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22. Die Geschichte von Karr und Graufell…

Part 3 of 6 · Selma Lagerlöf · Public domain text

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Source: Project Gutenberg e-text #31114, public domain in the United States · text not rewritten or summarized · How RedLectern is built

 

Contents (56)
  1. Opening about 1 min
  2. 1. Der Junge about 25 min
  3. 2. Akka von Kebnekajse about 26 min
  4. 3. Das Leben der Wildvögel about 19 min
  5. 4. Haus Glimminge about 20 min
  6. 5. Der große Kranichtanz auf dem Kullaberg about 14 min
  7. 6. Im Regenwetter about 9 min
  8. 7. Die Treppe mit den drei Stufen about 6 min
  9. 8. Am Ronnebyfluß about 14 min
  10. 9. Karlskrona about 13 min
  11. 10. Die Reise nach Öland about 7 min
  12. 11. Die Südspitze von Öland about 13 min
  13. 12. Der große Schmetterling about 6 min
  14. 13. Die Kleine Karlsinsel about 18 min
  15. 14. Zwei Städte about 18 min
  16. 15. Die Sage von Småland about 8 min
  17. 16. Die Krähen about 28 min
  18. 17. Die alte Bauernfrau about 17 min
  19. 18. Von Taberg nach Huskvarna about 6 min
  20. 19. Der große Vogelsee about 26 min
  21. 20. Die Wahrsagung about 8 min
  22. 21. Der Rock aus Drillich und Samt about 5 min
  23. 22. Die Geschichte von Karr und Graufell about 53 min
  24. 23. Der schöne Garten about 20 min
  25. 24. In Närke about 25 min
  26. 25. Der Eisgang about 6 min
  27. 26. Die Teilung about 7 min
  28. 27. Im Bergwerkdistrikt about 7 min
  29. 28. Der Eisenhammer about 21 min
  30. 29. Der Dalälf about 14 min
  31. 30. Der Bruderteil about 24 min
  32. 31. Walpurgisnacht about 15 min
  33. 32. Vor den Kirchen about 4 min
  34. 33. Die Überschwemmung about 17 min
  35. 34. Die Sage von Uppland about 7 min
  36. 35. In Uppsala about 24 min
  37. 36. Daunenfein about 16 min
  38. 37. Stockholm about 22 min
  39. 38. Der Adler Gorgo about 16 min
  40. 39. Über Gästrikland hin about 11 min
  41. 40. Ein Tag in Hälsingeland about 22 min
  42. 41. In Medelpad about 9 min
  43. 42. Ein Morgen in Ångermanland about 14 min
  44. 43. Västerbotten und Lappland about 21 min
  45. 44. Das Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats about 26 min
  46. 45. Bei den Lappen about 19 min
  47. 46. Gen Süden! Gen Süden! about 22 min
  48. 47. Die Sage vom Härjedal about 15 min
  49. 48. Wärmland und Dalsland about 10 min
  50. 49. Ein kleiner Herrenhof about 16 min
  51. 50. Das Gold auf der Schäre about 12 min
  52. 51. Silber im Meer about 8 min
  53. 52. Ein großer Herrenhof about 30 min
  54. 53. Die Reise nach Vemmenhög about 5 min
  55. 54. Bei Holger Nilssons about 15 min
  56. 55. Der Abschied von den Wildgänsen about 8 min

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22. Die Geschichte von Karr und Graufell

Der Kolmården

Nördlich von Bråviken, gerade an der Grenze zwischen Ostgötland und Sörmland liegt ein Berg, der mehrere Meilen lang und über eine Meile breit ist. Wenn er auch ebenso hoch wie lang und breit wäre, dann wäre er der schönste Berg, den man sich nur denken könnte; aber er ist nun eben nicht so hoch.

Ab und zu trifft man wohl ein Gebäude, das von Anfang an so groß angelegt wurde, daß der Eigentümer es nicht ausbauen konnte. Wenn man ganz nahe herankommt, sieht man dicke Grundmauern, starke Gewölbe und tiefe Keller, aber gar keine Außenwände und keine Dächer, das Ganze erhebt sich nur ein paar Fuß hoch über der Erde; nun, beim Anblick des eben genannten Grenzberges muß man unwillkürlich an so ein verlassenes Bauwerk denken, denn er sieht fast aus, als sei er gar kein fertiger Berg, sondern nur die Grundlage für einen Berg. Mit steil abfallenden Hängen ragt er aus der Ebene empor, und nach allen Seiten sind große Felsmassen aufgetürmt, die aussehen, als wären sie dazu bestimmt gewesen, mächtige, hohe Felsenhallen zu tragen. Alles ist gewaltig und großartig und riesenmäßig angelegt, aber es hat keine richtige Höhe, keinen richtigen Stil. Der Baumeister muß der Sache überdrüssig geworden sein und sie aufgegeben haben, ehe er die steilen Felsenwände und die spitzigen Gipfel und scharfen Kuppen aufgeführt hatte, die sonst wie Mauern und Dächer auf den fertig gebauten Bergen stehen.

Aber gleichsam als Ersatz für die Gipfel und Felsenkuppen ist der große Berg von jeher mit prächtigen Bäumen bestanden gewesen. Eichen und Linden wuchsen am Saum des Waldes und in den Tälern, Birken und Erlen um den See herum, Tannen droben auf den steilen Terrassen, Fichten aber überall, wo sich nur eine Handvoll Erde fand, in der sie Wurzel schlagen konnten. Alle diese Bäume miteinander bildeten den in alten Zeiten so gefürchteten großen Wald von Kolmården, der so verrufen war, daß jeder Wanderer, der hindurch mußte, seine Seele Gott befahl und seines letzten Stündchens gewärtig war.

Jetzt ist es freilich schon so lange her, seit der Wald von Kolmården heranwuchs, daß niemand mehr imstande wäre, uns zu sagen, wie er allmählich so wurde, wie er heute ist. Im Anfang mußten sich die Bäume wohl ordentlich wehren, bis sie in dem harten Felsengrund Wurzel geschlagen hatten, und sie wurden darum so wetterfest, weil sie zwischen nackten Felsblöcken stehen und ihre Nahrung aus den magern Schutthalden ziehen mußten. Es ging ihnen wie so manchem Menschen, der sich in seiner Jugend schwer durchkämpfen muß, aber gerade dadurch später groß und stark wird. Als der Wald herangewachsen war, hatte er Bäume, die drei Mann kaum umspannen konnten; die Zweige waren zu einem undurchdringlichen Netzwerk verflochten, und der Boden ringsherum war von harten, glatten Wurzeln durchwoben. Der Wald war ein herrlicher Aufenthaltsort für wilde Tiere und für Räuber, die es verstanden, hindurchzukriechen und sich einen Weg durch die Wildnis zu bahnen. Aber für andre Wesen hatte dieser Wald nichts Verlockendes; er war kalt und düster, unwegsam und unzugänglich, voll stachligen Gestrüpps, und die alten Bäume mit ihren bärtigen Zweigen und moosbewachsenen Stämmen sahen aus wie wilde Spukgestalten.

In der ersten Zeit, wo sich die Menschen in Sörmland und Ostgötland niederließen, war ringsum beinahe nichts als Wald, der aber in den fruchtbaren Tälern und auf den Ebenen bald ausgerottet wurde. Den Kolmårder Wald dagegen, der auf magerem Felsengrund stand, nahm sich niemand die Mühe zu fällen. Und je länger er unberührt stehen bleiben durfte, desto dichter und mächtiger wuchs er heran, bis er schließlich eine Festung bildete, deren Mauern von Tag zu Tag dicker wurden; wer da hindurchdringen wollte, mußte die Axt zu Hilfe nehmen.

Andre Wälder müssen oft Angst vor den Menschen haben, aber bei dem Kolmårder Walde war es gerade umgekehrt, da waren es die Menschen, die sich fürchten mußten, denn er war so dunkel und dicht, daß die Jäger und Besenbinder sich immer wieder darin verirrten und oft halb verhungerten, bis sie sich endlich aus der Wildnis herausgearbeitet hatten. Und für die Leute, die von Ostgötland nach Sörmland oder umgekehrt reisen mußten, war dies ein geradezu lebensgefährliches Unternehmen. Auf schmalen Tierpfaden mußten sie sich mühselig durcharbeiten; denn die Grenzbevölkerung war nicht einmal imstande, einen gebahnten Weg durch den Wald zu unterhalten. Es führten weder Brücken über die Bäche, noch Fähren über die Seen, oder Baumstämme über die Moore. Und im ganzen Walde war nirgends eine Hütte, wo friedliche Menschen wohnten, während es Räuberhöhlen und Schlupfwinkel für die wilden Tiere in Menge gab. Nicht viele Reisende kamen unbeschädigt durch den Wald hindurch; aber um so mehr stürzten in Abgründe und versanken in Sümpfen, wurden von Räubern ausgeplündert, oder von wilden Tieren zu Tode gejagt. Selbst die Ansiedler, die am Rande des großen Waldes wohnten und sich nie hineinwagten, litten Schaden durch ihn, denn Wölfe und Bären drangen heraus und raubten ihnen das Vieh. Solange sich die wilden Tiere in dem dichten Kolmården verstecken konnten, war es ganz und gar unmöglich, sie auszurotten.

Soviel war sicher, sowohl die Ostgötländer als die Sörmländer wären den Wald mit Freuden losgewesen; aber das ging eben sehr langsam, solange es noch anderweitig fruchtbaren Boden gab. Allmählich aber rückte man doch vor; an den Abhängen rings um den dichten Urwald entstanden Dörfer und Bauernhöfe, der Wald wurde einigermaßen befahrbar gemacht, und bei Krokek mitten in der dichtesten Wildnis, bauten Mönche ein Kloster, wo die Reisenden einen sicheren Zufluchtsort fanden.

Immerhin verblieb der Wald auch fernerhin eine wilde, gefährliche Gegend, bis eines schönen Tages ein Wanderer, der ganz ins Herz hineingedrungen war, durch Zufall entdeckte, daß der Kolmårder Berg in seinem Innern Erzlager barg. Sobald dies bekannt wurde, strömten die Grubenarbeiter und Bergleute in den Wald, die Schätze zu heben. Und nun kam die Zeit, in der die Macht des Waldes gebrochen wurde; die Menschen warfen Gruben auf und bauten Schmelzöfen und Bergwerke in dem alten Walde. Doch dies allein hätte ihm nicht ernstlich geschadet, wenn bei dem Bergwerkbetrieb nicht auch so ungeheuer viel Brennmaterial verbraucht worden wäre. Kohlenbrenner und Holzfäller hielten ihren Einzug in dem alten düstern Urwald, und sie machten ihm nahezu den Garaus. Um die Bergwerke herum wurde er ganz niedergehauen und der ausgerodete Boden in Ackerland verwandelt. Viele Ansiedler zogen hinauf, und bald entstanden da, wo vor kurzem noch nichts als Bärenhöhlen gewesen waren, mehrere neue Dörfer mit Kirchen und Pfarrhöfen.

Selbst an den Stellen, wo man den Wald nicht vollständig ausgerottet hatte, wurden die alten Baumriesen gefällt und das Dickicht gelichtet. Nach allen Richtungen wurden Wege angelegt und die wilden Tiere und Räuber verjagt. Als die Menschen so allmählich Herr über den Wald geworden waren, handelten sie sehr schlecht gegen ihn; ohne eine Spur von Rücksicht wurden die Bäume gefällt und Kohlen daraus gebrannt. Sie hatten ihren alten Haß gegen den Wald nicht vergessen, und nun sah es aus, als wollten sie ihn ganz und gar von der Erde vertilgen.

Zum Glück für den Wald fand sich schließlich gar nicht so sehr viel Erz in den Kolmårder Gruben. Deshalb nahmen die Grubenarbeit und der Bergwerkbetrieb bald wieder ab. Dann hörte auch das Kohlenbrennen auf, und der Wald konnte ein wenig aufatmen. Viele von den Leuten, die sich in den Kolmårder Ortschaften niedergelassen hatten, wurden arbeitslos und konnten sich nur schwer durchbringen; der Wald aber wuchs wieder heran und breitete sich von neuem aus, daß die Höfe und Bergwerke schließlich wie Inseln in einem grünen Meere dalagen. Die Kolmårder Bewohner versuchten es nun mit dem Ackerbau, aber ohne besonderen Erfolg; der alte Waldboden wollte lieber Königseichen und Riesentannen hervorbringen, als Rüben und Getreide.

Zu der Zeit betrachteten die Menschen den Wald mit düstern Blicken; der Wald schien immer kräftiger und üppiger zu werden, während sie selbst ärmer und immer ärmer wurden. Aber schließlich fiel ihnen ein, es könnte doch möglicherweise an dem Walde selbst etwas Gutes sein. Vielleicht könnten sie gerade durch ihn ihr Auskommen finden; eines Versuches müßte es doch jedenfalls wert sein.

So begannen die Leute denn Balken und Bauholz aus dem Walde zu holen und sie dann an die Tieflandbewohner, die ihren Wald schon ganz gefällt hatten, zu verkaufen. Und die Menschen erkannten bald, daß sie, wenn sie einigermaßen vernünftig zu Werke gingen, ihr Auskommen ebensogut vom Walde als von den Äckern und den Erzgruben haben könnten. Von da an sahen die Menschen den Wald mit ganz andern Augen an. Sie lernten es, schonend mit ihm umzugehen und ihn zu lieben. Jetzt vergaßen sie auch die alte Feindschaft und betrachteten fortan den Wald als ihren besten Freund.

Karr

Ungefähr zwölf Jahre, ehe Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog, geschah es, daß einer der Bergwerkbesitzer von Kolmården einen seiner Jagdhunde los sein wollte. Er ließ seinen Waldhüter kommen und sagte ihm, es sei ihm unmöglich, den Hund zu behalten, weil man diesem nicht abgewöhnen könne, alle Schafe und Hühner zu jagen, die er erblicke; deshalb solle der Waldhüter den Hund mit sich nehmen und draußen im Walde erschießen.

Der Waldhüter band dem Hund einen Strick um den Hals, um ihn an einen bestimmten Platz im Walde zu führen, wo man die alten Hunde vom Herrenhofe erschoß und vergrub. Der Waldhüter war ein guter Mensch, aber er war doch froh, daß der Hund erschossen werden sollte, denn es war ihm wohlbekannt, daß dieser Hund auch noch auf andres Wild Jagd machte, als auf Schafe und Hühner. Sehr häufig trieb er sich im Wald herum und stibitzte bald ein Häschen, bald einen jungen Auerhahn.

Es war ein kleiner schwarzer Hund mit einer gelben Brust und gelben Vorderpfoten. Er hieß Karr und war so klug, daß er alles verstehen konnte, was die Menschen sagten. Als nun der Waldhüter mit ihm durch den Wald zog, wußte Karr recht wohl, was seiner wartete. Aber das hätte ihm beileibe niemand ansehen können. Er ließ nicht den Kopf hängen und kniff auch nicht den Schwanz ein, sondern sah ganz ebenso unbekümmert aus wie sonst.

Wir werden gleich sehen, warum der Hund sich so viele Mühe gab, niemand merken zu lassen, daß er Angst hatte. Rings um das alte Bergwerk herum erstreckte sich nämlich ein großer dichter Wald, der allen Bewohnern der Umgegend und den Tieren recht wohl bekannt war, denn der Eigentümer des Waldes hatte diesem seit einer Reihe von Jahren die größte Schonung angedeihen lassen; kaum Brennholz hatte gefällt werden dürfen, ja, man hatte nicht einmal gewagt, ihn zu lichten, sondern hatte ihn einfach wachsen lassen, wie er wollte. Aber ein Wald, der auf solche Weise behütet wird, mußte selbstverständlich ein beliebter Zufluchtsort für die Tiere werden, und so hatten sich diese auch sehr zahlreich da niedergelassen. Unter sich nannten die Tiere den Wald den »Friedenswald«, und sie betrachteten ihn als den allerbesten Zufluchtsort im ganzen Lande.

Während der Hund nun an dem Strick durch den Wald geführt wurde, fiel ihm ein, wie sehr er von allen kleinen Tieren, die hier wohnten, gefürchtet war.

»Ei, Karr, denk dir, was das für eine Freude hier ringsum im Walde wäre, wenn sie wüßten, was deiner wartet!« dachte er. Aber er wedelte mit dem Schwanze und stieß ein fröhliches Bellen aus, damit doch ja niemand denke, er fürchte sich und sei niedergeschlagen.

»Welches Vergnügen hätte ich denn im Leben, wenn ich nicht ab und zu einmal auf die Jagd gehen könnte!« sagte er. »Bereue, wer Lust hat, ich tus gewiß nicht!«

Aber in demselben Augenblick, wo der Hund dies sagte, ging eine sonderbare Veränderung mit ihm vor. Er streckte den Kopf und Hals vor, als hätte er am liebsten laut hinausgeheult; auch lief er jetzt nicht mehr neben dem Forstwart her, sondern hielt sich hinter ihm. Offenbar war dem guten Karr etwas Unangenehmes eingefallen.

Der Sommer war jetzt angebrochen, die Elchkühe hatten vor kurzem ihre Jungen zur Welt gebracht, und am vorhergehenden Abend war es Karr gelungen, ein kaum fünf Tage altes Elchkälbchen von seiner Mutter weg und auf ein Moor hinauszutreiben. Da hatte er das Kälbchen zwischen den Rasenhügeln umhergejagt, nicht eigentlich, um es zu fangen, sondern um sich an dessen Angst zu ergötzen. Die Elchmutter wußte, daß das Moor jetzt, so kurz nach dem Auftauen des gefrorenen Bodens, grundlos war und noch kein großes Tier tragen konnte. Sie blieb deshalb am Rande stehen, solange sie es aushalten konnte; als aber Karr das Kälbchen immer weiter hinaustrieb, ging die Elchkuh plötzlich auch aufs Moor hinaus, jagte den Hund weg, nahm das Kälbchen an sich und ging mit ihm wieder dem Lande zu. Die Elentiere schreiten viel geschickter als andre Tiere über schwankenden gefährlichen Grund hin, und es sah aus, als würde es der Elchkuh gelingen, den festen Boden wieder zu erreichen. Aber als sie schon ganz dicht am Lande angelangt war, rutschte ein Rasenhügel, auf den sie den Fuß gesetzt hatte, plötzlich in den Sumpf hinein, und sie selbst sank mit. Sie gab sich alle Mühe, wieder herauszukommen, konnte aber nirgends festen Fuß fassen, und so sank sie immer tiefer hinein. Karr stand unbeweglich da und wagte kaum zu atmen, und als er merkte, daß die Elchkuh sich nicht allein heraushelfen konnte, lief er so schnell, als seine Füße ihn trugen, davon. Er hatte plötzlich an alle die Schläge denken müssen, die ihm zuteil werden würden, wenn es herauskäme, daß er die Elchkuh aufs Moor hinausgelockt hatte, und so wagte er vor lauter Angst nicht anzuhalten, bis er daheim angelangt war.

Dieses Erlebnis war unserm Karr vorhin eingefallen, und es quälte ihn jetzt mehr als alle andern lockeren Streiche, die er je ausgeführt hatte. Vielleicht kam es daher, weil er der Elchkuh und dem Kälbchen gar kein Leid hatte antun wollen, sondern ganz unabsichtlich schuld an ihrem Tode geworden war.

»Aber vielleicht sind die beiden noch am Leben,« dachte der Hund mit einem Male. »Sie waren ja noch nicht tot, als ich von ihnen weglief. Vielleicht sind sie doch noch herausgekommen.«

Karr bekam eine unwiderstehliche Lust, etwas darüber zu erfahren, solange er noch Zeit hatte. Er sah, daß der Waldhüter den Strick nicht besonders festhielt. Da machte er einen raschen Sprung zur Seite -- er kam wirklich los und rannte nun wie besessen in den Wald hinein und dem Moore zu; der Waldhüter hatte nicht einmal Zeit, die Flinte an die Wange zu legen, so schnell entschwand der Hund seinen Blicken.

Dem Waldhüter blieb nichts andres übrig, als hinter Karr herzulaufen, und als er an das Moor kam, stand der Hund ein paar Meter vom Rande entfernt auf einem Rasenhügel und heulte aus Leibeskräften. Der Waldhüter dachte, er müsse doch nachsehen, was das bedeute. Vorsichtig legte er die Flinte neben sich nieder und kroch auf allen vieren aufs Moor hinaus. Er war noch nicht weit gekommen, da sah er eine Elchkuh im Moor liegen und neben ihr ein Kälbchen. Die Kuh war tot, aber das Kälbchen lebte noch; es war aber ganz ermattet und konnte sich nicht rühren. Karr stand dicht daneben; bald bückte er sich nieder und leckte das Kälbchen, bald stieß er laute Klagetöne aus, um Hilfe herbeizurufen.

Der Waldhüter hob das Kälbchen auf und schleppte es ans Ufer. Als nun der Hund merkte, daß das Kälbchen gerettet würde, geriet er ganz außer sich vor Freude. Er sprang um den Waldhüter herum, leckte ihm die Hände und stieß ein fröhliches Bellen aus.

Der Waldhüter trug das Kälbchen nach Hause und legte es im Stall in einen Stand. Dann holte er Hilfe herbei, damit die tote Elchkuh aus dem Moor herausgezogen würde; und erst nachdem dies alles geschehen war, fiel ihm ein, daß er ja Karr hätte erschießen sollen. Er lockte den Hund, der die ganze Zeit über nicht von seiner Seite gewichen und ihm überall nachgelaufen war, und ging wieder mit ihm in den Wald hinein.

Der Waldhüter ging geradewegs nach dem Hundegraben; aber plötzlich schien er sich anders zu besinnen, denn er drehte wieder um und schlug den Weg nach dem Herrenhof ein.

Karr war ganz ruhig hinter ihm hergelaufen; aber als der Waldhüter umkehrte und den Weg nach seiner alten Heimstätte einschlug, wurde er unruhig. Ach, nun hatte der Waldhüter gewiß herausgefunden, daß Karr es gewesen war, der an dem Tode der Elchkuh schuld war, und nun führte er ihn nach dem Herrenhof, damit er dort noch vor seinem Tode seine Schläge bekäme!

Aber Schläge bekommen, das war das schlimmste, was Karr widerfahren konnte, und bei dieser Aussicht konnte er den Mut kaum noch aufrecht erhalten. Er ließ den Kopf hängen, und als die beiden den Herrenhof erreichten, sah Karr gar nicht auf, sondern tat, als erkenne er keinen Menschen.

Der gnädige Herr stand auf der Treppe, als der Waldhüter ankam.

»Was haben Sie denn da für einen Hund, Waldhüter?« fragte er. »Das ist doch wohl nicht unser Karr, der müßte doch schon längst erschossen sein?«

Der Waldhüter erzählte nun von den Elchen; Karr aber machte sich so klein wie nur möglich und verkroch sich hinter den Beinen des Forstwarts, damit man ihn nicht sehe.

Aber der Forstwart erzählte die Geschichte nicht so, wie Karr gedacht hatte. Er lobte Karr über die Maßen und sagte, der Hund habe offenbar gewußt, daß die Elche in Not gewesen seien, und habe sie retten wollen.

»Nun können der gnädige Herr mit dem Hund machen, was Sie wollen; ich kann ihn nicht erschießen,« sagte der Forstwart zum Schluß.

Der Hund richtete sich auf und horchte. Er wollte seinen Ohren nicht trauen, und obgleich er nicht zeigen wollte, wie groß seine Angst gewesen war, konnte er ein leises Bellen doch nicht unterdrücken. War es wirklich möglich, daß er das Leben behalten durfte, nur weil er so besorgt um die Elentiere gewesen war?

Der gnädige Herr fand auch, daß Karr sich gut benommen hatte; da er ihn aber unter keinen Umständen wieder auf dem Hofe haben wollte, wußte er nicht gleich, was er sagen sollte.

»Ja, wenn Sie ihn versorgen wollen, Waldhüter, und mir dafür einstehen, daß er sich künftig besser aufführt, dann mag er am Leben bleiben,« sagte er schließlich.

Der Waldhüter war bereit, Karr zu sich zu nehmen; und so kam Karr zu dem Waldhüter.

Graufells Flucht

Von dem Tage an, wo Karr zu dem Waldhüter kam, gab er das unerlaubte Jagen vollständig auf. Nicht allein, weil er einen so heilsamen Schrecken davongetragen hatte, sondern vielmehr, weil er nicht wollte, daß der Waldhüter böse auf ihn würde. Denn seit der Waldhüter ihm das Leben gerettet hatte, liebte er ihn über alles in der Welt. Karr hatte keinen andern Gedanken mehr, als seinem neuen Herrn überall nachzulaufen und auf ihn aufzupassen. Wenn dieser ausging, rannte Karr voraus und untersuchte den Weg, und wenn er daheim war, lag Karr vor der Tür und beobachtete alle Aus- und Eingehenden mit scharfem Auge.

Wenn im Waldhause alles ganz still war, wenn ringsum kein Schritt laut wurde und Karrs Herr sich an den jungen Bäumchen, die er in seinem Garten heranzog, zu schaffen machte, vertrieb sich Karr die Zeit damit, mit dem Elchkälbchen zu spielen.

Im Anfang hatte Karr gar keine Lust verspürt, sich mit dem Tiere abzugeben. Da er aber seinem Herrn auf Weg und Steg nachlief, kam er auch mit ihm in den Stall, und während dieser das Kälbchen mit Milch tränkte, saß Karr vor dem Stand und schaute zu. Der Waldhüter nannte das Kälbchen Graufell; er meinte, einen feineren Namen verdiene es nicht, und darin stimmte Karr mit seinem Herrn überein. So oft er das Kälbchen ansah, meinte er, seiner Lebtage noch nie etwas so Häßliches und Unförmliches gesehen zu haben. Das Kälbchen hatte lange schlotterige Beine, die wie lose Stelzen unter seinem Körper saßen. Der Kopf war sehr groß; er hatte ein geradezu greisenhaftes Aussehen und hing immer auf die eine Seite herunter. Die Haut saß runzelig auf dem Körper, als hätte das Tier einen Pelz an, der nicht für es gemacht worden war. Auch sah es immer gedrückt und mißmutig aus; aber merkwürdigerweise stand es stets schnell auf, sobald es Karr vor dem Stand erblickte, wie wenn es sich über den Anblick des Hundes freute.

Mit jedem Tag wurde das Elchkälbchen elender; es wuchs nicht, und schließlich konnte es sich nicht einmal mehr aufrichten, wenn es Karr sah. Einmal sprang der Hund zu ihm in den Stand hinein, und da leuchteten die Augen des Kälbchens auf, als sei ihm ein besonderer Wunsch in Erfüllung gegangen. Von dieser Zeit an besuchte Karr das Kälbchen jeden Tag; er blieb stundenlang bei ihm, leckte ihm den Pelz, spielte und scherzte mit ihm und teilte ihm dies und das mit, was ein Tier des Waldes wissen sollte.

Und es war merkwürdig, von dem Tag an, wo Karr auf den Gedanken kam, zu dem Kälbchen hineinzugehen, begann dieses zu wachsen und zu gedeihen. Als es dann erst ein wenig zu Kräften gekommen war, nahm es in wenigen Wochen ungeheuer zu, und schon nach kurzer Zeit hatte es keinen Platz mehr in dem kleinen Stand, sondern mußte in einem Gehege untergebracht werden. Und nach ein paar weiteren Monaten waren seine Beine so lang geworden, daß es mit Leichtigkeit über die Hecke hätte springen können.

Da bekam der Waldhüter von dem Gutsbesitzer die Erlaubnis, den Platz mit einem starken hohen Zaun einzufriedigen. Hier verbrachte das Tier mehrere Jahre und wuchs allmählich zu einem großen gewaltigen Elch heran. Karr leistete ihm Gesellschaft, so oft er konnte; aber jetzt geschah dies nicht mehr aus Mitleid, sondern weil sich eine warme Freundschaft zwischen den beiden gebildet hatte. Der Elch war noch immer niedergeschlagen und schien auch träge und energielos; aber Karr verstand es, seinen Freund munter und fröhlich zu machen.

Graufell hatte nun fünf Sommer bei dem Waldhüter verbracht; da wurde eines Tages von einem Zoologischen Garten im Ausland an den gnädigen Herrn die Anfrage gerichtet, ob er den Elch vielleicht verkaufen würde. Ja, das wollte der gnädige Herr gern. Dem Waldhüter tat es sehr leid; aber es hätte ja nichts genützt, wenn er sich gesträubt hätte, und so wurde denn der Verkauf des Tieres endgültig beschlossen. Karr erfuhr bald, was bevorstand, und lief mit der Nachricht eilends zu seinem Freunde hinaus. Der Hund war unglückselig, daß er Graufell verlieren sollte; aber der Elch nahm die Sache ganz ruhig auf und schien weder betrübt noch erfreut darüber zu sein.

»Willst du dich denn so ohne allen Widerstand fortschicken lassen?« fragte Karr.

»Was könnte es nützen, wenn ich mich auch wehren würde?« erwiderte Graufell. »Ich bliebe freilich am liebsten da, wo ich bin, aber wenn man mich verkauft, muß ich eben fort von hier.«

Karr stand vor Graufell und betrachtete ihn mit prüfenden Blicken. Man konnte gut sehen, daß der Elch noch nicht ganz ausgewachsen war. Seine Schaufeln waren noch nicht so breit und sein Höcker nicht so hoch und seine Mähne nicht so wild, wie die der ausgewachsene Elche, aber um sich seine Freiheit zu erkämpfen, dazu wäre er doch stark genug gewesen.

»Man merkt wohl, daß er sein Leben lang in der Gefangenschaft gewesen ist,« dachte Karr; aber er sagte nichts.

Erst nach Mitternacht kehrte der Hund in das Gehege zurück; er wußte, da hatte der Elch ausgeschlafen und war bei seiner ersten Mahlzeit.

»Es ist gewiß recht vernünftig von dir, daß du dich so ruhig in dein Schicksal findest, Graufell,« sagte Karr, der jetzt ganz beruhigt und vergnügt zu sein schien. »Du wirst in einem großen Garten eingesperrt werden und da ein sorgenfreies Leben haben. Aber weißt du, es wäre doch recht schade, wenn du von hier fortkämest, ohne vorher den Wald gesehen zu haben. Du weißt, deine Stammesgenossen haben den Wahlspruch: >Der Elch ist eins mit dem Walde<, und du bist noch nicht einmal in einem Walde gewesen.«

Graufell hob den Kopf von dem Klee, an dem er eben kaute. »Ich möchte den Wald wohl gern sehen, aber wie soll ich über den Zaun kommen?« sagte er mit seiner gewöhnlichen Trägheit.

»Nein, das ist wohl ganz unmöglich für einen, der so kurze Beine hat,« sagte Karr.

Der Elch schielte zu Karr hinüber, der trotz seiner Kleinheit jeden Tag mehrere Male über den Zaun sprang. Er trat an den Zaun, machte einen Sprung -- und war im Freien, beinahe ohne daß er wußte, wie es zugegangen war.

Nun wanderten die beiden in den Wald hinein. Es war eine wunderschöne mondhelle Sommernacht; aber drinnen unter den Bäumen war es dunkel, und der Elch ging mit vorsichtigen Schritten vorwärts.

»Es wäre vielleicht am besten, wenn wir umkehrten,« sagte Karr. »Du bist ja noch nie in solch einem wilden Walde gegangen und könntest dir leicht ein Bein brechen.«

Da begann Graufell plötzlich rascher und kecker vorwärts zu gehen.

Karr führte den Elch in den Teil des Waldes, wo mächtige Tannen wuchsen, die so dicht standen, daß nie ein Windhauch hindurchdrang. »Hier pflegen deine Stammesgenossen vor Sturm und Kälte Schutz zu suchen,« sagte Karr. »Und sie stehen hier den ganzen Winter hindurch unter freiem Himmel. Aber du bekommst es ja dort, wo du hinkommst, viel besser. Da hast du ein Dach über dem Kopf und stehst dann wie eine Kuh in einem Stalle.«

Graufell gab keine Antwort; er blieb stehen und zog den würzigen Tannenduft ein. »Hast du mir noch mehr zu zeigen, oder habe ich jetzt den ganzen Wald gesehen?« fragte er.

Da ging Karr mit ihm an ein großes Moor und zeigte ihm die Rasenhügel und das Bebemoor.

»Über dieses Moor hin fliehen die Elche, wenn ihnen Gefahr droht,« sagte Karr. »Ich weiß nicht, wie sie es machen, aber trotzdem sie so groß und schwer sind, können sie darauf gehen, ohne einzusinken. Du wüßtest dir gewiß auf so schwankem Grunde nicht zu helfen; aber du brauchst es ja auch gar nicht, denn du wirst nie von Jägern verfolgt werden.«

Graufell gab keine Antwort, aber mit einem großen Satz war er draußen auf dem Moor. Es war ihm eine Freude, als er fühlte, wie die Rasenhügel unter ihm schwankten. Er lief weit hinaus und kehrte zu Karr zurück, ohne ein einziges Mal eingesunken zu sein.

»Haben wir jetzt den ganzen Wald gesehen?« fragte er.

»Nein, noch nicht,« sagte Karr.

Jetzt ging er mit dem Elch an den Waldessaum, wo hohe Laubholzbäume wuchsen: Eichen, Espen und Linden.

»Hier pflegen deine Stammesgenossen Laub und Rinde zu fressen,« sagte Karr. »Sie halten dies für die beste Nahrung; aber im Ausland bekommst du jedenfalls viel besseres Futter.«

Graufell betrachtete verwundert die prächtigen Bäume, die sich wie grüne Kuppeln über ihm wölbten. Er kostete das Eichenlaub und die Espenrinde.

»Das schmeckt bitter und gut,« sagte er. »Es ist besser als Klee.«

»Dann kannst du dich ja freuen, daß du es einmal zu schmecken bekommen hast,« sagte der Hund.

Hierauf führte er den Elch an einen kleinen Waldsee. Das Wasser lag ganz still und glänzend da, und die von leichten Nebelschleiern halb verhüllten Ufer spiegelten sich darin. Als Graufell den See erblickte, blieb er unbeweglich stehen.

»Was ist das, Karr?« fragte er; denn er sah zum erstenmal einen See.

»Das ist ein großes Wasser, ein See,« sagte Karr. »Dein Geschlecht pflegt von einem Ufer zum andern hinüberzuschwimmen. Von dir kann man das freilich nicht verlangen; aber du solltest doch jedenfalls hineinsteigen und ein Bad nehmen.« Mit diesen Worten ging Karr selbst an den See hinunter und schwamm hinaus.

Graufell blieb ziemlich lange am Ufer stehen; schließlich aber stieg er doch in die Flut. Er hielt den Atem an vor Wohlbehagen, als das Wasser sich weich und kühl an seinen Körper anschmiegte. Er wollte es auch auf dem Rücken fühlen und ging deshalb weiter hinein. Da merkte er, daß das Wasser ihn trug, und nun fing er an zu schwimmen. Bald schwamm er lustig um Karr herum und war im Wasser wie zu Hause. Als die beiden wieder am Ufer angelangt waren, fragte der Hund, ob sie nun nach Hause gehen sollten.

»Ach, es ist noch lange bis zum Morgen, laß uns noch eine Weile im Walde umherstreifen!« sagte Graufell.

Sie gingen wieder in den Nadelwald hinein und erreichten bald einen freien Platz, der vom hellen Mondschein übergossen dalag. Auf den Gräsern und Blumen funkelten Tautropfen. Mitten auf der Waldwiese weideten ein paar große Tiere, ein Elchstier, mehrere Elchkühe und verschiedene Rinder und Kälber. Als Graufell diese Tiere erblickte, hielt er jäh an. Die Elchkühe und das Jungvieh beachtete er kaum; seine Augen waren unverwandt auf den alten Elchstier gerichtet, der ein breites Schaufelgeweih mit vielen Spitzen, einen mächtigen Höcker auf dem Rist und am Halse einen großen Mähnensack herunterhängen hatte.

»Was ist denn das für einer?« fragte Graufell, und seine Stimme bebte vor Erregung.

»Er heißt Hornkrone,« sagte Karr, »und ist dein Stammesgenosse. Solche breite Schaufeln und eine ebensolche Mähne bekommst du wohl eines Tages auch, und wenn du im Wald verbliebest, würdest du wohl auch der Anführer einer Herde.«

»Wenn der dort drüben mein Stammesgenosse ist, dann will ich näher treten und ihn betrachten,« sagte Graufell. »Ich hätte nie gedacht, daß ein Elchstier so stattlich sein könnte.«

Graufell ging zu den Elchen hin, kehrte aber fast augenblicklich wieder zu Karr zurück, der am Waldessaum stehen geblieben war.

»Bist du nicht freundlich aufgenommen worden?« fragte Karr.

»Ich sagte zu ihm, ich treffe hier zum erstenmal mit Stammesgenossen zusammen, und bat ihn, mich hier unter ihnen weiden zu lassen; aber er wies mich fort und drohte mir mit seinem Geweih.«

»Du hast wohl getan, daß du ihm ausgewichen bist,« sagte Karr. »Ein junger Stier, der noch kein Schaufelgeweih hat, muß sich vor einem Kampf mit alten Elchen hüten. Ein andrer hätte freilich einen schlechten Ruf im Walde bekommen, wenn er ohne Widerstand zurückgewichen wäre; aber das braucht dich nicht anzufechten, denn du begibst dich ja ins Ausland.«

Kaum hatte Karr diese Worte gesprochen, als Graufell sich auch schon wieder der Wiese zuwendete. Der alte Elch kam gerade auf ihn zu, und bald waren die beiden mitten im heftigsten Kampfe. Sie drangen mit den Geweihen aufeinander ein und stießen zu, und Graufell wurde über die ganze Wiese zurückgetrieben; er schien gar nicht zu verstehen, wie er seine Kraft gebrauchen sollte. Als er aber bis zum Waldessaum zurückgedrängt worden war, stemmte er die Füße fester auf den Boden, stieß heftig mit dem Geweih und begann nun seinerseits Hornkrone zurückzutreiben. Graufell kämpfte lautlos, aber Hornkrone keuchte und schnaubte. Nun wurde der alte Elch allmählich über die ganze Wiese zurückgedrängt. Plötzlich ertönte ein lautes Krachen. Von Hornkrones Geweih war die Spitze abgebrochen. Da riß er sich heftig von Graufell los und rannte in den Wald hinein.

Karr stand noch immer am Waldrand, als Graufell zu ihm zurückkehrte. »Jetzt hast du alles gesehen, was im Wald ist,« sagte er zu Graufell. »Sollen wir jetzt nach Hause gehen?«

»Ja, es wird wohl allmählich Zeit dazu,« sagte Graufell.

Auf dem Heimweg waren beide schweigsam. Karr seufzte mehrere Male, wie wenn er sich in etwas verrechnet hätte, Graufell aber schritt mit hoch erhobenem Kopf dahin und schien sich über sein Abenteuer zu freuen. Ohne das geringste Zögern ging er weiter, aber als er mit Karr vor seinem Gehege angekommen war, blieb er stehen. Er betrachtete den engen Raum, in dem er bisher sein Leben verbracht hatte, sah das festgetretene Erdreich, das verwelkte Futter, den kleinen Trog, aus dem er seinen Durst gelöscht, und den dunkeln Verschlag, wo er geschlafen hatte.

»Der Elch ist eins mit dem Walde!« rief er und warf den Kopf so weit zurück, daß sein Nacken auf dem Rücken lag; und dann stürmte er in wilder Flucht in den Wald hinein.

Hilflos

Tief drinnen in einem Fichtengehölz des alten Friedenswaldes zeigten sich jedes Jahr im August grauweiße Nachtschmetterlinge von der Art, die man Nonnen heißt. Sie waren klein, und es waren ihrer so wenige, daß sie fast von niemand bemerkt wurden. Nachdem diese Nonnen ein paar Nächte hindurch in dem Walde umhergeflattert waren, legten sie ein paar Tausend Eier auf die Baumstämme, und kurz darauf sanken sie leblos zu Boden.

Wenn dann der Frühling kam, krochen aus den Eiern kleine Raupen, die sich sogleich von Tannennadeln nährten. Sie hatten einen guten Appetit, konnten aber den Bäumen doch keinen ernstlichen Schaden zufügen, weil ihnen von den Vögeln hart zugesetzt wurde. Mehr als einige hundert Raupen entgingen den Verfolgern nur selten.

Die wenigen Raupen, die zu wirklichem Wachstum gelangten, krochen auf die Zweige hinauf, spannen sich in weiße Fäden ein und blieben ein paar Wochen lang unbeweglich auf einem Fleck sitzen. Während dieser Zeit wurde gewöhnlich mehr als die Hälfte von ihnen weggeschnappt. Wenn im August hundert Nonnen wohlbeschwingt und ausgewachsen im Walde umherflogen, so konnten sie sich zu einem guten Jahre gratulieren.

Viele Jahre lang führten die Nonnen ein solches unsicheres und unbemerktes Dasein im Friedenswalde. In der ganzen Gegend war kein einziges Insekt in so geringer Zahl vertreten. Und so harmlos und ungefährlich wären sie auch ferner geblieben, wenn ihnen nicht ganz unvermutet ein Helfer erstanden wäre.

Aber daß die Nonnen einen Helfer bekamen, das hing mit der Flucht des Elchs aus dem Waldhüterhause zusammen. Graufell wanderte nämlich den ganzen ersten Tag nach seiner Flucht im Walde umher, um darin heimisch zu werden. Gegen Abend drang er durch dichtes Buschwerk und fand dahinter einen offenen Platz, wo der Boden aus Moor und weichem Schlick bestand. In der Mitte war ein Tümpel schwarzen Wassers, und ringsherum standen hohe Fichten, die vor Alter und Saftlosigkeit fast gar keine Nadeln mehr hatten. Graufell gefiel der Platz gar nicht, und er hätte ihn sogleich wieder verlassen, wenn er nicht dicht bei dem Tümpel einige hellgrüne Kallablätter entdeckt hätte.

Als er den Kopf zu den Kallablättern herunterneigte, sah er eine große schwarze Schlange, die darunter lag und schlief. Der Elch hatte Karr von den giftigen Ottern erzählen hören, die es im Walde gäbe, und als das Gewürm den Kopf hob, seine gespaltene Zunge herausstreckte und ihn anzischte, da glaubte Graufell, er habe ein furchtbar gefährliches Tier vor sich. Er erschrak sehr, hob den Fuß auf, schlug mit dem Huf nach der Schlange und zertrat sie. Hierauf eilte er in wilder Flucht davon.

Sobald Graufell verschwunden war, tauchte eine andre, ebenso lange und ebenso schwarze Schlange aus dem Tümpel auf. Sie kroch zu der Getöteten hin und fuhr ihr mit der Zunge über den zerschmetterten Kopf.

»Ist es möglich, daß du tot bist, meine gute alte Harmlos?« zischte die Schlange. »Und wir beide haben so viele Jahre lang glücklich zusammen gelebt! Wir haben es gut beieinander gehabt, und es war so schön hier in dem Tümpel, daß wir älter wurden, als alle andern Nattern im Walde. Dies ist das bitterste Leid, das mich hätte treffen können.«

Die Natter war tiefbetrübt, ihr langer Körper ringelte sich, als ob er auch verwundet wäre. Selbst die Frösche, die in beständiger Angst vor ihr lebten, hatten Mitleid mit ihr.

»Welch ein böses Geschöpf muß doch das sein, das eine arme Natter totschlägt, die sich nicht wehren kann?« zischte die Schlange. »Diese Untat verdiente wahrhaftig eine ausgesucht harte Strafe.« Die Natter wand und krümmte sich eine Weile in ihrem Schmerz, aber plötzlich hob sie den Kopf. »So wahr ich Hilflos heiße und die älteste Natter im Walde bin, ich werde für diese Missetat hier Rache nehmen! Ich will nicht ruhen, bis der grausame Elch ebenso tot auf der Erde liegt, wie hier meine getreue Lebensgefährtin!«

Nachdem die Schlange dieses Gelübde abgelegt hatte, ringelte sie sich zu einem Knäuel zusammen und überlegte. Aber etwas Schwierigeres läßt sich wohl kaum ausdenken, als wie eine arme Natter sich an einem großen starken Elch rächen könnte, und der alte Hilflos überlegte zwei volle Tage und zwei Nächte hindurch, ohne einen Ausweg zu finden.

In einer Nacht jedoch, wo die Schlange noch schlaflos über ihren Rachegedanken brütete, hörte sie ein leichtes Rascheln über ihrem Kopfe, und als sie aufschaute, gewahrte sie einige schimmernde Nonnenschmetterlinge, die zwischen den Bäumen gaukelten. Sie sah ihnen lange zu, dann zischte sie laut vor sich hin, aber schließlich schlief sie, offenbar ganz zufrieden mit dem, was sie sich ausgedacht hatte, ein.

Am nächsten Vormittag begab sich die Natter zu Kryle, der Kreuzotter, die in einem steinigen, hochgelegenen Teil des Friedenswaldes wohnte. Dort angekommen, berichtete sie von dem Tod der alten Natter und stellte dann der Kreuzotter das Ansinnen, die Rache für sie auszuführen, weil sie so gefährliche Bisse versetzen könne. Aber Kryle war nicht sehr geneigt, sich mit den Elchen in Streit einzulassen.

»Wenn ich einen Elch anfallen würde,« sagte sie, »würde er mich auf der Stelle töten. Die alte Harmlos ist tot, und wir können sie mit aller Mühe nicht wieder ins Leben zurückrufen. Warum sollte ich mich da ihretwegen ins Unglück stürzen?«

Als die Natter diese Antwort vernahm, hob sie den Kopf einen vollen Fuß hoch vom Boden auf und zischte ganz entsetzlich. »Wisch, wasch! Wisch, wasch!« sagte sie. »Wie schade, daß jemand, der solche Waffen erhalten hat, zu feige ist, sie zu gebrauchen.«

Als die Kreuzotter dieses hörte, wurde sie auch zornig. »Krieche deines Weges weiter, alter Hilflos!« zischte sie. »Das Gift läuft mir schon in die Zähne; aber ich möchte dich lieber verschonen, da du ja doch als ein Stammesgenosse von mir betrachtet wirst.«

Aber die Natter rührte sich nicht; und eine gute Weile lagen die Schlangen, einander anzischend und sich gegenseitig Grobheiten ins Gesicht schleudernd, auf demselben Fleck. Als aber Kryle so zornig war, daß sie nicht mehr zischen, sondern nur noch züngeln konnte, schlug die Natter plötzlich einen andern Ton an.

»Ich hatte eigentlich noch einen zweiten Auftrag für dich,« sagte sie und ließ ihre Stimme zu einem sanften Flüstern sinken. »Aber jetzt hab ich dich wohl so erzürnt, daß du keine Lust mehr hast, mir zu helfen.«

»Wenn du nur nichts Unsinniges von mir verlangst, dann stehe ich dir gern zu Diensten.«

»In den Fichten bei meinem Wassertümpel,« sagte die Natter, »wohnt ein Schmetterlingsvolk, das in den Nächten des Spätsommers umherfliegt.«

»Ich weiß schon, welche du meinst,« sagte Kryle. »Was ist mit ihnen?«

»Sie sind das kleinste Insektenvolk,« sagte Hilflos, »und dazu auch das unschädlichste von allen, weil ihre Raupen sich von nichts als Tannennadeln ernähren.«

»Das weiß ich wohl,« sagte Kryle.

»Ich habe Angst, daß dieses Schmetterlingsvolk bald vollständig ausgerottet wird,« fuhr die Natter fort. »Im Frühjahr werden die Raupen von gar so vielen weggeschnappt.«

Nun verstand die Kreuzotter die Absicht der Natter. Diese wollte die Raupen offenbar für sich allein behalten, und so antwortete sie freundlich: »Soll ich den Eulen sagen, sie sollen diese Tannenraupen in Frieden lassen?«

»Ja, es wäre mir lieb, wenn du dieses auswirken könntest; du hast ja hier im Walde etwas zu sagen,« antwortete Hilflos.

»Vielleicht kann ich auch bei den Drosseln ein gutes Wort für die Nadelfresser einlegen,« sagte die Kreuzotter. »Ich tue dir gern einen Gefallen, wenn du nichts Unsinniges verlangst.«

»Jetzt hast du mir ein gutes Versprechen gegeben, Kryle,« sagte Hilflos, »und ich bin sehr froh, daß ich zu dir gekommen bin.«

Die Nonnen

Mehrere Jahre später schlief Karr eines Morgens auf dem Hausflur. Es war im Frühsommer, zur Zeit der kurzen Nächte, und tageshell, obgleich die Sonne noch nicht aufgegangen war. Da erwachte Karr davon, daß ihn jemand beim Namen rief. »Bist du es, Graufell?« fragte er; denn der Elch kam beinahe jede Nacht, ihn zu begrüßen. Karr erhielt keine Antwort, aber wieder hörte er, daß ihn jemand rief. Diesmal glaubte er Graufells Stimme deutlich zu erkennen, und er lief dem Tone nach.

Karr hörte, daß der Elch vor ihm herlief, konnte ihn aber nicht erreichen. Ohne auf Weg oder Steg zu achten, stürmte der Elch mitten durchs Dickicht hindurch in den dichtesten Nadelwald hinein, und Karr konnte die Spur nur mit großer Mühe verfolgen.

»Karr, Karr!« ertönte es wieder. Und die Stimme war sicher Graufells, aber mit einem Beiklang, den der Hund noch nie vernommen hatte.

»Ich komme, ich komme! Wo bist du?« antwortete Karr.

»Karr, Karr! Siehst du nicht, wie es fällt, fällt?« fragte Graufell.

Da sah Karr, daß von den Fichten unaufhörlich Nadeln herunterrieselten wie ein dichter Regen. »Ja, ich sehe, wie es fällt!« rief er, lief aber zugleich tiefer in den Wald hinein, den Elch zu finden.

Graufell eilte gestreckten Laufes durchs Gebüsch, und abermals hätte Karr fast die Spur verloren.

»Karr, Karr!« brüllte Graufell jetzt geradezu. »Merkst du nicht, wie es hier im Walde riecht?«

Karr blieb stehen und witterte. Es war ihm vorher nicht aufgefallen; aber jetzt merkte er, daß die Fichten einen viel stärkeren Duft ausströmten als gewöhnlich.

»Ja, ich rieche es auch,« sagte er, nahm sich aber gar nicht Zeit, herauszubringen, woher der Geruch komme, sondern eilte nur weiter hinter Graufell drein.

Abermals rannte der Elch in größter Eile davon; der Hund konnte ihn nicht einholen. »Karr, Karr!« rief er nach einer Weile wieder. »Hörst du nicht, wie es in den Bäumen knackt?« Und jetzt war Graufells Stimme so betrübt, daß es einen Stein hätte erbarmen können.

Karr hielt an und lauschte. Da hörte er ein schwaches, aber deutliches Knacken in den Bäumen; es klang wie das Ticken einer Uhr.

»Ja, ich höre, wie es knackt!« rief Karr; und diesmal lief er nicht weiter. Er fühlte, der Elch wollte nicht, daß er ihm folge, er wollte ihn auf etwas aufmerksam machen, das hier im Walde vorging.

Karr stand unter einer Fichte mit üppigen, schwer herabhängenden Zweigen und dicken dunkelgrünen Nadeln. Er betrachtete den Baum genau, und da war es ihm, als ob die Nadeln sich bewegten. Als er dann noch näher hinzutrat, entdeckte er eine Menge weißlichgrauer Raupen, die auf den Zweigen herumkrabbelten und die Nadeln fraßen. Jeder Zweig war bedeckt mit solchen Raupen, die nagten und fraßen; und es knackte in den Bäumen von allen den kleinen unermüdlichen Kiefern. Unaufhörlich fielen abgebissene Nadeln herunter, und der armen Fichte entströmte ein überwältigender Duft, den der Hund fast nicht aushalten konnte.

»Diese Fichte wird nicht viele von ihren Nadeln behalten dürfen,« dachte Karr und richtete seine Blicke auf den nächsten Baum. Auch dieser war eine große stattliche Fichte, aber sie sah genau so aus wie die andre. »Was das nur ist?« dachte Karr weiter. »Es ist schade um die stolzen Bäume, mit ihrer Schönheit wird es bald aus sein.« Er ging von Baum zu Baum und suchte herauszubringen, was eigentlich mit ihnen geschehen war. »Hier ist eine Edeltanne,« dachte er. »An diese haben sich die Raupen vielleicht nicht gewagt.« Aber auch diese Tanne war angegriffen. »Und hier eine Birke. Jawohl, auch hier, auch hier! Da wird der Waldhüter keine Freude daran haben,« dachte Karr.

Er lief weiter in den Wald hinein, um zu sehen, wie weit die Verheerung sich ausgedehnt hätte. Wohin er kam, ertönte dasselbe Ticken, verbreitete sich derselbe Geruch, fiel derselbe Nadelregen; Karr brauchte gar nicht mehr anzuhalten, um zu untersuchen, an diesen Zeichen erkannte er schon, wie die Sache stand. Die kleinen Raupen fanden sich überall. Der ganze Wald war in Gefahr, von ihnen kahl gefressen zu werden.

Plötzlich kam Karr in einen Waldstrich, wo ihm kein Geruch entgegenschlug und wo alles still und ruhig war. »Hier ist ihre Herrschaft zu Ende,« dachte der Hund, er hielt an und schaute sich um. Aber hier war es sogar noch schlimmer, hier hatten die Raupen ihre Arbeit schon beendigt, und die Bäume standen ohne Nadeln kahl da. Wie tot sahen sie aus, und das einzige, was sie bedeckte, war eine Menge verwirrter Fäden, die die Raupen gesponnen und als Brücken und Stege benützt hatten.

Hier drinnen unter den sterbenden Bäumen stand Graufell und wartete auf Karr. Aber er war nicht allein, neben ihm standen vier alte Elche, die angesehensten vom ganzen Walde. Karr kannte sie wohl. Da war Krummrück, ein kleiner Elch, aber mit einem größeren Höcker als alle andern, dann Hornkrone, der stattlichste des ganzen Elchvolkes, sowie Wirrmähne mit seinem dichten Pelz, und dann noch ein alter hochbeiniger, der Riesenkraft hieß und entsetzlich hitzig und streitsüchtig gewesen war, bis er bei der letzten Herbstjagd eine Kugel in den Schenkel bekommen hatte.

»Was in aller Welt geht denn hier im Walde vor?« fragte Karr, als er die Elche erreicht hatte, die mit gesenkten Köpfen und weit vorgeschobener Oberlippe dastanden und äußerst nachdenklich aussahen.

»Das weiß niemand,« antwortete Graufell. »Dieses Insektenvolk ist immer das schwächste im ganzen Walde gewesen und hat noch nie einen Schaden angerichtet; aber in den letzten Jahren hat es sich ungeheuer rasch vermehrt, und jetzt sieht es aus, als wäre es imstande, den ganzen Wald zu zerstören.«

»Ja, es sieht schlimm aus,« sagte Karr. »Aber wie ich sehe, sind die Weisesten des Waldes zusammengekommen, zu beraten, und sie haben vielleicht schon eine Hilfe ersonnen.«

Als der Hund dies sagte, hob Krummrück höchst feierlich seinen schweren Kopf, bewegte die langen Ohren und sagte: »Wir haben dich hierhergerufen, Karr, um von dir zu hören, ob die Menschen etwas von dieser Verheerung wissen?«

»Nein,« erwiderte Karr, »sie wissen nichts von dem Unglück; so tief in den Wald hinein kommt ja außer zur Jagdzeit nie ein Mensch.«

»Wir, die Alten hier im Walde,« nahm Hornkrone das Wort, »glauben nicht, daß wir Tiere allein über das Insektenvolk Herr werden können.«

»Dies halten wir jedoch fast für ein ebenso großes Unglück wie das andre,« sagte Wirrmähne. »Nun wird es bald aus sein mit dem Frieden im Walde.«

»Aber wir können doch nicht den ganzen Wald zugrunde gehen lassen,« sagte Riesenkraft. »Es bleibt uns durchaus keine Wahl.«

Karr fühlte, wie schwer es den Elchen wurde, mit ihrem Anliegen herauszurücken, und er versuchte ihnen zu helfen. »Meinet ihr vielleicht, ich solle es den Menschen zu wissen tun, wie es hier steht?« fragte er.

Da nickten alle die alten Elche mit den Köpfen. »Es ist ein schweres Unglück, daß wir von den Menschen Hilfe verlangen müssen, aber es gibt keinen andern Ausweg,« sagten sie.

Bald darauf war Karr auf dem Heimweg. Während er so tief bekümmert über alles, was er erfahren hatte, dahineilte, kam ihm eine große schwarze Natter entgegen. »Schön guten Tag hier im Walde!« zischte die Natter.

»Schön guten Tag!« bellte der Hund und eilte vorbei, ohne anzuhalten. Aber die Natter drehte um und versuchte, Karr einzuholen. »Vielleicht ist sie auch in Sorge um den Wald,« dachte Karr und blieb stehen.

Die Natter begann sogleich von der großen Verheerung zu reden. »Wenn aber die Menschen herbeigerufen werden, dann wird es mit der Ruhe und dem Frieden hier im Walde bald aus sein,« sagte sie.

»Das fürchte ich auch,« erwiderte Karr, »aber die Alten im Walde wissen wohl, was sie tun.«

»Ich könnte einen bessern Rat geben,« sagte die Natter. »Wenn ich nur den Lohn bekäme, den ich mir wünsche.«

»Bist du nicht das Tier, das man Hilflos heißt,« sagte der Hund verächtlich.

»Ich bin im Walde alt geworden,« erwiderte die Natter, »und ich weiß, wie solches Ungeziefer vertilgt werden muß.«

»Wenn du das könntest,« sagte Karr, »dann wird dir sicher niemand dein Verlangen weigern.«

Nachdem Karr dies gesagt hatte, schlüpfte die Schlange unter eine Baumwurzel, und erst, als sie wohlbeschützt in einem engen Loch lag, setzte sie die Unterredung fort. »Nun, dann grüße Graufell von mir,« rief sie, »und sag ihm, wenn er aus dem Friedenswalde fortziehen und nicht Rast machen wolle, bis er hoch in den Norden gezogen sei, wo keine Eiche mehr im Walde wächst, und auch versprechen wolle, nie wieder zurückzukehren, solange die Natter Hilflos lebt, dann werde der alte Hilflos über das Ungeziefer, das jetzt auf den Nadelholzbäumen herumkriecht und sich an ihren Nadeln mästet, Krankheit und Tod schicken.«

»Was sagst du da?« fragte Karr, während sich ihm vor Entsetzen die Haare auf dem Rücken sträubten. »Was hat dir denn Graufell zuleide getan?«

»Er hat die umgebracht, die ich am liebsten hatte,« antwortete die Schlange. »Und ich will mich an ihm rächen.«

Noch ehe die Natter ausgesprochen hatte, fuhr Karr auf sie los; aber sie lag wohlgeborgen unter der Baumwurzel.

»Bleib du nur da liegen, solang es dir gefällt!« rief Karr schließlich. »Wir werden auch ohne deine Hilfe Herr über die Tannenraupen werden.«

Am nächsten Tage ging der Gutsbesitzer mit dem Waldhüter durch den Wald. Karr lief im Anfang neben ihnen her, aber nach einer Weile verschwand er, und bald nachher ertönte ein heftiges Bellen aus der Tiefe des Waldes heraus. »Da ist Karr wieder auf der Jagd,« sagte der Gutsbesitzer.

Aber der Waldhüter wollte es nicht glauben. »Karr hat seit vielen Jahren nicht mehr unerlaubt gejagt,« erwiderte er. Dann lief er rasch in den Wald hinein, um zu sehen, was für ein Hund gebellt hätte, und der Gutsbesitzer ging hinter ihm her.

Sie folgten dem Bellen bis in den dichtesten Wald hinein; aber da verstummte es plötzlich. Die beiden Männer blieben stehen, um zu lauschen; und da, in der tiefen Stille, hörten sie, wie die Kiefer der Insekten arbeiteten; sie sahen die Tannennadeln herunterrieseln und rochen den starken Duft. Dann sahen sie auch, daß alle Bäume mit den Raupen des Nonnenschmetterlings bedeckt waren, jenen kleinen Baumfeinden, die meilenweite Wälder zerstören können.

Der große Krieg gegen die Nonnen

Im nächsten Frühling ging Karr eines Morgens im Walde spazieren. »Karr, Karr!« ertönte eine Stimme hinter ihm. Der Hund wendete sich um; er hatte richtig gehört. Ein alter Fuchs stand vor seinem Bau, der hatte ihn angerufen.

»Sag mir, ob die Menschen etwas mit dem Walde vorhaben?« fragte der Fuchs.

»Ja, du kannst dich darauf verlassen,« antwortete Karr. »Sie arbeiten, was das Zeug hält.«

»Sie haben mir mein ganzes Geschlecht umgebracht, und jetzt werden sie mich auch totschlagen,« sagte der Fuchs. »Aber es sei ihnen verziehen, wenn sie nur den Wald retten.«

In diesem Jahre streifte Karr nie im Walde umher, ohne daß er gefragt wurde, ob die Menschen den Wald retten könnten. Es war nicht leicht für Karr, darauf zu antworten, denn die Menschen wußten selbst nicht, ob es ihnen gelingen würde, über die Nonnen Herr zu werden.

Wenn man bedenkt, wie gefürchtet und berüchtigt der alte Kolmården gewesen war, so war es ein merkwürdiger Anblick, daß jetzt jeden Tag über hundert Männer in den Wald gingen und aus Leibeskräften arbeiteten, ihn vor dem Verderben zu retten. Die am meisten verheerten Strecken wurden geschlagen, das Unterholz gelichtet und die niedrigsten Zweige der großen Bäume abgehauen, damit die Raupen nicht so leicht von Baum zu Baum kriechen könnten. Um den verheerten Wald herum hieben die Männer breite Wege aus und umhegten ihn mit Leimstangen; dadurch hofften sie die Raupen einzusperren und auf ihr jetziges Bereich zu beschränken. Nachdem dies getan war, legten sie Leimringe um die Baumstämme. Auf diese Weise wollte man die Raupen am Herunterkriechen von den schon abgefressenen Bäumen verhindern und sie zwingen, da zu bleiben, wo sie waren, weil sie dann verhungern müßten.

Bis spät ins Frühjahr hinein setzten die Menschen diese Arbeit fort. Sie waren voll guter Hoffnung und warteten fast mit Ungeduld auf das Ausschlüpfen der Raupen, denn sie waren fest überzeugt, sie so fest eingesperrt zu haben, daß die meisten Hungers sterben müßten.

Mit dem Beginn des Sommers schlüpften dann die Raupen aus, und sie waren jetzt noch viel, viel zahlreicher als im letzten Jahre. Aber die Menschen meinten, das tue nichts, wenn sie nur eingesperrt seien und nicht genug Futter fänden.

Aber in dieser Beziehung ging es nicht ganz so, wie man gehofft hatte. Es blieben freilich unzählige Raupen an den Leimstangen hängen, auch mußten große Mengen vor den Leimringen Halt machen und konnten nicht von den Bäumen heruntergelangen; aber trotzdem hätte man nicht behaupten können, daß die Raupen eingesperrt gewesen wären. Sie waren außerhalb und innerhalb der Einfriedigung; sie waren überall: auf den Landstraßen krochen sie hin, auf den Feldmäuerchen, an den Häusermauern hinauf. Sie wanderten aus dem Friedenswald hinaus und in andre Teile des Kolmården hinein.

»Sie hören nicht auf, bis der ganze Wald zerstört ist,« sagten die Menschen, die sich vor Angst fast nicht zu helfen wußten, und denen die Tränen in die Augen traten, so oft sie in den Wald kamen.

Karr war das ganze Ungeziefer, das da draußen herumkroch und nagte, so zum Ekel, daß er sich kaum noch entschließen konnte, vors Haus hinauszugehen. Aber eines Tages dachte er, er müsse sich doch wieder einmal nach Graufell umsehen. So schlug er denn den Weg nach dessen Aufenthaltsgebiet ein, und mit der Nase an der Erde lief der Hund rasch vorwärts. Als er an die Baumwurzel kam, wo er im vergangenen Jahre mit dem alten Hilflos zusammengetroffen war, lag dieser wieder in dem Loch und rief ihn an.

»Hast du über das, was ich dir bei unserer letzten Begegnung sagte, mit Graufell gesprochen?« fragte die Natter. Aber Karr bellte nur und versuchte, an sie heranzukommen. »Tu es auf alle Fälle,« sagte die Schlange. »Du siehst ja, daß die Menschen nichts gegen die Verheerung ausrichten können.«

»Ja, und du auch nicht,« antwortete Karr im Weitereilen.

Karr fand Graufell; aber der Elch war in sehr gedrückter Stimmung. Er begrüßte Karr nur ganz flüchtig und begann sogleich von dem Walde zu reden.

»Ich wüßte nicht, was ich dafür geben würde, wenn dieses Elend ein Ende nähme!« sagte er.

»Dann müßte ich dir ja wohl mitteilen, daß es den Anschein hat, als könntest du den Wald retten,« sagte Karr. Und nun richtete er dem Elch den Auftrag der Natter aus.

»Wenn dies ein andrer als der alte Hilflos versprochen hätte, würde ich sofort in die Verbannung gehen,« sagte Graufell. »Aber woher sollte eine arme Natter solche Macht nehmen?«

»Es ist natürlich nur eine Großtuerei,« sagte Karr. »Die Schlangen tun immer, als wüßten sie mehr als andre Tiere.«

Als Karr nach Hause gehen mußte, begleitete ihn Graufell eine Strecke. Da hörte Karr eine Drossel, die hoch oben in einem Tannenwipfel saß, rufen: »Da ist Graufell, der an der Verheerung des Waldes schuld ist! Da ist Graufell, der an der Verheerung des Waldes schuld ist!«

Karr wollte seinen Ohren nicht trauen; aber im nächsten Augenblick lief ein Hase über den Weg, und als dieser die beiden Daherkommenden sah, blieb er stehen, wedelte mit den Ohren und rief: »Da kommt Graufell, der an der Verheerung des Waldes schuld ist!« Dann sprang er davon, so schnell er konnte.

»Was wollen sie denn damit sagen?« fragte Karr.

»Ich weiß es nicht recht,« antwortete Graufell. »Aber ich glaube, die kleinen Tiere im Wald sind unzufrieden mit mir, weil ich geraten hatte, daß wir Hilfe bei den Menschen suchen sollten; denn als das Unterholz geschlagen wurde, sind ihnen alle ihre Schlupfwinkel und Behausungen zerstört worden.«

Die beiden Freunde gingen eine Strecke weiter, und Karr hörte, wie es von allen Seiten ertönte: »Da ist Graufell, der an der Verheerung des Waldes schuld ist!« Graufell tat, als höre er es nicht, aber Karr glaubte jetzt zu verstehen, warum der Elch so niedergedrückt war.

»Du, Graufell,« fragte Karr hastig, »was meint denn die Natter damit, wenn sie sagt, du habest ihr ihre liebste Gefährtin umgebracht?«

»Wie soll ich das wissen?« sagte Graufell. »Du weißt doch, daß ich keinem Tiere etwas zuleide tue.«

Kurz darauf begegneten sie den vier alten Elchen, Krummrück, Hornkrone, Wirrmähne und Riesenkraft. Still und nachdenklich wanderten sie daher, einer hinten dem andern.

»Schön guten Tag!« rief ihnen Graufell entgegen.

»Schön guten Tag!« antworteten die Elche. »Wir wollten dich eben aufsuchen, Graufell, um mit dir wegen des Waldes zu beraten.«

»Die Sache ist die,« begann Krummrück. »Es ist uns zu Ohren gekommen, daß hier im Walde eine Missetat verübt worden ist, und weil diese nicht geahndet wurde, ist der ganze Wald dem Untergang geweiht.«

»Was ist das für eine Missetat?« fragte Graufell.

»Ein Waldbewohner soll ein unschädliches Tier, das er doch nicht verzehren konnte, umgebracht haben. Dies wird im Friedenswalde für eine Missetat gerechnet.«

»Und wer hat denn eine solche Freveltat begangen?« fragte Graufell.

»Ein Elch soll es gewesen sein. Und wir wollen dich jetzt fragen, ob du eine Ahnung hast, wer es sein könnte.«

»Nein,« antwortete Graufell. »Ich habe nie etwas von einem Elch gehört, der ein unschädliches Tier getötet hätte.«

Graufell verließ die andern und ging mit Karr weiter. Er war noch schweigsamer als zuvor und schritt mit tiefgesenktem Kopf dahin. Jetzt kamen sie an der Kreuzotter Kryle vorbei, die auf einem Stein lag. »Da ist Graufell, der an der Verheerung des Waldes schuld ist,« zischte Kryle, gerade wie alle andern. Aber jetzt war Graufells Geduld zu Ende. Er stellte sich vor die Kreuzotter hin und hob ein Vorderbein auf.

»Hast du im Sinn, mich auch umzubringen, wie du die Natter, das Weibchen des alten Hilflos, umgebracht hast?« rief Kryle.

»Habe ich eine Natter umgebracht?« fragte Graufell.

»Ja, am ersten Tag, wo du in den Wald herauskamst, hast du das Weibchen von der Natter Hilflos totgetreten.«

Graufell wendete sich rasch ab und gesellte sich wieder zu Karr. Plötzlich hielt er an. »Karr,« sagte er, »ich habe die Freveltat begangen. Ich habe ein unschädliches Tier umgebracht. Ich bin schuld an der Zerstörung des Waldes.«

»Was sagst du da?« unterbrach ihn Karr.

»Sage der Natter Hilflos, Graufell werde heute nacht noch in die Verbannung gehen.«

»Niemals werde ich so etwas sagen!« rief Karr. »Der hohe Norden ist eine sehr gefährliche Gegend für die Elche.«

»Meinst du, ich wollte noch hier bleiben, nachdem ich so großes Unheil angestiftet habe?« erwiderte Graufell.

»Übereile dich nicht. Warte bis morgen, ehe du irgend etwas unternimmst!«

»Du selbst hast mich gelehrt, daß die Elche eins mit dem Walde seien,« sagte Graufell; und mit diesen Worten trennte er sich von Karr.

Karr ging nach Hause; aber durch die Unterredung unruhig geworden, ging er schon am nächsten Tag wieder in den Wald, den Elch aufzusuchen. Aber Graufell war nirgends zu finden, und der Hund suchte auch nicht lange. Er erriet sogleich, daß Graufell die Natter beim Wort genommen hatte und in die Verbannung gegangen war.

Während Karr in solche Gedanken versunken dahinwanderte, erblickte er plötzlich den Waldhüter, der unter einem Baum stand und hinaufdeutete. »Wonach schaust du?« fragte ein Mann, der neben dem Waldhüter stand.

»Unter den Raupen ist eine Seuche ausgebrochen.«

Karr verwunderte sich über die Maßen; fast aber noch mehr entrüstete er sich darüber, daß die Natter die Macht gehabt hatte, ihr Wort zu halten. Nun mußte Graufell wahrscheinlich ewig lange fortbleiben, denn diese Natter starb wohl nie.

Während Karr noch tiefbetrübt war, kam ihm ein Gedanke, der ihn ein wenig tröstete. »Die Natter braucht vielleicht gar nicht so schrecklich alt zu werden, sie wird ja wohl nicht immer wohlbeschützt unter einer Baumwurzel liegen,« dachte er. »Wenn sie nur erst die Raupen fortgeschafft hat, dann weiß ich einen, der ihr die Gurgel abbeißt.«

Ja, über die Raupen war wirklich eine Krankheit gekommen, aber im ersten Sommer verbreitete sie sich nicht in großer Ausdehnung. Kaum war sie ausgebrochen, da war es für die Raupen Zeit, sich einzupuppen, und aus den Puppen schlüpften dann Millionen von Schmetterlingen. Diese flatterten in jeder Nacht, Schneeflocken gleich, zwischen den Bäumen umher und legten unzählige Eier. Für das nächste Jahr konnte man sich auf noch größere Verheerungen gefaßt machen.

Die Verheerung kam, aber nicht allein für den Wald, sondern auch über die Raupen selbst. Die Seuche verbreitete sich rasch von einer Waldstrecke zur andern. Die erkrankten Raupen fraßen nicht mehr; sie krochen in den Gipfel des Baums hinauf und starben da. Unter den Menschen herrschte große Freude, als sie die Raupen sterben sahen; aber noch größere Freude griff unter den Tieren Platz. Der Hund Karr wanderte Tag um Tag in grimmiger Freude umher und dachte nur an den Augenblick, wo er es wagen dürfte, dem alten Hilflos die Gurgel abzubeißen.

Die Raupen hatten sich jedoch schon in meilenweitem Umkreis über den Nadelwald ausgebreitet, und auch in diesem Sommer erreichte die Krankheit nicht alle; viele blieben am Leben, die sich einpuppten und Schmetterlinge wurden.

Durch Zugvögel erhielt Karr oft Grüße von Graufell, der ihm sagen ließ, er sei noch am Leben, und es gehe ihm gut. Aber die Vögel vertrauten Karr an, Graufell sei wiederholt von Wilderern hart verfolgt worden und ihnen nur mit knapper Not entkommen.

Karr verzehrte sich in Sorge und Kummer und Heimweh nach Graufell. Aber noch zwei Sommer hindurch mußte er ausharren. Da erst war es zu Ende mit den Raupen.

Kaum hörte Karr den Waldhüter sagen, jetzt sei der Wald außer Gefahr, als er sich auch schon auf die Jagd nach dem alten Hilflos begab. Aber als er in das Dickicht kam, machte er eine entsetzliche Entdeckung: er konnte nicht mehr jagen, konnte nicht mehr rennen, konnte seinen Feind nicht aufspüren, konnte gar nichts mehr sehen. Während der langen Wartezeit war leise das Alter über Karr hereingebrochen; ohne daß er es gemerkt hatte, war er alt geworden. Nicht einmal eine Natter konnte er mehr totbeißen; er war nicht fähig, seinen Freund Graufell von seinem Feinde zu befreien.

Die Rache

Eines Nachmittags ließ sich Akka von Kebnekajse mit ihrer Schar am Ufer eines Waldsees nieder. Sie befanden sich zwar noch im Kolmården, hatten aber Ostgötland schon verlassen und waren jetzt im Jönåker Bezirk in Sörmland.

Wie es in den Gebirgsgegenden der Fall zu sein pflegt, brach der Frühling hier sehr spät an, und der ganze See war bis auf einen schmalen offnen Rand am Ufer noch ganz mit Eis bedeckt. Die Gänse stürzten sich sofort ins Wasser, um zu baden und Nahrung zu suchen; aber Nils Holgersson hatte am Vormittag seinen Holzschuh verloren und ging deshalb zwischen die am Ufer wachsenden Erlen und Birken hinein, um etwas zu suchen, das er sich an den Fuß binden könnte.

Der Junge mußte ziemlich weit gehen, bis er etwas Passendes fand, und er sah sich unruhig um, denn es kam ihm nicht ganz geheuer im Walde vor. »Nein, da ziehe ich Wasser und ebenes Land vor,« dachte er, »denn da sieht man doch, wohin man kommt. Wenn dies wenigstens ein Buchenwald wäre, dann ginge es noch an; dort ist fast kein Unterholz, aber Birken- und Fichtenwälder sind gar so wild und unwegsam. Ich verstehe nicht, wie die Leute sich das gefallen lassen. Wenn dieser Wald hier mir gehörte, würde ich die ganze Herrlichkeit abhauen lassen.«

Schließlich entdeckte er ein Stück Birkenrinde und probierte es eben an seinen Fuß, als er hinter sich etwas rascheln hörte. Er wendete sich um und sah eine Schlange, die, durch das Unterholz kriechend, gerade auf ihn zukam. Sie war ungewöhnlich lang und dick; aber der Junge sah sogleich, daß sie auf beiden Seiten ihres Kopfes einen weißen Fleck hatte, und blieb deshalb ruhig stehen. »Es ist ja nur eine Natter,« dachte er, »die kann mir wohl nichts tun.«

Im nächsten Augenblick aber bekam er einen so heftigen Stoß von der Schlange, daß er umfiel. Er war zwar in einem Nu wieder auf den Beinen und rannte davon, aber die Schlange verfolgte ihn. Der Boden war steinig und mit Gestrüpp bewachsen, deshalb kam der Junge nicht sehr schnell vorwärts, und die Schlange war ihm dicht an den Fersen.

Plötzlich erblickte er einen großen, steil aufragenden Felsblock, und rasch kletterte er hinauf. »Hierher kann mir die Natter nicht folgen,« dachte er. Aber als er glücklich droben war und sich umschaute, sah er, daß die Schlange hinter ihm hinaufzuklettern versuchte.

Oben auf dem Felsblock, dicht neben dem Jungen, lag ein andrer Stein, rund und so groß wie ein Menschenkopf. Er lag ganz lose auf einem schmalen Rande; es war fast unbegreiflich, wie er überhaupt daliegen konnte. Als nun die Schlange näher kam, sprang der Junge hinter den runden Stein und versetzte diesem einen Stoß. Der Stein rollte auf die Schlange, riß sie mit auf den Boden hinunter und blieb da gerade auf dem Schlangenkopf liegen.

»Der Stein hat seine Sache gut gemacht,« dachte der Junge und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Er sah, wie die Schlange noch ein paar heftige Zuckungen machte und dann ganz ruhig liegen blieb. »Ich glaube, ich bin auf der ganzen Reise fast noch nie in größerer Gefahr gewesen!« rief er noch nachträglich schaudernd aus.

Aber kaum hatte er sich etwas von seinem Schrecken erholt, da hörte er ein Sausen in der Luft, und im nächsten Augenblick ließ sich ein Vogel dicht neben der Schlange nieder. Der Vogel war ungefähr von der Größe und Gestalt einer Krähe, hatte aber ein schönes Gewand aus schwarzen metallisch glänzenden Federn. Vorsichtig zog sich der Junge in einen Spalt des Felsblockes zurück. Die Erinnerung an sein Abenteuer mit den Krähen war noch frisch in seinem Gedächtnis, und er wollte sich deshalb nicht zeigen, wenn es nicht durchaus nötig war.

Der schwarze Vogel ging mit langen Schritten neben dem Schlangenkörper hin und her und drehte ihn mit dem Schnabel um. Schließlich schlug er mit den Flügeln und schrie mit heiserer, gellender Stimme: »Diese tote Natter hier ist gewiß der alte Hilflos!«

Noch einmal schritt er die Schlange entlang, dann blieb er in tiefem Nachdenken stehen und kratzte sich mit dem Fuß im Nacken. »Es kann unmöglich zwei so große Schlangen hier im Walde gegeben haben,« sagte er. »Er ist es ganz gewiß.«

Der Vogel war schon im Begriff, seinen Schnabel in die Schlange zu schlagen, da besann er sich plötzlich eines andern. »Sei kein Dumrian, Bataki,« sagte er. »Du wirst doch die Schlange nicht fressen, ehe du Karr herbeigerufen hast. Er würde nie und nimmer glauben, daß der alte Hilflos tot sei, wenn er ihn nicht selbst hier liegen sähe.«

Der Junge gab sich alle Mühe, ganz still zu sein; aber als er den Vogel so lächerlich-feierlich auf und ab schreiten sah und mit sich selbst sprechen hörte, konnte er das Lachen nicht unterdrücken.

Der Vogel hörte es, und mit einem einzigen Flügelschlag war er droben auf dem Stein. Rasch richtete sich der Junge auf und ging auf den Vogel zu. »Bist du nicht der Rabe, der Bataki genannt wird und ein guter Freund von Akka von Kebnekajse ist?« fragte er.

Der Vogel betrachtete den Jungen genau und nickte dann dreimal mit dem Kopfe. »Du bist doch wohl nicht der Junge, der mit den Wildgänsen umherzieht und den sie Däumling nennen?« fragte er.

»Doch, der bin ich,« antwortete der Junge.

»Ei, das ist herrlich, daß ich dich treffe!« rief der Rabe. »Du kannst mir vielleicht sagen, wer diese Natter erschlagen hat?«

»Der Stein hier war es. Ich habe ihn auf die Natter hinuntergerollt, und er hat sie erschlagen,« sagte der Junge und erzählte hierauf dem Raben, wie alles zugegangen war.

»Das ist ein ordentliches Stück Arbeit für einen so kleinen Kerl wie du,« sagte der Rabe. »Ich habe hier in der Nähe einen Freund, der wird sehr beglückt sein, wenn er hört, daß die Schlange tot ist, und ich wünschte, ich könnte dir einen Gegendienst leisten.«

»Dann sage mir, warum du dich über den Tod der Schlange so sehr freust,« erwiderte der Junge.

»Ach, das ist eine lange Geschichte!« seufzte der Rabe. »Wenn du sie anhören müßtest, würde dir bald die Geduld ausgehen.«

Aber der Junge behauptete, er würde die Geduld sicher nicht verlieren, und so erzählte ihm denn der Rabe die ganze Geschichte von Karr und Graufell und der Natter Hilflos. Als er damit fertig war, schwieg der Junge noch eine Weile und starrte nur immer geradeaus.

»Ich danke dir recht schön,« sagte er schließlich. »Nun ich dies alles gehört habe, ist es mir, als kennte ich mich hier im Walde viel besser aus. Ich möchte wohl wissen, ob von dem großen Friedenswalde noch etwas übrig geblieben ist?«

»Das meiste davon ist verheert,« entgegnete Bataki. »Die Bäume sehen aus, als sei ein Waldbrand über sie hingegangen; sie müssen gefällt werden, und es wird viele Jahre dauern, bis der Wald wieder das ist, was er früher war.«

»Diese Schlange hier hat wirklich den Tod verdient,« sagte der Junge. »Aber ich möchte doch wissen, ob sie tatsächlich sicher war, daß sie die Seuche unter die Raupen schicken konnte?«

»Vielleicht wußte sie, daß die Nonnen auf diese Weise umkommen würden,« sagte Bataki.

»Das ist wohl möglich; jedenfalls war der alte Hilflos ein äußerst kluges Tier, soviel ist sicher.«

Der Junge schwieg, und der Rabe hatte auch gar nicht auf ihn gehört; er lauschte mit abgewendetem Kopf in den Wald hinein. »Hörst du!« sagte er. »Karr ist in der Nähe. Wie glücklich wird er sein, wenn er erfährt, daß der alte Hilflos tot ist.«

Der Junge drehte den Kopf nach der Seite, woher der Ton kam. »Er spricht mit den Wildgänsen,« sagte er.

»Ja, er hat sich wohl an den Strand hinunter geschleppt, um das Neueste von Graufell zu erfahren.«

Nun hüpften der Rabe und der Junge eiligst von dem Felsblock herunter und liefen miteinander nach dem Strande. Alle Gänse waren aus dem Wasser herausgegangen; sie umringten einen alten Hund, ein gichtbrüchiges, schwaches Tier, das aussah, als könnte es jeden Augenblick tot umfallen.

»Siehst du, das ist Karr,« sagte Bataki zu dem Jungen. »Laß ihn nun zuerst hören, was ihm die Wildgänse zu berichten haben, nachher sagen wir ihm dann, daß die Schlange tot ist.«

Und sie hörten zu, was Akka dem guten Karr mitteilte.

»Es war im vorigen Jahre auf unserer Frühlingsreise,« begann sie. »Eines Morgens waren wir, Yksi und Kaksi und ich, von Siljan in Dalarna weggeflogen, und unser Weg führte uns über die großen Grenzwälder zwischen Dalarna und Hälsingeland. Unter uns sahen wir nichts als den schwarzgrünen Nadelwald. Zwischen den Bäumen lag noch hoher Schnee, die Flüsse waren noch zugefroren, aber da und dort schimmerte eine offene Wake, und an den Ufern war der Schnee teilweise schon ganz verschwunden. Wir sahen fast nirgends Dörfer oder große Höfe, nur graue Sennhütten, die jetzt im Winter öde und verlassen waren. Ab und zu erblickten wir auch einen schmalen gewundenen Waldweg; da hatten die Leute während des Winters gefällte Bäume heimgefahren, und drunten an den Flüssen lagen große Stapel Bauholz aufgeschichtet.

Während wir nun so dahinflogen, sahen wir drei Jäger, die drunten durch den Wald gingen. Sie liefen auf Schneeschuhen, hatten Hunde am Riemen und das Messer im Gürtel, aber keine Flinten bei sich. Der Schnee hatte eine harte Eiskruste, und die Jäger hielten sich nicht an die gewundenen Waldpfade, sondern liefen ganz geradeaus. Es sah aus, als wüßten sie recht wohl, wohin sie sich zu wenden hätten, um das zu finden, was sie suchten.

Wir Wildgänse flogen hoch in der Luft dahin, und der ganze Wald lag deutlich erkennbar unter uns. Als wir die Jäger erblickten, hätten wir gar zu gerne gewußt, was für ein Wild sie erjagen wollten. Wir flogen deshalb hin und her und spähten zwischen die Bäume hinein. Da sahen wir in einem dichten Gehölz etwas, das wie große moosbewachsene Steine aussah. Aber es konnten doch keine Steine sein, denn es lag gar kein Schnee darauf.

Nun flogen wir eilig hinab und ließen uns mitten in dem Gehölz nieder. Da bewegten sich die drei Felsblöcke. Es waren drei Elche, die da in dem Waldesdunkel lagen: ein Elchstier und zwei Kühe. Als wir uns niederließen, stand der Elchstier auf und kam auf uns zu. Es war der größte und schönste Elch, den wir je gesehen hatten. Aber als er merkte, daß ihn nur so ein paar arme Wildgänse geweckt hatten, legte er sich wieder nieder.

>Nein, Väterchen, leg dich nicht wieder schlafen,< sagte ich da zu ihm. >Flieht, so rasch ihr könnt; es sind Jäger im Walde, und sie steuern geradenwegs auf euren Aufenthaltsort zu.<

>Hab schönen Dank für die Warnung, Gänsemutter,< sagte der Elch, schon wieder halb im Schlafe. >Aber Ihr wißt doch wohl, daß uns Elchen seit vielen Jahren hier im Walde eine Freistatt gewährt ist. Diese Jäger sind wahrscheinlich nur auf die Fuchsjagd ausgezogen.<

>Es waren eine Menge Fußspuren im Schnee, aber die Jäger beachteten sie gar nicht. Glaubt mir, ihr Elche! Sie wissen, daß ihr hier liegt. Sie kommen hierher, euch zu erlegen. Ohne Flinte, nur mit Spieß und Messer bewaffnet, sind sie ausgezogen, weil sie um diese Zeit hier im Walde nicht zu schießen wagen.<

Der Elchstier blieb ebenso ruhig liegen wie vorher, aber die Elchkühe wurden ängstlich. >Es ist vielleicht doch so, wie die Wildgänse sagen!< riefen sie und richteten sich auf.

>Bleibt nur ruhig liegen!< befahl der Stier. >Es kommen keine Jäger hierher; ihr dürft euch darauf verlassen.<

Es war nichts zu machen, und so flogen wir Wildgänse wieder in die Luft hinauf,« fuhr Akka fort. »Aber wir schwebten noch über demselben Platze hin und her, denn wir wollten sehen, wie es den Elchen ergehen würde. Und kaum hatten wir uns zu unserer gewöhnlichen Flughöhe erhoben, als wir den Elchstier aus dem Dickicht heraustreten sahen. Er witterte ringsum und ging dann geradenwegs auf die Jäger zu. Beim Dahinschreiten trat er auf große Zweige, die mit lautem Krachen zerbrachen. Nun kam er an ein weites, kahles Moor. Er ging darauf hinaus und stellte sich mitten auf das offene Moor, wo ihm nichts Schutz bot.

Und dort blieb der Elch stehen, bis die Jäger am Waldrand auftauchten. In demselben Augenblick aber warf er sich herum und entfloh in einer andern Richtung, als in der, woher er gekommen war. Die Jäger ließen die Hunde los, und sie selber liefen auf ihren Schneeschuhen so rasch wie möglich hinter ihm her.

Mit weit zurückgeworfenem Kopf rannte der Elch in größter Eile davon. Unter seinen Hufen flog der Schnee empor und stob um ihn her wie eine dichte Wolke. Hunde und Jäger blieben weit zurück. Jetzt blieb der Elch stehen, wie um sie zu erwarten, und erst, als sie wieder in seinem Gesichtskreis auftauchten, stürmte er weiter. Wir errieten, daß es seine Absicht war, die Jäger von dem Lagerplatz der Kühe wegzulocken, und wir lobten ihn um seiner Tapferkeit willen; er selbst begab sich in Gefahr, damit den Seinigen kein Leid widerfahren sollte. Keine von uns wollte den Ort verlassen, bis wir wüßten, wie die Sache ablaufen würde.

Ein paar Stunden lang ging die Jagd in derselben Weise fort, und wir verwunderten uns, daß die Jäger sich die Mühe machten, den Elch immer weiter zu verfolgen, da sie doch keine Gewehre bei sich hatten. Sie konnten sich doch wohl nicht einbilden, sie wären imstande, im Laufen länger auszuhalten, als so ein Renner wie dieser Elch.

Aber allmählich entfloh der Elch nicht mehr mit derselben Geschwindigkeit. Er setzte die Füße vorsichtiger auf den Schnee. Und wenn er sie wieder herauszog, glaubten wir Blutspuren zu erkennen.

Da begriffen wir, warum die Jäger so beharrlich waren. Sie rechneten auf die Hilfe des Schnees. Der Elch war schwer, bei jedem Schritt sank er bis auf den Grund der Schneeschicht ein, und dabei scheuerte ihm die harte Eiskruste des Schnees die Beine wund. Sie schabte ihm die Haare weg und riß ihm die Haut auf, und das tat dem Elch bei jedem Schritt bitter weh.

Die Jäger und Hunde dagegen, die von viel leichterem Gewicht waren, konnten auf der Eisdecke gehen und verfolgten den Elch immer weiter. Er floh und floh, aber seine Schritte wurden immer unsicherer und schwankender, und er keuchte gewaltig. Er litt nicht allein starke Schmerzen, das Waten durch den tiefen Schnee ermüdete ihn auch zusehends.

Schließlich verlor er die Geduld. Er hielt an und ließ die Hunde und Jäger herankommen, um den Kampf mit ihnen aufzunehmen. Während er so dastand und auf seine Verfolger wartete, warf er einen Blick nach oben, und als er uns Wildgänse, die über ihm schwebten, sah, rief er: >Bleibet hier, Wildgänse, bis alles zu Ende ist! Und wenn ihr wieder über den Kolmården hinzieht, dann suchet den Hund Karr auf und saget ihm, daß sein Freund Graufell einen schönen Tod gehabt habe.<«

Als Akka so weit in ihrer Erzählung gekommen war, richtete sich der alte Hund auf und ging zwei Schritte näher zu ihr hin. »Graufell hat ein gutes Leben geführt,« sagte er. »Er kennt mich. Er weiß, daß ich ein tapferer Hund bin und mich nur freue, wenn ich zu hören bekomme, daß er einen schönen Tod gehabt hat. Erzähl mir nun ...«

Bei diesen Worten wedelte Karr mit dem Schwanze und hob den Kopf, wie um eine kecke, stolze Haltung anzunehmen, sank aber dann gleich wieder zusammen.

»Karr, Karr!« ertönte eine menschliche Stimme aus dem Walde heraus.

Rasch stand der alte Hund auf. »Mein Herr ruft mich,« sagte er, »und ich zögere nicht, ihm zu folgen. Ich sah ihn vorhin seine Flinte laden, und wir beide werden nun zum letzten Male miteinander in den Wald gehen. Ich danke dir, liebe Wildgans. Nun weiß ich alles, was ich zu wissen brauchte, um zufrieden in den Tod zu gehen.«

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23. Der schöne Garten

Sonntag, 24. April

Am nächsten Tage flogen die Wildgänse über Sörmland weiter gen Norden. Der Junge schaute auf die Landschaft hinab und dachte, sie gleiche keiner von allen den Gegenden, die er bis jetzt gesehen hatte. Es gab da keine großen Ebenen wie in Schonen und Ostgötland, auch keine großen zusammenhängenden Waldbezirke wie in Småland, sondern eine Vermischung von allem möglichen.

»Hier haben sie einen großen See und einen breiten Fluß und einen mächtigen Wald mitsamt einem großen Gebirge zusammengenommen und in Stücke zerhackt, diese dann untereinander gemischt und ganz aufs Geratewohl auf der Erde ausgebreitet,« dachte der Junge, denn er sah nichts als kleine Täler und kleine Seen, kleine Hügel und kleine Waldstrecken. Nichts durfte sich so recht ausbreiten. Sobald eine Ebene sich richtig dehnen wollte, stellte sich ihr ein Hügel in den Weg, und wenn der Hügel sich recken wollte, um ein ordentlicher Berg zu werden, fing gleich die Ebene wieder an. Sobald ein See so groß geworden war, daß er sich sehen lassen konnte, verengte er sich wieder zu einem Fluß, und auch dieser durfte nicht sehr weit fließen, bis er wieder zu einem See ausgedehnt wurde.

Da die Wildgänse ziemlich nahe an der Küste hinflogen, konnte der Junge das Meer überschauen, und da sah er, daß auch das Meer seinen mächtigen Wasserspiegel nicht ununterbrochen ausbreiten durfte; überall schauten kleine Inseln hervor, und selbst diese Inseln hatten keine große Ausdehnung, gleich schmiegte sich das Wasser wieder um sie her. Überall war ein beständiger Wechsel; Nadelwälder wurden von Laubholzwäldern abgelöst, die Äcker von Mooren, die großen Güter von Bauernhöfen.

Auf den Äckern sah man nirgends fleißige Menschen, dafür aber waren die Straßen und Wege überall belebt. Aus den kleinen Höfen am Rande des Kolmården kamen sie heraus, in schwarzen Kleidern, Gesangbuch und Taschentuch in der Hand.

»Es ist Sonntag,« dachte der Junge und ließ seinen Blick andächtig auf den Kirchgängern ruhen. An einem Ort sah er ein Brautpaar, das mit großem Gefolge in die Kirche fuhr, und an einem andern kam ein Leichenzug langsam auf dem Wege daher. Er sah auch große Herrschaftskutschen und kleine Bauernchaisen, sowie auch große Boote auf den Seen, die alle auf dem Weg nach der Kirche waren.

Jetzt flogen die Gänse über die Kirche von Björkvik hin, dann über Bettna und Blaksta und Vadsbro, und dann ging es nach Sköldinge und Floda. Überall läuteten die Glocken; wunderbar schön drang das Geläute zu dem Jungen herauf; es war fast, als sei die ganze kristallklare Luft um ihn her zu lauter Tönen und Klängen geworden.

»So viel ist sicher,« dachte der Junge, »ich mag hinkommen, wo ich will, überall höre ich das Läuten der Kirchenglocken.« Und bei diesem Gedanken überkam ihn ein Gefühl der Sicherheit: obgleich er sich jetzt in einer ganz andern Welt befand, war ihm, als könne er sich nicht vollständig verirren, so lange diese gewaltigen Stimmen noch imstande wären, ihn zurückzurufen.

Die Wildgänse waren nun schon eine gute Weile über Sörmland hingeflogen, als der Junge plötzlich einen schwarzen Punkt entdeckte, der sich drunten auf der Erde unter ihnen hinbewegte. Zuerst glaubte er, es sei ein Hund, und er hätte nicht weiter darüber nachgedacht, wenn das Tier nicht mit den Wildgänsen über ihm gleichen Schritt zu halten versucht hätte. Es stürmte durch das offne Land und durch die Gehölze hindurch, sprang über Gräben, setzte über Feldmäuerchen und ließ sich durch nichts aufhalten.

»Es sieht fast aus, als sei der Fuchs Smirre wieder unterwegs,« sagte der Junge. »Aber wir werden ihn jedenfalls bald hinter uns gelassen haben.«

Gleich darauf flogen die Wildgänse so rasch, wie es ihnen nur möglich war, und hielten nicht an, solange der Fuchs noch in Sicht war. Erst als dieser sie nicht mehr sehen konnte, wendeten sie um und flogen nun in einem großen Bogen in südwestlicher Richtung, fast als wollten sie nach Ostgötland zurückkehren. »Es muß doch Smirre gewesen sein,« dachte der Junge, »da Mutter Akka hier abbiegt und einen andern Weg einschlägt.«

Als es Abend wurde, schwebten die Wildgänse über einem alten Rittergute in Sörmland, namens Groß-Djulö. Das große weiße Wohnhaus lag im Schutze eines prächtigen Laubholzparkes, und vor ihm breitete sich der große Djulösee aus mit seinen hervorspringenden Landzungen und hohen Ufern. Das Herrenhaus sah ehrwürdig und behaglich aus; der Junge konnte sich eines leisen Seufzers nicht enthalten, als die Wildgänse über das Gut hinflogen, und er dachte unwillkürlich, wie das wohl sein würde, wenn er nach vollendeter Tagereise, anstatt auf einem sumpfigen Moor oder einer eiskalten Eisscholle abgesetzt zu werden, in so ein einladendes Herrenhaus eintreten dürfte.

Aber von so etwas konnte natürlich keine Rede sein. Die Wildgänse ließen sich etwas nördlich von dem Herrenhofe auf einer überschwemmten Waldwiese nieder, wo nur da und dort ein Rasenhügel herausschaute. Dies war fast die schlechteste Nachtherberge, die der Junge auf der ganzen Reise bisher gehabt hatte.

Unschlüssig, was er tun sollte, blieb er noch eine Weile auf dem Rücken des Gänserichs sitzen. Plötzlich sprang er hinunter und eilte in großen Sätzen von einem Erdhügel zum andern, bis er festen Boden unter den Füßen hatte; dann lief er eilig in der Richtung, wo der Hof lag, weiter.

Zufälligerweise saßen an diesem Abend in einer Kätnerhütte, die zu dem Gute Groß-Djulö gehörte, ein paar Leute um die offene Feuerstelle in eifriger Unterhaltung beieinander. Sie hatten über die Predigt gesprochen, über die Frühjahrsarbeit und über die Wetteraussichten; aber als die Unterhaltung etwas ins Stocken kam, baten sie eine alte Frau, die Mutter des Kätners, ihnen eine Gespenstergeschichte zu erzählen.

Es ist ja wohl bekannt, daß es im ganzen Reiche nirgends so viele Herrenhöfe und nirgends so viele Spukgeschichten gibt wie gerade in Sörmland. Die alte Frau hatte in ihrer Jugend auf den großen Gütern gedient und wußte so viele seltsame Dinge, daß sie bis zum nächsten Morgen hätte erzählen können. Sie brachte ihre Geschichten auch überaus gut und glaubwürdig vor; wer ihr zuhörte, ganz einerlei wer es war, fühlte sich versucht, alles für reine Wahrheit zu halten. Und die Leute rückten voll Angst näher zueinander hin, so oft die Alte sich mitten in ihrer Erzählung unterbrach und fragte, ob die andern nicht auch ein Geräusch gehört hätten.

»Wie merkwürdig, daß ihr es nicht hört!« sagte sie dann. »Irgend etwas schleicht hier herum.« Aber die andern wollten durchaus nichts gehört haben.

Nachdem die Alte schon allerlei Geschichten von Eriksberg, Vibyholm, Julita, Lagmansö und noch von verschiedenen andern Orten erzählt hatte, fragte einer, ob denn auf Groß-Djulö nie so etwas Merkwürdiges passiert sei.

»O doch,« sagte die Alte, »von da erzählt man sich auch allerlei.«

Und nun wollten natürlich alle sogleich die Geschichten von ihrem eignen Gute hören.

Und die Frau erzählte, auf einem Hügel, nördlich von Groß-Djulö, da wo jetzt nur noch Wald sei, habe einst ein Schloß gestanden, vor dem sich ein herrlicher Garten ausbreitete. Dann sei einmal ein Mann, den man allgemein den Herrn Karl genannt und der zu jener Zeit ganz Sörmland regiert habe, auf das Schloß gekommen. Nachdem er gegessen und getrunken hatte, sei er in den Garten hinausgegangen und habe in tiefe Gedanken versunken lange über den Groß-Djulöer See und dessen schöne Ufer hingeschaut. Aber während er so dastand und sich an dem, was er sah, erlabte und im stillen dachte, es gebe doch kein schöneres Land als Sörmland, hörte er plötzlich hinter sich jemand einen tiefen Seufzer ausstoßen. Rasch drehte er sich um, und da sah er einen alten tief über seinen Spaten gebeugten Tagelöhner.

»Hast du so traurig geseufzt?« fragte Herr Karl. »Worüber hast du denn zu seufzen?«

»Ach, ich darf schon seufzen, wenn ich tagaus, tagein hier so schwer arbeiten muß,« antwortete der Tagelöhner.

Aber Herr Karl war von heftiger Gemütsart, und er konnte es nicht leiden, wenn die Leute sich beklagten.

»Hast du sonst über nichts zu klagen?« rief er. »Ich sage dir, ich wollte ganz zufrieden sein, wenn ich mein Lebenlang Sörmlands Boden umgraben dürfte!«

»Möge es dem gnädigen Herrn so gehen, wie Er sich wünscht!« antwortete der Tagelöhner.

Aber später sagten die Leute, Herr Karl habe um dieses Ausspruchs willen nach seinem Tode keine Ruhe im Grabe gefunden, sondern müsse jede Nacht nach Groß-Djulö kommen und in seinem Garten graben.

»Ja, jetzt ist freilich kein Schloß und kein Garten mehr da,« sagte die Alte mit Nachdruck. »Wo diese einst lagen, ist jetzt nur ein ganz gewöhnlicher Waldhügel. Aber schon mancher Wanderer, der in einer dunkeln Nacht durch den Wald ging, hat dort den Garten wieder erblickt.«

Hier hielt die Alte inne und schielte nach einem dunkeln Winkel in der Stube. »Hat sich nicht dort etwas gerührt?« fragte sie.

»Ganz gewiß nicht, Mutter, erzähl nur weiter!« sagte die Schwiegertochter. »Ich habe gestern dort in der Ecke ein großes Mauseloch entdeckt, hatte aber so viel andres zu tun, daß ich vergaß, es zuzustopfen. Erzähl nur weiter, ob jemand, den du kennst, den Garten gesehen hat.«

»Jawohl,« fuhr die Alte fort, »und zwar mein eigner Vater. In einer schönen Sommernacht kam er durch den Wald daher; da sah er plötzlich neben sich eine hohe Gartenmauer, und über diese hinweg konnte er die herrlichsten Obstbäume wahrnehmen, die über und über mit Blüten und Früchten bedeckt waren und deren Zweige weit über die Mauer heraushingen. Mein Vater ging ganz leise weiter und wunderte sich, woher dieser Garten auf einmal gekommen sei. Da wurde hastig ein Tor in der Mauer aufgerissen, ein Gärtner trat heraus und fragte, ob Vater nicht seinen Garten sehen wolle. Der Mann hatte einen Spaten in der Hand und trug einen gewöhnlichen großen Gärtnerschurz, und Vater wollte dem Manne gerade folgen, als sein Blick zufällig auf dessen Gesicht fiel. In demselben Augenblick erkannte er die große Stirnlocke und den Knebelbart. Es war der leibhaftige Herr Karl, so wie ihn mein Vater auf den Bildern in den Herrenhöfen ringsum oft gesehen hatte, wo er ...«

Hier wurde die Alte aufs neue unterbrochen; diesmal durch ein brennendes Scheit Holz, das so hell aufloderte, daß die Funken und Kohlen auf den Boden herausstoben. Alle dunkeln Ecken in der Stube wurden hell erleuchtet, und die alte Großmutter glaubte einen Schimmer von einem Wichtelmännchen zu sehen, das neben dem Mauseloch saß und ihrer Erzählung zuhörte, sich aber jetzt eilig davonmachte.

Die Schwiegertochter holte Schaufel und Kehrbesen, kehrte die Kohlen zusammen und setzte sich dann wieder nieder. »Jetzt kannst du weiter erzählen, Mutter,« sagte sie.

Aber die Frau wollte nicht mehr. »Es ist genug für heute,« sagte sie mit sonderbar erregter Stimme.

Die andern wollten noch mehr hören; aber die Schwiegertochter sah, daß die Alte ganz bleich geworden war und daß ihre Hände zitterten. »Nein, Mutter ist müde geworden und muß jetzt zu Bett gehen,« sagte sie.

Nach einer Weile kehrte der Junge wieder in den Wald und zu den Wildgänsen zurück. Er kaute an einer Moorrübe, die er vor dem Keller der Kätnerhütte gefunden hatte. Das war ein herrliches Abendessen für ihn, und er war sehr befriedigt, weil er mehrere Stunden lang in der warmen Stube hatte sitzen dürfen. »Wenn ich jetzt nur auch ein ordentliches Nachtquartier finden könnte!« dachte er.

Da fiel ihm ein, das beste wäre wohl, wenn er sich eine Schlafstelle auf einer prächtigen Tanne, die dicht am Wege stand, einrichten würde. Er schwang sich hinauf, flocht ein paar Zweiglein zusammen und hatte nun ein Bett, in dem er ausgezeichnet lag.

Er dachte noch eine Weile über das nach, was er in der Hütte gehört hatte; vor allem aber beschäftigten sich seine Gedanken mit diesem Herrn Karl, der im Djulöer Walde spuken sollte. Aber bald schlief er ein, und er hätte wohl ruhig bis zum nächsten Morgen geschlafen, wenn ihn nicht das Knirschen einer eisernen Gitterpforte, die gerade unter ihm aufgemacht wurde, geweckt hätte.

Der Junge ist im Nu wach, wischt sich den Schlaf aus den Augen und sieht sich um. Dicht neben ihm ist eine hohe Mauer, und über die Mauer schauen Obstbäume heraus, die sich unter der Last ihrer Früchte beugen.

Der Junge denkt zuerst nur: »Das ist doch merkwürdig! Es war doch kein Garten da, als ich einschlief.« Aber nach ein paar Augenblicken kehrt ihm die Erinnerung zurück, und er weiß, was das für ein Garten ist.

Aber das Merkwürdigste an der Sache ist vielleicht doch, daß er sich gar nicht fürchtet, sondern ein unbeschreibliches Verlangen hat, in den Garten hineinzukommen. Auf der Tanne, wo er liegt, ist es dunkel und kalt, in dem Garten da unten aber ist es hell; die Rosen und das Obst auf den Bäumen sind wie von goldnem Sonnenschein überflutet. Wie herrlich wäre es für ihn, wenn er jetzt, nachdem er so lange Zeit in Regen und Kälte umhergezogen war, auch einmal ein wenig Sonnenwärme genießen dürfte! Und das Hineinkommen in den Garten scheint überdies mit gar keiner Schwierigkeit verbunden zu sein; dicht neben der Tanne ist eine Pforte in der hohen Mauer, und ein alter Gärtner hat eben die großen Gittertüren aufgemacht. Er steht jetzt an der Pforte und späht in den Wald hinein, ganz als ob er jemand erwartete.

In einem Nu ist der Junge von seinem Baum herunter. Die Mütze in der Hand tritt er auf den Gärtner zu, verbeugt sich und fragt, ob man den Garten wohl ansehen dürfe.

»Jawohl,« antwortet der Gärtner mit barscher Stimme. »Tritt nur ein!«

Dann macht er die Türen wieder zu und verschließt sie mit einem schweren Schlüssel, den er vorne in seinen Gürtel steckt. Indessen betrachtet ihn der Junge genau. Der Mann hat ein bärbeißiges Gesicht, mit großem Schnurrbart und spitzigem Knebelbart und einer scharfen Nase. Wenn er nicht eine blaue Gärtnerschürze umgebunden und einen Spaten in der Hand gehalten hätte, würde der Junge ihn für einen alten Soldaten gehalten haben.

Der Gärtner geht mit langen Schritten in den Garten hinein, daß der Junge laufen muß, um Schritt mit ihm halten zu können. Der Weg ist sehr schmal, und der Junge tritt unversehens auf die Raseneinfassung. Aber da wird ihm sogleich eingeschärft, das Gras nicht niederzutreten, und von da an geht er nur noch hinter seinem Führer her.

Der Junge hat das Gefühl, der Gärtner halte es für weit unter seiner Würde, einem so kleinen Wicht wie diesem Jungen den Garten zu zeigen, deshalb wagt er gar nichts zu fragen, sondern läuft nur mit, und lange Zeit wirft ihm der Gärtner nur ab und zu eine Bemerkung hin. Gleich hinter der Mauer ist eine dichte Hecke, und während die beiden hindurchgehen, sagt der Gärtner, diese heiße er den Kolmården.

»Ja, sie ist so groß, daß sie so einen Namen wohl verdient,« erwidert der Junge. Aber der Gärtner hört gar nicht auf das, was Nils Holgersson sagt.

Jetzt haben sie das Buschwerk hinter sich, und der Junge kann einen ansehnlichen Teil des Gartens überschauen. Da sieht er gleich, daß dieser keine besonders große Ausdehnung hat, er mag wohl kaum ein paar Morgen groß sein. Im Süden und Westen beschützt ihn die Mauer, aber gegen Norden und Osten ist er von Wasser umgeben, da braucht er keine Einfriedigung.

Jetzt bleibt der Gärtner stehen, um eine Ranke aufzubinden, und der Junge hat Zeit, sich umzusehen. Er hat zwar in seinem Leben noch nicht viele Gärten gesehen, aber er hat das Gefühl, daß dieser hier ganz anders sei, als jeder andre Garten. Darüber ist er keinen Augenblick im Zweifel, daß er in ganz altmodischer Weise angelegt sein muß, denn eine so überwältigende Menge von kleinen Hügeln und kleinen Blumenbeeten und kleinen Hecken und kleinen Rasenflecken und kleinen Gartenhäuschen sieht man jetzt nirgends mehr. Und ebensowenig einen solchen Durcheinander von kleinen Teichen und gewundenen Kanälen, wie hier auf allen Seiten zu sehen sind.

Überall stehen herrliche Bäume und liebliche Blumen, und in den kleinen Kanälen ist durchsichtig klares, tiefgrünes Wasser, in dem sich alles ringsum widerspiegelt. Dem Jungen kommt es vor, als sei dies das Paradies. Er schlägt vor Entzücken die Hände zusammen und ruft: »So etwas Schönes habe ich noch nie gesehen! Was ist doch das für ein wunderschöner Garten?«

Kaum hat der Junge diesen Ausruf getan, da wendet sich der Gärtner rasch nach ihm um und sagt mit seiner barschen Stimme: »Der Garten heißt Sörmland. Wer bist du denn, daß du das nicht weißt? Er hat von jeher für einen der schönsten Gärten im ganzen Lande gegolten.«

Bei dieser Antwort wird es dem Jungen wohl ein wenig wunderlich zumute; aber er hat so viel zu sehen, daß er gar keine Zeit hat, weiter über den Sinn dieses Ausspruchs nachzudenken. Aber so schön alle die vielen Blumen und die durch die Rasenflächen sich hinschlängelnden Kanäle auch sind, so macht dem Jungen doch etwas andres noch viel mehr Spaß, nämlich die vielen kleinen Lauben und Puppenhäuschen, die überall durch die Bäume hindurchschimmern. Sie sind im ganzen Garten verstreut, aber die meisten stehen doch am Rande der kleinen Teiche und der Kanäle. Es sind jedoch gar keine richtigen Häuser, denn sie sind so klein, wie wenn sie für Leute gebaut wären, die nicht größer sind als der Junge selbst; aber alle sind außerordentlich hübsch und fein ausgestattet. Und alle Arten von Gebäuden sind vertreten: die einen sehen aus wie Schlösser mit Türmen und Seitenflügeln, andre wie Kirchen und wieder andre wie Mühlen und Bauernhäuser.

Ja, alle sind außerordentlich hübsch, und der Junge hätte am liebsten bei jedem einzelnen Gebäude Halt gemacht, um es genau zu betrachten, aber er wagt nicht, vom Pfad abzuweichen, sondern geht nur immer hinter dem Gärtner her. Bald erreichen sie ein Gebäude, das größer und stattlicher ist als alle vorhergehenden. Es ist ein dreistöckiges Schloß mit großem Portal und breiten Seitenflügeln, das auf einem Hügel mitten zwischen Blumenbeeten steht, und der Weg dahin führt auf kleinen zierlichen Brücken über einen Kanal nach dem andern.

Der Junge folgt dem Gärtner noch immer gewissenhaft dicht auf den Fersen, er wagt nicht, etwas andres zu tun; aber als er an all dem Schönen vorübergehen muß, entschlüpft ihm ein tiefer Seufzer, den der gestrenge Herr nicht überhören kann. Er bleibt stehen und sagt: »Dieses Gebäude hier heißt Eriksberg. Wenn du hineingehen willst, habe ich nichts dagegen; aber hüte dich vor der Pintorpafrau.«

Wer sich das nicht zweimal sagen läßt, das ist der Junge. Er läuft die Allee hinunter. Alles scheint genau für so einen kleinen Kerl, wie er ist, ausgemessen zu sein. Die Treppenstufen haben die richtige Höhe, und er kann jede Türklinke aufmachen. Aber nie hätte er gedacht, daß er je so etwas Schönes zu sehen bekäme! Die eichenen Fußböden sind glänzend gebohnt, die Zimmerdecken gegipst und reich bemalt. An den Wänden hängt Bild an Bild, die mit Seidenstoff überzogenen Sofas und Sessel haben vergoldete Lehnen. Er kommt in ein Zimmer, wo die Wände über und über mit Büchern bedeckt sind, und wieder in Gemächer, wo auf den Tischen und in den Schränken herrliche Kostbarkeiten liegen. Der Junge beeilt sich soviel wie möglich, aber er ist eben doch erst durch das halbe Haus gegangen, als der Gärtner ihn auch schon ruft, und als er heraustritt, steht der Alte davor und kaut ungeduldig an seinem Schnurrbart.

»Nun, wie ist es dir ergangen?« fragt er. »Hast du die Pintorpafrau gesehen?«

Aber der Junge ist keiner lebenden Seele begegnet, und als er dies sagt, verzerrt sich das Gesicht des Gärtners wie in großem Schmerz.

»Hat die Pintorpafrau Ruhe gefunden und ich nicht!« sagt er; und der Junge hätte nie geglaubt, daß eine Menschenstimme je solche Verzweiflung ausdrücken könnte.

Dann geht der Gärtner wieder mit langen Schritten weiter, und der Junge läuft hinter ihm her, während er versucht, wenigstens soviel wie möglich von allen den Merkwürdigkeiten zu sehen. Jetzt geht es um einen Teich herum, der etwas größer ist als die andern. Lange weiße Lusthäuschen, die Herrschaftssitzen gleichen, schimmern überall zwischen den Gebüschen und Blumengruppen hervor. Der Gärtner hält nirgends an, aber im Weitergehen richtet er ab und zu ein paar Worte an den Jungen. »Dies hier nenne ich den Yngaren. Dies ist Danbyholm. Hier hast du Hagbyberga. Hier Hovsta. Und hier Åkerö.«

Kurz darauf erreicht der Gärtner mit ein paar Riesenschritten einen kleinen Teich, den er Båven heißt. Aber hier hört er den Jungen einen Ruf des Erstaunens ausstoßen, und so bleibt er stehen. Der Junge hat vor einer kleinen Brücke Halt gemacht, die zu einem Schloß führt, das mitten auf dem Teich liegt.

»Wenn du Lust hast, dann kannst du hinüberlaufen und dir Vibyholm ansehen,« sagt er. »Aber nimm dich vor der Weißen Frau in acht.«

Und der Junge ist natürlich nicht faul, der Aufforderung Folge zu leisten. In dem Schloß hängen ungeheuer viele Bildnisse an den Wänden, und dem Jungen ist es fast, als sähe er ein großes Bilderbuch vor sich. Er findet es so unterhaltend, daß er gern die ganze Nacht hier umhergegangen wäre; aber es war noch nicht viel Zeit verstrichen, da hört er schon wieder die Stimme des Gärtners, die ihn ruft.

»Komm, komm!« ruft er. »Ich habe noch andres zu tun, als hier auf dich zu warten, du kleiner Knirps.«

Als der Junge wieder über die Brücke zurückeilt, ruft ihm der Gärtner zu: »Nun, wie ist es dir ergangen? Hast du die Weiße Frau gesehen?«

Der Junge hat keine lebende Seele gesehen und sagt dies auch dem Gärtner. Da stößt der Alte seinen Spaten so hart auf einen Stein auf, daß der Stein zerspringt, und mit einer Stimme, die die allertiefste Verzweiflung ausdrückt, ruft er: »Hat die Weiße Frau auf Vibyholm Ruhe gefunden und ich nicht?«

Bis jetzt sind die beiden in dem südlichen Teil des Gartens umhergewandert; jetzt wendet sich der Gärtner dem westlichen Teile zu. Dieser ist ganz anders angelegt. Große ebene Rasenflächen wechseln mit Erdbeerbeeten, Kohlfelder mit Stachel- und Johannisbeerbüschen ab. Auch hier sind kleine Gartenhäuschen, aber die meisten sind rot angestrichen; sie sehen aus wie Bauernhäuser und sind von Hopfengärten und Kirschbäumen umgeben.

Hier hält sich der Gärtner nicht auf; nur im Vorbeigehen sagt er zu dem Jungen: »Diese Gegend hier heiße ich Vingåker.«

Gleich darauf deutet er auf ein Gebäude, das viel einfacher aussieht als die übrigen und am ehesten mit einer Schmiede verglichen werden könnte. »Dies ist eine große Werkstatt,« sagt er. »Ich nenne sie Eskilstuna. Wenn du Lust hast, kannst du hineingehen und dich darin umsehen.«

Der Junge geht hinein; sieht aber zuerst nichts als eine ungeheure Menge von Rädern, die schnurren, von Hämmern, die stampfen, und Winden, die knirschen. Es ist hier so viel zu sehen, daß er wohl die ganze Nacht dageblieben wäre, wenn ihn der Gärtner nicht gerufen hätte.

Hierauf wandern sie miteinander im nördlichen Teil des Gartens dem See entlang. Das Ufer tritt bald zurück, ragt bald ins Wasser hinein, Landzungen und Buchten, Buchten und Landzungen wechseln miteinander ab. Vor den Landzungen liegen kleine Inseln, die nur durch schmale Wasserarme vom Lande getrennt sind. Diese Inselchen gehören auch noch zum Garten. Sie sind mit derselben Sorgfalt angelegt wie alles übrige.

Der Junge kommt an einem schönen Gebäude nach dem andern vorüber, aber der Gärtner hält nirgends an. Jetzt gelangen sie an eine prächtige rote Kirche, die von schwerbeladenen Obstbäumen umgeben auf einer Landzunge liegt und sich da ganz großartig ausnimmt. Der Gärtner will auch hier nur vorübergehen, aber der Junge faßt sich ein Herz und fragt, ob er nicht hineingehen dürfe.

»Ja, ja, geh nur hinein,« antwortet der Gärtner. »Aber hüte dich vor dem Bischof Rogge. Es ist wohl möglich, daß er sich bis zum heutigen Tage hier in Strängnäs aufhält.«

Rasch läuft der Junge in die Kirche hinein und sieht da schöne Grabdenkmäler und Altarbilder. Vor allem bewundert er in einer Kapelle neben der Vorhalle einen Reiter in vergoldeter Rüstung. Auch hier ist so viel zu sehen, daß der Junge gern die ganze Nacht hier zugebracht hätte; aber er muß wieder hinaus, denn er darf den Gärtner nicht auf sich warten lassen.

Als er wieder herauskommt, sieht er, daß der Gärtner eine Eule beobachtet, die hinter einem Rotschwänzchen herjagt. Der Alte pfeift dem Rotschwänzchen; es fliegt herbei und läßt sich vertrauensvoll auf der Schulter des Gärtners nieder, und als die Eule in ihrem Jagdeifer hinter ihm dreinfliegt, jagt er sie mit seinem Spaten fort.

»Er ist doch nicht so gefährlich, wie er aussieht,« denkt der Junge, als er sieht, wie zärtlich der Alte den armen Singvogel beschützt.

Aber sobald der Gärtner den Jungen erblickt, wendet er sich zu ihm und fragt, ob er den Bischof Rogge gesehen habe. Und als der Junge es verneint, sagt er in bitterem Gram: »Hat der Bischof Ruhe bekommen und ich nicht?«

Bald erreichen sie das stattlichste von den vielen Puppenhäusern. Es ist eine aus Backsteinen aufgeführte Burg mit drei massiven runden, durch lange Flügel verbundenen Türmen.

»Geh hinein und sieh dich um, wenn du Lust hast!« sagt der Gärtner. »Dies ist Gripsholm, und hier mußt du dich in acht nehmen, daß du dem König Erich nicht begegnest.«

Der Junge geht durch ein tiefes Torgewölbe und gelangt auf einen großen dreieckigen, von niedrigen Häusern umgebenen Hof. Die Häuser sehen nicht besonders vornehm aus, und der Junge hat keine Lust, hineinzugehen. Er springt nur Bock über zwei lange Kanonen, die hier aufgepflanzt sind, und eilt dann weiter. Nun geht es durch ein zweites tiefes Torgewölbe, und dann gelangt er in einen zweiten Schloßhof, der von prächtigen Gebäuden umgeben ist; hier geht er hinein. Er durchschreitet zuerst große altertümliche Zimmer, wo an den Decken die Querbalken sichtbar sind und an allen Wänden große dunkle Bilder hängen, auf denen ernst aussehende Herren und Damen in seltsamen steifen Gewändern abgebildet sind.

Eine Treppe höher kommt der Junge durch hellere und freundlichere Gemächer. Hier fühlt er so recht deutlich, daß er sich in einem königlichen Schloß befindet, denn an den Wänden sind lauter glänzende Bildnisse von Königen und Königinnen. Noch eine Treppe höher ist ein großer Bodenraum, auf den ringsherum die verschiedenartigsten Räume münden: die einen sind freundliche Zimmer mit schönen weißen Möbeln, dann kommt ein kleines Theater, und gleich daneben ist ein richtiges Gefängnis, ein düsterer Raum mit nackten, steinernen Wänden, vergitterten Fenstern und einem Boden, dessen Fliesen von den schweren Tritten der Gefangenen ausgetreten sind.

Hier ist so viel zu sehen, daß der Junge gern viele Tage lang da verweilt hätte; aber der Gärtner ruft ihn, und er wagt es nicht, den Ruf zu überhören.

»Hast du König Erich gesehen?« fragt der Gärtner, als der Junge aus dem Schlosse heraustritt. Aber der Junge hat niemand gesehen, und da sagt der Alte wieder wie zuvor, nur mit noch größerer Verzweiflung im Ton: »Hat König Erich zur Ruhe gehen dürfen, ich aber nicht!«

Jetzt richten die beiden ihre Schritte nach dem östlichen Teil des Gartens. Sie kommen an einem Badeort vorüber, den der Gärtner Södertelje nennt, sowie an einem alten Schloß, dem er den Namen Hörningsholm gibt. Hier ist übrigens nicht viel zu sehen. Überall ragen Felsen und Klippen auf, die immer einsamer und kahler werden, je weiter draußen sie liegen.

Jetzt wenden sie sich nach Süden, und der Junge erkennt die Hecke wieder, die der Gärtner Kolmården nannte, und daran errät er, daß sie sich dem Ausgange nähern.

Der Junge ist hocherfreut über alles, was er gesehen hat, und als sie nun schon nahe bei dem großen Gittertor sind, versucht er dem Gärtner seinen Dank auszusprechen. Aber der Alte hört gar nicht auf ihn, sondern geht nur geradenwegs auf das Tor zu. Hier angekommen wendet er sich an den Jungen und reicht ihm seinen Spaten. »Da, halte ihn, während ich das Tor aufschließe,« sagt er zu dem Jungen.

Diesem aber ist es ohnedies leid, daß er dem barschen alten Mann schon so viel Mühe gemacht hat, und er will ihm daher jede weitere Anstrengung ersparen.

»Meinetwegen braucht Ihr das schwere Tor gar nicht aufzumachen,« sagt er und schlüpft gleichzeitig zwischen den Gitterstäben hindurch; für so einen kleinen Knirps hatte das natürlich nicht die geringste Schwierigkeit.

Der Junge tut es in der besten Absicht und ist höchst bestürzt, als er hört, daß der Gärtner hinter ihm in heftigen Zorn ausbricht, auf den Boden stampft und an dem Gitter rüttelt.

»Was ist denn? Was ist denn?« fragt der Junge bestürzt. »Ich wollte Euch ja nur die Mühe ersparen. Warum seid Ihr denn so böse?«

»Sollte ich etwa nicht böse sein?« entgegnet der Alte. »Es wäre nichts weiter nötig gewesen, als daß du meinen Spaten genommen hättest, dann hättest du hierbleiben und den Garten besorgen müssen, während ich abgelöst gewesen wäre. Jetzt weiß ich nicht, wie lange ich noch hier ausharren muß.«

Bei diesen Worten rüttelt der Gärtner wieder heftig an dem Gittertor und sieht schrecklich zornig aus; aber dem Jungen tut er unwillkürlich von Herzen leid und er versucht ihn zu trösten.

»Seid doch nicht so betrübt darüber, Herr Karl von Södermanland,« sagt er. »Denn es findet sich gewiß niemand, der Euren Garten so gut pflegen würde, wie Ihr es tut.«

Als der Junge das sagt, wird der alte Gärtner ganz still und ruhig, und der Junge meint einen hellen Schein über die harten Züge hingleiten zu sehen. Aber er kann es nicht deutlich sehen, denn plötzlich verblaßt die ganze Gestalt und verschwindet wie im Nebel. Und nicht nur die Gestalt, nein, auch der ganze Garten mit allen Blumen und Früchten und dem Sonnenschein verbleicht und verschwindet, und wo er gestanden hat, ist nichts andres mehr als der öde, wilde Wald.

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24. In Närke

Die Ysätter-Kajsa

In Närke gab es in früheren Zeiten etwas, was es anderswo gar nicht gab, nämlich eine Hexe, die die Ysätter-Kajsa hieß.

Den Namen Kajsa hatte sie bekommen, weil sie soviel mit Sturm und Wind zu tun hatte, und solche Wetterhexen werden immer so genannt; der Beinamen aber war ihr gegeben worden, weil es hieß, sie stamme aus dem Ysätter Sumpf im Kirchspiel Asker.

Es hatte allerdings den Anschein, als habe sie ihre eigentliche Heimat in Asker, aber man sah sie auch häufig an andern Orten. In ganz Närke mußte man stets darauf gefaßt sein, sie vor sich auftauchen zu sehen.

Sie war aber keine traurige oder unheimliche Hexe, sondern munter und lustig, und am allerwohlsten war es ihr, wenn ein richtiger Sausewind daherfegte. Sobald es tüchtig stürmte, machte sie sich auf, um auf der Ebene von Närke einen ordentlichen Reigen zu tanzen.

Der Närker Bezirk ist eigentlich bloß eine einzige Ebene, die von allen Seiten von waldigen Höhen umgeben ist. Nur im nordöstlichsten Winkel durchbricht der Hjälmar die lange Gebirgsmauer.

Wenn nun der Wind am Morgen draußen auf der Ostsee ordentlich Kräfte gesammelt hat und sich ins Land hinein auf den Weg macht, fährt er ungehindert zwischen den Sörmländer Hügeln hindurch und gelangt ohne jegliche Schwierigkeit dort am Hjälmar nach Närke hinein. Hier fegt er quer über die Ebene hin; aber gerade gegenüber stößt er im Westen auf die hohe Kilsberger Felsenwand und wird von dieser zurückgeworfen. Da krümmt sich der Wind wie eine Schlange und jagt gegen Süden. Aber hier trifft er auf den Tived und bekommt einen Stoß, der ihn nach Osten schleudert. Im Osten jedoch liegt der Tylöwald, und dieser schickt den Wind nordwärts zu dem Kägla. Und von dem Kägla jagt der Wind aufs neue gegen Kilsberg, Tived und den Tylöwald.

So geht es fort: der Wind dreht und dreht sich in immer kleineren Kreisen, bis er sich schließlich wie ein Kreisel mitten auf der Ebene um sich selbst dreht. Aber an solchen Tagen, wenn der Wirbelwind über die Ebene hinfuhr, da war die Ysätter-Kajsa so recht vergnügt. Dann stand sie mitten drin im Wirbel und drehte sich selbst wie ein Kreisel. Ihr langes Haar flatterte bis hinauf zu den Wolken, ihr Gewand schleifte über den Boden hin wie eine Staubwolke, und die ganze Ebene breitete sich unter ihr aus wie ein Tanzboden.

Morgens saß die Ysätter-Kajsa meist auf einer hohen Tanne am Bergabhang und schaute über die Ebene hin. Zur Winterzeit, wenn es tüchtig geschneit hatte, kamen viele Schlitten dahergefahren. Und sobald Kajsa die Schlitten sah, trieb sie eiligst ein ordentliches Schneegestöber daher und fegte so hohe Schneewehen zusammen, daß die Leute nur mit Mühe und Not wieder nach Hause kommen konnten. Bei schönem Sommerwetter aber, zur Zeit der Heuernte, saß die Ysätter-Kajsa ganz still auf ihrem Baum, bis die ersten Heuwagen hoch beladen zur Abfahrt bereit waren. Dann aber hui! sauste sie mit ein paar Platzregen daher, die der Arbeit für diesen Tag ein Ende machten.

Soviel war sicher, daß sie selten an etwas andres dachte, als Unheil anzurichten. Die Kohlenbrenner droben in den Kilsbergen wagten die ganze Nacht kaum ein Auge zu schließen; denn sobald Kajsa einen unbewachten Meiler sah, kam sie leise herbeigeschlichen und blies hinein, bis die hellen Flammen herausschlugen. Und wenn die Fuhrleute von Laxå und Svartå einmal noch spät abends mit Erzlasten unterwegs waren, hüllte Kajsa den Weg und die ganze Gegend in so dichten Nebel, daß Menschen und Pferde sich verirrten und mit den schweren Karren in Moore und Sümpfe hineingerieten.

Wenn die Pröpstin von Glanshammar an einem schönen Sommertage den Kaffeetisch draußen im Garten gedeckt hatte, und dann ein Windstoß daherkam, der die Decke aufwirbelte und Tassen und Teller umwarf, da wußte man schon, wem man diesen Spaß zu verdanken hatte. Wenn dem Bürgermeister von Örebro der Hut vom Kopf geweht wurde und er ihm über den ganzen Marktplatz nachlaufen mußte, wenn die Leute von Vinö mit ihren Gemüsebooten im Hjälmar auf den Grund fuhren, wenn zum Trocknen aufgehängte Wäsche heruntergerissen und in den Schmutz geworfen wurde, wenn am Abend der Rauch in die Stuben hineindrang und es aussah, als könne er den Weg durch den Schornstein gar nicht finden, dann herrschte keine Spur von Zweifel darüber, wer sich auf diese Weise die Zeit vertrieb.

Aber wenn auch die Ysätter-Kajsa ihre Lust an lauter solchem Schabernack hatte, war sie doch im Grunde ihres Herzens nicht eigentlich boshaft. Man merkte wohl, daß sie mit den Händelsüchtigen, den Geizigen und den Hartherzigen am schlimmsten verfuhr, die guten Leute dagegen und die armen Kinder nahm sie sehr oft in Schutz. Und alte Leute erzählen auch heute noch, die Ysätter-Kajsa sei, als in Asker die Kirche brannte, mitten in den Rauch und die hohen Flammen hineingefahren und habe die Gefahr abgewendet.

Immerhin waren die Leute in Närke der Wetterhexe oft recht überdrüssig, sie jedoch, die Ysätter-Kajsa, war ihrer tollen Streiche nie überdrüssig. Wenn sie droben auf dem Rande einer Wolke saß und auf Närke hinabschaute, das so freundlich und wohlhabend dalag, mit seinen stattlichen Bauernhöfen auf der Ebene und seinen reichen Erzgruben und Bergwerken in dem Gebirge, mit dem langsam dahinfließenden Svartå, den seichten fischreichen Binnenseen, der guten Stadt Örebro, die sich rings um das ernstaufragende Schloß mit den massiven Ecktürmen ausbreitete, dann dachte sie gewiß: »Hier hätten es die Menschen sicherlich allzugut, wenn ich nicht da wäre. Hier muß jemand sein wie ich, der sie aufrüttelt und in Atem erhält.«

Dann stieß sie ein wildes, gellendes Gelächter aus, das klang wie das Schreien einer Elster, und jagte davon, tanzend und wirbelnd von einem Ende der Ebene zum andern. Und wenn die Bewohner von Närke sahen, wie sie ihre Staubschleppe über die Ebene hinzog, konnten sie ein Lächeln nicht unterdrücken. Denn unartig und neckisch war sie, das konnte nicht geleugnet werden, aber sie hatte auch einen herrlichen Humor. Der Umgang mit der Ysätter-Kajsa war für die Bauern ebenso belebend, wie der Sturmwind für die Ebene, wenn er so recht toll darüber hinfegte.

Heutigentages wird nun behauptet, die Ysätter-Kajsa sei längst tot und begraben, wie alles andre Hexen- und Zaubervolk auch. Aber das kann man fast nicht glauben. Das wäre gerade, wie wenn jemand daherkäme und behaupten wollte, die Luft werde von jetzt an über der Ebene ganz still stehen und der Sturm werde nie mehr mit Saus und Braus und frischem Wind und gewaltigem Platzregen darüber hinwirbeln.

Ja, wer da meint, die Ysätter-Kajsa sei tot und begraben, der soll nur hören, wie es in jenem Jahr in Närke ging, wo Nils Holgersson durch diese Gegend zog, und dann soll er selbst sagen, was er darüber denkt.

Der Jahrmarktsabend

Mittwoch, 27. April

Es war am Tag vor dem großen Viehmarkt in Örebro, und es goß so vom Himmel herunter, daß man draußen nichts mehr voneinander unterscheiden konnte. Das war ein Regen gerade wie die Sündflut. Der Himmel schien alle seine Schleusen geöffnet zu haben, und gar mancher dachte im stillen: »Dies ist ganz wie zur Zeit der Ysätter-Kajsa. Gerade an den Jahrmärkten, da trieb sie den tollsten Schabernack. So ein Regenwetter am Vorabend des Jahrmarktes, das hätte ihr gepaßt.«

Je weiter der Abend vorrückte, desto schlimmer wurde der Regen. Als die Dunkelheit einbrach, ging ein wahrer Wolkenbruch nieder, die Wege wurden ganz grundlos, und den Leuten, die mit ihrem Vieh unterwegs waren, um bei guter Zeit nach Örebro zu kommen, ging es schlecht. Die Kühe und Ochsen waren übermüdet und sträubten sich, weiterzugehen, mehrere von den armen Tieren warfen sich mitten auf der Landstraße zu Boden, um zu zeigen, daß sie nicht mehr weiter könnten. Alle die Leute, die am Wege wohnten, mußten den Jahrmarktbesuchern Tür und Tor öffnen und sie so gut es eben ging für die Nacht aufnehmen. Alles war überfüllt, nicht nur die Wohnhäuser, nein, auch die Ställe und Scheunen.

Wer nur immer konnte, versuchte indes sich bis zum Wirtshaus durchzukämpfen; aber wer es erreicht hatte, bereute fast, nicht in einem der Häuser an der Straße geblieben zu sein, denn alle Stände in den Kuhställen und alle Krippen im Pferdestall waren längst besetzt. Die armen Leute hatten keine Wahl, sie mußten ihre Pferde und Kühe unter freiem Himmel im Regen stehen lassen, ja, ihre Besitzer selbst konnten nur mit Mühe und Not unter Dach und Fach kommen.

Auf dem Hofplatz war ein Gedränge, ein Schmutz und eine Nässe, die man gar nicht beschreiben konnte. Viele von den Tieren standen geradezu im Wasser und konnten sich nicht einmal niederlegen. Manchen von den Bauern gelang es allerdings, Stroh für ihr Vieh zu ergattern, da konnten sich die armen Tiere wenigstens niederlegen, und man konnte sie notdürftig zudecken; andre aber saßen drin im Wirtshaus, tranken und spielten und vergaßen darüber ihr Vieh, für das sie sorgen sollten, vollständig.

Nils Holgersson und die Wildgänse hatten an diesem Abend einen Holm im Hjälmar erreicht. Die kleine Insel war nur durch einen schmalen, seichten Wasserarm vom Lande getrennt; bei niedrigem Wasserstand konnte man trockenen Fußes hinüberkommen.

Auf dem Holm draußen regnete es ebenso heftig wie sonst überall auch. Der Junge konnte bei dem Regen, der unaufhörlich auf ihn herabfiel, nicht einschlafen. Schließlich stand er auf und wanderte auf der Insel umher. Er meinte, er fühle den Regen weniger, wenn er sich bewegte.

Kaum war er rings auf der Insel herumgegangen, als er in dem Wasser, das den Holm vom Festland trennte, ein Plätschern hörte, und schon im nächsten Augenblick sah er ein einzelnes Pferd zwischen den Büschen daherkommen. Es war eine alte Mähre, ein so elendes, kraftloses Pferd, wie Nils Holgersson noch nie eines gesehen hatte. Es war lendenlahm und steifbeinig und entsetzlich mager, man konnte alle Rippen unter der Haut zählen. Es trug weder Sattel noch Zaumzeug, nur eine alte Halfter, von der ein halbverfaultes Strickende herunterhing. Offenbar hatte ihm das Losreißen keinerlei Schwierigkeiten bereitet.

Das Pferd ging geradenwegs auf die Stelle zu, wo die Wildgänse schliefen, und der Junge bekam Angst, es könnte sie treten. »Wohin willst du? Nimm dich in acht!« rief er dem Pferde zu.

»Ach so, da bist du,« sagte das Pferd und kam auf den Jungen zu. »Ich bin eine ganze Meile weit gegangen, dich zu finden.«

»Weißt du denn etwas von mir?« fragte der Junge verwundert.

»Ich habe ja wohl Ohren zum Hören, wenn ich auch alt bin. Es wird gegenwärtig viel von dir gesprochen.«

Während es dies sagte, senkte das Pferd den Kopf, um besser sehen zu können, und Nils Holgersson bemerkte, daß es einen kleinen Kopf mit schönen Augen und einem feinen, weichen Maule hatte.

»Das ist einstmals ein gutes Pferd gewesen, wenn es auch auf seine alten Tage heruntergekommen ist,« dachte der Junge.

»Ich möchte dich bitten, mit mir zu gehen und mir in einer Sache beizustehen,« sagte das Pferd.

Der Junge dachte, es wäre wohl eine gewagte Sache, mit so einem elenden Geschöpf fortzugehen, und entschuldigte sich mit dem schlechten Wetter.

Doch das Pferd sagte: »Auf meinem Rücken hast du es nicht schlechter, als wenn du hier liegst. Aber du hast vielleicht den Mut nicht, mit so einer alten Schindmähre, wie ich eine bin, wegzugehen.«

»O doch, dazu habe ich schon den Mut,« sagte der Junge.

»Dann wecke jetzt die Gänse, damit wir mit ihnen ausmachen, wo sie dich morgen wieder abholen werden,« sagte das Pferd.

Kurz darauf saß Nils Holgersson auf dem Rücken des Pferdes, das viel besser trabte, als der Junge gedacht hatte; aber es war doch ein weiter Ritt durch Nacht und Regen, bis sie endlich vor einer großen Herberge Halt machten. Hier sah es schrecklich unheimlich aus. Die Wagengeleise auf der Straße waren übermäßig tief; der Junge war überzeugt, er würde ertrinken, wenn er da hineinfiele. An dem Lattenzaun, der das Gehöft rings umgab, waren ungefähr dreißig bis vierzig Pferde und Kühe angebunden; ohne jeglichen Schutz gegen den Regen standen sie da, und innen im Hofraum sah Nils Holgersson Karren mit hohen Kisten, in denen Schafe und Kälber, Schweine und Hühner untergebracht waren.

Das Pferd stellte sich an dem Lattenzaun auf. Der Junge saß noch auf seinem Rücken, und mit seinen guten Nachtaugen, die er seit seiner Verzauberung hatte, sah er ganz deutlich, wie schlecht es die armen Tiere hier hatten.

»Wie kommt es nur, daß ihr hier außen im Regen steht?« fragte er.

»Wir sind auf dem Wege nach dem Jahrmarkt in Örebro, aber des Regens wegen mußten wir hier haltmachen. Dies ist zwar eine Herberge, es sind jedoch so viele Reisende angekommen, daß wir keinen Platz mehr im Hause fanden.«

Der Junge erwiderte nichts; schweigend schaute er sich um. Nicht viele von den Tieren schliefen, von allen Seiten ertönten Klagen und lautes Murren. Und die armen Geschöpfe hatten allen Grund zum Jammern, denn das Wetter war jetzt noch schlimmer als am Tage. Ein eiskalter Wind hatte sich erhoben, und der scharfe peitschende Regen war jetzt mit Schnee vermischt. Da war es nicht schwer zu erraten, welche Hilfe das Pferd von dem Jungen verlangte.

»Siehst du dort den großen Bauernhof, der dem Wirtshause gerade gegenüber liegt?« fragte das Pferd.

»Jawohl,« sagte der Junge, »ich sehe ihn, und ich begreife nicht, warum ihr nicht dort um Obdach gebeten habt. Ist dort auch schon alles voll?«

»Nein, es sind keine fremden Tiere dort,« antwortete das Pferd. »Aber die Besitzer dieses Hofes sind so geizig und ungefällig, daß es gar nichts nützen könnte, wenn man sie um ein Obdach bitten würde.«

»Ach, so hängt es also zusammen! Ja, dann müßt ihr freilich bleiben, wo ihr seid.«

»Aber ich bin auf dem Hofe drüben geboren und aufgewachsen,« sagte das Pferd, »und ich weiß, daß dort ein großer Pferdestall und auch ein Kuhstall ist mit vielen Krippen und Ständen, und ich möchte wissen, ob du uns nicht den Eintritt dazu verschaffen könntest.«

»Ach nein, dazu habe ich sicher den Mut nicht,« erwiderte der Junge. Aber die armen Tiere taten ihm schrecklich leid, und so entschloß er sich, es jedenfalls einmal zu versuchen.

Er lief hinüber auf den fremden Hof und sah da gleich, daß alle Wirtschaftsgebäude verschlossen und alle Schlüssel abgezogen waren. Ratlos und hilflos stand er da, doch da wurde ihm von einer ganz unerwarteten Seite Hilfe zuteil. Mit gewaltigem Sausen kam plötzlich eine Windsbraut dahergefahren und riß eine große Scheunentür auf, vor der der Junge eben Halt gemacht hatte.

Natürlich kehrte der Junge mit größter Eile zu dem Pferde zurück und sagte: »Ihr könnt zwar nicht in die Ställe hinein, aber eine große leere Scheune ist zu schließen vergessen worden, und dahin will ich euch führen.«

»Dafür sollst du schön bedankt sein,« sagte das Pferd. »Es wird mir gut tun, wenn ich noch einmal in meiner alten Heimat schlafen darf. Dies ist die einzige Freude, die mir in meinem Leben noch zuteil werden kann.«

Auf dem reichen Bauernhofe, der dem Wirtshaus gerade gegenüber lag, waren indes die Bewohner an diesem Abend viel länger als gewöhnlich aufgeblieben.

Der Bauer war ein Mann von ungefähr fünfunddreißig Jahren. Er war groß und schlank und hatte ein schönes, aber etwas finsteres Gesicht. Am Tage war er im Regen draußen gewesen und war da ebenso naß geworden wie alle andern Leute auch. Deshalb hatte er beim Abendessen seine alte Mutter, die noch Herrin auf dem Hofe war, gebeten, ein Feuer auf der offenen Feuerstelle anzuzünden, damit er seine Kleider trocknen könnte. Die Mutter hatte ein ärmliches Holzfeuerchen angezündet, denn in diesem Hause wurde kein Brennholz verschwendet, und der Bauer hatte seinen Rock auf einem Stuhl dicht vor dem Feuer aufgehängt. Dann hatte er den Fuß auf den Herd gestellt, den Ellbogen aufs Knie gestützt und nachdenklich in die Flammen geschaut. So stand er nun schon seit mehreren Stunden, ohne sich zu rühren; die einzige Bewegung, die er machte, war, ab und zu ein neues Stück Holz aufs Feuer zu werfen.

Die Mutter hatte den Tisch abgeräumt und sein Bett hergerichtet, dann war sie ins Hinterstübchen gegangen und hatte es sich da bequem gemacht. Von Zeit zu Zeit trat sie an die Tür und sah ihren Sohn fragend an, der noch immer vor dem Feuer stand und nicht zu Bett ging.

»Es fehlt mir nichts, Mutter,« sagte er. »Ich muß nur an etwas aus früherer Zeit denken.«

Die Sache aber war die: Als der Sohn bei seiner Heimkehr am Wirtshaus vorbeigekommen war, hatte ihn ein Pferdehändler gefragt, ob er nicht ein Pferd kaufen wolle. Dabei hatte er ihm einen alten Gaul gezeigt, der so jämmerlich zugerichtet war, daß der Bauer den Mann unwillkürlich mit den Worten anfuhr, er müsse ja verrückt sein, wenn er meine, er könne ihn mit so einer Schindmähre anführen.

»Ach nein,« antwortete der Pferdehändler, »das meine ich nicht. Aber da dieses Pferd früher in Euerm Besitz war, dachte ich, Ihr hättet vielleicht Lust, ihm das Gnadenbrot zu gewähren, denn das tut ihm not.«

Da hatte der Bauer das Pferd näher angesehen und es wieder erkannt. Ja, er hatte es einst selbst großgezogen und eingefahren. Aber deshalb fiel es ihm doch nicht ein, so ein altes, unbrauchbares Tier zu kaufen. Nein, davon konnte keine Rede sein. Er gehörte nicht zu denen, die ihr Geld wegwarfen!

Trotzdem hatte der Anblick des Pferdes viele Erinnerungen in ihm wachgerufen, und diese Erinnerungen hielten ihn jetzt fest. Deshalb mochte er nicht zu Bett gehen.

Ach ja, dieses Pferd war ein gutes, ein flottes Tier gewesen! Sein Vater hatte es von Anfang an ihm allein überlassen. Er hatte es eingefahren, und es war ihm lieber gewesen als alles andre, was er sein eigen nannte. Der Vater hatte sich beklagt, daß er es zu gut füttere, und da hatte er oft den Hafer für seinen Liebling stibitzt.

Solange er dieses Pferd hatte, ging er nie zu Fuß in die Kirche, sondern fuhr immer, und zwar aus keinem andern Grunde, als um mit seinem Pferde groß zu tun. Er selbst trug eigengewobene und eigengemachte Kleider, das Fuhrwerk war ärmlich und unangestrichen, aber das Pferd war das schönste Tier, das den Kirchenhügel hinauffuhr.

Einmal hatte er sich ein Herz gefaßt und seinen Vater gefragt, ob er sich nicht einen Tuchanzug kaufen und das Fuhrwerk mit Ölfarbe anstreichen dürfe. Aber der Vater hatte ihn wie versteinert angesehen, ja, der Sohn hatte einen Augenblick gefürchtet, den Vater werde der Schlag treffen. Er hatte dann versucht, seinem Vater begreiflich zu machen, daß er, wenn er mit einem so prächtigen Pferd fahre, selbst auch ein wenig hübsch aussehen sollte.

Der Vater hatte gar nichts gesagt, aber ein paar Tage nachher war er mit dem Pferd nach Örebro gegangen und hatte es da verkauft.

Das war grausam vom Vater gewesen; aber dieser hatte offenbar gefürchtet, das Pferd könnte den Sohn zur Eitelkeit und zur Verschwendung verleiten. Und jetzt, so lange nachher, mußte der Sohn zugeben, daß der Vater damals recht gehabt hatte. Ein solches Pferd konnte einem wohl zum Fallstrick werden. Aber im Anfang war ihm der Verlust seines Lieblings schrecklich nahe gegangen. Von Zeit zu Zeit war er nur deshalb nach Örebro gefahren, um, an einer Straßenecke stehend, das Pferd vorbeifahren zu sehen, oder um sich mit einem Stück Zucker zu ihm in seinen neuen Stall zu schleichen.

»Wenn der Vater stirbt und ich den Hof bekomme, dann kaufe ich mir mein Pferd wieder. Das ist das erste, was ich tue,« hatte er damals gesagt.

Jetzt war der Vater tot, und er selbst saß schon seit mehreren Jahren auf dem Hofe; aber er hatte keinen einzigen Versuch gemacht, das Pferd wieder zu kaufen. Ja, seit langer Zeit hatte er an diesem Abend zum ersten Male wieder an das Tier gedacht.

Wie merkwürdig, daß er es so ganz und gar hatte vergessen können! Aber der Vater war ein sehr gebieterischer und eigensinniger Mann gewesen, und als der Sohn erwachsen war und die beiden den Hof miteinander bewirtschafteten, da hatte sein Vater große Gewalt über ihn bekommen. Schließlich dachte er, alles, was der Vater tat, sei gut und recht. Und als er dann selbst den Hof bekam, hatte er sich nur immer Mühe gegeben, in allem genau so zu handeln, wie sein Vater gehandelt hatte.

Er wußte ja wohl, daß die Leute sagten, sein Vater sei geizig gewesen; aber es war doch gewiß nur recht, wenn man den Geldbeutel fest zumachte und das Geld nicht unnötig zum Fenster hinauswarf. Man durfte das Hab und Gut, das einem anvertraut worden war, nicht vergeuden. Besser ein Geizhals heißen und auf einem schuldenfreien Hofe sitzen, als sich wie die andern Bauern mit großen Hypotheken herumschlagen müssen.

So weit war der Bauer in seinen Gedanken gekommen, als er plötzlich heftig zusammenfuhr, weil er etwas Sonderbares gehört hatte. Es war, als ob eine laute, spottende Stimme gerade das wiederholte, was er eben gedacht hatte. »Es ist am besten, den Geldbeutel fest zuzumachen. Es ist besser, ein Geizhals heißen und auf einem schuldenfreien Hofe sitzen, als sich wie die andern Hofbesitzer mit Hypotheken herumschlagen müssen.«

Das klang gerade, als wolle sich jemand über seine Klugheit lustig machen, und er war auf dem Punkt, in Wut zu geraten, als er entdeckte, daß alles auf einem Irrtum beruhte. Draußen hatte sich ein heftiger Wind erhoben, er aber hatte die ganze Zeit hier gestanden und war schläfrig geworden; da hatte er das Heulen des Windes im Schornstein für eine menschliche Stimme gehalten.

Er wendete sich um und sah auf die große Wanduhr; es schlug eben elf Uhr. »Da ist es höchste Zeit, daß du zu Bett gehst,« dachte er. Aber dann fiel ihm ein, daß er seine allabendliche Runde auf dem Hofe noch nicht gemacht hatte, um nachzusehen, ob alle Türen und Läden geschlossen und alle Lichter gelöscht seien. Dies hatte er noch nie unterlassen, seit er Herr auf dem Hofe geworden war. Rasch warf er seinen Rock über und ging in den Regen hinaus.

Draußen fand er alles, wie es sein sollte, nur die Tür der leeren Scheune war vom Wind aufgerissen worden. Er holte also den Schlüssel, verschloß die Scheune und steckte den Schlüssel in die Rocktasche. Dann kehrte er in die Stube zurück, zog den Rock aus und hängte ihn aufs neue vors Feuer. Aber er ging auch jetzt noch nicht zu Bett, sondern wanderte in der Stube hin und her. Das war doch ein gräßliches Wetter! So ein durchdringend kalter Wind und ein eisiger Schneeregen! Und sein altes Pferd stand nun da draußen, ohne auch nur eine Decke als Schutz gegen das Unwetter zu haben! Er müßte doch eigentlich hinausgehen und seinem alten Freund ein Obdach gewähren, da er nun doch einmal in diese Gegend gekommen war.

Jetzt hörte der Junge in dem gegenüberliegenden Gasthof eine alte Uhr mit schrillem Ton elf Uhr schlagen. Er war gerade im Begriff, die Tiere loszubinden, um sie in den Bauernhof hineinzuführen. Es dauerte ziemlich lange, bis er sie geweckt und aufgestellt hatte; aber schließlich war alles in Ordnung, und in einer langen Reihe, der Junge als Wegweiser voran, bewegte sich der Zug in den Hof des geizigen Bauern hinein.

Aber während der Junge mit den Tieren beschäftigt gewesen war, hatte der Bauer seine Runde beendet und das Scheunentor zugeschlossen. Als nun der Junge vor der Scheune ankam, war der Eingang versperrt. Ganz bestürzt blieb der Junge stehen. Aber nein, die armen Tiere konnte er nicht hier draußen lassen. Er mußte ins Haus hinein und sich den Schlüssel verschaffen.

»Sorge dafür, daß sie sich still verhalten, während ich den Schlüssel hole,« sagte er zu dem alten Pferd. Mit diesen Worten eilte er davon.

Mitten auf dem Hofplatz hielt er an, um zu überlegen, wie er ins Haus hineinkommen sollte. Während er noch gedankenverloren dastand, sah er auf der Straße zwei kleine Wanderer daherkommen, und jetzt eben machten sie vor dem Wirtshaus halt.

Der Junge sah gleich, daß es zwei kleine Mädchen waren, und er lief auf sie zu, denn er dachte, sie würden ihm vielleicht helfen können.

»Komm, Britta Marie,« sagte das eine von den Kindern, »jetzt darfst du nicht mehr weinen. Hier ist die Herberge. Hier bekommen wir gewiß ein Nachtlager.«

Kaum hatte das Mädchen dies gesagt, als der Junge ihr auch schon zurief: »Nein, ihr braucht gar nicht erst zu fragen, ob man euch im Wirtshaus aufnehmen wolle, denn das ist ganz unmöglich. Aber in dem Bauernhof hier sind keine Gäste. Gehet nur hinein!«

Die beiden kleinen Mädchen hörten die Worte deutlich, konnten aber den, der mit ihnen sprach, nicht sehen. Sie verwunderten sich indes nicht weiter darüber, denn ringsum war es stockdunkel. Das größere Mädchen erwiderte denn auch sogleich: »In diesen Hof wollen wir nicht hineingehen, denn die Leute, die darin wohnen, sind hart und geizig. Sie sind schuld daran, daß wir hier auf der Landstraße betteln gehen müssen.«

»Das ist wohl möglich,« sagte der Junge. »Aber gehet trotzdem nur hinein; ihr werdet sehen, es läuft alles gut ab.«

»Nun, wir können es jedenfalls versuchen, aber man wird uns nicht einmal hineinlassen,« sagten die beiden Kinder; damit gingen sie auf das Wohnhaus zu und klopften an die Tür.

Der Bauer stand noch immer am Feuer und dachte an sein altes Pferd; da drang das Klopfen der Kinder an sein Ohr. Er ging an die Haustür, um zu sehen, wer draußen sei, beschloß aber zugleich, sich gewiß nicht überreden zu lassen, irgendeinen Wanderer aufzunehmen. Aber in dem Augenblick, wo er einen Spalt an der Tür öffnete, lag auch schon die Windsbraut auf der Lauer. Sie riß dem Bauern die Tür aus der Hand und warf ihn selbst gegen die Wand zurück. Um die Tür wieder zuzuziehen, mußte er auf die Haustreppe hinaustreten, und als er in die Stube zurückkehrte, standen die beiden Kinder schon mitten darin.

Es waren zwei arme, schmutzige, in Lumpen gehüllte, halb verhungerte Bettelkinder, zwei kleine Mädchen, die unter der Last von zwei Bettelsäcken, die ebenso groß waren wie sie selbst, heftig keuchten.

»Was seid denn ihr für Pack, das noch so spät in der Nacht unterwegs ist?« fragte der Bauer unfreundlich.

Die beiden Kinder antworteten nicht sogleich, sondern stellten zuerst ihre Säcke ab. Dann traten sie mit zum Gruß ausgestreckten Händen auf den Bauern zu. »Wir sind die Anne und die Britta Marie vom Engärd,« sagte die ältere, »und wir möchten um eine Nachtherberge bitten.«

Der Bauer ergriff die ihm dargebotenen Händchen nicht, ja, er wollte die beiden Bettelmädchen gerade vor die Tür setzen, als eine neue Erinnerung vor ihm auftauchte. Das Engärd war ein kleines Haus, wo eine bedürftige Witwe mit ihren fünf Kindern gewohnt hatte. Die Witwe war dem alten Bauern einige hundert Kronen schuldig gewesen, und um seine Forderung zu befriedigen, hatte der Bauer ihre Hütte verkaufen lassen. Die Witwe war hierauf mit ihren drei ältesten Kindern nach Nordland gezogen, dort Arbeit zu suchen, die beiden jüngeren aber waren der Gemeinde zur Last gefallen.

Dem Bauern stieg der Ärger auf, als er an dieses Vorkommnis dachte. Er wußte, wie sehr sein Vater im Kirchspiel verurteilt worden war, weil er das Geld verlangt hatte, das ihm doch von Rechts wegen gehört hatte.

»Was tut ihr denn gegenwärtig?« fragte er mit barscher Stimme. »Sorgt denn der Armenpfleger nicht für euch? Warum streicht ihr auf der Landstraße umher und bettelt?«

»Wir können nichts dafür,« antwortete das ältere Mädchen. »Die Leute, bei denen wir sind, haben uns auf den Bettel ausgeschickt.«

»Ja, und ihr könnt euch nicht beklagen, denn eure Säcke sind ja ganz voll,« sagte der Bauer. »Es ist am besten, ihr esset euch an dem, was ihr darin habt, satt, denn hier gibt es nichts zu essen. Alle Frauenzimmer auf dem Hofe sind schon zu Bett. Und dann könnt ihr euch hier in die Ecke am Herd legen, da friert ihr nicht.«

Dabei machte er eine abwehrende Bewegung mit der Hand, wie um die Kinder zurückzuscheuchen, und seine Augen nahmen einen fast harten Ausdruck an, denn er dachte, er müsse ja froh sein, daß er einen Vater gehabt hatte, der um sein Besitztum besorgt gewesen war, sonst hätte er, der Sohn, vielleicht auch als kleiner Junge mit dem Bettelsack umherlaufen müssen, wie diese Kinder hier.

Kaum hatte der Bauer diesen Gedanken zu Ende gedacht, als die gellende, spöttische Stimme, die er an diesem Abend schon einmal gehört hatte, Wort für Wort wiederholte. Er horchte und erkannte gleich, daß es keine Menschenstimme war, sondern nur der Wind, der im Schornstein sein Wesen trieb. Aber es war seltsam, sobald der Wind seine Gedanken in dieser Weise laut wiederholte, erschienen sie ihm merkwürdig dumm, hartherzig und falsch.

Die Kinder hatten sich indessen nebeneinander auf dem harten Boden ausgestreckt; aber sie waren nicht still, sondern murmelten noch etwas vor sich hin.

»Wollt ihr wohl schweigen!« rief der Bauer. Er war jetzt in so gereizter Stimmung, daß er die Kinder hätte schlagen können.

Aber das Gemurmel hörte nicht auf, obgleich er den Kindern noch einmal barsch zu schweigen befahl.

»Als unsere Mutter von uns fortging,« sagte da plötzlich eine helle Kinderstimme, »mußte ich ihr versprechen, mein Abendgebet nie zu vergessen. Dieses Versprechen muß ich halten und Britta Marie auch. Sobald wir: >Müde bin ich, geh zur Ruh, schließ die müden Augen zu< gebetet haben, sind wir ganz still.«

Der Bauer blieb wortlos sitzen und hörte die Kleinen ihr Abendgebet sprechen. Dann ging er mit langen Schritten im Zimmer hin und her, und zuweilen preßte er wie in großer Seelenangst die Hände zusammen.

Das Pferd zugrunde gerichtet! Die beiden Kinder zu umherstrolchenden Bettlern gemacht! Und beides das Werk seines Vaters! Ach, was der Vater getan hatte, war am Ende doch nicht immer ganz recht gewesen!

Er warf sich auf einen Stuhl und stützte den Kopf in die Hände. Plötzlich begann es in seinem Gesicht zu zucken; die Tränen traten ihm in die Augen, aber rasch wischte er sie weg. Doch neue Tränen drangen hervor, und es half nichts, daß er auch diese eilig wegwischte, es kamen immer neue.

Jetzt öffnete seine Mutter die Tür des Hinterstübchens, und eilig drehte der Bauer seinen Stuhl um, damit er ihr den Rücken zuwendete. Aber sie mußte doch etwas Außergewöhnliches gemerkt haben, denn sie blieb eine gute Weile hinter ihm stehen, wie wenn sie darauf wartete, daß er etwas sage. Dann fiel ihr ein, wie schwer es den Männern immer wird, von dem zu sprechen, was sie am tiefsten berührt; ja, sie mußte ihm wohl ein wenig helfen.

Vom Hinterstübchen aus hatte sie gesehen, was sich in der großen Stube zugetragen hatte; sie brauchte deshalb nicht zu fragen. Sie ging nur ganz leise zu den beiden schlafenden Kindern hin, hob sie auf, trug sie ins Hinterstübchen und legte sie da in ihr eigenes Bett. Dann kam sie wieder zu dem Sohne heraus.

»Du, Lars,« sagte sie und tat, als sähe sie gar nicht, daß er weinte. »Laß mich die Kinder hier behalten!«

»Was sagst du, Mutter?« fragte er und versuchte seine Tränen zu unterdrücken.

»Ich habe sie schon immer herzlich bedauert, gleich damals, als dein Vater ihrer Mutter das Haus verkaufte. Und auch du hast Mitleid mit ihnen gehabt.«

»Ja, aber ...«

»Ich möchte sie gerne hier behalten und ordentliche Menschen aus ihnen machen. Sie sind zu gut zum Betteln.«

Der Bauer konnte nichts erwidern, denn jetzt stürzten ihm die hellen Tränen aus den Augen; er ergriff die runzlige Hand seiner Mutter und streichelte sie.

Doch plötzlich fuhr er, wie von Angst erfaßt, jäh auf. »Was würde der Vater dazu sagen?« rief er.

»Der Vater hat zu seiner Zeit hier geherrscht, jetzt ist die deinige gekommen. Solange der Vater lebte, mußte ihm gehorcht werden. Jetzt aber ist die Reihe an dir, zu zeigen, wer du bist.«

Der Sohn war so überrascht über diese Worte, daß seine Tränen versiegten. »Aber ich zeige mich doch, wie ich bin!« sagte er.

»Nein,« erwiderte seine Mutter, »das tust du eben nicht. Du gibst dir nur alle Mühe, deinem Vater zu gleichen. Der aber hat harte Zeiten hier durchgemacht, und deshalb graute ihm vor der Armut. Er meinte, er sei verpflichtet, in erster Linie nur immer an sich selbst zu denken. Du aber hast solche schwere Zeiten, die dich hätten hart machen können, nie gekannt. Du hast mehr, als du brauchst, und da wäre es unnatürlich, wenn du nicht auch an andre denken würdest.«

Hinter den beiden Kindern war der Junge ins Haus und in die Stube hineingeschlüpft und hatte sich da in einem dunkeln Winkel versteckt. Schon im ersten Augenblick hatte er den Scheunentürschlüssel, der aus der Rocktasche des Bauern herausguckte, entdeckt.

»Wenn der Bauer die Kinder fortschickt, nehme ich den Schlüssel und laufe mit ihm davon,« dachte er.

Aber dann wurden die Kinder nicht fortgeschickt; der Junge mußte in seinem Winkel sitzen bleiben und wußte nicht, was er tun sollte. Die Mutter sprach lange mit ihrem Sohn, und während sie mit ihm sprach, hörte dieser auf zu weinen; schließlich nahm sein Gesicht einen geradezu schönen Ausdruck an, es war, als sei er ein ganz andrer Mensch geworden, und noch immer streichelte er die alte runzlige Hand seiner Mutter.

»Jetzt müssen wir aber doch zu Bett gehen,« sagte die Mutter, als sie sah, daß er seine Fassung wieder erlangt hatte.

»Nein,« sagte er und stand rasch auf, »ich kann noch nicht zu Bett gehen. Draußen ist noch ein Gast, dem ich ein Obdach für die Nacht geben muß.«

Mehr sagte er nicht, er warf nur rasch seinen Rock über, zündete eine Laterne an und ging hinaus. Draußen war es noch ebenso kalt und regnerisch, aber als er auf die Haustreppe trat, summte er eine Melodie vor sich hin. Er fragte sich, ob ihn das Pferd wohl erkennen, und ob es sich freuen werde, wenn es wieder in seinen alten Stall hineinkäme.

Als er über den Hofplatz ging, hörte er eine Tür im Winde auf- und zuschlagen. »Der Wind hat die Scheunentür wieder aufgerissen,« dachte er und ging hin, sie abermals zu schließen.

Im nächsten Augenblick stand er vor der Scheune, und er wollte eben die Tür zumachen, da war es ihm, als ob sich drinnen etwas bewegte.

Das kam aber daher, daß der Junge die Gelegenheit benützt und mit dem Bauern zu gleicher Zeit das Haus verlassen hatte. Rasch war er an die Scheune gelaufen, vor der er die Tiere verlassen hatte. Aber diese standen nicht mehr im Regen draußen. Ein heftiger Windstoß hatte schon lange die Scheunentür abermals aufgerissen und so den armen Tieren ein Dach über dem Kopf verschafft. Und das Geräusch, das der Bauer gehört hatte, hatte von dem Jungen hergerührt, als er in die Scheune hineinlief.

Jetzt leuchtete der Bauer mit seiner Laterne hinein, und da sah er, daß die ganze Tenne voll von schlafendem Vieh lag. Kein Mensch war zu sehen. Die Tiere waren nicht angebunden, sie hatten sich auf dem Stroh niedergelegt, wie es eben ging.

Der Bauer wurde zornig über diese uneingeladenen Gäste; er begann zu rufen und zu schelten, um sie zu wecken und hinauszujagen. Aber die Tiere blieben ganz still liegen, wie wenn sie sich durchaus nicht stören lassen wollten. Ein einziges erhob sich, ein altes Pferd, und kam ruhig auf den Bauern zu.

Und plötzlich verstummte der Bauer. Schon am Gang erkannte er dieses Tier. Er hob die Laterne, das Pferd kam zu ihm heran und legte ihm den Kopf auf die Schulter.

Liebevoll streichelte ihm der Bauer die Nase. »Mein altes gutes Pferd! Alter guter Kerl!« sagte er. »Was haben sie mit dir gemacht? Jawohl, mein alter Freund, ich werde dich kaufen. Du sollst nie wieder vom Hofe hier vertrieben werden, und du sollst es so gut haben, wie du dir nur wünschen kannst, mein guter Alter. Die andern, die du mitgebracht hast, dürfen hier übernachten, du aber kommst mit mir in den Stall. Jetzt darf ich dir so viel Hafer geben, als du nur fressen kannst, ohne daß ich ihn stibitzen muß. Du wirst wohl auch noch nicht ganz zugrunde gerichtet sein. Das schönste Pferd auf dem Kirchplatz, das wirst du wieder sein. Ja, wie einst! So, so, mein gutes Tier, so so!«

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25. Der Eisgang

Donnerstag, 28. April

Am nächsten Tag war wunderschönes Wetter. Es blies allerdings noch ein tüchtiger Westwind; aber darüber freute man sich nur, denn er trocknete die von dem gestrigen Regen aufgeweichten Wege.

Früh am Morgen wanderten auf der Landstraße, die von Sörmland nach Närke führt, das Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats, die beiden Småländer Kinder. Der Weg führte an dem südlichen Ufer des Hjälmar hin, und die Kinder betrachteten eifrig das Eis, das noch den größten Teil des Sees bedeckte. Die Morgensonne goß ihren hellen Schein auf den Eisspiegel, der durchaus nicht düster und drohend aussah, wie dies im Frühling gewöhnlich der Fall ist, sondern glänzend hell und einladend zu den Kindern herüberleuchtete. So weit das Auge reichte, war das Eis fest und trocken. Das Regenwasser war schon durch alle Löcher und Sprünge hindurchgesickert, oder es war vom Eis selbst aufgesogen worden; so sahen die Kinder nichts als eine herrliche Eisdecke.

Das Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats waren nach dem nördlichen Schweden unterwegs, und unwillkürlich stieg der Gedanke in ihnen auf, wie viele Schritte es ihnen doch ersparen würde, wenn sie quer über den großen See gehen könnten, anstatt rings um ihn herumwandern zu müssen. Sie wußten allerdings, daß das Frühlingseis gefährlich sei; aber dieses hier sah ja vollständig sicher aus. Am Ufer war es mehrere Zoll dick, das sahen sie deutlich. Sie sahen auch einen ausgetretenen Pfad, dem sie folgen könnten, und das andre Ufer schien überdies ganz nahe vor ihnen zu liegen; in einer Stunde wären sie sicher drüben.

»Komm, wir wollen es versuchen,« sagte Klein-Mats. »Wenn wir gut achtgeben, daß wir nicht in eine Wake hineingeraten, geht es ganz leicht.«

Damit begaben sich die beiden Kinder aufs Eis hinaus. Das Eis war gar nicht glatt, sondern im Gegenteil ganz leicht zu beschreiten. Es war mehr Wasser darauf, als die Kinder vom Lande aus hatten wahrnehmen können, und da und dort waren kleine Löcher, wo das Wasser herausquoll. Vor solchen Stellen mußte man sich hüten; aber mitten am Tage und bei dem hellen Sonnenschein war das nicht schwer.

Die Kinder kamen rasch und leicht vorwärts, und sie sagten immer wieder, wie klug es doch gewesen sei, daß sie, anstatt sich auf der aufgeweichten Landstraße weiter zu plagen, den Weg übers Eis genommen hätten.

Als sie eine Strecke weit gegangen waren, kamen sie an die Vinö. Auf dieser Insel sah sie eine alte Frau von ihrem Fenster aus. Eilig lief sie aus ihrem Hause heraus, winkte den Kindern und rief ihnen etwas zu, was diese aber nicht verstehen konnten; so viel errieten sie indes doch, die Frau warnte sie vor dem Weitergehen. Aber die Kinder auf dem Eis draußen dachten, sie sähen ja deutlich, daß ihnen keine Gefahr drohte. Sie wären wohl dumm, wenn sie das Eis jetzt verließen, da doch alles so gut ging.

Sie wanderten also an der Vinö vorüber, und jetzt hatten sie eine meilenweite Eisfläche vor sich. Von da an trafen die Kinder wiederholt auf große Wasserpfützen, um die herum sie große Umwege machen mußten. Aber das machte ihnen nur Spaß. Sie liefen um die Wette, um herauszufinden, wo das Eis am besten sei, und fühlten weder Hunger noch Müdigkeit. Sie hatten ja den ganzen Tag vor sich und lachten nur, so oft sie auf ein neues Hindernis stießen.

Ab und zu richteten sie den Blick auf das gegenüberliegende Ufer. Es schien noch immer gleich weit entfernt zu sein, obgleich sie schon eine ganze Stunde gegangen sein mochten. Da wurden sie doch ein wenig stutzig; sie hatten den See nicht für gar so breit gehalten. »Es ist, als ob das Ufer drüben vor uns zurückwiche,« sagte Klein-Mats.

Hier auf dem Eise war kein Schutz vor dem Westwind, der jetzt von Minute zu Minute heftiger wurde und ihnen die Kleider so um die Beine schlug, daß sie kaum noch vorwärts kommen konnten. Dieser kalte Wind war die erste wirkliche Unannehmlichkeit, die ihnen auf ihrem Weg begegnete.

Und über etwas verwunderten sie sich: der Wind kam mit einem sonderbaren Dröhnen dahergefegt, wie wenn er das Klappern einer großen Mühle oder den Lärm einer mechanischen Werkstatt mit sich brächte. Aber auf den Eisfeldern hier gab es ja nichts derartiges.

Die Kinder waren jetzt westwärts um die große Insel Valen herumgegangen, und jetzt meinten sie auch zu sehen, daß sie dem nördlichen Ufer immer näher rückten. Aber zugleich wurde der Wind immer unerträglicher; das laute Donnern, das hinter ihm herklang, nahm auch zu, und da wurden die Kinder allmählich ängstlich.

Plötzlich stieg der Gedanke in ihnen auf, das Donnern, das sie hörten, könnte am Ende von Wellen herkommen, die sich mit wildem Schäumen am Ufer brächen. Aber das war auch unmöglich, denn der See war ja noch ganz mit Eis bedeckt.

Trotzdem blieben sie stehen und sahen sich um. Weit drüben im Westen, dort bei Björnö und Göksholmland erhob sich ein weißer Wall, der quer über das Eis hinging. Sie glaubten zuerst, es sei eine Schneeschanze, die den Weg entlang lief, aber bald erkannten sie, daß es der Schaum von Wellen war, die gegen das Eis getrieben wurden.

Als die Kinder das sahen, faßten sie sich bei den Händen und liefen, ohne ein Wort zu sagen, so schnell als ihre Beine sie zu tragen vermochten, davon. Dort drüben im Westen war der See offen, und sie meinten auch zu sehen, wie der aufschäumende Rand gegen Osten vordrang. Sie wußten zwar nicht, ob das Eis nun überall zugleich aufbrechen würde, oder was sonst geschehen könnte, aber sie fühlten deutlich, daß sie in Gefahr waren.

Auf einmal war es ihnen, als hebe sich das Eis gerade an der Stelle, über die sie hinliefen. Ja, ja, es hob sich und senkte sich wieder, wie wenn jemand von unten darangestoßen hätte. Gleich darauf ertönte ein dumpfer Knall, dann liefen nach allen Seiten Sprünge über die Eisdecke hin, und die Kinder sahen, wie diese Sprünge sich rasch nach allen Seiten weiter ausdehnten.

Jetzt wurde es einen Augenblick ganz still auf dem Eise; aber dann fühlten die Kinder aufs neue, wie sich das Eis unter ihnen hob und senkte, und darnach wurden die Sprünge zu Rissen, durch die Wasser heraussprudelte. Und gleich darauf wurden die Risse zu klaffenden Spalten, die das Eis in große Schollen zerteilten.

»Åsa!« rief Klein-Mats. »Das ist gewiß der Eisgang!«

»Ja, so ist es, Klein-Mats,« sagte Åsa. »Aber wir können das Land noch erreichen. Lauf nur rasch weiter!«

In Wirklichkeit hatten die Wellen und der Wind noch ein schweres Stück Arbeit vor sich, bis das Eis von dem See weggeschafft sein konnte. Das Schwierigste war zwar getan, als die Eisdecke zerbrochen war, aber alle diese großen Schollen mußten noch zerkleinert und gegeneinander geschleudert werden, bis sie ganz zertrümmert, zerrieben und aufgelöst waren. Es gab noch eine Menge ganz hartes, festes Eis, das große, unbeschädigte Flächen bildete.

Die größte Gefahr für die Kinder lag aber darin, daß sie keinen Überblick über das Eis hatten. Sie konnten nicht sehen, wie breit die Risse waren und ob sie hinüberspringen könnten, und sie wußten auch nicht, welche Eisschollen groß genug waren, sie zu tragen. So irrten sie ratlos hin und her und gerieten dabei nur weiter auf den See hinaus, anstatt dem Lande näher zu kommen. Schließlich wußten sie sich auf dem brechenden Eise gar nicht mehr zu helfen; in höchster Angst blieben sie stehen und fingen an zu weinen.

Plötzlich flog eine Schar Wildgänse in sausender Eile über ihnen hin. Die Gänse schnatterten überlaut, und zu ihrer höchsten Verwunderung hörten die Kinder mitten aus dem Gänsegeschnatter heraus die Worte: »Ihr müßt nach rechts gehen, nach rechts!«

Die Kinder folgten hurtig dem Rat; aber es dauerte nicht lange, da standen sie schon wieder ratlos vor einem breiten, klaffenden Spalt.

Und wieder hörten sie die Gänse über sich schreien, und aus dem Geschnatter heraus unterschieden sie die Worte: »Bleibt, wo ihr seid! Bleibt, wo ihr seid!«

Die Kinder sprachen kein Wort über das, was sie hörten, sie gehorchten nur und blieben stehen. Gleich darauf glitten die Eisschollen wieder zusammen, und sie konnten über den Riß hinüberspringen. Nun faßten sie einander wieder an und rannten weiter. Sie hatten Angst, nicht allein vor der Gefahr, sondern auch vor der Hilfe, die ihnen zuteil geworden war.

Bald mußten sie wieder zweifelnd innehalten; aber sofort drang eine Stimme zu ihnen herunter, die rief: »Geradeaus! Geradeaus! Geradeaus!«

So ging es ungefähr eine halbe Stunde lang fort; da hatten die Kinder die lange Lungerspitze erreicht und konnten von da ans Land waten. Man merkte ihnen wohl an, wie groß ihre Angst gewesen war, denn als sie das Ufer erreicht hatten, hielten sie nicht an, um den See noch einmal zu betrachten, wo die Wellen jetzt ein immer wilderes Spiel mit den Eisschollen trieben, sondern eilten nur immer weiter. Als sie aber eine Strecke weit gegangen waren, machte Åsa plötzlich halt. »Warte hier ein wenig, Klein-Mats,« sagte sie. »Ich hab etwas vergessen.«

Damit ging sie wieder ans Ufer zurück. Hier suchte sie eifrig in ihrem Sack und zog schließlich einen kleinen Holzschuh heraus; den stellte sie auf einen Stein, wo er recht deutlich sichtbar war. Dann kehrte sie, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzusehen, zu Klein-Mats zurück.

Sie hatte sich aber kaum umgedreht, als rasch wie der Blitz eine große, weiße Gans aus der Luft herabsauste, den Holzschuh mit dem Schnabel packte und ebenso rasch wieder hoch hinaufflog.

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26. Die Teilung

Donnerstag, 28. April

Nachdem die Wildgänse dem Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats über den Hjälmarsee hinübergeholfen hatten, flogen sie gen Norden, bis sie Westmanland erreichten. Hier ließen sie sich auf den großen Getreidefeldern im Fellingsbroer Kirchspiel nieder, um auszuruhen und zu weiden.

Der Junge war auch hungrig, schaute sich aber vergeblich nach etwas Eßbarem um. Während er nun nach allen Seiten umherspähte, sah er auf dem nächsten Feld zwei Männer hinter dem Pflug hergehen. Jetzt gerade ließen sie ihre Pflüge stehen und setzten sich nieder, um ihren mitgenommenen Imbiß zu verzehren. Rasch eilte der Junge hinter ihnen her und schlich sich ganz nahe zu den beiden Männern hin. Wenn diese mit ihrer Mahlzeit fertig seien, dachte er, fänden sich für so einen kleinen Knirps doch vielleicht noch ein paar Brosamen oder eine Brotrinde.

An dem Feld lief ein Pfad hin, und auf diesem kam ein alter Mann dahergegangen. Als er die beiden Arbeiter erblickte, hielt er an, kletterte über das Steinmäuerchen und trat zu ihnen.

»Für mich ist es auch Zeit zum Frühstücken,« sagte er, nahm seinen Ranzen ab und holte sein Butterbrot heraus. »Ich freue mich, daß ich mein Frühstück nicht allein essen muß,« fuhr er fort.

Bald war unter den dreien eine Unterhaltung im Gange, und die beiden Pflüger erfuhren, daß der Fremde ein Grubenarbeiter aus dem Norberger Bezirk war. Er arbeite jetzt nicht mehr, denn er sei zu alt, die Grubenleitern herauf und hinunter zu klettern, aber er wohne noch in der Nähe der Grube in einem kleinen Häuschen. Seine Tochter sei in Fellingsbro verheiratet, und er sei eben zu Besuch bei ihr gewesen. Sie wolle, er solle ganz zu ihr ziehen, aber dazu könne er sich nicht entschließen.

»Es gefällt Euch also hier nicht so gut wie in Norberg?« fragte der eine der Bauern mit einem leisen Lächeln, denn er wußte wohl, daß Fellingsbro eines der größten und reichsten Kirchspiele in der ganzen Umgegend war.

»Meint ihr, ich könnte es in so einer flachen Gegend aushalten?« erwiderte der Alte mit einer abweisenden Handbewegung, wie wenn so etwas gar nicht denkbar wäre.

Und nun begannen die drei in aller Freundschaft sich darüber zu streiten, wo es in Westmanland am schönsten sei. Der eine der Bauern war in Fellingsbro geboren und lobte die Ebene sehr, der andre aber stammte aus dem Weståser Bezirk, und er hielt die Ufer des Mälar mit seinen bewaldeten Holmen und schönen Landzungen für den besten Teil dieses Landes. Aber der Alte wollte sich durchaus nicht überzeugen lassen, und um den andern zu beweisen, daß er recht habe, fragte er, ob er ihnen eine Geschichte erzählen dürfe, die er in seiner eigenen Jugend von ganz alten Leuten gehört hatte.

»Hier in Westmanland,« so begann er, »wohnte in alten Zeiten eine betagte Frau aus dem Riesengeschlecht, die sehr reich war, denn ihr gehörte das ganze Land. Sie hatte natürlich alles, was sie sich nur wünschen konnte, und doch drückte sie ein schwerer Kummer, denn sie wußte nicht, wie sie ihr Besitztum zwischen ihre drei Söhne verteilen sollte.

Das kam aber daher, daß sie die beiden ältesten Söhne nicht so lieb hatte wie den jüngsten, der ihr Augapfel war. Diesem jüngsten wollte sie den Löwenanteil an der Erbschaft zuwenden; zugleich aber hatte sie Angst, es würde Streit und Zank zwischen den Brüdern entstehen, wenn sie die Erbschaft nicht gleichmäßig unter sie verteilte.

Eines Tages fühlte sich die alte Frau dem Tode nahe, und jetzt war keine Zeit mehr zum Überlegen. Sie rief alle drei Söhne an ihr Lager und sprach mit ihnen wegen der Erbschaft.

>Ich habe mein Besitztum in drei Teile geteilt, zwischen denen ihr wählen müßt,< sagte sie. >Zu dem ersten gehören die mit Eichen bestandenen Hügel und bewaldeten Holme und blühenden Wiesen, und das alles habe ich um den Mälar herum zusammengetan. Wer von euch diesen Teil erwählt, wird an den Ufern eine gute Weide für Schafe und Kühe haben, und auf den Holmen findet er Laub zum Winterfutter, wenn er nicht etwa Gartenbau dort treiben will. An den Ufern ziehen sich eine Menge Buchten und Landzungen hin; es ist da also reichlich Gelegenheit zur Beförderung der Erzeugnisse des Landes und jeglicher Art von Verkehr. Wo sich die Flüsse in den See ergießen, lassen sich gute Hafenplätze anlegen, und ich glaube, daß dort bald Dörfer und Städte heranwachsen werden. Und an gutem Ackerboden wird es ihm auch nicht fehlen, obgleich das Land so zerrissen daliegt. Es kann nur von Vorteil sein, wenn die Söhne von Anfang an lernen, von einer Insel zur andern zu ziehen; denn dadurch werden sie gute Seefahrer, die in fremde Länder reisen können und von da große Reichtümer heimbringen. Ja, das ist also der erste Teil. Was sagt ihr dazu?<

Nun, alle Söhne stimmten miteinander überein, daß dies ein ausgezeichneter Teil sei, und wer ihn bekomme, dürfe sich glücklich preisen.

>Nein, an ihm ist nichts auszusetzen,< sagte die alte Frau aus dem Riesengeschlecht, >und der zweite Teil ist nicht minder gut. Zu diesem hab ich alles getan, was ich an ebenem Land und freiem Feld besitze. Da liegt nun ein Acker neben dem andern, vom Mälar bis hinauf nach Dalarna. Wer diesen Teil wählt, wird es sicher nicht bereuen. Er kann so viel Getreide bauen, als er will, und große Güter anlegen, und weder er noch seine Nachkommen brauchen sich wegen ihres Unterhalts graue Haare wachsen zu lassen. Damit die Ebene nicht sumpfig wird, habe ich große Wasserläufe durchgezogen, die bilden öfters Wasserfälle, wo Mühlen und Schmieden errichtet werden können. Den Gräben entlang habe ich den Schutt hoch aufgehäuft, da können leicht Wälder angepflanzt werden, aus denen Brennholz gewonnen wird. Dies ist nun also der zweite Teil, und ich meine, wer den bekommt, hätte alle Ursache, zufrieden zu sein.<

Auch darin stimmten alle drei Söhne überein, und sie dankten der Mutter sehr, weil sie alles so gut für sie eingerichtet habe.

>Ja, ich habe mir alle Mühe gegeben, es so gut wie möglich zu machen,< fuhr diese fort. >Aber jetzt komme ich zu dem Teil, der mir am meisten Kopfzerbrechen gemacht hat. Denn seht, nachdem ich alle meine Haine und meine Weiden und Waldhügel zu dem einen Teil, meine Äcker und fruchtbaren Landstrecken aber zu dem andern getan hatte, merkte ich, daß mir von meinem Besitztum nichts andres mehr übrig blieb, als die bergigen Fichten- und Tannenwälder, die Berggipfel, die Gebirgsschluchten, die kahlen Felswände und mageren Wacholdergebüsche, die ärmlichen Birkengruppen und kleinen Seen. Dies alles zusammen wird nun natürlich keiner von euch haben wollen. Trotzdem habe ich all dies kleine Zeug gesammelt und es im Norden und Westen von dem ebenen Land aufgestellt; aber ich fürchte, wer diesen Teil wählt, hat nichts als Armut in Aussicht. Er wird nichts als Schafe und Geißen halten können, und um sich seinen Unterhalt zu verschaffen, wird er auf den Seen dem Fischfang, im Wald der Jagd obliegen müssen. Wasserfälle und Stromschnellen sind freilich in Menge vorhanden, so daß er so viele Mühlen bauen könnte, als er nur Lust hat; aber leider wird er nichts andres zu mahlen haben, als die Rinde von seinen Bäumen. Und mit Bären und Wölfen wird er wohl auch seine liebe Not haben, denn in dieser Wildnis werden sie sich sicherlich heimisch fühlen.

Ja, dies ist nun der dritte Teil. Ich weiß ja wohl, er läßt sich mit den beiden andern nicht vergleichen, und wenn ich nicht schon so alt wäre, hätte ich die Teilung noch einmal gemacht, aber das ist mir nicht möglich. Und jetzt hab ich in meinem letzten Stündlein keine Ruhe, weil ich nicht weiß, welchem von euch ich diesen schlechtesten Teil geben soll. Ihr seid mir alle drei gute Söhne gewesen, und es bedrückt mich, daß ich gegen einen von euch ungerecht sein soll.<

Nachdem die alte Frau aus dem Riesengeschlecht ihren Söhnen die Sache also dargelegt hatte, sah sie alle drei bekümmert an. Jetzt sagten sie nicht mehr, wie bei den beiden ersten Malen, sie habe richtig geteilt und gut für sie gesorgt. Schweigend standen sie da, und man konnte wohl merken, daß der, so den letzten Teil erhielt, sehr unzufrieden sein würde.

Ja, da lag nun die alte Mutter mit bangem Herzen, und die Söhne sahen, daß sie schon im voraus Todesqualen erlitt, weil sie die Teile bestimmen mußte und doch nicht wußte, welchen von den Söhnen sie unglücklich machen sollte, indem sie ihm den schlechtesten Teil gab.

Doch der jüngste von den dreien, der liebte seine Mutter am meisten, und er konnte es nicht mit ansehen, wie sie sich abquälte. Deshalb sagte er: >Du brauchst dir keinen Kummer über diese Sache zu machen, Mutter, leg dich beruhigt nieder und scheide in Ruhe und Frieden aus diesem Leben. Gib den schlechten Teil mir; ich werde mich schon durchschlagen, und wie es auch gehen mag, ich werde mich nicht darüber grämen, wenn die andern es besser haben als ich.<

Sobald der jüngste Sohn dies gesagt hatte, beruhigte sich die Mutter; sie dankte ihm innig und lobte ihn. Das Bestimmen der beiden andern Teile machte ihr keinen Kummer, denn diese waren fast ganz gleich gut.

Als nun alles geordnet war, dankte die Mutter dem Sohne noch einmal und sagte, sie habe erwartet gehabt, daß gerade er ihr aus der Not helfen werde. Zugleich sagte sie noch, wenn er nun in seine Einöde hinaufkomme, solle er sich an die große Liebe erinnern, die sie immer für ihn gehabt habe.

Damit schloß sie die Augen und starb; und nachdem sie begraben war, ging jeder von den Brüdern auf sein Erbteil, es in Augenschein zu nehmen. Jawohl, die beiden ältesten konnten nicht anders, als höchst zufrieden mit dem ihrigen sein.

Der dritte aber wanderte hinauf in die Einöde, und da sah er, daß die Mutter die Wahrheit gesprochen hatte: sein Teil bestand hauptsächlich aus Felswänden und kleinen Seen. Aber er erkannte doch, mit welcher Liebe sie dieses Erbteil für ihn hergerichtet hatte, denn es waren zwar nur ärmliche Überreste, aber sie waren so gut zusammengestellt, daß das allerschönste Land daraus geworden war. An vielen Stellen war es wild und unheimlich, aber schön war es trotzdem. Dieser Anblick tat dem Sohne ordentlich wohl; aber froh war er darum doch nicht.

Allmählich jedoch machte er eine Entdeckung: er sah, daß der Felsengrund da und dort ein merkwürdiges Aussehen hatte. Und als er genauer hinsah, war er überall mit Erzadern durchzogen. Eisen war vorherrschend, außerdem fand sich auch noch viel Silber und Kupfer auf seinem Eigentum. Jetzt ahnte der Sohn, daß er größern Reichtum erhalten hatte als seine beiden Brüder, und jetzt dämmerte ihm die Erkenntnis auf, was für eine Absicht seine Mutter mit ihrer Erbteilung gehabt hatte.«

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27. Im Bergwerkdistrikt

Donnerstag, 28. April

Die Wildgänse hatten eine beschwerliche Reise. Es war ihre Absicht gewesen, gleich nachdem sie gefrühstückt hätten, geradenwegs über Westmanland hinzuziehen, aber der Westwind nahm zu und trieb sie anstatt nordwärts ganz an die Grenze von Uppland.

Sie flogen hoch droben, und der Wind jagte sie in größter Eile davon. Der Junge schaute hinunter, um zu sehen, wie es in Westmanland beschaffen sei, konnte aber nicht viel unterscheiden. Der östliche Teil dieser Landschaft war flach und eben, das sah er deutlich, aber er konnte nicht begreifen, was alle die Furchen und Striche bedeuteten, die von Norden nach Süden und quer über die Ebene hinliefen. Das alles sah höchst wunderbar aus, denn fast alle die Striche erstreckten sich beinahe schnurgerade und mit ganz gleichem Zwischenraum.

»Dieses Land ist ebenso gestreift wie die Schürze meiner Mutter,« sagte der Junge. »Ich möchte nur wissen, was das für Streifen sind, die darüber hinlaufen?«

»Flüsse und Bergrücken, Straßen und Eisenbahnen!« antworteten die Wildgänse. »Flüsse und Bergrücken, Straßen und Eisenbahnen!«

Und das war wirklich wahr, denn als die Gänse ostwärts getrieben wurden, kamen sie zuerst über den Hedstrom, der zwischen zwei Bergrücken fließt und neben dem eine Eisenbahn hinläuft. Dann erreichten sie den Kolbäkfluß, der auf seiner einen Seite eine Eisenbahn und auf der andern einen Bergrücken hat, über den eine Landstraße führt. Hierauf kam der Svartå, der auch an Bergen und Landstraßen hinfließt, dann der Lillå mit dem Badelundberg, und schließlich der Sagå mit Straße und Eisenbahn auf seiner rechten Seite.

»Noch nie in meinem Leben habe ich so viele Wege gesehen, die alle von einer Seite herkommen,« dachte der Junge. »Es müssen doch schrecklich viele Waren von Norden her durch dieses Land hindurchgeführt werden.«

Zugleich erschien ihm das aber sehr merkwürdig, denn der Junge glaubte, gleich hinter Westmanland sei Schweden zu Ende. Was dann noch käme, könne nicht viel andres sein als Wald und Einöde.

Als der Wind die Wildgänse ganz bis zum Sagå hingetrieben hatte, mußte Akka erkannt haben, daß sie wo anders hingekommen war, als sie beabsichtigt hatte, denn hier drehte sie um, und die Schar arbeitete sich bei heftigem Gegenwind zurück gegen Westen. Sie flogen also noch einmal über die gestreifte Ebene und dann nach dem westlichen Teil der Landschaft, die aus waldigem Hügelland bestand.

Solange es über die Ebene hinging, hatte sich der Junge über den Hals des Gänserichs gebeugt und hinabgeschaut, aber als sie die Ebene hinter sich hatten, richtete er sich auf, um seine Augen ausruhen zu lassen, denn da, wo die Erde mit Wald bedeckt ist, gab es selten etwas Besonderes zu sehen.

Als sie jedoch eine Strecke über die Waldhügel hingeflogen waren, war es dem Jungen plötzlich, als höre er drunten auf der Erde etwas knirschen und ächzen.

Da mußte er sich natürlich wieder vorbeugen und hinuntersehen. Die Wildgänse flogen jetzt bei dem starken Gegenwind nicht besonders rasch, deshalb konnte der Junge das Land unter sich sehr deutlich erkennen. Das erste, was er sah, war ein schwarzes Loch, das senkrecht in die Erde hineinging. Über dem Loch war von großen Balken ein Hebewerk errichtet, und das Hebewerk holte unter Knirschen und Ächzen eben eine mit Felsstücken beladene Tonne herauf. Ringsherum lagen große Steinhaufen; in einem Schuppen zischte eine Dampfmaschine. Frauen und Kinder saßen in einem Kreis auf dem Boden und sortierten die Steine. Auf einer kleinen Schienenbahn rollten ein paar mit grauen Steinen beladene Wagen dahin, und am Waldessaum lagen kleine Arbeiterwohnungen.

Der Junge konnte nicht begreifen, was das sein sollte, und aus vollem Halse rief er auf die Erde hinunter: »Was ist denn das für ein Ort, wo man so viele Feldsteine aus der Erde heraufholt?«

»Hört den Dumrian! Hört den Dumrian!« zwitscherten die Sperlinge, die hier daheim waren und gut Bescheid wußten. »Er kann Eisenerz nicht von Feldsteinen unterscheiden! Er kann Eisenerz nicht von Feldsteinen unterscheiden!«

Da erkannte der Junge, daß das, was er da unten sah, eine Grube war. Er war ziemlich enttäuscht, denn er hatte geglaubt, eine Grube müßte auf einem hohen Berg liegen, diese hier aber lag auf dem ebenen Boden zwischen zwei Hügeln.

Bald hatten die Wildgänse die Grube hinter sich; der Junge saß wieder aufrecht und sah geradeaus, denn die Waldhügel und die Birkengehölze, die da unter ihm lagen, hatte er schon gar so oft gesehen. Da drang plötzlich eine starke Hitze von der Erde bis zu ihm herauf, und rasch mußte er sich wieder vorbeugen, um zu sehen, woher sie käme.

Unter ihm lagen große Haufen Kohlen und Erz, und zwischen diesen stand ein hohes achteckiges, rotangestrichenes Gebäude, das eine ganze Flammengarbe zum Himmel hinaufsandte.

Zuerst konnte sich der Junge nichts andres denken, als daß da unten eine Feuersbrunst ausgebrochen sei; aber als er sah, wie die Leute ruhig umhergingen und sich nicht im geringsten um das Feuer kümmerten, da wußte er gar nicht, was er daraus machen sollte.

»Was ist denn das für ein Ort, wo sich niemand darum kümmert, wenn ein Haus in Flammen steht?« rief er auf die Erde hinunter.

»Trala! der hat Angst vor dem Feuer!« zwitscherten die Finken, die am Waldrande nisteten und wohl wußten, was in ihrer Nachbarschaft vorging. »Er weiß nicht, wie das Eisen aus dem Erz herausgeschmolzen wird. Er kann das Feuer aus einem Schmelzofen nicht von einer Feuersbrunst unterscheiden!«

Bald hatten die Wildgänse den Schmelzofen hinter sich, und der Junge schaute, wieder aufrecht sitzend, geradeaus, weil er meinte, in dieser Waldgegend sei nichts Besonderes zu sehen.

Aber sie waren noch nicht weit gekommen, als aus der Tiefe der Erde ein fürchterlicher Lärm und Spektakel zu ihm heraufdrang, und als er hinunterschaute, fiel ihm zuerst ein Wasserfall auf, der über eine Felswand hinunterstürzte. Neben dem Wasserfall stand ein großes Gebäude mit einem schwarzen Dach und einem hohen Schornstein, der einen dicken mit Funken vermischten Rauch ausstieß. Vor dem Gebäude lagen Eisenklumpen und Eisenstangen und wirkliche kleine Berge von Kohlen. Der Boden war weit umher ganz schwarz, und nach allen Seiten hin erstreckten sich schwarze Pfade. Aus dem Gebäude heraus tönte ein unbeschreiblicher Lärm; es dröhnte und donnerte ununterbrochen, und es war, als ob sich jemand mit gewaltigen Schlägen gegen ein brüllendes wildes Tier zu verteidigen suchte. Aber merkwürdigerweise kümmerte sich niemand um das, was hier vorging. Eine Strecke weiterhin lagen Arbeiterwohnungen unter grünen Bäumen, und noch etwas weiter ragte ein großer weißer Herrensitz auf. Auf den Stufen vor den Arbeiterwohnungen spielten die Kinder seelenvergnügt, und in der Allee, die zum Herrenhofe führte, gingen die Leute vollkommen beruhigt spazieren.

»Was ist denn das für ein Ort, wo sich niemand darum kümmert, wenn die Leute in dem Gebäude dort einander totschlagen?« rief der Junge hinunter.

»Hak ak ak ak, der hat eine Ahnung! Hak ak ak ak!« lachte eine Elster. »Dort wird niemand in Stücke gerissen. Das Eisen siedet und zischt, wenn es unter den Hammer kommt.«

Bald waren die Wildgänse auch über das Eisenwerk hinweggeflogen; der Junge hatte sich abermals aufgerichtet und schaute geradeaus, denn er dachte, jetzt sei hier im Walde gewiß nichts Besonderes mehr zu sehen.

Nachdem sie eine Weile geflogen waren, hörte der Junge eine Glocke läuten, und noch einmal mußte er sich vorbeugen, um zu sehen, woher der Klang käme.

Da sah er unter sich einen Bauernhof, wie er noch nie einen gesehen hatte. Das Wohnhaus war ein langes, rotangestrichenes, einstöckiges Gebäude; es war nicht einmal übermäßig groß, aber was den Jungen in Verwunderung setzte, waren die vielen großen, stattlichen Wirtschaftsgebäude, die daneben lagen. Der Junge wußte ungefähr, wie viele Nebengebäude zu einem Hofe gehörten, hier aber waren alle doppelt und dreifach vorhanden. So einen Überfluß an Wirtschaftsgebäuden hätte er sich nie träumen lassen. Und er konnte sich auch durchaus nicht denken, was darin aufbewahrt werden sollte, denn in der Nähe des Hofes waren fast gar keine bebauten Felder. Drinnen im Walde sah er wohl ein paar kleine Äcker; diese waren aber einerseits so klein, daß man sie kaum Äcker nennen konnte, und andrerseits stand auf jedem von ihnen schon eine Scheune, wo die zu erwartende Ernte untergebracht werden konnte.

Auf dem Stallgebäude hing die Vesperglocke in einem Türmchen, und das Läuten dieser Glocke hatte der Junge vorhin vernommen. Eben ging der Bauer mit seinen Knechten nach der Küche, und der Junge sah, daß er ein zahlreiches stattliches Gesinde hatte.

»Was sind das für Leute, die mitten im Walde, wo es doch kein Ackerland gibt, so große Höfe bauen?« rief der Junge hinunter.

Auf dem Misthaufen stand der Hofhahn, und er blieb die Antwort nicht schuldig.

»Kikeriki! Dies ist ein altes Bergwerk! Ein altes Bergwerk!« krähte er. »Die Äcker liegen unter der Erde! Die Äcker liegen unter der Erde!«

Jetzt verstand der Junge. Das war kein gewöhnliches Waldland, über das man nur so hinfliegen durfte. Ringsum waren allerdings Wälder und Berge, diese aber bargen unglaublich viel Merkwürdiges in ihrer Mitte.

Er sah Grubenfelder, wo die Hebebäume am Umfallen waren, weil die Erde durch Grubenlöcher schon ganz durchbohrt war, dann andre Grubenfelder, wo noch immer gearbeitet wurde; von diesen dröhnten dumpfe Sprengschüsse bis zu den Wildgänsen herauf, und in deren Nähe zogen sich die Arbeiterwohnungen wie ganze Dörfer am Waldrande hin. Er sah auch alte verlassene Schmiedewerkstätten, wo er durch die eingestürzten Dächer hindurch auf riesige eisenbeschlagene Hammerstiele und plump gemauerte Essen sehen konnte. Dann kamen wieder große Eisenwerke, wo so eifrig gearbeitet und gehämmert wurde, daß die Erde erzitterte. Tief drinnen in der Waldeinöde lagen still verborgen kleine Weiler, die aussahen, als wüßten sie gar nichts von dem Gelärm um sie her. Dann sah er Luftbahnen, an deren Drahtseilen die mit Erz beladenen Körbe lautlos hin und her glitten. In allen Wasserfällen drehten sich klappernde Räder, elektrische Leitungen führten durch den stillen Wald, und ungeheuer lange Eisenbahnzüge kamen dahergerollt, Züge von sechzig bis siebzig mit Erz und Kohlen, mit Eisenstangen und Stahldraht beladenen Wagen.

Nachdem der Junge dies alles eine Weile aufmerksam betrachtet hatte, konnte er sich nicht länger zurückhalten.

»Wie heißt denn dieses Land hier, wo nichts als Eisen wächst?« fragte er, obgleich er jetzt wußte, daß die Vögel drunten ihn verspotten würden.

Da fuhr ein alter Uhu, der in einer verlassenen Schmelzhütte eben ein Schläfchen machte, aus dem Traume auf, streckte seinen runden Kopf heraus und rief mit unheimlich krächzender Stimme: »Uhu, uhu, uhu! Das Land hier heißt Bergwerkdistrikt! Wenn hier kein Eisen wüchse, würden bis zum heutigen Tag nichts als Bären und Eulen hier wohnen.«

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28. Der Eisenhammer

Donnerstag, 28. April

Der heftige Westwind blies fast den ganzen Tag hindurch, während die Wildgänse über den Bergwerkdistrikt hinflogen; und sobald sie sich gen Norden wenden wollten, wurden sie wieder ostwärts getrieben. Aber Akka glaubte, der Fuchs Smirre versuche ihnen durch den östlichen Teil des Landes zu folgen, deshalb wollte sie nicht nach dieser Seite fliegen, und so drehte sie einmal ums andre wieder um und arbeitete sich mühselig gen Westen zurück. Auf diese Weise kamen die Wildgänse nur sehr langsam vorwärts, und am Nachmittag waren sie noch immer im Bergwerkdistrikt von Westmanland. Gegen Abend legte sich indes der Wind, und die ermatteten Reisenden hofften vor Sonnenuntergang mit Leichtigkeit noch eine gute Strecke zurücklegen zu können. Aber da fuhr plötzlich eine heftige Windsbraut daher, die die Wildgänse wie Bälle vor sich hertrieb, und der Junge, der ganz sorglos dasaß und an nichts Böses dachte, wurde unvermutet von dem Gänserücken aufgehoben und in den weiten Luftraum hinausgeschleudert.

Der Junge war indes so klein und leicht, daß er bei dem heftigen Sturm nicht geradeswegs auf die Erde hinunterfiel, sondern zuerst eine Strecke weit mit dem Winde fortgetrieben wurde, dann erst sank er langsam und flatternd hinunter, gerade wie ein Blatt, das von einem Baum herabwirbelt.

»O das ist nicht gefährlich!« dachte der Junge noch im Fallen. »Ich sinke so langsam auf den Boden hinunter, wie wenn ich ein Blatt Papier wäre. Gänserich Martin wird schon heruntersausen und mich auflesen.«

Als er unten auf der Erde angekommen war, riß er zuerst die Mütze vom Kopfe und winkte mit ihr, damit der Gänserich sehen könnte, wo er war. »Hier bin ich, wo bist du? Hier bin ich, wo bist du?« rief er und war fast erstaunt, als der Gänserich Martin nicht schon neben ihm stand.

Aber der große Weiße war nirgends zu sehen, und ebensowenig hob sich die Schar der Wildgänse irgendwo vom Himmel ab. Sie waren spurlos verschwunden.

Dies kam zwar dem Jungen etwas sonderbar vor, aber er beunruhigte sich deshalb nicht. Es fiel ihm keinen Augenblick ein, Mutter Akka und der Gänserich Martin könnten ihn im Stiche lassen. Er dachte, der heftige Windstoß habe sie wohl mitgenommen, und sobald sie umdrehen könnten, würden sie zurückkehren, ihn zu holen.

Aber was war denn das? Wo befand er sich denn eigentlich? Zuerst hatte er immer nur zum Himmel hinaufgeschaut, um die Wildgänse zu entdecken, aber jetzt hatte er sich plötzlich umgesehen. Er war gar nicht auf die ebene Erde hinabgefallen, sondern in eine tiefe, weite Bergschlucht, oder was es sonst sein mochte. Es war ein Raum, so groß wie eine Kirche, mit fast senkrechten Felswänden auf allen Seiten, ohne irgend ein Dach darüber. Auf dem Boden lagen einige große Felsblöcke zerstreut, und zwischen diesen wuchs Moos und Heidekraut und kleine, niedrige Birken. Da und dort waren an den Felswänden hervorspringende Felsen, und von diesen hingen zerbrochene Leitern herab. Auf der einen Seite gähnte ein tiefes Gewölbe, das aussah, als ginge es weit, weit in den Berg hinein.

Der Junge war nicht umsonst einen ganzen Tag lang über die vielen Bergwerke hingeflogen. Er erriet gleich, daß diese große Schlucht von Menschen geschaffen worden war, die in alten Zeiten hier Erz aus dem Gebirge gebrochen hatten. »Ich muß gleich versuchen, ob ich hinaufklettern kann,« dachte er, »denn sonst finden mich meine Reisekameraden am Ende nicht mehr.«

Er wollte gerade an die Felswand herangehen, als er sich von hinten angefaßt fühlte und eine rauhe Stimme vernahm, die ihm ins Ohr brummte: »Was bist denn du für ein Geschöpf?«

Rasch wendete sich der Junge um, und in der ersten Bestürzung glaubte er einem großen, mit langem braunem Moos bedeckten Felsblock gegenüber zu stehen; aber dann sah er, daß der Felsblock breite Füße, einen Kopf, Augen und ein großes brummendes Maul hatte.

Der Junge brachte kein Wort heraus, und das große Tier schien auch gar keine Antwort zu erwarten. Es warf den kleinen Wicht um, rollte ihn mit der Tatze hin und her und schnupperte an ihm herum. Es sah aus, als wollte es den Jungen im nächsten Augenblick verschlingen, doch da schien es sich anders zu besinnen und rief: »Murre und Brumme, kommt, kommt! Hier ist ein guter Bissen für euch!«

Augenblicklich kamen zwei zottelige Junge dahergetrottet, die noch unsicher auf den Beinen waren und eine ganz weiche Haut wie junge Hunde hatten.

»Was hast du denn gefunden, Bärenmutter? Dürfen wir es sehen?« riefen die Jungen.

»Na, da bin ich also unter die Bären geraten,« dachte der Junge. »Ja, nun kann sich Smirre wohl die Mühe sparen, noch länger hinter mir herzujagen.«

Mit ihrer Schnauze schob die Bärenmutter den Fund ihren Jungen zu; das eine packte ihn auch sogleich mit dem Maule und lief mit ihm davon. Aber es biß nicht hart zu, denn es war ausgelassen und wollte erst eine Weile mit dem Däumling spielen, ehe es ihn umbrächte. Das zweite Junge lief hinter dem ersten her, ihm das Spielzeug abzujagen; es humpelte und trottete aber so schwerfällig daher, daß es seinem Bruder, der den Jungen in der Schnauze hatte, gerade auf den Kopf fiel. Und dann wälzten sich die beiden übereinander, bissen und balgten sich und brummten dazu.

Während die beiden jungen Bären so beschäftigt waren, gelang es dem Jungen zu entwischen; er rannte hurtig zu der Felswand hin und begann hinaufzuklettern.

Aber die beiden Bärenjungen stürzten hinter ihm her, kletterten rasch und behende die Wand hinauf, holten den Jungen ein und warfen ihn wie einen Ball aufs Moos hinunter.

»Nun weiß ich doch, wie es einem armen Mäuschen zumute sein muß, wenn es in die Krallen einer Katze geraten ist,« dachte der Junge.

Noch mehrere Male versuchte er zu entwischen; er lief weit in den alten Grubengang hinein, verbarg sich hinter Steinblöcken und kletterte auf die Birken hinauf; aber wo er sich auch zu verstecken suchte, die jungen Bären fanden ihn überall. Und sobald sie ihn gefangen hatten, ließen sie ihn wieder los, damit er aufs neue entfliehen sollte und sie ihn abermals einfangen könnten.

Schließlich war der Junge so müde und der ganzen Geschichte so überdrüssig, daß er sich platt auf den Boden warf. »Lauf, lauf!« brummten die jungen Bären. »Sonst fressen wir dich!«

»Ja, tut es nur,« sagte der Junge, »ich kann nicht mehr laufen.«

Rasch liefen die beiden Jungen zu der Bärenmutter hin. »Bärenmutter, Bärenmutter!« klagten sie. »Er will nicht mehr spielen!«

»Nun, dann nehmt ihn und verteilt ihn unter euch,« sagte die Bärenmutter. Aber als der Junge das hörte, erschrak er so sehr, daß er das Spiel sogleich wieder aufnahm.

Als es Schlafenzeit war und die Bärenmutter ihre Jungen herbeirief, damit sie sich dicht neben ihr niederlegen sollten, waren sie so vergnügt gewesen, daß sie sich am nächsten Tag an demselben Spiel ergötzen wollten. Sie nahmen den Jungen mit, legten ihre Tatzen auf ihn; so konnte er sich nicht rühren, ohne daß sie erwachten. Sie schliefen auch gleich ein, und der Junge dachte, er werde nach einer Weile einen Versuch machen können, sich davonzuschleichen. Aber der arme Kerl war in seinem ganzen Leben noch nie so hin und her geworfen und gerollt, noch nie so herumgejagt und wie ein Kreisel herumgedreht worden, er war todmüde und schlief deshalb auch gleich ein.

Nach einer Weile kam auch der Bärenvater nach Hause. Er kletterte die Felswand herunter, und der Junge erwachte von dem Gerassel der herabrollenden Steine, als der Alte sich in die Grube hinuntergleiten ließ. Er war ein furchtbar großer Bär mit gewaltigen Gliedmaßen, einem riesigen Rachen, großen, blendendweißen Eckzähnen und kleinen, boshaften Augen. Dem Jungen lief unwillkürlich ein kalter Schauder den Rücken hinab, als er diesen alten Waldkönig erblickte.

»Es riecht hier nach Menschen!« sagte der Bärenvater, gleich als er bei der Bärin angekommen war, und dabei stieß er ein dröhnendes Brummen aus.

»Wie kannst du dir so etwas Dummes einbilden,« erwiderte die Bärin und blieb ganz ruhig auf ihrem Platze liegen. »Es ist zwar ausgemacht, daß wir den Menschen keinen Schaden mehr zufügen; aber wenn einer hierherkäme, wo ich und die Jungen unsern Aufenthaltsort haben, dann wäre bald nicht mehr so viel von ihm übrig, daß du es riechen könntest.«

Der Bärenvater legte sich neben der Bärin nieder; er schien aber mit der Antwort, die sie ihm gegeben hatte, nicht recht zufrieden zu sein, denn er schnupperte und witterte immer wieder von neuem.

»Hör doch auf mit diesem Geschnupper!« sagte die Bärenmutter. »Nachgerade solltest du mich doch so gut kennen, daß ich den Jungen niemand nahe kommen lasse, der ihnen etwas zuleide tun könnte. Erzähl mir lieber, was du getan hast, denn ich habe dich ja seit acht Tagen nicht mehr gesehen.«

»Ich habe mich nach einer andern Wohnung für uns umgesehen,« begann der Bärenvater. »Zuerst ging ich nach Wärmland hinein, um von den Verwandten in Nyskoge zu hören, wie es ihnen ginge. Aber diese Mühe hätte ich mir sparen können, denn sie sind gar nicht mehr dort. In dem ganzen Wald ist nicht eine einzige Bärenhöhle mehr bewohnt.«

»Ich glaube, die Menschen wollen den ganzen Wald für sich allein haben,« erwiderte die Bärin. »Selbst wenn wir sie mitsamt ihrem Vieh ganz in Frieden lassen und uns von nichts als von Preiselbeeren, Ameisen und Kräutern nähren, dürfen wir nicht im Walde bleiben. Ich möchte wissen, wo wir eigentlich hin sollen, um einen sichern Aufenthaltsort zu finden.«

»Hier in dieser Grube ist es uns freilich seit Jahren ausgezeichnet gegangen,« sagte der Bärenvater. »Aber seit das große Klopfwerk dicht neben uns errichtet worden ist, kann ich es eben hier nicht mehr aushalten. Schließlich habe ich mich dann noch östlich vom Dalälf, in der Nähe von Garpenberg umgesehen. Dort gibt es auch noch viele Grubenlöcher und andre gute Schlupfwinkel, und es kam mir vor, als könnte man dort ziemlich sicher vor den Menschen sein ...«

In dem Augenblick, wo der Bärenvater dies sagte, richtete er sich auf und fing wieder an zu schnuppern. »Es ist doch merkwürdig, sobald ich von Menschen spreche, steigt mir dieser Geruch wieder in die Nase,« sagte er.

»Dann geh und sieh selber nach, wenn du mir nicht glaubst,« sagte die Bärin. »Ich möchte wohl wissen, wo hier ein Mensch verborgen sein sollte?«

Schnuppernd ging der Bär in der Höhle umher. Schließlich kehrte er unverrichteter Sache zu der Bärenmutter zurück und legte sich neben ihr nieder.

»Hab ich nicht recht gehabt?« fragte sie. »Aber du meinst natürlich, außer dir habe niemand Augen und Ohren.«

»Bei der Nachbarschaft, die wir haben, kann man nie vorsichtig genug sein,« sagte der Bär ruhig. Aber plötzlich fuhr er mit großem Gebrüll empor: Unglücklicherweise hatte einer von den jungen Bären seine Tatze auf Nils Holgerssons Gesicht hingeschoben, dies hatte dem Jungen den Atem benommen, und er hatte niesen müssen.

Jetzt konnte die Bärin den alten Bären nicht mehr beschwichtigen. Ein Junges flog nach rechts, das andre nach links, und dann sah er Nils Holgersson, ehe dieser sich aufrichten konnte.

Und er hätte ihn auch mit einem Happ hinuntergeschluckt, wenn sich die Bärenmutter nicht ins Mittel gelegt hätte. »Rühr ihn nicht an! Das ist den Jungen ihr Spielzeug. Sie sind den ganzen Abend so vergnügt mit ihm gewesen, daß sie ihn nicht aufaßen, sondern für morgen früh aufgehoben haben.«

Aber der Bär stieß die Bärin weg. »Mische dich nicht in das, was du nicht verstehst!« brummte er. »Merkst du denn nicht, daß es schon von weitem nach Menschen riecht? Sogleich werde ich ihn fressen, sonst spielt er uns irgend einen schlimmen Streich.«

Wieder sperrte er das Maul auf. Indessen aber hatte der Junge ein wenig nachdenken können, und dann hatte er in aller Eile seine Zündhölzer aus seinem Ränzel herausgerissen -- das war das einzige Verteidigungsmittel, das er hatte. Er rieb eins an seinen Lederhosen an und steckte dem Bären das brennende Streichholz in den Rachen.

Der Bär fauchte, als ihm der Schwefelgeruch in die Nase stieg, und damit war die Flamme gelöscht. Der Junge hielt schon ein zweites Zündholz bereit, aber merkwürdigerweise griff ihn der Bär nicht wieder an.

»Kannst du viele solche blaue Blumen anzünden?« fragte der Bär.

»So viele, daß ich den Wald einäschern könnte,« antwortete der Junge, denn er glaubte, er könne den Bären dadurch in Angst versetzen.

»Könntest du vielleicht ein Haus oder einen ganzen Hof anzünden?« fragte der Bär.

»Das wäre keine Kunst für mich,« prahlte der Junge, in der Hoffnung, sich bei dem Bären in Respekt zu setzen.

»Das ist gut,« sagte der Bär. »Dann mußt du mir einen Dienst leisten. Jetzt bin ich froh, daß ich dich nicht aufgefressen habe.«

Damit nahm der Bärenvater den Jungen ganz sachte und vorsichtig zwischen die Zähne und begann mit ihm die Felswand hinaufzuklettern. Es ging unbegreiflich leicht und hurtig, obgleich der Bär so groß und schwer war, und sobald er oben angekommen war, rannte er eiligst in den Wald hinein. Auch hier ging es rasch vorwärts; es war klar, der Bär war wie dazu geschaffen, sich einen Weg durch dichte Wälder hindurch zu bahnen. Sein plumper Körper schob sich durchs Gestrüpp hindurch, wie ein Boot durch das Röhricht im Wasser hindurchgleitet.

»Sieh dir nun das große Klopfwerk dort unten an,« sagte der Bär zu dem Jungen.

Der große Eisenhammer mit seinen vielen mächtigen Gebäuden lag am Rande eines Wasserfalls. Riesige Schornsteine sandten schwarze Rauchwolken empor, die Feuer der Schmelzöfen züngelten hell auf, alle Fenster und Luken waren erleuchtet. Da drinnen waren die Hämmer und Walzwerke im Gang, und es wurde mit voller Kraft gearbeitet, daß einem von dem Gerassel und Gedröhne die Ohren gellten. Rings um die Werkstätten herum lagen ungeheure Kohlenställe, große Schlackenhaufen, Packhäuser, Bretterstapel und Werkzeugschuppen. Eine kleine Strecke davon befanden sich lange Reihen von Arbeiterwohnungen, schöne Villen, Schulhäuser, Vereinshäuser und Kaufläden. Aber dort war alles still und wie eingeschlafen. Der Junge sah nicht dorthin, er hatte nur Augen für den Eisenhammer. Der Boden ringsumher war kohlschwarz, der Himmel wölbte sich herrlich dunkelblau über den aus den Schmelzöfen herausschlagenden Flammen, der Wasserfall rauschte weißschäumend herunter, die Gebäude selbst standen riesengroß da und stießen Licht und Rauch und Feuer und Funken heraus. Es war das großartigste Bild, das der Junge jemals gesehen hatte.

»Du willst doch wohl nicht behaupten, daß du so ein großes Gebäude in Brand stecken könntest?« fragte der Bärenvater.

Da war nun der Junge zwischen den Bärentatzen eingeklemmt, und er war überzeugt, wenn er überhaupt mit dem Leben davonkommen sollte, mußte er dem Bären Respekt vor seiner Geschicklichkeit beibringen. »Ein großes oder kleines Gebäude, das ist mir ganz einerlei,« sagte er deshalb. »Ich kann es gut in Brand stecken.«

»Dann will ich dir etwas sagen,« fuhr der Bär fort. »Meine Vorfahren haben von der Zeit an, wo der Wald hier heranwuchs, in dieser Gegend gewohnt. Ich habe das Jagdgebiet und die Weideplätze, die Höhlen und Schlupfwinkel von ihnen geerbt und mein ganzes Leben lang in Ruhe und Frieden hier gewohnt. Im Anfang störten mich die Menschen nur wenig. Sie kamen daher, hackten an den Bergen herum, holten etwas Erz heraus und bauten am Wasserfall einen Eisenhammer und einen Schmelzofen. Der Hammer dröhnte nur ein paarmal am Tage, der Schmelzofen wurde nie länger als ein paar Mondwechsel lang geheizt, und darein konnte ich mich schon finden. Aber seit die Menschen vor einigen Jahren dieses Klopfwerk da errichtet haben, das Tag und Nacht hindurch gleichmäßig weitergeht, kann ich es nicht mehr aushalten. Früher waren nur ein Fabrikdirektor und einige Schmiede da, aber jetzt sind eine Unmenge Leute hier, und ich bin nie mehr sicher vor ihnen. Ich glaubte schon, ich müßte fortziehen, aber jetzt hab ich etwas Besseres herausgefunden.«

Der Junge überlegte, was der Bärenvater wohl ausgeheckt habe; aber er hatte keine Zeit mehr, zu fragen, denn jetzt nahm ihn der Bär wieder zwischen die Zähne und trottete mit ihm dem Hügel zu. Der Junge konnte nichts sehen; aber an dem zunehmenden Getöse erriet er, daß sie sich dem Eisenhammer näherten.

Der Bärenvater kannte den Eisenhammer genau. In dunkeln Nächten war er oft herumgestreift und hatte beobachtet, was da drinnen vorging, und sich gefragt, ob man denn niemals mit der Arbeit aussetze. Er hatte mit den Tatzen an den Mauern zu rütteln versucht und nur gewünscht, so stark zu sein, daß er das ganze Gebäude mit einem Schlage zerschmettern könnte.

Der Bär war von dem schwarzen Boden nicht leicht zu unterscheiden, und wenn er sich überdies im Schatten der Mauern hielt, schwebte er nicht gerade in Gefahr, entdeckt zu werden. Jetzt ging er ohne Furcht zwischen die Werkstätten hinein und kletterte auf einen Schlackenhaufen; hier stellte er sich auf die Hinterbeine, nahm den Jungen zwischen die Vorderbeine und hob ihn in die Höhe. »Probiere, ob du in das Haus hineinsehen kannst!« sagte er.

In dem Eisenhammer waren sie gerade beim Bessemerblasen. Oben an der Decke hing eine große schwarze, runde, mit geschmolzenem Eisen gefüllte Kugel; in diese wurde ein starker Luftstrom hineingepreßt. Und als diese Luft mit furchtbarem Getöse in die Eisenmasse hineindrang, stob ein ganzer Funkenschwall heraus. In Strahlen, in Garben, in langen Dolden fuhren die Funken empor. Sie hatten die verschiedensten Farben, waren groß und klein, brachen sich an der Wand und flogen in dem ganzen Saale herum. Der Bärenvater ließ den Jungen das prächtige Schauspiel genießen, bis die Leute mit dem Blasen fertig waren und der rote flüssige, schönglänzende Stahl aus der runden Kugel heraus in ein paar Gefäße floß. Dem Jungen kam alles, was er da sah, wundervoll vor; er war ganz hingerissen davon und hatte fast vergessen, daß er zwischen zwei Bärentatzen gefangen saß.

Jetzt ließ der Bärenvater den Jungen auch in das Walzwerk hineinsehen. Ein Arbeiter nahm eben ein kurzes, dickes Stück Eisen aus dem Ofen heraus und legte es dann unter eine Walze. Als die Eisenstange unter der Walze wieder hervorkam, war sie zusammengepreßt und in die Länge gezogen. Rasch ergriff sie ein andrer Arbeiter und steckte sie unter eine härtere Walze, die sie noch länger und dünner preßte. So ging es von Walze zu Walze; die Eisenstange wurde gestreckt und gezogen und schlängelte sich schließlich als ein mehrere Meter langer rotglühender Draht am Boden hin. Aber während das erste Stück Eisen also gepreßt wurde, hatten die Arbeiter ein zweites aus dem Ofen herausgenommen und unter die Walzen gelegt, und nachdem dieses halbwegs fertig war, holten sie ein drittes. Unaufhörlich schlängelten sich neue rotglühende Drähte wie zischende Schlangen auf dem Boden hin. Dem Jungen gefiel dies alles außerordentlich gut; aber noch besser gefielen ihm die Arbeiter, die leicht und behende die glühenden Stangen mit ihren Zangen packten und sie unter die Walzen hinunterzwangen. Wie spielend hantierten sie da mit dem glühenden Eisen. »Das ist eine richtige Mannesarbeit, das muß ich sagen,« flüsterte der Junge vor sich hin.

Jetzt ließ der Bär den Jungen auch in die Schmelzhütte und in die Eisenschmiede hineinsehen; da sperrte er vor Verwunderung Mund und Nase auf. »Diese Leute haben keine Angst vor Hitze und Flammen,« dachte er. Schwarz und rußig waren sie auch, und sie kamen ihm wie eine Art Feuermenschen vor, weil sie imstande waren, das Eisen nach Belieben zu biegen und zu formen. Er konnte sich gar nicht denken, daß gewöhnliche Menschen wirklich solche Macht hätten.

»So geht es da drinnen Tag um Tag, Nacht um Nacht weiter,« klagte der Bär und legte sich auf den Boden. »Nein, es ist auf die Dauer nicht zum Aushalten, das wirst du begreifen. Deshalb bin ich goldfroh, daß ich der Sache jetzt ein Ende machen kann.«

»So, das könnt Ihr,« fragte der Junge. »Wie wollt Ihr denn das anfangen?«

»Nun, ich meine, du sollst die Gebäude hier in Brand stecken,« sagte der Bär. »Dann bekäme ich Ruhe vor dem ewigen Spektakel und könnte in meiner alten Heimat verbleiben.«

Dem Jungen lief es eiskalt den Rücken hinunter. Also deshalb hatte der Bärenvater ihn hierhergebracht!

»Wenn du das Klopfwerk anzündest, dann schenke ich dir das Leben, wenn du aber nicht tust, was ich will, wird es bald aus mit dir sein.«

Die großen Werkstätten hatten dicke Backsteinmauern, und der Junge dachte, der Bärenvater habe gut befehlen, das Gehorchen sei ihm von selbst unmöglich gemacht. Im nächsten Augenblick jedoch erkannte er, daß es vielleicht doch nicht so ganz unmöglich wäre. Dicht neben ihnen lag ein Haufen Stroh und Hobelspäne, die er leicht anzünden konnte; neben den Spänen ragte ein Stapel Bretter auf, und die Bretter reichten bis dicht an einen großen Kohlenschuppen heran. Der Kohlenschuppen stieß an die Werkstätten; und wenn diese in Brand gerieten, griff das Feuer bald auf das Dach des Eisenhammers hinüber. Alles, was brennen konnte, fing dann Feuer, die Mauern barsten vor Hitze, und die Maschinen würden vollständig zerstört.

»Nun, willst du, oder willst du nicht?« fragte der Bär.

Der Junge wußte, daß er sofort nein sagen sollte; aber er wußte auch, daß ihn dann die Bärentatzen, die ihn noch immer festhielten, mit einem einzigen Griff zerdrückten. Deshalb sagte er: »Ich muß es mir zuerst etwas überlegen.«

»Nun, so tu es,« brummte der Bär. »Aber ich will dir noch etwas sagen. Das Eisen ist es, das den Menschen eine solche Macht über uns Bären verliehen hat, und auch aus diesem Grunde will ich der Arbeit hier ein Ende gemacht haben.«

Der Junge wollte die Bedenkzeit benützen, um irgend etwas herauszufinden, wodurch er entwischen könnte; aber er war so von Angst überwältigt, daß er gar nicht Herr über seine Gedanken werden konnte, sondern nur immer daran denken mußte, welche große Hilfe das Eisen doch für die Menschen sei. Sie brauchten ja das Eisen zu allem. Aus Eisen bestand die Pflugschar, die das Feld umpflügte, aus Eisen die Axt, die das Haus baute, aus Eisen die Sense, die das Getreide schnitt, aus Eisen das Messer, das zu allem möglichen gebraucht wurde. Aus Eisen bestand der Zaum, der das Pferd lenkte, das Schloß, das die Tür verschloß, die Nägel, die die Möbel zusammenhielten, die Platten, die das Dach deckten. Das Gewehr, das die wilden Tiere ausgerottet hatte, war aus Eisen, und ebenso der Pickel, der in der Grube das Erz heraushackte. Eisen bekleidete die Kriegsschiffe, die der Junge in Karlskrona gesehen hatte, auf Eisenschienen rollten die Lokomotiven durchs Land; aus Eisen bestand die Nadel, die das Kleid nähte, die Schere, die die Schafe schor, der Topf, in dem das Essen gekocht wurde. Das Große und das Kleine, alles, was nützlich und unentbehrlich war, bestand aus Eisen. Ja, der Bärenvater hatte ganz recht, das Eisen war es, das den Menschen die Übermacht über die Bären gegeben hatte.

»Nun, willst du, oder willst du nicht?« fragte der Bär noch einmal.

Der Junge fuhr auf. Da hatte er nun an vollständig unnötige Sachen gedacht und noch nichts herausgefunden, was ihn retten könnte.

»Seid doch nicht so ungeduldig,« sagte er. »Dies ist eine sehr wichtige Sache für mich, und ich muß ordentlich Zeit zum Überlegen haben.«

»Nun, dann überleg dirs noch eine Weile,« sagte der Bärenvater. »Aber das will ich noch sagen: das Eisen ist schuld daran, daß die Menschen soviel klüger geworden sind als wir Bären, und gerade deshalb möchte ich der Arbeit hier ein Ende machen.«

Als der Junge diese neue Bedenkzeit gewonnen hatte, wollte er sie zum Entwerfen eines Rettungsplanes anwenden. Aber er konnte und konnte in dieser Nacht seine Gedanken nicht zusammenhalten, sie beschäftigten sich immer wieder mit dem Eisen. Da ging ihm allmählich ein helles Licht darüber auf, was die Menschen hatten alles denken und ausklügeln müssen, bis sie herausgebracht hatten, wie sie das Eisen aus dem Erz herausschmelzen könnten; und er sah plötzlich ganz deutlich die alten schwarzen Schmiede vor sich, die sich über die Esse beugten und darüber nachgrübelten, wie sie die Sache richtig angreifen müßten. Und vielleicht gerade deshalb, weil sie so lange hatten darüber nachgrübeln müssen, war den Menschen der Verstand gewachsen, daß sie schließlich so große Fabriken hatten bauen können. Ja, ja, darüber konnte kein Zweifel herrschen, die Menschen verdankten dem Eisen mehr, als sie sich selbst bewußt waren.

»Nun, wie stehts?« fragte der Bärenvater. »Willst du, oder willst du nicht?«

Der Junge fuhr zusammen. Noch immer nahmen ihn unnötige Gedanken gefangen, obgleich er nicht wußte, was er tun sollte, um zu entwischen! »Die Wahl ist gar nicht so leicht, wie Ihr meint,« sagte er. »Gebt mir noch ein wenig Bedenkzeit, Bärenvater.«

»Eine kleine Weile will ich noch warten,« sagte der Bär. »Aber dann gibts keine Ausflucht mehr. Ich sage dir, dem Eisen allein verdanken es die Menschen, daß sie hier im Bärenland wohnen können, und eben deshalb will ich ihnen die Fabrik hier zerstören.«

»Diese letzte Bedenkzeit will ich mir aber nun zunutze machen,« dachte der Junge. Doch ängstlich und verwirrt, wie er war, konnte er durchaus nicht Herr über seine Gedanken werden, und diese beschäftigten sich jetzt mit allem, was er gesehen hatte, während er auf dem Rücken des Gänserichs über den Bergwerkdistrikt hingeflogen war. Ja, ja, es war merkwürdig, wie viel Leben und Bewegung und wie viel nützliche Arbeit in der Wildnis erstanden war! Wie arm und öde wäre es doch da, wenn es kein Eisen gäbe! Der Junge dachte an den Eisenhammer hier, der, seit er gebaut worden war, so vielen Menschen ihr tägliches Brot gab, der so viele von Menschen bewohnte Häuser um sich versammelt und Eisenbahnen und Telegraphendrähte herbeigezogen hatte, und der in die Welt hinaus ...

»Nun, wie stehts?« fragte der Bär. »Willst du, oder willst du nicht?«

Der Junge fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Keinerlei Rettung hatte er sich ausgedacht; aber so viel wußte er, daß er nichts gegen das Eisen unternehmen würde, gegen das Eisen, dem reich und arm so viel verdankte und das so vielen Menschen in diesem Land das tägliche Brot gab.

»Ich will nicht,« sagte der Junge.

Ohne etwas zu sagen, drückte der Bärenvater seine Tatzen fester zusammen.

»Ihr werdet mich nie dazu bringen, den Eisenhammer zu zerstören,« sagte der Junge. »Denn das Eisen ist ein großer Segen, und es wäre unrecht, sich daran zu vergreifen.«

»Dann erwartest du wohl auch nicht, daß ich dich am Leben lasse?« fragte der Bär.

»Nein, das erwarte ich nicht,« antwortete der Junge und sah dem Bären fest in die Augen.

Der Bärenvater drückte die Tatzen immer fester zusammen. Es tat sehr weh, und dem Jungen traten die Tränen in die Augen; aber er schwieg und sagte kein Wort.

»Gut! Eins, zwei, dr..!« sagte der Bär und hob langsam die eine Tatze, denn er hoffte bis zuletzt, der Junge werde nachgeben.

In diesem Augenblick hörte der Junge ganz in der Nähe etwas knacken, und nur ein paar Schritte entfernt sah er einen glänzenden Gewehrlauf blitzen. Er und der Bärenvater waren beide vollständig mit sich selbst beschäftigt gewesen und hatten deshalb gar nicht gemerkt, daß sich ein Mensch bis dicht zu ihnen herangeschlichen hatte.

»Bärenvater!« schrie der Junge. »Hört Ihr nichts? Es hat jemand einen Hahn gespannt! Flieht, flieht, sonst werdet Ihr erschossen!«

Wie der Blitz sprang der Bär auf, fand aber doch noch Zeit, den Jungen mitzunehmen. Ein paar Schüsse knallten hinter ihm her, und die Kugeln pfiffen ihm um die Ohren, trafen ihn aber nicht.

Während der Junge nun so im Maule des Bären hing, dachte er, so dumm wie in dieser Nacht sei er doch noch nie gewesen. Wenn er nur geschwiegen hätte, dann wäre der Bär erschossen worden, und er hätte entwischen können. Aber er hatte sich so daran gewöhnt, den Tieren zu helfen, daß er es ganz unwillkürlich tat.

Als der Bär ein Stück weit in den Wald hineingelaufen war, blieb er stehen und stellte den Jungen auf den Boden. »Ich danke dir, Kleiner,« sagte er. »Wenn du nicht gewesen wärest, hätten die Kugeln sicher besser getroffen. Und nun will ich dir einen Gegendienst leisten. Wenn du je wieder mit einem Bären zusammentriffst, dann sage nur das zu ihm, was ich dir jetzt ins Ohr flüstere, und dann wird er dich nicht anrühren.«

Hierauf sagte der Bärenvater dem Jungen ganz leise ein paar Worte ins Ohr und trottete dann eiligst davon, denn er glaubte zu hören, daß die Hunde und Jäger ihn verfolgten.

Der Junge aber stand allein im Walde, frei und unverletzt, und konnte selbst kaum glauben, daß es so war.

* * * * *

Die Wildgänse waren den ganzen Abend immerfort hin und her geflogen, hatten gespäht und gerufen, aber keinen Däumling finden können. Sie suchten auch noch weiter, nachdem schon die Sonne untergegangen war, und als es so dunkel wurde, daß es Schlafenszeit für sie war, fühlten sich alle sehr niedergedrückt. Sie glaubten, der Junge sei beim Hinunterfallen verunglückt und liege nun irgendwo tot im Waldgestrüpp, wo sie ihn nicht sehen könnten.

Aber am nächsten Morgen, als die Sonne das Gesicht über die Berge erhob und die Gänse weckte, siehe! da lag der Junge wie gewöhnlich ruhig schlafend mitten unter ihnen, und als er erwachte und ihr verwundertes Geschrei und Geschnatter hörte, mußte er hell auflachen.

Die Gänse waren äußerst begierig, zu hören, was passiert war, ja, sie wollten nicht einmal auf die Weide gehen, ehe sie die ganze Geschichte erfahren hatten. Da berichtete der Junge rasch und vergnügt sein ganzes Abenteuer mit dem Bären, aber dann schien er plötzlich nicht weiter erzählen zu wollen. »Nun, wie ich zu euch zurückgekommen bin, das wißt ihr wohl schon,« sagte er.

»Nein, nein, wir wissen gar nichts! Wir glaubten, du habest dich zu Tod gefallen!«

»Das ist doch merkwürdig,« sagte der Junge. »Denn als der Bärenvater mich verlassen hatte, kletterte ich auf eine Tanne und schlief ein. Aber beim ersten Morgengrauen erwachte ich davon, daß ein Adler auf mich zusauste, mich in seine Klauen nahm und mit mir davonflog. Ich dachte natürlich, jetzt sei es aus mit mir. Aber er tat mir gar nichts zuleide, flog nur geradeswegs hierher und setzte mich mitten unter euch ab.«

»Sagte er nicht, wer er sei?« fragte der große Weiße.

»Ehe ich mich bedanken konnte, war er schon verschwunden. Ich glaubte, Mutter Akka habe ihn geschickt, mich zu holen.«

»Das ist wirklich merkwürdig,« sagte der Gänserich. »Bist du auch sicher, daß es ein Adler war?«

»Ich habe zwar noch nie einen Adler gesehen,« sagte der Junge. »Aber der Vogel war so groß, daß ich keinen andern Namen für ihn wüßte.«

Der Gänserich Martin wendete sich an die Wildgänse und fragte sie, was sie von der Sache hielten. Diese aber schauten nur in die Luft hinauf, als dächten sie an ganz andre Dinge.

»Wir dürfen aber doch unser Frühstück nicht ganz vergessen,« sagte Mutter Akka; damit breitete sie die Flügel aus und flog eilig davon.

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29. Der Dalälf

Freitag, 29. April

An diesem Tag bekam Nils Holgersson den südlichen Teil von Dalarna zu sehen. Die Wildgänse flogen über das ungeheure Grubenfeld von Grängesberg hin, über die großen Anlagen bei Ludovika, über das Ulvhütter Eisenwerk und die alte Fabrik von Gränghammer bis zur Ebene von Groß-Tuna und dem Dalälf.

Als der Junge gleich im Anfang hinter jedem Hügel Fabrikschlote aufragen sah, glaubte er, es sei hier alles wie in Westmanland; als er aber dann an den großen Fluß kam, da sah er etwas ganz Neues. Dies war der erste richtige Fluß, den er in seinem Leben zu sehen bekam, und der Anblick dieser großen, breiten Wassermasse, die durch die Landschaft hinzog, machte einen überwältigenden Eindruck auf ihn.

Als die Wildgänse die Schiffbrücke von Torsång erreichten, änderten sie die Richtung und flogen dem Flusse entlang nordwestwärts weiter, gerade als wollten sie diesen als Wegzeiger benützen. Der Junge betrachtete die Ufer, wo meilenlang ein Gebäude dicht neben dem andern lag. Er sah die großen Wasserfälle bei Domnarvet und Kvarnsveden, sowie die großen Fabriken, deren Räder von diesen Wassern getrieben wurden. Er sah die Schiffbrücken auf dem Wasser liegen, die Boote, die diese Brücke trugen, die Flöße, die auf dem Flusse hintrieben, die Eisenbahnen, die dem Ufer entlang oder quer übers Wasser fuhren, und allmählich wurde ihm klar, was dies für ein großes und merkwürdiges Wasser war.

Gegen Norden machte der Fluß einen großen Bogen. Innerhalb dieser Krümmung war das Land öde und menschenleer, und hier ließen sich die Wildgänse auf einer Wiese nieder, um zu weiden. Der Junge lief gleich auf den Uferrain hinauf; er wollte den Fluß betrachten, der hier in einem breiten Bette tief unter ihm hinzog. Die Landstraße führte zum Fluß hinunter, und die Reisenden wurden auf einer Fähre übergesetzt. Das war etwas Neues für den Jungen, und es machte ihm eine Weile großen Spaß, da zuzusehen. Doch plötzlich überfiel ihn eine ungeheure Müdigkeit. »Ich glaube, ich muß ein wenig schlafen, denn ich habe in der letzten Nacht kein Auge geschlossen,« dachte er. Damit kauerte er an einem dichten Grashügel nieder, versteckte sich, so gut er konnte, unter Gras und Kräutern und schlief ein.

Er erwachte an einem Geräusch: neben ihm saßen Menschen, die sich miteinander unterhielten. Sie waren auf der Landstraße dahergekommen, konnten aber nicht gleich über den Fluß gesetzt werden, weil große Eisschollen im Wasser trieben, die die Fähre am Überfahren hinderten. Um sich die Wartezeit zu verkürzen, hatten die Leute den Wall erstiegen und sich da niedergesetzt; jetzt redeten sie davon, welche Beschwer man mit dem Flusse doch habe.

»Ob wir wohl heuer auch wieder so eine große Überschwemmung bekommen wie im vorigen Jahre?« sagte ein Bauer. »Da ging das Wasser bei uns daheim bis oben an die Telegraphenstangen, und die ganze Schiffbrücke wurde mit fortgerissen.«

»Im letzten Jahr richtete er in unserer Gegend nicht so viel Schaden an,« sagte ein andrer Bauer. »Aber vor zwei Jahren wurde mir ein ganzer Heuschober weggeschwemmt.«

»Die Nacht werde ich nie vergessen, wo die Überschwemmung die große Brücke bei Domnarvet zerstörte,« sagte ein Eisenbahnarbeiter. »In jener Nacht hat in der ganzen Fabrik niemand auch nur ein Auge geschlossen.«

»Ja, der Fluß richtet viel Schaden an,« sagte ein großer, stattlicher Mann. »Aber wenn ich euch hier so über ihn losziehen höre, muß ich unwillkürlich an unsern Propst denken. In der Propstei wurde einmal ein Fest gefeiert, und da beklagten sich die Leute auch über den Fluß, gerade wie ihr jetzt, doch da wurde der Propst ganz erregt und sagte, er wolle uns eine Geschichte erzählen. Und als er dies getan hatte, wagte von der ganzen Gesellschaft auch nicht einer mehr ein böses Wort über den Dalälf zu sagen, und ich möchte wissen, ob es euch nicht auch so gegangen wäre, wenn ihr zugehört hättet.«

Als die Leute dies hörten, wollten alle wissen, was der Propst über den Fluß gesagt hätte, und der Bauer erzählte ihnen die Geschichte, so gut er sich noch daran erinnern konnte.

Hoch droben an der norwegischen Grenze lag tief im Gebirge ein See. Aus diesem floß ein Bach heraus, der sofort eifrig schäumend daherrauschte. So klein er auch war, wurde er doch gleich von Anfang an der Storå, der »Große Fluß« genannt, weil er aussah, als könnte etwas Rechtes aus ihm werden.

Gleich nachdem er den See verlassen hatte, schaute er sich neugierig nach allen Seiten um, welche Richtung er jetzt wohl am besten einschlagen würde. Aber was er sah, war nicht gerade ermutigend. Nach rechts, nach links und geradeaus waren nichts als waldige Hügel, die allmählich zu kahlen Felsrücken, und weiterhin steile, kahle Felswände, die zu hohen Berggipfeln wurden.

Der Fluß richtete seine Blicke gen Westen; da hatte er den Långfjäll mit dem Djupgravstöten, sowie Barfröhågna und Storvätteshågna vor sich. Jetzt schaute er nordwärts. Da war der Näsfjäll, im Osten ragte der Nipfjäll, im Süden aber der Städjan auf. Der Fluß überlegte eben, ob er nicht am besten täte, wieder in den See zurückzukehren. Aber dann dachte er, er müßte doch wenigstens einen Versuch machen, bis zum Meere durchzudringen, und so machte er sich denn auf den Weg.

Wie man sich denken kann, war es ein schweres Stück Arbeit für den Fluß, sich einen Weg durch die Wildnis hindurchzubahnen. Wenn ihm nichts andres im Wege stand, war immer noch der Wald da. Um freien Lauf zu bekommen, mußte er eine Kiefer um die andre entwurzeln. Im Frühjahr, wenn der erste Zulauf kam und sich sein Bett mit Schneewasser aus den Wäldern füllte, und wenn später die Schneeschmelze auf den Bergen begann, so daß die Gebirgswasser von den Felsen herabstürzten, da war der Fluß am stärksten und reißendsten. Da nahm er alle seine Kraft zusammen, rauschte mächtig daher, fegte Stämme und Erde hinweg und grub sich einen Weg durch die Sandhügel hindurch. Aber auch im Spätjahr, wenn er nach den Herbstregen gestiegen war, vollbrachte er ein tüchtiges Stück Arbeit.

Eines schönen Tages, als der Storå sich wie gewöhnlich seinen Weg eifrig weiterbahnte, hörte er rechts von sich tief im Walde ein Rauschen und Plätschern. Er lauschte so eifrig, daß er fast ganz still hielt. »Was mag das nur sein?« fragte er.

Der Wald, der ringsumher aufragte, konnte es nicht lassen, sich über den Fluß ein wenig lustig zu machen.

»Du meinst wohl, du seiest ganz allein auf der Welt?« sagte er. »Aber ich will dir nur sagen: was du da hörst, ist der Grövel aus dem Grövelsee. Jetzt eben hat er sich durch ein schönes Tal hindurchgegraben, und er erreicht das Meer gewiß ebenso schnell wie du.«

Aber der Storå hatte seinen eigenen Kopf, und als er dies hörte, sagte er, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern: »Der Grövel ist gewiß ein armer Schlucker, der nicht allein vorwärts kommt. Sag ihm deshalb, der Storå vom Vånsee sei auf dem Weg zum Meere, der wolle sich seiner annehmen, und wenn er sich ihm anschließen wolle, ihm weiterhelfen.«

»Du bist ein rechter Prahlhans,« sagte der Wald. »Ja, ich will ihm deinen Gruß bestellen, aber der Grövel wird keine Freude daran haben.«

Am nächsten Morgen jedoch stand der Wald vor dem Storå und sagte, er solle von dem Grövel einen Gruß bestellen. Dieser habe sich so mühselig durchkämpfen müssen und sei deshalb um jede Hilfe froh, er werde sich daher so rasch er könne, mit dem Storå vereinigen.

Nachdem dies geschehen war, arbeitete sich der Storå natürlich nur noch schneller weiter, und nach kurzer Zeit erblickte er einen schönen schmalen See, in dessen klarem Wasser sich der Idreberg und die Städjanfelsen widerspiegelten.

»Was ist denn das?« fragte der Fluß, der vor lauter Verwunderung wieder beinahe stillstand. »Ich kann doch nicht so verrückt gewesen und wieder zum Vånsee zurückgekehrt sein?«

Aber der Wald, der zu jener Zeit überall zur Hand war, sagte sogleich: »O nein, du bist nicht zum Vånsee zurückgekommen, dies ist der Idresee, den der Sörälf mit seinem Wasser gefüllt hat. Das ist ein tüchtiger Fluß. Jetzt hat er den See ganz gefüllt und sucht sich einen Ausfluß zu verschaffen.«

Als der Storå das hörte, sagte er rasch zu dem Walde: »Du, der überall hinreicht, könntest dem Sörälf einen Gruß von mir ausrichten und ihm sagen, der Storå vom Vånsee sei da, und wenn er mich durch den See hindurchziehen lasse, wolle ich ihn dafür mit nach dem Meere nehmen. Er brauche sich dann gar nicht mehr um sein Fortkommen zu bekümmern, dafür würde ich sorgen.«

»Nun, ich kann ihm deinen Vorschlag wohl ausrichten,« sagte der Wald, »aber der Sörälf wird wohl nicht auf deinen Vorschlag eingehen, denn er ist ebenso mächtig wie du.«

Am nächsten Tag jedoch richtete der Wald aus, der Sörälf sei es auch müde, sich allein einen Weg zu bahnen, und er wolle sich gern mit dem Storå vereinigen.

Der Fluß zog also mitten durch den See hindurch und arbeitete sich immer weiter durch den Wald und das Gebirge. Eine Weile kam er ordentlich vorwärts; aber dann geriet er in eine Felsenschlucht hinein, die von allen Seiten verschlossen war. Da gab es keinen Ausweg für ihn. Er brauste und schäumte vor Zorn, und als der Wald hörte, wie rasend er war, sagte er: »Jetzt ist es doch aus mit dir!«

»Aus mit mir!« rief der Fluß. »O nein, aber ich habe hier etwas ganz Besonderes vor. Ich will nur sehen, ob ich nicht ebensogut wie der Sörälf einen See machen kann.«

So fing er an, den Särnasee zu schaffen, und dazu brauchte er einen ganzen Sommer hindurch. Je höher das Wasser in dem See stieg, desto höher hob sich auch der Storå, und schließlich fand er am südlichen Rand eine Stelle, wo er hinausfließen konnte.

Nachdem der Fluß wohlbehalten aus dieser Klemme hinausgekommen war, hörte er eines Tages zu seiner Linken ein lautes Brausen und Rauschen. So ein lautes Brausen hatte er im Walde noch nie vernommen, und er fragte schnell, was denn das sei.

Und natürlich hatte der Wald auch sogleich eine Antwort bereit. »Das ist der Fjätälf,« sagte er. »Hörst du, wie er rauscht und braust? Er ist auf dem Weg nach dem Meere.«

»Wenn du so weit reichst, daß der Fluß dich hören kann,« rief der Storå, »dann grüß ihn von mir und sage dem Schwächling, der Storå vom Vånsee biete sich an, ihn mit nach dem Meere zu nehmen; doch nur unter der Bedingung, daß er meinen Namen annehme und gehorsam mit mir weiter fließe.«

»O, der Fjätälf gibt seine Selbständigkeit nicht auf, das glaube ich nun und nimmer!« sagte der Wald.

Aber am nächsten Tag mußte er dem Storå gestehen, daß auch der Fjätälf es müde geworden sei, sich seinen eigenen Weg zu bahnen, und sich gerne mit dem Storå vereinigen wolle.

Und der Storå zog immer weiter durchs Land. Er war indes noch gar nicht so groß, wie man eigentlich hätte erwarten können, da er jetzt doch so viele Helfer bei sich hatte. Aber stolz war er! Sein Lauf bestand fast aus lauter Wasserfällen, und mit lautem Rauschen rief er alles, was im Walde plätscherte und rieselte, ja selbst das kleinste Frühlingsbächlein, zu sich heran.

Eines Tages hörte er weit, weit im Westen einen Fluß rauschen, und als er den Wald fragte, was das sei, antwortete dieser, das sei der Fuluälf, der das Wasser von den Fulufelsen aufnehme und sich schon ein sehr langes und breites Bett gegraben habe.

Kaum hatte der Storå das vernommen, als er dem Wald auch schon den gewohnten Gruß auftrug; der Wald übernahm auch den Auftrag, und am nächsten Tag brachte er dann Botschaft vom Fuluälf. »Sage dem Storå,« hatte der Fluß geantwortet, »ich wolle durchaus keine Hilfe. Ein solcher Gruß hätte außerdem besser mir angestanden als dem Storå, denn ich bin der mächtigere von uns beiden und komme sicher früher zum Meere als er.«

Kaum hatte der Storå diese Botschaft gehört, als er auch schon seine Antwort bereit hatte. »Sage dem Fuluälf sofort,« rief er dem Walde zu, »ich fordere ihn zum Wettstreit heraus. Wenn er meint, er sei stärker als ich, soll er es beweisen und mit mir um die Wette laufen. Wer zuerst am Meere anlangt, hat gewonnen!«

Als der Fuluälf diese Botschaft hörte, erwiderte er: »Ich habe nichts gegen den Storå, und es wäre mir lieber gewesen, wenn ich meinen Weg in Ruhe und Frieden hätte fortsetzen dürfen. Aber die Fulufelsen schicken mir gewiß soviel Beistand, daß es feig von mir wäre, wenn ich die Herausforderung nicht annähme.«

Hierauf begannen die beiden Ströme das Wettrennen. Mit noch größerer Eile als vorher rauschten sie dahin und ließen sich Sommer und Winter keine Ruhe.

Aber es hatte allen Anschein, als ob der Storå sehr bald Grund hätte, seine verwegene Herausforderung zu bereuen, denn er stieß auf ein Hindernis, das ihm beinahe unüberwindlich wurde. Dieses Hindernis war ein Berg, der mitten auf seinem Wege lag, und durch den nur eine ganz enge Felsenspalte führte. Der Storå machte sich so schmal wie möglich und drängte sich unter wildem Schäumen hinein; aber er mußte viele Jahre lang waschen und aushöhlen, bis er die Spalte zu einer annähernd genügend breiten Rinne ausgeweitet hatte.

Während dieser Zeit fragte der Storå den Wald mindestens alle sechs Monate einmal, wie es dem Fuluälf gehe.

»Dem Fuluälf geht es so gut, wie er es sich nur wünschen kann,« antwortete der Wald. »Er hat sich mit dem Görälf vereinigt, der das Wasser von dem norwegischen Gebirge aufnimmt.«

Und ein andres Mal, als der Storå den Wald wieder gefragt hatte, antwortete dieser:

»Um den brauchst du dir keine Sorge zu machen, er hat eben den ganzen Horrmundsee mitgenommen.«

Aber den Horrmundsee hatte der Storå selbst mitzunehmen die Absicht gehabt, und als er nun von dessen Übergang in den Fuluälf hörte, wurde er so wütend, daß er sich endlich durch seinen Engpaß hindurchzwängte und so wildschäumend davonstürzte, daß er mehr Erde und Wald mit sich fortriß, als eigentlich notwendig gewesen wäre. Es war gerade im Frühling, und der Fluß überschwemmte die ganze Gegend zwischen Hyckjeberg und Väsaberg, und ehe er sich wieder beruhigen konnte, hatte er eine Landschaft geschaffen, die das Älfdal genannt wurde.

»Ich möchte nur wissen, was der Fuluälf dazu sagt!« rief der Storå dem Walde zu.

Der Fuluälf hatte indessen Transtrand und Lima ausgegraben, aber nun stand er schon ziemlich lange vor Limed und suchte nach einem Ausweg, weil er sich nicht über das steile Gebirge hinunterzustürzen wagte. Als er jedoch hörte, daß der Storå seinen Engpaß durchbrochen und das Älfdal ausgegraben habe, sagte er, nun möge es gehen, wie es wolle, er könne sich nicht länger aufhalten. Und er warf sich die Limedwand hinunter.

Es war ein gewaltiger Sprung, aber er kam wohlbehalten unten an, und jetzt ging es natürlich schnellen Laufes weiter. Er grub Malung und Järna aus, und hier gelang es ihm, den Vanfluß zu überreden, sich mit ihm zu vereinigen, obgleich der Vanfluß ganze zehn Meilen lang war und sich auf eigene Faust einen so großen See wie den Vänjan ausgegraben hatte.

Ab und zu glaubte der Fuluälf ein merkwürdig starkes Brausen zu vernehmen.

»Jetzt ist mir, als höre ich, wie sich der Storå ins Meer stürzt,« sagte er.

»Nein,« sagte der Wald, »was du hörst, ist freilich das Rauschen des Storå, aber er hat das Meer noch nicht erreicht. Er hat allerdings den Orsasee und den Skattungen aufgenommen und prahlt nun, er wolle das ganze Siljantal füllen.«

Das war eine gute Nachricht für den Fuluälf. Er dachte, wenn sich der Storå einmal ins Siljantal hinunter verirrt hätte, dann sei er dort wie in einem Gefängnis eingeschlossen, und er selbst werde alsdann das Meer sicher zuerst erreichen.

Von da an zog der Fuluälf ganz behaglich dahin. Im Frühjahr vollbrachte er sein schwerstes Stück Arbeit. Da stieg er hoch über Wälder und Hügel hinauf und wo er hinzog, hinterließ er ein breites Tal. Auf diese Weise schritt er von Järna nach Näs und von Näs nach Floda. Von Floda kam er nach Gagnef. Hier war schon im voraus eine Ebene. Die Berge waren weit zurückgewichen, und der Fuluälf konnte ohne jegliche Schwierigkeit weiterziehen; da vergaß er seinen vorherigen Eifer vollständig und schlängelte sich in allerlei Buchten und Krümmungen dahin, fast wie ein ganz junges, fröhliches Bächlein.

Aber wenn der Fuluälf den Storå vergessen hatte, so hatte doch der Storå den Fuluälf nicht vergessen. Jeden Tag war er eifrig an seiner Arbeit, das Siljantal ganz mit Wasser zu füllen, damit er an irgend einer Stelle hinauskommen könnte; aber wie ein ungeheures Becken lag das Tal noch immer da und schien niemals voll zu werden. Der Storå war oft am Verzweifeln und glaubte schon, er müsse schließlich den ganzen Gesundaberg unter Wasser setzen, nur um aus seinem jetzigen Gefängnis herauszukommen. Er versuchte bei Rättvik durchzubrechen, aber da stand ihm der Lerdalberg im Wege. Schließlich kam er aber doch bei Leksand heraus.

»Sag dem Fuluälf nicht, daß ich herausgekommen bin!« rief er dem Wald zu; und der Wald versprach zu schweigen.

Im Vorbeigehen nahm der Storå nun den Insee mit, und dann floß er als stolzer, gewaltiger Fluß durch Gagnef hindurch.

Als er in Gagnef nahe bei Mjälgen war, sah er einen prachtvollen, breiten Fluß, der mit hellem, glänzendem Wasser dahergezogen kam, und der die Wälder und Sandhügel, die ihm im Wege lagen, wie spielend auf die Seite schob.

»Was ist denn das für ein wunderschöner Fluß?« fragte der Storå.

Aber gerade in diesem Augenblick fragte der andre Fluß, der der Fuluälf war, ganz dasselbe. »Was ist denn das für ein Fluß, der so stolz und gewaltig von Norden daherkommt? Ich hätte nie geglaubt, daß ich einen Fluß sehen würde, der so mächtig und kraftvoll zu Tale zieht,« sagte er.

Da sagte der Wald so laut, daß beide Flüsse es hörten: »Nachdem ihr alle beide, der Storå und der Fuluälf, so Gutes über einander gesagt habt, meine ich, ihr solltet euch nun ohne Säumen miteinander vereinigen und euch dann gemeinsam einen Weg zum Meere bahnen.«

Das schien den beiden Flüssen zu gefallen. Aber noch ein Hindernis stand ihnen im Wege. Keiner wollte seinen Namen aufgeben und den des andern annehmen.

Aus diesem Grunde wäre die Vereinigung schließlich fast nicht zustande gekommen; da schlug der Wald vor, sie sollten doch einen neuen Namen annehmen, der bis jetzt keinem von ihnen gehöre.

Darauf gingen sie ein, und der Wald sollte den Namen wählen. Dieser bestimmte nun, der Storå solle seinen Namen ablegen und sich Ost-Dalälf nennen, und der Fuluälf solle seinen auch ablegen und den Namen West-Dalälf annehmen. Und nachdem sie sich dann vereinigt hätten, sollten beide zusammen recht und schlecht Dalälf heißen.

Und jetzt, nachdem die beiden Flüsse sich vereinigt hatten, ging es mit gewaltiger Kraft weiter: nun konnte ihnen nichts mehr widerstehen. Sie machten den Boden von Groß-Tuna so eben wie einen Hofplatz; sie stürzten sich ohne Zögern über die Felsen bei Kvarnsveden und Domnarvet hinunter. Als sie in die Nähe des Runnsees kamen, sogen sie dessen Wasser auf und zwangen alle Flüsse der Umgegend, sich mit ihnen zu vereinigen. Dann zogen sie ohne große Hindernisse ostwärts, immer weiter dem Meere zu und wurden an manchen Stellen so breit wie ganze Seen. Bei Söderfors errangen sie sich großen Ruhm, desgleichen auch bei Älfkarleby, und endlich erreichten sie das Meer.

Als sie eben im Begriff waren, sich ins Meer zu stürzen, gedachten sie ihres langen Wettstreits, und wie viele Mühe und Beschwer sie dadurch gehabt hätten.

Jetzt fühlten sie sich alt und müde und verwunderten sich, daß sie sich in ihrer Jugend so gerne gestritten und gegenseitig herausgefordert hatten, ja, sie fragten sich, was für einen Nutzen sie eigentlich davon gehabt hätten.

Aber auf diese Frage erhielten sie keine Antwort, denn der Wald war weit droben im Lande stehen geblieben; sie selbst aber konnten sich in ihrem Bette nicht umdrehen und also auch nicht sehen, wie die Menschen überall vorgedrungen waren, wie viele Straßen sie gebaut hatten, wie an den Seen des Ost-Dalälfs und in den Tälern des West-Dalälfs eine Ortschaft um die andre herangewachsen war, und wie im ganzen Lande noch immer überall nur öde Wälder und kahle Gebirge waren, ausgenommen da, wo die beiden Flüsse während ihres heftigen Wettstreits hingezogen waren.

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