30. Der Bruderteil
Die alte Grubenstadt
Freitag, 29. April
Bataki, der Rabe, wußte in ganz Schweden keinen Ort, wo es ihm so gut gefiel wie in Falun. Sobald im Frühjahr die Erde wieder ein wenig hervorschimmerte, begab er sich dahin und hielt sich dann mehrere Wochen lang in der Nähe der alten Bergwerkstadt auf.
Falun liegt in einer Talsenkung, durch die ein Flüßchen von kurzem Lauf hinzieht. An dem nördlichen Ende des Tals liegt ein schöner, heller kleiner See mit grünen, reich gegliederten Ufern, namens Varpan. Am südlichen Ende ist eine weite, große vom Runnsee gebildete Bucht, die auch fast wie ein See ist; sie heißt Tisken und hat niedriges, trübes Wasser und sumpfige, unschöne mit allem möglichen Abfall übersäte Ufer. Östlich von dem Tale zieht sich eine reizende Hügelkette hin, auf deren Gipfel stattliche Tannenwälder und saftige Birkengehölze prangen und deren Hänge überall mit schattigen Obstgärten bedeckt sind. Westlich von der Stadt liegt auch ein Bergrücken. Dieser ist ganz oben mit ärmlichen Kiefern bestanden, die Hänge aber sind vollständig kahl, ohne Bäume und Kräuter, wie eine richtige Wüste. Nichts gibt es dort oben, nichts als große runde Steinblöcke, die überall verstreut liegen.
Die Stadt Falun, die in der Talsenkung rechts und links von dem Flusse liegt, sieht aus, als sei sie ganz nach der Bodenbeschaffenheit, auf der sie steht, gebaut worden. Auf der grünen Seite des Tales sind alle die Gebäude, die ein stattliches oder hübsches Aussehen haben. Da stehen die beiden Kirchen, das Rathaus, die Wohnung des Bezirkspräsidenten, die Bergwerkskanzleien, die Bank, die Gasthäuser, die vielen Schulen, das Spital, sowie alle hübschen Villen und schönen Landhäuser. Auf der schwarzen Seite dagegen gibt es Straßen auf, Straßen ab nichts als rotangestrichene einstöckige Häuser, lange traurige Holzschuppen und große plumpe Fabrikgebäude. Und auf der andern Seite dieser Gassen, mitten in der großen Steinwüste, liegen die Faluner Gruben mit ihren Fahrkünsten, Winden und Pumpwerken, mit altmodischen Gebäuden, die schief auf dem untergrabenen Erdreich stehen, mit hohen schwarzen Schlackenbergen und langen Reihen Schmelzöfen ringsumher.
Was nun Bataki betrifft, so pflegte er niemals auch nur einen Blick auf den östlichen Stadtteil zu werfen und ebensowenig auf den schönen Varpansee. Um so besser aber gefiel ihm die westliche Seite und der kleine Tiskensee.
Der Rabe Bataki liebte alles, was geheimnisvoll war, alles, was ihm Gelegenheit zum Grübeln gab und ihn zum Nachdenken anregte, und dazu fand er auf der schwarzen Seite reichlich Gelegenheit. So machte es ihm zum Beispiel ein großes Vergnügen, zu ergründen, warum diese alte rote Holzstadt nicht auch abgebrannt sei, wie alle andern roten Holzstädte in diesem Lande? Ebenso hatte er sich gefragt, wie lange wohl die windschiefen Häuser am Rande der Gruben noch stehen bleiben könnten? Er hatte über den großen »Schacht«, jene ungeheure Öffnung im Boden mitten auf dem Grubenfeld, ernstlich nachgedacht und war auch ganz bis auf den Grund hineingeflogen, um zu untersuchen, wie dieser unermeßlich große leere Raum entstanden sei. Er war in helle Verwunderung ausgebrochen über die riesigen Schlackenhaufen, die wie Mauern den Schacht und die Grubenhäuser umgaben. Auch hatte er sich klar zu machen versucht, was die kleine Signalglocke zu bedeuten habe, die das ganze Jahr hindurch in bestimmten Zwischenräumen einen kurzen, unheimlich klingenden Glockenschlag vernehmen ließ; und in erster Linie hätte er gerne gewußt, wie es ganz drunten in der Erde aussähe, wo das Kupfererz seit so vielen hundert Jahren herausgebrochen wurde, und wo die Erde so untergraben und so voller Gänge war wie ein Ameisenhaufen. Wenn es dann Bataki schließlich gelungen war, einigermaßen Klarheit in diese seine Gedanken zu bringen, schwebte er fort und hinaus in die unheimliche Steinwüste, um weiter darüber nachzusinnen, warum kein Gras zwischen den Feldsteinen wüchse, oder zuweilen begab er sich auch hinunter an den Tisken. Dieser See erschien ihm als das wunderbarste Wasser, das er je gesehen hatte. Woher mochte es nur kommen, daß gar keine Fische darin waren, und woher wurde denn das Wasser, wenn es ein Sturm aufwühlte, manchmal ganz rot? Das war um so wunderbarer, als ein Grubenfluß, der in den See floß, glänzendes hellgelbes Wasser hatte. Bataki zerbrach sich den Kopf über die Ruinen der zerstörten Gebäude, die noch am Ufer des Sees lagen, sowie über die Tisker Sägemühle, die von grünen Gärten umgeben und von hohen Bäumen beschattet zwischen der öden Steinwüste und dem merkwürdigen See hervorschimmerte.
In dem Jahr, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen durchs Land zog, stand am Ufer des Tisken eine Strecke vor der Stadt draußen ein altes Haus, das die »Schwefelküche« genannt wurde, weil dort alle paar Jahre einige Monate lang Schwefel gekocht wurde. Das Haus war eine alte Baracke, die einst rot angestrichen gewesen war, allmählich aber eine graubraune Färbung angenommen hatte. Statt der Fenster sah man nur eine Reihe Luken, die überdies beinahe fast immer verrammelt waren. In dieses Haus hatte Bataki fast noch nie einen Blick hineinwerfen können, und deshalb war es ihm viel interessanter als jedes andre. Er hüpfte auf dem Dach umher, um irgend ein Loch zu entdecken, und oftmals saß er auf dem hohen Schornstein und schaute durch die enge Öffnung hinunter.
Aber eines Tages ging es Bataki schlecht. Es hatte tüchtig gestürmt, und in der alten Schwefelküche war eine Luke aufgerissen worden. Bataki hatte die Gelegenheit natürlich sogleich benützt und war durch die Luke in das Gebäude hineingeflogen. Doch kaum war er drinnen, da schlug die Luke hinter ihm wieder zu, und Bataki war gefangen. Er hoffte, der Sturm werde die Luke von neuem aufreißen, aber dazu schien der gar keine Lust zu haben.
Durch die Risse in den Mauern fiel ziemlich viel Licht in das Gebäude hinein, und so wurde Bataki wenigstens die Freude zuteil, sich in dem Raume umsehen zu können. Es war nichts darin, als ein großer Herd mit einem eingemauerten Kessel, und daran hatte sich der Rabe bald satt gesehen. Er wollte darum das Gebäude jetzt wieder verlassen, fand dies aber noch immer unmöglich; der Wind wollte die Luke nicht wieder aufreißen. Kein einziges Loch und keine Tür stand offen; der Rabe befand sich ganz allein in seinem Gefängnis.
Bataki begann um Hilfe zu rufen, und als keine kam, setzte er sein Geschrei den ganzen Tag hindurch fort. Es gibt wohl kein andres Tier, das einen so ununterbrochenen Spektakel verführen kann wie ein Rabe, und das Gerücht, daß Bataki in Gefangenschaft geraten sei, verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Die graugestreifte Katze von der Tisker Sägemühle war die erste, die Kunde von dem Unglück erhielt. Sie teilte es den Hühnern mit, und diese gackerten es den vorbeifliegenden Vögeln zu. Bald wußten alle Dohlen und Tauben und Krähen und Sperlinge in ganz Falun, was geschehen war, und alle flogen auch sogleich nach der alten Schwefelküche, um die Sache in der Nähe zu besehen. Alle hatten großes Mitleid mit dem Raben, aber keinem kam ein guter Gedanke, wie man ihm heraushelfen könnte.
Da plötzlich rief ihnen Bataki mit seiner scharfen, krächzenden Stimme zu: »Still, ihr da draußen! Und hört mich an! Da ihr sagt, ihr möchtet mir gern heraushelfen, so erforscht, wo sich die alte Wildgans von Kebnekajse mit ihrer Schar befindet. So viel ich weiß, ist sie zu dieser Jahreszeit in Dalarna. Sagt Akka, wie es hier um mich steht. Ich glaube, der einzige, der mir helfen kann, ist unter ihrer Schar!«
Die Taube Agar, der beste Botschafter im ganzen Land, traf die Schar der Wildgänse am Ufer des Dalälf, und als die Dämmerung anbrach, kam sie mit Akka dahergeflogen. Die beiden ließen sich vor der Schwefelküche nieder. Auf Akkas Rücken saß der Däumling; die andern Wildgänse waren auf einer kleinen Insel im Runnsee zurückgeblieben, weil Akka gefürchtet hatte, es könnte mehr schaden als nützen, wenn alle miteinander nach Falun kämen.
Nachdem Akka sich einen Augenblick mit Bataki beraten hatte, nahm sie den Däumling auf den Rücken und flog nach einem Hofe, der ganz in der Nähe der Schwefelküche lag. Sachte schwebte sie über den Garten und das Birkengehölz hin, die den kleinen Hof umgaben, und währenddessen schauten die beiden, Akka und der Junge, unverwandt auf die Erde hinab. Hier spielten die Kinder im Freien, das war leicht zu erraten, denn auf dem Boden lagen allerlei Spielsachen umher, und es dauerte auch gar nicht lange, bis die beiden in der Luft droben entdeckt hatten, was sie suchten. In einem lustig plätschernden Frühlingsbach hämmerte eine Reihe kleiner Mühlen, und ganz in der Nähe davon lag ein kleines Stemmeisen. Auf ein paar kleinen Holzböcken stand ein halbfertiges Boot, und daneben fand der Junge einen winzigen Knäuel Bindfaden.
Mit diesen Sachen flogen die beiden nach der Schwefelküche zurück. Der Junge band das eine Ende des Bindfadens um den Schornstein, führte das andre in das tiefe Loch hinein und ließ sich dann selbst daran hinuntergleiten. Nachdem er Bataki begrüßt hatte, der ihm mit vielen schönen Worten für sein Kommen dankte, machte sich der Junge daran, mit dem Stemmeisen ein Loch in die Wand zu schlagen.
Die Schwefelküche hatte keine dicken Wände, aber der Junge brachte mit jedem Schlag nur einen ganz kleinen dünnen Span los; ein Mäuschen hätte mit seinen Vorderzähnen ganz dasselbe leisten können. Ach, der Junge sah schon, er würde unfehlbar die ganze Nacht arbeiten müssen, wenn er ein genügend großes Loch für den Raben zustande bringen wollte!
Bataki sehnte sich ungeheuer nach der Freiheit und konnte vor lauter Aufregung nicht schlafen. Im Anfang war der Junge sehr fleißig; aber nach einer Weile hörte der Rabe, daß die Schläge in immer längeren Zwischenräumen ertönten, und schließlich setzten sie ganz aus.
»Du bist gewiß müde,« sagte Bataki, »und kannst vielleicht nicht mehr weitermachen.«
»Nein, ich bin nicht müde,« antwortete der Junge und griff wieder nach dem Stemmeisen. »Aber ich habe schon längere Zeit keine Nacht ordentlich geschlafen, und nun weiß ich nicht, wie ich mich wach halten soll.«
Wieder ging die Arbeit eine Weile rasch vorwärts, doch nach kurzer Zeit ertönten die Schläge wieder in immer längeren Zwischenräumen. Und wieder weckte der Rabe den Jungen; aber soviel war ihm jetzt klar, wenn er nicht irgend etwas ausfindig machte, mit dem er ihn wach erhalten konnte, mußte er nicht nur diese eine Nacht, sondern auch noch den ganzen nächsten Tag in seinem Gefängnis verbleiben.
»Meinst du, die Arbeit ginge dir besser von der Hand, wenn ich dir eine Geschichte erzählen würde?« fragte Bataki.
»Ja, das wäre wohl möglich,« antwortete der Junge. Zugleich aber mußte er laut gähnen; der arme Kerl war furchtbar schläfrig und konnte kaum noch sein Werkzeug festhalten.
Die Geschichte von der Grube zu Falun
»Siehst du, mein lieber Däumling,« begann der Rabe, »ich habe schon sehr lange auf der Welt gelebt. Gutes und Schlimmes ist mir widerfahren, und mehrere Male bin ich sogar von den Menschen gefangen gehalten worden; dadurch habe ich nicht allein ihre Sprache verstehen lernen, sondern ich habe mir auch viel von ihrer Gelehrsamkeit zu eigen gemacht. Und jetzt kann ich behaupten, daß es im ganzen Land keinen Vogel gibt, der so gut Bescheid über deine Stammesgenossen wüßte wie ich.
Einmal saß ich viele Jahre lang ununterbrochen in einem Käfig bei einem Obersteiger hier in Falun, und in seinem Hause erfuhr ich das, was ich dir jetzt erzählen will.
In alten Zeiten wohnte hier in Dalarna ein Riese mit seinen beiden Töchtern. Als nun der Riese alt war und fühlte, daß er sterben mußte, ließ er seine Töchter vor sich kommen, um sein Besitztum zwischen ihnen zu teilen.
Sein Hauptreichtum bestand in einigen ganz mit Kupfer angefüllten Bergen, und diese wollte er seinen Töchtern schenken. >Aber ehe ich euch die Erbschaft übergebe,< sagte der Riese, >müßt ihr mir versprechen, jedweden Fremdling, der euern Kupferberg entdeckt, totzuschlagen, ehe er seine Entdeckung irgend einem andern Menschen mitteilen kann.<
Die älteste der beiden Riesentöchter war wild und grausam, und sie versprach ohne Zögern, dem Gebot des Vaters Folge zu leisten. Die andre aber hatte ein weicheres Gemüt, und der Vater sah, daß sie überlegte, ehe sie das Versprechen gab. Deshalb vermachte er ihr nur ein Drittel der Erbschaft; und die älteste erhielt also gerade noch einmal so viel wie die jüngste.
>Auf dich kann ich mich verlassen wie auf einen Mann, das weiß ich,< sagte der Riese, >und deshalb erhältst du den Bruderteil.<
Gleich darauf starb der Riese, und lange Zeit hielten die beiden Töchter gewissenhaft ihr Gelübde. Mehr als ein armer Holzfäller oder Jäger entdeckte das Kupfererz, das an mehreren Stellen ganz an der Oberfläche der Berge lag; aber kaum war er zu Hause angelangt und hatte den Seinigen mitgeteilt, was er gesehen hatte, als ihm auch schon ein Unglück zustieß. Entweder wurde er von einem stürzenden Baum erschlagen oder unter einem Bergsturz begraben. Nie hatte er Zeit, einem andern Menschen zu zeigen, wo der Schatz in der Wildnis zu finden war.
Zu jener Zeit war es allgemein Brauch im Lande, daß die Bauern im Sommer ihr Vieh weit hinein in die Wälder auf die Weide schickten. Die Hirtenmädchen zogen mit aus, sie zu bewachen, sie zu melken und Butter und Käse zu bereiten. Und damit die Leute und das Vieh ein Obdach in der Einöde hätten, rodeten die Bauern mitten in der Wildnis ein Stück Wald um und errichteten ein paar kleine Blockhäuser, die sie Sennhütten nannten.
Nun aber hatte einmal ein Bauer, der am Dalälf im Kirchspiel Torsång wohnte, seine Sennhütten drüben am Runnsee errichtet, wo der Boden so steinig war, daß ihn bis dahin niemand urbar zu machen versucht hatte. In einem Herbst begab sich der Bauer mit zwei Lastpferden nach der Viehweide, um beim Heimschaffen des Viehs, der Butterfässer und der Käslaibe zu helfen. Als er das Vieh zählte, bemerkte er, daß einer der Geißböcke ganz rote Hörner hatte.
>Was hat denn der Geißbock Kåre für merkwürdig rote Hörner?< fragte der Bauer die Sennerin.
>Ich weiß nicht, was es ist,< antwortete das Mädchen. >Den ganzen Sommer hindurch ist er jeden Abend mit solchen roten Hörnern zurückgekommen. Er glaubt gewiß, das sei schön.<
>Meinst du?< fragte der Bauer.
>Ach, dieser Bock ist eine eigensinnige Kreatur; ich mag ihm die roten Hörner noch so oft abreiben, sofort läuft er wieder davon und macht sie sich von neuem rot.<
>Reibe die rote Farbe noch einmal ab,< sagte der Bauer. >Dann will ich sehen, woher er sie bekommt.<
Kaum hatte das Mädchen die Hörner abgerieben, als der Bock auch schon wieder rasch in den Wald hineinsprang. Der Bauer lief hinter ihm her, und als er den Bock einholte, rieb dieser eben seine Hörner an einigen roten Steinen. Der Bauer hob die Steine auf, leckte und roch daran und war überzeugt, daß er hier Erz gefunden hätte.
Während er noch dastand und über die Sache nachdachte, rollte dicht neben ihm ein Felsblock den Berg herunter. Der Bauer sprang auf die Seite und rettete sich, der Bock Kåre aber wurde getroffen und erschlagen; und als der Bauer den Abhang hinaufschaute, sah er ein großes, starkes Riesenweib, das eben im Begriff war, einen zweiten Felsblock auf ihn herunter zu wälzen.
>Was tust du denn?< rief der Bauer. >Ich habe doch weder dir noch den Deinigen etwas zuleide getan.<
>Das weiß ich wohl,< erwiderte die Riesin. >Aber ich muß dich umbringen, weil du meinen Kupferberg entdeckt hast.< Sie sagte dies mit so betrübter Stimme, wie wenn sie den Bauern ganz gegen ihren Willen töten müsse, und so faßte sich dieser ein Herz und knüpfte ein Gespräch mit ihr an. Da erzählte sie ihm von dem alten Riesen, ihrem Vater, von dem Versprechen, das sie hatte geben müssen, und von der Schwester, die den Bruderteil bekommen hatte.
>Ach, es ist mir in der Seele zuwider, wenn ich die armen unschuldigen Tröpfe, die meinen Kupferberg entdecken, immer gleich umbringen muß, und ich wünschte, ich hätte die Erbschaft gar nicht angetreten,< sagte die Riesin. >Aber was ich versprochen habe, muß ich halten.< Und damit machte sie sich wieder an dem Felsblock zu schaffen.
>Habe es nur nicht gar so eilig!< rief der Bauer. >Mich brauchst du deines Versprechens wegen nicht umzubringen, denn ich habe ja das Kupfer nicht entdeckt; der Bock ist es gewesen, und ihn hast du doch schon erschlagen.<
>Meinst du, ich könnte mir daran genügen lassen?< fragte die Riesentochter mit zweifelnder Stimme.
>Ja, sicherlich,< antwortete der Bauer. >Du hast dein Versprechen treulich gehalten, mehr kann niemand von dir verlangen.< Und er redete ihr so verständig zu, bis sie ihn wirklich am Leben ließ.
Zu allererst zog der Bauer nun mit seinem Vieh heimwärts. Dann ging er hinunter in den Bergwerkdistrikt und dingte sich da ein paar Bergleute. Diese halfen ihm, an der Stelle, wo der Bock erschlagen worden war, nach dem Erz zu schürfen. Im Anfang hatte er Angst, er würde noch nachträglich erschlagen; aber die Riesentochter war der ewigen Bewachung ihres Kupferbergs überdrüssig geworden, und deshalb tat sie ihm nie etwas zuleid.
Die Erzader, die der Bauer entdeckt hatte, lief an der Oberfläche des Berges hin. Das Ausbrechen des Erzes war deshalb weder eine schwierige noch eine mühselige Arbeit. Der Bauer und die Knechte schleppten Holz aus dem Walde herbei, schichteten große Holzstöße auf dem Kupferberg auf und zündeten sie an. Von der Hitze zersprang das Gestein, und nun konnten sie leicht zu dem Erz gelangen. Hierauf läuterten sie das Erz so lange immer wieder in einem andern Feuer, bis sie das reine Kupfer von allen Schlacken befreit hatten.
In früheren Zeiten verwendeten die Leute noch viel mehr Kupfer zum täglichen Gebrauch als heutzutage. Kupfer war deshalb eine sehr gesuchte, nützliche Ware, und der Bauer, dem die Grube gehörte, wurde bald ein steinreicher Mann. Er baute sich einen großen prächtigen Hof, und die Grube nannte er nach dem Bock das Kårerbe. Wenn er nach Torsång in die Kirche fuhr, war sein Pferd mit Silber beschlagen, und bei der Hochzeit seiner Tochter ließ er aus zwanzig Tonnen Malz Bier brauen und zehn große Ochsen am Spieße braten.
Zu jener Zeit blieben die Leute meistens ruhig daheim, jeder in seinem eigenen Bezirk, und die Neuigkeiten verbreiteten sich nicht so hurtig wie jetzt. Aber das Gerücht von der Kupfergrube drang doch allmählich zu vielen Menschen, und wer nichts Wichtigeres zu tun hatte, machte sich auf den Weg hinauf nach Dalarna. Auf dem Kårerbe wurden alle bedürftigen Wanderer gut aufgenommen. Der Bauer nahm sie in seinen Dienst, gab ihnen einen guten Lohn und ließ sie Erz für ihn graben. Es gab genug, ja übergenug Erz, und je mehr Leute der Bauer beschäftigte, desto reicher wurde er.
Eines Abends, so geht die Sage, kamen vier starke Männer mit dem Bergmannspickel über der Schulter zum Kårerbe gewandert. Sie wurden freundlich aufgenommen wie alle andern, aber als der Bauer sie fragte, ob sie für ihn arbeiten wollten, verneinten sie es rundweg.
>Wir wollen auf eigene Rechnung Erz graben,< sagten sie.
>Ihr wißt doch wohl, daß der Erzberg mir gehört?< fragte der Bauer.
>Wir wollen gar nichts aus deiner Grube holen,< entgegneten die Fremden. >Der Berg ist groß; und an dem, was frei und unbeschützt in der Wildnis liegt, haben wir ebensoviel Anrecht wie du.<
Mehr wurde nicht über die Sache geredet, und der Bauer bezeigte den Fremden auch jetzt noch alle Gastfreundschaft. Früh am nächsten Morgen zogen die Fremden zur Arbeit aus; eine Strecke weiterhin fanden sie wirklich Kupfererz und fingen an, es auszubrechen. Nachdem sie so ein paar Tage gearbeitet hatten, kam der Bauer zu ihnen heraus.
>Der Berg ist sehr reich an Erz,< sagte er.
>Ja, da müssen noch viele Leute fleißig sein, bis dieser Schatz gehoben ist,< erwiderten die Fremden.
>Das weiß ich wohl,< sagte der Bauer, >aber ich meine doch, ihr solltet mir von dem Erz, das ihr ausbrecht, eine Abgabe zahlen, denn mir habt ihr es zu verdanken, daß ihr überhaupt hier arbeiten könnt.<
>Wir wissen nicht, was du damit sagen willst,< entgegneten die Männer.
>Nun, ich habe doch den Berg durch meine Klugheit erlöst,< sagte der Bauer. Und dann erzählte er den Fremden von den beiden Riesentöchtern und dem Bruderteil.
Die Männer hörten aufmerksam zu; aber was sie sich aus der Erzählung merkten, war etwas ganz andres, als was der Bauer gemeint hatte.
>Ist es auch gewiß, daß die andre Riesentochter gefährlicher ist als die, mit der du zusammengetroffen bist?< fragten sie.
>Jawohl, und sie würde euch nicht verschonen,< lautete die Antwort des Bauern.
Damit verließ er die Männer, beobachtete sie aber doch noch aus der Ferne. Nach einer Weile sah er, daß sie ihre Arbeit einstellten und in den Wald hineinwanderten.
Als an diesem Abend der Bauer mit seinen Leuten beim Abendessen saß, drang plötzlich lautes Wolfsgeheul aus dem Walde heraus. Und durch das Heulen der wilden Tiere hindurch ertönten menschliche Hilferufe. Rasch sprang der Bauer auf, aber die Knechte schienen keine Lust zu haben, ihm zu folgen. >Es geschieht dem Diebsgesindel ganz recht, wenn es von den Wölfen zerrissen wird,< sagten sie.
>Wer in Not ist, dem muß man beistehen,< sagte der Bauer und begab sich rasch mit allen seinen fünfzig Knechten in den Wald.
Dort sahen sie gleich ein großes Rudel Wölfe, die umeinander sprangen und sich um eine Beute balgten. Nachdem die Knechte die Wölfe auseinandergejagt hatten, lagen vier menschliche Körper auf der Erde, die so entsetzlich zugerichtet waren, daß man sie nicht hätte erkennen können, wenn nicht vier Bergmannspickel daneben gelegen hätten.
Nach diesem Ereignis verblieb der Kupferberg im Besitz des einen Bauern bis an dessen Tod. Hierauf übernahmen ihn die Söhne; diese ließen die Grube gemeinsam bearbeiten; alles Erz, das im Laufe des Jahres gewonnen worden war, wurde in Haufen geteilt, um diese das Los geworfen, und dann schmolz jeder das Kupfer in seiner eigenen Hütte aus. Sie alle wurden mächtige Bergleute und bauten sich große stattliche Höfe. Nach ihnen kamen deren Erben an die Reihe; diese öffneten neue Grubenschächte und vermehrten den Erzgewinn. Mit jedem Jahre nahm die Grube an Umfang zu, und immer mehr Bergwerkleute hatten teil daran. Die einen wohnten ganz in der Nähe, andre hatten ihre Höfe und Schmelzöfen im ganzen Bezirk ringsumher. Es entstand allmählich eine Anzahl Dörfer, und alles zusammen bekam den Namen Großer-Kupferbergwerkbezirk.
Nun darf man aber eins nicht vergessen. Das Erz lag an der Oberfläche des Berges, und man konnte es herausbrechen wie die Steine aus einem Steinbruch. Mit der Zeit aber nahm das ein Ende, und nun waren die Grubenarbeiter gezwungen, das Erz tief unter der Erde zu suchen. Mit Hilfe von tiefen Schächten und langen, gewundenen Gängen mußten sie sich in die dunkeln Eingeweide der Erde hineinwühlen, dort ihre Minen legen und das Erz heraussprengen. Das Sprengen ist an und für sich ein sehr mühseliges und schweres Stück Arbeit, und sie wird noch beschwerlicher, weil der Rauch nicht abziehen kann; dazu kommt dann noch das Herausschaffen des Erzes auf steilen Leitern. Je tiefer es ins Innere der Erde hineinging, desto gefährlicher war die Arbeit. Manchmal drangen reißende Wildwasser aus einem Winkel in die Grube hinein, manchmal stürzte die Decke über den Arbeitern zusammen. Dadurch war die Arbeit in der großen Grube schließlich so berüchtigt, daß sich niemand freiwillig dazu hergeben wollte. Nun bot man zum Tode verurteilten Verbrechern und vogelfreien Menschen, die den Wald unsicher machten, an, ihnen ihre Missetaten zu vergeben, wenn sie Grubenarbeiter in Falun werden wollten.
Seit vielen, vielen Jahren hatte niemand mehr daran gedacht, den Bruderteil zu suchen. Aber unter den vogelfreien Männern, die zum Großen Kupferberg kamen, gab es auch solche, die ein ordentliches Abenteuer mehr schätzten als ihr Leben, und sie streiften oft im Walde umher, in der Hoffnung, den andern Kupferberg, den Bruderteil, zu finden.
Wie es allen denen, die suchten, erging, weiß niemand, aber eine Geschichte von ein paar Grubenarbeitern hat sich noch erhalten. Diese Arbeiter kamen eines Abends ganz spät zu ihrem Herrn und erzählten, sie hätten eine gewaltige Erzader im Walde entdeckt. Sie hätten den Weg bezeichnet, und am nächsten Tage wollten sie ihrem Herrn die Ader zeigen. Aber der nächste Tag war ein Sonntag, und an diesem Tag wollte der Herr nicht in den Wald und Erz suchen; statt dessen ging er mit allen seinen Leuten in die Kirche. Es war Winter, und die ganze Schar nahm ihren Weg über den Varpansee. Auf dem Hinweg ging alles gut, aber auf dem Rückweg gerieten jene beiden Männer in eine Wake und ertranken. Da begannen die Leute sich an die alte Sage von dem Bruderteil zu erinnern, und sie raunten einander zu, diese Männer seien ganz gewiß darauf gestoßen.
Um die Schwierigkeiten bei der Grubenarbeit nach Möglichkeit zu heben, ließen die Bergwerkbesitzer erfahrne Bergleute aus dem Auslande kommen; und diese fremden Meister unterrichteten die Leute in Falun, Fahrkünste in die Gruben zu bauen, mit denen man das Wasser herauspumpen und das Erz heraufwinden konnte. Die Fremden glaubten nicht so recht an die Sage von den Riesentöchtern: aber das wollten sie gerne glauben, daß sich irgendwo in der Nähe noch eine mächtige Erzader finden könnte, und sie suchten auch eifrig danach. Eines Abends kam denn auch ein deutscher Obersteiger in das Gasthaus bei der Grube und sagte, er habe den Bruderteil gefunden. Aber der Gedanke an den großen Reichtum, den er jetzt gewinnen würde, machte ihn vollständig verwirrt und unzurechnungsfähig. An demselben Abend hielt er ein großes Gelage in dem Wirtshaus; er trank und tanzte und spielte, und schließlich entstand Streit und Schlägerei, und der Deutsche wurde von einem seiner Saufkumpane erstochen.
Aus dem Großen-Kupferbergwerk wurde noch immer so viel Erz gebrochen, daß diese Grube für die reichste im ganzen Lande galt. Sie war nicht allein für die nächste Umgebung eine Quelle unversiegbaren Reichtums, -- auch die Abgaben, die davon erhoben wurden, waren in schweren Zeiten eine große Hilfe für das schwedische Reich. Durch die Grube entstand nach und nach die Stadt Falun, die Grube selbst galt für eine Merkwürdigkeit ersten Ranges und war so nutzbringend, daß selbst die Könige nach Falun zu reisen pflegten, um sie zu sehen, ja, sie nannten sie geradezu das Glück und die Schatzkammer des Sveareiches.
Einer der letzten, der den Bruderteil sah, war ein junger Faluner Bergmann aus einer vornehmen, reichen Familie, der einen Hof und einen Schmelzofen in der Stadt besaß. Er wollte eine schöne Bauerntochter von Leksand heiraten, und so machte er sich eines Tages dorthin auf den Weg. Er brachte seine Werbung vor; sie aber sagte, wenn er sich nicht entschließen könnte, von Falun wegzuziehen, wolle sie ihn nicht heiraten. In Falun liege der Rauch aus den Schmelzöfen dick und drückend über der Stadt, und es werde ihr schon ganz schwer ums Herz, wenn sie nur daran denke.
Der Bergmann hatte das Mädchen sehr lieb, und auf dem Rückweg war er tief betrübt. Er hatte von jeher in Falun gewohnt, und es war ihm noch nie der Gedanke gekommen, es könnte jemand schwer fallen, da zu leben. Als er sich aber jetzt der Stadt näherte, erstaunte er über die Maßen. Aus der großen Grubenöffnung, aus den hundert Schmelzöfen ringsum wallte ein schwarzer, beißender Schwefelrauch heraus und hüllte die ganze Stadt wie in einen Nebel ein. Der Rauch hinderte die Pflanzen am richtigen Wachstum, kahl und öde lagen die Felder ringsumher. Überall sah der Bergmann von schwarzen Kohlenschuppen umgebene Schmelzöfen, aus denen die Flammen herausschlugen, und zwar nicht allein hier in der Stadt und in deren nächster Umgebung, sondern in der ganzen Umgegend bei Grycksbo, bei Bengtsarvet, bei Bergsgården, bei Stennäset, bei Korsnäs, in Vika, selbst bis nach Aspeboda. Ja, nun verstand er es: wer gewohnt war, im hellen Sonnenschein an den grünen Ufern des glänzenden Siljansees zu wohnen, der konnte hier unten nicht gedeihen.
Der Anblick der Stadt stimmte ihn noch trauriger, als er schon vorher gewesen war. Er hatte keine Lust, gleich nach Hause zu gehen, sondern wich vom Wege ab und wanderte in den Wald hinein. Hier streifte er den ganzen Tag umher, ohne daran zu denken, wohin er ging.
Gegen Abend stand er plötzlich vor einer Bergwand, die wie lauteres Gold glänzte, und als er näher hinsah, entdeckte er, daß der Glanz von einer großen Kupferader herrührte. Zuerst freute er sich über die Entdeckung; aber dann fiel ihm die Sage von dem Bruderteil ein, der schon so vielen zum Verderben gereicht hatte, und da erschrak er im tiefsten Innern. >Heute bin ich wirklich vom Unglück verfolgt,< dachte er. >Vielleicht muß ich nun auch noch das Leben lassen, weil ich den Reichtum hier entdeckt habe.<
Rasch wendete er sich ab und machte sich auf den Heimweg. Nach einer Weile begegnete er einer großen starken Frau. Sie sah aus, als könnte sie die ehrfurchtgebietende Mutter eines Bergmanns sein; aber er konnte sich nicht erinnern, sie je gesehen zu haben.
>Ich möchte wohl wissen, was du im Walde vorgehabt hast, denn ich habe dich den ganzen Tag darin umherstreifen sehen?< sagte die Frau.
>Ich habe mich nach einem Bauplatz umgesehen, denn das Mädchen, das ich liebe, will nicht in Falun wohnen,< antwortete der Bergmann.
>Hast du nicht im Sinn, Erz aus dem Kupferberg zu brechen, den du vorhin entdeckt hast?< fragte sie weiter.
>Nein, ich muß die Grubenarbeit aufgeben, sonst bekomme ich das Mädchen, das ich liebe, nicht.<
>Nun, dann halte dein Wort, und es wird dir nichts Böses widerfahren,< sagte die Frau; und damit verließ sie ihn.
Er aber beeilte sich, das zu verwirklichen, was er nur aus Not als Ausrede gesagt hatte. Er gab die Grubenarbeit auf und baute sich weit entfernt von Falun einen Hof. Da hatte sie, die er liebte, nichts mehr gegen seine Werbung; sie wurde seine Frau und zog mit ihm.«
Damit endigte die Erzählung des Raben. Der Junge hatte sich wirklich die ganze Zeit wach erhalten, trotzdem aber hatte er sein Werkzeug nicht besonders fleißig gehandhabt.
»Nun, wie ging es dann später?« fragte er, als der Rabe zu sprechen aufgehört hatte.
»Ach, seit jener Zeit ist es mit dem Kupfergewinn rückwärts gegangen. Die Stadt steht allerdings noch, aber die alten Schmelzöfen sind nicht mehr da. Die ganze Gegend ist mit alten Bergmannshöfen übersät, aber die darin wohnen, müssen Land- und Forstwirtschaft betreiben. Die faluner Grube ist nächstens erschöpft, und es wäre jetzt notwendiger als je, daß man den Bruderteil fände.«
»Ob wohl dieser Bergmann, von dem du eben erzählt hast, der letzte gewesen ist, der ihn gesehen hat?« fragte der Junge.
»Sobald du ein Loch in die Wand gehauen und mich befreit hast, werde ich dir sagen, wer dieser letzte gewesen ist,« antwortete der Rabe.
Der Junge fuhr zusammen und begann sein Stemmeisen wieder rascher zu handhaben. Es war ihm gewesen, als ob Bataki dies letzte in einem merkwürdig bedeutungsvollen Ton gesagt hätte, beinahe wie wenn er dem Jungen zu verstehen geben wollte, er selbst, der Rabe, habe die große Erzader gesehen. Mochte er wohl eine Absicht gehabt haben, als er ihm diese Geschichte erzählt hatte?
»Du bist gewiß viel in dieser Gegend umhergestreift?« fragte der Junge, um etwas Näheres zu erfahren. »Und während du über die Berge und Wälder hingeschwebt bist, hast du gewiß allerlei gefunden?«
»Allerdings, und ich könnte dir viel Merkwürdiges zeigen, wenn du nur erst mit dieser Arbeit fertig wärest,« sagte der Rabe.
Jetzt hackte der Junge mit einem Eifer darauf los, daß die Späne nur so flogen. Ganz gewiß hatte der Rabe den Bruderteil gefunden!
»Da ist es nur schade, daß du als Rabe gar keinen Nutzen aus dem Reichtum ziehen kannst,« sagte der Junge.
»Ich spreche jetzt nicht weiter über die Sache, bis ich sehe, ob du wirklich ein Loch zustande bringst, durch das ich hinausschlüpfen kann,« entgegnete Bataki.
Der Junge arbeitete und arbeitete; schließlich wurde das Eisen ganz heiß in seiner Hand. Er glaubte, die Absicht des Raben zu erraten. Dieser konnte doch nicht selbst Erz ausbrechen, und da hatte er gewiß im Sinn, seine Entdeckung ihm, Nils Holgersson, zu vermachen. Das war das glaubwürdigste und natürlichste. Aber wenn der Junge dann das Geheimnis kannte, dann wußte er, was er tat: sobald er seine menschliche Gestalt wieder erlangt hätte, würde er hierher zurückkehren, den großen Reichtum zu heben. Und wenn er dann genug Geld erworben hätte, kaufte er das ganze Kirchspiel Westvemmenhög und baute sich da ein Schloß, so groß wie Vittskövle. Und eines schönen Tages lüde er dann den Häusler Holger Nilsson und dessen Frau aufs Schloß ein. Wenn diese ankämen, stünde er auf der Freitreppe und sagte: »Bitte, treten Sie ein und tun Sie, als ob Sie zu Hause wären!« Sie erkennten ihn natürlich nicht, sondern fragten sich nur immer wieder, wer denn der feine Herr sei, der sie eingeladen habe. Und dann fragte der feine Herr: »Würden Sie nicht gerne auf so einem Schlosse wie diesem hier wohnen?« -- »Doch, das versteht sich von selbst, aber das ist nichts für uns,« antworteten sie. -- »Doch, doch, Sie sollen das Schloß hier als Zahlungsstatt bekommen für den großen weißen Gänserich, der im vorigen Jahre davongeflogen ist,« antwortete dann der feine Herr .....
Der Junge bewegte sein Eisen immer hurtiger. Das zweite, wozu er sein Geld anwenden würde, wäre, für das Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats ein neues Häuschen auf der Heide von Sunnerbo zu bauen. Natürlich ein viel schöneres und größeres als das alte. Und dann wollte er den ganzen Tåkern kaufen, und dann .....
»Jetzt muß ich deinen Fleiß tatsächlich loben,« sagte der Rabe. »Ich glaube, das Loch ist schon groß genug.«
Und der Rabe konnte sich wirklich hindurchzwängen. Der Junge folgte ihm, und da sah er Bataki ein paar Schritte entfernt auf einem Stein sitzen.
»Jetzt werde ich mein Versprechen halten, Däumling,« begann Bataki in höchst feierlichem Ton, »und dir sagen, daß ich selbst den Bruderteil gesehen habe. Aber ich möchte dir nicht raten, ihn zu suchen, denn ich habe mich viele Jahre lang abgemüht, bis ich ihn gefunden hatte.«
»Ich dachte, du würdest mir zur Belohnung für meine Hilfe zeigen, wo er ist,« sagte der Junge.
»Ach, Däumling, du mußt doch schrecklich schläfrig gewesen sein, während ich von dem Bruderteil erzählte,« sagte Bataki. »Sonst könntest du so etwas nicht erwarten. Hast du denn nicht gehört, daß alle, die offenbaren wollten, wo der Bruderteil sich befände, das Leben eingebüßt haben? Nein, mein Freund, Bataki hat in seinem langen Leben gelernt, den Mund zu halten.«
Damit breitete Bataki seine Flügel aus und flog davon.
Dicht neben der Schwefelküche schlief Mutter Akka; aber es dauerte eine gute Weile, bis der Junge zu ihr trat und sie weckte. Er war verstimmt und betrübt, weil er um den großen Reichtum gekommen war, und er hatte jetzt das Gefühl, als habe er nicht das geringste, worüber er sich freuen könnte.
»Im übrigen glaube ich gar nicht an die Geschichte mit den Riesentöchtern und ebensowenig an die Wölfe und an das trügerische Eis,« sagte er vor sich hin. »Natürlich sind die armen Grubenarbeiter, als sie die reiche Erzader mitten im wilden Wald entdeckten, vor lauter Freude ganz von Sinnen gekommen und haben deshalb später den rechten Platz nicht mehr finden können. Und dann hat sie die Enttäuschung so vollständig überwältigt, daß sie einfach nicht mehr leben konnten. Denn ganz so ist es mir jetzt zumute.«
31. Walpurgisnacht
Samstag, 30. April
Auf einen Tag im Jahre freuen sich die Kinder in Dalarna ebensosehr wie auf den Weihnachtsabend. Das ist die Walpurgisnacht, wo sie ringsumher im Lande Freudenfeuer anzünden dürfen.
Schon wochenlang vorher denken die Jungen und Mädchen an nichts weiter, als nur recht viel Holz zu den Walpurgisfeuern zusammenzutragen. Sie gehen in den Wald und sammeln dürre Zweige und Tannenzapfen, sie sammeln Späne beim Schreiner und Knüppel und Rinde und Holzknorren beim Holzfäller. Alle Tage gehen sie zum Kaufmann und betteln um alte Kisten; und wenn eines irgendwo eine alte Teertonne ergattert hat, dann versteckt es sie als seinen größten Schatz und wagt erst in der letzten Stunde damit herauszurücken, gerade ehe die Feuer angezündet werden sollen. Die kleinen Reisigzweige, mit denen man die jungen Bohnen und Erbsen stützt, sind in großer Gefahr, desgleichen auch alle die alten herausgerissenen Zaunpfähle, alles zerbrochene Holzgeschirr und alle auf dem Felde vergessenen Heureiter.
Wenn der große Abend endlich da ist, haben in jedem Dorfe die Kinder entweder auf einem Hügel oder auch am Seeufer aus dürren Zweigen und Reisig und allem möglichen nur erdenklichen Brennbarem einen großen Haufen aufgeschichtet. An einzelnen Orten haben sie sogar zwei, ja drei Holzstöße; denn manchmal entzweien sich die Mädchen und Knaben schon beim Sammeln des Holzes, oder die Kinder vom südlichen Teil des Dorfes wollen das Feuer bei sich haben, aber die Kinder vom nördlichen Teil gehen nicht darauf ein und verschaffen sich deshalb ihr Feuer auf eigene Rechnung.
Die Holzstöße sind meist schon früh am Nachmittag fertig; und dann versammeln sich alle Kinder mit Zündholzschachteln in der Tasche um sie herum und warten ungeduldig auf den Einbruch der Dunkelheit. Um diese Jahreszeit ist es in Dalarna so schrecklich lang Tag! Um acht Uhr abends fängt es kaum erst an zu dämmern. Kalt und feucht ist es draußen, denn es ist ja noch halb Winter, und den Kindern wird die Zeit lang. Auf den freien Plätzen und auf den offenen Feldern ist aller Schnee schon geschmolzen, und mitten am Tage wenn die Sonne hoch am Himmel steht, ist es auch ganz behaglich warm; aber in den Wäldern liegen noch große Schneewehen, die Seen sind noch mit Eis bedeckt, und in der Nacht sinkt das Thermometer häufig immer noch mehrere Grade unter Null herab. Deshalb wird ab und zu auch einmal ein Feuer angezündet, ehe es so recht dunkel ist. Aber nur die kleinsten und ungeduldigsten Kinder übereilen sich in dieser Weise; die großen warten, bis die Nacht vollständig hereingebrochen ist, damit sich die Feuer recht großartig ausnehmen.
Endlich ist die richtige Stunde gekommen. Jedes Kind, es mag einen noch so kleinen Zweig zum Holzstoß beigetragen haben, ist anwesend; nun zündet der älteste Junge einen Strohwisch an und steckt ihn unten in den Haufen hinein. Sogleich beginnt das Feuer zu arbeiten; es knattert und knistert im Reisig; der Rauch wallt schwarz und drohend auf; endlich dringen die Flammen oben aus dem Reisighaufen heraus; hell und klar steigen sie auf einmal mehrere Meter in die Höhe, so daß sie in der ganzen Gegend gesehen werden können.
Wenn die Kinder eines Dorfes ihren eignen Holzstoß in vollen Brand gesetzt haben, nehmen sie sich Zeit, sich umzusehen. Ja, dort brennt ein Feuer, und dort drüben ein zweites! Jetzt flammt eins auf dem Hügel dort auf, und jetzt eins ganz droben auf dem Berge! Alle Kinder hoffen, ihr eignes Feuer werde das größte und hellste sein; und sie haben so große Angst, es könnte die andern möglicherweise nicht übertreffen, daß sie jetzt in der letzten Stunde nach den Häusern rennen und Vater und Mutter noch um ein paar Bretterstumpen oder um etwas Brennholz bitten.
Wenn das Feuer eine Weile gebrannt hat, kommen die Erwachsenen und die alten Leute auch herbei, es sich anzusehen. Aber das Feuer ist nicht allein schön und hell, es verbreitet auch eine schöne gute Wärme und verlockt dadurch die Zuschauer, sich auf den Steinen und Erdhügeln ringsum niederzulassen. Da sitzen sie und schauen in die Flammen, bis es einem einfällt, es wäre doch recht behaglich, wenn man an dem schönen Feuer ein Schälchen Kaffee kochen würde. Während der Kaffeekessel summt, erzählt wohl einer eine Geschichte; und wenn diese zu Ende ist, ist gleich wieder ein andrer mit einer neuen bei der Hand.
Die Erwachsenen denken hauptsächlich an den Kaffee und die Geschichten, die Kinder aber suchen das Feuer möglichst lange in hellem Brand zu erhalten. Dem Frühling ist es so schrecklich schwer geworden, den Schnee zu schmelzen und das Eis aufzutauen. Wie schön wäre es, wenn man ihm nun mit dem Feuer ein wenig helfen könnte! Sonst kann er ja unmöglich den Boden rechtzeitig von der Kälte befreien, damit Bäume und Kräuter auch rechtzeitig ausschlagen können.
* * * * *
Die Wildgänse hatten sich für die Nacht auf dem Eise des Siljansees niedergelassen, und da ein schrecklich kalter Nordwind daherfegte, mußte der Junge unter den Flügel des weißen Gänserichs kriechen. Aber er hatte noch nicht lange dagelegen, als ihn ein Flintenschuß auffahren ließ. Rasch glitt er unter dem Flügel hervor und sah sich erschrocken um.
Hier draußen auf dem Eise, wo die Gänse ruhten, war alles ganz still, so sehr der Junge auch umherspähte, er konnte nirgends einen Jäger entdecken. Aber als er nach dem Lande hinschaute, nahm er etwas ganz Merkwürdiges wahr; er meinte zuerst, er sehe eine Gespenstererscheinung, etwas in der Art, wie damals die Stadt Vineta, oder den Garten bei Groß-Djulö.
Am Nachmittag waren die Gänse mehrere Male über dem großen See hin und her geflogen, ehe sie den Platz gewählt hatten, wo sie sich niederlassen wollten. Und da hatten sie dem Jungen die großen Kirchen und Dörfer gezeigt, die an den Ufern des Sees lagen. Er hatte Leksand, Rättvik, Mora und die Sollerö gesehen. Die Kirchendörfer waren sehr groß, sie sahen wie richtige Landstädte aus, und der Junge hatte sich sehr verwundert, wie dicht bebaut dies Land hier im Norden war. Die ganze Gegend erschien ihm viel freundlicher und lachender, als er erwartet hatte; er hatte durchaus nichts Unheimliches oder Schreckeneinjagendes entdecken können.
Aber jetzt, in der dunkeln Nacht, flammte an diesen selben Ufern ein großer Kranz von hellen Feuern auf. Überall sah man sie lodern: in Mora am nördlichen Ende des Sees, am Ufer der Sollerö in Vikarby, auf der Höhe über dem Dorfe Sjurberg, auf dem Kirchenplatz ganz draußen auf der Landzunge bei Rättvik, auf dem Lerdalberg, und dann weiterhin auf allen Landzungen und Hügeln bis hinunter nach Leksand. Der Junge zählte mehr als hundert Feuer; er konnte ganz und gar nicht begreifen, wo sie hergekommen wären, und ob nicht Hexerei und Zauberkunst mit im Spiele sei.
Bei dem Schuß waren auch die Wildgänse erwacht, aber sobald Akka einen Blick auf den Strand geworfen hatte, sagte sie: »Die Menschenkinder treiben heute Kurzweil.« Hierauf steckten alle Wildgänse die Köpfe aufs neue unter die Flügel und schliefen sogleich wieder ein.
Der Junge aber betrachtete die Feuer, die das ganze Ufer wie eine lange Reihe von goldenen Kleinodien schmückten, und wie eine Motte wurde er von dem Licht und der Wärme unwiderstehlich angezogen; er wäre gern näher hingegangen, aber er wußte nicht recht, ob er die Gänse ohne Gefahr verlassen könnte. Ein Schuß um den andern tönte zu ihm herüber, und da er jetzt wußte, daß keine Gefahr damit verbunden war, lockten ihn auch diese. Die Leute dort drüben bei den Feuern schienen so vergnügt zu sein, daß sie sich am Lachen und Jubeln nicht genügen lassen konnten, sie mußten auch noch Freudenschüsse abfeuern. Und jetzt wurden bei einem Feuer, das auf einem Berg brannte, überdies noch Raketen abgebrannt. Dort hatten sie ein riesiges Feuer, und es lag hoch droben; aber das war ihnen noch nicht genug, sie wollten es noch schöner haben. Bis hinauf in die Wolken des Himmels sollte man sehen, wie vergnügt sie wären.
Der Junge hatte sich ganz allmählich dem Ufer genähert; da drang plötzlich Gesang an sein Ohr, und jetzt hielt ihn nichts mehr zurück; er rannte dem Lande zu, da mußte er dabei sein.
Aus der Tiefe der Rättviker Bucht führt eine ungewöhnlich lange Dampfschiffbrücke ins Wasser hinaus; am äußersten Ende dieser Brücke stand eine Anzahl von Sängern, die in der späten Nachtstunde ihre Lieder über den See hinklingen ließen. Es war fast, als meinten sie, der Frühling schlafe, den Wildgänsen gleich, draußen auf dem Eise des Siljansees, und sie müßten ihn wecken.
Die Sänger huben an mit dem Lied: »Ich weiß ein Land weit droben im Nord!« Dann kam: »Im Sommer gar schön, wenn die Erde sich freut, im Tal bei zwei Flüssen, den großen.« Dann: »Der Marsch geht nach Tuna!« Hierauf: »Freie, große, kecke Männer,« und zum Schluß: »In Dalarna wohnten, in Dalarna wohnen«. Es waren lauter Lieder über Dalarna. Auf der Brücke selbst brannte kein Feuer, und die Sänger konnten nicht weit umhersehen, aber mit den Tönen tauchte vor ihnen und vor allen, die zuhörten, ihr Land auf, schöner und hinreißender, als wenn sie es beim Tageslicht gesehen hätten. Es war, als wollten sie den Frühling also anflehen: »Sieh, solch ein Land wartet auf dich! Willst du uns nicht zu Hilfe kommen? Willst du den Winter noch länger seinen Druck über diese wunderschöne Gegend ausüben lassen?«
Nils Holgersson lauschte dem Gesang unbeweglich bis zum Ende, dann erst eilte er dem Lande zu. Ganz drinnen in der Bucht war das Eis schon geschmolzen; es war aber hier so viel Sand angeschwemmt, daß der Junge ganz gut bis zu einem Feuer hingelangen konnte, das dicht am Uferrain lag. Vorsichtig, vorsichtig schlich er sich immer näher heran, bis er die Menschen, die neben dem Feuer standen oder saßen, sehen und auch hören konnte, was sie sprachen. Und wieder begann er sich über das, was sie sagten, zu verwundern und sich zu fragen, ob er nicht eine Spukerscheinung vor sich habe. Noch nie hatte er Menschen in solchen Anzügen gesehen. Die Frauen trugen schwarze spitzige Mützen auf dem Kopf, kleine weiße Pelzjäckchen, rosa Tücher um den Hals, grünseidene Leibchen und schwarze Röcke mit einem weiß, rot, grün und schwarz gestreiften Vorderblatt. Die Männer hatten runde Hüte mit niedrigem Kopf, blaue Röcke mit rot eingefaßten Säumen, gelbe Lederhosen, die bis an die Kniee reichten und von roten mit Quästchen gezierten Strumpfbändern festgehalten wurden. Der Junge wußte nicht, ob es nur von den Anzügen herkäme, aber er meinte, diese Menschen sähen ganz anders aus als an andern Orten: viel stattlicher und viel vornehmer. Er hörte, daß sie miteinander sprachen, konnte aber lange kein Wort verstehen. Da fielen ihm die schönen Kleider ein, die seine Mutter in ihrer Truhe verwahrte und die seit ewiger Zeit niemand hatte tragen wollen, und er fragte sich, ob er hier nicht am Ende Leute aus früheren Zeiten vor sich habe, Leute, die in den letzten hundert Jahren nicht mehr auf Erden geweilt hätten.
Dies war jedoch nur ein Gedanke, der ihm durch den Kopf ging und gleich wieder verschwand, denn er sah wohl, daß diese Leute hier lebendige Menschen waren. Die Ursache aber, warum der Junge so dachte, ist die, daß sich die Bewohner am Siljansee in ihrer Rede, in ihrer Tracht und in ihren Sitten noch mehr von den vergangenen Zeiten bewahrt haben, als es an andern Orten der Fall ist.
Bald wurde sich der Junge auch darüber klar, daß die Leute dort am Feuer von alten Zeiten sprachen. Sie erzählten, wie es ihnen in ihren jungen Jahren ergangen sei, wo sie auf weiten Wegen in andre Landesteile hätten wandern müssen, um durch ihre Arbeit den ihrigen daheim das tägliche Brot zu verschaffen. Der Junge hörte mehrere Leute ihre Geschichte erzählen; aber später konnte er sich doch am besten an das erinnern, was eine ganz alte Frau aus ihrem Leben mitgeteilt hatte.
Die Geschichte der Kerstis vom Moore
»Meine Eltern hatten einen kleinen Hof in Ostbjörka,« begann die Alte, »aber wir waren viele Geschwister, und die Zeiten waren sehr hart, deshalb mußte ich schon mit sechzehn Jahren in die Fremde hinaus. Wir zogen miteinander, so ungefähr zwanzig junge Leute, von Rättvik aus; im Jahre 1845, am 14. April kam ich zum erstenmal nach Stockholm. Als Mundvorrat auf der Reise hatte ich etwas Brot, ein Stück Kalbfleisch und etwas Käse. Vierundzwanzig Groschen waren mein ganzer Geldvorrat. Die andern Lebensmittel, die ich von Hause mitbekam, packte ich in meinen Reisesack und schickte ihn samt meinem Arbeitsanzug mit einem Bauernwagen im voraus nach Stockholm.
So schlugen wir denn alle zwanzig den Weg nach Falun ein; wir legten täglich drei bis vier Meilen zurück, und so erreichten wir Stockholm am siebenten Tage. Das war noch anders, als wenn die Mädchen sich heutzutage nur auf die Eisenbahn setzen und dann höchst bequem in acht bis neun Stunden an Ort und Stelle sind.
Als wir in Stockholm einzogen, riefen die Leute einander zu: >Seht, da kommt das Dalregiment!< Und es war auch, als ob ein ganzes Regiment dahermarschiert käme, als wir in unsern Schuhen mit den hohen Absätzen, in die der Schuhmacher mindestens fünfzehn große Nägel hineingeschlagen hatte, durch die Straßen schritten; und da wir die spitzigen Pflastersteine nicht gewohnt waren, traten mehrere von uns häufig fehl und fielen zu Boden.
Wir gingen in ein Wirtshaus, in das >Weiße Roß<, wo die Leute aus Dalarna abzusteigen pflegten und das auf dem Södermalm in der großen Badstraße lag. Die Leute aus Mora wohnten in derselben Straße, in der >Großen Krone<. Jetzt aber mußte eilig etwas verdient werden, das kann ich euch sagen, denn von den vierundzwanzig Groschen, die ich von daheim mitbekommen hatte, waren nur noch achtzehn übrig. Eines von den andern Mädchen sagte, ich solle mich bei einem Rittmeister, der am Hornstull wohne, nach Arbeit umsehen. Dort wurde ich auf vier Tage gedungen, während der ich in seinem Garten graben und pflanzen mußte. Als Lohn erhielt ich vierundzwanzig Groschen, mußte mich aber selbst verköstigen. Da konnte ich mir nur wenig zum Essen kaufen, doch die kleinen Töchterchen der Herrschaft sahen, daß ich hungrig war; sie liefen in die Küche hinein und verlangten noch etwas zum Essen für mich, und so wurde ich doch satt.
Hierauf kam ich zu einer Frau in der Norrlandstraße. Da mußte ich in einer ganz miserabeln Kammer schlafen; die Mäuse zernagten mir meine Mütze und mein Halstuch und fraßen ein Loch in meinen Reisesack. Ich mußte ihn mit einem alten Stiefelschaft, den man mir gab, flicken. In diesem Haus hatte ich nur auf vierzehn Tage Arbeit, und dann mußte ich mit zwei Reichstalern in der Tasche nach Hause wandern. Diesmal nahm ich den Weg über Leksand und hielt mich da in einem Dorfe namens Rönnäs ein paar Tage auf. Ich erinnere mich, daß die Leute dort Hafergrütze kochten, die mit Spreu und Kleie vermischt war. Sie hatten nichts andres, und in jenen Tagen der Hungersnot mußten sie noch froh daran sein.
Ja, in jenem Jahr war es mir nicht gerade glänzend gegangen, aber im nächsten ging es mir noch schlechter.
Seht, ich mußte eben wieder ausziehen, denn sonst hätten sie daheim nichts zum Leben gehabt. Diesmal schloß ich mich an zwei andre Mädchen an, und wir wanderten zusammen nach Hundiksvall. Bis dorthin waren es fünfundzwanzig Meilen, und wir mußten unsere Reisesäcke den ganzen Weg selber auf dem Rücken tragen, denn jetzt hatten wir keinen Bauernwagen, der sie mitgenommen hätte.
Wir hatten gehofft, Gartenarbeit zu finden; aber als wir hinkamen, lag noch überall der Schnee, und mit der Gartenarbeit war es nichts. Da ging ich vors Dorf hinaus auf die großen Bauernhöfe und bat flehentlich, man solle mir doch irgend eine Arbeit geben. Ach, ihr lieben Leute, wie hungrig und müde war ich, bis ich einen Hof fand, wo man mich behielt und mich um acht Groschen am Tag Wolle krempeln ließ! Später fand ich schließlich doch auch Arbeit in den Gärten der Stadt, und da blieb ich bis Juli. Dann aber überkam mich das Heimweh mit solcher Macht, daß ich mich auf den Weg nach Rättvik machte. Ich war ja damals erst siebzehn Jahre alt. Meine Schuhe waren durchgelaufen, und so mußte ich die vierundzwanzig Meilen barfuß zurücklegen. Aber ich wanderte frohen Herzens dahin, denn jetzt hatte ich fünfzehn Reichstaler erspart, und für meine kleinen Geschwister brachte ich ein paar altbackene Weißbrötchen und eine Tüte voll Zuckerstückchen mit, die ich mir zusammengespart hatte. So oft mir jemand zwei Stückchen Zucker in meinen Kaffee gab, warf ich immer nur eines hinein und hob das andre auf.
Ja, da sitzt ihr nun, ihr Mädchen, und wißt nicht, wie sehr ihr dem lieben Gott dafür danken solltet, daß er uns bessere Zeiten gegeben hat, denn damals folgte ein Hungerjahr auf das andre; alle jungen Leute in Dalarna mußten sich auswärts nach einem Verdienst umsehen. Im nächsten Jahre -- das war Anno 1847 -- wanderte ich wieder nach Stockholm und arbeitete im großen Hornberger Garten. Außer mir waren noch mehrere Mädchen da, und wir hatten jetzt einen etwas besseren Taglohn, mußten aber trotzdem tüchtig sparen. Wir sammelten im Gartenland alte Nägel und Knochen, die wir an den Lumpensammler verkauften. Für das Geld kauften wir uns dann eine Art steinharten Zwieback, wie sie in der Militärbäckerei für die Soldaten gebacken wurden. Ende Juli kehrte ich wieder nach Hause zurück, um daheim bei der Ernte zu helfen. Diesmal hatte ich mir dreißig Reichstaler erspart.
Auch im folgenden Jahre mußte ich auf den Verdienst ausziehen. Diesmal kam ich zu einem Stallmeister, der vor Stockholm wohnte. In diesem Sommer war Manöver auf dem Lagårdsgärdet, und der Kellermeister schickte mich hinaus, die Küche zu überwachen, die er in einem großen Rüstwagen eingerichtet hatte. Und wenn ich hundert Jahre alt werde, wird mir jener Tag unvergeßlich sein, wo ich draußen im Lager vor dem König Oskar auf der Lur blasen mußte. Der König schickte mir einen ganzen Speziestaler zur Belohnung.
Dann war ich mehrere Sommer nacheinander Fährmädchen bei Brunswik; da ruderte ich die Leute zwischen Albano und Haga über. Dies war meine beste Zeit; wir hatten die Luren mit im Boot, und manchmal nahmen die Reisenden selbst die Ruder, damit wir ihnen auf den Luren blasen konnten. Als im Herbst die Fähre eingestellt wurde, ging ich nach Uppland hinauf und half in den Bauernhöfen beim Dreschen. Gegen Weihnachten kehrte ich dann allemal mit etwa hundert Reichstalern in der Tasche nach Hause zurück. Und dann hatte ich beim Dreschen auch noch Saatkorn verdient; der Vater holte es ab, sobald man mit dem Schlitten fahren konnte. Ja, seht, wenn ich und meine Geschwister nicht mit unsern Sparpfennigen heimgekommen wären, dann hätten sie daheim nichts zu leben gehabt, denn die Ernte vom eigenen Boden war meist gegen Weihnachten schon zu Ende, und zu jener Zeit baute man noch nicht viel Kartoffeln. Dann mußte man beim Kaufmann das Korn kaufen; wenn aber die Tonne Roggen vierzig Reichstaler und der Hafer vierundzwanzig Reichstaler kostete, dann galt es haushälterisch zu sein. Zu jener Zeit wurde bei uns feingehacktes Stroh unter das Brotmehl gemischt. Dieses Strohbrot glitt nicht leicht hinunter, das kann ich euch sagen; man mußte ordentlich Wasser dazu trinken, daß man es überhaupt hinunterbrachte.
So wanderte ich jedes Jahr hin und her, bis ich mich verheiratete, und das war im Jahre 1856. Jon und ich waren in Stockholm gute Freunde geworden. Aber jedes Jahr, wenn ich wieder nach Hause ging, war mir immer ein wenig bänglich ums Herz, die Stockholmer Mädchen könnten seine Gedanken von mir abwendig machen. Sie nannten ihn den schönen Moor-Jon und den schönen Dalmann, das wußte ich. Doch in seinem Herzen wohnte keine Falschheit, und als er sich genug erspart hatte, machten wir Hochzeit.
Während der nächsten Jahre herrschte lauter Freude und keine Sorge bei uns; aber das dauerte nicht lange, 1863 starb Jon, und ich stand mit meinen fünf Kindern allein auf der Welt. Es ging uns jedoch nicht einmal so schlecht, denn in Dalarna waren bessere Zeiten angebrochen. Jetzt gab es Kartoffeln und auch reichlich Getreide. Das war ein großer Unterschied gegen die früheren Zeiten. Ich bewirtschaftete die kleinen Äcker, die ich geerbt hatte, und hatte auch mein eigenes Häuschen. So verging ein Jahr ums andre, die Kinder wuchsen heran, und die von ihnen, die noch leben, sind jetzt vermögliche Leute, Gott sei Dank! Sie können sich gar nicht so recht vorstellen, wie knapp die Leute es hier in Dalarna gehabt haben, als ihre Mutter noch jung war.«
Damit schloß die Alte ihre Erzählung. Während sie gesprochen hatte, war das Feuer niedergebrannt. Jetzt standen alle auf und sagten, es sei Zeit, nach Hause zu gehen. Der Junge ging wieder aufs Eis hinaus, sich nach seinen Reisegefährten umzusehen; aber während er so allein über das Eis hinlief, klang in seinen Ohren noch immer der Vers, den er die Leute auf der Brücke hatte singen hören. »In Dalarna wohnten, in Dalarna wohnen trotz Armut auch Treue und Ehre ...« Dann kamen einige Verse, an die er sich nicht mehr erinnern konnte, aber den Schluß wußte er noch: »Sie mischten mit Rinde nicht selten ihr Brot, doch mächtigen Herren ward Hilfe in Not bei den armen Männern in Dale.«
Der Junge hatte nicht alles vergessen, was er einst in der Schule von den Männern aus dem Hause Sture und von Gustav Wasa gehört hatte, und er hatte sich immer gewundert, warum sie gerade bei den Dalmännern Hilfe gesucht haben sollten. Aber jetzt verstand er es; denn in einem Lande, wo es solche Frauen gab wie die Alte, die dort am Feuer ihre Geschichte erzählt hatte, mußten ja die Männer geradezu unbesiegbar sein.
32. Vor den Kirchen
Sonntag, 1. Mai
Als der Junge am nächsten Morgen erwachte und aufs Eis hinunterglitt, mußte er hell auflachen. Während der Nacht hatte es geschneit, ja es schneite noch immer, die ganze Luft war voll von weißen Flocken, und solange sie herunterfielen, sah es fast aus, als seien es lauter Flügel von erfrorenen Schmetterlingen. Auf dem See lag der Schnee mehrere Zentimeter tief, die Ufer schimmerten ganz weiß, und die Wildgänse sahen wie kleine Schneewehen aus, soviel Schnee hatten sie auf dem Rücken.
Ab und zu rührten sich Akka oder Yksi oder Kaksi ein wenig; wenn sie aber sahen, daß es noch immer weiter schneite, steckten sie schnell den Kopf wieder unter den Flügel. Sie dachten wohl, bei solchem Wetter könnten sie nichts Besseres tun als schlafen, und darin gab ihnen der Junge vollkommen recht.
Einige Stunden später erwachte er von dem Geläute der Kirchenglocken in Rättvik, die zum Gottesdienst riefen. Das Schneien hatte jetzt aufgehört, aber ein starker Nordwind fegte daher, und auf dem Eise draußen war es bitter kalt. Der Junge war froh, als die Wildgänse endlich den Schnee abschüttelten und ans Land flogen, um sich etwas zum Essen zu verschaffen.
An diesem Tage war in Rättvik Konfirmation, und die Konfirmanden, die schon früh zur Kirche gekommen waren, standen in kleinen Gruppen an der Kirchhofmauer. Sie waren alle in ihren Sonntagsgewändern, und ihre Kleider waren so neu und bunt, daß man sie schon von weitem leuchten sah.
»Liebe Mutter Akka, flieg hier ein wenig langsam, damit ich die Kinder dort sehen kann!« rief der Junge.
Die alte Wildgans hielt dies offenbar für einen sehr natürlichen Wunsch, denn sie ließ sich so tief wie möglich hinabsinken und flog dreimal um die Kirche herum. Es wäre schwer zu sagen, wie die Kinder in Wirklichkeit ausgesehen hätten; aber als Nils Holgersson die Knaben und die Mädchen von oben herab betrachtete, meinte er, noch nie so viele schöne junge Menschenkinder beisammen gesehen zu haben. »Ich glaube nicht, daß es in des Königs Schloß schönere Prinzen und Prinzessinnen geben kann,« sagte er vor sich hin.
Es hatte in der Tat tüchtig geschneit. In Rättvik waren alle Felder mit Schnee bedeckt, und Akka konnte nirgends ein Plätzchen entdecken, wo sie sich mit ihrer Schar hätte niederlassen können. Da besann sie sich nicht lange und flog südwärts gen Leksand.
In Leksand waren wie gewöhnlich alle jungen Leute auf Arbeit ausgezogen. Es waren also hauptsächlich alte Leute daheim, und als die Wildgänse dahergeflogen kamen, wanderte eben ein langer Zug von lauter alten Frauen durch die stattliche Birkenallee, die zur Kirche führt. Sie kamen auf den weißen Wegen durch die weißstämmigen Birken in schneeweißen Mänteln aus Schaffellen, weißen Pelzröcken, gelb oder schwarz- und weißgestreiften Schürzen und weißen Hauben, die das weiße Haar dicht umrahmten.
»Liebe Mutter Akka, flieg hier ein wenig langsam, damit ich mir die alten Leute ansehen kann!« rief der Junge.
Das schien der alten Anführerin wohl ein natürlicher Wunsch, denn sie ließ sich so weit, wie sie es wagen konnte, herabsinken und flog dreimal über der Birkenallee hin und her. Es wäre schwer zu sagen, wie die alten Leute in der Nähe ausgesehen hätten, aber dem Jungen war es, als habe er noch niemals alte Frauen mit einem so klugen und freundlichen Ausdruck gesehen. »Diese alten Frauen sehen aus, als hätten sie Könige zu Söhnen und Königinnen zu Töchtern,« sagte der Junge vor sich hin.
Aber in Leksand war es auch nicht besser als in Rättvik. Überall lag tiefer Schnee, und Akka wußte sich keinen andern Rat, als weiter gen Süden nach Gagnef zu fliegen.
In Gagnef hatte an diesem Tage vor dem Gottesdienst ein Begräbnis stattgefunden. Der Leichenzug hatte sich etwas verspätet, und dann hatte das Begräbnis auch noch länger gedauert, als man gedacht hatte. Als die Wildgänse dahergeflogen kamen, waren noch nicht alle Leute in der Kirche, mehrere Frauen gingen sogar noch auf dem Kirchhof umher und besuchten ihre Gräber. Sie trugen grüne Leibchen mit roten Ärmeln, und auf dem Kopfe hatten sie farbige Tücher mit bunten Fransen.
»Liebe Mutter Akka, flieg hier ein wenig langsam, damit ich mir die Bauernweiber ansehen kann!« rief der Junge.
Dies hielt die alte Gans wohl für einen natürlichen Wunsch, denn sie flog dreimal über dem Kirchhof hin und her. Es wäre schwer zu sagen, wie sich die Leute in der Nähe ausgenommen hätten, aber als der Junge die Frauen von oben her durch die Bäume des Kirchhofs hindurch sah, erschienen sie ihm wie lauter schöne Blumen. »Sie sehen alle aus, als seien sie im Garten eines Königs gewachsen,« dachte er.
Aber selbst in Gagnef fand sich nirgends ein freies Feld, und so blieb den Wildgänsen nichts andres übrig, als sich noch weiter südwärts nach Floda zu wenden.
In Floda saßen die Leute schon in der Kirche, als die Wildgänse dahergeflogen kamen; aber gleich nach dem Gottesdienst sollte eine Hochzeit stattfinden, und der ganze Hochzeitszug stand draußen auf dem Kirchenhügel. Die Braut trug eine goldene Krone auf dem aufgelösten Haar und war so über und über mit Blumen und bunten Bändern und Schmucksachen behängt, daß einem die Augen ordentlich weh taten, wenn man sie ansah. Der Bräutigam trug einen langen blauen Gehrock, Kniehosen und eine rote Mütze. Die Leibchen und Rocksäume der Brautjungfern waren mit Rosen und Tulipanen bestickt, und die Eltern und Nachbarn gingen in ihren bunten Bauerntrachten mit im Zuge.
»Liebe Mutter Akka, flieg hier ein wenig langsam, daß ich die jungen Leute sehen kann!« bat der Junge.
Und die Anführerin ließ sich so weit, als sie es nur wagen konnte, hinabsinken und flog dreimal über dem Kirchenhügel hin und her. Es wäre schwer zu sagen, wie die Hochzeitsleute in der Nähe ausgesehen hätten, aber so von oben aus meinte der Junge, eine so schöne Braut und einen so stolzen Bräutigam und einen so stattlichen Hochzeitszug könne es gewiß sonst nirgends geben. »Ich möchte wissen, ob der König und die Königin schöner aussehen, wenn sie in ihrem Schlosse umhergehen?« dachte er in seinem Herzen.
Hier in Floda fanden die Wildgänse endlich ein vom Schnee befreites Feld und mußten also nicht noch länger nach Futter suchen.
33. Die Überschwemmung
1.-4. Mai
Mehrere Tage lang herrschte in den Gebieten nördlich vom Mälar entsetzliches Wetter. Der Himmel war dicht mit Wolken bedeckt, der Wind heulte, und es regnete in Strömen. Die Menschen und Tiere wußten wohl, daß es so sein mußte, wenn es Frühling werden sollte, trotzdem aber erschien ihnen dieses Wetter fast unerträglich.
Nachdem es einen Tag lang geregnet hatte, fingen die Schneemassen in den Wäldern im Ernst zu schmelzen an, und die Frühlingsbäche begannen zu rauschen. Alle Wasserpfützen auf den Höfen, das stillstehende Wasser in den Gräben, das Wasser, das zwischen den Grashügeln auf den Mooren und in den Teichen hervorquoll, alles miteinander kam in Bewegung und suchte sich einen Weg nach den Bächen, um nach dem Meere mitgenommen zu werden.
Die Bäche liefen so rasch wie nur möglich nach den Mälarflüssen, und die Flüsse taten ihr bestes, ihrerseits die Wassermassen dem Mälar zuzuführen. Und dann warfen an ein und demselben Tage alle kleinen Seen in Uppland und im Bergwerkdistrikt ihre Eisdecken ab. Dadurch füllten sich die Bäche mit Eisschollen, und das Wasser in ihnen stieg hurtig bis zu den Uferrändern. So vergrößert stürzten sich die Flüsse jetzt in den Mälar, und es dauerte nicht lange, da hatte dieser so viel Wasser aufgenommen, als er überhaupt fassen konnte. Reißend und wild schäumend drängte er seinem Ausfluß zu; aber der Norrstrom ist eine enge Wasserstraße, die das Wasser nicht so hurtig durchfließen lassen konnte, wie es nötig gewesen wäre. Überdies wehte ein sehr starker Ostwind, die Meereswellen brachen sich hoch aufschäumend am Ufer und standen dadurch dem Strom hindernd im Wege, als dieser sein Süßwasser in die Ostsee ergießen wollte. Da nun die Flüsse dem Mälar unaufhörlich neues Wasser zuführten, der Strom aber seine Fülle nicht so rasch hinausführen konnte, blieb dem großen See nichts andres übrig, als über seine Ufer zu treten.
Der See stieg sehr langsam, wie wenn er den schönen Ufern nur ungern Schaden zufügen würde. Da diese aber überall sehr niedrig und flach sind, hatte das Wasser schon nach kurzer Zeit das Land weit überschwemmt, und mehr brauchte er nicht, um allerorten die größte Aufregung hervorzurufen.
Der Mälar ist ein See von ganz besonderer Beschaffenheit; er besteht aus lauter engen Fjorden, Buchten und Sunden. Nirgends breitet er sich zu weiten, sturmgepeitschten Flächen aus; er scheint zu nichts anderm geschaffen zu sein, als für Lustfahrten, Segeltouren und fröhlichen Fischfang, und er hat viele reizende bewaldete Holme und Landzungen. Nirgends sind nackte, einsame, vom Wind umfegte Ufer; es ist, als habe der See nie daran gedacht, daß hier etwas andres als Lustschlösser, Sommerhäuser, Herrenhöfe und Vergnügungsorte stehen sollten. Und weil er sich für gewöhnlich so freundlich und mild zeigt, gerät vielleicht gerade deshalb alles in so fürchterliche Aufregung, wenn er ab und zu einmal seine freundliche Miene ablegt und offenbart, daß er auch ernstlich gefährlich werden kann.
Da es nun aussah, als wolle der Mälar wirklich eine Überschwemmung anrichten, wurden alle Boote und Einbäume, die während des Winters ans Land gezogen waren, in aller Eile gedichtet und geteert, damit sie so rasch wie möglich zum Gebrauch bereit wären. Die Brücken der Waschfrauen wurden hereingezogen, die Landungsbrücken dagegen verstärkt. Die Bahnwärter, deren Aufgabe es war, die dem Ufer entlang laufenden Eisenbahnstrecken zu bewachen, gingen beständig auf dem Bahndamm hin und her und wagten weder bei Nacht noch bei Tag ein wenig zu schlafen.
Die Bauern, die auf den niedrigen Holmen Heu oder dürres Laub in Scheunen aufbewahrt hatten, schafften alles eilig ans Land herüber. Die Fischer zogen ihre Netze und Reusen ein, damit sie nicht vom Hochwasser mit fortgerissen würden. An den Fähren wimmelte es von Menschen, die rasch übergesetzt werden wollten. Wer immer unterwegs war, ob auf dem Heimwege oder nach auswärts, mußte sich beeilen, solange die Überfahrt noch möglich war.
In der Stockholmer Gegend, wo an den Ufern ein Dorf neben dem andern liegt, war die Geschäftigkeit am größten. Die meisten Landhäuser lagen allerdings so hoch über den Ufern, daß ihnen keine Gefahr drohte; aber jedes von diesen Landhäusern hatte ja auch sein Badehaus und seine Landungsbrücke, und sie mußten in Sicherheit gebracht werden.
Doch nicht allein die Menschen gerieten in Aufregung, als der Mälar über seine Ufer stieg, nein, auch die Tiere waren in großer Not: Die Enten, deren Eier zwischen den Büschen am Ufer lagen, die Wasserratten und die Spitzmäuse, die am Ufer wohnten und kleine hilflose Junge in ihrem Neste hatten, ja selbst die stolzen Schwäne bekamen Angst für ihre Nester und ihre Eier.
Und es waren keine unnötigen Sorgen, denn mit jeder Stunde wuchs der Mälar.
Den Weiden und Erlen an den Ufern ging das Wasser schon hoch an den Stämmen herauf. In die Gärten war das Wasser eingedrungen; es arbeitete da in seiner eigenen Weise, und in den Gemüsebeeten und auf den Roggenfeldern, die ihm erreichbar waren, richtete es großen Schaden an.
Der See stieg und stieg, mehrere Tage hindurch. Die tiefgelegenen Wiesen um Gripsholm herum standen unter Wasser, und das große Schloß war jetzt nicht allein durch einen schmalen Graben, sondern durch breite Sunde vom Festlande getrennt. In Strängnäs wurde die schöne Strandpromenade in einen brausenden Fluß verwandelt, und in Wästerås bereitete man sich darauf vor, mit Booten in den Straßen umherzufahren. Ein paar Elche hatten auf einem Holm im Mälar überwintert; deren Lagerstatt geriet unter Wasser und kam ans Land geschwommen. Ganze Stapel Brennholz, eine Menge Bretter und Balken, Bottiche und Eimer schwammen umher, und überall waren die Leute eifrig bemüht, sie zu bergen.
In dieser schwierigen Zeit schlich Smirre, der Fuchs, eines Tages durch ein Birkengehölz, das etwas nördlich vom Mälar lag. Wie gewöhnlich beschäftigten sich seine Gedanken mit den Wildgänsen und dem Däumling, und er sann und sann, wie er sie wieder finden könnte, denn er hatte ihre Spur vollständig verloren.
Während er so ganz mutlos dahinwanderte, entdeckte er plötzlich die Taube Agar, die Botschafterin, auf einem Birkenzweig. »Wie gut, daß ich dich treffe, Agar!« rief Smirre. »Du kannst mir vielleicht sagen, wo sich Akka von Kebnekajse mit ihrer Schar aufhält.«
»Es ist wohl möglich, daß ich es weiß,« sagte Agar; »aber ich habe nicht im Sinn, es dir mitzuteilen.«
»Das ist mir auch einerlei,« fuhr Smirre fort, »wenn du ihr nur eine Botschaft ausrichten willst, die man mir für sie aufgetragen hat. Du weißt doch, wie schrecklich es in diesen Tagen am Mälar aussieht. Es ist eine fürchterliche Überschwemmung, und das große Schwanenvolk, das in der Hjälstabucht wohnt, ist in größter Sorge um seine Nester und Eier. Nun hat der Schwanenkönig Dagklar von dem Knirps gehört, der mit den Wildgänsen umherzieht und für alles Rat weiß, und er hat mich zu Akka geschickt, sie zu bitten, mit dem Däumling nach der Hjälstabucht zu kommen.«
»Ich werde deinen Auftrag ausrichten,« erwiderte Agar. »Aber es ist mir nicht recht klar, wie der kleine Wicht den Schwänen helfen könnte.«
»Mir ist es auch nicht klar, aber er kann ja alles mögliche.«
»Ich wundere mich auch sehr darüber, daß Dagklar einen Fuchs mit einem Auftrag an die Wildgänse schickt,« wandte Agar ein.
»Da hast du ganz recht, wir sind sonst Feinde,« erwiderte Smirre mit freundlicher Stimme. »Aber in der Not muß man einander beistehen. Übrigens wirst du gut tun, wenn du Akka nicht sagst, daß du die Botschaft durch einen Fuchs erhalten hast, sonst könnte sie am Ende mißtrauisch werden.«
Die Schwäne in der Hjälstabucht
Der sicherste Zufluchtsort für die Schwimmvögel am ganzen Mälar ist die Hjälstabucht; dies ist der innerste Teil der Ekolsundbucht, die wieder eine Ausweitung des Norra-Björköfjords ist. Dieser Fjord aber ist die zweitgrößte von den langen Buchten, die der Mälar nach Uppland hinein erstreckt.
Die Hjälstabucht hat flache Ufer, einen niedrigen Wasserstand und eine Menge Binsen ganz wie der Tåkern. Sie ist zwar lange nicht so groß wie der berühmte Vogelsee, aber trotzdem eine ausgezeichnete Heimat für die Vögel, weil sie seit vielen Jahren als Freistatt anerkannt ist. Es wohnt nämlich ein großes Schwanenvolk dort, und der Besitzer des ganz in der Nähe liegenden alten Krongutes Ekolsund hat die Jagd da verboten, damit die Schwäne nicht gestört oder beunruhigt würden.
Sobald Akka erfahren hatte, daß die Schwäne ihrer Hilfe bedürften, flog sie eiligst nach der Hjälstabucht. Sie gelangte am Abend hin und sah da gleich, welche ungeheuern Zerstörungen die Überschwemmung angerichtet hatte. Die großen Schwanennester waren losgerissen und von dem heftigen Wind auf die Bucht hinausgetrieben worden; einige waren schon auseinandergefallen, andre umgestürzt, und die Eier lagen jetzt hell glänzend drunten im Wasser auf dem Grund.
Als sich Akka in der Bucht niederließ, waren alle hier wohnenden Schwäne am östlichen Ufer versammelt, wo sie vor dem Winde am besten geschützt waren. Die Überschwemmung hatte freilich großen Schaden bei ihnen angerichtet, aber sie waren viel zu stolz, irgend einen Kummer zu zeigen. »Es hat keinen Wert, unglücklich darüber zu sein. Hier herum gibt es genug Wurzelfasern und Stiele, um neue Nester zu bauen,« sagten sie. Kein einziger Schwan hatte daran gedacht, fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen, und sie hatten keine Ahnung, daß Smirre die Wildgänse herbeigerufen hatte.
Es waren mehrere hundert Schwäne versammelt, und sie hatten sich ihrem Rang und ihrer Stellung gemäß aufgestellt; die jungen und unerfahrenen zu äußerst im Kreis, die alten und weisen mehr nach innen. Ganz in der Mitte lag Dagklar, der Schwanenkönig, mit Schneefrid, der Schwanenkönigin; diese beiden waren älter als alle andern, und fast alle Mitglieder des Schwanenvolkes waren ihre Kinder und Kindeskinder.
Dagklar und Schneefrid konnten von jenen Zeiten erzählen, wo es in Schweden noch gar keine wilden Schwäne gab, sondern nur zahme in den Schloßgräben und Teichen. Aber dann war einmal ein Schwanenpaar entwischt und hatte sich in der Hjälstabucht niedergelassen. Von diesen beiden stammten nun alle die Schwäne ab, die hier wohnten. In der jetzigen Zeit gibt es allerdings eine Menge wilder Schwäne im Mälar, sowie im Tåkern und im Hornborgasee; aber alle diese Ansiedler stammen aus der Hjälstabucht, und die Schwäne waren sehr stolz darauf, daß sich ihre Familie über einen See nach dem andern ausbreitete.
Die Wildgänse hatten sich zufälligerweise auf der westlichen Seite der Bucht niedergelassen; aber nachdem Akka entdeckt hatte, wo die Schwäne lagen, schwamm sie sogleich zu ihnen hinüber. Sie war selbst sehr erstaunt, daß nach ihr geschickt worden war; aber sie betrachtete es als eine Ehre und wollte keinen Augenblick verlieren, wenn sie den Schwänen beistehen konnte.
Als Akka in die Nähe der Schwäne kam, hielt sie an, um zu sehen, ob die Gänse hinter ihr auch in einer geraden Linie und in der rechten Entfernung voneinander schwämmen. »Schwimmt nun hübsch und gerade!« sagte sie. »Starrt die Schwäne nicht an, als ob ihr noch nie etwas Schönes gesehen hättet, und kümmert euch nicht um das, was sie zu euch sagen!«
Akka besuchte die alte Schwanenherrschaft nicht zum ersten Male, und bis jetzt war sie immer mit der Aufmerksamkeit empfangen worden, die einem so weitgereisten und angesehenen Vogel gebührte. Aber es war ihr nie angenehm, wenn sie durch alle die andern Schwäne, die die Alten umringten, hindurchschwimmen mußte. Sie kam sich nie so klein und grau vor, als wenn sie mit den Schwänen zusammen war, und zuweilen ließ auch der eine oder der andre eine Bemerkung über gewisse graue häßliche Leute fallen. Aber da hielt es Akka immer fürs klügste, zu tun, als ob sie es nicht gehört hätte, und nur ruhig weiter zu schwimmen.
Diesmal schien alles ungewöhnlich gut zu gehen. Die Schwäne glitten ganz still zur Seite, und die Wildgänse schwammen wie durch eine mit großen weißschimmernden Vögeln eingefaßte Straße hindurch. Und diese weißen Vögel, die ihre Flügel wie Segel ausspannten, um sich vor den Fremden in ihrer ganzen Schönheit zu zeigen, boten einen überaus prächtigen Anblick. Sie machten nicht eine einzige spitzige Bemerkung, worüber Akka sich sehr verwunderte. »Gewiß hat König Dagklar von ihren Unarten Kenntnis erhalten und ihnen gesagt, sie sollten sich wie gebildete Tiere benehmen,« dachte die alte Wildgans.
Aber während die Schwäne sich so alle Mühe gaben, ihre guten Sitten zu zeigen, entdeckten sie plötzlich den weißen Gänserich, der ganz hinten in der langen Reihe der Gänse schwamm. Da ging ein Raunen der Verwunderung und des Zorns durch die Schwanenreihen, und mit einem Schlage war es aus mit dem gebildeten Benehmen.
»Was ist denn das?« rief einer von den Schwänen. »Wollen die Wildgänse jetzt weiße Federn haben?«
»Sie werden sich doch nicht einbilden, daß sie deshalb Schwäne würden!« schrie es von allen Seiten.
Und mit ihren weithintönenden Stimmen schrien die Schwäne immer lauter durcheinander; es war Akka ganz unmöglich, sich Gehör zu verschaffen, um ihnen zu erklären, daß dies eine zahme Gans sei, die sich ihnen angeschlossen habe.
»Da kommt gewiß der Gänsekönig selbst daher!« spotteten die Schwäne.
»Sie sind ganz unglaublich unverschämt!« riefen die andern.
»Es ist gar keine Gans, es ist eine zahme Ente!«
Der große Weiße gedachte Akkas Ermahnung, sich nicht um das zu kümmern, was ihnen zugerufen würde. Er schwieg also ganz still und schwamm so schnell wie möglich vorwärts; aber es half nichts, die Schwäne wurden nur noch ausfälliger.
»Was hat er denn für eine Kröte auf dem Rücken?« fragte einer von ihnen. »Die Gänse meinen wohl, wir könnten nicht sehen, daß es eine Kröte ist, trotzdem sie sich wie ein Mensch herausgeputzt hat?«
Nun schwammen alle die Schwäne, die vorher in so schöner Ordnung dagelegen hatten, in wilder Aufregung durcheinander; alle drängten sich vor, um die weiße Wildgans zu sehen.
»So ein weißer Gänserich sollte sich wenigstens schämen, sich hier vor uns Schwänen sehen zu lassen!«
»Er ist gewiß ebenso grau wie die andern und nur in einen Melkkübel getaucht.«
Jetzt hatte Akka den König Dagklar erreicht und wollte ihn eben fragen, womit sie ihm behilflich sein könnte, als dieser den Aufruhr unter seinem Volke gewahr wurde.
»Was ist denn da los? Habe ich ihnen nicht befohlen, höflich gegen die Fremden zu sein?« rief er und sah sehr unzufrieden aus.
Schneefrid, die Schwanenkönigin, schwamm zu ihren Untertanen hin, um Ordnung unter ihnen zu schaffen, und Dagklar wendete sich wieder an Akka. Doch schon kehrte Schneefrid sehr erregt zurück. »Kannst du sie nicht zum Schweigen bringen?« rief ihr der Schwanenkönig entgegen.
»Es ist eine weiße Wildgans unter ihnen,« antwortete die Schwanenkönigin. »Das ist wirklich schändlich. Es wundert mich nicht, daß sie wütend sind.«
»Eine weiße Wildgans!« rief Dagklar. »Das ist zu toll! Das gibt es ja gar nicht. Du wirst nicht recht gesehen haben.«
Das Gedränge um den Gänserich Martin herum wurde immer größer. Akka und die andern Wildgänse versuchten, zu ihm hinzuschwimmen; aber sie wurden hin und her gepufft und konnten nicht bis zu ihm gelangen.
Jetzt setzte sich auch der alte Schwanenkönig, der stärkste von dem ganzen Volke, in Bewegung. Er schob alle andern zur Seite und bahnte sich einen Weg zu dem weißen Gänserich hin. Aber als er sah, daß da wirklich eine weiße Gans auf dem Wasser lag, wurde er ebenso erregt wie alle andern. Er fauchte vor Zorn, stürzte geradeswegs auf den Gänserich los und rupfte ihm ein paar Federn aus. »Ich will dich lehren, du Wildgans, in so einem Aufzug zu den Schwänen zu kommen!« rief er.
»Flieh, Martin, flieh, flieh!« rief Akka, denn sie erkannte, daß ihm die Schwäne jede Feder ausrupfen würden. Und »Flieh, flieh!« schrie auch der Däumling.
Aber der Gänserich war so fest zwischen den Schwänen eingekeilt, daß er seine Flügel nicht ausspannen konnte; und von allen Seiten streckten die erzürnten Schwäne ihre starken Schnäbel vor, ihm die Federn auszurupfen.
Der Gänserich verteidigte sich, so gut er konnte; er biß und stieß um sich, und die andern Wildgänse griffen die Schwäne auch an. Aber das Ende war nur zu gut abzusehen; doch da wurde den Wildgänsen ganz unerwartet von andrer Seite Hilfe zuteil. Ein Rotkehlchen, das gesehen hatte, wie übel es den Wildgänsen bei den Schwänen erging, war der Helfer. Es stieß jenen scharfen Warnungsruf aus, dessen sich die kleinen Vögel bedienen, wenn es gilt, einen Habicht oder Falken in die Flucht zu jagen. Und kaum war der Ruf dreimal erklungen, als auch schon alle kleinen Vögel der Umgegend auf blitzschnellen Schwingen in einem großen kreischenden Schwarm auf die Hjälstabucht zustürmten.
Und diese armen schwachen Vögelein warfen sich auf die Schwäne; sie zwitscherten ihnen in die Ohren, versperrten ihnen die Aussicht mit ihren Flügeln, machten sie mit ihrem Geflatter verwirrt und brachten sie ganz außer sich, indem sie ihnen in die Ohren schrieen: »Schämt euch! Schämt euch, ihr Schwäne!«
Der Überfall der kleinen Vögel dauerte nur ein paar Augenblicke; aber als der Vogelschwarm wieder weggeflogen und die Schwäne einigermaßen zu sich gekommen waren, hatten die Wildgänse die Flucht ergriffen und schon die andre Seite der Bucht erreicht.
Der neue Kettenhund
Etwas Gutes wenigstens hatten die Schwäne: als sie sahen, daß die Wildgänse entkommen waren, fanden sie es unter ihrer Würde, ihnen nachzujagen. Die Wildgänse durften also in aller Ruhe auf einer mit Binsen bewachsenen Insel schlafen.
Nils Holgersson aber konnte vor lauter Hunger nicht einschlafen. »Ich muß sehen, daß ich in irgend einem Hause etwas zum Essen finde,« sagte er.
In diesen Tagen, wo so vielerlei auf dem Wasser umhertrieb, war es für so einen kleinen Wicht wie Nils Holgersson nicht schwer, ein Beförderungsmittel zu finden. Er besann sich daher nicht lange, sondern sprang auf ein Bretterstück, das zwischen die Binsen hineingetrieben war. Dann fischte er einen kleinen Stock auf und stieß durch das seichte Wasser dem Ufer zu.
Kaum hatte er dieses erreicht, als er neben sich ein Plätschern im Wasser hörte. Er blieb unbeweglich stehen und sah da zuerst eine Schwänin, die ganz in seiner Nähe in ihrem großen Neste lag; dann aber erblickte er einen Fuchs, der ein paar Schritte ins Wasser hineingewatet war und sich zu dem Schwanenneste hinschlich.
»Hallo, hallo! Steh auf, steh auf!« rief der Junge und schlug mit seinem Stock ins Wasser.
Die Schwänin stand auf, aber doch nicht so rasch, daß der Fuchs sich nicht hätte auf sie werfen können, wenn er gewollt hätte. Aber er gab diesen Plan auf und rannte eiligst auf den Jungen zu.
Der Däumling sah den Fuchs auf sich zukommen und lief spornstreichs ins Land hinein. Vor ihm lag weiter, flacher Wiesengrund, nirgends sah er einen Baum, den er hätte erklettern, nirgends ein Loch, in dem er sich hätte verstecken können. Es blieb ihm nichts übrig, als zu fliehen. Nun war der Junge zwar ein guter Läufer, aber daß er es in der Geschwindigkeit mit einem Fuchs, der frei und ungehindert laufen konnte und nichts zu tragen hatte, nicht aufnehmen könnte, dessen war er sich nur zu klar.
Eine Strecke weit im Lande drinnen lagen einige Kätnerhütten, aus deren Fenstern heller Lichtschein herausdrang. Natürlich lief der Junge darauf zu; aber er mußte sich selbst sagen, daß ihn der Fuchs längst eingeholt haben würde, ehe er die Häuser erreicht hätte.
Einmal war ihm der Fuchs schon so nahe, daß er den Jungen sicher zu haben meinte; aber da sprang dieser hastig zur Seite und lief wieder der Bucht zu. Diese Wendung hielt den Fuchs ein wenig auf, und ehe er den Jungen aufs neue eingeholt hatte, war dieser zu ein paar Männern hingelaufen, die den ganzen Tag hindurch und noch am Abend das auf dem Wasser umhertreibende Gut geborgen hatten und jetzt auf dem Heimweg waren.
Die Männer waren müde und schläfrig; sie hatten weder den Fuchs noch den Jungen bemerkt, obgleich dieser auf sie zugelaufen war. Der Junge wollte sie indes gar nicht anreden und sie auch nicht um Hilfe bitten; er begnügte sich damit, neben ihnen herzulaufen, denn er dachte: »Der Fuchs wird sich wohl hüten, ganz dicht zu den Menschen hinzugehen.«
Aber bald hörte er, wie der Fuchs herbeischlich. Ja, er wagte sich wirklich ganz nahe an die Menschen heran, denn er dachte: »Sie werden mich wohl für einen Hund halten.«
»Was schleicht denn da für ein Hund hinter uns her?« sagte auch in der Tat einer von den Männern. »Er kommt uns so nahe, als ob er uns beißen wollte.«
Der andre blieb stehen und sah sich um. »Weg mit dir! Was willst du?« rief er und versetzte dem Fuchs einen Stoß, der ihn auf die andre Seite des Weges beförderte. Von da an hielt sich der Fuchs in ein paar Metern Abstand, lief aber unentwegt hinter den Männern her.
Bald erreichten die Männer die Kätnerhütten und gingen miteinander in eine von ihnen hinein. Der Junge hatte eigentlich im Sinne gehabt, sich mit ihnen hineinzuschleichen; aber kaum war er auf dem Flur angekommen, da sah er einen großen, schönen, langhaarigen Kettenhund aus der Hundehütte herausrasen und den Hausherrn stürmisch begrüßen. Da änderte der Junge seine Absicht und blieb vor dem Hause.
»Hör einmal, Hofhund,« sagte er leise, sobald die Männer die Tür hinter sich zugemacht hatten. »Willst du mir nicht helfen, heute nacht einen Fuchs zu fangen?«
Der Hofhund hatte keine scharfen Augen, und zornig und hitzig war er von dem Angebundensein auch geworden. »Wie soll ich einen Fuchs fangen?« bellte er wütend. »Wer bist denn du, daß du daherkommst und mich verspottest? Komm mir nur so nahe, daß ich dich fassen kann, dann werde ich dich lehren, deinen Spott mit mir zu treiben.«
»O, ich habe durchaus keine Angst vor dir!« rief der Junge und lief zu dem Hund hin. Und als der Hund den kleinen Knirps sah, war er so überrascht, daß er kein Wort herausbringen konnte.
»Ich bin der Junge, den die Tiere den Däumling nennen, und der mit den Wildgänsen umherzieht,« sagte Nils Holgersson. »Hast du noch nicht von mir reden hören?«
»Doch, die Schwalben haben wohl so etwas von dir gezwitschert,« antwortete der Hund. »Du scheinst große Dinge ausgerichtet zu haben, obwohl du nur so klein bist.«
»Ja, bis heute ist es mir ganz gut gegangen, aber wenn du mir nicht hilfst, dann ist es wohl aus mit mir. Ein Fuchs ist mir dicht an den Fersen. Er steht dort an den Ecke und lauert auf mich.«
»Ei freilich, ich wittre ihn wirklich deutlich,« sagte der Hund. »Den werden wir bald haben.«
Damit jagte der Hofhund davon, so weit seine Kette reichte, und bellte und kläffte eine gute Weile.
»Ich glaube nicht, daß er sich jetzt noch einmal heranwagt,« sagte er dann.
»Ach, mit dem Bellen allein wird dieser Fuchs nicht in die Flucht geschlagen,« sagte der Junge. »Er wird gleich wieder da sein, und das wäre auch am besten, denn ich habe mir nun einmal in den Kopf gesetzt, daß du ihn gefangen nehmen sollst.«
»Treibst du schon wieder deinen Spott mit mir?« rief der Hund.
»Nein, gewiß nicht. Komm nur mit mir in die Hundehütte hinein, damit der Fuchs uns nicht hören kann; dann sage ich dir, wie du es machen mußt,« sagte der Junge.
Der Junge und der Hund krochen miteinander in die Hütte hinein und flüsterten da eifrig zusammen.
Nach einer Weile steckte der Fuchs die Nase um die Ecke, und als alles still war, schlich er sich sachte in den Hof hinein. Er verfolgte die Spur des Jungen bis zur Hundehütte hin und setzte sich in angemessener Entfernung davon nieder, um zu überlegen, wie er ihn herauslocken könnte. Plötzlich steckte der Hund den Kopf heraus und knurrte den Fuchs an. »Mach daß du fort kommst, sonst komme ich heraus und packe dich!« rief er.
»Deinetwegen bleibe ich ruhig hier sitzen, solange ich Lust habe,« erwiderte der Fuchs.
»Geh deiner Wege!« brummte der Hund noch einmal in drohendem Ton. »Sonst hast du heute nacht zum letzenmal gejagt.«
Aber der Fuchs grinste den Hund nur an und wich nicht vom Fleck. »Ich weiß schon, wie weit deine Kette reicht,« sagte er.
»Nun habe ich dich zweimal gewarnt,« sagte der Hund und trat aus seiner Hütte heraus. »Jetzt mußt du die Folgen selbst tragen.«
Und in demselben Augenblick fuhr er mit einem großen Satz auf den Fuchs los. Er erreichte ihn ohne jegliche Schwierigkeit, denn er war frei; der Junge hatte ihm sein Halsband abgenommen.
Einen Augenblick kämpften die beiden Tiere miteinander; aber der Streit war bald entschieden: Der Hund stand als Sieger, der Fuchs lag auf dem Boden und wagte sich nicht zu rühren. »Ruhig, ruhig! Wenn du nicht ganz ruhig bleibst, beiße ich dich tot,« sagte der Hund. Dann packte er ihn am Nacken und schleppte ihn in seine Hütte hinein. Da stand der Junge mit der Hundekette; er legte dem Fuchs das Halsband zweimal um den Hals und zog es recht fest zu, damit er ganz sicher gefangen saß; und die ganze Zeit über mußte der Fuchs vollkommen still liegen und wagte sich nicht zu rühren.
»So so, mein Herr Smirre, nun hoffe ich, daß ein guter Kettenhund aus dir wird,« sagte der Junge, als er fertig war.
34. Die Sage von Uppland
Donnerstag, 5. Mai
Am nächsten Tag hatte der Regen aufgehört, aber es stürmte noch den ganzen Vormittag, und die Überschwemmung nahm immer mehr überhand. Gleich nach Mittag jedoch trat ein Umschlag in der Witterung ein. Es wurde auf einmal herrliches Wetter: warm, windstill und wunderschön.
Der Junge lag höchst vergnügt mitten in einem Busch prachtvoll blühender Dotterblumen und schaute zum Himmel hinauf, als zwei Schulkinder mit ihren Büchern und ihrem Vesperbrot auf einem Wiesenpfad daherkamen, der sich am Ufer hinschlängelte. Die Kinder gingen ganz langsam und sahen sehr betrübt aus. Als sie dicht bei dem Jungen angekommen waren, setzten sie sich auf ein paar Steine und schütteten sich gegenseitig das Herz aus.
»Mutter wird sehr ärgerlich werden, wenn sie hört, daß wir heute unsere Aufgabe wieder nicht gekonnt haben,« sagte eines von ihnen.
»Ja, und der Vater auch,« fuhr das andre fort. Und von ihrem Kummer ganz überwältigt, brachen die beiden Kinder in lautes Weinen aus.
Der Junge überlegte eben, ob er sie denn nicht auf irgendeine Weise trösten könnte, als eine kleine, bucklige alte Frau mit einem lieben, freundlichen Gesicht auf dem Pfade daherkam und vor den Kindern Halt machte.
»Kinder, warum weint ihr denn?« fragte die Alte.
Da erzählten ihr die Kinder, sie hätten in der Schule ihre Aufgabe nicht gekonnt, und nun schämten sie sich so, daß sie nicht nach Hause gehen wollten.
»Aber was ist denn das für eine schwere Aufgabe, die ihr gar nicht lernen könnt?« fragte die Alte. Da berichteten die Kinder, sie hätten die Geographie von ganz Uppland aufgehabt.
»Das ist allerdings nach dem Buch vielleicht gar nicht so leicht zu lernen,« sagte die Alte. »Aber nun sollt ihr hören, was meine Mutter mir einmal von diesem Land erzählt hat. Ich selbst bin nicht in die Schule gegangen und habe deshalb auch nichts weiter davon gelernt, aber was meine Mutter mir darüber erzählt hat, hab ich meiner Lebtage nicht wieder vergessen.«
»Nun also, meine Mutter sagte,« so begann die Alte, indem sie sich neben die Kinder auf einen Stein setzte, »in alten Zeiten sei Uppland die ärmste und unbedeutendste Landschaft von ganz Schweden gewesen. Sie habe nur aus mageren Lehmfeldern und einigen niedrigen Steinhaufen bestanden, und es soll bis zum heutigen Tage noch viele solcher Landstrecken da geben, wenn wir hier unten am Mälar auch nicht viel davon sehen.
Nun ja, woher es nun auch kommen mochte, traurig und betrübt sah es in Uppland aus, und das arme Uppland hatte das Gefühl, daß die andern Landschaften es für einen richtigen armen Schlucker hielten, und das ist auf die Dauer doch recht ärgerlich. Eines schönen Tages jedoch hatte Uppland das ganze Elend so gründlich satt, daß es einen Sack auf den Rücken und einen Stab in die Hand nahm und auszog, um bei denen, die es so viel besser hatten, zu betteln.
Zuerst wanderte das arme Uppland immer südwärts, bis es nach Schonen kam. Dort angelangt, jammerte es, wie arm es sei, und bettelte um etwas fruchtbares Erdreich.
>Nächstens weiß man nicht mehr, was man allen Bettelleuten, die einen überlaufen, geben soll,< sagte Schonen. >Aber wir wollen einmal sehen. Da habe ich gerade ein paar Mergelgruben eröffnet, und du kannst dir einige von den Rasenstücken nehmen, die ich dort an den Rand geworfen habe!<
Uppland nahm die Rasenstücke, bedankte sich schön, und wanderte von Schonen nach Westgötland. Dort angekommen, jammerte es, wie arm es sei, und bat wieder um Erdboden.
>Erdboden kann ich dir nicht geben,< sagte Westgötland. >Einem Bettler gönne ich auch nicht ein Stückchen von meinen fetten Wiesen. Wenn du aber einen von meinen kleinen Flüssen brauchen kannst, die durch die Ebene hinziehen, dann nimm ihn dir.<
Uppland nahm den Fluß und bedankte sich schön. Hierauf zog es nach Halland. Dort jammerte es aufs neue, wie arm es sei, und bat um Erdboden.
>Ich bin auch nicht reicher als du,< sagte Halland, >und deshalb brauchte ich dir auch nichts zu geben. Wenn du aber meinst, es verlohne sich der Mühe, kannst du dir ein paar Steinhaufen ausbrechen und mitnehmen.<
Uppland nahm das Geschenk, bedankte sich schön und eilte weiter nach Bohuslän. Da durfte es so viele kahle Felsen in seinen Sack stecken, als es nur wollte. >Sie sehen zwar nichts gleich,< sagte Bohuslän, >aber als Schutz gegen den Wind kannst du sie schon verwenden. Sie werden dir nützlich sein, denn du wohnst ja auch am Meere, gerade wie ich.<
Uppland nahm alles, was ihm geschenkt wurde, dankbar an und wies nichts zurück, obgleich man ihm überall nur das gab, was die andern am leichtesten entbehren zu können glaubten. Wärmland warf ihm ein Stück Berg hin, Westmanland gab ihm eine Reihe von seinen Hügeln, Ostgötland schenkte ihm ein Stück von dem wilden Kolmården, und Småland stopfte ihm fast den ganzen Sack voll Moorboden, Steinhaufen und Heidehügeln.
Sörmland wollte nichts herschenken als ein paar Mälarbuchten, und Dalarna wollte auch nichts von seinem Land hergeben und fragte deshalb, ob sich Uppland nicht mit einem Stück vom Dalälf begnügen wolle.
Zuletzt bekam es von Närke noch einige sumpfige am Hjälmar gelegene Wiesen; dann aber war sein Sack ganz voll, und nun meinte Uppland auch genug zusammengebettelt zu haben.
Als es wieder zu Hause anlangte und alles, was es erbettelt hatte, aus seinem Sack herausnahm, dachte es freilich: >Da habe ich nichts als einen Haufen Gerümpel mit heimgebracht.< Es seufzte und zerbrach sich den Kopf darüber, wie es denn seine Gaben nützlich verwenden könnte.
Nun verging ein Jahr ums andre, währenddessen Uppland daheim sein Eigentum ordnete, und schließlich hatte es auch alles nach seinem Gutdünken aufgestellt.
Zu jener Zeit wurde in Schweden viel darüber verhandelt, wo in dem schwedischen Reiche der König wohnen und wo er sein Schloß und die Hauptstadt errichten sollte. Natürlich wollte jede Landschaft den König bei sich haben, und es wurde lange darüber hin und her gestritten.
>Ich meine, der König sollte in der Landschaft wohnen, die sich als die klügste und tüchtigste ausweist,< sagte schließlich Uppland; und die andern Landschaften erklärten diesen Ausspruch für einen klugen Rat. Es wurde also beschlossen, daß die Landschaft, die sich als die klügste und tüchtigste ausweise, den König und die Hauptstadt bekommen solle.
Kaum waren alle Landschaften wieder zu Hause angelangt, als auch schon eine Botschaft von Uppland bei ihnen eintraf, die sie zu einem Fest zu sich einlud. >Was könnte uns denn dieser arme Schlucker wohl zu bieten haben?< sagten alle Landschaften; aber sie nahmen doch die Einladung an.
Als sie ankamen, waren sie über das, was sie sahen, aufs höchste überrascht. Dicht bebaut breitete sich Uppland vor ihnen aus. In der Mitte der Landschaft lag ein schöner Hof neben dem andern, an der Küste dehnten sich Ortschaften aus, und auf allen Wassern der Landschaft fuhren zahlreiche Schiffe hin und her.
>Es ist eine Schande, mit dem Bettelsack umherzuziehen, wenn man es daheim so gut hat,< sagten die andern Landschaften.
>Ich habe euch eingeladen, um euch eure Geschenke ordentlich zu zeigen, denn euch habe ich es zu verdanken, daß ich mich jetzt so gut fortbringen kann,< sagte Uppland.
>Als ich heimkam,< fuhr Uppland fort, >leitete ich zu allererst den Dalälf in meinen Bereich herein, und zwar so, daß er zwei prächtige Wasserfälle bilden mußte, den einen bei Söderfors und den andern bei Älfkarleby. Südlich vom Dalälf bei Dannemora stellte ich den Berg auf, den ich von Wärmland bekam, und da entdeckte ich, daß Wärmland nicht so genau nachgesehen hatte, was es weggab, denn der Berg bestand aus dem besten Eisenerz. Ringsherum pflanzte ich den Wald, das Geschenk Ostgötlands, nun waren an ein und derselben Stelle Erz, Wälder und Wasserkraft beieinander, und daß da reiche Bergwerke entstehen würden, versteht sich von selber.
Nachdem ich es nun im Norden so gut eingerichtet hatte, stellte ich die Westmanländischen Hügel auf; aber ich streckte und dehnte sie, bis sie bis zum Mälar hinreichten und da Landzungen und Holme bildeten, die sich bald mit Grün bekleideten und zu schönen Gärten wurden. Die Buchten von Sörmland aber dehnte ich so weit wie möglich ins Land hinein; dadurch wurde dieses den Schiffen zugänglich und trat in Verbindung mit der Welt draußen.
Nachdem im Norden und Süden alles fertig war, wendete ich mich der östlichen Küste zu, und nun sammelte ich alle die nackten Klippen und Steinhaufen, die Heidestrecken und die kahlen Felder, die ihr mir gegeben hattet, und warf sie ins Meer. So entstanden alle meine Holme und Inseln, die mir für die Schiffahrt und den Fischfang äußerst nützlich sind und die ich für mein wertvollstes Eigentum halte.
Dann hatte ich von euern Geschenken nichts mehr übrig als die Rasenstücke von Schonen; diese legte ich mitten ins Land hinein, und daraus wurde die fruchtbare Vaksala-Ebene. Den trägen Fluß aber, den mir Westgötland gegeben hatte, leitete ich über die Wiese hin, und so bildet er eine gute Verbindung zu den Mälarbuchten.<
Jetzt verstanden die andern Landschaften, wie alles zugegangen war, und obgleich sie immer noch etwas ärgerlich waren, mußten sie doch zugeben, daß Uppland seine Sache gut gemacht hätte. >Du hast mit wenig Mitteln Großes geleistet. Ja, du bist wirklich am klügsten und tüchtigsten von uns allen,< sagten sie.
>Ich danke euch für diesen Ausspruch,< sagte Uppland. >Wenn ihr das sagt, dann bin ich auch die Landschaft, die den König und die Hauptstadt bekommen soll.<
Wieder wurden die Landschaften etwas ärgerlich; aber ein Wort ist ein Wort, und so blieb es dabei.
So bekam Uppland den König und die Hauptstadt und wurde die erste von allen Landschaften. Und das war nicht mehr als recht und billig, denn Klugheit und Tüchtigkeit, diese beiden sind es, die auch heute noch aus Bettlern Fürsten machen.«
35. In Uppsala
Der Student
Donnerstag, 5. Mai
Zu der Zeit, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen durchs Land zog, war in Uppsala ein sehr tüchtiger junger Student. Er wohnte in einem Dachstübchen, und die jungen Leute sagten, er lebe geradezu von der Luft. Sein Studium betrieb er mit Lust und Liebe, und er wurde früher fertig als alle seine Studiengenossen. Trotzdem aber war er kein Bücherwurm und Spielverderber, sondern freute sich mit seinen Kameraden der akademischen Freiheit, gerade wie ein rechter Student sein soll. Er hatte nicht einen einzigen Fehler, wenn man nicht etwa das einen Fehler nennen wollte, daß er vom Glück etwas verwöhnt worden war. Aber das kann dem besten passieren; das Glück ist nicht so leicht zu ertragen, besonders nicht in der Jugend.
Eines Morgens, gleich nachdem der Student aufgewacht war, dachte er darüber nach, wie gut es ihm doch immer gegangen sei. »Alle Menschen haben mich lieb, die Lehrer und die Kameraden,« sagte er vor sich hin. »Und wie gut ist es mir bei meinem Studium ergangen! Heut muß ich zum letzten Male zum >Tentamen<, und dann habe ich nicht mehr viel zu tun. Wenn ich nur zur rechten Zeit fertig werde, bekomme ich gewiß eine gute Stelle mit einem ordentlichen Gehalt. Ja, ich habe in der Tat merkwürdig viel Glück, aber ich habe es mir auch tüchtig sauer werden lassen, da kann es mir nicht anders als gut gehen.«
Die Studenten in Uppsala sitzen nicht in Klassenzimmern und lernen da wie Schulkinder miteinander, sondern jeder studiert daheim auf seiner eignen Bude. Wenn sie dann mit einem Fach fertig sind, gehen sie zu ihren Professoren und werden gleich in diesem Fach examiniert. Eine solche Prüfung wird ein »Tentamen« genannt, und jetzt sollte der obengenannte Student gerade in dem letzten und schwersten Fach seiner ganzen Studienzeit examiniert werden.
Sobald er sich angezogen und sein Frühstück eingenommen hatte, setzte er sich an den Schreibtisch, um einen letzten Blick in die Bücher zu werfen.
»Ich glaube, es ist ganz überflüssig, denn ich bin ja sehr gut vorbereitet,« dachte er. »Aber ich will doch lieber bis zuletzt büffeln, dann habe ich mir nichts vorzuwerfen.«
Er hatte noch nicht lange studiert, als es an seiner Tür klopfte und ein Student mit einem dicken Band unter dem Arm bei ihm eintrat. Dieser Student war von einem ganz andern Kaliber als der, der am Schreibtisch saß. Er war bleich und schüchtern und sah ärmlich und bedürftig aus. Es war einer von denen, die sich einzig und allein auf die Bücher und nichts weiter verstehen. Man sagte ihm nach, er sei sehr gelehrt; aber er war so scheu und schüchtern, daß er sich noch nicht ein einziges Mal zu einem Tentamen herangewagt hatte. Alle seine Kameraden glaubten, es werde ein »ewiger Student« aus ihm werden, ein solcher, der ein Jahr ums andre in Uppsala bleibt, immerfort studiert und studiert, und aus dem doch nie etwas Rechtes wird.
Jetzt kam dieser »ewige Student« zu unserm Studenten, ihn zu bitten, ein Buch durchzulesen, das er geschrieben hatte. Es war noch nicht gedruckt, sondern nur im Manuskript fertig.
»Du würdest mir einen großen Gefallen tun, wenn du ein wenig hineinsehen möchtest und mir dann sagen, ob es irgend einen Wert hat,« sagte der schüchterne Student.
Der Student, der immer Glück hatte, dachte im stillen: »Da haben wirs wieder, mich können alle Menschen besonders gut leiden; es mögen mich eben alle. Da kommt nun auch dieser Sonderling zu mir; der kann sich nicht überwinden, irgend jemand sein Werk zu zeigen, und nun bittet er mich, mein Urteil darüber abzugeben.«
Er versprach, das Manuskript sobald wie möglich zu lesen, und der andre legte es vor ihn auf den Schreibtisch. »Du mußt gut Acht darauf geben,« sagte er. »Ich habe fünf Jahre lang daran gearbeitet; und wenn es verloren ginge, könnte ich es nicht noch einmal schreiben.«
»So lange es bei mir ist, wird ihm nichts passieren,« sagte der Student. Und darauf entfernte sich der andre.
Der Student zog den großen Stoß Papier zu sich heran. »Was der wohl da zusammengeschmiert hat?« sagte er. »Ah, die Geschichte der Stadt Uppsala; das klingt ja nicht so übel!«
Nun war aber unserm Studenten Uppsala die liebste Stadt von ganz Schweden, und er war überaus neugierig, zu sehen, was der »ewige Student« über diese Stadt geschrieben hätte. »Wenn ich mir die Sache recht überlege, kann ich seine Geschichte ebensogut gleich lesen,« murmelte er. »Es hat ja doch keinen Wert, wenn ich mich hier bis zum letzten Augenblick schinde. Deshalb geht es mir doch nicht besser beim Professor.«
Der Student fing also zu lesen an und hob den Kopf nicht mehr von den Blättern, bis er das letzte gelesen hatte. »Ei sieh einmal!« sagte er. »Das ist ja ein fürchterlich gelehrtes Werk. Wenn dieses Buch herauskommt, ist der ewige Student ein gemachter Mann. Nein, wie freue ich mich, ihm sagen zu können, daß mir sein Werk gefällt!«
Er sammelte alle die losen Blätter, aus denen das Manuskript bestand, wieder sorgfältig zusammen und legte sie auf den Tisch. Während er noch damit beschäftigt war, hörte er eine Uhr schlagen.
»Ei der Tausend, es ist höchste Zeit, daß ich zum Professor gehe!« rief er und eilte zur Türe hinaus, seine schwarzen Kleider zu holen, die in einem Kämmerchen auf dem Bodenraum hingen. Aber wie es öfters zu gehen pflegt, wenn man in Eile ist: Schloß und Schlüssel waren widerwillig, und es dauerte eine gute Weile, bis der Student wieder in sein Zimmer zurückkam.
Als er über die Schwelle trat, stieß er einen lauten Schrei aus. In der Eile, mit der er hinausgegangen war, hatte er die Tür seines Zimmers hinter sich offen gelassen, und das Fenster am Schreibtisch war auch offen gewesen. Dadurch war ein heftiger Zug entstanden, und jetzt sah der Student die losen Blätter des Manuskripts zum Fenster hinauswirbeln. Mit einem großen Satz war er am Schreibtisch und legte die Hand auf die Blätter. Aber es war nicht mehr viel zu retten: höchstens zehn bis zwölf Blätter lagen noch auf der Tischplatte, alle andern flatterten, vom Wind getrieben, über die Dächer und Höfe hin.
Der Student bog sich weit zum Fenster hinaus und sah den Blättern nach. Auf dem Dach vor dem Mansardenfenster saß ein schwarzer Vogel, der ihn mit spöttischer Überlegenheit ansah. »Ist das nicht ein Rabe?« dachte der Student. »Man sagt doch, die Raben bedeuteten Unglück.«
Einige von den Blättern lagen noch auf dem Dache, und so hätte er vielleicht wenigstens noch einen Teil des verlorenen Gutes retten können, wenn das Tentamen nicht gewesen wäre. Nun aber meinte er, er müsse sich in erster Linie um seine eignen Angelegenheiten kümmern. »Es handelt sich ja um meine ganze Zukunft,« dachte er.
Er warf sich in seinen schwarzen Anzug und stürzte zu dem Professor. Unterwegs mußte er immerfort an das verlorene Manuskript denken. »Das ist eine recht ärgerliche Geschichte,« dachte er. »Wie schade, daß ich in so großer Eile war!«
Der Professor begann das Examen; aber der Student konnte an nichts andres denken, als an das verlorene Manuskript. »Was sagte doch der arme Kerl?« dachte er. »Sagte er nicht, er habe fünf Jahre lang an dem Buch gearbeitet und wäre nicht imstande, es noch einmal zu schreiben? Ach, woher soll ich nun den Mut nehmen, ihm zu gestehen, daß es mir abhanden gekommen ist?«
Der Student war sehr aufgeregt und höchst unglücklich über sein Mißgeschick mit dem Manuskript und konnte sich auf nichts besinnen. Alle seine Kenntnisse waren wie weggeblasen. Er hörte nicht, was der Professor fragte, und hatte auch keine Ahnung, was er antwortete. Der Professor war ganz entsetzt über eine solche Unwissenheit und konnte nichts andres tun, als ihn durchfallen lassen.
Als der Student wieder auf die Straße kam, war er unglückselig. »Jetzt entgeht mir die gute Stelle!« dachte er. »Und wer ist ganz allein schuld daran? Dieser alte Bücherwurm! Warum mußte er auch gerade heute mit seinem Werk daherkommen? Aber so geht es, wenn man immer gefällig ist.«
In diesem Augenblick sah der Student den, an den er eben dachte, auf sich zukommen. Er wollte ihm natürlich nicht sagen, daß ihm das Manuskript abhanden gekommen sei, ehe er einen Versuch gemacht hätte, es wieder zu erlangen, und suchte deshalb stillschweigend an ihm vorübergehen. Aber der andre wanderte ganz betrübt und niedergedrückt daher und dachte nur immerfort, was der Student wohl über sein Buch sagen werde. Als dieser nun mit einem unfreundlichen Kopfnicken vorübereilte, wurde er von einer grenzenlosen Angst erfaßt. Er hielt ihn am Ärmel fest und fragte ihn, ob er schon ein wenig in das Manuskript hineingesehen habe.
»Ich komme eben von meinem Tentamen,« antwortete der Student und wollte rasch weitergehen. Aber der andre glaubte, er weiche ihm aus, damit er ihm nicht sagen müsse, wie wenig ihm das Manuskript gefallen habe. Ach, da war ihm, als müsse ihm das Herz brechen! Diese Arbeit, der er fünf Jahre seines Lebens geopfert hatte, war also ganz wertlos! Tief betrübt sagte er zu dem Studenten: »Höre nun, was ich dir sage. Lies mein Buch, so rasch du kannst, und dann teile mir mit, was du darüber denkst; aber wenn es nichts wert ist, verbrenne es, dann will ich es gar nicht mehr sehen.«
Nach diesen Worten ging er hastig davon. Der Student sah ihm nach und wollte ihn zurückrufen, besann sich dann aber anders und lenkte seine Schritte heimwärts.
Hier angekommen, zog er rasch seinen Werktagsanzug wieder an und eilte fort, nach den verlorenen Blättern zu suchen. Er suchte in den Straßen, auf den freien Plätzen und in den Gärten. Dann suchte er in den Höfen, ja er ging sogar weit vor die Stadt hinaus; aber er fand nicht ein einziges Blatt.
Nachdem er ein paar Stunden ununterbrochen gesucht hatte, war er so hungrig, daß er etwas essen mußte. In seinem gewohnten Gasthaus traf er wieder mit dem ewigen Studenten zusammen, der auch sogleich auf ihn zukam, um etwas über sein Buch zu erfahren.
»Ich werde heute abend zu dir kommen und mit dir darüber sprechen,« sagte der Student ziemlich abweisend. Er wollte den Verlust des Manuskripts nicht gestehen, ehe er ganz sicher wäre, daß er es nicht wieder erlangen könnte.
Der andre erblaßte: »Vergiß nicht, daß du es vernichten mußt, wenn es nichts wert ist!« sagte er im Fortgehen; denn jetzt war er vollkommen überzeugt, daß dem Studenten sein Buch ganz und gar nicht gefallen habe.
Der Student eilte wieder in die Stadt zurück und suchte ununterbrochen, bis es ganz dunkel war; aber nirgends war eine Spur von den verlorenen Blättern zu entdecken. Auf dem Rückweg nach seiner Wohnung traf er mit ein paar Kameraden zusammen.
»Wo hast denn du dich herumgetrieben; du bist ja nicht zum Maienfest gekommen?« fragten sie.
»Ach, ist heute das Maienfest gewesen?« rief der Student. »Das hatte ich ganz vergessen.«
Während er noch mit seinen Kameraden sprach, kam ein junges Mädchen, das der Student sehr lieb hatte, an der Gruppe vorüber. Sie sah ihn nicht an, sondern sprach mit einem andern Studenten, dem sie überaus freundlich zulächelte. Da fiel dem Studenten plötzlich etwas ein: Er hatte dieses junge Mädchen gebeten gehabt, doch ja gewiß zum Maienfest zu kommen, damit er mit ihr zusammen sein könnte; und nun hatte er selbst sich nicht eingefunden. Ach, was mochte sie von ihm denken!
Ein Stich ging ihm durchs Herz, und er wollte ihr nacheilen; aber da sagte einer von seinen Freunden: »Mit Stenberg, unserm guten Bücherwurm, scheint es schlecht zu stehen. Er ist heute nachmittag krank geworden.«
»Es wird doch nicht gefährlich sein?« fragte der Student hastig.
»Irgend ein Herzleiden. Er hat einen schlimmen Anfall gehabt, der sich jederzeit wiederholen kann. Der Doktor meint, er habe irgend einen schweren Kummer, und seine Wiederherstellung hänge davon ab, ob man ihn von dieser Sorge befreien könne.«
Kurz darauf trat der Student bei dem Kranken ein. Dieser lag bleich und matt in seinem Bett und war nach dem schweren Anfall noch gar nicht wieder recht zu sich gekommen.
»Ich komme, wegen deines Buches mit dir zu reden,« begann der Student. »Es ist ein ausgezeichnetes Werk; ich habe selten so etwas Schönes gelesen.«
Der ewige Student richtete sich in seinem Bette auf und sah den andern mit großen Augen an. »Warum warst du dann heute nachmittag so sonderbar?« fragte er.
»Ich war in schlechter Laune, weil ich in dem Tentamen durchgefallen bin, und ich glaubte auch nicht, daß du dir so viel aus meinem Urteil machen würdest,« sagte der Student. »Aber dein Buch hat mir ausnehmend gut gefallen.«
Der Kranke sah den andern forschend an und war immer fester überzeugt, daß ihm dieser etwas verheimlichen wollte. »Du sagst das nur, weil ich krank bin und du mich nun trösten möchtest.«
»Ganz gewiß nicht. Es ist eine ausgezeichnete Arbeit, ich versichere es dir.«
»Hast du es wirklich nicht vernichtet, wie ich dir gesagt hatte?«
»So verrückt bin ich nicht.«
»Dann hole es. Beweise mir, daß du es nicht vernichtet hast, alsdann will ich dir glauben,« sagte der Kranke und sank schwach und ermattet auf sein Kissen zurück. Dem Studenten wurde ganz bang, er fürchtete, der Ärmste bekomme einen neuen Anfall.
Das war ein entsetzlicher Augenblick für den Studenten. Er nahm die Hände des Kranken zwischen die seinigen und erzählte ihm, daß der Wind die Blätter des Manuskripts zum Fenster hinausgeweht hätte, und daß er unglückselig darüber sei, weil er ihm einen so großen Schaden verursacht habe.
Als er fertig war, streichelte ihm der Kranke zärtlich die Hand. »Du bist gut gegen mich, ja, sehr gut,« sagte er. »Aber gib dir keine Mühe, mir solche Geschichten zu erzählen, um mich zu schonen. Ich weiß, du hast mir gehorcht und das Manuskript vernichtet, weil es zu schlecht war; aber nun willst du es nicht eingestehen, weil du meinst, ich könnte die Wahrheit nicht ertragen.«
Der Student versicherte hoch und teuer, die Wahrheit gesprochen zu haben; aber der Kranke blieb eigensinnig bei seiner Ansicht und wollte es nicht glauben. »Wenn du mir mein Manuskript wiedergeben könntest, ja, dann würde ich dir glauben,« sagte er.
Er wurde immer elender, und der Student hielt es schließlich fürs beste, sich zu entfernen; er fürchtete, durch seine Anwesenheit die Sache nur noch zu verschlimmern.
Zu Hause angelangt, fühlte er sich so trostlos und müde, daß er sich kaum noch aufrecht halten konnte. Er machte sich eine Tasse Tee und legte sich dann zu Bett. Als er die Decke heraufzog, mußte er unwillkürlich daran denken, wie glücklich er am Morgen beim Erwachen gewesen war. Und jetzt waren seine eignen schönen Hoffnungen zerstört; aber das wäre ja noch zu ertragen gewesen. »Das Schlimmste ist doch, daß ich nun mein ganzes Leben lang das Bewußtsein mit mir herumtragen muß, das Unglück eines andern Menschen verschuldet zu haben,« sagte er.
Er war überzeugt, er werde die ganze Nacht kein Auge schließen können. Aber merkwürdigerweise schlief er gleich ein, sobald er den Kopf aufs Kissen gelegt hatte. Er hatte nicht einmal mehr Zeit, die Lampe, die auf dem Tischchen, das neben seinem Bett stand, zu löschen.
Das Maienfest
Aber in dem Augenblick, wo der Student einschlief, stand just draußen auf dem Dache vor dem Mansardenfenster ein kleiner Knirps in gelben Lederhosen, grüner Weste und mit einer weißen Zipfelmütze auf dem Kopf, und dieser kleine Knirps dachte, wenn er an der Stelle des jungen Mannes wäre, der da drin in seinem Bette lag und schlief, dann wäre er vollkommen glücklich.
Daß sich aber Nils Holgersson, der vor ein paar Stunden in einem Dotterblumenbusch bei Ekolsundviken lag, jetzt in Uppsala befand, daran war Bataki, der Rabe, schuld, der ihn mit sich auf Abenteuer gelockt hatte.
Der Junge selbst hatte an dergleichen nicht im entferntesten gedacht. Er lag da zwischen den Dotterblumen und schaute zum Himmel hinauf, als er plötzlich Bataki mitten zwischen den dahinziehenden Wolken entdeckte. Der Junge hätte sich am liebsten vor dem Raben versteckt; aber Bataki hatte ihn schon gesehen, und im nächsten Augenblick stand er auch mitten in den Dotterblumen und redete Nils Holgersson an, wie wenn er und der Junge immer die besten Freunde gewesen wären.
Und so düster und feierlich Bataki auch aussah, der Junge merkte doch, daß ihm der Schelm im Auge saß, ja, er hatte das Gefühl, der Rabe sei nur gekommen, sich auf irgend eine Weise über ihn lustig zu machen. Der Junge nahm sich deshalb vor, auf gar nichts einzugehen, was Bataki auch sagen möchte.
Bataki sagte, er habe nicht vergessen, daß er dem Jungen eine Genugtuung schuldig sei, weil er ihm nicht habe sagen dürfen, wo sich der Bruderteil befinde, und er wolle ihm jetzt dafür ein andres Geheimnis anvertrauen. Er wisse nämlich, wie einer, der so verzaubert worden sei wie der Junge, wieder ein Mensch werden könne.
Der Rabe war der festen Überzeugung gewesen, wenn er eine solche Lockspeise auswerfe, werde der Junge sogleich anbeißen. Dieser aber antwortete in abweisendem Ton, er wisse schon, daß er wieder ein Mensch werden könne, wenn es ihm gelinge, den weißen Gänserich wohlbehalten zuerst nach Lappland und dann wieder zurück nach Schonen zu führen.
»Aber wie du weißt, ist es gar nicht so leicht, einen Gänserich wohlbehalten durchs Land zu führen,« entgegnete Bataki. »Da wäre es gar nicht so übel, wenn du noch einen andern Ausweg wüßtest, falls dir der eine nicht gelingen sollte. Wenn du es jedoch nicht wissen willst, dann halte ich meinen Schnabel.«
Da antwortete der Junge, er habe nichts dagegen, wenn ihm Bataki das Geheimnis mitteilen wolle.
»Und das will ich auch,« sagte der Rabe, »doch erst im richtigen Augenblick. Setze dich auf meinen Rücken und komm mit auf einen Ausflug, dann werden wir sehen, ob sich vielleicht eine gute Gelegenheit bietet.«
Da wurde der Junge wieder mißtrauisch, und er wußte nicht recht, wie er mit Bataki daran war. »Du hast wohl den Mut nicht, dich mir anzuvertrauen,« sagte der Rabe. Aber der Junge konnte durchaus nicht ertragen, wenn jemand meinte, er fürchte sich vor etwas; und so saß er im nächsten Augenblick auf dem Rücken des Raben.
Bataki trug ihn nach Uppsala und setzte ihn dort auf einem Dach ab. Hierauf befahl er ihm, sich recht umzuschauen und ihm dann zu sagen, wer wohl in dieser Stadt wohne und regiere.
Der Junge schaute über die Stadt hin. Sie war ziemlich groß und hatte eine herrliche Lage mitten auf einer weiten, fruchtbaren Ebene. Er sah viele vornehme, stattliche Häuser, und auf einem Hügel ragte ein festgemauertes Schloß mit zwei massiven Türmen auf.
»Vielleicht wohnt der König mit seinem Gefolge da,« sagte der Junge.
»Du hast nicht gerade schlecht geraten,« versetzte der Rabe. »Der Ort ist in alten Zeiten eine Königsstadt gewesen; aber jetzt ist es mit dieser Herrlichkeit vorbei.«
Noch einmal sah sich der Junge um. Da fiel ihm vor allem die schöne Domkirche auf, die mit ihren drei schlanken Türmen, mit ihren prächtigen Portalen und reichverzierten Mauern in der Sonne glänzte.
»Vielleicht wohnt hier ein Bischof mit seinen Pfarrern,« sagte er.
»Das ist auch nicht gerade schlecht geraten,« erwiderte der Rabe. »Es haben hier wirklich einmal Erzbischöfe gewohnt, die ebenso mächtig waren wie Könige, und auch jetzt noch hat ein Kirchenfürst seinen Sitz hier, aber er regiert auch nicht in dieser Stadt.«
»Dann weiß ich nicht, wen ich nennen soll,« sagte der Junge.
»In dieser Stadt regiert die Wissenschaft,« sprach der Rabe feierlich. »Die großen Gebäude, die du hier überall siehst, sind für sie und ihre Jünger eingerichtet.«
Der Junge wollte dies kaum glauben. Aber der Rabe sagte: »Komm nur mit, dann sollst du selbst sehen!«
Hierauf flog er mit dem Jungen davon, und sie sahen miteinander in die großen Häuser hinein. An mehreren Orten standen die Fenster offen, und der Junge konnte da und dort tief hineinschauen. Da sah er, daß der Rabe die Wahrheit gesprochen hatte.
Bataki zeigte ihm die große Bibliothek, die vom Erdgeschoß bis zum Dachfirst mit Büchern angefüllt ist; er führte ihn in das stolze Universitätsgebäude hinein und zeigte ihm die prächtigen Hörsäle. Dann flog er mit ihm an den alten Gebäuden vorüber, die das Gustavianum heißen; da konnte der Junge durch die Fenster ausgestopfte Tiere wahrnehmen. Sie flogen über das große Gewächshaus mit den vielen seltenen Pflanzen hin und schauten auf das Observatorium hinunter, wo das lange Fernrohr zum Himmel gerichtet war.
Sie flogen auch an vielen Fenstern vorüber; und der Junge sah da in Zimmer, wo die Wände ringsum von oben bis unten mit Büchern bedeckt waren, und wo alte Herren mit Brillen auf den Nasen eifrig lasen oder schrieben. Dann flogen sie an Giebelfenstern vorbei, wo die Studenten, auf ihren Sofas ausgestreckt, dicke Manuskripte vor sich hatten.
Schließlich ließ sich der Rabe auf einem Dache nieder. »Siehst du nun, daß ich die Wahrheit gesprochen habe, als ich dir sagte, in dieser Stadt regiere die Wissenschaft?« sagte er. Und der Junge mußte zugeben, daß es sich so verhalte. »Wenn ich nicht ein Rabe wäre,« fuhr Bataki fort, »sondern nur ein Mensch wie du, dann würde ich mich hier niederlassen. Ich würde dann Tag für Tag in einem Zimmer voll Bücher sitzen und alles lesen, was darin stünde. Hättest du nicht auch Lust zu so etwas?«
»Nein, ich glaube, ich würde viel lieber mit den Wildgänsen umherziehen,« antwortete der Junge.
»Wie, möchtest du nicht ein Mensch werden, der die Krankheiten heilen kann?« fragte der Rabe.
»Doch, das möchte ich vielleicht schon.«
»Möchtest du nicht ein Mensch werden, der alles weiß, was sich je in der Welt zugetragen hat, der alle Sprachen sprechen und einem sagen kann, welche Bahnen die Sonne, der Mond und die Sterne am Himmel beschreiben?« fragte der Rabe.
»O ja, das könnte ja auch ganz unterhaltend sein.«
»Möchtest du nicht lernen, zwischen gut und böse zu unterscheiden, zwischen Recht und Unrecht?«
»Auch das ist gut und nützlich,« antwortete der Junge. »Ich habe es schon oft bemerkt.«
»Und möchtest du nicht ein Pfarrer werden und in deiner Kirche daheim predigen?«
»Wenn ich es so weit brächte, würden Vater und Mutter überglücklich sein!« seufzte der Junge.
Auf diese Weise gab der Rabe dem Jungen zu verstehen, wie glücklich die jungen Leute seien, die in Uppsala studieren konnten. Aber der Däumling wünschte trotzdem nicht, einer von ihnen zu sein.
Gerade an diesem Abend wurde zufälligerweise das große Maienfest gefeiert, das in Uppsala jedes Jahr dem Frühlingsanfang zu Ehren gehalten wird. Es hätte eigentlich schon am ersten Mai stattfinden sollen; aber an diesem Tage hatte es in Strömen geregnet, und so war es auf einen andern Tag verschoben worden.
Jetzt sah Nils Holgersson die Studenten, als sie nach dem botanischen Garten zogen, wo das Fest gehalten wurde. In einem langen, breiten Zuge kamen sie daher mit den weißen Studentenmützen auf dem Kopfe, und die ganze Straße sah aus wie ein schwarzer, mit weißen Wasserrosen bedeckter Strom. Dem Zuge voran wurden weißseidene goldgestickte Fahnen getragen, und den ganzen Weg entlang sangen die Teilnehmer lauter Frühlingslieder. Aber Nils Holgersson war es, als seien es gar nicht die Studenten, die die Lieder sangen; ihm war, als schwebe der Gesang über dem Zuge, ja er hatte das Gefühl, als sängen nicht die Studenten dem Frühling zu Ehren, sondern als sei der Frühling irgendwo verborgen und singe für die Studenten. Nils Holgersson hätte gar nicht gedacht, daß Menschengesang so schön klingen könnte! Er klang wie das Sausen des Windes in den Tannenwipfeln, klang wie eherne Glockentöne und wie das Lied der wilden Schwäne draußen am Meeresufer.
Als die Studenten den Garten erreicht hatten, wo die Rasenflächen im Schmucke des ersten zarten hellgrünen Grases glänzten und die Frühlingsknospen der Bäume und Sträucher am Aufbrechen waren, hielt der Zug vor einer Rednerbühne; ein alter Herr stieg hinauf und begann eine Rede.
Die Rednerbühne war auf der Freitreppe des großen Gewächshauses errichtet, und der Rabe setzte den Jungen auf das Dach des Treibhauses. Da saß er in aller Ruhe und konnte alles ganz behaglich sehen und hören. Der alte Herr auf der Rednerbühne sagte, das beste im Leben sei, jung zu sein und in Uppsala studieren zu dürfen. Er sprach von der guten, friedlichen Arbeit des Studiums und von der reichen, sonnigen Jugendfreude, die nirgends so genossen werden könnte, wie in einem großen Kreise von Studiengenossen. Einmal ums andre betonte er das Glück, das darin liege, im Kreise froher, hochgesinnter Genossen leben zu dürfen; das mache die Arbeit so leicht, das Leid so flüchtig, die Hoffnungen so golden.
Der Junge betrachtete die in einem Halbkreis um die Rednerbühne versammelten Studenten, und da ging ihm ein Licht auf, wie über die Maßen herrlich es sein müßte, ihrem Kreise anzugehören. Welch eine Ehre und welch ein Glück, Mitglied einer solchen Schar zu sein! Da galt jeder gleich mehr, als er für sich allein gegolten hätte.
Nach der Rede wurde ein Lied angestimmt, und nach dem Gesang betrat ein neuer Redner die Bühne. Der Junge hätte nie geglaubt, daß die menschliche Sprache so erschüttern, aufmuntern und erfreuen könnte.
Bisher hatte Nils Holgersson hauptsächlich die Studenten betrachtet; jetzt sah er, daß diese sich nicht allein in dem Garten befanden, sondern daß auch junge Mädchen in hellen Gewändern und viele andre Leute da waren. Aber diesen allen ging es offenbar gerade wie dem Jungen, sie schienen auch alle nur der Studenten wegen gekommen zu sein.
Ab und zu gab es eine Pause zwischen den Reden und Gesängen, und dann zerstreuten sich die Scharen über den ganzen Garten. Aber schon nach kurzer Zeit stand ein neuer Redner auf der Bühne, und rasch sammelten sich die Zuhörer wieder um ihn. Und so ging es weiter, bis die Dunkelheit anbrach.
Als alles zu Ende war, atmete der Junge tief auf, und wie aus einem Traum erwachend rieb er sich die Augen, denn er war in einem Lande gewesen, in das er noch nie einen Fuß gesetzt hatte. Alle diese vielen jungen Leute, die so lebensfroh waren und der Zukunft so siegessicher entgegensahen, wirkten mit ihrem Frohsinn und ihrer Freude ansteckend auf die andern, und jetzt war der Junge mit ihnen in dem Lande der Freude gewesen. Als aber die Töne des letzten Liedes hinstarben, da überkam ihn die Erkenntnis, wie traurig sein eigenes Leben doch war, und er konnte es fast nicht über sich gewinnen, zu seinen armen Reisegenossen zurückzukehren.
Der Rabe hatte die ganze Zeit über neben dem Jungen gesessen; jetzt kratzte er sich mit dem Fuße hinter dem Ohr. »Nun, Däumling, soll ich dir jetzt mitteilen, wie du wieder ein Mensch werden kannst?« fragte er. »Du mußt warten, bis du mit jemand zusammentriffst, der zu dir sagt, er möchte gern an deiner Stelle mit den Wildgänsen umherziehen; dann mußt du den Augenblick wahrnehmen und zu ihm sagen ...«
Und nun teilte Bataki dem Jungen ein paar Worte mit, die so wirksam und gefährlich waren, daß sie gar nicht laut ausgesprochen, sondern nur geflüstert werden durften, solange sie nicht im Ernst gesagt sein sollten.
»So, mehr brauchst du nicht zu sagen, um wieder ein Mensch zu werden,« sagte Bataki zum Schluß.
»Ja, das glaube ich wohl,« erwiderte der Junge, »denn ich finde natürlich nie jemand, der sich an meine Stelle wünschte.«
»O, das ist nicht so ganz unmöglich,« sagte der Rabe. Und hierauf war er mit dem Jungen wieder in die Stadt hineingeflogen und hatte ihn auf dem Dach vor jenem Kammerfenster abgesetzt, wo, wie wir oben gehört haben, der Junge nun schon eine Weile saß und darüber nachdachte, wie glücklich doch der Student sein müsse, der in der Dachkammer da drinnen in seinem Bett lag und schlief.
Die Probe
Der Student fuhr aus seinem Schlafe auf und sah, daß die Lampe noch immer auf seinem Nachttischchen brannte. »Ei, die habe ich zu löschen vergessen,« dachte er und richtete sich auf den Ellenbogen auf, um sie hinunterzuschrauben. Aber ehe er so weit gekommen war, sah er, daß sich auf seinem Schreibtisch etwas bewegte.
Das Zimmer war sehr klein; zwischen dem Bett und dem Schreibtisch war kein breiter Raum, und der Student konnte die Bücher und Papiere, das Schreibzeug und die Photographien auf dem Tische alle deutlich sehen. Wie merkwürdig: ganz ebenso deutlich wie alles andre sah er auch einen ganz kleinen Knirps, der sich eben über die Butterdose neigte und sich ein Butterbrot zurechtmachte.
Der Student hatte im Laufe des Tages so viel erlebt, daß er allem, was ihm noch passieren konnte, fast ganz gleichgültig gegenüberstand. Er erschrak nicht und verwunderte sich auch nicht, sondern nahm es als etwas ganz Natürliches hin: dieser kleine Knirps war hereingekommen, sich etwas zum Essen zu holen.
Ohne die Lampe zu löschen, legte sich der Student wieder zurück und betrachtete den Knirps mit halbgeschlossenen Augen, der jetzt ganz seelenvergnügt auf einem Briefbeschwerer saß und sich an den Überresten von des Studenten Abendessen labte. Er zog seine Mahlzeit absichtlich so lange wie nur möglich hinaus, ja, er verdrehte die Augen vor Wohlbehagen und schmatzte mit der Zunge. Die trockene Brotrinde und die Käsereste schienen offenbar seltene Leckerbissen für den kleinen Kerl zu sein.
Der Student wollte ihn bei seiner Mahlzeit nicht stören, aber als er vollständig satt zu sein schien, redete er ihn an:
»Hallo, du, was bist denn du für ein Kerlchen?« fragte er.
Der Junge fuhr zusammen und lief ans Fenster; als er aber merkte, daß der Student ganz ruhig liegen blieb und ihn nicht verfolgte, hielt er inne.
»Ich bin Nils Holgersson von Westvemmenhög,« begann er. »Und ich bin ein Mensch wie du auch, aber ich bin in ein Wichtelmännchen verwandelt worden, und seitdem ziehe ich mit den Wildgänsen umher.«
»Das ist ja eine sonderbare Geschichte,« sagte der Student. Und dann fragte er den Jungen aus, bis er ungefähr alles wußte, was Nils Holgersson seit seinem Weggange von Hause widerfahren war.
»Du hast es wahrhaftig gut,« seufzte der Student. »Ach, wer doch an deiner Stelle wäre und alle seine Sorgen hinter sich lassen könnte!«
Bataki stand draußen auf dem Fensterbrett und hörte zu. Als nun der Student diesen Seufzer ausstieß, klopfte er mit dem Schnabel ans Fenster, und der Junge merkte wohl, daß ihn der Rabe damit mahnen wollte, doch ja die Gelegenheit beim Schopfe zu ergreifen, falls der Student das rechte Wort sagen sollte.
»Ach, du wirst mir doch nicht weismachen wollen, daß du mit mir tauschen möchtest!« erwiderte der Junge. »Wer Student ist, will sicher nichts andres sein.«
»So hab ich heute morgen beim Erwachen auch gedacht,« sagte der Student. »Aber du solltest nur wissen, was mir heute zugestoßen ist. Für mich gibt es kein Glück mehr. Das beste für mich wäre, wenn ich mit den Wildgänsen auf und davon fliegen könnte.«
Wieder klopfte Bataki ans Fenster; dem Jungen selbst wurde es ganz schwindlig, und sein Herz begann heftig zu klopfen, denn es klang ja fast, als sei der Student auf dem Punkt, das richtige Wort zu sagen.
»Jetzt habe ich dir erzählt, wie es mir ergangen ist,« sagte der Junge zu dem Studenten. »Teile mir nun auch deine Geschichte mit.«
Der Student war nur zu froh, sich jemand anvertrauen zu können, und erzählte ganz der Wahrheit gemäß alles, was ihm widerfahren war. »Das eine wäre ja am Ende nicht hoffnungslos verloren, aber ich habe einen andern ins Unglück gestürzt, und das ist mir ganz unerträglich,« sagte er zum Schlusse. »Es wäre in der Tat besser für mich, wenn ich an deiner Stelle wäre und mit den Wildgänsen umherziehen könnte.«
Jetzt klopfte Bataki noch lauter ans Fenster; aber der Junge blieb eine gute Weile ganz ruhig und still sitzen und schaute nur geradeaus.
»Warte einen Augenblick, ich komme wieder,« sagte er dann leise zu dem Studenten.
Hierauf ging er mit kleinen, zögernden Schritten über den Schreibtisch und durchs Fenster hinaus. Als er aufs Dach hinauskam, ging eben die Sonne auf, und die Stadt Uppsala breitete sich, vom roten Morgenlicht übergossen, vor ihm aus. Es glänzte und gleißte von allen Türmen und Zinnen, und wieder dachte der Junge unwillkürlich, daß dies doch eine richtige Stadt der Freude sei.
»Was hast du denn aber gedacht?« rief der Rabe. »Jetzt hast du die Gelegenheit, wieder ein Mensch zu werden, verpaßt!«
»Ich habe keine Lust, mit dem Studenten zu tauschen,« entgegnete der Junge. »Denn dann hätte ich nichts als Unannehmlichkeiten wegen der weggeflogenen Papiere.«
»Derentwegen brauchtest du dir keine Sorge zu machen, die kann ich dir wieder verschaffen,« sagte Bataki.
»Ja, das glaube ich schon, aber ich bin nicht sicher, ob du es auch tust. In dieser Beziehung müßte ich zuerst ganz beruhigt sein,« erwiderte der Junge.
Ohne ein Wort zu sagen, breitete Bataki die Flügel aus und flog davon. Aber schon im nächsten Augenblick kehrte er mit ein paar Blättern Papier im Schnabel zurück. Und so flog er eine ganze Stunde lang hin und her, fleißig wie eine Schwalbe, die ihr Nest baut, und brachte dem Jungen ein Blatt ums andre.
»So, jetzt hast du wohl fast alles beieinander,« sagte er schließlich und stellte sich keuchend auf das Fensterbrett.
»Ich danke dir schön, Bataki,« sagte der Junge. »Jetzt will ich wieder hineingehen und mit dem Studenten sprechen.«
In diesem Augenblick warf der Rabe einen Blick ins Zimmer hinein, und da sah er, daß der Student eben die Papiere sorgfältig glattstrich und aufeinanderschichtete. »Du bist doch der größte Dummkopf, den ich je gesehen habe,« fuhr Bataki den Jungen an. »Hast du dem Studenten die Blätter gegeben? Dann brauchst du nicht mehr zu ihm hineinzugehen. Jetzt sagt er gewiß nicht mehr, er wolle mit dir tauschen.«
Der Junge betrachtete den Studenten. Dieser war überglücklich und tanzte im bloßen Hemde vor lauter Freude in dem kleinen Zimmer umher.
»Ach, Bataki, du hast mich ja nur auf die Probe stellen wollen, das weiß ich wohl,« sagte Nils Holgersson. »Du dachtest natürlich, ich würde den Gänserich Martin auf seiner beschwerlichen Reise allein lassen, und er könnte dann selbst sehen, wie er durchkomme, wenn es mir nur selber gut ginge. Aber als mir der Student da drinnen seine Geschichte erzählte, erkannte ich, wie häßlich das ist, wenn man einen Freund in der Not verläßt, und das wollte ich nicht tun.«
Bataki kratzte sich mit dem Fuß im Nacken und sah beinahe verlegen aus. Er wußte gar nicht, was er sagen sollte, und flog darum mit dem Jungen geradenwegs zu den Wildgänsen zurück.
36. Daunenfein
Die schwimmende Stadt
Freitag, 6. Mai
Es gab nichts Lieberes und Gütigeres als die kleine Graugans Daunenfein. Alle andern Wildgänse hatten sie sehr lieb, und der weiße Gänserich hätte gern sein Leben für sie gelassen. Wenn Daunenfein um etwas bat, konnte es ihr selbst die alte Akka nicht abschlagen.
Sobald Daunenfein an den Mälar kam, erkannte sie die Landschaft wieder. Gleich davor mußte das Meer mit den großen Schären sein, wo ihre Eltern und Schwestern auf einem kleinen Holm wohnten. Daunenfein bat die Wildgänse, ehe sie weiter nach Norden zögen, mit ihr nach ihrer Heimat zu fliegen, damit sie den Ihrigen zeigen könne, daß sie noch am Leben sei; das würde daheim eine große Freude geben.
Akka sagte Daunenfein gerade heraus, sie sei der Ansicht, Daunenfeins Eltern und Geschwister hätten sich damals, als sie Öland verließen, nicht gerade liebevoll gegen die kranke Schwester benommen. Aber Daunenfein wollte Akka nicht recht geben. »Was hätten sie denn tun sollen, als sie sahen, daß ich nicht fliegen konnte?« erwiderte sie. »Sie hätten doch meinethalben nicht auf Öland zurückbleiben können.«
Um die Wildgänse zu bewegen, mit ihr nach den Schären hinauszufliegen, erzählte ihnen Daunenfein von ihrer Heimat. Diese liege auf einer Felseninsel. Wenn man die Insel aus der Ferne sehe, meine man, es gäbe gar nichts als Steine da, wenn man aber dort ankomme, finde man in den Rissen und Spalten herrliches Futter. Und bessere Brutplätze als dort in den Felsenspalten und unter den Weidenbüschen könnte man lange suchen. Das beste von allem aber sei doch ein alter Fischer, der auf dem Holm wohne. Daunenfein habe gehört, daß er in seiner Jugend ein großer Jäger gewesen sei, der immer zwischen den Schären gelegen und Vögel erlegt habe. Aber auf seine alten Tage, nachdem seine Frau gestorben und seine Kinder fortgezogen seien, wohne er ganz allein in seinem Häuschen, und jetzt beschütze er die Vögel auf seiner Schäreninsel. Er lege nie mehr auf sie an und halte auch die andern Fischer davon ab. Statt dessen gehe er jetzt bei den Vogelnestern umher, und wenn die Weibchen auf ihren Eiern säßen, bringe er ihnen Futter. Kein einziger Vogel fürchte sich vor ihm. Daunenfein sei oft in seiner Hütte gewesen, und da habe er ihr Brotkrumen hingestreut. Weil nun der Fischer so gut gegen die Vögel sei, hätten sich diese auch in großer Menge auf der Schäre niedergelassen, und es fehle dort nächstens an dem nötigen Platz. Wenn man im Frühling zu spät eintreffe, könnten möglicherweise schon alle Brutplätze besetzt sein. »Und deshalb haben meine Eltern und Geschwister mich auch allein in Öland zurücklassen müssen,« schloß Daunenfein die Erzählung.
Und Daunenfein bat und bettelte so lange, bis sie ihren Willen durchgesetzt hatte, obgleich die Wildgänse sich schon etwas verspätet hatten und eigentlich ohne Aufenthalt nordwärts reisen sollten. Aber der Besuch in den Schären würde die Reise allerdings nur um einen einzigen Tag verzögern.
Eines Morgens, nachdem sie sich wohl gestärkt hatten, brachen sie auf und flogen in östlicher Richtung über den Mälar hin. Der Junge wußte nicht genau, wohin die Gänse flogen, aber er sah bald, wie viel lebhafter der Verkehr wurde, und wie viel dichter bebaut die Ufer waren, je weiter ostwärts sie kamen.
Schwerbeladene Prahme und Kähne und Fischerbarken waren in derselben Richtung wie die Wildgänse unterwegs, und viele schöne, weiße Dampfschiffe kamen ihnen entgegen, oder fuhren an ihnen vorbei. An den Ufern liefen Eisenbahnen und Landstraßen hin, alle einem und demselben Ziel entgegen. Dort im Osten mußte irgendein Ort sein, den alle an diesem Morgen noch zu erreichen suchten.
Auf einer der Inseln sahen sie ein großes, weißes Schloß, und eine Strecke weiter waren die Ufer allmählich mit Villen bedeckt. Im Anfang lagen diese in großen Zwischenräumen, später aber dichter, und bald stand dem ganzen Ufer entlang eine Villa neben der andern. Die Häuser waren von höchst verschiedener Bauart: hier lag ein Schloß, dort eine Hütte. Hier erhob sich ein langer, niedriger Herrenhof, dort eine Villa mit vielen kleinen Türmen. Die einen standen mitten in Obstgärten, die meisten aber waren von kleinen Gehölzen umgeben, die ohne besondere Pflege die Ufer einfaßten. Aber so ungleich sie auch waren, eins hatten sie alle gemeinsam, sie waren nicht einfach und ernst, wie andre Häuser, sondern wie Puppenhäuser, leuchtend grün und blau und weiß und rot angestrichen.
Der Junge betrachtete eben eifrig alle diese lustigen Sommerhäuser am Strande, als Daunenfein plötzlich einen Schrei ausstieß. »Jetzt erkenne ich meine Heimat deutlich wieder!« rief sie. »Dort drüben liegt die schwimmende Stadt!«
Da schaute Nils geradeaus, er sah aber zuerst gar nichts als feinen Dunst und Nebel, die über dem Wasser schwebten. Dann unterschied er hohe Türme und da und dort ein Haus mit langen Fensterreihen. Die Gebäude tauchten auf und verschwanden wieder, je nachdem der Nebel hin und her wogte. Aber ein Uferstreifen war nirgends zu erblicken; alles schien auf dem Wasser zu ruhen.
Als der Junge der Stadt näher kam, sah er keine lustigen Puppenhäuser mehr am Ufer, die waren dafür mit rauchigen Fabrikgebäuden bedeckt. Hinter hohen Plankenzäunen erstreckten sich große Kohlen- und Bretterhaufen, und an schwarzen, schmutzigen Brücken lagen schwerfällige Frachtdampfer; darüber aber breitete sich überall der wogende, durchsichtige Nebelschleier aus, und dadurch erschien alles so großartig und gewaltig und fremdartig, daß es einen beinahe schönen Eindruck machte.
Die Wildgänse flogen an Fabriken und Frachtdampfern vorüber und kamen der nebelumhüllten Stadt immer näher. Da sanken plötzlich alle Nebelschleier aufs Wasser hinunter, nur ein dünner, leichter in zartestem Rosa und Hellblau schimmernder Dunst schwebte noch darüber. Die andern Nebel aber wälzten sich unter der Schar über das Wasser und das Land hin. Sie verbargen die Grundmauern und den untern Teil der Häuser, während die oberen Stockwerke, die Dächer, Türme, Giebel und Dachfirste deutlich sichtbar waren. Einige der Häuser erschienen auf diese Weise übermäßig hoch und erinnerten unwillkürlich an den Turm zu Babel. Der Junge konnte sich ja wohl denken, daß sie auf Hügel und Felsenrücken gebaut sein mußten; diese selbst sah er allerdings nicht, nur die Häuser, die über den Nebelmassen aufragten. Der Nebel war glänzend weiß, und die Häuser lagen schwarz und dunkel mitten darin, denn die Sonne stand im Osten, und ihre Strahlen fielen nicht auf diese Seite.
Wohin der Junge schaute, überall sah er Dächer und Türme aus dem Nebelmeer auftauchen; die Wildgänse flogen offenbar über eine große Stadt hin. Bisweilen teilten sich die wallenden Nebelmassen, und dann sah der Junge einen rauschenden, brausenden Strom, aber Land konnte er nirgends entdecken. Es war ein wunderschöner Anblick, aber er fühlte sich doch ein wenig beklommen, wie es meistens geht, wenn man etwas sieht, was einem unverständlich ist.
Sobald sie die Stadt hinter sich hatten, war die Erde nicht mehr vom Nebel verhüllt. Jetzt konnte man Ufer, Wasser und Inseln deutlich unterscheiden. Der Junge schaute zurück, um einen letzten Blick auf die Stadt zu werfen. Sie sah jetzt noch mehr wie ein Zaubermärchen aus. Die Sonne hatte alle die Nebelschleier rosig angehaucht, und diese schwebten nun, in herrlichstem Blau und Rot und Gelb leuchtend, über der Landschaft. Die Häuser waren ganz weiß, wie wenn sie aus Licht gebaut wären, die Fenster und Türme aber glänzten wie lauter Feuer. Und alles schwamm auf dem Wasser wie zuvor.
Die Wildgänse flogen rasch ostwärts. Im Anfang sah es hier ganz so aus wie am Mälar. Zuerst ging es über Fabriken und Werkstätten hin, dann zeigten sich an den Ufern allmählich hübsche Landhäuser. Es wimmelte von Dampfschiffen und Booten; aber jetzt kamen diese von Osten her und fuhren westwärts der Stadt zu.
Die Wildgänse flogen weiter, und anstatt der schmalen Mälarfjorde und der kleinen Inseln breitete sich jetzt eine größere Wasserfläche mit umfangreicheren Inseln unter ihnen aus. Das Festland wich zur Seite und war bald nicht mehr zu sehen. Die Pflanzenwelt wurde kärglicher; Laubhölzer gab es nur noch wenig, das Nadelholz bekam das Übergewicht. Die Landhäuser hörten auf, und statt ihrer sah man Bauernhäuser und Fischerhütten.
Immer weiter flogen die Wildgänse; jetzt waren keine großen, bebauten Inseln mehr zu sehen, nur unzählige kleine über das Wasser verstreute Schären. Die Fjorde wurden nicht mehr vom Festland eingeengt, das weite, unbegrenzte Meer dehnte sich vor ihnen aus.
Hier draußen ließen sich die Wildgänse auf einer Felseninsel nieder, und als der Junge abgestiegen war, wendete er sich an Daunenfein. »Was ist denn das für eine Stadt, über die wir hingeflogen sind?« fragte er.
»Ich weiß nicht, wie sie bei den Menschen genannt wird,« antwortete Daunenfein. »Wir Graugänse nennen sie nur die schwimmende Stadt.«
Die Schwestern
Daunenfein hatte zwei Schwestern: Flügelschön und Goldauge. Es waren kluge und starke Vögel; aber sie hatten kein so weiches, glänzendes Federgewand wie Daunenfein und auch keinen so freundlichen, liebenswürdigen Charakter. Schon zu der Zeit, wo sie noch kleine häßliche Gösselchen gewesen waren, hatten ihnen die Eltern und Verwandten, ja sogar auch der alte Fischer deutlich zu verstehen gegeben, daß sie Daunenfein lieber hätten, und deshalb hatten diese beiden ihre Schwester Daunenfein von jeher gehaßt.
Als die Wildgänse sich auf der Felseninsel niederließen, weideten Daunenfeins Schwestern, Flügelschön und Goldauge, eben auf einem grünen Fleck, und sie sahen die Wildgänse sogleich.
»Sieh nur, Schwester Goldauge, welche stattlichen Wildgänse sich da auf unsrer Insel niederlassen!« sagte Flügelschön. »Ich habe noch nicht oft Vögel gesehen, die eine so prächtige Haltung gehabt hätten. Und sieh nur, sie haben einen weißen Gänserich bei sich! Hast du je einen so schönen Vogel gesehen? Man könnte ihn fast für einen Schwan halten.«
Goldauge stimmte der Schwester bei und meinte auch, da sei gewiß sehr vornehmer Besuch auf die Insel gekommen. Aber plötzlich unterbrach sie sich und rief: »Schwester Flügelschön! Schwester Flügelschön! Siehst du nicht, wer bei ihnen ist?«
In demselben Augenblick erkannte auch Flügelschön ihre Schwester Daunenfein, und sie war so überrascht, daß sie eine ganze Weile nur mit offenem Schnabel dastand und zischte.
»Es ist nicht möglich, es ist nicht möglich! Wie sollte sie zu solchen Leuten gekommen sein? Wir ließen sie ja auf Öland zurück, und dort hat sie verhungern müssen.«
»Nun wird sie uns natürlich bei Vater und Mutter verklagen und sagen, daß wir sie gestoßen hätten, bis sie sich den Flügel ausrenkte. Aber das ist noch nicht das schlimmste von allem, denn du wirst sehen, wir werden dafür von der Insel verjagt.«
»Ja, das wird eine nette Geschichte geben; denn wenn der verzärtelte Nestkegel wieder da ist, gibt es natürlich lauter Widerwärtigkeiten,« sagte Flügelschön. »Aber ich würde es doch fürs klügste halten, wenn wir im Anfang täten, als ob wir uns über ihre Rückkehr freuten. Sie ist nämlich sehr dumm, und vielleicht hat sie nicht einmal gemerkt, daß wir sie mit Absicht stießen.«
Während Flügelschön und Goldauge so miteinander redeten, hatten die Wildgänse drunten am Strand ihre von dem raschen Flug zerzausten Federn geglättet, und jetzt wanderten sie in einer langen Reihe auf den Felsenspalt zu, wo, wie Daunenfein wußte, die Eltern zu wohnen pflegten.
Daunenfeins Eltern waren ausgezeichnete Leute; sie wohnten schon länger auf der Insel als alle die andern Vögel. Sie halfen deshalb auch allen Neuankommenden und gaben ihnen guten Rat. Auch sie hatten die Wildgänse daherfliegen sehen, aber Daunenfein in der Schar nicht erkannt.
»Sieh nur, da lassen sich Wildgänse auf der Felseninsel nieder, das ist doch merkwürdig!« sagte der Gänsevater. »Es ist eine prächtige Schar, das sieht man schon am Fluge, aber es wird schwierig sein, für so viele ordentliche Weideplätze zu finden.«
»Bis jetzt ist die Insel noch nicht überfüllt, und wir können schon noch Gäste aufnehmen,« meinte die Gänsefrau, die freundlichen, gutherzigen Gemütes war, gerade wie Daunenfein.
Als Akka näher herankam, gingen Daunenfeins Eltern ihr entgegen, und sie wollten die Gäste eben auf der Insel willkommen heißen, als Daunenfein von ihrem Platze hinten im Zug aufflog und sich gerade vor ihren Eltern niederließ.
»Vater und Mutter, hier bin ich! Kennt ihr denn eure Daunenfein nicht mehr?« rief sie.
Zuerst wollten die Alten ihren Augen nicht trauen; aber dann erkannten sie die Tochter und waren natürlich glückselig über das Wiedersehen.
Während nun die Wildgänse und der Gänserich Martin und auch Daunenfein eifrig durcheinanderschnatterten, weil alle erzählen wollten, wie Daunenfein gerettet worden war, kamen Flügelschön und Goldauge dahergelaufen. Schon aus der Ferne riefen sie: »Guten Tag! Guten Tag!« und taten so erfreut über Daunenfeins Rückkehr, daß diese ganz gerührt wurde.
Den Wildgänsen gefiel es sehr gut auf der Felseninsel, und so beschlossen sie, nicht vor dem nächsten Morgen weiterzureisen. Nach einer Weile fragten die beiden Schwestern Daunenfein, ob sie mit ihnen kommen wolle, um zu sehen, wo sie ihre Nester zu bauen beabsichtigten. Daunenfein war sogleich bereit, und als sie die Plätze sah, lobte sie die Schwestern und sagte, sie hätten sich da sehr wohlgeschützte Brutstätten ausgewählt.
»Wo willst denn du dich niederlassen, Daunenfein?« fragten die Schwestern.
»Ich?« erwiderte Daunenfein. »Ich habe nicht die Absicht, auf der Insel zu bleiben, denn ich will mit den Wildgänsen nach Lappland reisen.«
»Wie schade! Du willst uns also wieder verlassen?« sagten die Schwestern.
»Ich wäre recht gerne bei euch und bei unsern Eltern geblieben,« erwiderte Daunenfein. »Aber ich bin schon mit dem großen weißen Gänserich verlobt.«
»Hör ich recht?« rief Flügelschön. »Du bekommst den schönen Gänserich? Das ist doch ....« Aber in diesem Augenblick stieß Goldauge sie heftig an, und so sprach sie nicht weiter.
Die beiden bösen Schwestern steckten während des Vormittags wiederholt eifrig die Köpfe zusammen. Sie waren ganz außer sich vor Zorn, weil Daunenfein einen Freier wie den weißen Gänserich hatte. Sie selbst hatten zwar auch Freier; aber die ihrigen waren ganz gewöhnliche Graugänse, und seit sie den Gänserich Martin gesehen hatten, kamen ihnen ihre Freier häßlich und ärmlich vor, sie mochten sie gar nicht mehr ansehen.
»Man könnte sich wirklich zu Tode darüber grämen,« sagte Goldauge. »Hättest wenigstens du ihn bekommen, Schwester Flügelschön!« rief sie.
»Ich wollte, der Kerl wäre tot, dann müßte ich mir jetzt nicht den ganzen Sommer hindurch unaufhörlich vorsagen: Deine Schwester Daunenfein hat sich mit einem weißen Gänserich verlobt,« sagte Flügelschön.
Trotzdem waren die Schwestern fortgesetzt sehr freundlich gegen Daunenfein; und nachmittags nahm Goldauge Daunenfein mit sich, damit sie Goldauges Freier sehen sollte. »Er ist zwar nicht so schön wie dein Bräutigam,« sagte Goldauge. »Dafür kann man aber auch ganz sicher sein, daß er das wirklich ist, wofür er sich ausgibt.«
»Was willst du damit sagen, Goldauge?« fragte Daunenfein.
Goldauge wollte zuerst nicht mit der Sprache heraus, aber schließlich kam es doch an den Tag: Goldauge und Flügelschön hatten sich darüber besonnen, ob die Sache mit dem Weißen auch auf ganz natürliche Weise zugegangen sei. »Noch niemals ist ein weißer Gänserich mit Wildgänsen umhergezogen,« sagten die Schwestern, »und wir möchten wohl wissen, ob er nicht am Ende verzaubert ist.«
»Seid ihr verrückt?« sagte Daunenfein gekränkt. »Er ist ja ein zahmer Gänserich.«
»Er hat aber einen bei sich, der verzaubert ist,« sagte Goldauge, »und da könnte er gut selbst auch verzaubert sein. An deiner Stelle hätte ich Angst, er sei möglicherweise ein schwarzer Kormoran.«
Goldauge wußte ihre Worte sehr gut zu setzen und jagte der armen Daunenfein einen großen Schrecken ein.
»Was du da sagst, ist doch wohl nicht dein Ernst!« rief die kleine Graugans. »Du willst mich nur erschrecken.«
»Ich will nur dein Bestes, Daunenfein,« sagte Goldauge. »Denn ich könnte mir nichts Schrecklicheres denken, als wenn du mit einem Kormoran fortfliegen würdest. Aber ich will dir etwas sagen. Bring ihn dazu, von diesen Wurzeln hier, die ich für dich gesammelt habe, zu essen. Wenn er verzaubert ist, wird es sich sofort zeigen. Ist dies nicht der Fall, dann bleibt er so, wie er ist.«
Der Junge saß mitten unter den Graugänsen und hörte der Unterhaltung zwischen Akka und dem Gänsevater zu, als plötzlich Daunenfein dahergestürzt kam. »Däumling! Däumling!« schluchzte sie. »Der Gänserich Martin ist am Sterben. Ich habe ihn umgebracht!«
»Nimm mich auf den Rücken, Daunenfein, und trage mich rasch zu ihm hin!« rief der Junge.
Die beiden flogen davon, und Akka eilte mit den andern Wildgänsen hinter ihnen her. Als sie bei dem Gänserich ankamen, lag dieser auf dem Boden ausgestreckt. Er konnte kein Wort herausbringen, sondern schnappte nur immer nach Luft.
»Kitzle ihn an der Gurgel und schlage ihn auf den Rücken!« befahl Akka.
Der Junge tat es; da hustete der große Weiße einige lange Wurzeln heraus, die ihm im Halse stecken geblieben waren.
»Hast du hiervon gegessen?« fragte Akka und deutete auf die am Boden liegenden Wurzeln.
»Ja,« antwortete der Gänserich.
»Dann darfst du von Glück sagen, daß sie dir im Halse stecken geblieben sind,« sagte Akka. »Die Wurzeln sind giftig, und wenn du sie geschluckt hättest, wärest du unrettbar verloren gewesen.«
»Daunenfein sagte, ich solle davon essen,« sagte der Gänserich.
»Ich habe sie von meiner Schwester bekommen,« rief Daunenfein und erzählte, wie alles zugegangen war.
»Nimm dich vor deinen Schwestern in acht, Daunenfein,« sagte Akka. »Sie meinen es nicht gut mit dir.«
Aber Daunenfein hatte ein gar zu gutes Herz, sie konnte niemand etwas Böses zutrauen. Als nun Flügelschön nach einer Weile zu ihr kam und sagte, sie wolle ihr jetzt auch ihren Freier zeigen, ging sie sogleich mit.
»Er ist freilich nicht so schön wie der deinige,« sagte die Schwester, »aber dafür ist er auch viel tapferer und kühner.«
»Woher weißt du das?« fragte Daunenfein.
»Das will ich dir sagen. Unter den Möwen und Enten hier herrscht Jammer und Not, weil jeden Morgen bei Tagesanbruch ein großer Raubvogel dahergeflogen kommt und eine von ihnen mitnimmt.«
»Was ist es für ein Vogel?« fragte Daunenfein.
»Wir wissen es nicht,« antwortete die Schwester. »Es ist noch nie so einer hier auf der Insel gesehen worden. Merkwürdigerweise hat er noch nie eine Gans angefallen. Da hat sich nun mein Freier entschlossen, morgen mit ihm zu kämpfen und ihn zu verjagen.«
»Wenn die Sache nur gut abläuft!« sagte Daunenfein.
»Ich fürchte, das wird nicht der Fall sein,« versetzte die Schwester. »Ja, wenn mein Gänserich so groß und stark wäre wie der deinige, dann hätte ich auch Hoffnung auf Erfolg.«
»Soll ich den Gänserich Martin bitten, mit diesem fremden Raubvogel anzubinden?« fragte Daunenfein.
»Das wäre mir freilich das allerliebste,« erwiderte Flügelschön. »Du könntest mir gar keinen größeren Gefallen tun.«
Am nächsten Morgen war der Gänserich Martin schon vor der Sonne auf; er stellte sich auf die höchste Klippe und spähte nach allen Seiten umher. Bald tauchte im Westen ein großer dunkler Vogel auf, der auf die Insel zuflog. Er hatte ungeheuer große Flügel, und der Gänserich sah gleich, daß es ein Adler war. Er hatte keinen gefährlicheren Gegner als eine Eule erwartet und erkannte jetzt wohl, daß es das Leben galt. Aber es fiel ihm nicht ein, dem Kampf mit einem Vogel, der so viel stärker war als er, auszuweichen.
Jetzt schoß der Adler aus der Höhe herab und schlug seine Klauen in eine Möwe; aber ehe er mit ihr auffliegen konnte, stürmte der Gänserich heran.
»Laß die Möwe los!« schrie er. »Und laß dich nie wieder hier blicken, sonst bekommst du es mit mir zu tun!«
»Was bist denn du für ein Prahlhans?« sagte der Adler. »Es ist ein Glück für dich, daß ich nie eine Gans angreife, sonst wäre es bald um dich geschehen.«
Der Gänserich Martin glaubte, der Adler sei zu hochmütig, mit ihm zu kämpfen. Er ging darum wutschnaubend auf ihn los, biß ihn in den Hals und schlug ihn mit den Flügeln. Das konnte sich der Adler natürlich nicht gefallen lassen, und nun kämpfte er mit dem Gänserich, aber nicht einmal mit voller Kraft.
Der Junge schlief noch bei Akka und den andern Wildgänsen. Da hörte er Daunenfein rufen: »Däumling! Däumling! Der Gänserich wird von einem Adler zerrissen!«
»Nimm mich auf den Rücken, Daunenfein, und trage mich zu ihm hin,« sagte der Junge.
Als die beiden die Klippe erreicht hatten, blutete der Gänserich aus mehreren Wunden; er kämpfte aber trotzdem weiter. Der Junge konnte sich nicht mit einem Adler einlassen, und es blieb ihm also nichts andres übrig, als bessere Hilfe herbeizurufen. »Schnell, schnell, Daunenfein! Rufe Akka und die Wildgänse herbei!« befahl er.
Doch in dem Augenblick, wo der Junge das sagte, hörte der Adler auf zu kämpfen. »Wer spricht hier von Akka?« fragte er. Und als er den Däumling gewahr wurde und das Geschnatter der herbeieilenden Wildgänse hörte, breitete er rasch die Schwingen aus. »Sage Akka, ich hätte nicht erwartet, sie oder irgend jemand aus ihrem Gefolge hier draußen auf dem Meere anzutreffen!« rief er; und damit flog er stolz und majestätisch davon.
»Das ist derselbe Adler, der mich einmal zu den Wildgänsen zurückgebracht hat,« sagte der Junge und schaute ihm verwundert nach.
Die Wildgänse wollten in aller Frühe von der Insel wegfliegen, beschlossen aber, vorher doch noch ein wenig zu frühstücken. Während sie noch weideten, flog eine Felsenente zu Daunenfein hin. »Ich soll dich von deinen Schwestern grüßen,« sagte sie. »Sie wagen es nicht mehr, sich unter den Wildgänsen sehen zu lassen, aber ich soll sagen, du solltest doch ja die Insel nicht verlassen, ohne dem alten Fischer einen Besuch gemacht zu haben.«
»Das will ich auch tun!« rief Daunenfein. Sie war jedoch sehr ängstlich geworden und wollte nicht allein hingehen. Deshalb bat sie den Gänserich und den Däumling, sie nach der Hütte zu begleiten.
Die Tür der Hütte stand offen. Daunenfein ging hinein, die beiden andern blieben draußen. Im nächsten Augenblick hörten sie Akka das Zeichen zum Aufbruch geben. Die Graugans trat auch gleich darauf aus der Hütte heraus und flog mit den Wildgänsen von der Insel fort.
Die Schar war schon eine ziemliche Strecke zwischen den Schären hingeflogen, als der Junge sich über die Graugans, die mit ihnen flog, sehr verwunderte. Daunenfein flog doch sonst so leicht und ruhig dahin, diese aber hier ruderte mit schweren rauschenden Flügelschlägen durch die Luft. »Akka, wende um! Akka, wende um!« rief der Junge erregt. »Es ist ein fremder Vogel unter uns. Wir haben Flügelschön in unsrer Schar!«
Kaum hatte er dies gesagt, als die Graugans einen häßlichen zornigen Ruf ausstieß, und nun war niemand mehr im Zweifel, wer sie war. Akka und die andern wendeten sich gegen sie; die Graugans entfloh jedoch nicht sogleich, sondern stürzte sich auf den großen Weißen, packte den Däumling mit dem Schnabel und flog mit ihm davon.
Nun entspann sich eine wilde Jagd zwischen den Schären. Flügelschön flog sehr rasch, aber die Wildgänse waren dicht hinter ihr, und sie hatte nicht die geringste Hoffnung, ihnen zu entkommen.
Da stieg plötzlich ein leichter, weißer Rauch aus dem Meere auf, und zugleich ertönte der Knall eines Schusses. In ihrem Eifer hatten die Vögel nicht gemerkt, daß sie über einem Boot hinflogen, in dem ein einzelner Fischer saß.
Es wurde indes niemand getroffen; aber gerade über dem Boot öffnete Flügelschön den Schnabel und ließ den Däumling ins Meer fallen.
37. Stockholm
Vor mehreren Jahren wohnte auf Skansen, dem großen Freiluftmuseum bei Stockholm, wo so gar vielerlei Merkwürdiges aus ganz Schweden zusammengebracht worden ist, ein kleiner, alter Mann, namens Klement Larsson. Er stammte aus Hälsingeland und war nach Skansen gekommen, um dort alte Volkstänze und Volkslieder auf seiner Geige zu spielen. Er trat aber natürlich meist nur an den Nachmittagen als Geiger auf, vormittags saß er als Wächter in einem der schönen Bauernhäuser, die man aus allen Teilen des Landes nach Skansen verpflanzt hat. Im Anfang dachte Klement, er habe es jetzt auf seine alten Tage besser, als er sich in seinem ganzen Leben je einmal zu träumen gewagt hätte. Aber nach einiger Zeit wurde es ihm schrecklich langweilig da droben, besonders in den Stunden, wo er Aufsicht hatte. Wenn Leute kamen, die sich das Haus ansahen, dann ging es ja noch an; aber manchmal saß der gute Klement stundenlang ganz allein da drinnen, und dann überkam ihn das Heimweh mit solcher Gewalt, daß er es oft kaum mehr aushalten konnte und allen Ernstes daran dachte, seine Stelle aufzugeben. Er war freilich sehr arm, und wenn er in seine Heimat zurückkehrte, fiel er der Gemeinde zur Last, das wußte er recht wohl. Deshalb kämpfte er auch mit aller Macht gegen das Heimweh an, obgleich er sich von Tag zu Tag unglücklicher fühlte.
Eines schönen Tages, zu Anfang Mai, hatte Klement ein paar Stunden frei, und er ging eben den steilen Hügel hinab, auf dem Skansen liegt, als er einem Fischer aus den Schären begegnete, der mit seinem Kasten auf dem Rücken daherkam. Der Fischer war ein junger, kräftiger Mann, der öfters nach Skansen kam und Seevögel anbot, die er lebendig gefangen hatte; Klement war schon oft mit ihm zusammengetroffen.
Heute nun hielt der Fischer Klement an und fragte ihn, ob der Vorstand von Skansen daheim sei. Nachdem Klement ihm Auskunft gegeben hatte, fragte er seinerseits den Fischer, was er denn Seltenes in seinem Kasten habe.
»Ich will es dir zeigen, Klement,« sagte der Fischer, »wenn du mir dafür einen guten Rat geben und mir sagen willst, was ich dafür verlangen soll.«
Damit streckte er Klement seinen Fischkasten hin. Klement sah hinein, sah noch einmal hinein und trat hastig einen Schritt zurück. »Um alles in der Welt, Asbjörn, wo hast du denn diesen aufgetrieben?«
Es war ihm eingefallen, daß ihm seine Mutter, als er noch ein Kind war, oft von den Wichtelmännchen, die unter dem Steinboden wohnten, erzählt hatte. Er sollte nicht weinen und nicht schreien, damit die Wichtelmännchen nicht erzürnt würden. Als er dann erwachsen war, hatte er geglaubt, seine Mutter habe die Geschichten von den Wichtelmännchen nur erfunden, um ihm einen heilsamen Schrecken einzujagen. »Aber nun ist es also doch keine Erfindung von meiner Mutter gewesen,« dachte Klement. »Denn hier in Asbjörns Kasten liegt ja einer aus dem Wichtelvolk.«
In Klements Herzen wohnte noch immer ein Rest von jener Kinderangst, und es lief ihm kalt über den Rücken hinab, als er in den Kasten hineinschaute. Asbjörn sah Klements Schrecken und fing zu lachen an; aber Klement nahm die Sache sehr ernst.
»Erzähle mir doch, wo du ihn her hast,« sagte er.
»O, du mußt nicht denken, ich hätte ihm aufgelauert,« sagte Asbjörn. »Das Kerlchen ist selbst zu mir gekommen. Heute morgen bin ich in aller Frühe im Boot hinausgefahren, und kaum hatte ich das Festland hinter mir, als eine Schar Wildgänse mit lautem Geschnatter von Osten dahergezogen kam. Ich feuerte einen Schuß auf sie ab, traf jedoch keine von ihnen, dafür aber sauste dieser kleine Kerl aus der Luft herunter und fiel dicht neben meinem Boot ins Wasser, ich brauchte nur die Hand nach ihm auszustrecken.«
»Du wirst ihn doch nicht getroffen haben, Asbjörn?«
»O nein, er ist ganz frisch und gesund; aber zuerst war er nicht so recht bei sich, und diese Gelegenheit benützte ich, ihm Hände und Füße mit einem Stück Bindfaden zusammenzubinden, damit er mir nicht davonlaufen könnte. Denn ich dachte ja gleich, das sei etwas für Skansen.«
Klement wurde es ganz sonderbar zumut, als der Fischer sein Erlebnis erzählte. Alles, was er in seiner Jugend von den Wichtelmännchen gehört hatte, von ihrer Rachgier gegen Feinde und ihrer Hilfsbereitschaft gegen Freunde, tauchte in seiner Seele auf. Wer es je einmal versucht hatte, ein Wichtelmännchen gefangen zu halten, dem war es schlecht ergangen.
»Höre, Asbjörn, du hättest ihn gleich wieder freigeben sollen,« sagte Klement.
»Ich hätte auch beinahe gar nicht anders gekonnt,« antwortete Asbjörn. »Die Wildgänse verfolgten mich bis nach Hause, und selbst dann flogen sie noch lange über den Schären hin und her und schrieen immerfort, wie wenn sie das Kerlchen wieder haben wollten. Ja, und das war noch nicht einmal alles, denn die ganze Vogelgesellschaft da draußen, Möwen und Seeschwalben und alle andern, die keinen ehrlichen Schuß Pulver wert sind, ließen sich laut schreiend auf den Klippen nieder, und als ich aus meiner Hütte heraustrat, flatterten sie wie toll um mich her; es blieb mir nichts übrig, als wieder umzukehren. Meine Frau sagte, ich solle den Knirps wieder laufen lassen, aber ich hatte mir nun einmal in den Kopf gesetzt, ihn hierher nach Skansen zu bringen. Da stellte ich denn eine Puppe von unserm Kleinen ans Fenster, steckte den Knirps rasch in meinen Kasten und machte mich wieder auf den Weg. Die Vögel meinten wohl, die Puppe am Fenster sei das Kerlchen, denn sie ließen mich diesmal unbehelligt gehen.«
»Spricht er nicht?« fragte Klement.
»Doch, im Anfang machte er einen Versuch, den Vögeln etwas zuzurufen; aber das wollte ich nicht, und so stopfte ich ihm einen Knebel in den Mund.«
»Aber Asbjörn, daß du das gewagt hast! Hast du denn gar kein Verständnis? Dies ist doch etwas Übernatürliches.«
»Ach, wie soll ich wissen, was es ist,« sagte Asbjörn ruhig. »Das müssen die andern herausbringen, ich bins zufrieden, wenn man mich nur gut dafür bezahlt. Und nun sag mir, Klement, wie viel wird mir der gelehrte Herr Doktor droben auf Skansen wohl für das Kerlchen geben?«
Klement überlegte lange, ehe er antwortete. Er hatte auf einmal schreckliche Angst für den Knirps bekommen. Es war ihm gerade, als stehe seine Mutter neben ihm und sage zu ihm, er solle immer gut gegen das Wichtelvolk sein.
»Ich weiß nicht, was der Doktor dir dafür geben wird,« sagte er schließlich. »Aber wenn du ihn mir verkaufen willst, dann biete ich dir zwanzig Kronen dafür.«
Als der Spielmann diese große Summe nannte, sah ihn der Fischer grenzenlos überrascht an. Er dachte, Klement meine wohl, der Kleine sei im Besitz von geheimen Kräften, die ihm von Nutzen sein könnten; und da er keineswegs sicher war, ob der Doktor seinen Fund für ebenso wichtig halten und ihm so viel dafür bieten würde, nahm er Klements Angebot an.
Der Spielmann steckte seinen Einkauf in eine seiner weiten Taschen, stieg wieder den Hügel hinauf und ging in eine der Sennhütten, wo weder fremde Besucher noch sonst ein Aufseher waren. Er schloß die Tür hinter sich zu, nahm das Kerlchen heraus, das noch immer an Händen und Füßen gebunden war und einen Knebel im Mund hatte, und legte es vorsichtig auf eine Bank.
»Gib nun wohl acht, was ich dir sage,« begann Klement. »Ich weiß, du und deinesgleichen, ihr laßt euch nicht gern vor den Menschen sehen, sondern wollt am liebsten ungehindert euer Wesen treiben. Ich will dir deshalb deine Freiheit zurückgeben, aber nur unter einer Bedingung: du mußt hier im Park bleiben, bis ich dir erlaube, dich von hier zu entfernen. Wenn du darauf eingehen willst, dann nicke dreimal mit dem Kopfe.«
Erwartungsvoll sah Klement den Kleinen an; dieser aber rührte sich nicht.
»Es soll dir nicht schlecht gehen,« fuhr Klement fort. »Ich werde dir jeden Tag dein Essen bringen; überdies wirst du auch sicher hier allerlei zu tun bekommen und brauchst also keine Langeweile zu haben. Aber du darfst nirgends anders hingehen, bis ich es dir erlaube, hörst du! Wir wollen ein Zeichen ausmachen: so lange ich dir dein Essen in einem weißen Napf hinstelle, mußt du hierbleiben, wenn es aber in einer blauen Schale ist, dann darfst du dich entfernen.«
Wieder sah Klement den Kleinen erwartungsvoll an und hoffte auf das verabredete Zeichen; das Kerlchen aber rührte sich nicht.
»Ja, dann muß ich dich eben doch dem Direktor von Skansen zeigen, es bleibt nichts andres übrig,« sagte Klement. »Du wirst dann in eine Glasflasche gesteckt, und alle Leute aus der großen Stadt Stockholm kommen hierher und gucken dich an.«
Dieser Ausspruch schien dem Kleinen Schrecken einzujagen; denn kaum hatte Klement ihn getan, als der Kleine mit dem Kopfe nickte.
»So ists recht!« sagte Klement. Er zog sein Messer heraus, durchschnitt dem Kerlchen die Fessel an den Händen und ging dann hastig zur Tür hinaus.
Vor allem andern löste der Junge jetzt die Schnur von seinen Füßen und zog sich den Knebel aus dem Mund. Als er sich dann aber nach Klement Larsson umsah, um ihm zu danken, war dieser schon verschwunden.
* * * * *
Klement war noch nicht weiter als nur eben zur Tür hinausgekommen, als er einem schönen alten Herrn begegnete, der nach einem nahegelegenen, herrlichen Aussichtspunkt unterwegs zu sein schien. Klement konnte sich nicht erinnern, den vornehmen alten Herrn schon einmal gesehen zu haben; dieser aber hatte Klement wohl schon öfters bemerkt, wenn er seine Volkweisen spielte, denn er blieb stehen und redete ihn an.
»Guten Tag, Klement,« sagte er. »Wie geht es dir? Du wirst doch nicht krank sein? Du kommst mir seit einiger Zeit etwas abgemagert vor.«
Der Herr hatte etwas so unbeschreiblich Leutseliges in seinem Wesen, daß sich Klement ein Herz faßte und ihm erzählte, wie sehr ihn das Heimweh plage.
»Wie? Hier in Stockholm hast du Heimweh? Das ist doch wohl nicht möglich!« sagte der vornehme alte Herr und sah dabei fast ein wenig gekränkt aus. Aber dann fiel ihm ein, daß er ja einen alten Bauern aus Hälsingeland vor sich hatte, und der frühere freundliche Ausdruck trat wieder in sein Gesicht.
»Du hast gewiß noch nie gehört, wie Stockholm eigentlich entstanden ist, Klement? Sonst wüßtest du ganz genau, daß du dir das Heimweh nur einbildest. Komm, begleite mich zu der Bank dort drüben, dann will ich dir ein wenig von Stockholm erzählen.«
Nachdem der vornehme alte Herr sich auf der Bank niedergelassen hatte, ließ er seinen Blick zuerst einige Augenblicke auf Stockholm ruhen, das sich in seiner ganzen Pracht vor ihm ausbreitete, und er atmete tief auf, wie wenn er die ganze Schönheit der Gegend in sich aufnehmen wollte. Dann wendete er sich an den Spielmann.
»Siehst du, Klement,« begann er und zeichnete, während er sprach, in den Sandweg vor sich eine kleine Landkarte. »Dies hier ist Uppland, und hier gegen Süden schiebt sich eine von vielen Buchten zerrissene Landzunge herein. Und hier schließt sich Sörmland an mit einer zweiten von ebensovielen Buchten zerschnittenen Landzunge, die direkt nach Norden läuft. Und hier von Westen her kommt ein See mit vielen Inseln. Dies ist der Mälar. Und hier von Osten fließt ein andres Wasser herbei, das vor lauter Inseln und Schären kaum vorwärts kommen kann. Das ist die Ostsee. Hier aber, Klement, hier, wo Uppland mit Sörmland und der Mälar mit der Ostsee zusammentreffen, fließt ein kleiner Fluß, der heißt der Norrstrom, und mitten drin im Norrstrom liegen drei kleine Holme.
Ursprünglich waren diese Holme nichts weiter als gewöhnliche Inseln mit ein paar Bäumen darauf, die seit undenklichen Zeiten ganz unbewohnt dalagen, wie es heutigentages noch viele hier im Mälar gibt. Sie hatten ganz zweifellos eine recht gute Lage, da sie gerade in der Mitte von zwei Seen und zwei Landschaften lagen, aber das fiel niemand auf. Ein Jahr ums andre verging, die Menschen siedelten sich sowohl an den Mälarufern als draußen auf den Schären an, aber die drei Holme mitten im Norrstrom bekamen keine Bewohner. Nur selten einmal legte ein Seefahrer dort an und schlug sein Nachtlager auf; aber niemand ließ sich dauernd da nieder.
Eines Tages nun hatte ein Fischer, der auf der Lidinginsel draußen am Meere wohnte, sein Boot in den Mälar hereingesteuert, und fing da eine solche Menge Fische, daß er ganz vergaß, zu rechter Zeit sein Boot wieder heimwärts zu lenken. Er war nicht weiter gekommen als bis zu den drei Holmen, als auch schon die Nacht hereinbrach. Da dachte der Fischer, er täte gewiß am besten, hier an Land zu gehen und zu warten, bis der Mond aufgegangen wäre, denn der Mond war im Zunehmen.
Es war im Spätherbst und noch wunderschönes Wetter, obwohl die Abende schon recht dunkel zu sein pflegten. Der Fischer zog also sein Boot an Land, legte sich daneben, bettete seinen Kopf auf einen Stein und versank bald in einen tiefen Schlaf. Als er erwachte, war der Mond schon hoch am Himmel; er stand gerade über dem Fischer und leuchtete gar prächtig mit fast tageshellem Schein.
Der Mann sprang auf und wollte eben sein Boot ins Wasser schieben, als er draußen auf dem Norrstrom viele dunkle Punkte sah, die sich hin und her bewegten. Eine große Schar Seehunde schwamm eilig auf den Holm zu, und als der Fischer merkte, daß die Seehunde ans Land kriechen wollten, bückte er sich nach seinem Spieß, den er im Boot liegen hatte. Doch als er sich wieder aufrichtete, sah er keine Seehunde mehr; anstatt der Seehunde standen wunderschöne junge Mädchen am Strande, in grünen, langnachschleppenden, seidenen Gewändern, jede mit einer Perlenkrone auf dem Kopfe. Da wußte der Fischer, wen er vor sich hatte, nämlich die Meerweibchen, die auf den öden Schären weit draußen im Meere wohnten. Sie hatten ihre Seehundgewänder nur übergeworfen, um ans Land zu schwimmen, wo sie sich im Mondschein auf den grünen Holmen zu ergötzen gedachten.
Ganz leise legte der Fischer seinen Speer wieder hin, und als die Meerweibchen tiefer in die Insel hineingingen, um zu spielen, schlich er ihnen nach und betrachtete sie. Er hatte gehört, die Meermädchen seien wunderbar schön, wer sie sehe, werde von ihrer Schönheit ganz bezaubert; und er mußte wirklich zugeben, daß nicht zu viel von ihnen behauptet worden war.
Nachdem die Meerweibchen eine Weile unter den Bäumen getanzt hatten, ging der Fischer ans Ufer hinunter, nahm eines von den Seehundfellen, die noch dalagen, und versteckte es unter einem Stein. Dann ging er nach seinem Boot zurück, legte sich neben ihm nieder und stellte sich schlafend.
Nach kurzer Zeit sah er die Meermädchen an den Strand zurückkehren und ihre Seehundhüllen wieder überwerfen. Im Anfang herrschte eitel Lachen und Scherzen unter ihnen; aber bald verwandelte sich die Freude in lautes Jammern und Klagen, weil eine von ihnen ihr Seehundgewand nicht mehr finden konnte. Alle liefen am Ufer hin und her und halfen ihr suchen, aber kein Seehundfell war zu finden. Während sie noch eifrig suchten, sahen sie, daß sich der Himmel im Osten lichtete und der Tag graute. Da schienen sie nicht länger bleiben zu können, und alle schwammen davon, ausgenommen die eine, die ohne Seehundfell war. Sie blieb am Strand sitzen und weinte bitterlich.
Dem Fischer tat das arme Meerweibchen herzlich leid; aber er zwang sich, ganz ruhig liegen zu bleiben, bis es heller Tag war. Da stand er auf, schob sein Boot ins Wasser, und erst als er schon das Ruder aufgehoben hatte, tat er, als ob er sie ganz zufälligerweise wahrnähme.
>Wer bist denn du?< rief er. >Bist du eine Schiffbrüchige?<
Sie stürzte auf ihn zu und fragte ihn, ob er nicht ihr Seehundfell gesehen habe; aber der Fischer tat, als verstehe er nicht einmal, was sie meinte. Da setzte sie sich wieder nieder und fing aufs neue zu weinen an. Aber jetzt schlug er ihr vor, zu ihm ins Boot zu steigen.
>Komm mit mir in meine Hütte,< sagte er, >meine Mutter wird sich deiner annehmen. Du kannst doch nicht hier auf dem Holm bleiben, wo du weder ein Bett findest, noch etwas zu essen bekommst.< Und er sprach ihr gar freundlich zu, bis sie sich überreden ließ und zu ihm ins Boot stieg.
Der Fischer und seine Mutter waren alle beide außerordentlich gut gegen das arme Meerweibchen, und es schien sich auch ganz wohl bei ihnen zu befinden. Mit jedem Tag wurde es fröhlicher, half der Alten bei der Arbeit und war ganz wie ein andres Mädchen, nur viel schöner als alle andern aus der Umgegend. Eines Tages fragte sie der Fischer, ob sie seine Frau werden wolle; da hatte sie gar nichts dagegen und sagte sogleich ja.
Nun richtete man die Hochzeit her, und als sich die Jungfrau zur Hochzeit schmücken sollte, zog sie das grünseidene Schleppkleid an und setzte die schimmernde Perlenkrone auf, die sie damals getragen hatte, als der Fischer sie zum ersten Male sah. In jenen Zeiten aber gab es weder eine Kirche noch einen Geistlichen auf den Schären; die Hochzeitsleute setzten sich in ein Boot, fuhren in den Mälar hinein und ließen sich in der ersten Kirche, an die sie kamen, trauen.
Der Fischer hatte seine Braut und seine Mutter im Boot, und er steuerte sein Boot so gut, daß es allen andern vorauskam. Als sie jenen Holm sehen konnten, wo er seine Braut gewonnen hatte, die nun glücklich und geschmückt neben ihm im Boot saß, mußte er unwillkürlich lächeln.
>Warum lachst du?< fragte die Braut.
>Ach, ich denke an jene Nacht, wo ich dein Seehundfell versteckte,< antwortete der Fischer; er fühlte sich ihrer jetzt vollkommen sicher und meinte, er brauche nichts mehr vor ihr zu verheimlichen.
>Was sagst du da?< fragte die Braut. >Ich habe doch nie ein Seehundfell gehabt.< Es war, als habe sie alles vergessen.
>Weißt du denn nicht mehr, wie du mit den Meermädchen getanzt hast?< fragte der Fischer.
>Ich weiß nicht, was du meinst,< antwortete die Braut. >Du hast wohl heute nacht einen sonderbaren Traum gehabt.<
>Wenn ich dir nun aber dein Seehundfell zeige, glaubst du mir dann?< fragte der Fischer und steuerte sogleich auf jenen Holm zu. Als sie dort angekommen waren, stieg das Brautpaar aus, und der Fischer zog das Fell unter dem Stein hervor, wo er es damals versteckt hatte.
Aber kaum erblickte die Braut das Seehundfell, als sie es auch schon an sich riß und sich über den Kopf warf. Das Fell schmiegte sich ihr um die Glieder wie etwas Lebendiges, und sie warf sich augenblicklich in den Strom hinein.
Der Bräutigam sah sie fortschwimmen. Rasch sprang er ihr nach ins Wasser, konnte sie aber nicht mehr erreichen. Als er sah, daß er sie nicht mehr zurückhalten konnte, warf er in seiner Verzweiflung seinen Spieß hinter ihr her. Dieser traf besser, als der Fischer gewollt hatte, denn das arme Meerweibchen stieß einen lauten Schrei aus und verschwand in der Tiefe.
Der Fischer blieb am Ufer stehen und hoffte, sie werde wieder an der Oberfläche auftauchen. Aber da sah er, wie sich über das Wasser ringsum ein milder Glanz ergoß, der ihm eine wunderbare Schönheit verlieh. So etwas hatte der Fischer noch nie gesehen; das Wasser glänzte und blinkte und spielte in rosigem und weißem Schimmer, gerade wie Perlmutter in einer Muschel.
Und als die glitzernden Wellen ans Ufer schlugen, sah der Fischer, daß auch dieses sich veränderte. Überall begann es zu blühen und zu duften; ein weicher Glanz breitete sich aus, und es bekam eine Schönheit, die es früher nicht gehabt hatte.
Und der Fischer erriet, woher das alles kam. Die Sache ist nämlich die: Wer ein Meerweibchen sieht, findet es schöner als alle andern Menschenkinder -- er kann gar nicht anders -- und als sich nun das Blut des Meerweibchens mit dem Wasser vermischte und alsdann mit den Wellen über die Ufer floß, teilte sich ihre Schönheit auch diesen mit; die Schönheit wurde ihnen als Erbteil geschenkt, daß alle, die sie sahen, von der Lieblichkeit dieser Ufer hingerissen wurden und von da an stets von Sehnsucht nach ihnen erfüllt waren.«
Als der vornehme Herr in seiner Erzählung so weit gekommen war, sah er Klement an, und dieser nickte dem Erzähler ernst zu, sagte aber nichts, denn er wollte ihn nicht unterbrechen.
»Und nun paß wohl auf, Klement, was ich dir sage,« fuhr der vornehme alte Herr fort, und jetzt blitzte es plötzlich schalkhaft in seinen Augen auf. »Von jener Zeit an siedelten sich die Menschen auf den Holmen an. Zuerst waren es nur Bauersleute und Fischer, aber eines schönen Tages kam der König mit seinem Jarl den Strom heraufgezogen. Als er die drei Holme sah, machte er die andern gleich darauf aufmerksam, daß jedes Schiff, das in den Mälar hineinwollte, daran vorbeifahren müsse. Und der Jarl meinte, hier müßte man eigentlich das Fahrwasser unter Schloß und Riegel legen, dann könnte man es nach Belieben öffnen und schließen, also die Handelsschiffe hereinlassen, die Seeräuberflotten aber hinaussperren.
Und siehst du, Klement, dieser Vorschlag wurde ausgeführt,« sagte der alte Herr, indem er aufstand und von neuem mit seinem Stock in den Sand zeichnete. »Auf der größten der drei Inseln, siehst du, hier, baute der Jarl eine Burg mit einem prächtigen Wachturm, der Kärnan genannt wurde. Und rings um den Holm herum zog er Mauern, siehst du, so. Und hier im Süden machte er ein Tor in die Mauer und setzte einen starken Turm darauf. Er baute Brücken nach den andern Holmen hinüber und versah auch diese mit hohen Türmen. Und draußen auf dem Wasser, in weitem Umkreis um die Holme herum, schlug er einen Kranz von Pfählen mit Querbalken, die geöffnet und geschlossen werden konnten; nun konnte kein Schiff ohne seine Erlaubnis vorbeifahren.
Du siehst also, Klement, die drei Holme, die so lange unbemerkt dagelegen hatten, waren plötzlich in eine starke Festung verwandelt worden. Aber damit war es noch nicht genug. Diese Ufer und Sunde hier zogen die Menschen an, und bald strömten von allen Seiten Leute herbei, die sich auf den Holmen niederließen. Für diese Leute baute der Jarl eine Kirche, die später die Storkyrka genannt wurde. Hier liegt sie heute noch, ganz dicht bei der Burg, und hier, innerhalb der Mauern lagen die kleinen Häuser der ersten Ansiedler. Sie waren nicht großartig, aber damals brauchte es nicht mehr, um den Ort eine Stadt zu nennen. Die Stadt wurde Stockholm genannt, und so heißt sie noch bis auf den heutigen Tag.
Dann kam ein Tag, Klement, wo der Jarl nach seiner großen Arbeit zur Ruhe eingehen durfte; aber Stockholm fehlte es darum doch nicht an einem Baumeister. Mönche kamen dahergezogen, die man die schwarzen Brüder nannte; Stockholm hatte es ihnen angetan, und so baten sie darum, sich da ein Kloster bauen zu dürfen. Das Kloster wurde dann auch wirklich auf dem Stadtholm gebaut, hier gleich hinter der Storkyrkan. Nach einiger Zeit kamen auch noch andere Mönche ins Land, die sich die grauen Brüder nannten. Diese baten auch um Erlaubnis, sich in Stockholm anzubauen. Aber auf dem großen Holm war nun kein Platz mehr für ihr Kloster; es wurde daher auf einem der kleineren, dem Mälar zugekehrten Holme erbaut, und dieser Holm heißt von jener Zeit an der Gråmunkeholm, oder der Holm der grauen Mönche. Auf dem dritten Holm aber siedelten sich fromme Männer an, die sich Brüder vom heiligen Geist nannten und sich besonders um die Krankenpflege annahmen. Sie bauten ein Krankenhaus, und der Holm wurde seit jener Zeit der Helgeandsholm, der Holm des heiligen Geistes, genannt.
Siehst du, Klement, nun waren die drei Holme schon ganz mit Häusern bedeckt; aber immer neue Leute strömten herbei, denn das Wasser und die Ufer hier haben ja, wie du weißt, die Eigenschaft, die Menschen anzuziehen. Es kamen fromme Frauen vom Orden der heiligen Klara, die auch um einen Bauplatz baten. Doch war guter Rat teuer, und es blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich am nördlichen Ufer anzubauen, auf dem Norrmalm, wie dieser Teil genannt wurde. Sie waren freilich nicht so recht zufrieden damit, denn mitten durch den Norrmalm zieht sich ein hoher Bergrücken, und dort hatte die Stadt ihren Galgenhügel, deshalb war der Ort verachtet; aber die Schwestern vom Orden der heiligen Klara bauten doch ihre Kirche und ihr Kloster am Ufer, gerade unter dem Galgenhügel. Und nachdem sie sich einmal in dieser Gegend niedergelassen hatten, kamen bald andre hinzu. Hier, ganz im Norden auf dem Hügel selbst, wurde ein Krankenhaus und eine Kirche gebaut, die dem heiligen Georg geweiht waren, und hier, gerade unter dem Hügel, erstand eine Kirche für den heiligen Jakob.
Auch auf dem Södermalm, wo die Klippen steil aus dem Meere aufragen, fing man zu bauen an. Hier entstand bald eine Kirche zu Ehren der Heiligen Jungfrau Maria.
Aber nun, Klement, darfst du nicht glauben, es seien nur Klosterleute nach Stockholm gezogen. O nein, außer ihnen kamen noch viele andre Leute; vor allem eine Menge deutscher Handwerker und Kaufleute, und da diese tüchtiger waren als die schwedischen, wurden sie gut aufgenommen. Sie ließen sich in der Stadt innerhalb der Mauern nieder, rissen die kleinen, ärmlichen Häuser, die vorher da standen, nieder und bauten dafür große, prächtige Gebäude aus Stein. Aber es war nur wenig Platz da drinnen innerhalb der Mauern, und so mußten die Häuser mit den Giebeln nach der Straße dicht nebeneinander gebaut werden.
Ja ja, Klement, da siehst du, wie Stockholm die Menschen herbeizog.«
In diesem Augenblick tauchte unten am Wege ein andrer Herr auf, der rasch auf die beiden zukam. Doch der alte Herr, der mit Klement sprach, winkte den Neuangekommenen mit einer Handbewegung zurück; da blieb dieser in der Ferne stehen. Der vornehme alte Herr aber setzte sich neben den Spielmann auf die Bank.
»Nun sollst du mir einen Gefallen tun, Klement,« sagte er. »Ich habe keine Zeit, mich noch länger mit dir zu unterhalten, aber ich werde dir ein Buch über Stockholm schicken, und das sollst du von Anfang bis zu Ende durchlesen. Jetzt habe ich sozusagen bei dir den Grund von Stockholm gelegt, Klement, nun sollst du weiter daran bauen. Ja, studiere jetzt selbst weiter und mache dir klar, wie es der Stadt ferner ergangen ist, und wie sie sich allmählich verändert hat. Lies, wie die kleine enge, mauerumschlossene Stadt auf den Holmen sich zu diesem Häusermeer ausgebreitet hat, das wir hier vor uns sehen. Lies, wie aus dem düsteren Turm Kärnan das schöne helle Schloß da drunten geworden ist, und wie die Kirche der grauen Mönche in die Grabstätte der schwedischen Könige umgewandelt wurde. Lies, wie der eine Holm nach dem andern bebaut wurde. Lies, wie die Gemüseländer auf Söder und Norr in schöne Gärten oder bebaute Stadtviertel umgewandelt wurden. Lies, wie die Hügel geebnet und die Wasserstraßen ausgefüllt wurden. Lies, wie die Könige die Tiergärten einfriedigen ließen, woraus dann die schönen Ausflugsorte des Volkes wurden. Gib dir Mühe, so recht vertraut mit Stockholm zu werden, Klement, denn die Stadt gehört nicht allein den Stockholmern, sie gehört dir und ganz Schweden.
Und wenn du dann das alles über Stockholm liest, Klement, dann denke daran, daß ich dir gesagt habe, Stockholm habe die Kraft, alles andre anzuziehen. Zuerst zog der König hierher, dann bauten sich die vornehmen Herren ihre Paläste da. Dann zog einer nach dem andern hierher, so daß Stockholm jetzt nicht nur eine Stadt für sich oder für die nächste Umgebung ist, nein, Klement, es ist eine Stadt für das ganze Reich.
Du weißt doch, Klement, in jedem Kirchspiel gibt es einen Gemeinderat, aber in Stockholm wird der Reichstag fürs ganze Volk gehalten. Du weißt, im ganzen Lande hat jeder Bezirk einen Richter, aber in Stockholm ist ein Gerichtshof, der über allen andern steht. Du weißt, überall gibt es Kasernen und Truppen, aber in Stockholm sind die höchsten, die das ganze Heer unter sich haben. Überall im Lande sind Eisenbahnen, aber alle werden von Stockholm aus geleitet. Hier sind die Vorgesetzten der Pfarrer, der Lehrer, der Ärzte, der Vögte, der Richter. Hier ist der Mittelpunkt für unser Land. Von hier kommt das Geld, das du in deiner Tasche hast, und die Marken, die wir auf unsere Briefe kleben. Von hier erhalten alle Schweden irgend etwas, und hier haben auch alle Schweden irgend etwas zu tun. Hier braucht sich niemand fremd zu fühlen oder Heimweh zu haben. Hier sind alle Schweden daheim.
Und wenn du das alles liest, Klement, dann denk auch an das letzte, was Stockholm herbeigezogen hat. Das sind auf Skansen die alten Häuser, die alten Tänze, die alten Trachten und das alte Hausgerät. Hier sind auch Spielleute und Märchenerzähler; alles Alte und Gute ist nach Stockholm gekommen, hierher nach Skansen, damit es in Ehren gehalten werde, und damit es neugeehrt draußen unter dem Volk wieder erstehen soll.
Aber wenn du dies alles von Stockholm gelesen hast, Klement, dann sollst du dich vor allem auf diesen Platz hier setzen; du sollst sehen, wie die Wellen ihr glitzerndes Spiel treiben und die Ufer in blendender Schönheit erglänzen. Ja, du sollst selbst dafür sorgen, daß auch du von dem Zauber ergriffen und hingerissen wirst.«
Der schöne alte Herr hatte die Stimme etwas erhoben; sie klang nun laut und majestätisch gebietend, und seine Augen blitzten. Jetzt stand er auf, winkte Klement noch freundlich mit der Hand und verließ ihn. Klement aber fühlte plötzlich in seinem Herzen ganz deutlich, der Herr, der da mit ihm gesprochen hatte, mußte ein sehr vornehmer Herr sein, und er verbeugte sich hinter ihm, so tief er nur konnte.
Am nächsten Tage kam ein königlicher Lakai mit einem großen, roteingebundenen Buch und einem Brief zu Klement, und in dem Briefe stand, daß das Buch vom König sei.
Darnach war der gute alte Klement Larsson mehrere Tage lang ganz wirr im Kopfe; es war fast kein vernünftiges Wort aus ihm herauszubringen, und nach acht Tagen kam er zu dem Direktor von Skansen und kündigte seine Stelle. Als Grund brachte er vor, er müsse durchaus in seine Heimat zurückkehren.
»Warum willst du denn nach Hause?« fragte der Direktor. »Gefällt es dir denn gar nicht hier?«
»Doch, doch, es gefällt mir gut,« antwortete Klement. »In dieser Beziehung habe ich nichts mehr zu klagen, aber ich muß trotzdem nach Hause.«
Klement hatte sich in einer schweren Not befunden, weil der König zu ihm gesagt hatte, er solle Stockholm genau kennen lernen, dann werde es ihm da gewiß gefallen. Aber Klement fand Tag und Nacht keine Ruhe mehr, bis er daheim in seiner Heimat berichten konnte, daß der König das zu ihm gesagt hatte. Ach, welch ein Glück würde das sein, wenn er vor der Kirche daheim hoch und nieder erzählte, wie gut der König gegen ihn gewesen war, wie er auf derselben Bank neben ihm gesessen, sich in ein Gespräch mit ihm eingelassen und mit ihm, einem armen alten Spielmann, eine ganze Stunde lang geredet hatte, um ihn von seinem Heimweh zu heilen. Es war ja schon etwas Großes, daß er es hier auf Skansen den Lappländern und den Mädchen von Dalarna erzählen konnte; aber was war das gegen das Glück, es denen daheim mitteilen zu können!
Und wenn Klement auch schließlich ins Armenhaus kommen sollte, selbst das erschien ihm nach diesem Erlebnis nicht mehr schwer. Er wäre trotzdem ein ganz andrer Mensch als vorher und würde auf ganz andre Weise geachtet und geehrt werden.
Und diese neue Sehnsucht überwältigte ihn. Er konnte nicht anders, er mußte zu dem Direktor gehen und ihm sagen, er wolle durchaus in seine Heimat zurückkehren.
38. Der Adler Gorgo
Im Felsental
Weit droben auf dem lappländischen Gebirge lag ein altes Adlernest auf einem Felsenvorsprung, der über einer schroffen Bergwand herausragte. Das Nest war aus Tannenzweigen verfertigt, die schichtenweise quer übereinandergelegt waren. Seit Jahren war es immer mehr erweitert und erhöht worden, und jetzt hatte es mehrere Meter im Durchmesser und lag da droben, fast ebenso groß wie eine Lappenhütte.
Die Felsenwand, auf der das Adlernest lag, überschattete ein ziemlich hohes Tal, das im Sommer immer von einer Schar Wildgänse bewohnt war; und dieses Tal war auch wirklich ein ausgezeichneter Zufluchtsort für die Gänse, denn es lag so gut versteckt zwischen den Bergen, daß es nicht vielen Leuten bekannt war; ja, selbst unter den Lappen wußte man nur wenig davon. Mitten in dem Tal lag ein kleiner runder See, wo sich reichlich Nahrung für die kleinen Gänschen fand, und an den mit Weidenbüschen und kleinen verkrüppelten Birken dicht bestandenen Ufern gab es so gute Brutplätze, wie sie sich die Gänse nur wünschen konnten.
Seit undenklichen Zeiten hatten droben auf dem Felsen Adler und drunten im Tal Wildgänse gewohnt. Alle Jahre raubten die Adler einige von den Wildgänsen, hüteten sich aber wohl, so viele zu rauben, daß diese aus dem Tale verscheucht worden wären. Ihrerseits hatten die Wildgänse auch nicht so gar wenig Nutzen von den Adlern; diese waren ja wohl Räuber, aber sie hielten andre Räuber fern.
Ein paar Jahre, ehe Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog, stand die alte Führerin der Schar, Akka von Kebnekajse, eines Morgens in dem Felsental und schaute zu dem Adlernest hinauf. Die Adler pflegten kurz nach Sonnenaufgang auf die Jagd auszufliegen; und in allen den Sommern, die Akka in diesem Tal verbracht hatte, war sie jeden Morgen auf ihrem Posten gewesen und hatte beobachtet, ob die Adler im Tale blieben, um da zu jagen, oder ob sie sich nach andern Jagdgebieten begaben.
Sie brauchte nicht lange zu warten, bis die beiden stattlichen Vögel die Felsenplatte verließen. Schön, aber furchtbar schwebten sie durch die Luft dahin. Sie schlugen die Richtung nach dem Flachlande ein, und Akka stieß einen erleichterten Seufzer aus.
Die alte Anführerin war nun zu alt zum Eierlegen und Junge aufzuziehen. So vertrieb sie sich denn im Sommer die Zeit damit, daß sie von einem Gänsenest zum andern wanderte und über das Ausbrüten und Aufziehen der Jungen gute Ratschläge erteilte. Außerdem hielt sie nicht allein Ausschau nach den Adlern, sondern auch nach den Bergfüchsen, den Eulen und andern Feinden, von denen den Gänsen und deren Jungen Gefahr drohen konnte.
Gegen Mittag spähte Akka wieder nach den Adlern aus. Das hatte sie nun in jedem Sommer, seit sie in diesem Tale Aufenthalt nahm, getan. Sie sah auch den Adlern immer schon am Fluge an, ob sie eine gute Jagd gehabt hatten, und dann fühlte sie sich für die Ihrigen beruhigt. Aber heute kehrten die Adler nicht zurück.
»Ich muß alt und stumpfsinnig geworden sein,« dachte Akka, nachdem sie eine Weile gewartet hatte. »Die Adler müssen ja längst daheim sein.«
Am Nachmittag schaute sie abermals nach der Felsenwand hinauf; jetzt hätten die Adler auf dem schroffen Felsenvorsprung auftauchen müssen, wo sie ihre Nachmittagsruhe zu halten pflegten; und am Abend spähte sie abermals, denn da pflegten die Adler im Bergsee ein Bad zu nehmen; aber immer und immer spähte sie vergeblich. Und wieder jammerte Akka, daß sie alt werde. Sie war es so gewohnt, die Adler über sich auf dem Berge zu sehen, deshalb konnte sie sich gar nicht denken, daß sie noch nicht zurückgekehrt sein könnten.
Am nächsten Morgen war Akka schon früh auf den Beinen, und wieder schaute sie nach den Adlern aus. Aber auch jetzt sah sie nichts von ihnen. Dagegen drang durch die Morgenstille ein Schrei an ihr Ohr, der zornig und jämmerlich zugleich klang und aus dem Neste zu kommen schien.
»Sollte da droben wirklich ein Unglück geschehen sein?« dachte Akka. Sie breitete die Flügel aus und flog so hoch hinauf, daß sie in das Adlernest hineinsehen konnte.
Da oben war nichts von dem Adlerpaar zu entdecken; im ganzen Neste war niemand als ein halbnacktes Junges, das nach Nahrung schrie.
Langsam und zögernd ließ sich Akka zu dem Adlernest hinabsinken. Das war ein unheimlicher Ort! Man merkte gleich, was für Räuber hier wohnten. In dem Neste und auf der Felsenplatte lagen gebleichte Knochen, blutige Federn und Hautfetzen, Hasenköpfe, Vogelschnäbel und federnbesetzte Füße von Schneehühnern. Auch das Adlerjunge, das mitten in allen diesen Überbleibseln lag, bot mit seinem großen aufgesperrten Schnabel, seinem unbeholfenen flaumigen Körper und seinen unfertigen Flügeln einen widerwärtigen Anblick.
Schließlich überwand Akka ihren Widerwillen und setzte sich auf den Rand des Nestes, sah sich aber doch ängstlich nach allen Seiten um, denn sie war darauf gefaßt, die alten Adler im nächsten Augenblick dahersausen zu sehen.
»Gut, daß endlich jemand kommt!« rief das Adlerjunge. »Verschaff mir sogleich etwas zu essen!«
»Na na, das hat wohl keine so große Eile,« sagte Akka. »Sag mir zuerst, wo deine beiden Eltern sind.«
»Ja, wenn ich das wüßte! Gestern morgen sind sie fortgeflogen und haben mir nichts als eine Maus dagelassen. Du wirst dir denken können, daß die schon lange verzehrt ist! Es ist unverschämt von meiner Mutter, mich so Hunger leiden zu lassen.«
Jetzt war Akka überzeugt, daß die alten Adler erschossen worden waren, und sie dachte, wenn sie das Junge hier verhungern ließe, wäre sie die ganze Räubergesellschaft in Zukunft los. Aber sie konnte sich eben doch nicht entschließen, ein solches verlassenes Junge so elendiglich umkommen zu lassen, wenn es in ihrer Macht stand, ihm zu helfen.
»Was starrst du mich denn so an?« schrie das Junge. »Hörst du nicht, daß ich etwas zu essen will?«
Akka breitete die Flügel aus und flog rasch zu dem kleinen See hinunter; kurz darauf erschien sie wieder im Adlernest mit einer Forelle im Schnabel.
Aber als sie den Fisch vor den jungen Adler hinlegte, geriet dieser ganz außer sich vor Zorn. »Meinst du, ich esse solches Zeug?« schrie er, stieß den Fisch weg und hackte mit seinem scharfen Schnabel nach Akka. »Verschaff mir ein Schneehuhn oder eine Wühlmaus, hörst du!«
Aber jetzt streckte Akka den Kopf vor und gab dem Jungen einen ordentlichen Schlag in den Nacken. »Das laß dir gesagt sein,« rief die Alte, »wenn ich dir Futter verschaffen soll, mußt du mit dem zufrieden sein, was ich dir bringen kann. Dein Vater und deine Mutter sind tot, von ihnen kannst du also keine Hilfe mehr erwarten. Wenn du aber lieber hier verhungern willst, während du auf Schneehühner und Wühlmäuse wartest, dann habe ich nichts dagegen.«
Nachdem Akka dies gesagt hatte, flog sie sogleich davon und ließ sich erst nach einer guten Weile wieder in dem Neste sehen. Da hatte das Junge den Fisch verzehrt, und als Akka ihm einen neuen Fisch hinlegte, verschlang es diesen sogleich, obgleich man ihm gut anmerkte, daß er ihm abscheulich schmeckte.
Nun hatte Akka eine schwere Aufgabe. Die alten Adler kehrten niemals wieder, und so mußte sie alle Nahrung für das Junge ganz allein herbeischaffen. Sie brachte ihm Fische und Frösche, und diese Kost schien dem jungen Adler gar nicht übel zu bekommen, denn er wuchs groß und kräftig heran. Bald hatte er seine Eltern vollständig vergessen und glaubte, Akka sei seine rechte Mutter. Und Akka liebte ihn wie ein eigenes Kind. Sie erzog ihn mit aller Sorgfalt und gab sich die größte Mühe, ihm seinen wilden Sinn und seinen Hochmut abzugewöhnen.
Nachdem ein paar Wochen vergangen waren, fühlte Akka die Zeit herbeikommen, wo sie ihre Federn verlor und also nicht fliegen konnte. Sie wußte, während eines ganzen Monats würde sie dann nicht imstande sein, dem Jungen im Adlernest Nahrung zu bringen, und so müßte dieses elendiglich verhungern.
»Hör nun, Gorgo,« sagte Akka eines Tages zu dem jungen Adler. »Jetzt kann ich dir keine Fische mehr hier heraufbringen, und nun fragt es sich, ob du dich ins Tal hinunterwagst, damit ich dir auch ferner deine Nahrung verschaffen kann. Du mußt jetzt wählen, ob du lieber hier oben verhungern, oder dich ins Tal hinunterwerfen willst, was dich möglicherweise das Leben kosten kann.«
Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, stieg Gorgo auf den Rand des Nestes. Er nahm sich kaum die Mühe, die Entfernung mit dem Blick zu messen, sondern breitete seine kleinen Flügel aus und flog hinunter. Er überschlug sich zwar ein paarmal in der Luft, gebrauchte aber doch seine Flügel ganz geschickt, und so kam er unbeschädigt drunten im Tal an.
Von da an verbrachte Gorgo den Sommer zusammen mit den jungen Gösselchen und wurde ihnen bald ein sehr guter Kamerad. Da er sich selbst für einen jungen Gänserich hielt, gab er sich alle Mühe, gerade so zu leben wie sie, und wenn sie in den See hinausschwammen, lief er hinter ihnen her, bis er fast ertrank. Er schämte sich fürchterlich, daß er nicht schwimmen lernen konnte, und ging zu Akka, ihr sein Leid zu klagen.
»Warum kann ich nicht ebensogut schwimmen lernen wie die andern?« fragte er.
»Du hast allzu gekrümmte Zehen und zu große Klauen bekommen, während du da droben auf dem Felsenvorsprung lagst,« sagte Akka. »Aber du brauchst dich deshalb nicht zu grämen, es wird doch noch ein rechter Vogel aus dir.«
Die Flügel des jungen Adlers waren bald groß genug, ihn zu tragen; aber es dauerte doch noch bis zum Herbst, wo die jungen Gänse fliegen lernen sollten, bis es ihm einfiel, daß er seine Flügel auch zum Fliegen gebrauchen könnte. Nun aber brach eine herrliche Zeit für ihn an, denn in dieser Kunst war er bald der erste von allen. Seine Kameraden blieben nie länger in der Luft droben, als sie durchaus mußten; er aber hielt sich fast den ganzen Tag da droben auf und übte sich im Fliegen. Er war noch immer nicht darauf gekommen, daß er von andrer Art war als die Gösselchen. Aber es fiel ihm doch allerlei auf, was ihn in Erstaunen setzte, und immer wieder kam er mit neuen Fragen zu Akka.
»Warum laufen die Schneehühner und die Wühlmäuse davon, sobald sich auch nur mein Schatten droben am Felsen zeigt?« fragte er. »Vor den andern Gänsen zeigen sie keinen solchen Schrecken.«
»Deine Flügel sind zu groß geworden, während du droben auf dem Felsenvorsprung lagst, und vor denen fürchten sich die kleinen Tiere,« sagte Akka. »Aber du brauchst dich nicht darüber zu grämen, es wird doch ein rechter Vogel aus dir.«
Nachdem Gorgo fliegen gelernt hatte, lernte er auch ganz von selbst, Fische und Frösche zu fangen, aber bald begann er auch darüber nachzugrübeln.
»Woher kommt es, daß ich von Fischen und Fröschen lebe?« fragte er. »Das tun ja meine Brüder und Schwestern auch nicht?«
»Das kommt daher, weil ich keine andre Nahrung für dich hatte, solange du droben auf dem Felsenvorsprung lagst,« sagte Akka. »Aber du brauchst dich nicht darüber zu grämen, es wird doch ein rechter Vogel aus dir.«
Als die Wildgänse im Herbst südwärts zogen, flog Gorgo mit in der Schar. Er betrachtete sich immer als zu ihnen gehörig; aber ringsumher in der Luft flogen unzählige Vögel, die alle auf dem Wege nach dem Süden waren, und als Akka mit einem Adler in ihrem Gefolge daherkam, gerieten sie in große Aufregung. Bald war die Schar der Wildgänse von einem Schwarm neugieriger Vögel umringt, die ihre Verwunderung laut kundgaben. Akka gebot ihnen Schweigen, aber es war nicht möglich, so viele böse Zungen im Zaum zu halten.
»Warum nennen sie mich einen Adler?« fragte Gorgo unaufhörlich, und er wurde immer hitziger. »Können sie denn nicht sehen, daß ich eine Wildgans bin? Ich bin doch kein Vogelräuber, der seinesgleichen verzehrt! Wie kommen sie nur darauf, mir einen so häßlichen Namen zu geben?«
Eines Tages flogen die Wildgänse über einen Bauernhof hin, wo viele Hühner auf dem Misthaufen scharrten. »Ein Adler! Ein Adler!« riefen alle Hühner und liefen eiligst davon, sich zu verstecken. Aber jetzt konnte Gorgo, der von den Adlern immer als von wilden Bösewichten hatte reden hören, seinen Zorn nicht mehr bemeistern. Er schlug mit den Flügeln, schoß hinunter und schlug seine Fänge in eines von den Hühnern. »Ich will dich lehren, daß ich kein Adler bin!« schrie er heftig und hackte mit dem Schnabel auf das Huhn los.
Da hörte er, daß Akka ihn von oben aus rief. Er gehorchte augenblicklich und flog hinauf. Die alte Wildgans kam ihm entgegengeflogen, um ihn zu züchtigen. »Was tust du?« rief sie und schlug mit dem Flügel nach ihm. »Hattest du etwa im Sinne, das arme Huhn zu zerreißen? Du solltest dich schämen!«
Als aber der Adler die Züchtigung ohne Widerstand hinnahm, erhob sich unter den großen Vogelscharen ringsumher ein wahrer Sturm von Spottreden und Schmähungen. Der Adler hörte es, und nun wendete er sich mit zornigen Blicken an Akka, wie wenn er sie anfallen wollte. Aber er änderte seine Absicht sogleich wieder, stieg mit heftigen Flügelschlägen hoch in die Luft hinauf, so hoch, bis ihn kein Ruf mehr erreichen konnte, und schwebte da droben umher, solange die Wildgänse ihn noch sehen konnten.
Drei Tage später erschien er wieder bei den Wildgänsen.
»Jetzt weiß ich, wer ich bin,« sagte er zu Akka. »Und da ich ein Adler bin, muß ich so leben, wie es einem Adler geziemt. Aber deshalb können wir doch gute Freunde bleiben; dich oder eine der Deinigen werde ich nie angreifen.«
Aber Akka hatte ihren ganzen Stolz darein gesetzt, diesen Adler zu einem ungefährlichen Vogel heranzuziehen, und sie wollte es nicht leiden, daß er nach seiner Art leben wollte.
»Meinst du, ich werde mit einem Vogelräuber Freundschaft halten?« sagte sie. »Lebe so, wie ich es dich gelehrt habe, dann darfst du wie bisher in meiner Schar bleiben.«
Beide waren stolz und unbeugsam; keines wollte nachgeben, und schließlich verbot Akka dem Adler geradezu, sich in ihrer Nähe sehen zu lassen, ja, sie war so böse auf ihn, daß in Akkas Nähe niemand seinen Namen auch nur auszusprechen wagte.
Von dieser Stunde an zog Gorgo im Lande umher, einsam und von allen gemieden, wie alle großen Räuber. Er war oftmals in trüber Stimmung, und sicherlich sehnte er sich oft nach der Zeit zurück, wo er sich noch für eine Wildgans gehalten und mit den lustigen jungen Gösselchen gespielt hatte. Unter den Tieren war er wegen seiner Kühnheit berühmt. Es hieß, er fürchte sich vor nichts und vor niemand als vor seiner Pflegemutter Akka, und er stand auch in dem Rufe, sich noch nie an einer Wildgans vergriffen zu haben.
Gefangen
Gorgo war erst drei Jahre alt und hatte noch nicht daran gedacht, sich eine Frau zu nehmen und eine Heimat zu gründen, als er eines Tages von einem Jäger gefangen wurde, der ihn an das Freiluftmuseum Skansen in Stockholm verkaufte. Als Gorgo nach Skansen kam, waren schon zwei Adler da. Sie wurden in einem Käfig aus eisernen Stangen und Stahldraht gefangen gehalten; der Käfig stand im Freien und war sehr groß, und damit die Adler sich heimisch fühlen sollten, hatte man sogar einige Bäume hinein verpflanzt und einen ordentlichen Berg aus Steinblöcken darin aufgeführt. Aber trotz allem gediehen die Vögel nicht; fast den ganzen Tag saßen sie unbeweglich auf demselben Platz, ihr schönes dunkles Gefieder wurde struppig und verlor seinen Glanz und, hoffnungslose Sehnsucht im Blick, starrten die armen Tiere gerade in die Luft hinaus.
In der ersten Woche seiner Gefangenschaft war Gorgo noch wach und lebendig; aber dann überfiel ihn allmählich eine dumpfe Gleichgültigkeit. Er saß ganz ruhig auf demselben Platz, starrte vor sich hin, ohne etwas zu sehen, und die Tage vergingen, ohne daß er es merkte.
Eines Morgens, als Gorgo wie gewöhnlich im Halbschlaf befangen war, hörte er, daß ihn jemand vom Boden aus anrief.
»Wer ruft mich?« fragte er.
»Aber Gorgo, erkennst du mich denn nicht mehr? Ich bin der Däumling, der mit den Wildgänsen umherzog.«
»Ist Akka auch gefangen worden?« fragte Gorgo, in einem Ton, wie wenn er aus einem tiefen Schlafe erwachte und seine Gedanken erst zusammennehmen müßte.
»Nein, Akka und der weiße Gänserich und die ganze Schar der Wildgänse sind wahrscheinlich jetzt droben in Lappland,« sagte der Junge. »Nur ich bin hier gefangen.«
Während der Junge dies sagte, sah er, daß Gorgo die Augen abwendete und wie vorher in die Luft hinausstarrte.
»Königsadler!« rief der Junge. »Ich habe nicht vergessen, daß du mich einmal zu den Wildgänsen zurückgebracht und auch das Leben des weißen Gänserichs verschont hast. Sag mir, ob ich dir in irgend einer Weise helfen könnte!«
Aber Gorgo hob kaum den Kopf. »Störe mich nicht, Däumling!« sagte er. »Ich träume eben, ich flöge hoch droben in der Luft umher, und ich will nicht erwachen.«
»Du mußt dir Bewegung machen und dich darum kümmern, was um dich her vorgeht,« mahnte der Junge. »Sonst siehst du bald ebenso elendig aus wie die andern Adler hier.«
»Ich wünschte, ich wäre schon wie sie. Sie sind so traumverloren, daß sie nichts mehr berühren kann,« sagte Gorgo.
Als es Nacht geworden war und alle Adler schliefen, ertönte ein leichtes Kratzen an dem Stahldrahtnetz, das den Adlerkäfig bedeckte. Die beiden alten und abgestumpften Gefangenen ließen sich von dem Geräusch nicht stören, aber Gorgo erwachte. »Wer da?« rief er. »Wer bewegt sich da oben auf dem Dache?«
»Ich bin's, Gorgo, der Däumling,« antwortete der Junge. »Ich versuche hier den Draht durchzufeilen, damit du entfliehen kannst.«
Der Adler hob den Kopf und sah in der hellen Nacht, wie der Junge eifrig an dem Drahtnetz, das über den Käfig gespannt war, feilte. Einen Augenblick regte sich die Hoffnung in seinem Herzen, aber die Mutlosigkeit gewann doch gleich wieder die Oberhand. »Ach, Däumling, ich bin ein sehr großer Vogel,« sagte er. »So viele Drähte, daß ich hinauskommen kann, wirst du kaum durchfeilen können. Gib dein Vorhaben lieber gleich auf und laß mich in Frieden.«
»Schlaf du nur und kümmere dich nicht um mich,« erwiderte der Junge. »Heute nacht werde ich freilich noch nicht fertig und morgen nacht auch nicht; aber ich will nun einmal versuchen, dich zu befreien, denn hier gehst du ja vollständig zugrunde.«
Gorgo schlief wieder ein; als er aber am nächsten Morgen erwachte, sah er gleich, daß schon eine große Menge Drähte durchgefeilt waren. An diesem Tag fühlte er sich nicht so schläfrig wie am vorhergehenden; er schlug oft mit den Flügeln und hüpfte auf den Ästen umher, um seine steifen Glieder wieder geschmeidig zu machen.
Eines Morgens in aller Frühe, gerade als der erste Streifen Morgenlicht am Himmel aufleuchtete, weckte der Däumling den Adler. »Versuch es jetzt, Gorgo!« sagte er.
Der Adler schaute auf. Der Junge hatte wirklich die vielen Drähte durchgefeilt; da droben in dem Stahldrahtnetz war ein großes Loch. Gorgo bewegte die Flügel und schwang sich hinauf. Zweimal fiel er wieder in den Käfig zurück, aber schließlich gelangte er doch glücklich ins Freie.
Mit stolzen Flügelschlägen stieg er hoch zu den Wolken empor. Der kleine Däumling stand unten und sah ihm mit einem wehmütigen Ausdruck nach. Ach wie sehr wünschte er, es käme jemand und gäbe auch ihm die Freiheit!
Der Junge war jetzt ganz heimisch auf Skansen. Er hatte mit allen Tieren Bekanntschaft geschlossen und viele Freunde unter ihnen gewonnen; er sah ja auch wohl ein, daß in diesem Freiluftmuseum außerordentlich viel Interessantes und Lehrreiches zu sehen war, und es wurde ihm nicht schwer, sich die Zeit zu vertreiben; aber doch zogen seine Gedanken jeden Tag sehnsüchtig hinaus zu seinem lieben Gänserich Martin und allen seinen andern Reisegefährten.
»Wenn ich doch nur nicht durch mein Versprechen gebunden wäre! Dann wollte ich schon einen Vogel finden, der mich zu den Wildgänsen trüge,« dachte er.
Es klingt recht merkwürdig, daß Klement Larsson dem Jungen seine Freiheit nicht wiedergegeben hatte, aber man muß bedenken, wie verwirrt der kleine Spielmann war, als er Skansen verließ. An dem Morgen, wo er abreiste, hatte er sich allerdings vorgenommen gehabt, dem kleinen Knirps sein Essen in einem blauen Napf hinzustellen, aber zum Unglück hatte er keinen solchen finden können. Dann waren alle die Leute von Skansen -- die Lappen, die Mädchen aus Dalarna, die Maurer und Gärtner -- herbeigekommen, ihm Lebewohl zu sagen, und so hatte er keine Zeit mehr gehabt, sich einen blauen Napf zu verschaffen. Die Stunde der Abreise kam heran, und schließlich wußte er sich nicht anders zu helfen, als einen der Lappländer um Hilfe zu bitten.
»Hör einmal,« sagte er. »Hier auf Skansen wohnt einer von dem Wichtelvolk, dem ich jeden Morgen etwas zu essen bringe. Willst du mir nun einen Gefallen tun? Hier ist etwas Geld, dafür kaufe einen blauen Napf und stelle ihn morgen mit etwas Grütze und Milch auf die Treppe der Bollnäshütte.«
Der alte Lappe machte ein sehr verwundertes Gesicht; aber Klement hatte keine Zeit mehr, ihm die Sache noch näher zu erklären, denn er mußte jetzt auf den Bahnhof.
Der Lappe war dann auch wirklich in die Stadt gegangen, einen blauen Napf zu kaufen; als er aber keinen blauen sah, der ihm für seinen Zweck passend erschien, kaufte er einen weißen, und in diesem stellte er gewissenhaft jeden Morgen Milch und Grütze hin.
Auf diese Weise war der Junge seines Versprechens nicht entbunden worden. Er wußte wohl, daß Klement fort war, aber er selbst durfte nicht davongehen.
In dieser Nacht nun sehnte sich der Junge mehr als gewöhnlich nach der Freiheit, und das kam daher, daß es jetzt im Ernst Frühling und Sommer geworden war. Er hatte während der Reise ja oft unter der Kälte und dem schlechten Wetter gelitten, und in der ersten Zeit auf Skansen hatte er öfters gedacht, es sei vielleicht ganz gut, daß er die Reise hatte aufgeben müssen, denn wenn er im Mai nach Lappland gekommen wäre, hätte er dort droben sicherlich erfrieren müssen. Aber jetzt war es warm geworden, die Wiesen prangten in frischem Grün, Birken und Pappeln hatten ein seidig schillerndes Blätterkleid, die Kirschbäume, ja alle möglichen Obstbäume standen mit Blüten übersät da, die Beerensträucher hatten schon ganz kleine Früchte auf den Zweiglein, die Eichen rollten äußerst vorsichtig ihre Blätter auf, Erbsen, Kohl und Bohnen grünten auf den Gemüsebeeten auf Skansen.
»Jetzt wäre es wohl auch in Lappland warm und schön,« dachte der Junge. »Wie gerne säße ich an einem schönen Morgen auf dem Rücken des Gänserichs Martin! Wie prächtig wäre jetzt ein Ritt durch die warme stille Luft da droben, von wo ich auf die mit grünem Gras und mit herrlichen Blumen geschmückte Erde herunterschauen könnte!«
Der Junge war noch mit diesem Gedanken beschäftigt, als plötzlich Gorgo aus der Luft heruntersauste und sich neben dem Däumling auf das Dach des Käfigs setzte. »Ich wollte nur meine Flügel prüfen, um zu sehen, ob sie mich noch ordentlich tragen,« sagte er. »Du hast hoffentlich nicht gedacht, ich werde dich hier in der Gefangenschaft zurücklassen? Setze dich jetzt auf meinen Rücken, dann bringe ich dich zu deinen Reisegefährten zurück.«
»Nein, das ist unmöglich,« sagte der Junge. »Ich habe mein Wort darauf gegeben, daß ich hier bleibe, bis man mir die Freiheit zurückgibt.«
»Was schwatzest du da für dummes Zeug?« erwiderte Gorgo. »Zuerst hat man dich gegen deinen Willen hierhergebracht und dich dann noch obendrein gezwungen, hierzubleiben. So ein Versprechen braucht man nicht zu halten, das wirst du doch verstehen?«
»Ich muß es trotzdem halten,« sagte der Junge. »Nein, mein lieber Gorgo, ich danke dir für deine gute Absicht, aber du kannst mir nicht helfen.«
»So, kann ich es nicht?« erwiderte Gorgo. »Das sollst du bald sehen!« Und in demselben Augenblick ergriff Gorgo den Jungen mit seinen großen Fängen, schwang sich mit ihm zu den Wolken hinauf und verschwand in nördlicher Richtung.