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I. Natur, Land Und Volk Der Griechen
Lucretius.
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Natur, Land und Volk der Griechen.
er Einflufs des Himmels mufs den Samen beleben, aus welchem die Kunft foll getrieben werden. Und zu diefem Samen war Griechenland der auserwählte Boden.«
Nichts kann wahrer fein, als diefes Wort Winckelmann ' s *), des Vaters der alten Kunftgefchichte. Die Natur, der gemeinfame Mutterfchoofs aller Dinge, ift auch die Erzeugerin und Pflegamme der Kunft. An den Brüften der hellenifchen Natur ward die Kunft der Hellenen grofsgefäugt, und man kann diefe nicht verftehen, ohne jene zu kennen. Alles, was im griechifchen Leben bewundert wird : die Energie der Tugend und Thatkraft, die Höhe und Vielfeitigkeit der geiftigen Bildung, die unerreichte Schöpferkraft, Schönheit und Mannigfaltigkeit in aller Kunft, der Sitten freie Anmuth, die heitere Schönheit wie der würdige Ernft des öffentlichen Lebens, — das Alles erblühte in diefem Jugendvolke der europäifchen Menfchheit nicht ohne den begünftigenden Einflufs der Lage und Natur feines Landes und feines glücklich gemifchten Klimas.
*) Gefchichte der Kunft des Alterthums I, $, i
Die alten Griechen waren fich diefer Vorzüge wohl bewirfst Ihre Schriftfteller und Dichter werden nicht müde, diefelben preifend zu verherrlichen. Sein Land, feine Natur, fein Klima galten dem Griechen als die Krone der Schöpfung, als Mittelpunkt der Welt. Pallas Athene felbft hatte, wie Plato fagt, dies Land ihrem geliebten Volke angewiefen. Darum fchienen fich die Griechen das geiftige Herrfchervolk der Welt, in der es aufser den Hellenen nur noch Barbaren gab, über die zu herrfchen den Hellenen gebührte. Aber diefe Weltherrfchaft war viel mehr eine geiftige als eine materielle ; und darum hat fie über das Leben des Volkes felbft hinaus fich Jahrtaufende lang erhalten bis auf den heutigen Tag.
Griechenland ift die Vermittlerin gewefen zwifchen Orient und Occident. Schon die Lage in der Mitte zwifchen beiden erleichterte den Verkehr und die Verbindung mit den Culturvölkern Afiens und Africas, deren Kunft gleichfalls nicht ohne Einflufs geblieben ift auf die hellenifche Kunftthätigkeit. Die Bildung, welche der lebhaft beobachtende und fchnell auffaffende griechifche Geift von dort empfing, machte er, begünftigt von feines Landes Natur, zu feinem Eigenthume, indem er das Aufgenommene felbftändig und eigenthümlich zur Vollendung ausgeftaltete. Und wie Land und Natur von Hellas als die harmonifch gemäfsigte Vollendung der orientalifchen Natur erfcheinen, fo ward auch die giechifche Kunft eine Vollendung und Verklärung der orientalifchen Kunft.
In Land und Volk der Griechen vereinigen fich die gefonderten Eigentümlichkeiten der Natur und der Völker des Orients zu Ebenmaafs und Schönheit.
Hellas ift ein kleines Land. Es umfafst nur den kleineren füdlichen Theil der grofsen Halbinfel, welche im Often vom fchwarzen und ägäifchen, im Werten vom jonifchen und adriatifchen Meere begrenzt wird. Man könnte das Land felbft ein Kunftwerk der Natur nennen ; denn es befitzt alle wefentlichen Eigenfchaften eines Kunftwerks: überfichtliches Maafs, Befchränktheit und Einheit in der höchften Mannigfaltigkeit. »Es giebt kein Land der Erde«, fagt ein berühmter Kunftforfcher und Reifender, der Däne Bröndftedt, »das fich fo wunderbar mit dem Meere vermählt, keines, das die Schönheit aller Gegenden Europas in folchem Grade verbunden aufzeigt. Der Wanderer, der aus Theffaliens weiten, fruchtbaren, roffenährenden Ebenen den Peneiosflufs entlang in das Tempethal eintritt, glaubt fich aus Dänemarks korngefegneten Gefilden plötzlich wie durch Zauberfchlag verfetzt in die fanften und doch prachtvollen Umgebungen einer üppigen italienifchen Natur, während ihn, kaum eine halbe Stunde weiter hinein in das Thal, die grofsartige Felfenpracht einer deutfchen Schweizerlandfchaft umgiebt.«
Nur in einem folchen kleinen Lande konnte das griechifche Leben mit feiner freien Vielgeftaltigkeit entftehen; nur in fo überfichtlichem und gefchloffenem Räume konnte ein innerlich bewegtes und doch feftgefchloffenes, mannigfaltiges Staatsleben erwachfen, während in den breiten Küftenländern, in den weiten Stromthälern des Orients das unabfehliche Gewimmel der Menfchenmaffen allein durch den weitgreifenden Zwang des religiöfen und des politifchen Defpotismus zufammen gehalten werden mochte.
Dies kleine Land befafs ferner auch jenes Maafs des Bodens und des Klimas, das, gleich entfernt von verfchwenderifcher Ueppigkeit, die den Geifh entnervt durch mühelofen Genufs, wie von öder Kargheit, welche den Schwung der Seele lähmt und niederdrückt, eine glückliche Mitte bildete zwifchen Arbeit und Genufs, ruhigem Stillftande und kräftigem Auffchwung, zwifchen Sammlung und Zerftreuung. Griechenland war kein Paradies, wo Milch und Honig floffen, kein Phantafieland von idyllifchen Schäfern bewohnt, wie fich's wohl jene Poeten des achtzehnten Jahrhunderts erträumten, die den verfeinerten Genufs eines thatlofen Gefühlslebens an die Stelle der erhabenen Schönheit und der kraftvollen Anmuth des griechifchen Dafeins fetzten. »Der Anblick des
Natur, Land und Volk der Griechen.
Landes,« fagt der berühmte deutfche Aefthetiker und Kunftforfcher, welcher feiner Zeit felbft Griechenland bereift hat, und deffen meifterhafter Darfteilung wir die Hauptzüge diefes Abfchnittes entlehnen*) — »der Anblick des Landes ift zuerft viel rauher, als man zu erwarten pflegt. Von der Höhe überfehen gleicht es einem Meere von verfeinerten Wellen, ganz durchäftet von rauhen Felsgebirgen, die freilich einft mehr als jetzt bewaldet waren. Bei diefem Anblicke erinnert man fich, dafs die alten Griechen mit nichten fo füfs und gefchmeidig waren, wie fie der Schöngeift fich vorftellt, und dafs ihre Schönheit aufwuchs auf der Grundlage derber Kraft. Hier jagten diefe unerbittlichen homerifchen Städteverwüfter den Löwen, den Eber und den grimmen Bergftier, hier ftarrt die dorifche Härte und Wildheit. Aber das Auge, das zu diefen Gipfeln und Spitzen hinaufftieg, weckte und nährte zugleich den Sinn des Erhabenen in der Bruft des Hellenen. Der reine Schwung der Berglinien, die unendlich mannigfaltige, aber immer reizvoll modellirte Form der Felsgebirge, in der fich Schroffes und Gerundetes zu fchöner Einheit verbinden, weckten und bildeten den plaftifchen Blick, wie fie noch heute das Entzücken des Künftlers find. Und diefes Reich von fchönen Linien und Formen fah der Grieche belebt und verklärt von dem zauberhaften Farbenreize feiner reinen Luft, eingefafst von der blauen Pracht feines Himmels, deffen unvergleichlicher Glanz dem auffchauenden Blicke ins Herz hinein lachte ; er fah es umfloflen von dem Spiegel diefes Himmels, von einem Meere, deffen tiefe, lichtdurchdrungene Bläue in reizvollem Wechfel der Farben die Küften von Hellas umfpülte. Welch ein Lehrmeifter des Schönen das Meer für den Hellenen gewefen ift, das kann man aus Homer lernen, wenn man auch nur eins der zahlreichen Gleichniffe lieft von der entftehenden und vergehenden Meereswoge:
*) Fr. Vif eher Aefthetik IL i, S. 233 ff.
Natur, Land und Volk der Griechen.
Weit auf der Höhe zuerft aufhelmt fie fich ; aber anjetzo
Gegen die Klippe zerfchellt laut donnert fie, rings um den Vorftrand
Hängt fie krumm aufbrandend, und fernhin fpeit fie den Salzfchaum —
Alfo zogen gedrängt die Danaer, Haufen an Haufen,
Raftlos her in die Schlacht.« —
Den Gegenfatz zu der rauhen und erhabenen Wildheit der griechifchen Gebirgsnatur , welche dem Charakter des dorifchen Stammes entfpricht, bildet die jonifche Weichheit und Lieblichkeit der Thäler, die jedoch weit entfernt ift von orientalifcher Ueppigkeit, welche den Sinn beraufcht und in Träume fchwelgerifcher Wolluft verfenkt.
»Klar wie fein Himmel, fchwungvoll und doch fcharf umriffen und beftimmt wie feiner Erde Formen, war auch die Pflanzenwelt, welche den Hellenen umgab. Ihr Typus hat jenen plaftifchen Charakter, der durch den Schwung feiner Formen das Gemüth befreit, während er das Sentimentale durch feine ruhige Würde, feine ernftgemeffene Haltung und durch feine fcharfe Deutlichkeit nicht aufkommen läfst. Selbft der Oelbaum, fo ähnlich unferer nordifchen Weide, ift nicht elegifch fentimental wie diefe, denn die lederartige Stärke feiner Blätter verhindert die zitternde Beweglichkeit im Winde und das traurige Ueberhängen der äufseren Zweige. Die Pflanzenwelt Griechenlands und Italiens ift im Allgemeinen von mäfsiger Gröfse. Wo fich in derfelben üppige Fülle in Wuchs und Stamm, in Krone und Baumfchlag zeigt, da wird diefe Fülle doch wieder, wie bei der Platane und dem Ahorn, zur gemeffenen Beftimmtheit hingelenkt durch die ftrenge, dem Kryftallartigen verwandte Zeichnung der Blätter. Das Grün der Bäume, nicht eintönig, fondern in unzähligen Nuancen fpielend, meift von warmer, zuweilen von glänzender, fchwärzlicher und graugrüner Farbe, erfetzt durch feine Dauer den Schmuck der fchnell verfengten Wiefenfluren. Erft wenn man die reizende, jungfräuliche Schlankheit des Lorbeerbaumes fleht, verfteht man völlig den Mythus von der Daphne,
Natur, Land und Volk der Griechen.
wie man bei dem Anblick der hoch zur Krone auffteigenden Doldenftengel die Form der griechifchen Tempelfäule verfteht, welche hellenifcher Kunftgeift der Natur nachfchuf.«
In diefer Vegetation derThäler lebt und webt eine'ebenfo reiche und anmuthige Thierwelt. »Zahllofe Cicaden fummen im Gräfe, taufende von Nachtigallen fchlagen im Myrtengebüfche, unter den Oliven, im Platanenhain, im Dunkel der Orangen und Limonen. Das Steinhuhn lockt, zierliche Lacerten werden von Schlangen verfolgt, mächtige Geier fchreiten gravitätifch einher, Pelikan und Storch lauern am See auf Beute und hoch in den Lüften, ftolze Kreife ziehend, wiegt fich der Adler, der blitztragende Vogel des Zeus. Wenn auch die gefährlichen, der Cultur feindlichen Thiere fchon in früher Heroenzeit verfolgt und ftark vermindert wurden, fo war doch darum das wilde Gethier nicht in dem Grade wie bei uns ausgerottet, und die griechifchen Dichter und Künftler fahen noch Löwen und Schlangen, Adler und Geier, nicht in Käfigen, fondern in Freiheit. Der Thiere schönftes, das Pferd, war zugleich in feiner edelften Race, der fchlanken orientalifchen , in Griechenland vorhanden, und die marmornen Roffe des Parthenon zeigen , dafs Phidias der herrlichften Modelle nicht entbehrte« *).
Ueberall in der organifchen wie in der unorganifchen Natur umgab fo den griechifchen Menfchen die kunfttriebweckende Schönheit. Sie lachte ihm ins Herz mit dem hellen Lichte feiner Sonne und mit der Zauberpracht der Farben, der Kinder des Lichts. Sie grüfste ihn aus der ftrahlenden Bläue feines Himmels und feines Meeres, und aus der Reinheit und Klarheit feiner Luft, deren Hitze während der Sommergluthen hier der frifche Hauch des Gebirgswaldes, dort die labenden Winde des Meeres kühlten. Sie lockte und bildete fein Auge durch die Linien und Formen der fchön geftalteten Erde, wie durch die reizend gefchwungenen
Natur, Land und Volk der Griechen.
Wellen des raufchenden Meeres. Sie umgab ihn in Bufch und Baum, in Wald und Feld, in dem filbernen Riefelraufchen der kühlen Felfenquelle , die dem Dürftenden Labung fpendete, wie in den taufend mannigfaltigen Reizen feiner Thierund Pflanzenwelt.
Und hinein in all diefe Schönheit fchuf diefelbe Natur das göttergleiche Gebild des griechifchen Menfchen.
Es war der griechifche Himmel , der die fchönften und wohlgebildetften Gefchöpfe und Gewächfe und eine Uebereinftimmung der Neigungen mit der Gefbalt hervorbrachte. Darum war die leibliche Bildung des griechifchen Menfchen der Ausdruck des reinen Gleichgewichts von Temperament und Anlage überhaupt. »Der Gliederbau war kräftig, breit und doch von fchlanker Linie und gefchmeidigen Formen. Der Charakter des Gelöfhen, Herausgearbeiteten, Entwickelten, befonders in der freigewölbten Bruft, der fchon in der Race lag, ward durch die Gymnaftik noch mehr vervollkommnet. Das eigenthümliche griechifche Profil ift allgemein bekannt. Die Kunfh fand es vor in der Natur und bildete es nur aus zu höchfher Vollendung. Noch heutigen Tages findet man hie und da in Griechenland diefes Profil : die gerade Linie in der Verbindung von Stirn und Nafe, das grofse Auge, das runde, volle Kinn, das breitere Geficht, welche nach Ariftoteles den jonifchen Typus bezeichnen, der zur Zeit der blühenden Kunft das Ideal der griechifchen Bildner war. Auch die dorifche Gefichtsbildung, welche an das Profil der Plaftik und Malerei vor Phidias erinnert: ein feines, fpitzes Geficht, von vorn fchmal anzufehen, zurückfliehende Stirn, fcharfe Adlernafe, der feine Mund wie zum Lächeln in den Winkeln aufgezogen, das fpitze Kinn — auch diefe dem dorifchen Stamme eigenthümliche, vogelähnliche Phyfiognomie kann man noch heute in Neugriechenland beobachten.«
Das Eigenthümliche des griechifchen Profils in feiner Vollendung befteht darin, dafs es einen fanften, ununterbrochenen Zufammenhang zwifchen den oberen und unteren Gefichts^ io Natur, Land und Volk der Griechen.
theilen erzeugt. Die Nafe wird dadurch der Stirn, dem Sitze des Geiftes, angeeignet und erhält felber einen geifligen Charakter, während bei einer tief einfchneidenden Nafenwurzel der Ausdruck einer fcharfen Trennung des Geiftigen und Animalifchen entfteht. Das volle Kinn aber gab diefem fchönen, harmonifchen Ganzen gleichfam die abfchliefsende fefte Bafis. »Die Stirn war mäfsig gewölbt, nicht allzu hoch, fie hatte einen Theil ihrer Entwickelung dem Gefichte abgegeben. Dazu das volle, runde, leuchtende Auge unter feingezogenen Brauen und der Schmuck des lockigen Haares, das in Fülle auch in dem fchön gekräufelten Barte fich zeigt. So fprach diefes ganze Profil das Gleichgewicht des Temperamentes aus, das neben dem fanguinifchen Hauptzuge auch diejenige Dofis von Phlegma und Melancholie befafs, die zur Wiffenfchaft und zum ganzen Gefühl des Tragifchen gehört, während man nur an Achilles zu denken braucht, um auch die Stärke des cholerifchen Feuers im griechifchen Temperamente zu erkennen. Diefe reine Mifchung aller Temperamente bildete die Grundlage für die allfeitige geniale Begabung des griechifchen Menfchen« *).
»So ausgeftattet von der Natur fand fich der Grieche unter einem Himmel und in einem Lande, wo das Leben weder zu fchwer noch zu leicht war, wo mit mäfsiger Mühe dreifache Ernte gedeiht, wo Wein und edle Früchte die Sinne erfreuen, und der leichtere Genufs die Mäfsigkeit begünftigt. War auch des fruchtbaren Landes nur wenig, fo lohnte doch überall der Boden die Mühe des Menfchen, dem er zugleich lieb und werth wurde durch die Sorgfalt und Arbeit, die er auf feine Pflege verwenden mufste. Und wo der Boden nicht ausreichte, da lockte das Meer nach allen Seiten hinaus zum Handel, der mit dem Reichthum zugleich die Mittel brachte zur Verfchönerung des Dafeins, nachdem das Nothwendige gewonnen war. Die vielfach eingefchnitte-
*) Vifcher a. a. O. S. 235. Hegel Aefthetik II, S. 387 — 390.
Natur, Land und Volk der Griechen.
nen Kütten geben dem Lande individuelle Geftalt, und zeigen finnbildlich die reiche Gliederung griechifchen Lebens an. Die häufigen Golfe mit ihrer Beckenform, fchön gerundeten Theaterkreifen vergleichbar, luden den Menfchen zur Anfiedelung, fein Schiff zur Sicherheit ein. Rings umher aber fchwimmen in reiner Bläue die fchön gezeichneten Infeln. Vorzugsweife vom Himmel begünftigt war Attika, wo die reine Luft den Blick am weiteften hinausträgt über das Meer, und wo vom Hymettosgebirge herab das Auge über feinen blauen Spiegel oftwärts bis Chios dringt.«
Aber auch unter der Erde bot fein Land dem Hellenen die Mittel aller Cultur und Kunft. Erz, Eifen und edle Metalle waren reichlich vorhanden , und unerfchöpfliche Brüche des edelften Marmors boten fich dem Künftler zum bildfamen Stoffe dar.
Diefer griechifchen Natur und ihrer Mifchung und Geftaltung entfpricht nun auch die griechifche Cultur und ihre äufseren Formen. In allen ift das Nothwendige zu Freiheit und Leichtigkeit umgefchafifen , alle verkünden die fchöne Menfchlichkeit. »Die Tracht liefs das Haupt überall, wo man nicht den Schutz des Helms, des Reifehuts, der Schififermütze bedurfte, frei und unbedeckt, die Beine in ihrer fchönen Zeichnung nackt — Hofen galten für barbarifche Tracht — und auch der ganze oder halbe Arm fah nackt aus dem Gewände (Chiton) hervor. Das Himation, das über die linke Schulter geworfen, um den Rücken gefchlagen, dann unter oder über den rechten Arm genommen wurde, fo dafs das Ende wieder über die linke Schulter fiel, — diefes Himation, und ähnlich die kürzere Chlamys, war jenes ungenähte Stück wollenen Zeugs, deffen reicher Faltenwurf, motivirt durch die Formen des Körpers, diefe durchblicken liefs, mit jeder Bewegung fich veränderte, nicht fertig genäht, als Sack am Leibe hing oder als Schale ihm anhaftete, fondern in Wahrheit getragen fein wollte, daher ein bewegtes, lebendiges, ein perfönliches Kleid.« Aber auch unbekleidet fah das
Natur, Land und Volk der Griechen.
Auge die fchöne Menfchengeftalt bei den gymnaftifchen Spielen, und der Künftler brauchte keine Modelle, um den Körper in jeder Bewegung zu fehen. »Wir Moderne befitzen«, wie Heinfe treffend fagt, »nicht dies von Kindheit an entwickelte Gefühl für die Form in ihrer unverhüllten Schönheit; wir wiffen beffer, wie die Röcke ausfehen auf dem Rücken als die lebendige Haut. Die Griechen kannten durch ihre Bäder und Leibesübungen das Nackte , wie wir Lettern in einem gedruckten Buche im Moment lefen können; wir dagegen kennen es oft blofs als Lettern ohne Sinn, und glauben ihm nach der Ueberfchrift , nach dem Geficht, Gewächs und der Stellung, weil fie wie Worte ausfehen.«
»Wie einfach und doch fchwungvoll, wie edel ohne Ueberladung, wie lebendig und gefühlt alle Geräthe waren, weifs Jeder, der antike Vafen, Lampen, Candelaber, Küchenund Tafelgeräthe, Helme, Schilde und andere Waffen gefehen hat. Selbft die Löcher am Siebe hatten Zeichnung, das Gewicht an der Wage war ein Götterkopf, die Theatermarke ftellte ein niedlich gefchnittenes Thierchen vor; denn in Alles drang der Geift der Kunft und Schönheit ein, und wie der Grieche das Schöne fchuf, fo war er hinwiederum felbft, feine ganze Erfcheinung, feine Lebensformen Gegenftand des Künftlers und der Kunft*).« Man braucht nur den Borghefifchen Fechter anzufchauen, um fich ein Beifpiel vor die Sinne zu führen, wie z. B. die antike Waffenführung den ganzen Mann in Anfpruch nahm, und die Kraft und Schönheit aller Glieder des Kämpfers zeigte. »Auch der griechifche Feldherr ift nicht blofs durch feinen Befehl und Plan von ferne her der Lenker der Schlacht. Alexander ftürmt felbft an der Spitze feiner Reitergefchwader ein auf die feindlichen Schaaren. Der Staatsmann ift Redner des Markts, feine Thätigkeit ift fo öffentlich, wie die des Feldarbeiters und Künftlers; der Weife, der Dichter, der Denker, fie alle
*) Vifcher a. a. O. S. 236.
ftehen mitten im öffentlichen Leben als ganze, volle Menfchen. Es gab keine Cabinette und keine Studirftuben, keine grünen Tifche und ftaubigen Actenzimmer, keine verkrüppelten Gefchäftsmenfchen im Volke der Hellenen.«
Der freudige Ernft diefes griechifchen Dafeins findet feinen höchften feftlichen Ausdruck in einem durchaus heitern Cultus und in den damit verbundenen Spielen und Feftfeiern.
Die orientalifche Verwandtfchaft der Griechen zeigte fich hier in den Feften des Weingottes, in den Dionyfien und in dem Taumel trunkner Luft, der fie begleitete. »Aber felbft in der Trunkenheit diefes Taumels fehlte nicht das Band der Schönheit, welche auch der wilderten Ausgelaffenheit jenen Rhythmus verlieh, der als tacthaltendes Maafs felbft die rafende Luft der Bacchantin beherrfcht. Gegenüber diefen Feften der ausgelaffenen Luft ftanden aber die Fefte der Thätigkeit, die gymnaftifchen Feftfpiele zu Olympia und an anderen Orten. In ihnen zeigte der Grieche feinen Göttern und feinem Volke die ganze Herrlichkeit hellenifcher Kraft und Schönheit. Und fchon allein dies, dafs diefes Volk folche Fefte hatte, ftempelt es zu einem fchönen Volke, zu einem Volke, das fich felbft und fein ganzes Leben zu einem Kunftwerke fchuf. Solche Spiele waren ein Gottesdienft ; und der hellenifche Gottesdienft beftand überhaupt und vorzugsweife in Aufzügen, wo fich das Volk an feinem Reichthum, an dem Adel feiner Stände, an der Schönheit feiner Jünglinge und Jungfrauen, feiner Roffe und Rinder, feiner Tempel und Kunftwerke erfreute. Die Ueberrefte des Orientalismus: traurige Entfagung, Einfiedelei und dumpfes Hinbrüten auf der einen, wilde Wolluft, fcheufsliche Selbftvernichtung , blutige Menfchenopfer auf der anderen Seite, erfcheinen überwunden und abgethan im griechifchen Volke und Leben. Nur in den Myfterien barg fich noch ein letzter Reft des Düftern und Geheimnifsvollen. Der allgemeine Cultus war mild, heiter und fonnig, wie die Natur und das ganze Dafein. In diefem Volke
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Natur, Land und Volk der Griechen.
zuerft war die Religion freie Verehrung, wie diefes Volk das erfte war, bei welchem keine gefchloffene Priefterfchaft die Zügel religiöfer und geiftiger Herrfchaft führte. Die mythologifchen Traditionen der Hellenen wurden nicht von Prieftern überwacht und von ihnen gemodelt zu einer fefben Doctrin, fondern fie waren Volksfagen im Munde einer frei waltenden Dichtung. Begeifterte Sänger belehrten das Volk über feine Götter und feine menfchlichen Pflichten, und ohne Scheu und mit vollfter Wahrheit konnte der fromme Grieche Herodot das Wort ausfprechen : »Homer und Hefiod haben den Hellenen ihre Götter gemacht*)«.
Religiöfer Fanatismus war diefem Volke fremd, das keinem Gotte, von dem es Kunde vernahm, die göttliche Ehre verweigerte. Mochten fich über ihre Götter, über deren Namen und Thaten auch die verfchiedenften und widerftreitendften Sagen bilden, den Griechen beunruhigte darüber kein Zweifel. »Wie du auch heifsen mögefl,« ruft der Chor in einem Gebete bei Sophokles, »ich flehe zu dir und zu deiner Hülfe!«
Während bei den Orientalen alle Sphären des Dafeins und der Thätigkeit, Kunft, Wiffenfchaft, Staat, Religion, Moral in der Priefterherrfchaft zufammenfloffen , löfte fich bei den Griechen jede derfelben vom Ganzen ab, und entwickelte fich frei von den anderen als felbftändig ausgebildetes Glied einer organifchen, nicht mechanifchen Einheit. Nie wieder hat ein Volk fo vielfeitig alle Kreife menfchlicher Thätigkeit durchmeffen und ausgebildet. Keine dogmatifche Lehre ftellte feft, was Recht und Unrecht, Gut und Böfe fei; das eigene fittliche Gefühl des Volks fchuf und entwickelte die Sittlichkeit. Nicht die Götter waren es, welche den griechifchen Menfchen fittlich bildeten, nein, der griechifche Menfch war es, der feine Götter bildete und veredelte, in dem fein fortfchreitendes fittliches Gefühl die unvollkommnen
Natur, Land und Volk der Griechen.
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Vorftellungen von der Gottheit vervollkommnete. In diefem Sinne haben die griechifchen Dichter die Götter der Griechen gebildet. Das moralifche Ideal der Hellenen, die Sophrofyne, d. h. die fittliche Mäfsigung, war die fchöne Frucht diefer Unabhängigkeit ihrer Moral von der Religion. Sie war die Frucht eines Freiheitsgefühls und eines Freiheitsgenuffes, dem weder eine überwachende Priefterherrfchaft , noch eine polizeiliche Bevormundung von Seiten des Staats Schranken fetzte. Das eigne Gefühl der Ehrfurcht vor dem Hohen und Göttlichen, die tiefe Scheu vor dem Unheiligen und Unreinen, die Achtung vor der Sitte und dem felbftgegebenen Gefetze vertrat bei den Hellenen die Stelle jener äufserlichen Zucht und Bevormundung durch Hierarchie und Staatspolizei. In folcher Freiheit entfaltete fich der Geift des griechifchen Volks zu einer Blüthe der Anmuth und Schönheit, welche weder vorher, noch nachher ein anderes Volk erreicht hat.
Die Griechen und ihre Götter.
Die Griechen erfcheinen in der Gefchichte der Menfchheit als das erfte ethifche, d. h. finnlich fittliche, freie Volk, und darum wird bei ihnen auch die orientalifche Naturreligion zur fittlichen Religion erhoben. Die griechifchen Götter find urfprünglich Naturgötter. Sie treten zuerft als Localgötter auf, vereinigen fich allmälig und werden zuletzt von dem dichtenden und bildenden Geifte der Griechen ausgeftaltet zu einem Olymp von Göttern mit fittlicher und politifcher Bedeutung. Wie der Menfch, fo fein Gott. Wie die Griechen das erfte Volk der Menfchheit waren, in welchem fich die freie Perfönlichkeit des Menfchen als eines fittlichen Wefens ausbildete, fo fchufen fie auch ihre Götter zu freien, fittlichen Perfönlichkeiten. Die griechifchen Götter find keine blofsen Symbole mehr, fondern fie haben alle Eigenfchaften und Thätigkeiten, Empfindungen und Zwecke eines Subjects, einer Perfon, eines Menfchen. Die urfprüngliche Naturbedeutung ift nur der Stoff, aus welchem der Geift des griechifchen Volks in Gedicht und Bildwerk den einzelnen Gott formt, und ihm feine Eigenfchaften, feinen Charakter und feine Geftalt verleiht. So erfcheinen die Götter des Naturfegens und der Fruchtbarkeit von weicherem und üppigerem Kör-
Die Griechen und ihre Götter.
perbau und lebensluftigerem Gemüth; die Gottheiten des fcharf befcheinenden Lichts, Artemis und Phoebus-Apollo, von ftrafferem und fchlankerem Leibe und von ernfterem und ftrengerem Gemüth. Die griechifchen Götter find nicht mehr Wefen, die etwas in der Natur bedeuten; Tie find vielmehr dies Natürliche felbft. Pofeidon bedeutet nicht das Meer, fondern das Meer ift ein Geift, und diefer Geift ift Pofeidon, unruhig, wild und raftlos von Charakter und Temperament, wie das Meer. »Homer' s Götter,« fagt Plutarch, »find natürliche Ideen der verfchiedenen Kräfte der Welt, Schatten und Hüllen edler Gefinnungen.« Jede grofse, felbftändige, mächtige und wohlthätige, aber auch furchtbare und zerftörende Erfcheinung in der Natur war den Alten göttlich. Der Grieche fafste Tie auf in ihrer Selbftändigkeit, trennte fie ab von dem Zufammenhange des unendlichen Ganzen, legte mit feiner Phantafie die unendlich erweiterte menfchliche Seele hinein, — und fiehe! es war ein Gott. Aber auch jedes Sittliche ward ihm ein Gott. Der fchlanke, feine und doch ftarke, elaftifche Hermes, deffen Geftalt der Grieche an feiner Paläftra aufrichtete, was war er anders, als diefe Sitte der Leibesübung felbft und das fchöne Refultat ihrer Befolgung? Und nicht blofs eine Idee, nicht blofs eine Leidenfchaft, ein fittlicher Zweck machen den Inhalt des einzelnen Gottes aus, fondern ein und derfelbe Gott kann deren mehrere zugleich umfaffen, ja, er kann alle umfaffen neben feinem Hauptzweck, weil er eben eine vollftändige Perfönlichkeit, ein ganzes und vollftändiges fittliches Individuum ift. So ift der Lichtgott Apollo zugleich der Gott des Gefanges und der Mufik ; aber er ift auch der Gott des Wiffens, der Weiffagung, der Offenbarung und Beftrafungder Verbrechen. Und weil die hellenifchen Götter keine Abftractionen find, fondern lebendige Perfönlichkeiten mit einer Naturgrundlage , darum ftehen fie auch unter dem Gefetze des Lebens : fie werden geboren und wachfen, fie handeln und leiden, ja fie leiden geiftig und körperlich nicht nur durch ihres Gleichen, fondern auch durch fterbliche Menfchen.
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Die Griechen und ihre Götter.
Menfch fein war dem Griechen das Höchfte. Darum degradirte er das Thierifche, in welchem der Orient ein Wunderbares, Göttliches fah. Die alten thierifchen Götterungeheuer find, wie die griechifchen Dichter fingen, befiegt von den neuen, geiftigen und fittlich menfchlichen Göttern. Der griechifche Schönheitsfinn ift es, der diefen Sieg vollbracht hat. Das Symbolifche tritt als Attribut in der Geftalt eines Thieres oder als Waffe neben die menfchliche Geftalt des Gottes: fo der Adler und der Donnerkeil des Zeus, der Panther des Dionyfos, der Delphin der Aphrodite, der Dreizack des Pofeidon, der Köcher der Artemis und des Apollo, deffen Pfeile an die Sonnen- und Mondesftrahlen erinnern. DieKunft aber bildet in ftetigem Fortfehritte jeden Gott der griechifchen Phantafie bis dahin aus, wo feine Geftaltung, angelangt an der Grenze des Erreichbaren, das Ideal völlig erfüllt und wo in vollendeter Schönheit Allen verftändlich das griechifche Götterbild den Triumph unfterblichen Lebens feiert.
Der griechifche Staat.
Derfelbe Fortfehritt gegen den Orient, welchen wir bei den Griechen in ihrem Verhältnifs zur Religion fehen, zeigt fich auch in ihrem Verhältnifs zum Staat. Die Freiheit der griechifchen Natur wirkt auch hier fchöpferifch und befreiend. Die Griechen find das erfte Volk, welches einen wirklichen Staat und ein wahrhaftes Staatsleben gefchaffen und zu höchfter künftlerifcher Vollendung ausgebildet hat.
Im Oriente finden wir Defpotie eines abfoluten Herrfchers. In Griechenland war felbft zur Zeit des Königthums fchon der Wille der Volksgemeinde das höchfte Gefetz. Aber auch den Reft des orientalifchen Defpotismus, das befchränkte Königthum, ertrug der freie Geift des Griechenvolks nicht lange. Es ward faft überall abgefchafft, und Republiken, mehr oder minder ariftokratifch oder demokratifch, traten an deffen Stelle. »Die Freiheit,« fagt fchon der alte Herodot, von den Athenern redend, »ward die Mutter ihrer Gröfse und Herrlichkeit.« Im Oriente war nur einer frei,' der Herrfcher; in Griechenland find es alle Griechen, denn die Sklaven waren überwundene oder gekaufte Menfchen. Die Sklaverei ift freilich der Flecken des griechifchen Staatslebens. Die Einficht, dafs alle Menfchen zur Freiheit und zur Theilnahme am Staate beftimmt find, diefe Einficht, welche erft jetzt, dreitaufend Jahre fpäter, wirkfam zu werden beginnt,
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Der griechifche Staat.
fehlte dem griechifchen V olke. Sie dämmerte nur auf in einzelnen Ausfprüchen feiner tiefften Denker, wie in dem Satze des Ariftoteles: »dafs der Menfch feiner Natur nach ein politifches Wefen ift, und dafs wer nicht an der Staatsgefellfchaft Theil haben kann, entweder geringer oder beffer als ein Menfch, entweder ein Thier oder ein Gott fein müffe«. Es ift fo wenig wahr, dafs die Sklaverei nothwendig ift für die republicanifche Staatsform, dafs man vielmehr fagen mufs: an der Sklaverei ift Griechenland und das ganze Alterthum zu Grunde gegangen.
Das Schöne in dem freien griechifchen Volksleben beftand aber darin, dafs der Einzelne fich mit dem Ganzen in Einklang fand. Der Staat war nicht ein äufserliches Ding, von dem fich der Einzelne getrennt fühlte, und eben fo wenig war der Staat eine Macht, welche den Einzelnen, wie bei den Römern, ganz und gar verfchlang, und ihn nicht zu dem Gefühle kommen liefs, dafs er auch als Einzelner noch etwas fei und bedeute. Es war ein Verhältnifs wie in der wahren Liebe, wo der Liebende fich in dem geliebten Gegenftande wieder findet. Der Einzelne lebte im Staate, aber der Staat lebte ebenfo in jedem einzelnen Bürger, der mit mehr Recht als König Ludwig XIV. fagen konnte: »der Staat bin Ich.« Beredtfamkeit und körperliche Ausbildung zur Schönheit und kriegerifchen Tüchtigkeit durch Gymnaftik waren die einfachen Mittel, jedem Einzelnen Geltung im Staatsleben zu verfchaffen.
Für die Kunft ift dies Verhältnifs der Griechen zum Staate fehr wichtig. Das freie republicanifche Leben machte erft .den Menfchen zum wahren Stoffe für die fchöne Kunft. Wir werden in einem befonderen Capitel diefen Zufammenhang zwifchen Kunft und Freiheit weiter ausführen.
Die Griechen find das wahre Jugendvolk der Menfchheit. Mit dem Jünglinge Achilles beginnt, mit dem Jünglinge Alexander fchliefst ihre Gefchichte. Und wenn es wahr ift, dafs die Kunft die Blüthe der menfchlichen Bildung ift, fo
Der griechifche Staat.
darf die griechifche Zeit der blüthenvolle Frühling der Menfchheit heifsen.
In diefer freien Lebensluft des fittlichen und ftaatlichen Dafeins entwickelt fich nun der griechifche Charakter zu einfachen, aber beftimmt ausgeprägten Typen und Bildungen. Die Geftalten der Götter und Halbgötter, der Heroen, und fpäter der hiftorifchen Helden und Staatsmänner, Dichter, Künftler, Philofophen haben alle den Charakter diefer Einfachheit und fcharfen Ausprägung, ähnlich den Thieren in der Fabel. Das Löwenartige des Zeus, die Vergleichungen homerifcher Heldengeftalten und Charaktere mit einzelnen Thieren find ein Beweis dafür. Ja die ganze Fülle plaftifcher Ideale der Götter und Heroen, wie fie die Kunft erfchuf und für alle Zeiten hinftellte, hat ihren Grund in diefer Einfachheit und Beftimmtheit der griechifchen Natur überhaupt, in welcher derMenfch als finnliches, geiftbegabtes Thier erfcheint. Natur und Klima, Himmel, Erde und Meer, Religion und Sitte, Staat und Staatsleben, Alles weckte und nährte fo in dem Griechen den leiblichen und geiftigen Sinn für die Schönheit. Es ift echt griechifche Empfindung, mit der Kritobulos im Gaftmahle Xenophon's ausruft: »Ich fchwöre bei allen Göttern, dafs ich lieber fchön fein möchte, als König des Perferreichs!« Unter den vier Hauptwünfchen des griechifchen Dichters für das vollendete Glück des Lebens fleht die Schönheit des Leibes obenan, und die drei anderen: »Reichthum, der Niemanden kränkt, Gefundheit und der Freundfchaft Glück,« dienen nur als goldene Einfaffung für den Demant der Schönheit. Der griechifche Geift aber ward fo der helle Spiegel, welcher die Schönheit der griechifchen Natur und des griechifchen Lebens in taufendfältigen Werken der Kunft zurückftrahlte , ihnen felbft zur Freude, und allen fpäteren Gefchlechtern und Zeiten zum Entzücken und zur Bewunderung. Denn die Kunft aller Völker ift nichts Anderes als der Ausdruck ihrer, durch Natur und Leben erzeugten, inneren Geiftesftimmung.
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The end
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