Handbuch der Pharmakognosie (part 4 of 5)
Brom darf über See nur in Form von Bromkieselgurstäbchen versandt werden, d. h. das Brom muß von solchen Stäbchen, die meist 8-10 mm dick sind, aufgesaugt werden. Denn das Platzen einer Flasche mit 1 kg Brom könnte zum Erstickungstode der Besatzung führen. Diese Bromkieselgurstäbchen haben sich auch zur Desinfektion von Aborten bewährt.
Der Dynamit ist von Kieselgur aufgesogenes Nitroglycerin und die Kieselgurplatten dienen ähnlich wie die unglasierten Tonteller zum Trocknen von Niederschlägen. Kieselgur ist auch vorzüglich geeignet zum Klären trüber Flüssigkeiten (Soxhlet; ~Schweissinger~). Man streut es auf das Filter oder verrührt die Flüssigkeit damit.
Auch die Eigenschaft des Kieselgur Wärme schlecht zu leiten wird benutzt (Isoliermassen für Dampfleitungen, Eisschränke und Trockenkästen -- Beschläge von Retorten), sowie die Eigenschaft sehr fein und dabei doch sehr hart zu sein, die ihn als Poliermittel von Goldwaren empfiehlt. Und endlich dient er auch als Ersatz des Quarzes in der Glasfabrikation. (Weitere Anwendungen bei ~Andés~.)
Im dreißigjährigen Kriege sowie noch 1719 und 1733 in Wittenberg diente das «Bergmehl» als Zusatz zum Mehl und auch in Schweden und Finland wird es (nach ~Berzelius~) ebenso benutzt. Es besitzt natürlich keinen Nährwert und wirkt nur ähnlich wie die Kleie, darmreizend, also die Ausnutzung der eigentlichen Nährstoffe fördernd.
Die Bacillariaceen, von ~Leeuwenhoek~ (1702) entdeckt (er sah Synedra Ulna), von ~Ehrenberg~ zu den Tieren, von ~Kützing~ zu den Pflanzen gestellt, sind wegen der zierlichen Zeichnung ihrer Schalen jetzt auch beliebte Testobjekte zur Prüfung der mikroskopischen Objektive (bes. Pleurosigma).
=Lit.= ~Schütt~, Bacillariales in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam. (mit vielen Abbild.). -- ~Pfitzer~, Die Bacillariaceen in ~Schenks~ Handb. d. Botan. -- ~Brun~, Les diatomées des Alpes et du Jura 1879. -- ~Andés~ in ~Luegers~ Lexikon der Technik. -- ~Prollius~ in Realenzyklopaed. d. Pharm. -- Chem. Analysen auch im Artikel Kieselgur in ~Fehlings~ Handwörterbuch (1878). -- +Abbildungswerke+: ~A. Schmidt~, Atlas der Diatomeenkunde. Leipzig 1874-1877. -- ~van Heurck~, Synopsis des Diatom. de Belgique 1880/81 und Treatise on the Diatomaceae 1896.
5. Carbono-Membranindrogen.
Wenn pflanzliche Membranen unter Luftabschluß der Zersetzung anheimfallen, so vollzieht sich an ihnen ein langsamer Carbonisierungsprozeß. Der Wasserstoff und der Sauerstoff und ein Teil des Kohlenstoffes gehen als Wasser und Kohlensäure fort und die Membran reichert sich immer mehr an Kohlenstoff an: sie beginnt sich zu bräunen und wird schließlich schwarz. Dieser Carbonisierungsprozeß, der also ein langsamer innerer Verbrennungsprozeß vom Charakter der trockenen Destillation ist, läßt sich in seinen einzelnen Phasen an der Kohlenbildung verfolgen. Während die Zellulose 44,4% Kohlenstoff enthält, finden wir im Torf 56-60%, in der Braunkohle 60-70%, in der Steinkohle 75-90% und im Anthracit c. 94%. Auch die Zellinhaltsbestandteile werden zum Teil verbrannt, aber ebenfalls nicht vollständig. Denn wie wir aus der Leuchtgasfabrikation ersehen, treten unter den Produkten der trockenen Destillation der Kohle auch Ammoniak und Schwefelverbindungen auf, die als aus den Plasmaresten der schon vor Jahrhunderttausenden von Jahren abgestorbenen pflanzlichen Zellen entstanden zu denken sind.
Der sich im Laufe sehr langer Zeiträume unter dem Drucke der darüber liegenden Erdschichten nur sehr langsam vollziehende Carbonierungsprozeß wird außerordentlich beschleunigt, wenn man die pflanzlichen Organe der trockenen Destillation unterwirft. Dies geschieht bei der Darstellung der =Holzkohle= in den +Holzmeilern+ -- man unterscheidet stehende (Fig. 162) und liegende und gemauerte (Fig. 163) Meiler -- oder in Retorten. Die Meiler werden mit einer Lehmdecke versehen und dann bei b (Fig. 162) angezündet. Zunächst verdampft das Wasser («Schwitzperiode», Taf. XI), dann treten unten helle Dämpfe aus (Periode des «Treibens»). Das «Zubrennen» ist beendigt, wenn der austretende Rauch blau ist. Bei der Darstellung der Meilerkohle gehen die nebenher auftretenden Teerprodukte und der Holzessig verloren -- nur beim gemauerten Meiler werden sie unten bei K (Fig. 163) abgelassen --, bei der Retortenholzkohle werden =Holzteer=, =Holzessig= und roher Holzgeist (Methylalkohol und Aceton) gewonnen. Das Produkt ist, abgesehen von den Aschebestandteilen, fast reiner Kohlenstoff. Das was wir hier in einer Phase sich vollziehen sehen -- die Überführung der Zellulosine in Kohlenstoff --, vollzieht sich bei den Steinkohlenpflanzen in zwei Phasen. In der ersten werden die Pflanzenteile im Laufe der Jahrhunderttausende in Steinkohle, in der zweiten bei der trockenen Destillation diese in Coaks übergeführt, der, abgesehen von den Aschebestandteilen, auch fast reiner Kohlenstoff ist.
Immerhin enthält die käufliche Holzkohle, =Carbo ligni= (Charbon végétal, Carbone vegetale), nicht selten außer Kohlenstoff noch Kohlenstoff-Wasserstoff-Sauerstoffverbindungen, so daß D. A. V und Pharm. helv. IV vorschreiben, daß sie in bedecktem Tiegel so lange geglüht werden solle als noch Dämpfe entweichen. Erst eine so behandelte Holzkohle erfüllt dann die Forderung, daß sie an Weingeist nichts abgeben, sowie siedendes Wasser nicht färben darf (Teerprodukte) und ohne Flamme vollständig bis auf 2% (Pharm. helv.) bzw. 5% (D. A.) Asche verbrennen soll.
Stellt man durch die Holzkohle nach geeigneter Präparation Dünnschliffe her, so findet man die Membranen geschwärzt und es zeigt sich, daß die guten Holzkohlesorten aus Laubhölzern dargestellt werden. Pharm. helv. verlangt ausdrücklich Laubholzkohle, besonders Carbo Tiliae. Die Carbo Belloci ist Carbo Populi. Auch Brotkohle (C. panis) wird benutzt. Die Meilerkohle ist meist Fichtenholzkohle. (Vgl. auch ~Netolitzky~, Mikrosk. Unters. d. Kohlepulv. Pharm. Post 1903.)
Die Benutzung der Holzkohle beruht auf ihrer Eigenschaft übelriechende Gase (wie überhaupt Gase) und viele andere Stoffe zu absorbieren. Sie dient daher als Desinfektionsmittel zum Aufstreuen auf putride Wunden, zu Zahnpulvern und innerlich bei Gasbildung im Magen, und muß in gut verschlossenen Gefäßen aufbewahrt werden. Sie dient auch zur Räucherkerzenfabrikation.
Die Carbo animalis, Tierkohle, Fleischkohle (meist aus 3 Teilen Kalbfleisch mit 1 Teil Kalbsknochen dargestellt) und die Carbo ossium, Knochenkohle, Spodium (aus Knochen bereitet) besitzt diese Eigenschaften in noch ausgeprägterem Maße, besonders die, von den, im Gegensatz zur Holzkohle, hier sehr erheblichen Mengen anorganischer Bestandteile (die ⅗ resp. ⁸⁄₁₀ ausmachen können) befreite Tierkohle dient als Entfärbungsmittel, nimmt aber auch Alkaloide und Bitterstoffe aus den Lösungen auf und absorbiert reichlich Gase. (~Rosenthaler~ und ~Türk~, Über die absorbierenden Eigenschaften verschiedener Kohlensorten. Arch. Pharm. 1906, 517.)
Carbo animalis wird neuerdings (1909) gegen Vergiftungen durch Pilze, sowie andere pflanzliche Gifte (~Muck~), sowie auch bei Eiterungen und granulierenden Knochenwucherungen bei Knochentuberkulose empfohlen (~Mercks~ Jahresbericht 1911). Die alte Medizin unterschied viele Kohlen: Hirundines ustae (Schwalbenkohle), Talpae ustae (Maulwurfsk.), Cuculi usti (Kuckucksk.), Carbo picae (Elsterkohle), Cinis bufonum, Soleae ustae u. v. a.
An dieser Stelle mag auch die =Torfwatte= (vgl. auch S. 276) und der =Torfmull= eingereiht werden, deren Rohmaterial besonders an der Nordseeküste, in Friesland und Holland gewonnen wird. Man unterscheidet nach der Provenienz und den darin vorkommenden Pflanzenteilen: Moortorf (bes. _Sphagnum_arten), Heidetorf (bes. Erica tetralix), Wiesentorf (Gräser, z. B. Eriophorum, dann Carex, Scirpus), Holztorf (bes. Erlen, Weiden). In den Mooren wird +Torfstreu+ (grob -- der von dem Brenntorf abfallende Grus) und +Torfmull+ (feines Torfpulver) dargestellt. Die +Torfwatte+ wird durch Verarbeitung von besonders lockerem, langfaserigen Obertorf gewonnen. Sie dient als Packmaterial, als Wärmeisolierungs-, Konservierungs- und Desinfektionsmittel und besonders in der Verbandstofffabrikation. Torfstreu saugt das achtfache ihres Gewichtes Wasser auf, die Torfwatte das zwanzigfache.
Über die Anatomie vgl. ~Royer~, L’ouate de tourbe et ses applications, Trav. lab. mat. méd. Paris 1910.
Das zu Moosbinden benutzte +Torfmoos+ ist dagegen +nicht+ in diese Gruppe zu ziehen. Es ist das +unveränderte+, noch nicht carbonisierte, meist aus _Sphagnum_arten (Sph. cymbifolium, acutifolium u. and.) bestehende gewaschene und getrocknete Moos der Torfoberflächen, das aber auch das dreizehnfache seines Gewichtes Wasser aufzusaugen vermag.
II. Albuminoiddrogen.
An die Membranindrogen, die nicht mit Sicherheit zu den Polysacchariden gezählt werden können, mag eine Gruppe von Drogen angeschlossen werden, von denen einige eine äußerliche Ähnlichkeit mit den Faserstoffdrogen besitzen (wie die Seide und Wolle), die aber alle +kolloidale Albuminoide+ enthalten oder aus diesen bestehen. Die Spaltungsprodukte der Albuminoide, die einerseits Säuren, andererseits Basen sind, +gehören vorwiegend zur aliphatischen Reihe+, z. B. Glycocoll, Leucin, Serin, die Asparaginsäure, die Glutaminsäure, Lysin (α-ε-Diaminocapronsäure) und Arginin, oder enthalten doch einen aliphatischen Kern wie die Phenylaminopropionsäure und das Tyrosin. Daneben finden sich allerdings auch zyklische Verbindungen wie das Prolin. Ferner sind darin über das Glukosamin zu den Kohlehydraten hinüberleitende Hexonbasen gefunden worden.
Glycocoll = CH₂(NH₂).COOH. Alanin = CH₃.CH(NH₂).COOH. Serin = CH₂OH.CH(NH₂).COOH. Phenyl-α-aminopropionsäure (Phenylalanin) = C₆H₅.CH₂.CH(NH₂).COOH. Tyrosin = C₆H₄OH.CH₂.CH(NH₂).COOH (β-Oxyphenyl-α-Aminopropionsäure).
CH₃ \ δ-Leucin = CH.CH₂.CH(NH₂).COOH. / CH₃
Asparaginsäure = COOH.CH₂.CH(NH₂).COOH. Glutaminsäure = COOH.CH₂.CH₂.CH(NH₂).COOH.
H₂C----CH₂ OH.HC----CH₂ | | | | H₂C CH.COOH H₂C CH.COOH \ / \ / NH NH
Prolin Oxyprolin (α-Pyrrolidincarbonsäure) (Oxypyrrolidincarbonsäure)
C.NH₂ CH / \\ / \\ NH NH N NH | | | CH₂.CH₂.CH₂.CH(NH₂).COOH CH--CH.CH₂.CH(NH₂).COOH
Arginin Histidin
Zu den Albuminoiden gehören die Keratine, Elastin (im elastischen Gewebe), Kollagen (leimgebende Substanz) und Glutin, die wichtigsten Albuminoide des Körpers der Wirbeltiere; ihnen reihen sich an das Spongin (in den Schwämmen), Kornein (im Achsenskelett der Korallen) und die Bestandteile der Seide (Seidenleim und Fibroin) und der Wolle.
1. Gelatine.
Die farblose, durchsichtige, geschmack- und geruchlose Blätter bildende Gelatine (Gelatina in foliis, in tabulis) wird aus Knochen dargestellt, kann aber auch aus Sehnen oder Knorpel dargestellt werden [die Technik unterscheidet vom Leim: Lederleim (aus Haut) und Knochenleim]. Die medizinale Gelatine, die als Gelatina animalis und G. soluta sterilisata in den Pharmakopoeen sich befindet, ist ein meist aus Kalbsfüßen dargestellter, mit besonderer Sorgfalt gereinigter =Knochenleim=. Der Leim geht durch Kochen mit Wasser aus albuminoïden Kollagenen (leimgebenden Substanzen) hervor, die sich bei den Vertebraten als Grundsubstanz in den Fibrillen des gewöhnlichen Bindegewebes (Bänder, Sehnenfascien) und als organische Grundsubstanz der Knochen und Knorpel, meist mit Mukoiden und Albumoiden vereinigt, finden.
Das Kollagen verschiedener Gewebe scheint eine verschiedene Zusammensetzung zu haben. Die käufliche Gelatine enthält 51,45% C, 7,08% H, 17,47-18,18% N und 0,41-0,46% S (~Sadikoff~). In chemisch-technischem Sinne unterscheidet man zwei Leimformen, den Knochenleim (Glutin) und den Knorpelleim (Chondrin). Chondrin ist aber ein Gemisch (~Mörner~).
Die Darstellung des Knochenleims erfolgt in der Weise, daß man die gewaschenen Knochen entfettet und ihnen den Leim dann durch Kochen mit Wasser oder Behandeln mit überhitzten Dampf entzieht.
+Leim+ oder +Glutin+ (Glutein, Colla) ist ein kompliziert zusammengesetzter Eiweißkörper (C₁₃H₂₀N₄O₅?), der bei der Spaltung 16,5% Glycocol), 14% Glutaminsäure, 9,3% Arginin, 5% α-Prolin, 5-6% Lysin, 3% Oxy-α-Prolin, 2,1% Leucin und weniger wie 1% NH₃, Alanin, Asparaginsäure, Serin, Phenylalanin und Histidin liefert und auch einen Kohlehydratkomplex enthält. Auffallend ist der hohe Gehalt an Glycocoll, die Armut an NH₃ und Histidin und das Fehlen von Tyrosin und Tryptophan. Von basischem Stickstoff enthält der Leim 35,38% des Gesamtstickstoffs. Das Glutin verschiedener Provenienz zeigt eine etwas verschiedene Zusammensetzung. Glutin aus Sehnen enthält 50,9-50,11% C, 6,56-6,80% H, 17,81-18,59% N, 0,26-0,53% S, Glutin aus Knorpel enthält 50,22-50,46% C, 6,8-7,12% H, 17,72-17,80% N, 0,52-0,63% S (~Sadikoff~). Über andere Glutine vgl. die Tabelle bei ~Oppenheimer~, Handb. d. Biochemie I, 337. Auch reinste käufliche Gelatine enthält immer Spuren Eiweiß. Es ist sehr schwer, aus ihr wirklich reines Glutin darzustellen (~Sadikoff~). Leim quillt in Wasser, ist aber darin unlöslich, mit heißem Wasser gibt er eine kolloidale Lösung, die stark klebt. Über die Bedingungen der Gelatinierung, Erstarrung, Quellung und den Schmelzpunkt sind die Arbeiten von ~Pauly~ und ~Rona~, ~Ostwald~ und die Zeitschrift für Kolloidchemie zu vergleichen.
Durch längeres Kochen seiner wässrigen Lösung oder zweitägiges Verweilen bei 37° verliert der Leim seine Fähigkeit zur Gelatinierung. Es entsteht β-Gelatine (~Nasse~), die eine niedrigere spez. Drehung als die linksdrehende Gelatine besitzt (~Nasse~, ~Framm~, ~Krüger~). Die Reaktionen des Leims siehe bei ~Oppenheimer~. Durch Essigsäure, Ferrocyankalium und Schwefelsäure wird Glutin nicht gefällt (Unterschied von den echten Eiweißkörpern). Gerbsäurelösung erzeugt noch in sehr verdünnten Lösungen einen weißen, flockigen Niederschlag. Auf der Bindung der Gerbsäuren durch Leim beruht die Verwendung von Hautpulver zur Bestimmung der Gerbstoffe.
~Dieterich~ fand in Gelatina alba D. A. IV 1,83-2,14% Asche und 17,28 bis 17,46% Wasser, in Gelatineleim 1,14-3,07% Asche und 11,72-20,59% Wasser, im Knochenleim 1,57% Asche und 17,66% Wasser. Die Asche darf nicht über 2% betragen (D. A. V) und soll kein Kupfer enthalten.
Medizinal-Gelatine darf nicht gebleicht sein. Das D. A. V läßt auf schweflige Säure prüfen: die mit Wasser angequollene Gelatine wird mit Phosphorsäure erhitzt und ein angefeuchteter Kaliumjodidpapierstreifen in die Mündung des Kolbens gehängt.
Die +sterilisierte Gelatine+ wird subkutan, intravenös und in Form von Klysma als +Hämostatikum+ benutzt, zu welchem Zwecke Gelatine schon im III. Jahrh. n. Chr. in China und Japan in Gebrauch war, in Europa seit 1896. Reines Glutin bewirkt durch Agglutination der Blutkörperchen eine Gerinnung des Blutes (~Kaposi~), während seine Derivate, ebenso wie das Hirudin, gerinnungshemmend wirken. Bei der Darstellung der Gelatina sterilisata muß also Peptonisierung vermieden werden. Die Sterilisierung erfolgt im Autoklaven bei 100° an drei aufeinanderfolgenden Tagen je 15 Minuten lang. Zwischen den Sterilisationen werden die Röhrchen im Brutschrank bei 35° gehalten (Pharm. helvet. IV. Ebenda eine Prüfung der Gelal. sterilisat.).
Die gewöhnliche reine Gelatine dient zu Gelatine-Bougies, zu medizinischen Gallerten (nach ~Almên~) und zu Fruchtgelees. Rote (meist mit Fuchsin oder Bordeauxrot extra gefärbte) sowie braune Gelatine (Weinschöne) sind vom medizinischen Gebrauch auszuschließen, die eine dient zur Herstellung von Gelees (wie die weiße G.), die andere zur Klärung trüber Weine. An Klebefähigkeit steht die Gelatine der Hausenblase nach. Die photographischen Trockenplatten werden jetzt meist mit einer Jod-, Brom- oder Chlorsilber-Gelatine hergestellt, da Silber-Gelatinen sehr lichtempfindlich sind. Ebenso spielt die Chromgelatine in den photographischen Reproduktionsverfahren eine große Rolle, da der «Chromleim» durch das Licht auch in heißem Wasser unlöslich wird (~Eder~).
~Dioskurides~ erwähnt κόλλα (ξυλοκόλλα, ταυροκόλλα) und seine medizinische Benutzung zu äußerlichen Zwecken. Als bester Leim galt der weiße Leim von Rhodus, «wo er aus Ochsenhäuten gemacht wird».
=Lit.= Über Leimbereitung vgl. ~Dawidowsky~, Die Leim- und Gelatinefabrikation. Wien 1893, ~Valenta~, Klebe- und Verdickungsmittel und ~T. F. Hanausek~, Artikel Leim in ~Luegers~ Lexikon (dort auch die Handelssorten). -- ~Hell~, Artikel Gelatine in Real-Enzyklop. d. ges. Pharm. -- ~Oppenheimer~, Handb. d. Biochem. -- ~Röhmann~, Biochemie. -- ~Levene~, Über d. Spaltung d. Gelatine. Zeitschr. phys. Chem. 37 (1902), 81. -- ~Sadikoff~, Sehnenglutin, Knorpelglutin, Zeitschr. f. phys. Chem. 39 (1903). -- ~Ostwald~, Pflüg. Arch. 108 (1906). -- ~Nasse~ bei Oppenheimer I, 338. -- ~Dieterich~, Helfenberger Ann. 1900-1904. -- ~Kissling~, Fortschr. auf d. Gebiete d. Chem. usw. des Leims. Chem. Zeit. 35, 423. -- Über Gelatinepräparate vgl. den Gehe Codex.
2. Os Sepiae.
Die im Rücken des in allen europäischen Meeren vorkommenden, zu den Kephalopoden gehörenden Tintenfisches, Sepia officinalis L. sitzende Schulpe wird nach Verwesung des Tieres vom Meer ausgeworfen. Sie ist das weiße Fischbein, Os Sepiae. Sie bildet eine flache, beiderseits gewölbte, in der Mitte bis 2 cm dicke, bis 2,5 cm lange und 7 cm breite, an den Enden zugeschärfte Schuppe, die neben 80-85% Calciumcarbonat vornehmlich aus Leim- und Knorpelsubstanz besteht. (Beschreibung des Tieres und der Schulpe bei ~Vogl~ und ~Berg~.)
3. Cornu cervi raspatum.
Das geraspelte Geweih des Hirsches, Cervus Elaphus, enthält neben 57,5% Calciumphosphat und 1% Calciumcarbonat 27% Knorpelsubstanz.
4. Ichthyocolla.
Fischleim, Colla piscium, Ichthyocolla, Hausenblase, Colle de poisson, Ichthyocolle, Isinglass, Fishglue, ist die getrocknete, präparierte, innere, pulpöse und vaskuläre Haut der Schwimmblase verschiedener in europäisch-asiatischen Gewässern vorkommenden, zu den Knorpel-Ganoiden gehörenden Acipenser-(Stör-)Arten, zu denen der +Hausen+ A. Huso L. (Bjeluga) gehört, der im Schwarzen Meere und den in dieses mündenden Strömen vorkommt, ferner der Scherg oder Sewerjuga (A. stellatus ~Pall.~) im Kaspischen und Schwarzen Meer, der Sterlet (A. Ruthenus L.) im Schwarzen und Asowschen Meer, im Baikalsee und Nördlichen Eismeer und der Ossetr (A. Güldenstädtii ~Br.~) im Schwarzen und Kaspischen Meer und dem Baikalsee. Die Fische sammeln sich zur Laichzeit an den Flußmündungen und gehen auch in großen Scharen in die Flüsse (Wolga, Ural, Emba, Dnjestr, Dnjepr) hinauf und werden dort in großen Mengen gefangen. Der Eierstock bildet den Caviar, die Schwimmblase die rohe Ichthyocolla. Ein Fisch liefert 100-150 g Hausenblase. Die Blasen werden aufgeschnitten, abgewaschen (bisweilen in Kalkwasser eingeweicht) und auf Bretter gespannt getrocknet. Die halbgetrockneten Scheiben werden durch Reiben von der äußeren, nicht leimgebenden Silberhaut befreit und dann, das Innere nach außen gekehrt, aufgespannt, fertig getrocknet (Blätterhausenblase, I. in foliis), oder in eine der anderen Handelsformen gebracht («gebrackt»). Mehrere, gefaltet übereinander gelegte Blätter bilden die Bücherhausenblase, zusammengerollte die Rollenhausenblase, ausgewalzt und in Fäden geschnitten ist die Fadenhausenblase (I. in filis), zwischen zwei Nägeln hufeisenförmig, herzförmig oder lyraförmig gebogen die Leier-, Klammern-, Kranz- oder Riegelhausenblase. Schlechte Sorten sind die Klumpen-, Zungen-, Band- oder Krümelhausenblasen. Die tongs und Beutel sind unpräparierte Schwimmblasen.
Rußland exportiert im Jahr c. 100000 kg. Handelszentren für Hausenblase sind besonders Nischni Nowgorod und Petersburg (bisweilen wird die Hausenblase erst hier gebrackt). In den Dogghallen Londons sah ich große Mengen. Die beste Sorte ist die Astrachaner, besonders die sog. Patriarchenhausenblase (Blätter und Klammern), die meist von A. Güldenstädtii stammt und deren Oberfläche ein sehr charakteristisches blaues Irisieren zeigt, dann die kleinen Blätter von A. stellatus (Blätter und Bücher) und die dicken und reinen Blätter von A. Huso.
Hamburg importierte 1908 +Hausenblase+ (echte und unechte) 220810 kg, davon aus Japan: 182580 (Agar?), russischen Ostseehäfen: 7670, Brasilien: 6810, China: 5410.
Deutschland führte 1909: 148 dz Hausenblase aus Rußland ein.
Der deutsche Großhandel unterscheidet (1910): +Beluga+, Blätter extraf. +Salianski+, nat. Blätter und Schnitzel und gebleichte Blätter und Schnitzel in vielen Sorten, dann (weniger wichtig): +Premislowoy+, +Assetrowa+, +Astrachan+, +uralische+ Hausenblase usw. [sowie (als Sekundaware): +Samovy+ (s. hinten unter Paralleldrogen) und +sibirische+ Hausenblase]. In +London+ werden besonders gehandelt (1907): Brasilianische Zungen (tongues), Maracaibo (Herzform), Venezuela (Zungen und Taschen).
Die Hausenblase bildet weiße oder gelbliche, durchscheinend-hornartige, in der Richtung der Fasern zerreißbare, bisweilen geschmacklose, aber stets etwas, manchmal sogar ziemlich stark riechende Stücke, die bisweilen mit schwefliger Säure oder durch Schnee und Salz gebleicht sind (die Formen abgebildet bei ~Dieterich~). Sie quillt in kaltem Wasser und löst sich in kochendem Wasser zu einer kolloidalen, stark klebenden, neutralen oder schwach alkalischen Flüssigkeit, die, wenn konzentriert, gelatiniert. Die wenig haltbare Lösung wird durch Zusatz von ¹⁄₁₅ Glycerin haltbar (~Meyer~). Das Bindegewebe der Hausenblase besteht aus sehr charakteristischen, büschelig-pinselig angeordneten Fibrillen (Abbild. bei ~Prollius~).
~Scherer~ gibt die Zusammensetzung zu 49,5% C, 6,9% H, 18,8% N, 24,8% O an, also annähernd wie bei dem Glutin (s. d.). ~John~ gibt 70,5% Tierleim, 16% +Osmazom+, 4% Milchsäure, K-, Na- und Ca-Salze, 2,5% unlösliche Haut und 7% Wasser an. Die Asche wird meist zu 0,5 (~Henkel~, ~Redwood~) bis 1,5 (ja sogar bis 5%), der unlösliche Rückstand zu 2-28% (2-15 ~Dieterich~), selten nur zu 1,5% (~Cop~), das Lösliche zu 70-98% angegeben.
Russische, speziell Astrachaner Hausenblase ergab ~Prollius~: 0,2-1,2% Asche (höchstens 0,9% ~Letheby~), 16-19% Wasser, 0,7-3% in Wasser unlöslichen Rückstand. ~Meyer~ fand in russischer Hausenblase 12% Unlösliches. ~K. Dieterich~ fand (1909) bei russischer Hausenblase (Saliansky, Beluga, Samovy) folgende Grenzwerte: +Wasser+ 13-20%, +Asche+ 0,5-1,7% (darin 8-33% K₂CO₃), +lösliche Anteile+ 65-81%, unlösliche 1-19%, +Fett+ 0,1-1,2%, +Collagen+ 79-85% (+Rohglutin+ 66-82%). Die Jodzahl betrug 19-45, die Säurezahl 0-6. Die optische Drehung des Glutins war stets links, Schwefel war stets vorhanden. ~Windisch~ fand 15% N, ~Schlieper~ bis 0,54% S (der hohe Gehalt wohl von der Bleichung mit S). +Der Hauptbestandteil der Hausenblase ist also Collagen+ bzw. +Glutin+.
Hausenblase wird in der Pharmazie besonders zur Bereitung des Englisch-Pflaster und zum Klären trüber Flüssigkeiten (hierfür unentbehrlich!) benutzt, weniger zur Herstellung von Gelatinen (nur die ungebleichten Sorten!), viel in der Technik, z. B. zu Kitten.
Als +Paralleldrogen+ können gelten: +Hamburger+ Hausenblase von Acipenser Sturio L. gilt als eine gute Ersatzsorte. +Hudsonsbay+ H. von A. brevirostris und rubicundus, meist in tongs. Die in immer größeren Mengen im Handel erscheinenden +Neufundland+- und +Kanada+-H. stammen jetzt meist von Gadus-, Merluccius- und Phycis-Arten. +Samowij+-H. von Silurus glanis (im Russischen Som), dem Wels, liefert in Rußland schöne dünne weiße Blätter. +Indische+ H. von S. raita und Polynemus-Arten in Beuteln und Pfeifen, oft kalkhaltig. +Chinesische+ H. von Sciaena lucida und Anguilla pekinensis, in langen Streifen. +Brasilianische+ (Para) H. von Silurus- und Pimolarus-Arten in Röhren, Klumpen und Scheiben. +Bandhausenblase+ von New York von Merluccius vulgar. (36% in Wasser unlöslich) und Gadus Morrhua. +Westindische+ H. von Silurus Parkeri und +Maracaibo+ H. (Herzform), beide 1910 im Handel. +Isländische+ H. von Gadus Morrhua (vgl. hierzu auch ~Pereira~, Heilmittellehre). Alle diese geben Lösungen von geringerer Viskosität und geringerer Klebkraft als die echte Hausenblase (~Prollius~). Viele besitzen einen starken Fischgeruch und unangenehmen Geschmack. Im deutschen Handel waren 1910 die südamerikanischen Sorten: Brasilianische H. (Zungen), Maracaibo und Venezuela (Taschen).
In Hamburger H. fand ~Prollius~ (1883) 1,3% Asche, 19% Wasser und 2,3% Unlösliches; Indische H. enthielt 8,6%, Nordische 10,8%, Isländische 21,6% Unlösliches. In amerikan. Hausenblase strip (Streifen) fand ~Meyer~ (1873) 30%, in sheet (Blätter) 18% Unlösliches.
+Falsche Hausenblasen+, die nichts mit Fischblasen zu tun haben, sind die falsche Parahausenblase (Eierstöcke des Silurus Parkerii), der Mainzer Fischleim, Leim aus Därmen von Lämmern und Ziegen, der in den Donaufürstentümern aus Haut, Därmen und Magen von Knorpelfischen dargestellte Leim, die Ichthyocolle francaise aus Blutfibrin und Tannin, die japanische H. (Agar) u. and. Nicht selten findet sich eine verfälschte H. im Handel, die durch Eintauchen der Blätter in Leimlösung oder Einlegen von Leimblättern zwischen die Buchhausenblase dargestellt wurde (~Redwood~ und ~Letheby~).
~K. Dieterich~ fand (1904) bei falschen Hausenblasen folgende Grenzzahlen in %:
-----------------+------+--------+-----------+-------+---------+ | H₂O | Asche | K₂CO₃ |Löslich|Unlöslich| | | | in der | in | in H₂O | | | | Asche | H₂O | | =================+======+========+===========+=======+=========+ Chinesische H. | 11-17| 0,9-2,3| 32-53 | 68-86 | 2-15 | Amerikanische H. | | | | | | (Brasilien, | | | | | | Venezuela, | | | | | | Maracaibo | | | | | | Abfälle) | 13-18| 1-3,7| 6-37 | 59-75 | 9-2 | Verfälschte | | | | | | Saliansky (mit | | | | | | Leimgetränkt) | 16 | 0,6 | 72 | 82 | 1,5 |
-----------------+--------+--------+---------+---------+------- | Fett |Collagen|Rohglutin|Säurezahl|Jodzahl | | | | | | | | | | =================+========+========+=========+=========+======= Chinesische H. | 0,1-1,2| 81-88 | 69-7 | 0 | 39-46 Amerikanische H. | | | | | (Brasilien, | | | | | Venezuela, | | | | | Maracaibo | | | | | Abfälle) | 0,1-0,8| 80-87 | 66-75 | 0-2,76 | 30-47 Verfälschte | | | | | Saliansky (mit | | | | | Leimgetränkt) | 0,3 | 83 | 82 | 3,8 | 37
Alle drehen links, alle enthalten Schwefel.
~Plinius~ kennt Ichthyocolla, die man im Altertum, wie es scheint, besonders von A. Huso gewann. Er hat auch gehört, daß sie «aus dem Bauche» stammt und daß die pontische H., da am schnellsten löslich, am meisten geschätzt werde. Bei ~Dioskurides~ finden sich Angaben über die medizinische Benutzung der ἰχθυοκόλλα (ἰχθύς = Fisch, κόλλα = Leim).
=Lit.= ~Brandt-Ratzeburg~, Med. Zoologie. -- ~Pereira~, Heilmittellehre. -- ~Jackson~, Essay on british Isinglass. -- ~Valenta~, Klebe- und Verdickungsmittel. -- ~Royle~, On the prod. of isinglass along the coasts of India 1842. (Dort Abbildungen der Zubereitung von ~Jackson~.) -- ~Wagner~, Chem. Technol. -- ~Fischer-Hartwich~, Pharm. Praxis. -- ~Moeller-Husemann~ in Realenzyklop. -- ~Vogl~, Arzneikörper. -- ~Berg~, Pharmakognosie (dort eine Beschreibung der Fischarten). -- ~C. Meyer~, Sol. of isinglass in water Am. journ. pharm. 1873, 258. -- ~Prollius~, Über Collapiscium. Pharm. Centralh. 1883, 335. -- ~K. Dieterich~, Zur Pharmakodiakosmie u. chem. Analyse d. Hausen- u. Fischblas. Dresden 1909. -- ~Weigel~, Pharm. Centralh. 1904. -- ~Helfenberger~ Annalen 1897, 1900-1904. -- Ältere Analysen von ~John~ (in ~Gmelins~ Handb. d. Chem. II, 1468) und ~Sally~ (bei ~Royle~). -- Vgl. auch die I, S. 390 erwähnten Werke.
5. Catgut.
Das Rohmaterial für das Catgut liefern die Därme des Schafes, die von gesunden Tieren entnommen, frisch verarbeitet und von allen Fett- und Fleisch-, Schleim- und Zottenteilen befreit werden müssen. Der Darm wird in zwei schmale Bänder aufgespalten und jedes dieser Bänder nach dem Aufspannen durch ein Drillierrad gedreht, wodurch sie sich von c. 3,1 m auf 3 m verkürzen und die Bänder zu Fäden werden. Stärkere Fäden erhält man durch Zusammendrillieren mehrerer Darmbänder. Die fertig drillierten Catgutfäden werden, in Rahmen gespannt, an einem mäßig warmen Orte getrocknet und dann mit Schmirgel und Öl abgeschliffen und (mit Carbolsäure, Jod, Sublimat, Glycerin oder Wacholderöl) +sterilisiert+. Neuerdings wird Catgutsterilisation (statt mit Alkoholdämpfen) mit Chloroform empfohlen. Starker Alkohol macht Catgut brüchig, in 90% hält es sich lange, ebenso in 3% Phenolwasser. Die Verwendung des Catgut, das aus einem Collagen besteht und dessen Fäden eine hohe Zugfestigkeit besitzen, beruht darauf, daß seine Substanz in der Wunde innerhalb 8-20 Tagen vollständig resorbiert wird.
Neuerdings (1904) sind von ~Kieffer~ die Beinsehnen der Kraniche und Reiher als Catgutersatz empfohlen worden.
Über +steriles Catgut+ vgl. ~Lentz~ und ~Lockemann~, Klin. Jahrb. 1909, 566, ~Lèrat~, Journ. pharm. Liège 1909 (vgl. auch Jahresber. Pharm. 1909, 361).
6. Spongia.
Der Bade- oder Meerschwamm besteht aus verschiedenen zur Gattung Euspongia gehörenden Spongien (Hornfaserschwämmen) besonders des Mittelmeeres (Coelenteraten), die etwas unterhalb des Meeresspiegels bis zu ziemlichen Tiefen (200-300 m) an Felsen oder anderen Gegenständen festgewachsen sind und durch die «Schwammfischer» herausgeholt werden.
Die wertvollsten Schwämme werden an den Küsten Syriens (von Kap Carmel bis Iskenderum) und Kleinasiens (Südwestspitze) und der Inseln Rhodos, Symi und Kalymnos durch Taucher und Taucherglocken gefischt. Diese +syrischen+ (Soria) +Schwämme+, die meist in Smyrna gehandelt werden, stammen von Euspongia officinalis var. mollissima ~Schulze~, Eusp. officinalis var. adriatica ~Schulze~ und Euspongia officin. var. lamella ~Schulze~ und Eusp. zimocca. Die gröberen (Pferdeschwämme) von Hippospongia equina elastica ~Lendenfeld~ kommen von der Nordküste Afrikas, die Marseiller Schwämme (Eponges brunes de Barbarie) von Euspongia communis von der tunesischen Küste (Sfax, Golf von Gabès). Die an der Küste Istriens und Dalmatiens mit vierzinkigen Gabeln gefischten, weniger geschätzten, leicht zerreißbaren Schwämme sind meist Euspongia adriatica, dann auch Eusp. nitens und quarnerensis (~Vogl~). Die großporigen +Bahamaschwämme+ sollen von Varietäten der Mittelmeerarten stammen (~Hyatt~).
+Hauptproduktionsgebiete+ sind: der griechische Archipel, das Küstenland von Syrien, Ägypten, Tripolis und Tunis, die Küsten von Istrien und Dalmazien, das Rote Meer und der persische Golf; dann das Caraibische Meer (Antillen und Bahamainseln). +Hauptausfuhrhäfen+: Smyrna, Aden, Tripoli (in Syrien), Rhodus, Sira, Aegina (im griech. Archipel), Bengasi, Tripolis (Afrika), Sfax, Avana, Nassau (Bahamainseln), Keywest (Florida). Wie zur Zeit des ~Aristoteles~ so sind auch heute noch besonders Griechen Schwammfischer -- selbst drüben in Amerika. Ein sehr geübter kann 100-150 Pf. Rohschwamm am Tage fischen.
Im Mittelländischen Meer werden nicht weniger als vier verschiedene Methoden bei der Schwammfischerei angewendet. Die reicheren Händler rüsten ein 5-6 Tonnen schweres Boot mit einer mehr als 12 Mann starken Besatzung aus. Jedes Boot ist mit moderner Taucherausrüstung (Skaphanderapparat) versehen und hat wenigstens 10 Professionstaucher an Bord. Die Taucher gehen hinunter auf den Grund bis 15-30 Faden tief, sammeln so viele Schwämme wie möglich und tun sie in ein an ihrem Körper befestigtes Netz. Diese Methode gestattet ein sehr gründliches Sammeln der erreichbaren Schwämme, so daß gelegentlich die Schwamm-Ansiedlungen überfischt wurden, auch zerstören die schweren Stiefeln der Taucher viele Schwämme. Um den Gebrauch des Tauchapparates etwas einzuschränken, ohne jedoch eine vernünftige Ausnutzung zu schädigen, erhebt die türkische Regierung einen schweren Zoll auf den Gebrauch desselben. Andere Staaten am Mittelländischen Meer tun das Gleiche.
Die zweite Methode ist in Kleinasien, Tunis, Tripolis usw. sehr in Gebrauch. Der gebrauchte Apparat ist eine Art Baggermaschine mit Schleppnetz, in Tripolis «gangara», in Tunis «arth» genannt, die im wesentlichen die Struktur der gewöhnlichen Auster-Baggermaschine hat. Vier bis sieben Mann, in einem Boot zu drei Tonnen halten die Maschine in Gang. Da das Baggern Tag und Nacht geschehen kann, so ist diese Methode sehr produktiv; doch kann natürlich der fortgesetzte Gebrauch des Apparats die Schwamm-Kolonien ernstlich gefährden, auch werden viele Schwämme durch das Fahren der Maschine auf dem Seeboden zerdrückt oder zerrissen.
Die dritte und vierte Methode, die früher allein in Gebrauch waren, werden jetzt noch in einigen Teilen des Mittelländischen Meeres, ferner ausschließlich bei der Fischerei in Florida, Bahama und Cuba angewendet. Es ist dies das Harpunieren oder mit Haken herausholen und ferner das Tauchen ohne besonderen Apparat. Das erstere geschieht bei niedrigem Wasser und ruhigem Wetter und ist eine sehr einfache Prozedur. Aus den Booten bestimmt man die Lage der Schwämme. Da die Wellen die Beobachtung hindern, benutzt man ein sogenanntes «water glass, Wasserteleskop, Schwammglas» (ein kräftiges Eisenrohr, ungefähr 20 Zoll lang und vierzehn Zoll im Durchmesser, an dessen einem Ende eine Glasscheibe befestigt ist). Das Ende dieses Rohres wird ins Wasser gesetzt und nun ist ein klares Beobachten der Schwammbeete möglich. Die Schwämme werden dann mit Harpunen, die mit Zacken und einem hölzernen Schaft versehen sind, aufgespießt und in das Boot gebracht. -- Früher kam es in den Tunesischen Gewässern vor, daß man Schwämme aus relativ tiefem Wasser vermittelst Harpunen heraufholte. Die Griechen waren so geschickt in der Handhabung der Harpunen, daß sie einen Speer hinten an den Schaft des andern werfen konnten. Die vereinigte Länge ermöglichte es, den Schwamm auch aus tieferem Wasser heraufzuholen.
Die letzte und am meisten verbreitete Methode ist das Aussenden eines unbekleideten Tauchers ohne besonderen Apparat. Dazu werden kleine Boote mit 3-4 Mann gebraucht; diese senken einen flachen Stein, an dem ein starkes Tau befestigt ist, ins Wasser. Der Taucher steht aufrecht auf dem Stein, indem er sich an dem Seil hält, so läßt man ihn auf den Seeboden bisweilen 50 oder gar 80 m herab und er sammelt während 1-2 Minuten rasch so viele Schwämme wie möglich und tut sie in ein auf dem Rücken angebrachtes Netz. Möglichst junge Männer werden als Taucher gebraucht; der Druck des Wassers wirkt aber oft ungünstig auf das Rückenmark und Paralyse kann die Folge sein. Diese Methode wird in gewissen Teilen des Mittelländischen Meeres, an der Ostküste Afrikas und auch im Caraibischen Meer angewendet.
In den Fischereigründen von Florida, Bahama und Cuba werden die Schwämme durch Speerwerfen gewonnen. Die Speere sind dreizinkige Gabeln, die sich in ein schweres eisernes Rohr fortsetzen. An diesem ist oben ein Stab befestigt, den man je nach der Tiefe des Wassers verschieben kann. Wie im Mittelländischen Meer wird auch hier ein «water glass» angewendet, doch ist es nur ein Eimer, in den man an Stelle des Bodens ein Stück festes Glas eingesetzt hat. (Nach The sponge industry in Bull. Imperial Institut London 5 [1907], 393.)
Die Züchtung der Schwämme lehrte ~Oscar Schmidt~ (1862) und ~Buccich~. In Tunis ist dann 1897 bei der Insel Kerkennah der, wie es scheint, erfolgreiche Versuch gemacht worden, Spongien zu kultivieren (~Hérail~). Auch die 1901 einsetzenden Versuche der United States Commission of fish and fisheries waren erfolgreich. Nachdem schon 1897 ~Harris~ in Amerika Versuche mit auf galvanisierten Draht gereihten Schwammstücken gemacht, benutzt ~Moore~ jetzt (1910) Cementunterlagen (Dreiecke und Scheiben), die mit Stiften versehen sind (Fig. 164). Die Kultur gründet sich auf die Tatsache, die ~Cavolini~ (1785) und ~Lieberkühn~ (1855) fanden, daß sich der Schwamm aus kleinen, zerschnittenen Stücken wieder regeneriert.
Für den Handel werden die Schwämme durch Auspressen von ihrer gallertigen Körpersubstanz und dann von den eingeschlossenen oder aufsitzenden Steinchen, Muscheln, Korallen usw. befreit, gewaschen und getrocknet und auch wohl (mit SO₂, Brom oder Kaliumpermanganat) gebleicht.
Von den zahlreichen Handelssorten dürfen für den pharmazeutischen Gebrauch, z. B. zur Herstellung der schon ~Plinius~ bekannten Spongia pressa, bei denen es auf eine möglichst große Aufsaugefähigkeit ankommt, nur die besten, feinporigen, hellgelbbräunlichen Champignon-, Damen- oder Badeschwämme benutzt werden, deren Asche nur etwa 3-4% beträgt. Badeschwamm läßt sich schwer +sterilisieren+. Man behandelt nacheinander mit Lösungen von Permanganat, Natriumbisulfit, dem etwas HCl zugefügt wurde, Phenol und Sublimat (1 : 2000) (~Terrier~ et ~Vercamer~). Die Schwämme werden aber jetzt meist durch Gazetampons ersetzt. Spongiopiline (Schwammfilz) ist mit hygrophiler Baumwolle oder Schafwolle zu einem Filz verarbeiteter Pferdeschwamm.
Hauptmarkt für die Mittelmeerschwämme ist Triest, das jährlich für über £ 100000 exportiert, dann Paris, London, Hâvre, weniger Livorno und Venedig. Die Bahamaschwammfischerei macht große Fortschritte. 1907 standen dort schon 500 Schoner und 2500 Boote in ihrem Dienst und der Export betrug 1906 bereits über 1½ Mill. lbs. (bei den Bahamaschwämmen unterscheidet man velvet, sheepwoot, hardearth). Auch Florida exportiert schon viel (1906: 50953 lbs) und sehr beträchtlich ist die Schwammfischerei auch bei Cuba (Bull. Imp. Inst. 1907). Neuerdings tauchen auch Schwämme von Australien im Handel auf.
Deutschland führte 1909 3576 dz rohe +Meerschwämme+ ein, besonders von den Bahamainseln, den Ver. Staaten, Griechenland, Österreich, Cuba, Großbritannien; bearbeitete vorwiegend aus Österreich und Griechenland.
Die besten (soprafine) Schwämme sind die syrischen und vom Archipel, die mittelmäßigen (zimocche) die von Salonici und die barberischen, die schlechten (communi oder di Gerba) die Marseiller und die venetischen. Die beste Sorte ist der +feine Levantiner+ Schwamm (Becherschwamm, turkey cup, coupe turque, fine douce de Syrie), von Syrien, Mandruka (an der ägyptischen Küste), Kreta und Cypern -- von der Varietät mollissima (werden mit M. 125 bis 800 das Kilogramm bezahlt!), der zweitbeste der +Levantiner+ (turkey toilet sponge) von der var. adriatica, die dritte der +Ohren-+ oder +Mundschwamm+ (Levantinerlappen, Elephantenohr) von der var. lamella -- eignet sich besonders für chirurgische Zwecke -- und die vierte der +Zimokkaschwamm+. Der groblöcherige +Pferdeschwamm+ (Honigwabenschwamm, Honeycomb) kommt von Marseille bis zu den Dardanellen und dem Roten Meer vor: Adria, Küsten Kleinasiens, Ägypten, Algier, Tunis, Tripolis, Archipel, Kreta, Corsica.
Die besten +amerikanischen Wollschwämme+ stammen von Rock Island (Florida) besonders von Hippospongia canaliculata var. gossypina. Ferner liefern die Bahamas, Cuba, Mexiko, Honduras Schwämme, besonders die zweite Sorte, die +Yellow sponges+ und die +Velvet sponges+, die wohl von Hippospongia equina var. maeandriformis ~Lendf.~ stammen. Die Gras- und Drahtschwämme sind minderwertig. Kein amerikanischer Schwamm erreicht an Güte die Levantiner.
~Croockewit~ nannte die Substanz des Schwamms +Fibroin+ und fand in ihr (1845) Jod, Schwefel und Phosphor und 3,7% Asche (~Posselt~ 3,59%). ~Städeler~ zeigte, daß sie sich nicht durch Kochen mit Wasser in Leim verwandelt. Er nannte sie zum Unterschiede vom Fibroin der Seide +Spongin+ und erkannte, daß sie bei der Hydrolyse Leucin und Glycocoll (von ~Krukenberg~ bestätigt), aber kein Tyrosin liefert. ~Nadler~ fand im Spongin J und Br. ~Stanford~ schätzt den Jodgehalt des Sch., der aber sehr schwankt, auf c. 0,5%. Nach ~Krukenberg~ ist das Spongin keine einheitliche Substanz. Es gibt weder die Xanthoproteïnreaktion, noch die mit ~Millons~ Reagens. ~Zalakostas~ fand bei der Behandlung mit Barythydrat: Leucin, Leuceïnhydrat, Butalanin, Glykalanin und Spuren von Tyrosin. Auch durch Behandeln mit Wasser bei 160° geht der Schwamm nicht in Lösung (~Flückiger~). Die auch in heißem Wasser unlösliche Gerüstsubstanz der Spongien, die nach Extraktion der Badeschwämme mit Wasser, Alkohol, Äther und verd. Säure zurückbleibt, das +Spongin+, ist ein jodhaltiges Albuminoid (48,51% C, 6,30% H, 14,79% N, 0,73% S, 1,5% J, c. 28% ~O. Harnack~). Einige Spongien enthalten auch Brom. Bei der hydrolytischen Spaltung liefert Spongin 13,9% Glycocoll, 7,5% Leucin, 6,3% Prolin, 18,1% Glutaminsäure, 4,7% Asparaginsäure, 5-6% Arginin, 3-4% Lysin (~Abderhalden~ und ~Strauss~). Durch den hohen Gehalt an Glycocoll und das Fehlen von Tyrosin erinnert das Spongin an Elastin und Glutin, unterscheidet sich aber von beiden durch den hohen Gehalt an Glutaminsäure. Durch Behandlung mit kalter 38% Schwefelsäure zerfällt das Spongin in lösliche Körper und das unlösliche, aber in Natronlauge lösliche +Jodospongin+, einen 8,2% Jod enthaltenden Körper (C₅₆H₈₇JN₁₀S₂O₂₀ ~Harnack~), durch Kochen mit Salzsäure wird aus Spongin das 4,86% Jod enthaltende +Spongomelanoidin+ (~Rosenfeld~) abgespalten.
Daß die aus unverkäuflichen Badeschwämmen oder Abfällen der Mundierung dargestellte, bei Kropfkuren seit Langem vom Volke benutzte +Schwammkohle+, =Carbo Spongiae= (Spongia usta oder tosta, Kropfschwamm) Jod enthält, ist längst bekannt. ~J. C. Straub~ in Hofwil (Bern) vermutete bereits 1819, daß die Carb. Spong. Jod enthalte und ~Dumas~ wies es 1820 einwandfrei nach (~Flückiger~). Sie enthält neben Fe, SiO₂ und Ca auch Brom (0,76 MgBr₂). Der Schwamm liefert etwa 33% Kohle. Die Schwammkohle muß bei mäßiger Temperatur, womöglich in geschlossenen Trommeln, aus gut gewaschenem, von Sand befreitem Schwamm hergestellt werden. Sie enthält nach älteren Analysen 0,99-1,09 (~Herberger~) bzw. 2,14% (~Preuss~ und ~Raggazini~) NaJ, nach ~E. Richter~ im Durchschnitt 0,67 (0,31-0,81) % Jod. Sie darf nicht mehr wie 6% in Salzsäure Unlösliches enthalten (~Richter~). Die Schwämme werden oft mit Sand beschwert. Auch das Achsenskelett der Gorgonia enthält einen 7% Jod enthaltenden Körper, das Gorgonin (~Drechsel~).
Die aus den Schwämmen ausgelesenen Korallen usw. wurden früher als =Lapis Spongiarum= (Kropfstein) benutzt.
~Plinius~ (9, 69 und 31, 47) kennt schon drei Spongia-Arten (tragos, manos und achilleum) und die Handelssorten: afrikanische und rhodische und wußte, daß es Tiere sind. Er kennt (wie auch ~Galen~) die blutstillende Wirkung, besonders des in Essig getränkten Schwammes, mit dem ja auch die Blutung von Christi Wunden gestillt wurde, und nennt eine Menge Krankheiten, gegen die sie und die Schwammasche angewendet werden. Die weichsten kamen schon damals von der Küste von Lycien. Aus ähnlichen Quellen schöpft ~Dioskurides~ (V, 137), der außer dem σπόγγος auch die σπόγγων λίθοι kennt. Er erwähnt ihre Benutzung ähnlich wie Charpie. Auch ~Aristoteles~ kennt die σπόγγοι. Bei ~Ibn Baithar~, der die tierische Natur der Schwämme leugnet, finden sich die Bezeichnungen: ilfondsch elbahr, gaim, gamâm und gamlaw.
=Lit=. ~Hyatt~, A revision of the North American Poriferae (wichtig für die Systematik und Classification). -- ~H. F. Moore~, The commercial sponges and the sponge fisheries. Washington 1910 und A practical method of sponge culture. Washington 1910. -- Deutsch Amer. Apoth.-Zeit. 1905 Nr. 12 -- Pharm. Centralh. 1898, 803 und 1905, 802. -- ~Mérat-Lens~, Dict. mat. méd. 6 (1834), 511. -- ~Flückiger~, Grundriß und Artikel Schwamm in ~Fehlings~ Handwörterbuch (1898). -- ~Husemann~ in Realenzyklop. d. Ph. -- Pharm. Journ. 1877, 107 und 1883, 108. -- Am. journ. ph. 1881, 182 mit Abbild. (aus Manufact. a. Builder 1881). -- ~Ledenfeld~, Pharm. Journ. 17 (1887), 937. -- ~Eckhel~, Le spugne da bagno in riguardo al modo di raccoglierhe. Triest 1873, mit Karte u. Taf. -- The sponge industry, Bull. Imper. Instit. London 5 (1907) 382 (Gesamtüberblick). -- ~Vogl~, Arzneikörper (dort und in Arch. Pharm. 53 (1874), 56 ist die Schwammfischerei beschrieben). -- ~K. Sajó~, Die Badeschwämme. Prometheus 1911, 290 (m. vielen Abbild.). -- ~Hérail~, Trait. d. pharmac. 1901. -- ~Zwiedinek v. Südenhorst~, Syrien 1873 u. Arch. d. Pharm. 1876. -- ~Hyatt~ bei ~Holmes~, Pharm. Journ. 17 (1887), 761. -- ~Herberger~ in ~Döbereiner~ Apotherb. III, 1842. -- ~Croockewit~, Jahresb. d. Chem. 1843, 24. -- ~Posselt~, Ebenda. -- ~Städeler~, Lieb. Ann. III (1859), 12., Journ. pr. Chem. 78, 169. -- ~Nadler~, Jahresb. d. Ph. 1862. -- ~Stanford~, Pharm. Journ. 15, 1884. -- ~Krukenberg~, Ber. d. chem. Ges. 1856, Ref. -- ~Zalokostas~, Compt. rend. 1888, 252. Journ, ph. 19 (1889) 104. -- ~Dumas~, Bibl. univ. d. Genève 14 (1820), 301. -- ~Hundeshagen~, Zeitschr. ang. Chem. 1895, 473. -- ~Harnack~, Zeitschr. phys. Chem. 24 (1898), 421. -- ~Rosenfeld~, Arch. f. exp. Pathol. 45 (1900). -- ~Abderhalden~ u. ~Strauss~, Zeitschr. phys. Chem. 48 (1906). -- ~Kossel~ und ~Kutscher~, Ebenda 31 (1900). -- ~Drechsel~, Zeitschr. f. Biol. 33 (1896). -- ~E. Richter~, Über Schwammkohle Apoth. Zeit. 1911, 317 (dort zahlreiche Analysen).
7. Seide.
Der von zwei Drüsen der Raupe des Seidenspinners, Bombyx Mori L. zur Herstellung der Cocons sezernierte und durch einen Ausführungsgang herausgequetschte +Seidenfaden+ besteht aus zwei, durch eine klebrige, von zwei andern Drüsen beim Austritt des Fadens in den Ausführungsgang abgeschiedene, +Sericin+hülle miteinander verbundenen, +Fibroin+fäden (Fig. 165). Die Hülle wird im Degummierungsprozeß gelöst und dadurch die Fäden getrennt. Das Degummieren (Entbasten, Entschälen) der Rohseide erfolgt durch neutrale Seifenlösungen, Borax, Carbonate usw. Bei «halbgekochter» Seide ist die Sericinhülle nicht ganz entfernt. Der Querschnitt des soliden Fadens ist rund oder rundlich-dreieckig oder etwas abgeplattet (Fig. 165), die Oberfläche glatt oder feingestreift; Luftkanälchen fehlen, die fibrilläre Struktur kann durch Jod-Schwefelsäure sichtbar gemacht werden. Die Dicke beträgt 8-25, meist c. 15 mik. (~Höhnel~).
Die Seidenraupen sondern etwa 8-10% ihres Gewichtes an Seide ab (~Schlossberger~). Die Menge der produzierten Seide ist der Menge der verfütterten Maulbeerblätter proportional. Das Tier wird in den Cocons entweder durch Hitze oder durch Kälte (drei Wochen unter 0° bis -8° ~Loveredo~) getötet.
Die Rohseide ist oft durch ein Lipochrom (~Dubois~) gelblich gefärbt, das bei der gelben Seide in der Sericinhülle sich befindet; der Fettgehalt der Rohseide beträgt 0,036-0,06%. Jodlösung färbt hellbraun bis rotbraun, ~Millons~ Reagens rot, Zucker und Schwefelsäure rosa. Kalilauge löst, ebenso alkoholische Glycerin-Kupferlösung (~Löwe~), schwer Kupferoxydammon, das Wolle ungelöst läßt. Konz. Schwefelsäure löst alle Seidenarten, nachdem sie sich zunächst unter Aufquellen verkürzt haben. Beim Kochen mit Salzsäure tritt kaum Violettfärbung ein, wohl aber rasch Lösung (die Sericinhülle löst sich nicht, ebensowenig Wolle und andere Haare). Konz. Chromsäure löst S. ebenso wie Wolle (nicht Baumwolle und Lein), Salpetersäure färbt gelb, Pikrinsäure wird gespeichert (nicht von Pflanzenfasern). Taucht man S. in eine Mischung von Bleizuckerlösung und überschüssiger Kalilauge, so färbt sie sich nicht (Wolle wird braun). S. löst sich in Chlorzinklösung bei 30-40° (Wolle nicht, ~Persoz~). Farbstoffe werden stark gespeichert.
Die Fäden der sog. wilden Seiden (Yamamayseide, Tussahseide) sind dicker und deutlich gestreift. Bei allen exotischen Seiden sind Fibrillen sichtbar, die bei der echten Seide meist ganz zu einer homogenen Masse zusammengeflossen sind (~Höhnel~). Die Seidenfäden sind doppelbrechend, die Farben zwischen gekreuzten Nicols sind sehr lebhaft. Die Fibroinfäden sind zweiachsig, Sericin ist doppelbrechend (~Panebianco~).
Seide enthält keinen Schwefel. Das Fibroin zeigt die Zusammensetzung 48,63% C, 6,08% H, 18,97% N, 26,32% O. Sericin liefert nur 0,1-0,2% Glycocoll und 5% Alanin, Fibroin 36% Glycocoll und 21% Alanin. Der Arginingehalt ist bei beiden gleich (4%), der Tyrosingehalt beim Sericin nur halb so hoch (5%). Sowohl das kollagenartige Sericin wie das Fibroin sind Eiweißkörper. Das Sericin, das dem Glutin nahe steht, geht durch Behandeln mit 1% HCl und Kochen mit Wasser als «Seidenleim» in Lösung. Das Fibroin ist ein relativ einfacher +Eiweißkörper+, der sich durch einen sehr hohen Tyrosingehalt von allen bisher bekannten Albuminoiden scharf unterscheidet (~Fischer~ und ~Skita~). Es reagiert auf ~Millons~ Reagens und zeigt auch die Biuret-Reaktion (wie das Sericin). Fibroin ist in konz. Säuren und Alkalien löslich und aus den Lösungen durch Neutralisation wieder fällbar. Der hohe Gehalt an Monoaminosäuren im Vergleich zu dem Gehalt an Basen stellt es dem Elastin zur Seite, den hohen Gehalt an Glycocoll teilt es mit dem Leim, von dem es sich aber durch seinen hohen Tyrosingehalt (10%) unterscheidet. Monoaminodikarbonsäuren fehlen ganz. Bei der Hydrolyse des Seidenleims entsteht das Serin. ~E. Abderhalden~ und ~Jul. Schmidt~ erhielten bei der Hydrolyse von Leim befreiter Cocons der Tai-Tsao-Seide 25,2% der trockenen aschefreien Substanz Glycocoll, 18,2% Alanin, 0,9% Leucin, 1,2% Serin, 2,1% Asparaginsäure, 2,0% Glutaminsäure, 1,0% Phenylalanin, 7,8% Tyrosin und 1% Prolin. Die gleichen Substanzen wurden von ~Abderhalden~ und ~Welde~ bei der Hydrolyse der Cheefoo-Seide erhalten (auch ungefähr in den gleichen Mengenverhältnissen, doch Glycocoll nur halb so viel).
In der Chirurgie wird von der +Nähseide+ (Ligaturseide) sowohl die mit schwacher Seifenlösung in der Wärme ausgelaugte, dann mit 2%iger Sodalösung und endlich mit Wasser gewaschene +drellierte Seide+, sowie auch die +geflochtene Seide+ (Turners Patentseide) benutzt. Ferner: Seidewatte, Seidenabfallgewebe (Bourettestoff), Seidenraupendarm (fil de florence, Silkwormgut, Wormsilk) und Schutztaffet (silk protectiv).
Zur +Sterilisierung chirurgischer Seide+ empfiehlt ~Ausin~ (1904) die Diffusionsströme, die beim Mischen von Wasser und Alkohol entstehen: Auskochen mit Wasser während 20 Minuten, dann Auskochen mit 95% Alkohol während 30 Minuten. Aus dem Alkohol wird die Seide noch warm herausgenommen und sofort zur Naht benutzt. Die Seide kann ohne Schaden sechsmal dieser Operation unterworfen werden.
Über die Seiden anderer _Bombyx_arten vgl. bei ~von Höhnel~.
Er gibt bereits eine Menge, aber ausnahmslos in der Chirurgie nicht verwendbare, =Seidensurrogate= (Chardonnetseide [Soie francaise], Viscoseseide, Kunstseide (~Lehner~), Vivier (soie de France) Cadoret, Siriusseide), die meist aus Cellulose, besonders dem Tetraacetat oder -nitrat dargestellt werden oder von nicht nitrierter Cellulose ausgehen (~Paulys~ Celluloseseide) oder das Viskoid (Cellulosexanthogenat) benutzen (~Stearn~). Lösungen von Cellulosenitraten in Äther-Alkohol geben, wenn sie in dünnem Strahl in Wasser einfließen einen Faden von Seidenglanz, ebenso Lösungen der Zellulose in Kupferoxydammon, wenn sie in verdünnte Säuren einfließen. Die Entzündlichkeit der nitrierten Fasern kann durch «Denitrieren» mit Schwefelammon vermindert werden. +Viskose+ ist eine Lösung von Zellulose in einem Gemisch von Alkali und Schwefelkohlenstoff. Die Viscoseseide hat einen eckigen Querschnitt (~Süvern~ und ~Mach~). Künstliche Seide wird bisweilen «animalisiert», d. h. mit einem aus den Abfällen natürlicher Seide bzw. Wolle (aus Fibroin oder Lanigeninsäure) bereiteten Firnis glänzend gemacht. Auch Gelatine ist zur Herstellung künstlicher S. benutzt worden (Vanduaraseide, nicht mehr im Handel).
~Duyk~ gibt folgende Unterschiede zwischen natürlicher, gelatinierter und Celluloseseide sowie Wolle an. Natürliche Seide, gelatinierte S. und Wolle brennen schwer und entwickeln dabei den Geruch nach verbranntem Horn. Celluloseseide brennt leicht und mit dem Geruch brennender Baumwolle, 2% Natronlauge löst Seide, Wolle und Haare beim Kochen, Celluloseseide nicht. Konzentrierte Natronlauge greift Celluloseseide stark an, beim Verdünnen mit Wasser entsteht eine Gelatine. Salpetersäure färbt alle tierischen Fasern gelb (Xanthoproteinreaktion), Celluloseseide und pflanzliche Fasern nicht. ~Millons~ Reagens färbt Seide dunkelrot, Wolle gelblich-schwarzrot, Celluloseseide nicht. Ammoniakalische Nickeloxydullösung (1 Nickelcarbonat, 6 Ammoniak, 6 Wasser) löst +nur+ Seide, weder künstliche Seide noch Wolle oder Pflanzenfasern, konzentrierte Schwefelsäure löst künstliche Seide. Jodwasser und verdünnte Schwefelsäure färbt Celluloseseide blau, Seide gelb, Kupferoxydammon löst Celluloseseide, Seide nicht. ~Herzog~ empfiehlt (Chem. Zeit. 1904) zur Unterscheidung natürlicher und künstlicher Seide Congorot, Benzoazurin und Methylenblau. (Vgl. auch bei ~Höhnel~.)
Die Festigkeit beträgt nach ~Hassak~ und ~Herzog~ in Kilogramm für 1 mm Querschnitt:
trocken feucht bei echter Seide 37 37 „ Chardonnetseide 12 2,2
trocken feucht bei Lehnerseide 16,9 1,5 „ Celluloseseide 19,1 3,2
trocken feucht bei Gelatineseide 6,6 0,0 „ Acetatseide 10,22 5,88
=Lit.= ~H. Silbermann~, Die Seide, ihre Gewinnung und Bearbeitung. Dresden 1897 (m. Abbild.). -- ~von Höhnel~, Mikroskopie d. techn. verwend. Faserst. 1905. -- ~Vogel~ u. ~Reischauer~, N. Rep. d. Pharm. 8 (1860): 529. -- ~E. Fischer~ und ~Skita~, Zeitschr. phys. Chem. 33 (1901) 171 und 35 (1902), 224. -- ~Oppenheimer~, Handb. d. Biochemie. -- ~Weyl~, Ber. d. d. chem. Ges. 1888. -- Die Chemie der Seide auch in ~Fehlings~ Handwörterbuch (1898). -- ~Witt~, Kunstseide, Färberzeit. 1904. -- ~Duyk~, Monogr. d. Ersatzmittel d. Seide, die künstliche S. u. ihr Nachw. in Geweben. Bull. ass. belg. Chim. 1901, 166. Schweiz. Wochenschr. 1903, 488. -- ~Berl~, Glanzstoff-Kunstseide. Kunststoffe 1 (1911) 151. -- ~Herzog~, Z. Kenntn. d. neueren Acetatseide. Chem. Zeit. 1910, 347 und Die Unterscheid. d. natürl. u. künstl. Seiden. Dresden 1910.
8. Schafwolle.
Wenn vollständig, besteht das Wollhaar aus der schuppigen Epidermis, aus der faserigen Rindenschicht und der aus übereinander stehenden Zellen bestehenden Markschicht. Von diesen Schichten kann die Markschicht fehlen (feine Merinowolle), die Rindenschicht kann reduziert, die Epidermis abgerieben sein (Shoddy). Die Länge kann 20 cm erreichen, die Breite wechselt (Merino 12-37 mik, Leicester 30-90 mik).
Jodjodkali färbt braun, ~Millons~ Reagens beim Erwärmen ziegelrot. Kalilauge löst, beim Verbrennen tritt Geruch nach verbranntem Horn auf. Durch Kochen mit verdünnter Schwefelsäure (oder Behandeln mit Wasser bei 150°) geht Wolle fast vollständig in Lösung. Die Lösung bildet mit sauren Teerfarbstoffen Niederschläge (Farblack), auch Gerbsäure und Kaliumbichromat fällen (~Knecht~, ~Breindl~). Der Wollfaser wird meist folgende Zusammensetzung zugeschrieben: 50,2% C, 22,84% O, 6,72% H, 16,54% N, 3,7% S. Der Wärmewert beträgt pro g 5510,2 cal. (~Stohmann~ u. ~Langbein~). ~Wanklyn~ und ~Cooper~ erhielten (1879) bei der alkalischen Oxydation der Wolle Cyanpropionsäure. ~Schützenberger~ (1878) stellt die Schafwolle zu den Albuminoiden. Er erhielt aus ihr Leucin, Tyrosin, Glycoprotein, «Leucine der Buttersäure, Valeriansäure und Propionsäure und Leuceïne der Butter- und Valeriansäure». Die Wolle enthält jedenfalls Keratine, d. h. schwefelhaltige Albuminoide. Die chemische Zusammensetzung der Wollfaser scheint ähnlich wie die des Horns und der menschlichen Haare zu sein. Sie liefert bei der Hydrolyse Aminosäuren, Leucin, Tyrosin usw. und enthält im Keratinanteile an Sauerstoff gebundenen Schwefel (~Raikow~). Natronlauge entzieht der Wolle den Schwefel. ~Prudhomme~ nimmt in der Wolle (wie im Albumin) die Gruppe
--N--CₙH₂ₙ--O, | | ----------
aber keine NH₂-Gruppen an.
Die Wolle fixiert sowohl saure wie basische Farbstoffe; sie zeigt gleichzeitig saure und basische Eigenschaften. Zahlreiche Theorien des Färbeprozesses von Wollgeweben sind aufgestellt worden. ~Knecht~ glaubt, daß die Aminosäuren der Wolle mit den Farbbasen Lacke bilden, der Tyrosinkomplex scheint bei dem Färben nicht beteiligt zu sein u. and. mehr.
Da Schafe bisweilen in arsenhaltigen Bädern gewaschen werden, ist auch die unbearbeitete Wolle oft arsenhaltig (~Abenius~ 1900). Beim «Waschen» der Rohwolle wird das an Cholesterinestern reiche Wollfett (Analysen bei ~Kleinschmidt~, Jahresb. d. Chem. 1887, 2335 u. and.) und ein Waschwasser enthalten, das Caprinsäure, Ammoniak, Methylamin und Dimethylamin liefert (Buisine).
Wolle findet namentlich in der Form von +Flanellbinden+ medizinische Anwendung, seltener als Filz und Crepon.
=Lit.= Das Mikroskopische in ~Höhnel~, Mikroskop. d. techn. verwend. Faserstoffe 1905.
III. Säuredrogen.
Unter diesem Namen mögen alle die Drogen zusammengefaßt werden, die niedere aliphatische Säuren, besonders die sog. Pflanzensäuren, oder saure Salze derselben als charakteristische Bestandteile enthalten. Die niederen Fettsäuren der Ameisensäurereihe sind in kleinen Mengen in den verschiedensten Pflanzen als häufige und regelmäßige Stoffwechselprodukte nachgewiesen. Bakterien vermögen sie ebensowohl aus Zucker und anderen Kohlehydraten wie aus Eiweißstoffen zu bilden (das Detail in ~Czapeks~ Biochemie).
Daß die aliphatischen Säuren, besonders die sog. +Pflanzensäuren+ zu den Kohlehydraten Beziehungen besitzen, kann jetzt keinem Zweifel mehr unterliegen. Wir können uns plausible Vorstellungen davon bilden, wie Zucker im Abbauprozeß in die Säuren übergehen und aus den Säuren umgekehrt Zucker synthetisch entstehen kann. Als Beispiel für den Abbau mag folgendes, von E. ~Fischer~ aufgestelltes Schema dienen:
CHO COOH | | HCOH HCOH | | OHCH OHCH COOH | | | HCOH --> HCOH --> HCOH COOH | ---|--- | + | HCOH HCOH OHCH COOH | | | CH₂OH COOH COOH
d-Glukose d-Zuckersäure d-Weinsäure Oxalsäure
Ferner sei erwähnt, daß es gelungen ist, aus Maltose, Saccharose, Dextrose und Lävulose im Prozesse der sog. Zitronensäuregärung Zitronensäure aufzubauen (~Wehmer~, ~Buchner~, ~Wüstenfeld~, ~Herzog~ und ~Polotzky~). ~Buchner~ und ~Wüstenfeld~ denken sich den Prozeß in der Weise verlaufend, daß der Zucker zunächst in Kohlensäure und Alkohol gespalten, der Alkohol assimiliert und aus dem Plasma der gealterten Zelle unter dem Einfluß eines proteolytischen Enzyms neben Stickstoffverbindungen Zitronensäure abgespalten wird.
Weniger sicher ist der Übergang von den Pflanzensäuren zu dem Zucker zu verfolgen. Wir sehen zwar, daß die unreifen Früchte reich an Pflanzensäuren sind und daß diese ganz oder fast ganz beim Reifen und Nachreifen verschwinden und an ihrer Stelle Zucker auftritt, ob aber hier (nach ~Liebig~) ein +direkter+ Übergang stattfindet wissen wir nicht. Allerdings haben Versuche von ~C. Gerber~ an reifenden Früchten zu Vorstellungen geführt, warum Apfelsäure führende Früchte in kalten Klimaten reifen können, aber nicht weinsäurereiche (wie z. B. Trauben): Nur in diesen Früchten ist ein Übergang der Säure in Zucker bei relativ niedriger Temperatur möglich. Noch schwerer wie Apfelsäure und Weinsäure wird Zitronensäure angegriffen. Erst bei c. 30° kommt sie bei Gegenwart von Zucker für die Atmung in Betracht. Zitronen werden durch Lagern (Nachreifen) nicht süß. Doch liegen die Verhältnisse hier wohl weniger einfach als sich dies ~Gerber~ denkt. Bemerkenswert ist z. B. auch, daß alle jungen Feigenfruchtstände, bevor sie süß werden, Auszüge geben, die stark nach Caprylsäure riechen, ganz ähnlich wie Cocosfett (~Tschirch~).
Die niederen Fettsäuren können wir uns ebenso als direkte Assimilationsprodukte der Kohlensäure wie aus Spaltungsprodukten von Kohlehydratresten hervorgegangen denken. Oft entstammen sie dort, wo wir sie in Drogen oder Drogendestillaten antreffen, auch der Zersetzung von Estern ätherischer Öle, denn die Primäröle die wir in der Pflanze antreffen, sind oft Ameisensäure-, Essigsäure-, Buttersäure und Baldriansäure-Ester. Die aliphatischen Säuren treten also auch in die Sekrete ein und den Charakter eines Schutzsekretes besitzt z. B. die Ameisensäure auch bei den Formicae (s. d.).
Die höheren Fettsäuren bilden bekanntlich mit dem Glycerin Ester, die wir Fette nennen und die im Anschluß an das vorstehende Kapitel in einem besonderen Abschnitte behandelt werden sollen.
Eine scharfe Methode zur quantitativen Trennung der verschiedenen, oft gleichzeitig auftretenden Pflanzensäuren existiert nicht, oft macht bereits der qualitative Nachweis der einzelnen Säuren in einem Gemisch Schwierigkeiten. Als Beispiel für eine der brauchbareren Methoden kann die folgende angeführt werden (~Berg~ und ~Gerber~). Die Säuren werden mit Bleizucker gefällt, das Blei wird mit Schwefelwasserstoff entfernt und das Filtrat mit Kalk gesättigt. Die hierbei entstehenden unlöslichen Calciumsalze (A) werden mit Essigsäure behandelt, welche das Calciumoxalat ungelöst läßt, während die essigsaure Lösung Weinsäure und Phosphorsäure aufgenommen haben kann. Auf erstere wird mit ~Mohlers~ Reagens geprüft, auf letztere mit Molybdänlösung. Die löslichen Calciumsalze (B) werden mittelst Ammoniumoxalat vom Kalk befreit, worauf das saure Filtrat auf Citronensäure und Äpfelsäure untersucht wird. Die Citronensäure wird mittels 66proz. Schwefelsäure bei 50-60° in Acetondicarbonsäure übergeführt, letztere wird ausgeäthert. Äpfelsäure kann isoliert werden durch Auskochen der getrockneten Ammoniumsalze mit 95proz. Alkohol, wobei nur Malate in Lösung gehen, während Tartrate und Citrate im Rückstande bleiben. Durch diese Methode hat man z. B. in Mesembryanthemum-Arten, in welchen man früher nur Oxalsäure annahm, Citronensäure, Oxalsäure, Äpfelsäure und Phosphorsäure nachweisen können (~Euler~, Pflanzenchemie).
=Lit.= ~Buchner~ und ~Wüstenfeld~, Biochem. Zeitschr. 1909, 395. -- ~Herzog~ und ~Polotzky~, Zeitschr. phys. Chem. 49 (1909), 125. -- ~C. Gerber~, Ann. sc. nat. 1897. -- ~Tschirch~, Chem. u. Biolog. d. pflanzl. Sekrete. -- ~Czapek~, Biochemie. -- ~Euler~, Pflanzenchemie.
I. Ameisensäuredrogen.
Die Ameisensäure oder Methansäure, H.COOH, findet sich frei und gebunden in den Nadeln der Tanne (~Aschoff~), den Brennhaaren der Nessel, in den Früchten von Tamarindus indica (s. d.), Sapindus Saponaria (~Gorup-Besanez~), Arctostaphyllos, Gingko, Ceratonia (S. 144), im Honig (S. 12), in unreifen Wacholderbeeren, Weintrauben, im Safte von Sempervivum (~Döbereiner~), im Milchsafte von Bassia latifolia (~Heckel~ und ~Schlagdenhauffen~), in der Prozessionsraupe, in Muskeln, Milz und Thymus des Menschen und anderwärts, aber meist nur in sehr geringen Mengen; in größerer nur in den Ameisen (Zusammenstellung bei ~Bergmann~, Bot. Zeit. 1882, 731).
Formica.
Die geschlechtslosen Arbeiter der gemeinen Waldameise, Formica rufa L., einer durch Europa verbreiteten, in Kolonien lebenden, Nadelholzwälder bevorzugenden Hymenoptere sind ungeflügelt, 4-7 mm lang, mit braunroter Brust und daranansitzenden sechs rotbraunen Beinen versehen, und tragen in dem breit-eiförmigen, fünfgliederigen, bräunlich-schwarzen, durch einen zweigliederigen Stiel mit der Brust verbundenen Hinterleibe eine mit einer scharfen ätzenden, vorwiegend aus einer ziemlich konzentrierten Lösung von Ameisensäure bestehenden Flüssigkeit gefüllte +Giftdrüse+, deren Inhalt sie bei Angriffen weit fortzuspritzen vermögen.
Die Giftdrüse findet sich bei den Weibchen und Arbeitern stets in der hinteren Region des Hinterleibes (Abdomens) ventral von der Rectalampulle, zwischen Anus und den Geschlechtsorganen. Sie ist ein ziemlich komplizierter Apparat (~Meinert~, Forel), an dem man unterscheidet: die eigentliche, das ameisensäurehaltige Gift sezernierende Drüse, das Sammelreservoir (die Giftblase), den ausführenden Abschnitt (mit oder -- bei Formica -- ohne Stachel) und die accessorische oder Nebendrüse, welche ein anderes öliges Sekret bildet. Die «Giftblasen mit Polster» (Fig. 166 A) finden sich bei den Formiciden, die «Giftblasen mit Knopf» (Fig. 166 B) bei den Myrmiciden (~Forel~). Bei beiden Typen zeigt die Giftdrüse einen tubulösen Bau und besteht aus Röhren, deren Wände aus Drüsenzellen gebildet werden. Der das Polster bildende Teil, der die dorsale Decke der Giftblase darstellt, besteht aus einem (z. B. bei Camponotus, dessen Polster nur 2 mm lang ist) bis 20 cm langen, in unzähligen Windungen zusammengelegten Schlauche. Bei den Formiciden, denen der Stachel fehlt, ist der Ausführungskanal breit (Fig. 166 A) und mündet, frei, ohne Stachel, in die Kloake, bei den Myrmiciden ist er schmal und steht mit dem Stachel in Verbindung. Der Giftapparat ist die Hauptverteidigungswaffe der Ameisen. Die stachelfreien Formiciden beißen mit ihren Mandibeln eine Wunde und spritzen in diese das Gift oder senden, wenn sie den Feind nicht erreichen können, das Gift, durch die Bauchpresse ejakuliert (~Forel~), ihm entgegen. Stört man einen Haufen von Formica rufa und pratensis, so ergießt sich ein meterweit reichender Sprühregen, der auf der Haut eine leichtere Entzündung hervorruft, wie die Bißwunden. Das Gift ist für die Ameise selbst schädlich und ein von anderen Drüsen sezerniertes alkalisches Sekret dient zu seiner Neutralisation (~Janet~) -- die Ameisenhaufen reagieren alkalisch. Die Analdrüsen sezernieren stark riechende Substanzen (~Forel~).
Die Natur des Ameisengiftes ist unbekannt. Es enthält bei den Camponotinen (Formica rufa und pratensis) jedenfalls Ameisensäure. Aber ich bin der Ansicht, daß auch hier, wie bei der Nessel, ein Enzym und nicht nur die Ameisensäure das die Entzündung erzeugende Agens ist. Auch ~Fürth~ macht nicht die Ameisensäure für die eigentliche Wirkung verantwortlich. Die Giftblasen mit Knopf enthalten ein anderes Sekret (~Forel~), das sich z. B. bei Myrmica rubida mit Alkohol trübt. Die Ameisen enthalten außer der +Ameisensäure+ noch einen +Riechstoff+ (1% «+ätherisches Öl+», ~Neumann~, ~Marggraf~, ~John~), +Fett+ (~Marggraf~) und +Eiweiß+, angeblich auch Weinsäure (? ~Hermbstädt~) und Apfelsäure (? ~Pfaff~), sowie «Gallerte», so daß eine (1,25% H.COOH (D. A. V.) enthaltende) Auflösung von Ameisensäure in Spiritus, die meist jetzt als +Spir. formicae+ (Ameisengeist, Esprit de fourmis, Spirito di formica) bezeichnet wird, +nicht als gleichwertig mit einem weingeistigen Auszug oder Destillat frisch gesammelter Ameisen betrachtet werden kann+.
Die Ameisen werden in der Weise gesammelt, daß man an einem heißen sonnigen Tage im Juni oder Juli eine oben mit Honig bestrichene Medizinflasche bis zur Mündung in einen Ameisenhaufen eingräbt. Die Ameisen kriechen, angelockt vom Honig, in die Flasche, aus der sie nicht wieder herauszukommen vermögen.
Auch die in hohlen Bäumen vorkommende schlankere, bräunlich-schwarze Formica nigra L. kann eventuell zur Ameisenspiritusbereitung herangezogen werden.
Sowohl das durch Destillation der Ameisen mit Spiritus dargestellte Eau de magnanimité, sowie das Ameisenöl (huile de Fourmis) sind jetzt nur noch Volksmittel.
Die Säure der Ameisen war schon Ende des XV. Jahrh. durch Röten der in den Ameisenhaufen gefallenen Cichorienblätter erkannt worden (~Pfaff~), wurde 1670 von ~Sam. Fischer~ durch Destillation der Ameisen mit Wasser dargestellt und von ~Wray~ schon in ziemlich starker Konzentration erhalten, und darauf zuerst von ~P. G. Sperling~, dann von ~Neumann~ studiert, der auch das ätherische Öl (Ol. essentiale aethereum) in den Ameisen auffand. ~Marggraf~ erkannte 1749 die Eigenart der Ameisensäure und auch ~Suersen~ stellte die besondere Natur der Ameisensäure des «eintzigen demonstrativen Acidum animale», wie ~Neumann~ sagt, fest, die ~Fourcroy~ und ~Vauquelin~ für eine Verbindung der Apfelsäure mit Essigsäure erklärt hatten. ~Pfaff~ glaubte, daß sie bei der Oxydation mit HNO₃ Essigsäure liefert (es entsteht aber hierbei Oxalsäure) und ~Dumas~, ~Peligot~ und ~Stas~ zeigten, daß sie bei Oxydation von Holzgeist entsteht. Schon ~Brunschwyg~ stellte (1500) ein Destillat aus Ameisen her, doch findet sich Spir. Formicarum erst in Arzneitaxen aus der Mitte des XVII. Jahrh. (~Flückiger~).
=Lit.= ~Escherich~, Die Ameise. Braunschweig 1906 (mit vielen morphol. und anat. Abbild. u. Literaturnachweisen). -- ~Fürth~, Vergl. chem. Physiol. d. nied. Tiere. Jena 1903. -- +Über die Giftdrüse+ vgl. ~Meinert~, Bidrag til de danske Myrers Naturhistor. Kjobenhavn. Kogl. Videnk. Selsk. Skrift 1860 und ~Forel~, Les fourmis de la Suisse, Denkschr. d. Schw. Naturf. Ges. 1874 und d. Giftapparat u. d. Analdrüs. d. Ameisen. Zeitschr. f. wissensch. Zoolog. 30 (Suppl.) 1878, 28 (mit vorzügl. Abbild.). -- Über den Verschluß der Giftdrüse und die Ausspritzung des Giftes vgl. ~Janet~, Etudes sur les fourmis No. 18. Paris 1898. -- ~Ch. Janet~, Les fourmis Soc. zoolog. de France 1896. -- ~Janet~, Essai sur la constitut. morph. d. l. tête de l’insecte. Paris 1899, hier und bei ~Escherich~ ein guter Längsdurchschnitt durch eine Ameise. -- ~Sperling~, Dissert. de chymica formicarum analysi. Viteb. 1689. -- ~Neumann~, Chymia medica 1753 III, 38 (dort die älteste Lit.). -- ~Geoffroy~, Mat. méd. -- ~Marggraf~, Schriften I, 340. -- ~Hermbstädt~, Chem. Vers. mit Ameisen. Phys. chem. Vers. II, 1. -- ~Fourcroy-Vauquelin~, Gehl. Allg. Journ. Chem. II, 42. -- ~Suersen~, Ebenda IV, 3. -- ~Pfaff~, System d. Mat. med. 1815, 5, 252 (dort weitere Lit.). -- ~Dumas-Peligot~, Lieb. Ann. 15, 7. -- ~Dumas-Stas~, Ebenda 35, 137. -- ~Berg-Garcke~, Pharmakogn. 1879, 613. -- ~Vogl~, Kommentar. -- ~Flückiger~ a. a. O.
II.
Von den weiteren Säuren ist die =Essigsäure= ebenso weit verbreitet wie Ameisensäure (Vgl. ~Bergmann~ a. a. O.) und begleitet diese oft. Als Ester findet sie sich auch in Sekreten. =Propionsäure= ist selten. Sie findet sich z. B. in den Blüten von Achillea Millefolium (~Kraemer~), in den Früchten von Gingko (~Béchamp~) und in Amanita Muscarius (~Bornträger~). Sie tritt oft bei der Oxydation und der trockenen Destillation organischer Substanzen, als Spaltungsprodukt längerer Kohlenstoffketten auf, und findet sich daher z. B. im =Holzessig=. =n-Buttersäure= ist in den Früchten von Sapindus und Tamarindus (~Gorup~) und in Tanacetum, verestert in Sekreten, z. B. in Pastinaca und Heracleum gefunden worden. (Zusammenstellung in ~Husemann-Hilger~, Pflanzenstoffe.) Die Butter enthält 2% n-buttersaures Glycerin. =Isobuttersäure= findet sich in den Früchten von Ceratonia (S. 144), der Rhiz. Arnicae (~Siegel~) und verestert im Römisch Kamillenöl (~Köbig~).
III. Baldriansäuredrogen.
Die Normal-Valeriansäure ist selten, die Isovaleriansäure (Isopropylessigsäure, 3-Methylbutansäure):
CH₃ \ CH.CH₂.COOH, / CH₃
dagegen sowohl in Rhiz. valerianae, wie in Angelica Archangelica (~Meyer~, ~Zenner~), der Rinde von Viburnum Opulus und im Delphintran (~Chevreul~) gefunden worden.
Rhizoma Valerianae.
=Syn.= Rad. valerianae minoris, montanae s. silvestris, Phu minus, Baldrianwurzel, Marien-, Magdalenen-, Mond-, Augen-, Wend-, Speik- oder Katzenwurzel, Speer-, Brach-, Hexen- oder Katzenkraut, Ballerjan, Balderbracken, Polter Johann, Tollerjahn, Dreefoot, Benediktiner-, St. Georgen- oder Gürgen-Kraut, -- in der Schweiz: dammarge, tannmark, menten, katzenbuckel, risch tamara (in Graubündten) -- valériane sauvage, souche de valériane officinale, herbe aux chats, guérit tous (franz.) -- common valerian, vandal root, all-heal (engl.) -- valeriana silvestre s. minore (ital.) -- valeriaan, faldriaan, koortswortel (= Fieberwurzel) (holl.) -- vandelrot, velamsrot, velandrot (schwed.) -- vendelród, venderód, vendingsrod (norw.) -- velandsurt, danmarks graes (dän.) -- semlänoi ladan (russ.) -- virma juuri (fin.) -- macska gy̋kőnke (ung.) -- νάρδος (griech.). -- In Indien: kálávála, jalalakan.
Bei ~Plinius~ und ~Dioskurides~ und auch bei ~Ibn Baithar~ und ~Alhervi~: Fû oder Phu -- althd.: baldrian, denmarka -- mhd.: valdran, waldrian, tenemarg, abpiss, waldrion -- nd.: bolderian, bullerjahn, balderjan, ballerjaon, balderjân, valeraen. In +der Alphita+, +Circa instans+, bei ~Serapion~, in den +Tabulae+ und den +Synonomae Bartholomei+ (I, S. 640) finden sich die Bezeichnungen: Valeriana, Ualariane, Fu, Amantilla (so noch jetzt in Italien), Fistra, Vau, maturella, matrella, matura, matha. Im Mittelalter wurden die Namen Nard, Spiek, Seliank, Saliunk (bes. für Val. celtica benutzt), Theriakskraut, Katzentheriak auch auf Val. off. übertragen und auch die Bezeichnungen marinella, marcinella, marconella, valentina herba benedicta, s. genicularis antilla, agriomela, serpyllum majus, herba gate, dania major, ballariana, maturesia, nancilla benutzt (~Brunschwyg~). Bei der ~Hildegard~: denemarcha -- im Ortus sanitatis: boldrian, -- bei ~Brunschwyg~: denemarcha, danmarks graes. -- bei ~Bock~, ~Fuchs~: balderian, baldrian, baldrion, denmarck, Augenwurzel, Katzenkraut, Wendwurzel, bei ~Tabernaemontanus~: dania major, großes Dönnmarck.
=Etym.= ~Grassmann~ deutet +Baldrian+ etwas abenteuerlich als Balder Johann(es), bringt (wie ~Perger~ und ~Günther~) die ersten Silben mit dem Gotte Balder, dem Sohn Odins und der Frigga, in Verbindung (baldrs-brâ ist aber Anthemis Cotula) und betrachtet die zweite als «christliches» Anhängsel (?). (Die Balders Feuertod zu Ehren brennenden Sonnwendfeuer wurden später Johannisfeuer). Ob der Ausdruck Wend- oder Wendelwurz auf die Sonnwende deutet (~Pruckmayr~), bleibe dahingestellt. Balder war der «wohlwollende» Gott. Auch die nordische Bezeichnung für Baldrian: velands urt (= Wielandswurz) deutet vielleicht auf die Heilkraft, da Wieland nicht nur der Götterschmied, sondern auch der Götterarzt war. ~Jac. Grimm~ verwirft die Ableitung des Wortes Baldrian von Balder. ~Schrader~ denkt an Verstümmelung und Umdeutung aus velandsurt. Ich habe (I, S. 1058) der mir jetzt unwahrscheinlich erscheinenden Ansicht von ~Söhns~ und ~Martin~ beigepflichtet, daß Valeriana zu Ehren des ~Plinius Valerianus~ (nicht des Kaisers ~Valerian~) benannt worden sei, eines römischen Arztes, dessen apokryphe Pflanzenbeschreibung aber wohl ein Werk der Mönche des Mittelalters ist und die sicher richtige Ansicht vertreten, +daß umgekehrt Baldrian aus Valeriana umgebildet worden sei+ (b und v wechseln häufig, das d könnte aus Gründen des Wohllautes eingeschoben sein, ~Kanngiesser~). Immerhin könnte man auch an Beziehungen von Valeriana zu valere (= gesunden, sich wohl befinden) denken (~Weigand~, ~Wittstein~). So sagt bereits ~Caspar Bauhin~: «Officinis et herbariis Valeriana dicitur a multis quibus +valet+ virtutibus». Auf die starke Heilwirkung bezieht sich ja auch die serbische Bezeichnung Odaljan (von odoljeti = überwältigen) -- böhmisch: Odolen -- und das polnische dolega (doleka = Gewalt) sowie einige französische und englische Namen (s. oben). Da der Name Valeriana, den ~Schrader~ kaum als echte romanische Bildung anerkennen will, zum ersten Male in einer lateinischen Übersetzung einer arabischen Schrift (der des ~Isaac Judaeus~) vorkommt, halte ich eine Ableitung aus dem Arabischen für möglich. ~Seybold~ pflichtet dem bei und schreibt mir (1911), daß er Valeriana als umgebildet aus (Sun)bal berr(ān)ī (sunbal berrī oder berrānī = wilde Narde) glaube ansehen zu sollen. Das erscheint auch mir plausibel. -- Daß die alte, schon bei der ~Hildegard~ auftretende Bezeichnung +denemarcha+ auf Dänemark zu beziehen ist (danmarks graes), wie ~Schrader~ meint, ist unwahrscheinlich. ~Hartwich~ denkt an tamm-mark, d. h. zahme, kultivierte Mark. Mark ist der Name für das ähnliche Sium latifolium (s. Verwechslungen) und Tamme findet sich oft (Tamme morren = Daucus Carota, Tammschlee = Prunus insititia, weitere bei ~Pritzel-Jessen~) bei kultivierten Pflanzen. (In einer Frankfurter Handschrift aus dem XII. Jahrh. steht neben tenemarg: samsucus.) ~Pruckmayr~ deutet (recht abenteuerlich) -- Dennmark als Tinn-mark (= Becher-Mahr, Napf-Mahr oder Saufteufel), da Mittel gegen das Delirium (?). Der Name, in vielen Formen vorhanden (s. oben) und bis auf unsere Tage, z. B. im Berner Oberland, erhalten, gehört zweifellos zu Valeriana, obwohl in der Synonoma (I, S. 639) an einer Stelle ein Petroselinum macedonicum auch «stanmarche» genannt wird. -- Die Namen +Katzenkraut+, +Katzenwurz+ usw. deuten auf die Idiosynkrasie der Katzen für den Baldrian, die durch das Kraut und die Wurzel geradezu in Verzückung geraten, der Ausdruck +Ratzenwurzel+, daß B. auch ein Mittel gegen Ratten und Mäuse ist (+Ortus sanitatis+).
=Lit.= ~Pruckmayr~, Deutsch. Pflanzennam. Valeriana. Zeitschr. d. Öster. Apoth. Ver. 1880, 469. -- ~Grassmann~, Deutsche Pflanzennamen 1870. -- Söhns, Unsere Pflanzen 1897. -- ~Hartwich~, Schweiz. Wochenschr. 1896, 494. -- ~Pritzel-Jessen~, Volksnamen d. Pflanz. -- ~Perger~, Deutsche Pflanzensagen 1864. -- ~Kanngiesser~, Etymol. d. Phanerog. Pflanzennomenklatur. -- ~Jac. Grimm~, Deutsche Mythologie. -- ~Flückiger~, Pharmakogn. -- ~Schrader~, Reallexikon.
=Stammpflanze und systemat. Stellung.= =Valeriana officinalis= L. Flor. suec. 34. Spec. plant. ed. I, 31. -- Valerianaceae (Sect. Euvaleriana). Die Gattung Valeriana hat etwa 100 Arten.
Ändert nach der Länge der Ausläufer und den Blättern ab: V. angustifol. ~Tausch~ (= var. β minor ~Koch~) in Japan: kesso oder kanokosô, in trockenen Wäldern und auf Hügeln, schmälere, oft ganzrandige Fiedern, stärker behaart, kleinere, gedrängte Blütenstände; Var. α major mit starkem Stengel und tief gezähnten Fiedern; V. exaltata ~Mikan~, keine Ausläufer; Blättchen breit, ei-lanzettlich, wird bis 2 m hoch; V. excelsa (V. sambucifolia ~Mik.~) in Frankreich, lange Ausläufer, wenig (4-5)jochige Blätter, die unteren Blätter grob gesägt. V. Mykani ~Syme~ mit breiten grobgezähnten Fiedern (in England) (Taf. XII); V. latifolia (in Japan), V. Dioskuridis (im Orient), V. capensis, V. dubia, V. javanica usw., die bald als Varietäten, bald als Arten betrachtet und dann als Ser. 3 V. offic. mit 12-14 Arten zusammengefaßt werden (~Höck~). Es sind mindestens 10, zum Teil auch habituell recht gut charakterisierte und daher als Arten beschriebene Varietäten unterschieden worden. Die Variabilität ist sehr groß (~Irmisch~). ~Dufresne~ unterscheidet vier deutsche Varietäten: V. excelsa, V. latifolia (s. media), V. tenuifolia (von der er die Formen V. officinalis und pratensis unterscheidet) und V. lucida. Früher wurde nach den Standorten der Bergbaldrian (silvestris) vom Sumpfbaldrian (palustris) unterschieden. Bei der Ser. V. officinalis zeigen fast alle Arten eine so nahe Beziehung zu der Spezies, nach welcher diese Gruppe benannt ist, daß Höck eine direkte Abstammung von dieser Art annehmen möchte.
~Höck~ stellt zur Ser. (3) V. officinalis: V. petrophila (Südwestkleinasien und Armenien), V. ficariaefolia (Persien), V. heterophylla (Sibirien), V. Stracheyi (Himalaya), V. sambucifolia (Skandinavien, England, Pyrenäen, Schlesien, Karpathen, Rußland, Serbien), V. officinalis, V. capensis (Kapland), V. sisymbrifolia (Persien, Kleinasien), V. Dioscoridis (Kleinasien, Griechenland), V. Arnottiana (Khasiaberge), V. Hardwickii (Himalaya), V. javanica (Java), V. Hookeriana (Himalaya), V. Moonii (Ceylon), V. Jaeschkei (Himalaya).
=Beschreibung der Stammpflanze.= V. offic. ist ein ausdauerndes Kraut, das sich durch Ausläufer erneuert. Aus dem 2-3 cm dicken basalen Teile des Stengels, der den Charakter eines rhizomartigen Speichersprosses besitzt (Zentralwurzelstock) entspringen 5-15 cm lange und 2-3 mm dicke, mit 2-3 schuppenförmigen Niederblättern besetzte Wandersprosse (Nebenwurzelstöcke), die an der Spitze speichersproßartig anschwellen und aus deren Knospe ein neuer Stengel sich entwickelt, der aber erst im folgenden Jahre zur Blüte kommt. Der angeschwollene Teil des Nebenwurzelstockes wird später zum Zentralwurzelstock und entsendet dann wieder Wandersprosse. Zuweilen unterbleibt die Bildung von Wandersprossen und die neuen Achsen «entstehen unmittelbar in der Achse der Grundblätter des Mutterstockes». Die Bewurzelung erfolgt an den Speichersprossen. Der bis 1,2 m und darüber hohe Stengel ist aufrecht, stielrund, gefurcht, hohl, kahl, an den Blattansätzen zottig. Die Blätter bilden dekussierte, mit der stengelumfassenden Scheide paarweis miteinander verschmolzene Blattpaare, sie sind unpaarig gefiedert, 5-16jochig, die grundständigen langgestielt, die oberen sitzend, kahl, an den Scheidenrändern zottig, Fiederblättchen gegenständig oder abwechselnd, lanzettlich spitz, mehr oder weniger an der Spindel herablaufend, gesägt oder fast ganzrandig, das oberste Paar mit dem Endblättchen verschmolzen. Es gibt breit- und schmalblätterige Formen (s. oben S. 512). Die endständigen oder in den Achseln der Blätter entspringenden trugdoldigen, meist vielblütigen +Infloreszenzen+ bilden eine dekussierte Rispe, deren oberste Äste zu Dichasien werden, die in Wickel auslaufen. Die hermaphroditen, c. 4-5 mm langen, weißen oder fleischroten, von zwei Vorblättern behüllten +Blüten+ besitzen einen unterständigen, glatten, bis 2 mm langen, oblongen, einfächerigen +Fruchtknoten+ mit einem hängenden anatropen Ovulum, einen aus zehn pappusartigen, linealen, zur Blütezeit eingerollten Blättchen bestehenden +Kelch+, eine 3-4 mm lange, zygomorphe, ungleich-fünflappige, trichterförmige +Corolle+, die am Grunde mit einem kurz-spornartigen Nectarium versehen ist, drei der Corolle inserierte +Stamina+ (das obere und linke untere sind abortiert) und einen Griffel mit drei spreizenden Narben. Bei dem sog. männlichen Zustande der Blüte ragen die Stamina weit aus der Blüte hervor, beim sog. weiblichen sind sie zurückgekrümmt und der Griffel überragt die Blumenkrone. Die Gattung Valeriana zeigt deutlichen Übergang von Proterandrie zur Diclinie. Die c. 5 mm lange, einsamige Frucht ist eine Achaene, sie ist von dem großen fiederhaarigen, als Flugapparat dienenden Pappus gekrönt und besitzt einen Rücken-, zwei Seiten- und drei Bauchnerven. Der Same ist endospermfrei.
Der Baldrian ist vom arktischen Rußland an durch fast ganz Europa verbreitet, nur im Süden ist er spärlicher und fehlt in Portugal, Süd-Spanien, Südost-Frankreich. Er findet sich ferner in der Krim, Kleinasien (die Form V. Dioskoridis ~Sibth.~ von Vorderasien bis zur Balkanhalbinsel), in Kaukasien und Türkisch-Armenien, Nord-Kaschmir, Süd-Sibirien, Mandschurei, Japan (hier besonders die var. angustifol.) In Indien findet sich die Form V. dubia ~Bunge~, in Java die Form V. javanica ~Bl.~ (in den Gebirgen des Monsungebietes etwa sechs Formen oder Arten). Eingeführt ist er in Südafrika (V. Capensis ~Thbg.~ ist = V. offic. var.) und Nordamerika, z. B. in New-York, New-Jersey (var. silvatica?).
Die Pflanze findet sich auf feuchten Wiesen, an Gräben, Bächen, Flußufern, Waldrändern, sowohl in den Niederungen wie den Bergregionen. Die Bergformen pflegen aromatischer zu sein als die Sumpfformen.
Blüht in Deutschland im Juni und Juli (bis August).
=Lit.= ~Fernando Höck~, Beitr. z. Morphol., Gruppier. u. geograph. Verbreit. d. Valerianaceen. Englers Bot. Jahrb. 3 (1882) 1 (hier die Lit.). -- ~Eichler~, Blütendiagramme. -- Entwicklungsgesch. d. Blüte in ~Winnicki~, Diss. Bern 1908. -- ~Luerssen~, Med. pharm. Bot. (dort die system. Lit. der Familie). -- ~Henkel~, U. S. Dep. Agric. 1906. -- ~Timbal-Lagrave~, Jahresb. Pharm. 1867, 50. -- ~Irmisch~, Beitr. z. Naturgesch. d. einheim. Valeriana-Arten, insbes. V. offic. u. dioica. Abh. Naturf. Ges. Halle 1853 mit 4 Taf. (Morphol. auch d. Rhizome). -- ~Chatin~ (s. unter Anat.). -- ~Tchihatcheff~, Asie mineure 1856. -- ~Regel~, Tent. flor. ussuriens. Mem. Ac. St. Petersb. 1862. -- ~Herder~, Bull. Soc. imp. Nat. Moscou 1864, I, 229. -- ~Beeby~, Journ. Bot. 1888. -- +Abbild.+: ~Hayne~, Arzneigew. III, 32. -- ~Nees von Esenbeck~, t. 254. -- ~Berg-Schmidt~, Atlas, II. Aufl. t. 10. -- ~Pabst-Köhler~, Medizinalpfl. I, t. 47. -- ~Bentley-Trimen~, Medic. pl. t. 146. -- ~Syme~, Bot. t. 666 und in zahlreichen Floren usw. Schon in ~Dodonaeus~, Purgant., eine gute Abbild. d. Ausläufer. Die Abbild. bei ~Guibourt~ ist V. sambucifolia (~Timbal-Lagrave~).
=Pathologie.= Über die pflanzlichen Schädlinge teilt Prof. ~E. Fischer~ folgendes mit: Auf den oberirdischen Teilen von Valeriana officinalis sind verschiedene parasitische Pilze beobachtet, unter denen wir besonders Erysiphe Cichoracearum (~Dc.~) und Uromyces Valerianae (~Schum.~) ~Wint.~ erwähnen; doch dürften dieselben, wenn sie sich nicht sehr intensiv entwickeln, die Entwicklung der Rhizome kaum beeinträchtigen.
~Israël~ berichtet über die tierischen Schädlinge:
+Falter+: Melitaea dictynna ~Esp.~ Raupe an _Plantago_arten, Melampyrum pratense, Valeriana officinalis, Valerianella olitoria usw. Gortyna flavago ~Hb.~ Raupe in den Stengeln vieler markhaltiger Pflanzen, z. B. Senecio, Valeriana, Petasites, Lappa, Verbascum, Sambucus. Caradrina quadrimaculata F. Raupe an Stellaria, Alsine, Valeriana, Fumaria usw. Eupithecia valerianata ~Hb.~ Räupchen an Blüten und Früchten von Baldriangewächsen. Sonst leben die meist sehr kleinen Raupen der Eupithecien meist in den Dolden der Umbelliferen, Blüten und Früchte verzehrend. Schistodepressaria pulcherimella ~Stt.~ Das Räupchen dieser Gelechidee rollt die Blätter von Umbelliferen und Baldrian zusammen.
+Gradflügler+: Thrips (spec?). Auf Baldrianblüten und anderen Gewächsen (Helleborus, Eupatorium) trifft man oft ein und dieselbe kleine Physapode.
=Kultur und Erntebereitung.= Baldrian wird in +Deutschland+ in Sachsen (Bockau, Lauter, Zschorlau), Franken (Schweinfurt), Harz (+Pansfelde+, Aschersleben, +Ermsleben+, Ballenstedt), Thüringen (+Cölleda+, +Heldrungen+, +Ringleben+, Neuhausen, Gebesee) [-- weitere Orte I, S. 64 --], in +Holland+, +Frankreich+ (Houdan), +Belgien+ (Hennegau, I, S. 69), Ungarn (I, S. 68), +Schweden+ (seit 1761) und in +England+ (z. B. bei Chesterfield in Derbyshire) gebaut. ~Hanbury~ nennt 1872 die Orte: Ashover, Wolley Moor, Morton, Stretton, Higham, Shirland, Pilsley, North und South Wingfield, Brackenfield, gegenwärtig sind die Kulturen beschränkter und finden sich namentlich bei letzterem Orte am River Amber (~N. Smith~) und in den Long Melfort Medicinal Herb Farms in Suffolk (Taf. XII). Baldrian wird auch in den Vereinigten Staaten (New York, New Hampshire, Vermont) und in Japan kultiviert. Versuchskulturen befanden sich 1904 in Washington. Die Fortpflanzung wird durch die Schößlinge (nicht durch Samen) besorgt.
Von der +wildwachsenden Pflanze+ wird die Baldrianwurzel besonders in +Gebirgsgegenden+ [+Thüringen+, +Harz+, +Ardennen+, +Vogesen+ (Dep. Vosges und Ardennes), Schweiz, Österreich] gesammelt, da die Pflanze auf trockenem, steinigem Boden ölreicher ist. Doch ist im deutschen Großdrogenhandel zurzeit vorwiegend kultivierter Baldrian.
1910 unterschied der deutsche Handel: +Harzer+, +Thüringische+, +Belgische+ und +Holländische+ Rhiz. valerian. Die mit vielen Nebenwurzeln besetzte, mehr gelbliche Rad. Valerianae montanae Hercynica, besonders die kleinzöpfige, echte Gebirgsware von der wilden Pflanze, wird meist der Rad. valer. min. Thuringica cultivata, und selbst der nachgekämmten und der großzöpfigen kultivierten Harzer V. vorgezogen (~Caesar-Loretz~ 1910). Am geringsten bewertet wird die R. val. minor. citrina aus Belgien und Frankreich.
Der eigenartige Geruch tritt erst beim Trocknen stärker hervor, frische Wurzel riecht wenig und anders als die Droge (s. unten S. 520). Es unterliegt keinem Zweifel, daß gerade beim Baldrian während des Trocknens auch bei gewöhnlicher Temperatur, besonders aber bei etwas höherer, in den absterbenden Zellen, solange noch Wasser vorhanden ist, tiefgreifende Veränderungen durch die Enzyme hervorgerufen werden. ~Choay~ hat daher vorgeschlagen, bei 0° im Vakuum zu trocknen. Das ist nicht nötig, wenn das Enzym (wie ~Bourquelot~ vorschlägt) durch Erhitzen der frischen Pflanze abgetötet wird (s. hinten). Die +getrocknete+ Droge verändert sich weiter nicht, wenn sie trocken aufbewahrt wird.
Die Kultur erfolgt in England in der Weise, daß man die Tochterknollen wilder Valeriana -- man benutzt besonders Valer. Mikani ~Syme~ (s. oben S. 512) -- als Stecklinge benutzt. Die Blütenanlagen der sich entwickelnden Pflanzen werden abgeschnitten. Man läßt nur die tieferliegenden Blätter stehen. Im September bis Oktober wird die ganze Pflanze ausgegraben, Stengel und Blätter beseitigt, die dickeren Rhizome längs durchschnitten, und alle in mit Löchern versehenen Kästen in fließendem Wasser gewaschen. Das Trocknen erfolgt auf Brettern in der Wärme im November und Dezember. Trockenheit schädigt die Kulturen. Es entwickeln sich dann nur wenige Blätter. In Cölleda werden die vom Zentralknollen losgetrennten Ausläufer gepflanzt (bisweilen in Mischkultur mit Rüben). Nach einem Jahr wird das Rhizom samt den Wurzeln gegraben, gewaschen und meist mit eisernen Kämmen von den feinen Nebenwurzeln befreit («gekämmte» Wurzel) und entweder auf kurzgeschnittenen Wiesen oder, auf Fäden aufgereiht, an der Hauswand getrocknet (~A. Meyer~ 1891). Die Drogenhäuser kämmen dann noch nach (~Caesar-Loretz~). Die Wurzeln werden bisweilen zu Zöpfen geflochten (wie bei Angelica). In +Pansfelde+ a. Harz werden die Ausläufer der wilden Pflanze zum Anbau benutzt.
In Deutschland wird im Herbst (September, Oktober) nach der Blütezeit gegraben, da die Droge dann ölreicher ist als im Frühjahr (~Zeller~). ~Saladin von Ascoli~ bezeichnet (im Compendium aromatariorum 1488) den August als den günstigsten Monat und auch die alten Kräuterbücher nennen als Sammelzeit «zwischen zwei Unser Lieben Frauen Tagen», d. h. 15. August bis 15. September. Die wendische Volkssitte schreibt den Tag vor Johannis vor (~Beckenstedt~). -- Im Frühjahr zu sammeln (wie ~Pfaff~ und noch Ph. austr. VIII vorschlägt) empfiehlt sich +nicht+, da dann Verwechslungen mit am gleichen Standort vorkommenden Pflanzen leicht möglich sind. Es darf die Droge sowohl von der kultivierten wie der wildwachsenden Pflanze gesammelt werden (D. A. V und Ph. helv. IV treffen keine besonderen Bestimmungen). 9-10 Teile frische geben 2-3 Teile trockene Droge. Die Wurzel wird durch das Trocknen dunkler. Das Nachtrocknen erfolgt am besten in der Kalk-Kiste.
Die Jahresproduktion von Harzer Baldrian beträgt 200-400 cwts. (In erster Linie kommt +Pansfelde+ hier in Betracht, ~Caesar-Loretz~). Eine gute Thüringer Mittelernte beträgt 800 bis 900 cwts (~Gehe~). Die Vollernte 1000-2000 cwts (~Caesar-Loretz~). Nach Hamburg kamen belgischer Baldrian 1905: 24500, 1908: 35500 kg, und holländischer B. 1908: 6100 kg (~Tunmann~). Frankreich verwendet besonders deutschen B. (~L. Planchon~). In Japan wird Valeriana var. angustifol. ~Miq.~ (nach ~Holmes~ dagegen: V. latifolia) kultiviert. Hamburg empfing 1908: 3700 kg japan. B. (~Tunmann~).
Baldrian ist in Blechbüchsen aufzubewahren und schon beim Trocknen auf dem Trockenboden gegen Katzen zu schützen (s. oben S. 512). Der Ortus Sanitatis (I, S. 688) sagt bereits: «Die katzen ryben sich an diß krut und werffen darvider ihren samen, und darumb sol diß krut vervaret werden vor den katzen, da es zu artzney gebrucht sal werden.» Baldrian hat auch für Ratten und -- Forellen Anziehungskraft.
=Lit.= ~Upsher Smith~, Cultivat. of valerian rhizome in Derbyshire. Year book ph. 1904, 557. -- ~Schwabe~, Medizinkräuterbau in Thüringen. Pharm. Zeit. 1876 (Handelsbl.) -- ~Gehe~, Handelsber. 1885 u. flgd. -- ~Tunmann~, Drogenhandel Hamburgs. Apoth. Zeit. 1910. -- ~Flückiger-Hanbury~, Pharmacographia. -- ~Hovorka-Kronfeld~, Volksmedizin. -- ~Bourquelot~ und ~Hérissey~ haben (Journ. pharm. 1911) einen Apparat konstruiert, frische Pflanzen mit siedendem Alkohol zu sterilisieren.
=Morphologie der Droge.= Die unterirdischen Organe des Baldrian werden bald als Rhizoma (Ph. helv. IV), bald als Radix (D. A. B. V) bezeichnet. Die richtigste Bezeichnung wäre «Rhizoma cum radicibus», denn die Droge besteht aus dem mit Wurzeln (und Ausläufern) besetzten Rhizome oder «Knollstock» (~Berg~), der oben noch meist durch Stengel- und Blattreste beschopft ist. «Das Rhizom zerfällt in eine dünne ausläuferartige +Wandersproßregion+ und in eine diese oben abschließende knollige +Speichersproßregion+. Die erstere vermittelt die Verbreitung des Rhizoms im Boden. Im typischen Falle figuriert ein Speichersproß, dessen zugehörige basale Wandersproßregion abgestorben ist als +Zentralknollen+ oder Zentralwurzelstock (Fig. 167). Wie die Keimungsgeschichte lehrt, geht der Zentralknollen aus dem Hypocotyl hervor (~Tschirch~ und ~Dye~). Derselbe entsendet nach verschiedenen Seiten Ausläufer und diese Wandersprosse verdicken sich alsdann an ihrer Spitze knollenartig, auf diese Weise +Nebenknollen+ oder Nebenwurzelstöcke bildend, die alsdann ihrerseits wieder Ausläufer entsenden» (~Tschirch~). Die Speichersprosse sind reich bewurzelt. Die Wandersprosse tragen bisweilen an den Knoten einige Wurzeln. Die Droge enthält also sowohl dicke Zentral- wie dünnere Nebenwurzelstöcke. Beide stehen vertikal im Boden und sind im Innern gekammert (Fig. 168). Die Kammern entsprechen den Internodien. Die Zentralknollen sind oft mehrere Zentimeter dick, außen durch die Blattreste geringelt, oben mit dem Knospenrest, unten mit der Wandersproßnarbe versehen, die Nebenknollen sind dünner und tragen an der Spitze mehr oder weniger lange Blatt- und Stengelreste, unten gehen sie in die Wandersproßregion über, die wie ein echter Ausläufer, überall gleich dick und an den Knoten mit Niederblättern und Wurzeln besetzt ist. Die mit zahlreichen feinen Nebenwurzeln besetzten Wurzeln werden bis 30 cm lang und sind meist etwa 2-3 mm dick, frisch -- wie die Wurzelstöcke -- hell, nach dem Trocknen +graubraun+, außen etwas geschrumpft und sehr brüchig, die einen (Ernährungswurzeln, ~Tschirch~) nach dem Aufweichen weich und biegsam, die anderen (Befestigungswurzeln, ~Tschirch~) starr und fest. Der Baldrian zeigt also +Heterorhizie+ (hier 1905 von mir zuerst nachgewiesen). Die kräftiger riechenden kleineren Wurzelstöcke der Gebirgsdroge wurden früher als Rad. valerian. montana s. anglica unterschieden. Die kultivierte Droge pflegt reicher bewurzelt zu sein als die wilde.
Baldrian schmeckt eigenartig süßlich-gewürzhaft und bitterlich.
=Anatomie.= Das +Lupenbild+ des Rhizomquerschnittes ist unregelmäßig im Umriß (Fig. 167, 2 u. 3), das Cambium erscheint als dunkle, unregelmäßige Linie, vom unregelmäßigen Gefäßbündelring treten Bündel in die Wurzeln. Die meisten Wurzeln (s. unten) besitzen einen sehr schmalen runden Zentralzylinder, der im Querschnitt kleiner ist als die oft 3-4mal dickere Rinde (Fig. 169, 1).
Die +Speichersproßregion+ (Zentral- und Nebenknollen) trägt außen Kork, dann folgt eine Stärke (Körner bis 8 mik., ~Hartwich~) führende dünnwandige Rinde, deren Zellen bisweilen Tüpfelung zeigen, und endlich die verkorkte Endodermis, die von unverkorkten Zellen unterbrochen und bei älteren Knollen bisweilen durch +Sklereïden+ verstärkt ist. Innerhalb derselben liegt der Gefäßbündelzylinder, der bei den Nebenknollen aus einem, bei den Hauptknollen oft aus zwei Kreisen von kollateralen Bündeln besteht, die bei letzteren im Gefäßteil oft Libriform, sonst nur unregelmäßig radial angeordnete Spiral- und Tüpfelgefäße und Holzparenchym führen. Zwischen dem Siebteil und der Endodermis liegt oft ein breiter Collenchymbeleg. Von dem Gefäßbündelzylinder treten viele Bündel in die Ausläufer und Wurzeln. Seine Elemente werden dadurch und durch eine Stauchung des ganzen Organs verbogen, im Längsverlauf unregelmäßig. Das ebenfalls Stärke führende parenchymatische Mark ist in ziemlich regelmäßigen Abständen geschwunden, so daß Kammern entstehen (Fig. 168). In den stehenbleibenden Diaphragmen (Marklamellen) finden sich reichlich sehr stark verdickte Sklereïden. Die Diaphragmen entsprechen den Knoten, die Kammern den Internodien.
Die ausläuferartige, im Querschnitt kreisrunde, nur wenige Millimeter dicke +Wandersproßregion+ zeigt einen ähnlichen Bau, nur ist das Mark viel schmäler und nicht geschwunden, die Internodien sind länger, aber an den Knoten liegen auch hier Sklereïden führende Querbrücken. Der Gefäßbündelkreis ist durch interfaszikulares Libriform geschlossen. Der Gefäßteil führt Spiral- und Tüpfelgefäße. Die Hypodermis führt das Öl.
Die +Wurzeln+ zeigen stets noch die primäre Rinde, die hier nicht (wie sonst gewöhnlich) abgeworfen wird, lassen also da und dort noch auf der Epidermis Wurzelhaare erkennen. Der Zentralzylinder ist von der stärkefreien Endodermis umgeben. Aus der primären Bündelanlage, die meist triarch ist, aber di- bis octarch sein kann, entwickeln sich zwei ganz verschiedene Wurzeltypen: +Ernährungswurzeln+ (Fig. 169, 1) mit großem, Stärke führendem Mark, kleinen wenig gliederigen, in einen Kreis gestellten, keine mechanischen Elemente führenden Gefäßteilen und +Befestigungswurzeln+ (Fig. 169, 2) mit großem, strahlig gebautem, reichlich Libriform führendem Holzzylinder und kleinem Mark (~Tschirch~ und ~Neuber~). Bei den +Ernährungswurzeln+ unterbleibt die Bildung sekundären Gefäßteiles entweder ganz oder es entstehen nur wenige Elemente zwischen den primären Anlagen. Alsdann ist der Übergang des primären Baues des Bündels in den sekundären meist noch schön zu sehen (Fig. 170). Die primäre Rinde folgt dem Dickenwachstum des Zentralzylinders. Ihre Zellen sind relativ dickwandig und erfüllt mit einfachen, rundlichen oder zu 2-6 zusammengesetzten bis 30 mik. großen Stärkekörnern. Bei Alkoholmaterial sieht man da und dort Sphaerokristalle. Das unter der verkorkenden Epidermis liegende, ebenfalls verkorkte, einreihige Hypoderm, das die Wurzel also mantelartig umgibt, enthält [neben bisweilen beobachteten prismatischen Kristallen von Kampher (?), ~Vogl~] das +ätherische Öl+, das durch Schwefelsäure zuerst kirschrot, dann violett und blau wird (~Zacharias~). Löst man Epidermis und Hypoderm von der Wurzel ab, so ist der Rest geschmacklos (~A. Meyer~). Das Öl kommt also nur im Hypoderm vor, nicht in Interzellularlücken der Rinde (~Schleiden~). ~Zacharias~ sah bei den Ölzellen außer der Suberinlamelle eine verholzte und eine Zellulosehaut. Bisweilen ist eine resinogene Schicht, die aus einer Schleimmembran hervorgeht, zu sehen (~Tschirch~).
Bei längere Zeit in Glycerin liegenden Schnitten beobachtet man überall in Rinde und Mark kleine spießige Kristalle. Erwärmt man den in Wasser liegenden Schnitt und läßt erkalten, so entstehen größere büschelförmige Kristalle.
Das =Pulver= enthält sowohl die Elemente der Wurzeln wie die der Rhizome, führt daher sowohl Sclereïden wie dünn- und dickwandiges, stärkeführendes Parenchym und dessen Fragmente, Stärkekörner von 3-15 (8-12 ~Koch~), selten 18 oder 20-30 mik Durchmesser, schmale Ring-, Spiral- und weitere Tüpfelgefäßfragmente (Breite der Gefäße 8-60, die Tüpfelgefäße meist 30-40 mik ~Koch~) und Libriform mit linksschiefen Spaltentüpfeln. Die Fetzen der Wurzelhaar tragenden Epidermis und der gestreckten Hypodermzellen treten besonders bei Behandlung mit konz. Schwefelsäure hervor. (Verkorkt sind: Endodermis, Hypodermis, Epidermis, Kork). Die mit Stärke gefüllten Parenchymzellen lassen nach Behandlung mit Chloral ein zartes Plasmanetz erkennen. Oxalatkristalle fehlen, dagegen findet man oft Sandkörner und bisweilen Elemente der Stengel und Blattstiele.
=Lit.= ~Tschirch-Oesterle~, Anatom. Atlas (dort das Detail). -- ~Tschirch~, Heterorhizie bei d. Dikotylen. Flora 1905. Die Einwände von ~Flaskämper~ (Flora 1910) gegen die Heterorhizie sind unberechtigt. Die Befestigungswurzeln sind +nicht+ Alterszustände der Ernährungswurzeln. -- ~A. Meyer~, Wissensch. Drogenkunde I, 215 (m. Abbild.) u. ~Dammers~ Lexik. d. Verfälsch. 1887. -- ~Vogl~, Kommentar 1908. -- ~Berg~, Anatom. Atlas t. 16. -- ~Hérail-Bonnet~, Manupilat. pl. II. -- ~Godfrin-Noël~, Atlas man. de l’hist. d. drog. 1887, t. 19 u. 26. -- Mikrophotographien in ~Braemer-Suis~, Atlas de photomicrographie 17 u. 18. -- ~Karsten-Oltmanns~, Pharmak. Fig. 84-87. -- ~Hartwich~ in Hagers Pharm. Praxis. -- ~Irmisch~ a. a. O. -- ~Hoeck~, Beitr. z. Morph. d. Valerianac. Englers Bot. Jahrb. 1882 und a. a. O. -- ~Chatin~, Etudes bot. chim. et méd. sur les Valérianées. Paris 1872 (m. 14 Taf.) (hier auch die Rhizome der übrigen _Valeriana_arten). -- ~Holfert~ (prim. Bau) Arch. Ph. 1889. -- ~Neuber~, Vgl. Anat. d. Wurz. usw. Dissert. Bern 1904. -- ~Zacharias~, Sekretbeh. m. verkorkt. Membr. Bot. Zeit. 1879, 617. -- ~Maisch~ (Mexic. Val.) Am. journ. ph. 1886, 168. -- Die Keimung und Entwicklungsgeschichte der unterirdischen Organe ist beschrieben in ~C. A. Dye~, Entwicklungsgesch. Unters. d. unterird. Org. von Valeriana usw. Dissert. Bern 1901 (mit zahlr. Abbild.). -- Das Pulver: ~Koch~, Atlas II, t. 24. -- ~Moeller~, Atlas t. 107. -- ~Greenish-Collin~, Veget. Powders pl. 119.
=Chemie.= Baldrianwurzel enthält (nach ~Lindenberg~ 1886) in Prozenten: 11,57 +Wasser+, 0,36 +Fett+, 0,9 +äther. Öl+, 0,31 +flüchtige Säure+ löslich in Äther, 0,85 +Harz+ und +Wachs+, 0,975 +Harz+ löslich in Alkohol, 1,64 +Gerbstoff+, 0,565 +Citronen-+ und +Weinsäure+, 5,32 +Zucker+, 14,39 andere Substanzen löslich in Wasser, 7,83 +Eiweißsubstanzen+, 16,7 Metarabin, Phlobaphene usw., 12,87 +Stärke+, 11,65 +Zellulose+, 16,8 Lignin u. and., 4,31 +Asche+.
Die von ~Pentz~ (1829) und ~Grote~ (1831) im Baldrian aufgefundene, von ~Trommsdorff~ als besondere Säure erkannte, studierte und benannte +Baldriansäure+ (Valeriansäure, s. oben S. 510), die ~Pentz~ fälschlich für Essigsäure hielt, findet sich in der Droge zu 0,25-1,4% (in frischer Wurzel 0,6%, ~Schoonbrodt~), teils frei, teils als Kaliumsalz und Borneolester (im Öl, s. unten), begleitet von +Apfelsäure+ (~Trommsdorff~, ~Schoonbrodt~) und Magnesium, Calcium- und Kaliummalat, sowie von +Buttersäure+, +Ameisensäure+ (als Calciumformiat), +Essigsäure+ (~Aschoff~) und Methyläthylessigsäure (~Shimoyama~ und ~Hyrano~).
Vollständig kann man die Baldriansäure aus der Wurzel, besonders solcher, die ziemlich frisch ist, nur dann erhalten, wenn man zunächst die Ester (s. unten) mit einer Säure oder Alkali verseift und dann erst mit einer Säure (am besten Phosphorsäure) destilliert. ~Katz~ gründet die Wertbestimmung der Tinctur. valer. auf die Titration der durch Destillation mit Phosphorsäure (nach vorherigem Eindampfen mit Soda) übergetriebenen Baldriansäure. Die aus der Wurzel gewonnene Säure ist das Hydrat C₅H₁₀O₂.H₂O. Sie besteht fast ganz aus optisch inaktiver Isovaleriansäure: (CH₃)₂CH.CH₂.COOH, der kleine Mengen rechtsdrehender Methyl-Äthyl-Essigsäure:
CH₃CH₂ \ CH.COOH, / CH₃
Ameisensäure, Essigsäure und Capronsäure beigemengt sind. Auch in der synthetisch aus Amylalkohol (~Dumas~, ~Stas~, ~Cahours~) mittelst Chromsäuregemisch (~Balard~ 1845) dargestellten Säure ist neben Isovaleriansäure etwas Methyl-Äthyl-Essigsäure vorhanden. Die Identität des Ac. valerianic. e radice mit der synthetischen Baldriansäure und der 1817 im Fette der Delphine (besonders Delphinus globiceps) von ~Chevreul~ entdeckten Acide delphinique ou phocénique stellte ~Dumas~ fest, die Identität der bei der Spaltung des Athamantins entstehenden Säure mit Baldriansäure ~Winckler~ (1842). Daß es mehrere Baldriansäuren gibt, fand ~Dessaignes~ (1851).
~Schoonbrodt~ fand gelegentlich seiner umfangreichen vergleichenden Untersuchung frischer und trockener Arzneipflanzen, daß frische, stets viel Zucker enthaltende, Baldrianwurzel nur wenig riecht, obwohl sie mehr +ätherisches Öl+ enthält als getrocknete, dieses Öl aber keinen starken Geruch besitzt, getrocknete dagegen, die weniger süß schmeckende Extrakte liefert, weniger Öl gibt, dieses aber stark nach freier Baldriansäure riecht, von welcher sich in ganz frischer Wurzel nichts findet. ~Carles~ zeigte, daß es ein Enzym ist, welche beim Absterben gelegentlich des Trocknens die Zersetzung der Ester der Baldriansäure bewirkt (Baldrian enthält auch Mangan in der Asche). Schon beim Absterben des Rhizoms, mehr noch beim Trocknen, werden also die Säuren in Freiheit gesetzt.
~Bührer~ (Clarens) erhielt bei, auf meine Veranlassung (1909) angestellten, Titrationen von Auszügen mit verd. Alkohol mit n/10 NaOH einen Verbrauch an ccm (auf 1 g frische Wurzel berechnet):
Wurzel aus Chaux de fonds, frisch 1,4. Bei 70° getrocknet 1,9.
Wurzel vom Rhonetal bei Aigle, frisch 1,6. An der Luft getrocknet 2,4. Bei 70° getrocknet 2,8. Dialysat 3,0.
Wurzel aus dem Elsaß (Mühlhausen), frisch 3,7. An der Luft getrocknet 4,7.
Pflanzen verschiedener Standorte zeigen also ziemliche Verschiedenheiten.
Neben +Gummi+, +Schleim+ und +Stärke+ findet sich auch +Zucker+ und zwar sowohl +Dextrose+ als +Saccharose+ (~Harley~, ~Kromer~, in Thüringer Baldrian 0,73 bis 1,42 ‰, in russischem 0,3 ‰) -- bisweilen setzt sich Saccharose aus äther. Baldriantinktur ab --, sowie eine +Oxydase+ (~Carles~) und ein +hydrolytisches Enzym+ (~Tschirch~). Ferner (in frischer Wurzel) zwei, wie es scheint, mit Kaffeegerbsäure verwandte, durch Blei fällbare +Baldriangerbsäuren+ (C₁₄H₉O₈ und C₁₂H₈O₉, ~Czyrniansky~). Schon ~Runge~ fand eine «grünige Säure», deren Salze an der Luft grün werden. Das bekannte Nachdunkeln der Baldriantinkturen kann nicht auf das Enzym zurückzuführen sein, da es besonders bei der ätherischen Tinktur hervortritt. Es ist wohl auf diese Gerbsäuren oder das Öl zurückzuführen. Die +Alkaloide+ Chatinin und Valerin (~Waliczewsky~) bedürfen näherer Untersuchung. Chatinin wird von den gewöhnlichen Alkaloidreagentien gefällt. Es soll zu 0,015% in der frischen Wurzel enthalten sein. Neuerdings beobachtete auch ~Chevalier~ in +frischem+ Baldrian ein sehr zersetzliches Alkaloid. Auch ein +Glykosid+ (~Harley~) und ein +Harz+ werden angegeben. Alkaloid, Glykosid und Harz (?) werden beim Trocknen zerstört (~Chevalier~). ~Trommsdorff~ erwähnt einen eigentümlichen Extraktivstoff «+Baldrianstoff+» (Valerianin) und einen +gelben Farbstoff+.
Die europäische Rhiz. valerian. enthält 0,1-1% der Trockensubstanz (am meisten in holländ. Wurzel, ~Schimmel~) +ätherisches Öl+. Der Gehalt ist abhängig vom Boden (~Kionka~). Schon ~Fr. Hoffmann~, ~Boerhaave~, ~Geoffroy~ wußten, daß frische Wurzel weniger Öl gibt als getrocknete. Das gelbgrüne bis bräunlichgelbe, ziemlich dünnflüssige, schwach saure Öl wird mit der Zeit dunkelbraun und dickflüssig und scheidet Borneol ab. Es besitzt ein spez. Gewicht von 0,93-0,96 (Ardennen- und Vogesenöl 0,875-0,900) und dreht links (-8 bis -13°). Säurezahl: 20-50, Esterzahl: 80-100, Verseifungszahl: 100-150. Es enthält (besonders nach ~Bruylants~ und ~Oliviero~) mehr oder weniger freie Baldriansäure und auch ziemlich viel (9,5% ~Gerock~) +Baldriansäure-l-Bornylester+, dann die +l-Bornylester+ der +Ameisen-+, +Essig-+ und +Buttersäure+ (je 1%), ferner +l-Camphen+, +l-Pinen+, Citren (?), Terpineol, ein Sesquiterpen (Siedep. 160-165°) einen Alkohol C₁₅H₂₆O (Sp. 190°) und einen stark links drehenden Alkohol C₁₀H₂₀O₂ (F. 132°). Borneen, Valeren, Valerol (~Gerhardt~, ~Pierlot~) sind zu streichen. Auch ein +Blauöl+ (+Azulen+), das bei c. 300° übergeht, ist nachgewiesen (~Flückiger~). (~Kopp~ gibt diesem Blauöl ~Flückigers~ die Formel C₂₃H₃₄O₂?). Bei spektralanalytischer Untersuchung eines +Blauöls+, das bei 210-265° überging, fand ich vier Bänder: I. λ = 0,720 bis 0,750 μ, II. λ = 0,650-0,670 μ, III. λ = 0,590-0,610 μ, IV. λ = 0,555 bis 0,575 μ, matt. Ein Tropfen Baldrianöl färbt sich mit 20 Tropfen Schwefelkohlenstoff und 1 Tropfen Salpetersäure tief violett (~Flückiger~). Das aus frischen wildwachsenden Pflanzen dargestellte Öl hat ein geringeres spez. Gewicht (0,875-0,900, ~Oliviero~) als aus der Droge bereitetes.
Das zu 8% (nach ~Shimoyama~ 2,7%) erhältliche, also viel reichlicher gebildete, schwerere (spez. Gew. 0,990-0,996) Öl der japanischen Var. angustifolia (+Kessoöl+) ist ähnlich zusammengesetzt, es enthält ferner ein Sesquiterpen (Sp. 260-280°) und das linksdrehende (αD = -70°6′) Kessylacetat (Sp. 178-179°). Das Blauöl (C₁₄H₂₃O₂COCH₃) siedet auch bei c. 300° (~Bertram~, ~Gildemeister~, ~Walbaum~). Die spektralanalytische Untersuchung des Öls ergab für die vier Azulenbänder (s. oben) eine ähnliche Lage wie beim deutschen Baldrianöl (~Tschirch~). Die V. mexicana lieferte bei der Destillation fast gar kein äther. Öl, sondern fast nur Baldriansäure (89% des Hydrates, ~Schimmel & Co.~). ~Kemp~ erhielt aus Indischer Narde (s. unten S. 525) 0,9% eines linksdrehenden Öles vom spez. Gew. 0,974, beim Erhitzen nimmt das Öl eine grünliche Fluoreszenz an (~Prebble~, vgl. auch ~Lafite~, Pharm. Zeit. 1887, 465 und ~Asahina~, Journ. pharm. soc. Japan 1907 und ~Schimmels~ Ber. 1907). In der Valeriana celtica findet sich 1,5 bis 1,75% (bzw. 0,1% ~Haensel~) Öl, in dem ein Sesquiterpen und Palmitinsäure (?) nachgewiesen wurde (~Schimmel~ 1887, ~Haensel~ 1909).
Der Extraktgehalt schwankt von 17,64-24,03% (~Röder~), 17,35-31,95% (~Dieterich~), 26% (~Carles~). Zweijährige Rhizome geben die höchste Extraktausbeute, Pharm. austr. verlangt wenigstens 15%. Da die Wurzeln noch die Wurzelhaare besitzen (s. oben S. 518), die bekanntlich mit den Bodenteilchen verwachsen (richtiger: verkleben), so ist Baldrianwurzel durch Waschen niemals ganz von Erde zu befreien -- auch die «staubfreie» des Handels enthält Erde --. Der Aschengehalt schwankt daher sehr. Besonders schlecht gewaschener Baldrian enthält oft viel Asche (bis 30,8% ~Peters~, bis 41% ~Hauke~, bis 43,98% ~Röder~ 1906). 4,7-8,4% sind bei gutem Baldrian beobachte Zahlen (~Hauke~). ~Gadd~ und ~Sydney~ wollen nicht über 9% hinausgehen. ~Hauke~ gibt als obere Grenzzahl für ganze Wurzel 10%, für Pulver 12% an. Pharm. helv. 12%. Die Asche ist grau. Phosphate, Sulfate und Silikate fand darin schon ~Trommsdorff~.
=Lit.= ~Trommsdorff~, N. Journ. Pharm. 18 (1809), 3, 24 (1832), 134, 26 (1834), 1., Über die Valeriansäure u. ihre Verbind. Ann. d. Pharm. (6) 1833, 176, 10 (1834), 213. -- ~Pentz~, Arch. Ph. 28, 337. -- ~Grote~, Arch. Pharm. 32, 160, 33 (1830), 160, 38 (1831), 4. -- ~Riegel~, Journ. pr. Chem. 11 (1845), 316. -- (Darstellung der Säure: ~Winkler~, Buchn. Rep. 1833, ~Bonaparte~, J. chim. méd. 1842 u. 1843, ~Rabourdin~, Journ. pharm. 1844, 310, ~Wittstein~, Buchn. Rep. 87 [1845]). -- ~Aschoff~, Arch. Pharm. 48 (1846), 275]. -- ~Czyrniánsky~, Über d. nicht flücht. Säur. d. W. v. V. offic. Lieb. Ann. 71 (1849), 21. -- ~Schoonbrodt~, Journ. d. méd. Bruxelles 45 und 46, Deutsch in ~Wittstein~, Vierteljahrsschr. 18, 73 (Jahrb. Ph. 1869, 17). -- ~Carles~, Valeriane et Oxydase. Journ. pharm. 12 (1900), 148. Rep. pharm. 1903, 289. -- ~Lindenberg~, Unters. d. Rhiz. von V. offic. u. V. Hardwickii. Pharm. Zeitschr. f. Rußl. 1886. -- ~Katz~, Wertbest. homöop. Urtinkt. Pharm. Centralh. 1901, 291. -- ~Hauke~ (Asche), Wien 1902. -- ~Peters~, Apoth. Zeit. 1909, 538. -- ~Waliszewski~, Un. pharm. 1891, 109 (Apoth. Zeit. 1891, 186). -- ~Shimoyama~ und ~Hyrano~ (Mitt. Med. Fak. Tokio 1890. Apoth. Zeit. 1892, 440 (Kesso). -- ~K. Dieterich~ (Extraktgehalt), Helfenb. Ann. 1900, 211. -- ~Harley~, Saccharose dans l. org. vég. etc. Thèse Paris 1905. -- ~Kromer~, Pharm. Centralh. 49 (1908), 397. -- ~Chevalier~, Compt. rend. 144 (1907), 154. -- ~Kionka~, Biochem. Centralbl. 1905, 452. -- ~Zavatti~ und ~Sestini~. Zeitschr. anal. Chem. 8 (1869), 388. -- ~Holzmann~, Arch. Ph. 1898, 409.
+Öl+: ~Graberg~, in ~Crell~, Die neuesten Entdeck. 6 (1782), 123. -- ~Trommsdorff~, Trommsd. Journ. d. Pharm. 18 (1809), 3 und Neues J. d. Ph. 24 (1832), 134. Lieb. Ann. 6 (1833), 176 u. 10 (1834), 213. -- ~Pfaff~, Syst. d. Mat. med. 1815 (dort d. ält. Lit.). -- ~Ettling~, Lieb. Ann. 9, 40. -- ~Rochleder~, Ebenda 44 (1842), 1. -- ~Gerhardt~, Ebenda 45 (1843), 29, Journ. pr. Ch. 28 (1843), 34. -- ~Gerhardt~ und ~Cahours~, Annal. d. chim. 3 (1841), 60. -- ~Kopp~, Arch. Ph. 55 (1876), 204. -- ~Zeller~, Ausb. äth. Öl aus offiz. Pfl. Stuttg. 1855. -- ~Pierlot~, Compt. rend. 48, 1018. -- ~Bruylants~, Bull. Ac. r. méd. Brux. II, 1209. Journ. pharm. 1878, 349. Ber. d. chem. Ges. 11 (1878), 452. -- ~Oliviero~, Compt. rend. 117 (1893), 1096. Bull. soc. chim. 11 (1894), 150 u. 13 (1895), 917. Et. chim. sur l’huile essent. de Valer. Thèse Paris 1895. -- ~Gerock~ u. ~Bronnert~, Journ. pharm. Els. Lothr. 19 (1892), 82. -- ~Flückiger~, Arch. d. Pharm. 209 (1876), 204. -- ~Schimmel~, Ber. 1887, 1891, 1894 und 1897 und ~Gildemeister-Hoffmann~, D. äther. Öle. -- ~Tschirch~, Harze u. Harzbehälter.
+Kesso+: ~Bertram~ u. ~Gildemeister~, Arch. Ph. 228 (1890), 483. -- ~Bertram~ u. ~Walbaum~, Journ. pr. Ch. 49 (1894), 18.
=Verfälschungen und Verwechslungen.= In erster Linie werden genannt: Valeriana sambucifol. (~Timbal-Lagrave~), besonders in Böhmen, Veratrum album (~Bentley~ 1877, ~Kaspar~ 1886) -- die Unterschiede beschreibt ~Bentley~ (übersetzt bei ~Wittstein~) --, Sium latifolium L. var. longifolium L. (~Bernbeck~ 1880), Cypripedium macranthum und Cynanchum Vincetoxicum (~Charbonnier~ bis 36%) mit gelblich-weißem Rhizom. Dann finde ich (z. B. bei ~Wittstein~) angegeben: (von mir nicht beobachtet) Valeriana dioica L. (Rad. valerian. palustr., Rad. Phu minor.) mit dünnem Rhizom, Valeriana Phu L. (Rad. valerian. major., hortens., pontici oder Phu) mit großem Rhizom und dicken hellen Wurzeln (vgl. Paralleldrogen), Ranunculus acris, polyanthemos und repens L. (~Hoppe~ 1807), Sium angustifol., Serpentaria virgin., Geum urbanum L. (Rad. caryophyllat.), Scabiosa arvensis L. (~Reveil~ bis 22%), Succisa pratensis ~Mönch.~, Betonica officinalis L., Eupatorium cannabinum L., Arnica montana L., Spigelia und Helleborus-Arten. Alle nehmen, wenn dem Baldrian beigemengt, den Geruch an. Man muß zur Unterscheidung das Mikroskop zuhilfe nehmen. Besonders gefährlich, aber leicht kenntlich, sind die Beimengungen der giftigen Rhizome von Veratrum und Sium, von denen aber nur das Letztere an gleichem Standorte vorkommt. Ein gekammertes Rhizom besitzt Cicuta virosa, scheint aber nie im Baldrian beobachtet zu sein.
Der rote Baldrian der Gärten ist Centranthus ruber, der griechische Baldrian Polemonium coeruleum.
=Lit.= ~Timbal-Lagrave~, Journ. chim. méd. (5), 3, 589 (Jahresber. Pharm. 1867, 50). -- ~Bentley~, Pharm. Journ. 7 (1877), 649. -- ~Bernbeck~, Arch. Ph. 1880, 431. -- ~L. Planchon~, Precis 1906. -- ~Wittstein~, Handwörterb. d. Pharm. 1882.
=Anwendung.= Rhiz. valerian. wird als Tonico-Excitans (bei Ermüdung, ~Féré~ 1904), Antispasmodicum, Nervinum, Antihystericum und Antiepilepticum benutzt [die Anwendung als Antiepilepticum wird auf ~Fabius Columna~ († 1460) zurückgeführt]. +Es ist ein wichtiges krampfstillendes Mittel+ (z. B. bei Krampfkolik) und spielt unter den +Volksheilmitteln+ (hier auch als Diureticum, Fieber- und Wurmmittel), sowie unter den Mitteln des Pfarrer ~Kneipp~ eine große Rolle. (Über die Verwendung in Rußland vgl. ~Demitsch~, Russische Volksheilmittel in ~Kobert~, Studien I.) «Plus la préparation contient d’acide valérianique, moins elle est active» (~Pouchet~ 1904). Da der Isovaleriansäure-Borneolester, C₁₀H₁₇O.OC₅H₉ (s. oben S. 521), als der wirksame Bestandteil des Baldrian betrachtet wird, bringt man ihn -- synthetisch dargestellt -- seit 1904 unter dem Namen +Bornyval+ als Mittel gegen Neurasthenie, Hysterie und Herzleiden, meist in Gelatineperlen à 0,25 g, in den Handel. An der Wirkung des Baldrian sind aber jedenfalls auch andere Körper noch beteiligt. ~Carles~ schlug daher (1903) vor, ein von ihm «+Pan-Valériane+» genanntes Fluidextrakt durch Extraktion der Droge mit 18% Weingeist, dem 5% Ammoniak zugesetzt worden war, zu bereiten. ~Kalle~ schlug Zusatz von Ammonsalzen bei Bereitung der Baldriandestillation vor (Pharmac. Un. Stat. hat die alte Tinct. valer. ammon.). Ich sehe keinen Vorteil im Ammoniakzusatz. Das Dialysatum Valerianae ~Golaz~ (Saxon) wird aus der +frischen+ Pflanze bereitet. In Frankreich wird der frische Saft empfohlen oder Darstellung der Präparate aus der frischen Pflanze unter +Erhaltung+ der Oxydase. Die Bereitung der als sehr wirksam erkannten Präparate aus der frischen Pflanze sollte aber besser in der Weise erfolgen, daß man die frisch gegrabenen und gewaschenen Wurzeln zehn Minuten in Wasser von 80° bringt, um das Enzym zu töten und dann erst extrahiert (~Tschirch~). Dabei bliebe denn auch wohl das Alkaloid, dem eine Wirkung auf den Augapfel und die Medulla oblongata zugeschrieben wird, sowie das Glykosid erhalten. ~Bourquelot~ schlägt Sterilisation durch Eintragen in siedenden 90% Alkohol vor. Jedenfalls ist aus der «sterilisierten» Wurzel oder mittelst siedenden Alkohols bereitete Baldriantinktur haltbarer, da das Enzym seine Wirkung nicht mehr ausüben kann (~Lesueur~).
=Lit.= ~Louis Planchon~, Prec. d. mat. med. 1906, II, 187 (dort weitere Angaben). -- ~Lesueur~, Infl. d. mod. de prép. etc. Thèse Paris 1910. -- ~Bourquelot~, Journ. pharm. 1911.
=Geschichte.= Im Altertum hieß eine der medizinisch verwendeten Narden Phu (wohl ein poetischer Name). ~Plinius~ sagt (XII, 26) bei Narden: «In nostro orbe proxime laudatur Syriacum, mox Gallicum, tertio loco +Creticum+, quod +aliqui agrium vocant, alii phu+, folio olusatri etc.» Die Beschreibung, die ~Dioskurides~ (I, 11) vom φοῖ gibt, den er auch νάρδος αγρία nennt, und den er als im Pontus vorkommend angibt, stimmt auf Valeriana officinalis (~Sprengel~, V. o. kommt im Orient vor), resp. auf die wohl nur als eine der kleinasiatischen Formen der Officinalis oder jedenfalls als eine naheverwandte Art zu betrachtende, von ~Hawkins~ aufgestellte, V. Dioscoridis, Sibth. fl. Graec. (~Sibthorp~, ~Fraas~). Er erwähnt, daß sie mit der geruchlosen Wurzel der Oxymyrsine (Ruscus aculeatus) verfälscht werde und beschreibt die Unterschiede. Bei ~Scribonius Largus~ (I, S. 578) findet sich Phu und Phu pontici semen, das auch als Valeriana Dioskuridis zu betrachten ist. Bei den Hippokratikern spielte der B. (wie noch heute) eine große Rolle in der Frauenpraxis und er war auch ein Bestandteil des berühmten Antidots von ~Sotira~ (I, S. 593) und der Pastillen des ~Andromachus~ (ebenda). Der Name +Valeriana+ tritt zum ersten Male in der lateinischen Übersetzung des aus dem X. Jahrh. stammenden arabischen Werkes über die Nahrungsmittel des ~Isaac Judaeus~ (I, S. 598 op. omn. 1515, cap. 45) auf: «Fu id est +valeriana+, melior rubea et tenuis et quae venit de armenia et est diversa in sua complexione». Er findet sich dann auch im XI. Jahrh. bei ~Constantinus Africanus~ (De omnibus medico cognitu necessariis Bas. 1539, 348): Fu id est +valeriana+. Naturam habet sicut Spica Nardi» und im gleichen Jahrhundert auch (nach ~Hanbury~) in den angelsächsischen tierärztlichen Büchern (I, S. 684). Ob das Fu des ~Isaac Judaeus~ (s. oben S. 511) Val. offic. war, ist zweifelhaft, aber wahrscheinlich, wohl aber dürfen wir in dem Fu i. e. valeriana des ~Constantinus Africanus~ unsere Pflanze erblicken, da er sie ausdrücklich der Spica Nardi und der Celtica gegenüberstellt und auch das Fu des ~Simon Januensis~ (I, S. 664) ist Baldrian. Die mittelalterlichen Namen und die der Patres s. oben S. 511. Ricettario Fiorentino (I, S. 793) unterscheidet valeriana domestica (maggiore) und v. silvatica (minore). Nur die erstere soll benutzt werden. ~Cordus~ bezeichnet Phu auch als Gartenseliunk und Spikwurzel. Valeriana findet sich im Gothaer Arzneibuch aus dem XIV. Jahrh. (I, S. 679) und in der Frankfurter Liste (1450), im Nördlinger Register (1480) steht Fu neben spica nardi und spica celtica, in ~Saladins~ Compendium (I, S. 665) Phu. Das Braunschweiger Register (1521) hat nur noch valeriane (auch ein Baldrianwasser -- wie ~Brunschwyg~ (1500) ein Denmarckwasser), aber Rad. Phu majoris (= V. Phu) steht noch 1724 bei ~Berlu~ (I, S. 951). Bei ~Brunfels~ steht: «Fu id est Valeriana vel Potentilla vel Amantilla. Sec. Diosc. multi appellant Narduun agrestem. Circa instans dicit Fu intelligitur radix et sic est. Et multi vulgares vocant eam herbam Benedictam.» ~Fuchs~ (I, S. 843) gibt eine vorzügliche Abbildung unseres Baldrian, den er Phu germanicum nennt. ~Bock~ (I, S. 841) bildet ab: Valeriana vera (Nardus agrestis), V. vulgaris und V. exigua. Bei ~Jean Bauhin~ steht: Valeriana major odorata radice; bei ~Pomet~, der eine Abbildung gibt: La grande valeriane. ~Pomet~ setzt sie im Gegensatz zur Petite Valeriane, deren Wurzeln einige Phu pontique nennen. ~Geoffroys~ Traité 1757 (I, S. 947) kennt drei Arten Valériane: La valériane des jardins ou la grande Val. (V. hortensis, Phu folio Olusatri Dioscoridis ~Bauhin~ Pinax), La valériane sauvage ou des bois ou petite Val. (V. sylvestris major ~Bauhin~ Pinax) und La Val. des marais ou petite V. aquatique (V. palustris minor ~Bauhin~ Pinax). -- Die wilde Valeriana ist unsere V. officin., die Garten-V. wohl V. Phu, der kleine Wasserbaldrian V. dioica. ~Linné~ übernahm Valeriana als Gattungsname und unterschied: V. officinalis, V. Phu und V. celtica (= Nardus celtica Dioscoridis ~Bauhin~ Pinax). Die Kultur des B. ist erst spät versucht worden. Er fehlt noch bei ~Karl~, im St. Galler Klosterplan, bei ~Macer~ und ~Strabo~, sowie im Kalender des ~Harib~ (I, S. 612). In den Destillierbüchern des XVI. Jahrh. sind Vorschriften für Baldrianwurzeldestillate mit Wasser und Wein enthalten. Das Öl erhielten ~Fr. Hoffmann~, ~Boerhave~, ~Cl. J. Geoffroy~ sowohl aus trockener wie aus frischer Wurzel (~Pfaff~). Dann beschrieb es ~Graberg~ und ~Trommsdorff~, der die Wurzel untersuchte, nannte (1830) die Säure Valeriansäure. Alte Dissertationen über Valeriana sind: ~J. C. Spies~, De Valeriana, Helmst. 1724 und ~M. Alberti~, De Valerianis officinalibus, Hal. 1732 (I, S. 928 u. flgd.).
In der germanischen Götterlehre wird die Pflanze erwähnt. Die Göttin ~Hertha~ trug einen Baldrianstengel als Reitgerte (~Perger~). Im nordischen Altertum hieß sie Wielandswurz (s. oben S. 511). Im Volksglauben ist Baldrian ein kräftiges Schatzkraut gegen Hexen und Teufelszauber und gegen Elfenneid (~Schiller~, Tier- und Kräuterb. d. Mecklenb. Volk.). («Hättst du nicht Dosten und Baldrian, wöllt ich den Kragen dir umdrehet han», ruft der Hexenmeister). Der Bräutigam muß am Hochzeitstage einige Blätter der Pflanze bei sich tragen. Das Rhizom gilt aber als Antaphrodisiacum, mit Bibernell zusammen dann auch als Pestmittel «Baldrian und Bibernell, hält die Pestilenz zur Stell». (Das finnische rutto juuri bedeutet Pestwurz.) Nach ~Schambach~ wird beim Graben der Wurzel in Mecklenburg gesungen: «Balderjan! Most upestan, Most hengan, Most helpen allen Minschenkindern. Un allen Naversrindern!» (~Reling~ und ~Bohnhorst~). In Sachsen ist der Vers bekannt: «Trinkt Baldrian, sonst müßt ihr alle dran» (weiteres bei ~Söhns~). In Serbien lautet ein Spruch: «Dies kostbare Kraut zu vernachlässigen warnt die vila» (~Grimm~). Baldrian ist auch Bestandteil einiger Pestlatwergen.
Im Mittelalter und dem Beginn der Neuzeit scheint der Baldriangeruch beliebt gewesen zu sein, da der Baldrian zum Parfümieren von Zimmern, Kleidern und Wäsche benutzt wurde (~Turner~, New Herball 1568, ~Langhans~, Garden of Health 1633), ähnlich wie im Altertum V. celtica L. und Nardostachys Jatamansi ~Dc.~ (s. unten). In England wurde B. in früheren Zeiten setwall (sonst auch für Zedoaria benutzt) genannt und viel gebraucht. ~Gerarde~ bemerkt in seinem Herball (1567), daß die ärmeren Klassen in Nord-England keine Speise ohne B. bereiteten (~Hanbury~). Also auch der Geschmack muß beliebt gewesen sein.
=Paralleldrogen.= Von dem +Indian and Colon. addend. to Brit. Pharm.+ (I, S. 22) wird als Ersatz der V. officin. auch das Rhizom von Valeriana Wallichii ~Dc.~ (V. villosa ~Wall.~, V. Jatamansi ~Jones~, V. Spica ~Vahl~), in Indien: dálá, wálá, bálá, tagar (weitere Namen in Pharmac. indic.) -- zugelassen, die von Kashmir bis Bhután bis zu Höhen von 10000 Fuß und in den Khásiabergen vorkommt (Dict. econ. prod. India). Die stark nach Baldriansäure riechende Wurzel liefert c. 1% äther. Öl und enthält 3,13% Gerbstoff, 6% Zucker, 14% Stärke und 1% Harz (~Lindenberg~, Pharm. Zeitschr. f. Rußl. 1886).
Ähnlich wie diese wird das Rhizom von Valeriana Hardwickii ~Wall.~ (V. tenera ~Wall.~, V. javanica ~Bl.~, V. acuminata ~Royle~) in Indien: tágger, die Wurzel: ásárun, die an den gleichen Standorten wie V. Wallichii vorkommt und auch sehr hoch (bis 12000 Fuß) steigt, aber wohl nur eine Form der V. offic. ist, benutzt. Es soll dies die +syrische Narde+ der Alten (s. unten) gewesen sein (~Adams~).
~Bidie~ (Pharm. ind.) empfiehlt als Baldrianersatz ferner die in den Nilagiris wachsende, bei der Destillation viel Baldriansäure gebende Valeriana Brunoniana, (Pharm. indic.).
~O’Shaughnessy~ bezeichnet (Bengal Disp.) als einen brauchbaren indischen Ersatz des Baldrian auch Nardostachys Jatamansi ~Dc.~ (Patrinia Jatam. ~Don.~, kaum von N. grandiflora ~Dc.~ zu trennen) -- in Indien: Jatamánsi (sansc.) báluchar, bhutakesi (= Teufelshaar), arab.: sumbulul-aa sáffir (bei ~Ibn Baithar~: sambal). Es ist dies die =echte indische Narde= (Nardus indica, Spica Nardi, sunbul hindi, sennbol (arab.), nerd (hebr.), die in den nordindischen Gebirgen (Himalaya), besonders in Nepal, Kumaon und Bhutan bis 17000 Fuß hoch steigt. Aber deren von faserigen Niederblattresten umhülltes Rhizom riecht nicht nur nach Baldriansäure, sondern auch nach Moschus und Patchouli. Wegen dieses eigenartigen Geruches wurde diese Narde im Altertum viel zur Bereitung wohlriechender Salben (νάρδος πιστική = echte +oder+ flüssige Narde ~Tristram~) zur Salbung des Körpers (vgl. I, S. 1014) benutzt, wie wir aus der Bibel und ~Horaz~ erfahren. Sie dient noch heute (mit Galgant, Prunus Mahaleb, Andropogon muricatus, Pogostemon Patchouli u. and.) zur Bereitung des von den indischen Frauen benutzten Haarwaschwassers Angalepan (Pharmac. indica) -- war aber auch bereits bei den Hippokratikern Heilmittel. Sie wurde schon von ~Plinius~ von der +unechten Narde+ (Ozaenites vom Ganges) und dem +Pseudonardus+ (Nardus italica = Lavendel) unterschieden. Später diente zu gleichem Zwecke die in den südlichen und östlichen Alpen wachsende, bei den Alpenbewohnern als Speik bekannte +römische oder keltische Narde+ oder Saliunca, Nardus ex Apulia (Valeriana celtica. L.), die auch ein Bestandteil des Mithridats (bei ~Avicenna~) war, der die keltische gut von der indischen unterschied. Zum gleichen Zweck diente auch die +Moschuswurzel+ von Ferula Sumbul. Aber auch _Andropogon_arten (Schoenos, indisches Gras) wurden bisweilen als indische Narde bezeichnet, galten aber schon im Altertum nicht als echte Narden.
Die indische Narde wird schon in Susrutas erwähnt. Der Autor von ~Makhzan el-Adwiya~ vergleicht sie mit dem Schwanze des Zobels. Es ist zweifelhaft, ob νάρδος aus dem iranischen (npers.: nârd) oder dem semitischen (hebr.: nêrd) Kulturkreise stammt. Alle Ausdrücke gehen auf das indische nálada (schon in Atharvaveda als Aromapflanze genannt). ~Periplus~ nennt νάρδος als Exportartikel indischer Häfen. ~Alexander~ traf die Pflanze in Gedrosien (~Arrian~, Anabasis VI, 22). Durch die Bibel verbreiteten sich got. nardus, ahd. narda (~Schrader~). ~Dioskurides~ kennt außer νάρδος (νάρδου στάχυς ~Galen~, Spica nardi ~Plinius~, Nardos ~Arrian~, Nardifolium ~Columella~), von der er eine aus Gebirgen stammende «syrische» (aber nicht in Syrien gesammelte), eine von dem Tale des Ganges exportierte (Gangitis) und eine sampharitische (wohl +über+ Arabien kommende) unterscheidet (er weiß, daß die Gebirgsnarde die beste ist) noch: νάρδος κελτική (von Ligurien und Istrien) und ν. ὀρεινή (aus Cilicien und Syrien). Die syrische (d. h. hier indische) Narde ist jedenfalls Nardostachys Jatamansi, die vom Ganges vielleicht ein Andropogon (nach anderen Nardostachys grandifol.), die keltische: Valeriana celtica, die Bergnarde wohl V. tuberosa. Was die sampharitische ist, ist unklar. Des ~Plinius~ Gallische Narde (s. oben S. 525) ist vielleicht Valeriana saxatilis (~Sprengel~). ~Scribonius Largus~ nennt die keltische Narde Saliunca, ~Columella~ Nardum celticum. Im Liber de simpl. ad Paterniam stehen die Namen: Salvicula, Saliunca und Saloincha. ~Scribonius Largus~ bemerkt, daß Nardus indica, celtica und italica, Spica nardi (Lavendula?) und indisches Gras ähnlich riechen, was ich aber nicht finden kann. Auch ~Celsus~ (I, S. 587) kennt indische, syrische und gallische Narde. Narde steht sowohl im Periplus (I, S. 535) wie in der Alexandrinischen Zolltafel. In der mittelalterlichen Literatur wird die echte Narde nur noch einmal unter den Räuchermitteln beim Einzug ~Heinrich~ VI. in Rom erwähnt (~Flückiger-Hanbury~). In den Destillierbüchern (z. B. ~Brunschwyg~) ist sie nicht mehr genannt, wohl aber Spikenard und Spica (~Hoffmann~). Die echte Narde kommt hier und da noch nach London und die keltische Narde wird noch jetzt in den schweizerischen und italienischen Alpen gesammelt und von Triest nach dem Orient exportiert (~Flückiger~).
Als Paralleldroge kann kaum gelten das wenig aromatische Rhiz. valerianae majoris von Valeriana Phu L., einem als Gartenpflanze da und dort (Schlesien, Livland) kultivierten, in Armenien, Kaukasien, dem Ural und Südsibirien einheimischen Gewächs, wohl aber alle oben (S. 512) angeführten, zur Sectio Officinalis gehörenden Arten (bez. Varietäten), besonders die V. angustifolia (V. offic. var. angustifolia ~Miq.~) Japans (kesso, kisso, kanoko-so), mit kurzem, reich bewurzeltem Rhizom -- seit 1879 im Handel. In Frankreich wird durch die Herboristen oft Val. excelsa ~Poir.~ gesammelt (~Camus~ 1901). Ferner sei erwähnt die Valeriana mexicana ~Dc.~ (s. oben), neben welcher in Mexico auch V. ceratophila HBK. und V. toluccana ~Dc.~ medizinisch benutzt und bisweilen nach Europa gebracht werden (~Holmes~). Weitere, ähnlich wirkende _Valeriana_arten in ~Dragendorff~, Heilpflanzen und in ~Planchon-Collin~, Drogues simples 1896.
=Lit.= ~Gildemeister-Hoffmann~, Äther. Öle, II. Aufl., S. 208. -- Abbild. der indischen Narde: ~Royle~, Illustrations of the Himalayan Bot. t. 54 (kopiert bei ~Nees~). -- ~Jones~, On the spikenard of the ancients Transact. Asiat. Soc. Bengal. Calcutta 1889. -- ~Roxburgh~, ebenda. -- ~Flückiger-Hanbury~, Pharmacogr. -- ~Flückiger~, Pharmakogn. -- ~Dymock~, Mat. med. West. Ind. -- ~Tristram~, Nat. history of the bible. -- Pharmacogr. indica. -- Dict. econom. prod. of India. -- ~Guibourt~, Hist. nat. d. drog. (dort Näheres über die Narden, auch Abbild.). -- ~Schrader~, Reallex. d. indogerm. Altert.
IV.
Die Produkte der Oxydation der Hexosen sind Glukonsäuren (Hexonsäuren), z. B. Glukuronsäure (S. 77), Glukonsäure, Zuckersäure (S. 77), Schleimsäure (S. 282), bei stärkerer Oxydation tritt aber Zerfall ein und es entsteht Glykolsäure, Oxalsäure, Traubensäure, Weinsäure. Schon ~Scheele~ beobachtete (1776), daß bei der Oxydation von Zucker Oxalsäure auftritt. Bei der Aufspaltung des Zuckers bei der alkoholischen Gärung (?) und der intramolekularen Atmung entsteht aber auch +dl-Milchsäure+ (α-Oxypropionsäure), CH₃.CH(OH).COOH, die sich zuweilen im Wein findet und bei der intramolekularen Atmung der Zuckerrübe sich bildet und die in größerer Menge bei der Milchsäuregärung des Trauben-, Milch- und Rohrzuckers auftritt.
Die +Glykolsäure+ (Oxyessigsäure), CH₂OH--COOH, findet sich im Zuckerrohr und kommt auch im Rübensaft und unreifen Trauben vor. Sie liefert oxydiert zunächst die in unreifen Früchten (Wein, Stachelbeeren und Äpfeln) vorkommende +Glyoxylsäure+: COH--COOH, dann +Oxalsäure+: COOH--COOH.
Die =Oxalsäure= ist bei den Pflanzen und auch den Drogen weit verbreitet (~C. Schmidt~, ~Bayley~, ~Payen~, vgl. die Zusammenstellung in ~Czapek~, Biochemie), besonders als Calciumoxalat, das zuerst ~Scheele~ (1785) im Rhabarber auffand, das die Mikroskopiker aber schon früher gesehen hatten (I, S. 341), und von dem besonders die Flechten reichliche Mengen, bis zu 66% des Trockengewichtes (Lecanora esculenta), enthalten. Oxalsäure tritt auch als saures Kaliumsalz auf (in Oxalis-, Rheum- und _Rumex_arten).
An die Oxalsäure schließen sich dann an:
COOH | COOH CH₂ COOH COOH | | | | COOH CH₂ CH₂ (CH₂)₆ (CH₂)₇ | | | | | COOH COOH COOH COOH COOH
Oxalsäure Malonsäure Bernsteinsäure Korksäure Azelainsäure
von denen besonders die =Bernsteinsäure= in unreifen Früchten (Wein, Stachelbeeren, Johannisbeeren, Äpfeln, Bananen), aber auch in _Atropa_blättern, Rhabarberstielen und in der Zuckerrübe, sowie als Harzester (~Tschirch~ und ~Aweng~) im Bernstein vorkommt und endlich die sich an die Bernsteinsäure anschließende Gruppe der Oxysäuren:
COOH COOH COOH | | | HCH HCOH OHCH | | | HCH HCH HCH | | | COOH COOH COOH
Bernsteinsäure d-Apfelsäure l-Apfelsäure | | +-----------+------------+ | Racemische Apfelsäure
COOH COOH COOH | | | HCOH OHCH HCOH | | | OHCH HCOH HCOH | | | COOH COOH COOH
d-Weinsäure l-Weinsäure Mesoweinsäure | | +----------+-----------+ | Racemische Weinsäure
Die von ~Scheele~ (I, S. 968) entdeckte =Apfelsäure= (~Donovans~ Acide Sorbique) ist als l-Apfelsäure weit verbreitet (~Braconnot~, Übersicht bei ~Czapek~). Sie findet sich meist gebunden, aber auch frei, besonders reichlich in den Vogelbeeren (~Vogel~, ~Houton Labillardière~, ~Liebig~), den =sauren Äpfeln=, -- und dem daraus dargestellten =Extractum ferri pomati= --, dann auch in Kirschen, Pflaumen, Weintrauben, Heidelbeeren, Ananas, den Beeren von Hippophaë, und Berberis, den Blättern des Tabak (~Vauquelin~), des Chelidonium majus und Rheum (3,5% saures Malat), dem Euphorbium (25% Calciummalat, ~Tschirch~ und ~Paul~) und in vielen Pilzen (z. B. Polyporus officinalis). Besonders reichlich ist Apfelsäure aber in den Blättern der Crassulaceen (25-30% des Trockengewichtes) enthalten; die hier vorkommende Säure soll aber eine vierte stereoisomere, rechtsdrehende Form sein, die mit keiner der übrigen übereinstimmt (~Aderson~).
Von den ungesättigten niederen Fettsäuren interessieren uns nur:
HC--COOH COOH COOH || | | COOH--CH und CH CH₂ \\ / +Fumarsäure+ C | COOH
+Aconitsäure+
von denen die erstere in Pilzen häufig ist, und auch z. B. in Cetraria islandica (S. 268), aber auch in Phanerogamen (Fumariaceen, Papaveraceen) vorkommt, die andere in Rüben und Ranunculaceen (Aconitum, Adonis, Delphinium) vorkommt. «Vielleicht begleitet sie ständig die verwandte Citronensäure» (~Euler~).
V. Weinsäuredrogen.
Ganz außerordentlich verbreitet ist die +Weinsäure+, zwar nicht die l-Weinsäure, auch nicht die Mesoweinsäure und die Traubensäure (racemische oder d + l Weinsäure), wohl aber die +d-Weinsäure+ (α²⁰_{D} = +15,06°, F. 170°), die zuerst ~Scheele~ (1769) aus Weinstein isolierte. Sie findet sich -- vornehmlich gebunden -- in den Weinbeeren (S. 40), den Maulbeeren, Tamarinden, Ananas, Gurken und vielen anderen Früchten, Wurzeln, Blättern und Zwiebeln (revisionsbedürftige Übersicht bei ~Husemann-Hilger~), aber wohl kaum, wie ~Hilger~ (a. a. O.) meint, «im Zellsafte aller entwicklungsfähigen Pflanzenteile».
Das beste Material zur Darstellung der d-Weinsäure ist noch heute der =rohe Weinstein=, der als Droge in den Handel kommt. Er bildet gelbliche und rötliche Krusten, die zur Reinigung zunächst in siedendem Wasser gelöst werden. Die geklärte Lösung wird mit Tierkohle und Ton entfärbt und zur Kristallisation gebracht. Aus dem so entfärbten Weinstein wird die Säure mit Schwefelsäure abgeschieden.
Pulpa Tamarindi.
=Syn.= Fruct. tamarindi, Siliquae indicae -- Rohes Tamarindenmus -- pulpe brute de tamarins (der Baum: tamarinier de l’Inde) (franz.) -- tamarind (der Baum: tamarind tree) (engl.) -- tamarinde (holl.) -- tamarindo (ital.) -- tamarinda (ung.) -- tamarindi (fin.) -- ὀξυφοῖνιξ (griech.).
=Arab.=: tamr hindī, andeb (in +Cordofan+: ardeb), humar, sabárá. -- +pers.+: anbalah -- in +Indien+: amli, imli (hind.), chintz (bomb.) puliyam-pazham (tam.) tentul (beng.) -- im Sanscrit: tintidi, amlikā (weitere in ~Watt~, Dict. ec. pr.) -- +mal.+: asam manies oder a. djawa, asem (asem kerandji ist Dialium indum), kamal. -- bei den späteren Griechen: βελφηνικήα τεμαρέντι. -- Bei ~Alhervi~ (I, S. 601) tamr ulhindî (pers.) -- In dem Lehrgedichte des ~Otho Cremonensis~ (XIII. Jahrh., vgl. I, S. 627) und bei ~Serapion~ (I, S. 607): thamarindus. -- Bei ~Ibn Baithar~ (I, S. 608) stehen außer Tamr hindi auch die Namen: subâr (für den Baum: subâri), humar, hamar (auch für Asphalt benutzt!), hamar heißt im Arab. rot (~Marti~). Deutet wohl auf die Farbe der Früchte. -- Bei ~Abu Hanifa~: elhumar -- bei ~Constantinus Afrikanus~: Oxyfoenicia sunt dactyli Indiae. -- Auch in der Alphita und bei ~Bartholomaeus~ (I, S. 655) findet sich Oxi fenica (fincon, inde dactilus indicus vel tamarindus) = dactalus acetosus und auch in Circa instans (I, S. 637), bei ~Joh. Actuarius~ und in den mittelenglischen Medizinbüchern aus dem XIV. Jahrh. (I, S. 683) steht Oxyfenica. Der Ausdruck (= palmae acidae) blieb bis ins XVII. Jahrh. erhalten (~Flückiger~). Im Mittelalter und noch bei ~C. Bauhin~ auch: Siliqua arabica (Siliqua syriaca ist Ceratonia) -- bei ~Rumpf~: Tamarindus C. Bauhini, Tamar sive dactylus Indorum, Palmula indica et deresilde Arabum -- in Brasilien: Jutay (~Piso~). -- Tamarindus auch bei ~Ray~, ~Alpini~ und ~Tournefort~ -- bei ~Rheede~: balam pulli.
=Etym.= Tamarindus von arab.-pers. tamr (tamar chald. u. hebr.) = Palma (Dattel) und hindi = indisch, also indische Palme (Dattel) (so schon von ~Garcia da Orta~ erklärt). Vielleicht auch tamr = Frucht überhaupt (~Pereira~) -- οξυφοίνικα, Oxifenica = Sauerdattel (φοῖνιξ = Dattel, hier nicht = rot, wie ~Lémery~ will). -- Der Malaie drückt im Namen: Asam (= sauer), manies (= süß) sehr charakteristisch den Geschmack des Fruchtmuses aus.
=Stammpflanze und systemat. Stellung.= =Tamarindus indica= L., Gen. pl. I, 581 (Rumph. herb. amb. 2, 90 t. 23), nebst der in Westindien kultivierten kleinfrüchtigen, wenigsamigen, herben Var. occidentalis (T. occidentalis ~Gärtner~) -- auch die javanische T. ist kleinfrüchtig (~Tschirch~). Der Autor des Makhzan el Adwija beschreibt zwei indische Arten: die rote süßere, kleinsamige Guzerat-Varietät (die bessere) und die gewöhnliche rötlichbraune. Diese werden in Indien noch jetzt unterschieden. ~Roxburgh~ und ~De Candolle~ unterscheiden T. occidentalis ~Dc.~ und T. indica ~Dc.~ als Arten.
+Leguminosae+, Caesalpinioideae -- Amherstieae (die Gattung Tamarindus hat nur eine Art).
=Beschreibung der Stammpflanze.= Die Tamarinde ist ein immergrüner Baum, der eine Höhe von 25 m erreicht (Taf. XIII) aber langsam wächst. Er braucht viel Licht und ein dauernd warmes, tropisches Klima, nimmt aber, da tiefwurzelig, mit relativ trockenem Boden fürlieb. «Sein schöner, ebenmäßiger Wuchs, die dichtbelaubte und infolge der feingefiederten Blätter doch lichte und reichgegliederte Krone, die den Boden in weitem Umkreis beschattet, die weitausladenden Äste und der elastische, aber feste Stamm geben dem schönen Baum ein prächtiges Aussehn (Taf. XIII). Kraftvoll und doch zierlich, ist er eine herrliche Zierde der Landschaft vollends dann, wenn er im Schmucke seiner zahlreichen wohlriechenden, feingeaderten Blüten prangt oder mit tausenden rehbrauner, an langem Stiele herabhängender Fruchthülsen beladen ist» (~Tschirch~, Indische Heil- und Nutzpflanzen). Ich traf in Java aber oft Tamarinden ohne Blüten und dann wieder solche mit nur spärlichen. Auch ~Rumphius~ sagt: «Flores sunt rari et vagi». Auf den Blattreichtum geht die griechische Bezeichnung δένδρον πολύφυλλον (bei ~Theophrast~) und in Java sagt man: «Er hat Schulden wie der Tamarindenbaum Blätter.» Der bis 8 m im Umfang messende Stamm hat ein sehr geschätztes Holz, das von Insekten nicht angegangen wird.
Die alternierenden +Blätter+ sind paarig gefiedert, 10-20 jochig, die fast sitzenden, ganzrandigen Fiederblättchen 12-20 mm lang, lineal-länglich, abgerundet gestutzt oder ausgerandet, ungleichhälftig, unterseits blaugrün, die häutigen Nebenblättchen hinfällig. Die Blätter zeigen Schlafbewegung (s. unter Geschichte). Die zygomorphen, hermaphroditen +Blüten+ stehen in endständigen Trauben. Das enge, röhrige, kreiselförmige Receptaculum ist mit dem drüsigen Discus ausgekleidet, der vierzählige +Kelch+ in der Knospe dachig. Von den vier, dem Rande des Receptaculums inserierten, weißlichen, dann blaßgelblichen und abfallenden, häutigen Kelchblättern sind die beiden oberen (hinteren) zu einem breiten, fast ovalen Blatte verwachsen, die beiden unteren (vorderen) sind länglich. Von der ursprünglich fünfzähligen +Corolle+ sind die zwei vorderen Blätter zu pfriemenförmigen Spitzchen abortiert, von den drei hinteren (oberen) ist das mittlere schmäler, fast sitzend und etwas kahnartig zusammengelegt, die beiden seitlichen breit genagelt, alle drei weiß und rot geadert, etwa gleich groß, wellig gekerbt. Von den neun zu einer, oberseits offenen, Scheide verwachsenen +Staubfäden+ sind nur die drei vorderen Kelchstamina fertil, die anderen sechs als spitzchenförmige, an der Spitze der Scheide sitzende Staminodien entwickelt. Der gestielte einfächerige Fruchtknoten trägt einen, wie die Stamina, bogenförmig gekrümmten Griffel mit kleiner gestutzter Narbe und enthält eine ganze Anzahl Ovula (Fig. 172). Die +Frucht+ hängt an einem mehrere Zentimeter langen Stiel. Sie wird sehr verschieden lang (selten über 15 und bis 20 cm, meist viel kürzer, besonders bei den kleinfrüchtigen Sorten). Sie ist länglich, kurz und scharf zugespitzt, meist etwas gekrümmt und mäßig zusammengedrückt, an den Stellen, wo die Samen liegen, meist etwas aufgetrieben, oder gar infolge von Einschnürungen knotig gegliedert. Sie ist ein nicht aufspringendes Legumen, dessen Bauchnaht kaum deutlich hervortritt, mit gelbbraunem oder hellbraunem, fast warzig-rauhem, sehr zerbrechlichem, etwa 0,5 mm dickem Exocarp, das außen bisweilen auf hellem Grunde ein feines dunkles Netzwerk erkennen läßt. Das Mesocarp ist ein weiches Fruchtmus, an dessen äußerem Rande auf der konkaven Rückenseite der Frucht ein derbes Bündel bis zur Spitze verläuft, während auf der konvexen Bauchseite zwei starke und 2-4 zwischen diesen liegende schwächere Bündel verlaufen (Fig. 174), von denen aber nur die stärkeren die Spitze der Frucht erreichen, die 2-4 schwächeren aber meist schon vorher blind endigen. Von allen gehen fast in rechtem Winkel Sekundärnerven ab, die zu Anastomosen führen. Dieses Bündelsystem läßt sich bei der trockenen Frucht oft als grobfaseriges Netzwerk in toto vom Mesocarp außen ablösen. Das Endocarp ist als papierdünne zähe Pergamenthaut entwickelt und zwischen den Samen gefächert. Es kleidet die 1-12 ovalen Fächer der Hülse aus, die innen bisweilen spiegelglänzend erscheinen und je einen glänzend rotbraunen, der Bauchnaht angehefteten, endospermfreien Samen einschließen (Fig. 173).
Früchte bildet die Tamarinde vom zehnten Jahre an. In Java blüht der Baum im November und Dezember zu Beginn der Regenzeit. Die Früchte sind dort im Februar vollreif, was man an der Brüchigkeit des Epicarps erkennt. Sie werden mit Bambusstangen abgeschlagen, was ohne Schwierigkeit möglich ist, da der Fruchtstiel sehr spröde ist (~Tschirch~). In Vorderindien blüht T. im April und Mai. Ein Baum liefert dort 5-6 maunds (c. 412-494 lbs.) Früchte. In Westindien sind die Früchte im Juni bis August reif (~Hooper~). Die Eingeborenen Vorderindiens betrachten die Ausdünstungen des Baumes als schädlich. ~Semler~ empfiehlt, die Früchte mit der Hand oder die nicht erreichbaren mit einer sog. Pfropfreiserschere zu pflücken.
Die Tamarinde ist ursprünglich im tropischen Afrika bis südlich zum Sambesi einheimisch. Der Baum durchzieht das Gebiet des Senegal, des Niger, Angola und des Tsad-Sees, geht in die Nilländer, durch den äußersten Nordosten Afrikas nach Mosambik bis ungefähr 24° s. B., während er seine Nordgrenze bei ungefähr 14½° n. B. am weißen Nil (nach ~Schweinfurth~ schon bei 12° n. B.) erreicht (~Flückiger~). Er wurde aber sehr frühzeitig nach Arabien, Indien, Cochinchina, den Philippinen, Java, wie überhaupt nach Südasien gebracht und ist vielleicht sogar dort wie in Nordwest-Australien (~F. von Müller~) schon ursprünglich heimisch. Nach Tahiti kam T. schon durch ~Cook~. Nach dem tropischen Amerika, besonders nach den Westindischen Inseln, Mexiko, Ecuador, Guayaquil, Brasilien, Argentinien ist die T. durch die Europäer im XVI. Jahrh. gebracht worden, hier hat sich eine Varietät (s. oben) entwickelt. ~Dymock~ glaubt, daß die T. in Süd-Indien einheimisch ist. ~Brandis~ bezweifelt es. Die Pflanze hat jedenfalls viele einheimische indische Namen. ~Crawfurd~ hält sie auch für in Java einheimisch. Sie hat eigene malaiische Namen und spielt im Volksleben eine Rolle. Ich habe sie wild in Java nicht angetroffen. Eigentliche Anpflanzungen, Tamarindenwälder, traf ich nirgends in Süd-Asien, dagegen sehr oft den Baum in Alleekultur (I, Fig. 34) und auch wohl in den Kampongs (Taf. XIII). Dies gilt auch für Vorder-Indien (frequently planted in avenues and topes, ~Hooper~ 1907). Einer der größten Plätze der Erde, der Koningsplein in Batavia, ist von einer Tamarindenallee umgeben. T. ist ein vorzüglicher Schattenbaum. Jetzt ist T. durch Kultur über alle tropischen Länder der Erde verbreitet, aber Versuche, bessere Spielarten in der Kultur zu erzielen, sind nirgends gemacht worden (~Semler~).
=Lit.= ~Taubert~ in Engler-Prantl. -- ~Luerssen~, Med. pharm. Bot. -- ~Roxburgh~, Flor. Ind. III, 215. -- ~Brandis~, Forest flor. northw. a. centr. India 1874, 163. -- ~Bentham~, Flor. austral. II, p. 294. -- ~Oliver~, Flor. trop. Africa II, 308. -- ~Ficalho~, Plantas uteis da Africa portugueza Lisboa 1884. -- ~Crawfurd~, Dict. of Ind. islands 1856, 425. -- ~Hooper~, Tamarindus Agric. Ledger 1907, Nr. 2. -- ~F. v. Müller~, Not. s. 1. végét. de l’Australie. Melb. 1866. -- ~Macfadyen~, Flora of Jamaica 1837, 335. -- ~M. Pérez Maciel~, Bot. Min. Agr. Buenos Aires 3 (1905), 110. -- ~de Clercq~, Nieuw plantkund. wordenboek. Nederl. Ind. 1909. -- Die Kultur ist beschrieben in ~Semler~, Tropische Agrikultur II, 209. -- +Abbild.+: ~Tschirch~, Ind. Heil- u. Nutzpfl. t. 49 u. 50, ~Berg-Schmidt~, Atlas I. Aufl. t. 9, ~Pabst-Köhler~, Medizinalpfl., t. 131, ~Nees~, plant. med. t. 343, ~Hayne~, Arzneigew. X, t. 41, ~Bentley-Trimen~, Med. plant. t. 92, ~Woodville~, t. 161, ~Bot. Mag.~, t. 4563, ~Taubert~ in Engler-Prantl, Pflanzenfam. III, 3, Fig. 79 und vielfach anderwärts. -- Die ersten Abbildungen der T. finden sich in ~Bontius~, Histor. nat. Indiae 1658 (I, S. 897) und bei ~Piso~ (I, S. 893). -- ~Rheede~ bringt (Hort. malabar. I, t. 23) unter Balam pulli s. Maderam pulli (braman.: sinza) eine gute zweifarbige Abbildung eines fruchttragenden Zweiges, daneben Blüte und Samen sowie eine ausführliche Beschreibung. -- ~Rumpf~ (Herb. Amb. 2, 90) gibt unter Tamarindus (= Assam djava) eine sehr ausführliche Beschreibung und auf Taf. XXIII eine gute Abbild. eines blühenden Zweiges mit Frucht u. Samen. -- Ältere Beschreibungen: ~Ray~, histor. plant. p. 1748. -- ~Sloane~, Cat. pl. Jam. p. 147 (Synonyme). -- ~Marcgraf~, Bras. hist. p. 107.
=Pathologie.= Den größten Schaden richten an der Tamarindenernte die Affen an, die «reinen Tisch» zu machen pflegen; dann Papageien und andere Vögel, Eichhörnchen und fliegende Füchse, weniger Insekten (~Semler~).
=Gewinnung und Handelssorten.= Pulpa tamarind. kommt besonders aus Ostindien und Westindien in den Handel. Die Levante scheint nichts von Bedeutung mehr in den Großhandel zu liefern, wenigstens fanden sich 1911 im deutschen Handel weder levantinische noch ägyptische Tamarinden, die zu ~Pomets~ Zeit im Handel vorherrschten. Die in Deutschland gebräuchlichen +ostindischen+, braunen «Calcutta» (black tamarinds) sind dunkelbraun oder fast schwarz und fest, nicht feucht, die in England vorgezogenen +westindischen+ (red tamarinds) heller, gelbbraun oder rotbraun, oft feucht und weniger sauer. Die Endocarphüllen sind bei der westindischen Tamarinde nicht so lederartig, wie bei der ostindischen, die Farbe des Muses und des wässrigen Auszuges heller, der Samengehalt höher, die Gefäßbündel länger und dicker, der Geschmack süßer, die Samen sitzen oft noch zu 2-4 in der Hülle (~Brunner~).
Im deutschen Handel fanden sich 1911 +Calcutta+- und +Madras+-Tamarinden und in kleineren Mengen die +westindischen Barbados+. Die beiden ersteren Sorten, von denen Calcutta meistens die bessere Qualität ist [sie findet sich in Fässern (Oxh.) zu c. 250-350 kg], werden in der Hauptsache zum Ansetzen der +Kautabaksaucen+ gebraucht, gehen aber auch in sehr großen Posten nach +Süddeutschland+, der +Schweiz+ und +Italien+, um dort zur Herstellung von +Fruchtsäften+ verwendet zu werden. Für +medizinische+ Zwecke dürften +Madras+- (in Fässern zu c. 200 kg) und Calcutta-T. weniger verwendet werden, eine größere Verwendung für derartige Zwecke, in der Hauptsache als Abführmittel, finden die +westindischen Barbados-Tamarinden+, die aber von deutschen Firmen fast garnicht, sondern ausschließlich von englischen Firmen in den Handel gebracht werden (~Caesar~ und ~Loretz~).
Der indische Markt unterscheidet mehrere Qualitäten, je nach dem Gehalt an Schalen, Samen und Fasern. Die guten Sorten werden einem Nachreifungsprozeß an der Sonne unterworfen. Die Tamarinden müssen, um ein +schönes Aroma+ aufweisen zu können, genügend lange in Indien liegen bleiben, damit der richtige +Gärungsprozeß+ im +Produktionsland+ stattfindet. Je früher die Verladung der Tamarinden von Calcutta erfolgt, desto weniger haltbar ist meistens die Ware, und auch das Aussehn der zu früh verschifften Ware ist +nicht dunkelbraun, sondern fuchsig+ (~Caesar~ und ~Loretz~). +Erst durch diesen Gärungsprozeß wird also das frisch hellrotbräunliche Fruchtmus schwarz.+ In Indien wird das von dem Epicarp und den Samen befreite Mus oft mit 10% Salz gemischt und mit den Füßen zu einer gleichmäßigen Masse geknetet. Diese Pulpa gelangt nicht zur Ausfuhr nach Europa. In Guzerat, Dekkan, Kontan wird das Fruchtmus bisweilen mit Seewasser zu einem breiigen Teig geknetet und dieser in Säcke verpackt (~Flückiger~). Mit Zucker werden ostindische Tamarinden nur selten präpariert. In Indien wird T. produziert in Nasick, Poona, Juneer, Kaira, Tullgaum. Am meisten geschätzt ist die Guzeratsorte. +Calcutta+ ist wichtigster Tamarindenhafen für den Export nach Europa, weniger Madras und Bombay. Bombay exportiert viel nach Sind, Persien und dem Roten Meer.
+Hamburg+ empfing 1909: 148600 kg (~Tunmann~); +Triest+ importierte 1903 noch 5039, 1904: 3217, 1908: 217, 1904 nur 4 quint Tamarinden.
In Westindien werden die Früchte von der Schale sorgfältig befreit, in Fässern übereinander geschichtet und kochender Sirup darüber gegossen bis das Faß voll ist (oder vorher zwischen die Früchte Zucker geschichtet, ~Wright~). Es ist auch nicht mit Zucker behandeltes westindisches Mus im Handel. Das westindische Tamarindenmus, das, da es keinem Gärungsprozeß wie das ostindische unterworfen wird, rotbräunlich gefärbt ist, gelangt in Fässern aus St. Kitts, Nevis, Antigua, Montserrat, Dominica, Martinique, Barbados, Grenada und Guayaquil vorwiegend nach London. Die brasilianischen Tamarinden werden besonders nach Nordamerika verschifft. Amerika importierte 1897 für 2699 Dollars Tamarinden.
Am oberen Nil (Cordofan, Sennaar, Darfur, Arabien) wird die Pulpa in bis 1 kg schwere Kuchen gepreßt, die an der Sonne getrocknet werden. Diese sind schwarz und fest und außen oft sehr unrein. Sie wurden früher bisweilen als +ägyptische+ Tamarinden im Handel angetroffen und kamen über Alexandrien nach Marseille, spielen jetzt aber nur im afrikanischen Binnenhandel eine Rolle. Ähnliche Kuchen formt man in Senegambien und Arabien. Auf den Märkten in Java und Singapore traf ich sowohl die ganzen Früchte, wie das zu Kuchen vereinigte, in Pisangblätter eingeschlagene Fruchtmus.
=Lit.= ~Flückiger-Hanbury~, Pharmacographia. -- ~Dymock~, Veg. mat. med. West. Ind. -- Pharmac. indic. -- ~Wright~, Med. pl. of Jamaica. -- ~Lunan~, Hort. Jamaicens. II (1814), 224.
=Beschreibung der Droge.= Die Droge bildet ein nicht sehr appetitlich aussehendes, entweder schwarzbraunes oder schwarzes (Calcutta-T.) oder rotbraunes (westindische T.) Mus, das hauptsächlich aus dem weichen, aber bald hart werdenden Mesocarp (Sarcocarp) der Frucht, das sich schon beim Trocknen der Frucht vom Epicarp ablöst, besteht und in das einmal die derben Mesocarpbündel, dann die papierdünnen, die Fruchtfächer auskleidenden Endocarptaschen und endlich die Samen eingebettet sind. Alle diese Teile treten besonders beim Aufweichen des Muses deutlich hervor. Die Samen sind wenig regelmäßig, verkehrt-eiförmig, rundlich, fast viereckig, etwas zusammengedrückt, braunrot oder rotbraun, glänzend, bis 17 mm breit, bis 8 mm dick, mit schmaler Randfurche, die dem Nabelstreifen entspricht. Die Samen sind auch nach Einweichen in Wasser steinhart und nicht zu schneiden («pisa ipsius saxea fere sunt duritate», ~J. Bontius~ 1642), sägt man sie aber durch und legt sie in Wasser, so werden sie schneidbar und die äußere Schicht der Samenschale rollt sich an den Samenrändern (nicht im Mittelfelde!) in einzelnen sich kräuselnden Schuppen ab -- +eine für die Tamarindensamen höchst charakteristische+, anatomisch zu begründende Erscheinung. Das Mittelfeld ist etwas eingesunken und zeigt Parallelstreifen. Der etwas dickere Rand ist grobwarzig. Der Samenkern besteht fast nur aus den großen, hornigen, plankonvexen Cotyledonen, zwischen denen ein kleines, etwas zurückgezogenes Würzelchen und eine noch kleinere Plumula sichtbar wird. Das Durchschnittsgewicht der Frucht beträgt 6-10 g. Von 100 Teilen Frucht kommen 41 Teile auf das Fruchtfleisch, 30 Teile auf die Schale und 29 Teile auf die Samen (pulp: 55, seeds: 33.9, shell and fibre: 11,1, ~Hooper~). 100 Samen wiegen 75,88 g. Der Gehalt der Pulpa an Samen darf 10% nicht übersteigen. ~K. Müller~ fand 2 bis 9,8% (in nicht revisionsfähiger Ware 20,6 und 38%), ~Brunner~ 3,45-37% (in 15 von 21 Mustern unter 10%), ~Adam~ 7-8%. Werden 20 g gut durchgemischtes Tamarindenmus mit 190 g Wasser übergossen und durch zweistündiges Schütteln ausgezogen, so müssen beim Abdampfen von 100 g des Filtrates mindestens 5 g trockenes Extrakt bleiben (Ph. helv. IV). Der Droge dürfen nur geringe Mengen des Epicarps (äußere Hüllschicht, D. A. V) und nur wenige Pilzsporen beigemengt sein. Die Droge schmeckt schwach süßlich und stark sauer und riecht eigenartig (nicht dumpfig!). Man bewahrt sie in Steintöpfen auf. Sie wird leicht hart.
=Anatomie.= Die Fruchtknotenwand läßt noch die Bauchnaht erkennen, d. h. die Stelle, wo die Ränder des Carpells verwuchsen. Auf der Rückenseite liegt ein großes Bündel, die Mittelrippe des Carpells, gegen die Bauchnaht hin beiderseits je ein etwas kleineres und rechts und links von der Bauchnaht je zwei ganz kleine Bündel -- also im ganzen sieben, drei große, bis zur Spitze gehende und vier kleine kurze. Von diesen gehen dann später zahlreiche Zweige ab, die das Fruchtfleisch durchziehen. Die Innenwand wird später von Haaren ausgekleidet. Zwischen den Samenfächern unterbleibt diese Haarbildung und die Endocarpstreifen legen sich mit schwach papillöser Epidermis fest aufeinander (~Hällström~). Das +Epicarp+ der reifen Frucht (Fig. 175) besteht zum überwiegenden Teile aus kurzen drei-, vier- oder vieleckigen Sklereïden mit dicker gestreifter und reich getüpfelter Membran und verschieden großem, mit einer braunen, durch Eisenchlorid sich schwärzenden, in Kali aber kaum löslichen Phlobaphenmasse erfülltem Lumen. Außen ist es von einer abschülfernden Korkschicht bedeckt, die aus einem subepidermalen Phellogen hervorgeht, das die außerhalb liegenden Partien abstößt, wodurch die Zeichnung der Oberfläche der Frucht (s. oben S. 530) bedingt wird. In den äußersten kleinen Sklereïden und in dem zwischen die Sklereïden eingestreuten Parenchym finden sich bisweilen wohl ausgebildete monosymmetrische Kalkoxalatkristalle. Die Sklereïden liegen entweder zu Gruppen vereinigt oder isoliert. Die Fruchtschale ist daher in hohem Grade zerbrechlich. Nach Innen zu geht die Sklereïdenschicht in das lockere Parenchym der Mittelschicht der Fruchtschale, das +Mesocarp+, über, von dem einige Schichten der Schale anzuhängen pflegen, der übrige Teil ist samt den Samen von der Schale abgelöst und liegt als eine kompakte Masse im Innern des Ganzen, einen ziemlichen Zwischenraum zwischen sich und der äußeren Fruchtschale lassend. Diese Mittelschicht der Fruchtschale, das Mesocarp, bildet das sog. «+Fruchtmus+». Sie besteht aus vielen Zellreihen sehr zartwandiger, parenchymatischer Zellen. Ihre Wand wird durch Jod schwach gebläut (~Flückiger~). Betrachtet man das Mus der Droge unter dem Mikroskop in Glycerin oder Öl, so sieht man zahlreiche, meist infolge Pektinbildung in der Zwischenzellsubstanz mehr oder weniger isolierte, 80-160 mik. große Zellen, die einen braunen zuckerreichen Inhalt und häufig auch zahlreiche kleine, 1,5-18 mik. große Stärkekörner enthalten. Daneben findet man +drei+ Kristallformen: derbe, unregelmäßig ausgebildete, gestreckt-prismatische, tafelförmige und um einen Punkt angeordnete nadelförmige Kristalle (~Tschirch~). Besonders die großen Tafeln des erst in heißem Wasser löslichen Weinsteins treten gut hervor, die anderen Kristalle sind Weinsäure und Zucker, die sich schon in kaltem Wasser lösen. Gefäßbündel durchziehen besonders reichlich die äußersten Partien der Mittelschicht der Fruchtschale, so daß bei dem Ablösen der Mittelschicht von der äußeren Fruchtschale auf ersterer ein reich verzweigtes Netz zarter und gröberer Gefäßbündel oberflächlich aufzuliegen pflegt. Für die Entwicklung von Schimmelpilzen ist dieser feuchte Raum und der gute Nährboden sehr geeignet. Man findet denn auch dort oft zahlreiche Kolonien. Auch in den tiefer liegenden Partien finden sich Bündel. Dieselben sind jedoch meist zarter -- auch weniger zahlreich. Die oftmals von Kristallkammerfasern begleiteten Bündel der Tamarindenfruchtschale zeichnen sich durch einen oft ziemlich breiten Bastzellpanzer und viel Libriform aus, demgegenüber die wenigen getüpfelten und Spiral-Gefäße und der Siebteil nur einen kleinen Raum einnehmen. Das große Rückenbündel wird von relativ wenigen Bastzellgruppen begleitet, führt aber in dem mächtigen Holzkörper reichlich Libriform. Auch sein Siebteil ist stark entwickelt (~Hällström~). Der innerste Teil der Fruchtschale, das +Endocarp+, das die Samenfächer als Pergamenthaut auskleidet, ist dreischichtig. Unmittelbar an das Mesocarp nach innen zu schließt sich ein drei- bis fünfreihiger Bastzellpanzer, dessen tangential gestreckte, bis 300 mik. lange, bis 18 mik. breite Zellen ziemlich stark, aber ringsum gleichmäßig verdickt, und mannigfach verbogen, also fest miteinander (gegen tangentialen Zug) verzahnt sind. Diese Bastzellen besitzen große, linksschiefe Spaltentüpfel. An diese Schicht schließt sich eine Zone dünnwandiger Zellen und an diese die silberglänzende, jedes einzelne Samenfach rings auskleidende Haut, die von außerordentlich langgestreckten dünnen, hin und her gebogenen und miteinander verfilzten Zellen (Fig. 175 u. 177) gebildet wird, die sich in der Nähe der Querwände der Samenfächer oft zu einzelnen Fäden isolieren, so daß sich dort ein zartes, durchbrochenes Netz langer Zellen von einer Seite zur anderen spannt. Diese Schicht geht aus den die Fruchtknotenhöhle auskleidenden Haaren hervor (~Trémeau~). Calciumoxalat (~Flückigers~ Quarzkörnchen?) findet man außer in den Kristallkammerfasern der Bündel (s. oben) auch in der an die Pergamenthaut angrenzenden Schicht des Mesocarps, weniger im übrigen Mesocarp (~Hällström~).
Die Samen werden von einer Testa umhüllt, deren äußerste Schicht aus c. 190 mik. langen und 8-11 mik. breiten, radial gestellten, mit spaltenförmigen Lumen versehenen Palissadensklereïden gebildet wird. Diese Sklereïdenschicht ist an dem Rande des Samens einreihig. Die Zellen besitzen hier eine sehr gegen Wasser empfindliche Wand, so daß sich Teile der Schicht im Wasserpräparat abrollen. Dadurch wird die oben (S. 533) erwähnte Erscheinung bedingt. Ihre Wand ist außen braun, innen hell. An dem breiten eingesunkenen Mittelfelde der Breitseiten des Samens (s. oben S. 533) ist die Palissadenschicht zweireihig. Außen liegt eine gefärbte, innen eine farblose Palissadensklereïdenreihe, die genau aufeinander passen, so daß sich das Spaltenlumen durch beide fortzusetzen scheint. Man kann aber zwischen beiden eine zarte Trennungsmembran sehen. Das erweiterte Lumen der inneren Reihe enthält kleine Körnchen. Die Palissadenschicht des Mittelfeldes ist nicht empfindlich gegen Wasser (s. oben S. 533). Unter der Palissadensklereïdenschicht folgt eine Zone heller, bisweilen knochenförmiger oder doch radialgestreckter, oft chlorophyllführender Zellen mit stark quellbarer Wand. Die knochenförmigen Zellen sind am eingesunkenen Mittelfelde besonders hoch und gut ausgebildet. Dann folgt eine verschieden mächtige Schicht kleiner ausgebuchteter oder sogar sternförmiger derber Zellen, die einen rotbraunen, in Wasser unlöslichen Inhalt führen und viele Interzellularen zwischen sich lassen (~Vogl~ stellt ihren Inhalt den Inklusen der Ceratonia an die Seite). Die innerste Schicht endlich, die sich in Wasser ebenfalls stark streckt, wird von großen, dünnwandigen, in den inneren Schichten oft radialgestreckten Zellen gebildet, die ebenfalls einen rotbraunen Inhalt führen. Zwischen den beiden Schichten liegt bisweilen eine Zone obliterierter Zellen. Die beiden den Samenkern bildenden plankonvexen Cotyledonen besitzen sehr stark verdickte, mit großen Tüpfeln versehene Zellen, deren sekundäre Wand sich mit reinem Jod nicht (~Nägeli~), wohl aber mit jodwasserstoffhaltiger Jodlösung bläut, die also aus Amyloid besteht (vgl. oben S. 263) und deren enges Lumen vollgepfropft ist mit in Ölplasma (~Tschirch~) eingebetteten kleinen, nur 4-7 mik. großen Aleuronkörnern. Procambiumstränge durchziehen das Interzellularen führende Gewebe. Erhitzt man den Schnitt mit Wasser zum Sieden, +so lösen sich die sekundären Amyloidmembranen+ und es bleibt nur das Netzwerk der primären Membranen und die Öltropfen übrig. Das Amyloid der Tamarinden verhält sich also ähnlich wie Lichenin (s. oben S. 263). Die c. 3 mm lange kegelige Radicula trägt oben die c. 1 mm lange Plumula, an der der kegelige Vegetationspunkt und eine Gruppe junger Blattanlagen sichtbar ist, die schon deutlich die Fiederung zeigen (Fig. 173).
=Lit.= ~Nägeli~, Reakt. von Jod auf Stärkekörner und Zellmembranen. Sitzungsb. d. Münch. Akad. 1863 (Buchn. Rep. 13 [1864] 145). -- ~Trémeau~, Rech. s. l. devel. du fruit et de l’orig. d. la pulpe d. l. casse et du tamarin. Thèse Paris 1892. -- ~K. H. Hällström~, Z. Entwickg. d. Fruchtwand v. Cer. Sil. u. Tamar. ind. Ber. d. pharm. Ges. 1910, 446. -- ~Vogl~, Commentar 1908. -- ~Pammel~, Journ. appl. Micr. I, 37.
=Chemie.= Der charakteristische Bestandteil der Tamarinden ist der +Weinstein+, das primäre Kaliumsalz der d-Weinsäure (S. 527).
Der Weinstein war schon im Altertum bekannt und wurde auch zur Darstellung von Pottasche benutzt. Für Faex vini, τρύξ οἴνου, kam im XI. Jahrh. der Name Tartarum, dann Tartarus auf, welches Wort wohl aus dem arabischen durdijjᵘⁿ umgebildet und dann umgedeutet wurde (durdijj = Bodensalz, sowohl beim Öl wie beim Wein, in tartarus = Unterwelt). ~Marggraf~ fand in ihm 1764 das Alkali. ~Scheele~ zerlegte 1769 das Calciumtartrat und isolierte die Weinsäure (Sal essentiale Tartari), die er auch in den Tamarinden nachwies. Aber bereits ~Angelus Sala~, dem wir eine Tartaralogia verdanken (I, S. 868), hatte (1647) Weinstein im eingedampften Auszuge der Tamarinden beobachtet und ~Cornette~ sowie ~de Lassone~ hatten sein Vorkommen in den T. bestätigt. Weinsäure neben Weinstein fand schon ~de Lassone~ in den ~T. Scheele~ erkannte sie 1770 als eine besondere Pflanzensäure, die er in den T. +nicht+ von Citronensäure und Apfelsäure begleitet fand (~Retzius~ erhielt 1776 Weinsäure rein und kristallisiert, I, S. 967).
~Vauquelin~ zeigte 1790, daß der ausgepreßte Saft von Tamarinden (und anderen Früchten) in der Ruhe zu einer zitternden durchscheinenden Gallerte erstarrt. +Das Pektin, von+ ~Vauquelin~ +gélatine (gelée végétale) genannt+, von ~Braconnot~ 1834 in Pektin umgetauft, +wurde also in der Tamarinde entdeckt+. ~Vauquelin~ fand in Prozenten: 12,51 +Zucker+, 5,11 +Gummi+, 6,25 +Gélatine+, 9,4 +Citronensäure+, 1,56 +freie Weinsäure+, 3,25 +Weinstein+, 0,42 +Apfelsäure+, 37,5 +Matières féculentes+, 24 Wasser; ~Scheele~ fand keine +Citronensäure+ (s. oben). ~Flückiger-Hanbury~ geben kleine Mengen an (~Flückiger~ 1889: 7,17%); die Angabe ~Nesslers~, daß Tamarinden 13,5% davon enthalten, beruht wohl auf einem Beobachtungs- oder Rechenfehler. Die bei der Destillation mit verd. Schwefelsäure übergehende +Ameisensäure+, +Essigsäure+ (~Grünzweig~) und (in Spuren) +Buttersäure+ (~Gorup-Besanez~) betrachten die meisten Autoren als aus der Weinsäure (und Citronensäure) bei der Gärung hervorgegangen, also als sekundäres Produkt, da Weinsäure bei der Oxydation diese drei Säuren liefert. 1 g der im Handel befindlichen Pulpa vermag meist 14-17 ccm n/10 Natron zu neutralisieren (~Flückiger~). Bei der Dialyse des Muses dialysiert vornehmlich Weinstein und im Dialysator bleibt das Pektin (~Flückiger~, ~Tschirch~).
~K. Müller~ fand in der +von den Samen befreiten Pulpa+ von Calcutta T. 21,92 bis 32,58 (im Mittel 27)% Wasser, 12,2-20,2 (M. 16,2)% unlöslichen Rückstand, 4,66-6,01 (M. 5,27)% Weinstein, 5,29-8,80 (M. 6,63)% Weinsäure, 0,64-3,95 (M. 2,20)% Citronensäure (+ Apfelsäure, die in sehr geringer Menge vorhanden). 1 g brauchten im Mittel zur Neutralisation 17,6 n/10 Ammon. Die wasserfreie Pulpa enthielt im Mittel 7,2% Weinstein und 9,09 Weinsäure. ~Brunner~ fand (1891) in Calcutta T. (und einer Sorte westindischer T.) 20,4-29,27 (22,79)% Wasser, 29,05-56,13 (21,53)% Extrakt, 12,16-21,52 (15,42)% Cellulose, 0,66-4,68 (5,37)% Schleimstoffe, 14,93-22 (20,47)% Zucker, 3,6-5,87 (4,62)% Weinstein, 4,29-7,92 (6,84)% Weinsäure, 0,78-3,08 (3,72)% Citronensäure, Spuren Apfelsäure (nicht regelmäßig). Die +Asche+ des Löslichen betrug: 2,81-4,87%, die des Unlöslichen 0,721-2,27%. Schwermetalle waren nicht nachweisbar. ~Babo~ und ~Mach~ erhielten im Mus 34,33% Zucker als Invertzucker berechnet, 15,51 freie Säure auf Weinsäure berechnet, 6,61 Weinstein, 8,23 freie Weinsäure, 4,4 +Apfelsäure+, keine Citronensäure, 3,3 Asche. Auch ~Adam~ erhielt (1905) +keine+ Citronensäure, dagegen mehr +l-Apfelsäure+ als die früheren Autoren und etwas +Milchsäure+ und +Essigsäure+. ~Adam~ fand in kernfreiem Mus: Acidität (als Weinsäure ausgedrückt): 15,4%, Weinstein 7,74%, Weinsäure im Weinstein 6,17%, freie Weinsäure 10,18%, hieraus Gesamtweinsäure berechnet 16,35%, flüchtige Säure, als Essigsäure, 0,014%, Milchsäure 0,465%, Apfelsäure + Milchsäure, als Apfelsäure berechnet, 2,01% -- in Wasser unlöslich 12,36, Wasser 30,5, Asche 2,89, Rohprotein 3,22, Invertzucker 24,73. Die Lösung dreht links, nach Vergären bleibt eine schwache Rechtsdrehung bestehen. In 100 T. Fruchtfleisch javan. Tamarinde fand ~Prinsen Geerligs~ 5,81 +Dextrose+ und 2,51 +Lävulose+; Saccharose fehlte. Eine andere Analyse javan. T. von ~Bosz~ (1910) ergab dagegen 41,91% reduz. Zucker, keine Saccharose, 0,44% Fett, 8,16% Stärke, 26,9% Wasser, 3,03% Asche.
Die Asche der Pulpa tamarindi enthält bisweilen Kupfer (über die Verbreitung des Kupfers bei Drogen vgl. ~Tschirch~, Das Kupfer vom Standpunkt d. gerichtl. Chem. usw. Stuttgart, Enke 1893).
~Remeaud~ untersuchte aus Früchten von Indo-China selbst dargestelltes Tamarindenmus. Er fand in 100 g ganzer Frucht: Epicarp und Gefäßbündel 24,35, Endocarp: 7,76, Samen 37,07, Pulpa 29,31. Die Pulpa enthielt:
-----------------------------+-------------+------------+------------ In 100 g | Präparierte | Gereinigte | Rohe Pulpa | Pulpa | Pulpa | ohne Samen =============================+=============+============+============ Trockenes Extrakt | 62,831 | 73,04 | 73,035 Wasser (und bei 100° | | | flüchtige Bestandt.) | 37,169 | 26,96 | 26,965 Asche | 2,816 | 3,259 | 3,198 Unlöslich in Wasser | 6,246 | 7,078 | 12,348 Gesamtsäure (auf Weinsäure | | | berechnet) | 11,729 | 15,340 | 15,888 Weinstein | 6,055 | 7,340 | 6,575 Phosphorsäure | 0,248 | 0,375 | 0,275 And. Säuren (nicht bestimmt, | | | auf Weinsäure berechnet) | 3,603 | 5,378 | 5,906 Invertzucker | 42,307 | 34,284 | 32,000 Saccharose | 0,669 | 0,460 | -- Pektin | 0,352 | -- | 1,379
+Es ist also auch heute noch nicht sicher festgestellt, ob Tamarinden Citronensäure enthalten oder nicht.+ Nach einem vorläufigen Versuche zu urteilen, halte ich ihr Vorkommen in den ostindischen T. des Handels für zweifelhaft. Vielleicht wird die ursprünglich vorhandene Citronensäure durch den Gärungs- bzw. Nachreifungsprozeß (oben S. 532) zerstört.
~Dieterich~ fand (1894) in kernfreiem Mus: 10,83-16,10% «Säure» (durch Titration ermittelt und auf Weinsäure berechnet), 19,5-34,26% Zucker und 41,7-57,37% Extrakt. 1904 in Pulpa Tamar. cruda: 3-12% Kerne, 88-97% kernfreie Pulpa, 35-49,51% bei 100° getrocknetes wässeriges Extrakt, 9,66-13,85% «Weinsäure», 20-37,4% Invertzucker.
Gute Tamarinde sollte nicht mehr als 15% Zellulose und 22% Wasser enthalten und nicht weniger als 45% Extrakt geben.
Die Substanz, welche die abführende Wirkung bedingt, ist unbekannt. ~Soubeiran~ und ~Regnaud~ führen sie auf den Weinstein, die Säuren und ein (unbekanntes) principe résinoide zurück. Doch dürfte auch der Zucker daran beteiligt sein.
Die +Samen+ (die Samenkerne) enthalten in Prozenten: 10,5 (9,35) Wasser, 13,87 (18,06) Eiweiß, 4,5 (6,6) Fett, 63,22 (62,88) Kohlehydrate, 5,36 (0,66) Faser, 2,55 (2,45) Asche (~Hooper~). Ölgehalt nach (~Schädler~) 15-20%. Der Samenkern gibt, da er Amyloid enthält, mit Wasser gekocht eine dickliche, mit Jod sich bläuende Lösung (s. Anatomie), die bei der Hydrolyse Galaktose, beim Behandeln mit Salpetersäure Schleimsäure liefert. Das +Öl des Samen+ scheint in den (94,9%) Fettsäuren Arachinsäure zu enthalten. Säurezahl: 0,84, Verseifungszahl: 183, Jodzahl: 87,1 (~Hooper~).
Ein Exsudat des Baumes von Calciumoxalat beobachtete ~Prebble~ (Pharm. ind.).
=Lit.= ~Sala~, Opera medico-chym. Frankf. 1647, 137. -- ~de Lassone~, Hist. d. l. Soc. Méd. Paris II, 269. -- ~Scheele~, Phys. u. chem. Werke II, 379 (1770). -- ~Retzius~, Versuche mit Weinstein u. dessen Säure. Abh. d. Schwed. Akad. 1770. -- ~Vauquelin~, Analyse du Tamarin et reflexions s. quelqu. unes d. s. prép. medic. Ann. d. chim. 5 (1790), 92 (dort die ältere Lit.: ~Rouelle~, ~Cartheuser~, ~Bucquet~). -- ~Gorup-Besanez~, Buttersäure in den Früchten des Seifenbaumes (Sapind. Saponaria) nebst einigen Bemerk. über d. flücht. Säuren d. Tamarinden. Lieb. Ann. 69 (1849), 369. -- ~C. Grünzweig~, Über Buttersäuren verschied. Ursprungs. Lieb. Ann. 162 (1872), 227. -- ~Pfaff~, Syst. d. Mat. med. -- ~K. Müller~, Über Tamarinden, Pharm. Centralh. 1882, 581. (Arch. Pharm. 1883, 42). -- ~F. J. H. Brunner~, Bestandt. d. Fruct. Tamar. Apoth. Zeit. 1891, 53. -- ~Nessler~ u. ~Barth~, Zeitschr. anal. Chem. 1882, 63. -- ~Prinsen~ ~Geerligs~, Zuckergeh. Chem. Zeit. 1897, 719. -- ~Bosz~, Bull. Kolon. Mus. Haarlem Nr. 46, 1911. -- ~Dieterich~, Helfenb. Ann. 1888, 1893, 1894. -- ~Adam~, Beitr. z. Kenntn. d. Tamar. Zeitschr. d. Öster. Apoth. Ver. 1905, 797. -- ~Babo~ u. ~Mach~, Handb. d. Weinb. u. d. Kellerwirtsch. II, 766. -- ~O. Remeaud~, Sur l. comp. d. l. pulpe de tamarin. Journ. pharm. 1906, 424. -- Die Methoden zum Nachweis und zur Bestimmung der Weinsäure und Citronensäure (sowie des Weinstein) bei ~K. Müller~ (a. a. O.), ~Brunner~ (a. a. O.), ~Adam~ (a. a. O.), ~Remeaud~ (a. a. O.). Vgl. ferner bei ~Barbet~ (Chem. Centralbl. 1859, 366), ~Schnitzler~ (Ebenda 1862, 317), ~Fleischer~ (Arch. Ph. 1874, 97), ~Aller~ (Arch. Pharm. 1876), ~Cailletet~ (Ebenda 1878), ~Salzer~ (Ebenda 1888) und in ~Schmidt~, Pharmazeut. Chemie. Vgl. auch oben S. 508. Eine ganz scharfe Methode, kleine Mengen von Citronensäure neben Weinsäure nachzuweisen, gibt es zurzeit noch nicht.
+Pektin+: ~Soubeiran~, ~Vauquelin~, ~Payen~, ~Braconnot~ (vgl. unter Pektin S. 277); -- ~Frémy~, Chem. Unters. über d. Reifen der Früchte, Pektose, Pektase (deutsch v. ~Gräger~) 1851 (Ref. in Arch. Ph. 68 [1851], 72); -- Übersicht bei ~Reichardt~, Die Gruppe der Pektinkörper. Arch. Pharm. 56 (1877), 116 und in ~Gmelins~ Handb. 1862.
+Samen+: ~Hooper~, Agric. Ledger 1907, Nr. 2. -- ~Sachsse~, Chemie d. etc. Kohlenhyd. 1877. -- ~Tollens~, Kohlenhydrate I, 227. -- ~Schädler~, Öle. -- Über Amyloid s. oben S. 263.
=Verfälschung.= Als Verfälschungen sind beobachtet besonders beigemischte Samen und Fruchtwandstücke, dann Wurzelteile (1891), Melasse. Eine Verfälschung mit Zucker, anderen Musen usw. lohnt bei dem billigen Preise der Tamarinden nicht (Pflaumenmus erwähnt schon ~Mesuë~). In schlechtem Mus finden sich bisweilen Maden und Milben. Als zufällige Beimengungen können (von den beobachteten) Leinsamen und Kürbiskerne gelten. Kupfer (durch Einstellen eines blanken Messers nachzuweisen) ist neuerdings nicht mehr beobachtet (s. oben S. 537).
=Anwendung.= Die Tamarinde ist noch heute ein sehr beliebtes gelindes Abführmittel, wie zur Zeit des ~Mesuë~, wo wir im Grabaddin (I, S. 599) das Tamar Indorum unter den medicinis solutivis als Bestandteil der Laxirlatwergen antreffen (s. Geschichte). Die allerdings stark vereinfachte Senna-Tamarindenlatwerge steht noch in unseren neuesten Arzneibüchern und die Tamarindenkonserven (Confectio s. conserva t., Tamarindenkonserven ~Kanoldt~, Tamar indien ~Grillon~) erfreuen sich großer Beliebtheit. (Der Tamarindenmolken, Serum lactis tamarindinatum, der Anfang des XIX. Jahrh. sehr beliebt war, ist jetzt aus der Mode gekommen.) T. wurde also schon während des Mittelalters in Europa als Purgativ benutzt. ~Linschoten~ empfiehlt sie besonders als +billiges+ Abführmittel an Stelle von Rhabarber, Manna usw. ~Paludanus~ berichtet, daß die Türken und Ägypter sie viel bei +Fieber+ brauchen. Tamarindenlimonade wird von Fieberkranken auch heute noch gern als erfrischendes Getränk genommen. Die als unschätzbare, köstliche Gabe der Natur von den Reisenden bezeichnete Frucht des den größten Schmuck der Negerländer bildenden Baumes, die von höchster Bedeutung für die trockenen, vegetationsarmen Länder, namentlich die Binnenländer Afrikas, ist (~Rohlfs~, ~Barth~, ~Munzinger~), wird bei Reisen durch den dunklen Erdteil teils zur Herstellung erfrischenden Trankes, teils auch dazu benutzt, verdorbenes Wasser trinkbar zu machen. In Cordofan ist das Fruchtmus zu Ballen geformt, allein und mit Senna, auch Abführmittel, ebenso sind die Rinde und die Wurzel dort in Gebrauch. ~Bontius~ (I, S. 897) beschreibt ein in Java aus Tamarinden bereitetes Bier von delikatem Geschmack und großer Bekömmlichkeit für den Tropenbewohner. Das gleichzeitige Vorkommen von Zucker und Weinstein ladet geradezu dazu ein, die Tamarinden zur Kunstweinfabrikation heranzuziehen, was denn auch schon seit längerer Zeit auch bei uns (wie seit langem in Indien) geschieht. Tamarindenfruchtsirupe und Bonbons sind besonders in Italien beliebt. Mit Butter und Zwiebel bildet das Mus eine sehr erfrischende Nahrung, mit Zwiebeln, Honig und Pfeffer ein beliebtes Mittel gegen Klimakrankheiten in Afrika. In Indien werden daraus mit Zucker oder Gewürzen beliebte Leckereien bereitet und das Mus auch für Saucen, Currie etc., sowie zur Bereitung der sog. Tamarindenfische benutzt. Man findet T. auf jedem Markt in Südasien (~Tschirch~). Dann dienen T. auch zum Saucieren des Kau- und Schnupftabaks. Bei Hungersnot, wie sie ja in Vorderindien häufig ist, spielt der Same eine ziemlich große Rolle. Er wird als famine food besonders in der Präsidentschaft Madras und Central-India, dann auch in Bengalen und den Zentralprovinzen benutzt (~Hooper~) und eignet sich wegen seiner Zusammensetzung (oben S. 538) hierzu sehr gut, besonders wenn er von der gerbstoffhaltigen Schale befreit wird. Die +Samen+ werden daher zur Entfernung der Schale geröstet und eingeweicht und die Kerne dann gekocht oder gebacken oder vermahlen und dem Mehl zugesetzt. Roh werden sie wie Betel gekaut. Der aus den Samen bereitete Kleister (s. oben S. 536) dient zum Stärken. Sie finden auch medizinische Anwendung äußerlich und innerlich (~Dymock~). In Indien werden von der Tamarinde auch die angenehm sauer schmeckenden, ebenfalls abführenden Blätter, die Blüten, die Rinde und das Gummi benutzt, wie auch die Asche der Rinde und die Blätter (Pharmac. ind.).
=Lit.= ~Hooper~, Agr. Ledg. 1907. -- ~Barth~, Reis. u. Entdeck. in Nord- u. Central-Afrika 1858 I, 614, III, 334, 400. -- ~Rohlfs~, Reisen durch Nordafrika 1872, 23. -- ~Munzinger~, Ostafrikan. Studien 1864. -- ~Dymock~, Veg. Mat. med. West. Ind.
=Geschichte.= Unter den Heilpflanzennamen des alten Ägyptens ist keiner bis jetzt als auf T. sich beziehend sicher erkannt worden. Aber unter den Drogen, die z. B. der Papyrus ~Ebers~ als Bestandteile der Composita anführt, sind noch sehr viele nicht gedeutet. Vielleicht ist die Frucht vom Kesebtbaum, die dort unter den Abführmitteln steht, die der Tamarinde (~Ebers~ deutet sie, mir nicht einleuchtend, als Ricinus, der aber andere Namen hatte; in Cordofan heißt die T. heut: ardeb). Der Baum kam im Altertum nicht in Ägypten vor, ist aber wohl die κερατία des ~Strabo~ (I, S. 532), die dieser (Lib. XVII, c. 2, § 1) um 20 n. Chr. in Äthiopien (wo ja Ceratonia nicht vorkommt) erwähnt (~Ernst Meyer~). -- In Abyssinien traf ~F. Alvarez~ (1520) den Baum. -- Doch haben sich die Ägypter des Tamarindenmuses, wie es scheint, beim Färben der Mumienbinden und beim Einbalsamieren bedient (~John~). Die von ~Gardner Wilkinson~ als Tamarindensamen gedeuteten, in einem Grabe von Theben gefundenen Gebilde erwiesen sich nicht als solche (~Birch~ u. ~Hanbury~). Der Tamarindenbaum war den Griechen bekannt. Er ist das δένδρον πολύφυλλον des ~Theophrast~, wie schon ~Sprengel~ ganz richtig vermutete. Sie trafen ihn auf dem Alexanderzuge am persischen Golf auf der Insel Bahrein (~Bretzl~). Doch bedienten sich die Alten nicht der Früchte. Die täglichen periodischen Bewegungen der Fiederblättchen der Tamarinde -- am Abend legen sich die Fiederblättchen zusammen und die Spindel senkt sich nach unten -- Bewegungen, die wir jetzt als nyctitropische bezeichnen, beobachtete zuerst ~Androsthenes~ auf dem Alexanderzuge auf der Insel Bahrein und ~Theophrast~ beschreibt (hist. pl. IV, 7, 8), offenbar nach dieser Quelle, die +Erscheinung des Pflanzenschlafes+ bei der Tamarinde (Abbild. bei ~Bretzl~) ganz korrekt und in meisterhafter Kürze. +Die Erscheinung ist also bei der Tamarinde entdeckt worden.+ Sie fiel auch den Europäern, als diese Indien im XVI. Jahrh. betraten, sofort auf, z. B. ~Garcia da Orta~, ~Acosta~ u. and. Die alte Sanskritliteratur hat mehrere Namen für T. In der indischen Medizin spielte das Mus keine sehr große Rolle, wird aber in Indien noch jetzt benutzt. Unter den Abführmitteln von ~Suśrutas~ (I, S. 504) findet sich wohl Cassia fistula, aber nicht die Tamarinde. Schon im alten Indien bedienten sich aber die Silberschmiede des Muses zum Weißsieden des Silbers (ähnlich wie später und noch heute des Weinsteins). Die medizinische Verwendung des Tamarindenmuses hat sich im Mittelalter von Indien über Arabien nach Europa verbreitet. Die Araber haben die T. jedenfalls von den Indern kennen gelernt, wie schon ihr Name tamr hindi = «Indische Datteln» zeigt. ~Alexander Trallianus~ (I, S. 591) kannte die T. noch nicht. ~Alhervi~ (X. Jahrh., vgl. I, S. 601) beschreibt das schwarze, wie Pflaumen schmeckende, Mus der Tamr ul hindî gut mit seinen Fasern und Samen, wie wir es noch heute im Handel finden. ~Abu Hasan~ (bei ~Ibn Baithar~) und ~Ibn Sînâ~ (I, S. 603) erwähnen die abführende und «herzstärkende» Wirkung der Früchte und ihren sauer-süßen Geschmack. Auch die Samen wurden von den Arabern arzneilich benutzt. Bei ~Mesuë~ (XII. Jahrh., I, S. 600) steht Tamar indi unter den Abführmitteln neben Pruna und Cassia. Als Vorkommen erwähnt ~Abu Hanifa~: Scharâh, Omân, ~Abu Hasân~: Yemen, Indien, Nigritien, Bassora. ~Mesuë~ nennt Cambaya und Guzarate, ~Serapion~: Indien, ~Bonifaa~ (fälschlich): Syrien. 1270 wurden sie in Aden verzollt (I, S. 699). ~Marco Polo~ erwähnt sie. Die Tamarinden stehen auch sowohl im ältesten wie im jüngsten persischen Werke über Pharmakologie: sowohl bei ~Alhervi~ (~Muwaffak~, X. Jahrh. I, S. 601) wie im ~Makhzan el Adwiya~ (XVIII. Jahrh. I, S. 614). Sie nehmen aber im mittelalterlichen Handelsverkehr keine hervorragende Rolle ein (~Flückiger~). Die Schule von Salerno übernahm die T. von den Arabern als Oxifenica und Dactyli acetosi. So z. B. bei ~Platearius~ und ~Saladin~, der sie für eine Palmenfrucht hielt. Tamarinden sind (meist in Verbindung mit Cassia fistula, Senna, Rosinen, Pflaumen und Manna) Bestandteil des Electuarium lenitivum Nicolai Alexandrini, des El. de Sebesten Bartholomai Montagnanae, des Diaprunum compositum Nicolai, des Diacatholicum Nicolai, der Confectio Hamech Mesuë u. and. Die Bezeichnung Indische Dattel oder Sauerdattel hat viel Verwirrung angerichtet. Noch der Ricettario fiorentino (I, S. 794), ja selbst noch ~Pomet~ (I, S. 942), der eine schlechte Abbildung der Pflanze gibt, und ~Valentini~ (I, S. 912) geben (wie die Araber, z. B. ~Mesuë~) eine Palme als Stammpflanze an, obwohl doch bereits ~Garcia da Orta~ (I, S. 736), ~Acosta~ (I, S. 739), ~Linschoten~ (I, S. 743) und ~Bontius~ (I, S. 897) den Baum im allgemeinen richtig beschrieben und zum Teil ausdrücklich die Unterschiede von den Palmen hervorgehoben hatten, ~Rheede~ (I, S. 898) eine gute Abbildung und ~Rumphius~ (I, S. 900) eine Abbildung und eine ausführliche Beschreibung gegeben und auch ~Alpini~ (I, S. 910) z. B. die Schlafbewegungen der Blätter gut beschrieben hatte. Den Baum lernte man also erst kennen, als der Seeweg nach Ostindien gefunden war (I, S. 728). Er hieß damals in Guzarat ambili, in Malabar puli (~Garcia da Orta~). Auch in ~Barbosas~ berühmter Preisliste (I, S. 741) figurieren die T. und in des ~Pires~ Brief an ~Manuel~ (I, S. 742) wird aus Cochin über die großen Mengen der T. in Malabar, Coromandel und Java berichtet. T. war also schon im Anfang des XVI. Jahrh. in Java zu finden. Da ~Hernandez~ (I, S. 761) die Tamarinde (Mizquitl, Hoxinue, Quahunachaztli) 1570 beschrieb und abbildete, so muß sie schon bald nach der Eroberung Mexicos dorthin gebracht worden sein. ~Hernandez~ sagt von ihr: «nuper ad eas oras translata». Auch nach Westindien ist T. durch die Spanier sehr frühzeitig gebracht worden. Sie ist jetzt dort wie in Ecuador sehr häufig. In Brasilien trafen sie ~Piso~ und ~Marcgraf~ (I, S. 893) schon 1648. In älteren deutschen Glossarien und Arzneibüchern fehlen die Tamarinden (~Flückiger~). Bei ~Cordus~ (I, S. 803) steht Tamarindus pulpa et semen, Tamarin im Inventar ~Lefort~ (I, S. 805) und in zahlreichen Pharmakopoeen, Taxen und Listen, wie z. B. in der Frankfurter Liste, im Eßlinger Drogenverzeichnis (1550) und der Taxe (1571) findet sich die Tamarinde.
=Lit.= ~Udoy Chând Dutt~, Mat. med. of the Hindus. -- ~Dymock~, Veget. mat. med. West. Ind. und Pharmac. ind. -- ~Kanny-Lall Dey~, The indigenous drugs of India. Calcutta 1896. -- ~Wönig~, Pfl. d. alt. Ägypt. -- ~Bretzl~, Bot. Forsch. d. Alexanderzuges. -- ~Ernst Meyer~, Bot. Erläut. z. Strabons Geograph. 1852. -- ~Joret~, Le Naturaliste (2) 10, Nr. 36. -- ~Flückiger~, Pharmakogn.
VI. Citronensäuredrogen.
Von den dreibasischen Säuren kommen für uns:
COOH COOH | | CH₂ CH₂ | | CH.COOH und OH C.COOH | | CH₂ CH₂ | | COOH COOH
Tricarballylsäure Citronensäure (Oxytricarballylsäure)
in Betracht, von denen die erstere in unreifen Rüben gefunden wurde (~Lippmann~), die von ~Scheele~ 1784 entdeckte, von ~Liebig~ 1838 als dreibasisch erkannte =Citronensäure= aber in zahlreichen Früchten vorkommt, wie den _Citrus_arten, den Preißelbeeren, Johannisbeeren, Heidelbeeren (S. 64), Stachelbeeren, Kirschen (S. 73) sich aber auch im Zuckerrohr, in der Zuckerrübe und in Tabaksblättern findet (revisionsbedürftige Zusammenstellung in ~Husemann-Hilger~, Pflanzenstoffe, dann bei ~Czapek~ und im ~Beilstein~) und bei der sog. Citronensäuregärung (s. oben S. 507) entsteht. Es sind besonders einige _Citromyces_arten (C. Pfefferianus, citricus, lacticus, tartaricus, oxalicus), die unterhalb 20°, bei mangelhafter Stickstoffnahrung bisweilen 50% und mehr des Zuckers (am besten eignet sich Maltose, weniger Saccharose, Dextrose und Lävulose) in Citronensäure überzuführen vermögen (~Buchner~ und ~Wüstenfeld~, ~Wehmer~, ~Herzog~ und ~Polotzky~). +Frei+ und neben wenig oder gar keiner Apfelsäure findet sich Citronensäure in den Früchten von Citrus limonum, Vaccinium vitis idaea, V. oxycoccus und V. macrocarpum (1,4% ~Ferdinand~), sowie Oxycoccus palustris (2-2,8% ~Kossowicz~); +neben Apfelsäure+ (etwa zu gleichen Teilen) findet sich Citronensäure in der Johannisbeere (1%), ferner in der Stachelbeere, der Heidelbeere, Himbeere und in Rubus chamaemorus, sowie im Kraute von Chelidonium majus; +neben Apfelsäure und Weinsäure+ in den Vogelbeeren (und vielleicht auch in der Tamarinde, ~Vauquelin~). Von den Citronenpreßsäften des Handels enthält am meisten fremde Säuren der Saft der Bergamotte, dann der Limottensaft, am wenigsten der Saft der Citrone (~Warrington~). Mikrochemisch läßt sich Citronensäure als Silbersalz nachweisen.
Synthetisch kann Citronensäure aus +Glycerin+ über Dichlorhydrin -- β-Dichloraceton -- Dichloracetoncyanhydrin -- Dichloracetonsäure und deren Dicyanid (~Grimaux~ u. ~Adam~) (bzw. aus Acetondicarbonsäure) erhalten werden, aber weder diese Synthese, noch die von ~Adreoni~ und ~Kékulé~, die von der Apfelsäure ausgehen, werden praktisch ausgeführt. Sie sind zu teuer. Noch immer liefert die Natur die billigste Citronensäure (in der Citrone und, nach ~Wehmer~, mittelst Citromyces (S. 507), vgl. Chem. Zeit. 17, 1180 u. 21, 381 u. 1022).
Die Citronensäure bemerkte schon vor 1732 zuerst ~Boerhaave~ (I, S. 957) in den Citronen und studierte die Wirkung des Saftes auf Metalle. Sie wurde dann von ~Retzius~ (1776) isoliert, aber erst von ~Scheele~ (1784) kristallinisch erhalten. Daß Citronensäure von Weinsäure verschieden ist, fand außer ~Scheele~ auch ~Retzius~ (I, S. 966).
=Frische Citronen= kommen vom +Gardasee+, wo sich große, sehr eigenartige Kulturen befinden (vgl. I, Fig. 27 u. 28), die jährlich c. 15 Mill. Citronen liefern, dann aus Sizilien, das jährlich c. 50 Milliarden produziert. +Italien+ exportierte 1909: 2560628 Quint. +Limoni+ anche in acqua salata. Riesige Citrus-Kulturen finden sich in Kalifornien (I, Fig. 31). +Hamburg+ importierte 1908: 236943 dz Citronen, davon kamen 225609 aus Italien, 10273 aus Spanien, geringe Mengen aus Frankreich, Griechenland, das jährlich c. 60 Mill. κίτρον τὸ κοινὸν produziert, und Syrien. Man kann Citronen dadurch konservieren, daß man die Anheftungsstelle mit Paraffin überzieht und die Früchte in Salz einbettet.
Das mittlere Gewicht einer Citrone beträgt 153,8 g (~Olivieri e Guerrieri~). Bei den Citronen kommt c. 35-38,50% auf die Schale, c. 59% auf das Fruchtfleisch und c. 2,5% auf die Kerne -- sie liefern bis 37-44,5% Saft. Eine gute Citrone gibt durchschnittlich 24,8 g Saft und liefert c. 2,41 g krist. Citronensäure. Ältere Citronen enthalten keine Citronensäure mehr (~Stoddart~). 1000 kg guter +Citronen+ sollen 55 kg und 1000 kg +Johannisbeeren+ 7,5-10 kg krist. Citronensäure geben. Außer diesen wird auch der +Preißelbeersaft+, der 1-1,2% enthält, zur Darstellung der Citronensäure im Großen empfohlen (~Gröger~). Im Liter des Saftes unreifer Maulbeeren finden sich 26,85 g Citronensäure (~Wright~ und ~Patterson~). Echter Citronenpreßsaft hat ein spez. Gewicht von c. 1,043-1,045 und einen Durchschnittsgehalt von 9,72% C. (~Stoddart~). Er enthält aber oft nur 186 bis 280 g Citronensäure in der Gallone, d. h. nur 4-6% (~Warrington~), doch steigt der Gehalt auch auf 11,3% (5,2-7,6% bildet die Regel bei gutem Saft, ~Hensel~ und ~Prinke~). Fremde Säuren enthält Citronensaft meist nur 2,5%, Limettensaft 7-8%, Bergamottensaft 12-13%.
Im Citronensaft wurde neuerdings gefunden: 10,44% Extrakt, c. 1,42% Invertzucker, 0,52% Saccharose, 5,39-5,83% Citronensäure, 0,32% Stickstoffsubstanz und 0,2% Asche (Zusammensetzung der Asche bei ~König~). In 100 ccm Saft unreifer Citronen fanden sich 7,52 g, im Safte reifer 7,27 g Citronensäure, der Säuregehalt bleibt also etwa gleich (~Bornträger~), doch steigt der Gehalt bisweilen bis 8,30 g in 100 ccm, wovon 1,57 g als Ester gebunden (~Späth~ und ~Sendtner~).
=Citronensaft= wird für den Großhandel in Italien aus den Früchten von Citrus medica L. subsp. Limonum (~Risso~) ~Hooker~ fil. (Citrus Limonum ~Risso~, C. medica var. β L.), der Citrone oder Limone -- +Sugo di Limone+ -- und Citrus medica ~Risso~ (C. medica cedro ~Gallesio~, C. m. var. α L.), der Cedrolimone -- +Sugo di Cedro+ --, viel seltener aus denen von Citrus Aurantium L. subspec. Bergamia (~Risso~ et ~Poiteau~) ~Wight~ et ~Arnott~, der Bergamotte, in Westindien (Montserrat) aus denen von Citrus Limetta ~Risso~ dargestellt.
Über die zur Citronensäuregewinnung nötigen Rohprodukte, die in Süditalien hergestellt werden, hat ~Ravasini~ (1911) an Ort und Stelle folgende Auskünfte, erhalten:
Die Citronensäure wird technisch ausschließlich aus dem Safte der Citronen und Cedrolimonen, der in Süditalien, namentlich in Calabrien und Sizilien, bereitet wird, gewonnen. Die Citronenfrüchte werden, wenn sie ihre volle Reife erlangt haben, geschält (I, Fig. 165) -- die Schalen werden zur Bereitung der Limonen(Citronen-) Essenz verwendet (I, Fig. 166) --, und der Saft des Fruchtfleisches mittelst hölzerner zylindrischer Pressen (torchi) ausgepreßt (I, Fig. 176). -- Ein Liter des so erhaltenen Citronensaftes enthält 55-60, im günstigsten Falle 70 g Citronensäure. -- Da die Citronensäuredarstellung +nicht in Italien selbst+ ausgeführt wird, so muß dieser Saft, um exportiert werden zu können, vorerst eingedampft werden, was in großen Gefäßen aus glasiertem Ton ausgeführt wird. Der eingedampfte Saft wird noch warm filtriert und kommt dann unter dem Namen +Agro-Cotto+ in großen hölzernen Fässern von 100-250 kg Inhalt an die ausländischen Fabriken zur Versendung. Dieser konzentrierte Citronensaft, Agro-Cotto, stellt eine sirupähnliche bräunliche Flüssigkeit dar, welche am +Citrometer+ 60° zeigen muß, d. h. sie besitzt eine Dichte von 1,2394 und enthält c. 400 g kristall. Citronensäure im Liter. Die Darstellung von Agro-Cotto findet in folgenden Provinzen und folgenden Orten Süditaliens statt: +Reggio Calabria+ (bei Gallina, Motta S. Giovanni und Gallico), +Catania+ (bei Acireale, Giarre, Calatabiano, Fiumefreddo und Riposto), +Messina+ (bei Guidomandri, Nizza Sicilia, Milazzo, S. Teresa di Riva und Giardini), +Siracusa+ (bei Floridia), +Palermo+ und auf der Insel +Ischia+ nahe Neapel (hier wenig). Deutschland importierte 1909: 1705 dz Citronensaft, besonders aus Italien. Neuerdings wird Citronensaft aus den zerquetschten geschälten Früchten durch Centrifugieren dargestellt. Dieser ist leicht zu klären.
Behufs der Reindarstellung der Citronensäure wird der rohe Citronensaft mit Kalk neutralisiert und der so erhaltene citronensaure Kalk dann durch Waschen mit Wasser von den löslichen, nicht mit Kalk unlösliche Verbindungen eingehenden fremden Saftbestandteilen befreit und dann mit Schwefelsäure zerlegt. Die zur Kristallisation gebrachte Lauge liefert zunächst gefärbte Kristalle (rohe Citronensäure, in der Kattundruckerei benutzt), die dann mit Kohle gereinigt werden. Die reine Citronensäure, das +Acidum citricum des Handels+, ist das Monohydrat. Die Ausbeute beträgt c. 5,5 % (bei Johannis- und Preißelbeeren nur 1-1,5%).
Um den kostspieligen Transport des verhältnismäßig wenig verwertbares Material enthaltenden Citronensaftes zu umgehen, ist man auf den Gedanken gekommen, an Ort und Stelle die Citronensäure in unlösliches Tricalciumcitrat («+Citrato di calce+» [oder calcio] oder, wie in Sizilien meistens genannt, «+Cedrato di calce+») zu verwandeln und dieses letztere an Stelle des Saftes in den Handel zu bringen. Diese Operation wird folgendermaßen ausgeführt. Der durch Pressung erhaltene Citronensaft wird zuerst einige Zeit sich selbst überlassen bis Gärung eintritt, was die Absonderung von Eiweiß- und Schleimsubstanzen bewirkt (der Schleim entstammt besonders der Samenschale). Nun werden in einer großen gemauerten, gewöhnlich 10000 Liter Flüssigkeit fassenden Cisterne, die mit einem mechanisch beweglichen Aufrührer und einem Serpentinrohr versehen ist, 2000 Liter Citronensaft und 8000 Liter kaltes Wasser zusammengebracht. Man rührt alles gut um und läßt durch das Serpentinrohr so lange kaltes Wasser durchfließen, bis die ganze Flüssigkeitsmenge auf eine Temperatur von 5° erniedrigt worden ist. Nun wird das Umrühren durch weitere 10 Minuten fortgesetzt und schließlich 50 Liter eines Summachextraktes hinzugefügt, durch dessen Tanningehalt die Fällung aller Eiweiß- und Schleimsubstanzen vervollständigt wird. Die Flüssigkeit wird jetzt durch eine Filterpresse geführt, wobei der Niederschlag beseitigt wird, und kommt aus dieser entweder in 2000 Liter fassende hölzerne Wannen oder (was bei neueren Installationen zu finden ist) wieder in gemauerte Cisternen, welche aber mit einer durchlöcherten Serpentine versehen sind, durch welche soviel Dampf eingeführt wird bis die Flüssigkeit zum Sieden gelangt. Man ermittelt nun in einem kleinen Flüssigkeitsquantum die in diesem enthaltene Säuremenge und setzt auf jede 100 kg Säure 45 kg gebrannten Kalk oder 57 kg Kalkhydrat hinzu, wobei sich sogleich +citronensaurer Kalk+ absetzt, welcher in einer Filterpresse aufgefangen, durch 10 Minuten mit heißem, durch weitere 10 Minuten mit lauem und durch folgende 5 Minuten mit kaltem Wasser ausgewaschen wird.
Getrocknet wird dieser Citronenkalk in hölzernen Fässern aus +Catania+ und +Palermo+ meistens nach Nordamerika, Frankreich, Deutschland und England exportiert, wo er zur Citronensäurefabrikation Verwendung findet. +Italien selbst fabriziert keine Citronensäure und wird sogar die hier zum Verbrauch kommende Quantität fast ausschließlich aus England und Deutschland bezogen+, aus letzterem Lande 1909: 359 dz. «+Citrato di Calce+» wird dagegen schon in folgenden Provinzen und an folgenden Orten dargestellt: +Reggio Calabria+ (bei Gallina und Palizzi), +Messina+ (bei Roccalumera und San Filippo del Mela), +Siracusa+ (bei Modica), +Palermo+ (bei Bagheria).
Es ist vorauszusehen, daß mit der Zeit die Darstellung vom Citrato di Calce jene von Agro-Cotto ganz verdrängen wird. -- In der Provinz von Palermo, wo sechs Fabriken zu finden sind, die den konzentrierten Preßsaft und Cedrato di Calce darstellen, hat sich schon eine von diesen in eine größere Aktiengesellschaft verwandelt, die über 70000 kg im Jahre Citrato di Calce exportieren soll. -- Die Provinz Messina allein soll über 1 Million kg konzentrierten Citronensaft (Agro-Cotto) im Jahre darstellen, was sicher eine enorme Quantität darstellt, wenn man bedenkt, daß man, um 100 kg gewöhnlichen (nicht konzentrierten Saftes) zu erzielen, 2000-2800 Citronen benötigt. Die Exportziffern sind folgende: +Gewöhnlicher, nicht konzentrierter Zitronensaft+ (+Succo di cedro e di limone crudo+) 1908: 9250, 1909: 6172, 1910: 6014 quint. Konzentrierter Citronensaft (+Agro-Cotto+): 1908: 8366, 1909: 1178, 1910: 8352 quint. +Cedrato di calcio+: 1908: 77101, 1909: 23809, 1910: 64755 quint. (~Ravasini~).
Citronensaft kann dadurch haltbar gemacht werden, daß man den mit Talcum geklärten Saft mit 10% Zucker aufkocht. Die Konservierung des Citronensaftes kann auch durch Alkohol oder Erhitzen auf 100° oder durch Filtration geschehen (~Judicis~). Citronensaft ist eines der besten durstlöschenden Mittel. Citronensaft und Citronensäure werden zur Limonadenbereitung in großen Massen verbraucht. Citronensaft (nicht Citronensäure) gilt auch als das beste Mittel gegen Scorbut -- Schiffe sind verpflichtet für lange Fahrt Citronensaft an Bord zu nehmen --, dann wird er auch jetzt vielfach zu den sog. Citronenkuren bei Gicht und als Entfettungsmittel benutzt.
Die Citronensäure des Handels ist oft mit Weinsäure verfälscht oder sogar durch sie ersetzt. Das D. A. V läßt auf Weinsäure durch folgende Reaktion prüfen: Eine Mischung von 1 g Acid. citric. und 10 ccm H₂SO₄, die in einem mit H₂SO₄ gespültem Mörser bereitet wurde, darf sich höchstens gelb, nicht aber braun färben, wenn sie in einem mit H₂SO₄ gespülten Probierrohr eine Stunde lang im Wasserbade nicht über 90° erwärmt wird.
=Lit.= ~Stoddart~, Pharm. Journ. (2) 10, 203. -- ~Warrington~, Ebenda 2, 384. -- ~Gröger~, N. Jahrb. d. Chem. 39, 194. -- ~Wehmer~, Citronensäuregärung 1893. -- ~Herzog~ und ~Polotzky~, Citronensäuregärung. Zeitschr. phys. Chem. 49 (1909), 125. -- ~Buchner~ und ~Wüstenfeld~, Citronensäuregärung. Biochem. Zeitschr. 1909, 395. -- ~Wüstenfeld~, Dissert. Berlin 1908. -- ~König~, Nahrungs- u. Genußm. 4. Aufl. (dort zahlreiche Limonen-Analysen von ~Olivieri e Guerrieri~, ~Danesi e Boschi~ u. and.). -- ~Judicis~, Zeitschr. d. Öster. Apoth. Ver. 1880, 467. -- ~Hallerbach~, Die Citronensäure u. ihre Derivate 1911 (dort die Lit.).
IV. Fett- und Wachsdrogen.
Die Beziehungen der Fette zu den Kohlehydraten sind oben (S. 5) erörtert. Es darf als erwiesen betrachtet werden (~Vallée~, ~André~, ~Gerber~), daß in der Pflanze Mono- und Polysaccharide in Fette übergehen. Ebenso findet der umgekehrte Vorgang statt. Physiologisch spielen die Fette bei den Pflanzen die Rolle von Reservestoffen wenigstens überall da, wo sie, wie in den Früchten und Samen, in größerer Menge auftreten (das Fruchtfleisch der Ölpalme enthält 65-72%, Leinsamen 35-42%, Ricinussamen 46-53%, Mandeln c. 53%, Wallnußsamen 64%, Copra 67% Fett -- auch die Knollen von Cyperus esculentus enthalten 28% Fett, sonst sind Rhizome fettarm). Sie werden bei der Keimung verbraucht. Und diese Fälle sind es denn auch, bei denen allein ihre technische Gewinnung lohnt. Ebenso ist das Fett der Sporen Reservestoff (vgl. Lycopodium).
Bei den Tieren finden sich die Fette im sog. Fettgewebe, das besonders im intermuskulären und subkutanen Bindegewebe, im Mesenterium und im Knochenmark auftritt. Aber auch außerhalb des Fettgewebes können die Fette in allen Zellen des Tierkörpers abgelagert werden und finden sich auch in tierischen Sekreten, wie z. B. der Milch.
Im weiteren Sinne gehören auch die Wachsdrogen zu den Fettdrogen und sie sollen denn auch diesen hier angeschlossen werden.
Bei beiden handelt es sich um aliphatische Ester, deren Bestandteile azyklisch sind, nur in der Cholesteringruppe begegnen wir zyklischen Verbindungen.
Die Fette und Wachse setzen sich also aus Säuren und Alkoholen zusammen.
Die +Säurehälfte+ gehört zu folgenden Fettsäurereihen (ich folge der Einteilung von ~Lewkowitsch~):
I. Säuren der +Essigsäurereihe+: CₙH₂ₙ₊₂O₂. Die niederen Säuren dieser Reihe (Buttersäure, Baldriansäure, Capronsäure, Caprylsäure, Caprinsäure) sind flüchtig, auch noch die Laurinsäure ist mit Wasserdämpfen flüchtig, aber schon die Myristicinsäure erst bei Anwendung von gespanntem Dampf, -- das erklärt ihr Auftreten in vielen sog. ätherischen Ölen --, die höheren Fettsäuren der Reihe (Palmitinsäure, Stearinsäure, Arachinsäure, Behensäure, Carnaubasäure, Cerotinsäure, Melissinsäure) auch mit diesem nicht.
Die homologe Reihe der gesättigten Fettsäuren enthält folgende Glieder:
HCOOH Ameisensäure } CH₃COOH Essigsäure } C₂H₅COOH Propionsäure } C₃H₇COOH Buttersäure } C₄H₉COOH Baldriansäure } C₅H₁₁COOH Capronsäure } C₆H₁₃COOH Önanthsäure } flüchtige, riechende Fettsäuren C₇H₁₅COOH Caprylsäure } unter 31° +flüssig+ C₈H₁₇COOH Pelargonsäure } C₉H₁₉COOH Caprinsäure } C₁₀H₂₁COOH Undecylsäure } C₁₁H₂₃COOH Laurinsäure F = 43,6° C₁₂H₂₅COOH Ficocerylsäure F = 57° C₁₃H₂₇COOH Myristinsäure F = 53,8° C₁₄H₂₉COOH Isocetinsäure (?) F = 55° C₁₅H₃₁COOH Palmitinsäure F = 62° C₁₆H₃₃COOH Daturinsäure F = 54,5° (57°) C₁₇H₃₅COOH Stearinsäure F = 69,3° [C₁₈H₃₇COOH Nondecylsäure F = 66,5°] C₁₉H₃₉COOH Arachinsäure F = 77° [C₂₀H₄₁COOH] C₂₁H₄₃COOH Behensäure F = 83-84° [C₂₂H₄₅COOH] C₂₃H₄₇COOH Lignocerinsäure F = 80,5° Isomer damit: Carnaubasäure F = 72,5° und Pisangcerylsäure F = 71° C₂₄H₄₉COOH Hyänasäure F = 77-78° C₂₅H₅₁COOH Cerotinsäure F = 78,5° } [C₂₆H₅₃COOH] } C₂₇H₅₅COOH Geocerinsäure F = 82° } Wachssäuren [C₂₈H₅₇COOH] } C₂₉H₅₉COOH Melissinsäure F = 88,5° } C₃₂H₆₅COOH Psyllostearylsäure F = 94-95° }
Margarinsäure ist ein Gemisch (von konstantem Schmelzpunkt) von Palmitin- u. Stearinsäure.
II. Säuren der +Ölsäurereihe+: CₙH₂ₙ₋₂O₂; ungesättigte Säuren:
C₄H₇COOH Tiglinsäure
{ C₁₅H₂₉COOH Hypogaeasäure { C₁₅H₂₉COOH Physetölsäure { C₁₅H₂₉COOH Lycopodiumölsäure
{ C₁₇H₃₃COOH Ölsäure { C₁₇H₃₃COOH Rapinsäure { C₁₇H₃₃COOH Elaïdinsäure { C₁₇H₃₃COOH Isoölsäure
{ C₁₈H₃₅COOH Döglingsäure { C₁₈H₃₅COOH Jecoleïnsäure
{ C₂₁H₄₁COOH Erucasäure { C₂₁H₄₁COOH Brassidinsäure { C₂₁H₄₁COOH Isoerucasäure
Die höheren Säuren sind mit Wasserdampf nicht flüchtig; ihre Bleisalze sind in Äther löslich.
III. Säuren der +Linolsäurereihe+: CₙH₂ₙ₋₄O₂, in trocknenden Ölen, absorbieren leicht Sauerstoff (vgl. S. 553):
{ C₁₇H₃₁COOH Linolsäure { C₁₇H₃₁COOH Taricinsäure { C₁₇H₃₁COOH Hirseölsäure { C₁₇H₃₁COOH Telfairasäure { C₁₇H₃₁COOH Elaeomargarinsäure
IV. Säuren der +Linolensäurereihe+: CₙH₂ₙ₋₆O₂:
C₁₇H₂₉COOH. Linolensäure, Isolinolensäure und Jecorinsäure.
V. Säuren der +Isansäurereihe+: CₙH₂ₙ₋⁸O₂. Isansäure, Terapinsäure.
VI. Säuren der +Lanopalminsäurereihe+. Hydroxylierte Säuren: CₙH₂ₙO₃:
C₁₆H₃₂O₃ Lanopalminsäure, C₃₁H₆₂O₃ Coccerinsäure.
VII. Säuren der +Ricinolsäurereihe+. Hydroxylierte Säuren: CₙH₂ₙ₋₂O₃:
C₁₈H₃₄O₃ Ricinolsäure, Isoricinolsäure, Ricinelaïdinsäure, Ricinsäure und Quittenölsäure.
VIII. Säuren der +Dioxystearinsäurereihe+: CₙH₂ₙO₄:
C₁₈H₃₆O₄ Dioxystearinsäure, C₃₀H₆₀O₄ Lanocerinsäure.
IX. Säuren der Reihe: CₙH₂ₙ₋₂O₄, zweibasisch, gesättigt: C₂₂H₄₂O₄ Japansäure.
Medullinsäure, Moringasäure, Theobrominsäure, Crotonoleïnsäure, Umbellulsäure sind zu streichen (~Lewkowitsch~). Die einzelnen Fettsäuren und Alkohole sind beschrieben in ~Lewkowitsch~, Chem. Technol. u. Analys. d. Öle usw.
Die +Alkoholhälfte+ der Ester gehört in folgende Reihen:
I. Alkohole der Äthanreihe CₙH₂ₙ₊₂O: C₁₃H₂₈O Pisangcerylalkohol, C₁₆H₃₄O Cetylalkohol (Äthal), C₂₄H₅₀O Carnaubylalkohol, C₂₆H₅₄O Cerylalkohol, C₃₀H₆₂O Myricylalkohol (Melissylalkohol), C₃₃H₆₈O Psyllostearylalkohol.
II. Alkohole der Allylreihe: CₙH₂ₙO: C₁₂H₂₄O Lanolinalkohol.
III. Alkohole der Reihe:CₙH₂ₙ₋₆O: C₁₇H₂₈O Ficocerylalkohol.
IV. Alkohole der Glycolreihe CₙH₂ₙ₊₂O₂: C₃₀H₆₂O₂ Coccerylalkohol.
V. Alkohole der Reihe CₙH₂ₙ₊₂O₃: C₃H₈O₃ +Glycerin+.
VI. Alkohole der hydroaromatischen Reihe: C₂₆H₄₄O Cholesterin, Phytosterin und Isocholesterin, C₂₇H₄₄O Sitosterin u. and. Phytesterine.
+Die Fette im engeren Sinne sind alle Glycerinester+, wie -- nachdem ~Scheele~ das Glycerin entdeckt -- zuerst ~Chevreul~ feststellte und ~Berthelot~ (1854) durch die Synthese bestätigte. Die Bindung der Fettsäuren am Glycerin erfolgt entweder in der Weise, daß alle drei Hydroxyle des Glycerins mit der +gleichen+ Fettsäure abgesättigt sind nach dem Typus:
O . R_{I} / C₃H₅--O . R_{I} , \ O . R_{I}
also z. B. Tripalmitinsäure-, Tristearinsäure- und Trioleïnsäure-Glycerinester entstehen -- man bezeichnet diese als Tripalmitin, Tristearin und Trioleïn -- oder die drei Hydroxyle mit zwei oder drei verschiedenen Fettsäuren sich nach dem Typus:
O . R_{I} O . R_{I} O . R_{II} / / / C₃H₅--O . R_{II} , C₃H₅--O . R_{II} , C₃H₅--O . R_{I} , \ \ \ O . R_{III} O . R_{II} O . R_{II}
O . R_{II} O . R_{I} / / C₃H₅--O . R_{I} , C₃H₅ -- O . R_{III} \ \ O . R_{III} O . R_{II}
paaren, also +gemischte+ Glyceride entstehen. Auch diese sind in den von der Natur gebildeten Fetten neuerdings häufig gefunden worden, seit ~Bell~ und ~Lewin~ ein Oleopalmitobutyrat:
O . C₁₈H₃₃O / C₃H₅--O . C₁₆H₃₁O \ O . C₄H₇O
in der Butter annahmen und ~Heise~ (1896) ein Oleodistearin:
O . C₁₈H₃₃O / C₃H₅ -- O . C₁₈H₃₅O \ O . C₁₈H₃₅O
im Mkányifett und der Kokumbutter auffand, das nach ~Sack~ auch im Fett der Mangifera indica auftritt.
Der Vergleich der Formeltypen zeigt, daß es auch zahlreiche Strukturisomere geben muß, deren Zahl bei den Säuren, die doppelte Bindungen besitzen, noch durch den Wechsel in der Lage dieser letzteren vermehrt wird. Die Stereoisomerie der Fettsäuren wurde durch das Studium der Spaltungsprodukte der Ozonide bestätigt (~Harries~ und ~Thieme~). Ob Fette, bei denen nicht alle Hydroxyle des Glycerins mit Fettsäuren verestert sind, z. B. vom Typus:
OR OR OR OH / / / / C₃H₅--OH , C₃H₅--OR oder C₃H₅--OR , C₃H₅--OR \ \ \ \ OR OH OH OH
in der Natur vorkommen, ist noch zweifelhaft. Bisher ist nur ein Diglycerid, das Dierucin, gefunden worden.
Die eigentlichen Fette sind also nach der Formel:
CₙH₍₂ₙ₊₁₎--μCOO.H₂C | CₚH₍₂ₚ₊₁₎--ηCOO.HC | CᵣH₍₂ᵣ₊₁₎--ξCOO.H₂C
zusammengesetzt, wobei n = p = r oder n nicht = p bzw. r und μ = η = ξ oder μ nicht η bzw. ξ sein kann. μ, η, ξ sind kleine gerade Zahlen.
Die Wachse besitzen zumeist die Formel:
CₙH₂ₙ₊₁--µCOO.H₂C.CₖH₍₂ₖ₊₁₎₋ₓ.
Der charakteristische Alkohol ist gesättigt oder ungesättigt, aliphatisch oder zyklisch, aber einwertig. x kann eine kleine gerade oder ungerade Zahl bedeuten (~Ulzer~ und ~Klimont~).
Auch in gewissen Lecithinen sind Fettsäurereste enthalten, z. B. im Distearyllecithin:
{ CH₂.O.O.C₁₈H₃₅ } { | } (Fettsäurerest) (Glycerinrest) { CH.O.O.C₁₈H₃₅ } { | { CH₂.O \ HO--PO (Phosphorsäurerest) / { C₂H₄.O { | { |/CH₃ (Cholinrest) { N--CH₃ { |\CH₃ { | { OH
Es darf als Regel gelten, daß die Fette nie nur aus +einem+ Glycerid bestehen, und daß ein oder mehrere Glyceride (besonders die der Palmitinsäure, Stearinsäure und Ölsäure, d. h. Palmitin, Stearin und Oleïn) vorzuherrschen pflegen. Das Vorkommen von Glyceriden niederer Fettsäuren gibt einem Fette einen besonderen Charakter (Cocosöl). Unter den natürlichen Bedingungen feste Fette gibt es in den Pflanzen nicht. Ich fand in den Tropen, d. h. in der Heimat der betreffenden Pflanzen, auch Palmfett, Cocos- und Cacaofett flüssig.
Die elementare Zusammensetzung der Öle, d. h. ihr Bruttogehalt an C, H und O ist ziemlich übereinstimmend, nur Palmkern-, Cocos- und Ricinusöl zeigen abweichende Zahlen, besonders einen niedrigeren Kohlenstoffgehalt.
In Wasser sind die Fette außerordentlich schwer löslich, in kaltem Alkohol etwas besser (leicht nur Ricinus-, Croton- und Olivenkernöl), leicht in Äther, Schwefelkohlenstoff, Chloroform, Benzol und Petroläther (Ricinusöl löst sich nicht in Petroläther). Beim Erhitzen der Fette über 260° (am besten unter Zusatz von saurem Kaliumsulfat) tritt Zersetzung ein und es entwickeln sich (aus dem Glycerin) Dämpfe von Acrolein: CH₂ = CH.COH. Bei der Destillation entstehen bisweilen (Ricinusöl) gallertige Massen. Beim Durchleiten von Luft durch erhitzte Öle werden diese viskoser. Schwefel wird von Ölen, die ungesättigte Fettsäuren enthalten, addiert. Die Produkte (Factis) sind Kautschuksurrogate. Salpetrige Säure verwandelt Öle mit ungesättigten Fettsäuren der Ölsäurereihe (z. B. Olivenöl, Mandelöl) in feste Massen (Elaidinsäureglyceride). Fette, die Ölsäure, CH₃.(CH₂)₇CH = CH(CH₂)₇COOH, enthalten, -- es sind dies fast alle -- liefern bei der Oxydation zuerst Dioxystearinsäure:
CH₃(CH₂)₇CHOH--CH.OH(CH₂)₇COOH,
dann Pelargonsäure CH₃(CH₂)₇COOH und Azelainsäure COOH(CH₂)₇COOH. Ölsäure liefert mit Ozon ein Ozonid (~Harries~):
CH₃(CH₂)₇CH------CH(CH₂)₇COOH | O | | // \\ | |// \\| O-------O
Dies Ozonid der Ölsäure zerfällt in Nonylaldehyd bzw. Pelargonsäure und Azelainsäure bzw. deren Halbaldehyd.
Je größer das Jodabsorptionsvermögen eines Fettes ist, um so leichter absorbiert es auch Sauerstoff. Es hängt dies also mit den doppelten Bindungen zusammen (vgl. S. 553).
Trockene Luft wirkt, wenn jede Feuchtigkeit und das Licht ausgeschlossen wird, auf Fette nicht ein. Trockene Fette bleiben daher in zugeschmolzenen Röhren unbeschränkte Zeit unverändert. Ist etwas Feuchtigkeit zugegen, so werden geringe Mengen Fettsäuren gebildet, aber das Fett wird noch nicht ranzig. Feuchte Fette werden dagegen an Luft und Licht bald ranzig. Es spalten sich unter dem Einflusse der fettspaltenden, in Wasser unlöslichen, nur in Gegenwart von Säuren wirksamen, also durch diese (Milchsäure? ~Hoyer~) aktivierten +Enzyme+ (Lipase, Steapsin -- zuerst von ~Green~ und ~Sigmund~ 1891 nachgewiesen), die z. B. in den Samen regelmäßig vorkommen, aber auch sonst häufig sind (die einzelnen Lipasen sind untereinander verschieden, ~Dunlap~ und ~Seymour~), die Ester auf, die Fettsäuren werden frei und die Säurezahl steigt. Diese Aufspaltung erfolgt sehr viel rascher durch Kochen mit Wasser, durch überhitzten Wasserdampf, durch Mineralsäuren, die als Katalysatoren wirken, Alkalien, Kalk oder Metalloxyde (PbO) (Seifen-, Pflaster-, Stearinkerzen- und Glycerinfabrikation). Bleiben die Fette mit der Substanz aus der sie bereitet wurden, z. B. mit dem stets enzymreichen Fruchtfleisch, in Berührung, so spalten sich die Glyceride schnell und es kann dann das Fett bis zu 70% (Bagasseolivenöl) oder fast ganz (Palmöl) in Fettsäuren zerfallen. Die primäre Ursache des Ranzigwerdens sind also Enzyme in Gegenwart von Feuchtigkeit, wodurch zunächst die Fette sauer werden, aber ranzig sind sie damit noch nicht. Sie werden es erst, wenn die sauren Fette der Luft und dem Lichte ausgesetzt und dadurch oxydiert werden (~Ritsert~, ~Duclaux~, ~Lewkowitsch~, ~Geitel~). Mikroorganismen können Ranzidität einleiten, sind aber nicht nötig dazu (~Duclaux~, ~Ritsert~, ~Mjoen~). Fette mit Glyceriden ungesättigter Fettsäuren neigen mehr dazu ranzig zu werden, als solche von höheren, gesättigten Fettsäuren. Ranzige Fette geben im allgemeinen eine höhere Acetylzahl (~Lewkowitsch~) und zeigen eine geringere Verbrennungswärme (~Stohmann~).
Wird durch erwärmte Öle Luft oder Sauerstoff geblasen, so erfolgt eine energische Oxydation, das spezifische Gewicht steigt, die Öle werden viskos («geblasene Öle»).
Die meisten Fette sind optisch-inaktiv, rechtsdrehend sind z. B. Ricinusöl, Crotonöl, Lorbeeröl und Sesamöl. Die Zahl für die mittlere Molekularrefraktion ist bei den meisten Ölen ziemlich dieselbe, z. B. Leinöl 447, Olivenöl 447, Sojabohnenöl 450, Sesamöl 451 (~Klimont~).
Mikroskopisch betrachtet zeigen die festen oder halbfesten Fette regelmässig reichliche Kristallbildungen, vorwiegend Nadeln, eingebettet in tropfbar-flüssige Massen.
Die +Wachse+ sind chemisch den Fetten sehr ähnlich, haben aber eine ganz andere physiologische Funktion; als Überzüge auf des Vegetations- und Reproduktionsorganen von Pflanzen warmer Klimate dienen viele als Schutz gegen Verdunstung, Benetzung, Licht. Bei anderen ist die Funktion unklar. Das Bienenwachs dient zum Bau der «Zellen». Die Wachsester sind schwerer verseifbar als die Fettester.
Die Methoden der +Analyse der Fette+ sind physikalische und chemische. Von den +physikalischen+ kommen in Betracht: Die Bestimmung des spez. Gew., des Schmelz- und Erstarrungspunktes, des Brechungsexponenten (mit dem Refraktometer), der Viskosität (mit dem Viskosimeter, vgl. oben S. 450, am gebräuchlichsten sind ~Englers~ und ~Redwoods~ Viskosimeter), des Rotationsvermögens, des mikroskopischen und spektroskopischen Verhaltens, der Konsistenz, der Löslichkeit, des elektrischen Leitungsvermögens und des Verhaltens im Kolorimeter. Bei den +chemischen+ Methoden unterscheidet man: Die Bestimmung der Säurezahl, der +Verseifungszahl+ (+Köttstorferzahl+), der +Jod-+ (und Brom-)+zahl+ (~Hübl~, ~Wijs~), der +Reichert-Meissl-+ bzw. +Reichert-Wollnyzahl+ (flüchtige Fettsäuren), der +Hehnerzahl+ (Unverseifbares und unlösliche Fettsäuren) und der +Acetylzahl+. ~Fokin~ benutzte die «Wasserstoffzahl», d. h. die Zahl ccm H bei 0° und 760 mm D (1 l = 0,098 g), welche mit 1 g Substanz bei Behandlung mit molekularem Platin in Reaktion treten, um die Zahl der doppelten Bindungen in ungesättigten Fettsäuren zu bestimmen. Bisweilen werden auch die Glycerinmenge und die Diglyceride bestimmt. Qualitative Reaktionen sind die Elaidinprobe, die Sauerstoffabsorptionsprobe und die Hexabromidprobe (zum Nachweis der Linolensäure). Auch die Bestimmung der Temperaturerhöhung beim Vermischen mit konz. Schwefelsäure wird vielfach zur Identifizierung der Öle benutzt (~Maumenés~ Probe). Für genauere Untersuchungen ist auch die Prüfung der isolierten Fettsäuren (auf Menge, spez. Gew., Schmelz- und Erstarrungspunkt, Siedepunkt, Löslichkeit, Brechungsexponent usw.) nötig. Der Fettgehalt von Drogen wird durch Extrahieren mit niedrig siedendem Petroläther im Soxhlet, Verseifen des Extraktionsrückstandes und Abziehen des Unverseifbaren bestimmt.
Die meisten Öle sind gelblich, einige fast farblos (manche Sorten von Olivenöl und Ricinusöl), andere tiefgelb (Leinöl, frisches Palmfett), die Fette meist rein weiß (Cocosfett, Schweinefett). Einige sind durch Farbstoffe gefärbt, die sich beim Auspressen im Fett lösten. So ist Lorbeeröl durch Chlorophyll, Muskatbutter durch einen gelbroten, Astrocaryafett durch einen zinnoberroten Farbstoff gefärbt. Ein Chlorophyllgehalt der fetten Öle, der besonders bei Olivenöl und Hanföl beobachtet wurde, läßt sich leicht mit dem Spektroskop nachweisen (~Tschirch~ 1884).
+Die direkte Synthese der gewöhnlichen Glyceride+ gelingt mit fast theoretischer Ausbeute durch Erhitzen stöchiometrischer Mengen von Fettsäure und Glycerin auf 200-250° unter gewöhnlichem Druck, wenn man das bei der Reaktion entstehende Wasser fortwährend entfernt und den atmosphärischen Sauerstoff mittelst eines inerten Gasstromes (CO₂) fernhält (~Belucci~ 1911. Weitere Synthesen bei ~Schacht~.) Auch mit Hilfe von Enzymen ist sowohl im Organismus wie in vitro ein Aufbau von Fetten möglich, da, wie zuerst ~Hanriot~ gezeigt hat, z. B. die fettspaltende Serolipase auch reversibel synthetisierend wirkt (biochemische Fettsynthese). Solche Synthesen gelangen ~Bodenstein~ und ~Dietz~, ~Taylor~, ~Pottevin~ u. and.
~Lewkowitsch~ gibt folgende Einteilung der Fettkörper:
I. Öle (flüssig),
a) vegetabilische:
1. trocknende, 2. halb trocknende, 3. nicht trocknende.
b) animalische:
1. von Seetieren: α) Fischöle, β) Leberöle, γ) Tran.
2. Von Landtieren.
II. Fette (fest), a) vegetabilische, b) animalische.
Alle vegetabilischen Öle und Fette enthalten als Begleiter Phytosterine, alle animalischen Cholesterine. Die chemischen Beziehungen derselben zu den Fetten sind noch nicht aufgeklärt.
Eine ziemlich vollständige tabellarische Übersicht über die Zusammensetzung, sowie die physikalischen und chemischen Konstanten von 225 pflanzlichen und tierischen Fetten und 10 Wachsen findet sich in ~Ulzer-Klimont~, Allgem. physiol. Chemie d. Fette 1906. Genaueres bei ~Lewkowitsch~.
Der +mikrohistochemische Nachweis der Fette+ gelingt in allen Fällen, wo das Öl ungesättigte Säuren (z. B. Ölsäure) enthält mittelst Osmiumsäure: die Tropfen färben sich im Wasserpräparat bei gelindem Erhitzen mit dem Reagens braun (die Reaktion tritt aber auch bei anderen Substanzen mit doppelten Bindungen ein). In den Samen, welche ich selbst angesehen habe (und das ist eine große Zahl) ist das fette Öl in den Zellen +niemals+ in Tropfen, sondern in innigster Mischung oder Verbindung mit dem Plasma vorhanden. Es färbt sich daher die ganze zwischen den Aleuronkörnern liegende Masse mit Osmiumsäure braun, wenn man den Schnitt direkt in diese einträgt. Dieses von mir +Ölplasma+ genannte Gebilde wird aber durch Wasser zersetzt und es treten daher Tropfen hervor, wenn man den Schnitt in Wasser legt. Auch in den Zellen der Vegetationsorgane entsteht das Öl immer im Plasma und dieses ist wohl regelmäßig ölhaltig. Bisweilen entsteht es in sog. +Oleoplasten+ (Elaeoplasten, Ölbildnern). Doch bestreitet ~Uhlmann~, daß es sich hier um fettes Öl handelt.
Ein weiterer Nachweis der Fette beruht auf ihrer Verseifbarkeit mit Alkalien. Man legt den Schnitt in Kaliammoniak: es entsteht eine wasserlösliche Seife (~Molisch~ 1891). Die Verseifung tritt schon bei gewöhnlicher Temperatur bei längerem Liegen ein und es treten dabei charakteristische Kristalle auf (~Hartwich~ und ~Uhlmann~). Die Fetttropfen nehmen auch Farbstoffe begierig auf, wie z. B. Alkanna, Chinolinblau, Sudan, Chlorophyll und den roten Farbstoff, der bei der ~Raspail~schen Zuckereiweißreaktion entsteht.
In der Therapie spielen die Fette besonders eine Rolle als Salben- und Linimentvehikel. Alle Öle wirken zudem, wenn eßlöffelweise genommen, abführend, auch per anum, Gummiölemulsionen dagegen stopfend. Die gepreßten Öle verhalten sich nicht ganz gleich wie die mit Lösungsmitteln extrahierten des gleichen Objektes.
In der +Pharmazie+ benutzt man auch die mit Kohlensäure gesättigten Öle (Brauseöle), sowie die bromierten und jodierten Fette. Der Lösungsfähigkeit des Phosphors in Öl bedient man sich zur Herstellung des Ol. phosphoratum.
Die +Verbrennungswärme+ der Fette ist sehr beträchtlich. Während die Kohlehydrate im Durchschnitt nur 3900 g-Kalorien geben, geben die Fette im Durchschnitt 9300 g-Kal. Sie spielen daher im Stoff- und Kraftwechsel der Organismen eine große Rolle und sind wertvolle Nahrungsmittel.
Die Frucht- und Samenöle werden meist durch +Pressung+ (kalte oder warme) gewonnen (vgl. I, S. 134). Die hierbei erhaltenen =Preßkuchen=, die immer noch mehr oder weniger Fett zurückhalten, sind wertvolle Futter- oder Düngemittel, da in ihnen sich noch das ganze Eiweiß (besonders in Form von Aleuronkörnern) befindet. Neuerdings werden aber auch viele Fette durch Extraktion, besonders mit Schwefelkohlenstoff und Benzin resp. Petroläther (weniger mit Tetrachlorkohlenstoff, Chloroform, Aceton, Benzol, Chloräthylenen oder Chloräthanen) gewonnen. Bei beiden Methoden gehen auch in Fett lösliche Begleiter der Fette in Lösung (Farbstoffe, giftige Substanzen, ätherische Öle s. oben).
Die Apparate zur Ölgewinnung sind abgebildet bei ~Stiepel~ a. a. O.
Der Bedarf an Pflanzenfetten ist ein ungeheurer. Deutschland allein führte 1906 für 30 Mill. Mark Pflanzenöle und für 202,49 Mill. Mark Ölsamen ein (~Tunmann~). Von tropischen Ölen kommen jährlich über 2000 Mill. kg an den Weltmarkt. +Marseille+ ist ein wichtiger Ölhandelsplatz für Oliven, Arachis, Sesam, Copra und ihre Öle.
Die +Methoden zur Reinigung der Fette+ beziehen sich auf die Entfernung mechanischer Verunreinigungen, gelöster Eiweißstoffe, Harze, Pflanzenschleim, freier Fettsäuren, Riechstoffen (Desodorisation) oder sind Bleichmethoden oder Methoden, welche auf eine Geschmacksverbesserung oder größere Haltbarkeit abzielen oder eine Erhöhung des Schmelzpunktes oder Herabsetzung des Erstarrungspunktes bezwecken (Demargarinierung).
=Geschichte.= Schon das Urvolk der Sumerer bediente sich des Oliven- und Ricinusöls, die Babylonier des Sesamöls. Öl (mrḥt) und Talg (ʿd) werden sehr oft in ägyptischen und auch in babylonischen Rezepten genannt (vgl. I, S. 467). ~Oefele~ nennt (I, S. 486) 16 tierische Fette, die in babylonischen Apotheken zu finden waren. Die Gewinnung von Öl (umgebildet aus lat. oleum) aus Pflanzen durch Auspressen ist also sehr alt. Das Olivenöl wurde besonders zu Beleuchtungszwecken schon im alten Ägypten benutzt, ebenso in Palästina schon zu ~Mosis~ Zeit. Als Salbmittel bedienten sich seiner auch die alten Griechen, die es von den Ägyptern kennen lernten (~Herodot~). Auch das Öl der Mandeln und Nüsse war bereits den Alten bekannt. Sie benutzten die Öle auch als Speiseöle und zur Enfleurage, d. h. zum Ausziehen von Wohlgerüchen aus Pflanzen (viele Vorschriften bei ~Dioskurides~). Als Salbengrundlage begegnen wir dem Wollfett (Oisippus) schon in sehr früher Zeit (~Plinius~). Die Bereitung der Butter aus Pferdemilch durch starkes Schütteln kannten bereits die Skythen (~Herodot~) und ~Hippokrates~ nennt das Produkt schon βούτυρον. ~Dioskurides~, der das Buttern beschreibt, erwähnt Butter aus Schaf- und Ziegenmilch. Seife, aus Buchenasche und Ziegenfett in Germanien und Gallien bereitet, erwähnt ~Plinius~ (Hist. nat. 28, 191) als gallische Erfindung. Sapo ist entweder keltischen Ursprungs oder stammt aus +ahd.+ seifa, seifar (= Schaum), +agls.+ sápe, +urgerm.+ saipa und hängt wohl mit +lat.+ sêbum (= Talg) zusammen. Die Gallier und Germanen benutzten die Seife zum Rotfärben der Haare (+agls.+ taelg = Talg +und+ Farbe -- bei ~Ovid~: femina canitiem germanis inficit herbis) und so wurde sie auch zunächst in Rom benutzt, bis man sapo spissus herstellen lernte und zum Waschen anwendete. Schon damals scheint der Unterschied von harter und weicher Seife bekannt gewesen zu sein. Die Gallier bereiteten harte mit der Asche von Seepflanzen (Soda), die Germanen weiche mit der Asche von Landpflanzen (Kali) und auch ~Galen~, der Seife, aus Rinder-, Ziegen- und Hammelfett mit Aschenlauge und Kalk bereitet, kennt, erwähnt deutsche Seife zum Waschen und als Heilmittel. Übrigens blühte auch im alten Rom die Seifensiederei um Christi Geburt, wie wir aus Pompeji wissen (in früherer Zeit dienten Aschenlauge, Nitrum (Soda), alkalisches Wasser und gefaulter Urin, auch wohl saponinhaltige Pflanzen zum Waschen). ~Aëtius~ (VI. Jahrh.) erwähnt die schwarze Seife, ebenso die Arzneibücher von Wales (I, S. 683). Später war Marseille und sodann Venedig Sitz großer Seifenfabriken (daher Sapo venetus). Die Bleipflasterdarstellung war den Alten ebenfalls bekannt (~Dioskurides~, ~Plinius~). Nach Germanien kam das +Öl+, die Sache und das Wort, wohl erst im III. Jahrh. n. Chr. (oleum über +kelt.+ und +got.+ alêw, +ahd.+ olei, +agls.+ ele in Öl). ~Tachenius~ wußte, daß Alkalien und Metalloxyde die Fette verändern und daß in ihnen eine Säure enthalten ist. ~Moray~ beschrieb (1665) das Walrat, ~Homberg~ (1687) die Gewinnung des Cacaofettes, ~Leméry~ (1708) das Bienenwachs; ~Geoffroy~, der (1741) die Löslichkeit der Öle studierte, wußte, daß die Seife eine andere Löslichkeit hat, wie das ihr zu Grunde liegende Öl, und ~Macquer~ fand (1745) Säuren in der Seife. ~Frémy~ erkannte die Analogie der Bleipflasterbildung mit der Seifenbildung. Die Entdeckung, daß rauchende Salpetersäure viele Öle verdickt, machte schon ~Boyle~ (1661) und der Marseiller Apotheker ~Poutet~ fand, daß die salpetrige Säure der Grund der Bildung des von ihm Elaïdin genannten Körpers ist. ~Macquer~ meinte (1745), daß ein Fett um so dicker sei, je mehr es «Säure» enthalte. Dann untersuchten noch im XVIII. Jahrh. ~Buchner~, ~de Roi~, ~Vallerius~, ~Saluces~, ~Watson~ u. and. viele Öle und ~Cartheuser~ (I, S. 962) das Wachs, den Talg, die Seife und die tierischen Fette. ~Crell~ unterwarf sie der trockenen Destillation (1778) und führte (für die flüchtigen Säuren) den Namen +Fettsäuren+ ein. Dem Prozesse des Ranzigwerdens wandte schon ~J. C. Gehlen~ in seiner Dissertatio de oleis pinguibus rancidis Lips. 1776 seine Aufmerksamkeit zu. ~Fourcroy~, der das Leichenwachs auffand, vereinigte dies mit dem von ~Gren~ (1788) entdeckten Gallensteinfett (Cholesterin) und dem Walrat zu der Klasse der Fettwachse (Adipocire). ~Scheele~ entdeckte zwar das Glycerin oder Ölsüß, principium dulce oleorum (De materia saccharina peculiari oleorum expressorum et pinguedinum 1783) und erkannte, daß es beim Erhitzen aller Öle und Fette mit Bleiglätte entsteht, vermochte aber nicht die Natur der Fette aufzuklären, so daß noch ~Lavoisier~ sie für Kohlenwasserstoffe hielt! Die Natur der Fette, wie der Prozeß der Seifenbildung, wurde in einer denkwürdigen umfassenden Untersuchung der tierischen Fette 1811-1823 von ~Chevreul~ aufgeklärt, der auch bereits feste (acide margarique, a. stéarique), flüssige (acide oléique) und flüchtige (acide delphique [= Baldriansäure] Buttersäure, Capron- und Caprinsäure) unterschied, und die Namen Stearin (von στέαρ = Talg), Elain (von ἔλαιον = Öl) und Cetin (Walrat) einführte. ~Heintz~ und ~Berthelot~ setzten die Untersuchungen von ~Chevreul~ fort. Sie zerlegten die Margarinsäure in Palmitin- und Stearinsäure. ~Berthelot~, ~Luca~ und ~Wurtz~ erkannten das Glycerin als dreiwertigen Alkohol.
=Lit.= ~Beckmann~, Beitr. z. Gesch. d. Erfind. -- ~Chevreul~, Les corps gras d’origine animale. Paris 1815-1823 (Neudruck 1889). -- ~Berthelot~, Am. chim. (3) 41, 216 (1854). -- ~Hanriot~, Compt. rend. 1896, 1897 und 1901. -- ~P. Schacht~, Beitr. z. Synthese der Fette. Diss. Zürich 1908. (Dort eine Liste d. synthet. dargest. Glyceride und eine Literaturübersicht.) -- ~Grün~, Über d. Konstitut. d. Fette. Habilitationsschr. Zürich 1907. -- ~Corelli~, Unters. über d. Spalt. v. Fett. Diss. Zürich 1909. -- ~Skopnik~, Synth. dreifach gemischt. Glyceride. Diss. Zürich 1909. -- ~Dunlap~ und ~Seymour~, Journ. amer. chem. soc. 27 (1905), 935. -- Verbrennungswärme d. Fette: ~Stohmann~, Journ. prakt. Chem. 31, 32, 42, 44 und 45 und ~Sherman~ u. ~Snell~, Journ. am. chem. soc. 1901, 164. -- ~Klimont~, Zeitschr. angew. Chem. 24, 254 (1911). -- ~Heise~, Arbeit. aus d. kais. Gesundheitsamt (1896) 12, 540; 13, 302. -- ~Belucci~, Atti R. Accad. dei Lincei (5) 20, I 235 (1911). -- ~Fokin~, Zeitschr. anal. Chem. 1909. -- ~Molisch~, Histochemie 1891. -- ~Hartwich~ und ~Uhlmann~, Nachw. fett. Öle durch mikrochem. Verseif. Arch. Pharm. 1903, 111. -- ~Uhlmann~, Dissert. Zürich 1902. -- ~Bell~, Chemistry of foods II. -- ~Lewkowitsch~, Chem. Technologie u. Analyse d. Öle, Fette und Wachse. Braunschweig 1905. -- ~Ulzer~ und ~Klimont~, Allgemeine u. physiol. Chemie d. Fette. Berlin 1906. -- ~Euler~, Pflanzenchemie. -- ~Marcusson~, Laboratoriumsbuch für d. Industrie d. Öle und Fette 1911. -- ~Tschirch~, Einige prakt. Ergebn. meiner Unters. über d. Chlorophyll. Arch. Pharm. 1884. -- Verzeichnis der fettliefernden Pflanzen bei ~Mikosch~, in ~Wiesner~, Rohstoffe, II. Aufl. -- Untersuchungsmethoden: ~Lewkowitsch~ in ~Lunge~, Chem. Techn. Untersuchungsmeth. 5. Aufl. III (1905). -- ~Benedikt-Ulzer~, Analyse d. Fette u. Wachsarten. -- Für das Technische: ~Hefter~, Technologie d. Fette u. Öle 1906. -- ~Schädler~, Technol. d. Fette. 2. Aufl. 1892. -- ~Stiepel~, Fette, Öle, Wachse in ~Weyls~ Einzelschriften z. chem. Technolog. 1911 (reich illustriert). -- Über die Fortschritte berichtet der Jahresbericht auf dem Gebiete d. Fette, Öle u. Wachsarten in der Chem. Revue über die Fett- und Harzindustrie. -- Ein Spezialkomitee für die einheitliche Untersuchung von Fetten und pflanzlichen Ölen der Amer. chemical Society schlug 1910 einheitliche Methoden vor (Rev. über d. Fett- u. Harzindustr. 1911, 84).
I. Vegetabilische Öle und pflanzliche Öldrogen.
1. Trocknende Öle.
In den trocknenden Ölen sind Fettsäuren mit mehreren doppelten Bindungen enthalten, die also eine hohe Jodzahl zeigen und welche durch Sauerstoffaufnahme erhärtende Oxyde bilden. Ölsäure gehört nicht zu diesen, wohl aber Linolsäure und Linolensäure. Sie geben nicht die Elaidinreaktion, wohl aber, wenn Linolensäure vorhanden, Hexabromid. Die Sauerstoffaufnahme des Leinöls, die Linoxin(Linoxyn-)bildung erfolgt immer an den doppelten Bindungen. ~Roch~ denkt sich dieselbe folgendermaßen:
1. Phase >C=C< + O₂ → >C--C< (Peroxyd) | | O--O
2. Phase >C--C< >C---C< | | → \ / + O (Oxyd) O--O O
Linoxin ist in allen Lösungsmitteln unlöslich. Die Sauerstoffaufnahme ist (z. B. beim Leinöl) lebhafter, wenn man erst mit Sikkativen (Manganborat, Bleioxyd) kocht.
~Genthe~ hielt den Vorgang beim Trocknen des Leinöls für eine molekulare Autoxykatalyse und die Sikkative nur für Pseudokatalysatoren, ~Fokin~ für eine hemimolekulare Autoxykatalyse, ~Fahrion~ meint, daß bei der Autoxydation zuerst Peroxyde entstehen, daß diese alsdann umgelagert werden und dadurch zu Wasserabspaltung und Komplexbildung führen. Die Sikkative ändern den Chemismus des Autoxydationsvorganges nicht, sondern wirken nur als Katalysatoren beschleunigend oder abkürzend.
Bei Einlegen in die ~Molisch~’sche Kaliammoniakmischung liefern die trocknenden Öle kleine Sphärite (~Uhlmann~).
=Lit.= ~Mulder~, Chemie d. austrocknenden Öle. Deutsch. von ~Müller~. 1867. -- ~Roch~, Trocknende Öle. Zeitschr. angew. Chem. 1911, 80. -- ~Hazura~, Monatsh. f. Chem. 9, 180. -- ~Hehner~ u. ~Mitchell~, Analyst. 1898, 313. -- ~Rollett~, Chem. Centralbl. 1909, II, 1984. -- ~Fahrion~, Zeitschr. f. angew. Chem. 23 (1910), 722 u. 1910, 1106. -- ~Genthe~, Ebenda 19, 2087. -- ~Fokin~, Ebenda 22, 1451. -- ~Orlow~, Journ. Russ. Phys. Chem. Ges. 42, 658 (Chem. Centralbl. 1910, II, 1529). -- ~H. Ingle~ (Bemerk. über Leinöl), Journ. Soc. chem. ind. 30, 344.
Semen Lini und Oleum Lini.
Sowohl über die Stammpflanze, Linum usitatissimum, wie über den Samen und sein Öl (Leinöl, Leinsamenöl, huile de lin, linseed oil, oil of flaxseed) ist bereits oben (S. 314) berichtet worden. Der Ölgehalt des Leinsamens schwankt von 24,66 bis 44,46% der Trockensubstanz (~König~); obere Grenze der Asche 5% (~Hauke~).
~Harry Ingle~, der mehrere tausend Leinöle untersuchte, fand Jodzahl und spez. Gew. bei:
Baltischem Leinöl 195 0,9357 Calcutta Leinöl 185 0,9322 Deutschem Leinöl 181,5 0,9322 Englischem Leinöl 185 0,9332 Laplata Leinöl 179,5 0,9315 Menhaden Leinöl 182 0,9328
~Fahrion~ gibt jetzt (vgl. oben S. 323) dem Leinöl folgende Zusammensetzung: Unverseifbares 0,6%, gesättigte Fettsäuren 9,3%, Ölsäure 17,5%, Linolsäure 30%, Linolensäure 38%.
+Linolsäure+ (C₁₇H₃₁COOH) enthält zwei doppelte Bindungen, addiert also vier Atome Brom, gibt oxydiert zunächst Sativinsäure (Tetraoxystearinsäure), dann Azelainsäure: COOH(CH₂)₇COOH.
+Linolensäure+ (C₁₇H₂₉COOH) ist auch eine ungesättigte Säure (s. oben S. 546). +Sie liefert ein Hexabromid+ und gibt oxydiert Linusinsäure (Hexaoxystearinsäure). Beide Säuren sind flüssig.
Die Annahme einer Isolinolensäure (~Hazura~) oder β-Linolensäure (~Erdmann~, ~Bedford~ und ~Raspe~) erschien nach ~Rollett~ unbegründet, doch halten ~Erdmann~ und ~Bedford~ (1910) ihre Angaben aufrecht.
Das Komitee der Amer. Soc. for testing materials schlägt (ungefähr übereinstimmend mit ~Benedikt-Ulzer~) folgende Konstanten für reines Leinöl vor: spez. Gewicht 0,935-0,932, Brechungsexponent bei 25°: 1,4805-1,4790, Säurezahl 6, Verseifungszahl 192-189, Jodzahl (~Hanus~) 190-178, Unverseifbares 0-1,5. Doch fand ~Meister~ bei absolut reinen Leinölen unter 170, der bisher angenommenen unteren Grenze, liegende Jodzahlen (160,2 bis 164,5).
Die Verbrennungswärme des Leinöls beträgt bei konstantem Volumen 9364 bis 9379, bei konstantem Druck 9379 bis 9394 g-Kalorien (~Sherman~ und ~Snell~). Der Entflammungspunkt liegt bei 205-225° (~Rakusin~).
+Hamburg+ importierte 1908 seewärts 33211 dz +Leinöl+, davon aus den Niederlanden 25975; 1907 geringe Mengen auch aus den russischen Ostseehäfen und Schweden. +Frankreich+ importierte 1908 18955 Quint. +Leinöl+, die Hälfte etwa aus Belgien, dann aus China, England und den Niederlanden.
+Britisch Indien+ exportierte Linseed 1907/08: 2290185, 1908/09: 1405467 cwts nach England und engl. Besitzungen und 1907/08: 3907697, 1908/09: 1804080 cwts nach anderen Ländern. Die Gesamtausfuhr an Leinöl betrug 1908/09: über 36000 Gallons. Die +Vereinigten Staaten+ exportierten 1908: 4277313, 1909: 882899 bushels Flaxseed, 1908: 367883, 1909: 273029 Gallons Linseed oil und 1909: 682764545 pounds Linseedoilcake.
In dem +Leinsamenpreßkuchen+ (Leinkuchen, Placenta sem. lini, Pain ou gâteau de lin, linseedcake) sind neben dem Schleim auch alle stickstoffhaltigen Substanzen des Samens enthalten, also das Protein Edestin, krist. Globulin, ein Albumin, wenig Proteosen und Peptone (~Osborne~ und ~Campbell~), ferner Lecithin (~Schulze~ und ~Steiger~), Lipase (~Sigmund~), Protease (~Will~), ein glykosidspaltendes Enzym (~Dunstan~, ~Henry~ und ~Auld~), Linamarin (Phaseolunatin, s. oben S. 322) und Reste des fetten Öls.
Die Zusammensetzung des +Lein+preßkuchen in % ergibt sich aus folgender Tabelle:
------------------++--------------+-------++--------+--------+-------- || ~König~ ||~Garola~|~Wagner~|~Holde- || Min. | Max. |Mittel || | |fleiss~ ==================++==============+=======++========+========+======== Wasser || 9,54 | 20,50 | 12,19 || 12,86 | 10,40 | 13,43 Stickstoffhaltige || | | || | | Substanz ||19,00 | 36,18 | 29,48 || 30,87 | 25,94 | 25,27 Fett || 3,78 | 16,34 | 9,88 || 8,75 | 12,30 | 11,43 Stickstofffreie || | | || | | Substanz ||24,54 | 46,58 | 29,91 || 28,48 | 34,81 | 30,72 Cellulose || 5,42 | 16,50 | 9,69 || 11,88 | 10,75 | 11,72 Asche || 5,13 | 16,50 | 9,69 || 7,16 | 5,80 | 7,40
Da der Leinpreßkuchen als Futtermittel sehr geschätzt, aber relativ teuer ist, so wird er oft verfälscht angetroffen, besonders mit Mohnsamen- und Arachispreßkuchen. ~Collin~ fand darin auch die Samen von Chenopodium polyspermum, Spergularia arvensis, Cerastium triviale, Spergula arvensis, sowie Leguminosensamen.
Das +Flachswachs+ besteht aus Phytosterin, Cerylalkohol, Palmitin-, Stearin-, Öl-, Linol- und Linolensäure. F. = 61,5, Jodzahl 10.
=Lit.= Vgl. oben unter Trocknende Öle. -- Chem. Lit. zusammengestellt in ~Wehmer~, Pflanzenstoffe. -- Über die Bestandteile der Aleuronkörner vgl. ~Tschirch~ und ~Kritzler~, Ber. d. pharm. Ges. 1900, 264. -- Preßkuchen: ~Collin-Perrot~, Les résidus industriels.
Fructus Cannabis und Oleum Cannabis.
=Syn.= Hanfsamen: graine de chanvre, hemp seed, seme di canape. Die Pflanze: Hanf, Bästling, Hämp oder Hemp, in Österreich: Harf, Pastök und Hanef; in der Schweiz: Werch (die Frucht: Hausset), Tregel, Tschenevo, in Bünden: Chanf, im Tessin: Canape, Canapule. Die männliche Pflanze: Hanfhahn, fälschlich (weil kleiner) femmel oder fimmel (von femella = Weibchen -- deutet auf späte römische Einflüsse), die weibliche Pflanze: Hanfhenne, Hänfin, Samenhanf, fälschlich mastel, masch, mäschel (von mas) -- so schon im Corpusglossar. Bei ~Gerarde~ (Herbal 1633): der männliche wird Carl- oder Winter-H. genannt, der weibliche Barren- oder Sommer-H. -- hemp (engl.) -- chanvre, chènevis (franz.), cambre (norm.), chène (wallon.) -- canappa (ital.) -- câñamo (span.) -- cánhamo (port). -- hennep (holl.) -- hamp (norweg.) -- hampa (schwed.) -- konópel (russ.) -- καννάβι (griech.).
Bei ~Dioskurides~: κάνναβις, -- bei ~Plinius~: cannabis, -- bei den späteren Griechen: σχινόστροφος, ἀστέριον. -- Bei ~Simon Seth~: κανναβουρόσπερμα; -- im Mittelalter: canabus, canapus, caniva, canopus, sechedenchi; bei der ~Hildegard~: hanff, cannabus; -- bei ~Alhervi~: schâh-dânadsch -- bei ~Ibn Baithar~: kunnab. -- In der Alphita, bei ~Serapion~ und ~Bartholomaeus~ steht: canaps, cannabis, canapis caulis et canabit, cotumb, scehedenegi canabis, canurus, hemp. -- +ahd.+ hanaf, +anord.+ hampr, +mhd.+ hanef, hanf, +nhd.+ hanf, +nnd.+ hemp, +angels.+ haenep, +ndl.+ kennep, +arab.+ kinnub, cannab, +sansc.+ goni, sana, indrasana (= ~Indras~ Hanf), shanapu, banga, ganjika, +beng.+ ganga. Die Früchte heißen +hind.+: ganjé-ke-bij, +tam.+: ganja-virai, +beng.+: ganja-bij -- im +pers.+ shahdánah = Königssamen (Pharm. ind.). In +China+ heißt der Hanf ho-ma, ta-ma oder ya-ma (auch für andere Gespinstpflanzen benutzt, ~Dragendorff~), die Frucht: ho-ma-jin.
=Etym.= Die frühere Annahme, daß das Wort Hanf aus cannabis entstanden sei, ist jetzt aufgegeben (~Kluge~, ~Schrader~). Beide Worte werden jetzt von der gemeinsamen Wurzel canna, ken (çaṇa im Sanskrit = Rohr) abgeleitet, die sich im čeremissischen kehe, kiné (= Hanf) findet und die auch im turko-tartar. kin-dūr (= Hanf) bulgar. kenevir (= Leinwand) und magyar. kender (= Hanf) auftritt. Die Endsilbe bis bringt ~Schrader~ zu dem syrjänischen und wotjakischen piš, puš (= Nessel) in Beziehung. (Bei ~Wrigt-Wülcker~ Agls. a. O. E. Vocabularies I, 198: cannabum haenep vel pis.). Cannabis wäre also selbst Lehnwort und ein Doppelwort, das Hanf-Nessel(ein Pleonasmus!) bedeutete. +Alban.+ heißt der H. kanep, +lit.+ kanapis, +aslov.+ konoplja, +armen.+ kanap, +npers.+ kanab. (Die Ableitung von cannabis und Hanf aus der in Banga und Gangika enthaltenen Sanskritwurzel ang oder an [~de Candolle~] leuchtet mir nicht ein.) Der Name kann nicht bis in die indogermanische Urzeit, ja nicht einmal bis in die Epoche vor dem Abzug der Griechen nach Süden zurückreichen, da der H. den Griechen noch unbekannt war, während er damals im südlichen Rußland schon gebaut wurde. «Die Germanen erfuhren Einfluß südlicher Kultur etwa erst in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung. Es gibt kein Lehnwort aus dem Griech. oder Latein., das die erste Lautverschiebung vollständig mitgemacht hätte. Wenn aber Verschiebung der Konsonanten in germ. hanapiz gegenüber κάνναβις vorliegt, so ist dies ein Beweis dafür, daß das Wort ein paar Jahrhunderte n. Chr. bei den Germanen bereits eingebürgert war» (~Kluge~). -- Der in alten Pflanzenglossaren auftretende Name für H. agrius (von ἄγριος = wild) deutet vielleicht darauf, daß H. an wüsten Plätzen ausgesät wurde und viel halbwild wuchs (~Fischer-Benzon~). Auf die Verwendung der Faser zu Stricken deutet die Bezeichnung σχοινόστρωφον (= Stricke drehend, bei ~Dioskurides~, von σχοινίον und στρέφειν), die Namen Bästling, Bast, Bösling, Werch. Die einfachere Form canna, κάννη, im altindischen çaṇa, deutet vielleicht (~Grassmann~) auf Rohr, das auch zu Flechtwerken diente (~Kanngiesser~), auf die sternförmige Fingerteilung der Blätter der Name ἀστήριον (bei ~Dioskurides~).
=Stammpflanze und systemat. Stellung.= =Cannabis sativa= L. (Spec. pl. ed. I, 1027) mit einigen Varietäten und Formen (s. unten). In Amerika wird von der typica eine var. americana unterschieden, in Algier eine als Kif.
+Urticales+ -- +Moraceae+ -- Cannaboideae (neben Humulus). Cannabis Tourn. hat nur eine Art.
=Beschreibung der Stammpflanze.= Der Hanf ist eine einjährige, krautige, diklin-diöcische (bisweilen monöcische) Pflanze mit straffem, aufrechtem, bis 3 m hohem und 5 cm dickem, undeutlich kantigem, kurz rauhhaarigem Stengel, der aber in der Kultur (z. B. bei der var. gigantea und der var. chinensis ~Del.~ in China) doppelt so hoch, in der Poebene doppelt mannshoch werden kann, bei der var. pedemontanus aber nur 1,5 m hoch ist. Die Stengel enthalten in der Rinde zahlreiche Bastfasergruppen (s. Hanffaser, S. 254). Die Verzweigung ist bei der weiblichen Pflanze dichter als bei der männlichen (bei der var. pedemontana reich und abstehend). Die +Blätter+, unten dekussiert, oben spiralig angeordnet, sind gestielt, (3-) 5-, 7-9fach gefingert. Der Stiel besitzt oben eine seichte Regenrinne. Die sitzenden, rauhhaarigen Blättchen sind lanzettlich, beiderseits zugespitzt, scharf gesägt (~Dioskurides~ vergleicht sie mit denen der Esche), die pfriemlichen Nebenblätter fein behaart. Die lockeren männlichen Infloreszenzen sind nur unten laubig.
Die achselständigen Partialinfloreszenzen der +männlichen+ Pflanze sind Doppelrispen: die Hauptachse verkümmert, unter ihrer Spitze entspringen zwei gleichwertige Rispen. An der Spindel der letzteren entspringen in der Achsel von Deckblättern unten kleine Dichasien, oben Wickel (reichblütige Dichasien mit Wickeltendenz und stark gestreckter Sympodialachse). Am Ende der Hauptachse der Pflanze steht eine echte Rispe. Die kurzgestielten aktinomorphen Blüten besitzen ein 5 mm langes, grünliches, aus fünf lineal-lanzettlichen Blättchen bestehendes Perigon, fünf epipetale Stamina mit linealer, mit Längsspalt aufspringender Anthere und kurzem Filament. Pollen rundlich (vgl. S. 480). Ein Stempelrest fehlt. Die dichte buschige weibliche Infloreszenz ist bis fast zum Gipfel laubig.
Bei den achselständigen +weiblichen+ Partialinfloreszenzen ist die Hauptachse entwickelt. Sie wird zu einem Laubtrieb (Fig. 179, Mi). Die beiden Vorblätter (D α u. β) werden zu Deckblättern der zwei +weiblichen Blüten+. Sie umhüllen diese in Form einer innen offenen, außen behaarten Scheide, die länger ist wie der Fruchtknoten. In den Laubblattachseln der Zweige zweiten Grades wiederholt sich dasselbe und so entsteht der buschige Wuchs, der die meist kräftigeren weiblichen Pflanzen von den locker beblätterten männlichen unterscheidet. Das aus zwei Blattanlagen hervorgehende Perigon umgibt die Basis des einfächerigen, sitzenden Fruchtknotens becherförmig eng. Der eiförmige zusammengedrückte +Fruchtknoten+ enthält ein vom Scheitel der Blütenachse gebildetes (~Zinger~), hängendes, anatropes Ovulum und trägt zwei lange fadenförmige, in papillöse Narben auslaufende Griffel, die nach der Befruchtung abfallen. Die gelblich-graue, platte, kahle Frucht ist ein Nüßchen, das von dem sich vergrößernden Deckblatt umhüllt ist. Die Mikropyle der Samenanlagen ist zur Zeit der Reife nicht mehr vorhanden. Der Pollenschlauch wächst durch das Gewebe der Fruchtknotenwand zum Nucellus (~Zinger~). Die ganze Pflanze, besonders aber die weibliche Infloreszenz, besitzt einen starken narkotischen Geruch, der von Öldrüsen herrührt, die namentlich auf allen Blattorganen sitzen (s. Anatomie).
Blüht in Deutschland im Juli bis August.
Die ursprüngliche Heimat des Hanf ist wohl die Gegend am Caspisee. Er ist sicher wild noch jetzt südlich von diesem See, und bei Lenkoran, sowie bei Astarte (~Bunge~). Häufig angetroffen wird er auch in Sibirien, am Irtysch südlich vom Baikalsee, in Dahurien (Gouvern. Irkutzk), im Ural, an der Wolga, in Persien, Altai, West-China, Kaschgar, Kaschmir und im Himalaya. Im Himalaya steigt der Hanf bis 3000 m. Er ist jetzt durch Kultur über die Länder der gemäßigten Zone beider Hemisphären verbreitet. Daß er am Missouri wild wachse (~Wherrel~) ist aber nicht richtig. Nach Afrika ist er ebenfalls eingeführt worden, denn ~Livingstone~ fand ihn im Gebiete des Congo und Sambesi.
Die +physiologische Varietät+ indica (auch wohl als Art Cannabis indica ~Lam.~ unterschieden) weicht nur im Wuchs ab (sie ist kleiner) und in der viel reicheren Ausbildung der Drüsenhaare und demgemäß stärkerem, fast betäubendem Geruch; die Art des Sekretes ist aber wohl dieselbe wie bei unserem Hanf (~Wood~). Sie liefert keine spinnbare Faser (s. Herb. cannabis). Die Ableitung der Cannabis sativa des Nordens von dem indischen Hanf (~Wiesner~) leuchtet mir nicht ein. Eher dürfte das Umgekehrte der Fall sein.
=Lit.= ~Engler~, Moraceae in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam. -- ~Luerssen~, Mediz. pharm. Botan. II, 528. -- ~Eichler~, Blütendiagr. -- ~Bunge~, Bull. Soc. Bot. France 1860, 30. -- ~Ledebour~, Flora rossica. -- ~de Candolle~, L’origine d. pl. cult. -- ~Hügel~, Kaschmir. 1840. -- ~Royle~, Illustr. of the bot. of the Himalayan mont. 1839 und Fibrous plants of India. Cultivation of hemp in India. -- ~Garnier~, Exploration in Indo-Chine 1873. -- ~Zinger~, Beitr. z. Kenntn. d. weibl. Blüten u. d. Infloresz. d. Cannabineen. Flora 85, 189.
+Abbild.+: ~Berg-Schmidt~, Atlas 2. Aufl., t. 129 (dort die systemat. Lit.). -- ~Pabst-Köhler~, Medizinalpfl. t. 13. -- ~Nees von Esenbeck~, Plant. med. t. 102. -- ~Hayne~, Arzneigew. t. 35. -- ~Reichenbach~, Icon. fl. Germ. t. 655. -- ~Bentley~ and ~Trimen~, Medic. plant. t. 231. -- ~Rheede~, Hort. mal. t. 60 u. 61. -- ~Rumphius~, Herb. Amb. V, t. 77.
=Pathologie.= Prof. ~Ed. Fischer~ teilt Folgendes über die pflanzlichen Schädlinge mit: Auf Stengeln und Blättern des Hanfes sind verschiedene Parasiten beobachtet, von denen die meisten nicht sehr erhebliche Schädigungen hervorrufen dürften. Wir erwähnen unter denselben Peronospora Cannabina ~Otth.~, Dendrophoma Marconii ~Cav.~, Septoria Cannabis (~Lasch~) ~Sacc.~, Phyllosticta Cannabis ~Speg.~ Wichtiger ist die als Hanfkrebs beschriebene Erkrankung, welche durch eine Sclerotinia (Scl. Kauffmanniana ~Tichomiroff~, nach ~de Bary~ mit Scl. Sclerotiorum ~Libert~ übereinstimmend) hervorgerufen wird, deren Mycel den Stengel durchwuchert und an dessen Oberfläche sowie im Markraum Sklerotien bildet. Die sog. Brusonekrankheit des Hanfes, bei welcher am Stengel etwas vorspringende, weissgraue Flecken und ein Absterben des Gewebes bis zum Holzkörper beobachtet wird, ist nach ~V. Peglion~ eine Bakteriose. Endlich leben auf Cannabis sativa die beiden phanerogamischen Parasiten Orobanche ramosa L. (Phelipaea ramosa ~C. A. Meyer~) und Cuscuta europaea L.
=Kultur und Handel.= Der Hanf wird besonders zur Gewinnung seiner Faser, weniger wegen der Früchte und des aus ihnen gepreßten Öls, in Indien als narkotisches Genußmittel (zur Bereitung des Haschisch I, S. 1042) gebaut; in größerem Maßstabe in Rußland in den Gouvernements Smolensk, Kaluga, Tela, Orel, Kursk, Tschernigoff. Ferner wird Hanf angebaut in China, Ostindien (hier die var. indica), Persien, Österreich, Ungarn, Deutschland (Baden, Elsaß, Rheinlande), Nordamerika (hier auch in Form der var. americana) und Neu-Seeland. Er gedeiht ebenso in der Nähe des Polarkreises (Archangel) wie in Indien. Hanf findet sich bisweilen in den Gärten der Bauern und Fischer in Kleinkultur (Kampongkultur I, S. 48), die daraus die Faser gewinnen (~Fischer-Benzon~). Der Hanf liebt im allgemeinen ein nicht zu nasses, warmes Klima und eine geschützte Lage. Er verlangt einen kräftigen, tiefgründigen Boden. Der Hanf reift in 13-14 Wochen und welkt nicht eher als bis die Früchte reif sind. Die Früchte fallen zur Reifezeit aus der Hülle. Man trocknet sie rasch an der Luft. Die Früchte werden in Mitteleuropa im August gesammelt.
In Amerika kennt man folgende Sorten von Cannabis sativa-Früchten: barren hemp, black seeded hemp, chinese hemp, common h., East India h., German h., Indian h., Imperial Kentucky h., Russian h., New Zealand h. Der Hanfsamen von C. s. var. americana heißt: American hemp, auch wohl (fälschlich) chinese h. (~Wherrell~).
Im deutschen Handel ist Hanfsaat in Ballen von c. 100 kg.
+Hamburg+ führte von Fr. Cannabis 1908: 1082800 kg, 1909: 592100 kg ein und 1908: 780300 kg, 1909: 342500 kg seewärts aus (~Tunmann~). +Deutschland+ importierte 1909: 77526 dz «Hanfsaat» besonders aus dem europ. Rußland und Österreich und exportierte 59188 dz, besonders nach Frankreich.
=Lit.= ~Oppenau~, Der Hanfbau im Elsaß, seine Geschichte u. Bedeutung. 1897. -- ~O’Shaughnessy~, Bengal dispens. and Pharmac. 1841. -- ~Watt~, Dict. econom. prod. India. -- +Wherrell+ s. unten. -- ~Tunmann~, Apoth. Zeit. 1911.
=Beschreibung der Droge.= Die nußartigen, einfächerigen, einsamigen Schließfrüchte, die je nach der Sorte etwas verschieden in Form, Größe, Glanz, Marmorierung und Aderung sind, und denen bisweilen noch bräunliche Reste des Deckblattes anhaften, sind c. 3-5 mm lang und c. 2 mm breit (die Früchte der var. gigantea sind größer, ~Harz~), oval, breit-eiförmig etwas zusammengedrückt, an den Kanten, besonders an der dem Würzelchen entsprechenden Seite, gekielt (Fig. 179) und hier bei der Keimung zweiklappig aufspringend. Das Gewicht einer Frucht beträgt c. 4 mg. Die dünne, harte, zerbrechliche, glatte und glänzende Schale ist grau, grünlichgrau, grünlichbraun oder graubraun, innen meist olivenbraun, durch ein zierliches, von der Basis aufsteigendes, besonders bei Betrachtung mit der Lupe deutliches Adernetz zarter Gefäßbündel gezeichnet (Fig. 179). Der an der Spitze der Frucht angewachsene, von einer zarten, grünlichen, neben der Spitze der Radicula eine braune Chalaza zeigenden Samenhaut bedeckte Same enthält reichlich Endosperm nur um die Radicula. Er ist aus einem camptotropen Ovulum hervorgegangen, daher ist der Embryo hakenförmig gekrümmt (Fig. 179, 4). Dieser besitzt breite, fleischige Cotyledonen und eine anliegende Radicula, deren Spitze gegen die Spitze der Frucht gerichtet ist. Zwischen den Cotyledonen liegt die kleine Plumula. Die Früchte schmecken ölig, süßlich, etwas schleimig, die Emulsion widerlich. Hohle oder zerbrochene (stets ranzige) Früchte sind zu beseitigen. Aufgesprungene keimen nur zu 54% (~Harz~). Man bewahrt Hanffrüchte am besten in hölzernen Gefässen auf.
=Lit.= ~Muth~, Unters. über d. Früchte d. Hanf. Jahresb. d. Verein. d. Vertret. d. angew. Botanik 1906. -- ~Tschirch~ in Realenzyklop. -- ~Harz~, Landwirtsch. Samenkunde.
=Anatomie.= Die Fruchtknotenwand ist haar- und drüsenfrei. Das Perigon trägt einige Öldrüsen, ganz besonders ist aber das große, in einen langen, lanzettlichen Zipfel auslaufende +Deckblatt+ außer mit Cystolithenhaaren (wie die Laubblätter) über und über mit Öldrüsen besät (vgl. ~Tschirch-Oesterle~, Anatom. Atlas), die beim indischen Hanf sehr dicht stehen, bisweilen mehr wie 16 Secernierungszellen enthalten und auf langen Stielen emporgehoben sind. Platzt die Cuticula der Drüsen, so verklebt das Sekret den ganzen weiblichen Blütenstand, was besonders beim indischen Hanf stattfindet.
Die +Fruchtschale+ besteht aus zwei Schichten, einer weichen äußeren und einer harten inneren. Die äußere besteht aus vier Schichten: der Epidermis, einer Zone unregelmäßiger Zellen, eine Schicht brauner, quergestreckter und einer Reihe heller quadratischer Zellen. In der subepidermalen Zone verlaufen die zarten Bündel, die die Zeichnung der Frucht (s. oben u. Fig. 179) bedingen. Die Hartschicht der Fruchtschale besteht aus einer Reihe sehr eigenartiger Palissadensklereïden (Fig. 180, scl). Die grünliche Samenschale besteht aus zwei Schichten, einer äußeren einreihigen, die aus eigentümlichen langen, eine grünliche Substanz enthaltenden Schlauchzellen besteht und einer inneren breiten, stark obliterierten Nährschicht (Fig. 180 N).
Das aleuronreiche, der Samenschale anhaftende Endosperm ist gegen die Cotyledonen hin durch eine Quellschicht (~Tschirch~) abgeschlossen (Fig. 180 Qu). Die subepidermale Schicht der Oberseite der Cotyledonen zeigt palissadenartige Streckung. Das Gewebe der Cotyledonen und der Radicula ist erfüllt mit in Ölplasma eingebetteten, Globoide und Kristalloide einschließenden, c. 4-8 mik. langen Aleuronkörnern. Die Angabe ~Wherrells~, daß auch Stärkekörner in großer Menge vorkommen, beruht auf einen Irrtum. Jede Zelle enthält einen lappigen Zellkern.
=Lit.= ~Tschirch~, Anatomie, Fig. 36, 148, 157, 533. -- ~Tschirch-Oesterle~, Anatom. Atlas (dort das anatom. Detail). -- ~Tschirch~, Cannabis in Realenzyklop. d. Pharm. -- ~Winton~, Anatom. d. Hanfsam., Zeitschr. d. Unters. d. Nahrungs- u. Genußm. 1904; auch Conn. Agric. Exp. Stat. Rep. 1903, 175. -- ~Collin-Perrot~, Les résidus industriels (p. 115 die Preßkuchen mit Abbild.). -- ~Moeller-Winton~, Mikroskop. d. Nahrungsm. und ~Winton-Moeller~, Microscopy of vegetable foods (mit Abbild.). -- ~Harz~, Landw. Samenkunde (mit ungenauen Abbild.). -- ~Macchiati~, Anat. del frutto e germinat. del seme della canapa Bull. Staz. agrar. di Modena 1889. -- ~Benecke~, Mikrosk. Unters. d. Kraftfutterm. 1886. -- ~Collin~, Guide pratique 1893. -- ~T. F. Hanausek~, Nahrungs- u. Genußm. 1884. -- ~Böhmer~ in ~Königs~ Unters. landwirtsch. u. gewerbl. wichtig. Stoffe 1898.
=Chemie.= Eine ältere Analyse (~Buchholz~) gibt an, daß die Früchte enthalten in Prozenten: 19,1 Öl, 1,6 Harz, 1,6 Zucker und Extraktivstoff, 9 gummiges Extrakt, 24,7 lösliches Eiweiß, 5 Dextrin, 38,3 Faser. ~Anderson~ fand 22% Eiweiß, Phosphate 2,4%, übrige Asche 4%. Die lufttrockenen Früchte ergaben im Durchschnitt zahlreicher Analysen (~Boussingault~, ~Dietrich~ und ~König~, ~Anderson~, ~Schädler~) in Prozenten: 8,92 Wasser, 18,23 Stickstoffsubstanz, 32,58 (31,42-33,6) Fett, 21,06 stickstofffreie Extraktstoffe, 14,97 Rohfaser, 4,24 Asche -- in der Trockensubstanz: 20,01 Stickstoffsubstanz und 35,77 Fett.
~Frankfurt~ fand (1894) in der Trockensubstanz in Prozenten: 18,63 Eiweiß (Myosin, Vitellin), 3,36 Nucleïn usw., 0,88 Lecithin, 30,92 Glyceride, 0,07 Cholesterin, 2,59 Rohrzucker (~E. Schulze~) und sonstige lösliche Kohlehydrate, 11,02 Pentosane, 0,68 organische Säuren (Citronensäure), 26,33 Rohfaser, 5,51 Asche (~Leuchtweiss~: 5%). Der wässrige Auszug der unzerkleinerten Früchte schmeckt süßlich und reduziert ~Fehling~sche Lösung in der Kälte, durch Eisenchlorid wird er nicht gefärbt (~Flückiger~).
In der von 3,5-6,5% (2,2-7,39 ~Wherrell~) schwankenden Asche findet sich in %: 20,28 Kali, 23,64 Kalk, 36,46 Phosphorsäure, 11,9 Kieselsäure, 5,7 Magnesia, 1 Eisenoxyd, 0,78 Natron, 0,19 Schwefelsäure, 0,08 Chlor.
Ferner wurde in der Hanffrucht gefunden: +Edestin+ (~Osborne~ und ~Campbell~), krist. +Globulin+ (~Ritthausen~, ~Osborne~), +Anhydrooxymethylenphosphorsäure+ (?), als Ca-Mg-Salz = Phytin (?) (~Posternak~), +Trigonellin+ und +Cholin+ (~Schulze~ und ~Frankfurt~, ~Marino Zucco~, ~Jahns~), 3,36% +Nucleïn+, 0,88% +Lecithin+ und die Enzyme: +Emulsin+ (~Simon~), +Lipase+ (~Siegmund~), +Protease+ (~Will~).
In den Aleuronkörnern finden sich hauptsächlich Globuline. Die Kristalloide enthalten wenigstens zwei Globuline von verschiedener Löslichkeit, die Globoide neben Globulinen in anscheinend fester Bindung Ca, Mg und H₃PO₄ mit einem organischen Rest, die Grundsubstanz neben Globulinen wenig Albumosen (~Tschirch~ und ~Kritzler~).
Durch Pressung erhält man 15-30% Öl (und 70-85% «Hanfpreßkuchen»), durch Ätherextraktion bis 34,5% Öl (~Flückiger~); noch höhere Zahlen erhielten ~Munch~ (1866): 35,5% und ~Wherrell~ (1897) mit Petroläther und Äther: 35,65%. Als Durchschnittsgehalt kann man 32% annehmen.
Das =Hanföl=, =Oleum cannabis= (huile de chanvre, de chènevis, hemp seed oil, olio di canape) zeigt die Elementarzusammensetzung C = 76,0, H = 11,3, O = 12,7, ist frisch gepreßt hellgrün bis grünlichgelb, wird aber bald braungelb und hat meist einen unangenehmen Geruch. Es enthält neben den +Glyceriden der Stearin-+ und +Palmitinsäure+ vorwiegend das +Glycerid der Linolsäure+ (c. 70%) neben 15% +Linolen-+ und +Isolinolensäureglyceriden+ (vgl. S. 546). ~Bauer~ und ~Hazura~ fanden darin eine eigentümliche Fettsäure: Hanfölsäure, C₁₈H₃₂O₂, die aber wohl mit Linolsäure identisch ist (?). Nach ~Lewkowitsch~ fehlt Stearinsäure. Der Gehalt an freier Säure beträgt c. 5% (~Bauer~, ~Hazura~, ~Grüssner~), der Gehalt an unverseifbaren Bestandteilen (Phytosterin + Lecithin) beträgt 1,08%. Das spez. Gewicht ist = 0,925-0,931. Das Öl verdickt sich bei -15 und erstarrt bei -27°. Die Verseifungszahl beträgt 190-194,9, die Jodzahl ist sehr hoch: 140-166 (meist 148 bis 157), die Acetylzahl der Fettsäuren 7,5, die Sauerstoffabsorption, direkt bestimmt: 13,4%, die Temperaturerhöhung bei der ~Maumené~schen Probe beträgt 95-99° (~Ulzer~ und ~Klimont~), Brechungsexponent in Oleorefraktometer +30 bis 37,5, der Entflammungspunkt liegt bei 250-265° (~Rakusin~) (weitere Konstanten bei ~Lewkowitsch~ a. a. O.). Das Öl wird rasch ranzig. Da die Fruchtschale stets +Chlorophyll+ enthält und dieses in Öl löslich ist, so findet man diesen Farbstoff auch, wie die spektralanalytische Untersuchung lehrt (~Tschirch~), im Öl. Das mit Äther ausgezogene Öl ist bräunlichgrün.
Die in 12-15 kg schweren Broten in den Handel gebrachten +Hanfsamenpreßkuchen+ (pain de chènevis, tourteau de chanvre) enthalten c. 10% Wasser, 6-10,17% Öl, 21-31% Stickstoffsubstanz, 17,3-24,7% Faser und 7-8% Asche (~Cornevin~, ~Garola~, ~Dietrich~ und ~König~). +Narkotische Bestandteile, etwa der Art wie sie die Blätter zeigen, enthält die Frucht nicht.+ Sie kann also nicht zu Berauschungszwecken (I, S. 1042) benutzt worden sein. Wohl aber zeigten die Preßkuchen bei Tieren abführende Eigenschaften.
=Lit.= ~Bucholz~, Arch. Pharm. (2) 78, 211. -- ~Anderson~, Journ. Agric. of the Highland Soc. 1855, 128 (Arch. Pharm. [2] 78, 211. Jahresber. d. Chem. 1855, 727). -- ~Leuchtweiss~, Lieb. Ann. 50 (1844), 417. -- ~Simon~, Pogg. Ann. 43, 404. -- ~König~, Nahrungs- u. Genußmittel (dort weitere Lit.). -- ~Samoggia~, Staz. sperim. agr. ital. 31 (1898), 417. -- ~Flückiger~, Pharmakogn. -- ~J. B. Boussingault~, D. Landwirtsch. in ihren Bezieh. z. Chemie 3, 202. -- ~Will~, Ber. d. chem. Ges. 1875, 1570. -- ~Schädler~, Technol. d. Fette 1883. -- ~Frankfurt~, Landw. Versuchsstat. 43 (1894), 145 u. 307. -- ~Schulze~ und ~Frankfurt~, Zeitschr. phys. Chem. 20 (1895), 511. -- ~Lewkowitsch~, Chem. Technol. d. Öle usw. (dort die analyt. Liter.) -- ~Ulzer-Klimont~, Chem. d. Fette. -- ~Wherrell~, Bull. of pharmacy 1897, 340. -- ~Osborne~ u. ~Campbell~, Journ. amer. chem. soc. 18 (1896), 609. -- ~Posternak~, Compt. rend. 137 (1903), 202. -- ~Marino-Zucco~, Gaz. chim. ital. 1895, 262. -- ~Siegmund~, Monatsh. f. Chem. 1890, 272. -- ~Bauer~ u. ~Hazura~, Ebenda 1886, 216. -- ~Hazura~, Ebenda 7, 637 u. 8, 147. -- ~Tschirch~ u. ~Kritzler~, Aleuronkörner. Ber. d. pharm. Ges. 1890, 246. -- Lit. der Aschenanalysen des H. in ~Wehmer~, Pflanzenstoffe. Analysen der Hanfsamenpreßkuchen in ~Harz~, Landwirtsch. Samenkunde, ~Böhmer~, Die Kraftfuttermittel und in ~Dammers~ Illustriert. Lexik.
=Verwechslungen und Substitutionen.= In Amerika fand ~Wherrell~ als «Hanf» (hemp) bezeichnet folgende Sorten: Agrimony hemp: Eupatorium cannabinum, Ambareehemp (oder Deckarreeh.): Hibiscus cannabinus, Africanh.: Sanseveria guineensis, Bastardh.: Datisca cannabina, Bengalh. (Bombayh. brownh., Madrash., Sunnh.): Crotolaria juncea, Bowstringh.: Sanseveria zeylanica, Black indianh. (Canadianh.): Apocynum cannabinum und A. androsaemifolium, Jubbulporeh.: Crotolaria tenuifolia, Manilah.: Musa textilis, Nettleh.: Galeopsis Tetrahit, Rajinahalh.: Marsdenia tenacissima, Sisalh.: Agave sisalana, Waterh.: Acnida cannabina, White Indianh.: Asclepias incarnata, Wildh.: Ambrosia trifida. Die Herkunft von Chilianh. ist zweifelhaft. Diese Sorten sind vornehmlich Faserpflanzen.
Das Hanföl dient seinerseits vielfach (z. B. in Amerika) als Verfälschungsmittel des Leinöls. Die Hanfpreßkuchen werden mit allem möglichen, z. B. Salz, in Frankreich mit Tourteau de Pulghère oder de Pignon d’Inde (Jatropha Curcas) verfälscht (~Collin~). Letztere Beimengung ist gefährlich.
=Lit.= ~Orta Wherrell~, Hemp seed and hemp seed oil. Bull. of pharm. 11 (1897), 340 (mit Abbild.).
=Anwendung.= Die Emulsion der Frucht (Emulsio seminis cannabis) dient als reizmilderndes Mittel besonders bei Blasenleiden, das Öl in der Tierheilkunde als Einreibung bei übermäßiger Milchsekretion, ferner zur Herstellung von Schmierseife, «grüner Seife», die hier, da das Öl grün ist, wirklich eine grüne Farbe hat. Aus dem Samenkern wird +Phytin+ dargestellt, das aber ein Gemenge ist [Inosit-Phosphorsäure (?) und Glukuron-Phosphorsäure?]. Hanföl ist während der griechisch-katholischen Fastenzeit Hauptnahrungsmittel des russischen Volkes (~Hehn~). Der Hanf ist auch Volksheilmittel in Rußland (~Kobert~, Studien I). Die Hanfsamenpreßkuchen werden, da sie schlecht schmecken und abführend wirken, nur wenig als Futtermittel, viel als Düngemittel und in sehr beträchtlichen Mengen (in Frankreich bis 150000 kg pro Jahr) zum Füttern der Fische benutzt (~Collin~). Die Hanffrüchte sind ein beliebtes Vogelfutter. In Nordwest-Europa werden sie geröstet und mit Salz zu Brot, Suppen usw. gegessen. In England dient Hanf als Liebesorakel, in Serbien die Blüte als Aphrodisiacum.
=Lit.= ~Collin-Perrot~, Residus industr. -- Phytin: ~Levene~ und ~Neuberg~, Biochem. Zeitschr. 1909, 399 u. 406.
=Geschichte.= Da die Heimat des H. in Asien sich befindet, ist es erklärlich, daß besonders die Skythen und die Chinesen sowie andere asiatische Völker von jeher die Hanfkultur betrieben, die Mittelmeerländer aber die Leinkultur (~Engler~). Die Heimat der Hanf+kultur+ ist also wahrscheinlich im nordwestlichen oder zentralen Asien (vielleicht auch in Südrußland) zu suchen. ~de Candolle~ nimmt an, daß skythische Stämme den Hanf (um 1500 n. Chr. etwas vor dem trojanischen Kriege) von Centralasien und Rußland nach dem Westen brachten. Den Hanf kannten die alten Ägypter nicht, ebensowenig die Phönikier. Er fehlt auch im alten Testament (~Hehn~). Weder Hanfsamen noch die Faser sind im alten Ägypten nachzuweisen (~Buschan~), auch nicht in den Schriften der Ägypter und Hebräer. Dagegen wird er schon in den ältesten Schriften Chinas (z. B. im Shuking 500 n. Chr.) erwähnt und das chinesische Wörterbuch Rha ya (I, S. 520) unterscheidet bereits den männlichen und weiblichen Hanf (~Bretschneider~). Auch Pen ts’ao kang mu (I, S. 518) führt Hanfsamen auf und der Hanfkultur gedenkt das landwirtschaftliche Werk Tsʿi min yao shu (I, S, 522). In Nordindien wurde H. schon 800 bis 900 n. Chr. gebaut. Das sanskritische çaṇa bezieht sich wohl auf Cannabis, obwohl es auch Crotularia juncea bedeuten kann (L. von ~Schroeder~ bei ~Wiesner~). In Atharvaveda wird çaṇa als Heilmittel, in Sûtras (600 n. Chr.) werden Stricke aus çaṇa erwähnt. H. findet sich auch in Sušrutas und Charakas und anderen indischen Werken. Auf iranisch-skythischem Boden ging angeblich der Hanfrausch dem Weinrausch vorher. Jedenfalls ist die Bekanntschaft mit dem Hanf bei den arischen Indogermanen sehr alt (sansc. bhan̄gâ = Hanf). Über die Benutzung der Fasern und der Frucht bei den Skythen berichtet ~Herodot~ (vgl. I, S. 1042). Er erwähnt wilden und kultivierten H. in Syrien, ~Hesychius~ Kleider aus H. ~Moschion~ gedenkt der Faser. Die Griechen kannten ihn zur Zeit des ~Herodot~ nicht, auch ~Theophrast~ erwähnt den H. nicht. Bei den Römern wird Hanf zuerst bei ~Lucilius~ (100 n. Chr.) erwähnt. Nach ~Athenaeus~ scheinen sich zur Zeit ~Hiero~ II. von Syracus Kulturen in Gallien befunden zu haben (~Hehn~). Erst ~Dioskurides~ meint, daß die Frucht die Zeugung vernichte. Er erwähnt, daß die Faser die kräftigsten Stricke liefere. Das Kraut wurde im Altertum nicht benutzt (erst ~Berlu~ [I, S. 949] erwähnt es). Auch ~Plinius~ gedenkt des H. zur Verfertigung von Stricken. Er erwähnt, daß er im Frühling ziemlich dicht gesät und die Frucht zur Zeit des Herbstäquinoktiums geerntet und an der Sonne, dem Wind oder im Rauche getrocknet werde; der rosëische im Sabinergebiete erreiche die Höhe eines Baumes. Von einer medizinischen Anwendung der Früchte erfahren wir wenig. Bei ~Scribonius Largus~ fehlen sie; dagegen finden sie sich im Edikte des ~Diocletian~ (I, S. 569). Prähistorische Funde des Hanf fehlen in Mittel- und Westeuropa (~Heer~, ~Sordelli~). Das erste hanfene Gewebe stammt aus der Zeit der Völkerwanderung (~Buschan~). Wahrscheinlich haben die Germanen den H. und seinen Namen sowie die Kultur etwa im IV. oder V. Jahrh. n. Chr. von demselben südosteuropäischen Volke erhalten, von dem direkt oder indirekt auch den Griechen die Sache und der Name übermittelt wurde (~Kluge~). Die Germanen lernten also den Hanf erst zu ~Herodots~ Zeit kennen, die Skythen bauten ihn (~Herodot~ [IV, 74, 75]: «Der Hanf wächst wild und angebaut im Lande der Skythen») und er stammt wohl aus Bactrien und Sogdiana, den Caspischen und Aralgegenden, wo er noch jetzt in Üppigkeit wächst (~Kluge~). Dagegen meint ~Hoops~, daß sich zum Flachs schon in vorgermanischer Zeit der Hanf gesellt haben müsse, da sein germanischer Name die erste Lautverschiebung mitgemacht hat. Jedenfalls wurde Hanf schon in vorrömischer Zeit in ganz Deutschland und auch in den nordischen Ländern kultiviert (~Hoops~). Daß dies in altnordischer Zeit in Nordeuropa der Fall war, geht aus verschiedenen (bei ~Hoops~ mitgeteilten) Dokumenten aus dem XIII. und XIV. Jahrh. hervor. Bischof ~Otto~ von Bamberg fand H. bei den heidnischen Slaven in Pommern. Von den Angelsachsen wurde er auch in ihrer neuen Heimat angebaut. ~Karl der Grosse~ schrieb im Capitulare den Anbau von canava auf seinen Landgütern vor (~Schrader~, ich finde H. dort nicht). H. fehlt im St. Galler Klosterplan, im Hortulus und bei ~Macer Floridus~, was auf keine beträchtliche Kultur deutet. Daß Hanf im Mittelalter in Spanien gebaut wurde, geht aus ~Ibn Alawwâms~ landwirtschaftlichem Werke (I, S. 611) hervor. Als ein Bestandteil des berühmten Würzburger Rezeptes aus dem XIII. Jahrh. (I, S. 624) findet sich auch Canape sem. (hanofsamo). In den angelsächsischen Leechdoms (c. 1000) steht: «herba chamepitys baet is henep» und «deos wyrt be man cannane silfatica et obrum naman henep nemneb». Auch das Gothaer Arzneibuch (I, 680) gedenkt des hennep, das Züricher Arzneibuch aus dem XII. Jahrh. des hanifsâmin und die mittelenglischen Medizinbücher (I, S. 693) der hempe. Große medizinische Bedeutung scheinen die Hanffrüchte im Mittelalter und in der neueren Zeit aber nicht besessen zu haben, denn sie fehlen in vielen Taxen und Medikamentenlisten. Immerhin steht H. in der Alphita, bei ~Serapion~ und ~Bartholomaeus~ (I, S. 644) und die Araber bedienten sich seiner, auch der Früchte, die ~Ibn Baithar~ habb elsamanat nennt. Die erste Abbildung der Pflanze findet sich im Codex Constantinopol. des ~Dioskurides~ (I, S. 554), eine weitere im Ortus sanitatis (vgl. I, Fig. 382). Schon ~Rumphius~ gedenkt des Unterschieds zwischen indischem und europäischem H. Hanfsamen werden schon 1629 in der Plymouth Colony in Nordamerika erwähnt (Encycl. brit.). H. kam also frühzeitig nach Amerika. Im XVIII. Jahrh. wurde H. in Ägypten gebaut (~Forskal~). Hanffasern wurden in alten Papieren nachgewiesen (~Wiesner~), aber seltener als Leinfasern.
=Lit.= ~Hehn~ (~Schrader~ und ~Engler~), Kulturpflanzen. -- ~Schrader~, Reallexikon. -- ~de Candolle~, L’origine des plantes cultivées (dort weitere Lit.); auch ~Prodromus~ XVI. -- ~Buschan~, Vorgeschichtl. Botan. -- ~Fischer-Benzon~, Altdeutsche Gartenflora. -- ~Hoops~, Waldbäume u. Kulturpflanzen. 1905. -- ~Wiesner~, Rohstoffe, II. Aufl. -- ~Blümner~, Technol. u. Terminol. d. Gewerbe. 1875. -- ~Bretschneider~, Chin. botanic. works 1870 u. Botanicon sinicon. -- ~Flückiger~, Pharmakogn.
Semen Papaveris und Oleum Papaveris.
=Syn.= Mohnsamen, Magsamen, Man, Mannkoppensaad, Mahnblom, Maon, Ölmagen, Schlafmohn -- Pavot officinal, Ponceau (franz.) -- papavero (ital.) -- garden poppy, white p. (engl.) -- maan kop, klaproos, heul (holl.) -- valmun (fin.) -- valmuë (norw.) -- mak (ung.) -- μήκων (griech.) -- kashkásh, post (hind.) -- ahiphena (sanscr.) -- afiun, afiyun (arab., pers., ind.).
In der Schweiz: Kolben, Lichtschnuppen, Mageel, Magsaamen, Pavo, Röttiliöl, in Bünden: Machoca oder Matschöa. In Tirol: Echter Magen, Ölmagen, Magenpflanze (die Mohnköpfe: mog’n gugg’l, die Samen: mag’n, ~Dalla Torre~). -- +slav.+ mak -- +litauisch+ aguná -- +esthn.+ maggona -- +lett.+ maggons. -- +athd.+ mago -- +mthd.+ elmagen, magesaeme, magöl, swatz und wis magsam, magsat, magsamlyn, mahen, masem, masame, mauden, magnesam, moinsayd, ölmag, olimage, omahenmilch -- +mnd.+ maen, mahnmilch, manecop, mangksaat, -- im Mittelalter: cadia, codion, opium -- bei ~Ibn Baithar~: ḫašhāš -- bei der ~Hildegard~: Papaver. -- Im +Ortus+: magsamen -- bei ~Megenberg~: magenkopf, magenkraut -- bei ~Cordus~: mahn -- bei ~Bock~: mägle, magle, mön, ölsamen. -- Bei ~Fuchs~: mon -- bei ~Lonicerus~: magen.
=Etym.= μήκων (dorisch μάκων) kehrt in mehreren slavischen und südkaukasischen Sprachen als mak wieder (die Griechen erhielten die Sache und das Wort aus der Gegend des Kaukasus) und dies ist auch in der Tiroler Bezeichnung Magen (s. oben) erhalten geblieben -- mit einer angeblichen Verwendung als Magenmittel hat dies also nichts zu tun. Doch hieß μήκων auch die Blase des Tintenfisches, was auf die Form der Frucht deuten könnte. Einige denken auch an Beziehungen von μήκων zu sansc. mah (= groß), andere (~Pictet~) an Beziehungen zu +lit.+ mēgmi (= schlafen), was ~Grassmann~ einleuchtender findet. Der Name Mohn, wohl mit μήκων urstammverwandt, läßt sich weit in die Urgeschichte Europas zurückverfolgen: +altschwed.+ valmôghe neben +mhd.+ mâhen, +althd.+ mâgo -- daraus +lit.+ magone und +estn.+ magun, +altslav.+ makñ, +altpr.+ moke. An die Samen erinnert der (Rendsburger) Name Hirsebräu, Magsamen u. and. Papaver ist nicht sicher erklärt. Man hat dies Wort als altes Participium mit -- ver gebildet aufgefaßt: «Das Gedunsene» (lat. papula, pampinus) (~Schrader~). Andere meinen, es sei aus apio, capio, ἅπτω (= fassen) umgebildet (das p ist vorgesetzt), also soviel wie Faß, wegen der Tonnenform der Früchte (~Kanngiesser~). Es hängt wohl kaum mit +kelt.+ papa (= Brei) zusammen, obwohl Mohnbreie seit alter Zeit sehr beliebt waren (s. unten). Aus papaver entstand im +agls.+ popaeg, dann popig und +engl.+ poppy, sowie +franz.+ pavot und ponceau (dies aber auch von puniceus, φοινίκεος = scharlachrot abgeleitet). Das holländische heul ist mit huile und Öl verwandt, das bei Mohnsamen oft vorkommt (s. oben).
=Stammpflanze.= =Papaver somniferum L.= Spec. pl. ed. I, 508 (P. opiiferum ~Forsk.~, P. officinale ~Gmel.~) mit den Varietäten bzw. Varietätengruppen:
α +setigerum+ (~Dc.~) (auch als Art: P. setigerum ~Dc.~),
β +nigrum+ (~Dc.~) (ursprünglich α nigrum ~Dc.~, P. somniferum ~Gmel.~, P. somnif. var. glabrum ~Boiss.~),
γ +album+ (~Dc.~) (ursprünglich β album ~Dc.~, P. officinale ~Gmelin~) -- weitere im Text. In den Gärten werden auch Sorten mit anders gefärbten und gefüllten Blüten kultiviert.
Wild ist der Gartenmohn bisher nirgends angetroffen worden. Als seine Urform gilt jetzt allgemein Papaver setigerum ~Dc.~, welche Art sich noch jetzt im ganzen Mittelmeergebiet, besonders in Spanien, Algier, Corsica, Iles d’Hyères, Sizilien, Griechenland (Peloponnes) und Cypern findet (~De Candolle~, ~Boissier~, Flor. orient. I, 116). In Nordfrankreich wird auch heute noch P. setigerum neben P. somniferum gebaut.
=Systemat. Stellung.= Papaveraceae -- Papaveroideae -- Papavereae. Sect. II. Mecones ~Bernh.~
=Beschreibung der Stammpflanze.= Die einjährige, in allen Teilen milchende Pflanze bildet einen stielrunden, bereiften, 0,5-1,5 m hohen kahlen Stengel. Die grundständigen +Blätter+ sind gestielt, oblong bis eioblong, ungleich-, eingeschnitten- oder buchtig-gezähnt, die oberen sitzend, mit tief-herzförmigem Grunde stengelumfassend, eiförmig, spitz, einfach oder doppelt gesägt, mit blaugrüner, bereifter Unterseite. Die Blätter (auch die Kelchblätter) sind bei var. nigrum und album kahl, bei var. setigerum laufen die Zähne des Blattes in Borsten aus und vereinzelte Borsten finden sich auch auf Blättern, Blütenstielen und dem Kelch; var. nigrum hat weniger tief gelappte Blätter. +Blütenstiel+ abstehend behaart. Die Blüten stehen am Ende der Hauptachse oder von Seitenachsen. Die Knospe ist nickend. Die zwei c. 2 cm langen, meist kahlen und bläulich bereiften, in der Knospenlage dachziegelig deckenden +Kelchblätter+ werden beim Aufblühen abgeworfen. Die in der Knospenlage geknitterte, nach dem Aufblühen leicht abfallende +Blumenkrone+ erreicht einen Durchmesser von 10 cm und mehr. Sie ist bei γ album weiß mit violettem Grunde (bei einigen Spielarten auch rot oder lilafarben), bei β nigrum mehr oder weniger dunkel purpurn mit schwarz violettem Grunde. Die vier c. 4 cm breiten +Kronenblätter+ sind fast kreisförmig, oben gestutzt oder ausgerandet mit äußerst kurzem Nagel. Die zahlreichen freien Staubfäden sind nach oben keulenförmig angeschwollen und besitzen dithekische Antheren mit ellipsoidischen Pollenkörnern. Der sehr kurz gestielte kugelige Fruchtknoten ist einfächerig und zeigt zahlreiche (7-20), in der Zahl mit den Narbenschenkeln übereinstimmende, 5-8 mm tief einspringende Samenleisten, an denen sehr zahlreiche anatrope Samenknospen sitzen. Die sitzende strahlenförmige Narbe zeigt zahlreiche (bei setigerum 7-8, bei nigrum 10-12) nach unten geschlagene Narbenlappen, in deren Längslinien die spaltenförmigen, den Samenleisten entsprechenden und über diesen liegenden Narbeneingänge sich finden. Die je nach der Varietät kugelige, eiförmige, eiförmig-längliche oder ellipsoidische kahle +Frucht+ ist je nach den Varietäten und Spielarten sehr verschieden groß (von Haselnußgröße bis 7,5 cm und mehr), kurz gestielt (bei der var. apodocarpon ~Hussenot~ ungestielt), von der nun horizontal abstehenden viellappigen Narbe bekrönt, unter der sich die großen, mit Klappen sich öffnenden Poren finden, mit denen sie meist aufspringt (bisweilen bleibt sie aber auch geschlossen, z. B. bei var. album und apodocarpon). Bei var. album, stipitatum ~Huss.~ und hortense ~Huss.~ ist die Narbenscheibe am Rande gekerbt, bei var. apodocarpon ~Huss.~ gegen den Rand hin abwärts gebogen, bei var. album mit freien, abstehenden, dicken, bei var. hortense mit dünnen, papierartig-häutigen Lappen. Sie ist durch die großen, in die Höhlung einspringenden, pergamentartigen, an den Ansatzstellen der Samen gefleckten Samenleisten unvollständig gefächert und zeigt außen die Verwachsungsnähte der Carpelle als seichte Längsfurchen. Der auf dem Fruchtknoten sichtbare Reif verschwindet später und die Frucht erscheint dann glatt und glänzend. Die sehr zahlreichen (bis 2000 -- schon ~Homer~ spricht in der Ilias von der καρπῶ βριθομένη, der mit Samen +gefüllten+ Frucht --), kleinen nierenförmigen, grubig punktierten Samen, die bald weiß (var. album), bald bläulich-schwarz (var. nigrum) sind und einen gekrümmten, in Endosperm eingebetteten Keimling besitzen.
Blütezeit: Juni bis August.
=Lit.= ~Prantl-Kündig~ in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfamilien. -- ~de Candolle~, Urspr. d. Kulturpfl. 1884. -- ~Ritter~, Erdkunde von Asien. -- ~Luerssen~, Mediz. pharm. Bot. -- ~Willkomm et Lange~, Prodr. flor. hisp. -- ~Boissier~, Flor. orient. I, 116. -- ~Ledebour~, Flor. rossica. -- +Abbild.+: ~Berg-Schmidt~, Atlas II. Aufl., t. 116, ~Pabst-Köhler~, Medizinalpflanz. t. 37, ~Nees v. Esenbeck~, Pl. med. t. 404 (album), ~Hayne~, Arzneigew. VI, t. 40, ~Bentley-Trimen~, Med. plants t. 18, ~Woodville~ t. 138.
=Pathologie.= Über die pflanzlichen Schädlinge berichtet Prof. ~Ed. Fischer~: Einer der wichtigsten Parasiten der Papaver-Arten ist Peronospora arborescens ~de By.~, ein «falscher Mehltau», welcher auf den Blättern Verfärbungen hervorruft und namentlich an Keimpflanzen Schaden stiften kann. -- Auf den Kapseln von Papaver somniferum werden angegeben: Alternaria Brassicae ~Berk.~ var. somniferi, Phoma morphaea ~Sacc.~, Sphaerella morphaea ~Sacc.~ Ein ausführliches Verzeichnis der Krankheiten der indischen Mohnpflanze in ~Watt~, Dict. econom. prod.
=Kultur.= Der Mohn gedeiht überall, wo das Wintergetreide fortkommt. Er liebt aber warme und windstille Lage. Er wird ausschließlich als Sommerfrucht kultiviert und zeigt eine kurze Wachstumsdauer (120-140 Tage). Mohn wird jetzt auf der ganzen Erde -- Zentraleuropa, Indien, Persien, China, Kleinasien, Afrika, Nordamerika, Australien (Neusüdwales) -- gebaut (in Norwegen bis zum Polarkreise), besonders in Algier, Tunis und Ägypten wird viel Mohn kultiviert. Die Kultur erfolgt teils zur Samen- bzw. Ölgewinnung (in Europa, Afrika und Amerika) -- zur Ölgewinnung besonders die Varietäten mit schwarzen Samen --, teils zur Opiumbereitung (Asien) -- besonders die Varietäten mit weißen Samen. Die Praxis unterscheidet P. s. officinale, +Schließmohn+ oder +Dreschmohn+ (Pavot blanc et aveugle) mit geschlossen bleibenden und P. s. vulgare, +Schütt-+ oder +Schüttelmohn+ (Pavot oeillette, gris et noir) mit sich öffnenden Kapseln (s. oben), und die Samen nach der Farbe: weiße, rote, blaue, graue, braune, violette, schwarze (in Macedonien wurden 1883 nach der Farbe vier Sorten unterschieden). Offizinell sind nur die weißen Samen. Blauer Mohn soll ertragreicher sein, der weiße aber ein feineres Öl liefern (~Hart~). Im Handel ist deutsches, levantinisches und ostindisches Öl von Pendschab, Bengalen und den Nordwestprovinzen.
In Indien gilt das Öl der Bengalpflanze für besser als das der Malvapflanze. +Hamburg+ importierte 1908 61239 dz +Mohnsamen+, davon kamen aus Brit. Ostindien: 54564, von den russischen Häfen am Schwarz. u. Asowschen Meere 2885, aus Kleinasien 1524, von altpreußischen Ostseehäfen 1136; weniger als 1000 dz aus russischen Ostseehäfen, den Niederlanden, Persien, Ostafrika. +British-Indien+ exportierte Poppy seeds nach England und engl. Besitzungen 1907/08: 965, 1908/09: 882 cwts, nach anderen Ländern 1907/08: 1256562, 1908/09: 790028 cwts. Die +Vereinigten Staaten+ importierten 1909: 52086 bushels poppy seed und 6598 gallons poppy seed oil. +Frankreich+ importierte 1908: 213349 Qint. Mohnsamen besonders aus Engl. Indien. Frankreich importiert jährlich für mehr als 6 Mill. Frs. Mohnsamen zur Ölgewinnung (~Collin~). Auch Mohnpreßkuchen bilden einen bedeutenden Handelsartikel.
=Morphologie der Droge.= Die Samen von P. s. β nigrum messen 0,88-1 mm, die von P. s. γ album 1,17-1,29-1,41 mm, die von P. s. α setigerum 0,66-0,97 mm (die des Pfahlbaumohn 0,75-1 mm, ~Hartwich~). Das Gewicht von 1000 Samen schwankt zwischen 0,239 g (indischer Mohn) und 0,531 g (österreichischer Mohn). Auf 1 kg kommen 1880000-4184100 Samen (~Harz~). Die allein offizinellen weißen Samen sind 1-1,5 mm lang und 0,3-0,5 mg schwer, nierenförmig -- das eine Ende etwas spitzer als das andere -- und außen mit, besonders bei Betrachtung mit der Lupe, hervortretenden großen, polygonalen (meist sechseckigen) Netzleisten versehen, die bei den dunklen Sorten besonders deutlich sind. Diese Maschen des Samens bildete schon ~Hooke~ (1667) ab. In der Einbuchtung des Samens sieht man als gelbliche Erhöhung den Rest des Funiculus und das Hilum, das mit der als gelber Fleck sichtbaren Chalaza durch eine kurze, das Bündel führende Raphe verbunden ist (~A. Meyer~). Durchschneidet man den Samen median-längs, so sieht man, eingebettet in Endosperm, den gekrümmten, im Querschnitt walzenrunden Keimling, zwischen dessen Cotyledonen eine kleine kegelige Plumula sichtbar ist. Die Radicula zeigt nach dem spitzen Ende des Samens. Sie ist etwa so dick als die beiden Cotyledonen. Mohnsamen ist geruchlos und schmeckt angenehm, milde-ölig. Man bewahrt ihn nicht über ein Jahr.
=Anatomie.= Die Samen gehen aus anatropen Ovulis hervor, die zwei +Integumente+ mit sechs Zellschichten erkennen lassen. Aus diesen wird die sehr schmale Samenschale, deren Struktur erst nach Behandeln mit Salzsäure und Kalilauge sichtbar wird (~Moeller~ empfiehlt auch Färben mit Chlorzinkjod oder Safranin). Die äußerste Schicht, die die meisten Autoren für eine sehr schmale zusammengefallene Zellreihe halten, was sie auch wohl ist (und nicht eine verdickte Wand), erscheint in regelmäßigen Abständen kielartig emporgezogen. Diese Verwölbungen, in welche sich auch die darunter liegenden Schichten etwas vorstülpen, bilden die Leisten, welche in ihrer Vereinigung zu polyedrischen Maschen das für den Mohnsamen so charakteristische Maschennetz der Oberfläche erzeugen. An den Leisten sind die Epidermiszellen schmal, zwischen den Leisten in den Tälern der Maschen so groß wie ein Maschental (Fig. 181). Die Cuticula dieser Zellen enthält Calciumcarbonat ein- und aufgelagert. Die zweite Zellreihe besteht aus dünnwandigem, tafelförmigem Parenchym, das dicht erfüllt ist mit feinkörnigem Calciumoxalat, dem auch größere Kristalle beigemengt sind (~Meyer~), dann folgt die Hartschicht, die der schalenförmigen Einwölbung der Epidermis folgt und die aus gestreckten, flachen, stark verdickten Zellen besteht, deren Wände mit Chlorzinkjod violett werden. Die darauf folgenden drei Schichten (Fig. 181, 4. 4-6), die aus dem inneren Integumente hervorgehen, sind meist stark obliteriert. Nach Behandlung mit Kali unterscheidet man eine äußere Parenchymzellreihe, dann eine Reihe getüpfelter, gekrümmter, nicht sehr langer Zellen und zu innerst liegt eine Reihe dünnwandiger Zellen. In der inneren Krümmung des Samens ist die Samenschale dort, wo die Raphe verläuft, durch Vermehrung des Parenchyms dicker. Die Mikropyle ist noch sichtbar. Bei den blauen Mohnvarietäten findet sich in den inneren Schichten der Samenschale (Fig. 181, 4. 4 u. 5) ein brauner gelbstofffreier Farbstoff und die Membranen der Schicht 3 sind gelbbraun gefärbt. Die bläuliche Farbe kommt dadurch zu stande, daß über diesen braunen Schichten die Oxalatschicht liegt, deren mit Luft durchmischte Körnchen den Samen zudem bereift erscheinen lassen. Legt man den Samen in Salzsäure, so wird er braun (~A. Meyer~). Das breite, parenchymatische Endosperm führt zahlreiche in maschiges, den Zellkern einschließendes Ölplasma eingebettete, 1-7 (meist 4-5,5) mik große, Globoide und Kristalloide führende Aleuronkörner (Fig. 181, 6). Zu innerst liegt typisches Quellgewebe (Fig. 181, 4 Qu). Das Gewebe des Keimlings zeigt noch kaum eine Differenzierung, die Procambiumstränge sind undeutlich; die Zellen enthalten die gleichen Inhaltsstoffe wie das Endosperm, doch sind die Aleuronkörner kleiner. Stärke fehlt dem Samen.
Die +Preßkuchen+ (und das Pulver) sind leicht an den Elementen der Samenschale zu erkennen, besonders an den großen Netzleisten, an der Faser- und Tüpfelzellenschicht.
=Lit.= (Fast jeder Autor beschreibt die Samenschale anders wie sein Vorgänger.) ~A. Meyer~, Wissensch. Drogenkunde (mit Abbild.). -- ~Tschirch-Oesterle~, Anatom. Atlas (dort das anatom. Detail). -- ~Tschirch~, Kleine Beitr. z. Pharmakobot. usw. 1897, Nr. 17. -- ~Vogl~, Nahrungs- u. Genußm. -- ~Michalowski~, Beitr. z. Anat. u. Entwicklungsgesch. von Papav. somnif. Diss. Breslau 1881. -- ~Harz~, Landwirtsch. Samenk. -- ~T. F. Hanausek~ in ~Wiesner~ Rohstoffe. -- ~Moeller-Winton~, Nahrungs- u. Genußm. und ~Winton-Moeller~, Microscopy (mit Abbild.). -- ~Karsten-Oltmanns~, Lehrb. d. Pharm. -- ~Benecke~, Kraftfuttermittel. 1886. -- ~Berg~, Anatom. Atlas u. Pharmakogn. -- ~Böhmer~, Ölkuchen in Dammers Lexikon. -- ~Godfrin~, Etude histol. s. l. tégum. sémin. des Angiosp. Soc. d. sc. de Nancy 1880. -- ~Meunier~, Les tégum. sém. des Papaveracées in La Cellule 1891. -- Die Preßkuchen in ~Collin-Perrot~, Les résidus industr. (mit Abbild.).
=Chemie.= Die Samen enthalten nach älteren Analysen (~Sacc~) 54,61% fettes Öl, 23,26% Schleim und pektinartige Substanz, 12,64% Eiweiß (Stickstoff 2-3%) und 5,93% Zellulose, 3-3,5% Wasser, 6-7,7% Asche. Im Durchschnitt enthält Mohnsamen in Prozenten: 8,15 Wasser, 19,53 Stickstoffsubstanz, 40,79 Fett, 18,72 stickstofffreie Extraktstoffe, 5,58 Rohfaser, 7,23 Asche (in der Trockensubstanz 21,26 Stickstoffsubstanz, 44,41 Fett) (~Boussingault~, ~Hoffmann~, ~Dietrich~ und ~König~, ~Schädler~, ~Hesse~, ~Greitherr~ -- bei ~König~). Nach neueren Angaben (~Mach~ 1902 u. and.) in Prozenten: 47,4-51,4 Rohfett, 20-22,68 Rohproteïn (18,4-21,6 Eiweiß), 5,1-5,6 Rohfaser, 3-3,9 Pentosane, 1-1,8 Amide u. a., 9,5-10,5 stickstofffreie Extraktstoffe, 3,87-4,5 Wasser, 5,6-6,36 Asche. Ferner enthält der Same 0,25-0,94% +Lecithin+ (~Schulze~ und ~Frankfurt~), +Diastase+ (in reifendem Samen, ~Brasse~), +Emulsin+ (~Simon~ 1838) und +Lipase+ (~Sigmund~). Die Asche (6,04%, ~Wolff~) enthält 31,36 P₂O₅, 35,36 CaO, 13,62 K₂O. In der Samenschale sind 8,7% Calciumoxalat enthalten (~Weiss~).
Die Angaben, daß Mohnsamen Morphin enthalte (nach ~Meurin~ 0,003%, nach ~Accarie~ 0,06%), haben sich nicht bestätigt (~Sacc~, ~Mach~, ~Clautriau~). ~Hesse~ gab (1865) +Rhoeadin+ darin an.
Die Samen liefern bei der Pressung 40-50% fast geruchloses, angenehm schmeckendes, +fettes Öl+, =Mohnöl=, =Oleum papaveris= (huile d’oeillette, h. de pavot, h. blanche, poppy seed oil, olio di papavero, papaverzaadolie μεκωνέλαιον). Das kaltgepreßte Öl ist farblos oder goldgelb (weißes Mohnöl), das warmgepreßte dunkler (rotes Mohnöl). Es trocknet so gut wie Leinöl, ist aber wohlschmeckend. Die Elementarzusammensetzung ist: 76,5 bis 76,63 C, 11,2-11,63 H, 11,74-12,3 O (~Sacc~). Nach 24stündigem Einlegen in halbkonzentriertes Kaliammoniak (~Hartwich-Uhlmann~sche Mischung) treten im Tropfen kurze und lange, lockig gebogene Nadeln und reichlich Sphärite auf.
Es enthält von festen Fettsäuren 6,67% (~Tolman~ und ~Munson~), wahrscheinlich nur +Palmitinsäure+ (~Lewkowitsch~) -- nach älteren Angaben auch Stearinsäure. Die flüssigen Fettsäuren bestehen aus 5% +Linolensäure+, 65% +Linolsäure+ und 30% +Ölsäure+ (~Hazura~ und ~Grüssner~), Isolinolensäure ist fraglich; da die Fettsäuren aber nur sehr wenig oder kein Hexabromid geben, kann die Menge der Linolensäure nur sehr gering sein (~Lewkowitsch~). Das Unverseifbare (+Phytosterin+, F. 136-137°)beträgt c. 0,5%. Der +Lecithingehalt+ des Rohfettes wird zu 13,27% (?) angegeben (~Stellwaag~).
Das spez. Gewicht liegt zwischen 0,924 und 0,927 (~Allen~), der Erstarrungspunkt bei -17 bis -19° (~Girard~), der Schmelzpunkt bei -22°, die Verseifungszahl ist (189) 190,1-197,7 (~Dieterich~, ~Valenta~, ~Lewkowitsch~), die Jodzahl 132-136 (~Lewkowitsch~), 137,6-143,3 (~Dieterich~), bei mit Petroläther aus dem Samen extrahierten Öl 153,48-157,52 (~Utz~), die ~Reichard-Meissl~-Zahl 0, die Hehnerzahl 95,38 (~Dietzell~), 94,97 (bei ostindischen Ölen, ~Crossley~ und ~Le Sueur~), die Maumenéprobe zeigt (74) 86-88,5°, der Brechungsexponent im Oleorefraktometer +23,5 bis +29° (~Jean~), im Butterrefraktometer bei 15°: 78,1-78,4° (~Utz~), bei 25°: 72-74,5. Die Verbrennungswärme des Mohnöls beträgt 9442 kal. (~Stohmann~), 9397 g-kal. (~Sherman~). Der Entflammungspunkt liegt bei 250° (~Rakusin~).
Die freien Fettsäuren zeigen bei 100° ein spez. Gewicht = 0,888, ihr Erstarrungspunkt liegt bei 16,5°, ihr Schmelzpunkt bei 20-21° (~de Negri~ und ~Fabris~), die Neutralisationszahl ist 199, die Jodzahl 116,3-139 (die der festen Fettsäuren 149,6), die Acetylzahl 13,1, der Brechungsexponent 1,4506 (~Thörner~). Die technischen Mohnöle sind reich an freien Fettsäuren (bis 17,73%).
Die Zusammensetzung der Preßkuchen ergibt sich aus folgender Tabelle:
-----------------+------------------------+------------------------- | Weißer indischer Mohn | Schwarzer Mohn | | Artois Levant | ~Décugis~| ~Garola~ |~Boussingault~| ~Décugis~ =================+==========+=============+==============+========== Wasser | 11,15 | 10,90 | 11,70 | 9,70 Fette | 5,13 | 7,24 | 10,10 | 9,18 Stickstoffhalt. | | | | Substanz | 34,50 | 38,12 | 37,80 | 35,38 Stickstofffreie |} | | | Substanz |} 33,90 | 19,46 | 23,30 | 24,61 Cellulose |} | 11,08 | 11,10 | 8,20 Asche | 16,13 | 13,20 | 6,00 | 12,93
Die Preßkuchen des Mohn enthalten im Mittel 5,50-6% Stickstoff, 2,75-3,50% Phosphorsäure.
=Lit.= ~Sacc~, Ann. chim. phys. (3) 27 (1849) 473 (Jahresber. d. Pharm. 1849, 64). Journ. pr. Chem. 1850, 307. -- ~Accarie~, Journ. chim. méd. 1833, 431 (Jahresb. d. Chem. 4 [1835] 250). -- ~Meurin~, Journ. d. pharm. 23 (1853), 339. -- ~Clautriau~, Ebenda 20 (1889), 161 und Bull. Soc. Belg. Mikr. 1894, 35. -- ~Wolff~, Aschenanalysen I, 105 (Asche auch: ~Wildenstein~, Journ. pr. Chem. 54 [1851], 100). -- ~Mach~ (Monograph.), Landw. Versuchsstat. 57 (1902), 419. -- ~Schulze~ u. ~Frankfurt~, Landw. Versuchsstat. 1894, 307. -- ~Brasse~, Compt. rend. 1884, 878. -- ~Simon~, Poggend. Ann. 43 (1838), 404. -- ~Sigmund~, Monatsh. f. Chem. 11 (1890), 272. -- ~Hansen~, Fermente, Arbeit. Bot. Inst. Würzburg III, 252. -- ~Weiss~ in ~Meyer~, Drogenkunde. -- Analysen bei ~König~, Nahrungs- u. Genußm., ~Harz~ a. a. O. u. ~Collin-Perrot~ a. a. O.
+Öl+: ~Oudemans~, Scheik. Verhand. 1858, II 180 (Jahresb. d. Chem. 1858, 304); Journ. d. pharm. 44 (1863), 362 (Jahresb. d. Pharm. 1863, 159). -- ~Mulder~, Journ. pr. Chem. 1865, 323 u. Chem. d. austrocknend. Öle 1867. -- ~Hazura~ u. ~Friedrich~, Monatsh. f. Chem. 1887, 247 (Jahresb. d. Pharm. 1887, 296). -- ~Hazura~ u. ~Grüssner~, Monatsh. f. Chem. 1888, 198. -- ~Hefter~, Fette u. Öle II (1908) 100. -- ~Schaedler~, Technol. d. Fette. -- ~Lewkowitsch~ a. a. O. -- ~Tolman~ u. ~Munson~, Journ. amer. chem. soc. 1903, 690. -- ~Utz~, Chem. Zeit. 1903, 1177 u. 1904, 257. -- ~Stellwaag~, Landw. Versuchsstat. 37, 135.
=Verfälschungen.= Speisemohnöl wird mit Sesamöl (~Baudouin~sche Reaktion!) und Haselnußöl verschnitten, Malermohnöl oft durch Wallnußöl ersetzt, das aber 1,4 bis 1,9% Hexabromid (Mohnöl nichts davon) liefert und dadurch erkannt werden kann.
=Anwendung.= Mohnöl dient zu Speisezwecken, auch zur Verfälschung des Olivenöls und zur Herstellung weißer Malerfarben, mit Mastix und Japanwachs als «Wachsöl». Zur Schmierseifenfabrikation werden nur die schlechtesten Sorten verwendet. In der Pharmazie wird Mohnöl jetzt vielfach durch das bessere Sesamöl oder Erdnußöl ersetzt (D. A. V). In der Medizin dient Mohnsamen zu Emulsionen.
Die wohlschmeckenden Preßkuchen sind -- schon allein wegen ihres Phosphorsäuregehaltes -- ein vorzügliches Futtermittel. +Sie zeigen keinerlei giftige Eigenschaften.+
In der Niederlausitz (z. B. in Guben) wird ein aus Milch, Semmel und Mohnsamen bereitetes Gericht unter dem Namen «Mopielen» am Weihnachtsabend gegessen (~Tschirch~). Die Sitte stammt wohl aus Schlesien, wo der Mohn mo genannt wird. Auch in Tirol findet sich als Festspeise ein Gericht aus Milch, Semmel, Honig und Mohnsamen (~Dalla Torre~). Die noch heute übliche Sitte, Backwerk mit Mohnsamen (oder Lein- bzw. Sesamsamen) zu bestreuen, ist uralt (~Hehn~).
=Geschichte.= Die Heimat der Mohnkultur ist das nördliche Kleinasien. Die Griechen erhielten den Mohn von der Südküste des schwarzen Meeres. Dort lag die Stadt Sinope, die in der hesiodischen Theogonie noch ihren ursprünglichen Namen Mekone (= Mohnstadt) führte (~Hehn~), der auf reichliche Mohnkultur deutet. ~Homer~, ~Theophrast~, ~Dioskurides~ gedenken des Mohn. ~Dioskurides~ kennt auch schon die Varietät mit weißen Samen. Die Römer kannten, wie Funde in neolithischen Pfahlbauten zeigen, den wilden Mohn schon in vorgeschichtlicher Zeit, den Gartenmohn zur Zeit der Könige. Nach den Pfahlbaufunden bauten in der neolithischen Periode und der Bronzezeit die Bewohner Mitteleuropas eine zwischen Papaver somniferum und P. setigerum stehende Art (~Heer~), aus deren Samen sie Mohnkuchen buken und wohl auch bereits das Öl preßten und die man als Pfahlbaumohn bezeichnet hat. Sie steht P. setigerum noch ziemlich nahe (~Hartwich~) und ist als eine Zwischenstufe zwischen beiden zu betrachten. «Der Mohn darf der ältest erreichbaren Schicht europäischer Kulturpflanzen zugeschrieben werden» (~Schrader~). Dem ägyptisch-semitischen Kulturkreise ist er ursprünglich fremd. Auf altägyptischen Monumenten fehlt der Mohn und Samen sind in Gräbern nicht gefunden worden. Erst ~Plinius~ (XX, 18) berichtet, daß sich die Ägypter des Mohnsaftes bedienten. Die Pflanze wird also wohl damals auch dort gebaut worden sein. Auch die Nachrichten aus Palästina über die Samen und ihr Öl (I, S. 489) stammen erst aus der römischen Zeit. ~Plinius~, ~Dioskurides~, ~Celsus~ (I, S. 587) und ~Galen~ erwähnen bereits verschieden gefärbte Samen. ~Galen~ hält sie für schwer verdaulich. Als Arzneimittel finden sie sich bereits bei ~Scribonius Largus~ (I, S. 578, Papaver silvat. und nigrum) und ~Alexander Trallianus~ (I, S. 592), als Handelsartikel im Edikt des ~Diocletian~ (I, S. 569). Der Anbau des Mohn ist in Deutschland alt, denn die ahd. Bezeichnung mâhan ging ins Vulgärlatein über (so mahunns, mahonns, manns in zahlreichen Glossen). Mohnkultur in Italien wird aber erst bei ~Virgil~ erwähnt. Den Gartenmohn brachten die Benediktiner nach Deutschland. Er steht im Capitulare ~Karls~, im St. Galler Klosterplan und bei ~Macer~. Nach dem Kalender des ~Harib~ (I, S. 612) soll Mohnsamen im August gesammelt werden. In der +Alphita+ (I, S. 655) steht Papauer album (whatpopy), P. nigrum (blakpopy) und P. rubeum (redpopy), bei ~Cordus~: Papaver album, rubrum und nigrum, in der Frankfurter Liste (I, S. 812) Papaueris albi et nigri. Der Anbau des Mohn (zur Opiumgewinnung) reicht in Indien nicht weiter als bis ins XVI. Jahrh. zurück, doch finden sich Mohnsamen (khastila) schon im Glossar des ~Suvarnādivarga~ (I, S. 505). Die Mohnkapsel galt wegen der zahlreichen Samen schon den Hellenen als Symbol der Fruchtbarkeit. Man findet sie oft mit Ähren zusammen in der Hand der ~Demeter~, der Göttin des ehelichen Segens, aber auch sonst auf Münzen und anderen Bildwerken des Altertums (zahlreiche Abbildungen in ~Lochners~ Mekonopaignion, Nürnberg 1718). Die Pflanze war der ~Aphrodite~ geweiht. Der Same wurde gegen den weißen Fluß benutzt (~Aigremont~). Mohnköpfe gab man auch ~Hypnos~, ~Thanatos~ und ~Nyx~ in die Hand (~Gubernatis~). In Böhmen findet sich der Aberglaube, daß die Braut, der man Mohnkörner in den Schuh schüttet, unfruchtbar bleibt.
=Lit.= ~Heer~, D. Pfl. d. Pfahlbauten. Neujahrsbl. d. Zürch. Naturf. Ges. 1866. -- ~Hartwich~, Pap. somnif. u. dess. in d. Pfahlbaut. vorkomm. Reste. Apoth. Zeit. 1899. -- ~Neuweiler~, D. prähist. Pflanzenreste Mitteleuropas. Zürich 1905. -- ~Flückiger~, Pharmakogn. -- ~de Candolle~, L’origine d. pl. cultiv. -- ~Gubernatis~, Mythologie des plantes.
Zu den trocknenden Ölen gehören ferner folgende Samenöle:
=Perillaöl= von Perilla ocymoides. =Tungöl= (Holzöl), Ölfirnißbaumöl von Aleurites cordata. =Kekunaöl= von Aleurites triloba. =Stillingiaöl=, =Talgsamenöl= von Stillingia sebifera. =Weiß-Acacienöl= von Robinia Pseudacacia. =Cedernnußöl= von Pinus Cembra. =Walnußöl= von Juglans regia. =Safloröl= von Carthamus tinctorius. =Echinopsöl= von Echinops Ritro. =Amooraöl= von Amoora Rohituka. =Spargelsamenöl= von Asparagus offic. =Nigeröl= von Guizotia oleifera. =Sonnenblumenöl= von Helianthus annuus. =Gelbacacienöl= von Caragana arborescens. =Argemoneöl= von Argemone mexicana. =Kiefern-, Fichten-, und Tannensamenöl.= =Madiaöl= von Madia sativa. =Erdbeeröl= von Fragaria vesca. =Rotrepsöl=, =Nachtviolenöl= von Hesperis matronalis. =Bilsenkrautsamenöl= von Hyoscyamus niger. =Celosiaöl= von Celosia cristata. =Indisches Lorbeeröl= von Laurus indica. =Resedasamenöl= von Reseda luteola.
2. Halbtrocknende Öle.
Die halbtrocknenden Öle bilden den Übergang von den trocknenden zu den nichttrocknenden Ölen. Ihre Jodzahlen liegen zwischen denen beider Gruppen. Linolensäure fehlt in ihnen, sie enthalten aber Linolsäure. Die Gruppe der Baumwollsamenöle zeigt trocknende Eigenschaften mehr als die Rübölgruppe.
Semen Gossypii und Oleum Gossypii.
Die Stammpflanze der Baumwollsamen ist oben S. 230, die Morphologie und Anatomie S. 238 beschrieben. Dort auch die Geschichte.
Bis 1852 wurde der Baumwollsamen meist weggeworfen (vgl. S. 245). Seit dieser Zeit wird das Öl gepreßt und der Preßkuchen als Futter- und Düngungsmittel benutzt.
Besonders ist amerikanische und ägyptische +Baumwollsaat+ im Handel, dann auch ostindische (Bombay), levantinische (Smyrna, Mersine, Alexandrette).
+British Indien+ exportierte cotonseeds 1907/08: 3683634, 1908/09: 2777844 cwts nach England und engl. Besitzungen und 1907/08: 566238, 1908/09: 905528 cwts nach anderen Ländern. Die +Vereinigten Staaten+ exportierten 1909: 51626741 pounds cotton seed, 51087329 gallons Cotton oil und 1233750327 pounds cotton seed oil cake. In Nordamerika besteht eine Cotton-Oil-Compagny. 1894 gab es dort schon 252 Cotton-Oil-Fabriken. Ägypten exportierte schon 1897: 7½ Mill. hl Baumwollsamen. +Frankreich+ führte 1908 355633 Quint. +Baumwollsamen+ ein, vorwiegend aus Ägypten (298520 Qint), sehr viel weniger aus Engl. Indien, der Türkei, Haïti, den Ver. Staaten, Portorico, Columbien und Algier. Frankreich importierte 1908: 516580 Quintalm. +Baumwollsamenöl+, das meiste aus den Vereinigten Staaten. In großem Stil wird in Frankreich Olivenöl mit Cottonoil vermischt und als «Olivenöl» exportiert.
Baumwollsamen enthalten 44,4-60% Kern und 40-54,8% (nach anderen 66-71%) Hülsen. In den Samen ist 18,67 (Levante, Mersine) bis 23,93% (ägyptische), im Durchschnitt c. 20% Öl enthalten, in den Kernen 37,41 (ägyptische) bis 39,28% (Bombay) Öl (~Lewkowitsch~); die beim Schälen abfallenden «Hülsen» enthalten davon kaum 1-3%. Das Öl wird sowohl aus geschälten wie ungeschälten Samen gepreßt.
In Ergänzung der Angaben auf S. 245 sei über die Zusammensetzung der Samen noch folgendes angegeben. Sie enthalten ungeschält im Mittel in Prozenten: 11,1 Wasser, 19,69 +Stickstoffsubstanz+, 20,86 +Fett+, 23,43 +stickstofffreie Extraktstoffe+, 21,1 +Rohfaser+, 3,8 Asche (~Wagner-Clement~ 1908). Der geschälte Samen enthält im Mittel in Prozenten: 7,28 Wasser, 29,55 stickstoffhaltige Substanz, 27,23 Fett, 24,07 stickstofffreie Extraktivstoffe, 4,62 Rohfaser, 7,25 Asche, doch schwanken die Zahlen je nach Herkunft der Samen. Vom Fett sind z. B. auch nur 17% beobachtet, von stickstofffreien Extraktstoffen 24,5-32,5 (noch größere Schwankungen bei ~Bryde~). Die Samenkerne enthalten 5,49% +Pentosane+ (~Skinner~). Ferner sind nachgewiesen: 42,3% des Globulins +Edestin+ (~Osborne~ und ~Voorhees~) und 44,3 bzw. 11,4% zweier weiterer +Globuline+, +Proteose+ (~Osborne~), +Nucleïn+, +Betain+, +Cholin+, +Lecithin+, +Melitriose+ (Raffinose, Melitose, Gossypose), +Stärke+ (? ~Sacc~), +Zucker+, +Wachs+, +Dextrin+. In der 3-6% betragenden Asche ist viel MgO (16-20%), P₂O₅ (26-31%) und K₂O (27-37%), auch etwas Titan (0,02%, ~Wait~) gefunden worden.
Die ägyptischen und Bombay-Samen gelten als die ölreichsten. Sie werden vorwiegend in Deutschland, England, Frankreich und Italien verarbeitet. Der Samen wird vor dem Pressen meist geschält.
Das =Baumwollsaatöl=, =Oleum Gossypii= (huile de coton, cotton oil, olio di cotone, katoenolie, βαμβακέλαιον) enthält je nach dem bei der Fabrikation angewendeten Drucke mehr oder weniger flüssige Glyceride. Die Elementarzusammensetzung ist C=76,30 bis 76,50, H=11,33-11,73, O=12,17-12,39 (~König~). Von festen Fettsäuren, die 22,3-32,6% des Öls betragen (~Twitschell~, ~Farnsteiner~, ~Tolman~, ~Munson~), sind besonders +Palmitinsäure+, weniger (c. 3,3%) +Stearinsäure+ nachgewiesen, von flüssiger +Linolsäure+ (18,45-21% der Fettsäuren, ~Lewkowitsch~) und +Ölsäure+ (c. 76,55% der flüssigen Fettsäuren). Da kein Hexabromid entsteht, muß Linolensäure fehlen. Dagegen scheinen 3,6% +Oxyfettsäuren+ (~Fahrion~), aber keine Arachinsäure vorhanden zu sein. Die Cottonölsäure (~Papasogli~) ist zweifelhaft, ebenso der mit Wasserdampf flüchtige, schwefelhaltige Körper ~Duponts~.
Das spez. Gewicht ist 0,922-0,928. Gehalt an freien Fettsäuren (auf Ölsäure berechnet) 0,15-0,5%, Unverseifbares (bes. Phytosterin, F. 136-137°) 0,73-1,64%, Erstarrungspunkt 0 bis -1°, Refraktometerzahl (im ~Zeiss~-Butterrefraktometer bei 25°): 67,6-69,4, Verseifungszahl 191-198, Jodzahl 102-111, Temperaturerhöhung bei der Maumenéprobe 67-84°. Die Fettsäuren zeigen einen Erstarrungspunkt von 34,9-35,1 und einen Schmelzpunkt von 27-30° (beides relativ hoch!) und eine Acetylzahl von 16,6. Bei der Elaidinprobe wird das Öl dickflüssig oder butterartig. Der leicht erstarrende Teil (das Öl soll 70% Palmitin enthalten) wird als +Baumwollstearin+ oder +Cottonmargarin+ bezeichnet, der flüssigbleibende wird in erster Linie als Speiseöl benutzt. Die Verbrennungswärme des Baumwollsamenöls beträgt bei konstantem Volumen 9390-9401, bei konstantem Druck 9405-9416 g-cal. (~Sherman~ und ~Snell~). Im Öl werden auch ein Aldehyd (?), eine schwefelhaltige Substanz (? s. oben) angegeben.
Das Öl wird in ungeheueren Quantitäten als Speiseöl und in der Margarinefabrikation, die geringeren Sorten auch in der Seifenfabrikation, verbraucht und dient auch zur Verfälschung des Olivenöls, des Schweineschmalzes und anderer Speiseöle und Fette.
Der +Nachweis von Baumwollsamenöl+ in diesen Fetten und Ölen ist daher «eine der wichtigsten Aufgaben der Fettanalyse» (~Lewkowitsch~). Die wichtigste Reaktion ist die ~Halphen~sche (Erhitzen des in Amylalkohol gelösten Öls mit Schwefel und Schwefelkohlenstoff im Wasserbad -- es tritt Rotfärbung ein). Die Reaktion bleibt aus, wenn das Öl zuvor auf 150-250° erhitzt wurde und tritt auch ein an Fett von Tieren, die mit Baumwollpreßkuchen gefüttert wurden. -- Dann die auch an erhitztem Öl eintretende Probe mit Salpetersäure (spez. Gewicht 1,375), wobei nach längerem Stehen Braunfärbung eintritt. Die ~Bechi~sche Silbernitratprobe ist unzuverlässig.
Die Zusammensetzung des +Baumwollsamenpreßkuchen+ ergibt sich aus folgender Tabelle:
---------------------------+------------------+-------------------- | geschält | roh |~Garola~ ~Völcker~| ~Garola~| ~Décugis~ ===========================+========+=========+=========+========== Wasser | 7,78 | 9,28 | 12,44 | 9,30 Fette | 12,87 | 11,05 | 5,86 | 6,10 Stickstoffhalt. Substanzen | 47,81 | 41,12 | 28,00 | 24,10 Stickstofffreie Substanzen | 20,84 |} | 40,64 |} | |} 22,50 | |} 54,50 Cellulose | 3,80 |} | 8,14 |} Asche | 6,90 | 8,05 | 4,92 | 5,96
Vgl. auch S. 245. Da die Preßkuchen nicht ganz ungefährlich sind, dürfen sie nur bei ausgewachsenen Tieren mit Vorsicht in kleinen Partien verfüttert werden.
In China werden seit Jahrhunderten aus Baumwollsamen Futterkuchen hergestellt.
In Nordamerika wird der Samen noch jetzt vielfach nur als Düngemittel benutzt.
=Lit.= ~Wagner~ u. ~Clement~, Zeitschr. Unters. Nahr.- u. Genußm. 16 u. 17. -- ~Hefter~, Fette u. Öle. 1908. -- ~Matthes~ und ~Heintz~, Arch. Pharm. 1909, 161. -- ~Lewkowitsch~ a. a. O. -- Weitere Liter. in ~Wehmer~, Pflanzenstoffe. -- ~König~, Nahrungsm. (dort [B. I, S. 615] d. Liter.). -- ~Bömer~, Zeitschr. Nahr.- u. Genußm. 1901, 872. -- ~Völcker~, The analyst. 1903. ~Collin-Perrot~, Resid. industr. -- ~Skinner~, Exp. Stat. Rec. 1902. -- ~Bryde~ Ebenda. -- ~Wolff~, Aschenanalysen. -- ~Osborne~ und ~Voorhees~. Journ. am. chem. soc. 1894, 778. -- ~Fahrion~, Zeitschr. ang. Chem. 1892, 172. -- ~Papasogli~, Publ. del labor. chim. d. gabelle 1893, 90. -- ~Dupont~, Bull. soc. chim. 1895, 696. -- Über Cottonölmargarin vgl. ~de Negri~ u. ~Fabris~, Zeitschr. analyt. Chem. 1894, 563 u. ~Hart~, Chem. Zeit. 1893, 1520. -- Über die Substanz, die die Halphenreaktion bedingt, vgl. ~Soltsien~, Zeitschr. öffentl. Chem. 1899, 306, ~Charabot~ und ~Marsh~, Bull. Soc. chim. 1899, 552, ~Raikow~, Chem. Zeit. 1899, 760 u. 892; 1900, 562 u. 583; 1902, 10, ~Gill~ und ~Denison~, Journ. am. chem. soc. 1902, 397. -- ~Rosenthaler~ Zeitschr. Nahr. u. Genußm. 1910, 453.
Semen Sesami und Oleum Sesami.
=Syn.= Sesamsamen, Kuntschuksamen, -- sésame, jugoline, benné (franz.) -- sesame (engl.) -- sorgelin (span.) -- gergelim (port.) -- sesamo, giuggiolena (ital.) -- simsim (arab.) -- til, gingil, gingelin, gergelim (hindost.) -- salid (abyss.) -- moa, chima (chines.) -- koba (japan.) -- kundschut (buchar., pers., türk.) -- in Westafrika: bennyseed, in Ostafrika (kisuaheli): mfuta, im malaiischen Archipel: widjen bidjen (wohl aus bidji = Same) -- lenga (mak.), ringa (biman.), watu (sund.).
=Etym.= Das Wort Sesam ist uralt. Es findet sich schon im Babylonischen. šam šamni (= Pflanze des Öls), ging als Lehnwort ins Ägyptische šmšmt über (vgl. I, S. 467), dann ins Koptische šemsêm, ins Griechische σήσαμον (bei den späteren Griechen: σησαμάτον, σησάμινον, σέμσεμ; bei den Neugriechen σησάμι oder σουσάμι) und das Lateinische sesamum. Es findet sich auch im Aramäischen und Syrischen (schuschᵉmā;, šûmšemâ) und Arabischen (sâsim, simsim). Das indische Gingeli ist aus dem arabischen chutchulân umgebildet. Davon abgeleitet: Bei ~Barthema~ (1510): zerzalino; bei ~Castanheda~ (1552) und ~Gouvea~ (1602): gergelim; bei ~Fredericke~ (1599): zezeline; bei ~Mocquet~ (1610): gerselin; bei ~Thevenot~ (1661): telselin. -- Til, tila ist das Sanskritwort für Sesam. Benné ist westafrikanischen Ursprungs und steht vielleicht zu ben (= Moringa) in Beziehung (?).
=Stammpflanze und systemat. Stellung.= =Sesamum indicum= ~Dc.~, zusammengezogen aus +Sesamum indicum+ L., Spec. pl. ed. I, p. 634 und +S. orientale+ L., ebenda (S. luteum ~Ketz.~, S. oleiferum ~Moench~) mit vielen Kulturvarietäten bzw. Formen. ~De Candolle~ nimmt zwei Rassen, eine mit schwarzen, eine mit weißen Samen und mehrere nach der Form der Blätter unterschiedene Varietäten an. Er unterscheidet von seinem S. indicum die Varietäten: α grandidentatum (S. indicum L.), β subdentatum (S. indicum Sims.) und γ subindivisum (S. orientale L.).
+Pedaliaceen+ -- Pedalieae (Sesamum) Sect. Sesamotypus ~Benth~ et ~Hook~. fil.
=Beschreibung der Stammpflanze.= Die bis 1 m hohe einjährige, dem Fingerhut äußerlich ähnliche Pflanze hat einen vierkantigen, nur oben kurz-rauhhaarigen Stengel und unten gegenständige, gestielte, eiförmige, 3-5lappige, grob- und unregelmäßig gezähnte, oben alternierende, fast sitzende, lanzettliche, meist ganzrandige Blätter. Die großen Blüten entspringen einzeln (die beiden Seitenblüten der Cyma sind abortiert) in den Achseln der oberen Blätter. Der außen behaarte Kelch ist bis fast zum Grunde geteilt, mit vier schmal lanzettlichen, spitzen Blättern. Die weiße (oder rote) Blumenkrone zygomorph, trichterförmig erweitert, am Grunde rückwärts schwach höckerig, weit aus dem Kelche herausragend, bis 35 mm lang, mit fünf Lappen, von denen die drei vorderen, die die Unterlippe bilden, größer sind als die zwei hinteren. Von den vier Staubfäden sind zwei länger. Sie tragen eine längliche Anthere, die mit einer Längsspalte aufspringt und am Connectiv eine Drüse. Das fünfte, hintere Stamen ist als pfriemliches Staminodium entwickelt. Das Gynaeceum trägt einen Griffel mit zwei lanzettlichen Narbenlappen und ruht auf einem niedrigen drüsigen Diskus. Es besteht aus zwei Carpellen, die unten durch falsche Scheidewände in je zwei Kammern geteilt sind. Die Frucht ist daher unten vier-, oben einfächerig. Die zahlreichen Ovula sitzen an zentral-winkelständigen Placenten. Die Frucht ist eine hellbraune, bis 35 mm lange, bis 7 mm breite, in eine ziemlich lange Spitze auslaufende, mit vier Längsfurchen versehene Kapsel, die sich bei der Reife bis fast zum Grunde dadurch aufspaltet, daß sich die falschen Scheidewände in zwei Platten trennen.
+Abbild.+: ~Stapf~ in Engler-Prantl, Pflanzenfamilien IV, 3b, 263. -- ~Vogtherr-Köhler~, Medizinalpfl. Ergänzungsb. t. 58 (dort die weitere botan. Literatur). -- ~Bentley-Trimen~, Med. plant. t. 198. -- ~Wight~, Illust. Ind. Bot. t. 163. -- Bot. Mag. t. 1688. -- Älteste Abbild. ~Camerarius~, Hortus medicus --, ~Rumphius~, Herb. amb. t. 76 und ~Rheede~, Hort. Mal. IX, 54, 55.
=Pathologie=. Über die pflanzlichen Schädlinge berichtet Prof. ~Ed. Fischer~: ~Malkoff~ hat in Bulgarien auf Sesamum eine mit Auftreten von Bakterien (er nennt Bacillus Sesami und Pseudomonas Sesami) verbundene Krankheit beobachtet, bei der auf den Blättern Flecken auftreten, die Stengel schwarz werden und schließlich vertrocknen. -- In anderen Fällen (so in Turkestan, in Indien) wurde ein Absterben von Sesampflanzen beobachtet, das sehr wahrscheinlich durch Neocosmospora vasinfecta ~E. Smith~ hervorgerufen wird, einen Pilz, der auch eine Krankheit der Baumwollpflanzen (s. dort) verursacht. (~A. de Jaczewski~, Über das Vorkommen von Neocosmospora vasinfecta ~E. Smith~ auf Sesamum orientale. Annales Mycologici I 1903, p. 31). Sesam hat von tierischen Feinden wenig zu leiden.
=Kultur und Handel.= Sesamum indicum wird in den Tropen und Subtropen beider Hemisphären gebaut, vornehmlich in +Vorder-+ und +Hinterindien+ (Siam), Himalaya, Afghanistan, Persien, Arabien, Rußland, +China+, Japan, Formosa, Java, Kleinasien (Hafen: Smyrna), Arabien, Palästina (Hafen: Jaffa), Ägypten, Griechenland, Sizilien (bei Syracus und im Süden), Malta, Gozo, Algier, West- und Ostafrika (Natal, Sansibar, Madagaskar, Mossambik, Senegal, Lagos) und den wärmeren Gebieten Nord- und Südamerikas (Brasilien, Westindien, Curaçao). Hauptproduktionsgebiet ist +Vorderindien+, das viel Sesam verbraucht und noch mehr exportiert. Dort sind ungeheuere Flächen mit Sesam bebaut. In der Präsidentschaft Madras allein 400000 ha. Die Pflanze verlangt eine möglichst gleichmäßige Temperatur und mindestens drei Monate gleichmäßige Wärme, sowie trockenen, kalkhaltigen, lehmigen, stickstoffreichen Sandboden. Man sät in Indien die schwarze Varietät im März, die weiße im Juni; die erste reift im Mai, die andere im August. Die Frucht wird ausgedroschen. Bisweilen werden, da die Vegetationszeit nur drei Monate beträgt, zwei Ernten im Jahr erzielt.
Im Handel unterscheidet man besonders indische und Levantiner Samen (letztere von der Form Orientale), sowie weißen, gelben, braunen und schwarzen oder gemischtfarbigen Sesam. Selbst dieselbe Varietät produziert Samen verschiedener Farbe. Im allgemeinen zeigen die Samen von S. indicum weiße, gelbliche oder bräunliche, die von S. orientale schwarzbraune bis violettschwarze Farbe (~Harz~). In Indien heißt der hellgelbe safed til, der schwarze kala til. Der schwarze produziert mehr Samen, der weiße das feinste Öl.
Gleichmäßig gelblich-weiß ist der Levantiner Kurrachée und Sansibar-Sesam, mit grauen Samen gemischt der Bombay-Sesam, braun der ägyptische und Smyrna-Sesam, schwarz der indische.
+Deutschland+ importierte 1909: 779401 dz Sesamsamen besonders aus China und Brit. Indien (zusammen über 700000 dz), dann aus Portugies. Ostafrika, Nied. Indien, der asiat. Türkei, Japan und Brit. Westafrika. +Frankreich+ importierte 1908: 554036 Quint. +Sesamsamen+. Davon kam das meiste, etwa zu gleichen Teilen, aus China und Engl. Indien, kleinere Mengen aus der Türkei, noch weniger aus Niederl. Indien, Westafrika, Indochina. +Marseille+ ist ein wichtiger Sesamimporthafen. Dann auch Triest. +British Indien+ exportierte +Sesamsamen+ 1904/05: 65532, 1908/09: 17977 cwts nach England und engl. Besitzungen und 1904/05: 2451225, 1908/09: 1639315 cwts nach anderen Ländern. Von +Sesamöl+ 1908/09: 104306 cwts nach England usw. und 69904 cwts nach anderen Ländern. +Siam+ exportiert etwa 4 Mill. kg Samen. +China+ verschiffte aus den Vertragshäfen 1897: 44899 piculs, +Ostafrika+ für über 200000 M. Die +Vereinigten Staaten+ importierten 1909: 1274032 pounds Sesamöl.
=Lit.= ~Semler~, Trop. Agrikult. -- ~Watt~, Dict. econom. prod. -- ~Flückiger-Hanbury~, Pharmacogr. -- ~Warburg~, Sesamkultur in unser. Kol. Zeitschr. trop. Landwirtsch. 1898. -- ~Thoms~, Sesamsaat aus Togo. Tropenpfl. 1898.
=Morphologie der Droge.= Die Samen sind 1,5-4, meist c. 3 mm lang, c. 1 bis 2 mm breit und 1 mm dick, je nach der Sorte gelblich-weiß, rötlich oder braun bis schwarz, verkehrt eiförmig, etwas zugespitzt, +flachgedrückt+, +spatelförmig+. An den vier Kanten laufen vier mit der Lupe gut sichtbare, schmale Rippen. Dadurch erscheint der Same im Querschnitt undeutlich vierkantig. Die flachen Breitseiten sind infolge eines undeutlichen Netzwerkes feingrubig runzlig. In der Mitte der einen flachen Seite verläuft die Raphe. Das Endosperm ist etwa halb so dick wie ein Cotyledon. Die ölreichen Cotyledonen sind flach, zwischen ihnen liegt der Keimling. Der Geschmack ist angenehm milde-ölig.
=Anatomie.= Die Samenschale zeigt zwei Schichten. Die äußere besteht aus beim trockenen Samen zusammengefallenen, nach dem Aufweichen palissadenartig gestreckten, dünnwandigen Zellen, die, ihrer Außenwand angeheftet, eine in einer Tasche sitzende große Calciumoxalatdruse führen (Fig. 182) und bei den dunklen Varietäten auch den in Alkali löslichen Farbstoff (in Form von Pigmentkörpern, ~Hartwich~) enthalten. Von der Fläche betrachtet sind sie isodiametrisch und bieten (auch im Preßkuchen) +ein für den Sesamsamen außerordentlich charakteristisches Bild+, denn es sind nur wenige Fälle (von ~Benecke~ und ~Collin~) beobachtet, wo diese Kristalle fehlten. An den vier Eckleisten (s. oben) des Samens sind die Epidermalpalissaden fächerartig angeordnet (Fig. 182 I). Hier fehlt ihnen auch meist die Kristalldruse. Die zweite Schicht ist die aus mehreren Reihen obliterierter dünnwandiger, kleine Prismen oder Zwillingskristalle (~Collin~, ~Hanausek~) enthaltender Zellen bestehende Nährschicht. Bei den dunklen Sorten führt auch sie Farbstoff. Das Endosperm ist mehrschichtig. Seine Zellen sind etwas dickwandiger als die Zellen der bifacial gebauten breiten Cotyledonen (Fig. 182), enthalten aber wie diese in Ölplasma eingebettete, Globoide und Kristalloide führende, Aleuronkörner. Diese sind im Endosperm 2-6, in den Cotyledonen bis 10 mik. groß.
=Lit.= ~Flückiger~, Z. Kenntn. d. Sesamsam. Schweiz. Wochenschr. 1865. -- ~Benecke~, Die verschied. Sesamarten u. Sesamkuchen d. Handels. Pharm. Centralh. 1887, 545 und Anleit. zur mikrosk. Unters. d. Kraftfutterm. 1886. -- ~Böhmer~, Die Kraftfuttermittel 1903. -- ~Moeller-Winton~, Mikroskop. d. Nahr.- u. Genußm. 2. Aufl. -- ~Collin-Perrot~, Les résid. industr. -- ~T. F. Hanausek~ in Wiesner Rohstoffe II. Aufl. -- ~Harz~, Landwirtsch. Samenk. -- ~Hebebrand~, Über d. Sesam. Landw. Vers. Stat. 1898, 45. -- ~Kobus~, Kraftfutter u. s. Verfälsch. Landw. Jahrb. 1884, 813. -- ~Hartwich~ in Realenzyklop. d. Pharm.
=Chemie.= Die Samen enthalten im Mittel in Prozenten: 5,50 (5,25-6,5) Wasser, 20,30 (19,5-22,7) Rohproteïn, 14,98 stickstofffreie Extraktstoffe, 7,15 (6,4-8,4) Rohfaser, besonders Pentosane, 4,5-6,47 Asche. Ferner enthalten die Samen 47 bis 57% im Durchschnitt 50-53% (indische Saat) bzw. 56-57% (Levantiner) Öl (die indischen Pressen liefern nur 22-31% Öl), +Saccharose+ (~Vallée~, 0,64% ~Bourquelot~) und reduzierenden Zucker (0,14% ~Bourquelot~), ein +Pentosan+ (~E. Schulze~, ~Wittmann~), +Lecithin+ und +Cholin+ (im Preßkuchen, ~E. Schulze~), +Phytin+ (~Posternak~), +Conglutin+, +Globulin+, +Legumin+ (~Ritthausen~), +Amide+, einen 1,95% Schwefel enthaltenden Proteïnstoff. Über 96% des Stickstoffes sind als Eiweißstickstoff vorhanden. Der Gehalt an Calciumoxalat beträgt 0,2-1,8%.
Das =Sesamöl=, =Oleum Sesami= (huile de sésame ou de benné, sesame oil, gingeli, gingili oder jinjili oil, til oder teel oil, benné oil, olio di sesamo), ist kalt gepreßt hellgelb, geruchlos und von angenehmem Geschmack. Die Elementarzusammensetzung des Öls der schwarzen (und weißen) Samen ist C = 76,17 (77,38), H = 11,44 (11,59), O = 12,39 (11,03) (~König~). Es enthält 12,1-14,1% feste Fettsäuren (~Farnsteiner~) und 78,1% flüssige (~Laue~). Letztere bestehen vorwiegend aus +Ölsäure+, weniger aus +Linolsäure+, die festen aus +Palmitin-+ und +Stearinsäure+, sowie etwas Myristicinsäure (~Kreis~). Die Menge des Unverseifbaren, das aus Phytosterin, Sesamin und Rotöl besteht, beträgt 0,95-1,32%, die freien Fettsäuren des kaltgepreßten Öls 0,47-5,75%. Das Öl dreht rechts (+0,8° bis +1,6°, ~Utz~) infolge seines Gehaltes an +Phytosterin+ (F. 137, ~Villavecchia~ und ~Fabris~) und an durch Eisessig aus dem Öl extrahierbaren, zu 0,2-0,5% vorhandenen +Sesamin+ [C₁₈H₁₈O₅, Nadeln, F. 118°, ~Tocher~; (C₁₁H₁₂O₃)₂, F. 123°, ~Villavecchia~ und ~Fabris~; C₃₃H₃₀O₁₀ (?), ~Bömer~ und ~Winter~]. Letzteres wird durch Nitroschwefelsäure erst grün, dann hellrot, welche Reaktion die U. St. Ph. zur Identifizierung des Öls benutzt. Ferner wurde daraus ein aus einem krist. Kohlenwasserstoff (F. 91-92°) entstehendes (~Canzoneri~ und ~Perciabosco~), dickes, stickstofffreies, rotbraunes Öl isoliert (~Tocher~, ~Villavecchia~), das die Rohrzucker-Salzsäurereaktion des Öls, die (von ~Camoin~ gefundene) sog. ~Baudouin~sche +Reaktion+, bedingt und das vollständig in die flüssigen Fettsäuren übergeht, wenn diese mit der Bleisalz-Äthermethode abgeschieden werden. Da die ~Baudouin~sche Reaktion auf der Bildung von Furfurol aus der vom Rohrzucker abgespaltenen Lävulose beruht, kann der Rohrzucker bei der +für Sesamöl höchst charakteristischen+ Probe, die noch kleinste Mengen Sesamöl nachzuweisen erlaubt, durch Furfurol ersetzt werden (~Villavecchia~ und ~Fabris~). Alle aromatischen Aldehyde mit zyklischem Kern geben mit Sesamöl Farbenreaktionen (~Breindl~). Ferner findet sich im Sesamöl das phenolartige +Sesamol+ (~Kreis~).
Das spez. Gewicht des Öls beträgt bei 15°: 0,921-0,926 (am höchsten bei russischen Ölen), bei 98°: 0,867-0,870 (Ph. helv. IV), der Erstarrungspunkt liegt bei gepreßtem Öl bei -4 bis -6° (bei extrahiertem Öl bei +5°), der Brechungsexponent (im Butterrefraktometer bei 25°) 66,2-69, die Verseifungszahl 187,6 bis 194,6, die Jodzahl 103-114,5 (bei Curaçaoöl 116,8), die Reichertzahl 0,35, die Reichert-Meißlzahl 1,2, die Hehnerzahl 95,6-95,86, die Temperaturerhöhung bei der Maumenéprobe 63-68°. Die Fettsäuren zeigen die Jodzahl 108,9-112, eine Acetylzahl 11,5, der Erstarrungspunkt liegt bei 18,5-28,5°, der Schmelzpunkt bei 21-31,5. Bei der Elaidinprobe wird das Öl nicht fest. Die Verbrennungswärme des Sesamöls beträgt 9395 g-cal. bei konstantem Volumen (~Sherman~ und ~Snell~). Der Entflammungspunkt liegt bei 240° (~Rakusin~). Die Pharm. helv. IV gibt als Identitätsreaktion neben der ~Baudouin~schen noch an, daß bei Überschichten von Salpetersäure (1,4) zunächst mit Sesamöl und dann mit Resorcin-Benzol, nach dem Umschütteln eine vorübergehende rot- bis blauviolette Färbung auftreten soll.
Die Zusammensetzung der Sesamkuchen (Preßkuchen) ergibt sich aus folgender Tabelle:
------------------+--------+--------+--------+------------------------ |~Garola~|~Wolker Grandeau~| ~Dietrich~ u. ~König~ | | | | Sesam | Indischer Sesam | | schwarz| weiß | Max. | Min. | Mittel ==================+========+========+========+=======+=======+======== Wasser | 9,58 | 8,06 | 10,20 | 16,40 | 8,10 | 12,45 Stickstoffhaltige | | | | | | Substanz | 41,50 | 36,87 | 33,75 | 42,31 | 32,20 | 36,57 Fett | 10,76 | 11,34 | 15,38 | 15,84 | 5,70 | 11,86 Stickstofffreie | | | | | | Substanz | 20,10 | 25,05 | 24,13 | 30,81 | 14,10 | 21,12 Cellulose | 7,06 | 8,14 | 5,00 | 13,28 | 6,10 | 8,12 Asche | 11,00 | 10,54 | 11,54 | 11,40 | 7,45 | 9,88
Die Levantiner Sesamkuchen gelten als eiweißreicher. Sesamkuchen können unbedenklich verfüttert werden.
=Lit.= ~de la Souchère~ (Baudouinreaktion), Zeitschr. anal. Chem. 1882, 445. -- ~Laue~, Journ. Soc. chem. ind. 1901, 1083. -- ~Utz~ (vgl. Unters. von afrik., ind. u. levantin. Öl), Pharm. Zeit. 1900, 522. -- ~Tocher~, Pharm. Journ. 1891, 639; 1893, 700. -- ~Villavecchia~ und ~Fabris~, Zeitschr. angew. Chem. 1893, 505. -- ~Hazura~ und ~Grüssner~, Monatsh. f. Chem. 1889, 242. -- ~Breindl~, Chem. Zeit. 1899. -- ~Farnsteiner~, Chem. Zeit. 1896, 213. -- ~Benedict-Ulzer~, Analyse d. Fette. -- ~Kreis~, Chem. Zeit. 1902, 1014; 1903, 116 u. 1030 u. Über Farbenreaktionen fetter Öle. Verhandl. der Basler Naturf. Ges. 1903. -- ~Soltsien~, Vierteljahrschr. Nahr. u. Gen. 1893, 372. -- ~Bellier~ (Farbenreaktionen des Öls), Ann. chim. anal. appl. 1899, 217. -- ~Ciupercesco~ (Reaktion auf Sesamöl), Bulet. asociat. farmac. Romania 1903. -- ~Lewkowitsch~ a. a. O. -- ~König~ a. a. O. Weitere Lit. in ~Wehmer~, Pflanzenstoffe und bei ~König~.
=Verfälschung.= Gebleichtes und verdorbenes Öl wird durch Phloroglucin-Salzsäure stark rot. Baumwollsamenöl kann durch die Halphensche Reaktion erkannt werden. Eine Lösung von 2 g Sesamöl in 10 ccm Chloroform und 20 ccm absolutem Alkohol soll nach Zusatz von drei Tropfen Phenolphthaleïn und 2 ccm n/10 Kali eine bleibende Rotfärbung zeigen (Prüfung auf altes saures Öl, Ph. helv. IV). Als Verfälschung sind beobachtet: Arachisöl, Baumwollsamenöl, Rüböl.
=Anwendung.= Die besten Sorten sind, da sie nicht leicht ranzig werden und sich jahrelang unzersetzt halten, dem Olivenöl gleichwertig. Sie werden daher auch in der Enfleurage benutzt. Die Öle zweiter und dritter Pressung dienen besonders zur Seifenfabrikaton. Es ist in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben, daß der Kunstbutter (Margarine) und dem Kunstkäse 5 resp. 10% Sesamöl zugesetzt werden muß, damit die Identifikation mit der ~Baudouin~schen Reaktion möglich ist. Die besten Sorten werden mit Mohnöl, Baumwollöl und Arachisöl verfälscht, die geringeren mit Rüböl. Aus dem mit Honig versetzten Mehl wird der χαλβᾶς bereitet, eine im Orient sehr beliebte Fastenspeise (~Heldreich~). Auch in Indien sind viele Tila-Zubereitungen bis heute in Gebrauch. In Vorderasien und Ägypten wird das Brot mit Sesam bestreut, in Sizilien mit den zuvor gerösteten Samen (~Ginggiolina~). Herba Sesami wird in den Vereinigten Staaten medizinisch benutzt.
=Paralleldrogen.= Sesamum radiatum ~Schum.~ et ~Thonn~ (S. foetidum ~Atzel~, S. occidentale ~Heer~ et ~Rgl.~, bei den Suaheli ufuta muita = wilder Sesam), in West- und Ostafrika heimisch, wird als Ölpflanze und zur Gewinnung der Samen besonders in Afrika, dann auch auf Ceylon, in Hinterindien, auf den Philippinen und in Amerika (Guyana) kultiviert und liefert auch Sesamöl, sowie den sog. «dickschaligen» Sesamkuchen (~Benecke~). Ihre Samen sind schmal berandet und auf den flachen Seiten radial gestreift. Die Epidermiszellen der Samenschale sind innen und an einem Teile der Seiten verdickt und tragen hier die Calciumoxalatkristalle (~Benecke~). Sesamum angustifolium (~Oliv.~) ~Engl.~, in Deutsch-Ostafrika und Sansibar heimisch, liefert ebenfalls brauchbare Ölsaat, doch sind die Samen kleiner.
Das sog. «deutsche» Sesamöl ist Leindotteröl, von Camelina sativa.
=Geschichte.= Sesamsamen und das Öl wurden seit den ältesten Zeiten, z. B. schon bei den Sumerern (I, S. 475) benutzt, doch fehlen prähistorische Funde. Die ursprüngliche Heimat der Pflanze ist nicht mit Sicherheit bekannt. ~de Candolle~ hält, da ~Blume~ (Bijdragen p. 778) angeblich wilden S. in Java fand, diese Insel (resp. die Sundainseln überhaupt) für die Heimat des S. und meint, daß er vor 2-3000 Jahren nach Indien und ins Euphrattal und etwa 1000 n. Chr. nach Ägypten gekommen sei. ~Watt~ bestreitet dies. Er hält, allerdings mit einem Fragezeichen, die Pflanze für in Indien heimisch, da er in Behar und im Himalaya angeblich wilde Formen sammelte. Die Kultur des Sesam tritt in Indien jedenfalls schon zur Zeit des ~Atharvaveda~ auf, wo sie neben der von Reis, Gerste und Bohnen genannt wird. Ebendaselbst wird das Sesamöl (taila, tila) schon zu Opferzwecken verwendet. ~Schrader~ meint, daß die Pflanze von Indien sehr frühzeitig in die Euphratländer vorgedrungen sein muß, wo sie die Stelle des Ölbaumes vertrat. Auf einem ägyptischen Denkmale aus der XX. Dynastie ist das Bestreuen der Brote mit einem Samen (Sesam?) dargestellt (~Unger~). Doch kann dies auch ein anderer Same sein. Sesam findet sich auch in einigen Rezepten des Papyrus ~Ebers~ (1500 n. Chr.). Trotzdem ~Brugsch~ in einem ägyptischen Texte des V. Jahrh. n. Chr. Sesam fand und in Afrika 9 andere Arten vorkommen, dürfte die von ~de Pruyssenaere~ geäußerte Ansicht, Sesam sei ursprünglich in Afrika heimisch, nicht zutreffend sein. Nach Ägypten, wo er jetzt eine große Rolle spielt, scheint S. aber schon in vorgeschichtlicher Zeit gekommen zu sein (~Schweinfurth~). Da die Ägypter aber den Namen von den Babyloniern erhielten (s. oben S. 573), erhielten sie wohl auch die Pflanze von daher. ~Herodot~ (L. I, 193) berichtet, daß die Babylonier +nur+ aus Sesam Öl bereiteten. Der Anbau muß also dort schon in früher Zeit sehr ausgedehnt gewesen sein.
Auch aus anderen Quellen wissen wir, daß die Babylonier sich des Sesamöls bedienten (I, S. 467). Auch einige indische Namen des S. -- gingeli, gergelium aus arab. schulchulan -- deuten von Indien nach Westen und so meint denn ~Watt~, daß S. zuerst vielleicht irgendwo zwischen dem Euphrattale und Bochara südlich von Afghanistan und Nordindien kultiviert wurde, und von dort nach Indien und den Archipel kam, ehe er nach dem Westen gelangte. Alles deutet auf ein semitisches Volk, das die Sesamkultur einführte. Ich bin daher geneigt, die Urheimat des S. nach Mesopotamien und die östlich daran anstoßenden Länder zu verlegen. Von dort gelangte der S. wohl schon mit den Ariern im II. Jahrtausend n. Chr. einerseits nach Indien und dann auch nach Ägypten. Doch erscheint es auch möglich, daß die Kultur des S. an mehreren Zentren unabhängig von einander begann. Nach Ostasien gelangte S. wahrscheinlich nicht vor Beginn unserer Zeitrechnung. Die ersten Angaben datieren aus dem V. bzw VI. Jahrh. Erst im Tsi min yao chou wird S. in China erwähnt (~Bretschneider~). Die Portugiesen brachten S. von der Küste von Guinea nach Brasilien.
Nach der Brahmapurâna wurde S. durch ~Yama~, den Gott des Todes, geschaffen und er wird daher in Indien besonders bei den Totenfeiern viel benutzt. Sesam repräsentiert das Lebensprinzip, das Symbol der Unsterblichkeit, er ist dem Soma heilig und neben Reis und Honig Bestandteil einiger Totenspeisen. Die alten Sanskritschriftsteller berichten über die verschiedenen Sorten der Sesamsamen, über das Öl und seine medizinische Anwendung. Sesamöl war das erste in Indien gepreßte Öl (~Dutt~), tila (sansk.) findet sich bereits in den Veden. S. kehrt auch oft in indischen Sprüchwörtern (~Gubernatis~) und in Volkserzählungen wieder. Das «Sesam öffne dich» des ~Ali-Baba~ in Tausend und einer Nacht zeigt, daß man in dem kleinen Samen alle Geheimnisse der Zauberei beschlossen glaubte. In der Bibel scheint Sesam zu fehlen. Allerdings zitiert Pharmakographia Jesaia 28, 27, aber das dort (neben Kammon, d. h. Cuminum) stehende ḳeṣach ist nicht klar zu deuten, die griechische Bibelübersetzung hat μελάνθιον, die Vulgata gith (beide = Nigella sativa), die englische Übersetzung fitches, in der deutschen (von ~Kautzsch~) steht Dill (vielleicht ein mißverstandenes til; dann würde der Übersetzer an Sesam gedacht haben), in anderen steht Wicke. ~Herodot~ erwähnt σήσαμον, ebenso ~Alkman~ (VII. Jahrh. n. Chr.). ~Hippocrates~ bediente sich des Samen als Expectorans (I, S. 540). ~Theophrast~ erwähnt an vielen Stellen das σήσαμον. ~Dioskurides~ und ~Plinius~ berichten, daß Sesam z. B. in Ägypten gebaut wurde. ~Plinius~ sagt, daß er von Indien komme (der ägyptische ist wohl Ricinus). Auch im Edikte des Diocletian (I, S. 569) finden sich Sesamsamen. Der Periplus (I, S. 535) erwähnt Sesamöl als Ausfuhrartikel von Moscho, Barygaza und Ariakes. ~Varro~ erwähnt S. ~Columella~ kannte den Sesambau aus eigener Anschauung (I, S. 573). Nach dem Norden ist S. nicht gekommen. Im Mittelalter wurde suseman (oder sempsen) in Cypern, Ägypten und Sizilien kultiviert. Das Öl war ein Exportartikel von Alexandrien nach Venedig. Sesampreßkuchen wurden, wie Aruch, ein talmudisches Wörterbuch des Mittelalters, berichtet, mit Jasminblüten parfümiert als Seife benutzt (~Löw~). Sesamum steht bei ~Cordus~, aber noch nicht in der Alphita, Sesamöl im Luminare majus und Lumen Apothekariorum (I, S. 793). Trotz des hohen Alters der Sesamölgewinnung ist das Öl für Europa doch erst seit der zweiten Hälfte bzw. dem Ende des XIX. Jahrh. von größerer Bedeutung geworden.
=Lit.= ~de Candolle~, L’origine des plantes cultivées. -- ~Gubernatis~, Mythologie des plantes II, 345. -- ~Dutt~, Hind. mat. med. -- ~Watt~, Dict. econom. prod. -- ~Hehn~, Kulturpflanzen. -- ~Schrader~, Reallexikon. -- ~Löw~, Aramäische Pflanzennamen. -- ~Flückiger-Hanbury~, Pharmacographia.
Semen Tiglii und Oleum Crotonis.
=Syn.= Grana tiglii, tiglia, s. tilli, S. moluccana, Sem. Crotonis, Sem. Cataputiae minoris, Croton- oder Purgierkörner, Granatillsamen, Graines ou semences de Tilly ou de Moluques, Petits pignons d’Inde -- croton seeds -- tilho (port.). Die Pflanze: Purgierbaum, Purging Croton, Croton cathartique. Im Hort. Malabar.: Gajapala, Cadel auanucu. Im Herb. Amboinens.: Granum moluccum. In ~Bauhins~ Pinax: Pinus indica nucleo purgante. Die Samen in Indien: Jamalgata pills -- +sansc.+: jajapála, kanakaphála -- +hind.+: jamál-gota -- +tam.+: nervalan -- +mar.+: jepal -- auf Java: tjeraken, mal.: tjemekijan -- in China: pa-tow, pa-teú, chʿuan-pei, chiang-tsu, tou-jin.
=Stammpflanze und systemat. Stellung.= =Croton Tiglium= L., Spec. pl. ed. I, 1004 (1753) (Croton acutus ~Thnbg.~, C. Jamalgota ~F. Hamilton~, Kurkas tiglium ~Rafinsqu.~, Tiglium officinale ~Klotsch~, Anisophyllum acutifolium ~Bouv.~).
Euphorbiaceae, Platylobeae -- Crotonoideae -- Crotoneae (Croton). Untergattung Eucroton Subsectio Medea ~Müll. Arg.~
=Etym.= Croton von κρότων = Zecke nach der Form des Samens (vgl. bei Ricinus). Tiglium von τίλος = Durchfall (nicht von der Moluccen-Insel Tilho). Granatill aus Grana tilli oder dilla, dem alten Handelsnamen der Droge.
=Beschreibung der Stammpflanze.= Croton Tiglium ist ein kleiner, höchstens 4-6 m hoher immergrüner, diclin-monöcischer Baum oder Strauch mit oblongen oder eioblongen, zugespitzten, entfernt sägezähnigen, im Alter kahlen Blättern, die am Grunde, dort wo der Blattstiel ansitzt, zwei Nektarien tragen. Der Blütenstand ist eine androgyne Traube. Die Einzelblüten stehen einzeln oder zu zwei bis dreiblütigen Büscheln. Die männlichen Blüten stehen am oberen Teile des Blütenstandes (oder der letztere trägt nur solche). Ihr tief fünfteiliger grüner Kelch zeigt oblong-lanzettliche, am Rande und an der Spitze dünnsternhaarige Blätter. Die fünf weißen, lanzettlichen, mit den Kelchblättern alternierenden, anfangs ausgebreiteten, dann zurückgerollten, besonders am Grunde dicht zottigen Blumenblätter überragen den Kelch nicht. Die 15-20 freien Staubgefäße überragen den Kelch. Die weiblichen, am Grunde des Blütenstandes stehenden Blüten haben einen bis zur Mitte fünfteiligen Kelch mit oblongen, sternfilzigen Zipfeln, sehr kleine kurzgestielte Blumenblättchen und einen großen, goldgelben, dicht mit Sternhaaren bedeckten, kugeligen, dreiteiligen Fruchtknoten, der drei Griffel mit je zwei langen fädigen Narben trägt und in jedem Fache ein Ovulum enthält. Die kugelig ellipsoidische Kapselfrucht, die den Haarbelag abwirft und daher (durch die Haarbasen) außen nur rauh, sonst aber kahl erscheint, ist 2-2,2 cm lang und 1,6-2 cm breit, gelb bis hellbräunlichgelb. Sie zerfällt in drei Kokken (daher: Tricoccae), die sich von der Mittelsäule lösen und bis zur Mitte zweiklappig aufspringen. Jede der Kokken enthält einen Samen mit reichlichem Endosperm.
Croton Tiglium ist in Ostindien (Malabar, Bengalen, Ceylon) heimisch und findet sich auch in Assam, Birma und Malakka und wohl auch auf Java, Borneo, Amboina und den Philippinen wild. Nach China und Japan ist C. seit langem eingeführt; neuerdings (1898) auch nach Kamerun. Ich traf C. in Java und Ceylon da und dort als Heckenpflanze kultiviert. Er ist sturmfest und wächst rasch. Besonders wird er in Vorderindien, China, Java, Mauritius und den Philippinen -- in beschränktem Maße -- angebaut. Jetzt kommen viel Samen aus China. Der Crotonbaum ist leicht durch Samen fortzupflanzen, bedarf gar keiner Pflege und nimmt mit dem schlechtesten Boden vorlieb. Er kann, wenn der Boden nicht sumpfig ist, bis zu Höhen von 1000 m und mehr kultiviert werden. Er dient auch als Schattenbaum (vgl. I, S. 52) in Kaffee-, Cacao-, Vanille- und Cardamomenpflanzungen (~Semler~).
=Lit.= ~J. Scott~, Med. plant. Ceylon Edinb. 1819. -- ~Marchand~, Adansonia I, 232. -- ~Hamilton~, Transact. Linn. Soc. 14, 258. -- ~Roxbourgh~, Flor. Ind. III, 682. -- ~Hooker~, Flor. Brit. Ind. -- ~Pax~, Euphorb. in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam. III, 5, Fig. 25. -- ~Semler~, Trop. Agrikultur. -- ~Pereira~, Heilmittellehre II, 210. -- ~Weynton~, Commerc. prod. Assam Ph. journ. 18 (1887), 162. -- ~J. U. Lloyd~, Western Drug. 1898. -- +Abbild.+: ~Berg-Schmidt~, Atlas 2. Aufl. t. 87 (dort die weitere botan. Lit.), ~Nees von Esenbeck~, Düsseld. Abb. t. 138, ~Bentley-Trimen~, Med. plant. t. 239, ~Baillon~, Bot. méd. Fig. 2676-2682 und ~Burmann~, Thes. zeylan. t. 90.
=Morphologie der Droge.= Die Samen besitzen die Größe kleiner Ricinussamen, meist sind sie etwa 10-12 mm lang, c. 8 mm breit und c. 6 mm dick, ovallänglich, an beiden Enden stumpf, aber beiderseits, namentlich auf dem Rücken, infolge eines freilich wenig vorspringenden, stumpfen, namentlich an der oberen Hälfte sichtbaren Längskiels kantig-konvex, daher im Querschnitt undeutlich vierkantig-rautenförmig, nicht rein oval, die eine Seite ist etwas flacher als die andere. Die etwas abgeflachte Bauchseite zeigt eine deutliche Raphe. Außen sind sie schwach glänzend, rötlichbraun oder matt schmutzig-grau, an den Stellen wo die äußere Schicht abgerieben ist mit dunkleren Flecken, wo diese ganz fehlt stumpf-schwarz, auf der Rückenseite gegen das Hilum und die Chalaza etwas längsstreifig und furchig, auf der Bauchseite mehr glatt.
Die Samenschale ist dünn (c. 0,3 mm), spröde und zerbrechlich, innen grausilberglänzend, die dünnhäutige innere Samenhaut läßt sich leicht ablösen; bricht man den Samen auf, so bleibt sie oft am Samenkern haften und bedeckt diesen als eine zarte Hülle, die ein reich verzweigtes, von der Chalaza ausgehendes Adernetz, besonders nach Behandeln mit Phloroglucinsalzsäure, deutlich hervortreten läßt. Der leicht in zwei plankonvexe Hälften zerfallende Samenkern -- bei der Droge oft geschwunden -- ist im Querschnitt ölig-fettglänzend, besitzt ein dickfleischiges Endosperm und dünne, breit-blattartige, an der Basis herzförmige, nicht aneinander, aber am Endosperm festhaftende Cotyledonen mit deutlicher Nervatur, eine kleine Plumula und eine c. 3 mm lange, gegen das Hilum gerichtete Radicula. Die Caruncula ist nur klein und am trockenen Samen kaum noch zu erkennen. Unterhalb derselben tritt das Hilum deutlich hervor, von ihm läuft die Raphe zur am anderen Ende des Samens liegenden, undeutlich hervortretenden Chalaza. Die Schalen betragen 31,6%, der Kern 68,4% des Samens (~Flückiger~). Der Samenkern, der in zwei plankonvexe Hälften aufspaltet (~Isa Ben Ali~ vergleicht diese mit Sperlingszungen), schmeckt anfangs milde ölig, bald wird der Geschmack aber scharf kratzend, lange anhaltend brennend. Die Schale ist geruchlos und fast ohne Geschmack. Der geruchlose Kern entwickelt beim Erwärmen einen scharfen, die Augen angreifenden und die Haut reizenden Geruch.
+Crotonsamen+ findet sich im Handel in Säcken von 50-60 kg oder in Fässern (~Gehe~) (nach ~Hanbury~ in cases, bales or robbins).
=Anatomie.= Aus dem äußeren Integument des Ovulums, in dem das Raphebündel verläuft und das neben der Mikropyle einen kleinen Obdurator und, aus der Mikropyle bruchsackartig herausragend, das Ende des Nucellus zeigt (ein Pseudonucellus ist hier nicht wie bei Ricinus zu finden), entstehen drei Schichten: eine auch in der Droge noch meist Stärke und einen braunen Farbstoff führende, aus polygonalen Zellen bestehende Epidermis, eine mehrreihige, mehr oder weniger zusammengefallene parenchymatische Nährschicht und eine Schicht dünnwandiger Palissaden, die kleine Interzellularen zwischen sich lassen. +Diese äußere Schicht läßt sich leicht abreiben.+ Alsdann tritt die aus der Epidermis des inneren Integumentes hervorgehende, aus stark radial gestreckten, schief gestellten, dickwandigen, dunkel gefärbten, etwa 250 mik. hohen Palissadensklereïden bestehende Hartschicht hervor, innerhalb welcher die oben erwähnte nährschichtartig zusammengefallene Silberhaut liegt, in der die reich verzweigten Ausläufer des Raphenbündels rückläufig vom Chalazaende zum Hilumende verlaufen. In den Zellen des Endosperms und der Cotyledonen finden sich reichlich Aleuronkörner von der gleichen Gestalt wie bei Ricinus mit deutlichen Globoiden und Kristalloiden, eingebettet in Ölplasma. Sie messen im Endosperm 8-13 mik. In den blattartigen Cotyledonen, die sich vom Endosperm ablösen lassen, sind sie kleiner.
=Lit.= ~Tschirch~, Croton in Realenzyklop. d. Pharm. -- ~Schlotterbeck~, Beitr. z. Entwicklungsgesch. pharmakognost. wichtig. Samen. Diss. Bern 1896 (mit Abbild.). -- ~Vogl~, Commentar. -- ~Planchon-Collin~, Drog. simpl.
=Handel.= Das Öl wird in Indien aus den reifen, schwach gerösteten und geschälten Samen bei gelinder Wärme ausgepreßt. Auch ein mit Lösungsmitteln extrahiertes tritt bisweilen im Handel auf. Seine Zusammensetzung ist eine andere. Pharm. helv. IV verwirft es ausdrücklich. Keinesfalls darf ein mit Alkohol extrahiertes Öl benutzt werden. Der Handel kennt außer dem hell- bis bräunlichgelblichen ostindischen, über Bombay, Cochin und Madras exportierten Öle, das als sehr wirksam gilt, auch ein braungelbes englisches. Eine gute Sorte ist das in kleinen Fläschchen mit der Signatur: «Croton oil sold by A. Short, Ratcliff, Highway London» in den Handel gebrachte (~Hager-Fischer-Hartwich~, Pharm. Praxis). Es ist Selbstdarstellung des Öls durch Pressen oder Extrahieren mit Äther vorgeschlagen worden. Geschieht dies, so müssen die Preßkuchen, Filter usw. verbrannt werden, da sie giftig sind.
=Chemie.= Die Purgierkörner enthalten (nach ~König~) im Durchschnitt in Prozenten: Wasser 5,71, Stickstoffsubstanz 18,77, Fett 36,81, stickstofffreie Extraktstoffe 9,95, Rohfaser 25,23, Asche 3,53. (Fett in der Trockensubstanz 39,04%.) Die Samen enthalten 30-45% Öl -- liefern aber bei der Pressung sehr viel weniger (s. unten) --, c. 18% +Eiweiß+, c. 4% +Asche+ und c. 6% +Wasser+, ferner +Lipase+ (~Dunlap~ und ~Seymour~, ~Braun~ fand kein fettspaltendes Enzym), +Invertin+, +Amylase+, +Raffinase+, ein proteolytisches +Enzym+ tryptischer Natur (~Scurti~ und ~Parozzani~). Das lipolytische Vermögen des Crotonsamen äußert sich merkwürdigerweise nicht am Crotonöl, wohl aber an Sesam-, Oliven-, Ricinus- und Mandelöl, die zum Teil nahezu vollständig durch die Lipase verseift werden. Das hydrolytische, Ester aufspaltende Enzym der Samen vermag auch Saccharose zu invertieren und Stärke zu verzuckern (~Skurti~ und ~Parozzani~). ~Elfstrand~ fand in den Samen zwei giftige Eiweißkörper (Toxalbumine, Agglutinine), +Crotonglobulin+ und +Crotonalbumin+, die er aus ihrem Gemisch [+Crotin+ (~Braun~)] isolierte. Sie verlieren durch Erhitzen ihre Giftigkeit. Crotin ist ein Plasmagift. Es greift die Stromata der Blutkörperchen gewisser Tiere an, bringt Milch zum Gerinnen, ist aber nicht fettspaltend. Verdauung im Brutschrank schwächt es nicht ab (~Kobert~). Schon ~Stillmark~ gab einen dem +Ricin+ ähnlichen Körper an. Die Eiweißkörper des Samens liefern bei der Hydrolyse: Arginin, Histidin, Lysin, Glutamin, Leucin, Phenylalanin usw. (S. 495).
Zweifelhaft sind das giftige (dem Cascarillin ähnliche) Alkaloid Ricinin (~Tuson~ 1864) und Gummi. Das Alkaloid Crotonin (~Brandes~ = Tiglin ~Adr. de Jussieu~) ist zu streichen (~Weppen~). Es ist fettsaure Magnesia (~Soubeiran~). ~Elfstrand~ fand +kein+ Alkaloid. Die von ~Schlippe~ angegebene Angelicasäure ist Tiglinsäure, die flüchtige Jatrophasäure (~Pelletier~ und ~Caventou~, ~Buchner~) ist wohl kein Individuum. Sie soll mit der Crotonsäure (~Brandes~) identisch sein (s. unten). Die Asche der Schalen beträgt 2,6%, die der bei 100° getrockneten Kerne 3% (~Flückiger-Hanbury~).
Das aus den Samen durch kalte Pressung der von der Schale befreiten Samen in Vorderindien gewonnene =Crotonöl=, =Oleum crotonis=, (Granatillöl, huile de croton, Croton oil, olio di crotontiglio, crotonolie, κροτωνέλαιον) ist gelb bis gelbbraun und enthält folgende Säuren teils frei, teils in Form von Glyceriden: +Stearinsäure+, +Palmitinsäure+, +Myristicinsäure+, +Laurinsäure+ (~Schlippe~), +Valeriansäure+, +Buttersäure+, +Essigsäure+ (~Geuther~ und ~Frölich~), +Ameisensäure+ (~Schmidt~ und ~Berendes~), +Ölsäure+ (? ~Schlippe~, ~Benedict-Ulzer~) und +Tiglinsäure+ (nach ~Schmidt~ und ~Berendes~ = +Methylcrotonsäure+ von ~Frankland~ und ~Duppa~), andere (~Geuther~, ~Buchheim~) geben auch +Oenanthylsäure+, +Capronsäure+, +Crotonoleïnsäure+ (? ~Robert~ und ~Siegel~) und höhere Glieder der Ölsäurereihe (~Schmidt~ und ~Berendes~) an.
Beim Destillieren mit Soda entsteht Oenanthol (~Stillé~ und ~Maisch~). Beim Stehen scheidet sich ein Stearin ab, an der Luft verdickt sich das Öl, bei der Elaidinprobe bleibt es flüssig (die Anwesenheit von Ölsäure ist also wenig wahrscheinlich, ~Lewkowitsch~).
Das Öl zeigt folgende Konstanten (~Dulière~, ~Lewkowitsch~, ~Javillier~, ~Wijs~): spez. Gewicht bei 15° = 0,9437 (bei 100°: 0,8874), bei einem Öl das zu 53,4% in Alkohol löslich war: 0,9375, bei einem zu 24,4% löslichen: 0,9428. Pharm. helv. IV: 0,940-0,950, D. A. V: 0,940-0,960. Oleum Crotonis, welches auf den Philippinen gepreßt worden war, zeigte ein geringeres spez. Gewicht und war von geringerer Reizwirkung als hier gepreßtes (~Gehe~ 1898). Löslichkeit in Alkohol (92%): 1 : 63, Erstarrungspunkt -16° (~Schädler~), Brechungsexponent (bei 40°): 1,4710-1,4724 (Ph. helv. IV), Oleorefraktometerzahl bei 22°: +35, Säurezahl (nach ~Bürstyn~): 21,8, bei gepreßtem Öl: 27,3, Verseifungszahl meist: 210,3 bis 215,6 (nach Ph. U. S. bis 218), Verflüssigung der Fettsäuren bei 16,4-16,7°, Hehnerzahl: 88,9-89,1, Reichert-Meißlzahl: 12,1-13,56, Jodzahl (nach 2 Stunden): 100,37-101,91 (nach 24 Stunden): 103,63-104,39 (~Dulière~), 106,6-109,1 (~Wijs~), 101,7-104,7, selten 122,3 (~Lewkowitsch~), Acetylzahl des Öls: 38,64, Jodzahl der Fettsäuren: 111,23-111,76, Erstarrungspunkt der Fettsäuren: 18,6-19, Säurezahl derselben: 201 (~Benedikt~).
Das durch kalte Pressung erhaltene Öl stimmt ziemlich mit dem durch Petroläther extrahierten überein, dagegen unterscheiden sich die Öle, die durch heiße Pressung oder Ätherextraktion gewonnen wurden, ziemlich von jenen -- schon in der Farbe. Folgende Tabelle läßt dies erkennen:
+-------------------+----------+------------+------------+----------- | | Durch | Durch | Durch | | | Pressen | Äther | Alkohol |Handelsware | | gewonnen | ausgezogen | (95%) | | | | | ausgezogen | +===================+==========+============+============+=========== |Jodzahl (~Hübl~) | 109 | 108 | 92,2 | -- |Verseifungszahl | 192,9 | 194,5 | 260,6 | 205,6 |Säurezahl | 27,3 | 30,9 | 60,1 | -- |Gefrierpunkt | -7° | -7° | -8° | -- |Ausbeute an Öl in %| 12,5 | 38 | 12 | --
Durch Schütteln mit Weingeist wird das Öl in einen scharfschmeckenden, in Alkohol gehenden und einen fast geschmacklosen Anteil zerlegt (~Nimmo~ 1823). In weniger als einem Teile absoluten Alkohol ist das gepreßte Öl löslich. Bei Zusatz größerer Mengen Alkohol tritt Scheidung ein. Beim Erhitzen auf 75° löst sich 1 Vol. Öl in 2 Vol. Abs. Alkohol (~Javillier~). In 55-60 T. (36 ~Schädler~) Alkohol löst es sich, wenn frisch, klar, ebenso in Äther, Chloroform, Schwefelkohlenstoff und flüchtigen Ölen. Es löst sich auch in Petroläther (Unterschied von Ricinusöl). Crotonöl wird durch Schwefelsäure braun. Beim Behandeln mit kolloiden Metallen der Platingruppe geht Crotonöl in einen rötlichen, nicht mehr wirksamen Talg über, der bei 49-51° schmilzt (~Paal~ und ~Roth~).
Crotonöl zeigt sowohl hautreizende, wie abführende Eigenschaften. ~Buchner~ und ~Brandes~ schreiben die Wirkung der flüchtigen +Crotonsäure+ (= Jatrophasäure ~Pelletier~, nicht = Crotonsäure ~Schlippe~) zu, deren Dämpfe heftig die Haut und die Schleimhäute reizen. ~Senier~ glaubte (1883) den purgierenden Körper von dem hautreizenden, pustelerzeugenden trennen zu können, diesen in dem alkohollöslichen, jenen in dem alkoholunlöslichen Anteile des Öls suchen zu müssen (6 Öl + 7 Alkohol), aber es ist noch heute fraglich, ob nicht beide Wirkungen auf die gleiche Substanz zurückzuführen sind. ~Buchheim~ (1873), sowie ~Kobert~ und ~Hirschheidt~ (1888) hielten die ölige +Crotonölsäure+ für die wirksame Substanz des Crotonöls, die nicht als Glycerid, wohl aber als freie Säure sowohl haut- wie darmreizende Wirkung besitzen sollte. Diese Säure ist aber sicher ein Gemisch, wohl einer harmlosen Fettsäure mit einer sehr giftigen harzartigen Substanz. Also nicht die +Crotonölsäure+ (C₁₀H₁₈O₃, ~Siegel~) bzw. das zu 4% angegebene +Crotonol+ [C₉H₁₄O₂ (?), ~Schlippe~] ist der wirksame Bestandteil, sondern vielleicht ein in ihr enthaltener harzartiger Körper, der durch Soda verändert wird. Diese blasenziehende Substanz nennen ~Dunstan~ und ~Boole~, die die Crotonölsäure als ein Gemisch betrachten, +Croton resin+. Sie geben ihr die Formel (C₁₃H₁₈O₄)₂ bzw. C₂₆H₃₆O₈ und halten sie für ein Lakton komplizierter Struktur. Sie bildet ein gelbliches, amorphes, in Wasser unlösliches Harz, ist also auch wohl noch kein reiner Körper. Bemerkenswert ist, daß die oben genannten Toxalbumine in das Öl übertreten, so daß auch sie an der giftigen Wirkung des Öls beteiligt sein können. Der giftige Bestandteil ist also noch nicht mit Sicherheit ermittelt. Die älteren Forscher sahen ihn in einer +flüchtigen+ Substanz und in der Tat reizen die Dämpfe erhitzten Crotonöls die Haut und die Schleimhäute heftig.
=Lit.= ~Brandes~, Chem. Unters. d. Samen v. Croton Tigl. Arch. Pharm. 1823, 173 (dort die ältere Lit.). -- ~Weppen~, Lieb. Ann. 76 (1849), 254. -- ~Buchner~, Leichte Darstell. d. Jatrophasäure. Rep. d. Pharm. 19, 185. -- ~Tuson~, Journ. chem. soc. 1864, 195. -- ~Dunlap~ u. ~Seymour~, Journ. am. chem. soc. 1905, 935. -- ~Scurti~ u. ~Parozzani~, Gazz. chim. ital. 1907, I, 476 u. 486. -- ~Stillmark~, Arbeit. d. pharmak. Inst. Dorpat III, 1889. -- ~Hirschheidt~, Ebenda IV, 1890. -- ~Siegel~, Ebenda. -- ~Elfstrand~, Über giftige Eiweiße, Upsala 1897 (Jahresb. d. Pharm. 1897, 105). -- ~Braun~, Crolin. Ber. d. chem. Ges. 1903, 3004.
+Öl+: ~Pelletier~ u. ~Caventou~, Nouv. journ. de méd. 2 (1818), 172 (Journ. pharm. 4). -- ~Schlippe~, Lieb. Ann. 35 (1840), 307 u. 105 (1858) 1 (Wittsteins Vierteljahrsschr. 1858). -- ~Buchheim~, Über die scharfen Stoffe. Vierteljahrsschr. 22 (1873), 485. -- ~E. Schmidt~ u. ~Berendes~, Z. Kenntn. d. flücht. Säuren d. Crotonöls. Lieb Ann. 191 (1878) 94. -- ~E. Schmidt~, Ber. d. chem. Ges. 1877, 835. -- ~Frankland~ u. ~Duppa~, Lieb. Ann. 136, 9. -- ~Geuther~ u. ~Frölich~, Über d. flücht. Säur. d. Crotonöls. Zeitschr. f. Chem. N. F. 6 (1870), 26 u. 549. -- ~Senier~, The purgative princ. of croton oil und the vesicating principle of croton oil. Pharm. Journ. 1878, 8, 705 und 1883, 14, 446. -- ~Zinnel~, Am. journ. pharm. 1890, 122. -- ~Robert~ und ~Siegel~, Bull. of pharm. 1893. -- ~Warrington~, Pharm. Journ. 6 (1865), 382. -- ~Soubeiran~, Nouv. trait. de pharm. II, 54. -- ~Kobert~, Chem. Zeit. 1887, 416. -- ~Dunstan~ and ~Boole~, Croton oil an enquiry into the nature of its vesicating constituent. Pharm. Journ. 1895, 45, 5 (Proc. Roy. Soc. 1895, 238). -- ~Javillier~, Note sur l’huile de croton. Journ. pharm. 1898, 7, 524. -- ~Paul~ und ~Roth~, Ber. d. chem. Ges. 1909, 1541. -- ~Dulière~, Ann. pharm. Louvain 1899, 229. -- ~Benedikt-Ulzer~ a. a. O. -- ~Lewkowitsch~ a. a. O. -- ~Schädler~ a. a. O.
=Anwendung.= Das Crotonöl wird gewöhnlich zu den drastischen Abführmitteln gerechnet, da schon ein Tropfen (= 0,022 g. 45 gtt. = 1 g) starke Abführwirkung hervorruft (dos. max. 0,05!). Es gehört aber nicht eigentlich zu diesen. Denn die Wirkung ist die +Folge einer Vergiftung+ durch einen außerordentlich heftig wirkenden, auf der Haut Blasen ziehenden Stoff, der selbst die Verwendung des Öls als Pruriginans (Vesicans, Rubefaciens), wozu es bei der berüchtigten ~Baunscheidt~schen Behandlungsmethode (neben Euphorbium und Daphne Mezereum) benutzt wird, nicht empfehlenswert erscheinen läßt. Das Malefizöl des Pfarrers ~Kneipp~ ist ein Gemenge von 1 T. Crotonöl und 6 T. Mandelöl. Fast alle Jahr hört man von bedenklichen Vergiftungen durch Crotonöl. Die Substanz sollte aus den Pharmakopoeen gestrichen werden. Ärzte bedienen sich ohnehin seiner kaum noch, nur in der Tierheilkunde wird es bei uns noch benutzt. Doch wird es von den Ärzten und dem Volke in Indien in mannichfacher Weise innerlich und äußerlich auch heute noch angewendet (Dict. econ. prod. of India), z. B. zur Herstellung des «poma cathartica» (aus Orangen). Auch die Anwendung des Crotonöls als Diureticum und Bandwurmmittel ist zu widerraten, da wir für beides bessere Mittel genug besitzen. Die Angabe von ~Radziejewski~ (Arch. f. Anat. Phys. u. wissensch. Med. 1870, 37), daß Crotonöl auch in die Haut eingerieben und in die Venen eingespritzt, drastisch wirke, hat keine Bestätigung erfahren (~Buchheim~). Beim Menschen können schon vier Samen tödlich wirken. In Frankreich ist 1901 eine Verfälschung der Jodtinktur mit Crotonöl beobachtet worden (~Durien~). Der von Fett und dem giftigen Prinzip befreite, sehr eiweißreiche Preßkuchen wird von ~Burkill~ (Ann. Rep. Indian Museum Calcutta 1908) als Diabetikernahrung empfohlen.
=Lit.= ~Kobert~, Pharmakotherapie. -- ~Pereira~, Heilmittellehre. -- ~Durien~, Bull. sc. pharm. 1901. -- ~Ainslie~, Mat. med. -- Pharmacogr. indica.
Das weiße Holz des Stammes -- Lignum Pavanae, Panavae seu moluccanum -- schmeckt ebenfalls scharf und brennend und wirkt wie der Same, doch milder. Die Wurzel wird in der Heimat der Pflanze gegen Wassersucht angewendet. Sie purgiert wie auch die Blätter.
=Prüfung.= Pharm. helvet. IV verlangt ein spez. Gewicht von 0,940-0,950. Ein Tropfen Crotonöl sinke in einer Mischung von 5,2 ccm Weingeist (90 vol. %) und 4,8 ccm Wasser unter und steige nach Beimischen von 1,4 ccm Wasser an die Oberfläche. 2 ccm Öl mit 1 ccm rauchender Salpetersäure und 1 ccm Wasser kräftig geschüttelt, dürfen nach einem Tage keine festen Ausscheidungen zeigen oder ganz erstarren. Das Verlangen (z. B. der Pharm. brit), das Öl solle neutral sein, ist schwer zu erfüllen. Die Handelsöle geben stets eine Säurezahl. Die Anwesenheit von Ricinusöl im Crotonöl verrät sich durch höheres spez. Gewicht, niedrigere Jodzahl und beträchtlich höhere Acetylzahl. ~Peckolt~ beobachtete das Curcasöl (s. unten) als Verfälschungsmittel. Crotonöl soll sich in 5 T. (Ph. helv. IV) bzw. 2 T. (D. A. V) abs. Alkohol bei Erwärmen lösen. Wird das Öl nicht in möglichst gefüllten Flaschen vor Licht geschützt, aufbewahrt, so wird es rasch braun.
=Paralleldrogen.= Ähnlich werden in Indien die Samen von Croton polyandrus ~Roxb.~ (Baliospermum montanum ~Müll.-Arg.~) und von Croton oblongifolius ~Roxb.~, die Kowli seeds, benutzt (~Flückiger-Hanbury~) und, wie es scheint, auch die Samen von Croton oblongifolius ~Thwaites~ (C. persimilis ~Müll.-Arg.~), wenigstens fanden sich solche 1896 im Handel (~Gehes~ Handelsbericht, ~Hartwich~). Die Samen von Croton Pavana (oder Parana) ~Hamilton~ sollen fast noch heftiger als Crotonsamen wirken. (Einige betrachten C. Pavana aber als Synonym mit C. Tiglium.) Über weitere Crotonarten vgl. ~Tschirch~ in Realenzyklop. d. Pharmac. IV, 178. ~Semler~ a. a. O., Dict. ec. prod. India und ~Dragendorff~, Heilpflanzen. Über die brasilianischen Crotonarten und ihre Verwendung ~Peckolt~, Ber. d. pharm. Ges. 1905. Die Samen von Croton purgans ~Med.~ (Jatropha Curcas L.), die besonders von den portugiesischen Kolonien und den Capverden kommen, wo die Pflanze Heckenpflanze ist (sie stammt aus Westindien und Neugranada), enthalten ein +Öl+ (Curcasöl, Purgiernußöl, huile de Pignon d’Inde, Curcas Oil, Purgingnut Oil, Physicnut Oil, olio di Curcas), das 10% feste Fettsäuren enthält und dessen flüssige Fettsäuren etwa zu gleichen Teilen aus Ölsäure und Linolsäure bestehen. Auch die Öle der Samen von anderen Euphorbiaceen, wie Anda Gomesii ~Juss.~, Hura crepitans L., Aleurites triloba ~Forst.~ wirken abführend (~Buchheim~).
=Lit.= ~Gehe~, Handelsbericht 1896. -- ~Hooper~, Crot. oblongifol. in Burma. Pharm. journ. 1904, 956. -- ~Klein~, Zeitschr. angew. Chem. 1898, 548.
=Geschichte.= Die Crotonsamen waren den alten indischen Ärzten wohl bekannt und werden in den Sanskritwerken unter den Namen Jayapala, Tittiriphala und Kanakaphala erwähnt. In Bhavaprakasa wird eine Arzneimischung Mahanaracha rasa beschrieben, die besonders aus Myrobalanen, Pulpa cassiae, der Rinde von Baliospermum axillare und Picrorhiza Kurrova, dem Milchsaft von Euphorbia neriifolia, der Wurzel von Ipomoea Turpethum, den Knollen von Cyperus rotundus und Crotonsamen bereitet wird (Pharmacogr. indica). Nach Persien gelangten die Samen von China, hießen daher Hab-el-khatai (Samen aus Kathay). Crotonsamen waren den alten Arabern bekannt und gelangten durch sie in die europäische Medizin. ~Serapion~ (I, S. 644), ~Avicenna~ und ~Ibn Baithar~ (I, S. 610) gedenken ihrer und der Benutzung als Purgans. Bei ~Serapion~ heißen sie Cataputhia minor = mendana, bei ~Ibn Sina~ dand el sini, auch dend oder dende, dend auch bei ~Ibn Baithar~, der ~Abu Choraidsch~, ~Honain~, ~Rhazes~ u. and. zitiert. ~Rhazes~, der indischen und chinesischen dend unterscheidet, sagt bereits: «Wenn dieses Arzneimittel nicht mit großer Umsicht genommen wird, so hat es tödliche Wirkung.» Crotonsamen sind seit 1578 in Europa bekannt, in welchem Jahre sie ~Christoval Acosta~ im Tractado (I, S. 738) als Piñones de Maluco (pini nuclei malucani) beschrieb und die Pflanze abbildete. Er sagt von den Samen «tambien las buenas mugeres de aquellas partes, amigas de sus maridos, les dā hasta quatro destos por la boca, para embiar a los pobretos al otro mundo» (~Hanbury~). Croton findet sich auch bei ~Cordus~ (I, S. 798). Die Pflanze wurde dann auch im Hortus Malabar. (I, S. 898) und in ~Rumpfs~ Herbar. amboinense t. IV p. 48-42 beschrieben und abgebildet. In ~Burmanns~ Thes. zeylanic. heißt sie Ricinoides indica folio lucido, fructu glabro grana Tiglia officinis dicto. Weitere Beschreibungen finden sich bei ~Dale~, (I, S. 938), in ~Triller~, Dispens. pharmac. univers. 1764, bei ~Geoffroy~ (~Garsault~ bildet sie ab), ~Pomet~ u. and. Die Samen, im XVII. Jahrh. offizinell und viel benutzt, wurden dann obsolet und erst wieder beachtet, als 1812 ~White~ und ~Marshall~, die ihre Anwendung von einem Parsen gelernt, in ~Ainslies~ Mat. med. of Hindoostan auf sie hinwiesen und das Öl, das schon ~Borellus~ 1657 beschrieb, durch die englisch-indischen Ärzte (~Conwell~, ~Perry~, ~Frost~ u. and.) empfohlen wurde (~Hanbury~). Namentlich ~Conwells~ Schrift Recherches sur les propr. méd. et l’emploi en méd. de l’huile de Croton Tiglium 1824 und ~Wilsons~ Empfehlung in den Transact. of the med. and phys. soc. of Calcutta I, 249 trugen viel zur Einführung des Öls bei, so daß Oleum Tiglii in die Londoner Pharmakopoëe 1824 und die U. S. Pharm. 1830 aufgenommen wurde. Die äußerliche Anwendung datiert besonders von ~Bambergers~ Schrift De olei crotonis externe adhibiti efficacia Berolin. 1833. Eine Zusammenstellung dir älteren medizin. Literatur bei ~Brandes~ im Arch. d. Pharm. 1823.
Zu den +halbtrocknenden Ölen der Baumwollsamenölgruppe+ gehören ferner folgende Samenöle:
Leindotteröl, deutsches Sesamöl von Camelina sativa. Kleesamenöl von Trifolium pratense und repens. Sojabohnenöl von Soja hispida. Kürbissamenöl von Cucurbita Pepo. Wassermelonenöl von Cucumis Citrullus. Melonenöl von Cucumis Melo. Maisöl von Zea Mais. Daphneöl von Daphne Gnidium u. and. Daphnearten. Weizenkernöl von Triticum vulgare u. and. Daturaöl von Datura Stramonium. Bucheckernöl von Fagus silvatica. Kapoköl von Eriodendron anfractuosum. Citronenkernöl von Citrus Limonum ~Risso~. Schwammkürbisöl von Luffa aegyptiaca. Paranußöl von Bertholletia excelsa. Sorghumöl von Sorghum cernuum. Coumonöl, Patavaöl von Oenocarpus batana und bacaba. Pinotöl, Parapalmöl, Parabutter von Euterpe oleracea.
Semen Rapae und Oleum Rapae.
Rübsen und Rapssamen -- Rüböl.
=Stammpflanzen und Systemat. Stellung.= =Brassica campestris= L. (B. Rapa L., B. asperifolia ~Lam.~). Der Rübsen, Rübenkohl mit der var. annua ~Koch~. (B. R. oleifera annua ~Metzg.~, B. R. ol. praecox ~Dc.~, B. campestr. ~Koch~, B. praecox ~Kitaibel~). Sommerrübsen, Sommerlevat und der var. β oleifera Dc. (B. Rapa oleifera Dc., B. R. ol. biennis ~Metzg.~, B. R. ol. hiemalis ~Martens~), Winterrübsen, Wintersaat, Rübsaat, Bivitz, Awehl, Navette.
=Brassica Napus= L.> Der Raps, Reps, Rapskohl mit der var. annua ~Koch~ (B. N. oleifera annua ~Metzg.~, B. N. oleifera praecox ~Rchb.~), Sommerraps, Sommerkohlsaat und der var. β oleifera ~Dc.~ (B. N. oleifera biennis ~Rchb.~, B. N. ol. hiemalis ~Döll~), Winterraps, Winterkohlraps, Setzölsamen, Ölraps. -- Napus, νᾶπυ, ist wahrscheinlich ein ägyptisches Wort.
+Cruciferae+ Sinapeae Brassicinae (Brassica), Sectio Eubrassica ~Prantl~.
Der Großhandel unterscheidet +europäische Colza+ (von in Europa kultiviertem Raps und Rübsen) und +indische Colza+. Diese letztere stammt von verschiedenen Cruciferensamen und ist oft ein Gemenge, in dem Sinapis glauca, Brassica juncea, S. dichotoma und Eruca sativa dominieren (~Burchard~ und ~Kjaerskou~). Die Colza de Guzerat, Cawnpore gelb und Calcutta weiß besteht aus einer gelben und einer braunen Varietät von Sinapis glauca, Colza Cawnpore braun, Calcutta braun, Ferozépore und Pondichéry aus Brassica juncea und dichotoma mit etwas Eruca sativa. In der Colza bigarré von Bombay finden sich alle vorgenannten Samen.
Andere Sorten, die als ostindischer Raps gehen, sind: Lalka-Tora, Piarka-Tora, Natua-Sarson, Ulti-Sarson, Jauda-Sarson, Seti-Sarishá, Makhan-Dhana-Sarisha und Rai. +Rai+ wird von Brassica juncea ~Hook.~ f. et ~Thoms~, +Sarson+ von B. glauca ~Roxb.~, +Tori+ von B. Napus L. var. dichotoma ~Prain~ abgeleitet (~Prain~, ~Wittmack~).
=Beschreibung der Pflanzen und der Samen.= Der +Rübsen+ ist eine ein- (annua) oder zweijährige (hiemalis) Pflanze mit aufrechten, bis 1,25 m hohem, meist ästigem Stengel, grasgrünen, gestielten, leierförmig-fiederspaltigen, beiderseits steifhaarigen Grundblättern und blaugrün bereiften, unten leierförmig-gezähnten, oben mit tief-herzförmigem Grunde stengelumfassenden, ganzrandigen Stengelblättern. Blütentraube während des Aufblühens flach, die Knospen von den obersten, geöffneten, mittelgroßen, goldgelben Blüten überragt. Kelchblätter zuletzt wagerecht-abstehend, die kürzeren Staubfäden abstehend. Schoten auf abstehenden Fruchtstielen linealisch, allmählich in einen konischen Schnabel verlängert, fast aufrecht, holperig. Samen einreihig, kugelig, grubig punktiert.
Der +Raps+ hat lauter blaugrüne Blätter, die Grundblätter leierförmig-fiederspaltig, die unteren stengelständigen leierförmig, die oberen länglich. Blütentraube schon während des Aufblühens verlängert, Knospen die obersten geöffneten, mittelgroßen, goldgelben Blüten überragend. Kelchblätter zuletzt aufrecht-abstehend. Schoten samt Fruchtstielen abstehend.
Die Samen des +Rübsen+ messen 1-1,5 mm im Durchmesser. Ihre vorwaltend dunkelrot- bis schwärzlich-braune Oberfläche ist, mit der Lupe betrachtet, fein- oder flach-netzrunzelig (feiner als beim schwarzen Senf) und feinkörnig. Die Samen des +Raps+ sind größer, c. 2 mm, bläulich-schwarz, wie bereift. Es gibt außer den braunen auch helle Spielarten. 1886 kam unter dem Namen «Gelbsaat» ein weißer Rapssamen in den Handel, der als weißer Senf ausgegeben wurde (~Steffeck~). Die Sommervarietäten blühen im Juli-August, die Wintervarietäten im April-Mai des zweiten Jahres.
~Pathologie.~ Über die pflanzlichen Schädlinge berichtet Prof. ~Ed. Fischer~: Die wichtigsten Erkrankungen der Raps- und Rübsenpflanzen sind folgende: In den Wurzeln, besonders der rübenbildenden Varietäten, siedelt sich der Myxomycet Plasmodiophora Brassicae an, der die als «Kropf» oder «Hernie» bekannten Geschwülste bedingt. Der sog. «Rapskrebs» wird von einer Sclerotinia hervorgerufen, welche im Mark und Rindengewebe des Stengels ihre kleinen, schwarz berindeten, knöllchenförmigen Sclerotien bildet. -- Verschiedene Pilze siedeln sich auf den Blättern an: die beiden auf Cruciferen verbreiteten Peronosporeen Albugo candida und Peronospora parasitica, erstere kleine milchweise Epidermisauftreibungen, letztere einen weißlichen Schimmelanflug bildend; beide können auch auf die jungen Schoten übergehen. Blattflecken werden hervorgerufen von Sphaerella brassicicola, Phyllosticta Brassicae und Napi, Cercospora Bloxami. Einer der schädlichsten Parasiten ist der «Rapsverderber» Alternaria Brassicae (~Berk~) ~Sacc.~ (Polydesmus exitiosus ~Kühn~). Er ruft die sog. Schwärze hervor, welche darin besteht, daß auf den Blättern und besonders auch auf den Schoten kleine schwarzbraune Flecken auftreten, dann aber auch das umgebende Gewebe vertrocknet. Auf Brassica Napus sind endlich auch Bakterienkrankheiten beschrieben worden: die eine derselben wird als Weißfäule bezeichnet, die andere ist die sog. Braunfäule, welche sonst hauptsächlich auf Brassica campestris vorkommt. (Näheres vgl. in ~Sorauers~ Handbuch der Pflanzenkrankheiten 3. Aufl., Bd. 2, p. 47 ff.)
Über die +tierischen Schädlinge+ berichtet Herr ~Israël~:
An Brassica oleracea L., Napus L., nigra ~Koch~, Sinapis, _Raphanus_arten und verwandten Pflanzen leben sehr viele Insektenarten. Es seien erwähnt:
+Käfer+: Haltica oleracea L., flexuosa ~Ill.~, nemorum L., Psylliodes chrysocephala L. schädlich an Brassica- und _Sinapis_arten. Meligethes aeneus ~Fabr.~ Die Larven dieses Käfers, die in den Schoten leben, verwüsten oft ganze Rapssaaten. Der Käfer frißt Blätter und Blüten. Balaminus brassicae ~Fabr.~ und andere schwer bestimmbare _Balaminus_arten leben als Larven in den Schoten von vielen Cruciferen und anderen Pflanzen. Baridius chloris. ~Fabr.~ und andere _Baridius_arten leben in den unteren Stengelteilen von Brassica Napus usw. Ceutorhynchus erysimi ~Fabr.~ floralis ~Payk.~, sulcicollis ~Gyll.~ und viele andere Glieder der sehr artenreichen _Centorhynchus_gattung leben auf Raps und anderen Cruciferen, die Larven in den Stengeln oder Früchten. Sulcicollis erzeugt an den Wurzeln Coleopterocecidien (Wurzelgallen).
+Falter+: Pieris brassicae L., Rapae L., Napi L. Raupen an _Brassica_arten usw. Agrotis segetum W. V. Raupen nicht nur an Getreidewurzeln, sondern auch an denen des Rapses und anderer Pflanzen. Mamestra brassicae L., oleracea L. und sehr viele andere Eulenraupen leben an allen möglichen Kohlarten. Botys extimalis ~Sc.~ Die Raupe dieser Pyralide lebt in den Schoten des Rapses und Rettigs usw.
+Fliegen+: Sargus formosus ~Scop.~, Tipula oleracea L., Ocyptera brassicaria ~Fabr.~ Die Larven dieser Fliegen leben in den Knollen von Brassica usw. Anthomyia brassicae ~Bouché~, Larve in den Stengeln von Kohlarten. Cecidomyia brassicae ~Winn.~, Larve in den Schoten von Brassica- und _Sinapis_arten.
=Kultur und Handel.= In Europa werden Raps und Rübsen, die wohl aus Südeuropa stammen, besonders in Deutschland, Rußland, Ungarn, England und Italien, in Frankreich und Belgien besonders Winterraps gebaut. +Es sind die bei uns am meisten kultivierten Ölpflanzen.+ Raps liebt ein gemäßigtes, mehr warmes und feuchtes Klima, Rübsen gedeiht auch in trockenem, rauhem Klima auf leichterem Boden, liefert aber 10% weniger Ertrag. Die indische Colza wird in den Nordwestprovinzen, Pendschab, Cawnpore, Guzerat, Calcutta und Bombay, gebaut.
Die Ausfuhr von Rapssamen (rape) aus +Ostindien+ betrug 1908/9: 40064 cwts. Die Ausfuhr von Mustard- oder Rape oil betrug 1906/7: 273684 Gals, 1907/8: 273465 Gals, 1908/9: 170675 Gals.
=Anatomie.= Die Samenschale des Rübsen und Raps, die ähnlich der des schwarzen Senf (s. d.) gebaut ist, zeigt, von der Fläche betrachtet, bei schwacher Vergrößerung ein Maschennetz. Die verdickten Teile der radialen Sklereïdenwände erscheinen im Querschnitt ungleich hoch oder fast gleich hoch (ostind., die indischen Samen zeigen denn auch ein deutlicheres Maschennetz, ~Kinzel~). Die schmale Schleimepidermis quillt nicht oder wenig. Die Samen umgeben sich daher, in Wasser geworfen, nur mit einer sehr schmalen Schleimhülle. Nur in der Höhe des verdickten Teiles der Sklereïden, dem Durchmesser und dem Rande derselben -- ob gerade oder krumm -- machen sich Unterschiede bemerklich (Details bei ~Oliva~). Das Lumen der Sklereïden erscheint, von der Fläche betrachtet, beim Rübsen enger wie beim Raps (~Harz~). Eine Pigmentschicht ist deutlich. Die lappigen, Globoide führenden Aleuronkörner sind am größten bei den Solitären des Winterraps.
=Chemie.= Die Zusammensetzung der Samen ist im Durchschnitt:
-----------+------+-----------+-------+---------------+--------+------ |Wasser|Stickstoff-| Fett |Stickstofffreie|Rohfaser|Asche | | subst. | |Extraktstoffe | | ===========+======+===========+=======+===============+========+====== Raps | 7,28 | 19,55 | 42,23 | 20,78 | 5,95 | 4,21 Rübsen | 7,86 | 20,48 | 33,53 | 24,41 | 9,91 | 3,81 Indian Rape| 5,90 | 22,67 | 41,20 | 15,66 | 10,08 | 4,49
Bei der Spaltung des Glykosids entsteht hier Crotonylsenföl C₄H₇NCS (~Stein~).
Das =Rüböl= (Kohlsaatöl, Colzaöl, huile de colza, Rape oil, Colza oil, Olio di colza, Raapolie, κραμβέλαιον) wird meist nicht nach den Stammpflanzen als +Rapsöl+ (huile de navette, Rape oil) und +Rübsenöl+ (huile de rabette, Rubsen oil) unterschieden. Es wird in der Weise gewonnen, daß die Samen zwischen Walzen gemahlen werden und das Mehl gepreßt oder mit Schwefelkohlenstoff oder Petroläther extrahiert wird. Das extrahierte ist reiner, aber der Extraktionsrückstand ist nicht als Viehfutter oder doch nur in Mischkuchen zu verwenden. Die Samen enthalten 33-43 (resp. 50)% Öl. Beim Pressen erhält man 30-33% beim Winterraps, beim Rübsen 16-18%. Das rohe Öl ist dunkel. Es wird meist mit 1% Schwefelsäure raffiniert. Dies Öl ist hellgelb, riecht charakteristisch und schmeckt unangenehm herbe. In 100 T. Alkohol lösen sich 0,534 T. ~König~ gibt die elementare Zusammensetzung des Rapsöls zu C = 77,91-78,20, H = 12,02-12,08, O = 9,72-10,07%, die des Rübsenöls zu C = 77,21, H = 13,36, O = 9,43% an. Rüböl enthält 1,02 (oder weniger) feste Fettsäuren (~Tolman~ u. ~Munson~), +Arachinsäure+ und +Lignocerinsäure+ (das Gemisch beider = rohe Arachinsäure [~Ponzio~, ~Archbutt~] oder Behensäure [~Reimer~ und ~Will~]), von ungesättigten Fettsäuren: +Erucasäure+ und +Rapinsäure+ und wohl auch Säuren der +Linol-+ und +Linolensäurereihe+. Das «Stearin» ist fast reines Trierucin (~Lewkowitsch~) bzw. Dierucin (~Reimer~ und ~Will~). Das Unverseifbare bilden die +Phytosterine+: +Brassicasterin+ (C₂₈H₄₆O) und +Sitosterin+ (? ~Welsch~). Es beträgt 0,5-1%, selten mehr, nie über 2% (~Lewkowitsch~). Technisches Rüböl enthält freie Fettsäuren (0,7-6,64% auf Ölsäure berechnet). Europäische Rüböle zeigen, gleichviel welcher Provenienz, große Übereinstimmung. Die Unterschiede, die ~Schädler~ von den Ölen der vier Varietäten angibt, sind nicht durchgreifend, übrigens auch sehr gering. Das spez. Gew. ist = (0,9112) 0,9132-0,9175 (meist nicht über 0,916, ~Lewkowitsch~), der Erstarrungspunkt liegt bei -4 bis -6°, die Verseifungszahl ist 167,7 (~Crossley~ und ~Le Sueur~) bis 179 (~Allen~), meist 171-176 (~Lewkowitsch~), die Jodzahl 98,1-103,6 (~Lewkowitsch~), selten bis 105, die Reichertzahl 0-0,79 (~Crossley~), die Hehnerzahl 94,56-96,3, Maumenéprobe 49-64° C. Das ostindische Rüböl (Colzaöl) zeigt ein spez. Gew. 0,9141-0,9171, Verseifungszahl 169,4-173,4, Jodzahl 94,1-104,8, Reichert-Meißlzahl 0-0,79, Hehnerzahl 94,56-96,3, Säurezahl 1,42 bis 2,57 (~Crossley~ und ~Le Sueur~). Altes Rüböl zeigt hohe Acetylzahlen (14,7-41,7, ~Gripper~). Die Fettsäuren zeigen den Erstarrungspunkt 17-18,5°, Schmelzpunkt 16-22°, Jodzahl 96,3 bis 105,6, Acetylzahl 6,3, die flüssigen Fettsäuren eine Jodzahl von 114,3-125,5.
Rüböl verdickt sich beim Stehen und wird ranzig, jedoch ohne zu trocknen. Es steht also zwischen den halbtrocknenden und den nicht trocknenden.
Die rohen Cruciferenöle sind alle schwefelhaltig (143-240 mgr S. im Liter Öl), jedoch sollen kaltgepreßte und gut raffinierte Rüböle keinen Schwefel enthalten, wohl aber bisweilen die mit CS₂ extrahierten.
=Verfälschungen.= Rüböl wird mit Leinöl, Hanföl, Mohnöl, Leindotteröl, Baumwollsamenöl, Ravisonöl, Hederichöl, mit Fischölen und Tranen, Mineralöl, Harzöl und Walratöl verfälscht. Über deren Nachweis vgl. bei ~Lewkowitsch~.
=Anwendung.= Rüböl wird besonders als Brennöl und Schmieröl, seltener als Speiseöl und zur Margarinebereitung und in der Pharmacie (als Olivenölersatz, wozu es nicht immer brauchbar ist) und zur Seifenfabrikation benutzt. Es ist schwer verseifbar und wird leicht ranzig. Rüböl wird viel als Wanzenvertilgungsmittel benutzt. (Wanzen werden durch jedes Öl fast sofort getötet: sie ersticken darin.)
=Lit.= ~Prantl~ in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfamilien. -- ~Luerssen~, Mediz. pharm. Bot. -- ~Harz~, Landw. Samenk. -- ~T. F. Hanausek~ in ~Wiesner~ Rohstoffe, II. Aufl. -- ~Oliva~, Vgl. Anat. u. entwicklungsgesch. Unters. über d. Cruciferensamen (Bern 1905). Zeitschr. d. Österr. Apoth. Ver. 1905 (dort d. anatom. Detail m. Abbild.). -- ~Hartwich-Vuillemin~, Beitr. z. Kenntn. d. Senfsam. Apoth. Zeit. 1905. -- ~König~, Nahrungs- u. Genußm. -- ~Gross~, Stud. über d. Rapspfl. Öster.-ung. Zeitschr. f. Zuckerind. 1900. -- ~Schröder~, Unters. d. Sam. d. Brassicaart. Landwirtsch. Versuchsstat. 14, 1871. -- ~Sempolowski~, Diss. Leipzig 1874. -- ~Collin-Perrot~, Residus industriels (Anatomie und Zusammensetzung des Preßkuchen). -- ~Lewkowitsch~ a. a. O. (dort d. chem. Liter.). -- ~Schädler~ a. a. O. -- ~Mikosch~, Pflanzenfette in ~Wiesner~ Rohstoffe, II. Aufl. -- ~Steffeck~, Landw. Versuchsstat. 33 (1886), 411. -- ~Welsch~, Sterine. Diss. Freiburg i. B. 1909. -- ~M. Schmitt~, Sind Rapskuch. infolge zu hohen Senfölgehalt. schädlich? Diss. Bern 1909 (dort d. Lit.).
Die indischen Colzasorten bei ~Burchard~, ~Prain~ und ~Kinzel~, Journ. f. Landw. 1894 u. 1896.
Zu den +halbtrocknenden Ölen der Rübölgruppe+ gehören ferner folgende Samenöle:
Ravisonöl, Black sea rape oil von einer südrussischen wilden Varietät von Brassica campestris. Hederichöl von Rhaphanus Rhaphanistrum. Schwarzsenföl von Brassica nigra. Indian mustard oil von Brassica juncea. Weißsenföl von Sinapis alba. Jambaöl von einer Brassica-Varietät. Ackerrettichöl von Sinapis arvensis. Rettichöl von Raphanus sativus. Gartenkressensamenöl von Lepidium sativum. Leindotteröl von Camelina sativa. Rotrapsöl, huile de julienne von Hesperis matronalis. Das Ol. sinapis pingue aus holländ. schwarz. Senf ist ein gutes Öl für pharmazeutische Zwecke (~Schaumann~, Ph. Zeit. 1910, 160). Die Cruciferenöle enthalten alle Erucasäure.
Die Gruppe des Arachisöls bildet den Übergang zu den nichttrocknenden Ölen.
Fructus Arachidis und Oleum Arachidis.
=Syn.= Erdnuß, Erdeichel, Erdmandel, Erdpistazie, Erdbohne, Schokoladenwurzel, Mandubibohne. Aschantinuß -- pistache de terre, noix de terre, arachide -- ground nut, pea nut, monkey nut, manila nut, earth nut, -- grondnooten. In Brasilien: mundubi. Auf den Capverden: mancarra. In Spanien und Südfrankreich: cacahuete. In Indien: buchanaka (Sansk.), múng phali, viláyetí-múng (hind.). In China: loh-hwa-sang.
=Beschreibung der Stammpflanze und der Droge.= Die zu den Luguminosae -- Papilionatae -- Hedysareae -- Stylosanthinae gehörige, nicht in Afrika (~Flückiger~, ~Schweinfurth~, ~Willkomm~, ~Peters~), sondern in Süd-Amerika (Brasilien) einheimische, jetzt in vielen tropischen und einigen subtropischen Gegenden kultivierte, wild nicht bekannte, vielleicht eine Kulturform von Arachis prostrata darstellende Stammpflanze der Erdnuß, =Arachis hypogaea= L. Spec. plant. ed. I, 741 (A. asiatica ~Lour.~), ist ein einjähriges Gewächs, dessen Wurzeln zahlreiche stickstoffbindende Wurzelknöllchen bildet und bis 1 m lange, auf dem Boden ausgebreitete Stengel besitzt. Die verkehrt eiförmigen, stumpfen Fiedern der Blätter sind gewimpert. Die langgestielten, einzeln oder zu zweien in den Blattachseln stehenden gelben Blüten sind zweierlei Art. Die oberen sind unfruchtbar und fallen später ab, die in der Nähe des Bodens befindlichen dagegen fruchtbar. Nach der Befruchtung verlängert sich der Fruchtstiel, bisweilen bis auf 20 cm, und bohrt die junge Frucht in den Boden (Fig. 183). Hier, also unterirdisch, entwickelt sich die Frucht zur Reife (daher hypogaea und +Erd+nuß). Die Pflanze lockt in Indien zur Blütezeit große Mengen roter Ameisen an, die den Boden rings um die Pflanze auflockern und so das Eindringen der Fruchtknoten erleichtern (~Watt~, Dict. econ. prod.). In Spanien liefert eine Pflanze bisweilen 80-100 Früchte.
Die +Hülsen+ liegen zur Reifezeit bis 10 cm unter dem Boden und müssen daher ausgepflügt oder ausgehackt werden. Sie sind einfächerig, enthalten aber bisweilen mehr wie einen (2-3, selten bis 5) Samen (Fig. 183, rechts) und sind alsdann zwischen diesen eingeschnürt. Auf der graugelblichen bis strohgelblichen Oberfläche sind die nicht aufspringenden, 2-4 cm langen, walzlichen Früchte mit Netzleisten versehen, die bei den Varietäten verschieden stark hervortreten, bei var. vulgaris z. B. oft verwischt, bei var. reticulata (Fig. 183) stark entwickelt sind, und in denen die von viel sklerotischen Fasern begleiteten Bündel liegen (~Moeller-Winton~). An der Spitze tragen sie eine Griffelnarbe (callus stigmatiformis).
Die +Samen+ sind länglich-zylindrisch oder länglich-eiförmig, 6-18 mm lang, 3-6 mm breit, am einen Ende, dort wo Hilum und Radicula liegt, schief und kurz gescheitelt, am anderen (an der Chalaza) gewölbt oder schief abgeflacht (~Hanausek~). Unter der Spitze liegt der Nabel, von dem die Raphe zur Chalaza läuft. Hier gabelt sich das Bündel und seine sechs Äste kehren in der Samenschale in regelmäßigen Abständen zur Spitze zurück. Die nicht ablösbare braune Samenschale besitzt eine Epidermis, deren braune Zellen zahlreiche, von der Außenwand in das Lumen weit vorspringende gerade oder gekrümmte, schmale oder breite Zapfen zeigen, so daß sie, besonders von der Fläche betrachtet, ein +sehr eigenartiges, für die Erdnuß charakteristisches, kammartig gezähntes Bild darbieten+ (Abbild. bei ~Vogl~ und ~Hanausek~). Die breite Nährschicht besteht in ihren inneren Schichten aus einem obliterierten Sternparenchym, in dem die zahlreiche Spiralgefäße führenden Gefäßbündel verlaufen. Die innere Epidermis ist erhalten. An sie schließt sich eine schmale Schicht an, die als ein Nucellarrest betrachtet wird. Das Gewebe der dickfleischigen, leicht auseinander fallenden Cotyledonen ist von einer Spaltöffnungen führenden Epidermis bedeckt und besteht aus großen, relativ dünnwandigen, getüpfelten Zellen, die Interzellularen zwischen sich lassen und neben Ölplasma, 3-15 mik. große +Stärkekörner+ und 4-13 mik. große, oft ziemlich unregelmäßige, globoidführende +Aleuronkörner+ enthalten. Das Vorkommen von Stärke +und+ Aleuron in derselben Zelle ist sehr charakteristisch für die Erdnuß.
=Pathologie.= Über die pflanzlichen Schädlinge berichtet Prof. ~Ed. Fischer~: In Java, in Indien, in Deutsch-Ostafrika tritt eine Krankheit der Erdnuß auf, welche von Septogloeum Arachidis ~Raciborski~ hervorgerufen wird. Die Blätter bekommen dunkle, gelbumsäumte Flecken und fallen dann ab, die Früchte schrumpfen zusammen und werden wertlos. Weniger wichtig sind andere auf den Blättern auftretende Parasiten: Cercospora personata (~Berk.~ et ~Curt.~) ~Ell.~, Puccinia Arachidis ~Speg.~ und Uredo Arachidis ~Lagh.~ -- Sehr verderblich ist nach ~Karosek~ (Gartenflora 1904) in Deutsch-Ostafrika eine der Mosaikkrankheit des Tabaks ähnliche Erkrankung (~Zimmermann~, Pflanzer 1907). Einer anderen gedenkt +Braun+ (a. a. O.).
=Kultur und Handel.= Arachis hypogaea gehört zu den wichtigeren Kulturpflanzen der Tropen, die nicht allzu große Ansprüche stellt und einen leichten aber kalkhaltigen (~Sadebeck~ 1877) Boden, sowie viel Wärme verlangt. Trockner Sand gibt die hellsten, humusreicher, feuchter Boden dunkle Samen. Die Samen keimen nach 8-14 Tagen, die Früchte sind nach 4-5 Monaten reif. Das Enthülsen der Samen geschieht bei großen Betrieben (z. B. in Amerika) mit Maschinen. Die Fruchtschalen dienen als Brennmaterial. Der Versand geschieht in Säcken. Im Kleinbetrieb liefert der Hektar 1500-1800 kg, im Großbetrieb viel mehr. Das wichtigste Exportland ist +Westafrika+, besonders die französischen Kolonien. Senegambien liefert aus dem Norddistrikt (Rufisque, Cayor, Galam) die besten, weniger gute aus dem Süden (Kapamanze), die schlechtesten kommen aus Sierra Leone und Lagos. Man unterscheidet die guten Cayor- von den weniger gutes Öl gebenden Galam-Nüssen. Ausfuhrplätze sind: Galam, Cayor, Rufisque, Gorea, Albreda, Gambia, Sedhiou, Carabana, Casamance und Rio Nunez. Ferner liefert der Sudan, die Gegend des Tsadsees, Darfur, die Mombattuländer, Ostafrika, Sansibar, Mosambique viel Erdnüsse. Sehr bedeutend sind die Kulturen in Ostindien (Coromandel, Madras, Südindien, Bengalen, Bombay), Franz.-Indien und in Nordamerika (Virginien, Georgia, Tennessee, Nord-Carolina), wo die Kulturen bis 40° n. B. reichen, geringeren Umfang haben sie in Cochinchina, Burma, China, Japan und den Sundainseln, sowie den Antillen, Mexiko, Brasilien, Argentinien, Portugies. Ost- und Westafrika und den deutsch-afrikanischen Besitzungen (Togo, Kamerun, Deutsch-Ostafrika). Relativ unbedeutend sind sie in Ägypten, Tunis, Algier, Spanien, Portugal, Südwestfrankreich und Unteritalien. Aus den Tropen gelangen nach Europa meist die ungeschälten Erdnüsse, da die geschälten leicht verderben, schimmeln und ranzig werden. Haupteinfuhrhäfen sind Marseille, Hamburg, London, Liverpool, Rotterdam und Triest.
Die Produktion an Erdnuß ist enorm. +Indien+ allein exportierte 1907/08: 1524055, 1908/09: 1513364 cwts groundnuts und 1908/09: 93034 gals groundnut oil. +Nordamerika+ 1907: 6386012, 1909: 5501107 lbs peanuts. +Frankreich+ importierte 1901: 120400208 kg graines d’arachides entières und 58132221 kg Arach. décortiquées, +Marseille+ 1908: 85,6 Mill. kg A. décort. und 102 Mill. kg A. ent. Die Ölmühlen Frankreichs verarbeiten jährlich mehr wie 100000 t Erdnüsse (~Collin~). +Deutschland+ importierte 1910: 69,13 Mill. kg, +Hamburg+ 1909: 19,54 Mill. kg Erdnüsse.
=Chemie.= Geschälte Erdnüsse (d. h. die Samen) enthalten im Mittel in Prozenten: Wasser 7,48, Stickstoffsubstanz 27,52, Fett 44,49, stickstofffreie Extraktstoffe 15,65, Rohfaser 2,37, Asche 2,49 (in der Trockensubstanz 48,09% Fett). +Der Eiweißgehalt übertrifft den der Erbse und Bohne.+ Erdnüsse enthalten viel +Stärke+ (s. oben), 4-5% der Stickstoffsubstanz sind in Form von Amiden vorhanden. Nachgewiesen ist darin +Vernin+ (im Embryo) und +Arginin+ (~Schulze~ und ~Castoro~), +Cholin+, +Lecithin+, +Conglutin+ (~Ritthausen~), von Enzymen besonders eine sehr aktive +Lipase+ (~Dunlap~ und ~Seymour~), +Saccharose+ (~Burckhard~), angeblich auch ein nicht giftiges Alkaloid (Arachin -- vielleicht Cholin?). Der +Pentosangehalt+ beträgt 4,12% (~Wittmann~). Apfelsäure (~Payen~ und ~Henry~) ist zweifelhaft.
Der Ölgehalt des Samens schwankt außerordentlich. Tropische Erdnüsse enthalten bis 55, subtropische oft nur 20%. ~Sadtler~ fand in Erdnüssen vom Senegal 51, vom Kongo 49, von Ostafrika 49, von Bombay 44, von Madras 43, von Amerika 42% Öl. 43 bis 45% sind Durchschnittszahlen. Das Öl wird in hydraulischen Pressen zunächst zweimal kalt, dann warm abgepreßt -- oft in den gleichen Pressen wie Sesamöl. (Es gibt daher bisweilen schwache ~Baudouin~sche Reaktion!) Nur das erste, helle, kalt geschlagene Öl ist zu pharmazeutischen Zwecken und als Speiseöl brauchbar. Das Öl wird in den Produktionsländern (Indien, Westafrika), aber auch in Südfrankreich (z. B. Marseille) und Deutschland (Harburg) gepreßt. Das Öl von Rufisque und Gambia gilt als besser als das von Bombay und Coromandel.
Das =Erdnußöl=, =Oleum arachis= (huile d’arachide, arachis oil, peanut oil, earthnut oil, olio di arachide, aardnoten olie, ἀραχέλαιον, in Indien: katchung oil), setzt beim Erkalten eine kristallinische Masse ab (margarine d’arachide). Die festen Fettsäuren bestehen aus +Arachinsäure+ (~Allen~, ~Gössmann~), +Lignocerinsäure+ (~Kreiling~), +Stearinsäure+ (~Hehner~ und ~Mitchell~) und vielleicht auch +Palmitinsäure+ (~Caldwell~) -- der Gehalt an Arachinsäure beträgt c. 5% (4,5-5,5) --, die flüssigen aus +Ölsäure+, +Hypogaeasäure+ (~Gössmann~ und ~Scheven~, ~Schröder~, ~Hazura~), +Linolsäure+ (~Hazura~ und ~Grüssner~). Die kalt geschlagenen Öle enthalten nur geringe Mengen freier Fettsäuren, die technischen Öle mehr (indische bis 16,5%, ~Crossley~ und ~Le Sueur~). Arachisöl kann durch Abscheidung der krist. Arachinsäure (d. h. roher, mit Lignocerinsäure vermischter) identifiziert und quantitativ in Ölgemischen bestimmt werden (~Renard~, ~Lewkowitsch~, ~Tortelli-Ruggeri~, ~Kreis~ -- Vorschrift in Pharm. helv. IV). Verseift man das Öl mit alkoholischer Natronlauge, verjagt den Alkohol, scheidet die Fettsäuren mit Salzsäure ab und löst diese in siedendem Alkohol, so scheidet sich die Roharachinsäure in perlmutterglänzenden Kristallen (F. = 70-71°) ab. Erdnußöl gibt die ~Bellier~-Reaktion (Resorcin-Benzol + HNO₃, spez. Gew. 1,4).
Das spez. Gewicht des Öls beträgt: 0,911 (afrikan. Öl) bis 0,9256 (ostind.) -- Pharm. helv. IV verlangt 0,917-0,921 bei 15° und 0,864-0,865 bei 98° --, der Erstarrungspunkt -2,6 bis +3°, die Verseifungszahl 185,6-194,8 (~Crossley~ und ~Le Sueur~), die Jodzahl 83,3-105 -- Pharm. helv. IV verlangt 85-100 -- (meist 90-96), die Reichert-Meißlzahl 0-1,60, die Hehnerzahl 94,87-96,31, die Maumenéprobe ergab 45,5-75°, der Brechungsexponent ist bei 40° 1,4626-1,4642 (Ph. helv. IV).
Der Erstarrungspunkt der Fettsäuren liegt bei 22-32,5°, ihr Schmelzpunkt bei 27-35°, die Jodzahl ist 95,5-103,42, die Jodzahl der flüssigen Fettsäuren 104,7-128,5 (vgl. bei ~Lewkowitsch~). Nach vierstündigem Einlegen in konzentriertes Kali, dem konz. Ammoniak zugesetzt wurde, entstehen im Öltropfen kurze, in halbkonzentriertem lange, gebogene, oft lockenförmig gekrümmte Nadeln -- für dies Öl sehr charakteristisch --, nach 24 Stunden auch Sphaerite (~Hartwich-Uhlmann~).
+Erdnußmehl+ (Erdnußgrütze) enthält im Mittel in Prozenten: Wasser 6,67 (6,26), Stickstoffsubstanz 48,92 (47,46), Fett 14,61 (17,50), stickstofffreie Substanz 22,99 (21,01), Rohfaser 3,91 (3,90), Asche 4,90 (3,87) (~König~).
+Erdnußschalen+ enthalten nur 5,68% Stickstoffsubstanz und 2,5% Fett, aber 53,2% Rohfaser.
=Anwendung.= Die schwach gerösteten Erdnußsamen schmecken ähnlich wie Mandeln und werden, ebenso wie die rohen, in den Tropen (Brasilien, Indien, Afrika), aber auch neuerdings in Europa viel gegessen. Sie sind jetzt regelmäßig in «Südfruchthandlungen» neben Feigen und Datteln zu finden. Frisch haben sie einen nußartigen Geschmack. Reichlicher Genuß von Erdnüssen soll Kopfweh verursachen (?). Unter dem Namen Austria-Bohnenkaffee, wie afrikanischer Nußbohnenkaffee, kommen die durch Pressen von einem Teile des Öls befreiten, aber immer noch c. 17 (~Willert~), 19 (~Röhrig~, ~Vogl~) oder gar fast 28% Fett zurückhaltenden gerösteten Samen in den Handel (Beschreibung bei ~Vogl~). Sie sehen den Kaffeebohnen ähnlich. Arachisöl ist ein brauchbarer Ersatz des Olivenöls. Nach Indian and Colonial Addendum Brit. Pharmacop. ist Olivenöl durch Arachisöl zu ersetzen in Indien, den afrikanischen, australischen und östlichen Kolonien (vgl. I, S. 22). Es liefert ein vorzügliches Bleipflaster (~Dymock~). In Spanien dienen die Preßrückstände mit Cacao, Zucker und Gewürz gemischt der ärmeren Bevölkerung als Nahrungsmittel. Man kann in Zeiten der Not aus Erdnußpreßkuchen ein billiges Brot backen. -- Die Erdnußpreßkuchen, aus denen eine Grütze hergestellt wird, bilden ein oft verfälschtes wertvolles Nahrungsmittel (vegetabilisches Fleisch, ~Nördlinger~), ein sehr geschätztes Mastfutter (~Uhlitzsch~, ~Collin-Perrot~) und ein gutes Düngemittel. Erdnußmehl wird giftig durch beigemengte Ricinuskuchen (~Schmidt~) oder durch Wechselwirkung mit beigefutterten anderen Nahrungsstoffen (? ~Krüger~). Erdnußöl wird mit Mohnöl, Sesamöl (Furfurolprobe!), Baumwollsamenöl (~Halphens~ Reaktion!) und Rüböl verfälscht (Nachweis bei ~Lewkowitsch~).
=Geschichte.= Die Erdnuß war, was ebenfalls für ihren amerikanischen Ursprung spricht, im Altertum und Mittelalter unbekannt. Zuerst wird die Manifrucht 1547 bei ~Fernandez de Oviedo~ (I, S. 755) in dessen Cronica de las Indias Lib. VII, cap. 5 fol. 1074 von Hayti erwähnt, wo sie von den Eingeborenen kultiviert wurde. ~Monardes~ (I, S. 780) berichtete 1569, daß sie bei den Indianern am Maranon in großem Ansehn stehe. Die französischen Kolonisten unter ~Coligny~ trafen mandobi 1555 in Brasilien, ~Sloane~ Arachidna Indiae utriusque in Westindien und ~Jean de Léry~ (I, S. 764) beschrieb die Pflanze. Abbildungen finden sich dann bei ~Johannes de Laet~ in dessen Histoire du nouveau monde 1640 und bei ~Marcgraf~ (I, S. 893) unter dem Namen mundubi (~Hanbury~). Erdnüsse finden sich auch unter den altperuanischen Grabbeigaben (~De Candolle~). 1697 wurde die Pflanze in +Helmstedt+ kultiviert (~Stisser~, Botanica curiosa). Der Name Arachis wird zuerst von ~Ray~, dann von ~Plumier~ und ~Sloane~ benutzt (~Bentley-Trimen~). Er ist abgeleitet von ἀράχιδνα, womit von ~Theophrast~ eine andere Leguminose (nach ~Sprengel~: Lathyrus amphicarpus ~Dorth~) bezeichnet wurde. Die Arbeiten von ~Sonnini~, Traité de l’arachide ou pistache de terre Paris 1808 und ~Cadet~, Sur la cacahuaté ou mani d’Amérique in Journ. pharm. I (1815), 37, sowie die chemische Untersuchung von ~Payen~ und ~Henry~ (Journ. chim. Amérique. 1825, 431) lenkten in Europa die Aufmerksamkeit auf die Erdnuß. Aber erst der französische Colonist ~Jaubert~ in Gorée, nahe den Capverden, führte sie 1840 als Ölsaat nach Marseille ein, wohin von dann an steigende Mengen von der Westküste von Afrika gelangten (1867 schon 66 Mill. kg). In der zweiten Hälfte des XIX. Jahrh. breitete sich die Kultur der Erdnuß über die Erde aus. Um 1860 kam sie über China nach Indien (~Dymock~) -- sie heißt in Indien noch heute chini-badam (= chinesische Mandel). Die Kultur nahm dort einen so raschen Fortgang, daß schon 1877: 7130 cwts nuts und 20387 cwts oil von Madras exportiert werden konnten und 1897 schon 112000 acres unter Erdnuß standen. Nach Westindien kam sie zuerst von Brasilien, dann -- in neuerer Zeit -- von Afrika aus. Zuerst kam das Öl in die Pharmacopeia of India, erst neuerdings auch in europäische Pharmacopoeen, z. B. die Pharm. helvet. IV.
=Lit.= ~Carrère et Holle~, Le Sénégambie française 1855. -- ~Duval~, Colonies et politique coloniale de France 1864. -- ~Mavidal~, Le Senegal. Paris 1863. -- ~Faidherbe~, Le Senegal 1889. -- ~Poiteau~, Ann. sc. nat. bot. 19 (1853), 268. -- ~Flückiger-Hanbury~, Pharmacographia. -- ~Beyerinck~ und ~Wijs~, Aardnoot en de aardnooten-olie. Bull. Kolon. Mus. Haarlem 1896 (Monographie). -- ~Taubert~ in Engler-Prantl, Pflanzenfam. -- ~Schweinfurth~, Im Herzen Afrikas I 273. -- ~Semler~, Trop. Agrikultur. -- ~Block~, Geogr. Verbr. d. Erdn. u. Bedeut. als Nahrungsm. Zeitschr. f. Kolonialpolit. VI. -- ~Watt~, Dict. econ. prod. -- ~F. Kurtz~, Sitzungsber. d. Bot. Ver. d. Prov. Brandenb. 1875. -- ~Sadebeck~, D. Kulturgew. d. deutsch. Kolonien 1899. -- ~Warburg~, Fette u. Öle aus deutschen Kolonien. Chem. Centralbl. 1897. -- ~Woldt~, Deutschl. Interess. im Niger- u. Kongogebiet. -- ~Vogl~, Nahrungs- u. Genußm., Fig. 159 u. 160. -- ~Bentley-Trimen~, Med. pl. t. 75 (dort d. ältere Lit.). -- ~Benecke~, Mikr. Unters. d. Kraftfutterm. 1886. -- ~Böhmer~, Ölkuchen in ~Dammers~ Lexikon d. Verfälsch. -- ~Bilteryst~, Rech. de l’arach. etc. Journ. pharm. 1897, 29. -- ~Winton~, Anatomy of the peanut etc. Conn. Agr. Exp. Stat. Rep. 1904, 191. -- ~Möller-Winton~, Mikroskopie, Fig. 317-322. -- ~T. F. Hanausek~ in Wiesner, Rohstoffe II. Aufl. (mit Abbild.). -- ~Flückiger~, Arch. Pharm. 1869. -- ~Flückiger-Hanbury~, Pharmacographia -- Pharmacogr. indica. -- ~Harz~, Landwirtsch. Samenkunde. -- ~Benson~, The ground nut. Dep. Land. Rec. agric. Madras 1899. -- ~K. Braun~, Die Erdnuß (Kultur). Pflanzer, Amani, 1910 (Flugblatt). -- Erdnußindustr. in d. Ver. Staaten. Chem. Zeit. 1900, Nr. 38. -- ~Sadtler~, Peanutoil and its uses in pharm. Am. Drugg. 31 (1897). Lipase: ~Dunlap~ und ~Seymour~, Journ. am. soc. 27, 935. -- ~König~, Nahrungs. u. Genußm. (dort die chem. Literatur). Weitere chem. Lit. in ~Wehmer~, Pflanzenstoffe.
+Öl+: ~Hazura~ und ~Grüssner~, Monatsh. f. Chem. 1889, 242. -- ~Hartwich~ und ~Uhlmann~, Arch. Pharm. 1903, 111. -- ~Kreis~, Chem. Zeit. 1895, 451. -- ~Baczewski~, Arachis. Ber. chem. Ges. 1896. -- ~Lewkowitsch~, Chem. Techn. d. Öle 1905 (dort d. Lit.). -- Erkennung von Erdnußöl in anderen Fetten: ~Guarnieri~, Staz. sper. agr. ital. 1909, 408. -- ~Muntz~, ~Paulmyer~ u. ~Rivals~, Monit. scient. 1909. 785. -- +Preßkuchen+: ~Nördlinger~, Erdnußgrütze. Zeitschr. Angew. Chem. 1892, 689. -- ~Tuson~, Pharm. Journ. 7 (1876) 332. -- ~Uhlitzsch~, Landw. Versuchsstat. 1892, 385. -- ~Klingenberg~, Zeitschr. f. phys. Chem. 1882, 155. -- ~Collin-Perrot~, Residus industr. (Fig. 65. Querschn. durch die Fruchtschale).
3. Nichttrocknende Öle.
Die nichttrocknenden Öle zeigen eine niedrigere Jodzahl als die trocknenden und die halbtrocknenden. Linolensäure scheint ganz zu fehlen, Linolsäure nur in geringer Menge vorhanden zu sein. Sie erhärten wegen ihres Gehaltes an Ölsäure bei der Elaidinprobe.
Semen Amygdalae dulcis und Oleum Amygdalae.
=Syn.= Amygdala dulcis, süße Mandel -- amande douce (franz.) -- sweet almond (engl.) -- mandorla dolce (ital.).
Der Baum: Mandelbaum -- amandier (franz.) -- almond tree. (engl.) -- amandelboom (hol.) -- mandola, mandorlo (ital.) -- almendro (span.) -- amendoeira (port.) -- mandelträd (schwed.) -- mindaluve derevo (russ.) -- him-ho-gin (chin.).
Bei ~Theophrast~: ἀμυγδαλῆ (die Frucht ἀμυγδάλη) -- bei ~Dioskurides~: ἀμυγδαλέα und ἀμύγδαλον -- bei ~Columella~ und ~Plinius~ der Baum: amygdala (die Frucht nux graeca, so schon bei ~Cato~). Später dann (z. B. in Medicina Plinii IV. Jahrh.): amandola, bei ~Carl~: amandalarios, bei ~Albertus Magnus~: amigdalus, bei der ~Hildegard~: amygdalus, -- in der Alphita (I, S. 654) oleum amigdalinum (metopium ex amigdalis amaris) -- bei ~Ibn Baithar~: lauz, lawz (Ol. amygdalar. = duhn al-lauz al murr) -- bei ~Najm Ad-Dyn Mahmud~ (I, S. 611) laouz ḥoulou -- +aramäisch+ und +syr.+ schegʿdā, -- +hebr.+ schaked, luz oder lus -- +arab.+ louz davon berberisch: talouzet (die Mandel: schekedim) -- +pers.+ badam. -- Der Mandelbaum hat keinen Sanskritnamen. Bei Sanskritschriftstellern findet sich der (persische) Name bádám. (hind.) oder vádam (tam.). -- In +China+: hang, die süßen Mandeln: hangjin und tʿien-mei.
=Etym.= ἀμυγδάλη ist wohl sicher ein Lehnwort, doch ist, bemerkt ~Schrader~, seine Quelle noch nicht nachgewiesen (~Grassmann~: der Name stammt wahrscheinlich aus Asien). Im persischen +Makhzan+ heißt ein Gummi liefernder Baum ammughilán oder mughilán (oben S. 453). Dies dürfte auf eine Amygdalacee gehen und aus dem dem Worte zugrunde liegenden persischen Stamme ist vielleicht das griechische ἀμυγδάλη hervorgegangen. Die bittere Mandel heißt im Persischen munga, die Bohne im Indischen mudga. Amygdalus stammt also möglicherweise aus dem Persischen oder Indischen -- vielleicht liegt auch die Urheimat der Pflanze in Persien, das heute noch viel Mandeln produziert. ἀμυγδάλη ist freilich auch der Name der phrygischen Cybele (und bedeutet große Mutter), und da der früh aus dem Winterschlaf erwachende Mandelbaum aus dem Blute der Göttermutter entstanden sein sollte, so zog ~Mowers~ den Namen amygdalê hierher, was aber ~Schrader~ ablehnt. Die Ableitung von ἀμυχή (wegen der vielen Ritzen der Steinschale, ~Herodianus~) wird abgelehnt, ebenso die von syr. ah-mügdala (= schöner Baum). Aus ἀμυγδάλη ging dann unter volksetymologischer Anlehnung an mandere und amarus das lat. amandula, amandola und dann das ital. mandorla hervor (~Schrader~), angls. magdalatreow, mhd. mandel, ahd. mandala, nach ~Baist~ aus lat. amandula bzw. amundala. Bei Prunus sagt Isidorus (in seiner bekannten Weise!) «+Pruna+ est, quam diu ardet; pruna autem perurendo dicta». Andere leiten Prunus (s. auch oben S. 57) von πύρινος = feurig oder προῦνος = wilder Ölbaum oder πρῶμος = frühzeitig ab (~Kanngiesser~).
=Stammpflanze und systemat. Stellung.= =Prunus Amygdalus= ~Stokes~ (Amygdalus communis L.) var. =physiologica dulcis= ~Tschirch~ (Prun. Amygd. ~Stok.~ var. β dulcis P. ~Dc.~, Amygdalus dulcis ~J. Bauh.~) mit zahlreichen Spielarten.
Die Botaniker unterscheiden von Prunus Amygdalus ~Stokes~ Bot. mat. med. III, 101, non ~Baillon~ (Amygdalus communis L. Spec. pl. ed. I 473) die «Varietäten» var. β dulcis ~P. Dc.~ mit harter Steinschale und süßlich schmeckenden Samen, Blumen vor den Blättern, var. α amara ~Hayne~ mit harter Steinschale und bitteren Samen, Staubgefäße bisweilen unterwärts behaart, var. γ fragilis ~Borkhausen~ mit zerbrechlicher Steinschale und süßlichen Samen (Knack- oder Krachmandeln), Blumen gleichzeitig mit den Blättern, var. δ macrocarpa mit großer Frucht und harter Steinschale. Blumen heller rot, vor den Blättern und var. ε persicoides ~Sér.~ (Pfirsichmandel mit mehr fleischiger Frucht, wohl ein Bastard mit dem Pfirsich). In Turkestan gibt es wilde Mandeln mit glattem Stein. Da es kein einziges durchgreifendes +systematisch-botanisches+ Merkmal gibt, welches den die süße Mandel liefernden Baum von dem die bitteren liefernden unterscheidet (die als Unterschied angeführten Drüsen am Grunde der Blätter von dulcis fehlen auch hier bisweilen), der einzig durchgreifende Unterschied vielmehr ein +chemischer+ ist, der auf der Bildung von Amygdalin in den Samen der bitteren Mandel beruht, so kann man auch nicht von einer Varietät im botanischen Sinne sprechen, sondern muß den von mir eingeführten Begriff der physiologischen Varietät hier benutzen. Oft genügt schon Umpflanzen in besonders guten Boden, um einen «bitteren» Mandelbaum zum «süße» Früchte Tragen zu veranlassen (~Lippmann~).
Die meisten Forscher betrachten die süße Mandel als durch Veredelung aus der bitteren hartschaligen hervorgegangen. Doch kommen in Kerman in Südwestpersien wilde (oder verwilderte?) süße +und+ bittere Mandeln nebeneinander vor.
+Rosaceae+ -- +Prunoideae+, Untergattung II Amygdalus ~Tourn.~
=Beschreibung der Stammpflanze.= Der Mandelbaum ist von mäßiger Höhe (selten bis 10 m) und besitzt eine breitästige Krone oder ist nur strauchig, nur an den Kurztrieben blühbar. Die spiralig gestellten, 4-10 cm langen Blätter besitzen 1,2-2,5 cm lange Stiele. Die kahle Spreite wechselt bei Prunus Amygdalus nach der Form (lanzettlich bis eilanzettlich) und der Ausbildung des Randes (sehr schwach gekerbt oder gesägt). Bisweilen finden sich am Grunde der Lamina ein oder zwei Drüsen. Die kurzgestielten, perigynen Blüten sitzen zu 1-3 an der Spitze der Kurztriebe. Die Kelchröhre, der Axenbrecher, ist 4-5 mm lang, glockenförmig, kahl, wenig deutlich zehnnervig, innen mit einem Nektar absondernden Gewebe ausgekleidet, etwa bis zur Hälfte behaart. Sie löst sich von der heranreifenden Frucht durch einen ringförmigen Spalt ab. Die fünf, unten braunroten, oben grünen Kelchblätter sind abstehend, oblong bis oblong-lanzettlich, am Rande gewimpert, die fünf bis 2 cm langen, zart rosenroten, mit dunkleren Adern durchzogenen Blumenblätter sind oblong bis breit-umgekehrt-eiförmig, an der Basis kurz keilförmig-genagelt, an der Spitze etwas ausgerandet (der Pfirsich hat dunklere Blüten), die etwa 30 ungleich langen, in fünf episepalen, dem Rande des Achsenbechers inserierten, Phalangen angeordneten Stamina besitzen rosenrote Filamente. Das der Basis des Achsenbechers stiellos inserierte Gynaeceum besteht aus einem am Grunde dicht behaarten Carpell und läuft in einen langen Griffel mit kopfiger Narbe aus. Die einfächerige Frucht ist eine etwa 3,5-4 (selten bis 6) cm lange und 2,5-3 cm breite, seitlich zusammengedrückte Steinfrucht (drupa), die an der Rückenseite eine Furche besitzt, an der die Frucht aufspringt. Das graugrünliche Epicarp ist sammetartig behaart, das Mesocarp lederig zäh, das Endocarp als gelbe, derbe Steinschale (coque) entwickelt, die an der Vorder- und Rückenseite breit und scharf gerandet, innen glatt und glänzend, aber außen mit unregelmäßigen Vertiefungen versehen ist (Fig. 184 B) (bei den dünnschaligen Krachmandeln ist die Steinschale dünn und zerbrechlich). Von den zwei anatropen, an der Bauchnaht hängenden Ovulis, die in dem Fruchtknoten liegen, schlägt meist das eine fehl (wo es sich ebenfalls entwickelt, entstehen die sog. «Vielliebchen»), so daß in der Fruchthöhle nur ein Same liegt, der vorwiegend aus den beiden plankonvexen Cotyledonen besteht. Prunus Amygdalus blüht vor Austreiben des Laubes oder gleichzeitig mit dem Erscheinen der ersten Blättchen im März bis April, im Süden schon im Februar. Der Fruchtansatz erfolgt in Italien im März. Er leidet daher von Frühjahrsfrösten. Die Urheimat des Mandelbaums ist wahrscheinlich im westlichen Asien, vielleicht besonders in Persien, zu suchen (s. oben). In Mesopotamien, Kurdistan, Turkestan (~Boissier~) und dem Antilibanon (bis 3200 m), sowie Karmel (~Tristram~), am Hermon, wo er zwischen 1000 und 1600 m gebüschbildend auftritt, ferner in Persien (am Berge Avroman in Kurdistan zwischen 2200 und 2900 m), in Afghanistan (~Atchison~), im oberen Zarafshanthal, in Turkestan, im Tschotkalgebirge (~Capus~) und Transkaukasien (~Medwedew~) findet sich der Mandelbaum, der süße und der bittere, wild, ob auch in Sizilien, Griechenland (~Heldreich~) und Algerien (~Cosson~) ist zweifelhaft. Im Mittelmeergebiet ist er wohl nur verwildert. Die Mandel reift ihre Früchte nördlich der Alpen nur in der Rheinebene, am Oberrhein, an der Bergstraße, in der Rheinpfalz und im Wiener Becken. An der südöstlichen Küste Norwegens, c. 59° n. B., reift sie noch bisweilen in warmen Sommern (~Schübeler~).
=Lit.= ~Focke~, Rosaceen in Engler-Prantl. -- ~Baillon~, Hist. d. pl. (Monogr. Rosac. 1869). -- ~De Candolle~, L’orig. d. pl. cult. u. Géogr. botan. -- ~Boissier~, Flor. orient. -- ~Christ~, Pflanzenleb. d. Schweiz. -- ~Capus~, Sur l. plant. cultiv. qu’on trouve à l’état sauvage etc. dans le Thian Schan. Ann. sc. nat. (7) 18 (1884) 278. (~Flückiger~, Pharm. Zeit. 1884, 878.) -- ~Schübeler~, Kulturpfl. Norwegens 1862. -- ~Heldreich~, Nutzpfl. Griechenlands 1862. -- +Abbild.+: ~Berg-Schmidt~, Atlas 2. Aufl., t. 62 (dort die botan. Lit.). -- ~Pabst-Köhler~, Medizinalpfl. t. 94. -- ~Bentley-Trimen~, Medic. plants t. 99. -- ~Nees von Esenbeck~, Plant. med. t. 312 u. 313.
=Pathologie.= Über die pflanzlichen Schädlinge berichtet Prof. ~Ed. Fischer~: Amygdalus communis wird ebenso wie alle unsere Steinfruchtarten von Clasterosporium carpophilum (~Lèv.~) ~Aderh.~ befallen. Dieser Pilz greift Blätter, Blattstiele, Triebe und Früchte an; verursacht auf den Blättern runde abdorrende Flecken und auf den Früchten schorfartige Bildungen. (Lit. ~Aderhold~, Über die Sprüh- und Dürrfleckenkrankheit des Steinobstes. Landwirtschaftl. Jahrbuch 1901, derselbe: Über Clasterosporium carpophilum und die Beziehungen desselben zum Gummiflusse des Steinobstes. Arbeiten der Biol. Abt. des Reichsgesundheitsamtes für Land- und Forstwirtschaft II 1902.) Wichtig ist ferner Gloeosporium amygdalinum ~Brizi~, welches die Anthracnose des Mandelbaumes hervorruft und namentlich dann schädlich ist, wenn es die +jungen+ Früchte befällt, da diese zum Absterben oder Abfallen gebracht werden (s. ~Brizi~, Eine neue Krankheit des Mandelbaumes. Zeitschr. f. Pflanzenkrankheiten, Vol. VI 1896, p. 65).
Über die tierischen Schädlinge von Prunus Amygdalus vgl. Cerasus (S. 72) und Cydonia (S. 330). Die trockenen Mandeln werden oft von Sitodrepa panicea und Coccotrypes zerstört (I, S. 379).
=Kultur.= Der Mandelbaum wird in Südeuropa, im Orient, Nordafrika und England kultiviert. Er verlangt ein warmes, lufttrockenes, subtropisches Klima, jedenfalls keine Fröste zur Blütezeit und trockenen, lockeren, tiefgründigen, kalkhaltigen Boden. Die bittere Mandel ist klimahärter (~Semler~). Die Kultur der süßen Mandel ist im südlichen und südwestlichen Frankreich beträchtlich, wird aber dort nur als Nebengewerbe betrieben. Mandelpflanzungen legt man in Italien gern dort an, wo vorher Oliven standen (~Valiante~). In Italien werden die Wildlinge, welche man als Unterlage für die Pfropfreiser guter Varietäten der Mandel braucht, aus hartschaligen einsamigen Mandeln gezogen. Die Mandel wird aber auch oft auf den Pflaumenbaum und den Pfirsich gepfropft. Der gepfropfte Baum gibt vom 15. Jahre an Früchte, vom 30-40. Jahre den Maximalertrag. Dieser beträgt 50 l Früchte = 8-9 l Samen (~A. Meyer~). 1 Hektar liefert c. 500 kg. geschälte M. In Persien, wo der Baum sehr häufig ist und die Mandeln viel benutzt werden, wird er besonders in Yedz und Kirman, dann auch in Afghanistan kultiviert. Die Steinschale wird mit einem hölzernen Hammer aufgeklopft oder (in Amerika) mit einer Maschine aufgebrochen. In Südfrankreich werden die Mandeln geschwefelt (Schwefelbleiche). Die besten Spielarten hat Frankreich und Californien. ~Semler~ nennt folgende: Amande des dames (A. dela princesse), Languedoc, Sultana, Pistache, Douce à coque duce, Jordanmandel, breite Valencia und die kalifornischen: Excelsior, Non plus ultra, Nonpareil, Suprema u. and. Der Ertrag einer Mittelwelternte wird auf 35-50 Mill. kg geschätzt (~Tunmann~). Die Hälfte davon liefert Italien, speziell Sizilien.
=Lit.= ~Bianca~, Manuale della coltivazione del Mandorlo in Sizilia. Palermo 1874.
=Handelssorten.= Süße Mandeln kommen aus +Südfrankreich+ (Provence, bes. Aix), +Italien+ (Puglia, Apulien, Florenz, Bari, Neapel, Sizilien, bes. Avola bei Syracus), +Spanien+ (Malaga, Valencia, Alicante, Mallorca), +Portugal+ (Lissabon, Oporto), Dalmatien, Griechenland (Aegina, Chios), der Levante, Syrien, Persien, Süd-Rußland, Nordafrika, +Marokko+ (Rebat, Mogador), Tripolis, Algier und den Canarischen Inseln, sowie Kalifornien. Die spanischen, besonders die Valencia- und Alicantesorten sind die größten und besten, auch die Malaga-Mandeln (sog. Jordan-M.) sind groß und gut, ebenso die Florentiner (Ambrosia) Mandeln, die südfranzösischen und italienischen (z. B. die Puglieser, Communmandeln) sind kleiner und dicker und weniger gut. Am wenigsten geschätzt sind die berberischen aus Afrika, die persischen, syrischen und griechischen.
Die Oporto-, Malaga- und Valencia-Mandeln kommen gewöhnlich in Körben und Fässern, die anderen in Ballen, Säcken und Matten von 100 kg, die Barbarice- (Marokko) Mandeln in Seronen à 100 kg in den Handel.
Die bitteren Mogadormandeln sind meist mit süßen Mandeln vermischt. Die Krachmandeln (amandes à la princesse) kommen besonders aus Südfrankreich und Sizilien. Nach Indien gelangen viel Mandeln vom persischen Golf. Mandelöl ist in Indien kein Handelsartikel. Auch Amerika liefert jetzt viel Mandeln. Die chinesischen Mandeln sind die genießbaren Kerne einer Aprikosenart (~Hance~, ~Bretschneider~).
=Handel.= +Italien+ produziert jährlich c. 20 Mill. kg Mandeln. Es exportierte mandorle sonza guscio 1908: 177683, 1909: 105913 quint.; mandorle col guscio, 1908: 22872, 1909: 10762 quint. +Frankreich+ führte 1908: 45410 Quint. +Amandes+ en coques und 58185 Qint. A. sans coques ein, besonders aus Spanien, der Türkei und Italien, weniger aus Griechenland und Marokko, unbedeutende Mengen aus Algier und Tunis. Frankreich exportiert für 16 Mill. M. jährlich (~Semler~). +Hamburg+ importierte 1908 seewärts 75391 dz +Mandeln+, davon aus Italien: 40884, Spanien: 15407, Marokko: 13210, Frankreich: 4816. Weniger wie 1000 dz kamen aus Kleinasien, Persien, den kanarischen Inseln, Syrien, der europäischen Türkei, Griechenland, Portugal usw. +Deutschland+ importierte 1909: 6921000 kg +Mandeln+ (2600000 aus Italien, 1300000 aus Marokko, 625000 aus Frankreich, 1700000 aus Spanien, 640000 aus der Levante, 56000 aus Portugal). Nach ~Tunmann~ (Drogenhandel Hamburgs Apoth. Zeit. 1911) 1909: 9,66, 1910: 11,12 Mill. kg.
=Morphologie der Droge.= Die Droge besteht aus den aus der Steinschale (s. oben) herausgelösten, in der Form wechselnden, bald mehr länglichen (Provencer), bald mehr rundlichen (Puglieser), im allgemeinen spitz eiförmigen, etwas flach gedrückten, bikonvexen (wo zwei Samen ausgebildet wurden plankonvexen oder konkavkonvexen) Samen. (Nur die Krachmandeln sind noch mit dem hier dünnen und zerbrechlichen Endocarp und dem diesem aufsitzenden, zum Mesocarp gehörenden anastomosierenden, weitmaschigen Gefäßbündelsystem bedeckt.) Sie besitzen eine wechselnde Größe je nach den Spielarten, pflegen aber meist größer zu sein als die bitteren -- es gibt aber auch kleinsamige Sorten (s. oben). (Früher wurden als Varietäten A. fructu majori und A. fructu minori unterschieden.) Die größten Sorten (Malaga-, Jordan-M.) sind bis 4, die meisten 1,5-2,5 cm lang. Provencer Mandeln messen c. 2,8 : 0,9 cm, Puglieser Mandeln c. 2,0 : 1,4 cm (~Hartwich~). Sie zeigen eine hellbraune, mit derbem, zimtbraunem, leicht abreibbarem Reif bedeckte («bestäubte»), groblängsrunzelige Samenschale, die von dunkleren, vertieften Adern durchzogen ist. Etwas unterhalb der meist ziemlich scharfen Spitze liegt das Hilum. Von ihm läuft die selten kielartig hervortretende Raphe zu der am abgerundeten breiten Ende des Samens etwas seitlich verschoben liegenden, als große runde Erhebung sichtbaren Chalaza. Hier tritt das Raphebündel ins Innere und sendet von hier zahlreiche (16-18), rückläufig nach der Spitze des Samens hin streichende verzweigte Bündelchen, die die Samenschale von Unten nach Oben durchziehen.
Legt man den Samen in warmes Wasser, so löst sich die Samenschale samt dem Nucellus- und Endospermreste (s. unten) leicht vom Samenkern ab. Der letztere besteht aus zwei plankonvexen, weißen, öligfleischigen Cotyledonen (Fig. 184), die außen die Abdrücke der Samenschalbündel zeigen und die mit ihrem etwas verschmälerten Grunde der kurzen, gegen das spitze Ende des Samens gerichteten Radicula derart angewachsen sind, daß letztere zur Hälfte frei hervorragt, während ihre andere Hälfte nebst der relativ großen länglich-eiförmigen Plumula von den Cotyledonen eingeschlossen ist.
Süße Mandeln schmecken ölig-süß. Sie geben mit Wasser zerstoßen eine weiße Emulsion, die weder Bittermandelgeruch noch Blausäurereaktion zeigt.
=Anatomie.= Die Fruchtschale spaltet sich leicht in eine äußere weiche und eine harte innere Schicht. Die letztere, die Steinschale, zeigt zu äußerst ein von Sklereïden durchsetztes Parenchym. Die harte Schicht ist fast ganz aus Sklereïden verschiedener Größe aufgebaut. In der Mitte sind dieselben quergelagert, schmal und stark verdickt, innen längsgelagert, alle farblos oder gelblich. Zwischen den Sklereïden finden sich bisweilen Kristallzellen mit Drusen und Einzelkristallen (~Moeller~).
Die bitteren und süßen Mandeln stimmen anatomisch überein. Der Same geht aus einem anatropen Ovulum hervor, welches zwei Integumente besitzt. Das äußere, sehr kurze Integument ist der Spitze des inneren inseriert (Fig. 186, 100). Es nimmt an der Bildung der Samenschale nur an der Spitze des Samens geringen Anteil (~A. Meyer~). Bedeckt ist der Same mit einem braunen grobschülferigen bzw. körnigen Überzuge. Dieser besteht aus sehr großen, oft 120-335 mik. hohen und 70-135 mik. weiten, kegel-, pauken- oder tonnenförmigen, geraden oder mannigfach verbogenen und ausgestülpten, von oben gesehen rundlichen, rundlich-eckigen oder mannigfach verzogenen Zellen mit dicker Wand (Fig. 186, 104 u. 188) und dort, wo die Zellen an andere angrenzen, deutlichen runden oder spaltenförmigen Tüpfeln, zwischen welche Zellen nicht minder zahlreich sehr dünnwandige, daher zusammengefallene Zellen eingestreut sind, die sogar oft die Mehrzahl bilden, so daß die Gruppen der dickwandigen Zellen inselartig auftreten. Sämtliche Zellen dieses Überzuges sind als sklereïdenartige Korkzellen zu betrachten. Die dünnwandigen sind vollständig oder nahezu vollständig verkorkt, die dickwandigen zeigen eine breite verholzte Mittelpartie und zwar ist die ganze, oft 5,5 mik. breite Mitte der Membran, die eine deutliche zarte Streifung zeigt, verholzt, färbt sich also mit Phloroglucinsalzsäure rot, mit Chlorzinkjod gelb. Beiderseits von dieser Mittelschicht, sowohl an der inneren als an der äußeren Seite, liegt eine zarte, gegen Schwefelsäure resistente Lamelle, die innen so zart zu sein pflegt, daß sie sich oft als feines Häutchen ablöst. Die für die typische Korkzelle charakteristische Zelluloselamelle ist hier bald vorhanden, bald fehlt sie, wenigstens konnte ich sie an der Handelsware nicht überall mit Jodschwefelsäure nachweisen. Die Zellen enthalten einen körnigen, auf Gerbstoff reagierenden Inhalt und im unreifen Samen Stärke. Diese sehr eigentümlichen, meist in einfacher Schicht -- sehr selten sah ich zwei übereinander -- den Samen bedeckenden Gebilde (Tonnenzellen ~Moeller~, Riesenzellen ~Vogl~), zeigen den Charakter trichomartiger Sklereïden. Ihre Verwachsung mit der darunter liegenden Schicht der Samenschale ist oft eine so lockere, daß die dickwandigen sich aufs leichteste von ihr ablösen lassen, gewissermaßen herausfallen und daher an den Runzeln des Samens ganz oder fast ganz abgescheuert sind. Um ihre Form studieren zu können muß man daher die Schnitte durch die Falten legen. Bei besonders günstigen Präparaten sieht man, daß sie in der Tat der darunter liegenden, meist zweizelligen leeren Schicht eingefügt sind; über 3-6 Zellen dieser subepidermalen Zone liegt für gewöhnlich eine dieser Tonnenzellen. Die subepidermale Zone ist selten deutlich, am besten ist sie noch nach Zusatz von Kali sichtbar zu machen. Ihre Zellen sind sehr zartwandig und enthalten bisweilen eine Oxalatdruse. Wand und Inhalt färben sich mit Eisenchlorid schmutziggrün (~Vogl~). Die nächstfolgende, relativ mächtige, durch Chlorzinkjod sich schmutzig violett färbende Schicht der Samenschale ist die Nährschicht (~Tschirch~), sie besteht aus dünnwandigem, reichdurchlüftetem, stark obliteriertem Sternparenchym, welches besonders in den äußeren Schichten bisweilen einen braunen Farbstoff führt und nach Innen zu durch eine einreihige Epidermis abgeschlossen ist. Bis hierher reicht die Samenschale. In der Nährschicht verlaufen die Gefäßbündel (s. oben), die Spiralgefäße führen und von Kristallkammerfasern mit rhomboëdrischen Kristallen oder Drusen begleitet werden. ~Hartwich~ gibt in der Nähe der Bündel auch Sklereïden an. An die Nährschicht schließt sich nach Innen zu eine einreihige, inhaltslose, stark zusammengefallene Schicht, die als Nucellusrest angesprochen wird (~A. Meyer~) und dann folgt eine Zone, die man als das sehr zarte Endosperm aufzufassen hat, dessen allein deutlich erhaltene äußerste Schicht aus sehr verschieden großen, im Flächenschnitt meist 21-27 mik. langen, 16-22 mik. breiten, in einfacher, doppelter oder (am Würzelchen) mehrfacher Schicht angeordneten, relativ dickwandigen, farblosen Zellen besteht, die neben einem stets sehr deutlichen Zellkern viele sehr kleine lappige Aleuronkörner enthalten, welche durch Wasser rundlich aufgebläht, durch verdünntes Kali bis auf sehr kleine, Molekularbewegung zeigende Körnchen (Globoide) gelöst werden. Die Wände dieser Schicht färben sich mit Chlorzinkjod blau, die innersten Schichten des Endosperms sind zu einer «Quellschicht» (~Tschirch~) obliteriert und machen die Samenhaut beim Einlegen in Wasser so schlüpfrig, daß der Samenkern leicht herausgleitet. Die plankonvexen Cotyledonen besitzen auf der Außen- (der morphologischen Unter-)seite eine sehr kleinzellige Epidermis, deren Zellen in der Richtung der Organsachse gestreckt, etwa 40-62 mik. lang und 11 mik. breit sind. Das Gewebe der Cotyledonen besteht aus dünnwandigen, mit sehr zarten Verdickungsleisten versehenen Zellen, die Interzellularkanäle reichlich zwischen sich lassen. Ein Palissadengewebe ist auf keiner Seite ausgebildet. Die Epidermis der Innen(Ober-)seite der Cotyledonen ist großzelliger als die der Außenseite, die Zellen sind in der Längsachse des Organs nicht gestreckt, sondern nahezu isodiametrisch. Sie enthalten beide ein feinkörniges Aleuron.
Die Cotyledonen werden von in ein oder zwei, der ebenen Innenseite genäherten, Reihen angeordneten (bisweilen schon Spiralgefäße führenden) Procambiumsträngen durchzogen, welche sowohl bei den bitteren, wie den süßen Mandeln das Emulsin führen (~Johannsen~ 1887) und zwar in dem Pericycel (zone péricyclique, per in Fig. 187) und der Endodermis (End in Fig. 187, ~Guignard~ 1890). Das Grundgewebe der Cotyledonen ist bei beiden Mandeln frei von Emulsin. Es enthält bei beiden gleichgestaltete Aleuronkörner (5-10 in jeder Zelle, ~Lüdtke~) von sehr unregelmäßigem Umriß und sehr verschiedener Größe. Meist sind sie rundlich oder gestreckt mit welliger Kontur und oft reichlicher Lappung des Randes. Besonders die größeren, solitärartig ausgebildeten führen oftmals eine kleine Druse von Kalkoxalat, alle 1-3 kleine, rundliche oder wulstig verbogene Globoide, die übrig bleiben, wenn man den Schnitt sukzessive mit Äther, Wasser und verd. Kali behandelt. Kristalloide fehlen. Selten sind Prismen von Oxalat. Die Aleuronkörner haben eine Größe von 2,5-13 mik., die Solitäre messen 16-17 mik. Außer diesen Aleuronkörnern ist bei süßen und bitteren Mandeln in den Zellen noch Ölplasma (~Tschirch~) vorhanden, das bei den bitteren Mandeln das Amygdalin einschließt. Konzentrierte Schwefelsäure färbt das Gewebe der Cotyledonen rot (~Raspail~sche Reaktion auf Zucker-Eiweiß). Der Farbstoff wird von den Öltropfen aufgenommen. Die kurze kegelförmige Radicula sowohl wie die zu einem spitzen Kegel ineinander gefalteten Primordialblätter, die den Vegetationspunkt zwischen sich haben und die beide amygdalinfrei und sehr emulsinreich sind (~Johannsen~) -- hier findet sich das Emulsin im Pericycel (~Guignard~) --, sind in allen Zellen dicht mit kleinen rundlichen Aleuronkörnern vollgepfropft. Stärke fehlt dem Samenkern.
Die Aleuronkörner der Mandel verhalten sich, wie Untersuchungen, die ich mit ~Kritzler~ ausgeführt habe, zeigen, anders wie die von Linum, Ricinus, Cannabis usw. Die in Wasser sehr leicht lösliche +Grundsubstanz+ besteht aus dem +Globulin+ Amandin. Sie ist löslich in 1,5 und 10% Ammoniumsulfatlösung, unlöslich in der konz. Lösung des Salzes, löslich in 1,5 und 20% Magnesiumsulfat, schwer oder teilweise löslich in der konz. Lösung, löslich in Chlorammonium, Kaliummonophosphat und Kochsalzlösung jeder Konzentration, sowie in Kalkwasser, unlöslich in konz. Kochsalzlösung, der eine Spur Essigsäure zugesetzt wurde. Salzsäure von 0,1-0,2% fällt körnig, 3% und stärkere löst. Die in Wasser unlöslichen +Globoide+ enthalten ein mit Ca, Mg und Phosphorsäure gepaartes Globulin, das nicht in 1%, wohl aber in 5 und 10% Kochsalzlösung, nicht in 1%, wohl aber in 20% Magnesiumsulfatlösung löslich ist, in 1 und 5% Ammonsulfat ist es unlöslich, löslich in 10 und 20%, Chlorammon löst schwer, Kaliummonophosphat in allen Konzentrationen leicht, ebenso Salzsäure.
Die =Mandelkleie= (tourteau d’amandes, pâte d’amandes, furfur s. farina amygdalarum) ist der gepulverte Preßrückstand, den man bei der Darstellung des Mandelöls erhält, besteht also jetzt meist aus bitteren Mandeln. Man findet in ihm in erster Linie die Fragmente der Cotyledonen, aber auch meist auf den ersten Blick die Tonnenzellen der Samenschale, Oxalatdrusenzellen und Spiralgefäße (Abbild. bei ~Vogl~ und ~Collin-Perrot~), im Ölpräparate zahlreiche Aleuronkörner mit Globoiden und Oxalatdrusen. ~Vogl~ empfiehlt Färben des Präparates mit Cochenille. In der Mandelkleie finden sich oft Preßkuchen anderer Amygdalaceensamen, bisweilen besteht sie ganz aus Aprikosensamenpreßkuchen (~Collin~). Das unter dem Namen «Mandelkleie» (son d’amandes, bran of almonds) im Handel befindliche, zu kosmetischen Zwecken benutzte Präparat ist ein Kunstprodukt (vgl. ~Hager-Fischer-Hartwich~, Pharm. Praxis), das nicht einmal immer Mandeln enthält.
Das Pulver der =Mandelschalen= (d. h. des Endocarps, s. oben), das als Verfälschungsmittel von Gewürzpulvern (Pfeffer), in der Schokolade- und Biskuitfabrikation beobachtet worden ist und auch zum künstlichen Altern von Weinen und Spirituosen benutzt wird (1905), besteht fast ganz aus Sklereïden, entweder gestreckten, spindel-, spatelkeulenförmigen, geraden oder knieförmig gebogenen, bis 150 je 300 mik langen, mit linienförmigem Lumen oder kürzeren, bis 120 mik langen, breiteren, gerundet-eckigen oder ausgeschweiften, dicht getüpfelten, relativ weitlumigen, sowie Übergangsformen zwischen diesen. Daneben findet sich bisweilen dünnwandiges Parenchym, Kristallzellen und Bruchstücke von Gefäßen.
=Lit.= ~A. Meyer~, Wissensch. Drogenkunde (dort die Entwicklungsgeschichte). -- ~Berg~, Anatom. Atlas. -- ~Tschirch~, Angew. Pflanzenanatomie 1888, Fig. 36. -- ~Wigand~, Lehrbuch 1887. -- ~Vogl~, Kommentar 1908 und Nahrungs- u. Genußm., Fig. 261 u. 262. -- ~Schimper~, Anleitung 1900. -- ~Möller-Winton~, Mikrosk. d. Nahrungs- u. Genußm. 1905. -- ~Hartwich~, in Realenzyklop. d. Pharm. -- ~Karsten-Oltmanns~, Lehrb. d. Pharmak., Fig. 400-403. -- ~Louis Planchon~, Prec. de mat. méd. I, Fig. 148 u. 149. -- ~Garcin~, Du noyau des drupes Ann. Soc. bot. Lyon 1890, 27, Contrib. à l’étude d. péric. charnus Lyon 1890, Rech. s. l’histogen. d. péric. charn. Ann. soc. nat. (7) 1890, 175. -- ~Godfrin~, Etud. histolog. s. l. tégum. sémin. d. Angiosp. Soc. d. sc. nat. Nancy 1880, 109. -- ~Collin-Perrot~, Resid. industr., Fig. 69 u. 70. -- ~T. F. Hanausek~ in Wiesner Rohstoffe, II. Aufl. -- ~Johannsen~, Sur la localisation de l’émulsine dans les amandes Ann. sc. nat. (7) 6 (1887). 118. -- ~Thomé~, Bot. Zeit. 1865, 240. -- ~Guignard~, Sur la localisat. dans les amandes etc. Journ. pharm. chim. 21 (1890), 233. -- ~Tschirch~ u. ~Kritzler~, Mikrochem. Unters. über d. Aleuronkörner. Ber. d. pharm. Ges. 1900, 214 und ~Kritzler~, Dissert. Bern 1900. -- ~Lüdtke~, Beschaffenh. d. Aleuronk. Ber. d. pharm. Ges. 1891, 58. Mandelschalen: Pharm. Centralh. 1905.
=Chemie.= Die Zusammensetzung der (trockenen) süßen Mandeln ist im Mittel (nach ~König~) in Prozenten: Wasser 6,27, Stickstoffsubstanz 21,4, Fett 53,16, stickstofffreie Extraktstoffe 13,22, Rohfaser 3,65, Asche 2,3. In der Trockensubstanz: Stickstoffsubstanz 22,83, Fett 56,71% (~Fleury~, ~Colby~, ~Schädler~, ~König~ und ~Crauch~). Die Krachmandeln werden regelmäßig geschwefelt, um ihnen eine hellere Farbe zu geben. In 100 g Kernen fand ~Kratschmer~ 13 mg, in 100 g Schalen 117 mg schweflige Säure. Im Pericarp finden sich 0,84% Saccharose und 5,67% reduzierender Zucker (~Bourquelot~), sowie eine Spur fettes Öl (~Vallée~), Gerbstoff, Weinsäure mit Spuren Citronensäure und Apfelsäure (~Flückiger~).
Die Samen enthalten neben +Dextrose+ (0,09% ~Bourquelot~, auch ~Flückiger~ erhielt im Auszuge mit kaltem Wasser einen in der Kälte reduzierenden Zucker) c. 2 bis 3% +Saccharose+ [2,97% ~Bourquelot~, 2,1% ~Langley~, nach ~Pelouze~ bis 10% (?) Saccharose, aber keinen reduzierenden Zucker?], gummiartige Stoffe, 2,38 (~Godet~) bis 3,8% (~Wittmann~, ~Langley~) +Pentosane+ (unlösliche Pentosane des Hemizelluloserückstandes der entfetteten Kerne: 15,5% ~Godet~) und angeblich Gentiobiose, Stärke findet sich nur im unreifen Samen (~Leclerc~). Ferner enthält der Same ein +chromogenes+ gelbes, mit Alkalien kirschrot werdendes +Glykosid+ (~Scheitz~ und ~Ludwig~) und +Emulsin+ (= Synaptase, ~Robiquet~). Das Emulsin ist ein Gemisch. Es enthält ein hydrolysierendes (δ-Emulsin) und ein synthetisierendes (σ-Emulsin) Enzym (~Rosenthaler~), nach ~Armstrong~ und ~Horton~, ~Caldwell~ und ~Courtauld~ sogar drei: ein Enzym, welches β-Glukoside spaltet (β-Glukosidase), ein Enzym, welches Milchzucker spaltet, (eine Laktase, Glukolaktase) und Amygdalase. Sodann ist vorhanden: ein +fettspaltendes Enzym+ (Lipase, ~Dunlap~ und ~Seymour~, ~Mario Tonegutti~), oft +Invertin+ (Invertase, ~Bourquelot~ und ~Hérissey~, 1903), ein +Phytosterin+ (~Benecke~), +Asparagin+ (0,3% ~Henschen~ 1872, ~Portes~ 1876), +Cholin+ (~Guareschi~), sowie neben +Pepton+ und +Albumosen+ (zusammen 0,25%, ~Lemport~) und einer sehr geringen Menge eines in der Wärme gerinnenden Eiweißkörpers (~Commaille~) das globulinartige Proteid +Amandin+ (~Proust~, ~Commaille~, den Namen behalten ~Osborne~ und ~Campbell~ bei, = Glutine ~Denis~ (?), nicht = Conglutin, ~Ritthausen~), das bei der Hydrolyse Glycocoll, Alanin, Valin, Leucin, Prolin, Phenylalanin, Asparaginsäure, Glutaminsäure, Tyrosin, Arginin, Histidin, Lysin, Tryptophan und Ammoniak liefert (~Osborne~ und ~Clapp~). Mandelkerne entwickeln schon mit Kalkwasser erwärmt Ammoniak (~Flückiger~).
Das Globulin +Amandin+ ist ein Phytovitellin. Es zeigt die Zusammensetzung: C = 51,30, H = 6,90, N = 19,32, O = 22,04, S = 0,44 (~Osborne~ und ~Campbell~). Es gibt mit Chlornatrium und Quecksilberchlorid keine Fällung und wird durch Magnesiumsulfat teilweise gefällt; bei 80° scheiden sich aus der Lösung Flocken aus. Es ist bisher nur in Amygdalaceen gefunden worden. Es kommt wohl vorwiegend in der Grundsubstanz der Aleuronkörner vor (s. Anatomie). Laktase +und+ Emulsin finden sich außer in den Mandeln auch in Pfirsich-, Aprikosen- und Apfelkernen (~Bourquelot~ und ~Hérissey~), Emulsin, das im Pflanzenreich weit verbreitet ist, auch in Lichenen, sowie Pilzen, vielen Gymnospermen und Monocotylen (~Hérissey~, ~Heut~). Amygdalin scheint in der süßen Mandel ganz zu fehlen oder nur in Spuren vorhanden zu sein [~Almén~, ~Scheitz~ und ~Ludwig~ (1872)]. In den Samenschalen findet sich ein eisengrünender +Gerbstoff+ (~Ludwig~).
Die Asche der Samen beträgt 3,05% (~Fleury~), 4,9% (~König~), 5% (~Zedler~). Sie enthält in Prozenten: Kali 27,95, Natron 0,23, Kalk 8,81, Magnesia 17,66, Eisenoxyd 0,55, Phosphorsäure 43,63, Schwefelsäure 0,37.
Der Gehalt der Samen an Öl beträgt etwa 50%, steigt aber auf 54,9 (~Fleury~), 55,3 (~Vohl~), 55,42 (~Flückiger~), ja 57,3% (~Langley~, in «chines. süßen Mandeln», s. oben S. 597). Beim Pressen erhält man 38-45%.
Das =Mandelöl=, =Ol. Amygdalae s. Amygdalarum expressum= (huile d’amande, almond oil, olio di mandorle, amandelolie, ἀμυγδαλέλαιον), das ebenfalls und oft in größerem Umfange aus den bitteren Mandeln oder aus einem Gemische beider dargestellt wird -- beide Öle stimmen im wesentlichen miteinander überein --, wird meist durch kalte Pressung der zerkleinerten ungeschälten Samen in Zwillichsäcken gewonnen. Es besteht fast ausschließlich aus +Olein+, enthält kein Stearin (~Gusserow~, ~Hehner~ und ~Mitchell~), dagegen 5,71% +Linolsäure+ (~Farnsteiner~) -- reine Ölsäure kann daher nicht aus Mandelöl dargestellt werden --, freie Fettsäuren fehlen ganz (~Salkowski~ erhielt einmal 0,75%). Mandelöl wird nur langsam ranzig. Noch nach einem Jahre erhielt ~Lewkowitsch~ nur geringe Säurezahlen (0,79, 3,1).
Das spez. Gewicht beträgt 0,914-0,920, meist 0,9178-0,9183 (~Lewkowitsch~), der Erstarrungspunkt liegt bei -10 (~Girard~) bzw. -21 (~Maben~), die Verseifungszahl beträgt 189,5-195,4, die Jodzahl 93-101,26 (meist 96-98), die Bromzahl 69,87-74,37 (~Telle~), die Hehnerzahl 96,2, die Maumenézahl 51-54°, die Bromthermalprobe 17,6-21°, der Brechungsexponent (bei 40°) 1,4632-1,4642 (Pharm. helv. IV) im Butterrefraktometer (bei 15,5°) 70,9 Skalenteile, die Thermozahl, im Thermoleometer von ~Tortelli~ bestimmt, ist 50,7.
Der Erstarrungspunkt der +Fettsäuren+ liegt beim Öle aus süßen Mandeln bei 9,5-10,1, bei dem der bitteren Mandeln bei 11,3-11,8° (~Lewkowitsch~), der Schmelzpunkt der Fettsäuren liegt bei 13-14°, ihre Neutralisationszahl beträgt 204 mg KOH, ihre Jodzahl ist 93,5-95,5 bei süßen, 94,1-96,5 bei bitteren Mandeln (~De Negri~ und ~Fabris~) (die Jodzahl der flüssigen Fettsäuren 101,7).
Das Mandelöl ist also durch eine +niedrige Jodzahl+ und +niedrigen Schmelzpunkt der Fettsäuren+ ausgezeichnet.
Die Charakteristika einiger Mandelöle und verwandter Öle ergaben sich aus folgender Tabelle (~Lewkowitsch~).
----------------------+------------+------------+-------+-----------+ Art des Öles |Spezifisches|Verseifungs-|Jodzahl|Butter- | |Gewicht | zahl | |refrakto- | | | | |meter | | | | |b. 40° C | ======================+============+============+=======+===========+ Mandelöl ausgepreßt | | | | | aus: | | | | | 1. Süßen | | | | | Valenciamandeln | 0,91995 | 207,6 | 99,4 | 57,5° | 2. Geschälten süßen | | | | | Valenciamandeln | 0,9182 | 191,7 | 103,6 | 57,5° | 3. Süßen sicilianisch.| | | | | Mandeln | 0,9178 | 183,3 | 100,3 | 57,0° | 4. Bitteren | | | | | Magazanmandeln | 0,9180 | 188,6 | 102,5 | 56,5° | 5. Kleinen indischen | | | | | Mandeln | 0,91907 | 189,2 | 96,65| 57,0° | 6. Bitteren | | | | | Mogadormandeln | 0,9183 | 194,98 | 104,2 | 57,0° | | | | | | 7. Pfirsichkernöl | 0,9198 | 191,4 | 95,24| 57,5° | | | | | | 8. Aprikosenkernöl | 0,9200 | 192,4 | 107,4 | 58,0° | 9. Aprikosenkernöl | | | | | Mogador | 0,9172 | 198,2 | 107,9 | 57,0° | 10. Kalifornisches | | | | | Aprikosenkernöl. | 0,92026 | 190,3 | 108,7 | 58,0° |
----------------------+------+----------------+----------------------- Art des Öles | | Fettsäuren | Farbenreaktionen | +---------+------+-----------+----------- |Säure-| | Ver- | Biebers | Phloro- | zahl |Neutrali-| sei- | Probe | glucin- | |sations- |fungs-| (H₂SO₄ + | Salpeter- | | zahl | zahl |rauch.HNO₃)| säure- | | | | | probe ======================+======+=========+======+===========+=========== Mandelöl ausgepreßt | | | | | aus: | | | | | 1. Süßen | | | | | Keine Valenciamandeln | 5,16 | 207,8 | 207,6| Farblos | Färbung 2. Geschälten süßen | | | | | Keine Valenciamandeln | 2,9 | 196,4 | 201,7| Farblos | rote | | | | | Färbung 3. Süßen sicilianisch.| | | | | Keine Mandeln | 0,79 | 198,8 | 202,2| Farblos | rote | | | | | Färbung 4. Bitteren | | | | | Schwach Magazanmandeln | 3,1 | 196,8 | 203,1| Farblos | rot 5. Kleinen indischen | | | | | Schwach Mandeln | 2,9 | 195,8 | 200,7| Farblos | rot 6. Bitteren | | | | | Keine Mogadormandeln | 1,3 | 197,1 | 203,2| Farblos | rote | | | | | Färbung 7. Pfirsichkernöl | 3,0 | 196,8 | 205,0| Zuerst | Tiefrote | | | | farblos, | Färb. | | | | dann rot | 8. Aprikosenkernöl | 2,3 | 198,0 | 202,0|Rotfärbung | Tiefrote | | | | | Färb. 9. Aprikosenkernöl | | | | | Weniger Mogador | 2,8 | 194,0 | 200,7|Schwach rot| tiefrot Mogador | 2,8 | 194,0 | 200,7|Schwach rot| als 8 10. Kalifornisches | | | | Sehr | Aprikosenkernöl. | 1,2 | 197,8 | 202,8|schwach rot| „ „ „
Nach dem Eintragen in konz. Kali-Ammoniak (~Hartwich-Uhlmann~sche Mischung), verhält sich Mandelöl ähnlich wie Olivenöl (s. d.). Die Verbrennungswärme des Mandelöls beträgt bei konstantem Volumen 9454, bei konstantem Druck 9469 g-cal. (~Sherman~ und ~Snell~). Bei der Keimung wird das Fett aufgebraucht (~Fleury~ 1865).
Die +Mandelpreßkuchen+, die, wenn sie ausschließlich von süßen Mandeln stammen, was aber zurzeit jedenfalls selten ist (s. oben), als Futtermittel benutzt werden können (Prüfung auf Blausäure im Destillat!), enthalten im Durchschnitt in %: Wasser 6,69, Fett 15,15, stickstoffhaltige Substanzen 41,28, stickstofffreie Substanzen 20,63, Cellulose 8,94, Asche 4,31 (~Collin-Perrot~).
+Mandelschalen+ enthalten in %: Wasser 9,65, Stickstoffsubstanz 2,08, Fett 1,15, in Zucker überführbare Stoffe 16,74, sonstige stickstofffreie Substanzen 18,5, Rohfaser 48,76, Asche 3,17 (in der Asche im Mittel 11,17% K₂O).
=Lit.= ~Boullay~, Anal. d. amand. douc. Journ. pharm. 1817, 337 und Buchn. Rep. 6, 395. -- ~Sachs~ (Vgl. Unters. d. süß. u. bitt. Mand.), Berl. Jahrb. f. Pharm. 1816. -- ~Proust~, Journ. chim. phys. 54, 199. -- ~Vallée~, Compt. rend. 136 (1903) 114. -- ~Pelouze~, Ann. Chim. phys. 45 (1855), 324 (Journ. pharm. (3) 27, 321). -- ~Scheitz~ und ~Ludwig~, Die Bestandt. d. süßen Mandeln. Arch. Pharm. 1872, 420. -- ~Bourquelot~, Journ. pharm. chim. 18 (1903), 241 u. Arch. Pharm. 1907, 173. -- ~Leclerc du Sablon~, Compt. rend. 123, 1084. -- ~Wittmann~, Zentrbl. d. Landw. Versuchswes. v. Österr. 1901, 131. -- ~Lemport~, Über d. Pepton d. süß. Mand. Pharm. Zeitschr. f. Rußland 1897, 528. -- ~Ortloff~ (Analyse d. Emulsins). Arch. Pharm. 98 (1846). 12. -- ~Hérissey~ (Emulsin in Lichenen). Journ. pharm. chim. 1898, 578 u. Rech. sur l’émulsine. Thèse Paris 1899. -- ~Brachin~, Lactase Thèse Paris 1904. -- ~Heut~, Emulsin. Arch. Pharm. 1901, 581 (dort d. Lit.). -- ~Rosenthaler~, Biochem. Zeitschr. 1908-1910. -- ~Caldwell~ und ~Courtauld~, Proc. Royal Soc. 79, 350. -- ~Armstrong~ und ~Horton~, Ebenda 80, 321. -- ~Euler~, Allg. Chem. d. Enzyme. 1910. -- ~E. Fischer~, Vers. m. Emulsin. Ber. d. chem. Ges. 1894, 2990. -- ~Benecke~, Lieb. Ann. 122, 249 u. 127, 105. -- ~Portes~, Journ. pharm. chim. 1877, 30. -- ~Langley~, Journ. am. chem. soc. 1907. -- ~Osborne~ u. ~Campbell~, Journ. am. chem. soc. 1896. 609. -- ~Osborne~ u. ~Clapp~, Am. journ. phys. 1908, 470. -- ~Muss-Arnolt~, Transact. am. ph. assoc. 23, 106. -- ~Commaille~, Thèse Marseille, Jahresb. d. Chem. 1866, 712. -- ~Ritthausen~, Eiweißkörper 1872 u. Journ. pr. Chem. (2) 23, 24 und 26. -- ~Bourquelot~ u. ~Hérissey~, Compt. rend. 137 (1903), 56 u. Journ. pharm. 1903. -- ~Barbieri~, Journ. pr. Chem. (2) 18, 102. -- ~Mario Tonegutti~, Pharm. Centralbl. 1911, 332 u. 744. -- ~Dunlap~ und ~Seymour~, Journ. am. soc. 27, 935. -- ~Godet~ (Stickstofffreie Bestandt.), Diss. Zürich 1909. -- ~König~, Nahrungs- und Genußm. (dort d. chem. Lit.). -- Älteste Analyse: ~Zwinger~ (~Hegner~), Analysis fruct. amygd. Basil 1703.
+Öl+: ~Fleury~, Ann. chim. phys. 4 (1865) 38. -- ~Vohl~, Dingl. Polyt. Journ. 200 (1871) 410. -- ~Flückiger~, Pharmakogn. -- ~Hazura~ und ~Grüssner~, Monatsh. f. Chem. 10, 242 (Ber. d. chem. Ges. 1889 Ref. 578). -- ~Lewkowitsch~ a. a. O. -- ~Hehner~ und ~Mitchell~, Analyst 1896, 328. -- ~Allen~ und ~Brewis~, Pharm. Journ. 1900, 87. -- Über das Mandelgummi vgl. oben S. 455 u. ~Hoffmeister~, Ber. d. d. Bot. Ges. 1898, 289.
=Anwendung.= Die süßen Mandeln dienen außer zur Ölpressung zur Bereitung der Emulsio amygdalarum, Syr. amygd. usw., sowie in der Küche und der Patisserie.
=Verfälschungen und Substitutionen.= Ganze Mandeln werden oft mit Aprikosen-, Pfirsich- und Pflaumen-«Kernen» verfälscht. +Pfirsichkerne+ sind flacher, breit eiförmig, scharfrandig, kleiner, ihre Schale ist sehr dünn, braun. Die Tonnenzellen verjüngen sich nach außen, so daß sie sich nur an der Basis berühren. +Pflaumenkerne+ sind mehr lang als breit-eiförmig, dick, abgerundet mit dünner brauner Schale, mit unangenehmem Nachgeschmack. Die Tonnenzellen ähneln denen der Aprikose. +Aprikosenkerne+ sind breit-herzförmig, flach, ihre Schale ist lederig, die Tonnenzellen sind meist kleiner als beim Pfirsich und der Mandel, in Flächenschnitten nicht wahrnehmbar. Geschmack ähnlich den Pflaumenkernen, Geruch nach dem Brühen unangenehm süßlich (~Wittmack~ und ~Buchwald~, ~Moeller~).
~Hannig~ gibt folgende auf die Epidermiszellen (und die Nerven) gegründete Bestimmungstabelle:
1. Epidermiszellen am +Nabelfleck+ (Chalaza) zusammenhängend (selten mit zerstreuten kleinen Lücken. Außenplatte verdickt (2).
Epidermiszellen am Nabelfleck in kleinere oder größere Gruppen aufgelöst oder ganz isoliert (3).
2. Epidermiszellen in der +Flächenansicht+ groß, bis 100 µ Durchmesser, dünnwandig. Außenplatte nicht getüpfelt (bei tieferer Einstellung der Außenplatte zuweilen kaum erkennbare Punktierung), Außenplatte nicht (oder nur ganz ausnahmsweise) rissig aufgesprungen, in der +Seitenansicht+: Außenplatte kappenförmig verdickt (Pfirsich).
Epidermiszellen in der +Flächenansicht+ beträchtlich kleiner, stark und unregelmäßig verdickt, sehr stark getüpfelt (vereinzelte Zwetschen).
3. Epidermiszellen in der +Flächenansicht+ groß, bis 120 µ Durchmesser, dünnwandig. Außenplatte auffallend rissig gesprungen, sehr oft ganz abgebrochen, nicht getüpfelt (selten kaum erkennbare Punktierung bei tieferer Einstellung der Außenplatte). Die Seitenwände erscheinen gar nicht, oder erst bei tieferer Einstellung getüpfelt. Tüpfel zerstreut. In der +Seitenansicht+: Außenplatte nicht kappenförmig verdickt. -- +Nervenendigungen+ glatt zugespitzt, nicht baumartig verästelt, +Nervenstämme+ ohne baumartig verästelte Abzweigungen (Mandel).
Epidermiszellen meist +kleiner+ (etwa 60 µ), dickwandig, stark getüpfelt.
4. Nervenendigungen baumartig verzweigt, Nervenstämme mit kurzen, baumartig verästelten Abzweigungen. Epidermiszellen ziemlich klein, Außenplatte stets getüpfelt. In der +Flächenansicht+: Epidermiszellwände +gleichmäßig+ dickwandig (Aprikose).
Nervenendigungen ohne baumartig verzweigte Enden oder Abzweigungen. Seitenwände sehr stark getüpfelt, +unregelmäßig+ verdickt (5).
5. Samenschale braun, Tüpfel oft verzweigt, Tüpfelkanäle nach der Außenseite der Membran zu verdickt (Zwetsche).
Samenschale hellgelb, Tüpfel selten verzweigt, Tüpfelkanäle nicht nach außen verdickt (Reineclaude).
--------------------------------------------------------------------- | Epidermiszellen der Samenschale | Durchmesser | Höhe ===================================================================== Mandeln (Bari, | | Marokko, Provencer) | 23-124 µ (69-84 µ) | 64-144 µ (136-159 µ) | | (ausnahmsweise | | 200 µ) Pfirsiche | 48-106 µ (38-59 µ) | 52-104 µ (66-87 µ) (einheimische) | | (ausnahmsweise | | 165 µ) Aprikosen (Lyon, | | Vaucluse, | 34-66 µ (60-102 µ | 36-62 µ (42-54 µ) einheimische) | franz. bis 111)| Reineclauden | 32-64 µ («Pflaumen» | 34-48 µ (48-60 µ) (einheimische) | 66-102 µ) | Zwetschen | 36-64 µ (etwas kleiner| 36-56 µ (ungefähr wie (einheimische, | wie die «Pflaumen»)| die Pflaumen) kalifornische) | |
[Nach ~Hannig~, die Zahlen von ~Wittmack~ und ~Buchwald~ in Klammern.]
Alle diese anderen Kerne sind bitter. Neuerdings kommen aber auch süße Aprikosenkerne aus Japan (und China) in den Handel (Analyse derselben bei ~Rosenthaler~ und ~Schaeffer~, Pharm. Centralh. 1911, 507). Zerbrochene und von Insekten beschädigte Mandeln sind zu verwerfen. Sie werden leichter ranzig als ganze. Zur Verfälschung benutzte «Mandeln in Flocken», die 1909 im Handel waren, erwiesen sich als zerschnittene _Arachis_samen (~Collin~), andere als geraspelte Copra. Mit Eau de Javelle gebleichte Mandeln waren 1909 im Handel (~Debrun~). Die sog. Amygdalae virides sind die Samen von Pistacia vera L. Der sog. «+Mandelkaffee+» hat mit der Mandel nichts zu tun. Er besteht aus den gerösteten und gemahlenen Knollen von Cyperus esculentus bzw. Rüben- oder Cichorienkaffee.
=Lit.= +Wittmack+ und +Buchwald+, Untersch. d. Mand. von ähnl. Samen. Ber. d. Bot. Ges. 1901, 584 (mit Taf.). -- ~Hannig~, Untersch. d. Mand. v. ähnl. Samen. Zeitschr. f. Unters. d. Nahrungsm. 1911, 577 (mit Abbild.).
Als +Verfälschungsmittel des Mandelöls+ werden genannt: Mohnöl, Sesamöl, Nußöl, Baumwollsamenöl, Olivenöl, Arachisöl und besonders Pfirsich- und Aprikosenkernöl. Die beiden letzteren ersetzen oft (z. B. in Amerika 1903) das reine Mandelöl. Das sog. Ol. am. gallicum ist Aprikosenkernöl, rein oder mit Pfirsichkernöl gemischt. Sie sind z. Z. noch nicht mit Sicherheit im Mandelöl nachzuweisen. Reines Mandelöl bleibt mit Salpetersäure von 1,4 spez. Gew. farblos oder wird leicht gelb, reines Aprikosenkernöl wird orangegelb, reines Pfirsichkernöl gelblichbraun. Bei der Elaidinprobe ist die Ölschicht farblos beim Mandelöl, rötlich beim Aprikosen- und Pfirsichkernöl (~Schimmel~). Vgl. auch die Tabelle auf S. 604. Mandelöle, die eine Jodzahl von über 105 geben, sind verdächtig.
=Lit.= ~Nélis~ (Nachweis fremder Öle), Ann. de Pharm. 1896. -- ~Lewkowitsch~, Soc. publ. Analysis. London 1904. -- ~Dieterich~, Pfirsichkernöl. Pharm. Centralh. 1896. -- ~Schimmel~, Ber. 1897 u. 1907 (chines. u. japan. Pfirsichkerne). -- ~Chwolles~ (Prüf. auf Pfirsichkernöl). Chem. Zeit. 1903. -- ~Allen~ und ~Brewis~, Almond oil and its substitut. Pharm. Journ. 1900, 87.
=Geschichte.= Die Mandel wird in der Bibel oft erwähnt (z. B. in der Genesis). Der Baum blüht in Palästina zuerst von allen Bäumen, daher hebr. schaked, d. h. sich beeilen. ~Arons~ Reis war ein Mandelreis. Bei großen Festen tragen die Juden noch heute Mandelzweige in die Synagoge. Die Frucht der Mandel war das Modell für die Leuchter des Tabernakels (~Tristram~). Sie scheint in Ägypten nicht kultiviert worden zu sein, denn die Juden brachten Mandeln dorthin als Geschenk. Schon die alten Hebräer und die Griechen kannten bittere und süße Mandeln. Deutlich werden sie als Amygdala amara und dulcia bei ~Scribonius Largus~ (I, S. 576) auseinander gehalten. Nach Griechenland kam die Mandel aus den Pontusgegenden. Der Name der Frucht wird zuerst bei ~Phrynichus~, einem Dichter der älteren attischen Komödie im V. Jahrh. n. Chr. erwähnt, als ναξία αμυγδάλη (~Athenaeus~ II, 52), dann bei ~Xenophon~ (~Anabasis~ IV, 4): ἀμυγδάλιον χρῖσμα. ~Dioskurides~ erwähnt das ἀμυγδάλινον ἔλαιον. Daß die Römer die Mandel von den Griechen erhielten, zeigt der Name nux graeca. Nach ~Plinius~ wird Mandelöl aus zuvor gedörrten und gestoßenen bitteren Mandeln gepreßt. Die Scriptores rei rusticae erwähnen ihren Anbau, ~Scribonius Largus~ und ~Alexander Trallianus~ ihre medizinische Anwendung. Sie finden sich abgebildet in Pompeji (I, S. 575, ~Schouw~, ~Comes~). ~Cato~ erwähnt die Avellanae graecae, ~Columella~ nennt sie nuces graecae, ~Scribonius Largus~ amygdalae, ~Celsus~ nux amara. Prähistorische Reste fehlen. In der Terramare wurden keine Mandeln gefunden, ebensowenig in der Saalburg. Der «Mandelkern» aus dem spätrömischen Pfahlbau von Fulda ist fraglich (~Wittmack~). 760 n. Chr. werden Mandeln in der Charter des Klosters von Corbie (I, S. 714) erwähnt. Die mittelalterliche Kochkunst verbrauchte enorm viel Mandeln, wie z. B. das Inventar des ~Jeanne d’Evreux~ 1372 (I, S. 716) und die Rezepte des Kochs ~Richard~ II. (1390) zeigen. In ~Karls~ Capitulare (LXX, 83) wird die Kultur der Amandalarii empfohlen. Die Mandel wurde zur Karolingerzeit in Süddeutschland und Nordfrankreich naturalisiert und gelangte erst nach der normannischen Eroberung nach England. Noch zu ~Turners~ Zeit (1548) gedieh sie dort nur in Gärten. Im späten Mittelalter fanden sich Kulturen bei Speyer. ~Bock~ erwähnt solche in der Pfalz, ~Gesner~ bei Straßburg, Lindau, Torgau, Breslau. Der chinesische Pentsao aus dem X. oder XI. Jahrh. erwähnt den Mandelbaum aus Indien und Persien. Im Mittelalter bezog Deutschland die Mandeln -- wie noch heute -- aus Italien. ~Marino Sanuto~ (I, S. 722) erwähnt sie als Gegenstand des venetianischen Handels. Sie wurden damals auf den griechischen Inseln, z. B. auf Cypern, kultiviert. In Norwegen waren Mandeln im XIV. Jahrh. bekannt. In The spices, groceries etc. (1303, I, S. 84) stehen Ammigdalae, ebenso in der Danziger Preisliste 1410, ambrosianische Mandeln in den Braunschweiger Inventaren (1598 u. 1658) und der Frankfurter Taxe (1689). Der Autor des Makhzan erwähnt zwei Arten, die dickschalige und die dünnschalige (kaghazi), und kennt eine Art Enfleurage, bei der Mandeln benutzt werden, und die Benutzung der Schalenasche zu Zahnpulvern. ~Pomet~ erwähnt verschiedene Methoden der Mandelölgewinnung. Er empfiehlt die noch heute übliche. ~Malpighi~ bildet (in Opera tab. XLIII N.) einen guten Längsdurchschnitt durch die Frucht und den Samen der Mandel ab. «Die Mandel mußte frühzeitig, wie die Nuß, mit der sie Ähnlichkeiten zeigt, als Sinnbild der sich verjüngenden Natur, des sorgsam eingeschlossenen Lebenskeimes, der männlichen Zeugungskraft oder der weiblichen Gebärmacht gelten» (~Aigremont~). Es knüpfen sich an sie viele stark erotische Sagen. (Einige teilt ~Gubernatis~ mit). Sie galt auch als die von der Natur dargebotene Bestätigung der unbefleckten Empfängnis Mariae: «Christus wurde gezeuget in Marien, wie der Mandelkern sich in der unverletzt bleibenden Mandel bildet» (~Conrad~ von Würzburg, Goldene Schmiede). Die Sitte, sich Weihnachten mit Mandeln zu beschenken, rührt daher. Auch in der Volkserotik und bei den Hochzeitsbräuchen spielt die Mandel, deren Form an den Hoden erinnert, eine Rolle.
=Lit.= ~De Candolle~, L’origine d. pl. cult. -- ~Hehn~, Kulturpflanz. -- ~Tristram~, Nat. history of the bible. 1898. -- ~Flückiger~ und ~Hanbury~, Pharmacogr. -- Pharmacogr. indica. -- ~Hoops~, Waldbäume und Kulturpflanzen 1905. -- ~Aigremont~, Volkserotik und Pflanzenwelt. -- ~Gubernatis~, La mythologie des plantes.
Fructus Olivae und Oleum Olivae.
=Syn.= Ölbaum, Olive, -- Olivier (franz.) -- Olive tree (engl.) -- Olijfboom (holl.) -- Oljetraed (schwed.) -- öljypuu (finn.) -- olivo (span.) -- oliveira (port.) -- +arab.+ aceytuno, der wilde acebuche, das Öl: aceite -- +russ.+, +bulg.+, +serb.+ mālina, maslicna, maslina (maslo slav. = Öl). Bei den Berbern der Ölbaum zitun (arab.), der Oleaster sebbūdj. Bei ~Ibn Baithar~ Olea europaea = zajtūn, Oleum olivarum = zajt. Zeitu findet sich im hebräischen, phönikischen, arabischen und aramäischen. Der Ausdruck ging dann in das persische, kurdische, kaukasische und tartarische über (s. unten); +goth.+ alev, alevabagms; +althd.+ olbir, olei, oliboum; +mhd.+ oele, ol, olbaum, olvyn sussolpawm; +mnd.+ oly, ulber, ullebom. Bei ~Luther~: ole, bei ~Albertus Magnus~: oliva, bei der ~Hildegard~ (I, S. 667) Oleybaum und Baumoleum.
=Etym.= Das Babylonisch-Semitische kennt keinen Namen für Olive. Der älteste Name der Olive ist das hebräische sait, der sich auch im phönik., aramäisch. und arab. findet, als seitun ins pers. türk., georg., malaii. und javan. überging, -- +syr.+ zayto, +chald.+ zêtâ, +äthiop.+ zayt -- und von den Arabern (mit der Sache) auch nach Algerien (zitun, das Öl zit) und Andalusien (aceytuno, das Öl aceite) gebracht wurde. Der Stamm scheint auch im armenischen (dzêtʿ) und ägyptischen (tʿet-t, tat) wiederzukehren und auch im berberischen tazemmourt enthalten zu sein. Das griech. ἐλαία (= Ölbaum) und ἔλαιον (= Öl) leitet ~Lagarde~ vom armenischen iul (= Öl) ab, was ~Hübschmann~ und ~Schrader~ aber nicht gelten lassen. Das römische oleum, oliva ging dann ins italienische (ulivo), französische (olivier) und spanische (olivo, oliveiro) über. ~Lagarde~ leitet auch sowohl das semitische wie das ägyptische Wort aus dem armenischen oder einer nahestehenden Sprache ab. Das got. alév (= Öl) alêvabagms (= Ölbaum) ist vielleicht durch keltische Vermittelung aus olîva entstanden.
=Stammpflanze u. systemat. Stellung.= =Olea europaea β sativa= ~Dc.~ (Olea sativa ~Lk.~ u. ~Hffmnsg.~) mit einer großen Anzahl (c. 300) Sorten, von denen einige zu Tafeloliven eingesalzen, andere zur Ölpressung benutzt werden.
~Antoine Gouan~ beschreibt schon 12 Sorten. Die Enzyklopädie (1765) 19, ~Semler~ 25, ~Duchesne~ 43. ~Degrully~ bildet (1907) 23 französische, 12 algerische, 17 tunesische ab und erwähnt 43 italienische und 21 spanische Sorten. Die californischen Sorten sind abgebildet in Yearbook U. St. Dep. of agricult. 1897.
+Oleaceae+ -- Oleoideae -- Oleineae (Olea) Sectio Euelaea ~Dc.~
=Beschreibung der Stammpflanze.= Der Ölbaum hat eine graugrüne, im Alter rissige Rinde, unbewehrte Zweige mit rundlichem Querschnitt, gegenständige, sehr kurzgestielte, lederige, immergrüne, lanzettliche, ganzrandige, am Rande etwas umgeschlagene Blätter, die oberseits grün, unterseits durch zahlreiche, schildförmige Haare silbergrau sind. Die zu kleinen achselständigen, rispigen Trauben vereinigten Blüten sind hermaphrodit und besitzen einen spitz-vierzähnigen bleibenden Kelch, eine kurzröhrige, tief-vierlappige weiße Krone, zwei am Grunde der Krone inserierte Staubgefäße mit kurzem Filament und großer Anthere und einen oberständigen, zweifächerigen Fruchtknoten mit kurzem Griffel und zwei Ovulis (Fig. 189). Die Frucht ist eine Drupa (das Wort drupa schon bei ~Plinius~) mit einfächeriger, einsamiger (seltener zweifächeriger, zweisamiger), brauner, heller geaderter, etwas zusammengedrückter, harter, in der Form der Fruchtform folgender Steinschale. Der Same ist mit einer netzaderigen Schale umgeben, enthält reichlich Endosperm und einen geraden Keimling mit kurzem, nach oben gerichtetem Würzelchen und blattartigen Cotyledonen.
«Schön im Sinne der Romantik ist der Baum der Minerva nicht (vgl. Taf. XIV), aber nichts erweckt mehr das Gefühl der Kultur und friedlichen Ordnung und zugleich der Dauer derselben, als wenn er in offenen gereinigten Hallen mit dem kaum merklich flüsternden Laube an gewundenen Stämmen die Hügel ersteigt oder die geneigten Ebenen leicht beschattet und gern gesteht man ihm dann mit ~Columella~ das Prädikat prima omnium arborum zu» (~Hehn~).
Die Olive ist der Fruchtbaum der Mittelmeerländer par excellence. Das Mittelmeergebiet ist pflanzengeographisch das Reich des Ölbaums (~de Candolle~, ~Grisebach~, ~Flahault~, ~Th. Fischer~), seine Polar- und Höhengrenze fällt mit der des Ölbaumes zusammen. Die Mittelmeerflora ist im wesentlichen eine Küstenflora und demnach liebt auch der Ölbaum das Küstenklima.
«Der Ölbaum ist also in jeder Hinsicht ein echt mediterranes Gewächs, ja geradezu das charakteristischste unter den immergrünen laubtragenden Holzgewächsen der Mittelmeerländer». «In lichten Hainen, die sanften oder terassierten Hänge der reichgegliederten Mittelmeerländer, selten die Ebene bedeckend, verleiht er mit seinen graugrünen, kleinen, steifen Blättern, die sich alle 2-3 Jahre erneuern, seinen, wenn er alt wird, knorrigen Stämmen, der Mittelmeerlandschaft ein ganz eigenartiges Gepräge» (~Th. Fischer~).
Er erreicht selten mehr als 10 m Höhe. Meist wird er im Alter hohl, «der Stamm zerspringt und löst sich in eine Gruppe knorriger, gespensterhaft verzerrter Stämme mit wunderlich verstrickten Gliedern auf» (Fig. 190). Er erscheint dann auseinandergeborsten, wie mit Toren versehen, schraubenförmig gedreht, im unteren Teile fast wie ein Felsblock (~Jul. Schmidt~). Die silbergraue Belaubung ist dünn, die Olivenhaine daher licht. Die Olive ist unverwüstlich. Im Garten Gethsemane bei Jerusalem werden 8 uralte Ölbäume gezeigt, die angeblich schon zu Christi Zeit erwachsen waren (~Ritter~). Auch anderwärts, besonders in Algier, finden sich solche alte Oliven. Der Ölbaum bedeckt z. B. in Ligurien, Apulien, Niederandalusien, dem tunesischen Sahel in lichten Hainen ganze Landschaften in einem polwärts sich unmittelbar an die Dattelpalmenzone anschließenden Gürtel. In Italien kann man die Zahl der Ölbäume auf 100, in Spanien auf 300 Millionen schätzen, in Tunis auf 20, in Corsika auf 36 Millionen. Die Olivenkultur reicht in Algarvien bis 1400′, in der Sierra Nevada bis 3000′ bzw. 4200′, bei Nizza bis 2400′, am Ätna bis 2200′, in Macedonien bis 1200′, in Cilicien bis 2000′ (~Grisebach~).
Der dornige, mehr buschige, selten stattliche, +wilde Ölbaum+, ἐλεῖα ἀγρία (~Dioskurides~), κοτίνος (~Theophrast~), Oleaster (~Plinius~), Olea europaea α Oleaster ~Dc.~, der kleine, wenig fleischige, längliche, schwarze Früchte hervorbringt, mehr oder weniger vierkantige Zweige und längliche oder eiförmige Blätter besitzt, ist vom Ostrande des Hochlandes von Iran (~Bellew~) über Syrien, Griechenland (~Heldreich~), Italien (~Caruel~) bis Spanien, Algerien und zu den westlichsten Tälern des Atlas verbreitet und wohl in allen diesen Ländern ursprünglich heimisch. Blätter des Ölbaums wurden im Pliocen bei Mongardino gefunden (~Cavara~). Er wird nie zu einem Ölbaum, wie schon ~Theophrast~ wußte -- wie der Ölbaum durch Verwilderung nie zu einem Oleaster -- und ist bestimmt verschieden von diesem. Der Oleaster bleibt hinter der Polargrenze des Ölbaums zurück. Er erreicht sie nicht. In Südchile und Mexiko, wo der Ölbaum kultiviert wird, ist Oleaster ganz unbekannt. Ob er die Urform, die Urolive, ist, aus der sich die Kulturolive entwickelt hat, wissen wir nicht, aber es darf wohl angenommen werden, daß entweder er oder ein naher orientalischer Verwandter die Urform ist. Von beiden verschieden ist der schon von ~Theophrast~ unterschiedene indische Ölbaum (Olea cuspidata ~Wall.~).
=Lit.= ~Degrully et Viala~, L’Olivier Montpellier 1886-1890. -- ~Degrully~, L’olivier 1907 (m. zahlr. Abbild.) und Ann. Ec. nat. agric. Montpellier 1906. -- ~A. Coutance~, L’Olivier. Paris 1877. -- ~G. Cappi~, La coltivazione dell’ Olivo. San Remo 1875. -- ~Theob. Fischer~, Der Ölbaum, seine geogr. Verbreit., seine wirtschaftl. u. kulturhist. Bedeut. Peterm. Geogr. Mitt., Ergänzungsheft Nr. 147, 1904 (mit einer Karte). -- ~Pasquale~, Stud. bot. ed agronomici sull’ ulivo e sua varieta. Rend. R. Acad. scienz. etc. Napoli 1873. -- ~Piccone~, Prim. stud. p. una monogr. d. princ. var. d’ulivo etc. Genova 1879. -- ~Trabut~, L’Olivier en Algérie 1900. -- ~G. Caruso~, Monografia dell’ ulivo in Enciclopedia agraria III, 1882 und Coltivazione degli ulivi e la manifattura dell’ olio 1870. -- ~Cabrie~, Der Olivenbaum, seine Cultur usw. 1901. -- ~Aloi~, L’olivo e l’olio 1903. -- ~Brizzi~, Olivicultura 1903. -- ~Flaminio Bracci~, Olivicultura ed oleificio 1907. -- Kurze Übersicht: ~P. D’Aygalliers~, L’olivier et l’huile d’olive. Paris 1900 (mit Abbild.). -- ~Eastmann~, Olivenkultur in Californien. Pharm. Era 1896. -- Über die Kulturen in Indien, Cuba usw. Brit. and Colon. Drugg. 1897. -- ~Willkomm~, Grundzüge der Pflanzenverbreitung auf d. Iber. Halbinsel 1896. -- ~Grisebach~, Vegetat. d. Erde. -- ~Semler~, Trop. Agrikult. -- +Abbild.+: ~Pabst-Köhler~, Medizinalpfl. t. 109. -- ~Berg-Schmidt~, Atlas I. Aufl. t. 33. -- ~Nees von Esenbeck~, Pl. med. t. 212. -- ~Bentley-Trimen~, Med. pl. t. 172 und in den oben genannten Werken.
=Pathologie.= Über die +pflanzlichen Schädlinge+ berichtet Prof. ~Ed. Fischer~: Auf dem Ölbaum sind sehr zahlreiche parasitische Pilze beobachtet worden, die mehr oder weniger erhebliche Schädigungen hervorrufen. Unter denselben interessieren uns zunächst vor allem die auf den Früchten auftretenden. Es sind das hauptsächlich sogenannte Imperfekte, die mehr oder weniger große, vertiefte und verfärbte Flecken hervorrufen und eventuell schließlich auch ein teilweises oder vollständiges Verschrumpfen oder Lederigwerden des Fruchtfleisches herbeiführen können: Gloeosporium olivarum ~d’Almeida~ (La gaffa des olives en Portugal. Bulletin de la société mycologique de France XV 1890, p. 90), Macrophoma dalmatica (~v. Thüm.~) ~Berl. et Vogl.~ (s. ~A. Maublanc~, Sur une Maladie des Olives due au Macrophoma dalmatica. ibid. XX 1904, p. 229), Cylindrosporium Olivae ~L. Petri~ (s. Annales mycologici V 1907, p. 320). -- Ein eigentümlicher Hyphomycet ist Cyclogonium oleagineum ~Cast.~, welcher in der Epidermisaußenwand der Blätter sein Mycel entwickelt und dunkle rundliche Flecke hervorruft, aber auch auf Fruchtstiele und Früchte übergeht. Er ist in neuerer Zeit in Frankreich, Italien, Algier und im Kaukasus beobachtet worden. (Über denselben s. ~Boyer~ in Journal de Botanique V 1891, p. 434.) -- Andere Erkrankungen wirken mehr indirekt auf den Fruchtertrag nachteilig ein; so die sogenannte Bruscakrankheit, die in neuerer Zeit auf den Discomyceten Stictis Panizzei ~de Not.~ zurückgeführt wird und der Rußtau (Capnodium salicinum). -- Die wichtigsten Krankheiten des Ölbaumes behandelt ~L. Degrully~, L’Olivier, Montpellier 1907. -- Ein Verzeichnis der damals auf Olea europaea bekannten Pilze gibt ~von Thümen~ in Bollettino della società Adriatica di Scienze naturali in Triest. Vol. VIII 1883, p. 215 ff.
Die +tierischen Schädlinge+ sind beschrieben und abgebildet bei ~Degrully~ a. a. O. Dort auch die Beschreibung ihrer Bekämpfung (Fumigation etc.). Von tierischen Feinden werden genannt: die Olivenfliege (Mucha dell’ ulivo), Dacus oleae, deren Larve sich vom Fruchtfleische nährt und auch neuerdings wieder in Südfrankreich und Ligurien riesigen Schaden anrichtete und gegen die es noch kein Mittel gibt. Dann Tinea oleella ~Fabr.~, die den Kern angreift, Psylla oleae ~Fork.~, die die Blüten schädigt. Über den nach ~Trabut~ durch Bakterienimpfung durch Insekten zustande kommenden Olivenhonig vgl. oben S. 113.
=Lit.= ~Cappi~, La coltivazione dell’ Olivo 1875. -- ~Trabut~, L’olivier en Algérie 1900 (mit Abbild.). -- ~Paoli a Tagliaferri~, La Mosca delle olive ed il modo di combatterla, Firenze 1909. -- ~D’Aygalliers~ a. a. O.
=Kultur.= In Attika, dem klassischen Lande des Ölbaumes (~Herodot~ behauptet, daß es eine Zeit gegeben habe, wo +nur+ in Athen Ölbäume zu finden waren?), wurde die Olivenzucht und die Ölausfuhr staatlich überwacht. Im ganzen Altertum galt das Fällen von Ölbäumen als Verbrechen und die äußerste Grausamkeit des Feindes äußerte sich im Altertum und äußert sich noch heute im Niederhauen der Oliven, d. h. in der Vernichtung der Existenzbedingungen. Noch heute werden (z. B. in Sizilien und Sardinien) hohe Prämien auf die Anpflanzung der Olive gesetzt. An den Boden stellt der Ölbaum keine hohen Ansprüche. «Olea maxime collibus, siccis et argillosis gaudet» (~Columella~). Er liebt warme, trockene, durchlässige, poröse, kalihaltige Kalkböden. Die besten Oliven, das feinste Öl kommen von diesen. Überschwemmungen darf der Boden nicht ausgesetzt sein. Man legt die Olivenhaine gern auf terassierten sonnigen Hängen (Taf. XIV), nicht in der Ebene an. Auf feuchtem fettem Boden wird die Frucht größer, liefert aber weniger und schlechteres Öl. Der Ölbaum meidet Gegenden mit reichlichen, besonders zur Zeit seiner Fruchtreife niedergehenden Niederschlägen. Die Fruchtreife verlangt hohe, trockene Wärme -- je höher die Wärme, um so größer der Ölgehalt. Während z. B. 1909 1 dz Früchte 15,7 Liter Öl gaben, wurden in dem ungünstigen Jahre 1910 aus der gleichen Menge nur 14,8 Liter erzielt. Aber auch im Winter darf die Temperatur nicht stark sinken und Frühjahrsfröste sind besonders gefährlich. Doch kann der Ölbaum Temperaturen bis -8° aushalten, aber nicht lange. Die südliche und Polargrenze der Olive ergibt sich aus der Karte, ebenso die Verbreitung des Ölbaumes im Mittelmeerdrogenreich. Die Olive blüht im März (Südspanien, Nordafrika), April (Süditalien, Mittelspanien) oder Mai (Südfrankreich). Die Früchte werden im Laufe des Oktober reif. Doch dehnt sich die Ernte oft 3-4 Monate, ja über den ganzen Winter aus. Meist beginnt die Ernte im Oktober und endigt im März-April, nur ganz im Süden wird sie manchmal bis Juni hingezogen. Der Baum trägt nur an vorjährigem Holz Früchte. Die aus Samen erzogenen Oliven müssen gepfropft werden (die Samen keimen langsam, besser wenn sie zuvor in Aschenlauge gelegt werden). Zur Vermehrung werden außer Ablegern und Wurzelschößlingen auch die an den Wurzeln sitzenden Knoten (ovoli) benutzt, auch diese werden meist gepfropft. Die Kulturolive wird oft auf den Oleaster gepfropft. Die veredelten Ölbäume beginnen nach 3 Jahren Früchte zu tragen und kommen nach 8-10 Jahren zu vollem Ertrage, den sie dann bei guter Pflege (Düngung, Zurückschneiden) jahrhundertelang beibehalten können. Vom zehnten Jahre an ist der Baum rentabel. Man erntet die Olive, wenn sie ⅚ reif ist. Der Ertrag wechselt natürlich sehr. Ein großer Baum liefert in Italien bis 110 l Oliven, die etwa 13 kg Öl geben, in Sfax (Algier) ein volltragender Baum 320 l. Meist liefert ein ausgewachsener +Ölbaum+ aber nur durchschnittlich 63 kg Früchte. Vollernten erfolgen durchschnittlich nur alle 7 Jahre, in der Zwischenzeit ist der Ertrag unbedeutend (~Rickli~, Corsica). Meist folgt auf eine gute Ernte eine schlechte. In Italien rechnet man auf 3 Jahre 1½ volle Ernten. Doch erzielt man in Californien durch sorgfältige Pflege alle Jahre Vollernten. Man pflanzt die Bäume etwa in Entfernungen von 5 m oder weiter, damit das Licht leicht Zutritt findet. In Südfrankreich kommen 125-200 Bäume auf den Hektar, in Sizilien und Smyrna 100, in Tunis oft nur 17. In Mischkultur mit Olive ist (in Sizilien) Sumach, bisweilen auch die Rebe, in Corsika auch Weizen, Artischocken, Gerste oder Bohnen. Die Kultur der Olive ist bei ~Semler~ a. a. O. ausführlich beschrieben.
=Verbreitung der Olivenkultur.= =Portugal= hat fast in seiner ganzen Ausdehnung, mit Ausnahme allein des Nordens (die Polargrenze fällt fast mit der politischen Grenze zusammen), Olivenhaine (oliveiras), 200000 ha sollen in diesem Lande unter Oliven stehen, doch ging die Olivenkultur lange Zeit zurück. Die Ausfuhr von Olivenöl betrug 1900: 379509 hl. Neuerdings hebt sie sich wieder. Viele Ortsnamen erinnern an die Olive (Oliveira, Olivaes, Azeitas).
=Spanien= hat von allen Ländern die meisten Olivenhaine (1154000 ha sollen (1899) unter Oliven stehen) und liefert das schlechteste Olivenöl. Die nördlichen Gegenden haben, mit Ausnahme des Ebrotales, keine Olivenkultur, wohl aber die ganze Mittelmeerküste (Katalonien, Valencia, Murcia) die Balearen und große Bezirke des Innern um Madrid und südlich davon. Die für die Olivenkultur wichtigste Landschaft ist Andalusien, dann Katalonien und Aragonien. ~Willkomm~ schildert einen 90 km langen Olivenhain in Niederandalusien. Obenan stehen die Provinzen Cordoba und Sevilla. Dann folgen Lerida und Tarragona und in weitem Abstand Badajoz, Murcia, Ciudad Real, Toledo, Valencia, Malaga und Zaragoza. Spanien verbraucht selbst viel Oliven und Öl, exportiert aber doch noch jährlich für 18-57 Mill. Pes. Öl über Malaga, Sevilla, Cadiz, Barcelona.
In =Frankreich= finden sich Olivenhaine nur im Süden an der Mittelmeerküste, vorwiegend in der Provence, Roussillon, Languedoc, Alpes maritimes, Var, Bouches du Rhône, sowie auf Corsika. Ein Teil des südfranzösischen Arrondissement Grasse ist ganz mit Oliven bestanden. Grasse liefert das feinste Öl der Provence, dann Aix und Nizza. 130-150000 ha sind mit Oliven bestanden, die etwa 2 Mill. dz Oliven liefern. Marseille ist ein wichtiger Handelsplatz für Olivenöl. Es führt viel aus Spanien und Tunis ein und viel auch aus.
Nächst Spanien ist =Italien= das olivenreichste Land (900000 ha). Sein Landschaftsbild wird durch die Olive geradezu beherrscht. Nur Piemont hat keine Olivenzucht, sonst alle Landschaften, besonders die Küsten, fast ganz Sizilien und ein großer Teil Sardiniens. Obenan steht Apulien, dann folgt Sizilien und die Tyrrhenische Südregion, endlich Toskana, Marken und Umbrien, Ligurien, Latium, Sardinien. Eine italienische Mittelernte liefert 2-3 Mill. hl. Olivenöl, fast ebensoviel wie das viel mehr Oliven beherbergende Spanien. Italien führt Ol. oliv. besonders aus Bari, Palermo, Messina, Livorno, Genua, Gallipoli, Porto Maurizio, Neapel, Tarent aus. 1890 betrug die spanische Ernte 3, die italienische 1,3 Mill., die französische 300000 hl Oliven.
Olivenkultur findet sich auch in Albanien, Epirus, Thessalien, Mittel-Griechenland (Olivenhain am Kephissos bei Athen), Peloponnes (Argolis, Messenien), Korfu, Leukas, Lesbos und anderen Inseln, besonders Kreta, das eine wahre Oliveninsel ist. Die jährliche Olivenproduktion =Griechenlands= beträgt c. 141 Mill. kg, wovon c. 6,5 Mill. kg exportiert werden, die jährliche Ölproduktion 25 Mill. kg, wovon die Hälfte exportiert wird (~Emmanuel~). In der =Türkei= sind namentlich am Marmarameere, auf den Inseln des ägäischen Meeres und in Kleinasien Olivenkulturen. Kleinasien hat aber für die Olivenzucht nur geringe Bedeutung, in Betracht kommt fast nur die Westküste und die ihr vorgelagerten Inseln (Chios, Samos). Cypern ist reich an Ölbäumen. Die Levante produziert jährlich c. 100000 t (Smyrna z. B. 1906: 15000 t). =Syrien= das Urland der Olivenzucht, hat auch heute noch viel Olivenhaine -- Alexandrette exportiert Öl -- und auch in +Palästina+ ist der Ölbaum häufig. Der Ölberg bei Jerusalem trägt noch heute Ölbäume. +Tripolis+, das im Altertum und Mittelalter zu den wichtigsten Bezugsländern für Olivenöl gehörte, deckt heute nicht einmal den eigenen Bedarf. Großen Aufschwung hat in letzter Zeit die Olivenzucht in =Tunis= und =Algerien= (Djurdjura) genommen, so z. B. um Sfax, im Sahel (Sahel bringt jetzt die besten Oliven hervor). Freilich zu der Bedeutung, die sie in diesen Ländern im Altertum besaß, ist sie noch lange nicht wieder gekommen. Immerhin erzeugt doch Tunis schon jährlich 30 Mill. Liter Öl. Im Sahel (Susa, Monastir) stehen c. 600 Quadratkm. unter Oliven. Auch =Marocco= besitzt (z. B. in Sus, Haha) viele Olivenhaine, die aber zum Teil bewässert werden müssen. Bedeutend ist die Olivenzucht in den Tälern des Atlas. Endlich findet sich die Olive auch noch auf den Canaren.
Nach =Amerika= brachten den Ölbaum die Spanier, nach Mexiko 1519 ~Cortez~, nach Peru c. 1560 ~Ambrosio de Rivera~, nach Californien im XVIII. Jahrh. die Franziskaner. Jetzt finden sich Olivenpflanzungen auch in einigen südamerikanischen Staaten (Chile, Peru). Besonders nimmt aber die Kultur der Olive in Nordamerika einen großen Aufschwung, seit das Agricultur Department sich seiner angenommen hat. Schon 1907 deckte Kalifornien einen Teil des Bedarfes von U. S. A. Und auch in Südafrika und Südaustralien wird jetzt die Olive angepflanzt und Öl exportiert. 1902 zählte man in =Australien= schon c. 67000 Olivenbäume, die 11327 galls. Öl lieferten. (Nähere Angaben über die Verbreitung der Olive in ~Th. Fischer~, Der Ölbaum 1904.)
Die californische Olivenzucht liefert vorwiegend Salzoliven. Die besten Salzoliven kommen aber von Andalusien.
Die Olive gedeiht in Peru, Chile, Südcarolina, Florida, den Bermuden, auf Jamaica, im Südwesten der Kapkolonie, auf Kawau-Island (bei Auckland) bei Sydney, in Vorderindien und Japan -- in allen diesen Ländern sind Kulturversuche gemacht worden.
Eine Karte der Verbreitung der Olivenkultur in Frankreich bei ~Degrully~ (a. a. O.). Die Kultur der Olive, die Pfropfung, Beschneidung, Düngung usw. ist beschrieben bei ~Degrully Trabut~, ~Cappi~ u. and. Lit. s. oben S. 610. Im übrigen vgl. die hier beigegebene Karte.
=Erntebereitung.= Die Ernte ist in Italien verschieden. ~Ravasini~ berichtet mir darüber das Folgende. Entweder werden sie mit der Hand gepflückt (brucatura, raccolta a mano Taf. XV) -- dies ist unbedingt nötig, wenn man feine Tafeloliven oder feinstes Öl erhalten will -- oder vom Baume auf darunter gebreitete Tücher (I, S. 94) geschüttelt (scotitura) bzw. abgeklopft (bacchiatura, abbacchiatura) -- in Calabrien und Sizilien üblich -- oder die abgefallenen aufgelesen (raccattatura, raccolta a terra). Auch in Portugal werden noch jetzt die Früchte vielfach von den Bäumen abgeschlagen. Infolgedessen folgt auf ein gutes Jahr meist ein schlechtes (~Mastbaum~ 1904). Das Pflücken wird in Italien besonders von Frauen und Kindern besorgt, die die Früchte dabei in Tuchtaschen oder geflochtene Strohkörbe oder auf ein unter den Baum gebreitetes Tuch (recane) werfen. Die abgeklopften oder abgeschüttelten werden mit hölzernen rechenartigen Werkzeugen (in Calabrien cernigghi genannt) zusammengeharkt und dann in Strohkörben vereinigt. Diese werden auf dem Kopf oder den Schultern in die Ölmühle getragen. Hier werden sie von Erde, Blättern, Staub usw. befreit, die unreifen oder überreifen Früchte ausgelesen (cernita) und dann gewaschen. Das Waschen geschieht jetzt vielfach, besonders bei größeren Quantitäten, in besonderen Apparaten (sciarbottatojo), die diese Arbeit sehr vereinfachen (Fig. 191). Die gewaschenen Oliven kommen dann in die Ölmühlen (oleifici), die oft noch sehr primitiv sind (I, Fig. 174 und Fig. 192) und an denen die Bauern, von denen fast jeder Wohlhabendere eine Ölpresse besitzt, im Laufe der Jahrhunderte wenig geändert haben (vgl. I, Fig. 175). Erst in neuerer Zeit, wo sich die Ölpresserei allmählich zu zentralisieren beginnt, ist der Betrieb modernisiert worden. Die Oliven werden zunächst mit Mühlsteinen (frantoj), die, nicht bis zum Boden reichen also die Steinkerne nicht mit zertrümmern, zermahlen (frangitura) (Fig. 193). Der Brei des Fruchtfleisches wird nun in die oben und unten offenen, schon von ~Plinius~ erwähnten geflochtenen Körbe, +Fiscoli+ (Abbild. in I, Fig. 173) gebracht, von denen 20 bis 25 in den hölzernen oder eisernen Pressen (torchi, strettoi, Fig. 194) übereinandergepackt werden und nun mit der Hand gepreßt. Neuerdings werden in den größeren Etablissements auch hydraulische Pressen benutzt, aber am fiscolo hält man auch bei diesen fest. Das beste Olivenöl, wie solches in der Pharmazie ad usum internum benutzt wird, wird in Fabriken mit Dampfbetrieb aus bei beginnender Reife gesammelten, zuvor auf Horden oder in besonderen Trockenapparaten zum Trocknen ausgebreiteten Früchten durch mäßiges Pressen hergestellt. Eine zweite stärkere Pressung, die aber auch noch nicht die Kerne zertrümmern darf, liefert Secunda-Speiseöl und für medizinische Pflaster und Seifen benutzbares Öl, eine dritte Brenn- und Maschinenöl. Die erste Pressung, die in Frankreich nur 12% Öl gibt, liefert das beste Öl, das durch Baumwolle filtriert, als Olio vergine (huile vierge, Jungfernöl) in den Handel kommt. Der Preßrückstand wird mit kaltem oder warmem Wasser nochmals zermahlen und dann wieder in die Presse gegeben. Dies zweite Öl (Olio mangiabile, O. di seconda pressione, O. di pasta franta, O. di macina, O. di rinozzolo) hat nicht mehr das charakteristische Olivenaroma wie das erste. Aus den Preßrückständen (sansa) erhält man mittels Schwefelkohlenstoff, Benzin, Petroläther oder Wasserdampf das gewöhnliche, nur technisch benutzbare +Baumöl+ (Olio di sansa, O. di ciancia, O. al solfuro, Sulfuröl, in Frankreich huile de ressence, h. d’enfer). Als Extraktionsmittel wird in Marseille außer Schwefelkohlenstoff auch Tetrachlorkohlenstoff verwendet. Das mit Schwefelkohlenstoff extrahierte Öl, das einen schlechten Geruch und Geschmack besitzt, kann durch Behandeln mit Alkohol verbessert werden. Die z. B. in Sizilien übliche Methode, die zerquetschten Oliven zunächst in einer Zisterne (enfer) gären zu lassen, führt zwar zu hohen Ölausbeuten, aber zu einem fettsäurereichen Öl (+Tournantöl+). Zur Herstellung ganz feiner Ölsorten werden die Früchte bisweilen geschält, d. h. von der äußersten Fruchthaut befreit, entkernt, das Fleisch in Mörsern zerrieben und zwischen Tüchern gepreßt. Eine Wertverminderung des Öls wird durch das Mitzerquetschen der Kerne nicht bewirkt, da bei dem gewöhnlichen Herstellungsverfahren nur geringe Mengen davon hineingelangen (~Passerini~) und die Samen nur Spuren einer Lipase enthalten (~Marcille~). Manchmal wird in Frankreich mit dem Pressen eine Art Schlemmprozeß in sog. Pastenmühlen (auf eine Pastenmühle kommen 6-10 Pressen) kombiniert. Die Preßrückstände werden mit Wasser zu einer Paste angerieben und diese durch Schlämmen mit Wasser in mit Rührwerken versehenen Bassins in die schwereren und die ölreicheren, leichteren Bestandteile getrennt, die dann gesammelt und in Tüchern gepreßt werden (Chem. Rev. 1903). Dies Öl ist minderwertig.
Die Trester dienen als Dünger, die abgeschlemmten Steinkerne auch als Brennmaterial. Doch werden die Steinkerne (Olivenkerne) neuerdings auch auf Öl verarbeitet und gemahlen zur Verfälschung von Gewürzen benutzt. Über das Filtrieren und Zentrifugieren vgl. I, S. 134.
Das in den ersten Monaten der Ernte gepreßte Öl ist dunkler und hat obstähnliches Aroma und einen etwas scharfen Geschmack, das Öl wird um so heller, dünnflüssiger und milder, je mehr sich die Olive ihrer Reife nähert. Der Versand erfolgt in Italien nicht vor dem Januar. Die anfangs trüben Öle klären sich beim Lagern während 90 Tagen in großen (meist mit Porzellan- oder Marmor- oder Tonplatten ausgekleideten) Zisternen, indem sich die Schleimteilchen usw. zu Boden setzen. Diese werden durch Watte abfiltriert. Die weniger guten Ölsorten werden oft in Raffinerien gereinigt. Dort werden die besseren Sorten nach Dekantation filtriert oder mit Citronensaft oder Eichenrindeauszug, bzw. einer Tanninlösung, die mit einem Weidenbesen eingerührt werden, geklärt, die schlechteren mit 0,5-2% Schwefelsäure behandelt. Ein Bleichen des Öls wird (außer durch Tannin) auch dadurch bewirkt, daß man das fein verstäubte Öl womöglich bei Sonnenlicht in ein mehrere Meter tiefer liegendes Wasserbassin fallen läßt.
Die größte Ölmenge soll die in Spanien kultivierte var. hispanica, das feinste Öl die in der Provence und bei Genua und Lucca kultivierte var. pignola liefern. Oliven, deren Fleisch nicht das dreifache Gewicht des Kernes hat, geben zu wenig Öl aus (~Coutance~). Die Qualität des Öles ist abhängig von der Olivensorte, dem Reifegrade der gepreßten Frucht, der Art des Erntens und dem Verfahren beim Pressen. Die feinsten Öle werden auf Flaschen abgezogen, die anderen auf Fässer bzw. Barells.
Die +Oliven in Salzwasser+ (Colymbades) finden sich während mehrerer Monate als Nachtisch jeder italienischen Mahlzeit, werden aber auch viel exportiert. Die Olive muß, um hierzu tauglich zu werden, nur ¾ reif sein und zuvor 6-12 Stunden in eine Kalk-Pottaschelauge eingelegt und dann sorgfältig während mehrerer Tage gewaschen, d. h. vollständig entbittert werden. Dann legt man sie in Salzwasser, wechselt dies alle Monate einmal und fügt schließlich etwas wilden Fenchel hinzu (~Ravasini~). Beschreibung anderer Methoden der Olivenpickelsbereitung bei ~Semler~.
=Lit.= ~Mingioli~, Manuale pratico di oleificio 1871 und Oleificio moderno in Nuova Enciclopedia agraria italiana. Torino 1901 (m. zahlr. Abbild.). -- ~Semler~, Trop. Agrikult. -- ~Skinner~, Ölindustrie in Frankreich. Consularbericht in Oil, Paint and Drug. Rep. 1903 (Chem. Rev. d. Öl- u. Harzind. 1903, 188). -- Über die Veränder. d. Oliven von der Ernte bis zur Verarbeitung vgl. die Unters. d. Versuchsstat. in Lissabon (Ref. in Chem. Rev. 1904, 39). -- Die Mühlen, Pressen, Wasch- und Raffinierapparate sind abgebildet bei ~Mingioli~ a. a. O. -- Die primitive Gewinnung des Olivenöls auf Mallorca beschreibt ~Pollatschek~ (Chem. Rev. 1907, 4).
=Handelssorten.= Von den italienischen Ölen sind die aus der Riviera, aus Toskana (Lucca, Pisa), Apulien (Bari, Bitonto, Gallipoli) die geschätztesten, die Provinzen Marken, Umbrien, Latium liefern gute Speiseöle, Sizilien dagegen minderwertige Sorten. Die besten Sorten (Jungfernöl) werden als +Provencer+, +Aixer+, +Genueser+ oder +Lucca+ Öl bezeichnet -- Provenceröl ist eine Qualitätsbezeichnung und keineswegs nur für Öl aus der Provence in Gebrauch --, die Sekundasorten (Baumöl, grünes Olivenöl, huile lampante, h. marchande) als Gallipoli-, Puglieser-, Bari-, Lecce-, Monte San Angelo-Öl, Tertiasorten kommen von Messina, Malaga, Korfu und Tunis. Die schlechtesten, zur Seifenfabrikation benutzten Öle heißen Lavati (gewaschene), auch Nachmühlenöl, Höllenöl, Sottochiari. Dann ist auch gebleichtes sog. weißes Baumöl (als Maschinenöl, Lilienöl) und Ol. oliv. denaturatum (zur Seifenfabrikation, mit Nelken- oder Rosmarinöl denaturiert) im Handel (~Weigel~ 1904).
In Italien werden die Öle eingeteilt in:
I. Oli commestibili: 1. sezione oleinati; a) oli vergini, b) oli mangiabili; 2. sezione stearinizzati: oli grassi.
II. Oli non commestibili: 1. materia prima avariata, o fondacci di oli di semi di olive: oli avariati, 2. oli estratti dai residui: a) oli di sansa o di panelli, b) oli di morchia o di semi, c) oli d’inferno, d) oli al solfuro; 3. oli alterati, a) oli rancidi, b) Oli inaciditi.
Tunesisches Öl kommt aus dem Norden (Tunis, Bizerte, Cap Bon, Medjerdah), dem Zentrum (Sousse, Mahdia, Monastir), dem Süden (Gabès, Safsa, Djerba) und von Sfax. Außer den französischen und italienischen Ölen sind auch spanische, portugiesische, griechische, dalmatinische, syrische, marokkanische, türkische, Krim, persische, indische (Pendschab), australische und kalifornische Olivenöle im Handel. Bedeutenden Aufschwung nimmt die Ölproduktion in Californien und Südaustralien. Californien z. B. ist schon jetzt ein wichtiges Produktionsland für Oliven geworden. Im Geschmack stehen die toskanischen Öle obenan, dann folgen die ligurischen. Die californischen stehen diesen weit nach. Im deutschen Handel war 1911 neben italienischem Öl -- Baumöl und Speiseöl -- (in Brls. und Fässern von 50, 180, 200 kg) auch Malaga-, Marokko- und Candiaöl zu finden.
=Handel.= Der Ertrag an Olivenöl betrug in +Italien+ 1909/10: 2127097 hl. Das meiste lieferte die adriatische Seite (838050), dann die Mittelmeerseite (521010) und Sizilien (435176); weniger Toskana, Latium, Sardinien und die Marken. Unbeträchtliche Mengen: Lombardei, Ligurien, Venetien, Emilia. (Nach ~Ravasini~ betrug die Olivenölproduktion Italiens 1909: 2559200 hl, 1910: 1384580 hl.) Die Olivenernte betrug 1909: 15292000, 1910: 9366200 dz (Normalernte 20,3 Mill. dz). +Italien+ exportierte olio d’oliva lavato al solfuro 1907: 124881, 1908: 78242, 1909: 55668 und olio d’oliva d’altra specie 1907: 388427, 1908: 368788, 1909: 184481 (1910 im Ganzen 205054) dz. Die +Vereinigten Staaten von Nordamerika+ importierten olive oil (for Mfg. purposes) 1908: 1789001, 1909: 695223 gallons und olive oil (Salad) 1908: 3548649, 1909: 3728386 gallons. +Hamburg+ importierte 1908 34275 dz. +Olivenöl+; davon kamen aus Marokko: 9918, Frankreich: 7314, Italien: 6201, Spanien: 5343, Griechenland: 2477, weniger als 1000 dz aus Kleinasien, der europäischen Türkei, Tunis, Algier, Portugal usw. Die Einfuhr von Olivenöl nach +London+ betrug 1906: 2658, 1907: 7512, 1908: 8953, 1909: 5072 casks. +Frankreich+ importierte 1908 492149 Quint. +Olivenöl+, besonders aus Spanien und Tunis, dann aus Algier, Italien und Griechenland, wenig aus der Türkei und Marocco.
=Morphologie und Anatomie der Frucht.= Die Form der Frucht wechselt nach der Sorte und ebenso die Größe. Einige Sorten sind groß wie eine Aprikose, andere erreichen nur die Größe einer kleinen Kirsche -- alle sind mehr oder weniger oval (Fig. 195) oder kugelig-eirund, am Scheitel stumpf oder etwas zugespitzt, meist c. 2 bis 3,5 cm lang, an der Oberfläche glatt, kahl. Der sehr harte Steinkern ist schief-länglich oder keulenförmig, etwas zusammengedrückt (Fig. 195), spitz, gefurcht oder grobrunzelig, gelblich oder bräunlich, durch Fehlschlagen meist einfächerig und einsamig. Der Same ist 9-11 mm lang, länglich zusammengedrückt, mit reichlichem Endosperm versehen. Die anfangs grüne Frucht wird beim Reifen erst rot, dann schwarz. Das Verhältnis der drei Bestandteile ist bei frischen Oliven: Fleisch mit Schale 71,5-80,5%, Stein 17,3-23%, Samen 2-5,5% (~Schädler~, ~König~).
Die Epidermis der Fruchtschale besteht aus dickwandigen polygonalen Zellen, die ebenso wie die folgenden Parenchymreihen bei der reifen Frucht einen purpurnen Farbstoff enthält, der durch konzentrierte Schwefelsäure sich rot färbt (~Hanausek~). Das Mesocarp besteht vorwiegend aus ölführendem Parenchym, in das große +Astrosklereïden+ eingestreut sind, deren Wand durch Alkali gelb wird. Das als 1-3 mm dicke Steinschale entwickelte Endocarp besteht aus fest miteinander verzahnten Sklereïden, die oft bis fast zum Verschwinden des Lumens verdickt sind und ziemlich mannigfache Formen zeigen (die «Matta Livorno», die zur Gewürzfälschung benutzten gemahlenen Olivenkerne, besteht fast ganz aus ihnen). Zu innerst liegt eine Schicht obliterierten Parenchyms (~Moeller~). Die Samenschale besteht, abgesehen von der relativ großzelligen Epidermis mit dickwandigen, von der Fläche betrachtet knotig gegliederten Zellen, aus der zum Teil obliterierten Nährschicht, in der die Bündel verlaufen, der Same besonders aus dem großen Endosperm, in dem sich zahlreiche in Ölplasma eingebettete Aleuronkörner finden. Auch das zartzellige Gewebe des Keimlings enthält dergleichen. Die Entwicklungsgeschichte von Frucht und Same bei ~Alquati~ (s. Lit.). Während früher (~de Luca~, ~Gerber~) das Mannit als das Material bezeichnet wurde, aus dem das Öl in der Olive entsteht -- Mannit kommt aber in den Früchten der Olive nicht oder nur in geringer Menge vor, nur in den Blättern ist er reichlich zu finden; lufttrockene Blätter enthalten c. 3,4%, die Rinde 1,9% d-Mannit (~Power~ und ~Tutin~) -- hat ~Hartwich~ d-Glukose, die sich in den Früchten nachweisen läßt, als Muttersubstanz angenommen, conform den Vorstellungen ~Emil Fischers~ (S. 4). Stärke kommt auch in der jungen Frucht nur in den Schließzellen der Spaltöffnungen vor. Das Öl entsteht im Plasma der Zelle. Über die besonders durch die Sklereïden und die Samenschalepidermis charakterisierten +Oliventrestern+ (tourteau de ressence) vgl. bei ~Vogl~ (a. a. O., Fig. 264) und ~Collin-Perrot~ (a. a. O., Fig. 81).
=Lit.= ~Bottini~, Sulla struttura dell’ oliva. Nuov. giorn. bot. it. 21 (1889), 369. -- ~Papasogli~, Stud. genet. e morfolog. sull’ ulivo. Nuov. giorn. bot. ital. X. -- ~Piera Alquati~, Stud. anatomici e morfologici sull’ ulivo. Att. Soc. Ligust. scienze naturali XVII, 1906. -- ~Pirotta~, Contrib. all’ anat. comp. della foglia, I. Oleaceae 1885. -- ~Böhmer~, Ölkuchen in ~Dammers~ Lexikon. -- ~T. F. Hanausek~, Nahrungs- u. Genußm. u. Zeitschr. Nahr. Unters. 1894, 95. -- ~Landrin~, Falsific. d. poivre à l’aide des grignons d’olive. Journ. pharm. 10, 194. -- ~Macé~, Subst. aliment. 1891. -- ~Moeller-Winton~, Mikroskopie, Fig. 364 u. 365. -- ~Schimper~, Anleit. z. Unters. Nahr.- u. Genußm. 1900. -- ~Vogl~, Nahrungs- u. Genußm. -- ~Villiers-Collin~, Substanc. aliment. -- ~Collin-Perrot~, Residus industr. -- ~Harz~, Über d. Entsteh. d. fett. Öls in d. Oliven. Sitzungsber. d. Wien. Akad. 1870. -- ~Spampani~ (Bild. d. Öls in d. Olive). Bull. soc. bot. ital. 1899, 139. -- ~de Luca~, Rech. sur l. form. d. l. mat. grasse dans l. olives. Ann. sc. nat. bot. (4) 15, 92 und 18, 125. -- ~Gerber~, Rech. sur l. respir. d. olives et sur l. relat. exist. entre les valeurs du quotient respirat. et la format. de l’huile. Journ. bot. 1901. -- ~Hartwich~ u. ~Uhlmann~, Nachw. d. fett. Öles u. s. Bild. bes. in d. Olive. Arch. Pharm. 1902, 471. -- ~Uhlmann~, Entsteh., Vorkommen u. Nachw. d. fett. Öls m. bes. Berücks. d. Olivenöls. Dissert. Zürich 1902.
=Chemie.= Die Olive zeigt folgende Zusammensetzung:
---------------------------+--------+--------------------------+ | | In der | | | natürlichen Substanz | Nach König |--------+------+------------+------+ a. a. O. | Anzahl | % | % |% Fett| | der |Wasser|Stickstoff- | | |Analysen| |substanz | | ===========================+========+======+============+======+ | | | | | | | | | | | | | | | Oliven- { a) Fruchtfleisch | 2 | 30,07| 5,24 | 51,90| frucht { b) Steinschale | 2 | 9,22| 3,50 | 2,84| { c) Samen | 2 | 10,5 | 18,63 | 31,88|
---------------------+-----------------------+----------------------- | In der | In der | natürlichen Substanz | Trockensubstanz Nach König |-----------+-----+-----+--------+------+------- a. a. O. | % | % | | % |% Fett| % |Stickstoff-| Roh-| % | Stick- | |Stick- | freie |faser|Asche| stoff | |stoff | Extrakt- | | |substanz| | | stoffe | | | | | =====================+===========+=====+=====+========+======+======= | | | | | | | | +-----+----+ | | | | | | | | | | { a) Frucht- | | | | | Oliven- { fleisch | 10,49 | 2,34| 7,49 | 74,22| 1,19 frucht { b) Stein- | | | | | { schale | 83,32 | 1,12| 3,85 | 3,68| 0,61 { c) Samen | 36,75 | 2,16| 20,83 | 35,65| 3,33
Die Früchte enthalten die Enzyme +Olease+ (~Tolomei~) und +Emulsin+ (~Bourquelot~), ein rotes +Pigment+ (~Landerer~) und Wachs. Das in allen Teilen des Ölbaumes enthaltene Glykosid +Oleuropein+, dessen Einheitlichkeit von ~Power~ und ~Tutin~ bezweifelt wird, ist am reichlichsten in den Früchten am Ende Juli zu finden (~Bourquelot~ und ~Vintilesco~). Die Asche beträgt bei dem Fleisch 2,68, bei dem Stein 4,16, bei dem Samen 2,16%; bei Kaligehalt der drei 80,9 bzw. 58,8 bzw. 30,25%; der Phosphorsäuregehalt 1,33 bzw. 16,74 bzw. 28,24%; der Kalkgehalt 7,46 bzw. 7,45 bzw. 30,39% (~König~). Der Ölgehalt der Früchte steigt vom August (5,02%), September (16,3%), Oktober (21,33%), Dezember (22,73%) bis Januar (22,85%) und sinkt dann im Februar etwas (20,84%, ~Hartwich~ u. ~Uhlmann~). Der Gehalt der Früchte an Öl variiert zwischen 20 und 70 (~Benedikt-Ulzer~), 40 und 60% (~Lewkowitsch~, im Fruchtfleisch: 50-70%). -- Zur Bestimmung ist Schwefelkohlenstoff zu benutzen, nicht Äther (~Peano~).
=Olivenöl=, =Oleum olivae s. olivarum= [Provenceröl, huile d’olive (franz.), olive oil (engl.), olijfolie (holl.), olio d’oliva (ital.), puuöljy (fin.), olivaolaj (ung.), ἔλαιον ἐλαιῶν (griech.)]. Die Farbe des Olivenöls schwankt von farblos bis goldgelb. Geringe Sorten sind oft durch Chlorophyll grün gefärbt. Die Zusammensetzung des Öls variiert nach der Kulturvarietät, dem Reifegrad, der Erntemethode und dem Verfahren der Pressung. Die Elementarzusammensetzung des Olivenöls ist C = 76,67 (77,2), H = 11,95 (11,3), O = 11,38 (11,5)% (~König~). Olivenöl löst sich nur sehr wenig in Alkohol, etwas mehr in Eisessig, besser in Äther, leicht in Chloroform, Benzol und Schwefelkohlenstoff. Beim Durchschütteln von 2 ccm Olivenöl mit 1 ccm rauchender Salpetersäure und 1 ccm Wasser entsteht (bei 10°) ein grünlich-weißes Gemenge, das nach 2-3 Stunden in eine feste weiße Masse und eine kaum gefärbte Flüssigkeit sich scheidet. Bei dieser sog. +Elaidinprobe+ liefert Olivenöl von allen Ölen das härteste Elaidin und wird am schnellsten (höchstens in 3 Stunden) fest. Nach dem Eintragen in konz. Kali, dem konz. Ammoniak zugesetzt wurde (Vorschrift bei ~Hartwich-Uhlmann~), ist infolge kalter Verseifung und Ausscheidung von fettsauren Salzen nach 22 Stunden der ganze Tropfen in ein Haufwerk von Nadeln umgewandelt, zwischen denen Sphärite sichtbar sind.
Die +festen+ Fettsäuren bestehen aus +Palmitinsäure+ und +Arachinsäure+. Stearinsäure fehlt (~Hehner~ und ~Mitchell~). Bei italienischen Ölen beträgt der Gehalt an festen Fettsäuren 5-17,72, bei californischen 2-12,96% (~Tolman~ und ~Munson~), bei tunesischen 15-25% (~Bertainchaud~). Letztere Öle erstarren schon bei +10° und werden daher oft «demargariniert». In algerischen und tunesischen Olivenölen finden sich höchstens ganz geringe Mengen Arachin- und Lignocerinsäure. Die +flüssigen+ Glyceride enthalten auf 93% +Ölsäure+ c. 7% +Linolsäure+ (~Hazura~ und ~Grüssner~). ~Holde~ und ~Stange~ erhielten 1-2% eines gemischten Glycerids (+Oleodimargarin+ oder Oleodidaturin oder Oleodipalmitin?) und auch im festen Anteil sind gemischte Glyceride vorhanden (Margaro- oder Palmitoolein?). +Freie+ Fettsäuren enthält gutes Olivenöl wenig, die technischen Öle dagegen oft 5-25% (~Archbutt~, weitere Lit. darüber bei ~Benedict-Ulzer~). Das Tournantöl (s. oben S. 616) enthält eine große Menge (26%) freier Fettsäuren. Auch im «Olivenölfett», in ligurischen und sardinischen Sulfurölen sind viel freie Fettsäuren (46-57%) enthalten, in portugiesischen Bagasseölen sogar 60-70%. Alle diese Öle sind aus gegorenen Trestern bereitet, die eine fettspaltende Lipase (Olease, ~Tolomei~) enthalten. Die flüchtigen Fettsäuren (auf Ölsäure berechnet) betragen 0,18-1,69% (~Dugast~). In ranzigem Olivenöl wurden gefunden: Ameisen-, Essig-, Önanthyl-, Azelaïn- und Korksäure, sowie Önanthaldehyd (~Skala~).
Das spez. Gewicht beträgt 0,9141-0,9203, meist unter 0,917 (Schweiz. Lebensmittelbuch: 0,916-0,918 bei 15°, 0,862-0,863 bei 100°). Der Erstarrungspunkt liegt zwischen -6 und +10°, die Verseifungszahl beträgt 185-203, die Jodzahl 78,28-93,67 (bei guten europäischen Ölen meist zwischen 81,6 und 84,5, Schweiz. Lebensmittelb.: 79-88) -- je reifer die Olive, desto höher die Jodzahl des Öls (~Paparelli~) -- die Bromzahl 51,2-54 (~Telle~), die Reichert-Meißlzahl 0,6, die Hehnerzahl 94,96-95,14%, die Maumenéprobe 41,5-47°, die Bromthermalprobe 13,5-15°, der Brechungsexponent ist (bei 40°) 1,4612-1,4626 (Pharm. helv. IV), die Butterrefraktometerzahl (bei 15,5) 66,9-69,2 Skalenteile (Schweiz. Lebensmittelbuch: Refraktionszahl [bei 40°] 53-55). Die Fettsäuren zeigen den Erstarrungspunkt bei 17-24,6°, Schmelzpunkt bei 19 bis 31°, die Jodzahl 86,1 bis 90,2 (die flüssigen Fettsäuren haben die Jodzahl 92,8 bis 104,2). Das elektrische Leitvermögen ist weit geringer als das aller anderen Öle (675mal kleiner als das des sonst schlechtest leitenden Öles, ~Rousseau~). Man bestimmt es mit dem ~Palmieri~schen Diagometer. Der Entflammungspunkt liegt bei 240° (~Rakusin~). Es dreht rechts (~Thurston~). Olivenöl neigt wenig zum Ranzigwerden. Beim Ranzigwerden nimmt die Verseifungszahl zu, die Jodzahl ab (~Ryan~ und ~Marschall~).
Das Unverseifbare beträgt 0,46-1,62%, meist weniger als 1%. Es ist vornehmlich +Phytosterin+ (~Bömer~, ~Soltsien~, ~Gill~ und ~Tufts~), von ~Beneke~ 1862 hier gefunden, daneben findet sich ein unverseifbares Öl, +Ampelosterin+ (~Sani~). Olivenöl ist der Typus der nichttrocknenden Öle. Es gibt daher bei der Maumenéprobe und der Bromthermalreaktion die geringste Temperaturerhöhung (~Lewkowitsch~). Der bittere und herbe Geschmack einiger Öle rührt von Eugenol, Catechin, Gallussäure, Tannin und einem unbekannten Bitterstoffe her (~Canzoneri~). Kupfer scheint ein normaler Bestandteil des Olivenöls zu sein. Kupfern der Bäume erhöht den Gehalt (0,5 mg pro kg Öl) an Cu nicht (~Passerini~).
Neuerdings wird auch aus +Olivenkernen+, d. h. den noch in der Steinschale eingeschlossenen Samen Öl (+Olivenkernöl+, huile de noyaux d’olive, olive kernel oil, olio di noccioli d’oliva) gepreßt bzw. extrahiert. Das Öl enthält 10% feste Fettsäuren, unter denen Palmitinsäure und Stearinsäure, aber keine Arachinsäure sich findet. +Oliventrester+ enthalten in % im Durchschnitt: Wasser 8,38, Stickstoffsubstanz 8,25, Fett 15,25 (nach ~Décugis~ bis 29,15), in Zucker überführbare Substanz 13,59, sonstige stickstofffreie Stoffe 14,92, Rohfaser 37,05, Asche 2,56, Alkoholextrakt 2,46.
=Lit.= ~Beneke~ (Phytosterin), Studien, Gießen 1862. -- ~Klein~, Zeitschr. angew. Chem. 1898, 848 u. 1900, 635 u. 904. -- ~Tolomei~, Atti Real. Accad. d. Lincei 1896. -- ~Bourquelot et Vintilesco~, Journ. pharm. chim. 1908, 303 u. 1910, 292. -- ~Power~ und ~Tutin~, Oleuropein. Pharm. Journ. 1908. -- ~König~, Nahrungs- u. Genußm. (dort weit. Lit.). -- +Öl+: ~Hehner~ und ~Mitchell~, Analyst 1896, 328. -- ~Archbutt~, Journ. Soc. Chem. Ind. 1897, 311. -- ~Hazura~ und ~Grüssner~, Monatsh. f. Chem. 1888. -- ~Holde~ und ~Stange~, Mitt. d. Techn. Vers. Anst. Berlin 1901 und 1902. -- ~Dugast~, L’industrie oléicole 1904. -- ~Sani~, Att. Acc. Linc. 1900 und Staz. sperim. agrar. ital. 1902, 701. -- ~Beneke~, Studien, Gießen 1862. -- ~Gill~ und ~Tufts~, Journ. amer. chem. soc. 1903, 498. -- ~Soltsien~, Zeitschr. öffentl. Chem. 1901, 184. -- ~Bömer~, Zeitschr. Unters. Nahrm. 1898. -- ~Skala~, Staz. sperim. agrar. ital. 30 (1897), 613. -- ~Lewkowitsch~ a. a. O. (dort die Lit.). ~Benedict-Ulzer~, Analyse d. Fette. 5. Aufl. 1908 (dort weitere Lit.). -- Zahlreiche Aufsätze in der Chem. Rev. der Fett- und Harzindustrie der letzten Jahre. -- ~Hartwich~ und ~Uhlmann~, Nachweis fett. Öle durch mikrochem. Verseif. Arch. Ph. 1903, 11. -- ~Russell W. Moore~ (Best. d. freien Fetts. im Olivenöl). Chem. Zeit. 1900, Rep. 122. -- ~Bach~ (Einfl. von Denaturierungsmitteln), Zeitschr. f. öffentl. Chem. 1897, 169. -- ~Rakusin~, Entflammungspunkt. Chem. Zeit. 1905, 690. -- ~Thurston~, Mercks Rep. 1907. -- ~Lefeldt~, Ber. pharm. Ges. 1906. -- Jodzahl: ~Thomson~ und ~Dunlop~, Analyst. 1906. -- ~Helfenberger~ Ann. 1905. -- ~Bachmann~, Proc. Minnes. Ass. 1907. -- Baudouins Reaktion: ~Evans Sons Lescher~ und ~Webb~, Analytical Notes 1906/07. -- Licht: ~Droste~, Apoth. Zeit. 1907. -- Cu in Olivenöl: ~Braithwait~, Pharm. Journ. (3) 18, 12 und ~Passerini~, Chem. Centralbl. 1906, II, 541. Year book 1907, 116. -- ~Canzoneri~, Gazz. chim. it. 27, II, 1.
Über algerische Olivenöle vgl. ~Archbutt~, Journ. soc. chem. ind. 26 (Chem. Rev. 1907, 200, 1908, 19) und ~Dugast~, Zeitschr. angew. Chem. 1904, 821. -- ~Millian~ (tunesische Öle). Zeitschr. Nahrungsm. 1904, 586. -- ~Guozdenovič~ (dalmatin. Öl). Zeitschr. Nahrm. Hyg. 1897, 181. ~Ahrens~ und ~Hett~, Über marokkanisches Öl. Zeitschr. öffentl. Chem. 1903, 284. -- ~Tolman~ u. ~Munson~ (Californ. Olivenöl). Journ. am. chem. soc. 1893 und 1903, 956. -- ~Moerk~ (Verschied. Öle), Am. journ. pharm. 1889.
Über die Bestandteile der Blätter und der Rinde vgl. ~Power~ und ~Tutin~, Constit. of olive bark und C. of olive leaves. Transact. Chem. Soc. 1908.
=Verwendung.= «Zwei Flüssigkeiten gibt es», sagt ~Plinius~ (XIV, 150), «die dem menschlichen Körper angenehm sind, innerlich Wein, äußerlich Öl» und auch der hundertjährige ~Pollio Romilius~ und der die 100 Jahre überschreitende Philosoph ~Demokrit~ erhielten sich durch Wein, Honig und Öl so lange gesund. Die Lampe der Stiftshütte, wie die vor dem Bilde der ~Athene~ wurde ebenso mit Olivenöl gespeist wie heute die ewige Lampe in St. Peter in Rom. Mit Olivenöl wurden alle Könige gesalbt von ~Saul~ und ~Chlodwig~ bis auf unsere Tage, und die letzte Ölung haben mit ihm unzählige Menschen erhalten. Für viele Millionen ist im Mittelmeergebiet seit dem Altertum bis heute die Olive und ihr Öl unentbehrliches Nahrungs- und Genußmittel, für viele Gegenden wichtigster oder gar einziger Exportartikel. Überall wo die Olive vorkommt, wird das meiste Öl im Lande selbst verbraucht.
Olivenöl wird in der Medizin als einhüllendes Mittel bei Magen- und Darmentzündungen, Vergiftungen usw., zu medizinischen Ölen, Salben, Linimenten, Seifen und Pflastern verwendet. Im Var dienen die Oliventrester als Schweinefutter. Außer zur Ölbereitung, zu der allgemein kleinfrüchtige Sorten herangezogen werden, werden die Oliven, besonders die großfrüchtigen, auch zur Herstellung der sog. Salzoliven benutzt, die eine beliebte Zuspeise sind (s. oben). Auch das Olivenholz ist wegen seiner schönen Zeichnung sehr geschätzt. Olivenhonig erwähnt schon ~Dioskurides~ (I, Cap. 37, περὶ ἐλαιομέλιτος).
=Verfälschungen.= Olivenöl wird mit Sesamöl, Rüböl, Nußöl, Baumwollsamenöl, Mohnöl, Arachisöl (mit Arachisöl verfälschtes Olivenöl ist als Nut sweet oil im Handel) und Schmalzöl (dem flüssigen Teile des Schweinefettes) verfälscht, neuerdings auch mit +Mineralöl+, das mit Methylazodimethylanilin gefärbt war (~Cutolo~ 1910). Man achte auf die oben (S. 619) angegebenen Konstanten! Alle zur Verfälschung des Olivenöls benutzten Öle haben höhere Jodzahlen. Olivenöl färbt sich nicht mit HNO₃ spez. Gewicht 1,4, gibt zumeist weder die ~Bellier~-, noch die ~Baudouin~-, noch die ~Allen~-, noch die ~Soltsien~-, noch die ~Halphen~-Reaktion. (Weiteres bei ~Lewkowitsch~ a. a. O.) Bei tunesischem Olivenöl tritt aber bisweilen die ~Baudouin~sche Reaktion ein (~Marcille~ 1909), -- auch bei italienischen Ölen beobachtet (~Behre~) -- die Färbung verschwindet aber meist rasch (~Zega~ und ~Todorovic~). Auch die ~Kreis~sche Phloroglucin-Salpetersäure-Reaktion tritt bei Olivenöl bisweilen schwach ein (~Dietze~). Dagegen ist bisher kein Olivenöl beobachtet, das die ~Soltsien~sche Zinnchlorür-Reaktion (Zeitschr. f. öffentl. Chem. 1897, 63) gab (~Behre~). Zu beachten ist auch, daß ~Belliers~ Reaktion nur bei +frischen Samen+ölen eintritt (~Soltsien~ erhielt sie auch einmal bei Palm-[Fruchtfleisch-]öl).
Die tropischen Öle der Cocos- und Ölpalme, von Sesam und Arachis beginnen das Olivenöl zu verdrängen, namentlich seit 1908/09 eine Olivenmißernte in Italien eintrat. Selbst der D. A. V ersetzt das Ol. olivarum commune durch Ol. arachidis und Sesami. Doch ist der Name «+Olivenöl+» auch nach den Beschlüssen des internationalen Kongresses zur Unterdrückung von Nahrungsmittelfälschungen 1909, der die Namen «bestes Speiseöl» und «feinstes weißes Tafelöl» auch für mit Baumwoll-, Erdnuß- oder Sesamöl versetzte Olivenöle freigab, nur für das Öl der Olive reserviert worden. Neuerdings (1909) wurde reines Baumwollöl (~Barnard~) und reines Sesamöl (~Rickle~ und ~Kurtz~) als «Olivenöl» im Handel angetroffen. Das sog. «Javaolivenöl» stammt von einer Sterculia (~Kreis~).
=Lit.= Prüfung des Olivenöls bei ~Benedict-Ulzer~ und ~Lewkowitsch~. -- ~Tolman~ and ~Munson~, Olive oil and its substitutes. U. S. Dep. Agric. Bur. chem. Bull. 77, 1903. -- ~Tortelli~ und ~Ruggeri~, Meth. z. Nachw. von Baumwollsamen-, Sesam- und Erdnußöl im Olivenöl. Chem. Zeit. 1898, 600. -- ~Blarez~ (Nachweis von Arachisöl im Olivenöl). Chem. Centralbl. 1907, I, 767. -- ~Marcille~, Ann. d. falsific. 1909, 224. -- ~Dietze~, Pharm. Zeit. 1909, 260. -- ~Behre~, Pharm. Centralh. 1907, 489. -- Sesam und Leinöl: ~Ridgely~, Oil, Paint and Drug Rep. New York 1907. -- Arachisöl: ~Blarez~, Bull. soc. pharm. Bord. 1906, 295. -- Cottonöl: ~Barnard~, Rep. Indiana Bd. Health 1906, 294. -- ~Späth~, Süddeutsch. Apoth. Zeit. 1906, 136.
=Geschichte.= «Der Ölbaum gehört zu den Erziehern der Menschheit zu höherer Ordnung» (~Th. Fischer~). «An ihm haftet die Poesie der menschlichen Kultur. Wenn man unter einem grauen Ölbaume am Meeresstrande sitzt, wird man in das fromme sonnige Morgenland entrückt, wo unsere Phantasie zu Hause ist, seitdem uns die Mutter die Bilderbibel aufschlug und vom Ölberge in Jerusalem erzählte. Und wieder rauscht aus diesem Baume die Poesie der Hellenen und die Weisheit der Minerva und sie versetzt uns in das Land des ~Homer~, des ~Pindar~ und ~Äschylus~ und unter die Musen und Götter des Olymp. Ein christlich-hellenischer Baum ist der Ölbaum, ein doppelt heimischer» (~F. Gregorovius~). Der Ausgangspunkt der Olivenkultur ist unbekannt (Kilikien?, Syrien?). Die orientalischen Völker haben aus ihm eine Kulturpflanze gemacht. In das Mittelmeergebiet wurde die domestizierte Olive vom Osten her eingeführt. Die Kultur der Olive hat sich auf der Linie Ägypten-Syrien-Kleinasien-Griechenland verbreitet (~Schrader~). ~Engler~ und ~Schrader~ nehmen an, daß sich der wilde Ölbaum über das Mittelmeer verbreitete, bevor er domestiziert wurde. Ölbaum, Feige und Weinstock waren im Altertum die Sinnbilder des Wohlstandes und Glückes. Nach ~Maspero~ soll der Ölbaum in Ägypten seit den ältesten Zeiten sich finden, da sein Name schon in Texten der VIII. Dynastie erwähnt wird (?). Er scheint dorthin frühzeitig gekommen zu sein. Auf Inschriften wird er (I, S. 468) als bek, bek-t, beka, baka erwähnt und ist auf Denkmälern dargestellt, z. B. auf dem Gartenplane zu Tell-el-Amarna aus der XVIII. Dynastie (~Wönig~, Fig. 154). Ölblätter sind in Stirnkränzen (um 1000 n. Chr., ~Wönig~, Fig. 117 a) und auch sonst in ägyptischen Gräbern oft gefunden worden, Öl (mrḥt) wird sehr häufig in Rezepten, z. B. des Papyrus ~Ebers~, erwähnt. Ölamphoren fanden sich in den Vorratskammern der Villen und ihr Bild als Hieroglyphe bedeutet sowohl Flüssigkeit wie Wohlgeruch. Das Öl wurde zu Speisen, zum Salben und als Opfergabe benutzt, zu den gleichen Zwecken diente es den Juden des alten Testamentes. (Über Salböl vgl. I, S. 1014.) Sehr lange bekannt ist der Ölbaum in +Syrien+, auch in +Palästina+ ist er uralter Besitz. Die Juden fanden ihn vor, als sie nach dem gelobten Lande zurückkehrten, und auch die Ölgewinnung ist dort uralt und war so umfangreich, daß die Phönikier zur Zeit ~Salomos~ einen Teil des als Nahrung, als Brennstoff, zum Opfern und Salben benutzten Öls exportierten. Auch das Pfropfen der Olive auf den Oleaster war schon damals bekannt, der Ölzweig ~Noahs~ das Symbol des Friedens. Palästina besaß umfangreiche Olivenhaine und das gewonnene Öl war vorzüglich. Auch die Sumerer bedienten sich seiner vielleicht schon (I, S. 467). Dagegen scheint in Babylonien ganz allgemein das Sesamöl das Olivenöl ersetzt zu haben (vgl. oben S. 551 u. 577). Bei den +Griechen+ war die Olive der heilige Baum der ~Athene~, der Baum, den sie aus einer eingestoßenen Lanze auf der Akropolis hatte hervorsprießen lassen. Sie erscheint denn auch auf zahlreichen Münzen mit einem Olivenkranz oder einem Ölbaum. Wer eine dem Staate gehörige Olive ausgrub oder beschädigte, konnte wegen Gottlosigkeit belangt werden. Der Ausgangspunkt der Olivenkultur in Griechenland scheint also Athen gewesen zu sein. Dort fanden sich die der ~Athene~ heiligen μορίαι. Nächst Attika war Sikyon die olivenreichste Landschaft Griechenlands (die Olive hieß denn auch sicyonia bacca). ~Äschylus~ nennt die Insel Samos ἐλαιοφύτος, ~Thales~ erwähnt auf Milet, Chios und Delos Olivenhaine. Auf Santorin wurden im Tuff Bauholz aus Oleaster und Ölpressen aus der Zeit vor 2000 n. Chr. gefunden (~Fouqué~) und in Mykenä Olivenkerne aus der gleichen Zeit (~Tsuntas~, ~Schliemann~ bei ~Hehn~, ~Schrader~). In den homerischen Gesängen wird Oleaster (κότινος) und Olivenöl oft erwähnt, sowie der Ölbaum, der schon damals in Griechenland viel kultiviert wurde (~Ilias~ XVII, 53-55). Das Öl spielte in der Technik der homerischen Linnenindustrie bereits eine Rolle. Die Kultur der Olive kam also in vorhomerischer Zeit nach Griechenland (~Schrader~). Schon auf den Vasen ältesten Stils finden wir die Olivenernte dargestellt. Zu ~Strabos~ Zeit gab es an Kleinasiens Nordküste große Olivenpflanzungen. Die +Phönikier+, welche das Olivenöl zu einem Gegenstande des Welthandels machten, brachten den Ölbaum nach Tunis und Tripolis und vielleicht auch schon nach Sizilien (~Hehn~), die Griechen nach Barka, Sizilien, Unteritalien, in die Provence und die Kyrenaika. Nach +Italien+ kam der Ölbaum zur Zeit des ~Tarquinius Priscus~ von Griechenland -- aus griech. ἐλαίϝα wurde olîva, aus ἐλαίϝον oleum, aus ἀμόργη («Hefe» des Olivenöls) amurca, aus δρύππα (überreife Olive) druppa. Auch die Worte orchis, cercitis, trapetum stammen aus dem Griechischen (~Hehn~). Italiens Hügel bedeckten sich vom VII. Jahrh. n. Chr. an mit Olivenhainen, die vom Süden allmählich auch nach Mittelitalien vordrangen (V. Jahrh.). Die älteste Olivenlandschaft Italiens war Apulien, das noch heute das beste Öl hervorbringt. Name (oliva, oleum) und Sache und die Methoden der Ölbereitung erhielten die Römer also von den Griechen. Die Olivenölausfuhr beginnt zur Zeit des ~Pompejus~. Bereits im I. Jahrh. n. Chr. war das italienische Öl das den Handel beherrschende (~Hehn~). Zuletzt kam der Baum nach Ligurien. ~Virgil~, ~Columella~, ~Varro~ und ~Palladius~ beschreiben die Kultur und Pflege der zahlreichen Sorten und die Bereitung der Salzoliven. Auf den Wandgemälden Pompejis ist die Olive dargestellt (I, S. 575). Bei ~Dioskurides~ findet sich ἀγριελαία (κότινος = wilder Ölbaum), ἤμερον ελαία (Kulturolive), κολυμβάδες ἐλαῖαι (Salzoliven) und das Öl (ἔλαιον) der wilden wie der kultivierten Olive und mancherlei Präparate daraus, sowie das Öl der unreifen Olive (Omphakion). Bereits ~Dioskurides~ wußte, daß nicht völlig reife Oliven das beste Öl geben und ~Plinius~ beschreibt die Ölgewinnung etwa so wie sie noch jetzt in Italien auf dem Lande da und dort geübt wird. ~Galen~, ~Oribasius~, ~Celsus~ besprechen die medizinische Anwendung des Öls, ~Athenaeus Naucritites~ (I, S. 574) gibt einige interessante Details und ~Gargilius Martialis~ schildert den Olivenmarkt in Rom. Nach +Spanien+, das zu ~Strabos~ Zeit schon viel Öl exportierte und das große Pflanzungen besaß, die durch die Araber noch wesentlich vermehrt wurden, kam die Olive schon durch die Phönikier. Von der Olivenzucht in Carthago spricht schon ~Mago~ (I, S. 571). Die Nordküste von Afrika lieferte im III. und IV. Jahrh. n. Chr. große Mengen Öl nach Rom. Leptis minor mußte schon zu ~Cäsars~ Zeit jährlich c. 1 Mill. kg Olivenöl nach Rom senden. Mitteltunesien war zur Kaiserzeit ein einziger großer Olivenhain. In den Trümmern der Städte dieses Landstriches, dem heutigen Algier, sind zahlreiche Ölmühlen, Pressen, ja ganze Ölfabriken gefunden worden. Die einwandernden arabischen Nomaden zerstörten dann die Kulturen und nur die um Sahel entgingen ihnen. Das Öl par excellence war schon im Altertum Olivenöl. Nach Marocco kam die Olivenkultur erst relativ spät von Andalusien aus.
Erwähnt wird die Olive bei ~Isidorus Hispalensis~, ~Paulus Aeginetes~, ~Simon Seth~. Bei ~Serapion~ (I, S. 604) steht oliva et oleum quae sunt ex eis, bei ~Ibn Baithar~ (I, S. 608) zajtūn (zajt = Olivenöl). ~Ibn Batuta~ (I, S. 618) sah Ölbäume in Syrien. Bei ~Gariopontus~ (I, S. 623) findet sich olivae olea (lacrima oleae). In der Alphita, bei ~Serapion~ und in den Synonyma desselben steht olea, oliva arbor et fructus oleum = oleum olivae, zaiton, cait = oleum. Bei ~Cordus~ steht sowohl Ol. olivarum wie Ol. omphacinum (ex immaturis olivis expressum), im Braunschweiger Register (I, S. 815): olive und oliveti, im Inventar ~Lefort~ (I, S. 805): uille d’olive. Bemerkenswert ist des ~Pier Vettori~ (1499-1585) Trattato delle lodi e della coltivazione degli ulivi (mehrmals gedruckt, 1569, 1574, 1621) und des ~G. Porta~, L’olivetum 1588. Die ersten Versuche einer Klassifikation der Kulturvarietäten finden sich bei ~Caesalpini~, ~Clusius~, ~C. Bauhin~. Noch im XVIII. Jahrh. erschienen mehrere Monographien über die Olive (~Presta~, ~Sieure~, ~Gandolfi~, ~Moschettini~). Die Pariser Académie erteilte ~de la Brousse~ einen Preis für eine Arbeit über die Schädlinge der Olive. 1782 schrieb die Académie in Marseille einen Preis aus für die beste Monographie der Olive. Den ersten Preis erhielt ~Bernard~, den zweiten ~P. J. Amoureux~, den dritten ~Couture~. Olivenkernöl wurde schon im XVIII. Jahrh. in Spanien gepreßt.
Die Elaidinprobe entdeckte der Marseiller Apotheker ~Poutet~ (Instr. pour reconn. la falsificat. de l’huile d’olive) und ~Boudet~ studierte sie 1832 näher (Ann. chim. phys. [2] 50, 391. Lieb. Ann. 4, 1).
=Lit.= ~Hehn-Engler-Schrader~, Kulturpflanz. -- ~Tristram~, Nat. hist. of the bible. 1898. -- ~Wönig~, D. Pfl. d. alt. Ägypt. -- ~Cavara~, Bull. Soc. geol. ital. 1886. -- ~de Candolle~, L’orig. d. pl. cult.
Zur Olivenölgruppe gehört außer dem Olivenkernöl noch das Haselöl und das Benöl.
Semen Ricini und Oleum Ricini.
=Syn.= Ricinus, Wunderbaum, Läusebaum, Christpalme, Hundsbaum, Kreuzbaum. Die Samen: Brech-, Purgier-, Treib-, Zecken-Körner. In der Schweiz: Springkernen, mirasole; in Italien auch: girasole. -- common oil nut tree, common palma-Christ, castorplant (engl.); ricin (franz.); ricino, fico d’inferno, fagiolo romano, turchesco oder d’India (ital.); wonderboom (holl.); κίκι (n.-griech.); pei-ma-tsu oder pi-ma-tsze (chin.); fima, kara-gasira, himashi, togoma (jap.). In Indien: arandi, erandi, rand (hind.); bherendá (beng.); eri (assam.); eranda, ruvuka, vatári (= antirheumatisch), rakla eranda (sansc.); kinnatu, bedánjir (pers.). In Turkestan: kanap, kundschut. In Chorassan: Ziegenfeige -- mal. sund. jav. (z. B. auf Java): djarak, auch kaliki (mal.); djarak djawa (in Palembang); auf Sumatra auch dulang (bat.); auf den Philippinen: tangan, tavang oder lingan sina. In Niederl.-Westindien: krapatta (nach portug. carapatto).
+Ägypt.+ dqm, die Früchte qꜣqꜣ (kiki, auch im Koptischen kyki) -- die hieroglyphischen Zeichen I, S. 470. -- Bei ~Herodot~: σιλλικύπριον. -- Bei ~Theophrast~ und ~Nicander~: κρότων. -- Bei ~Dioskurides~: κίκι, σήσαμον ἄγριον, σέσελι κύπριον (in [] stehen, d. h. später eingeschoben sind die ägyptischen Namen Systhamna und Trixis, der Prophetenname αἷμα πυρετοῦ (= Fieberblut, vgl. I, S. 472), die römischen Namen ricinus und lupa). -- Bei den späteren Griechen auch: μπανδάτζη, μπαρδάνη, σίκις, σύσταμνα, χίφονα. -- Bei ~Plinius~: ciki, croton, trixis, sesamum silvestre. -- Im Mittelalter: Agnus Christus, Palma Christi, rauscher oder türkischer Hanf, Cataputia major. -- In der Alphita und bei ~Bartholomaeus~: cataputhia, cathapucia = semen spurgie, kerva, pentadactylus. -- Bei ~Ibn Baithar~ (I, S. 610) Ricinus commun. = ḫirwaʿ, Ol. Ricini = duhn al-ḫirwaʿ. -- Bei ~Najm Ad-Dyn Mahmud~ (I, S. 611) Ricinus = kharouaʿ, arab. auch kerua, kherûa, kerroa, charua. -- Im Corpus glossar: ricinus, crotonia. -- Bei ~Albertus Magnus~: arbor mirabilis. -- Bei ~Megenberg~: wunderleich paum. -- Im Niederländ. Herbar (1483): kruzebom. -- Bei ~Gesner~: wundelbaum. -- Bei ~Tabernaemontanus~: Mollenkraut, Zeckenbaum.
=Etym.= «κροτων heißt er wegen der Ähnlichkeit mit dem Tier», sagt ~Dioskurides~, und ~Plinius~ bemerkt «ricinum vocant a similitudine seminis», das Tier, das die Griechen Croton, die Römer Ricinus nannten, ist der Holzbock, die Holzteke, Zecke, Hundelaus (Ixodes Ricinus L.), daher der Baum Läusebaum oder Zeckenbaum genannt wurde. Die Samen sehen dem mit Blut vollgesogenen Tiere nicht unähnlich. Aber wahrscheinlich verhält sich die Sache, wenigstens für Ricinus, umgekehrt, das Tier ist nach der Pflanze benannt und Ricinus aus κίκι, κίκινος (hebr. kikar, s. oben) umgebildet. -- Wunderbaum wegen des raschen Wachstums nach der mißverstandenen biblischen Erzählung (vgl. Geschichte). -- Im XVIII. Jahrhundert wurde R. auf Jamaika kultiviert. Man verwechselte ihn dort mit Vitex Agnus castus, dem Agno casto der Portugiesen. Von diesem Casto stammt der in England übliche Name Castoroil für Ricinusöl (~Flückiger-Hanbury~). -- Palma Christi, Pentadactylus und Teufelsblatt (folha do inferno) bezieht sich auf die Form des Blattes.
=Stammpflanze.= =Ricinus communis L.=, Spec. pl. ed. I 1007 (Ricinus inermis ~Jacq.~, R. lividus ~Jacq.~, R. speciosus ~Burm.~, R. spectabilis ~Blume~, R. viridis ~Willd.~, Croton spinosus L.).
Variiert außerordentlich in Form, Größe und Bestachelung der Früchte, Form, Größe und Farbe der Samen, Stärke der Bereifung der Blätter und Stengel. ~Müller-Argov.~ unterscheidet folgende 16 Varietäten: α megalospermus, β rugosus, γ purpurascens, δ lividus (Südafrika), ε armatus (Malta), ζ leucocarpus, η Benguelensis, η Reichenbachianus, ι badius, κ amblyocalyx, λ africanus, μ genuinus, ν Rheedianus, ξ microcarpus, ο undulatus, ρ speciosus (Java). Dazu kommen dann noch die var. brasiliensis, die ~Peckolt~ erwähnt, var. viridis ~Willd.~ (Indien), var. americanus ~Ald.~, var. tunisensis (Nordafrika), var. ruber ~Rpf.~, var. inermis ~Jacq.~ (Indien), var. sanguineus (großsamig), var. giganteus, var. metallic., var. macrophyllus, die wahrscheinlich den R. von St. Eustatius liefernde var. Zanzibariensis (oder zanzibarinus), die ich aus Amani in zahlreichen Spielarten mit verschieden gefärbten Samen 1909 erhielt und die auch als Art betrachtet wird, u. and. mehr. Viele Varietäten und Spielarten besonders in Indien. Meist unterscheidet man in Indien zwei Hauptformen:
1. Die Large seeded Form, groß, perennierend, Windschutz-Heckenpflanze mit vielen großen Samen, gibt aber weniger gutes Öl (technisches und Lampenöl).
2. Die Small seeded Form, kleiner, meist einjährig, mit kleineren Samen, gibt mehr und besseres Öl (Medizinalöl).
Ferner die Varietäten pyra: keine Seitenzweige und mulli kottai: glatte, nicht stachelige Früchte. Die mohammedanischen Schriftsteller erwähnen zwei Arten Samen, rote und weiße, die ersten als wirksamer. Auch ~Rumphius~ unterscheidet weißen und roten Ricinus, ~Dymock~ große rotsamige und graue, braunfleckige Varietäten. (Letztere werden medizinisch bevorzugt.) Die Varietäten bleiben in der Kultur ziemlich konstant.
=Systemat. Stellung.= +Euphorbiaceae+ -- Platylobeae-Crotonoideae-Acalypheae-Ricininae. Ricinus hat nur diese eine Art.
=Beschreibung der Stammpflanze.= Die diclin-monöcische Pflanze wird 2-4 m hoch, nimmt aber in den Tropen und Subtropen Baumform an (bis 13 m). Auf den Azoren und im wärmeren Mittelmeergebiet wird Ricinus ausdauernd und strauchartig bzw. ein kleiner Baum (Taf. XVI). Die Pflanze hat die Größe eines kleinen Feigenbaumes, sagt ~Dioskurides~. ~Clusius~, ~Belon~, ~Ray~ berichten über große baumartige Ricinus in Spanien, Creta und Sicilien. Diesseits der Alpen und in Norditalien ist Ricinus einjährig und wird kaum höher als 5 engl. Fuß. Der Stengel ist grün oder bräunlich-rot, häufig bläulich bereift. Die spiralig gestellten, langgestielten, +exzentrisch-schildförmig angehefteten+ Blätter besitzen einen am Grunde und an der Spitze mit Drüsen (gegen unberufene Gäste?) versehenen Blattstiel und eine bis 1 m breite Spreite, die in 7-11 eioblonge oder lanzettliche, zugespitzte, kahle, bisweilen bereifte, einfach oder doppelt gezähnte Lappen handförmig geteilt ist. (Zarte Mädchen und schwellende Brüste vergleicht der Inder mit den zarten weichen Blättern der Aranda.) Der rispige, ursprünglich terminale, aber beiseite gedrängte Blütenstand trägt unten die männlichen, oben die weiblichen Blüten; die männlichen besitzen eine fünflappige Blütenhülle, zahlreiche Stamina mit baumartig verzweigten Filamenten, an deren letzten Enden die dithezischen gesonderten Antheren (bisweilen mehr als 1000) sitzen; die weiblichen besitzen eine fünfzählige, frühzeitig abfallende Hülle und einen blaugrauen, eiförmigen, mit zahlreichen Weichstacheln besetzten, dreifächerigen, oberständigen Fruchtknoten, der an der Spitze einen kurzen Griffel trägt, welcher in drei rote zweispaltige Narben ausläuft. Jedes Fach enthält ein anatropes hängendes Ovulum mit einer die Micropyle überdeckenden Funicularwucherung. Die Frucht ist eine dreifächerige, kugelige, je nach der Varietät glatte oder mehrweniger bestachelte Kapsel, die in 3 Kokken zerfällt, welche elastisch aufspringen und die Samen fortschleudern. Alle Teile der Pflanze sind sehr spröde. Sie ist in Indien das Symbol der Zerbrechlichkeit. «Zerbrechlich wie Aranda» ist eine gewöhnliche Redensart in Indien. Ricinus reift seine Samen noch in England und bei Christiania (~Schübeler~). Über die Krankheiten der indischen Ricinuspflanze vgl. bei ~Watt~.
Die Heimat der Pflanze ist das tropische Afrika (~Ball~, ~De Candolle~). Sie findet sich wild in Abyssinien, Sennaar, Cordofan; verwildert in Ägypten, Algier, Marocco und den Canaren, Arabien, Persien, Indien, Syrien, Anatolien, Griechenland.
Ricinus trägt aber alte Sanscritnamen. Der älteste ist eranda, dann ruwu ruwuka, uruwuka, die rote raktairanda, so daß einige Ricinus auch für in Indien einheimisch halten (~Flückiger-Hanbury~, ~Bentley-Trimen~). ~Watt~ fand ihn neben anderen sicher in Indien einheimischen Pflanzen angeblich wild im Himalaya (Dict. econ. prod.). Doch betrachtet auch er das Indigenat für zweifelhaft. Immerhin ist es möglich, daß Ricinus auch in Indien einheimisch ist. Die Arier können die Pflanze jedenfalls nicht nach Indien gebracht haben. Sicher ist, daß Ricinus schon im hohen Altertum in Indien in Kultur stand. ~Aitchinson~ fand aber weder das einheimische Öl noch die einheimischen Ricinussamen in Afghanistan in Anwendung.
=Lit.= ~Müller-Arg.~, Linnaea 34, 143 und ~De Candolle~, Prodromus XV, 1016 (dort die Lit.). -- ~Pax~ in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam. -- ~Ledebour~, Flor. ross. I, 501. -- ~Miquel~, Flor. Ned. Ind. I, II, 391. -- ~Hooker~, Flor. Brit. Ind. V, 457. -- Pharmacogr. indica. -- ~Watt~, Dict. econom. prod. India. -- ~F. F. Bruyning~, De Wonderboom of Christus palm, Tijdschr. voor tuinbouw 1896, 53 (mit 4 Taf.). -- ~Roxburgh~, Flora indica. -- Tropenpflanzer 1900, Nov. -- Über Ricinushybriden vgl. ~van der Stok~, Teysmannia 1909 u. 1910.
+Abbild.+: ~Berg-Schmidt~, 2. Aufl. t. 89 (dort weitere Lit.). -- ~Pabst-Köhler~, Medizinalpfl. t. 160. -- ~Nees von Esenbeck~, Plant. med. t. 140. -- ~Hayne~, Arzneigew. X, t. 48. -- ~Bentley-Trimen~, Med. pl. t. 237. -- ~Greshoff~, Schetsen van Ind. Nuttige planten t. 31. -- Bot. Mag. t. 2209. -- Ältere: ~Rheede~, Hort. Mal. II, t. 32. -- ~Rumphius~, Herb. Amb. IV, t. 41 (hier eine ausführliche Beschreibung). -- ~Garsault~, Fig. d. plant. décr. dans Mat. méd. de Geoffroy.
Älteste Abbildung im Codex constantinopol. des ~Dioskurides~ (vgl. I, S. 554) unter κρότων ἡ κήκι No. 170.
=Kultur.= Im großen und ganzen kann Ricinus fast überall da kultiviert werden, wo Mais zur Reife kommt, doch endet seine Ertragsfähigkeit vor der Maisgrenze. Er braucht Wärme, Feuchtigkeit und fruchtbaren, phosphorsäure-, kali- und kalkreichen Boden und wächst sehr rasch. In Indien ist er oft in Mischkultur. Kappen des Gipfeltriebs vermehrt die Zahl der Fruchtstände. Die Früchte werden 5-7 Monate nach der Aussaat reif (nicht alle einer Staude zu gleicher Zeit), werden aber vor dem Aufspringen geerntet. 5 dz Samen sind ein guter Ertrag pro Hektar (~Semler~). Trockenheit beeinträchtigt in Indien die Ölausbeute. Ricinus wird besonders in +British-Indien+, dann in Niederländ.-Indien (Java), China, am Kongo, in Senegambien, Sierra Leone, Sansibar, in den deutsch-afrikanischen Kolonien, Ägypten, Kleinasien, Syrien, in den +südlichen Vereinigten Staaten+, Kansas, Californien, Mexico, +Brasilien+, Surinam, Westindien (San Salvador, Curaçao), Spanien, Algier, +Süd- und Nordfrankreich+, +England+ und +Nord-Italien+ kultiviert. Die italienischen Kulturen finden sich besonders in der Nähe von Legnago (Venetien), so z. B. bei Roverchiara und San Pietro di Marobio, dann in der Nähe von Verona bei Montorio Veronese, Zevio und Tregnago in größerem Maßstabe, weniger in der Lombardei (~Ravasini~). Neuerdings (1896) sind auch in Südrußland Anbauversuche gemacht worden. In Sicilien, Sardinien, Calabrien und der Riviera trifft man ihn vielfach verwildert. Die italienischen Kulturen können den Bedarf nicht mehr decken. Die größten Kulturen befinden sich in Indien. Dort wird Ricinus kultiviert in Madras, Mysore, Coong, Bengalen (Rajshahye, Cooch Behar, Chota Nagpore, Chittagong, Patna, Dacca, Presidency Burdwan, Orissa, Northwestprovinces und Oudh), Bombay, Panjab (das Detail in ~Watt~, Dict. econom. prod. India). 1909 war die bebaute Fläche um 11% gegen 1908 zurückgegangen. ~Aitchison~ sah in Chorassan und im Harirutdistrikt Ricinus am Rande der Felder kultiviert. In Niederländisch-Indien steht sowohl der rote wie der weiße Ricinus (djarak meirah und d. malaka) in Kampongkultur in Java, in Tegal, Madiun, Kediri, Surabaja und Probolinggo. ~Stanley~ fand Kulturen des Ricinus in Afrika am oberen Ituri (Aruwimi), in der Nähe des Albert Njansa. In Nordamerika wird besonders die Stammform und die var. sanguineus kultiviert. Ricinusvarietäten werden bei uns jetzt in Gärten viel als ornamentale Zierpflanzen (Mittelstück von Rabatten) gepflanzt. Von tierischen Schädlingen werden die Kulturen meist gemieden (~Semler~).
=Lit.= ~Semler~, Trop. Agrikultur. -- ~Greshoff~, Ind. Mercuur 1896. -- Die Kultur in Indien ausführlich in ~Watt~, Dict. -- ~Schulte im Hofe~, Tropenpfl. 1902. -- Pharm. Zeit. 1904, 99. -- ~Dynnikow~ (Kult. in Südrußland), Farmaceft 1896. -- ~Wright~, Castor oil plant in Ceylon Agr. Journ. Roy. Bot. Gard. Ceylon 1904.
=Gewinnung des Öls.= Die Darstellung des Öls erfolgt entweder durch +Pressen+, +Auskochen+ oder +Extrahieren+.
Das +Auskochen+ der zerdrückten Samen und Abschöpfen des Öls wurde sowohl in Ost- wie in Westindien geübt. Das Öl gerösteter Samen ist braun und sauer (westindische Öle). In Jamaika z. B. wurden wenigstens früher die Samen mit Wasser ausgekocht, das oben schwimmende Öl abgehoben, nochmals erwärmt und dann durchgeseiht (~Wright~).
Ricinusöl wird jetzt besonders in +Californien+, +Mexico+, +Italien+ und +Indien+ gewonnen, durch +Pressung+ der im Herbst gesammelten, in Trockenöfen bis zum Erweichen erhitzten Samen besonders in den beiden zuerst genannten Staaten. Das gepreßte Öl wird mit der gleichen Menge Wasser vermengt und 1-2 Stunden gekocht. Dann wird das Öl vom Wasser getrennt und der Sonnenbleiche ausgesetzt.
+Das deutsche und schweizerische Arzneibuch verlangen ausdrücklich mit Wasser ausgekochtes Öl.+ In +Frankreich+ werden die Samen zweimal kalt gepreßt, wobei 40-45% Medizinalöl erhalten werden. Die dritte heiße Pressung und das durch Wasserdampfeinwirkung erhaltene Öl dient nur technischen Zwecken.
Die Reinigung des Öls kann auch durch Erhitzen seiner Lösung in absolutem Alkohol im Autoklaven und darauffolgendes Auswaschen mit Wasser geschehen (D. R. P. 93596).
Über die Gewinnung des Öls in Italien berichtet mir ~Ravasini~ (1911) folgendes. «Sie wird namentlich bei +Montorio Veronese+ (nahe Verona), wo sich eine große modern eingerichtete Fabrik befindet, und nahe Legnago in den oben (S. 627) genannten kleinen Orten, hier mehrfach im Kleinen, betrieben. So vereinzelt fand ich sie auch bei +Forli+ und in der römischen Provinz nahe +Frosinone+ bei +Alatri+. Einrichtungen zur Ricinus-Ölgewinnung sind aber auch bei größeren pharmazeutischen Unternehmungen in Betrieb zu finden, so z. B. in +Mailand+, +Padua+, +Verona+ und in +Neapel+, dienen aber wohl nur für den Lokalgebrauch.
Zur Ölgewinnung bedient man sich in Italien hauptsächlich der italienischen Samen und nur wenn diese nicht genügen importiert man solche aus dem Auslande, meistens aus British-Indien und Ceylon; das beste Ricinusöl stammt aber aus den italienischen Samen. Die frischen Samen werden in Walzwerken enthülst, die Kerne sorgfältig gereinigt und ausgelesen, zerstampft und in hydraulischen Pressen zwei bis dreimal nacheinander +in der Kälte+ gepreßt. +Nur das Öl erster Pressung wird zu medizinischen Zwecken verwendet.+ Alles andere, sowie das aus den entweder in der Wärme noch weiter ausgepreßten oder mit Schwefelkohlenstoff extrahierten Rückständen gewonnene Öl dient zu technischen Zwecken als Brenn- oder Schmieröl.
Das zu pharmazeutisch-medizinischen Zwecken bestimmte Öl wird mehrmals mit Wasser ausgekocht, bis alles Eiweiß abgeschieden ist. Alsdann wird alles Unreine abgeschöpft und behufs Entfernung des Wassers das Öl entweder in flachen Gefäßen einige Tage stehen gelassen oder man begünstigt durch Erwärmen die Verdunstung des Wassers, filtriert mehrmals und füllt dann das Öl sofort in viereckige Blechkanister, die verlötet werden, ab.
Aus 100 kg Ricinussamen erhält man c. 26-29 kg Öl erster Pressung, 10 kg Öl zweiter Pressung, 8 kg Öl dritter Pressung. -- Durch weiteres Pressen in der Wärme oder durch Extrahieren mit Schwefelkohlenstoff kann man noch weitere 5 bis 10 kg Öl gewinnen. Die übrigbleibenden Rückstände werden als ausgezeichnetes Düngemittel in Mais-, Hanf- oder Olivenpflanzungen verwertet.»
Die Gewinnung des Öls geschieht bei den Eingeborenen Vorderindiens (nach ~Schulte am Hofe~) folgendermaßen. Die Samen werden in einem eisernen Topfe oder über offenem Holzkohlenfeuer soweit erhitzt (geröstet), daß man sie eben noch mit der Hand anfassen kann, dann sofort durch vorsichtiges Stampfen von den Schalen befreit und die Kerne in Jutebeuteln in eisernen Plattenpressen kalt, d. h. bei 20-30°, gepreßt (erste, kalte Pressung, das Öl ist hell). Dann wird durch ein Holzkohlenfeuer die Presse und ihre Platten erwärmt und weiter gepreßt (warme Pressung, das Öl ist dunkler). Das Öl wird +dann mit Wasser solange gekocht+ und die sich abscheidenden Eiweißsubstanzen und Unreinlichkeiten abgeschöpft, +bis sich das Öl geklärt hat+. Dann läßt man es zur Verdunstung der letzten Reste des Wassers in flachen Gefäßen stehen und bringt es in große, 70 l fassende, bis zum Hals in die Erde eingegrabene, als Vorratsgefäße dienende Tonkrüge, in denen es die letzten Unreinheiten absetzt. In den englischen Ölpressereien wird im allgemeinen ebenso verfahren. Die verschiedenen Pressungen werden gesondert aufgefangen.
Die Bereitung des Öls in +Madras+ erfolgte nach einer älteren Angabe von ~Price~ entweder in der Weise, daß die Samen geröstet, im Mörser zerkleinert, in das vierfache kochenden Wassers gebracht und das Öl abgeschöpft wurde (die Prozedur wurde wiederholt), oder indem der Same gekocht, dann an der Sonne getrocknet, zerstoßen und ausgekocht wurde (liefert ein besseres Öl), oder indem der Same über Nacht in Wasser eingeweicht, dann auf der Ölmühle gemahlen und das Öl dadurch entfernt wurde, daß man ein Stück Tuch in den Brei tat und dies dann in einen Topf ausdrückte. Die geringeren Sorten heißen in Indien Lampenöl. Die großsamigen Sorten liefern nur dieses. Auch in +Westindien+ wird jetzt das Öl durch Auspressen gewonnen. Die nicht entschälten, aber gereinigten Samen werden schwach erwärmt (nicht geröstet!), dann in großen hydraulischen Pressen gepreßt. Die abfließende Mischung wird dann mit Wasser gekocht, der Schaum abgeschöpft und das Öl abgezogen. Das Öl wird dann nochmals vorsichtig mit Wasser gekocht und dadurch geklärt. (Darstellung des Öls in Indien ausführlich in ~Watt~, Dict. econom. prod. India.)
Versuche in der indischen Regierungsfarm Saidapet haben ergeben, daß die kalte Pressung 36,5% eines sehr reinen Öls ergibt, daß schwach geröstete Samen 32%, stark geröstete 27% schmutziges Öl liefern, wenn sie gekocht und das Öl abgeschöpft wurde und daß, wenn die Samen gemahlen und das Öl ausgekocht wird, 30,43% Öl erhalten werden. Die gewöhnliche durchschnittliche Ausbeute beträgt bei den Eingeborenen in Indien c. 25%. Man rechnet, daß bei ihnen ein acre 5 cwts Samen und 27 lbs Samen 7 lbs Öl liefern (~Watt~).
Bei rationeller Bearbeitung erhält man aber beträchtlich mehr. Die erste kalte Pressung liefert alsdann 26-29 %, die zweite kalte Pressung 13-14 %, die dritte warme noch 7% (~Schädler~). Die Öle zweiter und dritter Pressung werden nur für technische Zwecke benutzt.
In +Nordamerika+ werden die Samen im Ofen eine Stunde trocken erwärmt, dann gepreßt, das Öl mit Wasser eine Stunde gekocht, vom Wasser getrennt und in große Zinkbütten geleitet, wo es 8 Stunden bleibt, schließlich an der Sonne gebleicht (100 kg liefern 36 l Öl). Das feinste Öl wird auch hier aus geschälten Samen bereitet (~Semler~).
Das Öl wird im Großen auch durch +Extraktion+ dargestellt. In Frankreich und Italien hat man es z. B. mit Alkohol extrahiert. Dies Öl soll sogar medizinisch wirksamer sein. Auch das mit CS₂ extrahierte Öl wirkt stärker als gepreßtes.
+Aber nur das kaltgepreßte Öl erster Pressung darf als Arzneimittel benutzt werden.+ Dies «medizinische Ricinusöl» wird stets aus geschälten Samen dargestellt. Die Samen werden durch Walzen, welche so eingestellt sind, daß nur die Schalen, nicht aber der Kern zertrümmert wird, von den Schalen befreit und die Schalentrümmer durch einen Luftstrom entfernt. Das Öl wird durch Aufkochen mit Wasser raffiniert. Hierbei wird das etwa in das Öl übergetretene Enzym zerstört. Ein so raffiniertes Öl hält sich jahrelang, ohne sauer und ranzig zu werden (~Lewkowitsch~).
=Handel.= Der Großhandel unterscheidet erste und zweite Pressung. In Indien wurden schon 1889 36 Mill. Liter Öl gewonnen, davon wurden aber c. 9 Mill. im Lande verbraucht. Viel Öl wird in Amerika dargestellt und auch Rußland bringt jetzt große Mengen Ricinussamen hervor und preßt auch viel Öl (1906 war kaukasisches Öl im Handel). Im deutschen pharmazeutischen Großhandel sind jetzt besonders +italienisches+, dann französisches und amerikanisches Ricinusöl. Die letzteren haben einen unangenehmen Geschmack. Das italienische wird bevorzugt. Daneben findet sich aber indisches, brasilianisches, javanisches Öl.
Im Handel unterscheidet man in Italien (nach ~Ravasini~) folgende Sorten:
Zu pharmazeutischen Zwecken:
a) das aus italienischen Samen gewonnene Öl erster Pressung, welches die beste Qualität darstellt, wird als: «+Olio di ricino fiore d’Italie+» bezeichnet; davon sind zwei Sorten «Speciale» und «Extra» im Handel;
b) das aus ausländischen Samen erhaltene Öl erster Pressung heißt: «+Olio di ricino prima pressione+»; gute Sorte. Findet sich auch unter dem Namen «+Olio de ricino fiore indiano+» im Handel.
Zu technischen Zwecken:
a) eine bessere Sorte: «+Olio ricino commune+» und
b) eine schlechtere Sorte: «+Olio ricino per uso industriale+» oder «+Olio ricino per le arti+».
Dies italienische Ricinusöl zu pharmazeutischen Zwecken kommt in viereckigen Blechkanistern à 5, 10 und 20 kg Inhalt in Handel. Das zu technischen Zwecken gebrauchte entweder in Kisten mit je zwei Blechkanistern à 18 kg Inhalt oder in Fässern (Barrels) à c. 180 kg.
~Grossmann~ unterscheidet: Ol. ric. med. extra prima weiß «Crème» (das teuerste), in Kisten à 4 Kan. à 20 kg, dann prima weiß, dies auch in Barrels von c. 180 kg. Dann: erste Pressung und zweite Pressung.
Ricinussamen kommen besonders aus Calcutta, Bombay, dem Senegal, Italien, der Levante und Amerika in den Handel. Von den indischen geht viel nach Italien (~Dymock~). Sie sind zurzeit ein großes Spekulationsobjekt, so daß die Preise stark schwanken.
Marseille ist Hauptmarkt für Ricinussamen (1895 gelangten dorthin 22672 t). +British Indien+ exportierte Castor oil nach England und Kolonien 1907/08: 1485431, 1908/09: 1076692 gall., nach anderen Ländern 1907/08: 23114, 1908/09: 23275 gall. +Italien+ exportierte 1909: 56 und importierte 1909: 126684 quint. semi di ricino und exportierte 1907: 5391, 1908: 3454, 1909: 2292, 1910: 4766 quint. olio di ricino. +Deutschland+ importierte 1909: 80990 dz +Ricinussamen+ aus Brit. und Nied. Indien und 84934 dz +Ricinusöl+ besonders über Belgien und Großbritannien, etwas auch aus Italien. +Hamburg+ importierte 1908: 63482 dz +Ricinussamen+, davon stammten 56233 aus Brit. Ostindien, 6446 aus Nied. Ostindien, nur wenig aus Ostafrika. +Hamburg+ importierte 1908 seewärts: 34660 dz +Ricinusöl+. Davon kamen aus Großbritannien: 25664, Belgien: 6076, Frankreich: 2451, Italien: 234, den Niederlanden: 229. Die Einfuhr von Castor oil nach +London+ betrug 1906: 767, 1907: 827, 1908: 317, 1909: 178 casks und 1906: 1040, 1907: 949, 1908: 828, 1909: 599 cases. (1897 importierte England 155850 cwts Castor seeds aus Frankreich, Indien, Belgien und Italien.) +Frankreich+ importierte 1908 +huile de ricin+ et de pulghère 10032 Quint. +Nordamerika+ importierte 1896: 22890, 1909 aber nur 6847 gall. Castor oil.
=Lit.= ~Schulte im Hofe~, Fabrik. u. Verwend. v. Ricinusöl in Indien. Apoth. Zeit. 1900, 824. -- ~Ainslie~, Mat. med. I, 256. -- ~Watt~, Dict. econ. prod. Ind. -- Pharm. Zeit. 1904, 1052. -- ~Wright~, Med. pl. of Jamaica, London med. journ. 8. -- ~Vorderman~, Castorolie-Fabricage op Java. Teysmannia 1894, 713.
=Morphologie des Samens.= Die Samen sind von sehr verschiedener Größe und sehr verschiedener Farbe. Selbst bei derselben Varietät finden sich Spielarten mit großen und kleinen Samen. Die Länge der Samen schwankt von 9-22, die Breite von 6-15, die Dicke von 4,5-9 mm. Die größten sind die vom Kongo und die Sansibar. Die medizinalen Samen messen meist 4,5 : 6 : 9 mm, gehören also zu den kleinsten. Das Gewicht von 100 Samen beträgt 11,8-107 gr, das Gewicht des Kerns beträgt 60,8-80,6% (~Bruyning~). Am häufigsten ist bei den medizinalen Samen die Grundfarbe ein gesprenkeltes Silbergrau, in welches unregelmäßige, nicht sehr breite, längsgestreckte, rotbraune Flecke eingestreut sind. Die Variationen kommen besonders dadurch zu stande, daß entweder die grauweiße Grundfarbe prävaliert und die Flecke zurücktreten oder umgekehrt die braunen Flecken, die in allen Nuancen des Braun bis zu Schwarz vorkommen, die Oberhand gewinnen, in wenigen großen oder zahlreichen kleinen Flecken auftreten, ja ganz die Grundfarbe verdrängen. Der Same ist ellipsoidisch, etwas plattgedrückt, an der Bauchseite bisweilen zugeschärft. Er trägt an der Spitze eine helle, mützchenartige Caruncula. Die Samenschale ist spröde und brüchig, glänzend und glatt. Das reichlich entwickelte, weiße, ölig-fleischige Endosperm zerfällt leicht in zwei Hälften. Innen liegen ihm die beiden dünnen, geaderten, blattartigen Cotyledonen auf.
=Anatomie.= Das hemianotrope Ovulum hat zwei Integumente. Eine große Funicularwucherung (Obdurator) legt sich über die Mikropyle. Durch reichliche Vermehrung des Gewebes an der Chalaza entsteht eine becherartig den Embryosack umfassende, von Gefäßbündeln durchzogene Wucherung, die den Nucellus nach oben schiebt, ein Pseudonucellus (~Schlotterbeck~). Aus dem äußeren Integumente gehen drei Schichten hervor: die aus polygonalen Zellen bestehende Samenschalepidermis, deren Außenwand mit unregelmäßigen zentripetalen, «gekröseartigen» (~Moeller~) Verdickungen versehen ist und die bei den gefärbten Stellen der Samenschale den Farbstoff führt, ein 4-6reihiges, reichdurchlüftetes, aus sternförmigen Zellen bestehendes Schwammparenchym, in dem das Raphebündel zur Chalaza läuft und eine Reihe etwas palissadenartig gestreckter, dünnwandiger, c. 20 mik hoher Zellen, deren Seitenwände bisweilen wellige Verbiegungen zeigen. Aus dem inneren Integument geht zunächst die nun folgende breite, außerordentlich harte Makrosklereïdenschicht hervor, die aus stark radial gestreckten, radial oder schief radial gestellten, miteinander verzahnten, bis 200 mik hohen, 8-15 mik breiten (~Moeller~) Palissadensklereïden mit dicker, brauner, verholzter Wand besteht, sodann die Nährschicht. Diese besteht beim unreifen Samen aus einem aus sehr zahlreichen Zellreihen aufgebauten, reich durchlüfteten Gewebe, das aber beim reifen Samen ganz zusammengefallen ist, aber Oxalatkristalldrusen und nadelförmige, oft sternförmig vereinigte Fettkristalle enthält (~Collin-Perrot~) und das die zahlreichen Bündelchen führt. Es ist dies die sich als weißes Häutchen leicht vom Samenkern ablösende innere Samenhaut der Autoren. Ihre Zellen enthalten oft Calciumoxalat und auch wohl Fett. Löst man die harte Schale von einem reifen Samen vorsichtig ab und legt den Kern in Phloroglucinsalzsäure, so sieht man, daß das von der Chalaza ausgehende reichverzweigte Bündelnetz nicht bis ganz zur Spitze reicht, der oberste Teil also nicht von der Chalazawucherung umschlossen ist. Da der echte Nucellus ganz resorbiert wird, so liegt hier nur Endosperm (~Schlotterbeck~). Der Obdurator ist beim reifen Samen durch die Caruncula ganz verdrängt. Sein Gewebe besteht aus reichgetüpfelten, bisweilen Stärke führenden Zellen. Die Zellen des reichlich ausgebildeten, die Hauptmasse des Samens ausmachenden Endosperms sind dünnwandig und enthalten, in Ölplasma eingebettet, zahlreiche längliche oder kugelige, meist 7,5-15, selten bis 20 mik große Aleuronkörner (Fig. 196), die außer Grundsubstanz meist 1-2 wohlausgebildete Kristalloide und ein großes oder mehrere kleinere Globoide enthalten (~Lüdtke~).
Die +Kristalloide+ der Aleuronkörner von Ricinus sind unlöslich in Wasser, 1% Kochsalzlösung, 1 und 5% und konz. Magnesiumsulfat, 1% und konz. Ammonsulfat, 1% Chlorammon, 20% Kaliummonophosphat, konz. Dinatriumphosphat, löslich in 10% Kochsalz, 20% Magnesiumsulfat, 10% Ammonsulfat, 10 und 20% Chlorammon, Kalkwasser und Salzsäure. Die +Grundsubstanz+ löst sich in Wasser und allen übrigen verdünnten Salzlösungen. Die +Globoide+ sind unlöslich in Wasser, 1% Kochsalz, 1% Magnesiumsulfat und Kalkwasser, sonst in Salzlösungen im allgemeinen leicht löslich, sehr schwer in konz. Magnesiumsulfat (~Tschirch~ und ~Kritzler~).
Die innerste Schicht des Endosperms besteht aus der Quellschicht (~Tschirch~). Die nur 130 mik dicken Cotyledonen sind breit blattartig und den Innenseiten des in der Mitte gespaltenen Endosperms mit breiter Fläche fest angefügt. Sie enthalten in dünnwandigen Zellen Aleuronkörner, die sehr viel kleiner als die des Endosperms, oft nur 1 mik, meist jedoch 2-4 mik lang sind. In den Procambiumsträngen, die als zartes Adernetz die Cotyledonen durchziehen, sind die Aleuronkörner noch kleiner. Ober- und Unterseite ist bei den Cotyledonen nicht different ausgebildet. Da beim Verfüttern der Preßkuchen wiederholt Vergiftung beobachtet wurde, ist der mikroskopische Nachweis von Ricinuskuchen oft erwünscht.
=Lit.= ~Gris~, Note sur le dével. d. l. graine du Ricin. Ann. sc. nat. (4) 15 (1861) 17 (1862) und (5) 2 (1864). -- ~Harz~, Landwirtsch. Samenkunde. -- ~Pammel~, Seed coats of the Gen. Euphorbia. Shaw School of bot. 1891, 543. -- ~G. Keyser~, Beitr. z. Entwicklungsgesch. d. Samendecken bei d. Euphorb. m. bes. Berücks. v. Ricin. commun. Ber. d. pharm. Ges. 1892 (dort die Lit.). -- ~Schlotterbeck~, Beitr. z. Entwicklungsgesch. pharmakogn. wicht. Samen. Dissert. Bern 1896 (mit vielen Abbild.). -- ~Lüdtke~, Aleuronkörner. Ber. d. pharm. Ges. 1891, 58. -- ~Gram~ (Samensch. d. Euphorb.), Bot. Tidskrift 1896, 358. -- ~Collin~, Tourteau de Ricin. Journ. pharm. chim. 1903, 361 u. Guide prat. 1893. -- ~Böhmer~, Kraftfuttermittel 1903, Ölkuchen in ~Dammers~ Lexikon 1887 und in ~König~, Landwirtsch. wicht. Stoffe 1891. -- ~T. F. Hanausek~ in ~Wiesner~ Rohstoffe. -- ~Sachs~, Lehrbuch (Aleuron). -- ~Tschirch~, Angew. Anatomie, Fig. 36. -- ~Tichomirow~, Lehrbuch 1900. -- ~Vogl~, Kommentar 1892. -- ~Moeller~, Mikroskopie II. Aufl., Fig. 348-350. -- Preßkuchen: ~Collin-Perrot~, Resid. industr., Fig. 14 u. 15.
=Chemie.= Die Zusammensetzung der ungeschälten Samen ist im Durchschnitt in %: Wasser 6,46, Stickstoffsubstanz 18,75, Fett 51,37, stickstofffreie Extraktsubstanz 1,5, Rohfaser 18,1, Asche 3,1 (~König~).
~Schädler~ fand in geschältem italienischem (und indischem) Samen in %: +Öl+ 52,6 (55,2), +Eiweiß+ 20,5 (19,3), +Zucker+ 2,1 (2,2), +Asche+ 2,9 (3,4), +Wasser+ 8 (7,3). Die Samenkerne (und Schalen) enthalten in % (nach ~Maillot~): Öl 52,2 (0), sonst in Alkohol und Äther löslich 4,2 (10,4), Eiweiß 26,6 (15,3), Zucker 2,2 (0), Rohfaser 5,7 (59,6), Asche 2,4 (3,1), Wasser 4,4 (10,5). ~Fleury~ fand (1865) im Samen 3,23% N. (= 20% Eiweiß), 46,6% Öl, 2,2% Zucker und Schleim, 18% Cellulose.
-------------------------+------------+------------------------------ Die Preßkuchen | ~Johnston~ | ~Décugis~ zeigen folgende | Amerikan. | aus ganzen | aus geschälten Zusammensetzung: | Ricinus | Samen | Samen =========================+============+============+================= Wasser | 2,54 | 9,85 | 10,38 Fett | 18,20 | 5,25 | 8,75 Stickstoffsubstanz | 27,00 | 20,44 | 46,37 Nicht stickstoffhaltige | } | | Substanz | } 43,42 | 49,44 | 24,00 Rohfaser | } | | Asche | 6,14 | 15,02 | 10,50 Stickstoff | 4,32 | 3,67 | 7,42 Phosphorsäure | 2,04 | 1,62 | 2,26
Die Eiweißkörper bestehen aus viel +Globulinen+, wenig +Albumin+, +Nucleoalbumin+ und +Glykoproteïn+ (~Taylor~, ~Osborne~, ~Mendell~ und ~Harris~).
Nachgewiesen ist z. B. das Globulin, +Edestin+ (+Osborne+ und +Campbell+) (= Conglutin C = 51,65, H = 6,89, N = 18,75, O = 21,86, S = 0,85%), das durch Chlornatrium nicht, wohl aber durch Magnesiumsulfat vollständig gefällt wird und bei der Dialyse oktaëdrische Kristalle oder Sphäroide gibt. Es ist auch in vielen anderen Samen (Hanf, Lein, Kürbis, Baumwolle, Cocos, Weizen, Roggen, Mais) gefunden worden. Die Kristalloide der +Aleuronkörner+ bestehen aus einem Globulin, die Globoide enthalten ebenfalls ein Globulin, daneben aber, oder damit verbunden, das Ca-Mg-Salz einer gepaarten Phosphorsäure, die Grundsubstanz neben einem Globulin wohl auch Albumosen (~Tschirch~ und ~Kritzler~). In den Keimpflanzen: +Asparagin+, +freie Fettsäuren+, aber kein Glycerin, viel +Zucker+, +Pepton+ (~Green~), in den etiolierten Keimpflanzen Glutamin (~Schulze~).
~Tusson~ isolierte 1864 aus den Samen das krist. +Ricinin+. Es enthält Stickstoff, ist aber kein Alkaloid. ~Wayne~ fand es auch in den Blättern; ~Schulze~ in den Keimpflanzen (~Schulze~ nennt es +Ricidin+). (~Werners~ +Ricinin+ war etwas anderes, nämlich das Magnesiumsalz einer organischen Säure.) Das Ricinin (nach ~Soave~: C₁₇H₁₈N₄O₄ F. = 194°, nach ~Evans~ = C₁₂H₁₃N₃O₃₁) bildet bitterschmeckende, sublimierbare, optisch aktive, neutrale, wasserlösliche Kristalle, +die keine Alkaloidreaktionen geben+, wohl aber die ~Weidel~sche und die Murexidreaktion. ~Maquenne~ und ~Philippe~ fanden es zu 0,2% in den Preßkuchen (F = 201,5°). Es erwies sich als ein Pyridinderivat von der Formel C₈H₈N₂O₂. Es zerfällt folgendermaßen:
C---NH C---NH / \\ / / \\ / HC C HC C || | + alkohol. -> || | CH₃.C C.COOCH₃ KOH CH₃.C C.COOH \ // \ // N N Ricinin Ricininsäure
O C---NH C / \\ / / \ HC C HC C(OH) || | + rauch. HCl -> | | CH₃.C C.COOH bei 150° CH₃.C CH \ // \ / N N Ricininsäure H Methyloxypyridon
Es ist giftig (~Soave~; ~Cornevin~ bestreitet 1897 die Giftigkeit), besitzt aber keine abführenden Eigenschaften (~Dey~). Vom Ricinin ist im Samenkern 0,03%, in der Samenhaut das fünffache enthalten. In grünen Ricinuskeimpflanzen war die Menge desRicinins auf das zwölffache, in etiolierten auf das fünfzehnfache gestiegen. Etiolierte Keimpflanzen enthalten 2,43%, grüne 1,33% Ricinin (~Schulze~ und ~Winterstein~). Ricinin wird auch in den Schalen (zu 1,5 ‰) angegeben (~Soave~).
Das Vorkommen von Amygdalin bedarf der Bestätigung.
In den reifenden Samen sind +proteolytische+ und +lipolytische Enzyme+ gefunden worden (~Green~, ~Nicloux~). +Reifer Ricinussamen enthält eine sehr kräftige, zur Fettspaltung technische Verwendung findende (D. R. P.+ 145413) +Lipase+ (~Connstein~, ~Hoyer~ und ~Wartenberg~; noch wirksamer ist übrigens Chelidoniumlipase, ~Fokin~), die in 24 Stunden 90% der Fette aufspaltet. Daneben werden angegeben: +Invertase+ und +Maltase+ (~Taylor~), ein +Labenzym+ (~Bruschi~), ein +diastatisches+ (~Brasse~) und +tryptisches+ Ferment, sowie ein die Fettspaltung beschleunigendes säurebildendes Enzym (~Hoyer~). Die keimenden Samen enthalten ein +proteolytisches+, dem +Trypsin+ ähnliches, ein fettspaltendes und ein +Labferment+. Diese sollen im ruhenden Samen als Zymogene enthalten sein (~Green~, ~Nicloux~). Bei der Keimung werden die Globuline und Albumosen des Samens in Peptone und Asparagin umgewandelt. Im keimenden Samen sind neuerdings neben Milchsäure und Essigsäure +Katalase+, +Peroxydase+ und eine +Reductase+ (Hydrogenase) gefunden worden (~Deleano~). ~M. Nicloux~ schreibt die lipolytische Eigenschaft des Ricinussamens übrigens dem Cytoplasma («Lipasoidin») zu, nicht einem löslichen Enzym. ~Lamy~ erhielt aber das Enzym in Lösung.
Die giftige Wirkung der Samen beruht auf einem Gehalte von etwa 3% an dem Toxalbumin +Ricin+. 1889 fand ~Stillmark~ dies +Ricin+ auf, das bereits ~Bübnow~ und ~Dixson~ 1887 in Händen gehabt und +Ricinon+ genannt hatten. ~Stillmark~ extrahierte mit NaCl, fällte mit Magnesiumsulfat und dialysierte den Niederschlag. Ricin ist enorm giftig, mit 1 g kann man 1½ Mill. Meerschweinchen töten (~Ehrlich~), 0,006 (= 10 Samen) töten einen Menschen (doch wirken schon unter Umständen drei Samen giftig). Schon 0,002 mg der Substanz pro 1 kg Körpergewicht wirken bei Kaninchen, 0,04 mg bei Hunden tötlich (~Osborne~ und ~Mendel~). Ricin ist ein agglutinierendes Toxin (~Stillmark~). Es bildet mit Abrin (in Abrus precatorius) Crotin (vgl. S. 581), Curcin (~Siegel~, in Jatropha Curcas), Robin (~Power~), und Phallin (in Amanita phalloides), sowie den ~Greshoff~schen Urticaceentoxinen die Gruppe der pflanzlichen Blutagglutinine, d. h. der die Blutkörperchen zur Verklebung und Ausfällung bringenden Toxalbumine, die ~Kobert~ als Gemische eines Albumins mit einem Globulin betrachtet. Es wirkt agglutinierend auf Frosch-, Säugetier-, Menschen- und Vogelblut, nicht auf Fischblut. Es bringt Milch zum Gerinnen. Verdauung im Brutschrank schwächt es nicht ab (~Kobert~). Die Angabe, daß Ricin durch feuchte Hitze von 90° und trockene von 130° seine Giftigkeit verliert (~Miessner~), ist nicht richtig (~Mooser~). Ricin nach der Phasindarstellungsmethode (Biochem. Ztschr. 18 [1909] II, 549) bereitet, agglutiniert und enthält eine toxische Komponente, ist also ein Phasin. Aber das Phytotoxin (α Phytalbumose) +Ricin+, das erste aus einer höheren Pflanze isolierte Proteid von toxalbuminartigem Charakter ist möglicherweise gar kein Eiweißkörper. Denn ~Jacobys~ durch tryptische Verdauung von allen Eiweißkörpern befreites, keine Eiweißreaktionen mehr gebendes Ricin besaß noch vollkommen seine Giftigkeit und die agglutinierenden Eigenschaften. Auch das reinste Ricin ist noch ein Gemisch. ~Jacoby~ betrachtet es als aus Vollgift, Toxintoxoid und Agglutinintoxoid bestehend. ~Ehrlich~ zeigte, daß sich das Ricin wie ein Bakterientoxin verhält, also im Körper die Bildung eines +Antitoxins+ des Antiricins hervorruft und daß man also durch Einverleibung von Ricin Immunität gegen Ricin erzielen kann. Das Ricin spielt daher im Ausbau von ~Ehrlichs~ Seitenkettentheorie eine Rolle. Das Antiricin des Immunserums ist ziemlich resistent gegen Wärme und Säuren. Das Ricin war das erste Gift, welches man (durch ~Ehrlich~) kennen lernte, das ein Antitoxin im Blutserum erzeugt. Dann erst folgten Abrin, Crotin, Schlangengifte und die Bakterientoxine.
Daß Ricinussamen giftig sind und schwere Magendarmentzündungen hervorrufen können, ist seit langem bekannt. ~Beauvisage~ stellte 1894 die bekannten 155 Vergiftungsfälle zusammen. Aber auch die Preßkuchen sind unter Umständen giftig, da außer der Hauptmenge der Lipasen auch das Ricin in ihnen zurückbleibt. (Ricin ist in Öl unlöslich.) Aber Tiere sind sehr verschieden empfindlich gegen das Gift (vgl. oben). Pferde z. B. vertragen bis 100 g der Samen (~Bierbaum~), ebenso sind Hühner ziemlich ricinimmun. Auch kann man durch langsame Gewöhnung oder durch Ricininjektionen (~Cornevin~) die Tiere gegen Ricin immunisieren, da ja im Blute Antiricin entsteht (Schafblutserum enthält sogar normal ein Antiricin) und so ist selbst die vorsichtige Verfütterung der an sich giftigen Preßkuchen, wenn man langsam steigende Mengen gibt, ohne Schädigung möglich (~Kobert~), freilich immerhin nicht ganz unbedenklich, so daß ~Nagel~ vorschlug, die Ricinuskuchen durch Ausziehen derselben mit 10% Kochsalzlösung zu entgiften (Ricin geht in Lösung). Neuerdings wird übrigens behauptet, daß bisweilen Vergiftungen mit Ricinuspreßkuchen durch Beimischung der Preßrückstände anderer giftiger Samen zu stande kämen (? ~Bierbaum~).
Der Nachweis, ob ein Preßkuchen Ricin enthält, kann +auf biologischem Wege+ erbracht werden. 10 g des Preßkuchen werden 24 Stunden mit 100 g Glycerin bei 37° digeriert, filtriert und mit Alkoholäther gefällt. Der Niederschlag wird gewaschen, getrocknet und mit 10% Kochsalzlösung eine Stunde digeriert, dann filtriert und auf 200 ccm verdünnt. 1 ccm der Lösung wird mit 0,1 ccm Antiricinserum überschichtet und im Thermostaten gehalten. Bei Anwesenheit irgendwie wesentlicher Mengen Ricin tritt sofortige Fällung ein, bei geringen Mengen nach einiger Zeit, bei Abwesenheit von Ricin bleibt die Lösung klar (~Mooser~).
~Maillot~ fand in den Schalen 0,5% +Gallussäure+ und in den Kernen 1% +Äpfelsäure+. Lösliche +Pentosane+ enthalten die Samenkerne nicht, unlösliche sind in den entfetteten 2,12% enthalten. Die unlöslichen Pentosane des Hemicellulosenrückstandes betragen 18,27% der entfetteten Kerne. Die Samenschalen enthalten 18,77% Pentosane (~Godet~). Ferner enthalten die Samen c. 2% +Saccharose+ (~E. Schulze~, ~Vallée~, ~Gram~) und +Invertzucker+ (~Green~ u. ~Jackson~), +Lecithin+, +Bernsteinsäure+ (~Gram~), +Gummi+, einen +Bitterstoff+ und nach ~Green~ und ~Jackson~, die die saure Reaktion des Saftes darauf zurückführen, neben organischen Säuren eine Spur freie Phosphorsäure. Die +Asche+ der Kerne beträgt 2,1-3,6%, die der Schalen 3,1-5% (~Bruyning~). Die Asche der ganzen Samen beträgt 3-4%. Sie enthält 31,9% Phosphorsäure und 19,8% Magnesia (~Schulze~ u. ~Godet~). Über die Lokalisation der einzelnen Stoffe sind neue Untersuchungen nötig. Bemerkenswert ist, daß ~Dierbach~ den «scharfen Stoff» als ausschließlich in der zarten weißen Samenhaut lokalisiert angibt, ~Boutron~ und ~Henry~ ihn im Eiweißkörper, ~Jussieu~ im Embryo suchen.
Ricinussamen enthalten im Kern bis 64,5% Öl (~Bruyning~ 1896). Der Ölgehalt der Kerne (und das spez. Gew. des Öls) differierten bei den einzelnen Varietäten. Sie betragen z. B. nach ~Peckolt~ bei var. microcarpus 56,17 (spez. Gew. 0,971), var. genuinus 45,4 (0,970), var. badius 43,29 (0,962), var. brasiliensis 43,29 (0,963). ~Greshoff~ fand bei Javasamen das Gewicht von 100 Samen 19,2-21,8-31 g und den Ölgehalt des Kerns 50-58%, bei Senegalsamen 100 Samen 45,4 und 9,8 g und den Ölgehalt 61-64%, bei Curaçaosamen 100 Samen 9,5, Ölgehalt 62% (der Kern betrug 70-78,2% der Samen). In den ganzen Samen sind meist 45-53% Öl enthalten (~Lewkowitsch~). Je wärmer das Klima, um so größer der Ölgehalt (~Semler~).
=Ricinusöl=, =Oleum Ricini= (Ol. palmae christi, Ol. granae regiae, huile de ricin, castor oil, lamp oil, olio di ricino, wonderolie, κικινέλαιον) ist sehr dickflüssig, fast farblos und schwach gelblich mit einem Stich ins Grünliche; fast ohne Geruch, von sehr eigenartigem, hinterher kratzendem Geschmack, der bei amerikanischen Ölen stärker hervortritt als bei italienischen und französischen. Es trocknet nicht ein, selbst wenn es in sehr dünnen Schichten der Luft ausgesetzt wird, sondern wird ausschließlich eine zähe Masse. Nach dem Einlegen in konz. Kali, dem konz. Ammoniak zugesetzt wurde, treten im Öltropfen sehr kleine Nadeln auf, ganz vereinzelt kleine Sphärite (~Hartwich~ und ~Uhlmann~). Das Öl besteht aus einer geringen Menge +Tristearin+ (~Mangold~, ~Krafft~), etwas, c. 1%, +Di(hydr)oxystearin+ (~Juillard~, ~Haller~, Dioxystearinsäure = Margaritinsäure, ~Bussy~ und ~Lecanu~) und +Hydroxystearin+ (~Juillard~) und vorwiegend (über 80%) dem Glycerinester der +Ricinolsäure+. +Palmitin+, +Olein+, Caprylalkohol (~Bouis~), Önanthylalkohol (~Kolbe~) fehlen, +Isoricinolsäure+ (~Hazura~ und ~Grüssner~) ist fraglich. Durch Alkoholyse mit Methyl-, Äthyl-, Propyl- und Isobutylalkohol unter Zusatz von 1-2% HCl konnte ~Haller~ die Glyceride der Stearin-, Ricinol- und Dioxystearinsäure, nicht aber die beiden isomeren Ricinoleïne von ~Hazura~ und ~Grüssner~ erhalten. Es muß aber, wie die Jodzahl zeigt, eine geringe Menge einer anderen ungesättigten Säure außerdem vorhanden sein. Die sich beim Erkalten zu 3-4% ausscheidende feste Masse besteht aus Tristearin und Triricinoleïn. Die hydroxylierte Fettsäure (Dihydroxystearinsäure) macht nur 1% der Fettsäuren aus. Vielleicht ist auch etwas Sebacinsäure darin. Amerikanisches Öl ist reicher an festen Glyceriden als indisches und italienisches Öl. Die Elementarzusammensetzung des Öls ist: C = 74, H = 10,26, O = 15,71 (~König~). Bei der Elaïdinprobe liefert Ricinusöl eine weiße, feste Masse (Ricinelaïdin kristallisiert leicht).
+Das Ricinusöl ist besonders durch sein hohes spez. Gew., sein Verhalten zu Lösungsmitteln, seine hohe Acetylzahl, niedrige Verseifungszahl, konstante Jodzahl und seine große Viskosität charakterisiert.+ Von allen Pflanzenölen besitzt es das höchste spez. Gew. und die größte Viskosität. Während z. B. die spez. Viskosität (~Schübler~) beim Olivenöl bei 15° nur 21,6 beträgt, ist sie beim Ricinusöl 203,3! Es gibt die ~Halphen~sche Reaktion nicht und läßt sich mit Traganth, Kalkwasser, Casein und Seife emulgieren (~Bourdier~). Das spez. Gew. beträgt (bei 15,5°) bei Medizinalöl 0,9591-0,9622, bei indischen Ölen bis 0,9679 (D. A. V: 0,950 bis 0,970, Pharm. helv. IV: bei 15° 0,960-0,970, bei 98° 0,909-0,910), 44 Tropfen = 1 g. Bei 0° wird es durch Abscheidung kristallinischer Flocken trübe, bei weiterer Abkühlung butterartig. Der Erstarrungspunkt liegt bei -10 bis -12° (~Schädler~); bei europäischem oft erst bei -18° (~Schädler~). Verseifungszahl: 176,7-186,6 (180,6-191,2 ~Dieterich~); Jodzahl: 81,4-96,6 (80,2-87,8 ~Bachmann~; 81,17 bis 86,28 ~Dieterich~); Bromzahl (bei kalt extrah.): 52,25 (~Telle~); Reichert-Meißlzahl: 1,1-1,4; Gehalt an Unverseifbarem 0,3-0,37 (~Thomson~ und ~Ballantyne~); Acetylzahl (146,7) 149,9-150,5 (~Lewkowitsch~); Maumenéprobe: 46-47°; Bromthermalprobe: 14,7-15°; Brechungsexponent bei 15°: 1,4795-1,4803 (~Strohmer~), bei 40°: 1,4694-1,4721 (Pharm. helv. IV); Oleorefraktometerzahl +43-46 (~Jean~). Refraktometerzahl (im Zeiss-Butyrorefraktometer) bei 35°: 72, bei 20°: 81,2, bei 15°: 84,5. Ricinusöl dreht rechts, im 200 mm-Rohr bei 20° C. +23,4 bis +26,1° (nach ~Deering~ und ~Redwood~ im ~Hoffmann-Laurent~-Polarimeter +7,6° bis 9,7°, nach ~Peter~ +40,7°, nach ~Dowzard~: +8,3 bis +9°, nach ~Rakusin~ +8 bis +8,5 Saccharimetergrade). Einige Proben drehten aber links (~Flückiger~). Viskosität (in ~Redwoods~ Viskosimeter) 1160-1190 Sec. bei 100° F. Der Entflammungspunkt liegt bei 255-270° (~Rakusin~).
Die +Fettsäuren+ zeigen bei 15,5° C. ein spez. Gew. = 0,9509, Erstarrungspunkt +3° C. (~Hübl~), Schmelzpunkt 13°, Säurezahl 183,1-187 (192,1), Verseifungszahl 189-191,1, Jodzahl 87-93,9 (Jodzahl der flüssigen Fettsäuren 106,9), Acetylzahl 153,4-156, Brechungsindex (bei 60° C.) 1,4546.
Der Gehalt des Öls an freien Säuren schwankt bei gepreßten Ölen zwischen 0,68 und 14,61 (Mittel 9,28)% (~Nördlinger~). Bei extrahierten von 1,18-5,25, bei technischen von 1,46-2,16 bzw. 3,5-6,04 (~Ulzer~). +Medizinalöl darf höchstens 1,5% freie Säure enthalten.+ Die meisten Handelsöle enthalten nur geringe Mengen freie Fettsäuren. ~Evens Sons Lescher and Webb~ fanden in 10 English grade (first pressure) 0,4-0,49% freie Säure (auf Ölsäure berechnet), in 5 English second pressure 10-14%, in 50 Calcutta (good seconds) 0,6-2,1%, in 3 italienischen (pharmazeut.) Ölen 0,5-0,6%, in 3 französischen (pharmazeut.) Ölen 0,4 bis 0,5%. Raffiniertes Öl hält sich lange ohne sauer und ranzig zu werden (~Lewkowitsch~). Bei einem 4 Jahre der Luft ausgesetzten Medizinalöl hatte die Jodzahl nicht abgenommen, nur das spez. Gew. war von 0,9591 auf 0,9629 gestiegen und es ließen sich 1% freie Fettsäuren nachweisen (~Lewkowitsch~). Durch «Blasen» steigt das spez. Gew. von 0,9623 auf 0,9906, die Säurezahl von 1,1 auf 5,7, die Verseifungszahl von 179 auf 190,6, die Acetylzahl von 146,9 auf 164,8; die Jodzahl sinkt auf 70,01 (~Lewkowitsch~).
Ricinusöl ist in Petroläther, Petroleum und Vaselinöl fast vollständig unlöslich, nimmt aber das gleiche Volumen Petroläther auf und 1½ vol. Petroleum. Es löst sich in allen Verhältnissen in Eisessig und abs. Alkohol, ferner bei 15° in 3 Teilen (D. A. V, 2,4-2,94 Teilen ~van Itallie~) und bei 25° in des gleichen Menge 90prozentigen Alkohol -- +ein für Ol. ricini sehr charakteristisches Verhalten, das es von fast allen anderen Ölen unterscheidet+. Durch Erhitzen auf 300° wird ein Öl (Floricin) erhalten von entgegengesetzten Lösungsverhältnissen (~Nördlinger~).
Ricinusöl esterifiziert sich mit Säuren (Oxalsäure, Essigsäure, Ameisensäure usw.) ziemlich leicht (~Lidoff~). Die Kohlensäureester, durch Sättigen des Öls mit CO₂ erhalten (~Dieterich~), besitzen den kratzenden Geschmack des Öles nicht und höhere Resorbierbarkeit. Durch Behandeln des Ricinusöls mit englischer Schwefelsäure (und Neutralisieren mit Ammoniak) wird das +Türkischrotöl+ erhalten. Dies ist ein Gemisch, in dem Ricinolsäureschwefelsäurester, Dioxystearinsäureschwefelsäureester, polymere Ricinolsäuren, Ricinolsäure und Isoricinolsäure (angeblich ein Gemisch von Ricinolsäure mit Dioxystearinsäure) resp. deren Salze neben unverändertem Ricinusöl enthalten ist (~Scheurer-Kestner~, ~Juillard~, ~Bogajewsky~). Oxydation des Öls mit Salpetersäure liefert Pimelinsäure (~Ganther~ und ~Hill~). Behandelt man Ricinusöl mit einigen Tropfen Salpetersäure und neutralisiert mit Soda, so tritt der Geruch nach Önanthsäure auf (~Draper~).
+Die purgierende Substanz des Öls ist+ (nach ~Buchheim~ und ~Hans Meyer~) +die Ricinolsäure+ (Ricinölsäure, Ricinoleïnsäure); vielleicht nehmen aber an der Wirkung auch noch andere unentdeckte Substanzen teil (~Finnemore~ und ~Deane~). Die +Ricinolsäure+, von ~Claus~ 1876 entdeckt, erhielt ~Krafft~ kristallinisch F = 16-17°. Sie ist eine ungesättigte Säure, wahrscheinlich aber nicht
= CH₃.(CH₂)₅.CH(OH).CH = CH.(CH₂)₈.COOH
(~Juillard~), sondern:
12 10 9 CH₃.(CH₂)₅.CH(OH).CH₂.CH = CH.(CH₂)₇.COOH
(~Krafft~, ~Behrend~, ~Goldsobel~) und zwar die rechtsdrehende labile Form der Oktadeken 9 ol 12 Säure 1. Sie besitzt den gleichen kratzenden Geschmack wie Ricinusöl und geht durch salpetrige Säure in die isomere Ricinelaïdinsäure:
CH₃.(CH₂)₅.CH(OH).CH₂--CH || HC.(CH₂)₇.COOH
über. Da durch Oxydation der flüssigen Säuren des Ricinusöls mit alkalischem Permanganat zwei isomere Trihydroxystearinsäuren entstehen, so nehmen ~Hazura~ und ~Grüssner~ zwei isomere Säuren, Ricinolsäure und Isoricinolsäure, im Öle an. (~Grün~ erhielt aus Ricinolsäure mehrere isomere Dioxystearinsäuren). Jedoch zeigte ~Mangold~, daß diese Supposition unnötig ist, da bei der Oxydation von Säuren mit doppelten Bindungen zwei stereoisomere Säuren entstehen müssen. ~Scheurer-Kestner~ fand, daß Wasser von 150° Ricinusöl zerlegt und dabei Ricinolsäure und Diricinolsäure gebildet werden, bei höherer Temperatur werden Tetra- und Penta-Ricinolsäuren erhalten. Ricinolsäure polymerisiert sich also leicht, auch schon allein z. B. bei mehrjährigem Liegen bei gewöhnlicher Temperatur (~Meyer~). -- Die Säure- und Jodzahlen nehmen hierbei ab. -- Die Polymeren gehen aber durch alkoholische Kalilauge wieder in Ricinolsäure über. +Die aus den sorgfältig gereinigten Salzen abgeschiedene Ricinolsäure wirkt abführend wie das Öl oder stärker wie dieses.+ Ebenso ist das Glycerid wirksam (~Meyer~).
~H. Meyer~ hat festgestellt, daß auch synthetisches reines Ricinolsäureglycerid, durch Erhitzen von Ricinolsäure mit Glycerin auf 280-300° im Kohlensäurestrom erhalten (sowie Ricinelaïdinsäure) wie Ricinusöl wirken. Die Ricinelaïdinsäure und das Ricinelaïdin sind aber nur wirksam in Emulsion, nicht in Substanz (Ricinolsäuretriglycerid gibt kein festes Elaïdin). ~Dott~ und ~Stockmanns~ durch Behandeln mit überhitztem Dampf erhaltene Säuren waren nicht wirksam. Die Säuren waren wohl polymerisiert (~H. Finnemore~ und ~H. Deane~), nach ~Meyer~ sind aber auch diese wirksam. Ricinusöl und Ricinolsäure verlieren ihre Wirkung nicht durch Erhitzen auf 300°, auch nicht durch Behandeln mit trockener Salzsäure, wohl aber durch Sättigen mit Brom. Die Ricinolsäure wird durch Behandeln mit Mineralsäuren in die unwirksame Pseudoricinolsäure übergeführt. Die mit Ausschluß von Mineralsäuren dargestellten Alkylester sind wirksam. Aber nur die Ricinolsäureverbindungen führen ab, die im Darmkanal entweder selbst löslich sind (Alkaliseifen) oder durch Spaltung löslich werden (Glycerin- und andere Alkylester), während Ricinolamid und ricinolsaure Magnesia unwirksam sind (~H. Meyer~).
Die optische Drehung des Ricinusöls (s. oben) beruht auf der ein asymmetrisches Kohlenstoffatom besitzenden Ricinolsäure (~Dowzard~). Ricinolsäure liefert oxydiert 2 Trioxystearinsäuren C₁₇H₃₂(OH)₃COOH, davon ist eine ätherlöslich (F. 114), eine nicht (F. 137-140). Beim Verschmelzen mit Alkalien liefert Ricinolsäure Methylhexylkarbinol und Sebacinsäure, bei Destillation unter vermindertem Druck Önanthol und Undecylensäure (CH₂ = CH-(CH₂)₈COOH), mit alkoholischem Ammoniak Ricinolamid. Bei der trockenen Destillation des Ricinusöls geht Undecylensäure und Önanthaldehyd (Cognacöl) über und in der Retorte bleibt das Glycerid der zweibasischen Triundecylensäure zurück, das bei weiterem Erhitzen in Acrolein, Wasser und Triundecylensäureanhydrid zerfällt (~Thoms~ und ~Fendler~).
=Lit.= Ältere Literatur: ~Hungerbyhler~, De oleo ricini. Amsterdam 1780. -- ~Fuchs~, Trommsd. Journ. 1, 118. -- ~Pfaff~, Mat. med. -- ~Rochleder~, Pflanzenchemie 1858. -- ~Pereira~, Elements. -- ~Lecanu~ u. ~Bussy~, Journ. pharm. 13, 80. -- ~Bussy~, Journ. pharm. 1845. -- ~Bouis~, Ann. chim. 44, 123. -- ~Saalmüller~, Lieb. Ann. 1847, 108. -- ~Geiger~, Handb. d. Pharm. II, 1671 (Analyse). -- ~Boutron-Charlard et Henry~, Journ. pharm. (2) 10 (1824) 466. -- ~Dierbach~, Geigers Magaz. f. Pharm. 9, 235.
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=Verfälschung.= Trübes, nicht mit Wasser gekochtes Öl ist als Arzneimittel immer zu verwerfen, da etwa beigemengtes Ricin oder Fragmente der Samenkerne wegen ihres Ricingehaltes das Öl giftig machen können. Als Verfälschungen werden genannt Sesamöl, Leinöl, Rüböl, Harzöl, Cocosöl, Cottonöl und geblasene Öle, die alle die oben (S. 636) angegebenen Konstanten verändern. Als Verfälschung wird auch gebleichtes Sesamöl angegeben. ~Evens Sons~ fanden Mineralöl und Leard oil. Über den Nachweis von Crotonöl im Ricinusöl vgl. ~Mazuchelli~, Rep. pharm. 1905, 361.
3 ccm Ol. ric., 3 ccm Chloroform (oder CS₂) und 1 ccm Schwefelsäure durcheinander geschüttelt sollen rotbraun, aber nicht schwarzbraun werden (heißgepreßtes Öl, fremde Öle). Wenn 10 Teile Ol. ric. mit je 5 Teilen Weingeist und Natronlauge unter Erwärmen verseift werden, so darf kein Geruch nach «Butteräther» (d. h. Caprin-Capryl-Capronsäure-Äthylester) auftreten (Cocosfett).
=Anwendung.= Ricinusöl zeigt die allen fetten Ölen zukommende abführende Wirkung in verstärktem Maße und wird denn auch seit den ältesten Zeiten (Vorschrift im Papyrus ~Ebers~, um 1500 n. Chr.) als mildes Abführmittel benutzt. Ebenso alt ist die Anwendung als Haarwuchsmittel (s. Geschichte), neu die Benutzung zur Darstellung des Collodium elasticum. Die Ägypter bereiteten u. a. aus Ricinusöl eine Salbe um die Haut geschmeidig zu erhalten (~Herodot~). Auch ~Strabo~ (XVII, 2 § 5) kennt diese Verwertung des Öls. In Italien ist Ricinusöl Nationalheilmittel: «Purga il sangue e rinfresca», sagt von ihm der Italiener. Die Frühjahrskuren mit täglich einem halben Glas Ricinusöl durch mehrere Tage sind dort außerordentlich beliebt. In China dient frisches Ricinusöl bisweilen als Speiseöl! (~Schädler~). Aber 90% des Öls verbraucht die Industrie in der Woll- und Baumwollappretur, zur Herstellung des Türkischrotöls (s. oben), in der Türkischrotfärberei, in der Leder-, Seifen- und Schmierölindustrie, zum Denaturieren des Spiritus. Sehr viel verbraucht Indien als Lampenöl und Schmieröl (besonders für Eisenbahnwagen). Das Öl wird z. B. in Bengalen und Chorassan (~Aitchison~) ganz allgemein als Brennöl benutzt. Es eignet sich zum Lampenöl sehr gut, denn es übertrifft an Leuchtkraft alle anderen Öle («no other oil can vie with this light, it being almost electrical in its brilliancy», sagt ~Watt~, Dict. econ. pr. India). Auch das meiste javanische Öl wird für technische Zwecke verwendet, doch fabrizierte 1894 eine Ölfabrik in Kediri auch Medizinalöl. Das geringere Öl und die Preßrückstände dienen zur Gasgewinnung und zu Feuerungszwecken. Die Preßkuchen werden auch zu Düngezwecken verwendet, nachdem sie noch von den Ölresten durch Extraktion befreit wurden. Der Preßkuchen, der 4,8% N, 1,6% Phosphorsäure und 1,2% Kali enthält, dient in Südeuropa als Düngemittel der Weinberge, in Amerika als solches der Mais- und Hanf-, in Java der Zuckerrohr-, in Bengalen der Kartoffel-, Betel- und Getreidefelder. Die Marseiller Preßkuchen gehen ausschließlich nach Pertuis und Cavaillon und werden dort zur Düngung der Primeurs und Kartoffeln benutzt. Er ist auch ein gutes Ratten- und Mäusegift, so daß man zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt, wenn man damit die Felder düngt. In Indien dienen angeblich die wegen des Ricin giftigen Preßrückstände bzw. ihr Dekokt als Viehfutter. ~Schulte im Hofe~ bestreitet dies und glaubt, daß sie nur in kleinen Dosen als Lactagogum gegeben werden. In Rußland müssen die Preßkuchen unschädlich gemacht werden. Es geschieht dies durch trockene Destillation, wobei Gas gewonnen wird, und durch Verfeuern. ~Kobert~ schlägt den Erlaß eines solchen Gesetzes auch für Indien und Italien vor.
Als Geschmackskorrigens des Öls wird in Europa Pfefferminzessenz und Kaffee, in Indien Ingwerdekokt benutzt. Man gibt das Öl mit einem angewärmten Löffel oder in warmem Kaffee oder anderen Flüssigkeiten -- auch in Brausemischungen, als Emulsion, als Gallerte, in Gelatinekapseln. Festes Ricinusöl läßt sich mit Casein und Laktose (~Winternitz~) oder Gummi und Magnesia (~Wasserzug~) herstellen. Unter dem Namen «lösliches Ricinusöl» (soluble castor oil) versteht man aber ein +geblasenes+, halbtrocknendes, vegetabilisches Öl (blown oil), das durch das Einblasen von Luft dem Ricinusöl ähnlich geworden ist. Die oft behauptete Wirkung von Ricinusöl bei Rheumatismus sollte näher erforscht werden. In Indien wird Same und Wurzel als Antirheumaticum seit langem benutzt, auch ein indischer Name der Pflanze (s. oben S. 625) besagt dies. Wie Ricinusöl wirkt auch das Öl des Tamborbaumes (Omphalea oleifera und cardiophylla) aus Sonsonate (Salvador). Auch die Samen anderer _Omphalea_arten purgieren (~Hemsley~). Die Blätter von R. gelten in Europa und Amerika (im Gegensatz zu Indien!) als Lactagogum. Die Blätter werden in Indien äußerlich und innerlich auch als Emenagogum benutzt. Die Fasern der Stengel sind zur Papierfabrikation zu gebrauchen. In Assam werden die Erie-Seidenraupen (Bombyx Cynthia, Attacus Ricini ~Boisd.~) auf Ricinus gezüchtet. Nach einem Bericht des britischen Konsuls in Maracaibo wird die Ricinuspflanze in Südamerika in verschiedenen Gegenden als Mittel gegen die Moskitoplage mit Erfolg um die Häuser angepflanzt. Die eigenen Erfahrungen des Konsuls bestätigten die Zweckmäßigkeit des Mittels.
=Lit.= ~Hemsley~, Pharm. Journ. (3) 1882, 301. -- ~Winternitz~, Pharm. Zeit. 1907, 363. -- ~Wasserzug~, Pharm. Era 1907, 470. -- ~Anonym~, (Die Ricinuspflanze gegen die Moskitos). Advance Sheets of Consular Report. Durch Deutsches Kolonialblatt, 1901, 160.
=Geschichte.= Ricinusöl war bereits den Sumerern bekannt. Ricinus (kiki = R. comm. +oder+ R. africanus) wurde im alten Ägypten ganz allgemein angebaut. Es berichten darüber die alten Schriftsteller (~Plinius~ z. B. sagt, der kikus wächst in Ägypten sehr häufig, ~Herodot~ berichtet von Kulturen der Silicyprien an Fluß- und Seeufern). Auch heutzutage wird Ricinus noch in Ägypten kultiviert. Wir finden die Pflanze dargestellt auf Monumenten (z. B. dem Gartenplane von Tell-el-Amarna, vgl. I, Fig. 366) und ihre Samen sind oft und gut erhalten in Gräbern (schon c. 4000 n. Chr. ~Caillaud~) gefunden worden (~Unger~, ~Wönig~). Im Papyrus ~Ebers~ finden sich in vielen Rezepten die Samen (Früchte), das Mark, die Wurzelrinde und die Blätter der Pflanze und (eingeschoben in den Text) eine Angabe über die Verwendung des Ricinus, der Samen als Purgans und Haarwuchsmittel, des Öls als Salbe für riechende Geschwüre. Das kikajon, kykwyn des alten Testaments, das in einer Nacht zum Schutze des Propheten ~Jona~ emporwuchs, wurde mit Gurke oder Epheu, dann auch mit Ricinus übersetzt. ~Tristram~ und ~Niebuhr~ halten jedoch daran fest, daß kikajon die Gurke (= el kerra, in Palästina: kurah) und nicht Ricinus (= el keroa, in Palästina: khurwah) sei. Das κρότων des ~Theophrast~ ist nach ~Fraas~ R. commun., nach Sprengel R. africanus. Nach ~Herodot~ (II, 94) wurden die Samen entweder zerstampft und gepreßt oder gebraten und ausgekocht und das Öl abgehoben. Die Bereitung des Öls schildert auch ~Plinius~. Der Same wurde mit Wasser gekocht und das Öl abgeschöpft oder (in Ägypten) eingesalzen und dann ausgepreßt. ~Dioskurides~ erwähnt in Ägypten nur das Auspressen der gemahlenen Samen in Flechtkörben. ~Dioskurides~ beschreibt die Darstellung des κίκινον ἔλαιον. Die in der Sonne getrockneten, von der Schale befreiten Früchte werden in einem Mörser zerstoßen, in einem Kessel mit Wasser ausgekocht und das Öl mit einer Muschel abgeschöpft. ~Dioskurides~ erwähnt neben äußerlichen Anwendungen und zur Pflasterbereitung die wurmtreibende und brechenerregende Wirkung des Öls und daß es unangenehm purgiere. Die Hippokratiker scheinen die Abführwirkung nicht gekannt zu haben, wohl aber ~Galen~. Das Öl wurde im Altertum, wie es scheint, vorwiegend zum Brennen benutzt, z. B. in Ägypten. ~Strabo~ erwähnt (XVII, c. 2 § 5) seine Verwendung auch zum Salben bei ärmeren Leuten. Einige beziehen den Ricinus des ~Plinius~ und ~Strabo~ auf Ricinus africanus ~Willd.~ Die Wurzel, die Blätter und das Öl wurden von den Indern, die die Pflanze Jahrhunderte vor Christi Geburt kannten, schon frühzeitig als Purgans-, Rheumatismus- und Augenmittel und bei Frauenleiden in der Lactationsperiode benutzt. ~Suśrutas~ erwähnt das Öl und die frische Pflanze (Pharmac. ind.). In den indischen Sprichwörtern ist die Pflanze ein Symbol der Zerbrechlichkeit (auch kirwa bezeichnet eine zarte Pflanze). Die Araber lernten die Pflanze wohl in Indien kennen. Sie nannten die Samen daher simsim-el-hindi (= indischer Sesam) und bedienten sich der Samen besonders innerlich, der Blätter äußerlich. In den Pflanzenglossaren ist Ricinus selten (eine Angabe bei ~Fischer-Benzon~). Bei ~Albertus Magnus~ und ~Megenberg~ findet er sich (s. oben). Er wurde also schon damals in Europa kultiviert. Das Mittelalter scheint das Öl nur äußerlich verwendet zu haben. ~Turner~ (Herbal 1568) erwähnt R. als eine Gartenpflanze Englands und das Öl als Oleum cicinum s. ricininum. ~Gerarde~ (I, S. 909) nennt das Öl auch Oleum de cherua. Dann wurde das Öl vergessen. Es fehlt bei ~Dale~ (1693) und war auch zur Zeit von ~Hill~, ~Lewis~ (I, S. 949) fast unbekannt. Durch die Dissertation des in Westindien lebenden ~Peter Canvane~, On Ol. palmae Christi 1764 (in 2. Aufl. 1769; auch französ.) wurde die Aufmerksamkeit wieder auf das Öl als ein mildes Purgans gelenkt und die Samen wurden in die Londoner Pharmakopoee 1788 aufgenommen. ~Woodville~ sagt 1790 in seiner Med. Bot., daß das Öl neuerdings öfter gebraucht werde. Damals kam der Same und das Öl aus Jamaica. 1799 exportierte Jamaica 236 casks Öl und 10 casks Samen. Später trat dann das ostindische Öl auf und die Einfuhr stieg nun rasch. 1820 kamen schon für 7102 £ Öl von dorther nach London (Pharmacographia). ~Heyer~ schlug (~Crells~, Neuest. Entdeckungen 1781) vor, Ricinus comm. im Apothekergarten zu ziehen, die Samen selbst zu ernten und das Öl selbst zu pressen. Kultiviert und verwildert war Ricinus, der sich überall leicht ansiedelt, schon zu ~Rheedes~ Zeit in Malabar, zu ~Rumphius~ Zeit auf Java und Amboina, ebenso später in Japan und China. Nach Amerika wurde R. sehr frühzeitig kurz nach der Entdeckung gebracht. ~Piso~ nennt schon einheimische brasilianische Namen: nhambu-guacu (figuero inferno der Portugiesen).
=Lit.= ~Wönig~, Pflanz. d. alt. Ägypt. -- ~Joachim~, Papyrus Ebers. -- ~De Candolle~, L’origine d. plant. cult. -- ~Flückiger-Hanbury~, Pharmacographia. -- Pharmacographia indica. -- ~Tristram~, Nat. hist. of the bible.
Zur Ricinusölgruppe gehört nur noch das ähnlich sich verhaltende Traubenkernöl.
II. Animalische Öle.
1. Öle von Seetieren.
Die Öle der Seetiere unterscheiden sich in vielen Punkten von denen der Landtiere, z. B. durch hohe Jodzahlen, -- sie enthalten viel ungesättigte Fettsäuren -- durch die große Menge Hexabromid, die sie liefern, durch ihre Fähigkeit Sauerstoff zu absorbieren und die Eigenschaft bei der Elaidinprobe kein Elaidin zu liefern. Sie ähneln also den trocknenden vegetabilischen Ölen. Mit der Gruppe der Öle von Landtieren sind sie durch Übergänge verbunden (~Lewkowitsch~).
a) Fischöle.
Die Fischöle werden aus allen Körperteilen der gewöhnlicheren Fische (Hering, Sardinen, Lachs, Sprotte usw.) durch Auskochen erhalten. Der Dorsch dagegen enthält nur in der Leber, nicht im Fleisch beträchtlichere Mengen Öl. Zu dieser Gruppe gehören nur Öle, die nicht oder kaum medizinische Anwendung finden, wie das +Menhadenöl+ von Alosa Menhaden (Brevoortia tyrannus), +das Sardinen- oder Japanische Fischöl+ von Clupea sardinus und das +Lachsöl+ (huile de saumon) von Salmo salar. Ferner das Stichlingsöl (Stichlingstran) von Gasterosterus trachurus, das Heringsöl von Clupea harengus, das Störöl von Acipenser Sturio, das Sprottenöl von Clupea sprattus, das Karpfenöl von Cyprinus carpio u. and. (Konstanten bei ~Lewkowitsch~. Näheres über diese Öle bei ~Benedikt-Ulzer~.)
Die Fischöle enthalten, wenn rein, keine Gallenstoffe (Cholesterin, Lipochrome). Sie geben daher nicht die charakteristischen Reaktionen der Leberöle (siehe unter Ol. jecoris).
b) Leberöle.
Die Leberöle (fälschlich auch Trane genannt) sind durch eine beträchtliche Menge von Cholesterin sowie durch Lipochrome und andere Gallenstoffe ausgezeichnet. Sie geben daher in Schwefelkohlenstoff gelöst mit konz. Schwefelsäure eine blaue, wenn ranzig eine purpurne Färbung (~Lewkowitsch~, ~Tichomirow~, ~Kaiser~). Werden in Chloroform gelöste Leberöle mit Phosphormolybdänsäurelösung durchgeschüttelt, so entsteht +nach der Scheidung+ an der Berührungsstelle ein blauer Ring.
Oleum Jecoris Morrhuae.
=Syn.= Oleum jecoris Aselli, Ol. jec. Gadi, Ol. morrhuae (so z. B. in U.S. Pharm.). Lebertran, Dorsch-, Kabliau-, Stockfisch-Lebertran, Dorschleberöl, Kabeljauleberöl -- huile de foie de morue (franz.) -- Codliver oil, Coal- oder dogfish oil (engl.) -- Olio di fegato di merluzzo (ital.) -- levertraan (hol.) -- csukamáj olaj (ung.) -- ἔλαιον ἥπατος ονίσκον (gr.).
=Etym.= Der früher allgemein (auch jetzt noch vom D. A. V.) benutzte, wie es scheint, zuerst bei ~Scherer~ auftretende Name Ol. jec. Aselli ist nach dem alten, schon seit über 100 Jahren verlassenen Namen des Dorsches, Asellus major, gebildet. Die Worte Asellus und Callarias schon bei ~Plinius~. (Asellus = Eselchen, wegen der eselsgrauen Farbe des Tieres.) Die in Pharm. helv. IV gewählte Bezeichnung Ol. jecoris ist nicht glücklich, da es auch andere Leberöle gibt und nur das Dorschleberöl benutzt werden soll. Die beste Bezeichnung scheint mir Ol. jecoris Morrhuae zu sein, da es auch andere Aselli und andere Gadi gibt. -- +Tran+ erst im nhd. (Stellen bei ~Kluge~), +ndl.+ traan, +dän. schwed.+ tran. Heimat und Grundbedeutung unbekannt. -- +Dorsch+ (nhd., -- +anord.+ porskr, +dän.+ torsk.) ist wohl aus torsk umgebildet. -- Klippfisch hat mit Klippe (= Fels) nichts zu tun, sondern ist korrumpiert aus klapfisk, d. h. aufgeschnittener Fisch, von klappet = aufgespalten. -- In einem Tractatus de piscibus (Handschr. aus dem XIII. Jahrh.) wird von einem Fische berichtet: «genus piscis a nostris +mo(r)rude+ ab ore, quia +mourre+ vocant os cum prominentibus labris» (vgl. ~Schelenz~, Pharm. Centralh. 1906, 166) und in einer Handschrift aus dem Jahre 1309 heißt es: «Item grossa bestia onerata ... piscibus alecibus, +Morua+ et similibus, debet pro pedagio octo denarios» (~Du Cange~). Hier läßt sich also der Übergang von morrude in mourre und morua (aus dem dann morue, der heutige Name des Dorsch in Frankreich wurde) direkt verfolgen. Woraus aber morrude entstand, ist unklar (ob aus merluc? maris lucidus = Seehecht?). -- Cod (zuerst 1357 in Act. 31 Edw. III Stat. 3. «Les trois sortz de lob, lyng et cod» ~Murray~) kaum zu γάδος, eher zu kodde, kudse zu ziehen.
=Herkunft.= Der Lebertran ist das Öl der Lebern in erster Linie von:
=Gadus morrhua L.= (incl. G. callarias, ruber und ogat, Morrhua vulgaris und callarias, Asellus major und varius), dem +Kabeljau+ oder +Dorsch+ (Dösch, Pomuchel, Pamuchel; +port.+: bacalão, +norw.+ skrei oder torsk, +franz.+: morue, cabeliau, +ital.+ baccalare, +engl.+ und +amer.+: cod) (Fig. 197), eines zu der durch drei Rücken-und zwei Afterflossen, die bestimmt von der letzten Rücken- und zweiten Afterflosse geschiedene Schwanzflosse und einen Bartfaden an der Spitze der Unterkinnlade gekennzeichneten Gattung der +Schellfische+ (Gadus) -- Pisces, Anacanthini, Gadoidei (oder Teleosteae Malacopterygiae) -- gehörenden Fisches von 0,75-1,5 m Länge und bis 20, ja 42 kg Schwere, der auf grauem Grunde mit kleinen gelblichen Flecken getüpfelt, längs der Seitenlinie weiß gestreift und auf dem lichten Bauche ungefleckt ist (Farbe und Flecke wechseln).
Der Fisch bewohnt den nördlichen Teil des atlantischen Meeres und die angrenzenden Gebiete des Eismeeres und zwar vorzugsweise die unteren Wasserschichten bis c. 120 Faden Tiefe (~Günther~) und kommt nur zur Eiablage an seichtere Stellen (25-50 Faden). Er kommt in ungeheuren Massen zwischen dem 50. und 75. Grade n. B. vor und überschreitet nach Süden meist nicht den 40. Grad n. B. Er ist einer der fruchtbarsten Fische. Ein Fisch enthält meist 1¼, bisweilen 4 (~Braydley~) oder gar 9⅓ Mill. (~Leeuwenhoek~) Eier und ist im fünften Jahre fortpflanzungsfähig. Auf der östlichen Seite des Verbreitungsgebietes fällt die Laichzeit in den März, auf der westlichen, amerikanischen, Seite in den Mai und Juni. Zu dieser Zeit erscheint der Fisch in riesigen Scharen, «in Bergen», wie die Norweger sagen, d. h. in dicht gedrängten, meilenlangen, oft mehrere Meter hohen Heeren an den Küsten und Sandbänken und wird hier entweder in Netzen (Norwegen) -- Nöter-, Senk-, Zieh-, Sperrnetze, Garne -- oder mit der Handangel (Tiefseeangel) oder der c. 2000 m langen, meist mit 1200 bis 3600 Angelschnüren besetzten Grundschnur (an den übrigen Plätzen) leicht in großen Massen gefangen. Als Köder dienen Fische (z. B. Heringe und Lodden) oder Muscheln.