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Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange (part 1 of 5)

Part 1 of 5 · Lippmann, Edmund O. von (Edmund Oskar) · Public domain text

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Contents (5)

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Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1919 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.

Unterschiedliche Schreibweisen bei Orts- und Personennamen wurden nicht korrigiert, sofern diese jeweils mehrfach im Text vorkommen; dies gilt insbesondere für das Setzen von Akzenten.

Es wurde versucht, einige der alchemistischen Symbole durch entsprechende Sonderzeichen direkt darzustellen. Wo dies nicht möglich war, verbleibt der Hinweis [Symbol].

Die Verweise auf S. XVI zu den Ergänzungen und Nachträgen am Ende des Buches finden sich im laufenden Text. Zudem wurde die Liste der Druckfehler bereits in den Text eingearbeitet.

Besondere Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Symbole gekennzeichnet:

kursiv: Unterstriche fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Kapitälchen: ~Tilden~

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ENTSTEHUNG UND AUSBREITUNG

DER

ALCHEMIE

MIT EINEM ANHANGE:

ZUR ÄLTEREN GESCHICHTE DER METALLE

EIN BEITRAG ZUR KULTURGESCHICHTE

VON

PROF. ~Dr.~ =EDMUND O. ~VON~ LIPPMANN=

DR.-ING. E. H. DER KGL. TECHN. HOCHSCHULE ZU DRESDEN DIREKTOR DER „ZUCKERRAFFINERIE HALLE“ IN HALLE A. S.

BERLIN

VERLAG VON JULIUS SPRINGER

1919

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten.

Copyright 1918 by Julius Springer in Berlin.

GEWIDMET

MEINER LIEBEN FRAU,

DEREN VERSTÄNDNISVOLLE TEILNAHME UND UNERMÜDLICHE FÜRSORGE DIE VOLLENDUNG DIESES WERKES IN SCHWERER ZEIT ALLEIN ERMÖGLICHTE,

SOWIE DEM ANDENKEN IHRES BRUDERS, MEINES FRÜHVERLORENEN SCHWAGERS

Dr. AUGUST MÜLLER,

PROFESSORS DER ORIENTALISCHEN SPRACHEN AN DER UNIVERSITÄT HALLE-WITTENBERG,

DES ERSTEN FÖRDERERS MEINER GESCHICHTLICHEN ARBEITEN.

Vorrede.

Die Geschichte der Alchemie ist nach ~Kopp~ „die Geschichte eines Irrtums“[1]. Die Seltsamkeit seiner Natur, die Größe seines Beharrungsvermögens und die Bedeutsamkeit seiner Folgen stempeln ihn in gleicher Weise zu einem der merkwürdigsten im Gesamtgebiete der Kulturentwicklung. Daß die Kunst des Gold- und Silbermachens ungefähr seit Beginn unserer Zeitrechnung den Anspruch erheben und auch festhalten konnte, eine tatsächliche zu sein, obwohl sie im Verlaufe von fast zwanzig Jahrhunderten niemals auch nur das geringste nachweisbare Ergebnis, geschweige denn einen dauernden Erfolg zu verzeichnen hatte, möchte zunächst unbegreiflich, ja unfaßbar erscheinen! Einige Aufklärung gewähren indessen Beispiele, die verwandten Gebieten zu entnehmen sind, z. B. jenem der Astrologie, über die es im 2. Teile des „Faust“ heißt[2]:

„Empfangt mit Ehrfurcht sterngegönnte Stunden: Durch magisch Wort sei die Vernunft gebunden; Dagegen weit heran bewege frei Sich herrliche verwegne Phantasei. Mit Augen schaut nun was Ihr kühn begehrt, Unmöglich ist’s, drum eben glaubenswert.“

Von solchem Glauben gilt, was ~Uhland~ in den „Schriften zur Geschichte der Dichtung und Sage“ ausspricht[3]: „Aller Zauberglaube beruht auf dem Gefühle der Abhängigkeit von Kräften, deren Wirken ein Unbegriffenes ist und eben darum auch für ein Grenzenloses angesehen werden kann; ... da wird denn ... eine Formel gesucht, welche, die Sinne treffend, unmittelbar das Geheimnis in sich schließt.“ Hinsichtlich derartiger Gefühle und Formeln wieder sagt ~Bouché-Leclercq~ ebenso geistvoll wie treffend[4]: „Lehren, die sich auf den +Glauben+ berufen, müssen ihren Ursprung verbergen und in eine möglichst entlegene Vorzeit zurückversetzen, um der Kritik zu entgehen. Sie +suchen+ die Wunder, und zwar die ‚alten‘, als spezifische Kennzeichen göttlicher Werke oder Wahrheiten, und wünschen nicht, daß ihnen Einsicht das Vergnügen des Glaubens verderbe. Den +Glauben+ der Menschen erfüllt aber +das+, was sie hoffen, daher geht er aus jeder Widerlegung durch die Erfahrung immer wieder siegreich hervor; auch ist die Fähigkeit zu glauben unbegrenzt, und was man voraussetzt sieht man auch, oder sah es doch in früherer Zeit, als die Menschen noch bessere Augen hatten.“ -- Die so geschaute „geheime“ Wahrheit stellen nun die bevorzugten Geister, die mit ihr begnadet sein wollen, dem harrenden Chorus der Urteilslosen dar, und zwar unter dem „geziemenden“ Schleier jener nebelhaften und mystischen Andeutungen, die ihren Eindruck auf die große Masse niemals verfehlen. Schon ~Lucretius~ versichert[5]:

„Alles bewundern die Toren und lieben es über die Maßen, Was man verblümt ihnen sagt, mit recht verschrobenen Worten,“

und über die maßgebende Rolle der Zeit hierbei äußert sich ein orientalischer Geistesverwandter[6]:

„Was töricht schien von Anbeginn, Woran kein Weiser sich beteiligt, -- Rollt ein Jahrtausend drüber hin, Erscheint’s ehrwürdig und geheiligt. Und bringt es den Verstand auch ins Gedränge, Wirkt es doch mächtig auf die Menge.“

Wird aber das Dunkel der Autoren allmählich doch gar zu sehr als solches empfunden, dann betritt, es zu lichten, die Schar der Kommentatoren den Schauplatz; über ihr Treiben ergeht sich schon ein altindischer Kenner in bewegter, leider nur allzu berechtigter Klage[7]:

„Wenn der Sinn höchst unverständlich, Sagen sie, er sei ganz klar; Wenn er leicht zu fassen war, Schwätzen breit sie und unendlich. Durch den Schwall der Wortgeflechte, Wo er gar nicht angebracht, Wird der Hörer irr gemacht, Wird verdunkelt ihm das Rechte, Bis er schließlich, ganz verloren Abseits steht, wo keines Bleibens, Fern vom Wege! Also treibens Schon seit je Kommentatoren.“

——————————

Allen den aus dem Vorstehenden ersichtlichen Schwierigkeiten wird vereint begegnen, wer sich mit der Geschichte der Alchemie beschäftigt. Mich selbst hat hierzu das Bestreben veranlaßt, nach Aufklärung der eingangs angedeuteten, kulturgeschichtlich wie psychologisch gleich fesselnden Probleme zu suchen: wie und wo ist der Glauben an das Gold- und Silbermachen entstanden, und durch welche Umstände begünstigt konnte er sich ausbreiten und dauernd erhalten? Als ich mir vorsetzte, diese Fragen einer ausreichenden Beantwortung entgegen zu führen, hielt ich eine solche, wie das auch dem schon Erfahreneren immer wieder begegnet, für weitaus einfacher als sie sich im Laufe fortschreitender Untersuchung erwies; schon bevor mein Irrtum endgültig zutage trat, war jedoch so viele Mühe und Zeit aufgewandt, daß ich sie hinterher nicht verloren geben konnte und mochte, nun vielmehr erst recht trachtete, ganze Arbeit zu leisten. Während mehr als zwei Jahrzehnten betrieb ich daher, soweit berufliche und ältere wissenschaftliche Verpflichtungen von vielerlei Art es zuließen, die erforderlichen Studien auf allen den zugehörigen, sehr mannigfaltigen Gebieten, denen der Chemiker meist so gut wie völlig fernsteht und in die er sich daher erst einzuarbeiten hat. Zu einem endgültigen Abschlusse, insoweit ein solcher überhaupt erreichbar ist, war ich noch nicht gelangt, als der Weltkrieg ausbrach. Für den Leiter eines großen industriellen Unternehmens galt es, der voraussichtlich äußersten Inanspruchnahme seiner Kräfte dauernd gewachsen zu bleiben; dies aber, so fühlte ich, war nur möglich, wenn der Anstrengung des Berufes ein Gegengewicht geschaffen wurde, und zwar in Gestalt einer gänzlich fernliegenden, hierdurch aber ablenkend wirkenden Tätigkeit. So begann ich denn mit der Abfassung und Niederschrift des vorliegenden Werkes, und war so glücklich, es nicht nur vor etwa Jahresfrist im wesentlichen zu vollenden, sondern auch einem Verleger zu begegnen, der sich sogleich bereit erklärte, trotz der allbekannten, fast unglaublichen Schwierigkeiten, den Druck umgehend zu beginnen und nach Möglichkeit zu fördern. Hierfür habe ich der Firma ~Julius Springer~ ganz besonderen Dank auszusprechen.

Die Eigenart des behandelten Gegenstandes und seine Verzweigung nach den verschiedensten Richtungen erweckte das dringende Verlangen, der Drucklegung nicht ohne jene Mitarbeit und Berichtigung seitens nachprüfender Fachmänner näher zu treten, die nach einem schönen Ausspruche ~Reitzensteins~[8] „den einzigen Lohn bildet, den ehrliche Arbeit sich wünscht“. In dieser Richtung fand ich, wie bei Herausgabe meiner früheren Werke so auch diesmal, das erfreuendste Entgegenkommen: Gelehrte allerersten Ranges auf altphilologischem, orientalischem, paläographischem und religionsgeschichtlichem Gebiete, die Herren Geheimräte und Professoren ~G. Jacob~ in Kiel, ~R. Reitzenstein~ in Göttingen, ~J. Ruska~ in Heidelberg und ~C. Wessely~ in Wien erklärten sich bereit, die Korrekturen mitzulesen und hierdurch ein Opfer an Arbeitslast und Zeitverlust auf sich zu nehmen, das angesichts der gegebenen Umstände gar nicht hoch genug veranschlagt werden kann. Die Herren Geheimräte Prof. Dr. ~R. Reitzenstein~ und ~G. Jacob~ sahen sich allerdings veranlaßt, bald nach Vollendung des 1. Abschnittes zurückzutreten; die übrigen beiden Herren hielten jedoch bis zum Schlusse mit durch, und Herr Geheimrat Prof. Dr. ~G. Jacob~ hatte noch die Güte, seine Herren Kollegen Prof. Dr. ~W. Jaeger~ und ~H. Prinz~ für die Durchsicht einiger besonderer Kapitel zu gewinnen. Ihnen allen möchte ich auch an dieser Stelle nochmals und aus ganzem Herzen wahren und aufrichtigen Dank darbringen, und ich bin überzeugt, daß die Leser, von gleichem Gefühle beseelt, voll in ihn einstimmen werden. Die mir mitgeteilten kleineren Berichtigungen konnten mit vereinzelten Ausnahmen noch im Texte verwertet werden; größere Zusätze hingegen mußten, da Abänderungen des einmal fertigen Satzes tunlichst zu vermeiden waren, unter Bezeichnung mit dem Namen ihres Urhebers in die Nachträge wandern. Diese haben hierdurch einen mehr wie gewöhnlichen Umfang angenommen, da aber ihr Inhalt in den Registern noch mit berücksichtigt ist, dürfte der Übelstand nicht allzu fühlbar hervortreten. Daß für die Art, in der die empfangenen Ratschläge verwertet wurden, ich allein verantwortlich bin, bedarf wohl keiner ausdrücklichen Hervorhebung; nochmalige Rückfragen zur Behebung einzelner Zweifel oder Unklarheiten machten die Zeitumstände meist unmöglich.

Für mancherlei wichtige Auskünfte, die mir mündlich oder schriftlich im Laufe langer Jahre zuteil wurden, bin ich ferner großen Dank schuldig: den Herren Geheimräten und Professoren ~C. Brockelmann~, ~H. Diels~, ~A. Grünwedel~, ~E. Kautzsch~ (†), ~R. Kobert~, ~F. X. Kugler~, ~H. Moissan~ (†), ~Th. Nöldeke~, ~R. Pischel~ (†), ~F. v. Richthofen~ (†), ~H. Suchier~ (†), ~A. Tschirch~, ~E. Wiedemann~ und ~G. Wissowa~.

Was die benützten Quellen anbelangt, so suchte ich zunächst der Anweisung zu folgen, die ~Burckhardt~ in seiner „Griechischen Kultur-Geschichte“ gibt[9]: „Es steht in den alten Autoren noch so vieles Merkwürdige, das Wenige beachten; ... zum Ganzdurchlesen der Autoren muß uns die Einsicht bestimmen, daß das, was für +uns+ wichtig ist, nur +wir+ finden.“ Demgemäß strebte ich also, die Quellenschriften tunlichst aus eigener Anschauung kennen zu lernen; hierbei stieß ich aber auf schwerwiegende Hindernisse, denn ich besitze zwar eine gründliche gymnasiale, aber keine eigentlich philologische Vorbildung, und bin zudem keines Wortes einer orientalischen Sprache mächtig, blieb also betreff der so zahlreichen und wichtigen Werke arabischer, syrischer und persischer Herkunft lediglich auf Übersetzungen angewiesen. Auf diesem Gebiete war daher die Unterstützung durch orientalistische Fachgelehrte von ausschlaggebender Bedeutung, und ich muß namentlich den selbstlosen, wahrhaft unermüdlichen Eifer hervorheben, mit dem Herr Prof. Dr. ~J. Ruska~ nicht nur für sachliche Berichtigung und Verbesserung sorgte, sondern auch für Durchführung einer einheitlichen Schreibung der Namen und Bezeichnungen, die den gegenwärtig anerkannten Grundsätzen entspricht[10]. Für einige Ungleichheiten, die trotzdessen (hauptsächlich im ersten Drittel des Buches) stehen blieben und +mir+ zur Last fallen, habe ich angesichts des durch die Zeitumstände und zuweilen auch noch durch Postsperren verzögerten Eingangs der versandten Korrekturen um Nachsicht zu bitten.

Hinsichtlich der griechischen Alchemisten bedingte den größten Mißstand die Tatsache, daß die von ~Berthelot~ veranstaltete Ausgabe an erheblichen Mängeln und Unzuverlässigkeiten sowohl des Textes wie der Übersetzung leidet, nichtsdestoweniger aber benützt werden +muß+, weil sie die einzige vorhandene ist. Die unumgängliche allgemeine Auseinandersetzung mit ~Berthelot~ als Historiker habe ich in die Nachträge verwiesen, teils um mich zuvörderst mit kurzen Andeutungen begnügen zu können, teils weil am Schlusse des Werkes auch der Leser selbst ein gewisses eigenes Urteil gewonnen haben wird. Die wirklichen Verdienste jenes großen Mannes verkleinern zu wollen, lag mir dabei fern; wo ich aber, im Dienste der Wissenschaft nach Wahrheit und Gerechtigkeit strebend, ihm zu nahe getreten sein sollte, bin ich, soferne mir dies nachgewiesen wird, zum Widerrufe gerne bereit.

Daß ich nicht den Anspruch erheben könne und wolle, den Anforderungen der Vertreter philologischer oder anderer +Sonder+gebiete zu genügen, war mir von vornherein klar; als ich dieserhalb meinen verewigten hochverehrten Freund Prof. Dr. ~E. Kautzsch~ um Rat fragte, lautete seine Antwort: „Leisten Sie, was +Sie+ können, nachher kommen die Fachgelehrten und bauen weiter, aber +ohne+ die Vorarbeit kommen sie +nicht+.“ Demgemäß verfuhr ich, und mein Buch wendet sich also in erster Linie an Chemiker, Naturforscher und Allgemein-Gebildete. Diese sind jedoch heutzutage fast durchwegs des Lateinischen kaum mehr, des Griechischen gar nicht mächtig; daher habe ich alles Fremdsprachige in Übersetzung wiedergegeben, den griechischen Fachworten aber, da der geschichtliche Zweck ihre Beibehaltung unbedingt erforderte, in der Regel eine Umschrift in lateinischen Buchstaben beigefügt und die richtige Aussprache durch Angabe der Akzente gesichert. Wer solche Ausdrücke als für seine Zwecke entbehrlich erachtet, mag ganz über sie hinweglesen. Das oft arg verderbte Griechisch der Papyri chemischen Inhaltes, mit seinen zahlreichen Entstellungen von Worten, Vertauschungen von Vokalen, Auslassungen von Akzenten u. dgl., haben die Herren Mitleser der Korrekturen nach Ermessen abgeändert und verbessert.

Seinem Titel entsprechend behandelt mein Werk nicht die +gesamte+ Geschichte der Alchemie, sondern die ihrer +Entstehung+ und +Ausbreitung+. Gerade diese Frühzeit lag nämlich, trotz aller bisherigen rühmlichen Arbeiten, immer noch in tiefem Dunkel und war der Aufklärung besonders bedürftig; für die spätere Periode hingegen, die etwa im 11. Jahrhundert mit dem Aufkommen der Alchemie in Südeuropa einsetzt und erst an der Schwelle der neuesten Zeit abschließt, liegen bereits treffliche und reichhaltige Darstellungen verschiedener Richtung vor, die insbesondere auch auf die Rolle der „Schwärmer und Schwindler“, sowie auf die oft höchst abenteuerlichen persönlichen Schicksale der „Meister und Adepten“ in gründlicher Weise eingehen. Vom wissenschaftlichen Standpunkte aus bieten übrigens jene langen Jahrhunderte nicht das geringste Neue; es taucht auch nicht +ein+ Gedanke auf, der den engen Umkreis urväterischer Tradition überschritte.

In der Darstellung befleißigte ich mich möglichster Knappheit und Verständlichkeit. Eigene erklärende Zusätze sind in eckige Klammern [] gesetzt, um sie von den in runden () stehenden, den Originalen angehörigen, deutlich zu unterscheiden. Fremdworte trachtete ich zwar zu vermeiden, schloß sie aber nicht grundsätzlich aus; sie blieben stehen, wo sie ohne weiteres das gewünschte Verständnis sichern, während Umschreibungen erst selbst einer Erklärung bedürfen, ferner wo sie größere Kürze gewährleisten, endlich auch wo sie Abwechslung im Ausdruck zulassen.

Über die benützten Quellen habe ich +sehr+ reichliche Angaben beigefügt, die eine weitgehende Nachprüfung gestatten, und hierdurch zur Aufklärung von Irrtümern oder Mißverständnissen führen sollen, die mir trotz aller Bemühungen zweifellos unterlaufen sein werden. Titel, Verlagsorte und Erscheinungsjahre der Werke wurden stets genau angeführt; einfach beigesetzte Zahlen sind die der betreffenden Seiten, besteht aber ein Werk aus +mehreren+, oder aus einer Reihe von Bänden, so geben die +ersten+ Zahlen die Bände, die +zweiten+ (und die folgenden) die Seiten an, also z. B. ~Zeller~, „Die Philosophie der Griechen“ 1, 509 = Bd. 1, S. 509, ~Wiedemann~, „Beiträge zur Geschichte der Naturwissenschaften“ 21, 118, 123 = Heft 21, S. 118 u. 123. Nur für ~Berthelots~ „Collection des Alchimistes grecs“ und „La Chimie au moyen âge“ blieben in den ersten Bogen durch ein Versehen römische Zahlen als Band-Angaben stehen und wurden daraufhin dann auch weiter beibehalten. Daß ich ~Plinius~ zwar in der Regel nach Kapiteln, einige Male aber nach Abschnitten zitierte, bemerkte ich leider erst im Laufe der Korrektur, und konnte die betreffenden Stellen nicht mehr abändern. Meine ausführlichen Aufsätze über Chemisches bei ~Plinius~, ~Dioskurides~, ~Platon~ und ~Aristoteles~ hätten eigentlich im vorliegenden Werke ihre Stelle finden müssen; da sie aber in meinen „Abhandlungen und Vorträgen zur Geschichte der Naturwissenschaften“ bereits abgedruckt vorliegen, wiederholte ich nur das ganz Unentbehrliche und begnügte mich im übrigen mit kurzen Hinweisen.

Vielfach steht die Geschichte der Alchemie in innigem Verbande mit jener der Mineralogie und der chemischen Technologie, namentlich der Metallurgie; diesen Zusammenhängen wurde daher allerorten besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Um jedoch weitgehende Zersplitterung zu vermeiden, schien es zweckmäßig, die Hauptmenge der Nachrichten über die ältere Geschichte der Metalle in einem besonderen Anhange (dem 6. Abschnitte des Buches) zu vereinigen; eingehendere Berücksichtigung fanden hierbei die kulturhistorischen und etymologischen Gesichtspunkte, schon weil die einschlägigen Quellen dem Chemiker meist schwer zugänglich oder ganz unbekannt sind. Der Natur der Sache nach beschränken sich jedoch diese Darlegungen auf die sog. planetarischen und die als Abarten von solchen angesehenen Metalle, sowie auf ihre Legierungen.

Inhalts-Verzeichnisse sind vier vorhanden: 1. das der griechischen Worte, einschließlich gewisser dogmatischer Redensarten, 2. das der angeführten Schriftsteller und Werke, 3. das der geographischen, Eigen- und Völker-Namen, 4. das sachliche. Ihre Abgrenzung war oft schwierig, und es bleibt zu beachten, daß das nämliche Wort in verschiedenen Registern vorkommen kann, z. B. ~Hermes~ als Autor in 2., als Gott in 3., als Planet in 4., ebenso z. B. λόγος in 1. und Logos in 4. Auf der Suche nach Ausdrücken, die aus +zwei+ Worten bestehen, wird man unter Umständen bei +beiden+ nachzuschlagen haben, also z. B. betreff ἱερά τέχνη bei ἱερός und bei τέχνη. Die Seitenzahlen, die sich auf die betreffenden Hauptstellen sowie auf die erstmaligen genauen Anführungen der Büchertitel beziehen, sind durch fetten Druck hervorgehoben.

Für das mühevolle Ausziehen der Inhalts-Verzeichnisse, sowie für vielerlei andere Schreib- und Hilfsarbeiten gelegentlich der Fertigstellung der Druckvorlagen und der Erledigung der Korrekturen habe ich neben mehreren Mitgliedern meiner Familie auch Fräulein ~Elfriede Braeuer~, Chemikerin der „Zuckerraffinerie Halle“, herzlichen Dank zu sagen.

Auf die Genauigkeit der Register ist größte Sorgfalt verwendet worden, dennoch zweifle ich nicht daran, daß manche Fehler stehen geblieben sind; den Lesern, die solche hier oder auch an anderen Stellen des Werkes bemerken, wäre ich für freundliche Mitteilung sehr verbunden, damit ich sie an geeignetem Orte zu berichtigen vermöge. Überhaupt dürfte niemand rein sachlicher über das Erreichte denken, als ich selbst; ich halte mich an ~Goethes~ Ausspruch in der Vorrede zum ersten Bande seiner wesentlich der Kunstgeschichte gewidmeten Zeitschrift „Die Propyläen“ (1798), woselbst es heißt: „... unsere Absicht war, ... wenn wir gleich nicht voraussetzen, die nötige Arbeit selbst vollenden zu können, dennoch teils im ganzen eine Übersicht zu geben, teils im einzelnen die Ausführung einzuleiten“.

+Halle+ a. S., den 8. Oktober 1918.

=Der Verfasser.=

Inhalt.

Seite

=Erster Abschnitt: Die Überreste der alchemistischen Litteratur= 1

1. +Zur Vorgeschichte der Alchemie: Der Leidener und Stockholmer Papyrus+ 1

I. Leidener Papyrus 4

II. Stockholmer Papyrus 10

2. +~Demokritos~ (~Pseudo-Demokritos~)+ 27

3. +~Pammenes, Maria, Kleopatra, Komarios~+ 46

a) ~Pammenes, Maria~ 46

b) ~Kleopatra, Komarios~ 50

4. +Pseudepigraphen der ersten Jahrhunderte: ~Hermes, Agathodaimon, Isis, Chimes, Ostanes, Petesis, Jamblichos, Moses, Johannes~+ 53

a) ~Hermes~ 55

b) ~Agathodaimon~ 60

c) ~Isis~ 63

d) ~Chimes~ 65

e) ~Ostanes~ 66

f) ~Petesis~ 67

g) ~Jamblichos~ 68

h) ~Moses~ (~Pseudo-Moses~) 68

i) ~Johannes~ 70

5. +Papyrus ~Kenyon~; ~Afrikanos, Zosimos~+ 73

a) Papyrus ~Kenyon~ 73

b) ~Afrikanos~ 74

c) ~Zosimos~ 75

6. +~Pelagios, Pibêchios, Heliodoros, Synesios~+ 93

a) ~Pelagios~ 93

b) ~Pibêchios~ 94

c) ~Heliodoros~ 95

d) ~Synesios~ 96

7. +~Olympiodoros~+ 98

8. +~Philosophus Christianus, Stephanos; Herakleios, Justinianus; Philosophus Anonymus; Pappos, Kosmas; Theophrastos, Hierotheos, Archelaos; Salmanas, Psellos, Nikephoros~+ 102

a) ~Philosophus Christianus~ 102

b) ~Stephanos von Alexandria~ 103

c) ~Herakleios (Heraklios)~ und ~Justinianus~ 105

d) ~Philosophus Anonymus (Anepigraphos)~ 106

e) ~Pappos~ 107

f) ~Kosmas~ 107

g) ~Theophrastos Christianos, Hierotheos, Archelaos~ 108

h) ~Salmanas~ 108

i) ~Psellos~ 109

k) ~Nikephoros~ 110

9. +Technische Abhandlungen und Vorschriften+ 110

=Zweiter Abschnitt: Die Quellen der alchemistischen Lehren= 118

I. +Die griechische Philosophie+ 118

1. ~Die Vorsokratiker~ 118

a) Die jonischen Philosophen: ~Thales, Anaximenes, Anaximander, Heraklit~ 120

b) ~Pythagoras~; die Pythagoräer (~Alkmaion, Philolaos~); die Orphik 123

c) Die Eleaten: ~Xenophanes, Parmenides, Zenon; Melissos~ 128

d) ~Empedokles, Anaxagoras; Leukippos, Demokritos~ 130

2. ~Platon~ und ~Aristoteles~ 134

a) ~Platon~ 134

b) ~Aristoteles~ 139

3. Die Stoïker 144

4. Die Neupythagoräer und die jüdisch-hellenistische Philosophie: die Neuplatoniker und die Schule von Athen 152

a) Die Neupythagoräer 152

b) Die jüdisch-hellenistische Philosophie 155

c) Die Neuplatoniker. Die Schule von Athen 157

II. +Einflüsse des Orients und des älteren Griechenlands+ 161

1. Einflüsse seitens Babyloniens und Persiens 161

a) Babylon und das Zweistromland 162

b) Persien 172

2. Einflüsse seitens des älteren Ägyptens 176

3. Einflüsse seitens des älteren Griechenlands 185

III. +Das Zeitalter des Hellenismus und Synkretismus+ 189

a) Alexandria (der Schauplatz) 189

b) Die stoïsche Lehre 195

c) Die Astrologie 202

d) Apokryphen und Pseudepigraphen 221

e) ~Hermes~ und die Hermetik 224

f) Die Gnostik 235

g) Der Mithrasdienst 247

h) Die Ssâbier und Mandäer 251

=Dritter Abschnitt: Chemie und Alchemie= 261

1. Die Technik in Ägypten 261

2. Die Entstehung der Alchemie 275

3. Erste Erwähnungen der Chemie und ihres Namens 282

4. Herkunft des Namens Chemie 293

5. Herkunft alchemistischer Begriffe, Vorstellungen, Dogmen und Namen 314

6. Bemerkungen über einige Alchemisten und ihre Schriften 327

a) ~Pseudo-Demokritos~ 327

b) ~Ostanes~ 333

c) Schreiben der ~Isis~ an ~Horos~ 335

d) ~Zosimos~ 337

e) ~Pibêchios~ 339

f) Kunstausdrücke und Anschauungen der griechischen Alchemisten 340

7. Alchemistische Zeichen und Symbole 347

=Vierter Abschnitt: Die Alchemie im Orient= 355

1. Erste arabische Übersetzungen und Schriften 355

a) Buch des ~Krates~ 359

b) Buch des ~Alhabib~ 361

c) Buch des ~Ostanes~ 362

d) Gespräche des ~Markos~ 363

e) ~Dschabir Ibn Hajjan~ 363

2. Die „Schriften der Treuen Brüder“ 369

3. Das „Steinbuch des ~Aristoteles~“ 382

4. Syrische Schriften 388

a) Ältere Schriften 389

b) Jüngere Schriften 391

c) Buch der Erkenntnis der Wahrheit 394

5. Spätere Araber 396

6. Die Alchemie in Indien und Tibet 429

7. Chemie und Alchemie in China 449

=Fünfter Abschnitt: Die Alchemie im Occident= 462

1. Die Alchemie des europäischen Mittelalters bis 1300 462

2. Die Alchemie nach 1300 495

=Sechster Abschnitt (Anhang): Zur älteren Geschichte der Metalle= 517

1. Gold 519

2. Silber 527

3. Elektron 530

4. Kupfer 537

5. Bronze 549

6. Messing 570

7. Blei 574

8. Zinn 577

9. Zink 591

10. Quecksilber 600

11. Eisen 607

12. Antimon 629

=Nachträge=: 1. ~Berthelot~ als Historiker 647

2. Zusätze und Berichtigungen 659

I. Verzeichnis der griechischen Worte und Redensarten 683

II. Verzeichnis der angeführten Schriftsteller und Werke 691

III. Verzeichnis der geographischen, Eigen- und Völker-Namen 708

IV. Sachverzeichnis 718

Verzeichnis der Abkürzungen für die Titel einiger besonders oft angeführten Werke.

Alch.: ~Kopp~, „Die Alchemie in älterer und neuerer Zeit“ (Heidelberg 1886).

A. Med.: „Archiv für Geschichte der Medizin“ (Leipzig 1908 ff.).

A. Nat.: „Archiv für die Geschichte der Naturwissenschaften und der Technik“ (Leipzig 1909 ff.).

Arch.: ~Berthelot~, „Archéologie et histoire des sciences“ (Paris 1906).

A. Rel.: „Archiv für Religionswissenschaft“ (Freiburg 1898 ff.; Leipzig 1904 ff.).

Beitr.: ~Kopp~, „Beiträge zur Geschichte der Chemie“ (Braunschweig 1869 ff.).

Blümner: ~Blümner~, „Technologie und Terminologie der Gewerbe und Künste bei Griechen und Römern“ (Leipzig. 1: 1912; 2: 1879; 3: 1884; 4: 1887).

Coll.: ~Berthelot~, „Collection des anciens alchimistes grecs“ (Paris 1888).

Deussen: ~Deussen~, „Allgemeine Geschichte der Philosophie“ (Leipzig. 1 (1): 1894; 1 (2): 1899; 1 (2): 1908; 2 (1): 1911; 2 (2): 1912; 2 (3): 1917).

Ed. Meyer „Alt.“: ~Eduard Meyer~, „Geschichte des Altertums“ (Stuttgart. 1 (1): 1907; 1 (2): 1909; 2: 1893; 3: 1901; 4: 1901; 5: 1902).

Entw.: ~Kopp~, „Die Entwicklung der Chemie in der neueren Zeit“ (München 1873).

Forrer „R. L.“: ~Forrer~, „Real-Lexikon der prähistorischen, klassischen und frühchristlichen Altertümer“ (Berlin 1907).

Forrer „Urg.“: ~Forrer~, „Urgeschichte des Europäers“ (Stuttgart 1908).

Gesch.: ~Kopp~, „Geschichte der Chemie“ (Braunschweig 1843 ff.).

Gesch.-Blätter: „Geschichtsblätter für Technik, Industrie und Gewerbe“ (Berlin 1914 ff.).

Hoefer: ~Hoefer~, „Historie de la chimie“ (Paris 1866).

Hoops: ~Hoops~, „Real-Lexikon der germanischen Altertumskunde“ (Straßburg 1911 ff.).

Intr.: ~Berthelot~, „Introduction à l’étude de la chimie des anciens et du moyen-âge“ (Paris 1889).

Mâ.: ~Berthelot~, „La chimie au moyen âge“ (Paris 1893)[11].

M. G. M.: „Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften“ (Hamburg und Leipzig 1902 ff.).

Or.: ~Berthelot~, „Les origines de l’alchimie“ (Paris 1885).

PW.: ~Pauly-Wissowa~, „Realenzyklopädie des klassischen Altertums“ (Stuttgart 1894 ff.; die zweite Serie ist mit 1a ff. bezeichnet).

Ro.: ~Roscher~, „Lexikon der griechischen und römischen Mythologie“ (Leipzig 1884 ff.).

Schrader „R. L.“: ~Schrader~, „Real-Lexikon der indogermanischen Altertumskunde“ (Stuttgart 1901).

Schrader „Urg.“: ~Schrader~, „Sprachvergleichung und Urgeschichte“ (Jena 1907).

Zeller: ~Zeller~, „Die Philosophie der Griechen“ (Leipzig. 1: 1892; 2 (1): 1889; 2 (2): 1879; 3 (1): 1909; 3 (2): 1903).

(Zur Ermittlung aller übrigen Titel kann das Verzeichnis der benützten Schriftsteller und Werke dienen; die Seitenzahl des ersten Vorkommens ist in der Regel fett gedruckt.)

Hinweise auf Ergänzungen und Nachträge. Druckfehler.

+Vor+ Benutzung des Buches wolle man an den betreffenden Stellen anmerken, daß +Ergänzungen+ und +Nachträge+ vorhanden sind:

Zu S. 2, 5, 8, 9, 20, 21 auf S. 659 24, 26, 32, 35 „ „ 660 46 „ „ 661 47, 48, 50, 58, 60 „ „ 663 63, 64, 68, 71 „ „ 664 71, 73, 74, 78, 81, 86, 88 „ „ 665 101, 109, 112, 116, 123, 125 „ „ 666 126, 129, 136, 156, 163, 166, 167 „ „ 667 169, 175, 176, 180 „ „ 668 183, 184, 186, 193, 200, 202 „ „ 669 204, 210, 212, 226, 231, 232 „ „ 670 233, 236, 240, 245 „ „ 672 248, 265, 298, 311, 315, 320 „ „ 673 328, 331, 347, 351, 353 „ „ 674 353, 357, 364, 369, 372 „ „ 675 374, 375 „ „ 676 379, 380, 385, 388, 394, 395, 407, 409 „ „ 677 412, 413, 420, 424 „ „ 678 429, 465, 490, 494, 496, 504 „ „ 679 510, 511, 514, 527, 534, 541, 552, 555, 559 „ „ 680 564, 570, 576, 590, 594, 603, 607 „ „ 681 610, 625, 630, 635 „ „ 682

Es bezieht sich ferner auch

auf S. 127 die Ergänzung auf S. 666 129 „ „ „ „ 667 186 „ „ „ „ 666 195 „ „ „ „ 664 200 „ „ „ „ 668 203 „ „ „ „ 672 244 „ „ „ „ 672 255 „ „ „ „ 672 384 „ „ „ „ 665 409 „ „ „ „ 677 415 „ „ „ „ 665 423 „ „ „ „ 677 425 „ „ „ „ 676 436 „ „ „ „ 665

Folgende +Druckfehler+ wolle man +vor+ Gebrauch des Buches berichtigen:

S. 2 Zeile 10 v. u. Bezeichnung, statt Benutzung 2 6 „ erwähnten, „ benutzten 40 21 „ Sand-, „ Sand 43 8 „ Elixir, „ Elixier 73 9 v. o. Saʿdi, „ Sadi 90 16 „ Elixir, „ Elixier 105 22 „ Name, „ Namen 115 9 v. u. Leclercq, „ Leclerq 151 2 „ Anmerkungen Poseidonios, „ Posidonios 158 6 „ „ 300 n. Chr., „ 300 v. Chr. 161 13 v. o. 1120, „ 120 161 17 „ 668, „ 688 176 10 „ verwischten, „ vermischten 224 7 „ , „ . 225 17 v. u. ferner, „ sowie 233 18 v. o. . „ ; 246 5 v. u. trachten, „ streben 247 12 „ . „ ; 256 13 „ Altudschibi, „ Altugibi 258 11 v. o. . „ ; 264 2 v. u., Anmerkungen Alidrisi, „ Edrisi 270 10 „ den, „ dem 333 8 „ Vorbilde, „ Vorblide 355 2 „ Anmerkungen Litteraturen, „ Litteratur 356 19 v. o. Omajjaden, „ Ommajaden 357 15 „ omajjadisch, „ ommajadisch 359 11 v. u. „ „ „ 363 4 „ ausgegeben, „ angegeben 367 7 „ Elixir, „ Elixier 483 11 v. o. omajjadisch, „ ommajadisch 525 14 v. u. mythischen, „ mythologischen 618 11 „ Name, „ Namen 658 5 „ Anmerkungen Thomsen, „ Thomson.

Erster Abschnitt.

Die Überreste der alchemistischen Litteratur.

1. Zur Vorgeschichte der Alchemie: Der Leidener und Stockholmer Papyrus.

Beim Absuchen eines nächst Theben in Ägypten aufgedeckten Gräberfeldes wurden um 1828 eine größere Anzahl griechischer Papyrus-Urkunden gefunden, deren ganz ausgezeichnete Erhaltung vermutlich ihrer Aufbewahrung in dicht verschlossenen Mumiensärgen, vielleicht aber auch in Steingefäßen oder Töpfen, zu danken war. Sie gelangten in Besitz des damaligen schwedisch-norwegischen Vizekonsuls in Alexandrien, ~Johann d’Anastasy~, der die Mehrzahl der Papyri an die holländische Regierung verkaufte und sie in deren Auftrag 1829 der Bibliothek zu Leiden übersandte, einige Stücke aber der „Kgl. Schwedischen Akademie der Altertümer“ in Stockholm zum Geschenk machte, bei der sie im Jahre 1832 eintrafen.

Schon 1830 wurde durch ~Reuvens~ bekannt, daß ein als Nr. X bezeichneter Teil der Leidener Papyri die älteste bisher an das Licht gelangte Sammlung „chemischer Rezepte“ enthalte, doch ließ die ausführliche Veröffentlichung durch ~Leemans~ bis 1885 auf sich warten; aus den bis dahin allein vorliegenden Bruchstücken in der ~Reuvens~schen Ankündigung erschloß bereits 1869 ~Kopp~[12], daß die „Rezepte“ zumeist kurze, anscheinend rein technische, oft nur auszugsweise Vorschriften über Metallbehandlung, Färberei u. dgl. enthielten, deren bedeutsame Ähnlichkeit und Verwandtschaft mit jüngeren, aber zweifellos bereits alchemistischen, unverkennbar sei. ~Berthelot~, der den vollständigen, von ~Leemans~ herausgegebenen Text abdruckte und übersetzte[13], fand diese Ansichten ~Kopps~ (dessen Namen er aber nicht erwähnt) durchaus bestätigt und betonte namentlich auch, daß die „Rezepte“ die den ägyptischen Metall-Arbeitern und -Fälschern geläufigen praktischen Verfahren und technischen Kniffe noch in jener ursprünglichen Gestalt vorführen, die erst späterhin, unter dem Einflusse magischer und mystischer Ideen, in alchemistischem Sinne umgedeutet und umgeformt wurde. Von solchen erweist sich der Text des Papyrus X noch als völlig frei[14], und dies ist um so bemerkenswerter, als +andere+ Teile des Gesamt-Papyrus[15] bereits den Einfluß derartiger Anschauungen erkennen lassen, die zum Teil jenen gewisser religiöser Sekten des 2. und 3. Jahrhunderts nahestehen, wie der gnostischen Markosier und Karpokratianer.

Während der „Leidener Papyrus“, wie er der Kürze wegen genannt sei, auf diese Weise, freilich erst ein gutes halbes Jahrhundert nach seiner Auffindung, zur öffentlichen Kenntnis gelangte, blieb der „Stockholmer Papyrus“, dessen Vorhandensein völlig in Vergessenheit geraten war, noch fast weitere 25 Jahre unbeachtet stehen; erst 1906 führte ein Zufall zu seiner zweiten Entdeckung, und 1913 endlich erfolgte die Herausgabe des griechischen Textes nebst Übersetzung und Kommentar durch ~Lagercrantz~ in Upsala[16].

Anscheinend sind +beide+ Papyri Teile eines einzigen Grabfundes[17], jedenfalls aber dürfen sie als „Zwillingsbrüder“ angesehen werden, da sie äußerlich wie innerlich vollständig, und oft bis in die kleinsten Einzelheiten, übereinstimmen[18]. Sie zeigen die nämliche, sehr schöne und deutliche Schrift, die nach ~Reuvens~ und ~Leemans~ dem 3. Jahrhunderte n. Chr. entstammt[19], sie liegen nicht in Gestalt von Rollen (τόμος, tómos) vor, sondern als tadellos erhaltene und laut Nummerierung vollständige Codices, -- welche Form für Papyrus vielleicht im 1. Jahrhundert aufzutreten beginnt, sicher aber erst vom 3. an nachweisbar ist[20] --, und besitzen endlich auch ein Format, das als charakteristisch für die nämliche Zeit gilt[21].

Ihr Inhalt spiegelt die Erfahrungen zahlreicher Generationen wieder, und zwar auf Grund mannigfach verzweigter, in fast allem Wesentlichen jedenfalls unübersehbar weit hinter die Anfänge unserer Zeitrechnung zurückreichender Überlieferungen; der Redaktor hat aus verschiedenen Vorlagen geschöpft, und Fehler, Versehen und Wiederholungen, die teils ihm, teils aber auch dem Abschreiber unterlaufen sind, bezeugen die Art der bei der Zusammenstellung (meist recht geschickt) ausgeübten Tätigkeit[22]. Auch die nachträglich[23] beigefügten Überschriften und die oft wiederkehrende Bezeichnung „ἄλλο“ (anders) weisen auf einen Ordner hin, der die mannigfaltigen Angaben der Quellen zu vereinigen sucht[24]; +einer+ solchen entstammen z. B. sämtliche das Silber nebst Zubehör betreffenden Vorschriften, die zwar beide Papyri, jedoch nicht in der gleichen Reihenfolge, enthalten[25]. Die erwähnten Vorlagen waren wohl Rollen[26], die dem praktischen Gebrauche dienten; die beiden Papyrus-Codices sind dagegen offenbar Luxusabschriften, deren Ausstattung ihrem Zwecke, nämlich der Benutzung als Totenbeigaben, entsprach.

Die Rezepte, die oft nur wenige Zeilen, oft aber auch längere Absätze umfassen, sind teils ausführliche, teils nur abgekürzte; die ersteren enthalten entweder eine Beschreibung (γραφή, Graphé) oder eine befehlende Anweisung (τάξις, Táxis), die letzteren hingegen beschränken sich auf Angabe der zu benutzenden Stoffe, während die Art der Anwendung dem Ausübenden entweder schon bekannt sein muß, oder ihm nur mündlich mitgeteilt wird[27], -- denn die ehemalige Annahme, derlei Überlieferungen seien auf Säulen und Stelen der Tempel aufgezeichnet worden, ist unbestätigt geblieben und unhaltbar. Die Niederschriften tragen daher in mancher Hinsicht, wie ~Berthelot~ sagt, den Charakter eines „Aide-Mémoire“, also eines Notizenheftes, das nur einzelne, dem Schreiber besonders wichtig erscheinende Punkte der Verfahren genauer angibt, andere aber, als minder belangreiche oder ohnehin geläufige, teils nur streift, teils völlig übergeht. Die ägyptischen Goldschmiede und Kunsthandwerker, deren geschmackvoll entworfene und herrlich ausgeführte Arbeiten noch heute die Bewunderung aller Museumsbesucher erregen, hatten offenbar derlei „Praktiken“ im Laufe langer Jahrhunderte allmählich zu hoher Vollendung ausgebildet und in Form ganz bestimmter Vorschriften festgelegt, die sie, wie das zu ihren und auch zu späteren Zeiten allgemeiner Brauch war, als Zunftgeheimnisse hüteten. Wie frühzeitig man mit Machenschaften nahe verwandter Art auch schon außerhalb Ägyptens vertraut war, beweisen einige bezeichnende Stellen der antiken Litteratur; so z. B. sagt bereits ~Aristoteles~, daß so Manches wie Silber oder Gold aussehe, was nur aus Zinn oder Lithargyrina (wohl einer silberfarbigen Legierung) bestehe, oder bloß mittels „Gallenfarbe“ (χολοβαφίνη, Cholobaphíne) gelb gefärbt sei, und daß, wer es wirklich für Silber oder Gold halte, dem Manne gleiche, dem ein Trugschluß als Wahrheit erscheint[28]. In der Tat lassen sich, wie u. a. schon ~Salmasius~ (~Saumaise~, 1588-1653), der ausgezeichnete Kenner der antiken Literatur und der handschriftlichen Schätze der Pariser Bibliothek, richtig bemerkte, die Handgriffe fast aller älteren und neueren „Gold- oder Silber-Macher“ im wesentlichen auf dreierlei Arten von „Künsten“ zurückführen, nämlich 1. auf Veränderung der oberflächlichen Färbung unedler Metalle durch passende Chemikalien, oder Überziehen +solcher+ Metalle mit dünnen Schichten +edler+, zwecks Vortäuschung massiven Goldes und Silbers durch schwache Vergoldung oder Versilberung, 2. auf Ersatz dieser letzteren durch Firnisse und Anstriche von entsprechendem Metallglanze, 3. auf Herstellung von Legierungen gold- oder silberähnlichen Aussehens; alle diese Arten finden sich auch im Leidener und Stockholmer Papyrus vertreten.

Was den näheren Inhalt der Rezepte betrifft, so beschäftigen sich die des Leidener Papyrus (etwas über hundert an der Zahl) ganz vorwiegend mit der Behandlung der Edelmetalle, vor allem aber mit deren Nachahmung und Verfälschung; von den 152 Rezepten des Stockholmer Papyrus beziehen sich hingegen auf Metalle nur 9, während 73 über Edelsteine und Perlen[29] berichten, und 70 über Färberei, namentlich Purpurfärberei[30]. Die beiden Papyri ergänzen sich daher in außerordentlich willkommener Weise.

I. Leidener Papyrus.

Legierungen verschiedenster Art, deren Herstellung durch ποίησις (Poíesis, Zubereitung) oder κρᾶσις (Krásis, Vermischung) geschieht, und die demgemäß κρᾶμμα (Krámma, Gemischtes) oder σκεύασμα (Skeúasma, Zurechtgemachtes) heißen[31], erteilt der Leidener Papyrus sehr allgemein auch den Namen ἄσημον (Asemon). +Asem+ ist, wie zuerst ~Lepsius~ in seiner grundlegenden Abhandlung „Die Metalle in den ägyptischen Inschriften“ nachwies[32], bei den alten Ägyptern als „Asemu“ der einheimische Name eines den Griechen (z. B. schon ~Homer~) als +Elektron+ bekannten Metalles, richtiger metallischen Gemisches, nämlich einer Silber-Gold-Legierung; sie findet sich als solche in der Natur vor, wurde aber lange Zeiten hindurch auch künstlich dargestellt, erstens weil sie weniger weich und daher leichter zu bearbeiten ist als reines Gold, und zweitens weil ihr Silbergehalt dem Golde einen eigentümlich schönen, weißlichen Glanz verleiht, der außerordentlich geschätzt und beliebt war[33]. ~Berthelot~ glaubt, das ägyptische Wort Asem sei schon frühzeitig mit dem zufällig gleichklingenden griechischen ἄσημον (Asemon) identifiziert worden, das, auf Edelmetalle angewandt, sie als „Unbezeichnete“ (der Angabe ihres Feingehaltes Ermangelnde?) einer minderwertigen Klasse zugewiesen haben soll; hieraus erkläre es sich, daß die neugriechische Bedeutung von ἄσημον, d. i. Silber, zuweilen schon in älteren Schriften auftauche, und so auch, besonders im Sinne silberähnlicher Legierungen, in der vorliegenden[34]. Da aber in dieser „Asem“ außer den silbergleichen auch eine große Anzahl ganz anderer und völlig verschiedener Gemische benennt und sich demnach als sehr vieldeutiger Ausdruck erweist, muß die Richtigkeit der ~Berthelot~schen Vermutung schon aus diesem Grunde dahingestellt bleiben.

Von den etwa hundert Rezepten des Leidener Papyrus behandelt nicht weniger als etwa der vierte Teil allein die Darstellung von Asem, die ποίησις oder κρᾶσις ἀσήμου[35], die also offenbar praktisch besonders wichtig und daher (nach ~Berthelots~ Meinung) auch für die spätere Anknüpfung theoretischer Vorstellungen sehr bedeutsam war. Mischungen, die zur Bereitung des Asems dienen, enthalten [neben allerlei sonstigen als Reduktions- oder Fluß-Mittel wirksamen Zusätzen] u. a. folgende Hauptbestandteile: 1. Zinn und Quecksilber[36]; 2. Zinn und galatisches Kupfer (γαλατικός), d. i. Kupfer aus der Landschaft Galatia in Kleinasien, und nicht (wie ~Berthelot~ glaubt) gallisches[37]; 3. Zinn, Kupfer, und Silber; als Flußmittel benützt man nach Bedarf κουφόλιθος [Kuphólithos = leichter oder lockerer Stein, an dieser Stelle ein nicht näher angebbares Mineral, sonst oft Talk, Selenit, Gips[38], oder dgl.], und erhält so ein Produkt, „das besser ist als das natürliche“[39]; 4. Zinn, Blei, λιθάργυρος [Lithárgyros, hier nicht, wie sonst oft, Bleiglätte, sondern ein Erz oder Präparat von Silberglanz], und καθμεία [Kadmía, unreines Zinkoxyd[40] oder ein zinkhaltiges Gestein, -- denn metallisches Zink blieb dem Altertum und Mittelalter unbekannt][41]; 5. Orichálcum [ὠρείχαλκον, eine kupferhaltige Masse, vielleicht Messing] und σανδαράκη λευκοθιζούση, weißgemachtes Sandarach [d. i. das als Mineral Realgar vorkommende rote Schwefelarsen, durch Rösten zum Teil übergeführt in weiße Arsenigsäure, die Kupfer unter Entstehung einer silberglänzenden Kupfer-Arsen-Legierung weiß färbt][42]; sie werden vorsichtig mit Salz und Alaun zusammengeschmolzen[43].

Die so erhaltenen, weißlichen, gelblichen, oder rötlichen Amalgame und Legierungen müssen für viele Zwecke noch zu hochwertig gewesen sein; man suchte daher ihre Masse durch reichliche weitere Beimischung der billigeren Bestandteile zu vermehren und bezeichnete derlei Kunstgriffe mit den harmlos klingenden Namen δίπλωσις (+Díplosis+, +Verdopplung+) und τρίπλωσις (+Tríplosis+, +Verdreifachung+). Als solche „anreichernde“ Zusätze zum fertigen Asem werden u. a. empfohlen: 1. Viel Kupfer, entweder gewöhnliches cyprisches[44], oder vorgereinigtes (προκεκαθαρμένον, z. B. mit Essig, Alaun, und Salz affiniertes), das eine besonders schöne Goldfarbe ergibt[45]; 2. Kupfer und Zinn, die man nebst Pech (πίσση) und Asphalt (ἄσφαλτος) verschmilzt[46]; fügt man dann, je nach Befund, noch einiges weitere Asem hinzu, so erhält man πρῶτον ἄσημον, „Prima-Asem“, dessen Beschaffenheit selbst den τεχνῖτης (Techniker, Werkmeister) täuscht[47]; 3. Cyprisches Kupfer, Zinn, und Quecksilber; man kann auch noch μαγνησία oder μαγνήσις beifügen[48], d. i. Magnesia, -- unter welchem vieldeutigen Worte hier eine Legierung von hellweißer Farbe zu verstehen sein dürfte --, und nachher mit Kupholith glänzend putzen[49]; 4. Vorgereinigtes cyprisches Kupfer, goldgelbe Bleiglätte, und Bleiweiß; beim vorsichtigen Schmelzen ergibt dieses Gemisch, dessen Rezept von ~Phimenes~ aus Saïs herrührt, „ächt ägyptisches“ Asem[50]. Hat man seinen Vorrat an Asem zum Teil aufgearbeitet, so kann man ihn stets wieder ergänzen, indem man dem Überreste neue Mengen der Bestandteile beifügt, oder auch nur immer mehr des billigsten hinzurührt, nämlich des Kupfers[51]; ein solches Gemenge heißt μάζα (Máza) ἀνέκλειπτος, „unerschöpfliche Masse“. -- Es sei schon an dieser Stelle hervorgehoben, daß, entgegen ~Berthelot~[52] und ~Riess~[53], der Wortlaut dieser Vorschrift keinerlei mystischen Sinn oder Nebensinn erkennen läßt, vielmehr rein technischen Inhaltes ist: die Masse wird eben durch entsprechende Zusätze immer aufs neue ergänzt, selbstverständlich auf Kosten ihrer Beschaffenheit, und zwar so oft und so lange, als sie sich noch halbwegs verwertbar erweist. Erst eine +viel spätere+ Zeit verknüpfte das für „Masse“ gebrauchte Wort +Máza+ (μάζα, μᾶζα), das u. a. den Brotteig bezeichnet, auch den in Gärung versetzten, sich durch Aufschwellen anscheinend immerfort vermehrenden, mit einer schon bei ~Aristoteles~ zu findenden Andeutung[54], und setzte hiernach die Einwirkung einer kleinen Menge Hefe auf eine große Masse von Teig in Parallele mit jener einer kleinen Menge eigentlichen Asems auf eine große Masse von Beimengungen; das Asem glich dann einem +Ferment+, und mit dieser Anschauungsweise schien es in Einklang, daß die (meist spärlichen und unklaren) quantitativen Angaben der erwähnten Vorschriften die in Frage kommenden Zusätze fertigen Asems nur recht gering bemessen, oft nur auf ein Achtel der Gesamtmenge[55].

Schon weiter oben wurde darauf hingewiesen, daß „Asem“ auch ganz andere Gemische bezeichnen kann als die den Edelmetallen ähnlichen; ein solches gewann man z. B. durch vorsichtiges Erhitzen von Asem, Blei, und reinem Schwefel (θεῖον ἄπυρον, natürlichem, noch nicht umgeschmolzenem Schwefel), und es bildete nach dem Erkalten und Zerkleinern eine „nicht rostende“ Masse, schwarz wie ὀψειανόν (Obsidian), die zu eingelegten Arbeiten nach Art des Niello diente [nigellum = das Schwarze], und jedenfalls aus den Sulfiden der verschiedenen Metalle bestand[56]; der Färbung nach glich ihr die ἀσήμου γράφη, Asem-Schreib- oder Zeichen-Masse, die u. a. χάλκανθος [Chálkanthos, unreinen kupfer- und eisenhaltigen Vitriol], Schwefel und Essig enthielt[57].

Auch über einige einzelne Metalle, ihre Prüfung, Verarbeitung und Verwertung macht der Leidener Papyrus wichtige Angaben:

+Zinn+ wird untersucht, indem man es schmilzt und auf χάρτη (Kárte aus Papyrus, ein Stück Papyrus) ausgießt; zeigt sich diese verkohlt oder angebrannt, so war das Zinn mit Blei verfälscht[58].

+Kupfer+ wird glänzend geputzt mittels einer Poliermasse (σμῆξις), die aus dem ausgekochten Safte von Rüben (σευτλία) besteht[59]. Seine „+Weißung+“ (λεύκωσις, Leúkosis), die es „+gleich Silber macht+“, erfolgt entweder durch vorsichtiges Verschmelzen mit etwas Sandarach [rotem Schwefelarsen, Realgar], das eine hellglänzende, als Zusatz zu feinem Asem sehr brauchbare Masse ergibt[60], oder mit Hilfe eines Amalgams, das man aus Zinn und Quecksilber bereitet, allenfalls unter Zugabe von Bleiweiß (ψημιθεῖον, ψημίθιον) und χρυσόκολλα (Chrysokolla)[61]. Chrysokolla, wörtlich „Goldloth“, bezeichnete ursprünglich wirklich ein zum Löten des Goldes dienliches Präparat, z. B. Kupferkarbonat, -- das in Form des Malachits sowie verwandter Minerale in der Natur vorkommt und beim Erhitzen mit etwas Kohle in Kohlensäure und (die Lötung bewirkendes) Kupfer zerfällt --, später aber auch eine große Anzahl oft kaum bestimmt zu kennzeichnender Gesteine oder Gemische, im Leidener Papyrus u. a. auch ein solches aus ⅐ Gold, ²⁄₇ Asem, und ⁴⁄₇ cyprischen Kupfers[62]. Zur „+Gilbung+“ des Kupfers, die es „+gleich Gold macht+“, so daß es „wie Gold aussieht“ (χρυσοφανής), „die Phantasie (τὴν φαντασίαν) und den Anschein des Goldes erregt“, und auch „den Probierstein einigermaßen aushält“, bedient man sich verschiedener Überzüge oder Firnisse[63]. Man bestreicht z. B. kupferne Ringe mit Gummi, bestreut sie mit feinem Pulver aus Gold- und Blei-Staub, glüht sie gelinde, wobei das Blei verschwindet [durch Oxydation], das Gold aber zurückbleibt, und wiederholt dies einige Male[64]. Auf kaltem Wege erzielt man ein ähnliches Ergebnis mittels feiner Pulver aus der Legierung Chrysokolla (s. oben)[65], aus blättrigem goldfarbigen Arsen ἀρσενικὸν χρυσίζον σχιστόν, d. i. das als Mineral Auripigment vorkommende gelbe Schwefelarsen)[66], aus Misy [hier wohl goldglänzender Schwefelkies] oder Chelidonion [ein, an Farbe dem gelben Safte der Pflanze Chelidonion oder Elydrion, d. i. Schöllkraut, gleichendes Präparat] usf.[67]; unter Umständen setzte man auch gelbe Ziegengalle zu, ferner Quecksilber, χαλκῖτις (Chalkítis, unreinen Vitriol) und Alaun, und gebraucht zum Verdünnen den Harn kleiner Kinder, als Klebemittel aber arabischen Gummi, Traganthgummi, oder die eingedickten Auszüge gewisser Pflanzen-Marke und -Samen, z. B. derer von Arum und Kümmel[68].

+Silber+ prüft man durch Besichtigung der Schmelze, die rein weiß und ziemlich weich sein muß; Zusatz von Blei verrät sich durch schwärzliche Färbung, Zusatz von Kupfer durch gelbliche, sowie durch zu große Härte; eine genauere Probe läßt sich durch Erhitzen mit Blei im κάμινος (Kamin, Kapelle) vornehmen [d. i. eine unvollkommene Kuppelation][69]. -- Zwecks +Diplosis+ (Verdopplung) schmilzt man 4 Teile Silber mit 3 Teilen Zinn zusammen, wobei die Legierung (κρᾶσις) „zu Silber wird“[70]; um ihren Glanz zu entfalten, putzt man mit Rübensaft, oder mit etwas feuchter στυπτηρία (Styptería, Alaun)[71]. -- Zur Herstellung von +Silberschrift+ ἀργυρογραφία, Argyrographie) dient ein Gemisch aus dem silberglänzenden Lithargyros (s. oben), Taubenkot [?, jedenfalls ein Deckname] und Essig[72].

Um +Gold+ zu erproben, schmilzt man es, wobei es rein gelb und von richtiger Härte erscheinen muß; ein Gehalt an Silber bewirkt weißliche Farbe, einer an Blei schwärzliche und zu große Weichheit, einer an Kupfer oder Zink rötliche und zu große Härte[73]. Die +Darstellung+ (ποίησις Poíesis) von Gold geschieht durch Zusammenschmelzen von Asem und cyprischem Kupfer mit Gold[74]. Zur +Diplosis+ vermischt oder verschmilzt man das Gold, je nach dem Zwecke der nachherigen Verwendung, mit verschiedenen Zusätzen[75], die es schwerer und oft auch härter machen, und seine Vermehrung (πλεονασμός, Pleonasmós, Multiplicatio) bewirken[76]; zu diesen gehören: Kadmia aus Galatien oder Thracien (s. oben); Misy [d. i. meist, ebenso wie das verwandte Sory, ein Gemenge von Schwefelkies oder Pyrit mit den Produkten seiner allmählichen Oxydation, u. a. Kupfersulfat, basischen Eisensulfaten, u. dgl.][77]; Sinopis [ursprünglich Rötel aus Sinope, oft aber auch anderes „Rotes“, z. B. Roteisenstein, Zinnober, Minium d. i. Mennige], usf. Diplosis erfolgt auch beim Behandeln einer Mischung aus Gold, Silber, Asem, Quecksilber, gelbem Arsen [Auripigment], Kyanos [blaues Mineral, vielleicht Kupferlasur], Chalkitis, sowie Salz mit θείον ὔδωρ (theíon Hýdor)[78]. Letzteres Präparat, das +hier+ einfach „schwefliges Wasser“, d. h. eine aus Schwefel oder mittels Schwefel dargestellte Lösung oder Schmelze bedeutet, und dessen Namen man erst in +viel späterer+ Zeit, gemäß dem Doppelsinne von θεῖον (theion = Schwefel, und auch = göttlich), als Anspielung auf ein „göttliches Wasser“ ansah, wurde, ganz so wie das schon dem ~Plinius~ bekannte Schwefelalkali [sog. Schwefelleber], durch Erhitzen von Schwefel mit Kalk dargestellt, wobei eine feste, gelbliche bis dunkelrote Schmelze, oder, in Gegenwart von Harn, starkem Essig, u. dgl., eine blutrote Lösung entstand; da deren wesentlicher Bestandteil, ein Gemenge von Kalzium-Polysulfiden, +gelöst+ viele Metalle ausfällt und verschiedentlich färbt, +trocken+ sie aber sämtlich stark angreift, bis zu gewissem Grade selbst das Gold[79], so war dieses so äußerst kräftige „+schweflige Wasser+“ ein höchst wichtiges, auf das Vielfältigste angewandtes Reagens, über dessen Wirksamkeit im Einzelfalle die Beschreibungen allerdings nur selten genügende Klarheit verbreiten. -- Zur +Vergoldung+ (χρύσωσις, Chrýsosis) bestreicht man, falls sie „Probe-haltend“ sein soll[80], das Metall, z. B. Silber oder Kupfer, mit einer wachsdicken Lösung von Gold in Quecksilber, erhitzt gelinde, bis das Amalgam befestigt (fixiert) ist, πάγηται, wiederholt dies vier- bis fünfmal, und poliert schließlich sorgfältig mit einem feinen Leinen, wozu u. a. ein Mittel (φάρμακον, Phármakon) aus Misy, Alaun, Salz, und Essig sehr dienlich ist[81]. Für weniger haltbare Vergoldungen genügt wiederholtes Auftragen dünnerer bis wachsdicker Firnisse, die feine Pulver von Zinnober, Sandarach, kimolischem Rötel, Misy, Chelidonium, u. dgl., sowie nach Bedarf Essig, Alaun, Kinderharn, usf. enthalten[82]. Zahlreiche Rezepte über +Goldschrift+ (χρυσογραφία, Chrysographie) lassen ersehen, daß diese in sehr allgemeinem und mannigfaltigem Gebrauche stand. Soll sie „echt“ sein, so schwemmt man Gold-Flitter und -Blättchen (πέταλα) oder Goldamalgam mit Gummilösung auf[83]; weniger echt sind dicke Massen, bestehend aus dem feinen Pulver einer Gold-Blei-Legierung, Nitron [unreiner natürlicher Soda], Alaun, und stärkstem Essig, ὄξος δριμύ[84], aus goldfarbiger Bleiglätte und Alaun[85], aus Chrysokolla und Essig[86], oder gar nur aus gelbem Schwefel, Alaun und Gummi[87]; noch unbeständiger erweisen sich Gemenge von gelbem κνήκου [nach einigen Safran, nach anderen eine Art Carthamus, Safflor], gelber Galle der Kälber oder Schildkröten, weißem Gummi und Eiweiß[88]. Mischungen sehr verwickelter Art, mit denen sich aber gleich gut auf Papyrus (ἐπὶ χάρτου, Karte), auf Pergament (ἐπὶ διφθέρας, Diphthéra = Haut) und auf Marmor schreiben läßt, enthalten goldfarbiges Asem (χρυσίζον), Glaspulver (gelbes?), Safran, Chelidonium, Schildkrötengalle, Harz (ῥητίνη), Gummi und Eiweiß[89]; nach dem Antrocknen glättet und poliert man sie mittels eines passenden Tierzahnes (ὀδοντίζειν)[90].

Sehr bemerkenswert ist es, daß der Leidener Papyrus Vorschriften, die denen betreff der +Edelmetalle+ ganz analog sind, auch hinsichtlich der kostbaren und seit altersher hochgeschätzten Luxus-+Farbstoffe+ enthält, z. B. über „Machen“ (ποίησις, Poíesis) des Purpurs, -- unter welchem Namen aber +weit zahlreichere+ und +verschiedenere+ Farbentöne zusammengefaßt werden als +heutzutage+ --, über Nachahmung der purpurroten Farbbrühe oder Tinktur (πορφύρου βαφή, Baphé)[91] und über Vortäuschen der Purpurfarbe aus Schnecken (χρῶμα κογχυλίων, Farbstoff der Conchylien) mittels eines „Purpurs“; erhalten wird dieser bald aus ἄγχουσα [Anchusa, d. i. sog. Alkanna aus der Wurzel der Anchusa tinctoria, verschieden von der echten orientalischen Alkanna oder Hennah aus den Blättern und Wurzeln der Lawsonia inermis], bald aus φῦκος [Phykos, Fucus, z. B. Orseille u. dgl., aus Algen und Flechten], bald aus anderen nicht näher bestimmbaren Pflanzenstoffen (πεδερώτινον, λεοντική)[92], und in gröberer Weise selbst aus eisenhaltigen Substanzen und Essig [d. i. aus roten Eisenacetaten][93]. Ferner gibt es, sowie bei Gold und Silber, auch bei Purpur eine ἄνεσις (Anesis = Verdünnung, Verlängerung), zu der passende rote Pflanzensäfte dienen, u. a. neben den oben angeführten auch Saft gewisser Obstfrüchte oder roter Rüben[94]. -- Die Rezepte zur +Anwendung+ der Farbstoffe sind zumeist leider so unvollständig und entstellt, daß sie nur wenigen Anhalt zur Beurteilung der Färberei (βαφή) geben, die bekanntlich in Ägypten seit jeher auf sehr hoher Stufe stand. Als Bestandteile der (zumeist roten) Farbbrühen[95], -- oft αἷμα (Haíma, Blut) genannt --, und der φάρμακα στυπτικά (styptische Pharmaka, Beizen)[96] werden u. a. angeführt: Galläpfel, gerbstoffhaltige Samen und Rinden (z. B. Granatrinde)[97], Harn von Schafen und Kamelen[98], Seifenwurzel[99], ἄσβεστος (Asbestos = Kalk)[100], Weinstein[101], Alaun[102], μελαντηρία (Melantería, ein unreiner dunkelfarbiger Vitriol)[103], und Chálkanthos (Vitriol), dieser auch κεκαυμένος, d. i. gebrannt, calciniert[104]. Neben Salz aus Kappadocien in Kleinasien und aus der Oase Ammon[105], sowie Nitron, Nitron von Berenike (in Ägypten) und Aphronitron (Schaumnitron)[106], sind dies die Chemikalien, die der Leidener Papyrus mit am häufigsten nennt; ihr Zusatz wird gewöhnlich mit dem (auch bei Arzneibereitungen üblichen) Worte anbefohlen, ἐπίβαλε, oder ἐπίβαλλε, d. h. „wirf sie hinein“, „projiziere sie“[107].

Außer den bisher besprochenen rund hundert Absätzen enthält der Leidener Papyrus noch zehn weitere, die der gegen 75 n. Chr. verfaßten Heilmittellehre des ~Dioskurides~ entnommen sind[108], was nach ~Kopp~[109] schon um 1830 ~Reuvens~ in Leiden feststellte. Sie betreffen die Substanzen Alaun, Auripigment, Chrysokolla, Kadmia, Misy, Nitron, Quecksilber, Realgar, Sinopis und Zinnober, und zeigen, daß der benützte ~Dioskurides~-Text frei von manchen, anscheinend erst später erfolgten Einschiebungen war; im Artikel über Quecksilber, das durch Kondensation seiner αἰθάλη (Aithále = Dunst, Rauch, Ruß) am ἄμβιξ (Ambix), dem Deckel des sehr unvollkommenen Destillations- oder richtiger Sublimations-Apparates, gewonnen wurde, fehlt z. B. der sinnwidrige Zusatz, daß dieser Körper, außer in Gefäßen aus Glas, auch in solchen aus Blei, Zinn, oder Silber aufbewahrt werden könne, und ebenso die (fälschlich oft in alchemistischem Sinne gedeutete) Bemerkung, er werde ἐν μετάλλοις (in den Bergwerken, +nicht+ in den Metallen!) gefunden[110].

In einem der Rezepte[111], das die Herstellung von Asem behandelt, sind die Namen für Gold und Silber nicht ausgeschrieben, sondern durch die Zeichen [Symbol] und ☾ der Sonne und des Mondes ersetzt, was nach ~Berthelot~ das älteste bisher bekannte Beispiel solcher Art ist[112]. -- Für +andere+, in der nämlichen Vorschrift genannte Metalle, z. B. Quecksilber, sind +keine+ Symbole gebraucht; auch bleibt es natürlich dahingestellt, ob sich deren schon die älteren Vorlagen des Leidener Papyrus bedienten, oder ob sie erst der letzte, im 3. Jahrhundert tätige Abschreiber, einer zu seiner Zeit bereits herrschenden Gewohnheit gemäß, gelegentlich einfügte.

II. Stockholmer Papyrus.

Nach ~Diels~[113] ist die Ausgabe dieser „Inkunabel der Chemie“ durch ~Lagercrantz~ als eine ganz ausgezeichnete anzuerkennen; indessen bemerkt dieser selbst[114], seine Bearbeitung sei „eine rein philologische, .... da technische Kenntnisse ihm fehlten“. Dies ist nun freilich keineswegs wörtlich zu nehmen, vielmehr hat ~Lagercrantz~ mit größtem Eifer sehr mannigfaltige, dem Philologen sonst recht fernliegende Hilfsmittel herangezogen und daher bei den Übersetzungen und Erklärungen zumeist das Richtige getroffen; da er aber wohl keine Gelegenheit hatte, sich mit einem in der alchemistischen Litteratur etwas belesenen Chemiker zu beraten, so sind doch mancherlei Irrtümer und Mißverständnisse untergelaufen[115]. Namentlich scheint es, wenn man aus dem Fehlen jeglicher Andeutung schließen darf, ~Lagercrantz~ entgangen zu sein, daß die Namen der vorgeschriebenen Präparate und verlangten Zusätze in vielen Fällen nicht buchstäblich zu nehmen sind, sondern sog. Decknamen vorstellen oder doch vorstellen können: in dieser Hinsicht ist daran zu erinnern, daß bis in sehr späte Zeiten hinein die größte und oft einzige Einnahme der Ärzte und Kurpfuscher darin bestand, daß sie die vorgeschriebenen Arzneien selbst bereiteten und verkauften, und daß sie daher alle Ursache hatten, die benutzten Zutaten vor ihren Abnehmern und Konkurrenten verborgen zu halten. So entstanden schon frühzeitig zahlreiche Schein- und Decknamen (bereits aus den Anfängen der ptolemäischen Zeit sind genaue Listen erhalten), und solcher bedienten sich auch die Chemiker, die anfänglich mit den Ärzten und Priesterärzten identisch, späterhin deren Nachfolger waren. Geben daher die Vorschriften der Rezepte ihrem Wortlaute nach keinerlei chemischen Sinn, und liegt ihnen auch kein bloßer Aberglaube zugrunde, so wird man in der Regel an einen Decknamen zu denken haben, dessen Enträtselung allerdings oft gar nicht, oft nur durch Zufall gelingt: gäbe z. B. nicht der Papyrus selbst an, daß man mit ἄνθραξ (Anthrax) auch den Indigo aus Waid (Isatis tinctoria) benenne[116], und mit „Knoblauch“ die (dessen Zwiebeln oder sog. „Zehen“ gleichenden) Bällchen menschlicher Faeces[117], und wüßte man nicht aus medizinischen Quellen, daß z. B. „Blut der Taube“ in der Regel Mennige (Minium), zuweilen auch Zinnober bedeutet, so könnte man dies wohl schwerlich ohne weiteres erraten. Benennungen dieser Art sind in Parallele zu stellen mit den zahlreichen, in nicht geringem Umfange bis auf den heutigen Tag erhaltenen, und zum Teil volkstümlichen der Botanik, Mineralogie und Pharmazie; wie sehr in die Irre geriete ein später Nachkomme, der z. B., derlei Vorlagen nach, für vorgeschrieben erachtete „Rauch der Erde“, „Tau des Mehles“, „Milch des Wolfes“, „Schaum des Meeres“, „Auge der Katze“, „Blut des Drachens“, „Manna der Metalle“ usw., während tatsächlich Erdrauch (Fumaria officinalis), Mehltau, Wolfsmilch (Tithymallos), Meerschaum (das Magnesiumsilicat), Katzenauge (der Edelstein), Drachenblut (das Harz), Calomel („süßes“ Quecksilberchlorür) gemeint sind.

Im folgenden[118] sollen zunächst die Angaben des Stockholmer Papyrus über die Metalle erörtert werden, sodann die über Edelsteine und Perlen (die schon ~Theophrast~, der Schüler und Nachfolger des ~Aristoteles~, in seiner Abhandlung über die Mineralien zu den Edelsteinen zählt), und schließlich die über Farbstoffe und Färberei; angesichts der völligen Neuheit +dieses+ Papyrus ist hierbei eine etwas größere Ausführlichkeit gerechtfertigt.

a) +Metalle.+ Die wenigen auf Metalle bezüglichen Vorschriften, die (gleich allen anderen) zumeist, jedoch nicht immer, auch die +Mengen+ der Bestandteile und Zusätze angeben, betreffen fast allein das +Silber+, für das aber die Bezeichnung „Asem“ in +diesem+ Papyrus +nicht+ vorkommt[119].

Zur „Herstellung“ von Silber (ἀργύρου ποίησις) reinigt man in Bleche oder Platten geformtes cyprisches Kupfer durch mehrtägiges Beizen mit Essig der Färber (ὄξει βαφικῷ) und Alaun (στυπτηρία)[120] sowie durch Putzen mit Erde von Chios, Salz aus Kappadocien, und schieferigem Alaun (σχιστή), und gießt es dann unter Beigabe einer gewissen Menge echten probehaltigen (δόκιμον) Silbers, das die Legierung „unvergänglich“ (ἀνεξάλειπτον) macht[121]. Statt dessen kann man auch ἅνθραξ (Anthrax) der Kupferschmiede [d. i. hier offenbar Glanzkupfer] erst in Essig und sodann in Alaunlösung beizen, hiervon 1 Teil mit 1 Teil Silber und 8 Teilen Quecksilber „in eins (εἰς ἑν) machen“ [d. h. legieren] und die Schmelze (βῶλος, wörtlich Klumpen) in einem kupfernen Gefäß mit Harn einer Schwangeren und Eisenfeile behandeln; diese Vereinigung gleicher Gewichtsmengen (Kupfer und Silber) ergibt eine, das natürliche wahre Silber vortäuschende ἀμαύρωσις (Amaúrosis) = Scheinbildung, Blende[122]. Endlich kann man auch von jenem reinen Zinn ausgehen, das die westlichen Iberer [Keltiberer?], die es gewinnen, und auch die Römer „Bulla“ benennen[123], und das man zunächst noch 4-5mal umschmilzt, und zwar unter Zugabe von „Öl“ und Asphalt, [die beim Schmelzen obenauf schwimmen und die Oxydation verhindern sollen]; aus 6 Teilen des sauber gereinigten Metalles nebst 1 Teil blanken (λευκοῦ) Kupfers aus Galatien [in Kleinasien], oder aus 6 Teilen dieses Zinns nebst 7 Teilen galatischen Kupfers und 4 Teilen Silbers erhält man ein zur Verarbeitung trefflich geeignetes ἀργύρωμα = „Arbeitssilber“, ein ἄργυρος ὁ πρῶτος = „Prima Silber“, das selbst die τεχνῖται [Technítai, Techniker, Werkmeister] täuscht[124].

Zur Diplosis (πλασιασμός = Vermehrung) des Silbers bedient man sich verschiedener Verfahren[125]. Das eine besteht im Vermischen mit sechsmal umgeschmolzenem cyprischem Kupfer, das man mit ἁλοσάχνη = Salzschaum[126] blank putzt und einwirft (ἐπίβαλε). Bei einem anderen verschmilzt man das Silber mit Kupfer, dessen πέταλα (Pétala, Blätter, Platten) mit ἅλμη (Salzwasser) behandelt wurden, sowie mit in süßem Wasser gelöster στυπτηρίᾳ στιλβάδι, „glänzendem Alaun“ [d. h. reinem, schön krystallisiertem[127]]. Ein drittes schreibt vor, die weiße Schmelze aus 1 Teil galatischem Kupfer, ½ (?) Teil Silber und ½ (?) Teil Zinn wiederholt mit einer Lösung von glänzendem Alaun in Quellwasser zu behandeln, die Masse (μᾶζα, Máza) mehrmals abwechselnd zu erhitzen und wieder abzukühlen, und sie schließlich, wenn sie ganz reines Silber geworden ist, mit Kupholith [leichter, lockerer Stein; hier ein feines Putzpulver] zu polieren.

Die Triplosis erfolgt auf ganz ähnliche Weise, wobei jedoch auf 1 Teil Silber 1 Teil Kupfer und 1 Teil Zinn kommen[128]; nimmt man von dem durch Diplosis oder Triplosis erhaltenen „Silber“ einen gewissen Teil weg und setzt statt dessen einen gleichen Teil anderen Silbers zu [nämlich schon selbst durch Diplosis oder Triplosis gewonnenen!], so entsteht die μᾶζα ἀνέκλειπτος, die „unerschöpfliche Masse“; sie läßt sich gut umschmelzen und schön polieren[129].

b) +Perlen und Edelsteine.+ Um echten (ἀληθινόν) +Perlen+ den verloren gegangenen Glanz wieder zu verschaffen, bedienen sich die Indier gewisser Verfahren der „Weißung und Glättung“ (μαργαρίτου λεύκωσις, σμῆξις)[130]. Sie verfüttern z. B. die Perlen abends an ein Huhn, schlachten dieses am nächsten Morgen, oder durchstöbern seinen Kot, und finden dabei die Perlen durch den Aufenthalt im Kropfe, im Magen und im Darm völlig gereinigt und in ursprünglichem Glanze wieder vor. Ein anderer Weg besteht darin, Kalk, der das beim Brennen im Ofen allmählich aufgenommene Feuer noch in sich enthält [d. h. frisch gebrannten Kalk], in der Milch einer weißen Hündin zu löschen, die Perlen ringsum mit der hierbei entstehenden, dicken Masse zu überziehen und erst nach einem Tage wieder von dieser zu befreien. In einem ähnlichen Rezepte[131] ist von bloßem längeren Liegen in der Milch der Hündin die Rede, ohne daß der Kalkzusatz nochmals erwähnt wird; doch deutet auf ihn der Nachsatz hin, daß die gebrauchte Masse infolge ihrer großen „Kraft“ auf der menschlichen Haut Flecke hervorruft, d. h. sie verbrennt[132]. Statt mit der scharfen Paste aus Kalk kann man Perlen und Perlmutter (πινάρια) auch mit einer milderen behandeln, die aus νίτρωμα [Nítroma, Lösung von Aphronitron d. i. Schaumnitron in Wasser = Sodalauge], Kuhmilch, Mastixöl (σχίνου χυλοῦ) und kimolischer Tonerde besteht und sich u. a. auch gut zum Entfernen der Schrift von Papyrus eignet[133]. Zuweilen genügt auch eine Paste, die man durch Einkochen einer Lösung von Honig in Zisternenwasser mit Feigenbaumwurzeln erhält, und die bei wiederholtem Bestreichen, Trocknen und Abputzen die bräunliche oder rauchähnliche Färbung der Oberflächen vollkommen beseitigt[134]. Endlich kann man die Perlen auch mit dem Harn eines kleinen[135] (ἀφθόρου) Knaben nebst Alaun beizen und dann mit der frischen Milch einer Hündin und mit Quecksilber [Deckname für ein silberglänzendes Präparat, vielleicht Fischschuppen oder dgl.?] erwärmen, jedoch auf gelindem Feuer, unter Benutzung von „fremden“ Kohlen [ξενικοῖς = auswärtigen, importierten, vermutlich den öfters erwähnten aus dem Holze des Ölbaums, der in dem regenlosen und holzarmen Ägypten nicht vorkommt][136].

Das „Machen“ (ποίησις, Poíesis) von Perlen erfolgt, indem man fein geriebenen Glimmer (λίθον σπεκλάριον, Marienglas) mit tyrrhenischem Wachs und „Quecksilber“ (s. oben) zu einem Teig verschmilzt, diesen mit einer Lösung von Tragantgummi und Eiweiß in Kuhmilch durchknetet, aus der Masse Kügelchen formt, sie durchbohrt solange sie noch feucht sind, hierauf allmählich trocknet und schließlich schön poliert (ὀδοντίζειν); sie sind dann „besser als die echten“ (ὑπὲρ τὸν φυσικόν)[137]. Ebenso kann man auch „Krystalle“ [d. h. aus dem oben genannten Mineral entsprechend geformte Stückchen] mit dem Harn eines kleinen Knaben und mit rundlichem (στρογγύλη) Alaun beizen, und dann entweder in ein Gemenge von Frauenmilch und „Quecksilber“ tauchen, oder mit dem bläulichen Safte der Pflanzen ἀναγαλλἰς (Anagallís, Gauchheil), ἀείζωος (Aeízoos, Sempervivum, Hauswurz) und τιθύμαλλος (Tithýmallos, Wolfsmilch) nebst „Quecksilber“ auf gelindem Feuer erwärmen[138] und so die βαφή (Baphé, Färbung) bewirken.

Zum „Machen“ von +Edelsteinen+ durch βαφή (Färbung), die in einem geschützt liegenden, keinen störenden Winden ausgesetzten Häuschen vorzunehmen ist[139], waren offenbar nur Mineralien geeignet, deren blätterige poröse Struktur, oder deren leichte Spaltbarkeit sie befähigt, beizende und färbende Lösungen aufzusaugen und festzuhalten [etwa so wie die Achate und ähnlichen Silicate, die man noch gegenwärtig künstlich zu färben pflegt]. Als solche nennt der Papyrus[140]: den πυρίτης (Pyrit), welchem vieldeutigen Namen nichts Näheres zu entnehmen ist, da die kurze Bemerkung „er werde leicht allmählich rot“, keinen bestimmten Schluß gestattet[141]; den κρύσταλλος („Krystall“), auch λίθος διοπτηρίτης (durchsichtiger Stein)[142], d. i. der schon bei Anfertigung der Perlen erwähnte Glimmer, oder Marienglas; den ταβάσιος, auch ταβάσις oder ταβάσι (Tabasis, Tabasi) geheißen, der aus (oder über) Ägypten (nach Alexandria) gebracht wird[143]. Diesen Stein hält ~Lagercrantz~ für Topas[144], dessen Kostbarkeit und große Härte die Verwendbarkeit zum „Färben“ jedoch ausschließt; er berichtet[145], daß man im Altertum als seine Fundorte u. a. eine indische Insel und einige arabische Küstenorte angesehen habe[146], und hält den Namen für einen ausländischen; hiernach kann wohl kein Zweifel darüber walten, daß es sich um „Tabaschir“ handelt, die merkwürdigen, aus reiner Kieselsäure bestehenden Konkretionen, die sich in den Zwischenhalmknoten des indischen Bambu abscheiden und in Indien seit altersher die weitgehendste Verwendung zu medizinischen, abergläubischen u. dgl. Zwecken fanden[147]. Dieses (schon um 300 v. Chr. dem ~Theophrast~ bekannte) Material ist infolge seiner hohen Porosität und Aufsaugekraft zum „Färben“ ungewöhnlich geeignet; auch seiner charakteristischen Eigenschaft, des lebhaften Irisierens, gedenkt der Papyrus sichtlich an einer Stelle, indem er κρύσταλλον τὴν ἰρίζουσαν erwähnt, „den irisierenden Krystall“[148].

Unter den vorbereitenden Maßregeln der Edelstein-Macher spielen die nachfolgenden eine Hauptrolle: 1. Die κάθαρσις (Kátharsis, Reinigung) und λεύκωσις (Leúkosis, Blankmachung)[149], durch Einhängen der in einem Körbchen aus Weidenruten befindlichen „Krystalle“ oder „Steinchen“ in heißes Wasser und in eine Lösung von Ätzkalk[150] in Essig, oder durch Kochen mit Reiswasser. 2. Die ἀραἰωσις (Araíosis, Auflockerung)[151], oft auch als λίωσις[152] oder στῦψις[153] bezeichnet, durch Einlegen in eine weiche Feige und langsames Rösten (samt dieser) über Kohle, wodurch dem Zerspringen [infolge zu plötzlichen Erhitzens] vorgebeugt wird; oder auch durch längeres Behandeln mit (geschmolzenem?) Wachs, einer Masse (μᾶζα) von σκόρδον, d. i. Knoblauch, „von dem es in der dritten Rolle (τόμῳ) heißt: der sogenannte Knoblauch ist menschlicher Kot“[154], und dreitägiges Kochen in dessen „Saft“ nebst Öl[155]. 3. Die μάλαξις (Málaxis, Erweichung)[156] durch Eintauchen oder Kochen in Bocksblut, τράγειον αἶμα, das ebenso auch auf Glas (ὕελον) einwirkt [nach einem schon im Altertume weitverbreiteten Aberglauben]. 4. Die τήρησις (Téresis, Bewahrung, Zurechtmachung)[157], durch Beschmieren der Steinchen mit einem Kleister aus Kupholith (Talk?) und Gänseeiweiß, Einwickeln in Leinen (εἰς ὀθόνιον θῆσας) und dreitägiges Setzen εἰς δρόσον καὶ ἥλιον; dies heißt offenbar nicht wörtlich „in Tau und Sonne“[158], sondern stellt einen Kunstausdruck vor, der etwa auf abwechselnde Einwirkung feuchter und trockener Wärme hinauslaufen mag.

Nunmehr folgt, sofern sie nicht schon mit der ἀρέωσις (auch ἀραίωσις) (Auflockerung) verbunden wurde, die eigentliche Beizung (στῦψις), entweder eine καθολική (katholische = allgemeine), oder eine besondere. Zur ersteren, auch als πρόστυψις (Vorbeizung) bezeichneten[159], dient der Saft des σφαιρία, d. h. Blütenbüschel[160] habenden (also in Blüte stehenden) Krautes ἡλιοτρόπιον [Heliotrop, Croton tinctorius][161], und anscheinend auch der mit Essig eingekochte Saft des Seidelbastsamens, κνίδιος κόκκος[162], während die letztere hauptsächlich mit Salzwasser, Nitron [Rohsoda], Alaun, Ätzkalk und Schwefel erfolgt[163]. Meistens löst oder suspendiert man diese in kaltem und heißem Wasser, kaltem und heißem Essig, usw., legt die Steinchen (stets nur einige wenige) drei- bis viermal je einige Tage ein, bis sie sich vollgesaugt haben, trocknet sie vorsichtig an dem Abzuge des Kamins, um das Zerspringen zu verhüten[164], und wiederholt dies so oft, bis der Krystall ἀεροειδής geworden ist, d. h. luftähnlich, durchscheinend[165]. Zuweilen ist es auch vorteilhaft, die Steinchen mit Alaun und Essig aufzukochen und über Nacht stehen zu lassen, oder sie zwischen zwei aufeinandergelegten und mit Lehm verschmierten Tonschalen vorsichtig ein wenig zu rösten und dann erst den Essig nebst dem Alaun aufzugießen[166]; endlich läßt man die Steinchen auch 30 Tage in faulem Harn nebst Alaun liegen, legt sie in weiche Feigen oder Datteln ein, röstet sie vorsichtig samt diesen und wirft sie schließlich noch warm mit der Zange in die kleisterdicke Farbbrühe, βάμμα[167].

Was die einzelnen Edelsteine anbelangt, so steht in erster Reihe der +Smaragd+, dessen ποίησις (Machung) und βαφή (Färbung) etwa zwanzig Vorschriften gewidmet sind. Zur Herstellung dieses χλωρὸς λίθος (grünen Steines)[168] hat man eine „Veränderung“ vorzunehmen (ἀλλοιοῦν)[169], indem man einige kleine „Stückchen“ oder „Steinchen“, bestehend aus „Pyrit“[170], dem irisierenden Tabasi[171], oder dem „rauchähnlichen“ Glimmer[172], entsprechend vorbehandelt und dann grün färbt. Als φάρμακον (Pharmakon, Mittel)[173] hierzu dient hauptsächlich: Grünspan (ἰὸς χαλκοῦ = Rost des Kupfers) [der aus cyprischem Kupferblech und Essig genau nach den bei ~Dioskurides~ und schon bei ~Theophrast~ gegebenen Vorschriften dargestellt wird][174]; Chrysokolla, d. i. das natürliche Kupfergrün oder Berggrün, vielleicht u. a. eine Art Malachit[175]; ferner aber auch die grüne Mischung, die beim Vermengen eines gelben und eines blauen Farbstoffes entsteht, z. B. der gelben Galle von Schildkröten, Stieren oder Kälbern[176] mit ἀρμένιον[177], d. i. „armenischem“ Bergblau (Kupferlasur), oder des gelben Saftes von Schöllkraut (ἐλύδριον, Chelidonium) mit ἰνδικόν, d. i. Indigo[178], oder „skythischem μέλαν“, d. i. vermutlich Waid[179].

Die Vorbehandlung geschieht durch Einlegen der Steinchen in eine wäßrige oder essighaltige Lösung von Alaun[180], meistens „rundem“ [d. h. krystallisiertem, kleinstückigem][181]; oder durch Einweichen[182] in einem „Kleister“ aus feingeriebenem schieferigem (σχίστη) Alaun, scharfem Essig, und σκόρδα („Knoblauch“)[183]; oder endlich durch mehrtägiges Liegenlassen in Sodalösung, „geriebenem Knoblauch“, und schließliches „Kochen“ [sehr oft nur = „Erwärmen“] mit dessen Saft nebst Öl[184]; sie wird fortgesetzt, bis die Steinchen ἀεροειδεῖς] sind[185], d. h. luftähnlich, durchscheinend.

Die einfachsten weiteren Verfahren sind nun: „Einsalben“ (= Bestreichen, χρίειν) mit fein gepulvertem Grünspan, Berggrün, oder Indigo mit Schöllkrautsaft, nebst geschmolzenem Harz (ῥητίνη)[186]; Erwärmen (oder „Kochen“) mit gepulvertem Grünspan, oder skythischem „Schwarz“ (Waid?) mit Schöllkrautsaft, nebst geschmolzenem Harz[187]; Erwärmen mit feingeriebener macedonischer Chrysokolla (Berggrün), Essig und den Blättern von ἁλικάκαβον [sog. Judenkirsche, eine Solanacee], „so lange, bis die grüne Farbe erreicht ist“[188]; Erwärmen mit Grünspan und Essig, Öl oder Kalbsgalle[189]; Erwärmen mit echtem Grünspan, Chrysokolla, κεκαυμένον [= „gebranntem“, nämlich Kupfer; also Kupferoxyd] und Stier- oder Schildkrötengalle, durch einstündiges Einhängen in pontischen Honig[190].

Bei anderen, schon verwickelteren Verfahren überzieht man die Steinchen zunächst mit Wachs oder feiner Tonerde[191]; dann bestreut man sie mit Grünspan, erwärmt (oder „kocht“) in Öl, und wiederholt dies erforderlichenfalles mehrmals[192]; oder man hängt sie an Pferdehaaren in eine Mischung von feingeriebenem Grünspan, Chrysokolla, Kalbsgalle, Olivenöl, zuweilen auch Ricinusöl (κῖκι), erwärmt sechs Stunden, und läßt über Nacht stehen, „wodurch sie zu Smaragd werden“[193]; oder man hängt sie, nach dem Erwärmen mit Öl, in Honig ein, behandelt mit Chrysokolla, „überzieht“ sie nochmals, „damit nichts verloren gehen (wörtlich: sich verflüchtigen) kann“, bestreicht (χρῖσον) abermals mit den φάρμακα (Phármaka, Mitteln), und fährt so fort, „bis sie zu Smaragd geworden sind“[194].

Noch umständlicher und schwieriger zu handhaben sind die Methoden, die die Erwärmung unter einem gewissen Drucke voraussetzen[195]. Zu diesem Zwecke hängt man die Steinchen in ein „fremdes“ [ξενικήν, importiertes, jedenfalls besonders haltbares] Tongefäß oder in ein kupfernes Töpfchen ein, fügt Chrysokolla, armenisches Blau nebst Stier- oder Kalbsgalle, Harn eines kleinen Knaben, und starken Essig hinzu, setzt den Deckel auf, und verschmiert ihn ringsum völlig dicht mit Kitt oder Lehm (περιπηλόω)[196]; nun feuert man mit Olivenholz vorsichtig an, erwärmt (kocht) 2-6 Stunden lang bei mäßiger, durch Gebrauch eines Blasebalges zu regelnder Hitze, bis sich der Deckel χλωρόν (grünlich) zeigt[197], und läßt bei Eintritt dieser Erscheinung (σημεῖον) sogleich abkühlen[198], und zwar recht langsam, damit die Steinchen nicht zerspringen[199]. Diese zeigen einen grünen ἀτμίς (Anflug, Belag)[200], und wenn man sie in Olivenöl einlegt oder damit erwärmt, erhalten sie genau das Aussehen der natürlichen[201]; in Ricinusöl (κίκι, Kíki) dagegen sollen sie eine dunklere, weniger schöne Färbung annehmen[202].

Endlich kann man die Steinchen auch noch in einem „Kleister“ von schönem Grünspan, gebranntem Kupfer, Alaunlösung und starkem Essig sieben Tage lang „brennen“[203].

Die Kochung (ἕψησις) und Färbung (βαφή) des +Karchedoniers+ (καρχηδονίου), d. i. des +Rubins+, erfolgt am besten[204], indem man auf einer Kerotakís [d. i. einem flachen Tongerät, gleichend der Palette der antiken Maler zum Anmischen der Farben, und zum Verschmelzen der Farben mit Wachs] die Steinchen nebst ῥητίνη τερεβινθίνη, d. i. Terpentinharz[205], und feingepulverter Anchusa, d. i. sog. Alkanna, erhitzt, bis das βάμμα (die Farbbrühe, die Schmelze) aufwallt (ἀναβῆ)[206], [also vom Stein aufgesaugt werden kann]. In ähnlicher Weise läßt man auch Steinchen, die „mit den Abfällen der Goldgießer“ erhitzt wurden, „so daß sie die Wärme in sich enthalten“, in einer Lösung von Schwefel in Cedernöl liegen, bis sie sich mit dieser vollgesaugt haben[207], oder man tränkt sie mit einer Schmelze aus echtem Balsam, dem Harz „Drachenblut“, dem Harz aus Palästina oder aus Tomi [am schwarzen Meer], dem πίσση genannten Pech, und dem αἶμα (Blut = blutroten Saft) der pontischen Alkanna[208].

Die „Färbung“ des +Sarders+ (σαρδίου), d. i. des +Granats+[209], erfolgt, indem man Krystalle von Glimmer (διοπτερίτην λίθον) an Roßhaaren in ein φάρμακον (Mittel) einhängt, bestehend aus Alkanna in Öl gelöst, sinopischer Erde [einem Rötel, aber auch Zinnober, Roteisenstein, u. dgl.], „Blut einer Taube“ [d. i. Mennige] und soviel Essig, daß die rote Farbbrühe genügend flüssig bleibt[210]; das Gefäß wird ringsum gut verschmiert (περιφιμώσας)[211], und so zehn Tage lang ὑπὸ δρόσον gesetzt, was nicht wörtlich „unter den Tau“, bedeuten kann[212], sondern etwa (wie oben) „in ein Dampfbad“ oder dgl.[213].

+Amethyst+ erhält man[214], indem man die Steinchen mehrmals mit heißer Alaunlösung behandelt, und dann mit κρημνός (Kremnós) nebst Essig kocht, +Sapphir+ (σάππιρος, vermutlich Lasur)[215], wenn man sie zunächst mit Schildkrötengalle vorfärbt, und dann in die nämliche Brühe (ζωμόν) bringt[216]. -- Kremnos oder Krimnos[217] scheint eine, dem antiken Purpur ähnlich, also rötlich, blaurot, bis stark blaustichig färbende Substanz gewesen zu sein, über die Näheres bisher nicht bekannt ist; die Bezeichnung könnte, das Äußere der Ware betreffend, mit κρίμνον (Krímnon, Krume, grobes Mehl) zusammenhängen, möglicherweise aber auch mit Κρημνοί (Kremnoi, Krimnoi), dem Namen einer größeren Handelsstadt an der Küste des asowischen Meeres (vielleicht noch in „Krim“ fortlebend?), die als Bezugsquelle anzunehmen wäre[218].

Dem Machen (ποίησις) und Färben (βαφή) von +Beryll+ kommt es zugute, daß ihm der „Krystall“ schon von Natur aus gleichartig und nahe verwandt ist[219]; man hängt diesen an Eselshaaren drei Tage in Harn, oder auch an anderen Haaren in den Harn einer Eselin, und bringt das gedichtete Gefäß auf gelindes Feuer[220]; sodann läßt man den aufgelockerten (ἀραἰωσας) Krystall sorgfältig abkühlen[221] und behandelt ihn entweder mit Galle einer Schildkröte, Milch einer Wöchnerin[222], Kupfer und starkem Essig[223], oder mit einer Schmelze aus Harz (ῥητίνη) und μἐλαν ἰνδικόν, φάρμακον ἰνδικόν, d. i. Indigo[224]. Ist der Stein noch zu heiß, so wird hierbei die Hyacinthenfarbe zerstört (ἀποβαίνει = geht weg)[225]; bei guter Ausführung aber wird der Beryll vorzüglich (ἄριστον), so daß selbst die τεχνῖται (Technítai, Werkmeister) nichts an ihm bemerken[226]. [Unter Beryll scheint man hiernach nicht nur, wie jetzt, den bekannten grünlichen Stein verstanden zu haben, sondern auch einen bläulichen oder „hyacinth“-farbenen; der Name „Beryll“ spricht nicht hiergegen, denn er bezeichnet ursprünglich nur das nordindische Land oder Volk, aus dessen Gebiet die, vielleicht recht verschieden gefärbten Edelsteine kamen][227].

+Chrysolith+ erhält man durch Eintauchen der Krystalle in Gemenge aus geschmolzenem Pech (πίσση) und Cedernöl (κεδρία) oder Schöllkrautsaft[228], +Jaspis+ durch Behandeln der mit Alaun und Essig gebeizten Steinchen mit Grünspan und Kalbsgalle[229], +Lychnis+ durch Tränken mit φῦκος (Orseille), ἄγχουσα (sog. Alkanna), und Essig[230], und +Chrysopras+ durch Schmelzen mit Harz und der grünlichen (χλωρόν) Mischung von Schöllkrautsaft und Indigo[231]. +Heliotrop+[232] (Keraunios, Sonnenstein) endlich bereitet man, indem man die „trüben“ Kryställchen durch allmähliches Erwärmen mit Alaunlösung „auflockert“, sie noch warm mit der Zange in κεδρία (Cedernöl; Holzessig?) wirft[233], und nun entweder gemäß dem beim Rubin zuletzt angeführten Rezepte behandelt (jedoch +ohne+ Zugabe von πίσση)[234], oder mit heißem geschmolzenem Pech und Alkanna, oder mit feingeriebenem Kermes (κόκκος) nebst Essig, oder mit armenischem Blau nebst Kalbsgalle, oder mit Maulbeersaft (Deckname?)[235], oder mit Schwefel, Kalbsgalle und Essig[236]; der Heliotrop wird hierbei δόκιμος (probehaltig) und πρωτ(ἐ)ῖον (Prima).

c) +Farbstoffe und Färberei+. Die zum Färben bestimmte rohe[237] +Wolle+ (von anderen Rohstoffen ist kaum die Rede) muß zunächst vorgereinigt werden, was durch Waschen, Aufkochen, Spülen, Abkühlen, Nachwaschen und Trocknen geschieht[238]; als Zusätze dienen hierbei fein gepulverte Seifenwurzel (στρούθιον, Strúthion)[239], die „Skorpiuros“ benannte Art des Seifenkrautes[240], das Kraut Asphodill nebst Sodalösung[241], kimolische Tonerde nebst Essig[242], filtriertes Kalkwasser (ἀσβέστου ὔδωρ)[243], bereitet durch Löschen gebrannten Kalkes in Cisternenwasser und Abziehen der nach völligem Absitzen krystallklaren Lauge[244], sowie feine Tonerde nebst Aschenlauge[245]; diese wird gewonnen[246], indem man den durchlochten Boden eines Topfes mit Ätzkalkstücken belegt, die durch Auslaugen von Asche [nämlich Holzasche] mit Wasser erhaltene Lösung [von Alkalicarbonat] durchfließen läßt, und die [nunmehr kaustisch gewordene] Lauge über ein σεβέννιον (Sebénnion) klar filtriert, d. i. über ein „Blätterbüschel“, [oder ein an Stelle dieser sehr unvollkommenen Vorrichtung getretenes Ersatzmittel aus irgend einem passenden Material][247].

Hierauf folgt die +Beizung+ (στῦψις, Stýpsis), deren Hauptarten jeder beliebigen Färbung vorausgehen können, „mit Ausnahme der purpurnen“[248]. Die wichtigsten Materialien, die man zumeist als kochende Lösungen anwendet, sind: Alaun und Harn[249], auch nebst gebranntem „phrygischem Stein“ [d. i. ein poröses, vermutlich alaunhaltiges Mineral, von dessen „Brennen“ ~Dioskurides~ und ~Plinius~ berichten], und Misy [d. i. ein Zersetzungs- und Oxydationsprodukt des in Cypern vorkommenden eisenhaltigen Schwefelkieses][250]; Alaun und scharfer Essig, auch nebst rohem Misy[251], wobei man zunächst kocht, bis einige zugesetzte Gerstenkörner erweicht sind, und hinterher auch noch Harn beigeben kann[252]; Alaun und Abkochung von βαλαύστιον (Balaústion), d. i. Granatblüte[253]; Saft unreifer Trauben[254]; Trestern (γείγαρτον) mit siedendem Essig[255]; Chálkanthon[256], d. i. unreiner Kupfervitriol. Zu den Beizen für Purpur nimmt man geriebenes Misy, Eisenrost, und ἄνθος βαλαυστείας, d. i. Granatblüte[257], oder Alaun, Essig, Misy und echten Schwefel[258]; [letzterer ist anscheinend bestimmt, eine Aufhellung zu bewirken[259], ähnlich wie an anderer Stelle[260] ein Kochen mit Schwefel und Kuhmilch ἄνεσις herbeiführen soll, d. i. „Entfärbung“][261]. Als Beizen für die besonderen Nüancen des „sardinischen“ und des „sizilischen“ Purpurs werden vorgeschrieben: eine stark eingekochte Lösung von Eisenrost nebst Essig oder saurem Granatäpfelsaft[262], und eine Lösung von Alaun, κηκῖδες (Galläpfeln), und χαλκοῦ ἄνθος (Kupfervitriol), mit der man aber nur 2-3mal aufwallen lassen darf, weil sonst die Färbung nachher zu hochrot (ἐρυθρά) ausfällt[263]. [Der Ausdruck χαλκοῦ ἄνθος kann hier +nicht+ auf Kupferoxydul gehen [264], sondern nur, wie auch an einer anderen Stelle[265], auf Kupfervitriol, der dort ausdrücklich als „schön dunkelblau“ bezeichnet wird; der „schön lauchgrüne“ ist natürlich nicht Kupfer- sondern Eisenvitriol.]

Die +Farbstoffe und Farbmaterialien+ unterwirft man vor Gebrauch einer +Prüfung+ (δοκιμασεία φαρμάκων βαφικῶν)[266]. Der +Waid+, der aus dem im Schatten gesammelten Kraut durch Zerquetschen, Zerstoßen, und Trocknen an der Luft unter häufigem Umwenden dargestellt wird, und ισάτις (Isátis) oder auch ἄνθραξ (Anthrax) heißt, soll schwer und schön dunkelblau sein[267]. Syrischer +Kermes+ (Scharlach) darf keine weißen oder schwarzen Flecken aufweisen, sondern muß locker und schön rot aussehen, und sich beim Verreiben[268] mit Soda (und Wasser) gut auflösen[269]. Auch φῦκος (Phýkos, +Orseille+) darf nicht weiß- oder schwarzfleckig und locker sein, sondern soll dasselbe Rot wie Purpur aus Purpurschnecken (ὄστρεον) zeigen, und sich fest anfühlen; man prüft sie durch Zerreiben[270], und behält nur die gut Befundene[271]. In gleicher Weise prüft man den +Krapp+ (ῥίζα = Wurzel) und wählt nur den schönfarbigsten[272]. Das ἐλύδριον (Elydrion, Chelidonium, +Schöllkraut+) ist eine Wurzel, deren Saft schon in der Kälte schön goldgelb färbt, doch ersetzt man es, des hohen Preises wegen, oft durch die Wurzel der Granate, ῥοιά, die ganz ähnlich wirkt[273]. Eine gelbe Farbe enthält auch die γάλβινα (+Galbina+), d. i. ein Absud aus den getrockneten Blüten des κνῆκος (Safflors) oder des τιθύμαλλος (Wolfsmilch)[274]. Der +Alaun+ (στυπτηρία, Styptería) muß schön weiß und gut löslich sein (ὑγρά)[275]; enthält er ἅλμη (Mutterlauge)[276], so ist er unbrauchbar. Vom +Vitriol+ (χαλκοῦ ἄνθος) wählt man nur den schöngefärbten, schön dunkelblauen oder lauchgrünen[277] [die Verschiedenheit von Kupfer- und Eisenvitriol, die z. B. in Cypern vielfach gemeinsam vorkommen, wird also nicht erkannt, oder doch nicht berücksichtigt].

Zur +Auflösung+ (λύσις, ἄνεσις)[278] von Orseille (φῦκος) bedient man sich einer wäßrigen Abkochung von Bohnenschrot (ὕδωρ ἐρεγμοῦ)[279], zu jener von +Alkanna+ (ἄγχουσα) der Abkochungen von Linsen (φακός), von Wurzeln des Bilsenkrautes (ὑοσκύαμος), des Kappernstrauches (κάππαρις), des Maulbeerbaumes (συκάμεινος), und der Bertramwurz (πύρεθρον)[280], von Safflor (κνῆκος), und von Schachtelhalm (τῆλις)[281]; man kann aber die entrindete und zerkleinerte Alkanna auch mit frischem Gerstenmalz (βύνη, βύνι) feinreiben, einen Tag mit Essig stehen lassen, und dann erwärmen, bis der Essig die Farbe löst[282]; oder sie mit Kamelharn, mit Sodalösung, mit Öl und mit Nüssen (κάρυα) aufkochen, bis die Flüssigkeit [in der die Alkalien, das Öl und das Nußöl lösend wirken] blutrot aussieht[283]; oder endlich sie mit dem Inneren „königlicher, persischer Nüsse“ (βασιλεικῶν καρύων), also großer Walnüsse[284] feinstoßen und mit schiefrigem Alaun zu einer festen Masse (μάζα, Máza) formen, die man dann mit Wasser anreibt, so daß man die Güte der Farbe mit dem Finger zu prüfen vermag[285]. Ähnliche Mittel verwendet man auch, um κόμαρι (+Kómari+) in Lösung zu bringen, [d. i. der rote Farbstoff aus Wurzel und Kraut von Comarum palustre][286]; entweder kocht man mit φέκλη (Phékle, Weinstein, lat. faecula) auf[287], oder mit τραγακάνθη (Traganthgummi), Balsamöl und dem teuren καπνέλαιον (Öl des Kapnos)[288], oder mit Aschenlauge (κονία στακτή)[289], oder mit Harn eines kleinen Knaben, Schweinemist und der durch Löschen gebrannten Marmors in Wasser dargestellten Kalkmilch[290].

Die +Herstellung+ (σκευή, Skeué) „echten“ +Purpurs+ durch ψυχροβαφή (Kaltfärbung, Färben in der Kälte)[291] gelingt, indem man die mit filtriertem Kalkwasser oder mit Eisenrost in Essig [d. i. Eisenacetat] gebeizte Wolle mit Krimnos oder mit Orseille nebst Chalkanthon behandelt[292]; am besten verfährt man aber so, daß man den „Schaum der Isatis der Färber“ [d. i. indischen oder Waid-Indigo] nebst „ausländischer“ [importierter] Alkanna im Mörser feinreibt, der Lösung durch Zusatz von κόκκος (Kókkos, Kermes), oder falls dieser fehlt, von Krimnos, „wie sie die Färber besitzen“, ἄνθος (Anthos, Glanz) verleiht, und die aufgebeizte Wolle hineinbringt: sie erlangt herrliche, unbeschreiblich schöne, der echt purpurnen gleichende Farbe, daher muß man diesen Kunstgriff +geheimhalten+ (ἀπόκρυφον πρᾶγμα)[293].

Auf +heißem+ Wege erhält man echten, prachtvollen Purpur, „so schön wie den [importierten] barbarischen“ (λίαν καλὴ βαρβαρική)[294], durch Kochen mit verschiedenen Farbstoffen und passenden Zusätzen. Orseille verwendet man zusammen mit Amaranth-Blüten oder Maulbeersaft, setzt nach Bedarf auch Eisenrost[295], δάφναι (Lorbeerfrüchte), und κανθαρίδες (Canthariden)[296], sowie Chálkanthon und Hämatit[297] hinzu, und gibt Glanz (ἐπανθίζει) mit Galläpfeln und ὑάκινθος (Hyacinthe)[298], oder mit Kalkwasser[299]; auch kann man mit Orseille und einigen Brocken[300] (Krystallen?, σφαῖρα) Alaun behandeln und, falls die Farbe dunkler gewünscht wird, die Behandlung verlängern, oder eine Kleinigkeit Chálkanthon und Soda beifügen[301]. Alkanna bringt man, in ein Körbchen gefüllt, mit Harn, rohem cyprischem Misy und natürlicher Soda (νίτρον ἄπυρον, Nitron) in einen [wegen der Gefahr des Überlaufens] recht großen Topf, kocht auf, entfernt den Schaum, preßt die (φάρμακα (Mittel) gut ab, stellt mit einem Strähn Wolle eine Vorprobe an und siedet dann die übrige fertig, bis sie den richtigen Glanz (ἀνθισμόν) hat[302]. Krapp (ῥίζα = Wurzel) löst man als gut getrocknetes, zerkleinertes und gesiebtes Pulver in kochendem Regenwasser, setzt Bohnenschrot und weiße Tonerde zu, wirft die mit Waid[303] bläulich angefärbte, mit Aschenwasser und Tonerde gereinigte, nachgespülte und gebeizte Wolle in die heiße Farbflotte, rührt bestens um, gibt „Glanz“ mit Alaun, spült rein, und trocknet im Schatten, fern von Rauch[304]. Rhamnusbeeren (σφαιρεῖα τοῦ ῥάμνου = Fruchtbüschel) und ähnliche Teile von Pflanzen (διὰ βοτανῶν) geben einen schönen (πρώτη = Prima) Purpur, wenn man sie in Abkochungen des ὑοσκύαμος (Bilsenkrautes) und θέρμος (der Feigbohne) löst, die angefärbte Wolle nachher in ὕδορ χαλκέως, d. i. in eisenhaltiges Wasser, bringt[305], sorgfältig nachspült und in der Sonne trocknet[306].

Zur Herstellung bestimmter Nüancen von Purpur bedient man sich besonders ausgearbeiteter Verfahren: Hochroten Purpur (βαφὴ ὀξεῖα) erhält man mittels größerer Mengen Orseille oder Krimnos nebst entsprechenden Beigaben von geriebenem Nitron, Chálkanthon, guter sinopischer Erde und Essig[307]. „Tyrischen Purpur“, prima und probehaltig, ergibt Orseille nebst gebranntem phrygischem Stein, oder Alkanna nebst Harn, gebranntem Kalk, und ἀρσενικόν [Arsenikón = gelbes Schwefelarsen, Auripigment][308]. „Phönizischen Purpur“ (φοινικοῦν) liefert Orseille, in Regenwasser gelöst, nebst „Ziegenblut“[309], oder Alkanna nebst Chalkanthon[310]; durch Zufügen [der Abkochungen] von Scammonia, Elaterium, Helleborus, und wilder Gurke gewinnt man eine hellere Schattierung (λεύκωσις) dieses Purpurs, der auch zum Färben von ὀθόνια (Leinwand) und von βυσσίνη) (Baumwolle?)[311] brauchbar ist[312]. Einen „unvergänglichen“ Purpur (ἀνεξάλειπτον) liefert die im oder am Meere wachsende [nicht näher bekannte] „Flechte“ κόσθος[313] (Kósthos, Kysthos), einen „niemals verschießenden“ (μὴ ἀνιοῦσαν) diese nämliche Flechte nebst Orseille und Essig, oder der rote Farbstoff παιδέρως (Paidéros)[314] in Essig gelöst[315], oder auch Alkanna nebst Orseille, Krapp und „Kalbsblut“[316].

+Rosenfarbe+ (ῥοδοβαφή) erzeugt man mittels einer Lösung getrockneten fein gepulverten Krapps (ῥίζα) in siedendem Regenwasser nebst weißem Essig und Bohnenschrot; man bringt die mit Aschenwasser und Tonerde vorgereinigte, mit Seifenwurzel abgekochte Wolle in die Farbflotte, rührt gut um, gibt ἄνθος (Glanz) mit Alaun, spült nach und trocknet schließlich im Schatten und fern vom Rauch[317]. Zur Erzielung von +Scharlach- oder Kermes-Farbe+ (κοκκίνων βαφή) behandelt man die zunächst durch Waid bläulich angefärbte Wolle mit Kermes und Orseille[318], oder mit Krimnos und Alaun[319], oder, falls „galatischer Scharlach“ gewünscht wird, mit Alkanna, Orseille, „Schweineblut“[320], Chálkanthon und gebranntem ἀρσενικόν [= Arsenigsäure][321]. Eigentliche +Orseillefarbe+ (φύκου βαφή) erhält die mit heißem Harn nebst Alaun gereinigte und gut nachgespülte Wolle durch Sieden mit einer Lösung von Orseille in Trinkwasser (ποτίμον), der man auch noch Chálkanthon beifügt[322]; besondere Dauerhaftigkeit und Festigung (κάτοχος) gewinnt Orseille- und auch Alkanna-Farbe durch Anwendung von Schafharn, von Saft der Zwiebel (βόλβος), und von Abkochungen aus Bilsenkraut, Blättern des Citronenbaumes (κίτρια), Gerste, oder τῆς κοτυληδόνος (vielleicht Malz?)[323].

Schön +rotgelb+, „wie die (rohe) Wolle aus Canuria“ [in Apulien], färbt man durch Kochen mit Akantha (einer Distelart?) und Krimnos im Bleikessel (μολυβδοῦν χαλκίον)[324], schön +goldgelb+ (χρυσανθής) durch Einbringen in einen kalten Auszug aus den Blüten des Safflors (ἄνθος κνήκου) und aus Ochsenzunge (βούφθαλμον)[325]; +nicht+ dauerhaft ist die +dunkelgelbe+ (φαιός) bis hellgelbe, rahmgelbe oder milchweiße Kaltfärbung mit goldglänzender Bleiglätte[326] nebst Kalk und etwas Alkanna[327].

Um +blau+ (γλαυκός) oder dunkelblau (ἀνθράκινος) zu färben, zerkocht man ἄνθραξ (Waid, Indigo) mit Harn in einer großen Kufe vorsichtig und unter stetem Rühren, stellt die allmählich abgekühlte Masse drei Tage lang in die Sonne und arbeitet sie dabei regelmäßig gut um; einen gehörigen Anteil läßt man weitere drei Tage mit Seifenwurzel brodeln, färbt dann die Wolle an, setzt hierauf noch Orseille zu, färbt fertig und wiederholt dies früh und abends, also täglich zweimal, so lange bis die Farbbrühe erschöpft ist[328].

Einige +andere+ beliebte Farben erhält man noch wie folgt: „Phönizisches Hellrot“ mit Heliotrop [d. i. Croton tinctorius], Alkanna und Essig[329]; „Kirschrot“ (κεράσιον) mit Krimnos, dessen Ton man mit σμῆγμα [Seife oder dgl.] aufhöht (ὠξεισμένον)[330]; „κέδρινον“ [Kédrinon, wohl ein helles Gelbrot] mit Heliotrop und Essig[331].

Eine „+Brühe+“ (βάμμα) „+für drei Farben+“ besteht aus Krimnos und Alaun der Färber (βαφική)[332]; für sich färbt sie schön scharlachrot, auf Zusatz von mit Wasser angeriebenem Schwefel aber lauchgrün (πράσινα), und auf Zusatz in Wasser gelöster reiner Soda quittengelb (μήλινα).

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Wie sich aus allem im vorstehenden Dargelegten ergibt, streben die Rezepte des Leidener und Stockholmer Papyrus ganz offen die Nachahmung und Verfälschung der Edelmetalle, der Edelsteine und Perlen, sowie der Luxusfarbstoffe an[333]; sie benennen die erhaltenen Kunstprodukte ohne weiteres mit dem Namen der echten, -- so z. B. heißt es einfach „du findest Smaragd“ oder „du erhältst Purpur“[334] --, und sie stellen ohne jedes Geheimtun und mit sichtlicher Befriedigung fest, zu wie erfreulichen Zielen ihre Vorschriften führen: die Erzeugnisse sind gut, schön, sehr schön, vortrefflich, herrlich, bewunderungswürdig[335], unbeschreiblich[336], wie echt, wie natürlich, schöner als natürlich[337], echt ägyptisch, schön wie die importierten (λίαν καλὴ βαρβαρική)[338], prima (πρώτη), probehaltig, usf., so daß sie selbst die τεχνῖται (Technítai, Werkmeister) täuschen, und diese nichts von der Nachahmung bemerken[339].

Schon diese wiederholte Versicherung läßt ersehen, daß ursprüngliche Ausüber der geschilderten „Künste“ nicht die getäuschten und nichts bemerkenden Arbeitsleute selbst waren, sondern ihnen übergeordnete Persönlichkeiten höheren Ranges, die zwar naturgemäß aus der Erfahrung der Techniker schöpften, aber weitergehende und auch eigentliche Geheim-Kenntnisse besaßen, die sie sogar ihren unmittelbaren Fachgenossen nicht ohne Rückhalt überlieferten[340]. Des Näheren wird auf diese Verhältnisse weiter unten zurückzukommen sein.

Zu den sehr spärlichen +Autoren+, die sich im Leidener und Stockholmer Papyrus als Verfasser benützter Quellenschriften angeführt finden, gehören neben dem im nachfolgenden noch ausführlich zu besprechenden sog. ~Demokritos~ (~Pseudo-Demokritos~), der späteren Zeiten als „erster Alchemist“ und „Vater der Alchemie“ gilt, noch ~Phimenas~, ~Anaxilaos~ und ~Aphrikianos~. Den Ägypter ~Phimenas~ aus Saïs, der nur im Leidener Papyrus vorkommt, hat ~Berthelot~ mit einem anderweitig als „Magier“ bekannten ~Pammenes~ identifiziert, -- ob mit Recht, bleibt aber durchaus fraglich[341]; der Römer ~Africianus~ (Ἀφρικιανός)[342], ist zweifellos als der Verfasser des, nur in sehr entstellter und interpolierter Gestalt auf uns gekommenen Sammelwerkes „Kesten“ anzusehen, d. i. als jener ~Julius Sextus Africanus~, der nachweislich zu Beginn des 3. Jahrhunderts lebte und literarisch tätig war[343]; der Grieche ~Anaxilaos~ endlich, dessen Zeitalter ~Lagercrantz~ für unbestimmbar ansah[344], ist, wie ~Diels~ erinnert, sicherlich der nämliche aus dem berüchtigten Zauberlande Thessalien stammende „Pythagoräer“, von dessen magischen Kunststücken und dessen Ausweisung aus Italien im Jahre 28 v. Chr. ~Plinius~ berichtet[345]; dem Stockholmer Papyrus zufolge[346] empfahl er u. a. ein von ~Demokritos~ herrührendes Rezept, und ~Diels~ vermutet, daß ein größerer Teil auch der übrigen Vorschriften durch ihn aus der [noch unveränderten, also noch nicht in alchemistischem Sinne entstellten] Urschrift des ~Pseudo-Demokritos~ vermittelt ist; auf diesen scheint in einzelnen Punkten vielleicht auch die Sprache des Stockholmer Papyrus zurückzugehen, die sich im ganzen aber als eine äußerst gewöhnliche erweist.

Einige wenige +Siglen+ (z. B. für „Drachme“ und für „einhalb“) und Wortabkürzungen (z. B. πορφ’ für πόρφυρα = Purpur, und υ/στ für στυπτηρία = Alaun) sind dem Stockholmer und Leidener Papyrus gemeinsam[347]; +allein+ im letzteren kommen die oben angeführten Zeichen der Sonne und des Mondes für Gold und Silber vor; in +beiden+, die zwar erst im 3. Jahrhundert niedergeschrieben, im ganzen aber, trotz so mancher Abänderungen, Einschiebungen und Zusätze, doch wesentlich orthodoxe und annähernd getreue Wiedergaben +weitaus+ älterer Überlieferungen sind, fehlen (wie bereits erwähnt) noch gänzlich jene magischen und mystischen Ideen, unter deren Einfluß erst der Übergang derartiger Lehren in eigentlich alchemistische stattfand. Sehr bezeichnend für dieses Eindringen der Mystik, das schon in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten zu beginnen, seinen Höhepunkt aber etwa zwischen 300 und 400 zu erreichen scheint, wäre eine mit dem Stockholmer Papyrus vereinigte Beigabe, sofern sie wirklich zu ihm gehört und zusammen mit ihm aufgefunden wurde, was sich indessen bestenfalls als wahrscheinlich, keineswegs als bewiesen, hinstellen läßt[348]. Sie besteht aus einem Papyrusblatte, das in Zügen, die jenen des Hauptstückes zwar ähnlich, aber doch von ihnen verschieden sind, die Inschrift trägt: „Sonne, Berbeloch, Chthotho, Miach, Sandum, Echnin, Zaguel: bewahre mich, während ich die Mischungen vornehme (συνιστάμενον). Übliche Formeln (κοίνα). Dann salbe Dich, und Du wirst mit eigenen Augen die Ergebnisse sehen“[349]. Der Anrufung der Sonne folgen also eine Anzahl (als Beinamen aufzufassender?) magischer Worte, wie sie in gleicher Art sehr oft in den sog. Zauberpapyri der nämlichen Epoche vorkommen; sodann soll der Ausführende, wie ebenfalls häufig in diesen Zauberpapyri, die κοίνα aufsagen, d. s. die vorgeschriebenen geheimen Formeln (die als ihm geläufig vorausgesetzt werden), und schließlich eine Salbe gebrauchen, deren mystische Wirkung zum gewünschten Ziele führt. Nimmt man die Zusammengehörigkeit des Hauptpapyrus und des Beiblattes an, so drängt sich die verlockende Vermutung auf[350], daß die „vorzunehmenden Mischungen“ die in ersterem beschriebenen seien, daß also der ursprünglich mit völliger Offenheit Nachahmende und Fälschende +hier+ bereits bewußte Täuschung ausübe, d. h. an der Hand eines mystischen Rituales als Magiker und zaubernder Alchemist auftrete. Hierzu wiederum würde vortrefflich die schon von ~Berthelot~ aufgestellte, von ~Lagercrantz~[351] und von ~Diels~[352] gebilligte Hypothese passen, der Besitzer der Leidener und Stockholmer Papyri sei ein der Magie und Alchemie ergebener höherer Priester gewesen; für deren Richtigkeit spricht es noch, daß in Ägypten seit altersher jedermann das, womit er sich im Leben beschäftigte, auch in das Grab mitgegeben erhielt, und daß ein hoher Priester leicht in der Lage war, sich derartige Prunkabschriften als Totenbeigaben zu beschaffen.

Nach ~Wünsch~[353] ist indessen die von ~Lagercrantz~ gegebene besondere Auslegung der Worte „ἔχε με συνιστάμενον“ unzulässig: sie können nicht heißen „bewahre mich, während ich die Mischungen vornehme“, sondern sind eine in den Zauberpapyri des Zeitalters häufige rituelle Anrufung und bedeuten „nimm mich an, der ich zu dir trete“. -- Die magischen Worte hält ~Löw~ für semitischen Ursprunges, wonach das letzte, „Zaguel“, vielleicht als der in sehr ähnlicher Form überlieferte Namen eines jüdischen Engels anzusehen wäre[354]. -- Da ihrer aber sieben sind, stehen sie möglicherweise auch in Zusammenhang mit den sieben Planeten, und in „Berbeloch“ könnte etwa die, durch die religiöse Sekte der Barbelo-Gnostiker bekannte „Barbelos“ (= παρθένος, Jungfrau), als Göttin des Mondes verborgen sein; für die restlichen Worte müßten sich, falls die Voraussetzung zutreffen sollte, Beziehungen zu den übrigen fünf Planeten nachweisen lassen.

2. Demokritos (Pseudo-Demokritos).

(Angeblich im 1. Jahrhundert n. Chr.)

Während die Rezepte des Leidener und Stockholmer Papyrus zwar oft Deutlichkeit und Zusammenhang vermissen lassen, nirgends aber, selbst wo sie sichtlich auf Täuschung und Fälschung hinausgehen, völliger Offenheit und Aufrichtigkeit ermangeln, finden wir die eigentlichen „alchemistischen Traktate“ durchaus erfüllt von mystischem und magischem Beiwerke, von zauberischem und abergläubischem Wesen, von geheimtuenden und allegorischen Anspielungen, -- und daher, trotz ihrer Ausführlichkeit und Breite, dunkel oder unverständlich.

Auf welche Weise, und durch was für Einflüsse vermittelt, dieser veränderte Geist platzgegriffen haben mag, kann an dieser Stelle noch nicht erörtert werden. Hervorzuheben ist jedoch, daß wir bisher noch kein chemisches Werk kennen, das vermittelnden Charakter trüge und allmähliche Übergänge zu ersehen, mindestens zu erschließen, gestattete, daß vielmehr die bezeichnete Eigenart auch schon bei jenen Schriften hervortritt, die die ältesten sind, oder sich doch als solche geben. Freilich muß zugestanden werden, daß wir auch sie, soweit es sich nicht überhaupt um Untergeschobenes oder Apokryphes handelt, sicherlich nur in stark veränderter, durch so manche spätere Hand zweckbewußt umgearbeiteter Gestalt kennen; auf diesem Umstande wird es auch mit beruhen, daß die Reihe der griechisch schreibenden alchemistischen Autoren, obwohl sie rund ein halbes Jahrtausend umfaßt (ungefähr vom 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung bis zur Eroberung Ägyptens durch die Araber, 640-643 n. Chr.), kaum nach irgendwelcher Richtung hin Fortschritt oder Entwicklung verrät, so daß von diesen Schriftstellern gilt, was ~Albrecht von Haller~[355] über die arabischen Botaniker sagt: „sie sind die brüderlichsten Brüder, und hast du einen von ihnen gelesen, so hast du sie alle gelesen“; das einzige, aber ziemlich untrügliche Unterscheidungszeichen älterer und jüngerer Abhandlungen bleibt die bei letzteren immer weiter zunehmende Verworrenheit und Kritiklosigkeit, sowie das stets merklichere Zurücktreten eigentlicher chemischer Kenntnisse und praktischer Erfahrungen hinter leeren alchemistischen Einbildungen und theoretischen Abstraktionen.

Welche Autoren in Wahrheit die frühesten sind, welche Lehren tatsächlich von ihnen herrühren, und welche Auslegungen dieser Lehren wirklich zutreffen, -- alle diese Fragen lassen sich zur Zeit nicht mit Sicherheit beantworten. Wir wissen nur spärliches über Lebenszeiten und Lebensumstände der Verfasser (deren Namen sich überdies in einigen Fällen auch noch wiederholt haben sollen), es läßt sich meist kaum entscheiden, ob und inwieweit ihre Zitate aus den „Alten“ echte oder nur vorgebliche sind, und des weiteren bietet der Wortlaut dieser Berufungen, nicht minder aber auch jener der eigenen Ausführungen, dem Verständnisse noch viele ganz besondere Schwierigkeiten: die Beschreibungen der vorzunehmenden Operationen sind häufig unvollständig, unklar, oft auch „absichtlich geheimnisvoll“ und lassen meist jede Andeutung quantitativer Verhältnisse (Mengen, Zeiten, Konzentrationen, Temperaturen) vermissen; als Bezeichnungen der Substanzen dienen in fast beliebiger Weise vieldeutige Worte, und man hat daher, etwa unter Chalkitis, Chrysokolla, Kadmia, Kommi, Magnesia, Sinopis, Stypteria, je nach den Umständen das Allerverschiedenste vorauszusetzen: nicht nur ganz anderes als der +heutige+ Sprachgebrauch erwarten läßt (bei „Gummi“, bei „Magnesia“, usf.), sondern auch nach +damaliger+ Kenntnis weit Auseinanderliegendes, so z. B. wenn Sinopis[356] bald Rötel aus Sinope bedeutet, bald sinopisches Minium (Mennige), bald aber Zinnober, Realgar, Oker, Eisenrost, oder Hämatit (Roteisenstein). Endlich werden viele der benützten Stoffe überhaupt nur unter dem Schleier von Geheimnamen, sog. Decknamen, eingeführt, betreff derer begreiflicherweise die größte Willkür besteht[357], so daß man schon bei den verständlicher klingenden niemals vorher wissen kann, +welches+ Mineral, +welches+ Präparat, +welche+ Droge irgendein Autor unter Ei, Eigelb, Galle, Honig, Gummi, Safran, Rettigöl, Ricinusöl, Lorbeerholz u. dgl. gerade versteht und verstanden haben will. Daß z. B. an irgendeiner Stelle „magnetische Blumenblätter“ den Braunstein (Pyrolusit, Mangansuperoxyd) bedeuten sollen, wird allenfalls noch Derjenige erschließen können, der weiß, 1. daß „Blätter der Krone“ zuweilen auch als Namen der „Magnesia“ vorkommen, 2. daß „Magnesia“ (neben vielen anderen in den Gebieten Magnesias auftretenden Mineralien) auch den Braunstein bezeichnet, und 3. daß dieser „magnetisch“ auch noch deshalb heißt, weil durch seinen Zusatz das infolge Eisengehaltes dunkle Rohglas entfärbt wird, was schon ~Plinius~ mit den Worten erklärt, er ziehe den Abschaum des Glases (liquorem vitri) ebenso an sich, wie der Magnet das Eisen; darauf aber, daß an irgendeinem anderen Orte mit „Lorbeerblättern“ der „weiße Schwefel“ (= Arsenigsäure) gemeint sein soll, würde überhaupt niemand verfallen können, erschlösse ihm nicht zufälligerweise eine Parallelstelle diesen Sinn, für den uns der richtige Anhaltspunkt völlig fehlt.

Durchaus zutreffend, und ~Berthelot~ gegenüber fast prophetisch, hat also ~Kopp~ hervorgehoben, daß den alchemistischen Werken, -- wie künftige bessere und vollständigere Ausgaben gewiß +noch+ klarer ersichtlich machen würden, -- verhältnismäßig wenig Bestimmtes über das chemische Wissen ihrer Verfasser zu entnehmen ist, und daß die Auffassung des zu Entnehmenden oft zweifelhaft bleibt und in der Luft schwebt, „worüber sich der Fernstehende durch zuversichtliche Behauptungen nicht täuschen lassen darf“[358], um so mehr, als man für eine frühe Zeit und die ihr angehörigen Schriften keine sichere Antwort auf Fragen abzuleiten vermag, die, nach der Erkenntnisstufe jener Zeit, in ihr gar nicht bewußt gestellt wurden[359]. Die Vorschriften zur künstlichen Darstellung von Gold und Silber, so führt ~Kopp~ weiter aus, sind nicht nur insoweit gegenstandslos, als sie dieses unmögliche Ziel für erreichbar oder wirklich erreicht ausgeben, sondern sie lassen auch meist im Dunkeln, wie man es erreicht zu haben +glaubte+, da die Nomenklaturen unverständlich und rätselhaft, die Kunstausdrücke vieldeutig und unsicher, die Einzelnamen fragwürdig und figürlich sind, vielleicht auch ihren Sinn wiederholt gewechselt haben; selbst Vergleiche der Werke untereinander fördern in dieser Hinsicht nicht nach Erwarten, denn die Geschichte aller Irrlehren zeigt, daß diese nicht oder kaum entwicklungsfähig sind, so daß die jüngeren Verfasser die älteren stets nur aufs neue wiederholen und kommentieren[360]. „Man findet bei diesen Autoren“, so sagt sehr richtig schon 1783 ~Moehsen~ in einem noch heute höchst lesenswerten Abschnitte seiner „Beiträge zur Geschichte der Wissenschaften in der Mark Brandenburg“[361], „weitläufige Exegesen, nach Art der kirchenväterlichen über die Bibel, .... der Schüler gibt weiter, was ihn sein Meister lehrte, und der eine Blinde zeigt immer dem anderen den Weg.“

Nur mit großer Vorsicht wird man also unter solchen Umständen zum Versuche schreiten dürfen, Lehren und Leistungen der griechischen Alchemisten nach Möglichkeit klarzulegen.

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Die „alten“ Überlieferungen stimmen so gut wie ausnahmslos darin überein, daß die frühesten der uns vorliegenden alchemistischen Schriften jene des ~Demokritos~ seien[362]; zugleich stellen sie dessen Identität mit dem +Philosophen+ ~Demokritos~ aus Abdera als eine derartig unzweifelhafte und selbstverständliche hin, daß sie für nicht wenige Gelehrte noch inmitten der Neuzeit ein unerschütterlicher Glaubensartikel blieb, obwohl schon ~Salmasius~ (~Saumaise~) 1622 im Kommentar zu des ~Tertullianus~ „Liber de pallio“ erklärte[363], „daß diese Werke zwar unter dem Namen des ~Demokritos~ gehen, aber der letzten Zeit der griechischen Literatur angehören“!

Ganz abgesehen von den unvereinbaren chronologischen Verhältnissen, -- der +Philosoph+ ~Demokritos~ starb um 350 v. Chr., und der Charakter jener Schriften ist ausgesprochen späthellenistisch, -- muß es zunächst unbegreiflich erscheinen, wie gerade der +echte+ ~Demokritos~ in den Ruf eines Magiers, Astrologen und Alchemisten geraten konnte, er, der anerkanntermaßen einer der scharfsinnigsten und nüchternsten Köpfe des Altertums war, als Hauptbegründer der atomistischen Schule neue und selbständige Pfade einschlug, und von ~Aristoteles~ „als ein Mann, der über fast alles nachgedacht hat“, mit hoher Achtung erwähnt und als unbedingt erste Autorität bezüglich der Naturkunde angesehen wird. Den nächsten Anlaß zu dieser Umwertung, sicherlich einer der auffälligsten, die die Geschichte der Wissenschaften kennt, gaben wohl seine ungewöhnlich zahlreichen Reisen, deren Umkreis spätere Berichte immer weiter ausdehnten, zuletzt bis in das Innere Ägyptens und Babyloniens, dieser alten Heimstätten des Zauberwesens und der Magie[364]; gefördert wurde sie durch das Vorhandensein eines, angeblich auf vielerlei eigene Versuche und Erfahrungen gegründeten, χειρόκμητα (Cheirókmeta = Handgriffe, Kunstgriffe) betitelten Werkes, dessen ursprüngliche (echte?) Fassung leider, wie die aller Schriften des wahren ~Demokritos~, verloren ist, über dessen Inhalt aber allmählich immer abenteuerlichere Vorstellungen in Umlauf kamen und auch Glauben fanden. Jedenfalls stand das Bild des ~Demokritos~ als Astrologen und Magiers ersten Ranges gegen Anfang unserer Zeitrechnung bereits längst fest, und aus den „Cheirókmeta“, auf die ~Vitruv~[365] und ~Plinius~[366] hinweisen oder anspielen, sowie aus anderen seiner Werke wird eine Fülle derartig abergläubisch-unsinniger (+nirgends+ aber alchemistischer!) Aussprüche und abgeschmackter Behauptungen angeführt[367], daß schon einigen der Autoren, aus denen ~Plinius~ schöpfte, der Gedanke an Unterschiebungen aufstieg[368]; ~Plinius~ glaubt zwar nicht an solche, aber sein Zeitgenosse ~Columella~ (gest. gegen 65 n. Chr.)[369], sowie der spätere ~Aulus Gellius~ (gest. um 180 n. Chr.)[370] sprechen von ihnen nicht nur als von etwas bereits völlig Bekanntem, sondern nennen auch den (oder einen) Hauptfälscher, ~Bolos~ aus ~Mendes~ in Ägypten, der nicht lange nach Beginn der Ptolemäerzeit gelebt und „zur Schule des ~Demokritos~“ gehört haben soll[371]. Das Vorhandensein einer solchen Schule, die doch unbedingt einer längeren Entwicklungszeit bedurfte, wäre von großem Interesse, erscheint aber fragwürdig; wenn wir jedoch bei ~Petronius~ (gest. 66 n. Chr.) lesen[372], „~Demokritos~, ein zweiter Herakles (nämlich der Wissenschaften) ..., füllte ein Leben mit Versuchen aus, um die Kräfte der Steine und Pflanzen völlig ins Reine zu bringen“, und wenn ~Seneca~ (um 60 n. Chr.) anführt[373], „~Demokritos~ verstand auch Elfenbein zu erweichen und mineralische Schmelzen in Smaragd zu verwandeln, wie das noch jetzt mit den dazu passenden geschieht“, -- so erhalten wir eine ziemlich ausreichende Vorstellung dessen, +was+ sie etwa dem ~Pseudo-Demokritos~ zuschrieb; wir ersehen ferner, daß für die technisch Ungebildeten jener Zeit ein den ägyptischen Glasmachern seit altersher so geläufiger Kunstgriff wie das Grünfärben von Glasschmelze durch kleine Mengen geeigneter Metallverbindungen noch den Charakter einer, der geheimen „Kraft“ des Zusatzes zuzuschreibenden „Umwandlung“ trug. +Hier+ ist also die Stelle, an die die Phantasien der weiteren apokryphen Litteratur anknüpften[374]. Aus dieser schöpfend berichten z. B. im 3. Jahrhundert ~Diogenes Laërtius~[375], und im 4. ~Synesios~ (s. unten) und ~Panodoros~ (dessen ägyptische Chronik im Auszuge bei ~Georgios Synkellos~, einem Autor des 8. Jahrhunderts, vorliegt), ~Demokritos~ habe schon von einigen Magiern, die als Begleiter des ~Xerxes~ während des griechischen Feldzuges zu Abdera im Hause seines Vaters Wohnung bezogen, Unterricht in den Geheimwissenschaften erhalten (also etwa 20 bis 25 Jahre vor seiner Geburt?); später sei er zu Memphis in Ägypten durch den persischen Priester ~Ostanes~, den ersten und berühmtesten Lehrer der Astrologie und Alchemie (s. unten), in diese Künste eingeweiht worden; daraufhin habe er dann die Vorschriften zur Anfertigung des Goldes und Silbers (χρυσο-, ἀργυροποιία, Chryso- und Argyropoiía) verfaßt und die „Bücher der Färbekunst“ (βίβλους βαφικάς) geschrieben, deren vier Abschnitte das „Färben“ (βαφή, Baphé, Tinktur) des Goldes, des Silbers, der Edelsteine und der Purpurgewänder behandelten[376]. Die Folgerichtigkeit der Anschauungen tritt hierbei klar zutage, denn genau so, wie die Gewinnung von grünem „Smaragd“ aus farblosem Glas, oder von purpurnem Gewebe aus farblosem Stoffe, sprach man auch jene des Goldes und Silbers in erster Linie als einen Vorgang der Farbengebung an: war es erst mehr oder weniger geglückt, ungefärbten oder anders gefärbten Metallen die Farbe von Gold und Silber zu verleihen, dann hatte man eben auch sie mit mehr oder weniger Erfolg „umgewandelt“, also Gold und Silber „gemacht“.

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Die Lehren des ~Pseudo-Demokritos~ wurden der Neuzeit zuerst einigermaßen bekannt, als 1573 ~Pizzimenti~ in Padua das Buch „Demokritos Abderita, De arte magna“ veröffentlichte, dessen erster Abschnitt „De rebus naturalibus et mysticis“ (Über das Natürliche und Übernatürliche) eine Anzahl aus nicht näher angegebenen Quellen entnommener Fragmente in lateinischer (sehr unzureichender) Übersetzung bringt[377]; nach ~Berthelot~, der diese als seither unbekannt geblieben ansieht, obwohl u. a. ~Kopps~ „Beiträge“ einen ausführlichen Abdruck enthalten[378], stimmt ihr Inhalt völlig überein mit dem des Werkes „Physica et Mystica“ (das in verschiedenen Handschriften überliefert ist), nur umfaßt letzteres noch zwei weitere Absätze: der erste berichtet über eine zauberische Anrufung des „persischen“ Magiers ~Ostanes~ und die Auffindung der von seinem Geiste angekündigten Geheimschriften, während der zweite ein Rezept zum Färben mit Purpur wiedergibt[379]. -- Hauptquellen zur Kenntnis des ~Pseudo-Demokritos~ sind die griechischen Texte seiner angeblich eigenen Werke, die am ausführlichsten die berühmte, wahrscheinlich aus dem 10. Jahrhundert stammende alchemistische Sammelhandschrift der St. Markus-Bibliothek zu Venedig enthält, ferner die Zitate aus seinen Schriften bei späteren griechischen Alchemisten (u. a. bei ~Zosimos~ im 3. und ~Synesios~ im 4. Jahrhundert) und endlich einige in syrischer Sprache erhaltene Übersetzungen und Auszüge.

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Um zunächst einen Begriff vom Inhalte und von der Abfassungsweise der demokritischen Schriften zu geben, sei der erste Absatz aus der Einleitung in die „Goldmacherkunst“ (χρυσοποιία) vorausgeschickt, der wörtlich wie folgt lautet[380]: „Nimm Quecksilber, fixiere es mit dem Körper der Magnesia, oder des italischen Stimmi, oder mit nicht erhitztem [d. h. natürlichem] Schwefel, oder mit Aphroselinon, oder mit gebranntem Kalk, oder mit Alaun aus Milo, oder mit Arsenikon, oder mit etwas, was du sonst als passend kennst; wirf [projiziere] die weiße Erde auf Kupfer, so erhältst du glänzendes Kupfer; wirfst du gelbes Silber darauf, so erhältst du Gold, wirfst du aber Gold darauf, so erhältst du Goldkoralle in Substanz. Die nämliche Wirkung bringt das gelbe Arsenikon hervor, ferner das richtig behandelte Sandarach, oder der völlig herausgekehrte [d. h. umgewandelte] Zinnober; glänzendes Kupfer erhältst du allein mittels Quecksilbers. Die Natur besiegt die Natur.“

Wer hiernach über das Verfahren Gold zu machen und über die dabei zu benützenden Hilfsstoffe nicht genügend klar geworden ist, dürfte seine Zuflucht vor allem zum sogenannten „Lexikon der χρυσοποιία“ nehmen, einem schon in den ältesten Handschriften angefügten, erläuternden Verzeichnisse der Stoffnamen, sowie der Bedeutungen, die diesen neben ihrem nächstliegenden Sinne noch zukommen können; nach Durcharbeitung der zahlreichen, jeder bestimmten Anordnung entbehrenden Paragraphen dieses Wörterbuches[381] wird er sich im Besitze nachstehender Erklärungen der im Absatze I vorkommenden Fachausdrücke finden, -- wobei vorausgesetzt sei, daß die Grundsubstanz „Quecksilber“ auch wirklich Quecksilber sein soll, was möglich, aber keineswegs gewiß ist:

Magnesia: weißes Blei; Kadmia; weibliches Stimmi; stärkster Essig; „Blätter der Krone“.

Stimmi: natürliches [d. i. Spießglas, Schwefelantimon]; „Muschel“, dargestellt aus Kupfer, Blei, Zinn und Eisen; Goldkoralle.

Nicht erhitzter Schwefel: Safran aus der Lösung; Dampf und Sublimiertes aus Quecksilber.

Aphroselinon: Silberschaum; Argyrolith; Kupholith; Komaris von allen Arten Schwefel und Arsen; Talk; Selenit; Weinstein; Alaun; festes Quecksilber.

Gebrannter Kalk: Kalk der Eier; Marmor aus Theben; Titanos; Alaun; Alaun von Melos; Stein des Dionysos; Knochen der Sepia; Muscheln.

Alaun: weißer Schwefel [d. i. Arsenigsäure]; glänzendes Kupfer; gereinigtes Blei; phrygischer Stein; nicht erhitzter Schwefel.

Arsenikon: weißer Schwefel; Komaris; attischer Oker; Erde aus Samos.

Kupfer: Schale der Eier.

Glänzendes Kupfer: Alaun.

Gelbes Silber: Asem.

Goldkoralle: feinstes rotes Gold.

Gelbes Arsen: gelber Sand [d. i. Auripigment, gelbes Schwefelarsen].

Sandarach: roter Sand [d. i. Realgar, rotes Schwefelarsen]; scythisches Wasser; Quecksilber aus Zinnober.

Zinnober: sublimierter Dampf, im Topfe gekocht; Sandarach; Mennige; Rotheisenstein [d. i. Hämatit].

Das angeführte Beispiel, das eine noch keineswegs zu den schlimmsten zählende Stelle betrifft, im übrigen aber für Geist und Form +aller+ alchemistischen Werke, von den frühesten an bis zu denen des ausgehenden Mittelalters, recht charakteristisch ist, läßt ersehen, welche ungewöhnlichen Schwierigkeiten der Text jedem Versuche zureichender Deutung entgegensetzt, und in wie geringem Grade diese durch das „Lexikon“ behoben werden; schon ~Kopp~ sagt von diesem[382], es sei ein bloß verwirrendes, für das Verständnis wertloses, selbst erst eines Kommentars bedürftiges Verzeichnis nicht der erwarteten Erklärungen, sondern der nach alchemistischer Redeweise gebräuchlichen Synonyma. Demgemäß verheißt ein Vorgehen, abzielend auf weitere Anführung umfangreicher Stellen aus derartigen Schriften und jedesmalige Auslegung ihrer Einzelheiten, wenig Erfolg; zweckentsprechender erscheint der Versuch, den Inhalt nur im allgemeinen wiederzugeben, jedoch unter tunlichster Berücksichtigung der Ausführung und Erklärung chemischer Operationen, der gebrauchten Kunstausdrücke und der benützten Apparate.

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Das Hauptwerk des ~Pseudo-Demokritos~ „Physica et Mystica“[383] weist gleich in seiner Einkleidung arge Widersprüche auf. ~Demokritos~ beschwört den Geist des einstigen Lehrers, des +persischen+ Magiers und dabei +ägyptischen+ Priesters ~Ostanes~, und erhält von ihm die Auskunft, seine Geheimschriften befänden sich im „Tempel“; dieser wird fruchtlos durchsucht, und erst später öffnet sich beim Gottesdienste plötzlich eine Säule, die Bücher kommen zum Vorschein, enthalten jedoch nichts als den Spruch „ἡ φύσις τῆ φύσει τέρπεται, ἡ φύσις τὴν φύσιν νικᾷ, ἡ φύσις τὴν φύσιν κρατεῖ“, d. h. „Die Natur freut sich über die Natur, die Natur siegt über die Natur, die Natur herrscht über die Natur“[384]; die Schüler sind äußerst verwundert über die Kürze und Kärglichkeit dieses Vermächtnisses, -- aber weiteres ist nicht vorhanden. Trotz dessen gibt sich das ganze Werk des ~Demokritos~ als das wiedergefundene des ~Ostanes~, freilich ohne dies ganz offen auszusprechen; die übliche Auslegung besagt allerdings, jener knappe Satz schließe eben alles Sonstige bereits in sich, und von der übermenschlichen Weisheit des ~Ostanes~ zeuge gerade seine Fähigkeit, die ungeheure Mannigfaltigkeit der Erfahrungen in diesen wenigen Worten zusammenzufassen. Merkwürdig bleibt hierbei noch, daß ~Ostanes~, den doch ~Demokritos~ hier als frühesten und ersten der Alchemisten sprechen läßt, selbst wieder Berufung an die „Älteren“ einlegt und empfiehlt, mit der Begründung, die „Neueren“ glaubten nicht genügend an die „Schrift“, τῇ γραφῇ[385], d. h. an die noch gar nicht vorhandene schriftliche Überlieferung seiner Lehren!

Was nun ~Demokritos~ in „Physica et Mystica“, einerseits unter Verweisung auf Bücher der persischen Magier[386], andererseits unter rätselhafter Andeutung gewisser Geheimnisse der ägyptischen Tempel[387], über das „Machen“ von Gold und Silber verrät, geht durchaus auf jene drei Methoden hinaus, von denen (wie bereits weiter oben angeführt) schon ~Salmasius~ spricht, und in völlig übereinstimmender Weise auch ~Berthelot~[388]. Für +Silber+, zuweilen auch Asem genannt, kommt in Frage: 1. Die „Weißung“ der Oberfläche von Kupfer durch quecksilber- oder arsenliefernde Chemikalien, wie gelbes und rotes Schwefelarsen (Auripigment und Realgar), Zinnamalgam, Zinnober u. dgl. 2. Auftragen silberglänzender Firnisse auf Kupfer, Eisen, oder Blei. 3. Bereitung silberähnlicher Legierungen aus Kupfer, mittels Zinn, Blei, Orichalkum und anderer Zutaten, wobei hinterher nach Bedarf auch nochmalige Weißung erfolgen kann. Für +Gold+ ist in Betracht zu ziehen: 1. „Gilbung“ der Oberflächen von Kupfer und Silber durch die Röstprodukte von Pyriten und Spießglanz (d. i. Schwefelantimon), sowie durch Schwefel, arsen- oder schwefelliefernde Präparate, u. a. „göttliches Wasser“ [d. i. Calciumpolysulfid?]. 2. Auftragen goldglänzender Firnisse[389], bestehend u. a. aus Kadmia, Safran, Chelidonium, Carthamus, Eigelb, Kalbsgalle, nebst den Ölen von Terebinthen [d. i. die Frucht von Pistacia Terebinthus], Ricinus, Rettig usf. 3. Bereitung goldähnlicher Legierungen aus Kupfer, Silber und Blei, z. B. aus natürlichem Schwefelsilber mit Bleiglätte und Spießglas, oder aus Kupfer nebst Blei, Zinn und „Klaudianos“ [Kupfer, Blei, Zinn oder Messing enthaltende Legierung?], auch unter Mitverwendung von Quecksilber, Zinnober, Elektron, und unter schließlicher abermaliger Gilbung. Nützliche Zusätze zur Darstellung von Silber und Gold sind endlich kleine Mengen Silber, Gold, oder Elektron[390], am besten als feine Pulver, die offenbar gleich „Samen“ die beabsichtigte Umwandlung anregen, oder sie nach Art von „Hefe“ fördern und beschleunigen sollen.

Als wichtigster Ausgangsstoff für die Herstellung der Edelmetalle wird das Blei bezeichnet, „dessen Natur sich so leicht in vielerlei anderes umwandeln läßt, μετατρέπεται[391], [nämlich in die wohlbekannten Präparate weißes Bleiweiß, schwarzes Schwefelblei, gelbe Bleiglätte, rote Mennige]; da nach den Theorien des ~Platon~ und ~Aristoteles~ alle Metalle mehr oder weniger Wasser enthalten, das ihre Schmelzbarkeit bedingt und im Augenblicke der Verflüssigung sichtlich hervortritt, und da ferner dieser Wassergehalt bei den edlen Metallen am kleinsten, bei den unedlen am größten sein soll, so hat aber jedenfalls auch der niedrige Schmelzpunkt des Bleies dazu angeleitet, dieses gemeinste der Metalle als dasjenige anzusehen, das als eine Art Urstoff [materia prima] den übrigen zugrunde liegt, zunächst denen der „Tetrasomie“ (Vierkörperschaft) der Unedlen, d. i. Blei, Kupfer, Eisen und Zinn[392]. Doch ist unter „Blei“ nicht stets das gewöhnliche Blei zu verstehen, -- nämlich das „schwarze“ (plumbum nigrum), neben dem das Zinn das „weiße“ (plumbum candidum) heißt, -- sondern zuweilen auch das +metallische Antimon+, dessen, als einer Art Blei, u. a. schon ~Plinius~ und ~Dioskurides~ gedenken[393]; dieses wird aus dem sehr leicht reduzierbaren στίμμι [Stimmi, Spießglas, Schwefelantimon] gewonnen und „μόλυβδον τὸ ἡμών“ = „+unser+ Blei“ genannt[394], ähnlich wie an anderer Stelle eine scharfe Flüssigkeit „τὸ ἡμέτερον ὄξος“ = „+unser+ Essig“[395]. Wie mehrere Bleie, so gibt es auch mehrere Quecksilber, nämlich neben „einem aus Zinnober“ auch „eines aus Arsen“[396]; unter diesem ist das durch Röstung und Reduktion der natürlich vorkommenden Arsensulfide leicht zu gewinnende, durch Silberglanz, Sublimierbarkeit usf. dem Quecksilber analog erscheinende +metallische Arsen+ zu verstehen, das „aus Kupfer und aus Asem Silber erzeugt“[397] [indem sich eine silberglänzende Kupfer-Arsen-Verbindung bildet]. Die Arsensulfide und der „Rauch“, den sie beim Rösten entweichen lassen, heißen auch κοβαθία (Kobathía)[398], -- ein Wort, mit dem, ebenso wie mit dem verwandten κόβαλος (Kóbalos), nach ~Beckmann~ (1799) und ~Lobeck~ (1829) unser heutiges Kobold und Kobalt zusammenhängen soll[399].

Um nun das „Blei“ genannte Rohmaterial in Silber oder Gold überzuführen, hat man ihm jene richtige βαφή = Färbung zu erteilen, „die das Ziel der großen Kunst bildet“[400]; die Aufgabe hierbei ist im wesentlichen keine andere als die, farblose Gewebe aus Rohwolle und Rohleinen in herrlich blaue und rote Prachtstoffe umzuwandeln[401]. So wie man das ägyptische Chamäleon veranlassen kann, die verschiedensten Farben anzunehmen, wobei aber seine eigentliche Natur keine Veränderung erleidet, ganz ebenso hat man Farbenveränderungen des Ausgangsmaterials anzustreben, das solcher sehr wohl fähig ist, in ihrem Verlaufe ebenfalls seine ursprüngliche Natur bewahrt und deshalb [im Sinne eines Urstoffes, einer Materia prima] auch selbst „Chamäleon“ heißt[402]. Diese Veränderungen vollziehen sich jedoch nicht plötzlich, sondern in verschiedenen Stufen[403], als deren vier wichtigste die Mélansis (Schwärzung), Leúkosis (Weißung), Xánthosis (Gilbung) und Íosis (Rötung) gelten; die erste erfüllt eine +unabänderliche Vorbedingung+, indem sie die verschiedenen Rohstoffe in eine gleichmäßige schwarze Urmasse überführt, die das Substrat jeder weiteren Veränderung darstellt, die zweite bewirkt die Entstehung weißen Silbers, die dritte die gewöhnlichen gelben, und die vierte die reinsten roten Goldes.

Die Leukosis und Xanthosis, das Weißen und Gilben, sind, wie ~Zosimos~, ~Synesios~ und andere spätere Erklärer bestätigen, die wichtigsten jener „Handfertigkeiten“, die ~Demokritos~ in dem, von ihnen χειροκμήματα genannten „Buche über die vier edlen Künste“ als ἄργυρο- und χρυσο-ποιία (Machen des Goldes und Silbers) lehrte[404] und angeblich auch in „geheimen Schriftzeichen“ (= Hieroglyphen) auf die Säulen der Tempel setzen ließ[405]. Das Weißen und Gilben muß der τεχνιτῆς[406] (Techniker, Kunstbeflissener) auf das Gründlichste studieren[407], erstens, indem er durch immer wiederholte Versuche die Eigenschaften und Wirkungen aller der festen und flüssigen Stoffe erforscht, durch deren Einwerfen (ἐπιβάλλειν, projizieren)[408] man das Weiße und Gelbe gewinnt, zweitens aber auch, indem er die hierfür günstigsten Umstände ermittelt; dabei wird sich z. B. herausstellen, daß Erfolg, namentlich guter Erfolg, nur eintritt, wenn sich alle Substanzen in flüssigem (gelöstem oder geschmolzenem) Zustande befinden, ἀναλυόμενα πάντα[409]. Die wichtigsten der erwähnten Stoffe sind Quecksilber[410], ferner aber auch Zinnober[411], Schwefel, Arsen, gelbes Arsen [Auripigment], rotes Arsen [Realgar, Sandarach], Spießglas [Schwefelantimon], Pyrit [Schwefelkies u. dgl.], und zwar besonders dessen silber- und goldglänzende Arten, z. B. λίθος χρυσίτης (Goldkies)[412], sodann Sory und Misy[413] [Zersetzungsprodukte des Pyrits; Schwefel, Kupfer, Eisen und andere Metalle enthaltend], endlich noch Kadmia[414] (καθμεία), die auch den Namen Magnesia (μαγνησία), weißes Blei, weißer Pyrit, Silberkies, u. dgl. führt[415].

Die Wirkung, die von ihnen ausgeht, beruht auf συγγένεια (Syngéneia), d. i. Affinität, Verwandtschaft, wie eine solche in allbekannter Weise sämtliche Metalle zum Schwefel, oder das Eisen zum Magnetstein zeigen[416]; diese führt (so lehrte schon ~Platon~) zu einer gänzlichen Verschmelzung und Vereinigung, zu einer wahren „Vermählung“, daher sich denn z. B. Kupfer und Kadmia [hier ein zinkhaltiges Mineral] durchdringen ἕως συγγαμήσωσιν (bis sie sich vermählt haben) und dabei Nikäanisches Orichalkum [hier offenbar Messing] erzeugen, ganz ebenso wie aus Kupfer und Zinn durch eine Vermählung gleicher Art „Erz“ [= Bronce] hervorgeht[417]. Wie in diesen Fällen die Einflüsse geringer Beigaben Zinn oder Kadmia, so sind auch die der oben angeführten weißenden oder gilbenden Zusätze beim „großen Werke“ zu beurteilen; sie veranlassen eine Umwandlung (μεταβολή, Metabolé), eine Artverwandlung (ἀλλοίωσις, Alloíosis)[418], ersichtlich an der Farbenveränderung, ja mit dieser geradezu identisch: „μεταβολὴ καὶ ἀλλοίωσις ἐστὶ βαφή“, „die Umwandlung und Artverwandlung besteht in der Umfärbung“[419]. Daß die Umwandlungen eintreten, ist nicht weiter erklärbar: „O ihr allmächtigen Naturkräfte (φύσεις παμμεγέθεις), die ihr Metabolé bewirkt!“ ruft ~Demokritos~ aus[420], und weist hierdurch auf den dogmatischen Lehrspruch des ~Ostanes~ zurück; Grundlage des letzteren wiederum soll in Wahrheit ein auch von ~Zosimos~[421] angeführter Satz sein „αἱ ποιότητες δι’ ἀλλήλων παρέρχονται“ (die Qualitäten verdrängen sich gegenseitig), den ~Berthelot~ als aus der „Physik“ des ~Aristoteles~ entlehnt bezeichnet; doch steht er weder an der angegebenen Stelle (Buch IV, cap. 6), noch ist er mit Hilfe des ~Bonitz~schen Registers zu des ~Aristoteles~ Werken auffindbar.

Was die Ausführung der chemischen Operationen anbelangt, so ist bemerkenswert, daß ~Pseudo-Demokritos~, wie das Altertum überhaupt, von Säuren nur den Essig und einige saure Pflanzensäfte kennt; Essig wendet er in verschiedenen Stärken an, u. a. auch als „schärfsten“ (unverdünnten), ὄξος δριμύτατος[422]; Citronensaft ist ihm „der Essig aus Citronen“ (ἐν ὄξει κιτρίνῳ, ἐν χολῷ κίτρῳ)[423]. Das Behandeln mit Chemikalien heißt ταριχεύειν (taricheúein)[424], welches Wort das Einpökeln der Fische, aber auch das Einbalsamieren der Mumien bezeichnet (das tatsächlich häufig nur ein Einsalzen mit Nitron war). Gelindes Erwärmen, oft 15-31 Tage dauernd, erfolgt durch Einsetzen in Mist, z. B. Pferdemist, ἐν ἱππείᾳ κόπρῳ[425], stärkeres Erhitzen durch freies Feuer, wobei sich die leichteren Dünste des Wassers und anderer Substanzen, aber auch jene dichteren Dämpfe, die alsbald in Form von Sublimaten wieder fest werden, zunächst als „Wolke“ erheben. Von der ἄρσις ὕδατος καὶ νεφέλης, dem „Aufsteigen des Wassers und der Wolke“, sowie von der νεφέλη im Sinne eines Sublimates, ist daher häufig die Rede[426]. Neben offenen Gefäßen (anscheinend meist tönernen) werden auch einseitig und allseitig verschlossene erwähnt; diese letzteren heißen ἀγγεῖον περίφιμον πάντοθεν, „ringsum geschlossene Gefäße“, und machen keinen Anspruch auf Neuheit mehr, da man sich ihrer ὡς ἔθος (wie gebräuchlich) bedienen soll[427].

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Was die Zitate aus ~Pseudo-Demokritos~ bei den +späteren Alchemisten+ betrifft, wie bei ~Zosimos~ und ~Pelagios~ im 3., bei ~Synesios~ und ~Olympiodor~ im 4. bis 5., und bei dem sog. ~Philosophus Anonymus~ und ~Christianus~ im 6., 7., oder 8. Jahrhundert, so ist es selbstverständlich, daß sie desto weniger Anhalt bieten, je ferner diese Schriftsteller ihrer wirklichen oder angeblichen Quelle stehen; schon was sie inhaltlich besagen, wird allmählich stets wertloser, zudem gestaltet sich aber auch die Form der Überlieferung immer fragwürdiger, indem philosophische und mystische Theorien in den Vordergrund treten, u. a. besonders die Entgegensetzung von Körper (σῶμα, Soma) und Geist (πνεῦμα, Pneuma), von festen somatischen Grundlagen und flüchtigen pneumatischen Eigenschaften, usf.

~Demokritos von Abdera~, so erzählt der ~Philosophus Anonymus~, war an Kenntnissen allen seinen Vorgängern weit überlegen und ist der Verfasser der vier Bücher der Wissenschaft (ἐπιστήμη) vom Silber, vom Gold, von den Edelsteinen und vom Purpur, nach einigen auch noch eines fünften von den Perlen[428]. Das „große Werk“ beruht nach ihm auf Durchdringung und Vereinigung gewisser körperlicher Substanzen und geistiger Qualitäten, wobei unter Aufhebung und Zerstörung der alten Wesen ein neues erzeugt wird, dessen Beschaffenheit davon abhängt, welcher in die Mischung eingehende Bestandteil der stärkere ist, denn „die Natur freut sich über die Natur, usw.“. Voraussetzung bei dem des Werkes Beflissenen ist daher genaue Kenntnis der körperlichen und geistigen Naturen, ihrer Arten und Abarten, Verwandtschaften, Zu- und Abneigungen, Sympathien und Antipathien; denn durch Sympathie z. B. zieht ὁ μαγνήτης λίθος (der magnesische Stein = Magnet) das Eisen an, durch Antipathie verhindert ihn aber hieran die Gegenwart von Knoblauch, durch Sympathie mischen sich Wasser und Wein, durch Antipathie aber sondern sich Wasser und Öl, u. dgl. mehr[429].

Nach dem Berichte des ~Zosimos~ hat ~Demokritos~ gezeigt, daß das „Werk“ vom Blei ausgeht, oder von den οὐσίαι (Usíai), den Substanzen, das sind die vier auch „Körper“ (σῶμα, Sóma) genannten, festen, feuerbeständigen Glieder der „Tetrasomie“ (Vierkörperschaft), nämlich Blei, Kupfer, Eisen und Zinn, denen allen „nach Ansicht der Ägypter“ das Blei zugrunde liegt[430]. Das „Blei“ des ~Demokritos~ kann aber, wie aus ~Olympiodoros~ zu ersehen[431], neben dem gewöhnlichen stets auch „unser Blei“ sein, μόλυβδος ἡμέτερος, [d. i. metallisches Antimon], denn er schreibt öfter vor[432] „mache Blei aus Bleiglätte, aus Schwefelblei, oder aus Stimmi“, von welchem Stimmi [Schwefelantimon] er das ägyptische aus Koptos, das kleinasiatische aus Chalcedon, und das italische erwähnt[433]; desgleichen spricht der ~Philosophus Christianus~ von dieser μελανία στίμμεως, der „Schwärze aus Stimmi“[434], [dem durch Reduktion des Spießglases so leicht gewinnbaren, dem Schwarzblei äußerst ähnlichen Roh-Antimon]. Als für das „Werk“ besonders geeignet erweist sich unter den Körpern der Tetrasomie das Kupfer, denn es vermählt sich leicht und gern mit anderen Stoffen, erfreut sich an ihnen und beherrscht sie[435]; es gleicht, wie auch ~Pelagios~ versichert[436], einem Baume, indem es sich „bei guter Pflege in feuchter, warmer Luft und bei genügendem Begießen mit reichlichen Wässern“ alsbald unter „Gären“ entwickelt, d. h. aufschwillt und wächst, Blüten entfaltet und zuletzt Früchte trägt. Die Früchte sind, wie ~Zosimos~ noch deutlicher ausspricht[437], Silber und Gold; aber auch was unter den Dünsten und Wässern [Lösungen oder Schmelzen] zu verstehen sei, geht aus anderen Stellen klar hervor. In erster Linie kommt der Schwefel in Betracht, „den man gar nicht erst zu rösten braucht, da er in der Hitze schon von selbst schmilzt und verdampft und durch seine Einwirkung alles färbt“[438]; schon ganz wenig Schwefel „verbrennt“ dabei eine große Menge der anderen Stoffe, und zerstört die meisten Mineralien und Metalle[439]; besondere συγγένεια (Affinität) soll er aber zu bereits schwefelhaltigen, ihm also schon wesensverwandten Substanzen zeigen, die er „noch schwefliger“ macht, so daß der ~Philosophus Christianus~ neben dem ὕδωρ θεῖον, -- dem schwefligen (oder göttlichen) Wasser, das Kupfer in Silber und Gold verwandelt[440] --, auch noch ein ὕδωρ θειότατον (schwefligstes, göttlichstes) rühmt[441]. Dem +gelben+ Schwefel analog wirkt der +weiße+, [d. i. die beim Rösten der „unreinen“ Arsensulfide entweichende flüchtige Arsenigsäure], sowie der +schwarze+ (μελάντερον), [d. i. in der Regel das sich als schwarzer Anflug absetzende metallische Arsen, zuweilen aber anscheinend auch eines der +aus+ dem „Schwarzen“ (nämlich dem Spießglas) entstehenden sublimierbaren Antimon-Oxyde oder -Sulfoxyde][442]. Weiterhin ist einer der wichtigsten Stoffe das Quecksilber, sowohl das aus „Sand“ [d. i. metallisches Arsen], wie das aus Zinnober[443]; aus dem „gelben Sand“ [Auripigment][444] entsteht es durch Röstung [und Reduktion], aus dem Zinnober (Schwefel-Quecksilber)[445] durch Erhitzen mit νιτρέλαιον (Nitrélaion), dem „Öl aus Nitron“; es ist dies vermutlich ätzendes Natron, erhalten (wie schon dem ~Plinius~ zu entnehmen) aus der mittels gebranntem Kalk „verstärkten“, d. h. kaustisch gemachten Lösung des Nitrons, der in Ägypten massenhaft vorkommenden natürlichen Rohsoda.

Als wirksame Bestandteile aller dieser Mittel bezeichnete, nach ~Zosimos~, angeblich schon ~Demokritos~ den durch die Macht des Feuers aus ihnen ausgetriebenen Dunst oder Rauch, die αἰθάλη (Aithále), wie sie z. B. aus Zinnober oder Schwefelarsen sichtlich entweicht[446]. Er erklärt sie für wesensgleich, ja für identisch, mit der „inneren Natur“, der Psyche oder Seele der ursprünglichen Substanzen, mit deren Hauch oder Geist, deren +Pneuma+ (πνεῦμα)[447]; dieses flüchtige Prinzip erweist sich aber zugleich als das +färbende+, das πνεῦμα βαπτικόν[448], als der immaterielle Träger und Vermittler der „färbenden Eigenschaften“; denn allein Qualitäten sind der Übertragung und, wenn diese erfolgt ist, neuer Entfaltung ihrer Kräfte fähig: „ποιότητες ἐνέργουσιν, die Qualitäten schaffen“[449]. Auch nach ~Pelagios~ findet beim demokritischen „Mysterium der Goldfärbung“ (χρυσοβαφή, Chrysobaphé) eine „Schöpfung“, δημουργία (Demurgía) statt; sie besteht darin, daß der Einfluß des lösend und vergeistigend wirkenden Pneumas auch die erdigen und rohen Eigenschaften des Körpers (σῶμα, Sóma) in feinere und edlere verwandelt, wobei, der Um+wandl+ung entsprechend, auch Um+färb+ung eintritt[450]; dienen z. B. als Streupulver, ξήριον (Xérion), das man auf oder in die zu verwandelnden Massen wirft, (projiziert)[451], weißer und gelber Schwefel, so ergeben sie vermöge der Natur, die ihnen und ihrem Pneuma innewohnt, aus der flüssigen, als „Magnesia“ bezeichneten Legierung (κρᾶσις, Krásis) weißes Silber, dagegen aus der festen, als „Zinnober“ bekannten Substanz (οὐσία, Usía) gelbes Gold[452]. Wie aber Kupfer oder Eisen, wenn man sie schön vergolden will, vorher gebeizt werden müssen, so gesellt man auch dem Xerion, also dem göttlichen Wasser, dem Schwefel, Arsen, oder „Chrysolith“ [hier = golderzeugender Stein] noch allerlei beizende, styptische, und adstringierende Hilfsstoffe zu, die teils die „Farben“ in gewünschter Weise abstufen, teils bewirken, daß sie genügend „scharf“ werden, um „auch in die Tiefe einzudringen“[453].

Was die Behandlungsart des „Bleies“, des von ~Demokritos~ zuweilen auch als Asem[454] bezeichneten Kupfers, sowie der sonstigen Metalle mit den verschiedenen Reagenzien betrifft, so werden sie, laut ~Zosimos’~ Bericht, oft nur in Dünger eingesetzt, namentlich in Pferdekot, dessen Wärme sich als trefflich förderndes Mittel (φάρμακον, Phármakon) bewährt[455]; nach ~Olympiodoros~ umwickelte ~Demokritos~ sie fest mit Leinen, brachte durch „Einsalzen“ (ταριχεία, Taricheía) die Zusätze, Beizen, oder schwefelhaltigen Stoffe (z. B. Stimmi) zur Wirkung und kochte dann im „Meerwasser“, worunter vermutlich das Wasser des auch als πόντος (Póntos, Meer) bezeichneten Wasserbades zu verstehen ist[456]; zur Erreichung höherer Wärmegrade dient das Erhitzen ἐν ἄγγεσιν διπλοῖς, „in zwiefacher Hülle“[457] d. h. in einem Gefäße, das in ein zweites eingesetzt ist, z. B. in ein Sand- oder Aschenbad, θερμοσπόδιον (Thermospódion)[458]. Bei allen derlei Operationen erleidet man namhafte Verluste, so daß ~Demokritos~, wie ~Zosimos~ wissen will, nie mehr wie zwei Drittel bis drei Viertel des in Arbeit genommenen Materiales in umgewandeltem Zustande erhielt[459]. Wenn ~Zosimos~ weiter anmerkt, dieses fertig transmutierte Kupfer (τέλειον χαλκόν), „das keiner weiteren Färbung mehr bedarf“, finde sich nach ~Demokritos~ in den „Tempeln“ (ἐν ἱεροῖς)[460], so hat man hierbei nicht sowohl an die Kultstätten der ägyptischen Götter zu denken, als an die chemischen Apparate, denn diese pflegten die der „großen Kunst“ Beflissenen nicht selten mit Heiligtümern zu vergleichen und daraufhin auch „Tempel“ zu benennen.

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Die in +syrischer Sprache+ übermittelten Lehren des ~Demokritos~ sind hauptsächlich in einigen zu London und Cambridge befindlichen Manuskripten erhalten, auf die zuerst 1884 der berühmte Orientalist ~G. Hoffmann~ in Kiel an mehreren Stellen des von ihm verfaßten geschichtlichen Artikels „Chemie“ in ~Ladenburgs~ „Handwörterbuch der Chemie“ hinwies[461]; ~Berthelot~, der besagten Artikel kannte[462], gedenkt dieser Tatsache nicht, sagt jedoch auch nirgends, auf welche Weise er sonst Kenntnis von jenen Manuskripten erhielt. Er ließ die beiden ausführlichsten durch ~Duval~ und ~Houdas~ im Original herausgeben und ins Französische übersetzen[463], worauf er selbst dann die Übersetzung umarbeitete und „sinngemäß“ zu gestalten suchte.

Das Londoner Manuskript A zerfällt nach ~Duval~ in zwei Teile: der erste stellt eine vermutlich im 7. bis 9. Jahrhundert verfaßte Kompilation dar, denn er schließt sich noch völlig an die Werke der griechischen Alchemisten an und enthält auch viele griechische Fachausdrücke[464]; der zweite dürfte in seiner gegenwärtigen Gestalt erst im 11. Jahrhundert niedergeschrieben sein und soll eine der Vorlagen von ~Avicennas~ (~Ibn Sina’s~) Schrift „De anima“ wiedergeben[465], aber ein in ihn eingefügter arabischer Abschnitt rührt wohl aus dem 9. oder 10. Jahrhundert her, da viele Wendungen für die arabisch schreibenden Syrer, und gewisse persische Fremdworte für die Einflüsse christlich-nestorianischer Autoren der genannten Zeit charakteristisch sind[466]. -- Das Cambridger Manuskript B, das ~Berthelot~ nur zum Teil veröffentlicht hat[467], stammt aus dem 10. bis 11. Jahrhundert, ist eine Übersetzung aus dem Griechischen und enthält zum Teil sehr Altes und im griechischen Urtext Verlorenes aus ~Demokritos~ und aus anderen Autoren[468]. -- Sowohl in A wie in B ist die Fassung zahlreicher Stellen sichtlich nur durch Überarbeitungen und Einschiebungen zu erklären, die in späterer Zeit stattfanden, und zwar wiederholt; nicht selten haben sie leider den Sinn des ursprünglichen Textes stark verdunkelt, zuweilen aber auch derartig entstellt, „daß es unnütz wäre, irgendwelches Verständnis zu erhoffen“[469].

Der Wortlaut des Buches „Vom Gold- und Silber-Machen“ (χρυσοκαὶ ἀργυροποιία) stimmt im +Manuskript+ A, abgesehen von einigen Auslassungen und Veränderungen, leidlich gut mit jenem der griechischen Handschriften überein[470], enthält aber doch viele bemerkenswerte Einzelheiten, die in diesen, so wie sie jetzt vorliegen, fehlen.

Zahlreich sind die „Wunder des Quecksilbers“[471], das bald aus Zinnober gewonnen wird, bald aus „gelbem Sand“ [d. i. als metallisches Arsen aus Auripigment], weshalb es auch „Tier mit zwei Gesichtern“ heißt[472]. Die Griechen bezeichnen es auch als Schwefel, Arsen, Sandarach, Chrysokolla, die Syrier als Zijuka (syr. = Quecksilber), ferner führt es noch unzählige andere Namen, z. B. flüssiges Silber, Silberwasser, Wolke, Dampf, Flüchtiges[473], Milch, Galle, Honig, Harz, Hefe, Schaum des Wassers, Schaum des Taues, Schaum der Pflanzen und Tiere, Schaum des wütenden Hundes[474], u. dgl. mehr. Diese Fülle von Ausdrücken erklärt sich daraus, daß das Quecksilber eine Substanz von ungeheurer Wichtigkeit ist, denn es geht in alle Stoffe ein, besonders auch in die Metalle, und bewirkt Gestaltung und Färbung[475], daher denn auch der „Philosoph“ ~Pibêchios~ mit Recht lehrte, „alle Stoffe sind Quecksilber, alle Stoffe enthalten Quecksilber“[476]. Das „Flüchtige“ (d. i. Quecksilber) kann auf verschiedene Weise verfestigt (fixiert) und gebunden werden, vor allem durch Schwefel, wobei Zinnober entsteht[477]; man verwendet entweder den natürlichen Schwefel, θεῖον ἄπυρον[478], oder den aus schwefelhaltigen Stoffen heraussublimierten, der auch „Schwefel der Philosophen“ und „Öl (Dotter) der Eier“ genannt wird[479], und erhitzt ihn mit dem Quecksilber in einem gläsernen Gefäß (βίκος, Bíkos) acht bis neun Stunden lang im Dauerbrandofen (πῦρ ἀυτόματον = automatischer Ofen)[480]. Reibt man den Zinnober anhaltend mit metallischem Kupfer oder Blei, so geht der Schwefel, der große Verwandtschaft zu den Metallen hat, an diese [d. h. es entsteht Schwefelkupfer oder Schwefelblei], und das Quecksilber kommt wieder zum Vorschein[481]; das nämliche geschieht, wenn man den Zinnober mit Nitron schmilzt, wobei sein Schwefel zu etwas anderem „Festen“ [nämlich Schwefelnatrium] wird[482]. Weitere „Fixationen des Flüchtigen“ erfolgen beim Erhitzen von Quecksilber mit Kochsalz, Alaun und Vitriol [wobei vielleicht das Sulfat, jedenfalls aber das Chlorid entstand]; das „durch Sublimation Fixierte“ [d. i. Quecksilberchlorid, Sublimat] wird dabei in schönen, festen, weißen Krystallen erhalten[483].

Schwefel gewinnt man auch beim Rösten des „Arsens“, [d. i. des gelben und roten Arsensulfids], wobei er als „Seele“ in Gestalt eines flüchtigen Sublimates nach oben steigt, während auf dem Boden als „Körper“ eine feste Masse zurückbleibt [d. i. Arsenigsäure][484]; sie löst sich in Wasser, ist bei stärkerem Erhitzen auch selbst sublimierbar, zeigt dann schneeweiße, Blumenkelchen gleichende Gestalten und heißt deshalb neben „Kalk der Eier“ auch κάλυξ (Kályx = Kelch); erhitzt man sie mit „Öl der Eier“ (d. i. Schwefel), so bildet sich eine äußerst „scharfe“ Schmelze, „Tochter der Perser“ geheißen [wohl ein Arsen-Persulfid][485]. Aus Schwefel bereitet man auch das ὕδωρ θεῖον (Hýdor theíon, göttliches Wasser), das die mannigfaltigste Anwendung findet und daher geradezu zahllose Namen hat[486]. Viel Schwefel enthält noch das Stimmi [Antimonsulfid] und der Pyrit [Schwefelkies]. Von ersterem unterscheidet man orientalisches und okzidentalisches oder italisches[487], und wenn es „bestens zerrieben wurde, wie zu Kohol“ [d. h. zum feinsten, im Orient auch als Schminke dienenden Pulver][488], so macht man von ihm so vielerlei Gebrauch, daß es als „Stimmi der Philosophen“ bekannt geworden ist[489]. Vom Pyrit oder Markasit[490] gibt es sehr verschiedene Arten, z. B. die männliche und weibliche[491], sowie die kupferhaltige Chalkitis; wird diese „alt“ [d. h. verwittert sie], so entsteht u. a. Chalkitarin (χαλκιτάριν, syr. Khalkitarin, Colcotar), d. i. ein roher [meist Kupfer und Eisen enthaltender] Vitriol[492]; reiner ist der cyprische [Kupfer-] Vitriol, der schön und glänzend wie Glas aussieht[493] [vitrum = Glas; den Vergleich macht schon ~Plinius~, und das Wort vitriolum, angeblich zuerst belegbar aus den etwa im 8. Jahrhundert in Italien verfaßten „Compositiones ad tingenda musiva ...“, war jedenfalls schon seit langem gebräuchlich].

Blei wird durch vorsichtiges Schmelzen klar, spiegelnd und von schönem Anblicke[494] [s. das γένεται ἱλαρός im Leidener Papyrus[495] und unser „Silberblick“], bei weiterem Erhitzen geht es aber in „gebranntes Blei“ [Gemisch von Bleioxyden] über, das man auch „Kalk des Bleies“ oder „Kalk der Philosophen“ nennt[496]. Ihm ähnlich ist das Zinn, doch gibt dieses beim Biegen einen „Schrei“ von sich, der aber durch Projizieren von Quecksilber, Arsen, oder Schwefel sogleich verschwindet[497]. Blei und Zinn schmelzen leicht, andere Metalle aber schwer; bei diesen hilft man sich durch Aufgießen von „einem Pfund Naphtha“ [Erdöl; pers. Naft, ebenso arabisch], von dem aber die weiße Sorte zu nehmen ist, nicht die gemeine schwarze[498].

Gelindes Erwärmen der Substanzen bewirkt man, indem man die Gefäße in feuchten Dünger einsetzt, oder im Wasserbade[499] und auf dem „Dreifuß der Philosophen“[500] durch Verbrennen trockenen Düngers erhitzt[501]; höhere Wärmegrade erreicht man im freien Feuer, wobei man die Gefäße mit Tonkitt, dem „Kitt der Philosophen“ [lutum sapientiae der Späteren] gründlich zu verschließen hat[502], die höchsten aber im „Ofen der Glasmacher“[503]. In solchen Öfen brennt man Glas- und Tonwaren nach Art der vortrefflichen Amphoren aus Antiochia und der Krüge aus Askalon[504], sowie die schönen bunten Tongefäße, die zuvor eine „Glasur“ erhalten, nämlich einen Anstrich aus einer Masse von farbigem Glaspulver nebst Traganthgummi, und dann sorgfältig getrocknet werden[505]; die bunten Gläser, besonders auch schön grünes Krystallglas, macht man aus bleihaltigen Schmelzen[506], andere schöne Färbungen aber bringt man mit der „Magnesia der Glasmacher“ (ὑελουργική) hervor, d. i. mit Braunstein [Mangansuperoxyd][507]. Ähnlich wie die erwähnten Glasuren bereitet man Massen zur Vergoldung von Gefäßen und Vasen, von Marmor und Stein, von Metallen und anderen Materialien, sowie zur Herstellung vergoldeter Inschriften und Goldschriften, indem man Goldstaub mit Leim, Fischleim, oder arabischem Gummi anreibt und das dicke Gemisch auf die gewünschten Stellen aufträgt; dauerhafter ist aber die [Feuer-] Vergoldung mit Goldamalgam[508].

Was das „große Werk“ anbelangt, so wird die zur Bereitung des golderzeugenden Projektionspulvers (ξήριον, Xérion, daher arab. al-Iksir = Elixir) nötige Frist auf 40 Tage angegeben[509]; die Arbeiten sollen nur zu einer ganz bestimmten, für sie günstigen Jahreszeit unternommen werden[510].

Im +Manuskript+ B liegt der Text des Buches vom „Gold- und Silber-Machen“ in erheblich abgeänderter und interpolierter Gestalt vor, doch weist diese ebenfalls vielerlei Beachtenswertes auf.

Grundlage des „großen Werkes“ ist auch hier das Blei, besonders „unser Blei“ [Antimon] aus Stimmi[511], sowie das Blei aus der blei-[in Wahrheit zink-]haltigen Kadmia Kleinasiens und Thraziens[512]. So wie man Wolle in einer Lösung von Alaun und Teig (μάζα, Máza) des Fukus-Extraktes zu Purpur, und so wie man Glasflüsse zu Edelsteinen und Perlen „färbt“, so hat man auch beim „Blei“ zu verfahren, und das Quecksilber mit Schwefel, Arsen, italischem Stimmi, Magnesia u. dgl. zu fixieren und zu tingieren[513]. Die richtig bereitete Masse, die als Streupulver die Verwandlung der unedlen Metalle in Silber und Gold bewirkt, ist ein Stein, aber auch kein Stein, sie hat nur einen Namen, aber auch zahllose geheime und offenbare, sie ist überall und nirgends, billig und teuer, schwer zu finden und doch so gemein, daß man sie auf den Düngerhaufen wirft, usf.[514]; sie ist „das Werk der großen Philosophen“, „die Wundertat der Kunst“, und heilt, entsprechend angewandt, auch alle Krankheiten[515].

Die Vermehrung der Edelmetalle geschieht durch „Diplosis“, zu der man Kupfer, Zinn, Blei, Antimon und cyprisches Quecksilber benützt[516]; ferner auch Klaudianon und sonstige Legierungen[517], sowie noch andere Zusätze, z. B. Kalaïs [hier eine kupferhaltige Substanz?] oder das schön weiße Alabastron [vielleicht ein Antimonoxyd?][518]. Vergoldung nimmt man mittels Goldamalgam vor, denn das Quecksilber löst Gold leicht auf und dient daher auch zum Ausziehen der Goldreste aus der Asche alter goldgestickter Kleidungsstücke[519]; mittels Galle, glänzender Firnisse u. dgl. bewirkt man ebenfalls Vergoldung, und auf derlei Weise lassen sich, neben den echten Gold- und Silberschriften, auch unechte, weniger dauerhafte, herstellen[520]. -- Will man sich einer Geheimschrift bedienen, so schreibt man mit Galläpfelauszug auf χάρτη (Karte, Papyrus) und läßt trocknen; erst beim Befeuchten des anscheinend leeren Blattes mit einem Auszug aus Misy treten die Züge lesbar hervor[521], [indem sich das im Misy vorhandene Eisen mit der Gerbsäure der Galläpfel verbindet].

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Wie aus dem Angeführten ersichtlich ist, enthalten die vorgeblichen Werke des ~Demokritos~, -- denn daß unter seinem Namen auch seine Schüler schrieben, wird ausdrücklich zugestanden[522] --, in dieser syrischen Einkleidung zahlreiches erst nachträglich seitens der Übersetzer und Bearbeiter Eingefügte, und erweisen sich daher als Pseudepigraphen zweiten Grades. Sie berufen sich auf Autoren, die wie ~Zosimos~, ~Pibêchios~ und ~Krates~ einer späteren Zeit angehören[523]; sie benützen aus Syrien, Persien und Arabien stammende, und oft in den Sprachen dieser Länder benannte Präparate, z. B. Wars (ein hellgelber Farbstoff)[524], Markasit (= Pyrit)[525], „persisches Arsen“ und „persische Tochter“[526], Schwefel aus Irak[527], Schakk (arab. = Arsen)[528], Kohol (arab. = feines Pulver)[529], „Chelidonium, arabisch Kurkuma geheißen“[530]; sie vergleichen die Krystalle des Sublimates (Quecksilberchlorides) mit denen des Kandiszuckers[531], der vor der arabischen Eroberung Ägyptens unbekannt ist; sie rühmen „indische“ Stoffe, wie Tinte (Tusche?) und Stahl[532]; sie gebrauchen für das Metall Zinn das erst in jüngerer Zeit (s. unten) aufkommende Synonym „Zeus“[533]; sie bringen vielerlei, wenn auch meist wenig übersichtliche Gewichtsangaben bei, usf. Endlich treten auch in auffälligem Maße theoretische und abergläubische Vorstellungen in den Vordergrund; zu den ersteren zählt u. a. die Idee vom Vorhandensein des Quecksilbers in allen Stoffen und besonders in den Metallen, zu den letzteren die von der Herstellung des goldverwandelnden Wunderpulvers und des „Steines“, aus dem er bereitet wird, sowie von dessen mysteriösen Eigenschaften. Entstammt nun auch vieles dem Gesichtskreise dieser syrischen Übersetzungen Zugehörige und im Zusammenhange erst weiter unten zu Erörternde, einer bedeutend jüngeren Epoche als der angeblichen des ~Demokritos~, so reichen doch die Wurzeln solcher Anschauungsweisen nicht selten bis in beträchtlich frühere Zeiten zurück; trotz aller Unsicherheiten im einzelnen schien es daher gerechtfertigt, auch die syrischen Überlieferungen an dieser Stelle im Anschlusse an die sogenannten „echten“ Lehren des ~Demokritos~ zu behandeln, und so die Fäden eines wenn auch noch so lockeren Zusammenhanges nicht völlig zu zerreißen.

Anhangsweise sei noch einiger Fragmente gedacht, die sich in den syrischen Manuskripten, allerdings nur in sehr entstellter, auch gewisse gnostische Einflüsse verratender Fassung, erhalten haben[534]. Nach diesen schrieb ~Demokritos~ sechs Bücher über Blei, Zinn, Eisen, Kupfer, Quecksilber und „Silberblei“ (Asem?), über die „Götter der Metalle“, über Edelsteine, bunte Glasflüsse und Purpurfärberei[535]; sodann eine Abhandlung über die Bereitung des wunderbaren „Steines, der kein Stein ist“ und der „die Samen“ der beiden Edelmetalle in sich führt, weshalb er sie auch wieder hervorzubringen vermag[536]; ferner ein Buch über die Kunst des Gold- und Silber-Machens[537]; endlich auch ein Werk, enthaltend die aus dieser „philosophischen“ Kunst hervorgehende medizinische[538], -- wobei wohl an die Einflüsse des Xerions auf Leben und Gesundheit zu denken ist, sowie an die sog. „Sphaera des ~Demokritos~“, eine iatro-(medico-)chemische Tafel, die u. a. den Verlauf von Krankheiten voraussehen läßt und sich bereits in einem dem Leidener Papyrus angehörenden Stücke vorfindet[539].

Alle solchen Lehren sollen strengstens als Geheimnisse gehütet und nur den als würdig Befundenen anvertraut werden, unter besonderen Cerimonien und magischen, die Geheimhaltung betreffenden Beschwörungen[540]. Mit derlei Künsten muß aber der des großen Werkes Beflissene auch in anderer Hinsicht Bescheid wissen, denn wenn z. B. vorgeschrieben wird, sich mit Harn gewisse Buchstaben und Zeichen auf den Arm zu malen und sie durch Aufstreuung von Kohlenpulver sichtbar zu machen, so erfahren wir aus dem syrischen Bibelkommentar des hl. ~Ephraim~ (4. Jahrhundert), daß es solcher, durch die hl. Schrift verbotener Zaubereien, als Schutzmaßregeln gegen die mitwirkenden, den Erfolg manchmal fördernden, sehr oft aber gefährdenden Geister und Dämonen bedurfte[541].

Kulturgeschichtlich interessant ist es, daß die syrischen Schriften als Gegensatz des tiefsinnigen, wahrheitsliebenden und klaren ~Demokritos~ keinen anderen hinstellen als ~Homer~, der ein elender Betrüger war, die große und heilige Kunst verdunkelte und fälschte, ihre Lehren weder zu verstehen noch darzustellen verstand und daher die Götter sowie den ~Achilleus~ nur als „falsche Symbole“ hinzustellen wußte[542].

3. Pammenes, Maria, Kleopatra, Komarios.

(angeblich im 1. Jahrhundert n. Chr.)

a) Pammenes, Maria.

Als Schüler, die zu Memphis den Unterricht des ~Ostanes~ gleichzeitig mit ~Demokritos~ genossen, ja nach manchen Quellen diesen sogar ihrerseits schon mit belehren konnten, werden ~Pammenes~ und ~Maria~ genannt[543].

~Pammenes~, angeblich identisch mit dem ~Phimenes~ aus Saïs, dessen Rezept zu „echt ägyptischem Asem“ der Leidener Papyrus erwähnt[544], vielleicht aber auch mit dem ~Pammenes~, dessen, als ägyptischen Magiers, zu Beginn des 2. Jahrhunderts ~Tacitus~ und ~Aelian~ gedenken[545], soll sich in seinen Schriften zu deutlich über die ihm anvertrauten Geheimnisse ausgedrückt und deshalb den Tadel des Meisters erfahren haben[546]; von diesen „deutlichen“ Schriften ist aber leider nichts erhalten geblieben.

~Maria~, anfangs einfach ~Maria die Jüdin~ geheißen, später (so schon bei ~Zosimos~ im 3. Jahrhundert) identifiziert mit ~Maria~ oder ~Mirjam~ der Schwester des ~Moses~, und von der Legende mit den nämlichen übernatürlichen Kräften ausgestattet wie dieser[547], schließlich sogar zur „Prinzessin von Saba“ erhoben[548], wird seitens aller jüngeren Autoren als eine der frühesten und bedeutsamsten Alchemistinnen gepriesen und als solche auch im arabischen Verzeichnisse des „Fihrist“ (vollendet um 987 n. Chr.) aufgeführt[549]. Daß sie Jüdin war, ist zweifellos, es wird dies auch von ihr selbst durch einen gelegentlichen Ausspruch bestätigt, lautend[550]: „Berühre den Stein der Philosophen nicht mit Deinen Händen, denn Du gehörst nicht zu unserem Volke, Du bist nicht vom Stamme des ~Abraham~.“ In den an ~Pammenes~ getadelten Fehler ist ~Maria~ nicht verfallen, sie versicherte vielmehr laut Überlieferung des ~Al-Habib~ (s. unten): „Kein einziger Philosoph hat die Wahrheit in klarer Form gelehrt“[551], und soviel wir sehen können, handelte sie auch diesem Grundsatze gemäß; doch ist zu berücksichtigen, daß wir ihre Werke fast nur aus den späten und dürftigen Auszügen kennen, die hauptsächlich bei ~Zosimos~ erhalten sind, zum kleinen Teile auch bei ~Olympiodoros~ und Anderen.

Das Material, dessen sich der „Philosoph“ bedient, ist „unser Kupfer“ und „unser Blei“. Unter „unserem Kupfer“ sind die vier Körper Kupfer, Eisen, Blei und Zinn zu verstehen[552], unter „unserem Blei“ bald das „schwarze Blei, μόλυβδος μέλας“[553], bald μόλυβδος ἡμετέρος [d. i. Antimon], dessen Schmelze man auch „schwarze Brühe“, „schwarzen Saft“ nennt[554]; nur mittels „unseren Bleies“ läßt sich die Mischung anfertigen, die entweder Magnesia heißt, oder Molybdóchalkos (wörtlich: Bleikupfer), oder auch μᾶζα (Máza = Teig, Brot)[555]; sie enthält die vier Metalle der Tetrasomie [also Kupfer, Eisen, Blei, Zinn], ist eine „Viereinigkeit“ (τὰ δὲ τέσσαρα ἑν = Viere in Einem) und heißt daher auch „Ei der Philosophen“, „philosophisches Ei“[556], [weil auch das Ei die Einheit von vier Bestandteilen darstellt: Eischale, Eihaut, Eiweiß, Eigelb].

Unter den Stoffen, mit denen unser Blei und Kupfer behandelt und „verbrannt“ werden muß, sind die wichtigsten: der Schwefel, der in der Hitze von selbst verdampft und dabei alles färbt, welche Eigenschaften, nämlich Flüchtigkeit und Färbevermögen, er aber mit „allen Schwefeln“ teilt[557]; das Quecksilber, sowie die στυπτηρία στρογγύλη = rundlicher Alaun, [das sind Bröckchen der aus den Arsensulfiden gewonnenen Arsenigsäure][558]; das göttliche Wasser, -- „Wasser“ kann stets Lösung oder Schmelze bedeuten --, hergestellt aus der αἰθάλη (Aithále = Ruß, Rauch) von schwefel- oder arsenhaltigen Substanzen, auch unter Zusatz von Chálkanthos (Vitriol), „Galläpfeln“, oder „Kiki“ [äg. = Ricinus; beides offenbar Decknamen], das Silber schwärzend [durch seinen Schwefelgehalt], das Kupfer und Blei weißend oder gilbend, je nach seiner Bereitung[559]; das schwefelhaltige Stimmi [Antimonsulfid][560]; Alabastron [vermutlich ein weißes Antimonoxyd][561].

Wie für den Menschen die Nahrung dann passend und förderlich ist, wenn sie aus Festem und Flüssigem so gemischt wird, daß er sie gut bei sich behalten und verdauen kann, so ist dies auch beim „Kupfer“ der Fall: richtig ernährt „gedeiht“ es, und auch seine Wangen „röten“ sich in der rechten Weise[562]. Dies vollzieht sich in den vier Phasen der Schwärzung, Weißung, Gilbung und Rötung, die anzusehen sind als die „ἔργα τοῦ λίθου“, die „Wirksamkeiten des Steines“[563], [d. h. des vom Philosophen bereiteten Präparates, dessen Pulver er einstreut, wodurch er die Umwandlung bewirkt]. Das Wesen der Letzteren besteht in einer Vermählung, in der „Vereinigung des Weiblichen und Männlichen“, -- das Wort ἄρῥην oder ἄρσην (Arsen) hat hierbei den Doppelsinn „Männliches“ und „Arsen“ --, denn „die Natur freut sich an der Natur“ usw.[564]; nach dem Berichte des schon erwähnten ~Al-Habib~ lehrte ~Maria~, daß durch Verbindung des Weiblichen und Männlichen, des dunklen Menstrualblutes und des weißen Spermas, ein wahrer Fötus entstehe, der neun Monate zu seiner Reifung erfordere und als „Keim, Ei, Menschlein, Neugeborenes, usf., zehntausend und mehr Namen trage“[565].

Für das große Werk eignet sich nur eine bestimmte Jahreszeit, der Pharmuthi [ägyptischer Monat, etwa März-April], und die Stoffe müssen fest in Leinen eingewickelt, dann der ταριχεία (Taricheía, Einsalzung) unterworfen und schließlich im „Wasser des Pontos“ gekocht werden[566]; sie gehen zu einem Viertel oder auch zu einem Drittel im Laufe der Umwandlung verloren[567], doch kann man das schließlich Erhaltene durch die „Diplosis der ~Maria~“ ergänzen und vermehren[568]. Zu dieser eignet sich neben Quecksilber namentlich die „unser Blei“ genannte Legierung der vier Metalle[569]; auf deren Bereitung beziehen sich wohl die vom ~Philosophus Christianus~[570] u. a. auch der ~Maria~ zugeschriebenen mystischen Sätze „Zwei sind Eins, Drei und Vier sind Eins, Eins wird Zwei, Zwei wird Drei“, die sich in ähnlicher Form bis ins späte Mittelalter erhielten, denn noch in der „Turba Philosophorum“, einer etwa aus dem 12. Jahrhunderte stammenden Schrift, heißt es: „Aus Zwei mache Drei, aus Vier mache Eins, aus Zwei mache Eins,“ usf.[571].

Neben den älteren Behandlungsarten, z. B. Einsetzen in Dünger und Pferdekot, in das Thermospodion (Aschenbad), usw.[572], benützte ~Maria~ auch verschiedene neuere, deren Erfindung ihr sogar seitens späterer Autoren zugeschrieben wird. Nach ~Zosimos~, der über diesen Punkt Ausführlicheres berichtet[573], konstruierte sie zahlreiche Öfen, Koch- und namentlich auch Destillier-Apparate aus Metall, Ton und Glas, und lehrte sie mittels Fett, Wachs, Kleister, fetter Tonerde und dem „Tonerdekitt der Philosophen“ zu dichten und zu verbinden[574]. Glasgefäße bezeichnete sie als besonders nützlich, weil sie „Sehen ohne Berühren“ und gefahrloses Umgehen mit schädlichen Stoffen gestatten, z. B. mit Quecksilber, „dem furchtbaren Gift und verderblichsten aller Metalle“[575], aber auch mit den „schwefligen“ [oft = arsenikalischen] Substanzen, die zur Bereitung des göttlichen Wassers dienen[576].

Als Bestandteile der +Destillierapparate+, deren +älteste+ Beschreibungen und Abbildungen in den Schriften der ~Maria~ vorliegen, werden angegeben: 1. Das +Füllgefäß+, das sehr stark und fest sein muß, falls es aus Glas besteht und größeren Inhalt hat[577]; es heißt βίκος (Bíkos = Gefäß, Schale, Krug), welcher Name auch βῆκος, βύκος und βικίον geschrieben wird und an den ἄμβιξ (Ambix) des ~Dioskurides~ erinnert, den helmförmigen Aufsatz [ursprünglich wohl nur Deckel], an dem sich bei der von diesem Autor beschriebenen Gewinnung des Quecksilbers durch eine höchst unvollkommene Destillation (eigentlich nur Sublimation) die αἰθάλη (Aithále) ansetzen, und +von+ dem sie nach dem Abkühlen abgekratzt werden soll[578]. 2. Das +Abzugsrohr+, σωλήν (Solén, Röhre), das aus Ton, Glas oder Kupfer bestehen kann[579]. 3. Der +Rezipient+, τὸ ἄγγος (das Gefäß), zuweilen auch φιάλη (Phiále, Kopf, Schale), oder ebenfalls nur βίκος genannt, in der Regel eine Art Flasche mit verengertem Halse; sie wird im Bedarfsfalle mittels eines Schwammes abgekühlt, der in einem größeren Behälter stets frisch mit Wasser getränkt werden kann[580]. - Zuweilen bringt man an dem Füllgefäße statt +eines+ Abzugsrohres auch deren +zweie+ oder +dreie+ an, die in ebenso viele Rezipienten münden, und es entsteht so der „δίβικος (Dibikos, Zweikörper) und τρίβικος (Tribikos, Dreikörper) der ~Maria~“[581]; kommt die „Fixation“ schwierig zu behandelnder Stoffe in Frage, z. B. die von Schwefel, Quecksilber und anderen „Sublimaten“, so empfiehlt sich auch ein röhrenförmiges Auffanggefäß von Schlangengestalt, δρακοντῶδες[582], [+an+ (nicht +in+) dessen Windungen die Kondensate sich absetzen]. -- Wie diese Schilderungen ersehen lassen, ist der Fortschritt seit der Zeit des ~Dioskurides~ (der um 75 n. Chr. schrieb) insoferne ein ganz beträchtlicher, als an Stelle +eines+ Stückes, bestehend aus dem Füllgefäße und dem fest mit ihm verbundenen und verkitteten Aufsatze, ein aus +drei+ Teilen (Füllgefäß, Abzugsrohr, Rezipient) zusammengesetzter Apparat getreten ist, und das Kondensat nicht mehr an dem aufgestülpten helmartigen Deckel (ἄμβιξ, φιάλη, auch κυμβάνη oder βάθος = Höhlung) hängen bleiben soll [was stets nur zum kleinen Teile möglich ist], sondern seitlich aus ihm abfließen kann[583]. Noch unverändert zeigt sich aber die Kühlung; soweit sie nicht schon von selbst in ausreichender Weise eintritt, wird ihr noch immer nur mit dem Schwamme nachgeholfen, den schon ~Dioskurides~ bei der Darstellung von Ruß aus Harzen oder fetten Ölen empfiehlt; infolgedessen ist die Destillation niedrigsiedender Substanzen unmöglich, die hochsiedender aber, die leicht erstarren und die Rohre verstopfen, erweist sich als schwierig und umständlich, sofern sie nicht nach Art einer bloßen +Sublimation+ ausgeführt wird.

Zur Behandlung der Metalle mit Schwefel-, Quecksilber- und Arsen-Verbindungen in kleinerem Maßstabe bedient sich ~Maria~ der κηροτακίς (Kerotakís), welches Wort ursprünglich die Palette bezeichnete, auf der z. B. nach dem Berichte des ~Plinius~ [584] die alten griechischen Maler ihre vier Grundfarben, weiß, schwarz, gelb, und rot, mit Wachs (κηρός, Kerós) mischten und gelinde erwärmten. In ganz gleicher Weise wie bei dieser Operation, der ἐγκήρωσις (Enkérosis = Wachsbehandlung, ceratio)[585], wurden auf einer +Kerotakis+ der Form ▭ oder ▻ auch die Metalle mit den entsprechenden Reagenzien (φάρμακα = Phármaka, Medizinen) zusammengemengt und angewärmt, digeriert, geschmolzen, oder sublimiert[586]. Handelte es sich um flüchtige oder giftige Stoffe, so kam statt der flachen Kerotakis ein ἄγγος ὀστράκινον zur Anwendung, ein irdenes, oben bald offenes, bald geschlossenes +Rohr+ von erforderlichen Dimensionen, das man entweder unmittelbar durch die Flammen (φῶτα) des Kamines (καμίνιον) erhitzen konnte, oder mittelbar im Aschen- und Sandbade. Weil hierbei die in Dampfform aufgestiegenen Substanzen alsbald in Gestalt von Flüssigkeiten oder Schmelzen wieder herabtropften, ihren Weg also nach rückwärts nahmen, nannte man Apparat und Verfahren auch +Krebs+ (καρκίνος, Karkínos); länglich-runde Gefäße hießen auch „Eier der Philosophen“[587], und derlei Gerätschaften bildeten wichtige Vorstufen der Sublimations- und Destillations-Apparate späterer Zeiten, u. a. der sog. Aludeln (al-utal, im Arabischen ein röhrenförmiges Gefäß).

Unter den von ~Maria~ erfundenen oder benützten Vorrichtungen führen ihre Schriften gerade +eine+ nicht auf, die viele Forscher als ganz sicher von ihr herrührend ansahen, weil sie u. a. auch die Bezeichnung „Balneum Mariae“ (bain Marie, Marienbad) trägt; hierbei hat jedoch eine zwar naheliegende, aber unzutreffende Etymologie irregeleitet, denn das Wasserbad war bereits viele Jahrhunderte vor ~Maria~ wohlbekannt (so schon ~Hippokrates~ und ~Theophrastos~), und verdankt seinen Namen anscheinend der Verkettung einer Reihe ganz fernliegender Umstände, die mit der Tätigkeit der Chemikerin ~Maria~ erst nachträglich in angeblichen Zusammenhang gebracht wurden[588].

Als eine von ~Maria~ erfundene, oder von ihr dem ~Demokritos~ und ~Ostanes~ abgelernte Kunst, wird noch die angeführt, Edelsteine im Finstern leuchtend zu machen. Nach ~Berthelot~ beruhte sie vermutlich auf der Erregung zeitweiliger Phosphorescenz, denn den „Farben und Firnissen“ sollen „im richtigen Verhältnisse“ Mischungen gewisser organischer Substanzen zugesetzt werden, die, wie Galle von Fischen und Schildkröten, Saft von Medusen, Öle von Pflanzen, Harze, usf., sämtlich zu den an der Luft leicht oxydierbaren gehören[589]; vielleicht ist jedoch nur an das oft sehr intensive Nachleuchten zu denken, das manche Edelsteine, aber auch andere Mineralien und Schmelzen, stundenlang zeigen, nachdem sie längere Zeit im Sonnenlichte lagen, oder stark erwärmt wurden.

b) Kleopatra, Komarios.

Während von anderen Berufsgenossinnen der ~Maria~, z. B. der ~Theosebeia~ und ~Paphnuthia~, kaum mehr als die Namen überliefert sind, besitzen wir von ~Kleopatra~ noch Bruchstücke einiger, „Χρυσοποιία“ (Goldmacherei), „Heilige und göttliche Kunst der Philosophen“, „Über Maße und Gewichte“, betitelter Werke, die ihr aber zum Teil allerdings nur zugeschrieben werden, zudem auch in der vorliegenden Form, den magischen und den spät-gnostischen Anspielungen gemäß, unmöglich schon in jener Zeit abgefaßt sein können, zu der ~Kleopatra~ gelebt haben soll[590]. Sie wird nämlich als etwa gleichaltrig mit ~Maria~ bezeichnet, sehr oft (z. B. auch im arabischen Verzeichnis des „Fihrist“, um 987) zusammen mit dieser genannt[591] und von ~Stephanos~ (s. unten) noch als Teilnehmerin eines Gespräches mit ~Ostanes~ angeführt[592]; ihr Lehrer soll ~Komarios~ gewesen sein. ~Renan~ vermutet[593], daß sie mit ~Maria Kleophas~ identifiziert wurde, die in den gnostischen Evangelien neben der hl. ~Maria~ die hervorragendste Rolle spielt und seitens der Valentinianer (einer gnostischen Sekte) als „perfekt in der Gnosis“ bezeichnet wird, daher auch in der Magie und der dieser zugerechneten Chemie; in noch späterer Zeit erst scheint man sie mit einer ptolemäischen Königin ~Kleopatra~ zusammengeworfen zu haben, u. a. mit der letzten unglücklichen Trägerin dieses Namens[594].

Die sog. Abhandlung über „Maße und Gewichte“ besteht nach ~Kopp~[595] aus Fragmenten einer Schrift über allerlei kosmetische Mittel und enthält auch Angaben über die vorgeschriebenen Maße und Gewichte sowie deren Einteilungen und Verschiedenheiten, hingegen nichts eigentlich Chemisches.

Den Überresten der anderen Werke ist zu entnehmen, daß die Herstellung des golderzeugenden Pulvers große Schwierigkeiten bietet, sowohl an und für sich, als auch wegen der Hindernisse, die der „Neid der Dämonen“ (δαίμονες) und die Mißgunst der bösen Geister bereitet[596]. Die Behandlungen im Dünger und Pferdekot (ἐν βολβίτοις), unter denen aber oft nur Erhaltung in gleichmäßiger Wärme zu verstehen ist, dauern 7, 21, und 40 Tage[597]; das durch Macerieren, Erwärmen, Sublimieren usf. zuerst gewonnene Präparat vergleicht ~Kleopatra~ einem im Grabe liegenden Toten, und befiehlt „Hebe auf den Toten (ἴσχε τὸν νεκρόν) aus dem ersten Grabe (πρῶτος τάφος), und begrabe (θάψον) ihn nochmals“; nun wird das Macerieren, Erwärmen, Sublimieren usf. in gleicher Weise siebenmal wiederholt, bis endlich das wahre Ergebnis der „philosophischen Kunst“ fertig aus dem letzten Grabe „gehoben“ werden kann[598]. Projiziert man es auf 1000 Teile unedlen Metalles, ja nach anderen selbst auf eine Million Teile, εἰς χιλίας χιλίαδας, so verwandelt es diese in Gold[599].

Die Digestions- und Destillations-Apparate der ~Kleopatra~ gleichen, soweit die von ~Zosimos~ erhaltenen Zeichnungen ersehen lassen, völlig jenen der ~Maria~; die beigefügten Abbildungen der sich in den Schwanz beißenden Zauberschlange ~Urobóros~, die, wie den endlosen Kreislauf des Weltganzen, so auch jenen der chemischen Stoffe bei der Destillation symbolisieren soll, sowie die mystischen Inschriften „ἕν τὸ πᾶν“ (Hen to pan: Eins in Allem; Alles in Einem) u. dgl. gehören wohl erst einer erheblich späteren Zeit an[600].

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Dem „Philosophen und Oberpriester“ ~Komarios~, dem oben erwähnten Lehrer der ~Kleopatra~[601], der sich selbst wieder auf ~Ostanes~ zu berufen liebt[602], wird eine an ~Kleopatra~ gerichtete Abhandlung „Über die heilige Kunst und den Stein der Philosophen“ zugeschrieben, die jedoch nur in später, vielfach veränderter, durch mystische und gnostische Interpolationen entstellter, von Anspielungen auf Bibelsprüche, Wiederbelebung, Auferstehung, Fegefeuer usf. erfüllter Fassung vorliegt[603], auch nach Meinung einiger Autoren nur den Bericht eines Dritten über die dem ~Komarios~ und der ~Kleopatra~ gemeinsamen Lehren wiedergibt[604]; sie soll daher an dieser Stelle, im Anschlusse an die Schriften der ~Kleopatra~, besprochen werden.

Das göttliche (θεῖον) Werk[605] besteht in vier Operationen, der Schwärzung, Weißung, Gilbung und Rötung, begleitet und unterbrochen von zahlreichen Verreibungen, Waschungen, Macerationen und Schmelzungen, die man zum Teil in „Krügen aus Askalon“ vornimmt[606]. Eine Hauptrolle spielen die +Sublimationen+ und +Destillationen+, bei denen u. a. das „Flüchtige (ὁ φεύγων), Giftige, sich auch mit Schwefel Verbindende“, [d. i. das +Quecksilber+], sowie das durch Schmelzen und Rösten der „weiblichen“ σανδαράχη (Sandaráche) mit ägyptischem Nitron und anderen Substanzen entstehende „Männliche“ (ἀρσενικόν, Arsenikón), [d. i. +Arsen+ oder Arsenigsäure], nach aufwärts schwebt[607]; in diesen Stoffen, sowie in den Dämpfen der göttlichen Wässer (θεῖα ὕδατα), nehmen die Geister oder Pneumata körperliche Gestalt an[608]; sie steigen als θεῖα μυστήρια [schweflige oder göttliche Mysterien], als οὐράνια σώματα (himmlische, himmelanstrebende Stoffe) nach oben (ἄνω, áno) und fallen von da aus wieder nach unten (κάτω, káto), „in die finstere Tiefe der Unterwelt, des Hades“ [d. h. auf den Boden der Gefäße][609]. Dort begegnen sie den aus dunklen Rohmetallen bestehenden oder entstandenen Massen der „γῇ ἡμῶν τῇ αἰθιοπίδι“, „unserer Erde, der äthiopischen“ [d. h. negergleichen, schwarzen][610], „den Toten“ (νεκροῖς), denen sie das „φάρμακον (Phármakon, Heilmittel) des Lebens“ zubringen und sie auferwecken[611]: „die Toten werden wiederbelebt“ (θνητὰ ἐμψυχοῦνται)[612], die Materien, aus denen das Pharmakon die „stinkenden und finsteren [d. h. die Färbung hindernden] Teile austreibt“[613], gelangen vom Tode zum Leben, von der Krankheit zur Gesundheit und ergeben durch ἀλλοίωσις (Alloíosis, Artverwandlung) und μεταβολή (Metabolé, Umwandlung) die rechten [d. h. edlen] Metalle[614]. Dies ist die „Erfüllung des Werkes“, die „Vollendung der Kunst“, τῆς τέχνης πλήρωμα (Pléroma): Männliches und Weibliches haben sich vereinigt und sind Eins geworden, denn „die Natur freut sich an der Natur, usw.“, und es ist ein Embryo entstanden; so wie aber durch die körperliche Wärme der Mutter die „Frucht ihres Leibes“ wächst und sich entwickelt, nachher zu richtiger Zeit geboren und schließlich mit der Milch des Mutterleibes ernährt wird, ganz so bringt auch der Philosoph die „Frucht seines Werkes“ durch die Wärme gelinden Feuers zur Reife und nährt sie mit den göttlichen Wässern[615], d. h. mit den Lösungen oder Schmelzen der Umwandlung bewirkenden Präparate, des λίθος τῆς φιλοσοφίας (Steines der Philosophie, der Weisheit), oder λίθος τῶν φιλοσόφων (Steines der Philosophen, der Weisen)[616]. Aus den befruchtenden Samen (σπέρμα, Sperma) des Männlichen entwickeln sich Blüten (ἄνθη), Blumen und Pflanzen, und so wie solche aus ihren Keimen, so schießen aus der schwarzen äthiopischen Erde θεῖα σώματα „göttliche Substanzen“ empor, „köstliche Gesteine und Pflanzen“, aufsprießend aus ihrem „Grabe“ in der Unterwelt[617]; denn die Vollbringung des Werkes gleicht durchaus der Entfaltung von Blumen und Pflanzen[618].

Schließlich sei noch angeführt, daß der Namen des ~Komarios~ vielleicht erst nachträglich in ganz willkürlicher Weise erfunden, nämlich von Komaris (κώμαρις, κώμαρος) abgeleitet wurde, der sehr vieldeutigen Bezeichnung eines angeblich besonders wichtigen und wirksamen Präparates, unter dem Gips, Marienglas (Selenit), Talk, Arsen, rotes Schwefelarsen (Sandarach) und noch zahlreiches andere verstanden werden kann, so daß es im gegebenen Falle meist kaum zu erraten ist, welche dieser Substanzen eigentlich in Frage kommen soll[619].

4. Pseudepigraphen der ersten Jahrhunderte: Hermes, Agathodaimon, Isis, Chimes, Ostanes, Petesis, Jamblichos, Moses, Johannes.

Die Schriften der bisher angeführten älteren, nicht genau datierbaren Alchemisten konnten den Anspruch erheben, entweder deren wirkliche (wenngleich vielfach entstellte und interpolierte) Werke zu +sein+, oder doch mindestens in den Hauptpunkten auf diese +zurückzugehen+, und so eine, zwar in den Einzelnheiten unzuverlässige und verworrene, im ganzen aber immerhin zutreffende und richtige Tradition zu wahren. Desgleichen besitzen wir, etwa von 300 n. Chr. an, die Abhandlungen einer Reihe von Autoren (mit ~Zosimos~ beginnend), über deren wesentliche Echtheit kein Zweifel besteht. Betreff der Zwischenzeit dagegen ist uns nur eine Anzahl teils apokrypher, teils pseudepigraphischer Schriften erhalten, die sämtlich, gleich so vielen anderen, den verschiedensten Wissenszweigen jener Epoche zugehörigen, den Charakter des spätorientalischen und spezifisch alexandrinischen Synkretismus tragen, d. h. die absonderlichsten Vermischungen griechischer, ägyptischer, jüdischer, frühchristlicher, orientalischer, gnostischer, christlich-gnostischer und anderer Ideen und Anschauungen zeigen. In vielen überwiegen vollständig die magischen und abergläubischen Vorstellungen; zudem herrscht das Bestreben vor, Entstehung und Herkunft der Alchemie mythisch zu verschleiern und in die Tiefe von Zeiten zurückzuverlegen, zu denen noch Götter und Heroen, Engel und Dämonen, auf Erden wandelten. Da sie außerdem zum Teil nur in vielfach umgearbeiteter und abgeänderter Gestalt, zum Teil sogar nur in Form von Auszügen und Zitaten auf die Nachwelt gekommen sind, läßt der Inhalt, so Bemerkenswertes er zuweilen auch bieten mag, bestimmte Schlüsse, namentlich nach chronologischer Seite, nur ausnahmsweise zu.

a) Hermes.

~Hermes~, erst durch eine sehr späte Tradition ganz fälschlich als Babylonier angesprochen[620], gilt den hellenistischen Schriftstellern fraglos als Ägypter und wird mit mehreren wichtigen altägyptischen Göttern identifiziert, u. a. mit ~Ptah~, ~Chnum~ und ~Thot~; die einschlägigen Erklärungen mögen, so weit sie zum Verständnisse unentbehrlich erscheinen, gleich an dieser Stelle gegeben werden.

Die Bedeutung des ~Ptah~ beruhte im alten ägyptischen Reiche (beginnend um 3000 v. Chr.) darauf, daß er der Gott der Reichshauptstadt Memphis war und als solcher Besitzer der ihr benachbarten mächtigen Steinbrüche, aus denen die Arbeiter seines Tempels unter Anleitung der Priester die zur Errichtung der Pyramiden und anderer großer Bauwerke bestimmten Steine brechen und zurechthauen; daher ist er „Gott der Künstler“, „Bildner und Gestalter“, und der Hohepriester seines Tempels führt den Titel „Großer Vorsteher der Steinkünstler“[621]. Den Theologen gilt er alsbald nicht nur als „Bildner und Gestalter“ der Werksteine, sondern des ganzen Weltbaues; seine Macht läßt aus dem Chaos das Weltenei hervorgehen, mit dessen Bildung die Schöpfung beginnt[622], seine Kunst formt die ersten Statuen der Götter und versieht sie mit Schmuck aus Blaustein (Lapis lazuli), Grünstein (Malachit) und Gold, und er ist der Gießer des goldenen Sonnenkäfers, des die Sonne über den Himmel vor sich herwälzenden Skarabäus[623]. Daraufhin heißt sein Haupttempel in Memphis auch die „Goldschmelze“ oder „Goldschmiede“, er selbst „Herr der Goldschmelze“, „Herr der Künste“, „Herr der Künstler“; diese letzteren aber sind seine Priester, von denen Einer auch als „Meister der Kunst“, und der Hohepriester als „Oberster der Künstler“ angeführt wird[624]. Als „von Dem, der wissend ist um die Geheimnisse der Goldschmiede“ spricht von diesem auch noch die hellenistische Zeit[625], die den ~Ptah~ dem ~Hephaistos~ gleichsetzt, ihn zu einem zaubermächtigen Wundertäter, Magier und Arzt macht, und als einen solchen auch den zum „Sohne des ~Ptah~“ erhobenen ~Imhotep~ ansieht, der in Wahrheit im alten Reiche Oberleiter des Pyramidenbaues unter dem Könige ~Zoser~ war[626].

Den widderköpfigen ~Chnum~ von Elephantine, den „Herrn des Kataraktenlandes“ und Gott der Zeugung und Fruchtbarkeit, in späterer Aussprache ~Chnub~ oder ~Chnubis~, betrachtete man ursprünglich u. a. ebenfalls als Schmied, als Erfinder der Töpferscheibe (auf der er das Weltenei rund dreht), als Künstler und als Baumeister, später aber als Weltenbaumeister, Demiurgen, und Herrn des künstlerischen Geistes sowie des Geistes überhaupt, daher auch des Lufthauches und Pneumas[627].

~Thot~, der Ibisköpfige, der Gott der Stadt Chnumu, gilt dem alten ägyptischen Reiche in seiner Eigenschaft als Mondgott für den Urheber von Zeitrechnung, Maß, Ordnung und Recht, für den Erfinder der Sprache, des Zeichnens, des Malens und der Schrift, für den Schöpfer aller Wissenschaft und Kultur, sowie für den Heilkundigen, der die Wunden der Götter durch seinen Speichel zu schließen versteht[628]. Einer späteren Zeit ist er der „Herr der Sprache und der Schrift, der Schreiber und der Tinte“, der Stifter von Ordnung und Recht am Himmel und auf Erden, der Erfinder der Amulette und Zaubersprüche, die einerseits Heil und Gesundheit bringen, andererseits die Einflüsse der bösen Geister abwehren[629]; daher rühmt ein um 1700 v. Chr. verfaßtes ägyptisches Märchen dem Helden nach „er kennt die Zahl der Bücherkisten der Weisheit und der Zaubersprüche im Heiligtums des ~Thot~, .... der steinernen Kisten im Tempel zu Heliopolis“, und ein anderes preist, um 1350 v. Chr., „das Buch der Zaubersprüche, von ~Thot~, dem Gotte der Weisheit, selbst geschrieben“[630]. In noch jüngerer Zeit wird dann ~Thot~ zum Astronomen, Astrologen, Magier, Bereiter von wunderwirkenden Heilmitteln, usf.; seine Lehren stehen anfangs nur auf steinernen Tafeln, Säulen und Wänden der Heiligtümer, „an geheimen und verborgenen Stellen“, -- so noch zum Teil im spätptolemäischen Tempel zu Edfu, wo er auch „Kenner aller Geheimnisse der Tempelküche“ genannt wird, d. h. der Rezepte zur Herstellung der Räuchermittel, Heilsalben u. dgl. --, weiterhin aber auch auf Leder oder Papyrus, und bilden so die „heiligen Bücher“ oder „heiligen Schriften“[631]. Die hellenistische Aera identifizierte ~Thot~ völlig mit ~Hermes~, wozu u. a. auch besonders beitrug, daß ersterer beim großen Totengericht die Herzen wägt und hiernach die Geschicke der Seelen bestimmt, ~Hermes~ aber ebenfalls die Seelen zur Unterwelt geleitet, und einen Schlüssel führt[632]; auf ihn übertrug sie daher auch die Autorschaft der gesamten priesterlichen, dem ~Thot~ zugeschriebenen, nach ägyptischem Herkommen durchaus anonymen Literatur, und so ist es zu erklären, daß die Zahl der von ~Hermes~ verfaßten Werke seitens ~Manethos~ (um 280 v. Chr.) auf 36525, seitens ~Iamblichos~ (im 3. Jahrhundert n. Chr.) auf 20000 beziffert wird, und daß ein bloßer Auszug, von dem anscheinend der um 220 n. Chr. gestorbene ~Clemens Alexandrinus~ berichtet, 42 Bände oder Bücher umfaßte[633]. Es steht dahin, ob mit diesen 42 „hermetischen Büchern“ jene etwas gemein haben, die als „hermetische Schriften“ oder „Weisheit des ~Hermes~“ auf uns gekommen sind, sich mit ihrem +nicht+ alchemistischen, sondern zumeist mystisch-schwärmerischen und -religiösen, oder naturwissenschaftlich-abergläubischen Inhalte als Offenbarungen des ~Hermes-Thot~ geben und nur mit größter Vorsicht zu Rückschlüssen irgendwelcher Art herangezogen werden dürfen[634]; fast erscheint es unglaublich, daß sie bis tief in das 17. Jahrhundert hinein für echt und geradezu uralt-ägyptisch gehalten und erst durch den berühmten Streit ~Conrings~ (in Helmstaedt) gegen ~Borrichius~ (in Kopenhagen), 1648 mit dem Buche über die hermetische Medizin einsetzend, als in später Zeit untergeschoben erwiesen wurden[635].

Jedenfalls sieht die hellenistische Zeit schließlich in ~Hermes~ die Personifikation des Wissens, der Wissenschaft, des in allen Künsten, namentlich aber in allen Geheimkünsten, erfahrenen und schöpferischen Geistes, den Hüter und Bewahrer aller alten Erbweisheit (daher sie ihn auch mit ~Adam~, ~Henoch~, ~Abraham~, ~Moses~, ~Josef~ usf. gleichsetzt)[636], den Verfasser und Schreiber unübertroffen tiefsinniger und an Zahl endloser Werke, den „aller himmlischen Zeichen und Einflüsse“ kundigen Astrologen, Arzt, und Magier, sowie den Mann, „in dem sich Anfang und Ende der göttlichen Kunst vereint“, den Meister „der heiligen und hermetischen Kunst“, den ersten Alchemisten[637].

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Nach den, durch die syrischen Manuskripte bewahrten Berichten des ~Zosimos~ schrieb ~Hermes~ als erster die zum Teil durch Dämonen übermittelten Traditionen der Alchemie nieder, und zwar in einem umfangreichen Werke, das aber auch viele andere, χειρόκμητα (Handfertigkeiten, Handgriffe) genannte „Künste“ behandelte[638]. Es zählte 24 Bücher, bezeichnet nach den Buchstaben des griechischen Alphabetes und benannt mit besonderen Namen, z. B. Imos, Imuth, Gesicht, Schlüssel (κλείς)[639], Siegel (Gesiegeltes), Encheirídion (Handbuch), Epoche usf., und in diesen wurden sämtliche „Künste“ durch „Tausende von Worten“ genau erklärt, so auch die Umwandlung von

{Blei {Kupfer {Zinn in {Silber, {Eisen {Gold

aber auch von Blei in Zinn, Kupfer in Eisen, usf., kurz von allem der Reihe nach, von oben nach unten und von unten nach oben; erst spätere Erklärer, „die ohnehin auch allein die Verwandlung des Silbers in Gold erwähnten“, „verdarben und verdunkelten diese Bücher und machten aus ihnen Mysterien“. -- ~Hermes~ selbst schrieb sein Werk auf „Tafeln“, die aber verloren gingen oder verborgen blieben, so daß erst der ägyptische König ~Nechepso~ sie wieder auffand; die Götter, deren Beistand er in endlosen Gebeten anrief, begnadeten ihn schließlich mit ihrem Verständnisse[640], -- doch ist weder überliefert, wodurch der (schon in früher ptolemäischer Zeit mythische) König veranlaßt wurde, ein solches überhaupt anzustreben, noch welche Früchte es ihm trug, nachdem er es errungen hatte.

Vermutlich auf +diese+ „Tafeln“ hin, deren Andenken lebendig geblieben zu sein scheint, hat eine spätere Zeit dem ~Hermes~ auch die Abfassung zweier sehr berühmt gewordener +anderer+ zugeschrieben, der „Tafel von Memphis“ und der „Tabula smaragdina“. Die „memphitische Tafel“[641] soll sich u. a. an einem Felsen bei Memphis vorgefunden und in griechischer, sowie nach ~Kirchers~ Bericht von 1636 angeblich auch in koptischer Sprache, nachstehende Inschrift getragen haben: „Himmel oben, Himmel unten; Sterne oben, Sterne unten; Alles (πᾶν) ist oben, Alles ist unten; Nimm es hin, es bringe Dir Glück.“ Weiteres über sie ist nicht bekannt geworden, und die Behauptung, der angeführte Spruch sei altägyptischen Ursprunges, hat sich nicht bestätigt, was auch nach seinem auf Astrologie und Chemie (Sublimation, Destillation) anspielenden Inhalte nicht anders zu erwarten war. -- Die, der Sage nach durch ~Alexander den Grossen~ im Grabe des ~Hermes~ aufgefundene „Tabula smaragdina“[642] war unter diesem Namen, sowie unter dem Nebentitel „De operatione solis“ (Vom Machen der Sonne, d. h. des Goldes), im Abendlande schon gegen 1200 wohlbekannt und hochgeschätzt; der allein und nicht überall ganz gleichlautend übermittelte +lateinische+ Text[643] lautet in wörtlicher Übersetzung: „Es ist wahr, nicht gelogen, sicher und völlig gewiß. Was unten ist, gleicht dem was oben ist, und was oben ist, dem was unten ist, zwecks Durchschauung der Wunder des einen Dinges. So wie alle Dinge wurden aus Einem, durch Nachforschung darüber [oder: durch Einen, seiner Überlegung gemäß], so sind auch alle Dinge geboren aus diesem einen Dinge, vermöge der Anpassung (adaptatione). Sein Vater ist die Sonne, seine Mutter der Mond. Der Wind trug es in seinem Bauche. Seine Nährerin ist die Erde. Es ist der Vater aller Vollendung (telesmi) im Weltalle. Seine Kraft (virtus) steht auf ihrer Höhe, wenn es zu Erde gewandelt ist. Du scheide das Erdige vom Feurigen, die dunstartigen Teile von den dichten, gelinde, mit großer Kunst. Es [das Ding] steigt empor von der Erde zum Himmel, steigt wieder nieder zur Erde, und nimmt in sich auf die Kräfte der Oberen und der Unteren. So gewinnst Du das Rühmlichste (gloriam) der ganzen Welt. So wird alles Dunkel von Dir weichen. Dies ist die hohe Kraft in äußerster Stärke, da sie alle dunstartigen Teile besiegt und alle dichten durchdringt. So wurde die Welt geschaffen. So entstehen die wunderbaren Anpassungen (adaptationes), deren Art diese ist. Deshalb werde ich ~Hermes Trismegistos~ genannt, weil ich innehabe die drei Teile der Philosophie des Weltalles. Vollendet ist, was ich verkünde über die Herstellung der Sonne.“

Bei aller Absonderlichkeit enthält dieser Text nichts, was unverträglich wäre mit dem Geiste der Systeme einer Zeit, die unbedenklich auch die buntesten Elemente zu vereinigen pflegte, -- und zwar weder was die Form, noch was den Inhalt anbelangt; letzterer betrifft sichtlich die Gewinnung des Goldes mittels des „zu Erde gewordenen“ großen Wunderdinges, d. i. des Steines der Philosophen, der das „Dunkle“ weichen macht (d. h. die richtige Färbung bewirkt), die Samen von Silber und Gold (Mond und Sonne, Weiblichem und Männlichem) in sich trägt und durch richtige „Anpassung“ die höchste „Vollendung“ herbeiführt, +selbst+ aber wieder durch allerlei Sublimationen und Destillationen (ἄνω καὶ κάτω) und unter Mitwirkung des „Windes“ (Geistes, Pneumas) „geschaffen wird“ und als Inbegriff aller Elemente und Kräfte ein Analogon des Weltalls darstellt, ein ἓν καὶ πᾶν (Hen kai pan: Eines in Allem, Alles in Einem). In ganz ähnlichem Sinne, und in einem Wortlaute, der jenem der sog. hermetischen Tafeln sehr nahekommt, heißt es auch in einem alten bei ~Zosimos~[644] übermittelten Spruche: „Nach oben das Himmlische, nach unten das Irdische! Durch das Männliche und das Weibliche wird das Werk vollendet!“

Ein griechisches Original der „Tabula smaragdina“ ist nicht bekannt, und da die syrischen und arabischen Chemiker ihrer überhaupt keine Erwähnung tun[645], so bestehen berechtigte Zweifel an ihrem vorgeblichen Alter; +so+ alt wie der gesamte zugehörige Litteraturkreis könnte sie aber dem soeben Ausgeführten zufolge immerhin sein, und die Anführung des ~Hermes Trismegistos~, sowie die Herübernahme des im Lateinischen ganz ungebräuchlichen Wortes telesmus (τελεσμός) lassen eine Übersetzung aus dem Griechischen mindestens als möglich erscheinen[646]. -- Älteren Forschern hat namentlich die Frage viel Kopfzerbrechen bereitet, ob es tatsächlich Smaragde gebe, deren Größe die Anfertigung einer Tafel von ausreichenden Abmessungen gestatte; indessen erledigt sich diese Schwierigkeit dadurch, daß mit dem mehrdeutigen Worte Smaragd keineswegs gerade unser Edelstein Smaragd gemeint zu sein braucht, und daß auch z. B. in den ärztlichen Schriften des ~Celsus~ (zu Beginn der Kaiserzeit) „emplastrum smaragdinum“ nicht etwa ein Pflaster aus Smaragden bedeutet, sondern einfach ein grünes Pflaster[647], -- wonach es also freisteht, die Tabula smaragdina als Tafel aus grünem Glas, einem beliebigen grünen Gestein, oder einem sonstigen grünen Material aufzufassen!

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Kaum besser, als über diese mythischen, auf Tafeln eingegrabenen Schriften des ~Hermes~, sind wir über die dem Papyrus oder Pergament anvertrauten unterrichtet; wir kennen sie nur aus Anführungen und Zitaten, die sich u. a. bei ~Zosimos~, ~Synesios~, ~Olympiodoros~ und bei den noch späteren ersten syrischen und arabischen Chemikern finden (so bei dem schon mehrfach genannten ~Al-Habib~) und allenfalls ersehen lassen, welche Lehren man dem Manne zuschreiben zu sollen glaubte, den es galt, als Begründer (oder als einen der Begründer) der „hermetischen Kunst“ glaubhaft hinzustellen.

Das heilige oder große Werk muß begonnen werden in den ersten zehn Tagen des Monates Pharmuthi (März-April; das syrische Manuskript sagt im Nisân = April) und dauert sechs Monate[648]; sein Ziel ist, „wie schon die Alten angaben“, die Umwandlung des „Kupfers“ in ἰόχαλκος (Ióchalkos, rotes Kupfer = Gold)[649]. Die Grundsubstanzen (οὐσίαι, Usíai) des Silbers und Goldes sind schon enthalten im „Ei der Philosophen“ [der Mischung von Kupfer, Blei, Eisen, Zinn][650], in jener „Magnesia“ genannten Legierung[651], auf die sich auch die Sprüche „Zwei wird Eins, Drei und Vier wird Eins, usf.“ beziehen[652]. Die Operationen, die zur Umwandlung dieser Stoffe führen, beginnen mit dem Einwickeln und Einbinden in Leinen, der Tarichie (Einsalzung), sowie dem Kochen in „Meerwasser“[653]; im weiteren Verlaufe müssen die Stoffe, -- und dies ist eine der wichtigsten und daher sehr oft zitierten Vorschriften des ~Hermes~ --, ganz und völlig „verbrannt“ werden, „und wenn sie gänzlich zu Asche geworden sind, so ist dies das Anzeichen eines guten Gelingens“, „denn wer den Stoffen nicht ihren körperlichen Zustand nimmt und die unkörperlich Gewordenen wieder in Körper verwandelt, der kann das Ziel nicht erreichen“[654]. Die völlige Austreibung der flüchtigen Bestandteile aus den einen Substanzen und ihre Wiedervereinigung mit den anderen, -- denn hierum handelt es sich offenbar --, ist indessen nicht so leicht zu bewerkstelligen, denn nicht selten erhält man „unverbrennlichen Schwefel“, d. i. nach ~Hermes~ jene Asche, zu der der Schwefel die Stoffe so verbrannte, daß sie noch einen Teil der „Geister“ in sich zurückhielten[655].

Was unter „Schwefel“ verstanden werden soll, erscheint freilich keineswegs eindeutig bestimmt, denn ~Al-Habib~ bezeugt z. B. ausdrücklich, daß ~Hermes~ mit „Schwefel“ auch das Quecksilber aus dem Zinnober bezeichnet habe[656]. ~Hermes~ unterscheidet dieses Quecksilber von dem, das „als weiße αἰθάλη (Aithále) der roten Kobathia die Magnesia weißt“[657] [d. h. vom Arsen], sagt jedoch, „Quecksilber ist zwar zweierlei, aber doch nur Eines“[658]; „es ist Eines, besteht jedoch aus zwei Monaden“ heißt es auch vom ὔδωρ ἐν ἀβύσσω, dem „Wasser des Abyssos“ (Abgrundes), das aus den untersten Teilen der Gefäße geschöpft wurde und sehr wohl neben allerlei abgetropften Kondensaten auch das ohnehin oft nur mit dem Namen „Wasser“ bezeichnete Quecksilber enthalten haben kann[659]. Nach dem Berichte der syrischen Manuskripte[660] lehrte ~Hermes~, Quecksilber sei die Grundsubstanz [Materia prima] aller Metalle und verwandle sich unter den passenden Umständen nicht schwieriger in eines von diesen, als „Wasser“ zu Ölsaft in einem Ölbaum, zu Harzsaft in einer Terebinthe, oder zu Honigsaft in einer Dattelpalme[661]. -- Wie weiter oben wiederholt erwähnt wurde, sollen die „Ägypter“ für die Ursubstanz der Metalle das Blei gehalten haben, vermutlich angesichts seiner großen Schmelzbarkeit und seines leichten Überganges in andere (vielfach auch mit den Abkömmlingen sonstiger Metalle verwechselte) Stoffe, wie Bleiweiß, Bleiglätte, Mennige, Schwefelblei usf.; da nun aber das Quecksilber, wie man nach und nach erkannte, überhaupt stets flüssig bleibt und gleichfalls mit Leichtigkeit das weiße Sublimat, den bald gelblichen, bald rötlichen, bald schwarzen Zinnober ergibt usf., so liegt die Annahme nahe, es sei auf solche Analogien hin allmählich dem Blei gleichgesetzt worden und habe schließlich an dessen Stelle die Rolle einer Materia prima übernommen, -- wofür aber auch noch ganz andere, erst später zu erörternde Gründe ausschlaggebend waren.

Mittels Quecksilbers stellte ~Hermes~, nach einem beim ~Philosophus Christianus~ erhaltenen Berichte, auch das +Xérion+ (ξήριον) her, „das seit Äonen Gesuchte“[662], und verwandelte mit ihm ebensowohl die gemeinen Metalle in Gold, „das allein frei von aller Krankheit ist“[663], wie die körperlich Siechen in Gesunde[664]: ist doch nach ihm der Mensch ein Mikrokosmos, und diese kleine Welt enthält alle Elemente (einschließlich der Winde) ebenso in sich, wie die große, und unterliegt daher genau den nämlichen Einflüssen wie letztere[665]. -- Hiernach wird man schwerlich der Behauptung einiger Autoren beistimmen können, ~Hermes~ sei ein Feind der von ~Zoroaster~(?) gepriesenen magischen Lehren und Vorstellungen gewesen; nach ~Zosimos~ war vielmehr der Sachverhalt gerade der umgekehrte[666].

Wie in der „hermetischen Kunst“, so lebt der Name des ~Hermes~ bis auf den heutigen Tag auch noch im „hermetischen Verschlusse“ fort. Nach ~Al-Habib~[667] spricht schon ~Zosimos~ vom „hermetischen Verschlusse der Gefäße“ als von etwas Wohlbekanntem und keiner Erklärung Bedürftigen, es scheint also fraglos, daß dieser völlig dichte, bei Glasgefäßen durch Zuschmelzen bewerkstelligte Verschluß, oder doch eine bestimmte Art seiner Herstellung und Verwendung, vorwiegend auf ~Hermes~ zurückgeführt und als seine Erfindung angesehen wurde. Daß einige seiner Bücher „Siegel“ oder „Gesiegeltes“ überschrieben waren[668], kommt jedoch in dieser Hinsicht nicht mit in Frage, vielmehr besagt dieser Titel nur soviel wie „Geheimnisse“; beruft sich doch ~Zosimos~ u. a. auch auf Vorschriften aus Büchern gleichen Namens, die der ägyptische Gott ~Ptah~ selbst verfaßt haben soll[669].

b) Agathodaimon.

Von ~Agathodaimon~ (= guter Geist) berichten die späteren Alchemisten, z. B. ~Olympiodoros~[670], er sei ein alter ägyptischer Philosoph und noch älterer Herrscher und Gott gewesen; als Philosoph wird er oft zusammen mit ~Hermes~ genannt oder diesem auch gleichgesetzt, als dritter König aus der göttlichen Urdynastie Ägyptens bei ~Manetho~ aufgeführt[671], als Gott aber mit ~Thot~ oder mit ~Chnum~ (Chnub, Chnubis, Chnuphis) identifiziert, mit letzterem namentlich in seiner Richtung als ärztlicher Gott: sein Emblem ist die sich häutende, und dadurch angeblich die Krankheit abstreifende, neue Gesundheit und neues Leben gewinnende Schlange. Die Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt oder den eigenen Schwanz verschlingt und in dieser Form das alte hieroglyphische Zeichen für „Welt“ darstellt, ist in hellenistischer Zeit als οὐροβόρος (Urobóros) oder ὀφιοῦχος (Ophiúchos) auch das Wahrzeichen des ~Agathodaimon~, „des guten Dämons von Ägypten“ und „Hausschutzgottes“[672]; dies geht offenbar auf die nach ~Rohde~[673] echt griechische Anschauung zurück, daß das Haus als seine Hüterin die zum „guten Geiste“ gewordene Seele des Hausvaters zu verehren habe, die, gleich allen chthonischen Wesen, in Gestalt einer Schlange, der auch als Agathodaimon bezeichneten „häuslichen Schlange“, zu erscheinen pflegt. Der Schlange dieses Namens brachte man in Alexandria jährlich besonders feierliche Opfer dar[674], jedenfalls weil Alexandria in ~Agathodaimon~ seinen eigentlichen Stadtgott verehrte, -- wie denn auch noch im 3. Jahrhundert ein Oberpriester ~Agathodaimon~ daselbst nachweisbar ist[675]; der, dem Gotte ~Agathodaimon~ zugeordnete Stern ist nach hermetischen Schriften die Sonne[676]. Wenn also, allem diesem und dem klaren Wortlaute seines Namens entgegen, ~Agathodaimon~ in ganz später Zeit nicht selten für einen neidischen und gefährlichen „Dämon“, seine Schlange aber für einen bösen und verderblichen „Drachen“ angesehen wird, so beruht dies sichtlich auf Mißverständnissen und Entstellungen, die zum Teil vermutlich dem Eindringen orientalischer Überlieferungen zuzuschreiben sind.

Daß ~Agathodaimon~ ein chemisches Werk (βίβλος χημευτική) verfaßt habe, berichtet ~Olympiodoros~[677], und den syrischen Manuskripten nach erwähnt es schon ~Zosimos~ als ein an den ~Osiris~ gerichtetes, oder ihm gewidmetes Buch[678]. Mit den Worten „~Agathodaimon~ begrüßt den ~Osiris~“ beginnt auch die von ~Agathodaimon~ angeblich gemeinsam mit ~Hermes~ verfaßte „Erklärung eines Orakels des ~Orpheus~“, zu der zu bemerken ist, daß nach hellenistischen, u. a. bei ~Diodor~ erhaltenen Berichten, die mythischen Dichter ~Orpheus~ und ~Musaios~ nach Ägypten gekommen seien und dort die uralte Weisheit der Priester erlernt, diesen aber auch ihre eigene mitgeteilt haben sollen[679]. Die „Erklärung“, die nur in Form einer dunklen, vielfach entstellten, an zahlreichen späteren Einschiebseln reichen Kompilation vorliegt[680], behauptet auf Grund der „freilich sehr verwirrten und unklaren Schriften der Alten“, daß dem ~Orpheus~ göttliche Stimmen durch ein Orakel mitteilten, welcher Augenblick der günstigste für das große Werk sei, wie man die Projektion auszuführen habe, und wie sich dabei durch mystische Gebete und magische Beschwörungen die bösen Geister bannen und die ihrem Neide entspringenden Hindernisse überwinden ließen[681]; daraufhin habe ~Orpheus~ auf Kupfer oder auf die „Knochen des Kupfers“, die aus Kupfer, Eisen, Zinn und Blei bestanden und deren unter dem Namen „persische Knochen“ auch ~Zosimos~ gedenkt[682], Arsen und Kadmia (καθμία, καθμίς) zur Einwirkung gebracht[683], die Bestandteile 41 Tage lang maceriert, wobei sich ἐξανθήματα (Exantheme, Efflorescenzen) bildeten[684], und sie so schließlich geweißt und gegilbt.

Nach ~Agathodaimons~ Lehre hat man die Schlange Urobóros, bei der „das Ende der Anfang, und der Anfang das Ende ist“, als Symbol des großen Werkes zu betrachten, da bei diesem ebenfalls die anfängliche Grundsubstanz oder Materia prima schließlich in die einzelnen Metalle übergeht, in diesen vorhanden ist, und auch wieder aus ihnen zurückgewonnen werden kann. Wie die Schlange, so ist auch das große Werk ein Symbol der Welt; als solches reiht sich Beiden das „philosophische Ei“ an[685], das oft als synonym mit dem großen Werke gilt, oder als „Stein, der kein Stein ist“ das Verwandlungsmittel andeutet, eigentlich aber mit seinen vier „die unzähligsten Namen führenden Teilen“ [Schale, Eihaut, Eiweiß, Eigelb] das Ausgangsmaterial, die vier Metalle der Tetrasomie, bezeichnet[686]. Dieses „unser Blei“ (μόλυβδος ἡμέτερος), diese schwarze Brühe oder Schmelze (μέλανα ζωμόν), hat man zu benützen[687], zehn Tage im Dünger (ἐκ τῆς κόπρου) zu erwärmen und 21 Tage zu beizen[688], sodann mit koptischem Stimmi (στίμη κοπτική)[689], mit vom Schwefel befreitem Arsen „dieser Seele des Färbenden“[690], und mit anderen Chemikalien zu behandeln und so zunächst in „unser Silber“ (ἄργυρον τὸν ἡμῶν) überzuführen[691].

Wie als Erklärer des orphischen Orakels, wird ~Agathodaimon~ zusammen mit ~Hermes~ auch als Verfasser eines merkwürdigen +Rätsels+ genannt, das spätere Autoren als „Rätsel vom philosophischen Steine“ anführen[692] und das in wörtlicher Übersetzung aus dem Griechischen wie folgt lautet:

„Buchstaben zähle ich neun; viersilbig bin ich. Nun rate! Merk’: von den ersten drei Silben hat zwei der Buchstaben jede, Aber die vierte hat drei. Fünf Buchstaben sind Konsonanten. Bilde die Summe der Zahlen: Du findest zweimal Achthundert, Dreimal Dreißig dazu, nebst Sieben. Hast Du mein Wesen Nunmehr erkannt, so hast Du auch teil an göttlicher Weisheit.“

Die älteste bisher bekannte Quelle dieses sog. Rätsels sind die „Sibyllinischen Weissagungen“, eine im Tone der Propheten und Orakelkünder gehaltene Sammlung sehr verschiedener, von vielerlei jüdischen und christlichen Verfassern herrührenden Erzählungen und Sentenzen, die wahrscheinlich zwischen 100 vor und 300 nach Chr. niedergeschrieben wurde und ihre endgültige Form wohl erst gegen 300 erhalten hat. Im ersten Buche dieser „Weissagungen“[693], das von einem Christen um 200 n. Chr. verfaßt sein dürfte, befiehlt Gott dem ~Noah~, den sündigen Völkern noch einmal Buße zu predigen, und offenbart sich ihm als Herrscher der Welt, wobei er die oben angeführten Worte ausspricht. Daß sie also ursprünglich keinen alchemistischen Sinn haben konnten, ergibt sich aus diesem Sachverhalte ohne weiteres; viel eher scheinen sie auf einen der Geheimnamen Gottes hinzudeuten[694], deren Kenntnis (nach altägyptischer Anschauung) dem Kundigen ungeheure Macht verleiht, wie denn z. B. der weise König ~Salomon~ „die neun Buchstaben des geheimen Namens des Herrn“ beherrscht und im „Mysterium der neun Buchstaben“ den „Schlüssel alles Sichtbaren“ besessen haben soll[695]; welcher der zahlreichen Namen dieser Art gemeint sein mag, steht indessen nicht fest. Zu einem von alchemistischem Tiefsinne erfüllten „Rätsel“ machten die aus dem Zusammenhange gerissenen Verse erst spätere Schriftsteller, aus denen ~Olympiodoros~ im 5. und ~Stephanos~ im 7. Jahrhundert schöpften[696]; sie schrieben sie, um ihnen die gehörige Autorität zu sichern, einem der hochberühmten „Alten“ zu, also dem ~Agathodaimon~, dem ~Hermes~, oder auch beiden zusammen. Eine Lösung des Rätsels aus hellenistischem Zeitalter ist nicht überliefert; vom 16. Jahrhundert ab gaben verschiedene Gelehrte als solche an: Lithargyros, Kinnabari, Kassiteros, Ampelitis, namentlich aber Arsenikon[697]. Die Namen der ersteren, ihrer Natur nach sehr zweifelhaften Substanzen erfüllen jedoch die im Rätsel gestellten Bedingungen nur annähernd, und der sachlich noch ansprechendste, Arsenikon, ergibt seinem Zahlenwerte nach nicht die verlangte Summe 1697; allerdings führen einige Handschriften statt dieser Ziffer auch andere, bei einigem guten Willen ziemlich genügende Zahlen an, und manche lassen die letzten drei Verse ganz weg und beschränken sich auf die ersten, die derlei erschwerende Sonderbestimmungen nicht enthalten.

c) Isis.

Unter dem Namen eines „Schreibens der ~Isis~ an ~Horos~ über die heilige Kunst“ (περὶ ἱερᾶς τέχνης) geben die alchemistischen Sammlungen in ziemlich abweichenden Fassungen den Text eines Briefes wieder, den ~Isis~, die sie als Göttin, Königin von Ägypten, oder Prophetin (= Priesterin) bezeichnen, an ihren Sohn ~Horos~ gerichtet habe[698]; selbst der gutgläubige ~Borrichius~ (um 1650) wagte, seine Echtheit zu bezweifeln, ~Chevreul~ (1845) erklärte ihn sogar für eine bloße Satire[699], in Wirklichkeit reiht er sich aber den sonstigen Apokryphen und Pseudepigraphen des Zeitalters als völlig gleichartig an und läßt nichts von jenem besonderen „alchemistischen Geheimsinne“ merken, dessen noch ~Berthelot~ Erwähnung tut[700]. Die Art der Einkleidung ist mit unleugbarem Geschicke gewählt und durchgeführt, denn die Mitteilung der Lehren und Geheimnisse von Mund zu Mund, durch den Gott an den Priester, den Vater an den Sohn, usf., entspricht einer altägyptischen Tradition; auch derartige Gespräche gerade zwischen ~Isis~ und ~Horos~ waren schon in sehr entlegener Zeit bekannt, z. B. eines, in dem die Göttin meldet, „daß es ihr erlaubt sei, dem eigenen Kinde mitzuteilen den Namen des Gottes ~Rê~“, nämlich jenen „geheimen und wahren Namen“, dessen Kenntnis furchtbare Macht verleiht (den man aber natürlich schließlich doch nicht erfährt!)[701].

Was den Inhalt des „Schreibens“ betrifft, so erzählt ~Isis~ dem ~Horos~, der sich auf die Suche des ~Seth~ (Typhon), des Mörders seines Vaters ~Osiris~, begeben hatte, sie sei inzwischen nach Ormanuthi gegangen, -- d. h., wie ~Hoffmann~ angibt, nach ihrem berühmten Tempel zu Eumenuthi bei Kanopos[702] --, „woselbst die heilige Kunst Ägyptens, ἡ ἱερὰ τέχνη τῆς Αιγύπτου, betrieben wird“[703]; dort näherte sich ihr ein „Prophet“ (προφήτης = Priester) und „Engel des unteren Firmamentes“[704] und suchte ihre höchste Gunst, als deren Preis sie Mitteilung des Transmutations-Geheimnisses verlangte; der Prophet erklärte, er selbst sei nicht berechtigt, dieses zu verraten, sandte ihr aber den „Obersten der Propheten“ (ἀρχιερεύς, Archiereús = Oberpriester) und „Engel des höchsten Firmamentes“ ~Amnael~, mit dem sie des Handels einig wurde: als Lohn für ihre Hingebung lehrte er sie die Herstellung des Goldes und Silbers, nachdem er ihr vorher den Eid abgenommen hatte „daß sie darüber niemandem Mitteilung machen werde, als allein ihrem leiblichen Sohne“. Der in religionsgeschichtlicher Hinsicht nach Form und Inhalt bemerkenswerte Eid[705], dessen Verwandtschaft mit anderen, bei ~Stephanos~ (als „Eid des ~Pappos~“) und beim ~Philosophus Christianus~ überlieferten Schwüren[706], unverkennbar ist, lautet: „Ich lasse Dich schwören bei Himmel und Erde, bei Licht und Dunkel; bei Feuer, Wasser, Luft und Erde; bei der Höhe des Himmels, der Tiefe der Erde und dem Abgrunde der Unterwelt; bei ~Thot~ und ~Anubis~; beim Gebell des dreiköpfigen ~Kerberos~, des Hüters der Unterwelt; bei der Fähre des ~Charon~ und bei ~Charon~ dem Fährmann; bei den drei Göttinnen der Notwendigkeit, den Geißeln und dem Schwert: daß ich Niemandem das Geheimnis mitteilen werde als allein meinem Kinde und teuren Sohne, damit er Du sei, und Du er“ [d. h. damit er zum Gott werde durch Empfang Deines göttlichen Wissens].

Was daraufhin ~Amnael~ der ~Isis~ eröffnet oder vielmehr nur andeutet[707], bewegt sich wesentlich im Geleise der demokritischen Lehren vom Fixieren des Quecksilbers durch Magnesia, Pyrit, Arsen, die Dämpfe der Kobathia, Schwefel u. dgl., vom Weißen und Gilben durch Erteilen der richtigen Färbung mittels des Verwandlungs-Präparates oder „Pharmakons“, von der Diplosis usf.; nachdrücklich findet sich betont, daß jedes Ding von seinesgleichen erzeugt wird, der Mensch vom Menschen, der Löwe vom Löwen, das Getreide vom Samen des Getreides, und so auch das Gold vom Samen des Goldes: „die Natur freut sich über die Natur, usw.“

Mehrfach wird in dieser Abhandlung ~Isis~, die den Hellenisten für identisch mit ~Selene~ gilt, auch mit dem Symbol des Mondes ☾ bezeichnet, das ihren Namen selbst geradezu vertritt[708]: „~Horos~, Sohn der ☾“, „Vereinigung mit ☾“, „Schreiben der ☾“; diese von ~Berthelot~ besonders hervorgehobene Tatsache geht indessen bereits aus einer Anführung ~Kopps~ hervor[709].

d) Chimes.

Daß ~Chimes~ oder ~Chemes~ der erste Chemiker gewesen sei, und die Chemie von oder nach ihm ihren Namen erhalten habe, ist die Behauptung einer erst sehr späten Zeit, die einen „Heros Eponymos“ (Namengeber) für die chemische Wissenschaft suchte und ausdachte; sachlich steht sie etwa auf gleicher Höhe wie die Angaben, die Hellenen hießen so nach ~Hellen~, „dem ersten Griechen“, den Mörissee (äg. mer uer = großer See)[710] habe ein „König ~Möris~“ graben lassen, und der Magnet sei nach dem Hirten ~Magnes~ benannt, der dieses Gestein entdeckte, als er beim Weiden der Schafe mit seinen eisenbeschlagenen Schuhen an ihm hängen blieb[711].

Erwähnt wird ~Chimes~, ~Chymes~ oder ~Chemes~ (später auch ~Chem~, ~Khem~, ~Cham~, ~Kimas~)[712] zuerst bei Zosimos im 3., bei ~Olympiodoros~ im 5., und bei ~Stephanos~ im 7. Jahrhundert, und zwar behaupten ~Zosimos~ und übereinstimmend mit ihm die übrigen Autoren, daß er als Urheber des Satzes „ἕν τὸ πᾶν“ (Hen to pan = Eines ist Alles, Alles ist Eines) anzusehen sei, den er durch die sich in den Schwanz beißende Schlange symbolisch darstellte[713]. ~Stephanos~ berichtet hierüber, wo er die Umwandlung der unedlen Metalle durch Schwärzung, Weißung, Gilbung und Rötung erörtert, mit den Worten[714]: „Eine ist diese Schlange, tragend die beiden Zeichen und führend das Gift, denn Eines ist das All, durch das das All ist, und enthielte das All nicht das All, so wäre das All nichts [so wäre das All nicht entstanden; also mußt Du dieses All hineinwerfen, damit Du das All gemacht habest]. Dies spricht der allherrschende ~Chimes~; und es spricht die priesterliche Stimme: Gefunden ist der ~Pan~, der seit Gründung Ägyptens gesucht wird.“ -- Nach ~Hoffmann~ spielen die beiden „Zeichen“, die die Schlange trägt, auf die weiße und rote Königskrone an, die uralten, in den Landesfarben prangenden Symbole der Herrschaft in Ober- und Unter-Ägypten, die aber hier zugleich weißes Silber und rotes Gold bedeuten sollen; das „Gift“ der Schlange aber geht auf die zur Metall-Verwandlung dienenden Arsen- und Quecksilber-Präparate[715]; der „~Pan~“, der seit Ägyptens Urzeit gesucht wird, ist das Xerion (das „hineingeworfen“, projiziert werden muß), der philosophische Stein, die Panacee zur Heilung der Krankheiten von Metallen und Menschen, und erinnert durch seinen Anklang gleichzeitig an den Namen des griechischen Gottes ~Pan~ und an das Wort pan (πᾶν) des „ἕν καὶ πᾶν“.

Was die auch als giftiger und feuerspeiender Dämon angeführte Schlange des ~Chimes~ anbelangt, so ist zu bemerken, daß ~Chimes~ auch mit dem Gotte ~Ammon-Rê~ identifiziert wurde[716], und daß schon im alten Ägypten die Statuen und Abbildungen des Gottes ~Rê~, der die Sonne bedeutet und sich zeitweise fast monotheistischer Verehrung erfreute, eine flammenhauchende und so die Feinde vernichtende Schlange namens Apóphis zeigen, gewickelt um die sein Haupt zierende Sonnenscheibe[717]; dieselbe Schlange, „Auge der Sonne“ oder „Herrscherin des Alls“ genannt, führte aber auch der Gott ~Seth~, und da dieser in späterer Zeit zu einem bösen und tückischen Dämon wurde[718], ist es leicht erklärlich, daß auch der Charakter seiner Schlange in entsprechenden Verruf kam.

Von den angeblichen Schriften des „großen“, „hochberühmten“, „tausendfach gefeierten“ ~Chimes~ hat sich nichts erhalten, und außer dem oben Angeführten ist über ihren Inhalt nichts Weiteres bekannt.

e) Ostanes.

~Ostanes~, den ~Herodot~ als Schwager des ~Xerxes~ und als dessen Begleiter auf dem griechischen Feldzuge nennt[719], kam während der Folgezeit aus unbekannten Gründen schon früh in den Ruf eines hervorragenden persischen Magiers[720], gilt zur Zeit der letzten Ptolemäer als identisch mit ~Hermes-Thot~ [721] und wird bereits von ~Plinius~ als großer Zauberer, als erster Verfasser magischer Abhandlungen und als Lehrer des ~Demokritos~ angeführt[722]; in gleichem Sinne findet er sich auch bei den hellenistischen Alchemisten erwähnt, ferner bei den Kirchenschriftstellern von ~Origenes~ bis auf ~Augustinus~, in vielen Papyrus-Urkunden und im „Fihrist“[723].

Nach ~Synesios~ (um 400) schrieb ~Ostanes~ ein chemisches Werk in vier Büchern, das aber nicht „die Methoden Ägyptens“ darlegte, sondern die Persiens, deren sich nach ~Zosimos~ auch ~Zoroaster~ und ~Sophar~ bedienten, welcher letztere aber bei verschiedenen Autoren bald einfach „~Sophar~ der Perser“ heißt, bald „~Sophar~, König von Persien“, bald wieder „~Sophar~, König von Ägypten“[724]. ~Pibêchios~, der im 4. Jahrhundert lebte, meldet, daß jenes Werk den Titel „Krone“ geführt habe, und ~Synesios~ versichert, daß in ihm zuerst ~Ostanes~ die berühmte Lehre ausgesprochen habe „Die Natur freut sich über die Natur, die Natur siegt über die Natur, die Natur herrscht über die Natur“[725]. Wie indessen aus den um 350 n. Chr. verfaßten „Büchern der Astronomie“ (richtiger Astrologie) des ~Julius Firmicus Maternus~ hervorgeht[726], ist das Prinzip „una natura ab alia vincitur“ (eine Natur wird von der anderen besiegt) bereits in den (aus dem 2. vorchristlichen Jahrhundert herrührenden) sog. „Astrologúmena“ (= Sternverkündigungen) zu finden, als deren Verfasser schon zur Kaiserzeit (bei ~Plinius, Juvenal~ und vielen anderen) zwei völlig mythische Gestalten ausgegeben werden, ein ägyptischer König ~Nechepso~ und ein ägyptischer Astronom und Priester ~Petosiris~ (äg. = „Geschenk des Osiris“, Osiridor); der Satz lautet daselbst[727] „una natura ab altera vincitur, unusque deus ab altero“ (eine Natur wird von der anderen besiegt, ein Gott vom anderen), steht in rein astrologischem, die Sternbilder, ihre Natur, ihre Einflüsse und ihre sog. Dekane betreffenden Zusammenhange, und trägt also ursprünglich keinerlei alchemistischen Charakter.

Über des ~Ostanes~ „Gespräche mit ~Kleopatra~“ ist nichts, über einen „Adler“ betitelten Traktat nur soviel bekannt, daß er das große Werk beschrieb und dessen Dauer auf ein Jahr angab[728]. Dem nur in sehr entstellter und dunkler Form überlieferten „Schreiben des ~Ostanes~ an ~Petesis~“ (äg. = „Geschenk der Isis“, Isidor), ist zu entnehmen, daß ~Ostanes~ das „göttliche Wasser“ durch siebenmalige Destillation in einem gläsernen Ambix darstellte[729]; erst steigt es nach oben (ἄνω, áno) auf, dann aber sinkt es nach unten (κάτω, káto) in die finsteren Tiefen des Hades, wo es, als „Pharmakon des Lebens“, die Toten (τὰ νεκρά) erweckt und auferstehen macht[730]; mit göttlicher Hilfe und entgegen dem Neide der Dämonen, die man durch magische Beschwörungen (δαιμονοκλησίαι) austreibt[731], färben einige Tropfen dieses göttlichen Wassers Kupfer zu Gold, sie heilen alle Krankheiten, auch „die große Krankheit der Armut“, und erwecken selbst die Toten[732].

Wie die syrischen Manuskripte berichten, ordnete ~Ostanes~, als er sein Ende herannahen fühlte, alle seine Schriften auf das Genaueste und verbot, irgendetwas an ihnen zu ändern, sie anderen als Reinen und Würdigen mitzuteilen, oder ihre Geheimnisse deutlicher zu enthüllen; diese hatte er so sorgfältig verborgen „wie die Pupille seines Auges“, er empfahl daher auch seinen Schülern, die Götter vor Beginn des großen Werkes um ein reines Herz und um „Einsicht in die Pupille der Augen“ anzuflehen[733]. -- Auf die Bedeutung dieses Ausdruckes, den noch die späteren Araber als „Geheimnamen der Alten für das Verfahren der Transmutation“ kannten[734], wird weiter unten zurückzukommen sein.

Das sog. „Buch des ~Ostanes~“, das u. a. im arabischen Manuskripte Nr. 972 der Pariser Bibliothek vorliegt, erweist sich als Unterschiebung aus jüngerer arabischer Zeit, da es neben mystischen Deklamationen und Visionen auch Auszüge enthält, die dem als „Continens“ bekannten Werke des Arztes ~Al-Razi~ (10. Jahrhundert) entnommen sein sollen[735].

f) Petesis.

~Petesis~ (äg. = Geschenk der Isis, Isidor) oder ~Petasios~, der von den einen als Mitschüler, von den anderen als Schüler des ~Ostanes~ ausgegeben, in einer dem Leidener Papyrus zugehörigen Schrift als Priester und Magier angeführt, und bei ~Olympiodoros~ „König von Armenien“ betitelt wird[736], war nach Angabe des ~Philosophus Christianus~ der erste, der mit Offenheit, wenn auch nicht mit völliger, gewisse Geheimnisse des großen Werkes besprach: u. a. den Doppelsinn des Wortes [ἀρσενικόν] (Männliches und Arsen), sowie einige Gewichtsverhältnisse und Darstellungsweisen[737], z. B. die des göttlichen Wassers, das er „Galle der Schlange“ genannt haben soll[738]. Den syrischen Manuskripten zufolge war einer seiner wichtigsten Aussprüche: „Durch Nachdenken wird das Werk vollendet“[739]. Neben der rechten Einsicht bezeichnete er als unumgängliche Bedingungen guten Gelingens: Reinheit, Tugend, Frömmigkeit, Freiheit von Neid und Habsucht, sowie Anstreben des Erfolges aus bloßer Liebe zur Sache; wo diese Voraussetzungen erfüllt sind, ist das große Werk nur „die Arbeit eines Kindes“, ein Kinderspiel[740].

g) Iamblichos.

Die größtenteils sehr unklare, vielfach interpolierte, durch ihre zahlreichen Angaben über Gewichtsverhältnisse bemerkenswerte Abhandlung des (im übrigen vollständig unbekannten) ~Iamblichos~ bespricht zunächst die ποίησις χρυσοῦ (Bereitung des Goldes) durch eine verwickelte Diplosis, deren Anfangsstadium, als das des χρυσὸς μέλας (des schwarzen Goldes), offenbar der „Schwärzung“ entspricht[741]; weiterhin soll die „Magnesia“ genannte Metall-Legierung (σῶμα μαγνησίας) in Pferdemist erwärmt, mit verschiedenen Chemikalien behandelt und schließlich durch das Xerion (ξήριον) in Gold verwandelt werden. Zur Darstellung des Xerions selbst sind eine große Menge der mannigfaltigsten Materialien notwendig, u. a. die νεφέλη ἰταλικὴ πρὸ ὀφθαλμῶν, „die italische Wolke für das Auge“[742], d. i. ein durch Sublimation bereitetes Antimonpräparat aus italischem „Stimmi“, dem seit jeher als vortreffliches Augen-Heilmittel und -Schminkmittel gebrauchten Schwefelantimon oder Grauspießglanz.

Gold wird außerdem noch mittels der Galle des Huhnes, Fuchses, Kamels und Ichneumons dargestellt, -- offenbar in Gestalt der gelben glänzenden Gallen-Firnisse[743].

h) Moses (Pseudo-Moses).

Die Abhandlung des ~Moses~, die durchwegs starke Spuren jüdischer Einflüsse und jüdisch-monotheistischer Anschauungen verrät[744], wird einem in vielen Quellen, u. a. auch im „Fihrist“[745], sehr gepriesenen Alchemisten ~Moses~ zugeschrieben, anscheinend dem nämlichen, den als großen Zauberer und (gemeinsam mit den sonst nicht weiter bekannten ~Jamnes~ und ~Lotapes~) als Schöpfer einer „neuen Sekte der Magie“ bereits ~Plinius~ anführt[746]; da man, wie u. a. auch die „Apologie“ des ~Apuleius~ (um 180 n. Chr.) und viele Zauberpapyri bezeugen[747], dem Gesetzgeber ~Moses~ nicht nur im allgemeinen übernatürliche Fähigkeiten aller Art nachrühmte, sondern im Hinblick auf die Verbrennung und angebliche Auflösung des goldenen Kalbes auch speziell alchemistische[748], so führte man auf ihn auch die Schrift seines Namensbruders zurück und sicherte ihr dadurch ein höheres Ansehen.

Als Ausgangsmaterial benützt auch ~Pseudo-Moses~ cyprisches Kupfer[749], sowie „Maza“, d. i. das „schwarze Blei“ oder die „Magnesia“ der ~Maria~; infolge einer Verwechslung der „weiblichen Magnesia“ mit dem „männlichen Magnes“ [hier = Braunstein, Pyrolusit] behauptet er, die „göttliche“ Maza trage den Charakter eines ὄξος (Oxos = Essig, Schärfe), indem sie alles reinige und erweiche, selbst das Glas, dem sie eine glänzend weiße Farbe verleihe[750]. Die „Färbung“ des Kupfers erfolgt durch Zinn, weiße Magnesia (eine Legierung)[751], weiße dalmatische Kadmia (καθμία λευκή), italisches Stimmi, Quecksilber und Quecksilber aus Sandarach oder „Bleiweiß“ [d. i. Arsen aus rotem Schwefelarsen oder weißer Arsenigsäure], die das Kupfer umwandeln und umfärben, indem sie die gewünschte „Natur“ oder Qualität, die im Inneren schon vorhanden ist, an die Oberfläche heraustreiben (φέρει ἔξω τὴν φύσιν)[752]. Zur Darstellung des wirkenden Mittels, des +Xerions+, dessen Projektion auf Zinn z. B. Silber ergibt, das sich als probehaltig (δόκιμος, dókimos) erweist[753], verwendet man u. a. den goldfarbigen Pyrit (χρυσίζων, sog. Goldkies) aus Ägypten oder Libyen[754], Sandyx [hier = Zinnober], ὑδράργυρον παγέντα, d. i. fixiertes Quecksilber, ὑδράργυρον ἀνελθόντα, d. i. sublimiertes [+nicht+ destilliertes!] Quecksilber, und ὑδράργυρον ἀποθανόντα, d. i. „abgestorbenes“ Quecksilber, entweder an einen anderen Stoff gebundenes, oder „in die Tiefen der Unterwelt“, d. h. auf den Boden der Gefäße abgetropftes[755].

Ein als „Diplosis des ~Moses~“ berühmtes Verfahren bestand in der Behandlung des χαλκοῦ καλαινοῦ, des kalaïnischen Kupfers [aus Kalaïs am Sinai oder in Persien?], sowie einer Legierung von Blei und Kupfer, mit Schwefel, Arsen, Rettigöl (ῥαφανίνω ἐλαίῳ; Deckname!) und etwas Gold; das Ergebnis soll ebensogut gewesen sein wie das bei der Diplosis des (im übrigen unbekannten) ~Eugenios~, der das Kupfer durch Zusatz von allerlei Substanzen und von ein wenig [als „Samen“ wirkenden] Silber oder Gold in das schönste Silber und Gold zu verwandeln wußte[756].

„Rettigöl“ und „Ricinusöl“ schreibt ~Moses~ auch zum Behandeln des „Eiweißes“ und „Eigelbes“ vor[757], wobei es sich offenbar nur um Decknamen handelt; an die Verbrennung wirklichen Ricinusöles und wohl auch Leinöles (λινέλαιον, Linélaion) ist dagegen zu denken, wo er die Darstellung des „schwarzen, gebrannten Schwefels“ beschreibt, vermutlich ausgeschmolzenen Schwefels, der wegen seines Gehaltes an Kohle und seiner dunklen Färbung auch als μέλαν (Mélan, Schwärze, Ruß) bezeichnet wird[758].

Die Präparate, zu deren Bereitung sich oft süßes Wasser, im Gegensatz zu Meerwasser, vorgeschrieben findet[759], werden längere Zeit in Mist eingesetzt, oder durch das Feuer getrockneten Kuh- und Pferdemistes erwärmt[760]; fraglich bleibt, ob σαπώνιον (Sapónion) wirklich auf Benützung der (damals schon wohlbekannten) Seife hinweist[761], und was unter dem bei der Herstellung des Xerions benützten Bock- und Schweineblute (αἶμα τράγου ἢ χοίρου) zu verstehen ist[762].

Bemerkt sei noch, daß ~Moses~ den Ausdruck μᾶζα (Maza) an einer Stelle seiner Schrift[763] im Sinne von Chemie, oder eines die Chemie betreffenden Buches, eines chemischen Lehrbuches, gebraucht; da indessen seine ganze Abhandlung in der uns vorliegenden Gestalt die Spuren später (oft um Jahrhunderte späterer) Um- und Überarbeitung trägt[764], lassen sich hieraus bestimmte Folgerungen, etwa in zeitlicher Hinsicht, nicht ziehen.

i) Johannes.

Als Verfasser einer nur in stark entstellter Form überlieferten Schrift „Von der heiligen (göttlichen) Kunst“ (θεία τέχνη), die sich im wesentlichen auf ~Demokritos~, ~Hermes~, ~Agathodaimon~, ~Ostanes~ und andere „Perser“ beruft, wird ~Johannes~, Ober- oder Erzpriester von Ebeigia (Evagia, Ebagia, Euagia), genannt[765].

Der Verlauf des großen Werkes, wie ihn ~Demokritos~ auf die Säulen der Tempel niederschreiben ließ[766], ist nach ~Johannes~ abhängig von der Gunst der Jahreszeit, von Wind und Wetter und von den Gestirnen; da er nämlich durchaus dem einer Schwangerschaft gleicht, -- nur daß die Dauer statt neun Monate bloß neun Stunden beträgt --, so können die Wirkungen und Effluvien der Planeten, z. B. die des Mondes, die σεληνιακὴ ῥεῦσις[767], auch hier vorzeitige Entbindungen und Fehlgeburten bewirken, die den Embryo vernichten[768]. Der Kundige wird also das große Werk nur unternehmen, wenn die Umstände Erfolg versprechen; dann aber wird auch er das Nämliche vollbringen, was die Goldarbeiter (χρυσοχόοι, Goldgießer) vermögen, die „das Metall seiner ganzen Tiefe nach zu Gold färben“, und zwar mittels Oker, Salz, Natron, Thenakar [offenbar Tinkal, arabisch Tinkâr, d. i. Alkali, später auch Borax] und χαλκάνθη [Chalkánthe = unreiner Vitriol oder Alaun], die durch ihre Natur die Beimengungen des Goldes so an sich ziehen, wie der Magnet das Eisen, oder die Magnesia der Glasmacher [d. i. Braunstein] die Unreinigkeiten des Glases; er wird es aber vollbringen, indem er +seine+ Mittel benützt, den „hieratischen (heiligen) schwarzen Stein“, ἱερατικὸν λίθον μέλανα[769]. Sobald er diesen auf die Masse projiziert, beginnt das ihm innewohnende Pneuma zu wirken: die im Inneren der Rohmetalle verborgene Natur wird nach außen gekehrt, und es entsteht die rechte Färbung, sowie das reine, gelbe, dem Feuer widerstehende Gold, χρυσάνθιμον geheißen [Chrysánthimon = Blüte des Goldes; auch Namen des goldfarbigen Pyrits, des Goldkieses][770]. Man versteht aber den heiligen Stein zu bereiten: in den Gauen der Thebais, in Herakleopolis, Lykopolis, Apollinopolis, in Aphrodite und Elephantine[771]. -- Diese Aufzählung des ~Johannes~ folgt entschieden einer echten Tradition, denn sämtliche, wenn auch in griechischer Umschreibung genannte Orte, sind ausschließlich ägyptische; daß sie jedoch, wie ~Berthelot~ mutmaßt, ursprünglich die Stellen der Goldbergwerke bezeichnet hätten, von denen ~Agatharchides~ und ihm folgend ~Diodor~ und andere antike Autoren berichten, ist weder nach +ihrer+ geographischen Lage möglich, noch nach der für jene +Bergwerke+ angegebenen; sie alle sind vielmehr Orte von Tempel- und Kult-Stätten, namentlich von ursprünglich Gold-Verarbeitenden[772].

Den „stärksten weißen Essig“, τὸ λευκὸν ὄξος δριμύτατον, dessen ~Johannes~ als eines durch seine Schärfe die Metalle auflösenden Mittels gedenkt, soll man nach ~Berthelot~ vielleicht für eine unreine mineralische Säure ansprechen, die etwa durch Erhitzen des Eisen- und Kupfer-Vitriols, sei es für sich, sei es zusammen mit Kochsalz, erhalten worden wäre[773]; da aber derlei Ausdrucksweisen keineswegs wörtlich zu nehmen sind, -- schreibt doch ~Pseudo-Moses~ der Metall-Legierung „Magnesia“ die Natur eines ὄξος (Essigs) zu --, und keine beglaubigte Tatsache eine so frühe Kenntnis der Mineralsäuren bezeugt, so ist ~Berthelots~ Annahme ganz unwahrscheinlich.

Der ~Philosophus Anonymus~ bezeichnet ~Johannes~ als einen Schüler des ~Hermes~ und als ἀρχιερεύς (Archiereús), d. i. Erz- oder Oberpriester der Tempel ἐν Εὐαγίᾳ τυθίας[774]; ~Berthelot~ übersetzt dies „zu Euagia in Tuthia“ und läßt es dahingestellt, ob hier an die mystische Andeutung eines Namens zu denken sei, eines Ortes, oder etwa der nach diesem Orte benannten „Tutia“ der späteren Alchemisten[775] [d. i. des zur Messing-Darstellung dienenden, mehr oder weniger reinen Zinkoxydes]. Ein ägyptischer Eigenname ~Thutia~ kommt zwar vor, -- u. a. trägt ihn, nach ~A. Wiedemann~, ein Feldherr, der um 1500 v. Chr. die Stadt Joppe oder Jaffa eroberte[776] --, doch kann dieser hier ebensowenig in Frage stehen wie die Bezeichnung „Tutia“ für Zinkoxyd, die erst zu arabischer Zeit auftritt und deren Quelle das persische Wort Dûd = Rauch ist, (gemäß der ältesten Gewinnungsweise dieses Präparates). Aber auch um einen (sonst unbekannten) Ort Thutia handelt es sich wohl schwerlich, da andere Handschriften, statt der von ~Berthelot~ bevorzugten Lesart ἐν Εὐαγίᾳ τυθίας, die Worte ἐν Εὐαγίᾳ τῇ θείᾳ bieten, d. h. im heiligen Euagia, im Tempel zu Euagia (Evagia, Ebagia), der offenbar als Sitz des Oberpriesters ~Johannes~ bezeichnet werden soll[777]. Seitens späterer Autoren wurde, wie auch aus einer bei ~Pseudo-Avicenna~ (um 1200?) erhaltenen Tradition zu ersehen ist, dieser ~Johannes von Evagia~ mit ~Johannes Evangelista~ identifiziert, und letzterer als „Oberpriester von Alexandria“ angesehen[778]; hieraus wieder erklärt es sich, daß der Apostel ~Johannes~ auch im Okzident schon sehr frühzeitig in den Ruf eines Magiers und Alchemisten kam, -- an dessen Berechtigung selbst der treffliche ~J. J. Becher~ in seiner „Physica subterranea“ von 1669 noch nicht den geringsten Zweifel hegte[779]! Bereits der 1177 verstorbene Augustinermönch ~Adam de St.-Victor~ (d. i. aus der Abtei St.-Victoris bei Paris), nach ~Harnack~[780] der bedeutendste Kirchenlehrer und größte Dogmatiker des Abendlandes in der Zeit zwischen dem hl. ~Augustinus~ und ~Thomas von Aquino~, rühmt in seiner „Hymne auf den hl. ~Johannes~“ den Apostel als Herrn über die Kräfte der Gifte und Krankheiten, als Gebieter über Leben und Tod, sowie als Meister der Dämonen, und fügt dann hinzu:

„Cum gemmarum partes fractas Solidasset, has distractas Tribuit pauperibus; Inexhaustum fert thesaurum, Qui ex virgis fecit aurum, Gemmas ex lapidibus“,

welche Verse in sinngetreuer Übersetzung lauten:

„Splitter wußt’ er neu zu einen Zu den schönsten Edelsteinen, Die er Armen überließ; Endlos reich wird +Der+ sich zeigen, Der sich Gold schuf aus Gezweigen, Edelsteine aus dem Kies.“

Anscheinend zweifelte ~Kopp~ die Echtheit dieser Verse an, jedoch mit Unrecht, denn die „Poetischen Werke des ~Adam de St.-Victor~“, die er im Original einzusehen keine Gelegenheit hatte, enthalten tatsächlich die angeführte Strophe[781]; auch gebraucht dieser Dichter an mehreren Stellen Gleichnisse, die auf einige technologische Kenntnisse schließen lassen[782], z. B. eines vom Töpferofen, eines von der „colla pigmentaria“ (der Vorratskammer für Farben, Gewürze, u. dgl.) und eines von der Herstellung der Grundmauern:

„Ätzkalk binden und Zemente Dieses Tempels Fundamente, Halten fest die Steine.“

Die Tradition von den Wunderkünsten des ~Johannes~ ist übrigens eine sehr alte, denn schon die um 150-180 n. Chr. verfaßten apokryphen „Johannes-Akten“ melden, daß ~Johannes~ zwei große Edelsteine aus kleinen Stückchen zusammensetzte, um den Erlös den Armen zu spenden, und daß er für zwei Ephesier, die es reute, ihren gesamten Reichtum an Bedürftige verteilt zu haben, aus Rutenbündeln Gold und aus Kieseln vom Meeresstrande Edelsteine herstellte[783]; ebenso erzählt die von ~Jacobus a Voragine~, Bischof von Genua (1230-1292), herrührende „Goldene Legende“, daß ~Johannes~ „virgas et lapides“ (Ruten und Kiesel), vom Seeufer geholt, in „aurum et gemmas“ verwandelte, und daß die Goldschmiede (aurifices) und Juweliere (gemmarii) versicherten, reineres Gold und wertvollere Steine niemals gesehen zu haben[784]; endlich verstand ~Johannes~ es auch, zerbrochene Glasgefäße aus ihren Scherben neu erstehen zu lassen, und die fromme Litteratur berichtet dann Züge dieser Art auch von verschiedenen anderen Heiligen[785]. Im Orient blieb das Andenken an verwandte Überlieferungen ebenfalls lebendig, denn noch der große persische Dichter ~Saʿdi~ (1184-1286) sagt im „Fruchtgarten“[786]:

„Vor alters, wie es heißt im Land, Geschah’s, daß Stein in frommer Hand Zu Silber sich verkehrte.“

5. Papyrus Kenyon, Afrikanos, Zosimos.

(3. Jahrhundert.)

a) Papyrus Kenyon.

In dem 1893 zu London veröffentlichten „~Papyrus Kenyon~“[787], der laut Urteil der Sachkenner im 3. Jahrhundert n. Chr. niedergeschrieben ist, finden sich eine Anzahl Rezepte magischen und mystischen Inhaltes vor[788], die beredtes Zeugnis für die weite Verbreitung ablegen, deren sich Ideen dieser Art zur erwähnten Zeit erfreuten. -- Bei magischen Handlungen z. B. sind Tafeln und Blättchen dienlich, bestehend aus den sechs Metallen[789], -- für die nach ~Berthelot~[790] auch den „Königen“ des ~Zosimos~ (s. unten) verwandte Abbildungen vorkommen sollen (?) --, und erinnernd an die λεπίς ἡλιακή (die sonnigen = goldigen Flitter) der 1893 von ~Wessely~ bekanntgemachten, ungefähr dem nämlichen Zeitalter entstammenden Zauberpapyri[791]; als siebentes Metall wird Quecksilber nicht direkt genannt, doch verbirgt es sich wohl unter dem Decknamen „Lorbeerblätter“, den auch das sog. „Orakel des Apollon“[792] als Bezeichnung für Zinnober oder dessen „Dunst“ anzuführen scheint, während in den eben genannten Zauberpapyri der Zinnober ἀιθάλη δάφνης, Dunst des Lorbeers, heißt[793]. Von Mennige ist die Rede als vom „Blut der Tauben und Krähen“[794]; erwähnt wird ferner Stimmi [Schwefelantimon] aus Koptos, Schwefelarsen, ammonisches Steinsalz, „Smaragd“ und „Kallais“ [beide als grüne, zur Herstellung von Vasen dienende Gesteine, hier vermutlich Malachit und ein anderes, möglicherweise ebenfalls kupferhaltiges Mineral][795] und vielleicht auch Alaun[796], da das Zeichen eines achteckigen Sternes ❋ bei ~Kleopatra~ diesen (στυπτηρία) bedeutet[797].

Unter den mystischen Autoren führt der Papyrus Kenyon auch ~Homer~ an[798], und zwar neben ~Orpheus~, ~Pythagoras~, ~Moses~ und ~Demokritos~; dem letzteren wird ein bewährtes Rezept zum Fälschen von Münzmetall beigelegt[799].

Schon weiter oben wurde darauf hingewiesen, daß auch einzelne nicht zum Hauptstücke X gehörige Bestandteile des „~Leidener Papyrus~“ verwandte Angaben enthalten: sie sprechen von einem magischen Ringe mit der sich in den Schweif beißenden Schlange und dem Zauberwort ~Abraxas~ (dessen griechische Buchstaben, ihrem Zahlenwerte nach, die Summe 365 ergeben), von den mystischen Zahlen 10, 4 und 7[800], von der Rolle des siebenmaligen Lachens[801], von der „Sphäre des ~Demokritos~“ [einer iatrochemischen Tabelle zur Voraussagung des Verlaufes von Krankheiten][802], aber auch vom Reinigen des Goldes durch eine Art Zementation[803], von einer Tinte aus Eisensalzen und Galläpfeln[804], von ammonischem Salz, Aphroselinon, Magnesia und Magnetstein[805], von ποίησις (Poíesis) und μᾶζα (Máza)[806], von allerlei Decknamen mineralischer und pflanzlicher Stoffe[807], usf.

b) Afrikanos.

~Afrikanos~, der sich als den hochberühmten „alten“ Meistern zugehörig, an verschiedenen Stellen der einschlägigen Verzeichnisse aufgeführt findet[808], ist aller Wahrscheinlichkeit nach identisch mit ~Sextus Julius Africanus~, der bald nach Beginn des 3. Jahrhunderts Bischof von Emmaus war[809], von dort aus wiederholte Missionsreisen u. a. nach Edessa, Alexandria und Rom unternahm[810] und 232 als Bischof von Nikopolis starb; außer einer mit dem Jahre 220/221 abschließenden „Chronographie“[811] verfaßte er hauptsächlich noch ein dem Kaiser ~Severus Alexander~ (222-234) gewidmetes, gelehrtes und weitläufiges Sammelwerk „Kestoi“, dessen Titel auf den bei ~Homer~ erwähnten reizverleihenden Gürtel der ~Aphrodite~ anspielt. Wir kennen dieses Buch nur in völlig entstellter Form, durchsetzt von zahlreichen, zum Teil um mehr als ein halbes Jahrtausend jüngeren Einschiebseln, zu denen u. a. auch einige Angaben gehören dürften, gewisse schwefel-, erdöl-, und ätzkalkhaltige Zündsätze betreffend, die sich in Berührung mit Wasser von selbst entflammen, durch Essig aber gelöscht werden können[812]; seinem alten Bestande nach enthält das Werk, wie ~Kopp~ versichert, nichts von alchemistischem, ja kaum irgendetwas von chemischem Interesse[813]. ~Afrikanos~ schrieb aber, neben zahlreichen sonstigen Abhandlungen, deren Gegenstände u. a. Medizin, Physik und Ackerbau waren, auch eine, die von späteren Autoren unter dem Titel δυνάμεις χυμευτικῶν, „Kräfte chemischer Präparate“, angeführt wird[814], und auf diese, deren Text verloren gegangen ist, beziehen sich offenbar die Zitate einiger Schriftsteller[815]; sie betreffen das Färben der Metalle durch allerlei βοτάναι [Botánai = pflanzliche und mineralische Zusätze][816], das Weißen des Kupfers mittels Auripigment und kappadozischem Salz[817], sowie die Sublimation der Arsenigsäure in einem geschlossenen Glasgefäße eigener Konstruktion[818] und sind also, ebenso wie die wenigen flüchtigen Angaben im „Stockholmer Papyrus“, viel zu spärlich, um ein Urteil über den angeblich so hohen Ruf des Autors zu ermöglichen.

Daß dieser durchaus vom abergläubischen Geiste seiner Zeit erfüllt war, beweisen einige Zitate in den als „Geopónika“ bekannten, spätgriechischen landwirtschaftlichen Schriften, deren uns vorliegende Redaktion etwa aus dem 9. Jahrhundert herrührt[819]; so z. B. bewahrt man Wein vor dem Umschlagen, indem man auf die Fässer den 9. Vers des 34. Psalms schreibt: „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist“[820].

Einer alten Überlieferung gemäß soll ~Afrikanos~ das „heilige Buch des ~Cheops~“ besessen und diesem seine Weisheit entlehnt haben[821].

c) Zosimos.

~Zosimos~[822], der als Kind der oberägyptischen Stadt Panopolis in der Thebais, sowie als Christ, nach ~Hoffmann~[823] als gnostischer Christ, bezeichnet wird, soll sich seit früher Jugend zu Alexandria aufgehalten und dort gelehrt und geschrieben haben; seine Lebenszeit kann nicht, wie man ehemals annahm, in das 5. Jahrhundert fallen, da er von den Tempeln zu Memphis und Alexandria, u. a. von dem 390 zerstörten Serapeion, als von noch bestehenden spricht, sie ist vielmehr, allen Anzeichen nach, um 300 anzusetzen, also in das 3. und vielleicht in einen Teil des 4. Jahrhunderts[824]. Über seine Lebensumstände ist Näheres nicht bekannt, ebensowenig über seine von einigen angezweifelte christliche Herkunft; ~Harnack~ nennt zwar Panopolis nicht unter den ägyptischen Städten, die gegen 300 bereits christliche Gemeinden besaßen, erwähnt jedoch, daß auch in Oberägypten das Christentum um 300 schon „mächtig“ war[825]. Nach ~Suidas~ (um 1000) verfaßte ~Zosimos~ ein der Chemikerin ~Theosebeia~ (seiner „mystischen“ Schwester) gewidmetes Werk „Cheirókmeta“, das in mindestens 28 Büchern eine enzyklopädische Darstellung der gesamten Chemie gab, unter Benützung seiner eigenen Erfahrungen, sowie der Arbeiten seiner sämtlichen Vorgänger[826]; die Schriften, die wir noch unter dem Namen des ~Zosimos~ besitzen[827], sind vermutlich bloße Bruchstücke dieses Hauptwerkes, und ebensolche waren auch wohl die von einigen Autoren erwähnten Abhandlungen „Buch des ~Imuth~“ (äg. = Helfer, Heilbringer; u. a. Beinamen des ~Imhotep-Asklepios~)[828], „Buch der Tetraden“ [829] usf. Ihre jetzige Gestalt empfingen die „Schriften“ sichtlich erst auf Grund mehrfacher, zum Teil sogar erst nach Jahrhunderten erfolgter Umarbeitungen durch Schüler und Erklärer; sie enthalten daher, neben dem Hauptgrundstock echter Überlieferungen, zahlreiche Einschiebsel und vielerlei Zusätze, -- auch abgesehen von jenen Interpolationen, die schon ~Salmasius~ (1629) und ~Reinesius~ (1640) sofort als solche einer ganz späten Zeit erkannten, da sie in ihnen u. a. arabischen Namen und Ausdrücken begegneten, wie Tutia, Elilag, Nateph u. dgl.[830]. Das Werk des ~Zosimos~ stand wegen seines Umfanges und seiner Reichhaltigkeit, nicht weniger aber wegen seiner mystischen Anspielungen und ekstatischen Visionen, fortdauernd in größtem Ansehen und verschaffte seinem Verfasser die Beinamen ὁ ἀρχαῖος, παλαιός (= der Alte), θεῖος, ἔνθεος (= der Göttliche), στέφανος τῶν φιλοσόφων (= Krone der Philosophen), u. dgl. mehr[831]; doch darf man aus diesen keine zu bestimmten Folgerungen ziehen, namentlich nicht in zeitlicher Hinsicht, denn, wie ~Bouché-Leclerq~ hervorhebt, heißt z. B. im 2. nachchristlichen Jahrhundert der große Astronom ~Ptolemaios~ schon bei seinen unmittelbaren Nachfolgern und Kommentatoren ὁ παλαιός (der Alte)[832], und als von den „Alten“ spricht auch wieder ~Zosimos~ selbst von seinen nächsten Vorgängern[833].

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Das heilige Werk, so berichtet ~Zosimos~, ist eine Errungenschaft Ägyptens, woselbst man seit den ältesten Zeiten wie in allen Künsten so auch in der Behandlung, Schmelzung und Färbung der Metalle große Kenntnisse besaß; die über diese handelnden „wahren Lehren“ standen in der symbolischen (= hieroglyphischen) Schrift der Priester auf den Säulen der Tempel und wurden unter Androhung furchtbarer Strafen auf das Strengste geheimgehalten, so daß erst ~Demokritos~ einiges über sie andeutete, und auch das nur in Rätseln[834]; da die Priester betreff des Erwerbes und der Darbringung von Opfergaben auf ihre „magische Wirksamkeit“ angewiesen sind, erregt bei ihnen jeder große Eifersucht und erbitterte Gegnerschaft, der in ihre Geheimnisse einzudringen versucht[835]. Zu diesen gehören u. a.: „die Kenntnis des Abwägens der Stoffe“ [d. h. der Gewichtsmengen][836]; „die Kenntnis der Verbindungen der Stoffe nach gewissen Verhältnissen“, und zwar (gemäß der orphischen Lehre) entweder nach den nämlichen, die man an der Lyra des ~Hermes~ betreff der Harmonien [Saitenlängen und Töne] ermittelt hat, oder doch nach analogen[837]; vor allem aber die „Kenntnis der Verwandlung oder Alloíosis“[838]. Da diese Kunst allein den ägyptischen Priestern vorbehalten ist, heißt sie auch τέχνη θεία, τέχνη δογματική (göttliche, dogmatische Kunst)[839]; weitere Namen sind ἱερὰ τέχνη (heilige Kunst) und μέγα ἔργον (großes Werk), ferner „unsere Kunst“, „großes Mysterium“, oder „Mysterium des ~Mithras~“[840], d. i. der Sonne, des Goldes. Vollbracht wird das θεῖον ἔργον, das göttliche Werk, durch die Künste der ποιηταί (der Macher) mittels des λίθος μεταλλικός (des metallerzeugenden Steines) in Ägypten, in Cypern und in Thrazien, hauptsächlich aber zu Alexandria und Memphis, woselbst man in den Tempeln des ~Hephaistos-Ptah~ durch Weißen mit Kadmia Silber und durch Gilben mit Zinnober Gold gewinnt[841]. -- Wer sich dem großen Werke widmen will, hat einer Anzahl schwieriger Vorbedingungen zu genügen, die ihn der unentbehrlichen „Gnade Gottes“ würdig machen: vor allem muß er durchaus rein sein, erfüllt von Frömmigkeit und guter Gesinnung, frei von Eigennutz und Habgier, geneigt zu Opfern und Gebeten, und fähig der tiefsten seelischen Versenkung[842]; sodann muß er rastlosen Fleiß besitzen, sich strenge an die Wahrheit halten und die Kunst allein ihrer Göttlichkeit wegen betreiben, denn von vornherein fruchtlos sind alle Versuche der Ungelehrten und Betrüger, die nicht nach Erkenntnis streben, sondern nach Gold und nach Heilung der unheilbaren Krankheit „Armut“[843], die mit mehr Aussicht auf anderen Wegen zu erreichen ist, z. B. durch eine reiche Frau mit großer Mitgift[844]; endlich muß er kundig sein der „richtigen Zeiten und glücklichen Momente“, der betreff dieser entscheidenden Einflüsse der Planeten[845], sowie der Gebete, der Beschwörungen, der Zauberstoffe [βοτάναι = Botánai, ursprünglich nur Zauberkräuter], der magischen Formeln und Handlungen usf., die erforderlich sind, um göttliche Mithilfe zu erlangen und die Hindernisse, Verwirrungen und Störungen abzuwehren, die seitens neidischer, dem bösen persischen Geist ~Antimimos~ gleichender Dämonen drohen[846]. Nur wer allen diesen Voraussetzungen entspricht, ist ein Würdiger; ihm läßt die Gottheit durch Träume und Visionen im magischen Schlafe die Wahrheit zuteil werden, entströmend dem Munde ihres Hierurgen (Priesters), der da steht auf den sieben Stufen eines Altares von der Gestalt einer φιάλη [Phiále, d. i. eine Kuppel, aber auch ein rundes, chemischen Zwecken dienendes Glasgefäß][847]); ihm wird das große Werk nur +das+ sein, als was es schon die Alten bezeichneten, „ein Kinderspiel und Weiberwerk“, παιδίου παίγνιον καὶ γυναικὸς ἔργον[848].

Zu den Altmeistern der großen Kunst zählten u. a. ~Platon~[849]), ~Aristoteles~[850], ~Maria~[851], ~Hermes~[852], ~Ostanes~[853], ~Chimes~[854] und ~Moses~[855]; in den Werken dieser „vielen Alten“ und in den Schriften der Juden finden sich die rechten Lehren niedergelegt[856], und zwar gibt es „tausend Bücher, behandelnd das Weißen, das Gilben, und die Diplosis unseres Kupfers“[857], vorhanden in den Bibliotheken der Ptolemäer und in denen fast sämtlicher Tempel, vor allem aber des Serapeions zu Alexandria[858]. Das Wesen der Kunst, der χημεία (Chemeía, Chemie), ist analog dem der Schöpfung, der κοσμοποιία (Kosmopoiía), und betrifft die Reinigung und Befreiung der an die Körper (στοιχεῖα, Stoicheía) gebundenen göttlichen Seele, des an das Fleisch gefesselten göttlichen Pneumas (θεῖον πνεῦμα); denn empor zur Vollendung der +himmlischen+ Sonne, Königin des Himmels, rechtes Auge der Welt, oder ἄνθος (Anthos = Blüte) des Feuers geheißen, wird durch das Pneuma auch das Kupfer erhoben, indem es, genügend „gereinigt“, Anthos (d. h. Goldfarbe, Goldglanz) erhält und sich wandelt zur +irdischen+ Sonne, zur Königin der Erde[859].

Das Kupfer, von dem das große Werk seinen Ausgang nimmt, muß „unser Kupfer“ sein, enthaltend, wie schon ~Maria~ lehrte, die Tetrasomie des Kupfers, Bleies, Zinns und Eisens[860], welche vier Stoffe, laut der durch ~Demokritos~ überlieferten Erkenntnis der „Ägypter“, sämtlich allein aus dem Blei hervorgehen[861]: denn dieses ist höchst verwandlungsfähig und kann, wie zu vielem anderem, so auch zunächst zu Kupfer und weiterhin zu „Weißem und Rotem“, „Kadmia und Zinnober“, Silber und Gold werden[862]. Wie bereits ~Maria~ wußte, gelangt „unsere Kunst“ auch allein durch Verschmelzen des gemeinen schwarzen Bleies mit Kupfer und anderen Metallen zur Darstellung der Legierung Molybdóchalkos (des Bleikupfers, τῆς συνθέτου = des synthetischen, zusammengesetzten)[863], „unseres schwarzen Bleies“, sowie der Magnesia, auf die sich die Worte beziehen „aus Zwei wird Eins, aus Drei wird Eins, aus Zwei wird Drei“[864]. Im Gegensatz zur einfachen cyprischen Magnesia [einem natürlichen Mineral oder Metall][865] heißt +unsere+ Magnesia +so+ von μιγνύειν (mignýein = mischen), ähnlich wie man das Gemenge von Zinn und Quecksilber auch als μῖγμα bezeichnet[866] [Migma, auch Magma = Gemisch; arabisch al Magmaʿ = Amalgam]. Den Namen μᾶζα (Máza = Teig, Brot) für Magnesia brachte ~Maria~ auf[867], und nach ihm wieder führen die „Wässer“ [die Schmelzen], die das Kupfer so vermehren und verändern, daß es ἄνθη φέρει (Blüten trägt = Gold wird), die sog. χαλκύδρια (Kupferwässerchen), auch den Titel ὕδατα μαζυγίου, „Wässer des Mazachens“[868]. Endlich heißt die Magnesia oder „unser Blei“ auch πᾶν (pan = Alles), denn zutreffend sprach ~Chimes~ von ihr als vom „ἓν τὸ πᾶν“ (Eines in Allem; Alles in Einem), da sie nur Eines ist, aber Alles werden kann und Alles in sich enthält[869]; sind doch in Magnesia und Molybdochalkos das Silber und Gold schon „der Möglichkeit nach“ (δυνάμει, potentia) vorhanden, so daß man, um sie auch „in Wirklichkeit“ (ἐνεργείᾳ, actu) zu erhalten, nur ihre im Inneren verborgenen Naturen (Qualitäten) herauszukehren braucht, -- was eben vermöge der Projektion geschieht[870].

Die Umwandlung, μεταβολή (Metabolé), oder ἀλλοίωσις (Alloíosis) der σώματα [Somata = Körper, Metalle], also der Magnesia, des Molybdochalkos, sowie ihrer Bestandteile, des Kupfers, Bleies, Zinns, Eisens und Asems [hier = Silbers], zu Gold erfolgt im allgemeinen durch Einfluß der πνεύματα (Pneumata, Geister), die eine Bindung (σύνδεσμος) und Fixierung (πῆξις) erleiden[871]; Vorbedingung hierfür ist jedoch die Erregung einer gewissen „Neigung“ zur Umwandlung, hervorgerufen durch „Annäherung“ der Substanzen, und sie wird erfüllt durch Überführung in das „Schwarze“ [d. i. in den Zustand der noch „ungeordneten“, aber zum Übergange in jede „Ordnung“ fähigen Urmaterie, Materia prima][872], in „unser schwarzes Blei“[873], gleichend der μελαίνα σποδός [schwarzer Asche, Schlacke oder Kohle] und tiefschwarz wie Raben und Krähen[874]. So wie das Gewebe im bunten Farbbade durch Farbstoffe und Beizen, ganz ebenso erhält das Schwarze (μέλαν) in diesem schwarzen Farbbade, in der βαφὴ μέλαινα, der schwarzen Brühe oder Schmelze, durch Zusätze und Beigaben die rechte Färbung, es wird durch „weißen Schwefel“ in Silber, durch „gelben Schwefel“ in Gold übergeführt[875]. Deshalb ist, wie schon ~Maria~ lehrte, die Schwärzung, bei der sie angeblich zuweilen auch Chálkanthos [unreinen eisenhaltigen Vitriol] und Galläpfel benützte [also eine Art Tinte erzeugte][876], die erste jener vier Hauptoperationen, die sie Schwärzung, Weißung, Gilbung und Rötung nannte und als ἔργα τοῦ λίθου bezeichnete[877], als Wirkungen jenes Steines, den man auch κιννάβαρι τῶν φιλοσόφων (Zinnober der Philosophen) heißt[878].

Wirksam bei der Umwandlung, z. B. wenn sich Kupfer „gelb“ färbt [= Gold wird], sind jedenfalls gewisse Qualitäten. Einige nehmen an, daß diese körperlicher Natur sind, selbst zu Gold werden und dann auch Gold erzeugen (ποιότης γίνεται χρυσός, καί ποτε ποιεῖ τὸν χρυσόν), worin eben „das große Mysterium“ bestehe[879]; andere hingegen halten zwar ebenfalls dafür, „daß die Qualitäten wirken“ (ποιότητες ἐνέργουσιν), bestreiten jedoch, daß sie körperlicher Natur seien und daß, wenn sie von solcher wären, ein Körper in einen anderen eindringen könnte[880]. Stets bleibt also ein „Träger der richtigen Qualitäten“ notwendig, der, in vorgeschriebener Weise dargestellt, gereinigt und „ausgesüßt“, die drei erforderlichen Haupteigenschaften „des Färbens, Eindringens und Fixierens“ besitzt und übermittelt, also erst +oberflächlich+ und dann +innerlich+ zu Gold +färbt+, und auch +dauernd+ zu Gold +macht+[881]; dieser ist „unser Gold“, „das große Mysterium“, das +Xérion+ (ξήριον)[882].

Das Xerion wirkt nach Art einer Hefe [eines Enzyms], ζύμης χάριν: wie das Einstreuen von ganz wenig Hefe eine große Menge Teig in Gärung versetzt und umwandelt, so wird auch „schon durch eine Kleinigkeit Xerion [Streupulver]“ die ganze Masse „fermentiert“ und zu Gold gestaltet[883]. Namentlich ergibt aber, wie in den ägyptischen Tempeln des ~Ptah~ seit altersher bekannt ist, „Weißes“ die Kadmia, d. i. Silber, und „Gelbes“ oder „Rotes“ den Zinnober, d. i. Gold, weil eben jedes Ding seinesgleichen zeugt, so daß, wer den Samen des Getreides säet, Getreide, und wer den des Silbers und Goldes säet, Silber und Gold ernten wird[884]. Daher ist es unter allen Umständen vorteilhaft, dem Xerion Blättchen oder Flitter von Silber, Gold oder auch Elektron (Gold-Silber-Legierung) zuzusetzen, denn diese bewähren sich schon ihrerseits als χρυσόσπερμα (Chrysósperma = Goldsamen) und χρυσοζυμία (Chrysozymía, Goldhefe), erregen als solche die entsprechende Silber- und Gold-Gärung und bringen immer neues Silber und Gold hervor[885]. Wie in der Heilkunde, so ist auch hier das Streupulver ein Phármakon[886], eine Medizin, „der die richtige Kraft innewohnt“ (φάρμακον τὴν δύναμιν ἔχον)[887]; begünstigt durch die Wärme des Düngers oder der Thermospodien zieht sie sich, äußerlich aufgebracht, in das Innere, wo die Vereinigung erfolgt[888].

Diese Vereinigung ist aufzufassen als eine wahre Vermählung der Naturen (ein συγγαμεῖν der φύσεις), bei der nur Männliches (ἀρρενικῶς), Weibliches (θηλυκῶς), oder allenfalls Zwitterhaftes (οὐδετέρως = Keines von Beiden) in Frage kommen kann, entsprechend der Lehre der Alten, daß das Werk (τὸ ἔργον) vollendet wird durch das Männliche und Weibliche[889]. An sich ist das Kupfer, ebenso wie das Blei, die Magnesia usf., tot und unbelebt (οὐδὲ ζῶντα)[890]; aber begierig vermählt sich seine Natur mit einer anderen, erfreut sich an ihr und beherrscht sie[891], und hierbei keimt neues Leben und es entsteht ein Embryo, dessen Entwicklungszeit, falls keine Fehlgeburt eintritt, neun Monate dauert[892], durch erhöhte Wärme aber nach einigen Autoren auf sechs Monate, nach anderen auf 110, auf 41, auf 21, ja auf 14 Tage verkürzt werden kann[893]. Wie sich in der Matrix aus dem kalten Blute der Katamenien und dem heißen, von Pneuma erfüllten Samen ein Lebewesen (ζῶον) bildet, das anfangs unmerklich ist, allmählich Größe, Gestalt und Farbe erhält, zuletzt in reifem Zustande geboren wird und dann allen sichtbar vor Augen steht, ganz so gestaltet sich auch der Vorgang beim heiligen Werke, nur daß, dessen Wesen entsprechend, sein Endprodukt dem Feuer widersteht[894].

Demgemäß sieht ~Zosimos~ in seiner großen Vision, als göttliche Gnade dem in magischem Schlafe Befangenen das Geheimnis der Transmutation eröffnet, aus dem als Phiále gestalteten Altare ein +Menschlein+ aufsteigen, ἀνθρωπάριον [= homunculus][895]; es ist zunächst das +Kupfer-Menschlein+, ἀνθρωπάριον χαλκοῦ, eine Platte Kupfer, Blei oder Molybdochalkos in Händen haltend, und bekleidet mit kupferfarbigem, rotem, königlichem Gewande[896]; durch weitere Behandlung „im Bade der μέλαινα βαφή“, der schwarzen Brühe oder Schmelze, sowie durch Verbrennung von „Blut und Knochen des Drachens“, wird dieser Kupfer-Mensch oder χαλκάνθρωπος (Chalkánthropos) erst zum ἀργυράνθρωπος; (Argyránthropos) oder ἀσημάνθρωπος (Asemánthropos), zum +Silber-Menschen+[897], der ganz weiß, die glänzende Gestalt des Gottes ~Agathodaimon~ annehmend, im Feuer erscheint, sodann aber, indem das Silber-Menschlein durch die Glut „rote Augen“ bekommt[898], zum χρυσάνθρωπος (Chrysánthropos), zum +Gold-Menschen+[899]. Dieser χαλκάνθρωπος χρυσός (goldgewordener Kupfer-Mensch), auch κινναβάρις τῶν φιλοσόφων [Zinnober der Philosophen, d. i. Gold] geheißen, ist das Ziel und Ende des Werkes[900]. „Blut und Knochen des Drachens“, d. i. der Schlange ~Uroboros~, die als Schlange des ~Agathodaimon~ auch Bewacherin der Tempel und Priester [= Öfen und Chemiker] ist, erhält man „durch Schlachten und durch Verarbeiten des Fleisches und der Gebeine“; der Drache besitzt drei Ohren und vier Füße, [deutend auf die drei αἰθάλαι (Aithálai, Dünste) des Schwefels, Arsens und Quecksilbers, sowie auf die vier Metalle der Tetrasomie, das Blei, Kupfer, Zinn und Eisen, durch deren Schmelzung und Verbrennung „Blut und Knochen“ gewonnen werden]. Manche glauben, daß die Schlange, weil sie auch die Aithále des Quecksilbers liefert, +deshalb+ von einigen selbst als „Zinnober der Philosophen“ bezeichnet werde; in der Tat aber führt sie diesen Namen, weil sie das Symbol des Endproduktes beim großen Werk, dieses Werkes selbst und der ganzen Natur darstellt, denn gleich dieser hat auch sie weder Anfang noch Ende, -- weshalb sie sich auch in den eigenen Schwanz beißt --, sie ist „ἕν τὸ πᾶν“, Eines in Allem und immer nur +Eines+, ganz so, wie auch die Urmaterie, bei allen Wandlungen des großen Werkes, im Grunde immer nur die nämliche bleibt[901]. -- Die in mehreren Manuskripten erhaltenen, mit Erklärungen und Inschriften versehenen Abbilder der Schlange ~Uroboros~ entsprechen tatsächlich diesen Schilderungen, bei denen wohl Einflüsse der schlangenverehrenden Gnostiker, Ophiten usf., sowie Erinnerungen an den „feuerbewohnenden“ Salamander mitspielten[902]; auf das „königliche“ (weil rote) Gewand des Kupfer-Menschleins dürfte sich auch die bisher unerklärte Tatsache zurückführen lassen, daß die in der Phiále unter Menschengestalt erscheinenden Metalle mit Vorliebe gerade als +Könige+ dargestellt wurden, wofür u. a. noch das Pariser Manuskript 7147 sowie ~Mangets~ „Bibliotheca Chemica“ von 1702 schöne Beispiele bieten, wenngleich hier wiederum die, zum Teil in prächtigen Farben ausgemalten Figuren der Könige mit jenen der Planeten-Götter zusammengeworfen sein mögen (s. unten)[903].

Im Verlaufe der Vision ertönt eine „Stimme von oben“[904], verkündigend: „Pneuma werde ich ἐξ ἀνάγκης (durch Zwang), durch die Gewalt des Beschwörers, des Hierurgen, des οἰκοδεσπότης [Gebieters des Tempels = Ofens], des φύλαξ πνευμάτων (des Bewachers der Pneumata), der mich umgewandelt hat, μετασωματούμενος“[905]; tatsächlich wirkt auch das Xerion durch die Macht der Pneumata, die fähig sind, Veränderungen jeder Art herbeizuführen[906]. Sie sind enthalten in den Säften zahlreicher Pflanzen, z. B. des Chelidoniums (Schöllkrautes), des Safrans, usf., die Färbung (βάμμα) und Diplosis in ganz gleicher Weise bewirken, in der die Säfte mancher Zauberkräuter (βοτάναι, Botánai), z. B. die der Mandragora (des Alrauns), gewisse magische Eigenschaften entfalten[907]; in viel reichlicherer Menge aber entspringen sie den Gesteinen, vor allem wieder unter dem Einflusse des mächtigen Feuer-Pneumas, das sich z. B., wie allbekannt, beim Brennen des Kalksteines so mit diesem vereinigt, daß er, als gebrannter Kalk, eine völlig neue und einzig dastehende Beschaffenheit annimmt[908]. So ist auch alles +das+ ein Pneuma, was beim Erhitzen der durch Reinigung und Tarichíe (Einsalzung) vorbereiteten Stoffe „nach oben (ἄνω, áno) aufsteigt“[909], z. B. das beim Rösten des Sandarachs Entweichende [d. i. Arsenigsäure], sowie der aus „unserem Kalk“ [= Arsenigsäure] durch Sublimation [unter Zusatz eines Reduktionsmittels] gewinnbare λίθος oder „Stein“ [= metallisches Arsen][910]. Sobald man nun Schwefel, Arsen, Quecksilber, oder ähnliche „sublimierte Geister“ auf die „Körper“ (σώματα, Metalle) projiziert (ἐπιβάλλει)[911], vereinigen sich die flüchtigen, also ihrem Wesen nach unkörperlichen Pneumata mit der inneren Natur oder ψυχή (Psyche, Seele) der Metalle zu einem σῶμα πνευματικόν (durchgeistigten Körper)[912], sie bemächtigen sich der Materie (ὑλή, Hýle) und beherrschen sie[913], werden dabei aber selbst körperlich und fest, und bewirken bei dieser Fixierung „als färbende Prinzipien“ die Entstehung von Silber und Gold[914]; erforderlich ist hierzu, daß sie die, dem angestrebten Zwecke entsprechenden Kräfte auch wirklich enthalten, es wird also nur der „Stein“, dem das φάρμακον τὸ τὴν δύναμιν ἔχον (die richtig wirkende Medizin) innewohnt, das „mithrische Mysterium“ verrichten, d. h. Mithras = Sonne = Gold geben[915].

Unter den „Geistern“ sind die wichtigsten jene, die beim Sublimieren des Schwefels und Arsens als αἰθάλη (Aithále = Dunst, Rauch) und beim Sublimieren von Quecksilber und Arsen als φεῦγον (Pheúgon = Fliehendes, Flüchtiges) entweichen[916].

Der „lebendige“ +Schwefel+ verdampft schon für sich mit Leichtigkeit und wirkt beim Projizieren durch sein kräftiges πνεῦμα βαπτικόν (färbendes Pneuma) auf alle Metalle ein, wobei er sie, z. B. das Kupfer, anfangs durch das πνεῦμα μελάντερον (schwarzes oder schwärzendes Pneuma) tief schwarz färbt [durch Bildung von Schwefelkupfer u. dgl.], während sich sonstige, hellere, gelbliche und rötliche Färbungen erst späterhin einstellen[917]; daß schon ein wenig Schwefel eine große Menge anderer Stoffe „verbrennt“ und viele Metalle und Steine zerstört, ist daher eine richtige Lehre der Alten[918].

Das +Quecksilber+ erhält man durch „Entschwefeln“ (ἐκθείειν) des Zinnobers, sei es durch Einwirkung heißen (geschmolzenen?) Natrons (νιτρέλαιον, Nitrélaion = Öl aus Nitron), sei es durch Erhitzen mit Kupfer, Blei oder Zinn nebst Essig; arbeitet man nach den Regeln der Kunst, τεχνικῶς (technisch richtig), so erhebt sich, wie schon ~Demokritos~ angab, aus dem „Stein“, nämlich dem Stein des Quecksilbers, dem Zinnober, ein Pneuma in Gestalt einer aufsteigenden Wolke (νεφέλη διαβαίνει), und die Fixation dieser Wolke, dieses Pneumas, auf „unserem Kupfer“ oder auf dem „Körper der Magnesia“ ergibt Silber[919]; daher erklärt sich der Ausdruck „Behandle das Kupfer! Bekämpfe das Quecksilber (μάχου ὑδράργυρον)! Mache es unkörperlich durch Verflüchtigung mit Hilfe der τέχνη (Technik, Kunst)!“[920] Einige nennen Quecksilber etwas Körperliches, Schweres, Flüssiges, Andere aber etwas Geistiges, Leichtes, Pneumatisches[921]; beide sagen etwas Richtiges, denn einerseits ist Quecksilber ein „Körper“ (σῶμα, Soma), ein silbernes Wasser (ἀργύριον ὕδωρ), ein flüssiges Silber (ὑδράργυρον), andererseits aber ein φεῦγον πνεῦμα (flüchtiges Pneuma), ein φεῦγον ἀεὶ (ein stets Flüchtiges), ein φυγαγοδαίμων (ein flüchtiger Dämon oder Gehilfe, „servus fugitivus“)[922]; es ist also „ein Metall und kein Metall“, zählend zu den σώματα ἀσώματα (unkörperlichen Körpern), demnach ein Zwitter (οὐδετέρως = Keiner von Beiden), ein Hermaphrodit (ἀρσενοθήλυ = Mannweib)[923].

Das „+zweite Quecksilber+“ [d. i. metallisches Arsen] entsteht nicht aus Zinnober, sondern aus „gelbem Sand“, auch κόμμι (Gummi) genannt[924], oder aus „rotem Sand“ oder Sandarach[925]. Reinigt und befreit man diese durch vorsichtiges Erwärmen und Rösten vom Schwefel, so entlassen sie unter dem weiteren Einflusse des Feuers zunächst ihr Pneuma, ihr färbendes, von ~Demokritos~ auch als „Seele des Färbenden“ bezeichnetes Prinzip [d. i. Arsenigsäure], das man auch „Weißes“ nennt, „weißes Flüchtiges“, „weißen Rauch“[926], „Welke des Arsens“ (νεφέλη τοῦ ἀρσενίκου)[927], „unseren Kalk“[928], „unser Bleiweiß“ (ψιμύθιον)[929], „knolligen Alaun“ (στυπτηρία στρογγύλη)[930], „scythisches Wasser“[931], usf.; auch aus den Krusten der roten Kobathia entweicht beim Verbrennen im Ambix ein Rauch, der nichts anderes ist als jene „Wolke“[932]. Weiß, wie diese selbst ist, „weißt“ sie auch alles andere, sowohl die „einfache Magnesia aus Cypern“ [ein natürliches Mineral oder Metall] als auch die Masse „unserer Magnesia“, der „durch unsere Kunst zusammengesetzten Legierung“ (τῆς συνθέτου = der synthetischen), des Molybdochalkos[933]. Durch Erhitzen mit verschiedenen anderen [nämlich reduzierenden] Stoffen gewinnt man dann weiterhin aus diesem „Kalk“ [der Arsenigsäure] das zweite Quecksilber [metallisches Arsen][934], den „Vogel“, der flüchtig aufsteigt (ἐξατμιζόμενος), sich am Deckel des Gefäßes wieder niederläßt und den +Stein+ (λίθος) bildet, dessen Projektion das Kupfer in Silber verwandelt[935].

Aus Schwefel, Arsen, Quecksilber, oder aus Stoffen, die diese ergeben, bereitet man auch das +göttliche Wasser+, ὕδωρ θεῖον (Hydor theion); ursprünglich verstand man hierunter das ὕδωρ θείου, das „Wasser des Schwefels“ [oft auch Schmelze des Schwefels, der Arsenigsäure usf., denn „alles was schmilzt, hat die Natur des Wassers“]; späterhin „Jegliches was sich nach oben (ἄνω) erhebt“, also das Pneuma der schwefel-, arsen- und quecksilberführenden Substanzen, gemäß dem Grundsatze „nach oben (ἄνω) das Himmlische, nach unten (κάτω) das Irdische[936]; zuletzt endlich ein Gemenge, das allem nur möglichen „Flüssigen“ (= Geschmolzenen) entspringen kann[937]. Die benützten Substanzen sind an sich nicht feuerbeständig, aber im Laufe des „Werkes“ (ἔργον) werden sie es teilweise [d. h. soweit sie nichtflüchtige Reste zurücklassen], während sich zugleich ihre Dünste, die αἰθάλαι, dem „schwarzen Blei“ zugesellen[938]. Von den zahlreichen Arten des göttlichen Wassers zeigen drei der wichtigsten, das gelbgrüne „Rettigwasser“, das grünschwarze „Ricinuswasser“, und das „Regenwasser der Alten“ ganz hervorragende Kraft, aber auch so entsetzlichen Geruch [wohl nach Schwefelwasserstoff oder schwefliger Säure?], daß man die Gefäße nicht öffnen darf ohne sich die Nase fest zuzuhalten[939]; im übrigen trägt das göttliche Wasser noch „tausend Namen“[940], unter deren etwa vierzig häufigsten besonders zu erwähnen sind: „Milch der Frau, die einen Knaben geboren hat“ und „Milch der schwarzen Kuh“ d. i. des Zinnobers [der tatsächlich anfangs schwarz gewonnen wird und erst beim Sublimieren rot wird][941]. Das göttliche Wasser ist δίχρωμος (díchromos, zweifarbig), nämlich je nach seiner Zubereitung weiß oder gelb und erzeugt demgemäß auch seinesgleichen, also weißes oder gelbes Edelmetall[942], wobei es nach Art der Hefe (ζύμης χάριν) einwirkt[943]; es vermag „Alles an Allem“ (πᾶν ἐν πᾶσι), vereinigt in +einem+ Wesen +zwei+ Naturen (δύω φύσεις, μία οὐσία) und liefert dem „Wissenden“ (νόων), der diese richtig zu gebrauchen vorsteht, Silber und Gold[944].

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Die benützten Apparate (ὄργανα = Organa)[945] und +Öfen+ (καμίνοι = Kamine) beschrieb ~Zosimos~ mehrfach, u. a. auch in einer eigenen Abhandlung περὶ ὀργάνων καὶ καμίνων, deren Hauptwert in der Erhaltung vieles Älteren liegt, das zum Teil auf ~Demokritos~, ~Maria~, ~Kleopatra~ usf. zurückgehen soll (und insoweit bereits oben besprochen wurde). Die nötigen Gefäße fertigt man entweder aus Ton an oder aus Glas, das den Vorteil bietet durchsichtig zu sein und die gefahrlose Behandlung schädlicher und giftiger Stoffe zu ermöglichen, z. B. der Dämpfe des Quecksilbers oder des Rauches der Kobathia[946], die man im Ambix verbrennt. Zu den besten Glasgefäßen zählen die aus Askalon in Syrien[947], und es gibt ihrer sehr mannigfaltige; aus ihnen setzt man auch jene guten Destillier-Vorrichtungen zusammen, die Leute von Geist erfanden, gelehrte Menschen, die des ~Archimedes~ „Pneumatika“, die Werke des ~Heron~, sowie die Abhandlungen anderer, der Mechanik kundiger Schriftsteller auf das Gründlichste studiert hatten. Solche Apparate[948] bestehen, wie bereits ~Maria~ angab, aus verschiedenen Teilen: dem Füllgefäß oder Ambix (ἄμβιξ, ἄμπυξ), auch κνούφιον genannt [Knúphion: wohl wegen der Gestalt des Aufsatzes oder Helmes, der dem Kopfschmucke des Gottes ~Chnub~ oder ~Chnum~ glich[949], und zuweilen als Di- oder Tribikos ausgebildet; der Abzugröhre (σωλήν); dem Sammelgefäß (βίκος, βῆκος, βύκος, ἄγγος); dem schlangenförmigen (δρακοντῶδες) Kühlrohr, [+an+, nicht +in+ dem die Sublimate und Kondensate sich kühlen und absetzen], usf. Man verbindet und dichtet sie mittels Fett, Wachs, Tonerde, Gips, Ölkitt und anderen Kitten[950], schützt ihre Wände und den „Hades“ [den Boden][951] durch einen Lehmbeschlag (ἐπιδέρμις = Epidérmis) von der Stärke eines halben Fingers[952], und verschließt sie mit Tonstöpseln, die ringsum genau eingepaßt sind (ἰσόμετρον, isometrisch)[953]. So vorgerichtete Gefäße vertragen nicht nur die „natürliche“ Wärme des Pferde-, Kuh-, Esels-Mistes und Vogelkotes[954], sondern auch die „künstliche“ der Thermospodien (Aschenbäder)[955] und der Kamine, deren ~Zosimos~ einige, allerdings in verfallenem Zustande, schon in einem uralten Heiligtum zu Memphis gesehen haben will[956]; man heizt sie mit Schilf, „Prismen“ [= Scheitholz] oder Holzkohlen (ἄνθραξ, Anthrax)[957] und kann so bei genügender Vorsicht jede Wärme erzeugen., selbst bloße Handwärme[958]. Sobald die erforderliche Hitze erreicht ist, beginnt das Aufsteigen (ἀναγωγή) der Dämpfe und Sublimate, und diese setzen sich in Tropfen an den Deckel des Gefäßes (λέβης) an; sublimiert man z. B. Quecksilber aus dem Goldamalgam, das beim Ausziehen des Goldes aus der Asche alter goldgewirkter Stoffe oder aus dem Pulver goldhaltigen Sandes gewonnen wurde, so muß man daher Wasser bereithalten, um den Deckel mittels eines Schwammes stets ausreichend befeuchten zu können[959]; bei anderen Substanzen erfolgt die ἄρσις ὑδάτων (Arsis, Erhebung der Wässer), die stets +ganz verschieden+ von der +bloßen Herstellung+ dieser Wässer ist, schon bei geringerer Wärme, doch sagt man auch hierbei von dem aus ihnen Sublimierenden und Abtropfenden (ἀποσταζόμενον De-stillierenden), es sei „ihr Quecksilber“[960]. Die Rückstände (σκωρίαι) sind die Toten (νεκροί): sie bleiben liegen und erwarten die ἀναστάσις (Anastásis, Auferstehung), deren sie fähig bleiben, falls sie durch das Pneuma nochmals neu beseelt werden (σώματα νεκρὰ ἐμψυχοῦνται)[961]; +möglich+ ist eine solche „Wiederbelebung“ +stets+, selbst bei den „Knochen der Perser“, die auch „Knochen des Kupfers“ heißen und aus verbranntem Kupfer, Blei, Zinn und Eisen bestehen[962].

In vielen Fällen unterwirft man die umzuwandelnden Rohmetalle, in leinene Binden gewickelt, zunächst der „großen Einsalzung“ oder Tarichíe (ταριχεία μεγάλη), bei der sie anfangs mit gewissen Zutaten im Pferdemiste oder Vogelkote 20 Tage und länger digeriert werden[963]; in anderen wieder kocht man die Bestandteile wie bei der Seifenbereitung (σαπωναρικὴ τέχνη) mit Asche und Spodos („Gebranntem“), bis sie fest werden gleich Seifenmasse (σαπωναρικὴ στάκτη) oder Seife (σαπώνιον)[964]; die entstandene Verbindung wird dann „ausgesüßt“ (τὸ σύνθημα γλυκαίνεται), und zwar durch Auswaschen mit „süßem Wasser“ (γλυκοῖς ὕδασι)[965], oder „filtriertem Wasser“ (ὕδωρ ἀποσταζόμενον = Abgetropftes)[966].

Als Gewichtseinheit führt ~Zosimos~ öfters κεράτιον (Kerátion) an[967], -- wohl die Quelle des „Karats“; auf ihn soll auch schon die Idee eines allgemeinen Lösungsmittels zurückgehen, des παντόρρευστος[968], des „Alles-Lösenden“ [des Alkahests der späteren Alchemisten].

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Unter den +Chemikalien+ bespricht ~Zosimos~ etwas ausführlicher das Bleiweiß. Es entsteht[969] bei längerer Behandlung des Bleies „mit den Dämpfen“, -- nämlich denen des Essigs, der auch als „schärfster“, λίαν δριμύτατος, vorkommt[970] --, und ergibt beim Erhitzen erst Bleiglätte und sodann Mennige (σηρικόν, Serikón); diese beiden Stoffe sind fähig, sich wieder mit Essig zu vereinigen, und wenn sie sich mit ihm verbunden haben (κοινωνίαν ποιούμενος), zeigen sie die wunderbare Fähigkeit anfangs salzartig und süßlich zu werden, später aber wieder in schönes Bleiweiß überzugehen [infolge allmählicher Umwandlung des süßlich schmeckenden Acetates, sog. Bleizuckers, durch die Kohlensäure, z. B. die der Luft, deren Rolle das Altertum nicht erkannte]. Auf gleich merkwürdige Weise wie Mennige verwandelt sich Sandarach [rotes Schwefelarsen], -- dieses aber beim Rösten --, in eine derartige schön weiße Masse [d. i. Arsenigsäure], die deshalb ebenfalls „Bleiweiß“ genannt wird[971].

Sehr wichtig für das große Werk ist der Pyrit, von vielen auch „Etesischer Stein“ genannt, „der herrlichste und von der Gottheit geliebteste sämtlicher Steine“ und „aus Allem zusammengesetzt“[972]. [Diese Vorliebe für den Pyrit, der tatsächlich oft die verschiedensten unedlen und edlen Metalle enthält, ist wohl hauptsächlich auf das Vorkommen der schön silber- und goldglänzenden Varietäten, Silberkies und Goldkies, zurückzuführen, die nicht selten schon selbst für Silber und Gold angesehen wurden.]

Von den farbigen Mineralien sind die prächtigsten der „Armenische Blaustein“[973] [Kupferlasur] und der Zinnober, unter dessen Namen aber „alles Gelbe und Rote“ zusammengefaßt wird, u. a. Minium (Mennige) vom Pontos und aus Sinope, Realgar, Oker, Rötel (μίλτος), Hämatit (Roteisenstein), geglühtes Misy und Chálkanthos [d. i. rotes Eisenoxyd] usf.[974]. Aus dem eigentlichen Zinnober erhält man durch Entschwefeln (ἐκθείειν), z. B. durch Erhitzen mit Natron (νιτρέλαιον) das Quecksilber[975]; umgekehrt wird Quecksilber durch Schwefel erst „gelb gemacht“ und „in den Zustand einer gelben Gerinnung versetzt“ [976] und geht dann in Zinnober über.

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Einige bemerkenswerte +Zitate+ aus ~Zosimos~, die zum Teil verlorenen Werken zu entstammen scheinen, finden sich bei ~Pelagios~, ~Olympiodoros~, dem ~Philosophus Anonymus~ und einem ungenannten ~Kommentator~. Nach der Lehre „~Zosimos~ des Vielwissenden“ [977] sind theoretisches Verständnis und praktische Übung gleich notwendig, um die τέχνη (Technik, Kunst) zu bemeistern[978], namentlich da deren wichtigste Grundlage und überhaupt das vornehmste aller Mittel, das so schwer zu beherrschende Feuer ist[979], -- daher denn die Chemiker auch „Feuer-Philosophen“ [mittels des Feuers Forschende, Philosophi per ignem] heißen. Was die „Umwandlung“ betrifft, „so läuft alles auf das Blei hinaus“, denn dieses ist „unsere Magnesia“ und das „Ei der Philosophen“, das zwar aus vier Komponenten besteht, diese aber doch als Einheit enthält[980]; Schwärzung und Weißung erfolgen, -- so deutete ~Zosimos~ mystisch an (εἶπεν μυστικῶς) --, im δώματι ἱερατικῷ [im Tempel = Ofen][981], und das Schwarze und Weiße gleichen der κόρη des Auges (Kóre = Pupille) und der ἴρις des Himmels (Iris = Regenbogen)[982]; als Xerion wirksam ist das Pneuma[983], und „die neue Färbung zu Gold verleihend“ kommt es der Medizin gleich, die krankes bleiches Blut in gesundes rotes überführt[984].

Wie der ~Kommentator~ berichtet, dessen Abhandlung nur in sehr verdorbenem und verstümmeltem Zustande auf uns gekommen ist[985], stellte ~Zosimos~ als eine Hauptlehre den Satz auf: „+Erfahrung+ ist die große Meisterin, denn auf Grund bewiesener Ergebnisse lehrt +sie+ den Verständigen das Vorteilhafteste“[986]. Als sehr wichtig für das große Werk erklärte er unter Berufung auf ~Hermes Trismegistos~ den Einfluß der Planeten, „wie denn die Sonne dem Gold vergleichbar ist“, und für die wirksamste planetarische Sphäre hielt er die des ~Hermes~ (Merkur), schon weil der Schattenkegel der Erde gerade bis zu ihr reiche[987]. Die Dauer des Werkes, das mit Erwärmen im Dünger beginnt, gab er zu 40 Tagen an[988]; der Behandlung unterwirft man dabei den „ἄσβεστος der Alten“ (Asbest = Kalk), der aber nicht das Nämliche ist wie ἄσβεστος λευκή [weißer Asbest = gebrannter Kalk], vielmehr aus gebrannten Metallen [verkalkten Metallen, Metallkalken] besteht[989]. Wie die Meister des „Tieremalens“ ζωογράφοι = Maler überhaupt] ihre Farbstoffe auf der Palette, so mischen die Meister des großen Werkes die ihrigen auf der Kerotakís zusammen[990], sie vermengen sie mit allerlei Zutaten, z. B. χρυσοκόμιον (wörtlich Gold-Leim = Chrysokolla)[991], sie reinigen und waschen sie mit Wasser, mit gewöhnlichem und mit solchem, das, wie bei der Seifenherstellung (σαπωναρικὴ ἐργασία), durch Asche filtriert ist[992] usf. Beim Erhitzen geben manche Körper, z. B. die verschiedenen Schwefel, ihre „innere Natur oder ψυχή (Psyche, Seele)“ ab, die das Feuer als Dunst aus ihnen austreibt: kommen diese flüchtigen und färbenden Dämpfe mit gewissen anderen Stoffen zusammen, z. B. mit Quecksilber, so halten sie sich gegenseitig fest und binden sich, sie schlagen sich nieder, sie sterben ab und erleiden νέκρωσις (Nékrosis = Tötung) und die entstandenen Substanzen heißen in diesem Zustande „Grabmal des ~Osiris~“[993]. So bildet sich, wie ~Zosimos~ im „Buch der Schlüssel“ beschrieb, durch Vereinigung heißen Quecksilbers und Schwefels der Zinnober, zunächst als eine schwarze [erst beim Sublimieren rot werdende] Masse, auf die sich der mystische Spruch vom „schwarzen Geist“ bezieht[994], aber auch die Benennung des Quecksilbers und nach Anderen des Schwefels als „Milch der schwarzen Kuh“, γάλα βοὸς μέλαινας[995]; erhitzt man umgekehrt Zinnober, auch solchen künstlich (τεχνική) dargestellten, nebst gewissen Zutaten in einem rings geschlossenen Gefäß oder Rohr [d. i. die spätere Aludel; arabisch al udal genannt], so „sublimiert“ aus ihm das Quecksilber, steigt als „weißes Wasser“, „Silber-Wasser“, „göttliches Wasser“ empor, in Gestalt eines furchtbar giftigen, in der Hitze gar nicht festzuhaltenden „ätherischen Pneumas“ (πνεῦμα αἰθερῶδες), verliert dann beim Abkühlen seinen „flüchtigen Schwung“ und setzt sich an den Deckel an, so daß man an diesem nach dem Löschen des Feuers die Tropfen vorfindet und sie sammeln kann[996]. „Fest gewordenes Quecksilber“ [d. i. entweder dieses kondensierte oder ein Amalgam] bezeichnen einige auch als „Gips“ und den Zinnober (κινναβάρις, Kinnabáris) als κασσίτερος [Kassíteros = Zinn; vielleicht weil er festes Quecksilber = „Zinn“ ergibt?][997]. -- Wer alles dieses weiß und versteht, wird das Rechte finden, und „wer das Rechte gefunden hat, heilt die unheilbare Krankheit der Armut“[998].

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Die +syrischen Manuskripte+ enthalten Vieles und Ausführliches aus den verschiedenen, zum Teil im Original verloren gegangenen Werken des ~Zosimos~, zumeist jedoch allerdings stark durchsetzt mit späteren Einschiebseln und Zutaten[999].

Alle „Künste“, so berichtet ~Zosimos~, waren ursprünglich tiefstes, durch furchtbare Eide gehütetes Geheimnis der ägyptischen Priester, und wie diese sie aus Neid, Habsucht und Aberglauben vor jedermann zu verbergen streben, das habe er am eigenen Leibe erfahren müssen[1000]. Aus den besagten Gründen wurden daher ehemals die wichtigsten Geheimnisse überhaupt nicht aufgeschrieben, sondern den Vertrauenswürdigen seitens der Priester nur mündlich mitgeteilt[1001]; zu ihnen zählte das schon vom Philosophen ~Demokritos~ gepriesene „Färben“ der unedlen Metalle mittels Schwefel, Quecksilber, Arsen, Kohol [Schwefelantimon] und Magnesia[1002], -- das ganz so erfolgt wie das Färben von Geweben mittels des „Indigos aus Flechten“[1003] --, ferner das „Färben“ mittels passend zubereiteter Firnisse[1004], sodann die Herstellung des „weißen und gelben Kupfers“ [d. i. des Silbers und Goldes oder der Bronce und des Messings][1005], und endlich die Bereitung der Pigmente für die Kultbilder: die Maler verwenden diese in den künstlichsten Mischungen, -- sogar Silber und Gold setzen sie hinzu, um den Fleischton der Weiber zu treffen --, so daß ihre Bildnisse wie lebendig aussehen, und tatsächlich hielt das Volk die Bilder und Statuen der Götter für lebend und wagte kaum sie anzublicken, und nur wenige hatten den Mut zu denken oder gar insgeheim zu sagen, sie seien von Menschenhand gebildet und zurechtgemacht[1006]. In späterer Zeit schrieben die Priester zwar ihre Lehren nieder, fuhren aber fort sie im Verborgenen zu halten, schon weil sie behaupteten, daß dies sehr zweckmäßig sei, um die neidischen Dämonen zu täuschen[1007]. Seither besitzen sie ausführliche Bücher der Kimija oder Kumia, verfaßt nach den Vorschriften des ~Hephaistion~ (d. i. ~Hephaistos~ = ~Ptah~)[1008], ~Agathodaimon~[1009] usf., durch ~Hermes~ und andere ägyptische Autoren; deren Abschriften lassen sie in den Tempeln vorlesen, befehlen sie genau zu befolgen, tadeln jene, die eigene Rezepte erfunden haben wollen und fordern strengste Wahrung des Geheimnisses[1010]. Indem sich ~Zosimos~ an seine Schwester (?) ~Theosebeia~ wendet, -- der er seine Schriften zueignete, und die er in ihnen sehr oft unmittelbar anredet, zuweilen auch als „Königin“[1011] --, fährt er fort: Du aber, der es bekannt ist, daß nach ~Petesis~ das große Werk durch Nachdenken vollendet wird, hältst Deine Schüler abseits, Du unterweisest sie öffentlich, ungebunden durch gegenseitige Eide; jedoch das „Buch“, so sagst Du, [das angeblich von ~Hermes~ verfaßte „Buch der Kimija“] kann nur geheim erworben werden; aber im Gegenteil, es sollte ein jeder, ohne alle Geheimnisse, auch ein Buch der Kimija (Kumia) besitzen[1012], denn „nur aus den rechten Büchern, nämlich aus jenen alten und aus den von +mir+ verfaßten, schöpft und gewinnt man die Wahrheit“[1013]. Diese richtig aufzufassen und durch sie zum Gelingen des Werkes geführt zu werden, ist freilich eine besondere Gnade, die von oben kommt und nur dem Würdigen zuteil wird[1014]; würdig aber erweist sich, wer ein edles Herz und lautere Sitten hat, ferner Geduld und Aufmerksamkeit, geistigen Fleiß des Studierens und Nachdenkens, körperlichen Fleiß des Arbeitens und Versuchens, sowie reine Liebe zur Sache. Wer diese Vorbedingungen erfüllt, für den ist, -- so lehrte schon ~Petesis~, und ihm nachfolgend ~Platon~, -- das große Werk nichts weiter als „die Arbeit eines Kindes“[1015]. Viele Unberufene, die die Ausführung der heiligen Kunst sahen, mußten mit Verwunderung deren Geringfügigkeit zugestehen; sie verbrauchten dann alles Quecksilber Phrygiens und Spaniens, starben aber ohne das Rechte gefunden oder auch nur begriffen zu haben, verblendet durch das Antlitz der beiden Menschensöhne [vermutlich des Silbers und Goldes][1016].

Die „Imuth“ genannte und „der Priesterin und Königin ~Theosebeia~“ gewidmete Hauptschrift des Zosimos enthielt nach den syrischen Manuskripten „die genaue Schilderung des großen Werkes gemäß allen Büchern über Chemie“[1017], geschöpft aus den Abhandlungen aller Vorgänger, u. a. aus denen des ~Platon~ und ~Aristoteles~; ~Platon~ gab schon ein Rezept zur Darstellung des Silbers an, und zwar befahl er, ein Gemisch von Pyrit, Oker, Sory und Vitriol (χαλκητάριν) drei Tage im selbstziehenden Ofen zu schmelzen und sodann das Elixir zuzusetzen[1018]; Großes hat auch ~Aristoteles~ vollbracht, dieser glänzendste irdische Geist, aber weil ihm der rechte Glauben fehlte, blieb es ihm versagt, seitens der richtigen Engel Belehrung zu erhalten und deshalb gelang es ihm auch nicht, sich der himmlischen Sphären würdig zu machen und sich in sie zu erheben[1019].

+Gold+ ist nach ~Zosimos~ das Edelste der Metalle, das alle anderen an Schwere, Glanz und Unzerstörbarkeit übertrifft, aber auch an der Fähigkeit weitgehendster Verteilung zu zartestem Staub, χρυσοάνθινον (Goldblütchen)[1020], und zu dünnsten Blättchen, die man u. a. mit arabischem Gummi oder Fischleim auf Elfenbein und auf das Pergament der Bücher aufklebt[1021]; zum Vergolden der Götterbilder und Königsstatuen in den Tempeln benützt man eine Lösung von Gold in Quecksilber, „Sonnenwasser“, „verdichtete Sonnenstrahlen“, „gelöster Schwefel“ genannt, doch ist dies ein großes Geheimnis und der Erfolg gilt für übernatürlich[1022]. Nicht selten ersetzt man übrigens Gold durch den billigeren Oker, durch Zinnober, Minium u. dgl.[1023].

+Silber+ verarbeitet man zu vielen Geräten, besonders auch zu Spiegeln; im Rohgusse sehen sie noch rauh und häßlich aus, nach dem Polieren aber, zu dem Öl und Bimsstein, Wolle, Leinen und zuletzt mit Lorbeerholz-Kohle gefüllte Leinensäckchen dienen, werden sie gar herrlich und glänzen gleich Perlen[1024]. Zur Diplosis des Silbers benützt man Blei, Quecksilber, Kupfer und das „Orichalkon“ genannte Kupfer[1025]; die ägyptischen Priester bewirkten sie durch Weißen des Kupfers mittels Arsen oder durch Behandeln und Überziehen des Metalls mit passenden Firnissen[1026]. Das „ägyptische Silber“, auch +Asem+ genannt, stellt man nach verschiedenen Rezepten dar, indem man Kupfer mit Arsen, Pyrit, Bleiweiß und ähnlichen Materialien zusammenschmilzt, womöglich unter Zufügung von ein wenig echtem Silber[1027].

Das +Elektron+, das eine Legierung von Silber und Gold ist, erfand ~Alexander der Grosse~, und ließ daraus Amulette anfertigen, die man als Schutz gegen den Blitz bei sich trägt oder auch in das Erdreich eingräbt, ferner auch einen zauberischen, beim Beschauer Selbsterkenntnis erweckenden und ihn vor allen Übeln schützenden Spiegel, den nachher die Priester des „Tempels der sieben Pforten“ aufbewahrten. Aber nach dem echten „Buch der sieben Himmel“, das spätere Kommentatoren abänderten und entstellten, bereitete schon der König ~Salomon~[1028], den die Ägypter fälschlich auch als Verfasser des genannten Buches ausgeben, das wahre Elektron, fertigte daraus sieben, den sieben Planeten entsprechende Flaschen an, sperrte die Dämonen in sie und beschrieb sie hierauf von außen mit Zauberformeln; diese Talismane wirken gegen Dämonen ebenso kräftig wie Gebete oder wie die neun Buchstaben König ~Salomons~ [die den wahren Namen Gottes wiedergeben]. Auch zum heiligen Werke gehören neun Bestandteile, über die alles Nähere in den jüdischen Schriften zu lesen steht; desgleichen ist die Kenntnis von den Einflüssen der Gestirne auf die Anfertigung des philosophischen Steines in den „heiligen und göttlichen Vorschriften“ enthalten[1029].

+Kupfer+ findet sich in Cypern[1030], in Ägypten[1031], in Nicäa[1032] und in Spanien[1033]. Aus ihm bereiten „geschickte Leute“ das „gelbe oder persische, völlig dem natürlichen Gold gleichende“, sowie das „helle und lichte“ Kupfer [d. i. Messing und Bronce], und der erste Erfinder dieser „Farben“ soll der Erzgießer ~Pabapnidos~ gewesen sein, der Sohn des ~Sitos~, der Fälscher und Betrüger. „Wie herrlich, großartig und bewunderungswürdig sind doch die Entdeckungen solcher Künste[1034]!“

+Zinn+ wird im fernen Westen gewonnen, woselbst eine Quelle aus der Erde aufsteigt und zuweilen über ihren Rand hinausstürzen will; wenn dies geschieht, stellen die Einwohner „ihm“ (ihrem Dämon, einem furchtbar giftigen Drachen?) ein schönes nacktes Mädchen hin, die, sobald er auf sie zueilt, um sich ihrer zu bemächtigen, hinweglaufen muß; sowie er ihr gefolgt ist, stürzen eine Anzahl mit Hacken bewaffneter junger Leute aus ihren Verstecken und töten ihn; im Sterben nimmt er die Form eines Gußstückes an, indem er sich fixiert und hart wird, und darauf zerschlagen die Leute seinen Leichnam und benützen die Stücke, die eben das Zinn sind[1035].

+Eisen+ ist schwer zu bearbeiten, und manche Kunstgriffe gelingen überhaupt nicht „ohne göttliche Hilfe“ [d. h. vermutlich: ohne Hersagen von Zaubersprüchen][1036].

+Blei+ ist seiner Natur nach weich, läßt sich aber durch Zusatz von Kupfer, Sandarach und „Krapp“ (Deckname!) derart härten, daß es dem Metalle der Denare gleicht[1037]. Anderen Behandlungen [deren Zweck nicht angegeben ist] unterwirft man es durch Schmelzen mit Minium aus Amida, cyprischem und ägyptischem Oker, cyprischem Vitriol, ägyptischem Alaun und phrygischem Stein [Pyrit?] im „Ofen der Glasmacher“ gemäß der Vorschrift des ~Hephaistion~ (= ~Hephaistos~, ~Ptah~)[1038]; auch hat man Mittel [Firnisse?], um Gefäße aus Blei oder Zinn so aussehen zu machen, als beständen sie aus Erz (Bronce)[1039].

+Quecksilber+ findet sich als Hydrargyros, „silbernes Wasser“, in Phrygien und Spanien und ist flüssig, von großer Kälte und bei innerlicher oder äußerlicher Einwirkung ein furchtbares Gift[1040]; aus Zinnober wird es frei gemacht, indem man es nebst Blei oder Zinn in einem Mörser verreibt, am besten in einem aus Eisen oder Basalt [βάστνις; auf ägyptischen Ursprung deutend][1041]; das aus Zinnober oder Sandarach Sublimierende (ἀναβιβάζων = nach oben Steigende) ist gleichfalls Quecksilber [bzw. Arsen][1042]. Wie alles Reine in allen Künsten gefälscht wird, z. B. Weine, Öle und Drogen durch habgierige Kaufleute, ja die Philosophie durch unerfahrene Schwätzer, so geschieht es auch mit dem Quecksilber, denn die Fälscher sind überall zahllos und verstehen das Gefälschte dem Echten genau gleich zu machen; das Quecksilber fälschen sie, unter Benützung chemischer Schriften, durch Diplosis [Auflösung von Blei, Zinn, ...?] u. dgl., und während sie als +Einkäufer+ die ihnen bekannten vielen Proben der Reinheit anwenden, schwören sie als +Verkäufer+ auf ihren Kopf, sie hätten von derlei Proben noch nie etwas gehört[1043]. -- ~Zosimos~ beschrieb Gewinnung und Benützung des Quecksilbers besonders genau, und zwar in einem Werk, das er „Buch der Schlüssel“ nannte; denn so wie im „Mysterium der neun Buchstaben König ~Salomons~“ der Schlüssel alles Sichtbaren und der ganzen Welt steckt, so enthalten auch die verschiedenen Arten des Quecksilbers [das wahre und das metallische Arsen] den Schlüssel der großen Kunst, da alles Flüchtige zu den Schwefeln gehört, die Schwefel aber, wie schon ~Maria~ richtig lehrte, das eigentlich Färbende sind[1044].

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Ein in den syrischen Manuskripten enthaltener und aus diesen von ~Berthelot~ ausgewählter „Pharmazeutischer Traktat“, den ~Zosimos~ gleichfalls der Priesterin und Königin ~Theosebeia~ gewidmet haben soll[1045], betrifft hauptsächlich die medizinische Anwendung der „nützlichen Stoffe“ und erweist sich für jeden Kenner des ~Dioskurides~ und ~Galenos~ als bloße Kompilation aus deren Schriften, -- was ~Berthelot~ später auch selbst zugestand[1046]. Dem ~Galenos~ folgend beschreibt der Verfasser die wiederholten Reisen nach Cypern, Syrien, den griechischen Inseln, Thrazien, Mazedonien und Italien, auf denen er vielerlei Berg- und Hüttenwerke besuchte; der Leiter (ἐπίτροπος) der cyprischen Unternehmungen erklärte ihm die Bildung des „Diphryges“ genannten Rückstandes in den Kupfer- und Kadmia-Öfen, sowie die Entstehung des Spodós (σποδός, σπόδιον) und des Pómpholyx [d. i. des unreinen schwarzen und des reinen weißen Zinkoxydes][1047], auch zeigte er ihm in den Gruben die übereinander liegenden Schichten der Substanzen Sory, Chalketárin, und Misy oder schwarzen Vitriol, die alle sehr nahe verwandt sind und allmählich ineinander übergehen, was sowohl in den Gruben geschah, als auch beim Aufbewahren der mitgenommenen Vorräte[1048]. Von sonstigen Heilstoffen gedenkt er noch der kimolischen und samischen Erde[1049], der lemnischen Siegelerde [= terra sigillata], die eine Priesterin unter Geboten aus dem roten Ton formte und stempelte, -- jedoch ohne Beigabe des ehemals gebräuchlichen Ziegen- oder Bocksblutes[1050] --, des Asphaltes und Bitumens aus Palästina[1051], sowie des „gelben Sandes“ [Auripigments] vom Berge Bagavana nächst der Stadt Agrata in Armenien, armenisch Zarnika oder Zarnia geheißen[1052].

6. Pelagios, Pibêchios, Heliodoros, Synesios.

(4. Jahrhundert.)

a) Pelagios.

Die Lebenszeit des „Philosophen“ ~Pelagios~ ist nicht genau bekannt, kann aber keinesfalls, wie ~Kopp~[1053] ursprünglich glaubte, schon +vor+ jene des ~Zosimos~, und auch nicht, wie nachher ~Berthelot~[1054] behauptete, bereits in das 1. oder 2. Jahrhundert fallen, denn ~Kopp~ selbst hat später ermittelt[1055], daß ~Pelagios~ sich auf ~Zosimos~ beruft, während +ihn+ hinwiederum zuerst ~Olympiodoros~ zitiert, der um 425 schrieb; ~Pelagios~ dürfte also in die zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts zu versetzen sein. Sein Werk führt den Titel „Über die göttliche und heilige Kunst“ (θεῖα καὶ ἱερὰ τέχνη), wurde zuerst 1573 von ~Pizzimenti~ als Teil III („De arte magna“) seiner weiter oben angeführten Schrift ins Lateinische übersetzt (sehr mangelhaft!) und liegt nur in sehr schlechter Erhaltung vor, erfüllt von zahlreichen und dunklen Interpolationen[1056].

Auszugehen ist beim großen Werke vom χαλκός (Chalkós)[1057], worunter man entweder Kupfer versteht oder Pyrit, der ebenfalls von sehr verbrennlicher Natur ist; doch nennt man χαλκὸν πυρίτην, Chalkopyrit, auch das mit Schwefel vorbehandelte Blei[1058]. Die nächsten Aufgaben sind, das Kupfer von seinen erdigen Bestandteilen, seiner materiellen Grobheit (παχύτης) zu befreien und es pneumatisch (πνευματικός) zu machen, weiterhin aber die richtige Veränderung seiner Färbung und damit die seiner Qualität (ποιότης, Poiótes) zu bewirken; das geschieht vermöge der von den Alten erfundenen βαφικὴ τέχνη (Färbekunst) und χρυσοβαφή (Färbung zu Gold), die bewirkt, daß sich das Kupfer, ähnlich wie ein wohlgepflegter, mit reichlichem Wasser begossener Baum in feuchter warmer Luft, freudig entwickelt, „gärt“ und zuletzt jene Blüten und Früchte trägt, die schon ~Demokritos~ zu rühmen wußte[1059]. Von den sechs Operationen, deren sich die Färbekunst bedient, ist die erste die Schwärzung, bei der es gilt, eine vollkommen schwarze (πάνυ μέλαν), dem γραφικὸν μέλαν (Schreiberschwärze = Ruß) gleichende Masse herzustellen[1060]; diese wird dann, unter Digestion im Dünger, der Aufhellung (Verdünnung), Weißung, Gilbung, Rötung (Iosis), und Bleichung (Exiosis) unterworfen, u. a. mit Hilfe des göttlichen Wassers, das bei der Projektion auf Kupfer, je nach den Umständen, bald weißes Silber, bald rotes oder gelbes Gold erzeugt[1061], sowie des „weißen Essigs“ und des „Essigs aus Geranium“ (Decknamen?)[1062]. Nach Art einer wahren Schöpfung (δημουργία, Demurgía) erfolgt auch die von ~Demokritos~ gepriesene Umwandlung der σώματα (Sómata, Körper = Metalle) in πνεύματα (Pneumata) durch das Xérion, das, wie ~Zosimos~ lehrte, selbst pneumatischer Natur ist[1063]; es stellt ein äußerst feines Pulver dar und führt das Kupfer in prächtiges Gold über, „rot wie Blut“, auch κινναβάρις τῶν φιλοσόφων (Zinnober der Philosophen) geheißen[1064]; man verstärkt es durch Beifügung von etwas natürlichem Gold, das eine Gärung bewirkt wie Hefe im Bäckerteig, und mehr Gold so ergibt, wie aus Getreidesamen mehr Getreide wird[1065]. Außerdem kann man auch noch göttliches Wasser zusetzen, das die „Farben“ nach Art einer Beize abtönt, und sie zugleich „scharf“ und gehörig in die Tiefe eindringend macht; dies wußte schon ~Demokritos~[1066].

b) Pibêchios.

~Pibêchios~[1067] [äg. = der Sperber des ~Horus~; s. den ~Apollo Bechis~, = „~Horus~ den Sperber“, bei ~Plinius~, lib. 30, cap. 2, in des ~Apuleius~ „Magia“, cap. 90, und im Teil V des Leidener Papyrus] soll im 4. Jahrhundert zu Alexandria gelebt und ein „Buch von den Steinen“ geschrieben haben, aus dem eine Stelle zitiert wird, der gemäß er sich beim Zerkochen und Verbrennen gewisser Materialien des Bocksblutes (αἷμα τράγου) bedient habe[1068]. Seine Arbeiten betrafen die Darstellung und Anwendung des göttlichen Wassers[1069], vor allem aber die des Quecksilbers, das nach ihm die größte Affinität zu allen Stoffen besitzt[1070], so daß sämtliche Substanzen Quecksilber enthalten und aus ihm bestehen[1071]. Nach Angabe der syrischen Manuskripte schrie ~Pibêchios~ auf allen Märkten aus: „Sämtliche Körper sind Quecksilber, sämtliche Körper enthalten Quecksilber! Wenn Du es ausziehst und fixierst, so erhältst Du das Gesuchte! Dies ist das enthüllte Geheimnis![1072]“

Die syrischen Manuskripte berichten auch über einen Brief[1073], in dem ~Pibêchios~ dem Philosophen und Magier ~Osron~ in Persien mitteilt, er habe in Ägypten, in einem Verstecke, die göttlichen Schriften des großen ~Ostanes~ gefunden, vereinigt in einem „Krone“ betitelten Buche, das ihm aber, weil in persischer Sprache abgefaßt, unverständlich sei, weshalb er um eine Übersetzung bitte. Aus ~Osrons~ Antwort und einer weiteren Erwiderung des ~Pibêchios~ ist zu ersehen, daß die „Krone“ in 365 Abteilungen „die ganze Kunst“ enthielt, nämlich die Astrologie und Astronomie, die Philologie und Philosophie [hier wohl = Kunde von den „rechten Worten“, d. i. von den Beschwörungsformeln], die Vorschriften betreff der Opfer und Mysterien, die Magie, sowie die Herstellung von Edelmetallen, Edelsteinen und Purpur oder anderen kostbaren Farbstoffen [d. i. die Chemie]. Nunmehr studierten und kommentierten die zusammenberufenen Kunstbeflissenen Ägyptens diese Schrift, entzifferten mit ihrer Hilfe auch die heiligen Säulen des ~Hermes~, und teilten ihre Befunde dem Könige[1074] mit; teils durch ihn selbst, teils durch die Priester und Philosophen, wurde darauf die göttliche und unerzählbare Kunst auf sieben Säulen niedergeschrieben. Diese befahl der König in einem Geheimbaue aufzustellen, der auch mit symbolischen Bildern [= Hieroglyphen] und einem sich selbst in den Schwanz beißenden Drachen geschmückt wurde; er verschloß ihn durch sieben Türen und gab Auftrag, sie nur Edlen und Eingeweihten zu öffnen, die göttlichen Mysterien jedoch allein dem Kreise der Nachfolger des großen Meisters kund zu tun; die Priester versiegelten sodann den geheimen Bau und reisten ein jeder wieder nach Hause. Die sieben Türen aber bestanden nach Einigen aus Blei, Elektron, Eisen, Gold für die Sonne, Kupfer für ~Kronos~, Zinn für ~Hermes~, und Silber für den Mond, nach anderen hingegen aus Blei für ~Kronos~, Elektron für ~Zeus~, Eisen für ~Ares~, Gold für ~Helios~, Kupfer für ~Aphrodite~, Zinn für ~Hermes~ und Silber für ~Selene~. [Auf diese Beziehungen wird weiter unten noch zurückzukommen sein.]

c) Heliodoros.

~Heliodoros~, der nicht näher bekannte, christliche Verfasser eines dem Kaiser ~Theodosios~ gewidmeten Gedichtes „Über die mystische Kunst der Philosophen“, soll im 4. Jahrhundert gelebt haben, was zutreffen kann, falls es sich um ~Theodosios I.~ (379-395) handelt[1075]; das in verschiedenen Fassungen vorliegende und auch öfter ins Lateinische übersetzte Gedicht zählt etwa 270 jambische (sog. politische = volkstümliche) Verse und ist ebenso schlecht und nachlässig betreff der Form, wie leer und dunkel hinsichtlich des Inhaltes, der übrigens nirgends über die allergewöhnlichsten alchemistischen Redensarten hinausgeht. ~Borrichius~, der es in einem äußerst seltenen, 1696 aus seinem Nachlasse herausgegebenen Werke bespricht[1076], sagt nicht mit Unrecht, wer daraus klug werden wolle, möge sich einen ~Oedipus~ zur Stelle schaffen.

d) Synesios.

Den älteren alchemistischen Werken erstanden, infolge ihrer Schwerverständlichkeit und Unklarheit, alsbald Kommentatoren, deren oft entstellende und zuweilen sogar fälschende Tätigkeit zwar schon ~Zosimos~ tadelt, die aber immerhin noch wirkliche Sachkenntnis besaßen, und vermöge dieser hoch über ihren späteren byzantinischen Nachfolgern stehen, bei denen tote Buchgelehrsamkeit die Stelle der völlig fehlenden lebendigen Anschauung vertreten soll. Der wichtigste jener Kommentatoren ist ~Synesios~, den man bis vor nicht allzulanger Zeit meist für identisch mit ~Synesios von Ptolemaïs~ hielt. Letzterer, der Sprößling eines vornehmen Geschlechtes der Provinz Kyrene und Schüler der berühmten alexandrinischen Philosophin ~Hypatia~ (an die er das bekannte Schreiben betreff der Herstellung eines Aräometers richtete), bekleidete seit 410, trotz seines nur sehr oberflächlichen Bekenntnisses zum Christentum, das Amt eines Bischofes zu Ptolemaïs in der Kyrenaïka, woselbst er schon 415, erst im 46. Lebensjahre stehend, einer schweren Krankheit erlag; er war ein hochgebildeter Mann und verfaßte zahlreiche, zum Teil noch erhaltene Schriften und Briefe über astronomische, philosophische und religiöse Gegenstände, sowie eine Anzahl Hymnen gnostischer Richtung, in denen er, dem Zeitgeiste entsprechend, hellenistische, orientalische, ägyptische, jüdische und christliche Ideen zu vereinigen suchte[1077].

Die unter dem Namen des ~Synesios~ überlieferte (unvollendete) Abhandlung chemischen Inhaltes findet sich in den Codices der eben erwähnten Werke nicht vor, und da der Bischof ~Synesios~ erst 379 geboren wurde, der in Form eines Dialoges eingekleidete, „mit Hilfe Gottes“ (θεοῦ συνεργείᾳ) unternommene „Kommentar zu ~Demokritos~“ aber vor 390 vollendet sein muß, -- da er dem ~Dioskoros~ zugeeignet ist, „dem Oberpriester des Serapis-Tempels zu Alexandria“, welches Heiligtum um 390 zerstört wurde --, so kann er unmöglich vom Bischofe ~Synesios~ herrühren, sondern ist jedenfalls einem seiner gleichnamigen Zeitgenossen zuzuschreiben[1078]. Seine erste Veröffentlichung (in schlechter lateinischer Übersetzung) erfolgte 1573 durch ~Pizzimenti~, in dessen Werk er den zweiten Abschnitt bildet; die ziemlich zahlreichen griechischen Handschriften weisen Spuren später Umarbeitungen und verschiedene Lücken auf, stimmen in vielen Einzelnheiten nicht überein, und enthalten sprachlich und sachlich so viel allegorisch Dunkles und Unverständliches, daß die wiederholten Mahnungen des ~Synesios~, ~Dioskoros~ möge doch genauer aufmerken und seinen Verstand etwas mehr anstrengen, durchaus gerechtfertigt erscheinen[1079].

~Synesios~ erwähnt, daß sich ~Demokritos~ jener persischen Methoden bediente, die er von ~Ostanes~ erlernte, dem Verkündiger der großen Wahrheit „Die Natur freut sich an der Natur, usf.“[1080]. Die Natur der Stoffe ist in ihrem Inneren verborgen (ἡ φύσις ἔνδον κέκρυπται), und es ist erforderlich sie herauszukehren (φέρειν ἔξω)[1081], was durch das Werk (πρᾶγμα, Prágma) geschieht, indem man erst eine Verflüssigung, dann aber wieder eine Festigung und Fixierung der Substanzen herbeiführt[1082]. Zur ersteren bedient man sich u. a. der Lösungen und Schmelzen (ὕδατα) von Nitron (νίτρον), Weinstein (φέκλη]) und anderen Pflanzenaschen (σποδοκράμβη; wörtlich: verbrannter Kohl)[1083], -- also der Alkalien --, während die Festigung durch ἐξηδάτωσις erfolgt, d. h. durch Entwässerung und Austreibung der flüssigen Teile[1084]. Die Fixation endlich erfordert die Beigabe gewisser Zusätze, die bald „Metalloíosis“, d. i. Transmutation, bald „Metalleúosis“, d. i. Metallisierung [zu Edelmetall] bewirken[1085]; sie bestehen aus Schwefel, Auripigment [ἀρσενικὸν ξανθόν = gelbem Arsen], göttlichem Wasser, oder jenen beiden Quecksilbern, die nach ~Hermes~ „Zweierlei sind und doch nur Eines“, dem Weißenden aus Arsen und dem Gilbenden aus Zinnober[1086]. Mit Recht behauptete ~Pibêchios~, daß das Quecksilber die größte Affinität zu allen Körpern habe: denn tatsächlich zieht es alles an sich, nimmt die Psychen und Pneumata, aber auch die Hylen beliebiger Stoffe ganz ebenso in sich auf, wie Wachs beliebige Farben, digeriert und kocht sie zurecht, fixiert sich samt ihnen auf den Metallen der Tetrasomie, denen es die „Substanzen“ der Trockenheit und der richtigen [z. B. gelben] Farbe zuführt[1087], und geht mit ihnen unter Veränderung seiner eigenen Natur eine unlösbare Verbindung ein; es vermag die „Form und Gestalt“ aller Substanzen anzunehmen und bildet demgemäß ihre nur dem Anscheine nach fortwährend wechselnde, in Wirklichkeit aber stets gleichbleibende und beharrende, einheitliche Grundlage[1088], [d. i. die Materia prima, der „Mercurius philosophorum“ der späteren Alchemisten].

Die Umwandlung der Metalle, die Diplosis, durch die man auch unedle Metalle in die nächstverwandten edleren überführt[1089], die Gewinnung der flüchtigen Geister und „Blüten“ aus pflanzlichen und in analoger Weise aus mineralischen Stoffen[1090], usw., erfordern eine Anzahl besonderer Vorrichtungen, z. B. die verschiedenen Arten der Kerotakis, der Thermospodien (Aschenbäder), in denen man die Erwärmung und Calcinierung, sowie die Wiederbelebung des Calcinierten durch den Einfluß der Wärme (ἀναζωπύρησις) vornimmt[1091], sowie der Destillations-Apparate[1092]. Bei den guten Apparaten dieser Art trägt [laut beigefügter Abbildung] ein Dreifuß das Gefäß (λέβης), in dem mittels Asche der Kolben (βοτάριον, λωπάς) vorsichtig erhitzt wird, die Dünste aber steigen aus ihm durch ein dicht eingepaßtes Rohr in den metallenen oder gläsernen Helm (φιάλη, χαλκεῖον), der die Gestalt eines Kopfes oder auch einer weiblichen Brust (μαστάριον) besitzt; das Rohr tritt von unten genau in der Mitte des ziemlich flachen Bodens (über den es ein wenig hochgeführt wird) in diesen Aufsatz ein, die Dünste verdichten sich rasch an der großen gewölbten Oberfläche, das Verflüssigte sammelt sich auf dem Boden und fließt durch ein seitliches Ansatzrohr in das Sammelgefäß (δοχεῖον) ab. -- Unverkennbar ist dieser Beschreibung nach der Fortschritt von der rohen Destillation oder vielmehr Sublimation zu Zeiten des ~Plinius~ und ~Dioskurides~ bis zum Gebrauche eines mit Tubulus und seitlichem Abfluß versehenen Kondensationshelmes bei ~Synesios~.

7. Olympiodoros.

(5. Jahrhundert.)

~Olympiodoros~[1093], der als Gesandter des Kaisers ~Honorius~ 412 den Hof des ~Attila~ besuchte und um 425 eine Geschichte seiner Zeit niederschrieb, gilt auch als Verfasser der Abhandlung „Der alexandrinische Philosoph ~Olympiodoros~ über ~Zosimos~, ~Hermes~ und die Philosophen“[1094]. Nach dem Sammelwerke des byzantinischen Patriarchen ~Photios~ (gegen 875) war er hervorragend als ποιητής (Poietés = Macher, operator), wobei übrigens daran zu erinnern ist, daß ποίησις (Poíesis) nicht nur das große Werk (μέγα ἔργον) bezeichnet, sondern in Papyrus-Urkunden auch die Magie überhaupt[1095]; indes verrät sein umfangreiches aber inhaltsarmes, wirres und schwülstiges Buch, mindestens in der uns vorliegenden vielfach umgearbeiteten Gestalt, keine selbständigen praktischen Kenntnisse, vielmehr ergeht sich die Darstellung, die tiefgehende Spuren gnostischer Einflüsse zeigt[1096], wesentlich in Betrachtungen allgemeiner Art, sowie in Berichten über die Tätigkeit früherer Vorgänger, -- die, soweit sie schon weiter oben herangezogen wurden, hier einer nochmaligen Besprechung nicht bedürfen.

Zu jenen Vorgängern, den „Alten“, zählen u. a. ~Platon~ und ~Aristoteles~, ~Hermes~ und ~Zosimos~, sowie noch manche andere unter den Naturforschern oder Physikern (τινὲς φυσικῶν φιλοσόφων) und „unseren Philosophen“ (ἡμετέροι φιλόσοφοι)[1097]; ihre zahlreichen Bücher, die sich in der Bibliothek der Ptolemäer befinden[1098], sind aber in Allegorien abgefaßt[1099], sie sprachen μυστικῶς (mystisch)[1100], und ihre Worte haben daher einen doppelten Sinn, einen scheinbaren offenliegenden und einen eigentlichen verhüllten[1101], den nur die Eingeweihten zu verstehen vermögen. In den Schriften der wahren ägyptischen Altmeister oder „Propheten“ [= Priester gewisser Klassen][1102] werden sogar zumeist allein die Theorien (δόξαι, Lehren, Meinungen) behandelt, die praktischen Anweisungen (ἔργα, Werke, Ausführungen) jedoch verschwiegen[1103]; nach den Angaben dieser Meister ist der Erfolg abhängig von der genauen Einhaltung ganz bestimmter Handlungen und Worte, die sie entsprechend den Regeln der Magie ritualisierten (ἱεράτευσαν)[1104]; denn ausschließlich mit Hilfe dieser Magie [d. h. des magischen Rituals] erlangt man die Mitwirkung der Natur, die mehr vermag als die bloße Bemühung des Menschen, und ausschließlich durch sie überwindet man auch den Einfluß der Dämonen, z. B. des ~Ophiuchos~[1105], deren Neid und Bosheit die größten Schwierigkeiten entfließen [1106].

Das Geheimwissen von der Herstellung des Silbers und Goldes aus unedlem Metall, besonders aus Kupfer, heißt ἔργον τοῦ χαλκοῦ = Bearbeitung des Kupfers, ἐργασία = Ergasia oder Werk, μεγάλη θεραπεία = große Therapie, τέχνη τῆς χυμείας = Téchne oder Kunst der Chemie[1107]. Die Ausübung dieser Techne erfordert Verständnis und Übung, weil allein Erfahrung die große Meisterin ist[1108], ferner aber auch Kenntnis der richtigen Augenblicke und günstigen Epochen[1109]. Die eigentliche Zeit für das „Werk“ ist der Monat Pharmuthi, der Monat der Philosophen [mensis philosophicus][1110]; in ihm [im März-April] unterwirft man die fest in Leinenbinden eingewickelten Rohmetalle erst der Tarichéia (= Einsalzung, Räucherung, Schwelung, Maceration) mittels allerlei schwefelhaltiger Zutaten und sodann der Kochung im „Meerwasser“, wobei sie sich aufblähen und „wachsen“ wie Pflanzen (βοτάναι)[1111]. Ziel der Techne, „um das allein es sich handelt“, ist die Vereinigung des Männlichen und Weiblichen[1112]. Schon unter den Elementen sind Feuer und Luft männlichen Charakters (ἄρρην, Arren) und aufwärtssteigend (ἀνωφερής), Wasser und Erde aber weiblichen und niedersinkend (κατωφερής), während das Quecksilber, seiner Natur als Zwitter gemäß, bald ἄνω, bald κάτω strebt, bald nach oben, bald nach unten[1113]; beim „Werke“ aber hat man das Männliche und Weibliche in seiner lautersten und wirksamsten Gestalt zu vereinigen, das Rote, ~Adam~, das männliche Sperma (σπέρμα ἄρρενος = Samen des Mannes oder des ἀρσενικόν, des Arsens), von den Späteren auch Feuer, Schwefel, Seele geheißen[1114], mit dem Weißen, der reinen unberührten Jungfernerde[1115] (παρθένος γῆ; Deckname „Urin der Jungfern“), von den Späteren auch ~Eva~, Materia prima, Quecksilber, Geist genannt: indem das Männliche, der χρυσόλιθος (Chrysólithos = golderzeugender Stein) sich dem Weiblichen, dem göttlichen Wasser, dem Safte (χυλός) oder der Brühe Ägyptens und Cyperns [= der Kupferschmelze] zugesellt, bewirkt es Zeugung (τίκτει), und es entsteht Gold[1116].

Die Möglichkeit dieser Umwandlung und mit ihr die der ganzen Techne beruht in letzter Linie darauf, daß allem Bestehenden ein gemeinsames Prinzip [die Materia prima] zugrunde liegt, das universeller ist als die einzelnen Elemente (στοιχεῖα, Stoicheía), das daher unter geeigneten Umständen in alle Stoffe übergehen, aber sich auch aus ihnen zurückbilden kann, und das die beharrende Unterlage von Anfang und Ende des großen Werkes bildet; sein Symbol bezeichneten daher ~Agathodaimon~ und ~Chimes~ mit Recht als identisch mit dem der ganzen, gleichfalls in endlosem Kreislaufe begriffenen Welt, d. i. mit dem Drachen ~Uroboros~, oder mit dem philosophischen Ei, dem ἔν τὸ πᾶν (Eines in Allem; Alles in Einem)[1117]. Die nämlichen Philosophen, sowie auch ~Hermes~, ~Maria~ und ~Zosimos~, lehrten auch richtig, daß das πᾶν (= Alles) gegeben sei in unserem Blei, dieser Grundsubstanz des Silbers und Goldes, diesem philosophischen Ei, das die vier Elemente zur Einheit verbunden enthält, τὰ δε τέσσαρα ἕν[1118]; dieses „unser Blei“ (μόλυβδος ἡμέτερος) oder „schwarzes Blei“ (μόλυβδος μέλας), das bereits ~Demokritos~ aus Bleiglätte oder aus Stimmi darzustellen empfahl[1119], wünschten die ägyptischen Propheten zu gestalten, zu realisieren und zu besitzen[1120]. Das natürliche gemeine Blei (μόλυβδος κοινός) +ist+ schon schwarz, unser Blei aber +wird+ erst schwarz im Laufe des Werkes und ergibt dabei den ζωμὸς μέλας, jene schwarze Brühe (Schmelze), die ebenso unentbehrlich ist zur anfänglichen Mélansis (Schwärzung) wie zur späteren Diplosis: so erweist es sich als den Schlüssel der Theorie und Praxis, als den eigentlichen Inhalt der tausend Geheimnisse und tausend Bücher, als das „seit Äonen Gesuchte“[1121]; es ist die Substanz, „die alles annimmt“, die in alles übergeht[1122], die das Wesen aller Metalle bildet [d. h. ihre Materia prima, als die anfangs Blei, später Quecksilber galt], die das Weiße, Gelbe, Rote und Schwarze in sich hat [d. i. Bleiweiß, Bleiglätte, Mennige und Schwefelblei][1123], die die Eigenschaften des Fest- und Flüssigseins besitzt, und deren wertlose und verachtete Schlacken, auch „Asche der ~Maria~“ geheißen[1124], jenen gleichen, die beim Schmelzen des Goldes entstehen [wohl bei der Kuppelation mit Bleiglätte][1125]. So bildet es tatsächlich das Fundament der Téchne (τέχνη), und wahr bleibt was die Alten und was ~Zosimos~ von ihm verkündigen: „alles läuft auf das Blei hinaus, das Blei ist unsere Magnesia“[1126].

Man nennt das Blei auch „Grab des ~Osiris~“, d. i. eine Mumie, fest in ihre Binden gewickelt, die nur das Antlitz sichtbar lassen; auch betrachtet man ~Osiris~ [jedenfalls weil seine Neubelebung zur Zeit der Nilschwelle geschah] als Prinzip der ὑγρὰ οὐσία, des Flüssigseins (Schmelzens)[1127]; doch versteht man zuweilen unter „unserem Blei“ auch den Schwefel, und in diesem Sinne heißt es „Ὄσιρίς ἐστιν μόλυβδος καὶ θεῖον“, „~Osiris~ ist das Blei und der Schwefel“[1128]. -- [Das „tertium comparationis“ bei dieser bisher allen Erklärern völlig rätselhaft gebliebenen Gleichsetzung ist offenbar die leichte Schmelzbarkeit: in der Tat nennt der Text des Pariser Manuskriptes 2327, dessen Abschrift nach ~Berthelot~ 1478 vollendet wurde[1129], sowohl Blei wie Schwefel αὐτόρρυτος = „von selbst fließend“[1130] und gibt für beide das nämliche Zeichen [Symbol] an[1131], zugehörend dem Typus der „Artabe“, eines vielgebrauchten und oft abgebildeten[1132] ägyptischen Hohl- und Flüssigkeits-Maßes, und das Ausgießen eines solchen Gefäßes versinnlichend.]

Das Schwarze, das eine wahre Farbe ist und daher auch mehrere Abarten hat, und das Weiße, das eigentlich keine wirkliche Farbe vorstellt, gleichen der Pupille (κόρη, Kóre) des menschlichen Auges, oder auch dem Regenbogen (ἶρις, Iris) des Himmels, denn nach ~Hermes~ ist der Mensch ein Mikrokosmos und besitzt alles das ebenfalls, was dem Makrokosmos zukommt[1133]. In der „feurigen Sphäre“ nun [d. h. beim Erhitzen oder Schmelzen] zeigt sich das „Schwarze“, „die schwarze Flüssigkeit unseres Bleies“, als fähig Fixation zu bewirken: durch seine Schwere zieht es eine „Seele“ zu sich herab, und hierin besteht das große Mysterium[1134]. Die ihrer +ursprünglichen+ Seele (ψυχή) verlustig gegangenen Metalle werden nämlich einer +neuen+ teilhaftig durch das Pneuma, das ihnen zugleich als πνεῦμα βαπτικόν (färbendes Pneuma) neue Farben und Eigenschaften zuführt[1135] und so ihre Natur in die des Silbers und „roten Blutes“ (= Goldes) umwandelt[1136], nicht anders, als wie die „große Medizin“ (μεγάλη θεραπεία) aus dem kranken und bleichen Blute das gesunde und rote hervorgehen läßt[1137].

Die Kunst (τέχνη, Techne), vermöge deren man aus unserem Blei Gold in ähnlicher Art gewinnt, wie es in Äthiopien Ameisen aus den Bergwerken fördern und an das Tageslicht schleppen[1138], schufen die „Alten“, indem sie ursprünglich Erden, Mineralien und Rohmetalle mit den an Pneuma reichen Säften der βοτάναι (Botánai) zusammenbrachten, also mit jenen der Kräuter, Früchte, frischen oder getrockneten Hölzer usf.[1139]; später benützten sie auch andere pneumatische Stoffe, z. B. den λιθάργυρος (Lithárgyros = silbererzeugenden Stein), dessen Namen das rätselhafte Wort mit den vier Silben und neun Buchstaben [s. das Rätsel des ~Agathodaimon~] in sich schließt[1140]. Die Übertragung des Pneumas geschieht durch Projizieren (ἐπιβάλλειν = Einwerfen) des Streupulvers oder Xerions: das (weiße) Arsenikon z. B. weißt hierbei das Kupfer und ergibt, namentlich bei Zusatz von etwas fertigem Silber, sehr schönes „Asem“ [hier = Silber][1141], während das (gelbe) Arsenikon Gold hervorbringt und dabei selbst zu Gold wird[1142].

Von Chemikalien erwähnt ~Olympiodoros~ in erster Linie den Schwefel (θεῖον, Theíon), der ein „Prinzip der Dinge“ und von so unendlicher Macht ist, daß niemand seine Wirkungen aufzuzählen vermag[1143]; θεῖα (Theía, Schwefel) heißen aber auch alle die mit ihm verwandten Substanzen[1144] und alle die, aus denen man ebenfalls das göttliche Wasser herstellt, τὴν ἐμὴν δρόσον (meinen Tau), τὸ ἀέριον ὕδωρ (das luftartige, ätherische Wasser)[1145]. Die Wichtigste unter diesen ist das Arsenikon [= Arsenigsäure], auch στυπτηρία λευκή = weißer Alaun geheißen[1146], eine weiße, im Feuer sehr flüchtige Masse[1147], die man durch Rösten von Auripigment und Kobathia [Realgar] und durch Sublimieren des hierbei entstehenden Rauches (αἰθάλη) gewinnt, und deren Vermögen, die Magnesia zu weißen, sie zu dem hervorragendsten Mittel und zu der wichtigsten Grundlage der ganzen Techne macht[1148]. -- Als ψάμμοι (Psámmoi, eigentlich Sande, Mineralien) faßt ~Olympiodoros~ „nach dem Gebrauche der Alten“ die sieben Metalle zusammen (τὰ ἑπτὰ μέταλλα)[1149]; das „Blei“ aus Bleiglätte und aus Stimmi [d. i. Antimonsulfid] sieht auch er als identisch an[1150]; Aphronitron (Schaumnitron) erwähnt er als Flußmittel[1151], und es ist bekannt, daß z. B. das „künstliche Blau“ (κύανος σκευαστός) des ~Theophrast~ und das „alexandrinische Blau“ des ~Vitruv~ durch Zusammenschmelzen von Sand, Nitron und kupferhaltigen Zutaten gewonnen wurden[1152].

Über die benützten Apparate spricht sich ~Olympiodoros~ nur flüchtig aus; u. a. erwähnt er das von ~Afrikanos~ erdachte gläserne Gefäß zur Sublimation von Arsenigsäure[1153], sowie einen Ofen (καμίνιον, Kamin) zur Herstellung von „Smaragd“ [= grünem Glas] unter Beimischung von „Kupfer-Arsen“[1154].

8. Philosophus Christianus, Stephanos; Herakleios, Justinianus; Philosophus Anonymus; Pappos, Kosmas; Theophrastos, Hierotheos, Archelaos; Salmanas, Psellos, Nikephoros.

(6. Jahrhundert und später.)

a) Philosophus Christianus.

Der umfangreiche, aus vielen oft kaum zusammenhängenden Absätzen bestehende „Kommentar“ des nicht näher bekannten ~Philosophus Christianus~, nach ~Berthelot~[1155] im 6. Jahrhundert abgefaßt, nach ~Kopp~[1156] vielleicht erst im 7., oder einem noch späteren, geht zum großen Teile auf gute alte Quellen oder aus diesen kompilierte Schriften des 5. und 6. Jahrhunderts zurück; so wie er gegenwärtig vorliegt, weist er aber eine Unzahl späterer und ganz später (in einzelnen Fällen erst dem 13., ja 14. Jahrhundert entstammender) Erklärungen und Zusätze, Abänderungen und Einschiebsel auf, deren zweifelhafter Sinn und unklarer Inhalt sein Verständnis in hohem Grade erschwert, oder auch ganz unmöglich macht.

Der Verfasser, der diese Dunkelheit wohl selbst bemerkte, entschuldigt sie damit, daß schon die Schriften der Alten sehr schwierig zu deuten und infolge der Symbolik von Namen und Vorschriften rätselhaft seien[1157]; auch hätten die „ägyptischen Philosophen“ manche der Anweisungen entweder selbst nicht recht gekannt, oder sie aus Neid und Eifersucht geheimgehalten, oder endlich sie wenigstens hinter doppelsinnigen Bezeichnungen versteckt, wie „göttliches Wasser“ und „Arsenikon“[1158], über die erst ~Petesis~ (~Petasios~) mit einer gewissen, freilich nicht völligen Offenheit sprach und zugleich die Mengenverhältnisse bei ihrer Bereitung und Anwendung erörterte[1159].

Auf die wichtigeren Zitate des ~Philosophus Christianus~ aus den „Alten“, den früheren Chemikern, ist schon weiter oben bei deren Besprechung jedesmal hingewiesen worden; aus Eigenem gibt er so gut wie nichts, weshalb es an dieser Stelle genügen mag, seine Äußerungen über die Transmutation als Beispiel anzuführen.

Beim Werke, das sowohl vielerlei Apparate erfordert, u. a. solche aus Glas von Askalon, als auch vielerlei Zutaten, u. a. κόμμι und κολοφωνία [Gummi und Kolophonium, das nach der Stadt Kolophon in Kleinasien benannte Harz; Decknamen][1160], erhält man zunächst einen schwarzen und unbelebten Niederschlag, μελάνθιον (Melánthion = schwarze Blüte, Efflorescenz), der ohne Seele und Geist tot daliegt (νεκρός), und dem man neues Leben (βίος) zuführen muß, damit er zur ἀργυρο- oder χρυσοζύμη (zur Silber- oder Gold-Hefe)[1161] werde; wie die Färber mit [ἄγχουσα (Anchusa) und φῦκος (Fucus)[1162], wie die Indigofärber (ἰνδικοβάφοι) mit ihrem „Lack“ (λαχά), den sie zu einer klaren und entfärbten Flüssigkeit aufzulösen wissen[1163], so färben die Philosophen mit Xerion, dessen Name abgeleitet ist vom Namen der analogen trockenen Pulver der Ärzte (ξήρια ιατρικά), und das, als eigentlich wirksame Medizin beim großen Werke, zugleich auch die große Krankheit der Armut zu heilen vermag[1164].

b) Stephanos von Alexandria.

~Stephanos von Alexandria~ war, wie ~Usener~ 1880 nachwies[1165], zur Zeit des byzantinischen Kaisers ~Herakleios~ (~Heraklius~), der 610 bis 641 regierte, einer der „ökumenischen“, d. h. der im kaiserlichen Palaste tätigen Meister, und zwar „las“ er, obwohl anscheinend Mathematiker von Beruf, über Philosophie, -- ein Kommentar zu ~Aristoteles~ ist noch erhalten --, Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik, angeblich auch über Astrologie, Chemie usf.[1166]. Seine in mehreren Handschriften überlieferten chemischen Vorträge veröffentlichte zuerst ~Pizzimenti~ in lateinischer (unzuverlässiger) Paraphrase als Nr. 4 seines wiederholt genannten Werkes von 1573; das griechische Original druckte ~Ideler~ 1841 in den „Physici et medici graeci minores“ ab[1167], anscheinend ohne genügende Sichtung der Handschriften und auch ohne Beigabe der in Aussicht gestellten Lesarten und Erklärungen.

~Usener~ ist der Ansicht, daß ~Stephanos~ die Vorlesungen über Astrologie und Chemie nicht wirklich gehalten haben könne; betreff der Astrologie[1168] widerstreiten der üblichen Angabe einige seiner eigenen Äußerungen, und die Chemie, deren Ausübung Kaiser ~Diokletian~ in Ägypten untersagt und durch Verbrennung der Schriften chemischen Inhaltes unmöglich gemacht hatte[1169], die daher seitdem als „verbotene Kunst“ galt, durfte er im kaiserlichen Palaste zu Konstantinopel nicht wohl lehren. Auch der Inhalt dieser Vorlesungen scheint ~Usener~ dagegen zu sprechen, daß ein Mathematiker von Fach sie geschrieben habe, und er neigt daher dazu, sie (und auch einige andere Fragmente) als Pseudepigraphen aus späterer Zeit (etwa um 775) zu betrachten[1170]. So beachtenswert diese Ansicht auch ist, so scheint sie doch noch weiterer Vertiefung zu bedürfen, da das Vorhandensein von Widersprüchen bei Kompilatoren von der Art des ~Stephanos~ keineswegs vereinzelt dasteht, das Eingreifen des ~Diokletian~ aber wohl kein gerade der Chemie so feindliches gewesen ist (s. weiter unten), und überdies seither auch mehrere Jahrhunderte vergangen waren; zudem soll gerade der Kaiser ~Heraklius~ von besonderer Vorliebe für alle Geheimwissenschaften erfüllt gewesen sein[1171].

Das Buch des ~Stephanos~, das sich bei den späteren Alchemisten ganz besonderer Wertschätzung erfreute und auch im arabischen „Fihrist“ gepriesen wird, vermag indessen solchen hohen Ruf in keiner Weise zu rechtfertigen[1172]. Seine neun, stets „σὺν θεῷ“ („mit Gott“) überschriebenen Abschnitte oder πράξεις (Práxeis = Vorlesungen, Traktate, Handlungen), -- dieses Wort bezeichnet in den magischen Schriften und Papyrus-Urkunden namentlich auch die +Zauber+-Handlungen[1173] --, mag man aufschlagen wo man will, man wird allerorten das Nämliche vorfinden: unklare und weitschweifige Paraphrasen der „Alten“, die den Mangel jeglicher eigener Sachkenntnis und praktischen Erfahrung bezeugen; kritikloses Aufzählen und Rühmen der Autoritäten, ihrer Axiome und ihrer Präparate; schwülstige und scholastische Darlegungen unverstandener oder halbverstandener Theorien; wirre mathematische und astrologische Anspielungen, -- dies alles im Gewande hohler, unbestimmter, oft jedes faßbaren Inhaltes entbehrender Redensarten und dabei untermischt mit mystischen, enthusiastischen und religiösen Anrufungen, Ausrufungen und Deklamationen. Das ganze Werk, -- ~Usener~[1174] bezeichnet es als Homilie voll geheuchelten, Heidnisches, Mystisches und Christliches vermengenden „sacri furoris“ --, bietet ein trauriges Beispiel des letzten und völligen Verfalles einer Wissenschaft unter den Händen der vielschreibenden byzantinischen Buchgelehrten und Kommentatoren; es ist geradezu eine Satire auf das hübsche von ~Stephanos~ irgend einem Vorgänger entlehnte Zitat[1175]: „Die Wissenschaft vermag alles; sie sieht das Unsichtbare und vollbringt das Unmögliche.“

Genauer auf den Inhalt des Buches einzugehen, -- von dem ~Berthelot~ übrigens keinen Abdruck, sondern nur einen Auszug gegeben hat[1176] --, lohnt dem Vorstehenden zufolge nicht, es wird vielmehr genügen, auf einige Hauptpunkte kurz hinzuweisen.

Die alten Chemiker, zu denen u. a. auch ~Platon~ und ~Aristoteles~ zählen, stellten treffliche Grundsätze auf, wie „ἄνω καὶ κάτω“ (nach oben und nach unten) und „Eines ist Alles, Alles ist Eines“[1177], erdachten vorzügliche Vergleiche, wie den des großen Werkes mit der Schlange ~Uroboros~ und den des menschlichen Kopfes mit einem Destillierhelm[1178], und fanden die Bedingungen auf, unter denen das große Werk gerät und Gold liefert, das besser und schöner ist als das natürliche[1179]. Als Ausgangsmaterial benützten sie entweder Kupfer, das wie ein Mensch Körper, Seele und Geist hat[1180], oder eine Legierung von vier Körpern (= Metallen), die Magnesia[1181]. Zur Einleitung der Umwandlung, die auf einem Herauskehren des Inneren beruht, verbrennt man die Rohstoffe erst zu Asche und betrachtet das gute Gelingen +dieser+ Arbeit als günstiges Vorzeichen für das der +gesamten+[1182]; es folgt die Schwärzung, „diese großartige und bewunderungswürdige Sepsis [hier = Digestion, Maceration] der ~Isis~“, sodann die Weißung, die sich langsam vollzieht wie das Bleichen von Geweben, und schließlich die Gilbung[1183]. Diese Operationen erfordern die Anwendung von Medizinen und Tinkturen[1184], u. a. des Schwefels, des göttlichen Wassers, des Quecksilbers, das flüssig und heiß wie Blut ist, sowie des anderen Quecksilbers, das man aus dem „Männlichen“ (Arsenikon) gewinnt, und dessen Name die Lösung vom Rätsel der neun Buchstaben verbirgt[1185]. Wichtiger und mächtiger als diese alle ist aber der zauberkräftige Stein [βοτάνη, Botáne, ursprünglich nur Zauber+kraut+], den unser Land Äthiopien hervorbringt[1186], der „Stein der Weisen“, „Stein der Philosophen“, der auch etesischer Stein heißt, der geheim und allbekannt, gemein und kostbar ist, und vermöge astrologischer Einflüsse der zwölf Zeichen des Tierkreises aus den Naturen und Farben der sieben Planeten hervorgeht[1187]. Er vollzieht aber das große Werk, indem er das Männliche mit dem Weiblichen vereinigt, also das Aktive mit dem Passiven, das Heiße mit dem Kalten, das Rote mit dem Weißen, ~Hermes~ mit der ~Aphrodite~: „kämpfe Kupfer! kämpfe Quecksilber!“ In Freuden gesellen sich Männliches und Weibliches, denn die Natur erfreut sich an der Natur, es erfolgt Zeugung, und das Gezeugte reift binnen 40 Tagen zu Gold[1188].

c) Herakleios (Heraklios) und Justinianus.

Mehrere anscheinend verschollene Abhandlungen alchemistischen Inhaltes werden dem „König ~Herakleios~“ zugeschrieben[1189], den einige Autoren für einen nicht weiter bekannten Chemiker halten, andere aber für den byzantinischen Kaiser dieses Namens (610-641), der große Vorliebe für die Geheimwissenschaften gezeigt und den ~Stephanos~ als Vortragsmeister berufen haben soll; nach dem weiter oben Ausgeführten dürfte ihm durch diesen allerdings kaum wesentliche Förderung zuteil geworden sein.

Nicht viel mehr ist über die Werke des ~Justinianus~ bekannt[1190], die ebenfalls zwar noch in den Inhaltsverzeichnissen gewisser Handschriften (z. B. des Codex Marcianus) aufgeführt werden, in deren jetzt vorliegenden Texten aber nicht mehr mitenthalten sind; einige im „Codex Vossianus“ zu Leiden aufgefundene Bruchstücke handeln von den Bestandteilen des philosophischen Eies, und zwar ungefähr in der aus den „Praxeis“ des ~Stephanos~ bekannten und auf dessen Zeitalter hinweisenden Art.

d) Philosophus Anonymus (Anepigraphos).

Dieser byzantinische Sammler ist, da er den ~Stephanos~ zitiert, für jünger anzusehen als der ~Philosophus Christianus~, der ~Stephanos~ nicht oder nur an später Einschiebung verdächtigen Stellen nennt, und wird von ~Berthelot~ in das 7. Jahrhundert versetzt[1191], von ~Kopp~ in das 8.[1192]. Betreff seiner Abhandlung gilt das nämliche wie hinsichtlich derer des ~Philosophus Christianus~, einige Hinweise werden daher auch hier genügen.

Die genauen und sicheren Vorschriften zur Ausführung des großen Werkes gaben die ökumenischen Philosophen und Kommentatoren des ~Platon~ und ~Aristoteles~, von ~Hermes~ angefangen bis auf den großen ~Olympiodoros~ und ~Stephanos~[1193], am gründlichsten aber ~Demokritos~; die Lehren seiner vier Bücher sind vergleichbar den vier Haupt- oder authentischen Tonarten der Musiker, während die Mißerfolge und Fehlschläge (νεκρώσεις = Tötungen, Absterben) den Dissonanzen und plagalen Schlüssen parallel gehen[1194]. Wesentliche Grundlage des großen Werkes ist das Blei, das „etesische Metall“ von an sich kalter Natur, das aber in der Wärme leicht flüssig wird, sich mit anderen Körpern vereinigt und so die Schmelze ergibt, die, nach den Worten μῖξις und μίγνυμι (Mischung, mischen), auch „Magnesia“ genannt wird[1195]; weil die Wärme diese Mischung (σύνθημα) „ausbrütet“, heißt sie „Ei der Philosophen“, auch besitzt sie die vier Teile, die nach dem Philosophen ~Xenokrates~ das Ei aufweisen muß, nämlich Schale, Eihaut, Eiweiß und Eigelb[1196]; das Produkt des großen Werkes bezeichnet man demgemäß als ὕλη ὀρνιθογονία = das Vogel-Entsprossene, und das im Laufe der Arbeit aufsteigende Sublimat als ὄρνις = Vogel, denn als die „Eier“ dieses „Vögelchens“ sind eben die seine Entwicklung (γέννησις τοῦ ὀρνιθίου) ermöglichenden Bestandteile anzusehen[1197]. Man reinigt diese erst durch Taricheia und dann durch Waschen, wobei darauf zu achten ist, daß schließlich so wie beim Waschen des Leinenzeugs, der Schaum (τὰ σκάμματα) völlig klar abläuft[1198]; die nötigen Sublimationen geschehen im δίπλωμα (Díploma = Wasser- oder Aschen-Bad), in passenden Gefäßen, oder auch in geraden, teils einfachen teils mehrfachen [in- oder übereinander gestellten] Rohren[1199]; die schließliche Umwandlung erfolgt durch Projektion (ἐπιβάλλειν)[1200].

e) Pappos.

Ein Aufsatz dieses „Philosophen“, der sich außer auf ~Moses~ und andere Alte auch auf ~Stephanos~ beruft und deshalb in das 7. oder 8. Jahrhundert versetzt wird[1201], bietet inhaltlich nichts Bemerkenswertes; eingeleitet wird er von einer Schwurformel, die Verwandtschaft mit der von ~Isis~ an ihren Sohn ~Horos~ berichteten zeigt und auf die schon bei Besprechung dieser letzteren hingewiesen wurde.

f) Kosmas.

Diesen Schriftsteller halten nach ~Kopps~ Bericht Einige für vermutlich noch dem 7. Jahrhundert angehörig[1202], aller Wahrscheinlichkeit nach aber mit Unrecht; zum mindesten zeigen seine Werke, so wie sie jetzt vorliegen[1203], die wohlbekannte Beschaffenheit der späteren byzantinischen Kompendien, d. h. sie stellen, ohne viel sachliches Verständnis, allerlei Auszüge aus ~Zosimos~ und anderen Förderern der Chemie (χυμία)[1204] zusammen, knüpfen daran leere und hinfällige Betrachtungen, die das stete Sinken des wissenschaftlichen Geistes deutlich ersehen lassen, und geben sich nicht einmal äußerlich mehr den Anschein, nach Form und Inhalt irgend einem deutlichen und bestimmten Ziele zuzustreben. Auf späte Einschiebungen deutet auch das Vorkommen verschiedener Bezeichnungen hin, die entweder wie σαλόνιτρον[1205] (Salónitron = Salpeter) und τζαπάρικον[1206] (Tzapárikon = Salmiak, ursprünglich = Soda, Nitron) Chemikalien betreffen, die den Byzantinern vor dem 13. Jahrhundert kaum näher bekannt waren, oder die [was sehr charakteristisch ist!] aus lateinischen Worten umgebildet sind, wie ῥασούχθη aus „aeramen ustum“ (dem „gebrannten Kupfer“ des ~Dioskurides~)[1207], oder das eben genannte σαλόνιτρον aus „sal nitrum“.

Grundlage der Metallverwandlung, die nur angestrengte Arbeit, nicht irgendwelchen Aufwand erfordert, ist auch nach ~Kosmas~ die Magnesia, so genannt nach dem Mischen und Legieren der Bestandteile, denn sie ist ein bleihaltiges Gemenge (σύγκρασις), eine Vereinigung der Substanzen (synousiôsis), die reine und einzig verehrungswürdige „Weiße“ (μόνη σεβασμία λευκότης), das weibliche Prinzip, der etesische Stein (λίθος αἰτήσιος), der Molybdochalkos des ~Demokritos~ und ~Olympiodoros~[1208]; auf sie beziehen sich die Worte „wenn nicht 1 zu 3 würde und 3 zu 1, so wäre das All (τὸ πᾶν) ein Nichts (οὐδέν)“[1209]. Man unterwirft die Magnesia erst „zwecks Einwirkung des Flüssigen“ der Taricheia[1210] und setzt sie sodann dem zu Fixierenden aus[1211], und zwar im „Ei der Philosophen“, -- das hier als ein chemischer +Apparat+ auftritt --, bis sich nach 120tägiger Behandlung im Pferdedünger die Seele (ψυχή, Psyche) zu entwickeln beginnt[1212]. Als Xerion dient Quecksilber [hier = Arsen], das man zwischen zwei flachen mit Ton und Eiweiß verkitteten Schüsseln sorgfältig sublimiert hat[1213]; so erhält man aus dem Kupfer das Silber, „diese σεληναία ὕλη“ (dem Mond zugehörige Substanz), und weiterhin aus diesem das Gold[1214].

g) Theophrastos Christianos, Hierotheos, Archelaos.

Die in jambischen (sog. politischen = volkstümlichen) Versen abgefaßten, die heilige Kunst, ἱερὰ τέχνη, betreffenden Gedichte dieser Autoren, die ~Kopp~ frühestens in das 8., ~Berthelot~ in das 9. Jahrhundert versetzt[1215] und die sich in ~Idelers~ „Physici et medici graeci minores“ abgedruckt finden[1216], sind gänzlich verworren, inhaltsleer und voll von mystischen, dem ~Stephanos~ entlehnten oder nachgebildeten Deklamationen und Anrufungen, die z. B. an einer Stelle des ~Theophrastos~ gleich zwanzig aufeinanderfolgende Zeilen ausfüllen, deren jede mit einem O! beginnt[1217]. Über den Drachen dieses Autors, -- den man 20 Tage im Mist halten soll, bis er seinen Schwanz verschlingt, worauf man ihn schlachtet, seine Galle herausnimmt und mit ihr weißt und gilbt --, hat sich schon ~Borrichius~ in dem weiter oben erwähnten „Conspectus“ lustig gemacht[1218]. Das sonst Vorgetragene beschränkt sich auf die gewöhnlichen Redensarten von reinem Herzen, von der Gnade Gottes, von den Gebeten und Wohltaten „zur Abwendung des Neides“, vom Männlichen und Weiblichen, vom Weißen und Gilben des italischen Kupfers und Stimmis[1219], usf., und es ist daher ebenso erstaunlich wie bezeichnend, daß gerade diese flachen und abgeschmackten Gedichte seitens der Nachwelt andauernd hoch in Ehren gehalten und als besonders wertvoll angesehen wurden[1220].

h) Salmanas.

Nach einer nicht ganz einwandfreien Vermutung, die sich auf gewisse Angaben des byzantinischen Gelehrten ~Psellos~ (1020-1105) stützt, soll ~Salmanas~ im 9. oder 10. Jahrhundert gelebt und gewirkt haben; aus seiner vorgeblichen Schrift, die u. a. zuerst (?) das aus dem Persischen entlehnte Wort τάλκ oder τάλακ (Talk) zu enthalten scheint, läßt sich nicht klar ersehen, ob wirklich eine Abhandlung des ~Salmanas~ in Frage kommt oder nur ein Bericht über ihm zugeschriebene Verfahren[1221]. Diese sollen sich u. a. auf die Herstellung runder großer Perlen, anscheinend aus mehreren kleineren, beziehen, also auf einen Gegenstand, den (ebenso wie die Nachbildung von Edelsteinen) die griechischen Alchemisten nicht selten zu behandeln pflegten; zwar wird ~Salmanas~, -- man weiß nicht von wann an --, als „Araber“ bezeichnet, da aber die arabischen Quellen und Zusammenstellungen nirgends einen Alchemisten ~Salmanas~ erwähnen[1222], und die fragliche Schrift auch allein in griechischer Fassung bekannt ist, so spielt der Beinamen des „Arabers“ hier vermutlich nur eine ähnliche dekorative Rolle, wie in so manchen anderen Fällen der des „Persers“ oder „Inders“. Überdies ist dem Griechischen der Namen ~Salmoneus~ keineswegs fremd, es führt ihn u. a. schon ein Sohn des ~Aeolus~ und Bruder des ~Sisyphos~[1223].

i) Psellos.

~Psellos~ (Michael Constantinos), der 1018-1078 in Konstantinopel lebte, daselbst Lehrer der Theologie und Philosophie, vermutlich auch beamteter Priester war, und vielerlei schriftstellerische Arbeiten verfaßte, richtete u. a., auf eine Anfrage des Patriarchen ~Xiphilinos~ hin, an diesen einen Brief über die Goldmacherei (Chrysopoiía), in dem er sich als wohlvertraut mit der überlieferten Literatur zeigt, nirgends aber, wie man irrtümlicherweise behauptet hat, auf eigene alchemistische Tätigkeit anspielt[1224]. Dafür, daß die späteren Byzantiner solche ausübten, fehlen überhaupt noch entsprechende Nachweise, und die sehr dürftigen Notizen einiger Lexikographen (auf die weiter unten noch zurückzukommen sein wird) zeugen eher gegen, als für diese Behauptung. Der Brief des ~Psellos~, der für die Verbreitung alchemistischer Ideen im westlichen Europa zur Zeit der beginnenden Renaissance von Bedeutung war, führt die Herstellung des Goldes teils auf die Behandlung, des „ψάμμος χρυσίτης (goldfarbigen Sandes) der Ufer“ zurück, teils auf die Anwendung der von den Alten, namentlich von ~Demokritos~, beschriebenen Verfahren, an deren Vortrefflichkeit und Untrüglichkeit ~Psellos~ offenbar fest glaubt, deren Schilderung aber durch seine Darlegungen nicht an Deutlichkeit gewinnt; eine lateinische, ziemlich willkürliche und nicht ganz vollständige Übersetzung des Briefes veröffentlichte zuerst 1573 ~Pizzimenti~ als 5. Teil seines wiederholt erwähnten Werkes.

Eine Anzahl inhaltsarmer alchemistischer Verse, die früher Einige dem berühmten ~Johannes Damaskenos~ (700-754), Andere dem ~Psellos~ zuschrieben, gehört keinem dieser Autoren an, ist vielmehr vermutlich von ~Philippos Solitarios~ verfaßt, einem byzantinischen Mönche, der um das Jahr 1100 lebte[1225].

k) Nikephoros.

~Nikephoros~ identifizieren die Handschriften zumeist mit ~Nikephoros Blemmydes~, der im 13. Jahrhundert zu Konstantinopel eine geistliche Würde bekleidete (?)[1226]; da es aber nach ~Berthelot~ für jene Gleichsetzung an ausreichenden Gründen fehlen soll[1227], +kann+ er auch viel früher gelebt haben, und der Inhalt seiner nur unvollständig erhaltenen Schriften[1228] spricht nicht gegen eine solche Annahme. Sie erwähnen u. a. das Abwägen und das Zerkleinern der Substanzen, zu dem man μάρμαρον πορφύρεον gebraucht (wörtlich: marmornen Porphyr, d. i. Porphyrstein, -- auf ägyptischen Ursprung deutend)[1229], ferner die Magnesia, die auch „gebranntes Kupfer“ oder „Gelbes der Eier“ heißt[1230], endlich den „Stein der Weisen“ (λίθον τῶν σοφῶν), der aus den vier Elementen „Heiß, Kalt, Trocken, Feucht“ besteht[1231]; dieser „Stein, der kein Stein ist“, stellt das wahre Xerion vor, das ξήριον ὀξυπορφύρεον [das intensiv rote = goldfarbige], von dem schon die kleinste Menge, auf Silber projiziert, dieses in prächtiges Gold verwandelt[1232]. -- An mehreren Stellen wird die Destillation der vorgeschriebenen Substanzen verlangt und dabei angegeben, daß sich das Kondensat in einem Glasgefäße ansammeln soll wie bei der Destillation des Rosenwassers das ῥοδόσταγμα, d. i. das Rosenöl[1233]; die Gewinnung dieses Öles durch Destillation scheint in Persien spätestens bereits während des 9. Jahrhunderts in größerem Maßstabe üblich gewesen zu sein, und die Vorschriften des ~Nikephoros~ bieten daher unter allen Umständen hohes Interesse, namentlich auch für die Geschichte der Destillation und ihrer Ausführung.

9. Technische Abhandlungen und Vorschriften.

(8. Jahrhundert und später?)

Unter dem Titel „Technische Abhandlungen und Vorschriften“ hat ~Berthelot~ eine Zusammenstellung zahlreicher einzelner „industrieller Methoden“[1234] und „Atelier-Rezepte“[1235] veröffentlicht, die er den verschiedensten Stellen der von ihm herausgegebenen griechischen und byzantinischen Schriften entnahm und dadurch völlig ihrem ursprünglichen Zusammenhange entfremdete, -- dessen Wiederherstellung einen unverhältnismäßig großen und kaum gerechtfertigten Arbeitsaufwand erfordern würde. Die betreffenden Angaben erweisen sich nämlich fast stets als äußerst dunkel und schwerverständlich; ferner entstammen sie meist weit auseinander liegenden und nicht stets sicher feststellbaren Zeiten (etwa vom beginnenden 8. Jahrhundert an bis zum 13. oder gar 14.)[1236]; sodann erweisen sie sich, auch wo sichtlich Altes zugrunde liegt, durch byzantinische Einschiebungen und Zusätze entstellt[1237]; endlich sind sie zu einem großen Teile in jenem barbarischen Griechisch der späten und ganz späten Perioden abgefaßt, dessen hervorstechendes Kennzeichen die Benützung lateinischer und romanischer, persischer und arabischer Worte in gräzisierter Form ist.

Was +Gold+ und +Silber+ anbelangt, so wird deren Bearbeitung und Verarbeitung, die viele Handarbeit und viel Brennstoff in Anspruch nimmt[1238], ferner die Gewinnung dünner Blättchen, die Goldschlägerei, die Herstellung von Goldschrift und Goldbuchstaben[1239] u. dgl. in einer Art beschrieben, die den (allerdings auch +vor+ ~Berthelot~ von niemandem bezweifelten) Zusammenhang der betreffenden antiken und frühmittelalterlichen Verfahren deutlich hervortreten läßt[1240]. Neben dieser „Verarbeitung“ ist aber nicht selten auch von der „Anfertigung“ der Edelmetalle die Rede: Silber macht man z. B. nach einer aus dem Tempel des ~Helios~ [= ~Ptah~] stammenden Vorschrift des Königs ~Salomon~, die eine Anwendung östlichen (ἀνατολικόν) und westlichen (δυτικόν) Quecksilbers und eine Arbeitszeit von 40 Tagen voraussetzt[1241], Gold aber nach dem Verfahren des „Kaisers“ ~Justinianus~ unter Benützung einer Kerotakis und binnen 41 Tagen[1242]. Die Schwärzung vollzieht sich mittels eines Xerions, zu dessen Bereitung aus „Asche“ ~Isis~ und ~Zosimos~ Anleitung gaben, und über das ~Zosimos~ auch sagte: „es schwärzt, ohne selbst schwarz zu sein, aber nicht dauerhaft“[1243]; das Xerion (ξήριον) ist der trockene (ξηρόν, xerón) Teil des fixierenden Steines (λίθος σφίγγων)[1244], der die schließliche Umwandlung in Gold bewirkt, die durch Gegenwart etwas fertigen Goldes sehr gefördert wird. Daher bringt man auch ein wenig Gold an dem Ende des zur Mischung dienenden Rührstockes an[1245], -- ein Verfahren, das naheliegenden und frühzeitig erkannten, aber bis in die Neuzeit hinein immer wieder mit Erfolg benützten Kniffen alchemistischer Betrüger Tür und Tor geöffnet hat.

Gold „macht“ man auch durch „Färben“ des +Kupfers+ nach persischer Vorschrift mittels θουθία[1246]. -- Die Überlieferung einer persischen Vorschrift ist in +diesem+ Falle sicherlich begründet, denn θουθία = Tutía wird abgeleitet vom persischen Dûd = Rauch, und bezeichnet das beim Rösten zinkhaltiger Materialien durch eine Art Sublimation gewonnene Zinkoxyd, dessen Einwirkung auf Kupfer das +Messing+ ergibt; dafür, daß man diese goldglänzende und goldähnliche Legierung, die anfänglich wohl durch unmittelbares Verschmelzen von Kupfer oder kupferhaltigen Erzen mit zinkhaltigen dargestellt wurde, in Persien schon seit +sehr+ langer Zeit kannte, sprechen u. a. einige Angaben bei ~Aristoteles~.

+Oreichalkon+ (wörtlich = Bergerz), dessen ursprüngliche Beschaffenheit dahinsteht, gilt den Verfassern der in Rede stehenden Schriften ebenfalls bereits für +Messing+, denn zu Oreichalkon, gelb wie Gold, wird das Kupfer außer durch „Safran, Eigelb, Honig, Galle, κορκυμά (Kurkuma), .... und anderes Gelbes“ auch durch τουτία (Tutía), durch τάρταρος (Tártaros), der auch als spanische grüne (?) Tutia gekennzeichnet wird[1247], und durch κόπρος [Kópros, wörtlich Kot, hier Abfall, nämlich eines Erzes oder Metalles][1248]. -- Wie Kurkuma (der prächtig gelbe Farbstoff der Kurkuma-Wurzel) und Tutia, so weist auch Tartaros auf arabische Vermittlung hin, denn „Tartarum“, -- in dieser Form tritt das Wort im 11. Jahrhundert zuerst auf --, ist eine durch Volksetymologie entstandene Umbildung des arabischen (vom persischen Durd abgeleiteten) Dúrdijj, nach ~Tschirch~ „Durdijjun“, das, ebenso wie κόπρος, einen Abfall, einen Bodensatz bezeichnet, z. B. den Weinstein, faex vini, τρὺξ οἴνου, so daß die Gleichsetzung von „Bodensatz“ und „Unterwelt“ leicht begreiflich und naheliegend erscheint[1249].

Die altbekannte Legierung „aus einem Pfund cyprischen Kupferrostes und zwei Unzen Zinn“, d. i. +Bronze+, wird bei Schilderung der aus ihr herzustellenden Gußsachen unter dem Namen βροντήσιον (Brontésion) erwähnt[1250], der nach ~Berthelot~ hier, in einer etwa dem 11. Jahrhundert angehörigen Schrift, zum ersten Male in dieser Gestalt auftritt, soferne nicht schon dem wohl einer byzantinischen Quelle des 7. bis 10. Jahrhunderts entstammenden Zusatze „ἀπὸ βροτισίων“ (Brotisíon) zu einer Abhandlung des ~Zosimos~[1251] die nämliche Bedeutung „aus Bronze“ unterzulegen ist (Näheres s. weiter unten).

+Quecksilber+, das sich, wie bereits angeführt, als orientalisches und okzidentalisches unterschieden findet[1252], liefert bei der Vereinigung mit Schwefel Zinnober[1253], sowie bei einer besonderen (ganz unklar beschriebenen) Behandlung die „Sublimat“ genannte Substanz, die furchtbar giftig ist und sich allmählich schwärzt, wodurch sie dann unbrauchbar wird[1254].

+Eisen+ härtet man durch Abschrecken in Wasser oder Öl und versteht es auch zu „färben“, u. a. zu „indischem“ [sog. damasciertem?] Stahl[1255]; die Namen hierbei angewandter Zusätze werden mit den arabischen (?), wohl aus +einem+ persischen Ausdrucke entstellten Worten Elilag, Belilag und Amblag wiedergegeben, deren letzterer u. a. den Gerbstoff der Myrobalanen bezeichnen soll, vielleicht aber auch nur als Deckname dient[1256]. -- Auf einer der nicht seltenen Verwechslungen von Braunstein und Magneteisenstein dürfte die Angabe beruhen, daß „nach einer in Indien gemachten Entdeckung, die von den Indern zu den Persern und von diesen zu uns kam“, die weibliche Magnesia der Glasmacher (ὑελουργική) den Schwertern hervorragende und wunderbare Eigenschaften verleihe; bei dieser Bearbeitung sollen 4 Pfund Eisen 100 Pfund Kohlen (κάρβωνα, Kárbona) erfordern[1257]. -- Eisen zu vergolden ist man ebenfalls imstande und bedient sich hierzu eines (nicht weiter bezeichneten) τάρταρος (Tartaros)[1258].

+Glas+ stellt man in allen Farben dar, z. B. πράσινον (prásinon, grün), κίτρινον (kítrinon, gelb), κυάνεον (kyáneon, blau), ἄσπρον (áspron, weiß), usf.; zur Entfärbung (Reinigung) benützen die Glasmacher die μαγνησία τὼν ὑελίνων, μαγνησία ὑελουργική (Magnesia der Glasmacher, d. i. Braunstein, Mangansuperoxyd)[1259].

+Edelsteine+ „färbt“ man nach den Rezepten des „im Heiligtume des Tempels gefundenen Buches“, -- eine Angabe, die auf alte Überlieferung deutet oder deuten soll[1260]. Wie die Färbung der Metalle durch das Xerion unbedingt eine Vorbehandlung erfordert[1261] und wie das Färben der Gewebe, z. B. der purpurnen, mit +einer+ einzigen Lösung (die tränkt, färbt und fixiert) nur dann möglich ist, wenn vorher eine beizende Flüssigkeit entsprechend eingewirkt hat[1262], so verhält es sich auch bei den mineralischen Substanzen. Schon ~Demokritos~, ~Maria~ und ~Zosimos~ wußten, daß die Färbung bald nur durch +mehrere+ Zusätze zu den Lösungen (Schmelzen) geschieht, bald auch nur durch +eine+ Zugabe, je nach dem verlangten Erfolge: entweder braucht nämlich die Färbung bloß oberflächlich zu sein, dann kann sie zuweilen unmittelbar, zuweilen mittelbar d. h. unter Zuhilfenahme einer „Beize“, bewirkt werden; oder sie soll die ganze Masse durch und durch betreffen, dann muß erstens die Oberfläche erweicht, zweitens die färbende Substanz aufgebracht, und drittens die Farbe fixiert werden[1263]. Grundlage aller Färbungen, weil alle Farbstoffe in sich aufnehmend, ist +das+, was die Griechen κομάρις (Komáris) oder ἀφροσέληνον (Aphrosélenon) nennen, die Perser und Ägypter aber τάλακ, ταλάκ (Talk)[1264]; dies ist eigentlich Selenit, Marienglas, die klare und durchsichtige Varietät des Gipses, soll aber hier jedenfalls eine ebenso beschaffene und rein weiße Glasmasse bezeichnen, die Färbungen jeden Tones leicht und gut annimmt oder aufnimmt. Als Farbstoffe, die entweder der Glasmasse zugesetzt oder [durchscheinenden Lacken ähnlich] nur auf die fertigen Gläser aufgebracht werden, finden sich genannt: Kupferrost (ein Kupferoxyd), λαξούριον (Kupferlasur?), ἰσάτις (Isátis), ἄγχουσα (Anchusa), Drachenblut [rotes indisches Harz], indisches Schwarz (= ἰνδικόν?)[1265], ferner, nach ~Ostanes~, ~Agathodaimon~, ~Maria~ und ~Moses~ die Gallen des Ichneumons und Geiers, die man zunächst 40 Tage mit Kupferrost maceriert[1266], sowie Gallen, Schuppen und Knochen der im Meere lebenden Fische, Wale und Schildkröten[1267]. Da diese Seetiere des Nachts leuchten, so erhält man mittels ihrer Bestandteile auch jene kostbaren Edelsteine, denen die nämliche Eigenschaft des Leuchtens [Phosphorescierens?] im Dunkeln zukommt, z. B. den λυχνίτης (Lychnítes) und den λαμπηδών (Lampedón)[1268].

Wie alle alten Philosophen lehrten, sind die ὕδατα (die göttlichen Wässer) und πνεύματα (Pneumata) erfüllt von Kräften voll großartiger Wirksamkeit, mittels derer man nicht nur Edelmetalle gewinnen kann, sondern auch +Edelsteine+ und +Perlen+[1269]. Treffliche Vorschriften zur Darstellung von Perlen, namentlich zum Vereinigen mehrerer kleiner zu ganz großen, gab ~Salmanas~ der Araber[1270]; soll der Erfolg ein guter sein, so müssen die nötigen Präparate gewissen [schon dem ~Plinius~ und den Verfassern der sog. „Geopónika“ bekannten] ganz besonderen Reinigungen unterworfen werden, man verfüttert sie z. B. in feinverteiltem Zustande an Vögel und gewinnt sie, durch die Verdauung geläutert, aus deren Exkrementen wieder[1271].

+Seife+ stellt man durch Kochen von Fetten mit Lauge dar[1272]; die Lauge wird bereitet, indem man Asche in einer Reihe von vier Kübeln mit Wasser so auslaugt, daß die im Ersten gewonnene Lösung auf die frische Asche im Zweiten gegossen wird, usw., wodurch die Flüssigkeit den Letzten in stark angereichertem Zustande verläßt; manche verwenden mit Vorteil statt gewöhnlichen Wassers Kalkwasser, andere benützen auch noch Zusätze verschiedenster Art, mineralische, z. B. ἄσβεστον θειώδη, pflanzliche, ja sogar „Bocksblut“[1273]. -- Den ἄσβεστον θειώδη (ásbeston theióde) faßt ~Berthelot~ als Schwefelcalcium auf, doch wäre dessen Gebrauch und Wirkung schwer zu verstehen; vermutlich bedeutet das Beiwort θειώδη nicht „schweflig“ sondern „göttlich“, und es handelt sich um gebrannten Kalk, dessen Eigenschaften man sehr allgemein als höchst wunderbare und magische ansah; zu ihnen zählt u. a. seine äußerst merkwürdige Fähigkeit, „dem mit Kalk und anderen Zusätzen behandelten Leinen“ Unverbrennlichkeit zu verleihen[1274].

Sehr unklar und verworren sind einige Mitteilungen über das Brauen von +Bier+ aus Gerste; das hierbei vorgeschriebene ὕδωρ γλυκύ ist indes nicht „eau sucrée“, wie ~Berthelot~ glaubt, sondern einfach „süßes Wasser“ im Gegensatze zu Meerwasser oder dgl.[1275].

Einige Stellen, die neben dem „gewöhnlichen schärfsten Essig“, ὄξος δριμύτατον κοινόν[1276], auch der +Mineralsäuren+ Erwähnung tun, gehören jedenfalls zu den Einschiebungen aus spätester Zeit, da diese Säuren nicht, wie man früher annahm, arabische Entdeckungen des 8. oder 9. Jahrhunderts sind, vielmehr nachweislich zuerst im Abendlande und zwar im Laufe des 13. Jahrhunderts bekannt wurden, also auch nur von dort aus, und nicht vor etwa 1300, nach dem Osten gelangt sein können[1277]: demgemäß[1278] wird durch Destillation von σαλονίτριον (sal nitrum, Salpeter) mit Alaun oder Vitriol (χάλκανθος), von σαλονίτριον mit βιτριόλον ῥωμάνον [vitriolum romanum, römischer Vitriol, in Wirklichkeit römischer Alaun], sowie von σαλονίτριον mit diesen Stoffen und mit Salmiak jenes göttliche Wasser (θεῖον ὕδωρ) bereitet, das als Kondensat den Helm [τὸ καπούτζιν = die Kapuze, ital. capuccio] verläßt, um sich im Ambix anzusammeln, und ὕδωρ ἰσχυρόν [= aqua fortis, scharfes Wasser, d. i. Salpetersäure bzw. Königswasser] genannt wird (λέγεται); man benützt es zum Ausziehen und Abscheiden des Goldes aus seinen Legierungen [daher „Scheidewasser“], und wenn man es mit Silber oder Quecksilber in einem Kolben (ἐν βικίῳ) auf dem Aschenbade (ἐν θερμοσποδίᾳ) erhitzt und dann eindampft, so erhält man λευκὸν κρύσταλλον, „weiße Krystalle“[1279], [nämlich Silber- oder Quecksilber-Nitrat]. Auch aus dem Schwefel, der beim Erhitzen zunächst weich wird und in diesem Zustande zum Abdrücken von Münzen u. dgl. dient[1280], macht man ὄξος θεῖον, den Essig [= die Säure] des Schwefels[1281], [d. i. Schwefelsäure].

Das oft 5 bis 6 Stunden dauernde Erhitzen der mit verschiedenen Stoffen gefüllten und nach Bedarf mit dem Helm (καπούτζις) verbundenen Gefäße (ἄμβιξ, Ambix) geschieht entweder durch Einsetzen in kochendes Wasser (ὑγρά κάμινος, wörtlich = Wasser-Kamin)[1282], oder im Sand- und Aschenbade (ἐν θερμοσποδίᾳ)[1283], oder endlich, je nach dem erforderlichen Hitzegrade, im Dauerbrandofen (αὐτοματάριον Automatárion)[1284], im Backofen (ἐν φούρνῳ ἀρτοποιοῦ = im Ofen des Bäckers; ἐν φουρνελλίῳ, im Bäckerofen)[1285], und im Ofen der Glasmacher[1286]. Bei der Herstellung der Mineralsäuren ist ein besonders haltbarer Kitt erforderlich, den man aus reinem gebranntem Kalk (ἄνθος ἀσβέστης = Blüte des Kalkes), Käsestoff [d. i. Casein], Haut- oder Knochen-Leim, dicker Hefe oder Eiweiß zurechtmischt[1287]. -- Zum Sammeln und Aufbewahren von Präparaten gebraucht man βυσσία ὑάλινα, Büchsen aus Glas[1288]; Lösungen klärt man durch Filtrieren über Werg[1289]; gleichmäßig feine Pulver gewinnt man durch Sieben mittels πανίῳ μεταξωτῷ[1290], Stoff aus Métaxa = Seidenzeug[1291]. Als Gewichtsmaß, z. B. beim Abwägen von Silber, wird γράμμα (Gramma, Gramm) erwähnt[1292], als Zeitmaß die Länge des Vaterunsers, ἕως ὥραν πάτερ ἡμών[1293]; ~Berthelot~ faßte diese Worte in der Bedeutung auf „bis zur Stunde des Vaterunser-Betens“, doch ergeben sie erstens in dieser keinen rechten sachlichen Sinn, und zweitens ist es eine ganz allgemeine Erscheinung, daß die alten, bei kultischen und Zauber-Handlungen als Zeitbestimmung dienenden Sprüche (z. B. die λόγοι der Zauberpapyri) später als unerlaubte ketzerische angesehen und daher durch erlaubte orthodoxe ersetzt werden[1294], oder daß, wie ~Bouché-Leclercq~ es ausdrückt, Religionen, die sich in der Richtung von Bildung und Moral umgestalten, an Stelle magischer Formeln fromme Gebete treten lassen[1295].

Aus der Reihe der ungewöhnlichen oder aus fremden Sprachen übernommenen und umgebildeten Worte seien die nachstehenden als besonders bemerkenswert hervorgehoben:

ἀέρα = aes (Gen. aeris) = Bronze[1296].

ἀλκίμη, ἄλκιμον = Schmelze, Geschmolzenes[1297].

ἄνθος ασβέστης = Blüte des Kalkes, Ätzkalk[1298].

αντεμόνιον = Antimon[1299], angeblich erschmolzen aus Schwefel und μαρκαζήτα[1300] = Markasit; Markasit und Magnesia bezeichnen nicht selten das Schwefelantimon oder Stimmi[1301].

ἀρτζέντο = argentum = Silber[1302].

ἀσήμη = Silber[1303], (als „non signatum“, ungestempeltes?).

βαμβάκη = Bombyx = Baumwolle[1304].

βερδεράμη = ver d’arain [vom spätlateinischen aeramen] = Grünspan[1305].

βερονίκη = vernix = Firnis[1306]; hat nichts gemein mit dem Eigennamen Beronika, Veronika, denn dieser ist identisch mit Pheronike oder Nikophora = die Siegbringende].

βιτρίολον ῥωμάνον = vitriolum romanum = römischer Vitriol; in Wirklichkeit römischer Alaun[1307].

βοράχη, βόραχον = Alkali, später = Borax[1308].

γλυκόριζον = Süßholz[1309].

διάργυρος = Quecksilber[1310].

καπούτζις = Kapuze (ital. capuccio) = Helm, Deckel[1311].

κόρκομα, κούρκουμα = Kurkuma (gelber Farbstoff)[1312].

λαζούριον = Lasur (Kupferlasur? pers. laǰwerd, laǧwerd)[1313].

λεμόνη = Lemone, Citrone[1314].

λουμπάρδις = Metall der „Lombarden“ = Bronze[1315]; [„Lombarden“ heißen schon gewisse größere Wurfgeschütze aus älterer Zeit].

μανδίλιον = ein Stück Tuch[1316], [= Mantille].

μαρκαζήτα = Markasit[1317].

μάρμαρον ῥωμάνον = römischer Marmor; ἐπὶ μάρμαρον πορφυροῦν = auf Marmor feinreiben[1318] [franz. porphyriser].

μβουράζω = Borax[1319], s. oben.

μέταξα = Seide[1320].

μόλυβδος ἔγχαλκος = kupferhaltiges Blei[1321]), [Legierung].

μόλυβδος δελματήσιος = Blei aus Dalmatien (?); ähnlich σαβυήσιος aus Illyrien (?) und σαρδιανός aus Sardinien[1322].

μονοβασία, ein griechischer Wein = Malvasier[1323].

νατήφ der Araber, eine rote Farbe, auch „Rot der Palmen“, [wie φοίνιξ = Palme, Rot, rotes Schwefelantimon usf.][1324].

νεράντζη, νεράντζιον (persisch) = Orange[1325].

σάλγεμα = sal gemmae = Steinsalz[1326].

σαλονίτριον = sal nitrum = Salpeter[1327], [ital. salonitro].

σαπώνιον, σαπουνίον, σαπόνη, σάπωνον = Alkali, später Seife[1328]; daher σαπονίζειν = reinigen, abseifen.

σηπίας ὄστεον = Sepia-Knochen[1329].

σουλίμα = sublimatum = Sublimat[1330].

τάρταρος = Tartarus[1331], (ein Abfall, Bodensatz).

τζαπαρικόν = Alkali, später Salmiak[1332], [verwandt mit σάπωνον?]

τουτία, θουθία = Tutia[1333] [Zinkoxyd u. dgl.].

φλουρία βενέτικα = florinus veneticus = venetianischer Gulden = Dukaten[1334].

φοῦρνος, φουρνέλλιος = furnus, Bäckerofen[1335] (franz. fournil).

Zweiter Abschnitt.

Die Quellen der alchemistischen Lehren.

I. Die griechische Philosophie.

+Chronologische Übersicht der wichtigsten besprochenen Philosophen+[1336].

~Thales~ (lehrte) um 600

~Anaximander~ 611-545

~Anaximenes~ 585-525

~Pythagoras~ 570-490

~Xenophanes~ 570-470

~Alkmaion~ (lehrte) um 500

~Leukippos~ (lehrte) um 500

~*Anaxagoras~ 500-428

~Heraklit~ (lehrte) um 490

~*Empedokles~ 490-430

~Zenon von Elea~ 490-430

~Parmenides~ (lehrte) um 480

~*Demokritos~ 460-360

~Melissos~ (lehrte) um 440

~Platon~ 427-347

~Philolaos~ (lehrte) um 400

~Diogenes von Apollonia~ (lehrte) um 400

~Aristoteles~ 384-322

~Theophrastos~ 372-287

~*Zenon von Kition~ 342-270

~Xenokrates~ (lehrte) um 339

~*Kleanthes~ 331-251

~Straton~ (lehrte seit) 286

~Chrysippos~ 280-205

~Panaitios~ 180-110

~Aristobulos~ (schrieb) um 150

~Poseidonios~ 135-51

~*Philon~ 30 v.-50 n. Chr.

~Seneca~ (gest.) 65

~*Epiktetos~ (gest.) 115

~Marc Aurel~ 121-180

~Numenios~ (schrieb) um 150

~Ammonios Sakkas~ (lehrte) um 200

~*Plotinos~ 204-270

~*Porphyrios~ 272-304

~*Iamblichos~ (gest.) 330

~Proklos~ 410-485

~Nestorios~ (lehrte) um 500

~Simplikios~ (lehrte) um 500

~Olympiodoros der Jüngere~ (lehrte) um 600

1. Die Vorsokratiker.

Die Gelehrten, die sich mit den griechischen alchemistischen Schriften nach deren Wiederauftauchen seit Ende des 15. Jahrhunderts zuerst beschäftigten, machten bereits die Bemerkung, daß ihr Inhalt in vieler Hinsicht durch gewisse Lehren beeinflußt sei, die sichtlich der griechischen Philosophie entstammten; da man aber über diese selbst und ihre Chronologie noch völlig im unklaren war, und erst die Arbeit einiger Jahrhunderte dahin führte, auf solchem Gebiete auch nur die Haupt-Richtlinien in annähernd zutreffender Weise zu ermitteln, so darf es nicht wundernehmen, daß noch lange Zeit hindurch auch sonst bedächtige und ernste Schriftsteller an Hand völlig haltloser Voraussetzungen die abenteuerlichsten und verkehrtesten Schlüsse zogen; diese blieben dann in der wissenschaftlichen Welt zum Teil bis gegen Mitte des 19. Jahrhunderts hin in einer Geltung, der die Ausführungen einzelner aufgeklärter Köpfe nur geringen Eintrag taten. Richtige und in allem Wesentlichen sachgemäße Einsicht erschloß zuerst 1856 eine Abhandlung „Keime der Alchemie bei den Alten“ von ~Prantl~, dem hervorragenden, um die Geschichte der Geisteswissenschaften und um Herausgabe und Verständnis der aristotelischen Werke gleich hochverdienten Forscher; da sie aber nur in der von vielen als „höheres Unterhaltungsblatt“ angesehenen „Deutschen Vierteljahrsschrift“ erschien[1337], und zwar ohne Namen des Verfassers, der ihrer auch später bloß an einer ziemlich versteckten Stelle seiner ~Aristoteles~-Ausgabe Erwähnung tat[1338], blieb sie leider völlig unbeachtet und den Historikern der Chemie, z. B. ~Kopp~, unbekannt.

Hat nun auch ~Prantl~ alles Hauptsächliche im rechten Lichte gesehen, so ist doch einerseits seit 1856 ein ungeheurer Zuwachs an Kenntnissen zu verzeichnen, andererseits aber bleibt auch eine eingehendere Darstellung wünschenswert, als sie seine für eine Zeitschrift bestimmte Skizze zu bieten vermochte. Im nachstehenden soll daher der Versuch unternommen werden, Auftauchen und Entwicklung derjenigen philosophischen Grundbegriffe und Lehren zu schildern, die maßgebende Wichtigkeit für die Entstehung +alchemistischer+ Anschauungen erlangten. Diese Fassung der Aufgabe macht ersichtlich, daß es sich nur um die zweckentsprechend eingeschränkte +Auswahl+ aus der unermeßlichen Fülle eines Stoffes handeln kann, den in seiner Gesamtheit und allen seinen Verzweigungen nach selbst der Fachmann auf philosophie-geschichtlichem Gebiete längst nicht mehr gleich vollständig zu übersehen und zu beherrschen vermag; über die Anschauungen vieler Forscher, ja ganzer Schulen, die an sich, also ihren Gesamtleistungen und ihrer historischen Rolle nach, von hoher Bedeutung sind, wird daher bald nur Weniges zu berichten, bald ganz hinwegzugehen sein, soferne sie nicht auch auf jenem Sondergebiete bestimmbare Spuren hinterliessen.

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Schon zur Blütezeit Griechenlands, insbesondere aber während der hellenistischen Ära, gaben sich die ägyptischen Priester mit großer Kühnheit als Stammväter wie der griechischen Religion, Poesie und Gesetzgebung, so auch der griechischen Philosophie aus und versicherten, Namen und Lehren der bei ihnen in die Schule gegangenen „Weisen“ in ihren uralten „heiligen Schriften“ und auf den Stelen (ἐν στήλαις) ihrer Tempel verzeichnet zu besitzen; bei den griechischen Zeitgenossen fanden sie mit +dieser+ Behauptung ebenso Glauben[1339], wie etwa mit +der+, auf solchen Säulen lese man die Erzählung von jenen mythischen, in fernster Urzeit ausgefochtenen Kämpfen zwischen den Bewohnern Attikas und der Atlantis, über die ~Platon~ im Dialoge „Kritias“ berichtet[1340], oder auch die vom wahren Hergange des trojanischen Krieges[1341]. Einfluß und Stellung der Priester Ägyptens, woselbst, wie im ganzen Orient, Kult und Hierarchie in engster, dem griechischen Geiste völlig fernliegender Weise verflochten waren[1342], ließen es den fremden Zuhörern offenbar als berechtigt erscheinen, diesen Männern unermeßliche Gelehrsamkeit und geheime Weisheit zuzutrauen, deren Bedeutung man desto höher einschätzen durfte, je weniger man in der Lage war, sie eingehender kennen zu lernen. Richtig sprach indessen bereits ~Platon~ im Dialoge „Vom Staate“ (Republik) aus, die Griechen beseele der Sinn für die reine Wissenschaft, die Ägypter und Orientalen aber das Verlangen nach Erwerb[1343]; auch bestätigen die Ergebnisse der neueren Forschung, daß tatsächlich weder Ägypter noch Phönizier, Babylonier, Perser usf. jemals die Wahrheit nur um ihrer selbst willen suchten, d. h. ohne jede Rücksicht auf ihren Nutzen oder auf ihren Zusammenhang mit bestimmten Zwecken, z. B. mit religiösen. Der westliche Orient besaß also Geheimnisse rein wissenschaftlichen und vor allem rein philosophischen Charakters selbst nicht, war daher auch nicht in der Lage, sie den Griechen mitzuteilen; wohl aber entwickelte sich die griechische Philosophie nicht unabhängig von den an ihrem Entstehungsorte, der kleinasiatischen Küste, so mächtigen orientalischen Einflüssen, z. B. von jenen der ägyptischen „Geometrie“, d. i. der rein praktischen Zielen dienenden Landvermessungs-Kunst, der babylonischen Sternkunde, die, wesentlich astrologischen Inhaltes, u. a. die regelmäßige Wiederkehr der himmlischen Erscheinungen in Cyclen (Kreisläufen) und die Parallelität der himmlischen und irdischen Ereignisse (des Makro- und Mikro-Kosmos) lehrte, sowie endlich gewisser religiöser Vorstellungen babylonischer und iranischer Herkunft. An genauerer Kenntnis dieser aller fehlte es aber ursprünglich noch durchaus[1344].

a) Die jonischen Philosophen: Thales, Anaximander, Anaximenes; Heraklit.

Die jonischen Philosophen, deren Tätigkeit um etwa 600 v. Chr. einsetzt, waren es, die zuerst den Gedanken erfaßten, Kern der bis dahin allein betrachteten Welt des Wandelbaren und Flüchtigen sei ein nur in Erscheinung und Gestalt Wechselndes, seinem eigentlichen Wesen nach aber Beharrendes und Dauerndes, ein einheitliches Prinzip, das sie als „göttliches“, als „Gottheit“ (jedoch nicht im religiösen Sinne des Wortes) bezeichneten und φύσις (Physis) = Urstoff nannten[1345]. Aus dieser Ursubstanz, der Einen (ἐξ ἑνός) und Einheitlichen, in späteren Zeiten auch ἀρχή (Arché = Urprinzip; +nicht+ = Uranfang in +zeitlicher+ Hinsicht) oder οὐσία (Usía = Urmaterie) Geheißenen, die allem Bestehenden zugrunde liegt (ὑποκείμενον), gehen zunächst die vier Elemente hervor, die ebenso dauernd sind oder doch sein können wie der Kosmos selbst, und weiterhin die Einzelstoffe, die sich fortwährend aus den vier Elementen bilden, aber auch wieder in sie zerfallen[1346]; der +Name+ „Element“ (στοιχεῖον, Stoicheíon) taucht allerdings, wie hier ein für allemal bemerkt sei, erst bei ~Platon~ auf (und zwar als nicht mehr ganz neuer)[1347], vorausgesetzt finden sich aber die Elemente, alter Volksauffassung gemäß, bereits bei ~Homer~[1348].

Bei der Bildung oder Auflösung der Elemente handelt es sich also nicht um ein Entstehen oder Vergehen, vielmehr erleidet der Urstoff eine bloße μεταβολή (Metabolé = Umänderung)[1349], und zwar nur eine qualitative αλλοίωσις (Alloíosis = Artverwandlung)[1350], hervorgerufen durch mehr oder minder weitgehende Verdünnung oder Verdichtung unter dem Einflusse von Wärme oder Kälte[1351], deren Fähigkeit zu derlei umformenden und umgestaltenden Wirkungen dogmatisch feststeht[1352]. Demgemäß sind die Elemente potentiell (= der Möglichkeit nach) jedes in jedem enthalten und können wechselseitig ineinander übergehen[1353], nach Regeln, die sich aus ihrem festen Sitze und „natürlichem Orte“ im Weltall ergeben, -- die Erde zu unterst, über ihr das Wasser, hierauf die Luft, zu oberst das Feuer --, und denen zufolge jedes sich am leichtesten in die ihm benachbarten zu verwandeln vermag[1354], z. B. Luft in Feuer durch Verdünnung, dagegen in Wasser und sodann in Erde durch Verdichtung[1355]. In diesem Sinne läßt sich der ganze Kosmos als Ergebnis einer, wenn auch nur allmählichen und stufenweisen, so doch einheitlichen Entwicklung des „einzigen“ und „göttlichen“ Ursubstrates betrachten[1356].

Was den Anteil der einzelnen Philosophen[1357] an der Gestaltung dieser Lehren betrifft, so ist er in vielen Punkten kaum mit wirklich ausreichender Sicherheit zu ermitteln, teils weil die nur in Bruchstücken vorliegenden Überlieferungen durch zahlreiche spätere Einschiebsel und Fälschungen entstellt sind[1358], teils weil die Deutungen, auch die der ersten Fachmänner, oft weit auseinandergehen.

Von ~Thales~ von Milet, dessen Blütezeit gegen oder um 600 v. Chr. fallen dürfte, wird berichtet, er habe als erster eines der Elemente selbst, und zwar das Wasser, für den Urstoff (φύσις, Physis) erklärt, die übrigen aber als aus dem Wasser hervorgegangen angesehen[1359]; daß hierbei die Kenntnis, sei es des babylonischen Mythus vom „Urwasser“, sei es einer analogen Tradition mit im Spiele gewesen sei, ist vorerst unbewiesen, erscheint jedoch nicht unmöglich, falls, nach ~Kugler~[1360], ~Thales~ auch astronomische Zahlen-Angaben, Symbole und Spekulationen unzweifelhaft babylonischer Herkunft übernahm. Daß sein wenig jüngerer Landsmann ~Anaximander~ (611-545)[1361] die Stelle des Wassers der Luft zugewiesen habe, trifft nicht zu, denn das πνεῦμα (Pneuma = Luft, Lufthauch, Wind) spielt zwar bei ihm eine wichtige Rolle und bewirkt u. a. die Bewegung der „göttlichen“ Sterne[1362], doch als wesensgleich mit der Physis sieht er es ebensowenig an, wie eines der anderen Elemente[1363]. Erst dem ~Anaximenes~ von Milet (585-525)[1364] gilt als Urstoff die Luft, das πνεῦμα = Atem, Hauch, Wind[1365]; zu unserem Körper verhält sich der kleine Anteil der Luft, der ihn als „Seele“ genannter Lebensodem zusammenhält und regiert, genau so, wie die gesamte Menge der Luft zum ganzen Weltall, die sie als „Pneuma“ geheißener Windhauch durchdringt und beherrscht[1366]; anschaulicher Gegenstand der Vergleichung ist hierbei nach ~Goebel~ der Wechsel von Verdichtung und Verdünnung, Erwärmung und Abkühlung, der auch den Vorgang des Atmens begleitet[1367].

~Heraklit~ von Ephesos endlich, der seine tiefsinnigen und für die gesamte Folgezeit außerordentlich bedeutsamen Schriften um 490 v. Chr. verfaßte[1368], betrachtete als φύσις das Feuer[1369], vielleicht im Anschlusse an iranische religiöse Vorstellungen[1370]; es ist ihm der göttliche Urstoff (ὁ θεός = die Gottheit), der sich zu Allem zu wandeln vermag (ἀλλοιοῦται)[1371], zu Luft, die eine Form des Wassers ist[1372], zu Wasser, aber auch zu Erde, wobei er in unaufhörlichem Kreislaufe seine Natur verändert, dementsprechend aber auch seinen Ort: absteigend auf dem ὁδὸς κάτω (Hodós káto = Weg nach unten) über Luft und Wasser herab zur Erde, und wieder aufsteigend auf dem ὁδὸς ἄνω (Hodós áno = Weg nach oben) über Wasser und Luft empor zum Feuer[1373]. Diese Wandlungen erfolgen stets gleichzeitig und im Verbande, so daß die Einheitlichkeit gewahrt bleibt: was sich unter den äußerlich verschiedensten Formen zeigt, ist im Grunde stets ein- und dasselbe, Eines ist Alles und Alles ist Eines (ἕν πάντα εἶναι; ἕν τὸ πᾶν, Hen to pan)[1374], und selbst die scheinbar größten „Gegensätze“, wie Wärme und Kälte, Trockenheit und Feuchte[1375], läßt die Natur sich suchen und gleicht sie durch Vereinigung wieder aus, so wie sie das Männliche mit dem Weiblichen (ἄρρεν καὶ θῆλυ, Arren kai Thély) zusammenführt und verbindet[1376]. Das Feuer ist aber nicht nur die materielle Grundlage des Universums, sondern als Welt-Feuer auch der Träger der Werde-Kraft und -Tätigkeit[1377], die den Kosmos erwärmende, bewegende und belebende Weltseele[1378], das Prinzip der ewigen Entwicklung, in deren Verlauf alles entsteht und wieder vergeht, und die Weltvernunft oder λόγος (Logos)[1379]. „Den Proteus Logos in irgendeiner anderen Sprache zu fassen, ist ganz vergebliche Mühe“, sagt mit Recht ~Diels~[1380], und ~Goebel~, der eine ganze Reihe von Erklärungen für Logos anführt, stimmt ihm bei[1381]; nach ~Burnet~ bedeutet der (zuerst bei ~Heraklit~ vorkommende) Ausdruck ursprünglich entweder nur die „Rede“, das „Wort“ des ~Heraklit~ selbst, oder auch „Maß“ und „Messung“[1382], und erst weiterhin erhält er den Sinn von Vernunft-Maß, Vernunft-Gesetz[1383], weltbeherrschender Vernunft[1384], Gesetzmäßigkeit alles Geschehens, Einheitlichkeit und Harmonie des Weltganzen[1385] usf., der aber bei ~Heraklit~ selbst noch nirgendwo derart hervortritt wie in den Schriften späterer Schulen[1386].

b) Pythagoras: die Pythagoräer (Alkmaion, Philolaos); die Orphik.

~Pythagoras~ von Samos (etwa 570-490), der sich zuerst φιλόσοφος (Philosoph; nicht = Weiser, sondern = Freund, Sucher der Weisheit) genannt haben soll[1387], scheint in erster Linie durch die Macht seiner Persönlichkeit und seiner Lebens-Auffassung und -Führung gewirkt zu haben[1388], doch wissen schon ~Platon~ und ~Aristoteles~ nur äußerst Dürftiges von ihm und seinen Lehren[1389], gar nichts aber von jener „geheimen Weisheit“, die ihm (mehrere Jahrhunderte später) die Schule der „Neupythagoräer“ zuschrieb[1390]. +Nicht+ auf ~Pythagoras~ zurückzuführen sind u. a.: die sog. Zahlenmystik, die erst nach 470 nachweisbar wird[1391]; die „Harmonie der Sphären“, da zu seiner Zeit „Sphären“ noch unbekannt waren, und ἁρμονία (Harmonía) damals nicht Harmonie bedeutete, sondern das Gleichgewicht entgegengesetzter Spannungen[1392]; die Entdeckung der Identität von Morgen- und Abendstern, Eosphoros und Hesperos, da diese zu den Voraussetzungen der Siebenzahl der Planeten gehört und den Griechen wohl zusammen mit dieser aus dem Oriente zukam[1393]; die Parallele zwischen den sieben Planeten und den sieben Saiten der Lyra (Heptachord), die, wie noch viele andere „pythagoräische“ Theorien, in Wirklichkeit erst der pythagoräischen Schule des 5. Jahrhunderts zugehört[1394]. Nur +eine+ Lehre brachten schon die dem ~Pythagoras~ unmittelbar folgenden Geschlechter mit seinem Namen in Verbindung, die von der Unsterblichkeit und Seelenwanderung[1395], παλιγγενεσία (Palingenesía); ihre oder ihrer wesentlichen Grundlagen Quelle suchten einige neuere Forscher in Indien[1396], andere (wie vormals schon ~Herodot~) in Ägypten[1397], während sie tatsächlich wohl aus alten volkstümlichen Vorstellungen fließt[1398], die in der „Orphik“ spätestens im Laufe des 6. Jahrhunderts zu neuer und erhöhter Bedeutung gelangt waren[1399].

Die „Orphik“[1400], das Erzeugnis eines von Grund aus religiösen und nach neuer religiöser Entwicklung strebenden Zeitalters, entstand zweifellos im 7. Jahrhundert in Thrazien und wurzelt in dem dort heimischen ~Dionysos~-Kultus, erreichte aber ihre eigentliche Blüte erst in Attika zur Zeit der ~Peisistratiden~ (von 560 an) und wurde im 6. Jahrhundert aus Kleinasien, wo sie gleichfalls weitverbreitet war, durch griechische, den vordringenden Persern weichende Auswanderer, mit großem Erfolge auch nach Kreta, Sizilien und Süditalien verpflanzt[1401]. Die Orphiker bildeten Kultvereinigungen zur Pflege gewisser Geheimlehren, Gemeinschaften, in die man durch „Einweihung“ aufgenommen wurde; sie glaubten an eine geoffenbarte Theologie, niedergelegt in den angeblich „uralten“ (vorhomerischen und -hesiodischen) Dichtungen des Thrakiers ~Orpheus~, des gottbegnadeten Sehers und Stifters ihrer Mysterien[1402], seines Schülers ~Musaios~ und seines Landsmannes ~Eumolpos~, des Begründers der (tatsächlich ältesten) Geheimdienste zu Eleusis. Wesentlich waren diesen, einer ganzen Epoche zuzuschreibenden Pseudepigraphen, -- und zwar nicht als Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchung, sondern als rein dogmatische Voraussetzungen, -- die Lehren von einer Reinigung, Entsühnung und Erlösung[1403], von einer Befreiung der unsterblichen Seele aus dem Kreislaufe der Wiedergeburt und Seelenwanderung, sowie von einer Vergeltung durch Lohn oder Strafe im Jenseits[1404]. Schon frühzeitig erfuhr die Orphik, infolge ihres Bestrebens, die den alten +eigenen+ Göttern verloren gegangene Autorität bei +fremden+ zu suchen, weitgehende Einflüsse seitens kleinasiatischer Kulte, z. B. der Schlangenverehrung des phrygischen ~Sabazios~ (die dem Dienste des thrakischen ~Dionysos~ ganz fremd war)[1405], sowie orientalischer, vor allem babylonischer und iranischer Mythen[1406]; letzteren scheinen sich namentlich gewisse, in dunkler und vieldeutiger Sprache dargelegte Vorschriften angepaßt zu haben, betreffend die Erlangung kultischer Würdigkeit durch Reinigung, Fasten und Bußen, sodann die Verehrung und Beschwörung höherer Wesen durch Gebete, Lieder, Sprüche und Formeln, ferner den Empfang von Offenbarungen durch abergläubische Verkündigungen, Vorzeichen und Wunder usf., hauptsächlich aber auch die Ideen über Kosmogonie und Theogonie (Entstehung von Welt und Göttern). Soweit die lückenhafte und sehr schwankende Überlieferung zu urteilen gestattet, gehört zu deren alten Zügen u. a. die Annahme, daß aus einem, meist als Nacht, Dunkel, Chaos, .... bezeichneten Urzustande zuerst ~Chronos~, hierauf ~Aither~ (Äther = Himmel?) und Unterwelt, sodann (durch ~Chronos~?) das „silberglänzende“ Weltei hervorgeht, und aus diesem schließlich der goldgeflügelte Lichtgott ~Phanes~ (Eros) der „Erstgeborene“; er wird androgyn (mannweiblich; δισώματος = zweikörperlich) gedacht, angeblich weil er, als Symbol der noch einheitlichen Welt, den Samen (σπέρμα, Sperma) aller Götter, Einzelwesen und Einzeldinge in sich enthält, die später aus ihm zur Entwicklung gelangen oder emanieren[1407]. Mit ~Phanes~ wird ~Dionysos~ identifiziert, weiterhin auch dessen Vater ~Zeus~ selbst[1408], und zu seinen Gunsten wird auch Χρόνος (~Chronos~ = Zeit), den man anscheinend schon frühzeitig mit Κρόνος (~Kronos~, dem Gotte der heißen Jahres- und Erntezeit, wie ~Saturn~)[1409] zusammenwarf[1410], in eine jüngere Epoche herabgesetzt[1411], während er als uranfängliches Weltprinzip die +absolute+ Zeit darstellte, im Gegensatze zu Αἴων (~Aeon~), der die +relative+ Zeit (die Zeitalter) vertritt und noch bei ~Euripides~ Χρόνου παῖς = Sohn des ~Chronos~ heißt[1412]. Wie nun ~Eisler~ erinnert[1413], kennt der iranische Mythus einen obersten Himmelsgott ~Zervan~, der als Zwitter das Weltenei erzeugte, aus dem die Götter ~Mithras~ und ~Angra-Mainya~[1414] hervorgehen, und der Wasser, Wind und Feuer schuf; die Parallelen sind nach dieser und anderen Richtungen hin überraschend, namentlich scheint dem iranischen ~Zervan~ der griechische ~Chronos~ nachgebildet zu sein, der gleichfalls aus seinem Samen Wasser (als das πρῶτον = das Erste, Ursprüngliche), Wind (Luft) und Feuer geschaffen haben soll. Vermittler solcher den orientalischen Ursprung noch verratender Überlieferungen, die uns freilich nur in dürftigen Resten aus später Zeit vorliegen[1415], ist hauptsächlich ~Pherekydes~ aus Syros, den einige als Lehrer des ~Pythagoras~ ansprechen, während er nach anderen erst um 450 geblüht haben soll[1416]; eine Hauptrolle spielen, wie bei ihm, so auch bei seinen angeblichen Zeitgenossen ~Epimenides~ und ~Akusilaos~, das Chaos, Chronos, das Weltenei, ~Zeus~ und ~Eros~, Erde und Unterwelt, Himmel und Äther. Die orphische Gleichsetzung von Äther mit Weltseele gehört allerdings, wie der letztere Begriff selbst, erst einer weitaus späteren Periode an[1417]; für eine schon in alter Zeit erfolgte Entlehnung und für iranische Herkunft des etymologisch schwierigen Wortes αἰθήρ (Aithér, Äther) spricht aber die bisher anscheinend nicht genügend gewürdigte Tatsache, daß „Feuer“ im Persischen „Atar“ heißt, und ~Atar~ als Sohn des ~Ahura-Mazdah~, des „weisen Herrn“ des Lichtreiches gilt[1418]; die Identifizierung des höchsten Himmelsgottes mit Feuer und Äther, so z. B. auch bei ~Pherekydes~ Ζάς (~Zeus~) = Αἰθήρ[1419], erscheint hiernach in neuem Lichte, und wenn eine der Helios-Töchter, die, der Sage nach, zum Baume verwandelt Tränen feuerfarbigen Bernsteines vergießt, ~Aitherie~ heißt[1420], so durchschimmert diesen Namen vielleicht noch ein Rest der alten Bedeutung.

Sehr möglich ist eine Beeinflussung schon der jonischen Philosophie oder doch einzelner ihrer Vertreter (s. oben bei ~Heraklit~) seitens der Orphik und ihrer aus dem Orient aufgenommenen Bestandteile, und fraglos fest steht eine solche vieler späterer Philosophen und Dichter[1421], z. B. des ~Empedokles~ (490-430?)[1422], ~Pindar~ (gest. um 445)[1423] und ~Euripides~ (gest. 407)[1424], der z. B. des ~Aristophanes~ glänzende Verspottung der orphischen Kosmogonie in den „Vögeln“ (Vers 693 ff.) entgegentritt[1425].

Unmittelbar an ~Pythagoras~, der um 490 zu Metapont bei Kroton im östlichen Unteritalien starb, knüpft die Schule der alten Pythagoräer an; ihre Beurteilung ist sehr schwierig, erstens weil die Überreste der wichtigsten (bis gegen 400 herabreichenden) Werke spärlich, reich an Unklarheiten, von unverbürgter Echtheit und von unbestimmter Abfassungszeit sind, zweitens weil Zweifel betreff der tatsächlichen Zugehörigkeit mehrerer Forscher bestehen, und drittens weil +ihre+ Anhänger und die +anderer+ zu gleichzeitiger Entwicklung gelangter philosophischer Systeme sich gegenseitig in mannigfacher Weise beeinflußten.

Zu den wichtigsten Grundsätzen der Pythagoräer gehört die Lehre, daß das wahre innere Wesen der Welt, das den Kosmos ordnende und beherrschende Gesetz, in der alles messenden und bestimmenden +Zahl+ zu erblicken sei, daß zahlenmäßig angebbare Verhältnisse auch die Entstehung der regelmäßigen räumlichen Gebilde bedingen, und daß die räumliche, mathematisch bestimmbare +Form+ das für die Natur der Einzeldinge eigentlich Entscheidende ist[1426]. Gehen Anschauungen, wie sie uns in den (echten?) Fragmenten des ~Philolaos~ (gegen 400) begegnen, wenn auch nicht (früheren Annahmen nach) auf ~Pythagoras~ selbst, so doch auf seine nächsten Schüler zurück, so hätten schon diese sich vorgestellt, daß es +Dreiecke+ sind (als rein geometrische Figuren, oder als äußerst dünne Blättchen betrachtet?), die als solche, oder zu regelmäßigen Vierecken (Quadraten) und Fünfecken (Pentagonen) aneinandergelegt, die Formen aufbauen[1427]; erfüllt werden letztere von den vier Elementen, die in jedem Dreieck sämtlich, wenn auch nach verschiedenen Anteilen gemischt, vorhanden zu denken sind, weshalb man die Winkel, die den eigentlichen Ausschlag für die Gestalt der Dreiecke geben, als ihnen geweiht ansieht. Das Wasser wird hierbei dem ~Kronos~ zugeeignet, die Luft dem ~Dionysos~, das Feuer dem ~Ares~, die Erde dem ~Hades~, denn diese vier Götter beherrschen die feuchte und kalte Materie (ὑγρὰν καὶ ψυχρὰν οὐσίαν), die feuchte und warme (ὑγρὰν και θερμήν), die feurige (ἔμπυρον φύσιν), und die erdartige (χθονίαν)[1428]. Die „Gegensätze“ warm und kalt, feucht und trocken, sind schon um 500 bei ~Alkmaion~ von Kroton bezeugt, der u. a. die für die Geschichte der Medizin sehr bedeutsam gewordene Lehre aufstellte, die Gesundheit sei abhängig vom Gleichgewichtszustande dieser Gegensätze, sowie von der richtigen Mischung der Elemente, die Krankheit jedoch beruhe auf Störungen dieser Verhältnisse[1429]; aber auch die Gleichsetzung der Grundstoffe mit bestimmten Göttern des Volksglaubens war nach ~Gilbert~[1430] schon zu Beginn des 6. Jahrhunderts nichts Unbekanntes und Ungewöhnliches mehr, und ist vermutlich auf theologische, dem Orient entstammende Anschauungen zurückzuführen, soferne eine Auslegung zutrifft, der gemäß schon ~Pherekydes~ von fünf Weltenräumen berichtete, bergend die fünf Weltenmächte, nämlich Erde, Wasser, Luft (πνεῦμα, Pneuma), Feuer und Äther (αἰθήρ = Ζάς, Zeus). Daß nun von den „regelmäßigen“ Körpern, deren bekanntlich fünf und +nur+ fünf möglich sind, bereits ~Pythagoras~ das Tetraeder für die Gestalt des Feuers erklärt habe, das Oktaeder für die der Luft, das Ikosaeder für die des Wassers und das Hexaeder (den Würfel) für die der Erde, ist völlig unerweislich[1431]; aber auch betreff des ~Philolaos~, der gegen 400 eine Anzahl philosophischer und medizinischer, für die spätere Entwicklung des Pythagoräismus wichtiger Schriften verfaßte[1432], bestehen in dieser Hinsicht Schwierigkeiten, weil die Fünfzahl der regelmäßigen Polyeder, von denen er gesprochen haben soll, erst als Entdeckung der platonischen Akademie überliefert ist, wie schon der Name „platonische Körper“ bestätigt[1433]; immerhin darf man aber Vorahnungen dieser Gedanken für ihn in Anspruch nehmen, da er das Dodekaeder als Form des Äthers und des von diesem umschlossenen Weltenraumes bezeichnete, als den alles übrige umfangenden und in sich fassenden „Schiffsrumpf“ oder „Schiffsbauch“ der Sphäre, wobei der Aufbau der Welt mit dem eines Schiffes verglichen wird, dessen Material Zimmerholz = ὕλη (Hyle) ist[1434]; nicht unerwähnt bleibe indes die Vermutung, daß es umgekehrt die Existenz eines fünften regelmäßigen Körpers gewesen sei, die den ~Philolaos~ zur Anerkennung des Äthers als eines fünften Stoffes bewog[1435]. Übergänge der Elemente ineinander hielten die Pythagoräer gleichfalls für möglich, konnten sie jedoch begreiflicherweise nicht, wie die jonischen Philosophen, durch eine „Alloíosis“ (qualitative Artverwandlung) erklären, sondern nur durch eine „Genesis“ (γένεσις = quantitative Veränderung), beruhend auf Anlagerung oder Abtrennung, Vermischung oder Entmischung von Stoffteilchen[1436]; bemerkenswerterweise nahmen sie, wie es z. B. dem ~Philolaos~ zugeschrieben wird, auch einen Zusammenhang zwischen der (später ποιότης, Poiótes = Qualität genannten) Beschaffenheit der Dinge und ihrer Färbung (χρῶσις, Chrósis) an, die sie überdies, in nicht mehr verständlicher Weise, auch mit ihrer Zahlenmystik in Verbindung brachten[1437].

In den Mittelpunkt der Welt, der bei ~Philolaos~ (in nicht recht klarer Weise) als Ausgangsort ihrer einheitlichen Entwicklung ἄνω und κάτω (Ano-Káto, nach Oben und Unten) bezeichnet wird[1438], setzten die Pythagoräer, als ihr „erstes“ Urgebilde (τὸ ἕν) und als „Herd“ des Kosmos, ein „Zentral-Feuer“; um dieses bewegen sich, der Reihe nach, die Erde nebst einer „Gegenerde“, Mond, Sonne, die später Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn genannten Planeten (Merkur und Venus also fälschlich +jenseits+ der Sonnenbahn!), und der als „Olymp“ bezeichnete Fixstern-Himmel[1439], jenseits dessen äußerer Feuerhülle, des „Feuer-Kreises“, die unbegrenzte Luft (Pneuma) liegt, aus der die Welt ihren Atem saugt[1440]. Der Umlauf der Erde um das Zentralfeuer vollzieht sich in einem Tage, der der übrigen Gestirne entsprechend langsamer, der des „Olymps“ erst in 10000 Jahren; die Bewegungen der sieben Planeten, die ihre „Göttlichkeit“ beweisen, bringen Töne hervor; die sich, vergleichbar denen der sieben Saiten der Leier, zur „Sphären-Harmonie“ vereinigen[1441].

c) Die Eleaten: Xenophanes, Parmenides, Zenon; Melissos.

Über die physikalischen Anschauungen des ~Xenophanes~ von Kolophon, der, als ältester Vertreter der Schule Eleas (einer phokäischen Pflanzstadt), 570-470 gelebt haben soll[1442], besitzen wir nur spärliche und von Unstimmigkeiten nicht freie Überlieferungen[1443], betreff deren Deutung die Ansichten der Forscher auseinandergehen. Nach ~Zeller~ betrachtete ~Xenophanes~ τὸ γὰρ ἕν τοὺτο καὶ πᾶν, „dieses Eines und Alles“ (Hen kai pan), als identisch mit dem Göttlichen, und nannte es τὸν θέον, „den Gott“[1444]; nach ~Gilbert~ lehrte er, daß es nur eine einheitliche Welt gebe, die τὸ ἕν, τὸ πᾶν, τὸ ὄν sei, „das Eine, das Alle, das Seiende“[1445]; nach ~Deussen~ sind die Worte ἕν τὸ ὄν καὶ πᾶν richtig zu übersetzen „das Seiende ist Eines und auch Alles“[1446]; nach ~Windelband~ endlich soll dieser Ausspruch besagen, daß der Welt nur ein einziger, unentstandener und unvergänglicher Urstoff zugrunde liege, der unwandelbar und keiner Alloíosis (Artverwandlung) fähig sei, alle Einzeldinge aber in sich enthalte[1447]. Zweifellos gründet sich jede dieser Auslegungen, auch die zuletzt angeführte, auf einzelne, den Lehren des ~Xenophanes~ zu entnehmende Stellen; aber diesen stehen auch andere, und nicht leicht mit ihnen zu vereinbarende gegenüber, z. B. die Behauptung, daß der Urstoff „Erde“ sei und sich durch Verwandlung ἄνω und κάτω (nach Oben und Unten) in die drei übrigen Elemente umsetze und aus ihnen wiederherstelle[1448], oder daß alles Vorhandene aus Erde und Wasser entstanden sei und sich zu Erde und Wasser wieder auflöse[1449].

~Parmenides~ von Elea, der tiefsinnige Denker und „erste Metaphysiker“, der um 480-470 schrieb[1450], räumt Erde und Feuer eine wesentliche und bevorzugte Stellung ein, während Wasser und Luft ihm nur als Verwandlungs- oder Ausscheidungs-Produkte der Erde gelten[1451], als eine Art „Zwischen-Zustände, die er wohl, gleich ~Heraklit~, nicht scharf trennte“[1452]. Auch er nahm Umwandlungen ἄνω und κάτω an[1453], betrachtete jedoch die auch bei diesen mitwirkende Kälte als bloße Negation der Wärme[1454], soferne die betreffende Stelle nicht etwa besagen soll, daß er +beide+ nur als relativ, als Formen der Erscheinung, ansah[1455]. Die Verbindung der Stoffe bewirkt bei ihm eine den Weltlauf regierende Göttin (δαίμων = Dämon), wohl ~Ananke~ = die Notwendigkeit[1456], die zuerst den ~Eros~ bildete[1457], und (durch ihn?) die Gegensätze (ἐναντία) zur Vereinigung treibt, die als eine geschlechtliche symbolisiert wird: ἄρρεν (Arren) oder ἄρσεν (Arsen) καὶ θῆλυ μιγνύειν = „das Männliche und Weibliche vermischen“[1458].

Eine qualitative Artverwandlung, Alloíosis, hielt auch ~Zenon~ von Elea (490-430) für möglich, der Autor der berühmten eleatischen „Aporien“ (~Achilleus~ und die Schildkröte; der fliegende Pfeil; usf.)[1459]; bei ~Melissos~ von Samos (um 440) unterliegt ihr die „Grundmaterie der vier Elemente“, ein bei allen Veränderungen der eine und der einheitliche bleibende Urstoff, der daher auch „ἕν τὸ πᾶν“ (Hen to pan) heißt[1460].

d) Empedokles, Anaxagoras; Leukippos, Demokritos.

~Empedokles~ von Akragas = Agrigent (490 bis 444 oder 430)[1461] ist der eigentliche Vater des Begriffes (+nicht+ des Wortes) „Elemente“[1462] sowie der „Systematik der vier Elemente“, die, entgegen älteren Ansichten, nicht aus Ägypten stammen, woselbst vier Elemente oder vier Paare von Elementar-Göttern erst während der Ptolemäer-Zeit nachweisbar werden[1463]. Die Einzeldinge gehen bei ihm nicht mehr durch innere Umwandlung einer einheitlichen φύσις (Physis) hervor, sondern durch äußere Vermischung (μῖξις = Míxis) oder Entmischung (διάλλαξις = Diállaxis) der kleinsten Teilchen von vier als ῥιζώματα = Wurzeln (Rhizome) bezeichneten (und erst später „Elemente“ genannten) Grundstoffen, die, dem Volksglauben gemäß, mit gewissen Gottheiten identifiziert werden[1464]. Welche diese sind, steht nicht in allen Fällen gleich fest[1465]. Zwar herrscht kein Zweifel darüber, daß das Wasser der ~Nestis~ zugehört, die für eine sizilische Wassergöttin gilt[1466]; aber im „leuchtenden“ oder „schimmernden“ ~Zeus~ sehen z. B. ~Windelband~ Feuer, ~Diels~ Feuer oder Äther, ~Burnet~ Luft; im ~Aidoneus Zeller~ Erde, ~Windelband~ Luft, ~Diels~ Erde oder Luft, ~Burnet~ Feuer; in der „lebenspendenden“ ~Hera~ endlich ~Zeller~ Luft, ~Windelband~ und ~Burnet~ Erde, ~Diels~ Luft oder Erde[1467], -- welches Dilemma zugunsten der Luft zu entscheiden wäre, wenn man mit ~Deussen~ annehmen darf, daß es der Atem ist, durch den ~Hera~ das Leben verleiht[1468]. Keinem der vier Elemente kommt ein Vorrang zu, vielmehr besitzen sie alle die nämliche Bedeutung (ἰσότης, Isótes, Gleichwertigkeit)[1469], und zwischen ihnen, den vier Wurzeln aller Dinge, und den (später „Qualitäten“ geheißenen) vier „Gegensätzen“, das sind Kälte, Wärme, Feuchte und Trockenheit, ist wenn nicht Identität[1470] so doch engste Zusammengehörigkeit anzunehmen[1471], indem Wärme und Trockenheit dem Feuer und der Luft anhängen (inhärieren), Kälte und Feuchte aber dem Wasser und der Erde. Die Elemente selbst sind auf keinerlei gemeinsames Substrat zurückführbar, bestehen vielmehr jedes aus sehr kleinen, durchaus gleichartigen, als solche nicht weiter qualitativ veränderlichen, charakteristischen Teilchen[1472], also Wasser „der Schweiß der Erde“[1473] aus Wasser-Teilchen, Luft (nicht sowohl ἀήρ als αἰθήρ; weder „leerer Raum“, noch zu Wasser zu verflüssigender „leichter Dunst“)[1474] aus Luft-Teilchen, usf. Diese Teilchen der vier Elemente sind keiner inneren Verschmelzung fähig, sondern nur einer äußeren, rein mechanischen Vereinigung oder Trennung im Raume[1475]; alle Einzeldinge entstehen demnach allein infolge derartiger Vermischungen[1476], sie sind also ein bloßes μεῖγμα (Meígma, Amalgam) der Elemente, die in ihnen als solche erhalten bleiben und sich aus ihnen auch wieder abscheiden lassen; je nach den obwaltenden Umständen, der τύχη (Týche, dem Zufall), können die sich vermischenden Mengen der Elemente die wechselndsten und mannigfaltigsten sein[1477], und die +qualitativen+ Verschiedenheiten der unendlich vielen Einzeldinge erklären sich aus den +quantitativen+ dieser Mischungsverhältnisse, -- genau ebenso wie die Abstufungen der unendlich vielen Einzelfarben aus den Mengenanteilen der vier Grundfarbstoffe, die der Maler auf seiner Palette zusammenreibt[1478].

Diesem durchaus originalen, für die ganze Folgezeit höchst bedeutungsvollen Prinzip gemäß, spielt die „richtige Mischung der Elemente“ das „Gleichgewicht der Elemente“, bei ~Empedokles~ eine in jeder Hinsicht sehr wichtige Rolle[1479]; u. a. sollen genau gegebene Mengen der Elemente in Blut, Fleisch und Knochen vorhanden sein, in letzteren z. B. 2 Teile Wasser + 4 Teile Feuer + 8 Teile Erde[1480], -- weshalb gerade +diese+, bleibt dahingestellt[1481] --, so daß die „richtigen Mischungen“ Gesundheit und körperliche Eigenschaften bestimmen, aber auch geistige Fähigkeiten und Tätigkeiten bedingen und ermöglichen[1482]; in medizinischer Richtung, von ~Hippokrates~ und den Hippokratikern an bis auf ~Galenos~ und alle seine Nachfolger, hat dieser Gedanke, wie bereits oben angedeutet, tiefgehenden Einfluß geübt[1483].

Da die vier Elemente nicht, wie die Urstoffe der jonischen Philosophen, aktiv und von Eigenleben erfüllt sind, sondern passiv und tot, so können sie nur durch äußere, ihnen fremde Kräfte in Bewegung gesetzt, gemischt oder entmischt werden; als solche nahm ~Empedokles~ φιλία und νεῖκος an, = Liebe und Haß, die er hin und wieder bis zu gewissem Grade im höheren geistigen Begriffe der ἀνάγκη (Anánke = Notwendigkeit) zusammenfaßt[1484], zuweilen aber auch als selbst körperlicher oder doch körperähnlicher Natur ansieht[1485]; ob φιλία und νεῖκος auch im Sinne von Anziehung und Abstoßung, als rein innerer Eigenschaften, verstanden werden dürfen, bleibt zweifelhaft, da ~Empedokles~ auch in dieser Hinsicht nicht frei von Widersprüchen ist[1486]. An verschiedenen Stellen lehrt er, daß Gleiches und Gleiches sich anziehe, wie Eisen und Magnet, sich körperlich vermische, aber auch geistig erkenne[1487]; Ergebnis der Vermischung von Gleichartigem kann aber ein Produkt von gänzlich abweichenden Eigenschaften sein, so z. B. geht aus den weichen Metallen Kupfer und Zinn das harte „Erz“ in ähnlicher Weise hervor, wie aus dem weichen Samen des Pferdes und Esels der harte (und daher unfruchtbare) des Maultieres[1488].

~Anaxagoras~ von Klazomenai (nach den einen etwa 500, nach anderen etwa 460 bis 428)[1489] erkennt gleichfalls weder einen einheitlichen Urstoff an, noch dessen Fähigkeit zur Artverwandlung, sondern nur eine σύμμιξις, Sýmmixis = Vermischung und eine διάκρισις, Diákrisis = Abscheidung von kleinsten Teilchen[1490]; die Teilchen sind aber nicht, wie bei ~Empedokles~, die einiger weniger Elemente, sondern die unzählig vieler Arten von qualitativ verschiedenen, an sich unveränderlichen Urstoffen, als deren σπέρμα (Sperma) = „Samen“ sie gelten[1491]. Das Ursprüngliche stellen also die individuell gearteten Urstoffe dar, z. B. Gold, und erst aus diesen gehen durch Vermischung nach allen nur möglichen Verhältnissen die vier Elemente und sämtliche Einzeldinge hervor[1492], deren jedes zwar ein μῖγμα (Amalgam) aus jenen +allen+ und in solchem Sinne eine πανσπερμία (Panspermía, Samen-Gesamtheit) ist[1493], stets aber +einen+ Stoff vorherrschend enthält, und diesem seine charakteristische Natur verdankt. Durch Hinzutreten oder Abtrennen von „Samen“ kann begreiflicherweise ein Wechsel in der Vorherrschaft, und dadurch eine αλλοίωσις (Alloíosis) = qualitative Veränderung erfolgen[1494], und da jedes Ding „Samen“ +aller+ übrigen enthält, wenn auch von manchen noch so wenig, so bleibt die Möglichkeit eines Überganges von Jeglichem in Jegliches stets gewahrt[1495]. Daß hierbei ein Neues von oft ganz abweichenden, ja entgegengesetzten Eigenschaften auftritt, beruht also nur scheinbar auf einer „Entstehung“, während in Wahrheit die Samen des Neuen schon im Alten vorhanden waren, z. B. die des dunklen Wassers im weißen Schnee; in diesem Sinne kann man das Paradoxon aussprechen „Schnee ist [auch] schwarz“[1496]: der Samen des schwarzen (dunklen) Wassers ist eben in ihm schon gegenwärtig, wenn auch zunächst noch verborgen, und man muß nur den Weg finden, ihn (etwa durch Vermehren seiner, oder durch Vermindern fremder Anteile) sichtbar hervortreten zu lassen[1497]. Auch die ὕλη (Hýle, wörtlich Bauholz) des Weltalls[1498], d. h. der Rohstoff, der dem ganzen Kosmos zugrunde liegt, ist ursprünglich ein „Amalgam“, aus dem sich auf dem angedeuteten Wege, z. B. unter dem Einfluß von Wärme und Kälte, oder von Verdünnung und Verdichtung, Feuer und Luft ausscheiden, während Wasser und Erde zurückbleiben[1499]; weiterhin entwickeln sich aus ihm alle die Einzeldinge, Gestalten und Organismen, deren Samen in ihrer Gesamtheit das μῖγμα bildeten[1500].

Wie die Elemente des ~Empedokles~, so sind aber auch die Samen des ~Anaxagoras~ völlig toter Stoff; in Bewegung geraten, um sich zu mischen oder zu entmischen, können sie daher nur unter dem Einfluß einer äußeren Kraft. Als solche stellt ihnen ~Anaxagoras~ den νοῦς entgegen (Nûs = Geist, Intellekt), dessen Unkörperlichkeit er aber ebensowenig ganz klar hervortreten läßt, wie ~Empedokles~ die von Liebe und Haß[1501]. Für die Immaterialität soll ein Zitat bei ~Euripides~ sprechen: „Aus Äther stammt der Geist, in ihn kehrt er zurück“, doch bleibt zweifelhaft, ob der Satz von ~Anaxagoras~ herrührt und was dieser durch ihn ausdrücken wollte, denn Äther ist ihm meist mit Feuer identisch[1502]. -- Sein jüngerer Zeitgenosse, ~Diogenes~ von Apollonia[1503] (um 400) setzte νοῦς = ἀήρ des ~Anaximenes~, sah also Geist = Luft an, Luft jedoch als den Urstoff, der durch Erwärmung = Verdünnung oder durch Abkühlung = Verdichtung alle Dinge hervorbringt und sie als „Erstes und Feinstes“ auch durchdringt und bewegt, ferner aber auch als Atemluft ψυχή (Psyche = Seele, Leben) und νόησις (Nóesis = Intelligenz, Geisteskraft) verleiht[1504]; die Anziehungskraft des Magneten, dem schon ~Thales~ eine „Seele“ zuschrieb, „weil er das Eisen bewegt“, erklärt ~Diogenes~ daraus, daß auch die Metalle eine feine dunstartige Luft ein- und wieder ausatmen[1505].

Nach ~Demokritos~ von Abdera (460-360?)[1506], dessen Lehren meist mit den nur sehr ungenügend überlieferten seines etwa 30-40 Jahre älteren Vorgängers ~Leukippos~[1507] übereinstimmen, zum Teil sogar diesem entlehnt sein sollen, bestehen alle Einzeldinge aus den nämlichen kleinsten, nicht mathematisch, aber physikalisch unteilbaren Teilchen, die ἄτομα = Atome (Unteilbare) heißen und in denen das zu finden ist, was frühere Philosophen in der φύσις (Physis = Ursubstanz), den ἰδέαι (Ideen, wörtlich Bildchen, Formen), den Gestalten oder Figuren (der Pythagoräer), usf., suchten[1508]. Die Atome sind ungeworden, unzerstörbar und unveränderlich, zwar alle von gleicher „qualitätsloser“ Beschaffenheit, d. h. ohne Farbe, Geruch, Geschmack, Wärme, Kälte, usf., dabei aber raumerfüllend, undurchdringlich, von unendlich verschiedener Gestalt, Größe und Schwere [demnach doch nicht ganz ohne innere Eigenschaften!][1509]. Daß es also Einzeldinge, belebte Wesen, Menschen, ja Götter (Dämonen), von ganz verschiedenen Qualitäten („Gegensätzen“) gibt, und daß sie entstehen und vergehen, ist nicht aus der inneren Natur der Atome erklärbar, sondern nur aus deren äußerer wechselnder Lage und Anordnung, Verbindung und Trennung; hervorgerufen wird diese durch Druck oder Stoß, d. h. durch Bewegung (κίνησις, Kínesis), die jedoch den Atomen nicht so gänzlich fremd gegenübersteht wie „Liebe und Haß“ den Elementen oder wie „Nûs“ den Samen, ihnen aber auch nicht derartig innewohnt wie das Eigenleben den Urstoffen der jonischen Philosophen, vielmehr nur mit ihnen verbunden, allerdings aber seit jeher verbunden ist[1510]. Ursprünglich vorhanden (ἀρχαί) sind also nur der leere Raum und die bewegten Atome, +sie+ sind φύσει gegeben, d. h. +objektiv+ in der Natur; die (später ποιότητες genannten) Qualitäten dagegen, z. B. süß oder bitter, sind nicht wahre Eigenschaften der Dinge, sondern nur νόμῳ, d. h. +subjektiven+ Ursprunges[1511], Zustände subjektiver Wahrnehmung[1512].

Ob ~Demokritos~ wirklich zuerst den Ausdruck Atom (ἄτομος, ἄτομον), ferner die Schlagworte von Sympathie und Antipathie der Dinge, sowie vom Menschen als Mikrokosmos geprägt hat[1513], ist zweifelhaft; durch die Ausbildung der Atomistik, durch seine mannigfachen naturwissenschaftlichen Kenntnisse und Versuche und durch seinen Grundsatz „Erfahrung ist die letzte Quelle unseres Wissens“[1514], hat er aber jedenfalls tiefgehenden und dauernden Einfluß geübt.

Was die angeblichen magischen und alchemistischen Schriften des ~Demokritos~ anbelangt, so sind sie, wie schon in einem früheren Abschnitte angeführt wurde, sämtlich Fälschungen einer späten Zeit[1515]; auf ihre Entstehung wird weiter unten nochmals zurückzukommen sein.

2. Platon und Aristoteles.

a) Platon.[1516]

~Platon~ (427-347), der die leitenden Gedanken seiner bedeutendsten Vorgänger übernimmt, sie zusammenfaßt und zwecks Aufrichtung des eigenen originalen, von einer Fülle unvergänglichen Tiefsinnes zeugenden Lehrgebäudes verwertet, beschäftigte sich mit naturgeschichtlichen Fragen erst verhältnismäßig spät, als die Hauptpunkte seines (hier nicht zu erörternden) philosophischen Systems längst endgültig feststanden; hieraus erklärt sich seine Unterschätzung des Wertes der Anschauung sowie der Bedeutung der Materie, seine mythologische, ja mystische Deutung mancher Naturlehren, -- wobei sich die orphischen und pythagoräischen Einflüsse, die er erfahren hatte, in sehr merklichem Grade geltend machen[1517] --, und eine gewisse von derartigen Darstellungen kaum trennbare Unklarheit und Dunkelheit, die dann späteren Geschlechtern als ein wesentliches Kennzeichen „geheimer Weisheit“ erschien, weshalb man sie nachzubilden oder womöglich noch zu überbieten trachtete.

Grundlage alles Bestehenden ist nach ~Platon~ ein Erstes, Ursprüngliches, Unbegrenztes, das unsichtbar und sinnlich nicht wahrnehmbar, ungeformt und ungestaltet, dabei aber allbildsam und allempfänglich ist, daher auch „Mutter“ oder „Schoß“ alles Wesens heißt. Über die Deutung dieser Lehre gehen die Ansichten seit jeher auseinander: die Einen erklären das Unbegrenzte für den leeren Raum, die Anderen für eine eigentliche, in steter aber ungeordneter Bewegung befindliche Urmaterie oder ὕλη (Hýle), -- welches Wort übrigens bei ~Platon~ nur im alten Sinne von „Holz, Bauholz, Material“ vorkommt, während es sich im neuen von „Materie“ (daher πρώτη ὕλη = ursprüngliche oder Ur-Materie) erst bei ~Aristoteles~ gebraucht findet[1518]. Ein Schwanken zwischen beiden angeführten Auffassungen macht sich aber schon bei ~Platon~ selbst bemerklich, besonders auch in jenen Werken, die er erst in höherem Alter verfaßte[1519].

Das qualitätslose (ἄποιον) und ungeformte (ἄμορφον, amorphe) Unbegrenzte wird zum eigentlichen bestimmten Körper (σῶμα = Soma), und geht aus dem Zustande des „Nichtseienden“ (μὴ ὄν)[1520] in den der körperlichen Realität über, indem es zunächst die Formen der vier Elemente annimmt[1521]; dies geschieht vermöge einer Begrenzung seitens geometrischer Gestalten, -- deren einschlägige Rolle die ungeheure Bedeutung der Mathematik klar hervortreten läßt --, und zwar kommen dabei im wesentlichen die zwei Arten rechtwinkliger Dreiecke in Betracht, die durch Zerfällung des Quadrates und des gleichseitigen Dreieckes entstehen. Sieht man nun als das „Ursprüngliche“ den leeren Raum an, so erschafft den Körper offenbar schon die bloße mathematische Abgrenzung durch die Dreiecksflächen[1522], also eine rein stereometrische Konstruktion[1523], und die ausgedehnte Substanz wird hiernach identisch mit der bloßen Ausdehnung[1524], -- eine Folgerung, die sich keineswegs allen Werken ~Platons~ gegenüber widerspruchslos aufrecht erhalten läßt[1525]; anderenfalls schneiden die Dreiecke die Elementar-Krystalle aus dem von der Hyle erfüllten Raume[1526].

Vermutlich pythagoräischen Vorstellungen folgend, schreibt ~Platon~ von diesen „Elementar-Krystallen“, also den fünf „platonischen Körpern“, das Tetraeder dem Feuer als Form zu, das Oktaeder der Luft, das Ikosaeder dem Wasser und das Hexaeder der Erde, so daß die Gestalten der genannten vier Gebilde die Natur der vier Elemente (σώματα) hervorbringen und bedingen; das Dodekaeder wird, weil es sich einigermaßen der Kugelform des Weltganzen annähert, mit diesem verglichen, und nicht etwa als die Form des Äthers betrachtet[1527], der ursprünglich nur für eine Art Luft von ganz besonderer Reinheit gilt, hierin der gewöhnlichen Luft um ebensoviel überlegen, wie diese wieder dem Wasser. Als ein fünftes Element, so daß von πέντε σχήματα καὶ σώματα die Rede ist, tritt der Äther, wenn überhaupt in echten Schriften ~Platons~, erst in solchen seiner Spätzeit auf, sowie in denen seiner Nachfolger ~Speusippos~ und ~Xenokrates~, welchen letzteren (der seit 339 lehrte) einige als Verfasser des „Epinomis“ genannten 13. Buches der „Gesetze“ ~Platons~ ansehen[1528], während andere dieses seinem Schüler ~Philippos~ von ~Opus~ zuschreiben.

Da die Elemente bloße Modifikationen der nämlichen, noch form- und qualitätslosen Urmaterie darstellen, so sind sie fähig, teils unmittelbar, teils mittelbar (nämlich auf dem Wege über diese Ursubstanz) ineinander überzugehen[1529]; die Erde nimmt dabei eine Sonderstellung ein, weil allein ihre Grenzdreiecke die durch Zerfällung des Quadrates entstandenen und daher spezifisch gestaltete sind[1530], während die dem Wasser, der Luft und dem Feuer zugehörigen sämtlich dem gleichseitigen Dreiecke entstammen, weshalb bei diesen Elementen auch ein unmittelbarer gegenseitiger Übergang stattfinden kann, z. B. 1 Oktaeder der Luft ⮂ 2 Tetraeder des Feuers, 1 Ikosaeder des Wassers ⮂ 2½ Oktaeder der Luft oder auch 2 Oktaeder der Luft + 1 Tetraeder des Feuers, usf. So vermag der eine Stoff völlig die Natur des anderen anzunehmen, alles ist wandelbar, jegliches kann zu jeglichem werden, und diese unter wechselnder Verdichtung und Verdünnung stattfindenden Vorgänge erfolgen in endlosem und unaufhörlichem Kreislaufe ἄνω (áno) und κάτω (káto); jedes Element strebt dabei seinem „natürlichem Orte“ zu, denn Gleiches und Gleiches ziehen sich an; wird es aber aufgelöst, z. B. Wasser zu Luft und Feuer, so gilt das nämliche auch von den Produkten dieser Umsetzung[1531]. Der Äther hingegen, der weder Kälte oder Wärme noch sonstige „Gegensätze“ enthält, vielmehr durchaus „einfach“ ist, vermag sich in keines der vier Elemente umzugestalten; abweichend von diesen besitzt er auch von Natur aus die vollkommenste aller Bewegungen, die Kreisbewegung[1532].

Aus den vier Elementen entstehen alle Einzeldinge, deren unendliche Mannigfaltigkeit sich zum Teil aus den Verschiedenheiten ihrer Mischungsverhältnisse erklärt, zum Teil aus der wechselnden Größe der Grenzdreiecke, zum Teil endlich aus jener mehr oder minder weitgehenden Verschmelzung der entgegengesetzten Qualitäten (ποιότητες) Wärme und Kälte, Feuchte und Trockenheit, die als eine wahre Vereinigung oder Vermählung anzusehen ist.

Das Wasser z. B. geht beim Erwärmen unter Verdünnung und durch die Zwischenstufen des Dampfes und Dunstes in Luft über, beim Abkühlen hingegen verdichtet es sich und erstarrt oberhalb der Erde zu Schnee und Hagel, auf der Erde zu Reif und Eis, in oder unter der Erde aber zu Gesteinen und Mineralien; je nach der Reinigung und Läuterung, und je nach den Einflüssen von Wärme und Kälte, Zeitdauer und Druck, bilden sich hierbei Salze, Laugensalze, glasartige Krystalle, Tone, feste felsige Massen, Erze und schließlich Metalle, deren Ursprung sich noch in ihrer Schmelzbarkeit verrät, denn alles, was flüssig werden kann, ist von der Natur des Wassers[1533]. Die dichteste, gleichförmigste und feinste aller Substanzen ist das Gold, das als edelstes der Metalle in deren Rangordnung die oberste Stelle einnimmt, ebenso wie in der Hesiodschen der Zeitalter und Geschlechter; wie jedoch den vornehmsten Geschlechtern Glieder entspringen können, die in die mittleren oder tiefsten Stände herabsinken, während sich umgekehrt aus diesen einzelne Sprößlinge in die obersten Schichten zu erheben vermögen, so erzeugt zuweilen auch das Gold die geringeren Glieder der Rangordnung, nämlich Silber, Kupfer und Eisen, oder geht selbst aus einem von diesen hervor. -- Ihm zunächst stehen das „jetzt nur mehr dem Namen nach bekannte Oreichalkon“[1534], und sodann das Silber; weit weniger edel sind Kupfer und Eisen, die daher leicht der Zerstörung anheimfallen und dabei, unter Verlust auswitternder erdiger Teile, Grünspan und Rost ergeben.

Wie die Mineralien und Erze, so gehen aus den vier Elementen auch die Leiber der Pflanzen und Tiere hervor, doch enthalten sie z. B. die Erde nur in besonders reinem und feinem, das Feuer nur in sehr gemäßigtem und abgeschwächtem Zustande; dem im menschlichen Körper vorhandenen Feuer-Elemente strömt durch Einatmen der belebende Lufthauch zu, das πνεῦμα (Pneuma)[1535], das ~Platon~ als Erster auch als das seelische Prinzip auffaßt[1536]. Das richtige Gleichgewicht der Elemente ist Vorbedingung der Gesundheit; ihre ungleichmäßige Verteilung, die auch eine solche der πνεύματα, d. h. der luftartigen Bestandteile, sowie der Gallenstoffe, Schleime usf., mit sich bringt, erzeugt Krankheiten des Körpers, oft aber auch, von diesen ausgehend, solche des Geistes[1537].

Aus den vier Elementen besteht endlich, gleich allem Irdischen, auch alles Himmlische, und demnach das gesamte Weltall; seine Achse, die Weltachse, ein Spindelstab mit Spitzen aus Stahl [Adamas, was +nicht+ Diamant bedeutet!], ruht im Schoße der über allen Höhen thronenden ~Ananke~ (der Notwendigkeit), und steht unter dem Schutze ihrer Töchter, der Parzen. An der Weltachse sind, über der im Mittelpunkte des Alls ruhenden Erde, und rings um diese herum, die acht konzentrischen Sphären befestigt, und zwar entsprechen ihre Entfernungen den Längen jener Abschnitte einer schwingenden Saite, die, der Entdeckung des ~Pythagoras~ gemäß, harmonische Töne ergeben. Die äußerste, achte, die des Fixsternhimmels, ist buntfarbig, da an ihr zahlreiche, in verschiedenem Lichte funkelnde Sterne befestigt sind; die siebente, gelbliche, trägt den Phainon (= Lichtbringer; später ~Kronos~, Saturn); die sechste, glänzend-weiße, den Phaëthon (= Leuchtender; später ~Zeus~, Jupiter); die fünfte, rötliche, den Pyrôeis (= Feuerfarbiger; später ~Ares~, Mars); die vierte, gelbliche, den Eosphoros oder Phosphoros (= Morgenstern; später ~Aphrodite~, Venus); die dritte, weißliche, den Stilbon (= Glänzender; später ~Hermes~, Merkur); die zweite, glänzende, den ~Helios~ (Sol, Sonne), und die erste, vom ~Helios~ bestrahlte, die ~Selene~ (Luna, Mond)[1538]; jeder dieser Sphären ist eine Sirene zugeteilt, die einen lauten Klang ertönen läßt, und diese alle vereinigen sich zu einem harmonischen Gesamtklange, der Harmonie der Sphären oder Sphärenmusik. Nach Analogie der „Wagen“ des ~Helios~ und der ~Selene~ werden, in ~Platons~ letzter Periode, die Planeten und die Sterne überhaupt als „Fahrzeuge“ vorgestellt und zwar als solche der Seelen; die „Epinomis“ erklärt die Seelen der Sterne für eigentliche Stern-Götter, die, weil ihr Dienst aus Syrien oder Ägypten stammt, nicht einmal sämtlich griechische Eigennamen haben, und stellt demgemäß drei Klassen von Göttern auf: die olympischen, die Sterngötter und die Dämonen, die hinwiederum teils ätherische sind, teils solche der Luft und des Wassers. Die Lehre vom lenkenden Einflusse der ~Ananke~ und ihrer Töchter, der Parzen, auf die Himmelswelt, in Verbindung mit jener von der Parallelität des Geschehens im Makro- und Mikro-Kosmos, führt zur Annahme, daß die Schicksale der Welt, vom großen Ganzen bis zu den kleinsten Einzelheiten herab, innig mit den Stellungen und Bewegungen der Gestirne zusammenhängen, ganz besonders mit jenen der Planeten. In diesen Theorien, namentlich denen von den Gestirngeistern als lebendigen seligen Wesen, von den Sternen als „sichtbaren Göttern“, von den himmlischen Vorzeichen und Einwirkungen, sowie von den verschiedenen Klassen des Geisterreiches, treten die Einflüsse orientalischer, besonders babylonischer und iranischer Vorstellungen unzweideutig zutage[1539].

Da sich nicht verkennen läßt, daß ~Platon~ die Lehre von den vier Elementen schon in recht dogmatischem Gewande vorträgt[1540], so erhebt sich die Frage, aus welchen Quellen er die betreffenden Anschauungen schöpfte; doch ist diese, nach allem in früheren Abschnitten Erwähnten, zwar unschwer zu entscheiden, soweit die allgemeinen Grundzüge, nicht aber soweit die besonderen Einzelheiten in Betracht kommen. Das +Wort+ für Elemente, στοιχεῖα (Stoicheía), bezeichnete ursprünglich, wie ~Diels~ nachwies, das Alphabet, in dem die Buchstaben eine geordnete Reihe (στοῖχος, Stoíchos) bilden[1541]; στοιχεῖον im Sinne von Element kommt weder bei ~Heraklit~ vor, noch bei ~Empedokles~, noch bei ~Anaxagoras~[1542], vielmehr ist es +zuerst+ bei ~Platon~ nachweisbar, der es aber nicht als Neugebildetes und Eigenes, nicht mit Vorliebe und auch nicht konsequent gebraucht, sondern unter diesem Ausdrucke zunächst Anfänge oder Rudimente begreift, sodann die geometrischen Grundgestalten der Elemente, und schließlich die arithmetischen Prinzipien der (pythagoräischen) Weltordnung[1543]; von wem er ihn entlehnte, bleibt vorerst dahingestellt, denn daß ~Leukippos~ hierin sein Vorgänger gewesen sein möchte[1544], scheint eine bloße Vermutung.

Daß ~Platon~ ὕλη (Hýle) noch nicht im aristotelischen Sinne = Materie setzt, ist bereits erwähnt worden; das eigentliche dauernde Wesen der Dinge, ihre wahrhafte Substanz, bezeichnet er als οὐσία (Usía) und stellt diese οὐσία, als Beharrendes, auch in Gegensatz zum Werdenden und Wandelbaren, zur γένεσις (Genesis)[1545]. Übergänge der Stoffe gelten ihm stets als durch ἀλλοίωσις (Alloíosis, Artverwandlung) erfolgt[1546], und für die sich hierbei verändernden oder ausgleichenden „Gegensätze“ gebraucht er als Erster das Wort ποιότητες, d. i. Qualitäten[1547].

b) Aristoteles.[1548]

Durch Sammeln und kritisches Besprechen fremder, sowie durch Aufstellen und planvolles Ausgestalten eigener Lehren übte ~Aristoteles~ (384-322), wie auf zahlreichen anderen Gebieten so auch auf dem der Physik, tiefgreifenden und fast zwei Jahrtausende vorhaltenden Einfluß aus; dies gilt auch betreff der Theorien über die Materie, trotzdem die Vorzüge seiner Systematik gerade in dieser Richtung nicht so durchschlagend hervortreten wie gewöhnlich, so daß in sachlicher Hinsicht mancherlei Unklarheiten und Widersprüche bestehen bleiben, der sprachliche Ausdruck aber nicht selten der Folgerichtigkeit und Bestimmtheit ermangelt[1549]. Daß dem so ist, erklärt sich wohl zur Genüge aus den Schicksalen der Niederschrift und Überlieferung jener Fassung der aristotelischen Werke, die allein uns heute zur Verfügung steht; an dieser Stelle können jedoch die angedeuteten Umstände nicht des Näheren erörtert werden.

Merkwürdig schwankend gebraucht ~Aristoteles~ schon den Grundbegriff οὐσία (Usía), in dem bald der Sinn von Materie oder Substrat zu überwiegen scheint, bald der von Substanz oder Stoff, bald der von Wesen oder Gattung[1550]; in der Regel bedeutet jedoch οὐσία das Ursprüngliche der Dinge, ihre Anlage, ihr „Seiendes“, das zwar an sich den Charakter des Beharrlichen und Bleibenden besitzen, dabei aber fähig sein soll, sich unter dem Einflusse der Genesis (γένεσις, der Entwicklung, des Werdens) in mehr oder minder weitgehendem Grade zu „verwirklichen“, d. h. aus dem Zustande des „Möglichen“ (δύναμις, Dynamis) in den des „Wirklichen“ (ἐνέργεια, Energie; ἐντελέχεια, Entelechie) überzugehen[1551]. Die „Grundlage“ der Dinge (ὑποκείμενον), ihre ὕλη (Hyle) oder Materie[1552], ihre „erste“ oder Ur-Substanz (πρώτη ὕλη = materia prima), ist nämlich zwar das einheitliche und bleibende Substrat aller Veränderungen[1553], besitzt aber kein „aktuelles“ = tatsächliches Sein, sondern nur ein „potentielles“ = mögliches; daher kann sie auch niemals +als solche+ auftreten[1554], bildet vielmehr nur die „begriffliche (abstrakte) Voraussetzung“ für die Möglichkeit der Körperwelt[1555]. Damit es nun zur „aktuellen“ Entstehung von Einzelkörpern komme, muß die als noch gestalt- und qualitätslos zu denkende Hyle eine bestimmte +Form+ (εἶδος, μορφή) annehmen[1556], die für sie ein Höheres, dem Logos (Begriffe) des Einzelkörpers Gleichwertiges ist[1557], und nach der sie deshalb, als nach etwas in ihr schon Angelegtem, strebt und verlangt, wie das Weibliche nach dem Männlichen[1558]. Alle Wirklichkeit erhält also die Materie erst durch die Form: diese ist das Entscheidende und Bestimmende, sie macht den Einzelkörper zu dem was er ist, und sie bedingt namentlich, daß er fortzeugend seinesgleichen hervorbringt, also z. B. Feuer wieder das Feuer, der Ölbaum den Ölbaum, der Weizen den Weizen, der Mensch den Menschen[1559].

Entgegen den im vorstehenden entwickelten Anschauungen sieht aber ~Aristoteles~ an anderen Stellen seines Lehrgebäudes die πρώτη ὕλη oder Urmaterie als einen körperlichen Stoff an[1560]; dieser ist fähig der μεταβολή (Metabolé), -- was ursprünglich Bewegung und Ortsveränderung bezeichnet, später aber auch Veränderung der Größe und Veränderung der Eigenschaften, welche letztere Unterart ἀλλοίωσις (Alloíosis, Artverwandlung) heißt --, ferner der σύνθεσις (Synthesis) oder äußeren Vermischung, und endlich der μῖξις (Míxis) oder inneren Verbindung[1561]; aus ihm sollen zunächst die vier Elemente hervorgehen und weiterhin aus diesen durch μῖξις die Einzelkörper; diese stellen keine bloßen mechanischen Mischungen dar, sondern durchaus einheitliche und neue Stoffe, und enthalten die Elemente, die in ihnen stets +alle vier+, wenn auch in den wechselndsten Mengen, vorhanden sind[1562], nicht mehr unverändert, sondern nur noch potentiell, d. h. unter Umständen wieder aus ihnen abscheidbar[1563].

Hiernach sind die Elemente spezifische, nicht weiter in andersartige Bestandteile zerlegbare Grundstoffe, die aus der Hyle hervorgehen und sich scharf von den ἀρχαί (Archai), als den außerhalb der Dinge stehenden bloßen Prinzipien, unterscheiden[1564]; andere Teile der aristotelischen Schriften erblicken hingegen schon in der Hyle selbst nichts Einheitliches, vielmehr eine Gesamtheit der vier Elemente, die vereint als Träger der Hyle gelten und deren vier Einzel-Erscheinungen ein (abstraktes) „gemeinsames Substrat“ (κοινὸν ὑποκείμενον) zugrunde liegt[1565]; ferner werden die vier Elemente oder στοιχεῖα (Stoicheía) auch bald als ἀρχαί, bald als σώματα (Sóma = Körper) bezeichnet[1566] und als Verbindungen gewisser „Gegensätze“ angesprochen[1567]. Die vier ersten und ursprünglichen Qualitäten, das sind Wärme und Kälte, denen +aktive+, sowie Trockenheit und Feuchte, denen +passive+ Natur zukommt, lassen nämlich sechserlei Arten der Paarung zu; zwei von diesen scheiden aus, da sich offenbar weder Wärme und Kälte noch Trockenheit und Feuchte miteinander zu verbinden vermögen; demnach verbleiben noch vier Paarungen, und von diesen ist zu setzen: Kälte + Trockenheit = Erde, Feuchte + Kälte = Wasser, Wärme + Feuchte = Luft, Trockenheit + Wärme = Feuer, wobei die zweite der angeführten Qualitäten stets die vorherrschende ist, und durch weitestgehende Steigerung aus Wasser und Feuer die „Extreme“ Eis und Flamme ergeben kann. Alle vier Elemente sind gegenseitiger Umwandlung ineinander fähig[1568], und zwar rasch und leicht in den Richtungen Feuer ⭢ Luft ⭢ Wasser ⭢ Erde oder umgekehrt, weil hierbei stets +eine+ gemeinsame Qualität als Anknüpfungspunkt bestehen bleibt, langsam und schwierig aber in der Richtung Feuer ⮂ Wasser oder Erde ⮂ Luft, die einen Wechsel +beider+ Qualitäten erfordert; alle diese Umwandlungen vollziehen sich ἄνω καὶ κάτω[1569], in einem unaufhörlichen Kreisprozesse oder Zyklus (ἐν κύκλω)[1570], und in solcher Weise, daß im ganzen das Gleichgewicht zwischen Erde, Wasser, Luft und Feuer stets erhalten bleibt. Hinsichtlich des eigentlichen Wesens dieser μεταβολή (Metabolé, Umänderung) der Elemente machen sich die oben erwähnten Unklarheiten gleichfalls geltend: als Umwandlung des gemeinsamen Substrates, der πρώτη ὕλη (materia prima), hängt die Metabolé enge zusammen mit den Veränderungen der Qualitäten (ποιότητες) und ist demnach eine Alloiosis[1571], aber gelegentlich der zyklischen Übergänge der Elemente wird sie auch als γένεσις καὶ φθορά (Entstehen und Vergehen) erklärt[1572], endlich ist es jedoch auch nicht ausgeschlossen, daß diese und andere Arten der Stoffverwandlung vielfach ineinander übergreifen[1573].

Der +Äther+ ist +kein+ Element, sondern eine göttliche und himmlische Substanz, durchaus und völlig verschieden von allen irdischen Stoffen, deren Gesetze daher für ihn keine Gültigkeit haben; er ist immateriell, einfach, unentstanden und unvergänglich, frei von den in den Elementen enthaltenen „Gegensätzen“, daher auch qualitativ unveränderlich und in endloser einheitlicher Kreisbewegung begriffen[1574]. Dieser ewig unwandelbare, gleichmäßige, durchaus „vollkommene“ Umschwung des Äthers, des Himmels und der Gestirne, ist das +erhaltende+ Moment im Weltall, während die Schiefe der Ekliptik das +Verändernde+ hinzubringt; aus dem Zusammenwirken beider erklären sich die sämtlichen grad- und krummlinigen Bahnen der irdischen Stoffe und die an sie geknüpften Veränderungen der Materie, die also in letzter Hinsicht auf die Bewegungen der „göttlichen“ Himmelskörper zurückgehen[1575]. Besonders wechselnd und verwickelt sind sie bei den Planeten, die sich dadurch scharf von den unwandelbar an ihrem Orte beharrenden Gestirnen der Fixsternsphäre unterscheiden; daß aber ihre Stellungen und Wege Vorbedeutungen in sich schließen und in Beziehung zu den irdischen Einzeldingen oder zu den Schicksalen der Menschen stehen sollen, gehört in das Gebiet der Sagen und mythologischen Fabeln. Sämtliche Sphären werden von lenkenden Sterngöttern durch den Raum geführt[1576]; diese gelten [wie schon ihr späterer Übergang in „Schutzengel“ zeigt] in der Regel als „gute Geister“ und gehören dem Kreise der „Untergötter“ an, die als Stufenreich bald wohlgesinnter, bald bösartiger Dämonen zwischen der Weltseele und den körperlichen Dingen schweben[1577].

Dem Äther nahestehend und edler als die vier Elemente ist das +Pneuma+, ein ätherischer Hauch von warmer Natur und von der feurigen Beschaffenheit der Himmelsgestirne, daher auch wie sie wärmespendend und lebenerweckend[1578]; es ist der Träger der tierischen Wärme, die am auffälligsten in der δύναμις πνευματική (pneumatischen Kraft) des Samens hervortritt[1579], aber auch als Lebenswärme das Blut erfüllt und u. a. die Nahrung „zurechtkocht“, wobei die Dünste und Dämpfe zum Kopfe aufsteigen und dort durch die Kälte des Gehirnes wieder abgekühlt werden[1580]; es ist ferner der Sitz der Seele[1581], deren Übertragung, zugleich mit jener des Lebens, durch den Samen erfolgt und zur Entstehung eines neuen, als Mikrokosmos anzusehenden Wesens führt[1582].

Durch Umwandlung der Elemente, besonders der Erde und des Wassers, unter dem Einflusse von Wärme und Kälte, sowie durch Verdichtung dampfartiger Dünste, namentlich unter Druck, entstehen im Inneren des Erdkörpers der von vielen für höchst heilig (θεῖον, theíon) erachtete Schwefel (θεῖον, Theíon) nebst den ihm verwandten Mineralien, ferner die Salze, die Tone, die Erze und die Metalle, und zwar durch ein sehr allmähliches Wachsen und Reifen, also auf ganz anderem Wege als sie die menschliche Kunst unter Umständen herzustellen oder abzusondern versteht.

Alle Metalle enthalten Wasser, jedoch nur in potentiellem Zustande, während es aktuell erst beim Schmelzen hervortritt und erkennen läßt, daß alles Schmelzbare von der Natur des Wassers ist; ferner enthalten sie Erde, mit einziger Ausnahme des Goldes. Dieses allein ist völlig rein und wird daher auch durch die größte Glut weder verändert noch verbrannt; eine Flamme, die stets nur als „brennender Rauch“ anzusehen ist[1583], gibt es selbst im schärfsten Feuer nicht; seine gelbe oder rote Farbe beweist jedoch, daß es in enger Beziehung zum Feuer steht, mittels dessen es zu gewinnen und auszuschmelzen zuerst der Phönizier ~Kadmos~ lehrte. In merklicher Menge enthält das Silber erdige Teile, in noch merklicherer das Kupfer, Eisen, Zinn und Blei, die deshalb sämtlich verbrennbar sind und dem Feuer nicht widerstehen; im Quecksilber ist hauptsächlich Erde und Wasser vorhanden, welches letztere seinen flüssigen Zustand bewirkt, außerdem aber auch viel Luft, die seine Verdichtung durch die Kälte verhindert.

Gold und das „feuerfarbige“ [Metall], sowie ebenso Silber und Zinn gehören gleicher Gattung und Art an, stimmen in der Farbe und den meisten Eigenschaften völlig überein und zeigen sich in anderen nur wenig verschieden; sie sind also miteinander nahe verwandt und daher auch gegenseitigen Überganges fähig. Durch Verschmelzen von Kupfer mit einer im Lande der Mossynöken, am Südostufer des Schwarzen Meeres, vorkommenden Erdart [offenbar einem zinkhaltigen Mineral], bereitete ein Erfinder, der sein Verfahren hierbei geheim hielt, eine „Mischung“ (κρᾶμα = Kráma, κρᾶσις = Krásis, d. i. eine Legierung), vermutlich die nämliche, aus der die berühmten „indischen“ Trinkschalen des Königs ~Darius~ verfertigt waren [d. i. Messing]: sie ist ebenso glänzend, leuchtend und unverrostbar wie Gold und von diesem durch die Farbe nicht zu unterscheiden, angeblich aber durch den Geruch. Übrigens sehen gar mancherlei Dinge wie Gold oder Silber aus, die nur mit χολοβαφίνη (Gallenfarbe) gelb gefärbt sind, oder aus Lithargyrina [einer silberähnlichen Legierung?] bestehen; wer sie wirklich für Gold oder Silber hält, gleicht dem Manne, dem ein Trugschluß als Wahrheit erscheint.

Das Verschmelzen von Kupfer mit dem aus den keltischen Ländern kommenden Zinn und das Zurechtmischen (χαλκοῦ κρᾶσις Krásis) und Gießen des „Erzes“ [der Bronze] soll ein Lyder namens ~Skythos~ erfunden haben. Das Wesen dieses Vorganges besteht darin, daß die ausgeprägte und beständige Natur des Kupfers der ungefestigten und für Einwirkungen sehr empfänglichen des Zinns völlig Herr wird, so daß das Zinn, als wäre es zu einem bloßen stofflosen Zustand (zu einer Qualität) des Kupfers geworden, im Erze verschwindet, dem es dabei eine (goldige) Färbung erteilt; tatsächlich ist das Zinn, nachdem seine Vermischung mit dem Kupfer stattgefunden hat, als solches nicht mehr wahrnehmbar, aber aus den weichen Metallen ist dabei ein hartes, festes, von hohem Glanze und von gänzlich anderer Farbe entstanden, das Kupfer hat also zugleich mit der neuen Färbung auch eine völlig neue Natur angenommen. Eine derartige Veränderung, die unter „Auflösung der eigenen Form“, unter „Aufgeben der eigenen Hyle“ verläuft, steht indes keineswegs vereinzelt da: ein Tropfen Wein z. B. +vermischt+ sich nicht mit 10000 Kannen Wasser, sondern +geht+ unter gänzlichem Verluste seiner Form in Wasser +über+, ein Körnchen Süßes bleibt in einer sehr großen Menge Flüssigkeit nicht als Gemengteil +erhalten+, sondern wird völlig zu ihr „+aufgelöst+“. Beispiele für die Umwandlung der Natur eines Stoffes unter Farbenwechsel sind das Reifen der herben und sauren Früchte zu wohlschmeckenden und süßen, die Entstehung von Brot und Backwaren aus μάζα (Máza = Brotteig), also aus Mehl und Wasser, -- wobei infolge der massenhaft entweichenden „Luft“ stets ein erheblicher Gewichtsverlust eintritt --, ja auch die Veränderungen des Wesens der Menschen zugleich mit deren „angeborener Farbe“, die ursprünglich für jeden Einzelnen durch das Verhältnis bedingt ist, „wie sich in ihm die Elemente mischten.“ Nicht möglich ist es indessen, solche und ähnliche Veränderungen auf gleiche Weise wieder rückgängig zu machen: Wein geht z. B. leicht in Essig über, soll aber aus Essig wieder Wein entstehen, so kann das nur auf dem nämlichen Wege geschehen, auf dem aus einem Toten aufs neue ein Lebendiger wird, d. h. durch die gänzliche Auflösung seiner Bestandteile in die Ursubstanz (πρώτη ὕλη; próte hýle, materia prima) und durch deren völlige Neugestaltung[1584].

Unter den der Schule des ~Aristoteles~ Zugehörigen, den Peripatetikern, steht sein unmittelbarer Nachfolger ~Theophrastos~ (372-287) ihm nach fast allen Richtungen sehr nahe und teilt auch seine Ansichten betreff der Materie[1585]; als ὕλη (Hýle) betrachtet er jedoch fast stets einen bestimmten Stoff und nicht, wie wiederum die späteren Schulhäupter, die noch gestaltlose Ursubstanz „vor Aufnahme der Form“[1586]. Seine hervorragendsten philosophischen Werke sind leider verloren gegangen, so daß sich ihr Inhalt nur auf Grund später und oft arg entstellter Überlieferungen wenigstens zum Teile erschließen läßt; auch von der Schrift über die Mineralien, auf die an geeigneter Stelle noch zurückzukommen sein wird, besitzen wir nur größere Bruchstücke.

~Theophrasts~ Schüler ~Straton~, der 287-269 lehrte, soll sich vornehmlich mit Naturkunde beschäftigt haben, weshalb er auch ὁ φυσικός (der Physikus) genannt wurde[1587]; in seinen Lehrmeinungen wich er vielfach von ~Aristoteles~ ab und hielt u. a. auch die scharfe Trennung von Stoff und Form für unzulässig und unmöglich[1588]. Von seinen zahlreichen Schriften sind nur geringe Fragmente erhalten, aus denen ~Diels~ sein System nach Möglichkeit rekonstruierte[1589]. Wichtig ist namentlich ~Stratons~ Lehre vom Pneuma[1590], die sehr bedeutenden Einfluß auf die Medizin gewann; bei seinem Zeitgenossen ~Erasistratos~, dem berühmten Arzte, tritt das Pneuma auch als mechanischer Träger der Seelentätigkeit auf[1591].

3. Die Stoïker.

Von den drei neuen, seit dem Zerfalle des mazedonischen Weltreiches ziemlich gleichzeitig zur Entwicklung gelangenden nacharistotelischen Systemen, dem des ~Epikur~ (dessen Physik eine atomistische ist), dem skeptischen und dem stoïschen, ist an dieser Stelle nur das letztere zu betrachten; denn von ihm allein gingen hier zu berücksichtigende Nachwirkungen aus, und zwar um so bedeutsamere und wichtigere, als es sich vom 2. Jahrhundert an in steigendem Maße der gesamten Schuldisziplin bemächtigte und hierdurch der höheren Allgemeinbildung des ausgehenden Altertums tiefgreifende Spuren einprägte.

Im Laufe des 4. Jahrhunderts machte sich, zugleich mit der rasch fortschreitenden Zerrüttung der politischen und religiösen Verhältnisse Griechenlands, auch eine fühlbare Ermattung des philosophischen Geistes bemerklich; ihre Anzeichen sind das Überwiegen rein praktischer Bestrebungen und der auf sie hinzielenden ethischen Grundsätze, das Verlangen nach Leichtfaßlichkeit und Volkstümlichkeit der Lehren, die Berücksichtigung persönlicher Stimmungen, Neigungen, Vorurteile usf. und Hand in Hand hiermit ein anfangs unmerklich einsetzender, alsbald aber mächtig anwachsender Einfluß des Orients[1592]. Es kann daher nicht unbeachtet bleiben, daß die hervorragendsten der älteren Stoïker fast sämtlich der östlichen Mischbevölkerung angehörten[1593]: ~Zenon~ (342-270 oder 336-264) stammte aus Kition in Cypern, ~Kleanthes~ (331-251 oder 233?) aus Assos in der Troas, ~Chrysippos~ (280-205) aus Soloi in Cilicien; aus Rhodus gebürtig war ~Panaitios~ (180-110), aus Apamea in Syrien ~Poseidonios~ (135-51), welche Träger der mittleren Stoa das System dem römischen Weltreiche übereigneten, in dem es durch ~Seneca~ (gest. + 65), ~Epiktet~ (gest. + 115?) und Kaiser ~Marc Aurel~ (121-180) seine letzte Nachblüte zeitigte.

Von den Werken der älteren Stoïker, also den eigentlich grundlegenden, sind nur Bruchstücke erhalten, die in neuerer Zeit ~v. Arnim~ zusammenfaßte[1594]; infolge ihrer Überlieferung durch späte, häufig sogar sehr späte Kompilatoren lassen sich die einzelnen Lehren nur selten mit völliger Sicherheit bestimmten Urhebern zuschreiben, sie zeigen vielfache Widersprüche, ihre Terminologie ist weder einheitlich noch folgerichtig, auch wird der Sinn der Schulsprache oft nur auf Grund medizinischer Schriften verständlich, die von Ärzten stoïscher oder stoïsch-peripatetischer Richtung, den sog. „Pneumatikern“, herrühren[1595]. Dies alles gilt insbesondere betreff der Naturforschung, denn da die Stoïker der Ansicht waren, die Fähigkeiten des Menschen seien unzureichend zur Feststellung der Wahrheit auf diesem Gebiete, so vermochten sie sich auf ihm auch fast nirgends zu eigenen Leistungen aufzuschwingen[1596]. Ihre Meinungen blieben vielmehr abhängig von denen des ~Platon~, vor allem aber von denen des ~Heraklit~, des ~Aristoteles~ und der aristotelischen Schule der Peripatetiker[1597]; großen Einfluß entfalteten hauptsächlich einige durch Letztere weiter ausgebildete Lehren, nämlich erstens die von der „Antiperístasis“, -- d. i. der Intensitäts-Veränderung der Qualitäten unter dem Einflusse ihrer Gegensätze, die unter Umständen zur völligen gegenseitigen Ab- oder Ausstoßung unter Platzwechsel führen kann[1598] --, und zweitens die vom „Pneuma“ [später: spiritus], das als „treibende Kraft“ oder „Spannkraft“ eine große und allgemein-wichtige Rolle im gesamten Weltenlaufe zugewiesen erhält und zwecks Deutung der Naturvorgänge in steigendem Maße zum Ersatze der von ~Aristoteles~ gegebenen dynamischen Erklärungen herangezogen wird[1599].

Die Einflüsse des orientalischen Geistes machen sich u. a. in der Vorliebe für die +Mantik+ geltend, über die bereits einige der älteren Stoïker, aber auch noch ~Poseidonios~, ausführlich schrieben: den Gestirnen, namentlich den Planeten, wird als den „sichtbaren Göttern“ besondere Verehrung gezollt; Vorbedeutungen, Wundererscheinungen und abergläubischen Wahrzeichen wird hoher Wert beigemessen; für denjenigen aber, der sich solchen Rates erholen will, sind sittliches Wohlverhalten, Reinheit des Herzens, selbstlose Gesinnung, Frömmigkeit, Keuschheit und auch entsprechende Ernährung wesentliche Vorbedingungen des Erfolges[1600]. Zu den Wahrzeichen zählen auch die +Sympathien+ und +Antipathien+, die ursprünglich mehr als naturgemäßes Zusammentreffen verschiedener Vorgänge in verschiedenen Teilen des Weltalls angesehen werden, weiterhin aber auch als Ergebnisse einer Art höherer psychischer Fernwirkung, die dann in diesem Sinne (ebenso wie die übrigen orientalischen Anschauungen) den Lehren der späteren Neu-Pythagoräer und -Platoniker vorbauen[1601]. Als sehr charakteristisch für die Stoïker erweist sich endlich ihr Streben nach +allegorischer+ Aus- und Umdeutung religiöser Glaubenssätze und Mythen, volkstümlicher Vorstellungen (Dämonen, Geister ...), dichterischer Schöpfungen (der Epen ~Homers~, ~Hesiods~ ...) usf., wobei sie mit großer Willkür verfahren und als „Beweise“ mit Vorliebe etymologische Spitzfindigkeiten, ja Kindereien beibringen[1602], nach Art der Gleichsetzung von ~Kronos~ mit ~Chronos~[1603], die sich allerdings vielleicht schon bis ins 6. Jahrhundert zurückverfolgen läßt[1604]. So ermitteln sie auch Beziehungen der Götter zu den vier Elementen[1605], Zusammenhänge zwischen den Namen, Gestalten und Attributen der Götter[1606], -- u. a. auch betreff deren ägyptisch-hieroglyphischer, angeblich auf Sonne, Mond und Sterne bezüglicher Symbole[1607] --, zwischen Gottheiten und den Gestirnen, namentlich den Planeten, die in einer für das Weltall sehr nützlichen Anzahl vorhanden sind und sehr wunderbare Wirkungen ausüben[1608], usf. Nach Überlieferungen bei ~Plutarch~ (48-125 n. Chr). und ~Dion Chrysostomos~ (um 80 n. Chr.) erklärte man die homerische Episode vom Beilager des ~Ares~ und der ~Aphrodite~ als Konjunktion der gleichnamigen Planeten[1609], die Hochzeit des ~Zeus~ mit der ~Hera~[1610] als Verbindung der Elemente u. dgl. mehr.

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Nach der naturwissenschaftlichen Lehre der Stoïker, die, wie erwähnt, keineswegs als eine klare und widerspruchsfreie zu bezeichnen ist, gibt es zwei gestaltlose, ungewordene und unvergängliche Urprinzipien oder αρχάι (Archái)[1611], die am kürzesten Stoff und Kraft, Leib und Seele, oder Körper und Geist zu benennen wären[1612]; ihre Unterschiede werden bald in schärfster Weise hervorgehoben, bald wieder mehr oder minder verwischt, indem man den Stoff als unmittelbar belebt, den Geist aber als einen stofflichen Hauch ansieht[1613], -- so daß hiernach alles gleichzeitig körperliches +und+ geistiges Wesen besitzen, demnach eigentlich +einheitlich+ sein, also nur je nach dem Standpunkte der Betrachtung vorwiegend körperlich oder geistig erscheinen müßte[1614].

Ursprünglich vorhanden war die +Urmaterie+, der allgemeine Grundstoff (ὑποκείμενον, Hypokeímenon), die eine und einheitliche Substanz oder +Usía+ (οὐσία) alles Bestehenden, die auch, -- und zwar +zuerst+ von den Stoïkern[1615] --, mit der +Hyle+ identifiziert und πρώτη ὕλη (materia prima) genannt wird[1616], zuweilen auch πρωτίστη ὕλη = „allererste Materie“[1617]; sie ist der reine, form- und eigenschaftslose Stoff, ἄποιος ὕλη, ἄποιος οὐσία[1618], σῶμα ἄποιον καὶ ἄμορφον[1619], gänzlich +passiv+, aber allempfänglich, fähig jeglicher μεταβολή (Metabolé, Umänderung) und αλλοίωσις (Alloíosis, Artverwandlung)[1620], zu Allem wandelbar und gestaltbar. Diese Gestaltung begann zunächst[1621], indem die +aktive+ göttliche ἄρχη (Gottheit, Zeus, Kraft, Geist, ....) die vier ebenfalls aktiven und göttlichen +Qualitäten+, d. s. Wärme und Kälte sowie Trockenheit und Feuchte, auf die Hyle einwirken und sich (unter Verdünnung und Ausdehnung, Verdichtung und Zusammenziehung usf.) mit ihr verbinden ließ[1622]; hierdurch entstanden die vier Elemente, d. s. Feuer und Luft sowie Erde und Wasser, die jedes nur +eine+ ποιότης (Poiótes, Qualität) haben[1623], -- wie denn z. B. ὕλη + göttliches Wärmeprinzip = Feuer als Element ergibt[1624] --, und die nach ~Heraklits~ Regel ἄνω (áno) und κάτω (káto) ineinander überzugehen vermögen und auch tatsächlich ununterbrochen übergehen[1625].

Die vier +Elemente+ oder στοιχεῖα[1626] sind, im Gegensatze zu den ἀρχάι, geworden und geformt, also auch vergänglich und zerstörbar[1627] und erweisen sich als die ersten besonderen Gestaltungen des göttlichen Wesens, sowie als die allgemeinsten Substrate für die Wirksamkeit der göttlichen Kraft[1628]. Da das Feuer heiß und leicht ist, die Luft kalt und leicht, die Erde trocken und schwer, das Wasser feucht und schwer, so treten [wie auch schon bei ~Aristoteles~ und den Peripatetikern][1629] Feuer nebst Luft, sowie Erde nebst Wasser sich in zwei natürlichen Gruppen gegenüber, die als „obere und untere“, „feinere und gröbere“, „bindende und gebundene“, „aktive und passive“, „tätige und leidende“ Elemente, „ποιοῦν καὶ πάσχον“[1630], ihrerseits wieder im Verhältnisse wie Kraft zu Stoff, Geist zu Körper, Seele zu Leib stehen[1631].

+Wirklich+ und +wirksam+ können nach stoïscher Lehre allein +Körper+ sein, daher muß auch den ποιότητες, den Qualitäten oder Eigenschaften, +körperliche+ Natur zukommen[1632], etwa die einer „feinsten zarten Substanz“, einer „leichten materiellen Strömung“[1633], eines von τόνος (Tónos = tenor; Spannung, Spannkraft) erfüllten Hauches oder Pneumas[1634]. Im Gegensatze zur üblichen Lehre von der Undurchdringlichkeit ist hiernach eine „κρᾶσις δι’ ὅλων“ möglich, d. h. eine „völlige Durchdringung“ der Körper und ihrer Qualitäten[1635]: sie ist weder eine παράθεσις (Paráthesis = mechanische Vermengung) wie die verschiedener Arten Getreide, noch eine gewöhnliche κρᾶσις oder μῖξις (Krásis, Míxis = Vermischung) wie die von festem Eisen mit Feuer oder von flüssigem Wasser mit Wein, noch endlich eine σύγχυσις (Sýnchysis = Verschmelzung) wie die der Salben und Arzneien, bei der die Qualitäten der Bestandteile verschwinden und ganz neue entstehen[1636], vielmehr bewahren bei ihr sämtliche Komponenten ihre Individualität, vereinigen sich aber zu einem neuen Stoff[1637]. In letzter Linie gehen daher aus der Usía, der Ursubstanz als allgemeinen Grundlage der Körperlichkeit[1638], infolge Einwirkung der Qualitäten die Einzeldinge hervor, teils unmittelbar, teils (durch die Zwischenstufe der Elemente) mittelbar, und zwar jedes in Gestalt einer stofflichen, aus Usia und einer veränderlichen Menge verschiedener ποιότητες (Qualitäten) bestehenden Mischung (κρᾶσις); eine solche kann ihrer Natur nach steten Veränderungen unterliegen[1639], indem sie entweder durch Vermehrung oder Verminderung ihrer +Usia+ der Metabolé (Umänderung) fähig ist, oder durch Wechsel ihrer +Qualitäten+ der Alloíosis (Artverwandlung). Diese Einzeldinge, also bestimmte Stoffe wie Holz, Gold, Eisen, Erz, -- für dessen Entstehung aus Kupfer und Zinn die aristotelische Erklärung das ständige Schulbeispiel bleibt[1640] --, werden aber von manchen Stoïkern auch als „Hyle“ bezeichnet oder zusammengefaßt[1641], so daß es dann u. a. auch wieder heißt „die vier Elemente machen die Hyle aus“[1642].

Entsprechend der Lehre ~Heraklits~ gehen die Elemente aus einem „Urfeuer“ hervor[1643] und lösen sich beim Weltuntergange durch ἐκπύρωσις (Ekpýrosis, Feuer-Werdung) wieder in dieses auf[1644]. Verschieden von dem gewöhnlichen verzehrenden Feuer, dem πῦρ ἄτεχνον, ist aber das πῦρ νοερόν oder τεχνικόν, das vernünftig-intellektuelle, künstlerisch-bildende, leben- und wachstumverleihende[1645], das sich auch οὐσία θεοῦ = göttliche Usia, Gottheit, Zeus, Substanz des Himmels und der Gestirne, himmlischer Lufthauch, Pneuma [Spiritus], göttlicher Geist, formende Kraft, Äther, Weltfeuer, Weltseele, Weltvernunft (κοινὸς λόγος), Logos usf. benannt findet[1646]. Obwohl nun dieser Weltkraft alle Merkmale des heraklitischen Logos zugeschrieben werden[1647], so trifft doch auch für sie zu, daß sie als Gottheit „wirkt“, demnach körperlicher Natur sein, dem physischen Stoffe also nach Art eines zarten geistigen Hauches innewohnen muß[1648]; diesen „göttlichen feurigen Hauch“, den schaffenden und wirkenden (τὸ δραστήριον), betrachteten schon die älteren Stoïker als eine Verbindung der leichten und aktiven (ποιητικά) Elemente Feuer und Luft und als identisch mit dem +Pneuma+[1649]. Ursprünglich galt das Pneuma nur als etwas Materielles und Körperliches, als eine Strömung jener feinen Luft, die sich beim Gewitter entzündet[1650] und durch ihre Spannung (τόνος = tónos) die Erdkugel in Schwebe und den ganzen Kosmos in Vereinigung erhält[1651]; allmählich aber würde es (in Fortbildung aristotelischer Anschauungen)[1652] zu einer die gesamte Materie durchdringenden und hierdurch gleichfalls mit τόνος erfüllenden, „geistigen“ und „göttlichen“ Naturmacht, die als „natura naturans“ gestaltet und formt, bildet und bewegt, ja Leben und Empfindung, Seele und Denkvermögen erweckt[1653].

Die Kraft, die den τόνος des Pneumas bedingt, wird insbesondere auch als +Logos+ bezeichnet[1654], der seinem Wesen nach aktiv, zwecksetzend und zielstrebig ist und sich zum Kosmos verhält wie die Seele zum Leib, oder wie die bewegende Ursache (causa) zur bewegten Masse (materia)[1655]. Häufig findet sich der Logos aber auch unmittelbar dem Pneuma gleichgesetzt[1656] und samt diesem wieder dem himmlischen Äther[1657]; als ein „göttliches Feuer“, dem πῦρ τεχνικόν entstammend, durchdringt dann sein „warmer Hauch“, πνεῦμα ἔνθερμον, das Weltall, bewirkt in ihm Einheitlichkeit und Harmonie, Ordnung und Notwendigkeit[1658], bedingt die Entwicklung der Materie nach gewissen Regeln und Normen und erweist sich so als Träger der Gesetzlichkeit und Vernunft[1659]. Da nun die Götter dem menschlichen Geschlechte den Logos, der als Vernunft und Gedanke in der Brust ruht, als Wort und Sprache aber aus ihr hervortritt, durch den ~Hermes~ gesandt haben sollen, so wird dieser Götterbote unter den Namen Logos oder Lógios (λόγιος) auch +selbst+ mit dem Logos identifiziert, und zwar in jener Doppelgestalt des geistigen, die Seelen leitenden und geleitenden „~Hermes~ psychopómpos“ und des weltlichen, die irdischen Angelegenheiten ordnenden und regelnden „~Hermes~ chthónios“, die sich allerdings schon im Volksglauben und bei den älteren Philosophen vorgedeutet findet, ihre eigentliche Ausbildung aber erst bei ~Philo~ von Alexandria (etwa 30 v. bis 50 n. Chr.) und den Kirchenvätern erfährt[1660].

Wie der Gottheit, so muß auch der +Seele+ (ψυχή, Psyche), da sie „wirkt“, den Leib affiziert und von ihm affiziert wird, körperliche Natur zukommen[1661]: sie ist ein warmer göttlicher Hauch, ein Pneuma[1662], -- diese Gleichsetzung kennen in vollem Umfange zuerst die Stoïker[1663] --, ein πνεῦμα ἔνθερμον[1664], als „Usia der Seele“ mit dem Leibe verbunden[1665] und ihn durch ihren τόνος (tónos) erfüllend und beeinflussend[1666]. Die Seele wird aber auch als σπέρμα (Spérma) = +Samen+ bezeichnet[1667], denn der Lehre des ~Aristoteles~ gemäß liegt ihr Keim in dem vom Samen umschlossenen warmen Lufthauch (aura seminalis), und dieses Pneuma des Samens ist selbst wieder als ein losgerissenes Stück der väterlichen Seele zu betrachten; weil diese aber auf gleichem Wege entstanden ist, so enthält sie auch gewisse Reste von den Seelen der Vorfahren, und zwar oft in Form bloßer „Anlagen“, die erst unter passenden Umständen in späteren Generationen wieder zur Entwicklung gelangen[1668].

Zum Körper verhält sich die Seele wie zum Weltganzen der Logos: auch er geht als „Samen“ (σπέρμα, Sperma) in die Materie ein, befruchtet und belebt, bildet und gestaltet sie durch die Macht seines himmlisch-ätherischen Pneumas (δύναμις πνευματική) und bringt aus ihr alle Einzeldinge zur Entwicklung[1669]. Sein Vermögen hierzu erklärt sich daraus, daß er unbeschadet seiner Einheitlichkeit dennoch die „λόγοι σπερματικοί“ (+Lógoi spermatikoí+), die „rationellen Keimkräfte und Keimformen“, „keimhaften Vernunft-Anlagen“, „vernünftigen Samen-Elemente“, die „Samen“ sämtlicher Einzeldinge, bereits in sich enthält[1670]. In diesen λόγοι σπερματικοί schufen die Stoïker „einen ihnen eigentümlichen, doktrinären Begriff, ausgerüstet mit mystisch-dämonischer Gewalt“[1671]; sie sehen in ihm die „allgemeine Vernunft“ als jene formende Naturmacht (natura naturans) am Werke, die zwar als Inbegriff schöpferischer Kraft in ihrer Einheit das Weltganze hervorbringt, zugleich aber auch als „keimbildende Vernunft“ in ihren besonderen Ausflüssen die Einzeldinge[1672]. Als Prinzipien der Entwicklung, -- geistig als λόγοι, materiell als σπερματικοί --, stehen die Lógoi spermatikoí in engster Beziehung zu den ποιότητες, den Qualitäten[1673]; denn indem sie die Materie völlig durchdringen, verleihen sie ihr Eigenschaften, individualisieren sie dadurch, wirken formbildend und fortbildend und befähigen sie ferner unter Umständen, neue Individuen in den alten Formen hervorzubringen[1674]. Die Identifizierung des einheitlichen Logos mit dem Pneuma läßt die als Einzelkräfte in den Dingen waltenden Lógoi spermatikoí ebenfalls als Pneumata ansehen; wie alles übrige, so erfüllen sie auch den menschlichen Körper mit ihrem bald leichteren wärmeren und trockneren, bald dichteren kälteren und feuchteren Hauche, und da sich ihre Veränderungen als Ursachen körperlicher und geistiger Krankheiten auffassen ließen, so ist es leicht erklärlich, daß sich als eigentlich stoïsche Ärzteschule gerade die eingangs erwähnte der „Pneumatiker“ entwickelte[1675].

Daß die Stoïker die Sterne und insbesondere die Planeten als „sichtbare Götter“ betrachteten und ihnen die mannigfachsten Einwirkungen zuschrieben, fand bereits im Vorstehenden kurze Erwähnung; auf +einen+ Umstand muß aber, seiner dauernden Nachwirkung halber, noch ausdrücklich hingewiesen werden, nämlich auf den außerordentlichen Vorschub, den sie dem +Fatalismus+ leisteten, einer Denkrichtung, die allerdings durch die Zeitumstände und namentlich durch die gewaltsamen politischen Ereignisse schon seit dem Auftreten ~Alexanders des Grossen~ und der Diadochen in fortdauernd steigendem Maße begünstigt wurde[1676]. Die Stoïker, meist dem Osten entstammend und „Virtuosen der allegorischen Auslegung“[1677], brachten die älteren griechischen Überlieferungen von der unerbittlichen Notwendigkeit der ἀνάγκη (Anánke) und dem unentrinnbaren Zwange des Verhängnisses, der ἑιμαρμένη (Heimarméne), -- die den jüngeren Orphikern als Tochter des Demiurgen und der Ananke galt[1678] --, in Verbindung mit verschiedenen, ihnen wohlbekannten Ideen zumeist spätbabylonischer (chaldäischer) Herkunft, vor allem mit jenen, die die Astrologie, die Parallelität des Mikro- und Makro-Kosmos und die Lehre von der Sympathie betrafen. Finden sich auch einige Anklänge an diese letztere schon bei ~Theophrast~, so beginnt doch ihre planmäßige Durcharbeitung und litterarische Darstellung erst bei den Stoïkern, denen schließlich die ganze Welt als ein einheitlicher Organismus (σῶμα = Sóma) erscheint, in dem daher notwendigerweise sämtliche Teile durch ein natürliches Band verknüpft sein müssen, durch das Band der σύνθεσις τῶν ὅλων, der allseitigen Zusammengehörigkeit[1679]. Als einen Sonderfall dieser allgemeinen, auf der Einheitlichkeit des Weltganzen beruhenden Sympathie betrachteten nun die Stoïker den Einfluß der Planetengötter, der in jenem des Wandels und der Stellung ihrer Gestirne, der Planeten, sichtlich hervortritt: die zugehörigen orientalischen Anschauungen (über diese s. weiter unten) übernahmen sie ziemlich unverändert, ersetzten die „chaldäischen“ Namen der Planetengötter durch hellenistische oder griechische, und die nämlichen Gelehrten, die sich sonst als ausschließliche Vertreter reiner, den „unnützen“ Naturwissenschaften verschlossener Weisheit und strenger Sittlichkeit zu geben liebten[1680], führten auf derartigem Wege die +Astrologie+ und die Theorie von der Parallelität des Makro- und Mikro-Kosmos in die „praktische Philosophie“ ein[1681]. In dem so entstandenen Systeme, dessen Entwicklung zwar schon zur Zeit des ~Diogenes von Babylon~ und des ~Panaitios~ ziemlich weit fortgeschritten war, den Höhepunkt bedeutsamer und weittragender Ausgestaltung aber erst unter ~Poseidonios~ (135-51 v. Chr.) erreichte[1682], gewährleistet einerseits der gestirnte Himmel, zu dem der Sterbliche mit stets neuer Bewunderung emporblickt, durch die ewige Unveränderlichkeit und vollendete Ordnung seiner Fixstern-Sphäre auch eine solche der gesamten großen und kleinen Welt; andererseits aber irren an ihm nach fortwährend wechselnden Richtungen und in völlig willkürlichen Bahnen die Planeten hin und her, zu unsteter Bewegung und Drehung genötigt durch ihre lenkenden „Sterngötter“, jene furchtbaren und tyrannischen „Dämonen“, die sich schon allein durch diese Störungen der sonstigen Regelmäßigkeit und Harmonie als Feinde der guten Gottheiten erweisen und wie am Himmel so auch auf Erden alles Schlechte und Böse, alles Ungemach und Unglück hervorrufen. Dieses „Wirken der Planeten“, diese „Schicksalsmacht der Sterne“ identifizierten die Stoïker mit der Heimarméne, dem allgewaltigen Verhängnisse, gegen das jeder Widerstand fruchtlos bleibt, und dem daher Niemand zu entrinnen vermag, weder durch Nachdenken noch durch Handeln; zwar erstreben alle Menschen Erlösung von diesem furchtbaren und niederdrückenden Zwange, aber zuteil wird sie nur den Wenigsten, Einigen durch magische und zauberkräftige Geheimlehren oder durch Begnadigung seitens der mit ihren „richtigen“ Namen angerufenen Götter, Anderen durch mystische und religiöse Weihen, noch Anderen durch die wahre (= stoïsche) Philosophie[1683].

4. Die Neupythagoräer und die jüdisch-hellenistische Philosophie; die Neuplatoniker und die Schule von Athen.

a) Die Neupythagoräer.

Zu Alexandria, dem nicht nur für Handel und Verkehr, sondern auch für Wissenschaft und Geistesleben bedeutsamsten Berührungspunkte abend- und morgenländischer Kultur, begannen schon seit dem 2. Jahrhundert, ausgesprochener aber gegen 100 v. Chr., als neue Stämme der Philosophie der +neupythagoräische+ und der +jüdisch-hellenistische+ hervorzutreten; da beide gleichartigen Wurzeln entsprossen und unter gleichartigen Einflüssen erwuchsen, bietet auch ihre Entwicklung nach Inhalt wie Verlauf zahlreiche Analogien[1684].

Auftreten und Erfolg der Neupythagoräer zählen zu den Zeichen eines sinkenden, an Enttäuschungen politischer, wirtschaftlicher und geistiger Art reichen Zeitalters: Glückseligkeit und Erkenntnis, die das +Wissen+ nicht gewährt hat und anscheinend auch gar nicht zu gewähren vermag, sollen nunmehr im +Glauben+ gesucht werden, sei es in den religiösen Überlieferungen „uralter“ griechischer oder orientalischer Kulte und Mysterien, sei es in göttlichen Offenbarungen, die dem Würdigen durch Mittelwesen (Demiurgen, Dämonen, Geister, ...) zuteil werden; würdig ihres Wohlgefallens und ihrer Mithilfe ist aber allein der Fromme, Selbstlose, innerer und äußerer Reinheit Beflissene, daher hat der Philosoph fortan nur mehr als „Diener der Gottheit“ auf Erfolg zu rechnen, und das Priestertum erhebt sich für ihn zu ungeahnter Wichtigkeit[1685].

Vorwiegend beeinflußt haben das neupythagoräische System einerseits die Ansichten der Stoïker[1686], andererseits die seit Beginn des 3. Jahrhunderts zu neuer Bedeutung gelangten wirklichen und vermeintlichen Überlieferungen aus orphischer Quelle, welche letzteren „zum synkretistischen Brei die Zutat der Mystik beisteuerten, als eine für den überreizten Gaumen der Epoche unentbehrliche Würze“[1687]. Gedanken indischer Herkunft sind (früheren Vermutungen entgegen) nicht nachweisbar, der ägyptischen Religion und deren angeblicher geheimer Priesterweisheit entstammende kaum, reichlich dagegen sog. „persische“ (richtiger: spätbabylonische) meist abergläubischen und astrologischen Inhaltes[1688]; vermittelt sind diese hauptsächlich durch die Verbindungen mit Juden und jüdischen Sekten, besonders den Essenern oder Essäern (s. unten)[1689]. Um Beschaffung ansehnlicher, ganze Lehrgebäude stützender „Autoritäten“ war man in Alexandria niemals verlegen, da dort „schon im 2. Jahrhundert v. Chr. das Gewerbe literarischer Unterschiebung und Fälschung durch Griechen und Juden geradezu fabrikmäßig betrieben wurde“[1690]. Im vorliegenden Falle griff man auf ~Pythagoras~ zurück, von dessen Leben und Lehre so weniges Genaue bekannt ist, daß es keine Schwierigkeit bot, beide zweckentsprechend auszugestalten; so z. B. ließ man den „erhabenen Weisen und Propheten“ die Geheimwissenschaft von den ägyptischen Hierophanten, die Astrologie von den persischen Magiern, die Mantik von den arabischen Priestern erlernen[1691] und seine Errungenschaften in strengstens geheim zu haltenden Schriften allegorischen Inhaltes zusammenfassen[1692], wobei, wie in allen dergleichen Fällen, die Schule dasjenige, was ihr selbst für Wahrheit galt, ihrem Stifter in den Mund legte[1693].

Ganz außerordentliche Wichtigkeit maßen die Neupythagoräer der Zahlenspekulation bei, sowie den „von unendlicher Kraft und Bedeutung erfüllten“ Zahlen selbst: die Einheit z. B. bedeutet einerseits wirkende Kraft, Gottheit, Vernunft, Logos, Logos spermatikós, Form der Formen, Maß, Harmonie, Gut, Glück, andererseits aber auch Materie, Chaos, Finsternis, Styx, Tartarus, im ganzen also das „Gerad-Ungerade und Männlich-Weibliche“; die Zweiheit stellt einerseits Gleichheit, Fortstreben, Entwicklung dar, andererseits Teilung, Mehrheit, Wechsel, Gegensatz, Stoff; die Dreiheit ist die erste wahre Zahl, da sie Anfang, Mitte und Ende besitzt; in der Vierheit ist die „Vollkommenheit der Dekas“ (der platonischen Zehnzahl) verborgen, da 1 + 2 + 3 + 4 als Summe 10 ergibt, usf.[1694]. Die Zahlen lassen sich als Punkte darstellen, aus diesen gehen zunächst Linien hervor, sodann Flächen, Gestalten (Figuren) und schließlich die in diesen auftretenden Elemente, denen sämtlich das Vermögen zukommt, ineinander überzugehen (μεταβάλλειν)[1695]; es sind ihrer vier oder unter Hinzurechnung des Äthers, des πέμπτον σῶμα, fünf[1696], und zwar stehen Wasser nebst Erde zu Luft nebst Feuer im Verhältnisse von Stoff zu Form, Passivem zu Aktivem, πάσχον zu ποιοῦν. Nicht selten findet sich aber auch den Elementen die Natur einer Hyle bestimmter Art zugeschrieben, im Gegensatze zur πρώτη ὕλη (materia prima), die als οὐσία (Usía), als noch form- und eigenschaftsloses, jedoch allbildsames Substrat das weibliche Prinzip des Kosmos vorstellt, das durch das Männliche, den Logos spermatikós, befruchtet wird[1697].

Aus Luft und Feuer, die dem Pneuma des Samens entstammen, bestehen auch die Seelen; nach dem Verlassen des Leibes schweben sie, gleich den Dämonen und den jüdischen Engeln, in der Atmosphäre[1698], und der Seelenbeherrscher ~Hermes~, den ~Plutarch~ zugleich mit dem griechischen Logos und dem ägyptischen ~Thoth~ identifiziert[1699], führt die würdigsten unter ihnen empor zum höchsten Gott, der mit einem jüdisch-hellenistischen Ausdrucke als ὕψιστος (Hýpsistos) = der Oberste, Höchstthronende bezeichnet wird[1700]. Die erhabenste Offenbarung der Gottheit ist die Sonne[1701]; ferner stehen in ihrem Dienst als „sichtbare Götter“ die Sterne[1702] und als unsichtbare die Untergötter, Dämonen und Geister, der Demiurg, der Logos usf.; sie sind die Mittler zwischen Gott, dem reinen Geist (Pneuma), und der gemeinen und unreinen Materie, mit der sich unmittelbar zu befassen des ὕψιστος nicht würdig wäre[1703].

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Unter den zahlreichen, durch den neu erwachenden Pythagoräismus beeinflußten Werken ist wegen ihrer tiefgehenden und bis an die Schwelle der Neuzeit anhaltenden Wirksamkeit die Schrift „+Von der Welt+“ (περὶ κόσμου) hervorzuheben[1704]. Sie ist vermutlich im 1. Jahrhundert n. Chr. geschrieben[1705], jedoch dem ~Aristoteles~ untergeschoben, und zwar mit so gutem Erfolge, daß dessen „Opera omnia“ sie samt der vorgeblichen Widmung an ~Alexander den Grossen~ noch in ihren jüngsten Ausgaben enthalten; der Inhalt der Abhandlung, die sich durch Kürze, vortrefflichen Stil und eindringliche Darstellung auszeichnet und in sehr geschickter Weise peripatetischen Theismus mit stoïschem Pantheismus verbindet[1706], gibt ohne weiteres zu erkennen, daß sie unmöglich aus der Zeit des ~Aristoteles~ herstammen kann, daß ihr Verfasser vielmehr ein Eklektiker ist, der seine Anschauungen aus platonischen, peripatetischen und stoïschen Quellen schöpft, -- namentlich aus ~Poseidonios~[1707] --, sie mit denen der Neupythagoräer zu vereinigen sucht[1708] und an Stelle der Metaphysik vielfach bereits die Theologie treten läßt, wodurch er den Übergang von der reinen Philosophie der älteren zur religiösen Spekulation der späteren Zeit vorbereitet, ja mitvollzieht[1709].

Die Elemente bilden auch hier die beiden bedeutsamen Gruppen der aktiven (Feuer und Luft) und passiven (Wasser und Erde)[1710]; der Äther bleibt bald im (peripatetischen) Gegensatze zu ihnen[1711], bald tritt er „in der gröblich materialisierten Gestalt eines eigentlichen fünften Elementes auf“ (πέμπτη οὐσία = quinta essentia, Quintessenz)[1712], und zuweilen wird er dem göttlichen Pneuma gleichgesetzt, dem Stoffe des Himmels und der Gestirne[1713]. Die Hauptrolle unter diesen spielen die Planeten, d. s. Kronos, Zeus, Ares oder Herakles, Hermes oder Apollon, Aphrodite oder Hera, Helios und Selene[1714]; ihre Bewegungen bedingen die Harmonie der Sphären[1715], in der ein Symbol der im gesamten Weltall obherrschenden zu erblicken ist.

b) Die jüdisch-hellenistische Philosophie.

Schon zur Zeit der ersten Ptolemäer, des ~Ptolemaeus Lagi~ (331-283), ~Philadelphos~ (283-246) und ~Euergetes~ (246-221), bildeten in Ägypten, besonders aber in Alexandria, einen der zahlreichsten und intelligentesten Bestandteile der Bevölkerung die Juden[1716]; sie allein von allen orientalischen Nationen unternahmen den Versuch, die griechische Philosophie, unter entsprechender Umgestaltung, mit ihren eigenen religiösen Überlieferungen in Einklang zu bringen[1717] und schufen so eine höchst merkwürdige Mischlehre aus platonischen, stoïschen und alttestamentarischen Elementen[1718]. Die Anfänge dieser Bestrebungen dürften in das 2. Jahrhundert fallen, soferne, wie es berechtigt scheint, die Fragmente des ~Aristobulos~ (gegen 150 v. Chr.?) als echt anzusehen sind[1719]. In ihnen machen sich bereits die Versuche geltend, Griechisches und Jüdisches vermöge allegorischer Deutungen biblischer Lehren sowie gefälschter Zitate aus ~Orpheus~ und ~Linos~, aber auch aus ~Homer~ und ~Hesiod~ kunstgemäß zu vereinigen, die ältesten griechischen Dichter und Philosophen aber ihre Weisheit den Schriften des ~Moses~ entlehnen zu lassen[1720]; es geschieht dies schon völlig im nämlichen Sinn, in dem sich noch um 150 n. Chr. ~Numenios~ dahin ausspricht, ~Platon~ habe aus ~Pythagoras~ geschöpft und dieser aus den heiligen Schriften der Inder, Perser, Ägypter und Juden, so daß in letzter Linie ~Platon~ nichts anderes sei als ein Μωύσης ἀττικίζων, ein griechisch sprechender ~Moses~[1721]. -- Gedanken, die denen des ~Aristobulos~ verwandt sind, finden sich auch niedergelegt in der „Weisheit ~Salomons~“ (verfaßt zwischen 100 und 50 v. Chr.), in der u. a. Gott die Welt ἐξ ἀμόρφου ὕλης schafft (aus der gestaltlosen Urmaterie)[1722], ferner im sog. „4. Buche der Makkabäer“ (verfaßt um 100 v. Chr.)[1723] und vor allem im dritten (ältesten) Abschnitte der „Sibyllinen“, d. s. 14 Bücher jüdisch-christlicher Orakel, die ursprünglich zwischen 150 und 100 v. Chr. niedergeschrieben, später vielfach erweitert, von den Kirchenvätern aber für durchaus echt und uralt angesehen wurden[1724].

Der Vermengung jüdischer und griechischer Vorstellungen entsprangen, wohl nicht ohne Einwirkung iranischer, auch die den neupythagoräischen Lehren verwandten gewisser jüdischer Sekten[1725], u. a. jene der ägyptischen „Therapeuten“, die in der Nähe Alexandrias ein beschauliches und asketisches Dasein führten[1726], sowie der palästinensischen Essäer (Essener), die gleichfalls besonderen religiösen Lebens- und Kult-Formen huldigten[1727], den „wahren“ und geheimzuhaltenden Namen der Engel große und übernatürliche Wirkungen zuschrieben und die „verborgenen“ Heilkräfte der Pflanzen und Mineralien nutzbar zu machen verstanden; sie sollen magische oder Zauber-Bücher besessen haben „nach Art derer des Königs ~Salomon~“ und gaben dieser Litteratur das rechte Ansehen, indem sie sie Verfassern aus fernster Vorzeit unterschoben[1728].

Die hervorragendste Persönlichkeit des jüdisch-hellenistischen Zeitalters ist ~Philo~ von ~Alexandria~, auch ~Philo Judaeus~ genannt, der etwa von 30 v. Chr. bis 50 n. Chr. lebte und in seinen umfangreichen Werken das gesamte Gut der Schule niederlegte, wie es schon seit Generationen überliefert wurde, und zwar teils mündlich, teils in Form schriftlicher Lehrvorträge, die die Zuhörer abschrieben oder auszogen[1729]; die innige Verknüpfung des Judentums mit der hellenistischen Religionsphilosophie, wie sie sich in ihm verkörpert, bedeutet nach ~Harnack~ den größten aller religions- und kulturgeschichtlichen Fortschritte, wenngleich sie selbst es noch nicht zu kräftigen religiösen Bildungen brachte, ihre Schöpfungen vielmehr erst im Christentum zur vollen Entfaltung gelangten[1730]. ~Philos~ griechische Quellen, die er übrigens keineswegs stets aus erster Hand benützt zu haben scheint, sind hauptsächlich ~Platon~ und die Stoïker, weiterhin auch die Peripatetiker und Skeptiker, sowie die Neupythagoräer[1731]; ihre Verbindung mit alttestamentarischen Anschauungen vollzieht er, wie ~Harnack~ sagt[1732], „als Meister in der Kunst der Allegorik und biblischen Alchemie“, die ihn zum Vater des „feinen Dualismus“ macht.

Aus der Materie, die für ~Philo~ in der Regel nicht Hyle ist, sondern die stoïsche Usia[1733], gehen zunächst die vier Elemente hervor, die sich in den beiden Gruppen der „Groben“, d. i. Wasser und Erde, und der „Feinen“, d. i. Luft und Feuer, gegenüberstehen, und denen sich der Äther bald als fünftes Element, bald als ἱερὸν πῦρ (himmlisches Feuer) der Stoïker anschließt[1734]; aus den vier Elementen bauen sich die Einzeldinge auf und erhalten ihre Qualitäten durch die Spannung (τόνος, Tónos) des sie durchströmenden Pneumas[1735], das ein materieller Lufthauch ist, zugleich aber, als allgemeinstes Prinzip des Seins, des Lebens und der Kraft, auch der Odem Gottes[1736]. Nun kann sich aber Gott, weil die Materie gemein, unrein und daher Grund aller Mängel und Übel ist, nicht selbst mit ihr befassen und durch sie beflecken[1737]; seine Einwirkung, -- denn er verhält sich zu ihr wie das ποιοῦν (das Tätige) zum πάσχον (dem Leidenden)[1738] --, muß sich daher durch schöpfende, bildende und lenkende Mittelwesen vollziehen, als da sind die Weltseele, der Demiurg und die Ideen ~Platons~, die Kräfte und wirkenden Ursachen (δυνάμεις) der Stoïker, die Dämonen des Orients, die Engel der Juden, vor allem aber der Logos, der auch als ~Hermes~ allegorisiert wird[1739]. Den Begriff Logos führt ~Philo~ ohne weitere Erklärung ein, fand ihn also wohl bei den alexandrinischen Philosophen schon als gebräuchlich vor[1740]. Der Logos ist ihm die wirksame göttliche Vernunft, die göttliche „oberste Idee“, die Kraft Gottes; Gott ist sein Vater, die göttliche Weisheit (Sophia) seine Mutter, er ist Gottes erstgeborener Sohn (πρωτόγονος ὑιός), die zweite Gottheit (δεύτερος θεός), das Bindeglied zwischen Gott und Welt[1741]; Gott schuf die Welt durch ihn als seinen Stellvertreter, er gilt für den göttlichen Vermittler und Dolmetscher (ἑρμηνεύς, Hermenéus), für das Werkzeug (ὄργανον, Organon) Gottes, daher auch für den Ober- oder Hohenpriester[1742]; als „Kraft der Kräfte“ stellt er den Bildner und Erhalter der Welt dar, als „weltwirksame Kraft“ die Einheit und Zusammenfassung der die Einzeldinge gestaltenden Logoi = Ideen und Logoi spermatikoí = Sonderkräfte[1743]; er ist Träger aller Macht der Engel, Dämonen und sonstigen Zwischenwesen und identisch mit dem Äther der Peripatetiker, dem Pneuma der Stoïker und daher auch mit der Seele und mit dem göttlichen Geiste der Weisheit[1744].

c) Die Neuplatoniker. Die Schule von Athen.

Eine Schule der Platoniker scheint in Alexandria schon um 100 v. Chr. bestanden zu haben[1745]; aus ihr entwickelte sich sehr allmählich und erst gegen Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. in bedeutsamer Selbständigkeit hervortretend, jene der +Neuplatoniker+, die +selbst+ zwar allezeit den Anspruch erhoben, getreue Jünger ~Platons~ zu sein[1746], +in der Tat+ aber Eklektiker waren und den Versuch machten, „durch Verbindung wissenschaftlicher und religiöser Motive den griechischen Polytheismus zu einer vergeistigten Naturreligion zu verklären und zu einem pantheistischen Systeme zu entwickeln“[1747]. Für die Richtigkeit der ehemals ziemlich allgemeinen Voraussetzung einer Abhängigkeit neuplatonischer von indischen Gedanken haben sich, wenngleich mancherlei merkwürdige Übereinstimmungen statthaben, doch keinerlei Beweise beibringen lassen[1748]; orientalische Einflüsse sind zweifellos vorhanden[1749], jedoch nicht gerade (wie früher vermutet) solche seitens der Gnostiker, welche religiösen Sekten vielmehr umgekehrt fast alle ihre philosophischen Lehren der griechischen und jüdisch-hellenistischen Philosophie entnahmen[1750]; von entscheidendem Gewichte ist dagegen die enge Verbindung mit dem Eklektizismus ~Philos~[1751], nach dessen Weise die metaphysischen Grundsätze im wesentlichen dem ~Platon~ entlehnt werden, die methodischen dem ~Aristoteles~, die zwecks Verbindung beider Lehren erforderlichen, oft tiefgehenden Abänderungen den Peripatetikern und Stoïkern, die mystischen Allegorien den Neupythagoräern, usf.[1752]. Das so entstandene System soll vermeintlich ein rein platonisches sein, zugleich aber auch auf pythagoräischer Grundlage fußen; die kühne Behauptung von der Identität der Lehren ~Platons~ und ~Pythagoras’~ ließ sich um so leichter verfechten, als die für Letztere fehlende Überlieferung jede beliebige Unterstellung ermöglichte; zudem aber bot sie auch den Vorteil, statt auf die Autorität ~Platons~, „der doch allzu genau historisch bekannt war“, auf die des fast mythischen ~Pythagoras~, also auf eine weitaus imponierendere, zurückgreifen zu können[1753].

Von ~Ammonios Sakkas~, der um 200 n. Chr. zu Alexandria auftrat und nur als Lehrer, nicht als Schriftsteller wirkte, ist mit Sicherheit allein bekannt, daß er als neues, allen Uneingeweihten strenge zu verschweigendes „Schulgeheimnis“ die Übereinstimmung der platonischen und aristotelischen Lehren „in ihrer wahren Reinheit“ verkündigte und hierdurch den endlosen Streitigkeiten der Platoniker und Peripatetiker ein Ziel setzte[1754]; Materie und Pneuma, Körper und Seele, so behauptete er, können durch κρᾶσις (Krásis), gleich Wasser und Wein, völlig Eines werden, ohne in ihren Grundwesen eine Veränderung zu erleiden (κατ’ οὐσίαν ἀλλοιοῦσθαι)[1755].

Eigentliches Haupt der Neuplatoniker ist sein Schüler ~Plotinos~ (204-270?), auf dessen überragende Bedeutung für die gesamte Geschichte der Metaphysik und Religion an dieser Stelle nur hingewiesen werden kann[1756]; sein Hauptwerk ist in der unter dem Titel „Enneáden“ bekannten Fassung erhalten, sechs Gruppen von je neun Abhandlungen bildend[1757], und ein Auszug aus einigen von diesen liegt in der pseudepigraphischen „Theologie des ~Aristoteles~“ vor, die im Mittelalter für echt galt und außerordentlichen Einfluß ausübte, nach allen Einzelheiten aber erst in neuerer Zeit, auf Grund einer arabischen Übersetzung, bekannt wurde[1758].

Grundlage (ὑποκείμενον) aller Körper ist nach ~Plotinos~ eine gemeinsame, ungestaltete, unwandelbare, keiner Metabolé oder Alloíosis fähige, aber jede Form willig aufnehmende Urmaterie[1759]; sie besitzt, im Sinne des platonischen μὴ ὄν (des Nichtseienden), nur +eine+ Eigenschaft, die στέρησις (Stéresis), d. i. die reine Negation, daher ist sie das Unbegrenzte, Unbestimmte, in Schatten und Finsternis Liegende, in ethischer Hinsicht aber (wegen ihrer Wirkung auf die Seele) das Gemeine, Unreine, Böse, das πρῶτον κακόν = Wurzel alles Übels[1760]. Die Materie als Hyle stellt das niedrige, weibliche, empfangende Prinzip vor, dem durch das höhere, männliche, gestaltende, erst die Form verliehen werden muß[1761]. Dies geschieht durch den göttlichen Logos, den Vermittler, Demiurgen und zweiten Gott (δεύτερος θεός)[1762], den die „Alten“, weil er als Sendbote des höchsten Intellektes anzusehen ist, allegorisch-mystisch (μυστικῶς) auch ~Hermes~ benannten[1763]. Er faßt die sämtlichen Qualitäten als Inbegriff zusammen[1764], durch sie, die zugleich platonische Ideen, pythagoräische Zahlen, Lógoi spermatikoí, Samen (σπέρματα) und Seelen sind, geht er in die Materie ein, verbindet sich mit ihr vermöge der κρᾶσις τῶν ὄλων und bringt so die Einzeldinge aus ihr hervor[1765]; das Wesentliche hierbei sind die in den „Samen“ wirkenden Logoi, die gestaltenden, erzeugenden, zwecksetzenden Begriffe, die Träger der für die Einzeldinge charakteristischen und zu ihrer Entstehung notwendigen Formen[1766]. Indem so, durch eine Art Emanation oder Ausstrahlung, aus dem einheitlichen und obersten Weltprinzip (τὸ ἕν = to Hen; das „Eine“) zuerst der Logos als einheitliche Weltvernunft und Weltseele, sodann die Logoi spermatikoí als individuelle Samen und Seelen, schließlich aber die materiellen Einzel-Dinge und -Wesen hervorgehen[1767], ergibt sich, im Sinne des „platonischen Ringes“, der „platonischen Kette“, eine Welt, die zwar in zahlreichen Abstufungen reich gegliedert ist, deren Glieder jedoch vermöge der Einheitlichkeit des höchsten Prinzips auch selbst alle in einheitlicher Verbindung und in gesetzmäßigem Zusammenhange stehen.

Hieraus erklärt es sich, daß die Einzeldinge nicht nur infolge äußerer +physischer+ Vorgänge aufeinander wirken, sondern auch infolge innerer +sympathetischer+[1768], und auf letzteren beruht u. a. die den Gestirnen als „göttlichen Wesen und sichtbaren Göttern“ zukommende Macht, die also bei den Neuplatonikern +ursprünglich+ der „gegenseitigen Sympathie aller Dinge“ als eine rein naturgemäße und ganz allgemeine, nicht eigentlich astrologische, entfließt[1769]. Erst im Laufe +weiterer+ durch den Geist der Zeit bedingter Entwicklung wird dann die nämliche Quelle auch zu der aller geheimen und mystischen Wirkungen, -- denen u. a. die der Gebete beigezählt werden[1770], -- und hat die Möglichkeit der Magie zu beweisen, sowie die der Zauberei und Astrologie, der Vorbedeutungen und abergläubischen Ideen, des Verkehres mit Dämonen und Geistern, der ekstatischen und eschatologischen Träumereien, z. B. von der Auferstehung und ewigen Seligkeit usf.[1771]. Will die Seele derartigen Lohnes teilhaftig werden und dadurch ihre ursprüngliche himmlische Vollkommenheit wiedererlangen, so hat sie sich von der gemeinen und bösen Materie des Leibes loszulösen und im Leben durch tugendhaften Wandel einer κάθαρσις (Kátharsis = Läuterung) zuzustreben, indem sie nach Kräften die unreinen Elemente von sich weist und ausstößt, die reinen aber anzieht und in sich aufnimmt: schon ein wenig Zinn macht bei der Darstellung des Erzes das Kupfer besser und schöner, wobei es selbst völlig verschwindet[1772].

Bei ~Porphyrios~ aus Tyros (232-304?), dem Schüler des ~Plotinos~ und Herausgeber seiner „Enneaden“, der den ägyptischen Aberglauben und die orientalische Mystik bekämpft und Großes in allegorischen Umdeutungen (u. a. auch des ~Homer~) leistet, überwiegt die Philosophie immerhin noch die Theologie[1773]. In den Schriften seines Schülers ~Iamblichos~ aus Chalkis in Syrien (gest. 330?) sowie dessen syrischer Freunde und Nachfolger wird hingegen der Schwerpunkt bereits zielbewußt nach der Seite der Theologie verlegt[1774]; die Vermengung sog. orphischer, pythagoräischer (= neupythagoräischer), ägyptischer und chaldäischer (= spätbabylonischer) Lehren und ihre Verbindung mit Theurgie und Mantik, Magie und Dämonologie, -- wie z. B. in der „Synagogé (= Sammlung) der pythagoräischen Meinungen“ --, fand indessen den größten Beifall der Zeitgenossen, die nicht anstanden, dem Verfasser den Beinamen θεῖος = der Göttliche zu erteilen[1775].

Von großem Einflusse erwies sich ~Iamblichos~ auf die letzten Mitglieder der „+Schule von Athen+“, deren eigene Philosophie ein bereits völlig scholastisch anmutendes Gemisch platonischer, aristotelischer, stoïscher, neupythagoräischer und -platonischer philosophischer, mit orphischen und chaldäischen theologischen Überlieferungen darstellt[1776]. Zu nennen sind ~Proklos~ (410-485), dieses „Bindeglied antiker und mittelalterlicher Wissenschaft“, bei dem neben den höchsten Begriffen des ~Platon~ und ~Aristoteles~ auch chaldäische Gebete und ägyptische Zauberräder ihre Rolle spielen[1777], der „göttliche“ ~Nestorios~ nebst seinen Jüngern[1778], sowie ~Simplikios~ (um und nach 500); in seiner Polemik gegen ~Philoponos~ verteidigt er nochmals die neuplatonischen Lehren von der Materie, u. a. den Unterschied zwischen πρώτη ὕλη (Urstoff) und σῶμα (Soma; Einzelkörper), die Natur des Äthers als fünftes Element, den Gegensatz zwischen Feuer nebst Luft und Wasser nebst Erde (aktiv -- passiv, ποιοῦν -- πάσχον, Kraft -- Stoff, Seele -- Leib, ....), die Durchdringlichkeit materieller Körper für immaterielle, die Göttlichkeit der beseelten Gestirne usf.[1779].

Mit der Schließung der „Schule von Athen“, d. i. der platonischen Akademie, durch den beschränkt-glaubenseifrigen und fanatischen Kaiser ~Justinian~ im Jahre 529, nach fast tausendjährigem Bestande, erlosch in Griechenland, wie die Philosophie überhaupt, so auch ihr letzter Ausläufer, die neuplatonische; in Alexandria hingegen, wo z. B. noch gegen 600 der jüngere ~Olympiodoros~ Kommentare zu ~Platon~ und ~Aristoteles~ verfaßte, erhielt sie sich anscheinend um etwa ein Jahrhundert länger, bis zur Zeit der Eroberung Ägyptens durch die Araber[1780].

II. Einflüsse des Orients und des älteren Griechenlands.

1. Einflüsse seitens Babyloniens und Persiens.

+Übersicht einiger Hauptdaten.+

Zwischen 2600 u. 2500, wohl gegen 2500: König ~Sargon~ von Akkad.

„ 2400 u. 2300, wohl um 2340: Fürst ~Gudea~ von Lagas.

„ 2000 u. 1900, wohl seit 1958: König ~Hammurabi~.

Gegen 2000: Die ersten assyrischen Priesterfürsten (Patesi).

„ 2000: Babylon Reichshauptstadt.

1120: Großmacht-Stellung Assyriens unter ~Tiglatpileser~ I.

Gegen 850: Auftreten der Khaldi (Chaldäer).

745-727: ~Tiglatpileser~ IV., Weltherrschaft Assyriens.

721-705: König ~Sargon~ II.

668-626: König ~Assurbanipal~ (~Sardanapal~).

678: Begründung des persischen Reiches (Parsua).

607: Iranische Meder erobern Assyrien; Zerstörung Ninives, Gründung Ekbatanas.

604: Neubabylonisches Reich unter ~Nebukadnezar~ II.

539: ~Kyros~ erobert Babylon.

330: Sturz des persischen Reiches durch ~Alexander den Grossen~.

In den vorstehenden Abschnitten wurde schon wiederholt der Rolle gewisser Vorstellungen religiösen, abergläubischen, astralen und astrologischen Inhaltes gedacht, die der Kultur des Orients entstammen, vor allem jener der großen westasiatischen Reiche, deren mannigfaltige Einflüsse auf sämtliche Länder des östlichen Mittelmeerbeckens sich schon seit sehr früher Zeit als außerordentlich bedeutsame erwiesen.

Die Aufgabe, der Herkunft und Wirksamkeit Bestimmter unter ihnen des näheren nachzuspüren, begegnet jedoch ganz besonderen Schwierigkeiten, vor allem der, daß gerade betreff des wichtigsten Gebietes, Babyloniens und des Zweistromlandes, die Ansichten der Historiker weit auseinandergehen; die Einen, die sog. „Panbabylonier“, führen die Gesamtheit aller einschlägigen und daher auch die der hier besonders in Betracht kommenden Gedanken auf Babylon zurück, und zwar auf das älteste Reich des 3., ja 4. Jahrtausends, die Anderen lassen in der Sache, noch mehr aber in der Zeit, sehr weitgehende Beschränkungen eintreten. Es ist selbstverständlich unmöglich, an dieser Stelle ihre Gründe und Gegengründe zu erörtern, vielmehr muß die Bemerkung genügen, daß das System der „Panbabylonier“, wie es etwa noch neuerdings ~Jeremias~ in seinem „Handbuch der altorientalischen Geisteskultur“ zusammenfaßte[1781], durch die Forschungen und Darstellungen von ~Kugler~[1782], ~Jastrow~[1783], ~Bezold~[1784], ~Ed. Meyer~[1785] ~Boll~[1786] und Anderen in seinen Hauptpunkten widerlegt ist und in vielen Einzelheiten selbst von manchen seiner Verteidiger nicht mehr unbedingt aufrecht erhalten wird. Es sollen daher in dem folgenden Überblicke die Ergebnisse der genannten Gelehrten zugrunde gelegt, die ihrer Gegner jedoch, wo dies angezeigt erscheint, in der Regel unter Hinweis auf das „Handbuch“ von ~Jeremias~ angeführt werden.

a) Babylon und das Zweistromland.

Im Laufe des 3. Jahrtausends, etwa unter König ~Sargon~ I. von Akkad (Agade), der in der Zeit zwischen 2600 und 2500 (näher wohl an 2500) regiert haben dürfte[1787], scheint die Verschmelzung der beiden bis dahin im Zweistromlande bestehenden Kulturkreise erfolgt zu sein, des nordbabylonischen der semitischen Akkader und des südbabylonischen der nichtsemitischen Sumerer[1788], die vermutlich als die eigentlichen Stammväter der gesamten altbabylonischen Kultur und Religion anzusehen sind[1789]. Die Herkunft dieses Volkes ist bisher nicht sicher festgestellt. Die doppelsprachigen Inschriften, die noch im Zeitalter des Begründers der babylonischen Vormacht, des Königs ~Hammurabi~ (um 2200 nach ~Kugler~[1790], um 1950 nach ~Meyer~) sehr häufig vorkommen, beweisen, daß sich die Sprache der Sumerer, die auch die Erfinder der Keilschrift sind, noch jahrhundertelang neben der babylonischen erhielt, und zwar nicht nur zu Zwecken des Kultus, für den ein schon im 3. Jahrtausend mächtiges, organisiertes Priestertum zu sorgen hatte; erst weiterhin erringt die semitische babylonische Sprache gänzlich die Oberhand und ist im 15. Jahrhundert auch in Kleinasien, Cypern und Ägypten die dem höfischen und diplomatischen Verkehre geläufige und im Umgange Vornehmer vielfach gebräuchliche[1791].

Die Verehrung von +Sonne+, +Mond+ und +Sternen+ ist eine bei so zahlreichen Völkern der ganzen Erde und besonders auch des Orientes schon seit altersher derart weitverbreitete[1792], daß die Voraussetzung gerechtfertigt erscheint, es seien ihr auch weder Akkader noch Sumerer fremd geblieben; davon aber, daß diese mindestens zu Beginn des 3. Jahrtausends, wenn nicht gar schon um die Mitte des 4., genaue Kenntnis vom Tierkreise besessen hätten, -- der allerdings fraglos babylonischen Ursprungs ist[1793] --, daß man damals bereits eine „Siebengottheit“ der Planeten angebetet habe und daß spätestens im 3. Jahrtausend eine wissenschaftliche Sternkunde in voller Blüte gestanden sei[1794], kann nach ~Kugler~ und den anderen oben angeführten Forschern ernstlich gar nicht mehr die Rede sein. Die älteste und wichtigste Trias von Gestirngöttern und Gestirnen, über die wir Kenntnis besitzen, ist die von Sonne, Mond und Venus, und zwar rührt diese Vereinigung daher, daß die Venus im Orient als größter, hellster und lichtstärkster Planet erscheint, allein von allen Wandelsternen häufig auch bei Tage gesehen werden kann und als einziger unter ihnen einen deutlichen Schatten wirft[1795]; auf den „Kudduru“ genannten Grenzsteinen, deren ältestbekannte aus dem 14. Jahrhundert herrühren, sowie auf Felsenreliefs und Stelen der gleichen Zeit findet sich die Zusammenstellung der Gottheiten ~Samas~ = Herr der Sonne, ~Sin~ = Herr des Mondes und ~Istar~ = Herrin der Venus schon als eine völlig gebräuchliche vor[1796], verdeutlicht durch Embleme, die einzeln möglicherweise schon im 16. Jahrhundert und auch noch früher nachgewiesen werden können[1797].

Sinnbild der Sonne ist auf diesen Darstellungen nicht, wie man früher annahm, die geflügelte Scheibe (obwohl sie nicht erst im 9. Jahrhundert unter ägyptischem Einflusse in Aufnahme kam[1798], vielmehr durch die Chetiter schon im 2. Jahrtausend in Vorderasien bekannt wurde)[1799], sondern stets nur ein Kreis, bald ein leerer, ◯, darstellend das leuchtende Auge oder Antlitz des ~Samas~, bald ein mit vier oder acht Speichen versehener, [Symbol] und [Symbol][1800]. Als Sinnbild des Mondes dient entweder ein liegender Halbmond, [Symbol], oder der Vollmond mit einem die Scheibe etwa zur Hälfte umziehenden leuchtenden Streifen, [Symbol], wie er sich öfter zur Zeit des Neulichtes zeigt[1801]. Venus hat als Emblem meistens einen achtstrahligen Stern, ✴, oft aber auch eine Scheibe, die diesen (oder einen sechzehnstrahligen) eingezeichnet erhält[1802]; sie trägt den Beinamen „sarpanitu“ (bab. = die weißglänzende, silberstrahlende)[1803], doch wird ursprünglich der aufgehende Morgenstern als männlich (zikkarat) vom untergehenden Abendsterne als weiblich (zinnisat) unterschieden[1804]. ~Jeremias~ ist allerdings der Meinung, den Sumerern, die das Zeichen ✴ schon um 2800 gebraucht hätten, sei auch bereits damals die astronomische Identität des Morgen- und Abend-Sternes (~Istar~ und ~Belit~) bekannt gewesen, so daß die ehemalige Zweigeschlechtlichkeit und spätere Mannweiblichkeit nur als mythologische Erfindung anzusehen sei[1805]; indessen faßt der alte Orient das Zwitterwesen sehr allgemein als Inbegriff der Vollkommenheit auf und schreibt es daher ursprünglich +allen+ Göttern der Urzeit zu (wenngleich im Kult oft das eine Geschlecht vorwiegt)[1806], desgleichen nachmals den Dämonen und Sternbild-Figuren[1807] und so jedenfalls auch schon der ~Istar~[1808]. Bei den Assyriern, die gegen 1100 bereits zu höchster politischer Bedeutung gelangten, galt der Morgenstern ebenfalls anfänglich noch als männlich und als verschieden vom weiblichen Abendstern, und daraufhin dann, in jüngerer Zeit, die vereinheitlichte Venus (deren heimischer Name ~Dilbat~ war) als androgyn[1809]. Der Zeitpunkt dieser Vereinheitlichung steht zwar genau weder für Venus fest, noch für Merkur, der gleichfalls als Morgenstern auf- und als Abendstern untergeht, dürfte aber nicht vor das 8. Jahrhundert zu verlegen sein, in dessen Verlauf erst die Entwicklung einer eigentlichen und systematischen Astronomie begann[1810].

Kenntnis und Verehrung der +Planeten-Siebenheit+ setzt ~Jeremias~ schon für die entlegensten Zeiten voraus, jedenfalls für die des Fürsten ~Gudea~ (um 2340) und der Erbauung des Tempels zu Borsippa, der Nachbar- und Schwester-Stadt Babylons[1811]; auch hält er das Pentagramm und Heptagramm für Zeichen der 5 Wandelsterne und 7 Planeten[1812] und gedenkt der uralten Überlieferung, nach der Gott ~Bel~ selbst die Sonne, den Mond und die 5 Planeten geschaffen habe[1813]. Indessen ist daran zu erinnern, daß letztere Tradition erst einem geschichtlichen Werke entstammt, das der babylonische Priester ~Berossos~ dem Könige ~Antiochus~ I. ~Soter~ (281-263 v. Chr.) widmete[1814]; ferner daß in den babylonischen Sternlisten der Inschriften zu Boghazkiöi in Kleinasien (um 1400 v. Chr.) nur Venus (als Schwurgöttin) nachgewiesen ist[1815]; sodann daß unmittelbare Belege für die Zusammenstellung von Sonne, Mond und den 5 Planeten erst aus spätassyrischer und solche für die planetarischen Vorzeichen und Einzel-Einflüsse allein aus arsakidischer Zeit vorliegen (seit dem 3. Jahrhundert v. Chr.)[1816]; endlich daß jüngere Berichte „dem ersten Könige Babels, dem die göttliche Verehrung der 7 Planeten und 12 Tierkreiszeichen vorgeschlagen wurde, dies als eine Freveltat erscheinen lassen“[1817]. Was den siebenstufigen Tempelturm von Borsippa betrifft, dessen Namen „Turm der 7 Befehls-Überbringer“ die 7 Planeten schon für das alte Babylon als ἑρμηνεῖς (Hermeneís) = „Verkündiger“ (der Gottheit) bezeugen soll, -- allerdings nur indirekt[1818] --, so wird auf diesen noch weiter unten zurückzukommen sein.

In Wirklichkeit waren Planeten-Götter und Planeten-Siebenheit, wie schon ~Lenormant~ richtig sah[1819], im ältesten und alten Babylon völlig unbekannt, und alle gegenteiligen Folgerungen, die man namentlich aus keilschriftlichen Texten zog, die in der Bibliothek des Königs ~Assurbanipal~ (= ~Sardanapal~, 668-626) aufgefunden wurden, sind gänzlich hinfällig; denn diese vielfach abgeänderten und interpolierten Niederschriften beweisen weder etwas für den Inhalt ihrer +ursprünglichen+ Vorlagen, noch gestatten sie, seine Wandlungen während etwa 2000 Jahren zu verfolgen und deren einzelne Stufen bestimmten Zeiten zuzuweisen[1820]. Ebensowenig wie im Verlaufe des 3. Jahrtausends, zur Zeit ~Sargons~ und ~Gudeas~, finden auch gegen dessen Ende, zur Zeit ~Hammurabis~, die Planeten in ihrer Gesamtheit, ihre Bewegungen oder gar deren Bedeutungen irgendwelche Erwähnung; vielmehr ist nur die Rede bald von der Sonne, bald vom Monde, bald von der Venus (die auch mit ~Istar-Nanai~ als Göttin des Liebeslebens in Beziehung gebracht wird) und vereinzelt von einem Stern als Zeichen für ein göttliches Wesen, von einem „reinen“ oder einem „guten“ Stern[1821]. In Verfolg der sehr langsamen Entwicklung, die sich zwischen 2000 und etwa 850 vollzieht, erscheinen dann in den Inschriften zunächst die vereinten Sinnbilder von Sonne, Mond und Venus, und weiterhin einzelne Planeten im Zusammenhange mit bestimmten Gottheiten[1822], doch ist das Wissen über die Planeten-Bewegungen auch gegen Schluß dieser Periode noch ein äußerst dürftiges[1823]. Erst unter dem Einflusse neuer semitischer Stämme, der ~Khaldi~ oder ~Chaldäer~, die gegen 850 im Süden des Zweistromlandes auftreten[1824], beginnt die allmähliche Entfaltung einer eigentlichen methodischen Astrologie, der Mutter der späteren Astronomie; zu deren +früheren+ Errungenschaften zählen u. a. die Schaffung der Ekliptik, des Tierkeises mit seinen Gestalten, vieler anderer Sternbilder, z. B. des Siebengestirnes der Plejaden, sowie die etwa seit König ~Nabonassar~ (747-734) nachweisbaren Beobachtungen der Planetenbahnen[1825]; zu ihren +späteren+ u. a. die volle Ausbildung der Lehre von den Verbindungen der 5 Planeten mit bestimmten Göttern als ihren „Führern“, sowie von der Einsetzung der 5 Planeten zu „Lenkern der Schicksale“[1826]. Zugeteilt wird hierbei der Jupiter dem ~Marduk~, der als Stadtgott Babels an die Stelle ~Ellils~ (des alten sumerischen Sturmgottes) tritt, der Saturn dem ~Ninib~, der Merkur dem ~Nebo~ (Nabo), der Mars dem ~Nergal~ und die Venus der (androgynen) ~Istar~[1827]; alle anderen vorgeblichen Deutungen über Zugehörigkeit und Vertauschung von Namen sind unrichtig[1828] und zum Teil darauf zurückzuführen, daß man (besonders in späterer Zeit) gewisse „Stellvertretungen“ für möglich erachtete, u. a. die des ~Jupiter~ durch ~Merkur~ (aber nicht umgekehrt)[1829], oder die der Sonne durch ~Saturn~, der z. B. des Nachts statt ihrer am Himmel scheinen sollte[1830]. ~Jupiter~ wurde seines hellen Glanzes halber für „günstig“ angesehen und führte u. a. die Namen „großes Glück“, „königlicher Stern“, „Stern des Königs“[1831]. ~Saturn~ galt, vermutlich weil er der „oberste“ Planet ist, auch für den kräftigsten, einflußreichsten, eigentlich „kündenden“[1832], dabei aber wegen seines schwachen Lichtes und langsamen Umlaufes für bleich und unfreundlich, störrisch und unwillig[1833], für Unglück- und Tod-bedeutend, für verstockten und dunklen Charakters, daher auch für einen „Schwarzen“[1834]. ~Mars~ betrachtete man auf sein rötliches, „in allerlei Farben funkelndes“ Licht hin für „ungünstig“, böse und feindlich, Unheil- und Krieg-bringend[1835]. ~Merkur~ endlich, der am Morgenhimmel den bevorstehenden Sonnenaufgang anzeigt, verheißt Glück, er bestimmt, wenn er zu Jahresanfang erscheinend den Jupiter vertritt, in dessen Namen und Vollmacht die Ereignisse des neuen Jahres, die er mit dem Schreibstift in die Schicksalstafeln eingräbt[1836], und ist daher Prophet, Lenker und Geleiter der Seelen, Verkünder der Zeiten, Gott der Wissenschaften und besonders der Sternkunde, Schreiber des Weltalls, Herr der Schrift und des Wortes, daraufhin auch Patron der Kaufleute, des Handels- und Erwerbs-Standes, der Diebe usf.[1837].

Den Inschriften nach reichen die ältesten zu astrologischen Zwecken angestellten Beobachtungen von Planetenbahnen, die besonders den Jupiter betreffen, nicht weiter zurück als in das 8. Jahrhundert und sind außerordentlich oberflächlich und unwissenschaftlich[1838], aber auch die aus der Zeit ~Assurbanipals~ (~Sardanapals~, 668-626) herrührenden zeugen noch von überraschender Unkenntnis und Unklarheit[1839]. Zureichende Genauigkeit wird erst gegen Ende des 7. und im 6. Jahrhundert erreicht, zum Teil sogar erst in persischer Zeit, also nach der Eroberung Babylons durch ~Kyros~, 539[1840]; soweit die gerade für diese Periode spärlichen keilschriftlichen Quellen ein Urteil gestatten[1841], scheint man sich eingehender erst seit etwa 700 mit Farbe und Glanz, Zu- und Abnahme des Lichtes der Planeten usf. befaßt, die Lehre von den Vorzeichen ausgebildet, sowie die Konjunktionen der Wandelsterne beobachtet und astrologisch gedeutet zu haben[1842]. Die Fortschritte der eigentlichen Astronomie und die durch sie bedingte Entdeckung von der Identität des Morgen- und Abend-Sternes bei Venus und Merkur, -- die bei letzterem ganz erheblichen technischen Schwierigkeiten begegnen mußte --, ermöglichten erst die endgültige Feststellung der Fünfzahl der Wandelsterne, sowie deren Zusammenfassung mit Sonne und Mond zur Siebenheit der Planeten. Diese bloß auf die Art des Umlaufes gegründete Vereinigung erscheint, der Natur der Sache nach, nichts weniger als selbstverständlich und naheliegend[1843]; genau läßt sich allerdings derzeit noch nicht festlegen, wann sie erfolgte[1844], keinesfalls kann dies jedoch vor dem 7. Jahrhundert geschehen sein. In dessen Verlaufe benützte die Theologie, ganz im Einklange mit ihrem damals bereits angenommenen Charakter, die magische und geheimnisvolle Siebenzahl, um eine solche „Einheit der 7 Planeten“ zustande zu bringen, diese den höchsten Gottheiten des altbabylonischen Pantheons zuzueignen und so das völlige Übergewicht der Astrologie und des Fatalismus zu sichern[1845]. +Allein von dieser spätesten Gestalt+ der chaldäischen Astrologie wissen und berichten die antiken Schriftsteller, z. B. ~Herodot~[1846] (485-425), ~Diodor~[1847] (um 45 v. Chr.), ~Strabon~[1848] (63-20), ~Vitruv~[1849] (um 25 v. Chr.), ~Plinius~[1850] (23-79) u. A., wobei es erwähnenswert ist, daß noch ~Berossos~ (um 280 v. Chr.) und wohl ihm folgend auch ~Diodor~ nur von 5 Wandelsternen sprechen und nicht von 7[1851]. Aus altbabylonischer Zeit liegen einheitliche Darstellungen der 7 Planetengottheiten überhaupt nicht vor[1852], und die in den Keilinschriften erwähnten 7 Götter sind niemals die der 7 Planeten[1853], bedeuten vielmehr in älterer Zeit die „Siebengottheit“, d. i. „die Gesamtheit der großen Götter“[1854], und in jüngerer die Plejaden, wie sie z. B. in der Gestalt [Symbol] auf der Stele des Königs ~Assarhaddon~ (681-668) abgebildet erscheinen[1855].

Auf die Bedeutung der im vorstehenden so oft erwähnten +Siebenzahl+, über die eine umfangreiche Litteratur besteht[1856], kann an dieser Stelle nur kurz eingegangen werden. Zahlen wie 3, 5, 7, 9, 13 und andere, spielen bei so vielen Völkern, auch bei solchen ganz entlegener Kulturkreise, wie z. B. des alten Mexikos, eine derart wichtige Rolle[1857], daß dieser wohl eine allgemeine Ursache zugrunde liegt, nämlich die gänzlich mangelnde (oder wie bei 9 nur sehr beschränkte) Teilbarkeit und die hieraus erfließende Schwierigkeit bei der rechnerischen Verwendung[1858]. Im alten Babylon ist indessen unter diesen Zahlen fraglos 7 die obherrschende, die an Einfluß und Bedeutung alle übrigen weit hinter sich läßt und als „vollendete Zahl“, „Zahl der Vollendung“ ἀριθμός τελειός gilt[1859]. Vermutlich ist dies, wie den „Attischen Nächten“ des ~Gellius~ (113-165 n. Chr.) zufolge schon ~Aristarchos~ von ~Samos~ (um 260 v. Chr.) behauptete[1860], und wie in neuerer Zeit, anscheinend selbständig, wieder ~Kant~ hervorhob, aus der Art der Teilungen des Mondmonates zu erklären, als deren natürlichste sich ergeben: für den siderischen und Licht-Monat von 27-28 Tagen die Fristen 4 × 7 und 3 × 9, für den synodischen Monat von 29-30 Tagen aber die von 3 × 10[1861], -- wobei nach ~Aristarch~ noch als besonders maßgebend zu berücksichtigen ist, daß die Summe 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6 + 7 gerade 28 beträgt. Der Kult der Zahl 7 reicht daher in Babylon sehr weit zurück und war längst völlig entwickelt, bevor im 7. Jahrhundert die Verehrung der Planeten aufkam[1862], und die mystische, bereits als „heilig“ angesehene Siebenzahl sowohl auf diese angewandt wurde als auch (in recht willkürlicher Weise) auf die Sterngruppen der Plejaden und Hyaden, des Orion, des großen und kleinen Bären usf.[1863]. So z. B. begegnen wir schon im alten babylonischen „Weltschöpfungs-Epos“[1864] sowie im Gedicht über die „Höllenfahrt der ~Istar~“[1865]) den 7 Winden und den 7 Geistern der Stürme[1866], den 7 bösen Dämonen[1867], den 7 durch 7 Tore verschlossenen Abteilungen der Unterwelt, die den 7 Zonen der Oberwelt und des Himmels nachgebildet sein dürften[1868], den 7 Gewändern der ~Istar~[1869] usf.; späteren, zum Teil sogar weit späteren Zeiten gehören dagegen, -- im Widerspruche zu ~Jeremias~[1870] --, u. a. an: die 7 Namen gewisser Sterne, z. B. des Mars[1871], die 7 Zeitalter[1872], die 7 Lebensstufen[1873], die 7 Tage in ihrer Verbindung zur fortrollenden Woche, die Siebenzahl der den 7 Planeten zugehörigen Farben und Metalle, Töne und Saiten, Stufen und Mauern, Himmel und Sphären usf.

Die 7 Himmel sollen nach ~Jeremias~ allerdings schon für die sumerische Periode bezeugt sein[1874], und zwar durch die sog. Zikkurat, d. s. +Tempeltürme+ von 7 Stockwerken, auf deren oberstem sich noch ein Aufbau erhob, der den eigentlichen achten Himmel vorstellte, den Sitz „der in höherem Sinne einheitlich gedachten Gottheit“[1875]. Als solche Türme, deren Besteigung zu den kultischen Mitteln gezählt haben soll[1876] und deren 7 Absätze den 7 Planeten geweiht waren und in deren Farben strahlten[1877], erwähnt ~Jeremias~ u. a. den Turm des Fürsten ~Gudea~ (um 2340) in Lagas, den des Gottes ~Nabu~ in Borsippa, den des Gottes ~Marduk~ in Babel, „dessen Spitze aufreicht bis zum Himmel“, sowie den zu Khorsabad[1878]. Diesen Angaben gegenüber erheben sich indessen berechtigte Bedenken: Nach ~Ed. Meyer~ waren die Zikkurat (= Berghäuser) ursprünglich künstliche Berge aus Ziegeln, aufgeworfen in Gestalt eines Bergkegels oder „Tempelberges“ mit zur Spitze führender, den Bau schräg umwindender Rampe und bestimmt, den sumerischen Sturmgott ~Ellil~ auch im Flachlande an sein Heiligtum zu fesseln[1879]. Etwa seit der Regierung ~Gudeas~ wurden sie auch für andere Götter errichtet[1880], aber erst in sehr viel späterer Zeit gab man ihnen die Form sog. Terrassen-Türme, die aber keineswegs stets 7 Stockwerke besassen, sondern oft nur 3, 5 oder auch 4[1881]; als z. B. ~Nebukadnezar~ II. um 600 den Turm zu Borsippa (nach anderen auch den zu Babel) erneuerte, erhöhte er ihn erst von 3 Stockwerken auf 7 und ersetzte die silberne Täfelung der Wahrsage-Halle durch eine goldene[1882].

Was die Beziehungen zu den +Farben+ der Planeten anbelangt, die ~Jeremias~ ebenfalls schon als für die Zeit ~Gudeas~ feststehend voraussetzt[1883], so liegen Angaben vor für die Türme von Babel, von Borsippa, von Birs-Nimrud (der aber mit dem Vorgehenden identisch ist!) und von Khorsabad, sowie für die von ~Herodot~[1884] erwähnten 7 Ringmauern der den Sternen geweihten Stadt Ekbatana[1885]:

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. I. Babel: tonfarbig gelbgrün -- -- -- -- bunt II. Borsippa: schwarz -- rot blau -- blau III. Borsippa: schwarz hellrot purpur golden weiß blau silbern IV. Birs schwarz {orange? rot golden weiß blau {weiß? -Nimrud: {grün? {grün? V. Khorsabad: weiß schwarz rot {weiß? -- -- -- {blau? VI. Ekbatana: weiß schwarz purpur blau {gelb silbern golden {rot

Wie man sieht, gehen diese Bezeichnungen weit auseinander, ganz abgesehen davon, daß sie mehrfach sprachlich unsicher sind und daß die Aufstellungen meist ohne weiteres das Vorhandensein von gerade 7 Stockwerken oder Stufen voraussetzen; überdies gründen sie sich zum Teil auf späte Überlieferungen, zum Teil auf Berichte über neuere Ausgrabungen, aus denen allen, soweit die Angaben (nach ~Prinz~) nicht überhaupt ganz unzutreffend, ja geradezu aus der Luft gegriffen sind, keinesfalls Schlüsse auf die Zustände zur Zeit der ersten Herstellung gezogen werden können. Den Turm von Borsippa z. B. ließ, wie erwähnt, ~Nebukadnezar~ II. erst um 600 erneuern und eine Inschrift anbringen, die nach ~Oppert~ laute[1886]: „Ich habe ... das Wunderwerk zu Borsippa, den Tempel der 7 Sphären[1887] des Himmels und der Erde, wiederhergestellt und neu erbaut, ... in der Mitte Borsippas baute ich den Turm, das ewige Haus, dessen Glanz erhöht ist durch Gold, Silber und andere Metalle und durch glasierte Ziegel; ... +ich+ bin der Wiedererbauer des Turmes, ... des Stufenturmes, des Tempels, der bekleidet ist mit getriebenem Gold, Kupfer, Blei und Steinen“; eine abermalige Erneuerung erfolgte dann unter König ~Antiochus I. Soter~ (283-263), dem nämlichen, dem ~Berossos~ sein Werk über die Geschichte Babels widmete[1888]. Ziegel des Turmes von Birs-Nimrud mit bunter Glasur (in deren Herstellung die Babylonier seit altersher große Meister waren) untersuchten ~Layard~ und ~Percy~ und ermittelten als Farbstoff der weißen opakes Zinnoxyd, der roten Kupferoxydul, der blauen ein Kupferoxyd (versetzt mit einem bleihaltigen Flußmittel) und der gelben ein zinnhaltiges Bleiantimoniat, ähnlich dem sog. Neapelgelb (mit Natriumsilikat als Flußmittel)[1889]. Zu Khorsabad wurde 1854 unter dem Eckstein des von König ~Sargon~ II. 706 errichteten Baues eine Steinkiste mit 7 Barren gefunden, von denen drei verloren gingen, während die vier erhaltenen nach ~Berthelot~[1890] aus Gold, Silber, Bronze und weißem Magnesit (Magnesium-Carbonat) bestehen und längere Inschriften tragen, denen zufolge die Materialien aller sieben waren: Hurasu = Gold, Kaspi = Silber, Uruki = Erz (Bronze)[1891], Anaki = Blei, Kasazatiri = Zinn, Abar = Magnesit (determinierender Zusatz: sipri zakur = Marmor?)[1892] und Gissipgal = Alabaster (nach ~Jeremias~ aber = Lapis Lazuli, Lasurstein)[1893]. Was endlich die 607 erbaute Stadt Ekbatana und das gleichzeitig zerstörte, angeblich ebenso ummauerte Ninive betrifft[1894], so müßte die innerste goldfarbige Mauer der Sonne, die benachbarte silberfarbige dem Mond entsprechen, während die planetarische Zugehörigkeit der übrigen Farben fraglich bleibt; nach ~Jeremias~[1895] ist für diese anzunehmen, von außen nach innen: weiß = Venus, schwarz = Saturn, purpur = Mars, blau = Merkur, gelb = Jupiter, silbern = Mond, golden = Sonne, doch finden sich zuweilen für die nämlichen Planeten die Angaben blau (oder bunt), schwarz, rot, grüngelb, weiß, grün, golden (oder grün)[1896] und auch noch verschiedene andere. Die Ordnung bei Borsippa (III) hält ~Bouché-Leclercq~ „für die umgekehrte wie am Himmel“[1897]; die bei Birs-Nimrud (IV) endlich soll der „wahren“ Planetenreihe Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur, Mond folgen. Sichtlich stimmen die Zuweisungen, die sich überdies nur auf Bauwerke sehr später Zeiten gründen, so wie sie vorliegen, durchaus nicht untereinander überein, während es hinwiederum ganz unstatthaft bleibt, je nach Bedarf „Irrtümer“ vorauszusetzen und willkürliche Umstellungen vorzunehmen[1898], -- betreff derer es schon zur größten Vorsicht mahnen muß, daß z. B. ~Nebukadnezar~ den silbernen Schmuck einer Halle ohne weiteres durch goldenen ersetzt, oder daß ~Sin~, der Gott des silbernen Mondes, mit einem lasurblauen Bart ausgestattet wird[1899]; ohne Zwang lassen sich auch jene Farbenskalen weder der einen oder anderen älteren und unrichtigen Reihe der Planeten angliedern, noch der spät entdeckten richtigen, noch auch der in der Folge der Wochentage überlieferten.

Die siebentägige „+Planeten-Woche+“ und die Darstellung ihres Zusammenhanges mit den Planeten durch ein (sehr künstliches) Heptagramm hält ~Jeremias~ für außerordentlich alt, wenngleich er zugibt, daß sie sich für die babylonische Zeit nicht unmittelbar nachweisen lasse[1900]; wie indessen ~Boll~, -- auch gegenüber ~Bouché-Leclercq~[1901] --, zeigte, fehlen für Babylon sämtliche einschlägige Grundlagen[1902]. Allerdings kommen schon unter dem Fürsten ~Gudea~ die durch Viertelung des Lichtmonates entstehenden siebentägigen Fristen vor[1903], die sich u. a. vortrefflich zur Ausgleichung des Sonnenjahres mit dem Mondmonat eignen[1904], ferner in späterer Zeit auch der 7., 14., 21. und 28. Monatstag als „Siebener-Tage“, betreff derer es jedoch immer noch strittig ist, ob und seit wann sie „Schabattu“ hießen, und was dieser Name bedeutete[1905]. Erstens waren jedoch solche Fristen bloß Unterteile je eines Monates und wurden nicht, wie die wahre „fortrollende“ oder „laufende“ Woche, ohne Rücksicht auf das Monatsende „durchgezählt“, und zweitens gibt es dafür, daß man ihre sieben Tage in irgendeine Verbindung mit den Planeten gebracht habe, auch nicht einen einzigen litterarischen oder bildnerischen Anhaltspunkt[1906]. Nach den Berichten des Historikers ~Cassius Dio~ (150-235)[1907], des Astrologen ~Vettius Valens~ (im 2. Jahrhundert n. Chr.), der gleichzeitigen Papyri, sowie des ~Laurentius Lydus~ (um 560 n. Chr.)[1908] soll die +willkürliche+, der Folge der Wochentage zugrunde liegende Reihe der Planeten, d. i. Saturn, Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus, aus der +wahren+ des ἑπτάζωνος (Heptázonos, Septizonium), d. i. Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur, Mond, dadurch abgeleitet worden sein, daß man, vom Saturn aus beginnend, immer um je vier Stellen weiter schritt, oder, wie eine nachträgliche pythagoräisierende Erklärung besagt, den musikalischen Quartenabstand διὰ τεσσάρων auf die Gestirne übertrug; aber jene +willkürliche+ Reihe läßt sich weder als in Babylon entstanden aufweisen noch als frühzeitig von dort aus weiter verbreitet, und die +wahre+ vollends, die auf Kenntnis der Erdentfernungen und Umlaufszeiten fußt, setzt erhebliche Fortschritte der beobachtenden Astronomie voraus und wurde in Babylon erst gegen Anfang unserer Zeitrechnung bekannt[1909]. Die zutreffende Erklärung erwähnen überdies auch schon ~Cassius Dio~ und ~Vettius Valens~: zählt man die 24 Stunden des Tages gemäß der wahren Reihe der Planeten immer wieder von 1-7 durch und macht dabei den Anfang mit Saturn, so trifft auf die +erste+ Stunde jedes Wochentages der richtige zugehörige Gott, der zunächst nur +sie+ beherrscht, weiterhin aber den +ganzen Tag+[1910]. Die Ausbildung dieser wirklichen Planetenwoche und ihre Durchführung als „fortrollende“ sind indessen erst Schöpfungen der hellenistischen Periode; wie auf eine Anzahl anderer Errungenschaften des nämlichen Zeitalters, wird daher auch auf sie weiter unten nochmals zurückzukommen sein.

b) Persien.

Die Kultur der Iranier, die sich, ebenso wie die der Inder, seit dem Ende des dritten Jahrtausends selbständig, namentlich ganz unabhängig und unbeeinflußt von der babylonischen, ausgestaltet hatte[1911], erfuhr tiefgehende Einwirkungen durch das spätestens gegen 1000 v. Chr. erfolgende Auftreten des ~Zarathustra~ (~Zoroaster~)[1912], das wesentlich auf Seßhaftmachung der vielfach noch nomadischen und räuberischen östlichen Stämme, Verbesserung ihrer Lebensbedingungen durch Förderung von Ackerbau und Viehzucht, sowie Läuterung ihres Glaubens abzielte[1913]; in letzterer Richtung war aber bei den breiteren Volksschichten ein Erfolg nur sehr langsam und unvollständig erreichbar[1914], so daß erst die nächsten Jahrhunderte, die 678 zur Begründung eines eigentlichen persischen Reiches, Parsua, führten[1915], die Entwicklung zu einem gewissen Abschlusse brachten. Fast völlig im Dunkel liegen noch die frühesten Beziehungen zwischen den Persern und den gleichfalls iranischen Medern, die nach lange andauernden, zum Teil gemeinsam mit anderen Völkerschaften geführten Kämpfen 607 das assyrische Reich stürzten, Ninive zerstörten und Ekbatana begründeten[1916], um die Mitte des 6. Jahrhunderts aber selbst wieder unter persische Botmäßigkeit gerieten, -- ohne daß dieser Ersatz +eines+ herrschenden iranischen Stammes durch einen +anderen+ nach außen hin besonderen Eindruck hervorgerufen hätte[1917].

Die reine iranische Religion, nach ~Mommsen~ ausgezeichnet „durch fast monotheistische Verehrung des ‚Höchsten der Götter‘, Bildlosigkeit und Geistigkeit sowie strengste Sittlichkeit und Wahrhaftigkeit“[1918], kannte weder Götterbilder noch Gotteshäuser[1919]. Die oberste Stellung in ihr nahm ~Ahura-Mazda~ ein, auch ~Mazda-Ahura~ = „der weise Herr“; die Sonne gilt als sein Auge, Atar (das Feuer) ist sein Sohn, er offenbart sich in Sonne und Mond sowie in Erde, Wasser, Feuer und Wind (nicht Luft)[1920], und man betet zu ihm auf Bergeshöhen unter Entzünden der lauteren Opferflamme[1921]; mit den sechs „Amesa Spenta“ = „Unsterblichen Heiligen“ (einer Art Erzengel) vereint er sich zur „Siebenheit“, die aber nicht im entferntesten Zusammenhange mit jener der chaldäischen Planetengottheiten steht[1922].

Von diesen erhielten die Perser nicht früher Kenntnis, als sie in nähere Berührung mit den Babyloniern kamen, und eine Vermischung iranischer und chaldäischer Vorstellungen eintrat, deren Anfänge zwar sicher weit hinter der Regierung ~Alexanders des Grossen~ zurückliegen, die aber ihren Höhepunkt erst zur Zeit der Diadochen erreichte[1923]. Zunächst beharrte die große Volksmenge, wie schon ~Lenormant~ richtig ausführte[1924], auch nach dem Sturze des babylonischen Reiches durch ~Kyros~ im gewohnten Aberglauben, teils weil die Perser völlige religiöse Toleranz übten[1925], teils weil sie eine nur äußerst dünne Oberschicht bildeten, die zur Blütezeit der Achämeniden-Dynastie nur etwa ein Prozent der Gesamtbevölkerung betrug (500000 von 50 Millionen)[1926], in früherer Zeit, bei geringerem Umfange des Reiches, also vielleicht einige Prozente. Während der Herrschaft der Diadochen erhielt dann die persische Religion wenigstens in den Mittelpunkten der Kultur ein erhebliches Übergewicht, aber nicht, ohne auch selbst wieder durch die spätbabylonische weitgehend beeinflußt zu werden[1927], namentlich betreff Astrologie und Magie, die ihrem eigenen Wesen völlig fremd gewesen waren; den „Magiern“, Mitgliedern der für das alte Medien charakteristischen einheimischen Priesterschaft[1928], über deren Namen und Herkunft nichts ganz sicheres bekannt ist[1929], lag nämlich ursprünglich, nach den übereinstimmenden Berichten der besten und ältesten Quellen, gerade alles +das+ völlig fern, was man als Zauberei, Geheimkunst, Geisterbannen usf., kurz als „Magie“ zu bezeichnen gewohnt ist[1930]. Die dürftigen echten Überreste des rein erhaltenen Glaubens in den heiligen Büchern des „Avesta“, das in seiner heutigen Gestalt erst im 3. nachchristlichen Jahrhundert unter Bewahrung frühpersischen, medischen oder baktrischen Sprachgutes aufgezeichnet wurde, verraten keine Spur derartiger Kenntnisse, die vielmehr, wo sie sich im „Avesta“ geltend machen, allemal eines der Kennzeichen später, zum Teil sogar sehr später (bis ins 7. nachchristliche Jahrhundert herabreichender) Einschiebungen darstellen[1931].

Erst als sich die persische Priesterschaft im Laufe des 4. Jahrhunderts immer nachhaltiger seitens der babylonischen beeinflussen ließ, übernahm sie von ihr Astronomie und Astrologie, Sterndienst und Magie[1932]. Für die babylonischen Priester dieser Epoche, die sich ausdrücklich „Chaldäer“ nannten, steht als Grundgedanke ihrer Lehre fest, daß sich die Götter in den Gestirnen verkörpern, vor allem in den 7 Planeten, den „Lenkern der Schicksale“, die durch ihre Bewegungen die Gesamtheit der irdischen Vorgänge und Ereignisse beherrschen und in untrüglicher Weise herbeiführen; alles auf Erden hat daher seine bestimmte und berechenbare Zeit und tritt unabwendbar ein, sobald diese gekommen ist. Die Berechnung anzustellen, die betreffenden Vorzeichen rechtzeitig zu erkennen und richtig zu deuten, die Götter durch Gebet, Sühnung, Opfer, Beschwörung usf. womöglich noch zu beschwichtigen oder umzustimmen u. dgl. mehr, ist Sache der Priester; denn diese allein kennen das erforderliche Ritual und die den Göttern wohlgefälligen Einzelheiten des Kults und der Liturgie, der Worte und Gebärden, der Anrufungen und Intonationen, auch besitzen sie allein Kunde vom „wahren Wesen“ und den „wahren Namen“ der Gottheiten und verstehen es auch, die ungeheuren und geheimnisvollen „Kräfte“, die solches Wissen (nach uralten und bei zahlreichen Völkern weitverbreiteten Vorstellungen) verleiht, mit zauberischer Macht anzuwenden, d. h. die Götter zu +zwingen+, falls sie sich nicht +erbitten+ lassen[1933]. Wie die Magie, hierin die Zwillingsschwester der Astrologie, erkannt hat, gibt es eben dunkle Beziehungen zwischen Dingen, Worten oder Namen, und Personen, auch göttlichen; wer diese Beziehungen durchschaut, besitzt auch Einblick in die ihnen entsprechenden Zerimonien, bestimmte Zerimonien haben aber auch bestimmte Folgen[1934].

Solche, auf zum Teil uralt babylonischen Aberglauben zurückgehende, für Stellung und Macht des chaldäischen Priestertums äußerst charakteristische Anschauungen konnten sich indes nicht ohne erhebliche Abänderungen mit den iranischen verschmelzen; großes Beharrungsvermögen erwies namentlich deren dualistische Grundlage, der gemäß dem guten Prinzip, ~Ahura-Mazda~ (= ~Ormuzd~), dem Geiste des Lichtes und der Wahrheit, in ~Angra-Mainyu~ (= ~Ahriman~), dem Geiste des Dunkels und der Lüge, ein Böses gegenübersteht, desgleichen der Schar der guten und wohlwollenden Genien eine der bösen und neidischen Dämonen usf., derart, daß sich der ganze Vorgang der Weltentwicklung im Kampfe dieser beiden Prinzipien erschöpft[1935]. So eignete sich die persische Religion u. a. zwar den Planetenkult an und ersetzte die Dreizahl der iranischen Himmel, über denen sich das Paradies befindet, durch die Siebenzahl der Sphären[1936]; ebenso übernahm sie den Gedanken von der Herabkunft und dem Wiederaufstiege der Seelen durch die Sphären der 7 Planeten, wobei ihnen deren „Herrscher“ (Wächter, Hüter; Archonten) die geschlossenen Tore auftun und „Kleider“ (= Anlagen, Leidenschaften, ...) mitgeben oder wieder abnehmen[1937]; die +Gottheiten+ der Planeten aber setzte sie zu +Dämonen+ herab, und wenn nicht alle sieben, weil der Charakter von Sonne und Mond doch allzu gesichert feststand, so mindestens die fünf der eigentlichen Wandelsterne, die entweder sämtlich, oder in ihrer Mehrzahl zu „Widersachern der guten Götter“, „Verstörern des Himmels“ und „bösen Geistern“ werden, als arglistige Neider die Himmelsreise der Seelen zu hindern suchen und sei es durch Anbetung und Opferbringen, sei es durch Drohung und Beschwörung, zu beschwichtigen oder zu gewinnen sind[1938]. Auch der iranische ~Mithras~, ursprünglich Genius des Himmelslichtes, wird nunmehr mit dem babylonischen Sonnengott ~Samas~ identifiziert und erhält so die Oberherrschaft über die Gestirngötter der Planeten, denen man, ebenso wie den Tierkreisbildern, je nach ihrer Beschaffenheit, Helligkeit, Färbung usf., zahlreiche bald nutzbringende, bald verderbliche „Kräfte“, sowie mannigfache „Beziehungen“ zuschreibt, u. a. zu Tieren, Pflanzen, Mineralien, Edelsteinen und Metallen[1939], -- wofür indessen unmittelbare Nachweise erst aus der Anfangszeit der Arsakiden-Dynastie vorliegen, die vom 3. vor- bis zum 3. nachchristlichen Jahrhundert regierte[1940]. Die Notwendigkeit, auch für den Kult der bösen Geister zu sorgen, und durch genehme Verehrung entweder ihr Wohlwollen zu erkaufen oder sie durch Zauberhandlungen unschädlich, wenn nicht gar dienstbar zu machen[1941], mußte jedenfalls Bedeutung und Wichtigkeit der Priesterschaft neuerdings steigern und ihren liturgischen Handlungen und Worten sowie ihrer Kenntnis der „wahren Geheimnamen“, -- die deshalb nur in „leisem Gebete“ ausgesprochen und in charakteristischer Weise „gemurmelt“ werden durften[1942] --, erhöhtes Ansehen verschaffen[1943]. Götterbilder in menschlicher Gestalt aufzustellen und sie in geschlossenen Räumen anzubeten sollen die Perser, nach ~Berossos~, erst seit der Regierung ~Artaxerxes~ II. (405-359) begonnen haben, also seit Beginn des 4. Jahrhunderts[1944], und die im arabischen „Fihrist“ (gegen 1000 n. Chr.) überlieferte Erzählung, schon der völlig mythische persische König ~Aldahhak~ habe den 7 Planeten Tempel erbaut[1945], ist daher in das Reich der Fabel zu verweisen; allgemein gebräuchlich scheint jene Sitte aber erst in der Zeit der Diadochen geworden zu sein, in der auch die Verehrung der vier Elemente Feuer (âtar), Wasser, Erde und Wind, über die schon ~Herodot~ erzählt[1946], zum Dienste von Elementen-Gottheiten als „Herren der Elemente“ (στοιχεῖα) ausartet, denen man Kultstätten weiht und Bildsäulen setzt[1947]; dies sind offenbar die „Idole der Planeten“ und „Idole der Elemente“, deren, zusammen mit den „Festen ihrer Verehrung“, den „Festen der Vermählung der Elemente“ usf., noch im 10. Jahrhundert n. Chr. der hochgelehrte arabische Schriftsteller ~Albiruni~ in seiner „Chronologie der alten Nationen“ Erwähnung tut[1948], aber auch schon im 2. Jahrhundert n. Chr. der Apologet ~Aristides~, der Tempel wie Kultbilder den „Chaldäern“ zuschreibt[1949]. Für die griechischen Berichterstatter verwischten sich eben schon seit den Tagen ~Alexanders des Grossen~ die Grenzen zwischen Babyloniern, Assyriern, Chaldäern und Persern in einer Weise, die zwecks Beurteilung aller späteren Überlieferungen von größter Wichtigkeit bleibt; vor allem aber flossen die Begriffe der babylonischen „Chaldäer“ und der iranischen „Magier“ so völlig ineinander, daß schließlich z. B. ~Zarathustra~ für die nämliche Person gehalten werden konnte wie ~Nimrod~, der sagenhafte Held der babylonischen Urzeit[1950]. War aber auch die Verschmelzung babylonischen und iranischen Wesens in Wirklichkeit nicht so vollständig, wie sie den griechischen Beobachtern aus leicht begreiflichen Gründen erscheinen mußte, so zeitigte sie doch außerordentlich wichtige Folgen; denn wie die babylonische Kultur seit fernen Zeiten unmittelbar oder durch assyrische Vermittlung auf die ganz Vorderasiens eingewirkt hatte, so beeinflußte sie nun jene Persiens und durch sie wieder die der weitesten und entlegensten Kreise der alten Welt, wobei, ebenso wie in Persien, nicht selten an die Stelle der babylonischen Göttergestalten abgeänderte einheimische treten, oder statt ihrer auch fremde, geheimnisvolle und magische Mächte[1951].

2. Einflüsse seitens des älteren Ägyptens.

+Übersicht einiger Hauptdaten+[1952].

v. Chr. Zeitalter der Horus-Verehrer um 4250 Zeitalter der Thiniten 3315-2895 Altes Reich 2895-2540 Zeitalter des Überganges 2540-2160 Mittleres Reich 2160-1785 Zeitalter der Zersetzung; Hyksos-Könige 1785-1580 Neues Reich 1580-1100 Herrschaft der Söldner, Äthiopier, Assyrier 1100-663 Zeitalter der Restauration 663-525 Herrschaft der Perser 525-332 Ptolemäische Könige 331-30 Ägypten römische Provinz 30

Einführung des verbesserten 365tägigen Kalenders: am 15. Juni 4241 v. Chr.[1953].

——————————

Da die ägyptische Religion schon zu Beginn des neuen etwa von 1580-1100 währenden Reiches in vielen Richtungen bis zur Unkenntlichkeit entstellt und in anderen nur mehr der Form nach annähernd erhalten war[1954], so bietet es große Schwierigkeiten, ihre Entwicklung bis in die Zeit des mittleren oder gar des alten Reiches (etwa von 2160-1785 und 2895 bis 2540) zurückzuverfolgen. So weit dies indessen möglich ist, zeigt sich, daß keine Gottheit in höherem Ansehen stand als der Sonnengott ~Rê~, neben dem allenfalls noch der Mondgott ~Thot~ in Betracht kommt, während andere Sterngötter, -- denn nicht die +Gestirne+ verehrt man, sondern die +Wesen+, die sich in ihnen offenbaren[1955] --, keinerlei Rolle in Sachen des Glaubens spielen[1956].

Anfänglich scheinen +Sonne+ und +Mond+ als Augen einer Gottheit gegolten zu haben, des „großen ~Horus~“, des „~Horus~ der beiden Augen“[1957], den man sich als Falken mit leuchtenden Augen vorstellte; demgemäß heißt auch ~Rê~ später „der große Gott“, „der Herr des Himmels“, wird falkenköpfig abgebildet und trägt auf dem Haupte die Sonnenscheibe, umwunden von der flammenspeienden Schlange ~Apophis~, der „Vernichterin der Feinde“; an weiteren Beinamen, -- betreff derer zu beachten ist, daß die ägyptische Religion gewohnheitsgemäß auch an gänzlich widerspruchsvollen Angaben keinen Anstoß nimmt und sie als gleichwertig nebeneinander gelten läßt --, besitzt der „große Lichtgott“ u. a. „Stier seiner Mutter“ sowie „~Chepre~ der Käfer“, und zwar hängen diese mit den sehr mannigfaltigen Vorstellungen über seinen Ursprung zusammen[1958]. Nach der einen von diesen wird ~Horus~ jeden Morgen neu geboren und zeugt dann sich selbst (d. h. die am folgenden Tage aufgehende Sonne) im Leibe der Himmelsgöttin, die bald (nach ägyptischer Sitte) als seine Schwester und Gemahlin, bald wieder als seine Mutter gedacht wird[1959], und zu deren besonderen Formen auch ~Isis~ zählt, -- weshalb in der späteren Sage deren Sohn, der aber +ganz verschieden+ vom großen Lichtgotte ~Horus-Rê~ ist, wiederum ~Horus~ heißt[1960]. Nach einer anderen ist der große ~Horus~ sein eigener Erzeuger und schuf sich selbst, sowie seine Namen; dieser Zusatz weist darauf hin, wie innig zusammenhängend auch den Ägyptern Sache oder Person und Namen erschien[1961]: sogar die Götter müssen sich demjenigen fügen, der sie durch Verrat ihres „wahren Namens“ in jedermanns Macht zu geben droht, und selbst in äußerster Gefahr teilt ~Rê~ den seinen nur der ~Isis~ mit, „allein für sie und ihren Sohn ~Horus~“[1962]. Wieder eine andere läßt, wie den Skarabäus-Käfer sein Ei, d. i. die Mistkugel, in der er (nach ägyptischer Annahme) ungeschlechtlich seine Nachkommen zeugt, so ~Horus~ das seinige, d. i. die Sonne, vor sich herwälzen[1963] und dann aus diesem „von ihm selbst geschaffenen Ei“ auskriechen[1964], als „Keim eines schönen und edlen Eies“[1965], als „Sonnenkind, aus dem Ei entspringend“[1966]; man erzählt aber auch, daß dieses Ei als „Weltenei“ bei Beginn der Schöpfung aus dem finsteren, die männlichen und weiblichen Keime in sich bergenden Urwasser ~Nun~ hervorging, und daß es Gott ~Ptah~ von Memphis oder Gott ~Chnum~ von Esne, „der Weltbaumeister“, auf der Töpferscheibe rund drehte[1967]. -- Sagen dieser Art über Entstehung von Welt und Mensch sind übrigens auf der ganzen Erde sehr verbreitet, weshalb auch Eier, wirkliche, nachgemachte oder gemalte, eine wichtige Rolle im Totenkult spielen, nicht nur im ägyptischen, in dem sie oft verbunden mit der Schlange als „Seelentier“ auftreten[1968]: das Ei ist eben von geheimer Lebenskraft erfüllt, wird deshalb auch von den Anhängern mancher Geheimlehren nicht genossen und sichert (ebenso wie das Blut) dem Toten das Leben[1969]. Auf einen babylonischen Mythus geht die Erzählung zurück, daß Fische an das Ufer des Euphrat ein Ei von wunderbarer Größe herausschoben, aus dem eine Taube die „große syrische Göttin“ (Dea Syria) ausbrütete[1970]; bei den Iraniern zerreißt der „eiförmige Felsen“ des „Welteneies“ in zwei Hälften, deren obere die Himmelswelt mit ~Ormudz~ und deren untere die Unterwelt mit ~Ahriman~ ergibt, während aus der Mitte ~Mithras~ entspringt, und dies ist das berühmte „mithräische Mysterium des Steines, der kein Stein ist“ (μιθριακὸν μυστήριον τοῦ λίθου, ὃς οὐ λίθος)[1971]; durch persische Vermittlung soll es schon frühzeitig den kleinasiatischen und europäischen Griechen zugekommen sein[1972] und seither nicht minder in den alten Mysterien-Diensten des ~Pythagoras~ und ~Orpheus~ (Ei des ~Phanes~!) seine Rolle gespielt haben, wie noch in den späten Lehren gewisser gnostischer Sekten, z. B. der Sethianer[1973].

Die Ansicht, daß ~Horus~ identisch sei mit ~Osiris~, ist unzutreffend und entspringt jedenfalls der Tatsache, daß ~Horus~, aus nicht recht durchsichtigen Gründen, zuweilen für ~Osiris~ eintritt, so z. B. schon frühzeitig im sog. „Totenbuche“[1974], das man vornehmen Bestatteten als eine Art Wegweiser im und ins Jenseits mit in das Grab zu geben pflegte. Dieses als Grundlage für die Unsterblichkeits-Lehre sehr wichtige Buch ist schon zu Anfang des neuen Reiches (um 1600) eine weitläufige Sammlung von Texten und Textsätzen mannigfaltiger Herkunft und verschiedensten, zum Teil bis etwa 3300 zurückgehenden Alters, das weiterhin noch ständig und in ganz willkürlicher Weise aus vieldeutigen und unzuverlässigen Quellen ergänzt und vermehrt wird, so daß es größtenteils nur ein wirres und unklares Gemisch darstellt, das zudem noch ungenau und fehlerhaft überliefert ist[1975].

Was nun die außerordentlich bedeutsame Gestalt des ~Osiris~ betrifft, so war er ursprünglich (gleich dem Getreidegott ~Nepera~)[1976] ein Erd- und Vegetations-Gott, der in der Tiefe des Bodens haust und aus ihr Saaten, Kräuter und Bäume hervorwachsen heißt; die sommerliche Glut, die sein göttlicher Bruder ~Seth~ sendet, macht diese verwelken und auch ihn dahinsterben, jedoch nicht völlig, vielmehr erweckt ihn der Zauber des „neuen Wassers“ aus seinem Grabe zu neuem Leben, so daß er wieder aufersteht und von früherer Zeugungskraft erfüllt die Felder abermals ergrünen läßt[1977]. Den bösartigen ~Seth~, der im übrigen wenig bekannt ist und angeblich den Esel zum „heiligen Tiere“ haben soll, bringt die Sage nach verschiedener Weise mit ~Osiris~ in Verbindung[1978]. Nach der einen Überlieferung tötete er ihn heimtückisch und warf den Sarg mit seiner Leiche in den Nil, so daß er bis ins Meer und weiter bis Byblos schwimmt, wo ihn ~Isis~ auffindet und nach Ägypten zurückbringt; hierdurch erklärt sich die Verbindung mit den Kulten der „großen Göttin“ von Byblos und des einem Eber zum Opfer gefallenen ~Adonis~ (semitisch = der große Gott)[1979]. Einer anderen zufolge zerstückelte ~Seth~ den Körper des ~Osiris~ und trennte ihm den Kopf ab, weshalb auch das sog. „Rückgrat des ~Osiris~“, eigentlich wohl nur ein Baumstamm mit mehreren Querbalken, als sein Fetisch gegolten haben soll[1980]; da nun ursprünglich, wie bei vielen Völkern, so auch bei den Ägyptern der älteren Zeit die sog. „sekundäre Bestattung“ des wie angegeben behandelten und durch Abschaben vom Fleische befreiten Leichnams gebräuchlich war, -- Beispiele hierfür kommen selbst noch zur Zeit der persischen Eroberung vor[1981] --, so ist die Sage wohl erst nachträglich dieser Sitte entsprechend umgestaltet worden; und wie der Spruch „die Glieder mögen sich wieder vereinigen, der Kopf füge sich wieder an die Knochen“ mit „Erneuerung des Lebens“ (παλιγγενεσία, Palingenesía) gleichbedeutend war[1982], so hielt man es auch betreff des ~Osiris~: sein Sohn ~Horus~ sucht mit Hilfe des Gottes ~Thot~ oder des ~Anubis~ die Knochen zusammen, balsamiert die Überreste ein, umwickelt die Leiche mit weißen und farbigen Binden, wie das (schon im alten Reiche) bei den Mumien, aber auch bei den Götterbildern geschieht, und macht sie durch Zauber lebendig[1983]. Später wirkt hierbei auch ~Isis~ mit, und das „neue Wasser“, das ~Horus~ und ~Thot~ schon auf sehr alten Wandzeichnungen über den toten ~Osiris~ ausgießen[1984], das „Wasser, das das Leben wiederholt“ (erneut), den der Dürre ~Seths~ Erlegenen „wieder aufleben“ läßt und ursprünglich nichts anderes war als das Überschwemmungswasser des Nils[1985], geht dann allmählich in ein „Wasser des Lebens“ über im Sinne eines von der ~Isis~ erfundenen „Zaubermittels der Unsterblichkeit“ (φάρμακον τῆς ἀθανασίας)[1986], das auch mit dem „Blute der ~Isis~“ und dem symbolischen „Knoten (Gürtelknoten) der ~Isis~“ in Verbindung gebracht wird[1987]. -- Solches „Wasser des Lebens“ kennt übrigens auch die alte babylonische Litteratur[1988] u. a. schon in „~Istars~ Höllenfahrt“[1989], ferner erwähnen es griechische Grabschriften spätestens des 4. Jahrhunderts[1990], und selbst ~Alexander den Grossen~ soll einer seiner Züge bis zur „Quelle des Lebenswassers“ geführt haben[1991].

Wenngleich nun der erstandene ~Osiris~, wie schon seine Darstellung als bekrönte Mumie zeigt[1992], als +Toter+ angesehen wurde, so galt er doch als eine tote +Gottheit+, die in Mumiengestalt auf Erden weiterherrscht, und in dieser Eigenschaft verdrängte er schon gegen Ende des alten Reiches den mächtigen Gott ~Anubis~, der bis dahin zu Abydos als eigentlicher „Totengott“ und „Schützer der Toten“ Gegenstand einer der wichtigsten Kulte gewesen war[1993]; hieran anschließend entstand wohl die Tradition, daß der vornehmste Teil der ~Osiris~-Leiche, das Haupt des Toten (caput mortuum), gerade an der altheiligen Stelle zu Abydos begraben gelegen habe[1994], und daß das „Totenbuch“, das seit jeher vornehmlich als „dem Herrn von Abydos“ geweiht galt, mit ~Osiris~ und demgemäß mit der Auferstehungs- und Unsterblichkeits-Lehre in Verbindung zu bringen sei[1995]. Bereits im alten Reiche wird ~Osiris~ zum „Vorbild aller Toten“, zum „Ersten aller Toten“: er verbürgt die Unsterblichkeit, indem er wie ein Mensch stirbt, bestattet wird, nachher aber mit allen körperlichen und geistigen Eigenschaften zu neuem Leben aufersteht[1996]. Wie nun überhaupt der Mensch nur, indem er sich mit den Göttern identifiziert, Anteil an ihrer Macht zu gewinnen vermag[1997], so hat er sich auch „mit ~Osiris~ zu vereinigen“, „zu ~Osiris~ zu werden“, damit er gleich ihm die Totenwelt durchwandere, so den Tod überwinde und unsterblich erstehe[1998]. In solchem Sinne wird nicht nur ein verstorbener König angeredet als „dieser ~Osiris~“[1999], sondern jeder Tote heißt einfach „der ~Osiris~ N. N.“, ~Anubis~ balsamiert ihn ein und bestattet ihn wie einstens den ~Osiris~, und wenn sein Grab gefunden ist, wird zur rechten Zeit das „neue Wasser“ auch ihn wieder neu aufleben lassen[2000]. Bei den sog. „Mysterien des ~Osiris~“ wurde dies, anknüpfend an das Wiedererblühen der Natur nach totenähnlicher Ruhe, durch Vorzeigen und Herumtragen keimender Pflanzen angedeutet[2001]; noch bis in die späteste Zeit des Altertums erhielt sich zu Abydos eine große, dreitägige, im Laufe des November stattfindende Feier, die dem Tode des ~Osiris~, dem Suchen und Finden seiner Leiche, sowie der Auferstehung galt[2002]; auf sie spielen u. a. ~Ovids~ Worte vom „nie genug gesuchten ~Osiris~“ an[2003], ~Juvenals~ (47-127) Erwähnung des endlosen Jubelgeschreies unter dem Volke „wenn ~Osiris~ gefunden ist“[2004], sowie die Berichte des ~Seneca~ (gest. 65), ~Firmicus~ (um 315) und ~Lactantius~ (gest. 330)[2005].

Hinsichtlich des +Mondes+, des „Stieres unter den Sternen“, ist zu bemerken, daß sein Gott „~Thot~, der Ibis“ war, vielleicht so benannt, weil die Sichel des Halbmondes einige Ähnlichkeit mit dem krummen Schnabel dieses Vogels zeigt[2006]; bereits weiter oben wurde erwähnt, daß der Mondgott auch als Urheber von Zeitmessung, Maß und Ordnung, als Erfinder von Sprache, Schrift, Zeichen- und Mal-Kunst, als Schöpfer aller Wissenschaft und Kultur, aber auch als Arzt galt, dessen Speichel die Wunden der Götter heilt[2007].

Die fünf +Planeten+ waren schon im alten Reiche wohlbekannt, und Erwähnungen des Saturn als „Stieres des Himmels“ und des Morgen- und Abend-Sternes (die man für verschieden hielt) sind nicht selten; im neuen Reiche wird um 1400 Jupiter „König ~Osiris~“ benannt, Saturn „~Horus~ der Stier“, Venus „Schiff des ~Phoenix-Osiris~“, Merkur „Stern des ~Seth~“ und Mars „der leuchtende ~Horus~“, während seine Bezeichnung als „der rote ~Horus~“ erst sehr viel später aufzutreten scheint; in Verbindung mit Sonne und Mond finden sich dabei die Wandelsterne niemals gebracht[2008]. An irgendwelcher genauerer Kenntnis ihrer Bewegungen mangelt es vollständig, ja eine solche wird nicht einmal (wie so manche andere) seitens der Spätzeit als „uralte Überlieferung“ in Anspruch genommen[2009], und da man überdies die Planeten nicht als himmlische Körper, sondern als „Lampen“ anzusehen pflegte[2010], blieben Astronomie, Astrologie und Sterndienst dem alten Ägypten fremd[2011]. Entgegen früheren Annahmen besteht auch kein Zusammenhang zwischen Planeten-Verehrung und Zauberei, der schon zur Zeit der Thiniten-Dynastie, also im 4. Jahrtausend, eine wichtige Rolle zukam, besonders was das Wissen um die Verkörperung der Götter (vor allem in den heiligen Tieren) und um ihre „wahren Namen“ betrifft[2012]. Astrologische Anspielungen fehlen ferner vollständig in den Erzählungen über die „Zauberbücher“: diese umfangreichen Werke gelten zum Teil schon dem alten Reiche als in grauer Urzeit von den Göttern, u. a. von ~Thot~, verfaßt und selbst niedergeschrieben, später durch Weise und Gelehrte weiter überliefert, schließlich von den Priestern in Gräbern, Grabgefäßen oder Mumien aufgefunden und in den Bibliotheken der Könige oder der Tempel niedergelegt; sie füllen in diesen die „Bücherkisten der Weisheit“, und man eignet sich die Kraft ihrer Zauberformeln an, indem man solche auf ein Stück Papyrus schreibt, das man, mit Bier befeuchtet oder ausgezogen, hinunterschluckt[2013].

Verhältnismäßig spät und nur gelegentlich tritt im neuen Reiche, also nach 1600, die +Siebenzahl+ auf, z. B. in Gestalt von 7 Fäden, Ringen oder Knoten bei Zaubereien und medizinischen Beschwörungen[2014], niemals aber im Zusammenhang mit den 7 Planeten. Auch im ganzen folgenden Jahrtausende würde man vergeblich nach Spuren der Astrologie suchen, und es scheint, daß diese Kunst, wenngleich sie in Ägypten nach der Zeit der persischen Eroberung (525) schon einigen Boden zu fassen begann, doch zur eigentlichen Entwicklung erst seit Beginn der ptolemäischen Herrschaft (332) gelangte, als ein Mischprodukt orientalischen und griechischen Geistes[2015]. +Zunächst+ handelte es sich allerdings nur um bloße Übertragung neubabylonischer (chaldäischer) Gedanken, die unter persischer, zum Teil wohl auch jüdischer Vermittlung als „persische“ Eingang fanden, angeblich herrührend (später auch „übersetzt“) aus uralten persischen Schriften des ~Zoroaster~, ~Ostanes~, ~Hystaspes~ usf.[2016]; genügende Beweise ihres wirklichen Ursprunges liefern indessen schon die Auffassung der Planetengötter als „böser Geister“[2017], sowie die Verbindung der Planeten mit Engeln und Dämonen, deren die meisten sogar mehrere haben, der „oberste und mächtigste“ Saturn aber nur je einen, ~Ktetoel~ und ~Beelzebub~[2018]. +Späterhin+ wurde die Astrologie aber auch in recht selbständiger Weise weiterentwickelt und erfuhr eine vielfach eigenartige Lokalisierung[2019], auch unter Heranziehung sowohl griechischer wie einheimischer Vorstellungen, z. B. der „Dekane“ genannten Götter der zehntägigen ägyptischen Woche[2020].

Vom ältesten astrologischen Gesamtwerke der ptolemäischen Zeit, dem spätere Überlieferung den Titel „Hermetische Untersuchungen“ beilegten, wissen wir bisher nur, daß es gegen 200 v. Chr. verfaßt wurde und seither als „astrologische Bibel“ die gemeinsame, unerschöpflich fließende Quelle immer erneuter, fast zahlloser Kommentare, Auszüge und Darstellungen bildete[2021]. Unter diesen ist das weitaus wichtigste und einflußreichste das als Ganzes gleichfalls verlorene, in einzelnen Teilen jedoch u. a. bei ~Vettius Valens~ (im 2. Jahrhundert n. Chr.) erhaltene Buch der ἀστρολογούμενα (Astrologúmena)[2022] aus der Zeit gegen 150 v. Chr.[2023], aufgefunden „in den Archiven der alten Priester“ und auf Mitteilungen der Götter ~Thot~ und ~Imhotep~ (~Imuthes~) hin verfaßt vom Oberpriester ~Petosiris~, „dem weisen Alten“, und vom „göttlichen Pharao ~Nechepso~“, den man später auch zum „Könige von Assyrien“, ja zum „Kaiser von Ägypten“ vorrücken ließ[2024]; beide Persönlichkeiten hat man um so mehr für rein sagenhafte anzusehen, als ägyptische Priester, die astrologische Werke verfaßt haben, bisher überhaupt nicht nachgewiesen werden konnten[2025]. Die „Astrologúmena“ machen indessen nicht nur eingehende Angaben über rein Astrologisches, namentlich über die Einflüsse der Planeten auf alle Einzelheiten der Lebensumstände, Berufe und Schicksale, sondern beschäftigen sich auch ausführlich mit astrologischer Medizin, sog. Iatromathematik[2026]: so fest glaubte man z. B. an ein Band der Sympathie, das die kranken Körperteile, die erforderlichen Heilmittel und die Gestirne vereinige[2027], daß noch der große ~Galenos~ (gegen 200 n. Chr.) nachdrücklich versichert, „~Nechepsos~ Jaspis“ bewähre sich auch +ohne+ die vorgeschriebene Eingravierung von Sternen oder Zauberzeichen[2028]!

Unter den verschiedenen astrologischen Theorien stellen die einen mehr die 7 Planeten, die anderen die 12 Zeichen des Tierkreises, noch andere alle beide in den Vordergrund und verbinden sie auch mit den vergöttlichten Elementen als leitende und geleitete στοιχεῖα (Stoicheía), z. B. indem sie die „Leiter“ den Planeten solche Bewegungen erteilen lassen, daß aus diesen die erforderlichen Einwirkungen auf die Elemente entspringen[2029]. Die 12 Zeichen als „Herrscher der Schicksale“ anzusehen, lag angeblich den ägyptischen Priestern näher, die 7 Planeten als solche anzuerkennen aber den „persischen“ Magiern, deren einzelne schon im 2. Jahrhundert v. Chr. in Ägypten ansässig gewesen sein sollen[2030], während sie als Mitglieder eigentlicher Priesterschaften dort erst sehr viel später auftreten[2031]; hierüber Genaueres anzugeben ist indessen um so schwieriger, als die einschlägigen Nachweise spärlich sind, und z. B. das ältestbekannte Ostrakon (Tonscherbe), das die 5 Planeten und 12 Tierkreisbilder in ägyptischer Sprache aufzählt, erst dem Beginn unserer Zeitrechnung entstammt[2032]. Unzutreffend ist auf alle Fälle die Annahme, schon zur Zeit der persischen Eroberung im 6. Jahrhundert hätten die Magier den Ägyptern Kunde von der wahren Anordnung der Planeten (Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur, Mond) zugebracht, denn von ihr wußten sie damals selbst noch nichts, in Ägypten aber kennen zuerst ~Petosiris-Nechepso~ dieses sichtlich noch sehr neue System; hauptsächlich weil ihm der Vorzug innewohnte, daß es der Sonne als „König“ ihren Platz gerade in der Mitte der Planetenreihe einräumte, fand es den allgemeinen Beifall der Astrologen und wurde alsbald von ihnen als herrschendes angenommen[2033].

Auf ~Petosiris-Nechepso~ ist allem Anscheine nach auch die Einführung der durchlaufenden siebentägigen +Planeten-Woche+ zurückzuführen, deren große Künstlichkeit vermuten läßt, daß ein Einzelner sie ausklügelte[2034]. Die ägyptischen astrologischen Kalender aus der Zeit um 200 v. Chr. verraten noch keine Spur von ihr, und schon die Tatsache, daß sie die Kenntnis der +richtigen, griechischer+ Forschung zu verdankenden Reihe der Planeten voraussetzt, weist auf ihren wahren Herkunftsort hin[2035] und erledigt die Vermutung über ihre Erfindung durch Babylonier oder Juden, denen allerdings, ebenso wie den Griechen, bloße siebentägige Fristen (wie bereits weiter oben erwähnt) seit altersher bekannt und geläufig waren[2036]. Daß die Planetenwoche, wie u. a. ~Ideler~ schon 1831 bestimmt aussprach[2037], in Ägypten aufkam und sich von dort aus, besonders im Laufe des 1. vorchristlichen Jahrhunderts, weiter verbreitete, -- gegen Anfang unserer Zeitrechnung auch nach dem Westen --, unterliegt keinem Zweifel[2038]; nach ~Philo~ von Alexandria (etwa 30 vor bis 30 nach Chr.) steht sie bereits allerorten in Gebrauch[2039], nach ~Cassius Dio~ (150-235) wurde sie aus Ägypten her erst in der neueren Zeit bekannt, ist aber schon allgemein angenommen[2040], und tatsächlich bezeugen dies Gemälde und Inschriften zu Pompeji, sowie Anspielungen bei ~Tibull~, ~Horaz~, ~Petronius~, ~Plutarch~ (48-125), ~Philostrat~ und vielen Späteren[2041]. Ursprünglich begann die Woche mit dem Tage des „höchststehenden“ Planeten ~Saturn~, und erst im Laufe des 2. Jahrhunderts führte die steigende Bedeutung der orientalischen Sonnen-Verehrung und namentlich die Begünstigung des ~Mithras~-Kultes durch die römischen Kaiser zur Vorherrschaft der Sonne und des Sonntags, die aber endgültige Anerkennung erst im 4. Jahrhundert fand, und zwar bei den Christen nicht ohne andauernde, aber vergebliche Bekämpfung seitens der Kirche[2042]. Auf die Herabsetzung des Saturntages[2043] zum letzten Wochentage verweist eine (verloren gegangene) Schrift des ~Plutarch~: „Warum die nach den Planeten benannten Tage in der umgekehrten Reihenfolge gezählt werden“[2044]; begünstigt wurde die Verbreitung einer mit dem „dies Saturni“ schließenden Woche durch ihre Übereinstimmung mit den bei den Juden üblichen siebentägigen Fristen[2045], deren Ursprung aus Babylon übrigens durchaus fraglich ist[2046]. Die Feier des Sabbats am Tage des ~Saturn~ (~Kronos~) und der Wortwitz Κρόνος (Krónos) -- ὄνος (Onos = Esel)[2047] scheint in Alexandria und später auch in Rom zur Behauptung Anlaß gegeben zu haben, die Juden verehrten als Gott einen Eselskopf, -- auf welchen Aberglauben u. a. wieder die sog. „Spottkruzifixe“ der römischen Katakomben zurückgehen[2048].

3. Einflüsse seitens des älteren Griechenlands.

Entgegen früheren Annahmen, die bei einzelnen Gelehrten allerdings noch bis in die neuere Zeit hinein in Geltung blieben, darf man es als zweifellos festgestellt erachten, daß zwar der Volksglauben der Griechen, ebenso wie der so vieler anderer Völker, die Sterne seit jeher als etwas Göttliches verehrte[2049], daß aber das griechische Altertum „von einem förmlichen Gestirndienste völlig entfernt war“[2050].

Soweit eine Übersicht möglich ist, zeigen sich Kenntnisse eines solchen erst im Verlaufe jener Zeit, während der auch andere orientalische Einflüsse, zunächst bei den jonischen Griechen Kleinasiens, in deutlicher Weise hervortreten[2051], -- worüber der Historiker ~Dikaiarchos~ (um 310 v. Chr.) auffällig richtige Vorstellungen verrät[2052]. Schon seit dem 8. Jahrhundert, ganz allgemein aber seit dem 7., gelangen die Vorbilder orientalischer Kunst zu hoher Bedeutung, z. B. im Typus jener korinthischen Vasen, deren Gemälde teppichartige Vorlagen, sowie Greifen, stilisierte Löwen oder Panther u. dgl. wiedergeben[2053]; im 7. Jahrhundert wird das babylonische Gewichtssystem übernommen[2054], etwa seit dem 6. auch Sonnenuhr und Gnomon, die ~Herodot~ (485-425) als babylonisch bezeugt[2055], sowie der zwölfstündige Tag und die Himmelskugel mit den Abbildungen der Sterne[2056], während den Tierkreis und die eigentliche babylonische Astronomie erst ~Oenopides~ von ~Chios~ gegen 400 näher bekannt gemacht haben soll[2057]. Die ersten dunklen Nachrichten über Sternkunde und Sterndeutung, Mantik und Leberschau u. dgl. scheinen (wie bereits weiter oben erwähnt) die Lehren der orphischen Mystiker des 6. Jahrhunderts, aber auch die der ersten griechischen Philosophen nicht unerheblich beeinflußt zu haben[2058], so daß sich „orientalische Ideen“, wie schon ~Chwolsohn~ richtig erkannte, bei ~Pherekydes~, bei den Mitgliedern der jonischen und pythagoräischen Schule, bei ~Platon~ und noch bei manchen der übrigen Weltweisen unverkennbar geltend machen[2059]. Zum Teil werden sie indessen sowohl bei ~Pherekydes~ als auch bei ~Anaximander~ (611-545), ~Empedokles~ (490-430) und den Anderen weitgehend umgedeutet und abgeändert[2060], zum Teil erfahren sie auch, als mit dem gesunden griechischen Geiste gar zu unvereinbar, zunächst völlige Ablehnung, namentlich soweit jene entschieden abergläubischen Vorstellungen, der Einfluß der Planeten auf die Schicksale, die astralen Vorzeichen u. dgl. mehr, in Betracht kommen[2061], betreff derer sich Anspielungen erst bei ~Euripides~ und einige nähere Angaben bei ~Theophrastos~ (372-287) finden[2062].

Erklärt sich das frühe Auftreten kosmologischer Spekulationen im Gesichtskreise der jonischen Philosophen durch Berührung mit dem Orient[2063], so dürfte das Nämliche betreff der Kenntnisse über die Planeten der Fall sein[2064], die aber lange Zeit hindurch höchst dürftige und nur ganz allgemeine bleiben[2065]; noch ~Anaximander~ setzt die Sonne zu oberst an den Himmel und läßt dann den Mond, hierauf die Fixsterne und zuletzt die Planeten folgen[2066]. ~Leukippos~ (um 500) sowie ~Demokritos~ (460-360?) kennen weder die Zahl der Planeten, noch unterscheiden sie bestimmt zwischen ihnen und den Fixsternen[2067], auch hebt ~Demokritos~ Sonne, Mond und Venus gemeinsam aus der Zahl der übrigen Gestirne heraus, -- hierin vermutlich einer babylonischen Quelle folgend --, und nicht viel besser steht es um das Wissen der übrigen Vorsokratiker[2068]. Bei den Pythagoräern und ~Philolaos~ (um 400) entstammen viele Kenntnisse und Ideen gleichfalls dem Orient, u. a. auch die Benennung von Winkeln, geometrischen Gestalten und Zahlen nach Göttern, z. B. die des Zwölfecks und der Zwölfzahl nach ~Zeus~, dessen Gestirn (der Jupiter) eine Umlaufszeit von 12 Jahren besitzt[2069]. Die Reihenfolge der Planeten ist bei ~Philolaos~, von dem sie dann auch ~Platon~ übernimmt, die un+richtige+ „Mond, Sonne, Venus, Merkur, Mars, Jupiter, Saturn“[2070], die also nicht erst von ~Herakleides~ (gest. 330) herrühren kann[2071], jedoch allerdings griechischen Ursprunges zu sein scheint. Die großen Fortschritte der beobachtenden und rechnenden griechischen Astronomie während der Folgezeit (namentlich auf alexandrinischem Boden) dürften dann um 200 zur Entdeckung der +richtigen+ Reihe „Mond, Merkur, Venus, Sonne, Mars, Jupiter, Saturn“ geführt haben, die vielleicht schon bei dem Stoïker ~Diogenes~ von ~Babylon~ (um 160) erwähnt wird, sicher aber den griechisch schreibenden ~Petosiris~ und ~Nechepso~ genannten ägyptischen Verfassern der „Astrologúmena“ (um 150), sowie etwas später dem großen griechischen Astronomen ~Hipparchos~ (in Alexandria) bekannt war[2072].

Daß sich hingegen aus dem babylonischen Sterndienste weder die „heilige Siebenzahl“ der Griechen, noch die fälschlich als +alt+pythagoräisch betrachtete Verbindung der 7 Planeten und der Sphärenharmonie mit den 7 Saiten der Leier herleiten lasse, ist als zweifellos feststehend anzusehen[2073]. Schon sehr frühzeitig besaßen die Griechen neben dem Sonnenjahr einen von diesem unabhängigen Mondmonat, -- μήν, μείς (lat. mensis), der Monat, ist ursprünglich der Mond selbst in seiner Eigenschaft als Zeitmesser[2074] --, dem Mondmonate aber entsprangen auch bei ihnen die naturgemäßen Fristen 3 × 9 und 4 × 7[2075]. Ausschlaggebend für das Übergewicht der letzteren war jedoch das nach ~Diels~ schon vorhomerische Eindringen des so außerordentlich wichtigen ~Apollon~-Kultes in die griechische Religion[2076]. Der Kult des Ἀπέλλων (Apéllon, von ἀπέλλα, die Hürde), des Hürdengottes, der Vieh und Herden beschützt[2077], stammte nämlich in seiner ältesten Form aus Kleinasien[2078] und brachte von dort schon gewisse Vorschriften mit sich, u. a. betreff der am 7. Tage des Monats zu feiernden Feste und darzubringenden Opfer, die zwar ursprünglich nur für den Dienst des ~Apollon~ galten, alsbald aber auch auf die übrigen Hauptgötter übertragen wurden; diese Umstände bedingten die hohe Bedeutung der Siebenzahl und der (nach pythagoräischer Art) sich an sie knüpfenden Zahlenspekulationen, namentlich in der Mythologie, dem Kult und der Kathartik des ~Apollon~, jedoch, da dieser zugleich Ἰατρὸς Ἀπόλλων „der große Heilgott“ ist, auch in der Medizin[2079]: in den aus dem 5. und 4. Jahrhundert stammenden Schriften des ~Hippokrates~ und der Hippokratiker spielen daher Siebenzahl, siebentägige Fristen usf., bereits eine durch lange Überlieferungen gefestigte völlig dogmatische Rolle[2080].

Was die mit den Göttern zusammenhängenden +Namen+ der Planeten anbelangt, so finden sich diese zuerst in den spätesten von ~Platon~ (427-347) verfaßten oder ihm zugeschriebenen Werken (z. B. Timäus, Kritias, Epinomis), in denen auch die ersten deutlichen Anklänge an astrologische und magische Gedanken, Parallelität des Makro- und Mikro-Kosmos, Dämonen- und Geister-Lehre usf. zutage treten[2081], sowie solche an den Aufstieg der Seelen in die Himmelsregion, welche Lehren aber vielleicht auch Umbildungen orphisch-pythagoräischer Vorstellungen sein mögen[2082]. Früher pflegte man vorauszusetzen[2083], daß die Namen ursprünglich gelautet hätten: Eosphóros (auch schon Phosphóros?) und Hesperos für ~Venus~ als Morgen- und Abend-Stern, die für verschieden galten, Phaëthon (Leuchtender) für ~Jupiter~, Phainon (Lichtbringer) für ~Saturn~, Stilbon (Glänzender) für ~Merkur~, Pyróeis (Feuerfarbiger) für ~Mars~ (adjektivisch gebraucht schon in einer der sog. homerischen Hymnen, die in Wirklichkeit etwa aus dem 4. Jahrhundert stammt)[2084], und daß sie sämtlich orphisch-pythagoräischer Herkunft gewesen seien. Indessen ist es keineswegs sicher, oder auch nur sehr wahrscheinlich, daß man diese Benennungen tatsächlich als ältere von echt griechischer Herkunft anzusehen habe[2085]; jedenfalls werden aber seit etwa 400 die neuen, nach ~Platons~ Zeugnis aus Syrien und Ägypten übernommenen gebräuchlich, die die großen chaldäischen Gottheiten der Planeten mit entsprechenden griechischen identifizieren, und zwar in anfangs noch etwas schwankender Weise[2086]. Der orientalischen Sitte getreu heißen die Gestirne zunächst nach ihren Herren, also die ~Venus~ ὁ Ἀφροδίτης ἀστής oder ὁ τῆς Ἀφροδίτης (der Stern der ~Aphrodite~; der der ~Aphrodite~), der ~Merkur~ ὁ τοῦ Ἑρμοῦ ἀστής oder ὁ τοῦ Ἑρμοῦ (der Stern des ~Hermes~; der des ~Hermes~) usf., und in dieser Art führt ~Platon~ sie zum Teil an, -- denn im „Timaeus“ nennt er Jupiter und Saturn noch nicht mit Namen[2087] --, ~Aristoteles~ aber sämtlich[2088]; die vereinfachten kurzen Bezeichnungen ~Aphrodite~, ~Hermes~ usf. kommen dagegen erst in erheblich späterer Zeit in Aufnahme[2089].

Als +Farben+ der Sterne und ihrer Sphären gibt ~Platon~ im 10. Buche des Dialoges „Vom Staate“ an[2090]: glänzend für ~Helios~ und ~Selene~, weißlich für ~Stilbon~ (Merkur), gelblich für ~Phosphoros~ (Venus), rötlich für ~Pyroeis~ (Mars), strahlendweiß für ~Phaethon~ (Jupiter), gelblich für ~Phainon~ (Saturn), „buntfarbig“ für die im verschiedenen Lichte ihrer Sterne funkelnde Fixsternsphäre; er läßt ferner im „Kritias“ (cap. 9) die Mauern und Zinnen der Burg und des Tempels auf der sagenhaften Insel Atlantis in Absätzen aus schwarzen, weißen, roten und bunt vermengten Steinen, sowie schimmernd von Kupfer, Zinn, dem goldähnlichen Oreichalkos, Silber und Gold emporsteigen[2091]. Da nun dieser Schilderung unverkennbar die Vorbilder der babylonischen und persischen Stufentürme mit ihrem Schmuck aus glasierten Ziegeln und metallenen Belagplatten zugrunde liegen, so darf es für wahrscheinlich gelten, daß die angeführten Stellen nicht nur für die Verbindung der Sterne mit gewissen Farben Zeugnis ablegen, sondern auch für die mit bestimmten, entsprechend gefärbten Metallen, -- ohne daß sich aber auch hier, angesichts der Flüchtigkeit der Anspielungen und des Mangels an näheren Angaben, sichere Schlüsse betreff der Einzelheiten, wie Reihenfolge, Zugehörigkeit usf. ziehen ließen. Bei ~Aristoteles~ finden sich derlei Andeutungen nicht, wie er denn auch die sonstigen Überlieferungen von sichtlich orientalischer Herkunft, z. B. die sternlenkenden und die Sphärenmusik hervorbringenden Sirenen, die auf Wagen fahrenden „Seelen der Sterne“ (= Sterngötter), den Einfluß der Planeten auf das Schicksal, die Parallelität der großen und kleinen Welt, die Wasser-, Luft- und Äther-Dämonen, das „große (sog. platonische) Jahr“ von wenigstens 10000 gewöhnlichen Jahren (nach dessen Ablauf alle Sterne an ihre ursprünglichen Plätze zurückkehren und der Weltenlauf von vorne beginnt) u. dgl. mehr, entweder mit Stillschweigen übergeht, oder ausdrücklich als Mythen und Fabeln verwirft[2092].

III. Das Zeitalter des Hellenismus und Synkretismus.

a) Alexandria (der Schauplatz).

Die mit dem Tode ~Alexanders des Grossen~ einsetzende und auf ihrem Hauptschauplatze, +Alexandria+, erst zur Zeit der arabischen Eroberung völlig erlöschende Periode des Hellenismus und Synkretismus darf weltgeschichtliche Bedeutung für sich in Anspruch nehmen, sowie hervorragende Wichtigkeit für die geistige Entfaltung der Menschheit, die Neugestaltung der Wissenschaften und die Entwicklung des Glaubens, aber auch des Aberglaubens. ~Burckhardt~ bezeichnet den Hellenismus als „das kosmopolitisch mitteilbar gewordene Griechentum“[2093] und gibt hiermit in gewohnter Kürze und Schärfe für den einen, den griechischen Bestandteil, der in die „Synkretismus“ genannte Vermengung und Verschmelzung eingeht, die erschöpfende Definition; einer gleichwertigen unfähig ist hingegen der +andere+, dem Orient (Vorderasien und Ägypten) entsprungene, denn er ist weder von einheitlicher Beschaffenheit, noch von einheitlicher Wirkung, und dieser Umstand bedingt die außerordentliche Schwierigkeit, die verwickelte Gesamtbewegung entsprechend darzustellen, -- auch nur für den begrenzten hier in Frage kommenden Zweck. Überdies vollzieht sich die Durchdringung orientalischen und griechischen Geistes weder allerorten gleichzeitig noch zur selben Zeit überall im nämlichen Maße, und da sie dort, wo sie am vollständigsten statthatte, nämlich in Syrien und vor allem in Alexandria, uns überwiegend in +der+ Gestalt entgegentritt, daß -- allmählich -- „in der Mischung das Gute und Edle zugrunde geht“[2094], so ist es nicht leicht, sie vorurteilslos zu betrachten und zu würdigen.

Die neue Residenz, Alexandria, hatte dank ihrer vorzüglichen geographischen Lage gleich von der Begründung an ungewöhnlich raschen und ununterbrochenen Aufschwung genommen, und war schon unter der vortrefflichen Regierung der ersten Ptolemäer zur wesentlichen Vermittlerin des Orienthandels emporgewachsen, der ihr ungeheure und bis dahin unerhörte Gewinne brachte und sie alsbald zu einer Hauptstätte verfeinerter Lebensweise und ausschweifenden Luxus, aber auch geistiger Regsamkeit und wissenschaftlicher Tätigkeit machte. Den vorübergehenden Wirren zur Zeit des Erlöschens der Dynastie folgte nach der Einverleibung unter Kaiser ~Augustus~ eine abermalige Periode höchster und glänzendster Blüte: Alexandria war neben Rom zur ersten Großstadt sowie zur wichtigsten Handelsstadt des römischen Weltreiches geworden, zum Mittelpunkte des ausgedehntesten und einheitlichsten Freihandelsgebietes, das die Geschichte kennt, zum „Markte der ganzen Erde“[2095] und besaß, wenn auch nicht dem Rechte, so doch der Tat nach ein Monopol für den Orienthandel, dessen Umsatz sich nach ~Plinius~ schon unter den ersten Kaisern jährlich auf etwa 22 Millionen Mark Goldwertes (entsprechend mindestens dem 5- bis 6fachen heutigen Geldwertes) belief und bis nach Mitte des 2. Jahrhunderts in fast stetiger Weise zunahm[2096]. Der Rhetor ~Dion Chrysostomos~, der als Begleiter Kaiser ~Vespasians~ (69-79) in Ägypten weilte, nennt in seiner 32. Rede Alexandria die sehenswürdigste aller menschlichen Sehenswürdigkeiten, die Herrscherin aller Meere, den Sitz des vollendetsten Kunstgewerbes der Welt, die Schatzkammer griechischen Wissens und ägyptischer Geheimnisse[2097], und in einem Briefe des Kaisers ~Hadrian~ (117-138), dessen Echtheit allerdings angezweifelt oder auch gänzlich bestritten wird[2098], heißt es, die Stadt sei voll von Fabriken für Glas, Papier, kostbare Stoffe und Leinenwaren, Öle und Wohlgerüche, wimmle von Astrologen, Zeichendeutern und Quacksalbern, werde erfüllt von Kaufleuten, Händlern und Schiffsherren und kenne nur einen einzigen Gott, den Einheimische wie Fremde in gleicher Weise verehren, das Geld[2099]. Erst im Laufe des 3. Jahrhunderts wurde der Wohlstand durch die langwierigen, meist unglücklichen Kriege im Osten, die andauernde Handelsstockungen bedingten, schwer beeinträchtigt, finanzielle Schwierigkeiten des Reiches wie der Provinz riefen wirtschaftlichen Notstand und politische Uneinigkeit hervor, und schließlich kam es zu Aufständen, deren gefährlichsten Kaiser ~Diocletian~ 297 in Person niederwarf, mit ebensogroßer Entschlossenheit wie Grausamkeit; die Hauptstadt der „Kornkammer Italiens“ geriet damals in so traurige Lage, daß ihr der Kaiser noch fünf Jahre später von dem für Rom bestimmten Getreidevorrat ablassen mußte, und hat sich seit dieser Katastrophe niemals wieder völlig erholt[2100].

Allbekannt ist es, daß die guten ptolemäischen Herrscher Alexandria zwar zum Mittelpunkte griechischer Bildung und Wissenschaft erhoben, die daheim keine würdige Freistatt mehr fanden, daß aber der griechische Geist die ihm anfänglich zugedachte ausschließliche Führerrolle nicht dauernd zu behaupten vermochte; gezwungen, sich auch hier den ihm fernstehenden Zielen eines fremden Staatswesens und den Bedürfnissen seiner minderwertigen Bevölkerung anzupassen, mußte er notgedrungen vieles von seiner Eigenart und Reinheit preisgeben, dabei Zersetzung bald erleiden, bald bewirken und von seiner Höhe schon merklich herabsinken, um die übergroße Gegenlast nur ein weniges emporzuheben.

Ganz besonders galt dies auf religiösem Gebiete, denn der Vermischung von Griechen mit Ägyptern, Juden, Syrern und anderen orientalischen Völkern entsprang auch eine ebensolche der Gottheiten und Kultformen, eine wahre „Götter-Verschmelzung und -Verwechslung“[2101], für die Dauer zwar „von Wichtigkeit als Durchgangsstufe der Religionsgeschichte, nämlich als Vorschule des Glaubens an +einen+ Gott“, zunächst aber „den widerlichen Eindruck charakterloser Verleugnung des väterlichen Erbteiles hervorrufend“[2102]. Kein Kult ist bezeichnender für die Entwicklung dieses Synkretismus und keiner erlangte für sie umfassendere Bedeutung als der neu aufkommende des ~Serapis~, der Natur und Macht aller wichtigen Götter, u. a. des ~Zeus~, ~Pluton~, ~Dionysos~ und ~Osiris~, ebenso in sich vereinigte, wie ~Isis~ die aller Göttinnen, und dessen Haupttempel, das alexandrinische Serapeion, weit über ein halbes Jahrtausend lang als Wunder an Pracht und Herrlichkeit galt und Wunder des Heils und der Heilung verrichtete[2103]. ~Clemens Alexandrinus~ (gest. 216) erzählt, dem ~Athenodoros~ von ~Tarsos~ folgend, König ~Sesostris~ (den er für identisch mit dem um tausend Jahre jüngeren ~Ptolemäus Soter~, 323-285, hält!) habe aus einer Mischung aller sieben Metalle und vier edlen Gesteine Ägyptens den griechischen Bildhauer ~Bryaxis~ (der in Wahrheit gegen 350 blühte) eine Statue seines Ahnherren ~Osiris~ anzufertigen geheißen, sie mit einem Reste der Salbe (φάρμακον, Phármakon) von der Einbalsamierung des „~Osiris~“ und des „~Apis~“ bestrichen und die so entstandene Bestattungs- und Grabes-Gemeinschaft durch den Namen ~Osirapis~ = ~Serapis~ zum Ausdrucke gebracht[2104]; nach anderen Berichten ließ er das Götterbild aus Sinope am schwarzen Meere herbeiholen, nach noch anderen nur auf eine σινώπιον ὄρος (= Sen-Hapi, Apis-Hügel) genannten Erhöhung aufstellen[2105]. In Wirklichkeit scheint aber ~Serapis~ babylonischer Herkunft zu sein, denn Ea, der Vater ~Marduks~, der aus der Urflut auftauchende Gott der Urweisheit[2106], hieß auch ~Sarapsî~ = „König des Ozeans“ und wurde in der von den Assyriern begründeten Kolonie Sinope tatsächlich schon in Verbindung mit ~Zeus~ und ~Pluton~, den Göttern des Himmels und des Hades, verehrt; von dort aus führte, politischen Zwecken folgend, ~Ptolemaeus~ I. seinen Kult „als einen den Griechen und Ägyptern gemeinsamen“ in Ägypten ein, wo infolge Gleichsetzung mit ~Osor-Hapi~, d. i. „~Osiris~ der Apis“ (die Gottheit des letztverstorbenen Apis), die Namen ~Oserapis~ und ~Serapis~ entstanden, weiterhin ~Osiris~ außer mit ~Ea~ (Eaû, Jaû) auch mit der Gottheit Ἰαώ (~Jao~) der Zauberpapyri sowie dem jüdischen ~Jehovah~ identifiziert und ebenso wie Isis als menschenköpfige Schlange dargestellt wurde[2107].

Daß in Ägypten die Verehrung eines neuen Gottes wie des ~Serapis~ so leicht Boden fassen, auf Kosten der einheimischen Kulte rasch zu höchstem Ansehen aufsteigen und zu prunkvoller äußerer wie künstlerischer innerlicher Verklärung gelangen konnte, läßt erkennen, daß bereits unter den ersten Ptolemäern Macht und Ansehen der alten Religion und ihrer Priesterschaft gebrochen waren, und auch begreifen, daß die hellenistischen Einflüsse den weiteren Verfall mächtig beschleunigten und daß dieser in der Zeit der mit dem römischen Eingreifen beginnenden Wirren, von etwa 150 bis 50 v. Chr., zu einem fast vollständigen wurde[2108]. Bereits ~Strabon~, der um 35 v. Chr. Ägypten bereiste, fand an den berühmtesten Stätten, wie z. B. in Heliopolis, als „Priester“ nur mehr Fremdenführer, Opferer und Kustoden vor, letzte herabgekommene Verteter eines einst so gefeierten und wichtigen Standes, bar nicht nur der berühmten „geheimen Weisheit“, sondern jeder höheren Bildung[2109]; in der Folgezeit gestalteten sich diese Verhältnisse immer trauriger, und schon seit dem 2. Jahrhundert war die ägyptische Religion so gänzlich zersetzt, daß z. B. in den altchristlichen und gnostischen Schriften, die sich beide von der syrischen und chaldäischen weitgehend beeinflußt zeigen, von ihr kaum mehr die Rede ist[2110]. Es kann daher nicht wundernehmen, daß die Reste der Priesterschaft, -- wie so oft in sinkenden Zeitaltern --, teils um ihre Stellung, teils um ihren Broterwerb zu wahren, von Pflegern des Glaubens zu solchen des in Ägypten ohnehin seit altersher mächtigen Aberglaubens wurden, und zwar mit derartigem Erfolge, „daß das Land alsbald von dieser Seite aus den Einfluß wiedereroberte, den es von seiten des Wissens eingebüßt hatte“[2111]. „Die Religion wird zum Ausgangs- und Mittel-Punkte für allen erdenklichen frommen Zauber und heiligen Schwindel, .... fromme Einfalt und spekulierender Betrug drapieren sich dieserhalb im Mantel der Wissenschaft“[2112], und den Ehrentitel eines φιλόσοφος (Philosophen) führen bereits im 2. Jahrhundert nicht nur Gelehrte, Lehrer, Theoretiker, Ärzte und Künstler, sowie höhere technische oder Ober-Beamte (z. B. die Steinbruch- oder Zimmer-Meister), sondern auch schon Ringkämpfer, Adepten der Geheimwissenschaften und Zauberpriester[2113]! Das Gebaren der letzteren hat ~Lukian~ (um 180 n. Chr.) in seiner glänzenden Satire „~Alexandros~ oder der falsche Prophet“, einem Zeitbilde ersten Ranges, in geradezu unübertrefflicher Weise geschildert[2114]. Zu mächtiger Förderung gereichte der ganzen Richtung die abnehmende allgemeine Bildung und die zunehmende Rolle der orientalischen Einflüsse an den Höfen der von Orientalen umgebenen oder selbst dem Osten entstammenden Kaiser des 3. Jahrhunderts, so daß die für alle orientalischen Religionen und Kulte charakteristische große Bedeutung der Priesterschaft und mit ihr zusammen die Macht der Mantik, Magie, Zeichen- und Traumdeuterei, Dämonologie und Astrologie immer weiter anwuchs[2115]. Ihren Höhepunkt erreichte sie im 3. und 4. Jahrhundert in Verbindung mit der Mystik der Neuplatoniker; war indes das so entstandene System in vielen Teilen trostlos verworren und aberwitzig und in anderen geradezu unsinnig und vernunftwidrig[2116], so ermangelt es dennoch nicht der geschichtlichen Bedeutung: „denn, so dunkel die Abwege waren, auf die die Geister für Jahrhunderte hinaus verlockt wurden, ... dieser Mutter der mittelalterlichen Magie, Astrologie und Alchemie ... entsprangen die Keime der neuzeitlichen Naturkunde, der Physik, Astronomie und Chemie“[2117].

Ein hervorstechender Zug auch der Litteratur dieses ganzen Zeitalters ist das Haschen nach dem Außerordentlichen, Wunderbaren, Zauberhaften, das die Macht des Menschen über Natur und Mitmenschen zu steigern versprach. Wie vordem die niederen ungebildeten Schichten der Gesellschaft, so fanden nunmehr auch die höheren gebildeten Geschmack an derlei Absonderlichkeiten, und Werke einschlägigen Inhaltes wurden allgemein verlangt und daher auch geliefert; weil aber seit jeher der Prophet bei den Seinigen am wenigsten gilt, trachtete man den widersinnigen Erzeugnissen des Aberglaubens dadurch erhöhtes Ansehen zu sichern und vermehrten Eingang zu schaffen, daß man ihnen die Namen altehrwürdiger Verfasser vorsetzte, am liebsten solcher, die ohnehin schon im Rufe „geheimer Weisheit“ standen[2118]. So wurde Alexandria ein Hauptsitz und Fabrikationsort apokrypher und pseudepigrapher Schriften und „Übersetzungen“, herrührend von Göttern, Göttersöhnen, Patriarchen, Königen, Sibyllen, Propheten, Priestern und Philosophen, u. a. von ~Abraham~, ~Apollonius~ von ~Tyana~, ~Aristoteles~, ~Asklepios~, ~Daniel~, ~Demokritos~, ~Deukalion~, ~Esdra~, ~Eudoxos~, ~Henoch~, ~Heraklit~, ~Hermes~, ~Imhotep~, ~Moses~, ~Nechepso~, ~Orpheus~, ~Ostanes~, ~Petosiris~, ~Platon~, ~Pythagoras~, ~Salomon~, ~Thot~, ~Zoroaster~ usf.[2119]. Je länger die Entwicklung dieser Art Litteratur andauerte, desto mehr trat an die Stelle bloßer Plünderung älterer, nur mehr aus dritter oder vierter Hand bekannter, halb oder ganz unverstandener Schriftsteller „unter unrechtmäßiger Aneignung und Verschweigung“[2120], die völlig willkürliche Unterschiebung und Fälschung, deren Erzeugnisse „sich selbst an Frechheit und Absurdität zu überbieten suchten“[2121], gerade dieser aber ihren Erfolg zu danken hatten.

Träger des apokryphen Schrifttumes waren von Anfang an neben den Griechen vorzugsweise die +Juden+[2122]; schon zur Zeit der ersten Ptolemäer konnte Alexandria fast ebensosehr als Stadt der Griechen wie der Juden gelten[2123], und zu Beginn der Kaiserzeit, als ihre Zahl in Ägypten auf wenigstens eine Million gestiegen war, erfüllten sie zwei der fünf Bezirke der Residenz, zu deren fleißigsten und fähigsten Bewohnern sie gehörten, und zählten längst, wie bereits weiter oben bei Besprechung ~Aristobuls~ und ~Philos~ angeführt, zu den Mitbegründern einer eigenartigen und für die Folgezeit sehr bedeutsamen Philosophie[2124]. Mit den abergläubischen Vorstellungen der Chaldäer, namentlich den astrologischen, scheinen die Juden erst im 7. und 6. Jahrhundert, hauptsächlich aber während der Zeit des babylonischen Exils (586-537), nähere Bekanntschaft gemacht zu haben; im ptolemäischen Ägypten räumten auch sie ihnen erheblichen Einfluß ein, so daß schon jüdisch-hellenistische Schriften des 1. vorchristlichen Jahrhunderts ~Abraham~ zu einem großen Astrologen machen und ~Moses~ mit der babylonischen und assyrischen Wissenschaft auch die chaldäische von den Himmelskörpern erlernen lassen[2125], -- im ganzen bleibt aber dieser Zweig der jüdischen Litteratur sehr selbständig, wie dies u. a. in den betreffenden Teilen der „Sibyllinen“ hervortritt, in der „Weisheit ~Salomons~“, in den Sprüchen des ~Jesus Sirach~ und in den Apokalypsen des ~Baruch~ und ~Henoch~, welcher letztere bereits im 2. vorchristlichen Jahrhundert als Besitzer und Lehrer geheimer Weisheit und als eine Art Gegenbild des hellenistischen ~Hermes~ gilt[2126]. ~Philo~, als strenger Monotheist, bezeichnet allerdings die Vergötterung der Planeten, die Identifikation der Sonne mit ~Apollon~, des Mondes mit ~Artemis~, des Morgensternes mit ~Aphrodite~, des Stilbon mit ~Merkur~ usf. noch als einen „Irrglauben“ der sternkundigen und sternverehrenden Chaldäer[2127], aber dieser Standpunkt blieb offenbar nicht der der großen Menge, deren abergläubische Entwicklung durch viele seiner Lehren geradezu gefördert wurde, z. B. durch die von den „Kräften“ (δυνάμεις, Dynámeis), Mittelwesen und Zwischenmächten (Logos, Idee, Weisheit, Herrlichkeit, Geist, Odem, Wort Gottes, ...), von den Dämonen und Engeln, die dem nachexilischen Judentume aus iranischen Religions-Vorstellungen übermittelt worden waren, usf.[2128]. Die Anschauungen, die der beständigen Wechselwirkung griechischer und jüdischer Spekulation entsprangen, und in denen die erhebliche Einwirkung jüdischer Einflüsse nach vielen Richtungen deutlich hervortritt[2129], erwiesen sich als sehr bedeutsam für die Umgestaltung ägyptischer und hellenistischer religiöser Mythen[2130] und machen sich auch bei ~Paulus~, in den nachpaulinischen Schriften, im Evangelium ~Johannis~ und im „Hirten des ~Hermas~“ unverkennbar geltend[2131]; dieses letztere Werk, das vielleicht durch ~Hermas~, einen Bruder des römischen Bischofs ~Pius~, um 150 n. Chr. verfaßt wurde und sich in der alten Kirche größter Beliebtheit und geradezu kanonischen Ansehens erfreute[2132], führt seinen Namen daher, daß dem ~Hermas~ ein Engel in jener Gestalt eines Hirten erscheint, die durch den „guten und schönen Hirten“ ~Anubis~ der ägyptisch-demotischen und durch die Gottheit als „guten Hirten“ der phrygischen Tradition längst außerordentliche Volkstümlichkeit genoß[2133]. Aber nicht erst im 2. Jahrhundert, sondern schon zu Beginn der Kaiserzeit waren unter den Juden Zauberei und Magie stark verbreitet; ~Plinius~ (um 75 n. Chr.) erwähnt sogar besondere jüdische Richtungen der Magie, die er von Männern namens ~Moses~, ~Jamnes~ und ~Lotapes~ ausgehen läßt[2134], und weiterhin gelten Juden in diesen Künsten sowie in der Astrologie und dem Exorcismus sogar als ganz besonders bewandert, sowohl in Ägypten als auch in Cypern und Thracien, woselbst sie in großer Zahl wohnhaft waren und in Thessalonike eine Provinzial-Synode besaßen[2135]. In Zusammenhang hiermit steht auch die allgemeine und bis ins späte Mittelalter vorhaltende Verbreitung spätjüdischer Lehren, u. a. der von den 7 Himmeln mit ihren 7 Engelklassen[2136], der jüdischen Namen für die 7 Planeten und die 7 Sphären-Dämonen[2137], ja selbst die gewisser fast scholastischer Spitzfindigkeiten, z. B. der Bezeichnung der Zahl 7 durch „~Athene~“, „da diese Zahl, die als Führerin und Herrscherin über allen steht, nur sich selbst gleicht, aber von jeglicher anderen verschieden ist, gerade so wie ~Athene~ weder erzeugt wurde, noch selbst zeugt“[2138].

b) Die stoïsche Lehre.

Von hoher Bedeutung für die Ausgestaltung des Synkretismus in Ägypten war, wie bereits weiter oben erwähnt, die Lehre der +jüngeren Stoa+, insbesondere in Form jener Vereinigung pythagoräischer, platonischer und stoïscher Gedanken, als deren letzter Gipfelpunkt das System des ~Poseidonios~ anzusehen ist[2139]; ~Reitzenstein~ bezeichnet sogar die schließliche völlige Zersetzung und Hellenisierung der ägyptischen Religion geradezu als „das Werk der Stoa“[2140], wobei natürlich nicht an einen rasch und einheitlich stattfindenden Vorgang zu denken ist, sondern an einen in den verschiedensten Abstufungen verlaufenden und nur sehr allmählich zu Ende gehenden.

Mit besonderer Vorliebe entwickelten die Stoïker die babylonische Idee von der +Parallelität+ des Makro- und Mikrokosmos, und zwar auf Grundlage der Theorie von der Einwirkung der großen auf die kleine Welt gemäß der „gegenseitigen allgemeinen Sympathie sämtlicher Teile und Dinge“[2141], wobei sie Himmel = oberste Ursache = ewige Zeit = unentrinnbares Schicksal (Heimarméne) = höchstes Wesen = Gottheit setzten[2142] und die Einheitlichkeit des Weltganzen als durch das Prinzip „ἓν καὶ πᾶν“ (Hen kai pan: Alles ist Eines, Eines ist Alles) verbürgt ansahen[2143]. An dieses anknüpfend machten sie, teils auf orphischen Ideen, teils auf der falschen Etymologie πᾶν = Πάν fußend, aus dem Gotte ~Pan~, ganz entgegen seinem ursprünglichen Wesen, einen Allgott und weiterhin, durch Identifizierung mit dem pantheistisch gefaßten ägyptischen ~Chnum~, einen ebenfalls pantheistischen „Universal-Regenten“, der Gegenstand eines feierlichen Kultus war, in symbolischem Abbilde inmitten des Tierkreises thronte und nicht selten die orphische Allgöttin „Physis“ als würdiges Gegenstück zugesellt erhielt[2144].

Die +Materie+ betrachteten die jüngeren Stoïker in Fortbildung der platonischen Anschauung als an sich durchaus unwandelbar, trotz jenes scheinbar unaufhörlichen Wechsels der Formen, den sie von der „Zeit“ = ~Aion~ = ~Chronos~ abhängig sein ließen[2145], wobei ~Chronos~ dem ~Kronos~ und dieser wieder, unter dem Einflusse des iranischen ~Zervan~, der „ewigen Zeit“ gleichgesetzt wurde[2146]. Die vier Elemente sind, wie ~Aristoteles~ und die Peripatetiker lehrten, teils aktiv (ποιητικά, poïetisch), teils passiv (παθητικά, pathetisch), sie gehen mehr oder minder leicht ineinander über, sie vereinigen als [ὕλη (Hýle) alle Qualitäten in sich[2147] und bedingen durch ihre Mischung (κρᾶσις, Krásis), besonders durch ihre +richtige+ Mischung (εὐκρασία, Eukrasía), die rechte Beschaffenheit aller Dinge, zumal auch die Gesundheit von Körper und Seele[2148]; beim Menschen kommen hierbei nach der Ansicht Einiger allein σῶμα (Soma) = Körper und νοῦς (Nûs) = Geist in Betracht, nach der Anderer aber neben σῶμα noch ψυχή (Psyche) als die niedere physiologische Lebenskraft und νοῦς oder λόγος (Logos) als die höhere spezifisch-menschliche Vernunft[2149]. Ein fünftes Element ist der Äther, den aber viele auch als „Pneuma“ ansehen[2150], denn bei der Entstehung der Elemente aus dem Urwesen soll ein Rest „Ur-Pneuma“ (= „reinstes Feuer“ der Iranier und des ~Heraklit~) verblieben sein[2151], das als Äther jenseits der Grenzen der Welt schwebt und sie als Gottheit regiert[2152].

Das +Pneuma+ spielt bei den jüngeren Stoïkern eine außerordentlich wichtige Rolle, und seine allmähliche Entwicklung aus einem von Anfang an rein physischen und sinnlichen Faktor zu einem durchaus geistigen, ja göttlichen, wurde durch sie zum endgültigen Abschlusse gebracht[2153]. Bei den jonischen Philosophen und den älteren Atomistikern ist Pneuma, wie weiter oben erwähnt, nichts anderes als bewegte Luft und Windhauch[2154], bei ~Platon~ der einströmende Atemzug[2155], bei ~Xenophanes~ (als Erstem!) Odem = Seele, ψυχή[2156], bei ~Hippokrates~ und den Hippokratikern ursprünglich Luft, Wind und „Nahrung des Feuers“[2157], später der luftartige Inhalt der Adern und Vermittler des Lebens[2158], bei ~Diokles~ von ~Karystos~ auch die natürliche Wärme des Körpers[2159]; für ~Aristoteles~ und die Peripatetiker stellt es u. a. die treibende Kraft des Windes und Spannkraft des Sturmes dar und entzündet sich bei Gewittern zum Blitz[2160]; ~Erasistratos~ (um 258 v. Chr.) und seine ärztliche Schule lassen, vermutlich dem ~Straton~ folgend, mit der Atemluft das belebende Pneuma dem Herzen und das beseelende dem Hirn zuströmen (πνεῦμα ζωτικόν, ψυχικόν) und aus dem Pneuma, der luftgeist-artigen δύναμις des männlichen Samens, als Kraft, sowie aus der Hyle, dem weiblichen Blute, als Stoff, den Fötus entstehen[2161], wobei also das Pneuma den „mechanischen Träger der Seelenfunktion“ abgibt[2162]. Der Stoa endlich ist Pneuma eine Art Seelensubstanz, eine Vorstufe der Psyche, so daß die Geburt als μεταβολή εἰς ψυχήν (Metabolé, Umänderung zur Psyche) und der Tod als Umkehrung dieses Vorganges erscheint[2163]: bei Ersterer geht das Pneuma zum Teil in das Blut über und bewirkt so Leben und Bewegung, bei Letzterem kehrt die ψυχή in die höhere Region reinen Pneumas und Äthers zurück, während der Schlaf, als ein Mittelzustand beider, der Ergänzung des zur Zeit des Wachens verbrauchten Pneumas dient[2164]. Die Seele ist wesensgleich dem göttlichen Hauche, dem πῦρ νοερόν, dem feurig belebenden Äther, den sie nur weitaus an Feinheit übertrifft[2165], und wie sie als unsichtbare Lebenskraft dem +Einzelnen+ Dasein und Belebung, Empfindung und Beweglichkeit, Denkkraft und Vernunft verleiht, so geschieht dies dem +Kosmos+ gegenüber durch das +Pneuma+ als Weltseele und Einheit der unsichtbaren göttlichen Obmacht: es ist der ganzen Welt immanent, hält sie durch seine Spannung zusammen, erfüllt sie vermöge seiner Schöpferkraft als ihre aktive Grundlage und als allgemeines Lebensprinzip (= spiritus) und steigt so zum Range einer göttlichen Persönlichkeit, ja eines eigentlichen Gottes auf[2166].

Aus der Mannigfaltigkeit dieser Anschauungen über das Pneuma erklärt sich auch die der Auffassungen bei den verschiedenen seitens der Stoa beeinflußten philosophischen und religiösen Schulen und u. a. auch bei ~Paulus~: Manche sehen im Pneuma eine Einheit von Materie und Geist, Manchen dagegen tritt es auseinander in ὕλη (Hýle) = πάσχον = materia als Inbegriff der Elemente, und in οὐσία (Usía) = ποιοῦν = spiritus als Inbegriff der Lógoi spermatikoí, und diese werden dann von der Gottheit oder von ~Hermes~ als Sendboten und Träger ausgesät, um die Hyle und den gesamten Kosmos durch ihre Keimkräfte zur Entwicklung zu bringen[2167]. Einigen ist Pneuma allgemeine Gottheits-Bezeichnung, Innerstes der Gottheit, Kraft des Herzens, immaterieller geistiger Teil (= ψυχή)[2168], Anderen wunderbares Wissen und Vermögen[2169], noch Anderen Gebetsmurmeln und zauberkräftiges Wort[2170], -- insoferne nach den Lehren der ägyptisch-hellenistischen Mystik allein das δοξάζειν, d. i. das „rechte“ Sprechen der Formeln und Anrufungen, zum „Verklärten“ macht[2171]. Die in den Einzeldingen wirkenden Kräfte sind πνεύματα (Pneúmata) und diese wieder bald reine Geisteshauche, bald geistige Gewalten, gute Engel und böse Dämonen, die gleich angenehmen und widerlichen Gerüchen in der Luft wehen und schweben[2172]. Der niedrigsten Klasse der Ungläubigen und Fleischesmenschen (σαρκικοί) übergeordnet ist die der Proselyten und Seelenmenschen (ψυχικοί), und ihr wieder jene der Geweihten (τέλειοι) und Geistesmenschen (πνευματικοί)[2173]; der „Psychikos“, dessen Seele (ψυχή) noch irdischen Stoffes ist, kann der γνῶσις (Gnosis), d. i. der himmlischen Erkenntnis, und des Lichtes der γνῶσις θεοῦ (Gnosis, Erkenntnis der Gottheit) nicht teilhaftig werden[2174], dem „Pneumatikos“ aber, dem von der Last der ψυχή Befreiten und übersinnlichen Geistes Vollen, erschließt sie sich auf dem Wege der Erleuchtung[2175]: einer orientalisch-religiösen Grundvorstellung gemäß gewährt sie ihm Kunde des „wahren Namens“ der Gottheit und dadurch ungeheure Macht[2176], sie ermöglicht es ihm, sich der Gottheit anzugleichen, aus ihren Strahlen Pneuma einzuziehen und dadurch „ihr Teil“ (also selbst Pneuma) zu werden und läßt ihn so zum göttlichen Lichte höherer Sphären aufschweben und sich der „Himmelfahrt“ würdig erweisen[2177].

Die Idee von der +Himmelfahrt+ oder +Himmelsreise+ der Seele[2178], die völlig ausgebildet und in Verbindung mit jener von der Seelenwanderung gebracht bei ~Poseidonios~ (135-51 v. Chr.) vorliegt[2179], geht auf Grundlagen verschiedener Herkunft zurück: den Griechen war sie mindestens seit ~Parmenides~ (um 480 v. Chr.) bekannt, der sie wohl der orphisch-pythagoräischen Mystik, indirekt also vielleicht deren orientalischen Quellen entlehnte[2180]; bei den Ägyptern vermittelt schon im 14. Jahrhundert v. Chr. ein Spruch des „vom Gotte ~Thot~ selbst geschriebenen Zauberbuches“ die Kunst, „von der Unterwelt zur Erde und von dieser zum Gotte ~Rê~ in den Himmel zu gelangen“[2181]; nach chaldäischer Lehre endlich ist der oberste oder Fixstern-Himmel die Heimat der Seele, von dort aus steigt sie bei der Geburt des Menschen durch die Milchstraße und die Sphären der 7 Planeten herab und nach seinem Tode kehrt sie auf dem nämlichen Wege und wenn nötig nach Läuterung in der Milchstraße wieder ebendahin zurück[2182], -- in welchem Sinne es noch in dem um 90 n. Chr. verfaßten sog. „4. Buche Esra“ heißt: „Die Verklärten werden glänzen wie Sterne des Himmels“, d. h. sie werden in den Fixsternhimmel gelangen und dort als Unsterbliche weilen[2183]. Da die Perser, als sie sich die Vorstellungen der Chaldäer teilweise anzueignen begannen, deren Planetengötter zu Dämonen herabsetzten, ließen sie die Seele beim Heruntersteigen durch die Sphären „die unseligen Geschenke der 7 Planeten“ (d. s. die 7 Todsünden des Mittelalters) in Empfang nehmen[2184] und sich „aus ihrer Substanz, nach Art von Gewändern, mit den luftartigen pneumatischen Leibeshüllen beschweren“, von denen sie sich dann umgekehrt beim Wiederaufstiege, den die bösartigen Dämonen zu verhindern suchen, zunächst wieder zu befreien haben. In dieser Gestalt kennen den Weg der Seele ἄνω καὶ κάτω (áno kai káto) die späteren Stoïker[2185], die von diesen beeinflußten Neu-Pythagoräer und -Platoniker, Orphiker und Gnostiker[2186], ~Porphyrios~ (232-304?)[2187], die Verehrer des ~Mithras~[2188], die Verfasser der jüngeren Teile des Avesta und der Pehlewi-Tradition aus sassanidischer Zeit (3. Jahrhundert n. Chr.), sowie die der Schrift von der „Himmelfahrt des frommen ~Arda-Viraf~“ (4. Jahrhundert?) durch die ursprünglich 3 (persischen), später 7 (chaldäischen) Himmel[2189], -- wichtig als ein frühes Beispiel der „ekstatischen Vision in einer Art Rauschnarkose“, wie sie bei den Schiiten Persiens noch gegenwärtig im Schwange ist[2190]. Die jüdische Litteratur nimmt den Gedanken der Himmelsreise anscheinend erst in hellenistisch beeinflußten Texten auf[2191]. Das Buch „~Henoch~“ z. B., das in griechischer, äthiopischer und ausführlicher in slavischer (aus dem Griechischen übersetzter) Fassung vorliegt, kennt die Auffahrt ~Henochs~ durch die 7 Himmel[2192], es erwähnt die 7 Sphären mit den 7 Planeten Kronos, Aphrodite, Ares, Sonne, Zeus, Hermes, Mond[2193] und läßt ~Adam~ aus 7 Bestandteilen zusammengesetzt und mit 7 Eigenschaften oder Naturen ausgestattet sein[2194]. Ähnliche Anspielungen enthalten u. a.[2195]: die „Testamente der 12 Patriarchen“, die (stark christlich überarbeitete) „Ascensio ~Jesaiae~“, die griechisch und slavisch bekannte „Apokalypse des ~Baruch~“, die „Himmelfahrt des ~Moses~“, die sog. „Oden ~Salomons~“[2196], die paulinischen Schriften (die aber nur von 3 Himmeln wissen) und christlichen Apokalypsen, die Apokryphen „Leben ~Josef~ des Zimmermannes“ und „Die sieben Aeonen der Finsternis“ usf.[2197]; von mehreren Himmeln spricht ~Origenes~ (185-254), von 7 Himmeln ~Clemens Alexandrinus~ (gest. 216), und auf christliche oder jüdische Überlieferung scheint auch der spätislamische Bericht von ~Muhammeds~ Himmelfahrt zurückzugehen[2198].

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