47. Die Sage vom Härjedal
Dienstag, 4. Oktober
Nils Holgersson wurde unruhig, weil die Reisenden gar so lange auf dem Aussichtsturm blieben. Der Gänserich Martin konnte seinen Gefährten nicht abholen, solange die Fremden da waren, und der Junge wußte doch, daß die Wildgänse so rasch wie möglich südwärts reisen wollten. Mitten unter der Erzählung war es ihm freilich gewesen, als höre er Gänsegeschnatter und laute Flügelschläge; vielleicht waren das die Wildgänse, die weiterflogen. Aber der Junge hatte nicht an die Brüstung zu treten gewagt, um zu sehen, wie es sich verhielt.
Als die Gesellschaft endlich gegangen war und der Junge sich aus seinem Versteck herauswagen konnte, sah er keine Wildgänse drunten auf dem Boden, und kein Gänserich Martin kam, ihn zu holen. Er rief: »Hier bin ich! Wo bist du?« so laut er konnte; aber die Reisegefährten zeigten sich nicht. Es fiel ihm zwar keinen Augenblick ein, sie könnten ihn verlassen haben; aber er fürchtete, es sei ihnen ein Unglück zugestoßen, und er überlegte eben, auf welche Weise er sie ausfindig machen könnte, als sich plötzlich der Rabe Bataki neben ihm niederließ.
Der Junge hätte nie gedacht, daß er Bataki jemals mit einem so frohen Willkommen begrüßen würde, wie er jetzt tat. »Lieber Bataki,« sagte er, »wie herrlich, daß du kommst! Du kannst mir vielleicht sagen, was aus dem Gänserich Martin und aus den Wildgänsen geworden ist.«
»Jawohl, und ich komme gerade in ihrem Auftrag,« antwortete der Rabe. »Akka hat einen Jäger auf dem Gebirge umherstreifen sehen, deshalb wagte sie es nicht, auf dich zu warten, sondern ist vorausgeflogen. Setze dich jetzt auf meinen Rücken, dann wirst du gleich wieder bei deinen Freunden sein.«
Der Junge setzte sich eiligst auf Batakis Rücken, und Bataki würde die Wildgänse auch bald eingeholt haben, wenn ihn der Nebel nicht daran verhindert hätte. Aber es war, als hätte die Morgensonne den Nebel wieder geweckt. Kleine, leichte Nebelschleier, die sich verdichteten und mit erstaunlicher Schnelligkeit ausbreiteten, stiegen plötzlich vom See, von den Feldern und aus dem Walde auf, und schon nach ganz kurzer Zeit war die Erde ringsum von weißen, wogenden Nebelmassen verhüllt.
Da droben, wo Bataki flog, war vollständig klare Luft und strahlender Sonnenschein; aber die Wildgänse waren offenbar mitten in den Nebelmassen, da die beiden sie mit keinem Auge entdecken konnten. Der Junge und der Rabe riefen und schrien aus vollem Halse, aber sie erhielten keine Antwort.
»Das ist doch ein rechtes Mißgeschick,« sagte der Rabe schließlich. »Aber wir wissen ja, in welcher Richtung sie fliegen, und sobald der Nebel sich verzieht, werde ich sie schon ausfindig machen.«
Der Junge war sehr betrübt, daß er gerade jetzt von dem Gänserich Martin getrennt worden war, denn auf der Reise war der große Weiße allen möglichen Gefahren ausgesetzt. Aber nachdem er sich ein paar Stunden lang gegrämt und geängstigt hatte, sagte er sich, es sei ja doch bisher auch kein Unglück geschehen, und deshalb hätte es keinen Sinn, wenn er jetzt schon den Mut sinken ließe.
In diesem Augenblick hörte er drunten auf der Erde einen Hahn krähen, und sogleich neigte er sich über den Rücken des Raben vor und rief: »Wie heißt das Land, über das ich hinfliege? Wie heißt das Land, über das ich hinfliege?«
»Es heißt Härjedal! Härjedal! Härjedal!« krähte der Hahn.
»Wie sieht es bei euch da drunten aus?« fragte der Junge.
»Berge im Westen, Wälder im Osten und ein breites Tal durchs ganze Land!« antwortete der Hahn.
»Schönen Dank! Schönen Dank für die gute Antwort!« rief der Junge.
Nachdem sie wieder eine Weile geflogen waren, hörte er unter sich im Nebel eine Krähe krächzen.
»Was für Menschen wohnen hier in diesem Lande?« rief der Junge hinunter.
»Ein prächtiges, gutes Bauernvolk!« antwortete die Krähe. »Ein prächtiges, gutes Bauernvolk!«
»Was arbeiten sie?« fragte der Junge. »Was arbeiten sie?«
»Sie treiben Viehzucht und roden den Wald aus!« krächzte die Krähe zurück.
»Schönen Dank! Schönen Dank für die gute Antwort!« rief der Junge.
Kurz darauf hörte er den Gesang eines Menschen durch den Nebel heraufdringen.
»Gibt es irgendeine große Stadt in dieser Landschaft?« fragte der Junge.
»Was ... Was ... Wer ruft denn hier?« rief der Mensch als Antwort.
»Gibt es irgendeine große Stadt in dieser Landschaft?« wiederholte der Junge.
»Ich will wissen, wer da ruft?« schrie der Mensch.
»Ja, ich habe mir wohl gedacht, daß ich keinen ordentlichen Bescheid bekäme, wenn ich einen Menschen fragte,« rief der Junge.
Nach kurzer Zeit verzog sich der Nebel ebenso rasch wieder, wie er aufgetaucht war, und nun sah der Junge, daß Bataki über einem breiten Flußtal hinflog. Es war ein schöner Landstrich mit ebenso hohen Bergen wie im Jämtland, aber am Fuße der Berge war kein fruchtbares, dichtbebautes Land wie dort. Die Ortschaften lagen weit voneinander entfernt, und die Felder waren nur klein. Bataki flog den Fluß in südlicher Richtung entlang, bis er in die Nähe eines Dorfes kam. Da flog er auf ein Stoppelfeld hinunter und ließ den Jungen absteigen.
»Auf diesem Felde hat im Sommer Gerste gestanden,« sagte Bataki. »Sieh, ob du nicht etwas Eßbares findest.«
Der Junge befolgte den guten Rat, und schon nach ganz kurzer Zeit fand er eine Ähre. Während er die Körner herausschälte und sie verzehrte, fing Bataki ein Gespräch mit ihm an.
»Siehst du das große Gebirge dort, das gerade im Süden vor uns aufragt?« fragte er.
»Jawohl, ich sehe es deutlich,« antwortete der Junge.
»Es heißt Sonfjället,« fuhr der Rabe fort, »und du darfst mir glauben, in den alten Tagen hat es dort viele Wölfe gegeben.«
»Dieses Gebirge muß auch ein guter Schlupfwinkel für sie gewesen sein,« räumte der Junge ein.
»Ja, für die Leute hier im Tale war es oft sehr schwer, daß sie sich auch noch mit den Wölfen herumschlagen mußten,« sagte Bataki.
»Weißt du nicht irgendeine gute Geschichte von Wölfen, die du mir erzählen könntest?« fragte der Junge. Und Bataki erzählte:
»Vor langer, langer Zeit sollen die Wölfe von Sonfjället einmal einen Bauern überfallen haben, der mit einer Ladung Böttchergefäße umherfuhr. Er war von Hede, einem Dorf, das einige Meilen höher droben, als wir uns hier befinden, im Ådal liegt. Es war Winter, und die Wölfe jagten hinter dem Schlitten her, als er eben über das Eis des Ljusnan hinüberfuhr. Es waren ihrer wohl acht bis zehn Stück, und der Bauer hatte kein gutes Pferd, so daß er nicht viel Hoffnung hatte, ihnen entkommen zu können.
Als der Mann die Wölfe hinter sich heulen hörte und sah, was für ein großes Rudel er im Rücken hatte, verlor er alle Besinnung, und es fiel ihm nicht ein, daß er Kübel, Bottiche und Wannen eiligst von seinem Wagen hätte werfen sollen, um die Last zu erleichtern. Er peitschte nur auf das Pferd los, und dieses lief auch wie noch nie, aber trotzdem kamen die Wölfe immer näher, das merkte der Bauer wohl. Es war eine sehr einsame Gegend, der nächste Hof lag mindestens noch zwei Meilen entfernt, der Bauer konnte nichts anderes erwarten, als daß seine letzte Stunde gekommen sei, und er fühlte, wie ihm vor Entsetzen alle Glieder erstarrten.
Während er so wie gelähmt dasaß, sah er, daß sich zwischen den Tannenbüschen, die auf dem Eis aufgepflanzt waren, um den Weg zu bezeichnen, etwas bewegte. Und als er sah, was es war, wuchs der Schrecken, der ihn schon vorher erfaßt hatte, ins ungeheure.
Aber nicht Wölfe waren es, die ihm da entgegenkamen, sondern ein altes Bettelweib. Sie hieß die Finnen-Malin und war eine rechte Landstreicherin. Sie hinkte ein wenig und hatte überdies einen kleinen Höcker; der Mann konnte sie schon aus der Ferne erkennen.
Die Frau ging gerade auf die Wölfe zu. Offenbar wurden sie durch den Schlitten vor ihr verdeckt, und dem Bauern war es sogleich klar: wenn er an ihr vorüberfuhr, ohne sie zu warnen, dann fiel sie den wilden Tieren unwiederbringlich zur Beute, und während diese die Alte zerrissen, konnte er entkommen. Auf ihren Stock gestützt, hinkte sie langsam daher; ja, sie war unrettbar verloren, wenn er ihr nicht half. Aber wenn er auch anhielt und sie auf den Schlitten nahm, war es durchaus nicht sicher, daß sie gerettet würde; wenn er es tat, war es mehr als wahrscheinlich, daß er von den Wölfen eingeholt würde, und dann wurden alle miteinander, er und die Alte und das Pferd, zerrissen und aufgefressen, und der Bauer fragte sich, ob es nicht am richtigsten wäre, ein Leben zu opfern, um zwei andere zu retten.
Aber damit war es noch nicht genug, er mußte sogleich auch daran denken, wie es ihm wohl nachher selbst gehen würde: Ob er Gewissensbisse bekäme, weil er dem Weib nicht geholfen hatte, ob die Leute erführen, daß er ihr begegnet war und sie im Stiche gelassen hatte?
In seiner Brust entspann sich ein großer Streit, und er sagte sich schließlich: >Es wäre mir viel lieber, ich wäre ihr gar nicht begegnet!<
In diesem Augenblick stießen die Wölfe ein lautes Geheul aus. Das Pferd schreckte zusammen, fuhr wild davon und jagte an dem Bettelweib vorüber. Sie hatte das Wolfsgeheul auch gehört, und als der Bauer an ihr vorübersauste, las er in ihrem Gesicht, daß sie wußte, was ihr bevorstand. Sie stand da, den Mund zu einem Schrei geöffnet und die Arme um Hilfe ausgestreckt, aber sie hatte weder geschrien noch einen Versuch gemacht, sich auf den Schlitten zu werfen. Sie mußte von irgendeiner Erscheinung wie versteinert worden sein.
>Ich habe wohl wie ein böser Geist ausgesehen, als ich an ihr vorüberfuhr,< dachte der Bauer, und er versuchte, sich jetzt, wo er seines Lebens sicher sein konnte, zufrieden zu fühlen. Aber in demselben Augenblick begann es in seiner Brust zu arbeiten und zu brennen. Er hatte noch nie etwas Böses getan, und nun hatte er in einem einzigen Augenblick sein Leben verdorben. >Nein, es mag gehen, wie es will!< rief er plötzlich und hielt das Pferd an. >Ich kann sie nicht mit den Wölfen allein lassen.<
Nur mit großer Mühe gelang es ihm, das Pferd zu wenden; aber schließlich brachte er es doch zustande, und er hatte die Finnen-Malin bald wieder erreicht.
>Steige schnell in meinen Schlitten!< befahl er ihr in barschem Ton; denn er war wütend über sich selbst, weil er das Weib nicht seinem Schicksale überlassen konnte. >Du tätest auch besser, daheim zu bleiben, anstatt dich immer herumzutreiben, du alte Hexe,< fuhr er fort, >jetzt werden wir beide deinetwegen umkommen, der Rappe und ich.<
Das Weib erwiderte kein Wort, aber der Bauer war jetzt in einer so verzweifelten Stimmung, daß er sie nicht schonen konnte. >Der Rappe ist heute schon fünf Meilen gelaufen, da wirst du begreifen, daß er bald ermattet sein wird. Und die Last ist nicht leichter geworden, seit du dazu gekommen bist.<
Die Schlittenkufen knirschten auf dem Eis; aber trotzdem vermeinte er zu hören, wie die Klauen der Wölfe hinter ihm aufschlugen, und er fühlte, daß die Raubtiere ihn nun eingeholt hatten.
>Jetzt ist es aus mit uns,< sagte er. >Daß ich dich zu retten versucht habe, ist weder dir noch mir gut bekommen, Finnen-Malin.<
Erst jetzt sprach das Weib ein paar Worte. Vorher hatte sie nur geschwiegen, wie jemand, der an Scheltworte gewöhnt ist.
>Ich kann nicht verstehen, warum du deine Gefäße nicht abladest und die Last erleichterst,< sagte sie. >Du kannst ja morgen früh wiederkommen und sie zusammenlesen.<
Der Bauer verstand, welch ein kluger Rat das war, und war nur höchst erstaunt, daß er nicht selbst daran gedacht hatte. Er übergab dem Weib die Zügel, löste den Strick, der die Gefäße zusammenhielt, und begann eifrig, sie abzuladen. Die Wölfe jagten schon neben dem Schlitten her, hielten aber jetzt an, um zu untersuchen, was da aufs Eis flog, und dadurch bekamen die Reisenden wieder einen kleinen Vorsprung.
>Wenn das nicht hilft, werde ich mich selbstverständlich den Wölfen ausliefern, damit du entkommst,< sagte die Finnen-Malin.
Als sie dies sagte, war der Bauer eben dabei, einen großen schweren Braubottich vom Schlitten hinabzustoßen. Aber plötzlich hielt er inne, als wenn er sich nicht entschließen könnte, diesen abzuladen. In Wirklichkeit jedoch waren seine Gedanken von etwas ganz anderem in Anspruch genommen. >Ein Pferd und ein Mann, denen gar nichts fehlt, sollten doch eigentlich nicht gezwungen sein, sich wegen einer alten Frau von den Wölfen fressen zu lassen,< dachte er. >Es muß doch wohl noch einen Ausweg zur Rettung geben. Ja, ganz sicher gibt es einen; der Fehler ist nur, daß ich ihn nicht herausfinden kann.<
Schließlich schob er wieder an dem Braubottich; doch plötzlich hielt er wieder an und brach in lautes Lachen aus.
Das Weib sah ihn erschreckt an und fragte sich, ob er verrückt geworden sei; aber der Bauer lachte nur über sich selbst, weil er bisher so dumm gewesen war.
Jetzt wußte er, was er tun mußte; es war das einfachste von der Welt, und er konnte gar nicht begreifen, daß es ihm nicht früher eingefallen war.
>Paß nun wohl auf, was ich sage, Malin,< begann er. >Was du da gesagt hast, daß du dich den Wölfen vorwerfen wollest, war wirklich gut von dir. Aber das ist nicht nötig, denn ich weiß jetzt, wie uns allen dreien geholfen werden kann. Du mußt jetzt nur tun, was ich sage. Du nimmst die Zügel, und was ich auch danach tue, du bleibst ganz ruhig sitzen und fährst geraden Wegs nach Linsäll. Dort weckst du die Leute auf und sagst ihnen, daß ich hier mit zehn Wölfen allein auf dem Eise sei, und bittest sie, mir zu helfen.<
Der Bauer wartete nun, bis die Wölfe wieder ganz dicht herangekommen waren. Dann wälzte er den großen Bottich aufs Eis hinab, sprang selbst nach und kroch darunter.
Es war ein großer, schwerer Bottich, dazu gemacht, einen ganzen Weihnachtsvorrat an Bier fassen zu können. Die Wölfe sprangen darauf zu, bissen in die Reifen und versuchten, den Bottich umzustürzen. Aber er war zu stark und zu schwer, sie konnten nichts ausrichten; der darunter saß, war sicher.
Ja, der Bauer wußte, daß er sicher war, die Wölfe konnten ihm nichts anhaben, und er lachte unter seinem Bottich.
Aber plötzlich wurde er sehr ernst. >Sobald ich wieder in irgendeiner Not bin,< sagte er, >werde ich an diesen Braubottich denken; und ich werde mich daran erinnern, daß ich weder mir selbst noch andern unrecht zu tun brauche. Es gibt immer noch einen dritten Ausweg, es handelt sich nur darum, ihn zu finden.<«
Damit schloß Bataki seine Erzählung. Aber Nils Holgersson hatte jetzt schon gemerkt, daß Bataki nie eine Geschichte erzählte, ohne eine besondere Absicht dabei zu haben, und je länger er ihm zuhörte, desto nachdenklicher wurde der Junge.
»Ich möchte wohl wissen, warum du mir eigentlich diese Geschichte erzählt hast?« sagte er schließlich.
»Ach, sie ist mir eben gerade eingefallen, als ich den Sonfjäll betrachtete,« antwortete der Rabe.
Sie flogen nun weiter den Ljusnan entlang, und nach ungefähr einer Stunde gelangten sie an das Dorf Kolsätt, das gerade auf der Grenze von Hälsingeland liegt. Hier ließ sich der Rabe in der Nähe einer kleinen niedrigen Hütte nieder. Sie hatte keine Fenster, sondern nur eine Luke; aus dem Schornstein stieg ein mit Funken vermischter Rauch empor, und aus dem Hause heraus dröhnten laute Hammerschläge.
»Wenn ich diese Schmiede hier sehe,« sagte der Rabe, »muß ich unwillkürlich daran denken, daß es in früherer Zeit im Härjedal und ganz besonders in diesem Dorfe hier ausgezeichnete Schmiede gegeben hat, die ihresgleichen im ganzen Reiche nicht hatten.«
»Kannst du mir nicht vielleicht auch von ihnen eine Geschichte erzählen?« fragte der Junge.
»O doch, denn ich habe gehört, ein Schmied von Härjedal habe einmal zwei andere Schmiedemeister, einen von Dalarna und einen von Wärmland, zu einem Wettstreit im Nägelschmieden herausgefordert. Die Herausforderung wurde angenommen, und die drei Schmiede kamen hier in Kolsätt zusammen. Der Dalmann machte sich zuerst an die Arbeit. Er schmiedete ein Dutzend Nägel, die alle ganz gleich und so spitzig und glatt waren, daß sie nicht besser hätten sein können. Nach ihm kam der Wärmländer an die Reihe. Er schmiedete auch ein Dutzend Nägel, und diese waren über alles Lob erhaben, und dazu kam noch, daß dieser Schmied nur halb soviel Zeit dazu gebraucht hatte als der Dalmann. Als die zu Schiedsrichtern erwählten Männer dies sahen, sagten sie zu dem Schmied vom Härjedal, es hätte gar keinen Wert, wenn er noch irgendeinen Versuch machte, denn besser als der Dalmann und hurtiger als der Wärmländer könne er doch nicht schmieden.
>Nein, ich ergebe mich nicht,< sagte der Mann vom Härjedal. >Es wird sich ja wohl noch etwas finden, womit ich mich auszeichnen kann.< Er legte das Eisen auf den Amboß, ohne es vorher in der Esse erhitzt zu haben, und hämmerte drauf los, bis es heiß war, und dann schmiedete er einen Nagel um den andern, ohne Kohlen oder einen Blasebalg zu brauchen. Noch niemals hatte man einen Schmied mit solcher Meisterschaft den Hammer schwingen sehen, und der Schmied von Härjedal wurde als der beste im ganzen Lande ausgerufen.«
Bataki schwieg, aber der Junge wurde noch nachdenklicher.
»Warum hast du mir das eigentlich erzählt, Bataki?« sagte er.
»Ach, die Geschichte fiel mir ein, als ich die alte Schmiede da sah,« antwortete Bataki ganz gleichgültig.
Die beiden Reisenden stiegen nun wieder miteinander in die Luft hinauf, und der Rabe flog jetzt südwärts nach dem Kirchspiel Lillhärdal auf der Grenze von Dalarna. Hier ließ er sich auf einem bewaldeten Hügel nieder, der ganz oben auf einem Bergrücken aufragte.
»Ob du wohl eine Ahnung davon hast, was das für ein Hügel ist, auf dem du jetzt stehst, Däumling?« fragte Bataki.
Nein, der Junge mußte einräumen, daß er es nicht wußte.
»Es ist ein Grabhügel,« sagte Bataki. »Hier ruht ein Mann namens Härjulf, und er ist der erste gewesen, der sich im Härjedal niedergelassen hat und das Land hier zu bebauen anfing.«
»Vielleicht kannst du mir auch von ihm eine Geschichte erzählen?« bat der Junge.
»Ich habe nicht viel von ihm gehört, aber meiner Ansicht nach muß er ein Norweger gewesen sein. Er hatte zuerst bei einem norwegischen König im Dienst gestanden, aber es erhob sich ein Zwist zwischen ihnen, und so mußte er aus dem Lande fliehen. Da begab er sich zu dem schwedischen Könige, der in Uppsala wohnte, und trat bei diesem in Dienst. Aber nach einiger Zeit begehrte er die Schwester des Königs zur Ehefrau, und als ihm der König eine so vornehme Braut nicht geben wollte, entfloh er mit ihr. Jetzt war es soweit gekommen, daß er weder in Norwegen noch in Schweden wohnen konnte, und ins Ausland wollte er nicht ziehen.
>Aber es muß doch wohl noch einen dritten Weg geben,< dachte er; und so zog er mit seinen Dienern und seinen Schätzen durch Dalarna hindurch immer weiter gen Norden, bis er die großen, wilden Wälder erreichte, die sich nördlich von Dalarna ausbreiteten. Dort siedelte er sich an, baute sich ein Haus und rodete den Wald aus, und so ist er der erste gewesen, der sich in dieser Einöde niedergelassen hat.«
Als Nils Holgersson diese Geschichte hörte, wurde er noch viel nachdenklicher. »Wenn ich nur wüßte, was du für eine Absicht dabei hast, daß du mir alles dies erzählst,« sagte er noch einmal.
Bataki gab lange keine Antwort; er verdrehte nur den Kopf und kniff die Augen zusammen. »Da wir beide jetzt allein hier sind, will ich doch die Gelegenheit benützen und dich nach etwas fragen, was mir sehr wichtig ist. Hast du je genauen Bescheid darüber erhalten, unter welchen Bedingungen dir das Wichtelmännchen, das dich verwandelt hat, deine frühere Gestalt wiedergeben will?«
»Ich habe nie von einer anderen Bedingung gehört, als daß ich den weißen Gänserich wohlbehalten nach Lappland und wieder nach Schonen zurückbringen solle.«
»Das habe ich mir doch gedacht,« rief Bataki; »denn als wir uns das letztemal sahen, nahmst du den Mund sehr voll und sagtest, es gäbe nichts Häßlicheres, als einen Freund, der sich auf einen verläßt, im Stiche zu lassen. Deshalb solltest du doch Akka einmal nach der Bedingung fragen. Du weißt, sie ist bei dir daheim gewesen und hat mit dem Wichtelmännchen gesprochen.«
»Davon hat mir Akka nichts gesagt,« entgegnete der Junge.
»Sie hielt es wohl fürs Beste, dich in Unkenntnis darüber zu lassen, wie die Worte des Wichtelmännchens lauteten, denn sie will natürlich lieber dir als dem Gänserich Martin helfen.«
»Es ist doch sonderbar, Bataki, so oft ich mit dir zusammen bin, gelingt es dir, mir das Herz so recht schwer und unruhig zu machen,« sagte der Junge.
»Ja, es mag wohl so aussehen,« versetzte der Rabe, »aber ich glaube, diesmal wirst du mir doch dankbar sein, denn ich will dir die Worte des Wichtelmännchens jetzt mitteilen. Sie lauteten so: Du werdest wieder ein Mensch werden, wenn du den Gänserich Martin wieder heimbringest, damit ihn deine Mutter schlachten könne.«
Nils Holgersson fuhr auf: »Das ist gewiß nur eine boshafte Erfindung von dir!« rief er.
»Du kannst ja Akka selbst fragen,« sagte Bataki. »Da kommt sie eben mit ihrer ganzen Schar angeflogen. Vergiß nun nicht, was ich dir heute erzählt habe; es gibt immer einen Ausweg aus allen Schwierigkeiten, es handelt sich nur darum, ihn zu finden. Und ich freue mich schon jetzt darauf, zu erfahren, wie dir das glücken wird.«
48. Wärmland und Dalsland
Mittwoch, 5. Oktober
Am nächsten Tag, als die Wildgänse ausruhten und Akka ein wenig abseits von den andern weidete, benutzte der Junge die Gelegenheit und fragte sie, ob es wahr sei, was Bataki gesagt hatte. Und Akka konnte es nicht leugnen. Da mußte Akka dem Jungen hoch und teuer versprechen, das Geheimnis dem Gänserich Martin niemals zu verraten; denn der große Weiße war tapferer, edelmütiger Natur, und der Junge fürchtete, es könnte ein Unglück daraus entstehen, wenn er die Bedingung des Wichtelmännchens erführe.
Jetzt saß der Junge traurig und schweigsam auf dem Rücken des Gänserichs; er ließ den Kopf hängen und hatte gar keine Lust, sich umzuschauen. Er hörte, wie die Wildgänse den jungen Gänsen zuriefen, jetzt flögen sie nach Dalarna hinein, und jetzt könne man den Städjan droben im Norden sehen, und jetzt flögen sie über den östlichen Dalälf, jetzt hätten sie den Horrmundsee erreicht -- und jetzt hätten sie das Tal des westlichen Dalälfs unter sich; aber der Junge mochte nichts von allem dem ansehen.
»Ich werde ja wohl mein Leben lang mit den Wildgänsen umherziehen müssen und bekomme also noch mehr als genug von diesem Lande zu sehen,« dachte er.
Es ermunterte ihn auch nicht, als die Wildgänse riefen, jetzt hätten sie Wärmland erreicht, und der Fluß, dem sie südwärts folgten, sei der Klarälf. »Ich habe schon so viele Flüsse gesehen,« dachte er, »und brauche mir also nicht die Mühe zu nehmen, noch einen zu betrachten.«
Aber wenn der Junge auch mehr Lust gehabt hätte, sich umzusehen, wäre es doch kaum der Mühe wert gewesen, denn im nördlichen Wärmland gibt es nichts als große, einförmige Wälder, durch die sich der Klarälf schmal und schäumend hindurchschlängelt. Da und dort sieht man einen Kohlenmeiler, einen Brandplatz, wo früher ein Meiler gestanden hatte, oder einige niedrige Hütten ohne jeden Schornstein, in denen die Finnen wohnen; aber im allgemeinen steht der weite Wald so unberührt da, daß man meinen könnte, man befinde sich hoch droben in Lappland.
Die Wildgänse ließen sich auf einem solchen Brandplatz am Ufer des Klarälf nieder; und während die Vögel von der eben hervorsprießenden frischen Wintersaat in der Nähe weideten, hörte der Junge helles Lachen und lautes Reden aus dem Walde herausdringen. Das Ränzel auf dem Rücken und die Axt über der Schulter kamen sieben große starke Männer des Weges daher. An diesem Tage sehnte sich der Junge ganz unbeschreiblich nach Menschen; er war daher ganz beglückt, als diese sieben Arbeiter die Ränzel vom Rücken nahmen und am Flußufer Rast machten.
Sie unterhielten sich äußerst lebhaft miteinander, und der Junge lag hinter einem Erdhaufen, voller Freude darüber, Menschenstimmen zu hören. Er erfuhr bald, daß diese Männer Wärmländer waren, die sich auf dem Wege nach Norrland befanden, wo sie sich nach Arbeit umsehen wollten. Es waren fröhliche Menschen, die viel zu erzählen wußten, denn sie hatten an den verschiedensten Orten in Arbeit gestanden. Aber während sie sich nun so eifrig unterhielten, sagte einer ganz zufällig, er sei jetzt in allen Teilen von Schweden gewesen, aber keiner habe ihm so gut gefallen, wie die Nordmark droben im westlichen Wärmland, wo er daheim sei.
»Ich stimme ganz mit dir überein, wenn du nur anstatt Nordmark Fryksdal sagst, wo meine Heimat ist,« fiel einer von den andern ein.
»Ich aber bin aus dem Bezirk Jösse,« sagte ein dritter, »und ich versichere euch, dort ist es noch viel schöner als in der Nordmark und im Fryksdal.«
Nun kam es heraus, daß alle diese sieben Männer aus den verschiedenen Teilen von Wärmland waren, und daß jeder seine Heimatgegend für besser und schöner hielt als die der andern. Sie stritten sich ein wenig, aber keiner konnte den andern von der Richtigkeit seiner eigenen Behauptung überzeugen. Es sah fast aus, als würden sie sich schließlich im Ernst entzweien; doch da kam ein alter Mann mit langem, schwarzem Haar und kleinen, zwinkernden Augen des Wegs daher.
»Was gibts, ihr Leute? Warum streitet ihr euch denn?« fragte er. »Ihr schreit ja, daß es nur so durch den Wald schallt.«
Einer der Wärmländer wendete sich rasch an den Neuangekommenen und sagte: »Da du hier so hoch droben durch den Wald wanderst, bist du wohl ein Finne?«
»Ja, das bin ich,« erwiderte der Alte.
»Ei, das ist recht gut,« sagte der Mann, »denn es heißt ja, ihr Finnen hättet mehr Verstand als andere Menschen.«
»Ein guter Ruf ist besser als Gold,« sagte der Finne.
»Nun, wir streiten uns eben darüber, welcher Teil von Wärmland der beste sei. Könntest du da nicht vielleicht unsern Streit schlichten, damit wir uns dieser Frage wegen nicht schließlich noch untereinander verfeinden?«
»Ich werde entscheiden, so gut ich kann,« sagte der Finne. »Aber ihr müßt Geduld mit mir haben, denn ich möchte euch zuerst eine alte Geschichte erzählen.«
»In den alten Zeiten,« berichtete der Finne, indem er sich bei den Männern niederließ, »sah das ganze Land nördlich vom Wenersee ganz entsetzlich aus. Überall waren nur kahle Hochebenen und steile Bergkegel. Für Menschen war es ganz unmöglich, da zu wohnen und zu leben. Wege konnten nicht gebahnt werden, und der Boden war nicht zu bebauen. Das Land südlich vom Wenersee dagegen war auch in jenen Zeiten schon ebenso fruchtbar wie am heutigen Tage.
Nun wohnte damals im südlichen Teile ein Riese, der sieben Söhne hatte. Alle sieben waren kecke, kräftige Männer; aber sie hatten einen stolzen Sinn, und es herrschte sehr oft Unfriede unter ihnen, weil jeder mehr sein wollte als der andere.
Der Vater war des ewigen Streitens und Zankens müde, und um ein Ende zu machen, versammelte er eines Tages die Söhne um sich und fragte sie, ob sie geneigt wären, es auf eine Probe ankommen zu lassen, damit er als Vater herausfinde, welcher von ihnen der Tüchtigste sei.
O ja, die Söhne waren sehr damit einverstanden; sie wünschten sich gar nichts Besseres.
>Dann wollen wir die Sache folgendermaßen einrichten,< sagte der Vater. >Ihr wißt, nördlich von dem kleinen Teich, den wir den Wenersee nennen, liegt eine Einöde, die so voller Erdschollen und Gerölle liegt, daß wir gar keinen Nutzen davon haben. Morgen soll nun jeder von euch mit seinem Pflug hinausfahren und dort soviel umpflügen, als ihm in einem Tag möglich ist. Gegen Abend komme ich dann zu euch hinaus, zu sehen, wer am meisten geleistet hat.<
Kaum war die Sonne am nächsten Morgen aufgegangen, als die Brüder auch schon mit den bespannten Pflügen bereit standen. Es war der Mühe wert, sie zur Arbeit abfahren zu sehen! Die Pferde waren glänzend gestriegelt, das Eisen blinkte, und die Pflugschar war frisch geschliffen. Sie fuhren fast im Galopp davon, bis sie am Wenersee angekommen waren. Da wichen einige von den Brüdern auf die Seite, aber der älteste fuhr geradeswegs in den See hinein. >Sollte ich mich vor so einer kleinen Pfütze fürchten?< sagte er vom Wenersee.
Als die andern diesen Mut sahen, wollten sie auch nicht zurückstehen. Sie stellten sich auf die Pflüge und trieben die Pferde ins Wasser hin. Es waren lauter große Pferde, und es dauerte eine gute Weile, bis sie keinen Grund mehr unter sich hatten und schwimmen mußten. Die Pflüge trieben auf dem Wasser hin, aber für die Männer war es nicht leicht, sich darauf festzuhalten. Einige von den Söhnen ließen sich von den Pflügen ziehen, und einige mußten waten; aber sie erreichten doch alle das jenseitige Ufer, und dort angekommen, machten sie sich alle sogleich an die Arbeit, die Einöde zu pflügen, die nichts weniger war als der Landstrich, der später Wärmland und Dalsland genannt wurde.
Der älteste von den Söhnen sollte die mittelste Furche pflügen, die beiden nächsten stellten sich zu beiden Seiten von ihm auf, und wieder die beiden nächstältesten nahmen zu beiden Seiten von diesen Platz; von den beiden jüngsten aber pflügte jeder seine Furche, der eine ganz am westlichen Ende, der andere aber im östlichsten Teil der Einöde.
Der älteste Bruder zog mit seinem Pfluge im Anfang eine breite und gerade Furche, denn unten am Wenersee war der Boden ganz eben und deshalb leicht umzubrechen. Es ging rasch vorwärts, bis er an einen großen Stein kam, an dem er nicht vorbeikommen konnte, sondern er mußte den Pflug darüber hinwegheben. Dann stieß er die Pflugschar aus aller Macht in den Boden und schnitt eine breite, tiefe Furche. Aber kurz nachher traf er auf so hartes Erdreich, daß er gezwungen war, den Pflug zu heben. Dasselbe wiederholte sich noch einmal, und der Riesensohn ärgerte sich, daß er die Furche nicht die ganze Strecke gleich breit und tief ziehen konnte. Schließlich wurde der Boden ganz hart, und er konnte mit seiner Pflugschar nur noch eine Ritze darauf zustande bringen. Auf diese Weise gelangte er aber schließlich doch an die nördliche Grenze des Feldes. Dort setzte er sich nieder und wartete auf den Vater.
Der zweite Bruder pflügte auch eine breite, tiefe Furche, und er hatte Glück, denn er fand eine gute, flache Strecke zwischen Erdschollen, daß er seine Furche ohne Unterbrechung ziehen konnte. Da und dort wich er an einer Schlucht etwas aus, und je weiter er nach Norden kam, desto mehr Ausbiegungen mußte er machen, und desto schmäler wurde seine Furche. Aber er war so gut im Gang, daß er nicht an der Grenze anhielt, sondern noch ein gutes Stück weiter pflügte, als er nötig gehabt hätte.
Auch dem dritten Bruder, der links von dem Ältesten pflügte, ging es im Anfang recht gut. Sein Pflug schnitt eine breitere und tiefere Furche als die der andern Brüder; aber nach kurzer Zeit stieß er auf so schlechtes Erdreich, daß er nach Westen ausbiegen mußte. Sobald wie möglich pflügte er wieder in nördlicher Richtung weiter und pflügte da breit und tief in den Boden hinein; aber lange, bevor er an der Grenze angekommen war, konnte er nicht mehr weiter. Er wollte aber nicht mitten auf dem Felde aufhören, deshalb drehte er die Pferde um und pflügte in einer andern Richtung weiter. Doch schon nach kurzer Zeit war er so von allen Seiten eingeschlossen, daß er aufhören mußte. >Diese Furche wird wohl die schlechteste von allen sein,< dachte er und setzte sich auf seinen Pflug, um den Vater zu erwarten.
Es ist wohl nicht nötig, zu berichten, wie es den andern Brüdern gegangen war. Sie vollendeten ihre Aufgaben als rechte Männer. Die von ihnen, die in der Mitte pflügten, hatten es sehr streng, aber die, die östlich und westlich von ihnen gingen, hatten es noch härter. Denn da waren überall soviel Steine und Sümpfe, daß die Furchen trotz aller Mühe, die sie sich gaben, nicht ganz gerade und gleichmäßig tief werden konnten. Von den beiden jüngsten wäre noch zu berichten, daß sie ihren Pflug immer wenden und drehen mußten, aber schließlich doch ein gutes Stück Arbeit vollbrachten.
Am Abend saß jeder der sieben Brüder müde und niedergeschlagen am Ende seiner Furche und wartete auf den Vater.
Jetzt kam der Vater heran. Er trat zuerst zu dem, der am weitesten westwärts gearbeitet hatte.
>Guten Abend!< sagte er. >Wie ist es dir bei der Arbeit gegangen?<
>Nicht besonders gut,< sagte der Sohn. >Das war ein äußerst schwieriger Boden, den Ihr uns da zum Bearbeiten ausgesucht habt.<
>Du wendest ja deinem Arbeitsfeld den Rücken zu,< sagte der Vater. >Dreh dich einmal um, dann kannst du sehen, was du ausgerichtet hast. Es ist gar nicht so wenig, wie du meinst.<
Der Sohn drehte sich um, und da sah er, daß da, wo er den Pflug gezogen hatte, herrliche Täler mit Seen und schönen, waldigen Berghängen entstanden waren. Er war ein gutes Stück durch Dalsland und die Nordmark von Wärmland hindurchgekommen und hatte den Laxsee und Lelången und Groß-Le und die beiden Silarna durchgepflügt; ja, der Vater hatte allen Grund, mit ihm zufrieden zu sein.
>Nun wollen wir sehen, was die andern zustande gebracht haben,< sagte der Vater.
Der nächste Sohn, zu dem sie kamen -- der fünfte in der Reihe -- hatte den ganzen Jösseer Bezirk und den Glafsfjord gepflügt, und wieder der nächste, der dritte, den Värmeln. Der älteste in der Mitte war mit dem Fryksdal und den Frykenseen fertig geworden. Der zweitälteste hatte das Älfdal mit dem Klarälf gepflügt. Der vierte hatte mit saurer Mühe den Bergwerkdistrikt, den Yngen- und Daglösee, sowie eine Menge andere kleine Seen gepflügt. Der sechste hatte eine ganz merkwürdige Furche gezogen. Zuerst hatte er für den großen See Skagern Platz geschaffen, dann war er in einer schmalen Rinne weiter gezogen, die der Letälf ausfüllte, und schließlich war er über die Grenze hinübergefahren und hatte in den Bergwerkdistrikten von Westmanland kleine Seen herausgegraben.
Nachdem der Vater das ganze umgepflügte Land in Augenschein genommen hatte, sagte er, soweit er es beurteilen könne, hätten die Söhne ein gutes Stück Arbeit vollbracht, und er habe allen Grund, mit ihnen zufrieden zu sein. Jetzt sei das Land keine Wildnis mehr, nun könne es bebaut und bepflanzt werden. Sie hätten viele fischreiche Seen und fruchtbare Täler geschaffen. Die Flüsse und Bäche hätten einen ordentlichen Fall, daß sie Mühlen, Sägewerke und Eisenhämmer treiben könnten. Auf den Bergrücken zwischen den gezogenen Furchen sei Platz für Wälder, wo Waldbau und Kohlenbrennerei betrieben werden könne, und jetzt sei auch die Möglichkeit da, zu den großen Erzlagern in dem Bergwerkdistrikt gute Straßen anzulegen.
Die Söhne freuten sich, als sie den Vater so sprechen hörten; aber sie wollten nun auch noch wissen, welcher von ihnen die beste Furche gezogen habe.
>Bei einem Erdreich wie diesem hier,< sagte der Vater, >ist es wichtiger, daß alle Furchen gut ineinander passen, als daß die eine schöner sei als die andre, und ich glaube, wer zu den großen, langen Seen in der Nordmark und im Dalsland kommt, wird gerne zugeben, daß er selten etwas Schöneres gesehen habe. Aber trotzdem wird er sich freuen, wenn er die hellen, fruchtbaren Gegenden um den Glafsfjord und den Värmeln her sieht.
Hat er sich dann eine Weile in diesen lachenden, betriebsamen Landstrichen aufgehalten, dann wird er sie gewiß auch gerne mit den langen, engen Tälern am Frykensee und am Klarälf vertauschen. Und sollte er auch dieser überdrüssig werden, dann wird es ihn erfrischen, wenn er im Bergwerkdistrikt verschiedentlich geformte Seen antrifft, die sich dahinschlängeln und durch die Berge winden, und deren es so viele sind, daß niemand alle ihre Namen behalten kann. Nach diesen Seen mit ihren vielen Buchten und Landzungen freut er sich natürlich, wenn er schließlich den großen Wasserspiegel des Skagern erblickt. Und nun will ich euch noch etwas sagen: Gerade wie mit diesen Furchen geht es auch mit den Söhnen. Kein Vater freut sich, wenn der eine tüchtiger ist als der andre; kann er aber seinen Blick mit ganz derselben Befriedigung von dem Ältesten bis zum Jüngsten schweifen lassen, dann wohnt in seinem Herzen eitel Freude.<«
49. Ein kleiner Herrenhof
Donnerstag, 6. Oktober
Die Wildgänse folgten dem Lauf des Klarälf bis zu den großen Fabriken bei Munkefors. Dann wendeten sie sich nach Westen dem Fryksdal zu. Aber bevor sie den Frykensee erreicht hatten, begann es zu dunkeln, und so ließen sie sich auf einem flachen Moor in einem Bergwald nieder. Das Moor war nun freilich ein ganz gutes Nachtquartier für die Wildgänse; aber Nils Holgersson fand es kalt und unbehaglich, und er hätte gerne einen besseren Platz zum Schlafen gehabt. Während sie noch in den Lüften droben gewesen waren, hatte er am Fuß des Berges einige Höfe gesehen, und nun eilte er rasch dorthin, um eines von diesen Häusern zu erreichen. Der Weg war länger, als er geglaubt hatte, und er fühlte sich wiederholt versucht, wieder umzukehren. Aber endlich lichtete sich der Wald, und er gelangte auf eine Landstraße, die am Waldessaum hinlief. Von der Straße führte eine schöne Birkenallee nach einem Herrenhofe, und der Junge richtete sogleich seine Schritte dahin.
Er gelangte zuerst auf einen von roten Gebäuden umgebenen Platz, der so groß wie ein Marktplatz war. Als der Junge diesen Hof durchschritten hatte, kam er in einen zweiten Hof, und da sah er das Wohnhaus mit seinen Seitenflügeln, mit einem Kiesweg und einem großen Rasenplatz davor und einem großen Garten mit vielen Bäumen dahinter. Das Hauptgebäude selbst war nur klein und unansehnlich; aber der Rasen war von einer Reihe mächtiger Ebereschen eingefaßt, die so dicht standen, daß sie eine ganze Allee bildeten, und dem Jungen war es, als sei er in einen prächtigen hochgewölbten Saal hineingekommen. Oben darüber schimmerte ein blaßblauer Himmel, die Ebereschen hatten gelbe Blätter und große, rote Beerenbüschel; der Rasen war zwar noch grün, aber an jenem Abend goß der Mond einen so strahlend hellen Glanz vom Himmel herab, daß das Gras wie Silber glänzte.
Kein Mensch war zu sehen, der Junge konnte also frei umhergehen, wo er wollte, und als er in den Garten kam, entdeckte er etwas, das ihn sofort in gute Laune versetzte. Er war auf eine kleine Eberesche geklettert, um einige Vogelbeeren zu essen; aber ehe er einen von den roten Büscheln abgebrochen hatte, fiel sein Blick auf einen Ahlkirschenbaum, der auch voller Früchte stand. Rasch ließ er sich von der Eberesche hinabgleiten und kletterte auf den Ahlkirschenbaum; aber kaum saß er da droben, als er einen Johannisbeerstrauch erblickte, an dem noch lange rote Träubchen hingen. Ach, und jetzt sah er, daß der ganze Garten voller Stachelbeeren, Himbeeren und Hagebutten war! Im Gemüsegarten standen Rüben und Kohlraben, an allen Sträuchern hingen Beeren, alle Pflanzen hatten reifen Samen und die Grashalme kleine, dicke Ähren. Und dort auf dem Gange -- nein, er täuschte sich doch wohl nicht -- da lag wirklich vom Mondschein hell erleuchtet ein prächtiger großer Apfel!
Der Junge setzte sich hinter seinen großen Apfel auf den Wegrand und schnitt sich mit seinem Taschenmesser kleine Stückchen davon ab. Wie das schmeckte! »Ja wenn man nur immer so leicht zu einer guten Mahlzeit käme wie hier in diesem Hofe, dann könnte man schließlich schon sein Leben lang ein Wichtelmännchen bleiben,« dachte der Junge.
Während er aß, kamen ihm allerlei Gedanken, und schließlich meinte er, ob es nicht vielleicht ebensogut wäre, wenn er gleich hier bliebe und die Wildgänse allein weiter ziehen ließe.
»Ich weiß eben gar nicht, wie ich dem Gänserich begreiflich machen soll, daß ich nicht heimkehren kann,« dachte er. »Da wäre es gewiß besser, ich trennte mich vollständig von ihm. Ich könnte es ja dann wie die Eichhörnchen machen: mir einen Wintervorrat sammeln, damit ich nicht zu verhungern brauchte; und im Kuh- oder Pferdestall fände sich wohl auch ein warmes Winkelchen für mich, dann brauchte ich auch nicht zu erfrieren.«
Während er noch darüber nachdachte, hörte er ein leichtes Rauschen über seinem Kopfe; und gleich darauf stand neben ihm auf dem Boden etwas, was einem kleinen Birkenstumpfe glich. Der Stumpf wendete und drehte sich, zwei helle Punkte oben auf dem Gipfel glühten wie zwei Kohlen. Es sah wie ein schrecklicher Zauberspuk aus; aber nach ein paar Augenblicken entdeckte der Junge, daß der Stumpf einen gekrümmten Schnabel und um die glühenden Augen einen großen Federkranz hatte, und da beruhigte er sich wieder.
»Ei wie angenehm, daß ich ein lebendes Wesen hier antreffe,« begann er. »Vielleicht könnt Ihr, Frau Nachteule, mir mitteilen, wie dieses Gut hier heißt, und was für Leute hier wohnen?«
Die Nachteule hatte wie alle Abend, so auch heute auf der Stufe einer großen Leiter gesessen, die am Dach lehnte, und von da auf dem Kiesweg und dem Rasen nach Mäusen ausgespäht. Aber zu ihrer großen Verwunderung hatte sie nicht ein einziges langgeschwänztes Mäuschen entdecken können. Statt dessen gewahrte sie plötzlich, daß sich drunten im Garten etwas bewegte, das einem Menschen glich, aber viel kleiner war als jedes menschliche Wesen.
»Da haben wir wohl den, der die Mäuse verscheucht,« dachte die Nachteule. »Was mag aber das nur für ein Wesen sein?«
»Es ist kein Eichhörnchen und ist auch kein junges Kätzchen und ebensowenig ein Wiesel,« dachte die Eule weiter. »Nun hätte man doch geglaubt, ein Vogel, der so lange auf einem alten Herrenhofe gewohnt hat wie ich, sollte nachgerade wissen, was für Geschöpfe es auf der Welt gibt, aber dies hier geht über meinen Verstand.«
Sie starrte das Ding, das sich drunten auf dem Kiesweg bewegte, unverwandt an, und ihre Augen glühten. Schließlich aber gewann die Neugierde die Oberhand; sie flog auf den Boden hinunter, um sich das fremde Geschöpf in der Nähe zu betrachten.
Als Nils Holgersson zu sprechen anfing, beugte sich die Eule vor und sah ihn genau an. »Er hat weder Krallen noch einen Stachel,« dachte sie; »aber wer weiß, ob er nicht einen Giftzahn oder sonst eine Waffe hat, die noch gefährlicher sein könnte. Es ist gewiß am besten, ich verschaffe mir zuerst etwas nähere Auskunft über ihn, ehe ich mich mit ihm einlasse.«
»Der Hof heißt Mårbacka,« sagte sie dann; »und in früheren Zeiten haben ausgezeichnete Menschen hier gewohnt. Aber wer bist denn du?«
»Ich habe die Absicht, mich hier niederzulassen,« sagte der Junge, ohne eine direkte Antwort auf die Frage der Nachteule zu geben. »Meint Ihr, das ließe sich einrichten?«
»O ja, obgleich der Hof jetzt nichts Besonderes mehr ist, im Vergleich zu dem, was er früher war,« antwortete die Eule. »Aber man kann immerhin hier leben; es kommt ja auch hauptsächlich darauf an, wovon du hier leben willst. Hast du im Sinn, dich auf die Mäusejagd zu legen?«
»Nein, Gott soll mich davor bewahren!« rief der Junge. »Es ist wohl mehr Gefahr vorhanden, daß die Mäuse mich auffressen, als daß ich ihnen ein Leid antue.«
»Ob er wirklich so wenig gefährlich ist, wie er sagt? Das ist doch wohl nicht möglich,« dachte die Eule; »aber ich glaube, ich will doch einen Versuch machen.« Sie flog auf, und im nächsten Augenblick hatte sie ihre Krallen in Nils Holgerssons Schultern geschlagen und hackte nun nach seinen Augen. Nils hielt die eine Hand zum Schutz vor die Augen, während er sich mit der andern zu befreien suchte und zugleich aus Leibeskräften um Hilfe schrie. Er fühlte, daß er in wirklicher Lebensgefahr schwebte, und sagte sich, diesmal werde es ganz gewiß aus mit ihm sein.
Aber nun muß ich erzählen, wie wunderbar es sich traf, daß gerade in diesem Jahre, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog, in Schweden eine Schriftstellerin war, die ein Buch über Schweden schreiben sollte, das den Kindern als Lesebuch in der Schule dienen könnte. Von Weihnachten bis zum Herbst hatte sie sich über ihre Aufgabe besonnen; aber bis jetzt war noch nicht eine einzige Zeile an dem Buche geschrieben, und schließlich war sie der ganzen Aufgabe so überdrüssig geworden, daß sie sich sagte: »Auf diese Weise bringst du nichts zustande, setz dich lieber hin und dichte Geschichten und Märchen wie sonst, und laß jemand anders dieses Buch schreiben, das lehrreich und ernst sein soll und in dem kein unwahres Wort stehen darf.«
Sie war so gut wie entschlossen, ihr Vorhaben aufzugeben; aber sie hätte eben doch gar zu gerne etwas Schönes über Schweden geschrieben, und es wurde ihr sehr schwer, die Arbeit ungetan zu lassen. Schließlich kam ihr der Gedanke, ob sie nicht am Ende deshalb mit dem Buche nicht zustande komme, weil sie in einer Stadt sitze und nichts als Straßen und Mauern vor sich sehe. »Vielleicht geht es besser, wenn ich aufs Land reise und Felder und Wälder betrachten kann,« dachte sie.
Sie stammte aus Wärmland, und sie war fest entschlossen, das Buch mit dieser Landschaft beginnen zu lassen. Und vor allem wollte sie von dem Hof erzählen, auf dem sie aufgewachsen war. Es war ein kleiner Herrenhof, der ganz einsam und weltabgeschieden dalag und auf dem sich noch viele altertümliche Sitten und Bräuche erhalten hatten. Sie dachte, den Kindern würde es gewiß gefallen, wenn sie von allen den Beschäftigungen hörten, die im Laufe des Jahres einander ablösten. Sie wollte erzählen, wie bei ihr daheim Weihnachten und Neujahr, Ostern und das Johannisfest gefeiert worden wären; was für Möbel und Hausgeräte sie gehabt hätten, wie es in der Küche und in der Vorratskammer, in Kuh- und Pferdestall, in Brauhaus und in der Badestube ausgesehen hätte. Aber als sie sich nun daran machte, dies zu beschreiben, wollte die Feder gar nicht übers Papier hingleiten. Die Schriftstellerin konnte durchaus nicht begreifen, woher das kam; aber es war jedenfalls so.
Sie sah aber doch alles miteinander so deutlich und lebendig vor sich, wie wenn sie noch immer mitten darin gelebt hätte! Trotzdem kam sie nicht vorwärts, und schließlich dachte sie, da sie nun doch einmal aufs Land reisen wolle, wäre es vielleicht am besten, sie stattete dem alten Hofe einen Besuch ab und besähe sich ihn noch einmal genau, ehe sie an dessen Beschreibung ginge. Sie war seit vielen Jahren nicht mehr dagewesen, und der Gedanke, daß sie nun hier eine Veranlassung zum Hinreisen habe, machte ihr das Herz warm. Eigentlich trug sie immer eine Art Heimweh nach dem alten Hofe mit sich herum, sie mochte sein, wo sie wollte. Sie sah ja wohl, daß andre Orte schöner und besser waren; aber nirgends überkam sie jenes Gefühl der Sicherheit und des Wohlbehagens, wie sie es in ihrer Kinderheimat immer gehabt hatte.
Diese Reise in die alte Heimat war indes gar nicht so einfach für sie, wie man meinen könnte, denn der Hof war an eine ihr ganz fremde Familie verkauft worden. Sie dachte freilich, man würde sie gewiß freundlich aufnehmen; aber sie wollte ja nicht in die alte Heimat kommen, um mit fremden Menschen zu plaudern, sondern um sich alles so recht deutlich ins Gedächtnis zurückzurufen, wie es früher da gewesen war. Deshalb richtete sie es so ein, daß sie spät am Abend auf Mårbacka eintraf, zu einer Zeit, wo schon Feierabend gemacht worden war und das Gesinde sich im Hause befand.
Sie hätte nie gedacht, daß es so seltsam sei, in die alte Heimat zurückzukehren. Während sie im Wagen saß und nach dem alten Hofe fuhr, war es ihr, als werde sie mit jeder Minute jünger und immer jünger, und bald war sie nicht mehr eine, deren Haar sich schon grau zu färben begann, sondern ein kleines Mädchen mit kurzen Röcken und einem langen flachsblonden Zopf. Während sie so dahinfuhr und jeden Hof am Wege wieder erkannte, konnte sie es nicht lassen, sich vorzustellen, daß daheim auch alles ganz genau wie in früheren Zeiten sein müsse. Wenn sie ankam, standen Vater und Mutter und die Geschwister auf der Treppe und hießen sie willkommen. Die alte Haushälterin lief ans Küchenfenster, um zu sehen, wer käme, und Nero und Freya und noch ein paar andre Hunde kamen dahergerannt und sprangen an ihr hinauf!
Je mehr sie sich dem Hofe näherte, desto glücklicher fühlte sie sich. Es war Herbst, und eine emsige Zeit mit einer Menge Arbeit stand bevor. Aber gerade diese verschiedenen Arbeiten waren es, warum einem das Leben daheim nie langweilig und einförmig geworden war. Unterwegs hatte sie gesehen, daß die Leute bei der Kartoffelernte waren, und diese war natürlich jetzt auch daheim im Gange. Nun mußten zuerst Kartoffeln gerieben und Kartoffelmehl gemacht werden. Es war ein milder Herbst gewesen, und sie hätte so gerne gewußt, ob wohl der Garten schon ganz eingeheimst sei? Nun, der Kohl stand doch jedenfalls noch draußen; aber ob wohl der Hopfen schon gepflückt und die Äpfel heruntergenommen waren?
Wenn sie nur nicht am Ende gerade die Herbstputzerei hatten, denn es war nicht mehr lang bis zum Herbstmarkt! Zu diesem Jahrmarkt mußte das ganze Haus wie ausgeblasen sein. Er wurde als ein großes Fest angesehen, vor allem vom Gesinde. Und es war auch wirklich ein Vergnügen, wenn man am Vorabend des Marktes in die Küche hinauskam und sah, wie blitzblank alles war: der reingewaschene, mit Wacholderzweigen bestreute Fußboden, die frischgeweißten Wände und das blankgescheuerte Kupfergeschirr auf den Wandbrettern.
Aber wenn das Marktfest vorüber war, kehrte doch nicht lange Ruhe ein. Dann mußte der Flachs gehechelt werden. Der Flachs war während der Hundstage auf einer Wiese zum Trocknen ausgebreitet worden. Jetzt brachte man ihn in die alte Badestube hinein, und in dem großen Badestubenofen wurde ein tüchtiges Feuer gemacht und der Flachs gedörrt. Und wenn er dürr genug war, wurden an einem Tage alle Nachbarsfrauen zusammengerufen. Diese setzten sich vor die Badestube; und nun wurde der Flachs gebrochen und hierauf gehechelt, damit sich die feinen weißen Fasern aus den dürren Halmen herauslösten. Während dieser Arbeit wurden die Weiber ganz grau vor Staub. Ihr Haar und ihre Kleider waren über und über mit Spleißen bedeckt, aber sie waren trotzdem seelenvergnügt. Den ganzen Tag hindurch klapperten die Brechstühle, und die Weiber schwatzten ununterbrochen darauf los. Wer in die Nähe der Badestube kam, hätte meinen können, ein Sturm jage mit lautem Sausen daher.
Nach dem Flachshecheln kam das Backen des Hartbrotes, die Schafschur und der Wandertag der Mägde an die Reihe. Im November standen dann die arbeitsreichen Schlachttage bevor; das Fleisch wurde eingepökelt, Würste gestopft, Blutpudding gekocht und Lichter gegossen. In dieser Zeit kam dann wohl auch das Nähmädchen, das die eigengewobenen wollenen Kleider verfertigte; und das waren einige fröhliche Wochen, wo alle Frauen des Hauses eifrig nähend beisammen saßen. Meistens saß dann auch der Schuhmacher zu derselben Zeit drüben in der Knechtstube an seiner Arbeit; und man wurde es nie müde, immer und immer wieder zuzusehen, wie er Leder zuschnitt, Stiefel sohlte, Absätze aufbaute und die Ringe in die Schnürlöcher einschlug. Aber die größte Geschäftigkeit entfaltete sich doch gegen Weihnachten. Der Lucietag, wo morgens um fünf Uhr das Stubenmädchen in einem weißen Kleide mit brennenden Kerzen im Haar das ganze Haus zum Kaffee einlud, war das Zeichen, daß man in den nächsten Wochen nicht viel auf Schlaf rechnen durfte.
Jetzt mußte das Weihnachtsbier gebraut, die Stockfische gelaugt, das Weihnachtsbackwerk verfertigt und die Weihnachtsputzerei vorgenommen werden -- -- --
Die Schriftstellerin stand im Geiste mitten zwischen Pfeffernüssen und Honigkuchen, als der Kutscher, wie sie ihn gebeten hatte, am Eingang in die Allee seine Pferde anhielt. Sie fuhr jäh aus ihren Träumen auf, und es war ihr ganz unheimlich zumute, als sie nun am späten Abend so ganz allein im Wagen saß, nachdem sie sich eben noch von allen ihren Lieben umgeben geglaubt hatte. Als sie ausstieg und die Allee hinaufwanderte, um unbemerkt in ihre alte Heimat hineinzukommen, fühlte sie mit bitterer Wehmut den Unterschied zwischen früher und jetzt, und sie wäre am liebsten wieder umgekehrt. »Was hat es für einen Wert, daß ich hierher komme? Die alten Zeiten kehren ja doch nicht wieder!« dachte sie.
Aber nachdem sie nun soweit gekommen war, meinte sie, es wäre doch nicht recht, wenn sie sich den Hof nicht wenigstens ansähe. Und so schritt sie weiter, obgleich ihr das Herz mit jedem Schritt schwerer wurde.
Sie hatte gehört, der Hof sei sehr verfallen und verändert, und das war wohl auch so; aber jetzt am Abend konnte sie das nicht wahrnehmen. Es war ihr eher, als sei alles ganz wie früher. Dort war der Teich, der in ihren jungen Tagen voller Karauschen gewesen war, die niemand fischen durfte, weil der Vater wollte, daß die Fische hier eine vollständige Freistatt haben sollten. Dort waren die Seitenflügel mit der Gesindestube, der Vorratskammer und dem Stall, mit der Vesperglocke auf dem einen Giebel und der Wetterfahne auf dem andern. Und der Hofplatz vor dem Wohnhause war noch immer wie ein eingeschlossener Raum ohne Aussicht nach irgendeiner Seite, ganz wie zu Zeiten des Vaters, weil er es nicht übers Herz brachte, irgend einen Busch weghauen zu lassen.
Sie war im Schatten eines großen Ahorns bei der Einfahrt stehen geblieben und schaute sich nun aufmerksam um, und während sie so dastand, geschah etwas Merkwürdiges: eine Schar Tauben kam dahergeflogen und ließ sich neben ihr nieder.
Sie konnte kaum glauben, daß es wirkliche Vögel seien, denn Tauben pflegen sonst nie nach Sonnenuntergang auszufliegen. Der helle Mondschein mußte sie geweckt haben, daß sie geglaubt hatten, es sei schon Tag, und so waren sie aus dem Taubenschlag herausgeflogen; aber da waren sie wohl verwirrt geworden und hatten den Weg nicht mehr zurückgefunden, und als sie einen Menschen gewahrten, flogen sie zu ihm, ihn um seine Hilfe zu bitten.
Zu Lebzeiten ihrer Eltern waren immer eine Menge Tauben auf dem Hofe gewesen, denn die Tauben hatten auch zu den Tieren gehört, die der Vater unter seinen besonderen Schutz genommen hatte. Wenn nur jemand davon sprach, daß eine Taube geschlachtet werden sollte, so verdarb ihm das die gute Laune. Jetzt war es ihr eine wahre Herzensfreude, daß die schönen Vögel sie an der Schwelle des alten Hauses begrüßten. Wer konnte wissen, ob nicht die Tauben gerade deshalb zur Nachtzeit ausgeflogen waren, um ihr zu zeigen, daß sie nicht vergessen hätten, welch eine gute Heimat sie einst hier gehabt hatten!
Oder hatte vielleicht der Vater seine Vögel mit einem Gruße zu ihr geschickt, damit sie sich nicht gar so verlassen und einsam fühlen sollte, wenn sie nun wieder in die alte Heimat kam?
Während ihr diese Gedanken durch den Kopf flogen, regte sich eine so heiße Sehnsucht nach den alten Zeiten in ihrem Herzen, daß ihr die Tränen in die Augen traten. Es war ein gutes Leben gewesen, das sie auf dem Hofe geführt hatten. Sie hatten saure Wochen gehabt, aber auch frohe Feste; sie hatten den Tag über fleißig sein müssen, aber am Abend hatte man sich um die Lampe versammelt und Tegnér und Runeberg, Frau Lenngren und Friedericke Bremer gelesen. Sie hatten Getreide gebaut, aber auch Rosen und Jasmin gezogen; sie hatten Flachs gesponnen, aber beim Spinnen waren Volkslieder gesungen worden. Sie hatten sich mit der Grammatik und der Weltgeschichte abgequält; aber sie hatten auch Komödie gespielt und Verse gedichtet. Sie hatten am Herd gestanden und das Essen gekocht; aber sie hatten auch musizieren dürfen, hatten Klavier, Gitarre und Geige gespielt und Flöte geblasen. Sie hatten in einem Garten Kohl und Rüben, Erbsen und Bohnen gepflanzt; aber es war noch ein zweiter Garten da, wo es Äpfel und Birnen und allerlei Beeren in Hülle und Fülle gab. Sie hatten ein ziemlich einsames Leben geführt, aber gerade deshalb hatten sie sich in eine Märchen- und Sagenwelt hineingelebt. Ihre Kleider waren aus eigengewobenen Stoffen verfertigt gewesen; aber sie hatten auch unabhängig und sorgenfrei leben können.
»Nirgends auf der weiten Welt verstehen es die Menschen so gut, sich das Leben schön einzurichten, als sie das zu meiner Zeit auf einem solchen kleinen Herrenhofe verstanden haben,« dachte die Dichterin. »Da hatte die Arbeit ihre Zeit und das Vergnügen seine Zeit, aber die Freude herrschte jeden Tag. Wie gern möchte ich hierher zurückkehren!« dachte sie weiter. »Seit ich den Hof wiedergesehen habe, fällt mir das Fortgehen fast zu schwer.«
Und dann wendete sie sich an die Taubenschar und sagte zu ihr, während sie doch zugleich über sich selbst lächelte: »Fliegt zurück zu meinem Vater und sagt ihm, daß ich Heimweh habe. Nun bin ich lange genug an fremden Orten gewesen; fragt ihn, ob er es nicht einrichten könne, daß ich bald wieder in die Heimat meiner Kindheit zurückkehren dürfe?«
Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, als die ganze Taubenschar auch schon auf und davon flog; sie versuchte, den Vögeln mit den Augen zu folgen, aber sie verschwanden rasch; es war, als habe die ganze weiße Schar sich in der mondhellen Luft aufgelöst.
Aber kaum waren die Tauben verschwunden, als aus dem Garten laute Schreie an ihr Ohr drangen, und als sie rasch dahineilte, woher die Rufe kamen, bot sich ihr ein merkwürdiger Anblick dar. Ein winzig kleiner Knirps, kaum eine Spanne lang, wehrte sich verzweiflungsvoll gegen eine Nachteule.
Zuerst war die Schriftstellerin so überrascht, daß sie sich nicht rühren konnte. Aber als der Kleine immer jämmerlicher schrie, legte sie sich rasch dazwischen und trennte die beiden Kämpfenden. Die Eule schwang sich auf einen Baum, aber das Männlein blieb auf dem Gartenweg stehen, ohne sich zu verstecken oder davonzulaufen.
»Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe,« sagte es, »aber Sie hätten die Eule nicht fortfliegen lassen sollen. Nun kann ich nicht von hier weggehen, denn sie sitzt dort auf dem Baum und lauert mir auf.«
»Ja, es war recht gedankenlos von mir, daß ich sie entwischen ließ. Aber kann ich dich nicht dahin begleiten, wo du zu Hause bist?« fragte sie, die so gerne Märchen ersann; und sie war nicht wenig erstaunt, daß sie hier so ganz unvermutet mit einem Wichtelmännchen zusammengetroffen war. Aber eigentlich war sie nicht einmal so sehr erstaunt; es war, als habe sie, während sie da im Mondschein vor ihrer alten Heimat gestanden hatte, immerfort darauf gewartet, daß sich etwas Wunderbares zutrage.
»Ich hatte mir eigentlich vorgenommen gehabt, hier auf dem Hofe zu übernachten,« sagte der Knirps. »Wenn Sie mir einen sicheren Platz zum Schlafen anweisen könnten, würde ich erst morgen früh in den Wald zurückkehren.«
»Soll ich dir ein Nachtlager anweisen? Wohnst du denn nicht hier?«
»Ach, ich verstehe, Sie halten mich für ein Wichtelmännchen,« sagte der Knirps jetzt. »Aber ich bin ein Mensch, gerade wie Sie, und bin nur in ein Wichtelmännchen verwandelt worden.«
»Das ist das Wunderbarste, was ich je gehört habe! Kannst du mir nicht erzählen, wie sich das zugetragen hat?«
Der Junge hatte nichts dagegen, seine Abenteuer zu erzählen, und je weiter er in seinem Bericht kam, desto erstaunter und verwunderter, aber auch desto vergnügter wurde die Zuhörerin.
»Ach, welch ein Glück, daß ich jemand treffe, der durch ganz Schweden auf einem Gänserücken gereist ist!« dachte sie. »Alles, was er mir da erzählt, kann ich ja in mein Buch schreiben! Jetzt brauche ich mir deswegen keine Sorgen mehr zu machen. Wie gut ist es, daß ich nach Hause gereist bin! Wie merkwürdig, daß die Hilfe gekommen ist, sobald ich den alten Hof betreten habe!«
In demselben Augenblick zuckte ein Gedanke, den sie kaum auszudenken wagte, durch ihr Gehirn. Sie hatte ihrem Vater durch die Tauben Botschaft geschickt, daß sie sich nach Hause sehne, und sogleich war ihr bei der Aufgabe, über die sie schon so lange nachgegrübelt hatte, Hilfe zuteil geworden! Konnte das die Antwort ihres Vaters auf ihre Bitte sein?
50. Das Gold auf der Schäre
Auf dem Wege zum Meere
Freitag, 7. Oktober
Seit die Wildgänse ihre Herbstreise angetreten hatten, waren sie immer geradeswegs südwärts geflogen; aber als sie das Fryksdal verließen, änderten sie die Richtung und flogen nun über das westliche Wärmland und Dalsland nach Bohuslän. Die jungen Gänse hatten nun so viel Übung im Fliegen bekommen, daß sie nicht mehr über Müdigkeit klagten, und Nils Holgersson gewann allmählich das Gleichgewicht wieder. Noch immer war er hochbeglückt über das Erlebnis auf dem Hofe. Nun hatte er sich einmal mit einem Menschen aussprechen können; und die fremde Dame hatte ihn aufgemuntert und gesagt, er solle nur wie bisher gegen alle, mit denen er zusammentreffe, gut und hilfreich sein, dann werde es ihm gewiß nicht schlecht gehen. Wie er seine rechte Gestalt wieder bekommen würde, das konnte sie ihm freilich nicht sagen; aber sie hatte ihm etwas von seinem alten Mut und Vertrauen wiedergegeben, und das war sicherlich schuld daran, daß er jetzt herausgebracht hatte, wie er den großen Weißen von der Rückkehr in die Heimat abbringen könnte.
»Weißt du, Gänserich Martin,« sagte er, während sie hoch droben dahinflogen, »es wird gewiß recht einförmig für uns, wenn wir den ganzen Winter daheimbleiben, jetzt wo wir so eine große Reise mitgemacht haben. Ich überlege mir deshalb eben, ob wir nicht mit den Wildgänsen ins Ausland reisen sollten.«
»Das kann dir doch nicht Ernst sein!« sagte der Gänserich entsetzt; denn jetzt, nachdem er den Beweis geliefert hatte, daß er mit den Wildgänsen bis nach Lappland hinauf reisen konnte, war er vollständig zufrieden, wieder in Holger Nilssons Gänsestall zurückzukehren.
Der Junge schwieg eine Weile und schaute auf das Wärmland hinunter, wo alle Birkenwälder und Haine und Gärten in herbstlich bunten Farben prangten, und wo die langen Seen dunkelblau glänzend zwischen ihren Ufern lagen.
»Ich glaube, ich habe die Erde noch nie so schön unter uns daliegen sehen wie heute,« sagte er. »Die Seen sehen aus wie blaue Seide und die Ufer wie breite goldene Bänder. Meinst du nicht auch, es wäre schade, wenn wir uns jetzt in Westvemmenhög festsetzten und nicht noch mehr von der Welt zu sehen bekämen?«
»Ich glaubte, du wolltest zu deinem Vater und deiner Mutter zurückkehren, um ihnen zu zeigen, was für ein guter Junge du geworden bist?« entgegnete der Gänserich.
Den ganzen Sommer hindurch hatte der große Weiße von nichts anderm geträumt, als von dem stolzen Augenblick, wo er sich plötzlich auf dem freien Platze vor Holger Nilssons Haus niederlassen und den Gänsen und den Hühnern und den Kühen und der Katze und auch Mutter Nilsson seine Daunenfein und die sechs Jungen zeigen würde! Deshalb war er über den Vorschlag des Jungen gar nicht besonders erfreut.
An diesem Tage hielten die Wildgänse mehrere Male lange Rast, denn überall fanden sie die herrlichsten Stoppelfelder; sie konnten sich kaum entschließen, sie zu verlassen, und so erreichten sie Dalsland erst gegen Sonnenuntergang. Sie flogen über den nordwestlichen Teil dieser Landschaft hin, und da war es noch schöner als in Wärmland. Dieser Landstrich ist so voller Seen, daß sich das Land wie kleine spitzige Hügelketten hinzieht. Zum Getreidebau war dieser Boden nicht günstig; um so besser aber gediehen die Bäume, und die steilen Uferhänge der Seen sahen aus wie wunderschöne Gärten. Es mußte etwas in der Luft oder im Wasser sein, das den Sonnenschein noch zurückhielt, wenn die Sonne schon längst hinter die Hügel hinabgesunken war; goldene Lichter spielten auf den dunkeln, glänzenden Wasserspiegeln, und über der Erde zitterte ein heller, blaßroter Schein, aus dem die lichtgelben Birken, die hellroten Eschen und die gelbroten Vogelbeerbäume herausragten.
»Meinst du denn nicht auch, lieber Gänserich Martin, es wäre sehr langweilig, wenn wir nie wieder so etwas Schönes zu sehen bekämen?« fragte der Junge.
»Ich sehe lieber die fruchtbaren flachen Äcker in Schonen als diese magern Waldhügel hier. Aber du weißt ja, daß ich mich nicht von dir trennen werde, wenn du die Reise durchaus fortsetzen willst,« antwortete der Gänserich.
»Diese Antwort habe ich von dir erwartet,« erwiderte der Junge. Es war ihm ein schwerer Stein vom Herzen gefallen, und das konnte man seiner Stimme deutlich anhören.
Als sie hierauf über Bohuslän hinflogen, wurden die Hochebenen zusammenhängender; die Täler lagen tief drunten wie schmale aus dem Gebirge herausgesprengte Schluchten, und die langen Seen darinnen waren so schwarz, wie wenn sie aus der Tiefe der Erde aufgestiegen wären. Ja, es war wirklich eine wunderschöne Landschaft; und so, wie der Junge sie jetzt unter sich sah, bald von einem Sonnenstrahl erhellt, bald im dunkeln Schatten liegend, hatte sie einen ganz eigenartigen Reiz. Der Junge wußte nicht, woher es kam, aber er dachte unwillkürlich, in den alten Zeiten müßten hier gewiß tapfere Recken gewohnt haben, die in diesen geheimnisvollen Gegenden gefährliche und kühne Abenteuer bestanden hätten. Und der alte Hang nach merkwürdigen Erlebnissen regte sich jetzt im Herzen des kleinen Nils Holgersson.
»Es wäre wohl möglich, daß mir etwas fehlen würde, wenn ich künftig nicht alle zwei Tage in Lebensgefahr geriete,« dachte er. »Darum ist es gewiß am besten, ich bin damit zufrieden, wie es nun einmal ist.«
Davon sagte er aber nichts zu dem großen Weißen; denn die Wildgänse flogen mit größter Geschwindigkeit über Bohuslän hin; der Gänserich keuchte heftig und hätte kein Wort erwidern können. Die Sonne stand jetzt tief am Himmel; ab und zu verschwand sie hinter einem Berggipfel; aber die Wildgänse flogen so rasch, daß der große Feuerball immer wieder vor ihnen auftauchte.
Endlich sahen sie im Westen einen hellen Streifen, der sich mit jedem Flügelschlag breiter vor ihnen ausdehnte. Das war das Meer; zwischen milchweiß, rosenrot und himmelblau immer wechselnd lag es da draußen, und als die Gänse an den Strandklippen vorüberflogen, sahen sie abermals die Sonne, die jetzt groß und rotglühend am Himmelsrand stand, eben im Begriff, ins Meer zu versinken.
Als aber der Junge das freie, unendliche Meer vor sich sah und die rote Abendsonne, die mit einem gar so milden Glanz leuchtete, daß er ihr gerade ins Gesicht sehen konnte, zogen Freude und Vertrauen in seine Seele ein.
»Es hat keinen Sinn, wenn du auch noch so betrübt bist, Nils Holgersson,« sagte die Sonne. »Die Welt ist ein herrlicher Aufenthalt, sowohl für Kleine wie für Große, und es ist auch gut, wenn man frank und frei ist und das ganze Weltall hat, in dem man sich herumtummeln kann.«
Das Geschenk der Wildgänse
Die Wildgänse hatten sich auf einer kleinen Schäreninsel vor Fjällbacka zum Schlafen niedergelassen. Aber als es nahe an Mitternacht war und der Mond hoch am Himmel stand, rieb sich Akka den Schlaf aus den Augen und weckte Yksi und Kaksi, Kolme und Neljä, Viisi und Kuusi. Schließlich stieß sie auch den Däumling mit dem Schnabel an, daß er erwachte.
»Was gibts, Mutter Akka?« fragte er, erschrocken auffahrend.
»Nichts Gefährliches,« antwortete die Anführerin. »Nichts weiter, als daß wir sieben Alten von der Schar ein Stück weit aufs Meer hinausfliegen wollen und wissen möchten, ob du Lust hättest, mitzukommen?«
Der Junge erriet sogleich, daß Akka keinen solchen Vorschlag machen würde, wenn es sich nicht um etwas Besondres gehandelt hätte; er setzte sich ihr also sofort auf den Rücken, und Akka flog in gerader westlicher Richtung davon. Zuerst ging es über eine Reihe großer und kleiner, nahe an der Küste liegender Inseln hin, dann über eine breite Strecke offnes Wasser, und schließlich erreichten sie die große Väderöer Inselgruppe, die ganz draußen dicht am offnen Meere liegt. Es waren lauter niedrige, felsige Inseln, und im Mondschein konnte man deutlich sehen, daß sie an ihrer Westseite von den Wogen ganz glatt geschliffen waren. Einige davon waren ziemlich groß, und auf diesen unterschied der Junge einige Häuser. Akka suchte eine der kleinsten von diesen Schäreninseln auf und ließ sich darauf nieder. Die Schäre bestand nur aus einer unebenen Felsplatte mit einem breiten Spalt in der Mitte, in den das Meer feinen weißen Sand und Muscheln hineingeschwemmt hatte.
Als der Junge von Akkas Rücken herabsprang, sah er dicht neben sich etwas, was einem hohen, spitzigen Stein glich. Aber schon im nächsten Augenblick bemerkte er, daß es ein großer Raubvogel war, der sich diese Schäre zum Nachtquartier ausgewählt hatte. Der Junge hatte indes kaum Zeit, sich über die Wildgänse zu verwundern, die sich so unvorsichtig neben einem gefährlichen Feinde niedergelassen hatten, als sich der Vogel auch schon mit einem langen Sprung zu ihnen herschwang und Nils Holgersson den Adler Gorgo erkannte.
Nun verstand der Junge: Akka und Gorgo hatten sich hier zusammenbestellt!
»Das hast du gut gemacht, Gorgo,« sagte Akka. »Ich hatte eigentlich gedacht, du würdest den Ort unsrer Zusammenkunft nicht vor uns erreichen können. Hast du schon lange gewartet?«
»Ich bin am Abend angekommen,« antwortete Gorgo. »Ja, die Zeit habe ich gut getroffen,« fuhr er fort, »aber ich fürchte, das wird leider auch das einzige sein, worüber du mich loben kannst; mit der Sache, die du mir aufgetragen hast, steht es nicht gut.«
»Du hast gewiß mehr erreicht, als du dir merken lassen willst,« sagte Akka. »Doch ehe du erzählst, wie deine Reise abgelaufen ist, möchte ich den Däumling bitten, mir beim Suchen von etwas, was hier auf der Insel versteckt ist, zu helfen.«
Der Junge hatte eben aufmerksam ein paar große schöne Schneckenhäuser betrachtet, als aber Akka seinen Namen nannte, schaute er auf. »Du hast dich wohl verwundert, Däumling, warum wir nicht den geraden Weg eingehalten haben, sondern hier aufs Kattegat hinausgeflogen sind?« fuhr Akka fort.
»Es ist mir allerdings ein wenig sonderbar vorgekommen,« antwortete der Junge; »aber ich weiß ja, daß Ihr für alles, was Ihr tut, stets einen guten Grund habt.«
»Du hast einen guten Glauben an mich,« sagte Akka. »Aber ich fürchte beinahe, diesmal wird er dir erschüttert werden, denn sehr wahrscheinlich wird diese Reise ohne Erfolg bleiben.«
»Vor vielen Jahren,« fuhr Akka fort, »sind wir, ich und noch einige, die jetzt die Alten in unsrer Schar sind, auf einer Frühjahrsreise von einem Sturm überfallen und auf diese Insel verschlagen worden. Als wir sahen, daß wir nur das unendliche offene Meer vor uns hatten, bekamen wir Angst, wir könnten so weit hinausgetrieben werden, daß wir das Land nie wieder erreichen würden, und wir ließen uns deshalb auf die Wogen hinunter. Der Sturm zwang uns, hier zwischen diesen kahlen Klippen mehrere Tage auszuharren. Wir litten großen Hunger, und eines Tages gingen wir hier in diese Rinne hinein, in der Hoffnung, da Futter zu finden. Wir fanden indes nicht ein einziges Grashälmchen, dafür aber einige Säcke, die fest zugebunden, halb verschüttet im Sande lagen. Da wir hofften, es sei Korn in den Säcken, rissen und zerrten wir solange daran, bis der Stoff zerriß; aber keine Körner kamen heraus, sondern lauter glänzende Goldstücke. Dafür hatten wir Wildgänse jedoch keine Verwendung, und wir ließen sie deshalb, wo sie waren. In allen diesen Jahren haben wir gar nicht mehr an unsern Fund gedacht; da hat sich im letzten Herbst etwas ereignet, was es uns wünschenswert macht, Gold zu besitzen. Es ist freilich sehr unwahrscheinlich, daß der Schatz noch da ist, aber wir sind trotzdem herbeigeflogen, um dich zu bitten, jetzt nachzusehen, wie sich die Sache verhält.«
Der Junge sprang in die Felsenspalte hinein, nahm in jede Hand eine Muschel und schaufelte damit eifrig den Sand weg. Säcke fand er keine, aber nachdem er ein ziemlich tiefes Loch gegraben hatte, hörte er ein Klirren wie von Metall, und er merkte, daß er auf eine Münze gestoßen war. Er tastete mit den Händen umher, fühlte, daß viele runde Münzen im Sande lagen, und eilte rasch zu Akka zurück.
»Die Säcke sind verfault und zerfallen,« sagte er, »aber das Geld liegt noch im Sand verstreut, und ich glaube, es ist noch alles da.«
»Das ist gut,« sagte Akka. »Fülle das Loch wieder zu und mache die Oberfläche wie vorher, damit niemand sehen kann, daß daran gerührt worden ist.«
Der Junge tat, wie Akka ihn geheißen hatte; aber als er darauf wieder aus der Felsenspalte heraustrat, blieb er überrascht stehen, denn Akka hatte sich an die Spitze der sechs andern Wildgänse gestellt, und der ganze Zug kam nun höchst feierlich auf ihn zugeschritten. Vor dem Jungen angekommen, hielten sie an, verneigten sich vielmals mit dem Halse und sahen so vornehm drein, daß der Junge unwillkürlich die Mütze abnahm und sich auch verbeugte.
»Wir haben dir etwas zu sagen,« begann Akka. »Wir, die Alten in der Schar, haben zueinander gesagt, wenn du, Däumling, bei Menschen im Dienst gestanden und ihnen so viele und große Hilfe geleistet hättest, wie du uns geleistet hast, dann würden sie sich ganz gewiß nicht von dir trennen, ohne dich reichlich dafür zu belohnen.«
»Ach Mutter Akka, nicht ich habe euch geholfen,« sagte der Junge, »ihr seid es gewesen, die sich meiner angenommen haben.«
»Und wir meinen auch,« fuhr Akka fort, »wenn uns nun ein Mensch auf der ganzen Reise begleitet hat, sollte er nicht ebenso arm von uns gehen, wie er gekommen ist.«
»O, ich weiß recht wohl, was ich in diesem einen Jahr alles gelernt habe! Das ist mehr wert als Geld und Gut,« sagte der Junge.
»Da nun diese Goldstücke nach so vielen Jahren noch immer in der Felsenspalte liegen, haben sie sicherlich keinen Eigentümer mehr,« fuhr die Anführergans fort, »und ich meine, du solltest sie nun an dich nehmen, Däumling.«
»Habt ihr denn nicht den Schatz für euch selbst haben wollen, Mutter Akka?« fragte der Junge.
»Doch, wir wollen dich damit belohnen, damit dein Vater und deine Mutter sehen können, daß du bei ordentlichen Leuten Gänsejunge gewesen bist.«
Der Junge wendete sich halb um; er warf einen Blick übers Meer hin, und dann sah er Akka in die glänzenden Augen.
»Ich verwundere mich doch sehr über euch, Mutter Akka,« sagte er. »Ihr wollt mich verabschieden und gebt mir meinen Lohn, bevor ich euch gekündigt habe.«
»Solange wir Wildgänse noch in Schweden sind, wirst du ja wohl bei uns bleiben,« sagte Akka. »Aber ich wollte dir zeigen, wo der Schatz liegt, da wir es jetzt ohne einen allzu großen Umweg einrichten konnten.«
»Trotzdem ist es so, wie ich sage,« entgegnete der Junge. »Ihr wollt mich los sein, bevor ich selbst von euch fort will. Nach einer so langen Zeit, die wir in guter Freundschaft miteinander verbracht haben, wäre es doch wohl nicht zuviel verlangt, wenn ihr mich auch noch ins Ausland mitnehmen würdet.«
Als der Junge dies sagte, streckten Akka und die andern Wildgänse die Hälse gerade in die Höhe und saugten mit halbgeöffnetem Schnabel schweigend die Luft ein.
»Das ist etwas, woran ich noch gar nicht gedacht habe,« sagte Akka, nachdem sie sich wieder gefaßt hatte. »Aber bevor du irgend einen Entschluß faßt, wollen wir hören, was Gorgo zu berichten hat. Ich muß dir nämlich noch etwas sagen. Ehe wir Lappland verließen, sind Gorgo und ich übereingekommen, daß er nach Schonen in deine Heimat fliegen und versuchen solle, bessere Bedingungen für dich auszuwirken.«
»Ja, so ist es,« fiel Gorgo ein. »Aber wie ich dir schon gesagt habe, habe ich kein Glück dabei gehabt. Holger Nilssons Haus fand ich ganz leicht, und nachdem ich einige Male darüber hingeschwebt war, gewahrte ich auch das Wichtelmännchen, das eben zwischen den Gebäuden umherschlich. Ich flog sogleich hinunter, packte es und flog mit ihm auf ein Feld hinaus, damit wir in aller Ruhe miteinander verhandeln könnten. Nun sagte ich ihm, ich käme im Auftrag von Akka von Kebnekajse, um zu fragen, ob es für Nils Holgersson nicht leichtere Bedingungen stellen würde.
>Ich wünschte, ich könnte es,< erwiderte das Wichtelmännchen, >denn ich habe gehört, der Junge habe sich auf der Reise recht gut gemacht; aber es steht nicht in meiner Macht.<
Da wurde ich zornig, und ich sagte, wenn es nicht nachgäbe, würde ich mich gar nicht scheuen, ihm die Augen auszuhacken.
>Mache mit mir, was du willst,< erwiderte es, >aber mit Nils Holgersson bleibt es, wie ich gesagt habe. Du kannst ihn aber von mir grüßen und ihm sagen, er täte am besten, recht bald mit seinem Gänserich heimzukommen, denn es stehe schlecht daheim. Holger Nilsson ist leider für einen Bruder, dem er volles Vertrauen schenkte, eine Bürgschaft eingegangen, die er jetzt hat bezahlen müssen. Mit geborgtem Geld hat er sich ein Pferd gekauft; aber das Pferd lahmte vom ersten Male an, wo Holger Nilsson mit ihm fuhr, und seitdem ist es nicht zu gebrauchen. Ja, erzähle nur Nils Holgersson,< hat das Wichtelmännchen noch eindringlich hinzugefügt, >seine Eltern hätten schon zwei Kühe verkaufen müssen, und sie seien gezwungen, von Haus und Hof zu gehen, wenn ihnen nicht von irgend einer Seite Hilfe zuteil würde.<«
Als der Junge dies hörte, runzelte er die Stirne und ballte die Fäuste, daß die Knöchel weiß hervortraten.
»Das ist sehr grausam von dem Wichtelmännchen!« rief er. »Unter der Bedingung, die es gestellt hat, kann ich nicht zu meinen Eltern zurückkehren, um ihnen zu helfen. Aber es soll ihm nicht gelingen, einen treulosen Freund aus mir zu machen. Mein Vater und meine Mutter sind ehrbare Leute, und ich weiß, sie wollen lieber meine Hilfe entbehren, als daß ich mit einem bösen Gewissen zu ihnen zurückkehrte.«
51. Silber im Meer
Samstag, 8. Oktober
Wie wir alle wissen, ist das Meer wild und anmaßend, und der seinen Angriffen am meisten ausgesetzte Teil Schwedens ist deshalb schon vor langer, langer Zeit durch eine lange und breite steinerne Mauer geschützt worden, die Bohuslän heißt. Die Mauer ist ungefähr so breit, daß sie das ganze Land zwischen Dalsland und dem Meere ausfüllt, aber sie ist nicht besonders hoch, wie das bei den Uferdämmen und Wellenbrechern meistens zu sein pflegt; sie ist aus gewaltigen Felsblöcken errichtet, und an manchen Stellen sind ganze Bergrücken eingefügt worden. Das Bauen mit kleinen Steinen hätte auch gar keinen Wert gehabt, wo es sich darum handelte, einen Schutzwall gegen das Meer aufzurichten, der sich vom Iddefjord bis zum Götaälf erstrecken sollte.
Solche großen Bauwerke werden ja in unsern Tagen nicht mehr hergestellt; diese Mauer ist auch ungeheuer alt, und es kann nicht geleugnet werden, daß der Zahn der Zeit tüchtig an ihr genagt hat. Die großen Felsblöcke liegen nicht mehr so dicht beieinander, wie dies im Anfang wohl der Fall gewesen war. Dazwischen haben sich tiefe und breite Spalten gebildet, in denen Häuser und Felder Platz gefunden haben. Die Felsblöcke liegen aber doch nicht gar zu weit voneinander; man kann noch gut sehen, daß sie einst zu der obengenannten Mauer gehört haben.
Auf ihrer Landseite ist die große Mauer noch am besten erhalten. Da führt sie lange Strecken weit ununterbrochen und unzerstört hin. Aber in ihrer Mitte sind lange tiefe Risse mit Seen auf dem Grunde, und gegen die Küste zu ist sie ganz verfallen, da liegt jeder einzelne Felsblock wie ein Hügel für sich da.
Erst wenn man die große Mauer unten von der Küste aus sieht, versteht man, daß sie nicht nur zu ihrem Vergnügen gerade an dieser Stelle steht. Wie stark sie auch im Anfang gewesen sein mochte, an sechs bis sieben Stellen ist das Meer durchgebrochen und hat Fjorde gebildet, die mehrere Meilen lang sind. Der äußerste Teil steht überdies ganz unter Wasser, und man sieht nur die Gipfel der Felsblöcke über dem Meere aufragen. So haben sich allmählich viele große und kleine Inseln, die Schären, gebildet, und diese müssen den schlimmsten Angriffen des Sturmes und des Meeres standhalten.
Nun könnte man vielleicht glauben, eine Landschaft, die eigentlich nur aus einer steinernen Mauer bestehe, müsse ganz und gar unfruchtbar sein, und die Menschen dort könnten sich gar nicht fortbringen; aber damit ist es trotzdem nicht so ganz schlecht bestellt; wenn auch die Hügel und Hochebenen in Bohuslän nackt und kahl sind, so hat sich dafür in allen den Schluchten fruchtbares Erdreich angesammelt, das sich, wenn auch die Felder selbst nicht gerade sehr groß sind, doch vortrefflich zum Ackerbau eignet. In der Regel ist der Winter an der Küste auch nicht so kalt wie weiter drinnen im Lande, und an den vor dem Wind geschützten Stellen gedeihen gegen Kälte empfindliche Bäume und Pflanzen, die sich sonst kaum weiter droben als in Schonen finden.
Und ebensowenig darf man vergessen, daß Bohuslän an der Grenze der großen Flur liegt, die allen Menschen auf der Welt gemeinsam gehört. Die Leute von Bohuslän können Wege benützen, die sie nicht erst zu bauen, noch im Stand zu halten brauchen. Sie können Herden einfangen, die sie nicht zu bewachen noch auf die Weide zu führen haben, und ihre Beförderungsmittel werden von Zugtieren gezogen, denen sie weder Futter noch Obdach gewähren müssen. Deshalb sind sie auch nicht so abhängig vom Ackerbau oder von der Viehzucht wie die Bewohner andrer Bezirke, und sie fürchten sich nicht, ihr Heim auf sturmgepeitschten Schären aufzuschlagen, wo kein Grashälmchen wächst, oder auf den schmalen Streifen Uferland am Fuße der Berge, wo kaum Platz zu einem kleinen Kartoffelfeld ist; denn sie wissen, daß das große reiche Meer ihnen alles geben kann, was sie bedürfen.
Aber wenn es wahr ist, daß das Meer unendlichen Reichtum birgt, so ist es nicht weniger wahr, daß der eine schwierige Aufgabe hat, der sich mit ihm abgeben muß. Wer sein Auskommen vom Meere gewinnen will, muß alle Fjorde und Buchten, alle Untiefen und Strömungen kennen, kurz gesagt, er muß von jedem Stein auf dem Meeresgrunde Bescheid wissen. Durch Sturm und Nebel hindurch muß er sein Boot führen und in der schwärzesten Nacht seinen Weg finden können. Er muß es verstehen, die Zeichen in der Luft zu deuten, die böses Wetter verkünden, und er darf sich aus Kälte und Nässe nichts machen. Er muß wissen, wo der Zug der Fische geht und wo die Hummern kriechen, er muß schwere Netze hereinziehen und auch die Netze bei unruhiger See auswerfen können. Zuerst und vor allem aber muß er ein mutiges Herz in der Brust tragen, das nichts danach fragt, ob im Kampf gegen das Meer jeden Tag das Leben aufs Spiel gesetzt wird.
An dem Morgen, wo die Wildgänse über Bohuslän hinflogen, war es still und friedlich zwischen den Schären. Sie sahen mehrere kleine Fischerdörfer; aber es war kein Leben auf den schmalen Gassen, niemand ging in den hübsch angestrichenen Häuschen aus und ein. Die braunen Fischnetze hingen in guter Ordnung auf dem Trockenplatze, die schweren grünen oder blauen Fischerboote lagen mit angeschlagenen Segeln auf dem Strand. Keine Frauen arbeiteten an den langen Tischen, wo man sonst Dorsche und Heilbutten zu reinigen pflegte.
Die Wildgänse flogen auch über mehrere Lotsenstationen hin. Die Lotsenhäuser waren schwarz und weiß angestrichen, die Signalstange ragte daneben empor, und der Lotsenkutter lag vertäut an der Brücke. Dort war ringsumher alles still, nirgends war ein Dampfer in Sicht, der in dem engen Fahrwasser Hilfe gebraucht hätte.
Die kleinen Küstenorte, über die die Wildgänse hinflogen, hatten ihre großen Badehäuser geschlossen, ihre Flaggen eingezogen und die schönen Sommerhäuser verriegelt. Niemand war zu sehen, als einige alte Schiffskapitäne, die auf den Brücken hin und her spazierten und sehnsüchtig aufs Meer hinausschauten.
Auf der östlichen Seite der Inseln, sowie drinnen in den Buchten am Ufer sahen die Wildgänse einige Bauernhöfe, und auch dort lagen die Verkehrsboote ganz ruhig an den Landungsbrücken. Der Bauer und seine Knechte hackten Kartoffeln aus oder sahen nach, ob die Bohnen, die an großen Holzgestellen hingen, noch nicht dürr genug seien.
In den großen Steinbrüchen und auf den Schiffswerften waren viele Arbeiter tätig. Sie schwangen ihre Schmiedehämmer und Äxte recht fleißig, aber immer und immer wieder wendeten sie den Kopf dem Meere zu, wie wenn sie auf irgendeine Unterbrechung hofften.
Und die Schärenvögel verhielten sich ebenso ruhig wie die Menschen. Einige Scharben, die auf einer steilen Felsenwand geschlafen hatten, verließen eine nach der andern die schmalen Felsenvorsprünge und begaben sich mit langsamem Flug zu ihren Fischplätzen hin. Die Möwen waren vom Meere hereingezogen und spazierten wie richtige Krähen auf dem Ufer umher.
Aber mit einem Schlage veränderte sich alles. Eine Schar Möwen flog plötzlich von einem Acker auf und sauste mit solcher Hast südwärts, daß die Wildgänse sie kaum fragen konnten, wohin sie wollten, und die Möwen sich nicht Zeit nahmen, ihnen eine Antwort zu geben. Nun flogen die Scharben vom Wasser auf und folgten den Möwen mit schwerfälligen Flügelschlägen. Die Delphine schossen plötzlich wie schwarze Spindeln eiligst durchs Wasser, und eine Schar Seehunde stürzte sich von einer flachen Schäre in die Wellen und schwamm südwärts.
»Was ist denn los? Was ist denn los?« fragten die Wildgänse; und schließlich bekamen sie Antwort von einer Eisente.
»Die Heringe sind in Marstrand eingetroffen! Die Heringe sind in Marstrand eingetroffen!« rief sie.
Aber nicht allein die Vögel und Seetiere waren in Bewegung gekommen, die Menschen hatten offenbar auch Nachricht von dem Eintreffen der ersten großen Heringzüge zwischen den Schären erhalten. Auf den glatten Steinen der Fischerdörfer liefen die Leute rasch hin und her. Die Fischerboote wurden zur Abfahrt bereit gemacht und die langen Heringnetze vorsichtig hineingeschafft. Die Frauen verstauten Proviant und die Ölkleider in die Boote, und die Männer kamen so eilig aus ihren Häusern heraus, daß sie, schon auf der Straße angekommen, erst in den Rock hineinfuhren.
Schon nach ganz kurzer Zeit waren alle Sunde zwischen den Schären voll brauner und grauer Segel, und zwischen den Booten wurden lustige Zurufe und Fragen gewechselt. Junge Mädchen waren auf die Klippen hinter den Häusern hinaufgeklettert und winkten den Abziehenden nach. Die Lotsen hielten scharf Ausguck und waren ganz sicher, daß bald nach ihnen geschickt werde; sie hatten deshalb schon ihre Wasserstiefel angezogen und den Kutter klar gemacht. Aus den Fjorden heraus fuhren kleine mit Tonnen und Kisten beladene Dampfschiffe. Die Bauern hatten eilig die Kartoffelhacke weggeworfen, die Schiffsbauer die Werften verlassen, und die alten Schiffskapitäne mit den wetterharten Gesichtern konnten natürlich nicht zurückbleiben, sondern fuhren mit den Dampfschiffen südwärts, um den Heringfang wenigstens mitanzusehen.
Schon nach kurzer Zeit erreichten die Wildgänse Marstrand. Die Heringzüge kamen von Westen her und zogen am Leuchtturm auf der Hafenschäre vorbei dem Lande zu. In dem breiten Fjord zwischen der Marstrandinsel und der Paternosterschäre fuhren die Fischerboote immer zu drei und drei nebeneinander her. Da, wo die See dunkler aussah und in kleinen kurzen Wellen aufschäumte, waren die Heringe. Die Fischer wußten dies wohl und warfen an diesen Stellen vorsichtig die langen Netze ins Wasser, faßten sie ringsum zusammen und schnürten sie unten zu, so daß die Heringe nun wie in einem ungeheuren Sack drinnen lagen; dann zogen und schnürten sie sie enger und enger zusammen, so daß der Raum immer kleiner wurde und das Schleppnetz schließlich mit glitzernden Fischen gefüllt herausgezogen werden konnte. Bei einigen Schiffsgruppen war der Fischfang schon so weit gediehen, daß ihre Boote bis an den Rand mit Fischen gefüllt waren. Die Fischer standen bis an die Kniee in Heringen, und von dem Südwester an bis zum untersten Rande ihres Ölrockes glänzten sie von lauter Heringschuppen.
Dann sah man neuangekommene Schiffsgruppen, die umherfuhren und loteten und nach Heringen suchten, und wieder andre, die mit großer Mühe ihr Netz ausgeworfen, es aber leer wieder herausgezogen hatten. Wenn die Boote voll waren, fuhren einige von den Fischern nach den großen im Fjord liegenden Dampfschiffen hin und verkauften ihren Fang, andre fuhren nach Marstrand und luden da ihre Ladung am Kai aus. Dort waren die Heringweiber schon an langen Tischen in voller Arbeit; die Heringe wurden in Tonnen und Kisten verpackt, und die ganze Straße lag voller Heringschuppen.
Ja, jetzt war Leben und Bewegung da! Die Menschen waren ganz außer sich vor Freude über all dieses Silber, das sie aus den Wogen des Meeres herausschöpften, und die Wildgänse flogen viele Male über Marstrand hin und her, damit der Junge alles recht genau sehen könnte.
Aber schon nach kurzer Zeit bat er, sie möchten nur weiterfliegen. Er sagte nicht, warum er weiter wollte, aber es war vielleicht nicht so schwer zu erraten. Unter den Fischern sah er viele schöne, kräftige Leute. Mehrere von ihnen waren überaus stattliche Männer mit kühnen Gesichtern unter dem Südwester, und sie sahen gerade so keck und verwegen aus, wie jeder Junge gerne sein möchte, wenn er selbst einmal erwachsen ist. Ja, für einen, der niemals größer werden konnte als ein Hering, war es in der Tat vielleicht nicht so vergnüglich, diese prächtigen Gestalten zu betrachten!
52. Ein großer Herrenhof
Der alte und der junge Herr
Vor einer Reihe von Jahren lebte in einem Kirchspiel in Westgötland eine überaus gute, liebe kleine Volksschullehrerin. Sie gab nicht allein einen sehr guten Unterricht, sondern verstand es auch, musterhafte Ordnung in ihrer Klasse zu halten, und die Kinder liebten sie so sehr, daß sie niemals in die Schule kamen, ohne ihre Aufgaben gelernt zu haben. Die Eltern der Kinder schätzten sie auch, und es gab überhaupt nur einen einzigen Menschen, der nicht wußte, wie gut sie war, und dieser eine war sie selbst. Sie hielt alle andern für viel klüger und tüchtiger als sich selbst und grämte sich in dem Gedanken, nicht auch so sein zu können wie die andern.
Nachdem die Lehrerin einige Jahre an der Schule unterrichtet hatte, erging von der Schulbehörde die Aufforderung an sie, in dem Slöjdseminar[1] auf Nääs einen Lehrgang mitzumachen, damit sie später die Kinder lehren könne, nicht allein mit dem Kopfe, sondern auch mit den Händen zu arbeiten. Niemand kann sich vorstellen, wie überrascht die Lehrerin war, als sie diese Aufforderung erhielt. Nääs lag nicht sehr weit von ihrer Schule entfernt, sie war wiederholt an dem schönen, stattlichen Gute vorübergegangen und hatte über den Slöjdkurs, der auf dem großen, alten Herrenhof stattfand, viel Lobenswertes gehört. Aus allen Teilen des Landes wurden da Lehrer und Lehrerinnen versammelt, damit sie sich eine gewisse Kunstfertigkeit der Hände aneigneten, selbst vom Ausland kamen die Leute zu diesem Zweck herbeigereist; aber wie schön diese Aussicht nun auch für die Lehrerin war, so wußte sie doch schon im voraus, wie schrecklich ängstlich es ihr unter so vielen ausgezeichneten Menschen zumute sein würde, ja es war ihr gerade, als könne sie es einfach nicht durchmachen.
[1] Eine Art Gewerbeschule, hauptsächlich für Holzverarbeitung. Anmerkung des Übersetzers
Aber der Schulbehörde eine abschlägige Antwort zu geben, das wagte sie auch nicht; so reichte sie also ihr Gesuch ein und wurde als Schülerin angenommen. An einem schönen Juniabend, am Tage, bevor der Sommerunterricht beginnen sollte, packte sie ihre Kleider und was sie sonst brauchte in eine kleine Reisetasche und wanderte nach Nääs; und wie oft sie auch unterwegs anhielt und wie sehr sie sich auch weit wegwünschte, sie kam schließlich eben doch an ihrem Ziele an.
Auf Nääs ging es lebhaft zu. Allen Teilnehmern an dem Lehrgang, die von den verschiedensten Seiten her eintrafen, mußten in den Häusern, die zu dem Gute gehörten, Zimmer angewiesen werden. Allen war es in der ungewohnten Umgebung etwas seltsam zumute; aber die kleine Lehrerin dachte wie immer, nur sie allein benehme sich ungeschickt und töricht; so hatte sie sich schließlich in eine solche Angst hineingearbeitet, daß sie weder sehen noch hören konnte. Und sie hatte auch wirklich Schweres durchzumachen: in einer schönen Villa wurde ihr ein Zimmer angewiesen, in dem sie mit noch einigen jungen Mädchen, die ihr gänzlich unbekannt waren, zusammen wohnen sollte! Und mit siebzig fremden Menschen zusammen mußte sie zu Abend essen! Auf ihrer einen Seite saß ein kleiner Herr, der im Gesicht ganz gelb war und ihr mitteilte, er sei aus Japan, und auf ihrer andern Seite befand sich ein Schullehrer aus Jockmock droben in Lappland! Und vom ersten Augenblick an ertönte lebhaftes Geplauder und Scherz und Lachen an den langen Tischen. Alle sprachen miteinander und machten gegenseitig Bekanntschaft. Sie war die einzige, die den Mund nicht aufzutun wagte.
Am nächsten Morgen fing die Arbeit an. Wie in allen Schulen, begann auch hier der Tag mit Gesang und Gebet; dann hielt der Vorstand des Seminars eine Ansprache über den Slöjd und gab einige kurze Verhaltungsmaßregeln, und dann, ohne daß sie recht wußte, wie es zugegangen war, stand sie vor einer Hobelbank, ein Stück Holz in der einen Hand und ein Messer in der andern, während ein alter Slöjdlehrer ihr zu zeigen versuchte, wie man einen Pflanzenstab machte.
Eine solche Arbeit hatte sie noch nie probiert; sie kannte die Handgriffe gar nicht und war außerdem so verwirrt, daß sie gar nichts von dem Gehörten verstand. Als der Lehrer weitergegangen war, legte sie Messer und Holz auf die Hobelbank und starrte nur immer geradeaus.
Ringsherum im Saal standen lauter Hobelbänke, und an allen sah sie Menschen, die mit frischem Mut an die Arbeit gingen. Einige von ihnen, die schon etwas bewandert in der Kunst waren, kamen herbei und wollten ihr helfen; aber sie war nicht imstande, die gegebenen Winke zu benützen, denn sie hatte das Gefühl, als ob alle miteinander aufmerksam darauf geworden seien, wie ungeschickt sie sich anlasse, und das machte sie furchtbar unglücklich; sie war wie gelähmt.
Die Frühstückszeit kam heran, und nach dem Frühstück kam neue Arbeit. Zuerst hielt der Vorstand einen Vortrag, dann folgte eine Turnstunde, und dann fing der Slöjdunterricht wieder an. Hierauf wurde Mittagspause gemacht. In dem großen, hellen Versammlungssaal wurde zu Mittag gegessen und Kaffee getrunken, und am Nachmittag ging man wieder an die Slöjdarbeit; dann kamen Singübungen an die Reihe und schließlich Spiele im Freien. Die Lehrerin war den ganzen Tag hindurch in Bewegung und immer mit den andern zusammen, fühlte sich aber immer noch ebenso unglücklich.
Wenn sie später an diese ersten auf Nääs verbrachten Tage zurückdachte, war ihr, als sei sie wie in einem Nebel herumgegangen. Alles war düster und verschleiert gewesen; sie hatte weder gesehen noch verstanden, was um sie her vorging. Dieser Zustand dauerte zwei Tage; am Abend des zweiten Tages jedoch fing es plötzlich an, hell um sie zu werden.
Nachdem das Abendessen an diesem zweiten Tag vorüber war, erzählte ein alter Volksschullehrer, der früher schon mehrere Male auf Nääs gewesen war, einigen neuen Schülern, wie das Slöjdseminar entstanden war, und da die kleine Lehrerin in der Nähe saß, hörte sie unwillkürlich auch zu.
Der Volksschullehrer erzählte, Nääs sei ein sehr altes Gut, sei aber früher nie etwas andres gewesen als ein großer, schöner Herrenhof, wie so viele andre auch, bis der alte Herr, dem er jetzt zu eigen gehöre, hierher gezogen sei. Dieser sei ein sehr reicher Mann, und die ersten Jahre seines Aufenthalts habe er nur darauf verwendet, das Schloß und den Park zu verschönern und die Häuser seiner Untergebenen zu verbessern.
Aber dann sei seine Frau gestorben, und da sie keine Kinder hätten, habe der alte Herr sich oft sehr einsam auf dem großen Gute gefühlt. Deshalb habe er einen jungen Neffen, den er sehr lieb hatte, überredet, zu ihm zu kommen und sich auf Nääs niederzulassen.
Von Anfang an war bestimmt gewesen, daß der junge Herr bei der Bewirtschaftung des Gutes Hand anlegen sollte; als er aber aus dieser Veranlassung bei den Untergebenen seines Oheims umherging und sah, welches Leben sie in ihren ärmlichen Hütten führten, kamen ihm allerlei wunderliche Gedanken. Es fiel ihm auf, daß sich in den meisten dieser Wohnungen an den langen Winterabenden weder Männer noch Kinder, ja oft nicht einmal die Frauen mit irgendeiner Handarbeit beschäftigten. In den frühern Zeiten hatten die Leute ihre Hände fleißig rühren müssen zur Herstellung ihrer Kleider und ihres Hausgeräts, aber jetzt, wo man alle diese Dinge kaufen konnte, hatte diese Art von Arbeit aufgehört. Und da glaubte der junge Herr zu sehen, daß in den Häusern, wo man dieses häusliche Gewerbe aufgegeben hatte, sich auch das häusliche Behagen und der häusliche Wohlstand verabschiedet habe.
Ein einzelnes Mal kam er doch auch in ein Haus, wo der Vater Tische und Stühle zusammenzimmerte und die Mutter webte; und soviel war sicher, diese Leute waren nicht nur wohlhabender, sondern auch glücklicher als die in den andern Häusern.
Der junge Herr sprach mit seinem Oheim, und der alte Herr sah ein, welch ein großes Glück es wäre, wenn sich die Leute in ihrer freien Zeit mit irgendeiner Handarbeit beschäftigen würden. Um aber dies zu erreichen, müßten sie ohne Zweifel von Kind auf gelehrt werden, die Hände zu gebrauchen. Die beiden Herren meinten, zur Erreichung dieses Zieles könnten sie nichts Besseres tun, als eine Slöjdschule für Kinder einzurichten. Die Kinder sollten da lernen, einfache Geräte aus Holz herzustellen, denn, meinten die beiden Herren, diese Art Arbeit werde allen am leichtesten fallen. Sie waren überzeugt, wer von den Leuten einmal gelernt hätte, das Messer ordentlich zu gebrauchen, werde dann später leicht lernen, auch den großen Schmiedehammer und den kleinen Schuhmacherhammer zu führen. Wessen Hand aber von Kindheit auf an nichts gewöhnt sei, werde vielleicht niemals darauf kommen, daß der Mensch darin ein Werkzeug besitzt, das mehr wert ist als alle andern.
Sie hatten also angefangen, Kinder im Handslöjd auf Nääs zu unterrichten, und bald sahen sie, wie nützlich und gut es für die Kleinen war, so nützlich und gut, daß sie nur wünschten, alle Kinder in ganz Schweden könnten einen ähnlichen Unterricht bekommen.
Aber wie sollte das ausführbar sein? Ringsum in ganz Schweden wuchsen ja viele hunderttausend Kinder heran; diese konnten doch nicht alle auf Nääs versammelt werden, um da Slöjdunterricht zu bekommen? Das war ganz und gar unmöglich.
Da kam der junge Herr mit einem neuen Vorschlag. Wie, wenn man, anstatt die Kinder zu unterrichten, ein Slöjdseminar für deren Lehrer einrichten würde? Wie, wenn die Lehrer und Lehrerinnen vom ganzen Lande in Nääs zusammenkämen, da Slöjd lernten und nachher mit allen den Kindern, die sie in ihren Schulen hatten, Slöjd treiben würden? Auf diese Weise gelänge es schließlich vielleicht doch, daß bei allen Kindern die Hände ebenso geübt würden wie das Gehirn.
Als dieser Gedanke in den Herzen der beiden Herren einmal Wurzel geschlagen hatte, ließ er sie nicht mehr los, und sie suchten ihn zu verwirklichen.
Die beiden Herren halfen einander treulich. Der alte Herr baute Arbeitssäle, Versammlungshäuser, den Turnsaal und sorgte für Wohnung und Unterhalt der Neuankommenden. Der junge Herr wurde der Vorsteher des Seminars; er arbeitete den Unterrichtsplan aus, überwachte die Arbeit und hielt Vorträge. Und damit noch nicht genug: er lebte auch beständig mit den Schülern zusammen, machte sich mit den Verhältnissen des einzelnen bekannt und wurde ihnen ein aufrichtiger, treuer Freund.
Und wie groß war von Anfang an die Zahl der Teilnehmer! In jedem Jahre wurden vier Kurse gehalten, und zu allen meldeten sich mehr Schüler, als aufgenommen werden konnten. Die Schule wurde auch bald im Auslande bekannt, und aus aller Herren Länder kamen Lehrer und Lehrerinnen nach Nääs, um zu lernen, wie sie es machen müßten, ihre Hände auszubilden. Kein Ort in Schweden war im Ausland so bekannt wie Nääs, und kein Schwede hat je so viele Freunde ringsum auf der ganzen Welt gehabt, wie der Vorsteher des Slöjdseminars auf Nääs.
Die kleine schüchterne Lehrerin hörte dieser Erzählung zu, und je länger sie zuhörte, desto heller wurde es um sie her. Bis jetzt hatte sie gar nicht gewußt, warum die Slöjdschule auf Nääs war, sie hatte sich nicht klar gemacht, daß sie von zwei Männern geschaffen worden war, die ihrem Lande etwas Gutes tun wollten, hatte keine Ahnung davon gehabt, daß sie ihre Arbeit ohne Lohn taten, daß sie alles opferten, was sie opfern konnten, um ihren Mitmenschen zu helfen, besser und glücklicher zu werden.
Als sie jetzt über die große Güte und Nächstenliebe nachdachte, die hinter allem diesem lag, rührte es sie fast bis zu Tränen; so etwas hatte sie noch nie erlebt.
Am nächsten Tag ging sie mit einem ganz andern Verständnis an ihre Arbeit. Wenn ihr das alles aus lauter Güte geboten wurde, mußte sie mit einem ganz andern Fleiß daran gehen als bisher. Sie vergaß nun, an sich selbst zu denken; die Arbeit und das große Ziel, das erreicht werden sollte, nahmen sie jetzt ganz in Anspruch. Und von diesem Augenblick an machte sie ihre Sache ganz ausgezeichnet; sobald ihre Schüchternheit ihr nicht hindernd in den Weg trat, war sie sehr geschickt und fingerfertig.
Jetzt, wo ihr die Schuppen von den Augen gefallen waren, erkannte sie überall das wunderbare, große Wohlwollen. Jetzt sah sie, wie liebevoll im ganzen Seminar alles für die Teilnehmer an den Kursen eingerichtet war. Diese Teilnehmer wurden bei weitem nicht nur in Handarbeit unterrichtet; der Vorstand hielt Vorträge über Erziehung, er gab Turnunterricht, er bildete einen Gesangverein, und beinahe jeden Abend vereinigte man sich zu Musik und Vorlesungen. Und außerdem standen Bücher, Boote, Badehäuser und Klaviere zur Verfügung; alle sollten es gut haben, sich wohl befinden und vergnügt sein.
Allmählich wurde der Lehrerin klar, welch ein unschätzbarer Vorteil das war, wenn jemand die schönen Sommertage auf einem solchen großen schwedischen Herrenhofe verbringen durfte. Das Schloß, in dem der alte Herr wohnte, lag auf einem fast ganz von einem See umgebnen Hügel, und eine schöne steinerne Brücke bildete die Verbindung mit dem Lande. Die Lehrerin hatte noch nie etwas so Schönes gesehen, wie die Blumenbeete auf den Terrassen vor dem Schlosse, wie die alten Eichen im Park, wie den Weg dem Seeufer entlang, wo die Bäume sich über das Wasser neigten, oder wie den Ausblick vom Aussichtspavillon auf dem Felsen über den See hin. Die Schulgebäude lagen auf dem Festland, dem Schloß gerade gegenüber auf grünen, schattigen Wiesen, aber es stand den Schülern frei, sich ganz nach Belieben im Schloßpark zu ergehen. Der Lehrerin war es, als wisse sie erst jetzt, wie schön der Sommer sei, da sie ihn an einem so wunderschönen Ort wie Nääs genießen durfte.
Doch muß man nicht meinen, es sei nun eine große Veränderung mit ihr vorgegangen; nein, mutig und selbstbewußt wurde sie nicht, aber sie fühlte sich froh und glücklich. Diese Güte hier erwärmte sie bis ins innerste Herz hinein. An einem solchen Orte, wo es alle gut mit ihr meinten und ihr nützlich zu sein suchten, konnte sie sich unmöglich ängstlich fühlen. Und als der Lehrgang zu Ende war und die Schüler Nääs verließen, war sie ganz neidisch auf alle, die dem alten und dem jungen Herrn richtig danken und das, was sie fühlten, in schönen Worten ausdrücken konnten. Ach, so weit brachte sie es gewiß in ihrem ganzen Leben nicht!
Sie kehrte nach Hause zurück, nahm ihre Arbeit in der Schule wieder auf und war ebenso befriedigt davon wie vorher. Von Nääs war sie nicht weiter entfernt, als daß sie an einem freien Nachmittag zu Fuß hin und zurück gelangen konnte, und im Anfang tat sie das auch ziemlich oft. Aber es war eben immer wieder ein andrer Jahrgang, immer andre Gesichter, ihre Schüchternheit überfiel sie aufs neue, und so wurde sie allmählich ein immer seltenerer Gast in der Slöjdschule. Aber die Zeit, wo sie selbst Schülerin auf Nääs gewesen war, stand trotzdem immer als das beste, was sie je erlebt hatte, in ihrer Erinnerung.
Im Frühling hörte sie eines Tages, daß der alte Herr auf Nääs gestorben sei. Da gedachte sie des schönen Sommers, den sie auf seinem Gute verbracht hatte, und das Herz wurde ihr schwer, weil sie sich niemals so recht bei ihm bedankt hatte. Er hatte ja sicherlich Dankesbezeugungen genug erhalten, von Hohen wie von Niederen; aber sie selbst würde sich jetzt glücklicher gefühlt haben, wenn sie ihm einmal mit ein paar Worten ausgedrückt hätte, wieviel er für sie getan habe.
Auf Nääs wurde der Unterricht ganz in derselben Weise fortgesetzt wie vor dem Tode des alten Herrn. Er hatte nämlich das ganze schöne Gut der Schule vermacht; sein Neffe aber blieb auch fernerhin der Vorsteher und verwaltete alles miteinander. So oft die Lehrerin nach Nääs kam, war irgend etwas Neues zu sehen. Jetzt handelte es sich nicht mehr allein um Slöjdkurse; der Vorsteher wollte auch die alten Gebräuche und die alten Volksvergnügungen wieder ins Leben rufen, und so richtete er auch Lehrgänge für Singspiele und viele andre Arten von Spielen ein. Aber in einer Hinsicht blieb alles beim alten; noch immer wurde den Leuten von dem Wohlwollen, das sie hier überall umgab, das Herz warm, und sie fühlten, wie sehr doch alles darauf eingerichtet war, daß sie sich nicht allein Kenntnisse erwürben, sondern auch Arbeitsfreudigkeit mitnähmen, wenn sie zu den kleinen Schulkindern ringsum im Lande zurückkehrten.
Nur wenige Jahre nach dem Tode des alten Herrn hörte die Lehrerin eines Sonntags in der Kirche, der Vorsteher auf Nääs sei gefährlich erkrankt. Sie wußte, daß er seit einiger Zeit an schweren Herzkrämpfen litt, hatte aber an keine Lebensgefahr für ihn gedacht. Jetzt aber hieß es, diesmal stehe es sehr schlecht.
Von dem Augenblick an, wo die Lehrerin dies hörte, konnte sie nichts andres mehr denken, als daß am Ende der Vorsteher jetzt auch sterben würde wie der alte Herr, ohne daß sie ihm ihren Dank ausgesprochen hätte, und sie überlegte hin und her, was sie doch tun könnte, um ihren Dank darzubringen.
Am Sonntag nachmittag ging die Lehrerin bei den Nachbarn umher und fragte, ob die Kinder sie nicht nach Nääs begleiten dürften. Sie habe gehört, der Vorsteher sei krank, und sie denke, es werde ihn freuen, wenn die Kinder hinkämen und ihm ein paar Lieder sängen. Es sei allerdings schon ziemlich spät am Tage, aber es sei ja jetzt gerade heller, klarer Mondschein, deshalb könnte man gut noch gehen. Die Lehrerin hatte das Gefühl, daß sie an diesem Abend durchaus noch nach Nääs müsse; und sie fürchtete, es könnte am nächsten Tag zu spät sein.
Die Sage von Westgötland
Sonntag, 9. Oktober
Die Wildgänse hatten Bohuslän verlassen und verbrachten die Nacht auf einem Sumpf in Westgötland. Um im Trocknen zu sein, war der kleine Nils Holgersson auf einen Grabenrain hinaufgekrochen, der quer über die sumpfige Wiese hinlief. Er suchte noch nach einem trockenen Platz, wo er sich zum Schlafen niederlegen könnte, als er eine kleine Schar Menschen des Weges daherkommen sah. Es war eine junge Lehrerin mit etwa einem Dutzend Kinder um sich her. Die Lehrerin in der Mitte, schritten sie in einem dichten Trüpplein unter fröhlichem und vertraulichem Geplauder frisch drauf los, und der Junge konnte der Lust nicht widerstehen, eine Strecke weit hinter ihnen herzulaufen, um zu hören, wovon sie miteinander sprachen.
Und diese Absicht konnte er leicht ausführen; wenn er sich im Schatten am Wegrand hielt, konnte ihn unmöglich jemand sehen. Und wo fünfzehn Menschen gingen, machte das Geräusch ihrer Fußtritte einen ordentlichen Lärm; da konnte sicher niemand den Kies unter seinen kleinen Holzschuhen knirschen hören!
Um die Kinder auf dem Wege in guter Laune zu erhalten, erzählte ihnen die Lehrerin alte Sagen. Als der Junge sich der Schar anschloß, war sie eben mit einer fertig geworden, aber die Kinder bettelten sogleich um eine neue.
»Habt ihr denn die Geschichte von dem alten Riesen in Westgötland schon gehört, der auf eine Insel weit droben im nördlichen Eismeer gezogen war?« fragte die Lehrerin. Nein, die hätten sie noch nie gehört, riefen die Kinder; und die Lehrerin begann:
»In einer dunkeln, stürmischen Nacht scheiterte einstmals ein Schiff an einer kleinen Schäre weit droben im nördlichen Eismeer. Das Schiff zerschellte an den Klippen, und von der ganzen Besatzung konnten sich nur zwei Mann ans Land retten. Tropfnaß und von Kälte erstarrt, standen sie auf der kleinen Felseninsel und waren natürlich überaus froh, als sie am Ufer ein großes Feuer lodern sahen. Ohne an eine Gefahr zu denken, eilten sie darauf zu; und erst als sie ganz nahe herangekommen waren, sahen sie, daß vor dem Feuer ein fürchterlich großer Hüne saß, ja, es war ein so großer und starker Mann, daß sie keinen Augenblick im Zweifel sein konnten, mit wem sie da zusammengetroffen waren, nämlich mit einem Mann aus dem Riesengeschlecht.
Zögernd blieben sie stehen; aber der Nordwind fuhr mit furchtbarer Eiseskälte über die Schäre hin, und sie fühlten wohl, daß sie erfrieren müßten, wenn sie sich nicht an dem Feuer des Riesen wärmen dürften. Deshalb beschlossen sie, sich zu dem Riesen hinzuwagen.
>Guten Abend, Vater,< sagte der ältere von den beiden. >Wollt Ihr zwei schiffbrüchigen Seeleuten erlauben, sich an Eurem Feuer zu wärmen?<
Der Riese fuhr jäh aus seinen Gedanken auf; er reckte sich und zog sein Schwert aus der Scheide.
>Was seid denn ihr für Gesellen?< fragte er, denn er war alt und konnte nicht mehr gut sehen, was das für Geschöpfe waren, die ihn angeredet hatten.
>Wir sind beide aus Westgötland, wenn Ihr es wissen wollt,< antwortete der ältere von den beiden Seeleuten. >Unser Schiff ist hier in der Nähe gescheitert, und wir haben uns nun halbnackt und halberfroren ans Land gerettet.<
>Ich lasse mich sonst auf meiner Schäre mit den Menschen nicht in ein Gespräch ein; wenn ihr aber aus Westgötland seid, ist es etwas andres,< sagte der Riese und steckte sein Schwert wieder in die Scheide. >Dann dürft ihr euch hier niedersetzen und euch wärmen, denn ich stamme selbst aus Westgötland und habe dort viele Jahre lang in dem großen Hügel bei Skalunda gewohnt.<
Die Seeleute setzten sich auf einen Felsblock. Sie wagten den Riesen nicht anzureden und sahen ihn deshalb nur schweigend an. Aber je länger sie ihn betrachteten, desto größer erschien er ihnen, und desto kleiner und schwächer fühlten sie sich selbst.
>Meine Augen sind nicht mehr so gut wie früher,< sagte der Riese, >und ich kann euch kaum unterscheiden; ich hätte mich sonst gefreut, zu sehen, wie ein Westgöte heutigentags aussieht. Einer von euch reiche mir indes wenigstens die Hand, damit ich fühle, ob es noch warmes Blut in Schweden gibt.<
Die Männer betrachteten zuerst die Hände des Riesen und dann ihre eignen. Keiner der beiden hatte Lust, den Händedruck des Riesen kennen zu lernen. Aber dann fiel ihr Blick auf einen eisernen Spieß, den der Riese zum Anfachen seines Feuers benützte. Er war im Feuer liegen geblieben und an dem einen Ende glühend rot. Mit vereinten Kräften hoben die beiden Männer die Stange auf und streckten sie dem Riesen hin. Er ergriff den Spieß und preßte die Hand so fest darum, daß ihm das Eisen zwischen den Fingern herausquoll.
>O ja, ich merke wohl, es gibt noch heißes Blut in Schweden,< sagte er ganz vergnügt zu den verblüfften Seeleuten.
Dann wurde es wieder still um das Feuer her; aber diese Begegnung mit Landsleuten führte die Gedanken des Riesen zurück nach Westgötland, und eine Erinnerung nach der andern tauchte vor seiner Seele auf.
>Ich möchte wohl wissen, wie es jetzt am Skalundaer Hügel aussieht?< fragte er die beiden Männer.
Keiner von ihnen wußte etwas von dem Hügel, nach dem der Riese fragte.
>Er wird wohl seither tüchtig zusammengesunken sein<, antwortete der eine zögernd. Er hatte das Gefühl, einem solchen Fragesteller dürfe man keine Antwort schuldig bleiben.
>Freilich, freilich, ich habe es mir wohl gedacht,< erwiderte der Riese mit einem zustimmenden Kopfnicken. >Man kann auch nichts andres erwarten, denn diesen Hügel haben meine Frau und meine Tochter einmal am frühen Morgen in einer Stunde in ihren Schürzen zusammengetragen.<
Wieder grübelte er nach und suchte in seinen Erinnerungen. Er hatte ja Westgötland nicht erst vor kurzem verlassen, und es dauerte eine Weile, bis er zu diesen Erinnerungen hindurchgedrungen war.
>Aber der Kinnekulle und Billinge und die andern kleinern über die große Ebene verstreuten Berge stehen doch wohl noch?< fragte er wieder.
>Jawohl, die stehen noch,< antwortete der Seemann; und um dem Riesen zu zeigen, daß er ihn für einen tüchtigen Mann halte, fuhr er fort: >Ihr habt wohl beim Errichten von diesen Bergen mitgeholfen?<
>Nein, das gerade nicht,< sagte der Riese. >Aber soviel kann ich dir sagen, meinem Vater habt ihr es zu verdanken, daß diese Berge noch dastehen. Als ich noch ein kleiner Bursche war, gab es in Westgötland keine große Ebene, sondern da, wo jetzt die Ebene sich ausbreitet, lag eine Felsengegend, die sich vom Wettersee bis zum Götaälf erstreckte. Aber dann nahmen sich ein paar Flüsse vor, sich ihr Bett durch das Gebirge hindurchzugraben und bis zum Wenersee hinunterzufließen. Das Gebirge bestand nicht aus richtigem Granit, sondern aus Kalkstein und Schiefer, deshalb konnten es die Flüsse leicht auswaschen. Ich erinnere mich noch, daß sie das Flußbett und die Täler breiter und immer breiter machten und schließlich zu wahren Ebenen ausweiteten. Mein Vater nahm mich manchmal mit, wenn er hinging und sich die Arbeit der Flüsse ansah, und der Vater war nicht so recht damit einverstanden, daß die Flüsse das ganze Gebirge zerstörten.
>Ein paar Ruheplätze könnten sie uns wenigstens noch übrig lassen,< sagte er, und zugleich zog er seine steinernen Schuhe aus und stellte den einen ganz im Westen und den andern ganz im Osten des Gebirges auf. Seinen steinernen Hut legte er auf eine Felskuppe am Wenersee, meine steinerne Mütze schleuderte er etwas weiter gen Süden, und seine steinerne Keule schickte er in derselben Richtung hinterdrein.
Was wir sonst noch von guten, harten Steinen bei uns hatten, legte er an verschiedenen Orten nieder. Die Flüsse spülten dann allmählich das ganze Gebirge weg, aber an den Stellen, die mein Vater mit seinen steinernen Sachen bedeckt hatte, wagten sie nicht zu rühren, und so blieben sie stehen. Da, wo mein Vater seinen einen Schuh hingestellt hat, ist unter dem Absatz der Halleberg und unter der Sohle der Hunneberg stehen geblieben. Unter dem andern Schuh ist Billinge erhalten, Vaters Hut hat den Kinnekulle bewahrt, unter meiner Mütze liegt der Mösseberg, und unter der Keule birgt sich Ålleberg. Alle andern kleinen Berge der westgötischen Ebene sind auch meinem Vater zuliebe verschont worden, und ich möchte wissen, ob es in Westgötland noch viele Männer gibt, vor denen die Leute soviel Respekt haben wie einst vor meinem Vater?<
>Das ist nicht leicht zu beantworten,< sagte der Seemann. >Wenn aber in Eurer Zeit die Flüsse und Riesen so allmächtig gewesen sind, dann bekomme ich ordentlich vermehrte Achtung vor den Menschen; denn jetzt sind sie ganz allein die Herren über die Ebene und das Gebirge.<
Der Riese rümpfte die Nase ein wenig, und er schien mit der Antwort nicht so recht zufrieden zu sein; aber schon nach einer kleinen Weile knüpfte er das Gespräch wieder an. >Wie steht es denn gegenwärtig mit dem Trollhätta?< fragte er.
>Er rauscht und donnert wie von jeher,< antwortete der Seemann. >Habt Ihr vielleicht gerade wie bei der Erhaltung der Westgötaberge auch mitgeholfen, den großen Wasserfall herzustellen?<
>O nein, das nicht gerade,< erwiderte der Riese. >Aber als ich noch ein kleiner Knirps war, benutzten mein Bruder und ich die Fälle noch als Rutschbahn. Wir stellten uns auf einen Balken, und hui! dann ging es den Gullöfall und Toppöfall und die drei andern Fälle hinunter! Wir kamen so rasch dahergesaust, daß wir beinahe bis zum Meer hingerutscht wären. Ob es wohl heutzutage in Westgötland auch noch jemand gibt, der sich auf solche Weise ergötzt?<
>Das kann ich nicht sagen,< antwortete der Seemann. >Aber ich glaube fast, es ist eine ebenso wunderbare Leistung, daß wir Menschen dem Trollhätta entlang einen Kanal gebaut haben, auf dem wir nicht allein wie Ihr in Euren jungen Jahren den Trollhätta hinunter, sondern ihn auch mit Booten und Dampfschiffen hinauffahren können.<
>Das ist allerdings sehr merkwürdig,< versetzte der Riese; und es war fast, als habe ihn die Antwort ein wenig verdrossen. >Kannst du mir nun auch noch sagen, wie es in der Gegend am Mjörnsee aussieht, die früher das Hungerland genannt wurde?<
>O ja, die Gegend hat uns allen viel Kummer und Kopfzerbrechen gemacht,< antwortete der Westgöte. >Habt Ihr vielleicht mitgeholfen, sie so mager und trostlos anzulegen?<
>O nein, das nicht gerade,< sagte der Riese wieder. >Zu meiner Zeit hat ein prächtiger Wald dort gestanden. Aber als eine meiner Töchter Hochzeit machte, brauchten wir sehr viel Holz, um den Backofen zu schüren; da nahm ich ein langes Seil, schlang es um den ganzen Hungerländer Wald herum, riß ihn mit einem einzigen Ruck heraus und trug ihn nach Hause. Ich möchte wissen, ob es heutigentags noch jemand gäbe, der einen ganzen Wald auf einmal herausreißen könnte?<
>Das wage ich nicht zu behaupten,< sagte der Westgöte. >Aber das weiß ich, daß in meiner Jugend das Hungerland kahl und unfruchtbar dalag, während es jetzt ganz mit Wald bedeckt ist. Das halte ich nun für eine richtige männliche Tat.<
>Nun ja, aber drunten in dem südlichen Westgötland, da können sich doch wohl keine Menschen fortbringen?< sagte der Riese.
>Habt Ihr auch dort bei der Einrichtung des Landes geholfen?< rief der Westgöte.
>O nein, das nicht gerade,< versetzte der Riese. >Aber ich erinnere mich, wenn wir Riesenkinder dort die Herden hüteten, bauten wir viele steinerne Häuser; und durch alle die Steine, die wir umherwarfen, ist der Boden ganz unbestellbar geworden, deshalb müßte es sehr schwer sein, dort Ackerfelder zu gewinnen.<
>Ja, das ist gewißlich wahr; es lohnt sich kaum der Mühe, dort Ackerbau zu treiben,< sagte der Westgöte. >Aber die Bevölkerung hat sich auf die Herstellung von Holzwaren gelegt; und meiner Ansicht nach beweist es mehr Tüchtigkeit, wenn sich jemand in einer so armen Gegend durchbringt, als wenn er beim Ruinieren des Bodens behilflich ist.<
>Jetzt bleibt mir nur noch eine Frage übrig,< sagte der Riese. >Wie habt ihr euch drunten an der Küste eingerichtet, wo der Götaälf ins Meer fließt?<
>Habt Ihr da auch die Hand mit im Spiele gehabt?< fragte der Seemann.
>Das nicht gerade,< entgegnete der Riese. >Aber, wir gingen vorzeiten oft an den Strand hinunter, lockten uns einen Walfisch heran, setzten uns auf dessen Rücken und ritten durch die Fjorde und Schären. Ich möchte wissen, ob du jemand kennst, der das heute noch tut?<
>Das will ich unbeantwortet lassen,< erwiderte der Seemann. >Aber ich halte es für eine ebenso große Leistung, daß die Menschen an der Mündung des Götaälf eine Stadt gebaut haben, von der Schiffe nach allen Meeren der Erde ausziehen.<
Hierauf gab der Riese keine Antwort; und der Seemann, der selbst in Göteborg daheim war, beschrieb nun die reiche Handelsstadt mit ihrem großen Hafen, mit ihren Brücken und Kanälen und den prächtigen Straßen; er erzählte auch, es wohnten da sehr viele tüchtige Kaufleute und Schiffer, und es sei durchaus nicht ausgeschlossen, daß sie Göteborg noch zu der ersten Stadt des Nordens machten.
Bei jeder neuen Antwort waren die Runzeln auf der Stirne des Riesen tiefer geworden; daß die Menschen sich so zum Herren über die Natur gemacht hatten, war ihm offenbar unangenehm.
>Ja ja, es muß sich sehr viel verändert haben in Westgötland,< sagte er schließlich, >und ich würde am liebsten selbst wieder hinkommen und dies und jenes herstellen.<
Als der Seemann diese Worte hörte, erschrak er ein wenig; wenn der Riese nach Westgötland käme, geschähe es sicher nicht in guter Absicht. Er ließ sich jedoch nichts anmerken, sondern sagte:
>Ihr dürft überzeugt sein, daß Ihr festlich empfangen würdet. Euch zu Ehren soll mit allen Kirchenglocken geläutet werden.<
>So, es gibt also noch Kirchenglocken in Westgötland?< fragte der Riese, als sei er etwas bedenklich geworden. >Sind denn die großen Glocken in Husaby, Skara und Varnhem noch nicht zu Tode geläutet?<
>O nein, sie sind alle noch da, und seit Eurer Zeit sind viele neue dazugekommen. Jetzt gibt es in ganz Westgötland nicht eine Ortschaft, wo man kein Glockengeläute hörte.<
>Nun, dann ist es wohl am besten, ich bleibe, wo ich bin,< sagte der Riese. >Denn dieser Glocken wegen bin ich ja einst dort weggezogen.<
Hierauf versank er in Gedanken, wendete sich aber doch bald wieder an die Seeleute. >Ihr könnt euch jetzt ganz ruhig am Feuer niederlegen und schlafen,< sagte er. >Morgen früh will ich dafür sorgen, daß ein Schiff hier vorüberfährt, das euch mitnimmt und in eure Heimat zurückbringt. Aber für die Gastfreundschaft, die ich euch erwiesen habe, verlange ich eine Gefälligkeit von euch. Wenn ihr heimgekehrt seid, sollt ihr zu dem besten Mann in ganz Westgötland gehen und ihm diesen Ring übergeben. Ihr sollt ihn von mir grüßen und ihm ausrichten, wenn er den Ring an seinen Finger stecke, werde er noch viel mehr werden, als er jetzt sei.<
Sobald die Seeleute zu Hause angekommen waren, gingen sie zu dem besten Mann in Westgötland und übergaben ihm den Ring. Aber der Mann war zu klug, ihn sofort an seinen Finger zu stecken. Statt dessen hängte er ihn an eine kleine Eiche auf seinem Hofe. In demselben Augenblick schoß die Eiche so gewaltig in die Höhe, daß man sie förmlich wachsen sah. Sie trieb Schößlinge und lange Zweige; der Stamm wurde dicker, die Rinde verhärtete sich, der Baum bekam neue Blätter und verlor sie wieder, setzte Blüten und Früchte an und wurde in kurzer Zeit eine so mächtige Eiche, wie man noch nie eine gesehen hatte. Aber kaum war sie ausgewachsen, als sie ebenso schnell zu verwelken begann: die Zweige fielen ab, der Stamm wurde hohl, der Baum siechte hin, bald war nichts mehr von ihm übrig als ein Stumpf.
Da nahm der Mann den Ring und schleuderte ihn weit von sich. >Dieses Geschenk des Riesen hat die Macht, einem Manne große Kraft zu verleihen und ihn für kurze Zeit leistungsfähiger als alle andern zu machen,< sagte er. >Aber der Besitzer würde sich auch in ganz kurzer Zeit überanstrengen, und dann wäre es bald aus mit seiner Tüchtigkeit und seinem Glück. Ich will nichts damit zu tun haben, und ich hoffe nur, niemand wird den Ring finden, denn er ist uns nicht in guter Absicht geschickt worden.<
Aber es ist eben doch möglich, daß der Ring gefunden worden ist. So oft sich ein Mensch, in dem Bestreben, andern Gutes zu tun, über seine Kräfte anstrengt, möchte man unwillkürlich fragen, ob er am Ende den Ring gefunden habe, und ob dieser es sei, der ihn zwingt, so zu schaffen und zu wirken, daß er sich vor der Zeit abnützt und sein Werk unvollendet verlassen muß.«
Der Gesang
Die Lehrerin war, während sie erzählte, mit raschen Schritten vorwärts gegangen, und als sie ihre Geschichte beendigt hatte, war sie mit den Kindern beinahe an ihrem Ziel angelangt. Dort tauchten schon die Wirtschaftsgebäude auf, die, wie alles andre auf dem Gute, von prächtigen Bäumen beschattet dalagen, und noch ehe sie daran vorübergekommen war, sah sie das Schloß droben auf der Terrasse hervorschimmern.
Bis zu diesem Augenblick war sie über ihren Einfall sehr glücklich gewesen, und kein zagender Gedanke war in ihr aufgestiegen; aber jetzt, beim Anblick des Hofes, begann ihr der Mut zu sinken. Wie, wenn das, was sie vorhatte, nun ganz verkehrt wäre? Wer kümmerte sich denn wohl um ihre Dankbarkeit? Vielleicht würde man sie nur auslachen, wenn sie jetzt am späten Abend noch mit ihren Schulkindern daherkäme? Und sie alle miteinander konnten gewiß auch gar nicht so schön singen, daß sich jemand etwas aus dem Gesang machen würde!
Sie ging langsamer, und als sie die Stufen erreichte, die zur Schloßterrasse führten, bog sie vom Wege ab und stieg diese Treppe hinan. Seit dem Tode des alten Herrn stand zwar das große Schloß leer, das wußte sie sehr wohl; sie ging auch nur hinauf, um Zeit zum Überlegen zu gewinnen, ob sie weitergehen oder umkehren solle. Als sie die Treppe erstiegen hatte und das im Mondschein blendend hell schimmernde Schloß vor sich liegen sah, als sie die Hecken und Blumenbeete, die Brustwehr und die Urnen und die majestätische Freitreppe sah, wurde ihr immer ängstlicher zumute. Ach, hier war alles so vornehm und prachtvoll; nein, hier hatte sie gewiß nichts zu tun! »Komm mir nicht zu nahe!« schien ihr das schöne weiße Schloß zuzurufen. »Du wirst dir doch nicht einbilden, du und deine Schulkinder könnten einem Manne, der an einem solchen Orte zu wohnen gewöhnt ist, irgendeine Freude bereiten?«
Um diese Unschlüssigkeit, die sie allmählich ganz beherrschte, zu verscheuchen, erzählte die Lehrerin ihren Schulkindern die Geschichte von dem alten und dem jungen Herrn, gerade so, wie sie sie selbst einst als Schülerin auf Nääs gehört hatte. Und dies hob ihren Mut wieder ein wenig. Es war ja doch wahr, daß das Schloß und das ganze Gut dem Slöjdseminar geschenkt worden waren. Jawohl geschenkt, damit Lehrer und Lehrerinnen eine glückliche Zeit auf dem schönen Gute verleben und danach ihren Schulkindern Kenntnisse und Freude mit nach Hause bringen könnten! Aber wenn diese beiden Herren der Schule ein solches Geschenk gemacht hatten, so war doch dadurch der Beweis geliefert, wie hoch sie die Lehrer schätzten! Dadurch hatten sie klar und deutlich gezeigt, daß sie die Erziehung der schwedischen Kinder für viel wichtiger hielten als alles andre. Nein nein, gerade hier dürfte sie sich am allerwenigsten niedergeschlagen fühlen, redete sich die Lehrerin selbst zu.
Diese Gedanken trösteten sie auch wirklich ein wenig, und sie wollte ihren Plan jetzt doch ausführen. Um ihren Mut zu stärken, schlug sie den Weg durch den Park ein, der sich vom Schloßhügel zum See hinunter erstreckte. Während sie unter diesen schönen Bäumen dahinschritt, die im Mondschein dunkel und geheimnisvoll hoch aufragten, erwachten viele frohe Erinnerungen in ihrem Herzen. Sie erzählte den Kindern, wie es zu ihrer Zeit auf Nääs gewesen war und wie glücklich sie sich hier als Schülerin gefühlt hatte, wo sie jeden Tag in dem schönen Park hatte spazieren gehen dürfen. Sie erzählte von frohen Festen, von Spiel und Arbeit, aber vor allem von der großen Güte, die die Tore des schönen Herrenhofs für sie und für so viele andere geöffnet hatte.
Auf diese Weise gelang es ihr, wieder Mut zu fassen, und sie ging wirklich durch den Park und über die alte steinerne Brücke und erreichte endlich die Wiesen am See drunten, wo die Villa des Vorstehers mitten zwischen den Schulgebäuden stand.
Dicht bei der Brücke war der grüne Spielplatz, und als sie daran vorübergingen, erzählte die Lehrerin den Kindern, wie schön es hier an den Sommerabenden gewesen sei, wenn der Rasen von hellgekleideten Menschen wimmelte und Singspiele und Ballspiele einander ablösten. Sie zeigte den Kindern das Vereinshaus, in dem der Versammlungssaal war, das Seminar, wo die Vorträge gehalten wurden, die Häuser, wo die Slöjdsäle und der Turnsaal untergebracht waren. Die Lehrerin ging rasch und sprach unaufhörlich, wie um gar keine Zeit zum Ängstlichwerden zu haben. Aber als sie schließlich so weit gekommen war, daß sie die Villa des Vorstehers sehen konnten, hielt sie jäh an.
»Hört, Kinder, ich glaube, wir wollen nicht weitergehen,« sagte sie. »Es ist mir früher gar nicht eingefallen, daß der Vorsteher vielleicht so schwer krank ist, daß ihm unser Gesang schaden könnte, und es wäre furchtbar, wenn er dadurch noch kränker würde.«
Der kleine Nils Holgersson war die ganze Zeit neben der Schar hergegangen und hatte alles gehört, was die Lehrerin erzählte. Er wußte also, daß sie ausgezogen waren, um jemand, der drüben in der Villa krank lag, einige Lieder zu singen. Und nun sollte aus dem Gesange nichts werden, weil der Kranke möglicherweise dadurch beunruhigt und aufgeregt werden könnte!
»Wie schade, wenn sie wieder umkehrten, ohne gesungen zu haben!« dachte er. »Sie könnten ja doch leicht erfahren, ob der Kranke drinnen das Zuhören ertragen kann. Warum geht denn die Lehrerin nicht hin zu der Villa und erkundigt sich?«
Aber dieser Gedanke schien der Lehrerin gar nicht zu kommen, sie kehrte vielmehr um und trat langsam den Heimweg an. Die Schulkinder machten ein paar Einwendungen, aber sie beschwichtigte sie. »Nein, nein,« sagte sie. »Es war ein dummer Einfall von mir, daß ich jetzt so spät am Abend noch hierher wanderte, um zu singen. Wir würden nur stören.«
Da dachte Nils Holgersson, wenn keines von den andern es tun wolle, dann müsse er jetzt hingehen und zu erfahren suchen, ob der Kranke wirklich zu schwach sei, ein Lied anzuhören. Rasch lief er von der Schar weg und aufs Haus zu. Vor der Villa hielt eben ein Wagen, und neben den Pferden stand ein alter Kutscher. Der Junge war kaum bis zum Hauseingang hingelangt, als die Tür aufging und ein Mädchen mit einem Servierbrett heraustrat.
»Sie werden wohl noch eine Weile auf den Herrn Doktor warten müssen, Larsson,« sagte sie. »Die gnädige Frau schickt Ihnen hier indessen zur Stärkung etwas Warmes.«
»Wie geht es dem Herrn?« fragte der Kutscher.
»Er hat jetzt keine Schmerzen mehr, aber es ist, als stehe das Herz still. Schon seit einer Stunde liegt er ganz regungslos da. Wir wissen kaum, ob er noch lebt.«
»Gibt der Doktor keine Hoffnung?«
»Es kann gehen, wie es will, Larsson, ja es kann gehen, wie es will. Es ist, als lausche er immerfort auf einen Ruf. Kommt dieser Ruf von oben, so muß er ihm folgen.«
Nils Holgersson lief rasch den Weg hinunter, um die Lehrerin und die Kinder einzuholen; das Sterben seines Großvaters fiel ihm ein. Der Großvater war Seemann gewesen, und ganz zuletzt noch hatte er gebeten, man solle das Fenster aufmachen, damit er den Wind noch einmal rauschen höre. Wenn nun der Kranke dort drüben mit so großer Vorliebe im Kreise der Jugend geweilt hatte und ihren Liedern und Spielen so gerne zuhörte ...
Die Lehrerin ging unschlüssig die Allee hinunter. Jetzt, wo sie von Nääs wegging, war es ihr, als müsse sie wieder umkehren; vorhin aber war sie auch wieder umgekehrt. Ach, sie war noch immer gleich ängstlich und unsicher!
Sie sprach nicht mehr mit den Kindern, sondern ging schweigend ihres Weges dahin. In der Allee war so tiefer Schatten, daß sie nicht sehen konnte; aber es war ihr, als höre sie viele, viele Töne um sich her, und von allen Seiten drangen unzählige ängstliche Stimmen auf sie ein. »Wir sind gar so weit weg, alle wir andern,« sagten die Stimmen. »Du aber bist ganz nahe. Geh und sing ihm vor, was wir alle fühlen!«
Und sie erinnerte sich an einen nach dem andern, denen der Vorsteher geholfen und für die er gesorgt hatte. Übermenschlich hatte er sich angestrengt, um allen Bedürftigen zu helfen. »Geh und sing ihm!« flüsterte es um die Lehrerin her. »Laß ihn nicht sterben, ohne einen letzten Gruß von seiner Schule! Denke nicht, du seist gering und unbedeutend! Denk an die große Schar, die hinter dir steht! Gib ihm zu verstehen, ehe er von uns geht, wie innig wir ihn lieben!«
Die Lehrerin ging immer langsamer. Da hörte sie plötzlich einen Ton, der mit den Stimmen und mahnenden Rufen in ihrer Seele nichts zu tun hatte, sondern aus der äußern Welt um sie her an ihr Ohr drang. Es war keine gewöhnliche menschliche Stimme, es klang wie das Zwitschern eines Vogels, oder wie das Zirpen einer Heuschrecke. Aber es rief doch ganz deutlich, sie solle wieder umkehren.
Und mehr brauchte es nicht, um der kleinen Lehrerin den Mut zurückzugeben. --
Die Lehrerin und die Kinder hatten vor den Fenstern des Vorstehers ein paar Lieder gesungen, und selbst die Lehrerin meinte, der Gesang habe in dieser Abendstunde wunderbar schön geklungen; es war gewesen, wie wenn unbekannte Stimmen mitgesungen hätten. Der ganze Himmelsraum war wie von Tönen und Lauten erfüllt gewesen. Sie hatten den Gesang nur anzustimmen brauchen, da waren alle diese Töne erwacht und hatten mit eingestimmt.
Jetzt öffnete sich plötzlich die Haustür, und jemand trat rasch heraus. »Nun kommen sie, mir zu sagen, ich solle aufhören,« dachte die Lehrerin. »Wenn es ihm nur nicht geschadet hat!«
Aber das war nicht der Fall. Sie wurde gebeten, ins Haus hereinzukommen, sich etwas auszuruhen und dann noch ein paar Lieder zu singen.
Auf der Treppe trat ihr der Doktor entgegen. »Für diesmal ist die Gefahr vorüber,« sagte er. »Er hatte in einer Art Betäubung gelegen, und das Herz schlug immer langsamer. Aber als Sie zu singen anfingen, war es, als wenn er einen Ruf vernommen hätte von allen, die seiner noch bedürfen. Er fühlte, daß die Zeit, wo er von seiner Arbeit ausruhen darf, noch nicht angebrochen sei. Singen Sie ihm noch mehr und freuen Sie sich, denn ich glaube, Ihr Gesang hat ihn ins Leben zurückgerufen. Jetzt dürfen wir ihn vielleicht noch ein paar Jahre behalten.«
53. Die Reise nach Vemmenhög
Donnerstag, 3. November
Zu Anfang November flogen die Wildgänse eines Tages über das Hallandgebirge nach Schonen hinein. Sie hatten sich einige Wochen auf den großen Ebenen bei Fallköping aufgehalten, und da sich mehrere andre Scharen Wildgänse auch dort niedergelassen hatten, war es eine schöne Zeit für alle gewesen; die Alten hatten viel miteinander geplaudert und die Jungen in allen Arten von Leibesübungen gewetteifert.
Was nun Nils Holgersson betrifft, so war er nicht so sehr erfreut über den langen Aufenthalt in Westgötland. Er gab sich alle Mühe, seinen Mut aufrecht zu erhalten, aber es wurde ihm sehr schwer, sich mit seinem Schicksal auszusöhnen.
»Hätte ich doch nur erst Schonen hinter mir und wäre glücklich im Ausland!« dachte er. »Dann wüßte ich, daß ich nichts mehr zu hoffen hätte, und würde ruhiger werden.«
Eines Morgens in aller Frühe waren dann die Wildgänse aufgebrochen und nach Halland hinuntergeflogen. Im Anfang hatte der Junge keine große Lust, sich die Landschaft zu betrachten; er meinte, es werde da nicht viel Neues zu sehen sein. Der östliche Teil war ein hügeliges Land mit großen Heidestrecken, die an Småland erinnerten, und weiter gegen Westen ragten runde, kahle, durch Buchten getrennte Berggipfel auf, ungefähr wie in Bohuslän.
Als aber die Wildgänse immer weiter südwärts über den schmalen Küstenstrich hinflogen, beugte sich der Junge weit über den Hals des Gänserichs vor und verwandte kein Auge mehr vom Boden. Er sah, daß die Berge sich lichteten und die Ebene sich ausbreitete. Und zugleich sah er auch, daß die Küste weniger zerrissen war. Die Schären davor wurden spärlich und immer spärlicher, bis sie schließlich ganz verschwanden und das weite offene Meer bis dicht ans Festland heranreichte.
Und dann hörte der Wald auf. Weiter droben im Lande hatte der Junge nun freilich schon viele schöne Ebenen gesehen; aber alle waren von Wäldern umrahmt gewesen. Der Wald hatte sich überall ausgebreitet. Es war, als ob das Land dort eigentlich nur den Bäumen gehörte, und das bebaute Land sah nur wie große gerodete Plätze im Walde aus. Und auf allen Ebenen hatten Baumgruppen und Gehölze gestanden, wie um zu zeigen, daß der Wald jeden Augenblick einschreiten und von dem Land wieder Besitz ergreifen könnte.
Aber hier war das ganz anders. Hier hatte das Flachland das Übergewicht. Unbeschränkt erstreckte es sich bis zum Horizont. Es gab wohl auch große, wohlgepflegte Forste, aber keinen wilden Wald. Und gerade daß das Land so offen dalag, mit einem Acker neben dem andern, erinnerte den Jungen an Schonen. Den offnen Strand mit seinen sandigen Ufern und Tanghaufen glaubte er auch wiederzuerkennen. Es wurde ihm froh und ängstlich zugleich ums Herz. »Jetzt kann ich nicht mehr weit von meiner Heimat entfernt sein,« dachte er.
Die Landschaft veränderte sich aber doch wieder; große Bäche kamen aus Westgötland und Småland dahergeschäumt und unterbrachen die Einförmigkeit der Ebene; Seen, Moore, Heidestrecken, mit Flugsand bedeckte Felder versperrten den Äckern den Weg; aber diese breiteten sich doch immer weiter aus, bis hinunter zum Hallandgebirge, das an der Grenze von Schonen mit seinen schönen Schluchten und Tälern aufragt.
Schon mehrere Male hatten die jungen Gänse in der Schar die alten gefragt: »Wie sieht es im Auslande aus? Wie sieht es im Auslande aus?«
»Wartet nur, wartet nur! Ihr werdet es bald erfahren,« hatten die Alten geantwortet, die das Land schon so oft auf und ab geflogen waren.
Als die jungen Gänse auf der Reise die langen bewaldeten Bergrücken um Wärmland her und die glänzenden Seen zwischen der Bohusläner Felsenwelt oder die schönen Hügel in Westgötland sahen, hatten sie sich verwundert gefragt: »Sieht die ganze Welt so aus? Sieht die ganze Welt so aus?«
»Wartet nur, wartet nur! Ihr werdet es bald erfahren, wie es in einem großen Teile der Welt aussieht,« hatten die Alten geantwortet.
Nachdem die Wildgänse nun über das Hallandgebirge hingeflogen und schon ein gutes Stück nach Schonen hineingekommen waren, rief Akka: »Schaut jetzt hinunter und seht euch um! So sieht es im Ausland aus!«
Gerade da flogen sie über den Söderberg hin. Der ganze lange Höhenzug war mit Buchenwäldern bestanden, und mitten in den Wäldern lagen schöne mit Türmen und Zinnen geschmückte Schlösser. Zwischen den Bäumen grasten Rehe, und auf den Waldwiesen spielten die Hasen. Jagdhörner klangen durch die Wälder, und scharfes Hundegebell drang bis zu der dahinfliegenden Schar herauf. Durch die Wälder führten schöne, breite Straßen, auf denen Herren und Damen in glänzenden Wagen dahergefahren oder auf wunderschönen Pferden geritten kamen. Am Fuß des Gebirges breitete sich der Ringsee aus mit dem alten Bosjökloster auf einer schmalen Landzunge. Die Skäralider Schlucht durchschneidet den Bergrücken, ein Bach plätschert auf ihrem Grunde, und die Felswände sind mit Gebüsch und Bäumen dicht bewachsen.
»Sieht es so im Ausland aus? Sieht es so im Ausland aus?« fragten die jungen Gänse.
»Ja, wo waldige Bergrücken sind, sieht es gerade so aus!« rief Akka. »Aber das ist nicht so sehr oft der Fall. Wartet nur, dann werdet ihr schon sehen, wie es gewöhnlich dort aussieht!«
Akka führte die Wildgänse weiter gen Süden nach Schonen auf die große Ebene. Da lag sie vor ihnen mit weiten Äckern, mit Rübenfeldern, auf denen die Arbeiter in langen Reihen beschäftigt waren, mit niedrigen, weißgekalkten, aneinandergebauten Höfen, mit unzähligen kleinen, weißen Kirchen, mit häßlichen grauen Zuckerfabriken und mit Bahnhöfen, umgeben von Marktflecken, die einen städtischen Anstrich hatten. Es gab auch viele Torfmoore mit langen Reihen ausgestochener Torfhügel und Steinkohlengruben mit schwarzen Kohlenbergen um sich her. Die Landstraßen liefen zwischen zwei Reihen gestutzter Weidenbäume hin, die Eisenbahnschienen liefen durcheinander und bildeten ein dichtes Netz über die ganze Ebene. Kleine buchenumkränzte Seen, jeder mit einem prächtigen Herrenhof am Ufer, blinkten da und dort hervor.
»Schaut jetzt hinunter! Seht euch gut um!« rief die Anführerin. »So sieht es im Ausland aus, von der Küste der Ostsee an bis hinunter zu den hohen Bergen, und weiter als bis zu diesen sind wir nie gereist.«
Als die jungen Gänse die Ebene gesehen hatten, flog die Schar nach dem Öresund. Große sumpfige Wiesen fielen sanft gegen das Meer ab, und lange Wälle aus schwärzlichem Tang lagen vom Meere angeschwemmt auf dem Strand. An einigen Stellen waren hohe Uferwälle, an andern lauter Flugsand, der sich zu Dünen und ganzen Hügeln auftürmte. Die Fischerdörfer lagen am Ufer mit einer langen Reihe ganz gleichmäßig gebauter und gleichgroßer Backsteinhäuschen, einem kleinen Leuchtturm draußen am Wellenbrecher und großen mit braunen Netzen dicht behängten Trockenplätzen.
»Schaut hinunter! Seht euch wohl um!« sagte Akka. »So sieht es im Ausland an den Küsten aus!«
Schließlich flog die Anführerin auch über einige der Dörfer hin, und die Gänse sahen eine Menge schlanker Fabrikschlote, lange, von hohen, rauchgeschwärzten Häusern eingefaßte Straßen, prächtige, große Parke, durch die sich schöne Spazierwege schlängelten, sichere Häfen voller Schiffe, alte Festungswerke und Schlösser und ehrwürdige alte Kirchen.
»So sehen die Städte im Ausland aus, nur daß sie viel größer sind,« sagte Akka. »Aber diese hier können auch noch wachsen, gerade wie ihr jungen Gänse.«
Nachdem Akka so umhergeflogen war, ließ sie sich auf einem Moor im Vemmenhöger Bezirk nieder. Der Junge aber konnte den Gedanken nicht loswerden, Akka sei nur deshalb in Schonen umhergeflogen, um ihm zu zeigen, daß er ein Land habe, das sich mit jedem andern im Ausland wohl messen könne. Aber das wäre nicht nötig gewesen; der Junge dachte nicht daran, ob das Land reich oder arm sei. Von dem Augenblick an, wo er die ersten Weidenhecken und die ersten niedrigen Fachwerkhäuser gesehen hatte, war sein Herz von heißem Heimweh erfüllt worden.
54. Bei Holger Nilssons
Donnerstag, 8. November
Es war ein nebeliger, trüber Tag. Die Wildgänse hatten auf den großen Feldern bei der Skuruper Kirche geweidet und hielten eben Mittagsrast, da trat Akka zu Nils Holgersson.
»Es sieht aus, als bekämen wir jetzt einige Zeit stilles Wetter,« begann sie, »und ich gedenke deshalb, morgen über die Ostsee zu fliegen.«
»Ach so,« erwiderte der Junge kurz, denn der Hals war ihm wie zugeschnürt, und er konnte nicht sprechen. Er hatte eben doch immer noch gehofft, er werde, solange er in Schonen sei, von seiner Verzauberung befreit werden.
»Wir sind jetzt ziemlich nahe bei Westvemmenhög,« fuhr Akka fort; »und ich dachte, du hättest vielleicht Lust, einen kleinen Besuch daheim zu machen. Es wird ja eine gute Weile dauern, bis du wieder jemand von den Deinen zu sehen bekommst.«
»Es ist gewiß am besten, ich unterlasse das,« sagte der Junge; aber seiner Stimme war wohl anzuhören, wie sehr er sich über den Vorschlag freute.
»Wenn der Gänserich hier bei uns bleibt, kann ihm ja kein Unglück geschehen,« sagte Akka. »Ich meine, du solltest dir genauen Bescheid verschaffen, wie es bei dir daheim steht. Vielleicht könntest du deinen Eltern doch auf irgendeine Weise helfen, selbst wenn du nicht wieder ein Mensch wirst.«
»Ja, da habt Ihr recht, Mutter Akka. Daran hätte ich auch selbst denken können!« rief der Junge, und er wurde plötzlich ganz eifrig.
Einen Augenblick später waren er und Akka auf dem Wege zu Holger Nilssons, und schon nach einer kleinen Weile ließ sich Akka auf dem Steinmäuerchen nieder, das das Gütchen des Häuslers rings umgab.
»Es ist doch merkwürdig, wie unverändert alles ist!« sagte der Junge; er kletterte eilig auf das Mäuerchen hinauf und schaute sich um. »Es ist mir, als sei es gestern gewesen, daß ich hier auf dem Steinmäuerchen saß und euch daherfliegen sah.«
»Ob dein Vater wohl eine Flinte hat?« fragte Akka plötzlich.
»Das will ich meinen!« rief der Junge. »Dieser Flinte wegen bin ich ja an jenem Sonntag daheim geblieben, anstatt in die Kirche zu gehen.«
»Dann wage ich nicht, hier auf dich zu warten,« sagte Akka, »und es ist wohl am besten, du schleichst dich morgen früh wieder zu uns zurück, dann kannst du die Nacht über hier bleiben.«
»Ach nein, Mutter Akka, fliegt nicht fort!« rief der Junge und sprang rasch von dem Mäuerchen herab. Er wußte nicht, woher es kam, aber er hatte das Gefühl, als müsse ihm oder den Wildgänsen etwas zustoßen, so daß sie einander nie mehr sehen würden. »Ihr seht ja wohl, daß ich betrübt bin, weil ich meine rechte Gestalt nicht wieder bekommen soll, aber ich sage Euch, ich bereue durchaus nicht, damals mit euch Gänsen fortgeflogen zu sein. Nein, nein, lieber will ich nie wieder ein Mensch werden, als daß ich diese Reise nicht mit euch gemacht hätte.«
Akka sog ein paarmal die Luft durch ihren Schnabel ein, ehe sie antwortete. »Es liegt mir etwas auf dem Herzen, worüber ich schon lange gern mit dir gesprochen hätte; da du jedoch nicht zu den Deinen zurückzukehren gedachtest, hielt ich es nicht für so eilig. Es kann indes nichts schaden, wenn ich es dir mitteile.«
»Ihr wißt, es gibt nichts, was ich nicht gerne für Euch täte,« sagte der Junge.
»Wenn du etwas Gutes gelernt hast, Däumling, dann bist du vielleicht jetzt nicht mehr der Ansicht, daß die Menschen allein auf der Welt herrschen sollten,« sagte die Anführerin feierlich. »Bedenke, ihr habt ein großes Land für euch, und deshalb könntet ihr uns recht gut ein paar Schären und einige sumpfige Seen und Moore, sowie einige öde Felsen und abgelegene Wälder überlassen, wo wir armen Tiere im Frieden leben könnten. Solange ich lebe, bin ich nun beständig verfolgt und gejagt worden. Es wäre eine Wohltat, wenn sich für solche Geschöpfe, wie wir sind, auch irgendwo eine richtige Freistatt fände.«
»Wie sehr würde ich mich freuen, wenn ich euch in dieser Sache helfen könnte. Aber ich genieße gewiß niemals soviel Macht und Ansehen bei den Menschen,« seufzte der Junge.
»Aber, Däumling, wir stehen ja hier und sprechen miteinander, als ob wir uns nie wieder sehen sollten!« sagte Akka plötzlich. »Und doch treffen wir wohl schon morgen früh wieder zusammen. Jetzt will ich zu meiner Schar zurückfliegen.« Damit hob Akka die Flügel, ließ sich jedoch sogleich wieder nieder, rieb ihren Schnabel ein paarmal an dem Däumling auf und ab und flog erst dann endgültig davon.
Es war schon glockenhell, aber auf dem Hofe war kein Mensch zu sehen, und der Junge konnte ohne Scheu überall herumgehen. Zuerst lief er in den Kuhstall hinein, denn er wußte, bei den Kühen würde er Auskunft erhalten. Im Frühling waren drei prächtige Kühe im Stalle gewesen, aber jetzt stand nur noch eine einzige da. Diese eine war Majros, und man konnte ihr wohl anmerken, daß sie Heimweh nach ihren Kameraden hatte. Sie ließ den Kopf hängen und fraß kaum ein Hälmchen von dem Futter, das vor ihr lag.
»Guten Tag, Majros!« sagte der Junge und sprang ohne Angst in den Stand zu ihr hinein. »Wie geht es meiner Mutter und meinem Vater? Und was machen die Hühner und Gänse und die Katze? Und wo hast du denn Stern und Gull-Lilja gelassen?«
Als Majros die Stimme des Jungen hörte, fuhr sie zusammen, und es sah aus, als wolle sie mit den Hörnern nach ihm stoßen. Aber sie war jetzt nicht mehr so hitzig wie früher, sondern nahm sich Zeit, Nils Holgersson näher zu betrachten, ehe sie zustieß. Er war noch ebenso klein wie bei seiner Abreise und trug auch noch denselben Anzug; aber er sah sich trotzdem gar nicht mehr ähnlich. Der Nils Holgersson, der im Frühjahr fortgezogen war, hatte einen schwerfälligen, langsamen Gang, eine träge Stimme und schläfrige Augen gehabt; der Nils Holgersson, der jetzt zurückgekehrt war, war flink und geschmeidig, sprach rasch und hatte glänzende, leuchtende Augen. Auch hatte er eine so kecke Haltung, daß man unwillkürlich Respekt vor ihm bekam. Trotz seiner Kleidung, und obgleich er nicht gerade glücklich aussah, wurde man froh, wenn man ihn nur ansah.
»Muu!« brüllte Majros. »Es hieß, er sei anders geworden, aber ich wollte es nicht glauben. Grüß dich Gott, Nils Holgersson, grüß dich Gott! Dies ist der erste frohe Augenblick, den ich seit langer Zeit gehabt habe.«
»Ich danke dir, Majros,« erwiderte der Junge, sehr angenehm überrascht über die freundliche Begrüßung. »Erzähl mir nun, wie es meinem Vater und meiner Mutter geht!«
»Seit du fort bist, haben sie nichts als immerfort Kummer und Unglück gehabt,« sagte Majros. »Das schlimmste aber ist die Sache mit dem teuren Pferd, das nun den ganzen Sommer nichts tun konnte und immer nur gefressen hat. Dein Vater kann es nicht übers Herz bringen, es zu erschießen, und verkaufen kann er es auch nicht. Des Pferdes wegen haben Stern und Gull-Lilja verkauft werden müssen.«
Der Junge hätte eigentlich etwas ganz andres gerne gewußt; aber er scheute sich, geradeheraus zu fragen. Deshalb sagte er: »Meine Mutter war wohl sehr ärgerlich, als sie entdeckte, daß der Gänserich Martin davongeflogen war?«
»Wenn sie gewußt hätte, wie alles gekommen war, hätte sie sich über den Verlust des Gänserichs Martin wohl nicht so sehr gegrämt. So aber trauert sie Tag und Nacht darüber, daß ihr eigener Sohn von daheim fortgelaufen sei und den Gänserich mitgenommen habe.«
»Wie, glaubt sie denn, ich habe die Gans gestohlen?« rief der Junge.
»Ja, was soll sie denn sonst glauben?«
»Vater und Mutter meinen wohl, ich hätte mich den Sommer hindurch wie ein gemeiner Landstreicher herumgetrieben?«
»Sie denken, es stehe schlimm mit dir,« sagte Majros, »und sie haben um dich getrauert, wie man trauert, wenn man sein Liebstes verloren hat.«
Als der Junge dies hörte, verließ er rasch den Kuhstall und ging zu dem Pferde hinein. Der Pferdestall war ein kleiner, aber hübscher Raum. Der Junge sah wohl, der Vater hatte sich alle Mühe gegeben, es dem Pferde bei seiner Ankunft so recht behaglich zu machen. Und es stand auch wirklich ein wunderschönes Pferd im Stall, das von Gesundheit strotzte.
»Guten Tag, guten Tag!« sagte der Junge. »Wie ich höre, soll ein krankes Pferd hier sein. Damit bist du doch wohl nicht gemeint, denn du siehst ja ganz frisch und ganz gesund aus?«
Das Pferd wendete den Kopf und sah den Jungen nachdenklich an.
»Bist du der Sohn des Hauses?« fragte es. »Von dem hab ich sehr viel sprechen hören. Aber du siehst so gut aus, und wenn ich nicht wüßte, daß du in ein Wichtelmännchen verwandelt worden bist, würde ich nie geglaubt haben, du seiest der kleine Nils Holgersson.«
»Ich weiß wohl, ich habe hier einen schlechten Ruf hinterlassen,« entgegnete der Junge. »Meine Mutter glaubt, ich hätte mich als ein Dieb fortgeschlichen; das ist nun freilich einerlei, denn ich bleibe nicht lange hier. Bevor ich wieder gehe, möchte ich aber doch noch wissen, was dir eigentlich fehlt.«
»Wie schade, daß du nicht hier bleibst!« sagte das Pferd. »Ich bin überzeugt, wir zwei wären sehr gute Freunde geworden. Mir fehlt gar nichts, als daß ich mir etwas in den Fuß hineingetreten habe, eine Messerspitze, oder was es sonst sein mag. Es sitzt so tief drinnen, daß es der Doktor nicht entdeckt; aber es sticht und sticht, und deshalb kann ich durchaus nicht auftreten. Wenn du nur Holger Nilsson mitteilen würdest, was mir fehlt, dann würde er mir gewiß helfen können. Ich möchte doch für all das Futter auch etwas leisten und schäme mich wirklich, hier nichts zu tun, als immer nur zu fressen.«
»Wie gut, daß du keine eigentliche Krankheit hast!« rief der Junge. »Ich muß dafür sorgen, daß du kuriert wirst. Es täte dir wohl nicht weh, wenn ich mit meinem Messer ein wenig auf deinen Huf kritzelte?«
Nils Holgersson war mit dem Pferde eben fertig geworden, als er draußen auf dem Hofe Stimmen hörte. Er öffnete vorsichtig einen Spalt an der Stalltür und lugte hinaus: Sein Vater und seine Mutter waren es, die von der Landstraße her auf das Haus zukamen. Ach ja, Nils Holgersson sah ihnen wohl an, wie niedergedrückt sie waren! Seine Mutter hatte mehr Runzeln im Gesicht, als sie im Frühjahr gehabt hatte, und sein Vater war ganz grau geworden; die Mutter versuchte eben den Vater zu überreden, von seinem Bruder Geld zu entlehnen.
»Nein, ich will nicht noch mehr Geld entlehnen,« sagte der Vater gerade in dem Augenblick, wo die beiden am Stall vorübergingen. »Schulden haben ist das allerschlimmste, dann lieber noch den Hof verkaufen.«
»Ich hätte auch nicht so sehr viel gegen den Verkauf, wenn es nicht des Jungen wegen wäre,« erwiderte die Mutter. »Aber wo soll er sich hinwenden, wenn er nun, wie man sich denken kann, eines Tages arm und elend zurückkehrt und wir dann nicht mehr da sind?«
»Ja, da hast du recht,« sagte der Vater. »Aber wir müßten eben den neuen Besitzer bitten, ihn freundlich aufzunehmen und ihm zu sagen, daß wir ihn erwarten. Und wir werden ihm kein böses Wort geben, wie er auch sein mag, nicht wahr, Mutter?«
»Ach nein, nein! Wenn ich ihn nur wieder hätte, dann wüßte ich doch, daß er nicht auf der Landstraße hungern und frieren muß; das andre wäre dann ganz einerlei.«
Nach diesen Worten gingen die beiden ins Haus hinein, und der Junge hörte nichts mehr von ihrer Unterhaltung. Die Worte der Eltern hatten ihn beglückt und gerührt; er erkannte daraus, wie innig lieb sie ihn hatten, obwohl sie glaubten, er sei ganz verkommen. Er hatte die größte Lust, hinter ihnen herzulaufen. »Aber ach, wenn sie mich so sähen, wie ich jetzt bin, würden sie vielleicht noch viel betrübter!« dachte er.
Während er noch überlegte, was er tun solle, kam ein Wagen dahergefahren und hielt gerade vor dem Hoftor. Beinahe hätte der Junge vor lauter Überraschung laut hinausgeschrien; denn die Reisenden, die ausstiegen und in den Hof hereinkamen, waren niemand anders, als das Gänsemädchen Åsa mit ihrem Vater. Hand in Hand gingen sie auf das Haus zu; sie schritten ganz still und ernst vorwärts, aber ein schöner, glücklicher Glanz strahlte aus ihren Augen. Als sie ungefähr mitten auf dem Hofe angekommen waren, hielt Åsa ihren Vater zurück und sagte: »Vergiß es ja nicht, Vater, du darfst weder von dem Holzschuh ein Wort erwähnen, noch von den Wildgänsen, noch von dem kleinen Knirps, der Nils Holgersson so aufs Haar geglichen hat, daß er, wenn es nicht Nils selbst gewesen ist, doch in irgendeinem Zusammenhang mit ihm gestanden haben muß.«
»Nein, nein, ich will gewiß nichts davon sagen,« erwiderte Jon Assarsson. »Ich werde nur sagen, ihr Sohn sei dir mehrere Male eine große Hilfe gewesen, und wir kämen deshalb, zu fragen, ob wir ihnen dafür nicht auch eine Gefälligkeit erweisen könnten. Seit ich die Grube da droben entdeckt habe, bin ich ja ein wohlhabender Mann geworden und habe mehr, als ich brauche.«
»Ja, ich weiß wohl, daß du deine Worte gut zu setzen verstehst,« sagte Åsa, »und ich meinte auch nur, du solltest dieses eine verschweigen.«
Sie traten ins Haus hinein, und der Junge wäre schrecklich gerne mitgegangen, um zu hören, was drinnen gesprochen wurde. Aber er wagte sich nicht über den Hofplatz hinüber. Schon nach ganz kurzer Zeit kamen die beiden wieder heraus, und Vater und Mutter begleiteten sie bis ans Gittertor.
Als die beiden Besuche wieder weggefahren waren, blieben die Eltern an der Pforte stehen und sahen ihnen nach.
»Nun will ich nicht mehr so betrübt sein,« sagte die Mutter. »Jetzt, wo ich so viel Gutes von Nils gehört habe.«
»Eigentlich haben sie uns aber gar nicht so viel von ihm erzählt,« erwiderte der Vater nachdenklich.
»Wie, ist es nicht genug, wenn sie einzig und allein deshalb hergereist sind, uns ihre Hilfe anzubieten, nur weil unser Nils ihnen so große Dienste geleistet hat? Ich meine übrigens, du hättest ihr Anerbieten annehmen sollen, Vater!«
»Nein, Mutter, ich will von niemand Geld annehmen, weder als Geschenk noch als Darlehen. In erster Linie will ich jetzt meine Schulden los werden, und dann wollen wir uns wieder heraufbringen. Beim Licht besehen sind wir doch eigentlich noch gar nicht so steinalt, wie, Mutter?« rief der Vater, und als er dies sagte, lachte er herzlich.
»Ich glaube wahrhaftig, du meinst, es sei ein Spaß, den Hof zu verkaufen, auf den wir doch so viel Mühe und Arbeit verwendet haben!« versetzte die Mutter.
»Ach, du weißt wohl, warum ich lache, Mutter. Was mich so schwer bedrückt hat, daß ich zu nichts mehr Lust und Kraft hatte, war ja der Gedanke, der Junge sei ein Taugenichts geworden. Nun ich aber weiß, daß er sich gut gemacht hat, jetzt sollst du sehen: Holger Nilsson ist noch etwas wert!«
Die Mutter ging ins Haus hinein, Nils Holgersson aber versteckte sich rasch in einen Winkel, denn der Vater trat in den Stall, um nach dem Pferd zu sehen. Er ging in den Stand zu ihm hinein und hob wie gewöhnlich dessen kranken Fuß in die Höhe, um zu sehen, ob er denn nicht entdecken könnte, was ihm fehle.
»Aber was ist denn das?« sagte der Vater. Auf dem Huf waren einige Buchstaben eingeritzt. »Nimm das Eisen ab!« las er und sah sich verwundert und überrascht nach allen Seiten um. Schließlich befühlte und betrachtete er die untere Seite des Hufes sehr genau. »Ich glaube wahrhaftig, es sitzt etwas Spitziges drin,« murmelte er.
Während der Vater mit dem Pferd beschäftigt war und der Junge in dem Winkel verborgen saß, kamen noch mehr Besuche auf den Hof. Mit diesen verhielt es sich aber folgendermaßen. Als der Gänserich Martin seiner alten Heimat so nahe war, hatte er der Lust nicht widerstehen können, seine Frau und seine Kinder den frühern Gefährten auf dem Gütchen vorzustellen; und so hatte er Daunenfein und die jungen Gänse einfach mitgenommen und war mit ihnen hierhergeflogen.
Als nun der Gänserich durch die Luft daherkam, war auf dem ganzen Hofe kein Mensch zu sehen; er ließ sich deshalb ruhig nieder und zeigte Daunenfein, wie herrlich er es als zahme Gans gehabt hatte. Nachdem sie sich den Hofplatz besehen hatten, bemerkte er, daß die Kuhstalltür offen stand.
»Kommt einen Augenblick mit herein,« sagte er, »dann könnt ihr sehen, wo ich früher gewohnt habe. Das war etwas andres, als sich in Teichen und Sümpfen aufzuhalten, wie wir es jetzt tun.«
Der Gänserich stand auf der Schwelle und schaute in den Kuhstall hinein. »Es ist kein Mensch da,« sagte er. »Komm, Daunenfein, ich zeige dir den Gänsestall. Hab keine Angst, es ist nicht die geringste Gefahr dabei.«
Und so gingen der Gänserich, Daunenfein und alle sechs Jungen in den Gänsestall hinein, um sich anzusehen, in welchem Glanz und Überfluß der große Weiße gelebt hatte, ehe er sich der Schar der Wildgänse anschloß.
»Ja, seht, so hatten wir es. Hier war mein Platz, und dort stand der Freßtrog, der immer mit Hafer und Wasser gefüllt war,« sagte der Gänserich. »Ei der Tausend, es ist wahrhaftig auch jetzt noch etwas drin!« Damit schoß er zum Troge hin und fraß Hafer in sich hinein.
Aber Daunenfein war unruhig. »Laß uns jetzt wieder gehen!« sagte sie.
»Nur noch ein paar Körner!« erwiderte der Gänserich. In demselben Augenblick jedoch stieß er einen Schrei aus und eilte dem Ausgang zu. Aber es war zu spät, die Tür fiel ins Schloß, Holger Nilssons Frau stand draußen und schob den Riegel vor; sie waren eingesperrt.
Holger Nilsson hatte ein spitziges Stück Eisen aus dem Fuß des Rappens herausgezogen und streichelte das Tier nun ganz erfreut, als seine Frau eilig in den Pferdestall hereintrat. »Komm, Vater!« rief sie. »Dann sollst du sehen, was ich für einen Fang gemacht habe!«
»Nein, wart ein wenig, Mutter, und sieh erst hierher!« sagte Holger Nilsson. »Ich hab entdeckt, was dem Pferde gefehlt hat.«
»Ich glaube, das Glück hat sich gewendet und kehrt wieder bei uns ein!« rief die Frau. »Denk dir nur, der große Gänserich, der im Frühjahr verschwunden ist, muß mit den Wildgänsen davongeflogen sein! Er ist zurückgekommen und hat sieben Wildgänse bei sich. Sie gingen in den Gänsestall hinein, und ich habe sie alle miteinander darin eingeschlossen.«
»Das ist doch merkwürdig,« sagte Holger Nilsson. »Aber weißt du, was das beste an der Sache ist, Mutter? Daß wir nun nicht mehr zu glauben brauchen, unser Junge habe die Gans mitgenommen, als er von daheim fortgelaufen ist.«
»Ja, da hast du recht, Vater. Aber ich glaube, wir müssen die Gänse heute abend noch schlachten. In ein paar Tagen ist der Martinstag, und wenn wir die Gänse dazu noch in die Stadt bringen wollen, müssen wir uns beeilen.«
»Es kommt mir geradezu wie ein Unrecht vor, wenn wir den Gänserich schlachten, da er doch mit so einer großen Gesellschaft zu uns zurückgekehrt ist,« sagte Holger Nilsson.
»Wenn die Zeiten besser wären, würde ich ihn gern am Leben lassen, aber wenn wir doch vom Hofe fort müssen, können wir die Gänse ja nicht behalten,« entgegnete die Frau.
»Ja, das ist allerdings wahr.«
»Komm und hilf mir, sie ins Haus hineinzutragen!« sagte die Mutter.
Sie verließen miteinander den Hof, und einen Augenblick später sah der Junge seinen Vater mit Daunenfein unter dem einen Arm und dem Gänserich unter dem andern in Gesellschaft der Mutter über den Hof kommen. Der Gänserich schrie: »Däumling, komm und hilf mir!« wie immer, wenn ihm eine Gefahr drohte, obgleich er ja nicht wissen konnte, daß der Junge in der Nähe war.
Nils Holgersson hörte ihn wohl schreien, blieb aber trotzdem vor dem Stalle stehen, nicht weil er wußte, daß es für ihn selbst gut wäre, wenn der Gänserich geschlachtet würde -- daran dachte er in diesem Augenblick nicht einmal --, sondern weil er sich, wenn er die Gans retten wollte, vor seinen Eltern sehen lassen mußte, und dazu konnte er sich nicht entschließen. »Sie haben es ohnedies schon schwer genug,« dachte er. »Sollte ich wirklich dazu verurteilt sein, ihnen auch noch diesen Kummer zu bereiten?«
Aber als sich die Tür hinter dem Gänserich geschlossen hatte, kam Leben in den Jungen. Schnell wie der Blitz lief er über den Hofplatz, sprang auf die eichene Schwelle vor der Haustür und von da in den Flur hinein. Aus alter Gewohnheit zog er die Holzschuhe aus und näherte sich der Stubentür. Aber er empfand noch immer den größten Widerwillen, sich so vor seinen Eltern sehen zu lassen, und hatte nicht die Kraft, die Hand aufzuheben und anzuklopfen.
»Aber es handelt sich doch um den Gänserich Martin,« dachte er. »Seit du zum letzten Male hier gestanden hast, ist er immer dein bester Freund gewesen.«
In einem Nu durchlebte Nils Holgersson in Gedanken alles wieder, was er und der Gänserich auf gefrorenen Seen und stürmischen Meeren und zwischen gefährlichen Raubtieren miteinander durchgemacht hatten. Sein Herz floß über vor Dankbarkeit und Liebe; er überwand sich und klopfte an die Tür.
»Ist jemand da?« fragte der Vater, indem er die Tür öffnete.
»Mutter, du darfst der Gans nichts tun!« rief der Junge; und zugleich stießen der Gänserich Martin und Daunenfein einen Freudenschrei aus; sie lagen gebunden auf einer Bank, und an dem Schreien hörte man, daß sie noch am Leben waren.
Wer aber auch einen Freudenschrei ausstieß, das war die Mutter. »Nein, wie groß und schön du geworden bist!« rief sie.
Der Junge war nicht eingetreten, sondern auf der Schwelle stehen geblieben, wie jemand, der seines Empfangs nicht ganz sicher ist.
»Gott sei Lob und Dank, daß ich dich wieder habe!« rief die Mutter. »Komm herein! Komm herein!«
»Ja, Gott sei Lob und Dank!« sagte auch der Vater; mehr konnte er nicht herausbringen.
Aber der Junge zögerte noch immer auf der Schwelle. Wie war es nur möglich, daß sich die Eltern über das Wiedersehen freuten, wo er doch so aussah! Aber da kam die Mutter herbei, schlang ihre Arme um ihn und zog ihn in die Stube herein; und nun merkte der Junge, wie die Sache sich verhielt.
»Vater! Mutter! Ich bin groß! Ich bin wieder ein Mensch!« rief er.
55. Der Abschied von den Wildgänsen
Mittwoch, 9. November
Am nächsten Morgen war Nils Holgersson vor Tagesgrauen auf und wanderte an den Strand hinunter. Ehe es richtig hell war, stand er eine kleine Strecke östlich von dem Fischerdorf Smyge am Ufer. Er war ganz allein; vor dem Weggehen war er im Gänsestall bei dem Gänserich Martin gewesen und hatte versucht, ihn zu wecken. Aber der große Weiße hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Ohne ein Wort zu sagen, steckte er den Kopf wieder unter den Flügel und schlief weiter.
Der Tag versprach wunderschön zu werden, fast so schön wie jener Frühlingstag, wo die Wildgänse nach Schonen gekommen waren. Still und unbeweglich breitete sich das Meer aus; kein Lüftchen rührte sich, und der Junge dachte daran, welch eine schöne Reise übers Meer die Wildgänse bekommen würden!
Er selbst ging noch immer wie im Traum umher. Bald fühlte er sich als Wichtelmännchen, bald als Mensch. Wenn er ein Steinmäuerchen am Wege sah, wagte er kaum weiterzugehen, ehe er sich überzeugt hatte, daß kein Raubtier dahinter auf der Lauer lag. Und gleich darauf lachte er über sich selbst und freute sich, daß er nun groß und stark war und sich vor nichts mehr zu fürchten brauchte.
Als er am Ufer angekommen war, stellte er sich in seiner ganzen Größe weit draußen auf den Strand, damit ihn die Wildgänse gut sehen könnten.
Heute war großer Reisetag! Unaufhörlich tönten die Lockrufe durch die Luft. Der Junge lächelte vor sich hin: er war ja der einzige, der verstand, was die Vögel einander zuriefen.
Jetzt kamen auch Wildgänse dahergeflogen, eine große Schar hinter der andern. »Wenn das nur nicht meine Gänse sind, die da davonfliegen, ohne mir Lebewohl gesagt zu haben!« dachte er. Er hätte ihnen doch gar zu gerne erzählt, wie alles zugegangen war, und sich ihnen nun auch als Mensch gezeigt.
Jetzt kam eine Schar, die flog schneller und schrie lauter als alle andern, und etwas in seinem Herzen sagte Nils Holgersson, daß es seine Schar sei; aber er war seiner Sache doch nicht so gewiß, wie er es am vorhergehenden Tage gewesen wäre.
Die Schar flog jetzt langsamer und schwebte über dem Strand hin und her. Da wußte der Junge, daß seine Ahnung ihn nicht betrogen hatte. Er konnte nur nicht begreifen, warum sich die Wildgänse nicht neben ihm niederließen. Da, wo er stand, mußten sie ihn sehen, es war nicht anders möglich.
Er versuchte, einen Lockton auszustoßen, der sie zu ihm herrufen würde. Aber was war denn das? Seine Zunge wollte nicht; er konnte den rechten Ton nicht herausbringen.
Jetzt hörte er Akka in der Luft droben rufen; aber er verstand nicht, was sie sagte. »Was ist denn das? Haben die Wildgänse ihre Sprache verändert?« dachte er.
Er winkte ihnen mit seiner Mütze, lief am Strande hin und her und rief: »Hier bin ich! Wo bist du?«
Aber es schien, als erschrecke er die Gänse. Sie flogen auf und aufs Meer hinaus. Da begriff der Junge endlich: sie wußten nicht, daß er wieder ein Mensch war, und erkannten ihn nicht wieder.
Und er konnte sie nicht zu sich rufen, weil ein Mensch die Sprache der Vögel nicht sprechen kann. Er konnte sie nicht allein nicht sprechen, nein, er konnte sie auch nicht verstehen.
Obgleich Nils Holgersson über seine Befreiung von der Verzauberung hochbeglückt war, tat es ihm doch recht bitter weh, daß er nun von seinen guten Kameraden ganz getrennt sein sollte. Er legte sich in den Sand und vergrub das Gesicht in den Händen. Was hatte es für einen Wert, den Gänsen nachzuschauen?
Aber gleich darauf hörte er Flügelrauschen. Der alten Mutter Akka war es schwer gefallen, von dem Däumling wegzureisen, und so hatte sie noch einmal umgedreht. Und jetzt, wo der Junge still dasaß, wagte sie sich näher an ihn heran. Und da war es ihr plötzlich, als seien ihre Augen aufgetan, sie erkannte den Dasitzenden und ließ sich am Ufer neben ihm nieder.
Der Junge stieß einen Freudenschrei aus und umschlang die alte Akka mit beiden Armen. Die andern Wildgänse rieben ihre Schnäbel an ihm auf und ab und drängten sich um ihn zusammen. Sie schnatterten und plauderten und wünschten ihm auf alle mögliche Weise Glück; und er sprach auch mit ihnen und dankte ihnen für die herrliche Reise, die er in ihrer Gesellschaft gemacht hatte. Aber plötzlich wurden die Wildgänse merkwürdig still, als wenn sie sagen wollten: »Ach, er ist ja ein Mensch! Er versteht uns nicht, und wir verstehen ihn nicht.«
Da stand der Junge auf und trat dicht an Akka heran. Er liebkoste und streichelte sie. Dasselbe tat er Yksi und Kaksi, Kolme und Neljä, Viisi und Kuusi, allen den alten, die von Anfang an dabei gewesen waren.
Hierauf ging er vom Ufer weg landeinwärts; er wußte, der Schmerz der Tiere dauert nie lange, und so wollte er lieber von ihnen scheiden, solange sie noch betrübt darüber waren, daß sie ihn verloren hatten.
Als er den Uferrain erreicht hatte, wendete er sich um und sah den vielen Vogelscharen nach, die übers Meer hinflogen. Alle stießen ihre Locktöne aus, nur eine Schar Wildgänse zog schweigend ihres Weges, solange er ihnen mit den Augen folgen konnte.
Aber die Schar zog in regelmäßiger, schöner Ordnung mit starken und kräftigen Flügelschlägen übers Meer. Da ergriff den Jungen eine schmerzliche Sehnsucht nach den Davonziehenden, und es hätte nicht viel gefehlt, so hätte er sich gewünscht, wieder der Däumling zu sein, um mit einer Schar Wildgänse über Land und Meer hinfliegen zu können.
Im Verlag von Albert Langen erschien früher
Selma Lagerlöf
Gesammelte Werke
Einzige berechtigte deutsche Originalausgabe
In zehn Bänden gebunden 50 Mark
Erster Band: Gösta Berling I Zweiter Band: Gösta Berling II Dritter Band: Die Wunder des Antichrist Vierter Band: Jerusalem I Fünfter Band: Jerusalem II Sechster Band: Liljecronas Heimat Siebenter Band: Eine Herrenhofsage Achter Band: Unsichtbare Bande Neunter Band: Ein Stück Lebensgeschichte Zehnter Band: Christuslegenden
In Einzelausgaben erschienen von Selma Lagerlöf
Jerusalem I (In Dalarne), Roman, 19. Auflage Jerusalem II (Im heiligen Land), Roman, 18. Auflage Gösta Berling, Roman, 22. Auflage Eine Herrenhofsage, Roman, 12. Auflage Die Wunder des Antichrist, Roman, 8. Auflage Liljecronas Heimat, Roman, 14. Auflage Jans Heimweh, Roman, 19. Auflage Herrn Arnes Schatz, Erzählung, 6. Auflage Der Fuhrmann des Todes, Erzählung, 10. Auflage Christuslegenden, 27. Auflage Legenden und Erzählungen, 6. Auflage Die Königinnen von Kungahälla, Erzählungen, 8. Auflage Unsichtbare Bande, Erzählungen, 4. Auflage Ein Stück Lebensgeschichte, Erzählungen, 10. Auflage Trolle und Menschen, Erzählungen, 7. Auflage Die sieben Todsünden, Ausgew. Erzählungen, 13. Auflage Wunderbare Reise, Ein Kinderbuch, Volksausgabe, 18. Auflage Das heilige Leben, Roman, 15. Auflage Die schönsten Geschichten, Ausgewählt und eingeleitet von Walter von Molo, 35. Auflage
Verlag von Albert Langen in München
Anmerkungen zur Transkription:
Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Textende an den Anfang verlegt.
Die Rechtschreibung des Originaltextes wurde beibehalten. An einigen Stellen wurde die Zeichensetzung geändert.
Die unterschiedlichen Schreibweisen Schonen/Skåne, Vänersee/Wenersee und Värmland/Wärmland wurden vereinheitlicht zu den in der Übersichtskarte verwendeten Schreibweisen Schonen, Wenersee und Wärmland. Die an wenigen Stellen verwendete Schreibweise Klein-Matts wurde in die mehrheitlich verwendete Schreibweise Klein-Mats geändert.
Inhaltsverzeichnis: "Die kleine Karlsinsel" wurde geändert in "Die Kleine Karlsinsel" S. 8: "mit weitaufgesperrten Maul" wurde geändert in "mit weitaufgesperrtem Maul" S. 13: "Jordeberga" wurde geändert in "Jordberga" (3x) S. 19: "Westvömmenhög" wurde geändert in "Westvemmenhög" S. 29, 32, 36: "Övedkloster" wurde geändert in "Övedskloster" S. 36: "wie das Weibchen des Eichhörnchen" wurde geändert in "wie das Weibchen des Eichhörnchens" S. 45: "Westvömmenhög" wurde geändert in "Westvemmenhög" S. 48: "Den einzigen Ort, an den sie nicht dachten" wurde geändert in "Der einzige Ort, an den sie nicht dachten" S. 56: "Schaum flog ihnen am Bug hinunter." wurde geändert in "Schaum floß ihnen am Bug hinunter." S. 62: "aber im Schonen ist ein Junge" wurde geändert in "aber in Schonen ist ein Junge" S. 81: "Gallionsfiguren" wurde geändert in "Galionsfiguren" S. 84: "jetzt vorbeugte und dahinsah" wurde geändert in "jetzt vorbeugte und dahin sah" S. 99: "Sie waren jetzt alle totmüde" wurde geändert in "Sie waren jetzt alle todmüde" S. 115: "am allerniedergeschlagendsten" wurde geändert in "am allerniedergeschlagensten" S. 124: "Wo der Sunneboer Bezirk" wurde geändert in "Wo der Sunnerboer Bezirk" S. 138: und S. 141: "Vest-Vemmenhög" wurde geändert in "Westvemmenhög" S. 159: "sah er auf einmal ein Tauchernest daherschwimmen" wurde geändert in "sah er auf einmal ein Tauchernest daherschwimmen." S. 173: "Övedkloster" wurde geändert in "Övedskloster" S. 177: "noch Föhren über die Seen" wurde geändert in "noch Fähren über die Seen" S. 179: "und so hatteu" wurde geändert in "und so hatten" S. 182: "Augen des Kälchens" wurde geändert in "Augen des Kälbchens" S. 185: "von einem Ufer zum andern hinüberzuschimmen" wurde geändert in "von einem Ufer zum andern hinüberzuschwimmen" S. 195: "des Waldes Schuld" wurde geändert in "des Waldes schuld" S. 208: "Mutter ist müde geworden war" wurde geändert in "Mutter ist müde geworden" S. 209: "antwortete der Gärtner" wurde geändert in "antwortet der Gärtner" S. 210: "Sofa und Sessel" wurde geändert in "Sofas und Sessel" S. 211: "sagte er" wurde geändert in "sagt er" S. 212: "sagte er" wurde geändert in "sagt er" S. 221: "noch schimmer als am Tage" wurde geändert in "noch schlimmer als am Tage" S. 235: "Fellingbroer Kirchspiel" wurde geändert in "Fellingsbroer Kirchspiel" S. 239: "und trieb sie anstatt ostwärts" wurde geändert in "und trieb sie anstatt nordwärts" S. 258: "wenn der erst Zulauf kam" wurde geändert in "wenn der erste Zulauf kam" S. 252: "und ich muß ordentlich Zeit zum überlegen haben" wurde geändert in "und ich muß ordentlich Zeit zum Überlegen haben" S. 265: "der kleine Tiskansee" wurde geändert in "der kleine Tiskensee" S. 274: "ein junger faluner Bergmann" wurde geändert in "ein junger Faluner Bergmann" S. 276: "wie dieses hier" wurde geändert in "wie diesem hier" S. 287: "dahergepflogen kamen" wurde geändert in "dahergeflogen kamen" S. 290: "sturmgepeischten Flächen" wurde geändert in "sturmgepeitschten Flächen" S. 306: "Dächer und und Höfe" wurde geändert in "Dächer und Höfe" S. 308: "bis ganz es dunkel war" wurde geändert in "bis es ganz dunkel war" S. 324: "Sie meinen es sich nicht gut mit dir" wurde geändert in "Sie meinen es nicht gut mit dir" S. 330: "den vornehmen alten Heren" wurde geändert in "den vornehmen alten Herrn" S. 350: "glänzenden Seeen" wurde geändert in "glänzenden Seen" S. 356: "Tal voller Seeen" wurde geändert in "Tal voller Seen" S. 356: "sah solche fröhliche Züge" wurde geändert in "sah solche Fröhliche Züge" S. 358: "ein Probst von Delsbo" wurde geändert in "ein Propst von Delsbo" S. 360: "Er ergiff die Zügel" wurde geändert in "Er ergriff die Zügel" S. 361: "wo es sich in den Sattel schwingen konnte" wurde geändert in "wo er sich in den Sattel schwingen konnte" S. 367: "im letzen Winter" wurde geändert in "im letzten Winter" S. 371: "im kalten Norden lag Sundswall" wurde geändert in "im kalten Norden lag Sundsvall" S. 374: "große Frachtschiffe geladen" wurde geändert in "große Frachtschiffe beladen" S. 388: "auf der Insel Gottland" wurde geändert in "auf der Insel Gotland" S. 388: "Övedkloster" wurde geändert in "Övedskloster" S. 444: "es handelt sich nun darum" wurde geändert in "es handelt sich nur darum" S. 463: "ich weiß ja, das" wurde geändert in "ich weiß ja, daß" S. 469: "einige Bauerhöfe" wurde geändert in "einige Bauernhöfe" S. 480: "diese Begegnung mit Landsleuten führten" wurde geändert in "diese Begegnung mit Landsleuten führte" S. 481: "um den Riesen zu zeigen" wurde geändert in "um dem Riesen zu zeigen" S. 481: "Felskuppe am Wernersee" wurde geändert in "Felskuppe am Wenersee" S. 481: "seine steinerne Keule schicke er" wurde geändert in "seine steinerne Keule schickte er" S. 482: "von denen die Leute soviel Respekt haben" wurde geändert in "vor denen die Leute soviel Respekt haben" S. 491: "schlanker Fabrikschlöte" wurde geändert in "schlanker Fabrikschlote"