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Rebekka Becker
Mufßse im höfischen Roman
Literarische Konzeptionen des Ausbruchs und der Außeralltäglichkeit im »Erec«, »Iwein« und »Tristan« oaz vun INVE PEVAC j
Vorwort
Diese Arbeit, die im Wintersemester 2016/17 als Dissertation angenommen wurde, ist im Rahmen des SFB 1015 »Muße. Konzepte, Räume, Figuren« (2013-2016) an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau entstanden und wurde für den Druck überarbeitet. Sie ist geprägt von den Überlegungen, Diskussionen und Forschungsansätzen des Projektes und des integrierten Graduiertenkollegs. Ich bin sehr dankbar, dass ich bei diesem Sonderforschungsbereich mitwirken und dieses Buch schreiben konnte.
Besonders herzlich danke ich Prof. Henrike Manuwald für ihre große Unterstützung, für Orientierung wie Freiraum gleichermaßen, für ermutigende Worte und wertvollen Rat sowie für das Interesse und die Aufmerksamkeit, mit der sie die gesamte Zeit über meine Arbeit begleitete. Prof. Thomas Klinkert und Prof. Martina Backes danke ich sehr für hilfreiche Gespräche und weiterführende Empfehlungen.
Des Weiteren gilt mein Dank dem gesamten Teilprojekt C ı »Paradoxien der Muße im Mittelalter. Paradigmen tätiger Untätigkeit in höfischer und mystischer Literatur«, vor allem aber Prof. Burkhard Hasebrink, der mich mit dem Tristan- Seminar im Wintersemester 2009/10 gewissermaßen auf den Weg zur Muße »gebrachtc hat.
Susanne Bernhardt, Nadine Krolla und Heidi Liedke bin ich dankbar für wertvolle Hinweise und den inhaltlichen Austausch; Mark Chinca und Prof. Markus Stock danke ich für anregende Gespräche; außerdem danke ich Verena Spohn für ihre Mithilfe bezüglich Korrektur und Bibliographie.
Den Herausgeberinnen und Herausgebern der Schriftenreihe Otium danke ich für die Aufnahme meiner Arbeit.
Für ihre fortwährende Unterstützung, für kostbare Gespräche und all die Fragen, die mich »allmählich [...] in die Antworten hinein[leben]« ließen, danke ich zu guter Letzt von Herzen meiner Familie: meinen Eltern Waltraud und Albrecht, meinen Schwestern Sarah und Judith sowie Yannick, der den Text mit kritischem Blick las und mir auf dem Weg zum Buch eine große Hilfe war. Ihnen und unserem Sohn Levi sei dieses Buch gewidmet.
Tübingen, im Februar 2019 Rebekka Becker
Inhaltsverzeichnis ı Theoretische Vorüberlegungen:
1.1 Literarische Konzeptionen des Ausbruchs und der 1.3.1 Institutionalität . . .. 2. C aaa o 15 1.32. aE A n a A a Base ee en nes a 28 1.5. 'Forschungsständ 4... uw... 00 Bam ann er 48 1.6 "TEXICOLPUSS ac. Ss ee ee Endes le gene te A 57
2 Annäherung: Muße im »Tristan<-Prolog des Gottfried von Straßburg ... 2... 222222 eeeenn 67 3 Abgrenzung: Zur (Un-)Möglichkeit
3.1 arbeite reres Kampf . 2... me on none 86 3.1.4 Formen der Regeneration ... ossaa aaue 135 3.1.5 Aufgehen im Kampf .. sa 2.2.22 nennen 143 3.1.6 Imaginäre Fluchten... naasa 150
3.1.7 Resümee: Paradigmen der Vertreibung und Ablehnung von Muße ... 2.2.2.2 un nennen 153
3.2.1 »äventiure< als Bewährung: zwischen Ereignis, Aufmerksamkeit und Reaktion .... 2... 222222020. 159
XII Inhaltsverzeichnis
3.2.2 Exkurs: ȉventiure< zwischen Reflexion und
Abwägung im >Danielk .. l. nnana 167 3.2.3 »äventiure< als Anderwelt: Verlust und Wiedergewinn der höfischen Strukturen... 2. 2222 222er. 176 3.2.6 Resümee: Muße im Kontext von »äventiure<-Handeln 3.3 Fest, Geselligkeit, »kurzwile« .... 22.220 onn een 217 3.3.2 Veralltäglichung des Festes... . 2.2... 2222200... 241 3.3.3 Formen der »kurzwile< .. 2.2.2.2 22 22 u ernennen 249 3.3.4 Resümee: Institutionalisierte Außeralltäglichkeit und Inseln der Muße .... 2.2.2 mo onen. 282
3.4 Zwischenfazit: Zur (Un-)Möglichkeit institutionalisierter Formen von Muße . 2... EC onen. 284
4 Verortung: Spielräume der Muße
4.1 Topographie der Muße . 2.2... 2... nenenn nn 288 4.1.1 Der Garten der Oiseuse als Raum der Muße und 4.1.2 Die Lektüreszene im Baumgarten als Moment 4.1.3 Exkurs: Lesen als Wildern auf der Waldlichtung 4.1.4 Metaphorische Räume der Liebe als Rückzugsräume jenseits der Pole von Institutionalität und Spielraum .... 317 4.1.5 Der Zaubergarten als ander paradîse< in der »Joie-de-la-curt<-Episode im »Erec< .... 2.2.2222... 329 4.1.6 Resümee: Die triadische Verknüpfung von Muße, 4.2 Periphere Spielräume der Muße .. 2... 2.2222 .eeeeenn 344 4.2.2 Der Wald - Iweins Wahnsinn ... 2... 2222222000. 358 4.2.4 Resümee: Im Licht der Mittagssonne. Muße als
4.3.1 Zwischen »muoze< und »unmuoze«: Das Tableau der Minnegrötte > u... Rn ra Are 388
Inhaltsverzeichnis XIII
4.3.2 Der Spielraum der Muße zwischen Utopie und
Heterotopie: e.i 222 3. 0: 4 a as ee AA 397 4.3.3 Der Einbruch der Gesellschaft und die Auflösung des Spielraums der Muße .. 2... 2222 n een. 405 4.3.4 Das Tätigsein der Liebenden und die Minnegrotte 4.3.5 Resümee: Die Minnegrotte als heterotoper Spielraum der. Muße: 24. 2. ns Gasen le Far 420 4.4 Zwischenfazit: Spielräume der Muße... 2... 2.2222. 20.. 422
5 Ausklang: Muße in der Poetologie und
Anhang
Literaturverzeichnis „ socera ae 23.2 ner. AEE 465 AbKUrZUNGENN.. rieda ne ee ee 465 Textausgaben. sita 4: #3 ma Sr Er el a HA Han 465 Wörterbücher und Nachschlagewerke .... 2... 22222. 468 Forschungsliteratur .. 222 20mm onen 469 Register S ee Be ee ER 521 Sachregister.. 3.0. 5. 20a 2 ea Ra hai he ne 521
Namerisregister ony 42 2 hie al at rn eich a 523
Kapitel ı Theoretische Vorüberlegungen: Zwischen Institutionalität und Spielraum
1.1 Literarische Konzeptionen des Ausbruchs und der Außeralltäglichkeit im höfischen Roman diu selbe stiege wiste in
in einem boumgarten hin: der was lanc unde wit
daz er vor des noch sit deheinen schoenern nie gesach
In Texten der deutschsprachigen höfischen Großepik um 1200 lassen sich immer wieder Strukturen des Ausbruchs aus kulturellen Ordnungen und institutionellen Mechanismen beobachten, die zu Momenten des Außeralltäglichen führen und die Transgression gesellschaftlicher Grenzen betreffen: so löst sich Iwein etwa in der anzitierten »Lektüreszene< aus dem streng getakteten Lauf seiner Aventiuren und tritt in die scheinbar stillgestellte Zeit eines Baumgartens, in der ein Mädchen seinen Eltern aus einem französischen Buch vorliest.” Ein anderes Beispiel sind Tristan und Isolde, die sich nach der Verbannung durch Marke vom Hof und dem dortigen höfischen Dasein entfernen und sich zurückziehen in die paradiesisch erscheinende Welt der Minnegrotte.” Diese beiden prägnanten Beispiele von Spiel- und Freiräumen, die gerade im Falle Tristans und Isoldes auf den ersten Blick abseits des adligen Ordnungssystems zu stehen scheinen, zeichnen sich durch ihre spezifische Zeitlichkeit und Räumlichkeit aus.
Die genannten literarischen Beispiele zeigen, dass Konzeptionen des Ausbruchs, die oftmals auf narratologischer Ebene parallel Ausbrüche aus dem Rahmen des strengen Handlungsverlaufs darstellen und auf den ersten Blick
' Textgrundlage: Iwein. Eine Erzählung von Hartmann von Aue, hg. v. Georg Friedrich Benecke und Karl Lachmann, neu bearbeitet v. Ludwig Wolff, siebente Ausgabe, Bd. ı Text, Bd. 2 Handschriftenübersicht, Anmerkungen und Lesarten, Berlin 1968.
? Vgl. im Iwein die Verse 6425-6586, vgl. Kapitel 4.1.2. Weitere Ausführungen zum Textcorpus finden sich in Kapitel 1.6.
° Vgl. im Tristan (Textgrundlage: Gottfried von Straßburg, Tristan, nach dem Text von Friedrich Ranke, neu hg., ins Neuhochdeutsche übersetzt, mit einem Stellenkommentar und einem Nachwort v. Rüdiger Krohn, 3 Bde., Stuttgart 2007) die Verse 16679-17701, vgl. Kapitel 4.3.
keinerlei Bedeutung für diesen zu haben scheinen,* immer zeitlich begrenzt sind. Sie werden entweder von den beteiligten Figuren selbst beendet und zurück in die bestehenden Ordnungen geführt oder innerhalb der Handlung von außen (seien es Figuren oder Situationen) in ihrer Geschlossenheit aufgebrochen und wieder in das Hauptgeschehen zurückgeführt. Diese Szenen sind geprägt durch Aspekte wie Flüchtigkeit und Leichtigkeit, welche im Kontrast zu einem von Kämpfen und Aventiurefahrten beherrschten Geschehen sowie zu einem adligen Werte- und Tugendsystem stehen, welches in Prozessen der Perfektionierung der Maxime »arbeit umbe êre< folgt. Die Unbestimmtheit bei der Einordnung solcher Szenen in den Handlungsverlauf und deren Stellenwert für das erzählte Geschehen werfen Fragen auf: Um welche Phänomene handelt es sich in derartigen literarisch inszenierten Ausbrüchen, die aus dem Erzählgang herausfallen und eine andere Weltbetrachtung eröffnen? Lassen sich diese überhaupt unter einem globalen Phänomen zusammenfassen?
Diese Fragen verdienen nicht nur deswegen Aufmerksamkeit, weil sie bislang systematisch noch kaum erschlossen sind, sondern vor allem, weil sie Aspekte einer höfischen Kultur freizulegen suchen, die abseits der institutionellen Ordnung einer adligen Gesellschaft der Repräsentation und Visualität zu verorten sind. Die vorliegende Arbeit fragt in der Untersuchung einschlägiger Passagen aus dem höfischen Roman auch nach den literarischen Inszenierungen dieser genannten Ausbrüche aus routiniertem, erwartbarem und erwartetem Verhalten. Die literarischen Konzeptionen von Außeralltäglichkeit sollen in ihrer Verschiedenheit ausgelotet und distinktive Merkmale herausgearbeitet werden, die mögliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Darstellungen aufzeigen. Eine solche Rekonstruktion der literarischen Gestaltung und Semantisierung von Außeralltäglichkeit lässt sich nur vor der Kontrastfolie der Alltäglichkeit als einer Art festgelegten Rahmung, geprägt von Regelkonformität und Ordnungsstrukturen, durchführen. In dem Wort »Alltag« steckt bereits in den einzelnen Bestandteilen sowohl der Aspekt des täglich Wiederkehrenden, Durativen als auch jener von Gewohnheit, Stetigkeit, Kontinuität und Stabilität.” Sicherlich ist für den höfischen
* Anders als in der genannten Iwein-Szene ist die Minnegrottenszene insofern bedeutungstragend für die Handlung, da sie die Anderwelt der edelen herzen materialisiert und das Minneideal durch die Grottenallegorie architektonisch darstellt. Doch auch hier erliegt das Handlungsgeschehen nur einem momentanen Stillstand. Die endgültige Trennung der Liebenden kann letztlich nicht aufgehalten werden. Vgl. dazu Kapitel 4.2.3 sowie 4.3.
5 Vgl. zur Geschichte des Wortfeldes »Alltag< Hans Peter Thurn, Der Mensch im Alltag. Grundrisse einer Anthropologie des Alltagslebens, Stuttgart 1980, S. 4-11. Thurn verweist darauf, dass das Phänomen zwar früh bekannt ist, doch dass sich der Begriff »Alltag« selbst erst Mitte des 18. Jahrhunderts durchsetzt, vgl. S. 4. Vgl. speziell zur mittelalterlichen Alltagsgeschichte aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive Hans-Werner Goetz, »Geschichte des mittelalterlichen Alltags. Theorie - Methoden - Bilanz der Forschung, in: Mensch und Objekt im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. Leben - Alltag - Kultur. Internationaler Kongress Krems an der Donau, 27. bis 30. September 1988, bearbeitet v. Gerhard Jaritz, Wien 1990, S. 67-101. Vgl. zu Alltag und Alltäglichkeit auch die soziohistorische Arbeit von Henri Lefebvre, Kritik des Alltagslebens, 3 Bde., aus dem Französischen v. Burkhart Kroeber, hg. v. Dieter Prokop, München 1974/75 (im Origi-
Konzeptionen des Ausbruchs und der Außeralltäglichkeit 3
Ritter“ der Kampf auch als Alltag zu verstehen, doch selbst innerhalb dieses für den Ritter prägenden Bereiches zeigen sich Momente des Außergewöhnlichen und Überraschenden, die die äventiure-Fahrten mit sich bringen.” Typische höfische Vergnügungen, etwa die Jagd oder das Schachspiel, sind freilich wiederkehrende Elemente höfischen Daseins, doch sind sie als eine Form der kurzzeitigen Befreiung von mühevollen ritterlichen Pflichten und Sorgen zugleich eine Aufhebung des Alltäglichen. Nicht zuletzt finden die genannten Zerstreuungen meist in Zusammenhang mit Festen, die als außeralltägliche Höhepunkte aufgefasst werden können, Erwähnung.’
In dieser Arbeit ist »Alltäglichkeit« bzw. »Alltag« in einem strukturellen Sinne zu verstehen, weniger in einem inhaltlichen. Demnach ist Alltäglichkeit geprägt von zweckrationalen Überlegungen, Planbarkeit und Dauerhaftigkeit. Zusätzlich zeichnet sich das Alltägliche gegenüber Zuständen der Außeralltäglichkeit durch nal: Critique de la vie quotidienne, Tome I: Introduction, Paris 1958, Tome II: Fondements d’une sociologie de la quotidiennete, Paris 1961, Fassung der einbändigen Erstausgabe Paris 1947). Vgl. zur Uneinheitlichkeit und Unbestimmtheit der Begriffsverwendung »Alltag« in soziologischer Perspektive Norbert Elias, »Zum Begriff des Alltags«, in: Materialien zur Soziologie des Alltags, hg. v. Kurt Hammerich und Michael Klein, Opladen 1978, S. 22-29. Ebenfalls aus soziologischer Perspektive hat Hans-Georg Soeffner den Fokus auf den Alltag gelegt: Hans-Georg Soeffner, Auslegung des Alltags - Der Alltag der Auslegung. Zur wissenssoziologischen Konzeption einer sozialwissenschaftlichen Hermeneutik, unter redaktioneller Mitarbeit von Ludgera Vogt, Frankfurt a.M. 1989, bes. S. 10-50. Nach Soeffner ist mit »Alltag< »weder eine historisch vorfindliche, spezifische Wirklichkeit noch eine Welt alltäglicher Gebrauchsgegenstände und Verrichtungen gemeint. [...] Die generative Struktur dessen, was wir Alltag nennen, beruht vielmehr auf einem besonderen Typus der Erfahrung, des Handelns und des Wissens«, S. 15. Kennzeichnend für den Alltag, verstanden als eine »Welt der Selbstverständlichkeiten«, S. 19, sind nach Soeffner u.a. Normalität, Typik, Erzeugung von Handlungs- und Deutungsmustern als Entlastung, Wiederholung erprobter und bekannter Handlungsmuster in der Interaktion sowie Erstarrung einiger dieser Muster in Handlungsritualen.
° Da in den untersuchten Texten stets männliche Figuren im Mittelpunkt stehen, verwende ich im Folgenden im Plural ebenso die männliche Form. Diese bezieht sich aber je nach Kontext auch aufbeide Geschlechter, etwa wenn von den Teilnehmern des höfischen Festes die Rede ist. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auch bei rezeptionsästhetischen Überlegungen für beide Geschlechter im Singular wie im Plural die männliche Form verwendet.
7 Vgl. Hans-Werner Goetz, Leben im Mittelalter vom 7. bis zum 13. Jahrhundert, München 1986, bes. S. 189-200. Goetz versteht in dieser alltagsgeschichtlichen Studie »Alltag«< allerdings als das menschliche Leben selbst, inmitten der materiellen Kultur, S. 14.
® Dagegen versteht Klaus Guth, »Alltag und Fest. Aspekte und Probleme gegenwärtiger Festkulturforschung«, in: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 81 (1985), S. 59-78, das Fest als »integralen Bestandteil der Alltagskultur«, S. 60. Ähnlich argumentiert auch Werner Paravicini, »Alltag bei Hofe«, in: Alltag bei Hofe. 3. Symposium der Residenzen-Kommission der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Ansbach 28. Februar bis 1. März 1992, hg. v. Werner Paravicini, Sigmaringen 1995, S. 9-30, hier S. 23, wenn er von der Wiederkehr des Außergewöhnlichen - beispielsweise Schwertleiten, Taufen, Hochzeiten, Begräbnisse, aber auch religiöse oder politische Feste sowie Krieg - als sekundären Alltag bezeichnet. Damit fassen sowohl Guth als auch Paravicini immer wieder auftauchende Feste und Ereignisse einer Gesellschaft als Alltag dieser auf; die Einmaligkeit dieser Ereignisse für den Einzelnen spielt dabei eine untergeordnete Rolle.
quantitative Dominanz aus. Außeralltäglichkeit bezeichnet demnach einen zumindest zeitweisen Bruch mit jener Regelordnung, die das gemeinschaftliche Zusammenleben alle Tage prägt und zu seinem Funktionieren beiträgt. Dieser Bruch, so lässt sich in den höfischen Texten beobachten, ist nicht als gänzliche Trennung zu verstehen, sondern als temporärer Ausbruch, da die Bewegung immer wieder zurückgeführt wird in die bestehende Ordnung. In dem Wort >»Ausbruch« schwingt eine kraftvolle, explosive Bedeutungsdimension mit, die die Bewegung aus dem formgebenden wie vereinnahmenden Alltagsgeschehen, wie sie in den höfischen Texten zu beobachten ist, in ihrer Sprengkraft treffend beschreibt. Es geht um eine Bewegung, die sich dem Sog bewährter Strukturen, dem Sog von Regelhaftigkeit, Gewohnheit, Normalität bzw. Normalisierung sowie Funktionalisierung und Interpretationszwang in aller Radikalität entzieht. Ein in diesem Sinne verstandener Ausbruch stellt auch einen Zeitbruch dar, er schafft Momente eines scheinbaren Stillstandes, ohne der Zeit wirklich enthoben zu sein. Zugleich ist er als Unterbrechung des gewöhnlichen Ablaufes zu verstehen. Wesentliche Komponenten von Strukturen des Ausbruchs sind Plötzlichkeit und Unerwartetheit, mit der sich die temporäre Abwendung von alltäglichen Praktiken und Geboten wie Verboten vollzieht.” Dies ist nicht nur physisch-materiell, quasi brachial, denkbar, sondern kann ebenso leise und, für Außenstehende unsichtbar, mental vonstatten gehen. Es geht gerade um jene Dimension des Befreienden, die der Begriff des Ausbruchs fasst - ein Ausbruch aus der »Gefangenschaft« des Alltäglichen. Ein solch sprunghafter Ausbruch aus routinierten, weitgehend verinnerlichten kulturellen Verhaltens- und Wertemustern eröffnet, im Sinne eines metaphorisch verstandenen Aufbruches oder Durchbruches zu neuen Perspektiven, eine unbekannte, intensive, überraschende und möglicherweise auch übergeordnete Sichtweise. Darin mag der qualitative Unterschied zum alltäglichen Erleben liegen.
Diese neue Sicht- und Erlebnisweise, die der jeweiligen Figur in den Ausbrüchen potenziell widerfahren kann, vermag die moderne Diskussion um den Begriff »Muße« gewinnbringend zu beleuchten. Die literarischen Konzeptionen des Ausbruchs, wie sie in der höfischen Großepik um 1200 zu finden sind, zeigen Analogien zu modernen Theorien von Muße, welche als ein außeralltägliches Phänomen gefasst werden kann, das, von den Strukturen und Ordnungen des Gewohnten und Gleichförmigen temporär gelöst, Möglichkeitsräume des Freien und Ungebundenen öffnet. Das Wahrnehmen von Ähnlichkeiten ist Grundlage, um Beziehungen festzustellen, ihnen nachzugehen und neue Erkenntnisse zu gewinnen. Daher widmet sich der folgende Kapitelabschnitt (1.2) ausführlich der Analogie zu modernen Konzeptionen von Muße.
Aus den genannten Beobachtungen entwickelte sich die leitende These der Arbeit, dass sich bestimmte literarische Konzeptionen des Ausbruchs und der Außeralltäglichkeit aufgrund korrespondierender struktureller Merkmale mit modernen Konzeptionen von Muße nicht nur als »Muße« interpretieren, sondern
? Vgl. zu einer Poetik des Bruchs u.a. Tony Perucci, »What the Fuck is That? The Poetics of Ruptural Performance, in: Liminalities: A Journal of Performance Studies 5 (2003), S. 1-16.
Konzeptionen des Ausbruchs und der Außeralltäglichkeit 5 erst über diesen Beobachtungsbegriff in ihrer Bedeutung für die höfische Kultur fassen lassen. Angesichts dieser Überlegungen sucht die vorliegende Studie die kulturellen und diskursiven Kontexte von Konzeptionen des Ausbruchs in den Texten zu rekonstruieren und die Faszination wie Prekarität des Wechselspiels von Ausbruch und Ordnung, welches im Text selbst erst erzeugt wird, im Rückgriff auf den modernen Begriff der »Muße« zu verstehen.
Es stellt sich die Frage, in welchen gesellschaftlichen Kontexten und sozialen Schichten derartige Konzeptionen im höfischen Roman überhaupt artikuliert werden und werden können. Im Mittelpunkt des Textgeschehens stehen explizit Figuren, die einer adligen Elite angehören und daher ein Leben ohne Zwang zu produktiver Arbeit führen können;'” Zugehörige niederer Schichten spielen höchstens am Rande eine untergeordnete Rolle. Es ist daher davon auszugehen, dass Erfahrungen des Ausbruchs und der Außeralltäglichkeit, die sich mit »>Mu- Be< fassen lassen, allein dieser sozialen Elite in den Texten vorbehalten sind. Die dargestellte adlige Gesellschaft weist eine spannende Ambivalenz auf, indem sie einerseits nach Vollkommenheit strebt und sich durch ein zweckbestimmtes, rationales Tun voller Agilität und Aktivität auszeichnet, andererseits aber auch von dem Wunsch nach Geselligkeit, Zeitvertreib, Unterhaltung und Rückzug geprägt zu sein scheint. Vor dieser Folie ergibt sich die Frage, inwiefern sich Ausbrüche aus den vorhandenen Verhaltens- und Wertvorstellungen mit dem Ideal der nach êre strebenden Ritterfigur überhaupt vereinbaren lassen und unter welchen Bedingungen solche Ausbrüche von der Gesellschaft legitimiert oder gar als Zeichen der eigenen Exklusivität überhöht werden. Entscheidend ist folglich die Frage, wie der Text einerseits mit zweckgebundenem, ritualisiertem Handeln und andererseits mit dem Austreten aus und dem Übertreten von institutionalisierten Schemata umgeht, wenn Struktur wie Störung gleichermaßen literarisches Produkt sind und Bedeutung in sich tragen.
Bei der Betrachtung der literarischen Konzeptionen des Ausbruchs zeigt sich ein Spiel zwischen »innerhalb< und »außerhalb<, zwischen »bekannt«, »gewohnt« und »unbekannt«, sungewohnt«. Dies rückt die Frage nach der Bedeutung von Grenze und Überschreitung in den Vordergrund. Strukturen des Ausbruchs lassen sich zum Strukturmuster der Transgression zählen, wie sie insbesondere in dem von Gerhard Neumann und Rainer Warning herausgegebenen Sammelband Transgressionen verhandelt wird." Demnach lassen sich Transgressionen in äu- Bere, explizite oder expositorische und innere, implizite, performative oder auch
10 Davon zu unterscheiden ist eine innere Elite, wie sie die edelen herzen im Tristan darstellen, die sich in den Texten jedoch meist mit der adligen Oberschicht überschneidet.
" Transgressionen. Literatur als Ethnographie, hg. v. Gerhard Neumann und Rainer Warning, Freiburg i.Br. 2003. Ausgangspunkt der Arbeiten zur Transgression ist der wegbereitende Aufsatz von Michel Foucault, »Vorrede zur Überschreitung«, in: ders., Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits, Bd. I 1954-1969, hg. v. Daniel Defert und Frangois Ewald unter Mitarbeit von Jacques Lagrange, aus dem Französischen von Michael Bischoff, Hans-Dieter Gondek und Hermann Kocyba, Frankfurt a.M. 2001, S. 320-342 (im Original erscheinen: Michel Foucault, »Preface à la transgression«, in: Critique, Nr. 195-196: Hommage à G. Bataille, August-September 1963, imaginäre Transgressionen trennen. Das Strukturmuster der inneren Transgression wird als Überschreitung des legalisierten oder auch ritualisierten Geschehens innerhalb einer Kultur, als Übertretung und »Umfrisierung« des durch den Rahmen vorgegebenen Codes und der geltenden Regeln verstanden.” Ausbruch und Transgression sind daher aus meiner Sicht nicht identisch, aber sie können bisweilen ineinanderfließen und miteinander einhergehen. Ein Ausbruch hat immer auch transgressive Kraft, indem er, sei es räumlich oder metaphorisch, Grenzen infrage stellt, diese möglicherweise auch hinter sich lässt, zumindest aber ausblendet, und einen Raum bislang ungekannter Möglichkeiten eröffnet. Auf diesem neu sich öffnenden Raum liegt der Fokus dieser Arbeit, weniger auf der Überschreitung der Grenze. Sowohl Transgression als auch Ausbruch haben letztlich aber nicht >kultursprengende«, sondern »kulturprägende< Dimension, sind also Teil der Kultur.” Transgression lässt sich eher als eine lineare Bewegung fassen, bei der der Fokus stets auf der Grenze selbst liegt.'* Während sie ein »intendiertes Handeln«'” zur Grundlage hat, zeigen sich in den höfischen Texten die sprunghaften Ausbrüche als Unterbrechungen einer Routine in einem je neu zu bestimmenden Spannungsverhältnis von Intention und Widerfahrnis.
S. 751-769). Indem Foucault Transgression als »Geste, die die Grenze betrifft«, S. 324, definiert, betont er die gegenseitige Bedingtheit von Transgression und Grenze.
12 Gerhard Neumann/Rainer Warning, »Transgressionen. Literatur als Ethnographie«, in: Transgressionen. Literatur als Ethnographie, hg. v. Gerhard Neumann und Rainer Warning, Freiburg i.Br. 2003, S. 7-16, hier S. 10: »sie [sc. innere Transgressionen] gingen daran vorbei und hätten damit Passagen-Charakter, sie schritten darüber hinweg und wären damit Traduktionen, sie unterliefen diese und gewönnen die Gestalt von den Code durchquerenden Subversionen.«
2? Neumann/ Warning, »Transgressionen«, S. 15. Vgl. auch Alois Hahn, »Transgression und Innovation«, in: Poetologische Umbrüche. Romanistische Studien zu Ehren von Ulrich Schulz- Buschhaus, hg. v. Werner Helmich, Helmut Meter und Astrid Poier-Bernhard, München 2002, S. 452-465. Hahn betont im Rückgriff auf Emile Durkheim den stabilisierenden Effekt von Übertretungen auf Normen.
1 Vgl. Foucault, »Vorrede zur Überschreitung«, S. 324f.: »Die Überschreitung ist eine Geste, die die Grenze betrifft; dort, in dieser Schmalheit der Linie, zeigt sie sich blitzartig als Übergang, vielleicht aber auch in ihrem gesamten Verlauf und sogar in ihrem Ursprung. Die Strichlinie, die sie kreuzt, könnte durchaus ihr ganzer Raum sein«, weiter heißt es dann: »Die Überschreitung treibt die Grenze bis an die Grenze ihres Seins; sie bringt sie dazu, im Moment ihres drohenden Verschwindens aufzuwachen, um sich in dem wiederzufinden, was sie ausschließt (genauer vielleicht, sich darin zum ersten Mal zu erkennen), und um ihre tatsächliche Wahrheit in der Bewegung ihres Untergangs zu erfahren. Und dennoch, woraufhin entfesselt sich die Überschreitung in dieser Bewegung reiner Gewalt, wenn nicht auf dasjenige, was sie fesselt, auf die Grenze und auf das, was sich darin eingeschlossen findet?«, S. 325.
! Kathrin Audehm/Hans Rudolf Velten, »Einleitung«, in: Transgression - Hybridisierung - Differenzierung. Zur Performativität von Grenzen in Sprache, Kultur und Gesellschaft, hg. v. Kathrin Audehm und Hans Rudolf Velten, Freiburg i.Br./Berlin/Wien 2007, S. 9-40, hier S. 27.
Analogien zu modernen Konzeptionen von Muße 7 1.2 Analogien zu modernen Konzeptionen von Muße
Wie oben bereits angedeutet, lässt sich beobachten, dass Ausbrüche aus alltäglichen Strukturen und regelmäßig wiederkehrenden Abläufen, wie sie in der höfischen Literatur um 1200 wiederholt auftauchen, Ähnlichkeiten zu Beschreibungen des modernen Verständnisses von Muße aufweisen.'° Auch jenseits expliziter Begrifflichkeiten oder Etikettierungen zeigen sich auffallende Analogien zwischen dem gegenwärtigen Diskurs über Muße und den beschriebenen literarischen Darstellungen. Dabei ist freilich zu bedenken, dass ein moderner Begriff wie derjenige der »Muße« nicht vorbehaltlos auf mittelalterliche Texte angewendet werden kann. Der mittelhochdeutsche Terminus muoze lässt sich nicht einfach mit dem neuhochdeutschen Wort »Muße« gleichsetzen, da im letzteren Bedeutungsdimensionen enthalten sind, die das mittelhochdeutsche Wort muoze nicht aufweist. In diesem Spannungsfeld bewegt sich die vorliegende Studie, deren Ziel ist aufzuzeigen, dass die im Folgenden zu explizierenden modernen Konzeptionen von Muße auf darstellender Ebene durchaus bereits in den untersuchten mittelalterlichen literarischen Inszenierungen enthalten und gestaltet sind.
Das Wort »Muße« ist seit dem Althochdeutschen als muoza und im Mittelhochdeutschen als muoze belegt und geht zurück auf müssen, mhd. müezen, ahd. muozan, aus germanisch *möt (Prät.-Präs.) sich kann, finde die Möglichkeit< (KLU- GE). Im Wörterbuch (LEXER, BMZ, sv.) sind für muoze die Bedeutungen »gegebene freie zeit, musse, bequemlichkeit, untätigkeit< belegt.” Ausgehend von der
1 Die folgenden Überlegungen sind wesentlich von den Überlegungen des Sonderforschungsbereiches 1015 der Universität Freiburg zu »Muße. Konzepte, Räume, Figuren« der Jahre 2013-2016 geprägt, in dessen Rahmen auch diese Arbeit steht. Um eine fächerübergreifende Aufsatzzammlung zu Muße handelt es sich bei dem im Rahmen des SFB 1015 erschienenen Band Muße im kulturellen Wandel. Semantisierungen, Ähnlichkeiten, Umbesetzungen, hg. v. Burkhard Hasebrink und Peter Philipp Riedl, Berlin/Boston 2014. Zu weiteren grundlegenden Arbeiten bezüglich Muße vgl. etwa den von Joseph Tewes herausgegebenen Band Nichts Besseres zu tun. Über Muße und Müßiggang, hg. v. Joseph Tewes, Oelde 1989. Die populärwissenschaftliche Arbeit Muße. Vom Glück des Nichtstuns, München 2010, 6. Auflage 2012, von Ulrich Schnabel brachte im Jahr 2010 die langsam dem Vergessen anheimfallende Kunst des Nichtstuns wieder in eine breitere öffentliche Diskussion. Auch in Bezug auf soziale wie politische Fragen wird das Thema der Muße diskutiert. Der Theologe Ansgar Kreutzer etwa untersucht in seiner Studie Arbeit und Muße. Studien zu einer Theologie des Alltags, Wien 2011, das ambivalente Verhältnis von Erwerbsarbeit zu Individuum und Gesellschaft. Er plädiert für eine neue Zusammenstellung von Arbeit und Muße, jenseits dichotomischer Trennung. Eine stärkere Eingliederung von Muße in den Alltag, eine »Theologie des Alltags«, könnte zu einer Humanisierung unserer Gesellschaft beitragen. »Muße« versteht Kreutzer »nicht als reines Nichts-Tun [...], sondern als Bündel von Tätigkeiten, die frei von äußeren oder inneren Zwängen sind« (S. 26). Eine kurze philosophische Geschichte der Muße findet sich bei Byung-Chul Han, Duft der Zeit. Ein philosophisches Essay zur Kunst des Verweilens, Bielefeld 2009, S. 87-111; vgl. auch Muße, Paragrana 16 (2007), hg. v. Christoph Wulf und Jörg Zirfas.
” Das breite Bedeutungsspektrum des Wortes zeigen die Verwendungsbeispiele, die auf der Website »Muße/muoze digital: (www.musse-digital.uni-freiburg.de [Zugriff: Dezember 2018]) zusammengetragen wurden. Zum Konzept der Homepage vgl. Yannick Lauppe/Henrike Manu-
Etymologie des Wortes lässt sich mit dem Verb müezegen eine erste Verbindung zwischen dem mittelhochdeutschen Wort muoze und (post)modernen Auffassungen von Muße ziehen: müezegen als befreien und Muße als freier Raum, als Spielraum oder auch als freie Zeit, fern ab von alltäglichen Geschäften und Bürden, weisen deutliche semantische Überschneidungen auf."
Ein rein begriffliches Fassen des flüchtigen wie ambivalenten Phänomens der Muße erweist sich als schwierig, daher kann die Begriffsarbeit des semantischen Wortfeldes muoze und müezekeit sowie der Nachbarphänomene kurzwile, gemach, spil nur eine Seite der Untersuchung von Muße im höfischen Roman ausmachen, die andere Seite betrifft die Analyse der narrativen Ebene, in der sich unterschiedliche Spielräume der Muße finden lassen, ohne explizit begrifflich gekennzeichnet zu sein. In den höfischen Texten finden sich teilweise mußeaffine Inszenierungen, die in Kontrast und zugleich in Korrelation zur Wortebene stehen. Andererseits ist es auch der Fall, dass die begriffliche Ebene leer bleibt und diese Leerstelle wiederum allein narrativ durch Figuren und Bilder aufgefüllt und entfaltet wird, welche Parallelen und Analogien zu einem modernen Begriff von >Muße« aufweisen.
Auch moderne Konzeptionen nähern sich der Muße über Umwege, über das Ihr-Andere, über Ein- und Abgrenzungen. Die für die Arbeit leitenden modernen Theorien verstehen Muße nicht als bloße freie Zeit oder plakativ als Freizeit, sondern als Freiheit von temporalen Zwängen und Zweckbestimmungen. Es gilt allem voran, Muße von genussorientierten Vorstellungen des Konsumierens und Instrumentalisierens oder der reinen Zerstreuung zu differenzieren, wie sie von der Vergnügungsindustrie propagiert werden.” Anders als Freizeit, die sich nur in Abgrenzung von Arbeit bestimmen lässt, ist Muße jenseits einer Dichotomie von Arbeit und Nicht-Arbeit zu verorten.”” Muße weist eine ambivalente Struktur auf, die zwischen Tätigkeit und Untätigkeit, zwischen Aktivität und Passivität, auf eigentümliche Weise oszilliert.”'
wald, »Muße/mouze digital«. Zur dynamischen Präsentation eines Wortfeldes«, in: ZfdA 147 (2018), S. 274-280.
! Vgl. Jacob Grimm/Wilhelm Grimm, »Musze«, in: DWB 12, Sp. 2771-2773, hier Sp. 2771.
® Vgl. Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, 16. Auflage, Frankfurt a.M. 2006, v.a. S. 128-176 (Erstveröffentlichung 1944); vgl. auch Theodor W. Adorno, »Freizeit«, in: ders., Kulturkritik und Gesellschaft II. Eingriffe, Stichworte, Anhang, (Gesammelte Schriften Bd. 10, 2), Frankfurt a.M. 1977, S. 645-655, vgl. auch Thorstein Veblen, »Freizeit und Elite«, in: Soziologie der Freizeit, hg. v. Erwin K. Scheuch und Rolf Meyersohn, Köln 1972, S. 46-55; Sebastian de Grazia, »Der Begriff der Muße«, in: Soziologie der Freizeit, hg. v. Erwin K. Scheuch und Rolf Meyersohn, Köln 1972, S. 56-73.
?° Zum dialektischen Verhältnis von Arbeit und Muße vgl. Kurt Röttgers, »Muße«, in: Sinn von Arbeit. Soziologische und wirtschaftsphilosophische Betrachtungen, hg. v. Wieland Jäger und Kurt Röttgers, Wiesbaden 2008, S. 161-182.
21 Martin Seel, »Aktive Passivität. Über die ästhetische Variante der Freiheit«, in: Freiheit. Stuttgarter Hegel-Kongress 2011, hg. v. Gunnar Hindrichs und Axel Honneth, Frankfurt a.M. 2013, S. 195-214, hier S. 195: »Kein Selbstgewinn ohne eine Verausgabung in Praktiken sei es der Arbeit, der Bildung, der Liebe, des Spiels, der Wissenschaft oder anderer Künste - ohne ein
Analogien zu modernen Konzeptionen von Muße 9
In der Muße wird Zeit nicht außer Kraft gesetzt, aber sie tritt in ihrer Bedeutung in den Hintergrund. Muße lässt sich als Zeit- und Seinsvergessenheit und damit in gewisser Weise auch als Selbstvergessenheit”” fassen. In der Muße unterliegen wir nicht der Herrschaft der Zeit, wie sie sich in Form von Zeitdruck und Rhythmus der gemessenen Zeit zeigt. Notwendigkeiten, Verpflichtungen und Bedürfnisse sind in der Muße fern und irrelevant. Statt diesen alltäglichen Sorgen und (Ver-)Bindungen unterworfen zu sein, befreit Muße von Fremdbestimmung und ermöglicht die Erfahrung von Freiheit und Unabhängigkeit. Günter Figal formuliert diesen Aspekt von Muße pointiert:
Es gibt keine Absichten, und nichts, das ihnen entgegensteht, indem es ihre Realisierung erschwert oder verhindert. Entsprechend gibt es auch keine Aufmerksamkeiten, wie sie mit der Absicht einhergehen, kein Vorblick auf das, was man erreichen will, kein Achtgeben auf das, was dem Erreichen des Ziels förderlich oder abträglich sein könnte. Der Blick weitet sich; er ist nicht mehr in die Enge des Zeitkanals eingeschlossen, in dem das Verhalten sich in Vorher und Nachher einteilt, so dass es immer hinter sich zurück und immer sich voraus ist. Mit einem Mal darf alles einfach nur da sein, und alles gilt gleich viel. Alles ist aufeinmal da, wie auseinandergelegt, ausgebreitet in einem »großen Horizont«.””
In diesen Bemerkungen über Muße wird neben dem Freiraum, den Muße hervorbringt, auch ihre Selbstzweckhaftigkeit betont. Sie verfolgt kein Ziel und keine Funktion außerhalb ihrer selbst, sie erstrebt nichts und fordert nichts, auch wenn sie beiläufig oder rückwirkend zu Erkenntnissen oder Resultaten führt, die offensichtlich zweck- und zielorientiert ausgerichtet sind. Pläne die Zukunft betreffend oder erfolgs- und leistungsorientiertes Streben sind ihr fremd. Dagegen ermöglicht sie ein Verweilen in der Gegenwärtigkeit”*, welches gerade in einer Zeit der zunehmenden Beschleunigung von Ereignissen, Geschehensabläufen und dem Austausch von Informationen, wie es in der modernen Gesellschaft zu beobachten ist, zu einem verloren geglaubten Gut wird.’ Michael Theunissen spricht in
Sicheinlassen auf einen Gegenstand oder ein Gegenüber, durch das man erfährt, woran man mit sich ist.«
?2 Jörg Splett, »Selbstvergessenheit. Zum Thema Selbstverlust und Selbstgewinn«, in: GuL 48 (1975), S. 96-106.
” Günter Figal, »Die Räumlichkeit der Muße«, in: Muße im kulturellen Wandel. Semantisierungen, Ähnlichkeiten, Umbesetzungen, hg. v. Burkhard Hasebrink und Peter Philipp Riedl, Berlin/Boston 2014, S. 26-33, hier S. 28.
?4 Vgl. zu Gegenwärtigkeit Christian Kiening, »Gegenwärtigkeit. Historische Semantik und mittelalterliche Literatur«, in: Scientia Poetica 10 (2006), S. 19-46; vgl. zu »Präsenzkultur< auch Hans Ulrich Gumbrecht, Diesseits der Hermeneutik. Die Produktion von Präsenz, übersetzt von Joachim Schulte, Frankfurt a.M. 2004, bes. S. 31-35; 98-110. Gumbrecht geht es in seiner kulturkritischen Studie um eine nichthermeneutische Ästhetik und damit um eine Neubestimmung des Verhältnisses von Sinneffekten und Präsenzeffekten.
” Der Soziologe Hartmut Rosa versteht Beschleunigung als Phänomen der modernen Zeit. Er fasst Beschleunigung definitorisch als Steigerung der Handlungs- und/oder Erlebnisepisoden pro Zeiteinheit, vgl. Hartmut Rosa, Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Frankfurt a.M. 2005, S. 198 (10. Auflage 2014); fast forward - Essays zu Zeit und Beschleunigung. Standpunkte junger Forschung, hg. v. Hartmut Rosa, in Kooperation
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The end
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