Handbuch der Pharmakognosie (part 2 of 5)
Das Tonkin-(Maranta-)Arrowroot (Bot-Hoang-Tinh) ist bisweilen in Papier gewickelt in kleinen Paketen von 15 mm Durchmesser im Handel (Abbild. bei ~Louis Planchon~).
Der Arrowroot-Export aus St. Vincent erreichte 1908 einen Wert von 27713 Pfund Sterling. Die Einfuhr von Arrowroot nach +London+ betrug 1906: 14772, 1907: 11087, 1908: 12337, 1909: 13936 barrels, und 1906: 255, 1907: 36, 1908: 109 boxes and tins. Pfeilwurz(-mehl?) ist auch Ausfuhrartikel von Deutsch-Ostafrika (~Braun~).
=Beschreibung.= Marantastärke ist dadurch ausgezeichnet, daß sie zwischen den Fingern gerieben ein eigentümliches knirschendes Geräusch hervorruft.
Sie liefert mit siedendem Wasser einen farb-, geruch-, und geschmacklosen, durchsichtigen und schleimigen Kleister, der einen lichtbläulichen Schimmer besitzt.
Der Grund, warum von vielen das westindische Arrowroot vorgezogen wird, ist der, daß es infolge seiner Bereitung immer neutral ist (Kartoffelstärke ist das nie, sie reagiert wie Weizenstärke immer sauer, Reisstärke alkalisch) und infolge der großen, auf die Herstellung verwendeten Sorgfalt die reinste Stärke des Handels ist.
Marantastärke zeigt deutliches Aufquellen bei 66,2°, Beginn der Verkleisterung bei 66,2° und vollständige Verkleisterung bei 70° (~Lippmann~).
=Anatomie.= Die +Stärkekörner+ (Fig. 60) sind sehr verschieden gestaltet. Rundliche, ovale, ei- oder birnförmige bilden die Hauptmasse, daneben finden sich dreieckige, spindelige, keulen- oder birnförmige, ja bisweilen sogar viereckige oder rhomboidische. Einige, die als «Leiter» dienen können, sind seitlich genabelt. Viele haben einen zentralen oder (häufiger) exzentrisch, meist am breiteren Ende, gelegenen Spalt. Die Exzentrizität des Kerns beträgt meist ½-⅓. Die Schichtung ist oft deutlich, aber zarter als bei der Kartoffelstärke. Die Körner sind dick-rundlich oder doch nur schwach abgeplattet.
Die Größe variiert sehr, meist beträgt sie 30-40 mik. Die kleinen sind oft nur 7,5-15 mik., die großen erreichen 45-55, selten 60 mik. (St. Vincent A.) oder gar 70-75 mik. (Bermudas A.). Die größten Körner sind also mit der Lupe zu erkennen. Zusammengesetzte Körner fehlen (~Moeller~, ~Tschirch~).
=Verfälschung.= ~Louis Planchon~ beobachtete 1910 Maniok, ~Mitlacher~ 1904 Weizen-, Mais-, Bohnen- und Reisstärke, ~Brown~ 1891 Kartoffelstärke, ~Waage~ 1893 Tahiti Arrowroot (von Tacca pinnatifida), ich selbst 1898 ostindisches Arrowroot (von Curcuma) als Verfälschung bzw. Ersatz des westindischen Arrowroot. Das Mikroskop läßt alle diese leicht erkennen. _Curcuma_stärke und Manihot dürften der _Maranta_stärke ziemlich gleichwertig sein.
_Maranta_stärke darf nicht über 15% Wasser und 0,5% Asche enthalten (~Hauke~).
=Anwendung.= Arrowroot wird ziemlich viel in der Schokoladefabrikation verbraucht. Dann als «Kraftmehl» in der Medizin (Kindernährmittel). Es ist das teuerste aller Stärkemehle.
=Geschichte.= Die Pflanze wird zuerst von ~Sloane~ 1696 erwähnt, der sie Canna indica radice alba alexipharmaca nennt. Sie wurde in Dominica entdeckt und schon 1756 in vielen Gärten auf Jamaika kultiviert. ~Hughes~ und ~Browne~ erwähnen bereits die Darstellung des Mehles und halten es für besser als Weizenstärke. Die Schrift ~Jos. Schneider~, Über Systemsucht unter den Ärzten nebst einem Anhang über Arrow Root und Crotonöl, Fulda 1823, scheint die erste Beschreibung und Empfehlung des Marantaarrowroot +für medizinische Zwecke+ zu enthalten. Wenigstens bemerkt ~Pfaff~ (System der Materia medica 1824), daß es Anfang der zwanziger Jahre des XIX. Jahrh. zuerst in den Handel gebracht worden sei. Er bemerkt auch bereits, daß es keine Vorzüge vor unserer heimischen Stärke besitze. Doch scheint es schon früher, Ende des XVIII. Jahrh. (1799), in beschränktem Maße von Jamaika exportiert worden zu sein (~Rennie~ Hist. of Jamaica). In England war es im Anfang des XIX. Jahrh. in Gebrauch. Die Rhizome und die Darstellung der Marantastärke beschrieben zuerst ~Tussac~ (Flore des Antilles 1808, 1, 183) und ~Lunan~ (Hortus jamaicensis 1814). ~Browne~ beobachtete 1756, daß der Wurzelstock der Pflanze auf Jamaica gemahlen als Nahrungsmittel benutzt wurde. Die erste Einführung der Pflanze nach England 1732 wird ~Houston~ zugeschrieben. Nach Indien (die Gattung Maranta fehlt der alten Welt) kam sie (wahrscheinlich zunächst die Form M. ramosissima) ungefähr 1830 über das Capland (~Watt~, Diction.). Sie wird seitdem dort kultiviert, in größerem Maße seit 1840. Im XIX. Jahrh. kam sie auch nach der Küste von Guinea (~Hooker~, Nigerflora), nach Natal, Südafrika, Brasilien und den Bermuden, einer kleinen Inselgruppe nördlich von den Antillen, wo sie jetzt überall kultiviert wird. In St. Vincent befinden sich jetzt die umfangreichsten Kulturen. In Australien (Neu Süd Wales) wird die verwandte Art, M. nobilis ~Moore~, gebaut.
=Lit.= ~Körnicke~, Monograph. Marantear. Prodr. Bull. soc. imp. d. natur. Moscou 1862. -- +Abbild.+: ~Hayne~ 9 t. 25/26 (cop. nach ~Redouté~, Liliac. t. 57 u. ~Tussac~, Flore des Antilles t. 26). -- +Düsseldorfer+ Abbild. 13 t. 10/11. -- ~Roscoe~, Monandrous plants of the order Scitamineae. Liverp. 1828 t. 25. -- ~Bentley-Trimen~, Medicinal plants t. 265. -- ~Petersen~, Marantaceen in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam. -- Dann: ~Sloane~, Catal. plant., quae in insula Jamaica etc. London 1696, 122 und History of Jamaica 1707, 253. -- ~Browne~, Civil and nat. hist. of Jamaica 1756. -- ~Grisebach~, Flora of the Brit. West Ind. Islands 1864. -- ~Flückiger-Hanbury~, Pharmacographia.
Bereitung in Westindien: ~Leuschner~, Zeitschr. f. öffentl. Chemie 1902 (Pharm. Zeit. 1902, 200), Ber. d. pharm. Ges. 1904. ~Semler~, Trop. Agrikultur. ~Macdonald~, Pharm. Journ. 1887, 1042, -- in Queensland: Pharm. Journ. 1882, 224; -- in Brasilien: ~Eberhard~ (~Hirschberg~), Arch. Pharm. 134 (1868), 257. ~Wimmel~, Hamb. Gewerbebl. 1868 (Jahresb. d. Ph. 1869). ~Peckolt~, Brasilian. Nutz- u. Heilpfl. (Marantaceen), Pharm. Rundschau. New York 1894, 87; -- in Sansibar: Pharm. Journ. 1893, 789. -- In Indien: ~Watt~, Dictionary econ. prod. Ind. V, 182.
Ferner: ~Wiesner~, Rohstoffe. -- ~Hanausek~, Pharm. Centralh. 1889. -- ~Tschirch-Oesterle~, Anatom. Atlas. -- ~Tschirch~, Arrowroot in Realenzyklop. d. ges. Pharm. I. -- ~Jos. Moeller~, Mikroskopie. -- ~Macdonald~, Journ. soc. chem. ind. 6 (1887), 334. -- ~Watts~ Pharm. Journ. 1894, 624 (Kew Bulletin 84). -- ~Louis Planchon~ et ~Juillet~, Ann. Mus. col. Mars. 1910. -- Asche: ~Hauke~, Zeitschr. Österr. Apoth. Ver. 1902. Über andere stärkeliefernde Marantaarten s. ~Wiesner~, Rohstoffe. II. Aufl.
2. Maniok.
=Syn.= Maniok und Mandioca (in Brasilien, Argentinien und Paraguay), Brasilianisches Arrowroot, Amylum brasiliense -- Bahia-, Rio-, Para-Arrowroot -- Cassava, Cassave oder Cassada (in Westindien und den Ver. Staaten) -- Yuca oder Juca (in Zentralamerika, Columbien, Venezuela, Peru, Ecuador, Bolivien) -- Pan de tierra caliente (in Chile), -- Fécule de Yuca, amidon de Yuca. -- Maravuli (in Indien) -- Marachini (malaiisch). -- Brasilian. Arrowroot ex parte. -- Moussache. -- Verarbeitet: Tapioca.
=Stammpflanze und systemat. Stellung.= =Manihot utilissima= ~Pohl~ (Jatropha Manihot L., Janipha Manihot ~Kunth~ -- Mandioca brava [brasil.], Yuca amarga [Chile], bitterer Maniok) liefert vornehmlich den aus Südamerika exportierten Maniok. Dann auch =Manihot Aipi= ~Pohl~ (M. palmata ~Müll. Arg.~, -- Mandioca mansa oder aipim [brasil.], Yuca dulce (Chile), süßer Maniok), vielleicht nur eine Varietät von M. utiliss. oder M. palmata und endlich M. carthaginiensis ~Müll.~ Arg. (Jatropha Janipha L., Manihot Janipha ~Pohl~). -- +Euphorbiaceae+ Platylobeae-Crotonoideae-Manihoteae.
Beide Haupt-Manihotarten sind in den Tropen Südamerikas heimisch (M. utiliss. wohl im unteren Amazonastale), aber frühzeitig zunächst nach Westindien, dann nach Vorder- und Hinterindien (Malacca), dem malaiischen Archipel und endlich auch nach Polynesien und Afrika gebracht worden.
=Kultur.= Ihre Kultur hat sich in allen diesen Ländern rasch ausgebreitet und Maniok wurde ein wichtiges Nahrungsmittel der Tropen. In Südamerika ist Maniok, der übrigens auch in Neugranada, Peru und Ecuador gebaut wird, so wichtig wie bei uns die Kartoffel. In Ostafrika findet man ihn in jedem Negerdorf. Neuerdings wird Manihot utilissima auch im südlichen Florida in größerem Umfange kultiviert, sowie in Ceylon (hier in Mischkultur mit Eleusine caracana).
Manihot utiliss. ist ein Strauch, dessen Blätter einige Ähnlichkeit mit den Blättern des ja auch zu den Euphorbiaceen gehörigen _Ricinus_strauches besitzen und dessen Früchte breit geflügelt sind (Unterschied von M. Aipi). Die Pflanze bildet zahlreiche (5-8) große, meist 25-45 cm lange Knollen, die bisweilen eine Länge von 60 cm und ein Gewicht von 4 kg erreichen können (~Semler~). Selten sind Knollen von 12-15 kg Gewicht. Im Durchschnitt liefert eine Pflanze nicht mehr als 4-6 kg Knollen. M. Aipi mit kleineren Knollen wird im allgemeinen weniger (besonders in Paraguay und Neu-Caledonien) angebaut. Den meisten Manihot baut Brasilien, wo besonders in den Küstenprovinzen gegen 30 Spielarten kultiviert werden. Das Maniokmehl ist ein ebenso wichtiges Nahrungsmittel wie Reis, Sago und Weizenmehl. Die Kultur der Pflanze ist sehr einfach. Sie gedeiht am besten in der Nähe des Meeres und an Flußufern. Sie braucht tropisches Klima, besonders Luftfeuchtigkeit. Die Vermehrung geschieht durch Stecklinge. Die westindischen Pflanzer erzielen durch Unterdrückung der Blüte größere Knollen. In den Straits Settlements erntet man nach 9-10 Monaten. Dann ist der Knollen am stärkereichsten.
Die Knollen enthalten 17-39% Stärke und 3,5% Eiweiß. Die Knollen des bitteren Maniok enthalten 0,0132-0,0442%, die des süßen 0,0102-0,0238% +Blausäure+. Ein Teil der Blausäure scheint sich in glykosidischer Bindung zu finden, denn die Giftigkeit auch der süßen Knollen steigt durch mehrtägiges Liegen oder durch Gärung (~Semler~).
Während in den Tropen die Knollen von Manihot utilissima sehr viel Blausäure enthalten, sind die im subtropischen Florida kultivierten Kulturformen so arm daran, daß man sie ohne weiteres genießen kann. Die Pflanze trägt dort den Namen «süße Cassava», da sie 17% Zucker enthält. In den Wurzeln, Blättern, Blüten und unreifen Früchten findet sich auch +Aceton+ (~Romburgh~).
=Bereitung des Mehls und der Tapioka.= Brasilien produziert in den Nordprovinzen besonders Maniokmehl (Farinha), d. h. die ganze zerriebene und getrocknete Wurzel. Tapiokafabrikation wird (in Hausindustrie) besonders in Bahia, Minas und Rio de Janeiro betrieben. Gering ist die Produktion auf den Capverden und Mascarenen, sowie auf Réunion, wo auch Tapioka fabriziert wird, auf Martinique, Guadeloupe, Travancore, Guiana. Enorm ist der Anbau der Manihotpflanze durch das ganze tropische Afrika, z. B. im Kongogebiet, wo sie ein wichtiges Nahrungsmittel ist, aber keine Tapioka liefert. Neuerdings (1898) wird Manihot auch in Togo gebaut und Stärke daraus dargestellt. Merkwürdigerweise hat sich dagegen gerade in den Gegenden, wo Maniok von vornherein mit dem Sago in Wettbewerb treten mußte, d. h. in den Straits Settlements, bes. in Singapore (dann auf Malakka und in der Provinz Wellesley) nicht nur die Kultur der Pflanze, sondern auch die Bereitung der Sagoähnlichen Tapioka eingebürgert und ist die Fabrikation hier durch Einführung rationellen Maschinenbetriebes rasch zu großer Bedeutung gekommen. Sie liegt jetzt vorwiegend in europäischen Händen, doch fabrizieren auch Chinesen nach ihren alten Methoden.
Das +Cassavemehl+ bereiten die Brasilianer, indem sie die gewässerten Knollen schälen, auf einem Reibeisen zerreiben, den Brei, nachdem er durch ein korbartiges Sieb gedrückt worden ist, in einem Sack, der unten ein Gewicht trägt, aufhängen und so von dem sehr giftigen Saft (der übrigens ein berauschendes Getränk, Tucupi, liefert) befreien. Die ausgedrückte Masse wird dann geröstet und gesiebt.
Die +Maniokstärke+ wird in Brasilien wie Maranta-Arrowroot bereitet (s. d.). Sie ist bisweilen in Kügelchen (Carima) im Handel. Die Bereitung erfolgt in der Weise, daß die zermahlenen Knollen auf Gazesieben mit Wasser ausgewaschen werden, die Stärkemilch in Sedimenteurs geleitet und der Absatz wiederholt gewaschen wird.
Die +Tapioka+ wird in der Weise dargestellt, daß man die gespitzten Knollen in großen Trommeln wäscht (I, Fig. 140), in Reibmaschinen zerreibt und den Brei auf Musselin- oder Messingdraht-Sieben mit Wasser auswäscht (die auf den Sieben bleibende Faser dient als Futtermittel). Die Stärkemilch wird aus dem Zylinder in eine Reihe von Bottichen gedrückt, in denen sie sich absetzt und wiederholt mit Wasser gewaschen wird (I, Fig. 141). Der Bodensatz wird herausgeschnitten und entweder auf durch künstliche Wärme geheizten flachen, viereckigen, zinnernen Behältern getrocknet (Tapiokamehl) oder noch feucht in tiefen Pfannen erwärmt, dann auf die Zinnplatten gebracht und mit hölzernen Rechen so lange gekrückt, bis durch Zusammenballen der Stückchen Schollen entstanden sind (I, Fig. 143), die man in Sortiermaschinen sortiert (Flake-[Flocken-]Tapioka) oder endlich (ähnlich wie beim Sago, s. d.) nach Hindurchpressen der feuchten Masse durch Siebe in dem bekannten, an zwei Schnüren aufgehängten Tuche durch zuckende Bewegungen gekörnt (geperlt) und dann auf erhitzten Schalen gerollt, d. h. oberflächlich verkleistert (I, Fig. 142, Pearl- [Perl-] Tapioka). Manche Fabriken perlen nur ohne zu rollen. Ich sah in Singapore drei Größen runder Tapiokakügelchen: Seed Tapioca (1-1,5 mm Durchmesser), med. Pearl (3 mm) und bulled Pearl (5 mm). Sorgfältig wird aller Staub abgehalten.
Primitiver ist die Bereitung in den chinesischen Tapiokafabriken Singapores, die ohne oder mit sehr primitiven Maschinen arbeiten (Beschreibung bei ~Semler~). Auch Vorderindien und die französischen Kolonien (franz. Guayana, Martinique, Guadeloupe, Réunion, die Kolonien in Westafrika und Neucaledonien) produzieren etwas Maniokmehl. Frankreich fabriziert aus der Maniokstärke zahlreiche Produkte (Tapioka, T. Crécy, T. au cacao, T. julienne). Die Tapioka indigène ist jedoch Kartoffelstärkesago.
Man erhält c. 33% der Knollen Tapiokamehl.
=Handel.= Der Handel unterscheidet Perl, Graupen, Flocken, Mehl. Perl-Tapioka und Maniokmehl kommt aus Singapore in Säcken à 70 kg. Flake-Tapioka in solchen à 65 kg in den Handel. Die höchsten Preise erzielt Rio-Tapioka und beste Singapore.
Die Ausfuhr von Tapioka aus Brasilien beträgt c. 7 Mill. Liter, die von Maniokmehl c. 8 Mill. kg. Die Einfuhr von Tapioka in Hamburg wird in den Listen jetzt nicht mehr von der des Sago getrennt (vgl. S. 182). (1898 importierte Hamburg 13500 Sack Tapioka und Maniokmehl und 22400 Sack Sago und Sagomehl.)
Deutsch-Ostafrika führte 1906: 59911, 1907: 42157 kg Maniok (Mhogo) aus.
+Deutschland+ importierte 1909 Tapioka: 12935 dz aus Brit. Indien und 9999 dz aus Brit. Malacca.
=Anatomie.= Die meisten Stärkekörner sind zusammengesetzt und zwar am häufigsten aus zwei Körnern, einem großen rundlichen und einem kleineren. Seltener sind die beiden Teilkörner gleich groß oder mehr wie zwei zu einem Korne vereinigt. Doch zerfallen die zusammengesetzten leicht in die Teilkörner (Fig. 61). Das Mehl besteht vorwiegend aus diesen, die oft die Form einer Kesselpauke besitzen. Einfache Körner sind selten. Die Körner haben fast alle einen zentralen, bisweilen sternförmigen Spalt.
Die Großkörner messen 15-23 mik, erreichen aber eine Größe von 25-36 mik. Die Kleinkörner messen meist 5-15 mik. Bei der geperlten und gerollten Tapioka finden sich Körner in allen Stadien der Verkleisterung: mit vergrößertem Spalt, trichterförmig erweiterter Bruchstelle und mannigfachen Verquellungen (Fig. 61 z).
Maniokstärke enthält im Mittel 84,36% Stärke, 14,47% Wasser, 0,74% Stickstoffsubstanz, 0,16% Fett, 0,06% Rohfaser und 0,21% Asche.
=Geschichte.= ~Columbus~ traf bei den Eingeborenen der Antillen Cassave in Benutzung (I, S. 745) und auch ~Cortes~ berichtet über Yucas (I, S. 749), ebenso ~Petrus Martyr~ (I, S. 766) über Juca-Sorten und ihre Kultur, der auch schon ihre Schädlichkeit im frischen Zustande kannte und wußte, wie sie unschädlich zu machen sind (vgl. auch I, S. 1021). Die Pflanze hatte sich also schon in vorkolumbischer Zeit über Mittelamerika und die Inseln verbreitet. Aus Südamerika haben wir über Yuca (Caçavi) Nachrichten von ~Jos. de Acosta~ (I, S. 762), aus Brasilien über Aypi und Maniot solche von ~Jean de Léry~ (Hist. d’un voyage faiet en la terre du Brésil etc. 1585). Nach Indien kam die _Manihot_pflanze schon Ende des XVI. Jahrh. durch die Portugiesen. Sie wurde dort besonders an der Westküste kultiviert. ~Linschoten~ (I, S. 743) erwähnt bereits 1596 ihre Kultur daselbst. Nach Calcutta kam sie 1794 von Südamerika, nach Ceylon 1786 von Mauritius. In Indien und auch in Assam dient sie als Heckenpflanze. Afrika erreichte sie ebenfalls sehr frühzeitig. Der Cassave gedenken ~Fernandez~ (I, S. 755), ~Walter Raleigh~ (I, S. 714), ~Piso~ (I, S. 893) und ~Monardes~ (I, S. 779). ~Piso~ bildet eine Tapiokafabrik ab. Die Blausäure fand schon ~Henry~ 1834 in den Knollen. Über ein Bier der Indianer Guianas aus Cassave vgl. I, S. 1019.
=Lit.= ~Pohl~, Plant. Brasil. icones t. 23, 24. -- ~Pax~ in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam. -- ~Bentley-Trimen~, Medicinal plants t. 235 (dort auch weitere Literatur). -- ~Berg~, Charakteristik t. 24. -- Flora brasiliensis, Euphorbiac. t. 65 (1874). -- Abbild. auch in ~Tschirch~, Ind. Heil- u. Nutzpfl. Taf. 111. -- Die Kultur beschrieben in ~Semler~, Tropische Agrikultur. -- Die Bereitung auch in Flora 1869, 369 und ~Harvey W. Wiley~, Manufacture of starch from Potat. and Cassava. U. S. Dep. Agr. 1900. -- Verbreitung in Indien in ~Watts~ Dictionary. -- Kultur in Malacca: Pharm. Post 1882. -- ~Philippi~, Elem. de Botánica etc. en Chile 1869. -- ~Henry~, Journ. de pharm. 1834. -- ~Henry~ et ~Boutron Chalard~, Journ. de pharm. 22, 118. -- ~Lacerda~, Sur l’action toxique du suc de Manioc. Compt. rend. 92, 1116. -- ~Guignard~, Sur l’existence et la localisation de l’emulsine dans les plantes du genre Manihot. Bull. Soc. Bot. 41, 1894, 103. -- ~Romburgh~, Ann. jard. bot. Buitenz. 1899. -- ~Leuschner~, Ber. d. pharm. Ges. 1904. -- Anatomie in ~Louis Planchon~ et ~Juillet~, Ann. Mus. col. Marseille 1910.
3. Ostindisches Arrowroot.
=Syn.= Amylum Curcumae, A. indicum, Farina Tik, Curcumastärke, Tikhur (hind.), Tickar, Tavakhir (Bomb.), Tikor, Kooa (Tam.), Ararut-ke-gadde (Dec.), -- Tikmehl, Travancorastärke. -- Bombay-, Malabar-, Tellichery-Arrowroot. -- Indian Arrowroot.
=Etym.= Tikhur und Tavakhir (ind.) abgeleitet von tavakshiri und tavakshiryeka-pattrika, den Sanskritnamen einiger _Curcuma_spezies.
=Stammpflanze= und =Systemat.= =Stellung: Curcuma angustifolia Roxb.= (Wild or East India Arrowroot, Narrow Leaved Turmeric); dann auch: Curcuma leucorhiza ~Roxb.~ (und in beschränktem Maße (nach Pharmacogr. indica): C. montana ~Rosc.~, C. longa L., C. aromatica ~Salisb.~, C. rubescens ~Roxb.~, Hitchenia caulina ~Baker~).
+Zingiberaceae+ Hedychieae.
=Beschreibung.= Curcuma angustifolia, die eigentliche Tikhur- oder ostindische Arrowrootpflanze, ist heimisch in Zentralindien, von Bengalen bis Bombay und Madras, besonders im tropischen Himalaya und Oudh, C. leucorhiza in Behar und Tikar (Tikari, Tikhar oder Tikor, südlich von Patna, unweit Gaya). C. angustifolia wird in Madras, Kanara, Cochin, Travancore, Malabar und anderen Gegenden Indiens, C. leucorhiza an der Malabarküste kultiviert. Beide besitzen ein großes, nicht gelb gefärbtes unterirdisches Speichersystem, einen Zentralknollen und viele Nebenknollen, die in Indien als Nahrungsmittel benutzt werden und aus denen man dort, besonders in Travancore, auch reichlich Stärke bereitet, die jedoch nicht so gut ist wie die Marantastärke -- sie reagiert z. B. stets etwas sauer. Sie gelangt in beschränktem Maße von Malabar und Bombay zur Ausfuhr. Die Stärkekörner sind flach scheibenförmig und besitzen am schmäleren Ende gewöhnlich einen nabelartigen Ansatz, in dem der Kern liegt, dessen Exzentrizität meist beträchtlich ist: ⅕-¹⁄₁₇. Ihr Umriß ist also, wenn man sie von der Fläche betrachtet, sackartig. Von der Seite betrachtet sind sie lineal-länglich. Die Schichtung ist sehr dicht und zart. Die typischen Körner sind 35-60 mik lang, 25-35 mik breit und 7-8 mik dick, doch steigt der Längsdurchmesser bisweilen auf 70-80, bei C. leucorhiza sogar auf 105, ja 145 mik.
Mit Sappanholzauszug gefärbt liefert Curcumastärke ein Färbemittel, den gelâl der indischen Bazare.
Als ostindisches Arrowroot werden auch andere in Vorderindien gewonnene Stärkesorten (Maranta-, Cassave-, Canna-, Cycadeen-, Palmen-Stärke) bezeichnet.
=Lit.= +Abbild.+: ~Roscoe~, Monandrous plants of the order Scitamineae Liverpool 1828. -- ~Petersen~, in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfamil. -- ~Roxburgh~, Flora indica. -- ~Watt~, Dictionary. -- ~Dymock~, Veget. mat. med. of India. -- Pharmakographia indica. -- ~Tschirch-Oesterle~, Anatom. Atlas. -- ~L. Planchon~ et ~Juillet~ a. a. O.
4. Queensland-Arrowroot.
=Syn.= Cannastärke, Tous les mois, Fécule de Tolomane oder Tulema (korrumpiert aus Tous les mois). Fécule de la Nouvelle Galle du Sud.
=Stammpflanze= und =Systemat. Stellung=. =Canna edulis= ~Edw.~ (C. edulis Ker. Bot. Reg. IX 775). Dann auch in beschränktem Maße: Canna indica L. (Heimat unbekannt, wahrscheinlich aber wie alle _Canna_arten, Amerika, jetzt in Vorderindien allgemein verbreitet: Indian shot or bead, seit 1570 in Europa kultiviert), C. discolor (liefert in Trinidat ein sehr gutes Arrowroot: Canna root), C. coccinea ~Rosc.~ (Südamerika), C. gigantea (Brasilien), C. paniculata (Peru), C. Achiras ~Gill.~ (Trop. Südamerika), C. flaccida und glauca (Carolina).
+Cannaceae+ (früher Zingiberaceae).
Im Großen für den Export wird nur Canna edulis (Achira in Peru, Meeru in Brasilien) wegen der Blüten die «rote Arrowrootpflanze» genannt, kultiviert, deren Heimat Peru ist, die dort auch Adeira heißt und deren Knollen (eine Pflanze liefert bisweilen 50 Pfund davon) wie Kartoffeln gegessen werden. Sie ist schon vor langer Zeit zunächst nach Westindien, dann auch nach Queensland gebracht worden, wo sie bald die _Maranta_kultur verdrängte, da die Stärke aus ihren Knollen sehr leicht zu gewinnen ist. In Queensland waren 1909 etwa 200 acres mit Canna bestellt, die 15-20 cwt Arrowroot pro acre lieferten; Queensland produziert jetzt jährlich c. 600000 pounds dieses Arrowroot, das im Gegensatz zur Marantastärke (white A.) purple Arrowroot genannt wird. Die Rhizome sind in c. 6-8 Monaten reif, werden dann gewaschen. zu einem Brei zerrieben und dieser auf Metallsieben ausgewaschen. Die abgesetzte Stärke trocknet man auf Calicot. Der ganze Prozess wird in 24 Stunden zu Ende geführt. Von Queensland (Coomera, Pimpara) und aus St. Kitts (S. Christoph, einer der kleinen Antillen) kommt das Canna-Arrowroot jetzt in den Handel. Auf St. Kitts war die Produktion Mitte des XIX. Jahrh. ziemlich bedeutend, ist aber jetzt stark zurückgegangen.
Die Cannastärke ist die grobkörnigste aller Stärkearten. Einzelne Körner treten schon mit bloßem Auge als helle Pünktchen hervor.
Die Stärkekörner differieren in Form und Größe ziemlich, doch prävalieren die großen sackartigen, dicklinsenförmigen. Von der Fläche gesehen sind sie rundlich, eiförmig, breit-sackartig, das breitere Ende abgerundet, das schmälere breit genabelt. Der Kern liegt stark exzentrisch. Die Schichtung ist deutlich bei allen Körnern, oft grob. Halb zusammengesetzte Körner sind nicht selten. Der Längsdurchmesser beträgt 60-70-95 mik, doch steigt er nicht selten bis auf 110, ja 130 und sogar 145 mik.
Unter dem Namen Queensland-Arrowroot geht auch die Stärke von Zamia spiralis.
=Lit.= +Abbild.+: ~Bentley-Trimen~, Medicin. plants. t. 266 (C. edulis) und ~Rheede~, Hort. Malabar XI, t. 43 (C. indica). -- Pharmacogr. indica. -- ~Thompson~, Jahresb. d. Pharm. 1892, 121. -- ~Semler~, Trop. Agrikultur. -- ~Tschirch-Oesterle~, Atlas (dort die Stärke abgebildet). -- Pharm. Journ. 1909, 768, nach Agric. News 1909, 8, 119.
5. Tahiti-Arrowroot.
Taccastärke, Fécule de pia, Fécule de Kabija, Williams Arrowroot.
=Tacca pinnatifida ~Forsk~.= (T. sitorea ~Rumph.~, T. pinnatifolia ~Gärtn.~), +Taccaceae+, ist auf den Südseeinseln heimisch und wird auf Tahiti und den benachbarten Inseln +Pia+ genannt. Sie wird dort und neuerdings auch in China, Indien (in Bombay: diva kanda), dem malaiischen Archipel, Queensland und Sansibar in beschränktem Maße angebaut. Die großen, sehr stärkereichen (26-29% Stärke enthaltenden) Rhizome, die in Tahiti auf Stärke verarbeitet werden, schmecken sehr scharf, doch läßt sich die Schärfe durch mehrmaliges Auswaschen der abgeschiedenen Stärke beseitigen. Tacca hat von allen den stärkemehlreichsten Knollen.
=Lit.= ~Pax~ in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam. -- ~Rumphius~, Herb. amb. V, t. 114 (Kopie in ~Engler-Prantl~ II, 5. 129.) -- ~Semler~, Tropische Agrikultur. -- ~Wohltmann~, Tacca pinnatifida, die stärkemehlreichste Knollenfrucht d. Erde. Tropenpflanzer 1905, 120. -- ~Tschirch-Oesterle~, Atlas (dort die Stärke abgebildet). -- ~Louis Planchon~ et ~Juillet~ a. a. O.
6. Guyana Arrowroot.
Dioscorea-Stärke, Yamswurzelstärke, fécule d’Igname, Farinha de Cará, Cara.
Die Yams- oder _Ignamen_wurzeln, die diese Stärke liefern, stammen von zu den Dioscoraceen gehörenden kletternden Dioscorea-Arten, von denen D. alata L. und bulbifera L. (inkl. sativa L.) in den Tropen, D. japonica (inkl. Batatas) in den Subtropen, besonders Chinas und Japans, viel als Nahrungspflanzen -- yam bedeutet im Dialekt der Neger von Guinea «essen», igname bei den amerikanischen Indianern «Brotwurzel» -- kultiviert werden. D. alata stammt aus Südasien, D. japonica aus Ostasien, D. bulbifera scheint in beiden (?) Hemisphären heimisch zu sein. Andere Arten kommen in Afrika und Australien vor und werden dort kultiviert. In Kamerun kultiviert man D. dumetorum. Die größten Knollen von 15-18, ja 40-50 kg werden auf den Fijiinseln und auf Neu Guinea erzielt. _Yams_knollen enthalten 9-25% Stärke. Einige japanische Arten lassen sich sogar in Südeuropa anbauen, bieten aber kaum einen Ersatz für die Kartoffel.
Für die Stärkegewinnung kommt in erster Linie =Dioscorea alata= L. (Wing Stalked Yam, white Yam; in Indien: Kham alu, sund.: Huwi lilien, auf den Südseeinseln: ubi) in Betracht, die in den Tropen große, mehrere Kilogramm schwere Knollen -- es sind solche von 10 kg und über ½ m Länge keine Seltenheit -- bildet, die meist etwa 17% Stärke enthalten (~Maisch~). Weniger wird dazu D. sativa (mit 22% Stärke) benutzt. D. bulbifera enthält nur 3,7% Stärke neben 16,9% Zucker.
D. alata wird in Brasilien, Guiana, Indien und den Südseeinseln kultiviert, aber, wie es scheint, nur in Guyana und Brasilien (Farinha de Cará) in etwas größerem Stil auf Stärke verarbeitet. Die Gewinnung scheint nicht sehr sorgfältig zu geschehen, denn das Handelsprodukt zeigt noch eine Menge Gewebsreste.
Die Stärke ist abgebildet in ~Tschirch-Oesterle~, Anatom. Atlas.
~Columbus~ traf (I, S. 754), als er die Antillen betrat, dort Yams bereits in Kultur.
=Lit.= Abbild. in ~Tschirch~, Ind. Heil- und Nutzpfl. t. 110 und dies. Handb. I, Fig. 46. -- ~Watt~, Dictionary. -- ~Wiesner~, Rohstoffe (dort weitere Lit.). -- ~Clerq~, Nieuw plantk. woordenb. -- ~De Candolle~, L’orig. des plant. cult. -- ~Louis Planchon~ et ~Juillet~ bilden a. a. O. die Stärke von D. alata L., D. eburnea Lour., D. trifida L. (Fécule de Cousse-couche) u. D. divaricata Blanco ab.
Unter dem Namen Guyana-Arrowroot geht aber auch das +Stärkemehl der unreifen Früchte+ von =Musa paradisiaca= L. (M. sapientum ~Brown~.). Während die Banane (in Niederl. Indien: Pisang, in Engl. Indien: Plantain, franz.: Bananier) jetzt in den Tropen überall als Nahrungsmittel bez. Obst in zahlreichen Varietäten kultiviert wird, scheint nur in Britisch- und Französisch-Guyana, in Brasilien, Jamaika, Porto-Rico und den Bermuden, dann auch in Zentralafrika (am Ruwenzori, ~Stanley~) aus der Frucht Mehl bereitet zu werden. Deutsch-Ostafrika führte 1907: 1116 kg, 1908: 941 kg Bananenmehl aus. Man schält die unreifen Früchte, trocknet an der Sonne, vermahlt und siebt die zerkleinerte Masse. Das Mehl (conquintay, fou-fou), das also noch Gewebsreste enthält, bildet den Handelsartikel, doch scheint da und dort (Bermuden) auch die Stärke daraus abgeschieden zu werden. Das Mehl unreifer Bananen wird in England zur Brotfabrikation benutzt und zur Herstellung eines Bananenkakao. Bananenmehl (aus Jamaika) enthält: 78,32% stickstoffreie Subst. (bes. Stärke), 12,77% Wasser, 4,69% Eiweiß, 1,28% Rohfaser, 0,49% Fett, 2,45% Asche (~von Sury~).
Die sehr eigenartigen Stärkekörner sind in ~Tschirch-Oesterle~, Anatom. Atlas abgebildet, vgl. auch ~Louis Planchon~ et ~Juillet~, a. a. O. Reife Bananenfrüchte enthalten nur 1-2% Stärke, unreife bis 80%. Bei der Reife verwandelt sich die Stärke in Zucker.
Die Banane (sansk. kadalī, so in Suśrutas I, S. 505) ist seit Urzeiten in Indien in Kultur. Die Griechen trafen sie auf dem Alexanderzuge (I, S. 430). ~Theophrast~ und ~Plinius~ beschreiben sie als pala, d. h. Blatt (hier pars pro toto), bei den Arabern hieß sie mouz oder mauwz (~Mesuë~, ~Ibn Baithar~) und im Koran talk. Sie ist so frühzeitig nach der neuen Welt gekommen, daß ~Humboldt~ sie als auch in Amerika heimisch betrachtete.
=Lit.= ~Wiesner~, Rohstoffe. -- Pharmacograph. indic. -- ~De Candolle~, L’origine d. pl. cult. -- Über den Pisang vgl. auch ~Tschirch~, Ind. Heil- u. Nutzpflanzen (dort Abbild.). -- ~Semler~, Trop. Agrikultur. -- Abbild. schon in ~Rheedes~, Hort. Malab. Vgl. auch I, Fig. 25. -- ~von Sury~, Chem. Zeit. 1910, Nr. 52.
Als +Fécule de la chataigne de la Guayane+ wird endlich auch die Stärke der Sterculiacee Pachira aquatica ~Aubl.~ bezeichnet (beschrieben bei ~Wiesner-Hübl~).
7. Batatenstärke.
Fécule de batate ou patate, Brasilianisch.es Arrowroot ex parte.
Die sog. weiße oder süße Kartoffel (sweet potato, ind.: míta-alú), =Batatas edulis= ~Chois.~ (Ipomoea batatas ~Lamk.~, Convolvulus Batatas L., C. edulis ~Thunb.~), eine +Convolvulacee+, eine wichtige Nahrungspflanze der Tropen und Subtropen, besitzt spindelförmige Knollen, die oft 1-2 kg, selten bis 6 kg schwer werden. Sie hat sich von ihrer Heimat im tropischen Amerika, wo sie sich von Mexiko über die Antillen und Peru bis Paraguay hin seit Jahrhunderten in Kultur befindet -- ~Columbus~ traf sie (Ages) auf den Antillen (I, S. 745), ~Acosta~ (Comores) in Südamerika (I, S. 762), auch ~Petrus Martyr~ (I, S. 766) gedenkt ihrer -- über die meisten tropischen und subtropischen Gebiete, bis nach Japan hin, verbreitet; nach Neuseeland vielleicht «auf einer der uralten polynesischen Wanderungen» (~Semler~). Denn ihr Name kumara findet sich sowohl auf Neuseeland wie bei den Quichua-Indianern Perus.
Sie verlangt nicht zu feuchtes Klima und leichten sandigen Boden. In den Tropen enthält der Knollen c. 10% Zucker und nur 9% Stärke, in den Subtropen c. 3% Zucker und 14-15% Stärke.
Die Knollen werden in beschränktem Maße in Brasilien, auf Martinique, Guadeloupe und Réunion, in Cochinchina und Indien auf Stärke verarbeitet.
Die Stärke ist abgebildet in ~Tschirch-Oesterle~, Anatom. Atlas.
=Lit.= ~Roxburgh~, Flor. ind. 162. -- ~Louis Planchon~ et ~Juillet~, Ann. Mus. col. Mars. 1910. -- Weitere Lit. in ~Wiesners~ Rohstoffen und ~Watts~ Dictionary.
8. Arumstärke.
Die Knollen von =Arum maculatum= L. werden in Südeuropa hier und da in beschränktem Maße auf Stärke verarbeitet (Portland-Arrowroot), ebenso die Knollen des seit Jahrhunderten kultivierten =Arum esculentum= L. (inkl. Arum Colocasia ~Willd.~, Colocasia antiquorum ~Schott.~, neuseel.: taro, sansk.: kuchoo, mal.: kelady, talus, japan.: imo -- das Arum aegypticum des ~Plinius~) auf Martinique, in Japan und den Südseeinseln. Letztere trägt den Namen Fécule de chou-choute, F. de chou caraïbe oder F. de chou-taró. Ob auch Arum macrorhizum L. (Apé) auf Tahiti auf Stärke verarbeitet wird, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.
Die Bulbi Megarici von =Arum italicum= ~Lam.~ erwähnt schon ~Cato~ (I, S. 572). Auch ihre Stärke wurde viel in früheren Jahrhunderten (S. 156) und wird noch jetzt bisweilen abgeschieden (nach ~Höhnel~ in Italien und Algier). _Arum_stärke ist in Portugal offizinell.
Die Arum-Stärkekörner sind abgebildet in ~Tschirch-Oesterle~, Anatom. Atlas. Auch bei ~Louis Planchon~ und ~Juillet~ finden sich a. a. O. verschiedene Aroideenstärken abgebildet.
9. Costarica Arrowroot.
Dies Arrowroot stammt von den Knollen der zentralamerikanischen =Yucca gloriosa= L.
10. Japanisches Arrowroot.
Die japanische Pharmakopoëe hat (neben Kartoffelstärke) die Stärke der Zwiebel der japanischen Liliacee =Erythronium Dens Canis= L. (Katakuri) und der Wurzel der Papilionacee =Pueraria Thunbergiana ~Benth.~= (Dolichos hirsutus ~Thunb.~), zweier in Japan und China vorkommender Pflanzen als Ersatz der in Europa üblichen Stärkesorten aufgenommen. (Abbild. der _Erythronium_stärke in ~Moeller~, Mikroskopie S. 138.) In Japan wird auch aus Pteris aquilina (Warabi) und der Wurzel von Conophallus Konjak (Konyaku) Stärke hergestellt.
II. Stärke aus Stämmen.
1. Sago.
=Etym.= Sagu bedeutet im Malaiischen sowohl Mehl wie die mehlliefernden (Sago)-Palmen (Sagu baduri ist M. Rumphii, Sagu ihur M. silvestr., Sagu makanaru M. longispinum) -- Metroxylon von μήτρα = Mark und ξύλον = Holz -- Betr. ~Rumphius~ vgl. I, S. 899.
=Stammpflanze.= Die Sagopalmen gehören zur Gattung Metroxylon, die auf die Tropen der alten Welt beschränkt ist und bilden wenige, schlecht charakterisierte, vielleicht gar nicht spezifisch verschiedene Arten (~Warburg~).
Meist unterscheidet man: =Metroxylon Rumphii= ~Martius~ (Sagus Rumphii ~Willd.~, S. spinosus ~Roxb.~, S. genuina ~Blume~, die dornige Sagopalme, Bariam oder Bi (N.-Guin.), Karasula (Jav.), Kirai (Mal. Bat. Sund.), Lapia (Amb.), Rumijah (Atjeh), Sagu (Vulg. Mal.) Rambia). Dies ist der eigentliche Sagobaum der Molukken -- und =Metroxylon Sagu= ~Rottboell~ (M. Sago ~König~, M. inerme ~Mart.~, Sagus laevis ~Jack~, S. inermis ~Roxb.~, S. Rumphii ~Blume~), von den Eingeborenen vielfach mit den gleichen Namen wie der zuerst genannte Baum bezeichnet, da und dort aber auch davon unterschieden, über den ganzen Archipel verbreitet, aber mehr im Westen. Von ihm sowie von dem wohl dazugehörigen =M. laeve= (Sagus laevis) stammt wohl das meiste des nach Europa verschifften Sago.
Weniger in Betracht kommen: M. silvestre ~Mart.~, der wilde Sagobaum der Molukken und M. longispinum ~Mart.~, der wenig Ausbeute liefert, Sagus elata (Java) u. and. In den Tropen der neuen Welt (Brasilien, Guadeloupe) wird Sagus farinifera kultiviert.
=Beschreibung.= Die Sagopalmen gedeihen besonders auf feuchtem Boden, der periodischen Überschwemmungen ausgesetzt ist. Sie sind durch den malaiischen Archipel verbreitet, von Malakka und Sumatra bis zu den Fijiinseln gehend, mit Siam und Mindanao als Nordgrenze, den kleinen Sundainseln und Neu-Guinea als südlichste Punkte. (Vgl. die Karte im Kap. Reis, S. 189.) Sie fehlen in Australien. Es sind Palmen mit einem kriechenden Stamm, die in sumpfigen Niederungen wachsen und selten die ebenen Landstriche verlassen. Sie werden 25-30, selten bis 42 Fuß hoch, bleiben lange buschig und entwickeln erst spät, dann aber rasch den dicken Stamm. Sie sind monöcisch-polygam und blühen nur einmal, nach 10-15 Jahren, mit einem großen endständigen Blütenstand, der ungeheuere Massen von Blüten und Früchten bildet. Um diese ausbilden zu können, speichert die Pflanze große Mengen Stärke im Stamm. Meist stirbt die Palme bald nach der Fruchtbildung. Die Sagopalme ist eine der nützlichsten Pflanzen, die wir besitzen. Sie nimmt mit dem schlechtesten, sonst zu keiner Kultur brauchbaren Sumpfboden vorlieb; ein Stamm enthält, wenn er nach 15 Jahren reif zum Fällen ist, 400-900 (in der Regel 500-600) Pfund Sago, was für den jährlichen Unterhalt einer Person ausreicht; aus den im Boden bleibenden unterirdischen Organen erneuert sich die Pflanze leicht.
=Kultur.= Die Sagopalmen sind jetzt auch in Kultur in Ost-Sumatra (Bengkalis), auf dem Rioux-Lingga-Archipel und Billiton, in West-Borneo (Sambas, Pontianak), in den Sümpfen von Celebes, auf Bunguran, der Hauptinsel der Groß-Natunas, westlich von Borneo und auf der Halbinsel Malakka, z. B. bei Singapore; zur Atapgewinnung der Blätter für die Dachbedeckung auch an den Flußläufen Javas (bes. M. Sagu). Die Kultur bietet keinerlei Schwierigkeiten. Die Anpflanzung erneuert sich selbst durch Wurzelschößlinge. Doch wird die Hauptmasse des in Südostasien produzierten Sago von wildwachsenden Pflanzen gewonnen.
Die =Darstellung der Sagostärke= ist sehr primitiv (Fig. 63 u. 64, vgl. auch I, Fig. 139). Von den Eingeborenen wird, sobald eine Sagopalme gefunden wurde, zunächst festgestellt, ob dieselbe etwa bereits blüht oder gar Früchte trägt. In diesem Falle ist sie für die Sagogewinnung nicht mehr tauglich. Blüht sie nicht, so stellt man fest, ob sie «klopbaar», d. h. so mit Stärke gefüllt ist, daß die Ausbeutung lohnt (der Eingeborene unterscheidet hier fünf Grade der «Reife»). Ist der Baum als «klopbaar» befunden, was zwischen dem fünften und zehnten Jahre der Fall zu sein pflegt, so wird er gefällt und der Stamm, nachdem Blätter und Scheiden entfernt, in mehrere Stücke zerschnitten und diese in der Mitte aufgespalten. Nun setzt sich ein Mann rittlings auf den gespaltenen Stamm und klopft mit einem axtartigen Instrumente (stani paluk, pemaluk), das an der Spitze bisweilen einen Stein trägt, oder auch wohl mit den Füßen, das ganze innere Gewebe (sog. «Mark», Grundgewebe nebst Gefäßbündeln) in Flocken heraus (Fig. 63). Diese werden nun, wenn Wasser in der Nähe ist, was, da die Sagopalmen Sumpfpflanzen sind, meist der Fall ist, an Ort und Stelle weiter verarbeitet oder in aus Sagoblattscheiden gebildeten Körben (timbil) zu einem Wasser getragen. Hier erfolgt die Auswaschung nun in der Weise, daß man über einem ausgehöhlten Sagostamme oder einem Kahne oder einer aus Rinde oder Sagoblattscheiden hergestellten langen, auf Stützen ruhenden Rinne am einen Ende ein eigenartiges «Filter» anbringt. Das zerfaserte «Mark» wird auf eine durch einen gebogenen Rottan- oder Bambu-Stecken straff gespannte beutelartige Seihvorrichtung, die oft aus der zerfaserten Blattscheide der Cocospalme besteht, geschüttet und auf dieser durch Aufgießen von Wasser und Umrühren ausgewaschen (Fig. 64). Der eine hält die Seihvorrichtung, der andere gießt. Die Stärkemilch läuft für gewöhnlich nicht direkt in die lange Rinne, sondern erst in eine meist aus einer Blattscheide gebildete kurze und breite Rinne, die bisweilen unten eine Siebvorrichtung besitzt. Durch diese einfache oder doppelte Seihung werden die meisten Fasern zurückgehalten -- sie werden verfüttert -- und auf dem Boden der langen Rinne, die durch Fasern der _Sago_blätter, der _Cajuput_rinde oder _Aren_palme gedichtet wird, setzt sich das Stärkemehl ziemlich rein ab. Das Wasser fließt über den Rand der Rinne oder am Ende (durch ein weiteres Sieb) ab und wird schließlich ganz abgelassen. 800 kg Markmasse liefern 320-350 kg Sagomehl. Das Rohsagomehl wird dann in Massen von c. 30 Pfund in Blätter gewickelt und diese mit Rottan verschnürt oder in eigenartigen aus Sagopalmblättern gebildeten Körben (tuman, tamang) als Rohsago (sagumanta, lapia-manta) auf den Markt gebracht. Aus ihm werden die Hauptspeisen der Molukken dargestellt (~Warburg~). In Sumatra bringt man den Rohsago in Zuckerhutform in den Handel. Ein Baum kann 150-300 kg marktfähige Ware produzieren.
In Süd- und West-Neu-Guinea ist die Bereitung des Sago ähnlich wie auf den Molukken, auf Celebes, auf dem Lingga-Archipel und den Key-Inseln (siehe I, Fig. 139). Sonderliche Reinlichkeit scheint nirgends beobachtet zu werden, wie z. B. ~Martin~ von der Bereitung auf Ceram direkt betont. In Zentral-Borneo wird das «Mark» mit den Füßen getreten, während man Wasser darüberlaufen läßt.
In Brit. Nord-Borneo wird sowohl Metroxylon Sagu wie die dornige Sagopalme M. Rumphii benutzt, letztere ist kleiner, ist mit Dornen bewehrt, wird daher von wilden Schweinen weniger zerstört. Sie geht weiter ostwärts und ist namentlich in Neu Guinea und der Moluccen verbreitet.
In Singapore, wo besonders Sagus Rumphii und laevis kultiviert werden, werden die Stämme in 4-6 Fuß lange Stücke zerschnitten, dann geschält und mit einer primitiven Raspel geraspelt. Auch in Nordost-Sumatra wird das Stamminnere geraspelt. Die so erhaltenen Flocken werden durch Treten und Spülen mit fließendem Wasser von ihrer Stärke befreit; die Stärkemilch durch eine lange Rinne in ein längliches Becken geleitet. Die abgesetzte Rohstärke geht in die Sagofabriken. Hier wird sie zunächst durch wiederholtes Aufschlemmen und Durchseihen der Stärkemilch durch Tücher von den Fasern (Sagorefuse) befreit, dann die Stärkemilch wiederholt durch lange, am Ende durch Tücher geschlossene Rinnen geschickt, das Wasser abgelassen und die Stärke in Blöcken herausgenommen.
Sagomehl kann das ganze Jahr hindurch gewonnen werden.
Der für den Außenhandel bestimmte Rohsago geht meist nach Singapore, dem eigentlichen Sagohafen der Welt, wohin er vom März bis Oktober gebracht wird. Hier (dann auch in Sarawak und Brunei, wo ebenfalls Fabriken bestehen) wird er, da er noch ziemlich viel Zellfragmente enthält, durch Schlämmen gereinigt (Sago flour, Sagomehl) oder gereinigt und granuliert, geperlt (Pearl Sago, Perlsago). Das Geschäft liegt fast ganz in den Händen von Chinesen. Das Perlen des Sago geschieht in der Weise, daß man die halbgetrocknete, durch Schlämmen eigener Art (Beschreibung bei ~Semler~) gereinigte Stärke zerbricht, die Stücke siebt und in ein Tuch bringt, das an zwei von der Decke herabhängenden Seilen befestigt ist (I, Fig. 142). Die Arbeiter führen die Stärke durch geschicktes, viel Übung erforderndes Rütteln des nur halb gefüllten Tuches in Kügelchen (Perlen) verschiedener Größe über. Diese werden durch Sortiersiebe nach der Größe getrennt und dann auf flachen heißen Schalen von ¾ m Durchmesser, die bisweilen mit einem vegetabilischen Fett bestrichen werden, unter Rühren mit einem hölzernen Instrumente mit gebogener Kante gerollt (gedämpft), dann nochmals durch Siebe sortiert und getrocknet. Durch das Erhitzen werden die Körner oberflächlich verkleistert. Manche Fabriken perlen nur ohne zu rollen. Meist werden kleinere Kügelchen von 1-1,5 mm (Small Pearl Sago) und große von 2,5-3 mm hergestellt. Bisweilen wird der Sago ein zweites Mal «geröstet».
Der Perlsago aus Molukkensago ist immer rötlich. Auch durch Zuckerkouleur bräunlich gefärbter Sago ist im Handel, früher auch ziegelroter [durch Bolus (?) gefärbter].
=Handel.= Nach Singapore kam 1906 Rohsago besonders aus Sarawak (Nordwest-Borneo), dann aus Sumatra und Labuan und dem Niederl. Archipel, weniger aus Niederl. Borneo, Johore und Brit. Nord-Borneo, am wenigsten aus Pinang und Rioux. Die Molukken verbrauchen ihren Sago fast ganz als Nahrungsmittel.
1908 kamen nach Singapore: +Gereinigter Sago+ in kg: aus Djambi (Sumatra) 2600 kg, Bengkalis (Sumatra) 503236, Rioux 648580, Indragiri (Sumatra) 11852, Westborneo 3629800, Celebes 7316. +Ungereinigter, roher Sago+: Aus Ostsumatra 20500, Rioux 3461876, Indragiri 7430238, Westborneo 694398, Süd- und Ostborneo 14508, Celebes 390352 kg.
Der Wert der Ausfuhr von Sagomehl aus +Singapore+ betrug 1906: 2030082 Singaporedollars (= M 2,20), von Pearl Sago (und Rohsago): 365769 Doll. Es wurden 715836 Pikuls Sagomehl und 77381 Pikuls Pearl Sago exportiert. Der meiste ging nach London, viel auch nach Italien.
+Hamburg+ importierte 1908 33703 dz Sago und Tapioka (s. oben S. 173). Davon kamen 16077 von Singapore, 13877 von Brit. Ostindien, 2322 von Nied. Ostindien, geringere Mengen aus China und Brasilien. +Deutschland+ importierte 1909 «Pfeilwurzelmehl (Arrowroot), Sago und Sagomehl, Madioka und Sagoersatzstoffe»: 3654 dz aus Brit. Indien und 8616 dz aus Brit. Malacca. +Frankreich+ importierte 1908 «Sagou, Salep et fécules exotiques» 117844 Qintal. besonders aus Englisch- und Niederländ.-Indien, dann auch (30265) von Réunion und Brasilien.
Sago und Sagomehl kommt in Kisten und Säcken à 85 kg in den Handel.
=Anatomie.= Die Stärkekörner des Sago flour, der ein weißes oder grauweißes bzw. rötlichweißes Pulver bildet, sind entweder einfach oder zusammengesetzt. Die zusammengesetzten zeigen ein großes Hauptkorn von 30-68 (selten bis 80) mik Länge, dem meist an kurzen Ausstülpungen 1-5 (meist 2-3) Nebenkörner von meist 10-20 mik Durchmesser angesetzt sind. In der Handelsstärke sind die Nebenkörner meist abgefallen und man sieht am Hauptkorn nur die meist ebenen Ansatzstellen (Fig. 65).
Das Hauptkorn ist sehr mannigfach gestaltet, länglich, trapezförmig oder dreieckig-rhombisch, stets mehr oder weniger rundlich, nicht abgeplattet. Der Kern liegt exzentrisch (meist ½-¼) und ist oft von einem ein- oder mehrstrahligen Stern durchzogen. Die Nebenkörner sind halbkugelig, mützen- oder tiaraförmig.
Als +Nebenform+ kommen einfache, meist sehr große, 50-65 mik. messende, eirunde oder gestreckt oval-längliche mit exzentrischem Kern oder zwei- bis mehrstrahliger Kernspalte vor.
Im geperlten und gerollten (s. oben) Sago findet man die gleichen Formen, daneben aber Körner in allen Stadien der Verkleisterung. Die Verkleisterung beginnt in den inneren, weicheren Schichten. In den ersten Stadien der Verkleisterung ist oft eine große, nach außen durch einen Kanal sich öffnende Zentralhöhle sichtbar, im letzten bilden die Körner einen unregelmäßig wulstigen Ballen mit zarter Kontur (Fig. 65, a-c). Der nur geperlte, nicht gerollte Sago zeigt diese verkleisterten Körner nicht. Er ist rein weiß, während der andere partiell hyalin erscheint.
Bisweilen findet man im Sagomehl auch Körner in allen Stadien der Korrosion. Es scheint dies Stärke zu sein, die von Stämmen gewonnen wurde, die schon zu sehr der Blütenbildung sich näherten, bei denen also bereits die Stärke in Auflösung begriffen war.
Unter dem Namen «Sago» kommen aber noch einige andere Produkte in den Handel: der deutsche oder französische (indigène) Sago aus Kartoffel- oder Weizenstärke, die Tapioca aus Maniok, der Portlandsago aus _Arum_stärke und der brasilianische Sago aus Batatenstärke. Diese alle sind leicht an dem Bau der Stärkekörner zu erkennen.
=Eigenschaften.= +Sagostärke+ enthält im Durchschnitt 81,51% Stärke, 15,85% Wasser, 2,16% Stickstoffsubstanz und 0,48% Asche; Real Pearl Sago: 83,60% Stärke und 15,8% Wasser; Sago Ia Korrels sogar 84,9% Stärke.
+Sagostärke+ beginnt bei 66,2° zu verkleistern und ist bei 70° vollständig verkleistert.
=Geschichte.= Als die Europäer Südostasien betraten, fanden sie bereits das Mehl der Sagopalme als wichtigstes Nahrungsmittel in Gebrauch. ~Marco Polo~ (I, S. 726) beschreibt die sumatranische Sagopalme und die Gewinnung des Sago, ähnlich wie sie noch heute betrieben wird und auch ~Odorico di Porto Maggiore~ (I, S. 726) gedenkt der «Bäume, die Mehl tragen». Auch ~Wallace~ beschreibt die Sagobereitung. Sie wird in Singapore seit 1819 von Chinesen betrieben.
=Lit.= ~Rottboell~ in Nye Samling af K. Danske Vidensk. Selsk. Schr. 1783 p. 527. -- ~Griffith~, Palms of East India. -- +Abbild.+: ~Bentley-Trimen~, Medicinal plants T. 278 und ~Blume~, Rumphia II, t. 126 u. 127. -- ~Valentini~, Museum muscorum (I, S. 914). -- ~Mohnike~, Blicke auf d. Pflanz.- u. Tierleb. in den Niederl. Malaienländ. 1883. -- ~Warburg~ in ~Tschirch~, Ind. Heil- und Nutzpflanzen (dort auch Abbild.). -- ~Wiesner~, Rohstoffe (dort die ältere Lit.). -- Am ausführlichsten (mit zahlr. Abbild.) +Sagoe en Sagoepalmen+, Bulletin 44 des Koloniaal Museums Haarlem 1909 (mit Beitr. von ~van Oljen~, ~Fortgens~ und [malaiisch] ~Tupamahu~). -- ~Veth~, Bijdragen tot de kennis van de voornaamste voortbrengselen van Nederl. Indie. IV. De Sagoe 1866. -- ~Semler~, Tropische Agrikultur. -- ~de Clercq~, Nieuw plantk. Woordenb. v. Ned. Ind. 1909. -- ~Tschirch-Oesterle~, Anatom. Atlas. -- ~Tschirch~, Artikel Arrowroot in Realenzyklop. d. ges. Pharm.
2. Andere Palmen- (und Cycadeen-)Stärke.
Ebenfalls einen Sago bzw. ein sagoähnliches Mehl liefern (jedoch nur in beschränktem Maße) die Cycadeen: =Cycas circinalis= (paku adji) auf den Salomonsinseln, ferner: Cycas revoluta in Japan und China, Zamia integrifolia (Koonti) in Florida, Z. spiralis in Australien, Z. media in Ostindien, Z. pumila, angustifolia und tenuis in Westindien. Dann die Palmen: =Arenga saccharifera= ~Labill.~ (Zuckerpalme, Aren, s. S. 128) auf den Sangirinseln, auf Celebes und Ceylon, Eugeissona tristis (bulang nanga), Caryota purpuracea (bulang talang), Caryota urens. L. in Mysore, C. Rumphiana ~Mart.~ auf den Molukken, Borassus flabelliformis L. (Palmyrapalme, in Ostindien, Ceylon) und B. tunicata ~Lour.~, Guilielma granatensis ~Karst.~ in Neugranada und Venezuela, sowie einige Cocos-, Oreodoxa-, Phoenix- und Chamaerops-Arten (Nordamerika); ferner Raphia vinifera und Medemia nobilis auf Madagaskar u. and. Die Stärke der _Palmyra_palme ist der echten Sagostärke ähnlich, weicht aber doch in einigen Punkten ab. Namentlich sind hoch zusammengesetzte Körner hier häufiger (Näheres bei ~Wiesner~). ~Louis Planchon~ und ~Juillet~ bilden a. a. O. die Stärke von Borassus flabelliformis, Caryota urens, Phoenix und anderen Palmen und Cycadeen ab.
III. Stärke aus dem Endosperm von Samen.
1. Amylum tritici.
Weizenstärke, -- amidon de blé ou froment (franz.) -- wheat starch (engl.) -- amido di frumento (ital.) -- tarwe zetmeel (holl.) -- hwetestärkelse (schwed.). -- vehnä tärkkelys (fin.) -- búza keményitő (ung.) -- σιτάμυλον (n.-griech.).
=Stammpflanze: Triticum vulgare= ~Vill.~, Hist. pl. Dauph. II, 153 (T. sativum ~Lam.~ Encyc. meth. 1787) und Verwandte.
=Etym.= «Triticum quod tritum e spicis» (~Varro~) -- von tero, trivi, tritum = reiben (mahlen) oder terere = treten (austreten, ausdreschen), -- πυρός (von πῦρ s. Geschichte) wegen der feuergelben Farbe der Früchte. Ein Weizenfeld erscheint im Herbst von Weitem gesehen rotorange. -- blé (franz.), biada (ital.) von spätlatein. bladum = Korn, oder +angels.+ blaed = Frucht, oder +kelt.+ blawd = Mehl. -- froment aus frumentum. -- +Weizen+ im got.: hwaiteis, germ.: hwaitja, ahd.: weizzi, mhd.: weitze, von hwîta = weiß, wegen der Farbe des Mehls. Davon auch engl. (common) wheat. Der Weizen heißt im Ägyptischen swt (die hieroglyphischen Zeichen, I, S. 470), koptisch suo; daraus entstand das griechische σῖτος als Lehnwort.
=Systemat. Stellung.= +Gramineae+, Hordeae.
~Körnicke~ teilt die Weizensorten in folgende drei Gruppen:
1. +Triticum vulgare+ ~Vill~. Dazu T. vulg. (im engeren Sinne), T. compactum ~Horst~ (Zwergweizen) T. turgidum L. (englischer Weizen), T. durum ~Desf.~ (Hartweizen).
2. +Triticum polonicum.+
3. +Triticum monococcum.+
Abbild. der Ähren in ~Mull-Guyot~, Encyclop. d’Agriculture (einige auch bei ~Hackel~ in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam.).
=Beschreibung.= Triticum vulgare besitzt einen langen, schlanken, oberwärts hohlen Stengel und eine lange dichte, deutlich vierkantige Ähre. Die parallel der Spindel zusammengedrückten +Ährchen+ sind 4(-7)blütig, 3-4 Blüten sind fruchtbar. Sie werden an der Basis von 2 großen, bauchigen, kahnartigen, derben, gegenüberstehenden, in eine kurze gerade Stachelspitze (Granne) auslaufenden glumae (Hüllspelzen) bescheidet (Involukrum der Partialinfloreszenz). Jede der Blüten ist von 2 Paleis (Deckspelzen) behüllt. Die Palea inferior ist kahnartig bauchig, begrannt, die Palea superior ist zweikielig, auf der Rückenseite kahnartig vertieft, unbegrannt.
Die Weizenfrucht fällt aus der Paleis heraus. Sie zeigt auf der einen Seite eine tiefe Rinne und an der Spitze einen «Bart», aus ziemlich stark verdickten Haaren bestehend. An der Basis liegt seitlich der kleine Keimling und sein Scutellum. Der Bau der Fruchtschale ist in ~Tschirch-Oesterle~ Anatom. Atlas beschrieben. Die Aleuronschicht des Samens ist einreihig. Der Kleber findet sich in dem Stärkeendosperm neben den Stärkekörnern. Die Keime enthalten 15,5% Öl (~de Negri~).
Triticum vulgare ändert ab: var. aestivum (Sommerweizen), Ähre etwas locker, Deckspelzen nicht begrannt, gleich den Hüllspelzen sammetartig behaart oder kahl und var. hibernum (Winterweizen), Ähre sehr dicht, Deckspelzen lang begrannt.
Außer Triticum vulgare wird oft auch T. Spelta (Spelz, Dinkel, Korn) gebaut. Ährchen mit 5 Blüten, von denen die drei unteren fruchtbar.
In Gebirgsgegenden baut man T. monococcum (Einkorn) mit dreiblütigen Ährchen, bei denen nur die unterste Blüte fruchtbar ist.
Selten kultiviert werden T. dicoccum (Emmer) mit vierblütigen Ährchen, bei denen die zwei unteren Blüten fruchtbar. T. polonicum (polnischer Weizen), mit nickender Ähre, T. durum mit knorpeligen Hüll- und Deckspelzen und T. turgidum.
Die Weizenernte der Erde wird pro Jahr auf 190 Milliarden engl. Pfund geschätzt.
Die Frucht des Weizen enthält Rohrzucker (~E. Schulze~). Die Weizenkleie liefert bei der Hydrolyse Arabinose und Xylose (~Schulze~, ~Tollens~).
=Pathologie.= Prof. ~Ed. Fischer~ berichtet über die pflanzlichen Schädlinge: Zunächst gibt es eine Reihe von parasitischen Pilzen, welche Stengel, Blätter und auch Spelzen befallen und dadurch auch auf den Körnerertrag ungünstig wirken, so die Rostpilze Puccinia triticina, glumarum, graminis, der Mehltaupilz Erysiphe graminis, dann Melanospora damnosa (~Sacc.~) ~Lindau~, ~Ophiobolus graminis~ ~Sacc.~, Septoria graminum ~Desm.~ u. andere. Die Körner selber werden namentlich von Brandpilzen zerstört, unter denen Tilletia Tritici (~Bjerk.~) ~Wint.~ und Tilletia laevis ~Kühn~ in erster Linie stehen. Es rufen dieselben den sog. +Steinbrand+, +Stink-+ oder +Schmierbrand+ des Weizens hervor. Äußerlich unterscheiden sich die erkrankten Ähren und die befallenen Körner wenig von den normalen, aber beim Öffnen der letzteren findet man sie vollständig von der schwarzen, nach Heringslake riechenden Sporenmasse des Parasiten erfüllt. Die ganze Blüte wird zerstört durch den Flugbrand Ustilago Tritici (~Pers.~) ~Jens.~ In einer von diesem Pilz befallenen Ähre tritt zwischen den Spelzen der schwarze Sporenstaub sehr auffällig zutage. In dem Fruchtknoten des Weizens entwickelt sich ferner das Mutterkorn Claviceps purpurea (s. den betreffenden Abschnitt), wiewohl es hier weniger häufig angetroffen wird als auf dem Roggen. -- Eine Deformation der Ähren bringt die Peronosporee Sclerospora macrospora ~Sacc.~ hervor.
Über tierische Schädlinge des Weizens berichtet ~Israel~:
1. +Käfer+: Anisoplia fruticola ~Fabr.~, Anisoplia agricola ~Fabr.~ Larven im Boden an Graswurzeln, Käfer an den Blüten, die Organe der Befruchtung zerstörend. Lema melanopa L., Lema cyanella L. Beide Käfer sind dem Volke als Getreidehähnchen bekannt. Die Larven dieser Käfer sind meist mit ihrem Kote bedeckt. Sie leben an den Blättern des Weizens, lange Streifen aus denselben herausfressend. Agriotes lineatus L. Larve an den Wurzeln von Getreide. Oft schädlich.
2. +Falter+: Hadena exclamationis L., Hadena tritici L. Die Raupen dieser gemeinen Eulen werden, wenn sie in Massen auftreten, den Getreidefeldern verderblich. Sie sind im übrigen polyphag.
3. +Fliegen+: An Triticum leben auch mehrere _Cecidomyia_arten, z. B. C. tritici, destructor, flava, aurantiaca und andere.
4. +Gradflügler+: Thrips frumentarius ~Beling~. Dieser Blasenfuß lebt oft gesellig an diversen Cerealien und schädigt besonders die sich entfaltenden Ährchen, welche samt den Spelzen von der gemeinsamen Spindel abfallen.
5. +Schnabelkerfe+: Aphis cerealis ~Kalt~. Diese (grüne Kornlaus vom Volke genannte) Blattlaus lebt an den Ähren sehr vieler Gramineen, auch an Roggen, Weizen, Gerste und Rispengräsern (Hafer usw.).
Tylenchus tritici, das sehr gefährliche Weizenälchen, ist sehr resistent. Es kann in Glycerin leben und wird von Belladonna, Morphin, Atropin, Curare und Strychnin nicht getötet.
Über die +Kornmotte+ (I, Fig. 333) vgl. I, S. 375 u. 383.
=Darstellung der Weizenstärke.= Weizenstärke wird in größtem Maßstabe in Europa (und Amerika) dargestellt, in Deutschland besonders in der Gegend von Halle a. S. -- meist aus den Früchten von Triticum vulgare, aber auch T. durum und turgidum (in Langenau, Württemberg) und T. Spelta (Kernenstärke, s. w. u.) werden dazu benutzt. Entweder wird Weizenmehl auf Stärke und Kleber verarbeitet, oder man geht von dem ganzen Korn aus, zerquetscht dieses und verarbeitet den Brei auf Kleber und Stärke oder letztere allein.
Geht man vom Mehle aus (~Martin~sche Methode), so wird dieses in einer Teigknetmaschine mit Wasser zu einer steifen Masse angemacht und diese in Sieben mit Wasser so lange ausgewaschen, bis dieses nicht mehr milchig abläuft. Das «Stärkewasser» läßt man in dem Absatzbottich schwach gären, um die letzten Reste des Klebers zu zerstören, läßt dann das Wasser ab und reinigt dann die Stärke durch wiederholtes Waschen und Absetzenlassen. Bei diesem Verfahren bleibt der größte Teil des sehr wertvollen Klebers auf den Sieben zurück und wird auf Futtermittel (Klebermehl, Kleberkörner) verarbeitet.
Geht man von der unvermahlenen Frucht aus, so wird diese zunächst (im Quellstein, Quellstock) in Wasser aufgeweicht, dann zwischen Walzen zerquetscht, der Brei (das «Gut») mit Wasser angerührt und im Gutbottich (14 Tage bei 20°) gären gelassen. Hierbei wird der Kleber durch saure (faulige) Gärung zerstört und die Stärke fast vollständig abgeschieden (reif). Die hierbei erhaltene Masse wird, nachdem man das «Sauerwasser» abgelassen, in Waschtrommeln oder Tretmühlen gebracht, die aus diesen abfließende Stärkemilch wird in Bottichen absetzen gelassen und dann abgezogen (Sauerverfahren von Halle). Um den Verlust des Klebers zu vermeiden, werden die eingequollenen Weizenkörner bisweilen (Elsässer Methode) geschrotet, zerquetscht und auf Sieben, die die Hülsen und den Kleber zurückhalten, ausgewaschen. Die Waschwässer (Rohstärkemilch) läßt man in Absatzbottichen unter Zusatz von Sauerwasser sauer werden, wodurch die Reste des Klebers gelöst werden, die Stärke wird dann durch Waschen gereinigt. Der auf den Sieben zurückbleibende Kleber, der noch viel Hülsen und Stärke enthält, wird entweder auf menschliche Nahrungs- oder Futtermittel verarbeitet, oder dient als Klebe-, Steifungs- oder Verdickungsmittel. Bisweilen werden bei der Reinigung Ätzkali, Ammoniak oder Schwefelsäure benutzt. Bei der Herstellung der besten Handelssorten werden vor dem Trocknen die oberen Schichten des Stärkesedimentes abgeschabt.
Das Verfahren aus Mehl liefert c. 45%, das Verfahren aus dem Korn mit Gärung c. 60%, ohne Gärung c. 52% der im Korn enthaltenen Stärkemenge.
In einigen Gegenden wird Weizenstärke auch noch im kleinen in +Hausindustrie+ dargestellt, so z. B. wird in Tägerig, im Kanton Aargau, aus «Chorn» (Trit. Spelta) sog. +Ammelemähl+ (Ammermehl, Kernenstärke) in ziemlich primitiver Weise noch jetzt bereitet. Die Industrie reicht dort jedenfalls bis 1678 zurück und ehedem wurde fast in jedem Hause «g’ammelemählet». Das interessante Verfahren ist (von Abbildungen begleitet) ausführlich beschrieben von ~Meier~, Tägliger Ammelemähl (in Die Schweiz 1908, 105).
=Handel.= Die Weizenstärke kommt im Handel in sehr verschiedener Form und Güte vor. Entweder findet sie sich in größeren oder kleineren unregelmäßigen Stücken (Bröckelstärke, Schäfchen) oder mannigfach, meist zu Stengeln, Stäbchen oder scharfkantigen Stücken geformt (Tafel-, Strahlen-, Kristall-, Stangen-, Stengel-, Zettelstärke) oder endlich als Pulver.
Die Feinheit wird durch Bezeichnungen, wie feinste Tulleanglais, Musselinstärke, feinste weiße Patentstärke, mittelfeine und ordinäre Stärke abgestuft.
=Anatomie.= Die Stärkekörner der Weizenstärke bilden zwei ziemlich scharf geschiedene, durch Mittelformen wenig miteinander verbundene Formen: Großkörner und Kleinkörner (Fig. 66).
Die +Großkörner+ sind dick linsenförmig, von der Fläche betrachtet rund, aber sehr selten streng kreisförmig, bisweilen zum Oval übergehend oder mit geschweiften Umrißlinien, in der Seitenansicht länglich elliptisch mit einem Zentralspalt. Schichtung fehlt. Der zentral gelegene Kern ist undeutlich. Die Größe variiert. Die größten messen 30-38, ja sogar 45 mik. und mehr, die kleineren 15-25 mik. Die Großkörner der _Spelta_stärke sind etwas kleiner, meist 20-25 mik.
Die +Kleinkörner+ sind meist rundlich oder oval, seltener polyedrisch oder in ein Spitzchen auslaufend. Die Größe beträgt 2-9,5, meist 6-7 mik.
Als +Nebenform+ finden sich zusammengesetzte Körner mit 2-25 Teilkörnern, sowie einige Zwischenformen der Groß- und Kleinkörner, auch wohl zusammengesetzte Großkörner oder sackartige Formen.
=Chemie.= Weizenstärke enthält durchschnittlich 83 (82-85)% Stärke, 13 (12-16)% Wasser, 1,9% (die kleberarme nur 0,1-0,15%) Stickstoffsubstanz, 0,35 (0,1-0,5)% Asche, 0,31% (die schlechteren Sorten 1-1,5%) Rohfaser und 0,19% Fett.
Weizenstärke reagiert schwach sauer (Milchsäure). ~Soxhlet~ fand (vor längerer Zeit) in Weizenstärke im Durchschnitt 0,141% freie Säure auf Milchsäurehydrat berechnet. ~Saare~ fand neuerdings den Säuregrad zumeist 1-1,4 (= ccm N/10 Natron). ~Patch~ beobachtete (1900) auch alkalische Reaktion.
Bei 62,5° sind die Körner der Weizenstärke noch wohl erhalten, die der Roggenstärke aber schon verkleistert (~Wittmarck~). Der Weizenstärkekleister ist trübe, geruch- und geschmacklos.
=Prüfung.= Die Prüfung erfolgt durch das Mikroskop. Die Weizenstärke muß auf Chloroform schwimmen. Mit kaltem Wasser angerieben darf das Filtrat mit Jod keine Bläuung geben, sonst ist Stärkeabkochung (zur Stengelformung) zugesetzt. Die saure Reaktion darf nur sehr schwach sein. Der Aschengehalt darf 0,5% nicht übersteigen (~Hauke~).
=Anwendung.= Die Weizenstärke ist jetzt die in der Pharmazie am meisten angewendete (s. S. 157). Viele sog. Kraftmehle, Kindermehle, Amidons enthalten Weizenstärke (oder Weizenmehl) oder bestehen daraus. Ebenso Semolina, Semoule d’Igname, Nevilles Patent flour of lentills, Bullocks Semula, Baby food u. and.
=Geschichte.= Während ~Buschan~ die Cerealien nur bis zur neolithischen Periode zurückverfolgen konnte, haben die Ausgrabungen von ~Piette~ gezeigt, daß schon der paläolithische Mensch im südlichen Frankreich in der älteren glyptischen Periode des Renntierzeitalters Cerealien kannte und wohl auch in roher Weise kultivierte (~Hoops~). Aus der Übergangszeit von der paläolithischen zur neolithischen Periode, also lange vor der Epoche der polierten Steinäxte, ist kultivierter Weizen und sind Getreidemühlen (von ~Piette~) sicher nachgewiesen. Auch nach ~Solms-Laubach~ ist die Kultur der Getreidepflanzen unendlich viel älter als man gewöhnlich annimmt. Wir wissen jetzt, «daß in Zentralasien schon Getreide gebaut wurde, als Sibirien und die turanischen Steppen noch vom Meere bedeckt waren und die Gobi sich eben aus einem Binnenmeere in eine Wüste verwandelte, daß die Weizenarten von Mittelasien aus sich über Persien und Nordafrika schon zur Eiszeit bis in das Mittelmeergebiet verbreiteten und schon vor dem Ende der pleistocänen Epoche bis nach Spanien und Südfrankreich gelangten». Auch in Mittel- und Nordeuropa reicht der Getreidebau bis in die neolithische Periode zurück. Die ältesten Getreidearten waren hier Weizen, Gerste und Hirse. Triticum vulgare, T. dicoccum und monococcum, Hordeum hexastichum und distichum und Panicum miliaceum wurden, wie Funde in Pfahlbauten, Aschengruben, Feuerherdresten usw. zeigen, schon zur Steinzeit dort überall gebaut. Das älteste Getreide der Indogermanen war die Gerste (~Hoops~). In Troja fand ~Schliemann~ Früchte von Tr. monococcum. Im alten Indien wurde hauptsächlich Reis (vrībíṣ), dann Weizen (godhūmas = Barbarenessen) und Gerste (yávas) gebaut (~Lassen~). Auch in China ist Weizenbau uralt (vgl. I, S. 522). Die Urform des Weizen ist entweder Triticum Spelta oder T. dicoccum. Weizen (swt, beti, bet-t, bet) und zwar Triticum vulgare ~Vill.~ (begrannten und unbegrannten) und wohl auch T. dicoccum ~Scbr.~ und auch T. turgidum L. wurde bereits vor 4000 Jahren auch in Ägypten in großem Stile angebaut. Die Weizenernte in allen ihren Phasen ist ausführlich dargestellt in einem Grabe von Chum el Achmar, an der Ostwand des Ti-Grabes in Saqqarah (III. Jahrtaus. n. Chr.) u. and. Ein 3500-4000 Jahre alter Ziegel enthält Weizenkörner. Solche sind auch in zahlreichen Gräbern gefunden worden. Weizenähren tragen die Herrscher oft auf den bildlichen Darstellungen in der Hand. Auch auf unzähligen Bildwerken späterer Zeit finden wir Getreideähren (oft mit Mohnköpfen vergesellschaftet, vgl. das Mekonopeignion I, S. 926) in den Händen der Götter und Fürsten. Die ὄλυρα der Griechen (~Herodot~) war wohl, wie der far der Römer, Triticum dicoccum, der Emmer (~Buschan~, ~Schweinfurth~). Der πυρός des ~Dioskurides~, der von der arzneilichen Anwendung des Weizenmehles viel zu berichten weiß, war wohl T. vulgare. Die ζειά des ~Dioskurides~ war wohl T. dicoccum (δικόκκος) und T. monococcum (ἅπλη). ~Hippokrates~ bediente sich gern des Weizens. Weizenstärke tritt auch als Appretur schon auf frühmittelalterlichen Papieren sowohl als Kleister, wie in Substanz aufgewalzt auf (~Wiesner~, ~Kobert~).
=Lit.= ~Körnicke~, Getreidebau. -- Abbild. in Les grandes cultures du monde. -- ~Harz~, Landwirtsch. Samenkunde. -- ~Tschirch-Oesterle~, Anatom. Atlas. -- ~Moeller~, Mikroskop. d. Nahr. u. Genußm. 2 Aufl. (dort weitere Lit.). -- Analysen in ~König~, Nahr. u. Genußm. -- ~de Negri~, Chem. Zeit. 1898. -- ~Wönig~, Pflanz. im alt. Ägypt. -- ~Hoops~, Waldbäume u. Kulturpfl. im german. Altert. 1905. -- ~Solms-Laubach~, Weizen und Tulpe u. deren Geschichte. Leipzig 1899. -- ~Buschan~, Vorgeschichtl. Botan. 1895. -- ~Piette~, L’anthropologie. 1896. -- ~Lassen~, Ind. Altertumskunde. -- ~Kobert~, Zeitschr. f. angew. Chem. 1910, 1250. -- Abbild. d. Pflanze ~Bentley-Trimen~, Medicinal plants t. 294.
2. Amylum Oryzae.
Reisstärke, -- amidon de Riz (fr.) -- arroz (sp.) -- rice starch (engl.) -- amido di riso (ital.) -- rijstzetmeel (holl.) -- riisi tärkkelys (fin.) -- rizskeményitő (ung.) ἄμυλον ορύζης (n.-gr.).
=Stammpflanze=: =Oryza sativa= L. (~Linné~ spec. pl. I, 333) mit den Kulturvarietäten: montana (Bergreis), glutinosa (Klebreis), praecox (frühreif. Reis), perennis (ausdauernd. Reis), mutica (unbegrannter Reis), minuta (kleiner Reis), coarctata (gedrungenblüt. Reis). Im Museum in Calcutta finden sich Proben von über 1100 Spielarten.
=Etym.= ὄρυζα (neben ὄρυζον) ist von +sansc.+ vrīhíṣ, +tam.+ arishi abzuleiten. Über das +altpers.+ brîzi und das arabische arruz (arrozz) gelangte das Wort in die europäischen Sprachen, in das Spanische, wie so oft, durch Agglutination des arabischen Artikels, in das Deutsche über +ital.+ riso. Im Sansc. heißt der Reis auch dhánya (d. h. Erhalter des Menschengeschlechts) (hind.: dhán, chával).
=Systemat. Stellung.= Gramineae Oryzeae.
=Vorkommen und Kultur.= Der Reis ist im warmen Südostasien, besonders in China und Indien, ferner im tropischen Australien und in Westafrika heimisch. Er verlangt ein warmes Klima, gedeiht aber noch in der Lombardei und Spanien, am besten freilich in tropischem Klima. Er verlangt viel Wasser.
Die Kultur des Reis (vgl. Fig. 67) ist in China uralt und noch jetzt über die ganze südliche Hälfte des Reiches sowie Cochinchina und Birma verbreitet. Die Sage berichtet, daß der Kaiser ~Shen Nung~, den man auf 2800 n. Chr. ansetzt (die Datierung ist aber sicher falsch), bei einer Zeremonie, bei welcher 5 Arten Getreide gepflanzt werden mußten, den Reis pflanzte, während die anderen 4 von den Prinzen gepflanzt wurden. Aber es ist wahrscheinlich, daß China die Pflanze vom Südwesten her erhielt, wo jetzt der beste Reis der Erde produziert wird (~Semler~). In Indien spielte die Reiskultur seit altersher eine große Rolle. Was der Sago für den Osten, das ist der Reis für den Westen Südasiens. Von Indien, das ¾ der Weltproduktion liefert, ist die Reiskultur nach dem Mittelmeergebiet (Italien: Poebene, Lombardei, Venezien, Piemont und Spanien: Andalusien, Valencia, Catalonien) und die Verein. Staaten gebracht worden. Obenan steht hier Süd-Carolina, dann folgen Louisiana und Georgia. «Wie nämlich mit dem Zucker und Kaffee und der Baumwolle geschah, so auch mit dem Reis: erst die Versetzung in die neue Welt hat ihn zu einem Weltprodukt gemacht. Europa war für diese Frucht nur die Haltestation, wohin sie die Araber, die alten Zwischenhändler des Ostens und Westens brachten und von wo andere sie weiter nach Neu-Indien jenseits des Ozeans schafften» (~Hehn~). Südamerika baut nur wenig. Im großen Stile wird Reis ferner in Japan, Hinterindien, Siam und auf Java gebaut, dann auch auf den anderen Inseln des malaiischen Archipels. In Afrika baut Ägypten Reis. Die Kultivateure unterscheiden +Wasserreis+ (+ind.+ aus) und +Bergreis+ (+ind.+ boro) und eine Zwischenform (+ind.+ amum), sowie den hier nicht in Betracht kommenden Klebreis. In Java, dessen Reiskultur hoch entwickelt ist, sah ich die beiden typischen Kulturmethoden, die in den Bergen übliche trockene Methode der gaga (tegal), wo der Bergreis (O. montana = paddi tjereh) -- seltener Klebreis (p. ketan) -- auf trockene Felder ausgesät wird und die im ganzen Mittelland gebräuchliche der sawah (rawah, vgl. I, Fig. 24), bei der Oryza sativa und praecox in quadratischen, terrassenartig übereinander liegenden, periodisch bewässerten Feldern meist durch Einpflanzen von in Saatbeeten erzeugten Pflänzlingen (seltener durch Aussaat) gebaut wird. Die Reiskultur verursacht viel Arbeit. In Java heißt der Reis im Halme +paddi+, gedroschen +gaba+, geschält +bras+, gekocht +nassi+.
=Pathologie.= Über die pflanzlichen Schädlinge berichtet Prof. ~Ed. Fischer~: Unter den Krankheiten, welche die ganze Reispflanze ergreifen, ist besonders die +Brusone-Krankheit+ zu erwähnen, mit der die in Japan auftretende +Imotsi+-Krankheit identisch zu sein scheint. Es handelt sich um eine Fleckenkrankheit, die auch völlige oder teilweise Sterilität der Rispen nach sich zieht. Die meisten Autoren sehen eine Imperfekte, Piricularia Oryzae ~Cav.~ als Ursache an, doch halten andere das Auftreten dieses Pilzes für eine sekundäre Erscheinung. In den Blüten von Oryza ist Claviceps purpurea beobachtet worden; nahe verwandt mit derselben ist nach ~Brefelds~ Untersuchungen sehr wahrscheinlich Ustilaginoidea Oryzae (~Pat.~) ~Bref.~, die in dem Fruchtknoten eine schwarze Conidienform bildet, welche man früher als einen Brandpilz (Tilletia Oryzae ~Pat.~) ansah.
=Beschreibung.= Oryza sativa wird etwa 1 m hoch. Die einblütigen, etwas platten, von vier glumis behüllten Ährchen sind zu großen, meist ziemlich zusammengezogenen, seltener ganz lockeren Rispen vereinigt. Die Blüten besitzen sechs Stamina. Die meist etwa 6-7 mm lange Frucht ist von der Seite stark zusammengedrückt, zeigt zwei seitliche Furchen und wird von den miteinander verzahnten Spelzen (paleis) dicht und fest umschlossen (Fig. 68). Diese Spelzen sind knorpelig, lederig, reich an mechanischen Elementen, anliegend, rauhhaarig, die Palea inferior fünfrippig, begrannt, die Palea superior dreirippig. Bei dem wilden Reis fallen (wie bei den meisten wilden Getreidearten) die Früchte bei der Reife aus den Ähren heraus. Frucht- und Samenschale sind zart und obliteriert. Durch das +Schälen+ und +Polieren+ werden die Paleae und auch die Frucht- und Samenschale (Silberhaut) sowie die 1-2reihige Aleuronschicht und der stark exzentrisch gelegene, leicht sich ablösende Keimling entfernt, so daß das Korn dann nur aus dem Endosperm besteht. Der Bau der Spelzen und der Fruchtschale ist beschrieben in ~Tschirch-Oesterle~, Anatomischer Atlas. Die Größe der Reiskörner schwankt zwischen der eines Senfkornes und der eines Melonenkernes, die Farbe von hellgelb bis schwarz. Ungeschälter Reis heißt in Indien +paddy+, in Nordamerika +rough rice+. Durch Schälen in der Reismühle (im peeler, polisher, huller) wird das Gewicht auf die Hälfte oder zwei Drittel reduziert. Das Produkt heißt +Kochreis+. Das beim +Schälen+ abfallende ist die +Reiskleie+, die aber immer noch c. 25% Stärke, 6,5% Eiweiß und c. 5,5% Fett (daneben aber c. 46% Rohfaser) enthält. Das durch +Polieren+ des Kochreis abfallende ist noch stärkereicher (30-50%) und bildet daher ein gutes Ausgangsmaterial für die Darstellung der Reisstärke. Die Eingeborenen der verschiedenen Länder Asiens besorgen das Schälen des Reis nur selten in Mühlen. Ich sah in Südostasien den Reis in Mörsern stampfen, durch hölzerne Klöpfel schlagen und durch mechanisch mit den Füßen in Bewegung gesetzte breite Hämmer klopfen (vgl. auch Fig. 69).
Geschälter Reis enthält 74,9-77% Stärke, 0,68% Rohfaser, c. 9,2% Eiweiß, ungeschälter c. 74% Stärke, 3,1% Rohfaser und 7,8% Eiweiß.
=Produktion.= Die +Reisernte+ wird jetzt pro Jahr auf 175 Milliarden (engl.) Pfund (lb.) = c. 80 Mill. t. geschätzt. Britisch Indien produziert 60, China 50-60, Japan 15, Siam 6,75, Java 6,5, franz. Hinterindien 5, Korea 3, Formosa 2,75 Milliarden lb., Italien erzeugt 750 Millionen Pfund, je c. 500 Mill. lbs. erzeugen Spanien, Ceylon, die Philippinen, die Vereinigten Staaten (Louisiana, Texas, Süd-Carolina, Arkansas). In letzteren stieg 1908 die Produktion auf 608 Mill. lbs. (1907 erzeugte Nordamerika 18738000 Bushels Reis.) Es wird jetzt dort nicht nur Flußschlemmland, sondern auch Prairieland zum Reisbau herangezogen. Europa führt jährlich für 344 Mill. Mark Reis ein. Deutschland verbrauchte 1907 für 31743000 Mark. Der Jahresumsatz des +Weltreismarktes+ beträgt 600-800 Mill. M. Vom indischen Reis unterscheidet man drei Sorten: Tafelreis, Ballam und Moonghy. Den meisten Reis exportiert Burmah, dann folgt Bengalen und Madras. In Code franc. steht geschälter (décortiqué) Reis.
Als =Schädling= der Früchte ist der +Käfer+: Rhizopertha pusilla ~Fabr.~ zu nennen, dessen Larve vermutlich eingeschleppt wurde. Er ist namentlich in Hafenplätzen öfter schädlich aufgetreten (~Israel~). Über Calandra Oryzae vgl. I, S. 383. Siehe auch unter Mais.
=Darstellung der Reisstärke.= Reisstärke wird besonders in England, dann in Belgien, Frankreich, Deutschland (Altona, Ulm), Österreich (Fiume, Tirol), Italien und Amerika aus schlechteren Reissorten, aus +Bruchreis+, +havariertem+ Reis oder den beim Polieren des Reis erhaltenen Abfällen bereitet.
Da die Stärkekörner die Zellen dicht erfüllen, genügt Einweichen und Zerquetschen der Früchte nicht, um die Körner zu isolieren. Sämtliche zur Anwendung kommende Verfahren (~Jones~, ~Ransford~, ~Berger~) laufen darauf hinaus, daß der die Körner verkittende Kleber durch Behandlung mit verdünnter Ätzlauge (z. B. 0,25% Natronlauge), Ammoniak oder Säuren oder durch ein «Gärverfahren» gelöst, das Reiskorn «aufgeschlossen», d. h. aufgelockert wird. Die weitere Behandlung ist wie bei der Weizenstärke (s. d.). Neuerdings wird in Frankreich auch der elektrische Strom herangezogen. Nach dem ~Stoltenhoff~schen Verfahren werden die Körner im Vacuum 6-8 Stunden mit fließender Natronlauge behandelt (die Lauge wird mit Säure gefällt, der gefällte Kleber ist als «Energin» im Handel). In Deutschland gibt es 12 Reisschälmühlen und Reisstärkefabriken. Über den Klebreis vgl. Amylodextrin.
=Anatomie.= Das Endosperm des Reis ist bisweilen in ein Horn- und Mehlendosperm geschieden. Ein Teil und zwar die Hauptmasse erscheint alsdann glasig, ein Teil in der Nähe des Scutellums mehlig. Die Stärkekörner erfüllen die Zelle dicht. Zusammengesetzte Stärkekörner treten nur undeutlich hervor. Ihre Begrenzungslinie ist nie glatt (wie beim Hafer). Die +Stärkekörner+ der +Reisstärke+ (Fig. 70), die auch wohl (fälschlich) +Reismehl+ genannt wird, sind kristallartig scharfkantig-eckig, besonders häufig fünfeckig. Rundliche Körner sind selten. Sie sind ziemlich gleichartig in Gestalt und Größe, meist 4,5-6 mik lang, die größeren bis 8,5, nie über 10 mik, die kleinsten 3 mik. Bisweilen hängen noch einige Körner zusammen. Einige zeigen eine Kernhöhle.
=Chemie.= Reisstärke enthält durchschnittlich 85,18% Stärke, 13,7% Wasser, 0,88% Stickstoffsubstanz, 0,3% Asche; Spuren Fett und Rohfaser. Reisstärke beginnt bei 53,7° aufzuquellen und bei 58,7° zu verkleistern, bei 61,2° (nach ~Dafert~ bei 73°) ist die Verkleisterung vollkommen (~Lippmann~).
=Handel.= Im Handel ist die Reisstärke entweder in kantig-prismatischen Stücken als Strahlen-, besonders Kristallstärke oder aber (die schlechteren Sorten) in Form unregelmäßiger Brocken (Schäfchen) oder als Pulver. «Royal Anglais» ist belgische (Remy-)Stärke, Corn flour besonders feine Reisstärke.
Die Gesamteinfuhr an +Reisstärke+ betrug in Hamburg 1908: 24661 dz, die Einfuhr an Reis 2354543 dz, der meiste (1810385 dz) kam aus Brit. Ostindien.
Deutschland führte 1909 polierten Reis 851935 dz, enthülsten und Bruchreis 2178571 dz ein, letzteren vornehmlich aus Brit. Indien, dann auch aus Siam und französ. Indien (Reis in der Hülse nur 163958 dz) und exportierte +Reisstärke+ 53497 dz besonders nach Großbritannien.
=Prüfung.= Reisstärke besteht fast nur aus Stärkekörnern (s. oben) mit sehr wenig Zellresten, bildet also ein sehr feines und gleichmäßiges Pulver. Die Beimengung von Spelzen ist leicht an der sehr charakteristischen Epidermis derselben zu erkennen, andere Stärke an den abweichenden Formen (am schwierigsten Haferstärke -- kommt aber in praxi kaum vor).
Reisstärke reagiert stets alkalisch. Die medizinisch angewendete soll aber doch nur sehr schwach alkalisch sein, also mit Wasser geschüttelt ein nahezu neutrales Filtrat liefern (Ph. helv. IV). Die Asche übersteige 0,5% nicht (~Hauke~).
=Anwendung.= Reisstärke ist in der Revalenta arabica (Revalescière du Barry), im Racahout des Arabes, in der Kaiffa, dem Palamoud des Turcs, der Palmycena und anderen Geheimmitteln enthalten. Reis wird gegen Diarrhoe angewendet. Die Reisstärke ist die wichtigste Poudre-Grundlage (poudre de riz). Reisstärke gibt, da sie vollständig, sehr gleichmäßig und gummiartig verkleistert, eine vorzügliche Appretur, wird aber wegen des hohen Preises nur zur Appretur feinerer Stoffe benutzt. Silberglanzstärke ist Reisstärke mit 10-15% Borax, Doppelstärke enthält neben Reis- und Kartoffelstärke 6-7% Borax und 2-2,5% Stearin. Crêmestärke ist mit Farbstoffen gefärbt.
Reis ist das wichtigste Nahrungsmittel Südasiens (China, Indo-China, Indien, Malaiisch. Archipel) und großer Teile Afrikas, denn er enthält neben viel Kohlehydraten (vornehmlich Stärke) auch ziemlich viel Stickstoffsubstanz (s. oben), so daß man sich von ihm allein ernähren kann. Reis kann aber nicht verbacken werden. «In dem Kranze wertvoller Nutzpflanzen, die die Tropen ihren Bewohnern liefern, ist der Reis eines der schönsten Blätter, ja er bildet mit dem Coco und dem Pisang die Grundsubstanz aller Speisen, die der Eingeborene in Ceylon und Java, ja im ganzen malaiischen Archipel genießt» (~Tschirch~, Ind. Heil- u. Nutzpflanzen). Und auch der Holländer geht in Indien täglich um Mittag zur «Reistafel». In Asien werden aus Reis mehrere alkoholische Getränke hergestellt (vgl. I, S. 1019). Schon die alten Inder kannten ein Reisbier.
=Geschichte.= Reis findet sich noch nicht in Rig-Veda, in Atharva-Veda ist er mit másha (Phaseolus Roxburghii) und Sesam zusammen erwähnt. Die Alten des Abendlandes bauten Reis nicht, bezogen ihn aber aus Indien. Ein gebräuchliches Nahrungsmittel wurde er im Altertum des Abendlandes nicht. Selbst Reistisane war teuer (~Hehn~). Das Abendland wurde durch den Alexanderzug (I, S. 529) mit dem Reis bekannt. ~Theophrast~ beschreibt ihn gut. Damals wurde Reis in Sawahs (s. vorn) nicht nur im Indusdelta, sondern auch im Zweistromlande und am Oxus gebaut (~Strabo~). Im Periplus (I, S. 536) wird Reis als Ausfuhrartikel von Limyrike und Reiskulturen in Ostindien bei Barygaza und Ariake erwähnt. Nach Ägypten und Spanien brachten die Araber die Reiskultur, ins Mailändische und Venezianische kam sie Anfang des XVI. Jahrh. (~Hehn~). ~Albertus Magnus~ (I, S. 673) bespricht Rizum. Der Reis ist bei den Indern Symbol des Reichtums und der Fruchtbarkeit. Er spielt dort im Hochzeitsritus, bei den Ceremonien zur Erlangung von Kindern sowie als Liebesorakel und Aphrodisiacum, Allheilmittel, Schönheitsmittel eine Rolle. Auch in England wirft man der Braut Reiskörner nach. Reis ist die Pflanze der javanischen Ceres, Dewi Sri. Die Reiskultur hat aus den Malaien, orang malayu, d. h. herumschwärmenden Leuten, seßhafte gemacht. «Reis und Tee» heißt im Japanischen soviel wie bei uns «Essen und Trinken». Reismehl tritt als Appretur auf frühmittelalterlichen Papieren sowohl als Kleister wie in Substanz aufgewalzt auf (~Wiesner~, ~Kobert~). Die +Reisstärke+ ist ziemlich spät erst in Aufnahme gekommen.
=Lit.= ~De Candolle~, L’origine des plantes cultiv. -- +Pharmacographia indica+ (dort die Geschichte des Reis in Indien). -- ~Watt~, Dictionary of econom. prod. India. -- ~K. Braun~, Der Reis in Deutsch-Ostafrika. Ber. über Land- u. Forstw. in Deutsch-Ostafrika. 1908. -- ~Hehn~, Kulturpfl. u. Haust., VII. Aufl. 1902. -- ~Tschirch~, Ind. Heil- und Nutzpflanzen (mit Abbild.: Sawah, Reismühlen usw.). -- +Les grandes cultures+ (zahlreiche Abbild. der Kultur und Ernte). -- ~Semler~, Trop. Agrikultur, 2. Aufl. -- ~Wiesner~, Rohstoffe (dort d. ältere Lit.). -- ~Tschirch~, Stärkemehlanalysen. Arch. Pharm. 1885. -- ~Tschirch-Oesterle~, Anatom. Atlas, Taf. 45 (dort eine ausführl. Beschreib. d. Frucht). -- ~Moeller-Winton~, Mikrosk. d. Nahrungs- u. Genußm. 1905 (Abbild.). -- ~van Gorkom~, Rijst in Beschreijvende Catalog. Kolon. Mus. Haarlem 1907 und Oostindische Cultures. -- ~Harz~, Landwirtschaftl. Samenkunde. -- +Abbild.+: ~Nees von Esenbeck~, t. 36, ~Bentley-Trimen~, Medicinal plants t. 291, ~Berg~, Charakteristik t. 6 und ~Hackel~ in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam. II. 2, 41. -- ~Kobert~, Zeitschr. Angew. Chem. 1910, 1249. -- Asche: ~Hauke~, Zeitschr. Österr. Apoth. Verein 1902.
3. Amylum Maidis.
Mais- oder Mays-Stärke -- amidon de mays (franz.) -- maize starch (engl.) -- in Amerika: corn starch -- maïszetmeel (holl.) -- amido del mais (ital.) -- maissi tärkkelys (finn.) -- kukorica kemenyitő (ung.) -- ἄμυλον ἀραβοσίτον (n.-gr.).
=Stammpflanze=: =Zea Mays= L. (~Linné~, Spec. plant. I, 971) mit mehr als 300 Spielarten, die sechs Gruppen bilden: Balgmais (huskcorn), Zahnmais (dentcorn), Weichkorn (softcorn), Steinmais (flintcorn), Zuckermais (sweetcorn), Puffmais (popcorn). Der Coyotemais Mexikos wird von einigen als die wilde Urform (?) betrachtet. In Deutschland unterscheidet man: Gemeiner Mais, Perlmais, Pferdezahnmais, Zuckermais, Cuzcomais, Balgmais.
=Syn.= Indianisch Korn (~Cordus~), Indian Corn (engl.), Corn (in Amerika), Türkischer Weizen, Türkenkorn, Türkisch Korn (~Bock~, ~Fuchs~), Blé turc (franz.), Kukuruz (Österreich-Ungarn, Donauländer), Welschkorn (~Bock~), Türgga (Appenzell), Syrische Durrha (Ägypten), Ägypt. Korn (Türkei), Mekka Weizen (Persien), Arabisch Korn (Griechenland), Guineahirse (Portugal), Tureskorichljib (Rußland). Beim Mais sagt also die Länderbezeichnung nichts über die wahre Provenienz aus.
=Etym.= Zea von ζέα, ζειά griech. Name eines Triticum (s. S. 188), von ζῆν = leben -- Mais von haitanisch (Tupi) Mahiz, mahis. ~Columbus~ importierte auch das Wort. «Kukuruz» nach ~Lippmann~ vom spanischen Cucurucho.
=Systemat. Stellung.= Gramineae, Maideae.
=Beschreibung.= Der diclin monöcische Mais wird 60 cm bis 6 m hoch, je nach der Spielart. An der Spitze des Halmes finden sich die männlichen Blütenrispen. In den Blattwinkeln stehen 2-3 kolbenförmige, je nach der Spielart sehr verschieden große weibliche Ähren, von häutigen Hüllblättern umgeben. Die schwammige Achse trägt 8-10 Längsreihen zweiblütiger Ährchen, deren untere Blüte nur unvollständig entwickelt ist. Die Griffel sind sehr lang und hängen aus den Kolbenscheiden weit heraus. Sie werden neuerdings als +Stigmata Maidis+ arzneilich benutzt. Beim Heranwachsen platten sich die Früchte, die in geraden oder etwas schrägen Längszeilen liegen, etwas gegeneinander ab. Sie bilden den bekannten Maiskolben.
Die Früchte sind von sehr verschiedener Größe, Form und Farbe. Letztere wechselt von weiß über gelb zu orange. Auf der einen Fläche der Frucht ist das große helle, ovale Scutellum deutlich und in seiner Mitte der gestreckt ovale Keimling. An das Scutellum grenzt das weiße Mehlendosperm, an dieses das glasige Hornendosperm (Fig. 71). In ersterem liegen die Stärkekörner locker gehäuft, in letzterem erfüllen sie die Zelle dicht und platten sich gegeneinander ab. Der Unterschied zwischen Horn- und Mehlendosperm wurde bereits von ~Raspail~ (1825) erkannt. Die Verschiedenheit der Stärke in den beiden Endospermen stellte dann ~Payen~ (1838) fest. Der Bau der Fruchtschale ist ausführlich beschrieben in ~Tschirch-Oesterle~, Anatomischer Atlas.
=Pathologie.= Prof. ~Ed. Fischer~ berichtet über die pflanzlichen Schädlinge: Die wichtigsten Zerstörer der Früchte und Fruchtkolben der Maispflanze sind Ustilagineen:
Ustilago Maidis (~Dc.~) ~Tul.~ bildet an Stengeln, Blättern, männlichen und weiblichen Blütenständen beulenförmige Pilzgallen, die an den Stengeln die Größe eines Kindskopfes erreichen können. In denselben entstehen die Brandsporen; schließlich zerfallen sie in eine schwarze, brandige Masse. Daß dadurch die Körnerbildung mehr oder weniger unterdrückt werden kann, versteht sich von selbst. Die Sporen der Ustilago Maidis werden neuerdings arzneilich benutzt.
Ustilago Reiliana ~Kühn~ bildet ihre Brandsporen in den Fruchtknoten.
Ustilago Fischeri ~Pass.~ entwickelt die Brandlager in der Kolbenspindel.
Es gibt außerdem verschiedene Pilze, die die vegetativen Teile der Maispflanze befallen und dadurch indirekt die Körnerbildung beeinträchtigen können. Unter diesen ist eine der gefährlichsten die in Java auftretende Lijer-Krankheit, welche junge Pflanzen zum Absterben bringt. Sie ist auf eine Peronospora (P. Maidis) zurückzuführen. Auch sind neuerdings Bakterienkrankheiten der Maispflanze beschrieben worden.
=Kultur.= Der Mais besitzt ein großes Anpassungsvermögen, obwohl seine ursprüngliche Heimat wohl im tropischen Klima lag. Er braucht aber eine gewisse Menge Feuchtigkeit und gedeiht in trockenen Klimaten nicht. Schon ~Jos. Acosta~ (I, S. 754) beschrieb seine Kultur. Die Früchte werden in Amerika durch eigene «Maisschäler» vom Kolben abgelöst. Die größte Menge Mais, c. 80% der Gesamtweltproduktion, erzeugt jetzt Nordamerika: etwa 50 Mill. t. im Jahre, den meisten die nördlichen Mittelstaaten (bes. Iowa, Illinois, Kansas, Nebraska, Missouri, Ohio, Indiana). Auch Kanada, Mexiko, Zentral- und Südamerika (Argentinien) bauen viel Mais; in Afrika: Ägypten, Algier. Geringer ist die Kultur in Asien, beträchtlich in Europa, besonders in Italien, Deutschland, Ungarn, Rumänien, Schottland und in Rußland (vgl. auch die Karte auf S. 189).
Die +Maisfrucht+ enthält 62 bis 74,5% Stärke, 8-12% Eiweiß, 4,5-6,5% Öl, 1,6-2,7% Rohfaser, 8-14,5% Wasser. Maiskleie liefert bei der Hydrolyse mit verdünnten Säuren u. a. Xylose. (Über die Eiweißkörper des Maiskornes vgl. ~Donard~ und ~Labbé~, Compt. rend. 1903.)
=Darstellung der Maisstärke.= Die Maisstärke, welche das einzige Amylum der amerikanischen Pharmakopoëe ist, wird in großem Stile nur in Nordamerika dargestellt, in geringerer Menge in Brasilien, Neu Südwales, England, Frankreich, Deutschland, Niederösterreich und den Donaufürstentümern. Die eingequollenen Körner werden zerquetscht und der Brei in Cylindersieben ausgewaschen. Man verwendet hierbei, da das Korn ziemlich hart ist, das Natronverfahren (wie beim Reis, ~Leconte~) oder läßt den Brei gären (~Watt~) oder setzt ihm schweflige Säure zu. Die Lauge löst den die Körner miteinander verkittenden Kleber (Fig. 71). Die gemeine amerikanische Maisstärke in Brocken besteht aus Hornendospermkörnern, die Duryea Maizena, das feinste Maismehl, vorwiegend aus Mehlendospermkörnern. Beide werden aus dem großen Pferdezahnmais in großem Stil dargestellt; die St. Bernhardswerke in Cincinnati produzieren täglich 25000 kg. Die amerikanische Maisstärke heißt Corn flour oder Corn starch. Auch Mondamin ist Maisstärke. Ebenso Patent corn flour, Palamoud, Potage des Sultanes usw.
=Anatomie.= Die Stärkekörner (Fig. 72) haben eine verschiedene Gestalt, je nachdem sie aus dem Hornendosperm oder dem Mehlendosperm (s. oben) stammen. Ihre Größe schwankt zwischen 8,5 und 31,5, meist beträgt sie 15 bis 20 mik.
Die +Hornendospermkörner+ sind mehr oder weniger scharfkantig oder abgerundet kantig, isodiametrisch oft mit einem zentralen Spalt oder einer Zentralhöhle versehen, ungeschichtet, bisweilen noch zu mehreren zusammenhängend. Die Größe beträgt meist 10-18-23 mik, steigt aber auch bis 25 mik und darüber.
Die +Mehlendospermkörner+ zeigen sehr unregelmäßige, aber stets abgerundete Formen, regelmäßige Kugeln sind selten, Schichten fehlen meist, der Zentralspalt bisweilen. Die Größe variiert sehr. Sie beträgt 9-23, meist 10-15 mik, steigt aber auch auf 25-30 mik. Daher erscheint das Mehlendosperm oft großkörniger als das Hornendosperm.
+Nebenform+: Zu zweien zusammengesetzte gestreckte Körner oder deren Teilkörner und ganz kleine rundliche Körner von 2-10 mik und Übergänge zwischen Mehl- und Hornendospermstärke.
=Handel.= Die Ausfuhr von «Starch» aus den +Vereinigten Staaten+ betrug 1907: 51334580, 1908: 48125851, 1909: 33228278 Pounds. Es handelte sich hierbei wohl hauptsächlich um Maisstärke.
+Deutschland+ führte 1909 c. 7 Mill. dz Mais ein, den meisten aus Argentinien, dann aus dem europäischen Rußland, Rumänien und den Ver. Staaten.
Deutschland führte 1909: 10850 dz Mais-, Weizen- und andere Stärke (aus Großbritannien und den Ver. Staaten) ein. Die Ausfuhr betrug c. 11000 dz.
=Chemie.= +Maisstärke+ enthält durchschnittlich 84,14% Stärke, 13,95% Wasser, 1,53% Stickstoffsubstanz und 0,38% Asche. Sie enthält auch ein Gluko-Xylan (Storer). Maisstärke zeigt deutliches Aufquellen bei 50°, Beginn der Verkleisterung bei 55° und vollkommene Verkleisterung bei 62,5° (~Lippmann~). Maisstärke reagiert oft sauer. ~Saare~ fand den Säuregrad der Maisstärke oft sehr beträchtlich, besonders bei geringeren Sorten (Zeitschr. f. Spiritusfabrikat. 1901).
Die Stigmata Maidis sind reich an Zucker und Gummi (19,5%) enthalten c. 5,5% Fett und sowohl im Äther- wie im Alkoholauszuge neben Harz kristallinische Substanzen (~Fischer~, Am. Journ. Pharm. 1886).
=Anwendung.= Der Mais, die Maismehle und die Maisstärke spielen in Nordamerika die gleiche Rolle wie bei uns Weizen- und Kartoffelmehl und Weizen- und Kartoffelstärke und in England Reisstärke (s. oben S. 157) und haben die anderen fast verdrängt. Maismehl und Maisschrot sind Futtermittel. Maiskolbenmehl (Cob meal) wird aus dem ganzen Fruchtstand inkl. der Spindel dargestellt. In großen Mengen wird Mais zur Glukosefabrikation benutzt, wofür er sich am besten eignet (man behandelt mit Salzsäure bei 60-80°); dann zur Maltosefabrikation (Behandeln mit Malz), zur Darstellung von Sirup (Behandeln mit schwefliger Säure), Dextrin usw. Auch die Brennereien verschlingen große Mengen.
=Geschichte.= Der Mais, der schon in präkolumbischer Zeit fast durch ganz Amerika kultiviert wurde (Gräberfunde in Arizona, Ankona usw.) -- die Mexikaner hatten eine Maisgöttin -- ist das Gegengeschenk der neuen Welt für den Reis, den die alte ihr brachte. Er wurde von ~Columbus~ wahrscheinlich schon von seiner ersten Reise (1493) nach Europa gebracht (I, S. 745); jedenfalls schon 1500 in Spanien gebaut. Bei ~Hernandez~ (I, S. 761) ist dem Mais (Tlaoelli, +span.+ Maizio) ein großes, mit Abbildungen geschmücktes Kapitel gewidmet. Er hat sich außerordentlich rasch über Europa, Afrika und Asien verbreitet und bildet jetzt ebenso für Südeuropa und die Levante, wie für China und Japan, ja selbst für einige Negerstämme Afrikas, «die nie einen Europäer gesehen haben», ein wichtiges Nahrungsmittel. Die Venetianer verbreiteten den Mais im XVI. Jahrh. im Orient, nach Deutschland kam er im gleichen Jahrhundert aus Italien, wo die Polenta bekanntlich eine beliebte Speise ist. Nach Afrika brachten ihn im XVI. Jahrh. die Portugiesen und die Spanier brachten ihn von Osten her nach Südasien. Er wurde schon 1496 auf Java ausgesät. Im XVI. Jahrh. kam er auch nach China. Da Reisende ihn schon zu so früher Zeit überall in Asien fanden, glaubte man anfangs, daß er auch dort seine Heimat habe.
=Lit.= Abbild.: ~Berg~, Charakteristik t. 6, ~Bentley-Trimen~, Medicinal plants t. 296, ~Hackel~ in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam. II, 2, 19. -- ~Bonafous~, Hist. nat. agric. et econom. du Maïs. Paris 1836. -- ~De Candolle~, L’origine des plantes cultiv. 4. Aufl. 1896 (dort weitere histor. Lit.). -- Abbild. der Kultur und Verarbeitung in Les grandes cultures du monde. -- ~Wittmack~, Über antiken Mais aus Nord- und Südamerika. Zeitschr. f. Ethnologie XII. -- ~Moeller-Winton~, Mikroskopie (dort viele gute Abbild. und weitere Liter.). -- Analysen in ~König~, Nahr.- u. Genußm. -- ~Harz~, Landwirtsch. Samenkunde. -- ~Wiesner~, Rohstoffe (dort die ältere Lit.). -- ~Tschirch-Oesterle~, Anatom. Atlas und ~Tschirch~, Stärkemehlanalysen. Arch. Pharm. 1884/85. -- ~A. Meyer~, Arch. d. Pharm. 1884, 912.
4. Fruct. Hordei.
Gerste -- orge -- barley -- gerst.
Im Code franc. steht oberflächlich geschälte Gerste (orge mondé) und ganz bis zum Endosperm geschälte (orge perlé), in der niederländischen Pharmakopoëe: Fruct. hordei decorticati (gepelde gerst).
Die Stammpflanze der Fruct. hordei ist =Hordeum vulgare= L. (~Linné~, Spec. plant. 84). Gramineae -- Hordeeae, von der auch die zwei Unterarten, die sechszeilige Gerste (H. hexastichum) und die vierzeilige Gerste (H. genuinum) kultiviert werden. Auch Hordeum distichum mit var. zeocrithum wird sehr viel gebaut.
In bezug auf die +Krankheiten+ der Gerste gilt im wesentlichen dasselbe, was für Triticum vulgare gesagt wurde. Neben mehreren Pilzen, die indirekt den Körnerertrag beeinträchtigen (Erysiphe graminis, Puccinia graminis, glumarum, in Rassen, die zum Teil nicht auf Weizen übergehen; Puccinia simplex, Melanospora damnosa) finden wir als direkte Zerstörer der Früchte vor allem Ustilagineen, und zwar die beiden Flugbrandarten Ustilago Hordei (~Pers.~) ~Kell.~ et ~Sw.~ und Ustilago nuda (~Jens.~) ~Kell.~ et ~Sw.~ Auch Claviceps purpurea kommt auf der Gerste vor (~Ed. Fischer~).
Als tierische Schädlinge der Gerste nennt ~Israel~:
1. +Käfer+: Sitophilus granarius L. Dieser kleine Rüsselkäfer legt seine Eier an die Körner aufgespeicherter Getreidevorräte. Die Larve höhlt die Körner des Weizens, der Gerste und des Roggens aus und tritt oft in Massen auf. Sitophilus oryzae L., der Reiskäfer. Dieser Käfer ist mit Reis aus dem Oriente nach Europa verschleppt worden, nimmt aber bei uns auch die Körner von Mais, Weizen und Gerste an und tritt gelegentlich schädlich auf. Der sog. Springmais ist auf diesen Käfer zurückzuführen.
2. +Falter+: Gelechia cerealella ~Oliv.~ Räupchen in Gerste und Weizenkörnern. In einigen Gegenden Deutschlands ist dieser Kleinschmetterling schon schädlich aufgetreten. Orobena frumentalis L. Die Raupe lebt in den Halmen des Roggens, der Gerste und des Weizens.
3. +Fliegen+: Cecidomyia destructor ~Say.~ Larve lebt wie die von Orbona in den Halmen der Cerealien.
Die Früchte der Gerste sind von den beiden Paleis dicht und fest umschlossen und fallen aus diesen nicht heraus (Anatom. Beschreibung in ~Tschirch-Oesterle~, Anatom. Atlas). Für den Arzneigebrauch werden sie geschält. Der Same zeigt drei Reihen Aleuronzellen.
Die Stärke ähnelt sehr der Weizenstärke, doch sind die Großkörner etwas kleiner, meist 15-30 (am häufigsten um 25) mik.
Die Gerste enthält c. 64,5% Stärke, 13,5% Wasser, 11,15% Stickstoffsubstanz, 2,1% Fett, 1,5% Zucker, 5,3% Rohfaser, 2,7% Asche.
Die geschälte Gerste wird zu Tisanen und Gargarismen benutzt. Die gekeimte Gerste ist Grundlage der Bierbereitung (vgl. I, S. 1019) und Ausgangsmaterial für die Darstellung des +Malzextraktes+.
Das Gerstenmehl wird aus den mehr oder weniger entspelzten Körnern dargestellt und spielt auch als Bestandteil einiger Kindernährmittel (~Timpes~ Kraftgries, ~Kobens~ Nährpulver, ~Gehrings~ Laktin) eine Rolle. Das präparierte Gerstenmehl, Farina hordei praeparata (30 Stunden im Dampfbade erhitztes Gerstenmehl), war, da leicht verdaulich, früher sehr beliebt und ist der Vorläufer der sog. Kindermehle. Früher war das sog. ~Hufeland~sche präparierte Gerstenmehl bei den Ärzten sehr beliebt, das in der Weise bereitet wurde, daß man eine größere Portion Gerstenmehl in einen Beutel eingeschlossen, in ein Wasserbad hing, 14 Stunden -- unter öfterem Ersatz des Wassers -- in dem siedenden Wasser beließ, dann herausnahm, die schlüpfrige Randschicht entfernte und den «Kern» pulverisierte.
Die Gerste heißt im Ägyptischen btt (die hieroglyphischen Zeichen I, S. 470). Bei antiken Räucherungen fand Gerstenmehl Anwendung (vgl. I, S. 1060). Alphita, das der berühmten Drogenliste (I, S. 639) den Namen gegeben hat, war Farina hordei.
Die Gerste war das Hauptgetreide der alten Indogermanen, die (nach ~Hoops~) vor ihrer Trennung in Asiaten und Europäer ihre Stammsitze in Mitteleuropa westlich von der Linie Königsberg-Odessa hatten.
=Lit.= ~Moeller-Winton~ a. a. O. -- ~Hoops~ a. a. O. -- Große Monographie: ~Lermer~ und ~Holzner~, Beitr. z. Kenntn. d. Gerste 1888 mit 52 Großfol. Taf.
IV. Stärke aus den Cotyledonen von Samen.
Leguminosenstärke.
Die +Leguminosenstärke+ findet sich in den Cotyledonen der Samen der Bohne und der Erbse. Sie wird arzneilich nicht angewendet. (Beschreibung der Samen und der Stärke in ~Tschirch-Oesterle~, Anatom. Atlas, Taf. 48, 49 u. 53, bei ~Vogl~, ~Moeller-Winton~, ~Hanausek~ u. and. -- ~Tschirch~, Stärkemehlanalysen. Arch. Pharm. 1884).
II. Amylodextringruppe.
Behandelt man Stärke mit verdünnten Säuren oder mit Diastase, so wird zunächst Amylodextrin gebildet. Diesen Körper hatte ~Schulze~ (1848) zuerst in Händen. Er nannte ihn +Amidulin+. Der eigentliche Entdecker ist aber ~Musculus~ (1870), der ihn dextrine insoluble dans l’eau nannte. Den Namen +Amylodextrin+ gab ihm ~Walter Nägeli~ (1873), der den Körper auch kristallisiert in Sphärokristallen erhielt. Das Erythrodextrin und das Achroodextrin sind unreines, vorwiegend mit Dextrin verunreinigtes Amylodextrin. ~Lintners~ Amylodextrin ist mit viel Amylose (~Meyer~) verunreinigtes Amylodextrin. Von der Amylose (reiner Stärkesubstanz, s. oben S. 154) unterscheidet sich Amylodextrin (nach ~A. Meyer~) durch folgende Eigenschaften:
+Amylose+ +Amylodextrin+
Bleiessig gibt Niederschlag in gibt selbst in 6% Lösung 0,05% Lösung keinen Niederschlag
Tanninlösung gibt einen Niederschlag gibt keinen Niederschlag, noch in 0,005% Lösung selbst in 5% Lösung
Jodlösung in verd. Lösung rein blau in verd. Lösung rein rot
~Fehling~sche wird nicht reduziert 100 g Amylodextrin Lösung reduziert so stark wie 5,6 g Dextrose
(α)_{D} in Lösung von Ca(NO₃)₂ = +230° +195°
Reines Amylodextrin kristallisiert in Nadeln, Tafeln und Sphärokristallen. Die Löslichkeit in kaltem Wasser ist gering, besser löst es sich in Wasser von 60°, noch besser bei 90°. Siedender Alkohol von 50% löst reichlich. Das Molekulargewicht ist sehr hoch.
Die «Stärke, welche sich mit Jod rot färbt», die man bisweilen in Pflanzen findet, ist eine an Amylodextrin reiche Stärke. Sie wurde zuerst von ~Nägeli~ (1858) im Samenmantel von Chelidonium majus beobachtet, dann von ~Gris~ (1860) im Klebreis (Oryza sativa var. glutinosa), von ~A. Meyer~ in Panicum miliaceum var. glutinosum und Sorghum vulgare var. glutinosum und von mir im Samenmantel von Myristica fragrans gefunden, dessen Hauptbestandteil sie bildet. +Gepulverte+ Macis +ist an ihr leicht zu erkennen+. In Embryonen fand sie ~Treub~, in phanerogamischen Parasiten ~Russow~. Diese durch Jod rot werdenden Stärkekörner enthalten neben Amylodextrin noch (Dextrin und) Amylose. Ich habe sie «+Amylodextrinstärkekörner+» genannt, ~Bütschli~ betrachtet sie als ein besonderes stärkeähnliches Kohlehydrat: +Amyloerythrin+. Zu ihnen gehört auch die sog. Florideenstärke (vgl. Carrageen).
=Lit.= ~Musculus~, Zeitschr. f. Chem. 1869 u. 1870 u. Zeitschr. f. phys. Chem. 2. -- ~Walter Nägeli~, Beitr. z. näh. Kenntn. d. Stärkegruppe. Leipz. 1874. -- ~Shimoyama~, Beitr. z. Kenntn. d. japan. Klebreis. Diss. Straßburg 1886. -- ~Dafert~, Beitr. z. Kenntn. d. Stärkegruppe. Landw. Jahrb. 1886. -- ~Arth. Meyer~, Stärkekörner 1895. -- ~Tschirch~, Inhaltsbest. d. Arill. v. Myrist. fragr. Ber. d. Bot. Ges. 1888, 138. Artikel Amylodextrin in Realenzykl. d. ges. Pharm. u. Angew. Anatomie. -- ~Euler~, Grundlagen d. Pflanzenchemie 1908.
Die einzige Droge, die hierher gehört, die =Macis=, deren Grundparenchymzellen dicht mit Amylodextrinstärkekörnern erfüllt sind (vgl. ~Tschirch~, Angew. Anatomie), wird weiter hinten bei Myristica abgehandelt werden, da die Macis besser zu den Riechstoffdrogen gestellt wird. In gewissem Sinne kann aber auch das Trehalamanna (S. 147) hierhergezogen werden, da es 25-32% Amylodextrinstärke enthält, sowie die Rotalgen, in denen sich Florideenstärke findet.
Der =Klebreis= ist nur aus Ausgangsmaterial für ein gegorenes Getränk (I, S. 1019) für uns interessant.
III. Dextringruppe.
Über das +Dextrin+ existiert keine Klarheit, wir wissen nur, daß es ein Polysaccharid ist. Aber ob es nur ein Dextrin gibt und die Formen Maltodextrin, Erythrodextrin, Achroodextrin, Amylozellulose usw. Gemische oder Individuen darstellen, wissen wir nicht. Die Dextrinliteratur bietet «ein trostlos verwickeltes, durch zahlreiche Widersprüche getrübtes, vorerst völlig unentwirrbares Bild» (~v. Lippmann~ 1904). Die jetzt vielfach reproduzierte Formel (C₁₂H₂₀O₁₀)₃.H₂O) trägt also nur vorläufigen Charakter. ~Skraup~ erteilte (1905) dem Erythrodextrin ein Molekulargewicht von 1700 bis 2000.
~Arthur Meyer~ nimmt nur ein Dextrin an und betrachtet alle Achroodextrine als Gemenge von Dextrin mit Maltose oder Isomaltose. Das reine Dextrin ~Meyers~ zeigte α_{D} = +192° und ein kryoskopisches Verhalten, das auf ein etwas größeres Molekulargewicht als 1223 ±25 hinweist. Es reduziert schwach ~Fehling~sche Lösung.
Dextrin wurde zuerst von ~Vauquelin~ (1811) als ein besonderer Körper erkannt, dann zunächst von ~Persoz~ und ~Payen~ (1833) untersucht.
=Lit.= Die neuere Literatur bei ~Lippmann~, Chemie der Zuckerarten. -- ~A. Meyer~, Stärkekörner. 1895.
Dextrin.
Das Dextrin (Dextrine, Dextrina) des Handels wird jetzt meist durch direktes Erhitzten von Stärke auf 150-200°, seltener durch Einwirkung von verdünnten Säuren oder Diastase auf Stärkekleister gewonnen.
Die Darstellung des +Röstdextrins+ (Röstgummi, Leiokom), welches jetzt hauptsächlich im Handel ist und ein gelbliches Pulver bildet, erfolgt meist durch Erhitzen von luftrockener Kartoffelstärke in rotierenden, mittelst überhitzten Wasserdampf erwärmten Trommeln auf 180-200°, seltener durch Erhitzen von feuchter Stärke in flachen Kästen auf 160°.
Bei der Darstellung des +Säuredextrins+, welches ein weißes Pulver darstellt, wird die Stärke mit 2-9 ‰ chlorfreier Salpetersäure und etwas Wasser vermischt, in dünner Schicht auf 110° im Luftbade erhitzt. Seltener wird Salzsäure, Schwefelsäure oder Oxalsäure benutzt. (Letztere muß nach der Behandlung entfernt werden.)
Bei der praktisch nur selten ausgeführten Darstellung des +Diastasedextrins+ wird die Stärke bei 60-75° mit Malzaufguß behandelt.
Endlich wird auch das auf eine der genannten Weisen erhaltene Rohdextrin dadurch gereinigt, daß man es mit Wasser auszieht, mit Alkohol ausfällt oder die Lösung eindampft und den Rückstand trocknet.
+Für medizinische Zwecke wird nur Röstdextrin verwendet.+ Die Pharm. helv. IV z. B. schließt ausdrücklich das mit Salpetersäure oder Oxalsäure bereitete und sog. chemisch reines Dextrin aus. Sie gibt z. B. an, daß die kalt bereitete Lösung durch Jod weinrot gefärbt werde, Kalkwasser und Diphenylamin keine Reaktion geben. Dies +Röstdextrin, das wir als eine Droge betrachten dürfen+, muß man aber richtiger +dextrinierte Kartoffelstärke+ nennen. Es besteht aus Stärkekörnern, die alle Stadien der Dextrinierung zeigen. Neben noch fast unveränderten finden wir solche, die schon in Amylodextrinstärke und andere, die schon ganz oder zum Teil in Dextrin übergeführt sind (Fig. 73).
Äußerlich sind die Körner nur wenig verändert, denn wenn man sie in Öl betrachtet, zeigen sie noch die Umrißlinie der Kartoffelstärkekörner und im Polarisationsmikroskop das schwarze Kreuz. Nur eine kleine Luftblase an Stelle des Kerns (Fig. 73) verrät, daß nicht alles geblieben ist wie es war. Legt man die Körner aber in Wasser, so zeigt sich, daß tiefgreifende Veränderungen eingetreten sind. In den ersten Stadien der Dextrinierung hat sich der Spalt erweitert, die innersten Schichten sind gelöst, die Schichtung ist sehr deutlich geworden. In den späteren Stadien sind dann die äußeren Schichten und hier besonders die wasserreichen der Dextrinierung anheim gefallen. Sie lösen sich in Wasser auf und es bleiben zahlreiche übereinander geschichtete Häute übrig, die den dunkleren Schichten des unveränderten Kornes entsprechen. Am längsten widerstehen die mittleren Partien des Korns. Sie färben sich mit Jod blau, violett, rotviolett oder rot, sind also noch zum Teil unveränderte, zum Teil schon in Amylodextrin übergegangene Stärke (~Tschirch-Oesterle~, Anatom. Atlas, Taf. 52).
+Deutschland+ fabriziert viel Dextrin. Hamburg exportierte 1908 22631 dz Dextrin (und geröstete Stärke) und importierte 21839 dz.
+Frankreich+ importierte 1908 84187 kg +Dextrin+ aus Deutschland und etwa ebensoviel aus Österreich, nur wenig aus Belgien und den Niederlanden.
IV. Inulindrogen.
Die Vorstellung, daß auch das +Inulin+, das ~Valentin Rose~ 1804 zuerst als Absatz aus einem Dekokte von Inula Helenium beobachtete und dem ~Thomson~ den Namen gab, zu den Polysacchariden gehört, gründen wir auf die Tatsache, daß es bei der Hydrolyse und der Einwirkung des Enzyms Inulase (~Bourquelot~) +Fruktose+ liefert. Die Formel wird sehr verschieden geschrieben. Die Angaben schwanken zwischen C₃₆H₆₂O₃₁ (= 6(C₆H₁₀O₅).H₂O, ~Kiliani~, ~Tanret~) und C₁₀₈H₁₈₀O₉₀ (~Düll~). Nur ~Béchamp~ erteilt ihm die einfache Formel C₆H₁₀O₅. Jedenfalls wird Inulin sowohl durch Inulase (nicht durch Diastase, Ptyalin, Emulsin, Invertin) wie durch Hydrolyse mit verdünnten Säuren +fast vollständig in d-Fruktose+ (Lävulose, Fruchtzucker, vgl. S. 7) übergeführt. Hefe vergärt Inulin nicht. Inulin reduziert Fehlingsche Lösung nicht, wohl aber ammoniakalisches Silbernitrat, dreht links (α_{D} = -36,57°, ~Lescoeur~ et ~Morell~) und färbt sich nicht mit Jodlösung.
Im Gegensatz zur Stärke ist Inulin nicht in Körnerform in den Zellen abgeschieden, sondern (obwohl schwer löslich in reinem kaltem Wasser) im Zellsafte gelöst, also direkt wanderungsfähig. Beim Trocknen der Drogen scheidet es sich in Form von Schollen aus, beim Einlegen der frischen Pflanzenteile in Alkohol in Form von Sphärokristallen (Fig. 74), die sich in konzentrierter Schwefelsäure und auch in heißem Wasser, aber ohne Kleisterbildung, lösen.
Es vertritt vielfach die Stärke als Reservestoff, besonders bei den Kompositen und benachbarten Familien (Campanulaceen, Lobeliaceen, Goodeniaceen, Stylidieen). Es findet sich hier vornehmlich in den unterirdischen Organen, ist aber auch in oberirdischen, z. B. bei Cichorium, Taraxacum, gefunden worden (vgl. Rad. taraxaci). Sodann auch (nach ~Chevastelon~) bei Monocotylen (Narcissus, Hyacinthus, Allium) und (nach ~Kraus~) in Violaceen (Ionidium Ipecacuanha).
Bei den unterirdischen Organen schwankt der Gehalt an Inulin natürlich je nach dem Entwicklungsstadium oft in sehr weiten Grenzen. ~Rundquist~ machte neuerdings folgende Angaben über den Gehalt offizineller Wurzeln an Inulin: Rad. artemisiae 9,66%, R. bardanae 46,25, R. carlinae 17,87, R. cichorii 18,50, R. farfarae 17,40, R. helenii 35,10, R. pyrethri germ. 26,19, R. pyrethri roman. 35,66, R. scorzonerae 31,64, R. taraxaci 39,65, Rhiz. arnicae 5,55. Die höchsten bisher beobachteten Ausbeuten erhielt man aus einer Rad. helenii (44%) und einer Rad. pyrethri (über 50% ~Dragendorff~, nach ~Koene~: 57,7%), ferner aus Rad. cichorei (57,8%, ~Mayer~, 79%(?) ~Sayre~).
Das beste Material zur Darstellung des Inulins ist der Dahlienknollen, das billigste Cichorium- oder _Taraxacum_wurzel (s. d.). Der Inulingehalt der Cichorium- und _Taraxacum_wurzel bedingt in erster Linie deren Verwendung als Kaffeesurrogat.
Nach ~Tanret~ wird es im Alant von Pseudoinulin, Inulenin, Helianthemin und Synanthrin begleitet.
=Lit.= ~v. Rose~, Gehlens N. Journ. d. Chem. III, 217. -- ~Thomson~, Syst. de chim. VIII, 82. -- ~Koene~, Ann. chim. phys. 1835. -- ~Dragendorff~, Material. z. einer Monogr. d. Inulins 1870. (Ausführl. Referat darüber in Arch. Pharm. 148 [1871] 82.) -- ~Prantl~, Das Inulin. 1870. -- ~Rundquist~, Farmac. Notisblad. Helsingfors 1904. -- ~Tanret~, Compt. rend. 116 und 117. -- Weitere Lit. in ~Tschirch~, Angew. Anatomie, in ~Lippmann~, Chemie d. Zuckerarten und ~Tollens~, Handb. d. Kohlenhydr. -- ~Tschirch~, Artikel Inulin in Realenzykl. d. ges. Pharm.
Die Kompositenwurzeln.
Von diesen, die alle hierher gehören, soll an dieser Stelle nur Rad. cichorei, Rad. taraxaci und Rad. bardanae abgehandelt werden, die anderen, Rad. helenii, Rad. pyrethri, Rhiz. arnicae werden an geeigneter Stelle behandelt. Die Verwendung der hier abgehandelten Drogen als Kaffeesurrogate gründet sich vornehmlich auf ihren Inulingehalt. Einige der Kompositenwurzeln gehören auch zu den Bitterstoffdrogen.
Rad. Cichorei.
=Syn.= Cichorienwurzel -- chicorée, barbe de capucin (franz.) -- wild succory, chicory (engl.) -- radicchio, radice cicoria (ital.) -- cichoreiwortel (holl.) -- cigoria (ung.) -- sikurin juuri (finn.) -- ῥίζα κιχωρίον (griech.). -- +Wegwarte+ (so schon im Ortus Sanitatis I, S. 688), wilde Endivie, +Sonnenwirbel+ (ahd. Sunniwirpela, mhd. Sonworbel, Sundwerbel, Sunwirbel), bei ~Galen~: Seris, bei ~Plinius Valer.~: Cicinoria, bei ~Karl dem Grossen~: Solsequium. Bei ~Megenberg~ (I, S. 692): sunnenwerbel, bei ~Hildegard~ (I, S. 669): sunnenwirbel, bei ~Albertus Magnus~ (I, S. 673): cicorea, sponsa solis. In der +Alphita+ (I, S. 645): Cicoria, elitropia, mira solis, cicorea (B) solsequium, incuba. Ferner: Hindleufte, Hindlichte, Hundläufte, Wasserwart, Weigerein. Cichorie wird noch jetzt auch für Taraxacum offic. benutzt (Graubünden). Bei den Arabern: hindabâ (auch für Endivie benutzt). Die mittelalterlichen Namen solsequium, eliotropia (Heliotropium), mira (oder gira) solis, Sunniwerpila (Sonnenwirbel) umfassen auch die anderen Sonnenwendblumen (z. B. Calendula offic., Taraxacum, Valerianella usw.). Im Mittelalter auch: ambubeia (ambula bei ~Plinius~), seris (die bittere, so schon bei ~Dioskurides~). -- In Indien: kàsni (pers., ind. Baz. ~Dymock~) -- pers.: tarkashkun (so auch bei ~Ibn Sina~). In China: kʿu tʿu, kʿu tsʿai, kʿu ku, ku-mai-tsʿai (auch für Endivia).
=Stammpflanze und Systemat. Stellung. Cichorium Intybus L.= (richtiger Intubus). +Compositae.+ Cichorieae -- Cichorinae Sect. Eucichorium Dc.
=Etym.= Cichorium aus κιχωριον (so bei ~Theophrast~) umgebildet, dies aus κίω = gehe und χωρίον = Feld (nicht arabischen Ursprungs, aber vielleicht daraus das arabische chikouryeh gebildet, ~Forskal~). Davon dann Cichorée, chicorée (franz.), chicory (engl.) und cichorei (holl.), und im Anklang an Zucker umgebildet: succory (engl.), suikerij (holl.), zuckerei (in Westfalen). Ferner: cichurien (in Mecklenburg), cikary (Eifel), -- Intubus auch Intybus ja sogar incuba (~Isidor~, Etym.: Intubus Graecum nomen est, -- Intubus auch bei ~Apicius~) wohl von ἔντομος = eingeschnitten, wegen der Blattform (~Kanngiesser~). Daraus das arabische hendibeh. Endivia ist die ital. Form für intubus. Ambubeia (s. oben) ist syrisch und aus ambui (= Geruch) und baia (= voll) gebildet. Ambuleja und Ambugia findet sich bei römischen Schriftstellern (s. oben).
=Beschreibung.= Cichorium Intybus ist perennierend und über Europa und das gemäßigte Asien verbreitet. Es findet sich vorwiegend an Acker- und Wegrändern, Rainen und unbebauten Plätzen. Seine Blätter erinnern etwas an die von Taraxacum (s. d.), die unteren schrotsägeförmig, die oberen lanzettlich, sitzend. Die Infloreszenzachse trägt zahlreiche blaue Körbchen, der Hüllkelch ist zweireihig, die 5 inneren Blätter sind am Grunde verwachsen, Blüten zungenförmig, mehrreihig. Achaenen fast fünfkantig, kahl, mit 1-3reihigem Pappus.
+Abbild.+ bei ~Hoffmann~ in ~Engler-Prantl~, Natürl. Pflanzenfam. -- ~Planchon-Collin~ a. a. O.
=Pathologie.= Es sind auf Cichorium Intybus eine ganze Anzahl von parasitären Krankheiten bekannt, unter denen wir Erysiphe Cichoracearum, Phoma albicans, Puccinia Cichorii (Dc.) Bell. erwähnen. Inwieweit aber durch dieselben auch die unterirdischen Teile mit betroffen werden, dürfte noch festzustellen bleiben. An _Cichorium_wurzeln wurde Sclerotinia Libertiana beobachtet (~Ed. Fischer~).
Über die tierischen Schädlinge berichtet ~Israel~:
1. +Käfer+: Anaspis frontalis ~Fabr~. Larve in den Stengeln von Cichorium, Inula Conyza und Eupatorium. Jedenfalls in noch vielen anderen markigen Pflanzenstengeln. Käfer auf Blüten. Mordella aculeata L. Die afterstachelige Larve im Marke von Cichorium Intybus und _Lychnis_arten. Käfer auf Blüten. Cassida sanguinolenta ~Fabr~. Larve skelettierend an den Blättern von Cichorium Intybus und _Sonchus_arten. Wahrscheinlich auch noch auf anderen Pflanzen.
2. +Falter+: Cucullia umbratica L. Die schwarze, nächtliche Raupe dieses sehr häufigen Falters lebt auf vielen Pflanzen, u. a. auf Cichorium, Sonchus, Hypochaeris usw., vorzugsweise an den Blüten und Früchten. Cucullia lactucae W. V., Cucullia lucifuga W. V. Die Raupen dieser selteneren Falter leben an Lactuca- und _Sonchus_arten; auch an Daucus und Cichorium. An Cichorium leben ferner gelegentlich die behenden Raupen mehrerer +Bärenspinner+ (Arctiidae) und eine ganze Anzahl polyphager Eulenraupen, besonders aus der Gattung Agrotis.
3. +Schnabelkerfe+: Aphis cichorii. ~Dutroch~. Diese schwarze Blattlaus lebt oft in enormer Menge an den weicheren Teilen der Cichorie, namentlich an den jüngsten Trieben saugend.
=Beschreibung der Droge.= Die Wegwartwurzel wird im Herbst von der wildwachsenden blühenden Pflanze gesammelt. Die einfache oder verästelte spindelförmige, etwa 1-1,5 cm dicke Wurzel wird, da Cichorium eine tiefwurzelige Pflanze ist, mehrere Dezimeter lang. Sie ist ein- oder mehrköpfig, frisch fleischig und milchend, trocken hornig, hellbraun, fast geruchlos, schwach bitter. Medizinisch angewendet wird meist nur die Wurzel der wildwachsenden Pflanze. Diese (Racine de chicorée sauvage) ist in Frankreich offizinell. Die Wurzel der kultivierten Pflanze wird beträchtlich dicker als die der wilden Pflanze und daher, um sie besser trocknen zu können, meist in 2 oder 4 Längsstreifen oder dicke Querscheiben zerschnitten.
=Anatomie.= Die Rinde macht etwa ⅙-⅓ des Gesamtdurchmessers aus. Sie ist +radial+ gestreift (Unterschied von Taraxacum). Der Holzkörper ist gelb und deutlich strahlig. Der primäre Bau der Wurzel ist diarch. Die aus wenigen Zellreihen bestehende primäre Rinde bleibt erhalten (~Holfert~). Im oberen Teile ist der strahlige Bau des Holzkörpers auf dem Querschnitte sehr deutlich. Hier ist auch die Cambiumlinie ziemlich regelmäßig. Weiter unten ist der Holzkörper zwar auch noch deutlich strahlig, aber die Cambiumlinie verläuft hier oft unregelmäßig in einer Bogenlinie. Der Holzkörper ist markfrei. Er enthält sehr viel Holzparenchym und in dasselbe eingebettet im Innern unregelmäßig, weiter nach außen bis zum Cambium in unterbrochenen radialen Reihen angeordnet, zahlreiche getüpfelte Gefäße, die im Längsverlaufe meist gekrümmt, oft sogar geschlängelt und sehr deutlich gegliedert sind. Das Gewebe der breiten Markstrahlen unterscheidet sich im Querschnitt kaum von dem Holzparenchym. Bisweilen (nicht immer) finden sich im Holzkörper linksschief getüpfelte, relativ dünnwandige Ersatzfasern (~Moeller~). In der sekundären Rinde liegen, zu radialen Strahlen angeordnet, Gruppen von gegliederten Milchröhren und Siebröhren. Die Milchröhren (Weite 6-10 mik) desselben Radialstrahles bilden infolge von Radialanastomosen ein reich verzweigtes Netz. Auch das Phloëmparenchym und das Parenchym der Rindenstrahlen ist mächtig entwickelt. Der äußere Teil der Rinde, der außerhalb der Sieb-Milchröhrenstrahlen liegt, ist sehr locker. Die Zellen sind hier tangential gestreckt und neigen zur Pektinisierung. Im obersten Teile der Wurzel ist diese ganze Schicht abgestorben und bedeckt als ein leicht abreibbarer Mantel die Wurzel. Zu äußerst liegt eine schmale, aus dünnwandigen Zellen bestehende Korkschicht. Alle parenchymatischen Zellen enthalten eine Inulinlösung, bei der Droge Inulinschollen. Die kräftige Hauptwurzel übernimmt die Befestigung. Die Nebenwurzeln sind ausschließlich Ernährungswurzeln (~Tschirch~ u. ~Radlauer~). Die Anatomie der Blätter bei ~Planchon-Collin~.
=Lit.= ~Moeller-Winton~, Mikroskopie der Nahrungs- u. Genußm. 1905 (Abbild.). -- ~Planchon-Collin~, Drogues simples 1896, Fig. 642 u. 643. -- Vogl, Nahr.- u. Genußm. 1899, 334. -- ~Holfert~, Arch. Pharm. 1889. -- ~Rosen~, Wandtafeln.
=Chemie.= Die Wurzel enthält +Inulin+, +Zucker+, +Pektin+ und einen (nicht untersuchten) +Bitterstoff+, sowie angeblich Harz, Gerbstoff und ein flüchtiges Öl (~von Bibra~), keine Stärke. Der +Inulin+gehalt beträgt in der Wurzel der wildwachsenden Pflanze bisweilen nur 11%, in der kultivierten 19% (~von Bibra~). ~Rundquist~ (a. a. O.) gibt ihn auf 18,5% an. Durch die Kultur wird der Gehalt stark gesteigert. ~Dragendorff~ fand (1870) in der Wurzel im Juni 4,82, Mitte Juli 36,53, Anfang August 44,01 und Anfang September 44,49% +Inulin+. Der Gehalt ist also ganz abhängig von der Vegetationsperiode. Der Inulingehalt der Wurzel kann 57,79% der Trockensubstanz erreichen (~A. Mayer~).
Die +frische kultivierte Cichorienwurzel+ enthält 72,07-79,20% +Wasser+, 0,92-1,15% +Stickstoffsubstanz+, 0,11-0,60% Fett, 0,6-6,17% +Zucker+, im Mittel 15,30% stickstofffreie Extraktbestandteile, 0,65-1,11% Asche. In der Trockensubstanz im Mittel 84,37% stickstofffreie Extraktbestandteile (~H. Schulze~, ~von Bibra~, ~Hasall~, ~J. Wolff~). +Getrocknete kultivierte Cichorienwurzel+ enthält 6,89-15% +Wasser+, 10,5-22,2% +Zucker+, 52,59% +stickstofffreie+ Extraktbestandteile und 3-5% Asche (~Hasall~, ~Krauch~).
~Bibra~ verglich die wilde mit der kultivierten Wurzel. Er fand in ersterer 37,81%, in letzterer 22,08% Zucker.
~Storer~ fand bei der Hydrolyse auch Mannose, die Membranen enthalten also ein Mannan.
Die +Asche+ beträgt 10,88% der bei 105° getrockneten Droge, bei 12,6% Wassergehalt (~Nygård~).
In den +Blüten+ (nicht in der Wurzel) fand ~Nietzki~ ein schön krist. bitteres +Glykosid+, F. 215-220; C₃₂H₃₄O₁₉.4½ H₂O, auch das Aglukon desselben (C₂₀H₁₄O₉) kristallisiert.
=Lit.= Ältere Analysen von ~Juch~ und ~Planche~. -- ~von Bibra~ (Analys. in ~Wittstein~, Handwörterb. d. Pharmakogn. 1882 mitgeteilt). -- ~König~, Nahr.- u. Genußm. -- ~A. Mayer~, Jahresb. d. Agrik. Chem. 1883. -- ~J. Wolff~, Bot. Centralbl. 1901, 85, 52. -- Chem. Centrbl. 1899 und 1900. -- ~Dragendorff~ a. a. O. -- ~Nietzki~, Über ein neues in den Blüten von Cichorium Intybus enthaltenes Glykosid. Arch. Pharm. (3) 8 (1876), 327. -- ~Storer~, Chem. Centralbl. 1902, 2, 1155.
=Verwechslungen.= Rad. taraxaci anatomisch gut zu unterscheiden. Rad. belladonnae und hyoscyami enthalten Stärke.
=Anwendung.= Im alten Ägypten (I, S. 464) kultivierte man Cichorium Intybus als Gemüse (~Plinius~). Sprosse und Blätter waren eine beliebte Magenspeise (~Plinius~). Sie dienen noch heute besonders in Frankreich zu diesem Zwecke. ~Rhazes~ hält die wilde Cichorie für heilkräftiger als die Garten-Cichorie. Die Araber benutzten den ausgepreßten Saft als allgemeines Antidot (~Ibn Amrân~). In Indien, wo die Pflanze kultiviert wird, werden die Früchte arzneilich benutzt. Die Frucht war auch einer der «quatuor semina frigida minora». In einer österreich. Taxe 1776 findet sich Infusum «seu sanguis Cichorii simplex», gemeiner Cichoryaufguss oder Cichoryblut (~Pruys~). Die Präparate der Wurzel sind besonders in Frankreich beliebt (s. ~Hartwich-Fischer~, Pharm. Praxis). Die italienische Pharmakopoëe hat sowohl Wurzel, wie Blätter aufgenommen. Die frischen +Blätter+ (folia cichorii, feuilles de chicorée, succory leaves) werden, wie die verwandte Endivie, als Salat (barbe de Capucins) und mit Kresse, Gartenlattich, Fumaria zu Kräutersäften (suc d’herbes) bei sog. Frühlingskuren benutzt. Die trockenen bilden einen Bestandteil des Sirop d’Erysimum comp., sowie des Sirop de rhubarb comp. (~Hartwich-Fischer~, Pharm. Praxis I, 828). Schon bei ~Cordus~ steht ein Syr. è cichoreo und ein Syrupus de Cichoreo cum Rhabarbaro Nicolai Florentini.
Wegwart steht auch in der Liste der ~Kneipp~-Mittel als Diuretikum und Magenmittel -- der Saft der Pflanze dient bei der «Blutreinigungskur». Äußerlich werden Kissen bei schmerzhaften Entzündungen empfohlen.
=Geschichte.= Der Wegwart oder die Wegwarte ist eine alte germanische Zauberpflanze. «Um die Wegwarte ranken sich noch heutzutage Vorstellungen, die jener uralten Lust, die Pflanze zu vermenschlichen, sie mit dem Menschen gleichzusetzen, entspringen» (~Aigremont~). So heißt es in ~Vintlers~ +Blumen der Tugend+ (1411): «Die begwart sey gewessenn aine frawe czart und wart jrs pullen noch mit schwerzen». Auch ihr Name «Verfluchte Jungfrau» deutet auf ähnliche Vorstellungen. Sie dient denn auch beim Liebeszauber. ~Theophrast~ bespricht (Hist. plant. VII, 11) die Cichorien im allgemeinen (τὰ δὲ κιχοριώδη πάντα). ~Horaz~ nennt sie als Nahrungsmittel: «me pascunt olivae me cicorea levesque malvae». ~Plinius~ bespricht beide Intubi, den wilden (Cichorium Intybus, in Ägypten, wo sie offenbar sehr geschätzt wurde (I, S. 464), Cichorium genannt) und den zahmen (C. Endivia, in Ägypten Seris genannt). Beide wurden kultiviert. ~Plinius~ erwähnt, wie ~Dioskurides~, bereits die Anwendung des Saftes bei Augenleiden, die wir auch noch in dem alten Verse: «Das edle Kraut Wegwarten macht guten Augenschein«(~Jacob Meyland~ um 1600) und bei ~Ibn Baithar~, der die Pflanze hindabâ nennt und ihr ein großes Kapitel widmet, wiederfinden. ~Dioskurides~ nennt die Pflanze seris (στενόφυλλος καὶ ἔμπικρος σέρις) und unterscheidet die wilde picris, auch Cichorie genannt, von der zahmen Gartencichorie, von der er zwei Arten kennt. Er weiß mancherlei über ihre Heilkraft zu berichten, besonders bei Magenleiden.
=Lit.= Pharmacographia indica. -- ~Pruys~, Über d. therapeut. Wert von usw. Cichorium. Pharm. Zeit. 1896.
=Cichorienkaffee.= Cichorium Intybus wird in ziemlich beträchtlichem Umfange zur Herstellung des Cichorienkaffee kultiviert in Mitteldeutschland (Magdeburg, Braunschweig), dann bei Freiburg, Ludwigsburg und Heilbronn, in Belgien und Nordfrankreich sowie in Indien. C. 11000 Hektar werden jetzt jährlich mit Cichorie bebaut. 1909 bestanden c. 500 Cichorienfabriken. Davon c. 100 in Deutschland. Der jährliche Konsum Europas übersteigt 20 Mill. Pfund. Der Verbrauch an C. beträgt in Deutschland 1,85 kg pro Kopf und Jahr (Kaffee: 2,38 kg). Zur Bereitung des Cichorienkaffee werden die Wurzeln gewaschen und -- oft unter Zusatz von Fett -- in offenen oder geschlossenen Darren oder rotierenden Rösttrommeln gedörrt. Die ziemlich hygroskopische gebrannte Cichorie wird meist mit Wasser oder Sirup vermischt und in Formen gepreßt. Über die Bestandteile der ungerösteten Wurzel vgl. oben S. 204.
Der Gehalt an wasserlöslichen Bestandteilen schwankt bei der +gerösteten Handelscichorie+ besonders infolge verschiedener Rösttemperatur (~Kornauth~) sehr, das Wasserextrakt von 60,2-85,5%, der Zuckergehalt von 8,2-23,3%. Als Mittel von zahlreichen Analysen gibt ~König~ folgende Prozentzahlen für +geröstete Cichorie+ an: +Wasser+ 11,76, +Stickstoffsubstanz+ 7,35, +Ätherextrakt+ 2,48, +Zucker+ 17,46, +Karamel+ 12,74, +Inulin+ 6,61, +sonstige stickstoffreie Extraktstoffe+ 26,58, +Rohfaser+ 10,03, +Asche+ 4,99, +Wasserextrakt+ 63,33.
+Deutschland+ importierte 1909: 112788 dz +Cichorienwurzeln+, fast alles aus Belgien, etwas auch aus den Niederlanden, und exportierte 20605 dz, besonders nach Österreich-Ungarn. Gebrannte Cichorien importierte Deutschland 1909 22773 dz, besonders aus Frankreich. Deutschland produzierte 1907 für 5,75 Mill. M., Österreich 1906 für 3,73 Mill. Kr. (~Hueppe~). +Frankreich+ führte 1908 ungeröstete +Cichorie+ 1453 Quintal. ein, besonders aus Belgien, wenig aus Italien und Algier; geröstete Cichorie 42721 Qintal., fast ganz aus Belgien.
Zur Unterscheidung von Cichorien- und Löwenzahnkaffee dienen die Gefäße, die bei Taraxacum bis 80 mik weit und mit schmalen, langgestreckten Tüpfeln versehen sind. Die Gefäße bei Cichorium sind bis 50 mik weit, die Tüpfel rundlicher (~Hartwich~). Über weitere Cichoriensurrogate (besonders Rübenkaffee aus Rübenschnitzeln) vgl. ~Moeller-Winton~, Mikroskopie, ~Vogl~, Nahrungs- n. Genußmittel, ~Fischer-Hartwich~, Pharm. Praxis.
Geröstete Cichorienwurzel wurde schon vor Bekanntwerden des Kaffees als Genußmittel benutzt (~Hartwich~). ~Alpini~ vergleicht den Kaffee direkt mit Cichoriendecoct. Doch scheint der Brauch keine weite Verbreitung gefunden zu haben. Im XIX. Jahrh. wurde geröstete Cichorie zuerst von ~Timme~ in Arnstadt benutzt. Major ~von Heine~ und ~C. G. Förster~ führten 1763 den Cichorienkaffee ein und nahmen 1770 ein Privilegium für den Anbau und den Vertrieb der Wurzel in Preußen (~Moeller~). Die ersten Kulturen befanden sich bei Berlin, Breslau und Magdeburg. 1790-1797 entstanden dort 14 Fabriken des «Preußischen Kaffee» (~Hartwich~). Cichorie ist das älteste und noch jetzt verbreitetste Kaffeesurrogat. Als Kaffeesurrogat wurde die geröstete Wurzel seit 1690 in Holland benutzt, in Preußen bürgerte sie sich namentlich durch die Bemühungen ~Friedrichs des Grossen~ ein, der alle Kaffeesurrogate begünstigte (I, S. 1024), in Frankreich seit 1771 (~Dorveaux~).
=Lit.= ~König~, Nahrungsm. -- ~Schulze~, Landw. Vers. Stat. 1866, 203. -- ~von Bibra~, Der Kaffee u. seine Surrogate. 1858. -- ~Hasall~, Foods, its adulteration and the methods for their detection. London 1876. -- ~F. Hueppe~, Unters. über Zichorie 1908. -- ~Nicolai~, Der Kaffee u. seine Ersatzmittel. 1901. -- ~Boehnke-Reich~, Der Kaffee u. seine Bezieh. z. Leben. 1885. -- ~Trillich~, Die Kaffeesurrogate. München 1889 u. 1892. -- ~Hartwich~, Die menschl. Genußmittel. 1910. -- ~Wolff~, Ann. chim. anal. 1899. -- ~Krauch~, Ber. d. d. chem. Ges. 1878, II, 277. -- Zahlreiche Cichorienanalysen bei ~König~, 4. Aufl. I, 997. -- ~Vogl~ a. a. O. -- ~Moeller~ a. a. O. usw.
Rad. Taraxaci.
=Syn.= Löwenzahn-, Pfaffenröhrlein-Wurzel -- racine de dent de lion, pissenlit (franz.) -- dandelion root, blowball, cankerwort (engl.) -- paárdebloemwortel (holl.) -- gyermeklánczfű győker (ung.) -- ῥίζα πικραφάκης (n.-griech.) -- radice di tarassaco (ital.) -- in Indien: dudhal, baran, kánphúl.
Einige der sehr zahlreichen deutschen Volksnamen s. unter Etymologie. -- Mhd.: Pipawe, Säuschnabel, -- mnd.: Pympanne, Soege- oder Sundistel. -- Im Mittelalter: corona monachi, custos hortorum, dens leonis, rostrum porcinum, solsequium minus, aphaca.
Bei ~Simon Seth~: φάκη -- bei ~Matthioli~ auch: Dens caninus, ambugia, ambuleia (auch für Cichorium!), bei ~Gesner~: Hieracium minus.
=Stammpflanze= und =Systemat. Stellung=. =Taraxacum officinale= ~Weber~ (in ~Wigg.~ Prim. Fl. Hols. 56) [Taraxacum officinale (~Withering~) ~Wiggers~, Taraxacum Taraxacum (L.) ~Karstens~, T. vulgare ~Schrank~, T. Dens leonis ~Desf.~, Leontodon Taraxacum L., L. vulgare ~Lam.~, L. officinalis ~With.~, Hedypnois Taraxacum ~Scop.~].
Die Pflanze variiert: a) genuinum ~Koch~ (Leontodon Taraxacum ~Poll.~), b) Tarax. glaucescens M. B., c) T. corniculatum ~Dc.~, d) T. alpinum ~Hoppe~, e) T. taraxoides ~Hoppe~, f) T. lividum W. K., (T. palustre ~Sm.~), g) T. leptocephalum ~Rchb.~
+Compositae+, Cichorieae -- Crepidinae.
=Etym.= Taraxacum ist wohl aus dem Arabischen: tarachakûn, tharachschakuk (so bei ~Ibn Baithar~) tarakshagan, tarascon (= eine Art wilder Cichorie), pers.: tarkhaskqun (so bei ~Ibn Sina~) umgebildet und dies aus dem Griechischen τάραξις (= eine Augenkrankheit) und ἀκέομαι (= heilen) entstanden, da alle sog. Cichorien, zu denen auch Taraxacum gerechnet wurde (in Graubünden und in Salzburg heißt noch heute Taraxacum: Cichorien, in Bern: wilde Wägluëge), Augenheilmittel waren (s. Cichorium). Bei ~Bock~ heißt T. auch Augenwurzel. Andere leiten das Wort von ταράσσειν (= stören) ab und bringen es in Beziehung mit der abführenden Wirkung; noch andere von τράξυνον oder τρόξυνον (= Wilder Lattich). -- +Hedypnois+ von ἡδύς = süß und πνεῦμα = Atem. -- +Leontodon+ aus λέων (= Löwe) und ὀδούς (= Zahn) wegen der eigenartig gezähnten Blätter (daher auch der engl. Name hawkbit = Habichtsbiß). Wurde zunächst in dens leonis (so im Ortus sanitatis, in der Alphita und in den mittelenglischen Medizinbüchern, in der Alphita auch: doloroune) und dann in alle anderen Sprachen übersetzt: Lewenzahn, Löwenzehe (deutsch, so bei ~Bock~) -- dent de lion, Liondent (franz.) -- dandelion (engl., in ~Meddygon Myddfai~ [XIII. Jahrh. I, S. 683]: dent y llew). -- +Kettenblume+ (holl. Kettingbloem), weil die Kinder aus den ineinander gesteckten hohlen Stengeln Ketten bilden. -- +Pustblume+, weil die Kinder sich durch Abblasen der reifen, mit Flugapparaten versehenen Früchte belustigen (~Kanngiesser~). -- +Mönchshaupt+, +Pfaffen-+ oder +Mönchsblatten+ (so bei ~Fuchs~, im Gothaer Arzneibuch (I, S. 680): papenplatte; in den mittelenglischen Medizinbüchern: Capud monachi, franz.: Couronne de moine) wegen des Aussehens des kahlen, von den Fruchten befreiten Rezeptakulums. -- +Luchten+, +Lichter+, +Lampen+ wegen der Blütenstände. -- Milchbluome, Milchdistel, Milchrödel wegen des Milchsaftes. -- Wegen der diuretischen Wirkung: Seichblume, Pissblume (bei ~Matthioli~ und ~Anguillara~: pisciainletto, franz.: pissenlit, holl.: pis in t’bed, pissebloem). Verächtlich wegen der großen Häufigkeit und Lästigkeit: Knotenblume, Säublume (in der Schweiz), Kuhblume, Schäfchenblume, Pferdeblume (paardenbloem), Hundeblume (holl. hondsbloem, franz. pissechien), Lusblom. -- Butterblume, Ankeblume, Dotterblume (so bei ~Bock~) wegen der gelben Farbe. -- An den hohlen Stengel erinnern Bezeichnungen wie: Röhrlinkraut (bei ~Gesner~, Hort. germ.), Pfaffenröhrlein. -- Erotische Beziehungen verraten: Pampelblume, Bumbaumel u. and.
=Beschreibung der Pflanze.= Die Pflanze ist über die ganze nördliche Halbkugel bis in die arktische Region verbreitet und in vielen Gegenden ein lästiges Unkraut der Äcker, Wiesen und Gärten. Sie findet sich ebenso in Europa wie in Nordafrika, in Vorderasien, Persien, Himalaya, Indien, China, wie auch, wohl dorthin verschleppt, in Nordamerika und geht nach Norden bis Grönland, Island und Novaja Semlja und weit hinauf auch ins Gebirge.
Der Habitus der perennierenden Pflanze wechselt etwas nach dem Standort. Die arktischen und Gebirgsformen (T. palustre ~Dc.~ und T. nudum ~Jord.~) sind z. B. kleiner. An trockenen Standorten bildet der Löwenzahn eine horizontal ausgebreitete Rosette tiefgesägter derber Blätter, an feuchten, zwischen hohem Gras, richten sich die dann nur schwach gezähnelten großen, zarten Blätter vertikal auf. Die lange, oft tief (5 dcm und mehr) in den Boden dringende, meist einfache Wurzel trägt ein kurzes, bisweilen mehrköpfiges Rhizom (Grundachse) (Fig. 75). Die lanzettlichen, kahlen oder wolligen Laubblätter bilden eine grundständige Rosette. Ihr Rand ist schrotsägeförmig («Löwenzahn»). Die Pflanze hat keine Winterruhe. Sie treibt auch über Winter Blätter. Daher fehlen die Knospenschuppen. Als Schutz der jungen Blätter mögen vielzellige Haare dienen, die in großen Mengen von deren Oberhaut gebildet werden (~A. Meyer~, ~Karsten-Oltmanns~). Die Vielköpfigkeit wird dadurch erzeugt, daß nach Absterben des Endsprosses in den Achseln der oberen Blätter seitliche Knospen sich entwickeln. Die Stengel sind kahl. Sie tragen keine Blätter, sondern an der Spitze nur ein Blütenkörbchen, dessen Hüllblätter lineal sind, die äußeren abwärts gebogen. Sämtliche Blüten des Körbchens sind hermaphrodite Zungenblüten, von goldgelber Farbe, mit einem Pappus (Kelch) am Grunde der Kronenröhre. Abends oder bei regnerischem Wetter schließen sich die Körbchen. Der zwischen Fruchtknoten und Pappus liegende Teil verlängert sich, wenn die Krone abgefallen ist, und so sitzt der sich horizontal ausbreitende Haarkranz schließlich mit langem Stiele, der dreimal so lang ist als die Frucht, dieser auf. Die Pappusteile der einzelnen Früchte orientieren sich zu einer Hohlkugel, so daß das reife Körbchen rund ist. Die lineal-keilförmigen, gerippten, hellbraunen Früchte lösen sich zur Reifezeit leicht vom kahlen, weißen Fruchtboden, der wie eine Glatze aussieht «Pfaffenplatte»), ab und werden, da der Pappus als Flugorgan dient, wie Luftschiffe, auf weite Strecken hin getragen, was wesentlich zur Verbreitung der Pflanze beiträgt. Bei Taraxacum findet sich Parthenogenesis.
Die frische Wurzel ist braungelb, fleischig und milcht stark beim Verletzen. Sie schrumpft beim Trocknen beträchtlich. Die trockene Wurzel milcht nicht. Die frische Wurzel bricht leicht, ist daher schwer auszugraben.
Der bald mehr süßliche, bald mehr bittere Geschmack tritt in sehr verschiedener Weise hervor je nach dem Entwicklungsstadium, der Einsammlungszeit und, wie ~Flückiger~ meint, auch der Bodenbeschaffenheit. Während die Wurzel (wie überhaupt die ganze Pflanze) im Frühjahr reich an Milchsaft ist, ist sie im Herbst reich an Inulin.
Das deutsche Arzneibuch schreibt die im Frühjahr vor der Blütezeit zu sammelnde Wurzel samt den Blättern vor (auch die Japanische Pharmakopoëe 1907 hat Rad. taraxaci cum herba), die österreichische Pharmakopoëe läßt die Blätter im Frühjahr, die Wurzel im Spätherbst sammeln, die schweizerische nur die Wurzeln, diese im Spätherbst.
Taraxacum wird in Indien in den Nordwest-Provinzen, besonders bei Saharanpur für die Government sanitary establishments angebaut. Wir benutzen nur die wildwachsende Pflanze, die in größeren Mengen z. B. in Thüringen gesammelt wird, aber auch in der Schweiz das gemeinste aller Unkräuter ist. Österreich exportiert Rad. taraxaci (~Mitlacher~).
=Lit.= Abbild.: ~Berg-Schmidt~, Atlas t. 8 (dort die florist.-Literatur), ~Pabst-Köhler~, t. 5 und ~Bentley-Trimen~, Medicinal plants t. 159. -- ~Gilg~, Pharmakogn. 360. -- ~Karsten-Oltmanns~, Pharmakognosie. -- ~Gideon Weidemann~, Beitr. z. Morphol. d. perennier. Gewächse. Diss. Marburg 1871. -- ~Schübeler~, Pflanzenwelt Norwegens. 1875. -- ~Alice Henkel~, U. S. Dep. Agric. 1906, Nr. 89. -- ~Eberle~, Proc. Am. ph. assoc. 1905. -- ~Holmes~ (Stammpflanze). Pharm. Journ. 1900, 65, 419. -- Die Morphologie ausführlich in ~A. Meyer~, Drogenkunde. -- Einsammlung: ~Elborne and Wilson~, Pharm. Journ. (3) Nr. 773.
=Pathologie.= Auf den oberirdischen Teilen von Taraxacum officinale sind zahlreiche Parasiten bekannt, z. B. Olpidium simulans, Synchytrium Taraxaci, Sphaerotheca Humuli, Puccinia Taraxaci, P. variabilis, die Aecidienform von Puccinia sitvatica u. a., doch dürften dieselben kaum in wesentlicher Weise die unterirdischen Teile schädigen. Auf letzteren wird Torula rhizophila ~Corda~ subsp. Taraxaci ~Desm.~ angegeben (~Ed. Fischer~).
Über die tierischen Schädlinge berichtet ~Israël~: Auf Löwenzahn lebt eine große Anzahl von Schmetterlingsraupen. Der Lepidopterologe benutzt daher Löwenzahn als eine Art Universalfutter. Fast alle polyphagen Raupen, namentlich eine große Anzahl von Eulenraupen, nehmen in der Gefangenschaft gerne Löwenzahn als Futter an. In der Natur findet man auf dieser Pflanze viele Raupen, die nur wohl gelegentlich die Blätter als Futter annehmen, aber auch gerade so gern alle möglichen anderen Pflanzen annehmen. Es seien nur einige erwähnt. Zygaena Filipendulae L. auch an _Trifolium_arten usw. Bombyx trifolii W. V. Bombyx rubi L. Crateronyx dumi L. Crateronyx taraxaci W. V. Dasychira fascelina L., Spilosoma mendica Cl., Spilosoma luctifera W. V., Spilosoma fuliginosa L., auch an allen möglichen anderen Pflanzen. Mehrere Nemeophila- und _Arctia_arten leben u. a. an Löwenzahn, Mania maura L. auch an Erlen, Weiden, Epheu, Berberitze usw. Hadena porphyrea ~Esp.~, Orthosia humilis W. V. Mamestra dentina W. V., M. albicolon ~Hbn.~, M. leucophaea W. V., M. serena W. V. Mehrere Agrotis- und _Polia_arten leben an Taraxacum, ferner einige Cucullia- und Orrhodia- und _Hadena_arten usw. usw. Unter den Spannern sind es besonders Acidalia- und _Cidaria_arten, die die Blätter von Taraxacum fressen.
Die Droge unterliegt, wie die anderen Inulinwurzeln, sehr dem Wurmfraß (Anobium paniceum u. and.). In ihr findet sich bisweilen Tinea zeae, die indische Mehlmotte (~Jackson~).
=Beschreibung der Droge.= Taraxacum gehört zu den tiefwurzeligen Pflanzen (s. oben). Die Wurzel ist spindelförmig, graubraun, grob-längsrunzlig mit nur wenigen oder keinen Nebenwurzeln besetzt, einfach oder wenige Fasern bildend und oben einen rundlichen, querrunzlichen Wurzelkopf (Rhizom) tragend. Dieses Rhizom ist meist nur kurz (Fig. 76, rh). Doch findet man bisweilen, wenn die Pflanze z. B. beim Umackern des Bodens mit Erde bedeckt worden war, längere gestreckte. Ältere Achsenstücke sind bisweilen durch tiefgreifende Peridermbildung in mehr oder weniger zahlreiche netzförmig miteinander zusammenhänge Stränge gespalten (~A. Meyer~).
Nach dem Aufweichen quer durchschnitten zeigt die Wurzel eine breite Rinde, die mindestens den Durchmesser des Holzkörpers besitzt, in der man schon mit bloßem Auge, besser mit der Lupe, +zahlreiche konzentrische Zonen+ bemerkt (Fig. 76,1), die durch Gruppen von Milchsaftschläuchen und Siebröhren gebildet werden. Der gelbe marklose, undeutlich strahlige Holzkörper ist entweder regelmäßig als solider Zentralzylinder entwickelt oder, und dies besonders gegen die Wurzelbasis hin und bei dickeren Wurzeln, unregelmäßig zerklüftet (Ph. helv. Ed. IV). Die beiden primären Markstrahlen sind bei dünnen Wurzeln deutlich. Das Lupenbild des Rhizomquerschnittes (Fig. 76,2) zeigt ein zentrales Mark, einen darumgelegten Kreis von Gefäßbündeln und in der breiten Rinde die gleichen konzentrischen Zonen wie die Wurzel. Da und dort sind Blattspurstränge sichtbar. Am Rhizom findet man die Ansätze der tiefst inserierten Blätter oder deren Narben. Da der Wurzel mechanische Elemente fehlen, bricht sie gerade-körnig.
Die Angabe ~Schrenks~ (Jahresb. Pharm. 1887, 67), daß die Taraxacum+wurzel+ Mark enthalte, beruht auf einem Irrtum. Er hat wohl den Rhizomteil mit der Wurzel verwechselt.
Die oben noch die Blattrosette tragende Wurzel ist unter der Bezeichnung Rad. taraxaci cum herba im Handel.
=Lit.= ~Bentley~, On the characters of Dandelion root and the means whereby it may be distinguished from other roots (einiger Kompositen). Pharm. Journ. XVI, 1856/57, 304 (mit Abbild.).
=Verfälschungen.= ~Giles~ fand (1851) in der Droge die Wurzeln von Apargia hispida. Als Verfälschungen werden auch genannt Rad. cichorei (~Rusby~, s. oben S. 204) und die Wurzel von Rumex crispus. Die mikroskopische Untersuchung läßt diese Beimischungen leicht erkennen. Keine der genannten Wurzeln zeigt die konzentrische Zonung der Rinde. Die Rinde ist bei Cichorium radial gestreift.
=Lit.= ~Giles~, Root of rough hawkbit (Apargia hispida) substituted for Taraxacum. Pharm. Journ. XI, 1851/52, 107.
=Anatomie.= Der primäre Bau der Wurzel, der an zarten Nebenwurzeln der Droge vom Durchmesser 0,12-0,20 mm noch kenntlich ist, ist diarch (oder triarch). Die primäre Rinde ist nur 2-5 Zellreihen dick. Sie führt Milchröhren, ebenso wie die primären Siebteile. Frühzeitig geht der primäre Bau in den sekundären über. Schon 0,25 mm dicke Wurzeln zeigen sekundäre Gefäße, die weiter zu sein pflegen als die primären, und bei einer 0,5 mm dicken Wurzel ist der Cambiumring kreisförmig geschlossen. Die primäre Rinde bleibt oft lange erhalten. Meist wird sie erst, wenn die Wurzel mehrere Millimeter dick ist, abgeworfen. Die dicke Hauptwurzel, aus der die Droge vornehmlich besteht, ist außen von mehrreihigem Pericambialkork bedeckt. Die sekundäre Rinde besteht zur Hauptmasse aus vom Cambium her sehr regelmäßig in Radialreihen angeordnetem Phloëmparenchym, dessen dünnwandige Zellen in die Länge gestreckt, alle gleichlang und gleichhoch sind und daher auch auf dem Längsschnitt in regelmäßigen Radialreihen liegen. In der sekundären Rinde liegen, eingebettet in das Rindenparenchym, 10-30 konzentrische Kreise kleiner Gruppen, die aus Siebröhren und Milchröhren bestehen (Fig. 79). Die letzteren gehören zu den gegliederten Milchröhren, wie sie für die Cichoraceen charakteristisch sind. Sie bilden ein in tangentialer Richtung anastomosierendes Netz (Fig. 78), das, sobald eine Stelle desselben bei der frischen Wurzel durch das Messer verletzt wird, seinen ganzen Inhalt ausfließen läßt. Der dabei reichlich austretende weiße Milchsaft wird bald schwarzbraun. Bei der Droge ist der Inhalt, der sich mit Alkannin-Essigsäure färbt und neben Eiweiß auch den Bitterstoff (Taraxacin) und die Gutta (Taraxacerin) enthält, jedoch geronnen und selbst relativ resistent gegen Alkohol geworden. Die Milchröhren besitzen eine Weite von 12-22 mik. Nie anastomosieren die Milchröhren zweier Zonen, stets nur die derselben in tangentialer Richtung. Bei einer 4,5 mm dicken Wurzel zähle ich 9, bei einer 6 mm dicken 14 Kreise. Durch dieselben bekommt die Rinde ihr charakteristisch gezontes Aussehn. Die Siebröhren und die Milchröhren sind etwa gleich weit, beide etwas enger als das umgebende Phloëmparenchym. Die Milchröhren prävalieren bei weitem, so daß sie die eigentlich leitenden Organe der sekundären Rinde sind. Sie sind häufig mit Ausstülpungen versehen (Fig. 78), an denen sie oft durch Resorption der trennenden Wände miteinander verschmelzen. Ihren körnigen Inhalt kann man sich sehr schön sichtbar machen, indem man die frische Wurzel in Alkohol legt und die Längsschnitte mit Jod tingiert. Bei dieser Behandlungsweise erhält man auch das in der Wurzel in reichlicher Menge im Zellsaft gelöst enthaltene +Inulin+ in prächtigen Sphaerokristallen (Fig. 74), Aggregaten zierlicher oft dentritisch verzweigter Nadeln und isolierten verzweigten Nadeln auskristallisiert, besonders schön in den großen Phloëmparenchymzellen. Rindenstrahlen sind in der Rinde nicht zu erkennen (Fig. 77).
In dem zentralen Holzkörper sind Markstrahlen nicht zu sehen. Die Bildung des sekundären Holzes erfolgt also regellos und nicht strahlig, oder doch wenigstens sehr undeutlich strahlig. Zwischen den dicht gedrängten leiterartig oder netzleistenförmig verdickten (Fig. 79), 10-45 mik. weiten, im Längsverlauf schwachgeschlängelten, im Querschnitt eckig konturierten Gefäßen liegen schmale Holzparenchymbänder. Im Zentrum des Ganzen sieht man bisweilen noch die englumigen primären Gefäße.
Im äußeren Teile der sekundären Rinde sind die Milchröhren spärlicher, auch weniger regelmäßig angeordnet. Die Milchröhren werden von Siebröhren begleitet, deren Glieder etwa so lang sind wie Phloëmparenchym- und Cambiumzellen. Bei den Sieb-Milchröhren-Gruppen der Rinde bemerkt man +Pektinisierung+ der Mittellamellen. Die Phloëmparenchymzellen zeigen bei Behandlung mit Chlorzinkjod oft eine feine Streifung, machen also den Eindruck von Ersatzfasern. Sie enthalten im Zellsaft gelöst das Inulin (s. oben S. 201), sehr selten Stärke.
Innerhalb des mehrreihigen Cambiums liegt der Holzkörper, der zu innerst noch wenige zarte primäre Gefäße erkennen läßt. Die sekundären liegen ziemlich unregelmäßig eingebettet in Holzparenchym und zarte Ersatzfasern (Fig. 79). Sekundäre Markstrahlen treten nicht deutlich hervor -- nur bei jüngeren Wurzeln zwei breite primäre (Fig. 76, 1). Die engsten Gefäße sind spiralig verdickt, die weiteren zeigen Leiter- und Netzleistenverdickungen.
Die Nebenwurzeln zeigen deutliche +Heterorhizie+ (~Tschirch~): Ernährungswurzeln und Befestigungswurzeln. Letztere besitzen einen zentralen Libriformzylinder.
Das Rhizom besitzt die gleichen Elemente, jedoch ein mehr oder weniger großes Mark (Fig. 76, 2).
In der Stärkescheide der Blätter findet sich Stärke. Milchröhren treten auch in die Blattnerven höherer Ordnung ein. Die Blätter tragen 6-8zellige, dünnwandige, oft kollabierte Haare und an den Rippen der Blattunterseite mehrzellige Borstenhaare mit spornartig ausgebogenen Enden (~Zörnig~).
=Lit.= ~Hanstein~, Milchsaftgefäße 1864, Taf. IX. -- ~Dippel~, Entsteh. d. Milchsaftgefäße. Rotterdam 1865. Taf. V. -- ~De Bary~, Anatomie S. 489, 519, 533 u. 540. -- ~Flückiger-Tschirch~, Grundlagen. -- ~Arthur Meyer~, Wissensch. Drogenkunde (hier die Anatomie ausführlich). -- ~Vogl~, Interzellulars. u. Milchsaftgef. in der Wurzel d. gemeinen Löwenzahns. Sitzungsb. d. Wien. Akad. 48 (1863) u. Beitr. z. Kenntn. d. Milchsaftorg. d. Pfl. ~Pringsheims~ Jahrb. 5. und Nahrungs- und Genußm. -- ~Tschirch-Oesterle~, Atlas. -- ~Thouvenin~, Contribut à l’étude anatom. des racines de la fam. des Composées. Thèse Nancy 1884 avec 6 tabl. -- ~Holfert~, Primäre Anlage d. Wurzeln. Arch. Ph. 1889, 481. -- ~Zörnig~, Arzneidrogen 1909. -- ~Schrenk~, Amer. Drugg. 1887. -- ~Dohme~, Drug. Circ. 1897, 178. -- Pulver: ~Kraemer~, Proc. am. pharm. assoc. 1898, 305. -- Anat. Abb.: ~Planchon-Collin~, Les drogues simples II, Fig. 647, ~Moeller-Winton~ a. a. O. und ~Tschirch~, Angew. Anatomie, Fig. 601.
=Chemie.= Der Hauptbestandteil der Rad. taraxaci ist das +Inulin+, von dem ~Rundquist~ (1904) bis 39,65% fand (die Angabe von ~Sayre~, der 79,02% (!) Inulin gefunden haben will, beruht wohl auf einem Fehler der Bestimmungsmethode). ~Koch~ fand 15,6% in Handelsware, in selbst gegrabener 5,2%, neben c. 1% +Saccharose+, 0,46% +Glukose+, Harz und Schleim. Die Löwenzahnwurzel ist, wenn wir auf das Inulin abstellen, im Spätherbst zu sammeln, da sie zu dieser Zeit am reichsten an Inulin ist. Eine im Oktober gegrabene Rad. taraxaci enthielt 24,3%, eine im März gesammelte 1,7% Inulin (~Dragendorff~).
An Stelle des Inulins tritt im Winter bisweilen Stärke (~Dippel~), im Frühjahr ein +Zucker+ (bis 17%) und etwa ebensoviel Lävulin auf.
Junge Wurzeln des Löwenzahn enthalten bis zu 20% des nicht süßen, optisch inaktiven +Lävulins+ (C₆H₁₀O₅)ₙ (+Synanthrose+ oder +Inulose+, ~Lefranc~, ~Popp~, ~Dragendorff~, vgl. S. 218).
Der Zucker scheint zur Zeit der kräftigsten Entwicklung der Pflanze in größter Menge gebildet zu werden und gegen den Herbst abzunehmen, im Winter aber wieder reichlicher aufzutreten, da die Wurzel nach den Winterfrösten wieder süßer schmeckt als im Herbst. Fetter Kulturboden begünstigt die Zuckerbildung (~Dragendorff~).
Die Zellwand beträgt 23,1% des Gewichtes, davon sind Hemizellulosen 13,7% und Zellulose 9,4% (~Albert Kleiber~). ~Storer~ fand bei der Hydrolyse +Mannose+. Die Membranen enthalten also ein Mannan.
Es unterliegt keinem Zweifel, daß die frische stark milchende Wurzel, besonders wenn sie noch die Blätter besitzt (s. oben), eine ganz andere Wirkung hat wie die getrocknete, die wir übrigens als Rad. taraxaconis erst in einer Taxe von Hamburg 1587 finden (I, S. 818) und die lange nicht so bitter ist, wie die frische. Der bittere Geschmack tritt vor und nach der Blütezeit am kräftigsten hervor, und besonders bei Pflanzen, die auf magerem Boden wachsen. Die Extrakte haben daher eine ganz verschiedene Zusammensetzung, je nachdem sie aus der frischen Wurzel (und dem Kraut) oder der trockenen Wurzel bereitet und ob sie im März, im Juli oder im Herbst dargestellt wurden (~Widnmann~, ~Frickhinger~). Die Extraktausbeute wechselt ebenfalls sehr, je nach der Zeit der Einsammlung (Angaben bei ~Pereira~). Der Extraktgehalt der Rad. taraxaci beträgt nach ~Dieterich~ 19,9, nach ~La Wall~ 35% (s. unten).
Der frische weiße Milchsaft, der zu einer braunen bröckeligen Masse (+Leontodonium+) gerinnt, ist eine Emulsion aus Eiweiß, Harz und einem guttaartigen (?) Körper, den man +Taraxacerin+ (C₈H₁₀O? Kautschuk ~Pfaffs~?) genannt hat (~Kromayer~), und enthält auch den wasserlöslichen, kristallisierbaren (~Squire~, ~Stoddart~) Bitterstoff, das +Taraxacin+ (~Polex~, ~Kromayer~), auf den wohl die Wirkung des Succus recens beruht. Taraxacin und Taraxacerin bedürfen jedoch erneuten Studiums. Stellen wir auf den Bitterstoff ab, so muß die Wurzel im Juli oder im März gesammelt werden. Das bittere +Taraxacin+, das ~Sayre~ aus dem Chloroformauszuge in Kristallen erhielt (es kristallisiert aus Aceton), ist zu 0,05% in der Droge erhalten (die bei der Behandlung des amorphen Taraxacins mit H₂O₂ entstehende Taraxacinsäure ist Oxalsäure). Es wird von einem scharfen Stoffe begleitet. Auch das wachsartige Taraxacerin (C₉H₁₅O) erhielt ~Sayre~ kristallinisch.
~Sayre~ glaubte (1898) auch 0,002% eines Alkaloides, +Taraxin+, gefunden zu haben. ~Zwaluwenburg~ und ~Gomberg~ konnten (wenigstens in im Oktober und November gesammelten Wurzeln) kein Alkaloid nachweisen, wohl aber einen nicht alkalisch reagierenden Körper mit Alkaloidreaktionen.
Ob das aus dem Extractum taraxaci bisweilen auskristallisierende +Calciumlaktat+ in der Pflanze präformiert ist oder sich erst (aus Zucker, ~Ludwig~) nachträglich bildet, ist noch zu untersuchen. Der besonders in vergorenen, aber auch in frischen Auszügen der Wurzel auftretende +Mannit+ [~Widnmann~ (1832), ~Frickhinger~ (1840), T. u. H. ~Smith~ (1849)] ist wohl ein erst bei der Verarbeitung auftretendes Produkt. ~Hermbstädt~ glaubte +Weinstein+ (?) gefunden zu haben.
Der in den Blättern, Blüten und Stengeln von ~Marmé~ gefundene +Inosit+ fehlt der Wurzel (~Stillé~, ~Maisch~). Doch glaubte ihn ~Marmé~ auch dort gefunden zu haben.
Der Feuchtigkeitsgehalt beträgt 13,4% (~Nygård~).
Die +Asche+ der Wurzel beträgt 7,8% im Frühjahr, 5,5% im Herbst (~Frickhinger~). Die im April gegrabene Wurzel lieferte bei 100° getrocknet nach ~Flückiger~ 5,24%, ~Nygård~ 4,85% Asche (Analyse der Asche bei ~Sayre~ 1897). ~Hauke~ fand 6,85-7,72%; obere Grenzzahl 8%. Die Pharm. austr. fordert für die Blätter höchstens 16%, für die Wurzel höchstens 8% Asche.
In den Blättern findet sich neben Inosit Schleim, Zucker, Harz (~Sprengel~).
Im Mai mit Blütenknospen gesammelte Blätter enthielten 2,81% Stickstoffsubstanz, 0,69% Fett, 7,45% stickstofffreie Extraktivstoffe (Zucker), 1,90% Asche (~Storer~ und ~Lewis~).
~Sayre~ konnte (1894) keinen Unterschied im Gehalt der Droge an Taraxacin, Harz und reduzierendem Zucker finden, ob die Pflanze im Hochlande Amerikas oder in der Ebene gesammelt wurde. +Die Septemberwurzel enthält das meiste Taraxacin, die Märzwurzel gibt das meiste Extrakt, die Augustwurzel enthält das meiste Inulin und die Oktoberwurzel das meiste Lävulin+ (~Sayre~).
Der als Cichorienersatz verwendete =Löwenzahnkaffee= enthält 8,46% Wasser und in der Trockensubstanz: 65,74% wässriges Extrakt, 1,53% Zucker, 18,64% Rohfaser und in der Asche wasserlöslich 3,20%, unlöslich 4% (~Kornauth~).
=Chemie.= Ältere Analysen von ~Delius~ (De taraxaco. Erlangen 1754), ~John~ (Chem. Unters. der Löwenzahnmilch. Chem. Schr. IV u. in ~Gmelin~, Handb. d. Chem. II, 1827) und ~Squire~ (~Brande~, Dict. of mat. med. 532). -- ~Pfaff~, Syst. d. Mat. med. VI. -- ~Pereira~, Elem. of mat. med. -- ~Polex~, Arch. Pharm. 19, 1839, 50, Pharm. Journ. I, 425. -- ~Jürgens~, Diss. Dorpat. -- ~Dragendorff~ a. a. O. -- ~Widnmann~, Buchn. Repert. 43 (1832), 281. -- ~Frickhinger~, Vgl. Analys. der im Herbst u. Frühj. gesammelten Wurzeln. Rep. 23, 45. Pharm. Jahresb. 1840. -- ~Buchner~, ebenda 1841. -- T. und H. ~Smith~ (mit ~Wilson~ u. ~Stenhouse~), On the extraction of mannite from the root of Dandelion. Pharm. Journ. 8 (1848/49), 480. -- ~Schweitzer~, Chem. News II (Arch. Pharm. 1861, 380). -- ~Ludwig~, Arch. d. Pharm. 107 (1861), 8. -- ~Marmé~, Lieb. Ann. 129 (1864). -- ~Symes~, Pharm. Journ. (3) 10 (1869), 361. -- ~Elborne~, Succus Taraxaci. Pharm. Journ. 15 (1884/85) (dort die ältere Lit.). -- ~Kromayer~, Arch. Pharm. 1861, 6 und die Bitterstoffe. 1862. -- ~La Wall~ (Extrakt), Amer. journ. pharm. 1896, 7. -- ~Sayre~, Amer. Journ. pharm. 1894, 505, 1895, 465, 1896, 518, 1897, 494 und The important constituents of Taraxacum root. Amer. journ. ph. 1897, 543. -- ~Sayre~, Alkaloid constituents of Taraxacum. Proc. Amer. pharm. Assoc. 1898, 341. -- ~Zwaluwenburg~ und ~Gomberg~, Amer. journ. pharm. 1899, 500 (Proc. am. ph. ass. 1899, 305). -- ~Stoddart~, Pharm. Journ. 1870/71, 882.-- ~Storer~ und ~Lewis~ (1877) bei ~König~ (dort auch weit. Lit). -- ~Nygård~, Pharmac. Notisblad Helsingfors 1909. -- ~Rundquist~, Farm. Notisbl. Helsingfors 1904. -- ~Koch~, Amer. journ. ph. 1892, 65. -- Pharm. Jahresb. 1892, 76. Bot. Jahresber. 1892 II, 408. -- Asche: ~Röders~ Handelsber. (Pharm. Post 1905). -- ~Kleiber~, Vers. z. Best. d. Gehaltes einiger Pfl. u. Pflanzenth. an Zellwandbestandteilen, Hemicellulosen u. Cellulose. Diss. Zürich 1900. -- ~Storer~, Chem. Centralbl. 1902, 1155. -- ~Havenhill~, West. Drugg. 1905 (Literaturübersicht). -- Vgl. auch ~Flückiger-Hanbury~, Pharmacographia und ~Flückiger~, Pharmakognosie.
=Anwendung.= Der harntreibenden Wirkung wegen (s. oben) nennt schon ~Lobelius~ das Kraut Herba urinaria, andere seris (s. oben S. 203) urinaria. Der Saft der frischen, im Frühjahr gegrabenen ganzen Pflanze ist noch jetzt bei den sog. «blutreinigenden» Frühlingskuren in Gebrauch, galt von jeher auch in Indien schon als ein Heilmittel bei Leberleiden, und wird auch neuerdings wieder dafür warm empfohlen (~Fyfe~ 1906). Die Wirkung beruht wohl auf dem Taraxacin.
Taraxacum steht auch in der Liste der ~Kneipp~schen Mittel als Mittel gegen Hämorrhoiden, Leberleiden usw. -- Der Saft der frischen Pflanze auch gegen Gelbsucht.
In Formosa ist Taraxacum ein Antidot bei Schlangenbissen (~Jackson~). Auf Island werden die frischen Wurzeln gebraten gegessen (~Schübeler~). In England dienen die jungen Blätter als Gemüse. Die geröstete Wurzel ist ein Kaffeesurrogat. Hierbei kommt in erster Linie das Inulin in Betracht (s. oben). Dandelion Cocoa ist ein Gemisch von Extr. taraxaci und löslichem Cacao (~Stoddart~).
=Geschichte.= Die Griechen und Römer beachteten die Pflanze wenig. Sie ist vielleicht das πέρδιον (Perdikion) des ~Theophrast~ (~Parkinson~, Theatr. Botan.). Die ἀφάκη des ~Theophrast~, ~Dioskurides~ und ~Plinius~ kann nicht Taraxacum gewesen sein, obwohl ja der Name aphaka der Pflanze im Mittelalter anhaftete und die Pflanze jetzt in Griechenland πικραφάκη heißt (s. oben S. 207). Die Deutung von aphake als Vicia cracca oder Lathyrus aphaca erscheint mir wahrscheinlicher, denn es steht zwischen lens und pisum. Eher deutet die Beschreibung von Hedypnoïs als einer Art Cichorie, die sich bei ~Plinius~ findet, auf Taraxacum und dieser Name findet sich auch unter den Synonymen der Pflanze bei ~Fuchs~ (t. 680) und ~Gesner~. Die Araber (~Rhazes~, ~Avicenna~) benutzten die Pflanze unter den oben (S. 207) angeführten Namen, aus denen dann Taraxacum wurde, welcher Name aber erst wieder bei ~Lobelius~ und ~Lonicerus~ auftaucht (~Flückiger~). ~Haller~ benutzte ihn als Genus. Bei ~Ibn Baithar~ heißt die Pflanze, die als wilde Cichorie bezeichnet wird, +Tharachschakuk+ oder Marurijat. ~Simon Seth~ (XI. Jahrh.) verbreitet sich eingehend über ihre Heilkraft. Im Pen tsʿao kang mu (I, S. 519) steht Taraxacum unter den sanften, schleimigen Pflanzen. ~Fuchs~ bildete die Pflanze ab, ebenso ~Bock~. ~Linné~ wählte (1762) den Namen Leontodon Taraxacum. Der Löwenzahn war der Liebesgöttin ~Freya~ geweiht. Sie wird noch heute (z. B. im Aargau) von den Mädchen zum Liebesorakel und Schönheitsmittel benutzt. In der Schweiz ist sie Kiltblume. In der Hamburger Apothekerordnung 1587 (I, S. 818) steht: Rad. taraxaconis.
=Paralleldrogen.= Als «Substitutes for Taraxacum» führt die Pharmacographia indica auf: Lannaea pinnatifida ~Cass.~, Lactuca Heyneana DC., Emilia sonchifolia DC., Sonchus oleraceus ~Linn.~, Echinops echinatus ~Dc.~, Dicoma tomentosa ~Cass.~, Notonia grandiflora ~Dc.~, Tagetes erecta ~Linn.~, Anaphalis neelgerriana ~Dc.~, Carduus nutans L. und Calendula officinalis L. Nach ~Dymock~ in Indien auch: Brachyramphus sonchifolius ~Dc.~ und Microrhynchus sarmentosus ~Dc.~ Nach ~Dragendorff~ in China: Taraxacum sinense ~Dc.~ und T. laevigatum ~Dc.~
Rad. Bardanae.
Klettenwurzel -- glouteron, bardane (franz.) -- bur, burdock (engl.) -- klis (holl.) -- gobo, kitakisu, uma fuki (jap.) -- seta koroki (aino) -- ta-li-tzu, nin fang (chin.).
=Syn.= Nach ~Sprengel~ (Hist. rei herb.) die ἀπαιρίνη des ~Theophrast~ (Hist. plant. VII, 14) und das ἄρκτειον des ~Dioskurides~. Das ἄρκτιον im Cod. Constant. ist jedenfalls ein Arctium (kein Verbascum!) +Althd.+: bletacha, chledda, cliba, kletta, kliba, letiche lettecha, pletecha -- +mhd.+: burres, chledden, clesse, crasse, klaten, klett, klobe, breit ledecha, sumerlatich -- +mnd.+: klive, krotenbleder. Die vielen alten deutschen Namen zeigen, daß die Pflanze diesseits der Alpen viel beachtet wurde. Im Mittelalter auch: Lappa (z. B. bei ~Isidor~), Lapathum, Personata. In der +Alphita+ (I, S. 642) steht: Bardana, Lappa maior, Lappa inversa, clote, burr, gert. Es wird Lappa major (bardona) von Lappa incisa (agrimonia) und Lappa caprina unterschieden. Bei ~Hildegard~ heißt die Lappa auch cletta. Lappa findet sich bei ~Albertus Magnus~ (I, S. 673). Bardana steht bei ~Cordus~ (I, S. 797), Bardane und Klyve im Gothaer Arzneibuch (I, S. 679).
=Stammpflanze und Systemat. Stellung.= =Arctium L.= (Lappa ~Juss.~) Die Gattung Arctium hat vier Arten, die aber auch nur als Abarten einer Grundform (Arctium Lappa L.?) betrachtet werden (~Schinz~ und ~Keller~ halten die Arten aufrecht):
Arctium tomentosum (~Lam.~) ~Schrank~ (A. Bardana W., Lappa tomentosa ~Lam.~), Köpfe doldentraubig, dicht spinnewebig, filzig, innere Hüllblätter mit gerader Stachelspitze, fast strahlend.
Arctium Lappa L. (ex parte. A. majus ~Schrank~, Lappa officinalis ~All.~, L. major ~Gärtn.~). Sehr groß, bis 3 m, Köpfe doldentraubig, Hüllblätter grün, kahl, Körbe wallnußgroß.
Arctium minus ~Schrank~ (Lappa glabra Lam., L. minor ~Dc.~). Köpfe traubig, Hüllblätter an der Spitze rötlich, etwas spinnewebig.
Arctium nemorosum ~Lejeune~ (Lappa macrosperma ~Wallr.~, L. nemorosa ~Körn.~) mit rutenförmig übergebogenen Zweigen.
Alle liefern Rad. bardanae. Die letztgenannte Art in Mitteleuropa, die drei anderen in Europa und Asien weit verbreitet, z. B. in Japan, namentlich auf Schutt und in Dorfstraßen, an Wegen und Hecken häufig, in Nordamerika eingeschleppt. (Abbild. bei ~Hoffmann~ in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfamilien IV, 5, 319.)
+Compositae+, Cynareae-Carduinae.
=Etym.= +Lappa+ (Lapathum) von λαβεῖν (= ergreifen, vielleicht in Beziehung zum keltischen lapp, llap = Hand) wegen der an den Kleidern festhaftenden Früchte, welche Eigenschaft ihr bei den Griechen den Namen φιλάνθρωπος (quod vestibus hominum inhaeret ob asperitatem sagt ~Isidor~) und im Deutschen die Bezeichnung Klette eintrug und wohl auch mit dem französischen Namen grateron (von gratter = kratzen) und mit der englischen Bezeichnung bur (ags. burr, dän. borre) zusammenhängt, das mit borre (ital.) und borste in Beziehung gebracht wird. Unwahrscheinlicher erscheinen mir die Ableitungen von λάπη (= Schleim), obwohl in dem französ. Namen glouteron (glutinosus = klebrig) ähnliches anklingt. -- An die breiten Blätter erinnert: Oreille de géant (= Riesenohr), sowie viele Volksnamen (s. bei ~Pritzel-Jessen~) und auch im engl. burdock -- aus dem wohl das spätlatein. bardane entstand (?) -- steckt etwas ähnliches: dock, angs. docce ist der Name vieler breitblättrigen Stauden (~Kanngiesser~). Die Ableitung von Bardana von barda (ital. = Pferdedecke) oder gar von den Barden (~Wittstein~) erscheint mir abenteuerlich. -- Arctium, ἄρκτιον wohl von ἀρκτός (= Bär) wegen der wolligen Beschaffenheit. Die japan. Bezeichnungen seta (= Hund) und uma (= Pferd) bei Pflanzennamen, wie unser Hundszunge, Roßkastanie usw., halb verächtlich (wegen der großen Häufigkeit). -- Vielleicht war das kekel (?) der alten Juden (I, S. 489) Klettenwurzel.
=Kultur.= Die Pflanze wird in Japan in umfangreichstem Maße kultiviert und die Wurzel als Gemüse von allen Bevölkerungskreisen gegessen. Japan erzeugte 1888: 72 Mill. pounds (~Nitobe~).
=Beschreibung.= Die Kletten sind zweijährige Kräuter mit langer spindelförmiger Wurzel und bis über meterhohen aufrechten ästigen, mehr oder weniger wollig-behaarten Stengeln. Die großen dicken, am Rande buchtig-gezähnten Blätter sind unterseits mehr oder weniger weißlich-filzig. Die kugeligen Blütenkörbe besitzen hakenartig gebogene Deckblätter. Die Einschließung der Blüten in den Hüllkelch war schon den Alten aufgefallen. Bei ~Plinius~ steht «Notabile et in Lappa quae adhaerescit, quoniam in ipsa flos nascitur, non evidens, sed intus occultus et intra seminat, velut animalia, quae in se pariunt» (!). Die Wurzel wird im Herbste des ersten oder im Frühjahr des zweiten Jahres gesammelt. Sie ist fingerdick, dunkelgraubraun, innen grauweißlich, oft mit schwammig-fädigem Kern und riecht frisch widerlich narkotisch wie Mohnköpfe (~Wittstein~). Trocken ist sie fast geruchlos und schmeckt fade, schleimig-süßlich. Oben trägt sie oft einen weißlichen Schopf. Die deutlich strahlig gebaute Wurzel besitzt im Holzkörper schmale Gefäßstrahlen, Markstrahlen und viel Holzparenchym. In älteren Wurzeln findet sich Libriform (~Zörnig~). Die Gefäßstrahlen setzen sich nach außen in keilförmige Sieb-Milchröhrenstrahlen fort. Die Endodermis bleibt erhalten. Im Zentrum findet sich ein weißes, schwammiges, aus abgestorbenem Zellgewebe entstandenes, sehr zerrissenes, markartiges Gewebe, sog. «falsches Mark» (~Berg~). Im zweiten Jahre wird das Gewebe der Markstrahlen mehr oder weniger zerstört, so daß zuletzt nur noch schwammige Rindenreste und die von den Holzparenchymresten bekleideten Xylemplatten übrig bleiben (~Lürssen~). Sie enthält reichlich Inulin (bis 57% ~Kellner~, 70% ~Weckler~), 6,32% Zucker (~Nygård~), 0,065% flüchtiges Öl. Eine allgemeine Analyse teilte ~Weckler~ mit. Er fand 5% Glukose, 0,4% Fett, Schleim, einen Bitterstoff, Harz und Gerbstoff. Die frischen Wurzeln enthalten 73,8% Wasser, 5,6% Stickstoff, 10,5% Asche (~Nitobe~). In den Früchten fand ~Trimble~ ein bitteres Glykosid, Lappine.
=Pathologie.= Über die tierischen Schädlinge der Pflanze berichtet ~Israël~: Agrotis stigmatica ~Hübn.~: Raupe an Lappa-, Lactuca-, Plantago-, Primula-, _Geum_arten und anderen niederen Pflanzen. Plusia gamma L.: Die Raupe dieser gemeinsten aller Eulen ist polyphag. Auf _Lappa_arten tritt sie häufig auf. Mitunter auf Kleefeldern und Rübenäckern verheerend. Plusia jota L.: Raupe auch an Anthemis, Lonicera, Vaccinium, Lamium usw. Plusia chrysitis L.: Außer an _Lappa_arten auch an den verschiedensten anderen Pflanzen, Dipsacus pilosus, Urtica, Stachys usw. Polia flavicincta W. V.: Raupe an Lappa, Artemisia, _Rumex_arten usw. Polia polymita L.: Raupe meist vereinzelt an Primula, Lappa und anderen niederen Pflanzen. Polia Chi. L.: Raupe an vielen Krautgewächsen, als Lappa, Aquilegia, Galium, Sonchus, Lactuca usw. Gortyna flavago W. V., Ochracea ~Hb.~: Die Raupe dieses schönen Falters lebt in den Stengeln (einzeln, selten zu mehreren in einer Pflanze) vieler markhaltiger Pflanzen. Sie bevorzugt in den verschiedenen Gegenden auch verschiedene Pflanzen. In Thüringen lebt sie hauptsächlich in _Lappa_arten, sonst auch in Sambucus, Verbascum, Valeriana, Scrophularia, Petasites, Cirsium, Carduus usw. Conchylis badiana L.: In Stengel und Wurzel von _Lappa_arten usw. Conchylis posterana ~Hffg.~: Raupe in den Blütenköpfen von Lappa- und _Cirsium_arten, auch in anderen Kompositen, die Samen ausfressend. _Depressaria_arten: Verschiedene _Depressaria_arten leben in den Blütenköpfen und Stengeln von _Lappa_arten und anderen Kompositen. Parasia Capella L.: Die Räupchen dieser Motte leben in dem Blütenboden von _Lappa_arten und anderen Kompositen, die Samen fressend.
In der trocknen Radix bardanae leben sehr gerne die Larven von Anobium paniceum und striatum, ferner diejenigen von Ptinus fur und Ptinus latro. Durch den Wurmfraß zerfällt die Wurzel alsbald zu Pulver. Es empfiehlt sich, die durch den Großhandel bezogene Ware, welche sehr häufig schon mit Käferbrut infiziert ist, erst in einem Holz- oder Blechkasten neben verdunstendem Chloroform einige Zeit liegen zu lassen, und sodann die absolut trockene Wurzel in gut schließenden Blech- oder Glasgefäßen aufzubewahren. Diese Vorsichtsmaßregel sei auch namentlich bei allen Umbelliferenwurzeln empfohlen und bei sonstigen Drogen, die ätherische oder riechende Stoffe enthalten (~Israël~).
=Anwendung.= Die Klettenwurzel ist aus unbekannten Gründen ein altes Haarwuchsmittel. Das «Klettenwurzelöl» verlangt noch heute das Volk und im Bernischen heißt die Pflanze Haarballe oder Haarwachswürze. Sollte es sich hier nicht um eine Signatura handeln und die starke Behaarung der Pflanze sie zu einem Haarwuchsmittel gemacht haben? Medizinisch wird sie besonders in Nordamerika als Diureticum, Laxans und Sudorificum benutzt. Rad. Bardanae ist auch ein Bestandteil des Spec. lignorum, des sog. Blutreinigungstees. Die Samen waren als Diuretikum und (nach ~Linné~, Mat. med.) als Purgans ehedem geschätzt. Auch die Blätter wurden früher benutzt. Die Klette steht auch in der Liste der ~Kneipp~schen Mittel und spielen hier sowohl die Blätter wie die Wurzel eine Rolle. Die «haarwuchsfördernde Kraft» der Wurzelabkochung wird auch von ~Kneipp~ behauptet.
Als Verwechslungen werden Rad. belladonnae (stärkehaltig) und die Wurzel von Symphytum officinale L. angegeben.
=Lit.= ~Berg~, Pharmakognosie. -- ~Luerssen~, Med. pharm. Botan. -- ~Wittstein~, Handwörterb. d. Pharmakognosie, S. 408. -- ~Inazo Nitobe~, Burdock as a vegetable. Am. journ. pharm. 1897, 416 (dort auch eine Aschenanalyse). -- Abbild. in ~Berg-Schmidt~, Atlas, 1. Aufl. t. XIX. und ~Hayne~, Arzneigew. II, t. 35 u. 36. -- Anatom. Abbild. in ~Oudemans~ Atlas, ~Berg~, Anatom. Atlas t. XIII., ~Planchon-Collin~, Drog. simpl. II, Fig. 654 u. 655, ~Vogl~, Anatom. Atlas, und ~Hérail~ et ~Bonnet~, Manipulations pl. V. -- ~Tschirch~, Anatomie, S. 117. -- Anatomie in ~Zörnig~, Arzneidrogen. -- ~Weckler~, Analysis of burdock root. Am. journ. pharm. 1887, 393. -- ~Kellner~, Landw. Versuchsstat. 30 (1881), 42. -- ~Nygård~, Farm. Notisbl. 1909. -- ~Trimble~ and ~MacFarland~, Examinat. of burdock fruit. Am. journ. pharm. 1885, 127. -- ~Trimble~, The bitter principle of burdock fruit. Am. journ. pharm. 1888, 79. -- Anatomie der Frucht von Arctium Lappa bei ~Gerdts~, Bau u. Entw. d. Kompositenfr. Diss. Bern 1905 u. F. ~Ebert~, Beitr. z. Kenntn. d. chines. Arzneisch. Diss. Zürich 1907.
V. Lävulindrogen.
Die Lävuline oder Synanthrosen verhalten sich zum Inulin wie die Dextrine zur Stärke. Es sind wohl niedrigere Glieder von demselben Kondensationstypus.
Lävuline finden sich oft in beträchtlicher Menge in Rad. taraxaci (s. oben).
VI. Triticindrogen.
Das +Triticin+ (~H. Müller~) wird, da es bei der Hydrolyse mit verdünnten Säuren und der Einwirkung von Diastase (nicht von Invertin) +Fruktose+ liefert, ebenfalls zu den Polysacchariden gerechnet. Es spaltet Fruktose schon beim Kochen mit Wasser ab. Man gibt ihm die Formel C₃₆H₆₀O₃₀ = 6(C₆H₁₀O₅). Es wurde außer in Triticum repens auch in der Wurzel von Dracaena australis gefunden. Es dreht links, ist nicht gärungsfähig und reduziert ~Fehling~sche Lösung kaum. Es trägt gleichfalls den Charakter eines Reservekohlenhydrates. Es ist vielleicht mit dem +Irisin+ (~Wallach~), +Phleïn+ und +Graminin+ (~Ekstrand~ und ~Johanson~) identisch (~Tollens~, ~Keller~). Doch formulieren ~Ekstrand~ und ~Mauzelius~: +Triticin+ = C₃₆H₆₀O₃₀, +Graminin+ = C₄₈H₈₀O₄₀, +Phleïn+ = C₉₀H₁₅₀O₇₅, +Irisin+ = C₉₆H₁₆₆O₈₀. Alle liefern bei der Hydrolyse +Fruktose+.
Rhiz. Graminis.
=Syn.= Stolones graminis, Rad. agropyri, Rad. Cynagrostis, Rad. graminis albi, s. arvensis, s. canini, s. officinarum, s. repentis, s. vulgaris, +Queckenwurzel+, Graswurzel, Ackergras-, Ackermauer-, Laufquecken-, Päden-, Saatgras-, Bayer-, Feg-, Hundsgras-Wurzel -- petit chiendent (dent de chien), chiendent commun gramont, chiendent rampant ou officinal (chiendent wohl ursprünglich = Cynodon Dactylon) (franz.) -- couch grass, quitch grass, qu. root, dog grass, kwich (engl.) -- kweekgras, graswortel (holl.) -- gramegna (ital.) -- gramenha, grama (span.) -- ῥιζωμα ἀγρώστεως (griech.).
+Ahd.+ Quecca, +mhd.+ graesch, graische, grasse, +mittelalt.+: herba graminis intuba. Volksnamen: Alescher- oder Apothekergras, Bättigras, Bochwurze, Fegwurz, Geech (Bern), Grammen (Wallis), Hundsgras, Knöpfligras, Knotengras, Kriechweizen, Laufquecken, Pärde (Niederlaus.), Quetsch, Rechgras, Sandklever, Suckerwuttel, Schnürligras, Spulwurz, Weißwurz, Wurmgras, Wullband, Zwecken. -- Bei ~Hildegard~: dorth (Lolium temulentum?); im Niederl. Herbar: gers; bei ~Cordus~: graß, quecken. -- Bei ~Tabernaemontanus~ steht: gramen caninum arvense seu gramen Dioscor. C. B. Gramen, Ruël. Dodo. gal. Cord. in Dios. Cast. canarium medicatum, Ad. Lob. caninum quod graecis ἄγρωστις, Dod. caninum vulgare, Lugdun. Graminis primi Dioscor. species major, Thalio. -- Einige Autoren nehmen an, daß Agropyrum repens das ἄγρωστις der Griechen ἄγρωστις παρὰ τόν ἀγρὸν) und das gramen sowie die radix canaria der Römer sei (vgl. dazu unter Geschichte) und wohl auch des ~Steph. Magnetes~ radix agriae, des ~Ibn Baithar~: qutsami, des ~Abu Mansur~: tsîl, thîl. -- Synonyme des Agrostis bei ~Dioskurides~ (in [], also spätere Einschiebsel): Aigikon (= Ziegenpflanze), Hamaxitis, bei den Ägyptern: Anuphi, Asifolium, Sanguinalis, Viola, bei den Spaniern: Aparia, bei den Dakiern: Kotiata, bei den Afrikanern Jebal. -- Bei ~Ibn Baithar~ steht auch elnadschm oder elnadschir. -- Im Chinesischen heißt die Graswurzel: Siau hwanchai oder meh-huh (~Dragendorff~).
=Etym.= Triticum s. S. 184. -- Repens wegen des langhinkriechenden Rhizoms -- danach sind auch Namen wie Schnürligras, Sehnengras, Spulwurz gebildet, sowie Päde (von pede = hinkriechend, verwandt mit Pfad; petten = treten), Pädergras, Pedengras, Pehdenzel, Peyer. -- Quecke von quecka, quick = lebendig, beweglich, deutet auf die Beweglichkeit im Wachstum des Rhizoms, wie die verwandten: Quäk, Quecken, Queke, Quetsch, Quitsch, Kweekgras. -- An die knotige Gliederung des Stengels erinnern Namen wie Knöpfligras, Knopgras. -- Chiendent = Hundszahn, weil die kranken Hunde es fressen sollen (~Littré~), vielleicht aber nur verächtlich, wie doggrass (~Kanngiesser~). -- Agropyrum von ἀγρός = Acker und πυρός = Weizen.
=Stammpflanze. Agropyrum repens= ~Palisot de Beauvois~ (Argrst. 102) (Triticum repens L., Bromus glaber ~Scop.~, Elymus dumetorum ~Hoffm.~). Variiert: α vulgare ~Döll.~, β aristatum ~Döll.~ (davon auch als Arten: var. dumetorum ~Schreb.~, var. vaillantianum ~Wulfen~, var. sepium ~Thuill.~), γ majus ~Döll.~, δ glaucum ~Döll.~, ε caesium ~Pr.~ (auch als Art). Beschreibung in ~Luerssen~, Mediz. pharm. Botan. II.
=Systemat. Stellung.= Gramineae, Hordeae.
=Verbreitung.= Die Quecke ist über Europa, Nordafrika, Asien (Sibirien, Afghanistan, am Demavend bis 3000 m) und Nordamerika bis Patagonien und Feuerland verbreitet. Sie ist ein auf Äckern und an Wegen, besonders auf Sandboden (Norddeutschland) und auf Kulturland weit verbreitetes, wegen der Verfilzung des Bodens durch die zahlreichen Wurzeln (Fig. 80) sehr lästiges Unkraut.
=Beschreibung der Stammpflanze.= Die Quecke bildet auf weite Strecken oft mehrere Meter durch den Boden kriechende Grundachsen (Rhizome) von Charakter der Wandersprosse, die an der Spitze eine derbe, spitze Niederblattknospe (Fig. 80) bilden, mit der sich der Sproß selbst durch festere Bodenschichten, ja sogar durch Baumwurzeln bohren kann. Aus der Achsel der an den Knoten sitzenden Niederblätter der Wandersprosse entwickeln sich da und dort oberirdische Achsen. Der runde Halm ist entfernt knotig gegliedert und kahl. Er kann eine Höhe von über 1 m erreichen, bleibt jedoch meist weit dahinter zurück. Die linealen an den Knoten inserierten, oberseits rauhen Blätter besitzen eine bis 10 cm lange Scheide und sehr kleine Blatthäutchen. Die endständige Blütenähre ist 10-13 cm lang, die Spindel zusammengedrückt und abwechselnd rechts und links ausgehöhlt, zickzackförmig hin- und hergebogen. Die Ährchen sind meist fünfblütig, die zwei Hüllspelzen (glumae) sind kürzer als das Ährchen, kahnförmig, lanzettlich, zugespitzt, am Rande fein gewimpert, die Deckspelze (palea inferior) zugespitzt oder begrannt, fünfnervig, die Vorspelze (pal. superior) dünnhäutig, zweikielig, an den Kielen bewimpert, kurz zweizähnig, die Schwellkörper (lodiculae) kaum 2 mm lang, der eiförmige Fruchtknoten am Scheitel behaart, die Frucht 6-7 mm lang.
=Lit.= +Abbild.+ ~Berg-Schmidt~, Atlas II. Aufl., t. 139 (dort die florist. Lit.). -- ~Pabst-Köhler~, Medizinalpflanzen, t. 86. -- ~Nees von Esenbeck~, pl. med. t. 32. -- ~Hackel~ in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfamilien. -- ~Irmisch~, Bot. Zeit. 1859, 56.
=Beschreibung der Droge.= Das Rhizom wird gelegentlich der Frühjahrsbestellung davon befallener Felder ausgepflügt und herausgeeggt, von der Erde gereinigt, von den Wurzeln und Stengeln befreit und dann geschnitten. 100 Teile frisches Rhizom geben 40 Teile Droge.
Das bisweilen wiederholt verzweigte Rhizom ist 2-3 mm dick, selten dicker (bis 4 mm), frisch von rundem Querschnitt, getrocknet stark geschrumpft und mit Längsleisten versehen, +strohgelb, mit glänzender Oberfläche, innen hohl+. (Fig. 81). Die Internodien sind etwa 5 cm lang. An den Knoten sitzen zweizeilig alternierende häutige, am Rande zerfaserte Niederblätter (Fig. 80 Nb.), in deren Achseln Knöspchen sich finden und auf der Unterseite einige Wurzeln. Die letzteren fehlen den Internodien.
Graswurzel schmeckt fade, schwach süßlich.
=Pathologie.= Über Schädlinge von Agropyrum repens berichtet Prof. ~Ed. Fischer~: Auf den oberirdischen Teilen von Agropyrum repens leben verschiedene parasitische Pilze, wie Erysiphe graminis ~Dc.~, Ophiobolus herpotrichus ~Sacc.~, Leptosphaeria culmiphaga (~Fr.~), Laestadia canificans ~Sacc.~, Phyllachora graminis ~Fckl.~, Puccinia graminis (~Pers.~) und andere, die vielleicht auch indirekt die Rhizome schädigen mögen. Auf dem Rhizom selber wird als Parasit angegeben Coniosporium rhizophilum (~Fr.~) ~Sacc.~, das möglicherweise als Nebenfruchtform zu Ophiobolus gehört.
=Anatomie.= Unter der derbwandigen Epidermis, die abwechselnd aus gestreckten Zellen mit dicker, wellig verbogener Wand (Langzellen) und zwei Kurzzellen mit dünner Teilungswand besteht, liegt ein mehrschichtiges, derbwandig-prosenchymatisches Hypoderm. In das dünnwandige Gewebe der Rindenschicht (Fig. 82 r) eingebettet finden sich einige (6) kleinere Bündel mit starken Bastzellbelegen (rb) und wenigen Bündelelementen. Die Endodermis [Zylinder- oder Kernscheide, (k)] besteht aus im Querschnitt fast quadratischen Zellen, die innen und an den Seiten verdickt sind. Der Gefäßbündelzylinder besteht aus ein oder zwei Reihen collateraler Bündel, die in Libriform (Bastzellen) eingebettet sind und von denen sich die kleineren an die Endodermis anlehnen, die größeren etwas nach innen gerückt sind. Sie zeigen den typischen Bau der Monocotylenbündel: zwei große getüpfelte Gefäße, dazwischen ein Spiralgefäß, außen eine Siebinsel. Der innere Teil des Markes ist geschwunden, der äußere in der Nähe der Bündel einige Zellreihen breit erhalten (m Fig. 82).
In den Knoten ist der Bau verwickelter. Die Knoten «bestehen zunächst aus einer Querlage von Parenchym, in dieser aber treffen nicht nur die Gefäßbündel des unteren Stengelgliedes zusammen, sondern nehmen auch die der folgenden ihren Ursprung; beide bilden eine beiderseits das Parenchym einschließende, selbst aber wieder nach außen von dem Parenchym des Markes begleitete, aus kurz gegliederten, horizontal verlaufenden, getüpfelten Gefäßen bestehenden Querwand, von der sich nach beiden Richtungen, nämlich nach den beiden durch den Knoten getrennten Stengelgliedern, die Gefäßbündel aufrichten und vertikalen Verlauf nehmen. Diese Gefäßbündel bilden Schleifen, aus denen zuerst in horizontaler Richtung die zu den Scheiden und Wurzeln dringenden Gefäßbündel hervortreten» (~Berg~).
Triticum repens hat Befestigungs- und Ernährungswurzeln. Die +Wurzeln+ sind, wenn 0,3 mm dick, nonarch. Die Endodermis verdickt sich bald stark und die Sklerose ergreift auch das benachbarte Gewebe der primären Rinde (~Holfert~).
=Lit.= ~Berg~, Anatom. Atlas z. pharm. Waarenkunde. t. XVIII. -- ~Hérail~ et ~Bonnet~, Manipulations de botan. médic. 1891, Pl. VIII. -- ~A. Meyer~, Drogenkunde II, 43. -- ~Holfert~, Arch. Pharm. 1889, 505. -- ~Tschirch~, Anatomie, Fig. 436. -- ~Moberger~ und ~Hällström~ (Über d. Bau v. Rhiz. graminis). Nord. farm. Tidskr. 1896.
=Chemie.= ~Marggraf~ erhielt keinen festen Zucker aus Queckenrhizom, wohl aber ~Graff~ (7 Lot aus 20 Pfund). ~Pfaff~ fand darin krist. «Graswurzelzucker», dessen Lösung gelatinierte und den ~Berzelius~ für +Mannit+ hielt. Den Befund bestätigte ~Völcker~ zum Teil, doch erscheint es ihm zweifelhaft ob Mannit vorgebildet ist oder erst sekundär entsteht. ~Stenhouse~ fand weder Mannit, noch krist. Zucker, wohl aber Kaliumoxalat und einen gärungsfähigen amorphen Zucker. ~Ludwig~ hält den Graswurzelzucker von ~Pfaff~ für ein Gemenge von Calciumlaktat und Mannit. Mannit kommt wahrscheinlich in frischem und gut getrocknetem Rhizom nicht vor (~H. Müller~, ~A. Meyer~). ~Rebling~ gibt den Zuckergehalt auf 22% (?) an. Andere fanden viel weniger, z. B. ~Geissler~ in Winterrhizom nur 0,6% Lävulose. ~Ludwig~ und ~Müller~ fanden 1872 einen stark +linksdrehenden Zucker+ (Fruchtzucker), einen +rechtsdrehenden Zucker+ (nicht Rohrzucker), ein eigentümliches, durch Spaltung Fruchtzucker lieferndes linksdrehendes +Gummi+, das durch Bleiessig nicht gefällt wird. Dieses durch Alkohol fällbare, nicht süße «Queckengummi» nennt ~H. Müller~ (1873) +Triticin+ (s. oben). ~H. Müller~, der das Triticin genau untersuchte und seine Darstellung beschreibt, erhielt davon 3,52 aus zuckerreicherer, 7-7,7% aus zuckerärmerer Rhiz. graminis. ~Keller~ erhielt davon 5% aus im Oktober gesammeltem Rhizom. Der süße Geschmack der Droge rührt nicht vom Triticin, sondern von Zucker her, der besonders im Frühjahr reichlicher im Rhizom aufzutreten scheint. Spätere Untersuchungen zeigten dann ~H. Müller~, daß ausschließlich +Fruchtzucker+ (keine Dextrose und kein Rohrzucker) in Rhiz. gram. vorkommt, und daß der Gehalt daran 2,45-3,33% beträgt. Auch +Inosit+ ist nachgewiesen (~Fick~). Er ist ebenfalls süß.
Das +Triticin+, das schon durch Kochen mit Wasser in Fruchtzucker übergeht und den Reservestoff des Rhizoms darstellt, hält ~Reidemeister~ nicht für identisch mit Lävulin (vgl. S. 218) und Sinistrin (S. 224). Es vergärt mit Hefe schwerer. Ob es mit dem +Graminin+ (s. oben S. 218), das ~Ekstrand~ und ~Johanson~ aus den Rhizomen von Phalaris arundinacea, Phleum pratense und den Knollen von Dracaena australis erhielten und dem +Irisin+ (s. oben S. 218), das ~Wallach~ in den Rhizomen von Iris Pseudacorus fand, übereinstimmt, bleibt noch zu untersuchen. Begleitet wird das Triticin von 10,5-11,5% eines +stickstoffhaltigen Gummis+ (Schleim), das näherer Untersuchung bedarf.
~Plauchud~ gibt [neben 3% krist. und 4% unkristall. Zucker] 13,9% +Stärke+ an und beschreibt die sich mit Jod blaufärbenden Körner eingehend (1877). Ich fand niemals Stärke in der Queckenwurzel. Auch ~A. Meyer~ fand weder Stärke noch Öl. Der Landwirt ~Barrel~ soll aber aus 100 kg Rhiz. gram. c. 65 kg «Mehl» dargestellt und als Viehfutter benutzt haben. Es wird hier wohl eine Verwechslung mit Cynodon Dactylon vorliegen, dessen Rhizom Stärke enthält. «Was ~Rabourdin~ als eigentümliche stärkemehlartige Substanz beschreibt, dürfte wohl im wesentlichen Triticin sein» (~Wittstein~).
~Hermbstädt~ glaubte Weinstein (?), ~H. Müller~ +Malate+ nachgewiesen zu haben. Pektin und Harz fehlen (~Flückiger~).
Rhiz. graminis enthält 12,8% Wasser und 3,44% +Asche+ der bei 105° getrockneten Ware (~Nygård~). ~H. Müller~ erhielt 4,5%, ~Hauke~ 2,72-2,95% +Asche+.
In dem Rhizom von Cynodon Dactylon ~Pers.~ fand ~Semmola~ +Cynodin+ (wohl Asparagin oder etwas dem ähnliches).
=Lit.= ~Marggraf~, Chym. Schrift II. Th. 70 (1767). -- ~Graff~, ~Trommsd.~ Journ. 1800, 7, 271. -- ~Pfaff~, Syst. d. Mat. med. 1808 I, 198; 1821, VI, 110. -- ~Stenhouse~, Ann. Chem. Pharm. 41, 354 (Pharm. Jahresber. 1844, 26). -- ~Völcker~, Ann. Chem. Pharm. 59, 1846, 380. -- ~Ludwig~, Arch. Pharm. 1857. -- Eingehende Analyse in ~H. Ludwig~ und ~H. Müller~, Über d. Bestandt. d. Queckenwurz. Arch. Pharm. 1872, 51, 132. -- ~Plauchut~, Et. sur le chiendent (Trit. repens). Journ. pharm. chim. 1877, 389 (dort auch eine Aschenanalyse). -- ~Rebling~, Arch. Pharm. 1855, 15. -- ~H. Müller~, Über den Graswurzelzucker und über das Triticin, ein neues Kohlehydrat im Rhizom von Triticum repens. Arch. Pharm. 1873, 500. Journ. pr. Chem. 1873, 832. -- ~A. Meyer~, Drogenk. II, 46 (~Keller~). -- ~Wittstein~, Handwörterbuch. -- ~A. W. v. Reidemeister~, Beitr. z. Kenntn. d. Levulins, Triticins und Sinistrins. Diss. Dorp. 1880 (Ph. Z. f. Rußl. 1880, 658. Referat in Botan. Jahresb. 1880, I, 438). -- ~Fick~, Pharm. Zeitschr. f. Rußl. 1887 und Ph. Jahresb. 1887, 324. -- ~Ekstrand~ u. ~Johanson~, Ber. d. d. chem. Ges. 1887, 3310 u. 1888, 594. -- ~Wallach~, Lieb. Ann. 234 (1886). 374. -- Oper. min. di ~Giov. Semmola~, Napoli 1841 (Chem. Jahresb. 1845, 535) Della Cinodina, nuovo prodotto organ. trov. nella gramigna offic. Cynod. Dactyl. -- ~Lippmann~, Chemie der Zuckerarten 1904.
Als =Verfälschungen= werden genannt die Rhizome von Carex arenaria L. (Rhiz. caricis), Carex disticha ~Huds.~ (C. intermedia ~Good.~), Carex hirta L. u. and. _Carex_arten. Alle _Carex_rhizome führen Mark. Die Rindenschicht besitzt bei dem graubraunen, mit langen zerrissenen, bräunlichen Niederblättern besetzten Rhizom von Carex arenaria große Luftlücken (abgebildet bei ~Berg~, Anat. Atlas t. VIII). Das Parenchym des Markes führt Stärke. Die Luftlücken fehlen bei den rotbraunen Rhizomen von Carex hirta, die ebenfalls Stärke führen, auch in der Rinde. Sie fehlt hier bei C. disticha. ~Moberger~ und ~Hällström~ halten Größe und Form der Endodermiszellen für das beste Unterscheidungsmerkmal. Sie messen bei Rhiz. graminis 24-30, bei Rhiz. caricis 8-14, bei Carex disticha 10-12 mik.
Die Ausläufer von Lolium perenne besitzen Wurzeln auch an den Internodien. Ich habe sie nie in der Droge gefunden. Ich fand dagegen (1909) der Droge oft beträchtliche Mengen der Halme beigemengt, die aber anatomisch leicht erkannt werden konnten.
~Berg~, Pharmakognosie 1879, 97. -- ~Moberger~ und ~Hällström~ (Bau von Rhiz. gram. u. deren Substituten). Nord. farmaceut. Tidskr. 1896, 114 (Pharm. Zeit. 1896, 437).
=Anwendung.= Beliebtes Blutreinigungsmittel und Diuretikum des Volkes. In der Medizin als Mellago (Fluidextrakt) und Ptisana besonders in Frankreich noch viel benutzt, in Deutschland auch als Extrakt.
Die Quecke steht auch in der Liste der ~Kneipp~schen Mittel (als harn- und schweißtreibend) -- auch der Saft der frischen Wurzel zu Frühlingskuren als «Blutreinigungsmittel». In der Tierheilkunde dient Rhiz. graminis bisweilen als Substituens von Rad. althaeae.
~Hofmann~ bemerkt (1787), daß man aus Graswurzel eine Art Wein, Bier, Weingeist und Essig darstellen könne.
=Paralleldrogen.= Das Rhizom von Cynodon Dactylon ~Rich.~ (Panicum Dactylon L., Digitaria stolonifera ~Schrad.~), einer in Südeuropa, Nordafrika, Persien, Kaukasien heimischen, aber auch in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz vorkommenden, nach Peru, Kalifornien und Australien verschleppten Graminee (vgl. auch S. 218), als Rhiz. graminis italici, Gros Chiendent, Chiendent pied de poule, Ch. du Midi bekannt, ersetzt in Südeuropa das Rhiz. graminis. Die Rhizome sind dicker und derber als bei Agropyrum repens, trocknen nicht so stark ein, besitzen längere Internodien und an den Knoten reichlich Knospen. Die Rindenschicht ist schmal. An die Endodermis lehnt sich ein Bastzellpanzer, in den vereinzelte Bündel eingebettet sind. Zahlreiche isolierte Bündel sind über das reichlich Stärke führende Mark verstreut, das im Zentrum geschwunden ist (Abbild. in ~Braemer-Suis~, Atlas de micrographie Pl. 4). Die Endodermiszellen messen 20-24 mik.
Die mehr maritimen Agropyrum acutum R. u. S., A. pungens R. u. S., und A. junceum ~P. de Beauv.~ dürften gleichwertig mit A. repens sein.
=Geschichte.= ~Fraas~, ~Daubeny~ und ~Flückiger~ meinen, daß das gramen des ~Plinius~ (XXIV, 118) wie das ἄγρωστις des ~Theophrast~ und ~Dioskurides~ (IV, 30) wohl eher Cynodon Dactylon, die in Südeuropa häufige Paralleldroge unseres Rhiz. graminis gewesen sei, doch stellt ~Plinius~ dem gramen, das er als süß beschreibt und dessen diuretische Wirkung er kennt, ausdrücklich ein gramen aculeatum gegenüber, das er Dactylon nennt und von dem er drei Arten kennt. Auch ~Theophrast~ bezeichnet die Graswurzel als süß (caus. plant. 6, 11, 10). Ich finde, daß das Rhizom von Cynodon Dactylon weniger süß schmeckt als das von Agropyrum repens. ~Sprengel~ hält gramen und ἄγρωστις für Triticum repens, das jedoch im Süden seltener ist. ~Wimmer~ führt in seiner ~Theophrast~-Ausgabe (1866) unter ἄγρωστις beide (Tritic. repens +und+ Cynodon Dactylon) auf und das dürfte das richtige treffen. Die Sache läßt sich nicht entscheiden, da beide zu den gleichen Zwecken benutzt wurden. ~Bonnet~ hält des ~Dioskurides~ ἄγρωστις für Dactyloctenium aegypticum. In der Tabula des ~Simon Januensis~ steht Agrostis (I, S. 663).
~Plinius~ nennt eine Menge Krankheiten, gegen die Gramen angewendet werden könne (XXIV, 118). Die diuretische und lithotriptische Wirkung war auch ~Oribasius~ (I, S. 588), ~Marcellus Empiricus~ (de medicamentis XXVI), ~Aëtius~ (Tetrabibli sermo I) und ~Alexander Trallianus~ (I, 591) bekannt. Auch ~Galen~ erwähnt die Eigenschaft «Blasensteine aufzulösen». Sie wird auch in den mittelalterlichen Kräuterbüchern (z. B. dem Herbarius Pataviae 1485) erwähnt, wie von ~Dodonaeus~, ~Turner~ (Herball 1568), ~Gerarde~ u. and. Nördlich der Alpen dürfte es sich hierbei immer um Agropyrum repens gehandelt haben; ebenso in den Sinonoma Bartholomei (I, 649: gramen radix), in dem Nördlinger Register (I, S. 813, graminis), in den Taxen von Frankfurt 1582 (I, S. 817), von Hamburg 1587 (I, S. 818) u. and. Graminis radix steht auch bei ~Cordus~ (I, S. 799), der sie zu den Oxysacchara composita benutzte.
=Lit.= ~Flückiger~, Pharmakognosie. -- ~Flückiger-Hanbury~, Pharmacographia.
VII. Scillin- (Sinistrin-) Drogen.
Das Sinistrin, ein linksdrehendes, nicht gärungsfähiges, beim Kochen ~Fehling~sche Lösung reduzierendes, wohl mit dem Triticin verwandtes Polysaccharid, findet sich in den =Bulbus Scillae=, doch werden diese, da wegen anderer Bestandteile benutzt, an anderer Stelle abgehandelt werden.
=Lit.= ~Reidemeister~, Bot. Jahresb. 1880, I, 439. -- ~Schmiedeberg~, Ebenda 1879, I, 385. -- ~O. Hammersten~, Pflüg. Arch. 36, 373.
VIII. Polysaccharide vom Charakter der Membranine.
Membranindrogen.
Früher hatte man den Inhaltsstoffen der Zellen fast allein Beachtung geschenkt. Mehr und mehr aber zeigte sich, daß auch die Membran zu chemischen Leistungen befähigt ist. Am deutlichsten trat dies bei der sog. resinogenen Schicht der Sekretbehälter hervor, die, zweifellos ein Teil der Membran, doch energische chemische Arbeit leisten kann. Schon früher war erkannt worden, daß die Schleime fast ausnahmslos Membranbildungen sind, und daß auch das Gummi und verwandte Substanzen zur Membran gehören, ebenso wie Lichenin, Amyloid und Pektin. Da war es denn keine besondere Überraschung mehr, daß Membranen auch den Charakter von Reservestoffen annehmen können.
Pharmakologisch spielen die Membranen und ihre Bestandteile eine sehr verschiedene Rolle. Rein mechanisch wirken z. B. die Baumwollhaare, das Penawar Djambi, der Feuerschwamm, der Torfmull, das Holzmehl, die Kieselschalen der Diatomeen: sie saugen kapillar und osmotisch Flüssigkeiten auf. Die Substanz ihrer Membran kommt hierbei wenig in Betracht, tritt jedenfalls pharmakologisch nicht in Reaktion. Physikalisch ist auch die Wirkung des Korkes zu deuten, aber in Abhängigkeit von der chemischen Natur der Korklamelle. Anders bei der Gruppe der Schleime und des Gummis. Hier ist es die Substanz selbst, die das pharmakologische Individuum bildet.
Chemisch umschließt der Begriff Membran sehr verschiedene Dinge. Wir wissen, daß er nicht identisch ist mit Zellulose, und daß der Begriff Zellulose seinerseits wieder vielerlei Verschiedenes umfaßt, wie auch, daß die nicht aus Zellulose bestehenden Membranen ihrerseits wieder recht verschieden aufgebaut sind.
Wenn nun die Verhältnisse aller dieser Klassen chemisch vollkommen und in allen Punkten aufgeklärt wären, so könnte man auch hier wohl an eine chemische Gruppierung denken. Da dies aber nicht der Fall ist, müssen wir uns nach einer anderen Einteilung, die auch das morphologische Moment mit berücksichtigt, umsehn. Das allen diesen Dingen gemeinsame ist, daß sie Membranbestandteile sind, und so mögen sie denn alle, welche chemische Beschaffenheit sie auch zeigen, unter dem gemeinsamen Namen +Membranine+ zusammengefaßt werden.
~Cross~ und ~Bevan~ bilden die Gruppen: Lignozellulosen, Pekto- und Mukozellulosen und Adipo- und Cutozellulosen. Ich teile die Membranine zunächst in zwei große Gruppen, in die der Zellulosine, die die Membranine umfassen, welche wir nach dem Stande unserer Kenntnisse als Polysaccharide auffassen können, die jedenfalls bei der Hydrolyse irgend einen oder mehrere Zucker liefern -- und andererseits die Membranine, von denen wir dies vorläufig noch nicht annehmen können, bei denen jedenfalls andere Körper den chemischen Charakter der Membran bestimmen. So komme ich zu folgender Einteilung, die sich für unsere Zwecke besonders gut eignet, aber auch für den Phytochemiker vorläufig brauchbar sein dürfte.
A. +Zellulosine, welche Polysaccharide enthalten+ (umfaßt die Zellulosen von ~Tollens~ und die Lignozellulosen, sowie Pekto- und Mukozellulosen von ~Cross~ und ~Bevan~).
1. Zelluloso-Membranine (reine oder fast reine Zellulose, schwer hydrolysierbar),
2. Reservezelluloso-Membranine (meist Hemizellulosen im Sinne von ~E. Schulze~),
3. Lichenino-Membranine inkl. Amyloido-Membranine,
4. Lignino-Membranine (Lignozelluloso-Membranine, schwer durch Säuren hydrolysierbar, leichter durch schweflige Säure [~Tollens~]),
5. Pektino-Membranine,
6. Koryzo-Membranine (oder Myco-Membranine, Membranschleime),
7. Gummo-Membranine.
B. +Membranine, von denen noch nicht sicher ist, ob sie Polysaccharide enthalten+ (umfaßt die Adipo- und Cutozellulosen von ~Cross~ und ~Bevan~).
1. Suberino-Membranine (Kork),
2. Mycino-Membranine (Pilzzellulose),
3. Silico-Membranine (Diatomeenschalen),
4. Andere Kryptogamen-Membranine.
A. Zellulosindrogen.
~Tollens~ nimmt vier Hauptgruppen der Zellulosen an: 1. die eigentlichen Zellulosen, 2. hydratisierte Zellulosen wie Hydrozellulosen und Hemizellulosen, die nicht reduzierend wirken, 3. Zellulosen mit Carboxylgruppen (dazu die sog. Pektinsäuren, die sog. Acidzellulosen), 4. Zellulosen, die Carboxyl- und zugleich auch Aldehyd- und Ketongruppen führen, daher reduzierend wirken (dazu die sog. Hydralzellulosen, das Oxybassorin und die Oxyzellulosen). ~Bumcke~ und ~Wolffenstein~ ziehen die Gruppen 2-4 zusammen als hydratisierte oder Hydrozellulosen und unterscheiden: a) reduzierende (Hydralzellulosen), b) reduzierende mit Carboxylgruppen, c) nichtreduzierende mit Carboxylgruppen (Acidzellulosen), d) nichtreduzierende ohne Carboxylgruppen (Laktone?).
Jedenfalls stehen die Körper der Gruppe der Zellulosine, wie ich die ganze Gruppe nenne (s. oben), zu der Zuckergruppe in Beziehung und wir dürfen sie als hochmolekulare Polysaccharide betrachten, aber die Verhältnisse liegen bei ihnen viel komplizierter. Denn bei der Hydrolyse mit Säuren oder Enzymen (Cytasen) entstehen hier oft nicht nur +Hexosen+ (Glukose, Galaktose, Mannose) [und bei der Oxydation (aus Galaktose) Schleimsäure:
OH H H OH COOH--C--C--C--C--COOH], H OH OH H
sondern auch sich durch Entstehung von Furol bei der Destillation mit HCl verratende +Pentosen+ (Arabinose, Xylose), +Methylpentosen+ (Fukose) und +Furoide+ (Oxydationsprodukte von Hexosen- oder Pentosen-Monoformale), sowie (bei den Gummis) eigentümliche als Geddinsäuren bezeichnete Körper, so daß wir in den Zellulosinen nicht nur +einfache Hexosane+ (z. B. Glukosan, Galaktan, Mannan) und einfache Pentosane (z. B. Araban, Xylan), sondern auch +gemischte Hexosane+ (z. B. Gluko-Mannane, Frukto-Mannane, Galakto-Mannane und in vielen Hölzern: Manno-Gluko-Galaktane) und +gemischte Pentosane+, sowie +gemischte Hexoso-Pentosane+ (z. B. Galakto-Araban), +Furoido-Pentosane+ (wie z. B. in den Lignozellulosen) und +Furoido-Hexoso-Pentosane+, sondern bei einigen offenbar noch kompliziertere Kondensationsprodukte von Gliedern der Kohlehydratreihe und vielleicht auch anderen, nicht hierher gehörigen Körpern (?) vor uns haben.
So besitzt die sonst wohl für pharmakognostische Zwecke, besonders in der Gruppe der Gummis und Schleime, brauchbar befundene Unterscheidung zwischen Schleimsäure liefernden und Schleimsäure nicht liefernden Zellulosinen jetzt nur noch vorläufig orientierenden Wert. Sie sagt uns nur, ob Galaktose bildende Gruppen darin vorhanden sind. Und auch eine Einteilung, etwa nach Glukosozellulosen, Mannosozellulosen, Arabinosozellulosen, läßt sich für pharmakognostische Zwecke nicht machen, da bei der Hydrolyse eben meist mehrere Zucker entstehen. Ja selbst die Hemizellulosen (~E. Schulze~, Zellulosegummi (~Hoffmeister~) oder lösliche Zellulose) sind mit den echten Zellulosen durch viele Übergänge verbunden. Auch nach der Ansicht von ~Schulze~, zu der dieser auf rein chemischem Wege kam, bilden Zellulose, Hemizellulosen, schleimgebende Zellbestandteile und Amyloid eine Reihe chemisch verwandter Substanzen, deren einzelne Glieder wohl durch noch unbekannte Zwischenformen miteinander verknüpft sind.
Immerhin können wir doch den zuerst von ~E. Schulze~ hervorgehobenen Unterschied machen, daß die echten Zellulosen nur schwer hydrolysierbar sind, die Hemizellulosen aber relativ leicht. Ferner sind die echten Zellulosen stets Gerüstsubstanzen, die Hemizellulosen aber oft Reservestoffe. Den Charakter von Gerüstsubstanzen tragen aber auch die Lignino-Membranine, und die Korizo-Membranine sind, bisweilen wenigstens (z. B. bei den Schleimendospermen), ebenfalls Reservestoffe. Die Gummo-Membranine endlich machen oft ganz den Eindruck von Sekreten und die Pektino-Membranine scheinen zu dem Zucker der Früchte biologisch in Beziehung zu stehen.
Nur eins ist, wie gesagt, allen Zellulosinen eigen: sie liefern bei der Hydrolyse einen oder mehrere Zucker.
1) Zelluloso-Membranindrogen.
Der Name +Zellulose+ rührt von ~Payen~ her (1838), dem wir die ersten systematischen chemischen Untersuchungen über das Zellhautgerüst der Pflanzen verdanken. Er gab der Zellulose die Formel C₆H₁₀O₅. ~Schleiden~ fand 1838 die Jodschwefelsäurereaktion, ~Schulze~-Rostock die mit Chlorzinkjod. Die Löslichkeit der Zellulose in Kupferoxydammoniak entdeckte ~Schweizer~ 1857 und ~Gilson~ zeigte 1893, daß man aus dieser Lösung krist. Zellulose erhalten kann, doch erhielt weder ~Cramer~ noch ~Winterstein~ nach ~Gilsons~ Verfahren Kristalle mit Zellulosereaktion. Die Chemie der Zellulosen beginnt in den achtziger Jahren des XIX. Jahrh. mit dem Studium der bei der Hydrolyse der Zellwände auftretenden Zuckerarten.
Die Zellulosezellwände geben bei der Hydrolyse mit fast konz. Schwefelsäure (~Flechsig~) ganz vorwiegend +Traubenzucker+ (Dextrose, vgl. S. 6), Galaktose entsteht hierbei nicht, Mannose, Arabinose und Xylose hin und wieder, meist jedoch in nicht großen Mengen. Es sind also +Glukosezellulosen+, gemischte Anhydride in denen der Glukose liefernde Bestandteil jedenfalls weitaus überwiegt. Glukosezellulose war es auch, die ~Gilson~ kristallisiert erhielt. Der Typus dieser Glukose(Dextrose-)zellulose ist die Baumwolle (s. d.).
Bei der Hydrolyse der Zellulose entsteht als Zwischenprodukt ein mit Maltose isomeres Disaccharid, die +Zellose+ oder Zellobiose (~Skraup~ und ~König~), das sich also zur Zellulose verhält wie Maltose zur Stärke. Durch Nitrieren der Zellulose gelangt man (bei Annahme der Formel C₁₂H₂₀O₁₁) bis zu einem Hexanitrat (Kollodiumwolle, Schießbaumwolle). Salzsäure und Kaliumchlorat und andere Oxydationsmittel liefern Oxyzellulose (~Vignon~), Schwefelsäure Hydrozellulose (~Girard~), Natronlauge Natronzellulose (C₁₂H₂₀O₁₀.2 NaOH). Letzter Prozeß ist als Mercerisieren bekannt. Mit Laugen gequollene Zellulose gibt durch Behandeln mit CS₂ die wasserlösliche «+Viskose+» (~Cross~ und ~Bevan~). Glycerin verändert Glukosezellulose selbst bei 300° nicht -- Unterschied von anderen Zellulosen (~Wisselingh~). Schmelzendes Kali bildet beim Erhitzen über 180° Protokatechusäure und Brenzkatechin (~Hoppe-Seyler~), endlich Oxalsäure. Unter 180° soll Glukosezellulose unverändert bleiben (?). Darauf beruht das Verfahren ~Langes~ zur Bestimmung der Zellulose. (Über Zellulosebestimmung vgl. auch meinen Artikel: Zellulose in der Realenzykl. d. Pharm.)
Die Möglichkeit der Überführung der Zellulose in Traubenzucker war bereits ~Gay Lussac~ und ~Braconnot~ bekannt. Aber trotz zahlreicher Arbeiten kennen wir die Struktur des Zellulosemoleküls noch nicht. ~Cross~ und ~Bevan~, die seit langer Zeit sich dem Studium der Zellulosen widmen, betrachten nur das Eine als sicher, daß Zellulose weder eine einfache Polyaldose, noch ein Anhydrid von Polyaldosen sein könne, sondern neben Aldosekernen unter anderem jedenfalls eine ketonartige Gruppe enthalte.
Immerhin lassen sich aber schon jetzt zwei allerdings durch vielfache Übergänge miteinander verbundene Gruppen erkennen: die +echten Zellulosen+ und die +Hemizellulosen+ (~Schulze~ und ~Winterstein~), die sich durch ihr verschiedenes Verhalten zu 1-2% Mineralsäure unterscheiden. Die echten Zellulosen, zu denen z. B. die Zellulose der Baumwolle gehört, geben selbst bei andauerndem Kochen mit 1-2% Mineralsäuren nur geringe Mengen reduzierender Substanzen (Zucker).
E. ~Schulze~ schlug 1889 vor, nur den in verdünnten Säuren unlöslichen, in Kupferoxydammoniak löslichen Bestandteil der Zellhäute Zellulose zu nennen, die andern leichter zu verzuckernden aber in Kupferoxydammoniak unlöslichen Hemizellulose.
~E. Schulze~ nennt die gewöhnliche Dextrose liefernde Zellulose: +Dextrosozellulose+. Ebenso nennt er den Mannose liefernden Zellwandbestandteil Mannosozellulose u. s. f. (die Mannosozellulose ist mit dem Paramannan ~Gilsons~ identisch).
~Cross~ und ~Bevan~ (Chem. News 65, 77) geben der Baumwollzellulose die Formel: C₁₂H₂₀O₁₀ und nehmen darin acht Hydroxyle an. ~Green~ hält die Zellulose für ein inneres Anhydrid des Traubenzuckers:
CH(OH)--CH--CH--OH | \ \ | O O | / / CH(OH)--CH--CH₂
~Nastjukoff~ erteilt ihr die Formel 40(C₆H₁₀O₅), ~Eder~: C₁₂H₂₀O₁₀, ~Vieille~, sowie ~Lunge~ und ~Bebie~: (C₇H₁₀O₅)₄, ~Mendelejeff~: (C₆H₁₀O₅)₈, doch sind das alles noch Hypothesen. Genaue Angaben über die Molekulargröße der Zellulose lassen sich derzeit noch nicht machen; vielleicht sind die Untersuchungen von ~E. Berl~ und seinen Mitarbeitern über Nitrozellulosen geeignet näheren Aufschluß über die Konstitution des Zellulosemoleküls zu bringen (~Winterstein~).
=Lit.= ~Braconnot~, Ann. chim. phys. 1819. -- ~Payen~, Ann. sc. nat. 1839 u. 1840, Compt. rend. 1840, Mém. sur le develop. des végétaux. Paris 1842. -- ~Schleiden~, Pogg. Ann. 43 (1838) u. Lieb. Ann. 42 (1842). -- ~Schweizer~, Journ. pr. Chem. 76 (1857). -- ~Nastjukoff~, Über d. Veränd. d. physikal. u. chem. Eigenschaften d. Baumwollzellulose bei ihr. Umwandl. in Oxyzellulose. Bull. soc. ind. de Mulhouse 1892. -- ~C. Smith~, Über natürl. Oxyzellulosen. Chem. Zeit. 1894. -- ~Autenrieth~ und ~Bayerhammer~, Jahresb. d. Chem. I, 1822. -- ~Braconnot~, Ann. chim. phys. (2) 12, 1819 und ~Gilberts~ Ann. 1819. -- ~Gilson~, La cristallisation de la cellulose et la composition chimique de la membrane cellulaire. La cellule 9, 397 und La composit. chim. de la membr. cellul. végét. Cellule 11, 19. -- ~Hoffmeister~, Die Zellulose und ihre Formen. Landw. Jahrb. 1889 und Landw. Versuchsstationen 39, 462. -- ~Skraup~ und ~König~, Ber. d. d. chem. Ges. 34. -- ~E. Schulze~, Zur Kenntnis der in den pflanzl. Zellmembranen enthaltenen Kohlenhydrate. Landw. Jahrb. 1894 (Zusammenfassung). +Derselbe+, Zur Chem. d. pflanzl. Zellmembranen. Zeitschr. phys. Chem. 19 (1894). -- ~Renker~, Über Bestimmungsmethoden der Zellulose. 2. Aufl. -- ~Cross~ and ~Bevan~, Cellulose an outline of the chemistry of the structural elements of plants with reference to their natural history and industrial uses. Sec. edit. 1903. Ferner Researches on Cellulose. London 1901. -- ~Cross~, ~Bevan~ and ~Beadle~, Proc. chem. soc. 1901. -- ~Witt~ und ~Lehmann~, Chem. Technologie der Gespinnstfasern. -- ~Schwalbe~, Die Chemie der Zellulose. 1909. -- ~C. Piest~, Die Zellulose, ihre Verarbeitung und ihre chem. Eigenschaften. Stuttgart 1910. -- ~Lange~, Zeitschr. angew. Chem. 1895. -- ~T. F. Hanausek~, Artikel Zellulose in Luegers Lexikon d. ges. Technik. -- ~Tschirch~, Artikel Zellulose in Realenzyklop. d. Pharm. II. Aufl. -- ~Tollens~, Kurzes Handb. d. Kohlenhydrate. -- ~Czapek~, Biochemie (dort eine Liste des Rohfasergehaltes zahlreicher Objekte). -- Vgl. ferner die chem. Lit. unter Baumwolle.
Die anatomischen Verhältnisse der Zellulosezellwände sind einfach. Bisweilen zeigen sie Schichten, die oft abweichende Struktur besitzen, bisweilen Plasmaeinschlüsse, die besonders bei wachsenden Membranen auftreten (~Krabbe~). Das Wachstum der Membran scheint sowohl durch Apposition (vorwiegend beim Dickenwachstum), wie durch Intussusception (beim Flächenwachstum) zu erfolgen. ~Wiesners~ Dermatosomentheorie erscheint nicht haltbar.
Die Membran, besonders der Bastzellen, zeigt oft einen Aufbau aus mehreren Schichten, die sich deutlich, sowohl optisch wie durch abweichende Reaktion (z. B. gegen Jodschwefelsäure, die Verholzungsreagentien usw.) unterscheiden. Um diesen Unterschied zu markieren, habe ich die alte Bezeichnung, sekundäre und tertiäre Membran, wieder aufgenommen (Angew. Anatomie).
=Lit.= ~Correns~, Dickenwachstum durch Intussuszeption bei einigen Algenmembranen. Diss. München 1889 und Z. Kenntnis d. inneren Struktur d. vegetabil. Zellmembranen. Pringsh. Jahrb. 23 (1891). -- ~Ambronn~, Über Poren in den Außenwänden von Epidermiszellen. Pringsh. Jahrb. 14 (auch Habilitationsschrift Leipzig 1882). -- +Derselbe+, Pleochroismus gefärbter Zellmembranen. Ann. d. Phys. 1888 und Ber. d. d. bot. Ges. 1888. -- ~Krabbe~, Beitr. z. Kenntn. d. Struktur u. d. Wachstums vegetabilischer Zellhäute. Pringsh. Jahrb. 18 (1887). -- ~Buscalioni~, Contribuz. allo studio della membr. cellulare. Malpighia 1892 u. 1893. -- ~Zacharias~, Entstehung u. Wachstum d. Zellhaut. Pringsh. Jahrb. 20, 1889 u. Flora 1891. -- ~Wiesner~, Sitzungsb. d. Wien. Akad. 1886, I, 17, Ber. d. d. bot. Ges. 1888 und Botan. Zeit. 1892 (Dermatosomen). -- ~Mikosch~, Ber. d. d. bot. Ges. 1891, 306. -- ~T. F. Hanausek~, Zur Struktur d. Zellmembran. Ber. d. d. bot. Ges. 1892, 1. -- ~Krasser~ (Eiweiß in Zellmembranen). Sitzungsb. d. Wien. Akad. 94 (1886) u. Bot. Zeit. 1888, 209. -- ~A. Fischer~, Zur Eiweißreaktion der Zellmembran. Ber. d. d. bot. Ges. 1887 u. 1888. -- ~Correns~, Jahrb. f. wissensch. Bot. 26 (1894). -- ~Solms-Laubach~, Über einige geformte Vorkommnisse oxals. Kalkes in lebenden Zellmembranen. Bot. Zeit. 29. -- Über die Schleimmembran s. diese (weiter hinten).
Gossypium.
Pili gossypii, Lana gossypina, Baumwolle -- coton (franz.) -- cotton, cotton wool (engl.) -- cotone (ital.) -- algodon (span.) -- algodâo (port.) -- katoen (holl.) -- bomull (schwed.) -- puuvilla (finn.) -- gyapot (ung.) -- βάμβαξ (n.-griech.) -- qutu (pers.) -- kapas (mal.) -- kapase (beng.). -- Die Pflanze: Cotonnier, cotton-plant.
=Etym.= Zweifelhaft ist die Deutung von σίνδον, ξύλον, ὄθων, sowie von βίσσος, byssus, worunter wohl von den Alten ebenso Seide und Leinen, wie Baumwolle verstanden wurde (~C. Ritter~ und ~Regnier~, ~Paulys~ Realenzyklop. d. klass. Altert. 1897, V, S. 1108), und auch das semitische Wort keton (+altsem.+ kettân, +arab.+ alcuta, qutn, kutn), woraus dann coton, cotton, cottone, kattun wurde, bedeutete ursprünglich Leinen (~D. H. Müller~). -- Das ägyptische Wort schens (hebräisch šêš, schesch, buz), welches den Stoff bezeichnete, aus dem Kopfbinde und Leibrock des Hohenpriesters angefertigt wurde, kann Baumwolle aber auch Leinen bezeichnet haben. Der Baum pištim (Josua 2, 6) war nicht Baumwolle, sondern Flachs (~D. H. Müller~). -- Im Sansk. heißt die Baumwolle kârpâsa (die Baumwollpflanze kârpâsî). Doch wurden die Ausdrücke κάρπασος, carbasa, carpas im Munde der Griechen und Römer später mehrdeutig und schließlich auch für Leinen benutzt (~Wagler~). -- Bei ~Plinius~ steht gossipion oder Xylon. Gossypium entweder von gossum (= Wulst, Kropf?) oder, was wahrscheinlicher, von arab. goz (= seidenartig). ~Plinius~ sagt (XIX, 2): «Superior pars Aegypti in Arabiam vergens gignit fruticem, quem aliqui +gossipion+ vocant, plures +xylon+ et ideo lina inde facta +xylina+. Parvus est, similemque barbatae nucis defert fructum, cuius ex interiore bombyce lanugonetur. Nec ulla sunt eis candore mollitiave praeferenda.» (Vgl. auch ~Wiesner~, Rohstoffe.)
=Stammpflanze.= Zahlreiche Kulturformen von mehreren Gossypiumarten besonders =Gossypium barbadense= L. [Spec. pl. ed. I (1753) p. 693] (G. vitifolium ~Lam.~, G. peruvianum ~Dc.~, G. punctatum ~Schum.~ et ~Thönn.~, G. acuminatum ~Roxb.~, G. religiosum ~Parl.~ non ~Linn.~) mit der Varietät peruvianum ~Cav.~ (auch als Art, s. unten), und =Gossypium herbaceum= L. (Spez. pl. ed. I p. 693) (G. indicum ~Lam.~, G. album ~Wight~ et ~Arn.~, G. micranthum P. ~Dc.~, G. hirsutum L., G. punctatum ~Guill.~ et ~Perrott~, G. prostratum ~Schum.~ et ~Thönn.~) mit den Varietäten religiosum, hirsutum und Wightianum (diese auch als Arten). Die Systematik der Gattung Gossypium ist sehr unsicher.
=Systemat. Stellung.= Malvaceae, Hibisceae.
~Parlatore~ betrachtet Birma und den indischen Archipel als Heimat, ~Masters~ hält das in +Sindh+ heimische G. Stocksii für die Stammform von G. herbaceum. ~Schumann~ nimmt (in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam.) drei Arten kultivierter B. an: G. barbadense L. (heimisch auf den Antillen), G. arboreum L. (heimisch in Togo, Afrika) und G. herbaceum L. (seit Urzeiten in Indien kult.) mit den Varietäten religiosum (China [oder Amerika?]) und hirsutum (heimisch in Mexico und Westindien). In der Flora Brasiliensis stehen: G. hirsutum L., G. barbadense L., G. religiosum L., G. pubescens ~Sphitg.~ ~Linné~ beschrieb 5 (6) Gossypium-Arten, ~De Candolle~ 16, ~Rohr~ (1807) 29 (34), ~Todaro~ (1877) 54, ~Parlatore~ (1866) 7 (9), nämlich: Gossypium herbaceum L., G. arboreum L., G. sandvicense ~Parl.~ (= G. religiosum ~Forst.~), G. taitense ~Parl.~, G. hirsutum L., G. barbadense L. und G. religiosum L. ~Masters~ 7, ~Royle~ 4, ~Bentham-Hooker~ 3. Jetzt nimmt man meist 9-10 an.
In Kultur sind aber nur fünf Arten. Von diesen stammen die drei wertvollsten, die groß- und weiß- bzw. gelbblütig sind, aus Amerika, nämlich: Gossypium barbadense (+Sea Island Baumwolle+) aus Westindien (liefert unter andern Sea Island, Barbados und New Orleans Cotton), G. hirsutum (+Upland Baumwolle+) aus Mexiko und G. peruvianum (+Nieren-Baumwolle+) aus Südamerika (liefert die +Peru-+, +Kidney-+ und +Brasilbaumwolle+). Die vierte in Indien bevorzugte Kulturart G. herbaceum (+Indische Baumwolle+) stammt aus Ostindien, und die fünfte, G. arboreum (Purpurblütige Baumwolle, das Gossipion des ~Plinius~), wahrscheinlich aus Afrika. Letztere, die nur wenig in Ägypten, Arabien und Indien kultiviert wird, findet sich wild in Abyssinien und dem oberen Nilgebiet. Besonders von der Sea Island Baumwolle gibt es zahlreiche Spielarten. G. religiosum (s. oben) stammt aus China und liefert die gelbe Nankingbaumwolle. Vielfach sind durch Kreuzung von Arten, Unterarten und Rassen, +Hybriden+, erzeugt worden, so z. B. zwischen der in Florida heimischen Art mit der Common okza genannten Kulturrasse. Auch die Caravonica scheint eine Hybride zu sein.
G. herbaceum wird in den Tropen 2 m, in der gemäßigten Zone 60-90 cm hoch. Sie wird in Südeuropa und in Zentralasien, in großer Menge in der Bucharei, in Ostasien bis Nordchina, Korea und Japan, auf Cypern, in Syrien und Kleinasien gebaut. Die vorderindischen Produkte heißen Surats. Der Stapel ist mäßig lang und stark, meist weich seidenartig. Die Nordwestprovinzen und Assam sind für die Produktion weniger wichtig. Die indische Art wird auch in Zentralasien und China gebaut, sowie in Afrika, den Mascarenen und etwas auch in Zentralamerika und Chile. «Von wenigen Ausnahmen abgesehen sind alle Baumwollpflanzen, welche in Asien angebaut werden, nur als verschiedene Formen von G. herbaceum zu betrachten» (~Semler~). Die für Indien wichtigste Form ist G. Wightianum. Von den amerikanischen Arten liefert G. hirsutum, die in den Südstaaten gebaut und 2-2½ m hoch wird, die Upland-Baumwolle, die die größte Menge der Baumwolle des Welthandels liefert. Die Sorte Orleans wird mehr in Louisiana und Mississipi gebaut, die Sorte Georgian Upland (Boweds) in Georgia und Carolina. Die dritte ist die kurzstapelige Texasvarietät, die in geringer Menge auch im Mittelmeergebiet, Ägypten, Syrien, in Westafrika, den Mascarenen, in Süd- und Ostasien und in Queensland kultiviert wird, eine grünsamige Sorte in Westindien und Venezuela. Einige Sorten haben gelbe Wolle. In China und Hinterindien, aber auch in Ägypten und Italien wird G. religiosum, die Nangkingbaumwolle, gebaut.
Den längsten und feinsten Stapel haben die Sorten der Sea Island-Baumwolle von G. barbadense, die 2-2½ m hoch wird und in den feuchten Küstengebieten von Georgia, Süd-Carolina und Florida und den Inseln (Sea Islands) gebaut wird. Sie wird auch in Westindien, Zentral- und Südamerika, Peru und in bedeutender Menge in Ägypten kultiviert, wenig in anderen Teilen des Mittelmeergebietes, Westafrika, Zentralafrika, Bourbon, Indien, Süd-China und den polynesischen Inseln. Im Stapel gegen diese zurückstehend ist G. peruvianum (Nierenbaumwolle), die 2 bis 5½ m hoch wird. Sie wird besonders in Peru und Brasilien kultiviert, weniger im übrigen Südamerika und den Antillen, dem Mittelmeergebiet, Ägypten, Westafrika, Südasien. Maranham, Bahia, Maceio sind die beliebtesten Sorten.
G. arboreum L. ist baumartig. Sie wird in der Nähe der indischen Tempel angepflanzt. Sie ist bei den Hindus eine heilige Pflanze. Aus ihrer Baumwolle wird der heilige dreiteilige Faden der Brahmanen, «dieses Sinnbild ihrer göttlichen Dreiheit», gesponnen. Dieses G. arboreum L. ist aber nicht identisch mit dem Gossypium arboreum ~Aublet~ (G. religiosum L., G. vitifol. ~Lam.~, G. peruvian. ~Cavan.~, G. brasiliense ~Mac Fadyen~), die aus Guayana stammt.
=Beschreibung der Stammpflanze.= Die Arten der Gattung Gossypium sind Kräuter, Sträucher (I, Fig. 95-98) oder Bäume mit meist 3-9lappigen Blättern und großen ansehnlichen Blüten, die ein bleibendes Hochblattinvolukrum (Außenkelch) aus drei meist großen und gezähnten Blättern besitzen (Fig. 84). Die Staminalsäule unter dem Griffel meist nackt, der Griffel am Ende keulig, die Cotyledonen stark gefaltet (Fig. 87) mit der geöhrten Basis der Würzelchen umfassend. Die Früchte sind drei- (bis fünf-) fächerige, dunkelbraune, walnußgroße Kapseln, die fachspaltig aufspringen. Die 5-10 unregelmäßig nierenförmigen Samen sind mit langen weißen, einzelligen Haaren bedeckt. Nicht alle Epidermiszellen sind aber zu diesen langen Haaren ausgewachsen, ein Teil wächst nur zu kürzeren aus, die technisch auch nicht völlig wertlos sind. In der Union werden nämlich diese kurzen Haare der Grundwolle als +Linters+ (im Gegensatz zur +Lint+-Baumwolle) bezeichnet und dienen nach ~Schanz~ zur Herstellung von Hut- und anderen Filzen, Vigognegarne, gewöhnliche und Verbandwatte, Politurmaterial usw. Bei G. barbadense und peruvianum ist der Same nur mit langen Haaren bedeckt, bei G. hirsutum, herbaceum und arboreum sitzt zwischen den langen Haaren noch ein kurzer Filz («Grundwolle»), bei einer besonders in China kultivierten Varietät von G. herbaceum sind die Haare gelb gefärbt (Nangkingbaumwolle), die Grundwolle sogar tiefgelb. Bei G. barbardense, wo die Grundwolle fehlt, erscheint daher der Same glatt und schwarz, bei G. herbaceum und arboreum weißfilzig, bei hirsutum grünfilzig. Die Kapsel ist bei der ägyptischen Art drei-, bei der nordamerikanischen vier- bis fünfteilig. Zur Zeit der Reife ist das ganze Innere mit den haarbedeckten Samen erfüllt und diese sprengen schließlich die Kapsel auf, so daß der Wollbausch hervorquillt. Ob hierbei auch die fortschreitende spiralige Drehung, die von der Spitze des Haares her, die zuerst austrocknet, erfolgt, mitwirkt, wie ~Semler~ meint, ist noch zu erweisen. Sicher ist, daß die Torsionen des Haares erst im letzten Stadium der Reife eintreten, also bei sog. «unreifen Fasern» weniger zu finden sind, die sich überhaupt durch geringere Wanddicke, das Fehlen der verdickten Ränder und stärkeres Zusammenfallen von den reifen unterscheiden. Am vollkommendsten ausgebildet, d. h. am reifsten, sind die Haare der ägyptischen und nordamerikanischen Baumwolle.
Die Gattung Gossypium ist über die Tropen beider Welten verbreitet, nicht aber die einzelnen Arten. G. herbaceum L. (+sansk.+ karpassi, +hind.+ kapas) ist in Asien (Birma, Irawaddi, ind. Archipel, Sindh) heimisch. Über Europa gelangte es um 1770 nach Nordamerika. G. arboreum L. ist im subtropischen Afrika zuhause (Guinea, Abyssinien, Sennar, Ober-Ägypten) und G. barbadense L. in den Tropen Amerikas.
=Lit.= ~Parlatore~, Le specie dei cotoni. Firenze 1866, mit Taf. -- ~Todaro~, Relatione della cultura dei cotoni in Italia seguit de una Monografia del genere Gossypium. Roma 1877/78, mit Taf. -- ~G. Watt~, The wild and cultivated Cotton plants of the world. London 1907 and Dictionary of economic products. -- ~Middleton~, Descript. of cert. indian botan. forms of cotton. Agricultur Ledger Nr. 8, 1895. -- ~Sadebeck~, Kulturgew. d. deutsch. Kolon. Jena 1898. -- Übersicht der Arten in ~Wiesner~, Rohstoffe, 2. Aufl. 1903. -- Abbild. bei ~Rumpf~, Herb. Amb., ~Parlatore~ und ~Todaro~ (s. oben), sowie ~Wight~, Illustr. Ind. Bot. t. 27 und 28. -- Ferner von Gossypium herbac.: in ~Berg-Schmidt~, Atlas t. 106 (dort auch d. system. Literatur). Abbild. von G. barbadens.: in ~Pabst-Köhler~, Medizinalpfl. t. 158 und ~Bentley-Trimen~, Medicinal plants t. 37 (dort weitere Literatur). Alle drei Arten: in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam. III, 6, S. 51.
=Pathologie.= Auf der Baumwollpflanze sind zahlreiche parasitische Pilze beobachtet worden, von denen mehrere einen grösseren Schaden stiften. Zu diesen gehört Neocosmospora vasinfecta, eine Hypocreacee, welche die ganze Pflanze zum Absterben bringt; dasselbe wird auch von einem Fusarium angegeben. Mehrere Pilzarten bilden sich auf den Kapseln aus, so rufen Phyllosticta gossypina und Alternaria macrospora Schwärzungen der Fruchtknotenwand hervor, auch kennt man eine Bakterienkrankheit der Baumwollfrüchte. -- Die einzige Angabe eines Pilzvorkommens speziell auf den Samen bezieht sich auf eine Torula incarcerata ~Cke.~ (~Ed. Fischer~)
Über die Schädlinge der Baumwollpflanze vgl. ~Semler~, Tropische Agrikultur. Der gefährlichste +tierische Schädling+ ist ein Verwandter der Seidenraupe, die sog. Baumwollraupe oder Baumwollmotte, eine Noctuidee, Aletia xylina (Abbild. bei ~Semler~), dann die zur gleichen Familie gehörige Kapselraupe (Bollworm) Heliothis armigera (Abbild. bei ~Semler~).
=Kultur und Erntebereitung.= Die +Sea-Islandstaude+ wird jetzt kultiviert auf den Inseln an der Küste von Georgia und Florida und in Florida, in Ägypten (Messifieh), auf den Südseeinseln, in Venezuela und Peru; die +Uplandstaude+ in Georgia, Süd-Carolina, Alabama, Texas, Mississipi, Louisiana, Pernambuco, an der Nord- und Ostküste von Brasilien, Sao Paolo, San Salvador, den westindischen Inseln, Venezuela, Peru und in Ägypten (Siftah); die +indische Staude+ in Vorderindien, Natal, Ägypten (Zagazig, Mansurah, Beharah) Vorderasien und Griechenland. Die +australische Caravonica+, deren botanische Zugehörigkeit unbekannt ist, in Nordaustralien (Queensland), auf den neuen Hebriden, in Ostafrika, Ägypten, Mexiko und Peru.
Die Baumwollstaude ist eine ziemlich tiefwurzelige, tropische und subtropische Tieflandpflanze, die eine möglichst gleichmäßige Temperatur (18-26° C.), viel Feuchtigkeit bei anhaltendem Sonnenschein verlangt, also am besten in Küstenländern angepflanzt wird. G. barbadense wird besonders an den Küsten von Georgia und Florida, auf Sea Islands und in Westindien gebaut, gedeiht aber auch in Ägypten. Die nördlichen und südlichen Grenzen sind etwa der 36° n. und s. Br. (bzw. 30° s. Br. bis 41° n. Br.). Man pflanzt die in Samenbeeten erzogenen Pflänzlinge in Abständen etwa wie die Kartoffel (ein junges indisches Baumwollfeld sieht denn auch etwa wie ein Kartoffelfeld aus), oder legt Reihenpflanzungen (Kammkultur) oder sog. Hügelpflanzungen an, bei denen die Samen direkt an Ort gebracht werden. An jeder Pflanzstelle läßt man aber nur die kräftigste Pflanze sich entwickeln. Obwohl die Baumwollpflanze ein mehrjähriges Gewächs ist, zieht man es doch vor sie alljährlich neu auszusäen. 1 Hektar produziert 60-300 kg Baumwolle. Zwei Monate nach der Aussaat beginnt die Baumwollstaude zu blühen, nach weiteren 2½-3 Monaten ist die Kapsel reif. Die Carpelle rollen sich alsdann nach außen zurück und es tritt der große weiße lockere Ball der haarbedeckten Samen hervor (Fig. 84). Nicht alle Kapseln einer Staude öffnen sich gleichzeitig. Sobald so viel Kapseln aufgesprungen sind, daß ein Arbeiter 25 kg Baumwolle am Tage sammeln kann, wird mit der Ernte begonnen, die bei möglichst trockenem Wetter erfolgt (I, Fig. 96 u. 97). Ein Arbeiter kann im Maximum 75 bis 100, selten bis 150 kg sammeln. Eine Baumwollstaude liefert etwa 1¼ kg Baumwolle. Man hat auch mechanische Erntemaschinen eingeführt (vgl. I, S. 94), aber noch ist das Problem nicht gelöst. Der Arbeiter nimmt mit einem Griff den Bausch aus der geöffneten Kapsel (Fig. 83) und sorgt dafür, daß nicht Kapselteile, Blätter und anderes mit geerntet werden. Die die Baumwollbäusche enthaltenden Säcke werden dann auf Tennen entleert und der Inhalt getrocknet. Dann kommen sie in das Ginhaus, um dort zunächst eine Reinigungsmaschine (Seed Cotton Cleaner oder Exhaustorenreiniger) zu passieren und dann dem +Gin+ (abgekürzt aus engine = Maschine) zugeführt zu werden. Das +Ginen+ (Entkörnen, Egrenieren oder Egrainieren), d. h. das Trennen von Samen und Wolle, erfolgt ebenfalls durch Maschinen, deren älteste, jetzt meist durch neuere Systeme verdrängte, die churka (manganello) ist, die noch jetzt da und dort in Indien benutzt wird. Der +Sägegin+ wurde 1792 von ~Whitney~ erfunden. Neueren Datums ist der +Walzengin+ (Fig. 85). Die Maschinen enthalten entweder enggestellte +Walzen+ (Walzengin, in Ägypten und Indien in Gebrauch), die die Haare fassen, während die Samen, die nicht folgen können, abgeworfen werden oder stumpfe, kreisförmige +Sägeblätter+ (Sägegin, in Nordamerika in Gebrauch), deren Zähne durch ein enges Gitter greifen und die Haare von den auf dem Gitter hinabgleitenden Samen abreißen. Durch das Ginen wird die Samenbaumwolle zur +Lintbaumwolle+. Meist ist das Verhältnis von Samen zu Wolle wie 2 : 1, im besten Falle wie 6 : 4. Die egrenierte Baumwolle wird dann in Hanf- oder Jutesäcke oder Häute gefüllt und in hydraulischen oder Plattenpressen zu Ballen von 30 : 38 : 75 cm = c. 56 kg oder 135 : 70 : 80 cm = c. 180-220 kg gepreßt, die mit eisernen Bändern umschnürt werden (Fig. 86).
Die Baumwolle wird noch jetzt, trotzdem auch noch der letztjährige Spinnerkongreß wieder Handel nach Gewicht verlangte, meist nach Ballen gehandelt. Diese aber besitzen ein sehr schwankendes Gewicht. Bei Sea Island finde ich z. B. Gewichte von 373, 375, 377, 384, 388 lbs angegeben; bei Upland 400, 450, 500, 503.69, 510.24, 519, 535 lbs (engl. Pfund), bei afrikanischer 400, 441, 500, 513. Der +Standardballen+ wird zu 500 (engl.) lbs angenommen.
+Der Wert der Baumwolle+ wird beurteilt nach der Länge des Fadens, dem +Stapel+, dem Grade der Seidigkeit (abhängig von der Glätte der Cuticula) und der Feinheit (abhängig vom Durchmesser), der Weichheit, der Reinheit und Homogenität (abhängig von der Anwesenheit toter Baumwolle und Frucht- bzw. Samenresten), von der Festigkeit und der Farbe.
Als langstapelig wird eine Baumwolle bezeichnet, die über 3,5 cm, als mittelstapelig eine solche, die c. 2,5-3,5 cm, als kurzstapelig endlich eine solche, die unter 2 cm Stapellänge besitzt. Die Standardmuster zeigen folgende mittlere Stapellängen in mm: Sea Island 42, ägyptische (Mako, Jumel) 38, Pernambuco (brasil) 32, amerikanische (exkl. Sea Island) 28, Port Natal 28, indische 23 und 17.
Der Stapel der indischen Baumwolle ist kurz aber fein, die Arboreumbaumwolle hat einen seidenartigen Stapel, doch ist die Wolle schwer vom Samen zu trennen.
In Europa wird die eingeführte Rohbaumwolle mit besonderen Maschinen gereinigt, von allen Verunreinigungen befreit, gekrempelt und gekardet (kardiert) -- bisweilen unter Zusatz von Olivenöl --, dann aufgelockert und durch Benzol oder verdünnte Natronlauge bzw. Soda vom Fett befreit, mit verd. Schwefelsäure, Seifenwasser und Wasser gewaschen und dann gebleicht, und in den sog. Wattemaschinen aufgelockert (coton cardé ou ouate). Um Baumwolle mit «knirschenden Griff» herzustellen, wird ihr +Stearinsäure+ zugesetzt.
Die für arzneiliche Verwendung bestimmte +gereinigte Baumwolle+ muß stets entfettet werden. Nicht entfettete sinkt in Wasser nicht unter und saugt Wasser nur schwer auf, und in der guten Aufsaugefähigkeit beruht der Wert der Baumwolle. Auch der starke Luftgehalt hindert das Untersinken. Das Entfetten und Entlüften erfolgt durch Kochen mit verd. Sodalösung oder Seifenlauge (s. oben).
Die +Darstellung der gereinigten Baumwolle+ (Coton dépuré, Purified cotton, Cotton wool, Wound dressing cotton) geschieht in der Weise, daß kardierte, möglichst langstapelige Rohbaumwolle in sehr verdünnte, siedende Pottasche oder Sodalösung getaucht und dann sofort ausgewaschen und ausgepreßt und darauf mittelst 5% Calcium- oder Natriumhypochloritlösung gebleicht wird. Dann wird mit Wasser gewaschen, bis Lackmuspapier nicht mehr verändert wird, getrocknet und gekrempelt.
Zu +Verbandwatte+ werden meist die Abfälle der Baumwollspinnereien (die sog. Kämmlinge) verarbeitet. Sie werden auf dem +Öffner+ von Unreinigkeiten befreit, auf der +Krempelmaschine+ gekämmt und zu Vließen verarbeitet Die sog. +Rohwatte+ wird nacheinander mit Harzseife, Natronlauge oder Soda, Chlorkalk (oder Eau de Javelle), salzsäurehaltigem und reinem Wasser behandelt, getrocknet und zu Vließen verarbeitet (~A. Meyer~).
Mit Benzin entfettete Baumwolle ist als Verbandstoff nicht verwendbar.
=Lit.= ~Beckmann~, Vorber. z. Waarenkunde I. Göttingen 1793. -- ~Baines~, history of cotton manufacture in Great Britain. London 1835. -- ~Benno Niess~, Die Baumwollspinnerei in allen ihren Teilen. Weimar 1868. -- ~A. Oppel~, Die Baumwolle nach Geschichte, Anbau, Verarbeitung und Handel. Leipzig 1902. -- ~Semler~, Tropische Agrikultur. -- ~Eckardt~, Der Baumwollbau. 1906. Beiheft VII z. Tropfenpfl. -- ~Yves Henry~, Le Coton. Publ. d. Gouverm. génér. de l’Afrique occid. franc. 1906. -- ~Kick~ in ~Karmarsch~ und ~Heeren~, Technisches Wörterbuch 1876. -- ~von Kapff~, Über Wolle, Baumwolle, Leinen, natürliche u. künstliche Seide. Leipzig, ~Fock~. 1909. -- ~E. Frank~, Handb. d. Baumwollindustrie. -- ~C. Heine~, Die Baumwolle (nach Cotton von ~Burkelt~ and ~Hamilton~). -- ~Kuhn~, Die Baumwolle, ihre Kultur usw. 1892. -- ~H. Lecomte~, Le Coton. Paris 1899. -- ~Tobler~ in Kolonialbotanik. -- ~T. F. Hanausek~, Artikel Baumwolle in Realenzykl. d. Pharm. II, 590. -- ~Wiesner~, Rohstoffe. -- ~Passon~, D. Kultur der Baumwolle mit besonderer Berücksicht. derjen. von Brasilien. Nach dem gleichnamigen Werke von ~d’Utra~, Stuttgart 1910. -- ~M. Schanz~, Die Baumwolle in d. Verein. Staat. Beiheft z. Tropenpflanzer 1908. -- ~Yves~, Le coton aux États-Unis-Journ. Agr. pr. pays chauds 1903 (mit einer Übersicht der Varietäten). -- ~M. Schanz~, Baumwollbau in deutschen Kolonien. Berlin 1910. -- ~Busse~, Zeitfragen d. Landw. im trop. Afrika m. bes. Berücks. d. Baumwollbaus. Tropenpflanzer 1907. -- Weit. Lit. unter Anatomie. -- Der Baumwollbau und -handel im Mittelalter bei ~Heyd~, Levantehandel II, 572.
=Produktion.= Das wichtigste Produktionsland der Baumwolle ist +Nordamerika+, wo in Texas, Georgien, Alabama, Mississippi, Süd-Karolina, Arkansas, Louisiana, Nord-Carolina und Tennessee Baumwolle gebaut wird. Der Jahresertrag betrug: 1906 über 13 Mill. Ballen (vgl. I, S. 184). Hauptausfuhrhäfen sind New Orleans (nach Liverpool wichtigster Baumwollmarkt der Erde), Galveston, Savannah, Charleston, Wilmington, Mobile, Pensacola, New York, Norfolk, Boston, Baltimore.
In +Mittelamerika+ baut Haiti, Portorico, Jamaika, Martinique, Guadeloupe. Die Produktion geht, obwohl das Produkt vorzüglich ist, zurück.
In +Südamerika+ baut Guyana, Columbien, Venezuela, Peru und besonders Brasilien Baumwolle. Hauptausfuhrhäfen sind: Barranquilla und Sabanilla, Puorto Cabello, Pernambuco, Maceió, Ceará.
In +Ostindien+, dem zweitwichtigsten Produktionslande besonders für ordinäre Sorten, baut +Britisch Indien+ in Bombay, Sind, Berar, Madras, den Nordwestprovinzen, Haiderabad, den Zentralprovinzen, Pandschab und Radschputana Baumwolle (am meisten Berar). Die wichtigsten Produktionsgebiete der Baumwolle in +Vorderindien+ liegen in den Ebenen von Guzerat und Katkiawar, dem Hochland von Dekkan, den tiefen Tälern von Berar und den Zentralprovinzen. Hier steht der Baumwollbau in Kleinbetrieb bei den eingeborenen Bauern und dies bedingt die Minderwertigkeit des Produktes gegenüber der amerikanischen und ägyptischen Baumwolle. Hauptausfuhrhäfen sind: Bombay, Calcutta, Karatschi, Tuticorin, Madras.
In +China+ ist die Kultur umfangreich, reicht aber nicht zur Deckung des großen Bedarfes. Der Baumwollbau in China reicht bis ins XI. Jahrh. zurück. Er hat sich allmählich über große Teile des Reiches verbreitet, wird aber besonders in den Küstenländern betrieben.
Die Kultur in +Japan+ ist ebenfalls beträchtlich, doch deckt sie nicht den Bedarf und muß Japan Baumwolle aus China importieren.
In +Persien+ (Bezirk von Iphahan), +Transkaukasien+ und +Vorderasien+ ist die Kultur gering. In +Australien+ und den +Südseeinseln+ steigend. Australien (Queensland) baut die Caravonica. Von der vorzüglichen Caravonicabaumwolle ist jetzt (1910) sowohl wollige wie seidige im Handel.
In +Afrika+ baut besonders +Ägypten+ viel Baumwolle im Nildelta, überhaupt im Küstengebiet. Zuerst G. herbaceum aus Indien, dann Anfang des XIX. Jahrh. eine nubische Spielart (Jumel, Maho, Mako), jetzt die Sea-Island-Art und Caravonica. Die Baumwolle ist gegenwärtig die größte Finanzquelle Ägyptens. Der Ertrag beläuft sich auf über 200 Mill. Frs. Die ägyptische Baumwolle, die seidenartigen Glanz besitzt und japanischer Seide gleicht, macht der amerikanischen Baumwolle erfolgreich Konkurrenz. Die besten Baumwollsorten kommen jetzt aus Ägypten. Die Algerische Kultur hat aufgehört. In den +deutschen Kolonien+ breitet sich die Kultur aus. Die Baumwollnot im Jahre 1909, die den Preis der amerikanischen Rohbaumwolle von 9,25 auf 16,15 Cents hinauftrieb, hat die Aufmerksamkeit der deutschen Konsumenten auf die Baumwollkulturen in den deutschen Kolonien gelenkt (vgl. ~Supf~, Deutsch-koloniale Baumwollunternehmungen. Beihefte z. Tropenpflanzer. 1910). Deutsch-Ostafrika lieferte 1908 erst 1081 Ballen = 540298 Pfund, Togo 1908/09: 2337 Ballen à 500 Pfund.
Die +europäische+ Kultur in Griechenland, Italien, Spanien und der Türkei ist ohne Bedeutung. Immerhin produziert z. B. Griechenland (von G. herbaceum) jährlich 3840000 kg (~Emmanuel~).
Das Ansteigen der +Baumwollproduktion+ veranschaulichen folgende Zahlen. Die Weltproduktion betrug 1791: 213,4, 1834: 408,5, 1880/84: 2274,3, 1891/99: 3260,8 Mill. kg pro Jahr. Obenan in der Produktion steht jetzt Nordamerika, weit dahinter folgt erst Ostindien und dann mit etwa gleichen Mengen China und Ägypten. Die Baumwollernte der Erde erreichte 1906: 18,6 Mill. Ballen = 3682,8 Mill. kg. 1908/09 betrug die Baumwollernte in 1000 Ballen (à 400 engl. Pfund): Amerika: 13829, Indien: 4665, Ägypten: 910, Brasilien u. and. Länder: 3063. -- Total: 22467. Sie steht damit von allen uns interessierenden Produkten obenan («~King Cotton~»). Der Baumwollverbrauch der Erde betrug 1. Sept. 1907 bis 1. Sept. 1908 (exkl. ägyptischer B.): 15121281 Ballen (der Vorrat 1. Sept. 1908: 7574130 B.). Der Verbrauch ägyptischer B. im gleichen Zeitraum: 658256 B. 1909 liefen in der ganzen Welt 130795927 Baumwollspindeln, davon in Großbritannien c. 53½ Mill., in Nordamerika c. 27½ Mill., in Deutschland c. 10 Mill. 1909 entfielen von der Weltproduktion 66% auf die Vereinigten Staaten, 13% auf Ostindien, 10% auf Mittel- und Ostasien, 7-10% auf Ägypten und 4% auf alle anderen Länder. +Nordamerika+ exportierte +Sea Island+ B. 1908: 33042 bales (= 12699567 lbs), 1909: 25939 bales (= 9740806 lbs) und Upland and other 1908: 7401538 bales (= 3804299126 lbs), 1909: 8551789 bales (= 4438244396 lbs). Die Produktion Nordamerikas betrug 1908/09: 13829000 Ballen (1909/10 10-11 Mill.). Die +indische+ Baumwollernte betrug 1908/09: 3643000 Ballen (zu 400 engl. Pfund). Die indische Baumwollernte 1909/10 wird auf 4289000 Ballen geschätzt. +Ägypten+ produziert jetzt (1910) 5-6 Mill. Cantars pro Jahr. +Rußlands+ Baumwollenbau macht Fortschritte. 1907 lieferte russ. Zentralasien bereits c. 5750000 Pud, Transkaukasien 800000 Pud. +Java+ exportierte 1908 4221002 kg ungereinigte Baumwolle.
+Deutschland+ importierte 1909: 4559207 dz +Roh-Baumwolle+ besonders aus den Ver. Staaten (3½ Mill.), dann aus Brit. Indien und Ägypten, geringere Mengen aus Niederl. Indien, der asiat. Türkei, China, Deutsch-Ostafrika, Togo, Peru und Haiti. +Hamburg+ importierte 1908 seewärts 1125919 dz Baumwolle, davon aus den Ver. Staaten: 491132, Brit. Ostindien: 486678, Ägypten: 80124, China: 17466, kleinere Mengen aus Ostafrika, Westafrika, Kleinasien, Haiti, Mexico, Peru, Brasilien, Venezuela, St. Croix, Niederl. Indien, den Gesellschaftsinseln, St. Thomas, Madagaskar, Nicaragua, Portorico, Jamaica, St. Domingo. Die Einfuhr an Baumwollsamen betrug 120492 dz.
=Lit.= Tropenpflanzer 1907-1910. -- Jahrbuch u. Kalender für die Baumwollindustrie. Leipzig, ~Degener~ (1909, 30. Jahrg.).
=Handelssorten.= +Nordamerikanische Sorten+ sind: +Sea Island+ (Lange Georgia) -- +Louisiana+ -- Alabama (Mobile) -- Florida (Pensacola) -- +Kurze Georgia+, +Upland+ -- +New Orleans+ -- Tennessee -- Texas. Ernte im September.
+Mittel- und südamerikanische Sorten+ sind: Molinos (Mexiko) -- +Pernambuco+ (Brasilien) -- Ceara -- Maceio -- Bahia -- Maranham -- Surinam (Guyana) -- Demerary -- Berbice -- Cayenne -- Varinas (Columbia) -- Barcelona -- Cartagena -- +Lima+ und +Payta+ (Peru) -- Haiti -- +Barbados+ -- Portorico -- Guayanilla -- Cuba.
+Asiatische Sorten+: Surate (Dollerah, Ostindien) -- Madras -- Bengal -- Persische -- Nangking.
+Afrikanische Sorten+: +Maco+ (Jumel, Ägypten) -- Bourbon.
+Australische Sorten+: Die beste australische Sorte ist Caravonica (woll- und seidenartig), die in Nordaustralien gewonnen wird. Von ihr werden Alpacca, Silk und Wool unterschieden. Caravonica gilt jetzt als die beste Baumwolle. Ihr gleichwertig ist die neue (1909) +Mamara+.
+Levantinische Sorten+: Smyrna -- Makedonien.
+Europäische Sorten+: Griechische -- Motril (Spanien) -- Castellamare (Italien). Ohne Bedeutung: neapolitanische, römische, sizilianische.
Die +Hauptmärkte+ für Baumwolle in Europa sind: +Liverpool+, +Bremen+, Hamburg, Havre, Marseille, Antwerpen, Rotterdam, Dünkirchen, Barcelona, Triest, Venedig, Neapel, Genua. Bremen ist erster deutscher Baumwollhafen.
Karte der Baumwollproduktion der Erde in ~Langhans~, Kleiner Handelsatlas 1895, Nr. 10 u. 11.
=Anatomie.= Die +Baumwollsamen+ sind rundlich, 7-9 mm lang, 3-5 mm dick. Die Epidermiszellen der Samenschale sind zum Teil zu den Baumwollhaaren ausgewachsen. Der Haarfilz bedeckt entweder die ganze Samenoberfläche (G. arboreum u. hirtum) oder liegt nur an der Basis und der Spitze (G. religios.). Von der Fläche betrachtet erscheinen die Epidermiszellen etwas unduliert. Oft sind die derbwandigen, einen braunen Inhalt führenden, nicht zum Haar ausgestülpten Zellen sternförmig um die Haarzelle gruppiert (~Hanausek~). Bei Samen mit Grundwolle sind nahezu +alle+ Epidermiszellen zu Haaren ausgestülpt. Dann folgt die Pigmentschicht. Sie besteht aus 4-5 Schichten tangential gestreckter, farbstofführender Parenchymzellen. Auf diese folgt die Kristallzone, ein (oder zwei) Reihen verdickter, bisweilen gut ausgebildete Kristalle führender isodiametrischer Zellen. Die bis hierher beschriebenen Schichten gehen aus dem äußeren Integument hervor (~Schlotterbeck~). Die nächste Schicht besteht aus stark verdickten Palissaden-Sklereïden, deren kleines Lumen ziemlich weit außen liegt. Die dann folgende, reich durchlüftete Nährschicht ist stark obliteriert; außen führen die ziemlich dickwandigen Zellen Farbstoff. Die innerste Schicht des inneren Integumentes (~Schlotterbeck~) besitzt Zellen, die zierliche zentripetale Wandverdickungen zeigen (Fransenzellen ~Hanauseks~, cellules plissées ou frangées ~Perrot~). Dann folgt ein sehr schmaler Nucellusrest, ein meist nur einschichtiger Endospermrest und dann die außerordentlich stark gefalteten Cotyledonen, die im Querschnitt dunkel punktiert erscheinen, da sie zahlreiche, eine blau- oder grünlich-schwarze Masse enthaltende schizogene (~Perrot~ oder lysigene ~Hanausek~, ~von Hoehnel~) Sekretbehälter führen. Sie enthalten Oxalatdrusen, Öl und Aleuron. Auf der Oberseite liegt eine Palissadenschicht. Das Sekret ist nicht näher studiert. Es löst sich in konzentrierter Schwefelsäure mit trüb-blutroter Farbe (~T. F. Hanausek~). Auf der Epidermis der Cotyledonen sitzen Haare ähnlich den ~Mitscherlich~schen Körperchen (~Perrot~).
=Lit.= ~Flückiger~, Über d. Baumwollsamen. N. Jahrb. f. Pharm. 1871. -- ~Harz~, Landwirtsch. Samenkunde II, 741. -- ~Kobus~, Kraftfutter und s. Fälsch. Landw. Jahrb. 13, 1884. -- ~v. Bretfeld~, Anatom. d. Baumwolle- u. Kapoksamen. Journ. f. Landw. 35, 1887, 29. -- ~T. F. Hanausek~, Zur mikrosk. Charakt. d. Baumwollsamenprodukt. Zeitschr. Öster. Apoth. Ver. 1888, 569 u. Samen in ~Wiesner~, Rohstoffe. -- ~Guignard~, Rech. sur le développem. de la graine etc. Journ. d. Botan. 1893. --~Zwaluwenburg~ and ~Schlotterbeck~, Anatomy of the cotton seed and the development of its seed coats. Proc. Amer. pharm. Assoc. 1899, 185 (mit 1 Taf.) (Entwicklungsgeschichte). -- ~Hanausek-Winton~, Microscopy of technical products p. 59. -- ~Perrot~, Bull. sc. pharmacol. 1902, 336. -- ~Greenish~, Struct. of cotton seed. Festschr. f. Vogl. -- Die Preßkuchen auch in ~Collin-Perrot~, Residus industriels 1904.
Mikroskopisch betrachtet erscheint das +Baumwollhaar+ besonders bei den indischen Sorten als ein breites, bisweilen gekörneltes Band, das häufig um seine Achse korkzieherartig gedreht ist (Fig. 88) und drei- bis viermal breiter ist als dick. Bei den feineren, dünneren Sorten aus Nordamerika und Ägypten ist das Haar wenig oder gar nicht zusammengedrückt, nur schwach seilförmig gedreht, ja auf weite Strecken fast zylindrisch, sehr dickwandig mit schmalem Lumen und wulstigen Rändern. Nach ~Wiesner~ soll sich die Torsion bei G. herbaceum über die ganze Länge, bei G. arboreum und barbadense nur auf den mittleren Teil erstrecken, bei versponnener Baumwolle ist bisweilen gar keine Torsion mehr zu bemerken. Durch Salpetersäure wird die Drehung aufgehoben. Das Lumen ist immer klein. Es enthält Reste des Plasmas. Bedeckt ist das Haar mit einer sehr feinen Cuticula, die glatt ist oder Körnelung bzw. Streifung zeigt und bisweilen zart spiralig oder netzförmig gezeichnet ist (näheres bei ~Wiesner~). Der wollige Charakter der Caravonicawolle wird durch eine sehr scharfe regelmäßige, feine spiralige Streifung, der seidige der Caravonicaseide durch dichte und feine wellige Streifung der Cuticula bedingt (~T. F. Hanausek~).
Das Baumwollhaar ist in der Mitte am breitesten (~Wiesner~), an der Basis schmäler. Die Spitze ist spitzkegelförmig, spatelförmig, abgerundet oder kolbenförmig, meist sehr dickwandig (~von Höhnel~), bei der Caravonica oft schief abgeplattet (~T. F. Hanausek~). Die Dimensionen schwanken innerhalb bestimmter Grenzen, die +Dicke+ von 10-42 mik (bei G. herbaceum 12-22, barbadense 19-28, arboreum 20-38, religiosum 20-40 mik, ~Wiesner~). Die +Länge+ (der Stapel) von 10-40 mm (nach ~Bolley~: 25-60 mm, nach ~Wiesner~ bei barbadense: max. bis 51 mm, nach ~Sadebeck~ bei Sea Island: max. 41-52 mm). Genauere Angaben über Dicke und Stapellängen der Handelssorten bei ~Höhnel~. Die +Stapellängen+ betragen (nach ~Höhnel~) bei G. barbadense (Sea Island) 40,5, G. b. (Brasilien) 40, G. b. (Ägypten) 38,9, G. arboreum (Indien) 25, G. herbaceum (Makedonien) 18,2, G. herbac. (Bengalen) 10,3 mm. Bei Caravonica (nach ~T. F. Hanausek~) bis 45 mm. Bei der Breitenbestimmung gibt man das Breitenmaximum und die häufigste maximale Breite an (~Wiesner~).
An der Basis ist das Haar, da es vom Samen abgerissen wird (s. oben), meist offen. Eine Ausnahme macht die _Caravonica_baumwolle, bei der (nach ~T. F. Hanausek~) die verholzte Haarbasis erhalten ist, das Haar wird bei ihr also aus der Epidermis herausgezogen, nicht abgerissen. In der Mitte, wo das Haar auch am breitesten ist, ist das Lumen am größten und die Wand relativ dünn; nach beiden Enden wird das Lumen enger und die Wand dicker. Die Dicke der Wand ist bei der Baumwolle beträchtlich. Sie beträgt ⅓-⅔ des Durchmessers der Zelle. Die Baumwolle besitzt daher eine sehr bedeutende Festigkeit. Der Querschnitt der Baumwollhaare, die nie zu Gruppen zusammenhängen (wie einige Bastfasern), ist elliptisch, eiförmig, lineal, mitunter nierenförmig oder halbmondförmig, gekrümmt (Fig. 88) -- niemals kreisrund oder polygonal; das Lumen der Umrißlinie entsprechend, linienförmig, schmal, länglich, niemals kreisrund. Schichtung fehlt oder ist nur schwach angedeutet. Nach Behandlung mit Jod-Schwefelsäure ist der Querschnitt meist breit-elliptisch oder unregelmäßig aufgequollen, das Lumen aber unverändert länglich; die Zellwand himmelblau, in den äußeren Partien dunkler; Cuticula und Inhalt undeutlich (~T. F. Hanausek~, ~von Höhnel~). +Verschiebungen+ (im Sinne ~von Höhnels~), die bei den gebrochenen Fasern (Lein, Hanf) stets vorkommen, fehlen der Baumwolle.
Läßt man auf das Haar frisches konzentriertes, durch Auflösen frisch gefällten Kupferoxydhydrates in konz. Ammoniak bereitetes Kupferoxydammoniak einwirken (~Cramer~, 1857), so quillt die Wand und läßt Schichtung hervortreten. Die Cuticula zerreißt oder bleibt in Form von Ringen da und dort erhalten, zwischen denen die Zellulosewand bauchig hervorquillt (Fig. 89). Der Inhalt zeigt, da sich das Haar bei dieser Behandlung verkürzt, Querfaltungen, doch treten die bauchigen Hervorquellungen bisweilen nicht hervor, z. B. nicht bei G. flavidum und religiosum (~Wiesner~), nicht bei gebleichten Baumwollwaren (Zwirn, Kattun), deren Fasern die Cuticula fast vollständig fehlt, nicht bei Anwendung von zu wenig konzentriertem Kupferoxydammoniak. Die Cuticula ist nicht immer gleich ausgebildet. Sie ist bald dünn und glatt (Sea Island, Lang. Georgia von G. barbadense), bald derb, gekörnelt und rauh (die matten, dickfaserigen Sorten von G. arboreum, herbaceum, religiosum). Die unreife (todte) Baumwolle ist schwerer in Kupferoxydammon löslich, färbt sich mit Jodjodkali nur hellgelb und ist nicht doppelbrechend (~R. Haller~). Ihre Wand ist dünn, das Haar nicht gedreht, die Cuticula fein gestreift. Wird Baumwolle mit Kalilauge gekocht und dann ausgewaschen, so färbt sie sich mit Jodjodkalilösung rötlichbraun. Chlorzinkjod färbt die Wand, wenn sie dünn ist, so daß nur schwache Quellung eintritt, braunrot, bei starker Quellung violett bis blau (~A. Meyer~). Mit Jodjodkali behandelte Baumwolle wird durch konz. Schwefelsäure in eine blaue Gallerte übergeführt. Cuticula und Plasma werden hierbei gelbbräunlich. Phloroglucin-Salzsäure und Anilinsulfat-Schwefelsäure färben Baumwolle nicht. Nach Behandeln mit Ammoniak tritt auf der Cuticula feine Streifung hervor. Die seidenartig glänzende, besser färbbare +mercerisierte Baumwolle+, die dadurch erhalten wird, daß Baumwollgewebe oder Garne in stark gespanntem Zustande mit Ätzalkalien behandelt werden, besitzt keine Cuticula mehr, quillt daher mit Kupferoxydammon gleichmäßig, zeigt keine korkzieherartige Drehung und meist randlichen Querschnitt. Zur Herstellung der Schießbaumwolle eignet sich nur langstapelige Baumwolle (~Dawson~).
Im polarisierten Lichte zeigt sich die Längsachse der Elastizitätsellipse in Baumwollfasern keineswegs parallel zu der Längsachse der Faser, sondern mehr oder minder stark in linksläufiger, seltener rechtsläufiger Windung gegen sie geneigt. Ausnahmsweise laufen streckenweise die Längsachse der Faser und der Elastizitätsellipse miteinander parallel (~Herzog~).
=Lit.= ~Reissek~, Die Fasergewebe des Leins, Hanfs, der Nessel u. der Baumwolle. Wien 1852. -- ~H. Schacht~, Die Prüfung der im Handel vorkommenden Gewebe durch das Mikroskop u. durch chemische Reagentien. Berlin 1853. -- ~Cramer~, Vierteljahrsschr. d. Naturf. Ges. Zürich 1857. -- ~Bolley~, Chem. Technologie der Spinnfasern. Braunschweig 1867. -- ~Vétillard~, Etudes sur les fibres végétales. Paris 1876. -- ~Wiesner~, Mikroskop. Untersuch. Stuttg. 1872 und Rohstoffe, 2. Aufl. 1903. -- ~A. Meyer~, Drogenkunde. -- ~Sadebeck~, Kulturgewächse d. deutsch. Kolonien. Jena 1898. -- ~von Höhnel~, Mikrosk. d. techn. verwend. Faserstoffe. 2. Aufl. 1905 und Über d. Baumwolle in Vortr. d. Vereins z. Verbreit. naturwiss. Kenntn. 1893. -- ~T. F. Hanausek~, Techn. Mikrosk. und Über die Caravonicawolle. Mitth. d. technolog. Gewerbemus. Wien 1910. -- ~Ed. Hanausek~, Über Mercerisierung und Deformation d. Baumwolle, Mitth. aus d. Labor. f. Waarenk. d. Wien. Handelsakad. 1897, dann Dingl. polytechn. Journ. 1898, 310 u. Zeitschr. f. Nahrungsm., Hyg. u. Waarenk. 1898. -- ~A. Fränkel~ und ~P. Friedländer~, Unters. über Seidenbaumw. Mitt. d. K. K. technol. Gewerbemus. Wien 1898. -- ~Bowman~, The structure of the Cotton fibre in its relation to technic. application. 2 edit. 1882. -- ~H. Kuhn~, Die Baumwolle, ihre Kultur, Struktur u. Verarbeit. Wien 1892 (mit ausführt. Bibliographie). -- ~O. N. Witt~, Chem. Technologie d. Gespinnstfasern. Braunschweig 1888. -- ~Berthold~, Zeitschr. f. Landw. Gew. Dobruschka 1883. -- ~Focke~, Mikrosk. Unters. d. bekannteren Gespinstfasern. Arch. Pharm. 1886, 224. -- ~Perrot~, Produits utiles des Cotonniers. Bull. sc. pharmac. 1902, p. 333 (m. anatom. Abbild.). -- ~Zetzsche~, Die wichtigst. Faserst. d. europäisch. Industr. 1904 (m. Mikrophotogr.). -- ~Buscalioni~, Sulle modificazioni provocate dai processi di mercerizzazione nei filati di cotone. Att. Ist. Univers. Pavia n. Ser. VII (dort die Literatur). -- ~Herbig~, Beitr. z. Unters. d. Vorgänge, die beim Mercerisieren d. Baumw. stattfind. Zeitschr. d. ges. Textilindustr. III, 1899, 17. -- ~Herzog~, Zur Kenntnis der Doppelbrechung d. Baumwollfaser. Zeitschr. Chem. u. Ind. d. Kolloide 1909, 245. -- ~Dawson~, Polytechn. Zentralbl. 1866, 75. -- ~R. Haller~, Chem. Zeit. 1908, 838. ~Cross~, ~Bevan~, ~King~ und ~Joynson~, Rep. on Indian Fibres and fibrous substances. London 1887.
=Chemie.= Die Baumwolle besteht aus fast reiner Zellulose. In den farbigen Sorten findet sich eine Spur eines gelben Farbstoffes. ~Church~ und ~Müller~ fanden in roher Baumwolle 91,15-91,35% Zellulose, 0,4-0,5% Fett und Wachs, 0,5 bis 0,67% stickstoffhaltige Substanz, 7-7,56% Wasser und 0,10-0,12% Asche. Cuticula 0,75%. Die Asche schwankt zwischen 0,1-0,5% (die Angabe von ~Wiesner~: 1,85% ist zu hoch). Gute gereinigte Baumwolle soll nicht über 0,3% Asche enthalten (Ph. helv. IV). Baumwolle ist sehr hygroskopisch.
Das spez. Gewicht der lufttrocknen Baumwolle beträgt 1,47-1,50, die Festigkeit 2-5 g bei direkter Belastung.
+Farbstoffe+ sind in der Baumwolle in sehr wechselnden Mengen enthalten, am wenigsten in den amerikanischen Sorten, am meisten in den chinesischen. Der Farbstoff scheint nicht in allen Baumwollsorten der gleiche zu sein. Sehr verdünnte Natronlauge löst beim Kochen 0,3-0,5% Fett. Das +Fett+ ist wohl mit dem der Samen identisch. Es liefert beim Verseifen Ölsäure, Stearin- und Palmitinsäure (~O. N. Witt~). Das +Wachs+ (0,3-0,5%) ist ein typisches Pflanzenwachs (~Schenck~).
Die Baumwolle wird erst durch konz. Schwefelsäure hydrolysiert (~Flechsig~). Dabei entsteht als Endprodukt reine krist. Glukose (neben sehr wenig Xylose, ~Voswinkel~ und ~Link~; die aus Baumwolle dargestellte krist. Zellulose gibt +nur+ Glukose, ~Gilson~). ~Schwalbe~ und ~Schulz~ erhielten aus Baumwollzellulose bei der Hydrolyse im Autoklaven 44% Traubenzucker (Dextrose). Bei der Hydrolyse reiner Baumwollzellulose erhält man nicht genau die theoretisch berechenbare Zuckermenge, wenn man die Zuckerbestimmung nach ~Allihn~ ausführt und auf d-Glukose umrechnet. Vielleicht hängt dies mit einer «Reversion» zusammen (~E. Winterstein~). Daneben entsteht etwas Mannose, Xylose und Arabinose. Baumwolle enthält nur sehr wenig Xylan (~Schulze~, ~Voswinkel~ und ~Link~, ~Suringar~ und ~Tollens~). Der Pentosangehalt der Baumwolle, bestimmt nach dem ~Tollens~schen Verfahren, beträgt c. 1% (Holzschliff c. 12%!). +Baumwolle ist also vorwiegend Glukosezellulose+, sie besteht aus einem Glukosan.
Von den Abbauprodukten der Baumwollzellulose, soweit solche durch starke Schwefelsäure entstehen, sind verhältnismäßig eingehend studiert die Schwefelsäureester (~Hönig~, ~Schubert~ und ~Stern~), die Zellulosedextrine (~Hönig~ und ~Schubert~) und die Bildung von Traubenzucker (~Flechsig~). Wenig bekannt sind Pergament (Amyloid), ~Guignets~ Zellulose und ~Ekströms~ Acidzellulose. ~Guignets~ Cellulose soluble färbt sich mit Jodschwefelsäure blau, ebenso ~Flechsigs~ «Amyloid», das also eigentlich kein pflanzliches Amyloid ist.
Kupferoxydammon, d. h. ammoniakalische Lösung von Kupferoxyd (~Power~), löst Baumwolle so gut wie vollständig (s. oben), aus der Lösung fällen Säuren und Salze die Zellulose aus. Auch Chlorzink-Salzsäure (1 : 2) löst Baumwolle (~Cross~ und ~Bevan~). Konzentrierte 92%ige Schwefelsäure führt Baumwolle in Amyloid über. Kalte konz. Salpetersäure bildet Nitrozellulosen (Trinitrozellulosen liefern die Kollodiumwolle, vorwiegend Hexanitrozellulosen die Schießbaumwolle, Octonitrozellulosen die künstliche Seide ~Chardonnets~). Die Baumwolle bleibt dabei in Form und Farbe erhalten (Wolle wird gelb). Ausführliches findet man in den Arbeiten ~E. Berls~. Konzentrierte Kalilauge löst Baumwolle nicht (Wolle löst sich), macht sie durchscheinend und für Farbstoffe aufnahmefähiger (Mercerisation, benannt nach ~John Mercer~ 1844). Solche alkalisierte Baumwolle nimmt durch starke Spannung einen seidenartigen Glanz an (~Thomas~ und ~Prevost~).
Aus basischen Erd- und Schwermetallsalzlösungen schlägt Baumwolle ein stark basisches Salz auf der Faser nieder (Beizen). Direkt wird Baumwolle angefärbt von Safflor, Orlean, Curcumin-Glaubersalz-Schwefelsäure (Unterschied von Wolle, ~Ganswindt~) und den Azoxyfarbstoffen, sowie von Congo (~Böttiger~) und von anderen Farbstoffen der Benzidinreihe. Auch +Hämatoxylin+ färbt Baumwolle direkt (~Giltay~). Jetzt kennt man schon über 500 substantive Baumwollfarbstoffe. Gegen nichtbasische Metallsalzlösungen ist die Baumwolle indifferent. Um Metallsalze binden zu können muß die Baumwolle zuvor mit Gerbsäuren und Fettsäuren (Türkischrotöl) «präpariert» werden. Basische Farbstoffe nimmt Baumwolle wenig auf, ebensowenig saure. Um letztere zu binden wird Baumwolle «animalisiert», d. h. mit Albumin, Kaseïn, Leim oder Gelatine imprägniert, oder durch Behandeln mit Ammoniak in sog. «Amidozellulose» (~Vignon~) übergeführt. Mercerisierte Baumwolle (Natronzellulose, s. oben) ist fester und zeigt Farbstoffen gegenüber eine größere Affinität. Der Baumwollfaden wird durch Behandeln mit starken Alkalien verkürzt. Streckt man ihn dann auf die ursprüngliche Länge, so nimmt er Seidenglanz an. Zur Erkennung mercerisierter Baumwolle empfiehlt ~Lange~ eine Lösung von 30 Teilen Chlorzink, 5 Teilen Jodkali, 1 Teil Jod und 24 Teilen Wasser, die nur mercerisierte, nicht reine Baumwolle nach dem Auswaschen blau färbt.
=Lit.= Vgl. auch die Lit. unter Zellulose (oben S. 228). -- ~Ganswindt~, Artikel Baumwolle in Realenzyklop. d. Pharm. II, 594. -- ~Church~ und ~Hugo Müller~, Die Pflanzenfaser in ~Hofmanns~ Ber. über d. Entwickl. d. chem. Industr. Braunschweig 1877. -- ~Otto N. Witt~, Chem. Technol. d. Gespinnstfasern. -- ~Leo Vignon~, Die Zellulosen der Baumwolle, des Flachses, Hanfs und des Ramié. Compt. rend. 131, 558. Derselbe, Zellulose, mercerisierte Z., gefällte Z. und Hydrozellulose. Ebenda p. 708. -- ~C. Piest~, Die Zellulose usw. 1910. -- ~Hönig~ und ~Schubert~, Monatsh. f. Ch. 6 u. 7. -- ~Stern~, Journ. Chem. Soc. 67 (1895). -- ~Schwalbe~ u. ~Schulz~, Ber. d. d. chem. Ges. 1910, 913. -- ~Guignet~, Compt. rend. 108 (1889), 1258. -- ~Flechsig~, Zeitschr. phys. Chem. 7 (1882), 524. -- ~Lange~, Chem. Zeit. 1903, 592 u. 735. -- ~Gilson~, Chem. Zentralbl. 93 b, 531. -- ~Winterstein~, Landw. Versuchsstat. 1894. ~Cross~ und ~Bevan~, Journ. chem. soc., Ber. d. d. chem. Ges. und Cellulose an outline of the chemistry of the structural elements of plants 1895-1906.
=Anwendung.= Baumwolle wird in der Medizin in erster Linie als Verbandwatte benutzt. Die Haare saugen die Flüssigkeiten kapillar und osmotisch auf. Vom Blutserum z. B. das 10-11 fache ihres Gewichtes. Sodann wird Baumwolle oft mit Medikamenten imprägniert (Verbandstoffe). Und endlich dient Baumwolle auch als Filtriermaterial, um Keime abzuhalten oder Luft zu filtrieren. Die durch Kochen mit Natriumhypochlorit erhaltene hygroskopische Watte wird als Ersatz für Charpie empfohlen. Ein entfetteter und gebleichter Baumwollstoff ist unter dem Namen Tela depurata, hydrophiler Verbandstoff, gereinigter Mull in Benutzung. (Prüfung in Pharm. helv. IV.) Baumwolle ist aber auch, hauptsächlich wegen der eingeschlossenen Luft, ein sehr schlechter Wärmeleiter und wird auch aus diesem Grunde benutzt.
Als Verbandwatte brauchbar ist im Notfall auch hydrophiler Baumwollendocht, Lint, Baumwollflanell, englischer Mull (Cambric), appretierte Gaze, Mull. +Hauptsache ist, daß alle Verbandstoffe sterilisiert sind.+
=Lit.= ~Zelis~, Die medizin. Verbandmaterialien. 1900. -- ~Barth~ a. a. O. (s. unten).
=Prüfung.= Der Stapel der gereinigten Baumwolle oder Verbandwatte betrage mindestens 3 cm. Die mikroskopische Untersuchung ergebe +nur+ Haare. Die gereinigte Baumwolle sei rein weiß, geruchlos, frei von Fruchtschalresten und Samenteilen. Sie darf beim Drücken mit der Hand nicht knistern, knirschen (Stearinsäure) und mit Wasser durchfeuchtet Lackmuspapier nicht verändern (Alkali und Säure vom Reinigungsprozeß, s. oben). Der wässerige Auszug (1 : 10) darf nicht opalisierend oder seifig (von der Behandlung mit Seifenlauge, s. oben) oder gefärbt erscheinen. Der mit siedendem Wasser bereitete Auszug (1 : 10) darf weder durch Silbernitrat, noch durch Baryumnitrat oder Ammoniumoxalat mehr als opalisierend getrübt werden. (Chloride, Sulfate, Kalk vom Reinigungsprozeß mit Chlor etc.). Die in 10 ccm dieses Auszuges nach Zusatz von einigen Tropfen Schwefelsäure und 3 Tropfen Kaliumpermanganat entstehende Rotfärbung soll innerhalb einiger Minuten nicht verschwinden (reduzierende Substanzen, z. B. schweflige Säure und Sulfite vom Bleichprozeß). Wird gereinigte Baumwolle auf Wasser geworfen, so soll sie sich sofort mit Wasser vollsaugen und dann untersinken (Fett). Durch Trocknen bei 103° darf gereinigte Baumwolle nicht mehr als 7% an Gewicht verlieren (unzulässig hoher Wassergehalt). Wird der ätherische Auszug von 5 g Baumwolle verdunstet, so soll das Gewicht des getrockneten Rückstandes nicht mehr als 3 cg betragen (höchstens 0,6% Fett und Stearinsäure), doch vermindert selbst ein Gehalt von 1-5% Fett bzw. Fettsäure die Aufsaugefähigkeit der Verbandwatte nicht erheblich. Die Asche betrage nicht mehr als 0,3% (Ph. helv. IV) bzw. 0,5% (Ph. austr.).
Völlig von Fettsäuren freie Baumwolle ist nicht im Handel (~Budde~). Die käuflichen Verbandwatten enthalten 0,2-0,4%. Jedenfalls muß aber eine obere Grenze festgesetzt werden, da Baumwolle vor dem Kardieren nicht selten geölt wird (s. oben).
Ausgeschlossen vom medizinischen Gebrauch ist die in 2-4 cm dicken, beiderseits geleimten Platten vorkommende Handelswatte.
=Lit.= ~Barth~, Herst. und Beurteilung von Verbandwatte. Schweiz. Wochenschr. 1910, 321. -- ~Budde~, Unters. entfetteter Watte. Veröffentl. auf d. Geb. d. Militär-Sanitätswesens 1905.
=Geschichte.= ~Herodot~ berichtet (III, 16), daß die Inder eine Pflanze haben, die statt der Frucht Wolle trage, ähnlich wie die der Schafe, doch feiner, und ~Strabo~ wußte bereits, daß man den harten Kern herausnehmen müsse, um die Fäden rein zu erhalten, kannte also das Egrenieren. Die Griechen trafen auf dem Alexanderzug in Indien Baumwolle (I, 530) und die Gangesstoffe (γαγγητικοὶ), die ~Alexander~ mitbrachte, sollen Baumwollgewebe gewesen sein. ~Strabo~ erwähnt sie (I, S. 532), ebenso der Periplus (I, S. 534) als κάρπασος. Daß sich im allen Indien Baumwollkulturen, wohl von Gossypium herbaceum, befanden, ist zweifellos. Der Occident (Römer und Griechen) wie Araber, Perser und Ägypter bezogen während des Altertums den Baumwollrohstoff und Baumwollgewebe aus Indien. Sicher erwähnt wird Baumwolle (kârpâsa) nach ~von Schröder~ zuerst in den jüngsten vedischen Schriften, den sûtras (500-600 n. Chr.). ~Theophrast~ erwähnt Baumwollanpflanzungen auf den Bahreininseln im persischen Golf (Hist. pl. 1, 4, 9). Es handelt sich hier wohl um G. herbaceum (~De Candolle~). Noch in der Kaiserzeit baute fast nur Indien, besonders das Gangestal, Baumwolle. Nach ~Plinius~ sollen schon die Phönikier auf Tylos große Baumwollplantagen besessen haben(?). Der ~Pharao~ schenkte ~Joseph~ als Zeichen seiner besonderen Zuneigung ein baumwollenes Gewand. Es scheint also Baumwolle damals noch selten gewesen zu sein. In altägyptischen Gräbern finden sich denn auch nur leinene Binden und Gewänder. Baumwolle wurde in Ägypten erst nach der Einwanderung der Perser (c. 525 n. Chr.) in größerem Maßstabe kultiviert (~Brandes~). ~Plinius~ erwähnt die Anpflanzungen in Oberägypten (s. oben S. 230), ebenso ~Pollux~ ein Jahrhundert nach ~Plinius~ (im Onomastikon). In den oberen Regionen des weißen und blauen Nil ist die Kultur der Baumwolle wohl noch älter (~Woenig~). In Abyssinien reicht sie in undenkliche Zeiten zurück (~Schweinfurth~). Merkwürdigerweise wird im Mittelalter nirgends Baumwolle aus Ägypten erwähnt (~Heyd~). Die Mumienbinden der Ägypter, die ~Herodot~ βύσσος nennt, waren, wie mikroskopische Untersuchungen von ~Bauer-Thomson~ (1849) und ~Unger~ (1859) gezeigt haben, +nicht+ aus Baumwolle, sondern aus Lein gefertigt. Ebenso bestand die charta bombycina der Alten wie das alte arabische Papier aus Leinen und Hanf, nicht aus Baumwolle (~Wiesner~, ~Karabaček~). ~Prosper Alpin~ sah im XVI. Jahrh. Kulturen von G. arboreum in Ägypten. Von Indien kam die Kultur (im XIII. Jahrh. n. Chr., nach ~Bretschneider~ im IX. oder X. Jahrh. n. Chr.) nach China. Größere Verbreitung fand die Baumwollkultur in China erst nach der Eroberung des Landes durch die Tataren (1368). Aus dem Jahre 1765 besitzen wir ein chinesisches Werk über Baumwollkultur (mien hua tʿu). Die Araber brachten Baumwollkultur und Industrie nach Spanien. Sie legten im IX. Jahrh. Pflanzungen bei Valencia in Spanien an. Die Mauren errichteten in Granada, Cordova, Sevilla, Barcelona und Fez (Marocco) Baumwollmanufakturen. ~Ibn Alawām~ (XII. Jahrh., I, S. 611) beschreibt die Kultur in Spanien, Sizilien und dem Orient, ~Edrisi~ (I, S. 617) die in Südostmarocco, ~Istachri~ (X. Jahrh.) die Kultur in Mesopotamien (I, S. 616). Auf Kos und Malta scheinen schon im Altertum Baumwollmanufakturen bestanden zu haben. Bis zum Ende des XVIII. Jahrh. kam alle Baumwolle Europas aus der Levante. ~Marco Polo~ (I, S. 724) traf Baumwollkulturen im XIII. Jahrh. bei Mosul, in Persien, bei Kaschgar und südlich vom Tarim und in Indien. Am Ende des XVI. Jahrh. brachten die Holländer rohe Baumwolle nach Europa, die in Gent und Brügge verwebt wurde; von 1772 an entwickelte sich auch in England eine Baumwollindustrie. Die Gewebe wurden aus indischer Baumwolle, später auch aus solcher der Levante, aus Macedonien, Cayenne, Surinam, Guadeloupe und Martinique hergestellt. In Frankreich beginnt die Baumwollindustrie gegen Ende des XVII. Jahrh. in Amiens. Die ersten italienischen Baumwollmanufakturen befanden sich in Venedig und Florenz (XIV. Jahrh.), von dort gelangten sie nach Zürich und Augsburg. Die ersten größeren deutschen Fabriken wurden in Plauen i. V. errichtet. Nach England kam die Baumwollindustrie vielleicht durch niederländische Protestanten; nach den Vereinigten Staaten kam sie 1643. Als die Spanier Amerika betraten, fanden sie die Baumwolle (G. barbadense) in Kultur und Benutzung sowohl auf den Antillen als in Mexico, Peru und Brasilien. In Peru ist die Baumwollkultur sehr alt. 1532 stand sie, als die Spanier das Land betraten, in hoher Blüte, und in alten peruanischen Gräbern findet man viele Baumwollgewebe und Gespinste. Die Expedition des ~Hojeda~, die Venezuela entdeckte, traf dort Baumwolle (I, S. 746). ~Cortez~ fand sie in Mexico (1519), ~Vacca~ in Louisiana (1536). Bei ~Hernandez~ heißt die Baumwolle Xchcaxihuitl. Sie wird von ihm auch abgebildet. In Nordamerika reichen die Anbauversuche bis 1621 zurück, Gossypium herbaceum kam 1770 dorthin und in diesem Jahre begann man auch dort mit der Kultur. Virginia baute B. von Mitte des XVII. Jahrh. auf Betreiben von ~Wyatt~, in Carolina führte sie 1733 der Schweizer ~Peter Purry~ ein, in Georgia 1784 der Schweizer ~Anspurger~, 1784 begannen die amerikanischen Baumwollausfuhren. 1791 begann der Anbau in größerem Stil in Georgia, 1811 in Nord-Carolina, Louisiana und Tennessee, 1821 in Mississipi und Alabama, 1826 in Arkansas, 1826 in Texas und Florida. Heute bauen 14 Staaten der Union Baumwolle. 1800 produzierte Nordamerika schon 9 Mill. kg (~Semler~). Jetzt bevorzugt man dort G. barbadense. In Brasilien begann der Anbau in den Nordstaaten, besonders Bahia und Para, und verbreitete sich darauf nach Pernambuco, Maranhao usw. Jetzt wird dort die meiste Baumwolle im Munizipium Tatuhyan gebaut. Zur Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges, der Periode des «Baumwollenhungers», warf sich alles auf die Baumwollkultur, z. B. in Süditalien, und auch in andern subtropischen und tropischen Ländern begann man mit dem Anbau, der aber nicht überall aufrecht erhalten werden konnte.
=Lit.= ~Wiesner~, Rohstoffe. -- ~Woenig~, Pflanz. d. alt. Ägypt. -- ~Thomson~, Mumienbinden. Lieb. Ann. 69 (1849). -- ~Unger~, Botan. Streifz. auf d. Geb. d. Kulturgesch. D. Pfl. d. alt. Ägypt. Sitzber. d. Wien. Akad. 1859. -- ~Wiesner~, D. mikrosk. Unters. d. Papiers usw. und ~Karabaček~, Arab. Papier. Mitt. aus d. Samml. d. Papyr. Rainer. Wien 1887. -- ~Wagler~, Artikel Baumwolle in ~Paulys~ Realenzyklop. d. klass. Altert. -- ~Brandes~, Über d. antik. Namen u. d. geogr. Verbreit. d. Baumwolle im Altertum. Leipzig 1866. -- ~Blümner~, Technol. u. Terminologie d. Gewerbe u. Künste bei den Griechen u. Römern I (1875). -- ~Wittmack~, Über d. Nutzpflanzen d. alten Peruaner. Compt. rend. du Congr. int. des American. Berlin 1888. -- ~Brandes~, Über die antiken Namen u. d. geographische Verbreitung d. Baumwolle im Altertum. Jahresb. d. Freunde d. Erdkunde 1866. -- ~De Candolle~, L’origine des plant. cultiv. 4. Aufl. 1896, p. 323. -- ~Masters~ in ~Oliver~, Flora of tropical Africa. -- ~Hooker~, Flora of Brit. India. -- ~Bretschneider~, Study and value of chinese botanical works. -- ~C. Ritter~, Die geograph. Verbreit. d. Baumwolle. -- ~De Lasteyrie~, Du Cotonnier. -- ~Schweinfurth~ und ~Ascherson~, Aufzählung usw. -- ~Reynier~, Economie des Arabes et des Juifs. -- ~Brandis~, Die Baumwolle im Altertum. 1866. -- ~Hemsley~, Biologia central.-american.
Die =Samen= (Sem. G. oder Sem. bombacis) wurden früher ähnlich wie Leinsamen in Abkochung als Schleim benutzt, jetzt meist auf Öl verarbeitet. In der Brandenburgischen Taxe 1574 (I, S. 816) steht Sem. Gossypii i. e. Coto vulgo v. Bombasum = Baumwollensat., und Sem. Bombacis in der Frankfurter Reformatio 1656 (I, S. 824) ist ebenfalls Sem. Gossypii.
Der früher als Ölsaat unbeachtet gebliebene oder (z. B. in China und Mittelasien) gemahlen nur als Viehfutter benutzte Same wurde zuerst 1783, aber erst seit 1852 in größerem Stil auf Öl verarbeitet. Jetzt bestehen zahlreiche große Baumwollsamenölfabriken bes. in Nordamerika (1894 dort bereits 252) und 1897 exportierte dies Land schon über 27 Mill. Gallonen Öl und verbrauchte noch mehr für den eigenen Bedarf als Ersatz des Olivenöls. Nächst Amerika exportiert Ägypten viel Baumwollsamen (1897 bereits 7½ Mill. hl).
Der amerikanische Baumwollsamen enthält 15-30, meist 20-25% +Öl+, der ägyptische im Mittel 25%. Beim Pressen erhält man 13-14%. Das Öl enthält neben Phytosterin Glyceride der Palmitin- und Ölsäure (besonders viel von letzterer, ~Slessor~, Chem. Zentralbl. 1859, 140), der Linolsäure und Linolensäure; ferner geringe Mengen Oxyfettsäure, Cottonölsäure, einen aldehydartigen Körper und einen schwefelhaltigen, widerlich riechenden. Aus geschälten Samen bereitete +Baumwollsamenpreßkuchen+ enthalten 43,3% Proteinstoffe, 14,3% Öl und 16,7% stickstoffreie Extraktivstoffe. Er ist also ein vorzügliches Futtermittel. (Mikroskopie bei ~Perrot~, Bull. sc. pharm. 1902). Die Samen enthalten aber eine in Öl unlösliche (~Cornevin~), in kaltem Wasser lösliche giftige Substanz, die ein Alkaloid sein soll und die die Baumwollsamen-Preßkuchen zu einem nicht ganz ungefährlichen Futtermittel macht. Man hat denn auch Vergiftungen beobachtet (~Kobert~, Intoxikationen). Der Same enthält neben Cholin und Betaïn Melitriose (~Ritthausen~). In der Pharmazie wurde Baumwollsamenöl etwa seit 1880 als Ersatz des Olivenöls zuerst in Nordamerika benutzt. ~Marchlewski~ fand im Baumwollsamen krist. Gossypol (C₁₃H₁₂O₂(OH)₂?), das den Charakter einer Oxysäure besitzt (Chem. Zeit. 1898, 11). Die Cotyledonen der Samen von Goss. herbac. färben sich mit konz. HCl hellgrün, die Sekretbehälter an ihrem Innenrande dunkelgrün. Phloroglucin-Salzsäure färbt die Sekreträume violett. ~Winkel~ führt die Reaktion auf Gossypol zurück (Apoth. Zeit. 1905, 211). Die Halphensche Reaktion ist eine Reaktion auf Baumwollsamenöl.
=Lit.= Cotton seed and its products U. S. Dep. of agric. Farmers Bull. No. 36 (1896). -- Über das Baumwollsamenöl vgl. auch Pharm. Jahresber. 1908, 391 und ~Wiedemann~, Dingl. polyt. Journ. 232, 190. -- Weitere Lit. über die Baumwollsamen in ~Bentley-Trimen~, Medicinal plants. -- Bez. Analysen der Baumwollsamen vgl. Jahrb. d. Pharm. 1885, 95. -- Gewinnung des Baumwollsamenöls: ~Lewis~, Diss. Philadelphia 1896 (Pharm. Zeit. 1896, 129). -- ~Marchlewski~ (Gossypol). Journ. pr. Chem. 60 (2), 1899, 84. -- ~Halphen~, Journ. pharm. 1894 u. 1897. -- ~Schweinitz~ (Öl). Journ. Am. chem. soc. 1885. -- ~Cornevin~, Ann. agron. 22, 353 (Chem. Zentralbl. 1897, I, 515). -- Das Anatomische oben S. 238.
Die Araber benutzten den Saft der =Blätter= medizinisch bei Koliken, die Samen bei Brustkrankheiten, das Öl bei Hauterkrankungen. Die Blätter von G. barbadense sollen die Milchsekretion befördern (~Anderson~, Jahrb. d. Pharm. 1881/82, 242).
In Amerika wird =Cort. radicis gossypii= auch vom Volke verwendet. Sie soll eine ähnliche Wirkung wie Secale cornutum besitzen. In Ostindien gilt sie als Diuretikum. ~Staehle~ fand in der Rinde c. 8% Harz, Kautschuk, Zucker, keinen Gerbstoff. ~Drueding~ fand in der Rinde ein rotes und ein gelbes Harz, Öl, Gummi, Zucker, Gerbstoff und Chlorophyll. ~Hartwich~ und ~Morgan~ erwähnen Sekretbehälter in ihr.
=Lit.= ~William C. Staehle~, Chem. and microscop. examinat. of Cotton Root Bark. Am. journ. pharm. 1875, 457. -- ~Ch. C. Drueding~, Analysis of cotton root bark. Amer. Pharm. Journ. 1877, 49, p. 386. -- ~Hartwich~, D. neuer. Arzneidrogen usw. S. 164. -- ~Morgan~, Amer. Journ. 1898 (anatom. Beschr. d. Rinde). -- Weitere Literatur über Rad. gossypii in ~Bentley~ and ~Trimen~, Medicinal plants.
Über den Farbstoff der =Blüten= vgl. ~Perkin~, Journ. chem. Soc. 75 (1899) 825.
Ebenso wie Baumwolle und aus dem gleichen Grunde, d. h. wegen ihrer Aufsaugungsfähigkeit für das Blutserum, werden die Spreuhaare einiger tropischer Baumfarne benutzt, die also gewissermaßen als +Paralleldrogen der Baumwolle+ betrachtet werden können.
Pili haemostatici.
=Syn.= Paleae cibotii s. stypticae, s. haemostaticae, Pili cibotii s. filicum, Farnhaare, blutstillende Spreuhaare, Farnkrautwolle, Teufelszwirn, Wundfarn, vegetabilische Schafwolle.
Im Handel finden sich von Farnhaaren folgende Sorten:
1. =Penawar Djambi= auch =Penghawar Djambi= (Pengawar Jambie, Pingh-war-har-Yamby, Pennober Jamby oder Pennawar dschambi; in China kau-tsib -- Djambi liegt in Westsumatra) von =Cibotium Barometz= ~Link~ (~J. Sm.~) (Polypodium Baromez L., Aspidium Baromez ~Willd.~), und den nach ~Smith~ wohl dazu zu ziehenden Cibotium glaucescens ~Kz.~, C. Cumingii ~Kz.~, C. assamicum ~Hook.~ und C. Djambianum, sowie anderen Baumfarn Sumatras.
Cibotium Barometz heißt in +Madur.+: bar djambe oder bulu djambe, in +Bali+: djampi, +javan.+: penawar djambe, +mal.+: penawar djambi (~de Clercq~). Man sollte also nicht Penghawar djambi, sondern Penawar djambi schreiben, wie dies übrigens die Pharm. austr. VIII tut (Penawar hitam ist Goniothalamus giganteus, P. merah: Ximenia americana, P. pahit: Eurycoma longifolia, P. putieh: Sonchus picta, P. radja: Sonchus insignis).
2. =Paku kidang= (Pakoe ist die holländ. Schreibweise) von =Alsophila lurida= ~Bl.~, =Balantium chrysotrichum= ~Hasskarl~ (Dicksonia Blumei Mett., D. chrysotricha Moore, B. Magnificium Hook., Chnoophora tomentosa Bl.) u. and. Baumfarn Javas.
Die _Alsophila_arten heißen im +Sundanes.+ paku tihang, im +Mal.+ paku tijang (~de Clercq~). Man sollte also wohl den Namen so und nicht paku kidang schreiben. Kidang bedeutet Hirsch.
3. =Pulu-Pulu= von =Cibotium glaucum= ~Hook.~ et ~Arn.~, =C. Chamissoi= ~Kaulf.~, =C. Menziesii= ~Hook.~ u. and. Baumfarn der Sandwichinseln und benachbarter Gebiete.
Ferner die Haare der südamerikanischen Lophosoria (Alsophila) affinis ~Presl.~ (Alsophila pruinata ~Klfs.~), der brasilianischen Alsophila armata ~Prsl.~ (Polypodium aculeatum ~Raddi~) und des südmexikanischen Cibotium Schiedei ~Cham.~ et ~Schlecht~.
=Systemat. Stellung.= Balantium, Dicksonia, Cibotium: Pteridophytae, Filicales, Eufilicineae, +Cyatheaceae+, Dicksonieae.
Alsophila, Cyathea: Pteridophytae, Filicales, Eufilicineae, +Cyatheaceae+, Cyatheeae.
Cybotium Barometz ist über das ostasiatische Monsungebiet verbreitet: Hinterindien, Hongkong, Formosa, Java, Sumatra, die Unterart C. Cumingii auf den Philippinen heimisch; C. Menziesii auf allen Inseln der Sandwichgruppe (bei den Eingeborenen Hapu Ji oder Heii), ebenso C. glaucum und Chamissoi.
Die Wedelbasen und besonders der Vegetationspunkt zahlreicher tropischer Baumfarn (Fig. 90) sind dicht besetzt mit Spreuschuppen oder Spreuhaaren (paleae), die diesen Organen ein gelb-bräunliches, wolliges Ansehn verleihen. Es sind ziemlich lange, bei Cibotium 2-3, manchmal sogar 7 oder gar 9 cm Länge erreichende einreihige, bisweilen gedrehte und zusammengefallene seidigglänzende +Haare+, die aus Reihen gestreckter, bräunlichgelber, dünnwandiger Zellen bestehen. Oft ist besonders bei Paku kidang in ziemlicher Regelmäßigkeit jede zweite Zelle obliteriert. Die Spitze ist stumpf kegelig, die Querwände wellig gebogen. In Paku kidang findet man bisweilen echte Paleae, die Zellflächen bilden und Randzähne haben.
Läßt man Jodschwefelsäure darauf einwirken, so tritt die Cuticula als scharf begrenztes Häutchen, der Zellinhalt als ein faltiger Sack hervor. Nur selten sah ich hierbei Blaugrünfärbung der Wand eintreten. ~Vogl~ gibt an, daß die Wand aus Zellulose bestehe. (~Winterstein~ erhielt bei der Hydrolyse von Zellulosepräparaten aus Aspidium Filix mas und Athyrium Filix femina Traubenzucker und Mannose.) ~Vogl~ gibt (1864) an, daß die braungelbe Zellwand durch kochende Kalilauge unter starker Quellung entfärbt und dann in den inneren Schichten durch Jodschwefelsäure blau gefärbt wird.
Die Farbe der Droge ist bei den einzelnen Sorten etwas verschieden. Penawar Djambi ist am hellsten, braunrötlichgelb, Pulu-Pulu gelb-bräunlich, Paku kidang fast kaffeebraun. Pharm. austr. VIII nennt sie «seidenartig oder fast metallisch bronzeartig schimmernd». Kali färbt sie dunkler, die gelben Haare von Penawar z. B. rotbraun.
Die Breite der Haare beträgt c. 20-45 mik. bei Penawar Djambi, bei Pulu etwa 40-60, bei Paku kidang bis 100 oder 150 (~Tschirch~), oder gar 300 mik. (~Vogl~). Übrigens ist die Breite sehr wechselnd. ~Vogl~ gibt für Penawar Djambi z. B. die größte Breite auf 100-140 mik. an. Bei Penawar Djambi sind die Haare lang und auf weite Strecken gerade, bei Pulu durcheinander gewirrt und fast stets bandartig zusammengefallen, bei Paku kidang entweder walzenrund oder obliteriert. ~Vogl~ fand in den Pulu-Haaren und auch bei Paku kidang Stärkekörner. Auch ~Oudemans~ und ~Hartwich~ geben kleine Stärkekörner an. Ich fand solche nur in Paku kidang. Außerdem enthalten sie bisweilen eine vakuolige Masse als Wandbeleg, oder sind leer und führen Luft.
~de Vrij~ fand «eene groote hoeveelheid Sal Ammoniak en een eigenaardig zuur» (bei ~Oudemans~).
Penawar Djambi und Pulu-Pulu enthalten 1,53%, Paku kidang 6,74% +Asche+. Der Wassergehalt beträgt c. 12%.
Die Farnhaare werden seit 1851 hauptsächlich als Stopfmaterial für Kissen benutzt. Zu diesem Zwecke wurden noch 1908 große Mengen Pulu von den Sandwichinseln nach Nordamerika exportiert. Während 1851 die Ausfuhr nur 2479 Pfund betrug, stieg sie 1858 bereits auf über 300000 Pfund. 1845 machte man in England den Versuch, die Farnhaare mit Seide vermengt zu verweben.
Die hämostatischen Eigenschaften der Alsophila- und _Cibotium_haare sollen schon im Mittelalter bekannt gewesen sein (~Barillé~). In Java und Sumatra werden sie seit Jahrhunderten (nach ~Vogl~ seit den ältesten Zeiten?) als Hämostatika benutzt. 1843 führte ~Hasskarl~ zuerst die mit den Spreuhaaren besetzten Wedelbasen zu diesem Zweck aus Java (Wälder am Gedeh) in Holland ein. Die Holländer machten sie also im XIX. Jahrh. von neuem in Europa bekannt und sie standen schon in der Pharmac. néerlandica vom Jahre 1856 -- noch heute übrigens in der Pharmac. austr. VIII.
Die Verwendung der Farnhaare an Stelle der Charpie (daher: charpie fougère) beruht wohl, wie schon ~Vinke~ annahm, +nur+ auf der Aufsaugefähigkeit derselben und der geringe, von ~Franchie~ behauptete, von ~van Bemmelen~ bestrittene Gehalt an Gerbstoff kommt kaum hierbei wesentlich in Betracht. Da Penawar Djambi niemals steril ist, ist vor der Anwendung zu warnen. Sterilisierte Baumwolle ist sicherer. Man sollte Penawar jedenfalls sterilisieren. Immerhin ist die Aufsaugefähigkeit der Farnhaare beträchtlich, da sie ein großes Lumen und eine nur dünne Wand besitzen, und alle Beobachter stimmen darin überein, daß sie ein +vorzügliches Blutstillungsmittel+ sind. Neuerdings (1902) empfahl sie ~Lubet-Barbon~ als Hämostatikum bei Nasenoperationen. Vielleicht kommt die Wirkung weniger durch kapillare Aufsaugung, die ja, da die Haare gegliedert sind, also nur kurze Röhrchen in Aktion treten können, nur gering sein kann -- als vielmehr dadurch zustande, daß die Zellen osmotisch das Blutserum aufsaugen und die Blutkörperchen durch Filtration abtrennen. Läßt man nämlich Blut zu den Haaren treten, so sammelt sich im Lumen Flüssigkeit, die Wand quillt und die Blutkörperchen lagern sich an der Außenseite der Zellen ab und verkleben hier. ~Vogl~ dachte sich (1866) die Wirkung anders, aber auch nicht durch Kapillarität bedingt. Er nimmt an, daß der Inhalt der Haare dem Blute Alkali, die Wand ihm Wasser entziehe und dadurch die Koagulation des Blutes zustande komme.
Daß auch die kurzen Paleae von Polypodium aureum blutstillend wirken, fand ~Seubert~ schon 1844.
Als Verfälschung wird Kapok angegeben (~Prollius~).
Als Surrogat des Penawar empfiehlt ~Gawalowski~ einen eigenartig behandelten Torfmull (Näheres in Zeitschr. d. Österr. Apoth. Ver. 1898, 671).
Eine Zeitlang benutzte man das Dekokt bei Hämorrhagien (~Molkenboer~, ~Gaupp~). Es enthält nach ~Barillé~ neben Harz und einem santelartig riechenden Körper einen +Gerbstoff+. ~van Bemmelen~ bestreitet, daß Gerbstoff darin vorhanden ist. Er konnte mit dem Dekokt nicht die mindeste Wirkung auf das Blut konstatieren. Er fand in den Haaren: Pflanzenwachs, indifferentes und elektronegatives Harz, eine eisengrünende Säure, Quellsäure, Quellsalzsäure (?), Humussäure. Es fehlten: Stärke, Zucker, Alkaloide, Gerbsäure, Bitterstoff, ätherisches Öl.
In früheren Jahrhunderten kamen nicht die Haare, sondern das Stammende oder ein großer Blattwedel oder ein Stammstück mit einer Blattwedelbase als Agnus scythicus (Frutex tartareus, plantanimal, Vegetable lamb, im chines.: keu tsie, im cochin.: cau tieh) in den Handel. Man gab wohl auch durch Einstecken von Holz- oder Bambusstücken, die die Beine vorstellen sollten, dem Ganzen ein noch tierähnlicheres Ansehn. Aber nur ein sehr blödes Auge konnte dadurch sich täuschen lassen. In den Beschreibungen der Wunder Indiens spielte der Agnus scythicus immer eine Rolle. So weiß ~Odorico di Porto Maggiore~ (I, S. 726) im XIV. Jahrh. viel über dies merkwürdige Pflanzentier zu berichten und ~Erasmus Francisci~ widmet ihm im +Ost- und West-Indianischen+ Lustgarten eine weitläufige Beschreibung. Jetzt findet man es nur noch in Sammlungen. Ich besitze in meiner Sammlung ein hübsches skythisches Lamm, das sogar ein rotes Bändchen um den «Hals» trägt und dessen «Beine» aus Bambusstäbchen bestehen (das Exemplar des British Museums ist abgebildet in ~Rymsdyks~ Museum britannicum, London 1791 tab. XV, Fig. 2). Barometz soll ein altrussischer Name für Lamm sein. Das ist möglich, denn heute noch heißt das Lamm im Russischen baraschek (baramek) von baran = Schaf. Der Name Barometz (Baramets, Boramez) wurde dem Agnus scythicus, wie es scheint, von ~Cardanus~ gegeben (~Vogl~), der die Heimat des Gebildes -- fälschlich -- in die Gegend zwischen Wolga und Jaik verlegt. Das «Pflanzentier» war ein bewurzeltes Tier, das sich solange im Kreise um die Anheftungsstelle drehte, bis es alles Erreichbare verschlungen hatte. Dann mußte es sterben. Diese Fabel finden wir auch bei ~Joh. von Maudeville~. Eine andere Version lautete, daß sich im Lande Chadissa eine Frucht fände, die aufgeschnitten ein Lamm zeige, das mit der Frucht genossen werde. ~Harsdörffer~ spricht daher von einem «Fruchttier». ~Deursingio~ nennt es Agnus vegetabilis. Bei ~Scaliger~, ~Baco von Verulam~, ~Joh. Bauhin~ u. and. findet sich die Fabel dahin modifiziert, daß aus einem Samen, ähnlich jenem der Melone, ein Kraut hervorwachse, das die Gestalt eines jungen Lammes besitze. Sein Stengel stelle gleichsam die Nabelschnur dar (Abbild. nach ~Kircher~ in ~Valentinis~ Museum museorum) und seine reife Frucht enthalte unter dem wollenen Fließ ein süßes Fleisch. ~Kämpffer~ (I, S. 907) ist der schon von ~Wormius~ (1694) geäußerten Ansicht, daß es sich um das Fell unreifer, aus dem Mutterleibe herausgeschnittener Lämmer handele und in der Tat scheinen derartige Felle in Sammlungen als Barometz bezeichnet und mit dem eigentlichen Agnus scythicus verwechselt worden zu sein. Auch ~Valentini~, der ~Kämpffers~ Ansicht teilt, handelt das Gebilde beim Schaf, also unter den tierischen Objekten ab. ~Guillaume Saluste~ (in der franz. Übers. des ~Clusius~ durch ~Antoine Colin~ 1619) besang den Agnus scythicus in Versen (abgedr. bei ~Hanbury~). Bereits Anfang des XVII. Jahrh. scheint er in Europa als Blutstillungsmittel in Benutzung gewesen zu sein (~Vogl~). Penawar Djambi war aber seit 150 Jahren aus dem Handel verschwunden. ~Pomet~ erwähnt es nicht, ebensowenig ~Linné~ (in seiner Mater. medica), ~Spielmann~ u. and. ~Linné~ gab einer ihm aus China unter der Bezeichnung Baromez zugekommenen «wolligen Wurzel» den Namen Polypodium Baromez. Die Pflanze selbst sah zuerst ~Loureiro~ (I, S. 903). Er bestätigte, daß es sich um ein stark behaartes Polypodium handele. Aber noch ~Archer~ hielt die Haare für den Pappus einer Distel, bis ein 1852 von den Freundschaftsinseln nach Liverpool gelangtes Wedelstück die Sache endgültig aufklärte. Damals scheinen diese oder ähnliche Spreuhaare auch nach Deutschland gekommen zu sein, wo sie für eine Alge gehalten und als Conserva aureofulva ~Kützing~ beschrieben wurden.
1856 fanden sich im Londoner Handel die behaarten Stammstöcke und Blattbasen. Später kamen dann nur die Haare in den Handel.
Die genaue botanische Provenienz stellte dann ~Smith~ fest.
=Lit.= ~Kämpffer~, Amoenitates. -- ~Valentini~, Museum museorum, I, p. 458. -- ~Diels~ in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam. I, 4 (dort die Abbild. einer Alsophila). -- ~Hanbury~, On Penghawar Djambi a new styptic. (1856), Science papers, p. 120. -- ~Seubert~, Buchn. Repert. 86. -- ~Franchie~, Vierteljahrschr. f. prakt. Pharm. 1854, 577. -- ~van Bemmelen~, Chem. Unters. d. Pengh. Dj. Vierteljahrschr. f. prakt. Pharm. 1856, 321. -- ~Vogl~, Ges. d. Ärzte 1864, Über blutstillend wirkende Spreuhaare d. Farne, Wien. Med. Jahrb. 1865 (Jahresb. d. Pharm. 1865) und Zeitschr. d. Öster. Apoth. Ver. 3 (1865), 539 (Jahresber. d. Ph. 1866, 28), dort auch die histor. Notizen, sowie ~Vogl~, Kommentar 1908. -- ~Vinke~, Ausführl. Ref. in Pharm. Jahresb. 1860, 15 und ~Wittsteins~ Vierteljahrschr. 9, 235 (dort auch die früheren Arbeiten besprochen). -- ~Prollius~, Über die sog. palea cibotii. Pharm. Zentralh. 1884, 170. -- ~Greshoff~, Bull. pharm. de Lyon 1891. -- ~Barillé~, Etudes des fibres textiles. Thèse Straßb. 1868 und Note sur le Penghawar Djambi et le Paku kidang Rep. de pharm. 1892, 49. -- ~Lubet-Barbon~, Arch. intern. de laryngologie 1902, No. 6. -- ~Oudemans~, Aanteekeningen, Rotterdam 1854 und Handleiding 1880. -- ~Wiesner~, Rohstoffe II, 466. -- ~Gawalowski~, Ersatz für Penghawar. Zeitschr. d. Öster. Apoth. Ver. 1898, 671. -- ~Brückner~, Russ. Revue 21 (1882), 131 (Histor. -- Nicht gesehen). -- ~Smith~, Genera filicum 1841. -- ~Kunze~ in Schkuhrs Supplement t. 31. -- ~Miquel~, Analecta botan. indic. II, 36 und Sumatra 1862. -- ~Dodge~, Descript. Catal. of useful fiber plants etc. Washington 1897. -- Abbild. d. Haare im Atlas zu ~Oudemans~ Aanteekeningen, Pl. B, bei ~Planchon-Collin~, I, S. 47, ~Hager-Fischer-Hartwich~, Handb. d. pharm. Praxis I, S. 827, ~Vogl~, Atlas t. 60, bei ~Barillé~ a. a. O. und ~Prollius~ a. a. O. -- Unters. über d. Zellmembr. d. Farne und Moose: ~Winterstein~, Zeitschr. phys. Chem. 21 (1895), 152.
Die Fasern.
Die Fasern gehören nicht zu den Arzneidrogen im engeren Sinne, sondern eigentlich zu den technischen Rohstoffen. Da sie aber auch für den Pharmakognosten wichtig sind, vielfach in der Pharmazie verwendet werden, und auch sonst in pharmakognostischen Handbüchern Erwähnung finden, mögen sie wenigstens +kurz+ an dieser Stelle aufgeführt werden.
Die Pflanzenfasern sind nur selten (Lein) reine Zellulose. Die Jute z. B. enthält, wenn reif, 20-30 % Nicht-Zellulose (~Cross~ und ~Bevan~).
Die technisch verwerteten pflanzlichen Fasern.
Unter dem Namen «Fasern» versteht man jetzt sehr verschiedenartige Dinge. In erster Linie gehören hierher die +Textilfasern+ (Flachs, Hanf, Jute, Baumwolle, Pflanzenseide, Chinagras, Nesselfaser usw.) und die zur Papierfabrikation verwendeten +Papierfasern+ (außer Flachs, Hanf, Baumwolle noch Esparto, Strohfaser, Holzzellen, Bambusfaser, Hopfenfaser u. and.), dann sind aber auch noch, wenn man den Begriff ganz weit faßt, den Fasern zuzuzählen: die als +Stopf-+ oder +Polstermaterial+ verwendeten Pflanzendunen, édredon végétal, das vegetabilische Roßhaar, Holzwolle; die +Bürstenmaterialien+: Coir, Pite, Piassave, Esparto, Reisbesen; die +Seilermaterialien+: Hanf, neuseeländ. Flachs, Manilahanf, Jute, Pitahanf, Coir, Piassave; die zu gärtnerischen und anderen Zwecken verwendeten +Bindematerialien+: Lindenbast, Raphiabast, Ulmenbast, Cubabast; die +Flechtmaterialien+: spanisches Rohr, Bambus, Esparto, Pitafaser. Ihren morphologisch-anatomischen Charakter nach stellen diese Fasern sehr verschiedenartige Dinge dar: Pflanzenhaare (Baumwolle, Pflanzenseide, Pappelwolle, Wollgrasfaser), einzelne Bastfasern (Lein, Hanf, Jute, Chinagras), Bastfasergruppen (Manilahanf, neuseeländ. Flachs), subepidermale Baststreifen des Blattes (Raphiafaser), Bastfasern mit anhängenden anderen Elementen (Lindenbast), Gefäßbündel mit Bastbelegen (Aloëhanf, Sisalhanf, Sanseveria und Coirfaser), Gefäßbündelgruppen (Piassave, Kitoolfaser, crin végétal), ferner zerkleinertes (geschliffenes) Holz (Holzstoff, Holzzellulose), ganze Wurzeln (Reiswurzelfaser), ganze Blätter (Espartostroh), ja sogar ganze Pflanzen (Seegras).
Die tierischen Fasern zerfallen in +Tierwollen+ und +Haare+ (Schafwolle, Ziegenhaare, Angora Ziegenhaar, Tibetwolle, Kalb- und Kuhhaare, Kamelhaar, Kamelziegenwolle, Rehhaare, Schweinsborsten, Roßhaare u. and.) und +Fäden+ (Seide). Sie sind sowohl morphologisch als mikrochemisch leicht von den pflanzlichen Haaren zu unterscheiden. Sie geben z. B. niemals auch nach vorheriger Behandlung mit ~Schulze~scher Macerationsflüssigkeit die sog. Zellulosereaktion. Zur Unterscheidung der Tier- und Pflanzenfaser benutzt ~Molisch~ α-Naphthol (Jahresb. d. Pharm. 1886, 16).
Wenn wir von den ganzen Pflanzen (Seegras, Zostera marina und Carex brizoides) absehen, so können wir die Fasern einteilen:
1. in solche, die pflanzliche +Haarbildungen+ darstellen und
2. solche, die entweder ausschließlich oder doch vorwiegend aus +Bastfasern+ bestehen.
Bei der Untersuchung pflanzlicher Fasern ist in Betracht zu ziehen: 1. Die Form der Faserzellen: Basis, Lumen, Dicke der Wand, Art der Verdickung, Spitze, Form des Querschnittes, 2. Länge und Breite der Faserzellen; 3. Mikrochemisches Verhalten. Außer einer genauen mikroskopischen Feststellung der morphologischen Verhältnisse spielt also bei derartigen Untersuchungen das Messen mit dem Mikrometer, sowie die Einwirkung von Reagentien eine große Rolle. Bei der Anwendung der letzteren ist zu berücksichtigen, ob man eine rohe Faser oder eine verarbeitete vor sich hat. Denn durch zahlreiche Verarbeitungsprozesse (besonders das Bleichen) wird die Faser chemisch verändert oder erleidet durch aufgetragene Farbstoffe Farbenveränderungen. So wird bei den meisten Bleichprozessen das Lignin, wo es vorhanden war, aus der Membran entfernt, dieselbe reagiert also, auch wenn sie einer verholzten Zelle angehörte, wie Zellulose. An stark gefärbten Fasern lassen sich mikrochemische Reaktionen überhaupt nicht anstellen.
Dimensionsverhältnisse
Länge, Dicke, Verhältnis der Dicke zur Länge der wichtigsten Fasern -- nach den Angaben von ~Wiesner~, ~Vétillard~ und ~von Höhnel~.
-----------------------+------------------+----------------+---------- | Länge mm | Breite in mik |Verhältnis Name der Faser | | (mmm) |der Dicke | Min.| Max.|Mittel|Min.|Max.|Mittel|zur Länge =======================+=====+=====+======+====+====+======+========== Lein von Linum | | | | | | | usitatissimum | 4 | 66 |25-30 | 15 | 37 |20-25 | 1200 Hanf von Cannabis | | | | | | | sativa | 5 | 55 |15-25 | 16 | 50 | 22 | 1000 Hopfenfaser von | | | | | | | Humulus Lupulins | 4 | 19 | 10 | 12 | 26 | 16 | 620 Nesselfaser von | | | | | | | Urtica dioica | 4 | 55 |25-30 | 20 | 70 | 50 | 550 Chinagras, Ramié von | | | | | | | Boehmeria nivea | 60 | 250 | 120 | 16 | 8 | 50 | 2400 Papiermaulbeerbaumfaser| | | | | | | 240- von Morus papyrifera | -- |10-25|6-15 | -- | -- |25-35 | 430 Sunnfaser von | | | | 25 | | | Crotalaria juncea | 0,5 | 12 | 7-8 |(20)| 50 | 30 | 260 Besenginster von | | | | | | | Sarothamnus vulgaris | 2 | 9 | 5-6 | 10 | 25 | 15 | 330 Pfriemenfaser von | | | | | | | Spartium junceum | 5 | 16 | 10 | -- | -- | 20 | 500 Steinkleefaser von | | | | | | | Melilotus alba | 5 | 18 | 10 | 20 | 36 | 30 | 330 Gambohanf von | | | | | 33 | | Hibiscus cannabinus | 2 |6(12)| 5 | 14 |(41)| 21 | 240 Lindenbast von | | | | | | | Tilia europaea, | | | | | | | platyphyllos |1,25 | 5 | 2 | 14 | 20 | 16 | 125 Jute v. Corchorus | | | | | | | capsularis, | 0,8 |(4,1)| 2 | 20 | 25 | 22,5 | 90 olitorius etc. | | 5 | |(16)|(32)| | Faser von Lagetta | | | | | | | linteria | 3 | 6 | 5 | 10 | 20 | -- | 500 Bast von Salix alba, | | | | | | | capraea u. a. | -- | 3 | 2 | 17 | 30 | 22 | 90 Esparto oder | | | | | | | Alfafaser von Stipa | 0,5 |(1,9)| 1,5 | 7 | 18 | 12 | 125 tenacissima | | 3,5 | | | | | Faser von Lygaeum | | | | | | | Spartum | 1,3 | 4,5 | 2,5 | 12 | 20 | 15 | 160 Ananasfaser von | | | | | | | Ananassa sativa | 3 | 9 | 5 | 4 | 8 | 6 | 830 Faser von Bromelia | | | | | | | Karatas | 2,5 |10 | 5 | 20 | 32 | 24 | 210 Faser von Bromelia | | | | | | | Pinguin | 0,75| 2,5 | 2 | 8 | 16 | 13 | 150 Neuseeländischer | | | | | | | Flachs von | 2,5 |(5,6)| 8-10 | 8 | 20 | 16 | 550 Phormium tenax. | |15 | | | | | Faser von Yucca sp. | 0,5 | 6 |3,5-4 | 10 | 20 | -- | 170 Sanseveria-Faser v. | | | | | | | Sanseveria | | | | | | | zeylanica | 1,5 | 6 | 3 | 15 | 26 | 20 | 150 Pite-Faser von Agave | | | | | | | americana | 1,5 | 4 | 2,5 | 20 | 32 | 24 | 100 Manilahanf von Musa | | | | | | | textilis | 3 |12 | 6 | 16 | 32 | 24 | 250 Manilahanf von Musa | | | | | | | paradisiaca, M. | | | | | | | Sapientum | -- | -- | 5 | 20 | 40 | 28 | 180 Faser von Phoenix | | | | | | | dactylifera | 2 | 6 | 3 | 16 | 24 | 20 | 150 Faser von Corypha | | | | | | | umbraculifera | 1,5 | 5 | 3 | 16 | 28 | 24 | 120 Faser von Elaëis | | | | | | | guineensis | 1,5 3,5 | 2,5 | 10 | 13 | 11 | 230 Faser von Raphia | | | | | | | taetigera | 1,5 | 3 | 2,5 | 12 | 20 | 16 | 160 Faser von Mauritia | | | | | | | flexuosa | 1 | 3 | 1,5 | 10 | 16 | 12 | 130 Coïr-Faser von Cocos | | | | | | | nucifera | 0,4 | 1 | 0,7 | 12 | 24 | 20 | 35 Tillandsia-Faser | 0,2 | 0,5 | -- | 6 | 15 | -- | -- Piassava | 0,3 | 0,9 | -- | --| --| -- | -- Abelmoschus | | | | | | | tetraphyllos, Bast | 1 | 1,6 | -- | 8 | 20 | -- | -- Sida retusa, Bast | 0,8 | 2,3 | -- | 15 | 25 | -- | -- Urena sinuata, Bast | 1,1 | 3,2 | -- | 9 | 24 | -- | -- Baumwolle (Gossypium) |10 |52 | -- | 12 | 42 | -- | -- Wollbaumwolle (Bombax) |10 |30 | -- | 19 | 42 | -- | -- Wolle von Ochroma | | | | | | | Lagopus | 5 |15 | -- | 16 | 35 | -- | -- Vegetabil. Seide v. | | | | | | | Asclepias | | | | | | | curassavica |10 |30 | -- | 20 | 44 | -- | -- „ „ „ | | | | | | | Calotropis | | | | | | | gigantea |20 |30 | -- | 12 | 42 | -- | -- „ „ „ | | | | | | | Marsdenia |10 |25 | -- | 19 | 33 | -- | -- „ „ „ | | | | | | | Strophanthus |10 |56 | -- | 49 | 92 | -- | -- „ „ „ | | | | | | | Beaumontia |30 |45 | -- | 33 | 50 | -- | -- Aloë perfoliata, | | | | | | | Aloëhanf | 1,3 | 3,7 | -- | 15 | 24 | -- | -- Calotropis gigantea, | | | | | | | Bastfaser | 7 |30 | -- | 18 | 25 | -- | -- Bauhinia racemosa, | | | | | | | Bast | 1,5 | 4 u.| -- | 8 | 20 | -- | -- | |mehr | -- | 8 | 20 | -- | -- Thespesia Lampas, | | | | | | | Bast | 0,92| 4,7 | -- | 12 | 21 | -- | -- Cordia latifolia, | | | | | | | Bast | 1 | 1,6 | -- | 15 | 17 | -- | -- Sterculia villosa, | | | | | | | Bast | 1,5 | 3,5 | -- | 17 | 25 | -- | -- Holoptelea | | | | | | | integrifolia, Bast | 0,9 | 2,1 | -- | 9 | 14 | -- | -- Kydia calycina, Bast | 1 | 2 | -- |16,8|24,2| -- | -- Lasiosyphon | | | | | | | speciosus, Bast | 0,42| 5,1 | -- | 8 | 29 | -- | -- Sponia Wightii | -- | 4 | -- | --| --| -- | -- Pandanus | | | | | | | odoratissimus | 1 | 4,2 | -- | --| --| -- | --
Pflanzliche Fasern, die von Haaren gebildet werden.
Die die Epidermis überziehende Cuticula breitet sich auch über die Anhangsorgane der Epidermis, die Haare. Es werden daher alle pflanzlichen Fasern, die von Haaren gebildet werden, von einer Cuticula bedeckt sein. Doch ist zu bemerken, daß durch die eigentümliche Behandlungsweise, die gewisse weiche Fasern bei ihrer Verarbeitungsweise erfahren, bisweilen die charakteristische Reaktion der Cuticula verloren geht. So zeigt z. B. gut gebleichter Baumwollenzwirn an den Fäden keine Cuticula. Ferner pflegen die Haare keine gegabelte Spitze, wie sie viele Bastzellen zeigen, zu haben, sind dagegen oft verzweigt und an der Basis abgebrochen -- also nicht beiderseits zugespitzt, wie die Bastzellen (Ausnahme s. oben S. 239). Da jedoch von letzteren meist nur Fragmente zur Untersuchung kommen, so fällt dies nicht sehr ins Gewicht. Tüpfel besitzen die Haare nur an ihrer Basis, wo sie an das Gewebe angrenzen. Meist führen sie Luft, doch ist bei ihnen ausnahmslos ein zartes Plasmahäutchen, der Innenwand anliegend, nachzuweisen. Einzellig sind die Haare der Baumwolle, der Pflanzenseiden und Dunen, von einer einfachen Zellreihe wird die Pulufaser, von mehreren Reihen das Wollgras, die Typhafaser u. and. gebildet.
1. Baumwolle.
wurde schon oben S. 229 behandelt.
2. Pflanzendunen.
Als Pflanzendunen bezeichnet man die Samen und Fruchthaare der Wollbäume (Bombaceen). Es gehören hierher: +Ceibawolle+, édredon végétal, +Bombaxwolle+, Kapok, patte de lièvre. Sie dienen vorwiegend als Stopfmaterial. Folgende Arten kommen in Betracht: Bombax Ceiba E., B. heptaphyllum L., B. malabaricum ~Roxb.~, Cochlospermum Gossypium ~Dc.~, Ochroma Lagopus ~Sw.~, ~Chorisia speciosa~ ~St. Hil.~, Eriodendron anfractuosum Dc. (Bombax pentandrum L.)
Die Pflanzendunen sind einzellige konische Haare mit bisweilen angeschwollener oder zusammengeschnürter Basis und rundem Querschnitt. Die Länge beträgt 1-3 cm. Die Wandung ist verholzt; die Cuticula glatt und dünn. Die wichtigsten Pflanzendunen sind: Die +Bombaxhaare+ von _Bombax_arten und Eriodendron anfractuosum, schwach verholzt, bisweilen 3 cm lang und 19-43 mik dick, an der Basis netzförmig verdickt. Die sog. +patte de lièvre+ von Ochroma Lagopus, 0,5-1,5 cm lang, sehr dickwandig (5-8 mik), braun.
3. Pflanzenseiden.
Als Pflanzenseide bezeichnet man wegen ihres seidenartigen Glanzes die +Samenhaare+ zahlreicher Asclepiadaceen und Apocyneen: Asclepias curassavica E., Calotropis gigantea ~R. Br.~, Marsdenia, Beaumontia grandiflora, Strophanthus hispidus u. and. Die Fäden der Pflanzenseiden sind 1-3 cm lang, steif, bis 80 mik dick. Die meist dünne verholzte Wandung zeigt im Querschnitte deutliche, mehr oder weniger nach innen vorspringende Längsleisten. Der Querschnitt des Haares ist rund.
4. Einheimische Wollhaare.
Als Stopfmaterial werden bisweilen die bis 3,5 mm langen, einzelligen, zylindrischen Samenhaare von Populus (Pappelwolle), die einreihigen mehrzelligen Perigonhaare der Früchte von Typha angustifolia (Rohrkolbenwolle), die 2-4 cm langen, mehrzelligen, zweischichtigen Haare des Haarschopfes der Früchtchen von unseren _Eriophorum_arten u. and. mehr verwendet.
Pflanzliche Bastfasern.
Die pflanzlichen Bastfasern werden fast ausnahmslos von Bastzellen oder Bastzellgruppen gebildet, denen in einigen Fällen noch andere Gewebselemente anhängen. Sehr selten werden auch Libriformzellen technisch verwertet. Die Bastzellen sind ringsum geschlossen und laufen beiderseits mehr oder weniger spitz zu oder sind an den Spitzen mit kleinen Seitenspitzchen versehen. Sie sind niemals verzweigt, meist sehr stark verdickt, von rundlichem oder polyedrischem, übrigens sehr charakteristisch variierendem Querschnitte. Die Tüpfel sind stets einfach, meist spaltenförmig. Bei den Bastzellen der Dicotylen sind die Tüpfel meist sehr undeutlich oder fehlen, bei denen der Monocotylen sind sie zahlreich. Einige Handelsfasern sind auch noch durch die von ~Höhnel~ richtig gedeuteten eigentümlichen +Wandverschiebungen+ (Knoten, Querbruchstellen, Sprunglinien, plis de flexion) ausgezeichnet, die aber erst bei der Bearbeitung der Faser entstehen (~Schwendener~), mit Chlorzinkjod sich dunkler färben, und den Fasern, die sie besitzen (Flachs, Lein, Ramieh, Nessel) ein sehr charakteristisches Ansehn geben. Sie fehlen der Jute, die nicht «gebrochen» wird. Das wichtigste Hilfsmittel der Diagnose ist der Querschnitt der Faser (~Vétillard~, ~von Höhnel~). Niemals besitzen natürlich Bastfasern eine Cuticula (Unterschied von den Haaren). Der Inhalt besteht meist aus Luft, ein Plasmahäutchen ist fast ausnahmslos vorhanden, anderer Inhalt selten. Sie sind stets sehr lang. Die die Bastfasern da und dort begleitenden Gewebselemente sind Parenchymzellen, Kristallzellen, Gefäße, Tracheïden, Sklereïden, Siebröhren. Parenchymzellen finden sich bei den Rohbastfasern (z. B. Hanf, Flachs) fast ausnahmslos, denn da der Prozeß der Gewinnung der Faser auf einer mechanischen Herauslösung derselben aus den übrigen Geweben beruht, so ist es erklärlich, daß der (auf diese Weise) isolierten Faser noch Reste der begleitenden Gewebe anhängen. Dort wo die Bastfasern überhaupt nicht eigentlich isoliert werden, sondern samt dem umgebenden Gewebe verwendet werden (Manilahanf, Coir), sind sie natürlich stets deutlich nachzuweisen.
1. Leinfaser.
Die Flachsfaser wird von den zu, einen konzentrischen Panzer bildenden, Gruppen vereinigten Bastfasern der Stengelrinde des Lein, Linum usitatissimum L., gebildet, die nach dem Ausreißen und Riffeln der Stengel durch Rösten (Faulen in Wasser), Brechen (Zertrümmern und Herauslösen des spröden Holzkörpers), Hecheln (Abstreifen des begleitenden Rindenparenchyms und der Epidermis) und Schwingen von den übrigen Elementen des Stengels losgelöst werden. Der Rohflachs enthält daher stets noch Parenchym- und Epidermiszellen, ja sogar Holzelemente, die gereinigten besten Sorten bestehen dagegen nur aus Bastfasern.
Die Bastzellen des Lein sind gänzlich unverholzt, bestehen also aus reiner Zellulose, sehr stark und gleichmäßig verdickt und mit engem, fadenförmigem, plasmaerfülltem Lumen versehen. +Die Enden sind sehr spitz und lang ausgezogen+, die Wandung zeigt deutliche Verschiebungen (Sprunglinien), Poren sind kaum oder garnicht zu bemerken. Die Bastzellen des Lein sind entweder isoliert oder zu weniggliederigen Gruppen vereinigt. Der Querschnitt ist meist eckig-polygonal, eine Mittellamelle tritt bei Behandlung mit Schwefelsäure nicht deutlich hervor. Die Schichtung der Wand ist undeutlich. Bez. der Länge und Breite vgl. die Tabelle (S. 251). Das Geschichtliche des Lein wird bei den Schleimdrogen unter Linum besprochen werden.
2. Hanffaser.
Die Bastzellen des Hanf liegen in großer Zahl zu vielen Gruppen vereinigt in der Rinde des Stengels der Hanfpflanze, Cannabis sativa L. Sie sind schwach verholzt, nicht so gleichmäßig verdickt wie die des Lein, und mit zahlreichen Verschiebungen versehen. Das Lumen ist meist weit, verengert sich jedoch gegen die sehr dickwandige, +stumpfe+, bisweilen mit seitlichen Auszweigungen versehene, gegabelte +Spitze+ linienförmig. Die Bastzellen stehen hier stets in Gruppen. Der Querschnitt der einzelnen Bastzelle ist abgerundet, oft tangential gestreckt, nicht eckig, das Lumen erscheint spaltenförmig oder polygonal und inhaltsleer, die Membran geschichtet. Bei Behandlung mit Jodschwefelsäure tritt die Mittellamelle scharf hervor, sowohl bei den Gruppen als auch -- als anhängende Fetzen -- bei der einzelnen Faser (~von Höhnel~).
Nach ~Höhnel~ genügt der anatomische Befund der Faser selbst zur Unterscheidung der Lein- und Hanffaser. ~Cramer~ zieht zur Diagnose noch die begleitenden Gewebselemente -- Epidermis, Haare, Spaltöffnungen, Kristallzellen, Gerbstoffzellen -- herbei. Dieselben dienen ihm als «Leiter». Haare, Kristall- und Gerbstoffzellen hat nur der Hanf. ~T. F. Hanausek~ fand (1908), daß sich der Plasmaschlauch der Hanffaser bei Behandeln mit Chromsäuregemisch anders verhält wie bei der Leinfaser. Während er bei letzterer oft gewunden (ähnlich wie bei der Baumwolle, Fig. 89) erscheint, ist er beim Hanf niemals wellenförmig verbogen, sondern gerade und tritt sehr plastisch hervor. ~R. Korn~ hält die Unterscheidung mit Cuoxam für besser (1910). Der Hanf ist dem semitisch-ägyptischen Kulturkreise fremd. (Im übrigen vgl. Fruct. cannabis.)
Der Hanffaser sehr ähnlich ist die:
3. Sunnfaser.
Dieselbe entstammt den rindenständigen Bastbündeln von Crotalaria juncea. Die Unterschiede beruhen in einem breiten, nicht spaltenförmigen, inhaltführenden Lumen und breiten verholzten äußeren Membranpartien, die sich von den inneren nicht verholzten sekundären Verdickungsschichten leicht ablösen (~von Höhnel~).
4. Nesselfaser.
Die Bastfasern von Urtica dioica L. finden sich ebenfalls in der Stengelrinde. Sie sind unverholzt, unregelmäßig gebaut, die nicht sehr dicke Wandung ungleichmäßig gestreift. Das breite Lumen enthält oft Inhalt. Die Enden sind ausgezogen, abgerundet, meist löffelförmig erweitert, manchmal quer abgeschnitten oder gegabelt. Der Querschnitt der Bastzellen ist oval, abgeplattet, ja bandförmig, bisweilen mit einspringenden geschichteten Wandungen versehen (~von Höhnel~).
5. Chinagras.
Das Chinagras oder die Ramié (Ramiehfaser) wird von den rindenständigen, einzelnen oder zu kleinen lockeren Bündeln vereinigten Bastzellen der Stengel von Boehmeria nivea (L.) ~Hook.~ et ~Arn.~ gebildet. Die Bastzellen sind sehr ansehnlich (vgl. Tabelle S. 251), gänzlich unverholzt und zeigen häufig Verschiebungen. Das bisweilen Inhalt führende Lumen ist sehr breit, verschmälert sich aber gegen die Enden linienförmig; die Spitze ist dickwandig und abgerundet, der Querschnitt ist länglich oder flach zusammengedrückt, an den breiteren Stellen bandartig, die Wandung zeigt Schichtung. Sehr ähnlich ist die Roafaser von Pipturus argenteus.
6. Jute.
Die Jute wird von den rindenständigen, relativ kurzen, stets zu Gruppen vereinigten Bastzellen der Stengel von Corchorus capsularis L., C. olitorius L. u. and. _Corchorus_arten gebildet. Die Jutebastfasern sind stark verholzt, im Querschnitt isodiametrisch-polygonal, scharfkantig, mit schmaler Mittellamelle. Das Lumen ist, trotzdem die Wandung stark verdickt ist, relativ weit, rundlich oder oval, bei ein und derselben Zelle oft an bestimmten Stellen verengert, an den Enden dagegen weit. Letztere sind relativ dünnwandig, kegelförmig oder abgerundet, Verschiebungen fehlen, ebenso Streifung (~von Höhnel~). Der Jute morphologisch sehr ähnlich ist der:
7. Gambohanf.
Derselbe stammt von den Stengeln von Hibiscus cannabinus u. and. _Hibiscus_arten. Von der Jute unterscheidet er sich durch eine breitere Mittellamelle, dickwandige, bisweilen schwach gegabelte Enden und eine bisweilen bis zum Verschwinden des Lumens vorschreitende partielle Verdickung der Wand. Der Jute ähnlich sind auch die +Abelmoschusfaser+ (von Abelmoschus tetraphyllos) und die +Urenafaser+ (von Urena sinuata).
Dicotylenfasern sind ferner: Die +Hopfenfaser+ (v. Humulus Lupulus), die +Papiermaulbeerbaumfaser+ (v. Broussonetia papyrifera), die +Ginsterfaser+ (von Sarothamnus vulgaris), sowie die Daphnefaser (von Lagetta lintearia) -- alle vier zur Papierfabrikation viel verwendet. Monocotylenfasern sind:
8. Neuseeländischer Flachs.
Derselbe wird vorwiegend gebildet von den Bastbelegen der Gefäßbündel der Blätter von Phormium tenax. Die vollständig verholzten Bastfasern sind gleichmäßig aber stark verdickt, das Lumen rund oder oval, leer, im Verlaufe der Fasern gleich breit. Die Enden sind scharf zugespitzt. Der Querschnitt ist rundlich oder polygonal mit abgerundeten Ecken. Mittellamelle undeutlich. Gefäße sind selten als Begleiter aufzufinden. Dem Aloëhanf und der _Sanseveria_faser sehr ähnlich.
9. Manilahanf.
Unter dem Namen Manilahanf, Abaca, Plantainfibre, Siamhemp, white rope kommen die Bastfasern von Musa textilis ~Nees~ in den Handel. Dieselben sind stark verholzt, gleichmäßig aber nicht sehr erheblich verdickt, mit glatter Wand und großem, rundlichem, bisweilen inhaltführendem Lumen. Der Querschnitt der stets zu mehr oder weniger lockeren Gruppen vereinigten Bastfasern ist rundlich-polygonal. Mittellamelle undeutlich. Die Fasern werden von 30 mik langen verkieselten Zellen (Stegmata) begleitet.
10. Pitafaser.
Die Pitafaser, Pite, Sisal, Matamoros, Tampicohanf, besteht aus den Bastbelegen der Gefäßbündel der Blätter von Agave americana L. u. a. Agave-Arten. Die verholzten, stets zu Gruppen vereinigten Bastzellen (s. Tabelle) sind in der Mitte oft breiter, besitzen ein sehr weites (viel breiter als die Wand), polygonales Lumen und eine dünne Wand. Die breiten, stumpfen, selten gegabelten Enden sind stets verdickt. Die Mittellamelle ist undeutlich. Der Querschnitt der Bastzellen ist polygonal. Die Fasern werden begleitet von zahlreichen großen, spiraligen Gefäßen und Kristallzellen mit bis 0,5 mm langen Oxalatprismen oder deren Trümmern.
11. Aloëhanf.
Der Aloëhanf, Aloëfaser, Mauritiushanf sind gleichfalls Bastzellbündel von Blättern, und zwar von _Aloë_arten (bes. Aloë perfoliata). Die dünnen Bastzellen sind meist sehr stark verdickt, die Wandung (s. Tabelle) zeigt sehr steil linksschief gestellte Tüpfel, die Enden sind spitz oder kegelförmig, der Querschnitt ist polygonal, das Lumen rund, wenig breiter als die Wand. Die Faser wird von Gefäßen begleitet.
Sehr ähnlich gebaut ist die +Sanseveriafaser+ von Sanseveria ceylanica.
12. Coirfaser.
Die braune Coirfaser entstammt der Fruchtschale der Cocosnuß (Cocos nucifera) und wird von den Gefäßbündeln derselben gebildet, die starke Sklerenchymbelege besitzen und von Stegmata begleitet sind.
Monokotylenfasern sind ferner: +Ananasfaser+, Silkgras, pine-apple fibre von Ananasa sativa. +Yuccafaser+ von Yucca gloriosa. +Alfafaser+, Esparto von Stipa tenacissima und Ligaeum Spartum (das ganze Blatt). +Pandanusfaser+ von Pandanus odoratissimus (Bastbündel der Blätter). +Tillandsiafaser+, vegetabilisches Roßhaar von Tillandsia usneoides (Bastbündel der Stengel). +Palmenfasern+ und zwar: Piassave, Piassaba, Monkeygras von Attalea funifera ~Mart.~ (Bahia-Piassave) und Leopoldinia Piacaba ~Wall.~ (nach ~T. F. Hanausek~ Paragras, Para-Piass.) (Bastbündel aus den Battscheiden). +Palmettofaser+, orin végetal, orin d’Afrique, von Chamaerops humilis (geschlitzte Blätter). +Dattelpalmenfaser+ von Phoenix dactylifera (Blätter). +Talipotfaser+ von Corypha umbraculifera. +Raphiabast+, Raphiastroh von Raphia taedigera (subepidermale Bastbelege der Blätter und Blattstiele). Kitool, Siamfaser von Caryota urens u. and. m.
+Analytische Tabellen zur mikroskopischen Bestimmung der Fasern+ teilte ~Höhnel~ (a. a. O. und Beitr. zur techn. Rohstofflehre. Dingl. Polytechn. Journ. 1884, S. 251 u. 273) mit.
Ich verweise auf diese und bemerke nur, daß er folgende Gruppen bildet:
A. Fasern, die durch Jodschwefelsäure blau, violett oder grünlich gefärbt werden.
a) Dikotyle Bastfasern und Baumwolle -- ohne Gefäße (Flachs, Hanf, Sunn, Chinagras, Roafaser von Pipturus argenteus).
b) Monokotyle Fasern, mit Gefäßen, ohne Verschiebungen (Alfa [Esparto] und Ananasfaser).
B. Fasern, die durch Jodschwefelsäure gelb gefärbt werden.
a) Dikotyle Fasern, ohne Gefäße, Lumen mit Verengerungen (Jute, Abelmoschusfaser, Gambohanf, Urenafaser).
b) Monokotyle Fasern, mit Gefäßen, Lumen keine Verengerungen (Neuseeländ. Flachs, Manilahanf [oft ohne Gefäße], Sanseveriafaser, Aloëhanf von Aloë perfoliata, Pitahanf, Yuccafaser von Yucca gloriosa).
Zur =Papierfabrikation= werden verwendet (bez. der Einzelheiten vgl. ~von Höhnel~, ~Wiesner~, ~T. F. Hanausek~): Lein, Hanf, Baumwolle, Weizen-, Roggen-, Hafer-, Reis-, Maisstroh, Esparto, Bambusrohr, Jute, Papiermaulbeerbaumfaser und Holzstoff (bes. das geschliffene Holz von Coniferen). Die Alten bedienten sich zum Beschreiben der +Tempelwände+ (Ägypten), der +Tontafeln+ (Assyrien), der +Wachs-+ und +Holztafeln+ (Rom), der +Tierhäute+ (+Pergament+, verbessert in Pergamon II. Jahrh. n. Chr., verdrängte vom IV. Jahrh. an die Charta, dann wichtigster Schreibstoff des Mittelalters), des +Leders+, monokotyler +Blätter+ (Bambus [China], Palmen [Indien, dort auch heute noch üblich]), einiger +Rinden+ (z. B. des Birkenperiderm bes. in Asien, in Kaschmir bis ins XVI. Jahrh.), dann der Lindenbaststreifen (Rom) und des +Papyrus+ (Charta: in dünne Blätter geschnittenes Mark der Papyrusstaude, die [zu dritt] übereinander gelegt und mit Stärkekleister miteinander verklebt wurden, bes. in Ägypten schon 2000 n. Chr. nachgewiesen, die ägyptische Papyrusfabrikation erlosch in der zweiten Hälfte des X. Jahrh., die sizilianische im XIII. Jahrh.), sowie später (in Asien) des +Reispapier+ (Araliamark). Das +gefilzte Papier+ ist eine Erfindung der Chinesen (c. 105 n. Chr., vgl. I, S. 523). Ein mittelalterliches Baumwollpapier gab es nicht (~Wiesner~, ~Karabaczek~, ~Kobert~). Die ältesten Papiere der Chinesen aus den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung bestanden aus den Fasern der Broussoneiia papyrifera ~l’Hérit~ (Papiermaulbeerbaum). Einige Jahrhunderte später traten dann auch noch das Chinagras (Ramie, Nesselfaser) von Boehmeria nivea ~Hook.~ et ~Arn.~, die Hanffaser und die Faser von Edgeworthia papyrifera ~Salzm.~ dazu (~Wiesner~). Die in Turfan und Khotan kürzlich gefundenen Papiere aus dem VI-IX. Jahrh. bestanden vorwiegend aus Broussonetia- und _Boehmeria_fasern (~Kobert~). +Hadernpapier+ ist (nach ~Karabaczek~ und ~Wiesner~) eine Erfindung der Araber (VIII. oder IX. Jahrh.), wurde aber im X. Jahrh. von den Chinesen angenommen (oder selbständig erfunden?). Die Papiergewinnung kam c. 850 durch die Mauren nach Spanien. In Italien entstanden im XI., in Deutschland im XIV. Jahrh. Papiermühlen. Die ältesten europäischen Papiere sind gleich den arabischen stark mit Stärkekleister geleimt. Diese Leimungsart läßt sich bis zum Ende des XIII. bzw. Anfang des XIV. Jahrh. verfolgen. Dann folgt der Leim. Erst im XIX. Jahrh. begann die Harzleimung kombiniert mit Stärkeleimung. Bis zum XIV. Jahrh. sind die europäischen Papiere sehr langfaserig, nach und nach treten kurzfaserige an ihre Stelle, was auf eine tief eingreifende Umgestaltung des Papiererzeugungsverfahrens hinweist (~Wiesner~).
=Lit.= ~von Hoehnel~, Die Mikroskopie d. technisch verwendeten Faserstoffe. 2. Aufl. 1905 (mit guten anatom. Abbild. und einem erschöpfenden Literaturverzeichnis). -- ~Wiesner~, Rohstoffe d. Pflanzenreiches. I. u. II. Aufl. 1873 und 1903. -- ~Vétillard~, Etudes sur les fibres végétales textiles, employées dans l’industrie. Paris 1876. -- ~T. F. Hanausek~, Lehrb. d. techn. Mikroskopie. 1900. -- ~Hanausek-Winton~, Microscopy of techn. prod. 1907. -- ~Schlesinger~, Mikrosk. Unters. d. Gespinstfas. Zürich 1873. -- ~Jos. Moeller~, Pflanzen-Rohstoffe. Ber. über d. Weltausstell. in Paris. 1878, Wien. -- ~Frank-Tschirch~, Pflanzenphys. Wandtafeln. -- ~Hassak~, Wandtafeln. -- Abbild. auch in ~Hager-Fischer-Hartwich~, Handb. d. pharm. Praxis I, S. 1244 und den betr. Artikeln in Realenzyklop. d. Pharm. -- ~Focke~, Mikrosk. Unters. d. bekannt. Gespinstf. Arch. Pharm. 1886 (m. Abbild.). -- ~Barillé~, Etudes des fibres textiles. Thèse Straßburg 1868. -- ~Cramer~, Programm d. Zürich. Polytechnik. 1881; vgl. mein Refer. in Pharm. Zeit. 1881, Nr. 73. -- ~von Hoehnel~, Über den Einfluß des Rindendruckes. Pringsh. Jahrb. XV, S. 311. -- ~Schwendener~, Über d. Verschiebung d. Bastfasern im Sinne ~von Hoehnels~. Ber. d. d. Bot. Ges. 1894, 239. -- ~T. F. Hanausek~, Eine neue Methode zur Unterscheid. d. Flachs- und Hanffaser. Zeitschr. Farben-Industr. 1908. -- ~Greshoff~, De qualitatieve en quantitatieve bepaling van katoen naast kapok. Pharm. Weekbl. 1908. -- ~J. Aisslinger~, Beiträge z. Kenntnis wenig bekannter Pflanzenfasern. Diss. Zürich 1907. -- ~Cross~, ~Bevan~, ~King~ and ~Joynson~, Report on Indian fibres and fibrous substances. London 1887.
Über +Papier+ vgl. ~Valenta~, Das Papier, seine Herstellung, Eigenschaften, Verwendung usw. Halle 1904, -- ~Carl Hofmann~, Prakt. Handb. d. Papierfabrikat. I. B. 1891, II. B. 1897 Berlin. -- ~Herzberg~, Papier-Prüfung. I. Aufl. 1888, II. Aufl. 1902 und D. heutige Stand d. Papierprüfung. Papier-Zeit. 1892. -- ~Mierzinski~, Handb. d. prakt. Papierfabrikation und Anleit. z. Unters. d. in d. Papierfabrik. vorhand. Rohprodukte in ~Hartlebens~ Chem. techn. Biblioth. B. 138-142. -- ~Hoyer~, D. Papier, seine Beschaffenheit u. Prüf. 1882. -- ~E. Kirchner~, Das Papier I, Geschichte d. Papierindustrie 1897. -- ~A. Meyer~, Grundlagen 1901. -- ~Kobert~, Über einige echte gefilzte Papiere des frühen Mittelalters. Zeitschr. Angew. Chem. 1910, 1249. -- ~T. F. Hanausek~ in Real-Enzykl. d. ges. Pharm. VII und IX und Über einige besondere Papierbestandteile in Papierfabrikant 1910. -- ~Wiesner~, Die mikroskop. Unters. d. Papiers mit bes. Berücks. d. ältesten oriental. u. europäisch. Papiere. Mitt. aus d. Samml. d. Papyrus Erzherz. Rainer 1887. Die Geschichte des Papiers in ~Wiesner~, Rohstoffe II, S. 429 -- die bei der modernen Papierfabrikation benutzten Fasern sind ebenda aufgeführt und bei ~von Hoehnel~ a. a. O.
=2) Reservezelluloso-Membranindrogen= (+Hemizellulosedrogen+).
Die Membranen des Endosperms vieler Samen bestehen aus sog. +Reservezellulose+, die beim Keimen der Samen gelöst wird. Sie erweist sich verdünnten Säuren gegenüber als sehr verschieden resistent. Einige dieser Reservezellulosen lassen sich relativ leicht mit Säuren oder Enzymen hydrolysieren, wie die gemischten Mannane der Samenendosperme der Datteln, Palmkerne, Cocosnüsse, sowie von Ceratonia, Strychnos potatorum, Siliqua und Trigonella Foenum graecum, die sich als vornehmlich aus Galaktomannanen bestehend erwiesen, und die des Endosperms von Phytelephas macrocarpa, das viel Fruktomannan enthält -- andere Mannosozellulosen, wie die der Kaffeebohnen, sind Säuren gegenüber sehr resistent. ~Reiss~ fand bei der Hydrolyse Mannose (Seminose) liefernde Reservezellulose bei den Samen von Phytelephas, Phoenix dactylifera, Chamaerops humilis, Lodoicea Seychellarum, Elaëis guineensis, Allium Cepa, Asparagus, Strychnos nux vomica, Coffea arabica, Foeniculum officinale.
Während echte Zellulose nur Glukose liefert, liefert also die +Reservezellulose+, die sich leichter spalten läßt, andere Hexosen und oft Pentosen. Die bei der Hydrolyse mit verdünnten Mineralsäuren leicht in Lösung gehenden und dabei Galaktose, Mannose, Arabinose und Xylose liefernden Zellulosen nennt ~E. Schulze~ +Hemizellulosen+. Man nennt die Atomgruppen der Hemizellulosen, welche Galaktose oder Mannose, oder Arabinose oder Xylose liefern, Galaktane, Mannane, Arabane oder Xylane. Dementsprechend sind auch die Namen Pentosane und Hexosane gebildet (~Tollens~). Bei der Hydrolyse der Hemizellulosen entstehen die Monosen in so großen Mengen, daß sie zweifellos die Hauptprodukte der Umwandlung sind (~E. Schulze~). Hemizellulosen sind bei 300° in Glycerin löslich, aber nicht immer in Kupferoxydammoniak.
~Euler~ teilt die Hemizellulosen in zwei Gruppen:
1. +Reservezellulose+ in den Samen sowohl bei Monokotylen (Palmen, Liliaceen, Iridaceen), wie bei Dikotylen (Rubiaceen, Oleaceen, Convolvulaceen, Plantagineen, Primulaceen, Sapotaceen, Balsaminaceen, Tropaeolaceen, Ranunculaceen, Leguminosen, Myrtaceen). Die Lösung bei der Keimung bewirkt ein Enzym, die Cytase. Das Ferment führt die Hemizellulosen in verschiedene Zucker über, dadurch werden die aus Reservezellulose bestehenden Zellwände gelöst. Bis jetzt wurden bei der Aufspaltung der Reservezellulose erhalten: d-Mannose, dl-Galaktose, seltener d-Fruktose und d-Glukose. Sie enthalten also Galaktomannane. Die Membranen der Dattel z. B. liefern bei der Keimung durch den Einfluß der Enzyme Galaktose, d-Glukose und d-Mannose (~Grüss~). Die Endosperme der Palmensamen enthalten vorwiegend +Mannane+. Dattelsamen z. B. liefern fast ausschließlich d-Mannose, die Reiss Seminose nannte, wie viele Liliaceensamen, die Samen von Phytelephas macrocarpa Mannose und Fruktose. Die meisten Palmensamen geben auch Galaktose und enthalten daher Mannogalaktane, die sich auch bei Strychnos, Umbelliferen, Leguminosensamen (Ceratonia, s. d.) finden. Den Namen «Reservezellulose» habe ich 1888 (Angewandte Anatomie S. 171) eingeführt und dort auch ihre Rolle geschildert. Daß die Membranen einiger Samen beim Keimen gelöst werden, stellten zuerst ~Sachs~ (1862 bei der Dattel) und ~Frank~ (1866 bei Tropaeolum) fest.
2. +Hemizellulosen+, die nicht den Charakter von Reservezellulose tragen, sondern Gerüstsubstanzen sind (Samenschalen usw.), enthalten vorwiegend Galaktane und Pentosane.
Über die Bildung und Auflösung der Reservezellulose äußert sich ~Grüss~ (1896) dahin, daß z. B. beim Dattelsamen zuerst Mannan gebildet wird und dann erst das Galaktan, und daß auch bei der Auflösung gelegentlich der Keimung der eine Bestandteil früher gelöst wird als der andere. ~Grüss~ meint, daß Galaktan und Araban durch die Enzyme nicht sofort in Galaktose und Arabinose, sondern zunächst in gummiartige Körper (Galaktin und Arabin) übergeführt werden (?) und auch als solche wandern können. Die Auflösung der Reservezellulosewände geschieht nach ~Reiss~ (1889) entweder durch Abschmelzen von innen her (Phoenix, Chamaerops), durch intralamellare Lösung (Asparagus), durch intralamellare Verflüssigung (Foeniculum), durch intralamellare Lösung mit gleichzeitiger Korrosion (Allium, Cyclamen), durch Korrosion unter gleichzeitigem Abschmelzen (Iris) oder nur durch Korrosion (Tropaeolum, Impatiens). Auch in Rhizomen, Knollen und Zwiebeln finden sich Mannane als Reservezellulose.
Die zu 80% in den Sklerotien von Pachyma Cocos als Membranablagerung vorkommende +Pachymose+ (~Winterstein~), die durch Jodschwefelsäure gelb wird und bei der Hydrolyse Glukose liefert, scheint ebenfalls ein Reservemembranin zu sein.
=Lit.= Zahlreiche Arbeiten von ~Tollens~ und seinen Mitarbeitern, sowie von ~E. Schulze~ und seinen Mitarbeitern (~Winterstein~, ~Frankfurt~, ~Schellenberg~, ~Castoro~, ~Godet~ u. and., Verzeichnis in Journ. f. Landwirtsch. 1904) und ~Bourquelot~ et ~Hérissey~ und Mitarbeitern [Journ. ph. chim. 11 u. 12 (1900), Compt. rend. 130 (1900), usw.]. -- ~E. Schulze~, Über die zur Gruppe d. stickstofffreien Extraktstoffe gehörenden Pflanzenbestandt. Journ. f. Landwirtsch. 1904. -- ~Kleiber~, Vers. z. Best. d. Geh. einiger Pflanz. u. Pflanzent. an Zellwandbestandt. Hemizellulosen u. Zellulose. Diss. Zürich. 1900. -- ~Sachs~, Sitzungsber. d. Wien. Akad. 1859. -- ~Tschirch~, Angewandte Pflanzenanatomie. 1888. -- ~Godfrin~, Ann. sc. nat. (6), 19, 1. -- ~Reiss~, Über die Natur der Reservezellulose usw. Landw. Jahrb. 1889 u. Ber. d. d. chem. Ges. 22. 609. Ber. d. d. bot. Ges. 1889. -- ~Green~, Phil. Transact. London 178 (1887), 38. -- ~Brown~ u. ~Morris~, Journ. chem. soc. 1890, 458. -- ~Elfert~, Auflösungsvers. d. sekund. Zellm. d. Samen. Bibl. bot. 30, 1894. -- ~Grüss~, Lös. u. Bild. der aus Hemizellulose bestehenden Zellwände u. ihre Bezieh. z. Gummosis. Bibl. botan. 39, 1896 u. Bot. Zentralbl. 70. -- ~M. Goret~, Et. chim. et physiol. de quelqu. album. cornés de Graines de Légumineuses Thèse. Paris 1901. -- ~E. Schulze~, Ber. d. d. chem. Ges. 24, 2277. -- ~Schellenberg~, Ber. d. d. bot. Ges. 1904, 9 und 1905. -- ~Czapek~, Biochemie (dort auch die Liste der Familien, bei deren Samen Reservezellulose vorkommt). -- Zusammenfassung: ~E. Schulze~ u. ~Ch. Godet~, Unters. über d. in den Pflanzensamen enthalt. Kohlenhydrate. Zeitschr. phys. Chem. 61 (1909), 279.
Steinnuß.
Vegetabilisches Elfenbein (= Phyt-elephas) -- corozo, morphil végétal, ivoire végétal (franz.) -- yvory nut (engl.) -- tagua, cabeza de negro (port.).
Die =Stammpflanze= der Steinnüsse ist =Phytelephas marcocarpa= ~Ruiz~ et ~Pavon~ (Syst. veg. 1798), dann wohl auch: Ph. microcarpa ~Ruiz~ et ~Pav.~ und einige andere Arten (Ph. Ruizii, Ph. Pavonii u. and.). Der Kew Index führt 15 Arten auf. ~Drude~ sagt: wenigstens drei.
=Systemat. Stellung.= Palmae-Phytelephantinae (Palmae anomalae). ~Robert Brown~ stellt Phytelephas zu den Pandaneen, ~Kunth~ zu den Typhinen, ~Martius~ bildete aus ihnen eine besondere Familie: Phytelephantaceae (Phytelephasieae ~Brongniart~).
=Beschreibung.= Die _Phytelephas_arten finden sich im tropischen Südamerika zwischen dem 9° n. B. und 8° s. B., sowie 70-79° w. L., an den Ufern der Ströme und Bäche, an der Küste und in der Bergregion. Ph. macrocarpa bildet einen bis 2 m hohen Stamm; Ph. microcarpa ist stammlos. Die Palme ist diklin-diöcisch. Der Fruchtkolben besteht aus sechs oder mehr aneinander gedrückten, beerenartigen Einzelfrüchten (Syncarpium), die außen hartholzige Protuberanzen zeigen. Jede Frucht hat 4-6 Fächer und ebensoviel Samen. Der Same ist von einer harten, bei den einzelnen Sorten verschiedenfarbigen, oft schwarzbraunen, aber häufig mit einer lehmfarbigen, abreibbaren Schicht (Mesocarprest) bedeckten Steinschale (Endocarp) umgeben, in der ein Keimdeckel sichtbar ist. Bricht man die sehr spröde Schale auf, so sieht man auf der braunen Samenschale ein grobes Netzwerk (Raphenetz). Sägt man den Samen der Länge nach durch, so findet man am einen Ende, etwas seitlich von dem Nabel, in einer konischen, durch einen Deckel geschlossenen Höhlung den kleinen Keimling. Die Hauptmasse des Samens besteht aus dem mehr oder weniger rein-weißen, steinharten Endosperm, das im Innern einen groben Längsspalt oder eine gestreckte Höhlung zeigt, die besonders bei den großen Colon- und Guajaquil-, weniger, bei den kleinen Savanilla- und Tumaco-Sorten hervortritt und die Verwertung der Steinnüsse zur Knopffabrikation sehr beeinträchtigt. Das Endocarp zeigt in der schwarzen Zone Palissadensklereïden, die Kieselkörper enthalten (~Molisch~). Dann folgt eine Zone kleiner Sklereïden und die innerste Schicht besteht aus braunen Inhalt führenden Faserzellen. Die bisweilen abgescheuerte, oben aufsitzende Deckschicht (Mesocarprest) besteht aus netzig verdicktem, luftführendem Parenchym (~T. F. Hanausek~). Die +Samenschale+ besteht aus verschieden langen und verschieden orientierten gestreckten Sklereïden mit braunem Inhalt (Abbild. bei ~Vogl~). Das +Endosperm+ ist steinhart. Seine Zellen sind außerordentlich stark verdickt und zeigen große Porenkanäle, die sich an der Trennungsplatte keulig erweitern. Die Trennungsplatte ist von feinen Plasmafäden durchzogen, die eine offene Kommunikation der Zellen hervorrufen (aggregierte Verbindungen), aber auch die ungetüpfelte Membran ist von feinen Plasmafäden durchzogen (solitäre Verbindungen, Abbild. bei ~Kohl~, Ber. d. d. bot. Ges. 1900, Taf. X). Die primäre Membran sowie die Schichtung der sekundären treten erst beim Behandeln mit Kali hervor. Die Wand wird durch Jod-Schwefelsäure blau. Im Lumen sieht man beim Präparieren in Öl große Aleuronkörner.
=Chemie.= ~Reiss~ fand in der Steinnuß 11,04 Wasser, 3,1-4,2 Proteïn, 1,51 Fett, durch heißes Wasser extrahierbar (exkl. Zucker) 7,5, Dextrose 0,49, Zellulose 74-75, Asche 1,3%. Bei der Hydrolyse erhielt er einen neuen Zucker, den er +Seminose+ nannte und den ~Emil Fischer~ dann mit der d-Mannose (Rechts-Mannose, vgl. S. 6) identifizierte, die er bei der Oxydation des Mannits neben Fruktose erhalten hatte. Er ist auch identisch mit der Isomannitose, die ~Tollens~ und ~Gans~ bei der Hydrolyse des Salepschleims erhielten, und wohl auch mit der Carubinose. Der +Pentosan+- (nach ~Ivanow~ Araban-)gehalt beträgt 1,29% der Trockensubstanz. Die Seminase der Leguminosensamen vermag die Reservezellulose im Phytelephas- (u. and. Palmen-)Samen nicht direkt zu spalten -- wohl aber, wenigstens teilweise, nach 24stündigem Digerieren 60% Schwefelsäure. Die Samen von Phytelephas enthalten ein +Fruktomannan+, das auf einen Teil +d-Fruktose+ (Lävulose) 20 Teile +Mannose+ liefert. ~Ivanow~ fand Hemizellulosen (Hexosane und Pentosane) und zwar 2,16% Pentosane und 1,55% Methylpentosane, viel Mannosezellulose und den dritten Teil davon Dextrosezellulose (?). Die Wände bestehen jedenfalls vorwiegend aus Mannanen.
+Mannane+ finden sich in der Reservezellulose der Samen der Dattel, von Ceratonia und Phytelephas, im _Salep_schleim, in Cichorium, Taraxacum und _Helianthus_wurzeln, in Oliven, Äpfeln, Bananen, Mandeln (~Storer~) -- +Galakto-Mannane+ in den Samen von Ceratonia, Foenum graecum, Phoenix canariensis, Strychnos potatorum, -- +Gluko-Mannane+ im Samen von Ruscus aculeatus -- +Frukto-Mannane+ (Manno-Fruktosan) in vegetabilischen Elfenbein. ~Storer~ betrachtet das Mannan als einen weitverbreiteten Reservestoff.
Das Endosperm von Phytelephas macrocarpa enthält 8,8% Wasser und 5,48% der Trockensubstanz Rohfaser, d. h. durch Schwefelsäure während einer Stunde nicht verzuckerbare Substanz (~Liebscher~). Der +Gesamtstickstoffgehalt+ beträgt nur 0,619% (bei der Erdnuß: 8,132%, ~Stutzer~), davon unverdaulich 0,082%, der +Rohproteïngehalt+ 7,31% (~Formenti~, beim Dattelsamen 4,4%, ~Georges~). Nach ~Liebscher~ soll in den _Phytelephas_samen ein Alkaloid, +Phytelephantin+, vorkommen. ~Méhu~ gibt Zucker (in den frischen Samen Rohrzucker) als Bestandteil an und den Eiweißgehalt auf 1,165-1,51%. Die Asche beträgt bei Phytelephas 1,40 (1,70 ~Holdefleiss~), bei der Tahitinuß (s. d.) 2,62% (~Harz~). Die Asche enthält 33,58% SiO₂. Die Steinschale gibt 14,6% Asche, vorwiegend aus Kieselsäure bestehend (~Méhu~). Nach ~Harz~ besitzen die Samen von Phytelephas eine Härte von 2,6, die Tahitinuß (s. weiter hinten) von 2,82 (tierisches Elfenbein 2,8, Areca Catechu 2,3).
=Handel.= Die Steinnüsse bilden einen bedeutenden Exportartikel des Magdalenenstromgebietes. Die Steinnüsse werden besonders aus Guajaquil und Manta (Ecuador) via Magellan oder Colon in Säcken von 100 kg exportiert. Columbien liefert die Corozos de Savanille.
+Handelssorten+ (nach ~Jos. Moeller~): +Marcellino+, walnußgroß, c. 23 g schwer. +Panama+, größer, c. 53 g. +Tumaco+, von San Lorenzo, von Kugelausschnittform, Gew. 70 g. +Palmyra+, Kern graubläulich. +Carthagena+, 50-55 g schwer, Steinschale dunkelschwarzbraun. +Guajaquil+, Steinschale lehmfarbig, c. 45 g schwer. +Esmeralda+, kaffeebraun, Kern gelblich oder bläulich-weiß, Gew. 80 g. +Colon+, Gew. 80 g. +Amazonas+, taubeneigroß, Gew. 35 g, Kern elfenbeinweiß. +Savanilla+ in vier Sorten (vgl. +Wiesners+ Rohstoffe II, 691).
Der Großhandel unterscheidet besonders zwischen +Guajaquil+ mit kleinem Spalt, 1000 geschälte Samen gehen auf 95-100 kg, und +Savanilla+ mit großem Spalt, 1000 auf 5,5-7,5 kg (~Planchon~). Meist werden sie in der Steinschale (en coque) versandt. Die eine Hälfte des europäischen Bedarfes importiert Hamburg, die andere Le Havre und Genua.
Hamburg importierte 1908 aus Ecuador (Guajaquil-Manta, Esmeraldas, Tumacos in Columbien) 87950 dz, aus Columbien (Savanilla, Cathagena, Panama und Colon) 30300 dz.
=Anwendung.= Die Steinnuß wird in Deutschland, z. B. in Schlesien, dann in Böhmen, Wien, Frankreich und Nordamerika auf Knöpfe verarbeitet. Sie läßt sich färben. Die gemahlenen Abfälle werden zur Fälschung von Gewürzen und Kaffeesurrogaten benutzt. Gemahlene Steinnuß ist 1907 auch als Verfälschung von Mehl (~Voy~, ~Bertarelli~), sowie auch als Verfälschungsmittel des Knochenmehles und Palmkernmehles beobachtet worden (~Harz~) und 1909 als Beimischung des Pulvers der Sem. strychni (~Louis Planchon~ und ~Juillet~). Der Vorschlag von ~Liebscher~ (1885), sie auf Albumin für Färbereizwecke zu verarbeiten, scheint nicht befolgt worden zu sein. Sie geben ein gutes Ausgangsmaterial zur Darstellung von Mannose.
=Lit.= Abbild.: ~Tschirch~, Ind. Heil- und Nutzpfl. t. 102 und ~Drude~ in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam. II, 3, 89. -- ~Seemann~, Die Palmen (Deutsch von ~Bolle~). 2. Aufl. 1863. -- ~T. F. Hanausek~ in ~Wiesner~, Rohstoffe und Zeitschr. f. Nahrungsm. Hyg. u. Warenk. 1893, 197. -- ~Morren~ (cit. bei ~Wiesner~, I. Aufl. S. 792. Erste anatom. Beschreibung). -- ~Jos. Moeller~, Mitt. d. k. k. technol. Gewerbemus. Wien 1880. -- ~Kohl~, Ber. d. d. bot. Ges. 1900, 364. -- ~Louis Planchon~ et ~A. Juillet~, Le Corozo, Bull. mens. de l’Acad. d. sc. et lettres. Montpellier 1909 und Encore le Corozo, Bull. de Pharm. de Sud-Est. 1910. -- ~Bertarelli~, Zeitschr. Unters. Nahr. u. Genußm. 1907. -- ~Voy~, Journ. pharm. 1907. -- ~Molisch~, Die Kieselzellen in d. Steinschale der Steinnuß. Zentralorgan f. Warenk. und Technologie 1891, 103. -- Anatom. Abbild. in ~Planchon-Collin~, Drogues simples I, 141. -- ~Vogl~, Nahrungs- u. Genußm. S. 554. -- ~Hanausek-Winton~, Microsc. of technical products p. 412. -- Chem. Lit. s. oben S. 259. Ferner: ~Ivanow~, Über die Kohlehydrate der Steinnußsamen, Journ. f. Landw. 1908, 217; Chem. Zeit. 1908, 32 Rep. 654. -- Ältere Analysen: ~Connell~, Journ. pr. Chem. 1844. -- ~Loges~, Wochenbl. f. Schlesw.-Holst. 1886. -- ~Johnson~, Jahresber. f. Agrikulturchemie 1880, 413. -- ~Holdefleiss~, Landwirt 1879, Nr. 39 und Zentr. Agr. Chem. 1880, 234. -- Dann: ~Reiss~, Über d. Natur d. Reservezellulose u. über ihre Auflösungsweise bei d. Keimung d. Samen. Landw. Jahrb. 1889 und Über d. in d. Samen als Reservestoff abgelagerte Zellulose u. eine daraus erhaltene neue Zuckerart, die Seminose. Ber. d. chem. Ges. 22 (1889), 609. -- ~Emil Fischer~ und ~Hirschberger~, Ber. d. chem. Ges. 22 (1889), 365 u. 1155. -- ~Tollens~ u. ~Gans~, Ber. d. chem. Ges. 21, 2150. -- ~Storer~, Chem. Zentralbl. 1902, 2, 1155. -- ~Mehu~, Jahresb. d. Pharm. 1887, 114. -- ~Harz~, Bot. Zentralbl. 18 (1884). -- ~Wolff~, Aschenanalysen. -- ~Stutzer~, Zeitschr. phys. Chem. 11 (1887), 207. -- ~Formenti~, Chem. Zentralbl. 1902, II, 536. -- ~Liebscher~, Journ. Landw. 33 (1885), 470. Bot. Jahresber. 1885, 84. -- ~Baker~ u. ~Pope~, Proc. chem. soc. 16 (1900), 72. -- ~Liénard~, Et. d. hydrates de carbone de réserv. d. quelqu. graines d. Palmiers. Thèse Paris 1903.
Unter dem Namen =Tahiti-= oder =Fidschinüsse=, Australische und Wassernüsse kommen, übrigens weder von Tahiti noch von anderen Freundschaftsinseln, sondern von den Karolinen und Salomonsinseln, seit 1876 zu dem gleichen Zwecke die ebenfalls steinharten Samen einer anderen Palme in den Handel, welche Palme ~Wendland~, ohne sie zu kennen, Sagus amicarum, ~Dingler~ Coelococcus carolinensis ~Dingl.~ nannte. ~Warburg~ stellte dann fest, daß außer dieser Palme auch Coelococcus salomonensis ~Warb.~ Tahitinüsse liefert, und nach ~Louis Planchon~ kommen auch die Samen von C. vitiensis ~H. Wendl.~ in den Handel. Die Carolinennuß ist glatt und glänzend, die Salomonsnuß ist dunkelrotbraun und matt und zeigt zehn meridional verlaufende Wülste. Der Same von C. carolinensis ist 4-6 cm hoch und 5,5-8 cm breit, der Same von C. salomonensis 4,5-5 cm hoch und 5,5-7 cm breit, der Same von C. vitiensis 3 cm hoch und 4 cm breit (~Warburg~).
Die Tahitinüsse sind die bisweilen über 200 g schweren kugeligen Samen der Pflanze, die namentlich dadurch ausgezeichnet sind, daß sie nach dem Durchsägen in der Längsrichtung becherartig erscheinen. Der Keimling liegt an der Außenseite mehr oder weniger exzentrisch. Die Keimhöhlung ist durch einen Deckel verschlossen. Der anatomische Bau des Endosperms der Tahiti-Steinnuß ist dem der Phytelephas-Steinnuß ähnlich, doch treten die Zellkonturen hier deutlich hervor und im Inhalt der Zellen finden sich prismatische Oxalatkristalle (~Hanausek~). Man kann aus den Tahitinüssen größere Objekte drechseln, als aus den amerikanischen Steinnüssen. Hamburg importierte 1907: 5000, 1908: 4150 dz australische Steinnüsse.
=Lit.= ~Wendland~, Bonplandia 1862. -- ~T. F. Hanausek~ in ~Wiesners~ Rohstoffen. II. Aufl., Zeitschr. d. Öster. Apoth. Ver. 1880, 360 und Zur Anatomie d. Tahitinuß, Zeitschr. f. Nahrungsmittel-Unters. 1893, 197. -- ~Dingler~, Bot. Zentralbl. 1887. -- ~Warburg~, Verbreit., System. u. Verwert. d. polynes. Steinnußpalmen. Ber. d. d. bot. Ges. 1896, 133. -- ~L. Planchon~ et ~Juillet~, Encore le Corozo, Bull. de Pharm. Sud-Est. 1910.
3) =Lichenino-Membranindrogen= (inkl. Amyloid-Membranine).
Durch Jod sich direkt blau färbende Membranine.
Der Name +Amyloid+ wurde 1844 von ~Vogel~ und ~Schleiden~ für die mit Jod sich direkt blau färbenden Membranen einiger Endosperme angewendet. +Amyloid+ findet sich in den Cotyledonen der Samen von Hymenaea Courbaril, Tamarindus indica u. a. und in den Endospermen der Samen von Primulaceen, Tropaeolaceen, Linaceen, z. B. in Primula, Impatiens, Tropaeolum, Cyclamen, Linum u. and., und Paeonia. Amyloid liefert bei der Hydrolyse +keine+ Mannose (~Reiss~). Es läßt sich mit kochendem Wasser extrahieren. Es liefert Glukosen (Galaktose) und Pentosen. Es enthält reichlich ein Galaktoaraban (~Winterstein~). Auch +ein in den Essigbakterien gefundenes Kohlehydrat+ gibt Amyloidreaktion (~Beijerinck~), sowie das Amylomycin einiger Hyphenwände. Bei längerer Berührung mit konz. Schwefelsäure (oder HCl) oder dreistündigem Kochen mit Wasser bei 20 Atmosphären Druck, geht Zellulose in +Hydrozellulose+ über, die identisch sein soll mit dem +Amyloid+ genannten Körper, den man erhält, wenn man Zellulose in 30 Teilen Schwefelsäure (4 H₂SO₄.1 H₂O) löst und mit Wasser fällt, aber nicht mit dem in den Membranen einiger Pflanzensamen (Paeonia, Linum) vorkommenden Amyloid, mit dem es nur die Eigenschaft teilt sich +mit Jod direkt blau zu färben+, von dem es sich aber dadurch unterscheidet, daß Hydrozellulose bei der Hydrolyse glatt d-Glukose liefert, währenddem die die genannten Membranen bildenden Substanzen dabei Galaktose, Glukose und Xylose (keine Mannose) liefern, also zu den Hemizellulosen gehören.
Das =Pergamentpapier=, das ja durch Einwirkung von Schwefelsäure auf Zellulosepapier dargestellt wird, färbt sich mit Jod direkt blau.
Einen Amyloid genannten Körper (diffus und in Körnern) fand ~Virchow~ in degenerierter Leber, Milz, Niere, Lunge, Gehirn. Es wird mit Jod oder Jod-Schwefelsäure blau, enthält aber Stickstoff (~W. Kühne~, ~C. Schmidt~). Es scheint den Eiweißstoffen näher zu stehen als der Stärke (~Friedreich~) oder gar nicht zu den Polysacchariden zu gehören. Auch sonst scheint es bei Tieren vorzukommen, wie die Lerpmanna (s. d.) zeigt.
=Lit.= ~Vogel~ und ~Schleiden~, Beitr. z. Botanik 1844, I, Poggend. Ann. 1839, Flora 1840. -- ~Frank~, Journ. pr. Chem. 95, 479. -- ~Kabsch~, Pringsh. Jahrb. III. -- ~Nägeli~, Botan. Mitteil. I und Stärkekörner. -- ~Tschirch~, Anatomie S. 173. -- ~Heinricher~, Flora 1888, 163. -- ~Winterstein~, Zeitschr. phys. Chem. 17 (1892), 353, Ber. d. chem. Ges. 25 (1892), 1237. -- +Derselbe+, Über das pflanzliche Amyloid. Zeitschr. phys. Chem. 17, 353. -- ~Reiss~, Ber. d. chem. Ges. 24, 1842, Landw. Jahrb. 18, 761. -- ~Schulze~, Zeitschr. phys. Chem. 19, 38. -- ~Virchow~, Arch. path. Anat. 11, 188.
Auch in dem =Lichenin= steckt ein sich mit Jod direkt blau färbender Körper. Wie die mikroskopische Untersuchung lehrt, gehört das +Lichenin+ zu den Membraninen. Es bildet die Substanz der Hyphenwände gewisser Schichten des Flechtenthallus, besonders des isländischen Moos. Man gibt ihm gewöhnlich die Formel (C₆H₁₀O₅)ₙ. Das durch Jod sich gelb färbende Lichenin wird im Lich. islandicus begleitet von +Dextrolichenin+ (+Isolichenin+, ~Errera~, ~Hoenig~, ~Schubert~). +Nur dies reagiert mit blauer Farbe auf Jod+ (daher Flechten- oder Licheninstärke). ~Vogel~ nannte dies «Moos-Amylum» Amyloid. Lichenin ist optisch inaktiv. Dextrolichenin dreht rechts. Das +Lichenin+ läßt sich aus dem Lichen islandicus dadurch darstellen, daß man die mit Alkohol, Äther, schwacher Sodalösung und Salzsäure extrahierte Flechte, nach dem Auswaschen mit kaltem Wasser, mit Wasser auskocht. Die Lösung gesteht zu einer Gallerte, aus der sich durch Alkohol oder Ausfrierenlassen das Lichenin abscheiden läßt. Aus der wässrigen Mutterlauge kann das Dextrolichenin (s. oben) abgeschieden werden. Lichenin löst sich in Kupferoxydammon, Dextrolichenin nicht.
Das +Lichenin+ (Flechtenstärke, Moosstärke, Stärkemembran) und das Isolichenin liefern bei der Hydrolyse d-Glukose (nach ~Escombe~ auch d-Galaktose?).
=Lit.= ~Bauer~, Journ. pr. Chem. II, 34. -- ~Stenberg~ und ~Klason~, Ber. d. chem. Ges. 19, 2541. -- ~Hönig~ und ~Schubert~, Monatsh. d. Chem. 8, 452. -- ~Errera~, Compt. rend. 101, 253. -- ~Nilson~, Chem. Zentralbl. 93b, 942. -- ~Escombe~, Zeitschr. phys. Chem. 22. -- ~Vogel~, Linnaea 15, 63. -- ~Tschirch~, Artikel Flechtenstärke in Realenzyklop. d. Pharm. V, 366.
Wohl mit dem Lichenin identisch, jedenfalls mit ihm verwandt, ist die durch Jod sich blau färbende Substanz der Apothecien der Flechten. Mit dem Lichenin verwandt, aber wohl nicht damit identisch, sind die ebenfalls in kochendem Wasser löslichen +Everniin+ (in Evernia Prunastri ~Stüde~) und das +Usneïn+ (in Usnea barbata), die bei der Hydrolyse Glukose liefern. Usneïn dreht rechts und wird durch Jodschwefelsäure rotviolett.
Nach ~Ulander~ und ~Tollens~ enthält die Cetrariagruppe Lichenine, die Cladoniagruppe ist frei davon, liefert also keine wasserlöslichen Membranine. Sie gibt bei der (schwierigen) Hydrolyse d-Mannose und d-Galaktose neben etwas Glukose, sowie Pentosen und Methylpentosen.
=Lit.= ~Ulander~ und ~Tollens~, Ber. d. d. chem. Ges. 39, 401. -- ~Stüde~, Lieb. Ann. 131.
Lichen islandicus.
=Syn.= Fucus islandicus, Muscus catharticus, Isländisch Moos, Lungenmoos, Haideflechte, Kramperltee, Tartschenflechte -- lichene ou mousse d’Islande (franz.) -- iceland moss (engl.) -- lichene islandico (ital.) -- ijslandsmos (holl.) -- islannin jäkälä (fin.) -- izlandizuzmo (ung.) -- λειχὴν ὁ ἰσλανδικός (n.-griech.).
=Etym.= Isländisch Moos, obwohl weder ein Moos noch aus Island exportiert (kommt aber in Island vor). Mos, mossa (mosi, mus) ist der skandinavische Ausdruck für alle laubigen Kryptogamen, nicht nur für die Moose (~Jenssen-Tusch~, Nordiske Plantenavne. Kopenhagen 1867).
=Stammpflanze.= =Cetraria islandica= ~Acharius~ Method. 293 (Lichen islandicus L. [Flor. suec. 1085, Spec. pl. 1611], Physcia islandica ~P. Dc.~, Parmelia islandica ~Sprengel~, Lobaria islandica ~Hoffm.~). Bisweilen werden var. crispa ~Ach.~ mit schmalen, verbogen-krausen Thalluslappen, var. subtubulosa ~Fr.~ durch zusammengeneigte Thallusränder röhrig und var. platyna ~Ach.~ mit breitem, flachem Thallus unterschieden. Auch andere Varietäten sind bekannt.
=Systemat. Stellung.= +Lichenes.+ Ascolichenes -- Parmeliaceae.
=Etym.= Cetraria ist aus cetra, dem kleinen, leichten, runden Lederschild des römischen Fußvolkes, gebildet und spielt auf die runden schildförmigen Apothecien an.
=Beschreibung.= Cetraria islandica gehört zu den heteromeren, gymnocarpen Strauchflechten (Thamnoblasti). Es handelt sich hier um eine eigenartige Symbiose vom Charakter eines parasitären Konsortiums zwischen einem Discomyceten und einer Palmellacee (s. unten). Der krause, aufrechte, strauchige Thallus (Thallom, Lager, Laub) ist mittelst kurzer, fadenförmiger Rhizoiden (Rhizinen) am Boden befestigt. Er ist blattartig, vielfach gelappt, aufrecht bis aufsteigend (Fig. 92), beiderseits berindet und kahl, bis 10 cm hoch. Bisweilen sind mehrere Individuen miteinander verwachsen oder verklebt. Am Grunde ist der Thallus verschmälert, rinnenförmig oder fast röhrenförmig und dort oft rötlich gefärbt. Nach oben verbreitert er sich und ist dort wiederholt gabelig oder unregelmäßig gelappt. Im frischen Zustande ist der Thallus häutig-lederig, auf der dem Lichte zugewendeten Seite olivengrün, auf der anderen blaß grün-weißlich oder grau-weißlich mit weißen, oft grubigen Flecken. Getrocknet ist der Thallus knorpelig, oberseits grünlich-braun, unterseits hell bis weiß. Am Rande zeigt der Thallus zahlreiche lange, bisweilen gegabelte, im Querschnitt rundliche Fransen, die an ihrer Spitze je ein +Spermogonium+ tragen, in dem sich zahlreiche, stäbchenförmige Spermatien befinden, die bisweilen durch die terminale Öffnung ausgetreten sind und sich dort bisweilen als ein kleines Häufchen angesammelt haben (Fig. 93). Apothecien finden sich in der Droge selten. Ich habe ganze Zentner von Isländisch Moos durchsucht ohne eins zu finden. (Die im Handel vorkommende Form Cetraria island. var. crispa ~Ach.~ ist stets unfruchtbar, ~Krasser~). Sie sitzen einzeln oder zu zweit am Ende der Thalluslappen, der Oberseite schief angewachsen. Sie messen bis 1 cm in der Breite, sind rundlich oder oval und schildförmig (daher Cetraria, s. oben), frisch grünbraun, trocken bisweilen kastanienbraun. Sie besitzen einen niedrigen, bisweilen gekerbten Rand.
=Lit.= ~Cramer~, Diss. de Lichene Islandico Erlang. 1780. -- ~Olafsen~, Reise durch Island I, 85. -- +Abbild.+ bei ~Nees von Esenbeck~, Plant. med. t. 10, ~Berg-Schmidt~, Atlas t. 159, ~Bentley-Trimen~, Medic. plants t. 302 und ~Luerssen~, Mediz. pharm. Bot. Ältere: ~Plenck~, Icon. t. 744, ~Dill~, Hist. musc. t. 28, Fig. 111, Flor. Dan. t. 155 u. and.
=Vorkommen.= Die über die gemäßigte und kalte Zone beider Hemisphären verbreitete Flechte findet sich nur auf der Erde zwischen Moos, Gras und Heidekraut, im Norden in der Ebene, im gemäßigten Klima meist in lichten Gebirgswäldern. Häufig in Europa, Asien (Sibirien), im arktischen Amerika und weiter südlich bis Virginien und Nord-Carolina. In Skandinavien steigt sie bis zum Meeresstrande herab, in den Alpen bis 3260 m (Monte Rosa), ja über 3454 m (~Schröter~), also weit über die Baumgrenze empor.
=Pathologie.= Prof. ~Ed. Fischer~ berichtet über die Parasiten: Auf dem Thallus von Cetraria islandica können sich parasitische Ascomyceten ansiedeln, unter denen besonders der Discomycet Abrothallus Parmeliarum (~Sommerf.~) ~Nyl.~ zu nennen ist: Die Fruchtkörper desselben sind zuerst in die Marksubstanz der Flechte eingesenkt und bewirken blasige Wucherungen des Thallus, später brechen sie als rundliche schwarze Fruchtscheiben hervor (siehe ~H. Rehm~, Discomyceten in ~Rabenhorsts~ Kryptogamenflora. Pilze, Abt. III, p. 359). Außerdem wird (in ~Saccardo~ Sylloge) auch der Discomycet Scutula oxyspora ~Karst.~ und der Pyrenomycet Sphaerulina cetraricola (~Nyl.~) ~Karst.~ als auf Cetraria vorkommend angegeben.
=Einsammlung und Handel.= Die Flechte wird im Harz, Fichtelgebirge und Riesengebirge, in Niederösterreich, auf dem Schneeberg und der Rax, in den Voralpen (Kant. Bern und Luzern, I, S. 98), in Tirol, Frankreich, Skandinavien und Spanien, sowie in Nordamerika gesammelt. Island scheint nichts zu liefern, jedenfalls nicht regelmäßig zu verschiffen (~Wight~).
Lichen islandicus wird in gepreßten Ballen à 120 kg gehandelt.
=Lit.= ~Wight~, Pharm. Journ. 17 (1887), 689. -- Pharmacographia.
=Anatomie.= Der bis 0,5 mm dicke Thallus zeigt drei Schichten: die Randschicht, die Mittelschicht und die Markschicht. Die Randschicht besteht aus einem lückenlosen pseudoparenchymatischen Gewebe dicht miteinander verflochtener, dickwandiger, kurzer Hyphen (Paraplectenchym, ~Lindau~), deren Wände sich mit Jod nicht oder nur schwach blau färben. Die Mittelschicht besteht aus einer sehr verschieden dicken Schicht, vorwiegend parallel der Oberfläche gestreckter Hyphen mit dicker Wand und engem Lumen. Sie ist es in erster Linie, die sich mit Jod direkt blau färbt und beim Kochen mit Wasser sich löst bzw. in eine Gallerte übergeführt wird. Die Färbung mit Jod, die stets nur an den Wänden auftritt, bleibt auch bei alter Droge nur selten aus, wenn man den Schnitt in Jod-Jodkaliumlösung einlegt und dann mit Wasser auswäscht. Die Mittelschicht ist also die eigentümliche Licheninschicht. Die innerste oder Markschicht besteht aus locker verschlungenen Hyphen (Plectenchym, ~Lindau~), die reichlich Luft zwischen sich lassen, daher meist erst dann deutlich werden, wenn man zum Schnitte Alkohol zutreten läßt. Die Hyphenwände färben sich in dieser Schicht nicht mit Jod. Nur die äußersten Schichten zeigen bisweilen schwache Färbung. Zwischen den Hyphen dieser Markschicht liegen, meist der Mittelschicht genähert, die +Gonidien+, die Algenzellen des Flechtenthallus. Die c. 10-12 mik breiten, rundlichen, bisweilen in Teilung begriffenen Gonidienzellen sind bei der lebenden Flechte grün und enthalten ein fast hohlkugelförmiges Chromatophor, das ein Pyrenoid einschließt, bei der Droge sind sie bräunlichgrün. Sie sind der einzige chlorophyllhaltige Bestandteil der Flechte. Sie sind in größerer Zahl an der morphologischen Oberseite (Lichtseite) des Thallus zu finden, der demnach auch stärker gefärbt erscheint, doch finden sich auch der Unterseite (Schattenseite) genähert stets eine Anzahl Gonidien. Die Verteilung verleiht dem _Cetraria_thallus den Charakter eines heteromeren Flechtenthallus (bei den homöomeren sind die Gonidien über den ganzen Thallus verteilt). Die Gonidien gehören zu der Protococcaceen- (Palmellaceen-Gattung), Chlorococcum humicola (Cystococcus humicola ~Naeg.~), die auch freilebend auf Baumstämmen und andere Flechten bildend bekannt ist. In den blasigen weißen Flecken, welche der Unterseite ein so charakteristisches Aussehn verleihen, finden sich luftreiche Wucherungen des Markes, die die Rindenschichten blasig hervorwölben und schließlich sogar aufsprengen, so daß das Mark da und dort zutage tritt. Da das hervortretende Hyphengewebe Gonidien mitnimmt, haben wir diese Bildungen als +Soredien+ anzusehen. Die abgeschnürten Knäuel bilden die ungeschlechtliche Fortpflanzungsform der Flechte. (Es sind nicht Cetrarinablagerungen wie ~Knop~ meinte.)
Die +Spermogonien+ bilden ovale Höhlungen an der Spitze der Randfransen. Sie sind ausgekleidet mit einer dichten Schicht gegliederter schwach verästelter zarter Hyphen, die in Basidien auslaufen, welche die stäbchenförmigen, c. 6 mik langen +Spermatien+ (s. oben) abschnüren. Früher hielt man die Spermatien für die männlichen Organe. Jetzt weiß man nur, daß ihnen diese Bedeutung nicht zukommt. Vielleicht sind die Spermogonien funktionslos gewordene (männliche?) Organe. Die Spermatien vermögen auszutreiben und ein neues Mycel zu erzeugen.
Die +Apothecien+ zeigen ein stark entwickeltes Hymenium mit zahlreichen Ascis. Der flechtenbildende Pilz, der sich zu einer bestimmten Gattung nicht stellen läßt, ist ein +Discomycet+. Die keulenförmigen Asci mit 6-8 ovalen Ascosporen werden von den Paraphysen überragt. Die Wand der Asci, bisweilen auch die der Hyphen des Hypotheciums, färben sich mit Jod blau (enthalten also auch Lichenin), die Paraphysen gelb oder gelbbräunlich.
=Lit.= ~Payen~, Compt. rend. 1837, 145. -- ~Pereira~, Heilmittellehre. -- ~Vogel~ a. a. O. -- ~Knop~, Chem. Zentralbl. 1872, 173. -- ~Luerssen~, Med. pharm. Botan. I, 223. Abbild. auch in ~Oudemans~ Atlas 1854 (erste anatom. Abbild.), ~Berg~, Anatom. Atlas t. II, 4 und ~Hérail-Bonnet~, Manipulat. t. 36. -- ~Stahl~, Beitr. z. Entwicklungsgesch. d. Flechten. Leipzig 1877. -- ~Tschirch~, Artikel Lichen islandicus in Realenzykl. d. Pharmac.
=Chemie.= Isländisch Moos enthält eine gallertebildende Substanz und einen Bitterstoff, der sich durch Extraktion mit schwachen Alkalicarbonatlösungen entfernen läßt (L. i. ab amaritate liberatus). «Man hat es daher in der Hand, aus der Droge ein Amarum purum, ein Amarum mucilaginosum oder (aus der entbitterten Droge) ein Nutriens mucilaginosum darzustellen» (~Jos. Moeller~, 1906).
+Den Gallerte bildenden Stoff+ isolierte bereits ~Ebeling~ (1779), ~Cramer~ (1780) und ~Proust~, sowie ~Pfaff~ (1808) in unreiner Form und ~Proust~ erkannte schon seine Eigenart. ~Pfaff~ bemerkt, daß der Cetrariaschleim, von dem er 33% erhielt, am meisten mit der Stärke übereinkomme, obwohl er die Jodreaktion noch nicht kennen konnte, da das Jod noch gar nicht entdeckt war. ~John~ scheint ihn 1821 für Inulin gehalten zu haben. ~Berzelius~, der (neben 36,2% stärkeartigem Skelett) 44,6% Gummi und Moosstärke (laf stärkelse) erhielt, nannte den Stoff, der die Gallerte liefert, zunächst Moosstärke, dann +Lichenin+ oder +Flechtenstärke+. ~Payen~ glaubte mit Jod sich bläuende Körnchen zu sehen, aber bereits ~Pereira~ fand keine stärkeähnliche Körner und so scheint bereits ihm klar gewesen zu sein, daß es hier die Membran ist, die sich mit Jod bläut. Lichenin ist +nur+ in den Membranen enthalten (~Tschirch~), nicht, wie ~Knop~ und ~Schnedermann~ meinten, im Inhalt und zwischen den Hyphen. Die Wände der Hyphen von Cetraria islandica scheinen kein Chitin zu enthalten (~Escombe~, ~Wester~). ~Hoppe Seyler~ und ~Tanret~ hatten es als darin vorkommend angegeben. ~Th. Berg~ fand 1872, daß das Lichenin aus zwei Isomeren der Formel C₆H₁₀O₅ besteht. Er nennt den in kalten Wasser löslichen, aber nicht durch kaltes Wasser aus der Flechte ausziehbaren jodbläuenden Stoff, der 10-11,5% der Flechte beträgt, «+wahre Flechtenstärke+» -- jetzt (nach ~Flückigers~ Vorschlag) als +Dextrolichenin+ bezeichnet --, den in kaltem Wasser unlöslichen, durch Jod nicht gebläuten, der 20% ausmacht, +Lichenin+. Der letztere scheidet sich aus der Abkochung der Flechte beim Erkalten als Gallerte ab. ~Berg~ gab beiden die Formel (C₆H₁₀O₅)ₙ. Die Hydrolyse mit Mineralsäuren lieferte ihm aus beiden gärungsfähigen Zucker. Diastatische Fermente verzuckern nicht. Lichenin (s. oben, S. 263) bildet eine Gallerte, aber keinen bindenden Kleister. Es liefert mit Salpetersäure Oxalsäure (+nicht+ Schleimsäure). Das durch Auskochen mit Wasser, Fällen mit Alkohol usw. gewonnene Lichenin ist optisch inaktiv und liefert bei der Hydrolyse mit verd. Schwefelsäure d-Glukose. Die Kohlehydrate der Cetraria islandica betragen im ganzen 80%. Sie bestehen etwa zur Hälfte aus dem in heißem Wasser löslichen Lichenin. Die in Wasser unlöslichen Kohlehydrate sind +Hemizellulosen+, die Dextrane, Mannane und Galaktane und etwa 3% Pentosane, sowie ein wenig echte Zellulose (?) enthalten. Werden nämlich die wasserlöslichen Kohlehydrate durch Auskochen entfernt, so bleibt ein Rückstand, der bei der Hydrolyse viel d-Glukose und daneben weniger d-Mannose und d-Galaktose und etwas Pentosen und Methylpentosen liefert (~Ulander~ und ~Tollens~). Selbst durch anhaltendes Kochen ist man aber nicht imstande, dem unlöslichen Rückstande ganz die Eigenschaft zu nehmen, sich durch Jod blau zu färben (~Pereira~). Entbittertes, d. h. von der +Cetrarsäure+ befreites +Isländ. Moos+, enthält: N-freie Extraktivstoffe, Lichenin usw. 79,2%, N-haltige Stoffe 2,81%, Rohfett 0,4%, Rohfaser 4,6%, Asche 6,99% (~Hansteen~). Zu Brot verbacken wurden 50% der Flechtenkohlehydrate vom Körper resorbiert und verbrannt. ~Poulson~ empfiehlt es als Nahrungsmittel für Diabetiker. Es gelingt, bis 70% gallertbildende Stoffe aus Cetraria islandica durch Auskochen darzustellen, die im Verhältnis 1 : 20 eine steife Gallerte bilden (~Flückiger~).
Bereits ~John~ erkannte (1821) +den Bitterstoff+ als einen eigentümlichen Bestandteil. ~Berzelius~ und besonders ~Rigatelli~ stellten die Substanz dann dar und einige Zeit spielte «~Rigatellis~ Salz» (unreines Cetrarin) als Fiebermittel in Italien eine Rolle. ~Herberger~ isolierte den Bitterstoff (1837) in reinerer Form und nannte ihn +Cetrarin+ (Moosbitter). Diese Forscher benutzten Alkohol als Extraktionsmittel. Doch wußte bereits ~Berzelius~, daß man Isländisch Moos mit Pottasche entbittern kann. ~Schnedermann~ und ~Knop~, die sich ebenso wie ~Payen~ der Alkalien zur Extraktion bedienten, erhielten (1845) das Cetrarin kristallinisch in Form intensiv bitter schmeckender Nadeln, erkannten seine Säurenatur und nannten es +Cetrarsäure+. Sie gaben ihm die Formel C₃₄H₃₂O₁₅ (resp. C₁₈H₁₆O₈); ~Hilger~ und ~Buchner~ formulierten C₃₀H₃₀O₁₂. +Cetrarsäure+, nach ~Simon~: C₂₀H₁₈O₉, ist zu etwa 2-3% (nach ~Simon~ +sicher+) in der Flechte +vorgebildet+ enthalten neben +Fumarsäure+ (~Simon~) und +Protocetrarsäure+ (~Hesse~). Cetrarsäure reduziert Fehlingsche Lösung in der Wärme, löst sich sehr wenig in siedendem Wasser, leicht in Alkalien und Alkalikarbonaten. Auch die Salze schmecken sehr bitter. Wird die Lösung in alkoholischer Salzsäure einige Stunden gekocht, so färbt sie sich erst gelb, dann grünlich, rötlich fluoreszierend, violettrot und endlich blau (~Simon~), eine sehr charakteristische Reaktion. Bei der Spaltung mit Natronlauge und Zinkstaub entsteht Orcin (Zopf) und 1,2-Dimethylphendiol-3,5 (~Simon~):
CH₃ /\\ CH₃ / \\ H || | || | OH \ // OH \// H
Cetrarsäure ist nach Simon methoxylhaltig und enthält wohl neben einem Carbonyl ein Carboxyl und ein Hydroxyl, jedenfalls zwei durch Metalle vertretbare Wasserstoffatome. Sie ist vielleicht der Methyläther von ~Hesses~ Protocetrarsäure. ~Hesse~ betrachtete sie früher fälschlich als Triäthylprotocetrarsäure (C₅₄H₃₁O₂₄(OC₂H₅)₃). ~Zopf~ und ~Hesse~ sind entgegen der oben vertretenen Auffassung der Ansicht, daß Cetrarsäure in der Flechte nicht vorgebildet ist, sondern erst aus der Fumar-Protocetrarsäure bei der Extraktion entsteht. Diese Ansicht teilt ~Simon~ nicht. Die blaugrüne bis blaue Färbung durch Salzsäure-Alkohol (s. oben) kommt außer der Cetrarsäure auch anderen Flechtensäuren, wie der Protocetrarsäure, Ramalinsäure (wohl identisch mit Protocetrarsäure), Kullensissäure, Caprarsäure und Physodalsäure zu, die alle ebenfalls bitter schmecken (vgl. ~Zopf~, Die Flechtenstoffe). Auch +Protocetrarsäure+ (C₁₈H₁₄O₉ oder C₁₉H₁₆O₉) und +Fumarprotocetrarsäure+ (Cetrarsäure ~Zopf~ = 2(C₄H₄O₄). C₅₄H₄₂O₂₇) werden als vorgebildete Bestandteile der Cetraria islandica angegeben (~Zopf~, ~Hesse~, ~Simon~).
Bereits ~Berzelius~ gab an, eine Lichensäure in der Flechte gefunden zu haben (an Kalk und Kali gebunden). Später strich er diese wieder und erklärte sie, als +Fumarsäure+ gefunden wurde, mit dieser identisch. (~Pfaffs~ Flechtensäure ist von ~Demarçay~ und ~Schröder~ als Fumarsäure erkannt worden). Vielleicht hatte er aber die +Lichesterinsäure+ in Händen, die zuerst von ~Schnedermann~ und ~Knop~ in Kristallen in einer Ausbeute von 1% isoliert worden war. Sie gaben ihr die Formel C₂₉H₂₅O₅ (~Strecker~: C₁₄H₂₄O₃, ~Hilger~ und ~Buchner~: C₄₃H₇₆O₁₃, ~O. Hesse~: C₁₇H₂₈O₄, später C₁₈H₃₀O₅, noch später C₁₈H₃₀O₄), die dann ~Sinnhold~ in C₁₉H₃₂O₄ umwandelte, welche Formel ~R. Böhme~ adoptierte und in:
COOH | C₁₄H₂₇--CH--CH₂--CH--CO | | -------------O
auflöste. Diese Lichesterinsäure soll aber in Cetraria islandica nicht vorgebildet sein (~Zopf~, ~Hesse~). ~Zopf~ und ~O. Hesse~ isolierten nämlich als angeblich wahre Bestandteile +Proto-α-Lichesterinsäure+ C₁₈H₃₀O₅, F. 106-107 und +Proto-Lichesterinsäure+ (C₁₉H₃₂O₄ ~Zopf~ oder C₁₈H₃₀O₄ ~Hesse~). Wohl isomer mit letzterer ist die oben erwähnte +Lichesterinsäure+, die aber, wie gesagt, in der Flechte nicht vorgebildet sein, sondern erst beim Kochen mit Alkohol aus der Protolichesterinsäure entstehen soll. Auch +α-Lichesterinsäure+ (C₁₈H₃₀O₅) soll in der Flechte nicht vorgebildet sein, sondern aus der Proto-+-Lichesterinsäure beim Kochen mit Alkohol entstehen. ~R. Böhme~ ist jedoch der Ansicht, daß es nur +eine+ Lichesterinsäure (F = 124-125°) gibt. Seine Lichesterinsäure gab beim Kochen mit Alkali +Lichesterylsäure+ (~Sinnhold~):
C₁₄H₂₇--CH--CH₂--CH₂--COOH | OH
und beim Behandeln mit Jodwasserstoff und Reduktion λ-Iso-Stearinsäure (C₁₈H₃₆O₂) und einen gesättigten Kohlenwasserstoff. ~Hilger~ und ~Buchner~ erhielten bei der Oxydation Caprinsäure. Ferner ist in einer Varietät der Cetraria islandica eine +Paralichesterinsäure+ (C₂₀H₃₄O₅) in sehr kleiner Menge gefunden worden (~Hesse~). Was ~Hesse~ als β- und γ-Lichesterinsäure beschrieb, muß (nach ~Hesse~) gestrichen werden; ebenso Hesses Dilichesterinsäure. Cetraria islandica aus Vorarlberg enthielt 0,62% Proto-α-Lichesterinsäure; die Flechte aus Tirol ein Gemisch dieser Säure mit Protolichesterinsäure. Regelmäßig war bei Exemplaren verschiedenster Provenienz +Cetrarsäure+ vorhanden. Cetraria islandica erzeugt Fumarprotocetrarsäure wie Protolichesterinsäure sowohl in Mitteldeutschland wie in Süddeutschland und den Alpen, auf Kalk sowohl wie auf Urgestein (~Zopf~).
Ferner werden +Oxalsäure+ und +Weinsäure+ (?) angegeben (Pharmacographia). Bereits ~Berzelius~ fand +Blattgrün+ in der Flechte. Obwohl ~Knop~ und ~Schnedermann~ angeben, daß ihr +Thallochlor+ vom Chlorophyll abweiche, ist es doch wohl nichts anderes. Die Unterschiede rühren von Verunreinigungen her. Mit gespanntem Wasserdampf destilliert gibt Cetraria islandica 0,051% +ätherisches Öl+, das beim Stehen Kristalle abscheidet, bald rechtsdrehend, bald inaktiv ist und ein spezifisches Gewicht von 0,8765 besitzt (~Haensel~). Der Aschengehalt beträgt 1 bis 2% (nach ~Hauke~ 1-1,4%). ~Wittstein~ verglich die +Asche+ der Cetraria mit der Zusammensetzung des Bodens, auf dem sie wuchs. Er fand in der Asche 43,2% Kieselsäure, 13,2% Kali und 13,7% Kalkerde. Sie enthält auch 4% Aluminium. In der lufttrockenen Flechte findet sich 0,0198% Eisen (in der frischen: 0,0176%). Sie enthält also mehr Eisen als z. B. Spinat (~Baldoni~).
=Lit.= Ältere Analysen von ~Proust~, ~Ebeling~, ~Cramer~, ~Trommsdorff~, ~Crell~ (vgl. ~Murray~, Appar. medic. 1790, V, 499, und ~Schwartze~, Pharmakolog. Tabellen 1819). -- ~Pfaff~, Syst. d. Mat. med. 1808, II, 75. -- ~John~, chem. Schriften 5 (1821), S. 41. -- ~Berzelius~, Schweig. Journ. 7 (1813), 342 (Analyse abgedruckt in Lehrb. d. Chemie 1838, VII, 446). -- ~Guérin-Varry~, Ann. Chem. Phys. 56. -- ~Mulder~, Journ. prakt. Chem. 15 und Lieb. Ann. 28, 279. -- ~Payen~, Ann. sc. nat. (bot.) 14. -- ~Pereira~, Heilmittellehre (d. von ~Buchheim~). -- ~Davidsohn~, Journ. pr. Chem. 20. -- ~Schmidt~, Lieb. Ann. 51. -- ~Maschke~, Journ. pr. Chem. 61. -- ~Herberger~, Über d. Bitterstoff d. isländ. Flechte (Cetrarin, Moosbitter), Buchn. Rep. 36 (1830), 226 u. 56 (1836), 273. Über das Cetrarin, Lieb. Ann. 21 (1837), 137. -- ~Schnedermann~ und ~Knop~, Lieb. Ann. 54, 143 und 55 (1845), 144 (Jahresber. d. Pharm. 1845, 13). -- ~Stenberg~, Oefvers. Akad. Forb. 1868. Pharm. Jahresb. 1868, 31. -- ~Th. Berg~, Zur Kenntnis des in Cetraria islandica vorkommenden Lichenins u. jodbläuenden Stoffes. Diss. Dorpat 1872 und Pharm. Zeitschr. f. Rußl. XII (1873), 129; Journ. pr. Chem. 1873, 848; Ref. in Pharm. Jahresb. 1873, 19. -- ~Wittstein~, Schweiz. Zeitschr. f. Pharm. VII (1862), 237. -- ~Weigelt~, Journ. pr. Chem. 1869, 106 u. 193. -- ~Billey~, Lieb. Ann. 86. -- ~Flückiger~, Arch. Pharm. 196 (1871), 14. -- ~Stenberg~ und ~Klason~, Ber. d. d. chem. Ges. (19) 1886, 2541. -- ~Errera~, Dissert. Brüssel 1882. -- ~Bauer~, Arch. Pharm. 224 (1886), 803. -- ~Hönig~ u. ~Schubert~, Monatsh. f. Chem. 8 (1887), 452. -- ~Hilger~ u. ~Buchner~, Chem. Charakt. d. Bestandt. d. isländ. Mooses. Ber. d. d. chem. Ges. 23 (1890), 461. -- ~Sinnhold~, Lichesterinsäure. Arch. Pharm. 236 (1898), 504. -- ~O. Hesse~, Journ. pr. Chem. 57 u. 58 (1898), 62 (1900), 68 (1903), 70 (1904), 73 (1906), 113; 76 (1907) 1. -- ~Zopf~, Lieb. Ann. 300, 323 u. 324 (1902). -- ~Guesdon~, Lichen d’Islande. Journ. pharm. 1901, 373. -- ~Tschirch~, Artikel Lichen islandicus und Cetraria in Realenzykl. d. Ges. Pharm. VI, 286. -- ~Simon~, Cetrarsäure. Arch. d. Pharm. 240 (1902), 521 und 244 (1906), 459. -- ~R. Böhme~, Lichesterinsäure. Arch. Pharm. 241 (1903), 1. -- ~Hänsel~, Bericht 1903. -- ~Hansteen~, Chem. Zeit. 30 (1906), 638. -- ~Ulander~ und ~Tollens~, Ber. d. d. chem. Ges. 39 (1906), 401. -- ~Poulson~ (Nord. Tidskr. of terapi 1908). Pharm. Zentralh. 1908, 208. -- ~Zopf~, Die Flechtenstoffe. Jena 1907. -- ~Hauke~, Aschengehalte. Wien 1902. -- ~Baldoni~, Arch. exp. Path. 52 (1904).
=Geruch und Geschmack.= Getrocknetes Isländisch Moos riecht sehr eigenartig (Flechtengeruch!) und schmeckt fade, bitter-schleimig.
=Prüfung.= Cetraria islandica darf nicht fremde Pflanzenteile (Moose, Coniferennadeln, andere Flechten) enthalten. Diese sind, wenn vorhanden, durch Auslesen zu entfernen.
=Anwendung.= Isländisch Moos wird als Tonicum, Stromachicum, bei Lungenleiden und bei Chlorose empfohlen (s. S. 272). Offenbar ist die Cetrarsäure (Cetrarin) an der tonischen Wirkung des Lichen islandicus beteiligt (~Husemann~, das Cetrarin prüfte auch ~Köhler~ und ~Ramm~). +Cetrarsäure+ ist auch ein mildes Laxans, das die Peristaltik reizt. Sie wurde neuerdings auch als Mittel gegen die Seekrankheit empfohlen. Die alkoholische, Cetrarsäure enthaltende Tinktur besitzt jedenfalls antiemetische Eigenschaften (~Deguy~ und ~Brissemoret~, ~Guesdon~, ~Gigon~). Lichesterinsäure und Protolichesterinsäure besitzen hämolytische Wirkung (~Kobert~). Am meisten hat sich aber die sog. Isländisch-Moos-Pasta (~Engelhardt~), eine aus entbittertem Isländisch Moos dargestellte Gelatine, als den Hustenreiz milderndes Mittel eingebürgert.
In Island, wie überhaupt in der arktischen Zone, soll Cetraria islandica noch jetzt als Nahrungsmittel, zu Brot verbacken, oder als Gemüse von der ärmeren Bevölkerung benutzt werden. Jedenfalls ist sie ein gutes Renntierfutter. Für Zeiten der Not empfahl es ~Zimmermann~ 1817, ~Bouchardat~ 1842 entbittertes Lichen islandicus als Nahrungsmittel. Auch neuerdings empfiehlt ~Hansteen~ mit Alkalicarbonaten entbitterte Cetraria islandica gemahlen als Volksnahrungsmittel. Sie enthält ja 79,2% Lichenin u. and. stickstofffreie Extraktivstoffe (Cetraria nivalis sogar 90,2% stickstofffreie Extraktstoffe). Längere Zeit im Kochen erhaltenes Dekokt von Lich. islandicus soll seine Bitterkeit verlieren (?). Durch Tierkohle verliert es nicht nur seine Bitterkeit, sondern auch seine Eigenschaft zu gelatinieren (~Peretti~).
Cetraria islandica liefert bei der Säurehydrolyse bis 70, ja sogar 72% der lufttrockenen Substanz gärungsfähigen Zucker. Der Sirup besitzt aber einen unangenehmen Geschmack. Der daraus dargestellte Alkohol riecht angenehm (~Stenberg~). Auf die Tatsache, daß aus Cetraria Zucker gewonnen werden kann, haben ~Stenberg~ und ~Müller~ den Vorschlag gegründet, diese Flechte (und die Renntierflechte), in Gegenden wo sie häufig sind, zur Alkoholgewinnung heranzuziehen. Cetraria islandica und andere Flechten (Cladonia rangiferina) werden denn auch zur Darstellung von Alkohol benutzt. Doch soll nicht viel dabei herauskommen (~Schübeler~). Ähnliche Versuche sind in Finland, Petersburg und Archangel gemacht worden (~Flückiger~).
=Lit.= ~Fortunatoff~, Arbeit. pharm. Instit. Dorpat 1890. -- ~Guesdon~, Le Lichen d’Islande. Thèse Paris 1901, Journ. de pharm. 1901 (14), 373. -- ~Deguy~ und ~Brissemoret~, Journ. des practiciens 1897. Rep. Pharm. IX, 461. -- Pharm. Journ. 1897, 378. -- ~Gigon~, Mercks Ber. 1905, 50. -- ~Tapie~, Essai sur le Lichen d’Islande (Sep. Abdr.). -- ~Bouchardat~, Bull. gen. de Therap. 1842, 42. -- ~Dragendorff~, Heilpflanzen. -- ~Husemann-Hilger~, Pflanzenstoffe. -- ~Köhler~, Prager Vierteljahrsschr. 120, 49, 1873. -- ~Rigatelli~, Gazz. eclett. 1835 und Pharm. Zentralbl. 1835, 858. -- ~Ramm~, Bittermittel in ~Kobert~ Studien II, 1890. -- ~K. J. Zimmermann~, Über d. isländ. Flechte, als Nahrungsmittel zur Zeit des Mangels und der Not usw. Bamberg 1817. -- Vgl. auch ~Schweiggers~ Journ. d. Chem. VII, 317. -- ~Hansteen~, Nord. Flecht. als Nahrungsm. Chem. Zeit. 1905, 1286 und 1906, 30, 638. -- ~Stenberg~, Jahresb. d. Pharm. 1868 u. 1869. -- ~Peretti~, Jahresb. d. Pharm. 1843, 88. -- ~Schübeler~, Pflanzenwelt Norwegens 1873. Arch. d. Pharm. 1872, 243. -- Über die Renntierflechte und eßbare Flechten vgl. auch ~Krasser~ in ~Wiesner~, Rohstoffe, II. Aufl. -- Über +eßbare Flechten+ vgl. auch ~Senft~, Über einige in Japan verwendete vegetabil. Nahrungsm. usw. Pharm. Praxis 1906 u. 1907. Über +giftige Flechten+: ~Kobert~, Lehrb. d. Intoxikationen.
=Geschichte.= Den Alten war das isländische Moos unbekannt. Das, was ~Dioskurides~ λειχὴν, das einige βρῦον nennen (IV. Kap. 53) nennt, ist nach ~Sprengel~ Peltigera canina oder P. aphthosa, nach ~Fraas~ Lecanora Parella und des ~Plinius~ (XXVI, 10) +Lichen+ ist wohl Marchantia polymorpha, die gleiche Pflanze, die auch ~Fuchs~ unter Lichen abbildet. Ob sich unter einem Muscus terrestris oder Lichen von ~Bauhins~ Pinax (I, S. 855), worunter auch Lycopodium inbegriffen ist, Lichen islandicus verbirgt, ist schwer zu sagen. Ebensowenig vermag ich in einer der in der Pharmacia des ~Corbeius~ (1656) abgehandelten _Muscus_arten das isländische Moos mit Bestimmtheit zu erkennen. Das, was ~Geoffroy~ (Tractatus 1742, vgl. I, S. 946) unter Lichen abhandelt und von dem er eine Analyse mitteilt, war es keinesfalls. ~Krempel-Huber~ ist der Ansicht, daß sich die folgende Stelle in des ~Valerius Cordus~ +Sylva+, in der ~Cordus~ seine Reise nach Schwaben und Böhmen (1542) beschreibt, auf Cetraria bezieht: «Muscus quidam, Crispe lactuce similis, minor et per ambitus leniter aculeatus, cespite latiusculo diffusus, nascitur in Taedacea sylva inter Suetachiam et Lauffam.» Vielleicht ist auch das Lichen in der Pharmakopoëe von Bergamo (1580) isländisch Moos (~Flückiger~) sowie das Lichen der ~Cordus~-Liste (I, S. 800). Eine Abbildung des Muscus Eryngii folio findet sich in ~Breynes~ Miscellanea usw. Nat. Curiosor. III (1672), Nr. 289. Die Namen Lichen terrestris foliis Eryngii (~Buxb.~), Lichenoides rigidum Eryngii folia referens (~Dillen.~) finden sich auch anderwärts. In ~Valentinis~ Museum (I, S. 912) ist die Beschreibung des Lichen, den er ganz richtig zwischen die Lungenflechte und das Lycopodium einreiht, konfus, und die beigegebenen Abbildungen betreffen Mandragora, mit der er es verwechselt. Bei ~Pomet~ fehlt Lich. islandicus. Muscus latifolius id est pulmonaria (Lungenkraut) in der Brandenburgischen Taxe 1574 ist wohl die Lungenflechte. Denn Lichen islandicus hieß Lichen pulmonarius minor angustifolius spinis tenuissimis ad margines ornatus (~Mich.~ Gen. 83 t. 44 f. 4; auch ~Bartholini~ sagt: «Costis hinc inde spinosis horridulus»). Der Lichen terrestris cinereus, den ~Mead~ 1702 gegen Hundswut empfahl, ist wohl ebenfalls eine andere Flechte. Dagegen ist der Muscus carthaticus islandicus des Copenhagener Catalogus 1672 (I, S. 826) Isländisch Moos. Denn 1671 wurde L. i. von ~Borrichius~ als Abführmittel empfohlen (in ~Bartholini~ Act. med. Hafn. I, 1671, 126). Die medizinischen Eigenschaften waren zuerst den Isländern bekannt. «Ab Islandis primam virtutis medicae notitiam profectam esse probabile est, qui ipsi in phthisi aliisque quibusdam pectoris morbis lichenem magni faciunt» (~Olafsen~ bei ~Murray~). Auch ~Hiärne~, ~Scopoli~ und ~Schoenheyder~ empfehlen sie gegen Phthise (und Hämoptysis). ~Linné~, der die Pflanze Lichen islandicus taufte (~Bartholini~ nannte sie Muscus islandicus purgans), empfahl (1737) ihre Anwendung warm. Er bezeichnet sie in seiner Materia medica als farinacea, eccoprotica, nutriens, hectica, und auch ~Bergius~, der der Droge ein Kapitel in seiner Materia medica 1782 widmet, nennt sie eccoprotica, obwohl ~Olafsen~ die purgierende Wirkung in Abrede stellte. Ende des XVIII. Jahrh. war L. i. als Medikament hochgeschätzt. ~Murray~ sagt im Apparatus medicaminum (I, S. 952): «inter praestantissima igitur hodie medicamina splendet» und bespricht eingehend die Anwendung (a. a. O. V, p. 499). Siehe auch das bekannte Gedicht ~Freiligraths~. Die ersten Analysen sind von ~Hiärne~ und ~Fuchs~. Unreines Cetrarin wurde bereits 1835 von ~Rigatelli~ unter dem Namen «Salino antifebbrile» und «Lichenino amarissimo» gegen Wechselfieber usw. empfohlen (vgl. oben S. 268).
Der beim Kochen entstehende Schleim von Flechten der Art der C. i. scheint auch zur Appretur frühmittelalterlicher Papiere benutzt worden zu sein (~Kobert~).
Daß Lichen island. als Nahrungsmittel (s. oben) brauchbar ist, berichtete schon ~Borrichius~ (vgl. auch ~Troils~, Resa til Island). Kapitän ~John Franklin~ und seine Begleiter benutzten es, als sie in Amerika aller übrigen Nahrungsmittel beraubt waren, als solches (Narrative of a journey to the shores of the polar sea 1823). In der Krain wurden Schweine, Pferde und Ochsen damit gefüttert (~Murray~).
Im XVIII. Jahrh. scheint Cetraria islandica auch als Färbeflechte benutzt worden zu sein (~Westring~ 1805).
=Lit.= ~A. von Krempelhuber~, Geschichte u. Literat. d. Lichenologie I (1867), 13, 502. -- ~Flückiger~, Pharmakognosie III und Arch. d. Pharm. 226 (1888), 1020. -- ~Schübeler~, Viridarium norvegicum 1885. -- ~Joh. Th. Ph. Ch. Ebeling~, Diss. de Quassia et Lichene Islandico. Glasgow 1779. -- ~Trommsdorff~, Diss. de Lich. Island. -- ~Borrichius~ in ~Bartholini~, Act. med. et phil. Hafn. 1671 (1674) I, 126. -- ~Hiärne~, Vet. Acad. Handl. 1744, 176. -- ~Fuchs~, Crells chem. Ann. 1787. -- ~Murray~, Apparatus medicaminum 1790, V, 499. -- ~R. Kobert~, Über einige echte gefilzte Papiere des frühen Mittelalters. Zeitschr. Angew. Chem. 1910, 1249.
=Paralleldrogen.= Ähnlich wie Cetraria islandica werden (nach ~Dragendorff~) benutzt: Cetraria nivalis ~Ach.~ (in den Alpen) und C. aculeata ~Fr.~ Cetraria nivalis ist in der Schauberg-Rax-Ware des Wiener Handels stets enthalten (~T. F. Hanausek~). Cetraria nivalis enthält Usninsäure und 90,2% der Trockensubstanz stickstofffreie Substanzen (Zellulosine). Aus dem Mehl der von der Usninsäure befreiten Flechte kann ein Gebäck dargestellt werden.
Lerp-Manna.
Die Lerp-Manna entsteht durch Psylla Eucalypti auf Eucalyptus dumosa ~Cunningham~ (Euc. incrassata?) in Australien, besonders auf Tasmania. Sie wird in der Weise erzeugt, daß die genannte Hemiptere mit Hilfe ihres gabeligen Schwanzes weiße Fäden absondert, welche nachher durch einen aus den Leibesringen des Insektes austretenden Sirup verklebt werden (~Dobson~) und die das Gespinst darstellen, worin das genannte Insekt seinen Puppenzustand durchlebt (~Flückiger~). Durch kaltes Wasser geht der Zucker in Lösung und die Fäden bleiben zurück.
Der Gehalt an +Fruchtzucker+ beträgt nach ~Flückiger~ 53,1% (nach ~Anderson~ 49%). Die Grundsubstanz der Fäden besteht aus einer von ~Flückiger~ +Lerp-Amylum+ genannten Substanz, +die sich durch Jodlösungen blau färbt+, in kaltem Wasser kaum, in Wasser von 135-150° reichlich löslich ist und sich beim Erkalten dieser Lösung wieder abscheidet. Die Substanz, die ihrer Zusammensetzung nach (C = 43,4, H = 6,5%) zwischen Stärke und Zellulose steht, ist dem Lichenin ähnlich. Sie ist unlöslich in Kupferoxydammoniak.
Die von ~Anderson~ in der Lerpmanna angegebenen anderen Substanzen: Gummi, Stärke, Inulin und Zellulose sind nicht darin nachzuweisen (~Flückiger~). Der Feuchtigkeitsgehalt beträgt 14-15%.
=Lit.= ~Anderson~, Journ. prakt. Chem. 47, 449 (Jahresb. Pharm. 1849, 68). -- (~Dobson~ und) ~Flückiger~, Wittsteins Vierteljahrsschr. 17 (1868), 161 und 18, 32. -- ~Flückiger~, Über Stärke und Zellulose. Arch. Pharm. 1871 (mit Abbild.).
4. Lignino-Membranindrogen.
Unter dem Namen +Ligninomembranin+ mag die +Holzsubstanz+ bezeichnet werden, d. h. der Körper, der die Membranen der Elemente des Holzkörpers bildet und der mit Jodreagentien nicht wie Zellulose reagiert. ~Tollens~, dem ich meine Einteilung vorgelegt, schlägt vor, die Zelluloso-Membranine und die Lignozelluloso-Membranine als zwei Abteilungen einer Klasse zusammenzufassen und den übrigen voranzustellen, was viel für sich hat. Daß im Ligninomembranin ein Zellulosin steckt ist sicher, denn bei der Hydrolyse entstehen Zucker. Daß die Holzfaser durch Kochen mit Schwefelsäure Traubenzucker liefert, ist seit 1819 bekannt (~Autenrieth~ und ~Bayerhammer~, ~Braconnot~). ~Ekström~ erhielt aus Holz 50-75% Glukose. Daneben treten aber auch (außer Galaktose und Mannose) Pentosen auf. Es sind also neben Manno-Gluko-Galaktanen auch +Pentosane+ vorhanden. Diese +Pentosane+, die wohl niemals den Charakter von Reservestoffen tragen, spielen in den +Gerüstsubstanzen+ der Pflanze eine große Rolle, besonders +Xylane+ finden sich ganz allgemein in den Wänden der Zellen des Holzkörpers und verholzter Bastzellen, den harten Geweben von Früchten (Cocos) und Samen (Gossypium), wie überhaupt in den Zellen, die ich unter dem Namen «+Sklereïden+» zusammengefaßt habe. Während aber die Nadelhölzer nur wenig davon enthalten (2-9%), sind die Laubhölzer reich daran (20-33%). Jute enthält 15%. Methylpentosane sind in Samenschalen und Rinden nachgewiesen.
Xylan wird (nach ~Thomson~) in der Weise bestimmt, daß man die mit Ammoniak digerierten und ausgewaschenen Holzmehle mit 5% Natronlauge behandelt und das Filtrat mit Alkohol fällt. Xylan ist in Kupferoxydammon und Wasser löslich. Es dreht links. ~Cross~, ~Bevan~ und ~Claud Smith~ nehmen an, daß die Pentosane (z. B. im Stroh) an Ameisensäure zu einem Pentosemonoformal,
O / \ C₅H₈O₃ CH₂, \ / O
gebunden sind. Vielleicht sind die Xylane in der Membran mit Zellulose verestert. Bemerkenswert ist, daß d-Glukose und l-Xylose ähnliche Strukturformeln haben:
H H OH H { d-+Glukose+ = CH₂OH--C--C--C--C--COH { OH OH H OH { { H OH H { l-+Xylose+ = CH₂OH--C--C--C--COH OH H OH
und denn auch häufig nebeneinander als Produkte der Hydrolyse von Zellmembranen erhalten werden, ebenso wie:
H OH OH H { d-+Galaktose+ = CH₂OH--C--C--C--C.COH und { OH H H OH { { OH OH H { l-+Arabinose+ = CH₂OH--C--C--C.COH. H H OH
~W. Hoffmeister~ nennt die aus den nicht zuvor von den inkrustierenden Stoffen befreiten Zellmembranen durch 5% Natronlauge extrahierbaren Stoffe +Holzgummi+. Dieses Holzgummi ist wohl mit Xylan identisch. Da der reinen Zellulose Pentosane fehlen -- sie gibt bei der Hydrolyse niemals Pentosen --, so kann die Bestimmung des Holzstoffgehaltes eines Gewebes durch Bestimmung des Pentosangehaltes nach der Methode von ~Tollens~ erfolgen, die darauf beruht, daß Pentosane bei der Destillation mit Salzsäure α-Furfurol:
CH----CH || || || || CH C.COH \ / \ / O
liefern, das als Phloroglucid gefällt und gewogen werden kann.
Den +Holzstoff+, das +Lignin+ oder +Lignon+ (~Cross~, ~Bevan~, ~Beadle~) faßt man meist als ein methoxylreiches Oxyderivat der Zellulose (Oxyzellulose) auf, das sowohl freie wie veresterte Hydroxyl- und wahrscheinlich auch Acetyl- und Formyl-Gruppen (vielleicht stammt die Essigsäure im Acetum pyrolignosum daher!), nach ~Klason~ 4 CH₃ und ein OH enthält. Es ist kohlenstoffreicher (55% C) als Zellulose (44,4% C). Dem Jutelignin geben ~Tollens~ und ~Lindsey~ die Formel: C₁₇H₁₆O₇(OCH₃)₂. ~Klason~, der (C₄₀H₄₂O₁₁)ₙ formuliert, bringt es zum Coniferylalkohol, ~Euler~ zu den Gerbstoffen in Beziehung. Die unten erwähnten Farbstoffreaktionen beziehen sich nach der jetzigen Auffassung nicht auf das Lignin.
Daß in der Holzmembran eine zelluloseartige Substanz die Grundlage (meist 50 bis 64% der Substanz) bildet, ist also sicher (~Payen~, ~Hoppe Seyler~, ~Lange~). Die abweichenden Reaktionen der Holzmembran rühren von einer «Inkruste» her. Die Vorstellung, daß in der Holzzellmembran die Zellulose «inkrustierende» Substanzen (matières incrustantes, Xylogen, nach ~De Candolles~ Vorgang früher +Lignin+ genannt) vorkommen, rührt von ~Payen~ her. Daß diese Substanzen zum Teil aromatische sind, kann keinem Zweifel unterliegen, denn es gelingt aus der Sulfitablauge der Holzfaserbearbeitung +Vanillin+, +Brenzkatechin+ und +Methylfurfurol+ abzuscheiden (~Grafe~), Verbindungen, die in ihrer Gesamtheit wohl das +Hadromal+ ~Czapeks~ bilden und auf die sich die zahlreichen Holzreaktionen (mit Phloroglucin, Anilinsulfat usw.) beziehen -- auch +Protokatechusäure+ wurde unter den Abbauprodukten gefunden (~Erdmann~, ~Bente~). Aber es unterliegt ebenso keinem Zweifel, daß dieselben nicht als +Beimengungen+ der Zellulose zu betrachten sind, sondern offenbar in Bindung mit den Polysacchariden der Zellulose sich finden. Übrigens faßte schon ~F. Schulze~ (1857) die Holzsubstanz als einheitliche Substanz auf, die er +Lignin+ nannte und C₃₈H₂₄O₂₀ formulierte und auch ~Erdmann~ betrachtete die Holzsubstanz als eine einheitliche komplexe Verbindung, C₃₀H₁₆O₂₁ (Glykolignose), mit zuckerbildenden, aromatischen und Zellulosegruppen. ~Cross~ und ~Bevan~ nehmen in der Holzsubstanz (Zellulochinon) Zelluloseester und einen Aldehyd oder ein Keton an. Nach Behandeln mit saurem Calciumsulfit (~Mitscherlichs~ Sulfitverfahren) bleibt in Kupferoxydammon lösliche Zellulose zurück, die bei der Hydrolyse Traubenzucker, Galaktose und Mannose liefert. Die Zellulose wird von Xylan (die Hydrolyse liefert daher auch Xylose, ~Tollens~) begleitet und außerdem scheinen darin (ob präformiert?) 12-14% +Ligninsäuren+, (C₂₀H₁₁O₈? mit 61-62% C), enthalten zu sein (~Lange~). Auf die wohl erst bei der Kalischmelze (s. oben) entstehenden Ligninsäuren bezieht sich wohl ~Mäules~ Manganatreaktion des Holzes, eine mikrochemische Reaktion, die in der Weise ausgeführt wird, daß man Kaliumpermanganat zufließen läßt, mit Wasser auswäscht, dann Salzsäure zusetzt und nach abermaligem Auswaschen Ammoniak zufließen läßt: die Holzmembran färbt sich rot.
+Auf die aromatischen Holzstoffbestandteile beziehen sich die mikrochemischen Reaktionen+ mit Phenol-Salzsäure: blaugrün (~Runge~), Phloroglucin- (oder Resorcin-) Salzsäure: kirschrot bzw. violett (~Wiesner~), Pyrogallol-Salzsäure blaugrün (~Ihl~), Naphthol-Salzsäure: grün (~Ihl~), Indol-Salzsäure: kirschrot (~v. Baeyer Niggl~), Orcin-Salzsäure: rotviolett (~Lippmann~), Skatol-Salzsäure: kirschrot (~Mattirolo~), Pyrrol-Salzsäure: rot (~Ihl~), Thiophen: grün (~Ihl~), Anilinsulfat: gelb (~Runge~, ~Schapringer~); ebenfalls tritt Gelbfärbung ein durch p-Toluidin (~Singer~), α- und β-Naphtylamin (~Nickel~), α-Bromphenetidin (~Piutti~). Die empfindlichste Reaktion ist die mit Pyrrol, die am häufigsten angewendete die mit Phloroglucin. Nicht nur Amylschwefelsäure (~Kaiser~) und Isobutylschwefelsäure (~Grafe~), sondern alle Alkylschwefelsäuren und aromatischen Sulfosäuren färben Holzstoff (nicht Zellulose) rot oder blau (~Hertkorn~), ebenso auch Isobutylaldehydschwefelsäure (~Grafe~). Nicht alle Membranen, welche auf Permanganat (s. oben) reagieren, geben auch mit Phloroglucin Reaktion und umgekehrt (~v. Faber~). In den meisten Fällen fallen aber die Reaktionen zusammen (~Aisslinger~). ~Cross~ und ~Bevan~ halten die Jutefaser (s. oben S. 255) für «+typische Lignozellulose+». Sie unterscheiden darin drei Bestandteile, deren Anhydroaggregat die Faser bildet: eine der Baumwollzellulose nahe verwandte Substanz, eine Pentazellulose, die Furfurol und Essigsäure liefert und einen Chinon liefernden Bestandteil. Durch Behandeln mit Sulfitlaugen (s. weiter hinten) werden oft ⅔ der im Holzstoff enthaltenen Substanzen, jedenfalls alle aromatischen Gruppen, entfernt und es bleiben 39,5-63% «Zellulose» zurück. Die Verholzung erhöht die Festigkeit der Membran nicht (~Sonntag~).
Wir sind berechtigt anzunehmen, daß alle die oben genannten Substanzen in der Membran nicht gemengt, sondern chemisch miteinander verbunden sind (~Tollens~).
=Lit.= ~Autenrieth~ und ~Bayerhammer~ (in Berzel. Jahresber. 1822). -- ~Braconnot~, Ann. chim. phys. (2) 12 (1819). -- ~Runge~, Poggend. Ann. 31 (1834). -- ~Payen~, Compt. rend. 1838 und 1839. -- ~Schapringer~, Einfaches Mittel, um Holzstoff in Druckpapier zu erkennen. Dingl. polyt. Journ. 176 (1865) (Anilinreaktion). -- ~Erdmann~, Lieb. Ann. 138, 1 und Supplem. 5, 233. -- ~Bente~, Ber. d. d. chem. Ges. 1875. -- ~v. Höhnel~, Histochem. Unters. über das Xylophilin und das Coniferin. Sitzungsber. d. Wien. Akad. 76 (1877). -- ~Lippmann~, Sitzungsber. d. Wien. Akad. 77. -- ~Wiesner~, Karstens bot. Unters. I, 120 (1866) und Sitzungsb. d. Wien. Akad. 1878 (Phloroglucinsalzsäurereaktion). -- ~Singer~, Ebenda 1882. -- ~Lange~, Zeitschr. phys. Chem. 1899. -- ~Schellenberg~, Beitr. zur Kenntn. d. verholzten Zellmembran. Pringsh. Jahrb. 29, 1896. -- ~Czapek~, Zeitschr. f. phys. Chem. 27 (1899). -- ~Grafe~, Unters. über d. Holzsubst. Sitzungsb. d. Wiener Akad. 113 (1904) und Neue Reihe von Holzreaktionen. Öst. bot. Zeitschr. 1905. -- ~Zetsche~, Beitr. z. Unters. d. verholzt. Membr. Zeitschr. f. angew. Mikrosk. II. -- ~Seliwanoff~, Bot. Zentralbl. 1891. -- ~v. Faber~, Zur Verholzungsfrage. Ber. d. d. bot. Ges. 22, 177. -- ~Aisslinger~, Beitr. z. Kenntn. wenig bekannt. Pflanzenfas. Diss. Zürich 1907. -- ~Thomsen~, Chem. Unters. über d. Zusammensetz. d. Holzes. Journ. pr. Chem. 19, 146. -- ~de Chalmot~, Ber. d. chem. Ges. 27. -- ~E. Fischer~, Ebenda 27, 3230. -- ~Tollens~ und ~Lindsey~, Lieb. Ann. 267. -- ~Euler~, Pflanzenchemie. -- ~Klason~, Ark. f. Kemi. 1908. -- ~G. Lange~, Zeitschr. phys. Chem. 14. -- ~Cross~, ~Bevan~ and ~Beadle~, Cellulose, an outline of the chemistry of the structural elements of plants London 1895. -- ~Mäule~, Verhalt. verholzt. Membr. gegen KMnO₄. Habilitationsschr. Stuttgart 1901. -- ~Niggl~, Flora 1881, 545. -- ~Czapek~, Biochemie. -- ~Ihl~, Chem. Zeit. 1885, 266 und 1890, 1571. -- ~Nickel~, Bot. Zentralbl. 38, 754 (1889) u. Farbenreaktionen der Kohlenstoffverbind. Berlin 1890. -- ~Mattirolo~, Zeitschr. wiss. Mikrosk. II (1885), 354. -- ~Kaiser~, Chem. Zeit. 1902. 335. -- ~Tollens~, Pentosen u. Pentosane u. ihre Bezieh. zur Papier-Industrie. Papier-Zeitung 1907. -- ~Stackmann~, Stud. über d. Zusammensetz. d. Holzes. Diss. Dorpat 1878. -- ~Schuppe~, Beitr. z. Chem. d. Holzgewebes. Diss. Dorpat 1882. -- ~Wieler~, Landw. Versuchsstat. 1885. -- ~Henze~, Unters. über d. spez. Gew. d. verholzten Zellwand u. d. Zellulose. Diss. Göttingen 1883. -- ~Sonntag~, Beziehungen zwischen Verholzung, Festigkeit u. Elastizität vegetabil. Zellwände. Landw. Jahrb. 1892. -- ~Tschirch~, Angew. Anatomie.
In die Gruppe der Ligninomembranindrogen gehören viele +Pflanzenfasern+, die aus äußeren Gründen schon oben (S. 253) abgehandelt wurden, ferner alle Hölzer, die nicht, sei es durch ihren Gehalt an einem Farbstoff (Campeche), einem Harz (Guajac) oder einem Bitterstoff (Quassia) oder einem anderen differenten Stoffe in eine andere Gruppe gebracht werden müssen. Diese sog. +indifferenten Hölzer+ spielen aber in der Medizin so gut wie gar keine Rolle mehr. Das einzige, das noch da und dort verwendet wird, ist das =Lignum juniperi= (über Juniperus vgl. S. 44). Neuerdings haben =Holzwolle= und +Holzmehl+ zu anderen Zwecken, nämlich als +Verbandmaterialien+ einige Bedeutung erlangt. Zu =Holzwollwatte= wird Holzschliff verwendet, zu =Zellstoffwatte= sog. Holz- oder Strohzellulosen. Die =Waldwolle= wird als Nebenprodukt der Kiefernadelöl- und Kiefernadelextraktbereitung gewonnen. Sie besteht aus den «destillierten» Kiefernadeln. Über =Torfwatte= orientiert eingehend ~Royer~, L’ouate de tourbe et ses applications in Trav. d. labor. de mat. méd. Paris VI. 1910 (m. zahlr. anatom. Abbild.).
In der Technik spielt die Holzsubstanz eine große Rolle bei der Herstellung von =Papier=, zu dessen billigen Sorten (Zeitungspapier) ausschließlich oder als Hauptbestandteil +Holzschliff+ verwendet wird, die daher stets auf Phloroglucin und Anilinsulfat reagieren. Neben diesem sog. Holzstoff wird aber auch «chemischer Holzstoff» sog. «Zellulose» benutzt, die aus dem Holzstoff (meist geraspeltem Coniferen- aber auch Laub-Holz) durch Behandeln mit Natronlauge unter Druck oder Calciumbisulfitlösung (~Mitscherlich~), oder Kalkmilch und schwefliger Säure unter Druck (~Archbold~), oder Magnesiumsulfit (~Eckman~), oder Schwefelnatrium erhalten wird.
Die Erfinder des Holzschliffs sind ~F. G. Keller~ in Kühnheida (Erzgebirge) und ~H. Völter~ in Heidenheim (1852), der Erfinder der Natronzellulose ist ~A. Ungerer~ in Semmering bei Wien (1869-1871), der Erfinder der Sulfitzellulose der Amerikaner ~Tilghman~ (1866). Das Verfahren wurde dann Anfang der siebziger Jahre praktisch durchgeführt von ~A. Eckmann~, ~C. Kellner~ und ~A. Mitscherlich~, die unabhängig voneinander arbeiteten (~Wiesner~).
In den heutigen +Papieren+ findet man neben Lein, Hanf, Alfa (Halfa), Jute und Baumwolle, Nadelholz-Holzschliff, Laubholz-Holzschliff, Nadelholzzellulose und Laubholzzellulose. (Über Papier vgl. auch oben S. 256.)
Dann ist auch nicht ohne Erfolg versucht worden aus Holz +Alkohol+ darzustellen, was an sich keinen Schwierigkeiten begegnet, da ja die Zellulosine bei der Hydrolyse Zucker liefern. Das Verfahren ist aber zurzeit noch nicht billig genug. Auch die Verarbeitung auf Zucker ist versucht worden, jedoch ohne jeden Erfolg (~Lippmann~).
=Lit.= ~Schubert~, Zellulosefabrikation 1897 und Holzstoff- u. Holzschlifffabrikation 1898, sowie Praxis d. Papierfabrikation 1897. -- ~Wilhelm~ und ~Zeisel~ in Wiesner, Rohstoffe. 2. Aufl. -- ~A. Meyer~, Grundlagen u. Methoden f. mikrosk. Unters. d. Pflanzenpulver 1901. -- ~C. Piest~, Die Zellulose, ihre Verarbeitung u. ihre chem. Eigensch. 1910. -- +Der technisch verwendeten Hölzer+: ~Nördlinger~, Technische Eigenschaften d. Hölzer. Stuttgart 1860. -- ~Sanio~, Vgl. Unters. über die Zusammensetz. d. Holzkörpers. Bot. Zeit. 1863. -- ~de Bary~, Vgl. Anatomie. -- ~Krah~, Über d. Verteil. d. parenchymat. Elemente im Xylem u. Phloëm d. dikotylen Laubbäume. Berlin 1883. -- ~Moeller~, Die Rohstoffe d. Tischler- und Drechslergewerbes 1883, Nutzhölzer in ~Dammers~ Lexikon und Artikel Holz in Realenzyklopädie d. ges. Pharm. -- ~R. Hartig~, Die anatom. Unterscheidungsmerkmale d. wichtigeren in Deutschl. wachsend. Hölzer. 1890. -- ~Wiesner~ a. a. O. -- ~Meyer~ a. a. O. -- ~Hanausek~ a. a. O.
5. Pektino-Membranindrogen.
Der Name Pektin rührt von ~Braconnot~ her, der (1825) die Gallertsubstanz der Früchte erst +Pektinsäure+ (von πηκτός = geronnen), dann (1831) +Pektin+ nannte (~Guibourt~ sprach von Grosselin). Ob das Pektin eine Membransubstanz ist oder nicht, war bis vor kurzem noch nicht ganz sicher. Einige suchten es im Zellinhalte, andere in verschiedenen Teilen der Membran. Die Untersuchungen, die ich 1907 mit ~Rosenberg~ durchgeführt habe, haben die Zweifel beseitigt: +es geht aus der Interzellularsubstanz hervor+, weder die sekundäre Membran noch der Zellinhalt sind an seiner Bildung beteiligt. Außer ~Payen~ verlegen auch ~Mangin~, ~Kabsch~, ~Vogl~, ~Wiesner~, ~Herzfeld~ die Pektinbildung in die Mittellamelle. Die Interzellularsubstanz muß nahe verwandt mit dem Pektin (der Pektinsäure der Autoren) sein. Aber nicht immer geht sie in Pektin über. Es scheint, daß dazu bestimmte Bedingungen erfüllt sein müssen, wie sie besonders in reifenden Früchten und einigen Wurzeln eintreten. Gewöhnlich bezeichnet man die in Pektin übergehende Substanz als Pektose (~Frémy~). Ich nenne sie +Protopektin+. Darnach würde also die Interzellularsubstanz vielleicht immer, wenigstens bei den pektinbildenden Pflanzenteilen, aus Protopektin bestehen. In reifenden Früchten kann man den Übergang des Protopektins, das in Wasser und auch in Kupferoxydammoniak unlöslich, in 2% Natronlauge (nach Vorbehandlung mit Salzsäure) und in Ammoniumzitrat aber löslich ist, in Pektin, das sich in konz. Zuckerlösungen löst, durch mikrochemische Reagentien verfolgen. Während sich nämlich Protopektin (Pektose ~Frémy~, pektinsaurer Kalk ~Mangin~) leicht mit Jodgrün, ~Hofmanns~ Violett, Naphthylenblau, Ammoniumrutheniumsesquichlorid (Rutheniumrot, Ru₂Cl₆·4 NH₄Cl) färbt (~Mangin~) -- am besten reagiert Neutralviolett und Rutheniumrot in sehr verdünnter Lösung (~Rosenberg~) --, verschwindet das Farbstoffspeicherungsvermögen mit fortschreitender Pektinbildung. Wenn die +Pektinmetamorphose+, wie ich diesen Vorgang genannt habe, abgeschlossen ist -- was beim Reifen der Früchte eintritt --, so ist das Endprodukt in Zuckerlösung löslich bzw. gelatiniert nach dem Erhitzen mit Zuckerlösung (~Tschirch~ und ~Rosenberg~).
Über die chemische Beschaffenheit des Pektins, das wohl mit der Pektinsäure anderer Autoren bzw. dem sog. Calciumpektat identisch ist, sowie des Protopektins wissen wir wenig, doch verhalten sie sich jedenfalls wie Zellulosine. ~Scheibler~ erhielt bei der Hydrolyse der Metapektinsäure der Rüben Arabinose (Pektinose), ~Herzfeld~ aus Rübenpektin, ~Javillier~ aus Quittenpektin +Arabinose+ und +Galaktose+. Ebenso fand ~Müntz~ Galaktose. Auch das Pektin der Enzianwurzel und der Hagebutte lieferte diese beiden Zucker, das der Apfelsinen d-Glukose, Galaktose und l-Xylose; das der Kirschen, Äpfel, Johannisbeeren, Reineclauden, Rhabarberstengel und Mohrrüben noch andere Hexosen und Pentosen (~Tromp de Haas~ und ~Tollens~). Jedenfalls erhält man bei der Oxydation z. B. des Rübenmarks mit Salpetersäure viel Schleimsäure, das Oxydationsprodukt der Galaktose. Etwas Xylan enthält das Pektin der Äpfel (~Bauer~) und in vielen anderen Pektinen ist ein d-Galaktoxylan enthalten (~Bauer~, ~Prinsen-Geerligs~). Die Pektine liefern also bei der Hydrolyse Pentosen und Hexosen, enthalten also Pentosane und Hexosane, vorwiegend Galaktoaraban und Arabangruppen, sind also zu den Hemizellulosen zu rechnen. Sie reagieren schwach sauer und man trifft daher auch Säuren unter den Spaltungsprodukten. ~Tollens~ vermutet, daß die Pektine ursprünglich neutrale Laktone oder Ester den Glykosidosäuren nahestehender, kohlehydratartiger Substanzen sind, die in Berührung mit Alkalien leicht in die Salze der betreffenden Säuren übergeben. ~Cross~ hält sie eher für lösliche, unbeständige Übergangsformen der Hemi-, Oxy- und Lignozellulosen.
Welche Rolle die Erdalkalien spielen, ist noch unaufgeklärt. Wahrscheinlich ist Kalk, der ja auch in vielen Schleimmembranen (Laminaria, Linum, Cydonia), in der resinogenen Schicht und den Gummis auftritt, ein regelmäßiger Bestandteil der Pektine. ~Mangin~ ist der Ansicht, daß die Pektosen junger Zellwände mit der Zeit in Pektinsäuren übergehen, die Kalk aufnehmen und in Calciumpektate übergehen; ~Devaux~ meint jedoch, daß auch ältere Mittellamellen aus Pektosen bestehen. Durch andauerndes Kochen des Pektins (oder der Pektose) mit Wasser entsteht das sauer reagierende +Parapektin+, das mit Wasser aufquillt und 30% Schleimsäure, sowie 14,2% Furol liefert, also ebenfalls Galaktose und Arabinose liefernde Gruppen enthält (Araban, γ-Galaktan?). Der Pektinsäure gibt ~Frémy~ die Formel: C₃₂H₄₄O₃₀, ~Regnault~: C₁₂H₁₆O₁₁, ~Mulder~: C₁₂H₁₆O₁₀, ~Chodnew~: C₁₄H₂₂O₁₄.
+Pektosen+ werden schon in der Kälte leicht hydrolysiert, wobei +Pektinsäuren+ und Arabinose entsteht. Ebenso wirkt die +Pektinase+, die auch das Calciumpektat weiter spaltet (~Bourquelot~ und ~Hérissey~). Der unlösliche Membranbestandteil, der aus Pektin, Parapektin und Metapektinsäure entsteht, wurde, wie erwähnt, Pektose genannt. Der Name ist irreführend, da er eine Zuckerart vermuten läßt, und sollte fallen gelassen und durch Protopektin ersetzt werden. Pektin wird durch Alkohol koaguliert, auch zahlreiche Pflanzenauszüge (wie solche der Kartoffeln, der Zuckerrüben usw.) koagulieren das Pektin, wobei ein Enzym (Pektase) in Aktion treten soll (?), das aber nur in Gegenwart von Ca-, Sr- oder Ba-Salzen und nicht in saurer Lösung wirkt. Die Pektinase soll das Gelatinieren hindern (~Bourquelot~). Doch bewirken schon die Calciumsalze allein die Fällung in Form von Pektinaten. ~Frémys~ und ~Herzfelds~ Pektin ist optisch-inaktiv, ~Andrliks~ Pektin dreht 3-4 mal stärker rechts als Rohrzucker, und die Pektine von ~Bourquelot~ und ~Hérissey~ zeigen Rechtsdrehungen von +82,3 bis +194,1. Alle halten Pektin für in Wasser löslich.
~Rosenberg~ und ich konnten weder durch kalte noch durch heiße Extraktion von Früchten ohne weiteren Zusatz eine in der Kälte gelatinierende Lösung erhalten -- auch nicht wenn die Lösung eingedampft wurde. Wohl aber erhält man leicht eine Gelatine, wenn man die Früchte oder einen heißen Auszug derselben unter Zuckerzusatz kocht und die Flüssigkeit erkalten läßt. Diese Pektingelatine ist entweder eine feste Pektinzuckerlösung oder eine Pektinzuckerverbindung.
Immerhin scheint es besonders nach ~Frémys~ Versuchen möglich, daß auch andere Substanzen, wie Zucker, Gelatinebildung bewirken; ob jedoch das Enzym Pektase ein solcher Körper ist, erscheint noch zweifelhaft. Für die Praxis der Fruchtgeleefabrikation kommt aber wohl nur Zucker in Betracht. Da Zuckerlösung das Pektin in der Pflanze zum Quellen und Gelatinieren bringt und dadurch die Zellen des Fruchtfleisches voneinander gelöst werden, so hat vielleicht die Zuckerbildung in den Früchten den Zweck, das Fruchtfleisch aufzulockern und so den Zerfall der Frucht und das Herauslösen der Samen zu beschleunigen. Die sog. «Auskleidungen der Interzellularen», die oft als Knöpfe oder Stäbchen in den Interzellularraum ragen (s. hinten Lit.), sind ebenfalls Pektin (pektinsaurer Kalk, ~Mangin~) und auch die resinogene Schicht der schizogenen Sekretbehälter (~Tschirch~) muß Beziehungen zum Pektin haben. Da Pektin meist als Protopektin die Zellen miteinander verkittet, müssen alle Substanzen, welche Protopektin lösen, z. B. ~Schulze~sche Macerationsflüssigkeit, die Zellen isolieren. Aber auch Bakterien vermögen dies zu tun. Bei der sog. Flachsröste (s. S. 254) werden die Leinstengel in faulendes Wasser gestellt und hier wirken nun die Bakterienprodukte lösend auf das Protopektin. Es entsteht eine Auflockerung des Gewebes und eine Isolierung der Fasern. ~Winogradsky~ fand, daß der Bazillus der Flachsröste alle Pektinsubstanzen in Gegenwart stickstoffhaltiger Nährböden «vergärt». Beziehungen des Gummis zu den Pektinsubstanzen zeigt die Metapektinsäure, die ~Scheibler~ durch Behandlung von «Rübenmark» (d. h. des Grundparenchyms der Rübe) mit Alkalien erhielt -- sie entsteht auch beim Kochen von Rübenmark mit verdünnter Oxalsäure -- und die er für identisch mit Arabinsäure hält. Zu den Pektinstoffen steht jedenfalls auch das Pararabin ~Reichardts~ (s. Agar), dem er die Formel C₁₂H₂₂O₁₁ gibt, in Beziehung und ~Thomsens~ Holzgummi ist wohl identisch mit dem Pektin (aus Holz) von ~Poumarède~ und ~Figuier~, die glauben, daß Pektin und Zellulose ursprünglich von gleicher Zusammensetzung waren.
Die Grenze zwischen Pektin- und Schleimmetamorphose der Interzellularsubstanz ist oft verwischt (vgl. Fruct. Sambuci, Fig. 19). Überhaupt finden sich mancherlei Übergänge in den Membranen, die offenbar nur selten ganz einheitlich sind. Ein solches Übergangsgebilde scheint die +Callose+ ~Mangins~ zu sein, die er zuerst im Callus der Siebplatten fand. Sie ist unlöslich in Kupferoxydammoniak, gibt keine Chlorzinkreaktion, ist leicht löslich in 1% Natronlauge, unlöslich in kalter Alkalikarbonatlösung; die Protopektinreagentien (s. oben) versagen, Korallinsoda und Anilinblau färben.
=Lit.= ~Payen~, Ann. chim. phys. (2), 26 (1824), 329; Rec. sav. étrang. (2) IX (1846), 148, Compt. rend. 1856. -- ~Braconnot~, Ann. chim. phys. 28 u. 30 (1825); dann ebenda 47 (1831) und 50 (1832). -- ~Guibourt~, Schweigg. Journ. 1825. -- ~Frémy~, Journ. pharm. chim. 26 (1840), 568, Lieb. Ann. 67 und Compt. rend. 1847. Hauptarbeit: Ann. chim. phys. (3) 24 (1848) 5; Compt. rend. 48, 203; Journ. pharm. (3) 36 (1859) 5. -- ~Chodnew~, Lieb. Ann. 51, 355. -- ~Mulder~, Journ. pr. Chem. 14, 285. -- ~Poumarède~ et ~Figuer~, Compt. rend. 1847 u. Journ. pr. Chem. 12, 31. -- ~Stüde~, Lieb. Ann. 131, 250. -- ~Scheibler~, Ber. d. chem. Ges. I (1868), 58 und 108; 6 (1873) 612. -- ~Müntz~, Sur l’existence des éléments du sucre de lait dans les plantes. Ann. phys. chim. 10 (1887), 566. -- ~Herzfeld~, Chem. Zentralbl. 1891, 618. -- ~Bauer~, Landw. Versuchsst. 38 (1891) und 41 (1892), 477. -- ~L. Mangin~, Compt. rend. 107 (1888), 109 (1889), 110 (1890), 111 (1891), 115 (1892), 116 (1893); Bull. soc. bot. 36 (1889), 274, 38 (1891), 39 (1892). Journ. de bot. 1891, 1892 und 1893 und Sur la callose, nouvelle substance fondamentale existant dans la membrane. Compt. rend. 110 (1890). -- ~Bourquelot~, Compt. rend. 128 (1899), 1241. -- ~Bourquelot~ et ~Hérissey~, Compt. rend. 127 (1898), 191; Compt. rend. soc. biol. 1898, 777; Journ. chim. phys. 9; Journ. pharm. 7 (1898) und 9 (1899) 281. -- ~Bertrand~ u. ~Mallèvre~, Compt. rend. 119, 120, 121. -- ~Bauer~, Chem. Zentralbl. 1901, 196. -- ~Devaux~, Soc. phys. et nat. de Bordeaux 3 (1903). -- ~Tschirch~, Über Pektin und Protopektin. Ber. d. pharm. Ges. 1907, 237. -- ~E. Rosenberg~, Über d. Pektinmetamorphose. Diss. Bern 1908 (mit 9 Taf.). -- +Pektinanalysen+ bei ~Reichardt~, Arch. d. Pharm. 209 (1876), 97 und 210 (1877) 116, ~Martin~ in ~Sachsses~ Phytochem. Untersuch. 1880, ~Bauer~, Journ. pr. Chem. 30, 369 und ~Tromp de Haas~ und ~Tollens~, Lieb. Ann. 286 (1895), 278. -- ~Tollens~, Kurzes Handb. d. Kohlenhydrate. 2. Aufl. 1898. -- ~Lippmann~, Chemie der Zuckerarten 1904. -- ~Czapek~, Biochemie (dort die Lit.). -- +Auskleidungen der Interzellularen+: ~de Bary~, Anatomie. -- ~Russow~, Über d. Auskleid. d. Interzellularen. Sitzungsb. d. Dorpat. Naturf. Ges. 1884, 19. -- ~Gardiner~, Nature 1885, 390. -- ~Schaarschmidt~, Bot. Zentralbl. 18 und 19. -- ~Schenck~, Ber. d. d. bot. Ges. 3 (1885) (dort weitere Literatur). -- ~van Wisselingh~, Sur les revêtements des espaces intercellulaires. Arch. Néerland. 21.
Die vornehmlich als Genußmittel benutzten =Fruchtgelees=, die sämtlich pektinreich sind (s. oben), werden in der Medizin nur als diätetische Heilmittel benutzt. Ihr Heilwert beruht nur zum Teil auf dem Pektin. Besonders kommt Quitten- und Himbeergelee in Betracht. (~Dioskurides~ nennt eine Menge Krankheiten, bei denen z. B. Quitten benutzt wurden.) Man kann durch richtiges Abstimmen des Zuckerzusatzes die Ausbeuten an Gelee vermehren und sich pektinreiche Geleegrundlagen durch Aufkochen der Preßrückstände der Früchte mit Zuckerlösung darstellen. Man kann die Fruchtgelees auf einen unzulässigen Zusatz von +Gelatine+ dadurch prüfen, daß 5-10 g Gelee mit dem gleichen Gewicht Wasser gelöst, die Lösung mit 100 ccm Alkohol versetzt und im getrockneten und gewogenen Niederschlag der Stickstoff bestimmt wird. Während der getrocknete Niederschlag bei normalem Gelee nur 13 bis 28% Stickstoffsubstanz enthält, steigt der Gehalt bei Gelatinezusatz auf 45% (~Bömer~, Chem. Zeit. 19). Ungereinigtes Agar ist durch Diatomeen nachweisbar (~Marpmann~). Gereinigtes Agar dadurch, daß man 10-20 g Gelee mit dem gleichen Gewichte Wasser verdünnt, mit 100 ccm Alkohol versetzt, den Niederschlag mit Alkohol wäscht, trocknet und wiegt und dann mit soviel heißem Wasser löst, daß eine 1% Lösung entsteht. Entsteht beim Erkalten eine steife Gallerte, so soll dies Agar anzeigen.
6. Koryzo-Membranindrogen.
=Etym.= Korizo von κορίζα = Schleim -- Schleim mhd. slîm. Die Wurzel slī = glatt, schlüpfrig steht in Beziehung zu lat. lîmare = glätten.
Daß die vegetabilischen Schleime, soweit sie entwicklungsgeschichtlich genau verfolgt werden konnten, alle ohne Ausnahme zur Membran, also zu den Membraninen gehören, ist namentlich durch die Untersuchungen von ~Frank~, mir und meinen Schülern ~Nadelmann~ und ~Walliczek~ nachgewiesen worden. Ich habe daher die Bezeichnungen +Schleimmembran+ und +Membranschleim+ eingeführt. Die ersten, die einige Schleime als Membranverdickungen erkannten, waren ~Nägeli~ und ~Cramer~ (1855). Doch finden sich zwei wesentlich verschiedene Typen der Schleimmembranbildung, je nachdem entweder die sekundären Membranschichten +oder+ die Interzellularsubstanz als Schleimmembran auftreten. Die Schleimschichten der sekundären (und tertiären) Membran werden der Regel nach schon als solche angelegt (Fig. 94, 1-5). Es findet hier also nicht, wie man früher glaubte, eine Schleimmetamorphose ursprünglich als Zellulose angelegter Schichten statt. Wie dies bei den Interzellularsubstanzschleimen ist, bleibt bei den einzelnen Fällen noch zu untersuchen. Hier scheint eine Umbildung der primär gebildeten Interzellularsubstanz in Schleim zu erfolgen -- ähnlich der Pektinbildung aus Protopektin. Und daß endlich auch an an Interzellularen grenzenden Zellen eine Schleimmembran sich bilden kann, habe ich bei den Cycadeen-Schleimkanälen nachgewiesen (Fig. 94, 11 u. 12) und geht auch daraus hervor, daß die resinogene Schicht der schizogenen Harzkanäle ebenfalls als Schleimmembran aufzufassen ist. Es liegen also hier ähnliche Verhältnisse vor wie bei der Pektin- und Gummibildung (s. d.).
Fast alle untersuchten Schleime geben bei der Hydrolyse +Arabinose+ und +Galaktose+ (verhalten sich also wie Hemizellulosen und ähnlich wie Pektin, s. d.), einige (Linum, ~Hilger~) auch +Dextrose+ und +Xylose+. Arabinose und Xylose sind Pentosen:
H OH OH H OH H l-Arabinose = COH--C--C--C--CH₂OH, l-Xylose = COH--C--C--C--CH₂OH, OH H H OH H OH
Dextrose und Galaktose dagegen Hexosen (vgl. S. 6). Alle untersuchten +echten+ Schleime geben bei der Oxydation mit Salpetersäure +Schleimsäure+ (zuerst von ~Vauquelin~ 1811 beim Leinsamenschleim beobachtet), ein weiterer Beweis, daß Galaktosegruppen darin enthalten sind (s. oben S. 226).
OH H H OH d-+Galaktose+ = CHO--C--C--C--C--CH₂OH H OH OH H
OH H H OH +Schleimsäure+ = COOH--C--C--C--C--COOH. H OH OH H
Man hat daher wohl auch zwischen Schleimsäure bildenden und keine Schleimsäure bildenden Schleimen unterschieden. Doch will ich diesen Unterschied hier nicht zur Einteilung verwerten. Ebensowenig die Reaktion mit Jodschwefelsäure oder Chlorzinkjod. Einige Schleimmembranen (Epidermis der _Cydonia_samen, _Salvia_früchte, Viscum) färben sich nämlich mit diesem Reagens blau (+Zelluloseschleime+, ~Tschirch~), andere (+Echte Schleime+, ~Tschirch~) gelb (Endosperm von Trigonella, Schleimzellen von Rad. althaeae). Im Zusammenhang mit dieser Erscheinung steht die Beobachtung von ~Tollens~, daß einige Schleime (Agar, Linum, Cydonia, Salep, Psyllium) bei der Hydrolyse eine Abscheidung von Zellulose zeigen. Der «Zellulosegehalt» wird bei Meeresalgen auf 3,10% (Gracilaria confervoides), 4,40% (Fucus vesiculosus) und 8,89 (Vaucheria Pilus) angegeben (~Sestini~, ~Bomboletti~ und ~della Torre~).
~Mangin~ unterscheidet, gestützt auf das verschiedene Tinktionsvermögen gegenüber den «Pektin färbenden» (vgl. oben S. 277) Lösungen (Methylenblau, Rutheniumrot): Zelluloseschleim, Pektinschleim, Kalloseschleim und gemischte Schleime. Wie schon die letzte Gruppe zeigt, gibt es hier mancherlei Übergänge. Eher läßt sich das morphologische Moment benutzen (s. unten). Ich habe schon in der Angewandten Anatomie die Schleimepidermen der Samen den endogenen Schleimzellen und den Schleimendospermen gegenübergestellt. Ihre Funktion ist sehr verschieden. Die Schleime der Schleimendosperme der Samen (Trigonella) sowie die Schleimzellen unterirdischer Reservestoffbehälter (Orchis) besitzen den Charakter von Reservestoffen. Die Schleimepidermen der Samen (z. B. Linum, Cydonia) dienen verschiedenen Zwecken: Festhalten von Wasser, Befestigung der Samen am Boden zur Sicherung der Keimung usw. (~Tschirch~ und ~Lüdtke~). Die Schleimepidermen der Blätter (Bukku) sind als Wasserspeicher aufzufassen. Welche Funktion die endogenen Schleimzellen der Vegetationsorgane, der Samenschalen (Cacao), der Kelch-, Blüten-, Staub- und Fruchtblätter der Sterculiaceen, Malvaceen und Tiliaceen besitzen, wissen wir nicht. Daß auch die +resinogene Schicht der Sekretbehälter+ zu den Membraninen gehört, zeigt nicht nur der anatomische Befund, sondern auch die Untersuchung des Gummis der Gummiharze, welches ja der resinogenen Schicht entstammt (~Tschirch~). Sie liefern bei der Hydrolyse Galaktose, Glukose und Arabinose, das Gummi der Myrrhe Galaktose und Arabinose, sowie etwas Xylose, es enthält also Galakto-Arabino-Xylane.
Nur wenig untersucht ist der sog. +Inhaltsschleim+. Dieser wird hier gar nicht berücksichtigt. Echte Schleime als Bestandteile des Zellinhaltes sind jedenfalls selten und immer wenn entwicklungsgeschichtliche Untersuchungen ihnen näher traten entpuppten auch sie sich als Membranschleime. So wurden die lange (~Lauterbach~) als Inhaltsschleime betrachteten Cacteenschleime ebenfalls als Membranschleime erkannt (~Walliczek~) und das gleiche gilt von dem Schleime von Viscum (~Czapek~). Nur bei Orchis ist mir die Sache auch heute noch zweifelhaft.
Mit Wasser bilden die Schleime kolloidale Lösungen. Einige (Althaea, Linum, Cydonia) lassen sich mit Ammonsulfat aussalzen (~Pohl~).
Offenbar haben wir es aber bei den Koryzo-Membraninen nicht mit einer Substanz, sondern mit einer ganzen Klasse von Substanzen zu tun. Das zeigt schon das verschiedene Verhalten zu Wasser: einige quellen kaum, andere stark, noch andere lösen sich darin.
=Lit.= ~Tschirch~, Kapitel Schleimmembran in Angew. Anatomie 1888, S. 193. (Dort eine zusammenfassende Darstellung). Ferner Chemie u. Biologie d. pflanzl. Sekrete. Leipzig 1908. -- ~Kützing~, Grundzüge t. 4. -- ~Hofmeister~, Über die zu Gallerte aufquellenden Zellen der Samenepidermis. Ber. der Sächs. Ges. d. Wissensch. 1858. -- ~Nägeli~ u. ~Cramer~, Vorkommen u. Entstehen einiger Pflanzenschleime. Zürich 1855 (Arch. d. Pharm. 1857, 190) -- ~Wigand~, Desorganisation der Pflanzenzellen. Pringsh. Jahrb. 3, 1863. -- ~Frank~, Anatom. Bedeut. u. Entsteh. d. vegetabil. Schleime. Pringsh. Jahrb. 5 (1865). -- ~Trécul~, Des mucilages chez les Malvacées, le tilleul, les Sterculiacées, les Cactées et les Orchidées indigènes. Compt. rend. 1862. -- ~Radlkofer~, Monographie der Gattung Serjania. München 1875. -- ~Klebs~, Organisat. d. Gallerte bei einigen Algen usw. Arb. d. bot. Inst. Tübingen II. -- ~Guignard~, Observat. sur l’appareil mucifère des Laminariées Ann. sc. nat. (8) 15, 1892. -- ~Uloth~, Pflanzenschleim und seine Entstehung. Flora 58, 809. -- ~Abraham~, Bau u. Entwickl. der Wandverdick. in d. Samenoberhautzellen einiger Cruciferen. Pringsh. Jahrb. 16. -- ~Flückiger~ (Buccu). Schweiz. Wochenschr. f. Pharm. 1873. -- ~Marktanner-Turneretscher~, Z. Kenntn. d. anatom. Baues unserer Loranthaceen. Sitzungsb. d. Wien. Akad. 1885. -- ~van Tieghem~, Sur les canaux à gomme des Sterculiacées. Bull. soc. bot. de France 1885. -- ~Hartwich~, Schleimzellen d. Althaea. Pharm. Zentralh. 1891, 586 und (Orchis). Arch. Pharm. 1890. -- ~A. Meyer~ (Orchis). Arch. Pharm. 1886, 325. -- ~Lauterbach~, Bau u. Entwickl. d. Sekretbeh. bei d. Cacteen. Bot. Zentralbl. 1889. -- ~de Bary~, Anatomie. -- ~Radlkofer~, Monogr. v. Serjania 1875. -- ~Mangin~, Bull. soc. bot. 1894. -- ~Tschirch~, Harze und Harzbehälter. Botanischer Teil. -- ~H. Walliczek~, Studien über die Membranschleime vegetativer Organe. Pringsh. Jahrb. 25 (1893), 227 (auch Diss. Bern 1893). Dort weitere Literatur. -- ~Nadelmann~, Über Schleimendosperme der Leguminosen. Pringsh. Jahrb. 21, 1890 (auch Diss. 1890). -- ~Popovici~, Strukt. u. Entw. eigenart. Wandverd. Diss. Bonn 1893. -- ~Czapek~ Biochemie und in ~Gjokic~, Sitzber. d. Wien. Akad. 105, I (1896), 451 (Viscum). -- ~Hoehnel~, Ebenda 1881.
+Chem. Untersuch.+: ~Vauquelin~, Ann. de chim. 80 (1811), 314. -- ~Tollens~, Handb. d. Kohlenhydrate. -- ~Czapek~, Biochemie. -- ~Cullinan~, Bot. Jahresber. 1884, I. 71. -- ~Gans~ und ~Tollens~, Lieb. Ann. 249 (1889), 245. -- ~Pohl~, Zeitschr. phys. Chemie 14 (1890), 151. -- ~Bauer~, Landw. Versuchsstat. 40 (1892) 480. -- ~Yoshimura~, Agric. Coll. Tokio 1895. -- ~Hilger~, Ber. d. d. chem. Ges. 36 (1903) 3198. -- ~Harlay~, Journ. pharm. chim. 1902. -- ~Sestini~, Zentralbl. Agric. Chem. 1878. -- ~Frischmuth~, Chem. Zeit. 21, R. 289. -- ~Valenta~, Klebe- und Verdickungsmittel. 1884. -- Weitere Lit. bei den einzelnen Abschnitten.
~Hérail~ benutzt, ~Mangin~ folgend, in Traité de pharmacologie 1901, die Färbbarkeit der Schleimsubstanzen durch organische Farbstoffe zur Einteilung und teilt sie in mucilages simples, m. mixtes und m. indéterminés und die m. simples wieder in +mucilages cellulosiques+ (färbbar durch Orseilline BB und Naphtholschwarz in saurem Bade und Congorot und Benzopurpurin in alkalischem Bade -- nie durch sog. basische Farben), +mucilages pectosiques+ (färbbar durch basische Farben in neutralem Bade, z. B. Bismarckbraun, Methylenblau, Bleu de Nil und Rutheniumrot) und +mucilages callosiques+ (färbbar durch Anilinblau in essigsaurem Bade und durch Corallin-Soda). Da alle uns interessierenden Schleime, mit Ausnahme des Salep, in die zweite Abteilung (m. pectosiques) gehören, hat diese Einteilung für uns keinen Wert. Ich führe die weitere Einteilung auf morphologischer Grundlage durch.
Die erste Gruppe der Koryzo-Membranindrogen bilden die, bei denen der Schleim von der +Interzellularsubstanz+ gebildet wird. Hierzu gehören alle Kryptogamen-Schleimdrogen. Die zweite Gruppe umfaßt die, bei denen der Schleim von den +sekundären Membranverdickungsschichten+ gebildet wird. Bei ihnen finden wir entweder Schleimepidermen oder Schleimendosperme oder Schleimzellen im Innern der Organe.
1. Schleime der Interzellularsubstanz.
Cryptogame Schleimdrogen.
Carrageen.
=Syn.= Caragaheen, Carragheen, Karragaheen, Lichen Caragaheen, Fucus crispus s. hibernicus -- Irländisches oder Perlmoos, Seeperlenmoos, Krauser Knorpeltang, Knorpelmoos, Krausmoos, Gallertmoos, Seemoos, Felsenmoos -- mousse d’Irlande, goémon, mousse perlée (franz.) -- irish Moss, pearl moss (engl.). -- fuco carageo (ital.). -- jersch mos (holl.) -- karagén (ung.) -- λειχὴν ὁ ἰρλανδικός (n. griech.).
=Etym.= Carrageen ist der in der irländischen Volkssprache aus Corigeen oder Carraigeen (= Felsenmoos) entstandene Name der Alge. Daß Corigeen aus κορίζα (= Schleim) und γίγνομαι (= entstehen) entstanden sei (wie ~Wittstein~ meint), ist sehr fraglich. Carraigeen ist wohl ein keltisches Wort (Stamm: car = Fels). Nach Aussage eines Irländers ist die richtigste Schreibweise: Carraigeen (~Hanbury~), Carraig (irisch = Fels, daher Felsenmoos). Mos, mossa (mosi, mus) ist der skandinavische Ausdruck für alle laubigen Cryptogamen (nicht nur für die Moose).
=Stammpflanze=: =Chondrus crispus= (L.) ~Stackhouse~ (Chondrus crispus ~Lyngbye~, Chondrus polymorphus ~Lamouroux~, Fucus crispus L., Sphaerococcus crispus ~Agardh~) und
=Gigartina mamillosa= (~Goodenough et Woodward~) ~J. G. Agardh~ (Sphaerococcus mammillosus ~Agardh~, Mastocarpus mammillosus ~Kützing~). Letztere Alge tritt in der Droge meist stark zurück.
=Etym.= χόνδρος = Knorpel, crispus = kraus, σφαῖρα = Kugel, κόκκος = Kern, γίγαρτον = Weinbeerenkern, ρόδον = Rose, φῦκος = Tang. -- χονδρός bei ~Dioscurides~ ist, wie ich durch Vergleich der Abbild. im Cod. constantinopol. ersehe, ein Hordeum.
=Systemat. Stellung.= Euphyceae -- Rodophyceae -- Gigartinaceae oder Klasse: Rhodophyceae -- Unterklasse: Florideae -- Reihe: Gigartinales -- Familie: Gigartinaceae -- Gigartineae.
=Beschreibung der Stammpflanzen.= +Chondrus+ (= Knorpeltang) und +Gigartina+ (= Kerntang) sind etwa 7-15 cm hohe, +rote Meeresalgen+, deren Farbe von rein rosenrot über purpurrot, rotviolett zu blauviolett variiert, und deren laubiger, einer Haftscheibe aufsitzender Thallus (Lagerstämmchen) einen ganz außerordentlichen +Polymorphismus+ zeigt (Fig. 95). Bald ist er nur wenig geteilt, bald in zahlreiche Lappen zerschlitzt, bald sind die Abschnitte breit, bald schmal, bald sehr schmal, bald reicht die Zerschlitzung bis zur Basis, bald findet sie sich nur an der Spitze breiter Lappen. Diese Variabilität war der Grund, weshalb man früher zahlreiche (über 40) Varietäten unterschied. [~Turner~ z. B. unterschied 9 Spielarten: virens, stellata, aequalis, filiformis, patens, lacera, samiensis, geniculata und plana.] Die Verzweigung, die stets rein dichotom ist, ist oft so groß, daß das Ganze ein krauses Durcheinander bildet. Der Thallus zeigt sehr deutliche Fadenstruktur.
Die Fortpflanzungskörper sind zweierlei Art: ungeschlechtlich entstehende +Tetrasporen+ und durch einen Geschlechtsakt gebildete +Cystocarpien+. Die Tetrasporen sind paarweise geteilt und bilden Gruppen (Sori). Das weibliche Organ, das +Procarp+, besteht aus 4 Zellen. Die kleinste und innerste Zelle desselben, das +Carpogon+, bildet einen fadenförmigen, über die Lageroberfläche heraustretenden Fortsatz, die +Trichogyne+ (Fig. 96 A tr). An diese legt sich zur Zeit der Fortpflanzung eines der in krugförmigen, an der Thallusoberfläche zu Krusten vereinigten +Antheridien+ gebildeten, unbeweglichen +Spermatien+ (Spermatozoiden) an. Es erfolgt Kopulation. Die befruchtete Carpogonzelle kopuliert durch einen sehr kurzen Ooblastemfortsatz mit einer zweiten Zelle des Procarps, der +Auxilarzelle+. Diese sendet nunmehr in das Thallusgewebe ein Büschel von gegliederten Fäden, den +Gonimoblasten+, dessen Endzellen und oberen Gliedzellen sich schließlich zu +Sporen+ entwickeln. Diese Sporen, die den von der Thallusrinde umhüllten +Fruchtkern+ bilden, werden entweder vom +Cystocarpium+ durch Poren ausgestoßen und keimen alsdann im Wasser oder die Keimung erfolgt schon im Cystocarpium.
Bei +Gigartina+ ~Stackhouse~ (inkl. Mammillaria ~Stackhouse~ [Mastocarpus ~Kützing~], inkl. Chondrodictyon ~Kützing~, inkl. Chondroclonium ~Kützing~ [Chondracanthus ~Kützing~], inkl. Sarcothalia ~Kützing~) liegen die ebenfalls durch Poren sich öffnenden Cystocarpien in kleinen, zitzenartig über den Thallus hervortretenden Fruchtzweigchen (Fig. 99). Der Fruchtkern ist hier von einer Faserhülle umgeben.
Bei +Chondrus+ (~Stackhouse~) ~J. Agardh~ sind die Cystocarpien oval, meist einseitig schwach vorspringend, über die Hauptsprosse des Thallus verteilt.
=Lit.= Chondrus crispus ~Stackhouse~ apud ~Lemouroux~ in Ann. Mus. XX, 126. -- ~Lyngbye~ Hydr. dan. p. 15, Tab. 5, A. B. -- ~J. G. Agardh~ Florid. 246 und Alg. med. p. 104. -- ~Schmitz~ Sitzungsber. d. Berl. Akad. 1883, 223. -- ~Schmitz~ und ~Hauptfleisch~ in Engler-Prantl Nat. Pflanzenf. I (2), 356 u. 357 (dort die übrige botanische Literatur). -- ~Berg-Schmidt~, Atlas S. 75 t. 162 (dort die systematische Literatur).
+Abbild.+ ~Morison~, Plant. hist. univers. Oxoniae (1699), III tab. 11 (Erste Abbild. von Chondr. crisp.) -- ~Berg-Schmidt~, Atlas, Taf. 162. -- ~Pabst-Köhlers~ Medizinalpflanzen 80. -- ~Planchon-Collin~, Drog. simpl. p. 15. -- ~Bentley-Trimen~, Medic. plants IV, Taf. 305. -- ~Rabenhorst~, Cryptogamenflora. -- ~Lyngbye~ a. a. O.
=Vorkommen.= Die Carrageenpflanzen sind Meeresalgen, die an den Westküsten des Atlantischen Ozeans von Norwegen (Nordkap) bis Spanien, besonders reichlich bei Irland, aber auch bei den Azoren vorkommen und an der nordamerikanischen Küste sich überall dort finden, wo die Küstenkonfiguration Westküsten erzeugt (Kap Cod Bay). Chondrus crispus fehlt im Mittelmeer und der Ostsee.
=Pathologie.= Auf marinen Algen sind parasitische Pilze im allgemeinen selten, doch sind solche auch auf Chondrus crispus beobachtet worden. Unter denselben ist besonders der Pyrenomycet Leptosphaeria Chondri ~Rosenvinge~ (L. marina ~Rostr.~ non ~Ell. et Ev.~) zu nennen, der seine Perithecien, vermischt mit Phoma-Conidien, auf den Tetrasporangiensori und Cystocarpien bildet (s. ~L. Rosenvinge~ in Botanisk Tidsskrift Bd. XXVII 1906 p. 33 ff.) Außerdem wird von ~Jones~ eine Sphaerella Chondri beschrieben (Ed. Fischer). Über die Überzüge von Flustra vergl. unten unter Beimengungen.
=Einsammlung.= Gesammelt wird das europäische Carrageen im Norden und Nordwesten Irlands, gelangt nach Sligo und von dort nach Liverpool. Ferner in neuerer Zeit in der Bretagne zwischen Plougreseant und Perros-Guirec im Tréguier. Über Port Blanc gelangt das Produkt nach Hamburg. Die französische Regierung hat 1890 Maßregeln ergriffen, dem unsinnigen Ausreißen des Knorpeltangs Einhalt zu tun. Das amerikanische, meist vortreffliche Carrageen bildet die Hauptmenge des Handels. Es besteht fast nur aus Chondrus crispus. Es wird in Plymouth (Massachusetts) bei Scituate und Cohasset an der Cape Cod Bay gesammelt. Das Geschäft betreiben dorthin eingewanderte Irländer.
Man sammelt die Alge entweder mit der Hand bei der großen Ebbe vor den Springfluten (die besten Sorten) oder mit einem eisernen Rechen bei den kleinen Ebben (die schlechteren, technischen). Dabei wird der Thallus fast immer von der Haftscheibe abgerissen. Die abgelösten Pflanzen werden dann an der Sonne gebleicht, um den roten Farbstoff zu entfernen, in mit Süßwasser gefüllten Fässern gerollt und nochmals an die Sonne gebracht (~Melzar~, ~Bates~), wohl auch mit schwefliger Säure nachgebleicht (~Guéguen~). Durch diese Behandlung wird die schön rote schlüpfrige Alge gelblich weiß und knorpelig hart. Die Haupternte, die den Preisgang bis zum Frühjahr reguliert, beginnt Mitte September.
~Krämer~ berichtete (1899) über die Einsammlung in Amerika. Die Ufer der Bucht von Scituate, die etwa 10000 Pfd. Carrageen p. a. exportiert, fallen allmählich gegen die brakige Marsch ab. Dort wird das Carrageen von Ende Mai bis September gesammelt, am meisten im Juni und Juli. Die Sammler und Sammlerinnen arbeiten oft mit den an langen Stangen befestigten schweren eisernen Rechen von 4 Uhr morgens bis 8 Uhr abends. Die Segler gehen mit der Halb-Ebbe hinaus und kommen mit der Halb-Flut zurück. Ein Sammler kann 50 Pfd. pro Tag sammeln. Das frische Carrageen wird in zwei Fuß im Durchmesser haltende hölzerne Tröge (boxes) geschüttet, dann ausgebreitet und eine Woche der Luft und Sonne ausgesetzt. Dann ist es schon hellpurpurgelb. Nun wird es in halbe «hogsheads» (Fässer von 50-70 Gallonen) getan und mit Segeltuch zugedeckt. Diese Fässer werden an klaren Tagen zu den brakigen Marschen gerollt. Sie werden dann mit Wasser gefüllt, die Leinwand wieder darüber getan und das Ganze wieder hinaufgerollt. Dann wird das Carrageen wieder ausgebreitet und unter öfterem Umwenden weiter gebleicht. Schließlich wird es in Fässern oder Ballen verpackt.
=Lit.= ~Melzar~, Proc. am. pharm. assoc. 1860, p. 165. -- ~Bates~, Gathering and curing of carag. in Massachusetts, Amer. journ. ph. 1868, p. 417, Ph. Journ. XI (1869) 298 und VIII (1878) 304. -- ~Krämer~, Am. journ. pharm. 1899, p. 481, Pharm. journ. 1899 Nr. 1527. -- ~Guéguen~, Le carag., ses emplois pharm. et industr. et sa recolte en Bretagne. Bull. sc. pharmac. X (1904) p. 225.
=Handelssorten, Handelswege, Verpackung.= Der Handel unterscheidet C. naturale -- depuratum -- electum albissimum. Nur das letztere ist für Heilzwecke brauchbar. Der Großhandel bezeichnet: elect (⅟₁ und ¾) -- fein A -- fein B -- fein C -- 0000 -- 000 -- 00 -- ff. naturell 0 -- fein nat. 1 -- gut. (=Grossmann=) Haupteinfuhrhafen und Handelsplatz für Carrageen ist Hamburg. Carrageen kommt meist in gepreßten Ballen zu 50 und 100 kg in den Handel. Es wird im Großhandel meist als Lichen (!) Carragheen bezeichnet, von allen Bezeichnungen die unrichtigste, denn es ist doch keine Flechte, ebensowenig wie ein Moos.
=Morphologie der Droge.= Chondrus crispus besitzt einen kurzen, fast zylindrischen Stiel und einen kleinen, höchstens handgroßen, 4-15 cm hohen, fleischigen, knorpeligen (daher Chondrus, s. oben Etym.), flachen, gallertartigen, laubartigen, am Rande etwas wellig krausen, wiederholt gabelig, in breitere und schmälere Lappen +dichotom+ zerteilten, nach oben fein zerschlitzten, an der Spitze gestutzten, ausgerandeten, bei der Droge gelblichen, hornartig durchscheinenden Thallus. Die +Gestalt und die Zahl der Lappen ist sehr variabel+ (s. oben). Dieselben sind entweder schmal, linealisch, gespreizt mit den äußersten Ästen durcheinander geschoben, am Ende abgerundet, gestutzt oder seicht ausgerandet (so der Typus) oder sie sind stark verbreitert, bedecken einander zum Teil, sind an den Rändern wellig gekräuselt oder unregelmäßig gelappt. Der Thallus ist am Grunde mit einer kleinen, am Gestein fest haftenden Scheibe (Haftscheibe) versehen, die jedoch, da die Droge beim Einsammeln von dem Boden abgerissen wird, derselben so gut wie immer fehlt. Eine Haftscheibe trägt oft mehrere Sprosse. Der laubartigen Form des Thallus verdankt die Pflanze die Bezeichnung +Moos+ (s. oben Etym.). Bei weitem nicht alle Exemplare der Droge enthalten Fortpflanzungsorgane. Die +Cystokarpien+ (Sporenfrüchte) sind in Form von oval-halbkugeligen, aus der Ebene des Thallus nur wenig buckelig hervorragenden, flach warzenförmigen Erhebungen an der Thallusoberseite sichtbar (Fig. 98). Unterseits entsprechen ihnen (besonders an der trockenen Droge) oft flache Vertiefungen. Sie enthalten zahlreiche Karposporen (Fig. 98). Die +Tetrasporen+ finden sich im Thallus zerstreut in kleine, die Thallusfläche schwach vorwölbende Häufchen vereinigt. Sie sind an der Droge sehr viel seltener zu finden als die Cystokarpien.
Der gallertig-fleischige, verschieden verzweigte Thallus von Gigartina mamillosa ist nicht flach, sondern durch Aufwärtsbiegen der Ränder rinnenförmig (nur selten ist auch hier der Thallus flach riemenförmig). Die Abschnitte sind schmäler. Die meist in großer Anzahl vorhandenen +Cystokarpien+ sitzen in kurzen, umgekehrt eiförmig-ellipsoidischen, papillösen (daher mamillosus = zitzenförmig) und kurz gestielten Exkreszenzen der Thallusoberfläche (Fig. 99). In der Droge erscheinen diese «Fruchtzweigchen» oft etwas umgebogen und gleichen Dornen (Fig. 97). Den häutigen Haftscheiben entspringen mehrere bis 20 cm hohe Sprosse. Im Habitus ist Gigartina dem Chondrus ähnlich und wie dieser in der Zerteilung des Laubes variierend.
Die Farbe dieser Florideen ist im frischen Zustande prächtig rot und wird erst durch den Bleichprozeß (s. oben) in die charakteristische gelbliche Farbe übergeführt, doch zeigen hier und da besonders die Spitzen des Laubes und die Tetrasporenhäufchen auch in der trockenen Droge noch eine schön rote Farbe. Die Farbe der trockenen Droge ist weiß oder gelblich oder gelblich weiß.
Die trockene Droge ist fast geruchlos. Mit kaltem Wasser angequollen (wobei Carrageen seine ursprüngliche Gestalt wieder annimmt), entwickelt es den charakteristischen sogenannten Seegeruch, der Geschmack ist schleimig fade, besonders bei den schlechteren Sorten etwas salzig. Kocht man es mit dem 30fachen Gewicht Wasser, so erhält man einen beim Erkalten erstarrenden, gallertigen Schleim.
=Anatomie.= Der Thallus des Carrageen besteht aus zwei Schichten, der zentralen Markschicht und der beiderseits dieser aufliegenden Rindenschicht. «Von einem mittleren Strange dünner, längsverlaufender, hier und da gegabelter Markfäden (Leitungsgewebe) zweigen auswärts zahlreiche, wiederholt gegabelte Rindenfäden ab, die einwärts etwas lockerer, aber doch ziemlich dicht geordnet, auswärts dicht seitlich zusammenschließen zur Bildung einer kleinzelligen, antiklinreihigen Außenrinde» (Assimilationsgewebe). Die Vegetationsspitze zeigt eine fächerförmig strahlende Faserstruktur.
Die sich leicht von der Markschicht ablösende Rindenschicht besteht aus 4-5 Reihen außen sehr englumiger, nach innen zu allmählich weiter werdender kleiner rundlicher Zellen (+Rindenfäden+). Die äußerste, sehr enge Zone ist von einem in Schwefelsäure unlöslichen Häutchen das in seinem Verhalten etwas von der Cuticula der höheren Pflanzen abweicht (~Tunmann~), sowie bisweilen von ausgetretenen Schleimmassen bedeckt. Die Zellen der Rindenschicht stehen bisweilen, wie Behandeln des Schnittes mit Jodschwefelsäure lehrt, durch zarte Plasmafäden in offener Kommunikation miteinander, aber nur in radialer Richtung. Bisweilen sitzen auf einer weiten Zelle an der Grenze von Rinde und Markschicht zwei, auf jeder dieser wiederum zwei Zellen und so fort, so daß baumartige Bildungen entstehen, deren Elemente untereinander kommunizieren. Der Inhalt der Rindenzellen wird durch Jodwasser und Osmiumsäure nicht verändert, Jodjodkali färbt stark gelb, Millons Reagens rötlich. Er enthält hauptsächlich die Reste der Chromatophoren neben Amylodextrin. Die Lumina der Rindenzellen sind rundlich oder oval. Je weiter nach innen zu, um so weiter werden die Zellen, um so unregelmäßiger ihr Lumen und um so reichlicher das Amylodextrin im Inhalt. In der breiten Markschicht ist das Lumen selten rundlich, meist oval, schlauchartig gestreckt. Durch schmale geschlossene Tüpfel, neben denen die Membran derber ist, stehen die Lumina benachbarter Zellen miteinander in Verbindung (Siebhyphen ~Wille~). Bisweilen schien es mir, als ob die dünne Tüpfelmembran mittelst sehr feiner Kanälchen durchbrochen sei, so daß also auch hier eine offene Kommunikation hergestellt sein würde. (Also Makroporen mit Mikroporen, ~Wille~.) Die großen Markschichtzellen (+Markfäden+) besitzen wie die 5-10mal kleineren Rindenzellen eine das Lumen auskleidende, nicht sehr dicke sekundäre, aus mehreren z. T. amyloidischen (~Tunmann~) Lamellen bestehende Membranverdickungsschicht und eine außerordentlich breite, durchweg verschleimte Interzellularsubstanz (+Kollode+). Die letztere löst sich schon in kaltem Wasser leicht. +Sie liefert in allererster Linie den Carrageenschleim.+ Die das Lumen umgebende, bisweilen, besonders in der Nähe der Tüpfel, Schichtung zeigende Innenhaut löst sich wenig oder gar nicht, sie besteht aus einer eigenartigen Cellulose, wird durch Jodschwefelsäure blau, durch Chlorzinkjod zunächst hellblau, dann dunkelblau, durch Jodjodkali, nach längerem Liegen, blau -- was alles bei der verschleimten Interzellularsubstanz nicht der Fall ist, die auch auf Chlorzinkjod nicht reagiert und auch Farbstoffe wenig aufnimmt, doch färbt sie sich mit den sog. Pectinfärbemitteln: Methylenblau, Naphtylenblau und Bismarckbraun (~Tunmann~). Nach ~Wisselingh~ wird die verschleimte Interzellularsubstanz durch Glyzerin bei 300° zerstört. Rutheniumrot färbt alle Membranteile rot. Der aus zahlreichen kleinen rundlichen oder ovalen Körnchen bestehende Inhalt der Markzellen färbt sich mit Chlorzinkjod rotviolett, mit Jod violett bis rotbraun. Erwärmt man einen mit Jod gefärbten Schnitt, so verkleistern die Körnchen und in der Zelle liegt ein rotvioletter Ballen. Der Inhalt der Zellen der Markschicht verhält sich also wie +Amylodextrinstärke+ (vergl. oben S. 199). Ich habe sie denn auch bereits 1888 als solche bezeichnet. Gewöhnlich wird sie +Florideenstärke+ genannt. Werden dünne Schnitte im geschlossenen Rohr einen Tag lang mit alkoholischer Kalilauge erwärmt und nach dem Abwaschen einige Stunden in Jodjodkali gelegt, so färbt sich der Inhalt der Zellen, nicht die Wand, blau (~Flückiger~). Die Markschicht macht die Hauptmasse der Droge aus. Ihre Zellen sind in Größe und Form sehr unregelmäßig. In der Nähe des Fruchtkerns der Cystokarpien, die man ziemlich häufig an der Droge antrifft, sind sie kurz. Der Fruchtkern (s. oben) des Cystokarpiums bildet bei der Droge meist ein unregelmäßiges Flechtwerk geschrumpfter Stränge, dessen Lücken zahlreiche, zusammengehäufte, an Amylodextrin reiche Sporen eingelagert sind. Dieser dem Thallus eingesenkte Fruchtkern ist bei Chondrus nicht von einer besonderen Faserhülle umgeben. Die Sporen der Cystokarpien sind rundlich, oval, birnförmig oder unregelmäßig und bilden Häufchen, die oft zu mehreren vereinigt in der Markschicht liegen und eine oft beiderseitige flache Hervorwölbung der Rindenschicht erzeugen, so daß die Cystokarpien durch runde Warzen auf der Thallusoberfläche sich bemerkbar machen. Die Sporen bilden die Endglieder kurzer, oft mehrmals gabelig verzweigter Zellreihen. Bei Gigartina liegen die Cystokarpien in dornartigen Ausstülpungen des Thallus (s. oben).
Um die anatomischen Verhältnisse zu studieren, präpariert man am besten in Alkohol und läßt allmählich verdünntes Glyzerin zufließen. Durch Wasser quillt der trockene Querschnitt auf die doppelte Breite.
=Lit.= ~Vogl~, Komment. z. österr. Pharmak. VIII. 1908. -- ~Tschirch~, Angew. Anat. S. 100. -- ~Berg~, Anat. Atl. t. II. -- ~Schmitz-Hauptfleisch~ in Engler-Prantl, Pflanzenfam. I, 2. -- Für die Florideenstärke: ~Nägeli~, Stärkekörner, S. 533. -- ~van Tieghem~, Compt. rend. 61, p. 804. -- ~Schmitz~, Chromatophoren, S. 151. -- ~Schimper~, Pringsh. Jahrb. XVI, S. 199. -- ~N. Wille~, Bidrag til algernes physiologiske anatomi. Svensk. Vetensk. Akad. Handling. 1885. -- ~Hansen~, Mitth. zool. Stat. Neapel XI. -- ~Bruns~, Flora 1894, Ergänzb. S. 173. -- ~Kolkwitz~, Ber. d. Bot. Ges. XVII, S. 247, Zeitschr. wiss. Mikrosk. XVII, S. 263. -- ~Tunmann~: Anatomie und Inhaltsstoffe von Chondrus crisp. Apoth. Zeit. 1909, Nr. 17. -- Erste Abbild.: ~Oudemans~ Atlas 1854.
=Chemie.= Carrageen enthält meist c. 1% +Stickstoff+ (= 6,3% +Proteïnsubstanzen+), bisweilen auch mehr (bis 9,4% Proteïnsubstanzen, ~Church~). Andere Meeresalgen enthalten 1-1,8% N (~Marchand~). Mit zwanzig Teilen Wasser gekocht liefert Carrageen beim Erkalten eine Gallerte, die durch Jod nicht blau wird (Unterschied von Isländischmoosgallerte) und sich nicht in Cuoxam. löst. Carrageenschleim wird durch Ammoniumsulfat, Ammonphosphat und Kaliumacetat gefällt (~Pohl~). Mit 50 Teilen Wasser gekocht erhält man eine Lösung, aus der Alkohol den +Schleim+ (Carrageenin ~Pereira~, Caragin ~Berzelius~, Goëmin ~Blondeau~ -- Goëmon ist der nordfranzösische Name der Alge -- Gelin) in Fäden fällt, die hornartig eintrocknen, c. 0,8% Stickstoff und bis 16% Mineralsubstanzen enthalten, sich nicht in Kupferoxydammon lösen und durch metallisches Jod sich rötlich färben. Dieser Schleim liefert mit schwacher Salpetersäure Weinsäure, Oxalsäure und Zuckersäure, mit starker 14 bis 23% +Schleimsäure+ (~Flückiger~, ~Obermeier~, ~Sebor~). Er gleicht dem Pararabin ~Reichardts~. Durch Kochen mit Schwefelsäure entsteht neben Ameisensäure +Lävulinsäure+ (~Bente~). ~Schmidt~ erhielt bereits 1844 hierbei auch Zucker. Bei der Hydrolyse lieferte Carrageen +Mannit+, Hydroxylmethylfurfurol und d-+Galaktose+, sowie auch Fruktose und Glukose. Carrageen enthält also außer Methylpentosen- und Glukosegruppen ein +Galaktan+, +Fruktosan+ und wenig +Pentosan+ (~Muther~ und ~Tollens~). ~Sebor~ erhielt bei der Hydrolyse ebenfalls Galaktose, dann d-Glukose, Fruktose und Arabinose. Die gefundene Menge Schleimsäure (23,4%) entspricht 29,6% Galaktose (~Tollens~ berechnet 20-28%), die mit Salzsäure erhaltene Menge Furfurol (1,2%) entspricht 2,5% Pentosen. ~Sebor~ hält den Schleim für eine sehr komplizierte, wohl aus +Galaktan+, +Glukosan+ und +Fruktosan+ bestehende Kohlenhydratkombination von hohem Molekulargewicht, in dem auch ein d-Galakto-Xylan steckt. Der Stickstoff, den schon ~Blondeau~ im Schleime fand -- er fand 2% (~Flückiger~ und ~Obermeier~ 1%) neben 2,5% Schwefel -- und der sehr schwer aus ihm zu entfernen ist, ist natürlich auf eine Verunreinigung mit Eiweißsubstanzen zurückzuführen. Der reine Schleim entspricht der Formel C₆H₁₀O₅ (~C. Schmidt~). ~Giraud~ fand nur Spuren N darin. Auch die Mineralsubstanzen sind schwer aus dem Schleim zu entfernen. Selbst nach 20-30 maligem Fällen sind noch beträchtliche Mengen darin (~Morin~). Die Menge des Schleimes beträgt c. 80% (nach ~Church~ 55,5%, ~Herberger~ 79,1%). Er ist +ausschließlich+ Membranschleim (Kollode). Zucker fehlt im Carrageen (~Guibourt~).
Durch Destillation des Carrageen mit Schwefelsäure und Wasser erhält man im Destillat +Fukusol+, ein Gemenge von Furfurol und Methylfurfurol (s. bei Laminaria). C. enthält etwas +Fett+, aber keine Stärke, wohl aber einen mit Jod rotbraun sich färbenden Inhaltskörper der Zellen, der mit dem +Amylodextrin+ verwandt oder damit identisch ist (s. oben).
C. enthält etwas +Jod+ (~Steinberg~ (1842), ~Sarpati~, ~Grosse~, ~Ebers~), das sich schon in der Asche von 10 g leicht nachweisen läßt (~Flückiger~, ~van Itallie~, vergl. auch unter Laminaria), und +Brom+ (~Dupasquier~ 1843, ~Grosse~) in Form von Jodiden und Bromiden des Na, Ca und Mg, aber wohl auch (oder nur?) organisch gebunden. ~Tunmann~ gelang es in 0,5-1,0 Carrageen Jod auf mikrochemischem Wege nachzuweisen. Die +Asche+ beträgt 9,5-18% (14,15% ~Church~, 15,9% ~Jolles~). Sie ist reich an Sulfaten, z. B. Natrium- und Calciumsulfat und Chloriden. ~Czapek~ gibt 20,61% Reinasche an und darin 17,32% K, 18,73 Na, 7,16 Ca, 11,35 Mg, 2,21 Phosphorsäure, 41,24 SO₃, 3,79 Cl. Nach meinen Erfahrungen, die mit denen von ~Caesar~ und ~Loretz~ und ~Hauke~ übereinstimmen, kann man 18% Asche (als Maximum) verlangen. ~Hauke~ fand 15,32 bis 17,7%. ~Church~ fand, daß käufliches Carrageen mehr Schwefel enthält als dessen Asche.
Der +Farbstoff+ ist in der Droge meist vollständig oder nahezu vollständig durch Bleichen zerstört. Er ist in Chromatophoren enthalten und ein Mischfarbstoff. Dieser Mischfarbstoff, den ~Cohn~ (1867) Rhodophyll nannte, besteht aus einem roten Farbstoff, der von ~Kützing~ (1843) als +Phycoërythrin+ bezeichnet wurde, und der schon beim Übertragen der Pflanze in Süßwasser in dieses diffundiert, einem gelben, dem Carotin ähnlichen Farbstoff (~Hansen~) und Chlorophyll. Das Phycoërythrin hat im Spektrum 4 Bänder: 590-620, 550 bis 570, 520-540, 485 bis 585 (~Schütt~). Das +Phycoërythrin+, das ~Molisch~ in hexagonalen Kristallen erhielt, scheint ein gefärbtes Protein oder eine Eiweißverbindung ähnlich dem Hämoglobin zu sein.
=Lit.= Die ersten Analysen sind von ~Herberger~ (~Buchner’s~ Rep. 49, 134 auch in ~Wiggers~ Pharmakognosie 1840 und in ~Pereira~ Heilmittellehre) und ~Feuchtwangen~ (Amer. journ. of sc. and arts XXVI). -- ~Dierbach~, Die neust. Entdeck. 1837 und Mat. med. 1841. -- ~Blondeau~, Journ. ph. 1865, II, 159. -- ~Rochleder~, Chem. u. Phys. d. Pflanz. -- ~C. Schmidt~, Ph. Jahresb. 1844. ~Lieb.~ Ann 51, S. 29. -- ~Steinberg~, Journ. p. Chem. 25, 379. -- ~Dupasquier~, Journ. pharm. chim. méd. 1843, 113. -- ~Grosse~, Pharm. Zentralbl. 1839, S. 125. -- ~Church~, Journ. of Botany 1876 und Proc. Amer. pharm. assoc. 25, (1877), 177. -- ~Marchand~, Ann. chim. phys. VIII (1866), p. 320. -- ~Giraud~, Etude compar. des gommes et mucilag. Thèse Paris 1875. -- ~Guibourt~, Journ. chim. méd. VIII, 663. -- ~Tollens~, Kohlenhydrate. -- ~Bente~, Ber. chem. Ges. 8, 417, 9, (1876), 1158. -- ~Pereira~, Heilmittellehre. -- ~Sebor~, Österr. Chem. Zeit. 3 (1900), 441 und Zeitschr. f. Zuckerindustrie in Böhmen 25, 94. -- ~Hädecke~, Über die aus C. entstehenden Zuckerarten, Diss. Göttingen 1887. -- ~Hädecke~, ~Bauer~ und ~Tollens~, ~Lieb.~ Ann. 238, (1887), 302. ~Hädecke~, Diss. Göttingen. -- ~Muther~ und ~Tollens~, Ber. d. chem. Ges. 1904, 298. -- ~Hansen~, Journ. pharm. 1896, 3, p. 462, Ann. agronom. 1896. -- ~Wheeler~ and ~Stanford~, Pharm. Journ. XII, p. 642. -- ~Stanford~, ibid. XII, p. 1019 u. XIV, p. 1009. -- ~Flückiger~, Pharmakogn. 3. Aufl. -- ~Flückiger~ und ~Obermaier~, Schweiz. Wochenschr. 1868, 85. -- ~Tschirch~, Artikel Carrageen in Realenzyklopädie. -- +Rhodophyll+ siehe ~Czapek~, Biochemie I, und ~Molisch~, Bot. Zeit. 52 (1894) 177. -- Mikrochem. Jodnachweis: ~Tunmann~ Pharm. Centralh. 1907, 506. ~van Itallie~, Arch. Ph. 1889, 1132. Ned. Tijdschr. 1889. Pharm. Zentralh. 1901.
=Geruch und Geschmack.= Der Geruch der Droge ist tangartig, der Geschmack fade-schleimig, schwach salzig.
=Beimengungen.= In gutem Carrageen findet man fremde Algen nur in sehr geringer Menge, da die Droge von diesen, sowie von Schnecken, Korallen, Muscheln und Steinchen durch Auslesen befreit wird. Einige Exemplare der Droge zeigen weiße oder grauweiße Überzüge von Flustra pilosa (Fig. 100), einer kleinen Bryozoë oder weißliche körnige Calciumkarbonatreste einer Blätterkoralle. «Reichlich mit Polypen besetztes C. ist zu verwerfen» (Pharm. helvet. IV.) In schlechter Droge finden sich bisweilen: Ceramium rubrum ~Ag.~, Fucus canaliculatus, Furcellaria fastigiata ~Lam.~ (Fucus fastigiatus ~Huds.~), Laurencia pinnatifida ~Lam.~, Chondria obtusa, _Polysiphonia_arten, Hypnea confervoides, Stilophora rhizodes, Sphorochnus rhyodes, Haleseris polypodioïdes, Porphyria laminata, sowie (was ich für zulässig halte): Chondrus canaliculatus ~Grev.~, Gigartina acicularis ~Lamour.~ (mit zylindrischem gabelteiligem Thallus, ist bis zu 40% im französischen Carrageen gefunden worden) und Gigartina pistillata ~Lamour.~, sowie andere Chondrus- und _Gigartina_arten.
=Prüfung.= Die Prüfung erstreckt sich, da die Droge nur in toto verwendet wird, auf eine Durchmusterung. Bei zweifelhaften Stücken empfiehlt sich Aufweichen in Wasser. Die 1 = 30 bereitete Gallerte darf durch Jod nicht blau werden.
Mit schwefliger Säure gebleichtes Carrageen -- solches ist im Handel -- sollte nicht medizinisch verwendet werden. Man prüft darauf in folgender Weise: Wird C. mit 20 Teilen Wasser übergossen und eine Viertelstunde lang mazeriert, so darf die davon abfiltrierte Flüssigkeit blaues Lackmuspapier nicht röten. 20 ccm des Filtrates sollen durch einen Tropfen n/10 Jod gelb gefärbt werden.
=Anwendung.= Das C. gehört zu den +Schleimdrogen+, also neben Althaea, Linum, Traganth und Salep. Es rangiert zudem unter die schleimigen Vehikel. Die Ärzte brachten und bringen dem Carrageen wenig Interesse entgegen. Man verwendet es als Nährmittel bei Phthisikern (seit 1831), bei Katarrhen (~Stollwerks~ Brustbonbons, Gelatina Carrageen, Pasta cacao carragenata, Saccharolatum carragenat.) und zur Herstellung haltbarer Leberthranemulsionen, dann zum Cataplasma artificiale von ~Lelièvre~ (Ersatz der unsauberen Leinsamenbreiumschläge). Nur in Irland scheint es seit langem als Heilmittel (bei Schwindsucht, Skrofeln, ~Kolb~) und als geringwertiges Nahrungsmittel, z. B. zum Mästen von Kühen und Kälbern, benutzt worden zu sein. Die größte Menge, besonders des amerikanischen Carrageens, wird technisch verwendet und bildet ein wichtiges Ersatzmittel des Gummis in der Zeugdruckerei, der Appretur, der Papierfabrikation, der Textilindustrie (~Laboulaye~) und wird auch bei Herstellung der Stroh- und Filzhüte, sowie zum Klären (Schönen) von Bier und Honig benutzt. In der Kosmetik bedient man sich seiner zum Befestigen der Haare (+Bandoline+). Neuerdings benutzt man es auch zur Herstellung von Nährböden für bakteriologische Zwecke (~Miquel~). Das Kesselsteinmittel +Végétaline naturelle+ enthält auch Carrageen.
=Lit.= ~S. Brown~, On the mucilage of the fungi with remarks on its application to economical ends. New. Edinb. philos. journ. 26 (1839) p. 409. -- ~Mérat~, Dict. scienc. medic. 1816. Fucus und Suppl. 1846. -- ~Tschirch~, in Realenzykl. 2. Aufl. -- ~Laboulaye~, Dict. d. arts et manufact. 1907 Lichen. ~Wolffsheim~, Journ. prakt. Heilk. 1836. -- ~Meyer~, De fuco crispo, Dissert. Berlin 1835. -- ~Mouchon~, Journ. de méd. de Lyon 1844. -- ~Hager~, Manuale. -- ~Pereira~, Heilmittellehre.
=Geschichte.= Carrageen ist noch nicht lange in Anwendung, in England seit 1831 (durch ~Todhunter~ in Dublin empfohlen), etwas später in Deutschland (durch ~Gräfe~ aus England gebracht und durch ~Jobst~ empfohlen 1837), in Frankreich seit 1846 (empfohlen durch ~Guibourt~ 1832, ~Béral~ 1835). Die Anwendung zur Herstellung von Cataplasmen empfahl ~Lelièvre~ 1875 (~Guéguen~). Die Anwendung in der Industrie ist noch jüngeren Datums. Sie kam eigentlich erst auf, als infolge der Sudanaufstände das Gummi knapp zu werden anfing. Nur in Irland dürfte es als Heilmittel schon seit langem im Gebrauch sein (~Flückiger~).
=Lit.= ~Todhunter~, Monthl. gaz. of health, Jan. 1831. -- ~Pereira~, Elem. of mat. med. II (1845) part. I. 9. -- ~Dierbach~, Die neuest. Entd. d. Mat. med. I (1837) 50, II S. 271. -- ~Flückiger~, Pharmak. 3. Aufl. und Pharmakographia. -- ~Guibourt~, Sur le Carragaheen, Journ. chim. méd. VIII, 1832. -- ~Béral~, Ebenda, XI, 1835 u. Bull. gén. de thérap. VIII, 1835.
=Paralleldrogen.= Als solche können alle Florideen aus der Verwandtschaft von Chondrus und Gigartina betrachtet werden, besonders Gigartina acicularis (s. oben unter Beimengungen), denn alle diese liefern, wenn sie zuvor gebleicht werden, einen farblosen Schleim ähnlicher Eigenschaften. Als Carrageenersatz werden speziell genannt: Gelidium cartilagineum ~Gaill.~, Gracilaria compressa ~Grev.~, Cyclocladia articulata ~Grev.~ und _Gloiopeltis_arten. Dazu gehören auch die Agar-Agar liefernden Algen (s. d. und ~Dragendorff~, Heilpflanzen).
Stipites Laminariae.
=Syn.= Alga digitata, Riementang -- Laminaire digitée (franz.).
=Stammpflanze.= =Laminaria Clustoni= (~Edmonston~) ~Le Jolis~ als besondere Art oder als Varietät von L. digitata (L.) ~Lamx.~ (Fucus digitatus L., Hafgygia digitata Ktz.): =Laminaria digitata= (L.) ~Lamouroux~ β =Clustoni= ~Edmonston~ (-- auch Cloustoni oder Cloustonii -- geschrieben). Die älteste Bezeichnung (1772), die vielleicht die Priorität verlangt, ist: =Laminaria hyperborea= ~Gunnerus~.
~Cohn~ zeigte, daß unter Laminaria digitata zwei Arten gehen: L. flexicaulis ~Le Jolis~ und L. Clustoni ~Edmonston~, daß aber nur die zweite Stäbchen liefern kann, da der Stipes der erstgenannten zu dünn ist.
=Systemat. Stellung.= Phaeophyceae (Fucoideae) -- Phaeosporeae -- Laminariaceae.
=Beschreibung der Stammpflanze.= Die Laminarien sind große, braune Meeresalgen, deren Thallus in ein vielfach gegabeltes, an den Enden mit Haftscheiben versehenes wurzelartiges Haftorgan -- das ursprüngliche Haustorium wird durch sog. Hapteren verdrängt --, einen langen Stil (Stipes) und einen blattartig (daher Laminaria von Lamina = Blatt) ausgebildeten oberen Teil (Laubteil) gegliedert ist. Sie wachsen interkalar, mit lokalisiertem, zwischen Stengel und Blatt liegendem, interkalarem Vegetationspunkt. Das Haftorgan und der Stipes perennieren, das Blatt wird alljährlich regelmäßig erneuert, das alte abgestoßen (Fig. 101). Bei der L. Clustoni tritt die eigentümliche Blattform sehr früh auf. Die einfächerigen Sporangien sind in großen Sporangienständen (Sori) vereinigt, die auf dem Blattkörper zerstreute Flecke bilden (Fig. 101).
Laminaria Clustoni -- ~Flückiger~ will sie als besondere Art, L. hyperborea ~Gunn.~, betrachtet wissen -- geht weit in die See ins Tiefwasser hinaus. Sie hat oft recht beträchtlich lange, starre, aufrechte, runde, an der Basis sehr verdickte, gegen die Spitze allmählich verdünnte, hellbraune Stipites, die plötzlich in den recht ansehnlichen, bis 70 cm langen, hellbraunen, handförmig (daher digitata) in breite Lappen geteilten, lederigen, kastanienbraunen Laubteil übergehen. Der alte Laubteil wird alljährlich oben abgestoßen, nachdem von unten her ein neuer gebildet worden ist. Man findet die Laminarienstipites nach einer stürmischen Nacht oft in riesigen Massen am Strande. Da sie rasch faulen, verbreiten diese Haufen rasch einen sehr üblen Geruch. Die an den Küsten der Hebriden ausgeworfenen Laminariastipites waren oft 7-8 Fuß lang, an der norwegischen Küste wurden sogar 5 m lange Stipites beobachtet.
Die nahe verwandte L. flexicaulis ~Le Jolis~ (L. digitata (L.) var. α flexicaulis, L. stenophylla ~Harvey~, L. digitata var. stenophylla ~Harv.~, L. ensifolia ~Ktz.~) hat einen schmalen, in wenig Lappen geteilten Laubteil und einer dünnen, biegsamen, nicht starren, dunkelbraunen, fast schwarzen Stipes. Nach ~Foslie~ fehlen dieser Art, die ruhigere Standorte und geringere Tiefe vorzieht, im Stipes die Hohlräume und die Schichten, die Blätter erneuern sich nicht so regelmäßig und das Blatt nimmt erst später seine endgültige Form an. Die Auswitterungen bestehen bei dieser Alge aus Mannit.
Lam. Clustoni findet sich in den nordischen Meeren, z. B. bei Nordost-Finmarken, längs der norwegischen Küste, bei Dänemark, in der Nordsee an den Küsten von Deutschland, Nordfrankreich, England, Irland und Schottland, bei Spitzbergen und Grönland. Sie geht weiter in die See hinaus als L. flexicaulis.
=Lit.= ~Clouston~ in ~Anderson~, Guide to the highlands and islands of Scotland. London 1834. Append. VI, 721. (~Clouston~ studierte zuerst die Entwicklung.) -- ~Foslie~ s. unten. -- ~Lamouroux~, Dissert. sur plus. esp. de Fucus. Agen 1805. -- ~Harvey~, Phycologia britannica. London 1846-51, t. 223. -- ~de Toni~, Sylloge algarum omnium hucusque cognitarum. Vol. III Fucoideae. -- ~Le Jolis~, Exam. d. espèc. confond. sous le nom de Laminaria digitata Mém. soc. sc. nat. Cherbourg 2 ed. 1855 u. Nov. act. Ac. Leop. Carol. 1856 (Flora 1855. Jahresb. d. Pharm. 1867, 23). -- ~Edmonston~, Flora of Shetland. Aberdeen 1845, 54. -- ~Agardh~, Spec., genera et ordin. algarum. Lund 1848. -- ~Kützing~, Phycol. gener. Lips. 1843. -- ~Grabendörfer~, Diss. Straßb. 1885. Bot. Zeit. 1885. -- ~Haaxmann~, Tijdsch. v. wetensch. Pharm. III, 33. -- ~Esper~, Icones Fucorum I, t. 48. -- ~Hartwich~, Laminaria in Realenzyklopädie. -- ~Cohn~, Arch. Pharm. 179 (1867), 113. -- Weitere Lit. bei ~Kjellmann~ in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam.
+Abbild.+: ~Luerssen~, Medic. pharm. Botan. I, 98, Fig. 23. -- ~Karsten~, Deutsche Flora 275. -- ~Pabst-Köhler~, Medizinalpfl. -- ~Kjellmann~ in ~Engler-Prantl~, Pflanzfam. Alle Formen in: ~Foslie~, D. Laminar. Norwegens. Christiania. Vidensk. Selsk. Forhandl. 1884. 10 Taf. (Bot. Jahresb. 1884, 379.) -- ~Harvey~ a. a. O. -- ~Postels~ u. ~Ruprecht~, Illustrat. algar. oceani pacifici. Taf. 12. -- Anatom. Abb. ~Planchon-Collin~, Dr. s. p. 13. -- Erste Abbildung unter dem Namen Fuco giganteo in ~Ferrante Imperato~, Dell’ historia naturale 1599, Fol. 743.
=Pathologie.= ~Rostrup~ (Mykologiske Meddelelser (V). Botanisk Tidsskrift Vol. 19, 1895) beschreibt eine Dothidella Laminariae, welche den Stipes von Laminaria longicruris befällt. Ferner geben ~Cooke~ und ~Massee~ auf Laminaria flexicaulis ein Heterosporium Algarum und auf faulenden Laminarienspreiten ein Phoma Laminariae an; indes bleibt, namentlich im letztgenannten Falle, die Frage offen, ob es sich wirklich um einen Parasiten handelt (~Ed. Fischer~). Die Polypen und Florideen pflegen die Stipites der Laminaria flexicaulis zu meiden, während sie sich oft in großer Zahl auf denen der L. Clustoni finden. Über die Epiphyten der Laminarien vgl. auch ~F. Tobler~, Englers Botan. Jahrb. 44 (1909).
=Morphologie.= Die Droge bildet verschieden lange, von der Seite fast bandartig zusammengedrückte, hornartig harte, derbe Stücke, die glatt brechen und außen grob längsrunzelig sind. Sie sind außen schwarzbraun, innen grauweiß. Der Querschnitt ist länglich oval mit tiefbuchtigem Umriß -- beim frischen Stipes kreisrund --, der Durchmesser c. 10 : 6 mm (frisch meist 25-30 mm, aber bis 40 mm). Die Stücke quellen in Wasser auf und sind außen meist mit kleinen roten Florideen (Ceramium, Polysiphonia, Dictyosyphon) und mit Kristallkrusten oder Effloreszenzen besetzt, die vorwiegend aus Natrium-Sulfat und Chlorid bestehen -- bei Lam. flexicaulis enthalten die letzteren Mannit. Das Lupenbild läßt eine schmale Rindenschicht, eine breite Mittelschicht und eine dunkele, bisweilen geschwundene Markschicht unterscheiden.
+Aus diesen eingetrockneten Stipites, und zwar besonders aus der mittleren Schicht derselben, werden Voll- und Hohlstifte+ (Laminariastifte, Laminariakegel, Quellmeißel) +gedrechselt+. Legt man dieselben in Wasser, so schwellen sie langsam auf das vier- bis fünffache ihres Durchmessers an. Die unbearbeiteten Stipites selbst sind nicht in Gebrauch.
=Anatomie.= Ich beschränke mich auf die Anatomie der allein offizinellen Stipites. Der frische Stipes ist 3-4 cm dick. Die Randpartie des Stipes ist engzellig und enthält, da sie das +Assimilationsgewebe+ repräsentiert, reichlich Chromatophoren, die auch in den folgenden Schichten, dort aber in geringerer Zahl auftreten. Der Zellinhalt dieser und der anderen Schichten kann, wie schon ~Wille~ hervorhob, nur an ganz frischen lebenden Exemplaren studiert werden. Er ist äußerst empfindlich. An frischen Exemplaren -- mir lagen solche aus Helgoland vor -- findet man gut wahrnehmbare (bisweilen auch noch am trockenen Stipes deutliche) rundliche oder gelappte braungrüne Chromatophoren, deren brauner Farbstoff leicht in das Wasser diffundiert. Alsdann bleiben die Chromatophoren grün gefärbt zurück. In der nächstfolgenden Schicht liegt eine Reihe von Schleimhöhlen. Dieselben entstehen in der Weise, daß zunächst an einer zentralen Zellgruppe durch Aufquellen der Interzellularsubstanz (Mittellamelle) ein schmaler, schleimerfüllter, schizogener Gang entsteht. der Gang sich dann erweitert und schließlich die Randzellen thyllenartig in den Gang hineinwachsen (~Tunmann~), vgl. Fig. 102. Lysigene Erweiterung, die ich auf Grund analoger Beobachtungen bei Phanerogamen annahm (Angew. Anatomie Fig. 600), scheint nicht vorzukommen oder doch selten zu sein. Ich fand gelegentlich losgelöste Zellen im Innern. Die Schleimhöhlen sind langgestreckte, verschieden breite Kanäle. Sie fehlen ganz jungen Stipites, in der Handelsware sind sie ausnahmslos zu finden, nie in den Stiften. In der Nähe dieser Schleimhöhlenschicht, sowohl außerhalb wie innerhalb derselben, fand ich in den Zellen frischer Stipites der Wandung ansitzende wulstig-traubige, cystolithenartige Körper, die bei näherer Betrachtung sich als Bläschenhaufen erwiesen, bei denen jedes Bläschen eine dünne, wahrscheinlich von Öl oder Plasma gebildete Haut und einen wässrigen Inhalt führt. Tritt gewöhnliches (nicht Meer-) Wasser hinzu, so fließen die zahlreichen Bläschen zu einer großen, mit einer stark lichtbrechenden Flüssigkeit erfüllten Blase zusammen. Schließlich platzt auch diese und man sieht an der Stelle dann nur einige Öltröpfchen liegen. Die Schleimhöhlenschicht besitzt eine braungrüne Farbe, das ganze Innere ist farblos und hebt sich erstere als sog. Rindenschicht auch noch dadurch relativ scharf von dem zentralen Gewebe stark ab, daß innerhalb der Schleimhöhlen ein Meristem zu liegen kommt, welches durch seine cambialen Teilungen das sekundäre Dickenwachstum der Stiele bewirkt. ~Reinke~ nennt die außerhalb des Meristems liegende Zone Außenrinde. In der Zone, wo die einen ringsumlaufenden Kranz bildenden Schleimhöhlen liegen, reißt das Gewebe leicht, so daß sich oft die ganze braune Rindenschicht als Röhre ablöst.
Die Zellen der mittleren, an das sog. Cambium nach Innen zu angrenzenden Partie sind rundlich eckig, in der Organsachse gestreckt und lassen sich von der Initialzelle aus oft auf weite Strecken in radialen Reihen verfolgen. Die Zellen der äußeren Reihen sind kurz, an den Enden stumpf oder spitz oder mit querverlaufender Wand. Nach innen zu werden sie immer länger und spitzer. An der radialen Längswand sind große Tüpfel häufig (Fig. 101, D). Die zwischen der Zuwachszone und dem «Mark» liegende Partie (~Reinkes~ Innenrinde), die oft die Hauptmasse des Stipites ausmacht, zeigt häufig konzentrische Zonen engerer Zellen, wodurch ein Querschnittsbild ähnlich den Jahresringen eines Coniferenstammes entsteht (Fig. 101 B). Nicht selten kann man 8-20 solcher «Jahresringe» zählen. Einige Autoren halten sie auch für echte Jahresringe. Es sind aber wohl nicht echte Jahreszuwachszonen, sondern nur abwechselnde Schichten mechanischen und Speicher-Gewebes. Wie ~N. Wille~ 1885 gezeigt hat, besitzen auch die höheren Algen ein Assimilations-, ein Speicher-, ein Leitungs- und ein mechanisches Gewebe. Das Assimilationssystem befindet sich bei Laminaria vornehmlich in den blattartig ausgebreiteten Thalluslappen und in der Randschicht der Stipites, das Leitungssystem auch im Stipes und das mechanische und Speichersystem vorwiegend in diesem.
Gegen das Zentrum des Stipes hin geht das Gewebe ziemlich unvermittelt in ein krauses Durcheinander fädiger, hyphenartiger Zellen über. Diese Schicht ist die sog. Markschicht (Fig. 103, m). In ihr liegen die leitenden Organe, die Siebhyphen (Fig. 101, C). Die von ~H. Will~ zuerst bei Macrocystis beobachteten +Siebhyphen+ (Siebröhren) fand ~N. Wille~ auch bei Laminarien. Hier sind die Enden der relativ englumigen Röhrenglieder, ähnlich wie bei den Siebröhren der höheren Pflanzen, angeschwollen. Die Querwände sind fein perforiert, der Inhalt plasmareich. Die längsverlaufenden Siebröhren stehen durch zahlreiche Queranastomosen in Verbindung. Das Siebröhrensystem des Stammes setzt sich auch in die Gewebelamelle zwischen den beiden assimilierenden Schichten der Blätter fort.
Besonders in der Mittel- und Markschicht sind die Membranen stark verschleimt und zwar ist es fast ausschließlich die Mittellamelle (Interzellularsubstanz), welche den Schleim liefert. Dieselbe schwillt oft bis zu einer erheblichen Dicke an, während die sekundären Membranverdickungsschichten stets dünn bleiben oder nur schwach quellen. Doch sei bemerkt, daß die schleimige Interzellularsubstanz als solche von vornherein angelegt wird und nicht etwa nachträglich aus einer Zellulosemembran umgebildet wird. Durch Einlegen in Kupferacetat läßt sich der Schleim härten (~Tunmann~). Die Schleimmembran ist eine besondere chemische und morphologische Form der Membran vom Charakter der (schleimartigen) Hemizellulosen. Die breite Interzellularsubstanz gibt mit Jodschwefelsäure keine oder nur sehr schwache Zellulosereaktion, mit ~Hansteins~ Anilinviolett färbt sie sich nur schwach. Die schmale sekundäre Membran zeigt starke Zellulosereaktion und färbt sich auch mit ~Hansteins~ Anilinviolett intensiv. Besonders tritt Bläuung mit Jodschwefelsäure dann auf, wenn die Schnitte vorher mit verd. Kali behandelt werden. Die Wandungen nehmen erst beim Trocknen braune Farbe an (~Wille~).
Die starke Quellung der Lamarienstiele ist auf die Quellung der verschleimten Zwischenzellsubstanz zurückzuführen. +Er ist also eine Schleimmembranquellung.+ Die Schleimhöhlen der Rindenschicht haben gar nichts damit zu tun, übrigens schon deshalb nicht, da diese sich niemals in den gedrechselten Stielen, die nur aus den inneren Schichten hergestellt werden, findet. In den Zellen von lebendem Material fand ~Tunmann~ Zucker. Die kleinen mit Osmiumsäure sich bräunenden Bläschen reagierten auch mit Vanillinsalzsäure, Jod- und Eisensalzen (~Tunmann~). Kristallbildungen fehlen, doch erhielt ~Tunmann~ durch Einlegen frischer Stiele in Alkohol Calciumoxalatkristalle. Er nimmt an, daß die Zellen des Markes gelöstes +oxalsaures Natrium+ enthalten, das sich mit dem Kalk zu Calciumoxalat umsetzt. Florideenstärke (Amylodextrin) ließ sich mikrochemisch nicht nachweisen. Die eigenartigen Körnchen, die man besonders in dem Speichergewebe antrifft, scheinen Eiweißcharakter zu besitzen, jedenfalls kein Kohlenhydrat zu sein und einen gerbstoffartigen Körper einzuschließen (~Tunmann~). Diese Körnchen, die ~Hansteen~ +Fucosan+, ~Schimper~ Phaeophyceenstärke, ~Crato~, der sie für amöboid bewegliche, plasmatische Bildungen erklärt, +Physode+ nannte, zeigen nämlich auch Phenolreaktionen, besonders mit Vanillinsalzsäure (~Crato~, ~Bruns~). Der Ausdruck Phaeophyceenstärke ist also jedenfalls verfehlt und irreführend.
An den Stipites der ähnlich gebauten Alaria esculenta (L.) ~Grev.~ kann man nach ~Wille~ vier Zonen unterscheiden. Die äußerste Zone ist das Assimilationsgewebe, in dem sich die Chromatophoren finden und das zugleich als Bildungsgewebe fungiert, sich auch, wenn abgestoßen, leicht wieder regeneriert. Dann folgt die Hauptmasse, die zugleich mechanischen, Leitungs- und Speicher-Zwecken dient und die wenige Chromatophoren, aber viel Reservestoffe (Fucosankörner) enthält. Dann folgt die Schicht der Verbindungshyphen und das Zentrum ist wieder mechanisches Gewebe. Gestreckte (den Siebröhren der höheren Pflanzen entsprechende) Siebhyphen -- bisweilen mit Callus auf der Siebplatte -- sind (nach ~Will~ und ~Wille~) besonders im Inneren reichlich vorhanden, ebenso wie die der gleichen Funktion dienenden Verbindungshyphen (true sieve tubes, trumpet hyphae, ~Oliver~). In den zugleich mechanischen und speichernden Zellen finden sich neben Chromatophoren +Fucosankörner+. Da die Stipites dieser Alge wegen des zentral gelegenen mechanischen Gewebes viel biegungsfester sind als die _Laminaria_stipites, Alaria esculenta (L.) ~Grev.~ zudem in den norwegischen Meeren häufig ist, so dürfte es sich empfehlen, auch aus dieser Alge Stifte zu drehen. (Sie soll übrigens -- nach ~Krämer~ -- bereits hierzu benutzt werden.)
=Lit.= ~Tschirch~, Angew. Anat. und Über d. Entwicklungsgeschichte einiger Sekretbeh. Ber. d. bot. Ges. 1888, S. 5. -- ~Grabendörfer~, Beitr. z. Kenntn. d. Tange. Dissert. Straßburg 1885 (auch Botan. Zeit. 1885). -- ~Kützing~, Phycol. gen. Taf. 31. -- ~Ruprecht~, Bem. über d. Bau u. d. Wachsth. einiger großer Algenstämme u. d. Mittel d. Alter ders. zu bestimmen. Mém. de l’acad. Petersb. 1848. -- ~Luerssen~, Med. pharm. Bot. I, S. 100-102. -- ~Vogl~, Kommentar 1892. -- ~Guignard~, Observ. sur l’appar. mucif. des Lamin., Ann. sc. nat. ser. 7, T. 15 (1892). -- ~Hansteen~, Stud. z. Anat. u. Phys. d. Fucoid. Pringsh. Jahrb. 24 (1892). -- ~Crato~, Ber. d. bot. Ges. 11 (1893) u. bot. Zeit. 1893, 157. -- ~Bruns~, Flora 1894, Ergb. S. 173. -- ~J. Reinke~, Atlas der Meeresalgen. 1889-92, Beitr. z. Kenntn. d. Tange. Pringsh. Jahrb. 10 (1875) und Unters. über d. Quellung einiger vegetabil. Subst. ~Hansteins~ bot. Abh. IV (1879). -- ~Wille~, Siebhyphen bei d. Algen. Ber. d. d. bot. Ges. 1885. Bidrag til Algernes physiolog. Anat. Svensk. Vetensk. Akad. Handl. 1885 u. Beitr. z. phys. Anatom. d. Laminariaceen. Festschr. z. Kön. Oscars Reg. Jubil. 1897. -- ~Tunmann~, Zur Kenntn. d. Laminaria. Pharm. Zentralh. 1907, 241 u. 505. Schweiz. Wochenschr. 1910, 537 (dort die Reaktionen des Fucosans). -- ~Kraemer~, Textbook 1907. -- Anatom. Abbild. auch in ~Planchon-Collin~, Drog. simpl. I, 13.
=Chemie.= Die Interzellular- oder Bindesubstanz, die so gut wie ausschließlich die quellende Substanz der Stiele repräsentiert, enthält stets Calcium. ~Wille~ und ~Kreftling~ betrachteten sie als Calciumpektinat (~Frémy~) resp. als das Calciumsalz einer +Tangsäure+, die offenbar nahe Beziehungen zur Pektinsäure ~Gireauds~ besitzt. Extrahiert man den Kalk aus der Interzellularsubstanz durch Salzsäure, so quillt der Schleim mit verdünnten Alkalien gewaltig und löst sich dann rasch (~Wille~), viel rascher als ohne diese Vorbehandlung. Er zeigt nun ausgesprochenen saueren Charakter. ~A. Kreftling~ nimmt daher an, daß die Interzellularsubstanz aus der Kalkverbindung der +Tangsäure+ besteht, die 39% C und 5% H enthält und in Wasser ohne sich zu lösen außerordentlich stark quillt. ~Kreftlings~ Tangsäure ist N-frei und soll der Formel C₁₃H₂₀O₁₄ entsprechen. Sie bindet 97% Wasser und löst sich nur in Substanzen mit denen sie Verbindungen eingeht. Die Tangsäure lieferte ~Kreftling~ einen reduzierenden Zucker. Auch ~Mangin~ hält die Bindesubstanz der Zellen für einen Pektinkörper. In der Tat bestehen ziemlich viele Beziehungen zu den Pektinsubstanzen der Früchte (~Tschirch~).
Die Zellwände enthalten +Zellulose+ (~Wisselingh~), nach ~Warrington~ 9,33%, die Mittellamelle auch einen mit Jod und 1% H₂SO₄ sich blaufärbenden Körper (Fucin, ~Wisselingh~). Das beim Erhitzen von Fucus mit Schwefelsäure übergehende +Fucusol+ (~Stenhouse~) ist ein Gemisch von Furfurol und Methylfurfurol (~Maquenne~). Die Entstehung dieser Körper deutet auf das Vorhandensein von Pentosanen und Methylpentosanen. In der Tat erhält man bei der Hydrolyse von Fucus eine Methylpentose, die +Fucose+ (die optische Antipode der Rhodeose, ~Tollens~ und ~Günther~) von der Formel:
H H OH CH₃.CH(OH)--C--C--C--COH. OH OH H
Die Membran enthält also ein Fucosan. ~Bieler~ und ~Tollens~ erhielten auch aus Laminarien Methylfurfurol:
CH----CH || || || || CH C.COH \ / \ / O
so daß wohl anzunehmen ist, daß die Fucus- und Laminaria-Membranen im wesentlichen übereinstimmen. Auch +Glukuronsäure+ (vgl. S. 77) scheint in der Laminaria vorzukommen (~Tollens~). _Laminaria_schleim gibt bei der Hydrolyse Dextrose (~Bauer~). ~König~ und ~Bettels~ erhielten aus Laminaria japonica (und einer anderen _Laminaria_art): Glukose, Fruktose, Pentosen und Methylpentosen (aber keine Galaktose).
~Schmiedeberg~ erhielt aus Laminaria zwei den Kohlehydraten nahestehende Substanzen des +Laminarin+ (C₆₀H₁₀₂O₅₁) und die stark quellbare +Laminarsäure+ (C₁₂H₁₈O₁₁). In den beim Liegenlassen von Laminarien an der Luft bei Regenwetter austretenden Schleimblasen fand ~Stanford~ +Algin+, das Ca-Na-Mg-Salz der +Alginsäure+. Das Natriumalginat kommt in den Handel. Es ist eine außerordentlich zähe Masse (37mal zäher als Gummi arabicum). Das Algin des Handels wird durch Ausziehen der Laminarien mit Sodalösung dargestellt. Schon eine 2%ige Lösung ist dick, eine 5%ige gelatinös. Auch hier treten also Beziehungen zum Pektin hervor. Die +Tangsäure+ (~Kreftling~), die +Laminarsäure+ (~Schmiedeberg~), die +Alginsäure+ (Algin, ~Stanford~), die Alginicinsäure und die sog. Pektinsäure (?) sind wohl dieselbe Substanz in verschiedenen Reinheitsgraden. Die reine Substanz ist aber noch nicht erhalten worden.
Im lufttrockenen Stipes von Lam. digit. finden sich nach ~Axel Kreftling~: in kaltem Wasser lösliche Schleimsubstanz 47,4%, Tangsäure 19%, Zellulose 10,9%, in Wasser lösliche Salze 8,6%, in Wasser unlösliche anorganische Salze 4,4%, Wasser 7,8%. Nach ~König~ und ~Bettels~ enthält luftrockene Laminaria in Prozenten: 6,16 Wasser, 8,19 Gesamtstickstoffsubstanz, 5,68 wasserlösliche Stickstoffsubstanz, 0,5 Ätherauszug, 36,04 stickstofffreie Extraktstoffe, 6,66 Pentosane, 1,12 Methylpentosane, 11,27 Rohfaser, 30,06 Asche, 16,47 Chlornatrium. Durch Dämpfen wird in Wasser löslich: 29,39% anorganische und 50,85% organische Substanz. Von den Meeresalgen sind die _Porphyra_arten sehr reich an Proteïn, Laminaria, Cystophyllum und Enteromorpha reich an Pentosanen.
+Die Elastizitätsgrenze sinkt bei steigendem Wassergehalt.+ Das Elastizitätsmodul beträgt bei 40% Wassergehalt 24,5, bei 90%: 9, bei 140%: 3, bei 230%: 1,7, bei 350%: 1,5 (~J. Reinke~). Durch Einlegen in Wasser vergrößert sich der Durchmesser der Laminarienstäbchen um 72%, ein Kanal von 50 mm wird auf 147 mm erweitert (~Cohn~). Auch +Mannit+ (5-6%, ~Stenhouse~) und +Dextrose+ sind aus Laminarienstipites (von L. flexicaulis, weniger von L. Clustoni) erhalten worden. Es scheint aber, daß diese Körper erst in den abgestorbenen Tangen auftreten [~Phipson~ (1856), ~Soubeiran~ (1857)], also wohl erst abgespalten werden (Laminaria saccharina ~Lamx.~ enthält bis 12% Mannit). Nach ~Bruns~ kommt +Fett+ und +Phloroglucin+ (?) im Inhalte vor. Über das Fucosan vgl. oben S. 298.
Der +Farbstoff+ der Chromatophoren +trockener+ Laminarien (der sich aber vorwiegend in dem Blatteile, weniger im Stipes findet) ist ein Mischfarbstoff. Er wurde von ~Cohn~ +Phaeophyll+ genannt. Er besteht aus braunem, wasserlöslichem +Phycophaein+ (~Millardet~), das keine Absorptionsbänder besitzt, sondern nur kontinuierliche Absorption des Rot bis 0,680 µ und des übrigen Spektrums bis 0,620 µ zeigt (~Schütt~), gelbem, alkohollöslichem +Phycoxanthin+ (~Millardet~), das wohl mit dem Carotin bzw. Xanthocarotin, d. h. dem Xanthophyll der Autoren ex parte, verwandt oder damit identisch ist (~Hansen~, ~Gaidukow~) -- ich nannte den Körper η-Xanthophyll -- und grünem +Chlorophyll+ (~Millardet~, ~Ardissone~, ~Hansen~). Chlorophyll und Phycophain sind vielleicht chemisch miteinander verbunden (~Engelmann~). Die +lebenden+ Phaeophyceen enthalten kein wasserlösliches Pigment (Phycophaein). Ihre Chromatophoren sind nach ~Tswett~ durch Chlorophyll, Karotin, Fucoxanthin und Fucoxanthophyll tingiert.
Die +Asche+ beträgt 14,02% (~Flückiger~), 14-18% (~Stanford~), 18,64% (~Goedichen~). Darin sind 11,86% Kalk (sie ist also kalkreich), 22,4% Kali, 24,09% Na, 7,44% Magnesia, 0,62% Eisen, 2,56% Phosphor, 13,26% SO₃, 1,56% SiO₂, 17,23% Cl, 3,08% J; nach ~Flückiger~ kein Mangan. ~Stanford~ fand in der Asche Jodide und viel Calciumcarbonat (20%), im ganzen 40% Salze. Nach ~Wolff~ differiert Menge und Zusammensetzung der Asche je nachdem man die Stipites im Frühling oder Herbst untersucht ziemlich beträchtlich, nur Phosphorsäure und Jod bleiben etwa gleich. Er fand Jod: 1-1,2%, Chlor in Frühlingsmaterial 28,35%, in Herbstmaterial 38,67% der Asche.
Wichtig ist besonders der Jodgehalt, da die +Laminarien der nördlichen Meere noch jetzt zur Jodgewinnung herangezogen werden+. [+Nur+ Laminarien nicht _Fucus_arten liefern den Kelp (Drift Kelp)]. Um Jod nachzuweisen, darf man nicht veraschen, sondern muß unter Zusatz von Zinkstaub, Bimstein oder Kieselgur verkohlen (~Flückiger~) oder man destilliert mit Braunstein und Schwefelsäure das Jod ab (~Jones~). Es enthalten +Jod+ (nach ~Stanford~) in Prozenten der Trockensubstanz: Laminaria digitata (Stamm) 0,4535, (Laub) 0,2945; Lam. stenophylla (Stamm) 0,4028, (Laub) 0,4777; Lam. saccharina 0,2794, Lam. bulbosa 0,1966, Fucus serratus 0,0856, F. nodosus 0,0572, F. vesiculosus 0,0297. ~Marchands~ Angabe, daß Laminaria 5% Jod enthalte, ist ein Irrtum. [Japan. eßbare Meeresalgen enthalten 0,3171 J, Chondrus crispus Spuren, Gelidium corneum dito, Gigartina spinosa nichts.] Nach ~Gautier~ enthält Laminaria 12 mg Jod auf 100 g frische und 60 mg auf 100 g trockene Substanz. Laminaria enthält das Jod fast ausschließlich in organischer Form, in ähnlicher wie es im Jodothyrin (oder Jodospongin ~Hundeshagens~ aus Spongien) enthalten ist und zwar scheinen mehrere organische Jodverbindungen in Betracht zu kommen, solche, welche sich in Wasser, Alkohol, Aceton, Alkalien und Säuren lösen und solche, die in diesen Lösungsmitteln unlöslich sind. Letztere bilden die Hauptmenge (~Eschle~). Wahrscheinlich bedingen diese organischen Jodverbindungen die Benutzung der Fucoideenextrakte (Extr. fucus vesiculos., Extr. Laminariae) zu Entfettungskuren. Der Gehalt der Asche an +Brom+ beträgt wohl selten mehr als 0,2%.
Entdeckt wurde in den Tangen das Jod 1813 durch ~Courtois~ (mitgeteilt von ~Desormes~ und ~Clément~, Schweigg. Journ. 9, 339), das Brom 1826 durch ~Balard~. Der Jodgehalt beträgt in % bei Ecklonia cava (Kajime), Stengel 0,14831; Ecklonia cava (Kajime), Laub 0,00177; Ecklonia bicyclis (Arame) 0,00028; Cystophyllum spec. (Nagahijiki) 0,00506; Arthrothamnus bifidus (Neckoashi Kombu) 0,223; Laminaria japonica (Ma-Kombu) 0,106; Laminaria religiosa (Hosome Kombu) 0,127; Laminaria longissima (Naga Kombu) 0,173; Laminaria angustata (Mitsuishi Kombu) 0,180, (Rijiri Kombu) 0,188; Laminaria diabolica (Oni Kombu) enthält auch Jod (~Davidsohn~).
Der Jodgehalt beträgt bei Ecklonia cava in den einzelnen Monaten (nach ~Davidsohn~):
In den Stengeln:
Jan. Febr. März April Mai Juni 0,092 0,167 0,061[*] 0,067[*] 0,147[†] 0,255
Juli Aug. Sept. Okt. Nov. Dez. 0,216 0,142 0,267[†] 0,144 0,145 0,099
Im Laub:
0,81 0,167 0,063[*] 0,060[*] 0,076[†]
0,294 0,294 0,142 0,232[†] 0,081 0,112 0,097
[*] Junge Stengel und Laub.
[†] Alte Stengel und Laub.
~Tunmann~ fand im Stipes von Lamin. 0,059-0,108%, im Blatteil 0,071-0,154% Jod der Trockensubstanz. Der Blatteil ist also jodreicher. Das weiß auch bereits die Industrie. ~Allazy~ fand, daß Varech aus der ganzen Pflanze 0,06, aus dem alten Blatte 0,057, aus dem unteren Teile des altes Blattes 0,108, aus dem neuen Blatte 0,122% Jod enthielt. ~Tunmann~ gelang es auch noch in 1-2 mgr Substanz Jod mikrochemisch nachzuweisen. Er legte neben die Schnitte Stärke und ließ starke Salpetersäure zufließen. Auf diese Weise gelingt noch der Nachweis von ²⁄₁₀₀₀ mgr Jod. ~Tunmann~ fand Jod besonders in der Mark- und Rindenschicht und nur im Zellinhalte. Die Jodverbindung ist leicht in Wasser und Alkohol löslich.
Die Effloreszenzen auf den trockenen Stipites sind vorwiegend Natriumsulfat.
=Lit.= ~Stenhouse~, Lieb. Ann. 74 (1850), S. 278. -- ~Maquenne~, Compt. rend. 109 (1889). -- ~Stanford~, Econom. applicat. of seaweed. Pharm. Journ. 1884, XIV, 1009 u. flgd. (Pharm. Zeit. 1884, 507) und Chem. news 1883; auch Pharm. Journ. XIII (1883), 1019, 1037. Journ. chem. soc. 1886, 218. -- ~Bauer~, Über eine aus Laminariaschleim entstehende Zuckerart. Ber. d. chem. Ges. 22 (1889), 618. -- ~Günther~ u. ~Tollens~, Über d. Fucose. Ebenda 23 (1890). -- ~Mangin~, Sur la callose, Compt. rend. 110 (1890). Rech. sur l. compos. pectiques. Journ. de bot. 1893. -- ~Bieler~ und ~Tollens~, Ber. d. d. chem. Ges. 22, 3063. -- ~Muther~ u. ~Tollens~, Ber. chem. Ges. 1904, 298 u. 306. -- ~Tollens~ (Glukuronsäure-Reaktion), Ber. d. d. chem. Ges. 1908, 1789. -- -- ~Schmiedeberg~, Tagebl. Naturf. Vers. 1885, 231 (Pharm. Jahresber. 1885, 23). -- ~Wille~ a. a. O. -- ~Jones~, Chem. News. 48, S. 296. -- ~Gautier~, Compt. rend. 129 (1899), 189 und ebenda 1900. -- ~Eschle~, Zeitschr. phys. Chem. 1897, 23, 30 (Ph. Zeit. 1897, 607). -- ~König~ und ~Bettels~, Die Kohlehydrate der Meeresalgen. Zeitschr. Unters. d. Nahrungs- u. Genußm. 10. -- ~Warington~, Chem. News 40, 195. -- ~Marchand~, Ann. chim. phys. 8 (1866), 320. -- Farbstoff: ~Hansen~, Bot. Jahresber. 1885, I, 404. -- ~Reinke~, Beitr. z. Kenntn. d. Phycoxanthins. Pringsh. Jahrb. 10, 399. -- Analysen von Laminaria japonica von ~Kellner~, ~Nagai~ und ~Murai~ bei ~König~, Nahrungsm. -- ~Czapek~, Biochemie. -- +Nachweis des Jods in den Algen+: ~Flückiger~, Arch. d. Pharm. 225 1887), 519 und Pharmakogn. III (Zinkstaub). -- ~Jones~, Ber. d. chem. Ges. 17, Ref. S. 53 (1884). -- ~Weis~, Chem. Centralbl. 1903, I, 1158. -- ~Riegler~, Ebenda 1903, II, 772. -- ~Tunmann~, Über d. J. u. d. Nachweis desselb. in d. Laminaria. Pharm. Centralh. 1907, 505. -- ~Justus~, Virchows Arch. 170 (1902), 501. -- ~Davidsohn~, Imp. inst. Tokio in Pharm. Journ. 1906, 346.
=Anwendung.= In der Medizin finden die aus den Stipites gedrechselten Stifte (Laminariastifte, L.-Kegel, Quellmeißel) Verwendung -- zur Erweiterung von Öffnungen, zum Offenhalten von Wunden und als Quellmeißel und Sonden -- an Stelle des Preßschwammes. Sie quellen sehr langsam und erreichen in 24 Stunden ihr Quellungsmaximum. Da das Quellungsvermögen in der Markschicht am größten ist und nach außen hin abnimmt, müssen die Stifte, damit sie gleichmäßig quellen, möglichst genau in der Längsachse der Stiele gedrechselt werden. Die Stifte quellen in destilliertem oder kochsalzhaltigem Wasser besser als in kalkhaltigem. Die Laminariastäbchen sind entweder solide (Vollstifte) oder hohl (Hohlstifte). Es werden jetzt im Handel angeboten: +Vollstifte+ von 1,5, 2, 3, 4, 5, 6, 7 und 8 mm Durchmesser und 8, 10, 20 und 30 cm Länge, +Hohlstifte+ von 4, 5, 6, 7 und 8 mm Durchmesser und 8 bzw. 10 cm Länge, sowie conische 4,5 cm lang (~Caesar~ u. ~Loretz~, 1910). Neuerdings kommen sie auch sterilisiert (~Stich~) und imprägniert in den Handel. Auch ein Blutstillungscharpie wird aus den getrockneten Stipites hergestellt.
Sonst werden die Laminarien auch als Viehfutter und Düngemittel benutzt. Die mannithaltigen Teile der Lamin. flexicaulis, besonders die unteren Enden der Stiele, werden gegessen, ebenso Lam. saccharina (und Sargassum) im Mittelmeergebiet. Laminaria saccharina enthält 7,79% des Trockengewichtes N-haltige Substanzen (~Warington~). Die japanische Algenkonserve, Naga-Kiri-Kombu (kombu = Seekraut), besteht aus der in Streifen geschnittenen Lamina von Laminaria japonica ~Aresch.~ (~Senft~). Die umfangreichste Verwendung ist die zur Jodbereitung (s. unten). Neuerdings dienen Fucusextrakte als Entfettungsmittel (s. oben). In Lahore und Kaschmir wird Lamin. saccharina als Galhár-Kapalta gegen Kropf, im Himalaya bei Syphilis benutzt. +Hai-tao+ ist eine der Laminaria digitata nahestehende Meeresalge, wahrscheinlich L. bracteata, 1 m und darüber lange, etwa 6 cm breite Streifen mit von Salzauswitterungen weiß bestäubter, schmutzigbrauner Oberfläche. Die Alge verleiht mit Wasser gekocht diesem eine schlüpfrige Beschaffenheit, weshalb sie zur Appretur Verwendung findet. In Japan und China wird sie gegessen. Sie dürfte identisch sein mit der Laminaria, die in China als «Hai-tai» und «Kwanpu» oder «Kai-wan» bei Menstruationsbeschwerden zur Erhöhung der Uterustätigkeit verwendet wird (~Gehe~ 1898).
Die +Tang-Jodgewinnung+ wird in Japan besonders in Hokkaido betrieben. Man benutzt außer Laminaria auch Eclonia-, Sargassum-, Arthrothamnus- und Cystophyllum-Arten. Die Fischer ziehen mit ihren Booten zu den Kelp-grounds und reißen die Algen mittelst Gabeln von den Felsen (I, Fig. 100, S. 102). Die getrockneten Algen werden dann in Höhlungen oder Herden verbrannt -- richtiger verkohlt -- der Kelp mit Wasser ausgezogen, die Lösung eingedampft und mit Braunstein und Schwefelsäure erhitzt. Zur Jodfabrikation werden an den Küsten von Frankreich (Normandie) und Schottland besonders Laminaria-, Alaria- und Fucus-Arten benutzt. Der Jodgehalt sinkt beim Verbleiben der Algen im Wasser. Man bringt daher die von Booten aus mit an langen Stangen befestigten Sicheln geernteten samt den bei stürmischem Wetter vom Meere ausgeworfenen Laminarien sofort an Land und verkohlt bald. 22 t Tang liefern 1 t Varech oder Kelp (Tangasche). Die Verarbeitung der Tange geschieht jetzt nicht mehr überall in den früher üblichen Gräben der Varechbrenner, sondern zum Teil nach dem Verfahren von ~Pellieux~ und ~Maze-Lannay~. «Es beruht auf der Verarbeitung von Schnittalgen. Zur Trocknung der Tange dienen drei terrassenartige Erhöhungen. Die beiden unteren sind mit Cement belegt. Auf der obersten Terrasse beläßt man die Algen 4-5 Tage zum Abtropfen und oberflächlichen Trocknen. Auf der zweiten Etage läßt man sie in Gärung kommen; dabei entlassen sie eine Menge Flüssigkeit von einem im Vergleich zu den getrockneten Tangen höheren Jodgehalt. Diese Flüssigkeit wird daher gesammelt und abgedampft. Der Abdampfrückstand gelangt schließlich mit den auf der untersten Terrasse vollständig getrockneten Tangen behufs Veraschung in den Calcinierofen.» In 1000 kg Varech sind enthalten bei Laminaria stenoloba 0,57-1,22, bei L. digitata var. stenophylla 0,99, bei L. saccharina 0,44, bei Araria esculenta 0,10 kg Jod (~Allazy~).
~Kreftling~ gewinnt für technische Zwecke ~Stanfords~ Alginsäure jetzt im Großen aus Laminarien Norwegens. Er nennt sie Tangsäure. Ihre Alkalisalze sind stark klebrig (s. oben S. 300).
=Lit.= ~Stanford~ a. a. O. -- ~Kreftling~, Über wichtige organ. Produkte aus Tang. Chem. Industrie 1897, Nr. 20 (Bot. Centralbl. Beihefte 1898, 519). -- ~Senft~, Über einige in Japan verwendete vegetabil. Nahrungsm. usw. Pharm. Praxis 1906 u. 1907 (dort ein Verzeichnis der Laminariakonserven). -- ~Krasser~ in ~Wiesner~, Rohstoffe. -- ~Allazy~, Bull. soc. chim. 38, 11. -- Jodgewinnung in Japan: Govern. Rep. on the investig. on Marine Res. of Hokkaido und ~Kingo Miyabe~, On the Laminariaceae and Laminaria Industries of Hokkaido (Pharm. Journ. 1906 Sept.)
=Geschichte.= ~Wilson~ empfahl zuerst die Anwendung der Laminariastäbchen in der Chirurgie. Aber schon 1834 hatte ~Häberl~ die Laminariastäbchen mit den zu gleichem Zwecke empfohlenen aus Enzianwurzel verglichen (~Winckel~). Sie werden etwa seit 1863 in der chirurgischen Praxis benutzt. Man hat es für möglich erklärt (~Dragendorff~), daß das Erythrodanon des ~Marcellus Empiricus~ eine Laminaria war.
=Lit.= ~Häberl~, Neue Zeitschr. f. Geburtskunde I, S. 50. -- ~Winckel~, Göschens deutsche Klinik XIX (1867), 270; -- Pharm. Jahresber. 1864, 280. -- Vgl. auch ~Russel~, Fucus vesiculosus. Dissert. Oxon. 1750.
=Paralleldrogen.= Seit dreihundert Jahren ist die Eigenschaft der Wurzeln von Gentiana lutea in Wasser stark aufzuquellen bekannt. Dieselben wurden daher seit langem wie heute die Laminariastifte benutzt.
Neuerdings (seit 1879) wird das durch Pressen leicht auf ein geringes Volumen zu bringende Holz (Tupeloholz, Lign. Nyssae) der in den südlichen Vereinigten Staaten, besonders Südkarolina heimischen Cornacee, Nyssa aquatica L. (Nyssa multiflora ~Wangenh.~ und die verwandte N. biflora ~Mich.~), einer Sumpfpflanze, in gleicher Weise zu Quellstiften benutzt. Nach ~Maisch~ eignet sich Nyssa grandidentata noch besser dazu. Die daraus dargestellten sehr leichten, gelblich weißen sog. +Tupelostifte+ quellen +rasch+ auf ihr ursprüngliches Volumen, behalten dasselbe dann aber auch nach dem Trocknen bei. Der Vorgang beruht hier auf etwas ganz anderem wie bei den Laminariastiften, nämlich darauf, daß die Zellen des ungewöhnlich dünnwandigen Holzes (~Moeller~) die Fähigkeit besitzen, durch Wasserentzug und Zusammendrücken stark zu kollabieren und durch Wasserzufuhr wieder auf das ursprüngliche Volumen zu gehen.
=Lit.= Nyssa: Pharm. Jahresber. 1879, S. 54 und 1884, S. 249, Arch. d. Pharm. 1879, S. 355 u. Pharm. Centralh. 1879, Nr. 6 (~Haubner~). -- ~Haaxmann~, Ned. Tijds. 1879, S. 145. -- ~J. Moeller~, Afrikan. Drogen, Lign. Nyssae. -- Pharm. Centralh. 1883, S. 545 u. 581 (mit Abbild.). -- Ph. Zeit. 1884. S. 59. -- ~Maisch~, Am. journ. pharm. 1883, p. 631. -- ~Gehe~, Handber. 1880. -- ~Engler-Prantl~, Pfl.-Fam.
Agar-Agar.
Unter dem Namen Agar-Agar werden sowohl einige kleine Meeresalgen der Abteilung der Florideen wie auch ein aus indisch-japanischen Florideen dargestellter eingetrockneter Schleim bezeichnet. +Im Handel versteht man aber nur letzteren unter diesem Namen.+ Der Name Agar-Agar taucht in der europäischen Literatur zuerst bei ~Crawford~ auf (History of the Indian Archipelago vol. III p. 46). Agar-Agar ist der malaiische Name für Gracilaria lichenoides. Gr. lichenoides var. tenuis heißt malaiisch: Agar-Agar Kuning, Javan.: Bulong, Makass.: Dongi-Dongi. Im Hind. Bomb. Bengal. bedeutet +Agar+ etwas ganz anderes, nämlich Lignum Aloës! (~Dymock~). Im Japan. heißt Agar: kantén = kalter (klarer) Himmel, weil man es nur bereiten kann, wenn das Wetter kalt und trocken ist.
I. Unbearbeitete Algen.
1. Agar-Agar von Ceylon.
=Syn.= Ceylonmoos, Jafnamoos, Mousse de Jaffna, Alga ceylanica s. amylacea, Fucus amylaceus s. ceylanicus -- shih-hwa-tsʾai (chin.) -- chini-ghás (Ind. Bazars, bomb.) -- kadal-pach-chi (tam.) -- samudrapu-páchi (tel.) -- kujáv-poen (burm.).
=Stammpflanze.= =Gracilaria lichenoides= ~Greville~ (Sphaerococcus lichenoides ~Ag.~, Fucus amylaceus ~O’Shaugn.~, F. lichenoides L., F. gelatinosus ~König~, Plocaria candida ~Nees~, Gigartina lichenoides ~Lamour.~) in ~Greville~ Alg. brit. 50, ~Turner~ Fuci t. 118.
=Systemat. Stellung.= Florideae -- Rhodymeliales -- Sphaerococcaceae -- Gracilarieae.
Die zierliche (gracilis, daher Gracilaria), in der Tat einer Flechte (daher lichenoides) äußerlich ähnliche Meeresalge, die im Indischen Ozean, an den Küsten von Ceylon, den Sundainseln und Burma vorkommt, bildet runde, nach dem Trocknen und Bleichen weiße oder grauweiße (lebend: blaß-purpurrote), wiederholt gabelig verästelte (daher Plocaria, von πλόκος, Geflecht) Fäden, deren Dicke zwischen der eines Zwirnfadens und der dünnerer Bindfäden schwankt. Der Thallus wird bis über 20 cm lang. In der Droge ist er meist stark zertrümmert. Jod färbt den Schnitt braunrot, beim Erhitzen rotviolett (daher: amylaceus). Die Randschicht besteht aus kleinen derben Zellen, die Markschicht aus großen weiten. In der kleinzelligen subepidermalen Zellschicht und vereinzelt auch in des großen Markschichtzellen finden sich kleine +Stärkekörner+ und Körnchen, die mit Jod violett werden (Amylodextrinstärke?). Die Wände, besonders der Markzellen, färben sich mit Jod rot, beim Erhitzen geht die Farbe in violett über, ähnlich wie beim Amylodextrin. Auch der durch Auskochen der Droge erhaltene Schleim wird durch Jod violett. Die Fäden knirschen beim Drücken mit der Hand, quellen in Wasser nur wenig, entwickeln dabei aber den typischen Tanggeruch. Mit dem 50fachen Wasser gekocht liefern sie eine Gallerte.
Der Fucus amylaceus wurde 1834 von ~O’Shaughnessy~ empfohlen und 1837 von ~Previté~ unter dem Namen Ceylonmoos in England eingeführt. Im deutschen Handel ist er seit 1841 (~Martius~, Jahresber. d. Pharm. 1842, 241). Er wird in Indien als Nahrungsmittel benutzt, kann aber auch wie Carrageen (s. d.) benutzt werden (~Crawford~). Im indischen Archipel und in China ist er längst in Gebrauch. Er ist wohl eine der von ~Rumphius~ im Herbar. Amboinens. unter dem Namen Alga coralloides beschriebenen Pflanzen. In der Pharmakopoëa indica (1868) steht eine Decoction of Ceylon Moss [und (non officinal) +Gillur ka putta+ von Laminaria saccharina].
Beigemengt ist der Droge bisweilen: Gracilaria confervoides ~Grev.~
Als Paralleldroge gilt Gelidium cartilagineum ~Gaill.~ und Gigartina selacea ~Lamx.~ (Weitere Angaben in der Pharmakographia.)
2. Agar-Agar von Makassar.
=Syn.= Agar-Agar von Java, Alga spinosa, ostindisches Carrageen.
=Stammpflanze.= =Eucheuma spinosum= (L.) ~J. Agardh~ (Fucus sp. L., Sphaerococcus sp. ~Ag.~).
=Systemat. Stellung.= Florideae -- Gigartinales -- Rhodophyllidaceae -- Solicrieae.
Die im chinesischen Meere vorkommende Alge hat einen trockenen, etwa 2 mm dicken, stielrunden, rötlich-gelblichen, knorpeligen Thallus, der ziemlich reichlich mit dornigen Auswüchsen, den Cystocarpien, besetzt ist. In Wasser quillt sie auf die doppelte Dicke und wird hyalin. Sie zeigt oft weiße Salzinkrustrationen, dient auch zur Agar-Agar-Bereitung (s. unten) und in Japan zur Herstellung von Gelees (Abbild. nach ~Kützing~ bei ~Krasser~ in ~Wiesner~, Rohstoffe I, 645).
3. Japanisches Moos.
=Stammpflanze.= =Gloiopeltis coliformis= ~Harv.~, =G. cervicornis= ~Schmitz~.
=Systemat. Stellung.= Florideae -- Cryphonemiales -- Gloiosiphoniaceae.
Diese in dem chinesisch-japanischen Meere vorkommenden Algen dienen den Japanern als billiges Nahrungsmittel und liefern einen zähen Schleim.
Viele Algen dienen in Japan als Nahrungsmittel. ~Senft~ gibt folgende japanische Namen eßbarer Algen an:
Laminaria japonica = Konbu, Kobu, Hirome; Porphyra vulgaris = Asakusa-nori, Ama-nori, Alaria pinnatifida = Wakame, Chondrus spec. = Hijiki, Gelidium corneum = Tokoro Tengusa, Gracillaria confervoides = Ogo nori, Enteromorpha compressa = Ao nori, Phycoceris smaragdina = Ao sa, Tisanori, Hallymenia dentata = Tasaka nori, Halochtoa macrantha = Hondawara, Kawaramo (vgl. auch Useful plants of Japan, Edible Algae). Über eßbare Algen vgl. auch oben S. 303, 307 und 313.
II. Aus Algen dargestellte Gelatinen.
Agar-Agar von Japan.
=Syn.= Vegetabilischer Fischleim, japanische oder chinesische Gelatine, japanische oder indische Hausenblase, Gelose -- japanese isingglaß, vegetable gelatine, sea-weed -- in Japan: kanten -- dschin-dschen, tjen-tjan (das quadratische), dschindschom, tientjan, tjientjan, tientjow, thao, lothaho, haitao, haitsai, haitsau, yang-tsai. In den ind. Bazars: chinighás. In den Preislisten auch: Gelatina japonica Tjen-Tjan. -- ~Marchand~ schlägt vor das Agar Phycocolla zu nennen (im Gegensatz zu Ichthyocolla).
=Stammpflanze.= Die beste Sorte japanisches Agar-Agar wird von Gelidium-Arten gesammelt, hauptsächlich wohl von =Gelidium Amansii= ~Lamx.~ (= G. Swansii?), =G. polycladum= ~Kütz.~, =G. elegans= ~Kütz.~ (G. rigidum) -- weniger von Gelidium japonicum ~Okam.~ und G. subcostatum ~Schmitz~ -- [Florideae, Nemalionales, Gelidaceae], in neuerer Zeit auch von Acanthopeltis japonica ~Okam.~, ebenfalls ein Gelidiacee.
Andere Arten, welche zur Herstellung von Agar-Agar dienen, sind: Gracilaria confervoïdes und G. lichenoïdes, Campyloeophora hypneoïdes, Ceramium rubrum.
Ferner werden als ein Agar liefernd angegeben: Gelidium corneum (~Hudson~) ~Lamour.~ (G. capillaceum ~Ktz.~, Fucus corneus ~Huds.~, Sphaerococcus corn. ~Ag.~); Gelidium cartilagineum ~Gaillon~ (Fucus cartilagineus L., Sphaerococc. cart. ~Ag.~); Gloeopeltis tenax (~Turner~), ~J. Agardh~ [Florideae -- Cryptonemiales -- Gloiosiphoniaceae]; Eucheuma spinosum (L.) ~J. Agardh~ (Fucus spinosus L., Sphaerococcus spinos. ~Ag.~); Eucheuma gelatinae ~Ag.~ (Sphaerococcus gelat. ~Ag.~). Eucheuma speciosum ~Ag.~ (Gigartina speciosa ~Sond.~).
~Payen~ betrachtete Gelidium corneum ~Lam.~ und Gracillaria lichenoides ~Gr.~ als Stammpflanze des Agar. Ersteres wird sicher von den Chinesen gebraucht. (~Hanbury~ fand es 1860 in einer Sammlung chinesischer Algen.) Doch werden nach ~Hanbury~ auch Laurencia papillosa ~Gr.~, Laminaria saccharina ~Lamx.~, Porphyra vulg. ~Ag.~ und Gracillaria (crassa?) sowie Eucheuma spinos. benutzt. ~Marchand~, der die Streifen und vierkantigen Stücke (Würfelagar) mikroskopisch untersuchte, fand hierbei besonders Gelidium polycladum ~Kütz.~, unter dem sich aber zwei Algen verbergen. ~Holmes~ bildet das japanische Gelidium polycladum ~Sonders~ ab, das die Hauptmasse der Tengusa bildet. ~Marchand~ hält Gloiopeltis für den Hauptbestandteil in dem Würfelagar und Gelidium corneum var. acanthocladum (nach ~Holmes~ var. pinnatum) für den Hauptbestandteil der schmalen Streifen und erwähnt auch eine Endocladia. ~Matsumura~ nennt: Gelidium corneum var. pinnatum, G. cartilagineum, G. repens, G. rigidum; ~Okamura~ beschreibt andere Arten. ~Davidsohn~, der in Japan lebte, teilte dann (1906) mit, daß hauptsächlich Gelidium Swansii, soll wohl heißen: Amansii (= Tengusa) gutes Kantén liefere, dann ein unbekanntes Gelidium (= Higekusa), schlanker als Tengusa und G. japonicum (= Onigusa); geringeres Kantén aber von dem an der Küste wachsenden G. subcostatum und den besonders als Beisatz benutzten Campyloeophora hypneoides (= Ego) komme. Beinahe so gut wie Tengusa bezeichnet er Acanthopeltis japonica (= Toriaschi -- in Shikoku). Als Substitute und Beisätze werden auch benutzt: Gracillaria confervoides (= Ogo) und Ceramium Boydeni (= Igisu). ~Holmes~ fand in Tengusa (1879): Gelidium elegans und G. polycladum (nicht G. subcostatum und divaricatum). ~Davidsohn~ führt noch als Kantén liefernd an: Campyloeophora hypneoides, Gracillaria confervoides (wohl compressa), Sarcodia spec. ign. ~Tunmann~ fand 1909 in den feinsten Sorten Agar Gracillaria confervoides.
Nach ~Marchand~ u. a. werden außer den Hauptalgen (s. oben) noch folgende zur Agar-Agar-Bereitung benutzt: Sphaerococcus compressus ~Ag.~, Gloiopeltis coliformis, Gelidium capillaceum, sowie Arten von Streblonema, Scytosiphon, Sporanthus, Ceramium, Centroceras, Endocladia Nitophyllum, Polysiphonia, Gracillaria.
~Eug. Collin~ fand in Agar Reste von Gelidium, Gloeopeltis, Gracillaria, Laurencia und Ceramium. Er bemerkt: «Il est probable que les Japonais utilisent pour la préparation +toutes les algues+ de leur littoral, qui peuvent se transformer en gélose.»
=Etym.= Gelidium von gelare gefrieren, gerinnen, gelu (für Gelée schon im Wiener Dispensatorium) bedeutet Frost, Kälte. -- Eucheuma von εὐ = wohl, schön, χεῦμα = Guß, Gußarbeit -- Gloeopeltis von γλοία = Leim, Gallerte, πέλτη = Schildchen.
Die Gelidiaceen sind Rhodophyceen mit meist zartem verzweigtem, stielrundem Thallus mit deutlicher Fadenstruktur. Die Cystocarpien in Gestalt kleiner Anschwellungen bald endständig, bald intercalar an den letzten Auszweigungen des Thallus verteilt. Die Gelidieen haben Sprosse mit Zentralachse und eine dicht geschlossene Rinde. Die Zentralachse mit quergegliederter Scheitelzelle, Rindenfäden wirtelig angeordnet. Die vielgestaltigen Arten der Gattung Gelidium ~Lamouroux~ (Cornea ~Stackhouse~) finden sich in sämtlichen wärmeren Meeren, oft weit verbreitet, Gelidium corneum (~Hudson~) ~Lamourx.~ z. B. im atlantischen, indischen und stillen Ozean. Gelidium ist fiederig seitlich verzweigt, von sehr dichtem und zähfestem Gefüge. Die Außenrinde ist kleinzellig, die Innenrinde längsfaserig durch zahlreiche, dicht zusammenschließende, dünne, längslaufende Fäden, welche die dünne Zentralachse fast vollständig verdecken und deren Gliederzellen sich vielfach querüber vertüpfeln. Bei Gelidium corneum findet sich ein ausgesprochenes Assimilationssystem in der Peripherie, das durch Sammelzellen mit dem weiter innen gelegenen Leitungssystem in Verbindung steht (Abbild. nach ~Agardh~ in ~Haberlandts~ Anatomie S. 265).
=Andere aus Algen hergestellte Gelatinen sind=: =Satsuma Funori=, ein statt Gummi oder Leim von den Japanern und Chinesen als Klebemittel und zum Wäschestärken benutzte Gallerte, wird besonders aus Gloeopeltis tenax ~Ag.~ hergestellt (s. weiter unten). =Nori=, ein japanisches Nahrungsmittel, wird aus Porphyra laciniata und coccinea dargestellt (~Senft~).
Unter dem Namen «Sea weed jelly from China», «chinesische Pflanzengallerte», befinden sich in meiner Sammlung braune Würfel, die einen Caramelgeruch besitzen, süßlich fad schmecken und stark in Wasser quellen. Weitere Angaben in ~Dragendorff~, Heilpflanzen. Über =Hay-Thao= und =Ly-chô= vgl. ~Valenta~, Klebe- und Verdickungsmittel.
=Lit.= ~Rennie~, Essays on the nat. hist. and orig. of Peat moss. Edingb. 1810. -- ~Meyer~, De Fuco crispo. Berolin. 1835. -- ~Herzer~, De fuco crispo. Turici 1836. -- ~Sigmond~ and ~Farre~, Essay of the Ceylon Moss. London 1840. -- ~Lovén~, Om Geléers. Lund 1841. -- ~Archer~, Pharm. Journ. XIII, 312, 1854. -- ~Simmonds~, Ebenda 355. -- (~Wiggers~ bespricht ~Archers~ u. ~Simmonds~ Arbeit, Pharm. Jahresb. 1854, 10). -- ~Payen~, Compt. rend. 1859 u. 1860. -- ~Hanbury~, Science papers 1860. -- ~Marchand~, Note sur le Phycocolla ou gelatine végétale produite par les algues. Bull. soc. bot. France 27 (1879), 287 und 1880, 207. -- ~C. A. J. A. Oudemans~, Bijdrage tot de kennis van het Agar-Agar vlugtige opmerkingen omtrent Fucus amylaceus en Tjentjau. Haaxm. Tijds. 1856 (gute morpholog. u. anatom. Abbild. von Eucheuma spinos. u. Gracillaria lichenoides), auch Arch. Pharm. (2) 87, 283 (mit einer Tafel). -- ~J. Agardh~, Spec. gen. et ordines algarum. Lund 1848-76. -- ~Suringar~, Algae japonicae. -- ~De Toni~, Sylloge algarum omnium hucusque cognitarum. -- Useful plants of Japan. -- ~Bornet~ et ~Thuret~, Rec. d’observ. sur les alg. Paris 1876-1880. -- ~Okamura~, Neue japan. Florideen. Hedwigia 1894. -- ~Yatabe~, Iconographia flor. japon. I. -- ~Matsumara~, Catal. of the plants of Japan. -- ~Holmes~, The japanese sea weed industry (Pharm. Journ. 1906, 319 (besonders nach ~Davidsohn~, Wakayama Sea weed industr. Bull. Imper. Inst. IV, 2, 125; mit Abbild.) -- ~Dymock~, Vegetable Mater. med. -- ~Filet~, Plantkundig woordenboek. -- ~Hartwich~ in Realenzykl. d. ges. Pharm. I, 322. -- ~Krasser~, Algen in ~Wiesner~, Rohstoffe. -- Die +Gelidiaceen+-Literatur bei ~Schmitz-Hauptfleisch~ in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam. I, 2,340. -- +Abb.+ von Gracillaria: ~Bentley-Trimen~, pl. 306. -- ~Planchon-Collin~, Drog. simpl. I, Fig. 10 u. 11 (auch anatom.).
=Darstellung und Handelssorten.= Die Auskunft, die ~Holmes~ (1906) von einem Japaner erhielt, lautete dahin, daß die gereinigten Algen zu einem steifen Gelee gekocht werden, welches in Formen ausgegossen wird. Die erkaltete Masse wird, in Streifen geschnitten und, der Sonne einen Tag ausgesetzt, langsam trocknen gelassen. Der Hauptsitz der Agarfabrikation sind (nach ~Davidsohn~) die Distrikte von Osaka, Kioto, Nagano und Hiogo (besonders Hokaido, Wakayama, Miye, Shozuoka, Chiba), woselbst die Gewinnung namentlich während der Wintermonate betrieben wird. Die Pflanzen werden bereits vom Mai bis August gesammelt, während welcher Zeit sie am ergiebigsten sind. Die Hauptalge ist Gelidium «Swansii» (= G. Amansii), in Japan «Tengusa» genannt. Sie ist 10-20 cm lang und wird mittelst Haken und Schaufeln bzw. Schleppnetzen, auch durch Taucher aus dem Meere gesammelt, da die am Ufer wachsenden Algen von geringerem Werte sind. Es werden aber auch andere Arten (s. oben) zur Agarbereitung herangezogen; man setzt diese gewöhnlich dem Tengusa-Agar in größerem oder geringerem Maße zu (vgl. oben S. 306), wodurch die Qualität natürlich entsprechend beeinflußt wird. Die frisch gesammelten Algen werden von den Fischern am Strande sorgfältig getrocknet und hierbei zum Teil schon gebleicht; dies geschieht häufig (z. B. in der Provinz Izu) auf über den Boden erhöhten Bambusmatten. Das Produkt wandert nun in die «Kanten»-Fabriken, wo es in einer Art von steinernen Mörsern unter fortwährendem Wasserzusatz von anhaftenden Verunreinigungen, wie kleinen Muscheln und dergleichen, befreit wird. Dann wird es in Bambuskörbe in fließendes Wasser gestellt, um die letzten Unreinlichkeiten zu entfernen. Dann wird gebleicht, unter fleißigem Begießen und Wenden (zumal bei trockenem Wetter), wozu in der Regel 24 Stunden, bei ungünstiger Witterung aber auch mehrere Tage erforderlich sind. Das erste Bleichen beginnt im August oder September. Die Algen werden in dünner Schicht auf Bambusmatten ausgebreitet. Schließlich hängen die Algen zu Bündeln zusammen und diese Bündel werden verspeichert. Zur eigentlichen Herstellung des Agars, die vom November bis März erfolgt, weicht man die bearbeiteten Algen in Wasser ein, kocht sie über freiem Feuer (in 790 gallons haltenden Kesseln) oder behandelt sie mit Wasserdampf. Hierbei werden von den Fabriken bestimmte Gewichtsmengen Wasser und Algen (es kommen z. B. 165 engl. Pfund Algen auf 950-1000 Gallonen Wasser) eingehalten. Verwendet man geringwertigere Algen als Zusatz, so läßt man diese länger kochen, d. h. man gibt sie früher in den Kessel als die gute Sorte. Die ganze Masse bringt man zum Kochen, rührt innerhalb fünf bis sechs Stunden häufig um, gibt dann ein bestimmtes Quantum Essig oder Schwefelsäure zu und läßt nun wieder frisches Wasser zufließen. Etwa eine halbe Stunde nach dem erneuten Aufkochen ist der Prozeß beendigt. Die gelatineartige Flüssigkeit (japan.: Tokoroten) wird durch ein Hanf- oder Baumwollgewebe gepreßt (in Pressen oder durch Beschweren mit Gewichten) und zum Erkalten beiseite gestellt; nach etwa 18 Stunden ist sie zu einer Gallerte erstarrt. Die Preßrückstände werden wiederholt mit Wasser behandelt und auf die gleiche Weise nochmals auf Agar verarbeitet. Die Gallerte wird schließlich (im November bis Februar) der Nachtkälte ausgesetzt, wodurch die Masse nach etwa 18 Stunden bis drei Tagen völlig erstarrt und fest wird. Man läßt hierbei den filtrierten Schleim in genau wagerecht gestellte hölzerne Tröge laufen, die 61 cm lang, 30,5 cm breit und 7,5 cm tief und bisweilen in Kolonnen geteilt sind von 46 cm Länge, 3,5 cm Breite und 3,8 cm Tiefe. Dann erst zerschneidet, bzw. trocknet man sie unter wiederholtem Wenden an der Sonne und bringt die Droge in die handelsübliche Form. Das Schneiden in Längsstreifen geschieht mittelst eiserner «frames», das Trocknen auf Bambusmatten oder auf Böcken in Holzverschlägen unter Abhaltung des Staubes, bei kaltem Wetter (35° F.). Der größte Teil des japanischen Agar-Agar geht nach China und +Hongkong+ und nur eine verhältnismäßig kleine Menge gelangt direkt nach Europa (~Davidsohn~ 1906, ~Holmes~).
Die Güte des Agar ist wohl nicht abhängig von den verwendeten Arten, sondern von der mehr oder weniger sorgfältigen Bereitungsweise. Es wird in folgenden Sorten hergestellt:
1. In c. 3-5 mm breiten, c. 35 cm langen, hyalinen oder grauweißlichen zerknitterten, meist zu Bündeln verschnürten Streifen. Selten erreichen diese, an die sog. Seele der Federkiele erinnernden, Streifen Fingerdicke und eine Länge von 50 cm.
2. In 2,5-4 cm dicken, c. 25-30 cm langen, gelblichweißen, leichten, vierkantigen, knitterig-blätterigen Stücken, die an den Kanten ebenfalls durchscheinend hyalin sind.
3. In c. 3 cm breiten und c. 30 cm dicken hyalinen Platten.
~Hanbury~ hatte schon 1859 sowohl die vierkantigen Stücke, wie die dünnen Streifen in Händen (Science papers).
Der Großhandel unterscheidet Agar in +Fäden+ -- A.-+Schnitzel+ -- A.-+Stangen+ und A. in +Linealform+. Fäden, Schnitzel, Stangen kommen in Packen von c. 90 kg in den Handel, Linealform in Kisten à 100 Stangen. Von Fäden, der besten und wichtigsten Sorte, unterscheidet ~Grossmann~ 1910 primaweiß 000, prima 00 und prima 0, eine minderwertige Sorte nennt er courant.
Der Export von Agar-Agar aus Japan betrug in den ersten 9 Monaten 1909: 1708353 Kin. 1904 exportierte Japan 10657 dz, 1906: 8377 dz. ⅓ der Ausfuhr geht nach China. Deutschland importierte 1906: 1064 dz, 1909: 919 dz.
+Funori+ (sea weed glue s. oben S. 307) wird aus Gloiopeltis tenax (Yanayo-Funori) und G. coliformis und einigen anderen noch nicht bestimmten Algen dargestellt -- das beste in Nagasaki und Kogoschima. Es wird auf dem Boden ausgebreitet, mit Händen und Füßen geknetet, in Körben gewaschen, dann zum Bleichen und Trocknen unter Bespritzen mit Wasser gleichmäßig ausgebreitet. Wenn ein zäher Saft auszutreten beginnt, wird kein Wasser mehr aufgespritzt. Man läßt dann eine Nacht liegen und trocknet. Das fertige Produkt ist also +kein extrahierter Schleim, sondern wird von den verschleimten verschlungenen Thallusstücken+ gebildet. Es kommt in sheets (Blättern), die 4½ : 2½ Fuß lang sind, oder in Rollen in den Handel. Es löst sich fast ganz in kochendem Wasser (Pharm. Journ. 1906, Sept.). (Einige andere Algen, wie Chondrus spec. = tsuno-mata, Iridoea spec. = Ginantso, werden vorher in Wasser eingeweicht und erhitzt, dann mit Wasser bearbeitet und zum Trocknen ausgebreitet.)
=Lit.= Bereitung: ~Davidsohn~ a. a. O. -- ~Holmes~ a. a. O., -- Pharm. Zeit. 1907, 1078.
=Beschreibung.= In kaltem Wasser quillt Agar-Agar auf, in heißem löst es sich größtenteils zu einem klebrigen Schleim, der abgekühlt zu einer Gelatine erstarrt. Der Schleim wird durch Jod violett. Die Droge quillt in Kali stark, kaum in Kupferoxydammoniak.
Im ungereinigten Agar-Agar finden sich neben plasmatischen und verkleisterte Florideenstärke enthaltenden Zellinhalten, die den einzelnen Algenzellen entsprechen, und intakten Zellen, besonders des Leitungsgewebes, stets zahlreiche +Diatomeenschalen+ und +Spongillennadeln+ (~Marpmann~, ~Senft~, ~Tunmann~) (vgl. Fig. 107 u. 108). Man kann sich dieselben dadurch sichtbar machen, daß man einäschert, die Asche mit Salzsäure behandelt, sedimentieren läßt und das Sediment unter das Mikroskop bringt oder das Gelee mit Schwefelsäure und etwas Kaliumpermanganat dünnflüssig macht, sedimentieren läßt und das Sediment untersucht: Die besseren Sorten enthalten weniger Diatomeen und Spongillennadeln als die schlechten Sorten. Auf diese Weise kann man rohes, ungereinigtes Agar auch in Fruchtgelees nachweisen. Es finden sich namentlich Arten der Gattungen Cocconeis und Grammatophora, dann auch Arachnoidiscus und Campyloneis (~Senft~), seltener die von ~Marpmann~ angegebenen Amphiprora, Licmaphora, Stauroneis, Rhabdonema, Chaetoceras, Triceratium, Amphitetras und _Biddulphia-_Arten. Auf Gelidium fand ~Menier~ Arachnoidiscus ornatus ~Ehrb.~ Die Spongillennadeln sind einfache Nadeln oder Nadelsterne (~Tunmann~). ~Tunmann~ fand im Agar auch Kalkalgen Polypen und (von den Preßsäcken herrührend) Baumwolle und Hanffasern.
=Lit.= ~Menier~, Falsific. de l. gelée de groseille du comm. decouv. p. les Diatom. Nantes 1879. -- ~Marpmann~, Über Agar-Agar und dessen Verwendung und Nachweis. Zeitschr. angew. Mikrosk. 2, 1897. -- ~Senft~, Über Agar-Agar-Diatomeen. Zeitschr. Allg. öster. Apoth. Ver. 1902, 229 (mit Abbild.). -- ~Tunmann~, Einige Bemerk. über Agar-Agar, Pharm. Centralh. 1909, 233. -- Abbild. der Diatomeen auch in ~Villiers~ et ~Collin~, Altérat. et falsificat. 1900, p. 833.
=Chemie.= Nach ~König~ und ~Bettels~ enthält lufttrockenes Gelidium cartilagineum in Prozenten: Wasser 13, Gesamt-N-Substanz 17, wasserlösliche N-Substanz 7,37, Ätherauszug 0,8, N-freie Extraktstoffe 40,16, Pentosane 3,35, Methylpentosane 0,91, Rohfaser 12,9, Asche 11,88, Chlornatrium 0,3. Durch Dämpfen wird in Wasser löslich: 9,37 anorganische und 54,22% organische Substanz. Nach ~Greenish~ enthält Ceylonmoos 36,71% Gelose (s. unten). ~Nagai~ und ~Murai~ fanden in lufttrockenem Agar-Agar (Tungusa) in Prozenten 9,8 Stickstoffsubstanz, 52,2 stickstoffreie Extraktivsubstanz, 5 Rohfaser, 18,5 Wasser und 14,5 Asche. ~Kellner~ fand nur 3,4% Asche. Auch bei den Agar-Analysen von ~Greshoff~, ~Sack~ und ~van Eck~ finden wir große Schwankungen, in einem Falle 18,96%, im andern 2,89% Asche. ~Davidsohn~ fand in bestem japan. Agar 21,79% Wasser, 5,95% N-haltige Subst., 64,59% Kohlehydrate, Gelose, 3,54% Zellulose, 4,13% Asche. ~Greenish~ gibt in Agar 7 Kohlehydrate an: wasserlöslicher Schleim, Gallerte bildende Substanz, Stärke, Metarabin, Pararabin, Holzgummi, Zellulose. Die Zusammensetzung der «Strohhalmform» und der sog. «vierkantigen Form» des Agar unterscheiden sich nur wenig, sie enthalten (vgl. bei ~König~) 2,5 (6,1)% Protein, 0,85 (0,58)% Fett, 70,58 (63,96)% Kohlehydrate, 3,06 (3,18)% Pentosane, 0,44 (0,42)% Rohfaser, 3,46 (3,4)% Asche. ~König~ und ~Bettels~ fanden bei der Hydrolyse von Gelidium cartilagineum u. and. Gelidien: d-Galaktose, Fruktose und Pentosen. Die gleichen Zucker liefert Agar-Agar. Bei der Hydrolyse von Agar wird Zellulose abgeschieden und es scheint auch das dem Glukose-Dextrin entsprechende Anhydrid der Galaktose (Galaktan) aufzutreten (~Tollens~). Nach ~O’Shaughnessy~ enthält Jafnamoos 54,5% Pflanzengallerte (Pektin), 15% Stärkemehl (?), 0,5% Wachs, 4% Gummi, 18% Faser und Salze. Ferner ist Jod darin gefunden worden (~Wonneberg~ und ~Kreyssig~). ~Greenish~ fand 36,71% Gelose -- daneben Metarabin (1,32%), Paramylan (6,52), Holzgummi (3,17), Zellulose (10,17).
Das Kohlehydrat des Agar-Agar wurde als +Gelose+ (~Payen~ 1859) bezeichnet und zur Pektingruppe gerechnet. Gelose ist nicht identisch mit Fucin, Lichenin, Pararabin. Bei der Hydrolyse liefert Gelose u. a. Arabinose (~Greenish~). Reine Gelose gibt noch 1 : 500 eine steife Gallerte und unterscheidet sich von der tierischen Gelatine dadurch, daß sie von Tannin nicht gefällt wird, vom Carrageenschleim, daß sie gelatiniert, und vom Gummi, daß sie sich nicht in kaltem Wasser löst. Das +Gelosin+ ~Guérins~ (1886), das zu 20% aus Gelidium corneum erhalten werden kann und dem Fucin und der Pektose nahestehen soll, ist wohl identisch mit Gelose. Nach ~Payen~ stimmt die Gelose von Agar-Agar mit der des Jafnamoos überein. ~Morin~ und ~Porumbaru~ gaben ihr die Formel C₆H₁₀O₅. Sie wird durch Jod rotviolett. Agar-Agar liefert bei der Behandlung mit HNO₃ Schleimsäure und Oxalsäure. Es enthält also ein +Galaktan+ (~Greenish~, ~Morin~, ~Bauer~). Bei der Oxydation lieferte Agar Strohhalmform 25,44-25,91%, Agar vierkantige Form 27,06% Schleimsäure -- entsprechend 33,05-36,57% Galaktose. Ein wesentlicher Bestandteil sowohl des Agar-Agar wie des Ceylonmoos (~Reichardt~, ~Greenish~) ist, wie es scheint, das +Pararabin+ (C₁₂H₂₂O₁₁)ₙ. Pararabin quillt in Wasser und besitzt im Gegensatz zur Arabinsäure keine sauren Eigenschaften. Bei längerer Berührung mit Alkalien geht es in Arabinsäure über. Das Pararabin des Agar-Agar liefert bei der Hydrolyse Galaktose (~Bauer~), das des Ceylonmoos Galaktose und d-Glukose (~Greenish~). Bei der Hydrolyse des +Nori+ (s. oben) wurde l-Galaktose, d-Mannose, Glukose und etwas Fucose erhalten (~Oshima~ und ~Tollens~). Es enthält also +Mannan+. Nach ~Tollens~ enthält Agar 1,66% der Trockensubstanz +Pentosan+.
Die wichtigsten Gelatine gebenden Algen und aus Algen gewonnenen Substanzen zeigen folgendes Verhalten (~Stanford~). Mit 1000 T. Wasser geben eine Gelatine:
Die erhaltene Gelatine Von Teile Also Proportion schmilzt bei
Gelose aus China 4 1 31,0° Gelidium corneum 8 2 31,0° Chondrus crispus 30 7,5 26,5° Hausenblase 32 8 21,0° Gelatine 32 8 15,0° Caragheenin 36 9 21,0° Agar-Agar 60 15 31,0°
=Lit.= Ältere chem. Unters. des Fucus amylaceus und Agar in ~Pereira~, Heilmittellehre, zitiert. -- ~O’Shaughnessy~, Ind. Journ. of med. sc. Calcutta 1834 und London, Med. Gaz. 1837, 566, Royal. Med. Bot. Soc. 1837, 618. -- ~Sigmond~ and ~Farre~, On the Ceylonmos 1840. -- ~Bley~, Jahrb. f. pr. Pharm. 1843. -- ~Riegel~, Ebenda. -- ~Kreyssig~ u. ~Wonneberg~, Artus allgem. pharm. Zeitschr. Heft 1. -- ~Gonnermann~ u. ~Ludwig~, Arch. d. Ph. 111, S. 204, -- ~Guibourt~ (1842). -- ~Archer~ u. ~Simmonds~, Pharm. Jahresber. 1854, 10. -- ~Martius~, Ebenda 1858 u. N. Jahrb. f. Pharm. 1858. -- ~Payen~, Ebenda 1860, 13. Sur la Gelose Compt. rend. 1859, 523. -- ~Hanbury~, Note on manufactur. prod. of sea-weed called japanese ising glass. Ph. Journ. (2), 1, 1859, 508 und Science papers 206. -- ~Reichardt~, Arch. d. Pharm. 209 (1876), 107. Ber. d. chem. Ges. 8, 807. -- ~H. G. Greenish~, Pharm. Zeitschr. f. Rußl. 20, 501. Ber. d. chem. Ges. 1881, 2253 und 1882, 2243. Chem. Centrbl. 81, 649. -- +Derselbe+, Die Kohlehydrate von Fucus amylaceus. Arch. d. Pharm. 17, 241, 321. Dort die ältere Literatur. -- ~Morin~, Compt. rend. 90 (1880), 924, Bull. soc. bot. france (2), 1. -- ~Porumbaru~, ibid. p. 1081. -- ~Bauer~, Journ. pr. Ch. 30 (1885), 367. N. Zeitschr. f. Rübenzuckerind. 14, 154. -- ~Oshima~ u. ~Tollens~, Ber. d. chem. Ges. 34 (1901), 1422. -- ~Cooke~, Pharm. Journ. 1860. 504. -- ~Holmes~, Pharm. Journ. IX (1878), 45. -- ~Tollens~, Kohlenhydrate und Journ. Landw. 1896. -- ~Flückiger-Hanbury~, Pharmacographia. -- ~Vogl~, Kommentar. -- ~Pereira~, Handbuch. -- ~Porter-Smith~, Contrib. t. Mat. med. etc. of China. Shanghai 1871. -- ~Oudemans~, Haaxm. Tijds. 1856 u. Arch. d. Pharm. (2) 87, 283 (mit Tafel). -- ~Stanford~, Algin, Chem. Zeit. 1885. -- ~Kellner~, Jap. chem. anal. of a collection of agric. specim. Intern. agr. exhib. New Orleans 1884. -- ~Nagai~ und ~Murai~, Jap. intern. health. exhib. London 1884, Catal. -- ~König~ und ~Bettels~, Die Kohlehydrate der Meeresalgen und daraus hergestellte Erzeugnisse. Zeitschr. Unters. d. Nahrungsm. 10. -- ~König~, Nahrungsm.
=Anwendung.= Agar-Agar wird etwas in der inneren Medizin, viel zu Gelees, (Ersatz der Gelatine), dann (zum Teil mit Gelatine gemischt) zur Herstellung von Nährgelatine für bakteriologische Zwecke -- sie bleibt auch bei c. 40° noch fest und und in der Industrie als Appretur und für Stempelkissenmasse benutzt; neuerdings in der chirurgischen Praxis als Prothese (~Kramer~). Auch (das gepulverte) für Vaginalkugeln, Stuhlzäpfchen und Medizinalstäbchen. Zu arzneilichen Zwecken empfahl es zuerst ~Previté~ anfangs der vierziger Jahre des XIX. Jahrh. Die Mikroskopiker benutzen sie als Einbettungsmittel. In Japan und China werden die vierkantigen Stücke zu Gelees, Süßigkeiten usw., die schmalen Streifen im Haushalt wie Stärke, z. B. zum Stärken, Nori auch zum Leimen des Papiers und der Laternen benutzt. Die Gallerte aus Ceramium Loureirii ~Ag.~ wird als Nahrungsmittel und bei Brustkrankheiten gebraucht (~Dragendorff~). Agar dient auch zur Appretur feiner Gewebe, denen man einen geschmeidigen Griff geben will.
=Lit.= ~Heilmann~, Bull. soc. ind. Rouen 1875, 263. -- ~Dinglers~ Polyt. Journ. 218, 522. -- ~Dragendorff~, Heilpflanzen. -- ~Senft~, Über einige in Japan verwendete vegetabil. Nahrungsm. usw. Pharm. Praxis 1906 und 1907. -- ~Watt~, Diction. econ. prod. IV, 174. -- ~Mason~, Burma and its People. -- ~Balfour~, Ciclop. I -- +Pharmacogr. indica+ III, 635 u. 638 (dort die Verwend. in d. Technik). -- ~Dymock~, Veg. mat. med. West. ind. -- Verwend. in d. Chirurgie: ~Kramer~, Mercks Bericht 1901.
An dieser Stelle mag auch der in Ostasien als Leckerbissen hochgeschätzten =Salanganen-=, =Tunkin-= oder =indischen Vogelnester= gedacht werden, da dieselben auch noch neuerdings (~Dragendorff~ 1898, ~Leunis~, ~Karsten~) mit den Meeresalgen in Beziehung gebracht werden. Sie haben aber mit denselben nichts zu tun, denn sie werden von Turmschwalben der Gattung Collocalia (bes. C. fuciphaga, esculenta und nidifica) aus einem von den Vögeln ausgewürgten Schleime aufgebaut, der von zwei Speicheldrüsen sezerniert wird, die sich während der Brutzeit zu einer bedeutenden Größe entwickeln (~Marshall~). Sie enthalten +Neossin+, eine dem Mucin verwandte Substanz (~König~ und ~Bettels~). Nach den Analysen von ~Greshoff~, ~Sack~ und ~van Eck~ enthalten die Salanganennester im Mittel 55,57% «Protein» (neben 0,6% Fett, 7,16% Asche und 18,63% Wasser). Sie gehören also eigentlich zu den Mucindrogen (neben den tierischen Leim).
2. Schleime der sekundären Membran.
Schleime in Vegetationsorganen und Blüten von Phanerogamen.
a) Schleime in Samen.
1. Schleimepidermen.
Zu den Drogen, welche Schleimepidermen an der Samenschale besitzen, die also auch, ohne zertrümmert zu werden, mit Wasser einen Schleim liefern, gehören in erster Linie die Samen von Linum usitatissimum und Cydonia vulgaris, dann die Flohsamen von Plantago Psyllium; ferner die Samen zahlreicher Cruciferen (z. B. Sinapis, Brassica), endlich die von Collomia grandiflora, Citrullus Colocynthis und einiger Acanthaceen und Polemoniaceen (~Hofmeister~) (und die Pericarpien einiger Labiaten, z. B. Salvia Hormium, Ocymum Basilicum).
Hier werden nur Linum, Cydonia und Psyllium abgehandelt, die Cruciferensamen unter den Glykosiddrogen. Die Schleimepidermen der Samenschalen dienen dadurch, daß sie außerordentlich viel (s. Cydonia) Wasser zurückzuhalten vermögen und den keimenden Samen im Boden befestigen, zur Sicherung der Keimung, wie Versuche von ~Lüdtke~ und mir bei Linum (1889) gezeigt haben, scheinen aber auch für die Ernährung des keimenden Samens von Bedeutung zu sein (~Ravenna~ und ~Zamorani~ 1910).
Semen Lini.
=Syn.= Leinsamen, Flachssamen (Glix im Oberengadin), liri, giglio rosso (im Tessin) -- semence ou graine de lin (usuel) (franz.) -- lin (commun), flax (linseed) (engl.) -- lino (ital.) -- lijn (holl.) -- lenmag (ung.) -- linfrö (schwed.) -- pellavan (fin.) - λίνον, λινάρι (n.-griech.). -- Im Ägyptischen hieß der Lein sꜢrἰ, Leinsamen dšr, psn. Bei ~Dioskurides~ stehen in [] noch die Synonyma: linokalamis, annon, linon agrion, bei den Römern: linomyrum, linum agreste, bei den Afrikanern: zeraphoïs. -- Bei ~Ibn Baithar~ (arab.): kattān (bazr al kattān = sem. lini -- «Elbazr heißt der Same jeder Pflanze», sagt ~Abu Hanifa~) -- kutan, zaghu (pers.) -- atasí (sansc.), masina (beng.) -- alsí, tisí (hind.) -- alishi virai (tam.). -- Wu-ma, Hu-ma-jin, Hsiao-hu-ma-ta-ku-ma (chin.).
=Etym.= «Der Name Lein gehört sicher zum uralten Sprachgut der europäischen Indogermanen und es kann demnach auch nicht zweifelhaft sein, daß der Flachsbau den germanischen Völkern schon in der Urzeit bekannt war» (~Hoops~). +kelt.+ lin (= Faden), +goth.+ lein-jô -- +angels.+ lêne -- +ir.+ lín -- +cymr.+ llin -- +ad.+ lína -- +ahd.+ lîna -- +mhd.+ lyn (so im Gothaer Arzneibuch, neben vlas), lyne, leyne -- +lat.+ lînum -- +griech.+ λίνον. Bei der ~Hildegard~: linsamo, linsame; bei ~Megenberg~ (I, S. 693): linsât. Der Stamm ist li. Schon in vorhistorischer Zeit finden sich in den Sprachen der europäischen Indogermanen Ableitungen von dieser Wurzel, welche Flachs und primitive Gewebe bezeichneten (~Schrader~). Vgl. auch I, S. 1059. +Flachs+ (mehr für die Fasern wie für die Pflanze in Gebrauch), von der indogerm. Wurzel plek = flechten (gr. πλέκειν) -- +ahd.+ flahs -- +mhd.+ vlahs, vlaes -- +ag’s.+ fleax -- +nd.+ flaß -- Flachs auch im Ort. sanitat. -- Endlich auch (bes. für die Faser): +ahd.+ haro, hara; +mhd.+ har; +nhd.+ haar; +anord+. horr = Haar. -- Die im Altertum viel gebräuchliche Bezeichnung carbasos ist vielleicht (~Plinius~) iberischen Ursprungs und steht mit dem sansc. karpasam (pers. kirbas, korfas), das ursprünglich Baumwolle bedeutete (s. Gossypium, S. 229) in Verbindung.
=Stammpflanze Linum usitatissimum L.= (Spec. plant. ed. I 277).
Man unterscheidet die Kultur-+Varietäten+: Lin. usit. var. crepitans ~Schübl.~ et ~Mart.~ (L. usit. β humile ~Mill.~, L. crepitans ~Boenningh.~), den sog. +Klanglein+, +Klenglein+ oder +Springlein+ (arab. kettân), mit niedrigerem, mehr verzweigtem Stengel, größeren, mit Geräusch aufspringenden Kapseln und hellbraunem Samen. -- L. usit. var. (oder forma) vulgare ~Schübl.~ et ~Mart.~ (L. u. forma indehiscens ~Neilr.~, L. vulgare ~Boenningh.~), der sog. +Schließlein+ oder +Dreschlein+ mit höheren, weniger ästigen Stengeln und geschlossen bleibenden kleineren Kapseln. -- L. usit. var. (forma) β. hiemale ~A. Dc.~ (L. bienne ~Mill.~), zweijährig, mit zahlreichen gekrümmten Stengeln. -- Zwischen den Hauptrassen steht als Übergangsform Lin. ambiguum ~Jordan~. -- Nahe verwandt ist Lin. angustifolium ~Hudson~ (s. weiter unten), das von den kanarischen Inseln über das Mittelmeergebiet bis zu den Alpen, zum Balkan, Kaukasus und Libanon und bis nach England verbreitet ist. Möglicherweise sind dies alles Rassen oder Formen +einer+ Art (~De Candolle~). Wild ist Linum usitatissimum nicht mehr nachzuweisen (~Wettstein~ 1903).
=Systemat. Stellung.= +Linaceae+, Lineae -- Eulinum.
=Beschreibung der Stammpflanze.= Der Lein ist ein ein- oder zweijähriges Kraut. Der +stielrunde+, einfache oder verästelte, bis 1 m hohe Stengel ist kahl und innen hohl. In der schmalen Rinde desselben liegen, die Rinde fast ausfüllend, zahlreiche Bündel langer Bastfasern. Sie liefern die Leinfaser (vgl. S. 254 und die Theorie der Flachsröste). Die spiralig angeordneten Blätter sind schmal lanzettlich, beiderseits verschmälert, sitzend. Der Blütenstand ist ein Wickel. Die aktinomorphen, pentazyclischen, pentameren, nur einen Vormittag blühenden, an naßkalten Tagen sich überhaupt nicht öffnenden +Blüten+ besitzen einen fünfblättrigen, 5-6 mm langen, grünen, quincuncial deckenden +Kelch+, dessen Blätter oblong-eiförmig und an den Rändern zart gewimpert sind. Die fünf umgekehrt-eiförmigen, kurz genagelten, oben etwas gekerbten, bis 13 mm langen, schön blauen, etwas dunkler geaderten Blumenblätter besitzen eine gedrehte Knospenlage, die fünf episepalen, am Grunde ringförmig verbundenen +Stamina+ besitzen blaue Antheren. Auch die Filamente sind im oberen Teil blau. Die Antheren sind in der Mitte des Rückens aufgehängt. Die Pollenkörner sind ellipsoidisch und besitzen drei meridionale Längsfalten. (Man findet sie bisweilen im Honig, vgl. ~Villiers~ et ~Collin~, Altérat. et falsificat.) Zwischen den fertilen Staubfäden sitzen fünf epipetale Spitzchen, die als Staminodien aufzufassen sind. Auch die fünf schlanken, keulenförmigen, anfangs links zusammengedrehten +Griffel+ sind blau -- so dass die leider sehr vergängliche Blüte einen außerordentlich lieblichen Anblick gewährt.
Weiches Grün den Stengel zieret Blüte trägt des Himmels Helle; Leis vom Westhauch angerühret Wogt sie sanft in blauer Welle.
(~Just. Kerner.~)
Linum zeigt oft Selbstbestäubung. Der +Fruchtknoten+ ist eiförmig und kahl. Er wird von fünf epipetalen Fruchtblättern gebildet. Da die Außenwand derselben aber nach innen zu eine Längsleiste, eine sog. falsche Scheidewand bildet, erscheint der Fruchtknoten zehnfächerig und enthält denn auch 10 Ovula, in jedem echten Fache zwei. Die bis zur Reife vom Kelche umhüllte ~Frucht~ (Flachsknoten) ist eine 7-8 mm lange, fast kugelige Kapsel, die je nach der Varietät entweder wand- oder fachspaltig aufspringt (Springlein s. oben) oder geschlossen bleibt (Schließlein s. oben).
=Lit.= ~Reiche~ in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfamilien (dort die botan. Lit. d. Familie).
+Abbild.+ ~Nees v. Esenbeck~, Pl. med. 389. -- ~Hayne~, Arzneigew. VIII, t. 17. -- ~Berg-Schmidt~, Atlas, 2. Aufl. t. 102 (dort die systemat. Lit.). -- ~Pabst-Köhler~, Medizinalpfl. -- ~Bentley-Trimen~, Medic. plants t. 39 u. in zahlr. and. Werken.
=Pathologie.= Über die pflanzlichen Schädlinge berichtet Prof. ~Ed. Fischer~: Unter den Parasiten, welche den Flachs schädigen, ist vor allem Cuscuta Epilinum ~Weihe~, die Flachsseide, zu erwähnen, welche mit ihren fast fadenförmig dünnen Stengeln den Stengel ihres Wirtes umwächst und Haustorien in denselben entsendet. -- Gefährliche +Pilz+krankheiten sind besonders die sog. Flachsmüdigkeit oder Flachswelke, hervorgerufen durch Fusarium Lini ~Boll.~ und der Flachsbrand, dessen Urheber eine Chytridiacee, Asterocystis radicis ~Marchal~ ist, die sich in den Wurzelzellen ansiedelt. Beide Parasiten können den Flachs zum Absterben bringen. (~Bolley~, H. L. in North Dacota Agric. Coll. Gov. Experim. Stat. Bulletin No. 50, 1902 und No. 55, 1903. ~Marchal~, E., Recherches biologiques sur une Chytridinée parasite du Lin. Bull. de l’Agric. Belg. 1901). Neuerdings wird als arger Schädling auch der Flachsrost, Melampsora Lini (~Pers.~) ~Desm.~, genannt. Die Krankheiten des indischen Lein in ~Watt~, Dictionary.
Über die tierischen Schädlinge berichtet ~Israël~:
1. +Käfer+: Den Leinfeldern fügen mehrere _Haltica_arten, besonders wenn die Pflanzen noch jung sind, erheblichen Schaden zu.
2. +Falter+: Plusia gamma L. Die Raupe dieser gemeinsten aller Eulen ist polyphag. Sie lebt unter anderen auf Leontodon, Urtica, Beta, _Trifolium_arten usw. 1899 traf ich sie verheerend auf Leinfeldern im Odenwalde, woselbst sie hauptsächlich die unreifen Samenkapseln verzehrte. Auch auf Radiola linoides, Linum perenne und catharticum fand ich dieselbe fressend. Mamestra pisi L. Die polyphage Raupe lebt auch auf Linum usitatissimum. Calocampa exoleta L. Die fast polyphage, prachtvolle Raupe lebt auf den verschiedensten Pflanzen. Sie ist sehr häufig von Parasiten bewohnt. Ich traf sie außer auf Linum usitatissimum auf Phragmites, Typha, Euphorbia Esula und Cyparissias, _Lamium_arten, Leontodon, Cytisus sagittalis, Sarothamnus, Garten_rhabarber_, Lactuca sativa und vielen anderen Pflanzen. Conchylis epilinana ~Zell.~ Die kleine Raupe lebt nach ~Taschenberg~ in den Samenkapseln von _Linum_arten. Ferner werden genannt: Engerlinge und die Made der Flachsfransenfliege (Thrips linaria ~Uzel~).
Im gepulverten Leinsamen findet sich oft die Milbe Glyciphagus domesticus ~Geer~. Einige Zeit aufbewahrtes Leinmehl enthält nach meinen Erfahrungen, wenn es nicht ganz trocken ist, immer Milben. Auch ~Tunmann~ beobachtete sie (Pharm. Centralh. 1906). Er nennt besonders Glyciphagus spinipes ~C. L. Koch~ und G. domesticus. Die Milben fressen in erster Linie den Schleim.
=Kultur und Handel.= Der Lein verlangt feuchte Wärme mit häufigem Wechsel zwischen Wärme und Feuchtigkeit. Er verträgt weder große Hitze noch Dürre, noch Fröste. Er gedeiht am besten an Seeküsten, in Niederungen und Gebirgen mit vielen Niederschlägen oder reichlichem Tau und Nebel auf flachgründigem, feuchtem Boden. Der Lein wird sowohl im subtropischen wie im gemäßigten Klima gebaut. Seine nördliche Grenze fällt im allgemeinen mit der der Gerste zusammen, ja geht in einigen Gegenden noch weit über den Polarkreis hinaus (~Schübeler~), wo der Getreidebau bereits zurückbleibt. Als +Gespinstpflanze+ wird der Lein sowohl als bäuerliche Hauspflanze im Kleinbetrieb, wie auch als Industriegewächs im Großen gebaut. Es bauen Lein: Mitteleuropa (bis 1500 m), Rußland, Ägypten, Algier, Abessynien (bis 3300 m), Ostindien (die kälteren Gegenden), Nordamerika, Argentinien, Uruguay, Brasilien, Australien. Besonders viel baut +Belgien+ (Westflandern, Ostflandern und Namur), wo c. 600000 ha mit Lein bestellt sind, dann das nördliche europäische Rußland, Irland, Holland (I, S. 67), Preußen, Thüringen, Schlesien, Österreich (Böhmen, österr. Schlesien, Kärnthen, Tirol), Frankreich und Italien. In der Lombardei wird Lein wegen der Fasern, in Apulien der Samen wegen kultiviert (~Ravasini~).
Der Anbau erfolgt hauptsächlich zum Zwecke der Gewinnung der Leinfaser und zu diesem Zwecke wird (besonders seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts) fast ausschließlich der einjährige Schließlein (s. oben) gebaut. Die Länder, die +Leinsaat+ (d. h. keimfähige Leinsamen zur Aussaat für Faserflachs liefern), wie in erster Linie Rußland (Riga, Pernau), dann neuerdings auch Tirol (Ötzthal) und Holland bauen daher jetzt nur diesen. Aus russischem Saatgut in erster Aussaat in Deutschland erhaltenen Leinsamen nennt man +Rosenlein+. Dort, wo der Lein der Samen wegen, d. h. zur Gewinnung von +Ölsaat+ im Großen gebaut wird, kultiviert man dagegen den Springlein (s. oben). +Leinsamen+ liefert jetzt vornehmlich Argentinien und Südrußland, dann Indien, die russischen Ostseeprovinzen, Belgien, Ägypten und Nordamerika, weniger Japan, Marocco, Österreich, Deutschland und Holland. Vom Schließlein unterscheidet man die keimfähigen, also als Saatgut benutzbaren Samen, die +Leinsaat+ (s. oben) -- +nur diese ist für pharmazeutische Zwecke brauchbar+ -- und die nicht keimfähigen, nur zur Ölgewinnung tauglichen Samen, die vor völliger Reife gesammelt wurden oder ihre Keimfähigkeit wegen langen Lagerns verloren haben, die +Schlagsaat+. Der Lein wird nämlich in vielen Gegenden, um eine gute Faser zu erzielen, vor der Reife der Früchte aus dem Boden gezogen. Schließlein muß natürlich gedroschen werden.
Zur Gewinnung des Öls wird meist Schlagsaat verwendet, für die feinsten Sorten aber eigens gebauter Springlein. Dieser ist auch, neben der Leinsaat, für pharmazeutische Zwecke allein anzuwenden, eventuell ausgereifte Samen, die ihre Keimkraft verloren haben. Unausgereifte Samen sind auszuschließen. Die Kultur von Lein zur +Linseed+- (Flaxseed-)Gewinnung ist in Indien, wo fast nur Samen und nur sehr wenig Fasern produziert werden, beträchtlich. Schon 1887 waren über 3½ Mill. Acres zu diesem Zwecke mit Lein bestellt. Besonders viel baut Bengalen und die Zentralprovinzen, weniger Berar, die Nordwestprovinzen und Oudh, Bombay und Sind, am wenigsten Panjáb, Madras und Burma (~Watt~). In Indien unterscheidet man whit-seeded und red-seeded, d. h. hellgelbe und rotbraune Samen.
Die Ausfuhr +Indiens+ an Linseed nach England (und englischen Besitzungen) betrug 1907/08: 2290185, 1908/09: 1405467 cwts; nach anderen Ländern: 1907/08: 3907697, 1908/09: 1804080. Besonders Frankreich ist Abnehmer indischer Leinsaat. Es empfing 1908/09 c. 1 Mill. cwts.
+Deutschland+ importierte 1909: 4368667 dz Leinsamen, vorwiegend aus Argentinien (3708478), dann aus dem europ. Rußland und brit. Indien, weniger aus Uruguay, den Ver. Staaten und Japan, Marocco, Österreich und den Niederlanden und exportierte 68280 dz, besonders nach den Niederlanden, Dänemark und Norwegen.
+Frankreich+ führte 1908: 1876721 Quintal. +Leinsamen+ ein, vorwiegend aus Argentinien (1138909 Quint.) und engl. Indien, dann auch aus Rußland, den Ver. Staaten, Uruguay, Tunis, Marocco und Algier. Von europäischen Staaten lieferte besonders Belgien viel, dann die Niederlande.
Die Einfuhr von Linseed in die +Ver. Staaten+ von +Nordamerika+ betrug 1909: 597671 bushels. Die Ausfuhr 1908: 4277313, 1909: 882899 bushels.
Die wichtigsten +Handelssorten+ sind jetzt: +Russischer+ Leinsamen und zwar baltischer (baltic linseed) und südrussischer oder asowscher (black sea linseed). Der reinste ist der baltische. Er liefert auch das am besten trocknende Öl. Der südrussische enthält 5% und mehr Hanf- und Ravisonsamen. Russischer L. enthält 32-38% Öl. +Argentinischer+ L., sog. +La Plata-Saat+, neuerdings in großer Menge im Handel, aber ziemlich unrein (Unkrautsamen, Pflanzenfasern) mit 35-36% Öl. +Indischer+ L. (s. oben), auch ziemlich unrein (s. hinten), mit 37-41% Öl. +Marocco+ L., +Canadischer+ L., +Nordamerikanischer+ L. in geringer Menge.
Maroccoleinsamen (jetzt als Medizinalleinsamen viel im Handel) wird in Säcken à 100 kg gehandelt (~Jul. Grossmann~).
Leinsamen wird leicht ranzig. Er sollte nicht über ein Jahr aufbewahrt werden.
=Lit.= ~Langer~, Flachsbau. Wien 1893. -- ~Knight~, Flax and Linseed industry. Journ. Dep. Agr. Victoria 1906. -- ~Schindler~, Flachsbau in Rußland 1898. -- ~Wiesner~, Rohstoffe. -- ~T. F. Hanausek~, Ebenda. -- ~Watt~, Diction. econ. pr. of India. -- ~Schübeler~, Viridar. norwegic. II (1888), 439. -- Über die Leinsamen-Sorten vgl. ~Nobbe~, Handb. d. Samenkunde. ~Holmes~, The varieties of linseed in english commerce. Pharm. Journ. 12 (1881). -- Über den Umfang, Zunahme und Rückgang des Leinbaus finden sich Zahlen in der Zeitschrift «+Flachs und Leinen+». Wien u. Trautenau. -- Karte der Verbreitung der Flachskultur in ~Scobel~, Handelsatlas.
=Morphologie der Droge.= Die Leinsamen sind flachgedrückt-eiförmig, 4-6,5 mm lang (europäische meist etwa 5 mm), 2,5-3 mm breit und 1-1,5 mm dick. Die größten finden sich bei indischen Sorten. Europäische Leinsamen wiegen meist 0,004 bis 0,0054 g. Doch schwankt das Gewicht (wie die Größe) nach den Sorten. Russische L. wiegen oft 0,01, türkische 0,009. Die Durchschnittssorte Mitteleuropas wiegt 0,0047, weiße indische von Malva 0,0088, gelbbräunliche von Indore (Zentralindien) 0,0093 (~Flückiger~), schwedische 0,004, dalmatinische 0,0053, persische 0,0054 (~Harz~). ~Holmes~ fand (1881), daß von russischem, holländischem, englischem und Calcutta-Lein 12-14 Stück auf 1 grain gehen, von großem Calcutta, Bombay, Sizilischem und Lein von den ionischen Inseln 6-7 Stück auf 1 grain (= 64,8 mg). Der Handel unterscheidet klein- und großkörnigen Lein. ~Caesar~ und ~Loretz~ führen jetzt auch (zum Kauen) eine Sorte von der doppelten Größe der kuranten deutschen Samen.
Sie sind an dem unteren Ende abgerundet, am oberen durch eine Caruncula (crista) genabelt (Fig. 109, 3 X) und unterhalb der stumpfen, etwas schiefen Spitze, dort, wo das als feiner Punkt sichtbare Hilum liegt, leicht eingedrückt. Die glatte (infolge der eingetrockneten Schleimschicht), glänzende, dünne und spröde Schale ist meist gelbbraun bis dunkelrotbraun gefärbt, beim Springlein heller; bei den whit seeds Indiens gelb, bei den red seeds lichtbräunlich. Sie erscheint, mit der Lupe betrachtet, sehr feingrubig infolge der von der Sclereïdenschicht (s. unten) gebildeten kleinen flachen Mulden. Die Raphe läuft vom Hilum aus an der schmalen Kante entlang bis zu der äußerlich nicht sichtbaren, am abgerundeten Ende liegenden Chalaza.
In Wasser gelegt umgibt sich der Leinsamen rasch mit einer hyalinen Schleimhülle, da die Schleimepidermis (s. unten) stark quellbar ist. Spaltet man den Samen der Länge nach parallel der Fläche auf, so sieht man die herzförmigen Cotyledonen (Fig. 109, 4), die die Hauptmasse des Samenkernes ausmachen und in der Spitze des Samens die kurze kegelige Radicula (Fig. 109, 4); spaltet man ihn parallel den Schmalseiten, so erblickt man mit der Lupe zwischen Radicula und Cotyledonen die kleine Piumula. Durchschneidet man ihn in der Mitte quer, so sieht man, daß die plankonvexen Cotyledonen nur von einem schmalen Endosperm umgeben sind (Fig. 109, 7).
=Anatomie.= Die Samen gehen aus hängenden, anatropen Ovulis hervor, deren Mikropyle nach außen und oben gewendet ist und von einem papillösen Pollenzuführungsapparat überdeckt ist (Fig. 109, 2 X), der, aus dem Funiculargewebe hervorgehend, später zur Caruncula wird, die das Spitzchen des Samens (s. oben) bildet. Das äußere Integument liefert die Schichten 1 und 2 der Samenschale, das innere die Schichten 3-6 (Fig. 110). Das äußere bleibt zunächst zweischichtig und wird dann durch Teilung der inneren Zellreihe dreischichtig, das innere Integument vergrößert sich stark und die Zellen füllen sich mit Stärke. Es wird zur +Nährschicht+ (~Tschirch~). Bei der Weiterentwicklung entleeren sich die parenchymatischen Zellen aber wieder in dem Maße wie sie ihre Reservestoffe an die sich verdickenden Hartschichten zum Aufbau der Membranen abgeben und im reifen Samen besteht die Nährschicht fast nur aus der äußeren und inneren Epidermis. Das ganze mittlere Gewebe ist zu einer hyalinen Schicht zusammengefallen oder ganz resorbiert. Der Schleim ist auf die Epidermis beschränkt (Schleimepidermis ~Tschirch~). Er wird direkt als Membranschleim aber ziemlich spät, erst wenn der Embryo schon Grünfärbung zeigt, angelegt, vorwiegend an der Außenseite unter der Cuticula und den Seitenwänden, gar nicht auf der Innenwand. Stärkekörner, die in den Schichten 1 und 2 auftreten, liefern das Baumaterial. Die Schleimmembran besteht aus drei Schichten: einer hyalinen Stäbchenschicht, deren Struktur erst bei der Quellung sichtbar wird, einer körnigen Zone und der sehr breiten, beim Quellen deutliche Schichtung zeigenden Hauptschicht (Details in ~Tschirch-Oesterle~, Atlas). Beim trockenen Samen ist die Schleimepidermis stark zusammengefallen (die primären, Zellulosereaktion gebenden, Trennungsmembranen wellig verbogen). Beim Einlegen in Wasser quillt sie stark, oft auf das fünffache, die primären Membranen strecken sich und die Zellen erscheinen nun prismatisch; schließlich platzt die Cuticula und der Schleim tritt aus. Am leichtesten löst sich die körnige Mittelschicht, dann folgt die breite geschichtete Partie, am längsten widersteht die Stäbchenschicht. Sie löst sich bisweilen mit der Cuticula zusammen spiralig ab (Details bei ~Koran~). Die Verhältnisse lassen sich am besten an Tuschepräparaten studieren. Von der Fläche gesehen erscheinen die Zellen der Schleimepidermis polyedrisch. Die Stäbchenschicht macht sich durch feine Körnelung bemerkbar (Fig. 110 u. 111, 4 a). Wenn man einen Samen mit Wasser schüttelt -- am besten unter Hinzufügen von Glasperlen --, so löst sich die ganze Schleimepidermis los und der Schleim verteilt sich im Wasser. Die zweite, aus der zweiten Zellschicht des äußeren Integumentes hervorgehende, Schicht ist meist zweireihig, auf der Rapheseite fünfreihig. Ihre Zellen sind etwas verdickt, in der Flächenansicht erscheinen sie rundlich (Fig. 111, 2). Interzellularen sind reichlich vorhanden. In dieser Schicht verläuft das Raphebündel. Von den beiden Epidermen des inneren Integumentes wird die äußere zur +Sklereïdenschicht+. Im Querschnitt des reifen Samen erscheinen die reichgetüpfelten Sklereïden verschieden hoch, je nachdem sie an den Kanten oder Flächen des Samens liegen, auch verschieden stark verdickt (Fig. 110, 3). Stets sind sie in der Längsrichtung des Samens gestreckt (Fig. 111, 3 u. 3 a), bis 250 mik lang und c. 10 mik breit. Die Außenlinie der Sklereïdenschicht zeigt Mulden (s. oben). Die innere Epidermis des inneren Integumentes wird zur +Pigmentschicht+, deren Zellen im reifen Samen tangential gestreckt, dickwandig und getüpfelt sind und einen mit Eisenchlorid blauschwarz werdenden Phlobaphenballen enthalten, dessen braunrote Farbe die Farbe der Samenschale bedingt. Bei den hellen indischen Leinsamen fehlt diese Pigmentschicht.
Das +Endosperm+ ist schmal, nur wenige Zellreihen breit an den Flächen des Samens, an den Kanten und dort, wo die Radicula liegt, breiter. Die ~Cotyledonen~ bestehen aus zarten Zellen, deren Wände (ebenso wie die der Endospermzellen) durch Jod gebläut werden, also Amyloid enthalten. Die Palissadenseiten der beiden Blätter liegen auf der Innenseite, also einander gegenüber. Das Mesophyll ist von Procambiumsträngen durchzogen. Die Zellen der Cotyledonen enthalten meist 2-5 große, etwa 10-19 mik lange und zahlreiche sehr kleine Aleuronkörner. Nach ~Lüdtke~ beträgt die Größe der großen elliptischen Aleuronkörner 10,5 mik in der Randpartie der Cotylen, 15 mik im übrigen Cotyledonargewebe und dem Endosperm. Meist sind bei den größeren Körnern ein Globoid und ein oder mehrere undeutlich eckige, durch Jod sich stark gelb färbende Kristalloide vorhanden, neben Grundmasse und deutlicher Hüllhaut. Eingebettet sind die Aleuronkörner in eine Grundmasse, die sich beim direkten Einlegen in Osmiumsäure gleichmäßig braun färbt und die ich als +Ölplasma+ bezeichnet habe. Die Aleuronkörner des Endosperms weichen etwas von denen der Cotyledonen ab. Sie sind häufig lappig. Der Keimling enthält auch Zucker (~Raspail~sche Reaktion).
Die +Keimung+, bei der zuerst das Endosperm entleert wird, erfolgt epigä. Die Schleimepidermis der Samenschale -- und dies ist in erster Linie ihre Funktion -- klebt hierbei den Samen am Boden fest und sichert das Eindringen der Wurzel in den Boden (~Tschirch~ und ~Lüdtke~, vgl. auch oben S. 314).
Das +Pulver+. Der Leinkuchen (farina lini, placenta seminis lini), entweder der gemahlene oder der gemahlene und ausgepreßte Leinsamen (Preßkuchen), der Preßrückstand der Leinölfabrikation, zeigt alle Elemente des Samens mehr oder weniger zerkleinert. Schon mit bloßem Auge lassen sich die braunen Samenschalfragmente von den hellgelblichen der Cotyledonen unterscheiden. Bei den Samenfragmenten (Fig. 111) fallen besonders die getüpfelten, quadratischen, mit rotbraunem Inhalt versehenen Zellen der Pigmentschicht (Fig. 111, 6) und die gestreckten Sklereïden (Fig. 111, 3 u. 3 a) auf, weniger Schicht 2 und die Schleimepidermis. Das Gesamtbild ist ein sehr charakteristisches und mit dem keiner anderen Samenschale zu verwechseln. Die hellen Fragmente bestehen aus dem dünnwandigen Gewebe der Cotyledonen, in dem man leicht (im Öl- oder Alkoholpräparat) die Aleuronkörner sichtbar machen kann. +Stärke fehlt+ oder kommt doch nur in Spuren vor (s. auch unter Verunreinigungen).
=Lit.= ~Arthur Meyer~, Drogenkunde. -- ~Harz~, Landwirtsch. Samenkunde 1885. -- ~Sempolowski~, Beiträge z. Kenntn. d. Baues d. Samenschale. Dissert. Leipzig 1874. -- ~Herlant~, Caract. microscop. de quelqu. graines officinal. Ann. Univ. Libr. Brux. 1882, m. Taf. -- ~Guignard~, Rech. sur l. dével. d. l. graine et en partic. du tégum. semin. Journ. d. botan. 1893 (m. Abbild.). -- ~Vogl~, Commentar 1908 (m. Abbild.). -- ~Tschirch-Oesterle~, Atlas t. 58 (~Schlotterbeck~) (dort die Entwicklungsgeschichte). -- ~Moeller~ in Realenzyklop. und Pharmakognosie. -- ~T. F. Hanausek~ in ~Wiesner~, Rohstoffe. -- ~Nobbe~, Handb. d. Samenkunde. -- ~Cramer~, Vorkommen u. Entsteh. einiger Pflanzenschleime in ~Nägeli-Cramer~, Pflanzenphys. Unters. 1855. -- ~Hofmeister~, Ber. d. Sächs. Ges. d. Wissensch. 1858. -- ~Frank~, Pringsh. Jahrb. 5 (1866), 161. -- ~Mangin~, Observations sur l’assise à mucilage de la graine de Lin. Bulletin de la Soc. bot. de France 40 (1893), 119 (Bemerkungen dazu: ~Guignard~, l. c. 59). -- ~Kořan~, D. Austritt d. Schleimes aus d. Leinsamen. Pharm. Post. 1899, 221. -- ~Lüdtke~, Beschaffenh. d. Aleuronk. einiger Samen. Ber. d. pharm. Ges. I, 53. -- Abbild. der Aleuronkörner bei ~Lüdtke~, Beitr. z. Kenntn. d. Aleuronk. Pringsh. Jahrb. 21 (1889) (auch Dissertat.). -- Über d. chem. Natur der Aleuronkörner vgl. ~Kritzler~, Mikrochem. Unters. über d. Aleuronk. Dissert. Bern 1900. -- ~Nelson~, Mercks Rep. 1906. -- Nährschicht: ~Tschirch~, Anatomie 1889, 459 (die Angabe in ~Schneiders~ Illustriert. Handwörterb. d. Botan., daß der Name von ~Frank~ herrühre, ist unrichtig. ~Lohde~ (Entwicklungsgesch. u. Bau ein. Samensch. Dissert. 1874) drückt sich über die Nährschicht nicht klar aus, er ahnt aber ihre physiologische Bedeutung); vgl. besonders ~Holfert~, Flora 1890 (und Dissert. 1890) m. Taf. -- ~Ravenna~ und ~Zamorani~ (Bedeut. d. Schleims f. d. Keimung). Att. R. Accad. d. Lincei (5) 19, II, 247. -- Erste anatom. Abbild. im Atlas zu ~Oudemans~ Aanteekeningen t. JJ., dann auch in ~Berg~, Anatom. Atlas t. 46. -- Schleimepidermis abgebild. (nach ~Mangin~) in ~Hérail~, Traité de pharmacolog. 1901. -- +Leinkuchen+ (tourteau): ~Collin~ et ~Perrot~, Les résidus industriels de la fabricat. des huiles etc. 1904. -- +Pulver+: Mikroskop. Charak. bei ~Kraemer~, Proc. Am. pharm. ass. 1898, 331 und ~Koch~, Mikrosk. Anal. d. Drogenpulv. 1906, IV, t. 3.
=Chemie.= ~König~ teilt zahlreiche +Analysen des Leinsamen+ mit. Er gibt folgende Prozentzahlen (das Mittel aus allen Analysen in Klammern) in der lufttrockenen Substanz: +Wasser+ 5,47-14,20 (8,96), +Stickstoffsubstanz+ 16,83-30,77 (22,77), +Öl+ (+Fett+) 22,45-40,48 (34,38), +stickstofffreie Extraktstoffe+ 17,58-28,80 (22,86), +Rohfaser+ 4,18-11,59 (6,78), +Asche+ 2,54-8,04 (4,25); in der Trockensubstanz: Stickstoffsubstanz 18,49-33,8 (25,01), Fett 24,66-44,46 (37,76), Stickstoff 2,96-5,21 (4,0). +Leinpreßkuchen+ enthalten (nach ~König~) noch im Mittel 9,88% Öl (3,78-16,34), der Gehalt an stickstoffhaltigen Substanzen beträgt im Mittel 29,48 (19-36,18)%, die Asche 9,69 (5,13-16,5)%.
Leinsamen liefert 3 (~Uloth~) bzw. 5,1-5,9% (~Kirchner~ und ~Tollens~) +Schleim+. Der rohe Schleim enthält oft 7-10% und mehr Asche; unter 0,7% konnte auch ~Tollens~ die Asche nicht herabdrücken. Der Schleim wird nach Zusatz von etwas Salzsäure mit Alkohol gefällt und durch Auswaschen mit Ätheralkohol rein gewonnen. Die konz. wässrige Lösung des Schleims gibt mit Kupfersulfat, ~Fehling~scher Lösung, Bleiacetat, Bleiessig und Quecksilbersalzen unlösliche Niederschläge. Er gibt mit Jodschwefelsäure keine Blaufärbung. Kupferoxydammon bildet eine feste Gallerte. Der Linumschleim läßt sich mit Ammonsulfat aussalzen (~Pohl~). Er ist unlöslich in Alkalien. ~Schmidt~ fand im stickstofffreien Schleim unter Abrechnung der Asche 44,97% C, 6,26% H und 48,77% O. Er entspricht also in der Zusammensetzung anderen Pflanzenschleimen. ~Schmidt~ gab ihm die Formel C₁₂H₂₀O₁₀, welche Formel ~Kirchner~ und ~Tollens~ (1874) bestätigten, ~Tollens~ schreibt die Formel jetzt C₆H₁₀O₅. Die Hydrolyse des Schleims mit 1¼% Schwefelsäure liefert, neben einem «Gummi», 4% Zellulose (~Tollens~) und c. 60% d-Glukose. Mit Magensaft entsteht eine zum Teil kristallisierende Glukose, die keine Schleimsäure liefert (~Fudakowski~). Ein Teil des Leinsamenschleimes liefert bei der Oxydation mit Salpetersäure Schleimsäure (~Guérin~, ~Vauquelin~, ~Cullinan~). Bei der Hydrolyse liefert er denn auch +Galaktose+ und neben +Dextrose+ (d-Glukose, ~Bauer~, ~Hilger~) tritt dann auch +Arabinose+ und +Xylose+ auf (~Hilger~). Er enthält also wohl ein Galakto-Gluko-Arabino-Xylan. Der +gereinigte+ Schleim hat (nach ~Hilger~) die Zusammensetzung: 2(C₆H₁₀O₅).2(C₅H₈O₄), dreht rechts, ist schwach sauer und gibt bei der Destillation mit Salzsäure Furol.
Nachdem schon früher beobachtet worden war, daß bei längerem Aufbewahren von gepulvertem Leinsamen dieser sauer wird (~Pelouze~ fand 5-6% freie Säure) und sich Blausäure entwickelt (~Senior~, ~Jorissen~; ~Senior~ betrachtet die Blausäure als ein Gärungsprodukt), gelang es ~Jorissen~ und ~Hairs~ (1891) aus keimendem Leinsamen 1,5% eines krist. Glykosides (F. = 134°) zu isolieren, das sie +Linamarin+ nannten und das sich (durch das im Leinsamen enthaltene Enzym, verd. Mineralsäuren usw.) in einen reduzierenden, gärungsfähigen Zucker, Blausäure und einen Körper mit Acetonreaktionen spaltet. Es löst sich in Schwefelsäure farblos (Unterschied vom Amygdalin). Dasselbe erwies sich als identisch mit dem +Phaseolunatin+ von ~Dunstan~ und ~Henry~, das diese aus den Samen von Phaseolus lunatus isolierten, dem sie die Formel C₁₀H₁₇O₆N geben (F. = 141°) und das sich nach der Gleichung C₁₀H₁₇O₆N + H₂O = C₆H₁₂O₆ (Dextrose) + HCN (Blausäure) + (CH₃)₂CO (Aceton) spaltet. Wird Leinsamenmehl mit warmem Wasser angerührt bei 25° einige Zeit stehen gelassen und dann destilliert, so erhält man ein blausäurehaltiges Destillat. 100 g liefern 8 mg HCN (gekeimte Samen mehr als doppelt so viel. Es findet bei der Keimung auch eine Neubildung von HCN statt [~Ravenna~ und ~Zamorani~]). Auch die Stengel liefern Blausäure (~Jorissen~).
Das +fette Öl+ (Leinöl) ist in seiner Zusammensetzung noch nicht genau bekannt. Die Elementarzusammensetzung gibt ~Sacc~ wie folgt an: C = 76,8-78, H = 11-11,2, O = 11-12%. Es soll 10-15% +Glyzeride fester Fettsäuren+ (+Stearinsäure+, +Palmitinsäure+ und +Myristicinsäure+) und 85-90% flüssige Glyzeride enthalten. Die flüssigen Fettsäuren bestehen nach ~Hazura~ und ~Grüssner~ aus 5% +Ölsäure+, 15% +Linolsäure+ (C₁₈H₃₂O₂), 15% +Linolensäure+ (C₁₈H₃₀O₂) und 65% +Isolinolensäure+. Ob aber Ölsäure darin enthalten ist, ist noch fraglich. ~Fahrion~ gibt folgende prozentische Zusammensetzung an (1903): Unverseifbares 0,8, Palmitin- und Myristicinsäure 8, Ölsäure 17,5, Linolsäure 26, Linolensäure 10, Isolinolensäure 33,5, Glycerinrest 4,2. ~Lewkowitsch~ hält diese Zahlen aber nicht für richtig und meint, daß ~Folkins~ Angabe wohl zutreffend sei, daß Linolsäure vorherrsche und die Linolensäure nur 22-25% der Fettsäure ausmache. Er hält für wahrscheinlich, daß Linolen- und Isolinolensäure 14%, Linolsäure 78,5% betrage. Das Öl gibt von allen fetten Ölen die größte Menge flüchtiger Säuren (~Dieterich~). Das Öl gehört zu den +trocknenden Ölen+. Es absorbiert an der Luft leicht Sauerstoff und trocknet schließlich zu einer in Äther unlöslichen Substanz ein (Linoxin, superoxydiertes Leinöl). ~Orlow~ gibt dem Linoxin die Formel:
O O--O / \ | | [CH₃.CH₂.CH--CH.CH₂.CH.CH(CH₂)₁₀CO]O.
Diese Veränderung erleidet es auch im Leinmehl beim Erhitzen desselben auf 100-110° (~Klopsch~). Pressung lieferte in Indien bei whit seed 35,1, bold red 31,2, small 29,6% Öl; im Durchschnitt also ⅓ des Gewichtes des Samen. Durch Extraktion erhielt ~Flückiger~ 35,5%, aus weißen indischen Samen 39,2-40% Öl.
~Hauke~ fand in den Samen 3,2 bis 4% +Asche+. Er bezeichnet als obere Grenzzahl 5%. ~König~ fand im Mittel 3,69% (Phosphorsäure: 41,5, Kali: 30,63, Magnesia: 19,29%), ~Dey~ und ~Cowie~ 1,93 (holl.) bis 4,0% (südamer.). Die Asche enthält Kupfer (~Meier~).
In lufttrockener Placenta sem. lin. fand ~Peters~ 7% Asche und 8,32 Wasser.
=Lit.= Die älteste eingehende Analyse der Samen von ~L. Meier~ (in ~Gmelins~ Handb. d. Chem. II, 1251). -- Viele Analysen in ~König~, Nahrungs- u. Genußm. 4. Aufl., bei ~Hooper~, Agricultur Ledger No. 12. Calcutta 1899 und bei ~W. Lawson~, Pharm. Journ. 16 (1885), 245. -- Ältere Analysen des Schleimes von ~Bostock~ (Nicholsons Journ. 18, 31), ~Vauquelin~ (Ann. de chim. 80, 314), ~Guérin Varry~ (Journ. de chim. méd. 7, 739), ~C. Schmidt~ (Lieb. Ann. 51, 29). -- +Schleim+: ~Guérin~, Ann. chim. phys. (2), 49. -- ~Fudakowski~, Ber. d. chem. Ges. 11, 1073. -- ~Cullinan~, Bot. Jahresb. 1884, I, 71. -- ~Hilger~, Ber. d. chem. Ges. 36 (1903), 3198. -- ~Bauer~, Journ. pr. Chem. II, 30, 367. -- ~Hilger~ und ~Rothenfusser~, Ber. d. chem. Ges. 35, 1841. -- ~Kirchner~ und ~Tollens~, Unters. über Pflanzenschleim. Journ. f. Landw. 1874, 502; Lieb. Ann. 175 (1874), 205. -- ~Pohl~, Zeitschr. phys. Chem. 14 (1890), 151.
~Pelouze~ et ~Boudet~, Ann. chim. phys. (2) 69, 43. -- ~Pelouze~, Ebenda 45 (1855), 319. -- ~Jorissen~ et ~Hairs~, Sur la linamarine, glucoside cyanhydrique retiré du Lin. usitatiss. Bull. Ac. roy. belg. (3) 21, 1891 (Journ. pharm. chim. 24 [1891], 259) und 1907, 793. Auch Bull. ac. roy. belg. (3) 5 (1883), 750; (3) 6 (1884), 718; (3) 7 (1884), 736. -- ~Dunstan~ und ~Henry~, Proc. Royal soc. 72, 285 und 78, 145. -- ~Senior~, Brit. Pharm. Conf. 1885 (Pharm. Zeit. u. Jahresber. d. Pharm. 1885). -- ~Jouck~, Beitr. z. Kenntn. d. HCN abspalt. Glyk. Diss. Straßb. 1902. -- ~Th. Greenish~, Further contrib. of the pharm. of linseed. Pharm. Journ. 15 (1884), 169 (Leinsamenmehl). -- +Gehalt an Öl+: ~König~ a. a. O. Dann: Chem. Drugg. 1899, 522. -- ~La Wall~ and ~Pursel~, Am. journ. pharm. 1899, 393. -- ~Patch~, Proc. am. pharm. assoc. 1906, 339. -- ~Dey~ und ~Cowie~, Pharm. Journ. 25 (1895), 1037. -- Über das Öl vgl. bes. ~Lewkowitsch~, Chem. Technol. u. Analyse d. Öle, Fette usw. 1905 (dort die Literatur). -- Dann auch ~Dieterich~, Helfenb. Ann. 1887, 89. -- ~Klopsch~, Zeitschr. anal. Chem. 1888, 452. -- +Asche+: ~Hauke~ a. a. O. -- ~Laudreau~, Ann. agronom. 6, 315. -- ~Moor~ and ~Priest~, Pharm. Journ. 1900. -- ~Peters~, Apoth. Zeit. 1909, 538. -- Zahlreiche Aschenanalys. d. Samen, Früchte u. d. ganzen Pflanze in ~Wolff~, Aschenanalysen 1871, 106.
=Verfälschungen und Prüfung.= Leinsamen ist oft mit anderen Samen vermischt, doch dürfen nicht mehr als höchstens 4% darin sein (~Flückiger~), bei Ölsaat beträgt der Gehalt bisweilen 30-50% (z. B. in Telquel aus Calcutta). ~Nobbe~ fand in einem 2,84% fremde Samen enthaltenden Lein die Samen von 41 Phanerogamen. ~Völcker~ fand in russischem Leinsamen 3%, in bestem indischen 1,75% fremde Samen. In dem hellen indischen Lein verraten sich dunkle Samen leichter, als in dem rotbraunen russischen.
Im Leinsamen wurden oft Cruciferensamen und die Samen des in Leinfeldern häufigen Lolium arvense ~Schrad.~ beobachtet, im Leinmehl oft +Rapskuchen+ (bei Revisionen noch 1910 beobachtet, durch den abweichenden Bau der Samenschale leicht kenntlich) und Weizenmehl (~Beringer~). ~Tunmann~ beobachtete (1906) Kieselguhr als Verfälschungsmittel.
~Holmes~ fand in englischem Lein: Lolium, Polygonum Persicaria, Chenopodium glaucum; in holländischem L.: Chenopodium album; in russischem L.: Camelina sativa, Spergula arvens., Lolium, Polyg. Persicar.; in littauischem L.: Centaurea Cyanus; in Odessa-L.: Polygonum, Convolvulus, Agrostemma Githago, Sinapis, Panicum, Setaria; in indischem L.: Sesamum, Ervum, Sinapis, Medicago; in sizilian. und ionischem L.: Galium spur., Ervum. (Er bildet ab: Lolium spec., Polygon. lapathifol., Spergula arvens., Chenopod. alb., Silene inflata, Camelina sativa, Centaurea Cyanus, Panicum miliac., Setaria, Sinapis, Agrostemma Githago, Sesam. indic., Ervum, Medicago, Galium spur.) ~Collin~ et ~Perrot~ erwähnen und beschreiben (in Les Residus industriels 1904) eine große Anzahl von Verfälschungen der +Leinpreßkuchen+. Sie bilden ab die Elemente der Fruchtschalen des Lein und die besonders häufigen Samenschalen von Spergularia arvensis, Chenopodium polyspermum, Cerastium triviale und von Leguminosen (Luzerne u. and.), sowie Lychnis, Githago und Reisspelzen. Nicht unbedenklich ist eine Beimengung von Lolium temulentum. Daß davon bis 25% in einem Leinsamen vorkamen, ist aber wohl nur eine Fabel oder ein Zufall.
Aus der oben mitgeteilten Entwicklungsgeschichte der Samenschale geht hervor, daß beim unreifen Samen sowohl in der Schleimzellenschicht wie in der darunter liegenden, als auch in der Nährschicht Stärke vorkommt; die Körner sind relativ groß in den äußeren, klein in den inneren Samenschalschichten. Demnach wird man, da dem reifen Samen in der Regel Stärke gänzlich fehlt, die Beimengung unreifen Samens im +Leinmehl+ an den Stärkekörnern erkennen können. Doch fand ~Tunmann~ bei einer Sorte Springlein auch im reifen Samen Stärke, ebenso ~Schürhoff~ und ~Ebert~ (in der Schicht zwischen Schleimepidermis und Faserschicht). Die mikroskopische Prüfung gibt hierüber Aufschluß. Doch kann man auch, da kleine Stärkemengen, die ja auch von geringen zufälligen Beimengungen stärkehaltiger Samen stammen können, toleriert werden dürften, nach ~Lloyd~ in der Weise verfahren, daß man 1,0 Leinmehl mit 20 ccm Wasser kocht, erkalten läßt und zu 8 ccm des Schleims eine Mischung von 0,2 ccm Jodlösung (1 : 50) und 10 ccm 10%ige Schwefelsäure hinzufügt. Hierbei soll Blaufärbung nicht auftreten (weniger als 0,5% Stärke). Fragmente von Cruciferen- (Brassica-, Sinapis-) Samen färben sich mit Kalilauge dunkel (Lein nicht, ~J. Lehmann~). Auch der Nachweis von Schwefel im Destillat oder dem alkalischen Filtrat kann benutzt werden (~Corenwinder~), da die Cruciferen schwefelhaltige ätherische Öle liefern. Neuerdings (Amer. Drugg. 1900) ist beobachtet worden, daß entöltes Leinmehl durch Zusatz von Mineralöl auf den alten «Ölgehalt» gebracht wurde. Da sich in der Ölsaat neben Leindotter- und Cerealien- besonders Cruciferen-Samen finden, enthält das Leinöl meistens etwas Cruciferenöl. Zur Erkennung fremder Beimengungen im Leinmehl wird neuerdings (Ann. d. falsif. 1910) Benzin empfohlen. Leinmehl sinkt unter, die meisten Beimengungen schwimmen oben.
=Lit.= ~Haselhoff~, Fabrik. u. Beschaffenh. d. Leinkuch. bzw. d. Leinmehls. Landw. Versuchsstat. 41 (1892) 55. -- ~von Pesch~, Ebenda S. 73. -- ~Nobbe~, Handb. d. Samenkunde 1876, 439. -- ~Völcker~, Journ. Roy. agr. soc. 9, 5. -- ~Holmes~, Pharm. Journ. 12 (1881), 137. -- ~Flückiger~, Pharmakogn. -- ~Beringer~, Amer. journ. pharm. 1889, 167. -- ~Roger~, Ann. chim. anal. 1906, 136. -- ~Corenwinder~, Journ. chem. soc. 1882/83. -- ~Lloyd~, Amer. journ. pharm. 1895, 463. -- ~Cullivan~, Pharm. Journ. 14 (1884), 983. -- +Stärke+: ~Schürhoff~, Pharm. Zeit. 1906, 658, ~Rustung~, Chem. Zeit. Rep. 1906, 449, ~Tunmann~, Pharm. Centralh. 1906, 725, ~Ebert~, Chines. Arzneischatz. Diss. Zürich 1907.
=Anwendung.= Sem. lini ist ein Bestandteil der Spec. emollientes. Der Leinsame gehört zu den schleimigen Vehikeln und den einhüllenden, reizmildernden und resorptionshemmenden Mitteln. Die Placenta sem. lini dient zu meist heißen Breiumschlägen (Cataplasmen von καταπλάσσειν = Brei auflegen). Aus Laienkreisen (~H. W. Vogel~) ist dem Leinsamen hervorragende Wirkung bei Diabetes nachgerühmt worden und er findet sich auch unter den Mitteln des Pfarrer ~Kneipp~. Er wird auch in der Zeugdruckerei benutzt. -- «Statt Decoctum sem. lini ist die Kolatur einer halbstündigen Maceration zu dispensieren» (Pharm. helvet. IV).
Außer den Samen werden auch die aus den Ölmühlen stammenden gemahlenen (sehr harten) Preßkuchen (Placenta sem. lini, Leinkuchen, pain ou gâteau de lin, Linseedcake) benutzt. Da bei ihnen für die medizinische Anwendung der Schleim die Hauptsache ist (ihm verdanken sie auch die Fähigkeit viel Wasser zu binden), können sie wohl an Stelle der noch alles Öl enthaltenden Sem. lini pulveratum benutzt werden, doch erhält man bessere Cataplasmen mit gepulvertem (gemahlenem) Lein. Wegen des hohen Stickstoffgehaltes (s. oben) sind die Leinsamenpreßkuchen auch ein vorzügliches Futtermittel. In Westindien wird die unreife Frucht als Gemüse benutzt. Leinpreßkuchen ist neuerdings als Verfälschungsmittel von Gewürzpulvern beobachtet worden.
Die früher so viel verwendete +Charpie+ (Linteum carptum, linamentum) wurde vorwiegend durch Zerzupfen von Leinwand dargestellt.
=Lit.= Wasserbindung: ~Carles~, Journ. ph. chim. 10, 244.
=Geschichte.= Der Flachs ist eine der ältesten Kulturpflanzen. Wie Gräberfunde zeigen, wurde im alten Ägypten sicher im III., vielleicht schon im IV. Jahrtausend n. Chr. Lein gebaut (I, S. 457). Auf Grabgemälden der XII. Dynastie (2400-2200 n. Chr.) ist der Flachsbau und die Verarbeitung des Lein in allen Details dargestellt (Abbild. bei ~Wönig~). Wir treffen dort sowohl Linum usitatiss. var. vulgare (gewöhnlicher L., Schließlein) wie auch L. u. var. crepitans (Klenglein) (~Braun~, ~Schweinfurth~, ~Buschan~). Die gefundenen Fruchtproben der letzteren stimmten in +allen+ Punkten mit dem noch jetzt in Ägypten gebauten Klenglein überein. ~Körnicke~ meint, daß sich der gewöhnliche Lein (L. usit. var. vulgare) aus L. angustifolium ~Hudson~, einer nur wenig von ihm verschiedenen, durch Übergänge mit ihm verbundenen, über das ganze Mittelmeergebiet von den Kanarischen Inseln bis Palästina und den Kaukasus wildwachsend verbreiteten, sowohl einjährigen wie perennierenden Art mit zahlreichen, vom Grunde aus aufsteigenden, bei der Reife sich öffnenden Kapseln und kleinen Samen entwickelt habe. Auch ~Wettstein~ bemerkt (1903), daß die Stammform unseres Lein perenn gewesen sein müsse, aufspringende Früchte und niedrigere Stengel gehabt habe und im Süden oder Osten Europas heimisch gewesen sei. Diese Umbildung muß sich schon vollzogen haben, bevor die Pflanze (durch die Prosemiten (?), ~De Candolle~) nach Ägypten kam. Die Mumienbinden des Königs ~Menkara~ (IV. Dynastie um 3600 n. Chr.) bestehen noch aus Wolle, leinene traten in der XII. Dynastie auf (2400-2200 n. Chr.). ~Thomsens~ (1834) und ~Ungers~ (1860) mikroskop. Untersuchungen zeigten, daß der Byssus der alten Ägypter Lein war (nicht Baumwolle). Auch in Mesopotamien bestand schon vor vier- bis fünftausend Jahren oder noch früher Flachsbau. Später nennt ~Strabo~ die Stadt Borsippa als Sitz der Leinwandindustrie Babyloniens. Flachs tritt aber bereits in altchaldäischen Gräbern der vorbabylonischen Zeit auf (~Maspero~, ~De Candolle~). Zur Zeit, als die Kinder Israels aus Ägypten zogen, waren die Gefilde des Landes am Nil reich mit Flachs bestellt (2. Mos. IX, 31). Als die Juden nach Palästina kamen, fanden sie dort bereits den Flachs (= pischta) in Kultur. Sie bedienten sich viel des Flachs. Die Priester trugen feine, das Volk grobe leinene Gewänder (~Buschan~). Dies finden wir auch bei anderen Völkern und noch heute schreibt die katholische Kirche leinene Chorhemden den Priestern vor. Durch ~Pausanias~ wissen wir, daß die Landschaft Elis Flachs baute und Linum findet sich auch in der mykenischen Periode (~Schliemann~). In Italien ist der Flachsbau sehr alt, geht aber nicht in die vorarische Zeit zurück. ~Herodot~ bezeichnet leinene Kleider als Luxus. Auch für Panzerhemden wurde Lein verarbeitet. Die Pfahlbauer der Steinzeit in Oberösterreich, Oberitalien und der Schweiz bauten Lein und zwar Linum angustifolium (~Heer~; die Schweizer Pfahlbauer bauten die perennierende Varietät). Auf der iberischen Halbinsel ist er zur Bronzezeit nachgewiesen. Die Indogermanen brachten wohl +diese+ Art und ihre Kultur aus ihren Kleinasien und Thrakien benachbarten Stammsitzen mit (~Schrader~). Wann das L. angustifol. in Europa durch unseren heutigen Lein verdrängt wurde, ist unbekannt. Vielleicht geschah dies zu Anfang unserer Zeitrechnung (~Neuweiler~). Zu ~Plinius~ Zeiten wurde letzterer jedenfalls schon gebaut. Neuerdings hat ~Neuweiler~ die Ansicht zu begründen gesucht, daß der +Pfahlbaulein+ eine Form von L. austriacum sei. «Wir haben es mit einer Varietät oder Rasse einer perennierenden Leinart (L. usitatiss. ist einjährig), die L. austriacum am nächsten stand, zu tun, aus der sich die jetzigen auch in Kultur vorkommenden perennierenden Leinarten, L. austriacum und L. perenne, entwickelt haben können. Als Stammform wird auch für diese Reihe (wie für L. usitatiss.) L. angustifol. anzunehmen sein» (~Neuweiler~). Bei den germanischen Völkern lag die Leinkultur und Verarbeitung in den Händen der Frauen. Sie verzierten die Leingewebe mit Vorliebe mit roter Farbe. Und noch heute wird die Wäsche rot gezeichnet. Der Flachs ist die heilige Pflanze der ~Frigga~, der Gemahlin ~Odins~ und Schutzgöttin der Ehe. Ihr Katzengespann war mit Strängen blühenden Leins angeschirrt. Sie war Schirmerin der Flachsbearbeitung und wurde (unter dem Namen Frau Holle) als spinnende Frau dargestellt (~Reling~ u. ~Bohnhorst~). ~Tacitus~ erwähnt in der Germania (Kap. XVII) deutsche Leinwand. ~Unger~ betrachtet (gestützt auf ~Herodot~) die sumpfigen Niederungen im Südwest-Kaukasus als das Vaterland des Lein; ~Hoops~ Kleinasien und die Kaukasusländer als Heimat des Flachsbaues. Nach ~Schrader~ scheint der Flachs schon in der Heimat der Indogermanen Kulturpflanze gewesen und als +solche+ bei dem Zuge nach dem Westen gebracht worden zu sein, denn die gemeinsame Grundwurzel aller Idiome der europäischen Indogermanen ist die Silbe li (s. oben), die sowohl Flachs wie Gewebe bedeutet.
In Abessynien dienen die Samen eines niedrigen Berglein seit undenklichen Zeiten mit Salz und Pfeffer zerrieben als Fastenspeise (~Braun~, ~Schweinfurth~). ~Joachim~ übersetzt an mehreren Stellen des Papyrus ~Ebers~ (I, S. 463) ein Wort mit Leinsamen, setzt aber ein Fragezeichen dazu. Wir wissen, daß sie die Ägypter wie die Assyrer besonders mit Honig (I, S. 480) viel als Arzneimittel benutzten. Und auch bei den alten Juden spielten Leinsamen (kasno?) und Leinsamensuppe (ḳaṣchā?) eine Rolle unter den sog. diätetischen Mitteln (I, S. 489). In der chinesischen Medizin scheint Lein (huma) keine große Rolle gespielt zu haben. Ich finde ihn z. B. im Pentsʿao kang mu nicht. Das gleiche gilt von der indischen Medizin, wo bei ~Sušrutas~ der Name akasa für Linum steht (I, S. 506). Dagegen bediente sich ~Hippokrates~ (I, S. 542) der Leinsamen gern -- unter den Schleimmitteln des Corpus Hippocraticum steht λίνον obenan. -- Die Sitte Leinsamen (sowie Mohn- und Sesam-Samen) auf das Brot zu streuen, die auch für den Norden bezeugt ist, erwähnt der lydische Dichter ~Alkman~ (670-640 n. Chr.). Der erste, der Schleim und Fett der Samen und ihre Anwendung bei Husten erwähnt, ist ~Theophrast~ (Hist. plant. III, 18, 3: γλισχρότητα καὶ λίπος). ~Dioskurides~ (II. cap. 125) vergleicht den Samen mit dem ebenfalls schleimigen Samen des Foenum graecum. Er nennt eine Menge Krankheiten, gegen die er innerliche oder äußerliche Anwendung (als Clysma und Sitzbad) der Leinsamen empfiehlt. ~Plinius~ bespricht im XIX. Buch eingehend die Leinkultur, die Faserbereitung (das Asbestinum Linum, der «unverbrennliche Lein» war aber Asbest) und die medizinische Anwendung der schleimigen Samen, bei der, wie es scheint, meist der Honig (und zur Verdeckung des faden Geschmackes auch Pfeffer, s. oben) mit im Spiele war -- so z. B. auch bei ~Crescenzi~ (I, S. 677). Geröstete Leinsamen erwähnt ~Galen~ und Lini semen wie Farina seminis lini steht bereits in den Compositiones des ~Scribonius Largus~ (I, S. 577), der Leinsamen bei trockenem Husten zur Beförderung der Expectoration empfahl. ~Celsus~ brauchte ihn mit süßem Wein gemischt bei Geschwüren im Halse, ~Andromachus~ bei Harnbeschwerden, ~Moschion~ bei Menstruationsstörungen in Form von Leindekokt-Bädern. Auch zu Speisen und Backwerken fand er im Altertum Verwendung (~Dierbach~). Im Edikt ~Diocletians~ (I, S. 569) steht λινόσπερμον und auch ~Alexander Trallianus~ (I, S. 592) benutzte die Leinsamen oft (sie heißen bei ihm ebenso). Die Leinkultur erwähnen die römischen Landwirtschaftsschriftsteller (z. B. ~Columella~). Die Griechen bauten λίνον, die Römer Linum. Alle Operationen der Erntebereitung der Flachsfaser finden wir schon bei den Römern, das Raufen (vellere), Rösten (macerare), Brechen (frangere), Hecheln (digerere). Bei ~Ibn Baithar~ (I, S. 610) sind zahlreiche Krankheiten angeführt, bei denen Leinsamen anzuwenden ist. ~Elgâfaki~ vergleicht die schmerzstillende Wirkung mit der der Kamille. Auch Fumigationen und Leinsamenumschläge waren beliebt und der geröstete Same diente als Adstringens. Doch scheint das Mittelalter im allgemeinen die Leinsamen wenig beachtet zu haben (im Regimen sanitatis und der Flos medicinae (I, S. 629) sowie im Hortulus fehlt Linum), doch finden wir in der Alphita (I, S. 651) Lineolum (oleum de semine lini) und das Breviarium ~Karls~ (I, S. 621, +nicht+ das Capitulare, wie ~Flückiger~ angibt), die ~Hildegard~ (I, S. 670), die den Samen zu Kataplasmen empfiehlt, ~Megenberg~ und das Gothaer Arzneibuch (I, S. 680) gedenken des Leinsamen. Flachs steht auch im Zolltarif von Accon (I, S. 699) und dem von Messina (~Sella~) und die Abtei Saint Germain des-Prés erhob im VIII. Jahrh. Leinsamen als Abgabe (I, S. 715). Die Wirkung der Leinsamen als Aphrodisiacum, die ~Matthioli~ betont und die auch dem Volke bekannt ist, erwähnt schon ~Dioskurides~. Der Leinsamen dient noch jetzt zum Liebes- und Eheorakel (Vogtland, Österreich) und spielt auch bei den Hochzeitsbräuchen der Südslaven eine Rolle (~Krauss~). Wie ausgedehnt der Flachsbau im XVI. Jahrh. in Deutschland war, zeigt der Umstand, daß es in Augsburg damals 3500 Weber gab. Die Fugger verdanken ihren Reichtum zum Teil der Weberei. Ehemals wurde Leinsamendekokt (zusammen mit Bockhornsamen- und Altheeschleim) zur Bereitung des Empl. diachylon benutzt, das seinen Namen (= Pflaster mit Saft) daher hatte (~Peters~). Das Emplastrum Diachylon des ~Mesuë~ z. B. enthält in allen seinen verschiedenen Vorschriften (vgl. ~Cordus~ Dispensatorium. I, S. 795) Mucilago seminis Lini.
«Die von den Alten nicht geübte Ölmalerei, welche sich wesentlich auf die Verdickungsfähigkeit der sog. trocknenden Öle stützt, mag einen weiteren Aufschwung der Wahrnehmung verdankt haben, daß jene Eigenschaft des Öles durch Besonnung noch mehr erhöht wird. Dieser Behandlung unterwarf man das Leinöl (ebenso wie Mohnöl und Rizinusöl) schon im IV. Jahrh. Das erstere wurde zum gleichen Zwecke vom X. Jahrh. an, wenn nicht schon früher, auch mit Bleioxyd gekocht (~Ilg~). Solcher Firniß scheint wohl lange Zeit vorzüglich in Danzig bereitet worden zu sein; manche Taxen des XVI. Jahrh. nennen Vernisium Dantiscanum und aus ~Valerius Cordus~ (Annot. ad. Dioscor.) ist ersichtlich, daß damit Leinölfirniß gemeint ist» (~Flückiger~). Die ältesten Papiere (s. oben S. 256) sind Hadernpapiere. In den alten arabischen, d. h. islamitisch-orientalischen und auch in den ältesten europäischen Papieren spielt die Leinfaser die Hauptrolle. Sie tritt in den Papieren viel häufiger auf als Hanffaser (~Wiesner~).
=Lit.= ~Heer~, Pfl. d. Pfahlbaut. 1865 u. Flachs u. Flachskultur im Alterthum. Zürich 1872. -- ~Unger~, Bot Streifzüge auf d. Geb. d. Culturgesch. Sitzungsb. d. Wiener Akad. IV-VII. -- ~Wönig~, D. Pflanz. d. alt. Ägypt. 1886. -- ~Schweinfurth~, Ber. d. d. bot. Ges. 1883 u. 1884. -- ~Körnicke~, Bemerk. über d. Flachs d. heut. u. alt. Ägypt. Ber. d. d. bot. Ges. VI, 388. -- ~Thär~, Altägyptische Landwirtsch. 1881. -- ~Buschan~, Vorgeschichtl. Botan. 1895. Prähistor. Gewebe u. Gespinste 1889 und die Weberei der Vorzeit. Verh. d. Berl. Anthropol. Ges. 1889. -- ~Neuweiler~, Prähist. Pflanzenreste Mitteleuropas. Zürich 1905. -- ~A. Braun~, Pflanzenreste aus altägypt. Gräbern. Zeitschr. f. Ethnolog. 1877. -- ~Schrader~, Sprachvergleichung und in ~Hehn~, Kulturpflanz. u. Haust. -- ~De Candolle~, L’Orig. des plant. cultiv. -- ~Maspero~, Hist. anc. d. peupl. de l’Orient 1878. -- ~Blümner~, Technol. u. Terminolog. d. Gewerbe u. Künste bei Griechen und Römern 1875. -- ~H. Vogel~, Über d. Culturgesch. d. Flachses u. seinen Kampf mit d. Baumwolle. Darmstadt 1869. -- ~Sella~, Pandetta delle gabelle e dei diritti della curia di Messina Torino 1870 (Miscellanea di storia italiana t. X). -- ~Earle~, Bot. and mat. med. of linseed. Pharm. Journ. 14 (1884), 979. -- Sagen und Volksgebräuche in ~Reling~ und ~Bohnhorst~, Unsere Pflanzen. 4. Aufl. 1904. -- ~A. Braun~, Flora 1848, 94. -- ~Schweinfurth~, Petermanns Mitth. 1868, 168. -- ~Hildebrandt~, Zeitschr. f. Ethnologie. Berlin 1874, 327. -- ~Dierbach~, Synopsis mat. med. -- ~Flückiger~, Pharmakognosie. -- ~Ilg~, Von den Farben u. Künsten d. Römer in ~Eitelbergers~ Quellenschr. f. Kunstgesch. u. Kunsttechn. d. Mittelalt. IV (1873). -- ~Jul. Wiesner~, Rohstoffe und Die mikroskop. Unters. d. Papiers. Mitt. aus d. Samml. d. Pap. Rainer 1887.
=Paralleldrogen.= Schleimepidermen besitzen auch die Samen von Linum perenne L., L. Levisii ~Pursh.~, L. austriacum L., L. angustifolium ~Huds.~, L. maritimum L. und können (nach ~Dragendorff~) wie Linum usitatissimum gebraucht werden. In Vorderindien darf Sem. lini durch die Samen von Plantago ovata ersetzt werden (I, S. 22).
Sem. Cydoniae.
=Syn.= Quittensamen, Quittenkerne -- in Tirol: Kittenbaum, in der Schweiz: Schmeckbirn, in Osnabrück: quie -- coing (franz.) -- quince (engl.) -- kwee, quee (holl.) -- cotogno (ital.) -- membrillo (span.) -- marmeleiro (port.) -- birsalma (ung.) -- κυδώνια (plur. n.-griech.) -- armud, aiva (russ.) -- bihí-danah (hind., bomb.) -- shimai-dalavirai (tam.) -- safarjal (arab.).
=Etym.= Quitte (früher [XI. Jahrh.] Quidde); +mhd.+ quiten, kitten und küten (bei ~Brunschwyg~, ~Bock~, bei ~Megenberg~, I, S. 693: kütenbaum); +ahd.+ chutina (chotin, chutinbaum, chutinboum) von gemeinroman. cotônea (cottanum, bei ~Plinius~: mala cotonea). Dies aus κυδώνεα (bei ~Dioskurides~: κυδώνια). Aus cotônea dann auch coing (+franz.+ so z. B. im Inventar ~Lefort~ [I, S. 805] 1439) und kwee (+holl.+). Die spätgriech. Namen bei ~Langkavel~, Botan. d. spät. Griech. Im Mittelalter: cedonia, citonium, coctanus, cotoneum, quotanum, im +ital.+: cotegra. -- Im IX. Jahrh. auch coronopus (= Krähenfuß). Bei ~Serapion~ und in der Alphita (I, S. 645): cithonia, mala citonia; bei ersterem auch: tuffa, suffargel. In den Sinonoma (I, S. 639): cottana, citonia. -- Bei ~Megenberg~ heißen die Früchte: pirn küten, gemain küten. Bei der ~Hildegard~ (I, S. 670): Quitdenboum, quotanus -- bei ~Albertus Magnus~ (I, S. 674): coctanus, citonius. -- In den mittelengl. Medizinbüchern (I, S. 684): quyns -- im Gothaer Arzneibuch (I, S. 681): quede. «Die lateinische Form cotonea wird auf einer Vermischung mit Namen der Feige beruhen, die auch in dem kleinrussischen (und poln.) Namen für Quitte pigva hervortritt» (~Schrader~) -- cottana waren kleine Feigen. -- Von dem portugiesischen Worte für Quitte: marmeleiro (ordinario) ist das Wort marmelade abgeleitet.
=Stammpflanze.= =Cydonia vulgaris= ~Persoon~ (Enchirid. II, 40) [+Pirus+ (nicht Pyrus) +Cydonia+ L., Cydonia Cydonia ~Karst.~, C. europaea ~Sroi~, Sorbus Cydonea ~Crantz~], Quittenbaum, Cognassier, coigenassier.
Mit den Varietäten: var. maliformis ~Mill.~, Apfelquitte, apfelförmig, beiderseits genabelt, -- var. oblonga ~Mill.~, Birnquitte, Quittenbirne, birnförmig, nur auf dem Scheitel genabelt (das malum strutheum ~Catos~). -- var. lusitanica ~Med.~, portugiesische Quitte, sehr groß und gerippt und noch einigen anderen Sorten (vgl. ~Mataicu~, Nomenclator pomolog. 1889).
Schon ~Plinius~ erwähnt fünf Sorten. ~Columella~ nennt struthia, chrysomelina und mustea. ~Theophrast~ (Hist. plant. 2, 2. 5) unterscheidet zwischen der wilden (verwilderten) Quitte, κυδώνιος und der zahmen, die er στρούθιον nennt, eine Bezeichnung, die sich (neben στρουτόμηλον) ebenso bei den späteren Griechen und auch bei den Römern findet. Der Autor von ~Makhzan~ beschreibt drei Arten Quitten (Safayal): die süße, die saure und die säuerliche (arab. muzz) (Pharmacogr. ind.).
=Systemat. Stellung.= +Rosaceae+, Pomoideae -- Pomariae -- Eucydonia (~Focke~).
=Beschreibung.= Die Quitte ist meist ein kleiner Baum, der selten 3 m Höhe überschreitet, mit abstehenden dornenlosen Ästen, oft ohne einen eigentlichen Hauptstamm (das steht schon bei ~Plinius~) und kurzgestielten, eiförmigen oder eilänglichen, ganzrandigen, alternierenden +Blättern+, die unterseits, ebenso wie die jungen Zweige und der Fruchtknoten zottig-graufilzig sind. Nebenblätter laubig, länglich, drüsig gesägt. Die einzeln terminal stehenden +Blüten+, die größer sind als die des Apfels und bis 7 cm Durchmesser erreichen, besitzen fünf oblonge, drüsig-gesägte, filzige, unterseits zottig behaarte Kelchblätter, fünf damit alternierende, rötlichweiße oder weiße und rötlich geaderte Kronenblätter, die eine gedrehte Knospenlage besitzen und 15-20 Stamina, die in drei Kreisen angeordnet sind -- bei 20 Staubfäden ist der äußere Kreis zehnzählig und die beiden inneren sind je fünfzählig. Das Gynaeceum ist unterständig, die fünf Griffel sind frei. Die aufsteigenden anatropen Ovula liegen in zwei collateralen Reihen. Die goldgelbe, stark und eigentümlich lieblich riechende, herb und sauer schmeckende Frucht ist apfel- bzw. birnförmig (s. oben), von dem vergrößerten laubigen Kelch bekrönt [vielleicht rührt der Name Coronopus (s. oben) von den auf der Frucht sitzenbleibenden Kelchzipfeln her, ~Fischer-Benzon~], gelb oder grünlich-gelb -- «quittegelb» ist im Sprachgebrauch eine besondere Nuance des Gelb --, oft noch stellenweise von einem leicht abreibbaren Filze bedeckt, den Resten der Behaarung des Fruchtknotens, daher spinnwebig filzig (~Martial~ vergleicht den Flaum auf der Wange eines Kindes mit diesem Flaume). Das Fruchtfleisch ist derb, hartfleischig, wenig saftig, sehr herbe und sauer. Das Kerngehäuse pergamentartig knorpelig. Das Kerngehäuse entsteht aus den fünf Carpellen, die mit dem Receptaculum verwachsen. Das Fruchtfleisch (Mesocarp) und die Schale (Exocarp) sind also Bildungen des Receptaculums, wie dies bei der Gruppe der Pomoideen stets der Fall ist. Die Frucht ist also eine Scheinfrucht vom Typus der Apfelfrucht. In der Mittelschicht der Frucht finden sich viele Sklereïdengruppen (Reste der Drupa), die sich zumal gegen das Gehäuse zu sehr eng zusammendrängen. Jedes der fünf Fächer umschließt einen Ballen von 6-15 (selten mehr) Samen (Fig. 112). Die Frucht bleibt auch zur Zeit der Reife hart. Die Quitte blüht im Mai oder Juni.
Die Quitte wächst wild im Kaukasus, in Transkaukasien (bis 1300 m), den kaspischen Provinzen Persiens, Talysch und Asterabad, in Armenien, Syrien und Kleinasien (~Engler~). Verwildert findet sie sich im ganzen Mittelmeergebiet. Für uns kommen jedoch nur kultivierte Quitten in Betracht. Die Quitte ist von ihrer ursprünglichen Heimat, den transkaukasischen, südkaspischen, ostiranischen, turanischen und südostarabischen Ländern über Persien und Syrien zunächst nach dem Mittelmeergebiet gebracht worden. In Kultur ist die Quitte jetzt im ganzen warmen und gemäßigten Europa, sowie in Afrika, in Ägypten, Tripolis, auf Teneriffa und am Cap. In Italien z. B. findet sie sich im Valle Pantena bei Verona, bei Marsano, Bologna und in Sardinien spontan und kultiviert (~Ravasini~), doch trägt sie reicher im Süden. Ihre Früchte reifen noch in England, nicht mehr in Schottland (~Hanbury~), wohl aber in einigen Gegenden im Süden Schwedens und Norwegens (~Schübeler~). Im Süden ist sie ein Baum, im Norden wird sie oft strauchartig. Nach Amerika ist sie wohl frühzeitig gebracht worden. Sie wächst (halb wild?) in Chile (~Philippi~), Guatemala (~Smith~), Mexiko und Florida und wird auch dort kultiviert. Die Kultur hat, wie es scheint, die Frucht der Quitte wenig verändert.
=Lit.= ~Boissier~, Flor. orient. II, 656. -- ~Baillon~, Hist. des plantes. Monogr. d. Rosac. -- ~Decaisne~, Mem. sur la fam. d. Pomacées. -- ~Luerssen~, Medic. pharm. Botan. -- ~Morgenthaler~, Beitr. z. Entwicklgesch. der Quitte, Dissert. Zürich 1897 (dort die Lit. über die Verbreitung). -- ~De Candolle~, L’origine d. plant. cult. -- ~Schübeler~, Pflanzenw. Norwegens. -- ~Tschirch~ in Real-Enzyklopädie. -- +Abbild.+: ~Hayne~, Arzneigew. IV, t. 47. -- ~Nees von Esenbeck~, Pl. med. t. 305. -- ~Dodel~, Anatom. physiolog. Atlas (Blüte). -- ~Berg~, Charakteristik t. 63, f. 479. -- ~Berg-Schmidt~, Atlas I. Aufl. -- ~Pabst-Köhler~, Medizinalpfl. t. 34. -- ~Bentley-Trimen~, Medicin. plants t. 106.
=Pathologie.= Über die Krankheiten der Quitte berichtet Prof. ~Ed. Fischer~: In großer Zahl fallen in gewissen Jahren die jungen Quittenfrüchte der Sclerotinia Cydoniae ~Schellenb.~ zum Opfer. Das Mycel dieses Pilzes überwintert in den Zweigen, wächst dann im Frühjahr in die jungen Blätter, die gelbbraun bis schwarzbraun werden und absterben. Auf diesen erkrankten Blättern erscheint die sog. +Monilia+form des Pilzes, welche durch mandelartigen Geruch wahrscheinlich Insekten anlockt, die diese Sporen auf die Narben der Quittenblüten übertragen. Hier findet die Keimung statt; die Keimschläuche wachsen durch den Griffelkanal in den Fruchtknoten. Dieser bleibt, statt zu einer normalen Frucht heranzuwachsen, klein, verwandelt sich in ein Sclerotium und fällt im Herbst ab. -- Übrigens kann das Mycel auch direkt aus einem erkrankten Zweige in eine Blütenknospe hineinwachsen und diese zum Absterben bringen (s. ~H. C. Schellenberg~: Über die Sklerotienkrankheit der Quitte. Berichte der deutschen botan. Gesellschaft Band XVII, 1899). -- Eine Fleckenkrankheit der Quittenfrüchte wird durch Trichoseptoria fructigena ~Maublanc~ hervorgerufen.
Über die tierischen Schädlinge berichtet ~Israël~: Die Feinde von Apfel-, Birn- und Quittenbaum lassen sich nicht trennen.
1. +Käfer+: Liopus nebulosus L.: Larven unter der Rinde von Obst- und Waldbäumen. Anobium striatum ~Ol.~: Die Larven dieses sehr gemeinen und in Möbeln und Gebälk sehr schädlichen Käfers lebt auch im Holze alter und kranker Obstbäume. Bostrychus dispar. ~Fabr.~: Larven im Splinte diverser Obstbäume. Die Larven der Bostrychiden veranlassen sowohl an Laub- als auch an Nadelhölzern die sog. Wurmtrocknis. Mehrere Eccoptagaster- und _Magdalinus_arten leben als Larven im Splinte von Pflaumen-, Apfel-, Birn- und Quittenbäumen. Auch in Kirschen und Schlehen usw. _Otiorhymhus_arten werden schädlich durch das Benagen junger Triebe. Häufig an Obstbäumen usw., auch an dem Weinstocke gelegentlich schädlich. Phyllobius calcaratus ~Fabr.~, P. pyri L., P. argentatus L., P. oblongus L., _Polydrusus_arten: Diese Grün- und Glanzrüsselkäfer werden gelegentlich lästig und schädlich durch das Benagen von Knospen, Blättern und krautartigen Stengelorganen der Obstbäume. Von den _Rhynchites_arten (Rebenstecher) sind es ganz besonders Rh. cupreus L., bacchus L., alliariae L., aequatus L., aureus ~Scop.~ und andere, die oft sehr lästig werden können. Die Larven leben entweder in den Früchten oder den jungen Trieben. Auch _Anthonomus_arten (Blütenstecher) treten gelegentlich schädlich auf. Die Larven fressen die Geschlechtsorgane der Blüten aus und verpuppen sich in den verdorrenden Blüten. Auch _Apion_arten (deren Larven meist in den reifenden Hülsen von Leguminosen leben) schaden als Käfer durch das Benagen der Knospen usw.
2. +Falter.+ Papilio podalirius L.: Raupe an Apfel-, Birn-, Quitten-, Aprikosenbäumen, besonders an Schlehen und Pflaumen. Aporio crataegi L.: Raupe an Obstbäumen und Schlehen. Vanessa polychloros L.: Raupe an Ulmen, Apfel-, Birn- und Quittenbäumen, auch an Weichsel und Kirsche. Lycaena argiolus L.: Raupe an Rhamnus Frangula, Pirus communis, P. malus, Mespilus germanica. Smerinthus tiliae L.: Raupe an Linde, Eiche, Birke, Ulme, Maulbeere, seltener an Apfel, Quitte, Syringe. Smerinthus ocellata L.: Raupe an Weiden, Pappeln, Aspen, seltener an Apfel, Quitte, Birne. Zeuzera aesculi L., Cossus cossus L.: Raupen in Wald- und Obstbäumen. Cossus oft zahlreich in einem Stamme und denselben baldigst vernichtend. Die Raupen verraten sich oft durch den starken Geruch nach Holzessig. Zeuzera mehr im Holze der Zweige, gelegentlich auch in den Wurzeln, seltener im Stammholze. Saturnia pyri W. V., S. spini W. V.: Raupen hauptsächlich in Ungarn an diversen Obstbäumen, z. B. an Apfel, Birne, Quitte, Schlehe, Aprikose usw. Saturnia pavonia L.: Raupe ziemlich polyphag, auch an Obstbäumen. Ocneria dispar L., Aglia tau L.: Raupen an Wald- und Obstbäumen. Orgyia gonostigma F., Or. antiqua L., Dasychira pudibunda L., Porthesia chrysorrhoea L., P. similis ~Fussly~, Psilura monacha L. und viele andere Spinner leben an diversen Laubhölzern, auch in Gärten oft mehr oder minder schädlich auftretend. _Bombyx_arten (namentlich crataegi, neustria, lanestris) und _Lasiocampa_arten (namentlich quercifolia) tun in Obstgärten oft enormen Schaden. Die in Nestern lebenden Raupen sind im ersten Frühjahre leicht zu finden. Man muß die Nester abschneiden und verbrennen. Wenn sich die Raupen erst über den ganzen Obstbaum verstreut haben, ist es meistens zu spät, um einen Kahlfraß zu verhüten.
Die Zahl der +Eulen-+ und +Spannerraupen+, die unter andern auch an Obstbäumen leben, ist sehr groß, ohne daß man diese aber als Spezialfeinde ansehen könnte, da sie gegenüber den schädlichen Spinnern bedeutend weniger in Frage kommen.
Unter den +Microlepidopteren+ überwiegen die +Tortricineen+ und die +Carpocapsen+. Carpocapsa pomonana S. V. frißt die Kerngehäuse aus und ist in manchen Jahrgängen stellenweise so häufig, daß man kaum einen Apfel oder eine Birne oder Quittenfrucht findet, in der nicht eine Wicklerraupe gefressen hätte. Die Früchte fallen im Zustande einer Notreife oft vorzeitig ab.
3. +Schnabelkerfe.+ Unter den Schnabelkerfen ist, von einigen lästigen Blatt- und Schildläusen (unter diesen befinden sich mehrere aus Amerika eingeschleppte Schädlinge) abgesehen, die +Blutlaus+, ein furchtbarer Zerstörer der Obstbäume. Die Stämme werden meist krebskrank. Das Kalken der Bäume ist wohl (obgleich es von den Behörden angeordnet wird) nicht so sehr zu empfehlen, da man an den weißen Stämmen neue Brutherde zu leicht übersieht. In neuerer Zeit hat sich das Anstreichen der Stämme mit Carbolineum (mit gleichen Teilen Wasser verdünnt) gut bewährt. Übrigens ist die Zahl der Blutlausvertilgungsmittel, die mehr oder minder gut sind, sehr groß. Auch Auflösungen von roher Schmierseife in Wasser sind zu empfehlen.
Als +Schädlinge der getrockneten Früchte+ (Quittenschnitzel, Ringäpfel usw.) kommen neben verschiedenen Käfergattungen (Anobium, Ptinus usw.) von Microlepidopteren u. a. in Betracht: