39. Über Gästrikland hin
Der kostbare Gürtel
Mittwoch, 15. Juni
Der Adler flog ununterbrochen in nördlicher Richtung weiter, bis er ein gutes Stück über Stockholm hinausgekommen war; da ließ er sich auf einen bewaldeten Hügel hinab und lockerte den Griff, mit dem er den Jungen festhielt.
Aber kaum fühlte sich dieser frei, als er, so schnell er nur konnte, wieder nach der Stadt zurücklief.
Da machte der Adler einen großen Sprung, holte den Jungen ein und legte die Klaue auf ihn. »Willst du ins Gefängnis zurückkehren?« fragte er.
»Was willst du eigentlich von mir? Ich werde doch wohl gehen dürfen, wohin ich will!« rief der Junge und versuchte sich von dem Adler los zu machen. Doch da ergriff ihn Gorgo abermals mit seinen starken Fängen, hob ihn auf und trug ihn fort.
Nun flog er mit dem Jungen über ganz Uppland hin und hielt nicht an, bis er den großen Wasserfall bei Älvkarleby erreicht hatte. Hier ließ er sich auf einen Stein nieder, der mitten im Strom gerade unter dem rauschenden Wasserfall lag, und ließ dann seinen Gefangenen aufs neue los.
Der Junge erkannte sogleich, daß es ihm ganz unmöglich war, dem Adler von hier aus zu entfliehen. Von oben her kam der weißschäumende Schwall herabgestürzt, und ringsum brandete und wogte das Wasser mit wildem Schäumen. Der Junge war sehr erbittert, daß er auf diese Weise wortbrüchig werden mußte; er wendete dem Adler den Rücken und wollte kein Wort mehr mit ihm sprechen.
Aber nachdem jetzt der Adler den Jungen an einer Stelle abgesetzt hatte, wo er ihm nicht mehr entfliehen konnte, erzählte er ihm, wie er von Akka von Kebnekajse aufgezogen worden, mit dieser seiner Pflegemutter aber jetzt in Feindschaft geraten sei.
»Und jetzt kannst du vielleicht verstehen, Däumling, warum ich dich zu den Wildgänsen zurückbringen möchte,« sagte er zum Schluß. »Ich habe gehört, in welch hoher Gunst du bei Akka stehst, und deshalb wollte ich dich bitten, den Friedensstifter zwischen uns zu machen.«
Sobald der Junge hörte, daß der Adler ihn nicht nur aus Eigensinn fortgetragen hatte, wurde er wieder freundlich gegen ihn.
»Ich würde dir außerordentlich gern in dieser Sache helfen,« sagte er, »aber ich bin ja durch mein Versprechen gebunden.« Und nun erzählte er seinerseits dem Adler, wie er in Gefangenschaft geraten sei, und daß Klement Larsson Skansen verlassen hätte, ohne ihm sein Wort zurückzugeben.
Doch der Adler wollte um keinen Preis seinen Plan aufgeben. »Höre mich an, Däumling!« sagte er. »Meine Flügel tragen mich, wohin du nur willst, und meine Augen machen alles ausfindig, was du nur sehen möchtest. Erzähl mir, wie der Mann aussah, der dir das Versprechen abgenommen hat, ich will ihn aufsuchen und dich zu ihm tragen. Alsdann mußt du sehen, wie du ihn dazu bringst, dich von deinem Versprechen zu entbinden.«
Dieser Vorschlag leuchtete dem Jungen ein. »Ja, ja, Gorgo, man merkt wohl, welchen klugen Vogel du als Pflegemutter gehabt hast,« sagte er. Dann beschrieb er dem Adler Klement Larsson ganz genau und fügte auch noch hinzu, er habe auf Skansen gehört, daß der kleine Spielmann aus Hälsingeland stammte.
»Wir wollen ganz Hälsingeland absuchen, von Lingbo bis Mellansjö, von Storberg bis Hornsland!« rief der Adler. »Gleich morgen, noch ehe es Abend geworden ist, wirst du mit dem Manne reden können.«
»Jetzt versprichst du sicher mehr, als du halten kannst, Gorgo,« sagte der Junge.
»O, ich wäre ein schlechter Adler, wenn ich das nicht könnte!« erwiderte Gorgo.
Als Gorgo mit dem Däumling von Älvkarleby aufbrach, waren die beiden ganz gute Freunde geworden, und der Junge ritt jetzt auf Gorgos Rücken. Auf diese Weise sah er wieder etwas von den Gegenden, über die sie hinflogen. Solange ihn der Adler in den Klauen getragen hatte, war ihm das nicht möglich gewesen. Es war vielleicht ganz gut für ihn, daß er sich nicht so genau auskannte, denn wenn er gewußt hätte, daß er am Morgen über so schöne Orte wie die alten Königshügel von Uppsala, über die große Österbyer Fabrik, die Danemoraer Grube und das alte Schloß zu Örbyhus hingeflogen war, hätte er sich gewiß sehr gegrämt, weil er nichts davon gesehen hatte.
Jetzt trug ihn der Adler hurtig über Gästrikland hin. In dem südlichen Teil war nicht viel zu sehen, was die Aufmerksamkeit gefangen nehmen konnte. Eine fast ganz mit Tannenwald bestandene Ebene breitete sich ungeheuer groß unter ihm aus; weiter gegen Norden aber erstreckte sich quer durch die Landschaft, von der Dalagrenze bis zum Bottnischen Meerbusen, ein schöner Landstrich mit bewaldeten Hügeln, glänzenden Seen und rauschenden Strömen. Da lagen dichtbevölkerte Kirchspiele um weiße Kirchen herum, Landstraßen und Eisenbahnen kreuzten sich, die Häuser waren in Grün gebettet, und blühende Gärten schickten holde Düfte in die Luft hinauf.
An den Wasserläufen sah der Junge mehrere große Eisenhämmer, ganz ähnliche, wie er schon im Bergwerkdistrikt gesehen hatte. In ungefähr gleichen Zwischenräumen lagen sie in einer Reihe bis zum Meere hin, wo schließlich eine große Stadt ihre weißen Häusermassen ausbreitete. Nördlich von dieser dichtbevölkerten Gegend setzten die dunkeln Wälder wieder ein; doch war hier das Land nicht eben, sondern bildete Hügel und Täler, es hob und senkte sich wie ein aufgeregtes Meer.
»Dieses Land hat ein Kleid aus Tannenzweigen und eine Jacke aus Feldsteinen an,« sagte sich der Junge im stillen. »Aber um die Mitte trägt es einen Gürtel, der an Kostbarkeit nicht seinesgleichen hat, denn er ist mit blauschimmernden Seen und blumigen Wiesen bestickt; die großen Eisenhämmer schmücken ihn wie eine Reihe von Edelsteinen, und als Schnalle dient ihm eine große Stadt mit Schlössern und Kirchen und großen Häusergruppen.«
Nachdem Gorgo mit dem Jungen eine Strecke weit in die nördlich sich hinziehende Waldgegend hineingeflogen war, ließ sich Gorgo ganz oben auf dem Gipfel eines kahlen Felsen nieder, und als der Junge auf den Boden hinuntergesprungen war, sagte der Adler: »Es gibt hier im Walde allerlei Leckerbissen für dich, und ich selbst kann die drückenden Gedanken an die Gefangenschaft gewiß nicht los werden und mich nicht so recht frei fühlen, bis ich wieder auf der Jagd gewesen bin. Du hast doch wohl keine Angst, wenn ich davonfliege?«
»O nein,« sagte der Junge, »fliege du nur.«
»Du kannst gehen, wohin es dir beliebt, nur gegen Sonnenuntergang solltest du wieder hier sein,« sagte der Adler, und dann flog er davon.
Der Junge fühlte sich ziemlich einsam und verlassen, als er dann auf einem Stein saß und über die nackten Gebirgshalden und die großen Wälder hinschaute, die ihn rings umgaben. Aber er hatte noch nicht lange dagesessen, als von drunten aus dem Walde Gesang zu ihm heraufdrang und er etwas Helles zwischen den Bäumen schimmern sah. Bald erkannte er eine blau-gelbe Fahne, und an dem Gesang und dem fröhlichen Rufen erriet er auch, daß die Fahne einem ganzen Zug von Menschen vorausgetragen wurde; aber es dauerte noch recht lange, bis er sehen konnte, welche Art von Zug es war. Die Fahne wurde auf Zickzackwegen heraufgetragen, und Nils Holgersson war außerordentlich gespannt, wohin diese Fahne und die Menschen dahinter wollten. Auf die einsame, öde Berghalde, wo er sich eben befand, kamen sie gewiß nicht, das konnte er sich gar nicht denken. Und doch war es so. Jetzt tauchte die Fahne am Waldessaum auf, und hinter ihr strömten eine Menge Menschen heraus, denen die Fahne den Weg gewiesen hatte. Auf dem ganzen Berge war nun Leben und Bewegung, und an diesem Tage hatte der Junge so viel zu sehen, daß er sich keinen Augenblick langweilte.
Der große Tag des Waldes
Auf dem breiten Gebirgsrücken, wo der Junge von Gorgo zurückgelassen worden war, hatte vor ungefähr zehn Jahren ein Waldbrand gewütet. Die verkohlten Bäume waren gefällt und fortgeschafft worden, und da, wo der große Brandplatz an den frischen Wald stieß, hatte sich allmählich wieder einiges Wachstum eingestellt. Aber der größte Teil lag noch immer unheimlich kahl und verlassen da. Zwischen den Steinen waren zwar noch schwarze Baumstümpfe und legten Zeugnis davon ab, daß einst ein großer, prächtiger Wald hier gestanden hatte, aber nirgends sproßten junge Schößlinge aus dem Boden heraus.
Die Leute wunderten sich darüber, wie lange es dauerte, bis sich die leere Fläche wieder mit Wald bekleidete; sie vergaßen ganz, daß seit jener Zeit, wo das Feuer hier gewütet hatte, die Erde aller Feuchtigkeit ermangelte. Deshalb waren nicht allein alle Bäume gänzlich verbrannt und alles, was auf dem Waldboden wuchs -- Heidekraut, Maiblumen, Moos und Preißelbeerstauden --, verschwunden, sondern auch die Erde, die den Felsengrund bedeckte, war nach dem Brande so trocken und lose wie Asche geworden. Jeder Windstoß, der daherjagte, wirbelte sie hoch in die Luft hinauf; und da die Berghöhe dem Winde sehr ausgesetzt war, wurde ein Steinblock um den andern reingefegt. Der Regen tat natürlich auch das Seine, das Erdreich hinwegzuschwemmen; und nachdem sich nun Wind und Wetter zehn Jahre lang alle Mühe gegeben hatten, den Berg abzufegen, sah er so kahl aus, daß man sich nichts andres denken konnte, als daß er bis ans Ende der Welt so liegen bleiben würde.
Aber eines Tages, gleich in der ersten Sommerzeit, versammelten sich alle Kinder des Dorfes, in dessen Gebiet der abgebrannte Berg lag, vor einer der Schulen. Jedes Kind trug eine Hacke oder einen Spaten auf der Schulter, sowie ein Paket Mundvorrat in der Hand. Sobald alle Kinder versammelt waren, wanderten sie in einem langen Zuge dem Walde zu. Die Fahne wurde vorausgetragen, die Lehrer und Lehrerinnen gingen nebenher, und hinterdrein kamen einige Waldhüter und ein Pferd, das eine große Ladung Tannenschößlinge und Tannensamen trug.
Dieser Zug hielt in keinem der dem Dorf zunächstliegenden Birkengehölze an, nein, er wanderte weit hinauf in den Wald. Immer höher ging es auf verlassenen alten Viehwegen, und die Füchse streckten die Köpfe aus ihrem Bau heraus und fragten verwundert, was doch das für Hirtenvolk sei, das zu Berg ziehe. Der Zug kam an verlassenen Weilern vorüber, wo früher in jedem Herbst Kohlen gebrannt worden waren, und die Kreuzschnäbel wendeten ihren krummen Schnabel nach dem Zuge und konnten nicht begreifen, was das für Kohlenbrenner sein sollten, die da in den Wald eindrangen.
So erreichte der Zug schließlich die große abgebrannte Hochebene. Da waren die Felsen ganz kahl, ohne die feinen Linäenranken, von denen sie einstmals bedeckt gewesen waren, und die Steinplatten waren des schönen silberweißen Mooses und auch der feinen niedlichen Renntierflechten entkleidet. Rings um die schwarzen Wassertümpel herum, die sich in den Felsenspalten und Vertiefungen angesammelt hatten, wuchsen weder Kallablätter noch Sauerklee. Auf den kleinen Plätzen, wo zwischen den Steinblöcken und Rissen noch Erde lag, standen keine Farrenkräuter, keine Sternmieren, keine weißen Pyrola, nirgends war eine Spur von all dem Grünen und Roten und Buschigen und Weichen und Zierlichen, was sonst den Waldboden schmückt.
Es war, als ob plötzlich heller Sonnenschein über die graue Hochebene hinleuchtete, als die Kinder des Dorfes sich darauf zerstreuten. Das war doch wieder etwas Frohes und Schönes, etwas Frisches und Rosiges, etwas Junges und etwas im Wachsen Begriffenes! Vielleicht konnten sie dem armen verlassenen Waldboden wieder zu etwas Leben verhelfen!
Nachdem die Kinder sich ausgeruht und gesättigt hatten, ergriffen sie die Hacken und Spaten und fingen an zu arbeiten. Die Waldhüter zeigten ihnen, wie sie es machen müßten, und nun steckten die Kinder in jedes noch so kleine Fleckchen Erde, das sie entdecken konnten, die kleinen Tannenpflänzchen hinein.
Während die Kinder also pflanzten, sprachen sie ganz altklug miteinander davon, wie diese kleinen Pflänzchen, die sie jetzt in die Erde hineinsteckten, das Erdreich festhalten würden, damit es nicht wieder weggeblasen werden könnte. Aber das sei nicht das einzige Gute daran, denn dadurch bilde sich auch neue Erde unter den Wurzeln, in diese falle Samen hinein, und in einigen Jahren könnten sie da, wo jetzt nichts als kahle Felsblöcke seien, Himbeeren und Heidelbeeren pflücken. Und die kleinen Pflanzen, die sie hier einsetzten, würden allmählich zu großen Bäumen heranwachsen, ja in späteren Jahren könne man große Häuser oder stolze Schiffe daraus bauen.
Wenn aber sie, die Kinder, jetzt nicht heraufgekommen wären und gepflanzt hätten, solange noch ein bißchen Erde in den Felsenspalten lag, dann wäre durch den Wind und den Regen jede Möglichkeit, daß je hier etwas gepflanzt werden könnte, vollends zerstört worden, und es hätte also niemals wieder ein Wald auf diesem Berge entstehen können.
»Ja, es ist nur gut, daß wir heraufgekommen sind,« sagten die Kinder. »Es war wirklich die höchste Zeit.« Und sie kamen sich ungeheuer wichtig vor.
Während die Kinder so auf dem Berge arbeiteten, waren Vater und Mutter daheim; nachdem aber einige Zeit vergangen war, hätten sie gar zu gerne gewußt, wie es den Kindern droben auf dem Berge gehe. Sie dachten, es sei natürlich nur zum Spaß, daß solche kleinen Leute einen Wald pflanzen sollten, aber es könnte jedenfalls ganz unterhaltend sein, wenn sie nachsähen, wie es da droben zugehe. Und ehe sie sich versahen, waren Vater und Mutter schon auf dem Wege nach dem Walde. Als sie den Bergpfad erreicht hatten, trafen sie mit andern Nachbarn zusammen.
»Wollt ihr hinauf zum Brandplatz?«
»Ja, wir sind eben auf dem Wege.«
»Um nach den Kindern zu sehen?«
»Ja, wir wollen hinauf und sehen, was sie da treiben.«
»Es ist natürlich nur zum Spaß.«
»Freilich, viele Bäume werden da droben nicht wachsen.«
»Wir haben den Kaffeekessel bei uns, damit sie etwas Warmes bekommen, da sie den ganzen Tag von trockner Kost leben müssen.«
Jetzt erreichten Vater und Mutter den Brandplatz, und zuerst dachten sie nichts weiter, als wie hübsch alle die roten Wangen der Kinder auf dem grauen Berge aussähen. Aber dann gaben sie genau acht, wie die Kinder arbeiteten: die einen setzten die Pflänzchen ein, die andern zogen Furchen und säten Samen hinein, wieder andere rissen das Heidekraut heraus, damit es die jungen Bäumchen nicht ersticken sollte.
Sie sahen auch, wie eifrig und ernsthaft die Kinder es mit der Arbeit nahmen; sie hatten ja kaum Zeit, aufzuschauen.
Der Vater sah eine Weile zu, dann fing er auch an Heidekraut herauszureißen. Nur zum Scherze natürlich. Die Kinder waren die Lehrmeister, denn jetzt kannten sie die Kunst, und sie durften nun Vater und Mutter zeigen, wie man es machen mußte.
Schließlich nahmen dann auch alle die Erwachsenen, die heraufgekommen waren, nach den Kindern zu sehen, an der Arbeit teil. Da war es natürlich noch viel unterhaltender als vorher, und nach kurzer Zeit bekamen die Kinder noch mehr Hilfe.
Man brauchte nämlich noch mehr Handwerkszeug, und ein paar Jungen mit langen Beinen wurden nach Hacken und Spaten ins Dorf hinuntergeschickt. Als diese an den Häusern vorbeirannten, kamen die Bewohner heraus und fragten: »Was ist denn los? Ist ein Unglück geschehen?«
»Nein, nein, aber das ganze Dorf ist droben auf dem Brandplatz und hilft den Wald pflanzen.«
»Ei, wenn das ganze Dorf droben ist, dann wollen wir auch nicht daheimbleiben.«
So strömte alles auf den abgebrannten Berg hinauf. Zuerst blieben die Neuangekommenen ruhig stehen und schauten eine Weile zu; aber dann konnten sie es nicht lassen, sich an der Arbeit zu beteiligen. Denn es mochte wohl sehr vergnüglich sein, wenn der Bauer im Frühjahr seinen Acker bestellt und dabei an das Getreide denkt, das aus der Erde herauswachsen soll, aber dies war doch noch verlockender.
Hier sollten nicht nur schwache Halme aus dieser Saat aufgehen, sondern starke Bäume mit hohen Stämmen und mächtigen Zweigen. Hier handelte es sich nicht nur darum, die Ernte eines Sommers hervorzurufen, sondern Wachstum für viele Jahre. Das hier bedeutete so viel, wie Insektensummen, Drosselschlag und Auerhahnbalzen hervorzurufen und ungezähltes Leben auf dem Brandplatz zu wecken. Und dann war es auch wie ein Denkmal, das man für die kommenden Geschlechter errichtete. Bisher hätte man ihnen einen kahlen, nackten Berg als Erbe hinterlassen, jetzt aber sollten sie einen stolzen Wald dafür bekommen; und wenn die Nachkommen dies erkannten, dann verstanden sie sicher auch, daß ihre Vorfahren gute und kluge Leute gewesen waren, und darum würden sie mit Ehrerbietung und Dankbarkeit der Vorfahren gedenken.
40. Ein Tag in Hälsingeland
Ein großes grünes Blatt
Donnerstag, 16. Juni
Am nächsten Morgen ritt der Junge auf Gorgos Rücken über Hälsingeland hin. Hellschimmernd lag es unter ihm; die Nadelholzbäume hatten hellgrüne Triebe, die Birkengehölze frisches Laub, die Wiesen neues saftiges Gras, und auf den Äckern wogte die junge, grüne Saat. Es war ein hochgelegenes, bergiges Land, aber mitten hindurch zog sich ein offenes, lachendes Tal, und von diesem erstreckten sich bald kurze und enge, bald lange und breite Täler nach beiden Seiten ins Land hinein.
»Dieses Land werde ich wohl mit dem Blatt eines Baumes vergleichen müssen,« dachte Nils Holgersson, »denn es ist so grün wie ein Blatt, und die Täler verzweigen sich ungefähr in derselben Weise, wie die Rippen auf einem ausgebreiteten Blatte.«
Von dem großen Haupttal zweigten sich zuerst gewaltige Seitentäler ab, eins nach Osten, eins nach Westen. Dann schickte es nur noch kleine Täler aus, bis es ziemlich weit nach Norden gekommen war. Da streckte es wieder zwei starke Arme aus, lief alsdann noch eine Strecke weiter, wurde hierauf immer schmäler und verlor sich schließlich in der Wildnis.
Mitten durch das große Tal floß ein breiter, prächtiger Fluß, der sich an vielen Stellen zu Seen erweiterte. Ganz dicht am Flusse lagen Wiesen, die mit kleinen grauen Scheunen wie übersät waren; nach diesen Wiesen kamen die Äcker, und an der Talgrenze, wo der Wald einsetzte, standen die Höfe. Diese waren stattlich und schön gebaut, einer lag neben dem andern in einer fast ununterbrochenen Reihe. Die Kirchen ragten am Flußufer hoch empor, und rings um diese sammelten sich die Höfe zu großen Dörfern. Andre Häusergruppen drängten sich um die Bahnhöfe zusammen, sowie um die Sägewerke, die da und dort an den Seen und Flüssen lagen und leicht zu erkennen waren an den großen Bretterstapeln, die sich ringsherum auftürmten.
Die Seitentäler waren ebenso wie das mittlere Tal voller Seen und Wiesen, Dörfern und Gehöften. Lachend und freundlich glitten sie zwischen die dunklen Berge hinein, von denen sie allmählich so zusammengepreßt wurden, daß sie schließlich ganz schmal waren und nur noch für einen kleinen Bach Platz hatten.
Auf den Bergkuppen zwischen den Tälern ragte der Nadelwald auf. Er hatte keinen ebenen Boden, und eine Menge Felsblöcke lagen da droben wild durcheinander, aber der Wald verdeckte alles wie eine Pelzdecke, die über einen eckigen Körper gebreitet ist.
Ja, es war ein schönes Land, und der Junge sah auch ein gut Teil davon, denn der Adler suchte ja den alten Spielmann Klement Larsson; und so flog er, immerfort nach dem alten Manne ausspähend, unermüdlich von Tal zu Tal.
Als der Morgen anbrach, entstand Leben und Bewegung auf den Höfen. An den Kuhställen, die in diesem Lande sehr groß und hoch sind und sowohl Schornsteine als auch breite Fenster haben, wurden die Türen sperrangelweit aufgemacht und die Kühe herausgelassen; es waren schöne weiße feingebaute und geschmeidige Tiere, überaus sicher auf den Füßen und so munter, daß sie die lächerlichsten Sprünge machten. Die Kälber und Schafe wurden auch herausgelassen, und auch diese waren unverkennbar in der allerbesten Laune.
Und mit jedem Augenblick wurde es lebendiger auf den Höfen. Ein paar junge Dirnen mit Ranzen auf dem Rücken gingen zwischen dem Vieh umher. Ein Junge mit einem langen Stock in der Hand hielt die Schafe beieinander, ein Hündchen lief zwischen den Kühen umher und bellte solche Tiere, die sich stoßen wollten, zornig an. Der Bauer spannte ein Pferd vor einen Karren und belud ihn mit Butterkübeln, Käseformen und allerlei Lebensmitteln. Fröhliches Lachen und Singen ertönte, und das Vieh war so vergnügt, wie wenn heute ein besonderer Festtag wäre.
Bald darauf waren alle miteinander auf dem Wege nach dem Walde. Eine von den Mägden ging an der Spitze und lockte das Vieh mit schönen Jodlern. Hinter ihr kam der Zug in einer langen Reihe. Der Hirtenjunge und der Hirtenhund liefen hin und her und gaben wohl acht, daß keines der Tiere vom Wege abwich. Ganz hinten kamen der Bauer und sein Knecht. Sie gingen neben dem Karren, um ihn vor dem Umstürzen zu bewahren, denn es ging einen gar schmalen, steinigen Waldpfad hinauf.
Entweder ist es in Hälsingeland Sitte, daß die Bauern ihr Vieh an ein und demselben Tage in die Wälder schicken, oder es traf sich in diesem Jahre zufälligerweise so. Soviel ist sicher, Nils Holgersson sah solche Fröhliche Züge von Menschen und Vieh aus jedem Tal und jedem Hof nach dem öden Walde hinaufziehen und diesen mit Leben erfüllen. Aus den dunkeln Wäldern heraus hörte er den ganzen Tag das Jodeln der Sennerinnen und das Läuten der Kuhglocken. Die meisten hatten einen langen beschwerlichen Weg vor sich, und der Junge sah, wie sie mit großer Mühe über sumpfige Moore hinzogen und, um einen Windbruch zu vermeiden, oft große Umwege machen mußten. Die Karren stießen oft gegen Steinblöcke und stürzten um; aber die Männer überwanden alle Schwierigkeiten mit fröhlichem Lachen und unverwüstlicher Laune.
Im Lauf des Nachmittags gelangten die Wanderer auf ausgerodete Plätze, wo ein niedriger Kuhstall und einige kleine graue Hütten standen. Als die Kühe den Platz zwischen den Hütten erreicht hatten, brüllten sie vergnügt, als erkennten sie den Ort wieder, und fraßen sogleich von dem grünen saftigen Gras. Unter Scherzen und lustigen Reden holten die Leute Wasser und Brennholz herbei, und was auf dem Karren war, wurde in die größte der Hütten hineingetragen. Bald stieg der Rauch aus dem Schornstein auf, dann setzten sich die Sennerinnen, der Hirtenjunge und die Männer draußen im Freien um einen flachen Stein, der als Tisch diente, und hielten ihre Mahlzeit.
Der Adler Gorgo war fest überzeugt, daß er Klement Larsson unter diesen Leuten, die auf dem Wege in den Wald waren, finden würde. Sobald er einen Viehzug entdeckte, ließ er sich hinabsinken und untersuchte ihn mit seinem scharfen Auge. Aber eine Stunde um die andre verging, und noch immer hatte er Klement nicht gefunden.
Nachdem er sehr oft hin und her geflogen war, erreichte der Adler gegen Abend eine bergige, einsame, östlich von dem großen Haupttal gelegene Gegend. Wieder sah er eine Sennhütte unter sich; die Leute und das Vieh waren schon angekommen, die Männer spalteten Brennholz, und die Mägde melkten die Kühe.
»Sieh dort!« rief Gorgo. »Ich glaube, jetzt haben wir ihn!«
Er ließ sich hinuntersinken, und zu seiner großen Verwunderung sah Nils Holgersson, daß Gorgo recht hatte. Da stand wirklich der kleine Klement Larsson und machte Brennholz klein.
Gorgo ließ sich eine kurze Strecke von der Sennhütte entfernt im Walde nieder.
»Nun habe ich ausgeführt, was ich übernommen hatte,« sagte er und warf den Kopf stolz zurück. »Jetzt mußt du sehen, daß du mit dem Manne sprichst. Ich werde mich inzwischen auf jenen dichten Tannenwipfel dort setzen und auf dich warten.«
Die Neujahrsnacht der Tiere
Auf der Almhütte war die Arbeit zu Ende und das Abendbrot gegessen, aber die Leute saßen noch beieinander und plauderten. Es war lange her, seit sie zum letztenmal in einer schönen Sommernacht im Walde gewesen waren, und alle hatten das Gefühl, als hätten sie gar keine Zeit zum Schlafen. Es war noch taghell ringsum, und die Sennerinnen waren eifrig mit ihrer Handarbeit beschäftigt, bisweilen aber hoben sie den Kopf, schauten in den Wald hinein und lächelten leise vor sich hin.
»Ja, nun sind wir wieder hier oben,« sagten sie; und damit versank das Dorf mit all seiner Unruhe aus ihrer Erinnerung, und der Wald umschloß sie mit seinem stillen Frieden. Wenn sie daheim auf ihren Höfen daran dachten, daß sie den ganzen Sommer hindurch allein da droben im Walde sein müßten, konnten sie sich kaum denken, wie sie das aushalten sollten; sobald sie aber in die Sennhütten heraufgekommen waren, kam es ihnen vor, als sei dies doch ihre allerbeste Zeit.
Vor ein paar Sennhütten, die nahe beieinander lagen, waren die jungen Mädchen und Burschen zusammengekommen, einander zu begrüßen; es war also eine ziemliche Anzahl Menschen, die sich da auf der Wiese vor den Hütten niedergelassen hatten, aber eine rechte Unterhaltung wollte trotzdem nicht in Gang kommen. Die Burschen mußten am nächsten Tage wieder hinunter ins Dorf, und die Sennerinnen trugen ihnen noch allerlei kleine Bestellungen und Grüße an die Ihrigen daheim auf.
Da sah die älteste der Sennerinnen von ihrer Arbeit auf und sagte ganz lustig: »Es ist gar nicht nötig, daß es heute abend so still bei uns zugeht, denn wir haben ja zwei Burschen unter uns, die sonst gern etwas erzählen. Der eine ist Klement Larsson, der hier neben mir sitzt, und der andere Bernhard von Sunnansee, der dort drüben steht und nach dem Blackåsen hinaufschaut. Kommt, wir wollen sie bitten, daß jeder von ihnen eine Geschichte zum besten gebe, und wer die schönste Geschichte erzählt, dem verspreche ich das Halstuch hier, an dem ich eben stricke.«
Dieser Vorschlag fand großen Beifall; die beiden, die miteinander wetteifern sollten, machten natürlich zuerst Einwendungen, gaben aber bald nach. Klement bat Bernhard, den Anfang zu machen, und dieser hatte nichts dagegen. Er kannte Klement Larsson nicht genau, aber er meinte, von diesem könnte man nur irgendeine alte Geschichte von Gespenstern und Trollen erwarten; und da er wußte, daß die Leute so etwas gerne hörten, hielt er es fürs klügste, gleich selbst etwas derartiges zu wählen.
»Vor mehreren hundert Jahren,« begann er, »geschah es, daß ein Propst von Delsbo hier in der Nähe in einer Neujahrsnacht mitten durch den dichten Wald ritt. In seinen dicken Pelz gehüllt und die Pelzmütze auf dem Kopf, saß er auf seinem Pferd, und an dem Sattelknopf hing ein Felleisen, in dem er den Abendmahlskelch, das Kirchenbuch und den Kirchenrock verwahrt hatte. Aus dem entfernten Filialdorf, weit drinnen im Walde, hatte man ihn zu einem Kranken gerufen; er hatte bis spät in der Nacht bei diesem gesessen und mit ihm gesprochen. Jetzt endlich war er auf dem Heimweg, aber er war überzeugt, daß er erst zu Hause ankommen werde, wenn Mitternacht längst vorüber sei.
Während er nun so durch den Wald dahinreiten mußte, zu einer Zeit, wo er sonst daheim in seinem Bette lag, war er froh, daß wenigstens kein schlimmes Wetter herrschte. Es war eine stille Nacht mit ruhiger Luft und überzogenem Himmel. Der Vollmond segelte groß und rund hinter den Wolken am Himmel und verbreitete eine gewisse Helle, obgleich er selbst nicht zu sehen war. Wenn das bißchen Mondlicht nicht geschienen hätte, wäre der Weg nur schwer von den Feldern zu unterscheiden gewesen; denn es war ja mitten im Winter, und alles hatte ein und dieselbe graubraune Farbe.
In dieser Nacht ritt der Propst ein Pferd, auf das er große Stücke hielt. Es war stark und ausdauernd und fast ebenso klug wie ein Mensch. Unter anderem konnte es von jedem Ort in dem ganzen Kirchspiel, es mochte sein, wo es wollte, den Weg nach Hause finden. Dies hatte der Propst schon mehrere Male erfahren, und er verließ sich so fest darauf, daß er nie mehr an den Weg dachte, wenn er dieses Pferd ritt. So kam er auch jetzt, mit lose herunterhängenden Zügeln und in seinen Gedanken weit weg, mitten in der grauen Nacht durch den wilden Wald dahergeritten.
Der Propst dachte an seine Predigt, die er am nächsten Tage halten mußte, und außerdem auch noch an vieles andere. Es dauerte eine gute Weile, bis er wieder auf den Weg achtete und sich fragte, wie weit er wohl jetzt gekommen sei. Als er dann schließlich aufschaute und sah, daß der Wald noch immer ebenso dicht war wie zu Anfang des Rittes, verwunderte er sich höchlich. Er war jetzt schon sehr lange geritten, eigentlich hätte er bereits an dem bebauten Teil des Kirchspiels angekommen sein müssen.
Es sah damals in Delsbo gerade so aus wie heute noch. Die Kirche und der Pfarrhof und alle großen Höfe lagen im Norden des Kirchspiels um Dellen her, während gen Süden nur Wälder und Berge waren. Als daher der Propst sah, daß er sich noch in der Wildnis befand, wußte er, daß dies der südliche Teil seines Kirchspiels war und er, um nach Hause zu kommen, also nach Norden hätte reiten müssen. Aber gerade dies schien er nicht zu tun. Am Himmel leuchteten zwar weder Mond noch Sterne, nach denen er sich hätte richten können, aber der Propst war einer von denen, die die Himmelsrichtung im Kopf haben, und er hatte das bestimmte Gefühl, daß er gen Süden, vielleicht auch gen Osten reite.
Er war schon im Begriff, das Pferd zu wenden, besann sich aber dann anders. Das Pferd hatte sich noch nie verirrt und würde es gewiß auch heute nicht tun. Viel eher könnte er, der Propst, sich täuschen. Er war in tiefe Gedanken versunken gewesen und hatte des Weges nicht geachtet. So ließ er denn das Pferd in der bisherigen Richtung weitergehen und versank aufs neue in seine Grübeleien.
Aber gleich darauf traf ihn ein großer Zweig so heftig, daß er fast vom Pferde gefallen wäre. Da wurde ihm klar: jetzt mußte er untersuchen, wohin er eigentlich gekommen war; es half alles nichts.
Er betrachtete den Weg; er ritt über weiches Moos hin, wo kein ausgetretener Pfad zu erblicken war. Das Pferd aber schritt ohne jegliches Zögern rasch dahin. Doch gerade wie vorhin war der Propst auch jetzt überzeugt, daß es in der verkehrten Richtung vorwärts gehe.
Diesmal besann er sich nicht lange, ob er eingreifen solle. Er ergriff die Zügel, zwang das Pferd, umzudrehen, und es gelang ihm auch, es auf den Pfad zurückzuführen. Aber kaum waren sie da angekommen, als das Pferd einen Umweg machte und aufs neue geradeswegs in den Wald hineinlief.
Der Propst war seiner Sache so sicher, wie man einer Sache überhaupt sicher sein kann. >Aber wenn das Pferd so gar eigensinnig ist,< dachte er, >dann will es gewiß einen bessern Weg aufsuchen.< Und so ließ er es weitergehen.
Das Pferd kam gut vorwärts, obgleich es keinen gebahnten Weg vor sich hatte. Wenn ihm ein Berggipfel im Wege stand, kletterte es gewandt wie eine Geiß hinauf, und wenn es dann wieder bergab ging, stemmte es die Füße zusammen und rutschte die steilen Felsplatten hinunter.
>Wenn ich nur wenigstens so zeitig nach Hause komme, daß ich die Kirche noch erreichen kann,< dachte der Propst. >Was würden meine Delsboer sagen, wenn ich nicht zu rechter Zeit zum Gottesdienst da wäre?<
Er hatte nicht lange Zeit, darüber nachzudenken, denn plötzlich erreichte er einen Ort, den er wiedererkannte. Es war ein kleines dunkles Wasser, wo er im letzten Sommer gefischt hatte. Da merkte der Propst, daß er mit seiner Befürchtung recht gehabt hatte. Er befand sich tief drinnen im Walde, und das Pferd drang immer weiter gegen Südosten vor. Es schien sich ordentlich vorgenommen zu haben, seinen Herrn so weit wie nur möglich von der Kirche und dem Pfarrhause wegzutragen.
Rasch sprang der Propst aus dem Sattel. Auf diese Weise konnte er sich von dem Pferd nicht in die Wildnis hineintragen lassen. Er mußte nach Hause, und da das Pferd eigensinnig in verkehrter Richtung gehen wollte, beschloß er, zu Fuß zu gehen und das Tier am Zügel zu führen, bis sie auf bekannten Wegen angekommen wären. Er wickelte sich also die Zügel um den Arm, und die Wanderung begann. In dem dicken Pelz durch den Wald zu wandern, war freilich keine leichte Sache; doch der Propst war ein starker, abgehärteter Mann, der vor nichts zurückschrak. Aber bald machte ihm das Pferd neue Sorgen. Anstatt ihm zu folgen, stemmte es die Hufe fest auf den Boden und sperrte sich.
Da wurde der Propst zornig. Er schlug dieses Pferd sonst nie und wollte das auch jetzt nicht tun. Statt dessen warf er ihm die Zügel über den Hals und ließ es stehen. >Wir müssen uns hier wohl trennen, da du durchaus deinen eigenen Weg gehen willst,< sagte er.
Er war kaum ein paar Schritte gegangen, als das Pferd hinter ihm herkam, ihn vorsichtig am Rockärmel faßte und ihn zurückzuhalten versuchte. Der Propst wendete sich um und sah dem Tier in die Augen, wie um zu erforschen, warum es sich so sonderbar gebärdete.
Der Propst konnte eigentlich nicht recht begreifen, wie es möglich war, -- aber soviel ist sicher: trotz der Dunkelheit sah er das Gesicht des Pferdes ganz deutlich, er konnte darin lesen wie in dem eines Menschen, und da begriff er plötzlich, daß sich das Pferd in einer fürchterlichen Angst und Unruhe befand; es warf seinem Herrn einen Blick zu, der flehend und vorwurfsvoll zugleich war. >Ich habe dir gedient und Tag um Tag nach deinem Willen getan,< schien es zu sagen. >Könntest du mir nun nicht in dieser einzigen Nacht nachgeben?<
Der Propst wurde gerührt über diese Bitte, die er in den Augen des Tieres las. Es war klar, das Pferd brauchte in dieser Nacht seine Hilfe auf irgendeine Weise, und da er ein ganzer Mann war, beschloß er sofort, ihm zu folgen. Ohne weiteres Zögern führte er es an einen Stein, wo er sich in den Sattel schwingen konnte, und sagte: >Geh du weiter! Da du mich mithaben möchtest, will ich dich nicht verlassen. Niemand soll von dem Propst von Delsbo sagen können, daß er sich geweigert habe, jemand beizustehen, der in Not war.<
Danach ließ er das Pferd gehen, wohin es wollte, und er richtete sein Augenmerk nur darauf, daß er sich im Sattel hielt. Es war ein gefährlicher und beschwerlicher Ritt, fast die ganze Zeit über ging es bergan durch dichten ungebahnten Wald, wo man keine zwei Schritte vor sich sehen konnte. Aber der Propst meinte doch zu erkennen, daß es einen hohen Berg hinaufging. Das Pferd arbeitete sich steile Felswände hinauf; wenn der Propst selbst das Tier geleitet hätte, wäre es ihm gewiß nie eingefallen, sein Pferd auf solchen Wegen gehen zu lassen.
>Du wirst doch nicht daran denken, den Blackåsen hinaufzuklettern!< sagte er; und dabei lachte er ein wenig, denn der Blackåsen war, wie er wohl wußte, der höchste Berg in Hälsingeland.
Während er nun so dahinritt, merkte der Propst, daß er und das Pferd nicht allein draußen in der Nacht unterwegs waren. Er hörte Steine rollen und Zweige krachen; es hörte sich an, wie wenn große Tiere sich einen Weg durch den Wald bahnten; und da es in dieser Gegend viele Wölfe gab, fragte sich der Propst, ob ihn das Pferd am Ende einem Kampf mit wilden Tieren entgegentrage.
Bergan ging es, bergan! Und je höher sie kamen, desto lichter wurde der Wald.
Schließlich ritt der Propst über einen fast kahlen Bergrücken, wo er nach allen Seiten ausschauen konnte. Unermeßlich dehnte sich das Land vor seinen Blicken; mit düstern Wäldern bedeckt, reihten sich Hügel und Bergketten wellenförmig aneinander. Bei der herrschenden Dunkelheit wurde es dem Propst schwer, sich in der Gegend zurechtzufinden, aber nach kurzer Zeit wurde ihm doch ganz klar, wo er sich befand.
>Ja, ich bin wahrhaftig auf den Blackåsen geritten,< dachte er. >Es kann kein andrer Berg sein. Dort im Westen sehe ich den Järvsee, und im Osten drüben glänzt bei Agön das Meer. Im Norden sehe ich auch etwas schimmern, das wird Dellen sein, und da in der Tiefe unter mir sehe ich den weißen Dunst des Nianwasserfalls. Ja, ja, dies ist der Blackåsen, es ist kein Zweifel. Das ist wahrhaftig ein Abenteuer!<
Als er auf dem höchsten Gipfel angekommen war, hielt das Pferd hinter einem dichten Fichtenbaum an; es war, als wolle es sich da verborgen halten. Der Propst beugte sich vor und bog die Zweige auseinander; so erhielt er einen freien Ausblick.
Des Berges kahler Scheitel lag vor ihm; aber nicht einsam und verlassen, wie er erwartet hatte. Mitten auf dem offenen Platze lag ein großer Felsblock, und rings um diesen her waren viele wilde Tiere versammelt. Es kam dem Propst vor, als seien diese Tiere zur Abhaltung einer Art Thing hier zusammengekommen.
Dem großen Felsen zunächst sah der Propst die Bären; diese waren so schwerfällig und von so mächtigem Körperbau, daß sie aussahen wie pelzbekleidete Steinblöcke. Sie hatten sich niedergelegt und blinzelten ungeduldig mit ihren kleinen Augen. Man sah, sie waren aus ihrem Winterschlaf aufgestanden, um zum Thing zu gehen, und es wurde ihnen schwer, sich wach zu erhalten. Hinter den Bären saßen einige hundert Wölfe in dichten Reihen; diese waren nicht schläfrig, sondern jetzt mitten in der Winternacht heller wach als je im Sommer. Wie Hunde saßen sie auf den Hinterfüßen, peitschten den Boden mit den Schwänzen und schnauften gewaltig, während ihnen die Zunge zum Maule heraushing. Hinter den Wölfen schlichen mit steifen Beinen und klotzigen Gliedmaßen, wie große mißgestaltete Katzen, die Luchse umher. Sie schienen sich vor den andern Tieren zu scheuen und zischten, wenn ihnen eines nahe kam. Das nächste Glied hinter den Luchsen bildeten die Vielfraße, die ein Katzengesicht und einen Bärenpelz haben. Diesen gefiel es nicht auf dem Erdboden, sie trampelten ungeduldig mit ihren breiten Füßen und wollten wieder hinauf auf die Bäume. Hinter diesen auf dem ganzen Platze bis hinüber an den Waldrand tummelten sich die Füchse, die Wiesel, die Marder, lauter Tiere, die alle klein und besonders schön gebaut waren, aber ein noch viel wilderes und blutdürstigeres Aussehen hatten als die größern Raubtiere.
Der Propst sah alle diese Tiere sehr gut, denn der ganze Platz war erhellt. Auf dem hohen Felsblock in der Mitte stand nämlich der Waldgeist, in der Hand einen brennenden Kienspan, der mit einer hellen, klaren Flamme brannte. Der Geist war so groß wie der höchste Baum im Walde; er trug einen Mantel aus Tannenzweigen, und seine Haare waren Tannenzapfen. Ganz ruhig stand er da und sah spähend und lauschend in den Wald hinein.
Obgleich der Propst alles ganz deutlich sah, wunderte er sich doch so sehr, daß er sich förmlich dagegen wehrte und seinen eignen Augen nicht trauen wollte. >Es ist ja ganz und gar unmöglich,< dachte er. >Bei mir muß irgend etwas nicht in Ordnung sein. Ich bin zu lang im Waldesdunkel umhergeritten; es ist eine Einbildung, die Gewalt über mich bekommen hat.<
Aber trotzdem verfolgte er alles mit gespannter Aufmerksamkeit und fragte sich, was er wohl hier zu sehen bekäme und was geschehen würde.
Er brauchte nicht lange zu warten. Aus dem Walde herauf drang jetzt das Bimmeln einer kleinen Glocke. Und gleich nachher hörte er wieder das Geräusch von Schritten und brechenden Zweigen, als bräche eine Menge Tiere durch die Wildnis hindurch.
Eine große Schar Haustiere kam den Berg herauf. Sie tauchten in derselben Ordnung, wie wenn sie auf dem Wege nach dem Stalle wären, aus dem Walde auf; voran ging die Leitkuh mit der Glocke, dann kam der Stier, dann die andern Kühe und dahinter das Jungvieh und die Kälber. Ihnen folgten die Schafe in einer dichten Herde. Hierauf kamen die Ziegen und zuletzt einige Pferde und Füllen. Der Schäferhund lief neben der Herde her, die aber weder von einem Hirten noch von einer Hirtin begleitet war.
Dem Propst zerriß es fast das Herz, als er die Haustiere so geradeswegs auf die Raubtiere zugehen sah. Er hätte sich ihnen gerne in den Weg gestellt, sie mit lautem Rufen vor dem Weitergehen zu warnen, aber er fühlte wohl, daß es in keiner menschlichen Macht stand, in dieser Nacht die Schritte der Tiere aufzuhalten, und so verhielt er sich ganz still.
Man konnte leicht sehen, wie sehr es den Haustieren vor dem Wege graute, den sie machen mußten. Sie sahen elend und angstvoll aus; selbst die Leitkuh schritt mit hängendem Kopf und mutlosen Schritten vorwärts. Die Ziegen hatten zu nichts Lust, weder zum Hüpfen noch zum Bocken, die Pferde versuchten mutig auszusehen, aber es lief ihnen ein Schauder nach dem andern über den Rücken. Am jammervollsten sah der Schäferhund aus; er hatte den Schwanz eingezogen und kroch beinahe am Boden hin.
Die Leitkuh führte den ganzen Zug bis dicht vor den Waldgeist, der dort auf dem Felsblock stand. Sie ging rings um den Felsen herum und wendete sich dann wieder dem Walde zu, ohne daß die wilden Tiere sie angerührt hätten. Und auf diese Weise wanderte die ganze Herde unangetastet an den Raubtieren vorüber.
Während die Haustiere so an dem Waldgeist vorüberzogen, sah der Propst, daß er über einige von ihnen seine Kienfackel senkte und abwärts kehrte.
So oft dies geschah, brachen die Raubtiere in ein lautes, vergnügtes Gebrüll aus, besonders wenn die Fackel über einer Kuh oder sonst über einem größern Tier gesenkt wurde. Aber das Tier, auf das sich also die Fackel herabsenkte, stieß einen lauten, gellenden Schrei aus, als würde ihm ein Messer ins Herz gestoßen, und die ganze Herde, zu der es gehörte, brach gleichfalls in lautes Klagen aus.
Jetzt begann der Propst zu verstehen, was er hier vor sich sah. Er hatte früher schon von einer Sage gehört, nach der sich die Haustiere von Delsbo in jeder Neujahrsnacht auf dem Blackåsen versammeln müßten, damit der Waldgeist da die Tiere bezeichnen könnte, die im Lauf des nächsten Jahres den Raubtieren zum Opfer fallen sollten. Der Propst wurde von innigem Mitleid erfaßt für das arme Vieh, das also in die Gewalt der Raubtiere verfiel, obgleich es ja eigentlich keinen andern Herrn haben sollte als den Menschen.
Kaum war die erste Herde wieder abgezogen, als auch schon der Ton einer neuen Kuhglocke aus dem Walde ertönte und der Viehstand von einem andern Hofe den Berg heraufgezogen kam. Alles verlief in ganz derselben Weise wie das erstemal. Die Tiere gingen zu dem Waldgeist hin, der streng und ernst da droben stand und da ein Tier und dort ein Tier als dem Tode verfallen bezeichnete. Und nach dieser Herde kam ohne Unterbrechung eine Schar um die andre daher. Einige von den Herden waren so klein, daß sie nur aus einer einzigen Kuh und einigen Schafen bestanden; andre wieder bestanden nur aus ein paar Geißen. Man sah, diese kamen aus kleinen, ärmlichen Waldhütten; aber auch sie mußten vor den Waldgeist, und weder die einen noch die andern blieben verschont.
Der Propst dachte an die Bauern von Delsbo, die eine so große Liebe für ihre Haustiere hatten. >Wenn sie das nur wüßten, würden sie es nicht auf diese Weise geschehen lassen!< dachte er. >Sie würden eher ihr eignes Leben wagen, als ihren Viehstand zwischen Bären und Wölfen zum Waldgeist hinwandern und diesen das Urteil über sie fällen lassen.<
Die letzte Schar, die herankam, war der Viehstand des Pfarrhofs. Der Pfarrer erkannte von weitem die Glocke der Leitkuh, und das mußte auch das Pferd getan haben. Es begann an allen Gliedern zu zittern, und sein Körper bedeckte sich mit Schweiß. >Jaso, nun ist die Reihe an dir, am Waldgeist vorüberzugehen und dein Urteil zu vernehmen,< sagte der Propst zu dem Pferd. >Aber fürchte dich nicht! Ich verstehe, warum du mich hierher geführt hast, und werde dich nicht verlassen.<
Der prächtige Viehstand des Pfarrhofs tauchte in einem langen Zug aus dem Walde auf und ging auf die Raubtiere und den Waldgeist zu. Den Schluß des Zuges bildete das Pferd, das seinen Herrn auf den Blackåsen gebracht hatte. Der Propst war nicht abgestiegen, sondern saß ruhig im Sattel und ließ sich von dem Tier zum Waldgeist hintragen.
Der Propst hatte weder eine Flinte noch ein Messer zu seiner Verteidigung; aber er hatte das Kirchenbuch herausgenommen und drückte es fest an die Brust, als er sich jetzt in Kampf mit dem Unhold einließ.
Zuerst schien es, als habe niemand den Propst bemerkt. Genau wie die andern Herden wanderte auch die aus dem Pfarrhof an dem Waldgeist vorüber, und dieser senkte seine Kienfackel nicht ein einziges Mal. Erst als das kluge Pferd vorüberging, machte er eine Bewegung, um es für den Tod zu kennzeichnen.
Aber in demselben Augenblick streckte der Pfarrer dem Waldgeist das Kirchenbuch entgegen, und der Fackelschein fiel auf das Kreuz des Einbandes. Da stieß der Waldgeist einen lauten, gellenden Schrei aus, die Fackel entfiel seiner Hand, und die Flamme erlosch in demselben Augenblick.
In dem plötzlichen Übergang von Licht und Dunkel konnte der Propst nichts sehen, und er hörte auch nichts mehr. Um ihn her herrschte dieselbe tiefe Stille, wie immer hier draußen in der Wildnis zur Winterzeit.
Da teilten sich plötzlich die dichten Wolken, die den Himmel verdeckten; in dem Spalt erschien der Vollmond, und sein Licht fiel auf die Erde. Jetzt sah der Propst, daß er und das Pferd ganz allein auf dem Gipfel des Blackåsen waren; nicht ein einziges von allen den wilden Tieren war noch vorhanden, und der Boden war von allen den Viehherden, die darüber hingewandert waren, nicht zertreten. Er selbst aber saß auf seinem Pferde, das Kirchenbuch in den ausgestreckten Händen. Das Pferd unter ihm aber zitterte und war in Schweiß gebadet.
Als der Propst den Berg hinuntergeritten war und seinen Hof erreicht hatte, wußte er nicht mehr, ob das, was er gesehen hatte, ein Traum oder Wirklichkeit gewesen war; aber daß es eine Mahnung an ihn sein sollte, auch der armen Haustiere zu gedenken, die in der Gewalt der wilden Tiere waren, das verstand er. Und er predigte den Bauern von Delsbo mit so gewaltigen Worten, daß zu seiner Zeit alle Bären und Wölfe im Walde ausgerottet wurden; allerdings scheinen sie, nachdem er gestorben war, leider wieder zurückgekehrt zu sein.«
Hier schloß Bernhard seine Erzählung. Er wurde von allen Seiten sehr gelobt, und es schien eine ausgemachte Sache, daß er den Preis bekommen würde. Den meisten tat Klement sogar ordentlich leid, weil er mit Bernhard wetteifern sollte.
Aber Klement begann seine Erzählung unerschrocken.
»Eines Tages ging ich auf Skansen, dem großen Lustgarten vor Stockholm umher und hatte Heimweh,« begann er; und dann erzählte er von dem Wichtelmännchen, das er da freigekauft habe, damit es nicht in einen Käfig gesetzt und wie ein wildes Tier den Leuten gezeigt worden sei. Und er erzählte weiter, wie er, nachdem er kaum diese gute Tat getan hatte, auch dafür belohnt worden war. Er erzählte und erzählte, während die Verwunderung seiner Zuhörer beständig zunahm, und als er endlich an den königlichen Lakaien und an das prächtige Buch kam, hatten alle Sennerinnen ihre Handarbeiten in den Schoß sinken lassen; sie saßen unbeweglich da und sahen Klement an, der so wunderbare Erlebnisse gehabt hatte.
Sobald Klement geendigt hatte, sagte die älteste Sennerin, daß das Halstuch ihm gehöre. »Denn,« sagte sie, »Bernhard hat uns das erzählt, was einem andern passiert ist, Klement aber hat selbst eine richtige Geschichte erlebt, und das halte ich für mehr.«
Darin stimmten alle mit ihr überein. Seit sie erfahren hatten, daß Klement mit dem König gesprochen hatte, sahen sie ihn mit ganz andern Augen an als vorher, und der kleine Spielmann fürchtete sich fast, zu zeigen, wie stolz er sich fühlte. Aber mitten in seinem großen Glück fragte ihn plötzlich jemand, was er denn mit dem Wichtelmännchen gemacht habe.
»Die blaue Schale konnte ich ihm leider nicht selbst hinstellen,« sagte Klement, »aber ich habe den alten Lappen gebeten, es für mich zu tun. Was später aus ihm geworden ist, weiß ich nicht.«
Kaum hatte Klement dies gesagt, als ein kleiner Tannenzapfen dahergesaust kam und ihm an die Nase flog. Der Tannenzapfen war nicht vom Baume heruntergefallen und auch nicht von einem Menschen geschleudert worden; niemand konnte begreifen, woher er gekommen war.
»Ei, ei, Klement,« sagte die Sennerin, »es sieht fast aus, als könnte das Wichtelvolk hören, was wir sprechen! Ich glaube, Ihr hättet nicht einen andern mit dem Hinausstellen der blauen Schale beauftragen, sondern es selbst tun sollen.«
41. In Medelpad
Freitag, 17. Juni
Der Adler und der Junge waren am nächsten Morgen in aller Frühe wieder unterwegs, und Gorgo dachte, er werde an diesem Tage weit nach Västerbotten hinaufkommen, aber da hörte er ganz zufälligerweise den Jungen vor sich hinsagen, in so einem Land, wie in diesem hier, über das er jetzt hinfliege, könnten sich wohl Menschen unmöglich fortbringen.
Das Land, das unter ihnen lag, war das südliche Medelpad, und weit umher war nichts zu sehen als wilde, dunkle Wälder. Aber sobald der Adler hörte, was Nils Holgersson sagte, rief er: »Hier oben ist der Wald der Acker!«
Der Junge mußte daran denken, welch ein großer Unterschied doch zwischen den goldig schimmernden Getreidefeldern sei mit ihren weichen Halmen, die in einem Sommer in die Höhe schossen, und den dunkeln Tannenwäldern mit ihren harten Stämmen, die Jahre brauchten, bis sie zum Fällen herangewachsen waren.
»Wer sein Auskommen von so einem Acker haben will, muß ordentlich Geduld haben,« erwiderte er.
Mehr wurde nicht gesprochen, bis sie einen Ort erreichten, wo der Wald gefällt und der Boden mit Baumstümpfen und abgehackten Zweigen bedeckt war. Während sie über dieses Rodland hinflogen, hörte der Adler den Jungen wieder vor sich hinsagen, das sei doch eine schrecklich häßliche und armselige Gegend.
»Dies hier ist ein Acker, der im letzten Winter geschnitten worden ist,« sagte der Adler sogleich.
Der Junge dachte daran, wie die Schnitter in seinem Heimatdorfe am hellen Sommermorgen mit ihren blanken schönen großen Mähmaschinen auszogen und in ganz kurzer Zeit einen Acker geschnitten hatten. Aber der Ertrag dieses Ackers hier wurde im Winter geerntet! Wenn hoher Schnee lag und die Kälte am strengsten war, zogen die Holzfäller hinaus ins Ödland. Welch ein hartes Stück Arbeit war schon das Fällen eines einzigen Baumes! Um aber eine so große Strecke Wald, wie diese hier, auszuroden, mußten die Arbeiter wahrscheinlich mehrere Wochen im Walde gehaust haben.
»Das müssen tüchtige Leute sein, die einen solchen Acker schneiden können,« sagte der Junge.
Nachdem der Adler wieder ein paar Flügelschläge getan hatte, sah der Junge eine kleine Hütte auf dem ausgerodeten Waldboden. Sie war aus groben, unbehauenen Baumstämmen zusammengezimmert, hatte keine Fenster, und als Türe dienten nur ein paar lose Bretter. Das Dach war mit Rinde und Zweigen bedeckt gewesen, die aber jetzt auseinandergefallen waren. Der Junge sah, daß innen in der Hütte nur ein paar hölzerne Bänke und ein paar große Steine waren, die als Herd gedient hatten. Als sie über die Hütte hinflogen, hörte der Adler den Jungen vor sich hinsagen, wer denn wohl in so einer elenden Hütte gewohnt haben könnte.
»Die Schnitter haben hier gewohnt, als sie den Waldacker mähten,« versetzte der Adler.
Der Junge dachte daran, wie daheim in seiner Gegend die Schnitter am Abend froh und lustig von der Arbeit heimkehrten und ihnen das Beste, was Mutter im Vorratshause hatte, vorgesetzt wurde. Hier mußten sie nach der strengen Arbeit auf harten Bänken schlafen, in einer Hütte, die schlechter war als ein Schuppen. Und von was sie sich hier nährten, das konnte er einfach nicht begreifen.
»Ach, hier wird wohl den Schnittern kein Erntefest gehalten!« sagte er.
Etwas weiter hin sahen sie unter sich einen furchtbar schlechten Weg; er war schmal und uneben, mit Steinen übersät und voll von Löchern und zog sich in Schlangenwindungen durch den Wald hin. An mehreren Stellen war er auch von Bächen durchschnitten; und während der Adler über diesen Waldweg hinflog, hörte er den Jungen sagen, was denn auf so einem Weg befördert werden könnte?
»Auf diesem Weg ist die Ernte in die Scheune geführt worden,« sagte Gorgo.
Unwillkürlich mußte der Junge daran denken, welch ein Fest es daheim war, wenn die großen, mit zwei starken Pferden bespannten Erntewagen das Getreide vom Acker hereinholten. Der Knecht thronte hoch droben auf dem Wagen, die Pferde warfen sich stolz in die Brust, und die Dorfkinder, die auf den Wagen hatten hinaufklettern dürfen, saßen halb beglückt, halb ängstlich auf den Garben und schrien und lachten durcheinander. Hier aber wurden Stämme geladen und dann steile Abhänge hinauf- und hinabgefahren. Die Pferde mußten wie gerädert sein, und der Kutscher war gewiß oft der Verzweiflung nahe. »Da werden wohl nicht viel lustige Reden unterwegs hin und her fliegen,« sagte der Junge.
Der Adler segelte mit gewaltigen Flügelschlägen weiter durch die Luft dahin, und so gelangten sie bald an einen Fluß. Hier sahen sie einen Platz, der mit Spänen, Holzstücken und Rinde bedeckt war, und der Adler hörte den Jungen sagen, warum es denn da drunten so unordentlich aussähe?
»Hier sind die Garben in Haufen gesetzt worden.«
Der Junge mußte unwillkürlich an die Garbendiemen in seiner Heimat denken, die dicht bei den Höfen errichtet werden, als wenn sie deren schönster Schmuck wären. Hier aber wurde die Ernte nach einem einsamen Flußufer geschafft und dann da liegen gelassen. »Ob wohl ein einziger Besitzer in diese Wildnis hier herauskommt, seine Diemen zu zählen und sie mit denen seiner Nachbarn zu vergleichen?« rief der Junge unwillkürlich.
Bald erreichten sie einen großen Fluß, den Ljungan, der in einem breiten Tale dahinzieht, und da war mit einem Schlage alles so verändert, daß man hätte meinen können, man sei in einem ganz andern Lande. Der dunkle Nadelwald war auf den steilen Abhängen über dem Tale zurückgeblieben, und die Hänge prangten jetzt überall mit weißstämmigen Birken und Eschen. Das Tal war so breit, daß sich der Fluß an mehreren Stellen zu einem See erweitern konnte, und an den Ufern stand ein großer wohlhabender Hof dicht neben dem andern. Als nun die beiden über das Tal hinflogen, hörte der Adler, wie der Junge sich fragte, ob denn wohl die Wiesen und Äcker da drunten für diese ganze Bevölkerung ausreichten?
»Hier wohnen die Schnitter, die den Waldacker geschnitten haben,« sagte der Adler.
Der Junge dachte an die niedrigen Häuser und die eng zusammengebauten Höfe in Schonen. »Hier wohnen ja die Bauern geradezu in Herrenhäusern, und es sieht aus, als lohne sich die Arbeit im Walde doch recht gut,« sagte er.
Der Adler hatte die Absicht gehabt, quer über den Ljungan hinüberzufliegen; als er aber ein Stück weit über den Fluß geflogen war, hörte er den Jungen vor sich hinsagen, wer denn nun weiter für das Holz sorge, nachdem es in Haufen geschichtet worden sei? Da drehte Gorgo um und flog in östlicher Richtung weiter.
»Der Fluß sorgt weiter dafür; er führt es nach der Mühle,« sagte er.
Der Junge dachte daran, wie sorgfältig man daheim mit den Garben umging, damit nichts verschleudert wurde. Hier kamen große Mengen von Balken den Fluß heruntergeschwommen, ohne daß sich jemand darum bekümmerte. Er war überzeugt, daß nicht die Hälfte von denen da ankommen würden, wo sie sollten. Die einen schwammen allerdings mitten in der Strömung, und dann ging alles gut, andre aber wurden gegen die Ufer getrieben, oder sie stießen an Landzungen an, wo sie dann in dem ruhigen Uferwasser der Buchten liegen blieben. In den Seen sammelten sich die Stämme in solch großer Zahl, daß sie oft die ganze Oberfläche bedeckten. Hier blieben sie liegen und schienen sich bis ins Unendliche ausruhen zu wollen. An den Brücken stauten sie sich, in den Wasserfällen brachen sie mittendurch, in den Stromschnellen wurden sie zwischen Steine hineingeklemmt und türmten sich zu hohen, schwankenden Stapeln auf.
»Ich möchte wohl wissen, wie lange diese Ernte braucht, bis sie die Mühle erreicht?« sagte der Junge.
Aber Gorgo flog nur langsam immer weiter den Ljungan entlang. Zu wiederholten Malen hielt er sich mit weit ausgebreiteten Flügeln ganz still in der Luft droben, damit der Junge sehen konnte, in welcher Weise diese Erntearbeit vor sich ging.
Nach einer Weile gelangten sie an einen Platz, wo die Flößer an der Arbeit waren. Und der Adler hörte den Jungen fragen, was denn das für Leute seien, die da am Ufer hinliefen?
»Diese Leute sorgen für das Getreide, das sich unterwegs aufgehalten hat,« sagte Gorgo.
Der Junge dachte daran, wie ruhig und still die Leute in seiner Heimat ihre Garben in die Mühle fuhren. Hier liefen die Männer mit langen Bootshaken in den Händen am Ufer hin und halfen den Stämmen mit vieler Mühe und Beschwerlichkeit weiter. Sie wateten ins Uferwasser hinaus, wobei sie von Kopf bis zu Fuß naß wurden. Sie sprangen von Stein zu Stein in die Stromschnellen hinein und schritten auf den schwankenden Stämmen so ruhig umher, wie wenn sie auf dem festen Boden gingen. Das waren kühne und entschlossene Männer!
»Wenn ich dies alles hier sehe, muß ich unwillkürlich an die Schmiede im Bergwerkdistrikt denken, die mit dem Feuer umgingen, als sei es vollständig ungefährlich,« sagte der Junge. »Diese Flößer hier spielen mit dem Wasser, als seien sie dessen Herren. Sie scheinen es so unterjocht zu haben, daß es sich nicht mehr an sie heran traut.«
Ganz allmählich hatten sie die Mündung des Flusses erreicht, und nun lag der Bottnische Meerbusen vor ihnen. Aber Gorgo flog nicht geradeaus, sondern in nördlicher Richtung dem Ufer entlang. Er war noch nicht weit geflogen, als sie unter sich ein Sägewerk sahen, das eine förmliche kleine Ortschaft bildete; und während der Adler darüber hin und her schwebte, hörte er den Jungen vor sich hinsagen, das sei doch ein prächtiger großer Ort!
»Hier hast du die große Sägemühle, die Svartvik heißt,« rief der Adler.
Der Junge dachte an die Windmühlen in seiner Heimat, die so friedlich von grünen Bäumen umgeben dalagen und langsam ihre Flügel drehten. Diese Mühle hier, wo die Waldernte gemahlen wurde, lag dicht am Meeresufer. Auf dem Wasser davor schwamm eine Menge Balken, von denen einer nach dem andern mit eisernen Ketten zuerst auf eine schräge Brücke und von da in ein scheunenartiges Haus hineingezogen wurde. Was da drinnen mit ihnen geschah, konnte der Junge nicht sehen, aber er hörte ein lautes Rasseln und Dröhnen, und auf der andern Seite des Hauses kamen kleine, mit weißen Brettern hochbeladene Wagen herausgerollt. Die Wagen fuhren auf blanken Schienen nach dem Zimmerplatz, wo die Bretter zu großen Stapeln aufgebaut waren, die ganze Straßen bildeten, gerade wie in einer Stadt die Häuser. An einer Stelle wurden neue Stapel gebaut, an einer andern die alten eingerissen und die Bretter auf zwei große Schiffe geladen, die schon ihrer Last harrten. Überall wimmelte es von Arbeitern, deren Häuser hinter dem Zimmerplatz lagen.
»Hier wird ja gearbeitet, daß schließlich der ganze Wald in Medelpad zusammengesägt werden wird,« sagte der Junge.
Der Adler bewegte seine Flügel ein wenig, und sofort sah der Junge ein neues Sägewerk mit Sägemühle, Zimmerplatz, Hafen und Arbeiterwohnungen, das dem ersten ganz ähnlich sah.
»Hier ist noch eine von den großen Mühlen. Diese heißt die Bienenburg,« sagte Gorgo.
»Ja, ich sehe wohl, der Wald gibt eine viel größere Ernte, als ich gedacht hatte,« sagte Nils Holgersson. »Aber noch mehr solcher Holzmühlen gibt es doch wohl nicht?«
Der Adler bewegte nur ganz sachte die Flügel; er flog an einigen Sägewerken vorüber, und so gelangten sie rasch an eine große Stadt. Als der Adler hörte, daß der Junge fragte, was das wohl für eine Stadt sein könnte, rief er: »Dies ist Sundsvall. Das ist der Hauptplatz des Bezirks.«
Da mußte der Junge an die Städte drunten in Schonen denken, die gar so alt und grau und ernst aussahen. Hier oben im kalten Norden lag Sundsvall ganz drinnen in einer schönen Bucht und sah neu und vergnügt und strahlend schön aus. Von oben gesehen hatte die Stadt etwas überaus Lustiges, denn in der Mitte lag eine Gruppe schöner, hoher steinerner Häuser, die kaum in Stockholm ihresgleichen haben konnten; rings um diese hohen steinernen Gebäude her war ein freier Raum, und dann erst kam ein Kranz von Holzhäusern, die freundlich und gemütlich von kleinen Gärten umgeben dalagen, aber allem Anscheine nach sehr gut wußten, daß sie geringer waren als die steinernen Häuser und sich deshalb nicht ganz zu ihnen hinwagen dürften.
»Das ist ja eine sehr große, reiche Stadt,« sagte der Junge. »Sollte der magere Waldboden dies alles hervorgebracht haben? Das ist aber doch wohl nicht möglich?«
Der Adler bewegte die Flügel und flog hinüber nach Alnön, das Sundsvall gerade gegenüber liegt. Hier konnte sich der Junge nicht genug verwundern über alle die vielen Sägewerke, die der Küste entlang lagen. Hier bei Alnön lagen sie dicht nebeneinander, und auf dem Festland gerade gegenüber lag auch Sägewerk neben Sägewerk, Zimmerplatz neben Zimmerplatz. Der Junge zählte mindestens vierzig, aber er glaubte, es seien noch mehr.
»Es ist doch recht merkwürdig, daß es hier oben so aussehen kann,« sagte er. »So viel Leben und so viel Bewegung habe ich auf der ganzen Reise noch nirgends gesehen. Das ist doch ein wunderbares Land! Wohin ich auch kommen mag, überall gibt es etwas, wodurch sich die Menschen ihren Lebensunterhalt verschaffen können.«
42. Ein Morgen in Ångermanland
Das Brot
Samstag, 18. Juni
Als der Adler am nächsten Morgen eine Strecke weit nach Ångermanland hineingeflogen war, sagte er, heute sei er hungrig, er wolle sich etwas Nahrung verschaffen. Er setzte Nils Holgersson auf einer mächtigen Tanne ab, die auf einem hohen Felsen stand, und flog davon.
Der Junge machte sich einen guten Sitzplatz auf einem gegabelten Ast, und von da aus schaute er nach Ångermanland hinunter. Es war ein wunderschöner Morgen, die Sonne vergoldete die Baumwipfel, ein sanfter Wind strich wie liebkosend durch die Nadeln, und ein lieblicher Duft stieg aus dem Walde auf. Dem Jungen war froh und sorglos zumute; er dachte, niemand könnte es besser gehen als ihm.
Nach allen Seiten war die Aussicht offen, und er konnte frei umherschauen. Gegen Westen war das Land voller Felsenkuppen und Berggipfel, die in der Ferne immer höher und wilder wurden. Ostwärts war auch hügeliges Land; da aber senkte es sich und wurde niedriger, bis es sich drunten am Meere schließlich ganz flach hinzog. Überall blinkten Bäche und Flüsse, die, so lange sie zwischen den Bergen flossen, einen gar beschwerlichen Lauf mit vielen Stromschnellen und Wasserfällen hatten, sich aber ausbreiteten, glänzend hell und breit wurden, sobald sie sich der Küste näherten. Den Bottnischen Meerbusen konnte Nils Holgersson auch sehen. In der Nähe des Landes war er mit Inseln gespickt und in Landzungen ausgezackt, aber weiterhin lag die Wasserfläche dunkelblau glänzend da wie ein Sommerhimmel.
»Dieses Land sieht aus wie ein Flußufer, gleich nachdem es geregnet hat,« dachte der Junge. »Viele kleine Bäche fließen heraus und graben Furchen in den Boden, die sich winden und hinschlängeln und ineinanderlaufen. Und es ist in der Tat ein recht schöner Anblick. Ich erinnere mich wohl, daß der alte Lappe auf Skansen immer sagte, der liebe Gott habe Schweden, als er es auf der Erde ausbreitete, verkehrt hingestellt. Die andern lachten ihn aus, aber er blieb bei seinem Ausspruch und sagte, wenn sie gesehen hätten, wie schön es da droben im Norden sei, dann würden sie wohl einsehen, daß es nicht von Anfang beabsichtigt gewesen sei, ein solches Land so abseits zu legen. Und ich glaube fast, darin hatte er recht.«
Nachdem sich der Junge an der Landschaft satt gesehen hatte, nahm er sein Ränzel ab, zog ein Stück feines Weißbrot heraus und begann zu essen.
»Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben noch kein so gutes Brot gegessen,« sagte er. »Und wieviel ich noch habe! Das genügt noch für mehrere Tage. Gestern um diese Zeit hätte ich nicht geglaubt, daß ich heute im Besitz von solchem Reichtum sein würde.«
Während er lustig kaute und drauf los aß, dachte er daran, auf welche Weise er das Brot bekommen hatte.
»Es schmeckt mir gewiß auch deshalb so ausgezeichnet, weil ich es auf eine so schöne Weise erhalten habe,« sagte er.
Schon am Abend vorher hatte der Königsadler Medelpad verlassen, und kaum hatte er die Grenze von Ångermanland erreicht, als der Junge ein Wiesental und einen Fluß erblickte, die an Schönheit und Größe alles andre, was er bisher gesehen hatte, übertrafen.
Das Tal lag ungeheuer breit zwischen den Bergen, und der Junge fragte sich, ob nicht am Ende dieses Tal in frühern Zeiten von einem andern Flusse, einem viel größern und breitern als dem jetzigen, ausgegraben worden sein könnte. Nachdem das Tal hergestellt gewesen war, mußte es durch irgendein Ereignis mit Sand und Erde verschüttet worden sein, zwar nicht vollständig, aber doch ein gutes Stück an dem Gebirge hinauf. Durch das Geröll hindurch hatte sich dann der jetzige Fluß, der sehr breit und wasserreich war, auch ein tiefes Bett gegraben. Er hatte seine Ufer wunderschön ausgeschnitten: bald umsäumten ihn Abhänge, die in roter, blauer und gelber Blumenpracht bis herauf zu dem Jungen leuchteten, bald ragten die felsigen Strecken, die dem Wasser zu hart zum Durchbrechen gewesen waren, wie steile Mauern und Türme am Flußufer auf.
Als der Adler den Jungen so hoch droben durch die Lüfte getragen hatte, war es diesem gewesen, als könne er zu gleicher Zeit in drei verschiedene Welten hineinschauen. Ganz drunten im Tale, wo der Fluß hinzog, war die eine Welt. Da wurden Balken fortgeflößt, da eilten Dampfboote von Brücke zu Brücke, da klapperten die Sägewerke, da wurden große Frachtschiffe beladen, da wurde der Lachs gefangen, da wurde gerudert und gesegelt, da flogen unzählige Schwalben, die ihre Nester in der Nähe des Ufers hatten, hin und her!
Aber ein Stockwerk höher, sozusagen zur ebenen Erde, die sich ganz bis an den Rand der Berge erstreckte, war die zweite Welt. Da lagen Gehöfte, Dörfer und Kirchen; da bestellten die Bauern ihre Felder, da weidete das Vieh, da grünten die Wiesen, da waren die Weiber in ihren kleinen Gemüsegärten eifrig an der Arbeit, da zogen sich die Landstraßen in vielen Krümmungen hin, da brauste die Eisenbahn einher!
Und dann, weit entfernt von all diesem, droben auf den waldbestandenen Höhen, da war die dritte Welt. Da lag das Weibchen des Auerhahns auf seinen Eiern, da stand der Elch im tiefen Waldesdunkel verborgen, da lauerte der Luchs, da knabberte das Eichhörnchen, da dufteten die Tannen, da blühten die Heidelbeeren, da schlug die Drossel ihre Triller!
Als Nils Holgersson das reiche Flußtal erblickte, fing er an, über Hunger zu klagen. »Nun habe ich seit zwei vollen Tagen nichts zu essen bekommen,« sagte er, »und ich bin ganz ausgehungert.«
Gorgo war der Gedanke unerträglich, es könne nachher heißen, dem Jungen sei es bei ihm schlechter gegangen als bei den Wildgänsen, und er flog deshalb sogleich langsamer.
»Warum hast du das nicht früher gesagt?« fragte er. »Du kannst so viel zu essen haben, wie du nur willst. Wenn du einen Adler als Reisekameraden hast, brauchst du nicht zu hungern.«
Gleich darauf gewahrte Gorgo einen Bauern, der drunten am Flusse ein Feld besäte. Das Saatkorn trug der Mann in einem Korbe vorn auf der Brust, und so oft der Korb leer war, holte er sich neuen Vorrat aus einem Sack, der drüben am Rande des Ackers stand. Der Adler vermutete mit Recht, daß dieser Sack mit dem Besten gefüllt sei, was sich der Junge nur wünschen könnte, und er ließ sich deshalb an dieser Stelle hinuntersinken.
Aber ehe der Adler den Boden erreicht hatte, entstand um ihn her ein entsetzlicher Lärm; in dem Glauben, der Adler wolle sich auf einen Vogel stürzen, kamen Krähen, Sperlinge und Schwalben mit lautem Geschrei eilig dahergeflogen.
»Weg, weg, du Räuber! Weg, weg, du Vogelmörder!« schrien sie; und sie verführten einen solchen Spektakel, daß der Bauer aufmerksam wurde und herbeilief. Da war der Adler gezwungen, zu fliehen, und der Junge hatte auch nicht ein einziges Körnchen bekommen.
Diese kleinen Vögel hatten sich zu sonderbar benommen; nicht genug, daß sie den Adler in die Flucht zwangen, sie verfolgten ihn auch noch eine gute Strecke das Tal entlang. Und überall wurden die Leute auf das laute Vogelgeschrei aufmerksam; die Weiber liefen vor die Häuser heraus und klatschten so laut in die Hände, daß es wie Gewehrsalven klang, und die Männer kamen mit der Flinte in der Hand herbeigelaufen.
Und so ging es jedesmal, sobald sich der Adler auf die Erde hinabsinken ließ. Der Junge hatte die Hoffnung, der Adler werde ihm etwas Nahrung verschaffen können, schon aufgegeben. Ach, er hatte bis jetzt gar nicht gewußt, wie verhaßt und verabscheut Gorgo war! Dieser tat dem Jungen herzlich leid, und er meinte fast, es geschähe ihm unrecht.
Nach einer Weile flogen sie über einen schönen Bauernhof hin, wo die Hausfrau offenbar großen Backtag gehabt hatte. Die frischgebackenen Weißbrote standen zum Abkühlen auf dem Hofplatz, und die Bäuerin selbst stand zur Aufsicht daneben, damit weder Hund noch Katze eines davon stibitze.
Der Adler hätte sich auf den Hof hinabsinken lassen können; aber vor den Augen der Bäuerin wagte er die Brote nicht anzugreifen. Ratlos flog er hin und her; ein paarmal war er schon dicht über dem Schornstein, flog aber jedesmal wieder in die Höhe.
Jetzt gewahrte die Bäuerin den Adler; sie hob den Kopf und sah ihm nach.
»Wie sonderbar dieser Vogel sich benimmt!« sagte sie. »Ich glaube gar, er möchte eines von meinen Brötchen.«
Es war eine sehr schöne Frau, groß und blondhaarig, mit einem offenen, fröhlichen Gesicht. Sie lachte herzlich, nahm eines der Brötchen von der Platte und hielt es hoch über ihrem Kopf empor. »Wenn du es willst, dann hol es dir!« rief sie.
Der Adler konnte nicht verstehen, was sie sagte; aber er war sich doch sogleich klar darüber, daß sie ihm das Brot geben wollte. Blitzschnell schoß er hinunter, schnappte ihr das Brot aus der Hand und schoß wieder in die Luft hinauf.
Als der Junge den Adler das Brot ergreifen sah, traten ihm die Tränen in die Augen; einerseits aus Freude, weil er nun mehrere Tage lang nicht zu hungern brauchte, andrerseits aber, weil er tief gerührt war, daß die Bäuerin ihr Brot mit einem wilden Raubvogel geteilt hatte.
Und während Nils Holgersson nun hier in dem Tannenwipfel saß, konnte er sich, sobald er nur wollte, das Bild der großen, blondhaarigen Frau ins Gedächtnis zurückrufen; er sah sie ganz deutlich vor sich, wie sie auf dem Hofplatz stand und das Brot in die Höhe hob. O, sie hatte ohne Zweifel gewußt, daß der große Vogel ein Königsadler war, ein Räuber, den die Leute sonst mit scharfen Schüssen begrüßen, und sie hatte wohl auch das sonderbare Wesen bemerkt, das der Adler auf dem Rücken trug; aber sie hatte nicht erst lange gefragt, wer die beiden waren; sobald sie begriff, daß sie hungrig waren, hatte sie ihnen von ihrem guten Brot mitgeteilt!
»Wenn ich einmal wieder ein Mensch bin,« dachte der Junge, »dann mache ich mich auf den Weg und suche die schöne Bäuerin an dem großen Flusse auf, um ihr dafür zu danken, daß sie so gut gegen uns gewesen ist.«
Der Waldbrand
Während Nils Holgersson noch mit seinem Frühstück beschäftigt war, wehte ihm plötzlich von Norden her ein schwacher Brandgeruch entgegen. Er wendete sich gleich nach dieser Seite und sah von einem der bewaldeten Hügel eine ganz dünne Rauchsäule aufsteigen, und zwar nicht von dem ihm am nächsten liegenden, sondern von einem aus der dahinter aufragenden Hügelkette. Dieser Rauch, der da mitten aus dem wilden Walde aufstieg, machte den Jungen stutzig; aber dann dachte er, es könne ja möglicherweise dort eine Sennhütte sein, und die Sennerinnen seien beim Kaffeekochen.
Aber es war doch sonderbar, wie sehr der Rauch zunahm und wie er sich immer weiter ausbreitete! Von einer Sennhütte konnte er nicht aufsteigen; aber vielleicht waren dort Kohlenbrenner bei ihren Meilern. Auf Skansen hatte der Junge eine Kohlenbrennerhütte und einen Kohlenmeiler gesehen, und er hatte auch gehört, daß in diesen Wäldern hier an verschiedenen Orten Kohlen gebrannt würden. Aber eigentlich hatten Kohlenbrenner doch nur im Frühjahr und im Winter brennende Meiler!
Der Rauch nahm mit jedem Augenblick zu; jetzt wogte er über den ganzen Hügel hin. Ein Kohlenmeiler konnte nicht so viel Rauch hervorbringen, das war ausgeschlossen. Irgendwo mußte ein Brand sein; der Junge sah auch eine Menge Vögel aufsteigen und nach dem nächsten Hügel hinüberfliegen. Habichte und Auerhähne und andre kleine Vögel, die der Junge aus dieser Entfernung nicht erkennen konnte, flüchteten sich vor dem Brande.
Aus der kleinen weißen Rauchsäule war jetzt eine schwere weiße Wolke geworden, die sich am Hügelrand hinwälzte und von da ins Tal hinabsenkte. Aus der Wolke heraus flogen Funken und Rußflocken, und ab und zu leckte auch eine rote Flamme durch den Rauch. Dort drüben mußte sicher eine gewaltige Feuersbrunst ausgebrochen sein! Aber was in aller Welt brannte denn dort? Es konnte doch unmöglich ein Bauernhof so tief drinnen im Walde versteckt liegen?
Und bei einer solchen Feuersbrunst, wie die da drüben, hätte sicher auch mehr als ein Hof brennen müssen. Jetzt wallte der Rauch nicht nur von dem Hügel auf; nein, auch aus dem Tale drunten, das der Junge zwar nicht sehen konnte, weil es von dem nächsten Hügel verdeckt war, stiegen große Rauchmassen auf. Es war nicht anders möglich, der Wald selbst mußte in Brand geraten sein.
Der Junge konnte sich fast nicht vorstellen, daß der frische grüne Wald in Brand geraten könnte. Und doch mußte es so sein! Aber wenn nun der Wald dort drüben wirklich brannte, dann konnte das Feuer ja bis zu ihm herüberdringen! »Sehr wahrscheinlich ist dies zwar nicht, aber es wäre mir doch recht angenehm, wenn der Adler jetzt bald käme,« dachte der Junge. »Wenn ich doch nur von hier fort wäre!« Schon allein der Brandgeruch, den er bei jedem Atemzug einatmen mußte, war ihm unerträglich.
Plötzlich erklang ringsum ein entsetzliches Knattern und Dröhnen. Es kam von dem nächsten Hügel her. Ganz oben auf dem Gipfel stand eine ebenso hohe Tanne wie die, auf der Nils Holgersson saß. Sie war sehr hoch und ragte über alle andern hinaus. Vorhin war sie von der Morgensonne rot beleuchtet gewesen, jetzt glühten alle ihre Nadeln wie auf einen Schlag, und sie fing Feuer. So schön war sie noch niemals gewesen; aber dies war das letztemal, wo sie ihre Schönheit zeigen konnte. Sie war der erste Baum auf diesem Hügel, der Feuer fing, und der Junge konnte gar nicht begreifen, wie es zugegangen war. War das Feuer auf roten Schwingen dahergeflogen gekommen? Oder war es zischend an der Erde hingekrochen wie eine Schlange? Das war nicht leicht zu entscheiden, jedenfalls war es nun da; der ganze Baum loderte hell auf wie ein Haufen Reisig.
Da, da! Jetzt schlug der Rauch an verschiedenen Stellen auf dem Hügel zugleich heraus! Der Waldbrand war Vogel und Schlange zugleich; er konnte sich ebensogut weit durch die Luft schwingen wie an der Erde hinkriechen; er entzündete den ganzen Waldhügel auf einen Schlag.
Nun entstand eine wahre Panik; die Vögel flohen in wilder Eile. Wie große Rußflocken flatterten sie aus dem Rauche heraus, flogen quer übers Tal hin und auf den Hügel, wo sich der Junge befand. Ein Uhu ließ sich neben dem Jungen nieder, und gerade über ihm setzte sich ein Habicht auf einen Zweig. Zu jeder andern Zeit wären dies gefährliche Nachbarn gewesen; aber jetzt beachteten die Vögel den Jungen gar nicht. Sie starrten nur in das Feuer hinein und konnten offenbar durchaus nicht begreifen, was dort im Walde vorging. Ein Marder lief auch auf den Baum herauf; er stellte sich auf die äußerste Spitze eines Zweiges und schaute unverwandt zu dem brennenden Waldhügel hinüber. Dicht neben dem Marder saß ein Eichhörnchen; aber die beiden schienen einander gar nicht zu sehen.
Jetzt jagte das Feuer den Abhang herunter. Es zischte und dröhnte wie ein brausender Sturm. Durch den Rauch hindurch konnte man die Flammen von Baum zu Baum züngeln sehen. Ehe eine Tanne in Brand geriet, wurde sie zuerst in eine dünne Rauchwolke wie in einen Schleier gehüllt, dann wurden mit einem Schlag alle ihre Nadeln rot, und dann begann sie zu knistern und zu brennen.
Drunten im Tal vor dem Hügel floß ein kleiner von Erlen und Birken umsäumter Bach. Es sah aus, als müsse das Feuer hier Halt machen. Die Laubholzbäume gerieten nicht so rasch in Brand wie die Nadelhölzer. Hier stand das Feuer wie vor einer Mauer und konnte nicht weiter. Es glühte und sprühte und versuchte, nach dem Nadelwald auf der andern Seite des Baches hinüberzuspringen; aber es gelang ihm nicht.
Für eine Weile war das Feuer zum Stillstand gebracht; doch jetzt leckte eine lange Feuerzunge hinüber nach einer hohen, abgestorbenen Fichte, die unten am Abhang wuchs; sofort stand auch der ganze Baum in heller Lohe, und damit war das Feuer über den Bach herübergekommen. Die Hitze war überaus stark; jeder Baum am ganzen Abhang war in größter Gefahr: er konnte im nächsten Augenblick in Brand geraten. Und mit solchem wilden Brausen und Donnern, wie es nur der heftigste Sturm oder der wildeste Wasserfall hervorbringt, jagte das Feuer jetzt den jenseitigen Hügel hinauf.
Da breiteten der Habicht und der Uhu die Flügel aus und flogen davon. Der Marder schoß von dem Baum hinunter. Allem Anscheine nach dauerte es jetzt nicht mehr lange, bis das Feuer diese Tanne ergriff, und der Junge mußte machen, daß er herunterkam. Aber es war nicht so leicht für ihn, an dem hohen, geraden Stamm der Tanne hinabzuklettern; er klammerte sich an, so gut es ging, und ließ sich so von einem Zweig zum andern hinuntergleiten, und schließlich stürzte er schwer zu Boden. Aber er hatte keine Zeit, sich zu überzeugen, ob er sich verletzt hatte. Nur fort, fort! Das war die Losung. Wie ein zischender Blitz schlug das Feuer in die Tanne, der Erdboden darunter war glühend heiß und begann zu rauchen. Auf der einen Seite von dem Jungen lief ein Luchs, auf der andern ringelte sich eine lange Kreuzotter, und ganz dicht neben der Kreuzotter kluckte eine Auerhenne, die mit ihren kleinen flaumigen Jungen davoneilte.
Als die Flüchtlinge den Abhang hinuntergekommen waren und das Tal erreicht hatten, trafen sie mit Menschen zusammen, die ausgezogen waren, das Feuer zu löschen. Sie waren gewiß schon lange hier am Werke gewesen; aber der Junge hatte so fortgesetzt nach der Seite gestarrt, woher das Feuer kam, daß er sie nicht früher wahrgenommen hatte. Auch durch dieses Tal floß ein dicht mit Laubhölzern umsäumter Bach, und hinter diesen Bäumen arbeiteten die Leute. Sie fällten die den Erlen zunächststehenden Nadelhölzer, holten Wasser aus dem Bach, schütteten es aufs Erdreich und rissen Heidekraut und Maiblumenstöcke heraus, damit sich das Feuer keinen Weg durch das Gestrüpp bahnen könnte.
Auch diese Leute dachten an nichts andres als an den Waldbrand, der sich ihnen entgegenwälzte. Die fliehenden Tiere liefen ihnen zwischen den Beinen durch; aber sie kümmerten sich gar nicht darum. Sie schlugen nicht nach der Kreuzotter, machten keinen Versuch, die Auerhenne zu fangen, während sie mit ihren kleinen piependen Jungen am Bachufer hin und her lief; ja sie beachteten nicht einmal den Däumling. Sie standen da und hielten große Tannenzweige in den Händen, die sie vorher in den Bach getaucht hatten und offenbar als Waffen gegen das Feuer benützen wollten. Es waren nicht besonders viele Leute, und es war ein merkwürdiger Anblick, wie sie so ganz ruhig zum Kämpfen bereit dastanden, während alles andre, was Leben hatte, entfloh.
Als sich das Feuer mit lautem Dröhnen und Krachen, mit unerträglicher Hitze und erstickendem Rauch den Hügel herabwälzte und ohne einen Augenblick anzuhalten, Miene machte, über den Bach mit seiner Mauer aus grünen Bäumen nach dem andern Ufer hinüberzuspringen, wichen die Menschen zuerst unwillkürlich zurück, als wenn sie es nicht mehr hier aushalten könnten. Aber sie flohen nicht weit, sondern kehrten wieder um.
Jetzt lief der Waldbrand mit wilder Gewalt Sturm. Die Funken sprühten und ergossen sich wie ein Feuerregen über die Laubholzbäume. Lange, feurige Zungen schlugen zischend aus dem Rauch heraus, als wenn der Wald auf der andern Seite sie anzöge.
Aber die Laubholzbäume hielten das Feuer auf, und unter ihnen arbeiteten die Menschen. Wo die Erde zu rauchen anfing, trugen sie in Eimern Wasser herbei und kühlten sie ab. Wenn ein Baum in Rauch eingehüllt wurde, hieben sie mit gewaltigen Axtschlägen drauf los, stürzten ihn um und löschten die Flammen. Wo das Feuer im Heidekraut glimmte, schlugen sie mit den nassen Tannenzweigen darauf und erstickten es.
Der Rauch war jetzt so dicht, daß er alles einhüllte. Man konnte nicht sehen, wie der Kampf sich entwickelte; aber es war wohl zu merken, welch ein harter Kampf es war, und mehrere Male war es gewiß nahe daran, daß das Feuer den Sieg davongetragen hätte.
Aber gottlob, nach einer guten Weile nahm das laute Krachen und Dröhnen des verheerenden Feuers ab, und der Rauch verteilte sich! Da hatten die Laubholzbäume alle ihre Blätter verloren, das Erdreich darunter war vollständig versengt, die Menschen waren vom Rauch geschwärzt und in Schweiß gebadet, aber der Waldbrand war überwältigt, er flammte nicht mehr. Weiß und weich glitt jetzt der Rauch am Boden hin, und eine Menge schwarze Stämme tauchte aus ihm auf. Das war alles, was von dem prächtigen Wald noch übrig war.
Der Junge war auf einen Steinblock hinaufgeklettert und hatte von da dem Kampfe der Menschen mit dem Feuer zugesehen. Aber jetzt, wo der Wald gerettet war, begann für ihn die Gefahr; der Uhu und der Habicht richteten plötzlich ihre Augen auf ihn.
Doch in diesem Augenblick hörte der Junge eine ihm wohlbekannte Stimme seinen Namen rufen. Der Königsadler Gorgo kam durch den Wald heruntergesaust. Und bald wiegte sich der Junge von aller Gefahr erlöst hoch in den Lüften.
43. Västerbotten und Lappland
Die fünf Kundschafter
Während Nils Holgersson auf Skansen war, saß er einmal unter der Treppe des Bollnäshauses und hörte da, wie Klement Larsson und der alte Lappe sich miteinander über Lappland unterhielten. Sie stimmten ganz miteinander überein, daß Norrland der beste Teil von ganz Schweden sei; aber Klement Larsson gefiel die Gegend südlich vom Ångermanfluß am besten, während der Lappe behauptete, die nördlich von diesem Fluß liegenden Landschaften seien die wichtigsten.
Im Laufe des Gesprächs kam es aber heraus, daß Klement nie höher droben gewesen war als in Härnösand, und da konnte der Lappe das Lachen nicht unterdrücken, weil er sich mit so großer Bestimmtheit über Gegenden aussprach, die er nie gesehen hatte.
»Ich sehe schon, Klement, ich muß dir eine Geschichte erzählen, aus der du ersehen kannst, wie es in Västerbotten und Lappland, in dem großen Sameland aussieht, wo du noch nie gewesen bist,« sagte er.
»Von mir kann gewiß niemand sagen, daß ich eine Geschichte ausgeschlagen hätte, ebensowenig wie man von dir sagen könnte, du sagtest jemals nein zu einer Tasse Kaffee,« antwortete Klement.
Und dann begann der alte Lappe seine Geschichte.
»So höre denn, Klement! Einmal geschah es, daß die Vögel, die drunten in Schweden südlich von dem alten Sameland wohnten, meinten, sie säßen zu eng aufeinander und könnten sich nicht mehr ausbreiten. Deshalb beschlossen sie, nordwärts zu ziehen.
Sie versammelten sich und hielten Rat. Die Jungen und Ungeduldigen wollten sogleich aufbrechen; aber die Alten und Klugen bestanden darauf, daß zuerst Kundschafter ausgesandt würden, die das Land erforschen sollten.
>Jede von den fünf großen Vogelscharen soll einen Kundschafter ausschicken,< sagten die Weisen, >damit wir alle zuvor erfahren, ob wir da droben auch gute Brutstätten, Nahrung und Schlupfwinkel finden können.<
Da wählten die fünf großen Vogelscharen sogleich fünf gute kluge Vögel aus. Die Waldvögel einen Auerhahn, die Vögel der Ebene eine Lerche, die Seevögel eine Fischmöwe, die Süßwasservögel eine Lumme und die Bergvögel einen Schneesperling.
Als diese fünf die Reise antreten sollten, sagte der Auerhahn, der größte und gebieterischste von diesen fünf: >Was da vor uns liegt, sind sehr große Länderstrecken. Wenn wir zusammen reisen, dauert es überaus lange, bis wir über das ganze Gebiet, das wir untersuchen sollen, hingeflogen sind. Fliegt aber jeder von uns für sich allein und untersucht seinen Teil des Landes, dann kann unsre ganze Aufgabe in ein paar Tagen vollendet sein.<
Die vier andern Kundschafter waren mit diesem Vorschlag einverstanden und richteten sich danach. Sie einigten sich dahin, daß der Auerhahn den mittelsten Teil des Landes untersuchen sollte; die Lerche sollte eine Strecke östlicher fliegen, die Fischmöwe noch weiter gegen Osten, da wo das Land ins Meer abfällt; die Lumme übernahm es, weiter westlich zu fliegen als der Auerhahn, und der Schneesperling sollte am weitesten westlich, ganz an der Landesgrenze hinfliegen.
In dieser Ordnung flogen die fünf Vögel gen Norden, so weit als das Festland reichte. Dann drehten sie um und kehrten wieder heim und erzählten den versammelten Vögeln, was sie gesehen hatten.
Die Fischmöwe, die dem Meeresufer entlang geflogen war, ergriff zuerst das Wort.
>Da droben im Norden ist ein gutes Land,< sagte sie. >Es besteht aus einer einzigen Reihe von Schären; überall sind fischreiche Sunde und bewaldete Landzungen und Inseln, von denen die meisten unbewohnt sind, und die Seevögel finden dort überall ausgezeichnete Brutplätze. Die Menschen treiben ein wenig Fischfang und Seefahrt in den Sunden, aber nicht so viel, daß es uns Vögel stören könnte. Wenn die Seevögel meinem Rat folgen, dann ziehen sie sogleich gen Norden.<
Nach der Fischmöwe begann die Lerche, die das Land innerhalb der Küste untersucht hatte.
>Ich verstehe nicht, was die Möwe da von Landzungen und Inseln behauptet,< sagte sie. >Ich habe nichts weiter gesehen als große Felder und wunderschöne blühende Wiesen. In meinem ganzen Leben hab ich noch nie ein Land gesehen, das von so vielen großen Flüssen durchschnitten gewesen wäre; es war eine wahre Freude, zu sehen, wie diese Ströme mit ihren gewaltigen Wassermassen so ruhig und gleichmäßig durch die Ebene hinzogen. An den Ufern liegen die Bauernhöfe so dicht wie die Häuser an einer Straße, und an den Flußmündungen sind Städte, sonst aber ist das Land sehr einsam und nur spärlich bewohnt. Wenn die Vögel der Ebene meinem Rat folgen, ziehen sie sogleich nordwärts.<
Nach der Lerche kam der Auerhahn an die Reihe, der in der Mitte des Landes geflogen war.
>Ich begreife weder, was die Lerche mit ihren Wiesen, noch was die Fischmöwe mit ihren Schären will,< sagte er. >Ich habe auf der ganzen Reise nichts andres gesehen als Tannen- und Fichtenwälder, eine Menge großer Moore und viele rauschende, brausende Flüsse; aber alles, was nicht Moor oder Fluß war, war dunkler Wald, und ich habe keine Felder und keine menschlichen Wohnungen gesehen. Wenn die Waldvögel meinem Rat folgen wollen, ziehen sie sogleich nordwärts.<
Nach dem Auerhahn berichtete die Lumme, die den Landstrich auf der andern Seite der Wälder untersucht hatte.
>Ich begreife nicht, wo die Lerche und die Fischmöwe ihre Augen gehabt haben,< sagte die Lumme. >Es ist ja fast gar kein Erdreich da droben. Nichts als große Seen. Zwischen schönen Ufern blinken dunkelblaue Bergseen, die sich da und dort zu brausenden Wasserfällen erweitern. An einigen dieser Seen habe ich Kirchen und Dörfer gesehen, aber andre lagen ganz einsam und friedlich da. Wenn die Süßwasservögel meinem Rat folgen, dann ziehen sie sogleich nordwärts.<
Zum Schluß gab der Schneesperling, der an der Landesgrenze hingeflogen war, seine Meinung preis.
>Ich begreife nicht, was die Lumme mit ihren Seen will, und es ist mir auch ganz unverständlich, was der Auerhahn, die Lerche und die Fischmöwe für ein Land gesehen haben wollen,< sagte er. >Ich habe da droben im Norden ein großes Gebirgsland gefunden. Nirgends traf ich Ebenen und ebensowenig große Wälder, dagegen Berggipfel um Berggipfel, Felsengegend an Felsengegend. Und ich habe Eisfelder und Schnee gesehen, sowie Gebirgsbäche, deren Wasser milchweiß waren. Keine Felder, keine Wiesen, so weit das Auge reichte, nur große mit Weiden, Zwergbirken und Renntiermoos bedeckte Halden. Keine Bauern, keine Haustiere, keine Höfe habe ich angetroffen, aber Lappen, Renntiere und Lappenzelte. Wenn die Gebirgsvögel meinem Rate folgen, ziehen sie sogleich nordwärts.<
Nachdem die fünf Kundschafter also gesprochen hatten, schalten sie einander und nannten sich gegenseitig Lügner, und sie waren schon im Begriff, aufeinander loszufahren, um die Wahrheit ihrer Worte mit einem Kampfe auszufechten. Aber die alten, klugen Vögel, die die Kundschafter ausgeschickt und mit großer Freude vernommen hatten, was diese berichteten, beruhigten die Kampflustigen.
>Streitet euch nicht!< sagten sie. >Soviel haben wir aus euren Worten vernommen, daß da droben im Norden ein gutes Gebirgsland und ein großes Seenland und ein großes Waldland und ein großes ebenes Land und große Schären sind. Das ist mehr, als wir erwartet hatten, ja, viele große Königreiche können sich nicht rühmen, dies alles innerhalb ihrer Grenzen zu besitzen.<«
Das wandernde Land
Samstag, 18. Juni
Jetzt, wo Nils Holgersson selbst über das Land hinflog, von dem der Lappe erzählt hatte, fiel ihm diese Geschichte wieder ein. Der Adler hatte ihm gesagt, der flache Küstenstrich, der sich da unter ihnen ausbreitete, sei Västerbotten, und die blauenden Höhen ganz draußen im Westen seien Lappland.
Ach, wie glücklich war Nils Holgersson, daß er jetzt nach all der Angst, die er während des Waldbrandes ausgestanden hatte, wohlbehalten wieder auf Gorgos Rücken saß! Dieses Gefühl war an und für sich schon beglückend, aber die Reise selbst war jetzt auch wunderbar schön. Am Morgen war der Wind aus Norden gekommen, jetzt hatte er sich gewendet, die Reisenden hatten ihn im Rücken, und deshalb spürten sie ihn gar nicht. Da auch der Adler ganz gleichmäßig flog, glaubte der Junge bisweilen, dieser stehe ganz still, und er schlage nur immerfort mit den Flügeln, ohne vom Flecke zu kommen. Statt dessen aber schien unter ihm alles in Bewegung zu sein. Der ganze Erdboden und alles, was darauf war, glitt langsam südwärts. Wälder, Häuser, Wiesen, Zäune, Flüsse, Ortschaften, Schäreninseln, Sägewerke, alles war auf der Wanderschaft! Der Junge überlegte, wohin alle miteinander nur wollten? Waren sie es müde geworden, so lange da droben im Norden zu stehen, und wollten sie nun südwärts ziehen?
Zwischen allem diesem, das sich bewegte und gen Süden wanderte, stand nur eins still, nämlich ein Eisenbahnzug. Er hielt gerade unter den beiden, die da droben durch die Lüfte flogen, und es ging dem Zuge genau wie Gorgo: er konnte nicht vom Flecke kommen. Die Lokomotive spie Rauch und Funken aus, der Junge konnte bis zu sich herauf hören, daß die Räder laut auf den Schienen rasselten, aber der Zug selbst bewegte sich nicht. Die Wälder glitten an ihm vorüber, die Bahnwärterhäuschen glitten vorüber, die Schlagbäume und die Telegraphenstangen glitten vorüber, aber der Zug stand still. Ein breiter Fluß mit einer langen Brücke über sich floß ihm entgegen; aber der Fluß und die Brücke glitten ohne jegliche Schwierigkeit unter dem Zuge durch. Schließlich kam ein Bahnhof dahergelaufen. Der Stationsvorsteher stand mit seiner roten Fahne in der Hand auf dem Bahnsteig und glitt langsam zu dem Zuge hin. Als er seine Fahne schwang, stieß die Lokomotive noch schwärzere Rauchwirbel heraus als vorher und pfiff jämmerlich, wie wenn sie sich darüber beklagte, daß sie nicht vorwärts kommen könne. Aber in demselben Augenblick setzte sich der Zug in Bewegung und, gerade wie der Bahnhof und alles andre, glitt jetzt auch er südwärts dahin. Der Junge sah, wie die Wagentüren aufgemacht wurden und die Reisenden ausstiegen, während doch alle beide, die Reisenden mitsamt dem Zuge, sich in südlicher Richtung weiter bewegten. Aber jetzt wendete Nils Holgersson seine Blicke von der Erde ab und versuchte geradeaus zu schauen. Der Anblick dieses wunderbaren Eisenbahnzuges hatte ihn ordentlich schwindlig gemacht.
Doch nachdem er eine Weile eine kleine weiße Wolke angestarrt hatte, wurde ihm diese Unterhaltung langweilig, und er schaute wieder hinunter. Immer noch war es, als halte sich der Adler ganz ruhig in den Lüften, während alles andre südwärts davon eilte. Als nun der Junge so auf dem Rücken des Adlers saß und sich mit nichts anderm unterhalten konnte als mit seinen eignen Gedanken, machte es ihm Spaß, sich auszudenken, wie es wäre, wenn ganz Västerbotten in Bewegung käme und gen Süden zöge. Ei der Tausend, wenn nun der Acker dort, der da unter ihm hinglitt -- er war wohl eben erst eingesät, denn nirgends war ein grünes Hälmchen zu sehen -- hinunter auf die Südebene in Schonen fahren würde, wo der Roggen um diese Zeit schon Ähren trug!
Die Nadelwälder hatten sich da oben verändert. Die Bäume standen weit auseinander, mit kurzen Zweigen und fast schwarzen Nadeln. Viele Bäume hatten verdorrte Wipfel und sahen krank aus. Die Erde unter ihnen war mit alten Stämmen bedeckt, die wegzuschaffen niemand sich die Mühe gegeben hatte. Wie, wenn nun so ein Wald so weit hinunterkäme, daß er den Kolmården sehen könnte? Wie ärmlich müßte er sich dann vorkommen!
Und der Garten, den er jetzt gerade unter sich sah! Es waren schöne Bäume darin, aber weder Obstbäume, noch edle Linden oder Kastanien, nur Vogelbeeren und Birken. Es war auch schönes Gebüsch darin, aber kein Goldregen und Flieder, nur Faulkirschen und Holunder. Auch Gemüsebeete sah der Junge, aber die waren bis jetzt weder umgegraben noch angepflanzt. Wie, wenn nun so ein Gütchen an einem Herrschaftsgarten in Sörmland angefahren käme? Da würde es sich selbst gewiß nur für eine Einöde halten!
Oder diese Wiese dort, die mit so vielen kleinen grauen Scheunen bedeckt war, daß man hätte meinen können, die Hälfte des Bodens sei zu Bauplätzen verwendet worden! Wenn sie hinunterzöge nach der Ostgötaebene, würden die Bauern da drunten wahrlich große Augen machen!
Aber wenn das große Moorland, das jetzt unter ihm lag und ganz mit Fichten bestanden war, die aber nicht wie in gewöhnlichen Wäldern aufrecht und gerade wuchsen, sondern sich mit buschigen Zweigen und üppigen Kronen in hübschen Gruppen auf dem schönsten Teppich von Renntiermoos aufgestellt hatten, wenn dieses Moorland den Weg hinunter nach Övedskloster einschlüge, dann würde der prächtige Park dort einräumen müssen, daß nun seinesgleichen gefunden sei.
Wie, wenn die hölzerne Kirche dort unter ihm, mit den roten Holzschindeln an den Wänden, mit dem bunt bemalten Glockenturm und einem ganzen Städtchen von grauen Kirchenhütten um sich her, in denen die Familien, die weit her kamen, übernachteten, an einer der großen fest gemauerten Kirchen auf der Insel Gotland vorübergezogen käme? Die würden einander ordentlich etwas zu erzählen haben!
Aber der Stolz und die Ehre der ganzen Landschaft waren die gewaltigen dunkeln Flüsse mit ihren prächtigen Tälern, diesen Tälern mit ihren vielen Höfen, ihrer Menge Bauholz, ihren Sägewerken, ihren Dörfern und mit dem großen Gewimmel von Dampfschiffen an den Mündungen! Wenn solch ein Fluß sich weiter drunten im Land zeigen würde, dann würden alle Flüsse und Bäche südlich vom Dalälf vor lauter Scham in die Erde versinken!
Und wie, wenn so eine ungeheuer große Ebene, eine so gut gelegene, so leicht zu bebauende Ebene vor die Augen der armen Smålandbauern herangeglitten käme? Da würden sie von ihren kleinen Äckerchen und ihren steinigen Wiesen daherlaufen und eifrig zu graben und zu bebauen anfangen!
Und seht, an einem war diese Landschaft reicher als alle andern, nämlich an Licht. Die Kraniche schliefen stehend auf den Mooren; die Nacht mußte angebrochen sein, aber das Licht war nicht verschwunden. Die Sonne war nicht südwärts gezogen wie alles andre. Dagegen war sie jetzt so weit nördlich gewandert, daß sie dem Jungen mit geraden Strahlen ins Gesicht schien. Und sie hatte es offenbar gar nicht im Sinne, hinter den Horizont hinabzutauchen. Wie, wenn dieses Licht und diese Sonne in Westvemmenhög scheinen würden? Das würde dem Häusler Holger Nilsson und seiner Frau gefallen, ein Arbeitstag, der vierundzwanzig Stunden dauerte!
Der Traum
Sonntag, 19. Juni
Nils Holgersson hob den Kopf und schaute sich plötzlich hell wach um. Das war doch merkwürdig! Hier lag er und hatte an einem Orte geschlafen, wo er noch nie gewesen war. Nein, dieses Tal hier, in dem er lag, hatte er gewiß noch nie gesehen, und ebensowenig die Berge, die es umgaben. Er erkannte den runden See nicht, der mitten im Tale lag, und noch niemals hatte er so ärmliche, verkrüppelte Birken gesehen wie die, unter denen er ruhte.
Und wo war der Adler? Er konnte ihn nirgends entdecken. Gorgo mußte ihn verlassen haben. Welch ein Abenteuer!
Der Junge legte sich wieder auf den Boden nieder, schloß die Augen und versuchte sich ins Gedächtnis zurückzurufen, wie alles vor seinem Einschlafen gewesen war.
Er erinnerte sich, daß es ihm, während sie über Västerbotten hingeflogen waren, die ganze Zeit gewesen war, als ob der Adler ganz ruhig in der Luft droben auf ein und demselben Flecke verbliebe, während das Land unter ihnen gen Süden zog. Aber dann hatte sich der Adler nordwestwärts gewandt, und in demselben Augenblick hatte das Land drunten stillgestanden, und der Junge hatte gefühlt, daß der Adler ihn mit Windeseile davontrug.
»Jetzt fliegen wir nach Lappland hinein,« sagte Gorgo. Und sofort beugte sich der Junge weit vor, um die Landschaft zu sehen, von der er so viel gehört hatte.
Aber er fühlte sich ziemlich enttäuscht, denn er sah nichts als große Wälder und weite Moore. Nichts als Wald und Moor, Moor und Wald, bis ins Unendliche. Die große Einförmigkeit machte ihn schließlich so schläfrig, daß er beinahe hinuntergestürzt wäre.
Da sagte er zu dem Adler, er könne nicht länger auf dessen Rücken sitzen bleiben, er müsse durchaus ein wenig schlafen. Sofort ließ sich Gorgo ins Tal hinuntersinken, und der Junge warf sich ins Moos; aber dann nahm ihn Gorgo zwischen seine Klauen und schwang sich wieder mit ihm in die Luft hinauf.
»Schlaf du nur, Däumling!« rief er. »Mich hält der Sonnenschein wach, und ich will die Reise fortsetzen.«
Und obgleich der Junge sehr unbequem zwischen den Klauen des Adlers hing, schlief er wirklich ein, und während er schlief, hatte er einen Traum.
Es war ihm, als sei er auf einer breiten Straße drunten im südlichen Schweden, und als laufe er da so schnell vorwärts, wie seine kleinen Beine ihn nur zu tragen vermochten. Er war jedoch nicht allein: eine Menge Wanderer zog denselben Weg. Dicht neben ihm marschierten Roggenhalme mit schweren Ähren an der Spitze, blaue Kornblumen und andre bunte Feldblumen; die Apfelbäume keuchten unter der Last ihrer Früchte daher, hinter ihnen kamen die Bohnen und Erbsen mit vollen Bälgen, große Büsche Wucherblumen und ein ganzes Buschwerk von Beerensträuchern. Große Laubholzbäume, Buchen, Eichen und Linden schritten in aller Ruhe in der Mitte der Straße; stolz rauschten ihre Kronen, und sie gingen niemand aus dem Wege. Die kleinen Pflanzen liefen dem Jungen zwischen den Beinen durch: Erdbeerstöcke, Anemonen, Löwenzahn, Klee und Vergißmeinnicht. Zuerst meinte der Junge, es seien lauter Pflanzen, die auf dem Wege dahinzogen, aber bald entdeckte er, daß auch Tiere und Menschen dazwischen waren. Die Insekten summten zwischen den vorwärtsstrebenden Pflanzen, in den Gräben schwammen Fische, auf den dahinwandernden Bäumen sangen die Vögel, zahme und wilde Tiere liefen um die Wette mit; und mitten zwischen all diesem Gewimmel wanderten Menschen daher, die einen trugen Spaten und Sensen, andre Äxte, wieder andre Flinten und einige Fischgeräte.
Der Zug wanderte fröhlich und lustig dahin, und das verwunderte den Jungen gar nicht, als er sah, wer ihn führte. Denn das war niemand geringeres als die Sonne selbst. Diese rollte auf der Straße vor ihnen her wie ein großes glänzendes Haupt, von vielfarbig strahlendem Haar umgeben und mit einem Gesicht, das vor Frohsinn und Güte leuchtete.
»Vorwärts!« rief sie ununterbrochen. »Niemand braucht sich zu fürchten, wenn ich dabei bin. Vorwärts! Vorwärts!«
»Ich möchte wohl wissen, wohin die Sonne uns zu führen gedenkt?« sagte der Junge vor sich hin.
Die Roggenhalme, die neben ihm gingen, hörten, was der Junge sagte, und entgegneten sogleich: »Sie will uns nach Lappland hinaufführen, und dort sollen wir gegen den großen Versteinerer kämpfen.«
Nils Holgersson sah bald, daß allmählich mehrere von den Fußgängern bedenklich wurden; sie gingen langsamer und blieben schließlich zurück. Er sah, wie die großen Buchen anhielten; die Rehe und der Weizen blieben am Grabenrand stehen, und ebenso die Brombeerbüsche, die großen gelben Dotterblumen, die Kastanienbäume und die Rebhühner.
Er schaute zurück, um zu ergründen, warum so viele zurückblieben. Da entdeckte er, daß er sich nicht mehr in dem südlichen Schweden befand; die Reise war über die Maßen rasch vor sich gegangen, sie befanden sich jetzt schon im Svealand.
Hier oben ging die Eiche mit immer langsameren Schritten. Sie blieb ein wenig stehen, machte noch einige zögernde Schritte und hielt dann ganz an.
»Warum geht die Eiche nicht mehr mit?« fragte der Junge.
»Sie hat Angst vor dem großen Versteinerer,« sagte eine helle, grüne junge Birke, die so froh und wohlgemut vorwärts schritt, daß es eine wahre Lust war.
Obgleich nun schon viele zurückgeblieben waren, wanderte doch noch eine große Schar mit frischem Mute weiter. Und das Sonnenhaupt rollte die ganze Zeit vor ihnen her und rief: »Vorwärts! Vorwärts! Niemand braucht Angst zu haben, solange ich dabei bin!«
Der Zug setzte seine Reise mit derselben Hast fort. Bald war er droben in Norrland; aber jetzt half alles nichts mehr, soviel auch die Sonne bat und flehte. Der Apfelbaum blieb stehen, der Kirschbaum blieb stehen und die Haferfrucht blieb stehen. Der Junge wendete sich an die Zurückbleibenden.
»Warum wollt ihr nicht mehr mit? Warum verlasset ihr die Sonne?« fragte er.
»Wir wagen es nicht. Wir haben Angst vor dem großen Versteinerer, der droben in Lappland wohnt,« antworteten sie.
Der Junge schloß daraus, daß sie jetzt sehr hoch hinauf nach Lappland gekommen sein müßten, und hier wurde die Schar auch immer dünner. Der Roggen und die Gerste, die Erdbeerstöcke und die Heidelbeerbüsche, die Erbsenranken, die Johannisbeersträucher waren alle bis hierher mitgegangen; das Elentier und die Kuh waren Seite an Seite gewandert; aber jetzt blieben alle diese zurück. Die Menschen gingen noch eine Strecke weiter mit, aber dann hielten auch sie an. Die Sonne wäre jetzt beinahe ganz verlassen gewesen, wenn nicht neue Reisegenossen dazu gekommen wären. Weidenbüsche und eine Menge anderes Strauchwerk schlossen sich dem Zuge an, desgleichen auch Lappen und Renntiere, Bergeulen und Blaufüchse und Schneehühner.
Jetzt hörte der Junge, daß ihnen etwas entgegenkam. Eine Menge Bäche und Flüsse, die mit gewaltigem Rauschen und Brausen daherschäumten.
»Warum haben sie es denn so eilig?« fragte der Junge.
»Sie fliehen vor dem großen Versteinerer, der droben auf dem Gebirge wohnt,« antwortete ein Schneehuhn.
Ganz plötzlich sah Nils Holgersson, daß gerade vor ihnen eine hohe, dunkle, mit Zinnen gekrönte Mauer aufragte. Bei dem Anblick dieser Mauer schienen alle zurückzuweichen; aber die Sonne wendete rasch ihr strahlendes Gesicht der Mauer zu und goß ihr Licht darüber aus. Und siehe da! keine Mauer stand ihnen im Wege, nur lauter wunderschöne Berge, die sich einer hinter dem andern auftürmten. Die Gipfel leuchteten glänzend im Sonnenschein, und die Abhänge schimmerten hellblau mit goldenen Streifen dazwischen.
»Vorwärts! Vorwärts! Es ist keine Gefahr, so lange ich dabei bin!« rief die Sonne; und schon rollte sie an den steilen Bergwänden hinauf.
Aber auf diesem Wege den Berg hinauf wurde die Sonne von der tapfern jungen Birke, der starken Fichte und der wetterfesten Tanne verlassen. Hier verließen sie auch das Renntier, die Lappen und das Weidengebüsch. Und schließlich, als die Sonne den Gipfel des Berges erreicht hatte, war keiner mehr bei ihr als der kleine Nils Holgersson.
Die Sonne rollte in eine Schlucht hinein, wo die Wände mit Eis bedeckt waren, und Nils Holgersson wollte ihr in die Schlucht hinein folgen; aber er kam nicht weiter als bis an den Eingang, denn plötzlich sah er etwas Entsetzliches. Ganz drinnen in der Schlucht saß ein alter Troll mit einem Körper aus Eis, mit Haar aus Eiszapfen und einem Mantel aus Schnee. Vor dem Troll lagen mehrere schwarze Wölfe, die, sobald die Sonne sich zeigte, aufstanden und den Rachen weit aufsperrten. Da drang aus dem einen Wolfsrachen bittere Kälte, aus dem zweiten ein beißender Nordwind und aus dem dritten schwarze Finsternis heraus.
»Da haben wir wohl den großen Versteinerer und sein Gefolge,« dachte der Junge. Er war sich ganz klar darüber, daß er am besten täte, wenn er sich auf und davon machte; aber er war zu neugierig, zu sehen, wie die Begegnung zwischen der Sonne und dem Troll ablaufen würde, und so blieb er stehen.
Der Troll rührte sich nicht; mit seinem schauderhaften Eisgesicht starrte er der Sonne entgegen, und die Sonne stand auch ganz still und lachte und strahlte ihn nur immerfort an. So verging eine Weile, und der Junge meinte zu hören, daß der Troll zu seufzen und zu wimmern beginne. Der Schneemantel glitt von seiner Schulter herab, und die drei fürchterlichen Wölfe heulten nicht mehr so laut.
Doch da rief die Sonne auf einmal: »Jetzt ist meine Zeit vorbei!« und rollte rückwärts zu der Schlucht hinaus.
Da ließ der Troll seine drei Wölfe los, und plötzlich kamen der Nordwind, die Kälte und die Finsternis aus der Schlucht herausgefahren und jagten hinter der Sonne her. »Weg mit ihr! Jagt sie fort!« schrie der Troll. »Jagt sie so weit fort, daß sie nie wieder kommen kann! Zeigt ihr, daß Lappland mir gehört!«
Als aber Nils Holgersson hörte, daß die Sonne aus Lappland verjagt werden sollte, entsetzte er sich über die Maßen. Mit einem lauten Schrei fuhr er auf und erwachte -- --
Als er ein wenig zu sich gekommen war, sah er, daß er in einem großen, von Bergen umschlossenen Felsental lag. Aber wo war Gorgo? Und wie sollte er erfahren, wo er sich befand?
Er richtete sich auf und schaute sich um. Da fiel sein Blick auf ein sonderbares Gebäude aus Fichtenzweigen, das auf einem Felsenabsatz stand. »Das ist gerade so ein Adlernest, wie Gorgo ...«
Nils Holgersson dachte den Gedanken nicht zu Ende. Statt dessen riß er die Mütze vom Kopfe, schwang sie lustig und schrie: »Hurra!« Er hatte erraten, wohin Gorgo ihn gebracht hatte! Hier war das Tal, wo oben auf dem Felsenabsatz die Adler und unten im Tal die Wildgänse wohnten. Er war am Ziel! Im nächsten Augenblick würde er wieder mit dem Gänserich Martin, mit Akka und allen Reisekameraden vereinigt sein!
Am Ziel
Der Junge ging ganz leise umher und suchte nach seinen Freunden. Ringsum im Tale war es überall ganz still. Die Sonne war noch nicht über die Felswände heraufgestiegen; es mußte also noch sehr früh am Tage sein, und die Wildgänse waren auch noch nicht aufgewacht. Der Junge hatte kaum einige Schritte gemacht, als er lächelnd stehen blieb, weil er etwas gar so Schönes sah. Dort im Grase lag eine Wildgans auf einem kleinen Neste, und neben ihr stand der Gänserich. Er schlief zwar auch, aber man sah wohl, er hatte sich so nahe dabei aufgestellt, um bei jeder Gefahr zur Hand zu sein.
Ohne die beiden zu stören, wanderte der Junge weiter und lugte zwischen die kleinen Weidenbüsche hinein, die überall wuchsen. Es dauerte auch nicht lange, da entdeckte er wieder ein Gänsepaar. Diese gehörten nicht zu seiner Schar; es waren Fremde, aber der Junge freute sich doch sehr über sie. Und plötzlich summte er ein fröhliches Liedchen vor sich hin, nur weil er mit ihnen zusammengetroffen war.
Jetzt schaute er wieder in ein Gebüsch hinein, und da entdeckte er endlich ein Paar, das er kannte. Das war ganz bestimmt Neljä, die da auf ihren Eiern lag, und der danebenstehende Gänserich war Kolme. Ja, ja, so war es! Eine Täuschung war ausgeschlossen!
Er hatte die größte Lust, die beiden zu wecken, unterließ es dann aber doch und ging weiter.
Im nächsten Strauchwerk sah er Viisi und Kuusi, und nicht weit davon fand er Yksi und Kaksi. Alle vier schliefen, und der Junge ging vorüber, ohne sie zu stören.
Als er in die Nähe des nächsten Gebüsches kam, glaubte er zwischen den Zweigen etwas Weißes hervorschimmern zu sehen, und sogleich begann sein Herz vor lauter Freude laut und rasch zu klopfen. Ja, es war, wie er erwartet hatte! Da drinnen lag Daunenfein, noch eben so niedlich wie früher, auf ihren Eiern, und neben ihr stand der weiße Gänserich. Der Junge meinte, man könne ihm sogar im Schlafe ansehen, wie stolz er darauf war, da oben in den lappländischen Bergen bei seiner Frau Wache stehen zu dürfen.
Aber der Junge wollte auch den weißen Gänserich nicht wecken, leise ging er weiter wie bisher.
Er mußte ziemlich lange suchen, bis er auf weitere Wildgänse stieß. Aber da entdeckte er auf einem kleinen Hügel etwas, das einem grauen Erdhaufen glich. Und als er am Fuß des Hügels angekommen war, war der Erdhaufen nichts andres als Akka von Kebnekajse, die ganz hell wach da droben stand und sich umschaute, als bewache sie das ganze Tal.
»Guten Tag, Mutter Akka!« sagte der Junge. »Wie schön, daß Ihr wach seid! Wollt Ihr jetzt nicht noch ein wenig warten, ehe Ihr die andern weckt? Ich möchte gar zu gerne ein wenig allein mit Euch sprechen.«
Die alte Anführergans stürzte den Hügel herunter und auf den Jungen zu. Zuerst packte sie ihn und schüttelte ihn, dann strich sie ihm mit dem Schnabel am ganzen Körper auf und ab, und dann schüttelte sie ihn noch einmal. Aber sie sagte kein Wort, denn er hatte sie ja gebeten, die andern nicht zu wecken.
Der Däumling küßte die alte Mutter Akka auf beide Wangen, und dann fing er an zu erzählen, wie er nach Skansen gebracht und dort gefangen gehalten worden war.
»Und nun kann ich Euch noch erzählen, daß Smirre, der Fuchs mit dem abgebissenen Ohre, in dem Fuchsbau auf Skansen gefangen saß,« fuhr der Junge fort, nachdem er seine Erlebnisse berichtet hatte. »Und obgleich er sehr häßlich gegen uns gewesen ist, tat er mir doch herzlich leid. Es waren noch viele andre Füchse in dem großen Fuchskäfig; diesen schien es indes ganz wohl da zu sein, nur Smirre saß immer sehr betrübt da und sehnte sich nach der Freiheit. Ich hatte mir nach und nach viele gute Freunde da droben erworben, und eines Tages hörte ich von dem Lappenhund, es sei ein Mann nach Skansen gekommen, der Füchse kaufen wolle. Er sei von einer weit draußen im Meere liegenden Insel. Auf dieser Insel seien alle Füchse ausgerottet worden, infolgedessen aber könne man sich jetzt dort der Ratten nicht mehr erwehren, und deshalb wolle man wieder Füchse einführen.
Sobald ich das erfahren hatte, ging ich nach dem Fuchskäfig und sagte: >Smirre, morgen kommen Leute hierher, die einige Füchse kaufen wollen. Versteck dich also nicht, sondern bleibe hier draußen und sorge dafür, daß du gefangen wirst, dann erhältst du deine Freiheit wieder.< Er ist dann meinem Rat gefolgt, und nun läuft er wohl auf jener Insel frei umher. Was sagt Ihr dazu, Mutter Akka? War das eine Tat nach Eurem Sinne?«
»Wenn ich es selbst gewesen wäre, hätte ich es nicht besser machen können,« antwortete Akka.
»Es freut mich, daß Ihr damit einverstanden seid,« sagte der Junge. »Nun aber möchte ich Euch noch etwas andres fragen. Eines Tages sah ich, daß der Adler Gorgo, der damals mit dem Gänserich Martin kämpfte, als Gefangener nach Skansen gebracht und da in den Adlerkäfig gesetzt wurde. Er sah gar elend und traurig aus, und manchmal war es mir, als müßte ich in das Stahldrahtnetz über seinem Kopf ein Loch feilen, damit er herausfliegen könnte. Aber dann dachte ich wieder: Nein, nein, denn er ist ja ein gefährlicher Räuber und Vogelfresser! Ich wußte nicht, ob es recht wäre, einen solchen Missetäter herauszulassen, und so dachte ich, es sei vielleicht doch am besten, wenn er bliebe, wo er war. Was sagt Ihr dazu, Mutter Akka? War das richtig gedacht?«
»Nein, das war gar nicht richtig gedacht,« sagte Akka. »Man kann über die Adler denken, wie man will; aber sie sind stolzer und freiheitsliebender als andre Tiere, und es ist sehr unrecht, wenn sie in Gefangenschaft gehalten werden. Weißt du, was ich dir vorschlagen möchte? Sobald du ausgeruht hast, reisen wir beide hinunter zu dem großen Vogelgefängnis und befreien Gorgo.«
»Diese Worte habe ich von Euch erwartet, Mutter Akka,« sagte der Junge. »Es gibt welche, die sagen, Ihr hättet keine Liebe mehr für den, den Ihr mit so großer Mühe aufgezogen habt, weil er so lebt, wie ein Adler seiner Natur nach leben muß. Aber eben jetzt hab ich gehört, daß es nicht so ist. Nun will ich nachsehen, ob der Gänserich Martin noch nicht erwacht ist, und wenn Ihr indessen dem ein Wort des Dankes sagen wollt, der mich zu Euch zurückgebracht hat, dann trefft Ihr ihn wahrscheinlich droben auf dem Felsenabsatz, wo Ihr einstmals ein hilfloses Adlerjunges gefunden habt.«
44. Das Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats
Die Krankheit
In dem Jahre, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog, wurde viel von zwei Kindern gesprochen, die durch das Land wanderten. Sie waren von Småland aus dem Bezirke Sunnerbo, und sie hatten einst mit ihren Eltern in einem Häuschen draußen auf der großen Ljungheide gewohnt. Als die Kinder noch ganz klein waren, klopfte eines Abends eine arme Frau bei den Leuten an und bat um ein Obdach. Obgleich die Hütte knapp Raum für die eigenen Bewohner hatte, wurde die arme Frau doch eingelassen, und die Mutter machte ihr ein Lager auf dem Boden zurecht. Die ganze Nacht hindurch hustete das arme Weib so fürchterlich, daß es den Kindern war, als sollte ihnen das Haus über dem Kopfe einstürzen, und am Morgen war sie so krank, daß sie nicht mehr weiter konnte.
Der Mann und die Frau waren so gut gegen sie wie nur möglich. Sie ließen sie in ihrem eigenen Bette liegen und schliefen selbst auf dem Fußboden, und der Mann ging zum Doktor und holte Tropfen für sie. Während der ersten Tage war die Frau auch wie gar nicht recht bei sich gewesen, sie hatte nur immerfort gefordert und verlangt, aber nie ein Wort des Dankes gesagt; allmählich jedoch wurde sie milder, sie taute auf und wurde demütig und dankbar. Schließlich bat sie nur immer, man möge sie vors Haus und auf die Heide hinaustragen, damit sie da draußen sterbe. Und als die Leute ihr Begehren nicht erfüllen wollten, erzählte sie ihnen, sie sei in den letzten Jahren mit einer Schar Zigeuner umhergezogen, obgleich sie nicht von Zigeunern abstamme; sie sei die Tochter eines Hofbauern, aber von Hause davongelaufen und dann bei den Zigeunern geblieben. Und jetzt glaube sie, eine Zigeunerin, die einen Haß auf sie gehabt habe, die habe ihr die Krankheit angewünscht. Aber nicht genug damit, das Zigeunerweib habe ihr auch gedroht und gesagt, ebenso schlimm, wie es ihr selbst gehen werde, solle es auch allen denen gehen, die sie unter ihrem Dach aufnähmen und gut gegen sie seien. Und an diese Drohung glaube sie, sagte die Kranke, und deshalb bitte sie so inständig, daß man sie zum Hause hinauswerfe und sich gar nicht mehr um sie kümmere, denn über so gute Leute wolle sie kein Unglück bringen. Aber die Eltern hatten nicht nach dem Willen der Kranken getan. Es ist zwar nicht ausgeschlossen, daß sie ein wenig Angst bekamen, aber sie hatten eben doch nicht das Herz, so eine arme todkranke Frau vor die Tür zu setzen.
Bald darauf starb das Weib, und dann war das Unglück über die armen Leute hereingebrochen. Früher hatte eitel Freude in ihrem Hause geherrscht; arm waren sie allerdings immer gewesen, aber ganz verarmt waren sie doch nicht. Der Vater verfertigte Webkämme, und die Mutter und die Kinder halfen bei der Arbeit. Der Vater schnitzte die Kämme, die Mutter und die große Schwester fügten sie zusammen. Die kleinern Kinder hobelten die Zapfen und schnitzten sie zurecht. Die ganze Familie arbeitete vom Morgen bis zum Abend; aber sie waren immer fröhlich und guter Dinge, besonders wenn der Vater von der Zeit erzählte, wo er durch ferne Länder gewandert war und Webkämme verkauft hatte. Der Vater hatte einen glücklichen Humor und erzählte oft so lustig, daß die Mutter und alle Kinder sich beinahe krank lachten.
Die Zeit nach dem Tode der armen Frau stand vor den Kindern immer wie ein böser Traum; sie wußten nicht mehr, ob sie kurz oder lang gewesen war, sie erinnerten sich nur, daß daheim ein Begräbnis nach dem andern stattfand. Ihre Geschwister starben und wurden zu Grabe getragen, eines nach dem andern. Sie hatten zwar nicht mehr als vier Geschwister gehabt, aber den Kindern kam es vor, als seien es viel mehr gewesen. Schließlich war es außerordentlich still und drückend daheim in ihrer Hütte geworden. Es war, als fände jeden Tag ein Begräbnis statt.
Die Mutter hielt den Mut einigermaßen aufrecht, aber der Vater wurde ein ganz andrer Mensch. Er konnte nicht mehr arbeiten und auch nicht mehr scherzen, sondern saß nur vom Morgen bis zum Abend da, den Kopf in den Händen vergraben, und grübelte.
Einmal -- es war nach dem dritten Begräbnis -- brach er in wilde verzweifelte Reden aus, vor denen die Kinder Angst bekamen. »Nein, ich kann es nicht begreifen, warum ein solches Unglück über uns hereingebrochen ist!« rief er. »Wir haben doch nur eine gute Tat getan, als wir der Kranken halfen. Ist denn das Böse in der Welt mächtiger als das Gute?« Die Mutter hatte versucht, ihn mit vernünftigen Worten zu trösten; aber es gelang ihr nicht, ihn so ruhig und ergeben zu machen, wie sie selbst war.
Ein paar Tage später hatten sie den Vater verloren. Aber er war nicht gestorben, sondern auf und davon gegangen. Ach, da war gerade die älteste Schwester erkrankt, und diese war von jeher der Liebling des Vaters gewesen! Als er dann sah, daß sie auch sterben mußte, entfloh er dem ganzen Elend. Die Mutter sagte nur, es sei gewiß besser für den Vater, daß er jetzt nicht da sei. Er wäre sonst am Ende noch verrückt geworden. Er grüble sich ja von Sinn und Verstand, wenn er nur immerfort darüber nachgrübelte, ob Gott es denn zulassen könne, daß ein böser Mensch so viel Unglück auf Erden anrichte.
Nachdem der Vater auf und davon gegangen war, wurden sie sehr arm. Im Anfang hatte er ihnen noch Geld geschickt; aber dann war es ihm wohl selbst schlecht gegangen, denn er schickte nichts mehr. Und an dem Tag, wo die älteste Schwester begraben wurde, schloß die Mutter das Haus zu und verließ mit den beiden letzten Kindern, die ihr noch geblieben waren, die Heimat. Sie ging mit ihnen nach Schonen, weil sie hoffte, dort Arbeit auf den Rübenfeldern zu bekommen, und sie erhielt auch eine Stellung in der Zuckerfabrik zu Jordberga. Die Mutter war eine tüchtige Arbeiterin und hatte ein fröhliches, offenes Wesen. Jedermann hatte sie gern; viele verwunderten sich, daß sie nach allem, was sie durchgemacht hatte, noch so ruhig sein könnte; aber sie hatte ein starkes, geduldiges Herz. Wenn jemand die beiden prächtigen Kinder lobte, erwiderte sie nur: »Sie werden auch bald sterben.« Und dies sagte sie, ohne daß ihre Stimme zitterte und ohne daß ihr die Tränen in die Augen traten. Sie hatte sich daran gewöhnt, nichts andres mehr zu erwarten.
Aber es kam nicht so, wie sie erwartete. Statt dessen wurde sie selbst krank. Es ging rasch zu Ende mit ihr, noch rascher als mit den kleinen Geschwistern. Im Anfang des Sommers war sie nach Schonen gezogen; und als der Herbst kam, waren die Kinder allein.
Während die Mutter krank lag, sagte sie immer wieder zu ihren Kindern, sie habe nie bereut, daß sie die arme Frau damals bei sich aufgenommen hätten, und das sollten sie niemals vergessen. Denn wenn man recht gehandelt habe, dann sei das Sterben nicht schwer. Alle Menschen müßten sterben, dem Tode könne keiner entrinnen; das aber habe man selbst in der Hand, ob man mit einem guten oder einem schlechten Gewissen sterben müsse.
Ehe die Mutter starb, suchte sie noch einigermaßen für die Kinder zu sorgen. Sie bat die Leute, bei denen sie wohnte, sie möchten die Kinder doch in der Kammer, wo sie alle drei zusammen gewohnt hätten, auch ferner verbleiben lassen. Wenn die Kinder nur einen Aufenthaltsort hätten, würden sie niemand zur Last fallen; sie könnten sich selbst versorgen, das wisse sie. Die Kinder durften dann wirklich die Kammer behalten; sie mußten aber dafür die Gänse hüten, denn für diese Arbeit findet man nur schwer die richtigen Kinder. Es ging dann wirklich, wie die Mutter gesagt hatte: die beiden Kinder sorgten selbst für ihren Unterhalt. Das kleine Mädchen konnte Hustenzucker kochen, und der Junge konnte aus Holz allerlei Spielzeug verfertigen, das er ringsum auf den Höfen verkaufte. Die Kinder hatten Handelstalent, und nach einiger Zeit fingen sie an, bei den Bauern Eier und Butter aufzukaufen, die sie dann wieder an die Arbeiter der Zuckerfabrik verkauften. Sie waren sehr ordentlich und pünktlich, und man konnte ihnen alles anvertrauen, was es auch immer sein mochte. Das Mädchen war das ältere von den beiden, und mit dreizehn Jahren war sie schon so zuverlässig wie ein Erwachsenes. Sie war still und ernst, aber der Junge war redselig und lustig, und die Schwester sagte immer von ihm, er schnattere mit den Gänsen auf der Wiese um die Wette.
Als die Kinder zwei Jahre auf Jordberga gewohnt hatten, wurde eines Abends in der Schule ein Vortrag gehalten. Der Vortrag war zwar eigentlich nur für Erwachsene bestimmt, aber die beiden småländischen Kinder saßen auch unter den Zuhörern; die Kinder selbst rechneten sich gar nicht zu den Kindern, ja die Erwachsenen taten es kaum. Der Redner sprach von jener traurigen Krankheit, der Tuberkulose, die jedes Jahr so viele Menschen in Schweden zum Opfer fordere. Er sprach sehr klar und leicht verständlich, und die Kinder verstanden jedes Wort.
Nach dem Vortrag blieben sie vor der Schule stehen und warteten. Als der Redner aus dem Hause trat, faßten sie einander bei der Hand, schritten feierlich auf ihn zu und fragten ihn, ob sie etwas mit ihm besprechen dürften.
Der Redner schaute wohl ein wenig verwundert drein, als er diese beiden Kinder sah, die da vor ihm standen mit ihren runden, rosigen Kindergesichtern und mit einem Ernst sprachen, der dreimal so alten Leuten angestanden hätte; aber er hörte sie doch sehr freundlich an.
Die Kinder erzählten, was sie daheim erlebt hatten, und fragten dann den Redner, ob er glaube, daß ihre Geschwister und die Mutter an der Krankheit gestorben seien, die er eben in seinem Vortrag beschrieben habe. Ja, das sei sehr wahrscheinlich, antwortete der Redner. Es könnte wohl kaum eine andere Krankheit gewesen sein.
Die Kinder fragten weiter: Wie, wenn nun Vater und Mutter das, was die beiden Kinder an diesem Abend erfahren hatten, damals schon gewußt und sich in acht genommen hätten, wenn sie die Kleider der Kranken verbrannt und auch das Bett nicht mehr benutzt hätten, -- wären dann vielleicht alle die noch am Leben, um die sie jetzt trauern müßten?
Der Redner antwortete, das könne niemand ganz bestimmt sagen, aber er könne sich wohl denken, daß keines von ihren eigenen Angehörigen hätte zu sterben brauchen, wenn sie es verstanden hätten, sich vor der Ansteckung zu hüten.
Jetzt zögerten die Kinder ein wenig, ehe sie ihre nächste Frage vorbrachten; aber sie rührten sich nicht von der Stelle, denn die Frage, die sie jetzt beantwortet haben wollten, war die allerwichtigste. Schließlich kam die Frage heraus: Ob es dann nicht wahr sei, daß die Zigeunerin die Krankheit über sie herabbeschworen habe, weil sie der armen Frau, auf die das Zigeunerweib seinen Haß geworfen hatte, geholfen hätten? Ob es nicht ein Fluch gewesen sei, der sie getroffen habe?
Nein, das sei durchaus nicht der Fall gewesen, erwiderte der Redner, das könne er ihnen getrost versichern. Kein Mensch habe die Macht, auf solche Weise eine Krankheit über einen andern zu bringen. Und sie wüßten ja, daß sich die Krankheit im ganzen Lande in fast allen Häusern eingenistet habe, obgleich sie nicht überall so viele weggerafft habe wie bei ihnen.
Hierauf bedankten sich die Kinder und gingen miteinander nach Hause.
Am nächsten Tage aber erschienen die Kinder bei ihrem Brotherrn und kündigten ihre Stelle. Sie sagten, sie könnten in diesem Jahre die Gänse nicht hüten, sie müßten wo anders hin. Ja, wohin sie denn wollten? fragte er. Sie müßten ausziehen und ihren Vater suchen, lautete die Antwort, denn sie müßten ihm sagen, daß die Mutter und die Geschwister an einer gewöhnlichen Krankheit gestorben seien, und nicht an einem Fluche, den böse Menschen auf sie herabbeschworen hätten. Sie seien selbst so froh darüber, daß sie dies erfahren hätten; aber deshalb hielten sie es jetzt für ihre Pflicht, es ihrem Vater mitzuteilen, denn er grüble gewiß noch bis zu diesem Tage darüber nach.
Zuerst begaben die Kinder sich in ihre alte Heimat auf der Heide bei Sunnerbo, und als sie dort ankamen, stand zu ihrer großen Verwunderung das Häuschen in hellen Flammen.
Hierauf gingen sie ins Pfarrhaus, und da erfuhren sie, daß ein Mann, der bei der Eisenbahn beschäftigt war, ihren Vater bei Malmberget hoch droben in Lappland gesehen habe.
Damals habe er in den Erzgruben gearbeitet, und er tue das vielleicht noch, aber ganz sicher sei es nicht. Als der Pfarrer hörte, daß die Kinder ausziehen wollten, ihren Vater zu suchen, holte er eine Landkarte herbei, zeigte ihnen darauf, wie weit es nach Malmberget war, und riet ihnen von der Reise ab. Aber die Kinder sagten, es sei durchaus notwendig, sie müßten versuchen, ihren Vater zu finden. Er sei aus seiner Heimat geflohen, weil er etwas geglaubt habe, was sich gar nicht so verhalten hätte, und nun müßten sie ihm sagen, daß er sich getäuscht habe.
Die Kinder hatten sich von ihrem Handel etwas Geld erspart; aber sie wollten es lieber nicht für die Eisenbahn ausgeben, und so entschlossen sie sich, zu Fuß zu gehen. Und sie bereuten es nachher ganz und gar nicht, denn es war eine wunderbar schöne Fußreise.
Noch ehe sie Småland hinter sich hatten, gingen sie eines Tages in einen Bauernhof hinein, etwas zu essen zu kaufen. Die Hausfrau war fröhlich und redselig, sie fragte die Kinder, wer sie seien und woher sie kämen, und die Kinder erzählten ihr ihre ganze Geschichte. »Ach du lieber Gott! Ach du lieber Gott!« rief die Frau ein Mal ums andere, während die Kinder erzählten. Dann tischte sie ihnen viel Gutes zu essen auf, und sie durften durchaus nichts dafür bezahlen. Als sie sich bedankten und zum Weitergehen anschickten, fragte die Bäuerin, ob sie nicht im nächsten Dorfe bei ihrem Bruder einkehren wollten, und sie sagte ihnen auch, wie er hieß und wo er wohnte. Ja, das wollten die Kinder natürlich sehr gerne.
»Ihr sollt ihn von mir grüßen und ihm erzählen, was ihr alles erlebt habt,« trug ihnen die Bäuerin zuletzt noch auf.
Die Kinder taten es, und der Bruder der Bäuerin nahm sie auch sehr freundlich auf. Er fuhr sie auf einen Hof im nächsten Dorfe, und da wurde ihnen auch eine gute Aufnahme zuteil. So oft sie nun von einem Hofe weggingen, hieß es immer: »Wenn ihr da oder dorthin kommt, dann geht nur hinein und erzählt, was ihr erlebt habt!«
In den Höfen, wohin die Kinder gewiesen wurden, war immer irgend jemand brustkrank. Und ohne daß sie es wußten, wanderten nun diese beiden Kinder durchs Land und belehrten die Menschen darüber, welche gefährliche Krankheit das war, die sich in den Heimstätten eingeschlichen hatte, und wie sie am besten bekämpft werden könnte.
In den alten Zeiten, wo die Pest, die der schwarze Tod genannt wurde, das Land verheerte, sollen der Sage nach ein Junge und ein Mädchen von Hof zu Hof gewandert sein. Der Junge trug eine Harke in der Hand, und wenn er vor einem Hause anhielt und mit seiner Harke vor der Tür rechte, so bedeutete das, daß darinnen viele, aber doch nicht alle sterben würden, denn die Zähne einer Harke stehen weit voneinander ab und nehmen nicht alles mit. Das Mädchen aber trug einen Besen in der Hand, und wenn sie vor einer Tür kehrte, dann bedeutete es, daß alle, die darinnen wohnten, sterben müßten; denn der Besen ist ein Gerät, das vollständig rein fegt.
Ist es nun nicht merkwürdig, daß in unseren Tagen zwei Kinder einer schweren und gefährlichen Krankheit wegen durchs Land ziehen mußten? Aber diese Kinder schreckten die Leute nicht mit Harke und Besen, sie sagten im Gegenteil: »Wir dürfen uns nicht daran genügen lassen, nur den Hof zu rechen und den Boden zu scheuern. Wir müssen auch Schrubber und Bürste und Seife gebrauchen. Vor unserer Tür soll rein gefegt sein, sowohl innerhalb als außerhalb, und wir selbst sollen uns auch rein halten. Auf diese Weise werden wir schließlich Herr über die Krankheit werden.«
Klein-Mats Begräbnis
Klein-Mats war tot. Allen, die ihn noch vor ein paar Stunden frisch und froh gesehen hatten, erschien es unglaublich; aber leider war es doch so. Klein-Mats war tot und mußte begraben werden.
Klein-Mats starb eines Morgens in aller Frühe, und außer seiner Schwester Åsa war niemand beim Sterben anwesend.
»Rufe niemand herbei,« sagte Klein-Mats, als es dem Ende zuging. Und die Schwester tat nach seiner Bitte. »Ich bin so froh, daß ich nicht an der Krankheit sterbe, Åsa,« sagte Klein-Mats. »Du nicht auch?« Und als die Schwester nichts erwiderte, fuhr er fort: »Ich mache mir gar nichts aus dem Sterben, wenn ich nur nicht auf dieselbe Weise sterben muß wie die Mutter und unsere Geschwister. Wenn das geschehen wäre, hättest du den Vater wohl kaum überzeugen können, daß die anderen nur von einer gewöhnlichen Krankheit hinweggerafft worden sind; aber du wirst sehen, jetzt gelingt es dir.«
Als alles vorüber war, blieb Åsa noch lange neben dem toten Bruder sitzen und dachte darüber nach, was der kleine Bruder während seines Lebens hatte durchmachen müssen. Und dabei dachte sie, er habe in der Tat alles Unglück und Ungemach mit dem Mut eines erwachsenen Menschen getragen. Seine letzten Worte fielen ihr ein. Wie tapfer war er doch immer gewesen! Sie war sich vollständig klar darüber, daß Klein-Mats, wenn er nun begraben wurde, mit ganz denselben Ehren in die Erde versenkt werden müsse, wie ein erwachsener Mensch.
Sie unterschätzte zwar die Schwierigkeit, das durchzusetzen, durchaus nicht; aber sie wünschte es eben von ganzem Herzen, und für Klein-Mats wollte sie das Äußerste versuchen.
Das Gänsemädchen Åsa befand sich um diese Zeit hoch droben in Lappland, bei dem großen Grubenfeld, das Malmberget genannt wird. Es war merkwürdig, daß sie sich gerade dort befand, aber es war vielleicht ganz gut so für sie.
Klein-Mats und seine Schwester waren durch große endlose Wälder gewandert, bis sie endlich hierher gelangt waren. Mehrere Tage lang hatten sie weder Äcker noch Gehöfte gesehen, nichts als kleine Posthäuser, bis sie schließlich ganz unvermutet an dem großen Friedhof von Gellivare angekommen waren.
Dieses Dorf lag mit seiner Kirche, seinem Bahnhof, mit Rathaus, Bank, Apotheke und Gasthaus am Fuß eines hohen Berges, auf dem noch jetzt mitten im Sommer helle Streifen Schnee schimmerten. Die Häuser in Gellivare waren fast alle noch ganz neu und gut und ordentlich gebaut. Wenn die Kinder nicht den Schnee auf den Bergen und die noch vollständig kahl dastehenden Birken gesehen hätten, wäre ihnen Gellivare gar nicht wie ein hoch droben in Lappland liegender Ort vorgekommen. Und doch war Gellivare noch nicht der Ort, wo ihr Vater zu finden sein sollte, es war vielmehr Malmberget, das noch eine Strecke weiter nördlich lag, und dort hätte es sicher nicht so ordentlich ausgesehen wie hier in Gellivare.
Das aber hatte folgenden Grund. Obgleich die Menschen schon lange gewußt hatten, daß sich in der Nähe von Gellivare sehr viel Eisenerz fand, war doch die Ausbeutung erst vor einigen Jahren richtig in Gang gekommen, nachdem die Eisenbahn fertig geworden war. Dann aber strömten mehrere tausend Menschen auf einmal hinauf, und es war auch Arbeit genug für sie da, nur fehlte es an Häusern, und diese mußten sie sich nun, so gut es eben ging, in aller Eile herstellen; die einen zimmerten sich aus unbehauenen Balken Hütten zusammen, andere wohnten in Schuppen, die sie sich aus Kisten und leeren Dynamitdosen bauten, die sie wie Backsteine aufeinander legten. Jetzt waren allmählich ziemlich viele ordentliche Häuser entstanden, aber der ganze Ort sah jedenfalls höchst merkwürdig aus. Da waren große Viertel mit schönen, hellen Häusern, aber dazwischen stieß man plötzlich auf ungerodeten Waldboden mit Baumstümpfen und Steinblöcken. Die Inspektoren und Ingenieure hatten schöne große Wohnhäuser, und daneben waren niedrige komische Baracken, die von der ersten Zeit her noch dastanden. Überdies gab es Eisenbahnen, elektrisches Licht und große Maschinenhäuser. Durch einen mit Glühlichtern erhellten Tunnel konnte man tief ins Gebirge hineinfahren; überall herrschte ein gewaltiges Treiben, und ein mit Eisenerz schwerbeladener Zug um den andern fuhr vom Bahnhof ab. Aber ringsumher lag noch das große Ödland, wo noch kein Acker bestellt, noch kein Haus gebaut wurde, wo niemand anders wohnte als Lappen, die mit ihren Renntieren umherzogen.
Jetzt saß Åsa bei der Leiche ihres Bruders und dachte daran, daß es im Leben gerade so zugehe, wie hier an diesem Orte. Meistens ging es ja wohl ordentlich und friedlich zu; aber sie hatte doch auch hier dies und jenes gesehen, was wild und seltsam war, und sie hatte das Gefühl, daß es vielleicht hier leichter anginge als an anderen Orten, etwas durchzusetzen, was außerhalb des Gewöhnlichen lag.
Sie dachte daran, wie es ihnen ergangen war, als sie nach Malmberget gekommen und nach einem Arbeiter gefragt hatten, der Jon Assarsson heiße und zusammengewachsene Augenbrauen habe. Diese zusammengewachsenen Augenbrauen fielen einem bei dem Vater zuerst auf. Dadurch konnten sich die Leute sehr leicht an ihn erinnern, und die Kinder erfuhren auch sogleich, daß ihr Vater mehrere Jahre lang in Malmberget gearbeitet habe, jetzt aber auf der Wanderschaft sei. Sobald die Unruhe über ihn komme, streife er planlos umher. Wohin er gegangen war, wußte niemand, aber alle waren fest überzeugt, er werde in ein paar Wochen wieder zurückkommen. Und wenn die beiden Jon Assarssons Kinder seien, könnten sie ja, während sie auf den Vater warteten, wohl in seiner Hütte wohnen. Eine Frau hatte dann den Hausschlüssel unter der Türschwelle hervorgezogen und die Kinder eintreten lassen. Niemand verwunderte sich über ihr Kommen, aber ebensowenig schien sich jemand darüber zu verwundern, daß der Vater bisweilen zwecklos in der Einöde umherwanderte. Hier oben waren sie wohl daran gewöhnt, daß jeder nach seinem eigenen Kopf handelte.
Åsa war gleich mit sich im reinen, wie Klein-Mats Begräbnis gehalten werden sollte. Am vergangenen Sonntag hatte sie dem Begräbnis eines Grubenaufsehers beigewohnt. Der Sarg war von den eigenen Pferden des Inspektors in die Kirche nach Gellivare gefahren worden, und ein langer Zug Grubenarbeiter war hinter dem Sarge hergegangen. Am Grabe hatte eine Musikkapelle gespielt und ein Singchor gesungen. Und nach dem Begräbnis waren alle, die mit in der Kirche gewesen waren, in die Schule zum Kaffee eingeladen gewesen. So etwas Ähnliches wünschte das Gänsemädchen Åsa für ihren Bruder Klein-Mats.
Sie hatte sich schon so lebhaft in die Sache hineingelebt, daß sie den ganzen Leichenzug fast schon vor sich sah; aber dann sank ihr der Mut wieder, und sie sagte sich, es werde doch wohl nicht so sein können, wie sie es wünschte. Nicht weil es zu teuer gewesen wäre; sie und Klein-Mats hatten sich viel Geld erspart, und sie konnte dem Bruder ein so schönes Begräbnis verschaffen, wie nur jemand wünschen konnte. Die Schwierigkeit lag ganz wo anders. Erwachsene Menschen, das wußte Åsa, wollten sich nie nach einem Kinde richten, und Åsa war ja nur ein paar Jahre älter als Klein-Mats, der jetzt, wo er tot neben ihr lag, gar so klein und mager aussah. Und Åsa war ja selbst noch ein Kind.
Die erste, mit der Åsa des Begräbnisses wegen sprach, war die Krankenpflegerin. Schwester Hilma kam, kurz nachdem Klein-Mats den letzten Atemzug getan hatte, vor dem Häuschen an, und schon bevor sie die Tür aufmachte, wußte sie, wie es drinnen stand. Um diese Zeit mußte es zu Ende sein. Am vorhergehenden Nachmittag war Klein-Mats in der Nähe der Gruben umhergestreift und stand zu nahe an einem Lichtschacht, als eben eine Sprengung im Gange war; da hatten ihn einige umherfliegende Steine getroffen. Er war ganz allein gewesen und hatte lange ohnmächtig auf dem Boden gelegen, ohne daß jemand wußte, was geschehen war. Schließlich bekamen ein paar Männer, die unter dem Lichtschacht arbeiteten, auf höchst seltsame Weise Kenntnis von dem Unglücksfall. Sie behaupteten, ein kleines Knirpschen, kaum eine Spanne hoch, sei am Rande der Grube erschienen und habe ihnen zugerufen, sie sollten rasch Klein-Mats zu Hilfe kommen, er liege vor der Grube und sei am Verbluten. Hierauf war Klein-Mats nach Hause getragen und verbunden worden; aber es war schon zu spät gewesen. Er hatte so viel Blut verloren, daß er nicht mehr zu retten war.
Als die Krankenschwester ins Zimmer trat, dachte sie weniger an Klein-Mats, als an seine Schwester. »Was soll ich nur mit dem armen Kinde anfangen?« fragte sie sich. »Sie wird ganz untröstlich sein.«
Aber sie sah bald, daß Åsa weder weinte noch jammerte, sondern ganz ruhig bei allem half, was getan werden sollte. Die Krankenpflegerin verwunderte sich sehr darüber; aber sie erhielt Aufklärung, als Åsa mit ihr wegen des Begräbnisses sprach.
»Wenn man mit jemand wie Klein-Mats zusammengewesen ist,« sagte Åsa, die sich leicht ein wenig altklug und feierlich ausdrückte, »dann muß man vor allem anderen daran denken, wie man ihn ehren kann, so lange es noch möglich ist. Nachher ist Zeit genug zum Weinen.«
Und dann bat sie die Krankenschwester, ihr zu helfen, daß Klein-Mats ein ehrenvolles Begräbnis bekäme. Niemand verdiene ein solches mehr als Klein-Mats, sagte Åsa.
Die Krankenschwester meinte, wenn dieser Gedanke dem armen verlassenen Kinde Trost gewähren könne, so sei das nur ein großes Glück für Åsa. Sie versprach, ihr zu helfen, und das war für Åsa von größter Wichtigkeit, ja es war ihr, als sei das Ziel jetzt schon fast erreicht; denn Schwester Hilmas Stimme fiel hier schwer ins Gewicht. Auf dem großen Grubenfeld, wo die Sprengschüsse jeden Tag ertönten, mußte ja jeder Arbeiter jeden Augenblick gewärtig sein, von einem umherfliegenden Stein oder einem herabrollenden Felsblock getroffen zu werden, und deshalb wollte sich jeder mit der Krankenschwester gut stellen.
Als darum Schwester Hilma und Åsa bei den Grubenarbeitern herumgingen und sie baten, am nächsten Sonntag Klein-Mats das Trauergeleite zu geben, schlugen ihnen nicht viele ihre Bitte ab. »Wenn Schwester Hilma uns darum bittet, dann tun wir es,« sagten sie.
Auch mit der Musik brachte die Krankenpflegerin alles nach Wunsch in Ordnung; es sollte am Grabe geblasen und von dem kleinen Singchor auch ein Lied gesungen werden. Wegen des Schulhauses tat Schwester Hilma keine Schritte; da es aber noch schönes beständiges Sommerwetter war, wurde beschlossen, die Leidtragenden im Freien mit Kaffee zu bewirten. Tische und Bänke sollten aus dem Saale der Guttempler und Tassen und Teller vom Kaufmann entlehnt werden. Zwei Grubenarbeiterfrauen, die in den Truhen allerlei Vorräte hatten, die sie, so lange sie hier in der Einöde wohnten, nicht gebrauchten, nahmen der Schwester zuliebe feines Tischzeug heraus, das auf die Kaffeetische gebreitet werden sollte.
Dann wurden Zwiebacke und Bretzeln bei einem Bäcker in Boden und schwarz-weißes Konfekt bei einem Konditor in Luleå bestellt.
Es herrschte eine solche Aufregung wegen dieses Begräbnisses, das Åsa ihrem Bruder veranstalten wollte, daß in ganz Malmberget davon gesprochen wurde. Und schließlich erfuhr auch der Inspektor, was sich da vorbereitete.
Als dieser hörte, daß fünfzig Grubenarbeiter einen zwölfjährigen Jungen zu Grabe geleiten sollten, der, soviel er wußte, ein herumziehender Betteljunge gewesen war, kam es ihm wie der reine Wahnsinn vor. Und Gesang und Musik und Kaffeebewirtung sollte es geben! Und das Grab mit Tannenreis geschmückt, und Konfekt von Luleå! Er ließ die Krankenpflegerin zu sich kommen und befahl ihr, die ganze Sache zu verhindern.
»Es ist unrecht, wenn man das Kind sein Geld auf diese Weise verschleudern läßt,« sagte er. »Erwachsene Leute können sich doch unmöglich nach dem Einfall eines Kindes richten. Ihr macht euch ja alle miteinander lächerlich.«
Der Inspektor war weder zornig noch böse; er sprach ganz ruhig und bat die Krankenpflegerin mit einfachen Worten, den Gesang und die Musik und das große Geleite abzubestellen. Es sei ja ganz genügend, wenn neun bis zehn Menschen den Jungen zu Grabe geleiteten. Und die Krankenpflegerin widersprach dem Inspektor mit keinem Wort, teils aus Respekt, teils auch, weil sie in ihrem Herzen zugeben mußte, daß er recht habe. Es war wirklich zu viel Aufhebens um so einen Betteljungen. Aus Mitleid mit dem armen Mädchen war ihr das Herz mit dem Verstande durchgegangen.
Von der Villa des Inspektors ging die Krankenpflegerin hinunter in das Arbeiterviertel, Åsa zu sagen, daß sie es nun nicht so einrichten könne, wie das Mädchen es wünschte; aber sie tat es nicht mit leichtem Herzen, denn niemand wußte besser als sie, was dieses Begräbnis für das arme Kind bedeutete. Auf dem Wege traf sie mit ein paar Arbeiterfrauen zusammen; diesen teilte sie ihre Sorgen mit, und die Arbeiterfrauen sagten sogleich, der Inspektor habe ganz recht, es hätte gar keinen Sinn, wenn man mit einem Betteljungen soviel Umstände machen würde. Das arme Mädchen tue ihnen zwar herzlich leid, aber es wäre ganz unnatürlich, wenn man ein Kind auf diese Weise alles einrichten und anordnen ließe, deshalb sei es ganz gut, wenn aus dem Ganzen nichts würde.
Beim Nachhausegehen teilten die Frauen die Geschichte noch anderen mit, und bald hatte sich von dem Arbeiterviertel bis nach den Grubenschächten die Nachricht verbreitet: das große feierliche Begräbnis für Klein-Mats dürfe nicht stattfinden; und da stimmte jedermann sogleich darin überein, daß es so allein richtig sei.
In ganz Malmberget war gewiß nur eine einzige Person, die anderer Meinung war, und diese eine war das Gänsemädchen Åsa.
Die Krankenpflegerin hatte wirklich einen schweren Kampf mit ihr; Åsa klagte nicht und weinte nicht, aber sie wollte nicht nachgeben. Sie sagte, da sie von dem Inspektor keine Hilfe verlange, habe er ja gar nichts dabei zu tun. Er könne ihr doch nicht verbieten, ihren Bruder zu begraben, wie sie wollte.
Erst als ihr mehrere von den Frauen erklärt hatten, nachdem der Inspektor nichts davon wissen wolle, werde nicht eine von ihnen an dem Begräbnis teilnehmen, wurde ihr klar, daß sie dessen Erlaubnis haben müsse.
Åsa saß einen Augenblick ganz still da und überlegte, dann stand sie rasch auf.
»Wohin willst du?« fragte die Krankenschwester.
»Ich muß selbst mit dem Inspektor reden,« antwortete Åsa.
»Du denkst doch wohl nicht, er werde sich darum kümmern, was du ihm sagst?« riefen die Frauen.
»Ich glaube, Klein-Mats wäre es recht, wenn ich hinginge,« sagte Åsa. »Der Inspektor weiß vielleicht gar nicht, was für ein Mensch Klein-Mats gewesen ist.«
Das Gänsemädchen Åsa machte sich rasch fertig und war bald auf dem Wege zum Inspektor. Aber es ist wohl kaum nötig, zu sagen, wie unerhört es war, daß ein Kind wie Åsa überhaupt daran denken konnte, den Inspektor, den mächtigsten Mann in ganz Malmberget, von seinem einmal ausgesprochenen Willen abzubringen. Deshalb gingen auch die Krankenschwester und die andern Frauen ganz von selbst hinter ihr her, um zu sehen, ob sie wirklich den Mut hätte, in die Villa hineinzugehen.
Das Gänsemädchen Åsa ging in der Mitte der Straße, und während sie so dahin wanderte, hatte sie etwas an sich, daß sich die Leute unwillkürlich nach ihr umschauten. Sie schritt so ernst und würdig einher wie ein junges Mädchen, das am Konfirmationstag zum Altar schreitet. Sie hatte sich ein großes schwarzseidenes Tuch, ein Erbstück von ihrer Mutter, um den Kopf geschlungen, in der Hand trug sie ein zusammengefaltetes Taschentuch und in der anderen ein Körbchen Spielsachen, die Klein-Mats verfertigt hatte.
Als die am Wege spielenden kleinen Kinder Åsa so daherkommen sahen, liefen sie auf sie zu und riefen: »Wohin gehst du, Åsa? Wohin gehst du?«
Aber Åsa gab keine Antwort; sie hatte die Frage nicht einmal gehört und ging ruhig weiter. Als aber die Kinder immer wieder fragten und Åsa an den Kleidern zogen, hielten die hinterherkommenden Weiber die Kinder zurück und geboten ihnen Schweigen. »Laßt sie gehen,« sagten sie. »Sie geht zum Inspektor, ihn zu bitten, daß sie ihrem Bruder, Klein-Mats, ein großes Begräbnis halten darf.«
Da wurden auch die Kinder von Erstaunen überwältigt, weil Åsa sich auf etwas so Kühnes einlassen wollte, und eine kleine Schar Kinder lief mit, zu sehen, wie das ablaufen würde.
Dies alles trug sich etwa um sechs Uhr nachmittags zu, als eben die Arbeiter in den Gruben Schicht machten; und als Åsa eine Strecke weit gegangen war, kamen mehrere hundert Arbeiter mit langen, hastigen Schritten des Weges daher. Für gewöhnlich sahen sie, wenn sie von der Arbeit kamen, weder rechts noch links, aber als sie Åsa begegneten, merkten einige gleich, daß das Kind etwas Ungewöhnliches vorhatte, und fragten es, was geschehen sei. Åsa sagte kein Wort, aber die Kinder schrieen laut durcheinander, wohin sie wollte. Da dachten einige der Arbeiter, das sei doch ein sehr mutiges Unterfangen von einem Kinde, und sie gingen auch mit, zu sehen, wie es ihr dabei ginge.
Åsa ging in das Kontorgebäude hinein, wo der Inspektor um diese Zeit gewöhnlich bei seiner Arbeit saß. Als sie in den Flur trat, ging die Tür auf, und der Inspektor stand vor ihr; er hatte den Hut auf und den Stock in der Hand und war auf dem Wege nach seiner Wohnung, um zu Mittag zu essen.
»Wen möchtest du sprechen?« fragte er, als er das kleine Mädchen sah, das mit einem schwarzseidenen Tuch um den Kopf und einem zusammengefalteten Taschentuch in der Hand so feierlich daherkam.
»Ich möchte gern mit dem Herrn Inspektor selbst sprechen,« antwortete Åsa.
»Ach so! Nun dann komm herein!« sagte der Inspektor und trat wieder ins Kontor. Er ließ die Tür hinter sich offen, denn er dachte natürlich, das kleine Mädchen würde ihn nicht lange aufhalten. So kam es, daß die Personen, die hinter Åsa hergekommen waren und nun im Flur und auf der Treppe standen, hörten, was im Kontor vorging.
Nachdem das Gänsemädchen Åsa eingetreten war, richtete sie sich zuerst auf, schob das seidene Tuch zurück und heftete ihre runden Kinderaugen, die einen so ernsten Blick hatten, daß es einem ins Herz schnitt, ruhig auf das Gesicht des Inspektors. »Klein-Mats ist ja nun tot,« begann sie, und dabei zitterte ihre Stimme, daß sie einen Augenblick nicht weiter sprechen konnte.
Jetzt wußte der Inspektor, wen er vor sich hatte. »Ach so, du bist also das kleine Mädchen, das das große Begräbnis halten will,« sagte er freundlich. »Das mußt du aber lassen, Kind. Es wird zu teuer für dich. Wenn ich nur früher etwas davon gewußt hätte, dann würde ich es gleich verhindert haben.«
Es zuckte in dem Gesicht des kleinen Mädchens, und der Inspektor glaubte, sie würde in Tränen ausbrechen. Statt dessen aber sagte sie: »Darf ich dem Herrn Inspektor nicht ein wenig von Klein-Mats erzählen?«
»Ich habe eure Geschichte schon gehört,« erwiderte der Inspektor in seiner gewöhnlichen ruhigen, freundlichen Weise. »Du tust mir von Herzen leid, das darfst du mir glauben. Ich will gewiß nur dein Bestes.«
Da richtete sich das Gänsemädchen Åsa noch höher auf, und sie begann mit lauter, klarer Stimme: »Von seinem neunten Jahre an hat Klein-Mats weder Vater noch Mutter mehr gehabt, und von da an hat er ganz für sich selbst sorgen müssen wie ein erwachsener Mann. Er ist sich stets zu gut zum Betteln gewesen, niemals hätte er auch nur um einen Teller Suppe gebeten, ohne dafür bezahlen zu wollen. Er hat immer gesagt: >Ein Mann darf nicht betteln, das schickt sich nicht für ihn.< Um etwas zu verdienen, ist Klein-Mats umhergegangen und hat Eier und Butter aufgekauft, und da hat er seine Sache so gut gemacht wie ein gewiegter Kaufmann. Er hat nie etwas verschleudert und niemals auch nur einen roten Heller für sich behalten, sondern alles miteinander mir gebracht. Wenn er die Gänse hütete, hat er immer eine Arbeit mitgenommen und ist dann so fleißig gewesen, wie nur ein Erwachsener es sein kann. Die Bauern in Schonen haben Klein-Mats, wenn er von Hof zu Hof wanderte, oft sehr große Summen mitgegeben, denn sie wußten, daß sie sich auf Klein-Mats ebensogut verlassen könnten wie auf sich selbst. Und deshalb ist es nicht richtig, wenn man sagt, Klein-Mats sei nur ein Kind gewesen, denn es gibt nicht viele große Leute, die -- -- --«
Der Inspektor sah zu Boden; nicht eine Muskel bewegte sich in seinem Gesicht, und Åsa schwieg, denn es war ihr, als ob ihre Worte gar keinen Eindruck auf ihn machten. Daheim in der Hütte, da war es ihr gewesen, als hätte sie so gar viel von Klein-Mats zu sagen, aber jetzt kam es ihr herzlich wenig vor. Ach, wie sollte sie doch den Inspektor zu der Einsicht bringen, daß Klein-Mats es verdiente, mit Ehrenbezeugungen begraben zu werden, die man einem Erwachsenen zuteil werden ließ?
»Und wenn ich nun das Begräbnis selbst bezahlen will ...« begann Åsa wieder, verstummte aber aufs neue.
Jetzt hob der Inspektor den Kopf und sah dem Gänsemädchen Åsa tief in die Augen. Er prüfte sie und schätzte sie ein, wie der zu tun gewohnt ist, dem viele Menschen unterstellt sind. Und während er so tat, dachte er: »Dieses Mädchen hier hat ihre Heimat, ihre Eltern und ihre Geschwister verloren, aber noch ist ihr Mut nicht gebrochen, es wird ein prächtiges Menschenkind aus ihr werden. Aber ich darf der Last, die sie zu tragen hat, nicht das geringste hinzufügen, denn das könnte der Strohhalm sein, unter dem sie zusammenbräche.« Er verstand, was das für sie gewesen war, als sie sich entschloß, hierherzukommen, um mit ihm zu sprechen. Sie mußte diesen Bruder über alles geliebt haben! Nein, einer solchen Liebe durfte man keine abschlägige Antwort geben!
»Ja, ja, ich muß dich wohl gewähren lassen,« sagte der Inspektor.
45. Bei den Lappen
Das Begräbnis war vorüber. Die Gäste des Gänsemädchens Åsa waren gegangen, und sie saß allein in der kleinen Hütte, die ihrem Vater gehört hatte. Åsa hatte die Tür verriegelt, um in Ruhe und Frieden an ihren Bruder denken zu können. Sie dachte an alles, was Klein-Mats gesagt und getan hatte, an eins nach dem andern; es war so viel, daß sie ganz vergaß, zu Bett zu gehen, und nicht nur den ganzen Abend, sondern auch noch spät in der Nacht in ihre Gedanken versunken sitzen blieb. Je mehr sie an ihren Bruder dachte, desto deutlicher sah sie, wie schwer es ihr werden würde, ohne ihn weiter zu leben, und schließlich legte sie den Kopf auf den Tisch und weinte bitterlich. »Was soll aus mir werden, wenn ich Klein-Mats nicht mehr habe?« schluchzte sie.
Es war, wie gesagt, schon spät in der Nacht, und das Gänsemädchen Åsa hatte einen anstrengenden Tag hinter sich, deshalb war es nicht verwunderlich, daß sie der Schlaf übermannte, sobald sie den Kopf auf den Tisch sinken ließ. Und ebensowenig verwunderlich war es, daß ihr von Klein-Mats träumte, an den sie immerfort gedacht hatte. Plötzlich war es ihr, als trete Klein-Mats leibhaftig zu ihr ins Zimmer herein und sage: »Åsa, nun mußt du dich aufmachen und unsern Vater suchen.« Und sie schien zu antworten: »Wie könnte ich das, ich weiß ja nicht einmal, wo ich ihn suchen soll?«
»Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen,« antwortete Klein-Mats in seiner gewohnten frischen, fröhlichen Art. »Ich will dir jemand schicken, der dir helfen kann.«
In demselben Augenblick, wo das Gänsemädchen Åsa also träumte, klopfte es an ihre Kammertür. Und das war ein wirkliches Klopfen, nicht eines, das sie nur im Traume hörte. Aber sie war noch ganz in ihrem Traume befangen und konnte nicht unterscheiden, was Wirklichkeit und was Einbildung war. Als sie nun hinging und die Tür öffnete, dachte sie: »Nun kommt ganz bestimmt der Helfer, den mir Klein-Mats zu schicken versprochen hat.«
Hätte nun Schwester Hilma oder irgend ein anderer richtiger Mensch auf der Schwelle gestanden, als Åsa die Tür aufmachte, dann hätte sie gleich gemerkt, daß sie nicht mehr träumte; aber dies war nicht der Fall; der, welcher da draußen stand und geklopft hatte, war gar kein Mensch, es war ein kleiner Knirps, kaum eine Spanne lang. Obgleich so spät in der Nacht, war es doch ebenso hell wie bei Tage, und Åsa erkannte sofort dasselbe Kerlchen, mit dem sie und Klein-Mats auf ihrer Wanderung durch das Land schon ein paarmal zusammengetroffen waren. Damals hatte sie sich vor ihm gefürchtet, und so wäre es ihr auch jetzt gegangen, wenn sie ganz hell wach gewesen wäre. Aber sie hatte das Gefühl, als träume sie noch immer, und deshalb blieb sie ganz ruhig stehen und dachte: »Ich habe nichts anderes erwartet, als daß Klein-Mats diesen meinte, als er sagte, er wolle mir jemand schicken, der mir behilflich sein könne, Vater ausfindig zu machen.« Und darin hatte sie nicht ganz unrecht, denn der kleine Bursche kam aus keinem anderen Grunde, als wegen ihres Vaters mit ihr zu sprechen. Als er sah, daß sie sich nicht vor ihm fürchtete, teilte er ihr mit wenigen Worten mit, wo ihr Vater sei, und was sie tun müsse, um zu ihm zu gelangen.
Aber während der Knirps sprach, kehrte Åsa allmählich das volle Bewußtsein zurück, und als er ausgesprochen hatte, war sie vollständig wach. Und da entsetzte sie sich über die Maßen, -- denn hier stand sie ja und sprach mit einem, der nicht ihrer Welt angehörte! Sie brachte kein Wort über die Lippen, ja nicht einmal einen einfachen Dank, sondern wich rasch ins Zimmer zurück und schlug die Tür heftig hinter sich zu. Sie glaubte allerdings noch zu sehen, daß das Gesicht des Kleinen einen sehr betrübten Ausdruck annahm, als sie das tat, aber sie konnte nicht anders. Ganz außer sich vor Entsetzen, kroch sie nun eiligst in ihr Bett und zog die Decke über den Kopf.
Und doch, trotzdem sie so große Angst vor dem kleinen Knirps hatte, fühlte sie, daß er es gut mit ihr meinte, und am nächsten Tag verlor sie keine Zeit, das zu tun, was er ihr geraten hatte.
Auf dem linken Ufer vom Luossajaure, einem kleinen See, der noch viele Meilen nördlicher liegt als Malmberget, war ein kleines Lappenlager. Am südlichen Ende des Sees ragte ein gewaltiger Berg auf, der Kirunavara heißt und der der Sage nach aus lauter Eisenerz bestehen soll. Auf der nordöstlichen Seite lag wieder ein Berg, der Luossavara heißt, und auch das ist ein an Eisenerz reicher Berg. Zu diesen Bergen hinauf wurde eben die Eisenbahn von Gellivare aus weitergeführt, und in der Nähe von Kirunavara baute man eifrig einen Bahnhof, ein Gasthaus und eine Menge Wohnhäuser für die Arbeiter und Ingenieure, die hier wohnen sollten, wenn die Ausbeutung des Erzes einmal ordentlich in Gang gekommen wäre. Es war ein ganzes Städtchen von hübschen, behaglichen Häusern, das da so hoch droben in diesem nördlich gelegenen Bezirk entstand, wo die kleinen verkrüppelten Birken, die hier überall wuchsen, ihre Blätter erst nach dem Johannisfest entfalten können. Westlich von dem See lag das Land frei und offen da, und dort hatten, wie schon gesagt, ein paar Lappenfamilien ihr Lager aufgeschlagen. Vor ungefähr einem Monat waren sie dahin gekommen und hatten dann nicht viel Zeit gebraucht, ihre Wohnung in Ordnung zu bringen. Zur Herstellung eines guten und ebenen Bauplatzes hatten sie weder Felsen sprengen noch Grundmauern errichten müssen; nachdem sie sich erst einen guten trockenen Platz in der Nähe des Sees ausgewählt hatten, brauchten sie nichts weiter zu tun, als etwas Weidengebüsch wegzuhauen und ein paar Erdhügel zu ebnen, und damit war der Bauplatz hergestellt.
Und dann machten sie sich durchaus keine Sorgen über alles, was zum Bau eines Hauses nötig ist. Sie hatten nicht viele Tage lang gehauen und gehämmert und gezimmert, bis die Holzwände gesichert dastanden; ebensowenig hatten sie sich Mühe mit dem Aufrichten des Daches gegeben und sich auch nicht den Kopf zerbrochen, wie das Haus innen mit Brettern getäfelt, Fenster und Türen eingesetzt und Schlösser und Riegel angebracht würden. Sie brauchten nichts weiter, als ihre Zeltstangen fest in den Boden hineinzuschlagen und die Zeltdecke darüber zu hängen, und dann war die Wohnung schon so gut wie fertig. Auch das Einziehen und Einrichten machte ihnen recht herzlich wenig Mühe. Das Wichtigste war, einige Fichtenzweige und ein paar Felle auf dem Boden auszubreiten und an eine eiserne Kette, die oben an den Zeltstangen befestigt wurde, den großen Kessel zu hängen, in dem sie sich ihr Renntierfleisch zu kochen pflegten.
Die Ansiedler auf der östlichen Seite des Sees, die aus Leibeskräften arbeiteten, ihre Häuser vor Beginn des strengen Winters fertig zu bringen, verwunderten sich sehr über die Lappen, die nun schon seit vielen, vielen hundert Jahren hier oben in dem kalten Norden umherstreiften, ohne je zu denken, man könnte einen anderen Schutz vor Sturm und Kälte nötig haben als dünne Zeltwände. Und die Lappen wunderten sich ihrerseits über die Ansiedler, die sich diese ganze schwierige und mühselige Arbeit machten, wenn doch der Besitz von einigen Renntieren und eines Zeltes zur Erhaltung des Lebens genügte.
An einem Nachmittag im Juli regnete es da droben am Luossajaure ganz fürchterlich, und die Lappen, die sonst zur Sommerzeit fast die ganzen Tage und Nächte im Freien zubrachten, waren alle miteinander in einem Zelte zusammengekrochen; da kauerten sie ums Feuer und tranken Kaffee.
Während sie sich so bei dem Kaffeetopf ganz vergnüglich unterhielten, kam von der Kirunaer Seite ein Boot über den See herübergerudert und legte bei dem Lappenlager an. Aus dem Boot stieg ein Arbeiter mit einem Mädchen, das dreizehn bis vierzehn Jahre alt sein mochte. Die Hunde der Lappen rannten den beiden mit heftigem Bellen entgegen, und einer der Lappen steckte den Kopf aus der Zeltöffnung heraus, um zu sehen, was es gäbe. Er war sehr erfreut, als er den Arbeiter sah, denn dieser war ein guter Freund von den Lappen, ein freundlicher, redseliger Mann, der sich in der Lappensprache unterhalten konnte. Der Lappe rief ihm auch gleich zu, er solle nur zu ihnen ins Zelt hereinkriechen.
»Du kommst wie gerufen, Söderberg,« sagte er. »Der Kaffeekessel hängt über dem Feuer. Bei diesem Regenwetter kann man nichts anderes tun. Komm nur herein und erzähl uns etwas Neues aus der Welt draußen!«
Der Arbeiter kroch zu den Lappen hinein; und mit viel Mühe und unter eitel Lachen und Scherzen wurde ihm und dem Mädchen in dem kleinen Zelt, das schon vorher gepfropft voll von Menschen war, noch Platz gemacht, und dann fing der Mann sogleich an, lappisch mit seinen Wirten zu sprechen. Indessen saß das Mädchen, das mit ihm gekommen war und von der Unterhaltung nichts verstand, ganz still da und betrachtete erstaunt den Fleischkessel und den Kaffeetopf, das Feuer und den Rauch, die Lappen und die Lappenfrauen, die Kinder und Hunde, die Wände und den Boden, die Kaffeetassen und die Tabakspfeifen, die bunten Kleider und die geschnitzten Geräte, -- nichts, gar nichts war so, wie sie es gewohnt war.
Aber plötzlich gab sie das Umherschauen auf und schlug die Augen nieder, denn sie fühlte, daß alle im Zelte sie ansahen. Söderberg mußte etwas von ihr erzählt haben, denn jetzt nahmen die Männer und Weiber ihre kurzen Tabakspfeifen aus dem Munde und starrten sie an. Der ihr zunächst sitzende Lappe klopfte ihr auf die Schulter und sagte auf schwedisch: »Gut, gut!« Ein Lappenweib schenkte eine große Tasse Kaffee ein, die ihr mit vieler Mühe hinübergereicht wurde, und ein Lappenjunge von ungefähr demselben Alter wie das Mädchen schlängelte sich zwischen die Dasitzenden durch, bis er ganz nahe zu dem Mädchen hingekommen war. Da blieb er liegen und sah sie nur immer an.
Das Mädchen erriet, wovon die Rede war: gewiß hatte Söderberg erzählt, wie sie das feierliche Begräbnis für Klein-Mats zustande gebracht hatte; aber sie wünschte innig, er möchte nicht soviel von ihr erzählen, sondern lieber die Lappen fragen, ob sie nichts von ihrem Vater wüßten. Der kleine Knirps hatte ihr gesagt, er halte sich bei den Lappen auf, die ihr Lager westwärts vom Luossajaure aufgeschlagen hätten, und da hatte sie gebeten, man möchte sie mit einem der Züge, die Material zum Eisenbahnbau hinaufbrachten, hinfahren lassen -- denn richtige Züge gingen noch nicht auf dieser Bahn --, damit sie ihren Vater suchen könne. Alle miteinander, Aufseher und Arbeiter, waren ihr nach Kräften behilflich gewesen, und ein Ingenieur in Kiruna hatte jetzt Söderberg, der lappisch sprechen konnte, mit ihr über den See hinübergeschickt, dort sollte er sich für sie nach ihrem Vater erkundigen. Sie hatte gehofft, sie würde ihn da treffen, sobald sie angekommen wäre, und sie hatte auch gleich ihren Blick prüfend von einem Gesicht zum andern im ganzen Zelt herumgleiten lassen. Aber ach, alle diese Gesichter gehörten dem Lappenvolk an, der Vater war nicht da!
Je länger Söderberg mit den Lappen sprach, desto ernster wurden alle; Åsa sah es wohl. Die Lappen schüttelten die Köpfe und klopften sich an die Stirne, als wenn sie von jemand sprächen, der nicht ganz bei Verstand sei. Dies beunruhigte Åsa sehr, sie konnte nicht mehr ruhig zuhören und zuwarten und fragte deshalb Söderberg, was die Lappen von ihrem Vater wüßten.
»Sie sagen, er sei auf dem Fischfang,« antwortete der Arbeiter, »und sie wüßten nicht, ob er heute abend zurückkomme. Aber sobald das Wetter wieder etwas besser ist, will einer von ihnen sich aufmachen und ihn suchen.«
Hierauf wendete sich Söderberg wieder an die Lappen und sprach aufs neue eifrig mit ihnen. Er wollte offenbar nicht, daß Åsa noch mehr Fragen über ihren Vater an ihn richte.
Am nächsten Tage war sehr schönes Wetter. Ola Serka, der Vornehmste unter den Lappen, hatte gesagt, er wolle sich selbst auf die Suche nach Åsas Vater machen. Aber er beeilte sich durchaus nicht; ruhig hockte er noch vor dem Zelte, dachte an Jon Assarsson und überlegte, wie er ihm die Nachricht von der Ankunft seiner Tochter beibringen sollte. Es handelte sich nämlich darum, ihm die Nachricht so mitzuteilen, daß er nicht erschrak und entfloh, denn er war ein sehr eigentümlicher Mann, der sich ängstlich hütete, mit Kindern zusammenzutreffen. Er pflegte zu sagen, er bekomme gar so trübe Gedanken, wenn er Kinder sehe, und das könne er nicht ertragen.
Während Ola Serka über seine Aufgabe nachdachte, saßen Åsa und Aslak, der Lappenjunge, der am vorhergehenden Abend das Mädchen so unverwandt angeschaut hatte, auf dem freien Platze vor dem Zelte und plauderten miteinander. Aslak war in die Schule gegangen und konnte schwedisch sprechen. Er erzählte Åsa von dem Leben seines Volkes und versicherte ihr, ihnen ginge es besser als allen anderen Menschen. Åsa dagegen fand, daß es ihnen schrecklich schlecht gehe, und sie sagte ihm das auch.
»Du weißt nicht, was du sprichst,« erwiderte Aslak. »Bleibe nur eine Woche lang bei uns, dann wirst du selbst sehen, daß wir das glücklichste Volk auf der ganzen Welt sind.«
»Wenn ich eine Woche hier bliebe, würde ich wahrscheinlich in euerm Zelt vor lauter Rauch ersticken,« sagte Åsa.
»Das darfst du nicht sagen,« erwiderte der Lappenjunge. »Du weißt ja gar nichts von uns. Ich will dir eine Geschichte erzählen, daraus kannst du ersehen, daß es dir immer besser bei uns gefallen würde, je länger du hier bliebest.«
Und dann fing Aslak an, Åsa von der Zeit zu erzählen, wo die große Krankheit, die der schwarze Tod genannt wurde, durchs Land gezogen war. Er wußte nicht, ob sie hier oben im richtigen Lappland, wo sie sich jetzt befanden, gewütet hatte, aber in Jämtland hatte sie ganz fürchterlich gehaust. Von den Lappen, die da in den Wäldern und Gebirgen wohnten, waren bis auf einen einzigen Jungen von fünfzehn Jahren alle gestorben, und von den Schweden, die in den Tälern wohnten, war niemand verschont geblieben als ein Mädchen, das auch ungefähr fünfzehn Jahre alt war.
»Der Junge und das Mädchen waren einen ganzen Winter hindurch in dem verlassenen Lande umhergezogen, um andere Menschen zu finden,« erzählte Aslak weiter. »Und gegen das Frühjahr stießen sie endlich aufeinander. Da bat das schwedische Mädchen den Lappenjungen, mit ihr südwärts zu ziehen, damit sie wieder zu Leuten aus ihrem Stamme komme. Sie wolle nicht in Jämtland bleiben, wo nur verlassene, ausgestorbene Höfe seien.
>Ich will dich führen, wohin du willst,< sagte der Junge, >aber nicht vor dem Winter. Jetzt ist es Frühling, meine Renntiere ziehen westwärts ins Gebirge hinauf, und du weißt, wir vom Lappenvolke müssen dahin gehen, wohin uns unsere Renntiere führen!<
Das schwedische Mädchen war das Kind reicher Eltern. Sie war gewohnt, in einem Hause zu wohnen, in einem Bett zu schlafen und an einem Tische zu essen. Bis jetzt hatte sie das arme Gebirgsvolk immer verachtet, und sie meinte, die Menschen, die unter freiem Himmel schliefen, müßten sehr unglücklich sein. Aber sie fürchtete sich vor der Rückkehr in ihre Heimat, wo alles ausgestorben war.
>So laß mich wenigstens mit dir in die Berge hinaufziehen,< sagte sie zu dem Jungen, >dann muß ich doch nicht hier allein sein, wo ich nie eine menschliche Stimme vernehme.<
Der Junge ging gern darauf ein, und so zog das Mädchen mit den Renntieren hinauf ins Gebirge. Die Herde sehnte sich nach den guten Bergweiden und legte jeden Tag ein großes Stück Weges zurück. Es blieb den beiden keine Zeit, ein Zelt aufzuschlagen; nur in den Stunden, wo die Renntiere anhielten, um zu weiden, konnten sie sich auf den Schnee werfen und ein wenig schlafen. Die Tiere fühlten den Südwind durch ihre Pelze wehen, und sie fühlten auch, daß er in wenigen Tagen den Schnee von den Berghängen wegfegen würde. Das Mädchen und der Junge mußten ihnen durch schmelzenden Schnee und brechendes Eis hindurch nacheilen. Als sie endlich hoch ins Gebirge hinaufgekommen waren, wo der Nadelwald aufhörte und die verkrüppelten Birken anfingen, ruhten sie sich einige Wochen aus, bis der Schnee von den obersten Berghalden geschmolzen war; dann zogen sie da hinauf. Das Mädchen jammerte und keuchte und sagte sehr oft, sie sei müde, sie wolle umkehren und wieder ins Tal hinunter; aber sie ging doch noch lieber mit, als daß sie allein, ohne eine lebende Seele, mit der sie ein Wort hätte sprechen können, zurückgeblieben wäre.
Als sie endlich die Hochebene erreicht hatten, schlug der Junge auf einem schönen grünen Platz, der gegen einen Gebirgsbach sanft abfiel, ein Zelt für das Mädchen auf. Als es Abend wurde, fing der Junge die Renntierkühe mit einer Wurfleine ein, melkte sie und gab dem Mädchen von der Milch zu trinken. Er fand auch etwas Renntierkäse und getrocknetes Renntierfleisch, das sein Volk im vorigen Jahre da oben auf der Höhe versteckt hatte. Aber das Mädchen jammerte immerfort und war durchaus nicht zufrieden. Sie wollte weder getrocknetes Renntierfleisch essen, noch Renntiermilch trinken. Sie konnte sich nicht daran gewöhnen, im Zelt auf dem Boden oder nur auf einem von wenigen Zweigen und einem Renntierfell hergerichteten Lager zu schlafen. Aber der Sohn des Gebirgsvolkes lachte nur über ihr Gejammer und war immer gut und freundlich gegen sie.
Nachdem so einige Tage vergangen waren, trat das Mädchen zu dem Jungen, als er eben die Renntiere melkte, und fragte, ob sie ihm helfen dürfe. Sie übernahm es jetzt auch, Feuer unter dem Kessel anzuzünden, wenn Renntierfleisch gekocht werden sollte, sowie Wasser zu holen und Käse zu bereiten. Nun hatten die beiden eine schöne Zeit miteinander. Das Wetter war warm und das Essen leicht zu beschaffen. Sie zogen miteinander aus, Vogelschlingen zu legen, Forellen in den Bächen zu fangen und Multebeeren auf den Mooren zu pflücken.
Als der Sommer zu Ende ging, zogen sie bis zu der Grenze zwischen dem Nadel- und dem Laubholzwald vom Gebirge herunter, und da schlugen sie wieder ihr Lager auf. Es war jetzt Schlachtzeit, und sie mußten alle Tage sehr streng arbeiten; aber es war auch eine gute Zeit, denn jetzt konnten sie sich noch leichter Nahrung verschaffen als im Sommer. Als der Schnee vom Himmel herabwirbelte und sich die Seen allmählich mit Eis bedeckten, zogen die Kinder ostwärts in den dichten Fichtenwald hinein. Sobald sie da ihr Zelt errichtet hatten, machten sie sich an die Winterarbeiten. Der Junge lehrte das Mädchen Faden aus Renntiersehnen drehen, die Felle bereiten und Kleider und Schuhe daraus nähen, sowie Kämme und Werkzeuge aus Renntierhörnern verfertigen, auf Schneeschuhen laufen und in Renntierschlitten fahren. Nachdem sie den dunkeln Winterwald hinter sich hatten und die Sonne allmählich wieder warm schien, sagte der Junge zu dem Mädchen, jetzt wolle er sie in den Süden des Landes begleiten, damit sie die Leute ihres eigenen Stammes wiederfinde.
Doch da sah ihn das Mädchen verwundert an. >Warum willst du mich fortschicken?< fragte sie. >Sehnst du dich, wieder allein mit deinen Renntieren zu sein?<
>Ich glaubte, du sehntest dich fort von hier,< erwiderte der Junge.
>Jetzt habe ich fast ein ganzes Jahr lang das Leben des Lappenvolkes gelebt,< sagte das Mädchen, >nun kann ich nicht mehr zu meinem Volk zurückkehren. Nachdem ich so frei auf den Bergen und in den Wäldern umhergezogen bin, ist es mir nicht mehr möglich, in engen Häusern zu wohnen. Jage mich nicht fort, sondern laß mich hier bleiben, denn euer Leben ist besser als das unsrige.<
Und das Mädchen blieb ihr ganzes Leben lang bei dem Jungen und hatte niemals Heimweh nach ihrem Volke und nach dem Leben in den Tälern. Und wenn du, Åsa, nur einen Monat hier oben bliebest, würdest du dich auch nicht wieder von uns trennen können.«
Mit diesen Worten schloß Aslak seine Erzählung, und in demselben Augenblick nahm Ola Serka die Pfeife aus dem Munde und stand auf. Der alte Ola verstand mehr schwedisch, als er andere wissen lassen wollte, und er hatte verstanden, was der Sohn gesagt hatte. Und während er zugehört hatte, war ihm plötzlich klar geworden, auf welche Weise er Jon Assarsson mitteilen müsse, daß seine Tochter gekommen sei, ihn zu suchen.
Ola Serka ging hinunter an den Luossajaure und wanderte dort eine Strecke dem Ufer entlang, bis er einen Mann traf, der auf einem Stein saß und fischte. Der Fischer hatte graues Haar und eine gebeugte Haltung. Seine Augen sahen müde drein; etwas Schlaffes und Hilfloses lag über dem ganzen Manne, er sah aus, wie jemand, der versucht hat, eine Last zu tragen, die ihm zu schwer war, oder wie einer, der über etwas nachgrübelte, das ihm zu schwierig zu lösen war, und der nun gebrochen und mutlos geworden ist, eben weil ihm die Sache nicht glücken wollte.
»Du hast offenbar Glück bei deinem Fischfang gehabt, Jon, da du die ganze Nacht hier sitzen geblieben bist,« sagte der Gebirgsbewohner in lappischer Sprache und trat näher.
Der andre fuhr zusammen und schaute auf. Der Köder an seiner Angel war verschwunden, und neben ihm lag nicht ein einziger Fisch. Hastig befestigte er einen neuen Köder an der Angel und warf dann die Schnur wieder aus. Indessen setzte sich Ola neben ihm ins Gras.
»Ich möchte gern etwas mit dir besprechen,« begann der Lappe. »Du weißt, ich hab eine Tochter gehabt, die im vorigen Jahre gestorben ist, und seitdem habe ich sie in meinem Zelte bitter vermißt.«
»Ja, das weiß ich,« erwiderte der Fischer kurz, als könnte er es nicht ertragen, an ein verstorbenes Kind erinnert zu werden; er sprach gut lappisch.
»Aber es nützt nichts, wenn man sein Leben vertrauert,« fuhr der Lappe fort.
»Nein, es nützt gar nichts.«
»Und deshalb hab ich gedacht, ich wolle ein anderes Kind annehmen. Meinst du nicht, das sei ein guter Gedanke?«
»Es kommt darauf an, was es für ein Kind ist, Ola.«
»Ich will dir erzählen, was ich über das Mädchen weiß, Jon,« sagte Ola.
Und nun erzählte er dem Fischer, in diesem Sommer seien zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, nach Malmberget gekommen, ihren Vater zu suchen, und als sie gehört hatten, daß der Vater abwesend war, seien sie dort geblieben, seine Rückkehr abzuwarten. Aber während sie sich in Malmberget aufhielten, sei der Junge durch einen Felsblock bei einer Sprengung ums Leben gekommen, und da habe das Mädchen ihm ein feierliches Begräbnis, gerade wie für einen Erwachsenen gehalten.
Hierauf beschrieb Ola sehr schön, wie das arme kleine Mädchen alle Menschen dazu gebracht habe, daß sie ihr geholfen hätten, ja, daß sie sogar den Mut gehabt habe, selbst zum Inspektor zu gehen.
»Ist es dies Mädchen, das du zu dir nehmen willst, Ola?« fragte der Fischer.
»Ja,« antwortete der Lappe. »Als wir ihre Geschichte hörten, haben wir alle weinen müssen; alle haben darin übereingestimmt, daß eine so gute Schwester gewiß auch eine gute Tochter abgeben werde, und wir haben jetzt nur den einen Wunsch, daß sie zu uns komme.«
Der andere schwieg eine Weile und setzte dann auch die Unterhaltung offenbar nur fort, um seinem Freunde, dem Lappen, eine Freude zu machen.
»Und das Mädchen gehört doch wohl deinem eigenen Stamme an?«
»Nein, es gehört nicht zum Lappenvolke.«
»Dann ist sie doch wohl die Tochter eines Ansiedlers, die an das Leben hier oben im Norden gewöhnt ist?«
»Nein, sie stammt weit aus dem Süden drunten,« sagte Ola und sah dabei aus, als habe das gar nichts mit der Sache zu tun.
Aber jetzt wurde der Fischer aufmerksam. »Dann solltest du sie nicht bei dir behalten, Ola,« sagte er. »Wenn sie nicht von Geburt daran gewöhnt ist, kann sie den Winteraufenthalt in so einem Lappenzelt gewiß nicht ertragen.«
»Sie bekommt gute Eltern und gute Geschwister in diesem Lappenzelt,« fuhr Ola hartnäckig fort. »Alleinstehen ist schlimmer als frieren.«
Aber jetzt wurde der Fischer immer eifriger, die Sache zu verhindern. Es war, als könne er den Gedanken nicht ertragen, daß ein Kind, das schwedische Eltern hatte, bei den Lappen wohnen sollte.
»Hast du nicht gesagt, das Mädchen habe einen Vater in Malmberget?«
»Er ist tot,« versetzte der Lappe kurz.
»Weißt du das aber auch ganz gewiß, Ola?«
»Was braucht man da noch zu fragen,« erwiderte der Lappe verächtlich. »Hätten die beiden Kinder wohl nötig gehabt, allein durchs ganze Land zu ziehen, wenn ihr Vater noch am Leben wäre? Wäre es denkbar, daß zwei kleine Kinder selbst für sich hätten sorgen müssen, wenn sie einen Vater hätten? Hätte das Mädchen den schweren Gang zum Inspektor selbst machen müssen, wenn ihr Vater noch lebte? Meinst du, sie wäre dann jetzt auch nur einen einzigen Augenblick allein und verlassen, jetzt, wo das ganze Sameland davon spricht, was für ein gutes, mutiges Mädchen sie sei? Das Mädchen selbst meint freilich, ihr Vater sei noch am Leben, ich aber sage, er muß tot sein, es ist nicht anders möglich.«
Der Mann mit den müden Augen wendete sich dem Lappen zu. »Wie heißt sie, Ola?« fragte er.
Der Lappe überlegte ein wenig, dann sagte er: »Ich weiß es nicht mehr, aber ich will sie fragen.«
»Sie fragen? Ja, ist sie denn schon hier?«
»Ja, sie ist drüben im Zelte.«
»Wie, Ola? Hast du sie zu dir genommen, ehe du weißt, was ihr Vater dazu sagen wird?«
»Was brauche ich mich um ihren Vater zu kümmern? Wenn er wirklich nicht tot ist, dann will er offenbar nichts von dem Kinde wissen, und er kann nur froh sein, wenn ein anderer sich ihrer annehmen will.«
Doch jetzt warf der Fischer seine Gerte weg und richtete sich auf; es war eine Lebhaftigkeit über ihn gekommen, als wenn neues Leben in ihm erwacht wäre.
»Dieser Vater ist wahrscheinlich nicht wie andere Menschen,« fuhr der Lappe fort. »Vielleicht ist er einer von denen, die von schwermütigen Gedanken verfolgt werden, so daß er es bei keiner Arbeit lange aushalten kann. Aber sage selbst, wäre ein solcher Vater ein großer Gewinn für das Mädchen?«
Während Ola dies sagte, stand der Fischer auf und ging mit raschen Schritten dem Ufer entlang.
»Wohin willst du?« fragte der Lappe.
»Ich will mir deine Pflegetochter ansehen, Ola.«
»Das ist recht,« sagte Ola. »Komm nur und sieh sie dir an. Du wirst gewiß finden, daß ich eine gute Pflegetochter bekomme.«
Der Schwede ging mit immer rascheren Schritten vorwärts, und der alte Ola konnte ihm kaum nachkommen. Nachdem sie eine kleine Strecke zurückgelegt hatten, sagte Ola zu seinem Gefährten: »Jetzt eben fällt mir ein, wie das Mädchen heißt. Åsa Jontochter heißt sie.«
Der andre beschleunigte seine Schritte nur noch mehr, und der alte Ola war so beglückt, daß er am liebsten in lauten Jubel ausgebrochen wäre. Als nach einer Weile die Zelte vor ihren Augen auftauchten, ergriff Ola noch einmal das Wort.
»Sie ist hier heraufgekommen, um ihren Vater zu suchen, nicht, um meine Pflegetochter zu werden; aber wenn sie den Vater nicht findet, möchte ich sie gerne in meinem Zelt behalten.«
Doch der andre erwiderte nichts, er eilte nur mit immer größerer Hast vorwärts.
»Ich habe es mir doch gedacht, daß er bei der Nachricht, ich wolle seine Tochter unter die Lappen aufnehmen, erschrecken werde,« sagte Ola vor sich hin.
Als der Mann von Kiruna, der Åsa nach dem Lappenlager hinübergerudert hatte, später am Tage wieder zurückruderte, hatte er zwei Personen in seinem Boot, die dicht nebeneinander saßen und sich so fest an der Hand hielten, als ob sie sich nie wieder trennen wollten. Es waren Jon Assarsson und seine Tochter Åsa. Alle beide hatten jetzt ein ganz anderes Aussehen als noch vor ein paar Stunden. Jon Assarsson sah lange nicht mehr so müde und gebeugt aus, und seine Augen hatten einen hellen, freundlichen Ausdruck, als wenn er jetzt Antwort auf das bekommen hätte, was ihn so lange geängstigt hatte; und das Gänsemädchen Åsa schaute jetzt nicht mehr mit dem ihm eigenen altklugen Blick umher. Jetzt hatte sie ja jemand, auf den sie sich stützen und verlassen konnte, und es sah aus, als sei sie auf dem Wege, wieder ein harmloses Kind zu werden.
46. Gen Süden! Gen Süden!
Der erste Reisetag
Samstag, 1. Oktober
Nils Holgersson saß auf dem Rücken des weißen Gänserichs und ritt hoch droben durch die Lüfte. Einunddreißig Wildgänse flogen in wohlgeordnetem Zuge rasch südwärts. Ihre Federn rauschten, und die vielen Flügel schlugen mit so lautem Sausen durch die Luft, daß man fast sein eigenes Wort nicht verstehen konnte. Akka von Kebnekajse flog an der Spitze, hinter ihr kamen Yksi und Kaksi, Kolme und Neljä, Viisi und Kuusi, der Gänserich Martin und Daunenfein. Die sechs jungen Gänse, die sich im letzten Herbst der Schar angeschlossen hatten, waren nun fortgeflogen, um sich auf eigene Faust durchzubringen. Statt dessen hatten die Gänse zweiundzwanzig junge Gänse bei sich, die in diesem Sommer im Felsental herangewachsen waren. Elf von ihnen flogen rechts und elf links, und sie gaben sich alle Mühe, denselben Abstand zwischen sich einzuhalten wie die großen Gänse.
Die armen Jungen hatten noch nie eine große Reise gemacht, und im Anfang wurde es ihnen sehr schwer, bei dem raschen Fluge der Alten mitzukommen.
»Akka von Kebnekajse! Akka von Kebnekajse!« riefen sie in jammervollem Tone.
»Was gibts?« fragte die Anführerin.
»Unsere Flügel sind von dem vielen Schlagen müde!« schrien die Jungen.
»Je länger ihr weitermacht, desto besser geht es,« erwiderte die Anführerin; und sie flog auch nicht ein bißchen langsamer, sondern ebenso geschwind wie zuvor. Und es war wirklich, als ob sie recht behalten sollte, denn nachdem die jungen Gänse ein paar Stunden geflogen waren, klagten sie nicht mehr über Müdigkeit. Droben im Felsental waren sie jedoch den ganzen Tag auf der Weide gewesen, und es dauerte deshalb nicht lange, bis sie sich nach Nahrung sehnten.
»Akka, Akka, Akka von Kebnekajse!« riefen die jungen Gänse mit kläglicher Stimme.
»Was gibts jetzt?« fragte die Anführerin.
»Wir sind so hungrig, daß wir nicht mehr weiter fliegen können!« schrien die Jungen. »Wir sind so hungrig, daß wir nicht mehr weiter fliegen können!«
»Die Wildgänse müssen es lernen, Luft zu essen und Wind zu trinken!« antwortete die Anführerin, und sie hielt nicht an, sondern flog gerade wie vorher weiter.
Es war auch beinahe, als lernten es die Jungen wirklich, von Luft und Wind zu leben, denn nachdem sie wieder eine Weile geflogen waren, klagten sie nicht mehr über Hunger. Die Schar war noch immer droben zwischen den Bergen, und die alten Gänse riefen mit lauter Stimme die Namen aller der Berggipfel, an denen sie vorüberkamen, damit die Jungen lernten, wie sie hießen. Aber nachdem es eine Zeitlang so fortgegangen war: »Das ist Porsotjokko, das ist Sarjektjokko, das ist Sulitelma!« wurden die Jungen aufs neue ungeduldig.
»Akka, Akka, Akka!« riefen sie mit herzzerreißender Stimme.
»Was gibts denn?« fragte die Anführerin.
»Wir können nicht noch mehr Namen in unseren Kopf hineinbringen!« schrien die Jungen. »Wir können nicht noch mehr Namen in unseren Kopf hineinbringen!«
»Je mehr in euren Kopf hineinkommt, desto mehr Platz habt ihr darin,« antwortete die Anführerin; und sie rief ihnen die merkwürdigen Namen gerade wie vorher zu.
Nils Holgersson dachte auch, es sei höchste Zeit für die Wildgänse, südwärts zu ziehen, denn es war schon sehr viel Schnee gefallen; soweit das Auge reichte, war die Erde ganz weiß. Und es war auch in der letzten Zeit im Felsental tatsächlich recht unbehaglich gewesen. Regen und Sturm und Nebel hatten unaufhörlich miteinander abgewechselt, und wenn sich das Wetter je einmal aufhellte, hatte sogleich starker Frost eingesetzt. Die Beeren und Pilze, von denen sich der Junge den Sommer hindurch ernährt hatte, erfroren oder verfaulten. Schließlich hatte er sich mit rohen Fischen sättigen müssen, und das war ihm äußerst unangenehm gewesen. Die Tage wurden immer kürzer, und bei den langen Abenden und dem immer späteren Tagesanbruch war es natürlich sehr traurig und langweilig für den Jungen gewesen; denn er konnte ja seine Natur nicht so einrichten und nicht genau so lange schlafen, wie die Sonne verschwunden war.
Dann aber hatten die Gösselchen allmählich so große Flügel bekommen, daß die Reise gen Süden unternommen werden konnte, und der Junge war hochbeglückt darüber. Er sang und lachte in einem fort, während er jetzt auf dem Rücken des Gänserichs dahinflog. Ach, er sehnte sich nicht nur von Lappland fort, weil es da droben jetzt trüb und dunkel und kalt und mit der Nahrung knapp bestellt war, nein, er hatte auch noch andere Gründe dazu.
In den ersten Wochen hatte er da droben durchaus nicht an Heimweh gelitten. Er meinte, noch niemals in einem so wunderschönen Lande gewesen zu sein, und hatte keine anderen Sorgen, als sich der Mückenschwärme zu erwehren, damit sie ihn nicht ganz und gar auffräßen. Von dem weißen Gänserich sah er in dieser Zeit nicht viel; denn der große Weiße dachte an nichts andres, als für Daunenfein zu sorgen, und wich keinen Schritt von ihrer Seite. Da hatte sich der Junge an die alte Akka und an den Adler Gorgo gehalten, und die drei hatten viele vergnügte Stunden miteinander verbracht. Er war von den Vögeln auf weite Ausflüge mitgenommen worden; Nils Holgersson hatte sogar oben auf dem schneebedeckten Kebnekajse gestanden und auf die Gletscher hinabgeschaut, die sich dort unter dem steilen Bergkegel ausbreiten. Der Junge war auch noch auf vielen andern hohen Berggipfeln gewesen, die nur sehr selten von einem Menschenfuß betreten worden sind. Akka zeigte ihm verborgene Täler zwischen den Bergen und ließ ihn in Felsenschluchten hinabsehen, wo die Bärinnen ihre Jungen aufzogen. Es versteht sich von selbst, daß er auch die Bekanntschaft der zahmen Renntiere machte, die in großen Scharen an den Ufern des schönen Torneteich weideten; und er war auch drunten an dem großen Sjöfall gewesen und hatte den dort wohnenden Bären von ihren Verwandten im Bergwerkdistrikt Grüße bestellt. Wo immer er hinkam, -- überall war das Land wunderschön; er freute sich auch von Herzen, daß er alles sehen durfte, und doch hätte er nicht immer da leben mögen. Er mußte Akka recht geben, wenn sie sagte: »Die schwedischen Ansiedler sollten dieses Land nicht beunruhigen, sondern es wie bisher den Bären und Wölfen und Renntieren und Wildgänsen, den Bergeulen, den Wühlmäusen und den Lappen überlassen, die dazu geschaffen sind, da zu leben.«
Eines Tages war Akka mit ihm auf eines der großen Grubenfelder geflogen, und da hatte er Klein-Mats von einem Sprengschuß zerschmettert an der Grubenöffnung gefunden. In den nächsten Tagen hatte der Junge dann an nichts weiter denken können, als wie er dem Gänsemädchen Åsa helfen könnte; nachdem aber diese ihren Vater gefunden hatte und seiner Hilfe nicht mehr bedurfte, wanderte er meistens in dem Felsental umher; und von dieser Zeit an sehnte er sich nach dem Tag, wo er mit dem Gänserich Martin heimkehren und wieder ein Mensch werden würde. Ach, er wollte doch so gerne wieder so werden, daß das Gänsemädchen Åsa mit ihm zu sprechen wagte und ihm nicht vor lauter Angst die Tür vor der Nase zuschlüge!
Ja, ja, Nils Holgersson war überglücklich, daß es nun südwärts ging. Als der erste Fichtenwald auftauchte, schwang er seine Mütze und rief Hurra! und auf dieselbe Weise begrüßte er das erste graue Ansiedlerhaus, die erste Ziege, die erste Katze und die ersten Hühner. Der Weg führte über prachtvolle Wasserfälle hin, und zu seiner Rechten sah der Junge wunderschöne Berge; aber an solche Herrlichkeiten war er jetzt so gewöhnt, daß er kaum noch einen Blick auf sie warf. Etwas andres war es, als er östlich von den Bergen die Kapelle von Kvickjock, von einem kleinen Pfarrhof und einem kleinen Dorfe umgeben, erblickte. Dieser Anblick ergriff ihn so mächtig, daß ihm die Tränen in die Augen traten.
Die ganze Zeit trafen die Wildgänse mit andern Zugvögeln zusammen, die jetzt in etwas größeren Scharen als im Frühling einhergeflogen kamen.
»Wohin, ihr Wildgänse, wohin?« riefen die Zugvögel.
»Ins Ausland, wie ihr auch!« antworteten die Wildgänse. »Ins Ausland, ins Ausland!«
»Die Jungen sind ja noch nicht ganz ausgewachsen!« riefen die andern. »Mit so kleinen Flügeln kommen sie nie übers Meer hinüber!«
Die Lappen und die Renntiere zogen nun auch von den Bergen herunter. Sie kamen in guter Ordnung daher: ein Lappe führte den Zug an, dann kam die Herde mit den großen Renntierstieren in den ersten Gliedern, hierauf eine Reihe Lasttiere, die die Zelte und das andre Eigentum der Lappen trugen, und zum Schlusse etwa sieben bis acht Menschen.
Als die Wildgänse die Renntiere sahen, ließen sie sich etwas hinuntersinken und riefen ihnen zu: »Habt schönen Dank für den Sommer! Habt schönen Dank für den Sommer!«
»Glückliche Reise und auf Wiedersehen im nächsten Jahr!« antworteten die Renntiere.
Aber als die Bären die Wildgänse sahen, zeigten sie sie ihren Jungen und brummten: »Seht, seht! Diese dort fürchten sich vor ein bißchen Kälte; deshalb bleiben sie im Winter nicht daheim.«
Aber die alten Wildgänse blieben den Bären die Antwort nicht schuldig, sondern riefen den Jungen zu: »Seht, seht! Diese verschlafen lieber das halbe Jahr, als daß sie sich der Mühe unterziehen, südwärts zu reisen!«
Drunten in den Fichtenwäldern saßen die jungen Auerhähne zerzaust und verfroren beieinander und sahen den großen Vogelscharen, die jubelnd und fröhlich südwärts zogen, mit sehnsüchtigen Augen nach.
»Wann kommt die Reihe an uns?« fragten sie die Auerhähne. »Wann kommt die Reihe an uns?«
»Ihr müßt bei Vater und Mutter daheim bleiben,« sagten die alten Auerhähne. »Ihr müßt bei Vater und Mutter daheim bleiben.«
Auf dem Östberge
Dienstag, 4. Oktober
Wer sich je in Gebirgsgegenden aufgehalten hat, weiß, wie beschwerlich der Nebel sein kann, wenn er sich über eine Landschaft hereinwälzt und die ganze Aussicht verhüllt, so daß man von allen den schönen ringsumher aufragenden Bergen gar nichts sieht. Mitten im Sommer kann man in solch einen Nebel hineingeraten, und im Herbst ist es kaum möglich, ihm zu entgehen, das kann man mit Wahrheit behaupten. Nils Holgersson hatte im ganzen genommen recht schönes Wetter gehabt, solange sich die Wildgänse noch in Lappland befanden; aber kaum hatten sie gemeldet, jetzt ginge es nach Jämtland hinein, als die Nebel auch schon um sie her aufstiegen und sich so verdichteten, daß sie nichts von der Landschaft sahen. Der Junge flog einen ganzen Tag auf dem Rücken des Gänserichs dahin, ohne zu wissen, ob er in einem Gebirgsland oder in einem Flachland wäre.
Gegen Abend ließen sich die Wildgänse auf einem grünen Platze nieder, der nach allen Seiten hin abfiel. Sie mußten sich also auf dem Gipfel eines Hügels befinden; ob dieser aber groß oder klein war, das konnte der Junge nicht herausbringen. Er dachte jedoch, sie müßten in einer bewohnten Gegend sein, denn er glaubte Menschenstimmen, sowie das Rasseln von Fuhrwerken zu hören, die auf einer Straße dahinrollten; ganz sicher war er seiner Sache indes nicht.
Er hätte sich schrecklich gerne nach einem Hofe umgesehen, fürchtete aber, sich im Nebel zu verirren, und so entschloß er sich, bei den Wildgänsen zu bleiben. Ringsum tropfte alles vor Nässe und Feuchtigkeit; an jedem Grashälmchen und jedem Kräutlein hingen kleine Tropfen, und der Junge bekam ordentlich einen Regenschauer auf sich hernieder, sobald er sich nur ein wenig bewegte. »Es ist hier nicht viel besser als droben im Felsental,« dachte er. »Aber ein paar Schritte könnte ich doch machen,« dachte er weiter. Und jetzt konnte er auch in ganz geringer Entfernung vor sich ein Gebäude unterscheiden, das zwar nicht umfangreich, aber viele Stockwerke hoch war; der Junge konnte nicht bis zum Dache hinauf sehen. Die Haustür war verschlossen, und das Haus schien ganz unbewohnt zu sein. Ach, es war natürlich nur ein Aussichtsturm, wo es weder etwas zu essen, noch ein gewärmtes Zimmer gab! Aber Nils Holgersson lief trotzdem in größter Eile zu den Wildgänsen zurück.
»Lieber Gänserich Martin,« sagte er, »nimm mich auf den Rücken und trage mich auf den Turm dort drüben hinauf. Ich kann hier nicht schlafen, weil es überall zu naß ist; dort droben werde ich schon ein trockenes Plätzchen finden, wo ich mich niederlegen kann.«
Der Gänserich Martin war sogleich bereit, seinem guten Freunde zu helfen; er trug ihn hinauf auf das Plattdach des Turmes, und da schlief der Junge, bis ihn die Morgensonne weckte.
Als er seine Augen aufschlug und sich umschaute, konnte er zuerst gar nicht begreifen, was er sah, oder wo er sich befand. Er war früher einmal auf einem Jahrmarkt in einem Zelt gewesen und hatte da ein mächtig großes Panorama gesehen; und jetzt war es ihm, als stehe er wieder mitten in so einem großen runden Zelt, mit einer schönen roten Decke über sich, während an den Wänden und am Boden hin eine prächtige weite Landschaft gemalt war, mit großen Dörfern, Wiesen, Landstraßen und Eisenbahnen, ja sogar mit einer ganzen Stadt. Es wurde ihm ja bald klar, daß er sich hier nicht in einem Panorama befand, sondern daß er selbst auf einem Aussichtsturm stand, mit dem roten Morgenhimmel über sich und einem wirklichen Land ringsumher. Aber er hatte jetzt schon so lange nichts anderes als Einöde gesehen, da war es nicht verwunderlich, daß er das, was er jetzt vor sich sah -- eine richtige, dichtbebaute Landschaft, -- für ein Gemälde hielt.
Und noch etwas war schuld daran, daß der Junge alles, was er sah, zuerst für ein Gemälde gehalten hatte; von allem, was er sah, hatte nämlich nichts seine richtige Farbe. Der Aussichtsturm, auf dem er sich befand, stand auf einem Berg, der Berg auf einer Insel, und die Insel selbst lag nahe bei dem östlichen Ufer eines großen Sees. Der See aber war nicht grau, wie solche Binnenseen sonst zu sein pflegen, sondern ein großer Teil seines Wasserspiegels schimmerte ebenso rosig wie der Morgenhimmel, und drinnen in den tiefen Buchten blinkte er fast nachtschwarz heraus. Und dann war das Land um den See herum nicht grün; mit allen seinen eingeheimsten Getreidefeldern und den goldigschimmernden Laubwäldern leuchtete es hellgelb herüber, und rings um das Gelbe zog sich ein breiter Gürtel aus schwarzem Nadelwald. Noch niemals war dem Jungen der Wald so schwarz erschienen wie an diesem Morgen; aber er meinte, es komme vielleicht daher, weil der Laubwald innerhalb des dunklen Fichtengürtels so besonders hell glänzte. Jenseits dieser dunkeln Strecke blauten im Osten einige Höhenzüge; aber am ganzen westlichen Horizont wölbte sich ein langgestreckter, glänzender Bogen aus zackigen, verschiedengeformten Bergen von einer wunderbar schönen, sanftglänzenden Farbe, die weder rot noch weiß noch blau genannt werden konnte, -- es gab einfach gar keinen Namen für diese Schattierung.
Doch jetzt wendete der Junge seinen Blick von den Bergen und Nadelwäldern ab und richtete ihn auf die nächste Umgebung. Rings um den See her in dem goldnen Gürtel tauchte allmählich ein rotes Dorf nach dem andern und eine weiße Kirche nach der andern auf, und direkt gen Osten, jenseits des schmalen Sundes, der die Insel vom Festland trennte, lag eine Stadt. Sie breitete sich am Seeufer aus, dicht hinter ihr ragte ein Berg auf, der sie beschützte, und ringsumher lag eine reiche dichtbevölkerte Landschaft.
»Diese Stadt hat es wirklich verstanden, sich eine gute Lage auszuwählen,« dachte der Junge. »Wie sie wohl heißen mag?«
In demselben Augenblick fuhr er heftig zusammen und schaute sich um. Er war ganz in die Aussicht versunken gewesen und hatte deshalb gar nicht gemerkt, daß unten Menschen herangekommen waren.
Jetzt liefen diese Besucher eilig die Treppen herauf. Der Junge hatte gerade noch Zeit, sich nach einem Versteck umzusehen und sich dort zu verbergen; da waren sie auch schon oben.
Es war eine Schar junger Leute, die auf einer Fußwanderung begriffen waren. Sie hatten Jämtland durchstreift und gaben nun ihrer Freude in lauten Worten Ausdruck, daß sie am vorhergehenden Abend Östersund noch erreicht hätten und nun an diesem schönen Morgen die Aussicht vom Östberg auf die Frösö genießen könnten. Von hier aus könne man mehr als zwanzig Meilen im Umkreis umherschauen, nun könnten sie doch noch einen letzten Blick auf ihr liebes Jämtland werfen, ehe sie es verließen.
»Dort unten haben wir Sunne,« sagten sie. »Und dort liegt Marby und dort drüben Hallen. Was wir dort gerade im Norden sehen, ist die Kirche von Rödö, und die andere da unter uns ist die von Frösö.«
Dann unterhielten sie sich über die Berge. Die nächstliegenden seien die Oviksfjälle, sagten die einen, und die anderen stimmten alle damit überein; aber dann waren sie nicht ganz einig darüber, welcher wohl der Klövsjöfjäll und der Anarisfjäll seien, und wo Västerfjället, Almåsafjället und der Åreskutan lägen.
Während sie noch darüber sprachen, zog ein junges Mädchen eine Landkarte heraus, breitete sie auf ihren Knieen aus und studierte darin. Plötzlich schaute sie auf.
»Wenn ich das Jämtland so hier auf einer Karte sehe,« sagte sie, »kommt es mir immer wie ein einziger großer Felsen vor. Ich warte immer darauf, daß mir jemand einmal erzählt, dieses Gebirge habe einst ganz aufrecht dagestanden und bis zum Himmel hinaufgereicht.«
»Das hätte wahrlich ein gewaltiger Berg sein müssen,« sagte eines von den andern und lachte das junge Mädchen aus.
»Allerdings; aber deshalb ist er ja auch umgefallen. Hier, seht doch selbst! Es gleicht wahrhaftig einem richtigen hohen Berge mit breitem Fuß und spitzigem Gipfel.«
»Es paßt gar nicht so schlecht für ein Gebirgsland, wenn der ganze Gebirgsstock wie ein einzelner Berg aussieht,« sagte wieder eines von den Umstehenden. »Ich habe zwar schon allerlei Sagen vom Jämtland gehört, aber doch noch nie ...«
»Kennst du die Sage vom Jämtland?« fiel ihm das junge Mädchen eifrig ins Wort. »Dann mußt du sie sogleich erzählen.«
»Und hier ist der allerbeste Platz zum Anhören, hier, wo wir gleich das ganze Land vor uns haben.«
Alle anderen stimmten mit dem jungen Mädchen überein; und ihr Gefährte ließ sich nicht lange nötigen, sondern begann sogleich seine Erzählung.
Die Sage von Jämtland
»Zu der Zeit, wo es noch Riesen in Jämtland gab, geschah es einmal, daß ein alter Bergriese auf dem Hofe vor seinem Hause stand und seine Pferde striegelte. Während er eifrig bei dieser Arbeit war, fingen die Pferde plötzlich vor lauter Angst heftig zu zittern an.
>Was ist denn mit euch los?< sagte der Riese und sah sich um, was die Pferde wohl erschreckt haben könnte. Es waren aber weder Wölfe noch Bären in der Nähe zu erblicken; das einzige, was er entdecken konnte, war ein Wandersmann, der zwar bei weitem nicht so groß und stark war wie er selbst, aber doch recht stattlich aussah und offenbar auch über gute Kräfte verfügte, und der eben den Pfad heraufstieg, der zu der Berghütte führte. Aber kaum war der alte Bergriese des Wandersmanns gewahr geworden, als er auch schon von Kopf bis zu Fuß zitterte, gerade wie seine Pferde; er nahm sich gar nicht Zeit, seine angefangene Arbeit fertig zu machen, sondern lief eiligst in den Saal hinein zu seinem Weib, das an der Kunkel Werg spann.
>Was ist denn los?< fragte die Frau. >Du siehst ja todesbleich aus.<
>Soll ich etwa nicht bleich aussehen,< erwiderte der Riese, >wenn ein Wanderer des Weges daherkommt, der ebenso gewiß, wie du mein Weib bist, Asa-Thor sein muß.<
>Das ist freilich kein willkommener Besuch,< erwiderte das Weib des Riesen. >Kannst du ihm nicht die Augen verhexen, daß er den ganzen Hof hier für einen Felsen hält und an unserer Tür vorübergeht?<
>Es ist zu spät, Zauberkunst auszuüben,< sagte der Riese, >denn ich höre ihn schon die Pforte öffnen und in den Hof hereintreten.<
>Dann rate ich dir, dich verborgen zu halten und mich ihn allein in Empfang nehmen zu lassen,< sagte die Frau schnell. >Ich will mein bestes tun, ihm das Wiederkommen zu verleiden.<
Der Vorschlag gefiel dem Riesen über die Maßen. Er ging in die Kammer nebenan, seine Frau aber blieb auf der Frauenbank in dem Saal sitzen und spann ruhig weiter, als ahnte sie keine Gefahr.
Aber nun müßt ihr wissen, daß es zu jenen Zeiten im Jämtland ganz anders aussah als heutigen Tages. Das ganze Land war eine einzige flache Hochebene, die vollständig kahl und nackt dalag, nicht einmal ein Fichtenwald konnte sich da fortbringen. Es gab weder See, noch Fluß, und auch keine Felder, über die der Pflug hätte gehen können. Ja, zu jener Zeit waren nicht einmal die Berge und Felsenmassen da, die jetzt im ganzen Lande zerstreut liegen, diese standen alle weit drüben im Westen. In dem ganzen großen Lande konnten keine Menschen leben, aber den Riesen ging es dafür um so besser. Wohl kaum ohne ihren Willen und ihr Einverständnis blieb das Land so öde und ungastlich liegen; und deshalb hatte es seine guten Gründe, wenn der Bergriese so erschrak, als er Asa-Thor auf sein Haus zukommen sah. Er wußte, die Asen waren denen nicht hold, die Kälte, Dunkelheit und Öde um sich verbreiteten und die Erde daran verhinderten, reich und fruchtbar zu werden und sich mit menschlichen Wohnungen zu schmücken.
Die Frau des Riesen brauchte nicht lange zu warten; nach wenigen Augenblicken ertönten feste Schritte vor dem Hause, und der Wanderer, den der Riese auf dem Pfad gesehen hatte, riß die Tür auf und trat in die Stube. Er blieb jedoch nicht an der Tür stehen, wie sonst die umherziehenden Leute zu tun pflegen, sondern ging geradeswegs auf die Frau zu, die auf der entgegengesetzten Seite des Saals an der Giebelwand saß. Aber wie merkwürdig! Als er meinte, nun habe er ein ordentliches Stück zurückgelegt, war er erst eine ganz kleine Strecke von der Tür entfernt, und es war noch weit bis zur Feuerstelle, die sich mitten in der Stube befand. Der Fremde machte längere Schritte; aber nachdem er wieder eine Weile gegangen war, kam es ihm vor, als sei die Frau und auch die Feuerstelle noch weiter entfernt als bei seinem Eintritt. Im Anfang war ihm das Haus gar nicht besonders groß vorgekommen, und er merkte erst, wie groß es war, als er die Feuerstelle schließlich erreicht hatte; denn da war er so müde, daß er sich auf seinen Stab stützen und ausruhen mußte. Als die Frau des Riesen sah, daß er stehen blieb, legte sie die Kunkel weg, stand von der Bank auf und war mit wenigen Schritten neben ihm.
>Wir Riesen haben große Stuben gern,< sagte sie, >und mein Mann beklagt sich oft darüber, wie enge es hier sei. Aber für jemand, der keine größeren Schritte machen kann als du, muß es sehr anstrengend sein, das Zimmer eines Riesenhauses zu durchschreiten, das begreife ich recht wohl. Laß mich nun wissen, wer du bist und was du von den Riesen willst?<
Augenscheinlich lag dem Wanderer eine heftige Antwort auf der Zunge; aber er wollte sich ohne Zweifel mit einer Frau nicht in Streit einlassen, denn er antwortete ganz ruhig: >Mein Name ist Handfest, und ich bin ein Recke, der manches Abenteuer bestanden hat. Nun habe ich das ganze Jahr daheim auf meinem Hof gesessen und hatte mich schon gefragt, ob es denn gar nichts mehr für mich zu tun gebe, als ich die Menschen sagen hörte, ihr Riesen sorgtet gar zu schlecht für das Land hier oben, so daß es außer euch niemand hier aushalten könne. Da habe ich mich flugs aufgemacht, um mit deinem Manne über diese Sache zu sprechen und ihn zu fragen, ob er nicht für eine bessere Ordnung hier Sorge tragen wolle.<
>Mein Mann ist auf der Jagd,< sagte die Frau, >und wenn er nach Hause kommt, wird er dir selbst Antwort auf deine Fragen geben. Aber das will ich dir doch sagen: wer mit solchen Fragen zu einem Bergriesen kommt, müßte eigentlich ein größerer Mann sein als du. Es wäre gewiß am besten für deinen guten Ruf, wenn du dich gleich wieder aus dem Staube machtest, ohne mit dem Riesen zusammengetroffen zu sein.<
>O nein, da ich nun einmal gekommen bin, will ich auch auf ihn warten,< erwiderte der Mann, der sich Handfest genannt hatte.
>Ich habe dir nach meinem besten Wissen geraten,< sagte die Riesin, >tu nun eben, was du nicht lassen kannst. Setze dich indessen hier auf die Bank, dann will ich dir einen Willkommtrunk holen.<
Die Frau ergriff ein gewaltiges Methorn und begab sich damit in den hintersten Winkel der Stube, wo das Metfaß lag. Auch dieses kam dem Gaste nicht besonders groß vor; als aber die Frau den Zapfen herauszog, stürzte der Met mit so lautem Brausen in das Methorn, wie wenn ein Wasserfall ins Zimmer hereingerauscht käme. Das Horn war bald voll. Aber als die Frau den Zapfen wieder in das Faß hineinstecken wollte, kam sie nicht zustande damit; der Met schäumte wild hervor, riß ihr den Zapfen heraus und floß auf den Boden. Die Frau machte noch einen Versuch, den Zapfen wieder hineinzustecken, aber es mißlang ihr abermals. Da rief sie den Fremden zu Hilfe.
>Siehst du denn nicht, daß mir der Met ausläuft, Handfest? Komm her und steck den Zapfen in die Tonne!<
Der Gast eilte ihr sofort zu Hilfe; er nahm den Zapfen und versuchte, ihn in das Spundloch hineinzudrücken; aber der Met riß ihn wieder heraus, schleuderte ihn weit weg, schoß mit unverminderter Gewalt heraus und überschwemmte den Boden.
Handfest versuchte es ein Mal ums andre, den Zapfen hineinzustecken, aber es gelang ihm nicht, und schließlich warf er den Zapfen weg. Der ganze Boden war nun mit Met bedeckt, und damit man doch wenigstens im Zimmer sein konnte, zog der Fremde tiefe Furchen, in denen der Met fließen konnte. Er machte in dem harten Felsengrund Rinnen, wie Kinder im Frühling durch den Sand Furchen ziehen, damit das Schneewasser ablaufen kann, und da und dort stampfte er mit dem Fuße tiefe Löcher, in denen die Flüssigkeit sich sammeln konnte. Die Frau sah ganz ruhig zu; und wenn der Gast aufgeschaut hätte, würde er entdeckt haben, daß sie seiner Arbeit verwundert und auch entsetzt zusah.
Aber als er fertig war, sagte sie spöttisch: >Ich danke dir schön, Handfest. Ich sehe, du tust, was in deiner Macht steht. Sonst hilft mir mein Mann, den Zapfen einzusetzen; aber es kann ja nicht jedermann so stark sein wie er. Da du nun dies nicht tun kannst, wäre es wohl am besten für dich, wenn du gleich jetzt deines Weges zögest.<
>Ich gehe nicht, ehe ich mein Vorhaben ausgeführt habe,< sagte der Fremde, aber er sah beschämt und niedergeschlagen dabei aus.
>Dann setze dich dort auf die Bank,< sagte die Frau. >Ich will den Kessel aufs Feuer stellen und dir einen Teller Grütze kochen.<
Sie tat, wie sie gesagt hatte; als aber die Grütze beinahe fertig war, wendete sie sich an den Gast und sagte: >Ich sehe eben, daß ich fast kein Mehl mehr habe, um die Grütze gehörig dick zu machen. Meinst du, du seiest stark genug, die Mühle zu drehen, die dort neben dir steht; ein paar Drehungen genügen schon, und es ist Korn zwischen den Steinen. Du mußt jedoch deine ganze Kraft zusammennehmen, denn die Mühle geht nicht gerade leicht.<
Der Gast ließ sich nicht lange bitten, sondern suchte die Handmühle zu drehen. Sie kam ihm nicht besonders groß vor; als er aber den Griff erfaßt hatte und den Stein im Kreise herumdrehen wollte, ging sie so schwer, daß er sie nicht bewegen konnte; er wendete seine ganze Kraft auf, brachte aber trotz aller Mühe die Mühle nur ein einziges Mal im Kreise herum.
Mit stummer Verwunderung sah die Riesenfrau zu, während er sich abmühte; und als er die Mühle losließ, sagte sie: >Ja, ich bin von meinem Mann her freilich bessere Hilfe gewöhnt, wenn die Mühle nicht gehen will. Aber es kann ja niemand von dir fordern, daß du mehr tun sollst, als deine Kraft vermag; du wirst jetzt aber doch wohl selbst einsehen, daß es am besten für dich wäre, wenn du nicht mit dem zusammen träfest, der auf dieser Mühle mahlen kann, soviel er Lust hat.<
>Trotzdem habe ich im Sinne, auf ihn zu warten,< erwiderte Handfest ganz leise und sanft.
>Nun, dann setze dich dort auf die Bank, während ich ein Bett für dich zurecht mache,< sagte die Frau; >denn in diesem Falle wirst du hier übernachten müssen.<
Sie richtete ihm aus vielen Kissen und Decken ein Lager her und wünschte ihm gute Nacht. >Du wirst das Bett ziemlich hart finden,< sagte sie, >aber mein Mann liegt jede Nacht auf so einem Lager.<
Als Handfest sich nun in dem Bett behaglich ausstrecken wollte, fühlte er so viel Unebenheiten und Vertiefungen unter sich, daß von Schlafen keine Rede sein konnte; er wälzte und drehte sich von einer Seite auf die andere, konnte aber durchaus nicht einschlafen. Schließlich warf er in hellem Zorn ein Kissen dahin und ein Polster dorthin, und dann schlief er ruhig bis zum Morgen.
Als die Sonne durch die Dachluke herein schien, stand er auf und verließ das Haus der Riesen. Er ging über den Hofplatz und durch die Pforte; als er jedoch diese wieder hinter sich zumachte, stand plötzlich die Frau des Riesen neben ihm.
>Ich sehe, du willst nun doch deiner Wege gehen, Handfest,< sagte sie, >und das ist gewiß auch das klügste, was du tun kannst.<
>Wenn dein Mann in einem solchen Bett schlafen kann, wie du mir für diese letzte Nacht bereitet hast,< sagte Handfest mißmutig, >dann will ich mich nicht mit ihm einlassen, denn dann muß er ein Mann von Eisen sein, mit dem es niemand aufnehmen kann.<
Die Riesin lehnte an der Pforte. >Jetzt, wo du außerhalb meines Hofes bist, Handfest,< sagte sie, >will ich dir doch sagen, daß deine Reise zu uns Riesen durchaus nicht so unehrenvoll für dich abgelaufen ist, wie du selbst zu denken scheinst. Es ist gar nicht merkwürdig, daß du den Weg durch meine Stube lang fandest; da bist du über die ganze Hochebene, die Jämtland genannt wird, hingegangen. Desgleichen war es auch nicht verwunderlich, daß du den Zapfen nicht in das Faß hinein brachtest, denn aus dem Faß ist dir alles Wasser entgegengeströmt, das von den Schneebergen herabläuft. Und als du das Wasser auf dem Boden in Rinnen leitetest, hast du Furchen und Vertiefungen geschaffen, die jetzt Flüsse und Seen sind. Es war kein geringer Beweis deiner Stärke, daß du die Mühle einmal im Kreise herumgebracht hast, denn zwischen den Steinen war kein Korn, sondern Kalksteine und Schiefer, und mit der einen Drehung hast du soviel gemahlen, daß die ganz Hochebene mit guter fruchtbarer Erde bedeckt worden ist. Daß du in dem Bett, das ich dir zurecht gemacht habe, nicht hast liegen können, verwundert mich auch nicht; denn ich habe große eckige Berggipfel hineingelegt; diese hast du nun über das halbe Land hingeschleudert, und vielleicht sind dir die Menschen dafür nicht so dankbar wie für das andere, was du getan hast. Ich sage dir jetzt Lebewohl und verspreche dir, daß ich und mein Mann von hier fortziehen werden an einen Ort, wo du uns nicht so leicht aufsuchen kannst.<
Der Wanderer hörte dies alles mit wachsendem Zorne an, und als die Riesenfrau ausgesprochen hatte, griff er nach dem Hammer, den er in seinem Gürtel trug. Aber ehe er ihn herausziehen konnte, war die Frau verschwunden, und da, wo das Haus der Riesen gestanden hatte, war nichts mehr zu sehen als eine graue Bergwand. Aber was nicht verschwunden war, das waren die mächtigen Flüsse und Seen, denen Handfest auf der Hochebene einen Weg geschaffen, sowie das fruchtbare Erdreich, das er gemahlen hatte. Nicht verschwunden waren außerdem noch die prächtigen Berge, die dem Jämtland seine Schönheit verleihen und allen denen, die es besuchen, Kraft und Gesundheit, Freude, Mut und Lebenslust schenken; deshalb ist wohl auch von allen Taten, die Asa-Thor vollbracht hat, keine lobenswerter als die, welche er in jener Nacht ausführte, als er Felsenmassen hinausschleuderte, vom Frostviksgebirge im Norden bis zum Helagsberg im Süden, von den Ovikshöhen bis jenseits des Storsee, ja bis zu den Sylarna, den hohen Bergen an der Reichsgrenze.«