Vorwort
Das vorliegende Buch weicht in der Anordnung und Behandhing des Stoffes nicht unwesentlich von den meisten ophthalmologischen Lehrbüchern ah. Deshalb sei es mir gestattet, demselben einige rechtfertigende Woi-te vorauszuschicken. An deutschen Universitäten ist die Gepflogenheit sehr verbreitet, dass eifrige Schüler sich bemühen, die Worte des Lehrers zu Papier zu bringen. Dass dies, wie bei Anderen, so auch in meinem Collegium der Fall ist, geschieht nicht auf meinen Wunsch, sondern im Gegentheile gegen denselben. Ich halte das Nachschreiben des Vortrages für eine antiquirte Form des Hochscliulunterrichtes im Allgemeinen, ganz besonders aber, wenn es in den praktischen klinischen Fächern geschieht. Es beeinträchtigt die Aufmerksamkeit des Schülers auf das, was vor seinen Augen vorgeht, und das nachträgliche Entziffern und Studiren des Geschriebenen bringt eine grosse Yerschwendung an Mühe und kostbarer Zeit mit sich. Und dennoch ist die Gewohnheit, Collegienhefte anzulegen, nicht auszurotten, „denn was man schwarz auf weiss besitzt, kann man getrost nach Hause tragen". Wenn nun die Schüler einen so heissen Wunsch haben, ihres eigenen Lehrers Worte schwarz auf weiss zu besitzen, warum sollte man diesem Wunsche nicht nach Möglichkeit entgegenkommen? Aus diesen Beweggründen wollte ich mich gerne der Mühe unterziehen, für meine Zuhörer den wesentlichen Inhalt meiner Vorträge niederzuschreiben. Nach meiner ursprünglichen Absicht sollte dies ein ganz kleines Büchelchen werden. Da machte sich noch eine weitere Kücksicht geltend. Das Lehrbuch, welches der Medicin-Studirende während seiner Universitätszeit benützt, dient ihm später, wenn er als Arzt in die praktische Thätigkeit. eintritt, als Eathgeber, als Nachschlagebuch. Er zieht es jedem anderen, dasselbe Thema behandelnden Buche vor, denn er ist darin zu Hause und weiss gleich das zu finden, was er braucht. Jede Seite grüsst ihn als alte Bekannte-, an jede derselben knüpfen sich hundert Associationen, welche die Erinnerung an Fälle, die er in der Klinik gesehen, an die erläuternden Worte des Lobr(M-s n. s. w. in's Gedächtniss zurückrufen. Für Viele bleibt — leider — das Lehrbuch der Studienzeit das Nachschlagebuch für's ganze Leben, aber auch für Jene, welche dem veralternden Werke neuere hinzufügen, behält es stets seinen Werth.
Die Absicht, das Buch auch für diesen Zweck geeignet zu machen, hat mich dazu gebracht, es ausführlicher zu gestalten. Es strebt nicht Yollständigkeit an, denn es ist nicht für Ophthalmologen von Fach bestimmt, welchen ja grössere Plandbücher und Sammelwerke zu Gebote stehen. Es soll vielmehr dem praktischen Arzte in schwierigen Fällen zu Hilfe kommen. Darunter verstehe ich freilich nicht die Sammlung einer möglichst grossen Zahl von Eeceptformeln, sondern vor Allem die Anleitung zur richtigen Diagnose. Deshalb mussten Abweichungen vom gewöhnlichen Krankheitsbilde, seltene Complicationen, manche nur ausnahmsvi^eise vorkommende ätiologische Momente u. s. w. angeführt werden, um auch den NichtOphthalmologen in schwierigen Fällen auf den rechten Weg zu leiten.
Wenn so das Buch ein doppeltes Ziel verfolgen sollte, musste auch dafür gesorgt werden, dass Jeder, der Schüler wie der Praktiker, das für ihn Bestimmte sich daraus nehme. Der Anfänger in einer Wissenschaft, welcher sich einer solchen Fülle neuer Thatsachen gegenüber sieht, ist nicht im Stande, Wichtiges und Nebensächliches richtig zu scheiden. Seltene oder befremdende Thatsachen prägen sich seinem Gedächtnisse oft besser ein, als das Alltägliche und Selbstverständliche. Mancher Studirende, der sich sofort erinnert, dass Fälle von Katarakt • nach Blitzschlag beobachtet worden sind, entsinnt sich vielleicht nicht,
Katarakt auch bei Netzhautabhebung oder Iridochorioiditis gesehen zu haben. Aus diesen Gründen wurden zwei Arten von Druck gewählt. Die Grundzüge der Ophthalmologie, ihre wichtigsten und für jeden Studirenden unentbehrlichen Thatsachen sind durch grossen Druck wiedergegeben. Der kleine Druck enthält eine genaue Erläuterung der einzelnen Capitel, theoretische Erörterungen von allgemeinem Interesse und Winke für den praktischen Arzt. Auch die pathologische Anatomie der Augenkrankheiten wurde in kurzen Zügen hier aufgenommen, da die Lehrbücher der pathologischen Anatomie diesem Organe in der Regel wenig Beachtung schenken. — Ich hoffe indessen, dass die Studirenden den kleinen Druck nicht etwa als eine Warnungstafel ansehen, auf welcher „Verbotener Weg" steht, sondern dass sie diesen Weg recht oft und mit Interesse wandeln.
Die Arlt' sehe Schule, aus der ich hervorgegangen bin, verleugnet sich auch in diesem Buche nicht. Arlt war vor Allem durch seinen klinischen Blick ausgezeichnet, der ihn die Krankheitsbilder mit all'
ilnvn Eigonthümliclilantcn erfassen und in „nübertreffliclier Wei«e .childorn Hess. Das im Jalno 1881 von ihm herausgegebeno Lehrbiicli (Klinische Darstellung der Krankheiten der Binde-, Horn- und Lederhaut) legt glänzendes Zeugniss hievon ab. Wenn dasselbe vollständig erschienen xväre, würde ich keine Veranlassung gehabt haben, das vorliegende Buch zu verfassen. Ich habe mich bestrebt, Arlt's Beispiel Zugfolgen, indem ich den grössten Werth auf die Darstellung der klinischen' Erscheinungsformen der einzelnen Krankheiten des Auges legte. Ich bin weit entfernt, die Bedeutung der pathologischen Anatomie sowie der experimentellen Forschung für die Klinik der Augenkrankheiten zu verkennen. Namentlich von der Bacteriologie erwarten wir noch viele wichtige Aufschlüsse, welche vielleicht bedeutende Umwandlungen in unseren Anschauungen hervorbringen werden. Das Maassgebende für den Kliniker wird aber doch immer der klinische Symptomencomplex bleiben.
Noch in anderer Beziehung bin ich den von Arlt öfter ausgesprochenen Grundsätzen gefolgt. Gleich ihm lege ich beim klinischen Unterrichte das Hauptgewicht auf die Erkrankung des vorderen Augenabschnittes. Die Krankheiten desselben sind die häufigsten und können ohne kostspielige oder schwierig zu handhabende Instrumente diagnosticirt werden; sie gewähren auch das weiteste und dankbarste Feld für die Therapie. Deshalb müssen dieselben dem Studirenden, für den sie später in der Praxis besonders wichtig sind, vor Allem eingeprägt werden, was auch bei genügendem Eifer innerhalb des Zeitraumes, welcher dem klinischen Unterrichte in der Augenheilkunde zugewiesen ist, in hinreichendem Maasse gelingen dürfte. Anders die Erkrankungen des Augenhintergrundes. Die Erkenntniss derselben verlangt viel Uebung und hier feiert die Diagnostik viel öfter Triumphe als die Therapie. Diese Krankheiten werden daher noch für lange Zeit hauptsächlich die Domäne der Specialisten bleiben. Das Gleiche gilt von den Anomalien der Eefraction, sowie von den Operationen. Man kann vom praktischen Arzte weder verlangen, dass er sich einen Brillenkasten oder ein oculistisches Instrumentarium anschaffe, noch dass er die erforderliche Uebung und Sicherheit in den Augenoperationen besitze, um sich mit gutem Gewissen an dieselben heranzuwagen. Diejenigen, welche solches aiustreben, müssen sich ja doch über den Rahmen des vorgeschriebenen klinischen Unterrichtes hinaus mit der Augenheilkunde beschäftigen, indem sie nach vollendetem Studium einige Zeit an einer Augenklinik zubringen. Densellien stehen dann auch als Rathgeber ausführliche Specialwerke zu Gebote, vor Allem das grosse Handbuch d(>r Augent
YIII
heilkimde, wolchcs von Graef e und Saemisch herausgegebon worden ist. In (IcMH vorliegenden Loln-buche aber finden sich die genannten Capitel nur ganz kurz abgehandelt. A^on den Krankheiten des Angenhintergnindes sind liauptsiichlicli diejenigen berücksichtigt woi'den, welche für die Diagnostik interner Erkrankungen wichtig sind. Was die Untersuchungsmethoden der Function des Auges anlangt, so halje ich vorzüglich jene angeführt, welche an meiner Klinik im täglichen Gebrauche stehen und daher meinen Zuhörern aus eigener Anschauung bekannt sind. Die typischen' Operationen habe ich in einem eigenen Abschnitte, der Operationslehre, zusammengestellt. Ich habe in denselben nur jene Operationen aufgenommen, welche gegenwärtig in allgemeinem Gebrauche sind : von den zahlreichen obsoleten Operationen dagegen (z. B. Iridodesis u. s. w.) habe ich zumeist nicht einmal den Namen angeführt, um das Gedächtniss der Studirenden nicht mit überflüssigen Dingen zu beschweren. Ich habe absichtlich unterlassen, alle Details der Operationsteclinik mit peinlicher Genauigkeit wiederzugeben, wie dies in manchen Lehrbüchern geschieht. Das Operiren kann nur durch vieles Zusehen und durch eigene üebung erlernt werden ; hoffentlich wird sich Niemand einfallen lassen, allein nach der Anweisung eines Lehrbuches eine Operation zu unternehmen. Das Gleiche gilt von der detaillirten Schilderung der verschiedenen Handgriffe bei der Untersuchung der Augen, die man doch auch nur praktisch in der Klinik sich aneignen kann.
Um ein eigenes Capitel über den Zusammenhang zwischen Augenerkrankungen und Allgemein- oder Organerkrankungen zu ersparen, bin ich dem Beispiele gefolgt, welches Schmidt-Rimpler in seinem vortrefflichen Lehrbuche gegeben hat. Der Leser findet nämlich im alphabetischen Register alle jene Stellen angeführt, wo im Texte von Allgemeinerkrankungen in Verbindung mit Augenkrankheiten die Rede ist.
Besondere Sorgfalt habe ich auf die Abbildungen verwendet. Ich habe mich bemüht, recht wenig Figuren anderen Werken zu entlehnen, dagegen möglichst viele nach eigenen Präparaten herstellen zu lassen, wobei besonderer Werth auf die genaue Wiedergabe auch der feineren Details gelegt wurde. Für die naturgetreue und zugleich künstlerische Ausführung der Zeichnungen bin ich dem Assistenten meiner Klinik, Herrn Dr. Salzmann, zu Dank verpflichtet. Die Ausführung derselben auf Holz hat Herr Matoloni in Wien mit bekannter Geschicklichkeit l^esorgt.
Wien, im .Tuli 1H8i).
E. Fuch.s.
Vorwort zur vierten Auflage.
Die Lehrbücher, welche mehrere Auflagen erleben, gleichen dem Menschen, der sich entwickelt : sie wachsen. Aber ungleich dem heranwachsenden Menschenkinde erweckt der zunehmende Umfang des Lehrbuches nicht überall die gleichen Sympathien und wird besonders in den Kreisen der Studirenden mit Besorgniss verfolgt. Aus diesem Grunde sei es mir gestattet, für die Yergrösserung, welche auch dieses Lehrbuch seit seiner ersten Auflage erfahren hat, eine kurze Erklärung zu geben. Der Inhalt des Buches ist nur insoferne vermehrt worden, als die Erkrankungen des Augenhintergrundes, welche Gegenstand der ophthalmoskopischen Untersuchung sind, ausführlicher behandelt werden. Dies geschah, weil viele derselben nicht blos speciell ophthalmologisches, sondern allgemein diagnostisches Interesse bieten, indem sie der Ausdruck anderweitiger Erkrankungen des Körpers sind. Der hauptsächliche Antheil an der Yergrösserung des Buches fällt aber der beträchtlichen Vermehrung der Abbildungen zu, welche ich alle der geübten Hand des Herrn Dr. Salz mann verdanke. Ich hoffe durch dieselben, sowie durch manche andere Verbesserung und Vereinfachung des Textes eine grössere Verständlichkeit des Buches für den Studirenden, für Avelchen dasselbe vor Allem geschrieben ist, erzielt zu haben.
^Yien. im Feliruar 18D4.
E. Fuchs.
INHALTS-VERZEICHNISS.
Erster Tlieil : Untersucliiing des Auges.
Erstes Capitel. Objective Untersuchung des Auges
§ 1. Untersuclmng mit freiem Auge 3. — § 2. Oplithalmoslvopie. Princip des Augenspiegels 7. — § 3. Anwendung des Augenspiegels 10. Anmerkungen: Leuchten der Pupille, Untersuchung derbrechenden Medien, normaler Fundus oculi, Refractionsbestimmung, Bestimmung von Niveaudifferenzen
Zweites Capitel. Functionsprüfung
§ 4. Directes und indirectes Sehen 28. — § 5. Untersuchung des Gesichtsfeldes 29. — § 6. Ausdehnung des Gesichtsfeldes 32. Anmerkungen: Gesichtsfelddefecte, Lichtsinn, Simulation der Blindheit
Zweiter Tlieil: Krankheiten des Auges.
Erstes CapiteJ. Krankheiten der Bindehaut 43
I. Conjunctivitis catarrhalis 49. — § 8. a) Conjunctivitis catarrhalis acuta 49. — § 9. i') Conjunctivitis catarrhalis chronica 56. —
§ 10. c) Conjunctivitis follicularis 60
II. § 11. Conjunctivitis croiiposa . , 61
III. Conjunctivitis blennorrhoica acuta 63. — § 12. a) Blennorrhoea acuta adultorum 63. — § 13. b) Blennorrhoea neonatorum 71
IV. Conjuntivitis trachomatosa 73. — § 14. Symptome und Verlauf 73. — § 15. Folgezustände 79. — § 16. Aetiologie und Therapie 82. Anmerkungen: Historisches. Histologie des Trachoms. Verhältniss
der einzelnen Formen zu einander, Behandlung 87
VI. ('onjunctivitis lymphatica 101. — § 18. Symptome und Verlauf 101. — § 19. Aetiologie und Tlierapie 106
VH. § 20. Frühjahrskatarrli III
VIH. § 21. Conjunctivitis exanthematica 114. Anmerkungen:
Pemphigus, Lupus conjunctivae, Amyloiddegeneration 11'
IX. § 22. Verletzungen der Bindehaut 11'
X. § 23. Geschwüre der Bindehaut 12{
XI. § 24. Flügelfell 122. Anmerkungen: Pseudopterygium .... 12(
XIT
XII. § 25. Symblepliiiruii ]27
XIII. § 26. Xerosis jtj^
XIV. § 27. Austritt von Serum und Blut unter die Bindehaut . 132 XV. § 28. Geschwülste der Bindehaut 135
Zweiten Cajii'el. Krankheiten der Hornhaut 140
§ 29. Anatomie 140. — § 30. Klinische Untersuchung der Hornhaut . 145
I. Entzündung der Hornhaut 147
§ 31. Allgemeines über Keratitis 147. — § 32. Vascularisation der Hornhaut, Betheiligimg der Nachbarorgane 151. — § 33. Einthei-
lung der Keratitis 1.56
A. Keratitis suppurativa 157
1. Ulcus corneae 157. — § 34. Symptome und Verlauf 157.
— § 35. Perforation der Ilornliaut. Aufhellung der Hornhautnarben 159. — § 36. Aetiologie und Therapie 166. Anmerkungen: Formen der Hornhautgeschwüre, Therapie . . . 172
2. Abscessus corneae 176. — § 37. Symptome. Verlauf 176.
— § 38. Aetiologie, Therapie 178
3. §39. Keratitiselagophthalmo 185
4. §40. Keratomalacia 187
5. § 41. Keratitis neuroparalytica 189
B. Keratitis non suppurativa 193
§ 42. n) Oberflächliche Formen : 1. Pannus, 2. Keratitis mit
Blas che nbildung, a) Herpes febrilis, ß) Herpes zoster, 7) Keratitis vesiculosa und bullosa 193
§ 43. h) Tiefe Formen. 3. Keratitis parenchymatosa 197. — § 44. 4. Keratitis profunda, 5. Sclerosirende Keratitis. 6. Keratitis, von der hinteren Horuhautwand ausgehend 207. Anmerkungen: 7. Traumatische Streif enkeratitis. 8. Tiefe Keratitis bei Iridocyclitis. 9. Tiefe scrofulöse Infiltrate.
10. Keratitis marginalis 209
II. § 45. Verletzungen der Hornhaut 211
III. Trübungen der Hornhaut 215. — § 46. n) Trübungen entzündlichen Ursprungs, h) nicht entzündlichen Ursprungs 217. — § 47. Sehstörung durch Hornliauttrübungen, Therapie 218
IV. Ektasien der Hornhaut: 1. Staphyloma corneae 224. — § 48. Symptome, Aetiologie und Folgen 224. — § 49. Therapie 229. Anmerkungen: Anatomie des Hornliautstaphyloms, Drucksteigerung 232. — § 50. 2. Keratektasia 235. — §51. 3. Keratoconus, 4. Keratoglobus 237
Drittem Ca/u'tel. Krankheiten der Sciera 240
I. § 53. Ent zu n d ung d er Sei er a 241
II. § 54. Verletzungen der Sei er a 245. —§ 55. Fremdkörper im Auge.
Therapie der Scleralwunden 249
III. § 56. E k t a s i e n d c r S c 1 e r a 258. A n m e ]■ k u n g : Anatomie der Scleral-
staphylomo 263 xm
Seite
Viertes Capitel. Anatomie und Physiologie der Uvea. Entwicklungsgeschichte das Auges
§ 59. c) Aderhaut
II. Circulation und Stoffwechsel 28ü. - § 60. a) Blutgefässe 280.- § 61. b) Lymplibahnen 283. — § 62. c) Ernährung des Auges 285. — § 63. d) Intraoculärer Druck
III. Mitwirkung der Uvea beim Sehacte 289. — § 64. Innervation und Reaction der Iris 289. — § 65. Reaction der Pupille auf Gifte 291. Anmerkungen: Pupillarreaction und deren Störungen, Mydriatica,
Miotica
IV. § 66. Entwicklung des Auges 299
Fünßes Capitel. Krankheiten der Iris und des Ciliarkörpers 302
I. Entzündung 302
§ 67. Symptome der Iritis 302. — § 68. Symptome der Cyclitis, Differentialdiagnose zwischen Iritis und Cyclitis 307. Anmerkungen: Anatomie der Iridocyclitis 311. — § 69. Verlauf und Ausgang der Iritis und Cyclitis 315. Anmerkungen: Anatomisches 319. — § 70. Aetiologie der Iritis und Cyclitis, Iritis in Folge von Allgemein- Erkrankungen 321. — § 71. Iritis als locale Erkrankung, secundäre Iritis und Iridocyclitis 324. — § 72. Therapie der Iritis und Cyclitis 331. — § 73. Therapie der Folgezustände der Iritis und Cyclitis . . 335
II. §74. Verletz ungenderlris 336
III. § 75. Geschwülste der Iris und des Ciliarkörpers 340. Anmerkungen: Cysten, Tuberkel, Melanome der Iris 341
IV. § 76. Motilitätsstörungen der Iris 345
V. § 77. Angeborene Anomalien der Iris 347
Sechstes Capitel. Krankheiten der Chorioidea 350
I. Entzündung der Chorioidea 350
§ 78.A. Chorioiditis exsudativa350. Anmerkungen: Formen der Chorioiditis exsudativa, Aderhautveränderungen bei Myopie, Blutentziehung 354. — § 79. B. Chorioiditis und Iridochorioiditis suppurativa 359. Anmerkungen: Amaurotisches Katzenauge, Atrophia und Phthisis bulbi, Ablösung der Aderhaut,
Zerreissang der Aderhaut 361
n. § 80. Geschwülste der Chorioidea 366. Anmerkungen: Tuber-
culose der Chorioidea 369
lU. § 81. Angeborene Anomalien der Chorioidea 370
Siebentes Capitel. Glaukom 374
§ 82. Allgemeines 374
I. Primäres Glaukom 379. — §83. A. Glaucoma inf lammatori um 379. — § 84. B. Glaucoma simplex. Hydrophthalmus 387. — § 85. Glaukomtheorien 390. Anmerkungen: Anatomie dos Glaukoms 397.
§ 86. Therapie des primären Glaukoms 899
II. § 87. Secundärglaukom 405. Anmorkniig: Herabsetzung des intraoculären Druckes 407
XIV
Achtes Citpite!. Krankheiten der Linse 40H
§ 88. Anatomie 4(jhJ
I. Trübuntiien der Linse. § 89. A. Allgemeines 411. Anmerkungen: Anatomie der Katarakt 413. — § 90. B. Klinische Formen der Katarakt: a) Partielle stationäre Katarakten 41(5. — § 91. b) Progressive Kataralxten 423. — §92. C. Aetiologie der Katarakt 431. — § 93. D. Therapie
der Katarakt 437. Anmerkungen: Historisclu^s 439
II. § 94. Lageveränderungen der Linse 440
Naiintes Capitel. Krankheiten des Glaskörpers 440
§ 95. Anatomie. Ei'krankungen 44(5
Zehntes Capitel. Krankheiten der Netzhaut . 452
L § 97. Entzündung der Netzhaut 456. Anmerkungen: Markhaltige Nervenfasern. Hyperämie. Ilämorrhagien. Emljolie, Thrombose. Retinitis 458
II. § 98. Atroi^hie der Netzhaut 467
III. § 99. Abhebung der Netzhaut 471
IV. § 100. Gliom der Netzhaut : 478
Eilftcs Capitel. Krankheiten des Sehnerven 481
§ 101. Anatomie 481. Anmerkungen: Semidecussation : Anordnung' der Fasern im Selinervenstamme 491
I. Entzündung des Sehnerven 496. — § 102. a) Neuritis intraocularis (Papillitis) 496. — § 103. b) Neuritis retrobulbaris 503. Anmerkungen: Tabaksamblyopie, Strychnin 503
II. § 104. Atrophie des Sehnerven 506. Anmerkungen: Verletzungen. Geschwülste des Sehnerven. Anatomie der Sehnervenerkrankungen 508
§ 105. Sehstörungen ohne Befund: 1. Angeborene Amblyopie. 2. Amblyopia es anopsia, 3. Hemeralopie. 4. Amblyopie und Amaurose aus centraler Ursache 510. Anmerkungen: 5. Flimmerskotom. 6. hysterische Sehstörungen. 7. Farbenblindheit .... 515
Ztvölftes Cnjntel. Krankheiten der Lider 524
I. § 107. Entzündung der Lidhaut 533. Anmerkungen: Oedem
der Lider "^"^^
II. § 108. Entzündung des Lidrandes 542
III. § 109. Krankheiten der Liddrüsen 548. Anmerkungen: Erkrankungen des Tarsus 5i)2
IV. Anomalien der Stellung und Verbindung der Lider 554. — § 110. 1. Trichiasis und Distichiasis 554. — § III. 2. Entropium 556. — § 112. 3. Ektropium 558. — § 113. 4. Ankylolilepharon 561. 5. Symblepharon 562. 6. Blepharophimosis 562, 7. Lagophthalmus 563. Anmerkung: Angeborene Kürze der Lider -''^'^
V. § 114. Krankheiten der Lidmuskel n •»>>6
VI. § 115. Verletzungen der läder
VII. § 116. Geschvsrülste der Lider
Vin. § 117. Angeborene Anomalien der Lider •>'6
XV
Seite
Dreizehntes Capitel. Krankheiten der Thränenorgane o77
§ 118. Anatomie und PJiysiologie '^'^'^
I. Blennorrhoea sacoi lacrimalis 581. - § IW. Symptome. Aotiologie und Verlauf 581. — § 120. Therapie •'»84
n. § 121. ])acryocyatitis588. Anmerkungen: Anomalien der Tliränendrüse, der Thränenpunkte nnd Thränenröhrchen, Thränensackblennorrhoe und Dacryocystitis. Thränenträufeln und Versiegen der Thränen . 589
Vierzehntes Capitel. Motilitätsstörungen des Auges i^94
§ 122. Anatomie imd Physiologie der Augenmuskeln 594. — § 123.
Orieutirung. Einfach- nnd Doppeltsehen 599
1. § 124. Insufficienz der Augenmuskeln 015
II. Lähmung der Augenmuskeln 620. — § 125. Symptome, veraltete Lähmungen 620. — § 126. Vorkommen, Aetiologie. Verlauf und Behandlung 626
m. Schielen 638. — § 127. Symptome und Aetiologie 638. — §128.
rt). Strabismus convergens. b) Strabismus divergens, Behandlung . . . 640 IV. § 129. Nystagmus 649
Fünfzehntes Capitel Krankheiten der Orbita 652
I. Entzündungen 657. — § 131. a) Entzündung der knöchernen Wand und des Periostes der Orbita 657. — § 132. h) Entzündung des orbitalen Zellgewebes 659. Anmerkungen: Thrombose des Sinus cavernosus. Tenonitis 660
II. § 133. Verletzungen 662. Anmerkungen: Contusion des Auges . 664
III. § 134. Morbus Basedowii 665
IV. § 135. Geschwülste der Orbita 668
Dritter Theil: Anomalien der Refraction nnd Accommodation.
§ 136. Convex- und Concavlinsen. Nummerirung der Linsen 678. — § 137. Brillen anderer Art 680. Anmerkungen: Alte Nummerirung. Bestimmung der Stärke der Linsen 682
Zweites Capitel. Optische Eigenschaften des normalen Auges 685
§ 138. >i) Refraction 685. — § 139. h) Sehschärfe 687. — § 140. c) Accommodation 691. — §141. Maass der Accommodation 697. Anmerkung: Accommodationsbreite. relative Accommodation 698. — § 142. Veränderungen der Accommodation mit dem Alter . . 704
Drittes Capitel. Myopie 707
§ 143. Bestimmung und Ursachen der Myopie im Allgemeinen 707. — § 144. Typische Myopie 711. — § 145. Ursachen und Therapie der Myopie 714
Viertes Capitel. Hypermetropie 722
§ 146. Bestiiiiinung und Ursachen der Hypermetropie im Allgemeinen 722. — § 147. Typische Hypermetropie 727
XVI
Seite
Fünftes Capitel. Astigmatismus 732
§ 148. o) liegelmilss iger AstiginatisniuH 733. — § 149. b) Unregelniässiger Astigmatismus 737. Anmerkungen zum regelmässigen Astigmatismus 738
§ 150. Anisometropie 740
SecJt6-tes Capitel. Anomalien der Accommodation 742
§ 151. Lähmung der Accommodation 742. Anmerkungen: Krampf
der Accommodation 744
Vierter Theil: Operationslelire.
Erstes Capitel. Allgemeine Bemerkungen 749
§ 152. Antiseptik, Anästhesie 749. — § 153. Schnittführung, Lage der Iris, intraoculäre Blutung 751. — § 154. Nachbehandlung, abnormer Heilverlauf 755. Anmerkungen: Adaptation der Wunde, Irisvorfall 758
Zu-eites Capitel. Operationen am Bulbus 762
I. § 155. Function der Hornhaut 762. Anmerkung: Function der Sclera (Sclerotomie) 764
II. § 156. Iridektomie 765. — § 157. Indicationen zur Iridektomie . . 768
III. § 158. Iridotomie 772
IV. § 159. Discissio cataractae: a) Discission weicher Katarakten 774.
— § 160. I') Discission membranöser Katarakten 776
V. § 161. Ext r actio cataractae: a) Einfache Linearextraction 778. — § 162. b) Lappenextraction 779. — § 163. Resultat der Staaroperation
783. Anmerkung: Historisches 785
Drittes Capitel. Operationen an den Adnexis buibi 790
I. § 164. Schieloperationen 790. — § 165. Indicationen der Schieloperationen '^^^
II. § 166. Enucleatio bulbi 798. — § 167. Indicationen der Enucleation 801. Anmerkungen: Exenteratio bulbi, Neurotomia opticociliaris, Exenteratio orbitae
III. § 168. Operationen gegen Trichiasis 804
IV. § 169. Canthoplastik 811
V. § 170. Tarsorrhaphie 812
VL § 171. Operationen gegen Entropium 814
VII. § 172. Operationen gegen Ektropium 816
VIII. § 173. Operationen gegen Ftosis 821
Alphabetisches Register
ERSTER THBIL.
UNTERSUCHUNG DES AUGES.
Fuchs, Angenheilkunde. -J. Aufl.
I. Capitel.
Objective Untersuchung des Auges.
§1. Nach Feststellung der Anamnese beginnt man die Untersuchnng der Augen des Patienten. Es kann nicht genug empfohlen werden, hiebei systematisch vorzugehen, da man sonst sehr leicht wichtige Dinge übersehen kann. Man sehe sich den Patienten zuerst in Bezug auf seinen Habitus im Allgemeinen, sowie auf seinen Blick an und schreite dann bei der Untersuchung der Augen selbst von den oberflächlichen Theilen, den Lidern, der Bindehaut und der Hornhaut, allmälig zu den tieferen Theilen fort.
An den Lidern achte man auf Stellung und Beweglichkeit, auf die Weite der Lidspalte und auf den Schluss derselben. Man untersuche die Beschaffenheit der Lidhaut, und zwar besonders an den Lidrändern, wo pathologische Veränderungen am häufigsten sich finden. Abgesehen von den Symptomen der Entzündung, welche sich mit Vorliebe an den Lidrändern localisirt, sehe man darauf, ob die Lidkanten nicht vielleicht ihre scharfe Form und Begrenzung verloren haben, ob die Cilien richtig stehen, sowie auch, ob die Thränenpunkte gehörig in den Thränensee eintauchen. Bei dieser Gelegenheit versäume man nicht, auch die Gregend des Thränensackes zu untersuchen. Zeigt der blosse Anblick derselben keine Veränderung, so ist man doch oft im Stande, durch Druck mit dem Finger auf diese Gegend den Inhalt des erkrankten Thränensackes durch die Thränenpunkte austreten zu lassen.
Die Untersuchung des Augapfels selbst wird oft durch starken Lidkrampf — Blepharospasmus - — sehr erschwert. Dies gilt namentlich für Kinder, welche die Lider umsomehr zusammenzupressen pflegen, je mehr der Arzt dieselben auseinanderzuziehen versucht. In diesen Fällen erheischt die gewaltsame Eröffnung der Lider die grösste Vorsicht, weil man sonst leicht, bei Gegenwart eines tief gehenden Geschwüres, plötzliche Perforation der Hornhaut va^rursachen, ja selbst
1* den Austritt der Linse aus dem Augc^ iiei'beifüliren könnte. Man versuche, durch Einträufeln von Cocainlösung zwisclien die ein weniggeöffneten Lider die Emptindliclikeit lieraljzusetzen. Zum Oeffnen der Lider selbst bedient man sich mit Yortheil der Desmarres'schen Lidhalter (Elevateure), mit denen man weniger leicht Schaden anrichtet, als wenn man mit den Fingern einen zu starken Druck auf den Bulbus ausüben würde. In manchen Fällen endlich kommt man nur mittelst der Narkose dahin, in genügender Weise die Augen besichtigen zu können. Trotz aller dieser Schwierigkeiten lasse man sich nicht abhalten, bei der ersten Vorstellung des Patienten auf einer genauen Untersuchung der Augen zu bestehen, um die Diagnose tind Prognose festzustellen und die Behandlung zu bestimmen.
Bezüglich des Augapfels selbst hat man sich zunächst zu über- ^ zeugen, ob seine Lage in der Orbita, die Stellung im Vergleiche zum anderen Auge, die Grösse und Beweglichkeit normal seien oder nicht.
Die Bindehaut der Lider kann durch Umstülpen der letzteren zur Anschauung gebracht werden. Am unteren Lide genügt zu diesem Zwecke das einfache Herabziehen desselben, während man den Patienten gleichzeitig nach oben sehen heisst. Am oberen Lide erfordert das Umstülpen eine gewisse Uebung, die man sich praktisch aneignen muss. Es ist um so wichtiger, sich damit vertraut zu machen, als gerade die Bindehaut des oberen Lides für die Diagnose der Bindehautkrankheiten den besten Anhaltspunkt zu geben pflegt: Verdickung der Bindehaut, unebene Oberfläche, Narbenbildung, wie sie das Trachom charakterisiren, sind hier am leichtesten Avahrzunehmen. Auch behufs Entfernung von Fremdkörpern wird das Umstülpen des oberen Lides sehr häufig nöthig sein.
Bei der Untersuchung der Hornhaut kommen nebst der genauen Betrachtung derselben (eventuell mit Hilfe der Loupe) vorzüglich zwei Kunstgriffe in Anwendung : das Spiegelnlassen der Hornhautoberfläche und die seitliche Beleuchtung. Die Hornhaut „spiegeln" lassen heisst das Auge so dirigiren, dass der Eeflex eines gegenüberliegenden Fensters auf der Hornhaut sichtbar wird (auf Fig. 28 sieht man das Bild der vier Scheiben eines Fensters im oberen äusseren Quadranten der Hornhaut). Dadurch, dass man das Auge dem vorgehaltenen Finger folgen lässt, bringt man den Reflex allmälig auf verschiedene Theile der Hornhautoberfläche, welche man auf diese Weise in Bezug auf ihre Wölbung und Glätte sozusagen abtastet.
Die seitliche Beleuchtung besteht in der Concentration des Lichtes auf eine bestimmte Stelle der Hornhaut mittelst einer
Convexlinse. Diese wichtige Methode, schon von H i ra 1 y, M a c k e n z i e imd S a n s o n geübt, war doch früher sehr wenig bekannt und gelangte erst durch Helmholtz zu allgemeiner Verbreitung. Man stellt ein Licht (Kerze, Lampe) zur Seite und etwas nach vorne vom Patienten auf. Dann concentrirt man durch eine starke Convexlinse (von 15 — 20 D.) die darauf fallenden Strahlen zu einem Lichtkegel, dessen Spitze man auf die zu untersuchende Stelle der Hornhaut richtet. Man bezeichnet diese Methode als focale Beleuchtung, weil der zu beleuchtende Punkt in den Brennpunkt (Focus) der Linse gebracht wird. Dieser Punkt tritt besonders scharf hervor, einmal, weil eine grosse Menge Lichtes auf ihn concentrirt wird, andererseits, weil seine nächste Umgebung fast vollständig im Dunklen bleibt. Aus diesem letzteren Grunde gewährt die seitliche Beleuchtung den grössten Vortheil dann, wenn man zu ilirer Anwendung das Zimmer verdunkelt. Man kann durch seitliche Beleuchtung Trübungen in der Hornhaut erkennen, welche auf keine andere Weise nachweisbar sind. Durch Einstellung auf verschiedene Tiefen kann man auch die Iris, sowie die Linse auf diese Art untersuchen. Dabei hat man nicht blos den Vortheil sehr scharfer Bilder, sondern man wird auch über die Tiefe, in welcher die beobachteten Veränderungen liegen, dadurch unterrichtet, dass man die Spitze des Strahlenkegels nach Belieben auf verschiedene Tiefen einstellen kann. Eine handlichere Art der seitlichen Beleuchtung ist durch die Lampe von Priestley Smith gegeben. Dieselbe trägt in ihrer Mitte als Lichtquelle eine kleine Kerze; eine in die Wand der Lampe eingefügte starke Convexlinse dient zur Entwerfung des Lichtkegels.
Nebst dem Aussehen der Hornhaut hat man auch noch die Sensibilität derselben zu untersuchen, was am besten durch die Berührung mit der Spitze eines Fadens geschieht.
Die vordere Kammer muss besonders in Bezug auf ihre Tiefe geprüft werden : ob sie im Ganzen seichter oder tiefer, oder ob sie vielleicht von ungleicher Tiefe sei. Auch forsche man nach etwa vorhandenem abnormen Inhalt der Kammer, wie : Exsudat, Blut, Fremdkörpern u. s. w. — An der Iris muss die Farbe, sowie die Deutlichkeit der Zeichnung beobachtet werden. Zur Erkennung von etwaigen Verwachsungen ist oft die Einträufelung von Atropin erforderlich. Man sehe auf die active Bewegung (Reaction) der Iris, sowie auf etwa vorhandene passive Bewegung derselben (Schlottern der Iris bei Bewegungen des Augapfels). Um die Reaction der Iris auf Licht festzustellen, beschattet man, während das andere Auge zugehalten wird, das zu untersuchende Auge durch Vorhalten der Hand und sieht dann, ob bei rascher Entfornung der Hand die Tupille sich verengert (directe Keactionj. Hierauf sieht man, ob die Pupille des untersuchten Auges reagirt, wenn man das andere Auge abwechselnd belichtet und beschattet (consensuelle Reaction) ; der Patient muss dabei angewiesen werden, mit dem untersuchten Auge einen entfernten Punkt zu fixiren, damit das Auge ruhig bleibe. Ausserdem muss man die Reaction der Pupille auf Convergenz und Accommodation prüfen. Man untersucht ferner, ob die Pupille rund, ob ihre Weite normal und der der anderen Pupille gleich ist, endlich, ob sie central gelegen und rein schwarz ist.
Von der Linse sieht man unter gewöhnlichen Verhältnissen nur den kleinen Abschnitt ihrer vorderen Fläche, welcher in der Pupille freiliegt. Will man die Linse in grösserer Ausdehnung untersuchen, so erweitere man die Pupille durch Homatropin und bediene sich der seitlichen Beleuchtung. So lange die Linse noch durchleuchtbar ist, gibt uns der Augenspiegel den besten Aufschluss über ihre Beschaffenheit. Ob die Linse überhaupt im Auge vorhanden ist oder nicht, kann durch die Untersuchung der Reflexbildchen von Purkinje- Sanson sichergestellt werden. Stellt man nämlich eine Kerze nach vorne vom Auge und etwas seitlich auf, so bemerkt man im Auge zwei glänzende Reflexe. Der eine derselben fällt sofort durch seine Grösse und Helligkeit auf : es ist der Hornliautreflex, d. h. das von der Vorderfläche der Hornhaut entworfene aufrechte Bild der Flamme. Dieser Reflex ist es, welcher in jedem Auge schon von Weitem gesehen wird und dem Auge seinen Glanz und sein Feuer verleiht. Der zweite Reflex ist zwar ebenfalls hell, aber so klein, dass man erst nach demselben suchen muss. Derselbe stellt das sehr kleine, imigekehrte Flammenbildchen dar, welches von der hinteren Linsenfläche entworfen wird (hinterer Linsenreflex). Er kennzeichnet sich dadurch, dass er sich bei Ortsveränderungen der Lichtquelle im umgekehrten Sinne bewegt; senkt man die Kerze, so steigt der glänzende Punkt empor und umgekehrt, im Gegensatze zum Hornhautreflexe, der in demselben Sinne wie die Kerzenflamme wandert. Dieser zweite Reflex nun, das sogenannte hintere Linsenbildchen, ist ein sicherer Beweis für das Vorhandensein der Linse im Auge. Doch darf man den Schluss nicht umkehren: ist das hintere Linsenbildchen nicht vorhanden, so mag allerdings die Linse fehlen; es kann aber auch sein, dass durch Trübung der Linsensubstanz ein Reflex an der hinteren Fläche derselben nicht mehr zu Stande kommt.
Bevor man nun an die Untersuchung mit dem Augenspiegel geht, prüfe man noch die Spannung des Auges. Man lässt das Auge schliessen und betastet es mittelst der beiden Zeigefinger, welche man auf das obere Lid aufsetzt. Hier, sowie bei allen früher erwähnten Feststellungen wird man den besten Massstab für etwaige Abweichungen von der Norm durch den Vergleich mit dem anderen Auge erhalten, vorausgesetzt, dass dieses gesund ist.
Untersuchuiig mit dem Augenspiegel.
(Ophthal m o s k o p i e.)
§ 2. Die Erfindung des Augenspiegels durch Helmholtz im Jahre 1851 gehört zu den segensreichsten in der modernen Medicin. Sie hat das Innere des i\.uges der Untersuchung zugänglich gemacht; Blutgefässe und Nerven, die im übrigen Körper erst durch chirurgische Eingriffe blossgelegt werden, liegen hier unverhüllt vor und erlauben uns, ihre feinsten Veränderungen zu studiren. — In der Augenheilkunde hat der Augenspiegel eine vollkommene Umwälzung hervorgerufen, indem er in das dunkle Gebiet des früher sogenannten schwarzen Staares Licht warf und uns die mannigfaltigen Kranklieitsprocesse erklären liess, welche diesem gefürchteten Üebel zu Grunde liegen. Viele derselben, rechtzeitig und richtig diagnosticirt, gestatten heutzutage eine erfolgreiche Behandlung. Auch für die innere Medicin ist der Augenspiegel zu einem unentbehrlichen diagnostischen Hilfsmittel geworden, indem viele interne Krankheiten auch charakteristische Veränderungen im Augenhintergrunde hervorbringen.
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The end
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