nicht wenig scheint hierzu die immer engere Berührung mit Ägypten beigetragen zu haben, woselbst zu Beginn unserer Zeitrechnung die Astrologen Alexandrias eine Gewerbesteuer („Narrensteuer“ genannt) zahlten[2252], und der berühmte Zodiakus (Tierkreis) von Denderah ~Jupiter~ und ~Mars~ sperberköpfig abgebildet zeigt, ~Saturn~ stierköpfig, ~Merkur~ menschenköpfig, ~Venus~ aber doppelköpfig, -- wohl eine Nachwirkung ihrer beiden Formen als Morgen- und Abendstern, ~Istar~ und ~Belit~[2253].

Unter der Regierung des ~Augustus~ war die Astrologie nicht nur zur Mode und zum Bedürfnisse der feinen Gesellschaft geworden, sondern fand geradezu Aufnahme von Staats wegen[2254]: rühmte doch ~Augustus~ selbst sich gewisser Wunderzeichen, die bewiesen, daß das Fatum (= die Heimarméne) ihn zur Herrschaft berufen habe[2255]. Vermutlich höfischen Anregungen folgend verfaßte ~Manilius~ damals sein Lehrgedicht „Astronomica“, dessen Gesänge, soweit sie vollendet wurden, in schönen Versen und edler Sprache eine Übersicht der gesamten Astrologie bieten, jedoch unter planmäßigem Ausschluß aller rein ägyptischen Gottheiten und rein chaldäischen Lehren, daher auch der meisten die Planeten betreffenden[2256]. Die Schicksale, Lebensberufe usf. des Menschen, der ein Mikrokosmos ist[2257], gehen nach ~Manilius~ nicht, wie Chaldäer und Ägypter behaupten, von den Planeten aus (die er meist, aber nicht immer, „astra“ oder „stellae“ nennt), sondern, wie der Kyllenier, d. i. ~Hermes~, verkündigte[2258], von den Fixsternen (meist, aber nicht immer, „sidera“ geheißen), und zwar von jenen des Tierkreises, wenngleich die Planeten nicht ganz ohne Belang sind, da sie und die Fixsterne sich gegenseitig beeinflussen können[2259]. Von den 7 Planeten, die mit den 7 Mündungen des Nils zu vergleichen sind[2260], werden Sonne und Mond stets zusammen genannt und den fünf übrigen in der Anordnung des ~Poseidonios~ aufgezählten Wandelsternen gegenübergestellt[2261], als deren Anführer der Mond gilt, der zugleich auch (durch Ebbe und Flut) die Tiefe des Meeresgrundes beherrscht[2262]. ~Merkur~ ist nur als Morgen- und Abendstern sichtbar, ebenso ~Venus~, für die an Stelle der alten Namen ἐωσφόρος (Eosphóros) und ἕσπερος (Hésperos) auch der neue φωσφόρος (Phosphóros = Lucifer = Lichtträger) tritt[2263]; ~Saturn~ wird als schätze-sammelnder und -hütender Alter bezeichnet[2264]. Das Geschlecht der Planeten ist verschieden, ebenso wie das der Sterne im Tierkreise[2265], unter denen merkwürdigerweise der Stier (taurus) als weiblich auftritt, weil ~Jo~ in ein Rind verwandelt wurde[2266].

Im weiteren Verlaufe der Kaiserzeit nahm die Astrologie, die zwar, wie ~Tacitus~ hervorhebt[2267], offiziell stets verboten, zugleich aber unter der Hand geduldet, ja gefördert wurde, an Einfluß und Macht immer weiter zu, vor allem am kaiserlichen Hofe selbst[2268]; ihre Vertreter waren meist Asiaten, Griechen und Ägypter, wie z. B. der berüchtigte „in allen chaldäischen Künsten erfahrene“ ~Pammenes~, von dessen Ausweisung 66 n. Chr. unter der Regierung ~Neros~ ~Tacitus~ berichtet[2269]. Einen Begriff davon, wie gänzlich schon im 1. und 2. Jahrhundert alles staatliche und private Wesen von Aberglauben jeglicher Art durchdrungen war, erhält man am besten aus der „Naturgeschichte“ des ~Plinius~ (um 75 n. Chr.), in der ganze Bücher mit Hunderten von Kapiteln über nichts anderes handeln, ferner aus den „Attischen Nächten“ des ~Aulus Gellius~ (113-165) mit ihren langatmigen Darlegungen über die 7 Planeten, die Siebenzahl usf.[2270], sowie aus dem „Buche der Traumdeutungen“ des ~Artemidoros~ (135-200), dem Vorbilde einer endlosen Litteratur, deren letztes Glied das auch heute noch weitverbreitete und immer neu aufgelegte „Große ägyptische Traumbuch“ ist. Die Vorbedeutungen und Wirkungen der Sterne, so heißt es bei ~Artemidoros~, braucht man nur zu erläutern, nicht zu beweisen, „denn für jeden Gebildeten stehen sie ohnehin fest“[2271], -- nämlich getreu dem Grundsatze, den noch 1648 ~Salmasius~ in seinem ebenso gelehrten wie monströs-formlosen Werke über die Astrologie anführt[2272], „aut astra dii sunt, aut nulla est astrologia“, „entweder sind die Sterne Götter, oder es gibt keine Astrologie“!

Weitere Fortschritte machte die abergläubische Bewegung unter den orientalischen oder von Orientalen umgebenen Kaisern des 3. Jahrhunderts, besonders unter den ~Severen~, „deren politische Tat die völlige Orientalisierung der Religion auch im Westen des Reiches war“[2273]. ~Septimius Severus~ (193-211) z. B. besoldete Astrologen von Staats wegen[2274], stellte zuerst zu Rom Altäre der Planetengötter auf, wie sie später u. a. im Circus maximus erwähnt werden[2275], und erbaute ein „Septizonium mit den sieben Planeten- oder Tages-Göttern“, vermutlich ein Planetenhaus, das die Konstellation des vom Fatum für den Thron bestimmten Kaisers versinnlichte[2276]; ~Severus Alexander~ (222-235) befahl, die in Ägypten gesammelten Bücher der geheimen Weisheit in das Grab ~Alexanders des Grossen~ zu legen und in diesem zu verschließen[2277], und reihte unter seine Penaten ~Orpheus~, ~Abraham~, ~Christus~ und ~Apollonius~ von ~Tyana~ ein[2278]. Die Neigung der Astrologen zu Lug und Trug war zwar niemals ein Geheimnis geblieben, -- nennt doch in diesem Sinne schon bei ~Petronius~ (zur Zeit des ~Nero~) der reiche Prasser ~Trimalchio~ einen Weinfälscher „im Zeichen des Wassermannes geboren“, welcher Spott ihn freilich nicht hindert, die Wände seines Hauses mit den 7 Planeten- und 12 Tierkreis-Bildern bemalen zu lassen[2279] --, aber man sah über diese Schattenseite hinweg und ließ der „Wissenschaft der Sterne“ immer freiere Bahn[2280]. Stets neue Anhänger gewann ihr einerseits der Verfall der alten heimischen Kulte, das Aufhören der Orakel, das Verbot der Vögel- und Eingeweide-Schau[2281], andererseits die allgemeine Überzeugung, daß die wahre Quelle neuer religiöser und philosophischer Ideen allein im Oriente fließe[2282], dem nun Frömmler und „Geweihte“ zuströmten, um „am Nil, am Euphrat oder angeblich gar am Ganges in die Schule zu gehen“ und sich in der Magie, Theurgie, Dämonologie, Iatromathematik, in der Lehre von der medizinischen Sympathie und den heilbringenden Wundermitteln u. dgl. mehr zu unterrichten oder doch zu vervollkommnen[2283]. Der zum Teil geradezu gemein- und staatsgefährliche Charakter, den die Gesamtheit dieser „Künste“ allmählich anzunehmen schien, erklärt das von ~Diokletian~ nach der Niederwerfung des ägyptischen Aufstandes im Jahre 296 erlassene allgemeine Verbot[2284]; durchgeführt konnte dieses aber nicht werden, vielmehr erreichte die Astrologie im 4. Jahrhundert ihre größte Macht und Verbreitung, wie sie uns vor allem aus dem zusammenfassenden Werke des ~Firmicus Maternus~ (verfaßt 335-337) und den Schriften ~Hephaistions~ (um 340) und seiner Nachfolger sichtlich entgegentritt[2285]. Als seine Hauptquellen in der „Mathesis“[2286] bezeichnet ~Firmicus Nechepso~, den göttlichen König, und ~Petosiris~, den Oberpriester und weisen Alten[2287], ferner ~Anubis~, ~Aeskulap~ und ~Merkur~[2288], endlich ~Abraham~, ~Achilles~, ~Kritodemos~, ~Orpheus~, die Pythagoräer und Platoniker[2289], während er sich über andere Vielbenützte ausschweigt, z. B. über ~Anubion~, ~Manetho~, ~Manilius~, ~Ptolemaios~, ~Vettius Valens~[2290]. Die Astrologie ist ihm eine göttliche Wissenschaft (divina scientia)[2291] und fordert daher von ihren Vertretern strengste Geheimhaltung, kultische Reinheit der Person und des Lebenswandels, sowie völlige Freiheit von Habsucht, Geldgier und gemeinem Streben[2292]. Die Hauptrolle spielen bei ~Firmicus~ die Planeten, die, je nach ihren Stellungen, Bewegungen und Beziehungen untereinander und zu den Fixsternen, ganz wie schon in den „Astrologúmena“, die menschlichen Lebensschicksale, Neigungen, Berufe, Kenntnisse usf. bis in die kleinsten Einzelheiten bestimmen[2293].

~Constantin der Grosse~ (323-337), zu dessen Zeit ~Firmicus~ schrieb, blieb astrologischem und anderem Aberglauben zeitlebens ergeben; seine Thermen versah er mit 7 Nischen und 12 Portiken zur Aufnahme der Planeten- und Tierkreis-Bilder[2294], seine Kirchen erhielten 7 Stufen, 7 Tore und 7 Bänke für die Priester[2295], und die der Sophia schmückte er „mit hellenischen Statuen der 12 Zeichen des Tierkreises, des Mondes, der ~Aphrodite~ und der übrigen Planeten“[2296], ohne sich hierin durch seine christlichen Neigungen und Gesinnungen beeinflussen zu lassen, deren Aufrichtigkeit allerdings überhaupt dahinsteht. Die Kirche bekämpfte anfangs, wie die Planetenwoche (s. weiter oben), so auch alle sonstigen mit der Astrologie zusammenhängenden Anschauungen und Einrichtungen, und zwar unter Hinweis auf ihre Engel, Märtyrer und Asketen, an deren Wundertaten auch die hervorragendsten Kirchenschriftsteller nicht minder fest glaubten, als etwa die schärfsten Denker der neuplatonischen Schule an die des ~Pythagoras~ oder anderer ihrer „göttlichen Männer“[2297]. ~Tertullianus~ (um 190) verbietet in seiner Abhandlung „De idolatria“ den Christen, das Gewerbe eines Astrologen oder Magiers auszuüben[2298]. Daher finden sich auch die drei Magier, die dem Sterne bei ~Christi~ Geburt nachziehen, in den ursprünglichen Berichten als Chaldäer, Perser oder Araber bezeichnet, „die die Kunst (τέχνη, Téchne) verstehen“; sie heißen noch beim hl. ~Hieronymus~ (331-420) „docti a daemonibus“ (von Dämonen belehrt), während sie erst im 6. Jahrhundert „Könige“ werden (wobei Stall, Krippe, Ochs usf. hinzutreten, um die Richtigkeit alter Prophezeiungen zu erweisen) und schließlich gar „heilige Könige“, deren Namen indes erst ~Beda Venerabilis~ (672-703) kennt[2299]. Vom 4. Jahrhundert an scheint das Verhalten der Kirche, wenigstens im Westen, zeitweilig ein weniger abweisendes gewesen zu sein, wofür indessen der berühmte „Chronograph von 354“ +nicht+ als Beleg angeführt werden kann, weil dieser römische Kalender, der neben den Abbildungen und astrologischen Charakteristiken der 7 Planetengötter u. a. die älteste Papst-Liste enthält, auch im übrigen keinerlei christliche Einflüsse verrät[2300]. Späterhin wurde aber der alte Standpunkt wieder strenge festgehalten, zum mindesten grundsätzlich; die um 630 verfaßten „Origines“ des hl. ~Isidorus~ (= Isidorus Hispalensis, Erzbischof von Sevilla), ein Sammelwerk, das trotz der völligen Kritiklosigkeit des Autors und seiner Vorliebe für die albernsten Etymologien kulturgeschichtlich außerordentlich wertvoll ist, sprechen von der Astrologie als einem „von den Chaldäern stammenden, vom Teufel begünstigten, von ~Christus~ verworfenen Aberglauben“[2301], erwähnen daher kein Wort über Vorzeichen und Beziehungen, die sich an die 7 Planeten knüpfen, -- auch nicht in dem verlockenden Kapitel „De natis“[2302] --, und führen nur an, daß sich von ihren Namen die der Wochentage ableiten[2303] und daß sich mit ihren Qualitäten auch die der menschlichen Körper verändern[2304]. In seiner kleineren Schrift „De natura rerum“ behauptet ~Isidorus~, die Planeten hießen „errantia“ (Irrsterne), „weil sie uns in die Irre leiten“[2305], im übrigen schweigt er aber auch hier über alles abergläubische[2306] und nur vom ~Saturn~ sagt er an einer Stelle, er sei, wie ~Virgil~ bestätige, „von kalter Natur“[2307] und daher auch auf Erden Kälte erzeugend.

Die hier und wiederholt auch schon im Vorhergehenden berührte Idee der +Abhängigkeit irdischer Erzeugnisse+ von den +Gestirnen+, sowie ihrer +Zusammengehörigkeit+ mit bestimmten Fixsternen und Planeten, zählt zu den eigentümlichsten und wichtigsten auf astrologischem Gebiete und rechtfertigt daher eine nähere Erörterung.

Wie die ganze Lehre von den 7 Himmeln mit den 7 weltbeherrschenden Planeten-Gottheiten, so ist auch deren Ausgestaltung betreff der Einflüsse von Bewegung, Stellung, Auf- und Untergang, Farbe, Glanz und „Natur“ der einzelnen Gestirne eine spätbabylonische, also chaldäische[2308]. Den u. a. bei dem Astrologen ~Vettius Valens~ (2. Jahrhundert n. Chr.) ziemlich ausführlich erhaltenen Überlieferungen gemäß, geht sie von der Grundvorstellung aus, daß jeder Stern seine „Natur“ und „Kraft“ nach außen „emaniere“ und daher alles das, was seine Strahlen treffen, auch seinem eigenen Wesen entsprechend beeinflusse und gestalte[2309]. In Ägypten verschmolz diese Vorstellung mit der dort heimischen, daß gute Gaben, Segnungen u. dgl., Ausflüsse (ἀπόρῥοιαι) aus dem Leibe der Götter seien, wonach es einleuchtend erschien, daß solche auch den Sterngöttern zukämen, sowie den Sternen, deren Herren diese sind[2310]; gefördert wurde sie ferner durch die Theorie von der allgemeinen Sympathie, die derartige Beeinflussungen erklärlich machte, ja selbst erwarten ließ. So ruft denn schon bei ~Philo~ jedes Sternbild des Tierkreises die ihm eigene Färbung auch in Luft, Wasser und Erde, bei allen Vorgängen in diesen Elementen, sowie bei allen Arten Gewächsen und Lebewesen hervor[2311]; auf dem Zodiakus (Tierkreis) von Denderah, der aus dem Anfange der Kaiserzeit stammt, sind den Namen der Planeten die von Mineralien und Metallen beigefügt[2312]; ~Ptolemaios~ stellt die Planeten nach ihrer Farbe mit den Metallen zusammen[2313]; die Neuplatoniker opfern ihnen die „zugehörigen“ Steine, Kräuter und Tiere[2314] und verbinden sie, auf oft lächerliche Spitzfindigkeiten hin, mit seelischen Eigenschaften, körperlichen Teilen, gesunden und kranken Säften (χυμοί), Tieren, Pflanzen, Mineralien, Edelsteinen, Metallen, Farbstoffen, Gerüchen, Gewürzen, Tönen, Vokalen usf.[2315]; der „göttliche“ ~Iamblichos~ (gest. 330?) bezeichnet in dem, wenn nicht von ihm, so doch von seiner Schule herrührenden „Buche der Mysterien“ die Planeten als „sichtbare Götter“ (θεοὶ φανεροί, ὁρατοί)[2316] und läßt sie auf das Weltall, das „nur ein großes Tier (= Lebewesen) ist“ (ἕν ζῶον ἐστί τὸ πᾶν), vermöge der Sympathie, nach ihren Qualitäten, Farben und Strahlen Wirkungen ausüben[2317]. Ähnlich urteilen auch die gleichzeitigen Papyri, z. B. der Papyrus ~Mimaut~ (3. Jahrhundert)[2318], ferner die bei ~Proklos~ angeführten Autoren[2319], sowie die späteren Gnostiker und Hermetiker, deren Ansichten schließlich in den sog. „Kyraniden“ eine letzte Ausgestaltung in der Richtung unsinnigsten Aberglaubens erfahren[2320].

Die Ansicht ~Berthelots~, die älteste Anspielung (oder doch eine der ältesten) auf die Zusammengehörigkeit der 7 Planeten mit den Metallen u. dgl. enthalte die zur ptolemaeischen Frühzeit abgefaßte ägyptische Erzählung von dem in 7 Kisten eingeschlossenen Zauberbuche des Gottes ~Thot~[2321], ist gänzlich irrtümlich; erstens stammt nämlich diese Erzählung aus dem 14. +vor+christlichen Jahrhundert[2322] und zweitens spricht sie anscheinend nur von sechs Kisten, die aus Eisen, Bronze, Palm- (oder Zimt-) Holz, Ebenholz und Elfenbein (schwarz-weiß), Silber, und Gold bestehen[2323]; auch eine Liste der Malerfarben Schwarz (kême), Dunkelblau, Rot, Hellblau, Grün, Gelb, Weiß hat nichts mit den 7 Planeten zu tun, gibt vielmehr, abgesehen vom Schwarz, diese Farben in der nämlichen Reihenfolge wieder, die für Aufzählung der kostbaren Mineralien und Steine (Lasur, Rubin, Türkis?, Smaragd, Topas, Bergkristall) die althergebrachte war[2324]. Daß Inschriften aus dem alten oder mittleren Reiche den Gott ~Ptah~ „Gießer des goldenen Sonnenkäfers“ nennen und die „Sonne mit den goldgelben Strahlen“, die „Sonne, die da goldene Strahlen hat“ preisen[2325], bezeugt nichts weiter, als daß auch die Ägypter, wie die verschiedensten Völker zum Teil ganz fernliegender Kulturkreise, schon frühzeitig den naheliegenden Vergleich zwischen Sonne und Gold, Mond und Silber zogen. Unbegründet ist endlich auch die Vermutung ~Berthelots~[2326], Listen von bloß fünf Metallen und Planeten (ohne Sonne und Mond), wie sie u. a. das Pariser Manuskript 2327 bietet, deuteten auf spezifisch ägyptischen Ursprung hin, -- denn eine Sonderstellung von Sonne und Mond ist nicht nur u. a. zur Zeit der Verschmelzung chaldäischer und persischer Religions-Vorstellungen nachweisbar, sondern auch bei späteren hellenistischen Autoren, z. B. bei ~Ptolemaios~.

Über Entstehung und Ausbildung der Lehre von der Verbindung zwischen +Planeten+, +Farben+ und +Metallen+ bei den Chaldäern selbst[2327] liegen bisher nur äußerst dürftige unmittelbare Nachrichten vor, so daß wir hauptsächlich auf spätere Überlieferungen angewiesen sind, die zum Teil aus weder zuverlässigen, noch lauteren Quellen stammen, in vielen Einzelheiten stark auseinander gehen und Rückschlüsse nur mit aller Vorsicht zu ziehen gestatten.

Fraglos ist es, daß die Babylonier, vor allem die Chaldäer und die von ihnen beeinflußten jüngeren Perser, Götzenbilder aus Holz, Stein und Metall besaßen, u. a. aus Gold, Silber, Kupfer, Bronze (Erz) und Eisen; daß diese schon bei den alten Babyloniern solche der Planetengötter waren[2328], ist natürlich ausgeschlossen, und die oft angeführten Berichte des späten und stark iranisch beeinflußten Buches ~Daniel~ (verfaßt von 170 v. Chr. an)[2329] und des noch weit späteren Buches ~Baruch~ (verfaßt zwischen 100 und 250 n. Chr.)[2330] lassen Folgerungen hinsichtlich der fernen Vergangenheit nicht zu. Eine annähernde Vorstellung betreff der neueren Periode mag die von dem byzantinischen Chronisten ~Kedrenos~ (um 1050) wiedergegebene Erzählung gewähren, der gemäß Kaiser ~Heraklius~ (603-641) im Tempel der armenischen Stadt Gazakos, die er während des persischen Feldzuges eroberte, prächtige, vom Könige ~Chosroës~ von Persien (532-579) gestiftete Götzenbilder vorfand, „in der Kuppel wie im Himmel sitzend, umgeben von Sonne, Mond und Sternen, denen ~Chosroës~ als Göttern diente“[2331]. Ob durch Schriftsteller des 11. und 12. Jahrhunderts bewahrte Überlieferungen zutreffen, nach denen die chaldäischen Priester Fingerringe aus den verschiedenen Metallen trugen[2332], bleibe dahingestellt, denn vielleicht handelt es sich hierbei nur um Erneuerung einer Nachricht, die das gegen 215 von ~Philostratos~ verfaßte Leben des vielberufenen ~Apollonius~ von ~Tyana~ enthält; dieser Wundermann, „neben ~Moses~ und ~Hermes Trismegistos~ der einzige wahrhaft göttliche“[2333], soll nämlich gelegentlich seiner in Indien betriebenen Studien der „über die menschliche Natur hinausgehenden Kunst Astrologie“ vom Brahmanen ~Jarchas~ 7 Ringe erhalten haben, die die Namen der 7 Planeten trugen (und aus deren Metallen bestanden?), und die er an den entsprechenden Wochentagen abwechselnd ansteckte[2334].

Über die +Farben+, die die Chaldäer den einzelnen Planeten zuschrieben und daraufhin in Gestalt von Platten aus den „zugehörigen“ Metallen oder aus entsprechend glasierten Steinen auch bei ihren Tempelbauten in Anwendung gebracht zu haben scheinen, herrscht (wie schon weiter oben angeführt) keine ausreichende Gewißheit, und die verschiedenen vorliegenden Angaben lassen sich ohne willkürliche Abänderungen nicht in Übereinstimmung bringen[2335]. Im Abendlande dürfte, -- da so naheliegende Zusammenstellungen wie z. B. die von Gold und Sonne bei ~Pindar~ (5. Jahrhundert v. Chr.) nicht wohl in Betracht kommen können --, die erste einschlägige Anspielung, wie schon gegen 1800 der hochgelehrte ~Beckmann~ erkannte[2336], in ~Platons~ Dialoge „Kritias“ zu finden sein, woselbst (sichtlich nach persischen Vorbildern, die dem Verfasser vor Augen schwebten) über die Hauptstadt der Insel Atlantis berichtet wird, ihre äußere Mauer sei mit Kupfer belegt, ihre innere mit Zinn und die Schloßmauer mit Gold. Im Orient bleiben ähnliche Vorstellungen anscheinend viel länger lebendig, doch liegen sie meist nur in späten Überlieferungen vor, aus denen sich bestimmte Schlüsse nicht ableiten lassen. So z. B. erwähnt der arabische Kosmographe ~Aldimeschqi~ (1256-1327), der meist aus sehr alten und guten Quellen schöpfte, die Stadt Jerusalem und ebenso die Peterskirche zu Rom seien von 7 Mauern aus Feuer (= feuerfarbigem Metall oder Stein?), Gold, Marmor, ...gestein, Silber, Eisen und Kupfer umgeben gewesen[2337]; der 7 „jenen Ekbatanas gleichenden“ Mauern der Stadt Ganzakh tut der armenische Historiker ~Moses~ von ~Chorene~ (5. Jahrhundert) Erwähnung, derer des Palastes des sassanidischen Königs ~Vahraran~ V. (= ~Bahram Gur~) der persische Dichter ~Nizami~ (gest. 1198)[2338]; ferner schildert sein Landsmann ~Dschami~ (1414-1492) in „~Jussuf~ und ~Suleikha~“ den Bau eines Schlosses, das, gleich jenen der Könige ~Chosrau~ (= ~Chosroës~), ~Kei Kawus~ und ~Bahram Gur~, aus „7 voneinander umgebenen“ Palästen bestand, für die 7 Tage der Woche bestimmt, in 7 Farben prangend und unter dem Einflusse der 7 Planeten stehend, -- wobei jedoch nur vom siebenten bemerkt wird, daß er in Gold erstrahlte[2339]. Auch in den Erzählungen „Tausendundeine Nacht“, die zum Teil bis in das 8. Jahrhundert zurückgehen, ist die Rede von 7 solchen Palästen aus Kristall, Marmor, chinesischem Stahl, Edelstein, Porzellan, Silber und Gold[2340], und von der Kuppel des Pharus zu Alexandria melden die „Arabischen Wundergeschichten“, vermutlich einer hellenistischen Tradition folgend, daß sie an jedem der 7 Wochentage in einer anderen, jedenfalls dem betreffenden Planeten entsprechenden Farbe erglänzte[2341].

Welches diese Farben waren, bleibt zweifelhaft, denn schon die Angaben bei ~Ptolemaios~ und seinen Kommentatoren schwanken, und in noch höherem Grade gilt dies von jenen der späteren Schriftsteller und Enzyklopädisten, die oft auch nur die zugehörigen, nicht immer bestimmt zu deutenden Mineralien betreffen. In der nachstehenden Tabelle gibt Reihe 1 die (nicht immer sicher zu benennenden) Farben nach ~Ptolemaios~ (um 150) an[2342], 2 nach ~Vettius Valens~ (2. Jahrhundert) und einigen Zeitgenossen[2343], 3 nach ~Firmicus~ (um 335), 4 nach ~Pseudo-Kallisthenes~ (4. bis 5. Jahrhundert)[2344], 5 nach der arabischen Enzyklopädie der „Treuen (richtiger: lauteren) Brüder“ (10. Jahrhundert)[2345], 6 nach einer in ~Ruskas~ Ausgabe des „Steinbuches des ~Aristoteles~“ erwähnten Quelle[2346], 7 nach dem persischen Dichter ~Nizami~ (12. Jahrhundert)[2347], 8 nach der arabischen Enzyklopädie des ~Aldimeschqi~ (1256-1337)[2348]:

Saturn Jupiter Mars Sonne Venus Merkur Mond φαίνων φαέθων πυρόεις ἥλιος φωσφόρος στίλβων σελήνη ---------------------------------------------------------------------- 1. aschgrau weiß rot golden gelb verschieden silbern (blond) (bunt)

2. schwarz weiß rot (gold)- bunt gelb grünlich glänzend

3. schwarz -- rot golden -- -- weiß

4. Ophit Aerit Hämatit Berg- Sapphir Smaragd Diamant (schwarz) (grün) (rot) kristall (blau) (grün)

5. schwarz grün rot golden blau bunt silbern

6. Sabh Berg- Hämatit Berg- -- Magnet- Onyx (schwarz?) kristall kristall? stein

7. schwarz sandarach rot golden weiß azur grün (gelbrot)

8. schwarz sandarach rot golden blau braun? grün

Wiederum abweichende Farben führt, nach ~Salmasius~[2349], ~Porphyrius~ (3. Jahrhundert) an und vergleicht sie mit denen der bunten Gewänder (vermutlich der 7 bunten Gewänder der ~Isis~ bei den Naassenern)[2350], während +einige+ Autoren auf Beziehungen zu gewissen „irdischen Sternen“, d. i. Blumen, verweisen (die aber nicht stets die +heute+ so benannten sind)[2351], z. B. des ~Saturn~ zur Hyazinthe (dunkel), des ~Jupiter~ zur Lilie (weiß), des ~Mars~ zur Viole (rot), der Sonne zur Rose (rot; gelb), der ~Venus~ zur Anagallis (gelbrot; rot; blau), des ~Merkur~ zum Krapp (gelbrot), des Mondes zur Narzisse (grünlich), +andere+ Schriftsteller aber auf solche zu gewissen Tieren, z. B. des ~Saturn~ zum Esel (aschgrau)[2352], des ~Jupiter~ zum Adler (weiß, gelblich)[2353], des ~Mars~ zum Wolf (rot), der Sonne zum Löwen (gelb), der ~Venus~ zur Taube (weiß), des ~Merkur~ zur Schlange (bunt), des Mondes zum Rind (weiß); hierbei mögen indes noch andere, rein mythologische Zusammenhänge obwalten, wenngleich auch bei ~Kelsos~ (um 150) die 7 bösen „archontischen“ Engel in Gestalt von Esel, Adler, Hund, Löwe, Bär, Drache (= Schlange) und Stier erscheinen[2354].

Grundlage aller dieser Zusammenstellungen ist eine, jedenfalls schon den Chaldäern geläufige Anschauung, auf die bereits ~Philo~, ~Plinius~[2355] und ~Artemidoros~ (135-200)[2356] hindeuten, und die ~Firmicus~, aus hellenistischen Astrologen schöpfend, mit den Worten wiedergibt[2357], Sonne, Mond und Sterne seien Maler, die die ihnen eigenen Farben auch auf jene Dinge und Wesen übertragen, die sie beeinflussen, so daß z. B. ~Saturn~ die dunkelfarbigen und schwarzen Menschen hervorbringe, ~Mars~ die rötlichen, der Mond die hellfarbigen und weißen usf., -- indem die vier Elemente, aus denen Mikro- und Makrokosmos in gleicher Weise bestehen, entsprechende Veränderungen oder Mischungen erfahren[2358]. In völlig gleichem Sinne äußern sich die späteren Überlieferungen: nach des ~Proklos~ Kommentar zu ~Platons~ „Timaeus“ (5. Jahrhundert) lassen die Strahlen der Sonne in der Erde das Gold entstehen, die des Mondes das Silber, die des ~Mars~ das Eisen, die des ~Saturn~ das Blei[2359]; gemäß der arabischen Enzyklopädie der „Lauteren Brüder“ (10. Jahrhundert) erzeugt jeder Planet, seiner Farbe entsprechend und je nach den näheren Verhältnissen seiner Stellung und Bewegung, gewisse gleichfarbige Pflanzen, Mineralien, Metalle usf.[2360]; die Quellen, die dem „Steinbuche des ~Aristoteles~“ zugrunde liegen, teilen „laut ~Aristoteles~ und ~Ptolemaios~“ jedem Planeten „+seinen+ Stein, in +sein+ Metall gefaßt“, zu, bei der richtigen Konstellation mit den richtigen Inschriften und Bildern graviert[2361]; eine unter dem Namen „Causa causarum“ bekannte syrische Enzyklopädie des 11. oder 12. Jahrhunderts meldet, daß sich „den Alten gemäß“ die Natur der Planeten in ihren Strahlen zeige, denen ganz bestimmte Einflüsse zukämen, mit Ausnahme derer des ~Merkur~, weil dieser bereits selbst „gemischter“ (= androgyner) Art sei und sich daher den wechselnden Wirkungen der benachbarten Wandelsterne anpasse[2362]. Sie berichtet ferner[2363], -- und zwar in Übereinstimmung mit anderen Kompilatoren desselben Zeitalters, z. B. ~Maimonides~ (1135 bis 1204) und ~Schahrastani~ (gest. 1153)[2364] --, daß man aus bestimmten, den Planeten entsprechenden Materialien von der richtigen Farbe, z. B. aus Gold, Silber oder Erz (Bronze), auch deren Idole, ferner Bilder und Statuen der Sterngötter, sowie noch andere „Teufelswerke“ anfertige, deren Verehrung und Anbetung schwere Sünde und auch insoferne ganz fruchtlos sei, als die Planeten überhaupt nicht „bewirken“, sondern nur „ankündigen“.

Betreff der 7 +Metalle selbst+, sowie ihrer +Zugehörigkeit zu den einzelnen Planeten+ bleiben mannigfache Zweifel bestehen[2365]. Eine der ältesten Aufzählungen scheint die bei ~Pausanias~ zu sein[2366], der gegen 200 n. Chr. eine „Beschreibung von Hellas“ verfaßte, die fast nur aus den Schriften weitaus (oft bis um mehrere Jahrhunderte) früherer Vorgänger zusammengestellt ist, jedoch den Anschein erregen soll, als lägen ihr eigene Reisen und Wahrnehmungen zugrunde; bei der Schilderung der Quelle des Styx in Arkadien und ihres unglaublich kalten und scharfen Wassers erwähnt nun ~Pausanias~, daß dieses u. a. auch alle Metalle auflöse, und nennt als solche Blei, Kupfer, Elektron, Zinn, Eisen, Silber und Gold[2367]. Für das Alter dieses Verzeichnisses spricht namentlich die Erwähnung des Elektrons, das kein einfaches Metall, sondern eine Silber-Gold-Legierung ist und als solche seit langen Jahrhunderten bekannt war, so daß die Einfügung unter die übrigen auf eine Zeit zurückweist, in der sein natürliches Vorkommen noch unvergessen, vielleicht aber auch seine Verwendung (etwa zu kultischen Zwecken?) noch nicht abgekommen war. Der Astrologe ~Vettius Valens~ (2. Jahrhundert) reiht den Planeten ebenfalls Blei, Kupfer, Elektron, Zinn, Eisen, Silber und Gold zu[2368]. Aus diesen nämlichen 7 Metallen (nebst Edelsteinen und Perlen) ließ ~Constantin der Grosse~ den herrlichen Prunktisch in der Sophienkirche anfertigen[2369], aus ihnen bestehen nach einer in der syrischen Übersetzung des ~Zosimos~ erhaltenen Tradition die Tore im „Tempel der 7 Planeten“, die als Tore der 7 Himmel aufzufassen sind[2370], und ebenso führen sie ein alexandrinischer Scholiast zu ~Pindar~, ferner ~Olympiodoros~, sowie auch die Quellen des Buches „Causa causarum“ auf (s. unten).

Was die Zuordnung zu den +einzelnen+ Planeten anbelangt, so gibt Reihe 1 der nachstehenden Tafel sie nach ~Kelsos~ (um 150 n. Chr.) an, dessen christenfeindliche Schrift „Das wahre Wort“ nur durch die ausführliche Widerlegung des ~Origenes~ bekannt, aus dieser aber ziemlich vollständig wieder herstellbar ist[2371]; Reihe 2 nach dem Astrologen ~Vettius Valens~ (2. Jahrhundert)[2372]; Reihe 3 nach einem bei ~Eustathios~ zitierten alexandrinischen Scholiasten zu ~Pindars~ „Isthmischen Siegesgesängen“ (V, 2)[2373]; Reihe 4 nach ~Olympiodoros~, der dabei des ~Proklos~ Kommentar zur „Meteorologie“ (Buch III) des ~Aristoteles~ folgt[2374]; Reihe 5 nach ~Stephanos~ von ~Alexandria~ (7. Jahrhundert)[2375]; Reihe 6 nach dem „Steinbuche des ~Aristoteles~“[2376]; Reihe 7 nach dem syrischen Buche „Causa causarum“[2377]; Reihe 8 nach einer arabischen Aufstellung gegen 900, die Sekte der Ssabier betreffend (s. über diese weiter unten)[2378]; Reihe 9 nach einer späteren, vermutlich arabischen Überlieferung[2379]:

Saturn Jupiter Mars Sonne Venus Merkur Mond φαίνων φαέθων πυρόεις ἥλιος φωσφόρος στίλβων σελήνη -----------------------------------------------------------------------

1. Blei Bronze Mischmetall Gold Zinn Eisen Silber (Kupfer?) (κρᾶμα)

2. Blei inn Eisen Gold Kupfer Elektron Silber [Queck- silber]

3. Blei Elektron Eisen Gold Kupfer Zinn Silber

4. Blei Elektron Eisen Gold Kupfer Zinn Silber

5. Blei Zinn Eisen Gold Kupfer Queck- Silber silber

6. Blei Messing Eisen Gold -- Elektron Silber (Bronze?)

7. Blei Zinn Eisen Gold Kupfer Elektron Silber [Queck- silber]

8. Blei Zinn Eisen Gold Kupfer -- Silber

9. Blei Zinn Eisen Gold Kupfer Queck- Silber silber

Will man davon absehen, allerlei zwar sehr mögliche, aber nicht mit Bestimmtheit nachweisbare „Irrtümer“ und „Verwechslungen“ vorauszusetzen und durch deren Verbesserung die erwünschte Übereinstimmung herzustellen, so muß man zugestehen, wie dies schon im 17. Jahrhundert ~Borrichius~ tat[2380], daß wohl von Anfang an „keine Einigkeit bei der Verteilung herrschte“. Als „Führer“ dienten jedenfalls die uralten Vergleiche Sonne = Gold, Mond = Silber[2381], denen dann an Allgemeinheit ~Kronos~ = Blei und ~Ares~ = Eisen am nächsten kommen. Die übrigen Zuweisungen schwanken schon bei den angeführten und noch mehr bei einzelnen anderen Angaben[2382] ganz erheblich: für ~Aphrodite~ stehen Zinn und Kupfer (Bronze?) in Frage, für ~Zeus~ neben Kupfer (Bronze?) Zinn, Elektron und Messing (?) auch noch Silber, Erz, Gold und „Mischmetall“, für ~Hermes~ neben Eisen, Elektron, Zinn und Quecksilber auch Kupfer, für ~Ares~ neben Mischmetall auch Kupfer, für den Mond neben Silber auch Krystall oder Glas, -- das ursprünglich (als Rohglas) stets grün war und daher auch mit der grünen Farbe vereinbar ist, die dem Monde zuweilen zugeschrieben wurde (s. oben). Im einzelnen stimmen indessen auch die Farben der Planeten mit denen ihrer Metalle oder Mineralien keineswegs streng überein: kann man allenfalls noch Mond = Stimmi (Schwefelantimon, Grauspießglanzerz) angesichts des schön weißen Glanzes dieses Erzes zulässig finden, so sind doch Gleichsetzungen wie Sonne = Sapphir, ~Jupiter~ = Beryll, ~Saturn~ = Klaudianos (eine in der Regel als goldähnlich beschriebene Legierung)[2383] nicht ohne weiteres begreiflich und ebensowenig die von dem arabischen Astrologen ~Abu Maʿschar~ (9. Jahrhundert) überlieferte ~Merkur~ = Smaragd[2384].

Das „Mischmetall“ (κρᾶμα), das ~Kelsos~ dem ~Ares~ zuschreibt, ist nicht, wie das verschiedentlich geschah, als Elektron zu deuten, vielmehr handelt es sich bei ihm wirklich um eine der aus Gemengen aller sieben oder doch möglichst vieler Metalle zusammengeschmolzenen Legierungen, wie sie besonders bei den Persern dauernd in Gebrauch und Ansehen blieben (s. unten); der Bericht des ~Kelsos~ knüpft aber an den Mithrasdienst an[2385], schöpft also aus persischen Überlieferungen, und sein ~Ares~ ist vermutlich nur der Stellvertreter des persischen Kriegsgottes (?) ~Schahréwar~, der im jüngeren Avesta „Herr der 7 Metalle“ heißt[2386], der nämlichen, die nach einer spätpersischen Legende aus den Gliedern des sterbenden Urmenschen ~Gayomard~ entstehen[2387] und bei der iranisch beeinflußten Sekte der Mandäer (im Tigrisdelta) die 7 Schichten oder (flachen) „Ambosse“ des Erdkörpers bilden[2388].

Das Eisen wurde nach ~Kelsos~ dem ~Hermes~ zugeeignet, weil beide ausdauernd, beharrend und jeder Mühsal gewachsen sind, das Elektron aber nach dem Buche „Causa causarum“, weil es sich, ganz wie der (androgyne) ~Hermes~ den anderen Sternen, so den anderen Metallen anpaßt, sich mit ihnen verbindet und dabei seine und ihre Natur verändert[2389]. ~Abu Maʿschar~ (9. Jahrhundert) will wissen, daß erst die Perser dem ~Hermes~ das Zinn beigaben, das Elektron (διάργυρον) aber dem ~Zeus~[2390]; indessen sind derlei Angaben wenig zuverlässig, wie denn z. B. der syrische Lexikograph ~Bar Bahlul~ (um 950), der meist sehr gute Quellen benützte, bestimmt behauptet, die Verbindung des ~Zeus~ mit dem Zinn stamme schon aus der Zeit des „alten babylonischen Heidentumes“[2391]! In Wirklichkeit dürfte aber die Übertragung des Zinns von ~Hermes~ auf ~Zeus~ mit der Zuteilung des Quecksilbers an ~Hermes~ zusammenhängen, betreff derer hier vorerst nur erwähnt sei, daß sie in weit neuerer Zeit erfolgte[2392], -- nämlich etwa im 4. Jahrhundert, nach Entdeckung der Destillation des Quecksilbers.

In der Regel ist indessen Eisen das Metall des ~Ares~, und die Anspielungen hierauf sind zahlreich und alt; schon ~Didymos~, der zu Beginn unserer Zeitrechnung die Ilias kommentierte, nennt ~Ares~ den Stern des Eisens[2393]. Nach neupythagoräischen Anschauungen[2394] steht das dunkle, krieg- und verderbenkündende Eisen auch dem Reiche der Unterwelt nahe, während Gold, Silber und Erz der Höhe, Mitte und Tiefe des Weltalls beizuordnen sind, das Kupfer aber Beziehungen zum „göttlichen Pneuma“ haben soll (weshalb es manche auch dem ~Hermes~ zuteilen). Bei ~Artemidoros~[2395] bedeutet ein Traum vom ~Mars~, daß dem Träumenden eine chirurgische Operation mittels eiserner Instrumente bevorstehe.

Das Blei gilt als Metall des Planeten ~Kronos~ (~Saturn~), und weil dieser nach dem Gotte ~Kronos~ genannt ist, schreibt man auch ihm eine bleiche, kalte, greisenhafte, langsame, mißgünstige, geizige, schädliche und namentlich auch feuchte Natur zu, denn wie schon den Orphikern und daher dem ~Platon~ (im Dialoge „Kratylos“), so ist vor allem den Stoïkern ~Kronos~ der „Herr der ῥεύματα“, d. h. des Nassen und Feuchten[2396]. Wie aber ~Kronos-Chronos~ schon als ταρταροῦχος = Herr der Unterwelt und des Totenreiches, sowie als κακοδαίμων (Kakodaemon)[2397] Unglück und Verderben bringt, so tut dies auch sein Planet, und eben deshalb auch das „saturnische Metall“, das Blei[2398]. Daher fertigt man aus diesem die sog. „Fluchtafeln“ an, die man, beschrieben mit dem Namen des zu Schädigenden, mit dem Übel, das man ihm zufügen will, sowie mit den Namen und Zeichen der Planetengötter oder Dämonen, die den Fluch vollstrecken sollen, in der Erde vergräbt, -- worauf dann die Folge nicht ausbleiben kann[2399], da das dunkle Blei die bösen Geister ebenso heranzieht, wie z. B. das leuchtende Silber oder die glänzende Bronze sie vertreiben[2400]; auf Grund ähnlicher Anschauungen wird auch Saturn mit Nemesis in Verbindung gebracht, während dem ~Jupiter~ Níke (Sieg) zukommt, dem ~Mars~ Tólma (Mut), der Sonne Daímon, der ~Venus Eros~, dem ~Merkur~ Anánke (Notwendigkeit) und dem Monde Týche (Zufall)[2401]. Endlich dient das Blei auch mit zur Bestrafung der sündigen Seelen im Tartaros, wobei sich die Vorstellung von seiner so besonders „kalten“ Natur in höchst bezeichnender Weise geltend macht; während nämlich sonst dem ~Saturn~ als Emblem z. B. eine bleierne Vase zugeschrieben wird, aus der sich ein Strom kalten Wassers ergießt[2402], -- so noch zu Anfang des 5. Jahrhunderts in ~Marcianus Capellas~ Schrift „Hochzeit des ~Merkur~ mit der Philologie“[2403], die ~Diels~ treffend einen „philologischen Karneval“ nennt --, meldet ~Plutarch~ (2. Jahrhundert)[2404], daß sich im Hades drei Seen von +geschmolzenem+ Gold, Eisen und Blei befänden, der letztere von solcher +eisiger Kälte+, daß er die hineingetauchten Frevler gleich Hagelkörnern erstarren macht!

In altem, wenn auch nicht (nach ~Jeremias~)[2405] bis in die babylonische Frühzeit zurückreichendem Zusammenhange mit den Metallen der Planeten scheint deren Verbindung mit den +Weltaltern+ zu stehen. Die Lehre von 7 aufeinander folgenden, von ~Saturn~ anfangend durch je einen der Planeten beherrschten und durch deren Metalle charakterisierten Zeitaltern[2406] dürfte einer Verquickung chaldäischer und iranischer Ideen entsprungen sein. Nach einer persischen, noch in einem der apokryphen „~Henoch~“-Bücher (s. unten) erhaltenen Überlieferung werden die aus sechs verschiedenen Metallen bestehenden „Berge der Erde“ zuletzt vor der Macht und Herrlichkeit des „Auserwählten“ dahinschmelzen, d. h. die sechs ersten Weltreiche dem siebenten eines Messias Platz machen[2407], und bei dem durch einen feurigen Kometen herbeigeführten Weltenende sollen die „Metalle der Erde“ in der Glut zerfließen und durch ihre Ströme die Sünder verzehren, „den Frommen aber nicht anders, denn laue Milch erscheinen“[2408]. Derlei Gedanken sind seit den letzten Jahrhunderten des Altertums weit verbreitet: die Mandäer zählen 7 planetarische Weltperioden; die „Sibyllinischen Schriften“ sprechen von den nach den Metallen benannten Weltreichen, die von 7 Sonnen in den entsprechenden Farben erleuchtet werden; 7 „Regenten“ kennt die „Apokalypse ~Johannis~“; in einer spätpersischen Apokryphe des 5. oder 6. Jahrhunderts dient als Symbol der Weltentwicklung ein Baum mit 7 Zweigen aus Gold, Silber, Kupfer, Erz (nach Anderen Eisen), Blei (nach Anderen Stahl), Zinn und Mischmetall[2409]; endlich erwähnt auch der ~Virgil~-Kommentar des ~Servius~ (5. Jahrhundert) sechs nach ihren Metallen bezeichnete Zeitalter, die er die Cumäische Sibylle verkünden läßt[2410]. Ist „Sibylle“ wirklich vom babylonischen Worte Sibiltu (Subultu) abzuleiten, das ursprünglich „Ähre“ geheißen haben soll und späterhin auch das Sternbild der „Jungfrau“ bedeutete, welche hochwichtige babylonische Göttin mit einer Ähre in der Hand abgebildet wurde[2411], so hätte dieser Name eine deutliche Spur der orientalischen Herkunft des ganzen Anschauungskreises bewahrt.

Da der Mikrokosmos keinen anderen Gesetzen als der Makrokosmos unterliegen kann, ergaben sich in Parallele mit den 7 Zeitaltern die von den Planeten beherrschten 7 menschlichen Lebensstufen[2412]. Reichen auch die Hauptlehren über den Einfluß der Planeten auf „alles Menschliche“, auf Alter und Lebensjahre, auf Leib und Seele, ja auf alle einzelnen Körperteile und Glieder, bis auf ~Petosiris~ und ~Nechepso~ zurück[2413], so sind doch einzelne Ausgestaltungen erst späthellenistisch, so z. B. die auf Triebe und Vermögen, die auf Empfindungen und Geschmäcke[2414], vor allem aber die auf die sog. Stufenjahre bezüglichen[2415]; das Wichtigste unter diesen war das 63. Lebensjahr, das für ganz besonders bedeutsam und bedenklich galt, da die schon an sich sehr „ominösen“ Zahlen 7 und 9 offenbar ein in noch weit höherem Grade verdächtiges Produkt liefern mußten.

d) Apokryphen und Pseudepigraphen.

Von der in den vorstehenden Abschnitten erörterten Geistesrichtung erfüllt erweisen sich auch zahlreiche der Apokryphen und Pseudepigraphen des alten und neuen Testamentes, sowie einige ihnen dem Herkommen nach nicht beigezählte, jedoch inhaltlich nahestehende Schriften; nur auf einige der wichtigsten soll an dieser Stelle hingewiesen werden.

Das „Buch ~Henoch~“, das zum Teil in griechischer und altslavischer Sprache, am vollständigsten und ausführlichsten jedoch in äthiopischer vorliegt[2416] und zuerst wohl während der Zeit zwischen 167-64 v. Chr. verfaßt, in das Äthiopische aber erst im 5. Jahrhundert n. Chr. übersetzt wurde, beschäftigt sich mit dem „Propheten“ ~Henoch~, einem der (nach ursprünglich +nicht+-israelitischer Tradition) vorsündflutlichen Patriarchen, der als Erfinder von Sternkunde und Geheimwissenschaft, Schrift und Rechenkunst gilt, ferner als Kenner und Beherrscher aller Verborgenheiten der irdischen und himmlischen Welt, sowie als Weiser und Verkünder aus grauer Urzeit[2417]. In diesen Eigenschaften feiern ihn auch das aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. stammende „Buch der Jubiläen“[2418], sowie das zuerst gegen 50 v. Chr. niedergeschriebene, dann aber um 90 n. Chr. stark umgearbeitete sog. „4. Buch ~Esra~“[2419]. Der Titel „Schreiber des Wissens des Höchsten“, den er in letzterem führt, erinnert an den in den Visionen ~Ezechiels~ vorkommenden „Schreiberengel in der Mitte der sechs übrigen“, der kein anderer ist, als der babylonische ~Nabu~, der als Gott des Wissens und der Schreibkunst „das Schreibrohr hält“ und tatsächlich in der Aufzählung der Götter „~Samas~, ~Sin~, ~Nergal~, ~Nabu~, ~Marduk~, ~Istar~, ~Ninib~“ die Mittelstellung einnimmt[2420]. Da indessen das Buch ~Ezechiel~ zwar aus dem 6. vorchristlichen Jahrhundert herrührt, jedoch zahlreiche, zum Teil bis in späte Zeiten herabreichende Abänderungen und Einschiebungen aufweist, so können Vergleiche überhaupt nur unter allem Vorbehalt gezogen werden, besonders aber solche, die auch die äthiopische Übersetzung des ~Henoch~ betreffen sollen, da diese erst gegen 500 angefertigt und nur in Handschriften des ausgehenden 15. Jahrhunderts erhalten ist.

Eingehende Kenntnis der chaldäischen und persischen Anschauungen über Sternkunde verrät jedenfalls der ganze „astronomische Abschnitt“ des äthiopischen ~Henoch~[2421], die Erwähnung der 7 Planeten und ihrer „Führer“[2422], die Vergleichung der 7 Planeten mit großen brennenden Bergen (in babylonischem Sinne = bösen Geistern)[2423] sowie die Vision von den „im Himmel verborgenen“ Bergen aus sechs Metallen, „die schmelzen und vor dem Gerechten gleich Wachs sein werden“. Als Namen der Metalle führt eine Stelle an: Eisen, Kupfer, Silber, Gold, weiches Metall, Blei[2424], eine zweite: Eisen, Kupfer, Silber, Gold, Zinn, Blei[2425], und eine dritte: Gold, Silber, Zinn, Eisen, weiches Metall[2426]; die letztere zeigt, daß unter dem „weichen Metall“ nicht Zinn verstanden sein kann, da sie beide nebeneinander aufzählt, doch gibt auch die Übersetzung „Tropfmetall“[2427] keinen genügenden Aufschluß, um so mehr, als die Deutung auf das schon an sich flüssige Quecksilber keine Wahrscheinlichkeit bietet. Angesichts der über allen Einzelheiten schwebenden chronologischen Unsicherheit kann man die ganze Stelle nicht, wie das wohl geschehen ist, als die älteste auffassen, die Weltalter und Planeten-Metalle in Zusammenhang bringt.

Nach der zwischen 100 und 50 v. Chr. verfaßten „Weisheit ~Salomonis~“[2428] besaß König ~Salomon~ Einsicht in „das System der Welt und die Kraft der Elemente“, von denen Feuer und Wasser, Luft und Wind, neben Himmel und Sternen Vielen als Götter gelten[2429]. Das System der Welt aber schuf Gott aus dem gestaltlosen (Ur-)Stoffe, alles ordnend nach Maß, Zahl und Gewicht[2430], denn durch die verschiedenartige Vereinigung der Elemente (στοιχεῖα, Stoicheía) brachte er das Mannigfaltigste ganz ebenso hervor, wie die Musen aus den wenigen Klängen des Saitenspieles die Gesamtheit der wechselvollsten Melodien zusammenfügen[2431]. -- Im nämlichen Sinne berichten auch die christlichen Abschnitte der „Sibyllinen“ (um 150 n. Chr.), daß bei der Schöpfung alle Elemente, dem Befehle Gottes folgend, ebenso sich sammelten und vereinigten, wie sie am Ende der Tage sich wieder verlieren und die Welt öde zurücklassen werden[2432]; im „Hirten des ~Hermas~“ heißt es desgleichen, die Welt sei zusammengefügt aus den vier Elementen und stehe auf ihnen fest, wie eine Bank auf ihren vier Beinen[2433].

In den sog. „Oden ~Salomons~“, die aus jüdisch-mystischen Kreisen etwa zwischen 50 und 67 n. Chr. hervorgingen und um 100 n. Chr. eine Umarbeitung in christlichem Sinne (aber noch ohne gnostische Einflüsse) erfuhren[2434], wird die Welt geschildert als bestehend aus oberen und unteren Orten, Höhen und Niederungen, in deren Mitte sich die Dinge befinden[2435]; im tiefsten Grunde liegt das finstere Chaos, in dieses sinken die schwerlastenden Materien (Hýlai) wie Blei hinab[2436], sammeln sich dort an, werden zwecks Erneuerung aufgelöst und durch das „Wasser des Herrn“ wiederbelebt und schweben dann geläutert zum Licht, d. h. nach oben, so daß auch τὰ κάτω (die unteren Dinge) τὰ ἄνω (zu oberen) werden und schließlich „alles oben ist“, d. h. bei Gott oder im Herrn[2437]. So wird also die ganze Welt zur Vernichtung geführt, um sie aufzulösen, zu erneuern und das Tote aufzuwecken durch das „lebendige, unsterbliche Wasser des Herrn“[2438]; auch die Seelen steigen hierbei aus der Finsternis der Hölle und dem Rachen des Todes empor zu Licht und Leben, aus dem Rauche des Abgrundes „durch den Tau des Herrn“ zur Wolke des Friedens[2439].

Das schon weiter oben erwähnte Werk des ~Kelsos~, „Das wahre Wort“ (um 150), bezeichnet als den ehrwürdigsten und machtvollsten Teil des Himmels Sonne, Mond, Wandel- und Fixsterne, deren göttliche Natur sie zu himmlischen Boten, zu sichtlichen Herolden der oberen Dinge geeignet erweist[2440]; die 7 Planeten schweben in den 7 Himmeln, geleitet und beherrscht von guten und bösen Engeln, welche letzteren die Gestalten von Löwe, Stier, Drache, Adler, Bär, Hund und Esel besitzen[2441]. -- In ähnlicher Weise sprechen von den 7 Himmeln die Erzählungen „Testamente der 12 Patriarchen“ und „Leben ~Adams~ und ~Evas~“ (1. bis 2. Jahrhundert)[2442], das „Martyrium ~Jesaias~“ (2. Jahrhundert)[2443] und die „Apokalypse des ~Baruch~“ (griechisch und syrisch, 2. Jahrhundert)[2444], in der auch von den Himmeln und ihren Toren aus Eisen, Erz usf. die Rede ist[2445].

Die Grundschriften, jedenfalls aber die jetzt vorliegenden Redaktionen der angeblich von ~Clemens Romanus~ herrührenden (Pseudo-)Clementinen und Homilien sind nicht schon gegen 150 verfaßt, wie noch ~Langen~[2446] und ~Soltau~[2447] voraussetzten, sondern nach ~Krüger~[2448], ~Harnack~[2449], ~Heintze~[2450], ~Jülicher~[2451] und ~Bousset~[2452] erst um 250-260, ja was die Homilien betrifft, nach ~Harnack~ vielleicht sogar noch erheblich später. Den vielfach von iranischen Anschauungen beeinflußten Lehren des ~Clemens Romanus~[2453] zufolge ist Gott der Schöpfer der vier οὐσίαι (Usíai) heiß, kalt, trocken, feucht[2454], er hat die πρώτη ὕλη (Urmaterie) vierfältig und nach Gegensätzen gestaltet, durch ihn wird Luft zu Wasser, Wasser zu Erde, Erde zu Feuer (beim Aneinanderschlagen der Steine)[2455], und durch ihn gehen aus den vier Elementen vermöge der μῖξις (Míxis) die verschiedenen Arten der κράσεις (Kráseis, Gemische) hervor[2456], unendlich an der Zahl und doch alle zusammenstimmend, da der gesamte Kosmos „nur als +ein+ großes Tier (Lebewesen) zu betrachten ist“. Ursprünglich glich eben, der Lehre des ~Orpheus~ gemäß, das Chaos einem Ei, das alle Elemente in noch einheitlicher ungeformter Mischung einschloß, aber fähig zur Gestaltung der ganzen Welt, -- geradeso, wie das Ei des Pfauen schon die Anlage zu jeglicher Buntheit des fertigen Vogelgefieders in sich enthält. Unter dem Einflusse des göttlichen Pneumas (πνεῦμα θεῖον) entwickelte sich in jenem Chaos-Ei ein Mannweibliches (ἀρῥενόθηλυ), ~Phanes~ genannt, und stieg in ihm nach oben, während die restliche unverbrauchte Materie in die Tiefe sank und „~Pluton~“ geheißen wird, weil dieser der König der Toten ist[2457]. Sie kann wiederbelebt werden durch das „Wasser des Lebens“, doch darf dieses Mysterium nicht entweiht werden, und das Buch, das darüber berichtet, ist auf das strengste geheim zu halten und nur dem eigenen Sohne zu überliefern[2458].

Zu den merkwürdigsten der höchst abenteuerlichen Begebenheiten, deren Zeuge ~Clemens Romanus~ in Syrien gemeinsam mit dem von ihm aufgesuchten hl. ~Petrus~ gewesen sein will, zählt das Zusammentreffen mit ~Simon Magus~, über dessen dem Christentume feindseliges Auftreten schon die „Apostelgeschichte“ berichtet, der aber erst in etwas späterer Zeit (namentlich bei den Gnostikern) zu einer geradezu führenden Stellung als „Erz-Ketzer und -Zauberer“ und „Vorbild aller Verworfenen und Abtrünnigen“ gelangte[2459]. Mit Hilfe der Magie, die es ihm u. a. ermöglichte, die „Buhlerin“ ~Helena~ in ein weibliches Abbild zu bannen und mit sich zu führen[2460], sich in eine Schlange, eine Ziege, ein Wesen mit zwei Gesichtern und in Gold zu verwandeln (μεταβάλλειν)[2461], unendlichen Reichtum zu gewähren usf., vermochte er auch ein künstliches Menschlein (= homunculus) darzustellen[2462]: zu diesem Zwecke ließ er eine Vorrichtung, einem Schröpfkopfe gleichend, menschliches Pneuma anziehen[2463], führte das Pneuma in Wasser und das Wasser in Blut über, ließ dieses erst gerinnen und dann zu festem Fleische werden[2464], und erhielt so einen Menschen, den er auf dem umgekehrten Wege auch wieder in Luft aufzulösen vermochte.

e) Hermes und die Hermetik.

Der Name ~Hermes~ leitet sich nach ~Ed. Meyer~ ursprünglich von ἕρμα (Hérma) ab, dem an Weg und Weide errichteten Stein-Kegel oder -Haufen, der dem Beschützer der Herden und Straßen gilt, später zur Steintafel, und zuletzt, durch Andeutung von Kopf und Geschlechtsteilen, zur Halbstatue, zur Herme wird. Als Hirt ist ~Hermes~ ein Heilkundiger, ein verschlagener und auf Gewinn bedachter Betrüger, ein hurtiger Läufer, gewandt auch im Finsteren und daraufhin ein Herr des Schlafes und der Träume, der auch mit der dunklen Unterwelt in Verbindung steht[2465]. ~Hermes~ ist aber ferner, und vielleicht im Zusammenhange mit dem Amte des Herdenschutzes, ein Wind-, Luft- und Wetter-Gott[2466], und aus diesen seinen Eigenschaften erklären sich unschwer die des Boten und Dieners der Götter, des Diebes und Entführers, des Pfeifers und Sängers, des Leiters der Seelen (auch durch Schlaf und Traum)[2467], des Herrn über Glück und Zufall, sowie über Befruchtung und Zeugung[2468], des Behüters der Wege und Wanderer, des Förderers der Kaufleute und Händler usf. Die meisten dieser Wirksamkeiten kennt schon ~Homer~, was für ihr hohes Alter spricht[2469], während erst eine schon jüngere Zeit den göttlichen Herold in geziemender Weise zum Meister der Rede, Klugheit und Erfindungsgabe stempelt, zum ~Hermes Logios~ (λόγιος). Sein eigentümlicher Stab, das Kerýkeion (κηρύκειον), war nach den einen ursprünglich ein Fetisch[2470], worauf noch der Gebrauch als Wünschelrute hindeuten könnte[2471], nach anderen hingegen wandelte sich der Hirten- und Herolds-Stab, die „virga aurea“, mit der noch ~Horaz~[2472] den Gott die Seelen leiten läßt, nur allmählich zum schlangenumwundenen Abzeichen[2473].

Im Verlaufe der synkretistischen Periode wurde ~Hermes~ zum Krystallisationspunkte vielfältiger, u. a. auch durch orientalische und ägyptische Ideen beeinflußter Götter-Vorstellungen[2474]: schon den jüngeren Stoïkern gilt er als Träger des λόγος σπερματικός (Lógos spermatikós), den Neupythagoräern und Orphikern ist er προφήτης λόγου (Prophet des Logos), Verkünder der Lehre oder des „Wortes“, -- vielleicht infolge Umwandlung der in Arkadien mythischen Genealogie ~Zeus-Hermes-Pan~ zu ~Zeus-Hermes-Logos~, „weil der Gedanken der Vater des Wortes ist“[2475] --, den Neuplatonikern der „Vernunftgeist“ Logos, der als Vereinigung des λόγος (Logos) und νοῦς (Nûs) von Anbeginn her Materie und Sinnenwelt bildete und sich untertan machte[2476], und weiterhin wird er in pantheistischem Sinne zum Weltherrscher und Allgeist (κοσμοκράτωρ, παντοκράτωρ), zum Gebieter aller Pneumata, daher auch der Seelen und Geister, sowie zum Nekromanten = Totenbeschwörer, Zauberer, Magier, sowie zum Herrn aller diesen Geheimwissenschaften Ergebenen[2477]. Die Fülle dieser Wirksamkeiten macht es erklärlich, daß einige der Synkretistiker verschiedene ~Hermes~ annahmen und den Gott schließlich in nicht weniger als 5 Personen gleichen Namens und schwankender Genealogie zerlegten[2478], während Andere wiederum die Einheitlichkeit dadurch zu wahren suchten, daß sie ~Hermes~ mit orientalischen oder ägyptischen Göttern verwandten Charakters identifizierten.

Die wichtigste und älteste dieser Gleichsetzungen, deren Anfänge schon in die frühhellenistische Periode zurückreichen[2479], ist die mit dem (~Platon~ bereits wohlbekannten) ägyptischen ~Thot~ oder ~Tehuti~, welcher Namen eine Dualform ist, anspielend auf den „Doppel-Ibis“, in dessen Gestalt man ~Thot~ in den Flecken des Mondes zu erkennen glaubte[2480]. Den Ägyptern gilt ~Thot~ als Gott der Sternkunde, Zähler und Berechner alles himmlischen und irdischen, Herr über Maß, Gewicht und Ordnung, Verkörperer von Geist und Intellekt, Erfinder der Musik, Rede und Schrift, Schreiber der Götter, Verfasser sämtlicher ägyptischen Schriftwerke und daher Gott der Bibliotheken, Kenner alles wißbaren, insbesondere auch der Geheimwissenschaften, Meister der magischen und mystischen Besprechungen, Beschwörungen und Formeln nebst ihrer medizinischen Anwendung, Beherrscher der Seelen und Geister und Wiedererwecker der Verstorbenen[2481]. In späterer hellenistischer Zeit und unter Anlehnung an die echt ägyptische Vorstellung einer Schöpfung mittels Emanation durch das bloße Wort, der gemäß der „Urgott“ die jüngeren Götter „spricht“[2482], entstand dann die Lehre, daß der Urgott die Welt durch siebenmaliges Lachen hervorbrachte, und daß beim dritten Lachen der νοῦς (Nûs) zum Vorschein kam, „genannt ~Hermes~“, identisch mit ~Thot~, ~Rê~ dem Sonnengott, ~Mithras~ dem Sonnengott, ~Agathodaimon~, ~Iao~ usf.[2483], der Herr des Logos und der Welt[2484], der Beherrscher und Verteiler der Pneumata, der Führer der Seelen und Lenker der Geister, der das All erfüllende Weltgeist, das Bewegungs-Prinzip des gesamten Kosmos (mundi velocior servus)[2485], der „Dreimal-Größte“, ~Hermes Trismegistos~[2486].

Die vielerörterte Benennung „~Trismegistos~“[2487] geht in letzter Linie auf einen alten und stehenden Beinamen des Gottes ~Thot~ zurück, der ursprünglich einfach „der Große“ lautete, in jüngerer Zeit aber auch „der Große, der Große“, ägyptisch āa-āa (so noch in dem erst zur Kaiserzeit vollendeten Tempel zu Denderah), was gemäß der üblichen Phraseologie so viel besagt, als „der Wachsende“[2488]; in wörtlicher Anlehnung werden daher auch für ~Hermes~ die Bezeichnungen „ὁ μέγας“ sowie „μέγας καὶ μέγας“ überliefert, so z. B. in einer Inschrift zu Rosette und noch bei Zosimos[2489]. Der Name τρὶς μέγας oder τρὶς μέγιστος, Trismegistos, findet sich entgegen früheren Annahmen[2490] auch auf ägyptischen Denkmälern und rührt daher, daß man die ägyptischen Worte „der Große, der Große“ noch durch ein sog. determinierendes Zeichen „Wr“ verstärkte, das gleichfalls „groß“ bedeutet, so daß „Trismegistos“ mit „der dreimal Große oder Größte“ zu übersetzen und rein superlativ zu verstehen ist[2491]. Sehr allgemein wird angegeben, „Hermes ille Trismegistus, ... magister omnium physicorum“ (= Herr der ganzen Natur) sei zuerst im 15. Kapitel der Streitschrift des Kirchenvaters ~Tertullianus~ (verfaßt um 210) gegen die gnostischen Valentinianer nachweisbar; indessen beendigt schon ~Martial~[2492] sein Spottgedicht auf einen „allvollendeten“ Gladiator namens ~Hermes~ mit den satirischen Worten[2493]: „Hermes, omnia solus et ter maximus“, „Hermes, der Du allein Alles (zugleich das Eine und das All) bist und der dreimal Größte“, und sollten diese Verse allgemein verstanden werden, so mußte das Attribut „Trismegistos“ den gebildeten Kreisen Roms schon gegen Ende des 1. nachchristlichen Jahrhunderts durchaus geläufig sein[2494], denen Alexandrias also noch weit früher. Tatsächlich heißt denn auch ~Hermes Trismegistos~ schon in einem um 260 abgefaßten Ehrendekret für einen hohen Beamten, das im Papyrus von Hermopolis (in Ägypten) erhalten ist, „der Gott +unserer Väter+“, was auf eine Verehrung seit Generationen zurückweist[2495]; analoge gleichzeitige Schriftstücke, sowie die Zauberpapyri, die meist aus dem 2. Jahrhundert herrühren und uns in Niederschriften aus dem 3. oder 4. vorliegen, sprechen von ~Hermes Trismegistos~ oder ~Trismegistos~ als etwas wohlbekanntem, ohne weitere Erklärung[2496]. Beinamen ähnlicher Art kommen übrigens in der synkretistischen Litteratur nicht selten vor: bei ~Clemens Romanus~ ist τρισεπάπειρος (ter protendens) „ein die göttliche Natur dreimal ins Endlose Verbreitender“[2497], in der „Pistis Sophia“ (um 250) sind τριπνεύματοι „die dreimal von Pneuma Erfüllten“[2498], und ebenda, sowie in anderen Schriften τριδύναμοι oder τριδυνάμεις die Bewohner des obersten Himmels als die „dreimal Gewaltigen“[2499]; in übertriebener Weise nennt diese der Verfasser der „Pistis“ auch παντοδυνάμεις, sozusagen „x-mal Gewaltige“[2500], ähnlich wie ~Zosimos~, für den ~Platon~ schon der τρίσμεγας (trísmegas) ist, folgerichtig den ~Hermes~ als μυριόμεγας (myriómegas, tausendmal-groß) bezeichnen zu müssen glaubt[2501]. ~Zosimos~ behauptet, den Beinamen Trismegistos habe ~Hermes~ empfangen, weil er dem Weltall die Zustände der Kälte, der Wärme und des Flüssigseins, „diese unteilbare Triade“, als Einheit zugrunde legte[2502]; nach ~Lactantius~ (gest. 330), für den ~Hermes Trismegistos~ der würdige Nachkomme des ~Uranos~, ~Saturn~ und ~Merkur~, älter als ~Pythagoras~ und die sieben Weisen und der Meister aller Tugenden und Künste ist, erhielt er ihn wegen seiner Vielseitigkeit; nach ~Stephanos~ von ~Alexandria~ (7. Jahrhundert) „wegen seiner dreifachen Ausübung der Kunst“[2503]; nach ~Isidorus Hispalensis~ (7. Jahrhundert) wegen seiner Kenntnisse in den zahlreichsten Wissenschaften[2504]. Nachdem ~Philosophus Anonymus~ (7. Jahrhundert?), weil er bei dem „großen Werke“ drei Arten Grundsubstanzen (οὐσίαι, usíai) wirken ließ[2505]; endlich nach dem byzantinischen Lexikographen ~Suidas~ (um 1000), weil bereits er in der Trinität +eine+ Gottheit sah[2506], nämlich die zur Dreifaltigkeit des Pneumas verbundenen drei höchsten Gewalten. Da ~Plinius~[2507] angibt, die Magie umfasse drei Teile, nämlich Religion, Medizin und Astronomie, und halte diese mit dreifachem Bande als Dreiheit der Magie zusammen, so hat man auch vermutet, ~Hermes~, als größter Meister in allen drei Teilen, habe mit Recht den Beinamen des „dreifach Größten“ in Anspruch nehmen dürfen, -- und zu dieser Auslegung würde sowohl das stimmen, was er am Schlusse der ihm zugeschriebenen „Tabula Smaragdina“ +selbst+ sagt, als auch das, was ~Stephanos~ über seine dreifache Ausübung der Kunst bemerkt. Da indes, wie angeführt, τρὶς μέγας oder τρὶς μέγιστος unbedingt superlativ zu verstehen ist, so werden derlei Auffassungen hinfällig und ebenso auch verwandte, z. B. die des „Dreigestaltigen, der im Himmel, auf Erden und im Hades der nämliche bleibt“, und des „die drei Würden des Königs, Propheten und Philosophen (oder Arztes) in sich Verbindenden“[2508].

Die ursprüngliche Identifikation des ~Hermes~ mit ~Thot~ war bereits vergessen zur Zeit der Abfassung der sog. „Hermetischen Schriften“, in denen ~Hermes~ für den Vater des ~Thot~ gilt, zuweilen aber auch (als ein „zweiter Hermes“?) für den des ~Agathodaimon~[2509], mit dem zusammen er dann wieder, schon vom 1. Jahrhundert n. Chr. ab, als Lehrer des ~Pythagoras~ und ~Platon~ auftritt[2510]. Da das ältere Ägypten jeden „weisen Priester“ als Inkarnation des ~Thot~ ansah und nach seinem Hinscheiden als „~Thot~“ verehrte, die ganze stets anonym verbleibende Priester-Litteratur aber als alleiniges Erzeugnis, des ~Thot~ betrachtete[2511], so kann es nicht wundernehmen, daß dem ~Hermes Trismegistos~ „als alleinigen Erben und Besitzer der gesamten uralten Weisheit Ägyptens“[2512] nach ~Iamblichos~ 20000 Werke zugeschrieben wurden[2513], ja auf einen angeblichen Bericht ~Manethos~ (um 280 v. Chr.) hin sogar 36525, -- wobei zu bemerken ist, daß diese Zahl (25 × 1461) 25 jener Sothis- (Hundsstern-) Perioden umfaßt, nach deren Ablauf jedesmal eine völlige Erneuerung der Welt erfolgen soll[2514]. In welchem Verhältnisse diese Werke zu einem bei ~Clemens Alexandrinus~ (gest. 216) erwähnten angeblichen „Auszuge in 42 Büchern“ stehen, (26 engeren philosophischen, 4 astrologischen, 6 medizinischen, 6 sonstigen Inhaltes?), ist nicht bekannt, jedenfalls knüpft aber an sie die „Fabrikation“[2515] der eigentlichen hermetischen Schriften an, von denen mehr als zwanzig bis auf unsere Tage gelangten.

Nach ~Zeller~ waren „Hermetische Schriften“, meist älteren, aus verschiedenen pythagoräischen und platonischen Quellen stammenden Werken nachgebildet, bereits um 100 n. Chr. vorhanden[2516], ihre jetzt noch vorliegende Gestalt empfingen sie jedoch erst gegen 300 in Ägypten[2517], und zwar zur Zeit unglücklicher, ja verzweifelter Zustände des Landes[2518]; daß Einkleidung und Erklärung auf Verteidigung der ägyptischen Religion abzielen und die „für Minoritäten charakteristische strenge Geheimhaltung“ gefordert wird, spricht nach ~Zeller~ für ägyptische Priester als Verfasser[2519]. Auch ~Reitzenstein~ nimmt an, daß solche im 1. Jahrhundert in vorwiegend theologischem, noch von griechisch-wissenschaftlichen Elementen getragenem Sinne tätig waren, im 2. Jahrhundert aber den orphischen, magischen und mystischen Einflüssen die Oberhand ließen[2520], während christliche fehlen, und neuplatonische nicht für die Entstehung, wohl aber für das Fortleben bis in das 6. Jahrhundert hinein von Bedeutung waren[2521]. ~Otto~[2522], ~Zielinski~[2523], ~Kroll~[2524] und ~E. Kroll~[2525] vertreten hingegen die Ansicht, daß ägyptische Priester als Verfasser nicht bewiesen sind, wie denn überhaupt der „weise ägyptische Priester“ ein bloßer litterarischer Typus und zu keiner Zeit bezeugt ist, am wenigsten aber zur hellenistischen, während derer das Priestertum auch nicht +eine+ wissenschaftliche Leistung von Bedeutung hervorgebracht hat[2526]. Die hermetische Litteratur ist zwar, zum Teil seit ~Philo~, zum Teil seit ~Numenios~ (um 150 n. Chr.), in Ägypten entstanden, zeigt aber wenige für dieses Land charakteristische Züge. Ägyptisch ist noch am ehesten ihre +Form+, z. B. wenn ~Hermes~ den ~Asklepios~ (der = ~Thot~ oder ~Tat~ „einer blutlosen Verdoppelung des Thot“ und = ~Imuthes~ oder ~Imhotep~ sein soll) über die vorgeblichen Offenbarungen des ~Agathodaimon~ belehrt, also die Geheimwissenschaft in mündlicher Überlieferung „vom Vater zum Sohne“ weitergibt[2527]; da aber griechische profane Kreise eine große theologisch-philosophische Litteratur hervorbrachten, die den Zweck verfolgte, ägyptische und griechische Religion auf dem Boden der Philosophie einander zu nähern, so könnte auch jene +Form+ von Nicht-Ägyptern nachgeahmt sein[2528], um so mehr, als weder die Schilderung der Götter, noch die Art des Vortrages dem eigentlichen ägyptischen Herkommen ausreichend und mehr als ganz äußerlich entspricht[2529]. Der +Inhalt+ der Schriften hingegen, ihr eigentlicher Ideenkreis, ist (von einzelnem abgesehen) weder ägyptisch, noch ägyptisch beeinflußt, schließt sich vielmehr seinem ganzen Wesen nach der großen Gedankenwelt des Hellenismus an, der auch das aus der Fremde Entlehnte unter Anknüpfung an altgriechisches Gut in geeigneter Weise eingegliedert wird[2530]. Soweit dieses Fremde dem Orient entstammt, ist sein wichtigster Vermittler ~Poseidonios~; die bei ihm zusammenfließenden Elemente peripatetischer, platonischer, stoïscher, orphisch-pythagoräischer und syrischer Herkunft bleiben allerdings nur selten rein bewahrt (wie z. B. der berühmte Gedanke einer dauernden Verbindung des Menschen mit der Gottheit durch Betrachtung der Schönheit der Welt und des gestirnten Himmels), erleiden vielmehr zumeist Verzerrungen in magischem, mystischem und allegorischem Sinne[2531]: zu solchen gehören u. a. die Ausführungen über die Rolle der Zahlen, „die noch über den (platonischen) Ideen stehen“, über die Urmonas, „die alles weitere samenhaft in sich enthält“, über die „Eins, als die Oberste“, über gewisse an das Hexen-Einmaleins erinnernde Zahlenrätsel u. dgl. mehr[2532]. Ein weiterer Vermittler, besonders für jüdische Vorstellungen, ist ~Philo~, ferner machen sich zahlreiche Anklänge an die von den Neupythagoräern wiederbelebte Orphik bemerklich, und einige auch an die Neuplatoniker, aber nicht mehr an ~Plotinos~[2533], was für einen Abschluß der betreffenden Schriften um 200 spricht[2534]; die Forderung der „Geheimhaltung“ wäre dann nicht, nach ~Zeller~, äußeren Umständen zuzuschreiben, sondern erwiese sich als der orphischen (und auch ägyptischen) Mystik entlehnt[2535]. Spuren frühgnostischer Gedanken sind nur spärlich nachweisbar, solche christlich-gnostischer und rein christlicher ursprünglich gar nicht, doch mögen später einige leise Umformungen stattgefunden haben, vielleicht gelegentlich der vielfachen Benützungen der hermetischen Schriften durch christliche Autoren[2536]; die rein ethischen Betrachtungen, die gewisse, angeblich bloß in arabischer Übersetzung erhaltene Abhandlungen gänzlich erfüllen, z. B. die „An die menschliche Seele“[2537], erklären sich daraus, daß deren Verfasser in Wirklichkeit erst im 11. bis 13. Jahrhundert schrieben und die hermetische Art nur mit mehr oder weniger Geschick nachahmten[2538].

Was die eigentliche, wesentlich theologische +Lehre+ der Hermetiker betrifft, so geht sie verschiedentlich zunächst von peripatetischen Vorstellungen aus, z. B. vom νοῦς (Nûs) = ~Hermes~ dem Hirtengotte[2539], formt diese in platonischem Sinne um, so daß sie z. B. das „Böse“ (das, einem Stoffe gleich, von selbst entsteht, wie der Grünspan am Kupfer und der Schmutz am Körper)[2540] als durch die Hyle und samt dieser als durch das Planetensystem bedingt ansieht[2541], und sucht endlich den platonischen Dualismus mit dem stoïschen Pantheismus zu vereinigen[2542]: ~Hermes~ ist als Demiurgos der die Welt schaffende und als Nûs der sie durchdringende Allgeist[2543], er wird identifiziert mit dem Logos, der sich ihm ursprünglich nur offenbarte, und tritt schließlich an dessen Stelle als Mittler zwischen Gott und Welt, als der Erlöser, der die Menschheit befreit vom Zwange der Heimarméne, der Herrschaft der Planeten (στοιχεῖα, Stoicheía), die mit Ausnahme der Sonne sämtlich verderbliche und bösartige Dämonen sind. Die erlösten Auserwählten sind τέλειοι, (Vollendete), sie trinken ἀμβρόσιον ὕδως (ambrosisches Wasser = Unsterblichkeitstrank der Ägypter und Orphiker), und ihre Seelen sind würdig der παλιγγενεσία (Palingenesía, Wiedergeburt der Orphiker) und der Himmelsreise[2544].

Nach ~Reitzenstein~ wurden diese Lehren in ihren verschiedenen Entwicklungs-Zuständen unter entsprechenden Kulthandlungen innerhalb eigener Gemeinden gepflegt, zu deren Mitgliedern u. a. auch ~Zosimos~ gehörte, und die sich etwa vom 1. vor- bis zum 3. nachchristlichen Jahrhundert erhielten[2545]; nach ~Cumont~ und ~Kroll~ ist hingegen ein Kult nicht bewiesen und in den „Schriften“ nicht vorausgesetzt, die Hermetik muß vielmehr als eine rein litterarische Bewegung angesehen werden, die die griechische Philosophie in ähnlicher (sehr wechselnder) Weise ebenso mit ägyptischen und orientalischen Traditionen zu vereinigen suchte, wie jene, die in den „Chaldäischen Orakeln“ des 2. oder 3. Jahrhunderts ihren Ausdruck fand, mit chaldäischen[2546]. Erst die gnostisch beeinflußten Gemeinden der Ssabier (s. unten) kennen einen Kult des ~Hermes~, berufen sich auf Offenbarungen durch ihn und ~Agathodaimon~ und schätzen sich im Besitze der „heiligen Bücher“ beider; von ihnen gingen die einschlägigen Anschauungen auf die Araber über[2547], und durch Übersetzungen arabischer Werke ins Lateinische gelangten sie frühzeitig auch zur Kenntnis des Westens: schon bei ~Albertus Magnus~ (12. Jahrhundert) ist ~Hermes Trismegistos~ einer der großen „Weisen der Vorzeit“[2548], und in diesem Sinne übergibt er in dem 1488 durch ~Giovanni~ ausgeführten Fußboden-Mosaik im Hauptschiffe des Domes zu Siena dem Heiden- und Christentume ein Buch mit der Inschrift „Suscipe, o, litteras et leges Aegyptii“ (Empfange hier Weisheit und Gesetzgebung des Ägypters)[2549].

Bruchstücke der ältesten hermetischen Lehren enthält die sog. „Straßburger Kosmogonie“[2550], der gemäß ~Hermes~ den Himmel als Halbkugel formt; an ihm bildet er die 7 Zonen (Sphären) mit den die Schicksale bestimmenden Planetengeistern, den 7 ἄρχοντες (Archontes, Gebietern) oder κοσμοκράτορες (Kosmokrátores, Weltherrschern)[2551], die auch mit den 7 Gewändern der Isis im Kult der phrygischen Naassener (vom 1. Jahrhundert vor bis zum 2. nach Chr.) verglichen werden[2552]. Einer schon etwas späteren Zeit scheint der „Poimandres“ anzugehören, der aus 18 sehr verschiedenen und nicht streng zusammengehörigen Abhandlungen besteht. Der Name ~Poimandres~, der sich schon bei ~Zosimos~ findet und wohl auf neuplatonische Quellen zurückgeht, bedeutet wörtlich einen „Hirten“ und spielt demnach auf das wichtige Bild an, dessen sich schon ägyptisch-demotische Schriften und ausführlicher ~Philo~ bedienen[2553]. Die Eigenschaft, in der ~Poimandres~ auftritt, ist indessen die einer höchsten Gottheit[2554], eines zweiten demiurgischen Gottes[2555], eines Sohnes Gottes, der entstanden ist aus dem Nûs und dem ewigen Licht, als Inbegriff aller δυνάμεις (Kräfte) Gottes, als Logos. Indessen ist unter diesem Logos nicht der rein geistige des ~Heraklit~ und der Stoa zu verstehen, sondern der des ~Philo~, d. h. die vernünftig wirkende Kraft, die Einheit aller einzelnen Vernunftkräfte oder das vollbringende Schöpferwort Gottes, verkörpert durch den Demiurgen, den Mittler zwischen Gott und Menschheit, den Sohn Gottes[2556]; mit der Materie zeugt dieser 7 zweigeschlechtliche Menschen, die erst in der nächsten Weltperiode in je zwei Hälften getrennt werden, und ein Zusatz besagt, daß dies geschah, weil er bei der Herabfahrt durch die 7 Sphären die Naturen der 7 Planeten in sich aufgenommen hatte[2557].

Zumeist jüngere, in einigem aber auch ältere Gedanken als der „Poimandres“ dürfte die, aus verschiedenen, bisher nicht genügend trennbaren Quellen entflossene Abhandlung „Κόρη κόσμου“ bieten[2558], deren Titel nicht mit „Pupille der Welt“, sondern mit „Jungfrau der Welt“ zu übersetzen ist[2559]; u. a. treten in ihr die vier Elemente, die auch mit den Planeten als στοιχεῖα zusammenfließen, in Person auf, um allerlei Anklagen zu erheben[2560], und ~Hermes~ bildet „mit den Händen“ wie die „Körper“ aus Erde und Wasser, so auch die „Seelen“ aus göttlichem Pneuma und dem πῦρ νοερόν (hier etwa = dem himmlischen Funken), und diese stellen daher ein bloßes κρᾶμα (Kráma) dar, eine Mischung, die durch den Tod wieder διάλυσις (Diálysis, Trennung) erleidet[2561].

Weitere Bestandteile der „Hermetischen Schriften“ bilden der bei ~Apuleius~ (gegen 200) erhaltene „~Asklepios~“, dessen Schlußgebet sich auch im „Papyrus ~Mimaut~“ des ausgehenden 3. Jahrhunderts findet, ferner der „κλείς“ (Schlüssel), voll dunklen astrologischen Inhaltes, und in seinem Titel, der nicht selten auch den Zauberbüchern vorgesetzt wird, wohl auf den mystischen „Schlüssel des ~Hermes~“ anspielend, sowie endlich das Buch „Die 7 Pflanzen der 7 Planeten“[2562]. Letzteres erklärt die betreffenden Pflanzen für „hervorgebracht durch das eigentümliche Pneuma der 7 Planeten“ und nennt als die der Sonne Heliotrop, als die des Mondes Aglaophotis (= Paeonia, Pfingstrose?), als die des ~Kronos~ Aeïzoos (= Sempervivum, Hauswurz), als die des ~Zeus~ Eupatorium (= Odermennig?), als die des ~Ares~ Peucedanum (= Hirschwurz?), als die der ~Aphrodite~ Panacea (= Adiantum, Frauenhaar), als die des ~Hermes~ Phlomos (= Verbascum, Königskerze)[2563].

Auf die schon weiter oben besprochenen chemischen Pseudepigraphen des ~Hermes~ braucht an dieser Stelle nicht nochmals eingegangen zu werden. Nach ~Zielinski~[2564] verehrte man in Böotien ~Hermes~ als ~Kadmilos~, ~Kadmos~ oder ~Kasmos~ und deutete diesen Namen auf den Kosmos um, den der ~Kadmos~-Gattin ~Harmonia~ aber auf die Harmonie der Sphären, die die Schicksale bestimmen; ihr goldenes Halsband, ein Geschenk des ~Hermes~, wurde, gleich dem goldenen Vließ und dem goldenen Lamm des ~Atreus~ (die ebenfalls Gaben des ~Hermes~ waren) als „Fluchgold“ betrachtet, und an diesen Zug soll die sog. „niedere Hermetik“ angeknüpft und ihre weitere Ausbildung hauptsächlich in Ägypten erfahren haben. ~Dieterich~ erklärt indessen eine solche Trennung der Hermetik in höhere und niedere für unberechtigt und unmöglich, auch hält er es für aussichtslos, nur der letzteren den durch ~Reitzensteins~ Untersuchungen festgestellten „ägyptischen Bestandteil der synkretistischen Mischung“ zugestehen oder diesen gar völlig ausscheiden zu wollen[2565]; der nämlichen Ansicht ist auch ~Kroll~.

Was endlich die sog. „Kyraniden des ~Hermes~“ anbelangt, die nach ~Zielinski~ über Kyrene (zusammenhängend mit κύρη = κόρη?) nach Ägypten gelangt wären, so ist diese sehr späte und völlig formlose Schrift, deren Original angeblich im Orient auf eisernen Säulen in syrischer Sprache eingegraben gefunden wurde, ein „Denkmal des krassesten Aberglaubens“, insbesondere was den botanischen, mineralogischen und pharmakologischen Inhalt betrifft[2566]. Sie bildet eine Hauptquelle der bis an die Schwelle der Neuzeit fortwirkenden „astrologischen Medizin“ und „medizinischen Mantik“, mit ihrer Zuordnung der körperlichen Teile und Krankheiten an die Planeten[2567] und mit ihrer „magischen Pharmakopöe“, als deren Musterbeispiel die „Iatromathematika“ dienen können, die ~Hermes Trismegistos~ dem „Könige ~Kyranos~ von Persien“ offenbarte[2568]. Sie wimmeln von den abenteuerlichsten Rezepten, die in den späteren hermetischen Texten auch kurzweg στῆλαι (Säulen)[2569] heißen, -- woraus sich wohl das „Eingegrabensein auf Säulen“ erklärt --, und halten den göttlichen Ursprung selbst für Heilmittel profansten Zweckes aufrecht: so überliefert denn auch z. B. ~Alexander~ von ~Tralles~[2570] (um 550) „Ἑερμοῦ κλίμαξ“ (Klimax des ~Hermes~) als Bezeichnung eines ganz besonders wirksamen Abführmittels!

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Der Name des mit ~Hermes~ so enge verbundenen ~Agathodaimon~ ist, als ἀγαθὸς δαίμων (= der gute Gott), ursprünglich der einer arkadischen und böotischen Gottheit ländlichen Natursegens, die in den uralten Tempeln zu Megalopolis und Epidauros verehrt wurde; erst später wandelte sich, wie ἀγαθὸς ἄγγελος zu ~Agathangelos~, so ἀγαθὸς δαίμων zu ~Agathodaimon~[2571]. Dieser galt als Schutzgeist für Gemeinwesen und Einzelne, als ein glückbringender und das Heim behütender Hausgeist, der nach dem Ende der Mahlzeit eine Spende ungemischten Weines erhielt; doch besaß er als Hervorbringer der Feld- und Baumfrüchte auch chthonische Bedeutung. In Hinsicht auf sie wurde er als Schlange dargestellt, denn diese ist die Verkörperung der Götter der Erdtiefe, der in ihr hausenden Heroen, aber auch der einfachen Toten und daher namentlich der Ahnen[2572]. ~Agathodaimon~ nannten die alten Griechen insbesondere die (als „heilige Schlange“ angesehene und als „Hausschlange“ verehrte) Natter, während in der Neuzeit die Bezeichnung auf die Eidechse übergegangen ist, „die an und in der Erde lebt und daher mantische Natur besitzt“[2573]. In der synkretistischen Zeit verband sich die griechische Anschauung mit der orientalischen, der gemäß die Schlange, die sich stets in der Nähe der Allmutter Erde bewegt, eine Trägerin der Weisheit, ein Symbol des Wissens und ein prophetisches Tier ist[2574], sowie mit der ägyptischen, nach der Verstorbene, vor allem aber Götter, tiergestaltig in Schlangen weiterleben[2575]; so wurde ~Agathodaimon~ mit dem chthonischen Gotte ~Anubis~ (= chthonischer ~Hermes~, ~Hermanubis~) identifiziert[2576], vor allem aber mit dem zuweilen Schlangengestalt annehmenden Gotte ~Thot~ der Stadt Chnumum (Hermopolis magna)[2577]. Dieser, auch ~Chnum~, ~Chnubis~, ~Chnuphis~, ~Knuphis~, ~Kamephis~ und ~Kameph~ genannte Gott[2578] herrschte anfänglich in Syene als „Herr der schwarzen Töpfererde“ zugleich mit ~Isis~, der „Herrin der schwarzen Fruchterde“, mit der er „sich vereint hat“ (chnum, äg. = vereinigen, gesellen), und die ihm daher später als Besitzerin dieses Gebietes nachfolgt[2579]. Schon weiter oben wurde der Rolle gedacht, die er in der hellenistischen Periode spielte, die ~Chnum~ = ~Thot~ = ~Ptah~ = ~Zeus~ = ~Aion~ = ~Agathodaimon~ setzte und diese synkretistische Gestalt als Demiurgen, Allerweltskünstler, Herr des Pneumas, Lebenshauches und Geistes, als Schutzgott Ägyptens, Stadtgott Alexandrias usw. verehrte. Hier sei daher nur erwähnt, daß ~Agathodaimon~ auch = Nûs und Logos, sowie als Verfasser von als λόγια (Lógia) eingeschätzten Lehren galt[2580], daß man ihn als ~Pan~ in stoïschem Sinne, d. h. als Allgott, betrachtete[2581] und auch als den syrischen Glücksgott ~Gad~ = „männliche ἀγαθὴ τύχη“ = bonus eventus = guten Genius feierte, worauf anspielend schon ~Nero~ sich als „~Agathodaimon~ des Erdkreises“ bezeichnete[2582]. Auch die Astrologen stellen ~Agathodaimon~ = ~Jupiter~ = bonus eventus in Gegensatz zu ~Kakodaimon~ = ~Saturn~ = malus eventus[2583] und benennen ersteren zuweilen als „venerandus felix“, den zu verehrenden Glücksbringer[2584].

Dargestellt wurde ~Agathodaimon~ meist in Gestalt des ~Chnum~, als Schlange, die sich in den Schwanz beißt oder sich in einen Ring zusammengeschlungen hat, als Schlange mit Sperberkopf, oder als auf dem Schweif aufrecht stehende Schlange mit breitem Menschen- oder Löwen-Antlitz und teilweise langem, gesträubtem Haar[2585]; in solcher Form gebildete oder mit dergleichen Zeichnungen versehene Amulette, die namentlich die gnostische Sekte der Ophiten (Schlangen-Anbeter) mit Vorliebe gebrauchte und schon im 1. Jahrhundert n. Chr. nach Kleinasien brachte, sind in großer Zahl auf unsere Zeit gekommen. Wie der ausgezeichneten Satire des ~Lukian~ (um 180) über den berüchtigten Schwindelpriester ~Alexandros~ von ~Abonoteichos~ zu entnehmen ist[2586], bediente sich schon dieser abgefeimte Betrüger einer derartigen kunstvoll vorgerichteten Schlangenfigur, die beim Ziehen an einer verborgenen Schnur den „reichlich Zahlenden“ die ihnen erwünschten Orakelsprüche „auf autophonem Wege“ erteilte[2587].

f) Die Gnostik.

Die letzten vorchristlichen Jahrhunderte brachten infolge der sinkenden politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse Mißgeschicke und Bedrängnisse aller Art über die Bevölkerung des Ostens, die ihr Unglück, im Sinne des astrologischen Fatalismus, von dem sie durchaus erfüllt war, dem Einflusse der Planeten zuschrieb, der Heimarméne; ein Verlangen nach Befreiung von dieser furchtbaren und erdrückenden Gewaltherrschaft, eine Sehnsucht nach Erlösung, erfüllte daher schon damals mehr und mehr alle Gemüter[2588]. Diese Gefühle verstärkten sich noch, als im Verlaufe der Kaiserzeit, namentlich seit dem 2. Jahrhundert, die Grundlagen des überlieferten Glaubens endgültig zusammenbrachen, die alten Religionen keinen Halt mehr gewährten, und Aberglauben jeglicher Form aus den unteren unwissenden Schichten auch in die oberen gebildeten emporstieg. Die neuerwachten religiösen und metaphysischen Bedürfnisse suchten nunmehr Befriedigung in der Mystik „uralter“ Geheimkulte und philosophischer Spekulationen, die die Reste eigener Denktätigkeit zunächst befriedigten, bald aber zu gänzlichem Schwinden brachten[2589]. Getreu dem bei ~Makrobios~[2590] (5. Jahrhundert) überlieferten Grundsatze „Vetustas adoranda est“ = „Ehrfurcht vor der Vergangenheit!“ flüchtete die Phantasie aus der trüben Gegenwart in die glanzvoll ausgemalte „alte Zeit“, zu ~Pythagoras~, „der in alle verborgenen Kulte und Mysterien eingeweiht war“[2591], zur angeblich unverändert überlieferten und daher „höheren“ Weisheit ägyptischer, chaldäischer oder gar indischer Priester, „dieser getreuen Bewahrer heiliger Geheimnisse“[2592], zum Ritual unverstandener alter oder fremder Kultbräuche, dem man verborgenen symbolischen Sinn unterlegte, und vor allem zu der durch die Neupythagoräer wiederbelebten Orphik. ~Orpheus~ galt auch hier wieder als ältester und wichtigster Verkünder erhabener Offenbarungen, deren Inhalt sich in höherem Fluge weit über alles sonstige menschliche Wissen hinaus erhebt[2593], und als Verfasser jener „tiefsinnigen und göttlichen“ Prophezeiungen, Sprüche und Hymnen, mit deren Sammlung und Erhaltung sich eigene Zirkel und Kultgemeinden auf das angelegentlichste beschäftigten[2594]. Soweit ihre Reste ein Urteil gestatten, erweisen sie sich als Ergebnis der Vereinigung und Umbildung der im hellenistischen Ägypten aus sehr verschiedenen Quellen zusammengeflossenen orphischen Lehren, verraten anfangs (um 100-150) noch keinerlei christliche Einwirkung, zeigen später neuplatonische (nicht aber plotinische) Spuren, gelangen gegen 300 zur abschließenden Gestaltung, erfahren aber auch in den folgenden Jahrhunderten noch mancherlei Abänderungen und Einschiebungen[2595].

Der Einfluß der geschilderten Verhältnisse förderte notwendigerweise die Verbreitung aller Arten Magie, Mantik und Orakelwesen, die Kulte enthusiastischer und mysterienhafter Richtung, sowie die Geheimdienste mit ihren Formeln, Riten und Weihen[2596]; unter Verschmelzung älterer griechischer, orphischer, orientalischer, spätägyptischer und neuplatonischer Elemente eigneten sich die theurgischen Praktiken (die sich zu einem großen Teile in den gleichzeitigen Zauberpapyri erhalten haben) Charakter, Terminologie und Ritual der Mysterien-Dienste an, strebten aber gleichzeitig nach „Verfeinerung und theoretischer Begründung“ durch Anlehnen an Anschauungen, die unter dem Titel „philosophischer“ die sog. gebildeten Kreise des Zeitalters erfüllten[2597]. Eine wichtige Rolle spielten hierbei namentlich die Zeremonien des Schwures bei der Einweihung, des Eides der Geheimhaltung, sowie der „Reinigung“, denn nur die „Weihen“ reinigen die Seelen und stellen sie in ihrem ursprünglichen Glanze wieder her, und nur die so Geweihten vermögen jenes Gut höherer Wahrheit zu erfassen, das ihnen Befreiung und Erlösung in Aussicht stellt[2598]. Als selbstverständlich ergibt sich die Pflicht, ein solches vor der großen Menge zu bergen und es mittels einer dunklen Symbolik, die das eigentlich Wichtige verdeckt, vor „Profanation“ zu bewahren[2599]. „Alle Theologen der Hellenen und Barbaren (so sagt hierüber ~Clemens Alexandrinus~, gest. 216) haben das Wesen der Dinge verhüllt und die Wahrheit nur in Rätseln und Gleichnissen, Allegorien und Metaphern überliefert; Geheimnisse vertraut man nur der Rede an, nicht der Schrift, die schon fast Entweihung ist; jedenfalls ist aber der profane Leser in die Irre zu führen, so daß er gar nicht merkt, was die Hauptsache ist und was unwichtiges Beiwerk[2600].“

Die unter dem Namen der „+gnostischen+“ bekannte Form der ganzen Bewegung ist keineswegs, wie vielfach angenommen wird, eine spezifisch christliche und dem Altertum fremde, vielmehr war sie in ihren Anfängen vermutlich schon im 1. Jahrhundert v. Chr., wenn nicht früher, in Syrien vorhanden und gelangte von dort aus auch nach Ägypten[2601]; bereits die paulinischen Briefe kennen sie als eine Art heidnisch-mystischer Religiosität, der gemäß ein unmittelbarer Verkehr mit der Gottheit das Wissen um ihre sonst verborgenen Geheimnisse gewährt[2602]. Auch ein vielgestaltiger jüdischer Gnostizismus, dessen Geheimlehren selbst wieder hauptsächlich von orientalischen, weniger von griechischen Überlieferungen und Spekulationen abhängig waren, übte um die nämliche Zeit mannigfaltige, wenngleich im einzelnen bisher schwer faßbare Einflüsse aus[2603]. Spätere griechisch-jüdische Kultgemeinden Ägyptens besaßen noch einschlägige, der jüdischen Tradition entstammende „heilige Bücher“, zu denen u. a. die „ἱεραὶ βίβλοι“ gehörten, deren der Leidener Papyrus gedenkt, ferner das sog. „8. Buch Mosis“ (in der vorliegenden Gestalt um 150 verfaßt) u. dgl. mehr[2604]; Beschwörungen bei „~Jesu~, dem Gotte der Juden“, sind ebenfalls Wahrzeichen aus der Periode derartiger synkretistischer Durchdringungen[2605].

Der Geburtsort der eigentlichen +Gnostik+ ist indessen das spätptolemäische Alexandria, „wo sich ihr Gebäude erhob über dem Boden uralten ägyptischen Glaubens, aus dem Schutte zahlreicher anderer Religionen“[2606], und Stätte ihrer Entstehung waren die hellenistisch umgestalteten, von Zauber erfüllten Mysterienkulte orphischer und enthusiastischer Richtung[2607]; Griechischer Einfluß blieb stets überwiegend[2608], und griechischer Geist suchte in Kultgemeinden, deren religiöser Dienst dem orphischen, dionysischen, ägyptischen, jüdischen, phrygischen, persischen und chaldäischen nachgebildet war und sich heiliger Bücher, Lieder und Hymnen bediente, die uns zum Teil zwischen den „Rezepten“ der Zauberpapyri als „Gebete“ erhalten geblieben sind[2609], die Bausteine so mannigfaltiger Herkunft nach einheitlichem Plane zusammenzufügen[2610]. So betrachtet, erweist sich die Gnosis als Erscheinungsform der großen synkretistischen Bewegung, zu der den Anstoß gab die zunehmende nähere Berührung des Orients und Okzidents, der fortschreitende Austausch der nationalen Religionen, deren Beeinflussung durch die griechische Philosophie, und schließlich die Aufnahme gewisser, jedoch schon völlig phantastisch veränderter Gedanken des nachapostolischen Christentums[2611]. Die nämliche weitgehende Durchdringung hellenistischen, chaldäischen und ägyptischen Wesens, von dem die Kultbilder zu Denderah und Edfu und auf babylonischem Gebiete ~Teukros~ Zeugnis ablegen[2612], zeigt sich in den Glaubensvorstellungen der Gnostiker und tritt ganz besonders auch in der Bedeutung zutage, die gerade orphische, chaldäische und ägyptische Geheimlehren für sie besitzen[2613]. Die gnostische Litteratur ist daher erfüllt von Berufungen auf derartige Mysterien und Weihen, deren Kult-Mythen und -Gebräuche sie unter entsprechender Allegorisierung als bildliche Darstellungen aller der Wahrheiten ausgibt, die sie zu erweisen bemüht ist[2614]; ihre Autoritäten sind hierbei bald griechische Philosophen (in neupythagoräischer oder -platonischer Auffassung), Dichter (auch ~Homer~) und Weise, bald die „eigenen Berichte“ von Gottheiten wie ~Thot~, ~Hermes~, ~Isis~, ~Asklepios~, ~Agathodaimon~ und Anderen über die Schöpfung und Entwicklung der Welt, bald die Erzählungen jener durch solche Offenbarungen kosmologischen, astrologischen und dämonologischen Inhaltes begnadeten „Propheten“, denen die Götter, wenn sie sie durch Beschwörung und Bedrohung erst einmal herniedergezogen und zum Sprechen gebracht haben, „nichts zu verbergen vermögen“[2615]. Merkwürdig und bedeutsam erweist sich hierbei die Verquickung des iranischen Dualismus der guten und bösen Götter mit dem spätgriechischen Gegensatze zwischen der guten Welt des geistig-göttlichen Pneumas und der schlechten des körperlich-gemeinen Stoffes (der Hýle), da nichts geeigneter war, die Sehnsucht nach Befreiung und Erlösung zu fördern, als die Lehre von der unendlichen Überlegenheit der geistig-idealen über die sinnlich-materielle Welt[2616]. Der großen Menge allerdings blieb diese Seite der Gnosis unfaßlich; für sie war Gnostik gleichbedeutend mit Magie, -- etwa jener der Zauberpapyri[2617] --, d. h. sie verhieß ihren Anhängern alle Güter der Welt, hauptsächlich Reichtum, Gesundheit und Unsterblichkeit, und gewährte ihren Verkündigern geheime Weisheit = νοῦς (Nûs), höhere Vernunft = λόγος (Logos), sowie wahre Erkenntnis = γνῶσις (Gnosis)[2618].

Aber auch in den Kreisen dieser Verkündiger, also der eigentlichen Träger der Bewegung, wandte sich die gesuchte „Erkenntnis“ weit minder rein geistigen Zielen zu, als durchaus praktischen, nämlich der Ausforschung des Heilsweges, sowie der geheimnisvollen Mittel, die den Zwang der Heimarméne zu brechen vermöchten[2619]. Die Gnosis, γνῶσις σωτηρίας, γνῶσις θεοῦ (Erkenntnis des Heilsweges, Erkenntnis Gottes) wird daher nicht durch Denkarbeit und wissenschaftliches Bemühen erworben, sondern durch ekstatisches Schauen der höchsten Dinge und visionären Verkehr mit der Gottheit, sie ist nicht ein Ergebnis der Vernunft, sondern entspringt dem inneren Fühlen, der andächtigen Stimmung, der gläubigen Schwärmerei, kurz einem Seelenzustande, dessen Vollendung τέλος, Télos) zu erreichen nur dem durch „Gnade von oben“ Auserlesenen vergönnt bleibt[2620]. Alle diese Züge sind orientalischer Herkunft, finden sich aber nicht nur bei neupythagoräischen Orphikern und Neuplatonikern, sondern schon bei ~Poseidonios~, verknüpft mit solchen, die teils auf die alten griechischen Geheimkulte zurückgehen, teils der griechischen Philosophie und besonders dem platonischen Enthusiasmus entstammen[2621]; zu diesen gehört u. a. die für die Verbindung mit der Astrologie höchst wichtige Idee, daß die Erlangung der Gnosis gefördert wird durch Betrachtung und Kenntnis des gestirnten Himmels, da „die Ordnung am Himmel“ das Dasein der ordnenden Gottheit verbürgt, und die geordnete Bewegung der Sterne nach ~Aristoteles~ das Prinzip alles Werdens und Vergehens ist[2622]. Allerorten schöpfen eben die Gedanken, die in hellenistischer Zeit anscheinend plötzliche und unbegreifliche ausgedehnte Eroberungen machen, die hierzu erforderliche Kraft aus der griechischen Welt, in der sie sich jahrhundertelang allmählich und organisch entwickelt hatten[2623].

Würdig der Gnosis macht aber außer dieser Beschäftigung mit den himmlischen Dingen auch solche mit den Lehren und Schriften bereits „Begnadeter“, also mit den „uralten und mystischen Offenbarungen der Propheten“, die zum Himmel entrückt wurden und zur Erde wiederkehrten als Verkündiger des Geschauten, des himmlischen Lichtes und Lebens, der göttlichen Kraft und Gnade[2624]. Ihre Worte geben die Sicherheit, daß die Gottheit auf die Anrufung des Gläubigen hört und bereit ist, „sich mit ihm zu vereinen“, und daß +nach dem Tode+ seine Seele auferstehen, durch die Ogdoas (= Achtheit der 7 Planeten- und der Fixsternsphären) zum Himmel auffahren und sich dem θεὸς ὕψιστος, dem Höchst-Thronenden, zugesellen wird[2625]. Aber ein gleiches kann auch +dem noch Lebenden+ beschieden sein, sofern er in den schwärmerischen Zustand der Ekstase gerät, während derer (nach einer durch ~Poseidonios~ vermittelten Ansicht der Chaldäer, der sich auch Mithrasverehrer und Neuplatoniker anschlossen) die Seele den Körper verläßt, um zum Himmel emporzusteigen und „ein Teil der Gottheit“ zu werden[2626]. Derartige Ekstase bewirken bei dem ihrer Gewürdigten nicht nur innere Stimmungen und Regungen, sondern auch äußere Mittel, u. a. der Genuß von ἀμβρόσιον ὕδωρ (ambrosischem Wasser = Unsterblichkeits-Trank), sowie gewisse rituale Veranstaltungen[2627]. Zu dem für die Gläubigen Bedeutsamsten, was die Gnosis lehrt, gehört die „richtige“ Ausführung solcher religiöser und theurgischer Operationen, der geheimen heiligen Handlungen oder Sakramente, an die sich u. a. auch die Bekanntgabe gewisser heiliger Symbole, Formeln, Zeichen, Namen und Zauberworte schließt, deren die Seele hauptsächlich bedarf, um den Widerstand zu überwinden, den die Bosheit der 7 Planeten-Dämonen ihrer Himmelsreise entgegensetzt[2628]. Wirksame Hilfe gewährt dem Gnostiker hierbei, aber auch bei allen sonstigen Anlässen, eine möglichst nahe Verbindung mit seinem „Engel“, und da die Seelen als „pneumatische Bräute“ dieser Engel gelten, die sie mit sich in den himmlischen oberen Weltenraum (πλήρωμα, Pléroma) heben, so erklärt sich hieraus das bei manchen Sekten, z. B. den Valentinianern, übliche „Sakrament des Ehegemaches“ (νύμφωμα, θάλαμος), die Zeremonie des „πνευματικὸς γάμος“, der „geistigen Hochzeit“, die an den Neophyten und Neophytinnen in der „himmlischen Brautkammer“ als „Sinnbild der innigsten Vereinigung“, und oft wohl nicht nur ganz symbolisch, vollzogen wurde[2629]. Der so Geweihte ist τέλειος (Téleios), d. h. ein „Vollendeter“, er ist „umgeschaffen“ durch μεταβολή (Metabolé), erfüllt von deren „totenerweckender Kraft“ (δύναμις τῆς μεταβολῆς) und würdig des Pléromas; auch weiß er das heilige Licht zu trennen von der verworfenen Finsternis (tenebrae, chaos, abyssos) und die „unnatürlich“ zur Welt zusammengemengten Bestandteile zu entmischen, wobei er verfährt wie ein Künstler κράσεως καὶ μίξεως (der Krasis und Mixis), der die Teile des Eisens mittels des Magneten von denen anderer Metalle sondert, oder Schmelzen und Legierungen wieder in ihre einzelnen Bestandteile zerlegt[2630].

Infolge der ungeheuren Wichtigkeit, die dem „dicere et facere mysterium“, d. h. dem Reden und Tun beim Geheimdienste, zugemessen wurde, steigerte sich in gleichem Maße auch die des ausführenden Priesters, und so kann es nicht wundernehmen, daß Ägypten allmählich zur „Hochschule“ der Betrüger, Schwindler und betrogenen Betrüger heranreifte: für die große Menge war der Priester der „Zauberer κατ’ ἐξοχήν“, der ihren Aberglauben in ausreichender Weise zu befriedigen, vor allem jedoch seinen gehörigen persönlichen Einfluß auf die Götter zu bewähren hatte[2631]. Aber auch die Gebildeteren sahen in ihm den Auserwählten, der es verstand, die Gottheiten auf die richtige Weise und mit den richtigen Worten anzurufen, unter Gebrauch der „rechten“ Beschwörungen, Zeichen, Sprüche, Intonationen, Formeln, Buchstaben, Zahlen und vor allem Namen. Die Namen sind wesentliche Bestandteile ihrer Träger, deren Macht jener erlangt, der sie weiß[2632], aber nur die „wahren“ Namen oder Beinamen sind „treffend und verpflichtend“[2633]. Daher betonen schon ~Origenes~ und die „Chaldäischen Orakel“ im 2. Jahrhundert[2634], sowie das dem ~Iamblichos~ (gest. 330) oder seiner Schule angehörende Mysterien-Buch, -- das die Dämonen-Lehre und die Kraft der Zaubermittel „mit wahrhaft scholastischer Gründlichkeit“ abhandelt[2635] --, man habe Namen und magische Worte in der ägyptischen oder chaldäischen +Ursprache+ zu kennen und +allein in dieser+ zu benützen, „da solche fremde Ausdrücke durch jede Übersetzung die Emphase und Kürze des Originals verlieren, das den Göttern auch das gewohntere und angenehmere ist“[2636]. Von dieser Kürze merkt man allerdings nichts, wenn z. B. die „Pistis Sophia“ berichtet, „die 5 großen Archonten, die die ganze Welt als solche kennt, hießen ~Zeus~, ~Aphrodite~, ~Kronos~, ~Hermes~ und ~Ares~, ihre eigentlichen und unvergänglichen (ἄφθαρτοι) Namen lauteten aber ~Chrubal~, ~Chosi~, ~Orimuth~, ~Tarpetanuph~ und ~Munichunaphor~“[2637]. Vermutlich ist anzunehmen, daß die Wirkung dieser, der Gemeinde geläufigen, aber unverständlichen Worte eine ähnliche war, wie noch heutzutage die des Amen, Sela, Hosianna und Halleluja[2638], oder die des Gottesdienstes in ausgestorbenen Sprachen, z. B. Lateinisch oder Sanskrit; auch trug man überhaupt große Scheu, an dem, was einmal für althergebracht galt, irgendwelche Veränderungen vorzunehmen, da schon der geringste Fehler in Wort oder Tat nicht nur die ganze Wirkung des Rituals zu nichte machen, sondern auch statt der gerufenen guten Geister böse (oft sogar noch in verkappter Gestalt) herbeiführen und so schreckliche Gefahren verursachen konnte[2639]. Die typische (auch in den Zauberpapyri erhaltene) Anordnung des priesterlichen Geheimdienstes umfaßt daher neben der πρᾶξις (Praxis) = Zauberhandlung und dem λόγος (Logos) = Zauberspruch stets als dritten Punkt noch die φυλακτήρια (Phylaktéria) = Schutzmittel gegen die Geister[2640], und es ist sehr wahrscheinlich, daß zu diesen auch das Locken, Beschwichtigen und Scheuchen durch tierische Laute, sowie das Schnalzen, Brüllen, Zischen, Pfeifen und Zwitschern seitens der Mysten zählten[2641].

Ein großer Teil der Gedanken, die in der Gnosis zu völliger Ausbildung gelangten, wurzelt, wie zuerst ~Anz~ überzeugend nachwies[2642], in der spätbabylonischen Verfallszeit, namentlich in der Periode, während derer sich chaldäische und persische Anschauungen zu durchdringen begannen[2643]. Demgemäß ist die Welt eine Mischung aus Licht und Finsternis, aus edlem göttlichem Geiste und gemeiner „böser“ Materie, das Machwerk eines untergeordneten, wenn nicht schlechten, so doch schwachen Demiurgen, und wenn nicht geschaffen, so doch mitbeherrscht von den Planeten-Geistern[2644]. Anfänglich scheint (wie noch im „Hirten des ~Hermas~“) jedem Planeten je ein guter und ein böser Geist, „eine Tugend und eine Sünde“, zugeteilt gewesen zu sein[2645], allmählich jedoch erhielten die nach persischer Auffassung zu Dämonen herabgesetzten „niederen Genien“ die Oberhand, die Sterngeister wurden aus guten erst zu „halbbösen“, dann zu bösen Gestalten[2646] und schließlich zu „Göttern des Verderbens“, deren Schuld die mangelhafte Weltordnung ist[2647]. An ihrer Spitze steht ~Jaldabaoth~, ursprünglich die babylonische Gottheit des bösen und vom Vermögen „hinterlistiger Täuschung“ (ἐνέδριον ψεῦδος) erfüllten Planeten ~Saturn~[2648], der daher auch dem ~Kronos~, ~Chronos~, ~Jao~ usf., besonders häufig aber dem Judengotte ~Jehovah~ gleichgesetzt wird[2649]. Die Planetengötter sind Archonten = Herrscher[2650], sie knechten die Welt, berauben die Menschen der Freiheit und befehden sie auf das bitterste[2651]; wie sie, -- schon nach ~Philo~[2652] und ~Porphyrios~ (232-304?)[2653] --, die Bewegungen und Geschwindigkeiten der Planeten störend beeinflussen und diese (nach persischer Auffassung) zur Rückläufigkeit zwingen, indem sie die guten, dem ~Ormuzd~ dienenden Lenker überfallen und einkerkern[2654], so verhalten sie sich auch gegen die Sterblichen. Ihre Schlechtigkeit und Bosheit verkörpert sich im ἀντίμιμον πνεῦμα[2655], dem „Geist des Zuwiderhandelns“, dem „Geist, der stets verneint“, dem Ἀντίθεος (Widersacher), dessen Macht furchtbar ist und selbst durch die Sakramente des „heiligen Wassers“ oder „heiligen Öles“ nur schwierig mit Erfolg bekämpft werden kann; er bringt alles Gute und Edle zu Fall, zieht das Gemeine und Verderbliche an sich und zwingt die Menschen zur Sünde oder verbindet sich doch, gemeinem (ὑλικόν, zur Hýle gehörigen) Kupfer gleichend, in ihrer Seele so mit der dem geläuterten Silber ähnelnden Kraft des himmlischen Lichtes, wie dies das Kupfer mit dem Silber in der Metallmischung der Scheidemünzen tut[2656]. Die Hýle, besonders als gestalts- und qualitätslose ὕλη ἄποιος, als neuplatonische „böse“ Materie, gilt den Gnostikern überhaupt als Symbol der Schlechtigkeit[2657], des niedrigen weiblichen Prinzips (ἡ θήλεια, Théleia) im Gegensatze zum höheren männlichen ὁ ἄρσην, Arsen)[2658], sowie der das Weltganze umfassenden „Finsternis“ und ihres Sinnbildes, der Schlange oder des Drachens, den Schweif im Munde, oder zum Knoten verschlungen[2659].

Wie die Sonne, die schon die Chaldäer eine schlangenförmige Bahn verfolgen und durch ihren Lauf auch den der Gestirne lenken lassen[2660], so sind auch die Planeten, die vom Demiurgos, dem „Herrn der zwei oberen Elemente“ (Luft und Feuer) geschaffenen Wandelsterne[2661], Träger und Erscheinungsformen göttlicher Gewalten, -- daher noch die Namen ὁ τοῦ Κρόνου (der des ~Kronos~) u. dgl. --, und beherrschen so entweder unmittelbar, oder durch Geister, die ihre und der Heimarméne „Diener“ sind, die Welt, die irdischen Dinge, die Menschen und ihre Seelen[2662]. Die Annahme von 7 Sphären und die Herabsetzung der Planetengötter zu bösartigen Dämonen führte hiernach zur Lehre von jener Siebenzahl der an die Planeten gebundenen Übel, die seither in den „7 Todsünden“ fortlebte[2663], sowie zur Vorstellung, daß die Dämonen, als Feinde und Hasser der Menschen, sie durch ihre „zugehörigen“ Übel zu verderben, oder doch zu schädigen trachten.

Nun thronen, spätpersischer Voraussetzung folgend, im obersten über den 7 Sphären gewölbten Himmel ein höchster, in synkretistischer Redeweise als „unbekannter Vater“ bezeichneter Gott, der θεὸς ὕψιστος, sowie eine analoge Göttin, für welche beide auch, in nicht ganz folgerichtiger Weise, die „Besseren der Sieben“, nämlich Sonne und Mond, als Symbole gelten[2664]. Die Göttin, offenbar Nachfolgerin der chaldäischen Himmelskönigin ~Istar~[2665], wird bald ~Sophia~ genannt, bald ~Barbelo~, d. i. ein verstümmeltes παρθένος (Parthénos, Jungfrau), bald μήτηρ (Mutter), oder ἡ ἄνο μήτηρ (Mutter in der Höhe), und nähert sich dem Typus der uralten vorderasiatischen „Magna Mater“, d. h. sie ist bald Jungfrau (πνεῦμα παρθενικόν), bald Mutter, bald ausschweifende Liebesgöttin und Buhlerin im Sinne der „~Helena~“ des ~Simon Magus~[2666]. So wie der Mond (im Griechischen weiblich σελήνη Selene = Helene) ist auch sie Herrin der Gestirne und der 7 Planeten, umgeben von männlichen und weiblichen Sterngottheiten niedrigeren Ranges, von Engeln, Lichtjungfrauen, Schicksalsfrauen und Geistern jener 7 Sphären, die den 7 übereinander liegenden Gewändern der ~Istar~ gleichen[2667], -- kurz von ursprünglich durchaus guten Genien, die erst allmählich, unter persischem Einflusse, zunächst zweifelhaften Charakter annehmen, schließlich aber das Wesen verworfener und hinterlistiger Dämonen. Der obere Himmel, die Wohnstätte des höchsten Gottes und der ~Sophia~, ist aber auch die eigentliche Heimat der Seelen, die von ihm herab in die Welt der Materie nur gelangen können, indem sie die trennenden Gewölbe der 7 Sphären durchwandern; hierbei lauern ihnen die Archonten auf und geben ihnen beim Abstiege ein jeder seine „niedrigen Eigenschaften“ mit auf den Weg, so daß sie von diesen sündigen Anlagen wie von 7 Kleidern oder Hüllen umgeben und so schon von vornherein dem Unglücke geweiht, auf Erden anlangen[2668]. Noch schlimmer aber ergeht es den Seelen, wenn sie nach der Trennung von den Leibern den Rückweg in das himmlische Heim einzuschlagen versuchen[2669]: die heimtückischen Archonten, als „Türhüter der Sphären“, stellen sich ihnen in den Weg, wehren ihnen den Einlaß, hindern sie durch Drohung und durch Gewalt die Pforten der 7 Himmel zu durchschreiten und stoßen sie erbarmungslos in die Finsternis des Abgrundes zurück[2670]. Hier bewährt sich nun an den sonst Verlorenen die Macht der Gnosis: denn +sie+ verriet ihren Anhängern die wahren Namen der Archonten, +sie+ gab ihnen Kunde von den richtigen Losungsworten und +sie+ erschloß ihnen die rechte Art der Aussprache; an solchem überirdischen Wissen bricht sich der Trotz der „Hüter“, sie sehen sich gezwungen, ihren Widerstand aufzugeben und den Seelen die Himmel zu erschließen. Was sonst +nur+ der erlösende Mittler zwischen Gott und Welt vermag, der kraft seiner zauberischen Macht durch die Reiche der Dämonen herabfährt, sie niederkämpft und wieder gen Himmel aufsteigt[2671], das leistet die Gnosis für ihre Gläubigen und erfüllt hierdurch ihre wesentlichste, wenn auch nicht alleinige Verheißung[2672]. Ein gnostisches Evangelium (verfaßt um 150 n. Chr.) schildert ausführlich die Wanderung der Seele durch die 7 Sphären in den obersten Himmel[2673], und eine späte, in der „Legenda aurea“ des ~Jacobus a Voragine~ (Bischofs von Genua, 1230-1298) erhaltene Tradition preist die oft kaum einen Augenblick währende Himmelfahrt der Gläubigen als ganz besonderes Wunder, weil im Gewöhnlichen zur Durchwanderung jeder Sphäre und jedes Himmels 5 Jahrhunderte, zur Erreichung der Himmelswölbung also 7500 Jahre erforderlich sein sollen, -- „ob das aber wirklich so zutrifft, das weiß Gott allein“, fügt der Verfasser vorsichtigerweise hinzu[2674].

Da die στοιχεῖα (Stoicheía) als +Gestirne+ und +Elemente+ Bestandteile der +Welt+, als +Buchstaben+ aber auch solche der +Worte+ sind, ergeben sich geheimnisvolle Beziehungen zwischen den Namen oder Bezeichnungen der Dinge, den Buchstaben, aus denen diese Namen bestehen, und den Zahlenwerten, die diesen Buchstaben entsprechen[2675]; da derlei Betrachtungen in den älteren magischen und koptischen Texten vom +griechischen+ Alphabet ausgehen, „dessen Zeichen kraftvoller sind“, so gelangten sie nach Ägypten wohl über griechische Gebiete[2676], denen selbst sie wieder aus dem Oriente zukamen, der alten Heimstätte der Buchstaben-Mystik[2677]. Indem deren Lehren sich mit jenen von den 7 Planeten vereinigten[2678], entstand die bereits den Neupythagoräern, dem ~Philo~[2679] und dem ~Plutarch~ (48-125)[2680] völlig geläufige Vorstellung, daß die Töne, die schon ~Platon~ die sternlenkenden „Sirenen“ hervorbringen läßt, keine anderen seien, als die 7 griechischen Vokale α, ε, η, ι, υ, ο, ω, die sich als „Mysterien der 7 φωναί (Klänge)“ zum Heptachord der Sphärenharmonie vereinen und in Beziehung stehen zu den 7 Saiten, Farben, Tagen, Himmeln, Sphären und Stufen der Erlösung[2681]. Umgekehrt rief man daher die Planetengötter durch Intonieren und Psalmodieren der 7 Vokale in allen möglichen Variationen an, -- s. das spanische insalmar = impsalmare = zaubern[2682] --, legte den aus 7 Buchstaben gebildeten, „die Sphären und ihre 7 Vokale“ umfassenden Götternamen besondere Macht bei[2683] und verfertigte auch spielerische Bilder solcher Zusammenstellungen, z. B. in Gestalt eines Eies, Herzens, Täubchens, Quadrates, oder des als Amulett u. dgl. ganz besonders wirksamen „Flügels des ~Hermes~“ (Ἑερμοῦ πτέρυξ)[2684]:

ω ω ο ο ω υ υ ω ο ι ι ο ω υ η η υ ω ο ι ε ε ι ο ω υ η α η υ ω ο ι ε ε ι ο ω υ η η υ ω ο ι ι ο ω υ υ ω ο ο ω ω

Weil aber im Griechischen die Zahlen mit Hilfe der Buchstaben ausgedrückt und geschrieben werden:

{ 1 2 3 4 5 6 7 8 9 { α β γ δ ε ϛ (Stigma) ζ η θ

{ 10 20 30 40 50 60 70 80 90 { ι κ λ μ ν ξ ο π ϙ (Koppa)

{100 200 300 400 500 600 700 800 900 { ρ σ τ υ φ χ ψ ω ϡ (Sampi),

ergaben sich Betrachtungen über die „Ziffernsummen der Worte“ fast von selbst[2685], und solche, die gewisse wichtige Zahlenwerte darstellten, mußten erhöhte Bedeutung gewinnen[2686].

Unter diesen nimmt die erste Stelle der Name ~Abraxas~ ein, der 7 Buchstaben zählt und die Zahlensumme 3α + β + ρ + ξ + σ = 3 + 2 + 100 + 60 + 200 = 365 ergibt; dies ist der Geheimname des obersten, die Macht der 7 Planeten in sich vereinenden Beherrschers der 7 Sphären und der 365 das Pleroma erfüllenden Engel, Teilgötter, göttlichen Kräfte oder göttlichen Erscheinungsformen, die nach gnostischer Lehre durch Emanation aus ihnen hervorgingen[2687]. Schon dem Kirchenvater ~Irenaeus~, der um 202 als Bischof von Lyon starb, ist dieser Name und seine Bedeutung = 365 wohlbekannt[2688], und an ~Abraxas~ scheint sich auch das berühmte Zauberwort „Abracadabra“ zu knüpfen, das aus der bereits im 1. Jahrhundert sehr entwickelten medizinischen Magie stammt und zuerst bei ~Sammonicus~ (gest. 211) nachgewiesen ist[2689], seinen hohen Ruf aber in den Kreisen der Abergläubischen bis auf den heutigen Tag unverändert bewahrt hat[2690]. Der „Urgott“ ~Abraxas~ gilt u. a. als wesensgleich mit dem Logos, mit ~Hermes~ und mit ~Thot~, besitzt die „pneumatischen Kräfte des ~Thot~“, vor allem die der Wiederbelebung Abgeschiedener (σῶμα νεκροῦ), und ist „Beherrscher des heiligen Pneumas“, aus dem die vier Stoffe der Weltordnung hervorgehen, d. s. die zu je zweien entgegengesetzten Elemente, von denen Wasser und Erde mehr körperlicher, Luft und Feuer aber mehr körperloser Natur sind[2691]; er wird ferner identifiziert mit ~Anubis~, ~Serapis~, ~Mithras~, ~Jao~, ~Zebaoth~, ~Pan~ usf., und findet sich, mit diesen Namen bezeichnet und den Sinnbildern von Schlange, Löwe, Sphinx, Affe, Käfer, Hahn u. dgl. zugesellt, auf den gnostischen Gemmen und Amuletten, deren eine sehr große Zahl auf unsere Zeit gekommen ist[2692]. Aus der Beziehung zum Sonnengott ~Mithras~ und zum Hahn als „Sonnenvogel“ erklärt es sich auch, daß man in ~Abraxas~ den hahnenköpfigen Leger des +Welteneies+ erblickte[2693]. Schon weiter oben wurde einiger hierher gehöriger Legenden gedacht, der babylonischen vom Urei, aus dem ~Ea~ = ~Oannes~, der Bringer des Lebenswassers, hervorging[2694], der vorderasiatischen vom Ei der syrischen ~Aphrodite~, das aus dem Himmel in den Euphrat fiel[2695], der ägyptischen vom Ei = Chaos[2696] und der (aus diesen entsprungenen?) orphischen vom Ei des ~Phanes~, das infolge des Umschwunges des Chaos = Chronos = Aither entstand[2697]. Sie alle flossen zusammen in der gnostischen Anschauung vom Weltenei „in den Wassern“ oder „im Schoße des Alls“, aus dem sich Himmel und Erde, ja der ganze Kosmos gestaltet[2698], und das man daher, -- der Gewohnheit der Zeit folgend, und nicht etwa auf eigene Kenntnis des ~Heraklit~ oder ~Xenophanes~ hin --, auch als ἓν καὶ πᾶν (Hen kai pan) und (nach der falschen Etymologie πᾶν = Πάν) als Symbol des Gottes ~Pan~ ansah[2699]. Besonders beliebt war der Vergleich des von ~Abraxas~ gelegten Welteneies mit dem Ei des Pfauen, das ebenfalls nur „Eines“ ist, trotz dessen aber die Anlage zu „allen 365 Farben“ und damit „zu den mannigfaltigsten, vielgestaltigen und buntesten Bildungen“ schon in sich enthält[2700].

Wie das Weltall, so besitzt auch das Ei ein Oben, eine Mitte und ein Unten und ferner mehrere den Sphären entsprechende Hüllen und Schichten, deren innerste von dem in Schlangenform eindringenden „Geist“ (oft auch von einem bösen) befruchtet wird[2701]. In allem diesem zeigen beide die auffälligste Analogie mit dem +Mutterschoße+, der geradezu ein Abbild des Kosmos, seiner Ordnung und seiner Entstehung darstellt[2702] und als „Gefilde der Entstehung“ zu bezeichnen ist, in dem die pythagoräische heilige Vierzahl herrscht, nämlich die der vier Elemente[2703]. Das Weltall ist in der Tiefe erfüllt vom Dunkel „schrecklichen Wassers“, in der Höhe von Licht, in der Mitte aber von Pneuma; Licht und Pneuma trachten, das Dunkel nach oben zu drängen, es emporzuheben „wie auf Fittigen des Adlers“, damit das Schlechte zum Guten hinstrebe, gleich der indischen Naphtha zum Feuer[2704]. Ganz ebenso enthält die Matrix in der Tiefe dunkles Wasser, in der Höhe das lichte Feuer des Lebens (den lebenden Embryo), dazwischen aber Pneuma, das die einen als Spiegelbild des Lichtes im Wasser auffassen (entsprechend dem der Außenwelt im dunklen Wasser des Auges)[2705], die anderen als den leisen Wind, der dem befruchtenden Schlängelchen gleich säuselt und dabei im Wasser „Wellen“ erregt, die Anstoß zu Bewegung und Entwicklung geben[2706]. So ordnen sich die Elemente und es entsteht, falls keine „Fehlgeburt“ störend eingreift[2707], im „Wasser“ und aus dem Wasser der Matrix das Kind[2708]; seine „Begierde“ zu entstehen nimmt aber ihren Ausgang vom Feuer, das im Blute des Mannes und Weibes zu Samen und Milch wird, -- durch μεταβολή (Metabolé) der ποιότης (Poiótes, Qualität), +nicht+ der οὐσία (Usía, Substanz) --, und sich so anfangs zur Materie und weiterhin zur Nahrung des neuen Wesens umgestaltet[2709].

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Auf die spätere, eigentlich christliche Gnosis, braucht an dieser Stelle nicht mehr eingegangen zu werden; die „phantastische Mischung“ aus paulinischen Ideen, platonisierender Religions-Philosophie, Mysterien-Praxis und orientalischer Kultweisheit ist in ihr fast unentwirrbar[2710], und das Bestreben, πίστις (Pístis, Glauben) in γνῶσις (Gnósis, Erkenntnis) zu verwandeln, führt zu bedenklichen Versuchen „spekulierender Phantasten“, die Dogmen des Christentums vorgefaßten Meinungen gemäß umzudeuten und seine Lehre zum Rahmen neuplatonischer, chaldäischer und anderer orientalischer Lehren zu modeln[2711]. Durch das Zugeständnis, daß der auch von der Gnosis verkündete Erlöser kein anderer sei als ~Christus~, sowie durch die Bemühungen, die gnostische Offenbarung durch apokryphe und pseudepigraphe Akten, Dokumente und Evangelien zu legitimieren, konnte das erhoffte Ergebnis nicht erzielt werden, da die Machwerke der Theosophen und Mystagogen allzusehr gegenüber den Schriften abfielen, in denen sich die christliche Idee mit der Weltmacht griechisch-philosophischer Gedanken edelster Art vereinigte[2712]. So verblieb denn auf diesem Gebiete nach ~Deussen~ nur eine einzige dauernde Nachwirkung, die der unwiderleglichen Behauptung der Gnostiker, daß es in einer Welt, die das Werk eines allgültigen, allweisen und allmächtigen Gottes wäre, einer Erlösung nicht bedürfte[2713].

g) Der Mithrasdienst.

Wie die durch ~Winckler~ zu Boghazkiöi in Kleinasien aufgefundenen hethitischen Inschriften aus der ersten Hälfte des 2. vorchristlichen Jahrtausendes ersehen lassen, gehörte ~Mithra~, neben ~Varuna~ und ~Indra~, schon in dieser Zeit der ältesten datierbaren Zeugnisse iranischer Sprache und Religion zu den wichtigsten Göttern uralter, noch vorzoroastrischer Herkunft[2714]. Ursprünglich galt ~Mithras~ anscheinend als Herr der himmlischen Tageshelle und so, als ein bloßer Lichtgott, an sich keineswegs für ebenbürtig dem Weltherrscher ~Ahuramazda~ (~Ormuzd~ = ~Zeus~) und dem Gotte der unendlichen Zeit ~Zervan~ (= ~Chronos~ = ~Kronos~ = ~Aion~), vielmehr beruhte seine hervorragende Bedeutung darauf, daß der Lichtgott auch Luftgott war und als solcher der „Mittler“ zwischen Himmel und Unterwelt, ~Ormuzd~ und ~Ahriman~[2715]. Im System ~Zoroasters~ ist er ein guter Genius, ein „Erlöser“, da er u. a. die Gerechten gegen die Dämonen schützt und sie in das Paradies geleitet[2716]. Die Periode der chaldäisch-persischen Verquickung identifiziert ihn mit ~Samas~, dem Sonnengotte und Beherrscher der 7 Planeten, und erhebt ihn hierdurch zwar nicht zur obersten Gottheit, aber zu einer der hauptsächlichsten und den obersten verbündeten[2717]; seine Verehrung, bis dahin immer noch eine heterodoxe Abzweigung der iranischen Religion, nimmt aber erst beim Übergange in den Okzident den Charakter eines Mysterien-Kultes an[2718].

In die eigentliche griechische Welt hatte ~Mithras~ niemals Eingang gefunden; erst die späthellenistische betrachtete ihn zunächst als Vater des ~Helios~ und dann, „da Vater und Sohn Eines sind“, als ~Mithras-Helios~ oder als ~Helios~ (Sonne) selbst, als den allmächtigen unüberwindlichen Sonnengott (Ἥλιος ἀνίκητος; Sol invictus)[2719], identisch mit ~Apollon~, aber auch mit ~Hermes~, ~Jahweh~, ~Jao~ und anderen Gottheiten der synkretistischen Zeit[2720]. Seinen Dienst verband sie teils mit den älteren griechischen Lehren von den Sternen als gottbeseelten Wesen, teils mit den jüngeren neupythagoräischen vom heiligen Lichte als Sinnbilde der unsichtbaren Gottheit[2721] und knüpfte ihn an wiedererweckte uralte Riten, wie Abhaltung in Höhlen, Benützung tierischer Masken und Laute, gefährliche Prüfungen und geheime Weihen, u. dgl. mehr[2722]. Diesen ausgesprochenen Charakter eines fremdländischen Geheimkultes behielt der Mithrasdienst unentwegt mit nachdrücklicher Schärfe bei; da sich ihm aber infolgedessen das ganze Gebiet des gebildeten Hellenismus verschloß, blieben seine Anhänger allezeit eine „kulturlose Sekte“, die sich nur aus den untersten Volksschichten ergänzte[2723]. Einen außerordentlichen Aufschwung nahm er in Ägypten und im Orient zur Zeit der großen römischen Annexionen in Kleinasien, also gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr., und zwar hauptsächlich unter den römischen Soldaten und niedrigen Beamten[2724], die ihn seither mit erstaunlicher Geschwindigkeit durch fast das ganze römische Weltreich ausbreiteten. Das meiste hierzu trug die Huld der Kaiser im 3. Jahrhundert bei, die wie ~Septimius Severus~ (193-211), ~Heliogabalus~ (218-222), ~Severus Alexander~ (222-235) und schließlich ~Aurelianus~ (270-275) den „Sol invictus“ in die römische Staatsreligion aufnahmen[2725] und die völlige Umwandlung des von ~Augustus~ nach römischem Begriffe geschaffenen „Principates“ in die absolute Monarchie „von Gottes Gnaden“ nach orientalischem Geiste vollzogen[2726]: für sie war die Sonne der Regent der das Schicksal bestimmenden Sterne, daher das königliche Gestirn, das die Auserwählten zu Herrschern erhebt, sie an seiner eigenen Gottheit teilhaben und als deren Emanation ihre Stellvertretung auf Erden übernehmen läßt, endlich ihnen auch das Recht verleiht, sich die „Strahlenkrone“ auf das Haupt zu setzen, wie sie im Orient bereits der ptolemäische und seleukidische König getragen hatte, und in Rom zuerst ~Nero~[2727].

Die älteste Form des Mithrasdienstes, über die wir bisher Kunde besitzen, scheint aus einer „Mithras-Liturgie“ ersichtlich zu sein, die ~Dieterich~ als Bestandteil des „Pariser Zauberpapyrus“ (ed. ~Wessely~) nachwies[2728]. Niedergeschrieben ist dieser gegen 300, die vorgetragenen Lehren dürften aber bereits seit 200 zur Anfertigung von Zauberbüchern herangezogen, mindestens seit 150 im Kulte benützt, also ungefähr um 100 abgefaßt worden sein[2729]; dementsprechend verraten sie keinen Einfluß des ~Plotinos~ oder ~Porphyrios~, zeigen den Charakter der frühen Gnostik, die eine engere Verbindung mit dem Christentum noch nicht eingegangen war, und räumen letzterem keine bedeutsame Stellung ein, wenngleich sie ~Christus~ zweimal, als „Gott der Juden“ und zusammen mit ~Abraham~, ~Israel~ und ~Jakob~ erwähnen, -- wie dieses auch andere Zauberpapyri des nämlichen Zeitalters tun, die von „~Jesus Ammon~“, „~Jesus Osiris Ammon~“ und anscheinend auch von „~Jesus Anubis~“ sprechen[2730].

Das Heil, das der Dienst des ~Mithras~ den „Söhnen“ oder „Kindern“ des Gottes (d. h. seinen Anhängern)[2731] verheißt, ist im wesentlichen, wie bei den Gnostikern, die Auferstehung, der Aufstieg der Seele nach dem Tode, aber auch die Himmelfahrt und Vereinigung mit der höchsten Gottheit noch während des Lebens, im Zustande der Ekstase[2732], durch die man „wie es alltäglich geschieht, den Grenzen dieser Welt entrückt und ein Teil des Gottes im Himmel wird“[2733]. Der Geheimdienst symbolisiert die Schicksale der Gläubigen, indem er einen Gott sterben und in das Totenreich niederfahren läßt, worauf er beklagt, gesucht und gefunden wird, kraft höherer Macht aufersteht und wieder gen Himmel fährt[2734]; aus den Ähnlichkeiten dieser Formen mit denen anderer analoger Kulte erklären sich gewisse gemeinsame Züge, wie z. B. die Entlehnung des Ausrufes εὑρήκαμεν („er ist gefunden“) aus den ~Osiris~-Mysterien in ihrer späten Gestalt[2735]. Auch die an dem einzelnen Mysten vorgenommenen Zerimonien betreffen Tod und Begräbnis, äußere und innere Reinigung, Wiedergeburt und Auferstehung[2736] und machen seine Seele würdig, später den Weg in den obersten Himmel zu finden, oder schon jetzt den Anblick des ~Mithras~ zu ertragen, der dem in völliger Ekstase Befindlichen als „König“ in scharlachrotem Mantel erscheint[2737].

Während der Pariser Zauberpapyrus die ekstatische Himmelfahrt in einer Weise beschreibt, die der älteren persischen Auffassung, die nur drei Himmel kennt, noch nähersteht[2738], lassen jüngere Berichte, die uns hauptsächlich in des ~Kelsos~ Schrift „Das wahre Wort“ (verfaßt um 150) erhalten sind[2739], sie in 7 Stufen vor sich gehen und verknüpfen sie auf das engste mit der Lehre von den 7 Planeten. „Daß es einen Weg der Seelen zur Erde und von der Erde hinweg gibt, -- so sagt ~Kelsos~[2740] --, bezeugen ~Platon~ und die Mysterien des ~Mithras~ bei den Persern.... Ihr Sinnbild ist wie folgt beschaffen: eine Leiter (κλῖμαξ, Klímax) mit 7 hohen Toren, darüber aber ein achtes; die Tore sind aus Blei, Zinn, Erz, Eisen, Mischmetall, Silber und Gold, zugeschrieben dem ~Kronos~ (weil das Blei die Langsamkeit dieses Sternes anzeigt), der ~Aphrodite~ (weil man mit ihr die Helle und Weiße des Zinns vergleicht), dem ~Zeus~ (weil das Erz stark ist und der Palast des ~Zeus~ χαλκοβατής heißt, d. i. mit erzener Schwelle versehen)[2741], dem ~Hermes~ (weil sich das Eisen, gleich ihm, betriebsam, arbeitsselig und alle Mühen ertragend zeigt), dem ~Ares~ (weil das Mischmetall wechselnd und mannigfaltig ist wie er), der ~Selene~ und dem ~Helios~ (weil Silber und Gold ihre Färbungen nachahmen).“ Dieser κλῖμαξ ἑπτάπυλος (7toriger Klimax), dessen Toren ursprünglich wohl nur die +Farben+ der 7 Planeten und ihrer Sphären und erst späterhin die diesen Farben entsprechenden +Metalle+ zugeschrieben wurden[2742], ist offenbar eine Nachbildung des babylonischen Stufenturmes[2743], der schon der Vision des Patriarchen ~Jakob~ von der Himmelsleiter zugrunde liegt[2744], und gilt als Sinnbild der stufenweisen Erhebung der Seele zum „Höchstthronenden“[2745], dem großen ~Mithras~, dem Allgotte, dessen Name in der Schreibweise Μείθρας auch den Zahlenwert 40 + 5 + 10 + 9 + 100 + 1 + 200 = 365 besitzt[2746]. An den 7 Toren stoßen die aufsteigenden Seelen der „Guten“ auf die „göttlich-dämonischen“ Gestalten der 7 „Hüter“[2747], geben sich ihnen durch den rechten Vortrag der erlernten Formeln und Worte als „Geweihte“ zu erkennen, legen die beim Abstiege in Empfang genommenen schlechten Hüllen wieder ab, durchschreiten die Tore (wie das auch die zuerst um 180 verfaßten „Oracula chaldaica“ schildern)[2748] und schweben schließlich als „sublimierte Monaden“ zum Empyreum empor[2749]. Dieser Wichtigkeit der Sphären gemäß erscheinen den Gläubigen schon während des Geheimdienstes, neben den 7 himmlischen Schicksals-Göttern und -Jungfrauen und den 7 Bewahrern der Weltachse, -- diese sind wohl nach persischer Anschauung die Sterne des großen und kleinen Bären --, die „7 unsterblichen Gottheiten der Welt“, d. s. die 7 Planetengötter, für die in den Mithräen 7 Nischen und 7 Tore bereitstanden[2750]. Ihnen entsprechen die 7 Grade der Eingeweihten, die in späterer Zeit zufolge der allgemeinen Verbreitung der Mithrasverehrung im römischen Heere zugleich als eine Art militärischer Rangordnung der „~Mithras~-Armee“ gedacht waren[2751], ursprünglich aber besondere, zum Teil dem Tierreiche entnommene Geheimnamen führten, aus denen sich auch das Brüllen, Heulen, Pfeifen und Schnalzen der Mysten erklärt[2752]. Für die Anrufung der Planetengötter, die am erfolgreichsten an den ihnen zugehörigen Wochentagen geschah[2753], bestand ein ausführliches und verwickeltes Ritual, das auch hier wieder den Priestern eine hervorragende Bedeutung als „Mittler“ zwischen Mensch und Gottheit sicherte[2754]. Die Rolle des ~Mithras~ selbst war dabei zwar nicht ganz einheitlich, indem er bald als Weltherrscher und Allgott gefeiert wurde, bald nur als dessen „erste Emanation“, als Logos, himmlisches Pneuma, Inbegriff der (bei den Persern seit altersher göttlich verehrten) Elemente und Demiurgos, der in höherem Auftrage die Welt schuf und gestaltete, sie regiert und über sie wacht[2755], -- aber derlei Widersprüche beschwichtigte die Überlegung, daß im Grunde doch „Alles nur Eines“ und der Oberherr mit seiner Emanation identisch sei.

Als Gottheiten, die teils nur als Begleiter des ~Mithras~ aufgefaßt, teils aber auch (mehr oder minder weitgehend) ihm gleichgesetzt wurden, sind zu erwähnen[2756]: ~Schahrewar~, der persische Kriegsgott(?) und „Beherrscher aller Metalle[2757], -- aus welcher Eigenschaft sich vermutlich die Zuteilung des „Mischmetalles“ an ~Ares~ erklärt --, und der Gott der unendlichen Zeit, ~Zervan~ = ~Chronos~ = ~Kronos~ = ~Saturn~. Er ist ein löwenköpfiges Ungeheuer in Menschengestalt, von Schlangen umwunden und mit den Abzeichen der Planeten geschmückt, gilt als Vater sämtlicher Götter, die er erzeugt und deren Kräfte er in sich vereint enthält, und ist Herr und Führer der vier Elemente, aus denen die ganze Welt besteht, und daher auch Schaffer und Zerstörer alles Vorhandenen. Als ~Kronos-Mithras~ wird er auch abgebildet mit dem schon der Antike wohlbekannten Attribute des Himmelsschlüssels, mittels dessen er den Geweihten die Tore der 7 Himmelsstufen erschließt, und dessen Besitz ihm auch gewisse Pseudepigraphen zuschreiben, als deren Verfasser ~Ostanes~ und der „Prophet und Himmelswanderer“ ~Krates~ [= ~Chrat~, Beinamen des ägyptischen ~Horus~] genannt werden; κλείς = Schlüssel, im Sinne von „Wunderschlüssel“, ist daher, wie schon weiter oben erwähnt, auch ein beliebter Titel magischer und astrologischer Zauberbücher, ja die koptischen Gnostiker verstehen nicht selten unter κλείς ~Christus~, der übrigens schon im Evangelium des ~Lukas~[2758] κλείς γνώσεως = „Schlüssel der Erkenntnis“ genannt wird[2759].

h) Die Ssâbier und Mandäer.

Unter dem Namen der +Ssâbier+[2760] bergen sich die Harrânier, d. s. die Bewohner der Stadt Harrân (= Karrhae), die sich im nördlichen Mesopotamien unweit Edessa erhob, nach alter (irrtümlicher) Überlieferung etwa an der Stelle des babylonischen und als Heimat ~Abrahams~ auch biblischen Ur[2761]. Harrân bildete seit frühester Zeit einen wichtigen Mittelpunkt ost-westlichen Verkehrs und Handels, -- schon der Prophet ~Ezechiel~ (6. Jahrhundert v. Chr.) zählt es unter den „Krämern von Tyrus“ auf[2762] --, war dem Monde geweiht und seiner Gestalt gemäß (halbmondförmig) erbaut[2763] und in babylonischer, assyrischer, syrischer, römischer, christlicher und arabischer Zeit hochberühmt als Sitz uralter Heiligtümer und vor allem als Kultstätte des Mondes, der daselbst als ~Sin~, ~Selene~, und androgyner ~Deus Lunus~ verehrt wurde[2764].

Als Ssâbier bezeichneten sich die Harrânier nicht schon zur Zeit der arabischen Eroberung (639)[2765], vielmehr legten sie sich diesen Namen erst um 830 unter dem Khalifen ~Almaʿmun~ bei, der ihnen als „ungläubigen Heiden“ völlige Ausrottung ankündigte. Den von solcher Gefahr Bedrohten erteilte ein schlauer muslimischer Rechtsgelehrter gegen schwere Bezahlung den Rat, sie sollten sich als jene Ssâbier ausgeben, über die niemand mehr irgend Genaueres wisse, denen jedoch der Koran an drei Stellen Duldung zugesagt habe; dies geschah seinerzeit jedenfalls, weil man ihre Sekte, die der mesopotamischen Elkesaïten (die zwar verwandt, aber nicht identisch sind mit den Mendaïten, Mandäern oder „Johannes-Christen“, deren dürftige Reste sich bis auf den heutigen Tag erhielten), trotz des starken Einschlages heidnischer Elemente für eine christliche ansah[2766]. Der Name Ssâbier ist syrischen Ursprunges und bedeutet die sich (zu kultischen Zwecken) „Waschenden“, vielleicht auch „Taufenden“[2767]. Tatsächlich sind auch die Ssâbier Reste echt syrischer Heiden und in vieler Hinsicht Bewahrer der alten heidnischen Religion und des alten, durch chaldäische und persische Einflüsse abgeänderten Sterndienstes, wie er etwa bei der spätbabylonischen Landbevölkerung üblich gewesen sein mag[2768]. Verhältnismäßig früh wurden sie mit hellenistischer Litteratur und Philosophie vertraut, nahmen sodann hermetische, gnostische und neuplatonische Lehren auf[2769], und während ihr Schrifttum und ihre Übersetzungen auch weiterhin syrisch blieben, fühlten sie sich einerseits als Zugehörige des ererbten Glaubens mit seinen noch die babylonischen Namen tragenden Göttern, Tempeln und Kultgebräuchen, andererseits als Träger hellenistischer, namentlich hermetischer und gnostischer Überlieferungen, sowie als Pfleger des hermetischen und gnostischen Gemeinde-Wesens[2770]. In dieser Mischform, die für die Überlieferung zahlreicher alter Traditionen von +größter Bedeutung+ ist, da sie unter dem leichten monotheistischen Firnis neuplatonischer und hermetischer Ideen das rein Heidnische zumeist fast unverändert bewahrte[2771], war das Ssâbiertum spätestens schon im 3. Jahrhundert vorhanden[2772] und machte Harrân zu einem Hauptorte der Fälschung philosophischer, religiöser und mystisch-magischer Schriften, als deren Verfasser u. a. galten: die Propheten und Weisen ~Pythagoras~, ~Platon~, ~Aristoteles~, ~Hermes~ „der Fürst der Leute von Harrân“ und sein großer Schüler (oder Lehrer) ~Agathodaimon~, ~Hermes Trismegistos~, „der König, Philosoph, Prophet und Patron der untergeschobenen Bücher“[2773], der große Zauberer ~Ostanes~[2774], usf. Die Eroberung durch die Araber, die in Harrân die erste Bekanntschaft mit dieser ganzen Art der Litteratur gemacht haben dürften, änderte nichts an den bestehenden Verhältnissen, um so mehr als die Ssâbier sich als sehr anpassungsfähig erwiesen und eine ganze Anzahl arabisch schreibender Gelehrter hervorbrachten, u. a. den berühmten ~Thabit ben Qorrah~ (826-901), sowie den Astronomen ~Albattani~. Gegen Ende des 10. Jahrhunderts berichten über die Ssâbier und ihren Glauben recht zutreffend ~Alnadim~ im „Fihrist“[2775], der Geograph ~Ibn Hauqal~, sowie der hochgelehrte ~Albiruni~. Nach ~Ibn Hauqal~ ist Harrân die Stadt der Ssâbier, bewohnt von 14 Hütern ihrer Tempel, dessen größter erbaut ist von ~Abraham~[2776], der schon nach dem „Buche der Jubiläen“ (2. Jahrhundert v. Chr.) daselbst „die Zeichen der Sonne, des Mondes und der Planeten beobachtete“[2777]. ~Albiruni~ meldet, daß die Ssâbier in Harrân, die verschieden von den +wahren+ Ssâbiern im Irâk sind, gleich den alten persischen Königen vor ~Zoroaster~ Sonne, Mond, Planeten und Elemente verehren, deren Idolen und Kultbildern in den Tempeln gewisse Feste feiern, über die er nicht ausreichend unterrichtet sei, und zahlreiche Propheten und Philosophen besäßen, u. a. ~Agathodaimon~ und ~Hermes~, der auch dem ~Henoch~, ~Idris~ und ~Buddha~ gleichgesetzt werde[2778]. Der „große Tempel“ zu Harrân, d. i. der Mond-Tempel, „in dem ~Selene~ begraben liegt“[2779], war gegen 1050 noch wohlerhalten; entweder in dieser Zeit, gelegentlich eines Krieges mit den Ägyptern, oder im 13. Jahrhundert anläßlich des Mongolen-Einbruches, wurde er gänzlich zerstört und zugleich mit ihm verschwinden auch die Ssâbier spurlos aus der Geschichte[2780].

Im Mittelpunkte der ssâbischen Lehren, über die allein der Araber ~Almusabbihi~ ein Buch von 6000 Seiten geschrieben haben soll[2781], steht der Sterndienst[2782], der aber erst einem älteren und nichtsemitischen Kultus eingegliedert worden zu sein scheint. Betreff des letzteren haben sich nur spärliche und späte Andeutungen erhalten, z. B. bei dem ganz unzuverlässigen ~Ibn Alwahschijah~ (um 900) und bei ~Maimonides~ (1135-1204)[2783], denen zufolge der „Prophet“ ~Tammuz~, der zuerst zur Verehrung der 7 Planeten und 12 Tierkreiszeichen aufforderte, deshalb auf Befehl des Königs von Babylon getötet worden sei[2784]. In der frühesten überlieferten Form der Lehren geben sich diese als wesentlich dem Neuplatonismus entsprungen zu erkennen, wenn auch einem vielfach umgestalteten und erweiterten, so daß Theorien über Pantheismus, Weltseele, Väter und Mütter, tätige und leidende oder männliche und weibliche Prinzipien, Zusammenhalten aller Naturerscheinungen durch geistige Kräfte und Wesen, sympathetische Verbindungen und Einflüsse u. dgl. stark vorwiegen, ferner den Formeln, Zerimonien, Zauberkünsten, theurgischen oder magischen Praktiken, die Einwirkung oder Zwang auf die geistigen Wesen ermöglichen, besondere Bedeutung zugemessen wird[2785]. Die Erhabenheit der Gottheit über die Materie und alles auch nur teilweise Materielle, sowie die Schwäche des Menschen erfordert Vermittler rein geistiger Natur, die in ähnlicher Weise Emanationen der Gottheit sind, wie die Lichtstrahlen solche der Leuchte[2786]; zu ihnen zählen u. a., ganz im Sinne ~Philos~, der den λόγος (Lógos) und die δυνάμεις (Dynámeis) schon „Werkzeuge und Diener Gottes“ nannte[2787], die „oberste Ursache“ (= πρῶτον αἴτιον des ~Iamblichos~), die „oberste Vernunft“ (= πρῶτος νοῦς des ~Iamblichos~)[2788], die Notwendigkeit, die Weltordnung, die Seele und verschiedene andere[2789]. Die wichtigsten unter diesen geistigen Wesen und Vermittlern sind aber die Leiter der 7 Planeten, die als „7 Glieder Gottes“ die Welt gestalten, lenken und beeinflussen[2790], als „Väter“ die Elemente hervorbringen, die dann wieder die „Mütter“ aller Einzeldinge sind[2791], und für Aller Augen in den 7 Planeten hervortreten. Den Planeten-Geistern, die teils männlich und weiblich (oder wie ~Sin~, der Mond, androgyn), teils gut und böse, teils glück- und unglückbringend[2792] sind, sowie den „intellektuellen Substanzen“, weihten die Harrânier ihre Tempel, deren älteste und prächtigste ~Abraham~ erbaute[2793]; sie bergen als Repräsentanten der unsichtbaren Geister und der nicht stets sichtbaren Planeten deren Idole und Götzen, die daher entsprechend den jenen zugehörigen Formen, Gestalten, Farben, Stoffen und Zahlen anzufertigen sind, da allein unter dieser Voraussetzung die „Kräfte ihrer Sterne“ sich auch wirklich über sie ergießen[2794].

Wollen nun Menschen von den Gottheiten etwas erbitten, so muß dies durch die Priester geschehen, denn diese allein besitzen die zu einer wirksamen Anrufung erforderlichen Kenntnisse der astrologischen und magischen Eigenschaften der Gestirne, sowie die der chaldäischen, persischen, altgriechischen, romaeischen (= neugriechischen), arabischen und indischen Namen oder Worte, die man stets +sämtlich+ auszusprechen hat, damit die jeweilig „angenehmsten“ keinesfalls übergangen werden[2795]. Die Priester wenden sich an +die+ Götzen und durch sie an +die+ Sterngeister, unter deren Einfluß das Erwünschte steht[2796], allenfalls aber auch an solche, die jenen gut befreundet sind, -- man kann z. B. ~Aphrodite~ um das angehen, was man von ~Ares~ verlangt, und sie bei ihm, dessen Gunst wegen seiner großen Macht und Schädlichkeit ohnehin ganz besonders zu suchen ist, Fürbitte einlegen lassen[2797]. Am aussichtsvollsten ist es, wenn man +den+ Planeten anrufen kann, unter dem man geboren ist; aber auch hierbei bleibt es für den Bittsteller wie für den Priester Vorbedingung, daß sie der Gottheit innerlich und äußerlich gereinigt nahen, mit lauterer Seele, ohne niedrige und selbstsüchtige Gedanken, ferner zur richtigen und angenehmen Zeit, z. B. jedem Sterne womöglich an seinem Tage, zu seiner Stunde (der ersten des Tages)[2798], während seiner Kulmination, bei guter Stellung und Nachbarschaft[2799], und endlich unter den richtigen Zerimonien, Gebeten, Anrufungen, Beschwörungen und Gebärden, sowie unter den richtigen, zugehörigen und „angenehmen“ Opfern, bei denen nicht nur die Art und Farbe der Kleider, Räucherwerke, Tiere, Pflanzen, Metalle usf. in Frage kommt, sondern auch die passende Zahl[2800]. Je nachdem man 7 Sphären annimmt oder 9 (z. B. einschließlich derer der Erde und Luft)[2801], hat man daher den Planeten Opfer von 7 oder 9 Lämmern, Schafen, Böcken u. dgl. darzubringen[2802] und sich dabei zu überzeugen, daß die Altäre der Idole die erforderliche Zahl Stufen besitzen, drei für den Mond, vier für ~Merkur~, fünf für ~Venus~, sechs für die Sonne, sieben für ~Mars~, acht für ~Jupiter~ und neun für ~Saturn~[2803]. Betreff der drei wichtigen oberen Planeten, ~Saturn~, ~Jupiter~, ~Mars~, gelten nach dem „Ghâjat“ die Vorschriften: Kleidung schwarz, weiß, und gelb-rot; Ring aus Eisen, Bergkrystall(?), Kupfer; Räucherpfanne aus Eisen, --, Kupfer; Opfertier schwarzer Bock, weißes Schaf, --[2804]. Indessen gehen die Meinungen nach manchen Richtungen auseinander, so z. B. schreiben einige dem ~Mars~ nicht das Kupfer zu, sondern das Eisen, nebst den Leuten, die es bearbeiten und gebrauchen, dem ~Jupiter~ aber das Edelmetall und die Leute, die es aus den Gesteinen abscheiden[2805]. Die Berichte wiederum, die ~Aldimeschqi~ (1256-1327) in seiner „Kosmologie“ anführt[2806], und die sichtlich aus sehr guten alten Quellen geschöpft sind, geben für die 7 Planeten[2807] Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur und Mond an: Farben der Tempel schwarz, grün, rot, gelb, blau, bunt, weiß; Farben der Kleider schwarz, grün, blutrot, gelb, weiß(?)[2808], bunt, weiß; Metalle der Idole Blei, Zinn, Eisen, Gold, Kupfer, Mischmetall nebst einem Porzellangefäß voll Quecksilber, Silber; Tag der Verehrung Samstag, Donnerstag, Dienstag, Sonntag, Freitag, Mittwoch, Montag[2809]. Das Quecksilber und ebenso das Gefäß aus Porzellan, einem Material, das im westlichen Asien erst während des 8. Jahrhunderts näher bekannt wurde, sind indessen hier offenbar Einschiebsel einer erst späteren Zeit. In der Liste, die, ssâbischen Ansichten folgend, ~Ibn Alwahschijah~ (um 900) betreff der Planeten, ihrer üblichen und auch auf den „Planeten-Siegeln“ enthaltenen Zeichen und ihrer Metalle überliefert, fehlt das Quecksilber[2810], und ~Aldimeschqi~ selbst sagt gelegentlich, daß Andere als siebentes Metall das „Châr Ssînî“ betrachten, d. i., wie schon der Name anzeigt, eine aus China stammende Legierung, vielleicht eine Art sehr heller Bronze[2811]. Möglicherweise ersetzte sie zunächst das anfänglich dem Jupiter zugeteilte Elektron (Gold-Silber-Legierung), denn die Behauptung des syrischen Lexikographen ~Bar Bahlul~ (um 950)[2812], die Verbindung zwischen Jupiter und Zinn stamme schon aus sehr alter, wenn auch nicht ältester Zeit babylonischen Heidentumes, ist nachweislich ganz unrichtig. Die zwischen Metallen, Edelsteinen usf. und Planeten erklären aber die Ssâbier daraus, daß die Sterne durch ihre Stellungen, Bewegungen und Kräfte, vor allem aber durch ihre Farben und Lichtstrahlen, alles Bestehende in entsprechender Weise beeinflussen, daher denn die Sonne, das leuchtende gelbe Gestirn, das Gold hervorbringt, ~Saturn~, „dieser in Weisheit und Geheimwissenschaft erfahrene indische (= schwarze) Alte“ das Blei, usw.[2813].

Über die +Stifter+ der ssâbischen Religion besitzen wir Berichte einer großen Anzahl hervorragender arabischer Gelehrter, Historiker und Geographen, u. a. solche des ~Alkindi~ (starb nach 870), ~Ibn Khordadhbeh~ (gest. 912), ~Almasʿudi~ (gest. 958), ~Alkindi Altudschibi~ (gest. um 970), der Verfasser der „Schriften der treuen Brüder“ (10. Jahrhundert), des ~Schahristani~ (gest. 1153), ~Alqifti~ (gest. 1248), ~Ibn Saʿid~ (gest. 1274), ~Abuʿlfaradsch~ (gest. 1286), ~Aldimeschki~ (gest. 1327), ~Makrizi~ (gest. 1441), die auch bei diesen letzteren Autoren häufig auf sehr frühe und zuverlässige Quellen zurückgehen. Vielfach herrscht die Überzeugung vor, die ssâbische Religion sei die älteste aller, und bei den Chaldäern, Persern, Arabern, Indern, Chinesen, Türken, Griechen, Römern und sämtlichen „fremden und heidnischen“ Völkern entweder die ursprüngliche oder die seitens der Chaldäer bei ihnen eingeführte[2814], -- doch fehlt es gegenüber derartigen Einbildungen auch nicht an Zweifeln, wie denn z. B. ~Aldimeschqi~ ohne weiteres zugesteht[2815], „daß viele Angaben und Erzählungen der Ssâbier auf lügnerischen Erfindungen dieses heidnischen Volkes beruhen“.

Als Begründer der ssâbischen Religion werden neben ~Orpheus~, ~Solon~, ~Homer~, dem Astronomen ~Aratos~[2816], den Verfassern einiger hermetischer Schriften[2817] und ~Abraham~[2818] hauptsächlich angeführt ~Hermes~ = ~Henoch~, sowie ~Agathodaimon~ = ~Seth~, die sich auch mit ~Orpheus~ I. und II. identifiziert finden[2819]. Vermittelt wurden diese Gleichsetzungen wohl durch die Syrer, bei denen Synkretismus und neuplatonische Mystik, namentlich seit der Einwanderung der von den „rechtgläubigen“ byzantinischen Kaisern ausgetriebenen Nestorianer[2820] überraschend schnell Boden faßten[2821]; doch ist es nicht ganz ausgeschlossen, daß sie ganz oder teilweise auch erst aus der Zeit nach der arabischen Eroberung herrühren, die nicht nur späthellenistische Pseudepigraphen aller Art mit kritikloser Gläubigkeit aufnahm, sondern sie alsbald auch mit Eifer und Geschick nachzuahmen verstand[2822].

Von ~Hermes~ heißt es, daß er gleichzeitig Prophet, Philosoph (oder Astronom) und König war[2823], und zwar nach den einen König von Persien[2824], nach den anderen aber von Oberägypten, wo er als ~Hermes~ I. alle überhaupt bekannten Werke verfaßte, die von Magie, Astronomie, Astrologie, Medizin, Zauberei u. dgl. handeln[2825]; auch seine Sprößlinge, die ebenfalls ~Hermes~ hießen, waren Könige, und zu ihnen zählt u. a. ~Alexander der Grosse~, dessen rechter Name „~Hermes~, Sohn des ~Philippos~“ lautete[2826]. ~Hermes~ wurde gleichgesetzt mit ~ʿUtarid~ (babylon. = ~Merkur~), mit dem hochberühmten arabischen Propheten ~Idris~, d. i. ursprünglich dem Apostel ~Andreas~[2827], und samt diesem dem Urpatriarchen ~Henoch~[2828]. Vermöge seiner geheimen Kräfte, -- denn er war „dreifach an Weisheit“ --, stieg er empor bis zur Sphäre des ~Saturn~ (= zur äußersten), verweilte in ihr 30 Jahre (= Umlaufszeit des ~Saturn~), nahm von da aus Einblick in alle Zustände des Weltalls und kehrte dann zur Erde zurück, wohlbewandert in der Kenntnis des Planeten-Umlaufes und aller Himmels-Erscheinungen[2829]. Auf solches Wissen gestützt erschloß er aus der Stellung der Gestirne das Nahen der Sündflut und errichtete deshalb zur Sicherung seiner Schätze und Manuskripte die Pyramiden, deren jede, „wie alle ägyptischen Tempel“, 7 den 7 Planeten geweihte Kammern enthält, auf deren Wänden magische, astronomische, astrologische, medizinische, chemische und andere Inschriften stehen[2830]; der Khalif ~Harun Alraschid~ ließ, als er nach Ägypten kam, eine von ihnen „mit Feuer und Essig“ öffnen, aber ohne Ergebnis und vor allem ohne die Schätze zu finden[2831].

Der „ägyptische“ ~Agathodaimon~, der kein anderer ist als ~Seth~, der Sohn ~Adams~[2832], soll nach einigen ein „griechisch-ägyptischer Prophet“, tausend Jahre älter als ~Hermes~ und dessen Lehrer gewesen sein[2833], nach anderen aber sein Jünger und Schüler[2834]; um diese Widersprüche zu vereinigen, nahm man auch an, daß es +mehrere+ ~Hermes~ gegeben habe[2835], u. a. einen ägyptischen, „der die ägyptische Religion begründete“[2836], und einen babylonischen, „einen der 7 Diener des Tempels, nämlich jenes des ~ʿUtarid~“ (= ~Merkur~)[2837]. Dieser letztere ging aber nach manchen ebenfalls nach Ägypten, lehrte die Priester zu Memphis die Astrologie und Geheimwissenschaft, über die er zahllose religiöse, philosophische und alchemistische Werke verfaßt hatte, und zeichnete gemeinsam mit ~Agathodaimon~ seine Lehren auch auf den Tempel-Stelen auf, aus deren Inschriften später (was schon ~Iamblichos~ als wohlbekannt berichtet) ~Pythagoras~ und ~Platon~ ihre Weisheit schöpften[2838]. Nicht sicher ist, welcher der verschiedenen ~Hermes~ der Lehrer des ~Agathodaimon~ war; viele nehmen an, es sei ~Hermes Trismegistos~ gewesen[2839], der sein ganzes Leben philosophischem Nachdenken und wissenschaftlichen Versuchen widmete, -- u. a. erfand er dabei die Glasur der Tongefäße mittels Salmiak[2840] --, und nach seinem Tode als Lichtsäule gen Himmel fuhr[2841]. Nach allgemeiner Annahme sind er und ~Agathodaimon~ in den beiden großen Pyramiden begraben[2842], während die drittgrößte den ~Ssabi Ben Hermes~ bergen soll, -- eine offenbar erst nachträglich als „Heros epónymos“ (Namengeber) der Ssâbier erdachte Persönlichkeit[2843].

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Nur ganz kurz sei an dieser Stelle der oben erwähnten +Mandäer+ gedacht, aramäischer Stämme, die im mesopotamischen Delta (im Irak) wohnten[2844] und anscheinend mancherlei Gemeinsames mit den Manichäern besaßen, über die erst in neuester Zeit die Funde zu Turfan im chinesischen Turkestan helleres, doch bei weitem noch nicht ausreichendes Licht verbreiteten.

Die Religion der Mandäer ist eine Mischbildung, die, soweit ihre erst im 3. bis 6. Jahrhundert abgefaßten „heiligen Schriften“ ein Urteil gestatten, aus ursprünglich rein heidnischen und verhältnismäßig einfachen Grundlagen unter dem Einflusse babylonischer, chaldäischer, persischer und gnostischer Anschauungen entstand[2845]. Die Welt ist ihr eine Mischung von Gutem und Bösem, Licht und Finsternis, hervorgebracht durch eine androgyne Urgottheit, und zwar nicht miterzeugt, aber mitbeherrscht von den halbbösen und bösen 7 Planeten-Dämonen[2846]. Bei der Weltschöpfung entstand ein Festland mit 7 Ringmauern, durch die das feindselige böse Wesen Ur von der Oberwelt so abgeschlossen ist, daß auf seinem Leibe die Erde ruht, in Gestalt 7 flacher Schichten aus (7) Metallen, „Ambosse“ genannt[2847]. Ferner bildeten sich aus der Urmasse, der „Mutter der Welt“[2848], unter Einwirkung des „Wassers des Lebens“[2849] die 7 Planeten, die als „7 Leuchten der Welt“ auf Wagen fahren und ~Samos~ (Sonne), ~Libat~ (~Dilbat~, ~Venus~), ~Sin~ (Mond), ~Kiwan~ (~Saturn~), ~Bel~ (~Jupiter~), ~Niragh~ (~Mars~) und ~Enbu~ (~Nebu~, ~Merkur~) heißen, aber auch vielerlei andere, zum Teil babylonische Namen führen[2850]. Die 7 Planeten regieren die 7 Weltperioden oder Weltreiche[2851], sie lenken durch ihre Bewegungen alle Vorgänge auf Erden[2852] und bestimmen namentlich, getreu den Aufzeichnungen des „weisen Schreibers ~Nebu~ im Buche der Schicksale“, die Erlebnisse der Menschen[2853]. Den zur Erde hinabsteigenden Seelen erteilen sie ihre Laster und stürzen sie dadurch in endloses Unglück; aus diesem befreit die Würdigen (= Gläubigen) die gute erlösende Gottheit und führt sie nach dem Ende des Lebens zu ihrem Sitze in den obersten Himmel zurück[2854].

Nach ~Reitzenstein~ ist es bemerkenswert, daß, wie manche mandäische Namen (z. B. ~Abatur~ für ~Hermes~)[2855], so auch vielerlei Lehren und Anschauungen der Mandäer sichtlich iranischen Ursprung oder doch iranische Gestaltung aufweisen[2856]; zu diesen zählen die vom Aufstieg der Seele[2857], vom großen Drachen (der babylonischen Tiamat)[2858], sowie vom Feuer und Wasser, den beiden enge mit der dualistischen Theorie zusammenhängenden Grundstoffen[2859]. Ursprünglich ist das Feuer der gute und männliche, das Wasser der schlechte und weibliche; bei den Mandäern wird diese Einteilung aber in ihr Gegenteil verkehrt und bleibt so auch bei einigen christlich-gnostischen Sekten bis in das 2. Jahrhundert hinein bestehen[2860], während andere, unter Einmischung der griechischen Lehre von den vier Elementen, Feuer und Luft als ψυχικὰ στοιχεῖα (seelische Elemente) ansehen, Wasser und Erde aber als σοματικὰ στοιχεῖα (körperliche Elemente)[2861]. Die nämlichen iranischen Einflüsse machen sich zugleich mit jenen der griechischen Philosophie[2862] auch schon frühzeitig in der hermetischen Litteratur bemerkbar[2863], und ebenso zusammen mit jenen der phrygischen Götterlehre in den gnostischen Offenbarungs-Schriften[2864]: es entstammen ihnen u. a. der zweigeschlechtliche Urmensch, die Göttin ~Psyche~, die in die Materie herabsinkt und wieder in den Himmel heimkehrt[2865], sowie verschiedene kosmogonische Züge, die vermutlich auf dem Wege über die in großem Ansehen stehende Tradition, insbesondere die volkstümlich-hellenistische, Eingang fanden[2866]. Den iranischen Mythen, deren religiöse Nachwirkung überhaupt außerordentlich hoch einzuschätzen ist[2867], entnahm vieles höchst Bedeutsame auch ~Mani~ (216-276), der Begründer des Manichäismus, der die christliche und die persische Religion miteinander zu verschmelzen suchte[2868]; auch er schöpfte indessen nicht unmittelbar aus orientalischen Quellen, sondern aus älteren griechischen, in frühhellenistischer Zeit entstandenen Vorlagen, von denen sich Überreste in den Zauberpapyri erhalten haben[2869]. Aus allen den genannten Litteraturkreisen hinwiederum gingen iranische Lehren zu den Ssâbiern über[2870], ferner zu den früharabischen „Treuen Brüdern“ (s. unten)[2871], sowie auch zu den eigentlichen arabischen Hermetikern, die indes bisher nur sehr unzureichend erforscht sind[2872].

Dritter Abschnitt.

Chemie und Alchemie.

1. Die Technik in Ägypten.

Schon die ersten neuzeitlichen Autoren, die sich nach Wiederauffindung der alchemistischen Schriften näher mit deren Inhalte beschäftigten, erkannten in zutreffender Weise als Grund der Erscheinung, daß gerade Ägypten zur Stätte alchemistischer Entwicklung geworden sei, die Tatsache, daß sich in diesem Lande seit altersher die Gewinnung und Verarbeitung der Edelmetalle, sowie die Herstellung von Glasflüssen, gefärbten Stoffen, Heilmitteln, Räucherwerken usf. eifriger und erfolgreicher Pflege erfreuten.

Betreff der letztgenannten Gegenstände reichen begreiflicherweise weder Funde noch schriftliche oder bildliche Überlieferungen bis in die früheste Epoche zurück. Was hingegen +Glas+ anbelangt, so wissen wir, daß schon zur Zeit der ~Horus~-Verehrer (um 3500 v. Chr.) Perlen aus Kalk-Natron-Glas, und zu jener der Thiniten-Dynastie (3315-2895) hellblaue Glasstücke als Schmuck dienten[2873], daß man um Beginn des 3. Jahrtausends allerlei farbige Glasflüsse, bunt glasierte Ziegel und polychrome Kacheln anfertigte[2874], und daß schon vor 2000 jene prächtige blaue Glasur der Tonwaren bekannt war[2875], deren Bereitung nach Ansicht einiger Forscher zur Erzeugung der eigentlichen Glasgeräte führte, die man ursprünglich nur dunkel (meist grün) und undurchsichtig, im 15. Jahrhundert aber auch schon weiß und durchsichtig herzustellen verstand[2876]. Eine Vase aus der Zeit der 4. Dynastie (etwa um 2800) fand ~Berthelot~ noch aus einer bloßen Fritte von Quarzsand, Kochsalz und Bleiglätte bestehend[2877]; um 2000 war aber bereits richtiges Glas vorhanden. Einen unter der Regierung ~Amenemhets~ (um 1830) angefertigten und seinen Namen zeigenden Glaswürfel, aus einem Bündel verschiedenfarbiger Glasstäbe bestehend, bewahrt das Berliner ägyptologische Museum, und ebenda sind auch schöne und große Glasperlen zu sehen, die die Gemahlin ~Thutmosis~ III. (um 1475) schmückten. Dem nämlichen Herrscher sandte auch der König von Assur „echten“ Blaustein oder Chesbet (Lasurstein)[2878], der neben Grünstein oder Mafek (Malachit), -- die diesen hervorbringende Sinaihalbinsel heißt ebenfalls Mafek[2879], -- der älteste in Ägypten übliche Schmuckstein war[2880]. Aber schon um 2500 ist in einer Inschrift[2881], um 2000 im Papyrus ~Westcar~[2882], und in derselben Zeit und um 1700 in ägyptischen Märchen[2883] von solchem „echten“ Blaustein die Rede, offenbar im Gegensatze zum „unechten“: dieser ist, neben dem aus ägyptischem und cyprischem Bergblau oder Kupferlasur bestehenden[2884], der „in Ziegel gegossene“, κύανος χυτός (gegossener Blaustein), von dem noch ~Theophrast~ berichtet, „die Kunst seiner Herstellung sei zur Zeit gewisser ägyptischer Könige erfunden worden“[2885]. Teile solchen blauen Glasflusses sind neben anderen farbigen Glasstücken aus Gräbern der mykenischen Periode und ferner als Einlagen eines Alabasterfrieses aus den Trümmern von Tiryns (um oder vor 1500) zutage gekommen[2886]; auch der blaue Wandschmuck (κύανος), mit dem ~Homer~ den Palast des ~Alkinoos~ ausstattet[2887], war sicherlich nichts anderes als derartiger „unechter“ Blaustein.

Die Kunst, eigentliche Glaswaren zu gießen, sowie die, Glas zu blasen, die man bis vor kurzem, infolge unrichtiger Deutung einiger Wandzeichnungen, bis in das zweite Jahrtausend zurückverlegte, haben jedoch keinen Anspruch auf ein so hohes Alter; sie stammen zwar ebenfalls aus Ägypten, kamen jedoch erst gegen Beginn unserer Zeitrechnung in Gebrauch[2888]. Auch buntes durchscheinendes Glas herzustellen, verstand man wohl kaum vor dem 7. Jahrhundert[2889].

Hinsichtlich der +Edelmetalle+ ist zu erwähnen, daß das älteste Ägypten und auch seine unmittelbaren Nachbarstriche arm an reinem Silber waren, das daher bis gegen Beginn des neuen Reiches (um 1500) äußerst kostbar und meist höher geschätzt als Gold blieb[2890], während dieses, und zwar sowohl durch bergmännische, wie durch Wascharbeit gewonnenes „Berggold“ und „Wassergold“, schon sehr frühzeitig in verhältnismäßig großer Menge zur Verfügung stand und den Gegenstand eines ausschließlich königlichen Monopoles bildete. Muttergestein des nordostafrikanischen Goldes sind die Quarzgänge der krystallinischen Schiefer, die im eigentlichen (oberen) Ägypten, etwa von Koptos (Kuft) bis Assuan, zwischen Nil und Rotem Meer auftreten, in weit umfangreicherem Maße aber etwas südlicher, in der schon zum Goldlande Nubien (nub = Gold) gehörigen Landschaft Kusch, und zwar hauptsächlich im Wadi ʿOllâki, einem Tale, das sich gegen das Rote Meer zu erstreckt, außerdem aber auch in anderen Gegenden der äthiopischen (= nubischen und abessinischen) Ländereien[2891]. Das Gold dieser Lagerstätten, die zum Teil vor kurzem wieder aufgedeckt wurden[2892], findet sich unter dem Namen Wasser- oder Flußgold, Berggold, Gold von Kusch, Gold von Edfu, Ombo, Kuft (d. s. Orte, an denen die Wüstenstraßen den Nil erreichen), nubisches Gold usf., schon in Inschriften des 3. Jahrtausends als etwas längst Wohlbekanntes erwähnt[2893]. Das „Flußgold“, dessen glänzende schwere Flitter und Körner wie in den verschiedensten Ländern der Erde so auch in Ägypten naturgemäß die Aufmerksamkeit der Bewohner zuerst auf sich zogen, gewann man aus dem Sande (ἄμμος: ψάμμος χρυσίτης = goldführender Sand) durch Waschen, Schlämmen und Auffangen der feinsten Teilchen in Fellen oder Tüchern[2894], und das älteste hieroglyphische Zeichen für Gold stellt ein derartiges, zwecks Abpressen des Wassers zusammengewundenes Seihetuch dar. Über die bergmännischen Verfahren besitzen wir erst aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. einen Bericht des ~Agatharchides~, und auch diesen nur in den bei ~Diodor~ (um 40 v. Chr.)[2895] und bei ~Photios~ (10. Jahrhundert n. Chr.) erhaltenen Auszügen mit ihren in lebhaften Farben gehaltenen Schilderungen der entsetzlichen Leiden und Qualen der (meist auf Lebenszeit) zur Bergwerksarbeit Befohlenen und Verurteilten. Schon in der ältesten Zeit, zu der man sich, den gemachten Funden nach, noch allein steinerner oder kupferner Werkzeuge bediente, ließen indessen die „königlichen Beamten und Fronvögte der Goldbergwerke in der Wüste“, von denen die Inschriften sprechen[2896], die Arbeiten in wesentlich derselben Weise betreiben wie ihre späten, im Dienste der Ptolemäer stehenden Nachfolger[2897]: man legte Stollen in der Richtung der Quarzgänge an, machte das Gestein durch Feuer mürbe, brachte die groben Stücke heraus ans Tageslicht und zerstampfte sie in steinernen, dem Felsmassiv abgewonnenen Gruben („Mörsern“) mit steinernen oder metallenen Stößeln bis zur Erbsengröße; diese kleineren Brocken zerrieb man in Handmühlen, rührte das feine Mehl mit Wasser an und sonderte aus dem so gewonnenen Schlick das Gold durch sorgfältiges Schlämmen ab. Schließlich schmolz man es zusammen, -- wozu man die Öfen schon zur Zeit des alten Reiches (2895-2540) mit Rohren anblies, zu der des neuen (1580-1100) aber mit Blasbälgen, auch mit doppeltwirkenden[2898] --, goß es in Ziegel, Platten, Stangen oder Ringe und wog es in dieser Form (während für Waschgold das Füllen in Beutel von gewissem Inhalte gebräuchlich blieb)[2899]. Das auf solchem Wege hergestellte Metall erreichte selten einen Gehalt von mehr als etwa 92% Gold[2900], war zuweilen von etwas Platin begleitet[2901] und enthielt stets erhebliche Mengen Silber, von dem schon einige Prozente genügen, um jenen weißlichen Schimmer des „Elektrons“ hervorzubringen, der so zahlreichen Funden aus älterer Zeit eigen ist[2902]. Die Inschriften erwähnen vom 3. bis in das 1. Jahrtausend herab gewöhnliches, feines und gutes Gold, Gold „von zweimal“ und „von dreimal“ (wiederholt umgearbeitetes?), Gold von der Wage, Silber-Gold, Weißgold, sowie Ismu oder Asemu (= Elektron)[2903]. Die seitens mancher Forscher angenommene Identität von Weißgold und Elektron bleibt fraglich, da manche Inschriften beide nebeneinander nennen[2904], so wie auch der „Papyrus ~Harris~“ (13. Jahrhundert) von „⅔-Gold, feinem Gold und Weißgold“ spricht[2905], und ein Brief aus dem Ende des 12. Jahrhunderts von „Gold, feinem Gold und Silbergold“[2906]. Endlich ist, außer von „⅔-Gold“, auch von „Kupfer mit der Farbe von ⅓-Gold“ die Rede[2907]. Die erwähnte wiederholte Umarbeitung geschah vermutlich durch Umschmelzen des Goldes, für sich oder mit irgendwelchen Zusätzen; eine durchgreifende Reinigung durch eine Art Kuppelation, die Gold von 99,7-99,8% lieferte, wird aber erst nach Beginn der persischen Eroberung (6. Jahrhundert) nachweisbar und dürfte aus Lydien stammen, wo sie zur Zeit der in diesem Lande zuerst ausgeübten Münzprägung, im 7. Jahrhundert, erfunden worden zu sein scheint[2908]. Nach ~Agatharchides~ brachten die Schmelzer (ἑψηταί) zu diesem Zwecke gewisse abgewogene Mengen Gold, Kochsalz, Blei, Zinn (κασσίτερος, Kassíteros) und Gersten-Kleie oder -Spreu in Tontiegel, legten die Deckel auf, verstrichen sie sorgfältig mit Lehm und setzten die Gefäße hierauf fünf Tage lang dem Feuer der (nicht näher beschriebenen) Schmelzöfen aus, worauf dann das Gold fast mit seinem ursprünglichen Gewichte, aber nun völlig rein, zurückblieb [offenbar indem das Silber in Chlorsilber übergeführt und samt der Schlacke von den porösen Tiegelwänden aufgesaugt wurde][2909].

Diese Gewinnung des Goldes in den Wäschen und Bergwerken, die in wechselnder Ausdehnung und mit wechselndem Erfolge die ptolemäische, römische, byzantinische und arabische Herrschaft überdauerte[2910] und angeblich erst nach der türkischen Eroberung Ägyptens völlig zum Stillstande kam, verschaffte dem Lande den Ruf außerordentlichen und im Laufe der Zeiten durch das Gerücht immer übertriebener geschilderten Reichtums. Die Ufer des Nils sollten bedeckt sein vom ψάμμος χρυσίτης, dem goldführenden Sande, dessen edles Erz man nur vom gemeinen Sande der unedlen, bei ~Olympiodoros~ (6. Jahrhundert) selbst ψάμμοι geheißenen Metalle zu trennen brauchte, und noch der byzantinische Gelehrte und Schriftsteller ~Psellos~ (1018-1078) kündet das Lob dieses hochberühmten „Chrysites der Ufer“, der „arena litoralis“ (des Ufersandes)[2911]. Nach dem Araber ~Alhabib~ (8. Jahrhundert?) gewannen die alten Ägypter unendliche Schätze aus „Sand“[2912], ~Jaʿqubi~ (9. Jahrhundert) preist den unermeßlichen Goldertrag Oberägyptens[2913], und ein Brief des 9. Jahrhunderts aus dem „Papyrus ~Rainer~“ meldet den Abgang einer Goldsendung aus Nubien, „wo das Gold im Sande wächst wie in Arabien die gelben Rüben“[2914]. Bei ~Qalqaschandi~ (gest. 1418), der eine „Geschichte der Geographie und Verwaltung von Ägypten“ seit dem 10. Jahrhundert schrieb, heißt es auf Grund älterer Quellen[2915]: „Ein Berg bei Fustât (= Kairo) führt den Namen Al-Muqattam, nach einigen deshalb, weil auf ihm ein Priester ~Muqattam~ wohnte, der sich mit Alchemie beschäftigte, ... aber der Autor der „Duftenden Gärten“ sagt: wenn man seine Erde sorgfältig behandelt, so wird reines Gold aus ihr gewonnen.“

~Heliodoros~ erwähnt in seinen um 250 n. Chr. verfaßten romanhaften „Äthiopischen Geschichten“, daß in Abessynien die Ameisen Gold graben und zutage bringen[2916]; sein Zeitgenosse ~Aelian~[2917] sowie ~Olympiodoros~ stimmt ihm hierin bei, und auch gewisse der vielleicht gleich alten Quellen des apokryphen „Steinbuches des ~Aristoteles~“ gedenken der goldfördernden Ameisen und bezeichnen den weisen König ~Salomon~ als ihren Herrn[2918]. Vorstellungen dieser Art entstammen Sagenkreisen, die sich schon im alten Griechenland weiter Verbreitung erfreuten. Bereits um 550 v. Chr. vollendete ~Aristeas~ sein von orphischen Vorstellungen beeinflußtes Gedicht „Arimaspeia“[2919], dem zufolge die Völkerschaften der einäugigen Arimaspen das Gold unter schrecklichen Gefahren den es behütenden wilden Greifen rauben[2920], die er in den äußersten Norden, ~Aischylos~ aber in den äußersten Osten versetzt; neben diesen Greifen kennt „goldgrabende Ameisen Indiens, ... kleiner als Hunde, aber größer als Füchse“ schon ~Herodot~[2921]. ~Ktesias~ scheint dann die eingeschnürten, sehnig-mageren Leiber der geflügelten Greifen mit denen der Ameisen zusammengeworfen zu haben[2922], und schließlich gestalteten jüngere Berichte diese Überlieferungen noch weiter aus[2923]. Was ihren tatsächlichen Untergrund betrifft, so hält ~Humboldt~ die Arimaspen für Bewohner der Abhänge des goldreichen Altai, die „Ameisen“ erklärt er aber, auf Beobachtungen des Reisenden ~Vigne~ hin, für die Murmeltiere Tibets, die dort auch heute noch den goldhaltigen Sand der Gebirge aufzuwühlen pflegen[2924]; dieser Deutung der Herkunft des Ameisengoldes aus Tibet, -- dessen Landschaft Dardistan schon zur Zeit des Königs ~Darius~ jenes Gold lieferte, das (laut ~Herodots~ Erwähnung) die nordwestlichen Inder dem Herrscher als Tribut darbrachten --, stimmten auch viele andere Gelehrte zu[2925], doch ist zu erwähnen, daß einheimische indische Quellen die Sage ebenfalls anführen und hierbei wirklich von Ameisen (pripîlika) sprechen[2926]. Da solche aber bei den Indern häufig als Dämonen angesehen und verehrt wurden[2927], während man wieder im mittleren und nördlichen Asien den das Gold (und andere Metalle) Fördernden und Bearbeitenden nicht selten dämonische Eigenschaften zuschrieb, so ist die eigentümliche Vorstellung vielleicht durch Verbindung dieser beiden Anschauungen zustande gekommen[2928].

Die Verarbeitung der Edelmetalle zu Kunstgegenständen und Schmuck, das Abwägen, das Schmelzen in Tiegeln, die Herstellung von Hals- und Armbändern usf. waren in Ägypten schon im 4. Jahrtausend wohlbekannt und hatten, wie Abbildungen und einzelne Funde zeigen, bereits damals eine erstaunliche Stufe technischer und künstlerischer Vollkommenheit erreicht[2929]. In Vollguß verfertigte man jedoch in dieser und auch noch in der nächstfolgenden Zeit nur kleinere Gegenstände, -- so z. B. sind noch an der berühmten Statue des Königs ~Pepi~ I. (um 2500) Brust, Arme, Beine usf. aus einzelnen Platten hergestellt, die man nachträglich durch Nieten verband[2930] --, und erst gegen 2000 begann man ihn auch auf größere Stücke auszudehnen[2931]. Getriebene, gepreßte und eingelegte Arbeiten waren noch selten, während man sich auf Hohlguß und auf Vergoldung mit Platten und Plättchen um 2000 schon gut, auf Goldschlägerei und Vergoldung mit feinstem Blattgolde aber bereits um 2500 vortrefflich verstand[2932].

Wie weit Kunstfertigkeiten solcher Art zurückreichen, zeigt die Überlieferung, daß der Gott ~Ptah~ selbst die ersten Statuen der Götter angefertigt und sie mit Gold, Blaustein und Grünstein geschmückt habe[2933]; er ist daher, wie schon weiter oben angeführt, der „Herr der Goldschmelze und Goldschmiede“, der „Gießer des goldenen Sonnenkäfers, des Käfers aus reinstem Golde“, der „Herr der Künste und der Künstler“, sein Haupttempel in Memphis ist die „Goldschmiede“, der Oberpriester „der Oberste der Künstler“, ein anderer Priester der „Meister der Kunst“ usf.[2934]. Offenbar standen also schon seit alten Zeiten mindestens gewisse Kunstgewerbe in enger Verbindung mit den Tempeln und dienten in deren Werkstätten der Anfertigung und Ausschmückung der Götterbilder und gottesdienstlichen Geräte[2935]. Die Oberpriester in Memphis nennen sich „wissend um die Geheimnisse der Goldschmiede“[2936], und andere Priester rühmen, „daß sie Kenntnis besitzen vom Geheimen in den Goldhäusern“[2937]; dies bezieht sich nicht, wie man früher zuweilen annahm, auf Alchemie[2938], sondern auf die Götterbilder[2939] und auf die schmalen in den Mauern ausgesparten Geheimgänge, durch die man die Statuen und Geräte aus den Schatzkammern in die Tempel und wieder zurück brachte[2940], ferner auf die in den „Goldhäusern“ aufgestapelten Tempelschätze an Gold, „ganz vollwertigem“ und „gestempeltem“ Gold, Silber, Kupfer und anderen Metallen[2941], die die Könige den Göttern in oft sehr bedeutenden Mengen als Weihgeschenke darzubringen pflegten[2942]. Die königlichen Schatzkammern hießen „weißes Haus“ oder „weißes und rotes Haus“, -- welche Beinamen u. a. einerseits auf Silber und Gold hindeuten, andererseits auf die Nationalfarben der alten süd- und nordägyptischen Reiche[2943] --, und aus ihnen brachten die „Vorsteher“, die eines der wichtigsten Hofämter bekleideten, die Metalle in das „weiße Haus der Tempel“, das ebenfalls besondere Abteilungen für Gold, Kupfer, feine Stoffe usf. besaß[2944]. Im Tempel zu Denderah findet sich ein Raum ausdrücklich als „Goldschmiede“ bezeichnet, Inschriften aus späterer Zeit berichten, daß daselbst zwölf „Künstler“ vier Monate des Jahres damit beschäftigt waren, den Schmuck für die Götter aus Gold, Silber, Elektron und Kupfer herzustellen, und eine ähnliche Tätigkeit wird von den „Goldschmieden des Gottes ~Ammon~“ vermeldet[2945]. Die Sage behauptet, daß schon bei der ersten Eroberung Ägyptens in ferner Urzeit Schmiede dem Gotte ~Horus~ zum Siege verhalfen, weshalb er sie zum Danke als erste Priester einsetzte[2946], und im Zusammenhange hiermit soll die Befähigung und Neigung dieser heiligen Männer gestanden haben, aus Metallen und sonstigen wertvollen Stoffen kostbare Arbeiten selbst anzufertigen oder durch andere anfertigen zu lassen. An den Vergleich mit solchen ist zu denken, wenn es z. B. um 2500 vom Gotte ~Rê~ heißt, „als er alt wurde, waren seine Glieder Gold, seine Knochen Silber (oder Elektron), seine Haare echter Blaustein“[2947], wenn ferner eine Inschrift berichtet: „Gold ist der Leib der Götter und ~Rê~ hat gesagt, als er anfing zu sprechen: meine Haut ist reines Elektron“[2948], oder endlich wenn der „Papyrus ~Westcar~“ (um 2000) von einem königlichen Kinde erzählt, „das geboren wird mit Gliedern aus Gold und mit dem Kopftuche aus echtem Blaustein“, d. h. mit den Einlagen aus Gold und mit den Schmuckstücken des Hauptes, wie sie den Statuen der Götter oder ihrer irdischen Stellvertreter, der Könige, zukamen[2949].

Während des mittleren und neuen Reiches nahmen derartige „Priestergewerbe“ an Bedeutung und Wichtigkeit zu und umfaßten u. a. Weber, Färber, Schmelzer, Gold-, Silber- und Kupferschmiede, welche letzteren den niedrigsten Rang einnahmen, und später auch Eisenschmiede[2950]. Ihre größte Ausdehnung erreichten sie jedoch erst in ptolemäischer und hellenistischer Zeit, zu der zahlreiche heilige Stätten, besonders die größten, wie z. B. das Serapeion[2951], eine unter priesterlicher Leitung stehende, mannigfach verzweigte Tempel-Industrie besaßen und mit Hilfe von Meistern, Vorarbeitern, Handwerkern und Händlern die verschiedensten Gewerbe und industriellen Anlagen zur Deckung des eigenen und des Kunden-Bedarfes betrieben[2952], wenngleich es keineswegs in +allen+ Fällen feststeht, daß die Geschäftsführung auf Rechnung der Tempelkasse erfolgte[2953]. Unter den Weihegaben dieser Epoche wird zwar Silber und Gold, besonders auch „Erdgold“, immer noch genannt[2954], zumeist aber scheinen sie bereits aus vergoldetem oder versilbertem Kupfer, oder auch nur aus Kupfer (Bronze?) bestanden zu haben[2955]; soweit Überlieferungen und Fundstücke schließen lassen, mußten sich auch die Götter in stets zunehmendem Maße statt mit „echten“ Schmucksachen, Prunkkleidern und Kultgeräten mit den nachgebildeten begnügen, die die „heiligen“ Werkstätten der Gotteshäuser unter geschickter Wahrnehmung des alten Anscheines herzustellen verstanden.

Was die eigentliche Tempel-Industrie anbelangt, die jedoch, wie angeführt, mit der profanen in mancherlei, derzeit noch nicht genügend aufzuklärendem Zusammenhange stand, so ist es bezeichnend, daß der „Archiereús“ und „Prophétes“, die ursprünglich die Würde eines ersten und zweiten Beamten der Tempel und der Priesterschaft bekleideten[2956], späterhin aber nur mehr Träger dieser leeren Titel waren[2957], schließlich zu einer Art von Arbeiter-Vorständen, ja Vorarbeitern von Beamten-Charakter herabsanken, -- gleich dem ἀρχιατρός (Archiatrós, Archiater, Oberarzt) oder ἀρχιτέκτων (Architékton, Architekt, Oberbauleiter) des ptolemäischen Zeitalters[2958] --, und als solche eine rein technische Tätigkeit ausübten. Techniker, τεχνῖται (Technítai), waren den Griechen in älterer Zeit die einer Kunst (τέχνη, Téchne) oder kunstvollen Gebahrung Beflissenen, und in solchem Sinne heißen noch bei ~Xenophon~ (um 400)[2959] die persischen Magier „οἱ περῖ τοὺς θεοὺς τεχνῖται“, d. h. „in der Kunst des Gottesdienstes Bewanderte“[2960]. Bei ~Platon~, im Dialoge vom „Staatsmanne“, ist der τεχνῖτης (Technítes) schon, ebenso wie später bei ~Diodor~[2961], ein technischer Sachverständiger; in den Fragmenten von ~Theophrasts~ Buch „Über die Steine“ steht der ägyptische künstliche Lasurstein (τεχνητόν = der technische, der von Technikern bereitete) dem natürlichen echten gegenüber[2962], überhaupt das durch Kunst hergestellte Erzeugnis (τεχνικόν; κατ’ ἐργασίαν) dem der Natur (αὐτόφυες; αὐτόματον)[2963]. Gelegentlich der Abscheidung des Quecksilbers aus „natürlichem“ Zinnober, durch Verreiben mit Essig in einem Kupfermörser mit einem kupfernen Stämpfel, findet sich ebenda der (aristotelische)[2964] Satz angezogen: „ἡ τέχνη μιμεῖται τὴν φύσιν“, „die Kunst ahmt die Natur nach“, und die Erwartung ausgesprochen, „daß sie vielleicht noch zur Entdeckung von mehr dergleichen Dingen führen möchte“[2965].

Unter den Ptolemäern wird der τεχνῖτης (Technítes) oder τεχνείτης, als Handwerker, scharf vom ἐργάτης, dem ungelernten Tagelöhner, unterschieden[2966], und schon um 250 v. Chr. bestehen Techniten- oder Handwerker-Gilden (z. B. die περὶ τὸν Διόνυσον, die ~Dionysos~-Gilde)[2967]; sie erhalten sich bis in die römische, ja byzantinische Periode hinein und gehen allmählich in Zünfte über, daher dann die Zunftgenossen συντεχνῖται (Syntechniten) heißen, und die Zunftvorstände πρῶτοι τεχνίτων (Erste der Techniten)[2968]. In hellenistischer Zeit gibt es kaum ein Feld, auf dem sich nicht Techniten als Arbeiter oder Vorarbeiter bewähren: sie sind z. B. Zimmerer, verfertigen und reparieren als μηχανάριοι und μηχανικοί (Mechaniker) die Schöpfwerke und die meist hölzernen und oft überdachten Wasser-Hebemaschinen nebst deren Ersatzteilen und den zugehörigen Werkzeugen, bauen die Wasserräder (μηχάνη = Maschine, μηχανικὰ ὄργανα = mechanische Organe) und setzen sie auch wieder in Stand, während die bloße Überwachung der ὀργανίστης (Organist) besorgt[2969]; sie sind Kunsttischler (σκευοπόιοι)[2970], Orgelbauer und Orgelspieler[2971], Steinmetzen und Leiter von Steinbrüchen (wie die spätrömischen „philosophi“)[2972]; sie bereiten das Salz zu, das nach ~Philo~ „den Körper erhält und daher den zweiten Rang nächst der Seele hat“[2973], und betreiben als „Taricheuten“ die ταριχεία (Taricheía), d. i. das Einsalzen, Einpökeln, aber auch Einbalsamieren (das zum Teil wirklich nur mit Salz erfolgte)[2974]; sie brauen Bier[2975], pressen Öle von verschiedener Art und Beschaffenheit, vom gewöhnlichsten bis zum feinsten „flos olei“ (Blüte des Öles) genannten[2976], und mischen Salben, Heilmittel und Arome zurecht[2977]; sie bewähren sich als Weber, namentlich als βυσσουργοί = Weber des Byssus, d. i. ursprünglich des Leinens, das seit jeher, weil es von keinem sterblichen Tiere stammte, den Ägyptern für besonders „rein“ galt[2978], die Kleidung der Priester bildete und daher auch in oft ausgedehnten „Tempel-Webereien“ verarbeitet wurde[2979]. Abgesehen von diesen und anderen Gewerben, die zum Teil schon in ptolemäischer und dann wieder in späterer römischer Zeit königliche oder Staats-Monopole bildeten[2980], beschäftigten sie sich endlich eingehend mit Färberei, Metallarbeit und allem, was mit dieser zusammenhängt.

Was die +Färberei+ (βαφή, Baphé) anbelangt, so bestätigen zahlreiche Belege und Funde den sehr hohen Stand, den sie vor und um Beginn unserer Zeitrechnung schon erreicht hatte, und über den u. a. ~Plinius~[2981] ausführlich berichtet. Besonders ausgebildet war die Färberei mit dem echten (unter den römischen Kaisern gleichfalls monopolisierten) Purpur (πορφύρα, Porphýra)[2982], die jedoch, entgegen früheren Annahmen, weder als ägyptische noch als phönizische Erfindung anzusehen ist, vielmehr in Kreta bereits um 1600 v. Chr., also in vorphönizischer Epoche, wohlbekannt war[2983]. Vermutlich begann schon in früher, wenn vorerst auch nicht genau angebbarer Zeit der Ersatz des so kostbaren, echten, tierischen Purpurs durch billigere pflanzliche Farbstoffe und wurde allmählich bis zu jener Stufe der Vollendung ausgebildet, die uns in den Berichten so vieler Schriftsteller der späteren Antike entgegentritt. Unter den Arten des „Pseudo-Purpurs“ (ψευδοπορφύρα), die u. a. der vom Kaiser ~Diokletian~ im Jahre 301 erlassene Maximaltarif dem echten (ἀληθινής) ausdrücklich gegenüberstellt[2984], waren die wichtigsten der Krapp (πορφύρα ῥιζίας = Purpur der Wurzeln)[2985], der Scharlach aus den besonders in Galatien (Kleinasien) gedeihenden Eichen-Schildläusen oder Kokken (κοκκηρᾶς; Galaticus ruber)[2986], die Anchusa (Ochsenzunge, Anchusa tinctoria)[2987], der Phykos oder Fucus (Orseille- und Lackmus-Flechte)[2988], der Safflor (κνῆκος, Knékos)[2989], die in Ägypten schon um 1300 v. Chr. gut bekannte echte Hennah (Alkanna, aus Lawsonia inermis; da sie u. a. über Cypern kam, auch κύπρος geheißen)[2990], und der Sandyx, dessen Name bald eine prächtig rotfärbende Pflanze bezeichnete, bald aber auch verschiedenes anderes „Rote“, z. B. Mennige, Zinnober, Eisenoxyd u. dgl.[2991]. Durch Vermittlung der bereits im 16. Jahrhundert v. Chr. weit ausgedehnten Verbindungen mit Vorderasien, deren Umfang u. a. die damalige Aufnahme des babylonischen sexagesimalen Rechnungssystems beweist[2992], gelangten aber zweifellos schon seit altersher auch andere als diese +roten+ Farben nach Ägypten; fraglich ist, seit wann zu ihnen der indische Indigo gehörte, da dieser bisher im Westen mit Sicherheit nicht vor 700 v. Chr., und zwar in phrygischen Gräbern, nachgewiesen ist[2993], Pflanzen aber, die Indigo ergeben (wenn auch in kleinerer Menge und von geringerer Güte) auch in Ägypten heimisch sind, ja als Namen des Indigos ursprünglich „n-tinkon“, also ein ägyptischer, angegeben wird, der anscheinend erst in klassischer Zeit, infolge einer irrtümlichen Deutung, mit Indien in Verbindung gebracht worden sei[2994].

Die allgemeine Bezeichnung der Farbstoffe war φάρμακον (Phármakon = medicamen, medicamentum, Medizin), worunter man aber auch Färbemittel anderer Bestimmung verstand, z. B. Anstrichfarben, Schminken und Malerfarben[2995], die auf der Palette (deren früher angezweifelter Gebrauch durch bildliche Darstellung gesichert ist)[2996] teils für sich, teils mit erweichtem oder geschmolzenem Wachs angerieben und zurechtgemischt wurden[2997]. Die Überlieferung, daß man ursprünglich nur ganz wenige Farben gekannt habe, trifft für Ägypten schon hinsichtlich des alten Reiches nicht zu, aber auch für Griechenland, woselbst als die vier klassischen Farben weiß (Erde von Melos), schwarz (Atrament, meist = Rußkohle), gelb (Oker aus Attika) und rot (Rötel aus Sinope) aufgeführt werden, hat sie ~Rhousopoulos~ durch seine Untersuchungen[2998] von Fundstücken widerlegt: diesen gemäß benützte man schon vor 2500 (also noch zur Steinzeit) allerlei rote und braune Eisen- und Mangan-Oxyde, um 2000 (vormykenisch) weißes Calcium-Phosphat und Calcium-Magnesium-Silikat (das man auch zu Perlen formte), sowie blaues Kupfer-Silikat, um 1600 (mykenisch) die nämlichen Silikate in verschiedenen Tönen, um 600 (vorpersisch) außerdem noch Gips, schwarzes Mangan-Oxyd, Zinnober, Bergblau, Kupferlasur und grünes Kupferoxydhydrat, und in der Folgezeit auch Bleiweiß. In späterer und besonders in hellenistischer Zeit, lernte man eine außerordentlich große Zahl mineralischer und pflanzlicher Farbstoffe verschiedenster Beschaffenheit und Verwendungsmöglichkeit kennen, u. a. die reinsten und sorgfältig aufbereiteten Arten Zinnober, armenisches (Kupfer-) Blau, Kupfer-Grün, Drachenblut, Indigo, Purpurissum u. dgl., die, wie ~Plinius~ erzählt, wegen ihrer Kostspieligkeit seitens der Auftraggeber beigestellt werden mußten[2999] und ἄνθη (Anthe, Blüten, Blumen der Farben; colores floridi) hießen[3000]; doch bezeichnete ἄνθος (Anthos, flos) nicht nur die Blüte (= das Beste) des Purpurs, Safflors u. dgl., sowie den Schimmer und Glanz der gefärbten Stoffe[3001], sondern auch das Feinste des Mehles[3002], des Öles und Wachses[3003], der (natürlichen) Soda[3004], der (als Farbe dienenden) Rußkohle[3005] usf., ja sogar die als Blüten des Mineralreiches angesehenen Krystalle und Edelsteine, wie denn z. B. bei ~Plinius~ und bei ~Pollux~ (2. Jahrhundert n. Chr.) der Diamant als ἄνθος κρυσοῦ, auri nodus (= Blüte, Knospe des Goldes) gilt[3006].

„Gefärbt“ wurden jedoch nicht nur Fasern und Stoffe aller Art, sondern auch +Glas+- und +Ton+waren, sowie +Email+.

Die Bearbeitung des +Glases+, ὕαλος (Hýalos, was bei ~Herodot~[3007] noch Bergkrystall bedeutet), vitrum (das Wort ist zufällig erst bei ~Cicero~ nachweisbar), hatte unter den Ptolemäern ganz außerordentliche Fortschritte gemacht, und Glaswaren, die ~Aristophanes~ noch als orientalische Seltenheit anführt, bildeten längst den Gegenstand eines Welthandels; große Öfen, die κάμινοι ὑαλουργικαί (Kamine der Hyalurgen) lieferten sie, ganz besonders zu Alexandria, in höchster Vollkommenheit, gegossen, geblasen, gepreßt und (wie schon die Sage vom „unzerbrechlichen“ Glase zeigt)[3008] von den mannigfaltigsten Eigenschaften[3009]. Die Darstellung gefärbter Gläser war in Ägypten, wie bereits weiter oben erwähnt, außerordentlich alt, und auch die „falschen Smaragde“ (ψευδής) des ~Theophrast~[3010], sowie die „in irdischem Feuer gefärbten Chrysolithe“ des ~Agatharchides~[3011] (2. Jahrhundert v. Chr.) dürften nichts anderes als bunte ägyptische Glasflüsse gewesen sein. Ihren Höhepunkt erreichte aber die Herstellung falscher Edelsteine und Halbedelsteine gegen und seit Anfang unserer Zeitrechnung[3012]; nach ~Plinius~ betrieben eigene Werkstätten (officinae) diese „lohnendste aller Betrügereien“ und lieferten, nach den zum Teil „gewissen Vorschriften ägyptischer Könige entnommenen Anweisungen“ des ~Demokritos~, ~Xenophanes~, ~Zoroaster~ und anderer „Magier“, -- auf die näher einzugehen ~Plinius~ ausdrücklich ablehnt --, Steine aller nur denkbaren Farben, die bald durch Beizen in Essig, bald durch Kochen in Honig, bald auch noch durch „Brennen“ hervorgebracht wurden[3013]. Besonderer Beliebtheit scheint sich u. a. der kallaïnische Farbenton, das ist der des Kallaïs, erfreut zu haben; Kallaïs oder Kallaïna ist bei ~Plinius~ und seinen Nachschreibern ein grüner, dem Smaragd ähnlicher, angeblich dem indischen Kaukasus entstammender Edelstein, vielleicht die grünliche, oft sogar lebhaft grüne Abart des Türkises[3014], die auch ~Alexander~ von ~Tralles~ (6. Jahrhundert n. Chr.) καλλάινος (Kalláïnos) benennt[3015]. Einen grünen Stein καλλάινος, aus dem man Gefäße und Vasen macht (ganz wie aus „Smaragd“ = grünem Glas, -- so noch bei ~Olympiodoros~), erwähnen der „Papyrus ~Kenyon~“ des 3. Jahrhunderts n. Chr.[3016], die „Pistis Sophia[3017] und manche andere Quellen dieses Zeitalters[3018]; den Namen κέραμος καλλάινος führen ferner ägyptische, schön grün glasierte Tonwaren, denen man im 2. und 3. Jahrhundert häufig begegnet[3019], und auch die καλάινα ἀγγεῖα, βυσσία καλλάινα καὶ ὑέλινα der Zauberpapyri[3020] sind Gefäße und Büchschen aus grünem (wohl undurchsichtigem) Glase, deren sich die Magier bei ihren Vorführungen zu bedienen pflegten. Schließlich wurde Kallaïs zu einer bloßen Farbenbezeichnung[3021], so daß, wenn z. B. ~Pseudo-Moses~ (2. Jahrhundert) des χαλκοῦ καλαινοῦ gedenkt, dies vermutlich nur mit Grünspan bedecktes oder grün angelaufenes Kupfer bedeutet und nicht Kupfer aus Kallaïs, das einige am Sinai suchen, andere in Persien, noch andere in Spanien[3022]. -- Irrtümlich ist die Angabe, das Kallaïs-Grün sei das nämliche wie das sog. Prasinum; dieses wird vielmehr neben dem Venetum genannten Blau, nicht vor der Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. erwähnt, während die als „Grünen und Blauen“ bekannten Zirkus-Parteien sich mit jenen Namen erst auf den sog. Kontorniaten bezeichnet finden, d. s. eine Art größerer Bronze-Medaillen, deren Herstellung frühestens unter ~Constantin dem Grossen~ beginnt[3023].

Die Kunst, +Tonwaren+ (u. a. Ziegel) zu „färben“, d. h. sie mit bunten Glasuren zu versehen, reicht mit ihren Anfängen fast bis in die des ägyptischen Staates zurück, zur Vollendung gedieh sie aber, wohl unter Einfluß orientalischer Vorbilder, erst in hellenistischer Zeit, wobei es jedoch unsicher und bestritten bleibt, ob sie sich auch in bewußter Weise bereits bleihaltiger Glasuren zu bedienen wußte. Fragwürdig ist ferner die Natur des bunten Stucks, den ~Plinius~[3024] im Sinne zu haben scheint, wenn er vom „Färben der Steine“ (lapides tingere) und vom „Malen der Steine und Mauern“ (lapidem, parietem pingere) spricht[3025]; wo er indessen erwähnt[3026], daß man in Ägypten das Silber färbt (tingit) und malt (pingit), z. B. um den ~Anubis~ abzubilden, meint er Silber, das mit teils durchsichtigem, teils opakem +Email+ überfangen ist, in dessen Herstellung und Anwendung die Ägypter zu seiner Zeit tatsächlich höchste Meisterschaft erreicht hatten[3027].

Was schließlich die +Metall+-Arbeiten der Techniten anbelangt, so zeigt sich auf diesem ganzen Gebiete schon frühzeitig eine erstaunlich weitgehende Spezialisierung[3028]. Gold- und Silber-Schmiede waren schon vor der macedonischen Eroberung äußerst zahlreich und bewohnten z. B. in Memphis ganze Straßen, aus denen vielerlei Fundstücke, Gußformen aus Gips und Stein, Gipsmodelle usf. zutage getreten sind[3029]; in ptolemäischer Zeit gewann das Gewerbe noch an Ausdehnung, und in hellenistischer, namentlich in römischer, fand man Leute, die die „Goldgießerei“ (χρυσοχοικὴ ἐργασία) ausübten, sogar in kleineren Dörfern[3030], woselbst sie eine Gewerbesteuer bezahlten[3031], und im 2. Jahrhundert eine Art (oft durch Verpachtung bezeugtes) Monopol besaßen[3032]. Die Verarbeitung von Gold und Silber durch die Tempelindustrie dauerte, wie unter altägyptischer und ptolemäischer, so auch unter römischer Herrschaft fort[3033], beeinträchtigte aber in keiner Weise die eigentlich berufliche; noch der Maximaltarif ~Diokletians~ von 301 gedenkt neben den εἰς κύπρον (in Kupfer oder Bronze) arbeitenden Techniten, -- die u. a. kunstgewerbliche Gegenstände, z. B. schöne bronzene Weinkännchen, herstellten[3034] --, auch derer, „die in kunstvoller Weise Goldsachen aller Art anfertigen“[3035]. Ihr eigentliches Material war Feingold, χρυσίον ὄβρυζον, d. h. durch entsprechendes Umschmelzen (ἕψειν; coquere, conflare) bis zur völligen Reinheit geläutertes; „obrussa“ bezeichnete ursprünglich das Läuterungsverfahren selbst, ging dann als ὄβρυζα (Obryza) ins Griechische über und wurde, als dieser Tatbestand schon vergessen war, und Gebrauch sowie Verständnis der griechischen Sprache in Rom seit dem 2. Jahrhundert rasch und gegen Ende des 3. schon so gut wie völlig aufgehört hatten[3036], schließlich als ein griechisches Fremdwort ins Lateinische zurückgenommen[3037]. Die Herstellung von Schmuck, Kunstgegenständen u. dgl. (hauptsächlich aus Gold, in erheblich geringerem Maße aus Silber) erfolgte durch Gießen, Hämmern, Pressen, Treiben, Prägen usw., durch Einlegen, Niellieren und Emaillieren, ferner unter Mitbenützung dünner Platten, Bleche und Drähte[3038], und schuf wahre Wunderwerke an Kunstfertigkeit und Geschmack. Echte Vergoldung bewirkte man im Feuer, u. a. auch mittels des zu Beginn der Kaiserzeit längst wohlbekannten Quecksilber-Amalgams, oder durch Blattgold und Goldschaum, zu deren Befestigung Eiweiß oder auch andere Bindemittel dienten[3039]; weißliche, gelbliche und rötliche Farbentöne wußte man durch das von ~Plutarch~ erwähnte „Färben des Goldes“ (βαφὴ χρυσοῦ) hervorzubringen, d. h. durch entsprechende Zusätze während der Ver- oder Bearbeitung[3040]; bei unechten Waren endlich täuschte man den Goldglanz entweder durch geeignete Legierungen unedler Metalle vor, oder durch firnisartige, aus feinstgepulvertem Zinnober, Rötel und Oker bereitete Anstriche[3041], oder endlich durch die schon bei ~Aristoteles~ als allbekannt erwähnten Gallenfarben (χολοβάφινα)[3042]: so z. B. bestanden die Theaterkronen (coronaria) der Schauspieler aus einer Art dünnen Rauschgoldes (laminae; angefertigt aus „aes“), das mit Ochsengalle überfangen war[3043]. Es liegt auf der Hand, daß das Vertrautsein mit derlei Kunstgriffen schon frühzeitig die Kundigen in Versuchung führen, sowie ihre Neigung zu jenen Unredlichkeiten fördern mußte, über die schon ~Plinius~ klagt[3044], und deretwegen nach ~Artemidoros~ Träume von Goldgießern auf Hinterlist und Tücke hindeuten, „wegen der mit den getriebenen Arbeiten und den kunstvollen Halsketten verbundenen Betrügereien“[3045]; solche wurden übrigens noch ganz besonders durch die althergebrachte Gewohnheit begünstigt, daß Gold- und Silber-Schmiede in der Regel nur auf Bestellung arbeiteten, wobei ihnen der Auftraggeber die erforderlichen Materialien zu liefern hatte[3046].

2. Die Entstehung der Alchemie.

Aus den im vorigen Abschnitte dargelegten Tatsachen, nämlich der Entwicklung einer nach vielen Richtungen hin weit vorgeschrittenen Technik, der Kenntnis systematisch ausgebildeter Verfahren zum Ersatze kostbarer Metalle, Edelsteine und Farbstoffe durch minderwertige Nachahmungen, sowie der Ausübung der mit echtem und falschem Material arbeitenden „Künste“ in den Tempel-Werkstätten, folgerten bereits die Schriftsteller des 16. und 17. Jahrhunderts, -- so unbestimmt sie auch nur über alle Einzelheiten unterrichtet sein konnten --, daß der Ursprung der Alchemie im Bereiche der ägyptischen Gotteshäuser zu suchen sei; diese Ansicht hat sich zwar als verschiedener Abänderungen bedürftig, im wesentlichen aber als richtig erwiesen.

Ohne auf die Äußerungen der älteren Autoren einzugehen, unter denen auf das rühmlichste ~Salmasius~ (~Saumaise~) hervorragt, der die Manuskripte der Pariser Bibliothek von 1610 bis 1615 eingehend durchforschte[3047], sei hier nur an die Darlegungen von ~Wiegleb~, ~Moehsen~, ~Sprengel~, ~Schmieder~, ~Chevreul~, ~Hoefer~, ~Kopp~, ~Figuier~, ~Hoffmann~, ~Berthelot~ und ~Riess~ erinnert, die, mit dem Jahre 1777 einsetzend und bis zur Gegenwart herabreichend, übereinstimmend zum Schlusse führen, daß ab Ausgangspunkt der Alchemie die Metallurgie und des näheren die chemische Technik der Edelmetalle und ihrer Surrogate anzusehen sei. Bereits ~Wiegleb~ erklärt durchaus zutreffend[3048], die Gewinnung des Goldes sei bei den alten Ägyptern, als alleiniges Vorrecht der Könige, nach gewissen geheim zu haltenden Verfahren erfolgt, habe aber stets nur als eine κατασκευή (Kataskeué, Aufbereitung) gegolten, niemals als eine γένεσις (Génesis, Neuentstehung) oder μεταβολή (Metabolé, Umwandlung), und ebensowenig sei dies anfänglich betreff der durch „Färben“ von Kupfer herstellbaren Legierungen der Fall gewesen[3049]. Auch ~Chevreul~[3050], ~Hoefer~[3051] und ~Kopp~[3052] sind der Ansicht, daß alle späteren Entwicklungen in letzter Linie auf die in Ägypten seit uralter Zeit[3053] ausgeübten mannigfachen metallurgischen, präparativen und pharmazeutischen Verfahren zurückgehen, also auf die chemisch-technische Praxis der Künste, Gewerbe, Kunstgewerbe und Handwerke; ebenso läßt sie ~Berthelot~ in richtiger, wenngleich nicht (wie er in Anspruch nimmt) origineller Weise, „den ägyptischen Industrien entfließen, deren Gegenstand die Herstellung von Metallen und Legierungen, Glaswaren, künstlichen Edelsteinen und gefärbten Stoffen war“[3054], und desgleichen erblickt ~Riess~ ihre Quelle in den seit altersher gebräuchlichen und durch die Erfahrungen vieler Generationen vervollkommneten Methoden der Metall-Gewinnung und -Verarbeitung, der Erzeugung von Glasflüssen, Edelsteinen und Perlen, sowie der Färberei mit Purpur und anderen Farbstoffen[3055].

Vermutlich waren derlei Verfahren ursprünglich Hoheitsrechte und Geheimkünste bevorzugter Stände, und zwar die einen, mehr die Großbetriebe (wie die der Gold-Bergwerke und -Wäschen) betreffenden, etwa solche des Hofes und der in der Hofsprache als „Freunde des Königs“ bezeichneten hohen Beamten, die anderen, mehr der Feinkunst zugehörigen, solche der Priesterschaft; diese ihre Eigenart erklärt ohne weiteres die Vorschrift, sie nur den Eingeweihten mitzuteilen und nichts über sie niederzuschreiben[3056]. Während aber die Könige kraft ihrer Herrschergewalt ein Monopol wie das der Goldgewinnung festzuhalten und sich und ihren Nachfolgern erblich zu bewahren vermochten, gelang es den Priestern offenbar nicht, den gesamten Bereich geheimer Kenntnisse einem weiteren Kreise dauernd zu verbergen, vielmehr trat im Laufe der Entwicklung, wie in zahlreichen gleichartigen Fällen so auch hier, allmählich eine profane „Kunst“ an die Seite der sakralen, ohne diese jedoch auf ihrem Sondergebiete zu beeinträchtigen oder sogleich in jede Einzelheit ihrer Überlieferungen einzudringen. Auf das tatsächliche und schon sehr frühe Vorhandensein dieser Profankunst und auf ihre stetig und erfolgreich fortschreitende Entfaltung wurde an vielen Stellen des vorhergehenden Abschnittes hingewiesen; neben ihr blieb aber, wie gleichfalls angeführt, die Tempelkunst nicht nur ebenfalls lebendig und fuhr fort, Götterbilder, heilige Geräte, Festgewänder u. dgl. anzufertigen und auszuschmücken, sondern auch sie erweiterte nach und nach den Umkreis ihres Gebietes, neue Verfahren aufnehmend und sie auf neue Zweige kunstvoller Tätigkeit ausdehnend.

Es liegt nun kein Grund vor, zu bezweifeln, daß die Erfahrungen, die uns z. B. im Leidener und Stockholmer Papyrus in Gestalt eines umfangreichen und nach vielen Richtungen weitentwickelten Systems völlig offener Nachahmung und Fälschung von Edelmetallen, Edelsteinen und Farbstoffen entgegentreten, zuerst +da+ gesammelt wurden, wo Veranlassungen gegeben und Mittel vorhanden waren, größere Arbeiten in kostbaren Materialien auszuführen, also in den Werkstätten der Tempel, und daß ferner die „Geheimnisse der Goldhäuser“ nicht nur das erste ursprüngliche Wissen um die Herstellung der Götterbilder aus Gold, Silber, „echten“ Steinen u. dgl. umfaßten, sondern auch das allmählich erworbene um den Ersatz dieser echten Rohstoffe durch passend nachgeahmte. Dafür, daß dies bereits in sehr früher Zeit der Fall war, spricht nicht nur das hohe Alter zahlreicher Angaben, die Echtes und Unechtes nachdrücklich auseinander halten, sondern auch schon Umfang und Mannigfaltigkeit der Vorschriften jener Papyri und der weit hinter ihnen zurückliegenden Grundtexte, die sie (wie schon oben erwähnt) zum großen Teile und mit einer Art orthodoxer Genauigkeit wiederzugeben scheinen; die Gesamtheit derartiger Rezepte kann nur als Ergebnis langsam fortschreitender, ungezählte Jahrhunderte umspannender Entwicklung aufgefaßt werden.

Auch darüber kann kein Zweifel walten, daß die einschlägigen Vorgänge oft unrichtig beobachtet und noch öfter unrichtig ausgelegt wurden. Gewann man z. B. aus Materialien, deren Gehalt an Edelmetallen nicht unmittelbar erkennbar war, Gold oder Silber, so konnte die Kunst der Abscheidung gar leicht als eine solche der Hervorbringung gelten[3057]. Trat an einem Metall auf Zusatz eines anderen oder irgend eines Präparates eine erhebliche Veränderung der Farbe und der Eigenschaften zutage, so war ein neues Metall entstanden[3058]. Lieferte das rote Kupfer mit arsen- oder quecksilberhaltigen Zusätzen eine silberfarbige Masse und mit zinn- oder zinkhaltigen eine goldfarbige, so hatte man Silber und Gold „gemacht“, und erwies es sich nicht für +alle+ Zwecke als brauchbar, so war doch das gemeine Metall mindestens +so+ weit veredelt, daß man hoffen durfte, durch Wiederholung oder Abänderung +völlig+ zum Ziel zu gelangen: denn jede derartige Überführung galt, ebenso wie die von Kupfer in Bronze durch verhältnismäßig sehr wenig Zinn, für eine bloße „Färbung“ (βαφή, Baphé) des Grundstoffes, und war diese noch nicht +ganz+ die richtige, so blieb sie doch vielleicht +weiter+ vervollkommnungsfähig, soferne man andere Mittel oder andere Mengenverhältnisse zur Anwendung brachte[3059]. Erhielt man endlich schon frühzeitig aus Gold und Silber das Asem (Elektron), -- aus dem man später überdies das reine Gold wieder abzuscheiden lernte --, und auch aus unedlen Metallen dem Asem gleichende Legierungen, so lag die Vermutung nahe, daß Gold und Silber selbst ebenfalls aus verschiedenen Bestandteilen zurechtgemischt und durch geeignete Anreicherung der Schmelzen in beliebig zu vermehrender Menge gewonnen werden könnten[3060]. Als weitere und besonders wichtige Tatsachen auf dem nämlichen Gebiete heben ~Hoefer~[3061] und ~Kopp~[3062] mit Recht die anscheinend sehr alten Wahrnehmungen hervor, daß durch Einwirkung von Schwefel auf manche arsenhaltige Substanzen das gelbe Auripigment und rote Realgar entsteht, aus Schwefel und Quecksilber aber der anfänglich schwarze, durch Erhitzen jedoch rot werdende und deshalb in der Folgezeit „Hermaphrodit“ benannte Zinnober[3063], -- Stoffe, die genug Metallartiges an sich zu haben schienen, um noch im 17. Jahrhundert als „Metallica“ abgehandelt zu werden[3064]. Alle diese Beobachtungen mußten die Anschauungen bestärken, daß es sich bei der angestrebten Herstellung gold- und silberglänzender Legierungen und schließlich auch der Edelmetalle selbst um nichts anderes handle als um eine „Färbung“, gleich der von Leinen oder Wolle, und um die Ermittlung des richtigen Färbemittels, der rechten „Tinktur“[3065]; daraus, -- so sagt ~Kopp~ --, daß diese freilich mißverständliche Idee der reinen Praxis und einem empirisch wohlbegründeten Wissen entsprungen war, erklärt sich die Zähigkeit, mit der die Gleichsetzung von Metall-Herstellung oder -Umwandlung und Färbekunst (βαφικὴ τέχνη) seit ihrem ersten Auftauchen so viele Jahrhunderte lang unentwegt festgehalten wurde[3066]. „Färbungen“ waren und blieben auch, wie schon ~Salmasius~ und neuerdings wieder ~Berthelot~ hervorhob, die drei seit jeher benützten Hauptverfahren der Metall-Arbeiter und -Fälscher, nämlich das Überziehen der Oberflächen mit dünnen Schichten echten oder unechten Goldes und Silbers, der Ersatz dieser metallischen Schichten durch metallglänzende Anstriche oder Firnisse, und endlich die Herstellung der gesamten Gegenstände aus gold- und silberfarbigen Legierungen. Hatte man auf irgendeinem dieser Wege die gesuchte Färbung zustande gebracht, so war auch das gesetzte Ziel erreicht, man erfreute sich in aller Aufrichtigkeit der gelungenen Nachahmung oder Fälschung, erteilte den Kunstprodukten kurzweg die Namen der echten, -- „du erhältst Purpur“, „du findest Smaragd“, heißt es im Stockholmer Papyrus --, und stellte mit Befriedigung fest, wie sie selbst die τεχνῖται (Techniten) derart täuschten, daß sie nichts von der Unterschiebung bemerkten. Wie schon weiter oben hervorgehoben wurde, läßt diese im Texte des Leidener und Stockholmer Papyrus öfter wiederkehrende Versicherung ohne weiteres ersehen, daß die geschilderten Kunstgriffe nicht von den Techniten selbst herrührten, sondern von Persönlichkeiten höheren Ranges, die sich im Besitze umfangreicherer, zum Teil auch sorgfältig geheim gehaltener Kenntnisse befanden.

Nun geht, ganz abgesehen von anderen, später zu besprechenden Gründen, schon aus der allgemeinen und stehenden Bezeichnung der Alchemie als „ἱερὰ, θεία, δογματικὴ τέχνη = heilige, göttliche, dogmatische Kunst“ zweifellos hervor, daß sie nicht von der +profanen+ Technik ihren Ausgang nahm, sondern von der +sakralen+, also von der der Tempelwerkstätten; alles spricht daher dafür, daß jene „höheren Persönlichkeiten“ dem Stande der Priester angehörten, die, wie ~Figuier~ schon vor über einem halben Jahrhunderte richtig urteilte[3067], „zwar nicht die höhere verborgene Weisheit besaßen, die ihnen die Folgezeit zuschrieb, dagegen vielerlei empirische und praktische Kenntnisse“. Tatsächlich gelten auch der gesamten antiken Tradition, der hierin die Ermittlungen der Ägyptologie zur Stütze gereichen, die ägyptischen Priester als älteste Vertreter der Kunst, Edelmetalle, Edelsteine und Purpur nachzuahmen und zu fälschen, einer Kunst, deren Ursprung sich in den „Geheimnissen“ der zur Herstellung der Götterbilder, sowie der gottesdienstlichen Geräte und Gewänder bestimmten „Goldhäuser“ verliert; auch die vielerlei, zum Teil freilich sagenhaften Berichte über die Aufbewahrung und Auffindung von „Rezeptbüchern“ in Tempeln bestätigen, daß sich in diesen auch die Werkstätten zur Ausübung der betreffenden Vorschriften befanden und machen es ferner erklärlich, daß die Legende das erste Auftreten des späterhin als „Vater der Alchemie“ gerühmten sog. ~Demokritos~ (~Pseudo-Demokritos~) in den Tempel zu Memphis verlegt (s. weiter unten).

So lange die ägyptische Landesreligion und mit ihr die Priesterschaft auch nur einigermaßen ihre herkömmliche Stellung behauptete, -- und dies blieb ihr, trotzdem die Zeichen längst begonnener Auflösung immer deutlicher hervortraten, bis in die ptolemäische Zeit hinein möglich --, scheinen die geschilderten Verhältnisse keine wesentliche Veränderung erfahren zu haben. Eine solche trat erst ein, als im weiteren Verlaufe der hellenistischen Bewegung der Verfall des ererbten Glaubens mit zunehmender Schnelligkeit fortschritt, im 1. Jahrhundert v. Chr. schon mit überraschender, im 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. mit erschreckender, und als das Eindringen der oft falsch verstandenen Lehren spätgriechischer Philosophie, hermetischer und gnostischer Vorstellungen, sowie orientalischer Kulte zur völligen Zersetzung der alten Religion und ihrer Organisation führte. Der in den vorhergehenden Abschnitten geschilderten Zeitströmung, die sich auf allen Gebieten des öffentlichen und privaten Lebens durch Überhandnahme der Magie und Mantik, Zauberei und Mystik, Astrologie und Dämonologie geltend machte, konnten sich auch die Priester nicht mit dauerndem Erfolge widersetzen, und wenn es ihnen glückte, ihr Dasein noch verhältnismäßig lange mit einem gewissen äußeren Ansehen zu umgeben und in auskömmlicher Weise wirtschaftlich gesichert zu fristen[3068], so ist dies nur dem Umstande zuzuschreiben, daß sie, teils in richtiger Einsicht, teils unter der Macht des Zwanges, dem Drängen der großen Menge nachgaben und ihr boten, was sie verlangte: freilich wurde der Priester so aus einem Hüter des Glaubens zum Pfleger des Aberglaubens, er hatte in erster Linie das, was man ihm zuschrieb und bezahlte, nämlich die Fähigkeit persönlichen Einwirkens auf das Walten der guten und bösen Gottheiten, auch ausreichend nachzuweisen, und da ihm hierzu jedes Mittel das rechte sein mußte, sank er vom geschäftsmäßigen Beschwörer und Geisterbanner zum arglistigen Zauberer und Gaukler und von diesem zum bewußt täuschenden Schwindler und Betrüger herab. Wie die Geschichte für so viele ähnliche Fälle bestätigt, gibt es auf diesem Wege keine Umkehr: jeder Niedergang des Standes fördert den weiteren seiner Zugehörigen, und jede Entwürdigung des Einzelnen beschleunigt die völlige Verderbnis der Gesamtheit.

Was nun auf sämtlichen Gebieten priesterlicher Tätigkeit statthatte, das vollzog sich auch auf dem der Tempelgewerbe, und wenn man bis dahin bei aller Geheimtuerei doch in ganz aufrichtiger Weise auf Nachahmung und Fälschung ausgegangen war, so gab man +nunmehr+ vor, vermöge magischer Mittel und unter Mithilfe der Geister nicht etwa gleichwertigen +Ersatz+ für Gold, Silber und andere Kostbarkeiten herstellen zu können, sondern +diese selbst+. Wie es aber, -- schon weiter oben wurde darauf hingewiesen --, der synkretistischen Richtung überhaupt eigen war, sich nicht mit der einfachen Verschmelzung überlieferter mystischer, theurgischer und anderer Praktiken zu begnügen, sondern gleichzeitig auch „deren Verfeinerung und theoretische Begründung anzustreben, und zwar durch Anlehnung an Anschauungen, die unter dem Titel ‚philosophischer‘ die sogenannten gebildeten Kreise des Zeitalters erfüllten“, so durfte es auch im vorliegenden Falle nicht bei der bloßen Behauptung sein Bewenden finden, vielmehr sollte diese durch eine zureichende Theorie gestützt werden. Eine derartige Forderung zu stellen, lag selbstverständlich ganz außerhalb des Gesichtskreises gewöhnlicher Techniten, wohl aber konnten sie Priester erheben, die, unter hellenistischen Einflüssen großgezogen, über den Weg zu ihrer Erfüllung von vornherein im klaren waren: Beweise für die Möglichkeit und Lösbarkeit der Aufgabe hatte die griechische Philosophie zu erbringen, und zwar in erster Linie auf Grund jener von ~Platon~ und ~Aristoteles~ aufgestellten Lehren vom Wesen und von den Umwandlungen der Materie, von der Entstehung der Bronze aus Kupfer und Zinn usf., die dem Zeitalter (obwohl zumeist nur in vielfach abgeändertem und entstellendem Gewande) durchaus vertraut waren und noch über die Schriften seiner spätesten Autoren einen wenngleich schwachen, so doch unverkennbaren Abglanz der ursprünglichen Gedanken, Betrachtungen und Ausdrucksweisen verbreiten[3069]. In zweiter Linie wurden aber auch brauchbare, passend ausgewählte Anschauungen der nacharistotelischen Schulen zur Stütze herangezogen.

Nicht in der Körperschaft praktisch tätiger Techniten nahmen also die alchemistischen Ideen ihren Ursprung, etwa indem (nach ~Schmieder~)[3070] die Arbeiter zunächst sich selbst und dann andere täuschten, oder (nach ~Berthelot~) anfänglich wirklich glaubten Gold und Silber erzeugen zu können und hieran erst später durch höher Gebildete irre gemacht und zu deren Zwecken ausgenützt wurden[3071], -- findet doch ~Berthelot~ schließlich selbst einen solchen Vorgang auffällig und überraschend[3072] --, vielmehr ist die Quelle jener Gedanken in der Gilde der spätägyptischen, richtiger ägyptisch-hellenistischen Priester zu suchen. Bei ihnen allein vereinigten sich die verschiedenen, sämtlich gleich wichtigen und unentbehrlichen Elemente: Vertrautheit mit den Arbeitsmethoden, Gelegenheit zu ihrer Ausübung, Kenntnis des griechischen, ägyptischen und orientalischen Mysterienwesens sowie der hellenistischen Philosophie, und endlich reichlicher Anlaß zur Verwertung der einschlägigen Vorführungen im eigenen wie im Standes-Interesse. Schauplatz derartiger, wie aller anderen mit Zauberei, Dämonen-Beschwörung usf. verbundenen Wundertaten dürften die Tempel geblieben sein, so lange sie bestanden und die Priester über sie zu verfügen hatten; als sie ihnen aber seit dem 3. Jahrhundert allmählich, und gegen Ende des 4. gänzlich entrissen, zum Teil aufgelassen, zum Teil in Kirchen umgewandelt, zum Teil auch gewaltsam zerstört wurden, da flüchteten die ausgetriebenen, von ihren christlichen Nachfolgern wie von den Staatsbehörden mit gleich großem Hasse verfolgten Kenner überlieferter Weisheit in „fest zusammenhaltende esoterische Zirkel“[3073], in denen sie unter dem dichten Schleier des Geheimnisses ihre Künste weiterpflegten und noch weit über zwei Jahrhunderte hinaus bis zur Zeit der arabischen Eroberung lebendig erhielten. Zweifellos sind diese Zirkel die nämlichen, in denen z. B. dem Berichte des ~Rufinus~ (345-410) gemäß gewisse Priester, die zur Zeit der Schließung der alexandrinischen Tempel durch Kaiser ~Theodosius~ (um 390) nach Kanopos geflohen waren, „dort alsbald, unter dem Vorwande des Studiums ihrer heiligen Schriften, wiederum Aberglauben, Zauberei und Magie lehrten“[3074]; es sind ferner die nämlichen, deren Teilhaber, wie ~Horapollons~ um 400 vollendetes Werk „Hieroglyphika“ beweist[3075], noch anderthalb Jahrhunderte nach Anbringung der spätesten hieroglyphischen Inschriften an den Tempelwänden (um 250 n. Chr.) Listen mit einer Anzahl richtiger hieroglyphischer Zeichen in Händen hatten, „allmählich aussterbende Kreise letzter Diener der alten Landesgötter, abergläubischer Zauberer und Quacksalber, die, an entlegenen Orten ein verborgenes Dasein fristend, die Reste ihrer religiösen Kenntnisse in diese Bilder hineingeheimnisten“[3076].

Aus den geschilderten Verhältnissen, die so manchen Einzelheiten nach vorerst nicht streng zu beweisen, sondern nur zu erschließen sind, folgerte ~Sprengel~ schon 1820, soweit er sie damals zu überblicken vermochte, „die Alchemie sei als ein Zweig der Theurgie zu betrachten, aus ihr hervorgegangen unter gnostischen und neupythagoräischen Einflüssen verschiedener Art“[3077]. Der Zusammenhang, den er hiermit scharfen Blickes erkannte, steht den Alchemisten selbst in der Tat fest und wird von ihnen jederzeit in streng dogmatischer Form ausgesprochen: sie nennen sich Priester und Mysten ihrer Kunst, diese Kunst ist eine geheime, heilige, göttliche und wird identifiziert mit der Weisheit der alten ägyptischen Priester, als deren legitime Nachfolger und Erben sich die hellenistischen Hierophanten ausgeben. Nach ~Zosimos~, der spätestens um 300 n. Chr. schrieb, hatten die Ägypter vor den Griechen zwei Arten der τέχνη (Techne) voraus, die Kunst der φυσικῶν ψάμμων, d. i. die Aufbereitung der natürlichen Sande, die die Könige durch ihre „Techniten“ als Regal ausführen ließen[3078], und die Kunst der καιρικῶν ψάμμων, d. i. die Behandlung der „in Binden gewickelten“ = zugerichteten Mineralien (der Präparate), erfolgend durch gewisse Handgriffe (χειροκμήματα), die ein Geheimnis der in den Tempelwerkstätten tätigen Priester bildeten[3079]. Gleich den Mysten und Theurgen mußte sich auch der Alchemist an Leib und Seele reinigen und heiligen, er sollte nicht niedrigen persönlichen Zielen nachstreben, sondern nur höheren allgemeinen, er durfte seine Arbeit nicht zwecks Gewinnung von Gold unternehmen, sondern allein zwecks Lösung des großen Problemes der Verwandlung[3080]. Gleich den Mysten und Astrologen hatte er ferner einen „Eid der Geheimhaltung“ abzulegen, dessen Fassung sich, gemäß der Überlieferung im sogenannten „Briefe der ~Isis~ an ~Horos~“, in vielen Punkten auffällig an echt altägyptische Vorlagen anlehnt: der Schwur erfolgt bei ~Hermes~ (= ~Thot~) und ~Anubis~, den Göttern der Leichenbestattung, beim Geheule des dreiköpfigen Höllenhundes und der typhonischen Schlange ~Apep~ (~Apophis~), „die da bedroht die Totenbahre des ~Serapis~“ (der an die Stelle des ~Osiris~ getreten ist), sowie bei den drei großen Nöten, dem Feuer, dem Gift oder dem Strang, der Geißel oder dem Schwert, und er schließt mit dem Gelöbnis, die geoffenbarten Geheimnisse einzig und allein dem eigenen Sohne zu überliefern, -- in welchem Sinne die „Kunst“ auch τεκνοπαράδοτος genannt wird, d. h. „an den Sohn weiter zu gebende“[3081]. Endlich ist, dem ganzen Vorstellungskreise entsprechend, auch die alchemistische Terminologie eine durchaus doppelsinnige: wie die Chemiker Priester, so sind ihre Arbeitsräume und ihre Apparate Tempel[3082], und die Parallelisierung ihrer Operationen mit gottesdienstlichen Handlungen geht so weit, daß den Beschreibungen, wie ~Reitzenstein~ erkannte, nicht selten hohe religionsgeschichtliche Bedeutung innewohnt; die Anspielungen betreffen meist Kulte ägyptischer Gottheiten, vor allem des ~Osiris~, nicht selten aber auch solche orientalischer, besonders des ~Mithras~, woraus sich die Bezeichnungen „mithrisches Geheimnis“ für die Kunst und „mithrische oder persische Knochen“ für gewisse Präparate erklären[3083].

3. Erste Erwähnungen der Chemie und ihres Namens.

Sobald die gegen Ende des 10. Jahrhunderts wieder aufgefundenen Schriften der griechischen Alchemisten zunächst das Interesse der Philologen und weiterhin das der Naturkundigen erregt hatten, begann man über Alter und Herkunft der in ihnen vorgetragenen Lehren Vermutungen aufzustellen; da es aber an zureichenden Unterlagen für solche angesichts der dürftigen geschichtlichen Einsichten des Zeitalters noch völlig fehlte, so kann es nicht wundernehmen, daß die absonderlichsten Voraussetzungen auftauchten, einmal ausgesprochen auch Boden faßten und nicht selten bis gegen Anfang des 19. Jahrhunderts, ja noch über diesen hinaus, festgehalten wurden.

Auf die Hypothesen, die den Ursprung der Alchemie in Phönizien, Babylonien, Persien, Indien oder China suchten, braucht an dieser Stelle um so weniger eingegangen zu werden, als die richtige Erkenntnis, daß Ägypten ihr Mutterland sei, niemals ganz zu verdunkeln war, -- wozu jedenfalls die arabische Überlieferung das meiste beitrug. Wie aber schon im 10. Jahrhundert ~Alnedim~ im „Fihrist“ meldet, „die Pyramiden seien chemische Laboratorien gewesen und die hieroglyphischen Inschriften alchemistische Texte“[3084], so erzählt noch im 15. ~Qalqaschandi~ (gest. 1418), „während der Regierung ~Nimrods~ im Lande Babel zu Irak habe in Ägypten der [völlig mythische] koptische König ~Kalkan~ die Alchemie, die bis dahin nur in geheimen Zeichen aufgeschrieben war, zuerst allgemein bekannt gemacht“[3085]. Derlei ein halbes Jahrtausend überdauernde Traditionen erklären es genügend, daß man auf sie hin das Aufkommen dieser Kunst in eine weitaus zu frühe Zeit verlegte und infolgedessen auch nicht daran zweifelte, daß ihre Spuren schon in den ältesten bekannten Schriftwerken nachzuweisen seien, u. a. in den biblischen Büchern sowie in den Epen ~Homers~.

In Wirklichkeit verrät aber, von ~Homer~ ganz zu geschweigen, kein klassischer Schriftsteller griechischer oder lateinischer Zunge die geringste Kenntnis der Alchemie, und alle Behauptungen dieser Art, alte wie neue, beruhen ausschließlich auf vorgefaßten Meinungen, irrtümlichen Deutungen oder willkürlichen Unterschiebungen, und dies gilt insbesondere auch, unbeschadet aller entgegengesetzten Versicherungen, betreff des ~Platon~, ~Aristoteles~ und ~Theophrastos~[3086]. Wenn z. B. ~Platon~ im Dialoge „Euthydemos“ sagt: „Und wüßten wir selbst alle Felsen in Gold zu verwandeln, so hätte dies doch keinen Wert“, so wird kein Einsichtiger diese Worte in alchemistischem Sinne auslegen wollen[3087], und wenn er, und ihm nachsprechend mancher Spätere, der γῆ παρθενική, γῆ παρθενία, παρθένος γῆ Erwähnung tut, so versteht er hierunter nicht die sog. „Jungfernerde“ der Alchemisten, sondern einfach noch unberührte, jungfräuliche Erde[3088], die z. B. ~Plinius~ mit einem Fachausdrucke als „unverritztes Gestein“ bezeichnet[3089], ~Firmicus~ aber als die „terra virginis“, die Gott zur Schöpfung ~Adams~ benützt haben soll[3090]. Aus den Werken des ~Aristoteles~, soweit sie echt sind, lassen sich selbst Andeutungen derartig verschwommener Art nicht zutage fördern. Was endlich ~Theophrastos~ betrifft, so entwickelt er in den Bruchstücken des Buches „Über die Steine“[3091] die zu seiner Zeit herrschende Lehre, die Metalle bestünden (wie ihre Schmelzbarkeit beweise) im wesentlichen aus Wasser, die Erden und Gesteine aber aus einer reinen und einheitlichen Materie (ὕλη, Hýle), und beschreibt als ein sehr bemerkenswertes Gestein u. a. den Zinnober, der κιννάβαρι (Kinnábari) oder auch ἄνθραξ (Anthrax) heißt: die „natürliche“ Art findet sich in Spanien und in Kolchis, wo die Einwohner sie von unzugänglichen Felsklüften (κρημνῶν]) mit Pfeilen herabschießen müssen[3092]; die „künstliche“ erhält, wer mit den vielerlei nötigen Handgriffen genügend Bescheid weiß, durch Schlämmen eines gewissen Sandes (ἄμμος), der an Farbe und Glanz dem κόκκος (Kókkos, Kermes, Scharlach) gleicht, weshalb ihn auch ~Kallias~, ein Athener des 5. Jahrhunderts, anfangs für goldhaltig hielt und Gold aus ihm ausschmelzen wollte[3093]. Wie man sieht, kommt auch hier kein alchemistisches Verfahren in Frage, sondern nichts weiter, als einer jener so naheliegenden Versuche, die, unzählige Male unter den verschiedensten Verhältnissen fruchtlos angestellt, Veranlassung zur Entstehung des Sprichwortes gaben: „Es ist nicht alles Gold, was glänzt.“

Nicht anders verhält es sich mit dem vielberufenen „Experiment des Kaisers ~Caligula~“ (37-41 n. Chr.): wie ~Plinius~ berichtet[3094], befahl dieser geldgierige Herrscher, eine große Menge der sehr kostbaren Malerfarbe „Auripigment“ auszuschmelzen (excoquere), wobei er zwar Gold von ganz vortrefflicher Beschaffenheit darstellte (fecit), aber, „obwohl vierzehn Pfunde zur Umsetzung kamen (permutarentur)“, in so geringer Menge, daß der Schaden äußerst empfindlich war. Von einem „ersten Versuche der Transmutation“, von dem ~Berthelot~ spricht[3095], kann also gar nicht die Rede sein; offenbar waren es die goldige Farbe und der goldähnliche Glanz des gelben Schwefelarsens, die die Hoffnung (spes), daß es auch wirklich Gold enthalte, beim Kaiser oder seinen Ratgebern erregt hatte, und bei letzteren mag ihr die Erfahrung zur Stütze gereicht haben, daß das Mineral tatsächlich zuweilen schwach goldhaltig befunden wird[3096]. ~Caligula~ dachte indessen das Gold einfach ausschmelzen (wörtlich: auskochen) zu lassen, und den Worten „fecit“ und „permutarentur“ darf nicht willkürlich der Sinn unterlegt werden, er hätte es aus dem Auripigment „machen“, oder dieses in Gold „transmutieren“ wollen[3097]. Könnte an dieser Auffassung noch ein Zweifel bestehen, so würde er durch die Überlegung beseitigt, daß das umfangreiche, von magischen, astrologischen u. dgl. Anspielungen wimmelnde Werk des ~Plinius~ auch an keiner anderen Stelle irgendwie der Alchemie Erwähnung tut, und daß das Nämliche von der weltberühmten und meist aus den nämlichen Quellen schöpfenden, ebenfalls gegen 75 n. Chr. vollendeten „Arzneikunde“ seines Zeitgenossen ~Dioskurides~ gilt; wenn dieser erwähnt[3098], daß man das Quecksilber „ἐν μετάλλοις“ finde, so heißt dies nicht, wie einige Forscher, u. a. anfangs auch ~Berthelot~[3099], annahmen, „in den Metallen“, sondern „in den Bergwerken“, und jede alchemistische Bedeutung ist hierbei ausgeschlossen[3100].

Noch unter der Regierung des ~Augustus~ scheint ~Manilius~ seine schon wiederholt erwähnten „Astronomica“ gedichtet zu haben, in deren 4. Buche der Vers 248 heißt: „materiamque manu certa duplicaris et arte“, worin ältere Philologen, z. B. ~Scaliger~, eine alchemistische Andeutung erblicken und deshalb den Hexameter für untergeschoben erklären wollten, während er nach ~Berthelot~ zwar alchemistische Kenntnis bezeugt, trotzdem aber als echt angesehen werden muß[3101]. An der Echtheit zweifeln auch neuere Herausgeber nicht[3102], das „duplicare“ ist aber, wie schon ~Kopp~ hervorhob[3103] und ~Riess~ bestätigt[3104], nicht als ein Fachausdruck der Alchemie (etwa = Diplosis, Verdoppelung) aufzufassen, sondern als einer der Goldschmiedekunst (= biegen, falten, treiben), so daß man nicht zu übersetzen hat „mit sicherer Hand wirst du die Materie vermöge der Kunst verdoppeln“, sondern mit „sicherer Hand wirst du das Material kunstgemäß treiben“. Dies bestätigt auch der ganze Zusammenhang der Stelle, denn sie besagt, daß das Sternbild des Steinbockes (capricornus) Feuer-Arbeiter aller Art hervorbringe und ihnen die Gabe der Metallbehandlung verleihe, z. B. den Goldschmieden, Goldschlägern, Gold-, Silber-, Erz- und Eisen-Schmelzern[3105], ganz so, wie auch das Sternbild des Wassermannes (aquarius) Goldschmiede, Gold- und Silber-Gräber, Gold- und Silber-Händler und dergleichen Leute entstehen lasse[3106].

In der zwischen 100 und 150 n. Chr. zu Alexandria verfaßten Astrologie, dem „Tetrabiblos“ des ~Ptolemaios~, werden zwar gewisse Sternbilder mit Bergwerken, Häuserbauten und Handelsgeschäften in Verbindung gebracht, ferner auch die Planeten Venus und Mars mit Färbern, Kräuter- und Salben-Verkäufern, Pharmazeuten, Ärzten, Gold-, Silber-, Zinn- und Blei-Gießern oder -Bearbeitern, aber alchemistische Hinweise fehlen gänzlich. Manche Forscher haben dies in Anbetracht der Zeit- und Orts-Verhältnisse auffällig gefunden, doch kann man im Ziehen von Schlüssen „ex silentio“ (aus dem Stillschweigen) niemals vorsichtig genug sein, um so mehr als die Lebensumstände des ~Ptolemaios~ so gut wie völlig unbekannt sind, und es durchaus fraglich bleibt, ob der gelehrte Astronom überhaupt jemals Anlaß hatte und nahm, sich um das mehr oder weniger verborgene Treiben gewisser dunkler Ehrenmänner und ihres abergläubischen Anhanges des Näheren zu bekümmern. Nicht zu vergessen ist auch, daß der eigentliche Aufschwung der in örtlichen Verbänden heimischen Alchemie, und damit ihr Bekanntwerden in weiteren Kreisen innig mit dem Aufkommen theoretischer Begründungen der in den Tempelwerkstätten üblichen Arbeitsweisen zusammenhängt, daß aber die maßgebenden Einflüsse der spätgriechischen Philosophie, der Hermetik und Gnostik, des orientalischen Zauberwesens usf. erst um die Mitte des 2. Jahrhunderts ihrem Höhepunkte zuzustreben begannen; es ist daher begreiflich, daß der Gegenstand damals zumeist noch ganz außerhalb des Gesichtskreises sowohl der Autoren, als auch des Leserkreises lag, für den sie schrieben, und deshalb nicht nur bei den Sammlern von Anekdoten und Wundergeschichten wie ~Aulus Gellius~ (113-165), ~Aelian~ (um 200) und Anderen unerwähnt bleibt, sondern z. B. auch bei ~Artemidoros~ (135-200?), dem Verfasser des großen „Traumbuches“, -- die im übrigen sämtlich magischer, planetarischer und anderer abergläubischer Einflüsse an zahllosen Stellen Erwähnung tun. Dieser im wesentlichen örtliche Charakter der Alchemie macht auch die Tatsache erklärlich, -- die ihm ihrerseits wieder zur Bestätigung gereicht --, daß die vom Kaiser ~Justinian~ veranlaßten sehr umfangreichen Sammlungen römischer Gesetze und Verordnungen kein Wort über Alchemie enthalten, obwohl Anlässe, ihrer zu gedenken, nicht fehlen würden; in dieser Hinsicht sei nur an das Cornelische Gesetz über Münzfälschung (Lex Cornelia de falsis) erinnert, das schon im Jahre 81 v. Chr. verbietet, gemeine Metalle zu „färben“ (tingere), durch Legierungen solcher Metalle edle vorzutäuschen (fingere), und unedle unter Anwendung gewisser Zusätze zu gießen (flare), kurz, durch Färbungen und Mischungen den Anschein des Silbers oder Goldes hervorzubringen[3107].

Die Autoren des 3. und des beginnenden 4. Jahrhunderts, -- immer von den eigentlichen Fachschriftstellern abgesehen --, schweigen ebenfalls noch über Alchemie, und dies gilt namentlich auch von ~Firmicus Maternus~, dem man bis vor kurzem sogar die erste Nennung ihres Namens zuschrieb (s. unten). Weder sein großes astrologisches Werk „Mathesis“ (von 336 oder 337), noch die kleinere Schrift über die „Irrlehre der heidnischen Religionen“ (von 342 oder 346)[3108] bieten irgend Hierhergehöriges, und der Ausdruck „duplicatio“, dessen sich die „Mathesis“ bedient, bedeutet auch in ihr keineswegs „Diplosis“, sondern, wie ein Blick in den Text zeigt, eine einfache „Verdoppelung“, und zwar eine solche von Zahlen und Tagen[3109]. Ganz unzutreffend ist auch die Behauptung, ~Firmicus~ habe bei der Erörterung der babylonischen und „ägyptischen“ Lehren über die Bedeutung von Stellungen, Bahnen, Nachbarschaften und Konjunkturen der Planeten, -- dem Vorbilde des mittelalterlichen Nativitäts-Stellens[3110] --, deren alchemistische Beziehungen und Einflüsse genau geschildert. Nach seiner ausführlichen und sehr merkwürdigen Darstellung der „Lehren der Alten“ verhalten sich die Planeten vielmehr (je nach den äußeren Umständen) wie folgt: ~Jupiter~ bringt u. a. Gold- und Silber-Schmiede sowie Goldsticker hervor[3111]; ~Mars~ Rothaarige, Leute die mit Feuer und Eisen zu tun haben[3112], Leute die Wunden durch Feuer und Eisen erteilen und empfangen[3113] und die sich mit Farbstoffen, Edelsteinen und Perlen befassen[3114]; ~Venus~ Goldschmiede, Vergolder, Silber- und Gold-Arbeiter[3115], Färber, Erfinder von Farbstoffen und Wohlgerüchen[3116]; ~Merkur~ Verschacherer von Edelsteinen, Perlen und Aromen, Färber, Entdecker von Erzlagern[3117], Goldschmiede, Goldgräber und Meister gewisser verborgener Künste (= Meister der Künste, verborgene Schätze aufzufinden)[3118]; ~Saturn~, der ernste und tiefsinnige Alte, der sein Domizil im männlichen Wassermann oder weiblichen Steinbock hat[3119], Geizige, Gold- und Silber-Hütende, Erbschaften Empfangende[3120], Kenner geheimer und verbotener Künste (d. h. des Aufsuchens in der Erde und namentlich in den Gräbern versteckter Kostbarkeiten)[3121], Magier, Philosophen, Astrologen, Wahrsager usf., sowie in derlei Künsten bewanderte Priester[3122]; der ~Mond~ Erzschmelzer, Färber[3123], Fälscher insbesondere Münzfälscher[3124], Probierer und Färber von Edelsteinen, „die diesen mit allerlei Farbstoffen andere Färbungen erteilen (adpingunt; wörtlich: anmalen)“[3125], endlich Kenner jener Künste (artes), die Farbstoffe, Arome, Edelsteine und Perlen betreffen[3126]. Nirgends ist also die Rede vom künstlichen „Machen“ des Silbers und Goldes, vom Zusammenhange zwischen Planeten und Metallen usf., vielmehr nur vom Nachahmen und Fälschen der Edelmetalle und sonstigen Kostbarkeiten, sowie von den Schlichen und Betrügereien der Künstler, Vermittler und Händler; offenbar ist ~Firmicus~, der von Beruf Rechtsgelehrter und nur ein Liebhaber der Astrologie gewesen sein soll, in den von ihm benützten Vorlagen der „Alten“ keinen anderen Angaben begegnet.

Erst von der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts an finden sich Zeugnisse, die für das Bekanntsein mit der Metall-Verwandlung sprechen; die Schriften des Rhetors ~Euphrades~ (um 360) gehören zwar, entgegen ~Schmieders~ sehr bestimmter Versicherung[3127], +nicht+ zu diesen[3128], hingegen bestreitet sein Zeitgenosse ~Themistios~ die Möglichkeit solcher Vorgänge[3129], während der hl. ~Ephraim~, der berühmte syrische Bibel-Kommentator des 4. Jahrhunderts, in einer Hymne sagt, „daß die Schätze der Menschheit in gleicher Weise durch Tugendhafte wie durch Goldmacher vermehrt werden“[3130]. Gegen 500 ist endlich der in Syrien und Palästina tätige christliche Rhetor und Philosoph ~Aineias~ von ~Gaza~ anzuführen, der sich eifrig bemühte, die Lehren des Christentums, der älteren griechischen Philosophie und des Neuplatonismus miteinander zu verschmelzen[3131]; in seinem Dialoge „Theophrastos“, der die Wiederbelebung der Toten und die Unsterblichkeit der Seele behandelt, setzt er die Auferstehung der Abgeschiedenen mit verklärtem Leibe in Parallele mit der Veredlung gemeiner Metalle zu Gold und betrachtet es als bekannt, daß man kraft eines besonderen Wissens Erz in Gold verwandeln könne, und daß die mit der „Kunst der Metalle“ Vertrauten aus Silber oder Zinn „unter Vernichten der Form und Färben“ vortreffliches Gold zu machen verstehen, ähnlich wie man aus Sand und Natron das ganz andersartige Glas darzustellen vermöge[3132].

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Bei keinem der im vorstehenden erwähnten Schriftsteller findet sich eine besondere +Bezeichnung+ für die „Kunst der Metalle“; zwar haben bis vor kurzem sämtliche Geschichtsschreiber der Chemie angenommen, daß der +Name+ dieser Wissenschaft zuerst, jedoch schon als ein bekannter und daher keiner Erklärung mehr bedürftiger, bei ~Firmicus~ vorkomme, in dessen „Mathesis“[3133] es heiße: „Ist das Haus (in dem der Mond steht) das des ~Merkur~, so verleiht er (der Mond) Astronomie, ist es das der ~Venus~, Gesang und Fröhlichkeit, ist es das des ~Mars~, Gebrauch der Waffen und Werkzeuge, ist es das des ~Jupiter~, Priesterweisheit und Rechtskunde, ist es das des ~Saturn~, die Wissenschaft der Alchemie (scientiam alchimiae)“, -- die letzten Herausgeber dieses Autors, ~Kroll~, ~Skutsch~ und ~Ziegler~ erbrachten jedoch den Nachweis, daß hier eine Fälschung vorliege[3134], auf die übrigens, soweit die Vatikanischen Handschriften in Frage kommen, schon 1665 der gelehrte, in Rom tätige Polyhistor ~Athanasius Kircher~ hinwies[3135]. Der Schuldtragende ist der Magister der freien Künste ~Joh. Angelus~, der in seinem 1488 zu Augsburg erschienenen „Opus Astrolabii“ zuerst einige Bücher der „Mathesis“ abdruckte, bei dieser Gelegenheit eine größere Lücke im 3. Buche, die sämtliche Handschriften mit Ausnahme einer einzigen aufweisen, völlig willkürlich ausfüllte, und hierbei auch die (jedenfalls von guter Sachkenntnis zeugende) Stelle über die seitens der Planeten verliehenen Begabungen einfügte. Jene +einzige+ Handschrift, die sie +ebenfalls+ bietet, und zwar mit dem Wortlaute „scientiam alkamie“ (= alkamiae), ist die der Staatsbibliothek zu Neapel (um 1500), die neben zahlreichen anderen Einschiebungen auch die dem „Opus Astrolabii“ entnommene aufweist; wegen ihrer Schönheit und anscheinenden Vollständigkeit hielt man sie auch für besonders zuverlässig, daher legten sie sowohl der gewissenhafte (unbekannte) Herausgeber der venetianischen „Editio princeps“ von 1497, als auch der ganz unzuverlässige Veranstalter der Aldinischen Ausgabe (Venedig 1499) ihren Drucken zugrunde, und so ging die Fälschung für Jahrhunderte in die Litteratur über. Daß die genannten Erstdrucke nicht „scientiam chemiae“ oder „chimiae“ haben, sondern „alchimiae“, letzteres Wort also in der bei einem Schriftsteller des 4. Jahrhunderts undenkbaren, mittelalterlichen, mit dem arabischen Artikel al vereinigten Form bieten, fiel allerdings schon ~Kirchers~ Zeitgenossen, dem berühmten und vielseitigen niederländischen Gelehrten ~Voss~ (~Vossius~) auf, und er bemerkte daher in seinem „Etymologicon linguae latinae“[3136]: „alchimiae druckt auch ~Aldus~, aber die Handschriften haben chimiae“, -- ohne jedoch genauer anzugeben, +welche+ Handschriften diese Lesart zeigen sollen. -- Die angebliche Wissenschaft Alchimia oder Alkimia des ~Firmicus~ unternahmen einige ältere Philologen auch mit den Eigennamen ~Alkimos~ oder ~Alchimos~ in Verbindung zu bringen, um ihr einen Erfinder unter deren im Altertum zahlreichen Trägern zu suchen, deren bekanntester wohl der homerische ~Alkimos~ ist, der zusammen mit ~Automedon~ die Rosse des ~Achilleus~ anschirrt[3137]; durch Aufdeckung der Fälschung werden natürlich auch diese gelehrten Vermutungen hinfällig!

Gleich verschiedenen früheren Forschern ist auch ~Riess~ geneigt[3138], als ältestes Zeugnis für das Vorkommen des Wortes „Chemie“ jenes in einem Berichte über die Niederwerfung des alexandrinischen Aufstandes durch Kaiser ~Diokletian~ im Jahre 296 anzuerkennen. Der byzantinische Lexikograph ~Suidas~ erzählt hierüber in seinem Sammelwerke: „Chemie (χημεία, Chemeía) ist die κατασκευή (Kataskeué, Verfertigung, Darstellung) des Silbers und Goldes. ~Diokletian~ ließ diese Bücher aufsuchen und verbrennen; weil sich die Ägypter empört hatten, verfuhr er gegen sie hart und grausam; so ließ er auch die von ihren Vorfahren (τοῖς παλαιοῖς; wörtlich: den Alten) über die Chemie (περὶ τῆς χημείας) des Goldes und Silbers verfaßten Bücher aufsuchen und verbrennen, damit die Ägypter aus dieser Kunst (έκ τῆς τέχνης) keine Reichtümer mehr schöpfen und sich nicht mehr auf diese hin gegen die Römer empören könnten[3139].“

Bereits ~Gibbon~, der 1776 sein großes Werk „Decline and Fall of the Roman Empire“ vollendete, hob hervor[3140], und neuere Historiker, bis zu gewissem Grade auch ~Kopp~[3141], stimmen ihm hierin zu, daß ~Suidas~ erst im 10. Jahrhundert schrieb und eine Bestätigung durch Quellen aus diokletianischer Zeit fehlt, sowie daß die Begründung der vom Kaiser befohlenen Maßregel wenig glaubhaft erscheine, weshalb wohl die ganze Erzählung in das Reich der Fabel zu verweisen sei. ~Wiegleb~[3142], ~Schmieder~[3143] und auch wieder ~Berthelot~[3144] nehmen an, es habe sich um Bücher metallurgischen Inhalts, etwa über die ägyptischen Geheimverfahren zur Gewinnung und Aufbereitung des Goldes und Silbers gehandelt (welches letztere aber in Ägypten niemals bergmännisch gewonnen wurde!), und ~Kopp~ hält es ebenfalls nicht für ausgeschlossen, daß κατασκευή als bergmännischer oder metallurgischer Ausdruck anzusehen sei[3145], -- soferne man der so späten Darstellung des ~Suidas~ überhaupt Vertrauen schenken wolle. In dieser Hinsicht ist jedoch zu bemerken, -- und ~Kopp~ erörtert dies ausführlich[3146] --, daß auch ~Johannes~ von ~Antiochia~, um 700, in seiner „Chronik“, die zum Teil auf jener des ~Panodoros~ (um 400) fußen soll und von der uns ~Constantin Porphyrogennetes~ (10. Jahrhundert) einen Auszug erhalten hat, der Verbrennung der ägyptischen Bücher περὶ χημείας ἀργύρου καὶ χρυσοῦ (über die Chemie des Silbers und Goldes) Erwähnung tut; dieser Autor verwirft ferner die Deutung des goldenen Vließes auf ein Fell, in dessen Zotten die Kolcher nach ~Strabon~ das feine Flußgold auffingen, hält es vielmehr (wie nachher auch ~Suidas~ und Andere) für eine Tierhaut, ein Pergament, mit der Anweisung „Gold zu machen mittels der Chemie“ (διὰ χημείας), für ein verderbliches, mit Fluch behaftetes Geschenk des ~Hermes~, gleich dem goldenen Lamme des ~Atreus~ und ~Thyestes~ und dem goldenen Halsbande der ~Hermione~[3147]. Endlich gedenken des diokletianischen Befehles aber auch die Akten des hl. ~Prokop~, die zwar in der heute vorliegenden Gestalt dem 10. Jahrhundert entstammen, aller Wahrscheinlichkeit nach aber bereits gegen 400 abgefaßt sind[3148]. Mangeln also auch ganz bestimmte Beweise, so sprechen doch äußere Gründe nicht +gegen+ die geschichtliche Wahrheit des Ereignisses, innere aber entschieden +für+ sie. Daß dabei an Bücher über geheime bergmännische oder metallurgische Verfahren zu denken sei, ist allerdings nicht anzunehmen, denn über solche durfte überhaupt nicht geschrieben werden, und es fehlt jeder Anhalt dafür, daß gegen dieses Verbot jemals gesündigt worden sei und daß es Schriften solchen Inhaltes überhaupt gegeben habe. Dagegen bestand um 300 tatsächlich bereits eine von den „Alten“ überkommene, ausgedehnte alchemistische Litteratur, -- verfaßte doch um diese Zeit ~Zosimos~ sein umfangreiches Werk, wie er ausdrücklich angibt, unter Benützung aller seiner zahlreichen Vorgänger --, und daß deren Gegenstand, also eben die „Chemie“, damals noch keinen Namen gehabt hätte, ist nicht nur an sich äußerst unwahrscheinlich, sondern wird dadurch widerlegt, daß die obengenannten Autoren und auch ~Zosimos~ selbst (dieser allerdings an einer bestrittenen Stelle, s. weiter unten) χημεία als bereits wohlbekannten Fachausdruck gebrauchen. Gerade die Schriften des ~Zosimos~ bestätigen indessen, falls dies überhaupt noch eines Beweises bedürfte, in welchem innigen Zusammenhange die Chemie mit Mystik und Aberglauben, Magie und Astrologie stand[3149], und schon ~Kopp~[3150] sowie ~Burckhardt~[3151] vermuteten daher, daß ~Diokletian~, der grausame Verfolger und Ausrotter aller ketzerischen Irrlehren, der z. B. in der ganzen Provinz Afrika die Verbreiter des Manichäismus aufgreifen und samt ihren Schriften verbrennen ließ[3152], auch die +chemischen+ Bücher den magischen und abergläubischen zugezählt und sie daraufhin gleichfalls der Vernichtung preisgegeben habe.

Indessen ist in dieser Hinsicht noch ein Umstand in Betracht zu ziehen, dessen Bedeutung bisher anscheinend niemand genügend gewürdigt hat, nämlich die Beziehung ~Diokletians~ zum römischen Münzwesen. Nachdem dieses während der Bürgerkriege, gegen Ende der Republik, nicht selten im argen gelegen hatte (s. z. B. die oben erwähnte „Lex Cornelia de falsis“ von 81 v. Chr.), ließ die beginnende Kaiserzeit ihm große Sorgfalt angedeihen, und ihre sämtlichen Goldstücke zeichnen sich daher durch genaues Gewicht und hohe gleichmäßige Reinheit aus[3153]; aber schon ~Nero~ (54-68) begann u. a. den silbernen Denaren einen Zusatz von Kupfer zu geben[3154], und die Versuchung, diesen zu erhöhen und bei anderen Münzen in ähnlicher Weise zu verfahren, machte sich allmählich desto verführerischer geltend, je weiter die politische und finanzielle Kraft des Reiches und die Zuverlässigkeit seiner Verwaltung sank, und in je stärkerem Maße, als Folge einer zuletzt fast wahnwitzigen Verschwendung, das Abströmen des Gold- und Silber-Geldes nach dem Osten fortdauerte, hauptsächlich nach den arabischen und indischen Stapelplätzen der orientalischen Luxuswaren[3155]. Bereits zur Zeit ~Trajans~ (98-117) und ~Marc Aurels~ (161-180) enthielten die Silbermünzen bedenkliche Mengen an Kupfer, die Bronzemünzen an Zinn, Zink (10-15%, in Gestalt von Messing?) und Blei, die Messingmünzen an Zinn und Blei[3156], und dieser Zustand verschlechterte sich im Laufe des 2. Jahrhunderts immer weiter, wenn auch nicht in regelmäßiger Weise[3157]. Im 3. Jahrhundert endlich führte der Verfall der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse zunächst zu einer schweren Bedrängnis der Staatsfinanzen, und schließlich „zum völligen Zusammenbruche“, „zu einer Art Bankerott“, äußerlich hervortretend in einer raschen, bis dahin unerhörten Verschlechterung der Legierungen und im fast gänzlichen Verschwinden des guten Silbergeldes[3158]. Der ehemalige Silberdenar von etwa 99% Silbergehalt und 50 Pfg. Geldwert enthielt schon unter ~Severus~ (222-235) nur mehr etwa 50% und unter ~Aurelian~ (270-275) gar nur mehr 4% Silber, so daß die Kaufkraft dieses sog. „Weißkupfers“, das schon nach ganz kurzem Umlaufe seinen flüchtigen Silberglanz verlor und nicht mehr vom Kupfer zu unterscheiden war, unter ~Severus~ auf 30, und unter ~Aurelian~ auf 1¼ Pfg. herabsank, also auf die des Kupfers[3159]. Aber auch das Kupfergeld war infolge Bleizusatzes meist entwertet, und die ohnehin schon immer seltener werdenden Goldstücke wiesen derartige Mindergehalte (bis zu 50%) und so erhebliche und unregelmäßige Untergewichte auf, daß selbst die öffentlichen Kassen sie nicht mehr in Zahlung nahmen, vielmehr wie in ältester Zeit das Silber und Gold +zugewogen+ verlangten[3160]. Eine wichtige Rolle bei diesen Vorgängen, den Kennzeichen „wachsender allgemeiner Verarmung und Verrohung“[3161], spielten zweifellos die Betrügereien und Unterschleife der „monetarii“, des Münzstätten-Personals, das z. B. in Rom den Versuch ~Aurelians~ zu einer mindestens teilweisen Reform durch Erregung eines gefährlichen Aufstandes beantwortete, dessen blutige Unterdrückung (274?) dem Kaiser nur mit großer Mühe gelang[3162]. Erst ~Diokletian~ (284-305) erkannte in vollem Umfange die ungeheure politische und wirtschaftliche Gefahr der Münzverschlechterung, und zweifellos sollte sein Maximaltarif, der sichtlich allein den Vorteil des Verbrauchers im Auge hat, in erster Linie das weitere Sinken des Wertes der Silber-Scheidemünze verhindern und dadurch dem Soldaten und Beamten wieder die Gewißheit sichern, für seinen Gehalt das zum Leben Nötige an Ware und Handwerkerarbeit beschaffen und eine Familie erhalten zu können[3163]. Zwecks schleunigster Herbeiführung geordneter Zustände zog der Herrscher die schlechten Goldstücke aus dem Verkehr, ließ Silber und Gold nach bestimmten und festen Gewichtseinheiten ausprägen, schritt in schärfster Weise gegen die von ~Aurelian~ fruchtlos bekämpfte Falschmünzerei ein und untersagte schließlich jede Ausmünzung von Weißkupfer-Denaren[3164]. Diese Maßregeln, die der Kaiser als höchst dringliche und unaufschiebbare mit allem Nachdruck betrieb, verursachten in Alexandria, dessen Wohlstand ohnehin durch die endlosen Kriege im Osten und durch andauernde Handelsstörungen auf das schwerste gelitten hatte[3165], außerordentliche Erregung, die nicht wenig zum Ausbruchs des gefährlichen Aufruhres von 296 beitrug[3166]. Seit jeher nahm nämlich der weitaus größte Teil des nach dem Orient abfließenden guten Silber- und Gold-Geldes seinen Weg über Alexandria[3167], das eine solche Gelegenheit nicht ungenützt ließ, ferner war die Stadt Sitz eines der größten Münzämter des römisches Reiches, das von Anfang an kein Gold und in späterer Zeit auch kein Kupfer mehr ausprägte, wohl aber große Massen silberner Scheidemünze, namentlich 4-Drachmen-Stücke (στατήρ = Statér; Schekel), deren Silbergehalt allmählich von 25 bis auf 4, ja bis auf 1,8% gesunken war[3168]. Das Verbot, diese weiter in Umlauf zu setzen, und das Einschreiten gegen die im ganzen römischen Reiche, vor allem aber in Ägypten weitverbreitete private Falschmünzerei[3169] bedeutete also für die Alexandriner einen gefährlichen Angriff auf Erwerbsquellen, die sie unter ihre lohnendsten zählten, und dieser Umstand erklärt zu einem guten Teile die Leidenschaft, mit der sich ein seit langem unzufriedener und verhetzter Pöbel dem großen Aufstande von 296 hingab; er macht aber auch die furchtbare Härte begreiflich, mit der der Kaiser, gestört in der Ausführung eines seiner wichtigsten Pläne, gerade in diesem Falle verfuhr, und wenn er die noch von ~Aurelian~ geduldete ägyptische Münzstätte sofort völlig aufhob[3170] und gleich den ketzerischen Büchern der Manichäer auch die chemischen der Alexandriner aufsuchen und verbrennen ließ, so läßt sich ohne weiteres vermuten, was er von der chemischen „Kunst“ und den durch sie zu gewinnenden „Reichtümern“ hielt: in den von den „Alten“ verfaßten Büchern erblickte er Anleitungen zur Falschmünzerei, und daß diese tatsächlich, wie stets und allerorten so auch in Alexandria, mit alchemistischen Bestrebungen enge verbunden war, beweist der „Papyrus ~Kenyon~“ des 3. Jahrhunderts[3171], der dem ~Demokritos~ ein bewährtes Rezept zur Münzfälschung zuschreibt). Auch die oben angeführte Stelle des ~Rufinus~ (245-310)[3172] über die heimliche Tätigkeit der nach Kanopos geflüchteten alexandrinischen Zauberpriester erweckt ähnlichen Verdacht, um so mehr, als schon unter ~Constantin dem Grossen~ wiederum Weißkupfer-Geld (auch untergewichtiges) in Umlauf kam, das seine Söhne für wertlos erklären, einziehen und durch besseres ersetzen mußten[3173]; und doch war schon seit dem 3. Jahrhundert die Verbrennung, die als schwerste Todesstrafe „ohne Unterschied des Standes“ Hochverrat, Gotteslästerung, Blutschande, widernatürliche Unzucht und Zauberei traf, auch auf Münzfälschung ausgedehnt worden[3174]!

Allem Dargelegten zufolge liegt also kein Grund vor, zu bezweifeln, daß die von ~Suidas~ übermittelte, vielumstrittene Erzählung ihrem Kerne nach richtig ist, und daß ~Diokletian~ in der χημεία (Chemie) das sah, als was sie demgemäß auch ~Suidas~ noch definiert, eine seiner Meinung nach den verwerflichsten Zwecken dienende Kunst der „Verfertigung von Silber und Gold“. Aber diese Definition ist keine erschöpfende; sie zeigt zwar, in welchem Lichte dem von einer ganz bestimmten Anschauungsweise Erfüllten die Chemie +erschien+, was diese aber +war+, und wie ihr Name, der in den Worten „Bücher über die Chemie des Goldes und Silbers“ als ein schon ganz geläufiger vorausgesetzt wird, zu erklären sei, darüber besagt sie nichts. Die tunliche Aufhellung dieser Frage erfordert daher weitere Untersuchungen.

4. Herkunft des Namens Chemie.

Als eines der wichtigsten Zeugnisse für die frühe Verbreitung der Chemie und ihres Namens ist die Tatsache zu betrachten, daß man spätestens im 3. Jahrhundert bereits das Bedürfnis empfand, einen „Heros epónymos“ (namengebenden Urheber) für sie zu suchen, und daß sich ein solcher schon bei ~Zosimos~, also um 300 n. Chr., unter dem sichtlich wohlbekannten Namen ~Chemes~, ~Chimes~, ~Chymes~ angeführt und seither als hochgefeierter Schriftsteller, „Prophet“ und „erster Chemiker“ gepriesen findet; wie in allen dergleichen Fällen wird auch im vorliegenden der wahre Sachverhalt umgekehrt, d. h. der künstlich ausgedachte Namen des Erfinders als das Ursprüngliche hingestellt, die in Wirklichkeit allein vorhandene Kunst oder Wissenschaft aber als die abgeleitete.

~Zosimos~ spricht in dem seiner „Schwester“ ~Theosebeia~ gewidmeten Buche „Imuth“ über eine (weiter unten noch näher zu erörternde) hellenistische Sage, deren Gegenstand die Überlieferung gewisser Geheimkünste durch gefallene Engel ist[3175], und berichtet, daß sie erfolgte „durch das Buch χημεῦ (Chemeú), -- richtig χημοῦ (Chemú), also durch das Buch des ~Chemes~--, „woher die Kunst χημεία (Chemeía) heißt“[3176]. So lange diese Stelle nur aus einem Werke des Byzantiners ~Georgios Synkellos~ bekannt war, der im 9. Jahrhundert lebte, konnte die Möglichkeit einer späteren Einschiebung nicht für ausgeschlossen gelten[3177]. Sie findet sich aber auch schon in dem von ~Berthelot~ veröffentlichten „syrischen Traktat“ [3178], der ursprünglich wohl im 5. oder 6. Jahrhundert niedergeschrieben ist[3179], und lautet dort nach ~Diels~ in berichtigter Übersetzung, -- denn die bei ~Berthelot~ gegebene ist mangelhaft --, „sie lasen die Schriften des ~Khumu~, und daher wird die Khumia genannt“; hiernach sei anzunehmen, daß diese beiden Worte in der griechischen Vorlage χυμοῦ (~Chymu~) und χυμεῖα (Chymeia) lauteten[3180]. In den Handschriften des ~Zosimos~ kommt auch, wie erwähnt, die Form ~Chymes~ neben ~Chemes~ und ~Chimes~ vor, dagegen, soweit bekannt, nur Chemeia; nach ~Olympiodoros~ war es Χήμης (~Chemes~), der (angeblich) dem ~Parmenides~ den Spruch ἕν καὶ πᾶν (Hen kai pan) entlehnte und ihn durch die sich in den Schwanz beißende ägyptische Schlange darstellte. Der byzantinische Chronist ~Kedrenos~ endlich, ein unzuverlässiger und unkritischer Kompilator des 11. Jahrhunderts, entnahm einer unbekannten Quelle etliche Worte über „die Künste des Χείμης“ (~Cheimes~) und die „Betrügereien eines ἀνήρ τις χιμευτής (chimeutés)“, las also nach ~Diels~ den Titel des „Urbuches“ vermutlich Χήμα (Chéma)[3181].

~Zosimos~, und wohl schon der angebliche ~Hermes~, auf dessen „Physika“ er sich beruft, bezeichnet als Urheber der Chemia als der Kunst, unedle Metalle in edle zu verwandeln, die Priester Ägyptens und versetzt, wie auch ein Zitat bei ~Stephanos~ von ~Alexandria~ bestätigt, die erste Entstehung in die Urzeit dieses Landes, dessen nordägyptischen Namen „Chemi“ er mit ~Noahs~ Sohn ~Cham~ in Verbindung bringt, weil dieser der Vater des ~Mestrem~ (= Mizraïm = Ägypten = Chêmî) ist; daraufhin identifiziert er ~Cham~ mit ~Chemes~ und erklärt die Chemie als die Kunst dieses ~Chemes~, des ersten Chemikers[3182]. -- Legenden-Bildungen solcher Art reichen weit zurück: Schon ~Clemens Romanus~ (spätestens im 3. Jahrhundert) sagt, daß von ~Cham~, dem Sohne ~Noahs~, ~Mestrem~ oder ~Mesraïm~ (Dual, = die beiden Ägypten) abstamme, von dem die Babylonier, Perser und Ägypter herkommen, sowie der Magier ~Nebrod~ (~Nimrod~), den er für die nämliche Person hält wie ~Zoroaster~[3183]. Nach ~Johannes Cassianos~, der im 4. Jahrhundert schrieb, hatte ~Cham~, „der die Magie vererbte“, sie zur Zeit der Sündflut ohne Wissen ~Noahs~ aufbewahrt und gerettet, indem er sie auf Platten aus verschiedenen Metallen eingraben ließ, und tatsächlich war noch um 200 n. Chr. in Ägypten ein Buch mystischen Inhaltes unter dem Titel „Prophezeiungen des ~Cham~“ im Umlaufe[3184]. Endlich wird auch erzählt, ~Noah~ habe die von ~Adam~ überkommenen Bücher der Magie, sowie die magischen Schriften des ~Henoch~, in einem Winkel seiner Arche verborgen, ~Cham~ habe sie aber entdeckt, gestohlen und später seinem Sohne ~Misr~ geschenkt, der sie dann nach Misraïm = Ägypten brachte[3185].

Derlei Phantasien gegenüber konnte schon ~Kopp~ mit Recht alle Ableitungen der Chemie von ~Chemes~ und ~Cham~ als „Träumereien“ bezeichnen[3186], und ~Hoffmann~ hinzufügen: „Nicht von ~Chimes~ rührt die Benennung der Chemie her, vielmehr ist diese seine Mutter und ~Cham~ sein Vater“[3187]. Auch ist zu beachten, daß, entgegen früheren Ansichten, ~Chemes~ oder ~Chimes~ kein ägyptischer oder hellenisierter ägyptischer Eigenname war, denn die Hieroglyphe des Gottes von Koptos, „der Stadt der Bergleute“, dem ~Ramses~ III. (um 1200 v. Chr.) auf einer Stele der Goldbergwerke von Kuban in Nubien als „Herrn des Gebirges und Schutzgott der Bergleute“ huldigt, ist nicht ~Chem~ zu lesen[3188], sondern ~Min~[3189].

„Chemie“ ist aber, wie bereits der große Sprachforscher und Etymologe ~Pott~ in seiner einschlägigen Abhandlung hervorhob, auch kein griechisches Sprachgut, vielmehr „ein aus dem Griechischen schlechthin unerklärbares Fremdwort“[3190], und ~Hoffmann~ stimmt ihm hierin bei[3191]. Der im späteren Griechischen so häufige Wechsel von η, ει, υ und ι, der Übergang von η, ει und υ in ι (sog. Itacismus), sowie die wachsende Vorliebe für diese „itacistische Gleichmacherei“[3192] erzeugten oder begünstigten nach ~Kopp~[3193] und ~Pott~[3194] das Vorkommen der Formen χημία, χημεία, χειμεία, χυμεία, χημαία, χημᾶ, χείμη, χίμη; doch glaubt ~Pott~, „mit größter Zuversicht“ χημεία (Chemeía) als die Ursprüngliche hinstellen zu dürfen, und auch ~Hoffmann~ versichert, daß die weitaus meisten der zahlreichen von ihm durchforschten griechischen, syrischen und früharabischen Codices vorwiegend, und manche griechische +nie+ anders schrieben als χημεία oder χιμεία (Chimeía), während sich die Lesart χυμεία (Chymeía) erst in späterer Zeit geltend machte[3195].

Versuche, im Gegensatze zu ~Potts~ Urteil „Chemie“ dennoch aus dem Griechischen abzuleiten, waren schon in früherer Zeit unternommen worden, wobei man zumeist auf die mit Schmelzung, Fluß, Guß u. dgl. in Verbindung stehenden Worte χέω, χύω, χῦμα, χεῦμα zurückgriff, doch hatten sowohl ~Kopp~[3196] wie ~Pott~[3197] und ~Gildemeister~[3198] sie abgewiesen, und letzterer bemerkt ausdrücklich: „Nicht zu denken ist an Gießen oder Schmelzen, was jetzt auch ganz aufgegeben ist.“ Neuerdings erstand indes dieser Erklärungsweise in ~Stephanides~ wiederum ein Fürsprecher: seiner Meinung nach hat man auszugehen von „Chymes“ und „Chymeia“, „welcher Name der heiligen Kunst von χύμα (Chýma) = Metallguß herkommt“. Laut ~Agatharchides~’ Bericht (um 150 v. Chr.) verbleibt nämlich beim Behandeln des echten Goldsandes ψάμμος mit gewissen Zuschlägen schließlich „χρυσίου τὸ χύμα“ = „der Guß (Chýma) des Goldes“, dessen Gewinnung nach ~Stephanides~ ein altes Geheimnis der ägyptischen Priester war; diese hätten schon beim Einbruche der Perser (525 v. Chr.) die Eroberer hierüber getäuscht, indem sie aus Blei, aber auch aus Kupfer, Eisen und anderen gemeinen Metallen oder οὐσίαι (die nicht durch die λίθοι, die unreinen Metalle und Erze ersetzbar sind), im Zustande von χυτά (Chytá = Schmelzen), vermöge eines vermittelnden Zusatzes, des „Steines der Weisen“, ein +goldähnliches+ χύμα (Chýma) gewannen, so daß jene glaubten, die gemeinen Metalle seien wirklich in Gold verwandelt worden. Demgemäß sei Chyma das Stammwort von Chymeia, und diese ursprünglich die Kunst, Gold und goldähnliche Legierungen herzustellen, wobei das Blei als „Urmaterie“ erschien und wegen seiner Schwärze auch mit dem schwarzen Boden Ägyptens und dem Nilschlamme verglichen wurde als der Quelle, aus der alles Vorhandene entsteht; weiterhin sei aber der Name von dieser altägyptischen Methode auch auf die neue, persische, durch ~Ostanes~ vermittelte, übertragen worden, die darin bestand, die gemeinen Metalle auf einer metallenen Platte, der κηροτακίς (Kerotakís), mit einem φάρμακον (Phármakon, Mittel) zu erhitzen, durch das die Goldfarbe hervorgebracht wird[3199].

Obwohl sich, vorwiegend wohl vom philologischen Standpunkte aus, kein Geringerer als ~Diels~ ebenfalls dieser Ansicht anschloß und von χύμα (Chýma), -- dessen vereinzeltes Vorkommen er noch in einer der „Hippokratischen Schriften“ (3. Jahrhundert), in der „Septuaginta“ und an einigen anderen Stellen nachwies --, zunächst χυμεύειν und davon dann χυμεία, χύμευσις, χυμευτής, χυμευτικός, sowie Χύμης (~Chymes~) ableiten will[3200], muß man jedoch feststellen, daß sie der inneren Berechtigung durchaus ermangelt. Nirgendwo findet sich bezeugt, oder auch nur erwähnt, daß die Goldgewinnung in der Wüste von Priestern betrieben worden oder deren Geheimnis gewesen sei, und demgemäß den Namen einer „heiligen, göttlichen Kunst“ (ἱερὰ, θεία τέχνη) getragen habe; nirgends, daß die ägyptischen Priester schon die persischen Eroberer, die ihnen überdies an metallurgischen Kenntnissen weit überlegen waren, hinters Licht zu führen versuchten; nirgends, daß sie in so früher Zeit Transmutationen angestellt, das Blei als Urmetall betrachtet und einen „Stein der Weisen“ gekannt hätten; nirgends endlich, daß die Perser Alchemie getrieben, und daß die Benützung der Kerotakis eine persische, erst durch ~Ostanes~ (den berüchtigten pseudepigraphischen Schriftsteller, Zauberpriester, Propheten usf.) nach Ägypten gebrachte Methode gewesen sei[3201]. Es ist ferner das Wort Chymeia „bei den Griechen nie anders als von der +Metall-Verwandlung+ gebraucht worden“[3202], und zwar mit dem bestimmten Nebensinne einer +betrügerischen+, der ihm auch bei den Syrern, Arabern und allen Späteren unentwegt anhängen bleibt. Wenn also, wie ~Diels~ erwähnt, einige Punkte der hellenistischen Erzählung von der Überlieferung der Geheimkünste durch gefallene Engel, und selbst die Definition des ~Suidas~, mit der Ableitung der Chemie von χύμα nicht unvereinbar sind, wenn ferner in einer der Fassungen des sog. „Steinbuches des ~Aristoteles~“ Kimija auch für die „Künste der Metallgießer“ gebraucht wird[3203], usf., so ist dies nicht beweisend, weil auch bei diesen Anlässen schon stillschweigend vorausgesetzt oder offen erwähnt wird, daß es sich um nachahmende und betrügerische Fälschung handle: niemals wird aber der „Chemiker“ als Erzgießer angesehen und bezeichnet, oder dieser, etwa der χαλκοχύτης (Gießer des Kupfers, des Erzes)[3204], als „Chemiker“. Endlich hebt auch ~Hoffmann~ noch hervor, daß bei einer Ableitung des Wortes „Chemie“ von der sehr seltenen Bezeichnung χύμα oder χεῦμα für in Barren gegossenes Metall, wonach also χυμεία etwa die „Beschäftigung mit metallischen Rohprodukten zwecks Goldbereitung“ wäre, eher der Namen χυματεία (Chymateía) zu erwarten bliebe, analog der μεταλλεία (Metalleía = Beschäftigung mit Metallen) des ~Suidas~[3205].

Außer der Herkunft des Ausdruckes Chemie von χέω oder χύμα wurde seitens älterer Gelehrter auch der von χυμός (Chymós = Flüssigkeit, Saft) in Betracht gezogen, im Sinne einer zur Verwandlung der Metalle dienlichen Lösung; ~Kopp~[3206], ~Pott~[3207] und ~Diels~[3208] lehnten sie ab, während ~Gildemeister~[3209] die Ansicht vertrat, χυμεία als „transmutierende Substanz“ sei zwar bei den Griechen nicht, oder doch nicht sicher nachweisbar, die Araber aber hätten sie von ihnen als solche übernommen: bei ihnen sei die „Kîmijâ“ ursprünglich ein χυμός (Chymós), ein +flüssiges+ Präparat, im Gegensatze zum ξήριον (Xérion), dem +festen+ Streupulver, das, -- wie ~Fleischer~ schon 1836 zeigte[3210] --, in Verbindung mit dem arabischen Artikel al, als „Aliksîr“ dem „Elixîr“ den Namen gab; erst später bezeichne dann Iksîr vorwiegend die transmutierende Substanz in beliebiger Form, Kîmijâ aber nicht mehr das Präparat oder auch seine Verfertigung (ποίησις), sondern die Wissenschaft als solche. ~Riess~ stimmt diesen Darlegungen zu[3211] und vermutet, daß die Beinamen der chemischen Kunst, θεία und ἱερά (die göttliche, die heilige), Übersetzungen ägyptischer Worte seien (wofür jedoch nicht der geringste Anhaltspunkt vorliegt). ~Hoffmann~ indessen erklärt die Annahme ~Gildemeisters~ für sachlich und sprachlich ganz unmöglich: χημεία oder χιμεία, -- so ist die richtige, alte, dem Namen Χήμης entsprechende Schreibweise, während χυμεία erst später vorkommt[3212] --, tritt bei sämtlichen griechischen Autoren und deren frühesten syrischen Übersetzern +niemals+ als der Name eines Präparates auf, sondern allein als der einer Kunst und Wissenschaft, und überdies haben in den chemischen Schriften χυμοί (Chymoí = Säfte) die übliche Bedeutung der Säfte (humores) des menschlichen Körpers[3213], -- wie denn auch z. B. bei ~Alchwarizmi~ (um 980) „Kimus“ = Chymus ist[3214] und im „Steinbuche des ~Aristoteles~“ „Kîmûsât“ = Mischungen der Säfte, Temperamente[3215]. Erst die Araber und jene späteren Syrer, die zum Teil schon wieder aus arabischen Quellen schöpften, gebrauchen Kîmijâ auch in dem von ~Gildemeister~ erwähnten Sinne[3216], aus dem dann in mittelalterlichen Schriften „Kimia“ und „Alkimia“ nicht nur als Bezeichnung von chemischen Präparaten, sondern selbst von Apparaten und Gefäßen hervorgeht[3217]. Diese sämtlichen Bedeutungen sind sekundär, und schon deshalb erscheint es ausgeschlossen, daß ihnen der Name für das Primäre entlehnt worden sei, nämlich für die Kunst der Umwandlung unedler und die Darstellung edler Metalle.

Bereits ~Pott~ wies 1876 darauf hin, daß das lange î des arabischen Kîmijâ auf itacistische Aussprache von χημεία oder χυμεία deute, so daß das Wort wohl nicht unmittelbar als griechisches, sondern als „auf fremdem Boden gewachsenes“ in das Arabische übergegangen sei; seine Vermutung wurde durch spätere Forschungen bestätigt, und es ist unumgänglich, deren Ergebnisse teilweise schon an dieser Stelle vorauszunehmen.

Die Araber lernten nach ~Reitzenstein~ die hermetische und alchemistische Litteratur zweifellos zuerst gelegentlich der Eroberung von Harrân kennen, und ihre ersten eigenen Nachbildungen entstanden vermutlich in harranischen, also wesentlich syrischen Kreisen[3218]. Die Syrer selbst trieben, der üblichen Annahme nach, mindestens seit dem 6. Jahrhundert Chemie, wahrscheinlich aber, wie u. a. das oben angeführte Zitat aus den Hymnen des hl. ~Ephraim~ ersehen läßt, bereits seit dem 4., und besaßen eine ganze Reihe unmittelbar aus dem Griechischen angefertigte Übersetzungen alchemistischer Schriften, von denen nach ~Hoffmann~ noch zahlreiche (u. a. in London und Cambridge) erhalten sind, -- leider, bis auf die wenigen von ~Berthelot~ benützten, in undurchforschtem Zustande[3219]. Aus ihnen, aber auch schon aus inzwischen entstandenen arabischen Werken, schöpfte u. a. ~Bar Bahlul~, der um 950 ein wichtiges syrisches Wörterbuch verfaßte[3220]. Die Kimia bezeichnet er in diesem als die Wissenschaft von den sieben Metallen und der Verwandlung ihrer Natur, von den Arbeiten, die die unedlen und edlen Metalle sowie „Glas“ (= künstliche Edelsteine?) betreffen, von der Herstellung des „philosophischen Steines“ (Steines der Weisen), sowie von der künstlichen Darstellung des Goldes und Silbers; einige glauben, „Kimia“ komme von „Kima“, einer Bezeichnung der acht Sterne der Plejaden, und bedeute daher eine „Arbeit mit acht Mischungen“, andere aber nennen sie „Kameleía“ oder „Khemaléa“, d. i. χαμαιλέων, Chamäleon. Hierüber heißt es: „Die ‚Körper‘ (= οὐσίαι, gemeine Metalle) in ihrer Zusammensetzung (ἐν συνθέσει) nennt man Chamäleon“[3221], und dieser Satz, den ~Hoffmann~ nicht ganz richtig aufgefaßt hat, spielt darauf an, daß vermöge der Kunst die (erst schwarze) metallische Schmelze ihre Farbe zu wechseln, also zu Silber und Gold zu werden vermag, ohne doch ihr eigentliches Wesen zu verändern, ganz so, wie das Chamäleon je nach den Umständen alle Farben annehmen kann, dabei aber doch stets eines und dasselbe bleibt[3222]. Vermutlich liegt übrigens der Benennung nicht nur der Vergleich mit dieser Eidechsenart zugrunde, sondern auch eine Anspielung auf ~Demokritos~, dem man eine „Chamäleon“ betitelte Abhandlung zuschreibt, die aber zoologischen Inhaltes war und nicht alchemistischen.

Unter den älteren arabischen Autoren, die übrigens vielfach nur arabisch schreibende Syrer oder Perser waren, erwähnt ~Abu Jussuf~ (gest. 789) die Chemie schon als etwas Wohlbekanntes, indem er als sprichwörtliche Redensarten anführt: „Wer die Kîmijâ sucht, ist nicht sicher vor Verarmung“, und „Nicht zu erlangen ist Jugend durch Schminke, Gesundheit durch Arznei, Vermögen durch Kîmijâ“[3223]. Die Schriften der „Treuen Brüder“, die zwar erst im 10. Jahrhundert abgefaßt sind, sich aber auf das engste weit älteren, den griechischen Originalen noch ganz nahestehenden anschließen, berichten, daß viele Salze in der Kîmijâ und von den Chemikern gebraucht werden[3224]; bei ~Aldschahiz~ (gest. 869) und in einer alten, im Wörterbuche des ~Jaqut~ (1178-1229) angeführten Quelle heißt der Chemiker Alkimavi oder Alkimijâ’î[3225]; der hervorragende Philosoph und Enzyklopädist ~Alkindi~ (gest. nach 870) richtete an den Khalifen ~Almuʿtadid~ (813-842) einen Brief über die „Kîmijâ altabîch“ = „Nachahmung (oder Fälschung) der Speisen“, schildernd die Kunst der Vortäuschung von Eiern, Leber, Hirn, Fleisch u. dgl., ohne solche in Wirklichkeit mit zu verwenden[3226]; nach ~Ibn Alfaqih~ (gest. 902) verlieh Allah den Bewohnern Rûms (des oströmischen Reiches) u. a. das Wissen von der Ausübung der Chemie, dortige „Philosophen“, die ein persischer König gelegentlich schlecht behandelte, verbrannten aber, nachdem, sie noch das für ihr eigenes ferneres Leben nötige Gold gemacht hatten, ihre sämtlichen Bücher, so daß diese Kunst seither verloren ging[3227]. Der berühmte Reisende und Schriftsteller ~Almasʿudi~ (gest. 956) sagt: „Alkîmijâ ist das Werk der Darstellung von Gold, Silber, Edelsteinen, Perlen und Elixir“[3228]; in den Erzählungen „1001 Nacht“, deren arabische Quellen zum Teil bis ins 8. Jahrhundert zurückgehen, ist „Chemie und natürliche Magie die Kunst, Silber und Gold darzustellen“[3229]; nach ~Althaʿalibi~ (961-1038) erfand diese Kunst ~Karun~ [d. i. der ~Korah~ der Bibel][3230], und noch bei ~Alakfani~ (auch ~Alansari~ oder ~Alsachawi~, gest. 1348) findet sich die alte Definition angeführt „al Kîmijâ ist die Kunst, aus unedlen Metallen Gold und Silber zu machen“[3231]. Über die Herkunft des +Namens+ „Chemie“ blieben aber ebenso wie die Syrer auch die Araber im unklaren: schon ~Alchwarizmi~ (um 980) glaubt, Alkîmijâ sei ein arabisches Wort, komme von jakmî, dem Imperfektum des Zeitwortes kamâ, bedeute „er verheimlichte, verhüllte, verschwieg“, und weise auf eine Geheimwissenschaft hin[3232], ~Alakfani~ gar überliefert eine Etymologie, die Kîmijâ in Zusammenhang mit dem hebräischen „Kîm-Jah“ bringen will, angeblich = „wohltätiger als Gott“![3233]

Aus allem Vorstehenden darf mit Sicherheit geschlossen werden, daß „Chemie“ keinesfalls, wie man wegen der späten Erwähnungen bei ~Synkellos~ (9. Jahrhundert) oder ~Suidas~ (um 1000) noch bis in die neueste Zeit hinein für möglich hielt, erst ein von den Byzantinern gebrauchtes, ursprünglich vielleicht orientalisches Wort ist; χημεία war vielmehr zweifellos schon bei den hellenistischen Alchemisten gebräuchlich, ging, ~Potts~ Vermutung gemäß, aus ihren Schriften in die der Syrer und zuerst wohl aus diesen in die der Araber über und bedeutete die „Goldmacherei“, und zwar eine betrügerische. In letzterer Hinsicht läßt sich als Parallele noch anführen, daß bei den Persern, die ihre alchemistischen Kenntnisse gleichfalls den Syrern verdankten, schon im 10. Jahrhundert ~Firdusi~ (= der Paradiesische), der Dichter des gewaltigen „Königsbuches“ (Schah-Nameh), an einer Stelle dieses Werkes sagt: „Sein Herz war voll Kîmijâ“, und damit meint „voll Falschheit“[3234].

Stand aber der Ausdruck χημεία schon bei den hellenistischen Alchemisten in Gebrauch und ist er nach ~Pott~ (und auch ~Hoffmann~) „ein aus dem Griechischen schlechthin unerklärliches Fremdwort“, so drängt sich auf die unabweisbare Frage nach seiner Herkunft schon von vornherein als die wahrscheinliche Antwort +die+ auf: er stammt aus dem Ägyptischen. Lehnt man diese Ableitung aus philologischen Gründen, oder unter dem Hinweise, „daß ein Urwort Chemie in den Schriften der griechischen Chemiker fehlt“, als eine „vergebliche“ unbedingt ab[3235], so versperrt man den einzigen gangbaren Weg, der überhaupt die Möglichkeit einer Lösung in Aussicht stellt und verzichtet auf Verwertung der zwar wenigen, aber sehr wichtigen, weil unmittelbare Anknüpfung gestattenden Zeugnisse.

Unter diesen ist das beachtenswerteste das des ~Plutarch~, der im 33. Kapitel seiner Abhandlung über „Isis und Osiris“ sagt: „Die weisen Priester Ägyptens nennen das meist schwarzerdige Ägypten χημία (+Chemía+), so wie das Schwarze [die Pupille] im Auge[3236].“ Tatsächlich lautet der hieroglyphische Name Ägyptens „Kême“ = das Schwarzerdige, das Schwarzland[3237], und das nämliche Wort charakterisiert auch den ägyptischen Einwohner = Mann des Schwarzlandes (rem n kême)[3238], den „schwarzen Stein“ (ôner kem = dunklen Granit)[3239], das „schwarze Kupfer“ (homt kem = Schwarzkupfer)[3240], den „schwarzen Weihrauch“, der beim Gottesdienste nicht gebraucht werden darf, weil er „aus der Pupille des [bösen Gottes] ~Seth~“ stammen soll[3241] usf.; nichts zu tun hat es aber mit ~Cham~, dem angeblichen Stammvater der afrikanischen Völker und daher auch der Ägypter[3242]. Im Koptischen heißt Ägypten ebenfalls Kême oder Kêmi, und im unterägyptischen, den Griechen wohlbekannten Dialekte χημι (Chemi), kennzeichnend das „Schwarzland des Fruchtbodens“ im Gegensatze zu „Dosret“, dem „Rotlande der Wüste“[3243]. Eine alte Inschrift nennt Ägypten „das Auge des ~Osiris~, dessen Pupille ist der große [den fruchtbaren schwarzen Schlamm herbeiführende] Strom, dessen Augenrund sind die Berghänge des Ostens und Westens, und dessen Inhalt [= Inneres] sind die Heiligtümer Ober- und Unter-Ägyptens“ [die ἄνω – καὶ κάτω – χώρα][3244], und noch um 400 n. Chr. überliefert ~Horapollon~ richtig in seinen „Hieroglyphika“: „Ägypten liegt inmitten des Erdkreises (οἰκουμένη), wie die Pupille (κόρη, Kóre) im Auge[3245].“

~Pott~ war der Ansicht, daß von χημία = Ägypten, etwa unter Mitwirkung wirklicher oder scheinbarer Analogien, ein Zeitwort χημεύειν oder χιμεύειν (= sich nach ägyptischer Art beschäftigen) abgeleitet worden sei, und von χιμεύειν, -- ähnlich wie von μαγεύειν (= sich magisch beschäftigen) μαγευία und μαγεία (Magie) --, χημευία und χημεία, χιμεία, χυμεία, Chemie); wie φυσικός, μαγικός, μεταλλικός den der Physik, Magie, Metallbearbeitung Beflissenen, so würde hiernach χημικός (oder χυμικός) den sich mit Chemie Abgebenden bedeuten, und vielleicht auch χημεία die χημεία τέχνη, die „ägyptische Kunst“[3246].

Obwohl sich zugunsten dieser Hypothese anführen ließe, daß Abstrakta auf -εία und -ία nicht selten ursprünglich weibliche Adjektiv-Formen waren[3247], und daß „ägyptische Kunst“ oder „Kunst Ägyptens“ im Sinne von „Chemie“ tatsächlich vorkommt (s. unten), so ist letzteres doch nur in einigen wenigen, auf einen ganz bestimmten Sonderzweck abzielenden Sätzen der Fall, während ein Zeitwort χιμεύω, sowie χημεία als Eigenschaftswort überhaupt nicht nachgewiesen werden kann. Läßt sich daher diese Seite der ~Pott~schen Vermutung nicht aufrechterhalten, so erfordert doch die andere, die übrigens auch schon von ~Kopp~ betont wurde[3248], desto größere Beachtung: Chemie ist der Name eines „Verfahrens zur Bearbeitung eines Gegenstandes“ (~Kopp~), einer „Beschäftigung“ (~Pott~).

So kommt denn auch ~Hoffmann~[3249] im Verlaufe seiner Untersuchung, die ~Reitzenstein~ mit Recht eine glänzende nennt, zum Schlusse, χημεία (Chemeía, Chemie) bedeute, ebenso wie μαγεία (Mageía, Zauberei), μεταλλεία (Metalleía, Metallurgie), ταριχεία (Taricheía, Pökelei) u. dgl., eine +Tätigkeit+, eine +Beschäftigung+, und zwar entweder „die eines N. N.“, oder „die mit einem X. X.“; das erstere, etwa „Beschäftigung der Ägypter“, ist ausgeschlossen, schon weil der Name ursprünglich von ägyptisch Sprechenden selbst herrühren muß und gerade deshalb von den hellenistischen Schriftstellern nur selten gebraucht, vielmehr wörtlich mit μέλαν (= chêmî = das Schwarze) übersetzt wurde[3250]; es verbleibt also das zweite, die „Beschäftigung mit dem Schwarzen“ (chêmî), und dieses kann kein anderes sein als das „+schwarze Präparat+“, das das Alpha und Omega der Verwandlungskunst bildete und zugleich deren innige Verquickung mit dem Mythus von ~Osiris~, dem „Schwarzen“, erklärt.

Aus den Schriften der griechischen Alchemisten geht hervor, daß sie als das Wesentliche der Metallverwandlung die „Färbung“ (βαφή, Baphé) ansahen, durch die in letzter Linie die erwünschte „Weißung“ und „Gilbung“ bewirkt wird; vorausgehen +muß+ ihr aber, als grundlegende und unumgängliche Operation, die μέλανσις (Mélansis) oder μελάνωσις (Melánosis) = „Schwärzung“, auch „große Beizung“, „große Einsalzung“ (Tarichie, μεγάλη ταριχεία), „große Wäsche“, „große Fäulnis“ (Sépsis, σῆψις), „große Fäule der ~Isis~“ usf. benannt[3251], deren Zweck es ist, mittels einer „schwarzen Brühe“ aus allerlei Salzen, Essig, Säften „heiliger“ Pflanzen und sonstigen Beimischungen, die unedlen Metalle zunächst in den Zustand der Urmaterie oder „Materia prima“ zurückzuführen, die zwar in sämtliche mögliche Substanzen wandelbar, selbst aber formlos, eigenschaftslos, von chaotischem Dunkel, in Schatten und Finsternis liegend ist[3252]. Als Ergebnis der richtig ausgeführten Tarichie erhält man ein schwarzes Produkt, „schwarz wie die Tinte der Schreiber“ (d. i. wie Ruß, der zu Tinte aufgeschlämmt wird), unzählige Namen führend, bestehend aus dem gemeinsamen Urstoff aller Metalle, also auch der edlen, in die es nunmehr durch weitere Behandlung umgewandelt werden kann[3253]. Dies ist die Tinte des ~Hermes-Thot~, des „Schreibers des Himmels“ und „Herrn der vollkommenen Schwärze“, nach dem Ägypten auch Hermochémios = Schwarzland des ~Hermes~ heißt[3254], die Tinte, mit der ~Kamephis~ (= ~Chnubis~, ~Chnum~), der Urvater der Götter, die ~Isis~ beehrte[3255], die Schwärze, von der die hermetische Schrift „κόρη (Kóre) κόσμου“, sowie (nach ~Olympiodoros~) auch ~Zosimos~ sagen: „sie ist die Pupille (κόρη, Kóre) des Auges“, d. h. χημία (Chemía), das Schwarze, „sie ist die himmlische Iris“, d. h. sie birgt wie der Regenbogen die bunten Farben aller Metalle in sich, die man nur mehr aus ihr zu entwickeln braucht[3256]; endlich ist sie auch das „Chamäleon“, das als Tier [Chamaeleon vulgaris] seine ursprünglich schwarze Farbe in alle möglichen bunten übergehen läßt[3257], und als Pflanze [Chamaeleon niger = Carthamus corymbosus, Schirmsafflor?] seine eigentlich schwarzen Blätter, je nach dem Standorte, in gelbe, blaue, grüne usf., verwandeln soll[3258].

Weil unter den Metallen das „schwarze“, nämlich das gemeine Schwarzblei, dieser „Schwärze“ am nächsten steht, ging nach ~Zosimos~ die ursprüngliche Meinung der „Ägypter“ (= hellenistischen Chemiker) dahin, es sei der Grundstoff aller οὐσίαι („Körper“ = Metalle); später ließ man aber statt des Bleies auch „unser Blei“ (meist = metallisches Antimon), Schwarzkupfer, Kupferblei oder irgendeine andere dunkle Legierung als „Urmaterie“ gelten, und schließlich wurde als solche das Quecksilber (äg. thrim) angesehen. Dies geschah vermutlich seit der etwa im 4. Jahrhundert erfolgten Entdeckung der Destillation des Quecksilbers, dessen „Pneuma“ man dem ~Hermes Logios~ oder Psychopompos, dem sich durch das Weltall erstreckenden Naturgeiste, zuordnete, während gleichzeitig das bisherige Metall des ~Hermes~, das Zinn, auf den ~Zeus~ übertragen, und dessen Metall, das Elektron (die Gold-Silber-Legierung), aus der Reihe der Planeten-Metalle für immer gestrichen wurde[3259]. Wie der Geist des ~Hermes~ dem Kosmos im allgemeinen, so lag nun der seines Metalles, der Quecksilber-Geist, den Metallen im besonderen zugrunde, als ihre gemeinsame Seele, aber auch als der ihre Verwandlung bewirkende Stoff, wobei, wie ~Hoffmann~ sehr treffend sagt, „weniger an das Haben gedacht wurde, als an das Soll“[3260]. In diesem Sinne riefen schon ~Pibêchios~ und mit ihm andere Chemiker des 4. Jahrhunderts aus: „Alles ist Quecksilber!“, „Alle Körper enthalten Quecksilber!“, und betrachteten dieses, seinem silberweißen Metallglanze zum Trotze, -- vielleicht gestützt auf die Theorie von den verborgenen, entgegengesetzten Eigenschaften, -- als die mit der Urmaterie identische Schwärze; daher galt fortan, bis in das späte Mittelalter hinein, das Dogma „Mercurius philosophorum est nigredo perfecta“, „Das Quecksilber der Philosophen (= Chemiker) ist die vollkommene Schwärze“ (die Schwärze in ihrer Vollkommenheit)[3261].

Wie ~Olympiodoros~ nach einer „Orakel des ~Apollon~“ genannten Schrift übermittelt, hieß das der ταριχεια (Einsalzung, Einpökelung) in der „schwarzen Brühe“ unterworfene schwarze Blei oder Kupfer-Blei auch „Grab des ~Osiris~“: man verglich nämlich die in Leinen (πέταλον) eingelegten und mit leinenen Binden (καιρίαις, κειρίαις) umwundenen, eingebeizten schwarzen Rohmetalle mit der gleichfalls in Leinen gehüllten, mit Leinenbinden umwickelten, einbalsamierten Leiche des „schwarzen“ ~Osiris~, von der allein noch das Haupt des Toten (caput mortuum) zu sehen ist[3262], -- daher denn der Ausdruck „Präparation des Kopfes“ schon den alten Alchemisten völlig geläufig war[3263]. Demgemäß nennt auch ~Zosimos~ die chemisch behandelten Mineralien „καιρικὰς ψάμμους“ = „eingebündelte Sande“, und Leute, die mit Erfolg chemisch tätig sind, „καιρικὰς εὐτυχοῦντας“ = „die mit dem Eingebündelten Glück haben“; es sind eben die vorgerichteten Präparate Mumien, die Chemiker Priester, die den toten Leib einbalsamieren, ~Hermes-Thot~ und ~Anubis~ aber, die Götter der Toten-Konservierung, zugleich auch Meister der chemischen Wissenschaft[3264]. Dieser gelten wie die natürlichen Metalle so auch die künstlichen chemischen Präparate für Verkörperungen und Erscheinungsweisen der Götter, daher die „vollkommene Schwärze“ für eine solche des „schwarzen ~Osiris~“, und diese Art der Anschauung ist es, die ~Demokritos~ und andere alchemistische Schriftsteller im Sinne haben, wenn sie von μυστικὴ χημεία (mystische Chemie, Mysterien der Chemie) sprechen[3265]. Weil aber nach neuplatonischer Theorie auch die Priester Verkörperungen ihrer Götter darstellen, so erscheinen unter Umständen auch sie als Personifikationen der Metalle und der metallverwandelnden Mittel und tragen zuweilen auch entsprechend ausgedachte Namen: ~Komarios~ (in den Schriften der ~Kleopatra~) leitet sich von dem vieldeutigen Mineral und Präparat Komaris ab, ~Neilos~ vom Nil, „der Flut der schwarzen Brühe“, ~Amnael~ (im Briefe der ~Isis~ an ~Horos~) ist der Geist des „weißenden“ Quecksilbers, und betreff des „Propheten“ (= Priesters) ~Chemes~ überliefert ~Stephanos~ von ~Alexandria~ den die Arbeit der Transmutation begleitenden Ausruf: „Kämpfe Kupfer, kämpfe Quecksilber!“, aber auch „Kämpfe Kupfer, hilf Chemoi!“ (richtig: χήμι oder χημῆ), wobei also ~Chemes~ unmittelbar mit dem Quecksilber identifiziert wird[3266].

Aus der hellenistischen Gleichsetzung des ~Osiris~ mit ~Pan~ erklärt sich der bei ~Stephanos~ von ~Alexandria~ auf die Transmutation bezogene Spruch: „Gefunden ist der große Pan, der seit Begründung Ägyptens gesucht wird“, denn in Wirklichkeit ist dies der Freudenruf der Priester und des Volkes am Festtage der Auffindung des ~Osiris~[3267]. Aus der Gleichsetzung des ~Osiris~ mit der „vollkommenen Schwärze“ ergibt sich ferner die Deutung der schon weiter oben angeführten ~Osiris~-Statue, über die u. a. ~Athenodoros~, ~Rufinus~, sowie eine Inschrift des Tempels zu Tentyra berichten: nach ersteren enthält sie sämtliche Metalle und Edelsteine, zusammengeknetet zu einer tief dunkelblauen oder schwärzlichen Masse, nach letzterer verfertigt man die Statue des „unterirdischen ~Osiris~“ aus einer Mischung von 24 Mineralien, nebst allerlei Pflanzensäften; dies ist der nach ~Plutarch~[3268] vom Feuer des ~Typhon~ getötete „schwarze ~Osiris~“, alle buntfarbigen Gesteine und Erze in sich bergend, das mineralische „ἕν καὶ πᾶν“ (Alles in Einem). Von ~Osiris~ aus wurde diese Vorstellung auf ~Serapis~ übertragen und von diesem wieder durch die Ssabier auf ~Hermes~, dessen Statue daher bei ihnen (wie schon oben erwähnt wurde) aus sämtlichen Metallen nebst einem mit Quecksilber gefüllten Porzellangefäße bestehen soll[3269].

Das zur „Wiederbelebung der Schwärze“, d. h. zu ihrer Umwandlung in Gold oder Silber dienende ὕδωρ θεῖον (Hýdor theíon) ist ursprünglich jenes ὕδωρ θεῖον καὶ ἄθικτον, jenes „heilige, gesegnete, unberührbare“ mystische „Wasser des Lebens“, das ~Osiris~ den Seelen der Abgeschiedenen als Trank der Läuterung und Erhaltung darreicht, mit dem ~Isis~ die Leiche des ~Osiris~ oder auch des ~Horos~ wiederbelebt, das Weihwasser, das, dem „Briefe der ~Isis~ an ~Horos~“ gemäß, der Hohepriester ~Amnael~ auf dem Haupte trägt, und das gegen Ende der ~Isis~-Mysterien der diensttuende „Prophet“ vor der Gemeinde emporhebt, -- womit wieder die schon bei ~Demokritos~ auftretende allegorische Bezeichnung der Sublimation und Destillation als „Erhebung des Wassers“, „Erhebung der Wolke“, zusammenhängt. Späterhin wird, anknüpfend an den Doppelsinn von θεῖον (göttlich, aber auch schweflig), das ὕδωρ θεῖον zum „schwefligen Wasser“ oder „Wasser des Schwefels“, sei es weil zu seiner Darstellung Schwefel diente, sei es weil die gelbe Farbe der Lösung, der Schmelze, oder des Schwefels selbst, eine Beziehung zu der des Goldes ergab, so wie die weiße des Quecksilbers zu jener des Silbers[3270]. Zuletzt stellt das vieldeutige ὕδωρ θεῖον einen Sammelnamen für alle verwandelnden Präparate dar, umfaßt (sozusagen als seine gemeinsamen Derivate) die zu Gold wie zu Silber transmutierenden, und wird deshalb mit dargestellt durch das Symbol des „weißenden, wandelbaren, beweglichen, giftigen Quecksilber-Geistes“: dieses ist die Schlange, die ihren eigenen Schweif verschlingt, die Schlange ~Agathodaimons~, des Schutzpatrons ganz Ägyptens, weshalb sie als Hauptschmuck die beiden Kronen Ober- und Unter-Ägyptens trägt, die weiße und rote, die gleichzeitig auf Silber und Gold anspielen. Sie ist aber ferner auch das hieroglyphische Zeichen für das Weltganze, das „Alles in Einem“ umfaßt, sodann wieder der schreckliche „Drachen ~Uroboros~“ (οὐροβόρος δράκων) und der verderbliche Dämon ~Ophiuchos~ (δαίμων Ὀφιοῦχος des ~Zosimos~), und endlich, wegen der Ähnlichkeit ihrer Form mit jener der eigentümlich gestalteten Kopf-Bildung und -Bedeckung des Gottes ~Chnum~, auch noch der Gott ~Chnubis~, ~Knuph~, ~Kneph~; der nämlichen Ähnlichkeit wegen heißt der Deckel eines Sublimations- oder Destillations-Gefäßes ἄμπυξ κνούφιον, „knuphischer Deckel“, „Deckel des ~Knuph~“, „Tempel des ~Knuph~“[3271].

Indem man schließlich die „schwarze Brühe“ mit dem dunkeln Menstrualblute des Mutterschosses verglich[3272], das als das +eine+ (mütterliche) Substrat des Fötus galt, -- das +zweite+ (väterliche) war das belebende Pneuma des Samens --, ließ man aus ihr beim großen Werke, „das durchaus den Charakter einer Schwangerschaft trägt“, den neugezeugten Körper auch als Menschlein, Homunculus, ἀνθρωπάριον, hervorgehen, das sich zum Kupfer-, Silber-, Asem- und Gold-Menschen auswächst, -- wobei möglicherweise der Mythus von ~Horos~, als dem Sonnen- (= Gold-) Kinde, mit herangezogen wurde[3273].

Nach den Schriften des ~Hermes~ erfolgt die „große Taricheia“ am besten zu einer ganz bestimmten Jahreszeit, und zwar sind die angegebenen Monate gerade die, während derer die Dürre des ~Typhon~ den niedrigsten Stand des Nils bedingt, der getötete ~Osiris~ in der Unterwelt ruht, sein goldenes Rind mit einem schwarzen Mantel bekleidet[3274], und die „Milch der schwarzen Kuh“ geopfert wird, die, falls kein sog. Deckname vorliegt, auch einen Bestandteil der „schwarzen Brühe“ bildete[3275]; davon, daß gerade diese Zeit auch der als „Etesien“ bekannten kühlen Nordwinde ermangelt, soll nach ~Hoffmann~ das schwarze Präparat die Beinamen „etesische Schwärze“, „etesische Wolke“, „etesischer Stein“ empfangen haben. Diese Erklärung ist indessen wenig wahrscheinlich, schon weil während des weitaus größten Teiles des Jahres die Etesien überhaupt ruhen; diese vom schwarzen Meere herkommenden nördlichen Winde, eine Art „sommerlicher Nordostpassate des Ägaeis“[3276], treffen nur ein einziges Mal jährlich, gegen Anfang des Sommers und der Nilschwelle, in Ägypten ein, verbreiten dort angenehme Kühle und dem Gedeihen der Pflanzenwelt förderliche Feuchtigkeit und halten mit hoher, wenn auch nicht unbedingter Beständigkeit 40 Tage an[3277]. Die Zahl 40 ist aber eine der ältesten „großen“ Zahlen, die schon bei den Babyloniern einem der Hauptgötter, dem ~Ea~, heilig war[3278] und auch während der hellenistischen Zeit nie an ihrer Wichtigkeit einbüßte[3279], die in erster Linie daher rührt, daß der Fötus im Mutterleibe nach 40 Tagen menschliche Gestalt erhalten[3280] und binnen 7 Abschnitten zu 40 Tagen = 280 Tagen = 10 (Mond-) Monaten seine Entwicklung vollenden soll[3281], weshalb denn 40 Tage für die allgemeine Frist der Reife und Vollendung gelten, umgekehrt aber auch für die der Auflösung und Verwesung[3282]. Wenn also der „etesische Stein“, -- der übrigens bei ~Plinius~ ein wirklicher, dem schwarzen Basalt verwandter, zu Mörsern für Salben und Arzneien vortrefflich geeigneter Stein ist[3283] --, als gleichbedeutend mit der vollkommenen Schwärze angesehen wurde, so geschah das wohl deshalb, weil Eintritt der Etesien, Beginn der Nilschwelle, Neuentfaltung der Vegetation und Auferstehung des toten ~Osiris~ auf das Engste zusammenhingen, und weil das befruchtende Pneuma der Etesien auch die Entwicklung des Fötus beim „großen Werke“ fördern sollte, dessen Dauer in der Regel ebenfalls auf 40 Tage angegeben wird. Mitgespielt mag aber dabei noch die u. a. von ~Theophrast~ erwähnte Sage haben, daß in Baktrien zur Zeit der Etesien, wenn die Winde den Wüstensand auseinander wehen, Edelsteine und Perlen bloßgelegt werden, die man von Berittenen einsammeln lasse[3284]; Perlen betrachtet ~Theophrast~ bekanntlich als eine Art der Edelsteine, und ihre Namen μαργαρίτης (Margarítes), μαργαρίς (Margarís), μάργαρον (Márgaron) leiten die einen vom babylonischen Margalitu = „Kind des Meeres“ ab[3285], die anderen aber vom altindischen Mangara (manǵara, manǵari) = „Blütenköpfchen“[3286].

Allem Dargelegten zufolge rechtfertigt die ~Hoffmann~sche Erklärung in jeder Hinsicht die Bezeichnung einer „glänzenden“, die ihr ~Reitzenstein~ gab; vereinzelt erhobene Einwendungen, wie die von ~Riess~[3287] (die Schwärzung, μελάνωσις, sei bloß eine der erforderlichen Operationen; die Fabeleien des ~Zosimos~ bei ~Synkellos~ wären christlich beeinflußt usf.), sowie die schon durch ~Rhousopoulos~[3288] zurückgewiesenen einiger anderer Forscher, sind nicht als ausschlaggebend anzuerkennen, und die Deutung, „Chemeia“ sei die Beschäftigung mit dem „Chêmî“, dem schwarzen Präparat, übertrifft jedenfalls alle bisher bekannt gewordenen an Wahrscheinlichkeit, an Anschaulichkeit, sowie an Fülle der durch sie erschlossenen Beziehungen[3289].

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Mit diesem Namen ihrer +Kunst+ brachten nach ~Hoffmann~ die Chemiker erst nachträglich den anklingenden des +Landes+, niederägyptisch Chêmi, zusammen, um hiernach Chemie auch als eine uralte und eigentlich „ägyptische“ Kunst hinstellen zu können. In diesem Sinne redet z. B. ~Demokritos~ im „Schreiben an ~Leukippos~“ von „dieser ägyptischen Kunst“ und der „Brief der ~Isis~ an ~Horos~“ von der „heiligen Kunst Ägyptens“; ein chemisches Lehrbuch des ~Theophilos~ (2. Jahrhundert?) heißt nach ~Olympiodoros~ „Gold-Bergwerke der Landesbeschreibung“, sagt aber nicht offen, +wie+ man Gold macht, sondern umschreibt dies durch die Angabe +wo+ man es im „Lande“ (Chêmî = Ägypten) findet: „die ‚alten‘ Ägypter betrieben unzählige ‚Goldgruben‘, stellten sie als Heiligtümer dar, bestimmten ihre Lage nach den vier Himmelsgegenden, zuteilend dem Osten und Westen die weißen und gelben Wesen (οὐσία, Usía), denn an der östlichen und westlichen Pforte der Tempel findet man den weißen und gelben Sand (ψάμμος); gräbt man drei Ellen tief, so stößt man zuerst auf das Schwarze, bei weiterem Graben aber zeigen sich hellere Schichten und Bänder, schließlich weiße und zuletzt gelbe (= goldene), und dies ist das Geheimnis der libyschen Goldgruben“[3290]. Die nämliche Allegorie der Schwärzung, Weißung und Gilbung, die hier ganz offenbar zutage tritt, äußert sich auch in der Angabe, Gold finde sich beim (~Isis~-) Tempel in Terenuthis, von dem ~Isis~ an ~Horos~ schreibt, daß man dort „geheimnisvoll ausübe die heilige Kunst Ägyptens“, wobei Αἰγύπτου für Chêmi steht, also die Kunst „τῆς Αἰγύπτου“ für die „τῆς χημίας“, d. i. die der Chemie. Demgemäß betrachtet auch das sog. „Chemische Wörterbuch“, das sich den ältesten Sammlungen der alchemistischen Schriften beigefügt findet, Terenuthis als ein +Präparat+ und nennt es auch Chrysokolla (eigentlich: Goldlot) oder ὠίτης λίθος, wörtlich den Stein (das Feste) der Eier, d. i. der als gelbe Kugel erhärtete Eidotter, aus dem ~Ptah~, der Vater des ~Imuthes~ (~Imhotep~) entsprang, der aber nach Gestalt und Farbe auch ein Symbol der Sonne sowie des Goldes und deshalb wieder ein wichtiger Bestandteil zahlreicher alchemistischer Rezepte ist[3291].

In dem nämlichen angedeuteten Sinne bewegen sich endlich die Versuche, den Namen der „ägyptischen Kunst“ mit ~Cham~, dem Vater des ~Mestrem~, in Zusammenhang zu bringen, und zwar durch Identifizierung ~Chams~ mit dem „ersten Chemiker“ ~Chemes~[3292]. Diese Versuche, über die =Zosimos= berichtet, und mit denen auch die oben angeführte, an ~Cham~ anklingende Bezeichnung „Chamäleon“ für Chemie mit in Verbindung stehen mag, sind beachtenswert und auffällig: die Chemie war anfänglich die heilige und göttliche Kunst (ἱερὰ, θεία τέχνη), das große Werk (μέγα ἔργον), das große Mysterium (μυστήριον), die Kunst des Färbens (βαφικὴ τέχνη) und des Goldmachens (χρυσοποιία), die Kunst der Weisen oder „Philosophen“ d. h. der Sachverständigen und Techniker (τέχνη τῶν φιλοσόφων, τῆς φιλοσοφίας), deren „Stein der Weisen“ (λίθος τῶν φιλοσόφων, τῆς φιλοσοφίας) als „κιννάβαρι τῶν φιλοσόφων“ (Zinnober der Philosophen = Gold) schon den alten Quellen des ~Zosimos~ wohlbekannt ist. Woher rührt nun das Bestreben, sie nachträglich mit dem biblischen ~Cham~ in Verbindung zu setzen, sowie mit dem angeblichen ~Chemes~ oder ~Chimes~, dessen Eigenname in Ägypten sonst weder in einheimischer noch in hellenisierter Form bekannt und gebräuchlich ist?

Zur Beantwortung dieser Frage ist in Betracht zu ziehen, daß ~Zosimos~ einen erheblichen Teil seiner Weisheit nicht nur aus ägyptischen und persischen, sondern vor allem aus +jüdisch+-hellenistischen Pseudepigraphen schöpfte, und daß in Ägypten, wie schon wiederholt angeführt, neben den Griechen gerade die Juden pseudepigraphische Schriften aller Richtungen in rein geschäftsmäßiger Weise „fabrizierten“. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist daher die Ableitung der Chemie von ~Cham~, dessen Gleichsetzung mit ~Chemes~, sowie die ganze Erfindung der Gestalt dieses ~Chemes~ (~Chimes~, ~Chimas~; ~Kimas~ der Araber) als Chemikers, Propheten, Schriftstellers usf., spezifisch +jüdisch+-hellenistischer Herkunft: weil die ägyptischen Priester ihre Geheimwissenschaft durch Mitteilung zwischen Gottheit und Priester, Lehrer und Schüler, Vater und Sohn überliefern ließen, so wird dies betreff der Chemie genau nachgeahmt und ihre Kenntnis von ~Adam~ her u. a. über ~Seth~, ~Henoch~, ~Noah~, ~Cham~ (= ~Chemes~), ~Abraham~, ~Josef~, ~Moses~, ~Aaron~, ~Salomon~, ~Esra~ usf. bis auf die Alchemistin ~Maria~, die sich ausdrücklich als Jüdin bezeichnet, und weiter bis auf die Gegenwart herabgeleitet[3293].

Diese Annahme setzt offenbar sehr tiefgehende jüdische Einflüsse voraus, solche sind aber auch tatsächlich nachweisbar und lassen erkennen, daß die Juden Ägyptens und besonders Alexandrias, wie auf zahlreichen verwandten Gebieten, z. B. dem der Magie[3294] und der Dämonologie[3295], so auch auf dem der Chemie und ihrer Litteratur mit regem Eifer tätig waren. So z. B. berichten ~Zosimos~ und ~Olympiodoros~, daß die Ägypter außer ihren Landsleuten allein den Juden gestattet hätten, die Chemie zu erlernen, zu lehren und zu beschreiben, so daß sie nur diesen noch bekannt war und nur durch sie Anderen bekannt gemacht werden konnte[3296]; es bedarf keines Wortes darüber, daß eine derartige Behauptung gänzlich aus der Luft gegriffen und nur hinterher ausgesonnen ist, um, unter Berufung auf das Ansehen der „Alten“, die Bedenken eines im übrigen ungebildeten und urteilslosen Leserkreises mit gehörigem Erfolge zu beschwichtigen. Nach ~Zosimos~ findet man die „rechten Lehren“ über das große Werk, sowie alles Nähere über die zu ihm erforderlichen neun Bestandteile in den „jüdischen Schriften“ und den „Büchern der Juden“[3297]. Nach ~Olympiodoros~ schuf schon Gott als rote Erde (später = Schwefel, Feuer, Seele) den ~Adam~, als weiße Erde (später = Quecksilber, Urmaterie, Geist) aber die ~Eva~, -- aus deren Vereinigung Zinnober = Gold hervorgeht[3298] --, und offenbarte einigen Würdigen, wie ~Adam~, ~Moses~ und ~Aaron~ das große Werk[3299]; im Gegensatze hierzu läßt ~Hermes~ es zuerst von Dämonen verkündigt und dann durch ~Adam~, ~Henoch~, ~Abraham~, ~Josef~ und ~Moses~ weiter übermittelt werden, also durch Autoritäten, die man, wie in so manchen ähnlichen Fällen, als Gebilde reiner Willkür anzusehen hat[3300]. Da schon gegen Ende der Ptolemäerzeit ~Hermes~ oder ~Hermes-Thot~ auch mit dem angeblichen Perser ~Ostanes~ identifiziert wurde, so bildeten diejenigen Juden, „die sich mit ~Ostanes~ persisch gebärdeten“, die Beziehungen zwischen dem großen Werke und den Mysterien des „ägyptischen“ ~Osiris~ nicht nur auf Grund ihrer eigenen religiösen Traditionen nach, sondern auch gemäß jenen der ~Mithras~-Verehrung[3301], -- woraus sich mancherlei absonderliche Vermengungen der Kultformen erklären: ~Maria~ z. B. gibt sich als strenge Jüdin und sagt: „Berühre nicht den philosophischen Stein mit deinen Händen, denn du gehörst nicht zu unserem Volke, du bist nicht vom Stamme des Abraham“, will aber zugleich auch unmittelbare Schülerin des persischen Oberpriesters ~Ostanes~ sein, der zeitweilig auch wieder den Charakter des jüdischen Hohenpriesters annimmt, wie ihn auch ~Amnael~ trägt, obwohl er im „Briefe der ~Isis~ an ~Horos~“ als Oberpriester eines ägyptischen Isis-Tempels bezeichnet wird. Starke Spuren jüdischen Geistes und jüdisch-monotheistischer Anschauung machen sich bei ~Pseudo-Moses~ geltend[3302], desgleichen bei ~Zosimos~, wo er vom großen Werke und seiner Ausübung in den Tempeln des ~Hephaistos-Ptah~ redet[3303], ebenso in der Abhandlung „Synagoge (= Versammlung) der Philosophen“[3304], und ferner in den Berichten über ~Salomon~, der das Elektron erfand[3305] und nach ~Zosimos~ in daraus geformten Flaschen die sieben bösen Planeten-Dämonen bannte und einsiegelte, der treffliche Rezepte zur Anfertigung des Silbers binnen 40 Tagen und zum Machen des Goldes ausarbeitete[3306], zudem noch die Ameisen für sich Gold graben ließ, Zauberbücher „gleich denen der Essäer“ verfaßte oder doch besaß und seine Kenntnisse der Geheimwissenschaften in mystischen Schriften voll unergründlichen Tiefsinnes niederlegte. Jüdische Einflüsse treten (wie leicht begreiflich) auch hervor: in der sog. „Weisheit ~Salomonis~“; in den vorgeblichen „Oden ~Salomons~“; in Teilen der „Sibyllinischen Orakel“; in den spärlichen Resten der „heiligen Bücher“ (ἱεραὶ βίβλοι) jüdisch-gnostischer und hellenisierter jüdisch-ägyptischer Kultgemeinden, des sog. „8. Buches ~Mosis~“ u. dgl.[3307]; ferner in Schriften verwandten, namentlich auch hermetischen Charakters, die sich gelegentlich auf ~Abraham~, ~Isaak~ und ~Jakob~, oder auf ~Moses~, ~Mirjam~, ~Henoch~, ~Baruch~, ~Salomon~ und ~Esra~ berufen[3308], vom Herrn der Cherubim und der Heiligtümer Jerusalems sprechen[3309] und Eisen oder Stahl als „βαλλαθά (Ballathá) der Juden“ erwähnen[3310]. Endlich bleibt auch anzuführen, daß nach ~Zosimos~ Alchemie außer in Ägypten noch in Cypern und Thrazien erfolgreich betrieben wird, also gerade in jenen Ländern, die gleichfalls eine besonders zahlreiche jüdische Bevölkerung besaßen[3311]. Auf derlei Umstände hin, die ihm allerdings nur recht unvollkommen bekannt waren, gelangte schon vor etwa 150 Jahren der gelehrte ~De Pauw~ zu dem für die damalige Zeit sehr überraschenden (und nur teilweise richtigen) Schlusse, Schöpfer der Alchemie seien die Juden gewesen, die sie einerseits ägyptischen und persischen Priestern zugeschrieben hätten, andererseits jüdischen Weibern[3312].

Unter diesen Weibern sind jedoch nicht etwa die Chemikerinnen ~Maria~ und ~Kleopatra~ zu verstehen, vielmehr spielen jene für die Anschauungen über die Herkunft der Chemie sehr bezeichnenden Worte auf eine merkwürdige und schon weiter oben mehrfach gestreifte Sage an: die der Übermittlung der Chemie an die Menschen durch Dämonen[3313]. Die jüdisch-hellenistischen Kreise, die schon bald nach Beginn der ptolemäischen Zeit alttestamentliche, ägyptische, orientalische und griechische Traditionen synkretistisch zu vereinigen trachteten, führten nämlich den Ursprung der für sie mit Priestertum und Magie zusammenhängenden „heidnischen Wissenschaften“, zu denen sie neben Astronomie und Astrologie u. a. auch Metallkunde und Kosmetik zählten, auf jenen Umgang der Göttersöhne mit den Menschentöchtern zurück, den die Bibel noch vor Eintritt der Sündflut stattfinden läßt[3314], -- unter Bewahrung eines dürftigen Restes jener alten Mythen, die im übrigen bei ihrer Redaktion durch den sog. Jahvisten (etwa im 9. Jahrhundert v. Chr.) fast gänzlich ausgetilgt wurden[3315]. Den „Göttersöhnen“ oder Dämonen (δαίμονες) kommt selbst göttliche oder engelhafte Natur zu, und sie dürfen nicht etwa als von Göttern Gezeugte gedacht werden, wie es die ungenaue ~Luther~sche Übersetzung „Kinder Gottes“ nahelegt[3316]; Dämonen aber heißen sie, weil sie +gefallene+ Engel sind, „gestürzte Sterngeister“, ἀντίθεοι (= Widersacher der Gottheit)[3317]. Die Erzählungen von dem Falle der Engel durch ihre Verbindung mit den Menschentöchtern und von den Sünden und Übeln, die die verführten Engel in die Welt brachten, sind Stücke babylonischen Aberglaubens, zum Teil ausgestaltet unter dem Einflusse iranischer und griechischer Kultlehren und schließlich in oberflächlicher Weise jüdisch-monotheistisch übertüncht[3318]. Die Engel erscheinen entweder auf der Erde, erliegen, vom „Bösen“ in Versuchung geführt, den Verlockungen der buhlerischen Weiber und werden hierdurch ihrer himmlischen Heimat verlustig[3319], oder, -- so berichten z. B. die im 2. Jahrhundert n. Chr. verfaßten apokryphen „Taten des Apostels ~Thomas~“ --, der „große Drache“, die „große Schlange“, der Böse, der Teufel (= ~Ahriman~) reizt sie zur Empörung, bewirkt hierdurch ihren Sturz, „wirft sie aus der Höhe auf die Erde herab“, fesselt sie an sich durch die Begierde nach den Weibern und beraubt sie so ihrer Göttlichkeit[3320]. Daß nach einer mißglückten Empörung verstoßene und gefallene Heroen, Himmelsgeister oder Engel die Menschen geheime Künste oder Wissenschaften lehren, ist ein weitverbreiteter, bei Griechen, Ägyptern und Orientalen in verschiedenster Gestaltung nachweisbarer Gedanke[3321], der in der jüdisch-hellenistischen Litteratur schon im sog. „Buche der Jubiläen“ aus dem 2. Jahrhundert v. Chr.[3322], sowie in den etwa gleichalterigen ursprünglichen Fassungen des „Buches ~Henoch~“ auftritt[3323]; größere Verbreitung und Volkstümlichkeit erlangte er aber erst in späterer Zeit durch die alexandrinischen Juden[3324], nach deren Behauptung bereits ~Adam~ derlei Kenntnisse besaß, sie durch seinen Sohn ~Seth~ (nach dem sich die gnostischen Sethianer benannten) auf ~Henoch~ und weiterhin über ~Noah~ und ~Cham~ auf ~Mestrem~, oder über ~Abraham~ auf ~Josef~ vererbte, und die durch ~Mestrem~ oder ~Josef~ mit nach Ägypten gebracht und dort insgeheim weitergepflegt wurden.

~Justinus~, der gegen 150 n. Chr. seine „Apologie“, und der Apologet ~Athenagoras~, der um 175 die Abhandlung „Supplicium“ verfaßte, erwähnen den Herabstieg der Engel und ihre Vereinigung mit den Erdentöchtern als etwas Wohlbekanntes, jedoch ohne nähere Angaben zu machen[3325], und auch ~Clemens Alexandrinus~ (gest. 216) sagt nur, die Engel hätten die Hingabe der Weiber durch Mitteilung gewisser Geheimnisse belohnt, die er aber nicht nennt[3326]. Bei ~Irenaeus~ (um 180) heißt es im „Erweis der apostolischen Verkündigung“, die in armenischer Sprache erhalten ist[3327]: „Als Gabe brachten die Engel den Weibern die Anleitung zum Bösen mit; sie lehrten sie die Kraft der Wurzeln und Kräuter, das Färben und Schminken, die Erfindung wertvoller [Kleider-] Stoffe, die Mittel zur Beförderung der Anmut, zur Erweckung von Haß und Liebe, zur Sicherung der Lebensdauer, zu Geisterbünden, Gaukelei (= Magie) und Götzendienst.“ Etwas später bezeichnet ~Tertullianus~ (160-240?) in der Schrift „De cultu feminarum“ als die von den Engeln gelehrten Geheimnisse[3328]: die Behandlung der Metalle (opera metallorum), die Kräfte der Pflanzen (ingenia herbarum), die Macht der Beschwörungen (vires incantantionum), die Ausdeutung der Gestirne (stellarum interpretationem = Astrologie), die Anfertigung von Armbändern aus Gold und von Halsketten aus Edelsteinen, das Färben der Wolle (tincturae vellerum) mit Farbstoffen aus Tang (medicamenta ex fuco), die Bereitung des schwarzen Pulvers zum Anschminken verbreiterter Augenbrauen (calliblepharum tincturae), sowie die Bearbeitung (opera) des Goldes und der Edelsteine. Nach dem „Buche ~Henoch~“[3329] (in den späteren, anscheinend aber auch schon in den ursprünglichen vorchristlichen Fassungen?) unterrichteten der Engel ~Azazael~, und seine Genossen die Weiber über magisch wirksame Substanzen (φαρμακεῖαι) und Formeln, heilkräftige Pflanzen (ῥιζοτομίαι = Schneiden der Wurzeln), Metalle und deren Verarbeitung zu Waffen und Schmuck, Verschönerung durch Augenschminke und andere Schminken, über Edelsteine, Farbstoffe [die auch als Heilmittel und Amulette dienen], Herbeiführen und Lösen von Zaubern, Schauen und Deuten der Sterne sowie der [astrologischen] Zeichen für Sonne, Mond und Erde, Schreiben mit Tinte auf Papier; dies sind aber die Geheimnisse, die bald als die „der himmlischen Urzeit“ oder „der himmlischen Weisheit“ bezeichnet werden[3330], bald wieder als jene „Werke des Teufels“, zu denen, wie nach späteren Anschauungen so schon damals, alles auf Physik, Chemie und Technik gehörige gezählt wurde, einschließlich des Schreibens und besonders des Bücherschreibens[3331]. Auch bei ~Clemens Romanus~ (2. oder 3. Jahrhundert)[3332] lassen sich die Engel von den Weibern betören, bis sie deren Lüste wegen Erschöpfung ihrer Kräfte nicht mehr befriedigen können, machen ihnen dann, um sie dennoch bei guter Laune zu erhalten, λίθον τίμιον (köstliches Gestein = Edelsteine), Perlen, Purpur, herrliches Gold (χρυσὸς ἔνδοξος) und alle Arten prächtiger Dinge (πᾶσαν πολυτίμιον ὕλην), zeigen ihnen in den „Eingeweiden der Erde“ Edelsteine von magischen Eigenschaften und ἐκ μετάλλων ἄνθη (die Blüten der Metalle = das Beste, Reinste), darunter Gold, Silber, Kupfer und Eisen, lehren sie die zugehörigen Künste (τέχνας), Magie, Astrologie, die Kräfte der Pflanzen, das Buntfärben der Kleider, die Herstellung alles sonst zur Ergötzung und Zierde der Weiber Dienlichen, und ferner, was den Menschen zu erfinden unmöglich gewesen wäre, das Schmelzen (Gießen) des Goldes, des Silbers und der verwandten Metalle (χρυσοῦ καὶ ἀργύρου καὶ τῶν ὁμοίων χύσιν); seither kennen die Menschen die Namen der Engel, verstehen das Austreiben der Dämonen und [daher auch] das Heilen der Krankheiten durch φάρμακα (Phármaka), die Beschwörung der giftigen Schlangen, die Benützung der Sympathien und Antipathien u. dgl. mehr. ~Zosimos~ endlich (gegen 300) erzählt im Buche „Imuth“, angeblich den „Physika“ des ~Hermes~ (aber auch dem alten Testamente) folgend, daß gewisse Engel des Himmels verlustig gingen, weil sie die irdischen Weiber Böses und der Seele Verderbliches lehrten, nämlich „alle Werke der Natur“, und daß diese Dämonen über sämtliche, Künste solcher Art das „Buch Chemu“ (Khumu) verfaßten[3333], von dem der Name der Chemeía (Khumia) herkommt, ein Buch, das in 24 Abschnitten, „deren Titel die Priester erklären“, neben vielen anderen Künsten, die man χειρόκμητα (Handgriffe) nennt, auch die Umwandlung unedler Metalle in edle und ineinander beschreibt, und zwar ausführlich „in Tausenden von Worten“, deren Klarheit erst die Kommentatoren verdorben haben[3334].

Wie diese Übersicht erkennen läßt, ist in +keiner+ der älteren Quellen von Alchemie die Rede, die bösen Lehren der Engel betreffen vielmehr neben Magie, Astrologie, Geisterbeschwörung, Heil- und Zaubermitteln fast ausschließlich Dinge, die der Befriedigung weiblicher Eitelkeit und Prunkliebe dienen, weshalb denn auch ~Tertullianus~ verlangt, die Weiber sollten sich fortan verschleiern, um nicht neue Engel zu Fall zu bringen[3335], und der hl. ~Cyprian~ vermutet, daß ihre Putzsucht schon selbst eine Erfindung gewisser Dämonen sei. Hauptsächlich handelt es sich um die im Orient uralten und wichtigen Schminken und Kosmetika[3336], um Farbstoffe und bunte Kleider, Edelsteine und Perlen, goldene und silberne Geschmeide u. dgl.; erst ~Tertullianus~ (um oder nach 200) spricht von der Behandlung der Metalle und der Bearbeitung des Goldes und der Edelsteine, sichtlich zwecks Herstellung von Schmucksachen, -- im „Buche ~Henoch~“ ist dies auch ausdrücklich gesagt --, erst ~Clemens Romanus~ auch von anderen Metallen, deren „Blüten“ das Innere der Erde birgt, sowie von den zugehörigen metallurgischen Verfahren, u. a. vom Schmelzen und Gießen des Goldes, des Silbers und der „übrigen“. Nirgends liegt hier der geringste Anhalt zu alchemistischen Deutungen vor, insbesondere auch nicht, wie oft behauptet wurde, bei ~Henoch~, aus dem doch ~Justinus~ und ~Athenagoras~[3337], ~Tertullianus~[3338] und noch der hl. ~Augustinus~ (354-430) ihre einschlägigen Berichte schöpften, +ohne+ dabei irgendeine derartige Anspielung einfließen zu lassen[3339]. Den aufgezählten „Künsten“, die sich übrigens bei den genannten Vorgängern in bemerkenswerter Zusammengehörigkeit darstellen[3340], reiht erst ~Zosimos~, der letzte, späteste und selbst völlig von alchemistischen Anschauungen durchdrungene Autor, auch die der Metall-Verwandlung und des Machens von Gold und Silber an, vielleicht indem er den λίθος τίμιος, dessen ~Clemens Romanus~ gedenkt, als „kostbaren Stein“ im Sinne von „Stein der Weisen“ hinzustellen und einer derartigen Auffassung Vorschub zu leisten suchte. Anscheinend liegt seiner ganzen Erzählung eine alexandrinische Lokalsage jüdisch-hellenistischer Herkunft zugrunde[3341], so daß auch an dieser Stelle die Wichtigkeit gerade derartiger Einflüsse abermals und in unverkennbarer Weise hervorträte.

5. Herkunft alchemistischer Begriffe, Vorstellungen, Dogmen und Namen.

Für die Entwicklung der alchemistischen Theorien auf Grund der griechischen Philosophie waren, wie ~Prantl~ schon 1856 in seinem mehrerwähnten Aufsatze „Keime der Alchemie bei den Alten“ darlegte[3342], drei Quellen von größter Bedeutung; sie fließen aus den Schriften des ~Platon~, des ~Aristoteles~ sowie der stoïschen Philosophen und werden unter Aufnahme von allerlei Ägyptischem und Orientalischem durch die Alexandriner zu einem großen Ganzen vereinigt; nur von einem +großen+ Ganzen kann man sprechen, nicht von einem +einheitlichen+, um so mehr, als neupythagoräische und neuplatonische Anschauungen in stets wachsendem Umfange die Oberhand gewinnen, verändernd und umgestaltend wirken. Maßgebend bleiben daher: was ~Platon~ angeht die mystischen und schwärmerischen Lehren, was ~Aristoteles~ betrifft die spekulativen und deduktiven, und was die späteren Philosophen anbelangt jene eklektischen und synkretistischen, denen sich der alexandrinische Geist auf allen Gebieten mit ausnehmendem Behagen anpaßte, und die seinem Charakter ganz besonders angemessen erschienen[3343].

In dem der griechischen Philosophie gewidmeten Abschnitte der vorliegenden Schrift sind die für die Vorgeschichte der Alchemie bedeutsamen Forscher genannt und ihre Systeme insoweit erörtert worden, daß es genügen dürfte, kurz auf sie zurück zu weisen, wenn nunmehr der Versuch gemacht werden soll, die Entwicklung einiger der wichtigsten einschlägigen Begriffe zusammenfassend in möglichster Kürze zu schildern[3344].

Der φύσις (Phýsis) genannte +Urstoff+ der jonischen Philosophen geht in die vier Elemente und weiterhin in die Einzelstoffe durch μεταβολή (Metabolé = Umänderung) über, deren qualitative Abart die ἀλλοἰωσις (Alloíosis = Artverwandlung) ist; die vier Elemente verwandeln sich wechselseitig entweder unmittelbar ineinander, wie bei den Eleaten und ~Melissos~, oder auf dem Umwege über den form- und gestaltlosen Urstoff, wie bei ~Platon~. Bei ~Aristoteles~ entstehen aus der Ursubstanz (πρώτη ὕλη = erste Substanz) die vier Elemente und aus diesen die Einzeldinge, jedoch so, daß sie stets +alle vier+ Elemente enthalten, wenn auch in den verschiedensten Verhältnissen; dabei sind zwar die Elemente wechselseitigen Überganges fähig, nicht aber die Einzeldinge, es kann also z. B. Essig wieder zu Wein nur so werden, wie ein Toter wieder zu einem Lebendigen, d. h. er muß zunächst in die gemeinsame πρώτη ὕλη oder Ursubstanz zurückverwandelt und aus dieser dann neu individualisiert werden. Die ὕλη (Hýle) ist bei ~Philolaos~ und ~Anaxagoras~ = Holz, Bauholz, Materia[3345], bei ~Platon~ im nämlichen Sinne das allgemeine Baumaterial, Mutter und Schoß aller Wesen, bei ~Aristoteles~ als πρώτη ὕλη die bald rein potentiell, bald auch körperlich aufgefaßte Urmaterie, bei ~Theophrastos~ aber ein bestimmter Stoff. ~Platon~ nennt einen solchen σῶμα (Sóma, Körper), bezeichnet aber mit diesem Worte gelegentlich auch die vier Elemente, während ihm οὐσία (Usía) die beharrende wahre Substanz der Dinge ist, ihr dauerndes Wesen; ~Aristoteles~ gebraucht σῶμα in gleicher Weise und sieht in der οὐσία (jedoch nicht stets folgerichtig) das Wesentliche und Seiende der Dinge. Die Stoïker nehmen οὐσία (die Urmaterie), sowie ὑποκείμενον (= das zugrunde liegende, den Grundstoff) für gleichbedeutend mit Hyle an und setzen der πρώτη ὕλη zuweilen noch eine πρωτίστη (allererste) zur Seite; die Einzeldinge bestehen für sie aus Usia + (körperlicher!) Qualität und verändern sich, indem die erstere Metabolé, oder die letztere Alloíosis erleidet. Bei den Neupythagoräern ist πρώτη ὕλη = οὐσία, bei ~Simplikios~ ist sie = Urstoff im Gegensatze zu σῶμα, dem Einzelkörper, und bei ~Plotinos~ = Urmaterie im Zustande der Eigenschaftslosigkeit (στέρησις), die dunkle, chaotische, im Schatten und Finstern liegende, die Ursache allen Übels (πρῶτον κακόν).

Durch Alloíosis kann bei ~Heraklit~ das Feuer zu allem Sonstigen werden, bei den jonischen Philosophen und bei ~Zenon~ von ~Elea~ jedes der Elemente zu einem der drei übrigen; bei ~Anaxagoras~ veranlaßt sie die Wandelbarkeit durch Vermehrung oder Verminderung der Samen, bei ~Platon~ bewirkt sie alle Übergänge, und bei ~Aristoteles~, der auch hierin nicht ganz folgerichtig verfährt, ist die Materie fähig der Umänderung, der Metabolé, insbesondere aber der qualitativen, also der Alloíosis, der Artverwandlung. Die Stoïker lassen beide Begriffe vielfach ineinander übergehen; bei den Neupythagoräern geschehen die Veränderungen der Elemente vorzugsweise durch μεταβάλλειν (durch Metabolé), bei den Neuplatonikern durch ἀλλοιοῦσθαι (durch Alloíosis).

Eine Reihenfolge, durch die Bestimmung +ἄνω-κάτω+ (nach oben, nach unten), gibt zuerst ~Heraklit~ an; des nämlichen Ausdruckes bedienen sich ~Philolaos~, ~Xenophanes~ und ~Parmenides~; bei ~Platon~ geschehen die Umwandlungen ἄνω-κάτω in endlosem Kreislaufe, bei ~Aristoteles~ derart, daß die Menge der einzelnen Elemente im ganzen stets die nämliche bleibt; die Stoïker versuchen zum Sprachgebrauche ~Heraklits~ zurückzukehren.

Die Gegensätze +aktiv-passiv+ finden sich schon bei ~Empedokles~ angedeutet, indem Wärme und Trockenheit der Luft und dem Feuer anhaften sollen, Kälte und Feuchtigkeit aber dem Wasser und der Erde. ~Aristoteles~ bezeichnet Wärme und Kälte als aktiv, Trockenheit und Feuchte als passiv; den Peripatetikern, den Stoïkern, dem Verfasser der „Schrift von der Welt“ und den Neupythagoräern sind Feuer und Luft aktiv, Wasser und Erde passiv, und dem ~Philo~ fallen die aktiven Elemente mit den feinen zusammen, die passiven mit den groben. Bestimmte Eigenschaften der Einzelstoffe können übrigens durch abweichende, ja ganz entgegengesetzte, äußerlich verdeckt werden, sie sind dann „verborgen“, lassen sich aber unter Umständen durch „Herauskehren“ zur Geltung bringen, und dieser bereits bei ~Anaxagoras~ auftauchende Gedanke wird, insbesondere durch die Peripatetiker und Stoïker, zu der umfassenden Lehre von der „Antiperístasis“ ausgebildet.

Vielfach schließt sich dem Gegensatze aktiv-passiv auch der +männlich-weiblich+ (ἄρῥην καὶ θήλυ) an, der wieder in inniger Beziehung zum ἀρῥηνόθηλυ, dem Mannweiblichen (Zwitterwesen) steht, wie es bereits im ~Phanes~ der Orphiker (entlehnt dem persischen ~Zervan~?) zutage tritt; vom Männlichen und Weiblichen redet schon ~Heraklit~, die Vereinigung der Gegensätze (ἐναντία) gleicht nach ~Parmenides~ der geschlechtlichen Vermischung des Mannes und Weibes (μιγῆναι), ~Platon~ spricht von einer wahren Vereinigung und Vermählung der Qualitäten, bei ~Aristoteles~ ist das Verhältnis der Form zur Materie das des Männlichen zum Weiblichen, bei den Neupythagoräern und bei ~Plotinos~ wird die weibliche Materie (οὐσία, ὕλη) vom männlichen Logos, oder den von Logos erfüllten Samen, den λόγοι σπερματικοί (Lógoi spermatikoí), befruchtet.

Frühzeitig gesellt sich den vier materiellen Elementen der +Äther+. Die Orphiker verstehen unter αἰθήρ anscheinend zumeist den Himmel (im Sinne des persischen atar = Feuer des Himmels), ~Pherekydes~ benennt ihn Zeus und läßt ihn einen der fünf Weltenräume erfüllen, auch ~Philolaos~ gedenkt seiner, dem ~Empedokles~ gilt er zumeist als Luft und dem ~Anaxagoras~ als Feuer. Bei ~Platon~ ist der Äther eine Luft von besonderer Reinheit und völliger Eigenart, daher unfähig in eines der vier Elemente überzugehen, desgleichen nennt ihn ~Aristoteles~ eine göttliche und himmlische Substanz, die den gemeinen und irdischen Stoffen gänzlich fernesteht und sich daher auch in keinen von ihnen zu verwandeln vermag; vergröbert zu einem eigentlichen fünften Element (πέμπτον σῶμα, πέμπτη οὐσία) findet sich der Äther erst bei den Neupythagoräern, in der „Schrift von der Welt“, bei ~Philo~, bei den Neuplatonikern, bei ~Simplikios~ und anderen, die ihn auch häufig, hierin der Stoa folgend, dem Pneuma und dem Logos gleichsetzen.

Das +Pneuma+ betrachten ~Anaximander~ und ~Anaximenes~ als Luft, Lufthauch, Wind und Atem, ~Pherekydes~ als Luft, ~Philolaos~ als die unbegrenzte und das Weltall umgebende Luftmasse, ~Platon~ (ja vielleicht schon ~Xenophanes~) als belebende Atemluft und seelisches Prinzip, ~Hippokrates~ sowie ~Diokles~ von ~Karystos~ als Vermittler des Lebens und der natürlichen Körperwärme, ~Aristoteles~ und ihm folgend auch ~Theophrastos~ und ~Strabon~ als den Träger der Seelensubstanz, der dem Äther nahesteht und daher an edler Natur den vier Elementen überlegen ist. Den Stoïkern und nach ihnen den Neupythagoräern, dem Verfasser der „Schrift von der Welt“ und dem ~Philo~ ist Pneuma ein leichter materieller Hauch, dessen treibende Kraft und Spannkraft (τόνος, Tónos) das Wesen der Qualitäten bedingt, eine Vereinigung der oberen Elemente Feuer und Luft, eine göttliche und himmlische Substanz, identisch mit der Weltseele, der Seele, der Lebenskraft, dem Äther, dem Logos, dessen Lógoi spermatikói zugleich Pneumata sind, als solche die wirkenden Kräfte aller Samen vorstellen und daher auch, wie bereits ~Erasistratos~ (um 258 v. Chr.) lehrte, durch Befruchtung der Hyle des weiblichen Menstrualblutes die Entstehung des Fötus veranlassen.

Den +Logos+ erklärt ~Heraklit~ für die Weltvernunft, aber erst die Stoa, die ihn als materiellen pneumatischen Hauch ansieht, beginnt ihm auch eine gewisse Schöpferkraft zuzuschreiben, läßt ihn durch seinen τόνος (Tonus) die Qualitäten erzeugen und setzt ihn, je nachdem die geistige oder materielle Betrachtungsweise vorwiegt, bald mit dem ~Hermes psychopompos~, bald mit dem ~Hermes chthonios~ in Zusammenhang. Während nach den Orphikern der noch einheitliche ~Phanes~ die Samen aller Dinge in sich enthält, ~Anaxagoras~ von den Samen der unzähligen Urstoffe spricht und ~Aristoteles~ schon eine pneumatische Kraft (πνευματικὴ δύναμις) des Samens anerkennt, lassen die Stoïker den Logos, der den Inbegriff aller einzelnen Lógoi spermatikói darstellt, als Sperma in die Materie eingehen, sie mit Qualitäten erfüllen und ihr durch seinen Hauch (die aristotelische „aura seminalis“) Leben und Seele verleihen. Bei den Neupythagoräern erzeugen die Lógoi spermatikói durch Befruchtung der Usia die Einzeldinge, so daß sich der Logos selbst als Mittler zwischen dem reinen göttlichen Pneuma und der unreinen gemeinen Materie erweist; ~Philo~ allegorisiert ihn als ~Hermes~ und betrachtet ihn in systematischer Weise als vernünftig wirkende, einheitliche, mit dem Äther und Pneuma identische Kraft; die Neuplatoniker endlich, sowie ~Plotinos~, erklären den Logos für die oberste Einheit der Lógoi spermatikói, für den Demiurgen, Mittler, Seelenbeherrscher, Allgeist, ~Hermes~. Als höchstes einheitliches Weltprinzip besitzt er einerseits enge Beziehungen zum Wesen des orphischen (ursprünglich iranischen) Welteneies, des Urquells alles Vorhandenen, andererseits zur unwandelbaren Ordnung der Gestirne, die in gleicher Weise dem ~Anaximander~ und ~Philolaos~, dem ~Platon~ und ~Aristoteles~, den Stoïkern und Neupythagoräern, dem ~Plotinos~ und ~Simplikios~ „göttliche Wesen“ und „sichtbare Götter“ sind, und stellt schließlich auch das „Alles in Einem, Eines in Allem“ dar, das ἓν καὶ πᾶν des ~Heraklit~, ~Xenophanes~ und ~Melissos~, das die Neuplatoniker und ~Plotinos~ mit den nämlichen Worten als Sinnbild der „eigentlichen obersten Weltordnung“ bezeichnen.

Daß zwischen der +inneren Beschaffenheit+ der Dinge und ihrer +äußeren Färbung+ (χρῶσις, Chrósis) nahe Zusammenhänge walten, lehrte bereits ~Philolaos~; bei der Entstehung des harten Erzes (der Bronze) aus weichem Kupfer und Zinn, die ~Empedokles~ mit der des „harten“ (= unfruchtbaren) Maultiersamens aus dem „weichen“ Pferde- und Eselsamen in Parallele setzt, verschwindet daher nach ~Aristoteles~ das Zinn spurlos und wird unter Auflösung seiner Form zu einer Qualität des Kupfers, dem es (neben der Härte usf.) vor allem „Farbe“ verleiht, nämlich die des Goldes, -- und diese aristotelische Darlegung erlangt hohe geschichtliche Wichtigkeit, da die Stoïker, sowie ihre Nachfolger, und auch noch ~Plotinos~ sie als Schulbeispiel benützen. Ganz so, wie nach ~Aristoteles~ beim Reifen der Früchte und auch beim Backen des Brotes aus dem Teig (μάζα, Máza) die Veränderung der Qualitäten unter entsprechendem Farbenwechsel erfolgt, kann dies auch bei dem von ihm gelehrten allmählichen Wachsen und Reifen der Metalle angenommen werden; behauptet er doch, daß „feuerfarbige“ (Legierung) und Gold, Zinn und Silber, sowie andere nach Farbe und daher auch nach sonstigen Eigenschaften ähnliche Metalle leicht gegenseitig ineinander überzugehen vermögen.

Sichtlich schließen sich diese Anschauungen des ~Aristoteles~ jenen des ~Platon~ an, betreff derer nur erinnert sei: an die Theorie von der Urmaterie als dem gemeinsamen Substrate der vier Elemente, an die Möglichkeit allgemeiner gegenseitiger Wandelbarkeit, an den ewigen Kreislauf der Elemente, der Verwandtes zusammen zu führen und nach Art einer eigentlichen „Vereinigung“ oder „Vermählung“ zu neuen Stoffen zu gestalten sucht, an die Verwandlung und Umbildung der Stoffe durch „Trennen und Vereinigen“, an das allmähliche Hervorgehen von Gold und Silber aus unedlen Metallen (und umgekehrt) in der Natur, an die obherrschende Stellung und symbolische Bedeutung des Goldes usf.

Diese Lehren des ~Platon~ und die analogen des ~Aristoteles~ über das Zusammentreten und die Verwandlung der vier Elemente und ebenso die auf die vier „Säfte“ (Blut, Schleim, gelbe Galle, schwarze Galle) bezüglichen der Hippokratiker führen, wie schon ~Prantl~ hervorhob, zum Schlusse, daß Grundlage jeder qualitativen Veränderung, chemischer wie medizinischer Art, ein +Zufügen+ oder +Wegnehmen+ sei. Nach ~Aristoteles~ gehen die Elemente aus der Urmaterie hervor, empfangen ihr spezifisches Wesen durch die in zwei Gegensatz-Paaren auftretenden vier Qualitäten, und bilden selbst wieder das Substrat der Einzeldinge, die sich aus ihnen unter dem Einflusse der höheren begrifflichen Form gestalten. Hiernach zeigt sich die qualitative Wandlung in letzter Linie abhängig von einem Zufügen oder Wegnehmen von +Qualitäten+, und da ihre erste Ursache (wie die +aller+ Vorgänge, auch derer des Lebens und der seelischen) im weltbeherrschenden Kreislaufe des Himmels und der Gestirne liegt und vom göttlichen Äther ausgeht, ist auch sie keine materielle; je nach dem Überwiegen der aktiven oder passiven Kräfte (heiß und trocken; kalt und feucht) in den Elementen, sowie der aktiven oder passiven Elemente (Luft und Feuer; Erde und Wasser) in den Einzeldingen, gestaltet oder verändert sich also deren Beschaffenheit.

Wie an fast allen von ~Aristoteles~ aus- oder vorgebildeten Lehren (z. B. jener von der Antiperístasis) nahmen auch an den vorstehenden schon die Peripatetiker gewisse Abänderungen vor, indem sie in stets wachsendem Umfange an die Stelle der dynamischen Erklärungen solche durch das Pneuma (spiritus) treten ließen, die namentlich unter dem Einflusse der als „Pneumatiker“ bekannten Ärzte und ihrer Schule in immer allgemeinere Aufnahme kamen. Weit tiefer greifende Umgestaltungen gingen jedoch von der Stoa aus: da ihr die Qualitäten +körperlicher+ Natur waren, die Körper aber vollständiger Durchdringung und demnach die Qualitäten einfacher Summierung fähig erschienen, so konnte das Zubringen der zur Erzielung einer Umwandlung erforderlichen neuen +Qualität+ durch Beifügung eines neuen +Stoffes+ bewirkt werden, der mit dem alten völlig verschmilzt. Nun trägt aber nach stoïscher Anschauung alles Bestehende gleichzeitig materiellen und logischen Charakter: der +stofflichen+ Seite, d. i. der +Materie+ oder +Hyle+, gleichwertig erweist sich die +logische+, d. i. der +Logos+, der in allem Sein als vernünftiger Gedanke waltet, sich in der „Form“ der Dinge äußert (die zugleich ihr Zweck und Begriff ist), ihrem Wesen als „immanente Zweckmäßigkeit“ zugrunde liegt und identifiziert wird mit dem warmen, lebenzeugenden und -erhaltenden, alles durchdringenden und mit Spannung (τόνος, Tónos) erfüllenden Pneuma, sowie mit dem zum fünften Elemente herabgesetzten und gröblich materialisierten Äther. Feuer und Luft, die als leichte und feine Elemente von hoher Spannkraft das warme und aktive Prinzip (das Pneuma) darstellen, durchdringen hierbei Wasser und Erde, die als schwere und dichte Elemente von geringem Tonus dem kalten und passiven Prinzip (der Hyle) entsprechen, und erfüllen, gliedern und formen so alle Einzeldinge. Zwischen dem passiven und qualitätslosen Stoffe und dem mit der „treibenden Kraft“ des Zweckbegriffes gestaltenden Logos ist jedoch eine Vermittlung nötig; zugeteilt wurde sie in Anknüpfung an die Rolle, die der +Samen+ (Sperma) bei ~Aristoteles~ spielt, den „Lógoi spermatikói“: diese gelten als die allgemeinsten, jeglichem Seienden zugrunde liegenden, vernunftgemäßen Keime der Entfaltung, als bildendes, individualisierendes, der Materie die (platonischen) Ideen einpflanzendes Prinzip, als eigentliches Wesen der Naturkräfte, das alle Dinge im Innersten zusammenhält, als ihre Quintessenz, ihr Lebensgeist, ihre Seele. In dem bei den Stoïkern üblichen Schulbeispiele für das Hervorgehen eines bestimmten neuen Stoffes, eines Individuums selbständiger Art, vermöge der Einwirkung des Logos auf die Materie, nämlich der Umwandlung des Kupfers in Bronze durch das Zinn nach ~Aristoteles~, ist es also das Zinn, dessen Lógoi spermatikói jene neue Qualität hinzubringen, durch deren Aufnahme das Kupfer in Bronze übergeht: Kupfer (d. i. Urmaterie + n Qualitäten) + 1 neue Qualität = Urmaterie + (n + 1) Qualitäten = Bronze. Diese im Grunde aristotelische Anschauung birgt u. a. die Quelle der bis tief in die Neuzeit hinein festgehaltenen Theorie[3346], daß jede besondere Eigenschaft eines Körpers auch einen besonderen Bestandteil als ihren Träger voraussetze.

Die +Neupythagoräer+ nahmen ebenfalls die beiden Prinzipien der passiven Hyle und des aktiven Logos an und ließen die Logoi, als Qualitäten der Dinge, zusammenfallen mit den Formen des ~Aristoteles~, den Ideen des ~Platon~ und den Zahlen des ~Pythagoras~; bei ~Philo~ ist der Logos zugleich auch Äther und πνεῦμα θεῖον (göttliches Pneuma), und der gestaltenden Kraft der Logoi fällt die Weltenbildung zu, wobei sie zunächst die Materie in grobe und feine, weiterhin aber erstere in Wasser und Erde, letztere in Luft und Feuer zu teilen haben, welche Paare aber auch wieder als Repräsentanten des eigentlichen kalten und passiven Stoffes, sowie des heißen und aktiven Pneumas gelten. Für die +Neuplatoniker+ endlich bestanden die Körper aus der Hyle als Materia prima und dem Logos als Inbegriff der Qualitäten, die als Lógoi spermatikói individualisierend wirken und als „zeugende Formen“ oder „Samen“ von „mystisch-dämonischer Kraft“ allem Vorhandenen das Sein verleihen; der intellektuelle Logos, d. i. Vernunft und Sprache, die einst die Götter den Menschen durch ihren geflügelten Boten ~Hermes~ (~Merkur~) vom Himmel herabsandten, weiterhin aber auch der allgemeine, sämtliche Dinge des Weltgebäudes hervorbringende und durchdringende, wird im Anschlusse an die Stoïker mit ~Hermes~ (~Merkur~) identifiziert.

Da man bei der Darstellung der Arzneien das Zumischen eines weiteren Bestandteiles als επιβάλλειν (+projizieren+) zu bezeichnen pflegte, so ist es sehr wahrscheinlich, daß dieser Ausdruck auch auf das Einwerfen oder Einstreuen der chemischen Zusätze Anwendung fand, z. B. des Zinnes zum Kupfer, und daß daher tatsächlich dem Worte für Streupulver, d. i. ξήριον (Xérion), der spätere arabische Name aliksîr, d. i. Elixir, entsprang; erst weiterhin wurde dieser vorzugsweise auf ein ganz bestimmtes Streupulver angewandt, und zwar auf jenes, dem die Eigenschaft zukommen sollte, unedle Metalle in edle zu verwandeln, also auf das Pulver jenes Präparates, dem man den mystischen Namen „philosophischer Stein“, „Stein der Philosophen“ oder „Stein der Weisen“ erteilte. Ist nämlich, wie schon ~Platon~ lehrte, alles wandelbar, kann in stetigem Kreislaufe der Elemente und im endlosen Strömen „von unten nach oben und von oben nach unten“ Jegliches in ein Anderes übergehen, läßt die +Natur+ das Gold aus Silber, Kupfer oder Eisen und diese wieder als Produkte eines stufenweisen Abbaues aus jenen „verwandten“, aber edleren Metallen entstehen, -- warum sollte dann nicht auch der +Mensch+ vermögen, Kupfer oder Silber in Gold überzuführen, sei es auf allmählichem Wege unter Nachahmung des langsamen Wachsens und Reifens, sei es auf raschem und praktisch allein in Betracht kommenden unter anfänglicher Rückführung in den Zustand der gemeinsamen Urmaterie (der Materia prima) und darauf folgender Umgestaltung? Auch hier zeigt sich wieder die hohe Bedeutung und entscheidende Rolle der „+Schwärzung+“, denn die form- und gestaltlose, chaotische, in Schatten und Finsternis liegende Urmaterie ist die unentbehrliche Durchgangsstufe und notwendige Vorbedingung der weiteren Verwandlung. Diese erfolgt durch βαφή (Färbung, Tinktion), wobei der innere Vorgang durch den Wechsel der Farben auch äußerlich sichtbar wird; demgemäß sind Tinktion und Tinktur von ganz außerordentlicher Wichtigkeit, da umgekehrt aus dem Eintritt der gewünschten äußeren Färbung auch wieder auf den der inneren Umwandlung zurückgeschlossen werden kann. Die neuen +Qualitäten+, die zwecks Stattfindens der Transmutation einzuführen sind, haften an dem zuzusetzenden +Präparat+, dem philosophischen Stein, der wie ein Samen und daher schon in äußerst geringer Menge wirkt und in seiner Vollendung, den „uralten“ Mysterien der Orphiker gemäß, gleich deren „ovum philosophicum“ (philosophisches Ei, Weltenei) die Keime aller Dinge in sich enthält; man gewinnt ihn aber in solcher Vollkommenheit durch Vermählung des weiblichen reinsten noch unberührten Stoffes (Materia prima, himmlische Hyle, Jungfernerde, Jungfernmilch, ...) mit dem aktivsten Prinzip des männlichen Logos, weshalb er auch selbst als Keim, Embryo, Homunculus, Hermaphrodit betrachtet wird. Die Gleichstellung seiner Lógoi spermatikói mit den Qualitäten, Samen und Seelen führt dann dazu, von den „Seelen“ und den „Samen“ des Goldes, Silbers, Schwefels, Quecksilbers zu sprechen, unter denen die Quintessenzen oder „Geister“ dieser Dinge zu verstehen sind[3347], das „philosophische“ Gold und Silber, „unser“ Gold und Silber, im Gegensatze zu den gewöhnlichen, natürlich vorkommenden. Die Identifikation des Logos mit dem Äther, dem Pneuma, dem Luftgeist (spiritus), der Lebenskraft usf. gab weiterhin dazu Anlaß, den philosophischen Stein aus Äther, Luft, Sternschnuppen-Substanz u. dgl. bereiten zu wollen, aber auch, in Ansehung der Parallelität des Makro- und Mikrokosmos, aus den Produkten der Lebenskraft in der „kleinen Welt“, besonders aus den „heißen“ Exkreten[3348]; des ferneren erklärt sie, und zwar auf Grund der nämlichen Anschauung, sowie der Symbolisierung des Goldes als reinsten, edelsten und himmlischen Elementes, daß dem philosophischen Stein auch psychische und religiöse Wirkung zugeschrieben wurde, sowie die Eigenschaft eines Allheilmittels gegenüber Krankheit, Alter und Tod, die ja nach ~Platon~ sämtlich allein auf unrichtiger Verteilung oder Umsetzung der Elemente beruhen.

Die seit den Zeiten der jüngeren Stoïker unentwegt zunehmende Hinneigung der philosophischen Schulen zum morgenländischen +Aberglauben+ in seinen verschiedenen Formen, namentlich zur Astrologie und Dämonologie, zu ekstatischen und eschatologischen Träumereien von Wiederbelebung und Auferstehung usf. macht auch den wachsenden Einfluß derartiger Anschauungen auf die entstehende und in Entwicklung befindliche Alchemie begreiflich, um so mehr, als sich z. B. die aristotelische Lehre über die Abhängigkeit aller materiellen Veränderungen vom Kreislaufe der Gestirne, oder die stoïsche über die Beziehungen des Logos zur „Ordnung am Sternenhimmel“ leicht in entsprechender Weise umdeuten ließen. Dieses Eindringen ägyptischen und orientalischen Gutes und sein Verschmelzen mit dem Inhalte der griechisch-philosophischen Überlieferung blieb den klareren Köpfen keineswegs verborgen und wird im allgemeinen von zahlreichen Schriftstellern zutreffend anerkannt und erörtert; zur richtigen Einsicht im einzelnen gelangten sie jedoch allerdings nicht, schon weil für die Griechen, wie bereits weiter oben erwähnt, babylonische, chaldäische, assyrische und persische Traditionen bereits in früher Zeit ununterscheidbar zusammenflossen, in späterer aber meist gleich von vornherein als identisch angesehen und behandelt wurden.

Den Griechen galten zwar die Sterne seit altersher als göttliche Wesen, aber erst verhältnismäßig spät empfingen sie aus dem Orient (nicht aus Ägypten) die Lehren von den babylonischen Sterngöttern und persischen Sterndämonen, von den männlichen, weiblichen und mannweiblichen Planeten-Gottheiten, -- ~Venus~ und ~Merkur~, die man ursprünglich als Morgen- und als Abend-Sterne beobachtete --, von der Beziehung zwischen den Planeten und den Göttern, deren Namen sie tragen, von der Emanation, durch die sie nach chaldäischer Anschauung ihre Naturen, Kräfte und Farben auf Tiere, Pflanzen, Mineralien, Metalle usf. übermitteln, und von dem Einflusse, den sie auf alle irdischen Vorgänge bis ins Kleinste hinein ausüben. Nur allmählich erfolgte ihre Annahme, und völliges Gemeingut der entsprechenden Kreise waren sie erst seit der Zeit der jüngeren Stoïker und Neupythagoräer. In Ägypten, -- woselbst diese vorzugsweise wirkten, wo seit Beginn der synkretistischen Periode „persische“ Magier eine immer lebhaftere Tätigkeit entfalteten, wo hellenisierte Juden und Ägypter unter Benützung der gesamten anonymen Priesterlitteratur eine Flut apokrypher und pseudepigraphischer Schriften ans Licht förderten und sie dem bald mit ~Henoch~, bald mit ~Thot~ identifizierten ~Hermes~ unterschoben --, vollzog sich dann die Verquickung jener orientalischen Lehren mit geeigneten ägyptischen, freilich oft schon selbst arg entstellten; zu diesen zählte u. a. die vom Ei aus dem Urwasser ~Nun~, das die Keime des Weiblichen und Männlichen in sich birgt, von der Sonne als dem Ei des Skarabäus, von der Bestattung der mit Binden umwickelten Leiche des ~Osiris~, seiner durch das Wasser des Lebens bewirkten Wiederbelebung und Auferstehung usf. Als bezeichnendes Ergebnis der vollzogenen Verquickung anzusehen ist u. a. die Legende von der Statue des ~Osiris~ aus den sieben Metallen und vier edlen Gesteinen Ägyptens, in der auch wieder die Identifizierung dieses Gottes mit ~Pan~ zutage tritt, den schon die jüngere Stoa dem ~Chnum~ gleichgesetzt hatte.

Die nahe Verbindung, in der die Alchemie von Anfang an mit der Magie, Dämonologie und Astrologie steht[3349], gibt Aufschluß über verschiedene auffällige Zusammenhänge. Da z. B. die Stellungen der Gestirne die richtigen Zeiten für Ehe, Konzeption und Entwicklung des Fötus anzeigen, sind sie auch äußerst wichtig zur Erkenntnis des „rechten“ Augenblickes für die „Vermählung“ der Bestandteile beim „großen Werke“; daher hat der Alchemist den Verlauf der Sternbewegungen und die Konstellationen der Sterne genauestens zu beobachten[3350] und eifrig jene Betrachtung des gestirnten Himmels zu pflegen, die nach den Stoïkern, Gnostikern, Neuplatonikern und Ssabiern in so hohem Grade die Erlangung der rechten Erkenntnis (γνῶσις, Gnosis) fördert, zugleich aber auch die ihrer drei Hauptgaben: Reichtum, Gesundheit und Unsterblichkeit. „Heilige und göttliche Vorschriften“ sind es, wie ~Zosimos~ bezeugt[3351], die die Beziehungen der sieben Planeten zum großen Werke, zum philosophischen Steine sowie zu den sieben Metallen regeln, und nur dem Sternkundigen erschließen sie sich völlig, da doch „wie jedermann weiß“ die Astrologen es waren, die das Kupfer der ~Aphrodite~ zuschrieben und das aus Kupfer, Zinn, Silber oder anderen Metallen bestehende Elektron dem ~Zeus~[3352]; demgemäß müssen, wie es am ausführlichsten die Ssabier überliefern, die Planetengötter in Gestalt von Idolen aus den ihnen eigentümlichen Metallen und durch Opfergaben der ihnen zugehörigen Tiere und Pflanzen verehrt werden, denn wie die Sonne das Gold hervorbringt, so erfreut sie sich auch wieder vorzugsweise am Golde usf. Als Diener der Planeten und ihrer Gottheiten unterliegt daher, gleich dem Astrologen nach ~Firmicus~, auch der Alchemist dem Gebote kultischer Reinheit, äußerer wie innerer; er muß sich der Einweihung unterziehen, den Eid der Mysten schwören, unbedingte Verschwiegenheit geloben und darf über die ihm offenbarten Geheimlehren und ihre „Verfeinerung und theoretische Begründung durch Anlehnung an die Philosophie“ entweder überhaupt nicht schreiben, oder (laut der von ~Clemens Alexandrinus~ mitgeteilten Anweisung) bloß +so+, daß er das Wesentliche in Form von Rätseln, Gleichnissen, Allegorien und Metaphern im Dunkeln läßt und den Leser völlig in die Irre führt. Nur der kultisch Reine kann zum „Vollendeten“ (τέλειος, Téleios) werden, und wie dieser selbst „umgeschaffen“ ist durch Metabolé, durchdrungen von der Fähigkeit geistiger „Krasis und Mixis“, erfüllt von „totenerweckender Kraft“ (δύναμις τῆς μεταβολῆς der Gnostiker), so vermag er auch wieder zu wirken: er wird „umschaffen“, sich als Künstler der Krasis und Mixis an Metallen und Legierungen bewähren und die in den Abýssos (Abgrund), in die Unterwelt, in die große Finsternis eingegangenen „Toten“ wiederbeleben, oder, wie es in den sog. „~Oden Salomons~“ heißt, die gleich Blei in das Chaos hinabgesunkenen Hylai auflösen, erneuern und erwecken, durch das heilige Wasser, den „Tau des Herrn“, sie dem Dasein zurückgeben und aus der Schwärze der Hölle geläutert emporführen, „bis alles oben (ἄνω) ist“. Als kultisch Reiner wird er es so vermögen, der widerwärtigen und schlechten Materie Herr zu werden, die körperlich-gemeine Hyle mit Hilfe der geistig-göttlichen Pneumata, denen er gebietet, zu erheben und zu veredlen, sowie den sich in den Schwanz beißenden Drachen zu besiegen, der das Symbol der Finsternis ist; seine Anrufungen und Beschwörungen werden die guten, wohlwollenden und dem großen Werke günstigen Geister heranziehen und fesseln, -- z. B. den goldglänzenden „König ~Helios~“ (= Sonnengottheit des ~Ptolemaios~) oder den bald (wie bei ~Zosimos~) silberstrahlenden, bald im scharlachroten Herrschermantel erscheinenden „König ~Mithras~“ --, die bösen, neidischen und störenden aber bannen und fernhalten, z. B. den Drachen ~Uroboros~, den Schlangendämon ~Ophiuchos~[3353], den hinderlichen und hämischen ~Karkinos~ (κάρκινος, καρκινάς, καβούρι) = Krebs[3354], sowie den stets verneinenden Verderber ~Antimimos~ (αντίμιμον πνεῦμα der „Pistis Sophia“). Solche Gebete fördern daher das Gelingen des großen Werkes -- nicht anders als etwa, nach dem Berichte des ~Theophrastos~, die der Köhler das Entstehen vielen und guten Pechs[3355] --, und zugleich bilden sie den Maßstab für die Dauer der vorzunehmenden Operationen, ganz ebenso wie bis tief in die Neuzeit hinein z. B. die Länge des Vaterunsers oder Ave-Marias[3356].

Die Wichtigkeit der Pneumata für Veredlung und Läuterung der gemeinen Metalle erklärt die entscheidende +Rolle des ~Hermes~+, der als „Herr der Pneumata“ und „Gebieter der Lógoi spermatikói“ notwendigerweise auch Meister der „hermetischen“ Kunst sein muß, und desgleichen die des mit ihm identifizierten ~Thot~, ~Pan~ und ~Mithras~, deren jeder als Allgott und Inbegriff sämtlicher Elemente und Einzeldinge angesehen wird. Das Weltenei, sei es das in Gestalt eines Felsens gebildete der Iranier, das im Wasser der ~Nun~ schwimmende der Ägypter, oder das im Schoße des Alls geborgene der Gnostiker, trägt Himmel und Erde in sich, es ist ἓν καὶ πᾶν (Eines in Allem; Alles in Einem) und vermag daher +alles+ hervorzubringen, wie das einheitliche und einfarbige Pfauenei der Gnostiker und des ~Clemens Romanus~ das tausendfältig bunte Gefieder des fertigen Vogels. Das nämliche gilt betreff des großen Werkes: wie das Ei und wie der Mutterschoß dem Weltganzen vergleichbar ein „Gefilde der Entstehung“ sind, wie sich in der Matrix die Vierzahl der im schwarzen Menstrualblute enthaltenen Elemente unter dem Einflusse des aus dem Samen stammenden Pneumas zum Embryo ordnet, wie dank der „rechten“ Wärme die Reifung erfolgt, und schließlich, falls keine „Fehlgeburt“ störend eingreift, das neu entstandene Wesen als Menschlein das Licht erblickt, genau ebenso wird die zur „schwarzen Brühe“ gelöste Tetrasomie der Rohmetalle durch das an den philosophischen Stein gebundene Pneuma umgelagert, das Gebilde durch „mäßiges“ Feuer zurechtgeformt und zuletzt, soferne kein Mißgriff das Ergebnis vernichtet, das neu Gezeugte als Silber oder Gold zutage gefördert, -- zwar ein Kunstprodukt, aber doch das völlige Analogon des ἀνθρωπάριον (homunculus)[3357].

Die nach ~Prantl~ einer Verquickung aristotelischer und stoïscher Meinungen entsprungene Lehre, „daß man die Körper erst ‚körperlos‘ machen und sie dann durch das Pneuma in neuer Form erstehen lassen müsse“, ist daher eines der ältesten, schon der ~Maria~ wohlbekannten alchemistischen +Dogmen+[3358]. Zu diesen zählen ferner: die bereits dem ~Aristoteles~ geläufigen Prinzipien, „daß Gleiches Gleiches erzeugt, z. B. der Mensch neue Menschen, der Weizen neuen Weizen“, daß der Samen „nach Art einer Hefe wirkt“, und daß „ein kleiner Zusatz Hefe eine große Menge Brotteig (μάζα, Máza) in Gärung versetzt“, -- aus denen gefolgert wird, daß auch Gold neues Gold hervorbringt, daß die Entstehung des letzteren durch Beigabe von etwas fertigem Golde als „Samen“ gefördert wird, und daß schon eine Spur des philosophischen Steines genügt, um die Umwandlung bedeutender Massen der „Maza“ genannten Rohmetall-Mischung einzuleiten[3359]; die Annahme, daß eine Substanz, die die unrichtig verteilten Elemente in die „richtige“ Ordnung bringt und das Unreine vom Reinen trennt, auch Gesundheit und langes Leben, ja Unsterblichkeit verleihe, gleich der „Athanasía“ der ~Isis~[3360] oder der bei ~Plinius~ erwähnten „Panacéa“[3361] --, wie denn der philosophische Stein schon bei ~Synesios~ selbst die „große Krankheit der Armut“ heilt und nach einer bis in das späte Mittelalter hinein gewahrten Überlieferung „die sechs Aussätzigen“ gesund macht[3362]; der Satz: „Die Natur freut sich der Natur, besiegt die Natur, beherrscht die Natur“, den ~Firmicus~ einem medizinischen Werke des ~Nechepso~, und der unbekannte Verfasser der Scholien zu ~Lucanus~ der Schrift eines „antiquus poeta“ (nach ~Usener~ eines ποιητής = Alchemisten) entstammen läßt, der aber sicherlich der stoïschen Theorie von der Sympathie und Antipathie der Naturdinge zugehört und vermutlich durch ~Pseudo-Demokritos~ vermittelt ist; die wesentlich stoïsche und neuplatonische Gleichsetzung des Vorganges beim großen Werke mit der Entwicklung des Embryos im Mutterschosse oder im Ei, dem „Ei der Philosophen“; die der hermetischen Anschauung von der All-Einheit entsprungene Bezeichnung der goldergebenden Verwandlungsmasse als „ἓν καὶ πᾶν“, wobei das Sinnbild, die sich in den Schwanz beißende Schlange, babylonischer Herkunft ist[3363], der von ~Zosimos~ angeführte Zusatz „Gefunden ist der große ~Pan~!“ aber auf einen ägyptischen Geheimritus anspielt, usf.

Aus der Verbindung der Alchemie mit den übrigen priesterlichen Geheimwissenschaften, zu denen, wenigstens bis zu gewissem Grade, Heilkunde und Heilmittellehre mit zählten, dürfte sich auch der bei den Alchemisten ganz allgemeine Gebrauch sog. +Geheim+- oder +Decknamen+ erklären, die innerhalb der Medizin im letzten Grunde auf den Wunsch der Ärzte zurückgehen, ihren Mitbewerbern, aber auch den Kranken selbst, Natur und Zusammensetzung der von ihnen nicht nur verordneten, sondern meist auch zubereiteten und verkauften Arzneien zu verheimlichen. Derlei „hieratische“ Namen (ὀνόματα ἱερατικά)[3364] enthält anscheinend schon der medizinische „Papyrus ~Ebers~“, der gegen 1500 v. Chr. auf Grund mannigfacher, noch weit älterer Quellenschriften verfaßt ist; daß sie seither stets in Anwendung standen und blieben, beweist u. a. ein zuletzt im 2. Jahrhundert v. Chr. niedergeschriebener, 1885 von ~Leemans~ herausgegebener Papyrus, der eine ganze Sammlung solcher überlieferter Ausdrücke aufführt und erklärt, z. B. „Herz des Geiers“ = Absinthium, „Träne der ~Isis~“ = Verbena, „Auge des ~Typhon~“ = Scilla, „Blut des ~Ptah~ (~Hephaistos~)“ = Artemisia[3365], denen sich noch „~Herz~ des ~Hermes~“ = Moly (Allium nigrum?), „Blut der ~Athene~“ = roter Günsel, „Blut des ~Herakles~“ = Crocus[3366], sowie manche ähnliche, bei ~Plinius~, ~Dioskurides~ und anderen Autoren vorkommende anreihen ließen[3367]. In den alchemistischen Schriften, besonders in den jüngeren, tauchen ihrer, wie schon weiter oben angeführt wurde, sehr mannnigfaltige auf, darunter viele nur schwierig oder gar nicht zu deutende; erinnert sei z. B. an „Milch der schwarzen Kuh“ = schwarzen (rohen) Zinnober; „Lorbeerblätter“ = roten (sublimierten) Zinnober; „Blut der Tauben“ und „Blut der Krähen“ = Mennige oder roten Zinnober; „gelben Schwefel“ und „Sonnenwasser“ = Goldlösung in Quecksilber; „Blut des ~Saturn~“ = Mennige[3368]; „Knochen des ~Typhon~“ = Eisen[3369]; „Blut und Knochen des Drachens“, „Knochen der Perser“, „Knochen des Kupfers“ = verbrannte Metalle; „vier Füße des Drachens“ = Tetrasomie (Kupfer, Eisen, Blei, Zinn); „drei Ohren der Schlange“ = drei αἰθάλαι (Raucharten: des Schwefels, Arsens, Quecksilbers) usf.

Ähnlich wie viele +Namen+ erfuhren im Zeitalter des Überganges der Chemie in die Alchemie auch zahlreiche, ursprünglich rein technische +Bezeichnungen+, +Vorschriften+ und +Anweisungen+ gewisse Veränderungen und Umdeutungen in mystischem und abergläubischem Sinne, die als außerordentlich charakteristisch für den ganzen Vorgang dieser Umlagerung anzusehen sind. So wurde z. B. das „große Werk“ aus einer magischen Zeremonie zur alchemistischen Zauberhandlung; die Spaltung des als eiförmiger Felsen gedachten iranischen Welteneies in Himmel und Erde zum „mithrischen Mysterium des Steines, der kein Stein ist“; der mit dem rechten Geschick (τεχνικῶς) arbeitende Technit zum Meister der „hieratischen Geheimkunst“; das ursprünglich zwecks Aufbesserung der Mischungen zugefügte echte Silber und Gold zum „Samen“, der neues Silber und Gold hervorbringen, oder zur „Hefe“, die den Teig (Maza) in eine Art Silber- oder Gold-Gärung versetzen soll[3370]; die einstige bloße „Veränderung“[3371] zur eigentlichen „Verwandlung“ (z. B. der unedlen Metalle in edle); die Herstellung einer Gold vortäuschenden, „Blende“ (ἀμαυρά, ἀμαύρωσις) genannten Legierung zu der eines zauberischen, auch unsichtbar machenden Präparates[3372]; die Leinenstücke, in die eingebunden man z. B. die zu färbenden „Steinchen“ in die vorgeschriebenen Flüssigkeiten bringt[3373], gehen in die Leinenbinden über, in die man den „Toten“, den „~Osiris~“, den „Leichnam des ~Osiris~“ (d. i. das unedle Metall) gleich einer Mumie so einwickelt, daß nur das Haupt des Toten (das „caput mortuum“) sichtbar bleibt, und in die gehüllt man ihn der „Wiederbelebung“ (als Edelmetall) entgegenführt[3374]; aus dem einfachen „Einwerfen“ (ἐπιβάλλειν) der Zutaten wird das magische „Projizieren“; aus dem einzuwerfenden Mittel (φάρμακον = medicina) oder „Streupulver“ (ξήριον, Xérion) der mystische Erreger der Transmutation, das „Xerion“ (aliksir der Araber = Elixir); aus dem „schwefligen Wasser“ (θεῖον ὕδωρ) das gleichnamige göttliche[3375]; aus dem Gold lösenden Mineral Chrysokolla das ebenso benannte Gold hervorbringende Wundermittel[3376]; aus dem ἀρῥένικον oder ἀρσενικόν, d. i. „Arsen“[3377], das gleichlautende „männliche“ (scil. Prinzip); aus dem silber- oder goldglänzenden Stein „Androdámas“, den die Magier Zorn und Wut der Menschen besänftigen ließen[3378], der giftige (aus stark arsenhaltigem Pyrit bestehende) „Androklástes“ = „Menschenvernichter“[3379], „der bei den Ägyptern zugleich das so höchst gefährliche 63. Lebensjahr bezeichnet“[3380], usf. In ganz analoger Weise betrachtet man die der Metallverwandlung dienenden Gefäße, Sublimations- und Destillations-Apparate als „Tempel der Metall-Götter“[3381]; die „Toten“ (= die vier unedlen Metalle) sinken „wie Blei“ in ihre Tiefe, den „Hades“, den „Abýssos“, den „Abgrund des Chaos“; sie werden dort wiederbelebt durch das „göttliche Wasser“ = „Wasser des Lebens“; sie gelangen, von seinem Pneuma erfüllt und neubeseelt, zur „Auferstehung“; es vollendet sich die „Erhebung der Wolke“, κάτω-ἄνω, zum Oberteile des Kolbens, zur „Höhe des Firmamentes“, zum „Deckel des ~Knuph~“; die Elemente ordnen sich im „Gefilde der Entstehung“ zu einem neuen Wesen, und dem „Priester“, der die „Toten“ gewickelt, der Tarichéia unterworfen und der „hermetischen“ Kunst gemäß zur „rechten“ Zeit mit den „heiligen Wässern“ behandelt hat, wird endlich die Genugtuung, sie dem „Grabe“ in der „verklärten“ und verjüngten Gestalt „Neugeborener“, als „Vollendete“ (τέλειοι), entsteigen zu sehen und so mit Hilfe der „Gnade von oben“ das große Werk der Verwandlung glücklich vollendet zu haben, -- natürlich allein des wissenschaftlichen Interesses wegen und ferne jeder eigennützigen Absicht.

6. Bemerkungen über einige Alchemisten und ihre Schriften.

a) Pseudo-Demokritos.

Schon weiter oben wurde darauf hingewiesen, daß das Hervorgehen der Gestalt des ~Pseudo-Demokritos~ als Magiers, Astrologen, Wunderarztes, Alchemisten usf. aus jener des ebenso scharfsinnigen wie naturkundigen Philosophen ~Demokritos~ (gest. um 360 v. Chr.) zu den merkwürdigsten Erscheinungen der gesamten Geschichte der Wissenschaften zählt. Den ersten Ausgangspunkt dieser auffälligen Entwicklung scheint das Wanderleben des echten ~Demokritos~ gebildet zu haben. Langjährige Reisen, deren Umkreis die Folgezeit immer weiter ausdehnte, führten ihn angeblich bis zu den entferntesten Völkern Asiens und Afrikas, den Indern und Äthiopen, ließen ihn die vielseitigsten Erfahrungen schöpfen und derartige Kenntnisse in den reinen Wissenschaften (Zoologie, Botanik, Mineralogie, ...), aber auch in den angewandten (Sternkunde, Meteorologie, Technik, ...) gewinnen, daß er zwar den einen als „typischer Vertreter der Vielwisserei“ erschien, dafür aber den anderen als Mann von fast übernatürlichen Fähigkeiten[3382]. Diese sollte er dann entweder im Umgange mit ägyptischen und chaldäischen, persischen und arabischen Zauberern und Magiern erworben haben[3383], oder dank absonderlicher Funde, wie denn z. B. ~Plinius~ erzählt, er habe aus dem Grabe des ~Dardanos~, „des Stammvaters der Trojaner, des Begründers der samothrakischen Mysterien und der Magie“, dessen verborgene Geheimschriften zutage gefördert[3384].

Von den (etwa 80) Werken, als deren Verfasser ~Demokritos~ gilt[3385], und deren Titel meist fragwürdigen Alters sind[3386], besitzen wir nur noch spärliche Bruchstücke, deren ausgezeichnete Zusammenstellung durch ~Diels~ ersehen läßt, daß ~Demokritos~ in der Tat der klare, bestimmte und einflußreiche Denker war, als den ihn schon ~Aristoteles~ preist, und der er auch gewesen sein +muß+, sollte sein bloßer Name hinreichen, um untergeschobenen Nachahmungen entsprechende Beachtung zu sichern. Wann man solche vielfach wohl an Echtes anknüpfende Pseudepigraphen abzufassen begann, steht nicht sicher fest, doch dürfte es zuerst bald nach 300 v. Chr. der Fall gewesen sein, denn schon um 250 (oder etwas später) tritt der wichtigste und bereits völlig systematische Fälscher auf, ~Bolos~ von ~Mende~ (oder Mendes) in Ägypten[3387]. Unter dem Namen des ~Demokritos~ gab er verschiedene Werke magischen, astrologischen, medizinischen und landwirtschaftlichen Inhaltes heraus, erfüllt von zauberischen, mystischen und mantischen Ideen aller Art, vom Glauben an gute und böse Geister, die sich durch Zeichen, Weissagungen und Träume kundgeben, usf.[3388], ferner eine Art Enzyklopädie, in der er die Ergebnisse griechischer Wissenschaft und ägyptischer Technik mit den angeblich uralten Überlieferungen persischer Magier (~Zoroaster~, ~Ostanes~, ...) zu vereinigen suchte, und deren Titel „χειρόκμητα καὶ φυσικὰ δυναμερά“ (etwa = „Wirkungen künstlicher und natürlicher Kräfte“) gelautet zu haben scheint[3389]. Aus ihr gingen vermutlich zunächst die vier βίβλοι βαφικαί (= Färbebücher) hervor, handelnd über das „Färben“ (= Machen, Nachahmen, Fälschen) des Goldes und Silbers, der Edelsteine (Perlen) und des Purpurs (περὶ χρυσοῦ, ἀργύρου, λίθων, πορφύρας), weiterhin aber die unter dem Namen „Physica et Mystica“ (etwa = „Natürliches und Übernatürliches“) bekannten Schriften, von denen allen wir nur geringe, vielfach abgeänderte, durch späte Umarbeitungen[3390] entstellte Reste und Auszüge besitzen; soweit diese, -- noch dazu in der sehr mangelhaften Redaktion ~Berthelots~ --, einen Rückschluß gestatten, umfaßte der ursprüngliche Inhalt eine große Anzahl sehr verschiedener Rezepte, teils wirklich ausführbarer, teils ganz unmöglicher, und zwar waren letztere zumeist an mystische, magische, religiöse, philosophische und theologische Vorschriften oder Formeln gebunden und gemäß der (von den „Astrologúmena“ des ~Petosiris-Nechepso~ her bekannten) Gewohnheit der alexandrinischen Synkretistiker aus griechischen, ägyptischen und orientalischen Bestandteilen zusammengefügt[3391].

Weitere Pseudepigraphen des ~Bolos~ von ~Mende~ waren die Bücher „Über Sympathien und Antipathien“, anscheinend die ersten und daher wirkungsvollsten ihrer Art[3392], deren Überbleibsel wir jedoch nur aus Umarbeitungen ganz später, wohl erst byzantinischer Zeit kennen[3393], ferner die Abhandlungen über die astrologischen Vorzeichen (περὶ σημείων), über die Wunderdinge (περὶ θαυμασίων], über den Landbau (περὶ γεωργίας), sowie über die zauberischen und abergläubischen Eigenschaften der Pflanzen, in denen neben ~Pseudo-Demokritos~ auch ~Pseudo-Orpheus~ und ~Pseudo-Pythagoras~ als maßgebende Autoritäten auftreten[3394]. Endlich reihen sich diesen auch noch Schriften medizinischen Inhaltes an, denn schon dem ~Celsus~, dessen „De medicina libri octo“ um 30 n. Chr. vollendet sind, gilt ~Demokritos~ als einer der ältesten und hervorragendsten Ärzte, ja als Lehrer des ~Hippokrates~[3395], und in gleichem Sinne zitiert ihn noch ~Caelius Aurelianus~ (5. Jahrhundert) in „De morbis acutis et chronicis“[3396]). Ferner entstanden vermutlich im 4. und 5. Jahrhundert zu Alexandria jene griechischen Sammelwerke, auf die die „Ephemeriden des ~Demokritos~“, die „Prognostika des ~Demokritos~“, die „Tafeln des ~Demokritos~“ (zur Vorausbestimmung des Krankheits-Verlaufes) u. dgl. zurückgehen, die dann etwa von 700 an in Unteritalien ins Lateinische übersetzt wurden, und an die sich, bis in das 9. Jahrhundert herab, die den Namen des ~Demokritos~ führenden Zusammenstellungen anreihen, in denen sich wissenschaftlich richtige und rationelle Vorschriften nicht selten mit magisch-medizinischen und abergläubisch-sympathetischen absonderlichster Natur in völlig kritikloser Weise untermischt zeigen[3397]. Ihre angebliche Auffindung in Grüften, vergrabenen Gefäßen usf. ist ein charakteristischer Zug aus der hellenistischen Offenbarungs-Litteratur, die (wie weiter oben schon öfter erwähnt) wichtige oder für wichtig erachtete Mitteilungen und Entdeckungen an Könige, Heroen und Weise der Vorzeit oder an Götter, Dämonen, Geister usf. anzuknüpfen liebt[3398].

Schon durch den alexandrinischen Dichter und Schriftsteller ~Kallimachos~ (310-240) wurde ~Bolos~ als Betrüger entlarvt[3399], aber ohne dauernden Erfolg, denn während z. B. ~Columella~[3400] (gest. gegen 66 n. Chr.) und später auch ~Aulus Gellius~[3401] (gest. um 180 n. Chr.) ihn als Fälscher kennen und bezeichnen, äußert ~Plinius~ (gest. 79 n. Chr.), der den sog. ~Demokritos~ unzählige Male zitiert, nie den geringsten Verdacht[3402] und trug daher angesichts seines ungeheuren und nachhaltigen Einflusses nicht wenig dazu bei, das Ansehen des vermeintlichen „großen Philosophen“ in dauernden Ehren zu erhalten; er selbst schöpfte übrigens seine einschlägigen Kenntnisse, wie in zahlreichen anderen Fällen so auch hier, nur aus zweiter Hand, nämlich aus den Schriften seines Zeitgenossen, des ägyptischen Arztes ~Xenokrates~ von ~Aphrodisias~, die die Hauptquelle der von Aberglauben aller Art erfüllten Abschnitte 28-30 der „Naturgeschichte“ darstellen[3403]. Ein etwas älterer Vermittler ähnlicher Art ist der zur Zeit des Kaisers ~Augustus~ lebende ~Anaxilaos~, dessen ~Plinius~, sowie die Vorlagen des „Stockholmer Papyrus“ Erwähnung tun. Nach ~Diels~[3404] hat man als wahrscheinlich anzunehmen, daß vielerlei Angaben des Leidener und Stockholmer Papyrus den Kompilationen des ~Anaxilaos~ und seinesgleichen entlehnt sind, und daß uns durch sie Teile der sog. „Cheirókmeta“ in ihrer mehr oder weniger ursprünglichen Gestalt erhalten geblieben sind, d. h. in derjenigen, die (im Anschlusse an die alten Rezepte der Tempelwerkstätten usf.) noch ganz offen auf Täuschung durch geschickte Nachahmung von edlen Metallen und Steinen hinauslief. In Übereinstimmung hiermit steht, wie schon weiter oben (den Annahmen ~Berthelots~ und ~Riess~’ gegenüber) hervorgehoben wurde, der klare Inhalt und die unverhohlene Sprache dieser Papyri: die künstliche Gewinnung von Gold, Silber, Edelsteinen und Farbstoffen heißt einfach σκευή (Skeué, Herstellung), Weißen und Gilben erfolgen durch Firnissen, Überfangen, Legieren, Putzen und Polieren, Di- und Triplosis durch geeignete Beimischungen, die μᾶζα ἀνέκλειπτος ist eine durch Zusatz unedler Metalle immer weiter verschlechterte Masse, das ὀθόνιον ein Stück Leinwand zum Einwickeln, das ὕδωρ θεῖον eine aus Schwefel bereitete Lösung oder Schmelze, ἀλλοιοθῆναι bedeutet eine äußerliche Veränderung (z. B. durch Umfärben), ἐπιβάλλειν ein Zugeben oder Einwerfen, usf.

Erst in der Periode neu einsetzender und alsbald mächtig fortschreitender Entfaltung des Zauberwesens und der Magie, also wohl frühestens im letzten Drittel des 1. nachchristlichen Jahrhunderts, beginnt, anknüpfend an die „Cheirókmeta“, an die bei ~Seneca~ (aus ~Poseidonios~) überlieferten Rezepte zum Erweichen des Elfenbeins, Verwandeln der Glasflüsse in Smaragd u. dgl., die eigentlich +alchemistische Umgestaltung+ der Schriften des ~Demokritos~[3405]. So zahlreich und mannigfach nämlich die Zitate der älteren Autoren sind (vor allem die des ~Plinius~), +niemals+ findet sich unter ihnen ein von Alchemie handelndes, oder auch nur von ferne auf sie anspielendes, auch da nicht, wo die Gelegenheit sich von selbst böte: so z. B. erwähnen die Quellen der Abteilung V des Leidener Papyrus ~Demokritos~ (neben ~Ostanes~) als Seher, Magier und Verfasser eines Rezeptes zur ἴωσις (Iosis, Rötung) des Goldes[3406], und die des etwa gleichzeitigen „Papyrus ~Kenyon~“ überliefern eine Vorschrift „zum Fälschen von Münzen nach ~Demokritos~“[3407], setzen diesen also etwa in Parallele mit ~Pabapnidos~, „dem Gauner und Betrüger“, dem offenbar zu gleichem Zwecke (der syrische) ~Zosimos~ die Erfindung des Messings und der Bronze zuschreibt, -- mit keinem Worte aber ist von ~Demokritos~ als Alchemisten oder Goldmacher die Rede. Den späteren Bestrebungen, ihn als solchen zu kennzeichnen, scheint ein bisher nicht genügend beachteter Umstand großen Vorschub geleistet zu haben; unter den dem echten ~Demokritos~ zugeschriebenen Werken, deren Titel überliefert sind, befinden sich nämlich auch solche περὶ λίθου, περὶ τῆς ποιήσεως und περὶ χαμαιλέοντος[3408], die ursprünglich zweifellos den schlechtweg als „Stein“ (λίθος, Líthos) bezeichneten Magnetstein, die Dichtkunst (Poíesis) und das Tier Chamäleon betrafen, in einer bereits von alchemistischen Ideen erfüllten Zeit aber mit Leichtigkeit so hingestellt werden konnten, als wäre der „Stein“, von dem sie gehandelt hätten, der „Stein der Weisen“ gewesen, die „Poiesis“ das „Machen“ von Gold und Silber, und das „Chamäleon“ die „Chemie“, für die (wie schon weiter oben angeführt) dieser anspielende und anklingende Name wohl schon ziemlich frühzeitig in Aufnahme kam.

Einer ähnlichen Umformung wie die Darstellung der vermeintlichen Hauptgedanken des ~Demokritos~ unterlag auch die Schilderung seiner vorgeblichen Lebensschicksale. Die älteste Überlieferung meldete, er sei, als er nach Ägypten kam, von den Priestern des Tempels zu Memphis in ihre Geheimnisse eingeweiht worden und habe das von ihnen Erlernte in jenen vier Büchern (τόμοι = Rollen) von den „Färbekünsten“ niedergelegt, als deren Verfasser ihn ~Synesios~ (um 400) und ~Georgios Synkellos~ (um 800) rühmen[3409]; in der Folgezeit wurde sie zunächst dahin abgeändert[3410], daß die Einweihung nicht mehr durch die Priesterschaft als solche erfolgte, sondern allein durch den berühmten persischen Magier (aber ägyptischen Oberpriester!) ~Ostanes~ als den ausschließlichen Kenner und Lehrer der Geheimwissenschaften; zuletzt endlich erfuhr sie eine gänzliche Umgestaltung in dem Sinne, daß es nunmehr ~Demokritos~ war, der die Geheimlehren aus dem Orient nach Ägypten brachte und die Priester mit ihnen bekannt machte, -- ganz so, wie nach der bei den Ssabiern erhaltenen Tradition ~Hermes~ I. aus Babylon nach Ägypten auswandert und die Priester zu Memphis in Astrologie und Geheimwissenschaften unterrichtet. Demgemäß zerfallen auch die erst in später Zeit[3411] redigierten und unter dem Titel „Physica et Mystica“ zusammengefaßten Reste des pseudo-demokritischen Hauptwerkes in drei größere, so gut wie unzusammenhängende Gruppen: Die erste enthält Bruchstücke von kaum veränderten, rein technischen Rezepten über die Purpurfärbung (βαφή), die in jeder Hinsicht den im Leidener und Stockholmer Papyrus erhaltenen gleichen. Die zweite berichtet über gewisse Beschwörungen, die zur wunderbaren Auffindung verborgener magischer Bücher und Sprüche in der hohlen Säule eines Tempels führen, -- wobei aber der Schauplatz nirgends wirklich in Persien oder Babylonien liegt[3412], sondern der Verfasser „nur so tut“; sie verraten bereits, ähnlich wie die Anrufungen der Geister bei ~Zosimos~ und der Gebrauch der (auch auf gnostischen Amuletten vorkommenden) dämonischen Formeln des Krebses, Sternes usf. bei ~Kleopatra~, entschieden neuplatonische Einflüsse[3413]. Die dritte endlich lehrt das „Machen“ des Goldes und Silbers und zeigt den alten, ursprünglich rein technischen Text, durch mystische und alchemistische Zutaten und Einschiebsel in völlig willkürlicher Weise so verändert und erweitert, wie er schon um 400 dem Kommentator ~Synesios~ vorgelegen haben mag[3414]. Erst in dieser letzten Gestalt nämlich, die u. a. in wirrer Weise bald auf angebliche Übersetzungen aus uralten persischen Originalen zurückgreift, bald die Erfindung der Alchemie den ägyptischen Königen zuschreibt, bald wieder die Verfahren der ägyptischen Priester zugunsten derer der persischen Magier ablehnt[3415], schienen die „Vier Bücher“ der Auslegung und Erklärung bedürftig und galten für dunkel und rätselhaft: ihr vordem allgemeinverständlicher Sinn war eben auf Grund magischer und alchemistischer Ideen entstellt worden, und zwar oft bis zur völligen Unkenntlichkeit.

Der Vermutung ~Diels~’, daß mancherlei Angaben des ursprünglichen ~Demokritos~-Buches, vermittelt durch ~Anaxilaos~ und ähnliche Schriftsteller, in den Leidener und Stockholmer Papyrus übergegangen seien, steht es nicht entgegen, daß der erstere sicherlich, der letztere möglicherweise, zusammen mit magischen Rollen, Zauberbesprechungen u. dgl. an das Tageslicht gelangte; denn, wie schon weiter oben erwähnt, handelt es sich bei den chemischen Abteilungen der Gräberfunde offenbar um orthodoxe und annähernd getreue Abschriften +weitaus+ älterer Vorlagen, während die abergläubischen und mystischen Texte jener Zeit angehören, zu der die Besitzer der Schriften bestattet wurden, also etwa dem Ausgange des 3. Jahrhunderts. Weshalb man damals auf derlei möglichst zuverlässige Wiedergaben noch Wert legte, ist nicht ohne weiteres ersichtlich, daß es aber geschah, mag wie in so manchen ähnlichen Fällen gleichfalls auf Aberglauben beruht haben: waren doch aller Wahrscheinlichkeit nach Generationen der nämlichen hellenisierten Priester die Verfasser der „ehrwürdigen“ alten Originale, die Eigentümer der Kopien, sowie die Urheber der verballhornten Neuausgaben. Nach der Schließung der alexandrinischen Tempel, also etwa seit 400 n. Chr., wahrten dann sie und ihre Nachkommen noch jahrhundertelang in „fest zusammenhaltenden esoterischen Zirkeln“[3416] und „magischen Konventikeln“ die Mysterien der Alchemie und hatten allen Grund, sie sorgfältigst geheim zu halten: einerseits nämlich blieben für die Vertreter der „großen Kunst“, -- insoweit sie nicht selbst betrogene Betrüger waren --, Nachahmungen, Täuschungen und Übervorteilungen jederzeit das letzte Ziel, und andererseits hatten sie, die dem Staate als Fälscher (namentlich als Münzfälscher), der Kirche als mit Dämonen im Bunde stehende Geisterbeschwörer, und beiden als Anhänger verbotenen heidnischen Aberglaubens verdächtig waren, scharfe Verfolgung bald seitens der einen, bald seitens der anderen dieser Mächte zu gewärtigen, nicht selten auch seitens beider zusammen[3417].

b) Ostanes.

Über die vornehme Herkunft und Stellung des als Begleiter des ~Xerxes~ genannten geschichtlichen ~Ostanes~ walten keine Zweifel[3418], er besaß vermutlich seine Hausmacht in Kappadozien[3419] und bekleidete das Amt eines Satrapen[3420]; schon frühzeitig war der Name ~Ostanes~ auch im westlichen Asien gebräuchlich, u. a. führte ihn 407 v. Chr. der Vorsteher des Rates der Gemeinde zu Jerusalem, und zwar neben seinem eigentlichen jüdischen[3421], -- vielleicht um sich als eine Art Klienten irgend eines angesehenen Persers zu bezeichnen. Die Frage, auf welchem Wege, und ob unter Anschluß an den historischen Träger des Namens, ~Ostanes~ dazu kam, zur „geradezu typischen Figur des Aberglaubens“[3422], zum Vorbilde der Zauberer, Geisterbanner, Wunderärzte, Alchemisten usf., sowie zu einem Hauptträger der griechischen Fälschungs-Litteratur zu werden[3423], läßt sich vorerst nicht sicher beantworten; als wahrscheinlich darf es aber gelten, daß hierbei, wie bei so manchen „persisch-hellenistischen“ Traditionen, jüdische Einflüsse die maßgebenden waren[3424], und daß die angebliche Einweihung der persischen Magier durch die ägyptischen Priester, -- denn diese bildete auch hier die erste Stufe der Legende --, in keinem anderen Lichte zu sehen ist, wie die der „neben den Ägyptern allein zugelassenen Juden“, oder jene des ~Demokritos~, also in dem eines nachträglichen Versuches, die eigene Kunst im Abglanze höherer Autorität und Legitimität erstrahlen zu lassen.

Die Verbindung zwischen ~Ostanes~ und ~Demokritos~ scheint bereits im 1. vorchristlichen Jahrhundert hergestellt worden zu sein[3425] und war daher z. B. dem ~Plinius~ schon ganz geläufig[3426]; im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. nennt ~Apuleius~ (um 180) den ~Ostanes~ neben ~Orpheus~, ~Pythagoras~ und ~Epimenides~, sowie neben ~Moses~, ~J(oh)annes~, ~Zoroaster~, ~Appolobex~, ~Dardanos~, ~Damigeron~ und anderen[3427]. Ferner erwähnen ihn: der Neupythagoräer ~Nikomachos~ neben ~Zoroaster~ und den „Babyloniern“[3428]; ~Minucius Felix~ (um 200) im „Octavius“, woselbst er ihn „den Ersten der Magier in Wort und Werk“ nennt[3429]; ~Tertullianus~ (gest. 220) neben ~Dardanos~ und ~Damigeron~[3430]; ~Hippolytos~ (gest. 235) neben ~Zoroaster~, ~Petosiris~ und ~Hermes Trismegistos~[3431]; endlich der Pariser Zauberpapyrus (sowie auch sonstige Papyri) neben ~Appolobex~, ~Dardanos~ und ~Damigeron~[3432]. Dieser letztere, für den ~Ostanes~ „der Meister aller Magier“ ist (magorum omnium magister), soll eine unübertreffliche Abhandlung über die „Kräfte der Steine“ verfaßt haben, die um 400 ~Pseudo-Orpheus~ auf Befehl des ~Hermes~ „zur Abwehr des Leides von den Sterblichen“ in Verse brachte, aus der im 5. Jahrhundert der „arabische König“ ~Evax~ einen lateinischen (!) Auszug anfertigte, und die noch ~Psellos~ im 11., ~Marbod~ im 12. und ~Matthäus Silvaticus~ im 13. Jahrhundert ihren Werken mit zugrunde legten[3433]. Aber auch ~Ostanes~ selbst war, ähnlich wie ~Pseudo-Orpheus~, äußerst bewandert in den wunderbaren und geheimen Eigenschaften der Steine, der Tiere und namentlich der Pflanzen[3434], bewährte sich daher gleich diesem als Wunderarzt, verfertigte heilbringende Amulette mit den Zeichen der Tierkreisbilder und Planeten[3435] und fand wohl hauptsächlich bei solcher medizinischen Tätigkeit den ihm zugeschriebenen, nach ~Firmicus~ aber schon bei ~Petosiris-Nechepso~ vorkommenden Satz bewährt: „Die Natur freut sich über die Natur, die Natur siegt über die Natur, die Natur herrscht über die Natur“[3436].

Späteren Zeiten galt ~Ostanes~ auch als Besitzer einer „in den sieben Sphären aufgefundenen Zaubertafel mit der Summe aller Weisheit“, deren Inhalt er in dem philosophischen und astrologischen, hauptsächlich aber dämonologischen „Buche des ~Ostanes~“ niederlegte[3437], -- zu dem, nach dem sog. „Steinbuche des ~Aristoteles~“, dieser Weise einen Kommentar schrieb --, ferner als Verfasser und Herausgeber alchemistischer Werke, und endlich auch als Erfinder gewisser technischer Verfahren; in den „Technischen Abhandlungen und Vorschriften“[3438] wird z. B. das Färben des Glases mit „Galle“[3439] in ähnlicher Weise auf ihn zurückgeführt, wie etwa bei den Ssabiern das Glasieren der Tongefäße mit Salmiak auf ~Hermes Trismegistos~.

c) Schreiben der Isis an Horos.

Das sog. Schreiben der ~Isis~ an ~Horos~ zeugt nach ~Riess~[3440] und ~Reitzenstein~[3441], sowohl dem Grundgedanken wie der Einkleidung nach, von einem besonders engen Ineinandergreifen alchemistischer und theologischer Litteratur, alter ägyptischer Mythen und umgestaltender jüdischer Einflüsse.

Ursprünglich ging, wie aus einer dem ~Hekataios~ entlehnten Stelle des ~Diodor~[3442] folgt, ~Isis~ nach dem Tempel von Hormanuthi[3443], um dort das φάρμακον τῆς ἀθανασίας zu holen, das Wasser der Unsterblichkeit, das Lebenswasser, dessen sie zur Auferweckung des toten ~Osiris~ bedurfte, des Herrn Ägyptens und der Fruchterde, des „Schwarzen“, der schwarz ist wie der Boden seines Landes und wie die Pupille des Auges (χημία, Chemía)[3444]. In der synkretistischen Zeit erfolgte die Umdeutung des schwarzen Toten auf das unedle Metall, der Wiederbelebung auf die Transmutation, des aufzugießenden Wassers auf das „göttliche Wasser“ (ὕδωρ θεῖον) usf., und ~Isis~ galt vermutlich zunächst als die Zaubergöttin, die zuerst diese Kunst der Alchemie lehrte und den Einzuweihenden den großen, altertümlich-ägyptischen Eid der Geheimhaltung abnahm[3445]; nach ~Reitzenstein~[3446] ist vielleicht statt Hormanuthi „Hormahudhi“ zu lesen, was den „Herrn von Edfu“ bedeutet, den man als Sohn des ~Chnum~ (~Chnubis~) mit diesem identifizierte, so daß eine Anspielung auf den Tempel von Edfu vorläge, der tatsächlich eine der frühesten Pflegestätten der Chemie war. Erst der jüngsten (im „Schreiben der ~Isis~“ vertretenen) Auffassung gemäß begibt sich ~Isis~ nach Hormanuthi, um +selbst+ die „ἱερά τέχνη τῆς Αἰγύπτου“ zu erlernen, die „heilige Kunst Ägyptens“, -- wobei „Ägypten“ für „Chemie“ steht, also die „Kunst Ägyptens“ für „Kunst der Chemie“ --, die dort μυστικῶς κατασκευάζεται, „mystisch (= insgeheim) ausgeübt wird“[3447]. Unter dem „Engel“ des ersten unteren Firmamentes, der ihr zu Anfang entgegentritt, jedoch keine Vollmacht hat sie zu belehren, ist nach ~Zielinski~[3448] die Mondgottheit zu verstehen, unter dem Engel des zweiten oberen Firmamentes aber, der ihr zum Lohn für ihre Hingebung das große Geheimnis verrät, ~Hermes~, in dessen Sphäre allerdings die „hermetische Kunst“ ihren „natürlichen Ort“ hat; da nun die Gleichsetzung des ~Hermes~ mit ~Thot~, ~Chnum~ (~Chnubis~, ~Kmeph~, ~Kamephis~) und ~Agathodaimon~[3449], der bei den jüdischen Verfassern apokrypher und pseudepigraphischer Schriften oft ~Agathoel~ heißt, durch diese nämlichen Autoren auch auf die aus der jüdischen Kabbala bekannten Engel ~Amaniel~ und ~Eminiel~ ausgedehnt wurde[3450], so erscheint es begreiflich, daß im „Schreiben der ~Isis~“ der „Engel der oberen Sphäre“ den Namen ~Amnael~ führt, und einerseits als „oberster Priester“ des Tempels, d. h. als jüdischer Hoherpriester erscheint, andererseits aber als Verkörperung des ~Hermes~, ~Agathodaimon~ und ~Chnum~[3451], und schließlich, -- weil die chemischen Apparate zur Metallverwandlung allegorisch als „Tempel der Metall-Götter“ bezeichnet werden --, auch noch als der ἴος χρυσός, der „goldene (= golderzeugende) Geist“, der durch „Vereinigung“ mit der ~Isis~, die dabei das unedle Metall symbolisiert, dieses in Gold überführt[3452].

Auch in einem Zauberpapyrus verleiht ~Agathodaimon~ oder ~Kmeph~ der ~Isis~ als Gegengeschenk für ihre höchste Gunst das τέλειον μέλαν, das „vollendete (vollkommene) Schwarze“, d. h. er lehrt sie die Kunst, die heimisch ist in der Sphäre des ~Hermes~, „in der er herrscht“. Desgleichen sagt ~Isis~ in der weiter oben wiederholt erwähnten hermetischen Schrift „Κόρη κόσμου“ gelegentlich einer Erzählung ihrer gemeinsam mit ~Osiris~ betriebenen Entzifferung uralter Schriften des ~Hermes~: „Diese Offenbarung gab mir ~Kamephis~ zugleich mit der über das τέλειον μέλαν“ (= das vollendete Schwarze = die Chemie)[3453]. -- Wie ersichtlich bilden alle diese Umstände wichtige Stützen der Auffassung ~Hoffmanns~, daß χημεία (Chemeía) nichts anderes bedeute, als die „Beschäftigung mit dem Schwarzen“; sie lassen ferner vermuten, daß der Titel „κόρη κόσμου“ nicht, wie frühere Forscher wollten, ausschließlich mit „Pupille der Welt“, aber auch nicht, nach ~Zielinski~, allein mit „Jungfrau der Welt“ zu übersetzen sei, daß vielmehr von vornherein ein Doppelsinn beabsichtigt war, der es ermöglicht, die Überschrift nach Belieben bald in der einen, bald in der anderen Weise auszulegen. Gerade in der von ~Zielinski~ zugunsten seiner Meinung angeführten Stelle aus ~Zosimos~, daß die Κόρη den „Geist“ in sich aufnehmen und so die übrigen Metalle gebären solle, tritt dieser Doppelsinn deutlich zutage, indem ebensowohl die „Pupille“ (χημία, das Schwarze), wie die „Jungfrau“ als „Muttersubstanz“ der aus ihr hervorgehenden Derivate angesehen werden kann, -- wobei an die Parallelisierung des großen Werkes mit der Schwangerschaft zu erinnern ist, an die des Mutterschoßes mit dem „Gefilde der Entstehung“, sowie an die des Hervorgehens des Fötus (aus der τετρακτύς genannten Vierheit der Elemente) mit jenem des Goldes (aus der als Tetrasomie bekannten Vierkörperschaft der unedlen Metalle)[3454]. Als „Geister“, die „aufzunehmen“ sind, galten ursprünglich wohl die altbekannten „weißenden“ und „gilbenden“; in der Folgezeit jedoch stand an erster Stelle der Allgeist des ~Hermes~ (~Merkur~), das Quecksilber, und tatsächlich ist in der uns vorliegenden, spät redigierten Form des „Schreibens der ~Isis~“ die „Fesselung des Quecksilbers“ das erste Geheimnis, in das ~Horos~ seitens seiner Mutter eingeweiht wird[3455].

d) Zosimos.

Als Entstehungszeit der Schriften des ~Zosimos~ läßt sich mit ziemlicher Sicherheit die um 300 angeben, denn ~Synesios~ (vor 390) benützt sie, ohne jedoch den Namen des Verfassers zu nennen, und dieser selbst zitiert den ~Porphyrios~ (232-301?) und spielt an einer Stelle auf ~Manichaios~ (gest. 277) an (+nicht+ auf ~Zoroaster~!)[3456]. Er war Mitglied der ~Poimandres~-Gemeinde[3457], ebenso wie ~Theosebeia~, die er nur in bildlichem Sinne „Schwester“ nennt; sein ihr gewidmetes Hauptwerk bestand aus 28 Büchern, angeblich zu je vieren den sieben Sphären zugeteilt und geordnet κατὰ στοιχεῖον (nach dem Alphabet), wobei sich den 24 griechischen noch 4 koptische Buchstaben anreihten, und jedes Buch wie einem Buchstaben so auch einer Gottheit entsprach, z. B. das öfters erwähnte 9. dem i (Jota) und dem ~Imuthes~[3458]. Dieser ~Imuthes~, ägyptisch ~Imhotep~, war ursprünglich (wie schon oben erwähnt) ein Baukünstler und Pyramiden-Erbauer zur Zeit des Königs ~Zoser~ um 3000 v. Chr.[3459], wurde später auch als Urheber sonstiger Künste und vor allem der Heilkunst angesehen, weiterhin als „Sohn des ~Ptah~“ (~Hephaistos~) vergöttlicht und dem „~Asklepios~, Sohn des ~Hephaistos~“ gleichgesetzt, sowie mit dem Symbol dieses chthonischen Geistes, der Schlange, in Form des Schlangenstabes ausgestattet, der zuerst auf einer Münze der Stadt Magnesia aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. nachgewiesen ist[3460]. Schließlich galt er auch als großer Meister aller Geheimkünste, Wunderarzt, Zauberer, Astrolog und Alchemist[3461], und als solchen kennt ihn auch ~Zosimos~, dessen syrische Übersetzung das fragliche Buch ausdrücklich „Buch ~Imuthes~, über alles was mit der Hand gearbeitet wird“ zubenennt[3462]. Dieser an die „Cheirókmeta“ des ~Demokritos~ mahnende Titel bestätigt die Richtigkeit der Vermutung, daß ~Zosimos~ ursprünglich für sein Werk das des ~Demokritos~ als Vorlage benützte, es aber durch Auszüge aus sonstigen Schriften, Zusätze theoretischer und praktischer Art, polemische Bemerkungen (gegen ~Paphnutia~, ~Neilos~ und andere) usf. erweiterte, sowie den 24 älteren Büchern („τὰ κατ’ ἐνέργειαν“ = „Über die Kräfte“ genannt) noch vier neue, eigenartig mystische hinzufügte, deren Inhalt in inniger Beziehung zur Litteratur der Zauberpapyri, der Gnostiker, Neupythagoräer, Hermetiker, ~Mithras~-Diener und Schlangen-Verehrer (Ophiten) steht[3463].

Der merkwürdigste Abschnitt in den Schriften des ~Zosimos~, die große dämonisch-ekstatische Vision, in der die Zerstückelung des Leibes, das Abschaben des Fleisches und das Lostrennen des Kopfes an die sog. „sekundäre Bestattung“ der ägyptischen Urzeit mahnt[3464], ist sichtlich die alchemistische Umgestaltung einer theologischen Vorlage, zeigt Magie und Theologie in engster Berührung und stellt den vollkommenen Alchemisten auch als wahren Propheten und vollendeten Inhaber der Gnosis hin[3465]. Offenbar liegt ihr, ganz so wie einer ähnlichen Stelle bei ~Komarios~, die übliche ägyptisch-hellenistische Hades-Vision zugrunde[3466], der Überarbeiter hat aber die Vorgänge umgedeutet und in die Bilder der Mysteriensprache chemische Reaktionen hineingeheimnisst, immer von der Auffassung ausgehend, daß die Chemie ein Bestandteil der Magie und die Magie ein solcher der Priesterwissenschaften sei[3467]: daher ist der „Führer“ ein μέγας ἱερεύς (Großpriester), ein ἱερεὺς τῶν ἀδύτων (Priester im Allerheiligsten), ein φύλαξ πνευμάτων (Hüter der Pneumata) und selbst ein Pneuma[3468]; Wiedergeburt und Auferstehung betrifft die toten Leiber der Metalle und erfolgt „durch den Mutterschoß des Feuers“[3469]; der Leib (σῶμα) der Metalle empfängt ψυχή (Seele = niedriges vegetabilisches Leben) und πνεῦμα (Pneuma = höheres geistiges Leben), oder auch πνεῦμα θεῖον (göttliches Pneuma) allein, -- denn zum pneumatisch Vollendeten macht erst das gänzliche Aufgehen im Pneuma unter Verlust der immer noch gemeineren Psyche[3470]; die leiblichen Reste der Metalle bleiben im Abýssos (Abgrund) zurück, während sich die reinen, der Verwandlung in alle Gestalten fähigen Geister (Pneumata) von ihnen lösen, emporschweben und so, neugeboren dem Mutterschosse entsteigend, als ἀνθρωπάρια (homunculi, Menschlein) erscheinen, -- wobei es nicht als ein Widerspruch +mehr+ empfunden wird, daß der μολυβδάνθρωπος, das Blei-Menschlein, auch wieder die Gestalt eines uralten Mannes zeigt[3471], vielleicht um anzudeuten, daß das Blei als Urahne und Stammvater +aller+ Metalle anzusehen sei. Einen außerordentlich merkwürdigen symbolischen Zug bringt noch der Schluß der Vision: dem Ekstatischen erscheint nämlich das „heilige Pneuma“ auch in Gestalt des „Sohnes Gottes“, der in die Materie sinkt, wieder aus ihr aufsteigt und sich in alle Gestalten verwandelt, um die Seelen zu retten und emporzuheben, hierin durchaus erinnernd an den Gottmenschen ~Anthropos~ der Hermetiker, den Urmenschen der Manichäer, den ~Thot~ und ~Adam~ der Gnostiker und Synkretistiker usf.[3472].

Der Altar mit den ursprünglich 15 Stufen (κλίμακες), den ~Zosimos~ vor sich sieht, geht, als Symbol der Himmelsleiter, wie auf orientalische so auch auf altägyptische Vorstellungen zurück, jung ist aber seine (unter Verminderung der Stufenzahl auf 7 vollzogene) Verbindung mit den sieben Sphären, die selbst wieder an die der jüngeren ägyptischen Zeit wohlbekannten „sieben Hallen“ angegliedert wurden, deren u. a. schon das „Totenbuch“ gedenkt[3473]. Im „Tempel der 7 Sphären oder 7 Tore“ (d. i. der sieben Himmel), der mit sieben Inschriften in sieben Sprachen geschmückt ist, befindet sich nach dem späten (syrischen) ~Zosimos~ ein Zauberspiegel aus Elektron, „Auge Gottes“ genannt und von πνεῦμα θεῖον (göttlichem Pneuma) so sehr erfüllt, daß die Seele, in ihn schauend, selbst Pneuma empfängt und höchste Reinheit erlangt[3474]; dieser Tempel ist wohl der nämliche, in dem ~Ostanes~ die berühmte Zaubertafel, „enthaltend die Summe aller Weisheit“, aufgefunden haben soll (s. oben).

Dem großen Mystiker und Pneumatiker ~Zosimos~ hat die Folgezeit auch noch ein äußerst prosaisches Werk zugeschrieben, nämlich eine Anweisung zum Bierbrauen, dessen spärliche Überreste 1814 ~Gruner~ herausgab[3475]; in einem von ~Wessely~ verglichenen Manuskripte aus dem 14. Jahrhundert ist indessen ~Zosimos~ gar nicht als Verfasser genannt.

e) Pibêchios.

Zwischen der Schrift des ~Pibêchios~ und einem Buche des ~Ostanes~, das nur in arabischer Übersetzung und Überarbeitung erhalten ist (s. unten), besteht nach ~Reitzenstein~[3476] fraglos enger Zusammenhang; auch entspricht bei beiden Autoren der „Tempel der sieben Tore“, der sieben Hallen enthält, in die man nacheinander gelangt, durchaus der hellenistisch-ägyptischen Vorstellung vom Himmel, aber auch von der Unterwelt (die nach +alt+ägyptischer Anschauung nur +einen+ Raum umfaßt, in den sieben Tore führen). Von ~Pibêchios~ und ~Ostanes~ leiten aber weitere Fäden auch zu einem Werke hinüber, das wir nur mehr in arabischer Umformung (etwa des 9. Jahrhunderts?) kennen, dem sog. „Buche des ~Krates~“ (s. unten); dieser ~Krates~, der „der göttliche“ benannt wird und so auch im Leidener Papyrus V heißt, ist kein anderer als „der göttliche ~Chrat~“, d. i. ~Horos~, das göttliche Kind der ~Isis~ (chrat äg. = Kind, s. ~Harpokrates~, die Zauberer ~Pachrates~, ~Pankrates~ usf.). ~Horos-Chrat~ ist auch ein Offenbarungsgott und Verfasser heiliger Bücher, und das „Buch des ~Krates~“ schöpft aus einer solchen, griechisch abgefaßten Offenbarungsschrift; sie ist älter als das 2. Jahrhundert v. Chr. und handelt u. a. von der Vision der sieben Himmel[3477], vom Kampfe mit dem großen Drachen, sowie von der Erlangung des geheimen Wissens, das man in höchster Vollendung nur im Totenreiche erwirbt. Diese Vorlage des „Buches des ~Krates~“ hinwiederum berührt sich in vieler Hinsicht mit einer Erzählung aus der ebenfalls um das 2. Jahrhundert v. Chr. redigierten Sammlung ägyptischer Zaubernovellen: ihr Gegenstand ist anscheinend nur die Aufsuchung des von Gott ~Thot~ selbst geschriebenen Zauberbuches, das auf einer entlegenen Insel in sechs, ursprünglich wohl sieben Kisten aus sieben verschiedenen Stoffen aufbewahrt wird; in der Tat spiegelt sie aber einen uralten Mythus wieder, nämlich den von der Erlangung höchster Weisheit in den sieben Hallen des Himmels. Demgemäß erwirbt man noch in später Zeit die Gnosis, das kraftspendende Wissen, durch Lesen der Inschrift auf einer Stele aus wundervoll glänzendem Metalle in der innersten der sieben Himmelshallen; an diese Vorstellung wieder erinnert der aus Elektron verfertigte Zauberspiegel ~Alexanders des Grossen~, von dem (der syrische) ~Zosimos~ berichtet, „der Spiegel, der da steht über dem Tempel der sieben Tore, die den sieben Himmeln entsprechen“, sowie auch eine in abgeänderter Form bei den Mandäern erhaltene Spiegelsage. Der letztere Umstand deutet auf einen ursprünglich babylonischen Mythus, unter dessen Einfluß die ältere ägyptische ~Horos~-Überlieferung schon in früh- oder vorhellenistischer Zeit umgebildet wurde; diese Tatsache erscheint für Anfang und Art des orientalischen Synkretismus von hoher Wichtigkeit.[3478]

f) Kunstausdrücke und Anschauungen der griechischen Alchemisten.

Hinsichtlich aller Betrachtungen über die griechischen alchemistischen Schriften ist vorweg daran zu erinnern, daß diese uns, wie schon vor fast hundert Jahren ~Sprengel~ betonte[3479] und wie neuerdings ~Riess~[3480], ~Kroll~[3481] und ~Diels~[3482] hervorhoben, fast durchwegs nur in später und vielfach überarbeiteter Form vorliegen, so daß nach ~Diels~ nur einige Wenige noch Inhalt und Form aufweisen dürften, die den ursprünglichen, wohl gegen Ende des 1. und im Laufe des 2. Jahrhunderts n. Chr. vollendeten Werken zukamen. Nicht nur die unter magischen und mystischen Einflüssen entstandenen Pseudepigraphen und Apokryphen, sondern auch Abhandlungen wie die des ~Zosimos~ und seiner Nachfolger unterlagen zweifellos wiederholten und oft zu bestimmten Zwecken (z. B. Verchristlichung) vorgenommenen Umgestaltungen und Verdunkelungen, die desto eingreifender ausfielen, je ferner die jüngeren Verfasser als bloße Theoretiker und Kommentatoren der chemischen Praxis standen und je weniger Sachkenntnis sie daher besaßen. Erst gegen Ende des 7. Jahrhunderts, also nachdem die Alchemie bereits zu den Syrern, ja selbst zu den Arabern gedrungen war, dürfte in Konstantinopel jene Sammlung chemischer Schriften entstanden sein, von der wiederum auch die besten noch vorhandenen Manuskripte, wie die in Venedig und Paris, nur mehr unvollständige und erheblich verstümmelte Überreste vorstellen; aber auch diese harren zur Zeit noch einer neuen, wirklich zuverlässigen und wissenschaftlich einwandsfreien Ausgabe, denn darüber, daß die von ~Berthelot~ und seinen Mitarbeitern besorgte den billigerweise zu stellenden Anforderungen durchaus nicht entspricht, sind heutzutage wohl alle Sachkenner der nämlichen Meinung.

Sämtliche alchemistischen Autoren[3483] stimmen darin überein, daß die Alchemie in engster Verbindung mit Mystik, Magie, Geisterbannen und Mantik stehe, und daß, wie für letztere schon nach den Stoïkern und Neupythagoräern, so auch für sie die wichtigste Vorbedingung des Erfolges kultische Reinheit „des Herzens wie des Körpers“ sei (zu bewähren u. a. durch Keuschheit und entsprechende Ernährung), ferner sittliches Wohlverhalten, Tugend, Frömmigkeit, selbstlose Gesinnung, Freisein von Neid, Eigennutz und Habsucht, endlich Anstreben des großen wissenschaftlichen Zieles der Metallverwandlung und +nicht+ bloßer Gewinnung von Gold, die ja ohnehin nur zu allgemeinem Reichtum und dadurch zur völligen Verderbnis der gesamten Menschheit führen könnte[3484]. Einzig der von solchen Gesinnungen Erfüllte ist „würdig“, und nur dem Würdigen wird „Gnade von oben“ zuteil, befähigt ihn zu tiefstem seelischem Versenken, zu Wahrträumen und Visionen, eröffnet ihm das Verständnis für die „großen Geheimnisse der ägyptischen Priester“, die diese aus Eifersucht und Aberglauben entweder ganz verbergen, oder nur mündlich oder in rätselhafter „die Dämonen täuschender“ Form mitteilen, und macht ihm die „heilige Kunst“ leicht wie die Arbeit eines Kindes, so leicht wie Kinderspiel oder Weiberwerk[3485].

Erste und unumgängliche Voraussetzung für das Gelingen des „großen Werkes“ ist die Zurückführung der unedlen Metalle in die form- und eigenschaftslose, dunkle, chaotische, das Substrat jeder weiteren Verwandlung bildende Urmaterie: sie ist das „Fundament“, unsere Schwärze, unser Kupfer, unser schwarzes Kupfer, unser Blei, unser schwarzes Blei, die Schwärze (μελανία, Melanía) des Stimmi (Schwefelantimons), unsere Magnesia (hier = Braunstein)[3486], die schwarze Brühe, der schwarze Saft, die schwarze Schmelze des Stimmi[3487], die schwarze Asche, Schlacke und Kohle, die Schwärze der Krähen und Raben, die schwarze Färbeflotte[3488], die Farbe, Schwärze und Rußkohle der Schreiber, die vollendete Schwärze (πάνυ μέλαν, die Blüte der Schwärze (μελάνθιον)[3489], das [noch] schwarze Gold (χρυσὸς μέλας)[3490], der „Inhalt der Theorie und Praxis“, der „Inbegriff der 10000 Geheimnisse und Bücher“, das „seit Aeonen Gesuchte“[3491]; sie ist unsere Erde, die schwarze und negergleiche, unsere äthiopische Erde, die Erde unseres Landes Äthiopien, die da aus den Gräbern der Unterwelt Pflanzen, Blüten und göttliche Früchte emporschießen läßt[3492], die da hervorbringt den „Stein der Weisen“, den „Stein der Philosophen“, den „etesischen Stein“, der alle sieben Farben der sieben Planeten in sich birgt[3493]. Um zu der „Rechten“ unter diesen zu gelangen, bedient man sich, wie beim Färben der Kleiderstoffe, der Zusätze und Beizen[3494]: in Leinenbinden eingewickelt unterwirft man die Rohstoffe der großen „Tarichéia“ (Einbalsamierung, Einsalzung, Einpökelung)[3495], der „großen Sepsis der ~Isis~“[3496], wobei sie unter dem Einflusse der Salze, der Schwefel, der heiligen Wässer usf., Metabolé (Umänderung) und Alloíosis (Artverwandlung) erfahren[3497], kenntlich und ersichtlich durch den entsprechenden Wechsel der Farben[3498]; diesem unterliegt die Urmaterie, unbeschadet der Erhaltung ihrer ursprünglichen und einheitlichen Natur, nicht anders als das Chamäleon[3499], und „Chamäleon“ nennt man deshalb auch „unser Blei“[3500], wenn es in Gold verwandelt wird, „besser und schöner als das natürliche“[3501]. Das Wissen um die Alloíosis war ehemals den „ägyptischen Priestern“ vorbehalten[3502], es war das ihnen von ~Hermes~ offenbarte und hieß daher „hermetische Kunst“, ganz ebenso wie der von ihm erfundene luftdichte Verschluß „hermetischer Verschluß“[3503]. Im Hinblicke auf dieses Wissen sagte der große ~Ostanes~: „man erflehe von den Göttern Einsicht in die ‚Pupille des Auges‘ (= Chemi, das Schwarze)“, und „man verberge das Geheimnis der Kunst der Pupille des Auges“; auch verglich man „das Schwarze und das Weiße“ (für die es verschiedene Deutungen gab) mit der Pupille (Κόρη, Kóre) des Auges und mit der „~Iris~ des Himmels“, die alle Farben in sich enthält[3504].

Insoferne das große Werk die Vereinigung der aufeinander wirkenden Substanzen zu einer neuen erfordert, verrät es völlige Analogie mit einer Neuschöpfung im Kosmos[3505] oder einer Neuentwicklung im Pflanzen- und Tierreiche. Wie nach ~Aristoteles~ Feuer wiederum Feuer hervorbringt, der Ölbaum den Ölbaum, der Weizen den Weizen, der Mensch den Menschen, so erzeugen auch Gold, Silber und Elektron wieder Gold, Silber und Elektron, wenn man ihre „Samen“, z. B. kleine Mengen der feinsten Pulver, in der richtigen Weise aussät, mit den rechten Wässern begießt und sorgfältig pflegt[3506]; der Untergrund des „Kupfers“ schwillt auf und „gärt“, es sprießen Pflanzen (βοτάναι, Botánai), die so wie Kräuter und Bäume wachsen, es zeigen sich ἐξανθήματα (Exantheme, Effloreszenzen)[3507], es entfalten sich Blüten[3508] und schließlich reifen „Früchte“[3509], deren „Wangen sich röten“[3510]. Aber auch einer Schwangerschaft gleicht das große Werk[3511]; die Vermählung (συγγένεια) der Naturen, deren schon ~Platon~ gedenkt, bildet seine Grundlage[3512], und nur durch Vereinigung des Männlichen (ἄρσην, Arsen) und Weiblichen kann man es vollbringen[3513] und so das „Ziel der Kunst“ erreichen[3514]. Wenn sich die männlichen, aktiven, aufwärts (ἄνω) strebenden Elemente, Feuer und Luft, mit den weiblichen, passiven, abwärts (κάτω) strebenden, Wasser und Erde, vereinigen[3515], wenn z. B. der (geschmolzene schwarze) Schwefel mit dem (weißen) Quecksilber den Zinnober zeugt (τίκτει), so entsteht das neue Wesen (ἀνθρωπάριον, Menschlein) in der Phiole nicht anders, wie der Embryo in der Matrix[3516]: aus dem schwarzen Menstrualblute und dem weißen Sperma, dem „Schwarzen und Weißen“, dem „Schwefel und Quecksilber“, dem „Kupfer und Quecksilber“, der „~Aphrodite~“ und dem „~Hermes~“, geht der Fötus hervor, das Neugeborene, das Menschlein, das ζῶον (Lebende), der Keim, das Ei, das Gebilde mit den 10000 und mehr Namen[3517], es reift „bei richtiger Pflege und Ernährung unter passender Wärme und durch die geeigneten Wässer“ zur „Vollendung“ heran[3518], erreicht diese innerhalb einer Zeit, die nach den einen 9 Stunden beträgt[3519], nach anderen 7, 14, 21, 40, 41 oder 110 Tage[3520], nach noch anderen 4, 6, 9 oder 12 Monate[3521], und tritt dann zur Welt, soferne kein vorzeitiges Absterben (νέκρωσις = Nékrosis), keine verfrühte Entbindung und keine Fehlgeburt erfolgt ist[3522]. Derlei Mißgeschicke können namentlich die Einflüsse und Ausströmungen der Planeten bewirken, z. B. die des Mondes (σεληνιακὴ ῥεῦσις)[3523], aber auch Neid und Mißgunst der Dämonen[3524], sowie Fehler bei der Ausübung der „Kunst“; daher ist es von der größten Wichtigkeit, jene Einflüsse der Planeten (besonders des ~Hermes~) und der Tierkreiszeichen zu kennen[3525], die günstige Jahreszeit des „philosophischen Monates“, der „belebenden Nilschwelle“, der „Etesien“ abzuwarten[3526], die geeigneten Augenblicke zu benützen[3527] und endlich die Regeln der Sympathie und Antipathie, die Formeln, Handlungen, Gebete, Beschwörungen usf. auf das genaueste zu beherrschen[3528], denn mittels der Kräfte des Rituals und des magischen Wissens „zwingt man zum Dienste die Natur, die mehr vermag als die Menschen“[3529].

Weil unser Kupfer, unser Blei, unsere Magnesia durch die Wärme „ausgebrütet“ wird, nennt man sie auch „Ei der Philosophen“, „philosophisches Ei“, „vogelentsprossene Masse“ (ὕλη ὀρνιθογονία)[3530]. Wie aber das Ei zwar ein einheitliches Ganzes darstellt, trotzdem jedoch Schale, Haut, Weißes und Gelbes in sich enthält „als Viereinigkeit, die doch nur Eines ist“ (τὰ δὲ τέσσαρα ἕν)[3531], so umfaßt auch das philosophische Ei, unbeschadet seiner Einheit, die Tetrasomie des Kupfers, Bleies, Zinns und Eisens[3532] und stellt in seiner Fähigkeit „zu allem zu werden und sich zu allem zu entwickeln“ das ἕν τὸ πᾶν (Alles in Einem, Eines in Allem) dar, den seit Aeonen gesuchten und endlich gefundenen „großen ~Pan~“, dessen Symbol, sie sich in den Schwanz beißende Schlange, daher auch ihm zukommt[3533]. Das philosophische Ei +ist+ schon Gold und Silber, es birgt das Gold und Silber schon in sich, freilich nur der δύναμις (Möglichkeit) nach und noch „in seinem Inneren verborgen“ (ἔνδον κέκρυπται)[3534], aber ebendeshalb ist weiter nichts mehr nötig, als „die Natur herauszukehren“ (φέρειν ἔξω τὴν φύσιν), damit man das Erstrebte auch in Wirklichkeit (ἐνεργείᾳ) besitze[3535].

Wie schon die Zusammenfassung von Kupfer, Blei, Zinn und Eisen unter dem Namen der „Tetrasomie“ (Vierkörperschaft) erweist, sind diese gemeinen Metalle bloße „Körper“ (σώματα, στοιχεῖα), und zwar tote Körper (νεκροί), im Grabe liegend, ja selber dem „Grabe des ~Osiris~“ vergleichbar[3536], und es gilt, sie zu erwecken, zur Auferstehung (ἀνάστασις) zu bringen und wiederzubeleben (ἐμψυχοῦνται)[3537]. Das Mittel hierzu ist das Pneuma, das göttliche Pneuma (πνεῦμα θεῖον), das sich des Körpers (des „Fleisches“, der „Hyle“) bemächtigt, sich mit ihm verbindet und auf ihm „fixiert“, -- ohne aber hierbei, als bloßer Geist, eine Gewichtsveränderung zu bewirken[3538] --, ihn beherrscht, befreit, reinigt, durch Metabolé und Alloíosis „auf höhere Stufe hebt“ und „veredelt“, kurz zu einem „pneumatischen“ macht (σῶμα πνευματικόν)[3539]. Diese Erfüllung des Toten mit neuer Seele (ψυχή, Psyche) und neuem Geist (πνεῦμα, Pneuma) ist „das große Wunder“, „die große Vollendung“, „das große Mysterium“[3540] und vollzieht sich nach den einen schon in 9 Stunden, nach den anderen erst binnen Jahresfrist, innerhalb der „feurigen Sphäre“, unter dem Einflusse der αἰθάλη (des Rauches, Dampfes), des πνεῦμα βαπτικόν (färbenden Pneumas), das das Innere der Naturen verwandelt und diesen Vorgang zugleich auch äußerlich durch die „Umfärbung“ zutage treten läßt[3541]. So wird das schwarze Blei, das „Grab des ~Osiris~“, oder auch das gemeine schwarze Kupfer, in „pneumatisches Kupfer“, in „vollendetes Kupfer“ übergeführt (χαλκὸς πνευματικός, χαλκὸς τέλειος = Gold)[3542], das „einen neuen Leib angenommen hat“ (μετασωματούμενος) unter dem Zwange (ἐξ ἀνάγκης) des „Gebieters der Pneumata“ und „Herrn des Tempels“ (φύλαξ πνευμάτων; οἰκοδεσπότης)[3543]; als Gebieter und Herr wird hierbei, allegorisch umschreibend, der Chemiker bezeichnet, der Tempel aber ist der chemische Apparat, das „heilige Gebäude (δῶμα ἱερατικόν des Ofens“, die Phiale (φιάλη), d. i. die Kuppel, jedoch auch das Glasgefäß[3544] das Knúphion (knouphion), d. i. der dem Kopfputze des ~Knuph~ (~Chnubis~) ähnliche Aufsatz des Destillationskolbens (βίκος, βῆκος, βύκος, βίκιον, Ambix, Dibikos, Tribikos)[3545] usf.

Beim Arbeiten mit solchen Gefäßen, namentlich aber bei der Sublimation und Destillation, vollzieht sich die Trennung der Substanzen, ἄνω und κάτω, gemäß dem Spruche „Nach oben das Himmlische, nach unten das Irdische[3546]: das Schwere, Passive, Weibliche, zu Wasser und Erde Gehörige bleibt von vornherein in der Tiefe der Unterwelt[3547], oder sinkt wieder herab in den finsteren Abgrund, den Abyssos, den dunklen Hades[3548], das Leichte, Aktive, Männliche, zu Luft und Feuer Gehörige steigt hingegen als zarte Wolke empor (ἄρσις νεφέλης), schwebt nach oben (ἀναβιβάζων) und erhebt sich als ätherisches Pneuma (πνεῦμα αἰθερώδες) zur höheren Sphäre[3549]. Von ausgesprochen pneumatischer Natur sind vorzüglich die verschiedenen Schwefel, das gelbe und rote Arsen [Auripigment und Realgar], das weiße Arsen [Arsenigsäure], die beiden Quecksilber [Quecksilber und metallisches Arsen], sowie die aus allen diesen bereiteten θεῖα ὕδατα (göttlichen Wässer)[3550]; daher nehmen sie alle ihren Weg ἄνω [d. h. sie sublimieren und destillieren] und sind erfüllt von körperbelebender Kraft und Färbevermögen[3551]. Eine eigentümliche Rolle unter ihnen spielt jedoch das Quecksilber: bald ist es ein leichter Dunst, ein flüchtiger Hauch (πνεῦμα φεῦγον) männlicher Art, bald ein schwerer Körper (σῶμα), ein silbernes Wasser (ἀργύριον ὕδωρ) weiblichen Charakters[3552], das sich als weißes jungfräuliches Mineral (παρθένος γῆ) mit dem roten σπέρμα ἄρῥηνος vereinigt [dem „männlichen Sperma“, oder auch dem „Sperma des Arsens“, d. h. dem aus dem roten Realgar gewonnenen Schwefel] und hiernach den Zinnober (= Gold) gebiert (τίκτει)[3553]; demgemäß wird es mit Recht als ein Zwitter angesehen, als ein σῶμα ἀσώματον (unkörperlicher Körper), als etwas was „ein Metall und kein Metall“ ist[3554]. Manche nennen auch alles das, was beim Sublimieren oder Destillieren irgendwelcher Materien nach oben steigt, „ihr Quecksilber“[3555] und erblicken daraufhin im Quecksilber eine Grundsubstanz sämtlicher Stoffe, hauptsächlich aber der Metalle[3556]; nach der „Lehre der alten Ägypter“ ist hingegen die allgemeine Ursubstanz (Materia prima) das Blei, das sich leicht in weißes Bleiweiß, schwarzes Schwefelblei, gelbe Bleiglätte, rote Mennige und noch vieles andere verwandeln läßt (μετατρέπεται)[3557], ein Zubehör des ~Osiris~, des Herrn ὑγρᾶς οὐσίας (des Flüssigen, Schmelzbaren) darstellt, daher auch als „etesisches Metall“ durch die „Nilschwelle“ neubelebt wird usf.[3558]. Unter der Nilschwelle und ihrer belebenden Flut sind die heiligen Wässer (göttlichen Wässer, θεῖα ὕδατα) zu verstehen, die „alles an allem vermögen“ (πᾶν ἐν πᾶσι), die „Wässer des Mazachens“ (ὕδατα μαζυγίου)[3559], die auf die „Maza unserer Magnesia“ einwirken wie die Hefe (ζύμη) auf die Masse des Brotteiges[3560], sie zum Aufschwellen und Zunehmen bringen und sie in eine Art Silber- und Gold-Gärung versetzen (χρυσοζυμία), namentlich wenn man als Samen (χρυσόσπερμα) noch einige Silber- oder Gold-Flitter beifügt[3561], die man z. B. zweckmäßigerweise am Ende des Rührstockes befestigt[3562].

Träger dieses Samens kann aber auch ein besonderes Präparat sein, „der Stein der kein Stein ist“[3563], der „philosophische Stein“, der „Stein der Weisen“, der „Stein der Philosophen“ (λίθος τῆς φιλοσοφίας, τῶν φιλοσόφων)[3564]; als Ergebnis der „heiligen und göttlichen Kunst der Philosophen“[3565] heißt er nach diesen ebenso, wie der „Kalk der Philosophen“ [= Bleioxyd], der „Kitt der Philosophen“, der „Dreifuß der Philosophen“ usf.[3566], wenngleich unter λίθος schlechthin nicht selten das metallische [das Kupfer weißende] Arsen verstanden wird[3567]. Auch mit dem Namen des trockenen Streupulvers der Ärzte, ξήριον (Xérion), wird dieser Stein bezeichnet[3568], und wie das medizinische Xerion krankes und bleiches Blut in gesundes und rotes verwandelt, so „rötet“ auch das philosophische „die Wangen der Kranken“[3569] und ergibt κινναβάρι τῶν φιλοσόφων (philosophischen Zinnober = Gold), das „Ende des Werkes“ und „Pléroma der Kunst“[3570]; da aber Gold selbst „allein frei ist von aller Krankheit“[3571], so verleiht auch das Gold-erzeugende Xerion zugleich Gesundheit und langes Leben, ist die Panacee für alle heilbaren und unheilbaren Krankheiten, -- auch für die große und unheilbare Krankheit der Armut[3572] --, und bewährt sich so als der seit Äonen gesuchte und endlich gefundene große ~Pan~[3573].

Daß schon Spuren des Xerions beim Einstreuen (ἐπιβάλλειν, projizieren) eine so mächtige, jener der Hefe vergleichbare Wirkung entfalten, erklärt sich aus der ungeheuren Kraft seiner pneumatischen Natur[3574], durch die der „hieratische schwarze Stein“ (ἱερατικὴ λίθος μέλαινα) alle zauberischen Kräuter (βοτάναι) und Mineralien, ja selbst den Ätzkalk (gebrannten Kalk) völlig in Schatten stellt[3575]. Allerdings muß aber das Xerion, um wahrhaft „unser Gold“ zu sein, d. h. wirklich ~Mithras~ (= Sonne, Gold) zu ergeben und das „große mithrische Mysterium“ mit durchschlagendem Erfolge ins Werk zu setzen, auch die „+richtige+ Kraft“ (δύναμις, Dýnamis) und die „+rechte+, Wandlung schaffende Qualität“ in sich führen, die einige für eine rein geistige halten, andere aber zugleich für eine körperliche[3576]; wie auf der Kerotakis (Palette) des Malers auch ein nur geringer Zusatz richtiger Farbe der ganzen Mischung den gewünschten Ton verleiht, so bewirkt dies auf jener des Chemikers schon eine kleine Beigabe solchen echten Xerions[3577], das sich dadurch als ein Wunder der Kunst bewährt, „das da führt unendliche geoffenbarte und geheime Namen, das zugleich überall ist und nirgends, unauffindbar und allbekannt, billig und unerschwinglich, verborgenes Geheimnis und greifbares Präparat“[3578].

Das Xerion richtig herzustellen und anzuwenden, so daß es aus der Phiale das ανθρωπάριον (Menschlein) im „weißen“ glänzenden und im „roten“ königlichen Gewande aufsteigen macht, lernt man in den heiligen Kultstätten Ägyptens, doch auch Cyperns und Thraziens, sowie in den Bibliotheken der Ptolemäer und der heiligen Tempel, besonders des Serapeions; in diesen verkündigen die Bücher „zu Zehntausenden“ die große Weisheit, -- verständlich freilich nur dem Eingeweihten, für alle übrigen aber dunkel, doppelsinnig, allegorisch und mystisch (μυστικῶς)[3579].

7. Alchemistische Zeichen und Symbole.

Die Frage nach Herkunft und Alter der von den mittelalterlichen Alchemisten und ihren Nachfolgern vielbenützten Zeichen für die sieben Metalle, nämlich ☉ für Gold, ☾ für Silber, ♄ für Blei, ♃ für Zinn, ♂ für Eisen, ♀ für Kupfer, ☿ für Quecksilber, ist eine außerordentlich schwierige und auch heute noch bei weitem nicht ausreichend geklärte.

Als sicher darf es gelten, daß derlei Symbole ursprünglich nicht die Metalle bezeichneten, sondern die Planeten, und daß das höchste Alter unter ihnen den Figuren ◯ und ☾ zukommt, mittels derer zahlreiche Völker der ganzen Erde die Gestalt von Sonne und Mond in einfacher Weise nachahmend abbilden.

Bei den Ägyptern wurden, wie im alten Reiche (vor 2300) so noch in ptolemäischer Zeit, Sonne und Mond durch die Zeichen ☉ und [Symbol] oder (seltener) ☉ und [Symbol] dargestellt[3580], später auch durch ☉ und ☾[3581] oder [Symbol] und [Symbol][3582], wobei die Sonne, namentlich in der schon frühzeitig sehr beliebten Form der geflügelten Scheibe, sich auch als „grünes Auge“, „grünfarbige Sonne“, „Käfer aus reinstem Golde“ (d. h. grünlich glänzend wie dessen Flügeldecken) zubenannt findet[3583], und nicht selten das Symbol der Sonne für 1 steht, das des Mondes für 2 und die Abbildung beider nebeneinander für 3[3584]. Das Bild ☉ versinnlicht die Sonne nach uralter ägyptischer Anschauung im Zustande der Mutterschaft, den Keim der von ihr neu zu gebärenden Sonne des nächsten Tages schon in sich tragend[3585].

In Babylonien ist ein ganz ähnliches Zeichen ☉ ebenfalls sehr alt, bedeutet aber, z. B. schon in den frühen sumerischen Urkunden, die Erde mit dem sie umströmenden Ozean[3586] und demgemäß in späterer Zeit den Kosmos und das Weltganze[3587]. Die Sonne, eines der drei großen Gestirne ◯ [Symbol] ✴ (Sonne, Mond, Venus), stellten die Babylonier mit Vorliebe auch als strahlenden Stern [Symbol] [Symbol] dar, bald mit 4, bald mit 8 Strahlen oder Büscheln[3588], und die Iranier, die ursprünglich weder Tempel noch Bilder kannten, ahmten ihnen dies anfangs nach[3589], entlehnten aber dann von den Chetitern die bei diesen (wie überhaupt in Vorderasien) schon seit dem 14. Jahrhundert aufgenommene ägyptische geflügelte Sonnenscheibe[3590] und wandelten sie schließlich in das Zeichen [Symbol] um, darstellend das Haupt des Sonnenkönigs ~Mithras~, geschmückt mit der τιάρα (Tiára) oder κίταρις (Kítaris)[3591], einer Art kegelförmiger Mütze, die allein der König mit gesteifter Spitze tragen durfte, während alle anderen sie oben eindrücken mußten.[3592]

Im synkretistischen Zeitalter erfolgte, wohl zusammen mit der Einführung anderer zugehöriger orientalischer Bräuche und Gewohnheiten, auch die des Zeichens [Symbol] in Ägypten; die Siglen ☉, ☾ und ✴ werden in einigen Papyri oft (wenn auch nicht regelmäßig) angewandt und gehen aus ihnen in die beliebten „carmina figurata“ über, Gedichte, deren untereinander gesetzte Zeilen verschiedener Länge im ganzen eine bestimmte Gestalt nachbilden[3593]; an einer Stelle des „Leidener Papyrus“ ist ebenfalls ☉ = Sonne, meistens aber bedeutet ☉ Himmel oder Weltganzes, während (neben ☽ oder ☾ für Mond)[3594] in der Regel [Symbol] für Sonne auftritt[3595], u. a. auch im „Papyrus ~Mimaut~“ des 3. Jahrhunderts[3596]. Wie für den Mond, so steht ☾ auch für seine Herrin, die ~Isis~, z. B. im „Briefe der ~Isis~ an den ~Horos~“, und in einer Abteilung des „Leidener Papyrus“ heißt „Augenbraue des ☾“ soviel wie „Augenbraue der ~Isis~“, welcher Name eine heilsame Pflanze bezeichnete[3597]. In ganz gleicher Weise gingen offenbar die Zeichen ☉ und ☾ auch auf jene Metalle über, die aus naheliegenden Gründen seit jeher mit Sonne und Mond verglichen und ihnen als ἡλιακή und σηληναία ὕλη (Sonnen- und Mond-Substanz), verdichtete Sonnen- und Mond-Strahlen usf. zugeordnet wurden[3598], auf das Gold und Silber. Ist der „Leidener Papyrus“ wirklich schon im 3. Jahrhundert abgefaßt, so bietet er nach ~Berthelot~[3599] in seinem chemischen Abschnitte (X.) das älteste Beispiel dieser Art, da daselbst in einer die Darstellung von Asem betreffenden Vorschrift die Zeichen [Symbol] und ☾ für Gold und Silber gesetzt sind; es bleibt natürlich dahingestellt, ob sich ihrer schon die älteren Vorlagen dieses Papyrus bedienten, oder ob sie erst der letzte Abschreiber, einer zu seiner Zeit bereits bestehenden Gewohnheit gemäß, gelegentlich einfügte. Zugunsten letzterer Vermutung spricht es u. a., daß das Zeichen [Symbol], entgegen ~Berthelots~ Annahme, kein altes ägyptisches ist, sondern ein neueres persisches, also erst im Verlaufe der synkretistischen Periode nach Ägypten gelangtes[3600].

In einem von ~Parthey~ herausgegebenen Berliner Papyrus, der dem Beginne des 4. Jahrhunderts anzugehören scheint und fast ausschließlich Astrologie, Traumdeuterei und Zauberei behandelt, -- μέγα ἔργον, das große Werk, heißt in ihm nicht das Goldmachen, sondern die Magie --, stehen ebenfalls für Sonne und Mond die Zeichen ☉ und ☾[3601]. Man darf diese jedoch keineswegs, wie das ehemals geschah, ohne weiteres überall, wo man sie vorfindet, in derartigem Sinne auslegen; so z. B. enthalten früher unverstandene Inschriften, abgefaßt in den alten Alphabeten der Inseln Kreta und Thera (im 9. oder 8. Jahrhundert v. Chr.), durchaus nichts Alchemistisches, vielmehr gebrauchen sie ☉ für den Buchstaben w[3602]; in hellenistischer Zeit wiederum wird ☉ oft gleichbedeutend mit Θ oder [Symbol], dem großen griechischen Theta, und ist dann Θεός (Theós, Gottheit) zu lesen[3603], doch schreibt man statt des großen Θ aus Bequemlichkeit auch wieder das kleine θ, und ohne Kenntnis dieser Umstände würde niemand enträtseln können, auf welchem Wege der Buchstabe θ dazu kam, bald Gottheit, bald Kosmos, bald Sonne, bald Gold zu bezeichnen[3604]. Ähnliche Umbildungen erfuhr auch das Zeichen [Symbol], das in den Gestalten [Symbol] [Symbol] und (aus diesen vereinfacht) [Symbol] [Symbol] [Symbol] vorkommt, statt durch ein solches großes Delta, Δ, auch durch ein kleines, δ, wiedergegeben wird und daraufhin dann auch zur Abkürzung verschiedener, zum Teil ganz fernliegender, aber zufällig mit δ beginnender Worte dient[3605].

Was die Zeichen für die übrigen Metalle und die sonstigen chemischen Substanzen anbelangt, so erklärte sie ~Kopp~[3606] für Erzeugnisse einer späten Zeit, vielleicht erst der jener Kompilatoren, die im 8. oder 9. Jahrhundert zu Byzanz die alchemistischen Schriften zu Sammlungen vereinigten, deren uns in Gestalt des „Codex Marcianus“ wenigstens +eine+ zum größten Teile erhalten blieb; ~Letronne~, dessen Ansicht sich auch ~Humboldt~ anschloß[3607], hat ihre Entstehung sogar in das 10. Jahrhundert herabgesetzt und angenommen, erst die damaligen Abschreiber gnostischer und alchemistischer Manuskripte hätten sie den ursprünglichen Texten bei- oder eingefügt. Im Gegensatze hierzu schrieben ihnen aber andere Forscher ein hohes Alter zu und beriefen sich auf ihren Gebrauch bei ~Firmicus~, ~Stephanos~ und im Codex Marcianus. Bei ~Firmicus~ kommen nun zwar [Symbol] und ☾[3608], sowie ☉, ♄, ♀, ☿[3609] vor, und zwar auch in älteren Handschriften, doch rechtfertigen diese, wie schon weiter oben erörtert, weitgehende Bedenken und lassen namentlich keinerlei Schlüsse auf die Gestalt ihrer einstigen Vorlagen zu. Das Nämliche gilt betreff der (nach ~Usener~ zweifelhaften) chemischen Schriften des ~Stephanos~, der dem ~Zeus~ schon das Zinn beiordnet und dem ~Hermes~ das Quecksilber, als dessen Symbol anfänglich ☽ (also ein Gegenstück zum ☾ des Silbers) und erst späterhin ☿ aufzutreten scheint[3610]; zudem weisen die nach ~Usener~ fraglos echten „Astronomica“ des ~Stephanos~ Planetenzeichen, und zwar die allgemein üblichen, erst im Codex von Urbino auf, der dem 15. Jahrhundert entstammt[3611]. Die Listen endlich, die der Marcianus für die Planeten, ihre Metalle und ihre sonstigen Derivate (τὰ ἐξ αὐτῶν) wiedergibt[3612], gehören nach Inhalt und Form ganz verschiedenen Zeitaltern an, vermengen ältere (übrigens nicht einheitliche) Angaben und Zeichen mit zum Teil jüngeren, zum Teil ganz späten Zusätzen, verraten Einflüsse arabischer Herkunft (u. a. medizinische, z. B. durch Nennung des Zuckers, σάκαρ, σάκχαρ), berufen sich auf den berühmten arabischen Astronomen ~Abu Maʿschar~ (gest. 886) usf.[3613], schließen also eine Benützung zu chronologischen Folgerungen gänzlich aus.

Im „Leidener Papyrus“ (X) fehlen Zeichen für andere Metalle als Gold und Silber ebenfalls[3614], vielleicht weil die weitaus älteren Vorlagen, die er zum größten Teile getreulich wiedergibt, auch keine solchen enthielten; die Frage, ob sie nicht dennoch um 300 schon bekannt waren, ist jedoch trotzdem keineswegs von der Hand zu weisen, sobald man sich erinnert, daß die Symbole ursprünglich nicht den Metallen zugehörten, sondern den Planeten und ihren Göttern. Entgegen früheren Ansichten steht es nämlich fest, daß sie für diese in Ägypten schon zum Beginn unserer Zeitrechnung gebräuchlich waren, denn ein gegen 1900 aufgefundener demotischer Papyrus enthält horoskopische Tafeln für die 28 Regierungsjahre des Kaisers ~Augustus~ mit den Zeichen [Symbol] für Kronos, [Symbol] für Zeus, [Symbol] für Ares, [Symbol] für Aphrodite, [Symbol] für Hermes, „die nur demotische Abänderungen der seit viel älterer Zeit benützten zu sein scheinen“[3615]. Vermutlich gingen sie also aus der Astronomie und Astrologie, als diese durch die späteren Hermetiker und Gnostiker, Neu-Pythagoräer und -Platoniker usf. in immer nähere Verbindung mit den übrigen Formen der Magik und Mystik gebracht wurden, in deren Litteratur über, wie sich denn z. B. in der „Pistis Sophia“ (um 250 n. Chr.) für den „großen Vater, unnahbaren Gott, siebenten Schatz (= Schatz des siebenten Himmels), ...“ ebenfalls das Symbol [Symbol] [Symbol] vorfindet, also das des ~Zeus~[3616]. Die schon seit dem 16. Jahrhundert viel erörterte Frage über das Alter derartiger Zeichen, -- die einschlägigen Ansichten des ~Salmasius~ (1619), ~Kircher~ (1653), ~Huët~ (1679), ~Ducange~ (1688), ~Boerhaave~ (1732), ~Goguet~ (1756) und Anderer hat mit gewohnter Gelehrsamkeit und Vollständigkeit schon 1792 ~Beckmann~ zusammengestellt[3617] --, ist daher aller Wahrscheinlichkeit nach dahin zu beantworten, daß solche zu Beginn der Kaiserzeit schon vorhanden waren, von der Alchemie aber spätestens während der Periode ihres großen Aufschwunges im 2. und 3. Jahrhundert aufgenommen wurden.

Was ihre Entstehung anbelangt, so verdient die von ~Salmasius~ (1629) herrührende Anschauung auch heute noch den Vorzug vor allen seither geäußerten. Nach eingehender Prüfung der Handschriften der Pariser und auch anderer Bibliotheken gelangte er nämlich zur Überzeugung, daß der Ursprung der üblichen Formen ♄ (~Kronos~), ♃ (~Zeus~), ♂ (~Ares~), ♀ (~Aphrodite~), ☿ (~Hermes~), -- die nicht wie ☉ und ☾ oder wie Löwe, Widder, Stier des Tierkreises einfache Abbildungen sind --, in bloßen, dem Gebrauche der Zeit durchaus entsprechenden Abkürzungen der Planeten- oder Götter-Namen zu suchen sei, die dann später allerdings, zum Teil nach vorgefaßten Ideen, mehr oder minder willkürlich Abänderungen erlitten[3618]: wie die verschiedenen Codices zeigen, wurde für ~Kronos~ aus Κρ (auch [Symbol], [Symbol], [Symbol]), [Symbol], [Symbol], [Symbol], [Symbol], [Symbol]; für ~Zeus~ aus [Symbol], [Symbol], [Symbol], [Symbol]; für ~Ares~, aus dessen altem Beinamen Θούριος (~Thurios~), [Symbol], [Symbol], [Symbol], [Symbol], [Symbol], [Symbol], [Symbol]; für ~Aphrodite~, aus deren Beinamen Φωσφόρος (~Phosphoros~), [Symbol], [Symbol], [Symbol], [Symbol] oder [Symbol]; für ~Hermes~, aus dessen Beinamen Στίλβων (~Stilbon~), [Symbol] oder [Symbol] ([Symbol] und [Symbol] sind alte Formen für σ oder ϛ), [Symbol], [Symbol], [Symbol], [Symbol]. Wesentlich gestützt, ja geradezu bewiesen wird diese Behauptung des ~Salmasius~ durch eine Bemerkung in den (arabischen) „Schriften der treuen Brüder“[3619], die zwar erst im 10. Jahrhundert abgefaßt sind, jedoch auf weit ältere und den griechischen Originalen sehr nahestehende zurückgehen; es heißt daselbst ausdrücklich, daß man die Planeten u. a. in ähnlicher Weise mit ihren Anfangsbuchstaben bezeichne, wie die 28 sog. Mondstationen (d. s. die täglichen Orte des Mondes im 28tägigen Mondmonate) mit den 28 Buchstaben des (arabischen) Alphabetes[3620]. Auch die Symbole, denen man in den syrischen Manuskripten begegnet, sowohl in den von ~Berthelot~ veröffentlichten I. und II., die nach ihm im 7.-9., nach ~Diels~ schon im 6. Jahrhundert verfaßt sind, als auch in anderen, z. B. in jenen des Buches „Causa causarum“[3621], stammen sichtlich von den obigen griechischen ab, haben aber in der Zeit bis zum 11. Jahrhundert (aus dem die jetzt vorliegenden Niederschriften herrühren) mancherlei erst noch näher zu erforschende Veränderungen erfahren. In I. und II.[3622] sowie in der „Causa causarum“ finden sich folgende vor, deren einige auch ägyptisch-demotische oder syrische Worte andeuten mögen:

---------+-----------+-----------+-----------+-----------------------+ | Sonne = | Mond = | Kronos = | Zeus = | | Gold | Silber | Blei | Zinn, | | | | | Elektron | ---------+-----------+-----------+-----------+-----------------------+ Syr. | [Symbol] | [Symbol] | [Symbol] | fehlt [Symbol] | Man. I: | | | | [Symbol][3624] | | | | | | Syr. | [Symbol] | [Symbol] | [Symbol] | [Symbol] fehlt | Man. II:| | | | | | | | | | Causa | | | | | causarum:| [Symbol] | [Symbol] | [Symbol] | [Symbol] [Symbol] | | [Symbol] | [Symbol] | [Symbol] | |

---------+--------------+---------------+---------------------------- | Ares = | Aphrodite = | Hermes = | Eisen | Kupfer | Zinn[3623], | | | Quecksilber ---------+--------------+---------------+---------------------------- Syr. | [Symbol] | [Symbol] | [Symbol] [Symbol] Man. I: | | | | | | Syr. | [Symbol] | [Symbol] | [Symbol][3625] fehlt Man. II:| | | [Symbol] [Symbol] | | | Causa | | | causarum:| [Symbol] | [Symbol] | [Symbol] Quecksilber | [Symbol] | [Symbol] | [Symbol] und Elektron

Auch aus ihnen ist wiederum ersichtlich, daß die Metalle den Planeten nicht von Anfang an sämtlich in unabänderlicher Weise zugeteilt waren, und namentlich, daß ursprünglich dem Zeus das Elektron (Gold-Silber-Legierung) angehörte und dem Hermes das Zinn, während später Zeus das Zinn erhielt, Hermes aber das Quecksilber. Als Zeit, um welche dieser Wechsel stattfand, -- auf die besondere Wichtigkeit ihrer Ermittlung wies bereits ~Hoffmann~ hin[3626] --, ist wohl nicht erst etwa das 6. Jahrhundert anzusehen[3627], sondern schon das 4., während dessen allem Anscheine nach die Destillation des Quecksilbers entdeckt wurde, auf die hin man diesen bis dahin der kalten und trägen Hýle zugeordneten Stoff, als einen der Verwandlung in heißes, Spannung besitzendes Pneuma fähigen, nunmehr dem Kreise des Pneumas einreihte und als flüchtigen und alles durchdringenden „Geist“ mit dem Träger des Pneumas, dem ~Hermes~ oder ~Merkur~, identifizierte[3628]. Demgemäß wird im syrischen Manuskript I. das Quecksilber schon mit dem der Astronomie entlehnten Ausdrucke ἀναβιβάζων (das Aufsteigende) bezeichnet[3629]. Die in diesen syrischen Handschriften wiedergegebenen Zeichen, die nicht vollständig und zuweilen auch undeutlich sind[3630], stimmen im ganzen, wenn auch nicht in allen Einzelnheiten, mit jenen überein, die der (etwa im 10. Jahrhundert niedergeschriebene) Codex Marcianus seinen älteren Quellen entlehnte[3631], was gleichfalls für ihren griechischen Ursprung spricht; die „üblichen“ Symbole, d. h. diese nämlichen, benützte auch gegen Ende des 9. Jahrhunderts der (in seinen eigenen Werken meist gänzlich unzuverlässige) arabisch schreibende Syrer ~Ibn Wahschijah~[3632].

Zeichen und Abkürzungen ähnlicher Art waren mindestens seit dem 2. Jahrhunderte auch in anderen Wissenschaften gebräuchlich, so z. B. setzten die Astrologen [Symbol] oder [Symbol] für κέντρον (Zentrum), [Symbol] für χρόνος (Chronos, Zeit), [Symbol] für ὡρόσκοπος (Horoskop), [Symbol] für Διάμετρος (Diameter), [Symbol] und [Symbol] für ἀνα- und κατα-βιβάζων (aufsteigend und niedersinkend), [Symbol] für σφαῖρα (Sphäre) usf.[3633]. Die Ärzte bedienten sich der Bilder [Symbol], [Symbol] und ähnlicher und deuteten durch ein ihren Rezepten vorgesetztes [Symbol] an „mit Hilfe des ~Zeus~“, woraus in römischer Zeit „J. J.“ (Juvante Jove, mit Hilfe ~Jupiters~) entstand und in christlicher „J. J.“ (Juvante Jesu) oder „J. D.“ (Juvante Deo)[3634]. Bei den Mathematikern findet sich u. a.[3635]: ½ = ἥμισυ = [Symbol], [Symbol], [Symbol], [Symbol], [Symbol][3636]; ⅓ = τρίτον = [Symbol] und [Symbol]; ¼ = τέταρτον = Δ; μοῖραι (Teile, u. a. Einheiten der Kreisperipherie) = Ṁ, woraus wohl das Zeichen ° für Kreisgrad entstand; οὐδεμία μοῖρα, οὐδέν (kein Teil, nichts) = 0[3637]; auch einige bei ~Diophantes~ (4. Jahrhundert?) gebrauchte Zeichen (z. B. für die Subtraktion) gehören vermutlich hierher[3638]. Die Metrologen endlich, sowie die ihnen folgenden Ärzte, schrieben z. B. Lítra = λίτρα = λν, [Symbol], [Symbol], ⭡, ⇂; Unze = οὐγκία = [Symbol]; Xéstes = ξέστης = [Symbol], [Symbol]; Oxýbaphos = ὀξύβαφος = [Symbol], [Symbol]; u. dgl. mehr[3639]. Ohne die zuweilen nur auf Zufällen beruhende Kenntnis der Übergangsglieder würde man die Herkunft solcher Abkürzungen oft ebensowenig erraten können, wie etwa die unseres Zeichens % für Prozente, wüßte man nicht, daß es aus dem italienischen „per cento“, abgekürzt [Symbol], hervorgegangen sei[3640].

Über Alter, Entstehung und Deutung der zahlreichen Symbole für allerlei Abkömmlinge der Metalle (τὰ ἐξ αὐτῶν) und sonstige chemische Verbindungen, die sich in einzelnen, anscheinend jüngeren Listen des Marcianus und den syrischen Manuskripten vorfinden[3641], ist bisher nichts Näheres bekannt. Manche von ihnen sind bloße Abbildungen, z. B. die sternförmige Figur ✴ für krystallisierte Alaune oder Vitriole, die u. a. auch schon in den Schriften der ~Kleopatra~ sowie im „Papyrus ~Kenyon~“ (3. Jahrhundert) vorkommt, andere mögen auf Abkürzung griechischer, syrischer oder ägyptischer Worte zurückgehen, noch andere irgendwelche besondere, vorerst in der Regel nicht zu enträtselnde Beziehungen wiedergeben. Die scheinbar sehr auffällige Tatsache z. B., daß der Schwefel mit dem Zeichen des Bleies, also des ~Kronos~, geschrieben wurde, dürfte zweifellos aus der leichten Schmelzbarkeit dieser Stoffe zu erklären sein, auf die hin sie beide dem ~Kronos~, als „Herrn alles Flüssigen“, zugeordnet wurden; daß man den Schwefel-Verbindungen des Arsens und Antimons das Symbol des Schwefels erteilte, ist aber sichtlich nicht, wie ~Berthelot~ annahm[3642], auf die Erkenntnis ihrer Sulfid-Natur und die Berücksichtigung dieser Erkenntnis zurückzuführen, sondern einfach auf die Beobachtung, daß sie sich in zahlreichen Fällen, z. B. beim Erhitzen und Verbrennen für sich oder mit anderen Stoffen, ganz ähnlich wie Schwefel +verhalten+, also Schwefel, oder wenigstens Arten des Schwefels, auch +sind+.

Vierter Abschnitt.

Die Alchemie im Orient.

1. Erste arabische Übersetzungen und Schriften.

Einleitung.

Fast unmittelbar nach dem Tode ~Muhammeds~ (570-632) begannen die Araber ihre Siegeszüge, nahmen auf die gewaltige Schlacht bei Kadesia hin, in der 636 das persische Reich zusammenbrach, alsbald dessen fruchtbarste Gegenden (Mesopotamien, Chuzistan) in Besitz, erstürmten Damaskus und Jerusalem und eroberten bereits 640 die oströmische Provinz Syrien; sie begegneten in diesen Ländern einer so hochentwickelten, von ihrer eigenen so verschiedenen und sie in jeder Hinsicht so himmelweit überragenden Kultur, daß die Art, in der sie diese vom ersten Augenblicke an richtig zu würdigen verstanden und sofort zu ihrem eigenen Besten nutzbar zu machen begannen, den denkwürdigsten und erstaunlichsten Tatsachen der Weltgeschichte zugezählt werden darf.

In Mesopotamien, namentlich aber in Syrien, hatte die griechische Litteratur schon frühzeitig festen Boden gefaßt, und griechische Werke philosophischen und medizinischen Inhaltes wurden vielleicht bereits seit dem 4. Jahrhundert, in weiterem Umfange aber seit den Austreibungen der Nestorianer aus dem byzantinischen Reiche (431 und 489), unmittelbar in das Syrische übersetzt. Ganz besonders tat sich hierbei der Mönch ~Sergius~ von ~Resain~ oder Rîschʿaïnâ hervor (gest. 536), der in Alexandria studiert haben soll und zahlreiche theologische, philosophische, medizinische, physikalische und mystische Schriften ins Syrische übertrug[3643]; die Behauptung, er habe auch astrologische und alchemistische Abhandlungen übersetzt, ist unerwiesen und gründet sich wohl nur auf das Vorhandensein von mancherlei Pseudepigraphen, die sein berühmter Name noch in späterer Zeit zu decken hatte, -- denn eine lebhafte Übersetzungs-Tätigkeit ins Syrische hielt bis in das 8., ja bis in das 10. Jahrhundert hinein an und wurde erst von da ab durch die aus dem Griechischen und Syrischen in das Arabische abgelöst[3644].

Daß es hingegen mindestens schon seit dem 5. oder 6. Jahrhundert von +anderen+ Autoren angefertigte syrische Übertragungen astrologischer, hermetischer und alchemistischer Bücher gegeben habe, ist durchaus wahrscheinlich, und schon weiter oben wurde auf diesen Punkt verschiedentlich hingewiesen. Durch syrische Vermittlung erhielten daher wohl auch die Araber die erste Kunde von einer Litteratur, die ihnen bis dahin in jeder Hinsicht völlig fremd gewesen war, -- entgegen einer weitverbreiteten Annahme auch in astrologischer; hatten doch, wie ~Albiruni~ (um 1000) erzählt[3645], die Araber daheim vom Himmel und den Himmels-Erscheinungen nicht mehr Kenntnisse als die Bauern allerorten, d. h. sie beobachteten Aufgänge, Stellungen, Aussehen, Lichtfarben usf. der Gestirne[3646], und verehrten zwar, wie alle Westsemiten, Mond und Sterne[3647], schrieben jedoch den Planeten keinerlei besondere oder bestimmende Wirkungen zu.

Eine eigene, d. h. +selbständige+ arabische Litteratur hermetischen und alchemistischen Inhaltes scheint, soweit die noch sehr dürftigen Kenntnisse in dieser Beziehung ein Urteil gestatten, als Fortsetzung der hellenistischen und syrischen zuerst in harranischen (ssabischen) Kreisen entstanden zu sein[3648], und zwar erst zur Zeit der Herrschaft der Abbassiden. Dagegen besaß man schon um das Ende der Omajjaden-Dynastie (661-750) arabische +Übersetzungen+ astronomischer und astrologischer Werke, u. a. der dem ~Hermes~ und ~Zoroaster~ zugeschriebenen aus dem Syrischen, sowie der des „babylonischen“ ~Tinkalos~ (d. i. des griechischen ~Teukros~) aus dem Mittelpersischen (Pehlewi)[3649]; Übertragungen alchemistischer Schriften aus dem Griechischen tauchen sogar, soferne man den vorliegenden Berichten Glauben schenken darf, bereits etwa 50 Jahre nach der Inbesitznahme Alexandrias (641) auf.

Es ist bekannt, daß die Araber, wie zahlreiche ihrer anderen anfänglichen Eroberungen, so auch die Ägyptens (von 641 an) auf das Schonendste vollzogen, unter derart weitgehender Berücksichtigung der bestehenden Verhältnisse, -- immer abgesehen von der politischen Obmacht --, daß die große Masse einer seit jeher gänzlich passiven und das Aussaugungs-System +jeder+ Regierung widerstandslos hinnehmenden Einwohnerschaft kaum zum Bewußtsein gekommen sein mag, abermals den Herrn gewechselt zu haben. Daher fiel es den Arabern leicht, alsbald nähere Beziehungen mit den Einheimischen anzuknüpfen, vor allem auch mit den hellenistisch gebildeten Elementen der städtischen Bevölkerung, und da sie, wie bereits erwähnt, ebenso fähig waren, die Vorteile überlegener Kultur zu erkennen, wie bestrebt und begabt, sie sich zu eigen zu machen, bahnten sich schon nach kurzem die Anfänge jener Übermittler-Rolle an, die ihnen so ungeheure Wichtigkeit für die ganze geistige Entwicklung Europas verleihen sollte.

Begreiflicherweise und auch der nationalen Veranlagung gemäß erstreckten sich die erwähnten Aneignungen zunächst auf das praktisch Wichtige und Wertvolle, also auf alles Das, was mit Kriegstüchtigkeit und Gesundheitspflege, mit Ertragsfähigkeit und Bereicherung des Landes, mit Handel und Verkehr, oder mit Produktion und Technik zusammenhing. Nicht vom +wissenschaftlichen+ Standpunkte aus, der ihnen noch gänzlich ferne lag, sondern der (wenn auch nur vermeintlichen) +praktischen+ Bedeutung wegen wurden daher die Araber schon sehr frühzeitig auch auf das Treiben der Gold- und Silber-Macher aufmerksam, und daß dies geschehen konnte und geschah, beweist zugleich, daß alchemistische Bestrebungen bis in das 7. Jahrhundert hinein lebendig geblieben waren und sich auch damals noch, besonders wohl in Alexandria, fortdauernder und eifriger Pflege seitens gewisser Kreise erfreuten; daß die Araber griechische Kunstworte und Termini nur von griechisch sprechenden Lehrmeistern und Laboranten übernommen haben können, ist eine naheliegende und u. a. schon von ~Schmieder~ mit Klarheit ausgesprochene Schlußfolgerung[3650].

Eingehendes Interesse für Alchemie soll zuerst der omajjadische Prinz ~Khalid ibn Jazid ibn Muʿawijah~ (635-704) bekundet haben[3651], der bei seinen fruchtlosen Bemühungen, das Khalifat zu erlangen, schwere Enttäuschungen erlitt und seither in Alexandria zum Zeitvertreib und aus Liebhaberei medizinische, astrologische und alchemistische Studien betrieb; nach den in ~Alnadims~ „Fihrist“ (abgeschlossen 987) und bei ~Aldschahiz~ (9. Jahrhundert) erhaltenen Nachrichten[3652] war +er+ es, auf dessen Befehl die ältesten Übersetzungen arabischer Werke aus dem Griechischen und Koptischen [?] angefertigt wurden[3653], und auch er selbst, der im Rufe größter Gelehrsamkeit stand[3654], schrieb alchemistische Werke, u. a. ein Lehrgedicht „Paradies der Weisheit“ in 2315 Versen oder Strophen[3655]. Von diesen blieb durch ~Almasʿudi~ (gest. 956) eine einzige erhalten, „die die Goldbereitung in dunkler Form schildert“[3656] und in freier Übersetzung lautet:

„Nimm Talk, dazu ammonisch Salz, und was Du findest auf der Straße, Dann etwas, was dem Baurak gleicht[3657], und mische es im rechten Maße. Was höchste Macht der Welt verleiht, das wird dem Mann gewährt, Der alles dies genau vollbringt, und fromm den Allah ehrt.“

In Prosa und wohl genauer gibt sie ~E. Wiedemann~ wie folgt wieder[3658]: „Nimm Talk (Glimmer, Gips), Uschschak (= Ammoniak-Harz?), ferner was man an den Wegen findet, sowie eine Substanz, die dem Baurak gleicht, und wäge es ab ohne einen Fehler zu machen; dann, wenn Du Gott, Deinen Herrn, liebst, wirst Du zum Gebieter der Schöpfung gemacht werden.“

Als Lehrer des ~Khalid ibn Jazid~ nennt der „Fihrist“ den ~Morienes~ (~Morienus~, ~Marinos~, ~Marianos~), einen alexandrinischen Gelehrten, Arzt und Schriftsteller aus der Zeit der arabischen Eroberung, der selbst wieder seine Weisheit von dem etwas älteren berühmten Alchemisten ~Adfar~ (später auch ~Ibn Adfar~, ~Ibn Adschar~ geheißen?) überkommen haben soll[3659]. Unter dem Titel „Buch des ~Morienus~“ ist eine alchemistische Abhandlung auf uns gelangt, jedoch nur in lateinischer Übersetzung, an deren Echtheit Zweifel erhoben wurden. Ihr Verfertiger, der sie laut Vorrede und Schlußbemerkung am 21. Februar 1182 glücklich vollendete, nennt sich ~Robertus Castrensis~, und ~Jourdain~ hält ihn für den anderweitig bekannten ~Robert de Retines~[3660]. Daß dieser, wie ~Leclerc~ will[3661], schon 1143 in Pampelona als Archidiakonus gestorben sei, trifft zwar nach ~Wüstenfeld~ nicht zu, trotzdem könne er aber nicht identisch mit dem fraglichen Übersetzer sein, der sich in der erwähnten Vorrede noch 1182 als Jüngling bezeichne[3662]; was er sich daselbst in seinem sehr schlechten Latein zuspricht (dessen Mängel er ausdrücklich entschuldigt), ist indessen nur „ingenium juvene“ (= juvenile), d. i. „jugendlicher Eifer“, so daß diese Stelle kein unbedingtes Hindernis böte, -- da aber der Name öfter vorkommt[3663], und überdies „Castrensis“ ein gebräuchlicher Hoftitel ist, der u. a. schon bei ~Ammianus Marcellinus~ (um 380) auftaucht[3664] und auch noch dem berühmten arabischen Arzte ~Alrazi~ (9. Jahrhundert) beigelegt wird[3665], bleibt die Unsicherheit bestehen. In der Vorrede seines Buches sagt ~Morienus~, er sei Römer von Geburt, habe seit dem vierten Jahre nach dem Tode des Kaisers ~Herkules~ (d. i. ~Heraklius~, 603-641) als Eremit nächst Jerusalem gelebt und widme das Werk dem „Könige ~Khalid~ von Ägypten, Sohne ~Gezids~, Sohne ~Madoyas~“[3666]. Was seinen Inhalt anbelangt, so wird es an Leere, Unklarheit und albernem Gefasel von keinem späteren übertroffen, enthält aber nichts, was mit den Lehren der letzten griechischen Alchemisten unvereinbar wäre, und führt auch, soweit die oft gänzlich entstellten (wenn nicht willkürlich erfundenen?) Namen der Autoritäten überhaupt eine Deutung zulassen[3667], keine anderen als griechische an; zahlreich begegnen mit dem arabischen Artikel al verschmolzene Ausdrücke, wie Alnatron, Almizadir (= Salmiak), Albaurach (= Borax), Alzebric (= Schwefel)[3668], Almagra (= Amalgam, Legierung, u. a. auch Messing)[3669], ferner Azoc (u. a. = Quecksilber)[3670], Zarnak (= Arsen)[3671], Arkan (= Pfeiler, Grundlage)[3672], Elixir (als das verwandelnde Mittel auch „Alchymia“ genannt)[3673] usf., und wiederholt wird auch auf die ursprünglichen arabischen Worte verwiesen, z. B. „Borreca, quod arabice tincar“[3674], „Borax, d. i. das arabische Tinkar“. Allem Angeführten nach ist es nicht ausgeschlossen, daß das „Buch des ~Morienus~“ im wesentlichen auf eine alte arabische, den griechischen Vorlagen noch ganz nahestehende Schrift zurückgeht, von der es aber in der vorliegenden Gestalt nur als eine schon vom christlichen Standpunkt aus umgearbeitete Übersetzung anzusehen wäre; da aber ein arabisches Original nicht bekannt ist, und die so zahlreichen zuweilen mit überraschendem Geschicke angefertigten Fälschungen aller Art zur größten Vorsicht mahnen, kann vorerst nur von Möglichkeit die Rede sein, keinesfalls von Gewißheit[3675].

a) Buch des Krates.

Seit ~Hoffmann~ 1884 darauf hinwies[3676], daß ohne Durchforschung der früh-syrischen und -arabischen Übersetzungen aus dem Griechischen, wie sie u. a. in den Bibliotheken von London und Cambridge in großer Zahl vorhanden sind, die ältere Geschichte der Chemie unmöglich aufgeklärt werden könne, ist in dieser Hinsicht nur verhältnismäßig Spärliches geschehen; einige wenige auf Veranlassung ~Berthelots~ herausgegebene und übersetzte Bruchstücke, die den von ~Hoffmann~ erkannten besonderen Wert jener Quellenschriften durchaus bestätigen, ermöglichen vorerst allein den (freilich noch äußerst beschränkten) Einblick in die Schöpfungen einer Litteratur, die vorher in völlig undurchdringlichem Dunkel lag.

Als einer ihrer ältesten Bestandteile, mindestens aber als eines ihrer frühesten Dokumente, ist das „Buch des ~Krates~“ anzusehen[3677], offenbar, wie schon der Titel verrät, die Übersetzung eines griechischen Werkes, das uns im Original nicht mehr erhalten ist, sich jedoch bei ~Pseudo-Demokritos~ (in den syrischen Manuskripten) zitiert findet[3678]; die einen nennen den oben erwähnten omajjadischen Prinzen ~Khalid ibn Jazid~ als Herausgeber, die anderen berichten, er sei nur Besteller der Übersetzung gewesen, die zu jenen zählte, durch die er zuerst es unternahm, die griechische Alchemie im arabischen Schrifttume einzubürgern. Diesen Überlieferungen entspricht das „Buch des ~Krates~“ in jeder Hinsicht, denn es schließt sich inhaltlich durchaus an die Werke der griechischen Alchemisten an, enthält neben wenigen, dem Orient entstammenden Namen (wie Markasit)[3679], viele unveränderte griechische, z. B. Androdamas, Elektron, Magnesia, Molybdochalkos[3680], und gibt auch noch alchemistische Zeichen, sowie Zeichnungen von Figuren und Apparaten wieder, die bei den späteren Arabern fehlen, -- angeblich aus Gründen der Orthodoxie. Auf alte Überlieferung aus ägyptischen und gnostischen Quellen deutet die Behauptung, das Buch sei nur infolge Verrates seitens einer von ihrem Verführer verlassenen Priestermagd des alexandrinischen [damals schon seit Jahrhunderten zerstörten!] ~Serapis~-Tempels bekannt geworden[3681], ferner die Erwähnung der Schlange ~Uroburos~[3682], die Schilderung abenteuerlicher Visionen der sieben Planeten mit ihren sieben Himmeln[3683], die Berufung auf ~Hermes Trismegistos~[3684], die Ausstattung der ~Aphrodite~ mit einer Vase, der ein Strom Quecksilber entfließt[3685], u. dgl. mehr.

Als Grundlage sämtlicher Metalle wird das „schwarze Blei“ bezeichnet, das auf sie alle seine eigene Fähigkeit überträgt, in der Wärme zu schmelzen, beim Erkalten aber wieder fest und starr zu werden[3686]; sein Übergang in eines der anderen Metalle und die hiermit verbundene Farbenveränderung werden durch entsprechende Zutaten hervorgerufen, ganz ebenso wie solche das Entstehen der gelben Bleiglätte, der roten Mennige und des leuchtenden Bleiweißes ermöglichen[3687]. Dem Blei gleichwertig ist das Kupfer, das sich auch ganz analog verhält; daher pflegt man beim großen Werke von ihm auszugehen und ihm die richtige Färbung zu verleihen[3688], wozu man zweckmäßigerweise etwas fertiges Gold mit einsät[3689]. Bei der Wahl der Zutaten ist zu bedenken, daß Verbindungen zwei Bestandteile erfordern, die passend auszusuchen sind, d. h. so, daß sie sich gegenseitig anziehen und nötig haben, sich bei der Begegnung aneinander freuen, sich vereinigen und paaren wie Mann und Weib, und wie durch Vereinigung von Samen und Katamenien in der Matrix ein Kind zeugen, -- denn das ist Inhalt und Vollziehung des großen Werkes, dem Grundsatze gemäß „Die Natur freut sich an der Natur“[3690]. Die Vorgänge beim Entstehen einer solchen Verbindung, bei der sich das Passende vereinigt, das Nicht-Passende aber abgeschieden wird, gleichen jenen, die sich im menschlichen Körper abspielen, der die schädlichen und unbrauchbaren Stoffe, die z. B. das Fieber in ihm erzeugt, eben durch dessen Hitze auch wieder ausstößt, -- ähnlich wie das verbrennende Holz die Asche absondert --, und so seine Lebenskraft bewahrt[3691]; auch gleichen sie jenen beim Brennen des an sich kalten und trockenen Kalksteines, der, einmal im Feuer „zurechtgekocht“, ein inneres Leben empfängt und fortan den Geist des Feuers zeigt[3692]. Die richtige Verbindung erhält man freilich nur dann, wenn man die Bestandteile +so+ mischt, wie die Maler ihre schwarzen, weißen, gelben und roten Farben, oder wie die Ärzte ihre heißen, kalten, trockenen und feuchten Arzneimittel, nämlich entsprechend den bestimmten Gewichten, nach denen sich die wägbaren Stoffe verbinden, und die man deshalb genau kennen muß; in diesen rechten Gewichten liegt das Geheimnis, +sie+ sind es, die den Kenner zum „Herrn des Werkes“ machen, und deshalb haben die alten Meister sie entweder gänzlich verschwiegen, oder nur flüchtig angedeutet[3693]. Das eigentlich Wirksame bei der Verbindung sind jedoch keineswegs die körperlichen Stoffe selbst, da diese sich weder zu durchdringen noch ineinander auszubreiten vermögen, vielmehr ihre luft- und feuerartigen Geister, und daraus, daß +diese+ das Wesentliche vorstellen, erklärt es sich auch, daß die „Färbung“ nicht mit Erhöhung des Gewichtes verbunden ist[3694]; ferner erhellt eben daher die Möglichkeit, den „Schwefel“ benannten Teilen der „verbrannten, getöteten“ Körper ihre, auch „Quecksilber“ geheißenen Geister, neu zuzuführen[3695] und so ihre „Wiederbelebung“ zu bewirken[3696].

b) Buch des Alhabib.

Auch das „Buch des ~Alhabib~“[3697] ist entweder durch Übersetzung oder durch leichte Umarbeitung hellenistischer Vorbilder zustande gekommen: noch gibt es ausschließlich deren Gedankengänge wieder, fußt auf deren Dogmen und beruft sich auf deren Autoritäten, von ~Pythagoras~[3698], ~Platon~[3699] und ~Aristoteles~[3700] an bis auf ~Hermes~ und ~Chimes~[3701], ~Maria~ und ~Zosimos~, der auch ~Rosinos~, ~Rosinus~, ~Rimes~, ~Rusem~ usf. benannt wird[3702]. Immerhin finden sich arabische Termini schon häufiger vor als im „Buch des ~Krates~“, neben Markasit[3703] z. B. auch Kermes [= Würmchen, d. i. der später „Carmoisin“ geheißene rote Farbstoff aus den Schildläusen gewisser Eichenarten], Aludel [= al ʿutal], Borax[3704] usf.

Das große Werk, so berichtet ~Alhabib~, ist eine Erfindung der Ägypter, die schon in uralten Zeiten unendliche Mengen Goldes aus „Sand“ gewannen[3705]. Man führt es aus, indem man „das Schwarze“ einer Umwandlung unterwirft, wobei man ein wenig Gold aussät, um mehr Gold zu ernten, und das Produkt der Umwandlung in vollendetem Zustande und im richtigen Augenblicke fixiert[3706]; wie man aber hierbei im einzelnen verfahren soll, darüber hat kein einziger Philosoph die Wahrheit in klarer Form gesagt, vielmehr verheimlichten alle großen Meister gerade das Wichtigste, die Gewichts- und Zeitangaben[3707], nicht etwa aus Mißgunst, sondern weil sie fürchteten, den Neid der Dämonen zu erwecken, und sich scheuten, durch Ermöglichung unbegrenzten Reichtumes eine allgemeine Verderbnis der Menschheit zu verschulden[3708].

Sicher ist, daß es darauf ankommt, das heiße und trockene Männliche (ἀρῥενικόν, Arsen) mit dem kalten und feuchten Weiblichen zu vermählen, und zwar nach den Gewichten und Mengen, die den Eigenschaften und Temperaturen der Bestandteile entsprechen[3709]. Das Männliche ist aktiv, beharrend, Kraft, Wärme und die mit letzterer verbundene Bewegung spendend, das Weibliche hingegen passiv, veränderlich und das Gespendete empfangend[3710]; so gleichen sie dem Schwefel und dem Quecksilber, aber zu viel Schwefel würde verbrennend, und zu viel Quecksilber abkühlend wirken[3711], daher gilt es, die richtigen Verhältnisse einzuhalten. Wo solche herrschen, da freut sich das Blut der Katamenien, das Sperma aufzunehmen, denn da dieses sich aus den feinsten Bestandteilen des Blutes bildet und ursprünglich selbst Blut war, so ziehen sich die beiden verwandten Substanzen beim Zusammentreffen an, und vermischen sich[3712]; es entsteht ein Gebilde, das zehntausend Namen trägt, ein Keim, ein Ei, ein Neugeborenes, ein Fötus[3713]; und wie der wahre Fötus nach 40 Tagen Form besitzt, nach weiteren 80 Tagen Beweglichkeit erlangt und nach weiteren 150 Tagen [im ganzen also nach 270 Tagen = 9 Monaten] zur Welt kommt[3714], so verlangt auch der des großen Werkes, das der Zeugung ganz analog ist und wie diese Wärme und Zeit erfordert[3715], zu seiner Entwicklung 40, 80 und 150 Tage (= 270) nach den einen, dagegen 100, 180 und 365 Tage nach den anderen[3716].

Bei Anwendung von zu viel „Schwefel“ werden, wie erwähnt, die Substanzen „verbrannt“ und hinterlassen eine Asche, die auch „unverbrennlicher Schwefel“ heißt, während ihre Geister zum weitaus größten Teile entweichen und nur zu einem kleinen Betrage mit der Asche vereinigt zurückbleiben[3717]; gelingt es, letztere mit „Quecksilber“ zu verbinden, so kann man ihr die Geister wieder zuführen[3718], und in diesem Sinne bezeichnet vielleicht ~Hermes~ auch das Quecksilber aus dem Zinnober als „Schwefel“[3719].

Will man das Entweichen der Geister verhindern, so benützt man die Gefäße mit „hermetischem Verschluß“, die schon ~Zosimos~ erwähnt[3720]. Die Dünste und Dämpfe schlagen sich an den kälteren Stellen nieder und werden dort fest [durch Sublimation], oder flüssig [durch Kondensation]; ganz analoge Vorgänge vollziehen sich nach den griechischen Autoren auch im Kopfe der Menschen[3721] [der, z. B. nach ~Aristoteles~ durch die Kälte des Gehirnes die bei der Verdauung entstehenden Dünste teilweise verflüssigt, worauf die brauchbaren und gesunden Bestandteile dem Blute zuströmen, die unbrauchbaren und ungesunden aber als Schleim abfließen, der in Rachen und Nase Flüsse und Katarrhe erzeugt].

c) Buch des Ostanes.

Unter dem Namen dieses „Meisters“ ist eine angeblich uralte Schrift überliefert[3722], die zwar auf echten hellenistischen Grundlagen beruht, jedoch viele spätere Einschiebsel enthält[3723], denn der Verfasser, der u. a. den ~Aristoteles~ selbst gesprochen und ausgefragt haben will[3724], redet z. B. an einer Stelle von „Ägypten und Andalusien“[3725], was frühestens auf die Zeit um die zweite Hälfte oder gegen das Ende des 8. Jahrhunderts hinweist.

Vom Stein der Weisen, für den sich 84 verschiedene Namen angeführt finden, wird berichtet, daß seine Kräfte und Tugenden über jede Lobpreisung erhaben sind, jedoch, ebenso wie die Vorschriften zu seiner Herstellung, strengstens geheim gehalten werden müssen[3726]. In einer phantastischen Vision erzählt der Verfasser seinen „Traum von den sieben Pforten“ und teilt deren Inschriften mit, die sich leider nur noch bei dreien als lesbar erwiesen[3727]: nach der ersten, ägyptischen, besteht das Geheimnis des großen Werkes in der Paarung der Elemente; nach der zweiten, persischen, lassen sich die Ägypter aus Persien Gehilfen kommen und von den dortigen Magiern gewisse Präparate zusenden, die es in Ägypten nicht gibt[3728]; nach der dritten, indischen, ist der Harn der weißen Elefanten ein Heilmittel von unübertrefflicher Wirksamkeit.

d) Gespräche des Markos.

Das Buch von den Gesprächen des ~Markos~ oder ~Markusch~[3729], der auch als „König von Ägypten“ bezeichnet wird und nach ~Berthelot~ der in späteren Zeiten „~Marcus Graecus~“ benannte Autor sein soll (?), ist eine völlig wirre, vielfach von jüngeren Interpolationen durchsetzte Zusammenstellung unverstandener oder halbverstandener Lehren und Aussprüche, angeblich herrührend von ~Hermes~, (Pseudo-) ~Demokritos~, ~Maria~ „der Prinzessin von Saba“, dem Syrier ~Marianos~[3730], ~Galenos~, ~Dschabir~ (s. unten), und anderen Meistern der Philosophie.

e) Dschâbir Ibn Hajjân.

Zu den wichtigsten der alten arabischen Schriftsteller über Alchemie wird ~Dschabir~ gezählt, den die Tradition in die Zeit um das Ende des 8. oder den Anfang des 9. Jahrhunderts versetzt und als Schüler des ~Dschaʿfar Alsadiq~ (699-765?) bezeichnet, eines sehr berühmten, angeblich mit dem in verschiedenen Texten genannten ~Adfar~ von ~Alexandria~ identischen Alchemisten, dessen Schriften verloren gegangen sind[3731]. Indessen ist diese Tradition schon in früher Zeit eine merkwürdig schwankende, denn bereits ~Alnadims~ hochwichtiges, 987 abgeschlossenes Sammelwerk „Fihrist“ erklärt, es gelte für fragwürdig, ob dieser ~Dschabir~ überhaupt gelebt habe, ob der Name ~Dschabir~ +einer+ bestimmten Persönlichkeit zukomme, und ob man berechtigt sei, letzterer die Abfassung einer so ungeheuren Anzahl von Werken zuzuschreiben, -- deren schon damals einige Hunderte vorlagen, neben denen einige weitere Hunderte nur dem Titel nach bekannt waren[3732]. Alles über das Leben und die Lebensumstände des ~Dschabir~ Berichtete ist daher als durchaus unsicher anzusehen, auch hat es zweifellos mehrere Gelehrte dieses Namens gegeben, deren Schriften vielleicht erst in späterer Zeit zunächst mit denen des Ältesten unter ihnen sowie mit denen seiner Schule vereinigt, weiterhin aber sämtlich als die seinigen betrachtet, oder doch ausgegeben wurden. Daß man diesen Werken keinesfalls +jene+ zuzählen dürfe, die im Okzident seit etwa 1300 für solche des Arabers ~Dschabir~ oder ~Geber~ galten, daß dieser vermeintliche ~Geber~ unmöglich mit dem eingangs genannten ~Dschabir~ identisch sein könne, daß die angeblichen Schriften des ~Geber~, die ausschließlich in barbarisch-lateinischen „Übersetzungen“ vorliegen, in Wahrheit keine Übersetzungen aus dem Arabischen, vielmehr im Abendlande entstandene Kompilationen seien, und daß die in ihnen niedergelegten Erfahrungen nicht dem wissenschaftlichen Standpunkte um 800, sondern dem um 1300 entsprächen, -- alle diese Erkenntnisse reiften endgültig erst im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts und reinigten die Geschichte der Chemie von einem Wuste folgenschwerer Irrtümer und unlösbarer Widersprüche. Auf Einzelheiten kann an dieser Stelle noch nicht eingegangen werden, doch sei hervorgehoben, daß sich ~Berthelot~ in völligem Unrechte befindet, wenn er, seiner Gewohnheit gemäß, die Herbeiführung dieses Umschwunges für sich ganz allein in Anspruch zu nehmen sucht; ein wirkliches Verdienst erwarb er sich jedoch dadurch, daß er die Herausgabe und Übersetzung einer Anzahl wichtiger arabischer Werke des „echten“ ~Dschabir~ veranlaßte[3733], die bis dahin allein den Orientalisten von Fach zugänglich, allen anderen Forschern aber nur aus deren Berichten bekannt waren. Auch diese Schriften[3734], die dem chemischen Inhalte nach noch engen Anschluß an die ihrer hellenistischen Vorbilder zeigen, sonst jedoch durch Verwalten mystischer Auslegungen, metaphysischer Betrachtungen und dialektischer Spitzfindigkeiten starke byzantinische Einflüsse verraten[3735], liegen uns übrigens zweifellos nur in vielfach überarbeiteter Gestalt vor, die zahlreiche spätere Zusätze sowie Bemerkungen und Glossen der Schüler mit einschließt[3736].

a) „Buch des Königs.“ Dieses Buch, „das fünfte aus der Reihe der fünfhundert“[3737], rühmt sich „alles ganz klar und ohne jede Allegorie“ darzulegen[3738], und zwar in Gestalt jener raschen und leichten Verfahren, die Könige und Fürsten lieben, weil sie zur Ausführung langsamer und schwieriger weder die Geduld noch die Kenntnisse besitzen; desto dringender ist aber auch die Pflicht, diese Verfahren völlig geheim zu halten[3739], denn wer Gold so wohlfeil und gemein machte wie Glas, der stürzte die ganze Welt in entsetzliches Verderben[3740]. Statt viele (bis 70) Jahre Ausführungszeit, wie die alten Methoden, erfordern diese neuen nur 14 Tage, nur 9 Tage, ja nur den einen Augenblick, der zum Vermischen der Präparate mit dem reinsten und kräftigsten, die Färbung bewirkenden „Ferment“ unumgänglich ist[3741]; auch lehren sie die Darstellung dieses „Fermentes der Fermente“, des „Elixires der Elixire“, das „Imâm“ (= Führer) heißt[3742], und das die Alten entweder gar nicht kannten, oder nur durch gewisse Geheimnamen andeuteten, zu denen z. B. „Pupille des Auges“ zählt[3743]. -- Näheres über Gewinnung und Anwendung des „Imâms“ erfährt man natürlicherweise aus dem „Buche der Könige“ schließlich ebensowenig wie aus irgend einem anderen.

b) „Buch der Milde.“ Auch dieses Buch[3744] ist „besonders klar und deutlich gehalten“: der Leser wird versichert, daß das Wesen des großen Werkes einfach auf der Fixierung des Quecksilbers beruhe, die Herstellung des hierzu erforderlichen Elixires „Imâm“ aber auf der geeigneten Kombination der vier Elemente; +ein+ Teil Imâm färbt dann mit Leichtigkeit +eine Million+ Teile gemeiner Metalle zu Silber und Gold[3745].

c) „Buch der Gleichgewichte.“ Das Buch[3746] lehrt, daß das große Werk die richtige Mischung der vier Elemente voraussetze, denn +jeder+ Körper enthält zwar Erde, Wasser, Feuer und Luft und demgemäß Trockenheit, Feuchtigkeit, Geist und Seele[3747], aber die +Mengen+ sind bei den verschiedenen Steinen, Pflanzen und Tieren ebenfalls ganz verschiedene; +welche+ aber zu wählen sind, erkennt der Weise teils aus den Sternen gemäß den astrologischen Regeln des ~Ptolemaios~ [der tatsächlich auch ein grundlegendes astrologisches Werk „Tetrabiblos“ schrieb], teils aus den innigst mit dem Wesen verbundenen Namen der Stoffe, -- wie z. B. dem kurzen Namen des Essigs (arab. hall) seine besonders kalte Natur entspricht[3748] --, teils aus vielen anderen Anzeichen [betreff derer eine Unzahl abergläubischer Vorstellungen beigebracht wird][3749]. Wie alle anderen Körper, so besteht auch der Stein der Weisen aus den vier Elementen, und diese können jeglicher geeigneten Substanz entnommen werden, sei sie eine tierische, pflanzliche oder mineralische[3750]; zu den brauchbarsten letzteren Ursprungs gehört nach ~Pythagoras~ und ~Sokrates~ der Markasit, sowie der wegen seiner Heilsamkeit gegen Epilepsie geschätzte „Barud“[3751]. Ist die Vereinigung der vier Elemente in den rechten Verhältnissen gelungen, so muß der fertige „Stein“ purpur- und kermesfarbig sein, zugleich perlenartig glänzend, von blendendem Schein, weich wie Wachs, aber völlig beständig im Feuer[3752].

d) „Buch des Mitleides.“ Zweck des Buches[3753] ist die eingehende und zutreffende Belehrung der Silber- und Gold-Macher, von denen nicht selten die einen Betrüger sind, die anderen aber Betrogene; jene soll es vom falschen Wege abhalten, diesen aber den richtigen weisen[3754].

Vor allem hat man sich klar zu machen, daß das „Ei der Philosophen“ [hier = Silber und Gold] durch Eindringen des „Geistes“ in den „Körper“ entsteht; der „Geist“ ist das aus seinem ursprünglich kalten und flüssigen Zustande in den heißen und flüchtigen übergegangene Quecksilber, er ist das „Leben“[3755], das jedoch nicht in alle beliebigen toten Körper eingeht, z. B. nicht in Glas, Eierschalen, Talk, Salz, Markasit, Kohol [Schwefelantimon], Tutia[3756], sondern nur in geeignete, die richtig vorbereitet, gereinigt und angepaßt sind, z. B. in Blei, Kupfer, Eisen und die sonst als zum großen Werke brauchbar bekannten[3757]; schon vorhandenes Gold erleichtert ihm seine umwandelnde Wirkung, daher soll man von vornherein etwas Gold einsäen, das dann neues Gold hervorbringt, gleich dem Vater, der ein Kind zeugt[3758].

Wie unter günstigen Umständen die kleinste Zutat Hefe eine ungeheure Menge Teig in Gärung setzt[3759], so kann bei richtigem Verfahren auch ganz wenig Geist, sofern ihm überhaupt die rechte Kraft innewohnt, sich der größten Masse der Körper bemächtigen, mögen diese auch von den Elementen, die alle vier stets in jeder Substanz vorhanden sein müssen, die verschiedensten Anteile enthalten[3760]. Die Art und Kraft des vorhandenen Geistes, ja auch dieses Vorhandensein selbst, läßt sich allerdings meist nicht durch Nachdenken erschließen, sondern nur durch die Erfahrung feststellen: so z. B. zieht der Magnet das Eisen an, und zwar selbst durch einen Schwefelkuchen hindurch, vermöge eines Geistes, dessen Kraft sich aber zuweilen allmählich ändert, denn in einem Falle wurde z. B. im Laufe einer längeren Aufbewahrungszeit ein Rückgang der anfänglichen Tragfähigkeit um 20% beobachtet[3761]. Ebenso kann nur die Erfahrung lehren, welche Mengen Geist sich dauernd mit den Körpern verbinden, in die sie eindringen und die sie umwandeln; die kleinste Menge Geist enthalten Silber, Gold, Edelsteine und Perlen, die sich deshalb als sehr fest und beständig erweisen; die größte Menge aber Schwefel, Arsen und Quecksilber, die daher flüchtig und veränderlich sind[3762]. In Markasit, gelbem und rotem Arsen u. dgl. zeigen sich die Geister ursprünglich an andere Stoffe gebunden, doch entweichen sie beim Erhitzen und bei sonstigen Anlässen in Gestalt rauchartiger, brennbarer, lebendiger Dämpfe; andere mehr erdige Stoffe, z. B. Kalkstein, verhalten sich nicht so, vermutlich weil es ihnen an Geist fehlt[3763]. Betreff aller dieser Punkte ist aber die Beurteilung oft großen Irrtümern ausgesetzt, die sich ebenso auch auf die Beschaffenheit von Erden und Erzen erstrecken, sowie auf die Natur der in letzteren, und zwar stets in schon völlig fertigem Zustande verborgenen Metalle: das Aussehen der Oberfläche und des Äußeren täuscht eben über das Innere[3764]. Diese Umstände erklären zahlreiche der falschen Anschauungen, die hinsichtlich der Brauchbarkeit der Substanzen zum großen Werke herrschen; zahlreiche andere aber rühren daher, daß man Umschreibungen [= Geheim- oder Deck-Namen] wörtlich nahm: weil z. B. Quecksilber auch „Tier“ heißt, -- denn es hat wie ein Tier eine spezifische Seele[3765] --, oder weil Gold, Silber, Blei, Kupfer, Eisen auch Blut, Harn, Speichel, Galle, Hirn usf. benannt werden, glaubten manche, diese tierischen Stoffe seien wirklich zum großen Werke dienlich. Weil sie aber den Metallen nicht mehr genügend nahestehen, sind sie dies +unmittelbar+ nicht[3766]; +mittelbar+ jedoch können sich alle tierischen und pflanzlichen Stoffe verwendsam erweisen, da eine völlige Analogie des Mikro- und Makro-Kosmos besteht, ja nach ~Platon~ das große Werk sogar als „die dritte Welt“ zu bezeichnen ist, die jene beiden durchgehends verbindet[3767].

Können aber auch die Bestandteile aller drei Reiche zum großen Werke taugen, so vermag doch nur der Weise, der sie, ihre Eigenschaften, sowie deren Beeinflussungen durch die sieben Planeten genau kennt, die Auswahl so zu treffen, daß sich die Qualitäten in richtigem Maße teils ergänzen und steigern, teils aufheben und neutralisieren, und daß durch die Vereinigung das +Elixir+ zustande kommt, das +fertig+ ein ebenso einheitlicher Körper ist wie der gleichfalls aus unzähligen Materialien zusammengesetzte Theriak[3768]. Nicht anders als die dem Kranken eingegebene Medizin durch die mächtige Kraft +ihrer+ Natur jene des Siechen beeinflußt, verändert auch das Elixir die Natur der gemeinen Metalle, denen man es durch Projizieren oder Aufstreuen einverleibt, -- woher es nach einigen eben den Namen „Elixir“ führt[3769] [= aliksir = τὸ ξήριον = das Streupulver]. Weil es selbst entstanden ist durch Vereinigung der vier Elemente, des Körpers und des Geistes, -- daher nie ohne Mitwirkung von Quecksilber[3770] --, des Männlichen und des Weiblichen, also durch Zeugung und Entwicklung, Schwangerschaft und Geburt, macht es in gleicher Weise auch die „Körper“ wieder lebendig; es läßt die Toten auferstehen[3771], es überwindet die grobe Beschaffenheit ihrer Leiber, es assimiliert sie, färbt sie weiß oder rot, je nachdem es selbst weiß oder rot ist, und verwandelt sie in Silber und Gold, die von beständiger Farbe sind und besser und reiner als die natürlichen[3772].

e) „Buch der Konzentration.“ Dieses Buch[3773], das auf ~Pythagoras~ zurückgehen soll, entwickelt im wesentlichen, auf völlig unklare und wirre Weise, die Theorie der „verborgenen Eigenschaften“[3774]; was z. B. äußerlich Blei ist, das ist innerlich bereits Zinn, Silber oder Gold, und man hat nichts weiter zu tun, als diese „herauszukehren“, indem man, z. B. durch Beifügung entsprechender Mengen der fehlenden Qualitäten, eine Umwandlung bewirkt[3775]. -- Die Angabe, daß man durch Destillation des Kupfervitriols eine sehr saure und scharfe Flüssigkeit erhalte, offenbar unreine Schwefelsäure, ist ein ganz später, mit dem sonstigen Inhalte gar nicht zusammenhängender Zusatz[3776].

f) „Buch des Quecksilbers.“ Trotz der Ankündigung besonderer Klarheit und Deutlichkeit übertrifft das „Buch des Quecksilbers“[3777] an Unverständlichkeit und mystischer Dunkelheit noch alle früheren. Als Hauptmittel bei der Darstellung des „Steines“ bezeichnet es das Quecksilber, das orientalische oder „Tier“[3778] und das okzidentalische oder „Myrthe“ und „göttliches Wasser“, so geheißen, weil es die Naturen umwandelt und die Toten wiederbelebt[3779]; ist die Bereitung des Steines richtig gelungen, so gerinnt das fertige Elixir wie die zurechtgekochte Öl- und Alkali-Mischung der Seifensieder, und es entsteht eine weiße glänzende Masse, die „Milch der unbefleckten Jungfrau“[3780].

g) „Buch der Siebzig.“ Unter diesem Titel erwähnt die Liste des „Fihrist“ ein Werk des ~Dschabir~[3781], das bisher im arabischen Original nicht aufgefunden ist, von dem jedoch das Manuskript 7156 der Pariser Nationalbibliothek eine in äußerst barbarischem Latein verfaßte, „Liber de septuaginta“ betitelte Übersetzung zu enthalten scheint (?)[3782]. Diese Übersetzung[3783], -- sie wäre die einzige lateinische eines Werkes des „echten“ ~Dschabir~ --, ist übrigens sehr unvollständig und mangelhaft, trotz großer Weitschweifigkeit unklar und verworren, dabei voll von Lücken und Einschiebseln[3784], darunter sehr späten aus christlicher Quelle, z. B. den die Exkommunikation und das Schlagen des Kreuzes erwähnenden[3785]; sie enthält zahlreiche arabische, zum Teil unerklärte oder unverstandene Benennungen und Decknamen, und beruft sich vorzugsweise auf griechische Autoren, u. a. auf die großen Alchemisten ~Platon~[3786] und ~Aristoteles~[3787].

Alle „Körper“ oder „Metalle“, deren es sieben gibt, nämlich Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Zinn, Blei und Glas (vitrum)[3788], -- denn Quecksilber ist ein „Geist“ --, enthalten stets die vier Elemente, davon zwei in offenem und zwei in verborgenem Zustande, welche letzteren es „heraus zu kehren“ gilt[3789]. Dies vollzieht die Natur allmählich und langsam[3790]; rascher, schon binnen 40 Tagen, vollbringen es die „Medizinen“, indem sie die fehlerhaften „Säfte“ austreiben, verbessern, oder durch die geeigneten ergänzen[3791]; noch rascher, bereits innerhalb einer Stunde, wirkt das „Elixir“[3792], von dem 1 Teil 100, ja 1000 Teile der gemeinen Metalle umwandelt, am leichtesten Blei zunächst in Silber und dieses dann in Gold[3793]. Welche Kraft den „rechten Medizinen“ innewohnt, ersieht man aus der Entstehung der herrlich gefärbten Produkte Bleiglätte, Mennige und Bleiweiß aus dem Blei, doch kommt es stets darauf an, das dem Zweck Entsprechendste, also z. B. Auripigment, Al-Markasit, Talk, Alaun, Salmiak, Kalk, Alkali, Aschen, Bauracia [Boraxe, meist = Alkalien], Salze, Myrthenzweige und Galläpfel [also Gerbstoffe] usf., auch an rechter Stelle zu gebrauchen[3794]. Die größten Kräfte besitzen, einzeln oder zusammen angewandt, die „vier Geister“, d. s. Schwefel, Arsen, Quecksilber und Salmiak[3795], vor allem aber das Quecksilber, das eine „radix in omni re“ ist, ein Wurzel- oder Grund-Bestandteil aller Substanzen[3796]; sämtliche Geister sind auch in pflanzlichen und tierischen Stoffen vorhanden[3797] [deren Bezeichnungen aber oft nur als Decknamen aufzufassen sind]. Was den „Stein der Weisen“ betrifft, so gewinnt man ihn aus den nämlichen vier Elementen, die, nur in anderen Mengenverhältnissen, auch alle übrigen Stoffe bilden[3798]; daher kann man sie allen diesen entnehmen, den mineralischen, pflanzlichen, tierischen und menschlichen, doch müssen sie sich im Zustande höchster Reinheit befinden[3799] und dürfen nur „zur günstigen Stunde“ vereinigt werden[3800], und zwar in den richtigen Gewichtsverhältnissen, die das eigentlich wichtige und daher, des Wohles der ganzen Menschheit halber, mit äußerster Strenge zu wahrende Geheimnis darstellen[3801]. Wie die geringen anfänglichen Zusätze von Silber und Gold, so wirkt auch das Elixir wesentlich als Ferment, weshalb einige bei seiner Bereitung auch „Sperma“ benützen[3802] [= Samen; Deckname?].

Aus der Reihe der Chemikalien, deren ~Dschabir~ sich bedient, sind anzuführen: Almizadir [alnûschadîr = sal armoniacum = Salmiak][3803], Duenec [zuģâģ = vitriolum][3804], Baurac [meist Alkali][3805], Seisarat [zarnîch = auripigmentum citrinum, gelbes Schwefelarsen][3806], Tutia femina und „marina“ [= weibliche und männliche Tutia][3807], und Alcofol oder Alchofol [= Spießglanz, Schwefelantimon][3808], aus dem man „plumbum merdaceum ex alcofol“ gewinnt[3809] [d. i. „Abfall-Blei“ = metallisches Antimon].

Von chemischen Verfahren beschreibt ~Dschabir~ flüchtig: die Darstellung und Reinigung verschiedener Metalle[3810]; die Gewinnung pflanzlicher Öle, die als „allgemeines pflanzliches Element“ gelten[3811], und ihre Aufbewahrung in der „olla stagnata“ (in verzinnten Gefäßen)[3812]; die Sublimation des Sublimates aus Quecksilber[3813], sowie die Sublimation und Krystallisation des Salmiaks[3814]; das Reinigen und „Waschen“ mit Sapo (Seife) und Baurac (Alkali)[3815]; die Destillation, „gleichend jener des Rosenöles“, und zuweilen auch „mehrmals wiederholt“[3816]. Viele Reaktionen nimmt man in der Alutel vor[3817], die auch als „Alutel pergamenum“, Alutel aus Pergamon, bezeichnet wird[3818], und zu deren Erhitzung der als Athanor (tannûr) bekannte Ofen dient[3819].

Neben der Kenntnis der „richtigen Verfahren“ ist auch die der richtigen „Sprüche und Formeln“ von großer Wichtigkeit, daher es vom Ausübenden heißt „et recitavit multa ...“[3820], „er sprach (oder murmelte) Vielerlei“.

2. Die „Schriften der Treuen Brüder“.

Zu den für die Geschichte der Chemie wichtigsten Werken, die uns aus früharabischer Zeit erhalten blieben, gehört die große Enzyklopädie, die unter dem Namen „Schriften der lauteren Brüder“, richtiger der „treuen Brüder“ oder „treuen Genossen“ (Ikhwân alsafâ) bekannt ist; ihr Titel entstammt der Vorrede zur „Erzählung der Ringeltaube“ in der Märchensammlung „Kalîlah wa Dimnah“[3821], deren Grundstock etwa im 6. Jahrhundert n. Chr. aus Indien nach Persien und von dort aus zu den Syrern und Arabern gelangte.

Die „treuen Brüder“ (Brüder der Reinheit, der Lauterkeit)[3822] waren Mitglieder eines in Basra (Bassorah) gegen 950 begründeten Geheimbundes, einer gelehrten Zwecken dienenden, aber von politischen Nebenabsichten nicht ganz freien Vereinigung, die für die Versöhnung der Wissenschaften mit dem „wahren“ Glauben kämpfte, sich mit den Forderungen der Orthodoxie vermöge gewagter äußerer und innerer Umdeutungen und Allegorisierungen abzufinden suchte, in ihren eigenen Lehren aber einem weitgehenden Eklektizismus naturphilosophischer und abergläubischer Ideen huldigte[3823]. Unter den „Eingeweihten“ gab es vier Grade, und die Kenntnisse jener der obersten Klasse legte man in einer „Enzyklopädie des gesamten Wissens“ nieder[3824], bestehend in 51 Abhandlungen, die seitens verschiedener „Weiser“ (von denen sich fünf mit Namen angeführt finden) zu gleicher Zeit im einzelnen ausgearbeitet, und sodann zu einem Ganzen zusammengefaßt wurden[3825]. Ihren Inhalt bilden „die Wissenschaften und Erfahrungen, deren Besitz den Menschen über das Tier erhebt“[3826], eingeteilt, geordnet und dargestellt nach ihren Stoffen[3827], jedoch nicht in erschöpfender Art, sondern nur in übersichtlich andeutender, unter mancherlei Hinweisen auf die benützten Quellen[3828]. Diese sind, obwohl die Verfasser vieles ihren nächsten arabischen Vorgängern entlehnten (namentlich dem hochgelehrten ~Alfarabi~[3829], gest. 950; s. unten) und auch der syrischen, hebräischen, persischen, indischen, lateinischen und griechischen Sprache und Schrift mehr oder weniger kundig scheinen (?)[3830], dennoch +so gut wie ausschließlich griechische+, und zwar ganz vorwiegend solche der letzten Periode; die Enzyklopädie ist daher von ganz besonderem Werte für die Kenntnis dieser spätgriechischen Lehren und Vorstellungen, deren manche uns anderweitig gar nicht, oder doch bei weitem nicht in gleicher Vollständigkeit und Klarheit überliefert sind, und aus diesem Grunde erscheint es auch gerechtfertigt, sie schon an dieser Stelle, außerhalb der eigentlichen chronologischen Ordnung, zu besprechen.

Daß die „Treuen Brüder“ unmittelbar aus griechischen Originalen schöpften, ist wenig wahrscheinlich, sie hielten sich vielleicht wohl so gut wie allein an die syrischen Übersetzungen, die die 431 und 489 ausgewiesenen und nach Persien und anderen orientalischen Ländern geflüchteten Nestorianer angefertigt hatten[3831], und die betreff der Medizin ausgesprochen galenischen Charakter trugen[3832], betreff der Philosophie und Naturwissenschaft aber aristotelischen, neupythagoräischen und neuplatonischen[3833]; besondere Berücksichtigung fand hierbei die entsprechend umgebildete Lehre des ~Plotinos~, daß die Welt eine in Stufen (angeblich in neun) erfolgte Emanation ihres Schöpfers (hier des Allah) sei[3834], sowie die des ~Pseudo-Pythagoras~, daß die Natur alles in der Welt Vorhandenen durch jene der Zahlen bedingt sei, vor allem der Zahlen 1 bis 9, über deren maßgebende Bedeutung sich sämtliche Völker der ganzen Welt im klaren befänden[3835].

Ursache der Entstehung, Erhaltung, Einheitlichkeit und Harmonie der Welt ist die +Weltseele+, die selbst eine Einzig-Eine ist, einheitliche geistige Beschaffenheit besitzt, aber zahlreiche Kräfte in sich schließt, vermöge derer sie alles hervorbringt, alles bewirkt und alles mit Eigenschaften erfüllt von den unermeßlichen Sphären an bis zu den kleinsten Einzeldingen herab[3836]. Es geschieht dies durch Emanationen, d. s. Ausstrahlungen und Ergüsse, die der Reihe nach zuerst die Sphären ins Leben treten lassen (von der äußersten bis zur innersten), sodann die Urmaterie, die Qualitäten, die Elemente und zuletzt die Einzeldinge, die am jüngsten Tage alle in umgekehrter Folge wieder vergehen werden[3837]; die äußerste Sphäre und die Urmaterie sind, als der Weltseele zunächst benachbart, ihr auch noch am engsten verwandt, daher gleichfalls von einfacher Natur und nur geistig erfaßbar[3838]. Der äußersten oder Umgebungs-Sphäre reihen sich an: die der Fixsterne, des ~Kronos~, des ~Zeus~, des ~Ares~, der (inmitten der Planeten thronenden) Sonne, der ~Aphrodite~, des ~Hermes~, des Mondes, und schließlich die Feuer nebst Luft, sowie die Wasser nebst Erde umfassende, so daß man also im ganzen ihrer 11 zählt[3839]; die Weltseele versetzt sie in Kreisbewegung und läßt sie hierbei durch die Reibung jene wundersamen Töne hervorbringen, deren Harmonie zuerst ~Pythagoras~ vermöge der Reinheit seiner Seele vernahm, verkündete und mit Hilfe der von ihm erfundenen Lyra auch auf Erden wiederklingen ließ[3840]. Bis zur Sphäre des ~Kronos~ (des äußersten Planeten) empor stieg der Prophet ~Idris~, auch „~Hermes~, der Dreifache in der Weisheit“ genannt, verweilte dort 30 Jahre [die Umlaufszeit des Saturn], nahm Einblick in alle Vorgänge der oberen Welt und kehrte dann zur Erde zurück, um die Völker auf die bis dahin vernachlässigte Sternkunde und die Kenntnis der Himmelserscheinungen hinzuweisen[3841]; denn den Menschen erscheint auch das Wunderbarste nicht merkwürdig, wenn sie es täglich vor Augen sehen[3842].

Die +Urmaterie+ ist, gleich der Weltseele und den von einigen Gelehrten „Atome“ genannten, kleinsten, nicht mehr teilbaren Körperchen[3843], etwas für die Sinne nicht Erfaßbares, Ungeordnetes, Ungeformtes, jedoch alle Formen anzunehmen Fähiges[3844], und zwar ergibt sie durch die „Formung“ zunächst die vier Qualitäten heiß, kalt, trocken und feucht[3845], weiterhin aber aus je zweien von diesen die vier Elemente, von denen Feuer und Luft aktiven Charakter tragen, Wasser und Erde aber passiven[3846].

Der +Qualitäten+ sind vier, wie der Pole, Himmelsgegenden, Jahreszeiten und Winde[3847], der Temperamente und Säfte des Körpers[3848], der Hauptsaiten der Musikinstrumente[3849], sowie der Hauptfarben, die z. B. auch am Regenbogen in der Reihenfolge rot, gelb, blau und grün deutlich hervortreten[3850]. Durch Vereinigung je zweier Qualitäten entstehen die vier +Elemente+ oder +Arkân+[3851], die „Allmütter“ und „Mütter alles Seins“[3852], die sämtlich ineinander übergehen können[3853], und deren „Reinheit“ sich in aufsteigender Linie von der Erde über Wasser und Luft zum Feuer bewegt[3854]. Gänzlich verschieden, und nicht etwa bloß dem Grade nach abweichend, steht ihnen das „fünfte Wesen“, die „fünfte Natur“, gegenüber, d. i. die des Himmels und alles Himmlischen, deren Vollendung und Unveränderlichkeit sich im ewigen und stetigen Kreislaufe der Gestirne offenbart[3855]; dieses fünfte Wesen ist identisch mit dem +Äther+ (athîr), der einem Feuer ohne Licht und Wärme gleicht und sich von der Sphäre des Mondes an bis zur äußersten Grenze des Weltalls ausbreitet[3856]. Als Formen der Elemente erwies ~Euklid~ [!] den Würfel für die Erde, das Ikosaeder für das Wasser, das Oktaeder für die Luft und das Tetraeder für das Feuer, während der fünfte regelmäßige Körper, das Dodekaeder, dem Allhimmel oder Weltganzen zugehört[3857]; wie sich diese fünf körperlichen Gebilde aus den Flächen aufbauen, kann nur ein der Mathematik Kundiger einsehen, denn allein die Mathematik erschließt das Verständnis der Dinge, sowie das der so wichtigen Zahlenkünste, Zahlen- und Zauber-Quadrate usf.[3858].

Was die +einzelnen+ Elemente anbelangt, so soll von der +Erde+ noch weiter unten die Rede sein. Das +Feuer+ ist dem Äther wenn nicht wesensgleich so doch wesensverwandt[3859], und die Bewegung, die den übrigen Elementen nur zeitweise zukommt, gehört bei ihm zu seiner Natur, so daß es unaufhörlich zittert und unaufhaltsam nach oben steigt[3860]; vermöge der ungeheuren Kraft, die ihm innewohnt, ist es „der große Richter über alle Dinge“ und der mächtige Bewirker der wichtigsten menschlichen Arbeiten, z. B. der das Eisen, Kupfer, Messing und Glas, den Kalk und Ton, das Pech usf. betreffenden[3861].

Die +Luft+ fördert als Lebensgeist die Atmung und die Wärme des Herzens[3862]; an manchen Orten, z. B. in Gruben und Bergwerken, wirkt sie verlöschend auf das Feuer und erstickend auf die Menschen, so daß diese dort nur verweilen können, wenn man ihnen durch Rohre und gewisse Vorrichtungen frische und atembare Luft zuführt[3863]. Wie der Glasbläser durch seinen Hauch die Rundungen der Flaschen, und wie der Stein durch seinen Fall die Wellen des Wassers hervorbringt, so entstehen durch Schlagen von Glocken, durch Schellen und Kesselpauken usf. auch in der Luft Bewegungen, die sich fortpflanzen und als Töne verschiedener Art vernommen werden, je nachdem das erklingende Material aus Gold, Silber, Messing, Eisen, Legierungen von Zinn mit Kupfer oder Eisen (nicht aber aus Blei!) bestand[3864]; mit Hilfe der Luft wirken die Töne unmittelbar auf die Seele ein, daher vermochten die griechischen Weisen „mit ihrem Instrumente, dem Organon [der Orgel]“ selbst Feinde in die Flucht zu jagen[3865].

Daß das +Wasser+ in Gestalt von Dünsten emporschwebt und in der von Tropfen wieder herabfällt, lehrt die Beobachtung der Vorgänge in der Natur, in den Badehäusern, sowie bei der Ausübung gewisser Künste[3866]. Die aus dem Erdboden aufsteigenden Dünste erzeugen den Tau[3867], die wasserführenden Wolken der höheren Regionen Regen und Schnee, die die Quellen und Flüsse speisen, wofür das bekannteste Beispiel das Steigen des Nils ist, das infolge der Sommerregen eintritt, die in den äquatorialen Gebieten niedergehen[3868]. Fließt das Wasser zunächst durch die Erde, so nimmt es aus den Schichten auf, was es in ihnen vorfindet, daher sind die zutage tretenden Wässer bald süß, bald aber herb, salzig, oder sauer, je nachdem sie Salze, Vitriole, Alaune, Schwefel, Naphtha, Quecksilber (?) und noch manche andere Stoffe enthalten[3869]; Wässer, die durch derlei Fremdstoffe verunreinigt sind, werden durch sie befähigt, Mineralien und Metalle zu bilden[3870]. Sehr bemerkenswert erscheint es, daß auch das reinste Wasser „die Dinge für das Auge krumm macht“ [d. h. Brechungs-Erscheinungen bewirkt][3871]. -- Was die erwähnten Künste anbelangt, so sind das die jener Sachverständigen, die das Gewerbe der Destillation betreiben und auf den Märkten aus ihrem „Kürbis“ genannten Gefäße die zarte Feuchtigkeit der Rosen und Veilchen, aber auch die scharfe des Essigs, als Dunst aufsteigen und dann als klare Flüssigkeit wieder herabtröpfeln lassen[3872].

Aus den beschriebenen vier Elementen entstehen die Mineralien, Pflanzen, Tiere, Menschen und Engel[3873], und zwar vollziehen sich die Übergänge allmählich und völlig kontinuierlich, indem aus den Mineralien zunächst Pilze u. dgl. hervorgehen, sodann höhere Pflanzen und so nach und nach alles Übrige[3874]; es gibt daher drei Reiche, nämlich die der Mineralien, Pflanzen und Tiere[3875], zu welchen letzteren als „erhabenstes Tier“ auch der Mensch gehört[3876], denn nur insoferne können manche auch von vier Reichen sprechen, als sie den Menschen dem Geiste nach der Klasse der Engel zuzählen[3877]. Im Tierreiche bedingt die richtige Mischung der vier Elemente oder Temperamente das rechte Verhältnis der vier Säfte und durch dieses die Gesundheit, während unrichtige Mischungen oder Umwandlungen, soferne ihnen nicht durch Eingabe entsprechend temperierter Arzneien entgegengewirkt werden kann, zu Krankheit, Auflösung und Tod führen[3878].

Bewirkt werden alle die erwähnten Übergänge und Umwandlungen durch die +Planeten+, „und wer deren Einfluß leugnet, mit dem ist überhaupt nicht zu streiten“[3879], denn daß von der Sonne Kräfte und Wirkungen ausgehen, fühlt doch Jeder unmittelbar[3880], daß der Mond die Tiefen des Meeres erwärmt und hierdurch die Flut veranlaßt, ist eine alltägliche Erfahrung[3881], und daher liegt der Schluß nahe, daß sich in gleicher Weise auch die übrigen Wandelsterne ihrer Natur gemäß geltend machen[3882]. Sie +deuten+ keineswegs nur +an+, was geschieht oder geschehen wird[3883], sondern +bringen+ es +hervor+[3884], aber freilich stets nur gemäß dem Willen der Gottheit[3885], und erweisen sich dadurch als „Gehilfen der Natur“ und als das vermittelnde Band zwischen Makro- und Mikro-Kosmos[3886]. An den höchsten, in der Erdferne gelegenen Punkten ihrer Bahn nehmen sie die Emanation der Weltseele in Form von Licht und Kraft der Fixsterne auf, übertragen sie, in die Erdnähe zurückgekehrt, auf die vier Elemente und ordnen diese so zu Mineralien, Pflanzen und Tieren; das Ergebnis hierbei ist im einzelnen abhängig u. a. von ihrer Größe, dem Abstande ihrer Sphären von der Erde, ihrem Bahnwege durch die zwölf Tierkreis-Zeichen (deren je drei einem Elemente zugehören), ihren Stellungen und Konjunktionen, ihrer Farbe, ihrem Lichte und endlich von der Richtung und Schiefe der einfallenden Lichtstrahlen[3887]. Da nun die Planeten die wahre Ursache aller Bewegungen der Elemente auf Erden sind, so müssen die so hervorgebrachten Dinge auch ihrem Wesen entsprechen, ganz so wie das Erzeugte dem Erzeugenden gleicht, die Kopie dem Original, das Spiegelbild dem Abgespiegelten[3888]. Je nach der Beschaffenheit und Anteilnahme der Planeten werden also in allen drei Reichen Produkte entstehen, die angemessene harmonische Mischungen, und die zugehörigen inneren sowie äußeren Eigenschaften (z. B. Farben) aufweisen[3889].

Daß es gerade +sieben Planeten+ gibt, erklärt sich aus der besonderen Vollkommenheit der Siebenzahl, da 7 = 3 + 4 = 2 + 5 = (3 + 3) + 1, ... also „die erste wirklich vollständige Zahl ist“[3890]; von diesen sieben sind zwei strahlend (Sonne und Mond), zwei glückbringend (~Zeus~ und ~Aphrodite~), zwei unglückbringend (~Ares~ und ~Kronos~), und einer gemischter Art (~Hermes~)[3891], ferner sind drei männlich (Sonne, ~Zeus~, ~Kronos~), drei weiblich (Mond, ~Aphrodite~, ~Ares~), und einer ein Zwitter (~Hermes~)[3892]. Ihre persischen Namen lauten ~Kaiwan~ (~Kronos~), ~Birdschis~ (~Zeus~), ~Bahram~ (~Ares~), ~Nahid~ (~Aphrodite~), ~Tir~ (~Hermes~)[3893], und man bezeichnet sie u. a. auch mit den Anfangsbuchstaben, die ihnen in ähnlicher Weise zugehören wie die 28 Buchstaben des arabischen Alphabetes den 28 Mondstationen[3894]. Ihre Haupteigenschaften sind nach allgemeiner Ansicht die folgenden[3895]: 1. Die +Sonne+ ist Führer, Herr und König, macht Könige[3896] und beherrscht im Körper das Herz; 2. der +Mond+ ist „Mutter der Sterne“ und Vezir, macht Weibische, regiert Entstehen und Vergehen und beherrscht die Lunge, die abwechselnd Luft ein- und ausatmet[3897]; 3. +Zeus+ ist Richter und Weiser, macht Gerechte und Einflußreiche, regiert Ausgleiche und Verbindungen und beherrscht die Leber, die das Blut absondert; 4. +Ares+ ist Feldherr, macht Tapfere, regiert Bewegung und Streben und beherrscht die Galle, die die Gelbgalle absondert (als einen Bestandteil des Chylus)[3898]; 5. +Aphrodite+ ist „Schwester der Sterne“ und Dienerin, regiert Schönheit und Ordnungsliebe, Lebendigkeit und Begehrlichkeit und beherrscht den Magen, der die Speisesäfte absondert; 6. +Hermes+ ist „Kleiner Bruder der Sterne“ und Schreiber, macht Einsichtige und Kluge, regiert Fähigkeiten und Wissensdrang und beherrscht das Gehirn, das die Denkkräfte absondert; 7. +Kronos+ ist der Alte und Schatzmeister, macht Träge und Beständige, regiert Festigkeit und Stillstand, bewirkt daher das dauernde Haften der Formen an der Materie[3899] und beherrscht die Milz, die die Schwarzgalle absondert[3900]. ~Ares~, ~Aphrodite~ und ~Hermes~ machen noch insbesondere Handwerker und Künstler; die alten „Ssâbier“ genannten Mandäer und Harrânier, die die Gestirne ganz ebenso anbeteten wie die Juden und Christen gewisse Götzen und die Parsen das Feuer[3901], führten daher ihre Kinder an den Festtagen jener drei Planeten in deren Tempel und empfahlen sie der Huld der Gottheiten, die den Planeten und den betreffenden Gewerben vorstehen[3902]. Wegen der Parallelität des Makro- und Mikrokosmos[3903] entsprechen die sieben Planeten nicht nur den genannten sieben Hauptteilen des Körpers[3904], sondern bedingen auch Entstehung und Wachstum des Embryos während der neun Monate der Schwangerschaft, und zwar in der Reihenfolge ~Kronos~, ~Zeus~, ~Ares~, Sonne, ~Aphrodite~, ~Hermes~, Mond, ~Kronos~, ~Zeus~[3905], weshalb, da auf den achten Monat wieder der schädliche ~Kronos~ trifft, die Achtmonat-Kinder nicht lebensfähig sind[3906]; ferner stehen noch die eigentlichen fünf Wandelsterne in naher Beziehung zu den fünf Hauptdenkkräften[3907].

Was die +Farben+ der Planeten betrifft, so entspricht der Sonne die goldene, dem Mond die silberne, dem ~Kronos~ die schwarze, dem ~Zeus~ die grüne, dem ~Ares~ die rote, der ~Aphrodite~ die blaue und dem ~Hermes~ die bunte[3908], und demgemäß regeln sie, je nach den näheren Verhältnissen, auch die Farben der ihnen zugehörigen Tiere, Pflanzen und Mineralien: so z. B. erzeugt die Sonne u. a. Zarnich (Auripigment), Markasit (Schwefelkies u. dgl.) und einige Edelsteine, alle von gelber Farbe; der Mond u. a. Silber, Zinn, Salz, Salmiak, Nitron, Kalk, Glas (Krystall, Alaun, ...), Sublimat, alle von weißer Farbe; der ~Ares~ Zinnober und rote Edelsteine; der ~Zeus~ Malachit; die ~Aphrodite~ Lasurstein, Türkis, Glas (Kupfervitriol) und blaue Edelsteine usf.[3909].

Von den +Mineralien+ gibt es 700 Arten[3910], deren 7 Klassen den 7 Himmelssphären entsprechen[3911]; sie sind sämtlich Verbindungen der vier Elemente und gehen aus ihnen hervor unter den Einflüssen der einzelnen oder zusammenwirkenden Planeten, der Länder und Klimate, der Meere usw.[3912]. Als besonders schöpferisch bewähren sich hierbei ~Hermes~ und ~Kronos~, indem sie feine Ausdünstungen aller Art gerinnen machen und wie am Himmel zu durchsichtigen Kometen so in der Erde zu durchsichtigen Mineralien gestalten[3913]: ~Hermes~ erzeugt, wie dies allen Mineralogen, Alchemisten und Glasmachern geläufig ist, schon allein durch seinen wechselnden Gang unzählige Gesteine[3914], während ~Kronos~ durch seine Langsamkeit die schwersten und wenigst veränderlichen Stoffe heranreift, zuvörderst Blei, aber auch Eisen, Arsen und Antimon[3915]. Maßgebend für das, was in jedem Einzelfalle entsteht, sind die „Verhältnisse“ der sich verbindenden Elemente, denn welche Rolle Verhältnisse spielen, zeigt die allbekannte ungleicharmige Wage[3916], sowie das [spezifische] Gewicht, da ein Körper in einer Flüssigkeit, z. B. Wasser, schwebt, wenn er gerade sein Gewicht an Wasser verdrängt, anderenfalls aber untersinkt oder schwimmt[3917].

Alle Mineralien enthalten Erde als Körper, Wasser als Geist und Luft als Seele, gar gemacht, veredelt und gereift durch Feuer, den großen Schiedsrichter[3918], doch entstehen sie +niemals unmittelbar+ aus diesen Elementen. Die Erde, deren Höhen und Tiefen allmählichen weitgehenden Veränderungen zu Gebirgen, Wüsten, Meeren und Flüssen unterliegen[3919], enthält nämlich vielerlei Klüfte und Höhlen, in denen die beiden Hauptarten der Dünste, die wässerigen und die rauchartigen[3920], sich langsam, in wechselnden Mengen und bei verschiedenen Wärmegraden verdichten und verdicken, welchen Vorgängen als +primäre+ Produkte +Schwefel+ und +Quecksilber+ entspringen[3921]. Der „feurige Schwefel“ bildet sich in feuchten und öligen Schichten, enthält viele flüssige und ölige Teile, ist daher leicht schmelzbar und entzündlich, wird vom Feuer verzehrt und verbrennt selbst alles andere[3922]; das „zitternde Quecksilber“ geht hingegen aus feuchten und wässerigen Schichten hervor, enthält viele flüssige und wässerige Teile, ist daher flüssig und leicht beweglich und „zeigt in der Hitze keine Geduld“, sondern entflieht ihr[3923]. Schwefel und Quecksilber durchdringen sich aber wie Erde und Wasser in Lehm, Ton oder Ziegeln, indem das Quecksilber den Schwefel weich und formbar macht, und auf diese Weise bilden sich unzählige Formen und Gestalten, von denen der Zinnober [Schwefel-Quecksilber] zwar die bekannteste ist, aber doch nur +Eine+[3924].

So entstehen also im Schoße der Erde sämtliche Mineralien, auch die Metalle und Edelsteine[3925], +ausnahmslos sekundär+ aus Schwefel und Quecksilber[3926], unter Einschließung von mehr oder weniger Erde und Staub[3927]; je nach den Mengenverhältnissen und der Reinheit, der Kochung und dem Garsein, der Örtlichkeit und Temperatur und noch manchen anderen Umständen bildet sich hierbei entweder das edle, lautere, völlig reine Gold, oder nur Silber, Kupfer, Zinn, schwarzes oder weißes Blei, Antimon usf.[3928]. Es reifen aber in einem Jahre und weniger: die Arten der Salze, Alaune, Vitriole und Schwefel; in einem Jahre und mehr: die Korallen und Perlen; in einer Reihe von Jahren: die Metalle; in Jahrhunderten: die Edelsteine, vom Krystall bis zum Diamanten[3929]. Mit Recht betrachtet man daher als „Anfänge der Mineralien“ jene, die ursprünglich schon binnen kürzester Frist in den hell- und dunkelfarbigen, salz- und natronhaltigen, feuchten Erdschichten zusammenbacken und gerinnen[3930]; es sind dies z. B. Salz, Gips und Kalk[3931], Alaune und Vitriole[3932], die grünen, gelben und blauen „Gläser“ und Chalkitis-Arten, die man ebenfalls als Alaune und Vitriole anzusehen hat[3933], der Nûschâdir oder Naûschâdir [= Salmiak], das Kilja der Aschen [= Kali], das Nitron [d. i. unreine natürliche Soda, und +nicht+ Salpeter[3934]], die Salze des Harnes[3935] und noch andere ähnliche, die alle für die Kîmijâ (Chemie) erforderlich sind[3936] und nebst Magnesia [Mangan, Braunstein] auch als Flußmittel bei der Herstellung des gewöhnlichen und des durchsichtigen hellen Glases dienen[3937]. Was die restlichen Mineralien betrifft, so pflegt man sie in sechs Klassen zu teilen[3938]: 1. Schmelzbar sind: Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Blei (schwarzes und weißes) und Glas. 2. Unschmelzbar sind infolge ihres besonderen Gehaltes an Schwefel und Quecksilber: Ton, Krystall („Glas“), Smaragd, Topas, Hyazinth, Carneol, der für das Licht so besonders durchlässige Billaur [meist Bergkrystall] und ähnliche Edelsteine[3939]. 3. Verdichtete Niederschläge, weder brennbar noch schmelzbar, aber zerreiblich, sind u. a.: Gips, Talk, Magnesia, Lasur, Malachit, Markasit und Pyrit [Schwefelkies u. dgl.], Arsen [Arsen-Sulfide], Stibi [Antimonsulfid][3940], welches letztere vielfache Anwendung findet und z. B. als Augensalbe zum [abergläubischen, gegen den „bösen Blick“ schützenden] „Zeichnen“ der Neugeborenen dient[3941]. 4. Verdichtete Niederschläge, aber brennbar und schmelzbar, oder selbst flüssig, und infolge ihres Gehaltes an Luft und Öl (oft auch an Schwefel und Arsen) leicht entzündlich sind u. a.: Pech, Erdpech, Asphalt, Erdöl[3942] und weiße Naphtha[3943]. 5. Dem Wasser nahestehend, daher nicht brennbar und das Feuer fliehend, ist das Quecksilber. 6. Den Pflanzen und Tieren nahestehend und daher wachsend sind Korallen und Perlen.

Unter den Angehörigen der ersten Klasse, also der +Metalle+, ist das vornehmste das +Gold+ (dhahab, ibrîz), dessen gelbe Farbe es, ebenso wie Markasit, Hyazinth oder Krokos als Erzeugnis der Sonne erweist[3944]; es entsteht in trockenen Steinwüsten und in festen Gesteinen, enthält ausschließlich reinsten Schwefel und klarstes Quecksilber im richtigsten Verhältnisse und ist gelb, schwer, gewichtig, dehnsam zu Blättern, spinnbar zu Fäden, lötbar mittels des giftigen kupferhaltigen Malachits, besonders nebst Tinkâr [= Tinkal, Borax], löslich in Quecksilber, das es im Feuer unverändert zurückläßt[3945], und legierbar mit Silber und Kupfer; von letzterem kann es wieder getrennt werden, indem man es mit gewissen glänzenden und eine Art Schwefel enthaltenden Markasiten heftig erhitzt, wobei das Gold allein unangegriffen zurückbleibt, während alles übrige verbrennt[3946]. -- Das +Silber+ (fiddah) gibt sich durch seine weiße Farbe, ebenso wie Salz, Krystall oder Baumwolle als Erzeugnis des Mondes zu erkennen[3947], entsteht in staubhaltigen Gebirgen und Gesteinen und hat infolge zu frühzeitigen Abkühlens keine völlige Reife [zu Gold] erlangt; es ist weiß und zart, „verbrennt“ in anhaltend starkem Feuer, „verwest“ allmählich beim Liegen im Erdreich, wird von Schwefel geschwärzt, von Quecksilber erweicht und gelöst, und legiert sich mit Kupfer und Blei; von diesen läßt es sich mittels Nitrons und gewisser Reinigungs-, Schmelz- und Flußmittel unschwer wieder befreien[3948]; wer es gelb und trocken machen [in Gold verwandeln] könnte, der hätte, was er braucht[3949]. -- +Kupfer+ (nuhâs) entsteht in ähnlicher Weise wie Silber[3950], enthält aber noch mehr Schwefel von geringerer Reinheit und ist daher grob, rot, schwärzt sich rasch im Feuer und verbrennt darin völlig; schon Kupfer selbst macht die Speisen giftig, noch giftiger aber erweisen sich der Grünspan (zindschâr), der aus ihm durch Säure entsteht, sowie das kupferhaltige Mineral Malachit (dahnadsch) und die Legierung Taliqûn [s. unten]; Quecksilber erweicht und löst es, Blei und Zinn ergeben die Legierungen Mafrig (= mufragh, Gußmetall?) und Isfid (= Weißmetall), und gewisse geeignete Mittel, z. B. das sog. „syrische Glas“ [eine zinkhaltige Substanz], erzeugen daraus beim Verschmelzen das weichere, gelbe oder goldfarbige Messing (schabh), an dem so recht die hohe Bedeutung der Form zutage tritt, denn aus einem Stücke von 5 Dirhem Wert fertigt der Kundige Instrumente an, z. B. Astrolabe, für die der Käufer 100 Dirhem zu bezahlen hat[3951]. Wer das Kupfer weiß und zart machen [in Silber verwandeln] könnte, der hätte, was er braucht[3952]. -- +Zinn+ (qalʿijj) ist zwar weiß wie Silber, jedoch weich, stinkend und beim Biegen kreischend, da es zu viel Quecksilber und zu zähen Schwefel enthält und deshalb nicht ganz gar werden konnte; es ist ebenfalls leicht verbrennbar, jedoch nicht giftig, sondern im Gegenteil medizinisch nützlich, besonders für die Augen; durch bestimmte Mittel, wie Salz, Arsen, Markasit und Myrthenzweige, kann man es heilen und dadurch in Silber verwandeln[3953]. -- +Eisen+ (hadîd) bildet sich ganz ähnlich wie Silber und Kupfer, ist jedoch noch unreiner, weshalb auch die Schmiede keine langen Drähte aus ihm anfertigen können[3954]; von seinen zahlreichen Arten sind einige weich, andere aber, in Wasser getaucht [zu Stahl abgelöscht] hart[3955]; eine besondere und merkwürdige Begierde herrscht zwischen Eisen und Magnet[3956]. -- Das +Blei+ (usrub) ist das ursprünglichste der in der Erde zur Gerinnung gelangten Metalle[3957] und wegen des in ihm vorhandenen Überschusses an ganz schlechtem Schwefel auch das gemeinste; Weichheit, Schwärze und Gestank hindern es jedoch nicht daran, sehr nützlich zu sein, im Feuer gelbe Bleiglätte und rote Mennige, sowie mit Säure leuchtendes Bleiweiß zu ergeben[3958] und sogar den härtesten aller Steine, den Diamanten, zu „zerbrechen“[3959].

+Alchemie+, d. i. die Herstellung edler Metalle aus unedlen, die von manchen als Betrug bezeichnet wird, ist fraglos möglich, wie das schon die Entstehung +aller+ Metalle durch allmähliches Reifen und Garwerden +einer und derselben+ Urmaterie bezeugt[3960], und tatsächlich gibt es, wie Astrologen, Zauberer, Zeichendeuter und Talismanschreiber, so auch Alchemisten in großer Zahl[3961]; sie sind wohlbekannt mit den Einflüssen des ~Hermes~[3962], kennen die Bedeutung der Salze und anderer Stoffe für die Kîmijâ[3963], verfertigen ein gewisses Sublimat, das „aliksîr“ heißt[3964], und verwandeln so das Kupfer oder Zinn in Silber, das Silber in Gold usf.[3965]. Eine Natur nämlich freut sich der anderen, gesellt sich ihr und überwindet sie, je nach der Stärke von Liebe oder Haß: so haftet, um nur einige, jedermann geläufige Beispiele anzuführen, das Eisen am Magneten, der Diamant am Golde, Stroh oder Haar aber an gewissen Steinen, so wird Blei des Diamanten und Schmirgel der Edelsteine Herr, so erweicht Quecksilber das Gold, Silber, Kupfer und Eisen, so verbrennt Schwefel unedle und edle Metalle, so besiegt Salmiak den „Schmutz“ der Metalle und Edelsteine u. dgl. mehr[3966].

Während einige, wie angegeben, Perlen und Asphalt für Mineralien der 4. und 6. Klasse erklären, halten andere sie für eine Art geronnenen Taues und reihen ihnen als Analoga u. a. folgende Stoffe oder deren Bestandteile an: Lack, Opium und Manna[3967], Kampher[3968], Ambra, Aloe und Moschus[3969], Koriander[3970], den in Indien zum Kauen benützten Betel[3971], das Harz Sandarak, aus dem die Gaukler ihre Feuerkugeln anfertigen[3972], den Bernstein und den „aus den Gruben geförderten“ heilsamen Bezoarstein[3973] [der aber tatsächlich kein Stein ist, sondern ein der Bezoarziege entstammendes Konkrement]. Dieser Bezoar [persisch = Gift abwaschend, d. i. Gegengift] ist nicht nur ein höchst vielseitiges medizinisches Mittel, sondern gewährt auch Schutz vor Giften: bei einigen verhindert er, daß sie Koagulation hervorrufen, wie sie der so „heiße“ Saft der Pflanze Melongena oder das Lab in der Milch und der männliche Samen im weiblichen Menstrualblut bewirkt (wodurch der Embryo entsteht); bei anderen wieder beugt er dem Übergang in das Blut vor, ganz so wie z. B. gewisse Säuren die Aufnahme mancher Farbstoffe durch das Wasser verhindern, oder die schon aufgenommenen wieder ausfällen[3974]. Derlei Säuren sind jene aus den unreifen Früchten der Citrone, Orange, Limone und Tamarinde, aus den reifen der Eiche und Cypresse, aus den Galläpfeln und Myrobolanen [d. s. Gerbsäuren[3975]), sowie der Essig; es ist merkwürdig, daß die köstlichsten Dinge der Welt, die Seide, die Perlen und der Honig, alle drei unter Milhilfe kleiner und unscheinbarer Tiere entstehen[3976], daß ferner aus dem zarten Honig[3977], dem süßen Safte der zweigeschlechtlichen Palme[3978] und dem honigähnlichen Zucker, die für sich oder nebst Mandeln und Öl die lieblichsten Speisen ergeben[3979], zunächst scharfe und berauschende Getränke hervorgehen, -- „Feinde Gottes und der Vernunft“ geheißen, aber trotzdem auf allen Märkten feilgeboten[3980] --, weiterhin aber verschiedene Arten des kalten und sauren Essigs, und schließlich sogar die im Essig lebenden Würmer[3981]; doch entstehen freilich Pflanzen und Tiere, auch höhere, unter gar mancherlei Verhältnissen nicht wie sonst aus Samen, sondern unmittelbar durch Zersetzung, Verwesung und Fäulnis[3982].

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In Ansehung der großen, um das Jahr 1000 schon bis nach Spanien reichenden Verbreitung der „Schriften der Treuen Brüder“ und ihres Einflusses auf die geistige Entwicklung im Osten und Westen[3983], dem selbst die Verbrennung durch die Orthodoxen zu Bagdad keinen Abbruch zu tun vermochte[3984], hat man ihre Bedeutung für die Übermittlung zahlreicher spätgriechischer Lehren sehr hoch einzuschätzen. Zu diesen zählen neben den eigentlich alchemistischen von der Herstellung des Goldes und Silbers, der „Heilung“ der unedlen Metalle usf., auch gewisse, durch mehr oder minder weitgehende Abänderung aristotelischer Anschauungen entwickelte, u. a.: die im Erdinneren, bald durch Erhitzen und Schmelzen, bald durch Niederschlagen und Verdichten von teils trockenen und rauchartigen, teils feuchten und dampfartigen Dünsten, erfolgende Entstehung der Mineralien und Metalle, die in ihren eigentümlichen „Mischungen“ stets +alle vier Elemente+ enthalten, wenngleich in den verschiedensten Mengenverhältnissen, und demgemäß auch die verschiedensten, entsprechend charakteristischen Eigenschaften zeigen[3985]; das Garwerden und Reifen der Metalle und Erze, ihr Wachsen und Nachwachsen (welches letztere ~Aristoteles~ in Abrede stellte)[3986]; das Bestehen der Mineralien und insbesondere der Metalle, aus +Schwefel+ und +Quecksilber+. Letztere, bis tief in die Neuzeit hinein fortwirkende, so höchst eigentümliche und absonderliche Theorie, die man seit jeher als „rein arabischen Ursprunges“ ansprach, ohne aber jemals ihre Quelle nachweisen zu können[3987], tritt in den „Schriften der Treuen Brüder“ schon in völlig bestimmter, durchaus dogmatischer Gestalt auf; sie wird ohne jeden Anspruch auf Neuheit als etwas so Selbstverständliches und zweifellos Feststehendes vorgetragen, daß sie offenbar etwas Altüberliefertes und des nämlichen Ursprunges wie alles übrige sein muß, nämlich griechisch-alexandrinischen. Die Frage, auf was hinwiederum sich ihre Autorität bei den späthellenistischen Chemikern, den Stammvätern der syrischen und arabischen Tradition, gründete, -- behauptete doch bereits ~Pibêchios~ (4. Jahrhundert), „alle Gegenstände enthalten Quecksilber“ --, läßt sich unschwer beantworten, soferne man des schon von ~Aristoteles~ hervorgehobenen Gegensatzes der aktiven und passiven Qualitäten und Elemente gedenkt, sowie der von den jüngeren und jüngsten philosophischen Schulen gelehrten, bei der Weltbildung erfolgenden Scheidung der Materie; diese zerfällt nämlich zunächst in grobe und feine Teile, und weiterhin in die Paare (Wasser + Erde) und (Feuer + Luft), die aber schließlich auch wieder als Repräsentanten des eigentlichen kalten und passiven Stoffes sowie des heißen und aktiven Pneumas gelten, demnach als solche der Hýle und des mit dem πνεῦμα θεῖον (göttlichen Pneuma) identischen Logos. Beruht nun, der Behauptung jener Schulen gemäß, die Entstehung der Einzeldinge auf Durchdringung von Hýle und Logos, und gelten diese als gleichwertig mit den groben und feinen Teilen der Materie, also mit den Paaren (Wasser + Erde) und (Feuer + Luft), so werden durch deren Vereinigung die Elemente, die nach ~Aristoteles~ stets alle vier in jedem Körper vorhanden sein müssen, wieder zusammengeführt. Die Kombination (Wasser + Erde) ist aber, schon den Lehren des ~Aristoteles~ gemäß, im Quecksilber verwirklicht, als dessen Hauptbestandteile die in jedem unedlen Metalle vorhandene Erde, sowie das viele, seinen flüssigen Zustand bedingende Wasser anzusehen sind; für die zweite Kombination (Luft + Feuer), die dem πνεῦμα θεῖον (pneuma theíon) entspricht, ergibt sich aus dem Doppelsinne des Wortes theíon (= göttlich, aber auch gleich Schwefel) als passendster Träger der schon von altersher für „heilig“ angesehene Schwefel, dessen Eigenschaften, nämlich „heiße“ und „feurige“ Natur, sowie Flüchtigkeit, einer solchen Vorstellung durchaus angemessen erschienen. Demgemäß vereinigen sich, wie auch die „Treuen Brüder“ berichten, die Elemente zunächst zum Schwefel und Quecksilber, und erst diese bilden dann, unter Verbindung nach den verschiedensten Mengen-, Reinheits- und Reife-Verhältnissen, wie alle anderen Stoffe so auch die Metalle; die Voraussetzung einer derartigen Entstehungsweise führte auch zu dem für die Folgezeit bedeutsamen, mit den Ansichten ~Platons~ übereinstimmenden Schlusse, daß sich Verbrennung und Rosten [also die raschen und langsamen Vorgänge der Verbrennung und Oxydation] +unter Ausscheidung+ eines Bestandteiles und daher +unter Gewichtsverlust+ vollziehen[3988].

Die Entstehung der so merkwürdigen und vom rein chemischen Standpunkte aus ganz unbegreiflichen, ja völlig widersinnigen Theorie vom Schwefel und Quecksilber als den Grundlagen sämtlicher Stoffe und wesentlichen Bestandteile der Metalle, -- einer Theorie, die trotz ihrer Absurdität fast anderthalb Jahrtausende lang in unvermindertem Ansehen blieb und vielen noch im 18. Jahrhundert durch die analytischen Untersuchungen hervorragender Gelehrter keineswegs endgültig widerlegt erschien --, wird daher nur verständlich, wenn man sich gegenwärtig hält, daß sie, allem Dargelegten zufolge, überhaupt nicht an der Hand +chemischer+ Voraussetzungen abgeleitet wurde und werden konnte, sondern nur auf Grund +philosophischer+, und zwar allein der oben erwähnten, ausschließlich für ganz bestimmte spätgriechische Schulen charakteristischen.

Dieser Umstand ist von besonderer Wichtigkeit für die Lösung gewisser, im übrigen nur schwierig aufzuklärender geschichtlicher Fragen, die die Ausbreitung der Alchemie betreffen; denn sobald, auch in anscheinend ganz entlegenen Kulturkreisen, die dogmatische Lehre vom Schwefel und Quecksilber als Ursubstanzen auftaucht, wird man mit größter Wahrscheinlichkeit schließen dürfen, daß sie nicht zufälligerweise in aller ihrer Eigenart zum zweiten Male entwickelt, sondern in bereits fertig ausgebildeter Gestalt von außen her übermittelt worden sei.

3. Das „Steinbuch des Aristoteles“.

Das noch von ~Berthelot~, vermutlich auf das Urteil älterer Orientalisten hin, als wichtige Quelle früharabischer Alchemie angesehene sog. „Steinbuch des ~Aristoteles~“ kann zwar als solche, den neuesten eingehenden Untersuchungen ~Ruskas~[3989] zufolge, nicht mehr in Betracht kommen, enthält aber immerhin sehr vieles für die Geschichte der Chemie und Alchemie höchst Merkwürdige und Beachtenswerte. Das Buch ist nach ~Ruska~ syrisch-persischer Herkunft und ursprünglich noch vor dem Jahre 850 in arabischer Sprache von einem mit der griechischen und persischen Litteratur wohlvertrauten Syrer niedergeschrieben, vielleicht von dem 873 verstorbenen, berühmten Universalgelehrten ~Honein~ (~Hunain~) ~ibn Ishaq~[3990]; diese erste arabische Fassung, die mehrfach in die hebräische und aus dieser wieder in die lateinische Sprache übersetzt wurde und nur die Edelsteine nebst einigen anderen seltenen und auffälligen Steinen behandelt zu haben scheint, ist als ältestes Dokument arabischer Mineralogie anzusehen[3991]. Leider blieb sie aber in unveränderter Gestalt weder im Original noch in Übersetzung erhalten, vielmehr sind die uns vorliegenden Texte Ergebnisse vielfacher und oft wiederholter Erweiterungen und Interpolationen, die von sachkundigen, teils orientalischen, teils spanischen muslimischen Gelehrten herrühren: diese fügten zunächst die Metalle nebst deren Zubehör ein[3992], sodann eine stets wachsende Zahl medizinisch, chemisch und magisch wirksamer oder wirksam geglaubter Steine[3993], und überarbeiteten schließlich die ganze Schrift in alchemistischem Sinne, ohne aber diese Absicht offen einzugestehen oder deutlich hervortreten zu lassen[3994].

Als ein „Steinbuch des ~Aristoteles~“ will das Werk offenbar für die Übersetzung eines griechischen Originales gelten, und indem es dem ~Aristoteles~ u. a. auch die Kenntnis aller nur möglichen in Kleinasien, Syrien, Persien usf. vorkommenden Mineralien und ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen Eigenschaften zuschreibt, knüpft es an eine Überlieferung der „Alexander-Sage“ an[3995]: diese, die zuerst schon im zweiten vorchristlichen Jahrhundert nachweisbar wird, läßt nämlich ~Alexander~ den Großen auf seinen sämtlichen Feldzügen von ~Aristoteles~ begleitet sein, der mit übermenschlicher Weisheit stets auf den ersten Blick alles Niegesehene erkennt, alles Unerhörte enträtselt, List und Trug durchschaut und jede drohende Gefahr abwendet, wodurch er sich in gleichem Maße als Lehrer wie als Schutzgeist seines königlichen Schülers bewährt. ~Alexander~ selbst lebt in der Sage nicht nur als größter Eroberer, Feldherr und Herrscher fort, sondern wird allmählich auch zum Gelehrten, Philosophen[3996], Arzt, Magiker und Chemiker ersten Ranges; die nötigen Kenntnisse übermittelte ihm der allbewanderte ~Aristoteles~, der sie selbst wieder teils dem weisen, aller Künste und Zauber kundigen König ~Salomon~ verdankte, teils dem Verfasser der tausend Bücher, dem ~Hermes~[3997]. Von ~Salomon~ stammte z. B. sein Wissen um jenen „roten Schwefel“ (= Gold), den die Ameisen für diesen König aus den Felsen des „Tales der Ameisen“ graben mußten[3998], -- jedenfalls als späte, von hellenistischer Phantasie gezeugte Nachkommen der märchenhaften goldgrabenden Ameisen des ~Herodot~; von ~Hermes~ hingegen erlernte er die Kunde der Steine[3999], sowie die Astrologie, auch übersetzte er das astrologische Werk des ~Hermes~ ins Griechische und verfaßte zu dem des ~Ostamahis~ (= ~Ostanes~?) einen Kommentar, den, auf seine Empfehlung hin, auch ~Alexander~ der Große zu studieren pflegte[4000].

Kaum bedarf es des Hinweises, daß die echten Schriften des ~Aristoteles~ keine Spur von astrologischen Anschauungen enthalten, und daß ~Aristoteles~ zwar zoologische und (verloren gegangene) botanische Bücher herausgab, aber keine eigentlich mineralogischen[4001]. Von seinem Schüler und Nachfolger ~Theophrastos~ rührt zwar eine (nur fragmentarisch erhaltene) Abhandlung „Über die Steine“ her, und diese mag, als der Schule des ~Aristoteles~ entstammend, in späterer Zeit von manchen auch als von ihm selbst verfaßt angesehen worden sein; doch auch in ihr ist nirgends von den zauberhaften, magischen und medizinischen Wirkungen der Mineralien die Rede, wie sie sich z. B. schon bei ~Dioskurides~ geltend machen, bei ~Plinius~ bereits vorherrschen und die Schriften der hellenistischen Spätzeit, z. B. die dem ~Orpheus~ zugeschriebenen „Lithika“, die „Kyraniden“ u. dgl., völlig erfüllen[4002]. Im wesentlichen beschränken sich die Kenntnisse des ~Theophrastos~[4003] auf die Silber, Kupfer, Eisen und Blei führenden Erze; auf Malachit und Lasur, Oker und Rötel, gelbes und rotes Arsen; auf Bleiweiß, Grünspan und Zinnober, sowohl den natürlich vorkommenden aus Spanien und Kolchis, als auch den „künstlichen“, d. h. künstlich aufbereiteten, den ~Kallias~ aus dem „Sand“ der ephesischen Silbergruben durch wiederholtes Pochen und Waschen als rotes, prächtig glänzendes Pulver darstellte; ferner auf „Magnetis“, ein silberglänzendes, vom Drechsler zu bearbeitendes Gestein (wohl eine Art Glimmer oder Talk), sowie auf den für ein Mineral angesehenen Bernstein, der Elektron oder Lynkurion genannt wird. [Die schon im Altertums weitverbreitete Anschauung, „Lynkurion“ sei der zum Stein verhärtete Harn (οὖρον, Uron) des Luchses (λύγξ, Lynx), erklärt sich aus einer Mißdeutung des Namens der Lingurier oder Ligurer, in deren Gebiet eine der uralten nord- und zentraleuropäischen Handelsstraßen, auf der u. a. auch der Bernstein befördert wurde, die Küste des Mittelmeeres erreichte.]

Von den über siebzig im „Steinbuche des ~Aristoteles~“ besprochenen Mineralien sind besonders die nachstehenden, als auch für die alchemistische Litteratur wichtig, hervorzuheben: +Schwefel+, der als gelber, roter und weißer auftritt[4004]. -- +Arsen+, Zarnik, Zirnich [d. i. Schwefelarsen], findet sich als gelbes und rotes, gibt beim „Verkalken“ eine weiße, tödlich giftige Masse [d. i. Arsenigsäure], färbt das Kupfer weiß, eignet sich als Zugabe für Feuerwerkssätze (opera ignea) und liefert mit Kalk, Nura, vereint ein treffliches Enthaarungsmittel[4005]. -- +Magnesia+ ist [im Sinne von Braunstein] unentbehrlich für die Glasmacher[4006], färbt auch den Billaur oder Bellor, aus dem man Gefäße und Brenngläser macht [d. i. eigentlich Bergkrystall, hier wohl ein Krystallglas][4007]; Magnesia benennen viele aber auch den schwefelhaltigen Androdámas [= Pyrit][4008], sowie den glänzenden, Gold und Silber führenden Markasit [= Pyrit, Kupferkies usf.], von dem es sehr zahlreiche Arten gibt[4009]. -- +Ithmid+, auch Itmad, Ezmit, Azmat, ist Stimmi [d. i. Schwefelantimon, zuweilen auch Schwefelblei, also Antimon- oder Bleiglanz][4010]. -- +Tutia+ [d. i. wesentlich Zinkoxyd] kommt in vielen, bald weißen, bald gelben oder grünen Sorten an den Seeküsten von Hind und Sind [d. i. des nordwestlichen Indiens und des südöstlichen Persiens] vor und ist auch ein vorzügliches Augenheilmittel[4011].

Aus Kalkand (χάλκανθος, Chálkanthos) und Kalkatar oder Kalkadir (χαλκῖτις, Chalkítis) entsteht der +Zâdsch+, Vitriol, eine glasartige Masse von mancherlei Farben (vitrum multorum colorum)[4012]; zu seinem Geschlechte zählen manche auch den für die Färberei so wichtigen +Schabb+, Alaun, dessen beste Sorte aus Jemen kommt[4013]. Für alle diese und viele andere Substanzen gibt es „Spezialisten“, das sind Gelehrte, die nur eine einzige bestimmte Gattung und deren Anwendungen behandeln, über diese aber, die nun einmal ihre „Spezialität“ ist, niemals hinausgehen[4014]. -- Vom gewöhnlichen Salz kennt man ebenfalls höchst verschiedene Arten, darunter die sehr schöne feste, schneeweiße (lapis albus sicut nix); merkwürdigerweise sind viele Fundorte des Salzes auch solche der leicht entzündlichen Naphtha (minerae ignis graeci = Fundstätten des griechischen Feuers)[4015]. -- Dem Salze gleichen die +Kali+ genannten Aschen bestimmter „baumhoch wachsender“ Kräuter, die beim Verbrennen durch das Feuer versteinert und verhärtet werden[4016], ferner das zum Waschen und Reinigen dienliche +Nitron+ oder Natron, eine Abart des Borax[4017], sodann der eigentliche +Borax+, der aus gewissen Salzseen stammt und sich sehr geeignet zu Zwecken des Lötens und Schmelzens erweist[4018], endlich auch in mancher Hinsicht der +Kalk+, Nura[4019]. Ein Salz ist auch der +Nausadir+ [Nûschâdir, Salmiak; nach ~Lagarde~ armenisch?][4020], „nasciador qui fit in balneis“, „liscianada quae fit in balneis“[4021], d. h. „der Salmiak der in den Bädern entsteht“ [nämlich durch Sublimation, aus dem zum Heizen gebräuchlichen getrockneten Miste, besonders dem der Kamele]; er ist von heißer und trockener Natur, zieht viele Stoffe an sich und fixiert daher die Farben und zeigt Weiße, Farbe und Glanz des Diamanten[4022].

Dieser kostbarste aller Edelsteine findet sich allein in einer völlig unzugänglichen Felsenschlucht Indiens; ihn aus dieser herauszuholen glückte erst ~Alexander~ dem Großen, indem er, -- wie schon 392 der gegen die Ketzer schreibende ~Epiphanios~ erzählt, und wie es 1190 der persische Dichter ~Nizami~ in seinem „Alexander-Liede“ bestätigt --, mächtige Stücke rohen Fleisches hinabwerfen und sie samt den anhaftenden Edelsteinen durch große Vögel wieder emportragen ließ. Der Diamant wird durch Feuer nicht angegriffen, löscht es vielmehr aus[4023] [vermöge seiner „besonders kalten Natur“]; zum Gold hat er Neigung und zieht es an wie ein Magnet[4024], hingegen ist ihm das Blei feindlich, „zerbricht und pulvert ihn“[4025]. [Dieser noch im Mittelalter sehr allgemein verbreitete Aberglaube rührt vermutlich daher, daß man Edelsteine aller Art durch An- oder Einschmelzen in Bleiplatten zu befestigen pflegte, um sie gehörig schleifen und polieren zu können.]

Unter den +Metallen+, -- deren Schilderung, wie oben erwähnt, vermutlich erst in späterer Zeit (und wohl gemäß den Angaben in der Enzyklopädie der „Treuen Brüder“) in das „Steinbuch“ eingefügt wurde[4026] --, ist allein das +Gold+ völlig rein und unveränderlich[4027], während schon das weiße und glänzende +Silber+ durch Blei oder Quecksilber „verdorben“ und durch Schwefel geschwärzt wird[4028]. Vom +Kupfer+, Nuhâs[4029], kennt man viele Arten und verfertigt aus ihm Messing, Sifr[4030], aber auch sonst noch unter Benützung von Borax, Vitriol und anderen Zutaten allerlei dem Golde Gleichendes[4031]; kupferne und messingne Gefäße machen Speisen und Getränke giftig, es ist nämlich in ihnen ein tödliches Gift „verborgen“, das man mittels Essig „herauszuziehen“ vermag, d. i. der Grünspan, Zindschar[4032], eine Art Malachit, der aus dem Kupfer entsteht[4033]. +Zinn+, Rasas[4034], das oft mit Blei verwechselt oder für Blei angesehen wird[4035], enthält oft etwas Gold oder Silber und ist selbst eine Art unreines Silber, das man nur von Weichheit, Gestank und „Geschrei“ befreien müßte, um es in wahres Silber überzuführen[4036]. Mannigfaltiger Art ist das +Eisen+, dessen merkwürdigstes Erz, das Magneteisen, im indischen Meere den berühmten Magnetberg bildet[4037]; man kennt übrigens mehr als zwanzig verschiedene Magnete, die sämtliche Metalle und auch noch vieles andere anziehen[4038]. Im Feuer gibt das Eisen roten Eisenrost[4039] und durch die Kraft gewisser Zusätze wird es zu Stahl, Fûlâd[4040]. Das +Blei+, Usrub oder Rasâs[4041], wird aus Ithmid [= Bleiglanz; oft aber auch = Antimonglanz] gewonnen[4042] und ist bei völliger Reinheit frei von Trockenheit, kalt und weich, „zerbricht“ aber trotzdem den Diamanten[4043]; in ihm verborgen ist das glänzende, zu Salben nützliche Bleiweiß, Isfîdâdsch (= weißes Wasser), das Essig schon in der Kälte „herauszieht“[4044], ferner noch die nur durch Feuer herausziehbare Bleiglätte, Martak[4045], die bei weiterem Erhitzen rot wird und Mennige, Usrundsch, liefert, aus der man mit Öl ein Bleipflaster anfertigt[4046]. +Quecksilber+[4047] ist ein „beschädigtes“ Silber und so schwer, daß alle schwersten Mineralien auf ihm schwimmen, mit Ausnahme des Goldes; ~Alexander der Grosse~ kam aber [was auch der Dichter ~Nizami~ erwähnt] auf seinen Zügen an ein Meer, dessen Wasser ebenso schwer war wie Quecksilber. Selbst sehr giftig gibt Quecksilber einen noch weit furchtbarer giftigen Dampf; in „verkalktem“ Zustande macht es das Kupfer weiß[4048], beim Erhitzen mit Schwefel in verschlossenen Töpfen färbt es sich hingegen rot und wird dabei zu Zinnober, Zundschufr oder Schandschart, aus dem man es jedoch durch „Brennen“ in gläsernen Gefäßen wieder „ausziehen“ kann[4049]. Nicht selten wird Zinnober verwechselt mit Mennige und samt dieser wieder mit Bleiglätte, sowie mit Rötel[4050].

Was die, gelegentlich später Umarbeitungen, in das „Steinbuch“ eingeschobenen +alchemistischen+ Betrachtungen anbelangt[4051], so besagen sie, daß die Philosophen in dieser Hinsicht allerlei Andeutungen zu machen, sie aber vor der großen Menge sorgfältig zu verbergen pflegen[4052]; der (neben anderen Steinen genannte) „philosophische Stein“ verleiht, wie das die Goldmacher wissen (sciunt qui faciunt aurum), die Kunst des großen Werkes (scientiam magisterii)[4053] und findet sich im gemeinen Kot (in luto), und zwar in zwei Abarten, die weiß und rot sind und die weiße und rote Farbe (d. h. Silber und Gold) hervorbringen[4054]. Aus Silber (14 Teilen) erhält man rotes Gold entweder durch Einwirkung von „Satansstein“ (1 Teil), der unter Wasser gelb wie Auripigment aussieht, an sich aber rot ist und beim Verkalken zu einem Zinnober wird[4055], oder durch Behandlung mit „Farsalus“, d. i. Aphroselinon[4056] [= Talk, Glimmer; hier wohl Deckname für ein alchemistisches Präparat]. Der Farsalus ist überhaupt von wunderbarer Kraft: er fixiert das Quecksilber, was außerdem auch die Steine „Karsijâd“, „Hâdi“ und „Wollmagnet“ vermögen[4057], er verwandelt Blei und Eisen in Silber und Gold[4058] und erzeugt aus Kupfer Silber sowie aus Silber Gold[4059]. Kupfer wird „weiß“ [d. h. zu Silber] durch Quecksilber, durch den Stein „Baumwollmagnet“[4060] und vor allem durch Zirnich [= Arsen], den „weißen Vogel“ [avis alba = Arsenigsäure], in dem das „große Geheimnis“ steckt, und der auch „Weiß der Ifrangis“ (Franken) heißt[4061]; Kupfer und auch Silber wird „rot“ [d. h. zu Gold] durch den „indischen“ Stein „Hâmi“, sowie durch Schwefel, der es rötet und rot färbt, weshalb er wichtige Anwendung beim Machen des Goldes findet[4062]; auch Borax, Vitriol und andere Zutaten ergeben aus Kupfer oder Messing „Goldähnliches“, das viel billiger einsteht wie echtes Gold, jedoch nicht feuerbeständig ist[4063]. -- Zu alchemistischen Zwecken dürfte auch die persische Legierung „Haftdschausch“, d. h. „aus sieben [nämlich Metallen] gekocht“, bestimmt gewesen sein[4064]; Mischungen, auch im Sinne von Temperamenten, werden mit „Kîmûsât“ (abgeleitet vom griechischen χυμοί, Chymoi = Säfte) bezeichnet[4065], die Künste der Metallgießer aber auch mit „Kîmijâ“, Chemie[4066], zu deren Aufgaben u. a. das „Auflösen“ (Zersetzen) der Substanzen mittels „Kürbis und Alembik“ [d. h. durch Sublimation oder trockene Destillation] gehört[4067].

Wie bereits eingangs bemerkt wurde, ist das „Steinbuch“ syrisch-persischer Herkunft und liefert mit einen wichtigen Beleg zu der Tatsache, daß die Araber ihre eingehenderen mineralogischen und namentlich metallurgischen Kenntnisse zuerst den Persern entlehnten, bei denen sie zur Zeit der arabischen Eroberung (die um 640 stattfand) also längst vorhanden waren. Demgemäß sind nicht nur die Namen der Edelsteine u. dgl., sondern auch die der metallischen und mancher anderen Produkte zu einem großen Teile persischen Ursprunges. Im ganzen richtig erkannte dies bereits vor fast einem Jahrhundert ~Hammer-Purgstall~, wenngleich im einzelnen viele seiner Vermutungen durch die Fortschritte der Wissenschaft überholt, jene aber als ganz unrichtig erwiesen sind, die den Übergang persischen Sprachgutes auch in das Griechische betrafen. Von den Angaben, daß u. a. zurückgehe: Amethyst auf Dschemest, Jaspis auf Jascheb, Hyazinth auf Jakut, Smaragd (arab. Zabargad) auf Smerrud, Lasur (arab. Lazward) auf Ladschiwerd, Margarita auf Merwarid, Bezoar auf Pâwzahr (armenisch Fadzuhr) usf.[4068], ebenso wohl auch Türkis auf Turkesa[4069], sind daher die ersteren sämtlich zu streichen[4070]. Wirklich dem Persischen entlehnte arabische Worte sind hingegen z. B.: Fûlâd (Stahl), Zindschar (Grünspan), Usrub und Rasâs (Blei, Zinn), Isfîdâdsch (weißes Wasser = Bleiweiß), Martak (Bleiglätte; das mittelpersische Wort hat sich im Arabischen erhalten), Usrundsch (Mennige), Sifr (Messing), Zundschufr (Zinnober) usw.[4071].

4. Syrische Schriften.

Die vielfachen und in hellenistischer Zeit ganz besonders engen Beziehungen zwischen Ägypten und Syrien machen es sehr wahrscheinlich, daß in letzterem Lande auch die alchemistischen Lehren bereits frühzeitig eine Stätte fanden, ja den nach Westen vordringenden Arabern zuerst schon dort bekannt wurden[4072]. Mit Recht betonte daher, wie dies bereits oben bei Besprechung des ~Pseudo-Demokritos~ Erwähnung fand, der berühmte Orientalist ~G. Hoffmann~ schon 1884 die Wichtigkeit der einschlägigen früh-syrischen und -arabischen Handschriften (namentlich der in London und Cambridge vorhandenen) und deren Unentbehrlichkeit zur Aufklärung der anfänglichen Geschichte der Chemie und Alchemie. Ebenso wurde weiter oben auch erwähnt, daß ~Berthelot~, dem gegebenen Fingerzeige folgend, ~Duval~ und ~Houdas~ zur Herausgabe und Übersetzung zweier der bedeutsamsten dieser Manuskripte veranlaßte; sie erwiesen sich teils als vermutlich dem 7.-9. und 9.-10. Jahrhunderte angehörige Kompilationen[4073], teils als dem 9.-10. und 10.-11. Jahrhunderte entstammende Übersetzungen aus dem Griechischen, die vieles sehr Alte, aber auch so vieles von weit späteren Autoren Zugefügte und Eingeschobene enthalten, daß ihr eigentlicher Sinn oft arg verdunkelt, oft auch bis zur gänzlichen Unerkennbarkeit entstellt erscheint. Da die Niederschriften der jetzt vorliegenden Fassung frühestens dem 11. Jahrhundert angehören sollen, Zeitgrenzen für die Interpolationen aber kaum genau festzulegen sind, lassen sich bestimmte Schlüsse auf die ursprüngliche, von arabischen Einflüssen noch unberührte Gestalt dieser Werke vorerst nur mit großer Zurückhaltung ziehen, und zumeist bleiben die Ergebnisse zu erhoffender weiterer Erforschung der zugehörigen alten Litteratur abzuwarten; zur Vorsicht betreff dieser mahnt aber das Vorhandensein vieler Pseudepigraphen, zu denen u. a. auch die von ~Berthelot~[4074] aus dem „Fihrist“ angeführten, angeblich im 6. Jahrhundert verfaßten Übersetzungen des ~Sergius von Resaina~ zählen, -- wie dies ~Hoffmann~ schon 1884 hervorhob[4075].

a) Ältere Schriften.

Der in +syrischer+ Sprache abgefaßte +ältere+ Hauptteil der Manuskripte[4076] verbreitet sich zunächst über die Eigenschaften, die für jeden des großen Werkes Beflissenen unumgänglich sind, nämlich Reinheit, Selbstlosigkeit, Freisein von Geiz oder Geldgier usf., in dem aus den Schriften des ~Pseudo-Demokritos~ und ~Zosimos~ genügend bekannten Sinne[4077]; sodann führt er die sieben Metalle an nebst ihren (weiter oben schon im Zusammenhange besprochenen) planetarischen Zeichen und Namen, als welche zumeist, aber nicht stets gleichbleibend, die bei den späteren griechischen Autoren gebräuchlichen in Betracht kommen[4078]. Daß auch die vier Elemente den Planeten zugeordnet werden, scheint indessen auf kein griechisches Vorbild zurückzugehen[4079].

Von den Metallen findet sich, neben Alchemistischem in üblicher Darstellung, auch allerlei Technologisches berichtet. Gold prüft man auf Feinheit und Gehalt durch eine Art Zementation mit Alaun, Vitriol und Kochsalz[4080], und lötet es mittels „Tanger“ (Tinkâr = Lot, Lötmittel), d. i. Tinkal oder Borax[4081]. Silber oder Asem, das man u. a. aus Kupfer durch Einwirkung von Arsen gewinnt, am besten unter Zusatz etwas schon fertigen Silbers, legiert sich mit Gold zu Silbergold oder Elektron, das [irrtümlicherweise] auch dem „Kahrubâ“ gleichgesetzt wird [persisch = Strohräuber, d. i. Bernstein, griech. Elektron][4082]. Eisen erleidet durch Glühen und Abkühlen große Veränderungen und liefert durch Ablöschen dünner Blättchen in Weißwein ein medizinisch sehr wirksames Elixir[4083]. Kupfer, andauernd mit Essig oder saurem Traubensaft behandelt[4084], geht in Grünspan oder Irin über (d. i. das Jarim oder Jarin der mittelalterlichen Alchemisten)[4085]. Aus Blei entsteht beim Erhitzen mit Schwefel das schwarze Schwefelblei, dessen sich die Augenärzte bedienen, beim „Verbrennen“ die gelbe Bleiglätte, und bei längerem Liegen „auf Ruten, über sehr scharfem und nicht gefälschtem Essig, in der Wärme des Düngers“ das leuchtende Bleiweiß[4086]; beim „Rösten“ gibt letzteres Mennige oder Minium, auch Sandarach geheißen[4087], weil es die rote Farbe des Harzes Sandarach besitzt [arab. sandarus d. i. Harz oder Gummi][4088]. Dieser Name bezeichnet aber auch das rote Schwefelarsen, aus dem sich, ebenso wie aus dem gelben „Safran“ (= Auripigment), beim Erhitzen ein „Alaun“ verflüchtigt [d. i. Arsenigsäure]; nach wiederholter Sublimation ist dieser, „die Blume des Arsens“, eine feste und glänzend weiße Masse, im Gegensatze zum gemeinen „männlichen“ Arsen, das rot oder gelb erscheint[4089]. Durch Verreiben von Quecksilber mit Schwefel und Sublimieren des Gemisches bildet sich der Zinnober[4090]; der als Rötel oder Sîrîkôn bezeichnete Farbstoff ist +kein+ Zinnober, vielmehr bereiten ihn einige durch Rösten von Chalkitis [wobei, je nach dem Vorwalten des Kupfers oder Eisens im Vitriol, unter Umständen ein rotes Kupfer- oder Eisen-Oxyd hinterbleiben kann], andere durch Rösten von Chalkitis nebst Bleiweiß [letzteres hinterläßt Mennige], und noch andere durch Vermischen von Mennige mit Eisenrot [Eisenoxyden][4091]. Zu vielerlei Zwecken gebraucht man die Kadmia, die auch Kalimía (καλιμία) heißt [welches Wort wohl zur Bezeichnung zinkhaltiger Mineralien als „Calamine“ Anlaß gab][4092]; aus dem Rauche der Öfen, in denen man sie verarbeitet, schlägt sich Tutia oder Pompholyx nieder[4093] [d. i. das weiße, an den Ofengewölben haftende Zinkoxyd]. Der glänzende Pyrit oder Markasit [d. i. Schwefelkies] liefert [beim Rösten] Schwefel, dessen reinste Form die „Schwefel-Blumen“ sind[4094], ferner [beim Verwittern] Chalkitis oder Vitriol, dessen syrische Benennung „Glas“ bedeutet[4095] [vgl. die wohl wörtliche Übersetzung „vitriolum“]; diesem ähnlich ist der Alaun, von dem es viele Sorten gibt, u. a. den vortrefflichen „römischen“, und als dessen Bezeichnung ✶ üblich ist, d. i. ein Stern[4096]. „Stern der Erde“, γῆς ἀστήρ, ist aber auch bald der Selenit [= krystallisierter Gips] bald der Talk, dem noch unzählige andere Namen zukommen[4097].

Eichen, Pappeln, Feigenbäume und zahlreiche sonstige Pflanzen hinterlassen beim Verbrennen eine scharfe, salzige Asche; behandelt man ihre wässerige Lösung mit Ätzkalk, so erhält man die noch schärfere „Lauge“[4098], die sehr dienlich zur Gewinnung von Seife ist[4099]. Unentbehrlich erweist sich jene Asche aber auch zur Darstellung des Glases; diese erfolgt, indem man 1 Teil feinstes, durch ein Haarsieb gesichtetes Pulver von Kieselsteinen mit 3 Teilen Asche gründlich vermischt, das Gemenge in einem Tiegel auf starkem Feuer schmilzt und mit einer zweizackigen Eisengabel so lange verrührt, bis es die richtige Dicke „zum Herausziehen“ erlangt hat. Durch Zusätze kann man ihm jede gewünschte Farbe erteilen, z. B. die weiße durch Bleiweiß, die grüne durch „gebranntes Kupfer“, die blaue (?) durch spanisches Antimon [Schwefelantimon], die schwarze durch eine goldglänzende Kadmia [hier wohl das Sulfid eines Schwermetalles] usf.[4100]. Ein Gemenge aus feinstem Glaspulver und Nitron ist das vortreffliche, ἱερόκολλα (Hierókolla) genannte Lötmittel[4101]; die Gewinnung eines anderen Bindemittels [wohl einer Art Leim oder Gelatine] erfolgt durch Auflösen der Knochen junger Kälber oder Kamele in Essig, dem man noch Kampher zuzusetzen pflegt[4102].

Die zur Herstellung der Präparate empfohlenen Vorschriften werden als „Schlüssel“ (κλεῖσις = Verschließung) oder als „Macht“ (κράτος) bezeichnet[4103]. Die Apparate, die zum Teil durch [sehr unzulängliche] Abbildungen veranschaulicht sind[4104], gleichen zumeist genau den von den griechischen Alchemisten, z. B. von ~Synesios~, benützten, so u. a. der als ὄργανον (Organon) angeführte Sublimations-Ofen[4105] und die beiden auf einander gestellten „Töpfe“ zum Sublimieren der Arsenigsäure „aus dem unteren in den oberen“[4106]; auch die Gleichsetzung der „Erde der Philosophen“ mit der Tiegelerde aus Assuan am oberen Nil[4107] bezeugt die ägyptische Herkunft der beschriebenen Vorrichtungen.

b) Jüngere Schriften.

Die mit syrischen Buchstaben geschriebene, aber in +arabischer+ Fassung oder Übersetzung eingeschobene, +jüngere+ Abteilung der Manuskripte[4108] bespricht ebenfalls die sieben Metalle und ihre unzähligen Benennungen, deren sie für Gold 23 anführt, für Silber 17, für Kupfer 15, für Blei 20 (darunter mehrere auch für Schwefel gültige), für Eisen 18, für Zinn 17, für Quecksilber 51[4109]. Die unedlen Metalle in edle zu verwandeln vermag die Kunst des großen Werkes, das zugleich auch die Darstellung der Edelsteine und Perlen lehrt, sowie deren Verschönerung durch besondere Verfahren, z. B. die der Perlen, indem man sie an Tauben verfüttert und durch deren Verdauungskanal gehen läßt[4110]. Materialien, die den Zwecken des großen Werkes dienen, sind Kadmia, Bleiglätte, Mennige, Bleiweiß, Alkali, Glas[4111], orientalisches und okzidentalisches Quecksilber (oft zu gleichen Teilen gemischt)[4112], zuweilen auch Grünspan von Emesa, ägyptischer und persischer Vitriol, Malachit und Lasurstein[4113], sowie noch andere zum gründlichen Färben oder oberflächlichen Firnissen geeignete Stoffe[4114]. Die Umwandlung dauert 42 Tage[4115], und ihr Endprodukt, eine goldrote Masse, vermag die Kranken zu heilen[4116] und wirkt auf die Rohmetalle als Elixir; zur Gewinnung des Elixirs sind aber auch viele pflanzliche und tierische Stoffe tauglich[4117], deren Veränderungen oft gar wunderbare Wirkungen entfalten, wie denn durch die Fäulnis von Haaren Schlangen, von Rindern Bienen, von Eiern Drachen entstehen[4118].

Alle Metalle schmelzen bei genügender Hitze und gehen dabei in den Zustand des Quecksilbers über, das als ihr eigentliches Prinzip anzusehen ist[4119]. Als erster und wesentlicher Bestandteil der Metalle, sowie als Grundstoff auch aller übrigen Substanzen, ist das Quecksilber ein „Körper“ von fester und beständiger Natur; da es jedoch dem Feuer nicht widersteht und sich in der Wärme verflüchtigt, ist es aber auch ein „Geist“; demnach kommt ihm das Wesen eines, diesen +beiden+ Reichen angehörigen Zwitters zu, und demgemäß erklären sich viele seiner zahllosen Namen, wie „das Kalte“, „die Wolke“, „der flüssige Geist“, „der Schweiß der Körper“, „der flüchtige Diener“ [„servus fugitivus“ der mittelalterlichen Alchemisten], „der Erwecker der Toten“, „das Wasser des ~Kiwan~“ (aramäisch = ~Saturn~, auf dessen Metall, das Blei, hinweisend) usf.[4120].

Der flüchtigen Geister zählt man sieben, neben dem Quecksilber nämlich noch den gelben und roten Schwefel, den weißen Schwefel, das gelbe und rote Arsen, sowie den Salmiak[4121]. -- Der gelbe Schwefel, arabisch Kibrit[4122], ist der gewöhnliche, der die Kraft hat alles zu färben, alles in Umwandlung zu versetzen und sich mit allem zu verbinden, weshalb einige seiner 26 Namen lauten: „der göttliche Stein“ (vgl. θεῖον), „der Färber“, „das Wachs“ [das alle Farben annimmt], „die Hefe“, „der Bräutigam“ usf.[4123]; der rote Schwefel ist auch identisch mit Sandarach [rotem Schwefelarsen], der weiße mit Arsenigsäure; das gelbe und rote Arsen [dies sind Auripigment und Realgar] heißen u. a., -- im ganzen werden 21 Namen aufgeführt --, „die beiden Vögel“, „die beiden Brüder“, „die beiden Khalifen“, „das Gelbe und Rote der Philosophen“[4124]. Den Salmiak, -- dessen Kenntnis die Araber schon von den spätalexandrinischen Chemikern übernahmen, von dessen Vorkommen in den vulkanischen Gegenden Vorderasiens und Chinas aber auch die alten arabischen Geographen, sowie die von ~Carra de Vaux~[4125] herausgegebenen arabischen „Wundergeschichten“ berichten --, zeichnet seine große Flüchtigkeit aus, die eine völlige Reinigung durch wiederholte Sublimation ermöglicht[4126]; auf diese deuten auch viele seiner 13 Namen, z. B. „Vogel von Chorasan“, „Oberster oder Khalif von Armenien“, „Kampher“, „Adler“[4127], sowie [offenbar bei Färbung durch Eisenoxyd] „roter Adler“[4128]. Was als „Fixation“ des Salmiaks durch Ätzkalk beschrieben wird[4129], entspricht sichtlich der Darstellung von Chlorcalcium.

Die sieben Geister sind hauptsächlich in sieben Steinen enthalten, nämlich im Markasit, Antimon [Schwefelantimon], Magnesia [oft = Pyrit], Hämatit [hier = Zinnober], Magnetstein [ein Metallsulfid?], Vitriol (arab. Zâdsch)[4130] und „Salz“; von jedem dieser Steine kennt man sieben Arten in sieben Farben, so daß es z. B. auch sieben Magnete gibt, deren jeder ein anderes der sieben Metalle anzieht, ferner sieben Vitriole, sieben Alaune, sieben Boraxe [arab. Tinkar, meist = Alkalien] und sieben Salze, deren Gewinnung und Reinigung, oft bis zur Weiße und Härte des persischen Tabarzad-Zuckers[4131], die „Philosophen“ entdeckten und lehrten[4132]. Steine, die +keine+ Geister in sich führen, gibt es ebenfalls sieben, nämlich Talk, Kohol (Blei- oder Antimon-Glanz), Perlmutter, Krystall, Malachit, Lasurstein und Achat. [Alle diese Angaben gehen in letzter Linie auf die weiter oben unter dem Namen „Steinbuch des ~Aristoteles~“ angeführte pseudepigraphische Schrift oder auf deren Quellen zurück, strotzen aber von Irrtümern und Verwechslungen.]

Aus dem weißen Schwefel [= Arsenigsäure], dem Sandarach [= Realgar] und dem italischen Kohol [= Antimonsulfid] läßt sich ebenfalls ein „Quecksilber“ erhalten[4133], unter dem offenbar metallisches Arsen und Antimon zu verstehen ist, welches letztere auch als „Antimon“ aus Stibi oder Stimmi (= Kohol) erwähnt zu werden scheint[4134], sowie in einer Vorschrift, die (in der Übersetzung) lautet: „nimm gleiche Teile Kohol und Antimon“[4135]. Aus Kupfer und „gebranntem Antimon“ [= metallischem Antimon oder Antimon-Oyxden?] wird u. a. die goldfarbige Legierung Schabh dargestellt, vermutlich eine Antimon-Bronze[4136]; ähnlich wie die mit einer dicken Lösung arabischen Gummis angeriebenen Goldflitter[4137] fand wohl auch sie Verwendung zur Herstellung von „Goldschrift“.

Behandelt man das eigentliche Quecksilber mit Kochsalz und Vitriol, so erhält man zwei verschiedene Substanzen[4138] [die gegenwärtig als Quecksilber-Chlorür und -Chlorid, Calomel und Sublimat, bezeichnet werden]; die eine, die sich leicht verflüchtigt, kann man in schönen weißen Krystallen gewinnen, indem man sie wiederholt sublimiert[4139], doch muß man hierbei, weil Dampf und Sublimat furchtbar giftig sind, Mund, Nasenlöcher und Augen durch Beschmieren mit Honig schützen[4140]; ihre Lösung in Wasser gleicht der Milch und ist von solcher Kraft, daß sie viele Metalle und Erze auflöst, weshalb sie auch „scharfes Wasser“ oder „dreifach-scharfes Wasser“ heißt[4141]. -- Wie auch diese Stelle bezeugt, braucht das „scharfe Wasser“ (aqua acuta, aqua fortis der mittelalterlichen Alchemisten) keineswegs, wie man früher irrtümlicherweise oft annahm, eine mineralische Säure zu sein, und tatsächlich kennen auch die syrischen Manuskripte als Säuren nur Essig[4142], Citronensaft[4143] u. dgl.

Aus einer Mischung von feingepulverten Kieselsteinen (13 Teilen) und Aschen-Alkali (10 Teilen) bereitet man das Glas; die „Philosophen“ haben Glasöfen von wunderbarer Einrichtung ausgedacht, kleine, große, mehrstöckige, mit besonderen Kammern zum Einsetzen, Erhitzen und Abkühlen versehene, mit Zirkulation des Feuers eingerichtete, usf. Aus der in den Tiegeln zu einem „Gummi“ geschmolzenen Masse formt man Gefäße, Becher, Phiolen und noch vieles andere; was während der Arbeit zerspringt, wird mit einem heißen Glasfaden vereinigt und dann nochmals erhitzt. Man versteht auch alle nur denkbaren Färbungen hervorzubringen, z. B. weiße durch weibliche Magnesia [d. i. Braunstein, der entfärbend wirkt], schwarze durch Eisenschlacke, blaue (?) durch gebranntes Antimon, rote durch dieses nebst Eisenschlacke, gelbe durch Bleiglätte, sapphirblaue durch gebranntes Blei und Zinn, -- wobei nur die reinsten Metalle von völlig „schönem Blick“ [s. „Silberblick“] zu verwenden sind --, ferner auch citronengelbe, grüne und pistazienartige[4144]. Auch ein schönes Email bereitet man unter Benützung bleihaltiger Materialien[4145] [dies ist eine der frühesten ausdrücklichen Erwähnungen von Bleiglasuren].

Zu den Einfügungen aus sehr später Zeit gehört die Erwähnung des „Barud“ im Sinne von Salpeter[4146]; dieses „Salz von China“, das in Syrien noch wenig bekannt ist[4147], wird als weiß, hart und nach gekochten Eiern [also wohl nach Schwefelwasserstoff] riechend bezeichnet, was insoferne zutreffen kann, als es mit dem [an Kellerwänden, Düngestätten usf. auswitternden] „Salz der Mauern“ identifiziert zu werden scheint[4148]. Aus Mischungen von Barud, Schwefel und Kohle in verschiedenen Verhältnissen verfertigt man Brandsätze für Feuerpfeile, Petarden und Feuerwerkskörper, wobei man zuweilen auch noch Kampher hinzufügt[4149]. -- Es ist sehr bemerkenswert, daß der Gebrauch dieses „Pulvers“ zum +Schießen+, sowie die Verwendung von +Schießwaffen+, +nicht+ erwähnt wird, und daß eine der angeführten Mischungen [die ganz an jene in dem angeblich um 1275-1295 niedergeschriebenen sog. „Feuerwerksbuche“ des ~Hassan Alrammah~ erinnern] den Namen „Fränkische Körner“, „Körner der Franken“ führt[4150], was auf Herkunft aus dem Okzident hinweist. Ebendahin deuten auch die alchemistischen „Verfahren der Franken“, bei denen Quecksilber, Zinn, sowie europäisches und römisches „Harz“ benützt werden[4151], ferner eine Stelle, die vielleicht einige Kenntnis der Mineralsäuren verrät (?)[4152] und in diesem Falle erst um oder nach 1300 niedergeschrieben sein könnte.

Von Apparaten finden sich genannt: Rohre, Aludeln (Athal, Udal, Udel)[4153] und Schalen, u. a. solche aus Porzellan[4154] [was wohl ein Übersetzungsfehler ist und schwerlich das im Oriente zwar schon seit etwa dem 9. Jahrhundert bekannte, aber unerschwinglich teure chinesische Porzellan bedeuten dürfte]; Tiegel aus Erde von Assuan[4155]; zwei aufeinander gesetzte Tiegel, deren einer einen durchlöcherten Boden hat (z. B. zum Sublimieren von Arsenigsäure, Salmiak u. dgl.), „But ber But“ genannt [persisch = „Tiegel auf Tiegel“, d. i. der „Botus barbatus“ der mittelalterlichen Alchemisten][4156]; Gefäße zur Destillation von Wässern und wohlriechenden Essenzen[4157]; Wasserbäder[4158], in der Übersetzung einige Male mit „bain-Marie“ wiedergegeben[4159]; Haar- und Seiden-Siebe[4160].

c) Buch der Erkenntnis der Wahrheit.

Nach diesem, auch als „Causa causarum“ (Ursache der Ursachen) bekannten, in syrischer Sprache im 11. oder 12. Jahrhundert abgefaßten, aber auf weit ältere Quellen zurückgehenden Buche bestand die Welt ursprünglich aus einer form- und gestaltlosen Urmaterie „Hýle“[4161], aus der nach Gottes Willen zunächst vermöge der vier Qualitäten die vier Elemente hervorgingen, die ganz bestimmte Eigenschaften besitzen und unveränderlich an Menge und Gewicht sind[4162], weiterhin aber alle übrigen Dinge[4163], auch die Gestirne, die kein besonderes fünftes Element enthalten[4164].

Die ersten, allerorten gegenwärtigen Substanzen, die sich aus den Elementen bilden, sind Schwefel und Quecksilber[4165]. Aus dem Innern der Erde steigen nämlich Dünste und Dämpfe gegen ihre Oberfläche empor, auf der die Berge nicht anders sitzen wie die Schädel auf den Rümpfen oder die Deckel auf den Töpfen, und in ihnen schlagen sich die Dünste nieder und tropfen ab[4166], wobei sich Erde und Feuer zu weiblichem Schwefel vereinigen, Wasser und Luft aber zum [männlichen] Quecksilber[4167]; der Schwefel wird fest, das Quecksilber (Ziwag) ist und bleibt jedoch ein Wasser, eine Art Tau, der zuweilen auch als solcher aus den wässerigen Dünsten des Himmels herabfällt[4168]. Unter den Einflüssen der planetarischen Strahlungen[4169] und der „auskochenden“ Kraft der Sonne verbinden sich Schwefel und Quecksilber[4170] und ergeben, je nach ihrer Reinheit und den Mengenverhältnissen, je nach Ort, Klima, Luftmischung, Wärme, Zeitdauer und je nach Gottes Zulassung +alle+ übrigen Substanzen, nämlich Gold, Silber, Kupfer, Zinn, Eisen und Blei, ferner Edelsteine, Perlen, Purpur und andere Farbstoffe[4171], sodann die verschiedenen Arten Schwefel, Arsen, Markasit, Magnesia, Lasur, Mennige, Tutia, Salz, Nitron, Alaun, Vitriol und endlich sämtliche übrigen Gesteine und Erden[4172].

Die Erze finden sich hauptsächlich in den Bergwerken[4173], und aus ihnen gewinnt man die Metalle durch kunstvolle Trennungen, denn Gold z. B. läßt sich von Kupfer ebenso scheiden wie süßes Wasser vom Salze des Meeres[4174]; ihre Eigenschaften sind oft sehr merkwürdige, u. a. erhält das Eisen erst durch Blitzschlag seine beste Beschaffenheit[4175], auch wird es vom Magneten angezogen, soferne nicht die Gegenwart übelriechender Stoffe, wie Zwiebel oder Knoblauch, dessen Kraft behindert[4176].

Außer den Metallen bearbeitet man mittels Feuers auch das Glas, und die Glasmacher vollbringen mit Hilfe ihrer sinnreich gebauten Öfen, die in mehreren Abteilungen ein rasches Erhitzen und ein langsames, stufenweises Abkühlen gestatten, die erstaunlichsten Künste[4177].

Im Feuer, das sonst alles tötet, lebt der Vogel Amianton, dessen Gefieder den Asbest liefert[4178]; die das Leben erhaltende Luft hinwiederum ist an manchen Orten tödlich, z. B. in tiefen Schachten und in Zisternen[4179].

5. Spätere Araber.

Verzeichnis einiger wichtiger arabischer oder arabisch schreibender Schriftsteller (meist in nachstehendem Abschnitt angeführt).

~Abu Jusuf~ gest. 795 ~Abu Maʿschar~ 805-885 ~Thabit Ibn Qurra~ 826-901 ~Banu Musa~ 826-901 ~Ibn Khordadhbeh~ 836-850 ~Alrazi~ (= ~Razi~) 850-923? ~Aldschahiz~ gest. 869 ~Alkindi~ gest. nach 870 ~Hunain Ibn Ishaq~ gest. 873 ~Aljaʿqubi~ um 891 ~Aldschauhari~ gest. 899 ~Ibn Wahschijah~ um 900 ~Ibn Alfaqih~ gest. 902 ~Ibn Hauqal~ 902-968 ~Alhamadani~ gest. 945 ~Alfarabi~ gest. 950 ~Alistakhri~ um 950 ~Almasʿudi~ gest. 956 ~Hamza~ um 961 ~Ibn Alhaitham~ 965-1019 ~Alkindi Altudschibi~ um 970 ~Albiruni~ 973-1048 ~Ibn Sina~ (= ~Avicenna~) 980-1037 ~Alkhwarizmi~[4180] um 980 ~Almuqaddasi~ um 985 ~Alnadim~[4181] gest. 995? ~Alghazzali~ 1059-1111 ~Albaihaqi~ 1105-1169 ~ʿOmar Alkhajjam~ gest. 1121 ~Altughrai~ (= ~Artefius~?) gest. 1128 ~Alkhazini~ um 1130 ~Ibn Badscha~ (= ~Avempace~) gest. 1138 ~Alidrisi~ um 1150 ~Ibn Alʿauwam~ um 1150 ~Schahrastani~ gest. 1153 ~ʿAbd Allatif~ 1160-1231 ~Ibn Alqifti~[4182] 1172-1227 ~Abuʾlfadl~ um 1175 ~Jaqut~ 1178-1229 ~Ibn Tufail~ gest. 1185 ~Ibn Dschubair~ um 1185 ~Ibn Ruschd~ (= ~Averroes~) gest. 1192 ~Ibn Albaitar~ 1197-1248 ~Ibn Abi Usaibiʿa~ 1203-1270 ~Ibn Khallikan~ 1211-1282 ~Ibn Saʿid~ 1212-1274 ~Aldschaubari~ um 1220 ~Ibn Alathir~ gest. 1233 ~Alqifti~ gest. 1248 ~Alnabarawi~ um 1250 ~Altifaschi~ gest. 1253 ~Aldimeschqi~ 1256-1327? ~Abulfeda~ oder: ~Abuʾlfida~ 1273-1331 ~Alqazwini~ gest. 1283 ~Alnuwairi~ 1288-1335? ~Ibn Bassam~ um 1300? ~Raschid Eddin~ gest. 1318 ~Ibn Khaldun~ 1322-1406 ~Ibn Batuta~ 1325-1377 ~Ibn Fadl~ gest. 1348 ~Alakfani~[4183] gest. 1348 ~Ibn Alwardi~ gest. 1349 ~Alibschihi~ gest. 1446 ~Abuʾlfadil~? um 1575 ~Daʾud Alantaqi~ gest. 1596 ~Almaqqari~ gest. 1646 ~Haddschi Khalifa~ gest. 1658.

Wie aus den vorangehenden Abschnitten ersichtlich ist, erlangte die arabische Litteratur über Alchemie bereits im Verlaufe des 8. und 9. Jahrhunderts einen überraschend großen Umfang. Der nähere Einblick in ihren Werdegang bleibt freilich derzeit noch verschlossen: „zu einer wirklichen Geschichte der Naturwissenschaft und der Medizin im islamischen Kulturkreise fehlt uns noch fast alles“, ist ein leider durchaus zutreffender Ausspruch ~Ruskas~ in seiner ausgezeichneten Ausgabe und Übersetzung des sog. „Steinbuches des ~Aristoteles~“[4184].

Unter diesen Umständen ist es von hoher Bedeutung, daß wir wenigstens ein Verzeichnis jener Autoren und ihrer Schriften besitzen, die man im 9. und 10. Jahrhundert als die maßgebenden ansah. Erhalten ist es uns in dem schon wiederholt erwähnten, hervorragend wichtigen Sammelwerke „Fihrist“, d. i. „Kitâb al Fihrist“ (= Buch des Verzeichnisses), dessen Verfasser der gelehrte ~Ibn Abi Jaʿqub Alnadim~ war. Älteren Autoren nach starb er 850 oder um 850, sein Werk erfuhr aber nachträglich Ergänzungen und Einschübe (wie schon aus der Tatsache hervorgeht, daß es noch den als Arzt weltberühmten ~Alrazi~ anführt, als dessen Lebenszeit bald 850-923 oder 932, bald 860-940 angegeben wird) und gelangte, nach einer ihm selbst zu entnehmenden Bemerkung, erst im Jahre 987 zum endgültigen Abschlusse[4185]; neuerdings gibt aber ~Brockelmann~, der die Schreibung ~Mohammed ibn Ishaq an Nadim~ vorzieht, als Todesjahr erst 996 an, d. i. acht Jahre nach der 988 erfolgten Vollendung des „Fihrist“[4186].

In seinem Kapitel über Alchemie berichtet der „Fihrist“[4187], daß zwar einige die Erfindung dieser Kunst den Griechen, Persern, Indern oder Chinesen zuschreiben, daß sie aber in Wirklichkeit von den Ägyptern gemacht wurde, deren Pyramiden nichts anderes als große chemische Laboratorien waren, und bei denen allein auch eine ausgedehnte chemische Litteratur besteht[4188]. Begründet wurde diese nach Versicherung aller Alchemisten, d. h. der Silber- und Gold-Macher, durch ~Hermes~, einen Babylonier, der ursprünglich zu Babylon Hüter eines der sieben Tempel der sieben Planeten war (wohl des dem ~Hermes~ oder ~Merkur~ geweihten), nach der Völker-Zerstreuung sich aber zu Misr (Ägypten) in Memphis ansiedelte, dort als König und Philosoph regierte, die Metalle transmutierte und Talismane anfertigte; die +Kenntnis+ dieser Geheimwissenschaften ist jedoch einige Jahrtausende älter als die erste +Niederschrift+ durch ~Hermes~, denn nach ~Alrazi~ offenbarte Gott das große Werk schon dem ~Moses~, dem ~Aaron~ und einigen anderen Würdigen[4189]. -- An diese wirren, sichtlich einer späten Zeit angehörigen Sagenbildungen schließt der „Fihrist“ ein Verzeichnis von 51 der berühmtesten „Philosophen“ an[4190], beginnend (ähnlich wie das des ~Alhabib~) mit ~Hermes~ und ~Chymes~ (~Kimas~), ~Maria~ und ~Kleopatra~ usf., und herabreichend bis zum Zeitalter des ~Alrazi~; zugleich nennt er die Titel ihrer wichtigsten Werke, soweit dies nämlich möglich ist, denn die „tausend Bücher“, die ~Ostanes Alrumi~ (der Romäer = Grieche), oder die unübersehbare Reihe der Schriften, die ~Zosimos~ der Alexandriner herausgab, lassen sich einzeln überhaupt nicht aufzählen.

Mit Inhalt und Entwicklung der chemischen Erfahrungen und Theorien befaßt sich der „Fihrist“ seiner ganzen Anlage und Bestimmung gemäß nicht des näheren, und die Schlüsse, die er in dieser Hinsicht zu ziehen gestattet, bleiben demgemäß spärlich und unvollständig. Eingehenderes Wissen von den chemischen und alchemischen Kenntnissen der Autoren des 9. und 10. Jahrhunderts (oft nur arabisch schreibender Perser und Syrer), sowie ihrer späteren, eigentlich arabischen Nachfolger, bleibt daher nur vom gründlichen Studium der auf uns gekommenen Originalschriften zu erwarten. Ganz hervorragende Förderung hat dieses seit 1902 durch ~E. Wiedemanns~ „Beiträge zur Geschichte der Naturwissenschaften“ erfahren[4191], deren zahlreiche (bisher etwa 60) Abteilungen indes fast sämtliche Zweige der Forschung in Betracht ziehen, und zwar ohne die Absicht lückenloser Aufzählung oder bestimmter zeitlicher Anordnung. Im nachstehenden ist daher versucht worden, aus der ungeheuren Fülle des so erschlossenen, zumeist ganz neuen Materials, aber auch aus dem bereits bekannten älteren, das die Chemie, Alchemie und chemische Technologie im weiteren Sinne Betreffende auszusondern und unter Mitbenützung mancher anderer, von arabischen Ärzten, Philosophen, Enzyklopädisten, Reisenden usf. verfaßter Schriften eine chronologische Übersicht der wichtigsten Forscher und ihrer Lehren zu geben. Daß hierbei Vollständigkeit nicht angestrebt, noch weniger erreicht werden konnte, bedarf wohl kaum besonderer Erwähnung.

1. ~Abu Jusuf~ (gest. 798). Mißerfolg und Vergeblichkeit der alchemistischen Bemühungen waren zu seiner Zeit schon längst sprichwörtlich geworden, wie dies bereits weiter oben Andeutung fand[4192].

2. ~Aldschahiz~ (gest. 869). Nach Mitteilung dieses gelehrten Polyhistors übernahmen und erlernten die Araber von den Griechen oder Romäern [Bewohnern des oströmischen Reiches, Rums] u. a. die Gewinnung und Verwendung von Glas, Lasurstein [blauem Glas?], Mosaik, Email (mînâ), Mennigen (sarandsch), Zinnober (zandschafr), Salmiak (nûschâdir) und griechischem Feuer[4193]. Nun kann der Chemiker, alkimâwî, zwar wirklich reinen Salmiak herstellen, schönstes Glas, haltbarstes Email, Messing von bestimmter Färbung, das er mit Salmiak und Polirstein goldglänzend macht, aber weder Silber noch Gold, und wenn deren künstliche Erzeugung auch theoretisch nicht undenkbar sein mag, so ist sie doch praktisch unmöglich. Es gibt kein Elixir und keine Alchemie, niemals wird das Quecksilber zu Silber, obwohl es flüssigem Silber gleicht, niemals das prächtigste damascenische Messing (schabh) zu Gold, mag es auch wie lauteres (ibrîz) Gold glänzen[4194]; jedes derartige Vorgeben beruht auf Unwahrheiten und Schwindel[4195].

3. ~Alkindi~ (gest. 873). Der hervorragende Philosoph ~Alkindi~ erklärte in mehreren Schriften, u. a. in einer „Die Betrügereien der Alchemisten“ betitelten, die Kunst des Goldmachens für eine lügnerische, durchaus von Täuschungen und bösartigen Kniffen aller Art erfüllte[4196]. -- Über die möglichen Umwandlungen der Metalle, z. B. des Eisens (hadîd), spricht er in seinem Berichte „Über die Eigenschaften der Schwerter“[4197]: Das aus den Erzen gewonnene Eisen ist entweder das weibliche, nicht härtbare Nermahâni [persisch nerm-âhen = weiches Eisen], oder das männliche, härtbare Sâburqâni [aus Schaburan?]; mittels gewisser besonderer Zusätze soll es Magneteisen ergeben[4198]; mittels zahlreicher anderer, freilich aber erst nach unzähligen Reinigungen und Härtungen, den Stahl (fûlâd), der silberweiß, zuweilen jedoch blau oder grün angelaufen ist[4199], auch schönen Damast (fîrind) annimmt, so daß er „geädert wie Malachit“ aussieht[4200] und sich u. a. zu Nadeln und zu Glocken verarbeiten läßt[4201]. Der beste heißt alhindî, alhinduwânî (= der indische)[4202], kommt aus oder über Qalah (auf Malakka?), Ceylon, Jemen, Basrah und Damaskus, vor allem aber auch aus China[4203].

4. ~Abu Maʿschar~, verderbt ~Albumasar~ (gest. 885), der berühmte Astronom, ein Schüler ~Alkindis~[4204], soll die Alchemie ebenso absprechend beurteilt haben wie dieser; „berühmt dem Namen, unbekannt dem Stoffe nach“, -- wie so oft später[4205] --, soll das Elixir schon bei ihm heißen.

5. ~Ibn Alfaqih~ (gest. 902). Die verschiedenen Länder und ihre Völker stattete Allah mit verschiedenen Gaben aus: Ägypten bringt Gold, Kupfer, Eisen, Magnetstein, Asbest, Smaragd und Amethyst hervor[4206]; Arabien Gold, Silber, Sufr [hier ein zinkhaltiges Erz?], Weihrauch, Traganth, Wars [= Hennah, echte Alkanna] und Indigo[4207]; in China verfertigt man die schönsten metallenen und tönernen Waren [Porzellan]; in Sidschistan die feinsten Geräte aus Bronze (schabh) und Messing (sifr); in Fars (Persien) die besten eisernen und stählernen Kessel, Schlösser, Schwerter, Panzer, ja Spiegel, „denn seinen Bewohnern machte Allah das Eisen gefügig und dienstbar, so daß sie daraus bereiten, was sie wollen“[4208]; und so verlieh er auch den Leuten von Rum [Romäern, Griechen] das Wissen von der Ausübung der Chemie, vom Machen des Goldes[4209], von der Anfertigung des philosophischen Eies, das dem Kosmos gleicht, und in dem der Dotter die Erde vorstellt[4210].

6. ~Alrazi~, als dessen Lebenszeit, wie schon erwähnt, einige 850-923 oder 932, andere 860-940 angeben, und dessen voller Namen ~Abu Bekr Muhammad Alrazi~ sich zuweilen zu ~Bubekr~ oder ~Bubacar~ verkürzt findet, -- die von ~Berthelot~ „vermutete“ Identität von ~Bubacar~ und ~Alrazi~[4211] war längst bekannt[4212] --, gilt mit Recht für eine der größten Leuchten der arabischen Heilkunde; auf seinen medizinischen Ruhm, und auf die Bedeutsamkeit seiner (im Urtexte immer noch wenig erforschten) einschlägigen Werke kann jedoch hier nur hingewiesen werden. Der Angabe, er habe ursprünglich Alchemie betrieben und diese deshalb aufgegeben, weil ihn der Beherrscher aller Gläubigen wegen Mißerfolges der anbefohlenen Transmutationen mit einer Tracht Prügel bedachte, kommt vermutlich anekdotischer Charakter zu; etwas Wahres liegt ihr aber wohl zugrunde, denn der Schriftsteller ~Albaihaqi~ (1105-1169) erzählt in seinen „Biographien“[4213]: „~Alrazi~ war ursprünglich ein Handwerker, befaßte sich aber später eifrig mit Alchemie und wurde dabei durch die Dämpfe der zur Herstellung des Elixirs dienenden Präparate augenleidend, weshalb er zu einem Arzte ging, um sich heilen zu lassen. Dieser sagte zu ihm: ‚Ich heile Dich nicht eher, als bis ich von Dir fünfhundert Dinare erhalten habe.‘ ~Alrazi~ gab sie ihm und sagte: ‚+Dies+ ist die wahre Alkimijâ und die rechte Kunst Gold zu machen, und +nicht das+, was ich bisher getrieben habe‘; darauf verließ er die Kunst des Elixirs und widmete sich der Medizin.“

Jedenfalls stimmen die Berichte über ~Alrazi~ dahin überein, daß er ein sehr eifriger Anhänger der Alchemie war, ihre Möglichkeit durch das Vorhandensein einer gemeinsamen Urmaterie und durch den Einfluß der Planeten auf die zugehörigen irdischen Stoffe, ihre Wirklichkeit aber durch die Erfolge der großen Meister, des ~Pythagoras~, ~Platon~, ~Demokritos~ und ~Aristoteles~, für gesichert ansah[4214] und auch die Meinung vertrat, ~Karun~ (d. i. der ~Korah~ der Bibel) habe die „Kunst“ von seiner Frau erlernt, die eine Schwester ~Mosis~ war und gemeine Metalle in Gold verwandelte[4215]. Von ~Alrazis~ alchemistischen Schriften[4216] scheint bisher keine vollständig im arabischen Original bekannt zu sein, und wir wissen daher nicht, wie er das Elixir verfertigte, mit dem er zu Bagdad Gold machte. Er unterschied „die nicht flüchtigen Körper und die flüchtigen Geister“, zu welchen letzteren Schwefel, Quecksilber, Zarnîch [Schwefelarsen; Arsenigsäure] und Nûschâdir (Salmiak) zählen, die u. a. im Marqaschîtâ (Markasit) und Schâdanah, in der Magnîsijâ (Magnesia) und Tûtijâ (Tutia), in Vitriolen und Salzen usf. enthalten sind[4217]. Man gewinnt sie aus diesen durch Calcination, Sublimation und Destillation (Ikhrâdsch = Herausgehen-Machen; Istiqtâr = Tröpfeln-Machen), und die wichtigsten Apparate und Materialien, die man hierzu benützt, sind: Tannûr (Ofen), Qara (Gurke = Destillier-Gefäß), der mit Schnabel versehene Anbiq (Ambix = Destillier-Helm), Alatal (Aludel, Rohr), Qabîlah (Rezipient), But-eber-But [Tiegel über Tiegel: zum Ausschmelzen und zur sog. absteigenden Destillation][4218], Wasserbad, Qandîl [Lampe, Kerze; lat. candela], Ton der Philosophen oder der Weisheit (tîn alhikma; bestehend aus Ton, Mist, Haaren, Stroh der Alkalipflanze Uschnan), usf.[4219].

Für untergeschoben gelten die allein in lateinischer „Übersetzung“ vorliegenden Werke, u. a. „Buch der Siebzig“, „Lumen luminum“ (Licht der Lichter), „De aluminibus et salibus“ (Über Alaune und Salze), „Liber secretorum“ (Buch der Geheimnisse)[4220]; indessen vertritt ~Berthelot~ ohne Anführung besonderer Gründe die Ansicht, das „Liber secretorum“ der Pariser Bibliothek gehe wirklich auf ~Alrazi~ zurück[4221]. Dieses Buch, in dem viele arabische Ausdrücke und Namen vorkommen, bespricht u. a. die vier Geister, die sieben Metalle [einschließlich „Katesim“, das ~Berthelot~ fälschlich für „Asem“ erklärt; s. unten], die verschiedenen männlichen und weiblichen Magnesien, Tutien und Markasite, sowie die Vitriole, Alaune, Boraxe, Alkalien und Salze[4222]. ~Berthelots~ Deutung des „indischen Salzes“ (sal indum) als Salpeter ist sichtlich irrtümlich und unmöglich, vielmehr ist das „indische Salz“ der arabischen Autoren Steinsalz; auch der chinesische Pilger ~Hiuen-Thsang~, der um 629 n. Chr. Indien bereiste, um den Buddhismus an der Quelle kennen zu lernen, berichtet, daß weißes, schwarzes und zinnoberrotes Steinsalz im Nordwesten des Landes (Provinz Sindh) in großen Mengen vorkomme, von den Einwohnern massenhaft gewonnen und als Heilmittel in alle Gegenden der Welt verschickt werde[4223]. -- Völlig haltlos ist die Annahme, ~Alrazi~ spreche im „Liber secretorum“ von mineralischen Säuren, z. B. von Schwefelsäure und von deren die Metalle angreifender Wirkung[4224], denn „aqua acida et venenosa“ nennt der lateinische Text auch gewöhnliche alkalische oder ammoniakalische Flüssigkeiten, denen er als „scharfen Wässern“ die angebliche Eigenschaft zuschreibt, +sämtliche+ Metalle aufzulösen.

Blei (usrub) und Zinn (qalʿijj) bezeichnet ~Alrazi~ als „die beiden rasâs, das schwarze und das weiße“, und dem Blei schreibt er, der allgemeinen Ansicht folgend, die Fähigkeit zu, „den Diamanten zu zerbrechen“[4225] [ein Vorurteil, das, wie bereits erwähnt, auf den noch heute üblichen Kunstgriff zurückgeht, Diamanten und andere Edelsteine an (oder in) Blei oder Blei-Zinn-Legierungen festzuschmelzen, um sie sicherer bearbeiten, schleifen oder spalten zu können].

7. ~Alfarabi~ (gest. 950). Dieser hochgelehrte und einflußreiche Denker[4226] bekämpfte zwar die „widersinnige Atomistik“ und „abergläubische Astrologie“[4227], glaubte hingegen, gestützt auf die ursprüngliche Einheit der Urmaterie, an die Möglichkeit des Goldmachens und schrieb eine „Abhandlung über Alchemie“, die noch ~Ibn Badscha~ (gest. 1138) ausführlich kommentierte[4228]. Die „Notwendigkeit der Kunst der Künste, die da ist das Elixir“, ergibt sich aus den Lehren der Philosophen; daher ist auch die Kunst selbst nur für Philosophen faßbar und erreichbar, nicht aber für gewöhnliche Leser von Schriften, die unverständlich sind und auch unklar und rätselhaft sein +müssen+, weil sie das Heil der ganzen Menschheit gefährdeten, machten sie ihr die Erlangung allgemeinen und unbegrenzten Reichtumes möglich. Aber auch für Eingeweihte bleiben noch viele Schwierigkeiten bestehen, nämlich die Behebung, ja schon die rechte Erkennung der von ~Aristoteles~ hervorgehobenen „kleinen Akzidentien“, d. h. der geringen Unterschiede, die u. a. noch zwischen Silber und Gold, Zinn und Silber, Quecksilber und Silber bestehen; denn „Zinn z. B. ist eine Art des Silbers, bis auf Weichheit, Knirschen und Geruch“, und ebenso „Quecksilber eine Art des Silbers, die jedoch in den Gruben eine gewisse Beschädigung erlitten hat“[4229]. Wirkungen wunderbarer Art seitens der Planeten kommen hierbei nicht mit in Frage, denn die von Bewegern geistiger Beschaffenheit gelenkten Wandelsterne beeinflussen alles Irdische nur den natürlichen Ursachen gemäß[4230]; aus der gemeinsamen Ursubstanz bringen vielmehr die vier Qualitäten, diese Schöpferinnen der Formen und tatsächlichen Existenzen, zunächst die vier Elemente hervor, und durch Vermischung von diesen nach verschiedenen Verhältnissen kann man dann weiterhin zu allen überhaupt denkbaren Stoffen gelangen, oder diese unter Herstellung des „richtigen“ Verhältnisses ineinander überführen[4231].

8. ~Almasʿudi~ (gest. 956). Der berühmte Reisende und Schriftsteller erwähnt, daß die Kîmijâ, d. i. das Werk der Darstellung von Gold, Silber, Edelsteinen und Perlen, Iksîr (Elixir), die Kunst des Festmachens (iqâma = Fixierens) von Quecksilber zu Silber, u. dgl. mehr, eine äußerst verwickelte Wissenschaft ist, „voll feiner Listen, Kniffe und Betrügereien“[4232]. Sie bedient sich zahlreicher Hilfsmittel, und manche von diesen sind für die Gesundheit verderblich, indem sie beim Erhitzen schädliche Dämpfe und Gerüche verbreiten, wie z. B. die Vitriole[4233]; deren Beschaffenheit und Färbung, sowie auch ihr Vorkommen in den Gruben, ist übrigens vom Lichte des Mondes, von Luftzügen, Windrichtungen, Blitzschlägen u. dgl. Zufälligkeiten abhängig, wie dies auch beim Schwefel und bei den Edelsteinen der Fall ist[4234]. -- Nûschâdir (Salmiak) kommt nach ~Almasʿudi~ aus den Bergen, die Chorasan von China trennen[4235], und Zinn (das Blei alqalijj) aus Qalah, dem Mittelpunkte des Handels mit Zinn, Elfenbein, Ebenholz, Sandelholz, Bresilholz, Aloe, Kampher und Gewürzen[4236]. [Qalah halten die einen für einen Ort auf der Halbinsel oder „Insel“ Malakka, andere für Sumatra oder Java[4237], noch andere für Galla = Point de Galle auf Ceylon[4238]; doch erwähnt ~Almasʿudi~ an anderer Stelle ausdrücklich die Zinngruben auf der ostindischen Insel Qalah[4239]].

9. ~Ibn Hauqal~ (902-968?). Nach diesem Reisenden und Geographen ist Persien reich an Eisen, Quecksilber, Messing (sifr), das bei Sardan gewonnen und in großer Menge ausgeführt wird, ferner an Naft (Naphtha, Erdöl), dessen „heilige Feuer“ schwarzen Ruß und aus diesem „schwarze Tinte“ zum Schreiben und Färben liefern, und endlich an Nûschâdir (Salmiak), dessen Dämpfe aus einer bei Damindân gelegenen Höhle dringen und in dem oberhalb dieser bei Boltan erbauten Hause aufgefangen werden[4240]; Gold und Silber ist, außer in Ferghâna[4241], nicht oder nur spärlich vorhanden, dagegen Zinn (anûk)[4242]. In Tûs gewinnt man Kupfer, sowie einen rotbraunen Eisenstein, dem ägyptischen Hämatit gleichend, der eine Art bald männlichen, bald weiblichen Eisens, „Chum-âhen“ genannt, ergibt[4243]; in Armenien, am Wan-See, findet sich gelbes und rotes Zarnich [Auripigment, Realgar], das „Salz des Burag“ für die Bäcker und der „Burag der Goldschmiede“ [Borax], der von dort aus mit ungeheurem Gewinne nach allen Teilen der Welt geht[4244].

In der Stadt Samarkand ist ein ganzes Straßenviertel nur von Messingarbeitern bewohnt; das Wasser wird dahin durch bleierne, aber auch durch eiserne Rohre verteilt, und die Kanäle sind mit Bleiplatten umrandet oder abgedeckt[4245].

10. ~Alistakhri~ (um 970?), der Zeit- und Fachgenosse ~Ibn Hauqals~, bestätigt das persische Vorkommen des Zinns[4246] und des Nûschâdirs, „den die Ägypter aus dem Rauche ihrer Bäder haben“[4247] [aus dem Rauche des zum Heizen gebräuchlichen getrockneten Kamelmistes], und rühmt die Menge des Goldes, Silbers, Quecksilbers und Eisens in Transoxanien.

11. ~Almuqaddasi~, dessen wichtigste Reisen in die Zeit zwischen 965 und 985 fallen sollen, preist gleichfalls die Fülle an Gold, Silber, Quecksilber, „Rattengift“ (schakk = Arsen), Naphtha und Erdpech bei Ferghâna in Transoxanien; er erwähnt, daß der dortige Salmiak nicht von gleicher Güte ist wie der Siciliens, dessen Lager jetzt aber schon erschöpft seien, und lobt die Edelmetalle und Vitriole Kuhistâns, sowie den Kuhl [= Kohol, d. i. feinstes Pulver, hauptsächlich aus Antimon- oder Bleiglanz, u. a. zum Schwärzen der Augenbrauen dienend], dessen beste Sorte aus Ispahan kommt; Arabien führt nach ihm neben Eisen [Stahl?] auch Zinn aus[4248].

12. ~Alkindi Altudschibi~ (um 970) erzählt in seiner „Beschreibung Ägyptens“: ~Hermes~, der als Prophet, König und Weiser dreimal Begnadigte, der ~Trismegistos~, goß daselbst das rasâs (Blei) als glänzendes Gold aus; seine Schüler waren die Ssabier ~Agatimun~ (= ~Agathodaimon~) und ~Fitagurus~ (= ~Pythagoras~)[4249]; auch ~Maria~ und ~Kleopatra~ machten Talismane, Elixire und alchemistische Präparate, z. B. das philosophische Ei, das dem Globus, d. h. dem Weltganzen, analog ist[4250].

13. ~Alkhwarizmi~ (verfaßte um 980 die „Mafâtîh al ʿUlûm“ = „Schlüssel der Wissenschaften“). Kîmijâ, d. i. die geheim zu haltende und zu verhüllende Kunst, ist möglich, und zwar dank dem „Steine“, der die Grundlage des Elixirs bildet[4251]. Dieses aliksîr ist das „Heilmittel“, das die geschmolzenen Metalle weiß und gelb macht und aus ihnen Silber und Gold ergibt, oder doch etwas äußerst Ähnliches. Man bereitet es aus dem „Stein“; diesen selbst aber gewinnt man aus pflanzlichen, tierischen und menschlichen Produkten, z. B. aus Knochen, Haaren, Eiern, Blut, Galle, Harn, Kot, hauptsächlich aber aus mineralischen, z. B. aus Blei (rasâs al usrub), Zinn (rasâs al qalaî), Quecksilber, Schwefel, gelbem, rotem und grünlichem Zarnich [Schwefelarsen; Arsenigsäure] und Nûschâdir [Salmiak]; denn Schwefel und Arsen sind Seele und Prinzip des Weißen und Roten, Quecksilber aber der gemeinsame Geist beider[4252]. Die hierzu erforderlichen Geräte, deren sich schon der große ~Zosimos~ und der ~Hermes~-ähnliche ~Demokritos~ bedienten[4253], sind die bereits von ~Alrazi~ geschilderten; u. a. Alqara [= Kürbis, Gurke, Kolben], Alanbîq „in Gestalt eines Schröpfkopfes, der zweite Apparat jener, die Rosenwasser herstellen“ [= Ambix], Alattâl „das mit Ton gedichtete“ [= Aludel, Rohr][4254], Dîk ber Dîk, auch Bût eber Bût [persisch = Tiegel über Tiegel], worin nach dem „Herabsteigen-Machen“ oben Schlacke oder „Rost“ (chabath) verbleibt[4255], während sich unten das „Bereitete“ ansammelt, z. B. Dîk-Rûy = Bleikupfer-Legierung usf.

Die Kîmijâ macht sich sowohl „Körper“ wie „Geister“ nutzbar. Die „Körper“ sind die 7 Metalle Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Blei (usrub), Zinn (qalî) und Châr Sinî[4256]. Letzteres [in den lateinischen Übersetzungen aus dem Arabischen oft „Katesim“ genannt und von ~Berthelot~ fälschlich für Asem (Elektron), von anderen Autoren für Zink erklärt] ist „ein ausländisches Metall unbekannter Natur“, heißt auch Alhadîd alsînî (= chinesisches Eisen; chinesischer Stahl) und stellt eine weißglänzende bis gelbliche oder goldfarbige Legierung dar, aus der man schöne Spiegel, Waffen und Glocken anfertigt[4257]. In der Geheimsprache der Kîmijâ verbindet und bezeichnet man Gold mit Sonne, Silber mit Mond, Kupfer mit ~Aphrodite~, Eisen mit ~Ares~, Blei mit ~Kronos~, Zinn mit ~Zeus~ und Châr Sinî mit ~Hermes~, doch herrscht, vom Gold und Silber abgesehen, über diese Zuteilungen Meinungsverschiedenheit[4258]. „Geister“ sind Schwefel, Arsen, Quecksilber und Salmiak[4259], und als wichtigste Stoffe, die solche ergeben, hat man zu nennen: Mârkaschîtâ [Markasit; Schwefelkies u. dgl.], dessen zahlreiche Arten rot wie Kupfer, weiß wie Silber, gelb wie Gold sind und auch als Schmuck dienen[4260]; Magnîsijâ [Magnesia], die bald bunt, bald rot, bald schwarz, bald eisenähnlich ist, und als Magnâtis „den Stein bildet, der das Eisen anzieht“[4261]; Tûtijâ [Tutia, persisch Dûd = Rauch, d. i. der beim Erhitzen zinkhaltiger Mineralien entweichende Zinkoxyd-Rauch], weiße aus Indien, gelbe aus Chuzistan, grüne aus Kerman[4262]; Talq [Glimmer und glimmerartig glänzende andere Mineralien][4263]; Kuhl, „eine Substanz des Usrub“ [Kohol = feines Pulver aus Blei- oder Antimonglanz][4264]; Schakk [Arsen], „gelb aus den Gruben“ [= Auripigment], weiß „aus dem Rauch des Silbers“ [= Hüttenrauch, d. i. Arsenigsäure], ein Rattengift[4265]. Diesen Stoffen reihen sich noch einige ähnliche, aber künstlich dargestellte an: Zundschufr [Zinnober] aus Schwefel und Quecksilber; Zandschâr [Grünspan] aus Kupfer und Essig; Isfîdâdsch [pers. „weißes Wasser“ = Bleiweiß] aus Blei und Essig; Murdâsang [Bleiglätte], durch Erhitzen von Blei, bis es gelb ist; Usrundsch [Mennige], durch Erhitzen von Blei, bis es rot ist; Zafrân [Eisenrost; Grünspan], aus Eisen und Kupfer; Tûtijâ [Rauch], ein Rauch aus Erzen, Kupfer-Mineralien oder Kuhl[4266].

14. ~Ibn Sina~, ~Avicenna~ (980-1037), der berühmteste der arabischen Ärzte, der Verfasser hervorragender medizinischer und philosophischer Schriften, war ein ausgesprochener Gegner der Astrologie und Alchemie[4267] und erklärte ausdrücklich, Gold und Silber entstünden unter dem Einflusse von Sonne und Mond aus den Dünsten der Erde mit allen jenen besonderen Eigenschaften, die ihnen der Wille Allahs verliehen habe, und die daher kein Mensch künstlich nachzuahmen vermöge[4268]; trotzdem wurde er jedoch in späterer Zeit als Autor alchemistischer Abhandlungen ausgegeben, denen der Abglanz seines Namens zu völlig unverdientem Ansehen verhalf. Auf Inhalt und Bedeutung, Vorzüge und Schwächen seiner echten, sehr umfangreichen, philosophischen und medizinischen Kompilationen einzugehen, ist an dieser Stelle nicht möglich; hervorgehoben sei jedoch, daß sie alle, insbesondere aber der große „Canon der Medizin“, -- ein Riesenwerk, das im Rufe absoluter Vollständigkeit und Unfehlbarkeit stand, die gesamte Wissenschaft Europas bis tief in das 17. Jahrhundert beherrschte und für den muslimischen Orient noch gegenwärtig maßgebend ist --, sich ganz besonders durch strenge Systematik der Form, sorgfältige Anordnung und genaue Bestimmtheit des Inhaltes auszeichnen und die Größe und Dauer ihres Erfolges nicht zum wenigsten gerade +solchen+ Eigenschaften verdankten. Keine Spur von diesen verrät aber die unter dem irreführenden Namen „De anima“ oder „Tractatus de anima“ gehende alchemistische Hauptschrift des ~Avicenna~: ohne rechten Plan, ohne geregelte Durchführung, immer wieder aufs neue mit dem längst Abgetanen beginnend, das aber doch nie zum endgültigen Schlusse gebracht wird, und vom Hundertsten ins Tausendste springend zieht sich in endloser ermüdender Breite ein Dialog zwischen ~Avicenna~ und seinem „Sohne“ hin, in dem jedoch ~Avicenna~ fast allein das Wort führt, während hin und wieder, -- man weiß nicht wieso und warum --, auch ~Albumasar~ (d. i. der berühmte Astronom und Astrolog ~Abu Maʿschar~) dazwischenspricht. Auch der Inhalt, der sich kaum mit Gegenständen der Erfahrung befaßt, hauptsächlich vielmehr mit allgemeinen Ideen aristotelischen Charakters in der mißverstandenen und entstellten Gestalt ganz später Tradition, ist zum größten Teile unklar, verworren und unverständlich, oft sogar völlig unsinnig, so z. B. in folgendem, die Fixierung des Quecksilbers betreffenden Satze, den man, aus dem Zusammenhange gerissen, für eine Parodie halten könnte: „Nimm Quecksilber, soviel nötig ist, bringe es in das Gefäß, von dem Du weißt, lasse es kochen, so wie Dir bekannt ist, füge die Substanz zu, von der Du gehört hast, und zwar in der Menge, von der die Rede war: dies ist das Geheimnis von der Fixation des Quecksilbers.“ -- Ein Werk derartiger Beschaffenheit kann ein mit den echten Schriften des ~Avicenna~ Vertrauter unmöglich als von diesem Autor herrührend anerkennen. So kam denn schon ~Kopp~ zum Schlusse[4269], das Buch „De anima“, das erst seitens der Autoritäten des 13. Jahrhunderts rühmend erwähnt werde und daraufhin sich bei deren Nachbetern ganz übertriebener Wertschätzung erfreue, sei in nicht sehr viel früherer Zeit auch abgefaßt und alsbald, um ihm erhöhte Wirksamkeit zu sichern, kühnlich dem ~Avicenna~ untergeschoben worden. Nach Ansicht des Orientalisten ~Weil~, die ~Kopp~ einholte, machen die vielen, allerdings zumeist stark entstellten arabischen Namen und Bezeichnungen eine teilweise Übersetzung aus dem Arabischen, oder doch die Benutzung ursprünglich arabischer Quellen, sehr wahrscheinlich.

~Berthelot~[4270], der auch hier die Ergebnisse ~Kopps~ völlig unberücksichtigt läßt, gibt zwar ebenfalls zu, daß die Schrift „De anima“ viele Interpolationen enthalte, und daß man ihre, gegen 1300 schon wohlbekannte lateinische Übersetzung, die gemäß der vorkommenden Namen und spanischen Worte im Laufe des 13. Jahrhunderts in Spanien angefertigt zu sein scheint[4271], dem ~Avicenna~ nur zugeschrieben habe[4272]; dagegen erklärt er, wenn auch nicht in ganz unzweideutiger Weise, das angebliche arabische Original doch für ein echtes Werk des ~Avicenna~[4273], wobei er sich u. a. darauf stützt, daß an verschiedenen Stellen der Übersetzung arabische liturgische Formeln und Gebräuche Erwähnung finden[4274], und auch gewisse Anklänge an den ~Morienes~ (~Marianos~) und ~Dschabir~ (+nicht+ aber an den sog. ~Geber~) auftauchen[4275]. Für überzeugend wird man indes diese Ausführungen um so weniger halten können, als Anklänge an die Kompilationen des ~Dschabir~ bestenfalls auf gemeinsame Quellen hindeuten, während ~Morienes~ oder ~Marianos~, wie schon weiter oben hervorgehoben wurde, selbst eine Persönlichkeit mindestens fragwürdiger Natur bleibt[4276].

Gegenstände, über die sich ~Pseudo-Avicenna~ noch am verständlichsten ausdrückt[4277], sind die vier Geister und ihre Eigenschaften, die Zusammensetzung der Metalle aus mehr oder weniger Schwefel und Quecksilber, -- das Vorhandensein des letzteren soll die Schmelzbarkeit bedingen, das des ersteren die beim Erhitzen zu beobachtende Entstehung von „azenzar“ (d. i. eigentlich Zinnober, jedoch auch jedes andere rote Oxyd oder Sulfid) --, und die Gewinnung des „besten“ Goldes mittels des Elixirs: zwar gibt es hierbei viele Fälscher und Betrüger, doch kennt man auch die Wege, ihre Nachahmungen vom Echten zu unterscheiden[4278].

Für den Geist des späteren Mittelalters ist es sehr bezeichnend, daß gerade diese so dürftige, inhaltsleere, betreff wirklicher Erfahrungen und Tatsachen überaus armselige Zusammenstellung pseudepigraphischer Natur für einen Ausbund wissenschaftlicher Weisheit und Zuverlässigkeit galt, so daß man auf +sie+ hin, und nicht seiner +echten+ Werke halber, den ~Avicenna~ als „Hochgelehrtesten aller arabischen Naturforscher“ und als „dux et princeps philosophorum“ verehrte[4279]; der spanische Arzt ~Monardes~, der im 16. Jahrhundert zu Sevilla wirkte, und dessen Werke ~Clusius~ (~de l’Écluse~) ins Lateinische übersetzte, scheint sogar, vermutlich irgendeiner älteren Tradition folgend, die Bezeichnung „dux“ wörtlich genommen zu haben, denn er macht ~Avicenna~ zum „König von Cordova“[4280]!

15. ~Albiruni~ (973-1048), einer der größten Gelehrten und vielseitigsten Forscher und wohl der bedeutendste experimentierende Physiker, den die arabische Litteratur zu verzeichnen hat[4281], war ein Gegner der Alchemie und Astrologie, über deren Verbreitung und Pflege bei vielen Völkern er eingehende Mitteilungen machte. Die sieben Metalle, zu denen das Quecksilber +nicht+ zählt, haben das passive, feuchte, weibliche Quecksilber zur Mutter, und den aktiven, trockenen, männlichen Schwefel zum Vater[4282]; nach der Anschauung der Perser, besonders aber der Ssabier[4283], stehen sie, weil auf ihnen alle Handarbeit und daher das Wohl der Welt und der Menschheit beruht, unter dem Schutze des mächtigen Engels ~Schahrewar~, dessen Name Liebe und Sperma bedeutet[4284]. Innige Zusammenhänge verbinden sie mit den 7 Planeten, den Planetengöttern (deren Namen in den Sprachen der Griechen, Araber, Perser, Syrer, Hebräer, Inder und Chowarezmier aufgeführt werden)[4285], sowie mit deren Statuen und Idolen[4286]: so z. B. bringt der Planet ~Ares~ Unglück, desgleichen ~Kronos~, den Gott am siebenten Tage schuf, und dem zu Ehren ~Abraham~ seinen Sohn opfern wollte[4287], während „~Hermes~ der Schreiber“ und ~Aphrodite~ „Sterne der Sonne“ sind, und ~Zeus~ sich von günstiger Natur erweist[4288]. Das an Schätzen aller Art reiche Persien liegt nach ~Hermes~ in der Mitte der Erde, während die sechs anderen wichtigsten Staaten es im Kreise umgeben, wie das eben nur bei sechs Kreisen möglich ist, die einen siebenten umschließen[4289]; die Inder, die neun Teile der Erde annehmen, zeichnen indessen eine andere Figur auf, in der aber ihr Land gleichfalls als das der Mitte erscheint[4290]. In Indien ist die Alchemie unbekannt, oder wird doch nicht beachtet[4291], vielleicht weil das Land Überfluß an Kostbarkeiten aller Art hat; zu erwähnen ist, daß man Zinn (rasâs alqalijj) aus Ceylon holt, aus Qalah (auf Malakka?) und auch, wie ~Alschirazi~ anzudeuten scheint, aus Hinterindien[4292].

16. ~Altughraʾi~ (gest. 1128), Dichter und Alchemist, nach ~Gildemeister~ im Abendlande schon frühzeitig als ~Artephius~ bekannt geworden[4293], erzählt, daß man Gold am oberen Nil, aber auch am Oxus, in haarigen Ziegenfellen auffange, es so in Körnern bis zur Größe von Fischschuppen erhalte und nachher noch mittels Quecksilbers weiter „sammle“ [ausziehe; anreichere][4294]. Die Alchemisten stellen mittels gewisser Apparate aus Glas und Ton[4295] die Edelmetalle auf künstlichem und verborgenem Wege her; sie haben unzählige Geheimnamen, unter diesen 13 für Nûschâdir, 14 für Blei, „das Metall des Kuhl“ [hier = Bleiglanz], 15 für Kupfer, 16 für Silber (z. B. „weißer ~Hermes~“, aussätziges Gold), 18 für Eisen, 20 für Gold und 51 für das so ungeheuer wichtige Quecksilber[4296], das zwar flüchtig und ein Geist ist, zugleich aber auch „ein Anfang der Körper“ [eine Grundlage der Metalle][4297].

17. ~Alkhazini~ (um 1130) war ein Gegner der Alchemie, was bei einem so trefflichen Experimentator nicht wundernehmen kann; er machte sehr genaue Bestimmungen einer großen Anzahl spezifischer Gewichte, ermittelte die Zusammensetzung gegebener Mischmetalle aus ihren Dichten und gab auf Grund solcher Feststellungen den Kupferschmieden und Gelbgießern (saffâr) Vorschriften zur Darstellung von Legierungen bestimmten Aussehens und gewünschter Eigenschaften[4298].

18. ~Ibn Alʿauwam~, der gegen 1150 in Sevilla das ausführliche „Buch der Landwirtschaft“ verfaßte, erwähnt in diesem gelegentlich das rote Arsen [Realgar], das man zum Vergiften von Vögeln und in der Tierheilkunde gebraucht[4299], das gebrannte schwarze [metallische?] Arsen[4300], den feinpulverigen Kohol [Schwefelantimon][4301], die indische Tutia[4302], den persischen Pulâd oder Fulâd [Stahl][4303], das Zinn (qalah) und die schön verzinnten (moqasdar) nordafrikanischen Kessel[4304], sowie den aus Reis zu erhaltenden Essig, der von äußerst kalter Natur, dabei aber so scharf ist, daß er selbst Gefäße und Steine auflöst[4305].

19. ~Abuʿlfadl~ (schrieb gegen 1175). Als genauer Kenner der Farbstoffe und Drogen, „deren es 3000 gibt“, ihrer Verfälschungen und deren Aufdeckung durch genaue Prüfung (u. a. durch Ermittlung der Menge des eigentlich wirksamen Bestandteiles, z. B. bei Indigo)[4306], war er ein abgesagter Feind der Alchemisten, die das Volk mit nachgeahmten Metallen, Edelsteinen und Perlen betrügen und gemeine Metalle mittels gewisser Heilmittel zu weißen und zu röten verstehen, z. B. zu Gold durch ‚Dawâ‘ (= Medizin)[4307]. Häufig bedienen sie sich des Quecksilbers (zîbaq), dessen beste Sorte aus Toledo kommt, das „leicht flüchtig ist wie ein flüchtiger Sklave“ und daher erst im Laufe der Arbeit [wieder] sichtbar wird[4308]. Von den übrigen Metallen kennt man meist vielerlei Arten: das Eisen (hadid) kann männliches sein (aldhakar), weibliches weiches (narm âhan), Stahl (fulâd), oder damasciertes; das Kupfer ist an sich rot, wird aber zu prächtig gelbem Messing durch Zusatz von Tûtijâ, deren es namentlich in Spanien vielerlei gelbliche, rötliche und bunte Sorten gibt, ferner zu weißglänzendem, hartem, aber leicht brüchigem Isbâd-rûy oder Sefîd-rûy durch Zugabe eines Fünftels Zinn[4309]; Zinn (qalî, qasdîr) ist das weiße Blei[4310] im Gegensatze zum schwarzen. Letzteres zerbricht trotz seiner Weichheit den Diamanten, der sich, auf einer Bleiplatte befestigt, durch vorsichtiges Klopfen zwischen den Schneiden zweier Hämmerchen zerteilen läßt[4311], und liefert das leuchtende Bleiweiß, das aus ihm durch Essig herausgezogen wird. Wie man aber wieder diesen gewinnt, das vermag man nur durch die Praxis zu erlernen und auf keine Weise aus den Büchern[4312].

20. ~Alnabarawi~, der gegen 1200 lebte, bisher aber mir aus den Auszügen des ~Ibn Bassam~ (13. oder 14. Jahrhundert) bekannt ist, besaß gleichfalls ausgebreitete Kenntnisse über die „3000 Drogen“ und ihre Verfälschungen[4313], berichtet u. a. näher über die verschiedenen Arten des Itmid oder Kuhl, des Nûschâdirs und des Kamphers[4314], und beschreibt die Sublimation (tasʿîd) und Destillation (taqtîr), z. B. die Herstellung des aus der Gurke (alqarʾ) durch Destillieren (saʿad) gewinnbaren Kampher-Wassers und des destillierten Pechs (qatrân musʿad)[4315]. Er erwähnt auch das betrügerische Aufhellen dunkler Zuckersyrupe und Melassen durch Klären mit Bleiessig (gewonnen durch Lösen von Bleiweiß in Essig) und weist dessen Gegenwart dadurch nach, daß er die verdächtige Probe über eine Abortgrube stellt, wobei Schwärzung eintritt [indem der entweichende Schwefelwasserstoff schwarzes Schwefelblei bildet][4316].

21. ~Aldschazari~ und ~Ridwan~, die gegen 1200 über den Bau kunstvoller Uhrwerke berichten, erwähnen unter den Materialien rotes Kupfer, Messing, -- beide auch verzinnt (murassas), oft „mit einer dicken Schicht Zinn“ (anûk)[4317] --, Bronze (sifr, sufr)[4318], Isfidrûy oder Isfâdrûy [= „Weißkupfer“, d. i. eine Art sehr heller Bronce][4319], sowie Quecksilber[4320].

22. ~ʿAbd Allatif~ (1160-1231), der Verfasser der ausgezeichneten Beschreibung Ägyptens und seiner Naturschätze, war ursprünglich ein Freund der „großen Kunst“, erkannte sie aber bei näherer Beschäftigung mit ihr und ihren Vertretern als „falsch, nichtig, schwindelhaft, lügnerisch und trügerisch“[4321].

23. ~Aldschaubari~ (schrieb gegen 1220 die „Enthüllung der Geheimnisse“)[4322]. Die „Genossen der Kîmijâ“, die Alchemisten, sind Lügner, Gauner und Schwindler, die selbst ihre Fürsten schon in frechster Weise hintergingen und täuschten; wer ihnen immer noch glaubt, wird allein durch seine Erfahrungen belehrt werden, denn ihre Kniffe zur Fälschung der edlen Metalle und Steine sind zahllos und die Methoden ihrer Betrügereien belaufen sich auf dreihundert oder mehr. So z. B. haben sie allein 47 Verfahren, um aus zerriebenem Perlmutter, Glimmer, Quecksilber u. dgl. falsche Perlen zu bereiten, die sie in Fische einlegen oder von Vögeln fressen lassen, um ihnen den rechten Glanz zu erteilen[4323], und allein 48 Verfahren, um aus Eierschalen und Indigo oder Waid falschen Lasurstein zu gewinnen[4324]. Sie geben sich den Anschein, Silber und Gold aus einer gemeinen „Asche“ darzustellen, die aber vorher aus diesen Metallen durch Behandlung mit allerlei schwefel- und arsenhaltigen Stoffen erhalten wurde und sie beim starken Erhitzen, besonders mit gewissen Zutaten, wieder zurückliefert[4325]. „Reines Silber“ machen sie durch „Weißen“ von 20 Teilen Kupfer mit 1 Teil Auripigment (rasâcht), Realgar, Zarnich [Arsenigsäure?], Quecksilber oder Sarkokolla; „reines Gold“ (ibrîz) durch „Gilben“ oder „Rotfärben“ von Kupfer mit Auripigment, Zinnober, Grünspan, grüner Tûtijâ u. dgl. unter dreimaligem Umschmelzen [zu einer Art Bronze?][4326]; „echte Edelsteine“ endlich durch Herstellen gewisser gefärbter Gläser und Schmelzen, angeblich gemäß den Rezepten in ~Platons~ „Buch der Zauberkünste“[4327]. Was die von ihnen benützten Hilfsstoffe betrifft, so findet man Kuhl in Ispahan und die „Tûtijâ der Weisen“, die auch al qalamî [Galmei] heißt, in vielen Ländern[4328]; Grünspan (zindschâr) und Bleiweiß (isfîdâdsch) bereitet man durch Eingraben von rotem Kupfer oder schwarzem Blei nebst natürlichem Nûschâdir und scharfem Essig (den man auch ohne Destillation erhalten kann)[4329] in den feuchten Erdboden[4330]; Zinnober (zindschafar) durch „Töten“ von Quecksilber mit Schwefel, Arsen [Arsensulfiden] und Essig, wobei man das geschlossene und gut mit Ton gedichtete Gefäß im Ofen bei richtigem Feuer lange genug zu erhitzen hat[4331]; Bleiglätte (martak) durch Rösten von Blei und chubz alfiddî [wörtlich Silber-Brod; Substanz unbekannter Natur] auf nicht näher angegebene Weise.

~Aldschaubari~ macht auch höchst merkwürdige Angaben über die ungeheuerlichen Fälschungen der Gewürze, Wohlgerüche, Nahrungs- und Gebrauchs-Mittel von den seltensten Drogen an bis zur Seifenlauge (râs al sâbûn) herab[4332], er bespricht zahlreiche Heilstoffe (z. B. die 7 Gallen von 7 Tieren) und Gifte (z. B. Bang, d. i. Bilsenkraut, für dessen schärfste Sorte, die blaue kretische, der Essig ein unfehlbares Gegenmittel bleibt)[4333], und preist gewisse pflanzliche Öle, Fette und Harze als unersetzlich für das Härten der Schwerter aus indischem und damascener Stahl[4334].

24. ~Jaqut~ (1178-1229) berichtet in seinem, auf Grund der zuverlässigsten alten Quellen verfaßten „Geographischen Wörterbuche“, daß Zinn von bester, einzig in der Welt dastehender Güte aus Qalah (auf Malakka) gebracht wird, aber auch, wie dies schon ~Alistakhri~ und ~Albiruni~ wußten, aus Ceylon und Fars (Persien) und außerdem noch aus Spanien[4335]. Kupfer ergibt mit Zinn, aber auch mit anderen Metallen und Erzen, schöne Legierungen, aus denen man in Indien herrliche Arbeiten herstellt; solche kommen u. a. aus Kulam (Malabar), woselbst man auch Porzellan erhalten kann, das aber weder so fein, noch so weiß, noch so durchscheinend ist wie das echte chinesische[4336]. -- Quecksilber findet sich in Chorasân, besseres (reineres und schwereres) in Persien, das beste aber in Spanien, und zwar nach dem Berichte ~Alidrisis~ [des berühmten Geographen; um 1150] im Gebirge Burianus oder Murianus [= Sierra Morena], sowie in Abâl nächst Cordova [Almaden; almaʿden = das Bergwerk][4337].

Der Reichtum Spaniens an Zinnober und Quecksilber ermöglichte es schon dessen Khalifen ~Abd Arrahman~ II. (912-961), seinen Lustgarten (nächst Cordova?) durch einen mit Quecksilber gefüllten Teich auszuschmücken[4338], und der Palasthof seines Zeitgenossen, des Khalifen ~Muktadir~ in Bagdad, dürfte (917) einen ebensolchen enthalten haben, der freilich „als gefüllt mit flüssigem Zinn (rasas qalî), heller leuchtend als poliertes Silber“ beschrieben und durch einen „mit geschmolzenem Golde gefüllten“ noch übertrumpft wird[4339]; aber bereits 868 legte ~Ahmed Ibn Tulun~ in Kairo, und ebenda 892 der Statthalter ~Chumarawaih~ „ein Bassin an, von 50 Ellen im Gevierte, gefüllt mit Quecksilber, -- im Vollmond ein unvergleichlicher Anblick --, dazu bestimmt, sich auf seiner Oberfläche auf Luftkissen zu schaukeln und so in recht sanften Schlaf einzuwiegen“[4340].

Eine besonders bemerkenswerte Anwendung fand das Quecksilber zum Füllen kunstvoller Uhren (s. oben bei ~Aldschazari~ und ~Ridwan~) [die in Spanien noch zur Zeit König ~Alfons~ X. (1252-1284), des bekannten Förderers der Astronomie, gebräuchlich waren[4341]].

25. ~Ibn Albaitar~ aus Malaga (gest. 1248), der Verfasser eines sehr ausführlichen Wörterbuches der Heil- und Genußmittel, erwähnt zwar vielerlei Mineralien, Salze, Metalle usf., aber seinem pharmazeutischen Hauptzwecke gemäß fast stets nur vorübergehend. Er spricht z. B. vom Gold[4342], Taliqûn, „einer Art Kupfer“[4343], Rasas, dem schwarzen Blei, das den sonst nur durch Feuer zerstörbaren Diamant „zerbricht“[4344], Kazdir, dem weißen Blei, aus dem man Gefäße anfertigt[4345], der Bleiglätte, die in Essig gelöst süß wird[4346], dem Sublimat aus Quecksilber[4347], usf.; ferner beschreibt er die Vorgänge der Sublimation, der Destillation, des Ausschmelzens usf., durch die vielerlei wichtige Substanzen gewonnen werden, während die wertlosen Schlacken (chabath) zurückbleiben[4348].

26. ~Ibn Mansur~ (13. Jahrhundert) schrieb in persischer Sprache ein Steinbuch, das in Gestalt der türkischen Bearbeitung durch ~Aldschaffari~ auf uns gekommen ist[4349]. Als die 7 einfachen Metalle führt es auf: Gold, Silber, Kupfer, Zinn, Eisen, Blei, Châr Sinî [das, wie oben erwähnt, in Wirklichkeit ein Mischmetall ist]. Von Legierungen erwähnt es: Messing (schabah, türk. birindsch) aus Kupfer und dem Rauche der Tutijâh; Bronze (sufr, türk. tudsch) aus Kupfer und Qalaî (Zinn); Tal, „ein gelbes Erz“ [eine Art Messing?] aus Kupfer und Blei [weißem, d. i. Zinn?]; Taliqûn, eine messing- oder bronzeähnliche Legierung aus Kupfer, Tutijâh und noch mehreren anderen Metallen[4350]; Derâ-rûy, eine Legierung aus Kupfer, Messing, Bronze und Tal; Sachtah, eine Legierung aus Silber, Kupfer und Quecksilber; Heft-Dschosch [Sieben-Geschmolzenes], eine Legierung aller sieben Metalle.

27. ~Alqazwini~ (gest. 1283). Der von ~Wüstenfeld~ herausgegebene arabische Text seiner umfassenden „Kosmographie“, von dem ~Ethé~ einen großen Teil ins Deutsche übersetzte[4351], hat sich neuerdings leider als eine späte, erst dem 18. Jahrhundert entstammende Überarbeitung erwiesen[4352] und ist daher nur mit Vorsicht zu benützen.

Aus der Urmaterie entstanden nach ~Alqazwini~ die vier Elemente (arkân), die auch Mütter heißen und gegenseitigen Überganges ineinander fähig sind[4353]; sie erfüllen, wie alles, so auch die im Innern der Erde vorhandenen Dünste und Flüssigkeiten, aus denen sich zunächst, unter Vereinigung von Wasser und Erde, das Quecksilber abscheidet, zugleich aber unter Verkochung der Luft und der übrigen Elemente durch Feuer zu einem Öle, der Schwefel[4354]. Aus diesen beiden bilden sich weiterhin, je nach den Einflüssen und Farben der Planeten, -- namentlich des „Schatzmeisters“ ~Kronos~ und des Mondes --, alle übrigen Metalle und Mineralien und entfalten sich besonders schön und rein mit zunehmendem Monde, wie dies sämtlichen Bergleuten längst durch eingehende Erfahrungen bekannt ist[4355]. Auf solche Weise entspringen also, je nach den Verhältnissen und Umständen, die 7 Metalle, d. s. Gold (dhahab), Silber (fidda), Kupfer (nuhâs), Zinn (usrub), Eisen (hadîd), Blei (rasâs) und Châr Sînî, das man mittels einer mineralischen rötlichbraunen Substanz gewinnt, die in China gefunden und auch Tutia oder Tutanega genannt werden soll[4356]. Durch langsames Abtropfen und sehr allmähliches Gerinnen in den Klüften der Gebirge verdichten sich ferner die Salze, Vitriole und Alaune (z. B. der schön weiße aus Jemen)[4357], Natron und Salmiak[4358], die öligen Schwefel und Arsene[4359], Naphtha, Asphalt und Pech[4360], Markasit und andere Erze[4361] und zuletzt noch die Edelsteine[4362], u. a. der Diamant, der vielen auch für eine Versteinerung des himmlischen Feuers gilt, trotz seiner ungeheuren Härte aber durch Blei „zerbrochen“ wird[4363]. Berühmte Fundorte sind: für Edelsteine und Diamanten Ceylon[4364]; für Schwefel, auch gelben und roten [Auripigment, Realgar], Vitriole, Blei und Antimon [Blei- und Antimonglanz] die Berge des Demawend sowie der in Spanien gelegene Gebl-al-kohl (Berg des Bleiglanzes), woselbst das Wachsen mit zunehmendem Monde besonders deutlich zu beobachten ist[4365]; für Zinn und Quecksilber „wie sonst nirgends“ Spanien[4366]; für Gold, Silber, Messing, Eisen, Türkis, Naphtha und Steinkohle Transoxanien[4367]; für Gold, Silber, Kupfer und Eisen die Inseln des persischen Meeres[4368]; für Magnetstein, dessen Kraft durch Knoblauch gebrochen, durch Essig aber wieder hergestellt wird, der Magnetberg im indischen Meere[4369]. Auf den Inseln dieses Ozeans ist Eisen sehr selten und kostbar, die Bewohner der Nikobaren tragen es sogar als Schmuck, die Sumatras und anderer Inseln tauschen es gegen Ambra ein[4370]; außer dem weichen weiblichen Eisen (narm âhen) hat man auch das harte männliche [= Stahl][4371], aus dem man die Schwerter macht, die wie Zinn glänzen, aber nicht aus Zinn bestehen[4372].

Beim Erhitzen der Vitriole entweichen dicke Dämpfe, die äußerst übelriechend und gesundheitsschädlich sind, wegen ihrer Schärfe zum Ausräuchern dienen und bei Berührung mit Wasser oder wässerigen Flüssigkeiten große Hitze erzeugen[4373].

Eine Anzahl weiterer zugehöriger Angaben ~Alqazwinis~ ist einem von ~Ruska~ übersetzten, den Mineralien gewidmeten Abschnitte seiner „Kosmographie“ zu entnehmen[4374]: unter dem Einflusse von Kälte, Wärme, Trockenheit und Feuchte entstehen zunächst Quecksilber und Schwefel, weiterhin aber aus diesen die Mineralien, deren es 700 gibt[4375]. Das Quecksilber ist eine etwas beschädigte Art des Silbers, entwickelt beim Erhitzen einen furchtbar giftigen Dampf[4376], ergibt beim Kochen in einem geschlossenen Kolben jenen roten Zinnober (zundschufr), der sich auch in den Gruben bei der Einwirkung von Schwefel auf Quecksilber ausscheidet[4377], und ist [als Salbe] sehr geeignet zur Vernichtung von Läusen und anderem Ungeziefer[4378]. Auch der Schwefel bildet leicht Dämpfe, verflüchtigt sich in Gestalt solcher bei der Entstehung der Metalle und verdichtet sich dabei z. B. zu Malachit, wenn er aus werdendem Kupfer, zu Smaragd aber, wenn er aus werdendem Golde entweicht[4379]. -- Gold ist beständig und unveränderlich, aus Kupfer dagegen (und auch aus Messing) wird durch Essig Grünspan herausgezogen[4380], auch erhält man aus [geschmolzenem] Kupfer durch Einwerfen eines gewissen Zusatzes, der es zu festem Steine macht, die giftige Legierung Tâlîqûn, und ebenso durch Verschmelzen mit den sechs anderen Metallen die Legierung Haftdschausch (= 7-Geschmolzenes)[4381]. Wie den Grünspan aus dem Kupfer, so zieht Essig das Bleiweiß (isfîdâdsch = weißes Wasser) aus dem Blei heraus, das man u. a. aus dem bleihaltigen Itmid [Bleiglanz?] darstellt[4382]; die Dämpfe des Bleies sind giftig und das nämliche gilt vom Bleiweiß und von der beim Rösten aus ihm entstehenden Mennige[4383]. Das Blei ist der Feind des Diamanten, der sich in einer unzugänglichen Talschlucht Indiens findet, wegen seiner ungeheuren Härte zum Bohren der Gesteine dient, durch Bocksblut aber zersprengt wird[4384].

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