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Geschichte Israels in Einzeldarstellungen

Winckler, Hugo, 1863-1913, author · 1895 · Scanned text

174,079 words · about 12 h 11 min to read

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Author
Winckler, Hugo, 1863-1913, author
Language
German
Published
1895
Length
174,079 words · about 12 h 11 min
Sections
2 reader sections
Text
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Rights
Public domain · PD-US by publication date

 

Contents (2)
  1. Teil I about 5 h 8 min
  2. Vorwort about 7 h 4 min

Continue:

Teil I

KISEENTERN

LEIPZIG.

An x a

Die folgenden Aufsätze sind zu verschiedenen Zeiten ‘entstanden und waren nicht mit der Absicht einer Ver- ‚Ööffentlichung in der vorliegenden Gestalt niedergeschrieben. Da sie sich gleichwol schliesslich einem grösseren Zu- 'sammenhang einordnen, so erschien die jetzige Form als angezeigt. Eine israelitische Geschichte kann der Spärlichkeit der Quellen wegen so wie so nur einzelne Fragen behandeln. Aus der Art der Eintstehung werden sich dem Leser einige Eigenheiten der Darstellung, namentlich die mehrfache Berührung derselben Fragen erklären. Ich lege Gewicht darauf, jedermann sehen zu lassen, wie sich meine Ansichten, oft auf verschiedenen Wegen, herausgebildet haben.

Berlin, 4. Juli 1895.

Hugo Winckler.

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Untersuchungen 1-—11. Grund des Interesses an der Geschichte Israels 1—3. Die Religionsgeschichte 4—5. Dem gegenüber schärfere Betonung der politischen Ereignisse nötig 6—7, sowie eingehende

Verwendung der monumentalen Quellen 8—11.

Über die Einwanderung der Israeliten in Palästina 12—54. Die Besetzung des Landes keine einmalige Eroberung, sondern allmälige Besetzung 12—14. Zeit derselben 14. Die Hebräer 15. Kinahi 15—16. Habiri 17—20. Israel vor der Einwanderung kein geeintes Volk, Jahve also auch noch nicht der Ausdruck einer solchen Einheit 21—-23, erst von David dazu erhoben 24—26, der erst Israel und Juda geeinigt hat 27—28. Jahve auf dem Sinai in Musri ansessig, Gott der kalebitischen Gentes, erst durch die davidische Legende als Gott Gesamt-Israels hingestellt 29—30. Die historische Legende und ihre Lebenskraft 31—33; alle biblische Stellen von ihr vollkommen beherrscht 34—36. Der kanaanäische Gott Jahu und Jahve, vorauszusehender Jahvekult in Kaleb (Musri) 37—38. Von der Erhebung des Jahvekultes von Kaleb zum allgemeinen israelitischjudäischen durch David bleiben die alten einheimischen Kulte Israels unberührt und, bestehen daneben 33—42. — Der Einfluss der davidischen Legende auf die biblische Einwanderungsdarstellung 42—43. Eine bessere Erinnerung über die wahren Verhältnisse beim Elohisten, erst durch die spätere Bearbeitung verdeckt, ist noch erkennbar in den Mitteilungen über das Verhältnis zu Edom, Moab, Ammon und Midian 45—50. Die Amoriter (nicht = Kanaaniter bei E) 51—54.

Die davidische Einheitsidee bei den Propheten und die gleichzeitigen Zeugen. I. Die Sage vom Aufenthalte in Ägypten. Verwechslung von Musri und Misrajim durch die Sage 55. Alle angeblichen Erwähnungen der Legende vom Aufenthalte in Ägypten bei den älteren Propheten (Amos, Hosea, Jesaja) sind Zusätze späterer Bearbeitungen und Umdichtungen 56- 58; desgleichen solche der Patriarchensage. Es liegt also kein Zeugnis von Vorhandensein der Einheitsidee in der älteren Zeit vor 59. — II. Die Jahveidee. Der Glanz des Davidreiches musste nachwirken, daher erklärt es sich, wenn auch im Nordreiche sein Wahrzeichen, der Jahvekult, trotz des kurzen Bestehens der Einheit Spuren hinterlassen hat. Die Davidzeit erscheint als ein goldenes Zeitalter. Die politische Rolle der Propheten und ihr Verhältnis zu den Königen 59—64, und zum Volke 64—65. Jahve im Volksbewusstsein in Juda 65 und in a st

Israel 65—66. Jahve bei Amos, Hosea, Jesaja 66—67. Die Numina von Be’er$eba, Dan, Bö&t-el etc. nicht identisch mit Jahve 67—69. Jahve nicht Gott der Nordstämme (Mesainschrift) 69—70. III. Die Lade Jahves. Die Berichte über die Lade „Jahves der Heerschaaren“ widersprechen sich, haben also keine historische Beweiskraft. Die angebliche Existenz der Lade bei den Nordstämmen kann daher nicht als Zeugnis für einen Jahvekult bei diesen geltend gemacht werden 70—77.

Der Jahvismus und die Propheten im politischen Leben 78-113. Der Entwicklungskeim zu einer Vergeistigung des Jahvekultes gefährdet durch den Kulturzustand des Volkes, welches nur durch die Macht einer Person geeinigt 78. Die zersetzenden Kräfte wirken bereits unter Salomo 79—80. Mit dem Zerfall des Reiches der Jahvismus nur noch in Juda officieller Kult, in Israel nur als Ausdruck der Herrlichkeit des Davidreiches in der Erinnerung 80-82. Die Propheten als Vertreter des Jahvekultes in Juda 82—83. Als Vertreter der Volksstämme treten sie auf gegen das unter fremdem Einfluss stehende Königtum (Ahab) 83. Jehu stützt sich auf den Jahvismus, hat aber nur in Israel Erfolg, während in Juda trotz der Unterstützung Jehus durch die Rekabiten sich die Omriden (Athalja und ihre Politik) behaupten 83—86. Jehu durch seinen Miserfolg in Juda und die Gewalt der Tatsachen gezwungen, sich gegen die Forderungen der Propheten zu wenden 86. Der letzte Versuch zur Wiederherstellung eines geeinten Reiches gescheitert 87. Daher Weiterentwicklung des Jahvismus nur noch in Juda möglich. Joas 87—88. Amasja, Azarja, Jotam. Das Priestertum am Ruder, die unvermeidlichen Misstände, welche die Propheten reizen, bilden sich heraus 88—90. Ahas daher, obgleich ein Jahveverehrer im Hader mit der Priesterschaft, von den Propheten unterstützt. Arbeitet auf eine Wiedervereinigung der beiden Reiche hin und hält es daher mit Assyrien. In seinem Sinne ist Amos im Nordreiche tätig. Amos’ Zeit 90—95. Hosea, eine zeitliche Ansetzung 96—97 (vg). dazu S. 62.63. Anm. 2. 155 Anm. 1). Hiskia und Jesaja, das zweimalige Erscheinen Sanheribs in Palästina 97—98. Manasse. Unter seiner Regierung der babylonische Aufstand; dessen Wirkungen in Palästina und sein Widerhall in der politischen Dichtung (Nahum, Jes. 21) 98—102. Amon. Josia. Die Priesterherrschaft erklärt 102—104. Entwicklung der Priesterherrschaft aus der Jahvepartei 105—107 und Herausbildung des Gegensatzes zur Prophetie. Jesaja tritt nicht für Centralisirung des Kultes ein (107/8) und ist an Hiskias Reform nicht beteiligt 107—109. Durch die Reform Josias (Deuteronomium) alles Nicht-theokratische in die Opposition gedrängt, die theokratische uud weltliche Partei. Jeremias’ Stellung und Denkweise 1099-111. Zeit seines Auftretens 112-113,

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Die Vorzeit und die semitischen Wanderungen 114-132. Die politischen Schicksale Syriens und Palästinas durch seine Beschaffenheit und Lage zwischen Babylonien und Ägypten bedingt 114—116. Die ägyptischen und altbabylonischen Quellen für die vorisraelitische Zeit, Tel-Amarna-Tafeln. Der babylonische Kultureinfluss grösser als der ägyptische 116—120. Babylonische Wissenschaft in Palästina 121—124. Die Buchstabenschrift nicht von den Phöniciern erfunden 124—126. — Die semitischen Einwanderungen: die „babylonische“, die phönicisch-kanaanäische, aramäische, arabische. Ferner die einzelnen Wanderungen, und darnach ungefähre Berechnung des Anfangs derselben 127—129. Die ältesten bekannten semitischen Herrscher von Babylonien und ihre etwaige Herrschaft über den Westen 129—130. Die ‚erste Dynastie von Babylon“ westländisch (kanaanäisch). Die Hyksos. Die ägyptische Eroberung 130—132.

Das Reich Damaskusin seinen Beziehungen zu Israel 133—155. Syrien in der voraramäischen Zeit 133--134. Die Hethiter 134—136. Die Einwanderung der Aramäer 136—137. Die aramäischen Reiche von Soba und Damaskus, Ma’acha und Rechob 137—138. Lage von Soba und seine Beziehungen zu Saul und David 138—143. Damaskus und Israel: Benhadad Lehnsherr Ahabs 144—150. (Nennung oder Nicktnennung der kleineren Staaten in assyrischen Tributlisten lässt je auf Abhängigkeit von Assyrien oder andern Staaten schliessen 145—148). Die Kämpfe zwischen Ahab und Benhadad, die Verwendung von Nachrichten des „Prophetencodex“ 150—154. (Die Belagerung Samarias unter Ahab 151). Hazael, Mari, Tab’el, Resin 150—155.

Überblick über die politischen Geschicke der palästinensischen Völker und Staaten. 1. Israel 156-171. Die Israeliten einzeln eingewandert, als Teil der Chabiristämme, erst im Lande zu einem Stämmebund geeinigt zwischen 15. und 12. Jahrhundert 156. Die „Richter“ Führer (Fürsten) von einzelnen Stämmen 157. Endgiltige Einigung erst durch Saul, der sich zum Fürsten von Benjamin aufgeworfen hatte und seinen Stamm mit den übrigen vereinigte 158—59. — Jerobeam, Nadab 160—61. Ba’sa, Ela 161—62. Simri und Thibni, Omri 162. Ahab, seine Politik gegenüber dem Auslande 163—65. Jehus Aufstand 165 und Regierung 166. Joahas, Joas, Jerobeam II. 167. Sacharja, Sallum 167. Menachem und Tiglat- Pileser III, Pekachja, Pekach 168. Fall von Damaskus: es bestehen nur noch eine ägyptische und assyrische Partei, Hosea 168—170. Der Prophet Hosea, der Fall Samarias 170—171. — 2. Juda 171—189. Der Stamm Juda nicht israelitisch, ist in seinem späteren Umfange eine Schöpfung Davids, der ihn aus mehreren kleineren Stämmen (Kaleb, Kain, Jerachmeel etc., Juda im engern, ursprünglichen Sinne) zusammenbringt 171. Kains Beziehungen zu Midian 173. Davids

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Verhältnis zu Israel als Fürst von Kaleb (und dann Juda; Jerusalem als Hauptstadt Judas gegründet, vor der Unterwerfung des Nordreiches) 173—175. Salomo, sein Verhältnis zu Ägypten, Sesongs Zug, Rehabeam 175. Asa-Josaphat, Joram 175—177. Ahasja 177. Die Teilnahme judäischer Elemente am Aufstande Jehus, Athalja, ihre Gründe für die Ermordung der Söhne Jorams 177. Athaljas Sturz. Joas 178. Amasja 179. Azarja 179. Jotham 179. Ahas, seine Politik, sein Tod um 720 180. Hiskia, sein Verhältnis zu Merodach-Baladan 181-182. Der Aufstand von 701, Jesajas Verhalten 183. Der zweite Abfall von Assyrien 184. Die „Kimmerier“, erwähnt bei Jesaja, Jereremia, Habakuk 185—186. Hiskias Tod um 680, Manasse 187. Amon, Josia 188. Die letzten Könige, der Fall Jerusalems 188—189. — 3. Edom 189-203. Aelteste Erwähnungen zweifelhaft 191. Nach den judäischen Horden eingewandert 190, aber früher geeinigt, Davids vorauszusetzendes Verhältnis zu den edomitischen Fürsten 191. Die „Könige“ von Edom, das ‘Eber-ha-nahar 191—192. Kriege mit Saul nicht möglich 193. Hadad, das Verhältnis Edoms zu Midian 193—194. Vorauszusetzende Kämpfe mit David vor dessen Unterwerfung Israels und die Unterwerfung Edoms 194—196. Edom judäische Provinz 196—197, reisst sich unter Jehoram los 197. Krieg mit Amasja, Erwähnung bei Ramman-nirari ILI., bei Amos und Tiglat-Pileser III. 198. Verhältnis zu Gaza und Kämpfe mit diesem 199. Die edomitischen Könige als Vasallen Assyriens 200. Der angeblich geplante Aufstand gegen Nebukadnezar (bei Jeremia 27) 201. [Anm.: Tyrus seit Assurbanipal assyrische Provinz?]. Feindschaft gegen Juda in der letzten Zeit 202. Von Arabern überschwemmt 202—203. — 4. Moab 203—210. Einwanderung und Verhältnis zu den israelitischen Stämmen und zu Midian 204—205. Unterwerfung durch David 206. Mesainschrift 206—207. Jorams angeblicher Zug 207. Nichterwähnung bei Salmanassar II. 207. Später unabhängig von Israel 208. Könige von Moab bei Tiglat-Pileser III. und den folgenden Assyrerkönigen 208—209. Unter Nebukadnezar 210. — 5. Midian und Amalek 210—213. Die Midianiter als Vorgänger von Moab und Nachbarn von Edom und Kaleb 210—211. Amalek kein historisches Volk, ein Bestandteil der Exoduslegende? 211—213. — 6. Ammon 213—216. — 7. Die Philister 216—226. Ihre Einwanderung, Verschmelzung mit der kanaanäischen Urbevölkerung und Semitisirung 216—217, ihr Verhältnis zu Ägypten 218. a. Gaza 218—221. Erwähnungen bei Amos und den Assyrerkönigen 218—219. Die Angabe Jer. 47,1 221. b. Askalon 221—223. c. Asdod 223—222. d. Gath und Ekron 224—226.

Vorbemerkungen.

Als „Weltgeschichte“ haben wir uns gewöhnt, die Geschicke und Taten einer verhältnismässig geringen Anzahl von Völkern, welche unsern Erdball bewohnt haben und noch bewohnen, zu bezeichnen. Den grösseren Teil unserer Welt lassen wir dabei unberücksichtigt, nicht sowohl weil wir nichts von ihm wissen oder in Erfahrung bringen können, als weil ein Zusammenhang seiner Vergangenheit mit unserem staatlichen und wirtschaftlichen Leben für uns nicht erkennbar ist. Die Welt, welche wir in unserer Weltgeschichte zu betrachten pflegen, ist naturgemäss nur. diejenige, welche irgendwie mit der, in welcher wir selbst leben, in Verbindung steht, und auf ihre Gestaltung, wenn auch nur zu einem kleinen Teile, mit eingewirkt hat. Der Mensch ist nun einmal nicht imstande, eine Betrachtung anzustellen, deren Mittelpunkt er nicht selbst wäre. Daraus folgt, dass die Höhe des Anteils, den wir an der Geschichte eines Volkes nehmen, der Nachhaltigkeit der Einwirkungen entspricht, welche es auf die Gestaltung unserer heutigen sogenannten Kulturwelt ausgeübt hat. Ganz mit Recht hat sich die Erforschung des Altertums zuerst denjenigen Ländern und Völkern zugewandt, deren Einrichtungen und Errungenschaften noch jetzt in unserem staatlichen, wirtschaftlichen und geistigen Leben täglich, sei es hemmend als veraltete und zu überwindende Hindernisse, sei es fördernd als erstrebenswerte Ideale wirken: Rom und Griechenland. Aber fortschreitende Erkenntnis und die Erschliessung neuer, vor kurzem noch ungeahnter Quellen hat gezeigt, dass jene Länder nicht die Urheimat unserer Kultur sind, sondern dass sie die Anregung zu

Israel. Geschichte I. r

NP PR kulturellem Fortschritt in gleicher Weise vom alten Orient empfangen haben, wie wir von ihnen, und dass eine ununterbrochene Kulturübertragung vom vordern Orient nach den Kulturstaaten der klassischen Welt stattgefunden hat. Was daher unseren stärksten Sporn für die Erforschung des vordern Orients im Altertum bildet, ist nicht das blosse Verlangen nach der Erkenntnis menschlichen Strebens und Fortschreitens überhaupt, wie es etwa bei einer Geschichte Chinas oder Indiens oder der alten amerikanischen Staatenbildungen der Fall sein würde; womit übrigens nicht die Möglichkeit geläugnet werden soll, dass ebenso wie die Erschliessung neuer Quellen uns früher getrennt erscheinendes plötzlich in engem Zusammenhange mit einander gezeigt hat, so auch ein gleiches für die Zukunft von vielem gelten könnte, dessen Zusammenhang mit unserer Kulturwelt nur darum nicht erweisbar ist, weil wir von ihm überhaupt nichts wissen.!) Es ist natürlich noch weniger die Bewunderung der Massenschlächtereien und der in der Vernichtung von Erzeugnissen menschlichen Fleisses bewiesenen Rohheit, welche bisher im Laufe der Geschichte sich immer eng verbunden mit politischen Umwälzungen und staatlichen Neubildungen gezeigt haben. Wenn das der Fall wäre, müsste die erst durch manche abendländischen Kolonisationshelden der vier letzten nachchristlichen Jahrhunderte wieder erreichte Gründlichkeit und Vollendung in bestialischer Vernichtung, durch welche die Mongolen sich ein bleibendes Denkmal in der bis auf den heutigen Tag andauernden Verheerung des Orients gesetzt haben, das höchste Ziel der Geschichtsschreibung sein. Es ist vielmehr das grössere oder geringere Eingreifen der einzelnen Völker in die Entstehung und Entwickelung desjenigen Kulturbereiches, in dem wir selbst leben und an dessen Weiterentwicklung zu arbeiten uns unsere Natur zwingt, es ist das Band, welches uns mit dem redlichen Mitarbeiter am gemeinsamen Werke verbindet, das in uns das Verlangen nach einer Bekanntschaft mit den vom Schauplatze abgetretenen Mitarbeitern erweckt, und es ist das gleiche Gefühl, das uns antreibt,

‘) Vergl. Bab.-Ass. Gesch. S. 324/25.

die Fehler und Schwächen des für unredlich und als auf falschem Wege wandelnd angesehenen Gegners aufzudecken, das uns die hemmend oder schädigend in die Entwicklung unserer Welt eingreifenden Völker nur insoweit der Beachtung für würdig halten lässt, als sie unsere Kreise zu stören versucht oder, gegen ihr Streben, mittelbar unsere Ziele gefördert haben. Dabei ist es gleichgiltig, ob diese Ziele in Wirklichkeit die einzig erstrebenswerten sind; als Kindern unserer Kultur, welche nach Naturgesetz auf der einmal beschrittenen Bahn weiter wandeln müssen, beurteilen wir eben alles nach dem Gesichtspunkte desjenigen, welches den Menschen das Mass aller Dinge ist, nach dem des Ich.

Wenn wir uns unter diesem Gesichtspunkte fragen, worin der Anteil besteht, den wir an der ältesten Vergangenheit Palästinas nehmen, so ergiebt sich, dass dieselbe für die rein geschichtliche Betrachtung nur ein mittelbares Interesse hat. Zwischen den beiden grossen Kulturen und Staatenbildungen des alten Orients, der des Euphrat- und der des Niltales in der Mitte gelegen, hat es weder durch massgebende Teilnahme an dem materiellen Fortschritt der Menschheit, noch durch ein den Gang der staatlichen Entwicklung bestimmendes Eingreifen in die Geschichte sich hervorgetan. Warum es das nicht gekonnt hat zu untersuchen, würde die Aufgabe einer Betrachtung der Gesamtentwicklung des vordern Orients sein, für uns genügt vorläufig die Tatsache, dass es keine hervorragende Rolle gespielt hat, um den Höhegrad unserer Teilnahme an seinen Geschicken zu bestimmen. Von dem Standpunkte des Betrachters der Weltgeschichte würden also die Geschicke jenes Landes, in welchem nach der kindlich gläubigen Anschauung vergangener Jahrhunderte die Anfänge der Kultur und Geschichte sich abgespielt haben, keinen grösseren Wert haben, als die irgend eines anderen Teiles des vordern Orients, etwa eines Teiles Syriens oder Kleinasiens, d.h. jene Gegenden würden nur mittelbar unser Interesse insofern erregen, als sie leidend oder handelnd mit oder ohne Erfolg dazu beigetragen: haben, den Entwicklungsgang der führenden Völker und Staaten zu bestimmen.

Und doch ist Palästina dasjenige Stück der Erde, dessen

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Vergangenheit am meisten von allen, mehr selbst als das der klassischen Länder, die Gedanken der Kulturmenschheit beschäftigt und in ihrem Munde gelebt hat. Das verdankt es aber nicht dem Gewerbefleisse oder der Kriegstüchtigkeit seiner Bevölkerung, sondern dem Umstande, dass auf seinem Boden eine geistige Bewegung ihren Ursprung genommen hat, welche in ihren verschiedenen Verzweigungen die Geister aller Völker unseres Kulturbereiches unter ihren Bannkreis gezwungen hat und noch zum grossen Teil in ihr erhält. Hier ist der Begriff des Monotheismus entwickelt worden und von hier ist auch diejenige Bewegung ausgegangen, welche im Leben aller an unserer Kultur beteiligten Völker bis auf den heutigen Tag eine wichtige Rolle spielt.

Als die Heimat der monotheistischen Religion muss daher Palästina und seine Geschichte Jedermanns Interesse erwecken, der die Entwicklung unseres geistigen Lebens verfolgen und verstehen will. Solange aber unsere geistige Erziehung noch in so hohem Masse, wie es der Fall ist, von jener Religion beeinflusst wird, so lange unsere ganze Sittenlehre auf ihr gegründet ist oder doch in ihrem Namen verkündet wird, hat Jeder, der denkenden Anteil an der Gestaltung unseres gesellschaftlichen Lebens nimmt, ein Interesse daran, die Geschichte des Landes kennen zu lernen, auf dessen Boden die Grundbegriffe dieser Religion, möge er sie für den Interessen der Menschheit förderlich oder hinderlich ansehen, entstanden sind. Denn das geistige Leben entwickelt sich zugleich mit dem staatlichen und wirtschaftlichen und hat in ihnen seine Voraussetzungen.

Die Veranlassung zu einer Beschäftigung mit der Geschichte Palästinas oder besser Israels und Judas ist aber zugleich der Grund gewesen für die meistens befolgte Art ihrer Behandlung. Da die Religion im Vordergrunde des Interesses steht, so hat man auch gewöhnlich beiden Darstellungen der Geschichteauf deren Entwicklung das Hauptaugenmerk gerichtet und die politischen Ereignisse mehr in den Hintergrund treten lassen und nur dann stärker betont, wenn sie auch für jene folgenreich gewesen sind. An und für sich ist das durchaus erklärlich und im gewissem

Grade vom Standpunkte des allgemeinen Interesses auch richtig, aber die Verquickung zweier Entwicklungsreihen hat meist dazu geführt, die weniger im Lichte des allgemeinen Interesses stehende zu sehr zurücktreten lassen, so dass viele für die Religionsgeschichte nicht unmittelbar in Betracht kommenden, aber für das staatliche Leben bedeutsamen Tatsachen gar nicht oder so nebensächlich berührt wurden, dass sie in ihrer vollen Bedeutung nicht erfasst werden konnten.

Teilweise mit veranlasst wurde diese Behandlungsart auch durch die Beschaffenheit der Quellen. Denn da den einheimi- ‚schen, von welchen naturgemäss die Forschung ausging, ebenfalls das religiöse Interesse die Hauptsache war, ja da sie in der uns vorliegenden Gestalt bezwecken, einer bestimmten religiösen Idee zu dienen und demgemäss die politischen Ereignisse behandeln, so war es nur natürlich, dass die Geschichtsbetrachtung, welche stets, besonders aber bei einem so lückenhaften Materiale wie in unserem Falle, durch die Beschaffenheit und den Charakter der Quellen beeinflusst wird, die von ihr gewöhnlich befolgten Wege einschlug. | Wenn das also durchaus erklärlich und bei der meist verfolgten Absicht auch richtig ist, so liegt doch ein doppeltes Interesse vor, einmal den andern Standpunkt zu vertreten. Denn schliesslich hat Israel immerhin eine Geschichte gehabt, und wenn es im Verlauf der orientalischen Geschichte auch nur eine kleine Rolle gespielt und nicht entscheidend in den Gang der Ereignisse eingegriffen hat, so hat es doch immerhin eine gespielt und ist gelegentlich, wenn auch meist nur als Werkzeug Dritter, mit an der politischen Entwicklung beteiligt gewesen. Freilich würde in diesem Falle seine Geschichte, wie ausgeführt, erst in zweiter Linie in Betracht kommen, insofern als sie für die Gesamtentwicklung des Orients von Bedeutung gewesen ist, andrerseits ist es aber durchaus nicht von vornherein ausgemacht, dass eine im Verhältnis zu der Betrachtung der religiösen Entwicklung fortdauernd nebensächliche Behandlung der politischen Geschichte dieser immer gerecht wird und bei der Mangelhaftigkeit der Quellen alles gebührend hervorhebt. Da nun aber, wie ja auch stets anerkannt worden ist, die religiöse Be-

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- wegung mit den politischen und wirthschaftlichen Schicksalen des Landes eng verknüpft gewesen ist und in ihnen ihre Veranlassung echabt hat, ja ihre Kenntnis für das Verständnis der wichtigsten Jeugen und Träger derselben, der Propheten von massgebender Wichtigkeit ist, so liegt auch ein mit dem allgemeinen Anteile an der Geschichte Israels unmittelbar verknüpftes Interesse vor, auch dem entgegengesetzten Standpunkte sein Recht werden zu lassen und die politische Geschichte in den Vordergrund zu stellen, die religiöse aber nur insofern zu behandeln, als sie für die erstere von Bedeutung geworden ist.

Unter der Geschichte eines Volkes verstehen wir ferner für gewöhnlich den Verlauf seiner politischen Entwicklung und sind gewohnt, die geistige und kulturelle Entwicklung einer besonderen Betrachtung für würdig zu erachten. Wenn daher unter dem Namen einer „Geschichte Israels“ immer eine Bestellung seiner religiösen Entwicklung gegeben wird, so muss schliesslich die — ja auch genügend verbreitete — falsche Anschauung entstehen, als wäre jenes Volk aus anderem Stoffe gefertigt gewesen als die übrige Menschheit, als hätte es nur in einseitigster Weise der Entwicklung einer Richtung der geistigen Thätigkeit gelebt, und als ob seine Entwicklung nicht ein Ergebnis von Streben und Gegenstreben, Vorwärts- und Rückwärtsdrängen gewesen wäre, als ob nicht ganz ebenso, wie überall in der Welt, Aufschwung und Niedergang dieses Volkes eine notwendige Folge seiner materiellen und geistigen Bestrebungen gewesen wären.

Nun ist Israel und Juda aber noch nicht Palästina, sondern auf dem engen Raume dieses Landes haben noch eine Anzahl dem Namen nach Jedermann bekannter Völker gesessen, im Kampfe — seltener im Zusammenwirken — mit welchen jene sich ihr Schicksal geschaffen haben. Von diesen gilt in der Tat, was, abgesehen von der religiösen Bedeutung, auch von Israel gelten würde: das Interesse an der Geschichte der Philister, des alten Edoms, Moabs, der Ammoniter, wird durch den Anteil, den sie an der Gestaltung der Geschichte bedeutenderer Staaten, in unserem Falle hauptsächlich eben Israels, genommen haben, bestimmt. Die Behandlung ihrer Geschichte

BR Ne hat daher in der Tat nur Wert als eine Ergänzung zu der Israels oder der die Geschichte des Orients lenkenden Völker.

Eine andere Bigentümlichkeit der meisten Darstellungen der israelitischen Geschichte beruht ebenfalls in der Eigenart ihrer Quellen und der Tatsache, dass eine Geschichtsdarstellung durch diese stark beeinflusst zu werden pflegt. So lange Menschen Individuen bleiben, werden sie die Dinge nur unter bestimmten Gesichtspunkten betrachten und darstellen können und so hat auch jede Quellenschrift solche. Ist ihr Gesichtspunkt nun gar der einer bestimmten, vorgefassten Meinung, so kann das für die wahrheitsgemässe Darstellung und die richtige Verbindung von Ursache und Wirkung, sowie die Scheidung von Richtigem und Unrichtigem sehr üble Folgen haben, welche die Benutzung derartiger Tendenzschriften für den späteren Geschichtsschreiber, namentlich, wenn er nicht in gegnerischen Darstellungen Mittel zu eingehender Controlle hat, schwierig machen, sofern es ihm überhaupt gelingt, sich den unbefangenen Standpunkt zu .erringen. | Letzteres ist nun allerdings durch die scharfsinnigen Bemühungen der alttestamentlichen Forschung erreicht, der Kampf aber, ‚den die in Vorurteilen nicht befangene Kritik mit der Tendenzschriftstellerei der biblischen Quellen, welche durchaus nicht geschichtliche Belehrung, sondern die Darstellung einer bestimmten religiösen Idee bezwecken, zu bestehen hatte, hat seine erkennbaren Spuren auch in den neuesten Darstellungen der israelitischen Geschichte, welchen wir eben die glückliche Erringung des unbefangenen Standpunktes zum grössten Teile mit verdanken, hinterlassen. Eine wirklich geschichtliche Betrachtung der Geschicke Israels ging und konnte der Natur der Sache nach nur ausgehen von der kritischen Zerlegung der alttestamentlichen Schriften und der Bestimmung ihrer Urquellen. Jedermann, der in wissenschaftlicher Weise an das Werk gehen wollte, musste hiermit beginnen und konnte erst dann an die Verarbeitung der einzelnen Nachrichten gehen, wenn er infolge einer quellenkritischen Analyse über Alter und den entsprechenden Wert der einzelnen Mitteilungen sich Klarheit verschafft hatte. Bei der Eigenart der alttestamentlichen Bücher, welche

NR RES selbst keine zuverlässigen Aufschlüsse über ihre Quellen geben, mussten sich solche Untersuchungen aber zu einem äusserst schwierigen und langwierigen Werke gestalten, das die Aufmerksamkeit und Kraft der Forscher zu sehr in Anspruch nahm, und sie von andern nicht weniger bedeutungsvollen Gegenständen der Untersuchung ablenkte.

Man wird es keinem Forscher, der auf die quellengemässe Zerlegung der Schriften des alten Testamentes viele Zeit und Mühe und grossen Scharfsinn verwandt hat, verdenken wenn er die Ergebnisse seiner Bemühungen mitteilt, aber in eine Geschichtsdarstellung gehören die Sagen von den Urvätern des Volkes Israel oder von seinem ägyptischen Aufenthalte, selbst wenn sie in ihren verschiedenen Auffassungen nach den einzelnen Quellenschriften getrennt mitgeteilt werden, denn doch nicht, oder könnten höchstens einleitungsweise betrachtet werden. Es ist die schon erwähnte Abhängigkeit der Geschichtsschreibung von den Quellen, welche sich hier geltend macht und bewirkt, dass eine Darstellung der israelitischen Geschichte da anfängt, wo die gewöhnlich „historisch“ genannten Bücher einsetzen. Dabei be- ‘geht man höchstens den Fehler, dass man sich durch diese Bezeichnung, welche ungenau ist und durch „erzählend“ zu ersetzen wäre, irre leiten lässt. Die Sage ist in einer Geschichtsdarstellung nur insoweit zu behandeln, als sie Schlüsse auf geschichtliche Tatsachen zulässt, oder dazu dient, dieselben zu beleuchten. Jene Untersuchungen aber sind Aufgabe einer sagen- oder litterargeschichtlichen Untersuchung des Alten Testaments.

Jedoch auch da, wo bereits fester historischer Boden vorliegt, bilden sagenhafte Bestandteile vielfach, oft sogar überwiegend den Inhalt unserer Quellen. Die Entstehung des Königtums und die Zeit der ersten Könige sind der Gegenstand zahlreicher sagenhafter Erzählungen gewesen, deren geschichtlicher Kern zwar leichter und sicherer bestimmt werden kann als derjenige der Patriarchenmythen, deren Einzelheiten aber nichtsdestoweniger sich auf den ersten Blick als Sagen erweisen und daher nicht in den Bereich einer Gesichtsdarstellung gehören. Auch hier kann die klare Erkenntnis der geschichtlichen Tatsachen

KEBIR NL € (4.0 NEM nur leiden, wenn mit der Ausführlichkeit der Quellen selbst jene Sagen, wenn auch nicht durcheinandergemengt wie dort, sondern kritisch gesichtet, behandelt werden, und dabei der geschichtliche Kern, auf den es wirklich für die Darstellung der geschichtlichen Entwicklung ankommt, kaum genügend hervorgehoben wird, um nicht in jener Masse zu verschwinden. Auch hier üben die Quellen, die ganz andere Zwecke, als historische Darstellung der Geschichte Israels verfolgen, noch immer ihren nachteiligen Einfluss aus, und auch solche Untersuchungen gehören in das Gebiet der Entstehungsgeschichte der ‚biblischen Bücher, aber nicht in die des Volkes Israel selbst, wo sie nur dann einen Platz haben, wenn sie für die Erkenntnis der geschichtlichen Tatsachen selbst von Wert sind; und dann auch nur in einer zu ihrer Bedeutung hierfür in gesundem Verhältnis stehenden Ausführlichkeit. Unter der Verquickung der hilfswissenschaftlichen Untersuchungen, mit der eigentlichen Untersuchung kann nur die Klarheit der letzteren leiden.

Nun erfordert freilich die Eigenart der biblischen Schriften, deren kritische Auflösung in ihre Urbestandteile die Aufgabe _ der sogenannten „höheren Textkritik“, besser würde man wohl sagen „Quellenkritik“ ist, und deren Ergebnisse auch für die Geschichtsdarstellung von zweifellos grundlegender Bedeutung geworden sind, eine Auseinandersetzung mit der Art ihrer Zusammensetzung und etwaigen streitigen Auffassungen derselben, indessen gilt auch hierbei die Regel, dass nur solche Fälle zu erörtern sind, deren Klarstellung für die Bestimmung geschichtlicher Ereignisse von Wichtigkeit ist. Meist tragen jedoch die wirklich geschichtlichen Nachrichten der biblischen Schriften einen so eigenartigen Charakter, dass solche Erörterungen kaum, oder doch wenigstens nicht in grösserem Zusammenhange nötig sind. Einerseits sind die wenigen, rein geschichtlichen Mitteilungen so kurz und klar, und heben sich durch Sprache und Inhalt so scharf von dem sagenhaften oder in bestimmter Absicht Zurechtgemachten ab, auf der andern Seite sind dieselben so verstreut und ohne Zusammenhang unter einander, dass zu einer Scheidung des Nichtgeschichtlichen vom Tatsächlichen eine Wiederherstellung des alten Zusammenhanges nicht nötig

RI und dass sie mit Sicherheit oft kaum möglich ist. Zudem wird dieselbe vorläufig, wenn nicht für immer, trotz allen aufgewandten Scharfsinnes bis zu einem gewissen Grade hypothetisch bleiben müssen und je weniger man bei der Feststellung des rein Geschichtlichen auf ihre Ergebnisse angewiesen ist, um so sicherer wird die Grundlage der Untersuchung sein. Eine im Gegensatz zu der Sorgfalt, mit der bis in die neueste Zeit die biblischen Quellen untersucht und verarbeitet worden sind, verhältnismässig geringe Berücksichtigung ist bei Darstellungen der israelitischen Geschichte bisher den nichteinheimischen Quellen zu Teil geworden. Ohne Ausnahme hat man darauf verzichtet, selbst die Nachrichten der übrigen Völker, wenn man etwa von dem Mesasteine, welcher hinsichtlich der Schwierigkeit seiner Erklärung doch nur als ein Anhängsel der biblischen Litteratur gelten kann, absieht, nachzuprüfen oder, wo mangelhafte Texte und Übersetzungen vorlagen, dieselben zu verbessern. Einfach die bereits festgestellten Meinungen anderer Forscher haben sich bis in die neueste Zeit die Geschichtsschreiber des Volkes Israel wiederzugeben begnügt,!) oder wo sie eine Kritik versuchten, die Untersuchung nur mit dem schon von dem Vorarbeiter beigebrachten Materiale geführt, selbst aber auf ein Zurückgehen bis auf die Quellen verzichtet.) Das musste sich rächen, denn wenn irgendwo, war gerade bei den hier in Betracht kommenden assyrischen Inschriften eine stets erneute Untersuchung der Gestalt und Erklärung des Textes geboten, wie sie den biblischen Büchern in so sorgfältiger Weise zu teil geworden ist. Das hängt eng zusammen mit dem Übergewicht, welches man auf die Behandlung der religiösen Entwicklung Israels gelegt hat, hat aber auch seine Gründe in unberechtigtem und oft sogar zum Grundsatz erhobenen Mangel an Lust, sich nichtbeherrschte Wissenszweige anzueignen bei Forschern, welche auf dem willkürlich Beschränkten Meister waren. Es ist darum möglich, bei gleicher

') Wenn man SCHRADER’s „Keilinschriften und Altes Testament“ angeführt hatte, glaubte man sich, wie es scheint, aller Verantwortung enthoben. |

°) Meist nicht einmal Übersetzungen sind zu Rate gezogen worden.

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Berücksichtigung aller Quellen mancherlei zu geben, das bis jetzt noch vermisst wird. Die babylonischen Sagen liefern uns das Mittel zum Verständnis der hebräischen Urgeschichte, und weitere Erforschung der babylonischen und ägyptischen Mythologie wird die Rätsel lösen, welche zwei Jahrtausenden ein Gegenstand gläubigen Hinnehmens oder verständnislosen Ablehnens gewesen sind. Die Nachrichten der babylonischen und assyrischen Inschriften gestatten uns auch in den Schicksalen des kleinen, aber merkwürdigen Volkes die Gesetze, denen menschliches Wirken und menschliche Schicksale entworfen sind, wieder zu erkennen, Gesetze, welche schwerlich aus der Darstellung, wie sie die dem Wesen der alten Zeit verständnislos gegenüberstehende, alles unter dem Gesichtspunkte der Theokratie betrachtende Darstellung der biblischen Quellen gab, hätten erkannt werden können, und zum mindesten bisher nur unvollkommen erkannt worden sind.

Über die Einwanderung der Israeliten in Palästina.

Wie wir uns die Einwanderung der Israeliten zu denken haben, kann man aus so zahlreichen geschichtlich beglaubigten Beispielen entnehmen, dass es genügt, auf die fest bezeugten davon hinzuweisen, um Verlauf und Gang der Einwanderung zu veranschaulichen. Die drei Jahrtausende der alten vorderasiatischen Geschichte haben so häufige Einwanderungen neuer Völker in die alten Kulturgebiete gesehen, dass wir nur aufs Geradewohl zuzugreifen brauchen, um das, was uns von Israel geschichtlich nicht überliefert ist, von Anderen abzunehmen. Die Überlieferung, wie sie sich bei den Israeliten in der mittleren und späteren Königszeit entwickelte, und wie sie dann von der späteren jüdisch-theokratischen Geschichtsschreibung in ihre jetzige Form gebracht wurde, ist ja von der neueren Forschung kritisch behandelt worden, aber man hat sich doch zu sehr darauf beschränkt, mehr negativ die Irrigkeit der Auffassung in der jüdischen Geschichtsconstruction nachzuweisen, anstatt den wirklichen Hergang der Dinge zu veranschaulichen. Das hat seinen guten Grund, denn die israelitische Überlieferung selbst reichte eben nicht mehr bis zu den Urzuständen zurück, und lässt sich, wie wir sehen werden, selbst in ihren ältesten Anfängen, bereits als das Ergebnis eines Versuches den Hergang der Dinge vom Standpunkte des damaligen Betrachters aus darzustellen, also ebenfalls als eine Geschichtsconstruction erkennen. Licht und Aufklärung kann hier nur durch die Heranziehung der gleichzeitigen Urkunden und die Vergleichung gleichartiger Zustände und Ereignisse gewonnen werden.

Va

Wir können bei der Besetzung eines Landes unterscheiden: die Eroberung durch einen ausserhalb der Grenzen des zu besetzenden Landes bereits geeinigten Staat, und die Einwanderung von einzelnen Stämmen, die auf eigene Faust vorgehen, sich in der Regel, erst ohne Widerspruch zu finden, in freiem Gebiete ansiedeln und allmälig durch Aufsaugung der alten Bevölkerung, also auf friedlichem Wege, und daneben auch noch, gelegentlich der beim Nebeneinanderwohnen unausbleiblichen Reibereien, mit Gewalt in den Besitz auch des übrigen Landes kommen. Sitzen sie zuerst, da sie ja als Nomaden kommen, im offenen Lande, so stellt sich der Vorgang als ein Ringen um den Besitz der Städte dar, mit deren Eroberung die neuen Einwanderer zu Herren des Landes werden. Eroberungen im ersteren Sinne sind z. B. — wir haben von denen durch Kulturstaaten, wie die ägyptische oder assyrische, abzusehen — die elamitische und die kassitische in Babylonien, die kuschitische in Ägypten, zuletzt noch die muhammedanische. Ihr Verlauf ist bekannt und hat die meisten Parallelen in der- Geschichte.) Das am besten verfolgbare Beispiel einer Einwanderung mit ihrem allmäligen Vordringen und gelegentlichen Kämpfen ist das der Chaldäer in Babylonien.?) Die aramäische Einwanderung hat sich ebenso abgespielt, doch ist sie mangels an Nachrichten nicht durch so viel Einzelvorgänge zu belegen.

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