Inhalt
Vorwort 9 Einleitung 11 Kapitel 1: Inkommensurabilität und Unvergleichbarkeit 21 1. Die Begriffe der Inkommensurabilität und Unvergleichbarkeit 22 2. Weshalb keine Begriffsanalyse? 36 3. Begriffsexplikation, Stipulation und reale Elemente
von Unvergleichbarkeit 41 4. Zusammenfassung 47 Kapitel 2: Eine Praferenzversion von Unvergleichbarkeit 49 1. Welcher Begriff der Präferenz ist im Zusammenhang
mit Unvergleichbarkeit relevant? 51 2. Präferenzen, Gründe und praktisches Nachdenken 56 3. Mögliche Einwände und Abgrenzung 62 4. Zusammenfassung 67
Kapitel 3: Verschiedene Typen: Evaluatives Unwissen als wichtigstes Argument für Unvergleichbarkeit 71 1. Drei benachbarte Phänomene: Abgrenzung 73 2. Verschiedene Typen harter Fälle 78 3. Zusammenfassung 93 Kapitel 4: Argumente gegen Unvergleichbarkeit: Zurückweisung 95 1. Einwände 96 2. Weitere Argumente für Unvergleichbarkeit 102 3. Zusammenfassung 105 Kapitel 5: Unvergleichbarkeit, (In)Transitivitätund Gleichgültigkeit 107 1. Das Argument der kleinen Verbesserung 109 2. Die Rolle der (In)Transitivität im Argument der kleinen Verbesserung 112 3. Was kann hinsichtlich Unvergleichbarkeit gefolgert werden? 117 4. Zusammenfassung 125 Kapitel 6: Unvergleichbarkeit und Rationalität 127 1. Diskussion von Changs Position: Vergleichbarkeit
ist notwendig für Rationalität 129
3. Unvergleichbarkeit und Rationalität: Welche Sichtweise ist relevant? 138 4. Vergleichbarkeit, Begründung und das Problem harter Fälle 145 5. Zusammenfassung 152 Kapitel 7: Die Trichotomie-These und vage Entscheidungskriterien 155 1. Die Trichotomie-These 157 2. Changs Argumentation gegen die Trichotomie-These 160 3. Das Ketten-Argument 160 4. Bisherige Ansätze 163 5. Ein Gegenbeispiel 168 6. Mögliche Kritik 170 7. Vage Entscheidungskriterien 171 8. Zusammenfassung 176 Kapitel 8: Paritat 177 1. Changs Ausführungen zu Paritat 179 2. Gerts Interpretation von Parität 180 3. Können harte Fälle mithilfe von Parität aufgelöst werden? 186 4. Zusammenfassung 188 Kapitel 9: Klumpentheorie 191 1. Die Theorie 193 2. Diskussion 200 3. Können harte Fälle mit der Klumpentheorie aufgelöst werden? 207 4. Zusammenfassung 214 Kapitel 10: Weshalb nicht beliebig wählen? 215 1. Beliebig wählen 218 2. Gründe für das beliebige Wählen 222 3. Bedingungen für das beliebige Wählen 226 4. Griinde gegen das beliebige Wählen 233 5. Zusammenfassung 243 Rückblick 245 Literaturverzeichnis 247 Personenregister 257 Sachregister 259 Zu Autor und Buch 260
Vorwort 9
Vorwort
Beim vorliegenden Buch handelt es sich um die überarbeitete Version meiner Dissertation, die 2017 an der Ludwig-Maximilians- Universität München verteidigt wurde. Monika Betzler hat mich im Studium, beim Antrag für die Förderung durch den Schweizerischen Nationalfonds und bei der Dissertation sehr unterstützt. Ihre Verbesserungsvorschläge und kritischen Anmerkungen haben die Doktorarbeit und das daraus entstandene Buch stark beeinflusst. Dafür bin ich ihr zu grossem Dank verpflichtet. Ebenso danke ich Stephan Sellmaier, dass er sich bereit erklärt hat, die Arbeit mitzubetreuen, als sich diese bereits in einem fortgeschrittenen Stadium befand. Seine Kommentare und Anregungen halfen mir, insbesondere Kapitel 5 und einen Artikel zu verbessern.
Ein spezieller Dank gilt Verena Messerli und Jonas Pfister, die das gesamte Manuskript mit grosser Sorgfalt gegengelesen haben. Ihre inhaltlichen und sprachlichen Korrekturen waren sehr wertvoll.
Die Zusammenarbeit mit Kevin Reuter ist immer wieder inspirierend und eine Freude, wofür ich ausserordentlich dankbar bin.
Grosser Dank gilt auch meiner Lektorin Marianne Wackernagel vom Colmena Verlag. Dank ihrer zahlreichen Verbesserungen und Korrekturen konnte die Qualität des Buches nochmals gesteigert werden.
Und nicht zuletzt möchte ich dem Schweizerischen Nationalfonds (SNF) danken, der sowohl die Dissertation als auch die Open- Access-Buchpublikation finanzierte.
Einleitung
12 Einleitung Worum geht es?
Es ist ein wichtiges Gut, selbst entscheiden zu können, was wir tun und wie wir leben wollen. Investitionen in den Fortschritt der Technik lassen sich oft als das Bemühen rekonstruieren, die menschliche Entscheidungsmacht auf Lebensbereiche auszudehnen, die bis anhin der ‘Lotterie der Natur’ überlassen waren. Und der Kampf um individuelle Autonomie und politische Mitbestimmung bringt den Wunsch zum Ausdruck, in die eigene Hand zu nehmen, was zuvor durch andere Menschen beschlossen und verfügt wurde. Auch wenn es zu den Bedingungen menschlicher Existenz gehört, dass vieles durch die Umstände und manches durch andere entschieden wird: Die Menschen würden gerne ihre Entscheidungsmacht ausweiten. Dabei geht es uns jedoch nicht nur darum, in wesentlichen Belangen unseres Lebens selbst entscheiden zu können. Unser Interesse ist, die richtigen Entscheidungen zu fällen, das heisst, zwischen den uns offenstehenden Optionen eine rationale Wahl zu treffen. Das jedoch ist nicht immer ganz einfach. Wer die Wahl hat, hat bekanntlich die Qual. Dafür lassen sich unterschiedliche Erklärungen anführen.
Dieses Buch nimmt eine philosophische Erklärung genauer in den Blick. Es ist die Behauptung, dass rationale Entscheidungen manchmal nicht nur schwierig, sondern prinzipiell unmöglich sind. Dies ist genau dann der Fall, wenn die Optionen, zwischen denen wir wählen können, unvergleichbar sind — das heisst, wenn zwischen den Handlungsoptionen keine der Vergleichsrelationen ist besser als, ist schlechter als oder ist gleich gut wie besteht (vgl. z. B. Sinnott- Armstrong 1988, Schaber 1994, Anderson 1997, Rabinowicz 2009, Gustafsson und Espinoza 2010, Carlson 2011 und Constaninescu 2012). Diese Konzeption von (Un)Vergleichbarkeit wird in der Unvergleichbarkeits- beziehungsweise Inkommensurabilitatsdebatte als Trichotomie-These bezeichnet (Chang 1997).' Sie liegt unserer traditionellen Auffassung von Vergleichen zugrunde und findet sich auch in den Rationalitatstheorien der Sozialwissenschaften. Diese sind axiomatisch so aufgebaut, dass Handlungsoptionen in einer spezifischen Ordnung stehen, genauer, dass sie sich in eine Rangordnung bringen
1 Damit ist keine reine Begriffsfestlegung, sondern eine substanzielle These gemeint (vgl. Kapitel 7).
lassen (siehe z.B. Resnik 1990 und Mas-Colell et al. 1995). Die diesen Theorien zugrunde liegende Trichotomie-These lautet wie folgt: Zwei Optionen, x und y, sind genau dann vergleichbar, wenn x entweder besser oder schlechter als y oder x und y gleich gut sind.
Vor diesem Hintergrund der Trichotomie-These wird deutlich, warum in Situationen, die man in der Inkommensurabilitatsdebatte harte Fälle nennt (Chang 2002a), kein Vergleich möglich ist. Harte Fälle wie beispielsweise die Berufswahl verlangen uns in der Regel Entscheidungen ab, die weitreichende Konsequenzen mit sich bringen. Zugleich scheinen die zur Wahl stehenden wertvollen Eigenschaften in keine durch die Trichotomie-These erfassbare Relation gebracht werden zu können. Wer etwa vor der Wahl steht, Anwältin oder Klarinettistin zu werden, hat gegebenenfalls grosse Schwierigkeiten, einen Beruf als besser oder schlechter als oder als gleich gut wie den anderen auszuweisen. Deshalb scheint eine rationale Entscheidung unmöglich (dafür argumentiert etwa Boot 2007).
Weil eine rationale Entscheidung, so die These, eine Abwägung der Optionen erfordert (siehe z. B. Chang 2015a) und damit deren Vergleichbarkeit im Sinne der Trichotomie-These voraussetzt, sind wir in harten Fällen zur Irrationalität verurteilt — und eben dies ist das ‘Harte’ an solchen Situationen. Sie stellen genuine Konflikte dar, die nicht rational lösbar sind. Einerseits kann es hierbei um ganz unterschiedliche Sachverhalte gehen: um die Berufswahl, die Wahl zwischen Wohnorten, um die Frage, ob man Kinder haben möchte oder sich lieber ganz einem öffentlichen Amt widmet, aber auch um alltägliche Entscheidungen zwischen verschiedenen komplexen Zielen, wie etwa zwischen zwei unterschiedlichen Hobbys. Andererseits kann das Vorliegen eines solchen Falles aber nicht am blossen Inhalt der Beispiele festgemacht werden. Inwiefern ein harter Fall vorliegt, hat stets auch mit der Akteurin zu tun. Dementsprechend lässt sich beispielsweise nicht sagen, dass die Berufswahl generell einen harten Fall darstellt und die Wahl, in welchem Land man leben möchte, nicht. Für einige ist bereits als Kind klar, dass sie später Pilot werden wollen, und andere haben im Sinn, nach Amerika auszuwandern. Aber fiir Dritte wiederum stellen diese Entscheidungen unter Umstanden harte Falle dar — in dem Sinne, dass es (i) keine beste Option gibt und (ii) dieses Fehlen einer besten Alternative nicht als Indifferenz gedeutet werden kann. Die Frage, wie das Konzept der Unvergleichbarkeit dabei genau vom Konzept der Indifferenz abgegrenzt werden kann, ist komplizierter, als man meinen könnte. Vereinfachend können wir an dieser Stelle aber sagen, dass es uns bei unvergleichbaren im Gegensatz zu gleichwertigen Optionen wie der Wahl zwischen identischen Heuhaufen nicht egal ist, was wir wählen (vgl. Buridans Esel).
Wenn wir in harten Fällen respektive bei einer solchen Entscheidung nämlich nicht sagen können, welche Option besser ist, können wir im Grunde genommen nicht angeben, für welche Option wir die besten Gründe besitzen. Diesem Verständnis von Rationalität liegt die Intuition zugrunde, dass eine begründete und damit rationale Entscheidung eine solche ist, welche die in den zur Wahl stehenden Handlungsoptionen relevanten Werte oder wertvollen Eigenschaften erschöpfend - und dies bedeutet im Sinne der Trichotomie-These in einer der drei Relationen — zueinander in Beziehung setzt. Ein Akteur scheint dann keine rationale Entscheidung treffen zu können, wenn Handlungsoptionen aufgrund ihrer Unvergleichbarkeit nicht als besser, schlechter oder gleich gut bewertet werden können.
Etliche Philosophinnen und Philosophen sind daher der Meinung, dass harte Fälle genuine Konflikte darstellen, weil die zur Wahl stehenden wertvollen Optionen unvergleichbar sind (vgl. etwa Raz 1986 und Boot 2009). In der Folge haben Vertreter und Vertreterinnen der Unvergleichbarkeitsdebatte allerdings verschiedene Möglichkeiten eruiert, die harte Fälle als nur scheinbar unvergleichbar ausweisen (siehe z.B. Broome 1997, Chang 2002a und Hsieh 2005).
Nicht zuletzt im Hinblick auf bestehende Rationalitatstheorien wäre Vergleichbarkeit eine notwendige Voraussetzung für die Rationalität der Entscheidung. Inwiefern wir aber tatsächlich sehr unterschiedliche, unvergleichbar scheinende Handlungsoptionen vergleichen und uns in solchen Entscheidungssituationen rational verhalten können oder ob die These, dass wir dabei eine rationale Wahl treffen können, aufgrund von unvergleichbaren Handlungsoptionen und harten Fällen nicht vielmehr einen Mythos darstellt, ist Gegenstand der Inkommensurabilitatsdebatte.
In diesem Buch interessieren im Wesentlichen zwei Punkte aus dieser Kontroverse. Erstens die Annahme, dass harte Fälle Situationen darstellen, in denen die Optionen unvergleichbar sind,
Einleitung 15 und zweitens die Behauptung, dass es keine rationale Entscheidung zwischen unvergleichbaren Optionen gibt. Dabei werden beide Thesen untersucht. Es geht im Einzelnen darum, (i) Unvergleichbarkeit und harte Fälle zu verstehen (Was ist Unvergleichbarkeit?), (ii) den Zusammenhang mit der rationalen beziehungsweise irrationalen Entscheidungsfindung aufzuzeigen (Worin besteht das Problem für die Rationalität?) und (iii) Möglichkeiten zu diskutieren, was im Falle von unvergleichbaren Handlungsoptionen zu tun ist (Wie kann damit umgegangen werden?).
Worin besteht das Problem?
Zusammenfassend kann das Problem harter Fälle in Form eines Arguments folgendermassen dargestellt werden (gemäss meinem Wissen wurde das Problem bislang nicht in dieser Weise auf den Punkt gebracht):
1. Die Vergleichbarkeit der Handlungsoptionen stellt eine notwendige Bedingung einer rationalen Wahl dar.
2. Zwei Optionen, x und y, sind genau dann vergleichbar, wenn x entweder besser oder schlechter als y oder x und y gleich gut sind.
3. Es gibt harte Fälle, in welchen x weder besser oder schlechter als y ist noch x und y gleich gut sind.
Es gibt harte Falle, in welchen keine rationale Entscheidung möglich ist.
Prima facie sind die Prämissen des obigen Arguments plausibel: Wie können wir zwischen Alternativen wie Anwältin respektive Klarinettistin werden rational entscheiden, wenn wir die Optionen nicht vergleichen können? Wie können wir zwei Optionen vergleichen, wenn diese weder besser oder schlechter als noch gleich gut wie die jeweilig andere Option sind? Die Konklusion, welche daraus folgt - in harten Fällen ist keine rationale Wahl möglich -, stellt insofern eine problematische Konsequenz dar, als wir grundsätzlich ein Interesse daran haben, rationale Entscheidungen zu treffen und unsere Entscheidungen vor uns selbst (und somit auch vor anderen) rechtfertigen zu können.
Was ist das Ziel?
Vor dem Hintergrund der bisherigen philosophischen Forschung sollen folgende fünf Fragen präziser gestellt und beantwortet werden.
1. Wie lässt sich Unvergleichbarkeit genau verstehen?
Wie können harte Fälle angemessen interpretiert werden?
3. Inwiefern ist eine rationale und damit begründete Entscheidung in harten Fällen möglich?
4. In welchem Verhältnis stehen Rationalität und Vergleichbarkeit?
5. Was ist im Falle von unvergleichbaren Handlungsoptionen zu tun?
N
Das Ziel besteht darin, eine neue Interpretation von Unvergleichbarkeit und harten Fällen vorzuschlagen und mögliche Wege aufzuzeigen, wie damit umgegangen werden kann. Es wird eine neue Präferenzversion entwickelt und verteidigt. Zwei Optionen sind demnach genau dann unvergleichbar, wenn eine Akteurin keine Präferenz konstruieren kann — im Sinne einer Evaluation, welche Option alles in allem besser ist. Hierbei ist entscheidend, wie man zu einer Präferenz kommt respektive wie man nicht dazu kommt. Ich argumentiere, dass evaluatives Unwissen das zentrale Argument für Unvergleichbarkeit darstellt. Diese Unwissenheit über Werte oder Gründe hat nicht zwingend mit Ethik zu tun. Sie meint allgemeiner, dass man nicht weiss, wie Fakten bewertet werden sollen. Beispielsweise weiss ein Akteur nicht, wie der Fakt, dass es leicht regnet, zu bewerten ist. Die Unwissenheit ist also insofern evaluativ, als sie sich weder auf Fakten (Regnet es?) noch darauf bezieht, was passieren wird (Wird es regnen?), sondern darauf, welche Gründe von Fakten generiert werden. Stellt leichter Regen einen Grund dar, einen Regenschirm einzupacken, oder stellt es keinen Grund dafür dar?
Wie ist das Buch aufgebaut?
Das Buch gliedert sich in fünf Teile (10 Kapitel):
1. Der erste Teil beinhaltet begriffliche Klärungen (Kapitel 1).
2. Im zweiten Teil wird das Phänomen der Unvergleichbarkeit erfasst. Es wird eine eigene Theorie von Unvergleichbarkeit und harten Fällen entwickelt; diese werden von benachbarten Phänomenen abgegrenzt. Hierbei werden Argumente für Unvergleichbarkeit genannt und Argumente dagegen zurückgewiesen (Kapitel 2, 3, 4, 5).
3. Im dritten Teil wird erläutert, worin genau die Herausforderung an die Rationalität besteht (Kapitel 6).
4. Imvierten Teil werden bestehende Versuche studiert, harte Fälle als lediglich scheinbar unvergleichbar beziehungsweise rational auszuweisen (Kapitel 7, 8, 9).
5. Im fünften Teil und letzten Kapitel werden mögliche Strategien diskutiert, wie mit Unvergleichbarkeit umgegangen werden kann (Kapitel 10).
Welches ist die These?
Ich vertrete drei Thesen. Die erste beantwortet die Frage, was Unvergleichbarkeit ist. Die zweite bezieht sich darauf, ob ein Akteur zwischen unvergleichbaren Optionen rational entscheiden kann. Die dritte betrifft die Frage, wie wir mit Unvergleichbarkeit umgehen können.
Was ist Unvergleichbarkeit? Die vorgeschlagene Theorie besagt, dass sich das Phänomen der Unvergleichbarkeit in drei wesentliche Typen unterteilen lässt (diese sind notabene nicht disjunkt; vgl. Kapitel 3). Der einfachste harte Fall beinhaltet einen Wertkonflikt, was so interpretiert werden kann, dass man nicht weiss, wie hoch man unterschiedliche Werte schätzt (evaluatives Unwissen). Der zweite harte
2 Man mag einwenden, dass diese Hauptthese der Arbeit unvereinbar ist mit einer ‘realistischen’ Auffassung, die von einem realen Wert von Optionen ausgeht (und nicht dem Wert, der eine Person einer Option zubilligt). Ich diskutiere diese Kritik in Kapitel 2 und Kapitel 3.
Fall involviert evaluatives Unwissen und stellt zusätzlich eine wichtige Wahl dar. Dies kann so gedeutet werden, dass damit viele neue Optionen ermöglicht respektive verunmöglicht werden. Der dritte und schwierigste harte Fall beinhaltet evaluatives Unwissen, ist wichtig und zusätzlich mit faktischer Unsicherheit verbunden. Damit ist gemeint, dass man nicht weiss, was nach der getroffenen Entscheidung passieren wird, und dies unter Umständen für die Evaluation relevant ist. Die erste These lautet somit wie folgt: Harte Fälle sind respektive Unvergleichbarkeit ist real und kann nicht als Randphänomen oder sogar als inexistent abgetan werden. Alle Fälle von Unvergleichbarkeit können auf evaluatives Unwissen zurückgeführt werden, viele sind zusätzlich wichtig und/oder mit faktischer Unsicherheit verbunden. Bei allen drei Typen kann eine Akteurin keine Präferenz bilden.
Ist im Falle von Unvergleichbarkeit eine rationale Wahl möglich? Wie im Abschnitt «Worin besteht das Problem?» festgehalten worden ist, sind es drei plausibel scheinende Prämissen, welche zur problematischen Konsequenz führen, dass wir in harten Fällen nicht rational entscheiden können: Erstens die Annahme, dass die Vergleichbarkeit der Handlungsoptionen eine notwendige Bedingung einer rationalen Wahl darstellt. Zweitens die Auffassung, dass zwei Optionen, x und y, nur dann vergleichbar sind, wenn x entweder besser oder schlechter als y ist oder x und y gleich gut sind. Drittens die Ansicht, dass in harten Fällen die Optionen weder besser oder schlechter als die jeweilig andere Option noch gleich gut sind. In dieser Arbeit komme ich zum Schluss, dass diese Prämissen nicht nur plausibel erscheinen, sondern es auch sind. Bisherige Versuche zur Lösung des Problems beschreiben harte Fälle entweder nicht angemessen oder können, sofern es ihnen um neue Möglichkeiten der Vergleichbarkeit scheinbar unvergleichbarer Fälle geht, nicht hinreichend zeigen, wie diese rational zu lösen sind. Sowohl Positionen, welche die zweite Annahme in Zweifel ziehen — Handlungsoptionen können auch dann verglichen werden, wenn sie weder als besser oder schlechter als noch als gleich gut wie bewertet werden können (Chang 2002a) - als auch Positionen, welche die dritte Annahme ablehnen — das heisst im Grunde genommen die Existenz harter Fälle verneinen (Regan 1997) — können nicht überzeugen. Dazu kommt, dass Vergleichbarkeit zwar nicht notwendigerweise, aber in den für uns relevanten Fällen und
Einleitung 19 unter bestimmten Bedingungen als Voraussetzung einer rationalen Entscheidung angesehen werden kann. (Ich zeige, dass Vergleichbarkeit aus verschiedenen Gründen nicht notwendig für Rationalität ist. Nicht alle Konzepte der Rationalität setzen Vergleichbarkeit voraus. Auch kann das Vergleichen von Dingen sehr problematisch sein. Und nicht zuletzt ist es eine offene Frage, ob Optionen manchmal, nämlich wenn spezifische Dinge wie Freundschaft, Liebe, oder Loyalität involviert sind, nicht verglichen werden sollen.) Die zweite These lautet dementsprechend folgendermassen: Unvergleichbarkeit lässt sich punktuell nicht rational auflösen. Das Problem für die Rationalität besteht dabei darin, dass die ‘Lücke’ zwischen den möglichen und gewählten Alternativen nicht mit einer Präferenz respektive durch die Angabe von Gründen oder Werten geschlossen werden kann. Weil diese Art der Evaluation versagt, lassen sich die Optionen in keine begründete Ordnung bringen.
Wie kann damit umgegangen werden? Die Arbeit grenzt sich von der bisherigen philosophischen Forschung in dem Sinne ab, als der Fokus pragmatischer und alltagsnaher ausfällt (Was tun wir jetzt?). Diese Frage ist bislang kaum diskutiert worden (eine Ausnahme stellt Chang 2013b dar; vgl. Kapitel 10). Dabei gelange ich zur eher überraschenden Erkenntnis, dass es bei einem bestimmten Typus von Unvergleichbarkeit und unter bestimmten Bedingungen — zum Beispiel faktische Unsicherheit ist vernachlässigbar, Kohärenz nicht ausschlaggebend (Keine Option passt besser ins Leben) - schlicht keine Rolle spielt, ob aufgrund einer nicht-begriindeten Neigung (Mir gefällt es irgendwie besser), einer existenziellen Stellungnahme (Ich sehe mich als Musikerin) oder einer beliebigen Wahl entschieden wird. Das Argument, welches ich für meine These anfüge, basiert auf der Idee, dass Wohlergehen eine Begleiterscheinung einer beliebigen Tätigkeit, eine Form der Zufriedenheit darstellt, welche sich einstellt oder ausbleibt, wenn man Ziele verfolgt und Dinge tut. Was hat dies mit beliebigem Wählen zu tun? Die Idee ist, dass sich die Unvergleichbarkeit nur durch ein Hineindenken und letztlich ein Ausprobieren beziehungsweise durch Erfahrung ‘auflösen’ lässt. Wenn man einen Monat, nachdem man mit dem Hockeyspielen aufgehört hat, realisiert, dass sich das Wohlergehen verschlechtert, man irgendwie unzufrieden ist, stellt dies einen Indikator dafür dar, dass es die falsche Entscheidung war, stattdessen im Chor mitzumachen. Inwiefern eine Entscheidung gut ist, kann gemäss diesem Ansatz nicht punktuell beurteilt werden. Es kann sich nur mit der Zeit zeigen. Das heisst, dass die ‘Auflösung? einer evaluativen Unsicherheit in der Regel einen Lernprozess voraussetzt, um zu erfahren, was zählt. Deshalb ist ein Akteur nicht dazu aufgefordert, in bestimmter Weise zu wählen oder sich zu etwas zu bekennen, sondern in bestimmter Weise zu handeln. Die dritte These besagt demnach, dass wir unter gewissen Voraussetzungen beliebig wählen dürfen. Intuitiv gehen wir eher vom Gegenteil aus. Wir denken, dass insbesondere wichtige Entscheidungen nicht zufällig aufgelöst werden sollten.
Halten wir fest: Dieses Buch stellt zwei Grundsätze in Frage: jenen, dass wir in harten Fällen rational wählen können - diese Position wird etwa von Andreou 2005 vertreten — und jenen, dass wir immer selbst diese Wahl treffen müssen (contra Chang 2002b). Die Entscheidung zwischen unvergleichbaren Optionen ist oft nicht rational und darf manchmal dem Würfel überlassen werden. Wir kommen schlicht nicht umhin, uns in solchen Situationen auf Handlungsweisen einzulassen, deren Wert und Ausgang für uns ungewiss sind.
Kapitel 1 Inkommensurabilität und Unvergleichbarkeit
Das Ziel dieses Kapitels besteht darin, dass nachvollziehbar wird, was genau an Unvergleichbarkeit real ist, welche Konsequenzen dies für den weiteren Verlauf des Buches hat und welches Phänomen und welche Argumente in den folgenden Kapiteln untersucht werden. Die erste wichtigste Erkenntnis lautet, dass den Begriffen der Unvergleichbarkeit und Inkommensurabilität nicht ein einziges Phänomen zugrunde liegt. Das Kapitel gliedert sich wie folgt:
Im ersten Teil wird dargelegt, inwiefern die Begriffe der Inkommensurabilität und Unvergleichbarkeit sehr unterschiedliche Verwendungsweisen aufweisen.
Im zweiten Teil zeige ich, dass mithilfe einer klassischen Begriffsanalyse weder notwendige noch hinreichende Bedingungen von Inkommensurabilität und Unvergleichbarkeit ausgemacht werden können. Der Grund dafür ist, dass es keine typischen Situationen respektive paradigmatischen Fälle der Inkommensurabilitat gibt. Zudem erläutere ich, weshalb auch die Suche nach Familienähnlichkeiten nicht zielführend ist.
Im dritten Teil stelle ich dar, in welchem Sinne ich eine Begriffsexplikation vornehme und weshalb dies kompatibel damit ist, dass eine Definition von Unvergleichbarkeit reale Komponenten besitzt.
Was ist wertvoller, ein besseres Verständnis wirtschaftlicher oder juristischer Zusammenhänge? Sollen bei der Studienwahl das momentane Interesse oder die späteren Berufsaussichten stärker gewichtet werden? Und welches stellt alles in allem das bessere Studium dar?
Die Begriffe der Inkommensurabilität und Unvergleichbarkeit, die für uns relevant sind, haben mit Werten, Gründen und Handlungsoptionen zu tun. In diesem Zusammenhang kann man vertreten, dass die Wahl zwischen den unterschiedlichen Werten und Gründen (wirtschaftliche versus juristische Erkenntnis) bis zu einem gewissen Grade willkürlich sei. In der Konsequenz heisst dies dann, dass bis zu einem gewissen Grade zufällig ist, was man tun soll (Wirtschaft oder Rechtswissenschaft studieren).
Bevor zwischen verschiedenen Begriffsverwendungen innerhalb der praktischen Philosophie differenziert wird, soll kurz betrachtet werden, in welchen anderen Disziplinen die Begriffe der Inkommensurabilität und Unvergleichbarkeit Anwendung finden und weshalb dies für uns nicht von Bedeutung ist.
Unvergleichbarkeit und Inkommensurabilität spielen nämlich nicht nur in der praktischen Philosophie (inklusive Anwendung auf Ethik’), sondern auch in anderen Gebieten eine Rolle. Dementsprechend ist dasjenige, worauf sich die beiden Begriffe beziehen, mannigfaltig.
Neben der Jurisprudenz? und Physik? kommen sie etwa in der Mathematik vor. In dieser Disziplin taucht der Begriff der Inkommensurabilität erstmals auf. Inkommensurable Zahlen wie die Eulersche Zahl oder die Zahl Pi stellen keine rationalen Zahlen dar, sind also Zahlen, die sich nicht als Bruch notieren lassen. Die Inkommensurabilität in der Mathematik geht auf die alten Griechen zurück. Waschkies dokumentiert in seinem Buch Anfänge der Arithmetik im alten Orient und bei den Griechen die Entdeckung inkommensurabler Grössen in der griechischen Mathematik. Die Inkommensurabilität bezieht sich dabei auf geometrische Figuren wie ein Fünfeck (Waschkies 1989: 310, 311, 315) oder ein Quadrat (Waschkies 1989: 308, 309, 310). Bestimmte Seiten und Diagonalen in diesen Figuren können inkommensurabel sein. Das heisst, dass ihr Verhältnis nicht als Bruch beziehungsweise nicht als Verhältnis natürlicher Zahlen dargestellt werden kann. Das Verhältnis von Diagonale und Seite ist eine irrationale Zahl. Man kann dies mit Methoden der aktuellen Mathematik anhand eines Reductio-Beweises zeigen. Zu diesem Zweck geht man (i) von der Prämisse aus, dass das Verhältnis von Diagonale und Seite eine rationale Zahl sei, leitet daraus (ii) einen Widerspruch ab und führt damit (iii) die angenommene Prämisse ad absurdum (das Gegenteil der Prämisse ist wahr beziehungsweise das Verhältnis stellt eine irrationale Zahl dar).
1 Vgl. z.B. Sinnott-Armstrong 1985 (Anwendung auf moralische Dilemmata), Boot 2007 (Anwendung auf Gerechtigkeit) und Peterson und Fröding 2012 (Anwendung auf Tugendethik).
2 Siehe etwa Sunstein 1997 und Adler 1998.
3 In der Physik können es mathematische Kalküle sein, welche inkommensurabel sind. Damit sind Systeme gemeint, die aus Axiomen und Schlussregeln bestehen und sich nicht ineinander übersetzen lassen. vgl. z. B. Waschkies 1989.
Inkommensurabilität spielt aber auch in der Wissenschaftstheorie eine wichtige Rolle.* Inkommensurabilität und Unvergleichbarkeit werden im Zusammenhang mit wissenschaftlichen Theorien oder Paradigmen diskutiert. Inkommensurable wissenschaftliche Theorien setzen unterschiedliche konzeptuelle Bedingungen voraus. Damit ist gemeint, dass sich inkommensurable Theorien nicht anhand der jeweilig anderen Theorie verstehen oder bewerten lassen. Als Beispiel wird manchmal die Newtonsche und die Einsteinsche Theorie von Raum und Zeit erwähnt. Während Newton von einem ‘absoluten Raum’ und einer ‘absoluten Zeit’ ausgeht, müssen Raum und Zeit in der Relativitatstheorie als Einheit (als “Raumzeit’) verstanden werden. Diese besteht nicht unabhängig von der Materie — im Gegensatz zu Newtons Konzept von Raum und Zeit — und setzt sich aus drei räumlichen und einer vierten zeitlichen Dimension zusammen.
In diesem Zusammenhang kann man argumentieren, dass die Wahl zwischen den unterschiedlichen Paradigmen oder Theorien bis zu einem gewissen Grade willkürlich sei. In der Konsequenz heisst dies dann, dass unsere Beschreibung und Erklärung der Welt (Was ist der Fall?) einigermassen zufällig ist.
Ob es einen allgemeinen Begriff von Unvergleichbarkeit und Inkommensurabilität gibt, der allen oben genannten Bereichen zugrunde liegt, ist fraglich. Und selbst wenn es einen solchen Begriff gäbe, wäre er aufgrund einer zu grossen Extension nichtssagend. Wenn nämlich zu viele Dinge unter einen Begriff fallen, wird dieser ‘leer’. Hinsichtlich der zentralen Frage dieser Arbeit - Welche Konsequenz hat Unvergleichbarkeit für die rationale Entscheidungsfindung? - sind die Begriffe der Inkommensurabilität aus den Bereichen ausserhalb der praktischen Philosophie allerdings nur sehr beschränkt oder überhaupt nicht relevant. Beispiele, in denen eine Wissenschaftlerin aufgrund inkommensurabler Theorien oder Paradigmen keine rationale Entscheidung treffen kann, sind unter Umständen denkbar. So ist es möglich, dass zwei Ökonomen bei der Beantwortung einer Frage a priori entweder einem neoklassischen oder einem keynesianischen Paradigma folgen und somit keine rationale Entscheidung treffen können, in dem Sinne, dass es nicht wohlbegründet oder nicht
4 Die prominenten Positionen findet man etwa in Kuhn 2012 und Feyerabend 1997. Einen Überblick über die Debatte liefert beispielsweise D’Agostino 2014.
gerechtfertigt ist, das eine oder andere Paradigma zu wählen. Aber in diesem Zusammenhang, so meine ich, wären etliche Annahmen nötig, wie zum Beispiel, dass sich die relevante Frage nicht anhand von Daten entscheiden lässt. Man müsste argumentieren, dass der neoklassisch geprägte Ökonom und der keynesianisch geprägte nicht einfach hinschauen könnten, was geschieht. Sie müssten beispielsweise (i) unterschiedliche Messmethoden akzeptieren, (ii) unterschiedliche (theorieabhangige) Beobachtungen vornehmen oder (iii) eine verschiedene Interpretation derselben Daten wählen. Die Tatsache hingegen, dass sich die Eulersche Zahl nicht als Bruch notieren lässt, spielt für die Beantwortung dieser Frage überhaupt keine Rolle.
Auch innerhalb des spezifischen Bereichs der praktischen Philosophie werden die Begriffe sehr unterschiedlich verstanden und nicht einheitlich definiert. In diesem Zusammenhang lassen sich mindestens zehn Definitionen von Inkommensurabilität und Unvergleichbarkeit unterscheiden: (i) zwei Optionen sind nicht besser/schlechter/ gleich gut, (ii) ein Akteur präferiert keine Alternative, (iii) ein Akteur darf/soll keine Alternative präferieren, (iv) zwei Optionen sind kardinal, aber nicht ordinal vergleichbar, (v) zwischen zwei Gegenständen besteht keine positive Wertrelation, (vi) zwei Werte/Gegenstände lassen sich nicht hinsichtlich eines allgemeinen Deckwerts vergleichen, (vii) zwei Werte/Gegenstände lassen sich nicht hinsichtlich einer numerischen Skala (quantitativ) vergleichen, (viii) zwischen zwei Standards ist keine Substitution möglich, (ix) zwei Werte/Gegenstände sind konstitutiv unvergleichbar (konstitutive Inkommensurabilität), (x) alternative Definition: zwei Werte sind inkompatibel; keine moralische Norm ist ‘stärker’ u.a. Ich werde die verschiedenen Ansätze im Folgenden in der genannten Reihenfolge erläutern.
Zwei Handlungsoptionen/Werte/Gegenstände, x und y, sind nach Ansicht einiger Philosophen genau dann inkommensurabel, wenn x und y unvergleichbar sind.” Meistens wird dies so verstanden, dass x und y nicht besser/schlechter/gleich gut sind.° Genauer
5 Die Gleichsetzung von Unvergleichbarkeit und Inkommensurabilität finden wir in Raz 1986: 322, Griffin 1997: 35 (in Griffin 1986: 83 wird eine Gleichsetzung abgelehnt), Lukes 1997: 184 und Kavka 1991: 147.
gesagt sind die beiden Aussagen genau dann gleichbedeutend, wenn die sogenannte Trichotomie-These richtig ist. Vereinfacht gesagt meint diese These, dass drei Vergleichsrelationen existieren: ist besser als, ist schlechter als und ist gleich gut wie.’ Das bedeutet, dass x und y genau dann unvergleichbar respektive inkommensurabel sind, wenn x weder besser noch schlechter als noch gleich gut wie y ist. Dies stellt die gängigste Definition dar. Konkret bedeutet dies beispielsweise, dass ein Studium der Jurisprudenz genau dann unvergleichbar mit einem Studium der Ökonomie ist, wenn die beiden Optionen wederbesser noch schlechter als noch gleich gut wie die jeweilig andere Option sind.
In diesem Zusammenhang wird meistens keine weitere Erläuterung hinzugefügt, was mit besser als oder gleich gut wie gemeint ist. Je nachdem, was dies bedeutet, können weitere Präzisierungen vorgenommen werden. Unter den bestehenden Erläuterungen können folgende zwei Möglichkeiten unterschieden werden: besser als verstanden als Präferenz versus besser als verstanden als Präferenz, die man haben soll/darf. Das heisst: Zwei Optionen sind genau dann unvergleichbar, wenn ein Akteur weder eine Präferenz besitzt noch indifferent hinsichtlich der zur Wahl stehenden Alternativen ist (vgl. etwa Morton 1991: 32). Ein Studium der Ökonomie ist demnach genau dann unvergleichbar mit einem Studium der Jurisprudenz, wenn man weder eine Präferenz für Ökonomie noch für Jurisprudenz besitzt und auch nicht indifferent gegenüber den beiden Studiengängen ist. Und: Zwei Optionen sind genau dann unvergleichbar, wenn ein Akteur weder eine Präferenz besitzen noch indifferent sein soll. Ein Studium der Ökonomie ist demnach genau dann unvergleichbar mit einem Studium der Jurisprudenz, wenn man weder eine Präferenz für Ökonomie noch für Jurisprudenz haben und auch nicht indifferent sein soll.® Und: Zwei Optionen sind genau dann unvergleichbar, wenn ein Akteur irgendeine Präferenz haben oder indifferent sein darf (vgl. Rabinowicz 2008: 27). Dies kann auch so gedeutet werden, dass
7 Vgl. Kapitel 7 für eine exakte Definition und Diskussion der Trichotomie-These.
8 Diese Definition von Unvergleichbarkeit wird von Broome 1991: 93, Gustafsson und Espinoza 2010: 754 und Carlson 2011: 171 vertreten. Rabinowicz formuliert es wie folgt: ‘x and y are incomparable if and only if it is required not to prefer one to the other or to be indifferent. (Rabinowicz 2009: 84). Dies kann auch so interpretiert werden, dass die Optionen in keine ordinale Rangordnung gebracht werden sollen. Kornhauser nennt dies ‘Radical Incommensurability’ (Kornhauser 1998: 1604).
es erlaubt ist, unterschiedliche ordinale Reihenfolgen der beiden Studiengänge vorzunehmen. Kornhauser nennt dies ‘Order Incommensurability’ (Kornhauser 1998: 1604).
Gemäss einer weiteren Definition sind x und y genau dann inkommensurabel, wenn sie nicht kardinal verglichen werden können (Stocker 1997: 203). Inkommensurabilität meint dementsprechend, dass es Vergleiche gibt, die ordinal, aber nicht kardinal möglich sind. Chang geht von einem solchen Verständnis von Inkommensurabilitat aus.”
Um genauer zu verstehen, was damit gemeint ist, müssen wir einen kurzen Blick in die Entscheidungstheorie werfen. Die Ordinal-kardinal-Unterscheidung spielt in der Entscheidungstheorie eine wichtige Rolle. Diese Differenzierung kommt dann ins Spiel, wenn es darum geht, wie man das Konzept des Nutzens interpretieren soll. Nehmen wir an, dass die Option ‘Ökonomie’ vier Nutzen-Punkte und die Option “Jurisprudenz’ zwei Nutzen-Punkte generiert. In einem ordinalen Nutzensystem kann man in diesem Fall sagen, dass es besser ist, Ökonomie zu studieren, aber nicht, um wie viel es besser ist. In einem ordinalen Nutzensystem sagt die Zahl 2 nur, dass Ökonomie besser ist. Wenn der Nutzen ordinal skaliert ist, ist lediglich die Reihenfolge von Bedeutung. Den Zahlen kommt keine weitere Relevanz zu. Man kann sagen, dass ordinaler Nutzen nichts anderes als eine Präferenzordnung darstellt. In einem kardinalen Nutzensystem kommt ein zusätzlicher Schritt hinzu. Die Zahl 2 hat eine andere Bedeutung. Die Interpretation ist nicht so einfach, dass man dies so deuten kann, dass es in einem kardinalen Nutzensystem genau doppelt so gut ist, Ökonomie zu studieren. Die Ordinal-kardinal- Unterscheidung ist ohne Mathematik nicht nachvollziehbar: Jede ordinale Nutzenfunktion kann positiv monoton transformiert werden, 9 Im Sammelband Incommensurability, Incomparability and Practical Reason hält sie fest:
“(...) let us henceforth reserve the term ‘incommensurable‘ for items that cannot be precisely measured by some common scale of units of value’ (Chang 1997: 2). Im Sammelband von 1997 ist noch nicht eindeutig rekonstruierbar, was Chang damit meint. In spateren Texten, insbesondere in Incommensurability (and Incomparability) wird aber deutlich, dass Chang unter Inkommensurabilitat wie Stocker kardinale Unvergleichbarkeit versteht:
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The end
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