Handbuch der Pharmakognosie (part 3 of 5)
Ephestia kuehniella Z. Diese jedenfalls aus Nordamerika eingeschleppte Phycitinaee lebt in Weizenmehl und vielen anderen amylumhaltigen Drogen, besonders lästig werdend durch die Gespinstfäden. Sie nimmt mit Vorliebe aber auch getrocknete Quittenschnitzel, Ringäpfel, Pflaumen und Eßkastanien an. Sie scheint sich in den letzten Jahrzehnten sehr ausgebreitet zu haben. Ephestia calidella ~Gr.~, E. figulilella ~Gregs.~, E. afflatella ~Mn.~, E. cautella ~Wlk.~, E. elutella ~Hb.~, Pyralis farinalis L.: Die spinnenden Räupchen leben gerne (oft in sehr großer Anzahl) in allen möglichen getrockneten Früchten und stärkehaltigen Samen, besonders gerne in Feigen, Datteln, Johannisbrot, Mehlvorräten usw., auch in Pflaumen, Quittenschnitzeln, Ringäpfeln.
In der Droge findet sich oft Sitodrepa panicea (I, S. 379).
=Handel.= Sem. Cydoniae kommen in den Handel aus +Südrußland+ (Krim), +Spanien+, Portugal, +Südfrankreich+, Teneriffa, +Capland+. Die russischen Samen sind voller, fester zusammenhängend, von fast violettschwarzer Farbe und reich an Schleim (~Flückiger~). Sie erzielen jetzt die höchsten Preise. Indien, das viel verbraucht, bezieht Sem. Cydon. (vermutlich seit undenklichen Zeiten, ~Flückiger~) vom persischen Golf sowie auch aus Afghanistan, Kabul, Bokhara, Kaschmir.
Als +russische+ Quittenkerne kommt in den letzten Jahren in der Hauptsache +persische+ Ware in den Handel, die sowohl von den russischen Stapelplätzen wie auch über London und Hamburg zugeführt wird. Als sog. +spanische+ (rötliche) Quittenkerne rangieren die spanischen, französischen und Kap-Sorten, welch letztere meist über London kommen (~Caesar & Loretz~).
=Morphologie der Droge.= Die Samen eines Faches sind für gewöhnlich um eine kurze Mittellinie in zwei Vertikalreihen orientiert und durch den Schleim zu einem ziemlich regelmäßigen Ballen verklebt (Fig. 112), so daß sie auch noch in der Droge oft zu mehreren zusammenhängen. Sie sind hart, rotbraun, mit einem Ton ins Violette, durch den eingetrockneten, bisweilen abschilfernden Schleim matt weißlich, spitz-eiförmig, halbherz- oder keilförmig, durch gegenseitigen Druck unregelmäßig-kantig, oft miteinander verzahnt. Der helle Nabel (Hilum) liegt am spitzen Ende, von ihm läuft die Raphe als ein scharfer, gerader Kiel zu der als erhöht-gerandeter Fleck seitlich hervortretenden Chalaza. Der der Raphe gegenüberliegende Rand beschreibt eine seichte Kurve (Fig. 112). Die Samen sind +frisch+ etwa 8 mm lang, 4 mm breit und 2 mm dick und wiegen etwa 0,052 g; +trocken+ messen sie etwa 7 mm (nicht über 10 mm) und wiegen im Durchschnitt 0,029 g (~Morgenthaler~). Die Samen schmecken zuerst schleimig, ist die Schleimschicht entfernt herb-adstringierend, beim Zerkauen tritt schwacher Bittermandelgeschmack hervor. Legt man die Samen in Wasser, so umgeben sie sich mit einer Schleimhülle, schüttelt man sie mit Wasser -- am besten unter Zusatz von einigen Glasperlen --, so löst sich die Schleimepidermis von der Schale ab und man erhält einen zähen Schleim. Der Embryo besteht aus zwei dicken plankonvexen, ölig-fleischigen, deutlich geaderten, wellenförmig zusammengelegten Cotyledonen und einer kleinen und kurzen, gegen das Hilum gerichteten geraden Radicula.
=Anatomie.= Der trockene Same ist mit einer hellen derben, abschilfernden Schicht bedeckt, die unter Glycerin betrachtet keine Struktur erkennen läßt, aber im polarisierten Lichte glänzt. Läßt man zu dem in Glycerin liegenden Querschnitte langsam Wasser zufließen, so quillt diese Schicht mächtig (bis 0,170 mm) und nunmehr tritt die Struktur deutlich hervor. Es zeigt sich, daß sie aus einer Reihe prismatischer Zellen besteht, die deutlich geschichtete Schleimmembranen (Fig. 113, Sep) und auf der Innenseite ein kleines, etwas Plasma und oft noch kleine Stärkekörner enthaltendes Lumen besitzt. Die Schleimmembran, die sich mit Jodschwefelsäure blau färbt (~Kützing~, ~Cramer~), also zu den Zelluloseschleimen (~Tschirchs~) gehört, ist aber so empfindlich gegen Wasser, daß sie rasch ihre Struktur verliert und sich in dem umgebenden Wasser verteilt. Der Schleim wird durch Hämatoxylin prächtig violett, durch Jod gelb bis rosa, bei viel Reagens rot bis braunrot. Diese große +Schleimepidermis+ der Samen ist sehr charakteristisch für Cydonia, besonders zum Unterschiede von Pirus (doch haben die Samen von Pirus lomonii auch eine solche, ~Dutailly~). Bisweilen unterbleibt in einzelnen Zellen die Schleimbildung, diese erscheinen dann seitlich zusammengedrückt. Die kappenförmige Ablagerung der Schleimschichten beginnt erst ziemlich spät (im August) an der Innenseite der Außenwand der Epidermiszellen und schreitet dann rasch bis zum Grunde fort (~Frank~, ~Luerssen~). Auf die Schleimepidermis folgt eine mehrreihige, an den Ecken dickere, an den Flächen schmälere, hier meist nur 3-4reihige, derbe +Pigmentschicht+ (Fig. 113, P), die zugleich die Hartschicht bildet, deren verdickte, in der Längsrichtung des Samens gestreckte Zellen einen braunen Phlobaphenklumpen enthalten, der sich mit Eisensalzen färbt und deren Wand gegen Schwefelsäure resistent ist. Dann folgt die +Nährschicht+ (Fig. 113, NS). Sie ist entweder ganz obliteriert (zum Teil sogar resorbiert), so an vielen Stellen an der Fläche des Samens oder es ist ihre äußere Zellreihe, oder -- an den Kanten -- mehrere Reihen erhalten. In ihr verläuft das +Raphebündel+ (Fig. 113). Die Wände der Nährschicht sind gebräunt. Beim ganz jungen Samen besitzt die Nährschicht eine große Mächtigkeit und enthält, wie auch die junge Pigmentschicht und die Epidermis, reichlich transitorische Stärke. Bis hierher reicht die Samenschale. Dann folgt eine obliterierte Zone, die zu äußerst von einer Zellreihe begrenzt wird, deren dicke Außenwände gelbgefärbt sind. Wir dürfen die Zone wohl als einen +Perispermrest+ betrachten (~Morgenthaler~). An ihn schließt sich das mehrreihige +Endosperm+, das zu innerst von einer obliterierten Schicht begrenzt wird (+Quellgewebe+, ~Tschirch~ und ~Hirsch~). Die Hauptmasse des Samens bilden die dickfleischigen Cotyledonen, deren Palissadenschicht deutlich ausgebildet ist und die so orientiert ist, daß die Palissadenseiten aufeinander liegen. Das Mesophyll ist von Procambiumsträngen durchzogen. Endosperm und Cotyledonen sind mit +Aleuronkörnern+ erfüllt, die in +Ölplasma+ (~Tschirch~) eingebettet sind und von denen die größeren, wenigstens in Cotyledonen und Endosperm, neben Globoiden auch meist ein oder mehrere Kristalloide enthalten. Die größten Aleuronkörner (bis 28 mik) finden sich im Endosperm, die in den Cotyledonen sind etwas kleiner (bis 15 mik), die der Radicula sind am kleinsten (bis 7 mik, ~Morgenthaler~).
=Lit.= ~Kützing~, Grundz. d. philos. Bot. t. 4. Fig. 4. -- ~Cramer~ a. a. O. (1855). t. 22. Fig. 3 u. 4. -- ~Hofmeister~, Ber. d. Sächs. Ges. d. Wiss. 1858. -- ~Frank~ a. a. O. -- ~A. Michelis~, Zur Anatom. schleimhalt. Samensch. Progr. d. städt. Realschule Königsberg 1877 (m. Abbild.). -- ~Tschirch~, Artikel Cydonia in Realenzyklop. d. Pharm. -- ~Hirsch~, Einricht. behufs Überführ. d. Reservestoffe in d. Embryo. Dissert. Erlangen 1890. -- ~Flückiger~, Pharmakognosie. -- ~J. Morgenthaler~, Beitr. z. Entwicklungsgesch. d. Quitte. Diss. Zürich 1897 (dort auch die Keimungsgeschichte). -- ~Marloth~, Mechan. Schutzmitt. d. Samen. Engl. bot. Jahrb. IV, 236. -- ~Dutailly~, Un pirus à graines mucilagineuses. Bull. soc. Linn. 1898. -- Nährschicht: ~Holfert~, Flora 1890 (~Morgenthaler~ bringt Nähr+schicht+ und Nähr+gewebe+ durcheinander). -- +Anatom. Abbild.+ in ~Oudemans~ Atlas (1854). -- ~Berg~, Anatom. Atlas t. 46. -- ~Tschirch~, Angew. Anatomie Fig. 36 u. 196. -- ~Hérail-Bonnet~, Manipulat. t. 35. -- ~Planchon-Collin~, Drog. simpl. 1896. -- Anatom. Abbild., die Pektinbildung in der +Fruchtschale+ der Quitte betr., in ~Rosenberg~, Über d. Pektinmetamorphose. Diss. Bern 1908 (mit 9 Taf.). Vgl. auch ~Tschirch~, Pektin u. Protopektin. Ber. d. pharm. Ges. 1907.
=Chemie.= Die Samen enthalten so viel +Schleim+ (Cydonin, ~Pereira~), daß sie das Vierzigfache ihres Gewichtes Wasser aufzunehmen imstande sind. Sie liefern denn auch c. 20% (lufttrockenen) Schleim (~Flückiger~). Der Rohschleim enthält viel Kalk und Eiweißsubstanzen -- oft 10,4% Asche (~Schmidt~). Der Schleim bildet eine kolloidale Lösung. ~Tollens~ und ~Kirchner~ (1874) lösen zur Reinigung in Wasser, filtrieren, dampfen ein, versetzen mit Salzsäure und fällen mit Alkohol; getrocknet quillt er, wird aber erst auf Kalizusatz gallertig. Sie geben ihm die Formel C₁₈H₂₈O₁₄ (= 3(C₆H₁₀O₅) − H₂O), ~Schmidt~: C₆H₁₀O₅, ~Mulder~: C₂₄H₃₈O₁₉.(= 4(C₆H₁₀O₅) - H₂O). Die geringere Menge H₂O erklären ~Kirchner~ und ~Tollens~ durch Esterbindung im Molekül. Der _Cydonia_schleim ist unlöslich in Alkalien und verd. Säuren, wird mit Jodschwefelsäure blau und gibt mit Salpetersäure Oxalsäure, nicht Schleimsäure (~Cramer~, ~Frank~), enthält also +kein+ Galaktan, ebenso liefert er hierbei keine bemerkenswerten Mengen Zuckersäure, enthält also auch kein Dextran (?). Er wird nicht durch Borax verdickt. Der lösliche Teil wird durch Alkohol und Metallsalze niedergeschlagen, ebenso durch Alkaloide. Gerbsäure verändert nicht, Kreosotwasser fällt nicht (Unterschied von Gummi- und Kirschgummischleim, ~Reichenbach~), Bleizucker fällt flockig (Unterschied von Acacien- und Carrageenschleim). Er läßt sich mit Natriumsulfat (~Flückiger~) und Ammonsulfat (~Pohl~) aussalzen. Mit kaltem Wasser bilden Quittensamen eine sehr zähe Flüssigkeit, welche durch Filtrieren in dünnere und dickere Anteile sich trennen läßt (~Tollens~). Durch Erwärmen mit verdünnten Säuren wird Quittenschleim dünnflüssig und es scheiden sich c. 34% einer wie +Zellulose+ reagierenden Substanz (auf der die Zellulosereaktion des Schleimes beruht) flockig ab. Das Filtrat enthält ein Gummi und einen rechtsdrehenden Zucker, der Arabinose oder Xylose zu sein scheint (~Tollens~). Vielleicht entsteht hierbei auch etwas Traubenzucker (~Bauer~ und ~Tollens~) bei der Destillation mit verd. Schwefelsäure entsteht Furfurol. Im Quittenschleim sind also (wie im Schleime von Plantago Psyllium) Pentosane enthalten (Araban und Xylan oder ein verwandter Stoff, ~Gans~ und ~Tollens~). Der _Cydonia_schleim hat viel Ähnlichkeit mit dem _Traganth_schleim. Vor der Reife enthält der Same in der Samenschale +Stärke+, Spuren finden sich auch bisweilen im reifen Samen (s. oben und Fig. 113 rechts).
Quittensamen liefern (ebenso wie die Rinde und die jungen, frischen Triebe) bei der Destillation mit Wasser ein blausäurehaltiges Destillat (~Stockmann~). Die Samen enthalten, neben +Emulsin+, nur wenig (0,4%) +Amygdalin+ (~Jouck~, ~Lehmann~ gibt 1,2-1,5% an), das vollständig mit dem der Mandeln übereinstimmt. ~Wicke~ gab bereits 1851 an, daß das Amygdalin in vielen Pomaceen und Pruneen (Malus, Sorbus, Amelanchier, Cotoneaster, Crataegus, Cydonia, Eryobotrya, Prunus) vorkomme, hatte aber reines Quittenamygdalin nicht in Händen. Die Samen enthalten in der Samenschale eine +gerbstoffartige Substanz+ und im Samenkern 15% Öl (~Brand~). Das Öl der Samen enthält als Hauptbestandteil Myristicinsäure, C₁₄H₂₈O₂, dann eine mit Isopentadecylsäure isomere und eine ungesättigte, flüssige Säure, C₁₈H₃₄O₂ (= C₁₇H₃₂OH.COOH), sowie 4,1% Glycerin (~R. Herrmann~). ~Hauke~ gibt die +Asche+ der Samen zu 4,45% an, ~Warnecke~ zu 3,55%. Die Asche ist reich an Phosphorsäure (42%, ~Souchay~).
=Lit.= +Schleim+: ~Pereira~, Heilmittellehre (dort Reaktionen des Schleims). -- ~Bostock~, Nichols. Journ. VIII, 31. -- ~C. Schmidt~, Lieb. Ann. 51, 29. -- ~Kirchner~ u. ~Tollens~, Lieb. Ann. 175. -- ~Mulder~, Journ. pr. Chem. 37. -- ~Frank~, Pringsh. Jahrb. 5 u. Journ. pr. Chem. 95. -- ~Flückiger-Hanbury~, Pharmacographia. -- ~Flückiger~, Pharmakognosie. -- ~Gans~ und ~Tollens~, Lieb. Ann. 249 (1889), 245. -- ~Schulze~ u. ~Tollens~, Ebenda 271 (1890). -- ~Tollens~, Kurz. Handb. d. Kohlenhydr. 2. Aufl. 1898. -- ~Pohl~, Zeitschr. phys. Chem. 14 (1890), 151. -- +Blausäure+: ~W. Wicke~, Lieb. Ann. 79 (1851) und 81 (1852). -- ~Jouck~, Beitr. z. Kenntn. d. Blaus. abspalt. Glycos. Diss. Straßb. 1902. -- ~E. Lehmann~, Beitr. z. vergl. Unters. über Vork. u. Verbreit. d. Amygdalins usw. Pharm. Zeitschr. f. Rußland 1895, 352. -- +Öl+: ~R. Herrmann~, Über d. fette Öl d. Quittens. Arch. Pharm. 237 (1899), 358. -- +Asche+: ~Hauke~, Zeitschr. österr. Apoth. Ver. 1902. -- ~Souchay~, Jahresb. d. Ph. 1845, 66.
+Quittensaft+ enthält nach ~Trouchon~ und ~Claude~ g in 100 ccm: Invertzucker 7,59, Gesamtsäure auf Weinsäure berechnet 0,96, durch Alkohol fällbare Stoffe 0,46, Asche 0,42. Quitten enthalten keine Saccharose, wohl aber +Weinsäure+. Nach ~Riekher~ soll neben Zucker, Pektin und Gummi 3,5% +Apfelsäure+ darin vorkommen. ~Lancaster~ erhielt 1,6 g +Bleimalat+ aus 453 g Frucht. Die Säuren der Quitte bedürfen einer erneuten Untersuchung. ~Wöhler~ erhielt bei der Destillation reifer Quitten mit Wasser einen +Oenanthäther+, ~R. Wagner~ hält jedoch das Arom für Pelargonsäureäthylester. Künstliche Quittenessenz besteht aus Äthylpelargonat. Das Pektin der Quittenfracht ist stark rechtsdrehend (α_{D} = +188,2) und enthält ein Galaktoaraban. Es gibt bei der Hydrolyse Arabinose und mit Salpetersäure Schleimsäure. Der Pentosangehalt der wilden Quitte beträgt 3,23, der der Kulturquitte 1,78% der Trockensubstanz (~Wittmann~).
=Lit.= ~Wöhler~, Lieb. Ann. 41, 239. -- ~Lancaster~, Am. journ. pharm. 31, 198. -- ~Truchon~ et ~Claude~, Journ. pharm. chim. 13 (1901), 171. -- ~Javillier~, Ebenda 9 (1899), 513. -- ~König~, Nahrungs- u. Genußm. -- Über das Pektin der Frucht vgl. oben S. 280 unter Pektino-Membranine.
=Anwendung.= In der Volksmedizin (als Aphrodisiacum, zur Erzeugung kluger Kinder) und im Volksaberglauben (Liebeszauber) spielt die Quitte von jeher eine (allerdings beschränkte) Rolle. Die Nützlichkeit der Quitte schildert schon der alte Vers:
Auch die rauhen Quitten hegen zum vergnügen unsrer Brust wenn wir ihr gewächs erwägen nahrung, kühlung, nutz und lust
(~Brockes~).
«Quittenkern in Rosenwasser geweicht geben ein glattes feines sälblein zu allerhand brand und breune der zungen, darmit bestrichen», steht in ~Bocks~ Kräuterbuch. Unter den schleimigen Mitteln des ~Hippokrates~ steht Cydonia (κυδωνέα). Er benutzte also wohl schon die Samen. Nach ~Matthioli~ war Quittensamen in Spanien Antidot gegen Helleborus. Auch bei ~Athenaeus~ (Deipnosophist. III, 21) wird die Quitte als Gegengift genannt. Quittensamen sind seit langer Zeit ein Bestandteil der chinesischen Materia medica. Die Benutzung ihres Schleims scheint vornehmlich von den Arabern ausgegangen zu sein. Doch ist die Benutzung der schleimigen Samen wohl ein auf die hochasiatische Heimat des Baumes zurückzuführender Brauch (~Flückiger~). In Turkestan hat sie noch jetzt beträchtliche Ausdehnung. In dem Liber fundamentorum des ~Abu Mansur Muwaffak~ (X. Jahrh.) wird die Benutzung des Samen der Safardschal bei Husten erwähnt. Im Altertum war ein fettes Quittenöl (durch Enfleurage oder Maceration der Früchte mit Öl bereitet) als Arzneimittel beliebt (~Dioskurides~). Auch ~Mesuë~ kennt ein zunächst durch Maceration, dann durch Auskochen mit Öl bereitetes Ol. Cydoniorum, das dann ~Cordus~, der ja vielfach noch auf ~Mesuë~ fußt, in sein Dispensatorium aufgenommen hat. ~Dioskurides~ nennt eine Menge Krankheiten, bei denen Quittenfrüchte innerlich und äußerlich anzuwenden sind. Man bereitete aus ihnen einen Wein und ein κυδωνόμελι sowie sog. Honigäpfel (melimela). In dem von ~Cordus~ aufgenommenen Syrupus de Absinthio maior des ~Mesuë~ findet sich Succus Cydoniorum. In der Pharmacia simplicium des ~Corbeius~ (1656) werden eine Menge Krankheiten genannt, die durch Quitten zu heilen sind. In Indien, wo der Same Handelsartikel ist, ist er außerordentlich beliebt in der Volksmedizin. Der Schleim wird bei Husten und Darmleiden benutzt, äußerlich bei Verbrennungen der Haut. Bei den Arabern sind auch Blätter, Blüten und Rinde des Baumes Hausmittel. Die persischen Karabádins (Grabadins [I, S. 599], d. h. Pharmakopoëen) kannten Konserven aus Frucht und Blüte (Pharmac. indica). ~Geiger~ führte (Handb. d. Pharm. 1830) folgende Quittenpräparate an: Saft, Sirup, Mus (Roob, Pulpa), Marmelade, Quittenbrod (conditum s. panis c.), Extr. und Tinct. ferri cydon. und Mucilago sem., endlich Quittenliqueur und Quittenwein. Die Poma Cydoniorum (Cydonia exsiccata), das Extr. ferri cydoniati, der Syr. Cydoniorum (nach Art des Kirschsaftes dargestellt) und der frische Quittensaft sind noch jetzt, besonders in Frankreich und Österreich, beliebt. Der Schleim wird noch heute bei Hautleiden und oft auch als Zusatz von Augenwässern benutzt. Er findet auch in der Zeugdruckerei Anwendung. Eine Abkochung der Samen dient in Indien als Tonicum und Antidyssentericum (~Dymock~, Dict. econ. prod. u. and.).
=Verfälschungen.= Als solche werden besonders die Samen der +Birne+ und des +Apfels+ genannt. In der Form sind sie ähnlich, aber gerundet, niemals unregelmäßig abgeplattet, da sie in dem Fruchtfache isoliert oder zu zweit liegen und daher auch niemals miteinander verklebt sind. Sie umgeben sich auch in Wasser nicht mit einer breiten Schleimhülle, sind sehr wenig schleimig und +glänzend+ dunkelbraun. Ihre Schleimepidermis ist sehr schmal, die Zellen sind kaum radial gestreckt.
+Rosinenkerne+ besitzen eine ganz andere Form und sind leicht kenntlich. ~Hager~ gibt als Verfälschung (bis 50%) «die Schale einer Frucht von brauner Farbe oder braun gefärbt und schwach weißlich bestäubt» an. Neuerdings sind in +Amerika+ kleine Fragmente getrockneter Quittenfrüchte als Verfälschung beobachtet worden.
=Geschichte.= Die goldenen Äpfel (χρύσεα μῆλα, χρυσομήλα) der Hesperiden und der Atalante, «der der Aphrodite geweihte, in Mädchen- und Liebesspielen aller Art und zu bräutlichen Gaben dienende Apfel» (~Hehn~), der Apfel des Paris, der Erisapfel, das alles waren wohl «idealisierte» Quitten. Auf die Angabe in des ~Ben Sira~ Alphabet (XI. Jahrh.), daß der Garten ~Nebukadnezars~ auch Quittenbäume enthalten habe, ist nichts zu geben, obwohl die Pflanzenliste älter ist (~Löw~). Dem semitisch-ägyptischen Kulturkreise scheint die Quitte in älterer Zeit fremd geblieben zu sein (~Schrader~). In der Bibel fehlt die Quitte (bei dem goldenen Apfel in den Sprüchen handelt es sich vielleicht nicht einmal um eine Frucht, sondern nur um ein Ornament) und das Althebräische hat keinen Namen für Quitte, erst im Aramäischen finden wir einen solchen, nämlich _ỉ_spargᵉlîn (~Löw~). Da die Griechen die Quitte μήλον κυδώνιον, d. h. Apfel von Κύδων (untergegangene Stadt, wahrscheinlich unweit des heutigen Canea auf Creta) nannten, erhielten sie sie wohl von Creta, wo sie entweder ursprünglich zu Hause oder frühzeitig aus Kleinasien eingeführt war. ~Isidor~ bemerkt im Etymologicon: «Malus Cydonia nomen sumpsit ab oppido, quod est in insula Creta, de qua dicere solent, urbium Cretensium matrem Cydoniam, ex cuius pomo Cydonitum conficitur» -- auch der Talmud spricht von kretensischen Äpfeln. Jedenfalls wurde sie in Creta, dem Eldorado der Arzneipflanzenkultur des Altertums, besonders eben bei Κύδων (κυδώνεια -- κυδώνιος = kretisch) in großem Umfange kultiviert. (Jetzt fehlt sie auf Creta). Die Griechen lernten sie schon in sehr früher Zeit kennen, denn sowohl der Dichter ~Alkman~ (650 n. Chr.), wie der Italiot ~Ibycus~ (VI. Jahrh. n. Chr.), wie der Sikuler ~Stesichoros~ (c. 550 n. Chr.) erwähnen die Quitte aus Lydien bzw. aus Rhegium und Sizilien (bei ~Alkman~ heißt sie κοδύμαλον). Die Kulturquitte muß also schon im VII. Jahrh. den griechischen Kolonisten in Kleinasien, Sizilien und Unteritalien bekannt gewesen sein (~Hoops~). Die Quitte war wegen ihres Duftes und ihrer zahlreichen Samen bei den Griechen Symbol der Schönheit, Liebe und Fruchtbarkeit und der Aphrodite heilig. ~Solons~ Gesetz verordnete, daß die Braut, ehe sie sich ins Brautgemach begab, eine Quitte essen mußte, um sich unter den Schutz der Aphrodite zu stellen (~Plutarch~). Und auch bei den Deutschen wurde sie später Sinnbild der Fruchtbarkeit und einer glücklichen Ehe (~Aigremont~). Bei den Liebes- und Hochzeitssitten spielt sie in den Balkanstaaten, Dalmatien und Siebenbürgen noch jetzt eine Rolle. Auch zu den Römern kam die duftige Quitte, die sie malum cotoneum (m. aureum) nannten, frühzeitig und spielte bei ihnen im Kultus und Volksleben eine große Rolle. ~Plinius~, der eine Menge Krankheiten nennt, die die Quitte heilt, sagt, man bewahre sie wegen ihres Duftes in den Besuchszimmern auf und das ist heute noch Sitte in Italien. Zur Zeit ~Galens~ kam spanische Marmelade (= Quittengelee, s. oben) nach Rom. Das malum cydonium, findet sich im Edikt ~Diocletians~ (s. oben) und alle Scriptores rei rusticae von ~Cato~ bis ~Palladius~ (I, S. 574) widmen ihr ihre Aufmerksamkeit. Wir finden sie denn auch auf den pompejanischen Wandgemälden (I, 575) und auf den Wandbildern der Villa Livia in Primaporta (~Möller~, D. Bot. in d. Fresk. d. Villa d. Livia. Mitt. d. kais. Archäolog. Inst. Rom 1890). Cydonia mala stehen auch bei ~Scribonius Largus~ (I, S. 577) und werden bei ~Athenaeos Naucratites~ (III. Jahrh. I, 574) erwähnt. Die Römer brachten sie dann mit den übrigen Obstbäumen nach den nördlichen Provinzen des Reiches. Doch fehlt es an alten Funden daselbst, obwohl die Samen nicht vergänglicher sind als die des Apfels. «Der althd. Name kutina, dem wahrscheinlich eine lateinische Form cudonia oder codonea = germ, kudinjō (?) zugrunde liegt, deutet wegen der Verschiebung von d zu t auf Entlehnung in den ersten Jahrhunderten» (~Hoops~). Den Angelsachsen scheint die Quitte erst auf britannischem Boden bekannt geworden zu sein. Sie wird bereits im Corpus-Glossar erwähnt. Nördlich der Alpen wird sie sich dann wohl besonders durch die Benediktiner (I, S. 619) eingebürgert haben. Wir finden die cotonarios im Capitulare ~Karls~ (I, S. 620) und dem Breviarium, im St. Galler Klosterplan (hier als: guduniarius I, S. 622), bei der ~Hildegard~, ~Albertus Magnus~ und in dem Opus ruralium des ~Crescenzi~ (I, S. 678). Auch die spanische Landwirtschaft kennt sie. Im Kalender des ~Harib~ (I, S. 612) steht beim September: apparent citonia. Die Zeit der Einführung der Quitte nach England läßt sich nicht mehr feststellen. Gebackene Quitten werden (nach ~Hanbury~) 1466 gelegentlich der Installation des Erzbischofs von York, ~Nevill~, erwähnt (~Leland~, De reb. brit. collectan. VI [1774] 5). Die Semina cytoniorum wurden von ~Mesuë~ für viele Sirupe, wie den Syrupus de Prassio, den Syr. de Jujubis, den Syr. violarum und Syr. de Hyssopo benutzt, die alle ~Cordus~ in sein Dispensatorium (I, S. 795) aufgenommen hat. In dem Empl. diachylon aber, das in seinen verschiedenen Vorschriften (bei ~Mesuë~ und ~Cordus~) alle möglichen Schleime (von Linum, Psyllium, Althaea, Malvawurzel, Fenum graecum, Ficus, Passulae (!), Ulmusrinde) enthält, fehlt der _Cydonia_schleim. ~Bock~ empfiehlt die Samen mit Rosenwasser ausgezogen bei Bräune. Im Frankfurter Catalogus von 1582 steht: Cydonia mala de Bengala condita, eine frembde Art der eyngemachten Kütten aus India -- was darauf deutet, daß auch eingemachte indische Quitten damals in Benutzung waren -- in der Taxe von Eßlingen 1571 (I, S. 816): Sem. citoniorum. Auch in der ~Berlu~-Liste (1724, vgl. I, S. 951) stehen Sem. cydon.
=Lit.= ~Hanbury~, Pharmacogr. -- ~Flückiger~, Pharmakogn. -- Pharmac. indic. -- ~Hehn~, Culturpfl. -- ~Koch~, Bäume u. Sträucher d. alt. Griechenl. 1879. -- ~Stesichoros~ in Poetae lyrici graec. ed. Bergk. -- ~Löw~, Aramäische Pflanzennamen. -- ~De Candolle~, L’origine des pl. cult.
Semen Psyllii.
von Plantago Psyllium L., die +Flohsamen+ (bei den Griechen: Kynops, Psyllion, Buprestis, bei den Römern: Pulicaria) sind medizinisch kaum noch in Anwendung. Der auch hier als Schleimepidermis auf der Samenschale vorkommende Schleim (Xylin, ~Bauer~) soll der Formel C₃₆H₅₈O₂₉ entsprechen. Analyse auch bei ~Schmidt~ (Lieb. Ann. 51). Er liefert bei der Hydrolyse mit 1,5% Schwefelsäure neben Zellulose [~Kirchner~ und ~Tollens~, Lieb. Ann. 175 (1875), 205]. bis 108,3% Glukosen, mit Salpetersäure aber keine oder nur sehr wenig Schleimsäure (~Braconnot~). Flohsamenschleim wird wie Leinsamenschleim in der Zeugdruckerei, in der Buntpapierfabrikation, als Appreturmittel für verschiedenartige Stoffe verwendet (~Valenta~).
Auch die in Indien in hohem Ansehn stehenden +Ispaghúl-Samen+ oder Spogel seeds (arab. bazre qatúná) von Plantago decumbens ~Fork.~ (P. Ispaghula ~Roxb.~), die sich sogar in der Pharmakopoea indica (1868) fanden, enthalten eine Schleimepidermis auf der Samenschale (vgl. ~Flückiger-Hanbury~, Pharmacographia p. 490).
2. Schleimendosperme.
Samen mit +Schleimendosperm+, wie ich 1888 in der Angewandten Anatomie diese Gruppe von Nährgeweben genannt hatte, finden wir besonders bei den Leguminosen (Trigonella, Ceratonia, Gymnocladus, Cassia, Schizolobium, Gleditschia, Tetragonolobus, Indigofera, Medicago, Trifolium, Colutea, Genista). Es handelt sich hier nicht, wie ~Haberlandt~ meinte, um «Quellschichten» oder «innere Quellapparate», sondern um Reservebehälter. Denn, wie Versuche, die ich mit ~Nadelmann~ 1889 angestellt habe, gezeigt haben, wird der Schleim, der hier ebenfalls in Form sekundärer Membranverdickungsschichten auftritt, und zwar für gewöhnlich schon als solcher angelegt wird, bei der Keimung gelöst. Dadurch treten diese Endosperme an die Seite der Endosperme bei denen Reservezellulose als Reservestoff auftritt (Palmensamen), mit denen sie durch mancherlei Übergänge (z. B. die Samen der Strychnaceen) verbunden sind, und wir werden auch +chemisch+ mancherlei Beziehungen zwischen diesen beiden Gruppen finden. Ich habe denn auch oben im Kapitel Reservezelluloso-Membranine die Leguminosensamen mit erwähnt. ~Bourquelot~ und seine Mitarbeiter fanden in der ganzen Gruppe der «Albumens cornés» (vornehmlich der Leguminosen) +Mannogalaktane+ (Galaktine, ~Müntz~), d. h. sie erhielten bei der Hydrolyse der Endosperme Mannose und Galaktose. So erhielten ~Bourquelot~ und ~Hérissey~ z. B. bei der Hydrolyse des Schleimendosperms von Ceratonia Siliqua (S. 145) einen reduzierenden Zucker, aus dem sie 72,56% Mannose und 20,37% Galaktose in kristallinischer Form isolierten; in dem Hydrolysezucker des Luzernenendosperms war 51,38% Mannose und 49,49% Galaktose, in dem der Strychnossamen 11,02% Mannose und 35,45% Galaktose enthalten und die gleichen Zucker erhielt ~Goret~ bei Gleditschia, Medicago, Melilotus, Lotus und Indigofera. Jedenfalls besitzen also die Schleime der Schleimendosperme den Charakter von Polysacchariden. Der Biolog würde sie mit den Reservezelluloso-Membraninen zusammen abhandeln, pharmakologisch-pharmakognostisch gehören sie aber neben die Lein- und Quittensamen, aber in eine besondere Abteilung, da sie ihren Schleim erst nach dem Pulvern hergeben, die Samen mit Schleimepidermen dagegen schon durch Schütteln der unzerkleinerten Samen mit Wasser.
=Lit.= ~Tschirch~, Angew. Pflanzenanatomie S. 204. -- ~Nadelmann~, D. Schleimendosperme der Leguminosensamen. Ber. d. d. bot. Ges. 1889, 248 u. Pringsh. Jahrb. 21 (m. Taf.). -- Schleimendosperm des Johannisbrot: ~Effront~, Compt. rend. 125 (1897), ~Marlière~, La cellule 13 (1897), ~van Ekenstein~, Compt. rend. 125 (1897), 719, ~Bourquelot~ et ~Hérissey~, Journ. pharm. chim. 10 (1899), 153 u. 249 und Compt. rend. 129 (1899). -- Cassia fistula: ~Bourquelot~, Vol. jubilaire de la soc. de Biologie 1900, 388. -- Luzerne: ~Müntz~, Ann. chim. phys. (5) 26 (1882), 121 und (6) 10 (1887), 566, ~Bourquelot~ et ~Hérissey~, Journ. pharm. chim. 11 (1900). -- Gleditschia, Medicago, Lotus, Melilotus, Indigofera: ~Goret~, Et. chim. et. phys. de quelques albumens cornés d. graines léguminos. Thèse Paris 1901. -- +Strychnaceen+: ~Bourquelot~ et ~Hérissey~, Journ. pharm. chim. 12 (1900). -- Trigonella s. w. u.
Semen Fenugraeci.
=Syn.= Sem. Faenugraeci oder Foenugraeci, Sem. Faeni graeci, Sem. Foeni graeci, Sem. Trigonellae -- Bockshorn (so schon bei ~Bock~ und ~Cordus~), Bockshornklee, Kuhhornklee, Griechisches Heu, Fänne-Zwock -- trigonelle, fenugrec (franz.) -- trigonel, fenugreec (engl.) -- hoornklaver (holl.) -- trigonella (ital.) -- τριγονέλλη (n.-griech.) -- méthi (sansk., hind.) -- hulbah (arab.) -- shamlit (pers.) -- lu-pa, hu-lu-pa (chines.).
Bei ~Theophrast~ (Hist. u. caus. plant.): βούκερας, bei den späteren Griechen auch βουκέριν, bei ~Dioskurides~: τῆλις (bei d. spät. Griech. auch τίλις, τύλη; τῆλις auch noch bei ~Alexander Trallianus~), im Edict Diocletians (I, S. 569): τῆλις βούκερας. Weitere Namen bei ~Langkavel~ und ~Dioskurides~ in []. Im Mittelalter auch aspaltea, brindelia.
=Etym.= Fenum (auch faenum oder foenum) = Heu, Fenugraecum also = griechisches Heu. -- Trigonella von τρίγωνος = dreieckig, wegen der dreieckigen Blumenkrone (~Kanngiesser~). Vielleicht hat ~Linné~, der den Namen zuerst in dem Hortus upsalensis benutzt, eher an die Blumenblättchen (?) oder, wie +mir+ scheint, an die Blätter gedacht. -- ~Grassmann~ bezieht auch Zwock auf die keilförmigen Fiederblättchen. Nach ~Flückiger~ bezieht sich der Name auf die dreieckigen Blumenblätter von Trigonella ruthenica L. Der Name Foenum Graecum wohl zuerst bei ~Porcius Cato~ (De re rustica XXVII, vgl. I, S. 572); bei ~Columella~ (I, S. 573) wird Siliqua (bei ~Plinius~: Silicia) als synonym mit faenum graecum (vulgär lat.: fenum graecum) bezeichnet, was darauf deutet, daß die Pflanze viel kultiviert wurde (Katexochenbegriff!), denn es waren den Römern ja viele Hülsenfrüchte bekannt. Bei ~Caelius Aurelianus~ (III. Jahrh. n. Chr.), sowie den Spätlateinern findet sich denn auch die zusammengezogene Form fenugraecum, im Deutschen volksetymologisch umgebildet: fine grethe (daraus dann wieder: schöne Margret, schöne Marie). Im Gothaer Arzneibuch (I, S. 680) findet sich fenum grotum neben fenum grecum, in Inventaire ~Lefort~ (I, S. 804) fin ogre (~Dorveaux~). Graecum nach der Herkunft, erhalten in griechisch Heu (gresches houw, gekeshew, krichishew, kriechshöwe, crischowe); römischer Klee deutet, da im Althd. als Römsklee(oder diolde) nachgewiesen, auf die Einführung aus dem Süden. -- Bockshorn wegen des unangenehmen Geruches und der hornartigen Form der Frucht. Auch der Name Siebengezeit (Siebengezide Ort. san., im XV. Jahrh. Sybengetzeyt, Zeytkraut [XVI. Jahrh.], Stundenkraut) soll nach ~Tabernämontanus~ auf den (siebenmal im Tage verschwindenden und wiederauftretenden) Geruch anspielen. Der holländische Name bedeutet Hornklee. Und an Horn knüpfen an: bukeros (= Ochsenhorn), aigokeros (= Ziegenhorn), keraïtis (= hornähnlich), kallikrea, Kuhhorn (bei Bock) u. and.
=Stammpflanze und systemat. Stellung.= =Trigonella Foenum-graecum L.= [Sp. plant. ed. I (1753) p. 777] (Foenum graecum officinale).
+Leguminosae+, Papilionatae -- Trifolieae, Eutrigonella, Gladiatae.
=Beschreibung der Stammpflanze.= Einjähriges Kraut mit einfachen oder vom Grunde verzweigten, 20-60 cm hohen, gegen oben hin behaarten, runden Stengeln und zweizeiligen, dreizähligen Fiederblättern, deren Endblättchen größer und länger gestielt ist als die Seitenblättchen. Blättchen kahl, umgekehrt eiförmig, im oberen Teile mit spitzen Zähnen besetzt. Nebenblätter zart, zweispitzig. Die hermaphroditen, zygomorphen Schmetterlingsblüten sitzen einzeln oder gepaart in den Achseln der oberen Laubblätter, der gamosepale, röhrenförmige Kelch ist in fünf gleiche lanzettliche Zipfel geteilt. Die gelblich weiße Corolle hat eine oblong-umgekehrt-eiförmige, tief ausgerandete Fahne, einseitig geöhrte Flügel und einen kurzen Kiel. Die Staubfadenröhre ist oben offen und wird durch das freie Stamen geschlossen. Die Narbe ist polsterförmig. Die aufrechte +Frucht+ erreicht 13 cm Länge und ist 4-5 mm breit, lineal, sehr +lang schnabelförmig zugespitzt+, meist nach unten flach +hornförmig+ gekrümmt und seitlich zusammengedrückt. An der Spitze der Frucht findet man bisweilen die Reste der Corolle. Die Pflanze wächst wild in Punjab, Kaschmir (~Baker~), Mesopotamien und Persien (~Boissier~, Flor. oriental.), sowie Kleinasien (?). Verwildert findet sie sich in Griechenland, Italien und Spanien, wohl auch in Ägypten und Kleinasien auf Schuttplätzen, «überhaupt in der Nähe menschlicher Wohnungen oder Kulturstätten als Flüchtling». Blüht im Juni-Juli.
=Lit.= ~Luerssen~, Mediz. pharm. Bot. -- ~Battandier~, Bull. soc. bot. France 1884, 378. -- +Abbild.+: ~Berg-Schmidt~, Atlas. 2. Aufl. t. 52 (dort die florist. Literatur). -- ~Bentley-Trimen~, Medic. plants. t. 71. -- ~Pabst-Köhler~, Medizinalpflanz. t. 155. Auch schon im Ortus sanitatis, Mainz (vgl. I, Fig. 303), bei ~Pomet~ u. and.
=Pathologie.= Auf Trigonella foenum graecum sind unseres Wissens nur Parasiten bekannt, die Stengel und Blätter befallen: Uromyces Anthyllidis (~Grev.~), Uromyces Trigonellae ~Pat.~ und Erysiphe Polygoni ~Dc.~ (~Ed. Fischer~).
=Kultur und Handel.= Trigonella wird jetzt in +Marokko+ (Ausfuhrhafen besonders Mazagan, dann auch Mogador), dann in +Ägypten+ (und Abessynien) und +Indien+ (hier in ziemlicher Menge, Ausfuhrhafen: Bombay), sowie China kultiviert, weniger in Südfrankreich (Montpellier), der Schweiz, +Deutschland+ (Elsaß, Thüringen: Erfurt, Großengottern, Mühlhausen, Cölleda, dann im Vogtland und in Söflingen b. Ulm, früher zwischen Nürnberg und Bamberg), +Mähren+ (Znaim) und Italien (in Ligurien, Toscana, Sizilien und Sardinien kultiviert und verwildert, ~Ravasini~). Sie gedeiht noch bis 70° n. Br. in Norwegen (~Schübeler~). Ich sah sie auch in Bauerngärten.
Allein in Bombay und Madras waren (1889) 1358 acres mit Fenugreec bestellt (~Watt~, Dict.) und 1890 kamen aus den höheren Inlandprovinzen c. 14000 cwts. nach Bombay. Die Ausfuhr Indiens von Fenugreec betrug 1906/07: 43941, 1907/08: 27285 und 1908/09: 9627 cwts., geht also zurück. Für indischen Samen ist Hamburg Haupteinfuhrshafen.
=Morphologie.= Die Früchte werden ausgedroschen. Sie enthalten eine wechselnde Menge an langen Funiculis befestigte Samen (5-20, meist 5-12). Eine Anzahl von Samenanlagen pflegt unentwickelt zu bleiben oder bald zu verkümmern. Die hellzimtbraunen oder gelbbräunlichen, mit der Lupe betrachtet feinhöckerig erscheinenden, Samen sind vierseitig-prismatisch oder rhombisch-rautenförmig, 3,5-5 mm lang und 2-3 mm breit (die chinesischen kleiner, die indischen größer), sehr hart und entweder glatt oder wenig runzlig. Bei längerem Verweilen in Wasser quellen die Samenkerne auf das Mehrfache und sprengen die Schale, die sich nun leicht ablösen läßt. Die Quellung erfolgt im Schleimendosperm. Durch eine tiefe Furche wird der Same in zwei Hälften geteilt, eine kleinere dreieckige, die Radicula enthaltende und eine größere mehr trapezförmige, in der die Cotyledonen und das Schleimendosperm liegen. An der Spitze der kleineren Hälfte liegt das Hilum. Das Lupenbild des aufgeweichten, in der Mitte durchschnittenen Samens (Fig. 114, 2) läßt in dem schmalen, runden Abschnitt die Radicula in dem breiteren ovalen die Cotyledonen, eingebettet in Schleimendosperm, erkennen. Während die Testa nur c. 170 mik dick ist, erreicht das gequollene Endosperm eine solche von 680-720 mik. Im trockenen Samen sind beide etwa gleich dick (Fig. 114, 1).
=Anatomie.= Die Samenschale ist bedeckt von einer von der Cuticula bedeckten Schicht +Palissadensklereïden+, die etwa 65-80 mik hoch sind und an der inneren Seite ein weites Lumen besitzen, das sich nach außen stark verengert (Fig. 115). Das Lumen ist umgeben von einer derben, auf polarisiertes Licht stark reagierenden, im äußeren Teile getüpfelten Zellulosemembran, die nach außen hin zapfenartig in eine helle Schicht vorspringt, die indifferent gegen polarisiertes Licht ist, sich mit Jod graublau färbt, mit Jodschwefelsäure nur schwach auf Zellulose reagiert, sich in Kali löst und die wohl aus einer «gallertigen Zellulosemodifikation» besteht. Die Zapfenenden der inneren Membranschicht dringen ungleichweit nach außen vor und bilden da und dort bis zur Cuticula vordringende Gruppen, die die feinen Höcker der Samenschale (s. oben) bedingen. Die «Lichtlinie», die ich lieber «+Lichtzone+» nennen möchte und die sich bei der Sklereïdenschicht vieler Leguminosensamenschalen findet, verläuft hier ziemlich tief innen (Fig. 115, Ll) und ist relativ breit. Der Inhalt der Palissadenzellen ist körnig, färbt sich mit Jod gelb, gibt Gerbstoffreaktion mit Eisenchlorid und Osmiumsäure. Unter der Palissadenschicht liegt eine Schicht +Säulenzellen+ (T-Zellen, Träger-, Sanduhr-, Spulenzellen), die eine, durch breite, besonders auf dem Flächenschnitt hervortretende, Längsstreifenverdickungen ausgezeichnete, Membran besitzen und große Interzellularen zwischen sich lassen. An den Flächen des Samens sind diese Zellen niedrig, am Radicularende hoch und dort, wie bei vielen Papilionaceensamen, knochenförmig. Dann folgt die, im unreifen Samen transitorische Stärke enthaltene, +Nährschicht+ (vgl. oben S. 321). Sie ist sehr verschieden mächtig, auch verschieden stark obliteriert. Die äußeren Schichten pflegen keine Obliteration zu zeigen. Am Hilum und zwischen diesem und der Chalaza hat die Samenschale einen abweichenden Bau. Neben der Mikropyle, gegen die die Spitze der Radicula hin gerichtet ist, liegt in der Mulde eine doppelte Palissadenreihe und über der Raphe sind die Palissadensklereïden höher und die Säulenzellen fehlen. Unter der Ansatzstelle des Funiculus liegt, wie bei vielen Leguminosensamenschalen, die +Nabelspalte+ und eine Gruppe von Tracheïden (+Tracheïdeninsel+, ~Tschirch~) und unter dieser ein braunes Parenchym, welches die auch äußerlich hervortretende braune Farbe der ganzen Partie um das Hilum bedingt. Von der Tracheïdeninsel läuft in einer wenig hervortretenden Schwiele die kurze Raphe zu der äußerlich am Samen wenig hervortretenden Chalaza. Innen liegt der Testa ein, besonders an der Spitze der Radicula hervortretendes, Häutchen an, das wohl der Rest des Perisperms ist.
Das +Endosperm+ ist bedeckt von einer einreihigen Aleuronschicht (Fig. 115, 5), deren Zellen einschlußfreie Aleuronkörner enthalten. Die Hauptmasse besteht aus Zellen, die eine zarte, aus Zellulose bestehende Mittellamelle erkennen lassen, im übrigen aber außerordentlich dicke, sekundäre Schleimmembranen besitzen, die sich mit Jodschwefelsäure nicht bläuen, also aus echtem Schleim bestehen. Sie zeigen bei geeigneter Behandlung Schichtung. Beim Keimen werden sie gelöst. Gegen die Cotyledonen ist das Endosperm durch ein Quellgewebe abgeschlossen.
Die +Cotyledonen+ führen an der einander gegenüber liegenden Seite 2-4 Reihen Palissaden und sind an der Grenze dieser und des Merenchyms von zarten Procambiumsträngen durchzogen. In der +Radicula+ liegt ein Kranz von Procambiumsträngen, in denen da und dort zarte Gefäße sichtbar sind. Die Zellen enthalten, eingebettet in +Ölplasma+, kleine +Stärkekörnchen+ und zahlreiche +Aleuronkörner+, von denen die größeren, 10-20 mik messenden, ein Kristalloid enthalten. Die Globoide sind nicht in Körnerform, sondern als Balkengerüst ausgebildet (Details in ~Tschirch-Oesterle~, Anatom. Atlas).
Das +Pulver+ (nur durch Mahlen herzustellen) ist charakterisiert durch die Elemente der Samenschale (Fig. 116) -- besonders charakteristisch sind die Säulenzellen --, die Schleimzellen und das Aleuron und Öl führende Gewebe des Keimlings. Haare fehlen. Stärke ist nur in geringer Menge vorhanden. Form, Bau und Größe der Aleuronkörner bieten gute diagnostische Hilfsmittel (Abbild. des Pulvers in ~Koch~, Atlas d. Drogenpulv. IV. t. 2).
=Lit.= ~Schleiden~, Über d. Album. bes. d. Leguminosen 1838. -- ~Sempolowski~, Beitr. z. Kenntn. d. Baues d. Samensch. Diss. Leipzig 1874. -- ~de Lanessan~, Struct. d. graines du Trig. F. gr. Bull. soc. Linn. Paris 1877. -- ~Godfrin~, Etud. histolog. s. l. tégum. sém. d. Angiosp. Soc. sc. Nancy 1880. -- ~Scrobischewski~, Embryogénie d. Papilionac. Congr. internat. de Bot. Petersb. 1884. -- ~Godfrin~, Anat. comp. d. cotyl. et de l’album. Ann. sc. nat. (6) 19 (1884) 5. -- ~Tschirch~, Angew. Anatomie Fig. 126, 193 und ~Tschirch-Oesterle~, Anatom. Atlas t. 5. -- ~Nadelmann~, Schleimendosperme, Pringsh. Jahrb. 21 (dort die Keimungsgeschichte) u. Ber. d. d. Bot. Ges. 1889. -- ~Lüdtke~, Beitr. z. Kenntn. d. Aleuronk. Pringsh. Jahrb. 21 (auch Dissert.). -- ~Holfert~, Nährschicht. Diss. 1890. -- Über Nabelspalte und Tracheïdeninsel vgl. auch ~Pfäfflin~, Bau u. Funkt. d. Nabelspalte u. Tracheïdeninsel. Diss. Bern 1897 (m. 2 Taf.). -- ~Hartwich~, Foenumgraecum in Realenzyklopädie V, 407. -- ~Hassall~, Food. London 1876. -- +Anat. Abbild.+ auch in Pharmacographia trad. p. ~Lanessan~ 1878, 345 (ungenau), ~A. Meyer~, Drogenkunde, S. 139 (dort auch eine Schleimzelle), ~Harz~, Landw. Samenkunde II, 631, ~Moeller-Winton~, Microscopy of vegetable foods 1906, 216, ~Moeller~, Pharmakognosie 2. Aufl., Fig. 153 und Mikroskop. d. Nahrm., ~Planchon-Collin~, Drog. simpl. II, Fig. 1063, ~Gilg~, Pharmakogn. Fig. 182.
=Chemie.= Aus dem wässrigen Auszuge der zertrümmerten Samen fällt Alkohol Schleim, der getrocknet 28% der Samen ausmacht (~Flückiger~). Die Schleimmembranen des Endosperms enthalten als Reservekohlenhydrat ein +Mannogalaktan+, liefern also bei der Hydrolyse +Mannose+ und +Galaktose+ (~Bourquelot~ und ~Hérissey~). Sie verhalten sich ähnlich wie das Endosperm von Ceratonia (s. d.). In 2,5 g des bei der Hydrolyse erhaltenen Zuckers waren 1,249 Mannose und 0,978 Galaktose enthalten.
Die Samen enthalten ferner 0,13% +Trigonellin+, C₇H₇NO₂, ein kristallisierendes, +nicht alkalisch reagierendes+, ungiftiges +Alkaloid+, das der Göttinger Apotheker ~Jahns~ als das Methylbetain der Nikotinsäure erkannte:
H C / \\ / \\ HC C---CO || | | HC CH | \ // | \ // | N------O CH₃
und das ~Hantzsch~ (aus nikotinsaurem Kalium und Jodmethyl mit AgO) künstlich darstellte. Es löst sich nicht in Äther, Benzol, Chloroform, die Lösung in Wasser wird durch Eisenchlorid rötlich. Trigonellin findet sich auch in den Samen von Pisum sativum, Cannabis sativ., Avena sativ., Strophanthus hispidus und Kombe (~Schulze~ und ~Frankfurt~, ~Thoms~), von Coffea arabica (~Polstorff~) und liberica (~Gorter~). Daneben findet sich 0,05% +Cholin+ (Amanitin, Sinkalín, Bilineurin):
CH₂.CH₂OH / (CH₃)₃≡N , \ OH
das also als Trimethyloxyäthylammoniumhydroxyd aufzufassen ist und das beim Zerfall der in den Pflanzen weitverbreiteten Lecithine (Ester der Glycerinphosphorsäure mit Fettsäuren und Cholin):
CH₂.O--R OH | | CH.O--R OCH₂.CH₂.N(CH₃)₃ | / CH₂.O--P==O \ OH
entsteht. Es ist vielleicht auch hier ein sekundäres Produkt, denn +Lecithin+ ist in den Samen nachgewiesen. +Seminase+ scheint erst bei der Keimung aufzutreten.
Der Träger des sehr eigenartigen Geruches, der sich dem fetten Öle mitteilt, ist unbekannt. Den «sehr starken Geruch nach Cumarin», den ~Harz~ erwähnt, kann ich nicht bemerken. ~Flückiger~ erhielt auch bei Wasserdestillation von 4 kg Samen keinen +Riechstoff+. Auch der Träger der Bitterkeit ist unbekannt (das Alkaloid?).
In der Samenschale findet sich ein +Gerbstoff+, in ihr und in den Cotyledonen ein gelber +Farbstoff+ (s. auch unter Anwendung).
Der Gehalt an +Öl+ beträgt (mit Äther extrahiert) 6% (~Flückiger~). Es enthält neben Lecithin (s. oben), wie viele Samenöle, ein +Phytosterin+ (~Heckel~ und ~Schlagdenhauffen~). Amylalkohol extrahiert auch etwas +Harz+. Der +Stickstoffgehalt+ beträgt 3,4% (= c. 22% Eiweiß), der +Wassergehalt+ 10,4%, die +Asche+ 3,7% (~Jahns~, 2,67% ~Hauke~). Sie enthält c. 25% Phosphorsäure. -- Asche des Pulvers: c. 5% (~Hauke~).
=Lit.= ~Bourquelot~ et ~Hérissey~, Les hydrates de carbone de réserve des graines de Luzerne et de Fenugrec. Journ. pharm. chim. 11 (1900), 589, Compt. rend. 130 (1900), 731. -- ~Flückiger~, Pharmakognosie. -- ~Jahns~, Ber. d. d. chem. Ges. 18 (1885), 2518, 20 (1887). 2840, Arch. Pharm. 225 (1887), 985. -- ~Hantzsch~, Ber. d. d. chem. Ges. 19 (1886), 31. -- ~Heckel~ und ~Schlagdenhauffen~, Journ. pharm. chim. 16 (1886), 213, Jahresb. d. Pharm. 1886, 15. -- Weitere Angaben über Trigonellin und Cholin in ~Oesterle~, Pharmakochemie.
=Anwendung.= Daß es schon den Alten bei der Verwendung der Bockshornsamen besonders auf den Schleim ankam, ersehen wir daraus, daß z. B. ~Dioskurides~ nur das Bockshornmehl (ἄλευρον τήλεως) aufgenommen hat, das er seiner schleimigen Beschaffenheit wegen zu Umschlägen und als Erweichungsmittel empfiehlt. Es steht bei ihm neben Leinsamen, denen dieselbe Wirkung zugeschrieben wird. Auch die Verwendung des Bockshornsamen zum Empl. diachylon spl. und cps. (s. oben S. 337) beruht auf dem Schleim. Sie geht bis auf die Araber zurück (~Mesuë~). «Es läßt sich denken, daß der Zusatz von Schleim die Pflasterbildung begünstigt, indem die Verflüchtigung des Wassers dadurch verzögert wird» (~Flückiger~). Auch jetzt noch sind sie Bestandteil des Empl. frigidum (Empl. foenugraeci cps.). Und auf dem Schleim beruht auch die Verwendung in der Tuchfabrikation. Im Mittelalter figuriert der Same unter den Speisewürzen (Rezept zu einer Fischspeise des Klosters St. Gallen, IX. Jahrh., ~Dümmler~) und auch schon im Altertum wurde er in Rom in der Küche angewendet (~Apicius Caelius~, De re coquinaria, III. Jahrh.). Jetzt benutzt man die ganze Pflanze (aber noch mehr Trigonella coerulea) als eine der Würzen des «Kräuterkäse» (Schabzieger). In Indien sind die gerösteten Samen noch jetzt ein beliebtes Volksmittel bei Dyssenterie (~Ainslie~). Zahlreiche aromatische Faenugraec-Präparate in der alten indischen Literatur (methi modaka, svalpa methi modaca) deuten auf eine umfangreiche Anwendung (Pharmac. ind.) und auch die Araber benutzten Samen, Blätter und Öl zu den verschiedensten Zwecken. In Indien wird Bockshorn auch diätetisch als Aphrodisiacum und als Arzneimittel benutzt, die Blätter sind kühlend. Ganz junge Pflanzen werden dort (obwohl sie bitter schmecken) als Gemüse benutzt. Die Samen werden für eine Carmin-Contrefaçon benutzt und das gelbe Dekokt derselben gibt mit Kupfersulfat ein Permanentgrün (Pharmacogr. indic.). +Das fette Öl wird in Madras gepreßt und in Indien viel benutzt.+
In Europa werden die Samen besonders in der Tierheilkunde benutzt (Schweizer Viehmastpulver, Schweinefraßpulver, Holländisches Butterpulver. Vgl. auch ~Schlagdenhauffen~ et ~Reeb~, Un. pharm. 43, (1902), 97). Sie sind auch ein Bestandteil des Curry powder und der Cattle Foods. Bockshornklee ist eines der Hauptmittel ~Kneipps~. Der Samenbrei wird als «unübertreffliches Mittel» bei offenen Wunden, Geschwüren usw. gerühmt und auch die ganze Pflanze viel benutzt (vgl. ~Dinand~, Heilpflanzen [~Kneipps~]. Eßlingen 1910). Sie gelten als Carminativum und werden bei Brust- und Milzleiden gebraucht. ~Dioskurides~ läßt auch mittelst Olivenöl ein Öl aus Bockshorn bereiten, mit Kalmus- und Cyperngras-Zusatz (I, cap. 57: περὶ τηλίνον σκευασίας), das gleiche «telinum» erwähnt ~Plinius~ und noch bei den Arabern (I, S. 648) wird thilinum benutzt, ja sogar noch heute ist ein huile de fenugrec in Frankreich in Gebrauch und ist Bestandteil eines Ungt. althaeae. Bei ihm spielt der Schleim natürlich keine Rolle. Der Same wird gepulvert auch gegen Ungeziefer (Läuse) benutzt.
=Verfälschung.= Im Pulver ist früher oft Erbsenmehl gefunden worden. Auch jetzt noch (1910) findet sich oft ein Leguminosenmehl darin oder andere Stärkesorten.
=Geschichte.= Die ägyptische Medizin scheint sich des Faenugraecum bedient zu haben. Wir finden šbt (šebet) in einer Vorschrift des Papyrus ~Ebers~ (ed. ~Joachim~) zur Heilung von Brandwunden und auch eine Kyphivorschrift (I, S. 473) enthält sie. Doch ist die Deutung zweifelhaft. Bei ~Dioskurides~ steht (in []) der ägyptische Name itasin. Das biblische Wort hhatzir bezieht sich wohl kaum auf Bockshorn (~Tristam~). Daß die Römer die Droge vom Osten (aus Griechenland) erhielten, zeigen die Bezeichnungen +F. graecum+, die sich in griechisch Heu erhalten hat (s. oben). Die Pflanze ist noch jetzt in Griechenland sehr häufig. Sie stammt aber weiter von Osten, aus Arabien und Indien, denn die arabische Bezeichnung hulba (holba) ist nicht nur in ganz Nordafrika, sondern auch in China gebräuchlich, und der Sanskritname methi (erst in der späteren Sanskritliteratur auftretend, ~Flückiger~) ist vielleicht das Stammwort von τῆλις (~De Candolle~). So wird man wohl Indien als ursprüngliche Heimat annehmen dürfen. Von dort hat sie sich aber frühzeitig als Kulturpflanze nach Westen verbreitet und wurde schon im Altertum in vielen Gegenden des Mittelmeergebietes kultiviert, wie wir von ~Theophrast~ und den römischen Agronomen erfahren. Fenum graecum war vielleicht einer der Lotus der Alten (?) und zwar der Gruppe der Lotus, die wir die Kleegruppe nennen können (Lotos agrios wohl = Trigonella corniculata). Sie wurde in Griechenland und Italien als Futterpflanze gebaut (griechisches Heu!). Nach ~Dierbach~ findet sich der Bockshornsame im Corpus Hippocraticum. Faenum graecum steht bei ~Celsus~ (I, S. 587), ~Scribonius Largus~ (I, S. 577) und ~Plinius~, der seine Kultur beschreibt und, ebenso wie ~Galen~, ~Aretaeus~ u. a., viele Krankheiten nennt, die damit geheilt werden können. Sem. Faenugraec. benutzte ~Mesuë~ für den Syr. de Marubio, den wir noch bei ~Geoffroy~ finden. Bei ~Ibn Baithar~, der eine Menge arabische Schriftsteller nennt, die sich ihrer bedienen, heißt die Pflanze hulbat, bei ~Qutsamî~ h’olbadt (die Pflanze h’ab al-holb, ~Meyer~). In der Flos medicinae scholae Salerni (I, S. 629) findet sich foenugraecum und der Same steht auch in der Alphita (I, S. 648), den Tabulae, bei ~Platearius~ und ~Serapion~ (mit Synon.: oiba). Die Salernitanische Schule übernahm also die Pflanze von den Arabern. Durch die Benediktiner kam sie nach dem Norden. Der Fena graeca ist im St. Galler Klosterplan (I, S. 622) ein Beet eingeräumt und in ~Karls~ Capitulare (I, S. 620) wird der Anbau von Fenigrecum verlangt. Auch die ~Hildegard~ und ~Albertus Magnus~ kannten die Pflanze. Von den Arzneibüchern des Mittelalters finden wir chriechschez heu in dem Tegernseer und Züricher (I, S. 678), sowie im Gothaer (I, S. 679). Ihr Anbau drang schon im Mittelalter über Hannover bis nach Mecklenburg. Im XVI. Jahrh. fand sich die Pflanze allenthalben in den Gärten Deutschlands und Italiens (~Gesner~) und auch in England. Im XVIII. Jahrh. war Sem. fenugr. sehr beliebt. ~Geoffroy~, der sie der pyrochemischen Analyse unterwarf, teilt im Tractatus de Mat. med. 1742 p. 259 eine Menge Vorschriften mit, in denen der Same oder der daraus bereitete Schleim vorkommt, meist zusammen mit anderen Mucilaginosis. ~Pomet~ bildet fenugrec. («fälschlich senegré genannt») gut kenntlich ab.
=Lit.= ~Flückiger-Hanbury~, +Pharmacographia+. -- ~Flückiger~, Pharmakognosie. -- ~Ainslie~, Mat. med. ind. -- ~Tristam~, Nat. hist. of the bible.
=Paralleldrogen.= ~Dioskurides~ verwendete auch in gleicher Weise die Samen von Trigonella elatior ~Sibth.~, (T. corniculata L., λωτός ἄγριον?), des wilden oder Kuhhornklee, den auch die Araber beachteten (bei ~Ibn Baithar~: handakuâ elbarri).
b) Schleimzellen in der ganzen Pflanze verteilt.
Die Schleimmembranen der Schleimzellen von Vegetationsorganen (Wurzeln, Stengeln, Blättern) und Blüten tragen nicht den Charakter von Reservestoffen. Wir dürfen sie wohl, da sie sich wie einige Beobachtungen, besonders an Althaea, zeigen, auf trockenen Standorten vermehren, als +Wasserspeicher+ auffassen. Darauf deutet auch das Vorkommen in der Epidermis der Blätter, welches bei den =Fol. Buccu= (s. d.) seine extremste Ausbildung erhält und hier zu einem ganzen Wasserspeichersystem wird (Fig. 94, 9 u. 10).
Rad. Althaeae.
=Syn.= Rad. Bismalvae, R. Hibisci, R. Malvae visci, -- Altheewurzel, Eibischwurzel, Fliestkrautwurzel, Gilfwurz, Hilfswurzel, Schleimtee, Weiße Süßholzwurzel, Heilwurz, Heilkraut, Samt- oder weiße Pappel, große wilde Pappel oder Malve, -- guimauve officinale ou ordinaire (franz.) -- (common) marshmallow (engl.) -- weatweed, mortification root (in Amerika) -- heemst (holl.) -- malwischio, malvaccioni, bismalva, radice di altea (ital.) -- malvavisca (span.) -- ibis rot (schwed.) -- altee juuri (fin.) zilizgyőkér (ung.) -- ῥίζα ἀλθαίας, auch μολόχη, νερομολόχα (n.-griech.).
khairu, khitmi-ká-jhár, khaira-ka-jhor (pers., hind., duk., bomb.). Die Wurzel heißt in Indien und Persien: rishah-i-khitmi; die Frucht: tukm-i-khitmi; die Blüten: gul khairu. -- Bei ~Theophrast~ ἄλθαια. -- +athd.+ grozpapel, -- +mithd.+ ebich, ebiche, eibisch, ibsche (so noch jetzt in Bern) ipsch, ybeske, ybesch, ybischa, ybize, ywesche -- +mnd.+ homes, witte hümst, witte malve, wilt pippeln, rockwort. Bei ~Ortolf~: weiße Pappel. -- Jetzt auch Arteawurzel und Theewurzel (Rendsburg), Eibich (Österreich), Hüffwurzel (Schlesien). -- Im Mittelalter: bismalva, eviscus, ibiscus, flos siliaci s. syriaci; dann auch: althaea ibiscus, malva ibiscus, m. silvestris, m. palustris.
=Etym.= Althaea aus ἀλθαία umgebildet; dies wohl mit ἄλθος (= Heilmittel) und ἄλθομαι (= gesunden) zusammenhängend. Schon ~Dioskurides~ leitet das Wort von πολυαλθὲς (= viel heilend) ab («ὠνόμασται δὲ ἀλθαία διὰ τὸ πολυαλθὲς καὶ πολύχρηστον αὐτῆς»). Heilwurz ist also die Übersetzung von ἀλθαία. -- Eibisch (athd. ibisca, mhd. ipsch, bei der ~Hildegard~: ybischa, ibiscum, bei ~Brunschwyg~ und ~Bock~: ibisch, bei ~Fuchs~: eibesch) aus dem Lat. ibiscum, hibiscum (hibiscus bei ~Virgil~) und dem griech. ἴβισκος (ἔβισκος). «Ebich geht an Apium = Eppich und Hedera = Epich sehr nahe hinan» (~Pritzel-Jessen~). Im Corpus-Glossar steht: euiscus, ibiscus (~Fischer-Benzon~). ~Grassmann~ bemerkt von ibiscus: «schwerlich ist es ein ursprünglich griechisches oder lateinisches Wort, da es in diesen Sprachen keine verwandten Wörter hat und auch die Lautform auf eine Entlehnung hindeutet.» Bei ~Dioskurides~ ἀλθαία, Synonyma bei ~Dioskurides~: ἐβίσκον, μολόχη (μαλάχἠ) ἀγρία, ἀθίσκον (bei den Römern Hebiscum). Bei den späteren Griechen (vgl. ~Langkavel~) ἀλθαία, ἀσπρομολόχη, ἀλκέα, βύσκος, ἐβίσκη, ὀνομαλάχη. Bei ~Plinius~: Althaea, d. h. Malva silvestris «cui grande folium et radices albae». -- Malvaviscus aus malva viscida (wegen des Schleimes) umgebildet, aus viscida malva entstand dann auch bismalva und guimauve (gui = viscus). -- mauve aus malva. Bez. Pappel vgl. I, S. 1064 und unter Malva.
=Stammpflanze.= =Althaea officinalis= L. (Spec. pl. ed. I, 686).
=System. Stellung.= +Malvaceae+, Malveae -- Malvinae -- Althaeastrum.
=Beschreibung der Stammpflanze.= Die Pflanze ist mehrjährig. Das oft vielköpfige bis 3 cm dicke +Rhizom+ geht nach unten in eine einfache oder mehrweniger verzweigte Wurzel über und trägt oben 60-125 cm hohe einfache oder ästige, stielrunde, unten stark verholzte, innen markige, kaum hohle +Stengel+, die in der Rinde reichlich Bastfasergruppen besitzen und außen mit einem dichten Filz von Büschelhaaren bedeckt sind. Die spiralig gestellten +Blätter+ besitzen einen kurzen, bis 4 cm langen Stiel; sie sind im oberen Teile des Stengels eiförmig, werden dann weiter nach unten größer und dreilappig, am Grunde gerundet bis herzförmig, und sind im untersten Teile, wo sie am größten sind, fünflappig mit meist vorgezogenen Endlappen, die Lappen spitz, am Rande ungleich kerbig-gezähnt bzw. kerbig-gesägt. Am Grunde ist die dicht graufilzig behaarte Spreite fünfnervig, beiderseits vom Mittelnerven gehen 3-5, besonders unterseits stark hervortretende Seitennerven ab. Die zweispaltigen Nebenblätter sind lineal oder lanzettlich-pfriemlich, lang zugespitzt, behaart, bis 8 mm lang, und, wie die Vorblätter der Blüten, hinfällig. Die wickeligen +Blütenstände+ stehen in den Achseln der Laubblätter; sie erscheinen durch Zusammendrängung der Blüten büschelig, die Büschel bilden im oberen Teile der Stengel bei Verkürzung der Blätter wieder traubige Verbindungen, sind also oberwärts gehäuft. Die Blütenbüschel sind kürzer als die Blätter. Die aktinomorphe, fünfzählige +Blüte+ besitzt einen +Außenkelch+ (Hochblattinvolukrum), der bis fast zum Grunde in meist 9-10 (selten 6, 7 oder 11) pfriemliche zugespitzte, behaarte Zipfel geteilt ist, die etwas kürzer sind als der 8-9 mm lange eigentliche fünfzählige +Kelch+, dessen eiförmige, zugespitzte, beiderseits filzige Zipfel eine klappige Knospenlage zeigen. Die 5 spreizenden, in der Knospenlage gedrehten, asymmetrischen, hellrosenroten (fleischfarbenen), dunkel geaderten +Blumenblätter+ sind fast 2 cm lang, schief umgekehrt eiförmig, oben etwas ausgerandet, am Grunde genagelt und hier beiderseits mit einem Haarbüschel versehen, mittelst der Staubgefäßröhre an der Basis unter sich verbunden. Die zahlreichen +Stamina+ sind zu einer unten verbreiterten Röhre verwachsen, die Filamente sind schwach behaart, die monothecischen, mit einem Scheitelspalt aufspringenden, dunkelpurpurnen Antheren in der Mitte angeheftet, die Pollenkörner groß, mit grobstachliger Exine. Die 15-18 +Fruchtblätter+ bilden eine niedrige, am Rande gekerbte, feinbehaarte Scheibe, aus deren Mitte sich der kräftige Griffel erhebt, dessen in der Zahl den Fruchtblättern entsprechende Narbenschenkel anfangs zusammenneigen, später aber auseinander spreizen. Jedes Fruchtknotenfach enthält ein aufsteigendes, anatropes Ovulum mit nach unten gewendeter Mikropyle. Die oben gewölbte, mit abgerundeten Rändern versehene +Frucht+ bildet eine vom bleibenden Kelch und Außenkelch behüllte, niedergedrückte, am Rande gekerbte, behaarte, von der Mittelsäule überragte Scheibe, die einem Emmenthaler Käse ähnlich ist (daher: Käsepappel). Die +Samen+ sind kahl, braun und enthalten, eingebettet in Endosperm, einen gekrümmten Keimling, dessen nach Innen geschlagene Keimblätter an der Spitze nochmals eingeknickt sind.
Blüht im Juli und August.
=Verbreitung.= Althaea officin. ist ursprünglich eine Pflanze der Steppen und Salzsümpfe. Sie ist über ganz Europa von Mittelrußland bis Frankreich (Südküste, Montpellier), Spanien (Salzmarschen von Saragossa), an der Nordsee, an der Ostsee bis zur Peenemündung, am Schwarzen Meer, am Mittelmeer, an den atlantischen Küsten bis Südengland und Irland, mit Ausnahme Skandinaviens und des höheren Nordens, auch in Griechenland und Macedonien, sowie über das gemäßigte Westasien (z. B. Syrien, Persien, Afghanistan), Zentralasien (Kaschmir), im Panjáb Himalaya, Sind und Nordasien (Alataugebirge in Südsibirien, südlich vom Balkasch-See) verbreitet. Aus Europa eingeschleppt findet sie sich jetzt auch in den Salzmarschen der Küste von Massachusetts, New York und Pennsylvania (~Henkel~). Sie findet sich an den Rändern von feuchten Gebüschen, Gräben, Zäunen besonders auf salzigem Boden oder in der Nähe salzhaltiger Stellen. Auf trockenem Boden wird sie schleimreicher. In Norddeutschland ist die Pflanze zerstreut und ziemlich selten, in der Schweiz scheint sie zu fehlen. (Bei ~Schinz-Keller~ finde ich nur die einjährige A. hirsuta.) Für Baden, Wetterau, Nassau, Franken, Westfalen, Oberhessen durch Thüringen und Sachsen, sowie Böhmen wird sie angegeben, in Ungarn scheint sie häufig zu sein. Im Alatau steigt sie bis 3000 Fuß (~Semenoff~).
=Lit.= ~Flückiger~, Pharmakogn. -- ~Sibthorp~, Prodr. flor. graec. II, 42. -- ~Luerssen~, Med. pharm. Bot. -- ~Alice Henkel~, U. S. Dep. Agr. Bulletin 89. 1906. -- ~Garcke~, Flora v. Deutschland. -- +Abbild+. in ~Berg-Schmidt~, Atlas, 2. Aufl. t. 103 (dort die systemat. Lit.). -- ~Berg~, Charakteristik, t. 81. -- ~Pabst-Köhler~, Medizinalpfl. t. 59. -- ~Hayne~, Arzneigew. II. t. 25. -- ~Nees von Esenbeck~, plant. med. t. 417. -- ~Bentley-Trimen~, Med. pl. t. 35 u. and.
=Pathologie.= Über die pflanzlichen Schädlinge berichtet Prof. ~Ed. Fischer~: Auf Althaea officinalis tritt, wie auf anderen Malvaceen, die Uredinee Puccinia Malvacearum ~Mont.~ auf, welche an allen grünen Teilen ihre kompakt polsterförmigen braunen Teleutosporenlager ausbildet. Es gehört dieselbe zu den sogenannten +Lepto+puccinien, d. h. sie besitzt nur Teleutosporen, welche sofort nach der Reife zu Basidien auskeimen. Die Basidiosporen infizieren sofort wieder junge Blätter. Nach meinen Beobachtungen erfolgt die Überwinterung auf den Malven einfach so, daß durch die ungünstigen Temperaturverhältnisse im Winter die Keimung der Teleutosporen zurückgehalten wird und erst eintritt, wenn wieder günstigere Temperaturverhältnisse vorliegen, in welchem Zeitpunkte dann meist auch Teile der _Malva_arten sich in infizierbarem Zustande befinden. (Eine ähnliche Beobachtung hat auch schon ~J. Schröter~ gemacht.) Da der Pilz sowohl auf Althaea wie auch auf Malva und anderen Malvaceen lebt, so kann Althaea auch von befallenen Malven aus infiziert werden. Der Pilz ist ursprünglich in Chile einheimisch. In Europa wurde er 1869 zum ersten Male beobachtet und zwar in Spanien, dann 1872 in Frankreich. 1873 fand man ihn an verschiedenen Punkten von Frankreich, im Elsaß und Baden, sowie bei Erfurt. (Siehe ~E. Ihne~, Studien zur Pflanzengeographie: Geschichte der Einwanderung von Puccinia Malvacearum und Elodea canadensis. Dissertation. Gießen 1880.) Puccinia Malvacearum ist bereits 1874 auf den _Althaea_kulturen bei Nürnberg und Erlangen beobachtet worden. (~Rees~, Sitzungsb. d. phys. med. Soc. Erlangen 1874). Der Schaden ist weniger groß als man anfangs fürchtete (~A. Schwarz~ 1910), immerhin werden die Blätter bei stärkerem Auftreten unverkäuflich. Zur Bekämpfung wurden Spritzmittel vorgeschlagen, doch können solche jedenfalls da nicht angewendet werden, wo die Blätter als Droge in Betracht kommen.
Auf den Blättern der Althaeen sind außer Puccinia Malvacearum noch mehrere Imperfekten beobachtet worden, welche Blattfleckenkrankheiten hervorrufen. Unter denselben tritt namentlich Colletotrichum Althaeae ~Southworth~ (Stirochaete Malvarum ~A. Br.~ et ~Casp.~) (s. ~Southworth~, Ad new hollyhock disease. Journal of Mycology 1890, p. 45 und 115) unter Umständen so verheerend auf, daß die Kultur der Malven und Althaeen in Frage gestellt wird (~Lindau~).
Pilze als direkte Schädlinge der Wurzel sind uns nicht bekannt.
Über die tierischen Schädlinge von Malva alcea, moschata, silvestris, neglecta, rotundifolia und Althaea officinalis berichtet ~Israel~:
1. +Käfer+: Haltica rufipes. L., H. fuscipes. ~Fabr.~ und H. malvae ~Ill.~ Larven und Käfer an den verschiedensten Malvaceen, letzterer mehr in den Donauländern. Lixus angustatus ~Fabr.~ Larven meist in Kompositen, auch in _Malva_arten. Apion aeneum ~Fabr.~, A. malvae ~Fabr.~ und andere _Apion_arten leben als Larven in den Früchten von Malva- und _Althaea_arten. Trachys pygmaea ~Fabr.~ Larven minierend auf Althaea- und _Malva_arten.
2. +Falter+: Spilothyrus alceae ~Esp.~, S. althaeae ~Hübn.~ Raupen auf diversen Malvaceen. Acontia lucida ~Hufn.~, A. luctuosa W. V. Die Raupen beider, nicht überall häufigen Falter leben auf diversen Malvaceen. Gelechia malvella ~Hb.~ Räupchen in den Früchten vieler Malvaceen.
3. +Schnabelkerfe+: Aphis cardui L. soll außer an verschiedenen Kompositen auch an _Malva_arten leben.
1894 trat eine Raupe auf den Stecklingen der bayrischen Kulturen auf, die dieselben stark schädigte (~Gehe~ & Co.).
Die Droge ist sehr der Zerstörung durch Sitodrepa panicea (I, S. 379) ausgesetzt. Man tut gut, von Zeit zu Zeit ein offenes Gefäß mit etwas Chloroform in den Vorratskasten zu stellen.
=Kultur und Einsammlung.= Die deutsche Altheewurzel stammt nur aus den Kulturen. Wilde Althaea liefert überhaupt weniger gute Wurzeln. Hauptkulturort für deutsche Althaea ist Gochsheim, eine Stunde von Schweinfurt, dann die Umgegend von Nürnberg. Die Kulturen befinden sich nördlich von +Nürnberg+ (Groß- und Klein-Reuth, Lohe, Schnepfenreuth, Almoshof, Poppenreuth, Höfles, Rohnhof, Bislohe, Kraftshof, Boxdorf, Stadeln, Gr. Gründlach, Neunhof usw.) und südlich von Nürnberg (Schweinau, Groß-Reuth, Sündersbühl). In der Umgebung von +Schweinfurt+ sind Gochsheim, Schwebheim, Sennfeld zu nennen, bei Ulm Söflingen; kleinere liegen bei Jenalöbnitz, Rüdenhausen (Amt Kitzingen), Schlauraf. Bei Bamberg wird keine Althaea mehr gebaut (~Kraft~ 1910).
~A. Schwarz~ in Nürnberg schreibt mir 1910: «Althaea ist die hauptsächlichste Arzneipflanze, welche bei Nürnberg gebaut wird. Der Anbau ist am stärksten zwischen Nürnberg und Erlangen. Die Länge des Anbaugebietes darf auf 7, die Breite auf 2 Stunden angegeben werden. Der Eibisch wird hier in mäßig großen Feldern neben Gemüsen, Spargel usw. gebaut.» Wie ~Unger~ berichtet pflanzen die Bauern die Wurzeln in andere Felder unter Zwiebeln, Möhren, Kraut u. dergl. und im Oktober, November, eventuell auch im Dezember, wenn alles andere abgeerntet ist, wird die Eibischwurzel gegraben, geschält und getrocknet. Im Laufe des Winters wird dann von den Wurzelschneidern im Orte die Wurzel gespalten und geschnitten. Nicht alle Bauern haben Trockenschränke. Die Wurzelschneider feuchten oft die Wurzeln an und legen sie in den Keller, bis sie sich gut schneiden lassen, was aber unzulässig ist (~Unger~).
Die Ernte in den Ämtern Nürnberg und Fürth beträgt pro Jahr etwa 3000 Zentner. Das meiste liefert: Neunhof, Kraftshof, Buch, Boxdorf, Klein- und Groß-Reuth hinter der Veste und Sündersbühl. Althaea verlangt besonders im August bis Oktober Feuchtigkeit. Anhaltende Trockenheit schädigt die Felder, ebenso anhaltende feuchte Witterung oder gar Überschwemmung, wie 1898 in Belgien. Nebeliges trübes Wetter liefert graue Wurzeln. Da die Asche der Althaea reich an Phosphaten ist, sollten die Kulturen mit Thomasmehl gedüngt werden. Die Erntebereitung erfordert ziemlich viel Arbeit und viele Bauern wendeten sich 1898-1900 anderen Kulturen zu, doch wurden, da wieder bessere Preise erzielt wurden, die Kulturen in Unterfranken 1907 wieder erweitert. Nur die größeren Wurzeln geben gute Ware, nicht die Zasern. Sorgfältige Trocknung eventuell Nachtrocknung bei nicht zu hoher Temperatur ist erforderlich, da die Wurzel sonst leicht einen widerlichen Geschmack annimmt und gelblich wird. 5 Teile frische Wurzel liefern 1 Teil geschälte und getrocknete.
Die Kultur von Althaea gelang 1887 ~Labler~ in Böhmen nicht gut. In der von Prof. ~Páter~ geleiteten staatlichen Versuchsstation für die Kultur der Arzneipflanzen in Klausenburg (Kolozsvár) in Ungarn wird Althaea zu Wurzel-, Blätter- und Blütengewinnung kultiviert. Sie findet sich auch in vielen ungarischen Privatpflanzungen (z. B. der ~Gebr. Neumann~, Dr. ~Skiczák~ u. a.), die zum Teil mit ganz modernen Trocknungseinrichtungen versehen sind (~Mitlacher~). Die Rentabilität scheint nicht sehr beträchtlich zu sein, immerhin lohnt die Kultur. Ungarn sammelt aber auch Althaea in größerem Maßstabe von wildwachsenden Pflanzen (~Páter~). Österreich-Ungarn exportiert größere Mengen Rad. Althaeae (~Mitlacher~, 1910).
Ich sah Althaea oft in Bauerngärten Deutschlands und der Schweiz. Auch in +Frankreich+, +Belgien+ und +Italien+ wird Rad. althaeae gesammelt und exportiert. Es befinden sich Kulturen in Nordfrankreich und im Hennegan (Belgien). Die Gärtnereien von +Milly+ (Depart. Seine et Oise) kultivieren auch Althaea (~Planchon~, 1892). Die A. gallica war früher von vorzüglicher Qualität. Die belgischen Pflanzungen sind beträchtlich. +Ganze+ belgische Wurzel ist beliebt. Frankreich bezog 1909 Althaeawurzel aus Italien und Belgien. In Italien wird die Droge nur von wildwachsenden Pflanzen gesammelt und zwar bei Mondoví in Piemont und Solesine in Venezien (~Ravasini~). Kulturen finden sich auch in Madras (~Watt~), aber die meiste Althaea wird von Persien nach Indien importiert. /# =Lit.= ~Unger~, Apoth. Zeit. 1890, 14. -- ~Mitlacher~, Kultur von Arzneipfl. in Österr.-Ungarn. Pharm. Post 1909 (dort weitere Lit.) und Z. Produkt. v. Arzneipflanz. in Österreich-Ungarn. Zeitschr. d. Österr. Apoth. Ver. 1910, 459. -- ~Scherfel~, Medizinalpfl. Ungarns. Beih. z. Bot. Centralbl. 1897. -- ~Augustin-Lengyel~ Vezérfonal Pharmakobotanikai Gyàkorlatokhoz 1908. -- ~A. Schwarz~, Briefl. Mittheil. 1910. -- ~Labler~, Prager Rundschau 1887 und Zeitschr. Österr. Apoth. Ver. 1889. -- ~Planchon~, Rep. d. Pharm. 1892, 375. -- ~F. von Müller~, Select. extratrop. plants readily eligible for Industrial Cultur 1885.
=Handelssorten.= Der Handel unterscheidet besonders deutsche und belgische Wurzel, zu denen dann noch die weniger wichtige französische tritt. Die ungarische Althaeawurzel ist bisweilen ungeschält (~Vogl~).
=Morphologie der Droge.= Die Droge wird nur von zweijährigen Pflanzen gesammelt, ältere sind zu holzig, jüngere zu dünn. Sie ist stets geschält im Handel. Die Wurzel des ersten Jahres bleibt entweder erhalten und entwickelt sich, zahlreiche Verzweigungen bildend, weiter oder geht zugrunde und an ihrer Stelle treten aus dem kurzen Rhizom zahlreiche, etwa gleichdicke Zasern. Das Rhizom entwickelt entweder nur einen Stengel oder wird mehrköpfig und treibt alsdann zahlreiche Stengel. Die hellgraubräunliche, nicht selten 0,5 m lange Hauptwurzel ist oft bis 3 cm dick, bisweilen um die Achse gedreht, die Zasern dagegen erreichen nur eine Dicke von 1 cm. Die Droge wird meist aus den Hauptwurzeln dargestellt. Man schneidet die Nebenwurzeln ab, schält sie durch Abschaben des Korkes und der äußersten Schichten der Rinde und trocknet dann. So erhält man verschieden (meist c. 2 dcm) lange, c. 1,5 cm dicke, weißliche Stücke, die auf der Oberfläche wenige aber grobe Längsrunzeln bzw. Furchen und zahlreiche dunklere Narben, von den Nebenwurzeln herrührend, erkennen lassen, sowie viele feine Fäserchen: freigelegte Bastfasergruppen der Rinde (s. unten). Der Bruch ist im Holzkörper uneben körnig, in der Rinde faserig. Der Durchmesser des Holzkörpers beträgt das fünf- bis sechsfache der Rinde, die nach dem Aufweichen etwa 3 mm dick zu sein pflegt.
Das +Lupenbild des Querschnittes+, der sich mit Jod stark bläut, zeigt deutlich hervortretend die ringsumlaufende bräunliche Cambiumlinie. Innerhalb derselben treten feine Radialstrahlen, im Zentrum unregelmäßige Punktierung hervor. Die Rinde läßt zarte konzentrische Zonen erkennen (Fig. 117). Die Gefäßgruppen erscheinen beim Betupfen des Querschnittes mit Phloroglucin-Salzsäure als rote Punkte.
Die Droge ist viel in Würfel geschnitten im Handel.
Rad. alth. riecht eigenartig und schmeckt süßlich, fade-schleimig.
=Anatomie.= Althaea besitzt Befestigungs- und Ernährungswurzeln (~Tschirch~ und ~Radlauer~, ~Stscherbatscheff~). Die Befestigungswurzeln führen Libriform im Zentralzylinder, die Ernährungswurzeln nicht. Der primäre Bau der Wurzel ist radial-diarch, wird dann oft tri- und tetrarch, seltener pentarch. In der Rinde findet sich meist eine endotrophische Mycorhiza. Schon bei einer 1,3 mm dicken Wurzel ist die primäre Rinde abgeworfen. Der Bau des Wurzelbündels ist collateral geworden und es ist ringsum Perikambialkork entstanden und in der Rinde Bastzellgruppen und Schleimzellen.
Der (der Droge fehlende) Kork besteht aus etwa 8 Reihen tafelförmiger Korkzellen. Darunter folgt ein großzelliges Parenchym. Die sekundäre Rinde wird in radialer Richtung von breiten, schon mit der Lupe sichtbaren Markstrahlen durchzogen. Die Tangentialstreifung (s. oben) der Rinde rührt von zahlreichen, kleinen, in tangentialen Zonen angeordneten kleinen Bastzellgruppen her (Fig. 118, B), deren äußerste bei der geschälten Droge als Fäserchen sichtbar werden. Mit letzteren alternieren Siebröhrengruppen (s. Fig. 117, 5). Die wenig oder gar nicht verholzten Bastzellen sind meist nicht sehr stark verdickt, ihre Enden kegelig oder gabelig oder knorrig. Sie sind 10-27 (meist 18 bis 20) mik breit und meist etwa 600 mik lang. Safranin färbt die Membran der Bastzellen und der Gefäße rot (~Vogl~), Chlorzinkjod die inneren Lamellen der Bastzellen blau (~A. Meyer~). Das Rindenparenchym (Phloëmparenchym) und die Markstrahlen führen viel Stärke, etwas Asparagin und kleine Öltröpfchen (letztere besonders in den Markstrahlen), einige Zellen auch etwa 25 mik (18-30) messende Calciumoxalatdrusen mit oft stacheligem Rande. Die Kristalle liegen in einer Tasche (~Wittlin~). Eingestreut in das Rindenparenchym finden sich zahlreiche rundliche oder in der Organachse gestreckte Schleimzellen mit sehr dicken geschichteten Schleimmembranen (Schichtung wird deutlich beim Zufließen von Alkohol), die sich weder mit Jod, noch mit Chlorzinkjod und Jodschwefelsäure blau färben. Beim Chloralpräparate fand ~Vogl~ in den Schleimzellen 15-36 mik große prachtvolle Sphärite, oft traubig aggregiert, zerklüftet, rissig, geschichtet und radial gestreift, bald der Zellwand aufsitzend, bald frei in der Zelle liegend. Einige sind kugelig, andere eirund oder elliptisch, oder traubig gehäuft, nicht selten in langer Reihe der Zellwand aufsitzend. In dem innerhalb des Reihenkambiums liegenden Holzkörper ist das +Speicherparenchym+ (Holzparenchym) sehr stark entwickelt. Es führt Stärke, Asparagin (in deutlichen Kristallen meist nur nach Einlegen frischer Wurzeln in Alkohol), fettes Öl und Rohrzucker. Konz. Schwefelsäure färbt rot, Kali zitronengelb. Die Stärkekörner, der hauptsächlichste Reservestoff der Wurzel, sind sehr mannigfaltig gestaltet: rundlich, oval, gestreckt, gekrümmt, verbogen oder gelappt (Fig. 120). Der Spalt ist nicht immer deutlich, zusammengesetzte Körner sind selten. Die Größe beträgt 3,5-27 mik. Eingestreut in das Speicherparenchym finden sich Schleimzellen und Zellen mit Calciumoxalatkristallen. Die 25-80 (meist 50-60) mik weiten +Leiter-+ oder +Netzleistengefäße+, entweder einzeln oder zu Gruppen vereinigt, liegen ziemlich zerstreut. Sie zeigen manchmal Thyllenbildung (Fig. 119). Bisweilen sieht man innerhalb des Cambiums einzelne, meist Wundgummi führende Gefäß- und Tracheïdengruppen von einem Korkmantel ganz oder teilweise umgeben (~Lanessan~ 1877, ~Hartwich~ 1906). Die Gefäße sind oft von einem Tracheïdensaume umgeben und von Bastfaser-(Libriform-)gruppen begleitet. Letztere finden sich aber auch isoliert im Gewebe verstreut. Die meist sehr hohen Markstrahlen des Holzes ähneln denen der Rinde, zeigen auch die gleichen Inhaltskörper. Im Zentrum des Holzkörpers findet man bisweilen noch die Protoxylemgruppe, deren Libriformzellen verholzt sind (~Vogl~).
Im +Pulver+ prävalieren die Stärkekörner, deren charakteristische Form (Fig. 120) für die Diagnose brauchbar ist. Im Alkoholpräparate erscheinen die Inhalte der Schleimzellen als helle Schollen, die beim Zufließenlassen von Wasser zu hyalinen Blasen werden. Im Chloralpräparate treten neben Parenchymfetzen die sehr charakteristischen Bastzellen und Gefäße oder deren Fragmente deutlich hervor, sowie die Calciumoxalatdrusen oder deren Kristallsplitter. Da das Pulver nur aus geschälter Droge dargestellt wird, fehlen die Korkzellen oder sind doch nur in sehr geringer Menge vorhanden, herrührend von den Stellen, wo die Nebenwurzeln abgeschnitten wurden.
=Lit.= ~Tschirch-Oesterle~, Anatom. Atlas t. 30 (dort das Detail). -- ~Tschirch~, Angew. Anatom. -- ~A. Meyer~, Drogenkunde (Fig. 195). -- ~Berg~, Anatom. Atlas t. 11. -- ~Karsten-Oltmanns~, Lehrbuch, Fig. 107-109. -- ~Moeller~, Lehrbuch, Fig. 320. -- ~Gilg~, Lehrbuch, Fig. 237. -- ~Planchon-Collin~, Drog. simpl. II, Fig. 1189. -- ~van Tieghem~, Ann. sc. nat. (7) 1 (1885), 76. -- ~Dumont~, Anat. comp. d. Malvac., Ebenda (7) 6, 138. t. IV. -- ~Kuntze~, Vergl. Anat. d. Malv. Bot. Centralbl. 1891. -- ~Solereder~, System. Anat. d. Dicotylen S. 166 (dort weitere Lit). -- ~Frank~, Pringsh. Jahrb. V, t. XV. -- ~de Bary~, Anatomie 151. -- ~Walliczek~, Dissertat. Bern 1893. -- ~Guiraud~, Bot. Centralbl. 61 (1895) 376. -- ~Holfert~, Prim. Anlage d. Wurzeln. Arch. Pharm. 1889. -- ~Lanessan~, Bull. Soc. Linn. Paris 1877 (u. Hist. d. drog. I, Fig. 59). -- ~Hartwich~, Schleimzellen von Althaea, Verh. d. Naturforschervers. Halle 1891 (Pharm. Zeit. 1891, 609) und Eigenthüml. Bild. von Wundkork in d. Wurz. v. Althaea offic. Schw. Wochenschr. 1906, 137, sowie Althaea in Realenzyklop. d. Pharm. -- ~Freidenfeldt~, Anatom. Bau d. Wurzel. Bibl. bot. Heft 61, 1904. -- ~Jost~, Zerklüftung einiger Rhizome u. Wurzeln. Bot. Zeit. 1890. -- ~Radlauer~, Dissert. Bern 1911. -- ~Stscherbatscheff~, Arch. Pharm. 1907, 48. -- ~Wittlin~, Bot. Centralbl. 67 (1896), Taf. 1 Fig. 35. -- Das Pulver ausführlich in ~Koch~, Atlas d. Drogenpulver II, t. 12, ~Greenish-Collin~, Atlas veget. powders pl. 109 und ~Kraemer~, Powdered drugs. Amer. Pharm. Assoc. 1898, 312. -- Stärke: ~Bastin~, The Apothecary 1893 (Pharm. Journ. 1893, 747). -- Mikr. Nachweis des Asparagins: ~Pfeffer~, Pringsh. Jahrb. 1872, 533. Vgl. auch Borodin, Bot. Zeit. 1878, 801.
=Chemie.= Der Apotheker =Bacon= fand 1826 in der Rad. alth. +Gummi+, +Zucker+, +fettes Öl+, +Stärke+, +Eiweiß+, +Althaein+ und «malate acide d’althéine». Letzteres erklärte ~Plisson~ für identisch mit dem von Robiquet 1805 in Asparagus entdeckten +Asparagin+, dem Monoamid der Amidobernsteinsäure:
(NH₂)--CH--COOH | CH₂--CO(NH₂) (F. wasserfrei = 234-235°).
Dieses Asparagin, das glänzende, rhombische, in heißem Wasser lösliche, in Alkohol und Äther unlösliche Prismen bildet, ist linkshemiëdrisches, optisch-linksdrehendes l-Asparagin [rechtshemiëdrisches, süßschmeckendes Asparagin erhielt ~Piutti~ aus Wickenkeimlingen, doch geht dies wohl aus l-Asparagin hervor (~Pringsheim~)]. l-Asparagin ist im Pflanzenreich weit verbreitet. Rad. alth. enthält davon 0,8-2%. ~Rebling~ fand in Rad. althaeae 10-11% Zucker, den ~Wittstock~ für Rohrzucker erklärte. Die von ~L. Meier~ angegebene Apfelsäure hat keine Bestätigung gefunden.
~Buchner~ fand 35,64% Schleim, 37,51% Stärke (nach ~Flückiger-Hanbury~ etwas mehr als 25%), 8,29% Zucker und Asparagin, 1,26% fettes Öl, 1,81% glutinöse Materie, 11,05% Pflanzenmark (Pektin). Der +Althaeaschleim+, von dem ~Flückiger~ 25% erhielt, ist in Wasser löslich. Er läßt sich durch Ammonsulfat aussalzen (~Pohl~), ist in Kupferoxydammon unlöslich und färbt sich weder mit Jod noch mit Jodschwefelsäure (Echte Schleime, ~Tschirch~). Bleiacetat schlägt ihn nieder. Da der Schleim, dem die Formel C₁₂H₂₀O₁₀ gegeben wurde (~Schmidt~, ~Mulder~), bei der Oxydation Schleimsäure liefert, muß er +Galaktose+ liefernde Gruppen enthalten. Vielfach wird kalte Extraktion der Wurzel an Stelle des Dekoktes gesetzt, doch treten auch neuerdings warme Verteidiger des Abkochens auf (~Unger~ 1890), da der heiße Auszug haltbarer ist. Der kalte Auszug enthält nur Schleim, keinen Stärkekleister, wird daher von Jod nicht gebläut, der heiße wird blau. Wenn es sich nur um den Schleim handelt, genügt kalte Extraktion. Pharmac. helvet. IV sagt: «Statt Decoctum rad. alth. ist die Kolatur einer halbstündigen Maceration zu dispensieren.»
~Orlow~ fand +Betain+ (Trimethylglycin, Oxyneurin):
CH₂--CO | | + H₂O (CH₃)₃≡N----O
und einen dem Lecithin (vgl. S. 342) ähnlichen Körper. Die Wurzel enthält auch ein +Enzym+. Gerbstoff findet sich nur in den Randschichten der ungeschälten Wurzel. Die +Asche+ beträgt 4,88% (~Flückiger~), 3,2-5,5% (~Hauke~), im Pulver oft etwas mehr. Die obere Grenzzahl beträgt 6%. Die Asche ist rein weiß. ~Nygård~ gibt den Wassergehalt auf 11% an. ~E. Dieterich~ fand (1891) 9,95% H₂O, 4,8% Asche und in letzterer 7,08% Kaliumcarbonat, -- im Pulver 6,20-9,10% H₂O, 5,8 bis 6,5% Asche, darin 17,0% K₂CO₃. Die Asche ist reich an Phosphaten.
=Lit.= Ältere Lit. ~Link~, Schweigg. Journ. XIII, 186, ~Pfaff~, Mat. med. VI, 78, ~Colin~ und ~Gaultier~, Schweigg. Journ. XIII, 453, ~Gmelin~, Handb. d. Chem. II, 1251, ~Pereira~, Heilmittellehre II. -- ~Wittstock~, Poggend. Ann. 20 (1830) 346 (Pharm. Centralbl. 1831, 277). -- ~Buchner~, Rep. 41 (1832) 368 u. Pharm. Centralbl. 1832, 511. -- ~Leo Meier~, Jahrb. f. d. Pharm. 12, 2 (1826) 75 (vollständ. Analyse). -- ~Guérin Varry~, Ann. de chim. II 49, 264. -- ~Schmidt~, Lieb. Ann. 51, 29. -- ~Hilger~ und ~Rothenfusser~, Ber. d. chem. Ges. 35, 1841. -- ~Flückiger~, Pharmakogn. -- ~Flückiger-Hanbury~, Pharmacographia. -- ~Pohl~, Zeitschr. phys. Chem. 14 (1890) 151. -- +Asparagin+: ~Robiquet~ jun., Ann. chim. 55 (1805) 152. -- ~Vauquelin~ et ~Robiquet~, Ebenda 57 (1806) 88. (~Delaville~, Ebenda 41 (1802) 298). -- ~Bacon~, Althéine, nouvelle substance végétale. Ann. chim. phys. 34, 201 (1827), Journ. chim. med. II, 551. -- ~Plisson~, Sur l’identité du malate acide d’althéine avec l’asparagine. Ann. chim. phys. 36 (1827) 175. -- ~Piutti~, Ber. d. chem. Ges. 22, Ref. 241 u. 243. -- ~Pringsheim~, Zeitschr. physikal. Chem. 66 (1910).
~N. Orlow~, Betain als Bestandt. d. Wurz. von Alth. offic. Pharm. Zeitschr. f. Rußl. 36 (1897) 631 (Journ. ph. 1898, 7. 108 u. 305) und Lecithin Farmac. Journ. 1900, Nr. 22 (Chem. Zeit. und Pharm. Zeit. 1900, 268). -- ~Rebling~ (Zucker) Arch. Ph. 134 (1855). -- ~Nygård~, Farmac. Notisbl. 1909.
Über den sich abweichend verhaltenden Schleim (Gombine) von Hibiscus esculentus (sog. Gombo) vgl. ~Landrin~, Journ. ph. chim. 22 (1875) 278, ~Popp~, Arch. Pharm. 1871, 140.
=Verfälschungen und Prüfung.= Eine solche mit der holzigen, zähen Wurzel der Althaea rosea, die früher (~Wittstein~) angegeben wurde, scheint nicht mehr vorzukommen, ebenso wenig die Wurzel von A. narbonensis ~Cav.~ Eine sehr häufige, ja beinahe regelmäßige Verunreinigung des grob gepulverten Rad. alth. ist seit Jahren und bis auf den heutigen Tag die billigste Sorte Schwarzmehl. Auf den ersten Blick könnte man oft meinen es nur mit letzterem zu tun zu haben (~Döll~). Als Kuriosität sei erwähnt, daß von Getreidemehl freies _Althaea_pulver bisweilen als «stärkefrei» angeboten wird. Während früher die geschnittene Eibischwurzel häufig (mit Kalkmilch, Kreide, Gips) gekalkt wurde, wird sie jetzt vielfach mit Stärke, Getreidemehl oder _Althaea_pulver bestäubt. 1885 wurden mit Talcum geschminkte, geschnittene Althaea im Handel beobachtet, die über 1% davon enthielt (~Bernbeck~). Doch kommt Kalken auch jetzt noch vor. Die Prüfung auf gekalkte Wurzel durch Ausziehen mit Salzsäure (2 g Rad. auf 5 ccm 1% HCl, ~Fromme~, ~Caesar~ & ~Loretz~ Handelsbericht 1898) und Prüfen des filtrierten Auszuges mit Ammoniumoxalat ist, da auch das in der Wurzel vorkommende Calciumoxalat sich in Salzsäure löst, von der Pharm. helvet. IV durch Prüfung eines mit +Essigsäure+ dargestellten Auszuges ersetzt worden, die auch die auf Bleiweiß einschließt. «Schüttelt man geschnittene Eibischwurzel mit verdünnter Essigsäure, so darf Ammoniumoxalat im Filtrate nach dem Übersättigen mit Ammoniak nur höchstens eine Trübung und Schwefelwasserstoff keine Veränderung hervorrufen» (Pharm. helvet. IV). Gekalkte Wurzel enthält niemals weniger als 0,5% Kalk. Bisweilen ist so viel Kalk vorhanden, daß man ihn mit Wasser abschlämmen und den Bodensatz untersuchen kann. Auch Bleichung mit schwefliger Säure und Chlor scheint früher (1862) vorgekommen zu sein. Nicht ordentlich getrocknete, feucht aufbewahrte oder sonst feucht gewordene Wurzel riecht oft dumpfig oder schimmelt, sie enthält kein Asparagin mehr, bildet Ammoniak und gibt einen gelben Auszug (~Selle~), der bisweilen nach Buttersäure riecht (~Flückiger~). Es empfiehlt sich, Blecheinsätze in die Vorratskästen zu machen. Wurzeln, welche nach längerem Lagern geschnitten werden, liefern oft trübe, wenig schleimige Auszüge (~Hager~). Der Schleim (1 = 10) soll farblos und neutral sein und weder sauer, noch ammoniakalisch riechen. Durch Kalilauge oder Ammoniak soll er rein gelb, nicht braun oder rötlich werden.
=Lit.= Jahresber. d. Pharm. 1861, 65 (~Selle~) und 1885, 94 (~Bernbeck~).
=Anwendung.= Rad. althaeae wird besonders als demulzierendes Mittel bei Katarrhen der Respirationsorgane und Reizzuständen der Verdauungswerkzeuge benutzt, dann als Vehikel für scharfe Arzneistoffe und als Konspergierungsmittel für Pillen. Beliebte Arzneiformen sind: Decoctum althaeae, Syr. althaeae, Spec. bechicae, Spec. pectorales, Spec. pro infantibus, Pastilli althaeae, Pasta althaeae, die aber oft keine Althaea enthält. (Weitere Formen und Spezialitäten in ~Hager-Fischer-Hartwich~, Pharmac. Praxis). Die Witterung und ein damit verbundenes größeres oder geringeres Auftreten von Katarrhen hat, wie die Handelsberichte lehren, auf den Verbrauch von Rad. althaeae großen Einfluß. Mit Altheepulver und Wasser allein angestoßene Pillen werden bald steinhart und passieren den Magendarmkanal ohne zu zerfallen. _Althaea_wurzel ist auch ein Hauptmittel des Pfarrer ~Kneipp~. Die Wurzel wird roh und geschält von den Kalmücken gegessen. Die Stengel enthalten Bastfasern in der Rinde und diese wurden als Faserstoff empfohlen (~Cavanilles~). Ziemlich viel Fasern liefert Althaea narbonensis (span. cañamera) in der Nähe von Narbonne.
=Geschichte.= Dem indischen, babylonischen und ägyptischen Kulturkreise scheint die Verwendung der Althaea unbekannt gewesen zu sein. Alcea ficifolia L. (feigenblättrige Malve), noch heute Hauptschmuck der arabischen Gärten, war im alten Ägypten (1600 n. Chr.) eine der Blumen der Totenkränze. Die ἄλθαια des ~Theophrast~ ist vielleicht Alth. offic. (~Fraas~) oder A. acaulis (~Sprengel~), doch nennt er die Farbe der Blüten μήλινος (Pharm. ind. denkt daher eher an Abutilon Avicennae). Er beschreibt sie (Hist. plant. 9, 18) als der μαλάχη (Malva silvestr. und Lavatera arborea) ähnlich und erwähnt ihre Benutzung gegen Husten, sowie ad fracturas et ad ulcera. ~Dioskurides~, der viele Krankheiten nennt, gegen die Althaea innerlich und äußerlich angewendet wurde, nennt die Wurzel der ἀλθαία schleimig und innen weiß. ~Plinius~, der viel besonders über die äußerliche Anwendung der wilden Malve mit großen Blättern und weißer Wurzel zu berichten weiß, aber auch die Abkochung der Wurzel mit Milch als Hustenmittel kennt, erwähnt, daß die A. auch Plistolochia (Plistolycia) heiße (von πλεῖστος = am meisten und λοχεῖα = Kindbettreinigung). Daß die Wurzel in dem I. Jahrh. n. Chr. arzneilich benutzt wurde, geht aus des ~Scribonius Largus~ Compositiones (I, S. 576) hervor, bei dem sich Ebisci, s. Hibisci radix findet. A. offic. steht dann auch im Kitâb aš šaǧar (X. Jahrh.). Im Capitulare ~Karls~ steht (neben malvas) mismalvas [wohl ein Schreibfehler für uismalvas (~Fischer-Benzon~)] ibicha id est alteas. Beide finden sich auch im Breviarium (I, S. 621). Die Benediktiner empfahlen und betrieben also ihre Kultur auch im deutschen Norden. Bei ~Albertus Magnus~ steht Altea, im Gothaer Arzneibuch (I, S. 679): wylde poppele, auch bei ~Megenberg~: papel. In den +Sinonoma Bartholomei+ (I, S. 639) steht: Altea, holihocke; in der +Alphita+ und den +Tabulae+: bismalva und bimalva (altea); die ebendaselbst erwähnte Malva silvestris (malva uiscus, merch[e] malue, caulis sancti Cutberti, alta malua Seynt Cutbertscole) ist wohl auch Althaea; wie das gleichfalls in der Alphita sich findende Alphaea (bismalva, enflos, eviscus, malvaviscus, hibiscus). Bis malue findet sich auch in der Frankfurter Liste (1450) und dem Nördlinger Register (1480). Bei ~Cordus~ findet sich Althaeae flos, rad. (Rad. Hibisci) et mucilago; sowie die Namen Bismalva und Sammetpappeln. Der _Althae_aschleim war Bestandteil des Empl. diachylon (s. S. 337). Auch Ungt. dialthaea simpl. und comp. ~D. Nicolai~ (z. B. in ~Cordus~, Dispensator.) enthalten (neben Sem. lini und Sem. foenugraec.) Rad. althaeae.
=Paralleldrogen.= Die Wurzel des in allen Teilen sehr schleimreichen Hibiscus esculentus geben geschält ein schneeweißes, schleimreiches Pulver (Pharm. Rev. 1897). Die Wurzel wurde als Ersatz der Althaea empfohlen (~Della Sudda~, Rép. d. pharm. 1860. Über die Früchte der Pflanze vgl. die Pharmakographia). ~Dragendorff~ führt (Heilpflanzen, S. 422) als ebenso wie Althaea officin. benutzt an: Althaea taurinensis ~Dc.~, A. narbonensis ~Pourr.~, A. cannabina L., A. pallida W. et ~Kit.~, A. meonantha ~Lk.~, A. chinensis ~Cav.~, A. ficifolia ~Cav.~
Von den Portugiesen in Goa wird die Wurzel von Grewia scabrophylla ~Roxb.~ als Substituens für Althaea benutzt. Ebenso in Cochinchina und Indien die Wurzel von Hibiscus Rosa sinensis, die Ketmie von Cochinchina (Pharmacogr. indica).
Folium Althaeae.
Eibischblätter -- feuilles de guimauve -- marshmallow leaves -- foglie di altea.
Die Beschreibung der Stammpflanze s. oben S. 345. Die Blätter werden an den gleichen Orten wie die Wurzel, aber in viel geringerem Maße, besonders im Juni und Juli vor (Pharm. helv. IV) oder während der Blütezeit, bisweilen auch von der wildwachsenden Pflanze gesammelt. 8 Teile frische liefern 1 Teil trockene. Sie gelangen vornehmlich aus Bayern und Österreich-Ungarn, dann auch aus Belgien, Frankreich und Thüringen in den Handel. Bei Nürnberg werden Eibischblätter besonders in Almoshof, Klein-Reuth, Neunhof und Buch gesammelt (~Fr. Wagner~).
Die beiderseits graufilzigen, ungleich kerbig-gezähnten Blätter, deren Form oben (S. 345) beschrieben ist und von denen es längliche und runde Formen gibt (~J. Moeller~), sind namentlich durch die fast dreieckigen, ungleich großen +Blattzähne+ ausgezeichnet. Auf relativ kleine folgen weit hervortretende von fast länglich-herzförmigen Bau. Ein kräftiger Nerv tritt von unten her in den Zahn und verzweigt sich pinselartig. Von seiner Spitze gehen zwei Randnerven ab, die mit dem von den Hauptzahnnerven abgehenden Sekundärnerven je ein Dreieck bilden. Längs der Randnerven zeigt sich noch je ein zweiter, sehr schwach ausgebildeter Nerv (~Virchow~). Die meist kleineren Blätter der wilden Pflanze haben im allgemeinen einen schärfer gezahnten Rand und spitzere Formen (~Zörnig~). Die im allgemeinen starke Behaarung wechselt nach dem Standorte etwas. Sie ist auch bei der wilden Pflanze oft stärker als bei der kultivierten. Es finden sich vornehmlich Büschelhaare mit 2-6, seltener 8, spreizenden langen, dickwandigen Strahlen, die von der Fläche betrachtet einen 2-8strahligen Stern bilden («Sternhaare»). Die Haarwurzeln, die Basen der Büschelhaarstrahlen, sind reich getüpfelt. Auf Gewebspolster sind die Büschelhaare für gewöhnlich nicht erhoben. Daneben finden sich, besonders an den Nerven, Drüsenhaare mit einer Basalzelle, mehreren Stielzellen und einem 1-2zelligen Köpfchen, sowie am Blattrande einzellige, etwas gekrümmte Haare mit angeschwollener Basis. Die Epidermiszellen beider Blattseiten sind schwach wellig verbogen. Sie sind wegen der starken Haarbedeckung nicht gut zu sehen. Spaltöffnungen mit 3-4 Nebenzellen finden sich auf beiden Blattseiten. Zahlreiche Epidermiszellen sind als Schleimzellen ausgebildet. Die Schleimmembranverdickung ist besonders auf der Innenseite stark (Fig. 94, 7). Der Schleim färbt sich mit Safranin rot, mit Methylenblau blau (~Vogl~). Unterhalb der Büschelhaare finden sich oft Oxalatzellen (~A. Meyer~). Die Palissadenschicht der Blattoberseite ist einreihig, selten an einzelnen Stellen durch Teilung der Zellen zweireihig. Das Merenchym ist wenig-reihig und reich durchlüftet. Der stark nach unten ausladende Mittelnerv führt oben und unten Collenchymstreifen, ein großes strahliges Gefäßbündel und im Nervenparenchym Schleimzellen und Zellen mit Calciumoxalatdrusen, doch ist vornehmlich die Epidermis Sitz des Wasser zurückhaltenden Schleimes, die dadurch zu einem epidermalen «Wassergewebe» wird. An den Nerven höherer Ordnung ist die Spreite meist etwas eingezogen.
Blätter, auf denen sich Puccinia Malvacearun (vgl. oben S. 347) findet, sind zu verwerfen.
Das +Pulver+ ist besonders an den sehr zahlreichen Haarbildungen zu erkennen, von denen selbst im feinsten Pulver wenigstens die Basen der Büschelhaare noch gut erhalten sind. Die Haarstrahlen sind oft zertrümmert. Stengel und Blütenteile, die sich nicht selten im Handelspulver finden, verraten sich durch reichliches Vorkommen von Pollenkörnern (einige finden sich auch im reinen Blattpulver), von Antherenfragmenten und Kelchhaaren und den großen Gefäßen des Stengels (~Koch~). Eine Beimengung von Fol. malvae verrät sich durch zahlreiches Auftreten von einzelligen Borstenhaaren, die bei Althaea seltener sind.
Von den Bestandteilen kommt nur der Schleim in Betracht. Die Asche beträgt 13-15% (~Hauke~). Die Fol. alth. germanicae von kultivierten Pflanzen sind schwächer behaart als die im südlichen Ungarn von wildwachsenden Pflanzen gesammelten Fol. alth. hungaricae (~Vogl~). Die Fol. althaeae werden meist in Form von Auszügen zu Gargarismen und Collutorien, Klystieren und, in Verbindung mit anderen erweichenden Kräutern, zu Cataplasmen benutzt (~Husemann~). Sie sind ein Volksmittel gegen Husten und Bestandteil vieler Teemischungen (Spec. althaeae, Spec. emollient., Spec. ad gargarisma, Spec. pectoral.).
=Lit.= ~Tschirch-Oesterle~, Atlas t. 71. -- ~A. Meyer~, Drogenkunde II, Fig. 415-421. -- ~Planchon-Collin~, Drog. simpl., Fig. 1184 bis 1186. -- ~Vogl~, Commentar 1908 und Atlas t. 15. -- ~Moeller~, Pharmakogn. Atlas t. 23 und Lehrbuch Fig. 62 u. 63. -- ~Hartwich~ in Realenzyklop. d. Pharm. -- ~Zörnig~, Arzneidrogen S. 130. -- ~Virchow~, Bau, u. Nervat. d. Blattzähne etc. Arch. Pharm. 1896. -- ~Hauke~, Aschengehalt 1902. -- ~Schwarz~, Briefl. Mitth. -- ~Walliczek~, Membranschl. vegetativ. Org. Pringsh. Jahrb. 25 (1893) 227. -- ~Nestler~, Die Schleimzellen d. Malvaceen. Öst. bot. Zeitschr. 1898. -- ~Dumont~ a. a. O. -- ~Kuntze~ a. a. O. -- ~Solereder~ a. a. O. (vgl. S. 351). -- Das Pulver ausführlich in ~Koch~, Anal. d. Drogenpulv. III, 82 (dort auch die Pollenkörner).
Flos Althaeae.
Die Beschreibung der nur wenig noch angewendeten, fast geruchlosen, süßlich-schleimig schmeckenden Blüten s. oben S. 346. Sie werden in einigen Gegenden, wo Eibisch kultiviert wird, nebenher gesammelt, z. B. bei Nürnberg (Almoshof, Klein-Reuth, Großgrundlach, Schnepfenreut 1910). Sie enthalten in allen ihren Teilen Schleimzellen. Die großen (60 mik breiten) Pollenkörner besitzen eine grobstachlige Exine, die durch Jodchloral sich gelb färbt, während der Inhalt blau wird (~Vogl~).
Die Entwicklungsgeschichte des Samens und der Frucht bei ~Stscherbatscheff~, Arch. Pharm. 1907, 60. -- Die Nährschicht bei ~Holfert~ a. a. O.
Die Blüten liefern 0,024% ätherisches Öl (~Hänsel~), welches kristallinisch erstarrt. Der Farbstoff der _Althaea_blüten soll ein durch verdünnte Säure hydrolysierbares Glykosid sein, das in der Kalischmelze Protocatechusäure und Brenzcatechin liefert (~Weigert~, Jahresber. d. önolog. Lehranst. Klosterneuburg 1894/95).
Folium et Flos Malvae.
=Syn.= Herba malvae, Malvenblätter, Pappel- oder Papelkraut, Hanfpappel, St. Johannispappeln, Schwellkraut, Käsepappelkraut, Gäns-, Roß- oder Hasenpappelkraut, kattenkēs (= Katzenkäse), kerskes, in der Schweiz: chäslichrut, nüsserli, zigerli -- feuille de mauve -- mallow leaves -- in Indien und Arabien: khubázi und khitmi.
Flores malvae silvestris, vulgar. s. coerulei, blaue Pappelblumen, wilde Malvenblüten, -- fleur de mauve -- mallow flowers.
Bei den alten Griechen und den Römern: malache. -- Malva silvestris hieß bei den späteren Griechen: μολόχη, μαλάχη, ὑπερστρόγγυλος -- Malva rotundifolia: ἀγριομάλαχων, τεμποράξ, γλυκάνησσος. -- +althd.+ papula, pappala, pappula, papilla, pampila, babilla, wengebapeln -- +mhd.+ pippole, pipelde, baippel -- +mnd.+ pippulencrut, poplencrut, popele, popel, pope, pöppol -- bei der ~Hildegard~ (I, S. 669): babela -- bei ~Megenberg~ (I, S. 693): malva haizt papel. -- Im Gothaer Arzneibuch: wylde poppele (poppele, popplione, popplionie -- den italienischen Ursprung verratend! -- ist Populus). -- Im Colmarer Glossar: popele, -- bei ~Bock~: keespappeln. -- Im Ortus sanitatis und bei ~Brunschwyg~: bappeln -- bei ~Brunfels~ und ~Fuchs~: Gansspappel, rosspappeln.
=Etym.= ~Kluge~ bemerkt: «Pappel = Malve, mhd. papel, papele; ahd. (mlat.) papula, dunklen Ursprungs; wohl aus lat. pappus Samenkrone gebildet.» Das scheint mir sehr unwahrscheinlich. Ich leite es, ebenso wie ~Grassmann~ u. and., von pampe, pappe, mhd. pap = Kinderbrei, Kleister (aus ital. mlat. pappa und pappare = essen) ab, wegen der Schleimigkeit. (Im ald. bedeutete pappala schleimig.) Bei ~Bock~ heißt es: «pappel ist im Westerich ein gemeiner Nam, dann es werden alle breite Kreutter sonderlich, die man nit vol kennet, mit dem namen pappel genannt, aber zu underscheid der andern nennen sie die klein malvam um des schnübelechten (scheibenförmigen) Samens willen käszpappeln und Hasen- oder Ganspapellen». In der Tat wird in Baiern auch die Betonien- und Pfingstrose, in Nassau der Sumpfhahnenfuß Pappel genannt (~Grimm~). Das Wort +Pappel+ als Bezeichnung für den aus Italien stammenden Baum (zuerst bei ~Megenberg~ und ~Cordus~) ist aus populus umgebildet (früher stets als Pappel+baum+ unterschieden). Es liegt also nur ein zufälliger Gleichklang vor (I, S. 1064). Popel als Baumname bedeutete ursprünglich die im Mittelalter über die Alpen gebrachte Schwarzpappel (P. nigra). Die Pyramidenpappel kam erst Ende des XVIII. Jahrh. aus der Lombardei nach Deutschland (~Hoops~). -- Malva aus μαλάχη und dies von μαλαχός = erweichend, weich, auch in bezug auf den Schleim, und wohl nicht, wie ~Grassmann~ will, von der weichen Beschaffenheit der Pflanze. -- Malve erst nhd. aus lat. (ital.) malva. In England wurde der lat. Pflanzenname sehr früh heimisch, daher angls. mealwe, engl. mallow (~Kluge~). -- Der aramäische Name für Malve ist ru’ānā (~Löw~). -- Bei den Persern: nân-i-ku-lagh (= Krähenbrod) und khitmi-i-kuchak (= kleines khitmi) --~Maulána Nafis~ (nach ~Dymock~) unterscheidet bei den Malven: kultivierte (Malokhia) große wilde (khitmi), und kleine wilde (khu-bázi).
=Stammpflanze.= =Malva silvestris= L. (Spec. pl. ed. I, 689) (Althaea silvestr. ~Alefeld~). Roßpappel, wilde Malve oder Käsepappel, große Hasenpappel, Hanfpappel, Pferdepappel, Waldmalve -- mauve sauvage, meule, grande mauve -- wild mallow -- mallowe -- katost -- μαλάχη -- und =Malva neglecta= ~Wallroth~ [Syllog. Ratisb. I, 140 (1824)] (M. rotundifolia ~C. Bauhin~ et ~Auct.~ nicht L., M. vulgaris ~Fries~, M. littoralis ~Dethard~, Althaea vulgaris ~Alef.~). Gemeine Malve, Käsepappel, Kässelpappel -- mauve à feuilles rondes, petite mauve fromagère, fromageon -- common mallow.
Die ~Linné~sche M. rotundifolia umfaßt zwei jetzt getrennte Arten: M. neglecta ~Wallr.~ (s. oben) und M. rotundifolia ~Fr.~ (M. borealis ~Wallm.~, M. pusilla ~With.~, M. parviflora ~Huds.~).
+Die Blätter werden von beiden Arten+ (M. silvestr. und neglecta) +benutzt, die Blüten meist nur von Malva silvestris+. Die Wurzel und Samen sind nicht mehr in Gebrauch.
=Systemat. Stellung.= +Malvaceae+, Malveae -- Malvinae (neben Althaea).
=Beschreibung der Stammpflanzen.= Malva silvestris ist ein selten einjähriges, meist zweijähriges oder andauerndes Kraut. Aus der kräftigen, innen weißen Pfahlwurzel erheben sich mehrere aufsteigende, bis meterhohe, ziemlich kräftige, runde, behaarte, verästelte, unten holzige, innen Mark und eine Höhlung führende +Stengel+. ~Flückiger~ sah 1878 4 cm dicke Stämme aus den gallizischen Bergen in Nord-Spanien. Die jüngeren Teile sind rauhhaarig fast zottig. Die später vertrocknenden Nebenblätter sind 7 mm lang, halbeiförmig. Die +Blätter+ besitzen einen 5-10 cm oder noch längeren, oben runden, unten abgeflachten, meist stark behaarten Stiel. Die nur spärlich behaarte, von 5-7 Hauptnerven durchzogene, 5-12 cm, ja bisweilen 18 cm breite Spreite der Laubblätter ist nierenförmig (Fig. 124), bisweilen an der öfter purpurn gefärbten Basis gestutzt, der kreisrunde Rand in 5-7 meist stumpfe, gesägte oder gekerbte Lappen geteilt. Die aktinomorphen, fünfzähligen, hermaphroditen +Blüten+ bilden achselständige Wickel, sie sind 1,5-3 cm lang. Ihre zur Blüte- und Fruchtzeit aufrechten Stiele sind kürzer als die Blattstiele. Der Hüllkelch (das Hochblattinvolukrum) besteht aus drei freien, schmal spatelförmigen, spitzen, behaarten, c. 5 mm langen Blättern, die kürzer als die Kelchblätter sind. Der Kelch ist unten verwachsen, glockenförmig, oben in fünf fast gleichseitig dreieckige, innen kahle, außen behaarte Zipfel geteilt. Die hellpurpurroten, von dunklen Adern durchzogenen Blumenblätter sind drei bis viermal länger als der Kelch, c. 20-25 mm lang, keilförmig bis verkehrt eiförmig, an der Spitze sehr tief ausgerandet, am verschmälerten Grunde mit zwei dichten Haarbüscheln versehen (Fig. 125, 2), an der Basis allmählich in die Staubgefäßröhre übergehend. Das dunkelpurpurrote, behaarte Staubgefäßbündel ist 10-12 mm lang, die monothezischen Antheren sind quer aufgehängt und öffnen sich mit einem Querriß. Die Pollenkörner besitzen eine kurzstachelige Exine (Fig. 125, 3). Die 8 bis 11 (meist 10) Griffel sitzen dem niedergedrückt-scheibenförmigen Fruchtknoten auf. Sie sind unten verwachsen und teilen sich auf halber Höhe in die fädigen Narbenschenkel. Das Bündel der letzteren bleibt entweder in der Staminalröhre eingeschlossen (bei der sog. männlichen, kurzgriffligen Form der Blüte) oder tritt aus letzterer hervor (bei der sog. weiblichen, langgriffligen Form). Die Ovula sind anatrop-epitrop. Die vielfächerige, vom bleibenden Kelche behüllte Frucht bildet eine niedergedrückte, vom Stempelrest nicht überragte, mehr oder weniger stark behaarte, strahlig-gefurchte Scheibe von 6-7 mm Durchmesser (Fig. 124, 2). Die 8-11 (meist 10) Teilfrüchtchen sind durch tiefe Furchen geschieden und stark netzgrubig skulpturiert. Sie trennen sich zur Zeit der Fruchtreife. Die Samen sind nierenförmig, der Embryo gekrümmt. Die Behaarung der Pflanze wechselt sehr. Bald findet man reich, ja sogar sehr reich behaarte, bald fast kahle Blätter. Die stärker behaarten Formen finden sich im Süden und Osten (~Schumann~).
Malva silvestris ist eine über ganz Europa, mit Ausnahme des äußersten Nordens, verbreitete und ziemlich häufige Ruderalpflanze. Sie findet sich auch am Cap, in Nordafrika, Kleinasien, Cypern, dem südlichen Kaukasus, Südsibirien, Persien, Afghanistan, Vorderindien und über den Ural bis zum Altai. Sie ist jetzt auch nach Nordamerika verschleppt, ebenso nach Brasilien, wo sie jetzt überall vorkommt (~Peckolt~ 1900). Sie wird in Indien (Bombay) kultiviert. Sie findet sich auf Schutt, an Zäunen, Acker- und Wegrändern, sowie auf Waldschlägen, und steigt bis in die mittleren Gebirge. Blüht vom Juni bis Herbst. Sie heißt daher auch Herbst-Rose (~Uhland~ besang «des Herbstes Rose, der gesunk’nen Sonne Kind»).
Malva neglecta ist ein einjähriges oder ausdauerndes Kraut. Die einjährige Pflanze bildet einen niederliegenden Stengel mit spärlichen Verzweigungen, die ausdauernde eine bleibende Grundachse, die nach allen Seiten Stengel treibt. Die ganze Pflanze hat einen schmächtigeren, dürftigeren Wuchs wie M. silvestris, auch Blätter und Blüten sind kleiner (daher neglecta). Die Nebenblätter sind bis 6 mm lang, schief oblong, spitz, hinfällig. Die +Blätter+ pflegen sehr lang gestielt zu sein, man findet bis 27 cm lange behaarte Blattstiele. Die meist 3-7,5 cm breite Spreite ist nierenförmig bis kreisförmig, schwach 5-7lappig, von 5-7 Nerven durchzogen, mit gerundeten, gekerbten, mehr oder weniger behaarten Lappen. Am Grunde ist die Behaarung stärker. Die langgestielten +Blüten+ stehen in achselständigen, gedrängten Wickeln. Ihr Stiel verlängert sich später noch (bis 3 cm). Der Hüllkelch besteht aus drei freien, c. 5 cm langen, lanzettlichen, besonders am Rande behaarten Blättern. Der Kelch ist kaum länger als 1 cm und etwa bis zur Hälfte in fünf fast gleichseitig-dreieckige, spitze, außen behaarte, innen kahle Zipfel gespalten. Die hellrosenroten, fast weißen, dunkel geaderten Blumenblätter sind klein, etwa 12-13 mm lang, 2-3mal länger als der Kelch (bei der var. decipiens ~Aschs.~ ebenso lang), umgekehrt eiförmig, oben tief ausgerandet, unten mit dem Nagel der Staubfadenröhre angewachsen. Die Staubfadenröhre ist 6 mm lang, dunkelrot, spärlich behaart. Fruchtknoten fein behaart, aus 11-15 Carpellen gebildet. «Im weiblichen Stadium der Blüte ragen die spitzen, innen papillösen Narbenschenkel über die Röhre hinaus, krümmen sich nach unten und berühren die bläulichen Staubbeutel; dabei können sie den Pollen aus den geöffneten Beuteln entnehmen und somit bei ausgebliebener Fremdbestäubung eine Selbstbefruchtung bewirken» (~Berg-Schmidt~, Atlas). Die kreisrunde, scheibenförmige, 6-7 mm breite Frucht ist vom bleibenden Kelche und Hüllkelche behüllt und zeigt auf der eingesenkten Oberseite ein kleines Spitzchen. Griffelpolster fast so breit als die glatten, am Rande abgerundeten Früchtchen. Die Teilfrüchtchen sind schwach gerunzelt. Der Same zeigt feine Punktierung. Die Behaarung der Pflanze wechselt auch bei M. neglecta sehr. Bisweilen sind die Blätter nur sehr spärlich behaart, der Blattstiel dagegen stets stärker. M. neglecta bildet mit M. rotundifolia L. einen Bastard, dessen schwach runzelige Früchtchen einen wenig hervortretenden Rand besitzen.
M. neglecta ist eine durch ganz Europa, von Rußland und Schweden bis Spanien und Portugal verbreitete Ruderalpflanze. Sie findet sich auch in Nordafrika von Marokko bis zum Sinai, dann in Syrien, Armenien, dem Kaukasus, Altai, Persien, Tibet, Vorderindien. Nach Nordamerika und Chile, wo sie jetzt auch vorkommt, ist sie wohl eingeschleppt, ebenso nach Australien. Sie findet sich an Wegen, auf Schutt und an gedüngten Stellen in der Nähe menschlicher Wohnungen, z. B. auf Dorfstraßen. Blüht Mai bis Herbst.
Die Droge wird meist von der überall häufigen, weil durch Menschen und Tiere leicht verschleppten, wildwachsenden Pflanze gesammelt. Doch werden die Malven in beschränktem Maße auch für den Handel kultiviert, z. B. in Belgien und Ungarn, und man sieht sie bisweilen auch in Bauerngärten. Die Blätter beider Malven werden in Österreich-Ungarn gesammelt (~Mitlacher~ 1910). Pharmac. helvetic. IV u. and. Pharmac. lassen die Blätter beider Malven zu. Aus Algier wird etwas (1891: 3000 pounds) Fol. et Flos Malvae (von M. silvestr., macrocarp. und nicaeensis) ausgeführt (~Simmonds~, Useful pl. of Algeria. Am. journ. ph. 1891, 9). Die Blätter und Blüten sind fast geruchlos, beide schleimig. Die Blüten verfärben sich beim Trocknen in blau, das sehr beständig ist.
=Pathologie.= Auf Malva neglecta und Malva silvestris tritt an allen grünen Teilen Puccinia Malvacearum ~Mont.~ auf. (Näheres über dieselbe siehe unter Althaea officinalis.) -- Außerdem treten auf den Malven noch verschiedene Imperfekten, besonders Colletotrichum Althaeae ~Southworth~ (s. unter Althaea officinalis) auf (~Ed. Fischer~).
«=Blätter=, welche die braunen Sporenhäufchen von Puccinia Malvacearum ~Montagne~ zeigen, dürfen nicht verwendet werden» (Pharm. helvet. IV).
=Anatomie.= Bzw. der Nervatur der Blattzähne vgl. ~Tschirch-Oesterle~, Anatom. Atlas (nach ~Virchow~). Das Blatt von M. silvestris besitzt auf beiden Seiten Spaltöffnungen, die in der Flächenansicht eigenartige Zapfen zeigen und 3 (bis 4) Nebenzellen besitzen. Die Epidermiszellen sind wellig verbogen. Die Haare bevorzugen den Rand und die Nerven. Sie sind meist einzellige, derbe, etwas gekrümmte Borsten (Fig. 126), die oft auf Gewebepolstern sitzen, daneben finden sich Köpfchenhaare und 2-7strahlige Büschelhaare (Sternhaare), ähnlich wie bei Althaea, aber viel spärlicher und meist nur auf der Blattunterseite. Die Basis der Blätter ist am stärksten behaart. Im Mesophyll liegt eine Reihe Palissaden und ein relativ dichtes Merenchym. Da und dort finden sich Calciumoxalatdrusen, Schleimzellen sowohl im Mesophyll wie in der Epidermis. Im Hauptnerven liegt ein kollaterales, radial-strahliges Bündel. Das Blatt von M. neglecta hat fast nur einzellige Haare. Die Blätter des Hochblattinvolukrums der +Blüte+ von M. silvestris sind besonders am Rande, dann auch auf der Außenseite stark behaart. Die derbwandigen, meist ein- selten zweistrahligen, oft bis 2 mm langen Haare sitzen meist auf mehrzelligen Polstern. Im Mesophyll liegen Calciumoxalatdrusen und Schleimzellen. Die Haare der Kelchblätter sind denen des Hochblattinvolukrums ähnlich, doch treten hier daneben zahlreichere, mehrstrahlige Büschelhaare auf mit 2-9 Haarstrahlen, die bald der Epidermis direkt eingefügt, bald auf mehr oder weniger hohen Zellpolstern emporgehoben sind. Dazwischen finden sich Köpfchenhaare. Diese sind auch auf der Innenseite der Kelchblätter anzutreffen, die im übrigen einzellige, stark gekrümmte Wollhaare besitzt. Spaltöffnungen liegen auf beiden Seiten. Im Mesophyll findet sich, neben Schleimzellen, unter der Epidermis der Oberseite eine Schicht Calciumoxalatzellen. Die nur wenige Zellschichten dicken Blumenblätter enthalten den Farbstoff im Zellsaft gelöst. Die Epidermiszellen der Unterseite haben wellig verbogene Wände, die der Oberseite sind ziemlich gerade. Auf beiden Seiten, besonders reichlich an der Basis der Corolle, sitzen ziemlich viel Köpfchenhaare. Dort finden sich auch, die Einbuchtung zwischen je zwei Corollenblättern ausfüllend, zwei Haarstreifen, deren Haare einzellig und gerade sind. Von den Schleimzellen des Mesophylls sind bisweilen mehrere durch Resorption der trennenden primären Wände zu Schleimhöhlen zusammengeflossen. Auch die in der unteren Hälfte zu einer Röhre verwachsenen Filamente führen Büschelhaare und im Innern Schleimzellen. In der Antherenwand findet sich eine Faserschicht. Die Pollenkörner besitzen zahlreiche Austrittstellen für den Pollenschlauch, die Exine Stacheln und eine Stäbchenschicht. Der Griffel führt so viel Bündel als Narbenschenkel vorhanden sind, das leitende Gewebe liegt in der Mitte. Die Narbenschenkel zeigen Papillen nur an ihrer Innenseite und im Innern einen Streifen mechanisches Gewebe, das dem Krümmungsmechanismus der Narben (s. oben) dient. In jedem Fruchtknoten liegt ein anatropes, epitropes aufsteigendes Ovulum.
=Chemie.= Die beiden Malven enthalten in allen Teilen +Schleim+. Der Farbstoff der Blüten wird durch Säuren rot, durch Alkalien grün. Die Asche des Fol. malvae beträgt c. 16% (~Hauke~). Alle Laubblätter pflegen bekanntlich aschereich zu sein. Die Früchte enthalten einen Bitterstoff.
=Verfälschungen.= Folium Malvae fand ~Mitlacher~ 1910 mit den Blättern von Xanthium strumarium verfälscht. Auch Malva moschata wird angegeben, doch ist diese leicht schon am Geruch zu erkennen.
=Anwendung.= Man benutzt die beiden Malven ähnlich wie Althaea als Aufguß oder Beisatz zu Species (Spec. emollientes, Spec. pectoral., Spec. ad gargarisma, Spec. althaeae, Spec. puerperarum), auch als Ptisana de floribus malvae. Als Schleimmittel sind sie auch seit langem schon in Indien, Arabien und Persien in Benutzung (~Dymock~).
Malvaceenblattpulver ist als Verfälschung des Pulvers der Fol. digitalis beobachtet worden (1907).
~Hippokrates~ verwendete Malven neben anderen schleimhaltigen Mitteln. Die Früchte von M. silv., die noch jetzt viel in Indien benutzt und dahin aus Persien gebracht werden (~Dymock~), galten schon den Griechen als Aphrodisiacum, auch ~Plinius~ hält sie dafür, ebenso die Mohammedaner Indiens; ~Macer Floridus~ verwendete sie bei Frauenkrankheiten. Der schleimige Brei dient noch heute beim Volke, um die verhärtete Gebärmutter zu erweichen. «Die Malve, die unter dem Zeichen der Venus steht, macht die brünstige Katze, die sich an ihr reibt, fruchtbar auch ohne Kater» -- sagt der Volksmund.
=Geschichte.= Die μαλάχη ἀγρία des ~Theophrast~ ist (nach ~Sprengel~) Malva silvestris. Die μαλάχη des ~Theophrast~, die baumförmig wird und als Gemüse dient, ist vielleicht auch Malva silvestris oder die ebenso benutzte Lavatera arborea (~Fischer-Benzon~). Ebenso erwähnt ~Hesiod~ das Malvengemüse, ~Palladius~ gibt eine Anleitung zum Anbau und ~Horaz~ singt: «me pascunt olivae, me cicorea levesque malvae» -- und auch noch später dienten auch im Norden Malvenblätter als Gemüse. Bei ~Hans Sachs~ steht: «wir essen pappeln, kraut und grasz». M. silvestris wurde im Mittelalter von den Angelsachsen als Gemüse gebaut (~Hoops~). ~Plinius~, der Malva sativa (Gartenmalve) und M. silvestris (wilde Malve) unterscheidet, erwähnt, daß von den Gartenmalven zwei Arten unterschieden werden, die Malope (Lavatera arborea und Althaea rosea?) und die Malache (Malva silvestris und rotundifolia); die wilde Malve mit großen Blättern ist Althaea (s. d.). Im Edict ~Diocletians~ (I, S. 570) stehen Malvae maximae et sequentes. ~Prosper Alpin~ beschreibt und bildet unter dem Namen melochia Corchorus olitorius ab. Bei den Alten standen die Malven auch als diätetische Abführmittel in Gebrauch. ~Scribonius Largus~ benutzte die Samen, ~Caelius Aurelianus~ Samen und Wurzeln, die ~Hildegard~ ein aus dem «slimechten» Kraute bereitetes Mus. ~Albertus Magnus~ erwähnt beide: Malva neglecta (= malva) und M. silvestris (= arbor malvae, hier +nicht+ die Stockrose, ~Fischer-Benzon~). Die Chubbâza des ~Ibn Baithar~ ist jedenfalls eine Malve (wohl M. rotundifolia oder silvestris). Bei ~Aruch~ und ~Raschi~ steht: Eine Pflanze, deren Blätter sich nach der Sonne wenden und die malva heißt (~Löw~). Malva silvestr. und nicaeensis steht auch in dem Botan. Lexikon Kitâb aš-šaǧar (~Nagelberg~, Diss. Zürich 1909). In der Alphita (in der Tabulae und bei ~Serapion~) steht: Malva hortensis (melochia) et agrestis (minor), Succus et sem. malvae -- chubeze. Malven stehen bei ~Macer Floridus~ (I, S. 626) und in der Flos medicinae scholae Salerni (I, S. 629). Im Regimen sanitatis beginnt Malva den speziellen Teil. Die erste Abbildung von Malva silvestris finden wir bei ~Brunfels~ (I, S. 320, Fig. 310). ~Fuchs~ bildet Malva hortensis (Althaea rosea), M. silvestris pumila (M. neglecta) und M. sylvestris elatior (M. silvestr.) ab. Daß die Blüten der M. silvestris, die ~Cordus~ als M. s. recta abbildete, größer sind als die der M. neglecta («vulgaris»), wußte schon ~Bock~. Flor. malv. commun. s. vulgaris finden sich in dem Catalogus von Straßburg 1685 (I, S. 827), der Taxe von Leipzig 1689 u. and.
=Lit.= ~Berg-Schmidt~, Atlas 2. Aufl. t. 104 und 105 (dort die systemat. Liter.). -- ~Pabst-Koehler~, Medizinalpflanzen t. 59. -- ~Nees v. Esenbeck~, Pl. med. t. 415. -- ~Luerssen~, Med. pharm. Bot. S. 664 (dort die botan. Lit. der Familie). -- ~Arthur Meyer~, Drogenkunde. -- ~Karsten-Oltmanns~, Pharmakogn. Fig. 315-318. -- ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam. II, 1, Fig. 99 E und III, 6, Fig. 17. -- ~Rauter~, Denkschr. Wien. Akad. 31 (1872) 23, t. 7 (Entwickl. d. Haare). -- ~Dumont~, Ann. sc. nat. bot. VI (1887) 138. t. 4. -- ~Kuntze~, Bot. Centralbl. 1891. -- ~Solereder~, System. Anat. der Dikotylen (dort weit. Lit.). -- ~Adolf Meyer~, Anat. Char. offiz. Blätter, Halle 1882. -- ~Lemaire~, Déterm. histol. d. feuilles médicin. Paris 1882. -- ~Tschirch~, Anatomie und ~Tschirch-Oesterle~, Anatom. Atlas (dort das anatom. Detail). -- ~Lohde~, Entwicklungsgesch. u. Bau einiger Samensch. Diss. Leipzig 1874. -- ~Harz~, Landwirtsch. Samenkunde 1885, II. 749. -- ~Holfert~ (Nährschicht). Flora 1890. -- Entwicklungsgesch. d. Samens in ~Bochmann~, Beitr. z. Entwicklungsgesch. offizin. Samen u. Früchte. Dissert. Bern 1901. -- ~Grassmann~, Pflanzennamen. -- ~Kluge~, Etymol. Wörterb. -- ~Flückiger~, Pharmak. -- ~Hauke~, Aschengehalte 1902.
Flos Malvae arboreae.
=Syn.= Stockrose, Stockmalve, Winterrose, Pappelrose, Schwarze Malve -- passe rose, rose trémière, rose d’outremer, bâton de Saint-Jacques (franz.) -- garden mallow (engl.) -- english hollyhock (in Indien) -- stokroos (hol.) -- vörösmályvarirag (ung.) -- ἄνθη μαλάχης τῆς δενδροειδοῖς (n.-gr.) -- fu-sang (chin.). -- Bei ~Megenberg~: Weizpappel -- im Ortus sanitatis: felris -- Soll das chatmi des ~Qutsâmî~ und and. pers.-arab. Autoren sein, das auch Schahm-el-marah genannt wird (~Dragendorff~).
=Stammpflanze Althaea rosea= (L.) ~Cavanilles~ (Alcea rosea L.).
+Malvaceae+ -- Malveae -- Malvinae.
=Etym.= Alcea, αλκέα (von αλκέειν = heilen) in der Orphischen Argonautika und bei ~Dioskurides~, bei letzterem «eine Art wilder Malve», d. h. die in Griechenland häufige Malope malacoides.
=Beschreibung und Kultur.= Die zwei- oder mehrjährige, einen prächtigen Gartenschmuck bildende Pflanze besitzt eine innen weiße, schleimige Wurzel (vgl. S. 354) und treibt im zweiten Jahre einen geraden, bis 3 m hohen, runden, einfachen oder wenig verästelten, blütentragenden Stengel. Die gestielten, runzeligen, rundlich-herzförmigen, gekerbten, steifhaarig-filzigen Blätter sind unten 5-7lappig, oben 3lappig und kürzer gestielt. Auch die Blattstiele sind stark behaart. Die Nebenblätter sind ziemlich breit und in mehrere Zipfel gespalten. Die großen Blüten, die bisweilen einen Durchmesser von 7,5 cm erreichen, sitzen einzeln oder zu mehreren in den Achseln der Blätter. Das Hochblattinvolukrum (der Außenkelch) ist 6-9spaltig, halb so lang als der Kelch, stark behaart. Der Kelch ist unten verwachsen, oben in 5 Zipfel gespalten. Die Farbe der Korolle wechselt nach den Varietäten von weiß zu gelb, braun, blau, purpurn bis schwarz. Die 5 Kronenblätter sind geschweift oder ausgefressen gekerbt, breit-herzförmig oder rundlich-dreieckig, etwas wellig verbogen, an der Basis genagelt. Bei den gefüllten Varietäten ist ihre Zahl durch Umbildung der äußeren Stamina oft stark vermehrt. Die Staubfadenröhre geht oben in zahlreiche Filamente über, die monothecische Antheren tragen. Der vielfächerige Fruchtknoten ist zusammengedrückt, gefurcht und behaart. Die Griffel sind kürzer als die Staubfäden. Die Frucht ist von dem Kelche behüllt, in der Mitte genabelt. Sie besteht aus 20-40 rinnenförmigen, am Rücken tiefrinnenförmigen einsamigen, nicht aufspringenden Früchtchen.
Althaea rosea wächst wild im Orient. Sie findet sich (wohl verwildert?) auf den Bergen Italiens, Griechenlands, Syriens und der benachbarten Länder. Sie wird im größten Teile von Europa bis nach Norwegen (Throndhjem) hinauf als Gartenpflanze gezogen, in einigen Mengen bei Nürnberg (stark zurückgegangen, ~Schwarz~ 1910) und in Württemberg; dann auch in Ungarn, z. B. in der Versuchsstation in Klausenburg (~Pater~), im Komitat Neutra (~Agnelli~), in Eger u. and. Orten (vgl. ~Mitlacher~ 1909). Mittelfranken soll jährlich 50000 kg ausführen, besonders nach Frankreich, England und der Türkei (~Glan~ 1892). In Griechenland sammelt man auch von der wildwachsenden Pflanze (~Heldreich~). ~Morison~ erwähnt Alth. rosea unter den Arzneipflanzen der südlichen Mandschurei. Die Stockrose wird in allen Farben -- blau, purpurn, fast schwarz, gelb, braun, weiß -- gezogen. Sie findet sich fast regelmäßig in den Bauerngärten Deutschlands und der Schweiz, wird aber auch anderwärts, z. B. in Vorderindien kultiviert. Arzneilich und als Farbstoff liefernd wird nur die blauschwarze Varietät und vorwiegend die mit gefüllten Blüten benutzt. Sie findet sich im Handel cum calyce und sine calyce.
=Pathologie.= Puccinia Malvacearum ~Mont.~ und die verschiedenen Imperfekten, welche die Blätter von Althaea rosea schädigen, können auch auf dem Außenkelch und auf dem Kelche der Blüten zur Entwicklung kommen (~Ed. Fischer~).
=Anatomie.= Der etwa 2,5 mm dicke +Blütenstiel+ zeigt ein großes Mark, einen schmalen Gefäßbündelzylinder, einen ununterbrochenen peripherischen, etwa 10 Zellen breiten Collenchymring und an der Grenze desselben nach Innen einen Kreis von meist isolierten Schleimzellen. Die letzteren sind 13-35 mik breit, besitzen ein sehr enges Lumen und breite, treffliche Schichtung zeigende sekundäre Membranverdickungsschichten. Der Epidermis der Blütenstiele sitzen zahlreiche einfache oder Büschelhaare auf. Die Blätter des +Außenkelches+ sind innen (oben) glatt und dort größtenteils unbehaart. Die Epidermiszellen sind hier sehr stark verdickt. Nur an den Blatträndern, sehr selten auch auf der Blattfläche, treten einzelne Haare auf. Dieselben sind stets einfach, entweder gerade oder vielfach gewunden, gekrümmt und durcheinandergeschlungen. Die Blatt-Außen-(Unter)-Seite ist dicht filzig behaart. Die Haare sind hier nur selten einfach, meist sind es Büschelhaare (Sternhaare). Dieselben sind mit ihrem breiten Fuße entweder der Epidermis direkt oder einem flachen Gewebshöcker eingefügt und besitzen meist 8 Strahlen. Ihre Größe variiert sehr, sie kommt in der Länge der Strahlen zum Ausdruck, die bis zu mehreren Millimetern steigen und bis auf 50 mik herabgehen kann. Diese Sternhaare sind für die Droge sehr charakteristisch. Eingestreut in das reich durchlüftete Mesophyll der Hochblätter finden sich zahlreiche Schleimzellen und Schleimzellgruppen und Gefäßbündel (Nerven). Die Blätter des Kelches sind ähnlich wie die Hochblätter des Außenkelches gebaut, d. h. sie sind außen sehr stark behaart -- fast noch stärker als die Außenkelchblätter und innen kahl oder doch nur an den Rändern behaart. Ihr Mesophyll ist dichter, Schleimzellen sind seltener und meist isoliert. Kalkoxalatdrusen finden sich im Mesophyll häufig, besonders in den Schichten unter der Epidermis der Blattoberseite. Die Blätter der +Korolle+ zeigen beiderseits eine Epidermis, die an den unteren Teilen des Blattes aus gestreckten, geradwandigen, an den oberen aus Zellen mit wellig verbogenen Seitenwandungen besteht. Die Zellen, beiderseits gleichgestaltet und nicht sehr hoch, enthalten ein Plasmanetz, deutlichen Zellkern und eine intensiv blaue Farbstofflösung. Das Mesophyll ist nur im basalen Teile des Blattes viele (10) Zellschichten dick, in dem überwiegenden Teile desselben besteht es nur aus wenigen Reihen und ist fast vollständig verschleimt. Die Verschleimung ist eine so starke, daß oft der gesamte Zwischenraum zwischen den Gefäßbündeln (Nerven) eine einzige große Schleimhöhle bildet. Diese Schleimhöhlen kommen dadurch zu stande, daß eine Gruppe benachbarter Zellen ihre Membranen verdickt, also jede Zelle auf der primären Membran sekundäre, aus Schleim bestehende Membranverdickungsschichten ablagert. Dies geschieht in so ausgiebigem Maße, daß das Lumen auf einen kleinen Raum reduziert wird. Läßt man zu einer solchen Gruppe Wasser hinzutreten, so tritt zunächst an jeder einzelnen Zelle die Schichtung deutlich hervor. Die Zellen dehnen sich dann stark aus, sprengen die primären Zellulosemembranen, die Schleimschichten der einzelnen Zellen fließen zusammen und es entsteht so eine große, oft 400-550 mik weite, oft von Bündel zu Bündel reichende mächtige Schleimhöhle. Auch in der lebenden Pflanze findet ein solches Aufquellen der Zellen und ein Zusammenfließen der Schleimzellen statt und tritt hier (wie bei den Tiliaceen) bisweilen noch eine nachträgliche Auflösung der primären Membranen ein. Die fertigen Höhlen lassen bisweilen (freilich selten) noch eine ganze Anzahl nebeneinanderliegender geschichteter Schleimklumpen erkennen, meistens ist jedoch das Ganze zu einer homogenen Schleimmasse zusammengeflossen. An der Basis sind besonders am Rande die Blumenblätter mit einem Haarbesatz bekleidet. Die Haare desselben sind sehr lang.
=Chemie.= Die Blüten enthalten viel +Schleim+, einen eisengrünenden +Gerbstoff+ und +Farbstoff+. Der wässrige Auszug der Stockrosenblüten ist stark schleimig.
Die Blumenblätter geben mit verdünntem Alkohol (1 = 10) einen violettroten Auszug, der noch in 1 cm dicker Schicht undurchsichtig ist (~Flückiger~). Mit Ätzkalk liefert dieser Auszug einen grünen Bodensatz und ein (fast) farbloses Filtrat. Alaun färbt violett, schüttelt man darauf mit Calciumkarbonat, so wird die Farbe der Lösung bleibend blau. Brechweinstein färbt violett. Rotweinfarbstoff verhält sich ganz anders. Bei Gemischen beider werden aber die Reaktionen undeutlich. Die Lösung des Farbstoffes von Alth. ros. rubr. wird mit Ammoniak, Natronhydrat und Soda grün, durch Salzsäure und Salpetersäure rot, durch Essigsäure rotviolett, durch Eisenchlorid braunrot, durch Zinnchlorür violett, durch Alaun und Soda entsteht ein grüner Niederschlag, das Filtrat ist farblos; ebenso durch Bleiazetat und Bleiessig. Der Farbstoff der Flos alcaeae verhält sich ähnlich, doch ist bei den Bleifällungen das Filtrat grün (~van der Driessen~). Konzentrierte Kupfersulfatlösung färbt die Farbstofflösung violett (Rotwein wird dadurch entfärbt, ~Böttger~). Der Malvenfarbstoff gibt in Lösung in sehr verdünntem Alkohol ein breites Band zwischen F und D ~Fraunhofer~, das nach Zusatz von Ammoniak nach dem roten Spektrumsende rückt und dann zwischen D und C liegt, nach Zusatz von Alaun liegt das Band auf D und ist gegen Rot scharf begrenzt, gegen Grün verwaschen (~Phipson~, ~H. W. Vogel~). Das Malvenband kommt nach Zutröpfeln von Alaun bei noch schwach saurer Reaktion, das Ammon-Rotweinband erst bei völliger Neutralisation zum Vorschein. Aus sauer reagierendem Wein nimmt Amylalkohol zuerst den Malvenfarbstoff auf, dann erst den Rotweinfarbstoff. Malvenwein färbt sich mit Kupfersulfat schön violett, Bleiessig fällt grün. Gärung verändert den Farbstoff nicht wesentlich. Ein Zusatz von Malvenfarbstoff beeinträchtigt die Haltbarkeit des Weines. Der Malvenfarbstoff ist unbeständig. Er bildet mit dem des Flieders eine Gruppe, die bestimmt von der der Kirsche und der Heidelbeere verschieden ist (~H. W. Vogel~). Der Farbstoff läßt sich in einen wasserlöslichen und einen in Wasser unlöslichen, alkohollöslichen trennen, die sich durch Farbe und Reaktion unterscheiden. Der letztere, der bei der Kalischmelze Hydrochinon und Brenzkatechin liefert, hat die Formel C₁₄H₁₆O₆ (mit 2 OH-Gruppen), der erstere ist ein Glykosid (~Grafe~). Man hat den Malvenfarbstoff auch zur Herstellung von Reagenspapier empfohlen (Vorschrift in ~Fischer-Hartwich~, Pharm. Praxis II, 346). Das Papier wird durch Säuren rot, durch Alkalien grün. Die Empfindlichkeit gegen HCl ist 1 : 13000, die zu NH₃ 1 : 20000. Der Farbstoff ist nicht nur ein spezielles Codeinreagens (~Benezech~), sondern reagiert auch mit einigen anderen Alkaloiden (z. B. Atropin, Brucin, Nikotin) mit grüner, mit Chininsulfat mit Purpurfarbe. Er ist aber indifferent gegenüber Morphin, Cocain, Kaffein und Cinchonin (~Woolsey~).
=Anwendung.= Man benutzt die Flor. malv. arbor. zur Herstellung schleimiger Dekokte und Gurgelwässer, z. B. bei Angina. Der Farbstoff wird jetzt nur noch wenig zum Auffärben von Rotweinen benutzt, da sich hierfür haltbarere Pflanzenfarben besser eignen (Kermesbeeren, Liguster, Orseille, Cochenille).
=Geschichte.= Die Stockrose scheint im Altertum und Mittelalter nicht bekannt gewesen zu sein, die Malven des ~Theophrast~, ~Dioskurides~ und ~Albertus Magnus~ sind andere Pflanzen (vgl. oben S. 363). ~Galens~ Baummalve (δενδρομαλάκη nach ~Fraas~ die μαλάκη δενδρώδης des ~Theophrast~) ist wohl Lavatera arborea L. Erst im XVI. Jahrh. begegnen wir ihr sicher, bei ~Bock~ (sowie ~Tabernaemontanus~, ~Matthioli~) heißt sie Herbst- oder Ernrose, weil sie erst zur Erntezeit blüht, oder römische Pappeln, Malva romana, auch Rosa ultra marina. ~Bock~ und ~Gesner~ beschreiben sie und bilden sie ab. Sie war schon damals in zahlreichen Farbenvarietäten bekannt (vgl. ~J. D. Host~, Malva arborescens lutea Gissae 1654). ~Fischer-Benzon~ ist der Ansicht, daß sie durch die Türken nach Europa kam. Auch der sich bei ~Bock~ und ~Gesner~ findende Beisatz romana deutet ihren fremden Ursprung an. Sie war wohl im XVI. Jahrh. diesseits der Alpen noch selten (~Flückiger~). Doch finden wir bei den patres botanices Abbildungen und Beschreibungen von ihr. Der Vergleich mit einer (geruchlosen) Rose findet sich bereits bei ~Porta~ (Villae), ~Bock~ («nobilem hunc rosam») und ~Matthioli~, der Ausdruck Malva rosea bei ~Lobelius~ (Adversaria 293); später finden sich dann auch noch die Bezeichnungen Malva rosacea hortensis, Rose di Francia (bei Neapel). Möglicherweise bezieht sich auch der Ausdruck Rosa syriaca auf die Stockrose (?) und ihre Herkunft aus der Türkei. Die Bezeichnung ros syriacus (Flos malvae vel orni id est querci) in der Alphita (I, S. 657), an anderer Stelle (I, S. 648): flos syriacus, flos malvae, ros syriacus = flos orni ist unklar, bezieht sich aber wohl nicht auf die Stockrose. In der Alphita oxoniensis (I, S. 652) steht Malua siriaca (molochia, malua domestica siue ortulana). In den mittelengl. Medizinbüchern (I, S. 683) flos siriacus, malew, malowys (~Henslow~ deutet dies als M. silvestris). Nach dem Pinax ~Bauhins~, in dem sich auch eine Alcea arborescens Syriaca befindet, ist die syrische Malve eine von A. rosea verschiedene Art (?). In der Reformatio von Worms von 1582 (I, S. 817) finden sich: Flos malvae arb. = Finrosen, Halsrosen oder Brennrosen. A. ros. steht auch im Pen tsʿao kang mu (I, S. 518).
=Lit.= Abbild. in ~Pabst-Köhler~, Medizinalpfl. t. 19, ~Nees von Esenbeck~, Pl. med. t. 416 und ~Berg-Schmidt~, Atlas (I. Aufl.) t. 21. -- ~Morison~, Jahresber. d. Pharm. 1885, 12. -- ~Mitlacher~, Arzneipflanzenkultur. Pharm. Post 1909. -- ~Flückiger~, Pharmakogn. -- Nährschicht: ~Holfert~, a. a. O.
=Farbstoff=: ~H. W. Vogel~, Absorptionsspektra. Ber. d. d. chem. Ges. 1875, 1246 u. 1876, 1906 und Spektralanalyse. -- ~Phipson~, Chem. News 20, 229 (Zeitschr. anal. Chem. 9, 121). -- ~Böttger~, Zeitschr. anal. Chem. 15, 102. -- ~van der Driessen~, Ned. Tijdskr. 1900. -- ~Grafe~, Stud. über d. Anthokyan. Anz. d. Wien. Akad. 1909. -- ~Benezech~, Pharm. Zeit. 1892, 547. -- ~Woolsey~, Althaea rosea. Bulletin of pharm. 1897, 342. -- ~Glan~, Über d. Farbstoff d. schw. Malve. Dissertat. Erlangen 1892 (Beih. z. Bot. Zentralbl. 1893, 292). -- ~Weigert~, Jahrb. d. önolog.-pomolog. Lehranst. Klosterneuburg 1894. -- Empfindlichkeit des Malvenpapiers: Pharm. Post 1895, Nr. 1. -- ~Hasterlik~, Mitt. aus d. pharm. Instit. Erlangen 1890. -- Vgl. auch ~Linsbauer~ in ~Wiesner~, Rohstoffe II, 656. Spektralanalyt. Verhalten verschieden behandelter Lösungen des Farbstoffes in ~König~, Nahr.- u. Genußm. III. B. (1910), 584.
Flos Tiliae.
=Syn.= Lindenblüte -- tilleul (franz.) -- linden oder lime tree (engl.) -- linde (holl.) -- tiglio (ital.) -- tilo (span.) -- niinipuun kucka (fin.) -- hársfa (ung.) -- ἄνθος φιλύρας (n.-griech.).
+ahd.+: lin, lind, linda, linta -- +mhd.+: linde, leynde, lindeboumen -- +anord.+: lind -- +ags.+: lind -- +serb.+, russisch, böhm. +wend.+: lipa (davon Leipzig!) -- arab.: uglamur -- jap.: badaisin.
=Etym.= Linde ist ein uralter Name und in vielen, sehr alten Ortsnamen enthalten. Linter (lin = Lein, ter, tera, tra = Baum, also Leinbaum, wegen der faserigen Rinde), «der uralte deutsche Bast- oder Gewandbaum», noch jetzt in St. Gallen: Bastholz. Das ahd. linta bedeutet sowohl Linde wie Bast, das altnord. lindi Gurt, das schweiz. linte Flachs und Hanf, das schwedische linda auch Binde -- alle Bezeichnungen hängen also mit Binden und Bast zusammen. Im Isländischen bedeutet lind Baum schlechthin (Katexochebegriff, vgl. I, S. 1066). (Vielleicht (?) in Beziehung zu ἐλάτη, lentâ = Fichte, vgl. den Wandel in der Bedeutung von Baumnamen in ~Kluge~, Etymol. Wörterbuch). Mit «gelinde» hat es jedenfalls nichts zu tun, wie ~Lonicerus~, ~Adelung~ u. and. meinen. Übrigens kommt auch der Name ~Linné~ von Linde (und zwar von einem bestimmten Lindenbaum). Tilia (von θήλεια) wird meist mit πτίλον (= Flügel) zusammengebracht, wegen der flügelartigen Bractee. Andere bringen es mit τίλος (= Faser) zusammen und dies scheint mir das wahrscheinlichere. Auch zu φιλύρη (= Linde +und+ Bast -- verwandt mit φλόος = Bast) -- was auch einiges für sich hat -- ja sogar mit πτελέα (= Ulme) ist tilia in Beziehung gebracht worden (~Kanngiesser~).
=Stammpflanze.= =Tilia Europaea= L. (Spec. pl. ed. I, 514) wird jetzt in folgende Arten gespalten:
=Tilia ulmifolia= ~Scopoli~ Fl. Carn. I, 374 (1772) [T. europaea L. ex parte (γ), T. parvifolia ~Ehrhart~, T. microphylla ~Ventenat~, T. silvestris ~Desf.~, T. cordata ~Mill.~], Spät-, Winter-, August-, wilde, Wald- oder Steinlinde. Bei ~Bock~: wild Lindenbaum (T. silvestris), -- blüht Ende Juni bis Mitte Juli (in Süddeutschland c. 10. bis 25. Juli) -- mit der Form +intermedia+ ~Dc.~ [T. europaea L. ex parte (α), T. hybrida ~Bechst.~, T. vulgaris ~Hayne~] und die für uns weniger wichtige
=Tilia platyphyllos= (auch platyphylla ~Ascherson~) ~Scopoli~ Fl. Carn. I (1772) [T. europaea L. ex parte (β), T. grandifolia ~Ehrhart~, T. pauciflora ~Hayne~, T. cordifolia ~Bess.~], Früh-, Sommer-, Gras-, Hamburger oder holländische Linde. Bei ~Bock~: zam Lindenbaum (T. sativa), -- blüht Anfang bis Ende Juni oder Anfang Juli, c. 14 Tage früher als T. ulmifol. (doch kehrt sich in Italien das Verhältnis um, ~Flückiger~). -- Nebst Hybriden zwischen beiden Arten.
Bei den Tiliaarten muß der Autor beigesetzt werden. Es gibt drei grandifolia und drei platyphyllos (~Holmes~).
=Systemat. Stellung.= +Tiliaceae+, Tilieae.
=Etym.= Auf die kleinen Blätter bezieht sich: parvifol. (von parvus) und microphylla (von μικρός), auf die großen Blätter: grandifolia, auf die wenig zahlreichen Blüten pauciflora.
=Beschreibung.= Die Linde wird bis 50 m hoch und bis 600 und mehr Jahre alt. Sie trägt eine dichte, gerundete Krone mit weit ausladenden Ästen. «Die jüngsten Zweigchen sind deutlich zweizeilig wie eine Steigeleiter angeordnet» (~Schumann~). Die leicht abziehbare Rinde ist reich an Bastfasern. Das helle Holz ist sehr gleichmäßig gebaut. In Mark und Rinde liegen Schleimzellen. Die deutlich zweizeilig, abwechselnd dorsiventral angeordneten Blätter sind gestielt, schief herzförmig, zugespitzt, ungleich gesägt bei T. ulmifolia, oberseits kahl und dunkelgrün, unterseits blaugrün, bei T. platyphyllos ist die Farbe der beiden Blattseiten fast gleich. In den Achseln der Nerven sitzen bei T. ulmifolia rotgelbe, bei T. platyphyllos weißliche Haarbüschel. Diese Haarbüschel sind Domatien für Milben. Die Milben halten als «Dank» für die Unterkunft, die ihnen das Blatt gewährt, bei ihren Exkursionen während der Nacht -- am Tage bleiben sie im «Milbenhäuschen» -- das Blatt von Pilzsporen u. and. Schädlingen frei (Symbiose). T. ulmifolia hat meist kleinere Blätter als T. platyphyllos, auch sind die Blätter kahl, während sie bei der anderen Art weichhaarig zu sein pflegen. Die Nebenblätter werden beim Austriebe abgeworfen, nachdem sie als Knospenschuppen gedient haben.
Die bei T. ulmifolia vorgestreckte, bei T. platyphyllos hängende +Infloreszenz+ zeigt folgenden Bau. Das Laubblatt der blühenden Zweige (l, Fig. 129) trägt in seiner Achsel auf der einen Seite eine gestielte Infloreszenz mit einem, dem Stiele halb angewachsenen flügelförmigen Blatte (a, Fig. 129), auf der anderen eine kleine Knospe (b). Die Infloreszenz ist als der Achselsproß des Laubblattes l aufzufassen, das Blatt a ist das eine, das Deckblatt der Knospe (b) das andere Vorblatt dieses Achselsprosses. Das Blatt a bleibt steril, in der Achsel von b entsteht eine (überwinternde) Knospe. Diese Knospe (b, Fig. 129) ist eine Laubblattknospe, nicht eine Blütenstandknospe wie bei ~Flückiger~ u. and. steht (vgl. den Querschnitt Fig. 129). Die Blütenstände entstehen erst an den Jahrestrieben, daher blüht die Linde so spät. Die Infloreszenz selbst schließt mit einer Gipfelblüte (t), der drei zarte Hochblättchen c, d und e vorangehen, die in einer Spirale angeordnet sind (Fig. 129), c bleibt steril, die beiden anderen d und e entwickeln in ihren Achseln Blüten, deren Stielen sie eine Strecke weit angewachsen sind. Diese Blüten haben zwei sehr zarte, ungleich hoch inserierte, hinfällige Vorblättchen. Aus diesen kann sich die Verzweigung fortsetzen. Bei T. platyphyllos +beträgt die Zahl der Blüten+ 3-7, +bei+ T. ulmifolia +bis+ 13 (+oder gar+ 15). Die sekundäre Verzweigung der Infloreszenz ist dichasialwickelig. Die etwa 6-8 cm lange Infloreszenz ist besonders ausgezeichnet +durch das der Infloreszenzachse ein Stück weit+ -- meist etwa bis zur Mitte -- +angewachsene große+, lineal-längliche, zungenförmige, stumpfe, ganzrandige, häutige, netzadrige, bleich-grüngelbliche +Deckblatt+ (sog. Bractee -- es ist aber ein Hochblatt). Die proterandrische +Blüte+ ist fünfzählig. K 5, C 5, A (30-40)/5 G. (̲5). Die zahlreichen Stamina sind als aus fünf epipetalen Primordien entstanden zu denken.
Der +Kelch+, der besonders beim Aufblühen sehr angenehm riechenden (bei T. platyphyllos ansehnlicheren) Blüten besteht aus fünf in der Knospenlage klappigen, leicht abfallenden, oval-oblongen, kahnartigen, c. 5 mm langen, grau-grünen, behaarten Blättern. Die fünf mit den Sepalis alternierenden Kronenblätter sind länger als die Kelchblätter, grünlich-gelb (bei T. plat. gelb), oblong-spatelförmig, an der Spitze abgerundet oder zugespitzt, in der Knospenlage gedreht. Sie besitzen an ihrer Basis auf der Innenseite ein drüsiges Nectarium (~Schnitzlein~), weshalb die Blüten viel von Bienen und Fliegen besucht werden, die vom Dufte angelockt, oft zu hunderten die blühende Linde umschwärmen. Die zahlreichen (30-40), freien Staubgefäße sind kaum länger als die Blumenblätter. Sie stehen in fünf epipetalen Phalangen und sind alle fruchtbar. An der Spitze ist das Filament gegabelt und trägt an den Gabelästen die beiden gesonderten Thekae (Antherenhälften), die am Rücken angeheftet sind und mit Längsspalten aufspringen. Der oberständige Fruchtknoten ist kugelig, dicht filzig. Er besteht aus 5 (selten 3 oder 4) Carpellen und ist meist fünffächerig. In jedem Fach liegen zwei anatrope, aufstrebende Ovula. Von allen zehn wächst aber nur eins (oder zwei) zu dem endospermhaltigen Samen heran, die anderen verkümmern und werden beiseite geschoben. Der einfache Griffel ist kürzer als die Staubgefäße und trägt an der Spitze eine fünflappige, papillenfreie Narbe, deren Lappen vielfach zerschlitzt sind. Die nußartige, einsamige Frucht ist 7-8 mm breit, fast kugelig, mit kurzer, schiefer Spitze versehen. Die Früchte sind bei T. ulmifolia dünnschalig, zerbrechlich, undeutlich-kantig, bei T. platyphyllos größer (oft 4 mm), fünfkantig, mit holziger Schale. Der Fruchtstand trägt noch die Bractee (s. oben). Dies «Flügelblatt» dient ihm als Flugapparat. Der Same enthält reichlich Endosperm und einen Keimling mit gefalteten, blattartigen, fünflappigen Keimblättern, sowie einer dicken Radicula.
=Verbreitung.= T. platyphyllos erreicht ihre Polargrenze schon in Mitteldeutschland (~Willkomm~), wo sie übrigens ursprünglich nicht heimisch war (~Grisebach~). T. ulmifolia dagegen, die nach den Moorfunden zu schließen, als alteinheimische Pflanze Nordwestdeutschlands anzuerkennen ist (~Hoops~, vgl. auch ~Bock~ oben S. 367) und die sich im größten Teile von Europa findet, geht wildwachsend in Norwegen und im Ural bis zum 62°, in Schweden bis zum 63° (in Anlagen bis zum 68°, ~Schübeler~). Im Süden findet sie sich mehr in den Bergen (bis 1200 m). Sie fehlt in Süd-Spanien, Süd-Italien und Griechenland, findet sich aber in den südlichen Kaukasusländern und geht über den Ural bis zum Altai. Im russischen Gouvernement Kostroma finden sich Linden noch auf dem 68°. T. platyphyllos ist wohl im Südosten (Donauländer, Griechenland, Unteritalien, Spanien) heimisch. Wälder bildend ist die Linde in Deutschland nie gewesen und ist sie auch heute nicht, im Osten dagegen, z. B. am Dnjepr, finden sich große Lindenwälder. Beide Linden finden wir oft als Alleebäume, in Anlagen, auf Friedhöfen, am Dorfteich, «am Brunnen vor dem Tore», -- sowie als «Gedenklinden» angepflanzt. T. platyphyllos ist stärker und langlebiger als T. ulmifolia.
=Lit.= ~Berg-Schmidt~, Atlas II. Aufl. t. 108 (dort die systemat. Liter.). -- ~Pabst-Köhler~, Medizinalpfl. t. 15. -- ~Szyszylowicz~, Syst. d. T. Englers Jahrb. VI (1885). -- ~J. Moeller~, Pharmakogn. Fig. 108 u. 109 und Artikel Tilia in Realenzykl. d. Pharm. -- ~Eichler~, Blütendiagr. -- ~Schumann~ in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam. -- ~Tschirch-Oesterle~, Atlas. -- ~Schübeler~, Pflanzenwelt Norwegens. -- ~Flückiger~, Pharmakogn. -- ~Grisebach~, Vegetat. d. Erde I, 142. -- ~Willkomm~, Forstl. Flora. -- ~Schnitzlein~, Das Honigorgan d. Lindenblüte. Ber. Naturhist. Ver. Augsburg 1858. -- ~Holmes~, Pharm. Journ. 1900, 418.
=Einsammlung.= Lindenblüten werden gesammelt in Deutschland (Franken, Elsaß) -- der Elsaß liefert jährlich 2-3000 kg (~Rosenthaler~) -- der Schweiz, speziell in den Kantonen Bern, Solothurn, Luzern, Uri, Wallis, St. Gallen (~Schürmann~), Österreich (z. B. Mähren), Ungarn (~Pater~) und den Balkanländern. Montenegro führte 1907 für 20900 Kronen Flos tiliae aus (~Tunmann~); auch Österreich exportiert (~Mitlacher~), ebenso Belgien (I, S. 100) und das Gouvernement Poltawa (Rußland). Durch, wegen der Beschädigungen der Bäume durch vandalisches Abreißen ganzer blütentragender Zweige, erlassene polizeiliche Verfügungen ist das Einsammeln von Lindenblüten in Deutschland sehr erschwert. Die Handelsware besteht (nach ~A. Meyer~) meist aus den Blütenständen von T. platyphyllos, obwohl die von T. ulmifolia höher geschätzt werden. 4 Teile frische Blüten geben 1 Teil trockene. Will man oxydasehaltige Blüten, so muß man bei niedriger Temperatur im Schatten trocknen, da die Oxydase durch scharfes Trocknen und Sonnenlicht zerstört wird (~Carles~). Der Vorrat ist jährlich zu erneuern, da die Blüten sich rasch verriechen. Der Geruch nimmt schon beim Trocknen stark ab. Es ist auch Fl. Til. +sine+ bracteis im Handel.
=Lit.= ~Mitlacher~, Pharm. Post 1909. -- ~Rosenthaler~, Apoth. Zeit. 1909. -- ~Schürmann~, Schw. Wochenschr. 1908. -- ~Tunmann~, Apoth. Zeit. 1910.
=Pathologie.= Auf den Blättern der Linde kommen verschiedene parasitische Pilze, namentlich Pyrenomyceten und Imperfekten vor. Dieselben können sicherlich auch mitunter das Deckblatt der Infloreszenzen oder letztere selber befallen. Es wird dies angegeben für Gloeosporium tiliaecolum ~Allescher~, welches nach ~Laubert~ (Zeitschrift f. Pflanzenkrankh. Bd. 14, 1904) auch auf diesen Teilen auftreten kann (~Ed. Fischer~).
Über die tierischen Schädlinge der Linde berichtet ~Israel~:
+Käfer+: Pogonocherus hispidus L. Die Larve dieses Bockkäfers lebt in dürren Zweigen von Tilia- und _Acer_arten. Bostrychus tiliae ~Fb.~ Larve unter der Rinde von Lindenbäumen. Aegosoma scabricorne ~Scop.~ Die Larve dieses selteneren Käfers lebt im Holze der Linde und anderer Laubbäume. Rhynchites betuleti ~Fabr.~ Larve auf Linde, Birke, Haseln usw. Dorcus parallelepipedus L. Larve in kernfaulen Linden, Buchen, Hainbuchen, Nuß- und Obstbäumen usw. Osmoderma eremita ~Scop.~ Die Larve dieses Käfers lebt meist zu mehreren in kernfaulen Linden, Erlen, Eichen usw. Anobium tessellatum ~Fabr.~ Larve gesellig in Lindenstöcken usw.
+Falter+: Vanessa antiopa L., Smerinthus tiliae ~Hb.~ an Lindenblättern. Zeuzera aesculi L. Im Holze der Äste. Cossus ligniperda O. Im Stammholze und den starken Wurzeln von Tilia, Salix, Populus, Prunus, Quercus usw. usw. Aglia tau. ~Hb.~, Gastropacha lanestris ~Hb.~, Notodonta camelina ~Hb.~, Stauropus fagi ~Hb.~, Phalera bucephala ~Hb.~, Orgyia pudibunda ~Hb.~, Ocneria dispar. L., Liparis monacha ~Hb.~, Liparis auriflua ~Hb.~, Laria V. nigrum F., Miselia aprilina L., Acronycta alni ~Hb.~ und andere Acronycta-Arten. Orthosia und Xanthia-Arten, Amphipyra pyramidea ~Hb.~, Crocalis elinguaria ~Hb.~ und viele andere +Spanner+. Tortrix- und Penthina-Arten usw. usw.
+Schnabelkerfe+: An den Trieben der Linde und ihren Blättern leben auch eine Anzahl schwer zu bestimmender Aphiden.
=Anatomie.= Die ziemlich dicken (270-330 mik) +Kelchblätter+ besitzen auf der Oberseite große polyëdrische Epidermiszellen und zahlreiche lange, dünne, einzellige, gerade oder hin- und hergebogene Haare (Fig. 130) und Büschelhaare mit 2-5, bisweilen ungleich langen Strahlen und oft gekrümmter Spitze. Am Blattrande liegen zweistrahlige Büschelhaare mit oft stark verbogenen und durcheinander geschlungenen Strahlen. Besonders die subepidermale Zellreihe führt Calciumoxalatdrusen. Im Mesophyll finden sich zahlreiche, oft zu Gruppen vereinigte Schleimzellen, deren trennende primäre Wand oft auch verschleimt, so daß große Schleimhöhlen entstehen. Die sekundäre Schleimmembran zeigt (besonders beim Präparieren in Alkohol) schöne Schichtung. Die Epidermis der Unterseite ist kleinzelliger und trägt keine oder doch nur wenige Haare. Die viel dünneren (105-140 mik) +Korollenblätter+ sind oft nur 3-5 Zellreihen dick. Die gestreckten, nur wenig wellig verbogenen Epidermiszellen beider Seiten zeigen eine gefaltete Cuticula. Im Mesophyll liegen zahlreiche Schleimzellen und große Schleimhöhlen (s. oben), die am unzerkleinerten Blatte bei durchfallendem Lichte schon mit bloßen Augen sichtbar sind, sowie Zellen mit Oxalatdrusen. Die Lamina ist im allgemeinen haarfrei, doch finden sich an der Blattbasis Köpfchenhaare und am Blattrande (Fig. 131) Büschelhaare mit 2-5, oft gewundenen Strahlen. Auch in den +Filamenten+, dem +Connectiv+ und der +Antherenwand+ finden sich Schleimzellen. Die Antherenwand ist dreischichtig. Die fibröse Schicht bildet die Mittelschicht. Die Pollenkörner, die man bisweilen im Honig findet (s. d.), sind tetraëdrisch, 27-34 mik groß und besitzen drei Austrittsstellen für den Pollenschlauch. Sie besitzen eine Stäbchenschicht und zeigen daher eine feine Punktierung. Die +Fruchtknotenwand+ ist von vielen 2-vielstrahligen Büschelhaaren mit oft bizarr verkrümmten Strahlen bedeckt, auf die parenchymatische Randschicht folgt eine obliterierte braune Zone, in der die Bündel verlaufen, und dann die Schleimzellenschicht. In der Fruchtknotenwand findet sich in besonderen Zellen ein eisenbläuender, im übrigen Gewebe ein eisengrünender Gerbstoff. Auch die +Ovula+ werden durch Eisenchlorid blau (~Vogl~). Selbst der +Griffel+ führt Schleimzellen und Oxalatdrusen und in der Mitte das leitende Gewebe. Ebenso finden sich in Mark und Rinde des +Infloreszenzstieles+ Schleimzellen. Der im Querschnitt ovale Holzkörper ist hier umgeben von einem zarten Siebteil, in den hinein von dem breiten Bastzellpanzer aus Sklereïdenzapfen ragen. Das dem Infloreszenzstiel angewachsene, von zahlreichen bastzellreichen Bündeln durchzogene, derbe Flügelblatt (sog. Bractee) führt an den Nerven ebenfalls Schleimzellen. Die Bastbelege sind von Kristallkammerfasern begleitet, die rhomboëdrische Kristalle und Drusen führen (~Vogl~). Das außerordentlich reich durchlüftete Mesophyll zeigt an der morphologischen Oberseite palissadenartige Streckung. Auf der Unterseite finden sich Spaltöffnungen. Es ähnelt also im Bau einem Laubblatte. Im Glycerinpräparat frischer Brakteen finden sich Sphaerokristalle, die ~Tunmann~ für Hesperidin hält. Die Oxalatdrusen sind bei Tilia von einer Haut umgeben, die nachträglich mit der Membran verwächst, liegen also in sogenannten Taschen (~Wittlin~).
=Lit.= Weitere Details in ~A. Meyer~, Drogenkunde und ~Tschirch-Oesterle~, Atlas t. 11. -- ~Karsten-Oltmanns~, Pharmakogn., Fig. 308-314. -- ~Vogl~, Kommentar 1908, S. 149. -- ~Trécul~, Mucilages. Adansonia VII (1866). -- ~Frank~, Beitr. z. Pflanzenphys. Leipzig 1868. -- ~Dumont~, Ann. sc. nat. bot. 5 (1887), 135. t. VI. -- ~Mattirolo~, Sviluppo e natura dei tegumenti seminal. nel gen. Tilia Nuov. Giorn. bot. 1885. -- ~Holfert~, Nährschicht. Flora 1890. -- ~Schwarz~ und ~Wahsarg~, Pringsh. Jahrb. 1884, t. III. -- ~Wittlin~, Kalkoxalattaschen. Bot. Centralbl. 1896. -- ~Solereder~, System. Anat. d. Dikotylen. S. 176 (dort weit. Lit.). -- Über Lindenbast und Lindenholz vgl. ~Wiesner~, Rohstoffe 2. Aufl.
=Chemie.= Die Blüten der Linde enthalten viel +Schleim+, dann +Zucker+ -- die mit Wasser gegorenen Blüten geben Weingeist (+Marggraf+) --, +Wachs+, etwas eisengrünenden +Gerbstoff+ und +ätherisches Öl+. Der Schleim bläut sich nicht mit Chlorzinkjod, wohl aber mit Kupfersulfat und Kalilauge (~A. Meyer~). Sie enthalten auch eine +Oxydase+ (~Carles~, die Brakteen nur wenig davon) und in der Asche Spuren Mangan. Der Brei frischer Blüten bläut Guajaktinktur. ~Roux~ fand einen gelben und einen roten +Farbstoff+, ~Herberger~ +Malate+, +Tartrate+, einen +Bitterstoff+, ~Siller~ «ein Balsamharz von gewürzhaftem Geschmack». In den Brakteen ist mehr Gerbstoff und -- wie es scheint -- kein Riechstoff vorhanden. Das +ätherische Öl+ ist in den Lindenblüten nur in geringer Menge vorhanden. Doch gibt ~Winckler~ (1837) an, daß er aus 25 Pfund +frischen+ Blüten 80 g (d. h. 0,64 %) farbloses, dünnflüssiges, in Wasser relativ leicht lösliches Öl erhalten habe. Andere sprechen von 0,1, 0,05, 0,042, 0,038 % (~Marggraf~ erhielt gar nichts). ~Haensel~ hat das Öl neuerdings fabrikmäßig dargestellt. Es ist -- offenbar durch ausgeschiedene, mit übergehende Fettsäuren -- bei gewöhnlicher Temperatur fest und eine sehr teure Substanz. Sein Wert ist zehnmal so hoch wie der des Rosenöls. Er übertrifft alle übrigen ätherischen Öle an Feinheit des Geruches (~Landerer~). Der Unterschied in den Eigenschaften und der Ausbeute des Öles bei ~Winckler~ einerseits und bei ~Haensel~ andererseits dürfte darauf zurückzuführen sein, daß ~Haensel~ mit gespanntem Dampf arbeitete, ~Winckler~, der frische Blüten verarbeitete, nicht. Gespannter Dampf scheint das Öl zu verändern und treibt feste Fettsäuren mit über. Es findet sich im Handel (~Haensel~ 1902). Nur frische Blüten geben gutes Aqua tiliae. Die Blüten enthalten auch einen in farblosen Blättchen kristallisierenden Kohlenwasserstoff C₂₈H₅₈; F. 54-56° (~Klopp~, ~Garnier~ und ~Ehrwein~). Die schweißtreibende Substanz ist unbekannt. Das +fette Öl+ der Samen wurde zuerst von ~Massi~ durch Pressen gewonnen, dann von ~Marggraf~ (1772) untersucht und von ~Geiger~ als Ersatz des Mandelöls warm empfohlen. Es ist in den lufttrockenen Samen zu 59 % enthalten (~C. Müller~) und gehört zu den nichttrocknenden, schwer ranzig werdenden Ölen. Die +Asche+ der Blüten beträgt 5,5-7% (~Hauke~, ~Vogl~ gibt 8% als Grenzzahl an). Sie ist meist etwas grünlich.
Die +Blätter+ enthalten das Glykosid Tiliacin, das in Glukose und Tiliaretin zerfällt. Letzteres liefert Anissäure (~Latschinow~). Die Blätter der Tilia parvifolia enthalten auch Inosit (~Fick~). In der +Rinde+ der Linde fand ~Bräutigam~ (1898) einen phytosterin+artigen+ Körper (Tiliadin, C₂₁H₃₂O₂), der aber kein echtes Phytosterin ist, sowie Vanillin. Beim Anbohren des Stammes im Frühling erhält man einen süßen Saft, der dem _Ahorn_safte ähnlich ist (~Geiger~). Das bisweilen auf den Laubblättern auftretende (~Langlois~) +Manna+ enthält (nach ~Boussingault~) 20 bis 30% Dextrin (?), 25-29% Invertzucker, 49-55% Rohrzucker, sowie freie Säuren (Apfelsäure?), ähnelt also dem Tamarix-Manna (S. 135). Der Algenbelag der Rinde (Pleurococcus vulg.) enthält nadelförmige Kristalle (~Bräutigam~).
=Lit.= +Ältere Literatur+ in ~Schwartzes~ Tabellen (1819) I, 198, und ~Johns~ Chem. Tab. d. Pfl. S. 15. -- Erste Analyse von ~Marggraf~, Mém. de l’ac. sc. Berlin 1772, 3 (auch in ~Pfaff~, Mat. med.). -- ~Geiger~, Handb. d. Pharm. 1830, 1017. -- ~Herberger~ und ~Siller~ in ~Dierbach~, Mat. med. 1841. -- ~Fick~, Jahresb. d. Pharm. 1887, 11.-- ~C. Müller~, Über Lindenöl. Ber. d. pharm. Ges. I, 60. -- ~Carles~, Rep. de pharm. 1904, 1. -- ~Tunmann~, Schweiz. Wochenschr. 1909. -- ~Bräutigam~, Arch. Pharm. 1900, 555 u. Pharm. Zeit. 1898 Nr. 105. -- ~Latschinow~, Chem. Zeit. 1890, 14, 126. -- +Äth. Öl+: Ältere Arbeiten (~Brossat~, ~Landerer~, ~Buchner~, ~Herberger~) in ~Gmelins~ Handb. d. Org. Chem. IV (1862) 343. -- ~Winckler~, D. äth. Öl d. Lindenblüte. Pharm. Centralbl. 1837, 781. -- ~Haensel~, Berichte 1902. -- ~Klopp~, ~Garnier~ und ~Ehrwein~, Bull. soc. chim. (4) 7, 940. -- ~Zeller~, Ausbeute u. Darst. äther. Öle aus offizin. Pfl. N. Jahrb. d. Pharm. I-III und separat Stuttg. 1855. -- +Lindenmanna+: ~Langlois~ Journ. pr. Chem. 29, 444 (Arch. Pharm, 89 [1844], 320). -- ~Boussingault~, Journ. pharm. 15 (1872), 214.
=Verfälschungen.= Beobachtet sind (~Perrot~) die Infloreszenzen von Tilia argentea ~Desf.~ (T. alba W. et K., T. tomentosa ~Mönch~), einem aus Ungarn, Kleinasien und Südsibirien stammenden, vielfach in Anlagen angepflanzten Zierbaum, der wenigblütige Blütenstände hat und dessen Staubfäden halb so lang als die Blumenblätter und wenig länger als der Fruchtknoten sind. T. argentea gehört zu der Abteilung der Dekapetalae, d. h. bei ihr sind 5 der innersten Glieder des Staubfadenkreises zu petaloiden, noch mit Antherenspur versehenen Staminodien umgebildet. Zu dieser Gruppe gehört auch die nordamerikanische T. americana. 1896/98 waren, von Italien importiert, Lindenblüten von Tilia americana L. (T. canadensis ~Michx.~, T. glabra ~Vent.~, T. nigra ~Brockh.~, Schwarzlinde) im Handel. Sowohl das Dekokt wie das destillierte Aqua tiliae weichen von dem aus T. europ. bereiteten stark ab (~Caesar~ & ~Loretz~). +Die Verwendung von Lindenblüten aus der Reihe der Decapetalae, die ganz anders riechen als unsere Lindenblüten, ist unzulässig+, dagegen dürfen die Blüten der Hybriden und Formen der beiden deutschen Linden gesammelt werden.
=Lit.= ~Perrot~, Bull. sc. pharm. 1907, 346.
=Anwendung.= Lindenblüten sind ein viel verwendetes Diaphoreticum, das meistangewendete Schweißtreibemittel des Volkes. Sie wurden schon von ~Murray~ (wie noch jetzt von ~Kneipp~) auch als schmerzstillendes und krampflinderndes Mittel empfohlen. Flos tiliae ist Bestandteil der Spec. laxant. St. Germain. Daneben bedient man sich (wie im Altertum) auch der schleimreichen Rinde, besonders äußerlich, z. B. bei Brandschäden, Schußwunden, Augenentzündungen u. dgl., was noch heute in Rußland beim Volke üblich ist (~Henrici~). Das Lindenblütenwasser wird vom Volke gegen Sommersprossen und als Haarwuchsmittel benutzt. Die eigenartig aromatischen Blüten der T. argentea liefern ein Champagnerarom (~Landerer~). ~Mérat~ und ~Lens~ sagen im Dictionnaire (I, S. 217) von der Lindenblüte: «C’est l’antispasmodique le plus universellement mis en usage par toutes les classes des malades.» Das übrigens ziemlich weiche Holz dient zur Herstellung der Carbo Tiliae. Die Bastfasern der Rinde dienten schon im Altertum als Fasermaterial zu Stricken, Sattelzeug usw. Die bekannten Bastschuhe (lapti) der Russen und Polen werden noch heute aus Lindenbast (liko) gemacht, ebenso Decken und Flechtwerk. Auch der nahe verwandte Corchorus (Jute, vgl. S. 255) ist eine Tiliacee. Lindenbaststreifen dienten in Rom als Papier (S. 256).
=Lit.= Ältere Lit. in ~Murray~, App. medic. -- ~Henrici~, Volksheilm. Rußlands in ~Koberts~ Studien IV. -- ~Landerer~, Amer. journ. pharm. 1883.
=Geschichte.= Den alten Deutschen war die Linde ein heiliger Baum. Sie war der ~Frigga~, der nordischen ~Venus~ geweiht und fehlte in keinem heiligen Haine, keinem Dorf- und Marktplatze, keinem Friedhofe. (Sie ist auch der russischen Liebesgöttin ~Krasogani~ und der slavischen ~Ostara~ heilig.) Sie schützte gegen Blitzgefahr und ihre Teile wurden gegen zahlreiche Leiden angewendet. Sie war der Frühlings-, Freuden- und Liebesbaum, aber auch der alte Rechts- und Dingbaum, unter dem sich die Gemeinde versammelte und Recht gesprochen wurde. Sie ist der deutsche Baum par excellence und noch heute der Lieblingsbaum des deutschen Volkes, den zahllose Dichter besangen, von ~Walther von der Vogelweide~ bis auf ~Heinrich Heine~, und der auch in den Volkssitten eine große Rolle spielte. Lindenblüten und Lindenblütenwasser gelten noch heute als Schönheitsmittel. In den Schweizer Pfahlbauten fanden sich Reste beider Linden. Des ~Theophrast~ (hist. pl. III, 10; V, 4) φίλυρα ist wohl eine Tilia (~Sprengel~), denn die Linde heißt auch heute noch in Griechenland so (s. oben S. 366). Vielleicht war es T. ulmifolia, vielleicht auch (~Fraas~) T. argentea. Des ~Theophrast~ κλέθρη ist aber wohl eine Alnus- oder _Acer_art (~Dragendorff~). ~Plinius~, dessen Tilia wohl T. argentea ~Desf.~ ist (er unterscheidet merkwürdigerweise eine männliche und eine weibliche) erwähnt nur die Verwendung der Blätter und des Bastes. Auch ~Virgil~ gedenkt einer Tilia. Die Blüten scheinen aber erst seit dem Mittelalter in Gebrauch zu sein. Tilia steht bei der ~Hildegard~ (I, S. 671) und ~Albertus Magnus~ (I, S. 675), die Lind bei ~Megenberg~ (I, S. 693), ~Cordus~ (I, S. 803) verwendete Flos tiliae. Aqua Tiliae findet sich bei ~Brunschwyg~ (1500) und ~Fuchs~ rühmte seine antiepileptische Wirkung. Flor. tiliae finden sich in der Taxe von Eßlingen 1571 (I, S. 816). In ~Murrays~ Apparatus medicaminum (I, S. 218) stehen außer den Flores noch Semen, Cortex und Folia. Die Angabe des französischen Arztes ~Massi~, daß man aus Blüten und Samen der Linde ein Getränk bereiten könne, «das der besten Schokolade nichts nachgebe» (!), veranlaßte ~Friedrich den Grossen~, der alle Surrogate der Purindrogen begünstigte, ~Marggraf~ aufzufordern, die Bedingungen für die Herstellung eines solchen Surrogates zu studieren, dieser Aufforderung resp. diesem Befehl verdankt die Untersuchung ~Marggrafs~ (s. oben) ihre Entstehung.
=Lit.= ~Reling~ und ~Bohnhorst~, Unsere Pflanzen. 4. Aufl. -- ~Perger~, Deutsche Pflanzensagen 1864.
c) Schleimzellen in Knollen.
Während bei den Dikotylen die typische Ausbildung der Schleimmembranen die Regel ist, zeigen die Monocotylen ein abweichendes Verhalten und es kommt hier in der Regel nicht zur Bildung einer deutlich geschichteten Schleimmembran. Der Grund, weshalb ich auch die monocotylischen Schleimdrogen, speziell Orchis, bei den Membraninen abhandle, ist der, daß nach meiner Auffassung hier ein Übergangsgebilde vorliegt, welches sich chemisch an die typischen Membranine anschließt, morphologisch allerdings noch nicht jene normale Ausbildung erlangt hat, die wir z. B. bei der Gruppe der Malvales (Tiliaceen, Malvaceen, Sterculiaceen) antreffen. Nur selten findet sich bei Orchis ein deutliches zentrales Lumen, das ringsum von Schleim umgeben ist (Fig. 133). Dagegen treffen wir bei der benachbarten Herminium monorchis (L.) ~R. Br.~ eine typische Schleimmembran (~Birger~). Es macht bisweilen den Eindruck, daß eine peripherische, parietal gelagerte Plasmaschicht die normale Auflagerung des Schleims in Form von normalen Schleimmembranschichten hindert.
Tuber Salep.
=Syn.= Rad. Salep, Salepknollen -- Knabenkraut (weitere deutsche Namen unter Synom. und bei ~Pritzel-Jessen~) -- saleb (holl.) -- saleprot (schwed.) -- Salep (franz. und engl.) -- saalāb, salap (arab. pers.). -- Orchis militaris heißt auch in den Volkssprachen: Soldaten-O., O. guerrrier ou militaire, military-O., Soldaat-O. -- wegen der helmförmigen Blüte; wie Orchis Morio (von μωρός = Narr): O. bouffon, harlekijns -- wegen der bunten Blume. -- Der handförmige: Rad. palmae Christi, Rad. palmata.
Bei ~Theophrast~ ὄρχις und bei ~Dioskurides~ ὄρχις und σατύριον, so auch bei ~Plinius~ (s. Geschichte). ~Bonnet~ deutet des ~Dioskurides~ ὄρχις als O. papilionacea und mascula, das σατύριον als Ophrys anthropophora (s. hinten). Bei ~Alhervi~ (pers.): bûzeidan, bei ~Ibn Baithar~ (arab.): būzīdān. -- Satyrion bei ~Constantinus Africanus~ (XI. Jahrh.) und in Circa instans (XII. Jahrh. I, S. 637). -- In der +Alphita oxoniens.+ steht: saturion (iarus, priapiscus, leporina -- Kukkowspitte), Satirion (stondengousse); und in den +Sinonoma Bartholomei+: satyrion = herba leporina und ~Isidor~ bemerkt in seinem Etymologicon: Satyrion vulgus vocant stingum. Item et Orchis item et Leporina. -- Bei ~Albertus Magnus~: satiria (Orch. mil.) testiculus vulpis, t. canis (O. mascula), so auch (-- neben Rad. satyrionis --) bei ~Crescenzi~ (I, S. 677), ~Serapion~ (I, S. 605). -- Im Liber Dynamidorum sind als Synonyma von Satyrion angegeben: priapiscum, tentaticon, mazinium, extingum, gartcolon. -- Bei ~Cordus~ (I, S. 802) steht: Satyrion (Rad. orchios, testiculi vulpis). Es waren dies vielleicht die Knollen von Platanthera bifolia. Doch bezogen sich wohl, darin stimme ich ~Dragendorff~ bei, die arabischen und anderen allen und mittelalterlichen Namen nicht auf spezielle Arten (Orchis Morio und undulatifolia [~Leclerc~], O. anthropophora [~Fraas~], O. papilionacea [~Sibthorp~, ~Sontheimer~]), sondern bezeichneten alle Arten der Gattung Orchis und verwandter Gattungen, deren Systematik ja noch heute eine sehr künstliche ist (~Ascherson~).
=Etym.= ~Grimm~ (Deutsch. Wörterb. V [1873] 1465) sagt: Knolle (masc.) ungenau: Knollen. ~Kluge~ (Etymolog. Wörterb.): Knollen (m) aus mhd., Knolle (m). Ich schließe mich der Schreibweise «der Knollen» an (~Flückiger~ schreibt: der Knolle; die meisten Autoren: die Knolle).
An die Hoden erinnern die Ausdrücke: Bocks- oder Fuchshödlein, Hasen-, Narren-, Pfaffenhoden, Bällchenwurz (angels.), sowie ὄρχις (= Hoden, bei ~Theophrast~ -- ὀ. κυνός, bei ~Dioskurides~ -- von ὀρέχειν begehren), testiculus vulpis, leporis, canis, sacerdotis etc., -- dog-, fox-, hare-, goat-stones. An die Verwendung als +Aphrodisiacum+ erinnert: Bocksgeil, Erdgeile und Geilwurz (so z. B. bei ~Cordus~), Heiratsblume oder -wurzel, Kinder- oder Knabenkraut (so im Ort. sanit.), Raynwurz, Stendelwurz, Höswurz, Venusblume; Kuckucksblume (der Kuckuck ist der Vogel der Liebe), sowie die alten Bezeichnungen: priapismus (priaspiscus), satyrion. (Weitere erotische Beziehungen bei ~Aigremont~, Volkserotik). An die +handförmige Teilung der Knollen+ einiger Arten (s. weiter hinten) erinnern Ausdrücke wie Palmachristi, Pentadactilus, Marien-, Christi- oder Gotteshand (im Gothaer Arzneibuch [I, S. 680]: godeshant), Glücks- oder Teufelshand, Händechen. Im Arabischen heißt testiculi canis: ḫuṣa ʾl-kalb (das ḫ ist ein hartes ch) und testiculi vulpis: ḫuṣa ʾṯ-ṯaʿlab (das t in ta wie das englische th zu sprechen), der Singular testiculus vulpis lautet: ḫuṣjat at-ṯaʿlab (~Marti~). Aus diesem ṯaʿlab wurde das noch jetzt im Osten gebräuchliche salap und unser salep. -- Die Bezeichnung für Salep kâtil ahîhi bedeutet «Mörder seines Bruders» und bezieht sich wohl darauf, daß der alte Knollen zu Grunde geht, während der neue «Bruder»-Knollen heranwächst. Die Ausdrücke busidân, bûzeidan, būzīdan stammen aus dem Indischen.
=Stammpflanzen.= Salep wird vorwiegend von Orchidaceen der Ophrydeenabteilung, besonders von Orchisarten gesammelt. In Mitteleuropa kommen vor und liefern Salep:
=Orchis militaris= (L. ex parte) ~Huds.~ (O. =militaris ~Jacq.~=, O. =galeata ~Poir.~=, O. Rivini ~Gouan.~), =O. purpurea= ~Huds.~ (O. fusca ~Jacq.~), =O. ustulata= L., =O. Morio= L., =O. mascula= L., =O. latifolia= L., =O. incarnata= L. (O. angustifolia ~Wimm.~ et ~Grab.~), =O. maculata= L., =Anacamptis pyramidalis= ~Rich.~ [Aceras pyramidalis (L.) ~Rchb.~ fil.], =Gymnadenia conopéa= [die Form conopsea ist grammatisch nicht zu erklären, ~Ascherson~] (L.) ~R. Br.~ Auch Aceras anthropophora und Ophrys arachnites werden genannt.
In Thessalien, Macedonien und Epirus liefern (außer O. Morio und mascula) =Orchis saccifera= ~Brongniart~, =O. coriophora= L. und =O. longicruris= ~Link~ Salep. In Griechenland werden besonders die Knollen von O. Morio und =O. papilionacea=, dann auch O. undulatifolia, mascula, palustris gesammelt (~Landerer~).
In Kleinasien ist die Gattung Orchis durch c. 30 Arten vertreten. Es ist nicht bekannt, welche speziell zur Salepgewinnung herangezogen werden.
Von den 32 Arten, die in ~Boissiers~ Flora orientalis aufgeführt sind (~Tchihatcheff~ nennt 36 kleinasiatische), sind für Gebiete des westlichen Kleinasiens angegeben: Orchis Morio β picta (Anatolien, Cilicien), O. comperiana (Lydien), O. coriophora β fragrans (Anatolien), O. sancta (Pamphylien, Smyrna), O. tridentata (Anatolien), O. palustris (ebenda.), O. pseudosambucina (ebenda), O. papilionacea (Pamphylien), O. provincialis β pauciflor. (Smyrna), O. anatolica (Carien, Lycien), O. Simia (Pamphylien) und weiter im Norden O. maculata und fusca (in Cappadocien).
In Algerien werden die sehr großen Knollen von =Orchis Munbyana= und =O. Robertiana= benutzt (~Landerer~, Pharm. Jahresb. 1878, ~Simmonds~, Am. journ. pharm. 1891).
In Nordpersien werden die Knollen besonders von =Orchis latifolia= L., dann auch von =O. laxiflora= ~Lamck.~ gesammelt und unter dem Namen Salapmisri nach Indien gebracht (~Aitchison~, ~Stolze~ und ~Andreas~).
Orchis und Anacamptis, sowie Ophris und Aceras gehören zu der Abteilung Monandrae -- Ophrydinae -- Serapiadaceae; Gymnadenia zur Abteilung Monandrae -- Ophrydinae -- Gymnadenieae.
In Nordindien sind die großen Knollen (man-kand, amber-kand) von =Eulophia campestris= ~Lindl.~, =Eul. herbacea= ~Lindl.~, in Südindien die kleinen von =Habenaria pectinata= ~Don~ und etwa fünf anderen Arten Salep liefernd (~Watt~, Dict. of econ. prod. ~Lindley~, ~Royle~). Pharmac. ind. nennt auch Eulophia virens ~Br.~, Eu. campestris ~Wall.~, Eu. nuda ~Lindl.~
Eulophia gehört zur Abteilung Monandrae -- Cyrtopodiinae, Habenaria zur Abteilung Monandrae -- Ophrydinae -- Habenarieae.
Die Gattung Orchis mit ihren 70 vorwiegend in der alten Welt vorkommenden Arten wird jetzt eingeteilt in:
Sect. I. Herorchis ~Lindl.~
a) Papilionaceae: O. papilionacea. b) Moriones: O. Morio. c) Militares: O. militaris, purpurea, tridentata (variegata), ustulata. d) Ibericae: O. iberica.
Sect. II. Anderorchis ~Lindl~.
a) Globosae: O. globosa. b) Saccatae: O. saccata. c) Masculae: O. mascula, palustris, pallens. d) (Latifoliae): O. latifolia, incarnata, maculata.
Ausführlichere Angaben in ~Luerssen~, Mediz. pharm. Botan.
Die ~Linné~sche O. militaris umfaßt: O. purpurea, tridentata, Simia und Rivini.
O. militaris ist von England, Nord- und Mittelspanien, sowie Italien über Deutschland bis Mittelrußland und Sibirien, sowie Ost-Dahurien, O. Morio durch Europa und auch im westlichen Asien, O. maculata durch ganz Europa und Sibirien, O. mascula in Europa bis zum Ural, O. latifolia von Europa bis Kamtschatka heimisch. Diese sind bei uns die häufigsten, O. papilionacea und saccata sind im Mittelmeergebiet, O. purpurea in Mittel- und Südeuropa, O. ustulata in Europa bis zum Ural, O. iberica im Gebiet des Kaukasus, O. incarnata von Europa bis Kamtschatka heimisch.
Die _Orchis_arten sind Wiesenpflanzen und sog. «Magerkeitszeiger», die gedüngte Stellen fliehen und vom Weidevieh gemieden werden.
Folgende Standorte werden in ~Garckes~ Flora von Deutschland angegeben: O. purpurea ~Huds.~ schattige Gebirgswälder, gern auf Kalk, am häufigsten in Mittel- und Südwestdeutschland, namentlich in Thüringen, bei Hannover, auf Rügen. O. militaris (L.) ~Huds.~, Wald- und Moorwiesen, sonnige Kalkberge, in Nordwestdeutschland fehlend. O. ustulala L., Bergabhänge, Wiesen niedriger und gebirgiger Gegenden, in den Alpen verbreitet. O. Morio L. (die kleinste unserer Arten), Wiesen, trockene Abhänge, häufig. O. mascula L., Wiesen, Wälder, häufig in Süd- und Mittel-, selten in Norddeutschland. O. maculata L., sumpfige Wiesen, Wälder häufig. O. latifolia L., feuchte Wiesen, häufig. O. incarnata, torfige, sumpfige Wiesen, zerstreut. Diese Standorte wären bei der Anlage einer Kultur zu beachten. Man hört oft aus den Handelsberichten, daß Trockenheit die Ernte beeinträchtigt.
=Beschreibung der Stammpflanze.= Die _Orchis_arten sind sämtlich ausdauernde Kräuter, die ihre unterirdischen Organe ziemlich tief im Boden bilden. Aus dem Samen bildet sich im ersten Jahre ein Knöllchen, das der Wurzel entspricht, an ihm sitzt ein aus Niederblättern und der Laubblattanlage gebildetes Knöspchen (Fig. 132, AB). Im nächsten Jahr entwickeln sich 2-3 Laubblätter und in der Achsel einer der Niederblätter ein Knöspchen, das eine Adventivwurzel bildet (Fig. 132, CD). «Diese verdickt sich knollenförmig und wird durch die vergrößerte röhrenförmige Scheide seines untersten Blattes wie durch ein Rohr tiefer in den Boden gesenkt» (Fig. 132, FG). Dieser kleine Knollen bildet den Grundstock für eine neue Pflanze, die sich dann im nächsten Jahre entwickelt (Entwicklung des Knollens ausführlich bei ~Irmisch~ und ~Arthur Meyer~).
Die blühende Pflanze besitzt zwei Knollen (Fig. 132, JKL). Der ältere Knollen hat seine Reservestoffe an die oberirdische Pflanze abgegeben und erscheint daher mehr oder weniger geschrumpft und außen bräunlich, das Gewebe ist entleert. Der helle junge Knollen dagegen, der ähnlich wie der Knollen an der Keimpflanze aus der Adventivwurzel einer Knospe des vierten oder fünften Niederblattes entstanden ist, ist mit Reservestoffen prall gefüllt. Er ist ziemlich frühzeitig innerhalb der Achse entstanden, deren Gewebe ihn noch eine Zeitlang wie ein Sack umgibt (Fig. 132, H), sitzt, wenn ganz entwickelt, was schon im Juni erfolgt ist, einem kurzen Aste an und trägt oben ein Knöspchen (Fig. 132, K). Aus ihm entwickelt sich die neue Pflanze im nächsten Jahr. Der Knollen trägt ganz den Charakter einer Speicherwurzel. Daneben finden sich noch am Grunde der Achse Ernährungswurzeln. Orchis purpurea und militaris (Fig. 132, JK), sowie Platanthera bifolia haben ovale oder eiförmige, O. ustulata, Morio, mascula und coriophora und die Ophrys-Arten rundliche, O. tridentata, laxiflora und globosa längliche, O. sambucina zylindrische oder spindelförmige, Orchis maculata, latifolia (Fig. 132, L), incarnata und saccifera, sowie Gymnadenia conopea handförmig geteilte Knollen.
Der krautige Stengel ist einfach. Er wird bei den einzelnen Arten verschieden hoch. Die Niederblätter sind scheidenartig, und soweit sie im Boden stecken weiß. Die Blätter tragen bei O. militaris auf einer Scheide eine oblong-lanzettliche, stumpfliche, etwas fleischige, 4-5 cm breite, 8-16 cm lange Spreite, die getrocknet nach Vanillin riecht. Der Blütenstand ist eine Ähre, die bei O. militaris 7-10 cm lang wird. Die Deckblätter sind breit eiförmig, rot. Der sitzende einfächerige, unterständige Fruchtknoten ist gedreht und dadurch die zygomorphe Blüte resupiniert, d. h. die oberen Teile der Blüte nach unten gekehrt. Die drei äußeren Perigonblätter sind ziemlich gleich, eilanzettlich, bei O. militaris außen rötlich weiß, an den Nerven rot, zwei Perigonblätter des inneren Kreises etwas kleiner, schmaler, dunkler, alle fünf nach oben gerichtet, einen Helm bildend, das dritte (ursprünglich das hintere obere) Blatt des inneren Kreises aber als Labellum entwickelt und nun nach unten gerichtet, aus der Blüte heraushängend. Er trägt einen hohlen Sporn, der als Nektarium wirkt, obwohl er keine eigentlichen Nektarien bildet (der süße Saft muß «erbohrt» werden) und bildet eine breite, tief dreispaltige, als Anlockungsmittel für Insekten dienende Lippe, die länger ist als die übrigen Perigonblätter und deren Mittellappen wieder zweigespalten erscheint mit einem kleinen Zwischenläppchen (bei O. Morio ist die Lippe dreilappig, der Mittellappen abgestutzt-ausgerandet, bei O. papilionacea ganzrandig, bei O. mascula tief dreilappig mit breiten gezähnten Lappen, bei O. latifolia breit-keilförmig, dreilappig). Die Farbe der Lippe ist bei O. militaris weiß mit purpurnen Haarpinseln (bei O. ustulata weiß, rot punktiert, bei O. coriophora purpurn geadert, am Grunde weiß, purpurn punktiert, bei O. Morio purpurn mit grünen Adern). An die eigenartige Insektenform und den Geruch gewisser _Orchis_blüten erinnern die Bezeichnungen: conopea (von κώνωψ = Mücke), muscifera (= Fliegenträger), coriophora (von κόρις = Wanze) und Fliegenblumen. Das Androeceum ist mit dem Griffel verwachsen und bildet das Gynostemium, das aus der Columella, dem Clinandrium und dem Rostellum besteht. Die Griffelsäule ist sitzend, vorn flach, hinten gewölbt; die Narbe am Grunde der Säule quer gestellt, umgekehrt herzförmig. Über ihr liegt die kleine Bursecula und in dieser die beiden Klebscheiben (retinacula) der zwei gestielten, keulenförmigen Pollinien, die aus der verklebten Pollenmasse bestehen. Die Anthere ist also dithecisch. Senkt nun ein Insekt seinen Rüssel in die Blüte, so schiebt es, wie ~Charles Darwin~ zuerst beobachtete, die Bursecula beiseite, der Rüssel kommt mit den Klebscheiben in Berührung, diese kleben sich am Rüssel fest und wenn nun der letztere aus der Blüte herausgezogen wird, so werden die Pollinien aus ihrem Behälter herausgerissen (vgl. auch I, S. 389). Sie stehen zunächst senkrecht auf dem Rüssel, senken sich aber dann herab und wenn nun das Insekt eine zweite Blüte besucht, so treffen die Pollinien direkt auf die Narbe: das klassische Beispiel einer an Insektenbefruchtung angepaßten zoidiophilen Blüte. Die Frucht ist eine sechskantige Kapsel, die mit drei Klappen aufspringt. Der Fruchtknoten stellt sich später wieder richtig, die Resupination der Blüte wird aufgehoben. Die sehr kleinen Samen haben einen ungegliederten Keimling. Sie werden zur Reifezeit durch den Wind verstreut.
Die _Orchis_arten blühen bei uns meist im Mai bis Juni. Die Knollen werden vor der oder zur Blütezeit der Pflanze gesammelt.
=Lit.= +Abbild.+: ~H. G. Reichenbach~, Orchideae in Flora germanica recensitae etc. 170 col. Taf. 1851 (B. 13 u. 14 der Icones flor. germ.). -- +Abbild.+ von O. militaris in ~Berg-Schmidt~, Atlas taf. 134 (dort die system. Lit.), ~Pabst-Köhler~, Medizinalpfl. t. 61, ~Luerssen~, Med. pharm. bot. (dort die systemat. Lit. der Familie). ~Hayne~, Arzneigew. t. 17. ~Giesenhagen~, Botanik 1910, Fig. 367. -- Von O. ustulata in ~Hayne~, Arzneigew. t. 16. -- Von O. Morio in ~Hayne~, Arzneigew. t. 24 und ~Nees von Esenbeck~, Plant. med. t. 72. -- Von O. mascula in ~Nees von Esenbeck~, Plant. med. t. 71. und ~Giesenhagen~, Botanik 1910. Von O. latifolia im Bonner Lehrb. d. Bot. u. in ~Garckes~ Flor. v. Deutschl. -- ~Pfitzer~, Entwurf eines natürlich. Syst. d. Orchid. und Orchidaceae in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam. II, 6, S. 52 (dort die Literatur d. Familie). -- ~Irmisch~, Morph. d. monokotyl. Knollen usw. Berlin 1850, Beitr. z. Biolog. u. Morph. d. Orchid. 1853 u. ein. Beobacht. an einheim. Orchid. Flora 1854. -- ~A. Meyer~, Knollen der einheim. Orchideen. Arch. Pharm. 1886 (m. zahlr. Abbild. u. Literaturnachweisen) und Wissensch. Drogenkunde.
=Pathologie.= Über die tierischen Schädlinge berichtet ~Israel~: Die Orchideen scheinen unter den Insekten sehr wenige Feinde zu haben, doch trifft man gelegentlich polyphage Eulenraupen auch an Orchideen, ohne daß sie jedoch Feinde derselben genannt werden könnten. Bei Jena fand ich eine Dipterenmade (vermutlich eine _Cortdylura_species) auf Orchis mascula, die Blätter minierend.
=Einsammlung und Handel.= Im Handel dominiert der kleinasiatisch-türkische (anatolische) Salep. Der türkische, auch der aus Macedonien, wird meist Levantiner Salep genannt. In +Kleinasien+ wird Salep im Süden bei Mersina (Rhodus gegenüber), Milas (Melassa) und Mugla (südöstlich von Smyrna) gewonnen (~Scherzer~ 1874), im Norden bei Kastamuni und Angora (Ber. über die Wiener Weltausstellung 1873), neuerdings (1895) werden auch Castambol, Tokat und Egin genannt. Der südliche geht nach Smyrna, der nördliche nach Konstantinopel. Dorthin, zum Teil über Saloniki, wird auch der in Macedonien und Thessalien gesammelte Salep gebracht. Seit den achtziger Jahren des XIX. Jahrh. ist Konstantinopel Hauptausfuhrort für Salep. 1892 betrug die Ausfuhr von dort 19000 kg, die Vorräte 10000 kg. Die Ausfuhr von Smyrna wurde 1879 auf 5000 Oka (zu 1283 g) geschätzt. Die Levantiner Ernte betrug 1893: 200-250 Sack à 80-90 kg. Smyrna exportierte 1905: 4690, 1906: 2926, 1907: 1806 und 1908: 1162 kg. Die Türkei braucht selbst viel Salep, nur ⅕ der Ernte gelangt zur Ausfuhr (~Gehe~). Die Zufuhren von der Levante treffen im Oktober bis November ein. In +Deutschland+ wurde Salep früher namentlich in Bayern, Nassau (Taunus und Westerwald), Fulda (Rhön und Vogelsberg), sowie im Odenwald gesammelt (~Wiggers~ 1863), jetzt scheint nur noch bei Kaltennordheim in der Rhön, bei Meiningen und etwas auch im Taunus und Odenwald gesammelt zu werden (~Flückiger~ 1891). Für den Großhandel kommt deutscher Salep nicht in Betracht. In den Preislisten finde ich S. german. höher im Preise notiert als S. levantin. Die deutschen Knollen pflegen kleiner zu sein. Auch in +Frankreich+ scheint etwas Salep gesammelt zu werden. Der beste +persische+ Salep wird auf dem Idjerûdplateau westlich von Zāndjân gesammelt. Nach der Blütezeit im Juli schicken die Teheraner Apotheker (attâr) Leute dorthin, um die Knollen zu graben und die Bewohner von Idjerûd verpachten den Salepsuchern ihre Wiesen (~Schindler~). In Nordpersien wird sálāb bei Mesched (Meschhed) gegraben. Der bessere persische Salep heißt Panjeh-i-sálāb (= Handsalep), der schlechtere Abushaheri oder Lasaniya (Pharmakogr.). Der persische Salep geht über Buschir besonders nach Indien, kommt aber auch bisweilen nach Europa. Die großen indischen Salepknollen stammen aus Bengalen, den Nilagiris und Ceylon, sowie aus Afghanistan, Belutschistan, Kabul, Bokhara und dem Pandschab (Pharmakographia).
Die gegrabenen prallen Tochterknollen werden vom Stengel, dem Mutterknollen und den Wurzeln befreit, gewaschen, mit Tüchern abgerieben, dann -- oft auf Fäden gereiht -- in siedendes Wasser getaucht, um sie abzutöten und bei gewöhnlicher Temperatur oder bei künstlicher Wärme getrocknet. Bisweilen findet sich auch die Handelsware noch auf Fäden gereiht. Nur an der Luft getrocknete Knollen treiben, da der Schleim reichlich Wasser zurückhält, leicht an feuchter Luft aus. In Kultur werden die Knollen besonders in gutem Boden viel größer und schöner (~Valta~, ~Beissenhirz~) und es sollte daher der Anbau (Anzucht aus Samen) versucht werden. Es dürfte sich lohnen, da die Handelsberichte fortgesetzt über schlechte Ernten und geringe Zufuhren aus der Levante berichten, auch fehlt es dort oft an Transportmitteln zu den Hafenplätzen. Die Bedingungen der Kultur müßten aber erst studiert werden. Immerhin bildet die Pflanze aus dem Samen erst im dritten Jahre brauchbare Knollen. Die _Orchis_arten lieben kalkhaltigen Boden. Eine spontane Aussaat ist bei wildwachsenden oft beobachtet worden, da sehr zahlreiche kleine, leicht verbreitbare Samen gebildet werden (s. oben).
=Lit.= ~Heldreich~, Nutzpflanz. Griechenlands. Athen 1862. -- ~Tchihatcheff~, Asie mineure Bot. II, 1860. -- ~C. v. Scherzer~, Smyrna, mit bes. Rücks. auf d. geograph., wirtschaftl. u. intellektuell. Verhältn. Wien 1873 (auch Arch. ph. 53 [1874] 53). -- (Anonym), Pharm. Post 1890, 22. -- ~Schindler~, Reis. im nordwestl. Persien 1880-82. Zeitschr. d. Ges. f. Erdk. 18. -- ~Stolze~ und ~Andreas~, Handelsverhältn. Persiens. ~Petermanns~ Mitteil. Ergänzungsheft 77 (1885). -- ~Aitchison~, Some plants of Afghanistan and their medic. prod. Pharm. Journ. 17 (1886) 467 und Notes on products of W. Afghanist. and N. E. Persia. -- ~Lindley~, Journ. Linn. Soc. 1859. -- ~Royle~, Illustrations of the Botany of the Himalayan mountains 1839. -- ~Powell~, Economic products of the Punjab 1868. -- ~Stewart~, Punjab plants 1869. -- ~Holmes~, Catalog. p. 135.
=Beschreibung der Droge.= Die Droge besteht aus den durch Abreiben oft von der äußeren Schicht, besonders dem Korke, befreiten, gebrühten und dadurch hornartig-hart gewordenen +Tochterknollen+, deren Form nach der Art wechselt (s. oben S. 377). Neuerdings sind auch viel handförmige im Handel. Der die Pflanze tragende Mutterknollen kommt nicht in Betracht. Er schrumpft beim Trocknen zusammen. Zugelassen sind (z. B. von Pharmac. helvet. IV) sowohl die europäischen wie die vorderasiatischen, sowohl die kugeligen wie die länglich-eiförmigen und handförmig geteilten Knollen (s. oben). Im allgemeinen gibt man den kleineren Knollen den Vorzug, doch läßt z. B. Pharm. helvet. IV noch solche von 4 cm Länge zu. Die Knollen tragen an der Spitze eine Knospe, sowie bisweilen die Reste des «Stieles», mit dem sie an der Mutterpflanze befestigt waren (Fig. 132, JK). Nicht selten wird jedoch bei dem Abreiben der Knollen das Knöspchen, das sich leicht ablöst, entfernt, so daß dann der Knollen in der Handelsware an der Spitze eine Narbe bzw. eine kleine Mulde zeigt. Das Knöspchen ist das Endknöspchen der Achse, in deren Gewebe die Nebenwurzel ursprünglich entstanden war (~A. Meyer~, Fig. 132, H). Der deutsche Salep ist durchscheinend-gummiartig. Frische Knollen schmecken etwas bitter und haben einen eigenen Spermageruch.
=Anatomie.= Der ausgewachsene Tochterknollen zeigt den typischen Bau unterirdischer Speicherorgane: kleine zerstreute Bündel und reichlich entwickeltes Speicherparenchym. Er ist bedeckt von einer Epidermis, die oft noch Wurzelhaare trägt. Dann folgt eine sehr schmale Rindenschicht und dann eine verkorkte Endodermis (~A. Meyer~). Diese Schichten pflegen bei der Droge zum Teil durch Abreiben entfernt zu sein. Innerhalb der Endodermis liegt ein lockerer Kreis von etwa 30 (~Meyer~) zarten, radialen, von einer Bündelscheide umgebenen, in der Droge oft stark zusammengefallenen Gefäßbündeln und auch im Innern des Knollen finden wir solche. Sie führen 2-4 zarte alternierende Gefäß- und Siebstränge (Abbild. bei ~Meyer~). Die schmalen Gefäße sind Spiral- und Netzleistengefäße. Mechanische Zellen fehlen. Da +jedes+ «Bündel» seine eigene Endodermis besitzt, die einen kleinen Kreis radialer Gefäßbündel umschließt, so nehmen einige an, daß hier nicht eine Wurzel, sondern ein Bündel miteinander verwachsener Wurzeln vorliegt. Das Speicherparenchym ist stark entwickelt. Es besteht aus dünnwandigen Zellen, die bei den frischen Knollen reichlich bis 35 mik große, eiförmige oder rundliche Stärkekörner enthalten (Fig. 133, St). Größe und Gestalt der Stärkekörner variiert etwas nach der Art. Sie sind nach ~Vogl~ bei O. militaris klein, unregelmäßig zusammengesetzt, bei O. Morio, variegata und pallens einfach kugelig oder eirund, meist mit einer Kernhöhle versehen, bei O. maculata verlängert und mit deutlichen Schichten versehen. ~Vogl~ gibt den Durchmesser auf durchschnittlich 8 mik an. Bei der Droge findet sich aber in den Zellen infolge des Brühens ein Kleisterballen (Fig. 133), der nur in den seltensten Fällen noch intakte Körner erkennen läßt. Durch Jod färbt sich der Kleisterballen violett bis rotbräunlich, die Stärke ist also zum Teil in Amylodextrin übergeführt. Eingebettet in dies Stärkeparenchym finden sich zahlreiche, bis 700 (im Mittel 250-350) mik große +Schleimzellen+ (~Lindleys~ «Knötchen»), meist einzeln, selten auch in übereinander stehenden Reihen, die ziemlich regellos im Gewebe verteilt sind oder doch wenigstens nur um die Bündel herum eine etwas regelmäßigere Anordnung zeigen. Meist trennt die Schleimzellen nur eine Reihe Stärkeparenchym (Fig. 133). Der Schleim wird durch Jod und Jodschwefelsäure gelb (echter Schleim). Eosin färbt den Schleim junger Zellen gelbrot, den alter Zellen rosa, welche Färbung stehen bleibt, wenn man kurze Zeit Alkohol auf den Schnitt wirken läßt (~Hartwich~). Kongorot färbt orange (~Heinricher~). ~Hansteins~ Anilingemisch färbt nach schnellem Abspülen mit Alkohol rot. Rosolsäure in Sodalösung orangerot (~Hartwich~). In der Handelsware enthalten die Schleimzellen der ausgewachsenen Knollen nur selten noch Raphidenbündel von Calciumoxalat [~Raspail~ (Nouv. trait. syst. org. 1838) hielt die Kristalle für Calciumphosphat] -- am meisten noch die der Randschicht. Der Schleim entsteht im Inhalt. Die Schleimbildung beginnt um (~Hartwich~) oder in der Nähe (~Kohl~) eines kleinen Raphidenbündels. Dann erscheint er die Zwischenräume eines Plasmanetzes erfüllend und schließlich erfüllt er das ganze Innere der Zelle. Nur selten sieht man an der fertigen Schleimzelle einen zentralen Hohlraum, oft ein feines regelmäßiges Plasmanetz an der Peripherie der primären Wand anliegend, in dem sich dann auch wohl die bizarren Reste des Zellkerns (Fig. 133, Ke) bemerklich machen (~A. Meyer~, ~Hartwich~, ~Birger~). ~Kohl~ beschreibt die Sache so, daß im Zentrum in einer Plasmascheide das Kristallbündel liegt und dieses Zentralplasma mit dem Randplasma durch den Schleim durchziehende Fäden verbunden ist. Beide sollen Netzstruktur zeigen (ähnlich ~A. Meyer~). Die Kristallnadeln werden meist, aber nicht immer aufgelöst (Fig. 133, Kr₁). In den jungen Schleimzellen liegen Stärkekörner, die aber mit fortschreitender Ausbildung des Schleimes zunächst in ihrer Substanz verändert (sie färben sich mit Jod erst blau, dann violett, dann rot, endlich gar nicht mehr), dann aufgelöst werden. Sie liefern das Material für die Schleimbildung. Schleim und Stärke sind Reservestoffe. Sie werden aufgelöst, wenn die Knospe im Frühjahr austreibt (s. oben) -- zuerst die Stärke, dann der Schleim. Noch lange findet man in dem schon fast entleerten Knollen große korrodierte Schleimklumpen: die in Auflösung begriffenen Inhalte der Schleimzellen (Fig. 133, a). Wenn bei dem Knollen das Knöspchen an der Spitze erhalten ist, pflegen sich auch Reste des Stieles resp. der Tute vorzufinden, mit der der Knollen an der Pflanze befestigt war und in der das Knöspchen steckte (Fig. 132, K). Es kommt sogar vor, daß auch die Scheide, in der das junge Knöllchen ursprünglich sich entwickelte (s. oben S. 376), lange erhalten bleibt und auch den fertigen Knollen noch teilweise umgibt. Sowohl im Gewebe des Knöspchens als in dem der Tute finden sich sehr zahlreiche, oft dicht beieinander liegende Zellen mit Raphidenbündeln. Über den primären Bau der Wurzel vgl. ~Holfert~, Arch. Pharm. 1889. Die Wurzeln enthalten eine endotrophe Mycorhiza.
Im +Pulver+ der Salepknollen prävalieren die oft maschige Struktur zeigenden Kleisterballen und deren Fragmente, die sich mit Jod violett färben, sowie die Inhalte der großen Schleimzellen oder deren Fragmente, die Jod gar nicht oder gelb bis braunrot färbt und die oft noch das periphere Plasmanetz, seltener die zentrale Höhle mit dem kleinen Raphidenbündel zeigen und Parenchymfetzen. Gefäßfragmente treten auch im Chloralpräparat wenig hervor. Das Gleiche gilt von den Raphidenbündeln, die den peripheren Schichten der Knollen und der Knospe entstammen. Nur halb verkleisterte Stärke, wie sie ~Koch~ abbildet, habe ich niemals gesehen, auch intakte Stärkekörner sind höchst selten. Jede Verfälschung des Pulvers mit anderen Stärkemehlen (s. unten) ist daher leicht zu erkennen. «Legt man das Pulver in Weingeist, so erscheinen die Schleimzellen als helle Schollen, läßt man dann Wasser zufließen, so verwandeln sie sich in helle, runde Blasen» (Pharm. helv. IV).
=Lit.= ~Arthur Meyer~, Drogenkunde (dort das Detail). -- ~Berg~, Anat. Atlas t. 23. -- ~Vogl~, Kommentar (1908). -- ~Karsten-Oltmanns~, Pharmakognosie, Fig. 128-133. -- ~Moeller~, Pharmakogn., Fig. 291-293. -- ~Hartwich~, Artikel Salep in Realenzyklop. d. Pharm. XI. -- ~de Bary~, Anatomie 146, 151 u. 377. -- ~Johann E. Weiss~, Anat. u. Phys. fleischig verdickt. Wurz. Flora 1880. -- ~Prillieux~, Ann. sc. nat. 4 (1865), 265. -- ~Lindley~ (Bem. über die Anat. d. Ophryd. Wurz.), Transact. Linn. Soc. V, 18, 423 (Arch. Pharm. 39 (1844), 178, Okens Isis. 1843, 449, älteste mikroskop. Unters. d. Salep). -- ~Kohl~, Unters. über d. Raphidenz. Bot. Centralbl. 79 (1899), 273, Fig. 14-18.
+Schleimzellen+: ~Schmidt~, Pflanzenschl. u. Bassorin. Lieb. Ann. 1844, 41. -- ~Lindley~ a. a. O. -- ~Behrens~, Hilfsb. z. Ausf. mikr. Unters. S. 311. -- ~Cramer~, Pflanzenphys. Unters. 1855. -- ~Wigand~, Pringsh. Jahrb. III, 149. -- ~Kützing~, Grundz. d. philos. Bot. 1883, 194. -- ~Meyen~, Sekretionsorg. -- ~Frank~, Pringsh. Jahrb. V, 161. -- ~Arth. Meyer~, Knoll. d. einheim. Orchideen. Arch. Pharm. 1886, 325 und Drogenkunde. -- ~Hartwich~, D. Schleimz. d. Salepknollen. Arch. Pharm. 1890, 563 (m. Abbild.). -- ~Birger~, Om tuber Salep Arkiv för Bot. 6 (1907) u. Bot. Centralbl. 105, 31. -- Das +Pulver+ ausführlich in ~Kochs~ Atlas II, t. 11. -- +Anatom.+ d. Eulophia in Pharmacogr. indic.
=Chemie.= ~Dragendorff~ fand in Prozenten: +Schleim+ (Arabin und Dextrin) 48,14, +Stärke+ 27,30, +Zellstoff+ 2,43, +Zucker+ 1,21, +Eiweiß+ und +Albuminate+ 5, +Fett+ 0,44, +Weinsäure+ Spuren, Wasser 8,5, Asche 2,1. ~Nygård~ gibt den Zuckergehalt auf 1% an. Im Knollen von Orchis purpurea fand ~Harley~ im Mai 0,41% Saccharose und 0,51% reduzierenden Zucker. Die Menge des Schleims variiert etwas. Er ist schwer zu reinigen und hält hartnäckig Stickstoff und Asche zurück. 1 : 100 erhält man mit Saleppulver einen dicken Schleim, 2 : 100 eine Gallerte. Der Schleim wird durch Jod rot und nach dem Eindampfen violett, da neben Schleim auch Amylodextrin aus den Stärkezellen in Lösung geht. Er wird durch Bleiessig und Alkohol gefällt, nicht durch Bleizucker. Magnesia und Borax verdicken ihn. Der Schleim färbt sich mit Chlorzinkjod nicht blau und quillt in Kupferoxydammon ohne sich zu lösen (~A. Meyer~). Er wird gefällt durch MgSO₄, Na₂SO₄, (NH₄)₂SO₄, (NH₄)₂HPO₄ (~Pohl~). ~Giraud~ betrachtete den Salepschleim als ein Umwandlungsprodukt der Stärke und zwar als «eine in Wasser schwellende Varietät des Dextrins». ~Schmidt~ nennt den Schleim Salepbassorin, gibt an, daß er mit verd. Schwefelsäure Gummi und Zucker liefere, bei gleichzeitiger Abscheidung von Zellulose und fand ihn zusammengesetzt = 47,20-47,28% C und 5,94-6,10% H. Er hielt ihn für ein Übergangsprodukt vom Gummi zur Zellulose, ~Frank~ für eine Modifikation der Zellulose. Aus dem Salepschleim wird durch Zusatz von Salzlösung und nachher festem Salz zunächst ein schwerer löslicher, die Gallertebildung des Schleims bedingender Körper (α-Schleim) und dann erst ein gummiartiger β-Schleim gefällt (~Pohl~). Im deutschen Salep ist α-Schleim nicht vorhanden. Mit Salpetersäure gibt Salepschleim Oxalsäure und +keine+ Schleimsäure. Bei der Hydrolyse liefert er neben Dextrin +Mannose+ und +Glukose+ aber +keine Galaktose+ oder Arabinose, Furfurol entsteht nicht (~Gans~ und ~Tollens~). Dabei wird Zellulose abgeschieden (~Tollens~). Daß Dextrose vorhanden schlossen ~Gans~ und ~Tollens~ daraus, daß sich bei der Oxydation +Zuckersäure+ bildet, «so daß er zur Stärkereihe gerechnet werden könnte» (~Tollens~). (Sie erhielten aber auch ein Glukosazon.) Bei der vollständigen Hydrolyse liefert der Salepschleim ausschließlich +Mannose+ (~Hilger~), die unvollständige liefert zunächst ein Mannotetrasaccharid und eine Mannobiose. Der Salepschleim enthält also ein +Mannan+. Bei der Oxydation mit H₂O₂ entsteht neben Formaldehyd, Ameisensäure und Kohlensäure d-Mannozuckersäure und d-Trioxyglutarsäure. ~Hauke~ fand meist 1,5-2,5% Asche. Obere Grenzzahl 3% (Niederländ. Pharmakop.: 1,5 minim., 4% max.). Die Asche enthält viel Phosphate. Frische Knollen enthalten ein flüchtiges Öl, das von ~Mathieu de Dombaste~ durch Destillation isoliert wurde. Beim Trocknen der frischen Knollen «entwickelt sich ein feiner an Cumarin erinnernder Wohlgeruch» (~Flückiger~).
=Lit.= Ältere Untersuchungen von ~Berzelius~, ~Caventou~, ~Guillemin~, ~Guibourt~, ~Raspail~, ~Payen~, ~Linley~. -- ~Giraud~, L’Union pharm. 16, 249. -- ~Schmidt~, Lieb. Ann. 51, 29. -- ~Dragendorff~, Pharm. Z. f. Rußl. 1865, 145. -- ~Harley~, Thèse. Paris 1905. -- ~Flückiger~, Pharmakogn. -- ~Gans~ u. ~Tollens~, Ber. d. d. chem. Ges. 21 (1888), 1806 und 2150, Lieb. Ann. 249, 256. -- ~Tollens~, Kohlenhydrate. -- ~E. Fischer~ u. ~Hirschberger~, Ber. d. d. chem. Ges. 21, 1805 u. 22, 365. -- ~Pohl~, Zeitschr. phys. Chem. 14, 150. -- ~Hilger~, Ber. d. d. chem. Ges. 36 (1903), 3198. -- ~Thamm~, Salepschleim, Diss. München 1903.
=Anwendung.= Salep dient, da ein Mucilaginosum, als reizmilderndes und einhüllendes Mittel bei Diarrhöen und Darmkatarrhen besonders der Kinder. Als Mucilago, Dekokt, Gallerte, Mixtura Salep, auch äußerlich zu Klystieren oder deckendes Mittel (~Unnas~ Salepbassorinfirniß). Salep gilt auch als Nährmittel und wird auch z. B. in der Form der chocolat analeptique au salep mit Milch, Bouillon und Wein angewendet. Die, wie es scheint, durch nichts begründete Ansicht des Volkes, daß die _Orchis_knollen Aphrodisiaca seien, beruht auf der Signatura (Hodenform, Spermageruch).
Anrühren des Saleppulvers mit Alkohol erleichtert die Erzielung klümpchenfreien Schleims. Den besten Salepschleim erhält man (nach ~Fromme~) weder mit feinem noch mit mittelfeinem Saleppulver, sondern mit der Griesform (Sieb 5). Ähnliches beobachteten schon ~Fenner~ und ~Winckler~ (1843). Zuckerzusatz konserviert den Schleim (~Vulpius~). In Indien wird Salep viel für Süßigkeiten benutzt. Die Orientalen bereiten aus dem Salep ein Getränk, das an Stelle von Tee im Winter in großen Mengen genossen wird (~Gehe~, Handelsber. 1896). Salepdekokt mit Honig gemischt wird in der Türkei und Griechenland als erfrischender Frühtrunk genossen (~Heldreich~). Aber auch zur Speiseeis-Bereitung dient dort der Salep. Mit Gewürz und Wein gibt das Dekokt ein angenehmes Krankengetränk. Salep dient auch als Klebemittel, zur Appretur statt Gummi arabicum. Nach ~Ainslie~ soll Salep Salzwasser seines Salzgeschmackes berauben.
=Verfälschungen.= Als Verwechslung werden die Bulbotubera von Colchicum angegeben, die aber entweder in weißen Querscheiben oder mit dem braunen Niederblatt umgeben im Handel sind, auch eine seitliche Rinne haben, also ganz anders aussehen. Immerhin kommen Salepknollen bisweilen vor, die eine seitliche Rinne besitzen (~Hockauf~). Die anatomische Untersuchung läßt die Beimengung sofort erkennen. Die Stärke ist bei Colchicum niemals verkleistert. Als die Einsammlung des deutschen Salep in den fünfziger Jahren des XIX. Jahrh. in der Rhön und im Westerwald in Blüte stand und im Jahr bis 14000 Pfund der Droge nach Frankfurt kamen, beobachtete ~Mettenheimer~ nicht nur Beimengung geschälter _Colchicum_knollen, sondern einmal bestand die ganze als «weißer Salep» angebotene Masse aus diesen Knollen. In Indien fanden sich vor einiger Zeit unter dem Namen banawati salap oder salam künstliche Salepknollen aus Gummi und Kartoffelstärke. ~Hockauf~ fand in einem Salepknollen ein Steinchen, das der wachsende Knollen eingeschlossen hatte. Das Saleppulver wird oft mit Stärke, z. B. Weizenstärke (~Hartwich~), verfälscht angetroffen.
=Lit.= ~Mettenheimer~, N. Jahrb. f. prakt. Pharm. II, 165. -- ~Hockauf~, Ein interessant. Salepknollen. Pharm. Centralh. 1905, 83.
=Geschichte.= Der Unterschied zwischen den beiden Knollen war schon den Alten aufgefallen und sie schrieben ihnen eine verschiedene Wirkung zu. ~Theophrast~ sagt, der größere vermehre die facultas coëundi, der kleinere vermindere sie. ~Dioskurides~ sagt, daß der größere Knollen vom Manne verzehrt, die Geburt von Knaben bewirke, der kleinere, von der Frau genossen, die Geburt von Mädchen, und erwähnt, daß in Thessalien die Frauen den zarteren vollsaftigen (bei ~Plinius~ den größeren, härteren) Knollen als Aphrodisiacum, den festeren trockenen (bei ~Plinius~ den kleineren weicheren) als Antiaphrodisiacum benutzen. Die in dem von der Form hergenommenen Namen ὄρχις zum Ausdruck kommende Beziehung zu den Geschlechtsorganen und die entsprechende Verwendung zeigt, daß hier den Alten wie in so manchen Fällen eine Signatura (vgl. I, S. 886) vorschwebte. Auch der eigenartige Geruch frischer Knollen mag hier wegleitend gewesen sein. ~Dioskurides~ unterscheidet ὄρχις (ὀ. κυνὸς), ὀ. ἔτερος (Serapias), σατύριον und σ. ἐρυθρόνιον. Von diesen wird das letztere nicht auf eine Orchidee bezogen, die übrigen sind Orchis- bzw. _Ophrys_arten. Ähnlich ~Plinius~, der Orchis (Serapias), zwei Arten Satyrion (Männchen und Weibchen) und ein Satyrion erythraicon unterscheidet, und auch Krankheiten nennt, gegen die sie angewendet wurden. Blüten und Knollen der O. serapis (muscifera) spielten bei den üppigen Serapisfesten in Canopis eine Rolle. Im germanischen Altertum waren _Orchis_arten der Göttin der Liebe ~Freya~ geweiht («Friggagras»), andere der Riesin ~Brana~ («Brönnagras») und in zahlreichen, zum Teil sehr alten Namen (z. B. hiônarôt = Heiratswurzel, gradrôt = Gierwurzel), tritt auch hier die Beziehung zum Geschlechtsleben, die man besonders der Wurzel der Pflanze zuschrieb, hervor. Sie wurden denn auch damals viel zu Liebeszauber und als Aphrodisiacum benutzt (I, S. 1009), wie auch später noch im XV. und XVI. Jahrh. (vgl. d. Kräuterbücher). Eine alte Sage läßt sie aus dem verspritzten Samen von Vögeln hervorgehen (daher wohl Kuckuckspeichel, s. oben). Die Unterscheidung zwischen männlicher und weiblicher Orchis finden wir auch noch in späterer Zeit. In Sušrutas fehlt Salep. Die Araber des Mittelalters (z. B. ~Avicenna~) verwendeten die _Orchis_knollen wohl vorwiegend ungebrüht und brachten die Droge aus Persien nach dem Abendlande, wo sie bis dahin wenig beachtet worden war und nur die ungebrühten Knollen heimischer Orchideen ein wenig benutzt worden waren. Satyrion steht im Nördlinger Register (1480); Rad. satyrii sive testiculus vulpis, Staudelwurtz in der Hamburger Taxe von 1587 (I, S. 818), in Zucker eingekochter Salep im Braunschweiger Register (I, S. 814) und in ~Schröders~ Pharmakop. vom Jahre 1649 (~Flückiger~). Abbildungen und Beschreibungen der Orchisarten lieferten die Patres botanices, z. B. ~Fuchs~ (Fig. 134), dann auch ~Gerarde~ (1636). ~Claude Joseph Geoffroy~ zeigte (1740), daß der bis zum XVIII. Jahrh. fast allein benutzte orientalische Salep ein _Orchis_knollen ist, wie schon vor ihm ~Gerarde~ (I, S. 909) und ~Jos. Miller~ (Botanicon officinale, I, S. 948) erkannt hatten, und ~Buxbaum~ (1733) auf seiner orientalischen Reise bestätigt fand, und +daß man von den europäischen Arten der Gattung+ Orchis +gleichwertigen Salep gewinnen kann+.
=Lit.= ~Buxbaum~, Plantar. minus cognitar. Cent. III. Petropol. 1740. -- ~Claude Jos. Geoffroy~, Mém. de l’acad. d. sciences 1740. -- ~Flückiger~, Pharmakognosie.
=Paralleldrogen.= In Mexico werden die Knollen der Orchideen Blettia campanulata und coccinea, Epidendron pastoris und Arpophyllum spicatum wie Salep benutzt (~Maisch~).
1888 kam als Ersatz des Salep die Wurzel von Asparagus ascendens aus Ostindien nach England (~Dymock~).
Die zuerst 1865 im Handel erscheinende und als Ersatz für Salep empfohlene Rad. corniolae, die ~Strielack~ Nourtoak (von nourriture und toak = Wurzel) nannte, stammt von Asphodelus Kotschyi (? nicht im Kew Index). Sie weicht in der Zusammensetzung stark von dem Salep ab, denn sie enthält, neben 52% Schleim, 8-14% Zucker und +keine+ Stärke, sowie 10% «unlöslichen Pflanzenschleim» (~Dragendorff~).
Der Königs-Salep (Padischah-, Badschah-, Radja-Salep) der indischen Bazare (~Hanbury~) ist die amylumfreie Zwiebel von Allium Macleanii (~Aitchison~, abgeb. in Bot. Mag. 1883, t. 6707), nicht die Zwiebel der Orchidee Pholidota imbricata ~Hook.~ (~Dymock~) oder die der Amaryllidacee Ungernia trisphaera ~Bunge~ (~Baker~). Sie schmeckt bitterlich.
=Lit.= ~Maisch~, Jahresb. d. Pharm. 1885, 104. -- (~Dymock~) Pharm. Journ. 1887/88. -- ~Dragendorff~, Ph. Z. f. Rußl. 1865, 145. -- Jahresb. d. Pharm. 1865, 87. -- ~Paschkis~, Pharm. Post 13. -- ~Hanbury~, Pharm. Journ. 17 (419) und Science papers, p. 155 (m. Abbild.), Journ. pharm. chim. 33 (1858). -- ~Aitchison~, Ann. of botany 1889, Pharm. Zeit. 1888, 744.
d) Schleimzellen in Rinden.
Viele Rinden enthalten Schleimzellen mit typischen Schleimmembranen, wie z. B. die =Zimtrinden=, die um so weniger geschätzt werden, je schleimreicher sie sind, da die schleimreichen Rinden ölarm zu sein pflegen. Ich habe die Sache aufgeklärt. Es ließ sich zeigen, daß Schleim- und Ölzellen in ihrer primären Anlage sich nicht unterscheiden. Später werden dann die einen zu Ölzellen, indem die Schleimplasmaschicht resinogen wird (~Tschirch~ und ~Rud. Biermann~), die anderen bleiben Schleimzellen und bilden die typische geschichtete Schleimmembran aus (Fig. 281). Wie viele zu Ölzellen werden, scheint vom Klima und Standort abzuhängen.
Zu den Rinden mit Schleimzellen gehört auch die jetzt nur wenig benutzte =Cort. ulmi= von Ulmus effusa ~Willdenow~, unserer Rüster, die neben Schleim auch Gerbstoff enthält und die im Sommer bisweilen sogar reichlich Schleim ausschwitzt (~Flückiger~, Pharmakognosie S. 513).
Noch schleimreicher ist die Rinde der nordamerikanischen Ulmus fulva ~Michaux~ (Pharmacographia p. 557).
Die Chinesen bedienen sich außer der Lein- und Quittensamen gern auch der Ulmenrinde als Mucilaginosum (I, S. 521).
7. Gummo-Membranindrogen.
Die Gummis.
Das Gummi schließt sich an die Schleimdrogen (Koryzomembranindrogen) an. Das Traganth bildet den Übergang zwischen den typischen Schleimdrogen, wie sie z. B. bei den Malvales vorliegen, und dem Gummi arabicum, denn bei ihm findet Schleimmembranbildung statt, ähnlich wie bei den oben (S. 314 bis 374) behandelten Schleimdrogen. Doch liegen hier die Schleimzellen nicht isoliert, sondern bilden ein ganzes Schleimgewebe, das bei Verletzungen herausgequetscht wird. +Die Bildung selbst ist nicht pathologisch.+ Bei den Gummis im engeren Sinne dagegen scheinen pathologische Produkte vorzuliegen. ~Sorauer~ und ~Grüss~ haben freilich neuerdings nachzuweisen versucht, daß die Gummosis aus einem normalen Stoffwechselprozesse hergeleitet wird und nicht ein dem gesunden Organismus ganz fremder Prozess sei, aber auch sie geben doch zu, daß Wundreiz, Störungen in der Ernährung, Bakterieninfektion u. a. dazu beitragen, daß dieser Prozeß irregulär verläuft und eine starke Steigerung erfährt. Jedenfalls ist eine irgendwie +ergiebige+ Gummibildung ohne pathologische Eingriffe nicht beobachtet worden, eine +Steigerung+ der Gummibildung durch den äußeren Reiz zweifellos. Damit tritt die Gummosis in Parallele zur Resinosis. Denn wir beobachten ja, daß eine Verwundung die bei vielen Pflanzen normale Harzproduktion durch Ausbildung neuer sekretbildender Organe stark steigert (Gesetz des Harzflusses, I, S. 363). Ebenso fand ~Mikosch~, daß die das Gummi bildenden Gewebeinseln («Gummiparenchym») bei den Amygdalaceen erst infolge der Verwundung im Cambium angelegt werden, und zwar zunächst als schizogene Gänge, die sich dann lysigen erweitern -- ganz ähnlich wie bei den Harzpflanzen. Diese Analogie wird noch dadurch größer, daß wir in beiden Fällen, der Gummi- wie der Harzbildung, eine Membranschicht beteiligt sehen und der Unterschied eigentlich nur darin besteht, daß in dem Falle der Gummibildung die betreffende Membranschicht +gummogen+, bei der Harzbildung aber +resinogen+ ist, bei der Harzbildung in der resinogenen Schicht das Sekret entsteht, während bei der Gummibildung die ganze Membranpartie «vergummt» -- womit übrigens nichts gesagt sein soll, daß hier eine als Zelluloseschicht angelegte Membranpartie nachträglich in Gummi übergeführt werden müsse, das Gummi kann auch sogleich als solches angelegt werden, wie wir dies ja auch bei den Schleimmembranen beobachten. Über die +Gummosis+ wird im Zusammenhang unter Gummi arabicum berichtet.
Auch die chemische Untersuchung läßt keinen Zweifel darüber, daß die Gummis zu den Membranindrogen gehören. Sie besitzen durchaus den Charakter von Polysaccharid-Membraninen. Die Hydrolyse liefert für gewöhnlich Galaktose und Arabinose (über die nahen Beziehungen dieser beiden Zucker vgl. S. 274). Dies gilt auch für den Gummianteil der Gummiharze. Eine Einteilung der Gummis in Arabin-, Cerasin- und Bassorinhaltige (vgl. ~Tschirch~, Artikel Gummi in der Realenzyklopädie) hat wenig inneren Wert. Die Unterscheidung in ganz oder nur teilweise in Wasser lösliche besitzt jedoch praktische Bedeutung (vgl. Gummi arabicum).
Ein Verzeichnis der Gummi liefernden Pflanzen in ~Wiesner~, Rohstoffe.
=Lit.= ~Tschirch~, Artikel Gummi in Realenzyklop. d. Pharm. und Angew. Anatomie. -- ~Wiesner~, Rohstoffe. Die weitere Lit. unter Gummi arabicum.
Traganth.
=Syn=. Gomme adragante (franz.) -- tragacanth (engl.) -- tragacánth (holl.) -- gomma adragante, g. dragante (ital.) -- goma tragacanto (span.) -- dragant (schwed.) -- τραγάκανθα (griech.) -- pers. und arab. (auch in Indien und Afghanistan): kathîra, katâd, kettira, katira, kutera, katera, chitira, halusia -- kurdisch: guini -- bei den Türken: ketereh. -- Der Traganthstrauch in Kleinasien: ketré oder τραγακάνθινος, in Persien (z. B. im Harirud-Tale, ~Aitchison~): kon (A. strobilif.) oder gabina (A. heratens.). -- In Afghanistan heißt schlechtes Traganth: anserus. -- Das nechóth, nᵉkhōth der Bibel (Genes. 37 u. 43) ist wohl = nakaʿat (arab.), nakamâti (assyr.), d. h. als Traganth anzusprechen; ~Luther~ übersetzt (jedenfalls fälschlich) Würze, ~Kautzsch~ Traganth.
=Etym.= Da Lehnwort aus dem griechischen τραγάκανθα Traganth und nicht Tragant. Ebenso auch Traganthon, nicht Traganton. Eigentlich muß man +die+ Traganth sagen, denn ~Theophrast~ schreibt ἡ τραγάκανθα, doch ist jetzt der oder das Traganth gebräuchlicher. Ich schreibe +das+ Traganth (scil. gummi). -- τραγάκανθα von τράγος (= Bock) und ἀκάνθα (= Horn oder Dorn) entweder in Beziehung zu der dornigen Beschaffenheit des Strauches oder der oft bockshornartigen Form des herausgedrückten Schleims -- ἀστράγαλος = Würfel, Halswirbel. Beziehung zweifelhaft, von einigen auf Stengel und Wurzeln, von anderen auf die Samen bezogen.
=Stammpflanzen= des kleinasiatischen Traganth (nach ~Haussknecht~, 1879, und ~Planchon~, 1892):
=Astragalus gummifer= (nicht gummifera wie der Autor schreibt) ~Labillardière~ (A. erianthus ~Willd.~), vom Libanon durch die zentralen Gebirge Kleinasiens, um Kaisarieh bis nach Armenien, ferner im Ala-dagh und in den nördlichen Gebieten des Euphrat und Tigris.
=A. microcephalus= ~Willd.~ Ebenda und auch im südwestlichen Teile Kleinasiens (von Lycien bis Armenien und Iberien, Cappadocien, Paphlagonien).
=A. stromatodes= ~Bunge~, besonders in Höhen von 1500 m im Achyr dagh (Akker-dagh, Taurus) nördlich von Marasch in Nord-Syrien und zwischen Marasch und Aleppo. Liefert viel Traganth.
=A. kurdicus= ~Boiss.~ Gegend von Aintab zwischen Marasch und Aleppo, dann im südöstlichen und zentralen Kleinasien und Kurdistan (Nordsyrien, Cilicien, Cappadocien). Liefert viel Traganth.
=A. verus= ~Olivier~ in Kleinasien (und Nordwestpersien, Kermanchah).
Stammpflanzen des persischen Traganth (nach ~Haussknecht~, ~Brant~ und ~Aitchison~):
=A. pycnocladus= ~Boiss.~ et ~Hausskn.~ in den Avroman- und Schaho-Bergen in der Provinz Ardilan, überhaupt in den Gebirgen Westpersiens (Zagrosketten) weit verbreitet (Kurdistan). -- Sehr reichlich Traganth gebend.
=Astragalus adscendens= (ascendens) ~Boiss.~ et ~Hausskn.~ (nicht im Kew Index), in den südwestlichen Gebirgsgegenden Persiens in Höhen bis 3000 m.
=A. leiocladus= ~Boiss.~, im mittleren und westlichen Persien, bei Isphahan und Hamadan.
=A. brachycalyx= ~Fischer~, in den gleichen Gegenden, besonders in persisch Kurdistan, in Luristan 1300-2600 m.
=A. heratensis= ~Bunge~ und =A. strobiliferus= ~Royle~ (resp. eine diesem verwandte Art) im Harirud(Heri-Rud)-Tale und in den Bergen Chorasans im nordöstlichen Persien (~Aitchison~).
=A. eriostylus= ~Boiss.~ et ~Hausskn.~, wird in Luristan (Südwestpersien) 2 m hoch und 1 cm dick (~Haussknecht~).
=Stammpflanze= des griechischen (Morea) Traganth (nach ~Heldreich~, 1862).
=Astragalus Parnassi= ~Boiss.~ =var. cyllenaeus= (A. cyllenaeus ~Boiss~. et ~Heldr.~) bei Vostizza und Pratras, im nördlichen Peloponnes, auf dem Boïdias, Taygetos und Phteri. Auf den höheren Bergen Griechenlands wächst auch A. creticus, A. aristatus und cephallonicus.
Die Sekretion bei A. creticus ~Lam.~ (Tragacantha cretica incana ~Tournef.~) ist zu gering, um für den Handel in Betracht zu kommen (~Olivier~), ebensowenig liefert A. massiliensis ~Lam.~ (A. Tragacantha L.) Traganth.
=Systemat. Stellung.= Astragalus gehört zu den Leguminosae, Papilionatae -- Galegeae -- Astragalinae (in die Nähe von Glycyrrhiza); die Traganthsträucher zu der Sectio VII Tragacantha ~Bge.~ und zwar zu den Gruppen Brachycalyx, Platonychium, Stenonychium und Rhacophorus. (Näheres bei ~Taubert~ in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam.)
Die Gattung Astragalus ist eine der artenreichsten der Leguminosen (über 1200). Sie ist über die ganze Erde außer Australien und dem Cap verbreitet und auch bei uns mit einigen dornlosen Arten (A. excapus, -- früher in Gebrauch: Rad. astrag. excapi -- A. Cicer, A. glycyphyllos, A. danicus usw.) vertreten. Die Traganth liefernden Arten finden sich aber nur in Kleinasien, Syrien und Persien (sowie in Griechenland). «Ihre Heimat sind die ausgedehnten Gebirgszüge, welche östlich von der Linie aufsteigen, die man von der Insel Rhodus etwa durch Angora nach Sinope am schwarzen Meere zieht. Diese zahllosen Ketten umfassen den Südrand Kleinasiens, die syrische Küste, umfassen Mesopotamien bis zu den großen armenisch-persischen Seegebieten von Wan und Urmia, verzweigen sich bis in die Gegend von Kaschan und Isfahan und endigen unweit des persischen Golfes im Gebirge von Mohamed Senna, nordwestlich von Schiras» (~Flückiger~). Die _Traganth_sträucher bilden eine +charakteristische Vegetationsform+ des östlichen Mittelmeergebietes und der angrenzenden persischen Gebiete, die eigenartigste Form des Dornbusches der Steppen. «Durch keine Pflanzenform», sagt ~Grisebach~, «wird das persisch-anatolische Hochland bestimmter charakterisiert als durch die _Traganth_sträucher, deren gedrängte, zierliche Fiederblätter in Dornen auslaufen und deren Stämme, nachdem die Blättchen abgefallen, durch die stechenden Blattstiele, die sich dauernd erhalten, noch viel stärker bewaffnet sind.» Im Steppengebiet ist Astragalus mit c. 800 Arten vertreten (~Bunge~). +In der Gummibildung haben wir eine Anpassung an das Steppenklima, eine Ausnutzung auch geringer und vorübergehender Niederschläge durch Ausbildung eines Wasser speichernden Gewebes zu sehen.+ Die Bildung des Gummis im Mark erfolgt schon dicht unter der Vegetationsspitze (~Solms~). -- Die geringe Größe der Sträucher «verschafft ihnen den Vorteil der winterlichen Schneedecke».
=Beschreibung der Stammpflanze.= Die Traganthsträucher (engl. Gum-bearing-milk-vetch) sind weiß behaarte Dornsträucher. Der Beschreibung mag Astragalus gummifer ~Labill.~ zugrunde gelegt werden. Die Pflanze bildet einen sehr sparrigen, reich verästelten Strauch, der bis 80 cm hoch wird und dessen obere blühbare, stark verkürzte Zweige ein sehr hartes, gelblich-weißes Holz und eine borkenbildende Rinde besitzen. An den vorjährigen, dicht weiß behaarten Zweigen sitzen die paarig-gefiederten, 5-7jochigen +Blätter+, deren +frühzeitig verholzende, gelbe, oben zugespitzte, stechende Spindel lange erhalten bleibt und dem Strauche das dornige Aussehn verleiht+. Die oblong-lanzettlichen, 7-8 mm langen Blättchen fallen bald ab. Auch die spitzen, dem Blattstiele angehefteten Nebenblättchen sind sehr hinfällig. Die hermaphroditen, zygomorphen Schmetterlingsblüten stehen gepaart in den Blattachseln und werden von einem gekielten Deckblatte gestützt. Der 7 mm lange Kelch ist bis zur Hälfte fünfteilig, die dicht seidig-zottige Röhre kreiselförmig. Die gelblich-weißen Blüten besitzen eine oben ausgerandete, 14-16 mm lange Fahne, die 12-14 mm langen Flügel sind mit schmalem Nagel der Staubgefäßröhre angewachsen. Der Kiel ist schmal und stumpf, die weiße, geschlitzte Staubgefäßröhre ist nur wenig gekrümmt. Das obere Staubgefäß ist frei. Der schopfig behaarte Fruchtknoten enthält etwa 10 Ovula. Die Frucht ist eine Hülse.
A. adscendens wird 1,5 m, A. kurdicus 1,3 m, A. eriostylus 2 m, A. brachycalyx 1 m hoch (Beschreibung der Arten bei ~Luerssen~, Mediz. pharm. Bot. und in ~Pabst-Köhler~, Medizinalpflanzen t. 119).
=Lit.= ~Bunge~, Gener. Astrag. Spec. Gerontog. Mém. acad. imp. Petersb. (7) 11 und 15. -- ~Boissier~, Flora orient. II. -- ~Lindley~, Flor. med. 247 und Botan. regist. 1840. -- ~F. B. Fischer~, Synopsis Astragalorum Tragacantharum Mosquae 1853. -- ~Haussknecht~, Briefl. Mitth. (1879) in ~Flückiger~, Pharmakogn. (auch: ~Kiepert~, Haussknechts Routen im Orient (1865 bis 1869). 4 Bl. Berlin 1882). -- ~Aitchison~, Pharm. Journ. 17 (1886), 467. -- ~Grisebach~, Vegetation der Erde 1872. -- ~Hartwich~ in Realenzyklop. -- Die sonst verwendeten Astragalusarten in ~Dragendorff~, Heilpflanzen. -- +Abbild.+ von Astrag. gummifer(a) in ~Labillardière~, Observat. sur la Physique 36 t. 1, copiert in ~Nees von Esenbeck~, Suppl. t. 62. ~Berg-Schmidt~ Atlas, 2. Aufl. t. 54 (dort die systemat. Lit.). ~Bentley-Trimen~, Medic. pl. t. 73. ~Baillon~, Bot. méd. I, Fig. 2200 u. 2201. ~Planchon-Collin~, Drog. simpl. II, 491 und ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam. III, 295. -- Von A. adscendens in ~Pabst-Köhler~, Medizinalpfl. t. 119. -- Von A. creticus ~Lam.~ in Flora Graeca t. 736 und in ~Berg-Schmidt~, I. Aufl. t. 31. -- Von A. Tragacantha in ~Giesenhagen~, Botanik. -- Von A. verus: ~Olivier~ in Oliviers Voyage Emp. Ott. t. 44. ~Nees von Esenbeck~, t. 329 und ~Gilg~, Botanik, Fig. 404.
=Pathologie.= Auf A. leiocladus ~Boiss.~ findet sich eine kleine parasitische Phanerogame, nämlich die Rafflesiacee Pilostyles Haussknechtii ~Boiss.~ (~Solms Laubach~, Bot. Zeit. 1874. Abgebildet auch in ~Berg-Schmidt~, Atlas, 2. Aufl.).
=Gewinnung.= Gute Traganthe kommen nur aus Gebirgsgegenden (~Schlimmer~). Der Austritt erfolgt durch Wunden, die spontan, z. B. durch weidendes Vieh, entstehen oder künstlich angebracht werden.
+Hauptproduktionsdistrikte für anatolisches Traganth+ sind (~Gehe~ 1898) die Distrikte im mittleren Kleinasien: +Kaisar+ (Kaisarie, das Caesarea der Alten) produziert am meisten, dünn, kleinblätterig, sehr ausgiebig, leicht zerbrechlich. -- +Everek+ größer wie Kaisar, sehr ausgiebig. -- +Nidé+ produziert viel, nach Kaisar das meiste, große kräftige, dicke Blätter von schönem Aussehn. -- +Angora+, dünnes, glänzendes, etwas glasiges Blatt (ähnlich dem syrischen), Weißblatt blank, die blonden und gelben Sorten meist befleckt und sandig. -- +Joskat+ glasig, Blätter etwas kleiner als Angora und geringelt. -- +Sillé+ glänzend und glasig, sehr dickes Blatt, schwer löslich. Daneben finden sich noch sog. +Mischlinge+, d. h. zwischen den genannten Distrikten gesammelte Sorten. Auch ~Maltass~ nennt bereits 1855 Kaisarie und Angora neben Yalavatz (Jalowadj, Jabolatsch), Isberta (Isparta), +Burdur+ (Buldur) als Hauptplätze der kleinasiatischen Traganthgewinnung. Andere auch die Berge von Ala-dagh zwischen Kaisarie und Tarsos im Süden (vgl. die Karte I, S. 440/41) und das Hochland von Bingöl-Dhag zwischen Erserum und Musch ganz im Osten (in West-Kurdistan). Nach Smyrna gelangte das Traganth (1874) besonders aus Jalowadsch und Burdur (Prov. Hamid). Haupterzeugungsgebiete sind jetzt (1910) Kaisarieh und Everek, weniger wird in Nigde, Angora, Josgad, Erzinghian, Siwas, Caraman und Guran gewonnen.
Schon ~Hamilton~, der die Traganthsträucher 1836 auf den Bergen bei Buldur beobachtete, berichtet, daß Einschnitte nahe an der Wurzel gemacht werden. Im Juli und August entfernen die Bauern in Kleinasien von dem unteren Stammteile die Erde und machen mit einem Messer Längseinschnitte in die Rinde. Aus diesen tritt das Blättertraganth aus, das in 3-4 Tagen erhärtet ist. Wird die Rinde nur mit der Spitze des Messers verwundet, so wird Faden- und Wurmtraganth erhalten. Aus natürlichen Wunden tritt Traganth in Form von gelblichen Tropfen oder wulstigen Massen, die meist stark gefärbt sind, aus. Bei trocknem Wetter ist das Traganth weiß, bei nebeligem wird es leicht gelb und bräunlich. +So kann also ein und dieselbe Pflanze alle im Handel unterschiedenen Sorten von ganz weißem Blättertraganth bis zu bräunlichem Traganth in Knollen liefern. Beim Traganth spielt daher das Sortieren eine große Rolle.+ Es geschieht dies meist nicht in den Produktionsorten, sondern in Smyrna, wohin das anatolische Traganth in Säcken gebracht wird (hier früher [1874] besonders durch spanische Juden), Konstantinopel, Kermanchah und (beim persischen und syrischen) in London. In Smyrna rechnet man, daß in dem Rohtraganth im Durchschnitt 40-50% Weißblatt, 15-25% Gelbblatt, 10-15% Vermicelli und 10-25% Traganthon enthalten ist (~Valenta~). Im westlichen Kleinasien werden die Sträucher im Frühjahr und Sommer angeschnitten, die Ernte ist im September im wesentlichen beendet. Anhaltender Regen schädigt die Ernte beträchtlich, da das Gummi abgewaschen wird. So lieferten die nassen Jahre 1907 bis 1909 nur wenig Traganth. Eine gute Getreideernte in Anatolien entzieht der Traganthsammlung oft viele Arbeitskräfte und der Ertrag bleibt dann gering.
Als +Produktionsgebiete des westlichen persischen Traganth+ werden die Gebiete zwischen Hamadan und Isfahan und dem Nordende des persischen Golfes angegeben. Auf dem Markte von Kermanchah (Kermanshah) im westlichen Persien, gab es 1904 vier Qualitäten. Die erste Qualität (Katyra) erhält man aus Kermanchah, Nehawend und Burujird (Burudjird), sie wird in drei Preisklassen geteilt; die zweite Qualität kommt aus den gleichen Orten und Kurdistan, sie wird in fünf Klassen geteilt; die dritte Qualität (Zardeh) ist in Persien unter dem Namen Arrehbor (= mit einer Säge geschnitten) bekannt, sie kommt aus dem Delahu-(Dalaho-)Gebirge, Pusht-I-Kuh (Pisch-Kuh), Khorremabad (Chorremabad) und Burujird; die vierte Qualität (Steingummi) als Kurreh (Kora) bekannt, kommt von den gleichen Orten. Diese Sorten gehen nach Bagdad und auf dem Tigris zum Persischen Golf. Sie werden erst in London sortiert, das etwa ⅞ der Menge erhält (1904). Bei den persischen Nomaden heißen die Traganthsträucher Geesen, Gavan oder Gäwann schire (= milchgebende Sträucher, da sie zerkleinert verfüttert werden, ~Schindler~). Katyra wird von der Pflanze Gavansefid (= weißer Gavan) gesammelt, in die Einschnitte gemacht werden, die zweite Qualität von der Pflanze «Gelber Gavan». Sie ist größer. Die Spitze der Pflanze wird verbrannt; wenn die Blätter alle vernichtet sind, löscht man das Feuer und macht die Einschnitte. Am folgenden Morgen wird das ausgeschwitzte Gummi gesammelt. Diese Operation wird drei- oder viermal wiederholt. Die Qualität wird jedesmal besser. Das Arrehbor-Gummi kommt von einem kleinen Baume, die Spitze desselben wird verbrannt und die Zweige werden drei- oder viermal mit einer Säge abgeschnitten. (Die Pflanze, die Koragummi liefert, wird in derselben Weise behandelt.) Die Operation wird dreimal wiederholt und das Gummi wird jedesmal besser. Nach 7 Jahren vertrocknet die Pflanze. Ähnlich ist die Gewinnung in Fars, doch ist das Traganth von dort etwas weniger gut (das beste entspricht der zweiten Qualität von Kermanchah). Um Kermanchah gab es schon 1904 nur noch wenig Traganthsträucher, da die Pflanzen sehr geschädigt werden. Nach ~Haussknecht~ soll das persische Traganth eine spontane Exsudation sein, wenigstens wurden 1869 in Persien und Kurdistan keine Einschnitte gemacht.
~Stolze~ und ~Andreas~ nennen im +Westen+ die Gebirge des persischen Kurdistan, Khārähan und Tâläkân (?), dann das Kehris-Kohrud-Gebirge zwischen Kaschan und Isfahan (in Irakadjmi) und die Höhen um Abadeh nördlich von Fars (Farsistan).
~Schindler~ gibt 1881 als +Produktionsorte für südpersisches Traganth+ an: Feridûn zwischen den Chan-i-Surch-Paß und Deh-i-Dáwâi in Kirman (Südpersien). Auch ~Stolze~ und ~Andreas~ erwähnen Gebiete von Kirman, besonders die Landschaft Sirdjan als reich an Traganth. Für den in diesen bis 8000′ hohen Gebirgen gesammelten Traganth ist +Paris+ (Parîz c. 30° n. B.) Stapelplatz.
Nach ~Aitchison~ wird in +Nord-Persien+ im Herirudtale und in Chorassan Traganth (Katira) gesammelt, besonders in der Nähe des Dorfes Kalla-roving bei Bezd in Chorassan. Dies Traganth geht an die Küste oder über Herat nach Indien.
1894 wurde von einem Aufschwung des Traganthhandels in Persien und Sulimania berichtet. Neuerdings störten aber die politischen Unruhen die Tragantheinsammlung in Persien beträchtlich. (Vgl. auch die Karte von ~Tunmann~ im Kap. Pharmacogeographie I, S. 440/441).
Das +griechische oder Morea-Traganth+ wurde in den Bergen in Nord-Morea gesammelt (~Heldreich~ 1862).
=Lit.= ~La Billardière~, Journ. d. phys. 36, 46 (1790) (Acad. sc. 1789). -- ~Olivier~, Voyag. dans l’emp. ottom. Paris an IX. -- ~Hamilton~, Research. in Asia min. etc. I, 192 (Pharm. Journ. 1842, 540). -- ~Maltass~, Pharm. journ. 15 (1855) 18. -- ~Soubeiran~, Not. s. l. récolte d. gomme adragante en Asie Min. Journ. pharm. 1856 u. 1857. -- ~Heldreich~, Nutzpfl. Griechenlands. Athen 1862. -- ~Boissier~, Flor. orient. -- ~Scherzer~, Smyrna. Wien 1873 (Auszug in Arch. Pharm. 205 [1874], 48). -- ~Schlimmer~, Terminol. Teheran 1874. -- ~Schindler~, Reisen im nördl. Persien. Zeitschr. Ges. f. Erdkunde 1881, 362. -- ~Stolze~ und ~Andreas~, Handelsverhältnisse Persiens. Petermanns Mitth. Ergänzungsh. 77 (1885), 15. -- ~Hanbury~, Scienc. pap. 117. -- ~Simmonds~ Bull. of pharm. Detroit 1891. -- ~G. Planchon~, Les Astragales Journ. pharm. chim. 1891, 24, 473 und 1892, 169. -- ~Flückiger-Hanbury~, Pharmacographia. -- ~Valenta~, Klebe- u. Verdickungsmittel. -- ~Gehe~ & Co., Handelsbericht 1898. -- (British. Consularagent) Persian Tragacanth. Pharmac. Journ. 1904, 2, 40. -- ~Guibourt~, Hist. d. drogues.
=Handelssorten.= Die höchsten Preise erzielte 1910 das +syrische+ Traganth, dann das +anatolische+ (+türkische, levantinische+), geringere das +persische+, die geringsten das minderwertige +Traganthon+. Das syrische ist in Kisten à 75 und 80 kg und in Säcken à 100 kg, das anatolische in Säcken à 100 und 120 kg und Kisten à 130 und 160 kg, das persische in Ballen à 50, 70 und 100 kg und Kisten à 60 kg, Traganthon in Ballen à 120 und 130 kg im Handel (~Grossmann~ 1910). Doch ist zu bemerken, +daß die Bezeichnung syrisches Traganth irreführend+ ist, denn dieses Traganth stammt aus West-Persien und Ost-Kleinasien und kommt über Bagdad nach London. Syrien liefert überhaupt nur wenig Traganth und die syrischen Häfen exportieren nicht viel. Die frühere Einteilung in Blätter-, Stengel- und Körner-Traganth, französische und englische Qualität usw., ist jetzt nicht mehr üblich.
1. Das sog. +syrische Traganth+ zeigt die schönsten weißen Blätter. Die ausgelesenen Stücke meiner Sammlung sind wahre Prachtstücke. Die als extraweiß bezeichnete Handelsware (1910 ~Caesar & Loretz~) bildet relativ kleine, +dünne+, weiße, gestreifte Blätter oder gezonte Stücke. Bei Ia weiß sind die Stücke größer, bei Ia gelblich etwas gefärbt und dicker, die Bänder fehlen, gezonte Stücke bilden die Regel. Auch IIa weiß ist noch eine sehr gute Ware. Ia naturell bildet derbe gelbliche, gezonte Stücke oder fächerartige Blätter. IIa naturell ist gelblich gefärbt.
2. Die beste Sorte des +anatolischen+, +türkischen+ oder +Levantiner Traganth+, die aber jetzt oft im Handel fehlt, erhält große Blätter. Die als weiß bezeichnete Handelsware (1910, ~Caesar & Loretz~) bildet +kleine+, etwas gefärbte Blätter und gezonte Stücke von nicht sehr schönem Aussehn, noch mehr gefärbt ist die Sorte fein hellblond und blond I. Alle Sorten stehen den entsprechenden syrischen nach. Sie zeigen ein schmutziges Aussehn. Die Stücke sind zertrümmert, was auf unsorgfältigen Transport schließen läßt.
3. Im +persischen Traganth+ des Handels (1910) fehlen die dünnen Blätter ganz. Es besteht selbst bei der Sorte Ia aus ziemlich großen, gelblich gefärbten, derben, +dicken+, gezonten oder fächerförmigen Stücken, die oft konzentrische Wülste zeigen, und bei der Sorte IIa an der Ansatzstelle Reste der Rinde erkennen lassen.
4. Das +griechische oder Morea-Traganth+ ist jetzt fast gar nicht mehr zu finden. (Er fehlte 1910 in den deutschen Preislisten.) Es repräsentiert im allgemeinen den Typus des Wurm- oder Fadentraganth (Fig. 137). Das beste +Moreatraganth+ meiner Sammlung bildet +wurmförmige+ oder knollige oder traubige Stücke, oder kurze, derbe, fächerartige Blätter. Die schlechteren Sorten sind mehr oder weniger gelb-bräunlich gefärbt, die besseren hellgelb. Das mir kürzlich durch ~Emmanuel~ aus Kreta zugesandte Traganth bildet relativ dicke gelbliche Blätter und knollige Stücke. Es ähnelt den schlechteren Sorten des persischen Traganth. Kreta und Griechenland lieferten 1910 kein Traganth mehr für den Handel (~Emmanuel~).
5. Unter +Traganthon+ versteht der Handel die schlechtesten ausgelesenen Stücke, die eine gelbe, rötlichgelbe oder gelbbräunliche Farbe besitzen. In den Mustern meiner Sammlung prävalieren die kugeligen, knolligen, traubigen und wurmförmigen Stücke.
Zu dieser minderwertigen Sorte ist auch das +Kuteragummi+ (auch kurzweg Kutera oder Kutira genannt) zu rechnen, ein aus Nordpersien von A. heratens. und strobiliferus stammendes T. (s. oben) mit deutlichen Membranresten, das früher bald von Acacia leucophloea (~Th. Martius~), bald von einem Mesembryanthemum (~Virey~), bald von einem Cactus (~Desvaux~ et ~Damart~) abgeleitet wurde. Kuteragummi löst sich in Wasser unter Druck bei 120° und zeigt dann die Eigenschaften des arabischen Gummi, ist also nach ~Giraud~ identisch mit dem unlöslichen arabischen Gummi von ~Gélis~ und dem Cerasin ~Guérins~. Auch das +Mosul-Gummi+ (Moussoli) ist wohl nur ein schlechteres Traganth (~Hanbury~, nach anderen Pruneengummi).
Zu den echten Traganthen gehört auch, wie die mikroskopische Untersuchung lehrt, das +Bombay-Traganth+, das in Indien eine Rolle spielt. Die Muster meiner Sammlung bilden gelbliche oder gelbbräunliche, knollenförmige oder traubige oder wurmförmige, im Querschnitte oft rundliche Stücke, Blätter sind selten.
Unter dem Namen +gomme de Sassa+ (Lassa) und +Pseudoadragante+ beschrieb ~Guibourt~ (Journ. chim. méd. 1832, 419 und Hist. d. drog. 7 ed. III, 450) zwei nach der mikroskopischen Untersuchung von Traganthsträuchern stammende T., von denen er das eine für identisch hält mit dem Gomme de Sassa von ~Bruce~ (Voyage en Abysinie), von der Pflanze Inga Sassa ~Willd.~, das andere zum Bassoragummi zieht, das er, sowie ~Mérat~ et ~Lens~ (Diction. III, 403, I, 80), als von A. gummifer abstammend ansieht. Beide enthalten viel Stärke. Das in meiner Sammlung als Inga Sassa (?) bezeichnete, aus im Querschnitt runden, langen Fäden oder Stäben bestehende T. ist durch eine feine helle netzleistenartige Zeichnung der Oberfläche ausgezeichnet, die aus Gefäßbündelresten besteht. Es scheint sich hier um den ganzen isolierten verschleimten Markzylinder nebst den umgebenden Resten des Holzkörpers zu handeln, der vielleicht nach Dekapitieren der Stengel herausgequetscht wurde. Auch ~Hanbury~, der die Traganthsträucher am Libanon beobachtete, berichtet, daß, wenn man einen Traganthstrauch dekapitiert, aus dem Marke ein langer Gummifaden hervortrete.
=Handel.= Es wurden nach +Deutschland+ eingeführt 1905 (1904) Traganth aus +Persien+ 815 (471), aus +Arabien+ 390 (46), +Syrien+ 382 (507), +Ägypten+ 345 (78), +Kleinasien+ 700 (388), +Brit. Ostindien+ 116 (24) dz. (~Grossmann~). Wir ersehen aus dieser Liste nur die Ausfuhr-, nicht die Produktions-Länder. 1909 importierte Deutschland 6148 dz., davon die Hälfte aus der asiat. Türkei, viel auch aus Persien, etwas aus Brit. Indien. Für den Import kommen in Betracht: New York, London, Marseille, Hamburg. Die Einfuhr nach +Hamburg+ betrug 1904: 2618, 1905: 3340, 1906: 4616, 1907: 4747, 1908: 4613, 1909: 4346 dz. Nach Hamburg kommt viel Traganth via London, dann aus Persien, Arabien, Brit. Ostindien, Kleinasien, wenig aus Ägypten, Syrien und der europäischen Türkei. Die Einfuhr von Gum Traganth nach +London+ betrug 1906: 13994, 1907: 13495, 1908: 13225, 1909: 13856 packages (Ballen). Amerika ist ein starker Abnehmer für anatolisches, Rußland für persisches T. Die Einfuhr von Traganth nach +Nordamerika+ betrug 1908: 1309759, 1909: 1315091 pounds.
Traganthmarkt ist für den Export von anatolischem T. +Konstantinopel+, dann: Smyrna, Mersina, Samsoun. Jetzt geht ⅔ nach Konstantinopel, ⅓ nach Smyrna (1892: 80% nach Konstantinopel, 20% nach Smyrna). T. wird in Kleinasien nach Oka gehandelt (1 Oka = 1283 g). Die Ausfuhr Smyrnas betrug 1874: 4500 cwt (~Scherzer~), 1905: 59794, 1906: 44142, 1907: 51310, 1908: 34566 kg. (Im Durchschnitt 4-5000 Sack.) Die anatolische Ernte betrug 1894: 480000 kg, 1908: 475000 kg, 1909 nur 400000 kg, d. h. nur ⅔ des früheren Durchschnitts (~Gehe~). 1904 und 1905 wurden in Anatolien 400000 Oka geerntet.
Das persische T. gelangt zum Teil via Bagdad über die Häfen des persischen Golfes, ein Teil auch über Ostindien nach Europa. Bagdad empfing 1903: 1496 Kharvar (1902: 1410) Traganth. Nach Rußland wurde via Tâbris (in Nordwestpersien) und Resht (am Caspimeer) etwa ein Drittel dieser Menge exportiert. Persisches Traganth wird meist nach Batman (I, S. 185) gehandelt. Man sortiert in Persien in 5 Qualitäten, davon gelangen die 3 besten zur Ausfuhr (1903). Für persisches (und syrisches) T. bildet jetzt London den Haupthandelsplatz.
=Morphologie der Droge.= Die Form des Traganth ist abhängig von den Öffnungen, aus denen es austritt: Aus Längseinschnitten tritt das Blättertraganth aus, dessen mehr oder weniger derbe, oft auf weite Strecken hin genau parallel verlaufende Streifung (Fig. 137, 1) von der Konfiguration der Wundränder, an denen es vorbei geschoben wird, bedingt wird, aus Löchern tritt das Traganth in Form von Tropfen, Fäden oder trauben- bzw. wurmförmigen Massen aus. Die Blätter zeigen oft eine eigenartige Zonenbildung. Dementsprechend zeigt das Traganth folgende typische Formen:
1. In ihrem Verlaufe nahezu gleich breite, bei größerer Länge spiralig gedrehte, «gelockte», relativ dünne, aber überall fast gleich dicke +Bänder+, die parallele Streifung und oft einen wellig verbogenen Rand zeigen (Fig. 137, 1).
2. An den Enden mehr oder weniger breit ausladende +gezonte Blätter+ von verschiedener Dicke mit oft deutlicher, rechtwinklig zu den Zonen verlaufender Streifung (Fig. 137, 2). Die Zonen deuten wohl auf einen durch Wechsel in der Witterung, der Temperatur oder Belichtung hervorgerufenen +stoßweisen+ Austritt.
3. +Fächerförmige+ Stücke mit deutlichen Zonen und Radialstreifen (Fig. 137, 3).
4. Dicke, +wurmförmige+, hin und her gebogene, knollige Stücke, mit glatter, unter der Lupe oft rissig erscheinender Oberfläche (Fig. 137, 4).
5. Gekrümmte, mehr oder weniger dicke, im Querschnitt oft rundliche +Fäden+ (Fig. 137, 5).
6. Zu unförmlichen Massen +zusammengeschlungene+, gelockte oder gekräuselte Fäden und Würmer (Fig. 137, 6).
7. Tropfenartige, meist ovale Stücke von verschiedener Größe, bisweilen zu derben, knolligen Massen vereinigt (F. 137, 7).
Die ersten drei Formen bilden das +Blättertraganth+ (adragante en plaques, leaf-gum, flaky-g.) und aus diesem bestehen die besten Sorten. Die Bänder sind oft c. 10-15 mm breit und c. 1 bis 1,5 mm dick. Ihre Länge variiert. Ich besitze in meiner Sammlung 21 cm lange Bänder! Sie sind bald hell und durchsichtig wie Glas, bald weiß, bald gelblich, bald gelb oder gar bräunlich gefärbt. Man unterscheidet daher im Handel: +Weißblatt+, +Blondblatt+ und +Gelbblatt+. Weißblatt hat stets ein dünneres Blatt als die beiden anderen und bildet die besten Sorten des Handels.
Die drei weiteren Formen (4-6) bilden das +Wurmtraganth+ (vermicelli, T. vermicularis), +Stengeltraganth+, +Sesam seed+ und +Fadentraganth+ (adragante en filets), die letzte das +Knollentraganth+. Diese Formen finden sich nur in minderwertigen Sorten, wie besonders im +Traganthon+ und +Skardo+ (common, sorts).
=Bildung und Anatomie.= Die Ausscheidung des Traganth wurde zuerst von ~Tournefort~ an A. creticus auf dem Ida in Creta studiert (I, S. 907, Fig. 411). Er hält das Traganth für den durch die Hitze im Juni und den folgenden Monaten verdickten Nahrungssaft, der durch Zusammenziehung der Holzfasern herausgepreßt werde. Er, wie ~Olivier~, der die Ausscheidung in Persien an A. verus beobachtete, glauben, daß die als Austrittsstellen dienenden Wunden durch Tritte von Tieren hervorgebracht werden. ~Olivier~ gibt die Zeit der größten Sommerhitze als Zeit des Austretens an. ~Labillardière~ beobachtete die Ausscheidung auf dem Libanon an Astragalus gummifer im August, ~Landerer~ an A. aristatus im August und September. Schon in ~Ritters~ Erdkunde findet sich die Angabe, daß bisweilen Einschnitte gemacht werden. ~Labillardière~ gibt an, daß auf dem Libanon wolkige Nächte und starker Tau zum Austreten des Gummis nötig sind, daß dasselbe nur während der Nacht und kurze Zeit nach Sonnenaufgang reichlich ausfließt und daß auf den tiefer gelegenen Stellen des Libanon wachsende Sträucher, die zwar starker Tageshitze, aber wenig nächtlicher Feuchtigkeit ausgesetzt sind, nur wenig Traganth liefern. Auch ~Fraas~ hält das Ausfließen für abhängig von der Witterung und meint, daß die größte Ausscheidung erfolgt, wenn auf kalten Regen große Hitze folge. ~Treviranus~ spricht von einer gesteigerten Sekretion. Die Ansicht von ~Kützing~, daß das Traganth ein Pilz sei, hat dann ~Mohl~, der die Bildung des Traganth durch Untersuchung der Zweige zahlreicher Astragalus-Arten im wesentlichen richtig ermittelte, widerlegt. Er zeigte, daß es einer Vergummung des Markes und den Markstrahlen seine Entstehung verdankt. Er fand die Reste der Wand und die Stärke im Blätter- und Wurmtraganth, weniger im syrischen, der mehr und größere Stärkekörner enthält. ~Wigand~, ~Wiesner~ und ich haben dann die Sache weiter verfolgt. Bereits ~Unger~ setzte übrigens das Traganth in Parallele zu den sekundären Schleimmembranen bei Linum und Cydonia, und schon ~Schmidt~ sah 1844 Reste von Zellmembranen und Stärkekörner im Traganth. ~De Candolle~ meint, daß das Aufschwellen des T. in Wasser davon herrühre, daß das Gummi «in Zellen eingeschlossen» sei.
Das Traganth entsteht durch Bildung von Schleimmembranen in den Zellen des Markes und der Markstrahlen der Stammorgane der Traganth liefernden Pflanzen und Zusammenfließen der Zellen zu Schleimmassen, wobei die Mittellamelle entweder erhalten bleibt oder mit zugrunde geht, schließt sich also an die Bildung der Schleimhöhlen bei den Malvaceen, Tiliaceen und Sterculiaceen an. Durchschneidet man einen mehrjährigen Sproß von Astragalus gummifer, so erhält man folgendes Querschnittsbild. Die Rinde ist außerordentlich reich an großen Bastzellgruppen, innerhalb welcher eine nicht eben mächtige Innenrinde (Siebteil) liegt. Der Bastzellpanzer ist schon bei den einjährigen Zweigen so gewaltig, daß er bei weitem den größten Teil der Rinde einnimmt. Der Holzkörper besteht aus sehr zahlreichen Gefäßen, breiten Libriformgruppen und wenig Holzparenchym. Er wird durchzogen von nicht eben sehr zahlreichen, ein- oder zweireihigen Nebenmarkstrahlen und großen und bisweilen bis zehn Zellen breiten Hauptmarkstrahlen, deren Zellen die bekannte Radialstreckung der Markstrahlzellen zeigen. Durch die Markstrahlen wird der Holzkörper in im Querschnitte keilförmige Abschnitte geteilt (Fig. 138). Im Innern liegt das Mark. In diesem findet die Bildung der Schleimmembranen in erster Linie statt. Dieselbe beginnt im Zentrum des Markes und schreitet nach der Peripherie zu fort. So kommt es, daß man schon bei zweijährigen Zweigen alle Stadien der Vergummung nebeneinander zu sehen bekommt (Fig. 139). Die zu äußerst liegenden Markzellen sind noch gänzlich normal. Ihre unverdickten Membranen geben die Zellulosereaktion. Weiter nach innen zu werden die Membranen dicker. Bei den noch tiefer liegenden Schichten ist schon kaum noch das Lumen zu erkennen (vorausgesetzt, daß der Schnitt mit Wasser benetzt war und in Glycerin betrachtet wurde). Das oft verzerrte Lumen läßt häufig noch kleine Stärkekörner erkennen, die nur zum Teil zum Aufbau der Membranen aufgebraucht werden. Die Membran gibt nur noch eine geringe Zellulosereaktion, Schichten sind in ihr oft sehr deutlich zu erkennen. In der einzelnen Zelle schreitet die Vergummung der Wand von außen nach innen fort, so daß man also in den innersten Schichten eine deutliche Zellulosereaktion auch dann noch erhält, wenn die mittleren bzw. äußeren sie nur noch sehr schwach zeigen. Bei den noch tiefer liegenden Schichten ist nur noch die Mittellamelle als zartes Häutchen erkennbar, alles übrige ist vergummt, mit einziger Ausnahme einiger Stärkekörnchen. Ganz im Innern ist alles vergummt, doch sind selbst hier noch die Zellkonturen schwach zwar aber doch erkennbar erhalten. Bei den älteren Zweigen schreitet die Gummose immer weiter zur Peripherie des Markes vor und dringt nun auch in die breiten Hauptmarkstrahlen ein. Auch hier beginnt die Vergummung in den innersten Partien und schreitet gegen den Rand hin fort. Auch die Nebenmarkstrahlen scheinen der Vergummung bisweilen (aber jedenfalls selten) anheimzufallen. Ja selbst im Holzkörper sind bisweilen einige Gefäße nebst ihrer Nachbarschaft in Gummose begriffen und in dickeren Stengeln sah ich auch Gummidrusen in der Rinde (Fig. 138 Sch h). In erster Linie jedoch entsteht das Traganth, wie schon ~Mohl~ erkannte, durch eine +zentrifugal fortschreitende+ Metamorphose der Zellmembranen des Markes und der primären Markstrahlen der Stengel. (In der Wurzel scheint das Traganth anders zu entstehen, ~Lutz~.) Tritt nun die Regenperiode ein, und nimmt die Pflanze reichlich Wasser aus dem Boden auf, so quellen die vergummten Partien stark auf und werden, wenn nun Trockenheit folgt, durch die schmalen, ebenfalls vergummten Hauptmarkstrahlspalten herausgepreßt, die Rinde durchbrechend: sie werden also als breite, +senkrecht gestellte+ Bänder aus der Rinde hervortreten und diese Form besonders dann annehmen, wenn Längseinschnitte gemacht wurden. Ist der Übergang von Feuchtigkeit zur Trockenheit ein allmählicher, so werden die Bänder in langen gekrümmten Streifen hervortreten, ist der Übergang ein plötzlicher, so wird die Schleimmasse in Klumpen herausgedrückt. In beiden Traganthen kann man jedoch, wenn man dünne Querschnitte herstellt, noch deutlich die organische Struktur erkennen: nicht nur die Reste der Zellhäute, sondern ganze Zellen, sowie einzelne oder zu länglichen oder runden Gruppen vereinigte Stärkekörner sind noch, namentlich bei Anwendung von Jodlösung, im Lumen der Zellen gut nachzuweisen (Fig. 140). Die Stärkekörner gehören also den Schleimzellen an und sind nicht aus anderen Geweben beim Herausquellen des Schleims mitgerissen worden. Die wenigste Stärke enthält das kleinasiatische und syrische, schon mehr das persische, am meisten das Moreatraganth, bei dem auch die meisten, zum Teil ziemlich hoch zusammengesetzten, Körner vorkommen. Bei dem persischen Traganth steigt die Größe der Stärkekörner bis auf 20 mik und mehr.
Bei Herbarmaterial von Astragalus brachycalyx ~Fisch.~ fand ~Weyland~ in den Zellen der Markperipherie, der primären Rinde und der Markstrahlen einen festen, durchscheinenden, vom Plasmaschlauch umschlossenen Zellinhalt, der sich mit Jod blau färbte. (War das Material vielleicht erhitzt?)
Die Schichtung der herausgequetschten Schleimzellen ist beim syrischen, anatolischen und persischen Traganth vorzüglich zu sehen, wenn man zu dem in Alkohol liegenden Schnitte durch das Traganth Wasser vorsichtig zufließen läßt, wenig deutlich fand ich sie beim Moreatraganth. Bombaytraganth und Kuteragummi (abgeb. bei ~Wigand~) zeigen ebenso wie Traganthon auch geschichtete Membranen und Stärkekörner im Lumen. Sie entstehen also auch wie kleinasiatisches.
Eine ähnliche Schleimbildung scheint übrigens bei den Malvaceen Kydia calycina (Rinde) und Bombax malabaricum (Rinde) vorzukommen (Pharmac. indica). Bei Bombax scheint es sich um einen pathologischen Gummifluß zu handeln. Auch das Gummi der indischen Moringacee, Moringa pterygosperma ~Gärtn.~ (gomme de benailé) zeigt typische Schleimzellen mit geschichteter Membran, aber keine Stärke (~Wiesner~).
In der Regel zeigen die Traganthschleimmassen keine Zellulosereaktion mehr. Doch beobachtete ~Mohl~ bei einigen _Astragalus_arten, die allerdings niemals Traganth liefern, eine vorübergehende Blaufärbung mit Chlorzinkjod. Da sich aber die jungen Schleimmembranen stets mit Chlorzinkjod färben, die alten nicht, so findet also beim Traganth eine Umbildung des Zelluloseschleims in echten Schleim statt, was wir bei den Malvaceenschleimzellen niemals beobachten, bei denen die Schleimmembran sofort als echter Schleim aufgelagert wird.
=Lit.= ~Tournefort~ (vgl. I, S. 907). -- ~Olivier~, Reise durch d. türk. Reich III, 293. -- ~Labillardière~ a. a. O. -- ~Fraas~, Synops. plant. flor. class. p. 59. -- ~de Candolle~, Astragalogia 1802. -- ~Treviranus~, Physiol. II, 21. -- ~Kützing~, Philosoph. Botan. I, 203 und Arch. Pharm. 8 (1851), -- ~Unger~, Anatom. u. Phys. d. Pfl. -- ~Mohl~, Unters. über d. Entstehungsweise d. Traganthgummi. Botan. Zeit. 1857, 33. -- ~Wigand~, Desorganisat. d. Pflanzenz. Pringsh. Jahrb. f. wiss. Bot. 3 (1861), 115. -- ~Wiesner~, Gummi u. Harze 1869 und Rohstoffe. -- ~Tschirch~, Angew. Anatomie 213 u. Fig. 214. -- ~Solms-Laubach~, Bot. Zeit. 1874. -- ~Weyland~ bei ~Solereder~, Systemat. Anatomie, S. 301. -- ~Flückiger-Hanbury~, Pharmacograph. -- ~Hartwich~, Artikel Traganth in Realenzykl. d. Pharm. -- ~Lutz~, Sur le mode de formation de la gomme adragante. Compt. rend. 1910, 1184 und Bull. soc. bot. France 57 (1910), 250.
Betrachtet man das +Pulver+ in Alkohol, so sieht man zwischen einer körnigen Masse viele unregelmäßige helle Schollen. Läßt man alsdann Wasser zufließen, so quellen diese auf und lassen, bevor sie undeutlich werden, zunächst oft sehr deutliche Schichtung erkennen (Fig. 140). Tritt dann Jodlösung hinzu, so sieht man zahlreiche einzelne oder zu rundlichen bzw. gestreckten Gruppen vereinigte Stärkekörner zwischen unregelmäßigen Häuten. Die Körner sind meist rundlich, einfach oder zu zwei bis vielen zusammengesetzt, klein, 2-4 mik breit, doch kommen auch größere (bis 25 mik) vor (4-15, ~Wiesner~). ~Koch~, der auch verquollene sah, fand sie 1-20, meist 6-10 mik breit mit oft auffallender Kernhöhle. Bisweilen fand ich im Traganthpulver auch einige Fragmente der Bastfasern und Gefäße der Traganthpflanze, seltener Rindenparenchymfetzen.
=Lit.= ~Moeller~, Pharmakogn. Atlas t. 43. -- ~Koch~, Atlas IV, S. 193, Fig. 16. -- ~Kraemer~, Proc. amer. pharm. assoc. 1898, 306.
=Chemie.= Über die Chemie des Traganth herrscht keine Klarheit, da es sehr verschiedene Sorten gibt und selten klar gesagt ist, welche untersucht wurde. Daß die einzelnen Sorten chemisch verschieden sind, ist zweifellos, denn die Menge der bei der Hydrolyse auftretenden Produkte ist verschieden (~Dreyfus~). ~J. Ogle~ fand z. B. in +syrischem+ Traganth neben 18,92% Feuchtigkeit 35,94% lösliches «Gummi», das durch Alkohol, bas. und neutrales Bleiacetat fällbar war (nicht durch Borax), und nach dem Kochen mit Salzsäure +Fehling+sche Lösung reduzierte, 42,39% «unlösliches Gummi», löslich in Kalilauge und 2,75% Asche. ~Masing~ fand in +Smyrnaeer+ Traganth 3,34 (1.84)% Asche, 12,11 (10,91)% Feuchtigkeit und 23,08 (19,14)% lösliche Substanz. ~Gerstner~ in +Kutera+ 14% H₂O, 44,6% Bassorin, 27,5-30% lösliches Gummi, 3,2-4% Asche.
Nach ~Williams~ beträgt die Gesamtkaliabsorption 11,05-11,98, das Verseifungsäquivalent 468-508, Kali zur Neutralisation der freien Säure 0,14, Jodabsorption keine bzw. 0,16, Verlust bei 100° 13,52-16,86, Asche 2,64-2,69. Traganthschleim läßt sich mit Ammonsulfat aussalzen (~Pohl~).
Traganth gilt als der typische Vertreter der sog. +Bassorin-Gummis+, d. h. der mit Wasser nur quellenden, sich nicht darin lösenden. Bassorin gibt mit Salpetersäure 22,5% Schleimsäure (~Guérin-Varry~). Es wird mit Alkalien dünnflüssig (~Frémy~). Zuerst ~Guérin~ nannte den Schleimstoff des Traganth +Bassorin+, ~Guibourt~ +Adragantin+, ~Pereira~ nennt den löslichen Teil +Tragacanthin+ oder Adragantin, den unlöslichen Bassorin. Nach ~Giraud~ enthält Traganth 60% «composé pectique», (Adragantin, Pektose), 8-10% lösliches Gummi, 3% Zellulose, 2-3% Stärke, 3% Asche, c. 20% Wasser und Spuren von stickstoffhaltigen Substanzen. Das Adragantin enthielt 40,6% C, 5,35% H und 53,8% O. Nach ~Guibourt~ enthält das Traganth weder Arabin noch Bassorin, sondern ist eine organisierte gallertige Materie sui generis. Auch ~Giraud~ meint, daß Traganth nicht, wie ~Guérin-Varry~ angibt, aus Arabin und Bassorin, sondern hauptsächlich aus einer pektinartigen Substanz (Pektose ~Frémy~) bestehe, der 7-10% lösliches Gummi beigemengt ist. Verdünnte Mineralsäuren bilden Glukose und Pektin, Alkalien und alkal. Erden Pektin, Pektinsäure und Metapektinsäure. Alkal. Erden bilden Niederschläge, die bei schwachem Erwärmen hart und eigelb werden (~Girauds~ Nachweis von Traganth). ~Schmidt~ fand in rohem Traganth 45,63% C und 6% H, in reinem Traganth 45,10-45,33% C und 6,16-6,27% H. Traganth soll der Formel C₂₄H₄₀O₂₀ entsprechen. ~Hilger~ und ~Dreyfus~ formulieren jedoch: (C₁₁H₂₀O₁₀)ₙ. Sie fanden 42,4% C und 6,5% H. Das das Traganth vorwiegend bildende Polysaccharid nennen auch ~Hilger~ und ~Dreyfus~ +Bassorin+. Es reduziert weder ~Soldainis~ Reagens noch ~Fehling~sche Lösung, wohl aber ammoniakalische Silberlösung beim Kochen. Kalte 30-40% Alkalilauge führt das Bassorin in +Oxybassorin+: (C₁₁H₂₀O₁₀)₂O über, welches rechts dreht, ~Soldainis~ Reagens und ~Fehling~sche Lösung reduziert und mit den Metallen unlösliche Verbindungen bildet. Wird T. in Stücken mit kaltem Wasser maceriert, so erhält man bisweilen ein Filtrat, in dem Alkohol, in geringer Menge zugesetzt, weiße Flocken abscheidet (~Maisch~). Auch Bleizucker scheidet zunächst eine Gallerte ab, erst später entsteht ein Niederschlag. Die Ansicht, daß der lösliche Teil des Traganths Arabin bzw. Arabinsäure sei (~Sandersleben~), ist nicht richtig (~Frémy~, ~Pohl~). T. enthält kein Arabin (~Dreyfus~). Es ist neutral und wird durch Borax, Eisenchlorid und Wasserglas nicht gefällt. Bleiessig und Bleiacetat geben eine Gallerte, die beim Erwärmen sich trübt und dann einen Niederschlag bildet. Mit Salpetersäure gibt Traganth +Oxalsäure+, +Weinsäure+, +Zuckersäure+ und besonders +Schleimsäure+ (~Giraud~). Die Menge der erhaltenen Schleimsäure wechselt. ~Tollens~ erhielt nur sehr kleine Mengen, ~Dreyfus~ 11,5-17%, ~Giraud~ 20%.
Die Hydrolyse lieferte ~Giraud~ (1876) einen reduzierenden Zucker. Auch ~Schmidt~ erhielt bei der Hydrolyse gärungsfähigen Zucker und ein Gummi, das mit dem aus Salep identisch war. Nach ~Sandersleben~ ensteht neben viel Sirup kristallisierbare Arabinose. Bei der Hydrolyse verschiedener Traganthsorten erhielten in neuerer Zeit ~Widtsoë~ und ~Tollens~ +Pentosen+, aus einigen Sorten +Arabinose+, aus anderen +Xylose+, aus allen +Fukose+ (Methylpentose, s. S. 299) und (in geringer Menge) +Glukose+ und (wechselnde Mengen) +Galaktose+. Einige Traganthsorten enthalten 38,1-51,8% +Xylan+ (~Tollens~ und ~Widtsoë~). Möglicherweise bildet also entweder ein +Galakto-Xylan+ oder ein +Galakto-Araban+ den wichtigsten Bestandteil der Traganthe, denn das Traganth enthält (s. oben) auch oft beträchtliche Mengen eines bei der Oxydation +Schleimsäure+ liefernden Bestandteils (~Guérin-Varry~, ~Ogle~, ~Pohl~) -- der Galaktosegehalt beträgt oft 15-21,5% (~Dreyfus~). Die Hydrolyse gewisser Traganthsorten soll ähnlich wie beim Gummi arabic. (s. d.) verlaufen. Als Hauptprodukt der Hydrolyse des wasserlöslichen Anteils entsteht zunächst eine linksdrehende +Polyaraban-Trigalaktan-Geddinsäure+ (11 C₁₀H₁₆O₈.3 C₁₂H₂₀O₁₀.C₂₃H₃₆O₂₀.H₂O), die bei weiterer Hydrolyse 72% +Arabinose+ und etwas +Galaktose+ liefert (~O’Sullivan~). Das +Bassorin+ einiger Tragantharten gibt mit überschüssigem Alkali die α- und β-+Traganthan-Xylan-Bassorinsäure+. Die α-Säure (C₂₄H₃₄O₂₀.H₂O) ist in kaltem Wasser löslich, dreht rechts (α_{D} = +138,6°) und zerfällt bei der Hydrolyse mit verd. Schwefelsäure in +Traganthose+ (eine linksdrehende Pentose, Fukose?) und +Xylan-Bassorinsäure+: C₁₉H₂₈O₁₇, die fast unlöslich in kaltem Wasser ist, rechts dreht und bei weiterer Hydrolyse in +Xylose+ und +Bassorinsäure+ (C₁₆H₂₀O₁₃) zerfällt, eine Substanz, die in kaltem Wasser unlöslich ist und in alkalischer Lösung stark rechts dreht (α_{D} = +225°). Die in kaltem Wasser nicht lösliche β-Säure gibt ähnliche Hydrolysierungsprodukte (~O’Sullivan~).
Ich kann aus den Publikationen meist nicht klar ersehen, ob besonders die in allen Traganthen enthaltene Stärke, die primären Zellulosemembranen und die übrigen Beimengungen vor der Untersuchung des Schleims abgetrennt worden waren. Meist scheint dies nicht geschehen zu sein. Denn Traganth enthält ja auch +Stärke+ (c. 3% ~Dreyfus~, 2,3% ~Giraud~, aber in einigen Sorten viel mehr, ~Tschirch~), +Zellulose+ (die Reste der primären Membran, c. 4%), kleine Mengen +stickstoffhaltiger Körper+ (~Tschirch~), +Dextrin+ und +Invertzucker+, sowie etwas +Chlorkalium+ (~Dreyfus~). Die +Stärkemenge+ im Traganth ist gering. Filtriert man daher einen kalt bereiteten Traganthschleim nach Verdünnung mit Wasser, so färbt sich der Filterrückstand mit Jod nicht schwarzblau, da die Stärkekörnchen in große Mengen unlöslichen Schleim eingebettet sind (doch sieht man bei Betrachtung mit dem Mikroskop die schwarzblau gefärbten Körnchen). Besser gelingt die Jodprobe, wenn man zu dem Traganthschleim direkt Jod zusetzt. Die suspendierten Teilchen färben sich alsdann blaugrau und nach dem Filtrieren erhält man einen blaugrauen Rückstand auf dem Filter und ein farbloses Filtrat. Die meisten Traganthsorten werden durch Natronlauge nicht in der Kälte, sondern erst bei gelindem Erwärmen gelb. Der diese Färbung bedingende Körper ist nicht derselbe, der die geringeren Sorten gelb färbt; denn auch, wenn man diesen mit 91% Alkohol entfernt, tritt trotzdem die Gelbfärbung mit NaOH ein (~Reuter~). Durch Alkohol wird den schlechtesten gelben Sorten ein Substanzgemenge entzogen, das ein +Fett+, einen +Bitterstoff+ und einen +Zucker+ enthält (~Reuter~). Wurmtraganth liefert nach ~Ludwig~ 4,234% weingeistiges Extrakt (mit Spuren Zucker), Blättertraganth 1,557% (zuckerfrei). T. gibt beim Erhitzen mit KOH die Pyrrolreaktion (Rotfärbung des mit HCl befeuchteten Fichtenspans) und die Dämpfe färben Lackmus blau, gibt aber +nicht+ die Oxydasereaktion (~Tschirch~ und ~Stevens~), enthält also im Gegensatz zu den Gummis und entsprechend seiner ganz anderen Bildungsweise +keine Oxydase+. Guajakharzlösung wird direkt auch nach 3 Stunden nicht gebläut (erst nach 10 Stunden tritt geringe Bläuung ein, ~Runne~).
~Ludwig~ gibt den +Wassergehalt+ auf 16,2% (Blättertraganth) bis 16,5% (Wurmtraganth), ~Hilger~ und ~Dreyfus~ auf 9,42-15,4%, ~Peters~ (im feinem Pulver) zu 13,7-14,98%, ~Wiesner~ zu 11-17% an. Nach ~Hilger~ und ~Dreyfus~ soll die +Farbe+ der verschiedenen Sorten wesentlich durch verschiedenen Wassergehalt bedingt sein (?) und die wasserreichsten besten Sorten auch die meiste Asche enthalten. Fadentraganth enthielt 3,1-3,57% +Asche+ (~Löwenthal~ und ~Hausmann~, ~Hilger~ und ~Dreyfus~). In anderen Sorten wurde gefunden 3,16% (~Flückiger~), 2,89-2,95% (~Röder~), 2,68-2,85% (~Dreyfus~), 2,42-2,57% (~Peters~), 1,75% (~Schmidt~) (s. auch oben), obere Grenze 3,5% (Pharm. helv. IV). +In der Asche findet sich mehr Kalk als in der aller anderen Gummis+: 76,3% CaCO₃, aber relativ wenig Kali (11,9% K₂CO₃) und Magnesia (8,89% MgCO₃), sowie 4,74% Calciumphosphat (~Rideal~ und ~Youle~).
=Lit.= ~Vauquelin~, Ann. de chim. 54, 312. Bull. d. pharm. 3, 56. -- ~Bucholz~ in ~Gmelins~ Handb. II, 779. -- ~Guérin-Varry~, Ann. chim. phys. (2) 49 (1832) 248 und 51, 522 und Journ. chim. méd. 7, 742. -- ~Frémy~, Journ. pharm. (3) 37, 81. Jahresb. d. Chem. 1860, 504. -- ~H. Ludwig~, Pharmakogn. Beitr. (Gummi) Arch. Pharm. 132 (1855), 33. -- ~Frank~, Chem. Centralbl. 1865, 902. -- ~Hermann~ in ~Pereiras~ Handbuch. -- ~Giraud~, Etud. comp. d. gommes et d. mucilages. Journ. pharm. chim. 1875, 485, 1876, 462. Compt. rend. 80, 477 u. l’Union pharm. 16, 249. -- ~Pohl~, Zeitschr. phys. Chem. 14, 156. -- ~v. Sandersleben~ in ~Sachsses~ Phytochem. Unters. 1880. -- ~Schmidt~, Über Pflanzenschleim und Bassorin. Lieb. Ann. 51, 29. -- ~Gerstner~ in ~Valenta~, Klebe- u. Verdickungsm. 1884. -- ~Williams~, Chem. News 1888, 224. -- ~Ogle~, Pharm. Journ. 20, 1889, 3, Chem. Zeit. 13, R. 224, Arch. Ph. 1889, 905. -- ~O’Sullivan~, Proc. Chem. Soc. 17(1901), 156 (Chem. Zeit. 25, 569, Chem. Drugg. 1901). -- ~Maisch~, Am. journ. pharm. 1889, 72. -- ~Tollens~ und ~Widtsoë~, Ber. d. chem. Ges. 33, 132. -- ~Hilger~, Naturforschervers. München 1899. -- ~Hilger~ und ~Dreyfus~, Ber. d. d. chem. Ges. 33 (1900). -- ~Dreyfus~, Dissert. München 1900. -- ~L. Reuter~, Apoth. Zeit. 1890, 644. -- ~Tschirch~, Gummasen. Pharm. Centralb. 1905, 504. -- Aschenanalysen: ~Rideal~ und ~Youle~, Chem. Drugg. 1891, 788. -- ~Phil. Röder~, Pharm. Post 1906, 298. -- ~Peters~, Apoth. Zeit. 1909, S. 538. -- ~Löwenthal~ und ~Hausmann~, Lieb. Ann. 89, 112. -- ~La Wall~, Amer. journ. pharm. 1897, 141. -- Asche, Löslichkeit, Wassergehalt: ~E. Masing~, Vgl. Unters. d. wichtigst. Handelss. d. Traganth u. sein. Surrogate. Arch. Ph. 1880, 41.
=Physikalische Eigenschaften.= Traganth zeigt +Doppelbrechung+ (~Wiesner~). Im Polarisationsmikroskop treten bei gekreuzten Nikols Polarisationsfarben hervor. Die Frage, ob diese Anisotropie auf Zusammensetzung der Substanz aus anisotropen Micellen beruht (~Schwendener~), oder durch Zug und Druck zustande kommt (~v. Ebner~, ~Wiesner~), wird von ~Ambronn~ im erstgenannten Sinne beantwortet. «Die optischen Eigenschaften des Traganth im gequollenen Zustande sind auf das Vorhandensein optisch und räumlich anisotroper Micellen zurückzuführen», sagt ~Ambronn~, doch beobachtete ~Ebner~, daß trockenes Traganth sich wie Glas verhält, d. h. durch Zug positiv, durch Druck negativ doppelbrechend wird; umgekehrt verhält sich gequollenes Traganth. Bei trockenen Traganthfäden ist das Elastizitätsellipsoid quergestellt (~Schwendener~).
Das +spez. Gew.+ des Traganth beträgt 1,384 (Watts Dict. und Enc. britt.). Es ist schwer genau zu bestimmen, da wenigstens die Blätter oft Luft einschließen.
Mit Wasser übergossen quillt Traganth stark auf; gepulvert liefert es mit dem 50fachen Wasser einen trüben schlüpfrigen, geschmack- und geruchlosen Schleim. Mit dem 200fachen Wasser häufig geschüttelt, zerfällt Traganth erst nach Wochen zu einem gleichmäßigen, trüben Schleim, der sich nur sehr langsam klärt (~Flückiger~). ~Pohl~ hält den Traganth für löslich in Wasser, allerdings für sehr schwer löslich (1 : 1000). ~Dreyfus~ fand dagegen in Fadentraganth nur 0,06% wasserlösliche Bestandteile, ~Flückiger~ erhielt 0,47, ~Maiden~ 7,7, ~Giraud~ 8,10%; andere Sorten scheinen aber bis 50% und mehr (~Bucholz~, ~Guérin-Varry~) Lösliches zu enthalten. +Traganth verhält sich im allgemeinen wie ein Kolloid.+ Traganthlösung gibt keinen osmotischen Druck, aber es konnte nur eine sehr verdünnte Lösung benutzt werden (~Moor~ und ~Row~). Eine «Lösung» des Traganth 1 : 1000 läßt sich filtrieren. Der wasserlösliche Anteil des Traganth zeigte ~Flückiger~ im Polarisationsapparat keine Drehung. Die unter Zusatz von Ammoniak, das die Löslichkeit erhöht, hergestellte Lösung (~Flückiger~) des Traganth drehte rechts. In Chloralhydrat löst sich Traganth, aber es bleibt eine wolkige Trübung in der Flüssigkeit, die wohl von den Zellulosehäuten herrührt (~Wiesner~). Die schön gelb gefärbte Lösung in verdünntem KOH bleibt auch nach Zusatz einer Säure klar, erst auf Zusatz von Alkohol entsteht eine Fällung. Diese besitzt keine sauren Eigenschaften. Traganth bleibt auf 100° erwärmt hell und zeigt auch dann keine Risse.
Traganth ist weicher als Akazien- und Kirschgummi, zähe und hornartig, schneidbar. Der Bruch ist eben. Die helle weiße Farbe der besten Sorten wird besonders durch reichlich eingeschlossene Luft bedingt. Die luftarmen Sorten erscheinen glänzend und gefärbt, die hellen matt. Traganth ist stets geruchlos.
=Lit.= ~Wiesner~, Gummi u. Harze 1869 und Rohstoffe. -- ~Schwendener~, Sitzungsb. d. Berl. Akad. 1889 u. 1890. -- ~v. Ebner~, Unters. über d. Urs. d. Anisotropie organ. Subst. 1882 u. Sitzungsber. d. Wien. Akad. 1888. -- ~Ambronn~, Ber. d. d. Bot. Ges. 7 (1889), 103. -- ~Moor~ and ~Row~, Bioch. journ. 2, 34. -- ~Pohl~ a. a. O. -- ~Dreyfus~ a. a. O.
=Verfälschungen.= Die guten Traganthsorten sind leicht kenntlich und mit nichts anderem zu verwechseln. Bei den schlechteren kommen Vermischungen oder Substitutionen mit falschen Traganthen und (s. d.) und anderen Gummis vor; die von ~Klenke~ erwähnten, aus Mehl, Brot oder Kleister und Gummi geformten «künstlichen» Traganthe habe ich nicht gesehen. Der «+Traganthersatz+» von ~Carl Boschan~ besteht aus: Stärke 20, Leim 6, Glyzerin 2, mit Wasser erhitzt. Neuerdings (1909) wurde T. mit indischem Gummi von Sterculia urens ~Roxb.~ und Cochlospermum Gossypium ~Dc.~ verfälscht gefunden (~Scoville~). Traganth muß geruch- und geschmacklos sein. (1905 [~Francis~] und 1907 [~Stoepel~] waren bittere in Handel). Das Bombaxgummi ist adstringierend. Mit Gummi arabic. vermischtes Traganth gibt dünnere Schleime als reines Traganth in entsprechender Konzentration (~White~).
Die Unterschiede zwischen Sterculiagummi und echtem T. beschrieb ~Maiden~: Mit kaltem Wasser bleibt Sterculiagummi farblos und bildet eine körnige Gallerte, wenig oder gar nicht klebrig, Traganth opaleszierend, weiche, zähe klebrige Masse. Beim Kochen in verdünntem Alkali ist Sterculiagummi unlöslich. Traganth löst sich fast ganz. Bei Behandlung mit Natronhydrat und Erwärmen zeigt Sterculiagummi keine Farbenänderung. Traganth bekommt eine kanariengelbe Farbe, die beim Abkühlen verblaßt. Beim Kochen mit verdünnter Säure ist Sterculiagummi löslich, bildet Arabin; Traganth löslich, bildet Pektin (~Giraud~). Fügt man obiger Flüssigkeit Alkohol hinzu, so bildet Sterculiagummi einen weißen Niederschlag, Traganth eine eiweißähnliche Masse. Das spez. Gew. beträgt bei dem Sterculiagummi über 1,4, der Aschengehalt ist ziemlich hoch: 5,83% (St. urens), 7,8% (St. Tragac.), 8,19% (St. diversifol.), 9% (St. rupestris). +Stärke enthalten die Sterculiagummis nicht.+
~Hanbury~ beobachtete 1855 +Bleiweiß+ als «Schönungsmittel» von Traganth. Auch ~Kick~ und ~Gintl~ berichten bei minderwertigen Sorten von «Bestreichen mit Bleiwasser», um die gefärbten Sorten den weißen ähnlicher zu machen (?).
+Im Pulver ist fremde Stärke+ (Mais- und Weizenstärke, 1906 ~Ohliger~), +getrockneter und gemahlener Stärkekleister+ (~Kick~ und ~Gintl~), +Dextrin+ (1905 in Amerika) und +Gummi arabicum+ beobachtet worden. Fremde Stärke und Stärkekleister sind durch das Mikroskop leicht nachzuweisen, ebenso Dextrin (vgl. S. 200, Fig. 73). Die Schollen von etwa beigemengtem Gummi arabicum lösen sich rasch in Wasser. ~Caesar~ und ~Loretz~ (Jahresber. 1910, 121) weisen beigemengtes Gummi arabicum durch die Oxydasereaktion des letzteren (mit Guajacol-Wasserstoffperoxyd) nach. Die Methode rührt von ~Payet~ her. Es ist aber eine seit langem bekannte Erscheinung, dass Guajacharz und Guajactinktur wohl durch (mit +kaltem+ Wasser bereiteten) Gummischleim, nicht aber durch Traganthschleim gebläut wird (~Berg~, Pharmakogn. 1869) und die Guajactinktur ist schon von ~Planche~ zur Unterscheidung der beiden empfohlen worden. Auch ~Runne~ bezeichnet sie als das geeigneteste Reagens zum Nachweise von Gummi arab. im Traganth. Weniger eignen sich Benzidin-Wasserstoffperoxyd-Essigsäure und α-Naphthylamin. Auch der Umstand, daß Gummi arabicum mit Pyrogallol Purpurogallol liefert, Traganth nicht, ist zur Erkennung eines Gummizusatzes benutzt worden (~Flückiger~). Traganth bräunt sich nur mit Pyrogallol. Indisches Gummi (s. oben), das auch im Pulver beobachtet wurde (1909), läßt sich folgendermaßen nachweisen. Setzt man zu einem Schleime (2 auf 100) 2,0 Borax und läßt über Nacht stehen, so wird die Mischung nach 24 Stunden klebrig und fadenziehend, wenn mehr als 5% indisches Gummi beigemischt wurde (~Scoville~). 2,0 Traganth geben, wenn rein, mit 5,0 Wasser einen Teig, der beim Drücken nur wenig an den Fingern klebt (~Hager~) und der ~Fehling~sche Lösung nicht merklich reduziert.
=Lit.= ~Scoville~, Pharm. Journ. 28 (1909), 493. -- ~Stoepel~, Apoth. Zeit. 1907, 1064. -- ~Francis~, Bull. Pharm. Detroit 1905. -- ~White~, Pharm. Journ. 1905, 133. -- ~Payet~, Rep. de Pharm. 1904, 301 (Ann. chim. anal. 1905). -- ~Runne~, Z. Prüfung des Traganths. Apoth. Zeit. 1909, 389. -- ~Ohliger~, Proc. Michig. Pharm. Assoc. 1906, 48 und ~Peint~, Oil and Drug. Rep. 1905. -- ~Maiden~, Amer. journ. pharm. 1890. -- ~Kick~ und ~Gintl~, Techn. Wörterbuch IX (1888), 567. -- ~Flückiger~, Pharmakogn. -- ~Wiesner~, Rohstoffe. -- ~Hanbury~, Science papers, p. 117.
=Anwendung.= In der Pharmazie spielen jetzt (1910) die besten syrischen und persischen Sorten die Hauptrolle. Die schlechteren anatolischen Sorten werden besonders für technische Zwecke benutzt (~Caesar~ und ~Loretz~). Traganth dient als Bindemittel bei Herstellung von Pillen, Stäbchen, Pastillen, Dragées, Räucherkerzen, Sprengkohle. (Mit Traganth angestoßene Pillen werden rasch steinhart, wenn nicht Glycerin zugesetzt wurde.) Dann als Stypticum (als Klystier), zu Ungt. glycerini, zu Emulsionen als Ersatz des Gummis. (1 Teil Traganth besitzt die Bindekraft von 12 bis 15 Teilen Gummi arabicum.) ~Böhm~ empfahl (1850) für den Schleim ein Gemisch von Traganth und Zucker. Man kann unlösliche Pulver mit Traganth in Suspension halten. Traganth wird auch zur Appretur von Kattunen, Seidenwaren und Spitzen, zur Herstellung von Dampffarben im Zeugdruck und in der Zuckerbäckerei verwendet. Es klebt nicht, bindet aber, wenn eingetrocknet, stark. Es läßt sich schwer pulvern, am besten, nachdem es zuvor bei 40-60° getrocknet ist. Man bewahrt Traganth am besten in mit weißem Papier ausgeklebten Holzkästen mit dicht schließenden Deckeln auf. Es zieht leicht Staub an und wird dann grau.
Manna liefert außer den S. 136 genannten _Astragalus_arten auch A. chartostegius B. et H. Ob Kunjudy-Gummi, Ansarut, Gujar und Sarcocolla von _Astragalus_arten kommen, ist noch unsicher (Sarcocolla wird auch von Panaea mucronata abgeleitet). Die Samen einiger _Astragalus_arten (A. baeticus L. -- schwedischer Kontinentalkaffee, Stragel-K., A. excapus im Kanton Wallis, ~Hartwich~) dienen als Kaffeesurrogate. Die Blätter und Samen von A. glycyphyllos L. (Herb. et semen Glycyrrhizae silvestris) sind als Diureticum und Purgans in Anwendung (~Planchon~). Weitere in ~Dragendorff~, Heilpflanzen.
=Geschichte.= Die τραγάκανθα des ~Theophrast~ [nach ~Sprengel~, ~Sibthorp~ und ~Fraas~ = Astragalus aristatus ~l’Hérit~ und A. creticus ~Lmk.~ (A. echinoides ~Willd.~)] wird als nicht nur auf Kreta, sondern auch in Achaia, dem Peloponnes und in Asien (Medien) vorkommend beschrieben -- «truncis ramisque inhaerent lacrimae». Der Austritt des Gummis soll spontan erfolgen. Astragalus ist bei ~Theophrast~ und and. eine andere, (nach ~Koch~) nicht bestimmbare Pflanze. Der Astragalus des ~Galen~ soll A. excapus oder Orobus sessilifolius gewesen sein. Bei ~Dioskurides~ (III, 20), der ja in Kleinasien lebte, bedeutet τραγάκανθα sowohl die Wurzel der dornigen _Astragalus_sträucher wie das Gummi-Traganth. Er vergleicht die klebende Kraft des letzteren mit dem Gummi und nennt einige Krankheiten, bei denen es benutzt wird (z. B. Husten). Er beschreibt die Pflanze korrekt. Unklar drückt sich ~Plinius~ (XIII, 36) über Tragion und Tragacanthe aus. Die Pflanze nennt er Spina alta. Bei ~Celsus~ (I, S. 588) steht Tragacantha, ebenso bei ~Oribasius~, ~Aëtius~ und ~Paulus Aegineta~. Bei ~Vegetius Renatus~ (c. 400 n. Chr.) steht dragantum. Auch ~Istachri~ (I, S. 606) und ~Constantinus Afrikanus~ (I, S. 633) kennen T. Ebenso hat ~Galen~: tragacantha (die Pflanze: δάκρυον), ~Scribonius Largus~ unterscheidet die Präparate tragacanthum album (mit Alaun abgeriebener T.) und candidum. Tracantha steht im Kitâb aš-šaǧar (X. Jahrh.), bei ~Masih~, ~Ibn Sina~ u. and. ~Haji Zein~ (1368) beschreibt den Gebrauch des Katira, das Gummi des katád genannten Baumes. Der Perser ~Burhán~ nennt den arabischen Namen für den Baum: miswák el abbas. Der Autor des Makhzan el Adwija erwähnt den persischen Namen kon. Die Gelehrten der Schule von Salerno bereiteten ein Diatrugacanthum frigidum und ein D. calidum. «An einer Stelle der sog. Bible des ~Guiot von Provins~, wo dieser Dichter seine Satyre ausgießt über die teuren Arzneien, welche die Ärzte von Montpellier verschreiben, ist auch ein Trank des Namens diadragum erwähnt» (~Heyd~), Diadragagantum wurde als kühlendes Mittel verwendet. Im Mittelalter wurde T. auch bei der Auftragung des Azurblaus und der Vergoldung benutzt (~Heyd~). 1305 war T. zollpflichtiger Einfuhrartikel in +Pisa+ (~Flückiger~). Zur Zeit des ~Pegolotti~ (I, S. 702) kam Draganti (chitirra) von Romania (Griechenland) und Turchia (Kleinasien). Hauptmarkt war Satalia (in Pisidien, das heutige Adalia an der Südküste Kleinasiens), dann auch Cypern und Alexandrien (~Heyd~). ~Belon~ (I, S. 771) erwähnt die gleichen Gegenden und Brussa als Markt. Er wurde verwendet «pour donner lustre à la soye». ~Olivier~ fügt noch Armenien, Kurdistan und Nordpersien als Produktionsländer hinzu. ~Aitchison~ erwähnt dann noch Chorassan und Afghanistan. Persisches T. ging schon Ende des XVIII. Jahrh. nach Bagdad und Bassora und nach Rußland über Baku. In Deutschland begegnen wir 1340 draganti als Bestandteil einer Augensalbe (~Flückiger~ nach ~Pfeiffer~). Im Inventaire ~Lefort~ (1439) steht Pouldre de Diadragan und Diadragant (Electuar. Diatragacanthum). Dann findet sich T. auch in der Taxe von Ferrara (1424) und der Frankfurter Liste (1450). ~Belon~ (I, S. 772) traf 1550 auf Kreta zwei Arten _Traganth_sträucher, erfuhr aber, daß T. in Nordwest-Kleinasien gesammelt und zur Appretur der Seide benutzt werde (vgl. bei ~Flückiger~). Die Form Dragagantum steht bei ~Otho Cremonensis~ (dragantum i. e. vitriolum!) Traganthum +neben+ Dragagantum bei ~Cordus~ (I, S. 803). The rates of marchandizes (1635, I, S. 921) führt Gum Tragagant auf und gum Tragacanthum steht bei ~Berlu~ 1724 (I, S. 950). Die erste Beschreibung des Austrittes des T. gab ~Tournefort~ (I, S. 907, Fig. 411). Die erste Beschreibung einer Traganthpflanze ~Labillardière~ 1790 (oben S. 389). Bei ~Pomet~ (I, S. 942), der in der 2. Aufl. auch Stalie (Satalia) als Ausfuhrhafen angibt, findet sich eine recht gute Abbildung eines _Traganth_strauches. ~Pomet~ erwähnt Einschnitte in Stamm und Wurzel und bemerkt, daß die Pflanze in Syrien (um Aleppo) wachse. Er erwähnt vom gomme adragan die drei noch heute üblichen, besonders durch ihre Farbe unterschiedenen Handelssorten. St. F. ~Geoffroy~ (I, S. 947), der eine pyrochemische Analyse mitteilt, bemerkt: «ex Creta, Asia et Graecia affertur».
Die von ~Briquet~ behauptete Traganth- und Harz- und kombinierte Traganth-Harz-Leimung des alten Papiers, welcher der Leimung mit Tierleim vorangegangen sein sollte, konnte von ~Wiesner~ in keinem Falle konstatiert werden. Doch fand ~Kobert~ Traganth in der Appretur frühmittelalterlicher Papiere aus Turfan und Khotan.
=Lit.= ~Flückiger~, Pharmakogn. -- ~Flückiger-Hanbury~, Pharmacographia. -- ~Heyd~, Levantehandel II, 654. -- ~Wiesner~, Papyr. Rainer 1887. -- ~Kobert~, Zeitschr. Angew. Chem. 1910, 1249. -- ~Tristam~, Nat. hist. of the bible 1898.
Falsche Traganthe.
Das sog. =Bassoragummi= (Bassoratraganth) hat seinen Namen von der Handelsstadt Bassora (Basra) am Schat el arab, nördlich vom persischen Golf (vgl. die Karte S. 429) erhalten. Es kommt aber nicht viel von dort. (Basra exportierte 1905: 7679 cwts «Gummi».) Jetzt heißen alle minderwertigen, meist stark gefärbten Traganthe in Indien Bassoragummi, =Hog-gum=, Hog-Traganth oder =Caramaniagummi=. Die Herkunft des Bassoragummi ist unbekannt. Einige (~Niemann~, ~Martius~) leiten es von Acacia leucophloea ~Willd.~ ab, andere (~Hanbury~) betrachten es als ein Mandel- oder Pflaumengummi, andere als von A. gummifer stammend (~Guibourt~). Ein Bassoragum, das 1903 aus Südpersien in den Handel kam, stammte vom wilden Mandelbaum. Von einem _Traganth_strauch stammt es nicht; jedenfalls zeigen die Muster meiner Sammlung keinerlei geschichtete Membranen oder Stärkekörner -- +zwei sichere Merkmale echter Traganthe+. Das +Bassora-Traganth+ meiner Sammlung bildet knollige oder traubige Stücke von rötlich-gelber Farbe, unter denen sich oft große eiförmige Stücke finden, die als Tropfen aus runder Öffnung hervorgequetscht wurden. ~Guibourt~ betrachtet das Bassoragummi als identisch mit dem Kuteera (Hist. d. drog. 7 ed. III, 453, Pharm. Journ. 15, 57), rechnet es also zu den Astragalus-Traganthen (s. oben S. 393). Da er darin Stärke fand, muß er ein anderes Produkt in Händen gehabt haben wie ich. Es gehen eben unter dem Namen Bassoragummi sehr verschiedene Produkte. Über ein Bassoragummi aus Cycadeen vgl. ~Blackett~, Pharm. Journ. (3) 13, 104. In Indien werden als Substituentien für Traganth die zum Teil ähnlichen Sekrete von Cochlospermum Gossypium ~Dc.~ = kúmbi, gaddi (in Amerika Gum-Hogg) und Sterculia urens ~Roxb.~ = guhu, gular, kurí, sowie von Prunus Amygdalus (sog. Hog Tragacanth) benutzt. Ferner nennt Diction. of econom. prod. of India folgende andere Hog-gums (India Bassora gums): Der Gummi von Saccopetalum tomentosum, Moringa pterygosperma, Bombax malabaricum, Ailanthus excelsa, Stereospermum suaveolens und als amerikanisches Gum-hog das von Symphonia globulifera. Vgl. auch ~M. C. Cooke~, the gums, resins, oleo-resins and resinous prod. in the India museum. London 1874. ~Lemeland~ fand im G. von Cochlospermum Gossyp. 97,3% Unlösliches, 22,7% Wasser, 5,9% Asche, 45,2% Galaktane, 33,3% Pentosane. Es lieferte Galaktose und drehte -77°, 152.
Besonders =Sterculiagummis= sind häufig mit dem Namen Traganth bezeichnet worden. +Sie riechen oft sauer+ (Essigsäure?). Über diese von _Sterculia_arten stammende traganthähnlichen Gummis aus Indien, Afrika und Australien und ihre Unterscheidung von echtem T. (s. S. 403) vgl. besonders ~Maiden~, Sterculia gum its similarities and dissimilarities to Tragacanth (Pharm. Journ. 1889 Nov. p. 381 und Am. journ. pharm. 1890, 20). ~Maiden~ erwähnt von indischen _Sterculia_arten, die Gummi liefern, St. urens ~Roxb.~, St. campanulata ~Wall.~, St. ornata ~Wall.~, St. foetida L., St. villosa ~Roxb.~, St. ramosa und piperifolia, von afrikanischen St. Barteri ~Mast.~, St. Tragacantha ~Lindl.~ -- von australischen St. diversifolia ~G. Don.~, St. rupestris ~Benth.~ +Das Sierra-Leone Traganth+ von der in Westafrika (Senegambien bis zum Congo) heimischen Sterculia Tragacantha ~Lindl.~ (und wohl auch von St. Barteri ~Mast.~) enthält keine Stärkekörner, und zeigt auch keine geschichteten Membranen, dagegen 20,5% Feuchtigkeit und 7,8% Asche (besonders Calciumkarbonat). Es gibt an Wasser keine durch Bleizucker oder Alkohol fällbare Substanz ab, liefert aber mit Salpetersäure reichlich Schleimsäure. Es löst sich nicht in Kupferoxydammon. (~Flückiger~, Über afrikan. Traganth. Pharm. Journ. 1869, 641 und Arch. Pharm. 1869, 81). Es entspricht der Formel C₂₄H₄₄O₂₂.10 H₂O (~Kraushaar~). Das T. von Sterculia Tragacantha ~Lindl.~ meiner Sammlung (Leg. Barker, Nigerexpedition) bildet an Rindenstücken ansitzende spröde, glasige, hell-gelbliche oder weiße Massen, +die sauer riechen+. Ein anderes Muster (1872, auch aus Westafrika) schokoladenbraune feste Massen. ~Mangin~ leitet auch das Kuteragummi (s. oben) von St. Tragac. ab (Compt. rend. 125 [1897], 725). Ein +traganthähnliches Gummi+ aus Ostafrika beschreibt ~Hartwich~ (Arch. Pharm. 1894, 43). Es war dem Kuteragummi ähnlich und stammte wohl von einer Sterculiacee, die ja große Schleimzellen mit Schleimmembran und durch Resorption der trennenden primären Membran Schleimkanäle und Schleimhöhlen besitzen. Ein traganthähnliches, im Senegal viel benutztes, dem Gummi von Cochlospermum ähnliches stärkefreies Gummi vom Spez. Gew. 1,416 kommt von Sterculia tomentosa ~Heckel~. Es heißt im Sudan und in Senegambien Gomme de M’beppe, kongosita, komikosita, M’boborg; in Port. Loanda chixé oder Ici io chixé (~Heckel~, Rep. pharm. 1899). Gummis von Sterculia cinerea (tartar gum) und St. tomentosa (da or kandi gum) sind kürzlich im 3 Report of the Wellkome Research laboratories Khartoum (1908) beschrieben worden. Auch sie zeigten einen hohen Aschengehalt (5,48-7,05%) und eine hohe Säurezahl (13-14,59). Auch unter den Kuteeras (s. oben S. 393) scheinen sich bisweilen Sterculiagummis zu finden, denn ~Boullay~ (Bull. de pharm. 5, 166) und ~Guibourt~ (Hist. d. drog.) berichten von einem sauren Geruche. Ein traganthähnliches Gummi, Goma de oaxixa aus Brasilien, von Sterculia Chicha St. Hil. erwähnt ~Peckolt~ (Ber. d. pharm. Ges. 1900). Bei den Sterculiaceen ist Gummibildung überhaupt häufig. Ich erinnere nur an die Schleimzellen in der Samenschale von Theobroma Cacao.
Eines Traganth von der im Trockenwald Ostafrikas vorkommenden Leguminose Berlinia Eminii ~Taub.~ gedenkt ~Busse~ (Ber. d. pharm. Ges. 1904, 202).
Auch das Gummi von Acacia usambarensis ist traganthartig (~Mannich~). Weitere unter Gummi arabic. Ein traganthähnliches Gummi aus Südamerika, «Goma de Tuna» von Opuntia Ficus indica ~Mill.~ beschrieb ~T. F. Hanausek~ (Zeitschr. d. Österr. Apoth. Ver. 1877, 113). Es enthält Kristalle und Stärkekörner.
Gummi arabicum.
=Syn.= Gummi acaciae -- arabisches Gummi -- gomme arabique (franz.) -- gum arabic, acacia gum (engl.), in Amerika: acacia -- gomma arabica, gomma acacia (ital.) -- arabische gom (hol.) -- arabiskt gummi (schwed.) -- arabian kumi (fin.) -- arabmézga (ung.) -- ἀραβικόν κόμμι (griech.).
Arab.-Pers. und in Ägypten: samagh-i-arabi (bei ~Ibn Baithar~: samag). -- Aar oder Czar von Arabien, Arabischer Zaher (bei ~Megenberg~). -- Gunde (gundi) heißt in Ostafrika jeder Klebstoff, also auch Gummi arab. ~Dragendorff~ bemerkt bei Acacia vera (arabica): «Bei den pers. arabischen Autoren findet man für die Pflanze: Schankat-ul-misrija und Qaraz, für Gummi: Samgul (jetzt in Turkestan Samag arabi) und Agâqija, für Acacia überhaupt: Dschaschmîzadsch, für die Frucht von Ac. gummifera etc.: Omm Gilân, für die ganze Pflanze: Thalh, für die Frucht der Ac. nilotica: Chirnub kibthi und karats. In Indien wird das Gummi Mas-wai-gond und Maklai-gond genannt.»
=Etym.= Im alten Ägypten: qmyt (die hieroglyphischen Zeichen I, S. 470), komi (k[o]mi), q(o)mi, qmy (kmy) qema oder quemi -- im Koptischen kome. Daraus dann κόμμι (zuerst bei ~Herodot~) und (lat.) commis, cummis, cummi und später gummis und gummi, im Deutschen zuerst: gumme -- +franz.+ gomme, +engl.+ gum etc. Das ägyptische Wort soll nicht in Ägypten bodenständig, sondern der Sprache von Punt entlehnt sein (~Reinisch~). Die im Altertum gebräuchliche Bezeichnung Gummi acanthinum von ἄκανθα = Dorn, Dornbusch.
=Stammpflanzen.= =Acacia Senegal= ~Willdenow~ Spec. pl. IV, 1077 [~A. Verek Guill.~ et ~Perrot.~, A. rupestris ~Stocks~, Mimosa Senegal L., M. Senegalensis ~Lam.~ (~Ait.~)]. Trop. Afrika, in Cordofan, Sennaar, Khartoum, bei Kassala und Gedaref, im südlichen Nubien, am Atbara und Astaboran, in der Landschaft Gezireh; ferner im Westen in dem auf dem gleichen Breitengrade von Cordofan liegenden Senegambien und den Gebieten zwischen Cordofan und Senegambien (Bornu), sowie in Ostafrika, endlich auch in Arabien (Maskat, Aden, Dschidda) und Beludschistan, Indien (Sind, Ajmir). Die Flora von Sind hat große Ähnlichkeit mit der der afrikanischen Wüste. Der Baum heißt im Senegal: +Verek+, in Cordofan: +Hashaba+, plur. +Hashab+ oder cheschâb, in Indien: Khor, Kúmta, in Bornu: Kol-Kol. Diese Pflanze liefert sowohl das beste Cordofangummi (~Schweinfurth~, ~Heuglin~, ~Beam~), das Hashab von Khartoum und Sennaar, wie das meiste gute Senegalgummi, besonders die Sorte bas du fleuve.
Weniger wichtig sind:
+Acacia arabica+ ~Willd.~ (Acacia vera ~Willd.~, Mimosa nilotica L., M. arabica ~Lam.~) in Indien: Kikar, Babúl und die von einigen dazugezogene, jedenfalls nahe verwandte +Acacia nilotica+ ~Del.~, der Sont- oder Ssantbaum. Trop. Asien und Afrika; im Sudan und oberen Senegal, Mosambique und Natal, Arabien und Indien (Sind). Liefert das Sunt-Gummi des Sudans, Marocco-, Mogador- und berberisches Gummi (~Maben~) und einen Teil des Galam Senegambiens, sowie indisches Gummi. ~Bentham~ unterscheidet von A. arabica ~Willd.~ die var. tomentosa (im Senegalgebiet), die var. nilotica (im Nilgebiet), die var. indica (in Indien) und die var. Kraussiana (in Port-Natal).
+Acacia Seyal+ ~Del.~, Sejal, Ssoffar, in Palästina: seijāl, ṭalḥ, mit der var. +fistula+ (A. Fistula ~Schweinf.~) im tropischen Afrika, in Nubien, Sennaar, in Kassala östlich von Khartoum und der italienischen Kolonie Erythraea, sowie in Deutsch-Ostafrika. Liefert Talh-Gummi (~Beam~), Gedarefgummi (~Busse~) und Ssoffargummi (~Schweinfurth~).
+A. stenocarpa+ ~Hochst.~, Talg, kitr, kakul oder suak, in den Nilländern, Abyssinien, Nubien und Deutsch-Ostafrika. Ebenfalls Talhgummi (talha) liefernd (~Schweinfurth~), sowie Gedarefgummi (~Busse~) und Suakimgummi (~Maben~).
+A. Giraffae+ ~Burch.~ (= A. erioloba ~Willd.~?), Camelthorn, in den Nilländern und in Deutsch-Südwestafrika, in den trockensten und heißesten Gegenden. Liefert Capgummi (weich) und deutsch-südwestafrikanisches Gummi.
+A. horrida+ ~Willd.~ (A. Karoo ~Hayne~, wohl auch = A. capensis ~Burch~). Extratrop. Südafrika, in Deutsch-Südwestafrika und am Cap (z. B. an den Ufern des Kariep). Liefert seit 100 Jahren viel Capgummi (hart) (~Burchell~) und deutsch-südwestafrikanisches Gummi.
+A. abyssinica+ ~Hochst.~ Tschéa und +A. glaucophylla+ ~Steud.~ (nahe mit A. Senegal verwandt), in Abyssinien und dem Somalilande, das Somali-Gummi (Karami) liefernd.
+A. Neboued+ ~Guill.~, in Senegambien, und +A. albida+ ~Del.~, Anabaum, in Deutsch-Südwestafrika und im Senegalgebiet, hier Galamgummi liefernd.
+A. gummifera+ ~Willd.~ in Marocco.
+A. pycnantha+ ~Benth.~ (golden wattle) in Neusüdwales, Victoria und Südaustralien. Liefert australisches Gummi (Wattlegum).
Ohne größere Bedeutung sind: Acacia Ehrenbergiana ~Hayne~ und A. tortilis ~Hayne~ (A. Raddiana ~C. Savi~, A. fasciculata G. P.) Haraz, in Palästina: seijāl, ṭalḥ, im Nilgebiet, Nubien, Abyssinien und in Arabien -- A. Adansonii ~Guill.~ et ~Perrott.~ in Senegambien -- A. verugea ~Schweinf.~ liefert das Kukgummi (~Beam~) -- A. Suma ~Kurz~ (A. campylacantha ~Hochst.~) liefert das Kakamut oder Sinlingummi. A. Farnesiana ~Willd.~ (in Indien: vilayati kikar, guya babúla, in Palästina: ghilān, ảnbar, ḳarz) in Vorderindien (heimisch in Westindien) -- A. spirocarpa ~Hochst.~ und Stuhlmanni ~Taub.~ in den Nilländern und in Deutsch-Ostafrika -- A. usumbarensis ~Taub.~ in Deutsch-Ostafrika -- A. Catechu ~Willd.~ (in Indien: khair, khair-babúl, katha) im Nilgebiet, z. B. in Faschoda, in Indien und Burma, im Himalaya -- A. decurrens ~Willd.~ (A. mollissima ~Willd.~, A. dealbata, ~Link~), A. homalophylla ~Cunn.~, A. vestita, A. pendula, A. Sentis, A. binervata, A. elata, A. glaucescens, A. penninervis und A. retinoïdes. ~Schweinfurth~ nennt im Nilgebiet 24, ~Taubert~ in Ostafrika 22, ~Watt~ (Dict.) in Indien 18 Arten.
A. Angico ~Mart.~ liefert brasilian. G. (~Symes~), A. micrantha ~Benth.~ venezuelanisches (~Ernst~). A. paniculata ~Willd.~ liefert die Goma de tiamo von Venezuela (s. weiter hinten).
~Dragendorff~ führt (in Heilpflanzen) 65 _Acacia_arten als benutzt auf. Alle, jedenfalls alle afrikanischen _Acacia_arten, sind imstande Gummi zu liefern.
=Systemat. Stellung.= Leguminosae -- Mimosoideae -- Acacieae.
Die gegen 450 Arten der Gattung Acacia ~Willd.~ sind besonders zahlreich in Afrika und Australien vertreten, etwa 300 entfallen auf Australien. Die afrikanischen Arten gehören zu den Sekt. Gummiferae und Vulgares (A. Senegal zu letzterer Gruppe).
=Beschreibung der Stammpflanze.= Acacia Senegal ist ein niedriger Baum mit einem nicht über 6 m hohen, mehr oder weniger geneigten, 12-25 cm dicken Stamm, knorrigen, gewundenen, spreizenden Ästen und einer dünnen Schirmkrone («Schirmakazie»). In Bornu ist A. Senegal strauchartig. Das Holz ist sehr hart und weiß, die sehr faserige, daher zum Binden benutzte Rinde außen grau, innen rostfarbig, Die 2 (bis 3) kurzen Stacheln sind hakenförmig nach unten gekrümmt. Es sind metamorphosierte Nebenblätter. Sie sitzen daher an der Basis der Blattspindel (Taf. VII). Die doppelt und paarig gefiederten, an der Spindel gemessen, 2-3 cm langen Blätter besitzen 3-5 Paare Fiedern, die Fiederchen sind 10-15 jochig, schmal lineal, graugrün, kahl, bis 5 mm lang, gegenständig, sehr kurz gestielt. Die oberseits rinnige Spindel zeigt einige gelbe, fleischige Drüsen. Die Blätter zeigen die Erscheinung des Transversalheliotropismus, sie stellen bei starker Belichtung und Verdunstung die Fiederblättchen senkrecht und geben vom Januar an keinen Schatten (~David~). (Die australischen Acacien besitzen oft durch Drehung des Blattstiels senkrecht gestellte Phyllodien.) Die in den Blattachseln entspringenden Blütenstände werden bis 10 cm lang. Es sind walzenrunde, mäßig dichte Ähren (Taf. VII). Die Blüten sind +weiß+ (nicht gelb wie bei vielen anderen Arten). Der fünfzählige Kelch ist becherförmig, die ebenfalls kleinen 5 Blumenblätter lanzettlich, die zahlreichen, doppelt so langen Stamina am Grunde einbrüderig verbunden, in den Thekae nur wenige Pollinien. Der lineale Fruchtknoten wird zu einem bis 10 cm langen, flachen Legumen mit 5-6 braunen, glänzenden Samen, die einen langen Funiculus besitzen. (Beschreibung der anderen Arten in ~Luerssen~, Mediz. pharm. Botan.)
Die Acacien verlangen ein +heißes+ und +trockenes+ Klima. Cordofan hat ein Jahresmittel von 28° C. (Maximum im Schatten 44° C. im Mai und September). «Dornen und immer wieder Dornen sind das Wahrzeichen von Cordofan. Ein dornenreicheres Geschäft als Gummisammeln läßt sich nicht wohl denken» (~David~). Die Gummiacacien haben den Habitus von Erlen. In Cordofan bilden die Acacien lichte Haine, in Ostafrika eine besondere Vegetationsform, die ~Engler~ «Baumgrassteppe mit Vorherrschen der Acacien» nennt (Abbild. in ~Engler~, Pflanzenwelt Ostafrikas, S. 59). Bei Bara fand ~David~ neben A. Senegal auch A. stenocarpa, weiter nördlich bei Kagmar +nicht+ A. Senegal, sondern nur A. Seyal, A. spirocarpa und stenocarpa. A. stenocarpa und fistula bilden ausgedehnte Wälder im Gebiete des Atbara und Bahr-el-Azrak.
=Lit.= ~G. Schweinfurth~, Aufzähl. u. Beschreib. d. Acacienarten des Nilgebiets. Linnaea 35. 1867/68 m. 19 Taf. und Im Herzen Afrikas 1874. -- ~A. F. Broun~, Catal. of the flowering plants of the Sudan. -- ~Taubert~, Die Gummi liefernden Pflanzen Ostafrikas in ~Engler~, Pflanzenwelt Ostafrikas 1895. -- ~Delile~, Flore d’Egypte. -- ~Forscal~, Flor. aegypt. arab. -- ~Unger~, D. Pfl. d. alt. Ägypt. -- ~Gerh. Rohlfs~, Drei Monate in d. Libysch. Wüste. 1875. -- ~Heuglin~, Reise in d. Gebiet d. weißen Nil u. Reise nach Abyssinien. 1868. -- ~Hildebrandt~, Zeitschr. Ges. f. Erdkunde 1875, 279. -- ~Oliver~, Flora of tropical Africa II, 338. -- ~Guillemin, Perrottet et Richard~, Florae senegambensis tentamen. -- ~Bentham~, Transact. Linn. Soc. 30, 516. -- ~C. Martins~, Bull. Soc. Bot. France 1875, 20. -- ~Burchell~, Travels in the interior of south Africa 1822/24. -- ~Haggenmacher~, Reise im Somalilande. Peterm. geogr. Mitth. Ergänzungsh. 47 (1876). -- ~Sadebeck~, Kulturgewächse der deutschen Kolonien. 1899. -- ~Brandis~, Forest flora of North-West and Centr. India. -- ~F. von Müller~, Select plants for industrial culture in Victoria. 1876 und Iconographia of acacias. -- ~Luerssen~, Mediz. pharm. Bot.
+Abbild.+ von +A. Senegal+ ~Willd.~: ~Guillemin~ et ~Perrottet~, Flor. Senegamb. tent. 1830, t. 56 (reproduziert in ~Flückiger~, Gummi u. Bdellium, Schweiz. Wochenschr. 1869); ~Berg-Schmidt~, Atlas II. Aufl.; ~Bentley~ and ~Trimen~, Med. plants t. 94, ~Schweinfurth~ a. a. O. t. 22, Reliquiae Kotschyan. t. 3; ~Taubert~ in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam.; von +A. nilotica+: bei ~Rohlfs~ t. 13; +A. arabica+: ~Roxb.~ Pl. Coromand. H t. 149, kopiert bei ~Nees von Esenbeck~ t. 333; +A. Seyal+: ~Nees~ t. 336, ~Schweinfurth~ t. 11-14, ~Berg-Schmidt~, I. Aufl. t. 6 d.; ~Busse~ in ~Engler-Drude~, Vegetat. d. Erde IX, I, S. 274; +A. horrida+: ~Hayne~ X t. 33; +A. horrida+ und +erioloba+: ~Warburg~, Zeitschr. f. trop. Landwirtsch. 1898; +A. stenocarpa+: in ~Busses~ Bericht VI.; +A. spirocarpa+: ~Busse~ a. a. O.
=Pathologie.= Schädlinge scheint die Gummiacacie nicht zu haben. Beeinträchtigt wird gelegentlich der Gummiertrag durch Antilopen und Paviane, die das Gummi fressen, Elefanten, die die Bäume umreißen (~Baker~) und Kameele, die die Dornen abnagen (~David~).
=Lit.= ~Baker~, Die Nilzuflüsse in Abessinien. Braunschw. 1868.
=Bildung des Gummis in der Pflanze (Gummosis).= Das Gummi arab. entstammt der +Rinde+ der Acacien. Eine mir vorliegende Probe von mit Gummi reichlich besetzter Rinde von Acacia Senegal, ausgelesen aus der Handelsware, zeigt folgenden Bau. Eine dicke Schicht typischen farblosen Korkes bedeckt das Ganze. Die sekundäre Rinde besteht aus miteinander abwechselnden tangentialen Streifen von Keratenchym (~Wigand~), d. h. obliterierten Siebbündeln (~Moeller~) nebst begleitendem Phloëmparenchym und Bastzellbündeln, oft in sehr regelmäßiger Alternanz. In radialer Richtung wird die Rinde von ein- bis dreireihigen Markstrahlen durchzogen. In den Phloëmparenchymzellen findet sich bisweilen eine die Zellen meist ausfüllende, lichtgelbliche-dunkelbräunliche Masse. Die Gummosis, welche zur Entstehung großer gummierfüllter lysigener Höhlen führt, geht, nach ~Moeller~, von den jungen Keratenchymbändern und dem Phloëmparenchym, oder, wie ich vermute, von Stellen, die diesen entsprechen würden, aus. An dem mir vorliegenden Material ließ sich sicher nicht feststellen in welchem von beiden sie zuerst eintritt, jedenfalls werden die Membranen des Keratenchymbandes und die der Phloëmparenchymgruppen in Gummi übergeführt. So findet man in der Rinde von Zweigen, die Gummidrusen reichlich tragen, gummierfüllte Höhlen (cavernes de résorption, ~Trécul~) ringsum von in Auflösung begriffenen Zellen umgeben. In den äußeren Rindenschichten der Acacia fand ~Moeller~ ein kirschgummiartiges, unlösliches Gummi.
Nach dem Sitze der Gummimassen zu urteilen muß die ergiebigste Gummibildung +in den inneren Teilen der sekundären Rinde+ stattfinden. Und es bleibt noch durch Versuche an der lebenden Pflanze festzustellen, ob nicht infolge der Verwundung zur Gummose vorgebildete Zellgruppen, sei es nun ein besonderes Gewebe oder zur Gummose neigende Phloëmpartien, direkt in der äußeren Partie des Cambiums im Jungleptom erzeugt werden. Es erscheint mir dies deshalb wahrscheinlich, weil ~Jadin~ und ~Boucher~ bei Moringa nach Verwundungen das Auftreten von Gummiräumen im Jungleptom beobachteten. Auch ~Moeller~ beobachtete die Anfänge der Gummibildung bei Acacia pterygocarpa «in einer sehr tiefen Schicht der sekundären Rinde nahe dem Holzkörper» und ~Corre~ und ~Louvet~ verlegen sie sogar «zwischen Holz und Rinde», also in das Cambium. Das deutet darauf, daß auch hier (wie beim Harzfluß) der Anstoß zur Gummibildung im Cambium und seinen jüngsten Produkten erfolgt. -- Andere Beobachtungen machen es wahrscheinlich, daß (wie beim Harzfluß) ein Verwundungsreiz das erregende Moment ist. Während aber bei der Gummose der Amygdalaceen, wie ~Mikosch~ gezeigt hat, infolge der Verwundung im +Neuholz+ (Junghadrom) Gruppen abnormen Parenchyms («Gummizellen») entstehen, die der Gummose anheimfallen, müßte sich hier der Effekt des Reizes im +Jungleptom+ äußern. Nach den Beobachtungen von ~Lutz~ besteht zwischen der Gummose der Acacien und der Amygdalaceen eine ziemlich weitgehende Übereinstimmung. Er sah übrigens Gummose bei den Acacien auch im Jungholz auftreten. Da ~Wigand~ einmal auch eine Gummidruse im Holzkörper fand, scheint in der Tat bei den Acacien auch dort unter gewissen Umständen Gummibildung möglich. Nach ~Louvet~ entstehen auch Lücken im Zuge der Markstrahlen. Bisweilen erreicht der Gummifluß riesige Dimensionen. ~Naudin~ fand 1889 ein Exemplar der Ac. dealbata ganz eingehüllt von Gummimassen. ~Lutz~, der (nach ~Mangin~) mit Färbemitteln die Gummose bei den Acacien verfolgte -- er benutzte Doppelfärbung mit Neutralrot ~Cassella~ und Vert acide JEEE ~Poirrier~ -- verlegt den Beginn der Gummose direkt ins Cambium, in dessen Wänden er eine Umwandlung in Gummi konstatieren konnte. Auch ~Trécul~ und ~Cotton~ verlegen den Beginn der Gummibildung dorthin, führen sie aber auf Saftstauung und Überernährung zurück. Aus den Beobachtungen von ~Lutz~ möchte man den Schluß ziehen, daß Gummibildung auch ohne Verwundung +möglich+ ist, da die Membranen des Cambiums gewisser Pflanzen Neigung zur Umbildung in Gummomembranine zeigen, Gummi+fluß+ aber +nur+ infolge von Verwundungen entsteht. Auch ~David~, der die cordofanischen Gummidistrikte besuchte, beobachtete, «daß der Gummosis immer Veränderungen, Risse oder Spalten in den geplatzten Borken» zugrunde lag, und bemerkt, «gewiß ist das Gummi ein vortrefflicher Wundverschluß um das Ausdörren zu verhindern». ~Beam~ berichtet (s. weiter hinten) sogar von der Anbringung +großer+ Wunden (vgl. Taf. VIII u. IX). ~Busse~ sagt (III. Bericht über die Reise in die ostafrik. Steppen 1900) über die Gummiausscheidung bei Acacia stenocarpa, «daß das Gummi in keinem Falle freiwillig, d. h. ohne äußere Eingriffe, der Rinde entfließt». Alle Erfahrungen deuten darauf, daß eine +Verwundung+, sei sie nun künstlich von Menschenhand angebracht oder spontan durch Tiere oder Astbruch oder Bersten entstanden, für das Zustandekommen des Gummi+flusses+ auch bei den Acacien notwendig ist, die Gummose also eine Reaktion auf die Verwundung darstellt, wobei unentschieden bleiben mag, ob die Verwundung nur als Reiz wirkt, oder ob durch sie fremde Substanzen wie Bakterien oder Pilzsporen und ihre Produkte oder Gase (Sauerstoff) den inneren Geweben der Rinde zugeführt werden. Es würde also die Gummibildung in den Acacien mit der bei den Amygdalaceen und indirekt mit der Resinosis in Parallele gestellt werden können. Halten wir diese Analogie aufrecht, so wird klar, daß das Gummi nicht +nur+ durch Metamorphose der loco vorhandenen Membranen entstehen wird, sondern daß diese einen +Herd der Gummibildung+ erzeugen werden, in dem auch das weiter zugeführte gelöste Kohlenhydratmaterial, ohne den Umweg über eine typische Membran zu machen, eine Umbildung in Gummi erfährt, ähnlich wie dies auch ~Frank~ und ~Karsten~ annehmen. Dies macht den Prozeß auch von anderen Faktoren als nur der Verwundung abhängig. Und in der Tat lehrt die Erfahrung, daß die Gummiacacien nur zu einer bestimmten Zeit Gummose zeigen, zur Zeit der Blattbildung z. B. nicht, und daß auch gewisse Standortsverhältnisse, z. B. trockener Boden, für das Zustandekommen der Gummose nötig sind. Dieselbe Art bildet in der einen Gegend Gummi, in einer andern keins (~Hildebrandt~, ~Schweinfurth~, ~Beam~), sie kann in einer Gebirgsgegend reichlich Gummi liefern, in größerer Höhe aber gar nichts geben. Auch die Temperatur spielt eine Rolle. An einem heißen Tage wurden in Cordofan (1908) von drei Bäumen 1,3, an einem kalten nur 0,63 rotls geerntet (~Beam~, vgl. auch unter Gewinnung). In Cordofan tritt die Gummose nicht während der Regenzeit ein, sondern erst wenn die fürchterliche Trockenheit einsetzt.
~Jos. Moeller~ hält die Gummibildung der Acacien für einen normalen, in seiner physiologischen Rolle der Borkenbildung vergleichbaren Prozeß; ich habe die Gummose schon 1888, ebenso wie ~Frank~ und ~Maiden~, für einen pathologischen angesprochen, da es viele Bäume und andere Teile des gleichen Baumes gibt, die keine Gummosis zeigen und bisher +nur+ an Wunden wirklicher Gummi+fluß+ beobachtet wurde. Auch ~Planchon-Collin~ nennen das Gummi «une production morbide». Nach ~Savaitana~ ist nicht nur bei den Amygdalaceen, sondern auch bei den Aurantieen die Ergiebigkeit des Gummiflusses proportional der Stärke der Verletzungen. Bisweilen wurde allerdings bei den Gummiacacien auch sog. +freiwilliger+ Gummiaustritt beobachtet, sowohl im Sudan (~Chevallier~) wie in Senegambien (~Guillemin~ und ~Perrottet~), ja dies Gummi trägt im Sudan sogar den besonderen Namen hashab wady. Aber auch hier werden Wunden entstehen, denn der Gummiaustritt erfolgt, wenn unter dem Einfluß der trockenen Westwinde nach einer Regenperiode sich die Rinde zusammenzieht, also +spontane Risse+ entstehen.
Daß auch +Parasiten+ den Wundreiz auszuüben bzw. zu unterstützen vermögen, wird allgemein zugegeben. Man hat aber auch die Gummosis direkt auf Parasiten +zurückgeführt+. So nahm ~Martins~ an, daß der phanerogamische Parasit Loranthus senegalensis ~Mart.~ den Gummifluß der Acacien verursache (von ~Louvet~ und ~Corre~ widerlegt) und ~Beijerinck~ meinte, daß ein Pyrenomycet Pleospora gummipara ~Oudemans~ bei den Gummiacacien (Coryneum Beijerinckii bei Pfirsich, Aprikose, Pflaume und Kirsche) Gummifluß hervorrufe. Neuerdings hat ~Greig Smith~ zu zeigen versucht, daß +Bakterien+ die Ursache der Gummosis sind. Die bakteriologischen Untersuchungen dieses Autors wurden an Acacia penninervis und binervata in Australien gemacht. Von den Zweigen isolierte er zwei Bakterien, Bacterium acaciae, die vorherrschende Art, produzierte auf künstlichen Nährböden einen Schleim der Arabino-Galaktanklasse (d. h. Arabin), der also qualitativ mit dem Gummi von A. binervata übereinstimmte, Bacterium metarabinicum dagegen, eine Varietät des anderen, einen Metarabin haltigen Schleim. Das Gummi von A. penninervis ist denn auch ein Metarabin haltiges. ~G. Smith~ kommt daher zu der Hypothese, daß die Differenzen zwischen den einzelnen Gummiarten auf der Verschiedenheit der produzierenden Bakterien beruhen. Als Bildungsmaterial nimmt er Lävulose und Maltose an. Festgestellt ist, daß im Punjabgummi und dem australischen Wattlegummi andere Mikroorganismen vorkommen wie im Sudangummi (~Edie~, ~Prebble~, Pharmac. ind.). ~Smith~ bleibt aber den Beweis dafür schuldig, daß die von ihm gezüchteten Bakterien am Baume die ihnen zugeschriebene Wirkung ausüben und beachtet nicht, daß sein Wattlegum nur +0,9°, sein Bakterienschleim aber +43° drehte, beide also Araban und Galaktan offenbar in ganz verschiedenen Verhältnissen enthalten. Zudem ist Schleim- oder Gummibildung bei Bakterien eine weit verbreitete Erscheinung. Doch wissen wir über die Natur der gebildeten Produkte wenig. Das von Streptococcus mesenterioides produzierte Gummi ist Dextran (~Scheibler~), wie das eines Spaltpilzes einer Zuckerfabrik (~Andrlik~). Ein anderer Spaltpilz produzierte Lävulan (~Maassen~), ein dritter Galaktan. Auch ~Brzezinski~ hat die Identität seines Gummis mit dem entsprechenden Bakterienschleim nicht nachgewiesen. ~Ruhland~ bezweifelt den bakteriellen Ursprung der Gummis. Er erhält mit aus Kirschbäumen isoliertem Bacillus spongius auf Nährböden einen Arabinoseschleim. Der gleiche Bacillus erzeugt an Kirschbäumen eine von starkem Gummifluß begleitete Krankheit. Das austretende Gummi ist aber ein Araban-Galaktangemisch. ~Edie~ wiederholte die Versuche von ~Smith~. Er sterilisierte außen die Zweige der Gummiacacie in Khartoum, zerschnitt sie, impfte Gelatine damit und übertrug die Kultur auf Kartoffelagar. Er erhielt ein Bakterium, das auf mit Gerbsäure versetzte Lävulose übertragen, nicht gut wuchs, aber auf Lävulose allein Schleim bildete. Allerdings noch nicht abschließende Impfungsversuche von ~Edie~ ergaben aber, daß mit Bakterien «geimpfte» Bäume +weniger+ Gummi lieferten als «ungeimpfte» (aber verwundete). (Das «Impfen» wurde in der Weise ausgeführt, daß der Schnitt, um die Mikroben besser hineinzubringen, vorher mit Wasser eingerieben wurde). ~Garros~ brachte einen hefeartigen Pilz, der die Fähigkeit besitzt, den unlöslichen Teil des Kirschgummis in Lösung überzuführen, mit der Gummibildung in Beziehung. Daß sog. «Schleimflüsse» an Laubbäumen (Eiche, Ahorn, Pappel) infolge von Pilzinfektionen entstehen können, zeigte ~Ludwig~, daß jedoch z. B. die sog. «gommose bacillaire» von ~Prillieux~ an der Rebe +keine+ Bakterienerkrankung ist, ~Rathay~.
Der von einigen angenommene, zum mindesten bisweilen förderliche Einfluß der Bakterien auf die Gummibildung kann sehr verschiedene Gründe haben. Ich erinnnere daran, daß die Bakterien sehr oft +Enzyme+ produzieren. Diese können direkt oder indirekt die Gummibildung beeinflussen oder Prozesse einleiten, die zur Gummibildung führen. Auch ~Beijerinck~ denkt daran, daß die von ihm beobachteten Pilze ein Ferment bilden, da Gummibildung auch entfernt von der Wunde eintrete. Dann erinnere ich daran, daß der Bacillus spongiosus von ~Aderhold~ und ~Ruhland~ auf den Nährböden auch reichlich organische Säuren (Essigsäure, Ameisensäure, Milchsäure, Buttersäure) bildete und ~Grüss~ und ~Sorauer~ eine günstige Beeinflussung der Gummose durch Säuren (spez. Oxalsäure) beobachtet haben. Vielleicht wirken die Oxydasen besonders energisch in saurer Lösung.
Auch +Tiere+ sind +als Erreger des Gummiflusses+ betrachtet worden. ~Zimmermann~, der an Acacia decurrens arbeitete, brachte die Gummibildung mit Verletzungen durch Käfer in Beziehung. Nach ~Busse~ entstammt das G. der Ac. stenocarpa in Deutsch-Ostafrika ausschließlich Verwundungen, die durch +Ameisen+ hervorgebracht wurden. Jeder Gummitropfen entspricht einem Bohrloch. Doch beteiligen sich bisweilen auch größere Tiere (bes. Insekten). Auch ~David~ spricht bei den Gummiwäldern Cordofans von «massenhaft zuwandernden Ameisen», und davon, daß diese beständigen Begleiter der Gummiacacien an den Gummiklumpen naschen. Ebenso sah ~Muriel~ bei A. Seyal Insekten. ~Gentz~ fand bei der Acacia horrida (nicht bei A. Giraffae) in Südwestafrika Bohrgänge einer Raupe und eines Käfers. ~Guibourt~ glaubte, da er im Innern der +Marrons de gomme+ (gomme lignirode) eine große eiförmige «Zelle» fand, dies G. sei durch ein Insekt erzeugt und die Morrons seien die Behälter der Larven, was aber unrichtig ist. Auch bei der Bildung des Sonoragummi (s. d.) scheinen Tiere beteiligt und eine +Begünstigung+ der Gummibildung durch Verwundung +durch ein Tier+ nimmt ja auch ~Wiesner~ bei der Bildung des +Chagualgummis+ an (Rohstoffe, S. 124), dessen Stammpflanze aber auch normalerweise Gummigänge bildet.
+Die meisten Autoren betrachten also die Gummosis als eine Krankheit.+ ~Grüss~ und ~Sorauer~ dagegen, welche den Wundreiz für eine häufig vorhandene, keineswegs aber für die einzige Veranlassung der Gummosis der Amydalaceen ansehen, halten den Gummifluß für eine physiologische Störung, die auf einem Übermaß der abbauenden gegenüber den aufbauenden Enzymen beruhe. Die im Plasma gebildeten abbauenden Enzyme rufen sowohl die Umwandlung des Reservematerials (Stärke, Hemizellulosen) als die Schmelzung der Membran hervor. «Ein solches Übermaß kann sowohl durch absolute Vermehrung der lösenden Enzyme zustande kommen, als auch durch Gleichgewichtsstörungen entstehen, indem die koagulierenden Enzyme nicht rechtzeitig in genügender Menge zur Wirksamkeit gelangen» oder lahmgelegt werden und die hydrolysierenden die Oberhand gewinnen. ~Sorauer~, der Gummiherde auch im unverletzten Gewebe sah (waren nicht doch vielleicht Wunden in der Nähe?), verlegt die Gummosis in die Membran und sieht, gestützt auf Versuche, einen erhöhten Gehalt der Gewebe an Säure (bes. Oxalsäure) als begünstigenden Umstand an. Es gelang ihm künstlich, durch Oxalsäure Gummifluß zu erzeugen. Er sieht den Gummifluß als einen speziellen extremen Fall einer allgemein verbreiteten Neigung gesunder Gewebe an, bei bestimmten Wachstumsverhältnissen, die eine Hemmung der Wirksamkeit der koagulierenden Enzyme veranlassen, Wandquellungen- und Lösungen einzugehen. ~Grüss~ nimmt an, daß die Gummisubstanz aus dem Zerfall von Zellwänden herrührt, die Hemizellulosen enthalten und zwar speziell aus dem Galaktan derselben hervorgeht unter dem Einfluß von Enzymen (Cytasen, Diastasen). Bei mangelhafter Ableitung des verflüssigten Gummis kann eine Gummilücke entstehen, da schließlich die Grundsubstanz der sekundären und weiterhin die primäre Membran angegriffen wird. ~Grüss~ denkt sich die Gummibildung in der Weise verlaufend, daß die Gruppe COH in dem Zucker- oder Saccharo-Colloid-Molekül durch Sauerstoffüberträger in die COOH-Gruppe verwandelt wird und so Arabin- resp. Galaktinsäuren entstehen. Als Sauerstoffüberträger würden die Oxydasen fungieren. ~Grüss~ zeigte, daß die Cytase des Kirschgummi Hemizellulosemembranen zu verschleimen und zu lösen vermag. Bei der Gummibildung im Kirschholz, der normalen und der pathologisch gesteigerten, ist die Cytase beteiligt. «Jeder Gummibildungsprozeß setzt die Anwesenheit von Hemizellulosen im Holzkörper voraus.» Sitz der Cytocoagulase sind die ~Mikosch~schen Gummiparenchymzellen.
Nach ~Beijerink~ und ~Rant~ beruht der Gummifluß bei den Amygdalaceen auf einer durch Wundreiz verursachten anormalen Entwicklung des embryonalen Holzgewebes, die schließlich zur «Verflüssigung» desselben führt und die verursacht wird durch einen cytolytischen Körper. Cytolytische Substanzen werden von nekrobiotischen Zellen, wie man sie in der Nähe von Wunden findet, deren Plasma tot, deren Enzyme aber erhalten sind, vielleicht in besonders großer Menge abgeschieden. Die Autoren sind der Ansicht, daß alle Ursachen, welche zur Nekrobiose führen, Gummifluß veranlassen und zwar um so heftiger, je umfangreicher die nekrobiotischen Prozesse sind. Quecksilberchlorid erzeugt auch dort noch Gummifluß, wo er sonst ausbleibt (Aber HgCl₂ tötet doch alle Enzyme!) Coryneum u. and. Parasiten führen zur Gummibildung, weil sie ein Gift ausscheiden, Saprophyten (Dematium pullulans, Phyllosticta Persicae) verstärken die Gummibildung, weil sie einzelne Zellen abtöten. Die genannten Autoren betonen, daß der Gummifluß bei den Amygdalaceen wirklich bedeutungsvoll nur im sekundären Jungholze auftritt, wo auch normalerweise die Cytolyse am ausgiebigsten auftritt.
Demgegenüber hält ~Ruhland~ die Gummose für eine allgemeine Eigenschaft embryonaler Zellen, die aber im normalen Leben nicht zur Auslösung kommt, sondern erst infolge eines äußeren Anstoßes. Er leugnet das regelmäßige Auftreten von nekrobiotischen Zellen und die Diffusion von zellstofflösenden Körpern aus nekrobiotischen Zellen in das embryonale Gewebe und führt durch zahlreiche Versuche den Nachweis, daß, +sobald der Sauerstoff bei der Verwundung abgeschlossen wird, die Gummose unterbleibt+. In den embryonalen Zellen wird, wenn Sauerstoff hinzutritt, statt Protopektin (S. 277) Gummi gebildet, das normale Wandbildungsmaterial in die sauerstoffreichere Gummisubstanz übergeführt. Danach würde also weder der Wundreiz allein, noch die durch die Wunde in die Pflanze gelangenden Parasiten und ihre Produkte +Primärerreger+ der Gummosis sein, sondern der zutretende Sauerstoff chemische Prozesse in der Pflanze einleiten oder auslösen, die zur Gummibildung führen. Wie diese Prozesse verlaufen, ist noch unklar. Aber das vorstehend Mitgeteilte weist doch wieder auf +Oxydasen+ und +Peroxydasen+, die wir bekanntlich ja noch in den Gummis selbst antreffen, hin.
Daß Gummi arabic. Enzyme enthält, ist lange bekannt. Doch sprach erst ~Wiesner~ 1885 von einem «Gummiferment» und schrieb ihm die Eigenschaft zu Zellulose in Gummi verwandeln zu können. Aber schon ~Reinitzer~ zeigte 1890, daß das Gummiferment wenigstens außerhalb der Pflanze nicht hierzu imstande ist, sondern nur aus Stärke Zucker bildet, also ein diastatisches Enzym enthält. Als solches erkannte diesen Teil des Enzymgemisches auch ~Béchamp~ (1893), der ihm den Namen Gummizymase gab, und ~Grafe~ (1907). Daß aber neben dem diastatischen Ferment auch eine Oxydase im Gummi vorkommen muß, zeigt ja schon der Versuch mit Guajaktinktur, zeigen dann die Beobachtungen von ~Bourquelot~ über die oxydierenden Wirkungen verschiedener Gummiarten, sowie meine eigenen über die «Gummasen» und sprach endlich ~Reinitzer~ aus, der den Nachweis führte, daß im Gummi arab. neben einer Amylase sowohl eine Oxydase wie eine Peroxydase vorkommt. Mir erscheint nun nach allem die Frage sehr diskutabel, ob wir in diesem Enzymgemisch, dem ich, da ich der ~Duclaux~schen Nomenklaturregel nicht folgen konnte, den Namen Gummase gab, nicht wirklich die Gummibildner vor uns haben, die in der +gummogenen Schicht der lebenden Pflanze+ unter dem Einfluß von durch die Wunde zugeführten Sauerstoff (die Oxydasen wirken als Sauerstoffüberträger) aus den z. Z. unbekannten Gummibildnern, die wir aber wohl unter den Sacchariden und Polysacchariden zu suchen haben, das Gummi erzeugen. Ein Beweis ist dafür aber noch nicht erbracht. Für die Bildung des Kirschgummis nimmt ~Mikosch~ die Beteiligung von Enzymen an. Daß Gummifluß durch Reize hervorgerufen werden kann, bei denen Mikroorganismen +nicht+ beteiligt sind, unterliegt jetzt aber keinem Zweifel mehr (~Aderhold~, ~Ruhland~, ~Beijerinck~, ~Rant~).
Über die Gummibildung bei den Amygdalaceen bemerkt ~Mikosch~: «Das Gummi entsteht in der lebenden Substanz der Gummiparenchymzellen, wird von dem Plasma als Lösung zwischen Hautschicht und primärer Membran ausgeschieden und hier unter dem Einflusse des Plasmas zum Teil in Wasser unlösliches, aber darin quellendes Gummi umgewandelt. Der Prozeß geht in der Zelle zentripetal vor sich. Die primären Membranen bleiben lange erhalten und werden erst später gelöst.» «Die kambialen Gummiräume werden bei fortschreitender Gummosis auch noch dadurch erweitert, daß die angrenzenden Markstrahlen in den Umwandlungsprozeß mit einbezogen werden.» «Die Gummibildung beginnt in der Membran stets in den Verdickungsschichten, zuletzt werden die primären Membranen gelöst.» Zur Membran brachten die Gummibildung zuerst ~Karsten~, ~Trécul~, ~Wigand~, ~Frank~ und ~Prillieux~ in Beziehung. Auch die Bildung des G. a. ist an Membranen geknüpft. Sie beginnt vielleicht schon in den Membranen der Cambiumzellen (~Lutz~) und wird deutlich in einer Vergummung der Membranen der Siebröhren und Cambiformzellen (Hornbastprosenchym, Keratenchym ~Wigands~) der sekundären Rinde (~Wigand~, ~J. Moeller~), einem Vorgange, den ~Wigand~ «rückschreitende Metamorphose der Zellmembran» nannte. Immerhin müssen sich -- das nahm schon ~Trécul~ an -- an der Gummibildung auch noch zugeführte Inhaltsstoffe beteiligen, denn wie von ~Höhnel~ an einem bestimmten Falle zeigte, hatte der an einem Zweige von A. Senegal ansitzende Gummiknollen einen Inhalt von 41 000 cbmm, während der Spalt, aus dem er hervorgequollen war, nur 84 cbmm maß. ~Höhnel~ schließt daraus, daß die Beteiligung der Membranen auf die ersten Anfangsstadien beschränkt sein müsse und 99,8% ohne ihre Beteiligung entstehe. (Ähnlich hatte sich bereits 1866 ~Frank~ ausgesprochen.) Es verhielte sich dann mit der Bildung des Gummi arabicum ganz ähnlich wie mit der des Kirschgummi und der Gummis bei Combretaceen, z. B. Terminalia Bellerica und Catappa paniculata (~v. Höhnel~) und Bromeliaceen (~Boresch~). Denn wie neuerdings ~Mikosch~ zeigte, beginnt in der Regel die Kirschgummibildung durch Bildung von Kappen an den einen schizogenen Raum umgebenden Zellen (solche Kappen sah ich auch bei schizolysigenen Harzbehältern). Diese Randzellen, sowie ihre Umgebung gehen alsdann zu grunde, es entsteht ein «schizolysigener (~Tschirch~) oder auch rein lysigener Raum», und in diesem kann nun eine enorme Gummibildung dadurch Platz greifen, daß alles zugeführte Kohlehydrat-Baumaterial (durch die reichlich auftretenden Enzyme) direkt in Gummi übergeführt wird: die aus den Membranen hervorgegangene Masse wird «gummogen». Ähnlich muß es beim G. a. sein. Es scheint, daß beim G. a. zunächst die Membranen einiger obliterierter Siebröhren und Geleitzellen (oder die Zellen einer «Gummizellen»-Gruppe?) vergummen und daß von diesem Herde aus die Vergummung fortschreitet. «Die Einwände, welche ~Höhnel~ gegen die Entstehung des Gummis aus Zellmembranen erhebt (s. oben), können übrigens leicht beseitigt werden, wenn man überlegt, daß es sich bei der Gummosis um pathologische Hyperplasie handelt» (~Czapek~).
Die Ansicht von ~Vogl~ und ~G. Kraus~, daß das G. a. aus dem Siebröhren+inhalte+ stamme, ist durch nichts bewiesen. (~Kraus~ sah bei Acac. melanoxylon aus den Siebröhren eine gummöse Flüssigkeit austreten.)
~Mangin~ setzt die Gummibildung zur Pektinbildung in Beziehung. Er betrachtet sie als eine pathologische Mehrproduktion pektinartiger Substanzen. Da das G. durch Erhitzen in Metarabinsäure übergeht und diese zum Bassorin und der Pektinsäure Beziehungen zeigt, so werden wohl auch Beziehungen des Gummis zum Protopektin (S. 278) bestehen. In der Tat scheint die Gummibildung bei den Gummiacacien in der Interzellularsubstanz (d. h. dem Protopektin) ihren Anfang zu nehmen (~Jos. Moeller~) und die an den Interzellularraum angrenzende Membranpartie bei den Pruneen gehört ja ebenfalls zum Protopektin («Auskleidungen der Interzellularen», S. 280). Endlich sieht man oft noch in vergummenden Geweben die mit der sekundären bzw. tertiären Membran umgebenen Lumina der Zellen, durch Gummi voneinander getrennt (Fig. 141 u. 142).
Eine ganz besondere Bildung ist das Gummi im Kernholz und das Gummi im Schutzholz (~Gaunersdorfer~, ~Frank~, ~Temme~, ~Praël~). Bei der Bildung des +Kernholzgummi+ (Kerngummi) und +Wundgummi+ beteiligt sich die Membran nicht (~Böhm~, ~Prillieux~, ~Gaunersdorfer~, ~Frank~), es wird vielmehr eine bestimmte zarte Plasmaschicht «bassorinogen» (~Tschirch~ u. ~Will~). Diese Gummiverschlüsse der leitenden Organe des Holzkörpers scheiden die damit versehenen Gewebe aus dem Saftverkehr aus. Sie sind in Wasser unlöslich und verhalten sich wie Bassorin (~Tschirch~ u. ~Will~).
+Holzgummi+ erhielt ~Fr. Koch~ (Pharm. Zeit. f. Rußl. 1886) vorwiegend aus dem Holze der Laubbäume. Die Coniferen sowie ligninfreie Gewebe ließen kein Holzgummi gewinnen. Es lieferte bei der Hydrolyse Xylose und enthielt 82 bis 86% Xylan, hat mit dem eigentlichen Gummi also nichts zu tun.
=Lit.= ~Karsten~, Bot. Zeit. 1857, 313. -- ~Trécul~, Maladie de la gomme, Compt. rend. 1860, 621 u. 1862, 248. -- ~Frank~, Pringsh. Jahrb. 5, (1866) 25. -- ~Prillieux~, Compt. rend. 78 (1874); Ann. sc. nat. (6) I (1875), 176. -- ~Jos. Moeller~, Über d. Entsteh. d. Acacieng. Sitzungsb. d. Wien. Akad. 72 (1875), 219 u. Buchn. Rep. 1876, 323. -- ~Corre~, Notes sur les gommes du Sénégal. Journ. pharm. 1876, 318. -- ~Wigand~, Desorganisation d. Pflanzenzelle. Pringsh. Jahrb. 3, 136. -- ~von Hoehnel~, Über das Material, welch. z. Bild. d. arab. G. in d. Pfl. dient. Ber. d. d. bot. Ges. 1888 und (Combretaceen) Bot. Zeit. 1882. -- ~Czapek~, Biochemie. -- ~Louvet~, Etud. sur la mode de production de la gomme arab. faites pend. plus. voyages dans les forêts de gommiers. Journ. pharm. 1876, 405. -- ~Greig Smith~, The bacterial origin of the gums of the arabin group, Proceed. Linn. Soc. New South. Wales 1902-1904. Journ. soc. chem. ind. 23, 1904. (Centralbl. f. Bacteriol. 10 und 11, 1903. Zeitschr. Angew. Chemie 1905). -- ~Ruhland~, Arabinbild. durch Bacter. u. der. Bez. z. Gummi d. Amygdalac. Ber. d. d. bot. Ges. 1906, 393 und zur Physiolog. d. Gummibild. bei d. Amygdalaceen. Ebenda 1907, 302. -- ~Edie~, Bacterial origin of gum im III. Report Wellcome Research Laborat. Khartoum 1908. -- ~Martins~, Sur une mode particul. d’excrét. d. g. arab. Rev. sc. nat. Montpellier 1875, 553. -- ~G. Kraus~, Entstehungsweise d. G. a. Sitzungsber. d. Naturf. Ges. Halle 1884, 19. (Ph. journ. 16 [1886] 840). -- ~Beijerinck~, Gomziekte in Natuurk. Verh. d. holl. Akadem. 23. Amsterdam 1883, 35 und Hedwigia 1883. -- ~Tschirch~, Angew. Pflanzenanatomie. 1888. -- ~Naudin~, Journ. pharm. 20 (1889), 122. -- ~Savastano~, I fatti traumatici nella gummosi degli Agrumi ed Amigdalae Ann. Sc. agric. Portici 1885, Experimenti sui rapporti tra i fatti traumatici e la gummosi. Giorn. bot. ital. 1887. Gummosi e carie degli agrumi Att. Comizio agrar. d. Circondar. di Napoli 1887. -- ~Carrière~, Rev. hortic. Paris 1886. -- ~Garros~, Nouv. ferment organisé de la gomme de cérisier. Bull soc. chim. 7 (1892) 625. -- ~Mikosch~, Entsteh. d. Kirschgummis. Sitzungsb. d. Wien. Akad. 115 (1906) 911. -- ~Maiden~, Vegetable exudations. Scient. res. of Elder Explor. Expedit. 1892. -- ~Böhm~, Bot. Zeit. 1877. -- ~Frank~, Ber. d. d. Bot. Ges. 1884, 327. -- ~Gaunersdorfer~, Sitzungsb. d. Wien. Akad. 1882, 38. -- ~Prillieux~ et ~Delacroix~, Gommose bacillaire des vignes. Compt. rend. 118 (1894) 1430. -- ~Ludwig~, Lehrb. d. nied. Crypt. Stuttg. 1892. -- ~Rathay~, Jahresber. d. Önolog. u. pomolog. Lehranst. Klosterneuburg 1896 (dort die Lit. d. Rebengummose). -- ~Mangin~, Journ. de Botan. 1893. -- ~Lutz~, Sur la marche de la gommose dans les acacias. Bull. soc. bot. France 1895, 467 (Zeitschr. f. wissensch. Mikrosk. 12, 522) und Thèse, Paris 1895. -- ~Gentz~, Tropenpflanzer 1901, 601. -- ~David~, Kordofang. Apoth. Zeit. 1901, Nr. 97. -- ~Aderhold~, Clasterospor. carpophil. u. Bezieh. zum Gummifluß. Arb. d. biolog. Abt. d. K. Gesundheitsamt. 1902. -- ~Sorauer~, Handb. d. Pflanzenkrankh. 1909, I. -- ~Beijerinck~ und ~Rant~, Wundreiz, Parasitism. u. Gummifl. bei d. Amygdalaceen. Centralbl. f. Bact. 1905. -- ~Rant~, De gummosis d. Amygdalaceae. Dissert. Amsterd. 1906. -- ~Brzezinski~, Anzeig. d. Akad. Krakau 1903. -- ~Jadin~ et ~Boucher~, Orig. et prod. d. l. gomme chez les Moringa. Bull. sc. pharm. 1908, 247. -- ~Busse~, Naturw. Wochenschr. 1901, 100. Ber. d. pharm. Ges. 1904 und Reisebericht V. -- ~Zimmermann~, Centralbl. d. Bact. (2) 20, 716. -- ~Grüss~, Lös. u. Bild. d. aus Hemizellulose besteh. Zellw. und ihre Bez. z. Gummosis. Bibl. Bot. 39 (1896). -- ~Grüss~ und ~Sorauer~, Stud. über d. Gummifl. d. Kirschen. Notizbl. d. K. botan. Garten 1910. -- ~Grüss~, Verh. d. Cytase u. Cytocoagulase bei d. Gummibild. Jahrb. wiss. Bot. 47 (1910), 393. -- ~K. Boresch~, Über Gummifluß bei Bromeliaceen nebst Beiträgen zu ihrer Anatomie. Sitzungsb. d. Wiener Akadem. 1908.
=Gewinnung des Nilgummi.= Die Bedingungen der Einsammlung des +Sudangummi+ beschrieben der Director of forests of the Sudan ~C. E. Muriel~ (1901), sowie ~David~ (1901) und neuerdings (1908) ~Beam~ in Khartoum. Der Sudan exportiert hauptsächlich das sog. +Hashab-Gummi+, das Gummi von Acacia Senegal, die besonders in Cordofan, westlich vom weißen Nil (z. B. bei Djédid, Bara und el Obeïd) gefunden wird, weniger in Gezireh und Gedaref, sowie in Sennaar zwischen blauem und weißem Nil und bei Kassala (~Beam~). (Vgl. die Karte auf S. 429.) In dem Bezirke Bara Tajara el Obeïd in Cordofan besteht etwa ⅓ des lichten Buschwaldes aus Gummiacacien. ~Muriel~ unterschied zwei Sorten: +Gummi aus «Gärten»+ (+hashab geneina+ oder genaineh) und +wildes Gummi+ (+hashab wady+ oder ouadi) -- ersteres von angeschnittenen Bäumen, die einen Besitzer haben, letzteres von unangeschnittenen Bäumen, die keinen Besitzer haben. Von einer eigentlichen Pflege, Anpflanzung oder +geregelten+ Besitzverhältnissen ist aber meist nicht die Rede (~David~), so daß also die Bezeichnung «Garten» und «Besitzer» nicht wörtlich zu nehmen ist: die Genainas sind lichte Haine. Immerhin kommen, seit die Engländer sich in Khartoum festgesetzt haben (1900), die Gegenden in geregeltere Verhältnisse. Schon jetzt gibt es kaum noch Wady-Gummi. Alles Gummi stammt von angeschnittenen Bäumen, selten von solchen, wo es aus natürlichen Wunden austritt. Jetzt ist Wady der Name für dunklere Gummitränen. Die Gummigewinnung ist abhängig vom Vorhandensein von Brunnen, da die Sammler in den sehr zerstreuten, lichten Gummigärten sich ihr Wasser, ihre Nahrung und endlich auch das Gummi tragen müssen. (Fig. 144.) Da die Einsammlung in der heißesten Zeit stattfindet, so gehen die Sammler nur so weit wie nötig.
Die Bäume werden nach dem Aufhören der Regenperiode, also vom Oktober an angeschnitten und das Anschneiden (tapping, barking) fortgesetzt bis zum Februar. Das Anschneiden erfolgt mit einer kleinen Axt. (Taf. VIII.) Es werden zunächst transversale Einschnitte gemacht, dann reißt man einen dünnen Streifen Rinde ab. Dieser Streifen sollte nicht länger als 2-3 engl. Fuß lang und 1-3 engl. Zoll breit sein (~Muriel~ vgl. Taf. IX), je nach der Dicke des Stammes. Größere Wunden schädigen den Baum, auch tritt weniger Gummi aus, ebenso bei kleineren Wunden oder Einschnitten. Es wird Sorge getragen, daß der Schnitt nicht bis in den Holzkörper geht. Wenn die Einschnitte an
einem kühlen Tage gemacht werden und mehrere kühle Tage folgen, so tritt beinahe kein Gummi aus. Die Einschnitte müssen an heißen Tagen gemacht werden. Nach 60 Tagen kann, wenn das Wetter kühl ist, das erste Gummi gesammelt werden, bei warmem Wetter geht es schneller. Man läßt das Gummi zwei Wochen am Baum zum Erhärten. Vor dieser Zeit ist die Träne im Innern noch flüssig, läuft beim Sammeln aus und man erhält dann hohle Schalen, die leicht zerbrechen. Jeden vierten Tag kann das Gummi abgesammelt werden, bis die neuen Blätter erscheinen und der Regen einsetzt. Man sammelt (Fig. 144) in einer Saison meist 7-8 Mal (~Beam~). Besonders sammeln Frauen das Gummi. Verwundet werden 3 Jahre alte und ältere Bäume. Schon Bäume von 8-10 Fuß Höhe und 6-8 Zoll Umfang können Gummi produzieren. Ältere Bäume, wie solche von 15 Jahren, liefern kein Gummi, das beste solche von 8-12 Jahren. Dann beginnt die Kernholzbildung und sobald diese eingetreten, wird kein Gummi mehr erzeugt. Belaubte Bäume liefern kein Gummi, ebenso durch Feuer beschädigte. Während der Ernte muß trockenes heißes Wetter sein. Starke Bodenfeuchtigkeit und Schatten beeinträchtigen die Gummiproduktion; so ist z. B. in Agari, wo der Khor Agari im Sande verläuft, keine Gummiproduktion zu finden, trotzdem überall Hashab geneinas sich finden.
Die Bildung des Gummis wird begünstigt durch einen leichten sandigen, eisenschüssigen Boden und gute Drainage. Während der trockenen Jahreszeit darf A. Senegal nicht befeuchtet werden (A. arabica dagegen verträgt Wasser gut). Die größte Gummiproduktion erfolgt, wenn auf eine gute Regenperiode eine ungewöhnlich heiße und trockene folgt. Bodenfeuer sistiert die Produktion in der Geneina für eine Saison. Man kann bei der jetzt üblichen Verwundungsart jeden Baum nur alle zwei Jahr verwunden. Ein großer Baum liefert ungefähr 1,9 rotl (2,166 rotl = 1 kg), ein mittlerer 1,33 und ein kleiner 0,75 (~Beam~). +Gummi von Bäumen, die angeschnitten wurden, ist heller als aus natürlichen Wunden austretendes.+ Das Gummi des ersten Gummiausflusses nach dem Anschnitt ist gewöhnlich weniger löslich, besonders bei älteren Bäumen, doch wird es beim längeren Liegen löslicher. Gegen das Ende der Sammelzeit wird das Gummi allmählich härter und glasiger, und die Lösung zeigt eine immer geringere Viskosität. Im allgemeinen fand ~Beam~, daß, entgegen der Meinung der Sammler, eine Lösung des Gummis älterer Bäume eine etwas größere Viskosität besitzt als das aus jüngeren. Das Gummisammeln wird sehr schlecht bezahlt. Es wird von den Bauern nur als Nebenbeschäftigung betrieben, und nur wenn sie Sesam und Dura geerntet haben. Sie kommen daher oft erst im Januar und Februar dazu die Bäume anzuschneiden. Die Gummiausscheidung ist dann im Mai beendigt.
Als der Khalif gefallen (1900), bereiste ~David~ aus wissenschaftlichem Interesse und um Gummi aufzukaufen Cordofan von Dongola aus. Er besuchte Bara, Khursi, Tajara im Osten von el Obeïd, Khor Hable, Schekkan und Kattero im Süden und Nehoud im Westen, wo die Bewohner ihre freie Zeit mit Gummisammeln ausfüllen. Sein Bericht ergänzt das Obige. Das Anschneiden im Dezember und Januar geschieht meist in den oberen Regionen des Stammes, die mindestens 4-5jährig sind. «Die eingeborenen Jungen und Mädchen bringen durch Anritzen der Rinde mit Lanzenklingen und Messern das Gewebe zu stärkerem Ausscheiden», doch wird in den von ~David~ (1900) besuchten Gegenden die Prozedur nur beiläufig vorgenommen. Die Bäume schwitzen vom Dezember bis Februar, also 2-5 Monate, nach der auf die Regenzeit folgenden Vegetationsaufflackerung bei Beginn der Trockenzeit Gummi aus. Niemals findet man an den Bäumen altes Gummi, nur diesjähriges. Je weiter ab der Baum vom Flusse liegt, um so besser ist das Gummi. Die Gummiausscheidungen sitzen meist an 10-20 cm dicken Ästen, spärlicher an dünnen Zweigen (~David~). Das Gummi ist anfangs weich und schmeckt dann recht erfrischend. Es erhärtet am Baume und erhält dann die charakteristischen Risse. Das Gummi von A. Senegal bildet kleine runde oder wurmförmige Klümpchen von höchstens 3 cm Durchmesser. Als Instrument zum Ablösen des Gummis wurde in den von ~David~ besuchten Gegenden das breite Blatt der Lanze benutzt. ~David~ schlägt vor, Brunnen zu graben und Gummi als Abgabe für Benutzung derselben zu erheben, sowie Acacienhaine anzulegen. Die Geneinas müssen als +lichte+ Haine gehalten werden (18-100 Bäume per acre). Nach ~Beam~ lieferte eine 10 acre große Geneina bei Sher geila bei der ersten Sammlung 75-100 lbs, bei der zweiten und dritten 60, dann mehrmals 50 und am Ende der Saison 10 lbs. Die jährliche Produktion dieses Gartens betrug 12-15 Kantar (d. h. 1200-1500 lbs). Unzeitiger Regen, der aber in der heißen Zeit kaum vorkommt, schädigt die Ernte sehr. Ein niedriger Preisstand vertreibt die Lust zum Sammeln, alsdann geht die Produktion rasch zurück. Von März bis Mai kann Gummi gesammelt werden. In dieser Zeit, ja bis zum Juli, bringen die Sammler das Gummi in kleinen Portionen (5-7 lbs) den Händlern, die bei den Brunnen ihr Zelt aufgeschlagen haben. Die Chefs lassen ihre Sklaven und Weiber sammeln (~David~). Dies rohe Sammelprodukt enthält stets das Gummi mehrerer Acacien, doch scheidet schon der Händler beim Ankauf die dunklen Knollen von Seyal- und Kitrsorten aus. [Kitr (A. stenocarpa) bildet bis 150 g schwere braune Knollen.] Einige Sammler bringen das Gummi nach Mandjura, el Duem oder Fakischowa am weißen Nil, andere nach Dabbe am Nil in Dongola. Dort erwarten sie die arabischen Händler (gellabas). Die Nubier transportieren das Gummi in Ziegenfellsäcken. Die Händler bringen es dann in oben verengte Bastkörbe (llahâwi), die c. 125 kg fassen und auf Kamelen transportiert werden. [Im Durchschnitt ladet man 3-4 Cantar (à 100 Rottoli) auf ein Kamel (~Pallme~).] In Khartoum werden sie dann bis zu 200 kg aufgefüllt. In den Nilstationen wird das Gummi von der anglo-ägyptischen Regierung mit der Regaltaxe von 20% ad valorem belegt. (Schlechte Sorten zahlen weniger.) Während früher das Rohgummi des Sudan zunächst auf dem Rücken der Kamele, dann auf dem Nil über Berber, Dongola, Mokrat und Wadi Halfa nach Kairo und Alexandrien oder von Berber über Land nach Suakim bzw. von Kassala nach Massaua an das Rote Meer gebracht wurde, strömt es jetzt fast ganz in Khartoum resp. dem gegenüber gelegenen Omdurman (am Zusammenfluß des weißen und blauen Nil) zusammen. (Fig. 146.) Auch die Ghezireh-, Gedaref- und Talhasorten werden jetzt dorthin gebracht und während früher das Gummi unsortiert nach Europa kam und sich z. B. in Triest die Gummiauslese zu einem besonderen Beschäftigungszweige entwickelt hatte, wird jetzt viel Gummi schon in Omdurman vorläufig ausgelesen (Fig. 145), sortiert und bisweilen auch, wenn nötig, in der Sonne gebleicht -- in Omdurman befinden sich große Bleichanlagen. Immerhin ging noch 1908 die Hauptmenge des Gummi unsortiert nach dem Norden. In Hamburg hat sich seit Ende des XIX. Jahrh. die Triage entwickelt.
Als beste Sorten gelten: Picket turkey gum und white sennaar gum. Die Haupthandelssorten werden im Sudan und Ägypten nach der Größe der Tränen unterschieden: bold, large, medium und granular, dann nach der Qualität: hard gum (in Triest: Khartumgummi), hart, glasig von hoher Viskosität, meist im bold und large Gummi prävalierend, bleached gum, d. h. in der Sonne gebleichtes Gummi, brüchig und heller infolge der zahlreichen Risse, von geringerer Viskosität. Glasige Sorten werden nicht gebleicht. Das Bleichen verändert die Farbe übrigens nur wenig; sorts ist unsortiertes Gummi. -- Die Viskosität hängt nicht von der Grösse der Körner ab (~Beam~).
Das weniger wichtige +Talh gum+ wird von zwei Varietäten von Acacia Seyal in Kassala am blauen Nil, bei Karkoj mamuria im südlichen Teile des Wad-el-abbas-mamuria und im Roserires Distrikt gesammelt, nämlich von der Talha hamra (= roter talh) und von der Talha beïda (= weißer talh) oder soffar, A. Seyal var. fistula. Bei diesen handelt es sich um natürlich austretendes geringeres Gummi. ~Muriel~ berichtet von Insekten die diese Bäume bewohnen.
Das Gummi von A. vera ~Willd.~ (Acacia arabica), im Sudan santa (plur. sant oder sunt) genannt, ist weniger benutzt. Das Verwunden wird hier durch Herausschneiden von 2-3 Zoll großen Stücken aus der Rinde bewirkt und die Wunde geschlagen.
Es vergehen für gewöhnlich 6 Monate bis die ganze Ernte des Sudangummi nach den ägyptischen Ausfuhrhäfen und dort zur Verschiffung gelangt (~Gehe~).
Auch im +Somalilande+ werden die Acacien angeschnitten (~Vaughan~, ~Miles~) und unterhalb der Schnittwunde eine Bastbinde angelegt. Dies erfolgt Anfang März, die Ernte beginnt einen Monat später und dauert bis zum September (~Paulitschke~). In Abyssinien wurde auch noch 1905 Gummi ganz vernachlässigt, obwohl dort die gleichen Arten wie im Somalilande vorkommen.
=Lit.= ~C. E. Muriel~, Rep. on the forests of the Sudan. 1901. -- ~David~, Kordofang. Apoth. Zeit. 1901, Nr. 97. -- ~Beam~, in III Rep. Wellcome Research Laborat. Khartoum 1908. -- ~Hartmann~, Reise d. Freih. v. Barnim. Berlin 1863. -- ~Pallme~, Beschreib. von Cordofan (Jahresber. 1842, 339). -- ~Vaughan~, Jahresb. d. Pharm. 1852, 86. -- ~Miles~, Journ. R. geogr. Soc. 22 (1872) 64. -- ~Paulitschke~, Ethnographie Nordostafrikas. 1893. -- ~Haggenmacher~, Reise im Somaliland. Peterm. geogr. Mitt. 1876.
Daß Cordofan- und Senegalgummi identisch sind und daher von derselben _Acacia_art stammen müssen, bemerkte zuerst ~Flückiger~ (1869), nachdem ~Cienkowsky~ (1848) festgestellt hatte, daß A. Senegal, die ~Guillemin~ und ~Perrottet~ (1824 bis 1829) am Senegal gefunden, auch im Stromgebiete des Nil vorkommt und ~Schweinfurth~ (1867) gezeigt hatte, daß das beste Cordofangummi in der Tat von A. Senegal stammt. Aber wie auch beim Sudangummi einige Sorten +nicht+ von A. Senegal stammen, so stammt auch nicht alles Senegalgummi von dieser Pflanze. Nur das gomme du bas du fleuve wird hiervon abgeleitet, das Galamgummi dagegen von anderen Arten (A. vera, A. albida, A. Neboued).
Über die =Gewinnung des Senegalgummi= sind wir durch zahlreiche französische Forscher orientiert worden. Acacia Senegal bildet im Senegalgebiete lichte Bestände. Sie geht bis an die Grenze der großen Wüste, in die Oasen derselben und nach Bornu (~Rohlfs~). Die bedeutendsten Gummiwälder (+Krabbas+) finden sich in Sahel im Gebiete des maurischen Stammes der Trarsa, (Fig. 148) der sich von der Küstenlandschaft am rechten Ufer des Senegal aufwärts bis Dagana und tief ins Innere erstreckt. Dann liegen Krabbas bei Alfatak zwischen dem See von Chomak (Kayak) und der Stadt Podor am Senegal und im Lande des Braknastammes. «Diese nördlich vom Strome liegenden Gehölze liefern das vorzüglichste Gummi in reichlichsten Mengen, doch sind eigentlich auch die den Franzosen unterworfenen linksuferigen Gebiete Walo (Ualo) und Cayor (15° n. B.), welche vom Negervolke der Dhioloffen (Djoloi) bewohnt sind, nur ein ungeheuerer Gummiwald» (~Flückiger~). Ferner sind zu nennen die Wälder von Dimar, Toro (am linken Ufer des Senegal), Chamana (am rechten), Diubuldu, Djeuleuss, Ndombo, Sanente, Bokol, Ndiaïen, Lérabé, Diambur (~Louvet~). Das Einsammeln betreiben im Unterlande (bas du fleuve) besonders die maurischen Nomadenstämme der Trarsa, Brakna und Duaisch am rechten Senegalufer bis Bakel (15° n. B.), dann die Negerstämme im Galam- oder Gadingalande und oberhalb Galam (Kadschaga, en haut du fleuve) am Falemefluß die Bewohner der Landschaften Bondu und Bambuk, sowie die der Fulah- und Guidimakhadistrikte. Die Gegenden am +Gambia+ (Rivières du Sud), am Cazamonce, Rio Grande, Rio Pongo und Mélacorée, welche Flüsse alle in den Ferlobergen entspringen, liefern +kein+ Acaciengummi (~Cotton~).
Die Franzosen, die den ganzen senegalensischen Gummihandel in Händen haben, unterscheiden die +gommes du bas du fleuve+, vom Unterlauf des Senegal (Dagana, Podor, Wüste von Bunun, Gebiet der Brakna) und die +gommes du haut du fleuve+ oder Galam, vom Oberlauf (Galam, Bakel, Medine). Der Unterlauf des Senegal, das Unterland, reicht ungefähr bis Mafu, bis wohin der Strom auch bei niederem Wasserstande schiffbar ist. Das weiter aufwärts liegende Gebiet ist das Oberland. Für reichliche Gummiproduktion scheint ein vorhergehender regelmäßiger Regenfall von mindestens 40-50 cm im Juli, August und September und dann im Dezember und Januar (nach ~Guillemin~ und ~Duveyrier~ im Oktober und November) folgende anhaltende, starke und heiße Ostwinde (mbohio, harmattan) aus der Wüste unerläßlich («Wenn der Scirocco fehlt, kommt es auch nicht zu einer Gummibildung», ~Cotton~). Die letzteren trocknen die Rinde aus und bringen sie zum bersten (~Louvet~, ~Pergolotte~). Je stärker und anhaltender der Wind, um so stärker ist auch der Gummifluß (~Guillemin~). Einschnitte scheinen nirgends gemacht zu werden. Das Gummi tritt aus den natürlichen Wunden aus. +Nach dem im Sudan gemachten Erfahrungen+ (s. S. 417) +würde das Senegalgummi wesentlich verbessert werden, wenn man die Eingeborenen veranlassen könnte, Einschnitte zu machen+, denn das natürlich austretende Hashab wady ist ja auch in Cordofan minderwertig (s. oben).
Die Pflanze blüht im Unterland im Januar bis März, im Oberland im November bis Februar. Das Gummi tritt vornehmlich zur Blütezeit des Baumes oder unmittelbar nachher aus. Der Gummifluß erreicht seinen Höhepunkt zwischen Mitte März und Mitte April kurz vor Eintritt der Belaubung. Die Einsammlung (+Traite+) erfolgt vom Dezember oder Januar an. Die Bäume liefern Gummi vom 6. bis 7. Jahre. Wenn sie 3-4 Jahre Gummi lieferten, tritt eine Ruhepause ein. Im Januar und Februar treten bisweilen Seewinde, die reichliche Taubildung oder gar Regen bedingen, ein. Sie erzeugen eine zweite Saftfülle und (im März) unter Umständen eine zweite geringere Sekretion, können aber auch die ganze Ernte schädigen oder vernichten. Auch ~Cotton~ berichtet (1893) von einer zweimaligen Einsammlung: die beste Sorte im April bis Juni (grande traite), eine geringwertige im Dezember bis Februar (petite traite). Die leicht erreichbaren Gummitropfen werden mit der Hand, die schwer zu erreichenden an den oberen Teilen des Stammes mit an Stangen befestigten scheren- oder löffelartigen Werkzeugen abgebrochen (~Guillemin~). Die Einsammlung soll besonders durch Sklaven oder durch Kriegsgefangene der nomadisierenden Stämme am rechten Ufer des Senegal erfolgen. Die Sammler ernähren sich, sobald ihnen die mitgenommenen Nahrungsmittel ausgehen, von dem Gummi. Der Ertrag wird oft durch Epidemien unter den Eingeborenen und durch Feuer vermindert. Das gesammelte, meist in ganze Ochsenhäute (zu 70-120 kg) verpackte Gummi wird auf Kamelen, Ochsen und Eseln nach den Stationen gebracht. Die Kamele tragen c. 300 kg, die Ochsen 120-150 kg, die Esel c. 80 kg. Das Gummi wird von den Franzosen an bestimmten, nach gegenseitigem Einverständnis gewählten Uferstellen (+Escales+) gegen Tauschartikel wie Getreide, Zucker, Reis, Quincaillerie, Waffen, Schmuck, Pulver, Gewebe und besonders einen blauen Baumwollstoff, genannt «la guinée», eingetauscht. Diese Escales oder Handelsstationen am Senegal, bei denen die Kamelkarawanen oft erst nach 50-60 tägigem Marsch eintreffen und auf denen man oft hunderte von Kamelen sieht, sind (Fig. 148) für Gomme du bas du fleuve: Dagana (167 km von der Küste), Podor (267 km), Salde (461 km) und Matam (601 km). Zwischen Matam und Bakel wird ein Gemisch von gutem Gummi mit Galam an den Fluß gebracht und bei Bakel (850 km) beginnt die Region des Galam. Sie reicht bis Medine (1150 km), wo der Fluß einen großen Wasserfall bildet, der der Schiffahrt eine Grenze setzt (~Cotton~ 1893). Das Gummi geht dann auf dem Senegal nach der Hafenstadt St. Louis an der Mündung des Senegal, wo jetzt eine vorläufige Sortierung durch die Société des Importateurs-Trieurs erfolgt (weniger nach Rufisque und Freetown), und von dort (in Jutesäcken à 80-90 kg) nach +Bordeaux+. Dort erfolgt die eigentliche Triage, die Sortierung. Es wird das viele Rindenreste enthaltende Trümmergummi (baquaques ou marrons rôtis), sowie etwa beigemengtes Harz (z. B. Bdellium) entfernt und der Rest durch die +Trieurs+ in die üblichen Handelsorten (s. unten S. 431) sortiert. Der Aufschwung des Senegalgummihandels datiert von der Einführung der Triage in Bordeaux. 1905 war die Produktion des Senegalgummi bedeutend zurückgegangen, da sie sich durch den niedrigen Preisstand des Sudangummi als nicht mehr lohnend erwieß. Auch hinderte die Besetzung der nördlichen Landstriche am rechten Ufer des Senegal, Podor und Kaëdi, durch französische Truppen die Eingeborenen von den Stämmen der Trarsa und Brakna an der Einsammlung und in manchen Gegenden wurde sie ganz aufgegeben. Das über Timbuctu ausgeführte deckte nicht einmal die Transportkosten (~Gehe~).
=Lit.= ~Guillemin~, ~Perrottet~ et ~Richard~, Flor. Seneg. tent. I, 246. -- ~Duveyrier~, Les Touareg du Nord I (Paris 1864) 164. -- ~Soubeiran~, Des gommes du Sénégal. Journ. pharm. 1856, 53. -- ~Louvet~, Voy. d. 1. forêts de gommiers. Journ. pharm. 24 (1876), 405. -- ~Corre~, Journ. pharm. 24 (1876), 318. -- ~Flückiger~, Gummi u. Bdellium. Schweiz. Wochenschr. 1869. -- ~Berenger-Feraud~, Les peuplades de la Senegambie. 1879 (Einsammlung). -- ~Cotton~, La traite des gommes au Senegal. Journ. ph. 1893, 598. -- (D. Gummihandel am Senegal). Bull. Soc. ph. Sud-Ouest (Pharm. Post 1896). -- ~Gehe~, Handelsberichte.
=Handelssorten.= Im Folgenden werden die Sorten in zwei getrennten Gruppen behandelt: Acaciengummi und Gummi von anderen Pflanzen. Das +Rohgummi+ ist ein Gemisch sehr verschiedener Qualitäten, stammt auch bisweilen von verschiedenen Stammpflanzen. Schon ~Ehrenberg~ bemerkt, daß ein und derselbe Baum oft durchscheinendes, mattes, helles und gefärbtes Gummi liefert. Wie beim Traganth (s. d.) werden die verschiedenen Handelssorten durch Auslesen (triage, picking, scelta) des Rohgummi hergestellt. Diese Auslese geschah bei Sudangummi früher fast ausschließlich in Triest, jetzt zum Teil schon in Khartoum (Fig. 145), beim Senegalgummi besonders in Bordeaux (s. oben), bei den anderen Gummis in London, Hamburg u. and. Häfen. Prof. ~Morpurgo~-Triest schreibt mir (1911): «Die alten, patriarchalischen Geschäftsverbindungen der Triestiner mit den ägyptischen Händlern haben aufgehört, so daß jetzt die Vermittlung des Triester Marktes im Gummihandel nur noch wenig Bedeutung hat. Das Geschäft entwickelt sich entweder direkt zwischen den ägyptischen Häusern und den Konsumenten, oder die Ware wird von deutschen, französischen und speziell englischen Spekulanten eingekauft, und infolgedessen konzentriert sich das Geschäft mit ägyptischen Gummi immer mehr in Hamburg, Bordeaux und London. Auch nach New York wird direkt viel Gummi arabicum exportiert. Was die Gummiauslese betrifft, so hat noch immer Triest dafür ein Renommee, es gibt nämlich noch eine Menge von Arbeiterinnen (Sessolote genannt), welche in der «Scelta della gomma» eine außerordentliche Praxis besitzen.»
+Für pharmazeutische Zwecke eignen sich nur die besten Sorten Cordofan- und Senegalgummi.+
I. Acaciengummi.
Acaciengummi kommt aus Afrika, Indien, Australien und Amerika. Doch liefern die einzelnen Arten ein sehr verschiedenwertiges Produkt. Unter den afrikanischen Sorten befinden sich die besten Gummis und das vorwiegend für pharmazeutische Zwecke brauchbare von Acacia Senegal.
A. Afrikanisches Gummi.
=a) Nilgummi= aus dem Stromgebiete des oberen Nil südlich vom 20° n. B.
=1. Westliches Gummi, Cordofan- oder Sudangummi=, das +Hashab geneina G.+ (S. 417). Die beste Sorte: +Picked Turkey+ oder +Picked Cordofan+, diese nur von Ac. Senegal [der Name turkey oder türkisches Gummi ist vielleicht aus torg-Gummi (gomme turique), einem alten Namen für Sudangummi korrumpiert, Torg soll ein Hafen bei Suez gewesen sein, ein Tor liegt auf der Sinaihalbinsel]. Cordofan liegt westlich vom weißen Nil zwischen dem 10. und 15.° n. B. (s. die Karte S. 429). Gewinnung oben (S. 417) beschrieben. +Bestes Gummi des Handels, zum pharmazeutischen Gebrauch geeignet+ (Gummi arabicum officinale), klar löslich, linksdrehend (S. 427), Lösung farb-, geruch- und geschmacklos. Weiches helles Gummi, wird am höchsten geschätzt, hartes, besonders gefärbtes weniger. Die besten Sorten sind fast farblos. Die rundlichen oder wurmförmigen Stücke haben selten mehr wie 2,5 cm Durchmesser, sie sind innen mehr oder weniger glasig, +außen stark rissig+ und trübe. Das Cordofangummi kam früher nach verschiedenen Stationen am Nil (vgl. S. 420), jetzt fast ganz nach Khartoum bzw. Omdurman am Zusammenfluß des weißen und blauen Nil und geht entweder auf dem Nil oder zum Teil auf Karawanenstraßen unter Umgehung der Nilkatarakte nach nördlicheren Nilstationen, wenig erst auf der Eisenbahn Khartoum–Kairo nach Alexandrien. Cordofangummi findet sich in Schilfmatten von pyramidenförmiger Gestalt, die außerdem mit Sackleinen umnäht sind und im Handel deshalb die Bezeichnung Ballen führen (~Weigel~ 1905). Man unterscheidet beim Sortieren (nicht in Cordofan) hartes (hard) und weiches (soft) Gummi. Das harte wird in der Färberei und Seidenfabrikation, das weiche in der Confiserie und Pharmazie benutzt.
Die +Commercial grades+ des Kordofan +Gummi Hashab+ sind (nach ~Beam~ in Khartoum): Grossgum as it is gathered (Natural Turkey sorts), -- Sifted and cleaned sorts -- sifted and cleaned sorts. Medium -- partly cleaned and sifted sorts -- bleached gum Selected Bold, -- bleached gum. Selected Medium -- Half bleached gum, -- Selected sorts. Bold, -- Selected sorts, Large, -- Hard selected sorts, -- Granular sorts cleaned, -- Pickings, partly cleaned, -- Pickings, uncleaned, -- Siftings. Die ersten 8 geben helle Lösungen, die 3 folgenden gelbliche, die 3 letzten dunkle.
In +Triest+ wird sortiert in: Chartum und Cordofan, das erstere hell, hart wie Senegal und eine viskose Lösung gebend, das zweite, das höher bezahlt wird, (bianca scelta, bionda scelta, rossa scelta) ist weicher, zeigt Risse und verliert in der Sonne die Transparenz, eine blasse Lösung gebend von geringerer Viskosität. Weitere Sorten sind: granis crivellato, bianca friabile naturale, mezzo friabile nat., dura nat. und granello naturale. Der +österreichische+ Drogenhandel unterscheidet daher: Natur. Cordofan weich; Natur. Khartoum hart; Natur. Granis grob; elect. albiss.; alb.; flav.; granello. Der +deutsche+ Großhandel unterscheidet (1910) (nach dem Preise geordnet): +Cordofan electum+: mittelstückig, +albissimum+ -- +blondweiß+, weich, groß- und mittelstückig -- +weiß+, mittel- und kleinstückig -- +blond+, großstückig -- +granello+, weiß-fein-grob -- +granis+, hochfein-fein-grob -- +naturell+. -- Kolli à 100 kg. Die beste Sorte (albissimum) ist etwa viermal teuerer als granis und naturell.
~Fromm~ fand bei Cordofangummi:
-------------+-------+--------+----------+------------+ Lösung, |Schäumt| ccm |Viskosität|Säuregrad, | spezifisches | |Schleim | bei 20° |ccm Zehntel-| Gewicht 1,035| |aus 50 g| |Normal- | | | | |Natronlauge | =============+=======+========+==========+============+ hell u. klar | wenig | 15 | 2,21 | 2,5 | hell | mäßig | 20 | 2,0 | 2,4 | „ | „ | 15 | 2,17 | 4,45 | „ | wenig | 52 | 2,23 | 2,35 | sehr hell | mäßig | 11 | 1,59 | 2,3 |
-------------+----------------+----------------+-------+-------------- Lösung, |Drehungsvermögen| Alkalische |Drehung|Klebefähigkeit spezifisches | α_{D} | Kupferlösung | % | Gewicht 1,035| | wird | | | | | | =============+================+================+=======+============== hell u. klar | -2°28′ | etwas reduziert| 2,29 | 14,1 hell | -2°23′ | kaum reduziert | 2,20 | 14,6 „ | -2°29′ | etwas „ | 2,10 | 15,2 „ | -2°47′ | kaum „ | 2,13 | 15,3 sehr hell | -2°36′ | deutlich „ | 2,10 | 11,3
~Lemeland~ fand in Cordofang. 15% Wasser, 2,5% Asche, 35,7% Galaktane, 41,1% Pentosane. Es lieferte Arabinose. Die Analysen von ~Beam~ s. unten (S. 444), die von ~Martina~ S. 437. Weitere in Bullet. Imper. Instit. London. 1908.
Das Sudangummi scheint im Altertum und Mittelalter unbekannt gewesen zu sein. Es ging früher meist auf der Karawanenstraße von Berber (am oberen Nil) nach Suakim am Roten Meer und nach Kairo (Berber und Suakim sind jetzt durch eine Eisenbahn verbunden). Auch damals schon war Khartoum ein wichtiger Gummiplatz. Dort strömten z. B. 1876 10000 cwts Gummi zusammen. Der blühende Sudangummihandel wurde aber zunächst gelähmt -- die Zufuhren von Triest z. B. sanken von 20637 Kolli (1880) auf 10383 Kolli (1883) --, dann fast ganz zerstört, als 1882 die sudanischen Wirren begannen und der Sudan 16 Jahre in Aufruhr sich befand, der jeden regulären Verkehr, namentlich auf der Route Khartoum–Kairo, unmöglich machte. ~Neufeld~, der 1887 nach Cordofan reiste, um Gummi zu erwerben, büßte sein Unternehmen mit zwölfjähriger Gefangenschaft. Bis zum September 1898 befand sich Khartoum, bis November 1899 ganz Cordofan in den Händen der Mahdi (Kalif ~Abdullahi~). Der Kalif hatte den Export von Gummi bei hohen Strafen verboten, da er es zur Verproviantierung seiner Truppen brauchte, auch der Abgang von Kamelen von Berber und Suakim nach Cordofan war untersagt. Gummi gelangte daher nur auf Schleichwegen aus dem Sudan nach Europa. 1888/89 war kein Cordofangummi im Handel. 1888-1890 erschien zunächst Ghezireh als Ersatz und nun machten die anderen Gummi produzierenden Länder (Indien, Australien, Kap, deutsche Kolonien) Anstrengungen, ihr Gummi einzuführen, was besonders dem Senegalgummi überraschend schnell gelang, so daß es bald den Platz des Cordofangummi einnahm. 1890 wurde der Sudanhandel zwar wieder freigegeben, aber es erschien auch 1891 noch kein Gummi und 1892 nur schlechtes sog. Chartumi. Die Verhältnisse blieben bis 1899 schwierig. Der 1896 einsetzende Feldzug der Engländer, der ~Gordon~ das Leben kostete, endete mit dem Falle des Mahdi (1899) und nun kamen allmählich die großen aufgespeicherten, zum Teil vergrabenen Gummivorräte in den Handel. Während Alexandrien, das nun Gummiexporthafen wurde, 1898 nur 257149 lbs Gummi (jeder Provenienz) ausführte, betrug der Export von Cordofangummi 1899 schon: 4160100, 1900: 6042050, 1901: 16937550, 1902: 21791000, 1903: 18939747, 1908: 17 Mill. lbs und erreichte 1909 die enorme Höhe von 26 Mill. lbs, trotzdem seit 1. September 1904 laut Verfügung des Generalgouverneurs des Sudan der Ausfuhrzoll 20% des Wertes beträgt. Aber die Handelsverhältnisse haben sich verschoben. Von der Ausfuhr von +Cordofangummi+ 1902 gingen nunmehr nach Hamburg c. 1 Mill. kg, nach Frankreich c. 3 Mill. kg, nach England c. 1½ Mill. kg, nach New York 1¼ Mill. kg, +nach Triest aber nur+ 787050 kg. Deutschland, das sich in der kritischen Zeit mit Senegalgummi beholfen, importierte 1902 Cordofangummi c. 2 Mill. kg, ostindisches Gummi c. 1⅓ Mill. und anderes Gummi c. 1¼ Mill. kg. Seit 1906 verdrängt nun wieder das Cordofangummi, das heute ein beliebtes Spekulationsobjekt geworden ist, das Senegalgummi. Ein Teil des arabischen Gummi geht auch nach Bombay und kommt von dort mit den indischen Gummis nach Europa (s. unten).
=2. Östliches Gummi.= Unter diesem Namen werden von mir hier G. verschiedener Gegenden östlich vom weißen Nil zusammengefaßt.
=Sennaargummi.= Die Landschaft Sennaar (Sennâr) liegt in dem Dreieck zwischen dem weißen Nil (Bahr el Abjad) und blauen Nil (Bahr el asrak), südlich vom Zusammenfluß beider (s. die Karte S. 429). Die +Sennaarg.+ gelangen jetzt gleichfalls nach Khartoum, früher vielfach über Land via Berber und Kassala nach Suakim und Massaua, besonders von Ghezireh und Gedaref (östlich von Khartoum, südwestlich von Kassala, 14° n. B.) und von Distrikten zwischen Sennaar und dem roten Meer. Obwohl sie im Aussehn dem Cordofanischen G. gleichen, müssen sie von anderen Arten stammen, denn sie drehen meist rechts. Die linksdrehenden stammen wohl von A. Senegal. Gute Sorten heißen meist Gedaref (auch hashab geneina gedaref).
Jedenfalls ein Teil des gelblichen =Gedarefgummi= kommt von A. fistula, einem Baume, der z. B. im Lande Schilluk (10° n. Br.) ganz außerordentlich verbreitet ist und dort so kolossale Gummimengen produziert, daß ein Einzelner leicht 1 cwt täglich sammeln könnte. A. fistula +und+ A. stenocarpa finden sich am linken Ufer des Atbara bei Gedaref und weiter südlich im Distrikt Kalabat und im oberen Stromgebiete des blauen Nil (~Schweinfurth~ 1874). In +Faschoda+ wird das G. von A. verugera ~Schwf.~ gesammelt. Gedaref gum Hashab (1908) sifted and cleaned sorts enthielt 8,52% Wasser und 1,12 Unlösliches. Die Acidität war = 2,95. Die Viskosität betrug 34° Retardation entsprechend einer 60% Rohrzuckerlösung. Die Lösung war braun (~Beam~).
Auch das hierher gehörige =Ghezirehgummi=, das auch heute noch (1911) im Handel ist und gute Preise erzielt -- es bildet relativ kleine, fast glashelle, hell-gelblich-weiße Körner -- muß von einer anderen Acacia als A. Senegal abstammen. Sein ganz anderes Drehungsvermögen deutet darauf (~Fromm~ fand es zu +3°). In den Distrikten südlich von Djesirat fand ~David~ A. Seyal, A. spirocarpa und stenocarpa. In Khartoum gilt «gezira» jetzt als Sekundasorte, da sein Schleim weniger konsistent ist als der des Cordofang. Gezirah (Ghezireh, Gezira, Jerise, Djesire, Djesirat, Dschesire) liegt gegenüber der Mündung des Atbara, 17-18° n. Br., also ziemlich weit nördlich. Etwas Ghezirehg. des Handels stammt aber auch von der Hochsteppe der Bischari zwischen Nil und rotem Meer. ~Lemeland~ fand in vollständig löslichem Gezirehg., das α_{D} +45° drehte, 9% Wasser, 4,1% Asche, 27,8% Galaktane, 47,6% Pentosane. Das G. lieferte Arabinose. Als während des Mahdiaufstandes die Ausfuhr von Cordofang. ganz sistiert war, gelangte Ghezirehg. auf dem Landwege zum roten Meer und bildete z. B. 1888/89 die Ersatzsorte für das Cordofang. Jetzt steht es im Preise den schlechteren Cordofansorten gleich. Das samagh savakumi ist eine schlechte Sorte des Ghesirehg. Das minderwertige G. aus der Landschaft zwischen Sennaar und dem roten Meer wird von A. fistula und stenocarpa abgeleitet (~Heuglin~). In Triest wurde 1911 von Gheziri unterschieden: in sorte, granello und granis.
=Talhgummi= (Talha, Talch, Talka) von A. Seyal (oder A. stenocarpa und fistula abgeleitet, vgl. S. 407), geht zum Teil nach Suakim, bildet kleine, zerbrechliche, verschieden von weiß bis rotbraun gefärbte Stücke oder ein Pulver und hat eine hohe Säurezahl, ja ist manchmal sogar relativ stark sauer. Die Lösung ist gefärbt und wird an Luft und Licht dunkler. Angeschnittene Bäume liefern ein besseres Gummi, dessen Lösung nicht nachdunkelt, wie Versuche in Khartoum zeigten. Talhg. gilt in Khartoum, wohin es jetzt ebenfalls gebracht wird, als Tertiasorte. Bei Talhg. von Kassala schwankte die Acidität zwischen 2,75 und 6,29, die Asche zwischen 2,42 und 4,42%, die Viskosität (im Torsionsviskosimeter) zwischen 29,2° und 43° Retardation entsprechend einer 61,3-63,8% Rohrzuckerlösung. Talh-Gum sorts enthielt 7,77% Wasser, 2,87% Unlösliches. Acidität = 4,50, Viskosität: 34° Retardation entsprechend einer 62,2% Rohrzuckerlösung (~Beam~).
Das wenig benutzte =Santa-= oder =Sunt-Gummi= wird von A. arabica in Sennaar gesammelt. Es ist von guter Beschaffenheit und löst sich zu einem hellen geschmacklosen Schleim (~Beam~). Ein Gummi von Acacia arabica von Sennaar enthielt 11,65% Wasser, 2,02% Asche, die Acidität betrug 2,09. Ferner fanden sich 1908 in Khartoum: Das =Kuk-Gummi= von Acacia verugea ~Schwfth.~, dunkler, löst sich nicht ganz. Es bleibt eine Gelatine zurück. Und das Gummi von Acacia Suma ~Kurz~ (A. campylacantha ~Hochst.~), das =Kakamut= oder =Sinein= der Eingeborenen, ist dunkler, aber vollständig löslich. Die Lösung schmeckt widerlich, etwas nach Terpentin. =Kadab= heißt in Khartoum ein schmutziges wertloses G. (~Muriel~).
Auch das als Mittelsorte geltende, aber oft recht schlechte =Suakimgummi= (Savakim, Savakumi, Sauakim, Hafen am Roten Meer) zum Teil von der Hochebene von Taka und angeblich von A. stenocarpa und fistula, gesammelt, ist hierher zu ziehen. Es ist sehr brüchig, im Handel fast pulverig, hell oder gefärbt, oft rötlich, bisweilen rissig. Das Muster meiner Sammlung ist sehr unrein. Von allen Acacieng. fand ~Wiesner~ das von A. fistula am schlechtesten. Es bildet meist ziemlich stark gefärbte Körner und dreht rechts. In Ägypten heißt das schlechteste G. Samagh Savakumi (= G. von Suakim, ~Flückiger~). Es ist nicht regelmäßig als Sorte im Handel und wird vielfach mit dem Talkag. (s. oben) zusammengeworfen.
=Somaligummi.= Im Somalilande wird ziemlich viel und gutes G. gesammelt, z. B. in der Gegend von Mieh im Innern (~Revoil~), im Jahre 2-3000 t (~Paulitschke~), besonders von A. abyssinica und glaucophylla. Es geht wohl hauptsächlich nach Berbera, das 1904 viel G. exportierte und Bender Felek, und von dort nach Aden oder Dschidda (Gedda) und hierher gehört also wohl ein Teil des Adengummi und des Geddag. (s. unten). Das Rohg. wird von den Somalis sortiert (safi = Auslese). Gute Sorten sind wordi (= feinkörnig) und adad (= grobkörnig), dunklere heißen djerjun, schlechte lerler (~Haggenmacher~). Ich habe in meiner Sammlung zwei Muster Somalig., das eine, +Karamg.+ (Karam ist ein Hafen in der Nähe von Berbera), bildet große hellgelbe Knollen, die nicht ganz löslich sind, das andere, +Jairieg+., ist ein buntes Gemisch farbloser, gelber und dunkelbrauner, rundlicher Stücke. Das Somaligummi ist wohl das G., das die Ägypter vor 4000 Jahren aus dem Lande +Punt+ holten. Das G. des in Ägypten heimischen Sontbaumes (s. oben S. 407) scheinen sie weniger benutzt zu haben.
Auch das =erythräische Gummi=, das unter diesem Namen kaum noch nach Europa kommt, von der erythräischen Kolonie stammt und südlich von Arkiko (bei Massaua) längs der Samharaküste gesammelt wird (die ganze Samharaküste ist voller Gummibäume, ~Munziger~), geht oft nach Dschidda und kommt dann als Geddag. (s. d.) zu uns. Es stammt von A. Senegal und A. Seyal (~Schweinfurth~). In Triest wurde 1911 eine Sorte als =Massauagummi= unterschieden.
=Adengummi.= Nach Aden gelangt außer Somalig. auch Zeylag. Unter dem Namen Adeng. geht wohl vorwiegend ersteres. Ein Teil stammt aus Arabien. Das +Adeng.+ meiner Sammlung besteht aus ungewöhnlich großen, bis 5,5 cm breiten, innen glasigen, außen grobrissigen Stücken, die oft im Innern eine Höhlung haben. +Adeng.+ lieferte 3,7% Asche und enthielt nur 3,92% Unlösliches. Aden exportierte 1905/06: c. 10000 cwts G., das meiste nach Indien.
Das nach dem Hafen von Mekka Djidda (Djedda) oder Gedda (Jidda, Jedda) genannte =Geddagummi=, das bisweilen auch nach der Landschaft Hedschas (Hidschaz), in der Mekka und Djidda liegt, +Hedschas-Gummi+ (samagh hidschazi oder hejazi) benannt wird, findet sich noch jetzt bisweilen im Handel. Es war wohl das Gummi des Mittelalters. Es ist sehr verschiedenen Ursprungs. Nach ~Munzinger~ stammt die Hauptmenge von der Samharaküste zwischen Bab el Mandeb und Massaua, und gelangt über Massaua (und Suakim) nach Djidda. Djidda ist also nur Durchgangshafen. Dann kommt auch aus Berbera (Somali) G. nach Djidda, so daß sich für Geddag. auch der Name =berberisches= findet. Neben dem Namen Geddag. finden sich auch andere Namen für arabisches G., wie Mekkag., El wisch-Gummi u. and. In Triest wurde 1911 Gedda eletta, bianca, rosa und rossa unterschieden. Alle sind großstückig. Im Geddag. fand ~O’Sullivan~ eine andere Gummisäure, wie im Cordofang., die Geddinsäure (s. unten S. 445). Es stammt also jedenfalls nicht von A. Senegal.
Die Herkunft des neuerdings aus dem Innern von =Arabien=, wo verschiedene Acacien wachsen, nach Makalla, Aden, Djidda oder über Land nach Damaskus gebrachten Gummis ist unbekannt, Südarabien sammelt wenig (~Hanbury~). Doch traf ~Glaser~ 1887 im Innern von Yemen vorzügliches G. Die in Triest 1911 gehandelten, früher über Gedda, jetzt über Aden exportierten Sorten =Litty=, =Sarki= (Schiarky), =Fachmi= und =Mecca Fachmi= stammen aus Arabien (~Morpurgo~). Auch im Altertum scheint Arabien Gummi erzeugt zu haben (~Diodorus Siculus~, zur Zeit des Kaisers ~Augustus~), oder doch wenigstens Gummi über arabische Häfen ins Mittelmeergebiet gekommen zu sein. Der uralte Name Gummi arabicum deutet aber keineswegs mit Sicherheit darauf, daß Arabien das +Produktionsland+ war.
=b) Senegalgummi=. Das Senegalgummi des Unterlandes (bas du fleuve), d. h. das nach dem Unterlauf des Senegal gebrachte Gummi, stammt von A. Senegal, das des Oberlandes auch von anderen Arten (A. Noboued, A. vera, A. albida, A. Adansonii, A. Seyal u. and.). Die Gewinnung des Senegalgummi ist oben (S. 423), die chemischen Eigenschaften S. 437 geschildert. Hauptausfuhrhafen ist St. Louis an der Senegalmündung. Das meiste Gummi geht nach Bordeaux, wo die zweite Sortierung (triage) durch die trieurs erfolgt (s. oben). Der Gummihandel am Senegal ist Monopol französischer Firmen. Auch die Royal-Niger-Compagnie exportiert Gummi. (1906: 6080 cwts) Die Verpackung geschieht in Säcken aus Ochsenhaut à 70-120 kg. Das Senegalgummi nimmt nach dem von Jahr zu Jahr steigenden Export an Erdnüssen (Arachis hypogaea) unter den Produkten Senegambiens meist den ersten Rang ein. Es geht frei nach Frankreich. Auch beim Senegalgummi unterscheidet man harte (dures) und weiche (molles, friables) Sorten. +Rohes Senegalgummi+ wird in drei Hauptklassen eingeteilt:
1. +Hartgummi.+ +Gomme du bas du fleuve+ (Pudor). Besteht aus ziemlich großen, runden, wurmförmigen oder unregelmäßig geformten Tränen, variierend von fast farblos bis dunkelgelb.
2. +Gomme du haut du fleuve+ (Galam). Kommt vom oberen Senegal. Die Tränen sind kleiner als die von «Bas du fleuve» und im ganzen dunkler.
Der Ausdruck +Galam+ wird übrigens sehr verschieden benutzt, meist bezeichnet er schlechtere Qualitäten und nicht nur solche vom Oberland. Galam (oder Kadschaga) ist der Name der Landschaft bei Bakel (s. die Karte S. 423) am linken Ufer des Senegal.
Beide, besonders aber 2., werden oft mit glasigen Stücken von rötlicher Farbe und bitterem Geschmack vermischt gefunden, die wohl von dem Gummi von A. arabica und anderen Acacienarten herrühren.
3. +Gomme friable+ (Salabreda). Dies ist besonders das Produkt von A. albida (weißer Baum = Cedra beida oder korrumpiert Sadra-beida, Sadra-brada und Sala-breda). Das Gummi ähnelt rohem Salz. Es ist sehr bröcklich und seine Lösung hat weniger Viskosität als die der oben erwähnten Gummis. Gewöhnlich besteht es aus kleinen Fragmenten oder wurmförmigen Tränen. Letztere sind oft fast farblos, aber die Fragmente sind gewöhnlich dunkel gefärbt. Die Varietät korrespondiert in der Qualität mit dem Talhgummi vom Sudan.
4. Ein Gummi vom mittleren Laufe des Senegal trägt bisweilen den Namen Gomme Mediné.
Nach der in Bordeaux vorgenommenen Sortierung unterscheidet man:
1. +Gomme blanche.+ Bildet farblose bis schwach gefärbte, aber nie so schön weiße Stücke wie Cordofang., von sehr verschiedener Größe (1-4 cm). Die meisten derselben haben 1 cm im Durchmesser und sind kugelig bis ellipsoidisch geformt, innen glasig und oft hohl und weisen bisweilen eine netzförmig von Rißlinien durchzogene Oberfläche auf, welche, mit der Lupe betrachtet, eine feine Parallelstreifung erkennen läßt. Die einzelnen Stücke haben auch im Gegensatz zu den besten Sorten des arabischen Gummis geringen Glanz, was die Unterscheidung von letzterem leicht macht. Eine zweite, dem Gomme blanche fast in allen erwähnten Eigenschaften analoge Sorte bildet das:
2. +Gomme petite blanche.+ Die einzelnen Stücke sind viel kleiner und haben nur einen Durchmesser von 0,5-1,5 cm, wurmförmige, sind häufig.
3. +Gomme blonde.+ Weingelbe Stücke mit einem Stich ins Rötliche, in der Größe jenen der Sorte Gomme blanche ähnlich, die Oberfläche ist rauh; mit der Lupe betrachtet zeigen sich viele Runzeln und Streifen, hingegen wenige Sprunglinien. Innen glasig, bernsteinartig.
4. +Gomme petite blonde.+ Diese Sorte hat kleinere Körner als die frühere, ist aber in bezug auf die Eigenschaften mit derselben identisch. Der Durchmesser der einzelnen Körner ist 0,5-1,5 cm.
5. +Gomme vermicellée blanche.+ Weißlich bis blaßgelb gefärbte, stalaktiten- oder wurmförmige Stücke.
6. +Gomme forte à fabrique+ ist eine mit dem Gomme blonde im allgemeinen übereinstimmende Sorte, welche jedoch dunkler gefärbt ist und aus ungleichen Stücken besteht, daher ebenso wie die folgenden Sorten den bereits erwähnten als minderwertig nachsteht.
7. +Gomme boules+ wird aus Stücken bis zur Größe einer Orange gebildet, ist blaßgelb gefärbt und dürfte wohl künstlich geformt sein (für Reklameauslagen in Schaufenstern in Frankreich benutzt).
8. +Galam en sorte+ besteht aus sehr ungleich, von hellgelblich bis rotbraun gefärbten Stücken von sehr verschiedener Größe; es finden sich neben runden auch wurmförmige Körner vor, sowie öfters Rindenstückchen, welche die Ware verunreinigen.
9. +Gomme du bas du fleuve en sorte.+ Weingelb oder dunkler gefärbte, dicke, wurmförmige, gestreifte oder gerunzelte Stücke, meist 1-3 cm lang, 0,5-0,8 cm stark. Oft ist die Oberfläche mit dünnen Rindenstückchen bedeckt.
10. +Salabréda en sorte+ (Sadrabeida). Dünne, ast- bis wurmförmige Körner, welche eine weiße bis gelbe Farbe zeigen und von kleinen, sehr verschieden gefärbten Bruchstücken und Rindenteilchen durchsetzt sind. Die Sorte ist sehr ungleich und stammt vielleicht von verschiedenen Stammpflanzen.
11. +Baquaques et marons.+ Diese Sorte ist von sehr geringem Werte, stark verunreinigt; es finden sich Rindenstückchen und andere nicht gummöse Substanzen vor, so daß der Gehalt an Gummi gewöhnlich 73% nicht überschreitet. Die Lösungen zeigen geringe Klebkraft und die einzelnen Stücke sind ungemein verschieden gefärbt (licht weingelb bis rötlichbraun, graulich, sogar schwarz), oft vakuolig. Der Geschmack der Lösung ist ein rein süßlicher und erinnert an Karamel.
Die sogenannte Bruchware wird ebenfalls sortiert, und kommen im französischen Handel folgende Sorten vor:
12. +Gomme gros grabeaux.+ Körner bis 8 mm Durchmesser, auch astförmige Stückchen, welche etwas länger sind.
13. +Gomme moyen grabeaux.+ Körner bis 8 mm Durchmesser, kommt im österreichischen Handel unter dem Namen Granisgummi vor.
14. +Gomme menus grabeaux.+ Körner 2-3 mm im Durchmesser; enthält keine wurmförmigen Stücke.
15. +Gomme poussière grabeaux.+ Diese Sorte stellt ein ziemlich homogenes grau-gelbliches Pulver dar, dessen Körner weniger als 1 mm Durchmesser zeigen.
Oft findet man auch die Namen: Gomme grosse blanche -- Grosse blonde, -- Petite blanche -- Petite blonde -- Blonde larmeuse -- Damienne blonde ou rouge -- En sorte en bas du fleuve -- Galam -- Salabréda, Sadrabeida (unrein) -- Baquaques ou marrons rôtis = Trümmergummi (mit Bastfasern und Rindenstücken verunreinigte verklebte Massen [G. lignirode]) -- Außer Gros, Moyens und Menus grabeaux auch Fabrique grabeaux -- Poussière de gomme. -- +Gomme pelliculée+ (~Guibourt~) ist ein Senegalg., dessen Stücke an einer Stelle von einem gelblichen undurchsichtigen Häutchen bedeckt sind.
Der deutsche Großhandel unterscheidet: +Senegal elect.+, weiß, mittelgroß -- +naturblond+, großstückig, hell -- Granen und Granellen +hell+ -- +naturell+. Der österreichische Handel: Grosse blanche, Grosse rouge und Granello. Auch die besten Sorten erreichen nicht die Preise der besten Sorten Cordofan.
~Fromm~ fand bei Senegalgummi:
-------------+-------+-----------+----------+------------+ Lösung vom |Schäumt|ccm Schleim|Viskosität|Säuregrad, | spezifischen | |aus 50 g |bei 20° |ccm Zehntel-| Gewicht 1,035| | | |Normal- | | | | |Natronlauge | =============+=======+===========+==========+============+ hell | mäßig | 3 | 1,94 | 2,1 | gelblich | „ | 9 | 2,0 | 2,1 | gelblich | „ | 10 | 1,64 | 2,0 | hell | stark | 10 | 1,7 | 1,95 | gelblich | mäßig | 12 | 2,0 | 1,95 | sehr hell | „ | 30 | 2,13 | 2,4 | sehr hell | „ | 35 | 2,41 | 2,3 | hell | stark | 8 | 1,87 | 2,15 | hell | „ | 10 | 1,69 | 2,1 | gelblich | mäßig | 35 | 1,9 | 2,0 | hellbraun | „ | 18 | 1,58 | 2,25 |
-------------+----------------+---------------+----------+------------ Lösung vom |Drehungsvermögen| Alkalische |% Dehnung|Klebfähigkeit spezifischen | α_D | Kupferlösung | | Gewicht 1,035| | wird | | | | | | =============+================+===============+=========+============= hell | -2°26′ |etwas reduziert| 2,16 | 13,0 gelblich | -2°20′ | „ „ | 2,06 | 14,1 gelblich | -1°25′ | „ „ | 1,99 | 12,6 hell | -1°19′ | „ „ | 1,93 | 12,9 gelblich | -2°16′ | „ „ | 2,23 | 14,0 sehr hell | -2°28′ | „ „ | 2,17 | 14,4 sehr hell | -2°47′ | kaum „ | 2,13 | 14,8 hell | -2°51′ | deutlich „ | 2,19 | 13,0 hell | -1°44′ | etwas „ | 2,12 | 11,2 gelblich | -2°27′ | „ „ | 2,15 | 12,7 hellbraun | c. 1° | kaum „ | 1,99 | 11,0
Möglicherweise brachten schon 1365 Kaufleute von Dieppe und Rouen, die «Pfeffer» holten, Gummi von der westafrikanischen Küste, St. Louis wurde schon zu dieser Zeit gegründet, aber erst 1449 tritt Gummi wirklich als Handelsartikel der portugiesischen Insel Arguim am Cap Blanco auf (~Kunstmann~), welche Insel von 1638 an Stützpunkt des Gummihandels der Holländer wurde, die die Insel eroberten, aber 1678 an die Franzosen, die schon vor 1664 sich am Senegal festgesetzt hatten, abtreten mußten, von welcher Zeit an die Franzosen mit geringen Unterbrechungen Herren des Gummihandels wurden. 1555 erwähnt ~Sebastian Münster~ Senegalgummi in seiner Cosmographie. Der Gummihandel war Sache der Compagnie des Indes occidentales (I, S. 919), dann seit 1674 der Compagnie d’Afrique u. and. Gesellschaften. 1758 bis 1779 war England im Besitze der Kolonie, die aber 1785 wieder an die Franzosen überging. Damals wurde eine Compagnie de la Gomme gegründet, der 1786 die Comp. du Sénégal folgte (~Durand~). Bereits 1760 erschienen 18000 cwt Senegalgummi am Markt. Der Aufschwung datiert von der Einführung der Triage in Bordeaux durch ~A. Doris~ père 1832. 1865 erreichte die Ausfuhr von Senegalgummi den Wert von fast 4½ Mill. frs., der Export betrug 2,4 Mill. kg, 1880: 3013624 kg. 1884 wurde, als wegen der Erfolge des Mahdi im Sudan das Cordofangummi ausblieb, das Senegal-Konsortium gegründet. 1893 betrug die Produktion bereits c. 8 Mill. kg (~Cotton~). 1894 betrug die Ernte: 40000 Ballen, 1895: Bas du fleuve 35000 Ballen, Galam 10000 Ballen. Das Senegalgummi war das herrschende Gummi des Weltmarktes geworden. 1896 importierte Bordeaux 38600 Säcke. 1897 betrug die Ernte: 29000 Ballen Bas du fleuve und 21000 Ballen Galam, 1898: 20000 Ballen Bas du fleuve und 18 000 Ballen Galam. 1902 wurden 3 Mill. kg exportiert (20000 Ballen Bas du fleuve, 12000 Ballen Galam). Die Preise für Senegal gingen aber stark zurück, seit Cordofan in bester Qualität wieder erschien (1902) und die Einsammlung wurde, da weniger lohnend, eingeschränkt. 1903 erscheinen nur 6000 Ballen Galam im Handel und 1904 exportierte +St. Louis+ nur 2370031 kg, davon 1842610 kg Hartgummi von den nördlichen Distrikten des Senegal, 484095 kg vom Sudan und Senegambien, 37396 kg Bruch und 5930 kg Staub; 1905: 49482 cwts. 1905 betrug der Export: 49482 cwts. +Marseille+ empfing 1908 noch 6522 dz Senegalg., 1909 nur 4565, 1910 nur 2250 dz gegenüber 10094, 12204 und 10781 G. anderer Provenienz (bes. Nilgummi). Neben Bordeaux kommen auch Hâvre und Paris als Stapelplätze in Betracht.
Das Senegalgummi scheint allmählich seine Bedeutung zu verlieren. Die Produktion schwankt jetzt zwischen 2 und 4 Mill. kg. Es findet in der Hauptsache nur technische Verwendung (~Caesar-Loretz~).
=c. Maroccogummi= (Mogador, Barbarisches, braunes Barbary) aus Mogador, Saffi und Mazagan verschifft, wird von A. gummifera ~Willd.~ (nach ~Jackson~ = altalch) abgeleitet (~Hooker~), spielt jetzt aber keine große Rolle mehr. Marocco verschiffte nach England 1905: 1731, 1906: 2073 cwts. Von dem Maroccogummi wurde (1891) die bessere Sorte als Mogador, die schlechtere als Amrad unterschieden (~Maben~). Es kam früher besonders aus den Provinzen Sûs und Abda, weniger aus Shedma und Duguella, jetzt auch aus Fessan. Es ist nicht immer ganz in Wasser löslich (~Pereira~, ~Guibourt~). Neben diesem fanden sich auch unter dem Namen weißer Mogador helle, vollkommen wasserlösliche Tränen, die wohl aus dem Sudan und von A. Senegal stammten. A. gummifera wächst in den Provinzen Blad Hamar, Rahamma und Sûs. 1888, zur Zeit der Gumminot, lieferte Mogador bessere Sorten. Bisweilen bilden Marocco, Mogador und Brown Barbary drei unterschiedene Sorten. Maroccogummi dreht rechts und soll von allen Gummis die geringste Menge Schleimsäure liefern (doch fand ~Martina~ 1894 c. 18%, vgl. S. 437). Vom Sudan wurde 1878 auch das Gummi von A. arabica nach Marocco gebracht (~Hooker~). Es löst sich. gut zu einer hellen geschmacklosen Lösung.
=d. Tunisgummi= ist meist besser als das Maroccogummi. Es stammt von A. horrida (~Doumet-Adanson~). Die Ausfuhr ist gering. Die Ausfuhr von =Tripolis= erreichte 1890-1900 nur den Wert von £ 150-250 pro Jahr.
=e. Capgummi= und =Orange River Gummi= wird besonders von der im Hererolande weit verbreiteten Ac. horrida ~Willd.~ (Dornbaum) gesammelt, dann auch von A. Karoo ~Hayne~ (Karoobaum), die wohl mit A. capensis ~Burchell~ identisch oder nahe verwandt ist (dies Gummi stammt vorwiegend vom Orangefluß) und von A. Giraffae, die in Groß-Namaqua und Damaraland häufig ist. Capgummi kommt auch als hartes und weiches Gummi im Handel vor. Sein Aufschwung datiert von der Zeit der Gummimisere. Es ist gefärbt und viele Stücke lösen sich nicht klar in Wasser zu einem dicken Schleim (~Vée~).
=f. Gummi aus den deutsch-afrikanischen Kolonien.= Neuerdings -- besonders als die Gumminot Ende des XIX. Jahrh. am höchsten gestiegen war -- hat man versucht, Gummi sowohl aus Deutsch-Ostafrika (Usambara), wie aus Deutsch-Südwestafrika (Angra Pequena, Namaqualand) in den Handel zu bringen. Deutsch-Ostafrika liefert noch wenig (kaum für M. 1000 jährlich), Deutsch-Südwestafrika aber (nach dem Cap und direkt) viel (für M. 10000 und mehr. 1897: 5000 kg, ~Worlée~). Das Gummi der deutschen Kolonien ist von sehr ungleichem Werte. Zum Teil mag dies darauf zurück zu führen sein, daß man die guten Gummilieferanten noch nicht kennt oder doch von den schlechten nicht genügend unterscheidet, zum Teil darauf, daß die Auslese (Triage) noch in den Kinderschuhen steckt. -- Man findet oft in dem gleichen Handelsmuster helle und dunkle, lösliche und unlösliche Stücke. Für pharmazeutische Zwecke ist es unverwendbar. A. horrida vermag jedenfalls ein gutes Gummi zu liefern, das von A. usambarensis und Giraffae scheint jedoch minderwertig zu sein.
In =Deutsch-Ostafrika= sind besonders A. stenocarpa, A. usambarensis und A. spirocarpa, vielleicht auch A. arabica, A. Seyal, A. verugera, A. Stuhlmanni, A. Kirkii gummiliefernd. Die gummiliefernden Acacien Ostafrikas hat ~Taubert~ zusammengestellt (in ~Engler~, Pflanzenwelt Ostafrikas und Notizbl. d. Bot. Gart. Berlin Nr. 14, 1898).
Das Gummi aus =Deutsch-Südwestafrika= ist, da die gleiche Stammpflanze und zum Teil wohl auch die gleichen Provenienzen in Betracht kommen, mit einem Teile des Capgummi identisch. Jedenfalls stammt der größte Teil des südwestafrikanischen Gummi von A. horrida (~Warburg~, ~Marloth~) und nur ein kleiner Teil von A. erioloba, A. Giraffae, A. albida und A. dulcis. ~Gessert~ empfahl daher die Anpflanzung der A. horrida, des Dornbaums. +Die Vegetationsbedingungen in Deutsch-Südwestafrika, das sonst fast nichts hervorbringt, eignen sich in der Tat ganz außerordentlich für die Kultur von Gummiacacien und außer+ A. horrida +möchte ich auch+ A. Senegal +und+ A. arabica +zur Kultur empfehlen+.
Das Gummi von =Angra Pequena=, das ~Hartwich~ (1898) untersuchte, stammte wohl von A. horrida ~Willd.~ Es besitzt eine starke Viskosität, dreht rechts, hat eine geringe Aschenzahl (1,997-2,722%) und löst sich in Wasser. Gummi aus dem Hinterlande von Angra Pequena drehte bald rechts: G. Tlach (= braun), bald links: G. Amrad (~Dieterich~). Eine dritte Sorte war als Auruar bezeichnet. ~Hefelmann~ bestimmte in sog. Heiragummi von A. horrida den Pentosangehalt zu 20,65-51,21% (bestes Cordofan 29,4%), das Wasser zu 8,5-17%. Neuerdings untersuchtes Gummi von A. horrida ~Willd.~ aus Südwestafrika (Angra Pequena) erwies sich als bestem G. arabicum gleichwertig (~Meininger~ 1908). Ein Gummi von A. detinens ~Burch.~ vom nördlichen Hererolande (Watersberg) löste sich in Wasser und besaß starke Klebkraft, war aber gelbbraun gefärbt (~Mannich~).
Das Gummi aus =Deutsch-Adamaua=, das 1909: 274110 kg exportierte, wird in 3 Sorten: Falli und Marrua von A. Senegal (und xanthophloea?) und Mumuye (von einem Combretum) gehandelt (~Dalziel~, Bull. Kew Gard. 1910).
Auch die deutsche Kolonie =Togo= liefert etwas Gummi. Das Gummi von der Station Sansanne Manga in Togo, von einer mit A. arabica verwandten Art, untersuchte ~Fendler~.
=g.= Das Gummi von =Angola=, der an Deutsch-Südwestafrika im Norden angrenzenden Kolonie, stammt nach ~Moller~ von A. horrida ~Willd.~, A. etbaica ~ Schwf.~, A. erubescens ~Welw.~, A. albida ~Del.~ (Cócótó, Capollo, Espinheira).
=h.= Das Gummi von =Nord-Nigeria= (aus den Provinzen Bornu und Yola) stammt besonders von Acacia Senegal (Kol-Kol), A. Seyal (Karumga), A. Suma (kara kaia) und A. Sieberiana (Katalabu u. Farin kaia). Die Ausfuhr betrug 1905: 4140, 1906: 6080 cwts. (Beschreibung und Analyse in Bullet. Imper. Instit. 1910).
=i.= Auf =Réunion= wird von A. dealbata und A. Lebbeck G. gesammelt (~Bocquillon~ 1899).
B. Indisches Acaciengummi.
Die Pharmacographia indica bemerkt 1890, daß das aus Ostindien, besonders Bombay, exportierte G. arabicum ausschließlich «vom Roten Meer» stammt, also ostafrikanisches Gummi ist. «No part of it being the produce of India.» Von dem arabischen Gummi unterscheidet der indische Markt zwei Sorten: maklai (große runde oder wurmförmige Stücke, ähnlich dem Senegalgummi) -- nach dem Hafen Makala genannt -- und maswai (eckige oder wurmförmige Stücke) -- nach dem Hafen Massaua genannt -- (~Dymock~). Auch die Namen Bombay pink und Aden pink sind für Sudangummi in Indien in Gebrauch (~Prebble~).
Es wird aber seit 1893 auch Acaciengummi, das aus Indien selbst, und zwar den Wüsten im Nordwesten, stammt, exportiert. Das Gummi von Sind (Karachigummi) liefert besonders A. Senegal, dann auch A. arabica, die beide in der Wüste wachsen. Das Oomarkoteggummi stammt jedenfalls von A. Senegal (~Prebble~ 1893). Die besten Qualitäten +ostindisches+ oder Bombaygummi sind blaßbräunlich oder rötlich und vollkommen in Wasser löslich. Das Pondicherygummi ist weniger gut. Das Gummi von Acacia arabica aus Ostindien ist das +Amrad+-, Amraoti-, oder Oomrawatti-gummi (von hamra = rot). Es bildet ziemlich große, zum Teil stark gefärbte Tränen und gibt einen schwachen reduzierenden Schleim. Die dunkleren Stücke enthalten Gerbstoff. ~Fromm~ fand die Drehung -1° 12′.
Auch ein Teil des =Ghatti, Ghátí oder Gatti gum= aus Indien wird von A. arabica gewonnen (~Atkinson~). Das Gummi der von Penjáb bis Behar vorkommenden A. arabica heißt in Indien +Babul gum+ (babúl-kí-gónd, kikar, ki-gónd, babúl-gónd) und ist ein minderwertiger Ersatz für Cordofangummi. Man sammelt es im März und im April. Ein Baum liefert 2 lbs (~Watt~, Dict.). Das Gattigummi meiner Sammlung (1888) bildet relativ große, hellgelbliche, glasige Knollen. Der Namen Ghátí (das Adjektiv ghati bedeutet: aus dem Lande Desh stammend, ~Dymock~) wird aber auch für das Gummi von Anogeissus latifolius benutzt (s. weiter hinten S. 437).
Weniger Bedeutung besitzen die Gummis von Acacia leucophloea (ist in Wasser reichlich löslich), von Ac. Catechu (auch fälschlich unter dem Namen babul gum gehend), hauptsächlich in rundlichen, gefärbten Tränen (reichlich in Wasser löslich), von A. modesta ~Wall.~, kommt aus Nordindien unter dem Namen Amritsargummi in kleinen Tränen oder wurmförmigen Stücken (sehr löslich in Wasser) und von Acacia Farnesiana aus Sind, rundliche Stücke, hellgelb-rötlichbraun, (in Wasser teilweise löslich); enthält oft einen Pilz (Ascomycet?) und Kristalle. Auch das Gummi von Ac. ferruginea ~Dc.~, A. Jacquemontii ~Benth.~, A. lenticularis ~Ham.~ und A. Suma ~Kurz~ wird in Indien gesammelt.
Das indische Gummigeschäft wird oft durch Pest und Hungersnot ungünstig beeinflußt. Gummi wird neuerdings auch sortiert in: glasig, blaß, ostindisch fein, ostindisch-rot Amrad.
Vorderindien exportierte Gummi arabic. 1905/06: 3967, 1906/07: 2684, 1907/08: 3010, 1908/09: 1119 cwts.
C. Australisches Acaciengummi.
Aus Australien, das ja sehr reich an Acacien ist, wurde besonders seit der Gumminot Gummi exportiert (1899: 2186, 1905 aber nur 98 cwts). Obenan steht hier das Gummi des Golden oder Common Wattle Tree, A. pycnantha ~Benth.~, das sog. +Wattle gum+ aus Victoria. Es bildet große, gelbliche oder rötliche, wasserlösliche Tränen, ist aber bisweilen gerbstoffhaltig; dann das ebenfalls wasserlösliche Gummi (+Sidneygummi+) von A. decurrens ~Willd.~ (A. mollissima ~Willd.~), des Black oder Green Wattle tree und die G. von A. homalophylla ~A. Cunn.~, A. pendula ~Cunn.~, A. sentis ~F. v. M.~
Als gummiliefernd werden auch A. excelsa, A. Farnesiana, A. harpophylla, A. neriifolia criophylla und A. microbotrya angegeben. Die Gummis von A. binervata ~Dc.~, A. dealbata ~Lk.~, A. elata ~Cunn.~, A. glaucescens ~Willd.~, A. penninervis ~Sieber~, A. vestita ~Ker. Gawl.~ sind nicht ganz löslich und lassen 4-41% ungelöst. Exportiert wird zurzeit vornehmlich das Gummi von A. pycnantha. Die Eigenschaften der australischen Gummis gehen aus folgender Tabelle ~Maidens~ hervor.
--------------------+--------+------------+---------+---------+------- +I. Gruppe+ | Arabin | Metarabin |Feuchtig-| Asche | (Arabin-Gruppe) | | (Bassorin) | keit | | ====================+========+============+=========+=========+======= Acacia homalophylla | 79,84 | ---- | 16,83 | 2,86 | „ pendula var. | | | | | glabrata | 79,5 | ---- | 17,51 | 2,39 | „ sentis | 76,97 | ---- | 7,88 | 4,59 | --------------------+--------+------------+-----------+---------+----- +II. Gruppe+ | Arabin | Metarabin | Holz- |Feuchtig-| Asche (Übergang zu III) | | (Bassorin) | substanz| keit | ====================+========+============+===========+=========+===== Acacia binervata | 76,57 | 4,24 | 1,62 | 16,01 | 0,771 „ dealbata | 76,37 | 4,163 | 1,0 | 16,3 | 1,12 „ elata | 74,20 | 6,85 | ---- | 17,73 | 0,581 „ glaucescens | 66,59 | 12,30 | 0,5 | 16,48 | 3,18 „ penninervis | 70,30 | 11,42 | ---- | 16,67 | 0,66 --------------------+--------+------------+---------+---------+------- +III. Gruppe+ | Arabin | Metarabin | Holz- |Feuchtig-| Asche (Metarabin-Gruppe) | | (Bassorin) | substanz| keit | ====================+========+============+=========+=========+======= Acacia decurrens | | | | | (Cambewarra) | 41,07 | 32,96 | ---- | 23,26 | 2,38 „ decurrens | | | | | (Rydalmere) | 23,45 | 49,88 | ---- | 25,45 | 1,706 „ decurrens | | | | | (Gosford) | 30,10 | 44,45 | ---- | 20,57 | 3,418 „ decurrens | | | | | (Valley) | 29,10 | 46,20 | ---- | 21,02 | 2,827 „ decurrens | | | | | (Sydney) | 17,20 | 56,14 | ---- | 23,83 | 2,08 „ mollissima | 23,82 | 52,10 | ---- | 21,66 | 2,081 „ mollissima var.| | | | | Leichhardtii | 9,20 | 66,59 | ---- | 21,20 | 2,28 „ mollissima var.| | | | | Leichhardtii | 7,90 | 63,80 | ---- | 23,83 | 3,80 „ vestita | 38,99 | 46,40 | 1,2 | 11,63 | 0,954
D. Amerikanisches Acaciengummi.
Ohne große Bedeutung ist z. B. das sog. +Paragummi+ aus Brasilien, das von A. Angico ~Mart.~ gesammelt wird und dem Arab. G. ähnlich ist. ~Lemeland~ fand in einem Gomme de Brésil (Angico) 7,8% Unlösliches, 12,75% Wasser, 2,2% Asche, 20,6% Galaktane, 70,2% Pentosane. Es lieferte Arabinose und drehte α_{D} = +46°94. Auch ~Vée~ analysierte (1888) brasilianisches G. Das +Cujigummi+ aus Caracas wird von A. micrantha ~Benth.~ abgeleitet. Wasser löst nur 26%.
Eine gute Übersicht über die Beschaffenheit der +Acaciengummis+ gibt folgende Tabelle von ~Martina~.
--------------+---------------+------+-------+---------+------------ Name des | Ort der | Asche|Kalk in| Kalk in |Schleimsäure Gummis | Herkunft | | Gummi |der Asche| | | % | % | % | % ==============+===================================================== Arabisches | Arabien | 3,60 | 1,04 | 28,88 | 22,98 „ | Senegal | 3,25 | 0,90 | 27,69 | 19,72 „ | Ghezireh | 2,75 | 0,94 | 34,13 | 12,42 „ | Senegal | 3,30 | 0,95 | 28,70 | 15,13 „ | „ | 7,16 | 1,21 | 16,89 | 22,68 „ | „ | 3,30 | 1,07 | 29,39 | 12,30 „ | Aden | 3,70 | 1,33 | 35,40 | 18,68 „ | Mogador | 3,50 | 0,78 | 22,30 | 18,10 „ | Neu-Holland | 0,50 | -- | -- | 45,82 „ | Egypten | 3,60 | 0,64 | 17,77 | 14,95 „ | Keggias | 3,15 | 1,17 | 37,14 | 10,27 G. Chartum | Obernil | 3,05 | 1,22 | 40,00 | 5,67 G. bianca | Sudan | 3,30 | 1,00 | 30,30 | 6,72 Arabisches | Ostindien | 4,16 | 0,97 | 23,31 | 14,75 G. Galam | Senegal | 3,00 | 0,53 | 17,66 | 15,15 G. Adansonii | „ | 4,05 | 0,61 | 15,06 | 4,00 A. Senegal | „ | 3,30 | 0,78 | 23,63 | 10,03 A. nilotica | Egypten | 2,80 | 1,36 | 45,00 | 5,91 „ „ | „ | 2,60 | 0,77 | 29,61 | 13,40 A. homaloph. | Melbourne | 2,20 | 0,78 | 35,45 | 55,41 A. Lebbeck | Isle d. France| 3,25 | 0,49 | 15,07 | 22,99 A. dealbata |Van Diemensland| 0,65 | -- | -- | 39,09 A. della Vesta| Australien | 0,75 | -- | -- | 45,49 A. Angico | Brasilien | 2,89 | -- | -- | 1,23
--------------+---------+--------+--------+--------------+--------- Name des |Galaktose|Furfurol|Pentosen|Gesamtglukosen|Galaktose Gummis | | | | |+Pentosen | % | % | % | % | % ==============+==================================================== Arabisches | 30,66 | 13,57 | 27,14 | 58,30 | 57,80 „ | 26,29 | 12,97 | 25,94 | 57,58 | 52,23 „ | 17,89 | 19,32 | 36,62 | 60,66 | 54,52 „ | 20,17 | 16,75 | 33,50 | 60,59 | 53,67 „ | 30,24 | 16,58 | 33,16 | 64,34 | 63,40 „ | 16,68 | 22,40 | 44,80 | 61,53 | 61,48 „ | 24,90 | 15,26 | 30,52 | 56,90 | 55,42 „ | 24,13 | 13,90 | 27,80 | 50,31 | 51,93 „ | 61,09 | 10,85 | 21,70 | 43,75 | 82,79 „ | 19,93 | 15,56 | 31,12 | 55,10 | 51,05 „ | 13,69 | 21,06 | 42,12 | 57,72 | 55,81 G. Chartum | 7,56 | 24,60 | 49,20 | 63,90 | 56,76 G. bianca | 8,96 | 17,60 | 35,20 | 42,76 | 44,16 Arabisches | 19,66 | 17,68 | 35,96 | 56,52 | 55,62 G. Galam | 20,20 | 13,91 | 27,82 | 47,16 | 48,02 G. Adansonii | 5,34 | 21,10 | 42,20 | 46,11 | 47,54 A. Senegal | 13,37 | 13,89 | 27,78 | 43,80 | 41,15 A. nilotica | 7,88 | 21,44 | 42,88 | 49,13 | 50,16 „ „ | 17,86 | 30,10 | 60,20 | 70,80 | 78,06 A. homaloph. | 73,77 | 9,75 | 19,50 | 71,57 | 93,27 A. Lebbeck | 30,75 | 17,10 | 34,20 | 66,20 | 64,90 A. dealbata | 52,12 | 8,89 | 17,68 | 73,93 | 69,80 A. della Vesta| 60,65 | 10,27 | 20,54 | 59,86 | 81,19 A. Angico | 1,63 | 40,35 | 80,70 | 74,22 | 82,33
II. Gummi von Pflanzen, die nicht zur Gattung Acacia gehören.
A. Indische Gummis.
Außer den oben genannten G. von +Acacia+arten produziert Vorderindien noch eine ganze Anzahl anderer G. und bringt einige auch zur Ausfuhr. (1887 schon 60000 Quint.) Obenan steht hier das G. von Feronia Elephantum ~Corr.~, einer in Vorder- und Hinterindien, Ceylon und Java vorkommenden baumartigen Aurantiee, die viel G. aus der Rinde ausschwitzt. +Dies Wood apple gum+ ist das +wertvollste indische G.+ Es findet sich in kleinen farblosen bis rötlich-braunen unregelmäßigen Tränen oder großen Klumpen oder Stalaktiten oder hornförmigen Stücken, ist, wenn nicht mit anderen G. vermischt (was öfter vorkommt), ganz (oder doch zu 75%) in Wasser löslich und gibt eine Lösung, die stärker viskos ist als die des G. arab. Die Lösung rötet Lakmus, dreht rechts (+0,4°, ~Flückiger~) und wird gefällt durch Alkohol, Ammonoxalat, Alkalisilikat, Eisenchlorid, Bleiacetat und Bleiessig, Ätzbaryt, nicht durch Borax und Pottasche. Es enthält 17% Wasser und 5,12% Asche und gibt mit HNO₃ Schleimsäure. Es ist mit G. arab. nicht identisch. Feroniableiarabat gab z. B. 14,76% PbO. Bleiarabat 30,6% PbO. ~Lemeland~ fand im G. von Feronia Eleph. 8,4% Unlösliches, 17,7% Wasser, 4,3% Asche, 51,8% Galaktane, 40,1% Pentosane. Es lieferte Galaktose und drehte α_{D} = -6°41′. Es ist das beste indische Ersatzmittel für_G. arab._ und wird als solches von der Pharmacopoea indica empfohlen. Da es keine Oxydasen enthält, ist es also in mancher Hinsicht besser als jenes (~Goris~ et ~Lefèvre~).
Ein anderes wichtiges G. ist das auch unter dem Namen =Ghattigummi=, G. indicum Gháti oder Dhaurag. (s. oben S. 435) im Handel vorkommende G. der Combretacee Anogeissus latifol. ~Wall.~ (und A. pendula ~Edzw.~). Es bildet jedenfalls die Hauptmasse des Ghati von Bombay (Pharm. indic.) und wird in großen Mengen exportiert, etwas auch aus franz. Indien und Nord-Nigeria. Es bildet rundliche oder wurmförmige, bernsteingelbe oder farblose, opake Stücke mit glasigem Bruch, frei von Rissen, löst sich, wenn rein, in Wasser, hat die doppelte Viskosität wie G. a., ist also sehr wertvoll, seine besten Sorten auch für pharmazeutische Zwecke wohl brauchbar.
Weniger wichtig sind dann die folgenden indischen G. (vgl. Pharmacogr. indic.). Zunächst das G. von Melia Azadirachta L. (Meliacee) in großen Tränen oder wurmförmigen Stücken, farblos bis bernsteinfarben, leicht löslich in Wasser, die Lösung gelatiniert durch Eisenchlorid und Bleiessig, nicht durch Borax oder Bleiacetat (wird auch in Réunion, Gouadeloupe und Franz. Indien gesammelt, ~Bocquillon~). Swietenia Mahagoni (Meliacee) aus der Rinde, helle Fragmente, löst sich leicht in Wasser, Lösung reduziert ~Fehling~sche Lösung. -- Pithecolobium dulce (Mimosee) in rundlichen Tränen von rotbrauner Farbe; in Wasser löslich. -- Pithecolobium Saman (Mimosee) liefert ein schlechtes G., das in Wasser aufquillt. -- Prosopis spicigera, viele Risse, sehr brüchig, gibt eine dunkel gefärbte viskose Lösung, ein wertvolles Gummi, ähnlich dem Mesquileg. -- Albizzia procera wächst bei Bombay. Das G. bildet rötlich-braune, glatte Tränen, wird beim Liegen opak und löst sich dann nicht mehr vollständig, enthält oft Hyphen, Kristalle und Gewebetrümmer. -- Albizzia stipulata gibt ein dunkelgefärbtes G., das in Wasser nur aufquillt und nur wenig löslich ist. -- Albizzia Lebbeck bildet glatte Stalaktiten, ist nicht immer ganz löslich. -- Albizzia odoratissima, große transparente Tränen von Bernsteinfarbe, quillt nur mit Wasser. -- Albizzia amara ~Boiv.~, süßlich, mit hoher Klebkraft. -- Anacardium occidentale L. (Acajoug. Cashawag.), gelbe bis rotbraune Stalaktiten, trübe löslich, reduziert Fehlingsche Lösung, dreht links. Wird auch in Brasilien, Martinique und Guadeloupe gesammelt (~Bocquillon~, Beschreibung in ~Wiesner~, Rohstoffe). Semecarpus Anacardium in Cochinchina, Indien, Neucaledonien, Réunion (enthält 96% Bassorin) -- Spondias Mangifera, gelblich bis rotbraun, mit viel Wasser einen Schleim gebend. -- Odina Wodier ~Roxb.~ in großen brüchigen, rissigen Tränen und Stalaktiten von heller bis Bernsteinfarbe. -- Mangifera indica. ~Lemeland~ fand im G. von Mangifera indica 60,64% Unlösliches, 16,5% Wasser, 4% Asche, 30,36% Galaktane, 42% Pentosane. Das G. lieferte Arabinose. Es drehte α_{D} = -25°33′. Buchanana laitifol. ~Roxb.~ völlig löslich. -- Bauhinia purpurea wenig löslich. -- B. variegata L., enthält viel Stärke und Calciumoxalat, unregelmäßige Stücke, nicht vollständig löslich. -- Cedrela Toona (Meliacee) von den Nilagiris, bildet einen dicken Schleim. Wird beim Aufbewahren unlöslich. -- Terminalia Belerica in Tränen und wurmförmigen Stücken, schwillt nur in Wasser, enthält Kristalle. -- Terminalia tomentosa ~Wight~ et ~Arn.~, nur zum Teil löslich. -- Aleurites moluccana, teilweise löslich, enthält oft Pilzhyphen. -- Poinciana regia, enthält viel Kalkoxalatsphärokristalle, löslich in Wasser zu einem dicken Schleim, reduziert etwas ~Fehling~. -- Chloroxylon Swietenia aus Bangalore, in Wasser kaum löslich. -- Eriodendron orientale, ähnlich dem Cochlospermumg. (~Wiesner~). -- Bombax malabaricum ~Roxb.~ und B. pentandrum L., Malabargummi. -- Aegle Marmelos. -- Diospyros melanoxylon. -- Moringa pterygosperma (gomme de ben ailé Moscherus, G. Shega, auch aus Réunion), wohl eher ein Traganth (s. d.), wie das von Cochlospermum Gossypium (s. unter Traganth). Beschreibung bei ~Wiesner~. -- Über die Sterculiaceeng. siehe unter Traganth (S. 406) und Bull. Imp. Inst. London 1910, 361.
Unter den ostindischen Sorten finde ich 1910 bei ~Grossmann~ auch Camporeg. (Cownpore ist eine der besten technischen G. Sorten Indiens, ~Morpurgo~), in der Liste von ~Fritz~ ein Elas-India (?) aufgeführt.
Übersicht der Löslichkeit und der Reaktionen von indischen Gummis. (Nach Pharmacographia indica.)
A. Dem arabischen ähnliche Gummis, in Wasser löslich.
---------------------+------------------+---------------+------------- | Neutrales | Eisenchlorid | Borax | Bleiacetat | | =====================+==================+===============+============= Acacia arabica | -- | -- |Gelatinisiert „ leucophloea? | -- | -- |Gelatinisiert Anogeissus latifolia | -- | -- |Gelatinisiert Acacia modesta | Wird | Gelatinisiert | -- | niedergeschlagen | Gelatinisiert | -- Feronia Elephantum | Wird | Gelatinisiert | -- | niedergeschlagen | Gelatinisiert | -- Swietenia Mahagoni | Wird | Gelatinisiert | -- | niedergeschlagen | Gelatinisiert | -- Acacia Catechu | -- | Gelatinisiert |Gelatinisiert Pithecolobium dulce | -- | Gelatinisiert |Gelatinisiert Melia Azadirachta | -- | Gelatinisiert | -- Prosopis spicigera | Wird | Gelatinisiert |Gelatinisiert | niedergeschlagen | Gelatinisiert |Gelatinisiert
B. Gummis, die sich leicht in Wasser lösen, aber einen mehr oder weniger trüben Schleim bilden, infolge unlöslicher, suspendierter Substanzen.
----------------+------------------+---------------+------------------ | Bleiessig | Eisenchlorid | Suspendierte | | | Substanzen ================+==================+===============+================== Anacardium | -- | -- | Ein gelbliches Öl occidentale | -- | -- | Ein gelbliches Öl Odina Wodier | -- | Gelatinisiert | Ein gelbliches Öl Bauhinia | Wird | Gelatinisiert | Stärkekörner variegata | Wird | Gelatinisiert | Stärkekörner | niedergeschlagen | Gelatinisiert | Stärkekörner Poinciana regia | -- | Gelatinisiert | Calciumoxalat in | | | Sphaero- | | | Kristallen
Keines dieser Gummis wurde durch Borax gelatinisiert.
C. Gummis, die unvollkommen löslich sind und einen mehr oder weniger gelatinösen Schleim bilden mit einer großen Menge Wasser.
--------------------+------------------+---------------+-------------- | Neutrales | Eisenchlorid | Borax | Bleiacetat | | ====================+==================+===============+============== Cedrela Toona | -- | -- | -- Albizzia Lebbeck | -- | Gelatinisiert | -- Acacia Farnesiana | -- | Gelatinisiert | -- Albizzia procera | -- | Gelatinisiert | -- Spondias mangifera | Wird | Gelatinisiert | -- Spondias mangifera | niedergeschlagen | Gelatinisiert | -- Aleurites moluccana | Gelatinisiert | -- | Gelatinisiert
D. Gummis, die zu einer gelatinösen Masse aufschwellen, sehr wenig löslich.
Albizzia odoratissima -- Albizzia stipulata -- Bauhinia purpurea -- Terminalia belerica -- Chloroxylon Swietenia.
Auch ~Lühn~ bestimmte bei zahlreichen indischen Acacien- u. and. Gummis Viskosität, Klebkraft, Asche, Verhalten zu Alkohol, Eisenchlorid und Bleiacetat. Ebenso untersuchte ~Masing~ (1880) zahlreiche indische Sorten. (Siehe Lit.)
B. Javanische Gummis.
In Java finden sich wenige Gummis, das Klima ist zu feucht. Das beste ist das wasserlösliche Mimbagummi von Azadirachta indica ~Juss.~ (~Prinsen Geerligs~).
C. Australische Gummis.
Das Gummi der australischen Meliacee Flindersia maculosa ist vorzüglich; es enthält c. 80% Arabin, 16,5% Wasser und 2,6-2,7% Asche (~Maiden~). Dann liefern _Eucalyptus_arten (~Wiesner~), z. B. Euc. rostrata (~Brownscombe~) Gummi, sowie _Grevillea_arten, z. B. Gr. robusta (~Röser~ und ~Pnaux~). Weitere australische Gummis erwähnt ~Maiden~. Sie stammen von Mezoneurum Scortechinii ~F. v. M.~, einer Caesalpiniee (Barristergummi, quillt nur in Wasser), Panax dendroides var. angusta ~F. v. M.~, einer Araliacee (nur quellbar), Panax Murrayi ~F. v. M.~ (löslich). Auch andere _Panax_arten (P. elegans, P. sambucifol. var. angustum) werden angegeben (~Hartwich~).
D. Amerikanische Gummis.
Das +Cajougummi+ (s. oben S. 438) ist das Gummi von Anacardium occidentale L. Es ist löslich in Wasser. -- Das +Mesquitég.+ (Mezquite, Misquit, Miquit) aus den südlichen Vereinigten Staaten, Mexiko und Südamerika, besonders von Texas bis Kalifornien, von der Mimosee Prosopis glandulosa ~Torrey~ u. and. _Prosopis_arten (vgl. ~Wiesner~, Rohstoffe), ist eine untergeordnete Sorte, die nur in der Technik und Malerei brauchbar ist. Einige Sorten sind löslich in Wasser, von süßem Geschmack, andere lösen sich nur teilweise (~Wiesner~). ~Valenta~ und ~Stohmann~ stellen diesem Gummi ein günstiges Prognostikon. -- Das amerikanische Chewing gum stammt von Prosopis dulcis ~Schiede~. -- Das +Sonorag.+ Mexikos, früher von Mimosa coccifera abgeleitet (~Soubeiran~), ist wohl auch ein Prosopisg. Bei seiner Bildung ist, wie es scheint, ein Tier (Coccus?) beteiligt. Die Mexikaner nennen es auch tzinacantuitlatl (= stercus vespertilionum). Ebenso wird das +Goma de cujé yaque+ aus Venezuela von _Prosopis_arten abgeleitet. Außer den angeführten _Prosopis_arten werden noch besonders genannt: P. horrida ~Kunth~, P. inermis ~H. B. K.~, P. pubescens ~Benth.~ -- Das +Ciruela+gummi aus Caracas stammt von Bunchosia glandulifera ~H. B. K.~ Es ist vollständig in Wasser löslich (~Hartwich~). -- Das +Guaramachog.+ aus Caracas von Pereskia Guamacho ist nur zu 48% löslich, das +Cederng.+ aus Caracas von Cedrela odorata sogar nur zu 25%. -- Das +Chagual+- oder +Maguey+gummi aus Chile, das lösliche und nur zum Teil lösliche Stücke, meist Hohlzylinderfragmente, enthält und bei dessen Bildung auch ein Tier (Castnia elegans) beteiligt ist, stammt von Bromeliaceen, und zwar Puya-(Pourretia)-Arten (~Wiesner~, ~Hartwich~). Es löst sich meist nur zu c. 16-18% in +heißem+ Wasser (~Hartwich~), ist daher eines der bassorinreichsten. Die Gallerte färbt sich mit Soda gelb. Es enthält 13,46% Wasser und 2,43% Asche (~Wiesner~). Doch kommen sehr verschiedenartige Produkte unter dem Namen im Handel vor. Die Farbe schwankt zwischen farblos und schwarz. -- Das «Goma de orore» von Venezuela stammt von Pithecolobium hymenaeaefol. ~Benth.~, das «Goma de caro» von ebenda von Enterolobium cyclocarpum ~Gris.~ (~Ernst~, vgl. bei ~Wiesner~), das «Goma de tuna» von Venezuela und den Antillen von Opuntia ficus indica (~Ernst~, ~Hanausek~). -- ~Domimguez~ beschreibt zwei +argentinische+ G.: +Cebil+ von Piptadenia Cebil ~Griseb.~ (enthielt 80,78% Arabin) und +Brea+ von Caesalpinia praecox R. et ~Pav.~ (mit 77,9% Arabin). Er erwähnt auch ein +brasilianisches+ G. von Piptadenia rigida ~Benth.~, das 80,7% Arabinose aber nur 1,63% Galaktose und 1,2% Schleimsäure lieferte. Die Herkunft des +Perugummi+ ist unbekannt. Einige (~Gintl~, ~Hoehnel~) leiten es von einer _Asphodelus_art ab, ~Wiesner~ bestreitet die Ableitung.
=Lit.= +Cordofang.+: ~David~ a. a. O. -- ~Beam~, III Rep. Wellc. res. Labor., Khartoum 1908. -- +Senegalg.+: ~Soubeiran~, Des gommes du Sénégal. J. ph. chim. 1856. -- ~Flückiger~, Schweiz. Wochenschr. 1869. -- ~Vuillet~, Gommes etc. du Sénégal. Bull. jard. col. Paris 1901. -- +Somalig.+: ~Revoil~, Voyages au Cap des Aromates. Paris 1880. -- ~Durand~, Voyage au Sénégal. 1802. -- ~Corre~, Journ. pharm. 1876. -- Pharm. Post 1896 und Bull. soc. pharm. du Sud Ouest. -- ~Wördehoff~ und ~Schnabel~, Zeitschr. trop. Landwirtsch. 1897. -- +Somalig.+: ~Miles~, Roy. geogr. Soc. 1872. -- +Capg.+: ~Vée~, Thèse. Paris 1888. -- ~Hahn~, Zeitschr. Ges. f. Erdkunde. 1868, 214. -- +Tunisg.+: ~Doumet-Adanson~, Note sur l’acac. gommifère de la Tunesie. Rep. pharm. 1874. -- +Mogadorg.+: ~J. D. Hooker~ und ~John Ball~, Journal of a tour in Marocco and the Great Atlas etc. London 1878. Bot. Jahresb. 1878, 899. -- G. aus +Deutsch-Südwestafrika+: ~Hartwich~, Apoth. Zeit. 1897 u. 1898, Nr. 22. -- ~Thoms~, Tropenpfl. 1898. -- ~Siedler~, Ber. d. pharm. Ges. 1898. -- ~K. Dieterich~, Ebenda 1898. 87. -- ~Warburg~, Zeitschr. trop. Landw. 1898. -- ~Mannich~, Tropenpfl. 1901, 284. -- ~Gessert~, Zeitschr. f. trop. Landwirtsch. 1898. -- G. aus +Deutsch-Ostafrika+: ~Volkens~, Notizbl. d. K. Bot. Gart. Nr. 14 (1898). -- ~Busse~, Reisebericht V, 1900. Naturw. Wochenschr. 1901. Ber. d. pharm. Ges. 1904. -- ~Waage~, Ber. d. pharm. Ges. 1893. -- ~Thoms~, Notizbl. d. Bot. Gart. 1899. -- ~Mannich~, Gummiarten Deutsch-Ostafrikas. Tropenpfl. 1902, 201. -- +Togo+: ~Fendler~, Tropenpflanzer 1903, 228. -- +Angola+: ~Moller~, Tropenpfl. 1898. -- +Nord-Nigeria+: G. from North. Nig. Bullet. Imper. Instit. London 8 (1910). -- +Indische+ G.: ~Flückiger~, Pharm. Journ. 10 (1869) 641. -- ~Hanbury~ a. a. O. -- ~Prebble~ (East Ind. gums). Pharm. Journ. 1892, 683 u. 1893, 22. -- ~Goris~ et ~Lefèvre~, Ghati-Gummi. Bull. Sc. pharmacol. 1904, 17. -- ~Lemeland~ (G. von Mangifera indica). Journ. pharm. 1904, 584. -- ~Masing~, Vergl. Unters. einiger indischer Handelssorten d. arab. G. (Tabelle). Arch. pharm. 59 (1880) 34. -- ~Lühn~, Indische G. Pharm. Zeit. 1902. -- ~Rideal~ und ~Youle~, Pharm. Journ. 1891, 147. -- ~Dymock~, Veget. mat. med. West. Ind. 1885. -- Pharmacograph. indic. -- +Javag.+: ~Prinsen Geerligs~, Rev. cult. col. 1902. -- +Austral.+ G.: ~Maiden~, Chemistry and commercial possibilities of wattle gum Pharm. Journ. 20 (1890) 869 und Panaxgum Pharm. Journ. 1892. -- ~J. Wiesner~, Unters. über d. Sorten von sog. Eucalyptusgummi, welche in d. Samml. d. Öster. Apoth. Ver. enthalten sind. Zeitschr. d. Öster. Ap. Ver. 1871. -- ~F. v. Müller~, Select plants for industr. cult. in Victoria. 1876. -- ~Brownscombe~, G. Eucal. rostr. Pharm. Journ. 1899. -- ~Röser~ et ~Pnaux~, Anal. de la gomme du Grevillea robusta. Journ. ph. 10 (1899) 398. -- ~Maiden~, Proc. Linn. Soc. New South Wales 1891 u. 1892. -- +Amerikan.+ G.: ~Symes~, Notes on Brazilian Drugs Yearbook of ph. 1882. -- ~Soubeiran~, La gomme de Sonora. Journ. pharm. 1855, 196. -- ~Miller~, Mezquite gum. Pharm. journ. 1876. -- ~Hartwich~, Chagual-Gummi. Z. öster. Ap. Ver. 1896, 565 (dort die Literatur). -- ~Hoehnel~, Öster. Chem. Zeit. 1900. -- ~Domimguez~, Note sur deux gommes d. l. Rep. Argent. Rev. farmac. Buenos Aires 1904.
~Lemeland~, Contrib. à l’étude d. quelqu. gommes (Gezireh, Cordofan, Brésil, Cochlosperm., Feronia u. and.). Thèse 1905. -- ~Thomas Maben~, Notes on some gum samples. Pharm. Journ. 20 (1890), 717, Pharm. Zeit. 1891, 122. -- ~Simmonds~ (Gummisorten des Hand.), Bull. of pharm. 1891. -- ~Martina~, l’Orosi 1894 (Apoth. Zeit. 1894, 296). -- ~Bocquillon~ (Gummisort. d. franz. Hand.). Rep. de pharm. 1899, 194. -- ~T. F. Hanausek~, Gummi in ~Lueger~, Techn. Lexikon. -- ~Hartwich~, in ~Hager-Fischer-Hartwich~, Pharmaz. Praxis. -- ~Wiesner~, Gummi u. Harze und Rohstoffe. -- ~Valenta~, Klebe- und Verdickungsmittel. Catal. d. colon. franc. Exposition intern. Paris 1867. -- ~Cooke~, Rep. of the gums etc. of the East India Museum 1874. -- ~Gehe & Co.~, Handelsberichte. -- ~Flückiger~, Pharmakogn. (dort auch die Lit. der Reisen). -- ~Uses~, Propert. a. production of gums, Bullet. Imper. Inst. London 6 (1908) 29.
=Handel.= Hauptgummihäfen sind Hamburg, London, Bordeaux, Marseille, Triest, Antwerpen, New York, Melbourne, dann auch Hâvre, Liverpool, Barcelona. +Hamburg+ importierte 1908 seewärts 32758 dz Gummi arabicum; davon aus Ägypten: 17576, Brit. Ostindien: 4210, kleinere Mengen aus Westafrika (1084), Argentinien, Kamerun, Marocco, Australien, Syrien, Arabien, Persien, beträchtliche Mengen über London und Frankreich. Die Einfuhr an Gummi Senegal ging von 1087 (1907) auf 512 dz (1908) zurück; dagegen kam erheblich mehr (1383 dz), über Portugal. +Deutschland+ importierte 1909: 25424 dz Gummi aus Ägypten (aus Brit. Indien 13590 dz). +Triest+ importierte 1908: 8487, 1909: 4484 dz Nilgummi. +Frankreich+ importierte 1908: 74145 Quint.; davon entfielen auf Ägypten 30550, auf den Senegal 28525. +Bordeaux+ importierte 1909: 24807 quint. Senegal und 5804 quint. Nilgummi. Die Einfuhr von Gummi arabicum +aller Art+ nach +London+ betrug 1906: 12779, 1907: 10776, 1908: 8540, 1909: 10733 packages. Die britische Einfuhr an Gummi arabicum betrug 1908: 63786, 1909: 84710, 1910: 107367 cwt (die Ausfuhr 1909: 20440, 1910: 33068 cwt). +Nordamerika+ importierte G. arab. 1907: 7084468, 1908: 4895897 und 1909: 4153958 pounds. Nordamerika importierte G. Senegal 1907: 298258, 1908: 148618, 1909: 111942 pounds. Die +Ausfuhren+ s. bei den einzelnen Sorten.
=Morphologie und Anatomie der Droge.= Bestes Cordofangummi bildet mehr oder weniger rundliche, seltener wurmförmige, helle, weißliche oder höchstens gelbliche Stücke von verschiedener Größe (bis nußgroß), die außen matt und +von zahlreichen Rissen durchzogen+ sind und leicht in kleinmuschelig-eckige, scharfkantige, glasglänzende, zuweilen leicht irisierende Fragmente brechen. Bei 100° erweitern und verlängern sich die Risse und das Gummi wird bröckelig. Das Senegalgummi ist meist etwas rötlich, was besonders bei Betrachtung in größerer Masse hervortritt, und zeigt weniger Risse. Es wird aber im Schwefelsäureexsikkator auch stark rissig (~Flückiger~). Wurmförmige Stücke sind bei ihm häufiger. Während die Risse beim Cordofangummi stets bis in tiefere Schichten reichen, sind sie beim Senegalgummi auf eine oberflächliche Schicht beschränkt. Dadurch lassen sich selbst die besten Sorten Senegalgummi von dem Cordofangummi unterscheiden (~Wiesner~). Mikroskopisch zeigen die Fragmente des Gummipulvers bisweilen eine leichte Streifung (~Wiesner~, ~Koch~) und bei beginnender Lösung Körnelung, eine eigentliche Struktur, etwa wie beim Traganth, oder Zellwandreste sind nicht wahrzunehmen. Nur sehr selten finden sich in den guten Sorten kleine Stärkekörner oder mit Stärke erfüllte Rindenzellen. Wenn man sehr große Mengen löst, verdünnt und lange absetzen läßt, findet man bisweilen dergleichen, häufiger sind, auch in den guten Sorten, Bastfasern, wie überhaupt Fragmente des Rindengewebes. Gummischleim muß stets coliert werden.
In aus schlechteren Sorten hergestelltem Pulver fand ~Koch~: Bastfasern, Holzelemente, Kork, Pilzmyzel, Pollenkörner, Haare, Blattfragmente und Gesteinstrümmer, aber Stärke auch nur in Spuren.
+Abbild.+: ~Wiesner~, Rohstoffe. -- ~Koch~, Mikr. Anal. d. Drogenpulver IV, S. 169. --
=Chemie.= ~John~ führte den Namen +Cerasin+, ~Chevreul~ den Namen +Arabin+ ein, ~Guérin~ fügte dann noch das +Bassorin+ hinzu und so haben sich bis heute die drei Gruppen erhalten, obwohl schon ~Berzelius~ darauf hinwies, daß dies keinen tieferen Einblick in die Chemie dieser Gruppe zu tun erlaube. Arabin ist in Wasser löslich, Cerasin und Bassorin quellen nur darin. Die letzteren unterscheiden sich nur dadurch, daß Cerasin mit Alkalikarbonaten gekocht Calciumkarbonat abscheidet und in Lösung geht, Bassorin scheidet bei gleicher Behandlung keinen Kalk ab. Cerasin kann also als metarabinsaurer Kalk betrachtet werden. Beide reduzieren ~Fehling~sche Lösung nicht und geben bei der Hydrolyse Arabinose und Galaktose. +Im G. arabicum ist nur Arabin enthalten+, im Kirschgummi Cerasin, im Traganth (s. d.), Chagual- und Moringagummi Bassorin. ~Neubauer~ und ~Frémy~ gelang es Cerasin in Arabin überzuführen.
~Guérin~ fand im G. arabicum kein Bassorin, 79,4% wasserlösliches Arabin, 17,6% H₂O und 3% Asche; im Senegalgummi kein Bassorin, 81,1% wasserlösliches Arabin, 16,10% Wasser und 2,8% Asche. Auf 150° erhitzt wird G. arabicum zum Teil unlöslich, nimmt also die Eigenschaften des Kirschgummis an (~Gelis~). Mit Natronlauge färbt sich Gummi nicht, nach einigen Stunden wird es gelblich, damit erwärmt rasch schwarz (~Flückiger~). Alkohol von 52 vol % löst Gummi nicht, verdünnter etwas, im Verhältnis zu seinem Wassergehalt. In dem doppelten Gewichte Wasser löst sich G. arabicum +langsam aber vollständig+ (Unterschied von den bassorin- und cerasinhaltigen Gummis) zu einem klebenden, aber nicht fadenziehenden, hellgelblichen Schleim von saurer Reaktion. Das Verhalten zu Wasser wechselt bei den einzelnen Sorten sehr. Nur die Gummis, welche sich in Wasser, bis auf einige beigemengte Pflanzenreste, +vollständig+ zu einem filtrierbaren oder doch kolierbaren Schleime lösen, sind für pharmazeutische Zwecke brauchbar. Andere Gummis «geben einen scheinbar völlig homogenen Schleim, der aber nicht filtrierbar ist, andere eine mehr oder weniger konsistente Gallerte, bei anderen wieder quellen die einzelnen Körnchen so weit auf, daß scheinbar ein gleichmäßiger Schleim entsteht, in dem aber bei genügender Verdünnung die einzelnen Körnchen sich erkennen lassen, bei anderen trennt sich der Schleim bald in zwei Teile, einen gewöhnlich sehr konsistenten dicken und einen wässrigen, dünnen, und schließlich kommen Sorten vor, die nur mehr oder weniger aufquellen» (~Hartwich~). Bleichen mit Chlor oder schwefliger Säure vermindert die Löslichkeit. Der Gummischleim wird durch Beimischung eines gleichen Volumens Alkohol weiß und gallertig, klärt sich aber auf weiteren Zusatz des fünffachen Volumens Wasser wieder vollständig. Auch durch Wasserglas, Eisenchlorid, Ferrisulfat (~Lassaigne~) und Boraxlösung (~Lambert~ und ~Gieseke~) wird der Schleim zu +einer steifen Gallerte verdickt+. Der Gummischleim ist eine kolloidale Lösung. Er ist +mit Bleiacetat ohne Fällung mischbar+ (Unterschied von den Schleimen), +erleidet dagegen selbst in einer Verdünnung 1 : 50000 durch Bleiessig noch eine Fällung+ (~Lassaigne~). Gerbsäure fällt Gummilösung nicht (Unterschied von Leim). G. arabicum läßt sich aus der Lösung mit Ammoniumsulfat, Ammoniumphosphat oder Kaliumacetat nicht aussalzen (~Pohl~). Die bei der Gärung des Gummischleims entstehende Säure ist Milchsäure (Arabinsäure liefert hierbei fast nur Milchsäure, ~Bourquelot~). Gummischleim neigt nicht zur Schimmelbildung. Bei längerer Aufbewahrung bildet sich Zucker. Die Jodabsorption des G. arabicum bestimmte ~Grélot~ (100 g absorbierten 7 mg J). Jod und Natriumbicarbonat bilden aus G. arabicum etwas Jodoform, mit Kalk erhitzt entsteht neben Aceton auch Metaceton (~Frémy~). Essigsäureanhydrid bildet Acetylarabine (~Schützenberger~ und ~Naudin~). Hefe und Diastase sind ohne Einfluß auf Arabin. G. arabicum reduziert ~Fehling~sche Lösung auch bei 60-70° nicht.
~Vauquelin~ fand bereits, daß das G. arabicum ein organisches Kalksalz ist. Die Säurenatur des Arabins (der Arabinsäure) erkannte ~C. Neubauer~ (1857). Er betrachtete das Arabin als das +saure+ (Kali-, Magnesium- und) +Kalksalz der Arabinsäure+. Das Calcium läßt sich durch Oxalsäure fällen oder nach Zusatz von HCl durch Dialyse entfernen. Auch ~Frémy~ betrachtete das Gummi als das Kalksalz einer sehr schwachen wasserlöslichen Säure (acide gummique), die durch Hitze in ein unlösliches Isomeres (acide metagummique, Metarabinsäure) übergeht. Kalk verwandelt die unlösliche Säure wieder in Calciumgummat. Auch Calciumgummat wird durch Hitze unlöslich. ~Graeger~ stellte die Metarabinsäure zu den Pektinen. Ob die Metapektinsäure (Zellulosesäure ~Frémys~) mit der Arabinsäure ~Scheiblers~ aus Rüben und diese mit der Arabinsäure ~Neubauers~ identisch ist, erscheint im Lichte der neueren Untersuchungen zweifelhaft. Das G. arabicum wird seit ~Scheibler~ als ein wechselndes +Gemenge+ von zwei Bestandteilen, einem rechts- und einem linksdrehenden aufgefaßt (Rechts-Arabin und Links-Arabin). Im normalen Kalksalz der Arabinsäure sind 2,15 bis 2,50% CaO enthalten (~Neubauer~). Zur Darstellung der +Arabinsäure+ (~Neubauer~, ~Scheibler~) wird das Gummi in Wasser gelöst, filtriert, mit Essigsäure (~Béchamp~) angesäuert und dialysiert -- es dialysieren Zucker und anorganische Salze --, die eventuell mit Essigsäure angesäuerte im Dialysator verbleibende Lösung wird mit Alkohol fraktioniert gefällt. Eine so dargestellte Arabinsäure enthält aber, wie ich gezeigt habe, stets Stickstoff und alle bisherigen Analysen sind, da es unmöglich ist, die stickstoffhaltige Substanz quantitativ abzutrennen, mit N-haltigem Material gemacht worden (~Tschirch~ und ~Stevens~). Die übrigens vorwiegend in den ersten Alkoholfällungen enthaltenen N-haltigen Bestandteile lassen sich zum Teil auch dadurch entfernen, daß man die mit Kochsalz versetzte Lösung zunächst mit einer mit Essigsäure angesäuerten Tanninlösung fällt.
Der +Arabinsäure+, dem +Arabin+ der Autoren, das auch im Tierreich gefunden wurde (? ~Städeler~), wird bald die Formel (C₁₂H₂₂O₁₁)ₙ resp. C₁₂H₂₀O₁₀.H₂O (~Neubauer~, ~Scheibler~), bei 120° getr. C₆H₁₀O₅, bald die viel kompliziertere C₈₉H₁₄₂O₇₄ oder C₉₁H₁₄₂O₇₄ (~O’Sullivan~) gegeben. Jedenfalls ist ihr Molekulargewicht sehr groß (über 2000, ~Gladstone~ und ~Hibbert~). Sie löst sich, nur wenn sie feucht ist, in Wasser leicht, trocken quillt sie in Wasser nur langsam auf. Die wässrige Lösung reagiert sauer und dreht links. Das Drehungsvermögen wird sehr verschieden angegeben (-25,5° bis -98,5°, ja sogar Rechtsdrehung) und steht im Zusammenhang mit der relativen Menge der bei der Hydrolyse abgespaltenen Araban- und Galaktangruppen (~Guichard~), neben denen auch zuweilen bei gewissen Gummis Glykosan- (nicht aber Fruktosan- und Mannan-) Gruppen vorhanden sind. ~Rümpler~ erhielt sie in mikroskopischen Nadeln. Durch Erhitzen über 100° geht sie in Metarabinsäure über, die in Wasser nur froschlaichartig aufquillt. Bei höherem Erhitzen entsteht Furol (~Schiff~), beim Erhitzen mit Kalk viel Aceton neben wenigen Furanderivaten, mit Salpetersäure +Schleimsäure+, bei der Kalischmelze CO₂, Ameisensäure, Essigsäure, Propionsäure, Oxalsäure und Bernsteinsäure (~Hlasiwetz~ und ~Barth~), durch Destillieren mit starker Salzsäure Furol (aus den linksdrehenden Arten das meiste, ~Herzfeld~). Da die Lösung der +Arabinsäure+ sauer reagiert, hat man daher in der +Bestimmung der Acidität+ ein Mittel der Identifizierung in der Hand.
Die Säurezahl einiger G. bestimmte zuerst ~Williams~. ~Beam~ fand bei +Cordofan+ hard variety: 9,89-12,15% Wasser, 2,66-3,28% Asche, Acidität (mg KOH auf 1,0) 2,66-2,93, bei Cordofan softer: 11,69-12,14% Wasser, 2,77-2,86% Asche, Acidität 2,48-2,57. Bester Hashab grosse gum (Turkey) enthielt: 9,03% Wasser und 0,34% Unlösliches und zeigte eine Acidität von 3,14. -- Granular sorts cleaned: 8,70% H₂O und 2,67% Unlösliches, Acidität = 2,95. -- Siftings: 7,45% H₂O und 20,12% Unlösliches, Acidität = 1,95. ~Beam~ fand bei +Senegalgummi picked+: 9,18-11,20% Wasser, 2,45-3,33% Asche, Acidität 2,45-3,33. Bei +Senegal crude+ gomme du bas du fleuve: 9,60-10,50% Wasser, 3,33-3,41% Asche, Acidität 2,14-2,50. +Galam+: 10,19-10,57% Wasser, 3,22-3,39% Asche, Acidität 2,50-2,54. +Salabreda+: 11,51% Wasser, 2,81% Asche, Acidität 3,56.
Daß bei der Hydrolyse des Gummis ein Zucker entsteht, fand bereits ~Ludwig~ (1859). +Bei der Hydrolyse der Gummis (und der Arabinsäuren) entstehen neben Gummisäuren+ (~O’Sullivan~) +Pentosen und Hexosen+. Sie enthalten also Hexoso-Pentosane. Es entstehen aber selbst bei derselben Handelssorte wechselnde Mengen der Zucker, woraus man schließen muß, daß es verschiedene Arabinsäuren gibt oder wechselnde Gemenge vorliegen. Unter den Hydrolysierungsprodukten wurde in erster Linie +Arabinose+ (S. 274) (~Guérin Varry~, ~Scheibler~, ~Claësson~, ~von Lippmann~, ~Kiliani~) und +Galaktose+ (S. 274) (Kiliani) gefunden, bisweilen auch etwas +Glukose+ (~Votocek~ und ~Vondracek~) und +Xylose+ (~Hauers~ u. ~Tollens~); nach ~Ullik~ soll auch ein +Mannan+ in einigen Gummis enthalten sein, was der Bestätigung bedarf. Doch herrschen stets Arabinose und Galaktose beträchtlich vor. Daß arabisches Gummi bei der Oxydation mit Salpetersäure Schleimsäure gibt, fand bereits ~Guérin Varry~. Entsprechend der wechselnden Menge Galaktose zeigt auch die bei der Behandlung mit Salpetersäure entstehende +Schleimsäure+ verschieden hohe Beträge [bis 66,7%(?) ~Maumené~]. Man kann aus der Menge der gebildeten Schleimsäure (S. 282) die Galaktosemenge berechnen (~Tollens~, ~Kiliani~) (75 Schleimsäure = 100 Galaktose). Die rechtsdrehenden Gummiarten liefern meist weniger Schleimsäure als die linksdrehenden. ~Kiliani~ erhielt bei verschiedenen Gummis 14,3-38,3% Schleimsäure, bei Cordofan- und Senegalgummi 20,7-24%, (vgl. auch die Tabelle von ~Martina~ S. 437). Daneben treten Oxalsäure, Weinsäure (~Liebig~), Mannozuckersäure, Trioxyglutarsäure, Zuckersäure, Arabonsäure, Galaktonsäure auf.
Den Pentosanen kommt die Phloroglucin- und die Orcin-Reaktion zu. Phloroglucin in Salzsäure (20%) gibt beim Erwärmen eine kirschrote Lösung (~Ihl~), die einen Absorptionsstreifen zwischen D und E ~Fraunhofer~ zeigt (~Tollens~, ~Wheeler~ und ~Allen~). Orcin in Salzsäure gibt in der Kälte eine blauviolette, beim Erwärmen erst rötliche dann violette Färbung, zuletzt blaugrüne Flocken, die in Alkohol gelöst ein Band zwischen C und D geben (~Reichl~, ~Reinitzer~, ~Allen~ u. ~Tollens~). Ebenso kommt die Eigenschaft des Gummis beim Kochen mit 12% Salzsäure Furfurol (S. 274) zu liefern (~Stone~ und ~Tollens~) den Pentosanen zu, und man kann aus der Menge des gebildeten Furfurols die Arabinose berechnen. G. arabicum ergab c. 28% (~Günther~), Kirschgummi 45,5-59% (~Chalmot~, ~Flint~ und ~Tollens~). Der Pentosangehalt des Gummis schwankt in weiten Grenzen zwischen 20,65% im australischen und 51,21% im argentinischen Gummi (~Hefelmann~). Die Cerasingummis enthalten mehr Pentosane als Galaktane (~Lemeland~). (Bei der Furfurolreaktion tritt auch Lävulinsäure und Ameisensäure auf.) ~Hefelmann~ fand keine Beziehung zwischen der Menge der Pentosen und dem Handelswert. (Vergl. auch die Tabelle von ~Martina~ S. 437).
Im Gummi von Acacia Senegal und anderen _Acacia_arten fand ~Rosenthaler~ neben Pentosen auch +Methylpentosen+ und ~Widtsoë~ und ~Tollens~ konnten Methylpentosane nicht nur in G. arabicum und Traganth, sondern auch im Gedda-, Brasil- und Kirschgummi nachweisen. Möglicherweise enthält das G. arabicum auch +Fucosan+. (S. 292).
~Edie~ erhielt (nach ~Kroeber~ und ~Rimbach~ bestimmt) Pentosen, als Arabinose berechnet, bei Cordofan: 33,52-35,49%, bei Senegal 33,66-34,59%. Die Galaktose (bestimmt durch Hydrolyse mit Essigsäure und Reduzieren mit Fehlingscher Lösung, enthält wohl auch die Pentosane, ~Tollens~) betrug bei Cordofan: 50,52-53,04%, bei Senegal: 51,72-53,17% (~Beam~). In dem rechtsdrehenden Gummi von Acacia arabica ~Willd.~ fand ~Meininger~ 21,85% Galaktan und 50,43% Pentosane (die Hydrolyse lieferte Galaktose und Arabinose), in dem rechts- (+53,94°) drehenden Gummi von Acacia horrida ~Willd.~: 27,36% Galaktan, 36,5% Pentosane und 2,83% Methylpentosane (die Hydrolyse lieferte Galaktose und Arabinose), in dem links- (-19,37°) drehenden Gummi von Acacia pycnantha ~Benth.~: 58,72% Galaktan, 16,98% Pentosane und 2,92% Methylpentosane (die Hydrolyse lieferte Galaktose und Arabinose). Auch das Opuntiag. liefert Arabinose und Galaktose (~Harlay~), ebenso alle anderen untersuchten Acaciagummis (~Martina~, vgl. S. 437, ~Stone~) und das Pfirsich-, Kirsch- und Pflaumengummi (~Stone~, ~Bauer~) -- Kirschgummi ist ein gutes Material zur Arabinosedarstellung (~Bauer~, ~Kiliani~) -- ferner das Rübengummi (~Lippmann~), das Gummi von Mangifera indica (~Lemeland~), das Weingummi (~Hubert~). Der G. von Cochlospermum Gossypium und das von Feronia elephantum liefern bei der Hydrolyse Galaktose und eine Pentose, die mit Arabinose nicht identisch ist (~Lemeland~). Das +Chagualgummi+ liefert Xylose und i-Galaktose (~Winterstein~), ebenso das Laplatagummi, aber kein Acacieng. gab Xylose (~Hauers~), Es enthalten Ostafrikan. G.: 22,59% Galaktan, 29,53% Pentosane; Cochlospermum Gossyp.: 45,28% Galaktan, 32,97% Pentosane (~Lemeland~); Feronia elephantum: 51,84% Galaktan, 40,16% Pentosane; Aprikosengummi: 23,6% Galaktose, 48,57% Arabinose (~Lemeland~); Chagualgummi lieferte: 28,47% Galaktose, 45,29% Pentose (~Winterstein~); Mangifera indica G. 30,36% Galaktose, 42,06% Pentose; Laplatag.: 0,62% Galaktose, 55,31% Pentosen.
Nach ~O’Sullivan~ sind aber Arabinose und Galaktose nur die +End+produkte der Hydrolyse und es entstehen zunächst Zwischenprodukte, beim arabischen Gummi inaktive, beim Geddagummi rechtsdrehende. Diese sauren Zwischenprodukte zerfallen dann in Arabiose (Arabinon) bzw. Arabinose und in einfachere Säuren und diese dann erst bei mehrstündiger Hydrolyse in d-Galaktose und eine stark rechtsdrehende +Gummisäure+, die ~O’Sullivan~ +Geddinsäure+ (C₂₃H₃₈O₂₂) nannte. Im arabischen Gummi sind vielleicht Arabinose und Galaktose als Ester einer +Isogeddinsäure+ (~Zeisel~, ~O’Sullivan~ nennt sie +Arabinsäure+) (C₂₃H₃₈O₂₂) vorhanden. Die Gummisäuren sind starke Säuren, werden nur durch abs. Alkohol aus ihren Lösungen gefällt und +geben bei weiterer Hydrolyse keine Zucker+. ~O’Sullivan~ nimmt an, daß die Gummis resp. die Arabinsäure +gemischte Glykosidogummisäuren+ der allgemeinen Formel:
C₂₃H₃₈₋₂ₙO₂₂₋ₙ.n C₁₂H₂₀O₁₀.p C₁₀H₁₆O₈ Gummisäure Galaktan Araban (Geddinsäure)
enthalten, bei denen n eine konstante, p eine variable Zahl ist. Die Arabinsäure des G. arabicum faßt ~O’Sullivan~ als +Diaraban-Tetragalaktan-Isogeddinsäure+ auf = C₂₃H₃₀O₁₈.4 C₁₂H₂₀O₁₀.2 C₁₀H₁₆O₈ = C₉₁H₁₄₂O₇₄ (Mol.-Gew. 2418). Werden diese Araban-Galaktan-Geddinsäuren vorsichtig hydrolysiert, so wird zunächst der Arabanrest als Arabinon (C₁₀H₁₈O₉ α_{D} = +198,5°) abgespalten (s. oben) und es entsteht eine n-+Galaktangummisäure+, die dann in Galaktose und die entsprechende Gummisäure (Geddinsäure oder Isogeddinsäure) gespalten wird. Andere (~E. Fischer~) halten die Arabinsäure für eine der Lakto- und Maltobionsäure analog konstituierte Glykosidosäure. Die ~Sullivan~sche Formel kann übrigens nicht richtig sein, da auch Methylpentosane im Gummi nachgewiesen sind (s. oben).
Alle Gummis enthalten (durch Dialyse zu entfernenden) reduzierenden Zucker, bei Cordofan Hashab von einer Spur bis 0,15% (~Edie~). Der +Zucker+gehalt des G. arabicum des Handels schwankt ebenfalls, im allgemeinen beträgt er 0,6-1,1% (~Reinitzer~).
Im Acaciengummi sind mindestens vier +Enzyme+ (Gummifermente, Gummasen) vorhanden, eine +Oxydase+, eine +Peroxydase+ und eine +Amylase+ (Malzdiastase) (~Wiesner~, ~Bourquelot~, ~Tschirch~, ~Reinitzer~, s. oben S. 414), sowie +Emulsin+ (Amygdalin spaltend), das ~Volcy-Boucher~ in allen Gummis und Gummiharzen auffand. ~Bertrand~ hält die Gummioxydase für Lakkase. Eine große Menge von Reaktionen des Gummis sind auf diese Enzyme zurückzuführen, z. B. wird Pyrogallol durch Gummi in Purpurogallin übergeführt (~Struwe~ 1872 -- darauf gründeten ~Clermont~ und ~Chautart~ 1882 eine fabrikatorische Darstellung des Purpurogallins). Daß Guajaktinktur durch G. arabicum gebläut wird, erkannten zuerst ~Göttling~ und ~Boulay~ (1809). Auch die Unverträglichkeit des G. arabicum mit zahlreichen Arzneimitteln [Pyramidon (~Tanzi~), Chinaextrakt, Pyrogallol, Guajakol, Vanillin, Thymol, Phenol, Creosol, Eserin, Adrenalin, Morphin] beruht auf dem Gehalt an Enzymen, besonders Oxydasen, ~Traubes~ Oxydationsfermenten (~Bourquelot~) und deshalb läßt die Pharmac. helvetica den Gummischleim eine halbe Stunde im Dampfbade erhitzen und dadurch die Enzyme «abtöten». Ein so behandelter Schleim bläut Guajak nicht mehr. Gummipulver eignet sich aus dem gleichen Grunde +nicht+ zum Verdünnungsmittel zu starken Opiums. Die Oxydase wird im +trockenen+ G. arabicum selbst durch zweistündiges Erhitzen auf 100° nicht zerstört, ja nicht einmal durch einstündiges Erhitzen auf 115°. Erst beim Erhitzen auf 120° ist sie abgetötet, das Gummi löst sich dann aber nicht mehr in Wasser und quillt nur darin auf. Auf die Oxydasen haben Aldehyde (z. B. Formalin) keinen Einfluß (~Seligmann~).
Daß im Gummi +stickstoffhaltige Bestandteile+ sich finden, war bisher übersehen worden, nur ~Guérin~ gibt einmal 0,14% N an. Ich habe mit ~Stevens~ gezeigt, daß bei vielen Gummis zwar die ~Lassaigne~sche Stickstoffprobe mit Na negativ ausfällt, daß dagegen mit KOH sich stets Ammoniak entwickelt und Pyrrol gebildet wird. ~Bach~ zeigte dann, daß die von ihm abgeänderte ~Lassaigne~sche Reaktion gelingt, wenn man statt Na viel K nimmt. ~Meininger~ fand in allen Acaciengummis (A. Senegal, A. pycnantha, horrida, Adansonii, arabica) Stickstoff und zwar zwischen 0,71 und 2.19% (in Senegal z. B. 1,81%. ~Rideal~ fand bei Acaciengummis nur 0,031 bis 0,082% N). Das Gummi von Melia Azadirachta enthält 4,49%, das von Feronia elephantum 1,57, das von Anacardium occident. 0,92% N. Woher der Stickstoff stammt ist unbekannt, vielleicht sind die Enzyme Glukoproteïde. Ob das Schäumen der Gummilösungen auf den Enzymen beruht (~Wiesner~) wissen wir nicht bestimmt.
In den schlechteren Gummisorten finden sich auch +Gerbstoff+, +Harz+, +aromatische Substanzen+ (der Art von ~Czapeks~ Hadromal), +Farbstoffe+. ~Bourquelot~ führt die Färbung gefärbter Gummis darauf zurück, daß die Oxydasen die aus der Rinde mit aufgenommenen Gerbstoffe im feuchten Zustande oxydieren und dunkler färben. Gegenden mit vorwiegend trockenem Klima sollen daher weniger gefärbtes Gummi liefern.
Niemals enthält reines G. arabicum von +Stärke+ mehr wie Spuren (s. oben S. 441), Kristalle oder Reste von Zellhäuten.
~Fromm~ stellte experimentell fest, daß längeres Lagern die Eigenschaften des Gummis verändert.
Bei den guten Gummisorten schwankt der +Wasser-+ und +Aschegehalt+ nur in sehr engen Grenzen (s. oben S. 444). ~Hauke~ fand 1,7-3,1 (~Flückiger~ 2,5 bis gegen 4) Asche und gibt als obere Grenzzahl 3,5% an. Oberste Grenze für Wasser 15%, für Asche 4% (Pharm. helv. IV), 5% (D. A. V). Die Asche ist rein weiß. 100 g Cordofangummi enthielten 0,198-0,266 Mg, 0,596-0,730 K und 0,773-0,818 Ca (~Beam~).
Über die Zusammensetzung der Asche gibt folgende Tabelle von ~Rideal~ und ~Youle~, die auch andere Gummis berücksichtigt, Aufschluß.
-------------------+------+------+-------+-------+-------+---------- | | | | | | Calcium- |Asche | NaCl | K₂CO₃ | CaCO₃ | MgCO₃ | phosphat | | | | | | usw. -------------------+------+------+-------+-------+-------+---------- Aden-Gummi | 3,29 | 0,29 | 17,2 | 53,9 | 29,48 | -- Cap-Gummi | 3,05 | 1,14 | 15,4 | 57,9 | 28,89 | -- Indisches Gummi | 2,00 | 0,37 | 12,6 | 58,5 | 29,82 | -- Eastern-Gummi | 2,98 | 0,24 | 26,8 | 43,5 | -- | -- Senegal-Gummi | 3,03 | 0,14 | 21,5 | 54,9 | 15,96 | -- Bestes arab. Gummi | 3,01 | 0,94 | 24,2 | 57,25 | -- | -- Gutes arab. Gummi | 3,15 | 2,30 | 29,9 | 46,23 | -- | -- Amrad arab. Gummi | 2,24 | 0,14 | 7,39 | 67,2 | 16,62 | 4,86 Ghatti arab. Gummi | 2,45 | 0,25 | 7,8 | 53,5 | 8,4 | 33,8 Austral. Gummi | 2,09 | 1,91 | 3,21 | 20,8 | 0,45 | 65,9 Brasil. Gummi | 1,39 | 0,46 | 17,74 | 11,8 | 0,45 | 67,14
Das Verhalten zahlreicher Gummis zu Reagentien studierten ~Masing~ (1879), ~Holfert~ (1888), ~Martina~ (1894, bestimmte auch die Schleimsäuremengen, vgl. S. 437) und ~Hirschsohn~ (1904). Es ist aber dabei nicht viel herausgekommen: eine scharfe Charakterisierung ist zurzeit noch nicht möglich.
=Lit.= Älteste Untersuchungen der Gummiarten: ~Fourcroy~ et ~Vauquelin~, Ann. d. chim. 6 (1790) 178, ~Vauquelin~, Ebenda 54 (1805), ~Cruikshank~, Scher. Journ. 3, 289, ~Laugier~, Ebenda 72 (1909) 81, Gilb. Ann. 42 (1812) 228. Ältere Analysen von ~Berzelius~ (Ann. de chim. 95, 77), ~Prout~ (Phil. transact. 1827), ~Guérin-Varry~ (Journ. d. chim. méd. 7, 742), ~Guibourt~, (Ann. Pharm. 9, 221 und Drog. simpl.), ~Mulder~ (Journ. pr. Chem. 16, 246. Pharm. Centralbl. 1839, 137), ~Goebel~, ~Gay-Lussac~ u. ~Thénard~, ~Berthollet~, ~Saussure~, -- die Analysen wiedergegeben in ~Pereira~, Heilmittellehre II, 618 und bei ~Meininger~ (s. unten). -- ~John~, Schweigg. Journ. 6 (1812) 374. -- ~Guérin~, Ann. chim. phys. (2) 49 (1832) 248, Schweigg. Journ. 65 (1832) 220, Pogg. Ann. 29 (1833) 50. -- ~Lambert~ u. ~Gieseke~, Schweiggers Journ. 1826. -- ~Lassaigne~, Arch. Pharm. 1852. -- ~Neubauer~, Journ. pr. Ch. 62 (1854) 193 und Lieb. Ann. 102 (1857) 105. -- ~Gelis~, Compt. rend. 44, 144. -- ~Urrn~ in Gmelins Handb. 1862, IV, 642. -- ~Frémy~, Sur la compos. et la mode de production des gommes dans l’organisat. végét. Journ. pharm. 1860, 81. -- ~L. Patrouillard~, Rech. sur la gomme arabique, sur la transformat. en dulcite. Journ. pharm. 1879, 532. -- ~Graeger~, N. Jahrb. d. Pharm. 38, 129. -- ~Städeler~, Lieb. Ann. 121, 26. -- ~Hekmeyer~, Rép. chim. appl. 1858, 214. -- ~Jolly~, Et. sur les gommes Thèse. Paris 1870. -- ~Giraud~, Thèse Paris 1875. L’Union pharm. 16, 249. -- ~E. Masing~, Vergl. Unters. d. wichtigsten Handelssorten d. arab. Gummis u. seiner Surrogate. Arch. Ph. 15 (1879) 216 u. 17 (1881) 34. -- ~Koch~, Über Holzgummi. Sitz.-Ber. d. Dorp. Nat. Ges. 1886 und Holzgummi u. dessen Verbreitung im Pflanzenreiche. Ph. Z. f. Rußl. 1886. -- ~Vée~, Et. sur les gommes dit. arab. Thèse Paris 1888. -- ~Lutz~, Contribut. à l’étude chimique et botanique des gommes. Thèse Paris 1895. -- ~Gelis~, Journ. pr. Chem. 71, 378. -- ~Williams~, Chem. News 58, 224. -- ~Scheibler~, Ber. d. chem. Ges. 1, 58 u. 108, 6, 612, 17, 1729. -- ~von Lippmann~, Ebenda 17, 2238. -- ~Tollens~, Handb. d. Kohlenhydrate, Landw. Versuchsstat. 39, 416 und Chem. Zeit 25, 857. -- ~Wheeler~ und ~Tollens~, Ber. d. chem. Ges. 22, 1046 und Zeitschr. d. Ver. f. Rübenzuckerind. 39, 848. -- ~Allen~ und ~Tollens~, Lieb. Ann. 260, 289. -- ~Widtsoë~ und ~Tollens~, Ber. d. chem. Ges. 1900, 143. -- ~Hauers~ u. ~Tollens~, Ebenda 1903, 3306. -- ~Herzfeld~, Zeitschr. Ver. f. Zuckerind. 41, 667. -- ~Guichard~, Bull. soc. chim. (3) 19, 9. -- ~Maumené~, Bull. Soc. chim. (3) 9, 138. -- ~Garros~, Contrib. à l’étude d. acid. gumm. etc. (Prunose) Thèse, Paris 1894. -- ~Ullik~, Chem. Centralbl. 92, 432. -- ~Rümpler~, Ber. d. chem. Ges. 33, 3475 -- ~Béchamp~, Bull. soc. chim. III, 7, 586, Compt. rend. 51, 255. Journ. pharm. 1878, 51. -- ~Reichl~, Dingl. Polyt. J. 235, 232. -- ~Reinitzer~, Zeitschr. phys. Chem. 14, 453. -- ~Hefelmann~, Wasser- u. Pentosangeh. d. G. a. Zeitschr. f. öffentl. Chem. 1901. -- ~O’Sullivan~, Journ. chem. soc. 1884, 41 und 1891, 1029 (Chem. Centralbl. 1890 u. 1892). Chem. News 48, 301; 61, 23; 64, 271. Chem. Zeit. 25, 569. -- ~Zeisel~, Gummi in Wiesner, Rohstoffe. -- ~Flückiger~, Pharmakogn. -- ~Tschirch~, Gummi in Realenzyklop. d. ges. Pharm. 2. Aufl. -- ~Kröber~ und ~Rimbach~, Zeitschr. Angew. Chem. 15 (1902) 477. -- ~Grélot~, Journ. pharm. 1906. -- ~Kiliani~, Ber. d. chem. Ges. 13, 2304; 15, 34. -- ~Claësson~, Ebenda 14, 1270. -- ~Votocek~ und ~Vondracek~, Ber. d. d. chem. Ges. 37, 3858. -- ~Votocek~ und ~Sebor~, Zeitschr. f. Zuckerind. in Böhmen 24, 1. -- ~Fischer~ und ~Meyer~, Ber. d. chem. Ges. 22, 1943. -- ~Fischer~ und ~Bernsch~, Ebenda 27, 2483. -- ~Meininger~, Beitr. z. Kenntn. einiger Gummiarten. Dissert. Straßburg 1908. -- ~Hauers~, Dissert. Göttingen 1902. -- ~Lemeland~, Journ. pharm. 19, 584, 20 (1904) 253 und 21 (1905) 289 und Contrib. à l’étude de quelqu. échant. d. gomme Thèse. Paris 1905. -- ~Rosenthaler~, Zeitschr. anal. Chem. 1909, 165. -- ~Leo Liebermann~, G. a. und G. Senegal. Apoth. Zeit. 1890, 273. -- ~Rideal~, Pharm. Journ. 1892, 1073. -- ~Rideal~ and ~Youle~ (Ind. G.), Pharm. Journ. 1891, 147. -- ~Martina~, Jahresb. d. Pharm. 1894, 56. -- ~Garros~, Chem. Zeit. 1894, 1094. -- ~Hirschsohn~, Beitr. z. Unters. einiger Gummisorten d. Hand. Pharm. Centralh. 1904. -- ~Boucher~ (chem. Const. d. G.). Bull. pharm. Sud-Est 1907. -- ~Bourquelot~, L’orig. d. l. color. d. cert. gommes. Journ. pharm. 1897; 164.
=Enzym=: ~Göttling~, Bull. d. pharm. 1 (1809), 220. -- ~Boulay~, Ebenda, p. 225. -- ~Planche~, Journ. de pharm. 6 (1820), 16. -- ~Struwe~, Lieb. Ann. 163 (1872), 162. -- ~Clermont~ und ~Chautard~, Compt. rend. 94. -- ~Wiesner~, Über d. Gummiferment. Sitzungsber. d. Wien. Akad. 92 (1885), 40 (Monatshefte f. Chem. 6 [1885] 592). -- ~Béchamp~, Faits pour serv. à l’hist. d. l. g. a. Bull. soc. chim. 9 (1893) 45. -- ~Lutz~, Contrib. à l’étud. chim. et bot. des gommes Thèse. Paris 1895. -- ~Bertrand~, Compt. rend. 120 (1895), 268. -- ~Bourquelot~, Sur la pres. d. ferm. oxyd. dans quelqu. subst. médicam. C. r. Soc. d. biolog. 4 (1897), 25. -- ~Grafe~, Stud. über d. Gummiferm. ~Wiesner~ Festschrift 1908. -- ~Mikosch~, Sitzungsb. d. Wien. Akad. 115 (1906) 911. -- ~Grüss~, D. Oxydasen u. d. Guajacreaktion. Ber. d. d. Bot. Ges. 1898, 134. -- ~Tschirch~ und ~Stevens~, Japanlack. Arch. Pharm. 1905, 532 und über d. Gummienzyme. Pharm. Centralh. 1905, 501. -- ~Bach~, Stickstoffgeh. d. Oxydationsferm. Ber. d. d. chem. Ges. 1908, 226. -- ~Reinitzer~, Über d. wahre Natur d. Gummifermentes. Zeitschr. phys. Chem. 14 (1890) 453 u. über d. Enzyme d. Acacieng. Ebenda 61 (1909) 352. -- ~Tschirch~, Chem. u. Biolog. d. pflanzl. Sekrete. Leipzig 1908. -- ~Volcy-Boucher~ (Emulsin). Bull. soc. Pharm. Sud-Est 1908, 297. -- ~Firbas~, Einw. von G. auf Morphin. Pharm. Post 1905.
=Physikalische Eigenschaften.= Das Gummi verhält sich im allgemeinen wie ein +Kolloid+ (~Graham~), doch zeigt die Lösung =osmotischen Druck=, verhält sich also nicht wie ein typisches Kolloid (~Lineburger~). Aus dem kryoskopischen Verhalten leiten ~Gladstone~ und ~Hibbert~ ein Molekulargewicht der Arabinsäure von c. 2000 und ~Lineburger~ ein solches von 2400 ab, was mit der ~O’Sullivan~schen Formel (s. oben S. 445) gut stimmen würde. Der +osmotische Druck+ einer 6% Lösung von Cordofangummi betrug, bestimmt im Osmometer von ~Moor~ und ~Roaf~, bei 32° C.: 152-170 mm Quecksilber, bei 22° C.: 141 mm. Beim Senegalgummi betrug der osmotische Druck bei 16,5° C. 114 mm Quecksilber.
Das =spezifische Gewicht= ist wegen der oft eingeschlossenen Luft nicht leicht zu bestimmen. Reines Gummi hat bei 15° ein spez. Gewicht von 1,487, bei 100° getrocknet: 1,525 (~Flückiger~). Ein anderes Muster Sudangummi zeigte ein spez. Gewicht von 1,316-1,482 (~Pereira~). Das spez. Gewicht des Angra-Pequenagummi war = 1,123-1,134 (~Hartwich~).
Die =Härte= ist verschieden -- man unterscheidet ja im Handel hartes und weiches Gummi --, im Durchschnitt ist sie etwa die des Steinsalzes.
=Brechungsvermögen.= Das G. arabicum ist infolge innerer Spannungen doppelbrechend.
Wichtig für die Unterscheidung der Sorten ist die Bestimmung der =optischen Aktivität=, des Drehungsvermögens. Sie variiert bei Cordofan- und Senegalgummi bei einer 10% Lösung im 100 mm-Rohr zwischen -1° und +3°21′, in abnormen Fällen zwischen -5° bis +9°. Die besten Sorten sind stets linksdrehend (~Fromm~). ~Edie~ fand bei Untersuchung zahlreicher Muster, daß +alle+ Cordofan-Hashab-Gummis +linksdrehend+ sind und die Drehung in engen Grenzen schwankt. Auch von anderen Beobachtern wurden Cordofangummi und Senegalgummi so gut wie ausnahmslos linksdrehend gefunden (~Wiesner~, ~Scheibler~, ~Flückiger~). (In der Literatur ist meist die direkte Drehung α_{D}, nicht die spezifische α_{D} angegeben.) Die +Drehung+ des Cordofangummi schwankte nach ~Edie~ bei 10% Lösung und 100 mm Rohr zwischen -2,77 und -3,14°, +also in sehr engen Grenzen+ und betrug bei 10% Lösung und 100 mm Rohr nach der Hydrolyse: +5,35 bis +5,56° (22 Muster). Bei Senegalgummi betrug die Drehung vor der Hydrolyse: -2,70 bis -2,93, nach der Hydrolyse: +5,42 bis +5,48°, bei Gedarefgummi -3,09° (nachher +5,33°). Wie hieraus ersichtlich, ist auch die Bestimmung der Drehung nach der Hydrolyse von Wichtigkeit. ~Lemeland~ fand linksdrehend außer Cordofang. auch Aprikosengummi -1° 93, Mangifera indica -25° 33, Feronia elephantum -6° 41, ~Mannich~ (10% Lös. 100 mm Rohr) die Gummis von A. Senegal -1,1°, A. spirocarpa -2,6°, ~Dieterich~: Amradgummi linksdrehend, ~Fromm~ Cordofang.: von -2° 23′ bis -2° 47′, Senegal: 1° bis 2° 51′, ~Meininger~ das Gummi von A. pycnantha -19,37°. Doch kommen Anomalien vor. So beobachtete ~Fromm~ Rechtsdrehung: bei arab. Gummi +1° und bei Senegal +9° 8′, +3° 21′, +8° 31′ und -4° 52′ und ~Flückiger~ und ~Wiesner~ fanden das _Feronia_gummi rechtsdrehend, aber das ist beim Cordofan- und Senegalgummi -- ich zweifle nicht daran -- auf Vermischung mit Gummis, die nicht von A. Senegal stammten, zurückzuführen.
Andere Gummis zeigen dagegen +stets+ Rechtsdrehung. ~Scheibler~ fand (1873), daß unter den Sennaargummis rechtsdrehende sich finden, was ~Flückiger~ bestätigte. Geddagummi ist stets rechtsdrehend. Die Drehung schwankt zwischen α_{D} +45 und +54° (~O’Sullivan~) ~Guichard~ fand Salabreda- und berberisches Gummi rechtsdrehend. Ebenso dreht Ghezirehgummi regelmäßig rechts (c. +3°) wie Mogadorgummi (~Flückiger~). Das Gummi von A. horrida (Angra Pequena-G.) drehte + 2° 20′, +3° und +3° 20′, nach Extraktion mit Alkohol +3°, +3° 40′ und +4° 20′ (~Hartwich~). ~Lemeland~ fand rechtsdrehend (α_{D}?): Gezireh +45°, Brasil +46° 94′, Cochlosperm. Gossyp. +77° 152′. ~Mannich~ fand rechtsdrehend das Gummi von Acacia Kirckii +2,6°, A. Seyal +5,1°, A. arabica +7,98°, A. stenocarpa +4,75°. Weitere Angaben im Kapitel Handelssorten (S. 436 u. 437). Im allgemeinen findet man angegeben, daß die Gummis, die relativ wenig (bis 20,7%) Schleimsäure bilden, rechts drehen, die, welche über 21% Schleimsäure bilden, dagegen links (~Wiesner~). Das scheint aber nicht richtig zu sein. Es fehlt eine speziell hierauf gerichtete Untersuchung.
Eine der wichtigsten Methoden zur Wertbestimmung des Gummis ist die Bestimmung der =Viskosität=. Sie erfolgt im Viskosimeter. Der erste, der Bestimmung der Viskosität der Gummata vorschlug, war ~Sacc~ (1857). Er benutzte das Viskosimeter von ~Ochs~ (Bestimmung der Zeit des Einsinkens eines Senkkörpers). ~Duclaux~ bediente sich des Compte-gouttes de Salleron, dem er die Form einer Pipette gab. Dann beschrieben ~Vée~ (1888) und ~Lunge~ (1892) Viskosimeter für Gummilösungen. ~Lunges~ Viskosimeter ist eine Spindel von bestimmter Schwere. Man bestimmt die Zeit, die diese braucht, bis sie bis zu einer bestimmten Marke eingesunken ist. Andere Viskosimeter bestimmen die Ausflußgeschwindigkeit des Schleims aus einer Bürette mit bestimmter Ausflußöffnung. So beruhen z. B. das +Viskosimeter+ von ~Engler~, das ~Reischauer~sche und das nach letzterem konstruierte von ~E. Schmid~ darauf, die Ausflußgeschwindigkeit aus einem Rohre bestimmter lichter Weite (2 mm) zu messen. Zum Vergleich dient entweder Wasser, Rüböl oder eine Rohrzuckerlösung bestimmter Konzentration. ~Fromm~ benutzte ~Englers~ Viskosimeter für Gummilösungen. Das sehr gute Ausfluß-Viskosimeter von ~Merveau~ (Fig. 151) berücksichtigt den Einfluß, den Druckhöhe, Temperatur und Querschnitt der Ausflußöffnung besitzen. Seltener benutzt wird das ~Ostwald~sche +Viskosimeter+. Das teuerste, aber beste, ist das +Torsionsviskosimeter+ (Fig. 150). Die +Bestimmung der Viskosität+ mit dem Torsionsviskosimeter wurde von ~Beam~ mit einer 20 oder 30% Lösung gemacht.
Groß ist die Zahl der für Öle und Firnisse vorgeschlagenen Viskosimeter. Ich nenne nur die von ~Huguet~, ~Schubler~, ~Redwood~, ~Allen~, ~Schmid~, ~Engler~, ~Barbey~, ~Valenta~. Dann seien die Viskosimeter von ~Neumann~, ~Wender~, ~Mayer~, ~Hess~, ~Yvon~, +Grorert+ und ~Demichel~ und das Laktoviskosimeter von ~Micault~ genannt. Sie sind auch für Gummilösung brauchbar.
~Beam~ fand 1906 mit dem Torsionsviskosimeter von ~Doolittle~, bei 90° F. gemessen, die +Viskosität+ bei Cordofan hard bei 10% Lösung = 94-112, bei 20% Lösung = 93,5-111, bei Cordofan softer bei 20% Lösung = 87,5-92. Bei Senegalgummi bei 10% Lösung = 83-98, bei 20% Lösung = 92,5-104 (bez. der Umrechnung der Grade vgl. bei ~Beam~. Die Temperatur muß genau beachtet werden). Bestes Cordofan gross gum (Turkey) zeigte im Torsionsviskosimeter 32° Retardation entsprechend der Viskosität einer 61,85% Rohrzuckerlösung. ~Merveau~ bestimmte (1910) mit einem von ihm konstruierten Ausflußviskosimeter (Fig. 151) bei 15° die Viskosität von Cordofangummi zu 5,27, die des Gomme pelliculée de l’Inde zu 7,9, die des Gomme d’Aden Mokri zu 3,81. Mit steigender Temperatur geht die Viskosität herab. Sie beträgt z. B. im obigen Falle beim Cordofangummi bei 30°: 4,12, bei 40°: 3,87 und bei 50° nur noch 3,28. Die Viskosität des Angra Pequena-G. betrug 1,72, 2,052, 3,39 und 3,67 (~Hartwich~). Bei gewöhnlicher Temperatur bereitete Lösungen haben eine größere Viskosität, wie heiß bereitete gleicher Konzentration. Beim Aufbewahren des Gummis nimmt die Viskosität ab. Gummis mit hoher Klebkraft zeigen auch eine hohe Viskosität, einen hohen Säuregrad und eine negative Drehung (~Fromm~).
Methoden zur +Bestimmung der+ =Klebefähigkeit= rühren von ~Dalén~ und ~Hirschsohn~ her. Die Klebefähigkeit des Gummi prüfte ~Hirschsohn~ in der Weise, daß er eine bestimmte Menge Gips mit einer bestimmten Menge 10% Gummilösung verrieb und die Masse zu Stangen formte. Diese wurden durch unten angehängte Gewichte auf ihren Zerreißungspunkt geprüft. G. arabicum riß bei 1000 g Belastung, Senegalgummi bei 1600 g, australisches Gummi bei 1400 g, ostindisches Gummi bei 1500 g («Kunstgummi» erst bei 1800-2000 g) Belastung. Die ~Dalén~sche Methode beruht darauf, daß man Saugpapier von bekannten Festigkeitseigenschaften mit der zu prüfenden Gummilösung tränkt, trocknet und von neuem nach den bekannten Methoden die Festigkeit prüft.
Auch die Bestimmung der =Emulgierungsfähigkeit= ist praktisch nicht ohne Bedeutung. ~Hirschsohn~ hat sie bei verschiedenen Gummis bestimmt.
=Lit.= +Osmometer+: ~Moor~ and ~Roaf~, Biochemic. Journ. 7, 34. -- +Viskosimeter+: ~Sacc~, Essai des gommes employées pour épaissir les couleurs. Journ. d. pharm. 1867, 119. -- ~Duclaux~, Ann. chim. phys. 21 (1870) u. 25 (1872). -- ~Vée~, Etude sur les gommes dites arabiques. Thèse 1888. -- ~Lunge~, Nouv. viscos. pour l’examen des gommes. Ann. chim. an. 1896, 411. -- ~Beam~, Second Report of Wellcome Res. Labor. 1906, 232. -- ~M. J. Merveau~, Recherches sur la viscosité et en particulier sur la viscosité des gommes. Thèse Paris 1910 (hier d. Literatur). -- ~Lunge~, Zeitschr. angew. Chem. 1895, 437. Apoth. Zeit. 1897, Nr. 75, 1898, Nr. 22. -- ~Fromm~, Zeitschr. anal. Chem. 40 (1901) 143. -- +Drehung+: ~Graham~, Lieb. Ann. 121, 56. -- ~Gladston~ u. ~Hibbert~, Chem. News 59, 277. -- ~Linebarger~, Am. journ. sc. (3) 426. -- ~Guichard~, Bull. soc. chim. (3) 9, 19. -- ~Dieterich~, G. vom Hinterland von Angra Pequena a. a. O. -- ~Béchamp~, Compt. rend. 51, 255. -- ~Scheibler~ a. a. O. -- ~Wiesner~ a. a. O. -- ~Flückiger~ a. a. O. -- ~Mannich~, Gummiarten Deutsch-Ostafrikas. Tropenpfl. 1902, 201. -- ~Fromm~, Zeitschr. Anal. Chem. 40 (1901), 143. -- ~Dalén~, Mitt. d. k. techn. Versuchsanstalt 1894, 149. -- ~Hirschsohn~, Pharm. Zeitschr. f. Rußl. 1893, 803.
=Verfälschung und Prüfung.= Für pharmazeutische Zwecke kommen +nur+ die +besten+ Cordofan- und Senegalsorten in Betracht. Als Klebstoff sind alle anderen guten G. zulässig. Das Gummi arab. officin. muß sich zu einem hellgelblichen, schwach sauer reagierenden, geruchlosen Schleime langsam aber vollständig lösen, der die oben (S. 442) angegebenen Eigenschaften besitzt und Fehlingsche Lösung kaum sichtbar reduziert. Jodlösung darf auch in der heiß bereiteten Lösung weder eine blaue (Stärke) noch eine weinrote Färbung (Dextrin) geben. 10 ccm des Gummischleims (1 = 10) sollen sich z. B. mit einem Tropfen n./10 Jod rein gelb färben (Pharm. helv. IV). Auch nach dem Kochen und Wiedererkalten darf die Mischung durch einen weiteren Tropfen der Jodlösung keine Violettfärbung annehmen. Dextrinhaltiges Gummi dreht stark rechts. Auf +Dextrin+, das öfter im Gummi vorkommt, kann mit Anilinsulfat (~Pietro~) oder auch in der Weise geprüft werden, daß man 3 ccm einer Lösung, die aus 15 gtts Liqu. ferr. sesquichlor., 15 gtts einer gesättigten Lösung von +rotem+ Blutlaugensalz, 5 gtts verd. Salzsäure (sp. Gew. 1,165) und 60 ccm Wasser besteht, mit 6 ccm einer 20% Lösung des G. vermischt. Die Lösung von reinem G. wird gelb und bleibt es 10-12 Stunden lang, bei Anwesenheit von Dextrin wird die Lösung blau. Die Prüfung auf +Gelatine+ (Leim) gründet ~Gautier~ auf die Eigenschaft derselben durch Formaldehyd in der Wärme unlöslich zu werden (G. wird nicht angegriffen). G., das mit +schwefliger Säure+ gebleicht wurde (Verfahren ~Piciotto~), gibt mit Baryumchlorid eine Fällung, solches, das mit +Chlor+ gebleicht wurde, mit Silbernitrat. ~Piciotto~ empfahl auch Reinigung gefärbter G. mit Alaun und KOH, so daß auch hierauf zu prüfen wäre. Auch mit Schwefelsäure soll G. gereinigt werden (?). Reines Cordofang. erhärtet mit Borax zu einer gummiähnlichen Masse, dasselbe geschieht mit bas. Bleiacetat und Eisenchlorid, mit Kalisilikat gelatiniert es. Eine Mischung von Traganthschleim mit Acaciengummi ist dicker als die entsprechende reine Mischung (~White~). ~Vée~ empfiehlt als bestes Mittel, Verfälschungen aufzudecken, Bestimmung des +Rotationsvermögens+, und dem möchte ich beistimmen (vgl. oben S. 449) +und außerdem Bestimmung der Drehung nach der Hydrolyse vorgeschlagen+. +In der Pharmazie sollte nur schwach linksdrehendes G. zugelassen werden.+ Für die Technik ist das wichtigste die Bestimmung der +Viskosität+ (~Hefelmann~). ~Fromm~ hält für die Wertbestimmung wichtig festzustellen: Löslichkeit, Viskosität, Säuregrad, Drehung, Dehnung und Klebfähigkeit, sowie Feststellung, ob die Lösung schäumt und ob sie reduziert (s. oben S. 427 u. 433). ~Rideal~ und ~Youle~ (1891) halten auch die Bestimmung des Wassergehaltes für ein gutes Mittel zur Charakterisierung und Aufdeckung von Fälschungen. ~Jaksch~ u. and. empfehlen Bestimmung der Löslichkeit. Auch die Bestimmung der Emulgierungsfähigkeit ist bei G. a. officinale nicht ohne Bedeutung (~Hirschsohn~).
Mit dem Mikroskop lassen sich die meisten Fälschungen des +Pulvers+, besonders bei Anwendung von Jodlösung, erkennen: +Traganth+ (vgl. Fig. 140, S. 397), +Dextrin+ (schon von ~Hager~ 1869 beobachtet, und oft vorkommend) (vgl. Fig. 73, S. 200), +Stärke+ (Reisstärke, ~Wilson~), +Mehle+ (Maismehl, bis 50%! ~Fernau~). Man geht von einem Glycerinpräparat aus. Die Fragmente von beigemengtem wasserlöslichem Dextrin färben sich mit etwas jodhaltigem verd. Glycerin violett-rötlich, bevor sie sich lösen (~Koch~). Als anorganische Verfälschung des Pulvers wurde Borax (5%, ~Fernau~) beobachtet. Im Senegalg. findet sich bisweilen Bdellium (s. oben S. 425), ein Gummiharz, das zu 70% in Alkohol und Äther löslich ist.
Als Ersatzmittel des G. a. kommen jetzt nur in Betracht: Capgummi, Berberisches G. und die blassen Varietäten vom indischen Amradg. und Ghattig. (~Maben~). Nur für technische Zwecke kommen in Betracht (für pharmazeutische Zwecke auszuschließen!) die +Surrogate+: Gummi aus _Mesembryanthemum_früchten (1898), Kunstgummi aus Dextrin, durch NaOH und Na₂CO₃ löslich gemachtes Kirschgummi, der gummöse Rückstand der Myrrhentinkturbereitung (gibt einen vorzüglichen Klebleim! ~Alcock~). Ein neueres Gummiersatzmittel besteht aus mit Stärke versetztem eingetrocknetem Carageenschleim (Tropenpflanzer 1905, 282).
=Lit.= ~Hopff~ (Verhalten gegen Reagentien), Jahrb. prakt. Pharm. 15, 234. -- ~Hirschsohn~, Vgl. Vers. mit Natur- und Kunstgummi. Pharm. Zeitschr. f. Rußl. 1893 und Zeitschr. Allg. Österr. Ap. Ver. 1904. Ph. Centr. H. 1904, Nr. 20. -- ~Maben~ (Reagentien), 1891 a. a. O. -- ~Karl Dieterich~, Wertbestimmung. Zeitschr. anal. Ch. 40, 408. -- ~Gautier~, Compt. rend. 1898. -- ~White~ (Vergleich mit Traganth). Brit. Pharm. Conf. 1904. -- ~Wilson~, Reisstärke. Pharm. Journ. 1889, Nr. 988. -- ~Masing~, Arch. Ph. 1879/80. -- ~Holfert~, Jahrb. d. Ph. 1888. -- ~Rideal~, ebenda 1892. -- ~Martina~, ebenda 1894. -- ~Jaksch~, Chem. Zeit. 1891, 77. -- ~Rideal~ und ~Youle~, Chem. Drugg. 1891, 788. -- ~O. Fromm~, Wertbest. v. G. a. Zeitschr. anal. Chem. 40 (1901), 143. -- ~Hartwich~ in Pharm. Praxis. -- ~Koch~, Atlas. -- ~A. Fernau~, Untersuchungsergebn. b. offiz. Präp. u. Drog. im Jahre 1902/1903 in Östr. Jahresb. f. Pharm. IV, 1903, 150. -- ~Mitlacher~, Zeitschr. d. allg. Östr. Apoth. Ver. 1904, 1480. -- ~Pietro~, Proc. Am. ph. assoc. 1894, 901. -- ~Sollmann~, Response of gums etc. to Moores Reaction. Am. journ. pharm. 1911, 176.
=Anwendung.= G. arabicum ist das am meisten in der Medizin gebrauchte Mucilaginosum. Es wird als einhüllendes Mittel, dann besonders bei Katarrhen, aber auch bei Diarrhöen angewendet. Gummi ist Bestandteil vieler Hustenmittel (Gummibonbons) und wird auch als Bindemittel für Emulsionen benutzt. Man benutzt es auch als Hilfsmittel beim Pulvern einiger Drogen (Fruct. Capsici, Fruct. Colocynth.). Vor dem Pulvern ist das Gummi zu trocknen, dies darf nicht über 30-40° und länger als einen Tag geschehen, da sich sonst das Gummi verändert. Da Gummi aus der Luft Feuchtigkeit anzieht, ist es in gut verschlossenen Gefäßen aufzubewahren. Lösungen des G. arabicum dürfen nicht zugesetzt werden: Mineralsäuren, Metallsalze, Bleiessig, Brom- oder Eisensalze, Sulfate, Oxalate, Silikate, Alkohol und alkoholische Tinkturen, sowie, es sei denn, daß die Lösung «sterilisiert» wurde, die oben (S. 446) genannten Substanzen. +Technisch+ wird es als +Klebemittel+ (Briefmarken! die Reichsdruckerei braucht jährlich über 60000 kg) und bei Appreturen (bes. der Seidenwaren), in der Färberei, Druckerei, bei der Bereitung von Tinte, Farben und Zündhölzern, die feinsten Sorten auch in der Liqueurfabrikation und der Confiserie (Pasta gummosa) benutzt. Mit Kaliumchromat gibt Gummi eine lichtempfindliche Masse (~Eder~).
G. arabicum ist ein gutes +Nahrungsmittel+, denn die Verbrennungswärme der Arabinsäure beträgt bei konstantem Volum 4004 Cal. für 1 g (1369,4 Cal. für 1 g-Mol.). Salzsäurehaltiger Magensaft wirkt glykosebildend (~Fudakowski~), mindestens 46% werden verdaut (~Voit~). In Australien leben die Eingeborenen in der trockenen Jahreszeit fast nur von Acaciengummi oder Koljang (~Preiss~). Auch die Tuaregs der Sahara verzehren das Gummi (~Duveyrier~), ebenso die Eingeborenen in Ostafrika (~Holst~). Im Somaliland wird das «süße» Gummi (d. h. G. arab., das «bittere Gummi» ist Myrrha) gekaut und dient bei langen Märschen oft als einzige Nahrung. Während des Mahdiaufstandes im Sudan lebten die Heere besonders von Gummi (s. oben S. 427). Frisches vom Baume gebrochenes G. stillt auch den Durst. ~David~ schützte sich in Cordofan durch Gummigenuß vor dem Verdursten.
=Geschichte.= G. a. findet sich nicht bei den Sanskritschriftstellern, die arabisch-persischen beschreiben es unter dem Namen Samgh-i-arabi (~Dymock~). Der Autor des +Makhzan+ beschreibt G. a. als das G. des Baumes ammughilán oder mughilán, gelblich-weiß, durchscheinend und gänzlich löslich in Wasser (Pharmacogr. ind.). In der Schatzkammer des ~Rhapsenit~ in Medinet-Abu finden sich Darstellungen von Gummibäumen und fand sich Gummi (kami-en-punt) selbst, das die Ägypter seit den ältesten Zeiten aus dem Lande Punt (vgl. I, S. 459) holten. In zahlreichen Rezepten des Papyrus ~Ebers~ wird die ägyptische Acacia und Gummi erwähnt. ~Theophrast~ erwähnt einen Wald der Gummiacacie in der Thebais in Ägypten. Und auch in dem botanischen Lexikon Kitâb aš šaǧar (X. Jahrh.) stehen die Nilacacien. Die ἄκανθα des ~Theophrast~ (hist. pl. IV, 2, 8), von der er sagt «γίνεται δὲ ἐκ ταύτης καὶ τὸ κόμμι καὶ ῥέει καὶ πληγείσης καὶ αὐτόματον ἄνευ σχάσεως», wie des ~Dioskurides~ ἀκακία aus Ägypten (I, cap. 133), die er als gummilieferndes Dorngewächs beschreibt, und des ~Plinius~ Spina (XIII, 20) war die Nilacacie, der Sontbaum (altägypt. cant, sont, šent [die hieroglyph. Zeichen I, S. 468], arab.: charad, śeģer fetna, sense-locht): Acacia nilotica ~Del.~ (A. vera), deren vorzügliches Holz und deren schöne Blumen zu Kränzen und medizinisch in Ägypten angewendet wurden, und die auch Gummi lieferte. Auch ~Strabo~ (VII, 1) erwähnt Haine der thebaischen Akantha und ~Herodot~ (II, 96) gedenkt des Gummi unt. and. bei der Einbalsamierung der Leichen, und vergleicht den Baum mit dem kyrenäischen Lotus (Diospyros Lotus). In Kyphivorschriften (I, S. 473) finden sich Acacienfrüchte (sannâr), deren Zeichen bei den hieroglyphischen Inschriften oft als Determinativ hinter Leguminosenfrüchte gesetzt wird (I, S. 466), und die noch heute in Ägypten zum Gerben dienen. Die Blüten, deren Duft die Ägypter im Zimmer liebten, waren Ingredienz von Heilmitteln, z. B. der ägyptischen Salbe (αἰγυπτίον μύρον das μύρον λευκὸνwurde mit den Blüten der A. Senegal bereitet). Blühende Zweige finden sich auf Tempelwänden dargestellt (~Wönig~, Fig. 140). Das Gummi der Nilacacie, das heute in Ägypten nur noch für den Hausbedarf gelegentlich gesammelt wird, war auch in alter Zeit, wie es scheint, kein großer Handelsartikel, denn schon im XVI. Jahrh. n. Chr. bezogen die Ägypter das Gummi, das sie unter anderem zur Bereitung von Malfarben benutzten (mu-nu-qemi = Gummiwasser zum Malen steht z. B. im Totenbuche), aus dem Lande Punt, d. h. von der Somaliküste, aus (oder über?) Süd-Arabien (Cane), vom Roten Meer oder der Küste von Suakim (~Krall~). Das ānte von Punt war arabisches Gummi (~Krall~). Im römischen Altertum und im Mittelalter kam alles Gummi von der Somaliküste oder über Yedda. Im Periplus (I, S. 535) fehlt das Gummi merkwürdigerweise, oder verbirgt es sich unter dem Worte mocrotu (?). ~Plinius~ bemerkt, daß das ägyptische Gummi 3 Denare das Pfund koste und daß schlechte Gummisorten von dem Mandel- und Kirschbaume, das schlechteste von der Pflaume stamme. Das beim Tabernakelbau viel benutzte Holz shittah, shittim (Exodus 25, 30), war das sehr harte Holz einer Acacia, entweder Seyal (~Tristram~) oder arabica (~Charpenter~) oder horrida, mit rundlichen Blütenständen. Der brennende Busch des Moses (seneh) wird von ~Tristram~ für Acacia nilotica gehalten. Auch von einem «Tal der Acacien» ist in der Bibel die Rede. Karaz ist die Frucht der Acac. nilotica ~Del.~ Die Alten verwendeten ihr Extrakt. ~Delile~ (Flore d’Egypte) hält die ἄκανθα διψὰς des ~Theophrast~ (hist. pl. IV, 8) für A. Seyal (= spina sitiens des ~Plinius~, Lib. 13, 1). Des ~Hippocrates~ Acacia (ἄκανθα) war (nach ~Dierbach~) A. Senegal, «die weiße Acacie», da sie weißes Holz, weiße Rinde und weiße Blüten besitzt, nach anderen A. arabica. Arzneilich benutzte das G. auch ~Hippocrates~, doch nur wenig, und im ganzen Altertum und Mittelalter wurde es medizinisch und technisch nicht viel beachtet. Doch kennt z. B. ~Scribonius Largus~ Acacia. Bis zum XIV. Jahrh. scheint nur ostafrikanisches G. benutzt worden zu sein. Mit der Erschließung Westafrikas im XV. Jahrh. (I, S. 729) erscheint dann auch das Senegalgummi im Handel. Es erlangt aber erst im XVII. Jahrh. in Frankreich Bedeutung und ist erst seit den dreißiger Jahren des XIX. Jahrh. ein ernstlicher Konkurrent des arabischen. Es setzte sich am Ende des XIX. Jahrh. ganz an seine Stelle, als während der blutigen Unruhen im Sudan der sudanische Gummihandel ganz aufhörte. Jetzt hat das cordofanische G. wieder die Führung (vgl. oben S. 428). Das Mittelalter brauchte nicht viel G. ~Pegolotti~ (I, S. 702) erwähnt das G. ar. unter den Drogen, die nach Pfund, nicht nach Quintal gehandelt wurden. Die arabischen Ärzte benutzten das Gummi und von ihnen übernahm es die Schola salernitana. In der +Alphita+ (I, S. 640) steht Acacia cirra (Acassia cira id est dura), bei ~Serapion~ Arbor gummi arabici = Acacia, Spina babylonica, achachie. Die Abbildung des Baumes bei ~Pomet~ (I, S. 942) ist unkorrekt. Er nennt als Synonyme des Gomme arabique: G. thebaique, Sarracene, de Babylone ou Achantine ou d’Acacia d’Egypte. Das G. kam Ende des XVII. Jahrh. via Arabien nach Marseille, war aber damals selten und wurde durch die «gomme du Senega» ersetzt. Außer diesem unterscheidet ~Pomet~ noch ein G. turique, G. vermiculée und G. d’Angleterre.
Das Altertum unterschied die Gummis nicht von den Harzen. Auch noch im Mittelalter gingen unter dem Namen Gummi auch die Harze (z. B. gumma colofonia, gummi pini in der +Alphita+, und auch noch später [Nördlinger Register 1480]: gumi pini, in der +Berluliste+ [1724]: gum copal). Das hat sich bis heute erhalten. In den Grossistenlisten figuriert immer noch Gummi Benzoes, G. Mastix, G. Elemi. Die Jahrtausende sind über diese falsche Bezeichnung hinweggegangen, ohne Spuren zu hinterlassen. Ja, unter Gummi par excellence versteht man heutzutage oft -- Kautschuk! Daß G. a. von dem Amygdalaceeng. (gummi qui exit de arbore ceraso vel pruno) verschieden ist, war schon im XII. Jahrh. bekannt.
Der Bezeichnung Gummi +arabicum+ begegnen wir schon im Altertum, bei ~Diodorus Siculus~, bei ~Nicolaus Damascenus~ (I, S. 573), ~Oribasius~ (I, S. 589) u. and. Und auch in der Alexandrinischen Zolltafel (I, S. 569) steht onyx (commis [?] oder gummi) arabicum -- bei ~Scribonius Largus~ (I, S. 577) dagegen commi alexandrinum und bei ~Alexander Trallianus~ κόμμι λευκόν. -- Die Bezeichnung blieb dann durch das ganze Mittelalter erhalten. Sie findet sich z. B. bei ~Serapion~ (I, S. 605). Gomarabische steht unter den Einfuhrartikeln von Pisa (1305) und Telamone (1379), dann in der Liste von Paris (1349, I, S. 706) und ~Paxi~ erwähnt gomma rabica unter den Artikeln des venetianischen Handels (~Flückiger~). In der Alphita (I, S. 649), in den Tabulae, bei ~Platearius~ sowie den Sinonoma ~Bartholomei~ steht: gummi arabicum -- Sanig, Sanag arabicum. Im Inventaire ~Lefort~ (I, S. 804) steht: «2 onces de gomme arabique tauxée 2 blancs», was auf keinen großen Bedarf schließen läßt. Im Droits de courtage établis à Paris au XVᵉ siècle (ed. ~Dorveaux~) steht «gomme arabic VI d. t. la bale». ~Cordus~ (I, S. 799) unterschied: G. splendidum, arabicum und vermiculatum (Traganth?). Er verwendete auch Succus et fructus arboris Acaciae. Gummi arabic. steht in der Frankfurter Liste (I, S. 812), dem Eßlinger Drogenverzeichnis (I, S. 815) und zahlreichen Taxen. In der Taxe von Hamburg 1587 steht Gummi arabicum = Dinten Gummi. Die Berluliste (I, S. 950) hat neben gum arabicum auch gum cerasorum. Aber die Bezeichnung arabicum bedeutet nicht, daß Arabien das Land ist, wo das G. produziert wurde, ebenso wenig wie wir aus dem häufigen Beisatz aegypticum, indicum, aethiopicum, romanum irgend welche Schlüsse auf das Produktionsland ziehen dürfen. +Über+ Arabien kam G. aber sicher schon im Altertum und Mittelalter. Auch ~Ibn Kordadbah~ (I, S. 616) nennt es bei Yemen.
Acacia Senegal ist schon von ~Prosper Alpin~ (I, S. 770) beschrieben, sodann von ~Adanson~ (XVIII. Jahrh.) und endlich von ~Guillemin~ und ~Perrottet~ (a. a. O.).
=Lit.= ~Flückiger-Hanbury~, Pharmacographia. -- ~Flückiger~, Pharmakognosie. -- ~Wönig~, Die Pfl. d. alt. Ägypt. -- Die Acacien Ägyptens in ~Joret~, Les plant. dans l’antiquité I, 144. -- ~Pereira~, Heilmittellehre.
Prunoideengummi.
Amygdalaceengummi, Kirschgummi, gummi nostras, gomme du pays, cherry gum.
Zu technischen Zwecken wurde der Gummi der +Kirsche+ (Prunus Cerasus) und +Pflaume+ (P. domestica u. and.) schon im XII. Jahrh. benutzt (~Theophilus~ oder ~Rogker~ Schedula divers. art. in ~Eitelberger~, Quellenschr. f. Kunstgesch. 1874) und die ~Hildegard~ (I, S. 667) erwähnt ein +Gummi de Persico+ (Pr. Persica?) als Heilmittel. Außer diesen wird auch das Gummi des +Mandelbaumes+ (Prunus Amygdalus) und der +Aprikose+ (P. armeniaca) gesammelt und in Böhmen das G. von Amygdalus spartioides (~Hoffmeister~). 1891 kam aus Buschir ein Prunus-G. von P. Bopkarensis ~Royle~ und P. Puddum ~Roxb.~ (~Sickenberger~), 1906 +persisches+ G. besonders von Amygdalus leiocarpa ~Boiss.~ in den Handel (~Hillier~). ~Schindler~ bemerkt (1881), daß das Djedk-i-ardjin genannte Gummi Persiens von dieser Pflanze bei Kerman gesammelt wird und in Afghanistan sammeln die Eingeborenen Pflaumen- und Aprikoseng. (~Aitchison~). Der cherry gum Indiens wird von Prunus Puddum abgeleitet (~Cooke~) und mindestens ein Teil des Bassorag. und des Hog gum (vgl. S. 405) ist ebenfalls Amygdalaceeng. In China wird Pfirsichg. (táu-kian) gesammelt, ebenso in Indien (aru, reck, mandala, ~Dragendorff~). Jetzt ist Prunoideeng. nur wenig in Gebrauch (unter anderem beim Kattundruck), da es nur wenig löslich ist und mit Wasser aufquillt. Es ist der Typus des Cerasingummis.
Die Bildung des Prunoideengummis erfolgt in, infolge von Verwundungen vom Cambium im Jungholz gebildeten, Gummiparenchyminseln (~Mikosch~), aber auch in der Rinde (~Wigand~, ~Tschirch~), s. auch oben S. 410-416. Prunoideengummi ist blaßgelb bis rötlichbraun, doppelbrechend, hat glänzende, muschelige Bruchflächen, außen ist es meist trübe. Es wird durch Alkalien braun, durch Salzsäure rotviolett. Es enthält 13-14% Wasser und 2-3,5% Asche. Während sich alle Arabingummis in Chloralhydrat (60%) klar lösen, hinterlassen die Cerasingummis einen gequollenen Rückstand, die Bassoragummis (Traganth) geben eine klare Lösung, über der sich eine klare gequollene Masse absetzt (~Mach~, ~Wiesner~).
Das Prunoideeng. wird meist als metarabinsaurer Kalk betrachtet (~Frémy~). Der lösliche Teil des Kirschg., der (nach ~Schmidt~) bis 52,1% betragen kann, ist kein Arabin (~Garros~), er wird durch Bleiessig nicht gefällt. Pfirsich- und Mandelg. scheint mehr lösliches G. zu enthalten als Kirschgummi. Pfirsich- und Pflaumengummi geben bei der Oxydation Schleimsäure. +Kirschgummi+ enthält c. 39,96% Pentosane und liefert bei der Hydrolyse +Galaktose+ und (bis 50%) +Arabinose+ (~Hauers~) -- die Arabane überwiegen also. Die gleichen Produkte lieferten neben unbekannten Zuckerarten auch das Pfirsich- und Aprikosengummi (~Lemeland~, ~Stone~). Kirschgummi gibt bei der Hydrolyse +keine+ Xylose (Kirschholz viel!) oder doch nur sehr geringe Mengen (~Browne~ und ~Tollens~). Über das Cerasin vgl. oben S. 442. Das Cerasin der Kirsche soll sich durch ein in der Kirsche befindliches (nicht durch ein anderes Amygdalaceen-) Enzym in Arabin überführen lassen (~Garros~). Oft enthält das Kirschg. auch Zucker und Gerbstoff (~Schmidt~), stets eine Oxydase. Bei der Hydrolyse des Pflaumeng. erhielt ~Garros~ eine neue (?) Pentose, die +Prunose+. ~Lemeland~ fand im +Aprikoseng.+ 8,83% in Wasser Unlösliches, 16,1% Wasser, 3,3% Asche, 23,6% Galaktane, 48,5% Pentosane. Es lieferte Arabinose und drehte -1°93. In +Pflaumeng.+ waren dagegen 20,8% Unlösliches, 15,4% Wasser, 2,5% Asche, 13,3% Galaktane und 76,3% Pentosane enthalten. Es lieferte Arabinose und drehte kaum. ~Martina~ gibt folgende Übersicht:
---------+-------+------+--------+------------+---------+ Art des | Asche | Kalk | Kalk |Schleimsäure|Galaktose| Gummis | | im | in der | | | | |Gummi | Asche | | | | % | % | % | % | % | =========+=======+======+========+============+=========+ Aprikosen| 4,20 | 1,85 | 44,04 | 9,16 | 12,21 | Pflaumen | 2,15 | 1,07 | 49,76 | 5,19 | 6,92 | Kirschen | 2,50 | 1,00 | 40,00 | 6,13 | 8,17 |
---------+--------+--------+--------------+---------- Art des |Furfurol|Pentosen|Gesamtglykosen|Galaktose Gummis | | | |+ Pentosen | | | | | % | % | % | % =========+========+========+==============+========== Aprikosen| 17,27 | 34,54 | 43,48 | 46,75 Pflaumen | 31,03 | 62,06 | 66,47 | 68,98 Kirschen | 23,07 | 46,14 | 56,38 | 54,31
Durch eine Lösung von 1% NaOH und 2,5% Na₂CO₃ löslich gemachtes Kirschg. ist als «Kunstgummi» im Handel. Auch durch Erhitzen mit Wasser unter Druck werden unlösliche G. löslich.
=Lit.= ~Mikosch~, Sitzungsb. d. Wien. Akad. 1906, 911 (dort die Lit.). -- ~Wigand~, Pringh. Jahrb. 3. -- ~Tschirch~, Angew. Anatomie S. 210, Fig. 211. -- ~Wiesner~, Rohstoffe. -- ~Sickenberger~ (Prunusg.). Chem. Zeit. 1890, 350. -- ~C. Hoffmeister~, Amygdalusg. Ber. d. d. bot. Ges. 1898. -- Aprikoseng.: ~Lemeland~, Journ. pharm. 1905, 443. -- ~Hillier~, Kew Bull. 1906, 109. -- ~Huerre~ (G. d. Mandelbaums). Journ. pharm. chim. 1908, 561. -- ~Hauers~, Dissert. Göttingen 1902. -- ~Lemeland~, Journ. pharm. chim. 21, 443. -- ~Stone~, Ber. d. d. chem. Ges. 23, 2574. -- ~Garros~, Journ. ph. 1892, 535. Bull. soc. chim. (3) 7, 625. -- ~Allen~ und ~Tollens~, Lieb. Ann. 260, 289. Ber. d. chem. Ges. 23, 137. -- ~Martina~, Apoth. Zeit. 1894.
B. Drogen, welche vorwiegend aus Membraninen bestehen, die keine Polysaccharide enthalten oder von denen es nicht sicher ist, ob sie solche enthalten.
Zu dieser Gruppe gehören Kork, Pollenin, Pilzzellulose und die Diatomeenschalen. Neuere Untersuchungen haben es zweifelhaft gemacht ob in diesen Polysaccharide vorkommen, da die als Beweis angeführte Reaktion, daß die mit Kali behandelten Membranen mit Jodreagentien (z. B. Jod-Schwefelsäure, Chlorzinkjod) sich violett färben, auch auf andere Substanzen, beim Kork auf die Phellonsäure, bei der Pilzzellulose auf Chitosan zurückgeführt werden kann.
Die Drogen dieser Gruppe mögen also den Zellulosindrogen gegenüber gestellt und ihnen hier angehängt werden.
1. Suberino-Membranindrogen.
Ein höchst eigenartiges Membranin ist der Kork, der hier als +Suberinomembranin+ bezeichnet werden mag, da er eine Bildung sui generis ist. Die ältere Annahme ging dahin, daß die Korkmembran eine durch Suberin (~v. Höhnel~) «inkrustierte» Zellulosemembran sei. Daß dies nicht richtig ist, wissen wir jetzt bestimmt. Ob die Suberinlamelle überhaupt Polysaccharide enthält ist unsicher und neuerdings bestritten worden (~Gilson~, ~Wisselingh~). Die älteren Beobachtungen von ~Payen~, ~Mohl~, ~Frémy~ und ~Urbain~, ~Kügler~, ~Wiesner~, ~Haberlandt~ und ~von Höhnel~ stützten sich auf die Tatsache, daß die Korkmembran nach Behandeln mit kochendem Alkali sich mit Chlorzinkjod und Jodschwefelsäure violett färbt, was als «+Zellulosereaktion+» angesprochen wurde. Aber es ist zu berücksichtigen, daß auch die Phellonsäure und ihre Salze, die beim Behandeln von Kork mit kochenden Alkalien entstehen, durch Chlorzinkjod violett werden (~Gilson~), also die Zellulosereaktion vortäuschen können. ~v. Wisselingh~ bestreitet daher das Vorkommen von Zellulose in der Suberinlamelle. Bemerkenswert ist auch, daß bisher aus Kork allein weder Hexosen noch Pentosen isoliert werden konnten. Charakteristisch für den Kork sind jedenfalls andere Verbindungen als Polysaccharide, besonders Fettsäureester, weniger aromatische Reste. Die wichtigste Gruppe ist die der Fettsäuren, die ~Kügler~ zuerst darin (1884) nachwies und die dann ~Gilson~ und ~v. Schmidt~ näher studierten. Gefunden wurde neben +Stearinsäure+, besonders +Phellonsäure+, +Suberinsäure+ und +Phloionsäure+. Der Phellonsäure schreibt ~Schmidt~ die Formel:
H--C₇H₁₅ C / \ H₂C C(OH).CH₃ | | H₂C CH.COOH \ / C H--C₇H₁₅
zu. Sie wäre dann eine hydroaromatische Verbindung. Bei der Aufspaltung des Ringes bei Behandeln mit HNO₃ entsteht Korksäure:
CH₂CH₂CH₂COOH | CH₂CH₂CH₂COOH.
Wie diese Säuren gebunden sind, ist noch nicht aufgeklärt. Die geringe Menge +Glycerin+, die ~Kügler~ bei der Verseifung erhielt (auf 30% Säuren nur 2,65% Glycerin, ~v. Schmidt~ fand mehr), deutet darauf, daß nur relativ geringe Mengen der Säuren als Glycerinester vorliegen können, das meiste ist wohl anders gebunden. ~Gilson~ denkt an zusammengesetzte Ester, Kondensations- und Polymerisationsprodukte verschiedener Säuren, ~Czapek~ auch an laktonartige Anhydride, ~v. Schmidt~ an Anhydride und Polymerisationsprodukte. Keinesfalls können wir den Kork als ein +Gemisch+ von Fett und Zellulose auffassen, wie man dies früher tat und Zellulose findet sich, wenn überhaupt, nur als Ligninomembranin in der Mittellamelle (und der Innenlamelle, ~Gilson~). Daneben finden sich auch +aromatische Reste+ im Kork. Korkzellmembranen speichern Chlorophyll, Alkanna (~Correns~), Cyanin (~Zimmermann~) Sudan III (~Lagerheim~), was auf die Fettsäuren zurückzuführen ist und färben sich mit Osmiumsäure, müssen also ungesättigte Verbindungen enthalten. Mikrohistochemisch ist die Korkmembran dadurch ausgezeichnet, daß sie in konz. Schwefelsäure, selbst nach längerer Einwirkung, sich nicht löst (~Mitscherlich~, 1850). Ebenso ist sie in Kupferoxydammon, in kaltem und heißem ~Schultze~schen Gemisch (chlorsaures Kali und Salpetersäure), in kalter Chromsäurelösung unlöslich. Konz. Kalilauge färbt besonders beim Erwärmen gelb, dabei tritt zuerst Körnelung auf und dann gelbe Tropfen.
Ich habe schon 1888 darauf aufmerksam gemacht, daß nicht alle in konz. Schwefelsäure unlöslichen Membranen als «verkorkt» zu betrachten sind. Besonders bei Drogen kommen oft durch postmortale Infiltration mit Phlobaphenen mehr oder weniger gefärbte Membranen vor, die sich nicht in Schwefelsäure lösen und doch nicht verkorkt sind.
Vgl. ferner das mikrohistochemische Verhalten bei Suber.
Suber.
=Syn.= Suber quercinum, Kork, -- liège (franz.) -- cork (engl.) -- corcho (span.) -- sughero (ital.) -- kurk (holl.) -- korkki (fin.) -- para (ung.) -- suberin (russ.) -- plutovina (kroat.) -- korek (böhm.) -- φελλός (griech.).
Die Korkeiche (Korkbaum, Korg- oder Karchbaum [~Cordus~], Gorckenbaum, Sohlenholz, Pantoffelholz) heißt +franz.+ chêne liège, +engl.+ Cork-tree, +holl.+ Korkboom, vlothout, +ital.+ sughero, suvero, +port.+ sobro, sobrereiro, +span.+ alcornoque (in Catalonien suro, surera, in Galicien subreiro), in +Algerien+, +Tunis+ und +Marocco+: kerrouch oder fernan. Den Baum nannten die Römer Suber (so schon bei ~Virgil~) oder corticis arbor, den Kork vielfach kurz Cortex (Katexochebegriff!), da von allen Rinden die wichtigste -- das deutet also auf vielfache Benutzung (~Flückiger~).
=Etym.= Sûber von sub (= unter) und suere (= nähen) wegen der Verwendung zu Schuhsohlen (s. Geschichte), aus dem gleichen Grunde auch zu subire in Beziehung gebracht. Kork, seit ~Schottel~ 1663 gebucht (~Kluge~) -- ich finde Kork aber schon 1659 im Rostocker Catologus (s. Taxen, I, S. 825) --, aus span. corcho = Korkholz, Pfropf, frühengl. cork, dies von cortex über scorzia, scorza (ital. von excortea) -- liège von levis, also = der leichte Stoff -- Pantoffelholz wegen der schon von ~Plinius~ erwähnten Benutzung für Schuhe -- Pantoffel aus ngr. παντοφελλός = Ganzkork.
=Stammpflanze und systemat. Stellung.= =Quercus Suber= L. Fagaceae -- Castaneae. -- (Quercus Sect. Lepidobalanus Endl. c. Suber.)
Sehr ähnlich und fast nur durch zweijährige Fruchtreife, einjährige, etwas breitere Blätter unterschieden ist die einen in geringerer Menge in den Handel gebrachten, übrigens guten Kork liefernde, in Südostfrankreich (zwischen Gironde und Adour), Portugal und Spanien heimische, härtere (über den 45° hinausgehende) Quercus occidentalis ~Gay.~ (in Frankreich: Corcier), die einige für eine Varietät der Korkeiche halten (Querc. Suber var. latifolia). Der Kork der in Mittelitalien und der Provence häufigen Qu. Pseudo-Suber ~Santi~ (Bastard von Q. Suber und Cerris?) ist minderwertig (~Mathieu~). Als +Faux lièges+ gelten (in +Algier+) die Hybriden: Qu. numidica ~Trabut~ (Qu. Suber × Qu. Afares = Qu. Pseudo-Suber ~Dc.~ ex parte) und Qu. Fontanesii (Qu. Suber × Qu. Cerris).
=Beschreibung der Stammpflanze.= Die Korkeiche bildet einen bis 10, ja 16 selten 20 m hohen +immergrünen+ Baum von 3-5 m Stammumfang, mit großer, unregelmäßiger, aufgelöster, zerzauster, meist nicht sehr reich belaubter Krone (vgl. I, Fig. 86 u. 89 u. Taf. X). Die jüngeren Zweige sind grau oder gelblich-filzig, die jüngeren Stämme und Äste sind mit einem glatten, rotbraunen Kork bedeckt, der mit den Jahren sehr dick und rissig und grauweiß wird und sich schließlich vom 50. Jahre an zum Teil in kleinen Schuppen ablöst. Die 2-3 Jahr dauernden Blätter sind elliptisch, eiförmig, eiförmig-länglich bis länglich (wie bei anderen immergrünen Eichen von erstaunlicher Vielgestaltigkeit, ~Rickli~), 3-7 cm lang, 1,5-3 cm breit, auf 5-12 mm langem Stiel, meist scharf bis dornig-gezähnt, selten ganzrandig, in der Jugend graufilzig. Die männlichen Kätzchen mit filzigen Spindeln, stumpf sechslappigem Perigon und behaarten Antheren. Die weiblichen Infloreszenzen fast sitzend. Früchte im ersten Jahr reifend. Cupula verkehrt-eiförmig-halbkugelig mit locker angedrückten graufilzigen Schuppen. Eichel zweimal länger als die Cupula, glänzend hellbraun. Der Baum blüht meist im April und Mai. Die Samen reifen vom September bis Januar. Sie sind bitter und als Viehfutter weniger brauchbar als die von Q. Ilex var. Ballota, doch kommen auch Varietäten mit süßen Samen vor. Die Wurzel treibt reichlich Schößlinge.
=Verbreitung.= Größere Bestände der Korkeiche lassen sich nördlich vom 45. Breitengrade nicht halten. Ihre Polargrenze fällt zusammen mit der Isotherme von 13,5° C. Sie gedeiht am besten auf Hügeln und mittleren Gebirgen (200-800 m in Algier, 400 bis 600 m in Spanien). In Spanien geht der Baum bis 1200 m, in Algerien bis 1300 m. Sein Alter übersteigt nicht 200 Jahre. Die Korkeiche findet sich in der +Westprovinz des Mittelmeerdrogenreiches+ (s. die Karte) in Südostfrankreich, Spanien, Portugal, Balearen, Sardinien, Korsika, Sizilien, Italien, Istrien, Dalmatien und Nordwestafrika, besonders Algier und Tunis, aber bis ins Innere von Marocco. Sie bildet Wälder oder ist (selten) in Alleekultur (I, Taf. V). Sie wurde neuerdings in die Südstaaten Nordamerikas und an die atlantische Küste südwärts von Virginien eingeführt.
In =Spanien= sind c. 300000 ha der regenreicheren Provinzen mit Korkwald bedeckt, meist als Mischwald (mit Steineiche) an niederen Gebirgshängen in einer Meereshöhe von 500-600 (800) m, vornehmlich in +Catalonien+, +Nieder-Andalusien+ und +Estremadura+. +Catalonien besitzt die schönsten und bestkultivierten Korkwälder des ganzen Korkgebietes+ (Abhänge der Pyrenäen und des catalonischen Gebirges, Ebene von Ampurdan). Besonders schön sind die 80000 ha großen Wälder der Provinz +Gerona+, zwischen +Junquera+ und +Figueras+, an den Abhängen der Sierra de las Gabarras (La Bisbal) und im östlichen Bergland (Gerona bis Arbucias) sowie an der Küste (Blanes, Calonge) (s. die Karte).
Die Korkeichenwälder +Nieder-Andalusiens+, die 112000 ha bedecken, befinden sich in den Provinzen +Huelva+, +Sevilla+, +Cadiz+ und +Cordoba+, die meisten in der Provinz Huelva: in der westlichen Sierra Morena, der sog. +Sierra Aracena+ (Aracena im Quellgebiet des Odiel, Huelva und Murtija) und im Süden (Lepe, Ayamonte, Almonte) in der Provinz Sevilla: zwischen Sevilla und Utrera und in der Sierra de Pedroso, in der Provinz Cadiz: auf den Bergen zwischen Guadiaro und Guadalete und den Sierras de Gazules, de Algeciras, de Palma und de Tarifa -- hier fast reine Bestände bildend, weiter oben Mischwald (mit Qu. Lusitanica und Ilex). Schöne Korkwälder liegen auch bei San Roque und in den Tälern des Guadiaro, Jogerganta und Rio Guadarranque, zwischen Arcos de la Frontera und Medina-Sidonia (dort die «Lomas de alcornoque» = Korkhügel); in der Provinz Cordoba: Sierra de Cordoba bis zum Guadalquivir. Von den andalusischen Korkdistrikten liefert Cortes den meisten Kork (1896: 11005 t), dann Jerez und Alcalá, weniger Huelva, Easares und Cadiz u. d. and. Distrikte. In der Sierra Aracena bildet die Korkeiche in Höhen von 400-600 m gemischte Bestände mit Q. Ilex und Q. Ballota (~Rein~).
Die Korkwälder +Granadas+ liegen in der Provinz Malaga (Sierra de Antequera, Hochebene von Ronda, Sierra de Bermeja zwischen Marbella, Estepona und Gaucin, Sierra Contraviesa), die von +Estremadura+ in der Provinz Cáceres (zwischen Mérida und Cáceres bis zum Rio Tiétar und Toril). Auch die Provinz Burgos in Altkastilien hat Korkwälder, sowie Asturien, weniger Galicien.
Die Korkwälder =Portugals= umfassen (1911) c. 500000 ha (~Weber~), sie liegen besonders im Süden in den Gebirgsketten von +Algarve+ (z. B. den Tälern der Serra de Monchique) im südlichen +Alemtejo+, in +Estremadura+ (Tal des Sado, Palmella), endlich im südlichen Beira -- weniger in Mittel- und Nordportugal (Serra de Cintra). Die Korkwälder längs der Westküste bestehen besonders aus Quercus occidentalis.
=Frankreichs= Korkwälder umfassen 1911 c. 150000 ha. Die meisten liegen in der Provence (Var, Alpes maritimes), weniger in der Gascogne (Landes, Lot-et-Garonne, Gironde -- fast ausschließlich Q. occidentalis), in Languedoc (Roussillon) und auf Corsica (Bavella). In Corsica bildet die Korkeiche besonders im Süden (Portovecchio, Monaccia) ausgedehnte Wälder (~Rickli~). Die Korkwälder der Landschaft Roussillon umfassen nur 1928 ha, liefern aber den besten französischen Kork. Die Korkwälder der Provence bedecken 113600, die der Gascogne 24100, die Corsicas c. 9000 ha (1911: 15000 ha, ~Weber~).
=Italien= hat nur noch wenige Korkeichen (immerhin 80000 ha ~Weber~), mehr Sardinien und besonders Sizilien, die wenigsten +Dalmatien+. In Italien wurde früher unerhörter Raubbau getrieben und viele Korkeichen für Bauholz geschlagen. Jetzt forstet man wieder auf.
In =Algerien= findet sich die Korkeiche besonders in der Kabylie du Djurdjura und im Gebiete des Tell (Atlas tellien), einem hügeligen bzw. gebirgigen Landstrich von 100-150 km Breite mit mediterranem Klima, wo das von ihr bestandene Gebiet (in einer Höhe von 10 bis 1300 m, bes. 200-800 m [~Trabut~] -- zone de chêne-liège --) 1900: 480000 ha einnahm, davon waren 273713 ha Staatswaldungen, der Rest Privat- und Gemeindewald. 1911: 508000 ha (~Weber~). Viele Korkeichen finden sich in den Depart. +Oran+ (Tlemcen, Oran, Ammi-Moussa, Tiaret, Mascra, Sidi bel Abbes) und +Alger+ (Djurdjuraberge, Tizi Ouzou, Azazga, Sahelthal, Djebel-Djurdjuraberge, bes. Bouïra und Aumale, dann Ténes, Cherchel, Alger, Tenied el Hâad, Orleansville, Medéa u. and.). Die meisten und schönsten aber in +Constantine+ (von +Bougie+ bis +La Calle+: Djidjelli, El Milia, Taher, Collo, von +Philippeville bis Bône+, St. Croix (Edoughberge) im Innern: Constantine, Souk-Arrhas). In Algier bildet Q. Suber mit andern Eichen die Zone der Bergwälder (~Trabut~). Sie findet sich mit Qu. Afares besonders in der mittleren Region dieser Zone.
In =Tunis= beträgt das Korkwaldareal 116000 ha. Es ist alles Staatsdomäne. Die schönsten Korkwälder liegen im Bergland +Khoumirie+ (Tabarka bis La Calle, Beja bis Bizerta und Cap Blanc). Dann an der algerischen Grenze Ghardimaou bis Souk Arrhas, ferner von Souk el Arba bis Fernana.
In =Marocco= finden sich enorme aber wenig zugängliche Korkeichenwälder (c. 1 Mill. ha, ~Weber~). Viel im Er Riff bis zur Muluja (Tetuan, Andjira, Ceuta), ferner zwischen Tanger und Rabat (Mamora, El Araisch u. and.). +Marocco könnte also, wenn erschlossen, fast soviel liefern wie alle übrigen Länder zusammengenommen.+
(Nach der Zusammenstellung in ~E. A. Müller~, Über die Korkeiche, Abh. d. Wien. Geograph. Ges. II [1900] Nr. 7 mit Karte.) Vgl. auch ~Lefebvre~, Les forêts de l’Algérie 1900 (dort sind auch die übrigen Länder berücksichtigt) und ~Lapie~, Etud. phytogéogr. de la Kabylie du Djurjura 1909. Über die Höhengrenzen vgl. ~Koch~, Beitr. z. Kenntn. d. Höhengrenzen d. Vegetation im Mittelmeergebiet. Halle 1910.)
Die Korkeiche flieht Kalk und gedeiht am besten auf silurischem Schiefer und verwittertem Granit. Viele Korkeichen wurden durch Brände und unverständige Ausbeutung auf Gerberlohe vernichtet. In Frankreich und Algerien sind neue Korkwälder angelegt worden. Meist wird zunächst Mischkultur mit reichbelaubten Bäumen oder Wein bevorzugt.
Die ursprüngliche Heimat ist wohl Nordafrika, über die übrigen Länder ist die Korkeiche vielleicht durch eine sehr alte Kultur verbreitet (? ~Flückiger~). Doch ist auffällig, daß ~Plinius~ sie weder in Spanien noch in Nordafrika erwähnt, die er doch als Beamter bereiste. Über die Kultur der Korkeiche vgl. ~Semler~, Tropische Agrikultur II, 230.
=Lit.= ~Gay~, Not. sur une nouv. espèce de chêne franc. Ann. sc. nat. 4, 7 (1856), 223. -- ~De Candolle~, Ebenda 4, 18, 49. -- ~Kotschy~, Die Eichen Europas und des Orients. Wien 1859-1862 m. 40 Taf. -- ~Prantl~, Fagaceae in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam. -- ~Mathieu~, Flore forestière. Paris 1877. -- ~Lamey~, Le chêne-liège en Algérie 1870. -- ~Trabut~, Les Hybrides du Quercus Suber. Associat. franc. p. l’avenc. Paris 1889. -- ~Luerssen~, Mediz.-pharm. Bot. -- ~Wiesner~, Rohstoffe. -- ~Müller~, Die Korkeiche 1900 (dort auch die Reiseliteratur). -- ~Battandier~ et ~Trabut~, Flore de l’Algérie 1888/89. -- ~Trabut~, Les zones botan. de l’Algérie. Assoc. franc. p. l’avenc. 1888 und De Djidjelli aux Babors. Bull. Soc. bot. France 1889. -- ~Trabut~ et ~Mares~, l’Algérie agricole en 1906. Alger 1907. -- Corsica: ~Rickli~, Bot. Reisestud. auf ein. Frühlingsf. durch Corsica. Zürich 1903. -- +Derselbe+: Bot. Reisestud. von d. span. Mittelmeerküste. Zürich 1907. -- ~Flückiger~, Arch. Pharm. 1879. -- +Abbild.+: Erste in ~Clusius~, Rariorum plant. historia 1601, 22 (Suber latifolium); dann auch bei ~Matthioli~ (der eine Suberis consideratio schrieb) und ~Nees von Esenbeck~, Plant. med. Supplem. -- ~Pabst-Köhler~, Medizinalpfl. t. 152. -- +Abbild.+ des Baumes bei ~Pomet~, Hist. gen. d. Drog. p. 136 (stilisiert), von ~Valentini~ im Museum kopiert. -- Gute Abbildung des Baumes auch in ~Kotschy~, Die Eichen Europas u. d. Orients 1862, taf. 33. Vgl. ferner I, Fig. 86 u. 89 und Tafel V. -- Abbild. von algerischen Korkwäldern in: ~Lapie~, Etude phytogéograph. de la Kabylie du Djurjura. Paris 1909. Cap. I Les forêts de chêne-liège.
=Pathologie.= Wie andere Bäume, so wird auch die Korkeiche von holzzerstörenden Hymenomyceten besiedelt. Es wurden auf ihr Agaricus melleus, verschiedene Polyporus-, Fomes-, Trametes-, Lenzites-, Stereum-Arten und andere beobachtet (~E. Fischer~). Die Insekten behandelt ~Lamey~ (Le chêne liège Paris 1893). Eine Liste der wichtigsten auch in ~Müller~, Korkeiche (Abhandl. d. Wien. Geogr. Ges. 1900). Sehr gefürchtet ist Formica ligniperda ~Latr.~ (vgl. bei ~Kügler~ a. a. O. weiter unten).
=Gewinnung.= Nicht überall wo Korkwälder vorkommen wird marktfähiger Kork erzeugt, der beste in der spanischen Provinz +Catalonien+, besonders im Nordosten bei Junquera, Gerona und näher am Meer bei Toca, Palaforgell und San Feliu de Guixols an der Küste, dann in der +Sierra Aracena+, dem Quellgebiete des Odiel, der sich in den Busen von Cadiz ergießt, des Huelva eines Nebenflusses des Guadalquivir und des Murtija, der in den Ardila, einen Nebenfluß des Guadiana mündet. Mittelpunkt der Korkproduktion ist in diesem Gebiet Aracena und Fuente Heridos. Die sehr ausgedehnten Korkwälder Portugals (s. die Karte) werden ebenfalls stark ausgebeutet. Schon 1879 wurden fast 9½ Mill. kg Kork von dort ausgeführt. Eine von Jahr zu Jahr wachsende Korkproduktion befindet sich in +Algier+, wo sich die Korkwälder, sowohl die staatlichen wie die privaten, durch vernünftige Schutzeinrichtungen zu großer Blüte entwickelt haben, besonders im Departement Constantine bei Bona, Calle und weiter westlich. Auch Tunis produziert jetzt viel Kork. In +Frankreich+ produziert das Depart. du Var, les Alpes maritimes, Lot-et-Garonne, des Landes, Pyrénées-Orientales und Corsica; in +Italien+: außer dem Festlande, Sardinien und Sizilien. Der Dalmatinische und der Istrianer ist minderwertig. Über die Produktion +aller+ Länder orientiert ~Lefebvre~, Les forêts de l’Algérie. Paris 1900.
Die Korkeiche wird erst, wenn sie 8-25 (in Algier 15) Jahre alt ist, zur Korkgewinnung herangezogen. Die besten Korkplatten liefern Bäume im Alter von 5-100 Jahren auf magerem, steinigem Boden. Derselbe Baum kann in Pausen von 8-10 Jahren immer wieder Kork liefern bis er 150 Jahre und älter geworden ist. Eine vernünftige Korkproduktion scheint dem Baume nichts zu schaden.
Die Korkeiche produziert im normalen Laufe ihrer Entwicklung eine ziemlich mächtige Korkschicht, die bei einem 130 mm dicken Stamm schon 15 mm erreichen kann. Diese Korkschicht wird mit der Zeit rissig und wird außen partiell abgestoßen, so daß eine außerordentlich unregelmäßige Umrißlinie entsteht. Dieser Kork ist, da stark zerklüftet, jedenfalls wenig zusammenhängend und kaum elastisch, auch in der Richtung der Jahresringe leicht zerreißbar, zur Stöpselfabrikation nicht zu brauchen und wird nur für Schwimmhölzer (Netze), zur Bedachung, zur Bekleidung von Gefäßen, für Gartenmöbel, zu Korkstaub und zur Kohle- und Spanischschwarz-Bereitung, ja bisweilen nur als Feuerungsmaterial benutzt. Dieser normale Kork trägt den Namen liége mâle, kurz: le mâle, +männlicher Kork+ oder +Jungfernkork+, in Spanien: corcho bornio oder virgin, in Portugal: cortiça virgem. Er zeigt eine deutliche Schichtung, aber die Schichten, die wohl als vom normalen Phellogen erzeugte Jahreszuwachszonen zu betrachten sind, sind nur sehr schmal: 0,9 mm, ja gar nur 0,5 mm (~De Candolle~) oder schmäler, besonders die innersten. Die Zellen sind zum größten Teil typische Korkzellen, d. h. im Querschnitt tafelförmig und der Kork daher wenig elastisch. Sklereïden sind häufig, oft enthalten die Zellen braune Phlobaphenmassen. Dieser männliche Kork wird von den Bäumen mit der Axt entfernt. Dieser Prozeß, der als +démasclage+ (span. descorcho) bezeichnet wird, wird zum ersten Male meist an 25-30 Jahre alten Bäumen von mindestens 35-40 cm Umfang nicht eben sehr sorgfältig ausgeführt. Da die Schälung etwa bis zum Phellogen erfolgt, so bleibt der Rest der primären und die ganze sekundäre Rinde am Baum. Sie färbt sich nach dem Ablösen an der Oberfläche erst rosenrot, dann rotbraun. Sie trägt den ganz passenden Namen +mère+, +Korkmutter+, denn in ihr erfolgt die Neubildung des Sekundärkorkes. Bald in der primären, bald in einer mehr oder weniger tiefen Schicht der sekundären Rinde, also in sehr verschiedener Tiefe, entsteht ein +neues+ Phellogen und bald setzt nun eine sehr ausgiebige Neubildung von Kork ein. Der neugebildete Kork trägt den Namen +liège femelle ou de réproduction+, +weiblicher Kork+, in Spanien: corcho segundero oder fino. Er ist viel gleichmäßiger, und da die Jahreszuwachszonen viel breiter sind, auch viel mächtiger als der männliche. Außen ist er mehr oder weniger rissig und trägt hier als schmale braune Schicht die mère extérieure, die abgestorbenen Reste der primären oder der primären und des äußeren Teiles der sekundären Rinde -- je nach dem Orte seiner Bildung. Seine Zellen sind relativ groß und weit, Sklereïden sind selten, daher ist er sehr elastisch. Er kann schon im ersten Jahre eine Dicke von 2, im dritten schon eine Dicke von 19 mm erreichen. Für gewöhnlich läßt man ihn aber 9-12 Jahre am Baum. Die Regierung in Algier ordnete an, daß in den Staatswäldern der Kork nicht eher geschält werden darf, als bis er eine Mindestdicke von 25 mm erreicht hat. Kork für Champagnerkorke muß 15 Jahre alt werden (~Hartwich~). Bisweilen werden Stamm und Äste geschält; in Gerona nur der Stamm. Mit der +Schälung+ (+démasclage+) wird in Algier Ende Mai oder Anfang Juni, in Spanien, Portugal und Frankreich einige Wochen später kurz nach dem ersten Safttrieb begonnen. Zu dieser Zeit löst sich der Kork am leichtesten ab. Sie erfolgt in der Weise, daß der Arbeiter (rusquier, tireur) mit der Axt (franz. picasson, hachette de démascleur, span. dastral) in bestimmten Abständen (c. 1 m) zunächst Horizontalschnitte (Gürtel- oder Ringelschnitte) macht und diese durch ein oder zwei Längseinschnitte verbindet, dann hebt man den Kork an einer Stelle etwas ab, schiebt den am Ende meißelartig zugeschärften Axtstiel dazwischen und löst meist mit einem Rucke die ganze Schicht von der am Baume bleibenden mère intérieure ab. Klopfen befördert die Ablösung (I, Fig. 86 u. 89). Mit der Axt nicht erreichbare Stellen werden mit der burxa abgelöst, einem 2 m langem zugeschärften Hebel. Der neugebildete Kork löst sich meist leicht in der Phellogenschicht ab. Wurde +ein+ Längsschnitt gemacht, so erhält man Röhren (canon), bei zwei Schnitten Platten (planches, planchas). Obwohl oft empfohlen wurde den Baum nach dem Schälen mit einer Schutzhülle von Gras oder Moos zu umgeben (ähnlich wie bei der Erzeugung der Renewed barks der Cinchonen, vgl. I, Taf. XXXIII), scheint dies in der Praxis doch nirgends zu geschehen. Die Ernte muß vor Eintreten der starken Hitze oder der Regenzeit beendet sein. Die großen, etwas gekrümmten Korkplatten werden dann aus dem Walde in die Fabrik gebracht (I, Fig. 87) und die außen ansitzenden Reste der Korkmutter (mère extérieure, s. oben) abgeschabt. Dieser Prozeß heißt +démérage+ (I, Fig. 91). Dann werden die Platten (liège démérés) in großen kupfernen Pfannen ½-¾ Stunden in siedendes Wasser getaucht (I, Fig. 88) und schließlich übereinander geschichtet möglichst flach gepreßt (Fig. 152 u. I, Fig. 90). Das Kochen entfernt viel Gerbstoff und andere Stoffe (20-30% des Kork) und macht die Platten elastisch. Der Kork schwillt hierbei um 30% auf. Das Kochen und Abkratzen unterbleibt bisweilen (lièges bruts), alsdann werden die frischen Platten nur durch Beschweren flach gestreckt. Bisweilen wird die äußere Schicht erst nach dem Sieden mit dem Kratzeisen (raclette, raspador) oder dem Hobeleisen (doloire, dolatero) oder mit Maschinen abgekratzt (raclage) oder mit Feuer abgesengt (flambage). Die fertigen Platten werden durch den classeur (viseur) klassifiziert und oft durch hydraulische Pressen zu Ballen von 70 bis 80 kg zusammengepreßt und mit Alfagras oder eisernen Reifen umschlossen.
Wird der Kork auf einmal vollständig weggenommen, so erneuert er sich langsamer aber in besserer Qualität als nach einer nur teilweisen Schälung. Gebirgige Gegenden liefern weniger, aber besseren Kork, als das Tiefland, wärmere besseren als kältere. Die Güte des Korkes ist also auch abhängig vom Klima und Standort aber auch von einer nicht zu engen Pflanzweite, vom Boden und dem Wetter. Der 9-12 Jahr nach der Entfernung des männlichen Korkes geerntete erste erneuerte Kork ist ziemlich schwammig, mit jeder neuen Ernte, die immer in Pausen von 8-12 (Algier-Tunis 8-9, Spanien-Portugal 10, Frankreich 12) Jahren am gleichen Baume, wie es scheint sehr lange, erfolgen kann -- in Algier schält man zehnmal --, verbessert sich der Kork und ist schon nach der vierten oder fünften Ernte, wenn der Boden mager und trocken ist, tadellos. In der spanischen Provinz Gerona wird der Kork Ende Juni und Anfang Juli gesammelt. Jeder Stamm wird dort nur alle 10-12 Jahre geschält. Bisweilen ist es vorteilhaft, dem Baume 18 Jahre Ruhe zu gönnen. Bei älteren Bäumen (von 120-150 Jahr Alter) werden die Jahreszuwachszonen sehr schmal, so daß man die Pausen auf 14-16 Jahr erhöhen muß, bei 200 Jahr alten Bäumen lohnt die Produktion nicht mehr (~Lamey~). Bei jüngeren Bäumen wird nur der Stamm, bei älteren auch die dickeren Äste, die den feinsten Kork liefern, dem démascler (descorchar) unterworfen. Um die gefürchtete Rissebildung zu verhindern, macht man nach dem Ablösen des Korkes in die Korkmutter einen Längseinschnitt (Taf. X), bisweilen auch 2-4, aber niemals an der Nordseite des Baumes. Der Ertrag der Bäume wechselt nach Alter und Umfang. Jüngere Bäume liefern 3-10, sechzig- bis hundertjährige 15-36, noch ältere 44-55 kg Rohkork (~Lamey~). Ernten von 100 bis 600 kg pro Baum gehören zu den großen Seltenheiten, sind aber beobachtet (~Artigas~, ~Lamey~). Der Rohkork heißt im Großhandel +Korkholz+.
Die Démasclage schädigt den Baum nicht, soll seine Lebensdauer sogar erhöhen. Die Größe der Rohkorkplatten schwankt meist zwischen 0,3 und 0,8 qm und 5 und 20 cm Dicke, doch sah ~Hartwich~ Platten von 135 cm im Quadrat. Der andalusische Kork ist hell und meist sehr weich, der katalonische rötlich und härter, der portugiesische gelbrot. Zur Stöpselfabrikation werden meist nur Platten von wenigstens 22 mm Dicke benutzt. Man stellt aus den zuvor eingeweichten Platten (mit der Hand oder mit Maschinen) zunächst Parallepipeda her und schneidet daraus dann die Korke. Bei Maschinenschnitt -- eine Korkschneidemaschine kann in 10 Stunden 20-25000 Korke schneiden -- erhält man mehr Abfall (bis 50%) wie bei Handschnitt. In Spanien wird viel Kork in Hausindustrie geschnitten. Die Jahresringe müssen auf dem Stöpselkopf als Querstreifen sichtbar sein, d. h. der Kork muß so geschnitten werden, daß eventuelle Lentizellenkanäle rechtwinklig zur Achse des Korkes stehen. Bei sehr breiten Korken ist dies nicht der Fall. Dieselben schließen daher auch nicht luftdicht.
Die bedeutendsten deutschen Stöpselfabriken liegen in Bremen und Delmenhorst (Oldenburg), Raschau (Sachsen), Berlin, dann finden sich auch solche in Thüringen, Baden, Hessen, ferner der Schweiz (Genf) und in England, Österreich (Wien), die größten Fabriken aber in Spanien und Frankreich (Bordeaux). Die fertigen Korke passieren Sortier- und Zählmaschinen. Vor dem Sortieren werden die Korke bisweilen mit Salzsäure oder Oxalsäure oder schwefliger Säure behandelt (Oxalsäure gibt ihnen eine rötliche Färbung). ⁹⁄₁₀ des Korkes wird auf Stöpsel verarbeitet, ⅒ auf anderes (s. hinten).
Die 19% Gerbstoff enthaltende +Rinde+ nicht zur Korkgewinnung tauglicher Bäume wird in Sizilien, Algerien und Tunis auf Gerberlohe verarbeitet. Viele Korkbäume wurden z. B. in Sardinien geopfert, um die Rinde zu gewinnen. In Marocco wird noch viel Korkrinde zu Gerberlohe und Holzkohle verarbeitet, da die Regierung die Ausfuhr des Korkes verboten hat. Die Rinde der Korkeiche ist reicher an Tannin wie die aller anderen Eichen. Die Produktion beträgt jetzt 60-70000 quint. (~Lefebvre~). Auch der nach der ersten démasclage gebildete Kork, der 18% Gerbstoff enthält, dient in Algier als Gerbematerial. Die Früchte (Tardias, Palomeras) dienen zur Schweinemast. Der Wohlgeschmack der Schinken von Bayonne wird auf die Mast mit Eicheln von Querc. occidentalis zurückgeführt.
=Lit.= ~Jaubert de Passa~, Mem. soc. d’agric. d. l. Seine 1837. -- ~Willkomm~, Jahrb. Akad. Tharand 1859. -- ~Torrent~, Le liège. Boulon. 1880. -- ~Casimir de Candolle~, De la product. nat. et artific. du liège dans le chêne liège. Mém. Soc. d. phys. et d’hist. nat. Genève 16 (1861) 1. -- ~P. Artigas y Teixidor~, El Alcornoque y la industria taponera Madrid 1875. Alcornocales, industria taponera Madrid 1885 und Alcornocales é industria corchera Madrid 1895 (New Remed. New York 1880 und Bot. Jahresber. 1880, 2, 749). -- ~de Grafigny~, Le liège et ses applications. Paris 1888. -- ~A. Lamey~, Le chêne-liège, sa culture et son exploitation. Paris 1893. -- ~J. Rein~, Geograph. u. naturwissensch. Abhandl. Leipzig 1892. -- ~Semler~, Tropische Agrikultur (dort Details). -- ~E. A. Müller~, a. a. O. (s. oben).
=Handel.= Die Korkproduktion +Portugals+ übertrifft die aller anderen Länder. ~Müller~ schätzte sie 1900 auf 50 Mill. und die Korkausfuhr erreichte schon 1897 fast 47 Mill. kg, während die Korkproduktion Spaniens von ~Artigas~ auf nur 30 Mill. kg geschätzt wird. Die +Ausfuhr Spaniens+ schwankt jetzt zwischen 8 und 9 Mill. kg pro Jahr (~Müller~). Der portugiesische Kork ist aber weniger geschätzt und daher ist der +Wert+ der spanischen Ausfuhr größer als der der portugiesischen. Die Hauptausfuhrhäfen sind auf der Karte unterstrichen. 1896 hatte die +algerische+ Ausfuhr die spanische erreicht. Sie ist im Steigen begriffen. Sie betrug 1897: 11,9, 1898: 8,3 Mill. kg. Der algerische Kork steht dem spanischen und portugiesischen an Wert nach. Die Staatsdomänen, die alljährlich den Ertrag versteigern, lieferten 1898 5¼ Mill. kg. Die Produktion an liège brut betrug in +Algier+ 1899: 45000 quint. aus Staatsdomänen, 6000 aus Gemeindewaldungen, 108000 aus Privatwaldungen (~Lefebvre~). Der Export von +Tunis+ betrug 1908: 800000 quint. +Frankreich+ produziert jährlich 120-130000 quint Rohkork (~Lefebvre~). Frankreich führte 1908 12428000 kg +Kork+ ein, besonders (⅔) aus Algier, dann aus Spanien, Portugal, Tunis und Italien. +Italien+ exportierte 1897 c. 1½ Mill. kg. Die Produktion wurde 1900 auf 8000 quint geschätzt. (Sardinien und Sizilien je 12000 quint.)
1911 wurde die jährliche +Korkproduktion+ wie folgt geschätzt in Tonnen (t): Portugal: 74500, Spanien: 23300, Algerien: 17100, Frankreich: 12000, Italien: 3800, Corsica: 1600 (~Alfred Weber~). Korkbörsen finden sich in Marseille und Bône (Algier).
Man unterscheidet bei dem Rohkork nach der Plattendicke 4 Kategorien: I. 31 mm und darüber, II. 26-30 mm, III. 23-25 mm, IV. 22 mm. Die Menge der jährlich fabrizierten Stöpsel schätzt ~Lamey~ (1893) auf 6 Milliarden, davon entfallen auf Spanien 2 Milliarden. Der +tägliche+ Bedarf an Stöpseln auf der Erde wird neuerdings auf 20 Millionen geschätzt (~Hoehnel~). Deutschland verbraucht für über 12 Mill. M. Kork im Jahr. Die Gesamtproduktion dürfte einen Wert von 100 Mill. M. erreichen.
=Lit.= ~Lefebvre~ a. a. O. -- ~Müller~ a. a. O. -- ~Semler~, Tropische Agrikultur. -- ~v. Hoehnel~ in ~Wiesner~, Rohstoffe -- Kork-Industrie-Zeitung (Red. ~Alfr. Weber~).
=Anatomie.= Die subepidermale Korkbildung beginnt bei Quercus Suber schon im ersten Jahr, die Epidermis wird im dritten abgeworfen (~Kügler~). Das Phellogen bildet reichlich Korkzellen. Über den männlichen Kork s. oben S. 461. Der aus dem weiblichen Kork (s. oben S. 461) dargestellte +Flaschenkork+ wird seiner Hauptmasse nach aus dünnwandigen, im Querschnitt nahezu quadratischen oder radialgestreckten, in Radialreihen angeordneten, bis 100 mik breiten Korkzellen gebildet, deren Wand wohl infolge der Behandlung bei der Fabrikation bisweilen wellig verbogen erscheint. In den Zellen findet man bisweilen kleine Prismen von in Chloroform löslichem Cerin, seltener Plasmareste oder Oxalatdrusen (~Hoehnel~), immer Luft. Hier und da -- bei guten Sorten selten -- ist in dies gleichförmige Gewebe eine Brachysklereïde mit durchweg stark verholzter, nicht sehr dicker Wand und variablem Umriß eingebettet. Zahlreicher sind diese einen rotbraunen Inhalt führenden Sklereïden (Fig. 154, 2) in den jahrringartigen und in der Tat den Jahreszuwachsen entsprechenden Zonen die in unregelmäßigen Abständen und zarten, geschlängelten Bogenlinien den Kork durchziehen, die feine Musterung desselben hervorrufen und aus mehreren Reihen etwas dickwandigerer Zellen von Tafelform bestehen (Fig. 154, 1), deren Wand gebräunt ist und die bisweilen auch bräunlichen Inhalt führen. ~Flückiger~ erwähnt neben diesen noch «falsche Jahresringe» aus zusammengefallenen Zellen, die sich aber beim Erwärmen mit Wasser zu normalen Zellen strecken. Die besonders bei schlechten Korksorten häufigen braunen bröckligen Stellen, die beim Pressen des Korkes ein braunes Mehl entlassen, bestehen aus lockeren, aus dem Gewebeverbande gelösten Sklereïden und Sklereïdennestern, gemengt mit wenigen rundlichen obliterierten Korkzellen. ~Kügler~ hat (da bei der normalen Rinde Lentizellen auftreten und von diesen Risse ausgehen) diese Nester mit Lentizellen in Verbindung gebracht und in der Tat sieht man auf Querschnitten besonders schlechter Sorten Rohkork oft, daß die braunen mehligen Stellen des Innern nach außen hin in eine der zahlreichen von außen eindringenden Spalten münden, an deren Ausführungsöffnung vielleicht eine Lentizelle lag. Bisweilen durchsetzen diese braunen Streifen sogar die ganze Korkschicht. Die zahlreichen Löcher, die man auf der Innenseite der Rohkorkplatten sieht, gehören zu diesen Streifen, die vielleicht auch zu den Markstrahlen in Beziehung stehen. Wenn man berücksichtigt, wie außerordentlich die normale Transpiration des Stammes durch den riesigen Korkpanzer behindert ist, so kann man hier sehr wohl an eine besondere Form von Lentizellen denken, da diese ja bekanntlich der Durchlüftung dienen. Bei den nicht mehr bis zum Phellogen reichenden funktionslos gewordenen erschiene dann auch die Sklerose der Zellen verständlich. Aber es liegt jedenfalls im Interesse des Kultivateurs, die Bildung dieser braunen Stellen zu verhindern. Wie es scheint gelingt dies durch öftere Wiederholung der Démasclage bei alten Kulturen und dadurch, daß man nach Ablösung des Korkes einen Längseinschnitt in die Korkmutter macht (Taf. X). Sicher ist, daß dadurch die Bildung zahlreicher Risse vermieden wird. Die dünne Wand und das weite Lumen der Korkzellen (Fig. 154) geben dem Flaschenkork seine Geschmeidigkeit. Bemerkenswert erscheint es, daß als Folge der Prozedur, die behufs Erzeugung des weiblichen Korkes an den Stämmen der Korkeiche vorgenommen wird -- Entfernung des normalen Korkes bis zum Phellogen -- hier mutatis mutandis dieselbe Erscheinung zu beobachten ist wie bei den Schälwunden, die die Rinde bis zum Cambium entfernen. Bedeckt man nämlich eine solche Wunde, z. B. bei Cinchona Succirubra, so erzeugt das Cambium zunächst eine große Menge weiter dünnwandiger Parenchymzellen (renewed bark). Es scheint also eine allgemeine Erscheinung zu sein, daß die auf Schälwunden neu erzeugten Gewebe weiter und dünnwandiger sind als die normalen Gewebe. Die äußeren Jahreszuwachszonen sind erheblich breiter als die inneren, die infolge des Druckes der äußeren oft nur sehr schmal sind. Ich zähle an einer 30 mm dicken Korkplatte 11 Jahresringe. Der äußerste ist 4,5-5, der zweite 5-5,5 mm breit, der dritte 3,5-4, der vierte bis sechste 2-3 mm, die innersten 0,5-1 mm breit. Dieselbe Zone besitzt nicht überall die gleiche Breite. Der Kork ist um so besser je breiter die Jahreszonen, je dünner und weiter die Korkzellen und je weniger Sklereïdennester und -streifen vorhanden sind. Der männliche Kork enthält nur schmale, 0,5-1 mm breite Jahreszuwachszonen, eng beieinander liegende Jahresringe und daher mehr dickwandige Zellen.
=Mikrohistochemie.= Die Membran der Korkzellen besteht aus zwei Schichten, der Mittellamelle, die zwei Zellen gemeinsam ist und der Suberinlamelle, zu denen bei dickeren Zellen noch eine verholzte Innenhaut tritt (~Höhnel~). Die Mittellamelle ist sehr schwer zu sehen, auch nach Zusatz von Chlorzinkjod, welches die ganze Wand gelb, oder Phloroglucin-Salzsäure, welches sie rot färbt, tritt sie kaum deutlicher hervor. Erst wenn man einige Zeit mit Soda kocht, auswäscht und mit Fuchsin färbt, hebt sich die Suberinlamelle von der Mittellamelle ab. Läßt man einige Stunden in konz. Kalilauge liegen, wäscht aus und setzt Chlorzinkjod hinzu, so färbt sich die Suberinlamelle rotviolett oder kupferrot (Phellonsäure- +nicht+ Zellulose-Reaktion, ~Gilson~, ~Wisselingh~). Die Färbung tritt nicht ein, wenn man nach der Kalibehandlung vor dem Zusatz von Chlorzinkjod mit Alkohol kocht, wobei das Kaliumphellonat gelöst wird. Kocht man mit 40% Kalilauge, so färbt sich nach dem Auswaschen die Suberinlamelle mit Chlorzinkjod rosa. Bei längerem Kochen wird sie zerstört, der Mittellamelle wird das Lignin entzogen und diese färbt sich nun nach dem Auswaschen mit Chlorzinkjod blau (Cellulosereaktion), ebenso wie die nun bisweilen (bei dickeren Zellen) sichtbar werdende Innenlamelle. Bei den dünnwandigen Zellen ist die Innenlamelle (Celluloseschlauch ~Höhnels~) nicht zu sehen. ~Schultze~sche Macerationsflüssigkeit löst die Mittellamelle. Bei kürzerer Einwirkung wird ihr nur das Lignin entzogen und sie reagiert dann nach dem Auswaschen blau (oder gelb) auf Chlorzinkjod. Legt man nach kurzer Einwirkung von ~Schultze~scher Macerationsflüssigkeit in Kali und wäscht aus, so färben sich Mittellamelle (und, wo vorhanden, auch Innenlamelle) mit Chlorzinkjod blau, die Suberinlamelle kupferrot. Nach Behandeln mit Kupferoxydammoniak färbt sich die Suberinlamelle mit Chlorzinkjod gelb, da Kupferphellonat gebildet wird. ~Gilson~ schließt aus obigen Reaktionen, daß die Suberinlamelle +keine+ Cellulose enthält, und nur in Mittellamelle (und Innenlamelle) Cellulose vorkommt in Form von sog. verholzter Membran (vgl. S. 263). Beim Behandeln mit ~Schultze~schem Gemisch treten aus der Korkmembran Tropfen aus (Ceresinsäurereaktion von ~Höhnel~).
~van Wisselingh~ schreibt mir (1911): «Daß die Suberinlamelle keine Cellulosegrundlage hat, geht aus folgendem hervor: Bei Erwärmung in Glycerin auf 300° (in zugeschmolzenen Röhrchen) wird die Korklamelle meistenteils ganz zersetzt und entfernt ohne Zurücklassung von Cellulose, während dünne cellulosehaltige Wände noch unvermindert oder deutlicher die Cellulosereaktionen zeigen. Durch Erwärmen mit einer Lösung von Kaliumhydroxyd in Glycerin (10proz. auf dem Objektträger), sowie bei Behandlung mit alkoholischer Kalilauge bei gewöhnlicher Temperatur wird die Suberinlamelle ganz entfernt ohne Zurücklassung von Cellulose. Bei Untersuchung echter Korkzellwände habe ich niemals Anzeichen für Anwesenheit von Cellulose oder anderen Kohlehydraten in der Suberinlamelle erhalten.»
Erwärmt man Schnitte in Wasser, so sieht man, daß die Korkmembranen über dem Gipsblättchen sich neutral verhalten, daß aber mit dem allmählichen Erkalten die frühere optische Reaktion wiederkehrt (~Ambronn~) -- kann beliebig oft wiederholt werden --. Daraus schließt Ambronn, daß in diesen Membranen die Einlagerungssubstanz in kristallinischer Form mit gleichsinniger Orientierung der kleinsten Teilchen vorhanden ist. Verkorkte Membranen verlieren auch durch Behandlung mit Kalilauge ihre normale optische Reaktion, das Achsenverhältnis kann sich sogar umkehren (~Dippel~) oder sie werden wenigstens neutral (~Ambronn~).
=Lit.= ~Mohl~, Entwickl. d. Korkes. Diss. 1836 u. Vermischte Schrift. Bot. Zeit. 1847, 497. -- ~Mitscherlich~, Monatsber. d. Berl. Akad. 1850. -- ~Schacht~, Anat. u. Phys. 1856 I, 287. -- ~Sanio~, Vgl. Unters. über d. Bau u. Entw. d. Korkes. Pringsh. Jahrb. 2 (1858). -- ~De Bary~, Anatomie. -- ~Tschirch~, Angew. Anatomie. -- ~Hanausek~, Techn. Mikroskop. -- ~Von Höhnel~, Über den Kork u. verkorkte Gewebe überhaupt. Sitzungsb. d. Wien. Akad. 76 (1877), 527. -- ~Ross~, Contr. alla conosc. del periderma Malpighia 1890. -- ~Zimmermann~, Reakt. von Kork und Cuticula. Zeitschr. f. wiss. Mikrosk. 9 (1892) 59. -- ~Kügler~, Über d. Kork von Quercus Suber. Arch. Pharm. 22, 217. -- ~van Wisselingh~, Sur la paroi des cellules subéreuses. Arch. Néerland. 22, 1888 und 26, 1893. -- ~Gilson~, La subérine et les cellules du liège. La Cellule 6. -- ~Ambronn~, Über d. opt. Verhalt. d. Cuticula u. d. verkorkten Membranen. Ber. d. d. bot. Ges. 1888. -- ~Dippel~, Mikroskop II. -- Erste Abbild. der Korkzellen in ~Robert Hooke~, Micrographia or some physiological descriptions of minute bodies made by magnifying glasses. London 1667 fol. 112, observat. XVIII Taf. XI.
=Chemie.= ~Brugnatelli~ erhielt 1787 bei Behandlung des Korkes mit HNO₃ +Korksäure+ oder Suberinsäure, (CH₂)₆(COOH)₂ (s. oben S. 457), die ~Bouillon la Grange~ als verschieden von der Oxalsäure erkannte. ~Chevreul~, der die acide subérique zur Sebacinsäure ~Thénards~ in Beziehung brachte, erhielt beim Behandeln des Korkes mit siedendem Wasser unter Druck 14% Extrakt, darin +Farbstoffe+, +Gallussäure+, +stickstoffhaltige Substanzen+, +Eisen+, +Kalk+ und +Magnesiaverbindungen+ und aus dem ungelösten Rückstand durch Extraktion mit Alkohol, neben Harz, krist. +Cerin+ oder Korkwachs (C₃₂H₂₀O ~Boussingault~, C₂₅H₂₀O₃ ~Döpping~, C₁₇H₂₈O ~Siewert~). Er ist der Ansicht, daß die Farbstoffe, Harze und Fette dem Zellinhalt angehören. Den mit Wasser und Alkohol erschöpften Rückstand nannte er +Suberin+ (~Doepping~ nannte den in Wasser, Alkohol, Salzsäure und Äther unlöslichen Teil so). ~Boussingault~ fand das Suberin größtenteils in Alkali löslich, aus der Lösung fällen Säuren die Substanz, welche mit HNO₃ +Korksäure+ bildet. Die zur Oxalsäurereihe gehörige Korksäure kann auch aus Ricinusöl, Leinöl u. and. Ölen, Cocos und Palmfett, Walrat, Stearin- und Ölsäure mittelst HNO₃ dargestellt werden (~Etaix~, ~Vanzetti~, ~Bromeis~, ~Arppe~, ~Dale~ u. and.), wo sie neben Azelainsäure entsteht (~Arppe~) und wird synthetisch aus Dibromhexan (wie Azelainsäure aus Dibrompentan) erhalten (~Braun~). Sie entsteht auch durch Reduktion der Octadiidisäure (~Lespiau~ und ~Vavon~). ~Döpping~ erhielt durch Behandeln des Cerins mit Salpetersäure Cerinsäure (C₄₂H₃₄O₃) und gab dem in HNO₃ unlöslichen Teil den Namen Korkzellulose (C₆H₁₀O₅). ~Siewert~ fand krist. Fettsäuren im Alkoholextrakt (2,5% +Decakrylsäure+: C₁₀H₁₈O₂, +Eulysin+: C₂₄H₃₆O₃). +Phellylalkohol+ (Cerin) war zu 1,75% vorhanden. Die Corticinsäure ist ein unreiner Körper.
~Payen~ fand, daß der mit Salzsäure, Essigsäure, Kalilauge und Wasser extrahierte, von den «Inkrusten» (bes. Fetten) befreite Kork (der Kartoffel) in Kupferoxydammon löslich ist. Er hält ihn für Zellulose, ebenso ~Wiesner~ und ~Haberlandt~ den nach Extraktion mit Chromsäure oder ~Schultze~scher Macerationsflüssigkeit erhaltenen Rückstand. Nach ~Frémy~ und ~Urbain~ enthält der Kork 43% +Cutose+ (= Suberin), 29% +Vaskulose+, 12% Zellulose und «Parazellulose» und 15% in Säuren und Alkalien lösliche Stoffe (Cutose + Vaskulose = Suberin, ~Chevreul~). ~v. Wisselingh~ fand das Suberin in auf 250-290° erhitztem Glycerin löslich.
Die Fettsäuren untersuchte zuerst ~Kügler~. Er fand im Chloroformextrakt neben krist. +Cerin+, F. 250° (C₂₀H₃₂O), das ~Thoms~ als phytosterinartig erkannte und C₃₀H₅₀O₂ oder C₃₂H₅₄O₂ formulierte, +Glycerin+ und +Stearinsäure+ und eine neue krist. Säure: +Phellonsäure+ (C₂₂H₄₂O₃), welche Säuren ~Kügler~ reichlicher durch Kochen des mit Chloroform erschöpften Korkes mit alkoholischer Kalilauge erhielt. ~Gilson~ fand im Kork neben Cerin 44% Fettsäuren (acides subérogéniques) und in diesen 8% einbasische krist. +Phellonsäure+ (F. 95-96°, C₂₂H₄₃O₃ ~Gilson~, C₂₂H₄₂O₃ ~Kügler~, Konstitutionsformel nach ~v. Schmidt~ s. oben S. 457), +deren in Wasser unlösliche Alkalisalze mit Chlorzinkjod rotviolett werden+ (Kupferphellonat wird braun), 36% amorphe +Suberinsäure+ (halbflüssig, C₁₇H₃₀O₃) und sehr wenig krist. +Phloionsäure+ (Nadeln, F. 120-121, C₁₁H₂₁O₄ oder C₂₂H₄₀O₇ kann fehlen), deren Alkalisalze sich mit Chlorzinkjod nicht färben. ~v. Schmidt~, der in dem Chloroformextrakt des Korkes (neben +Cerin+) ebenfalls Glyceride der Fettsäuren fand, nimmt in der Korksubstanz die Fettsäuren in der Form verseifbarer Anhydride an (s. oben S. 457). Nach ~Istrati~ und ~Ostrogovich~ wird Cerin von Friedelin (C₄₃H₇₀O₂, F. = 263,5) begleitet. ~Kügler~ gibt im Korke von Quercus Suber an: 2,9% Cerin, 30,10% Fettsäuren, 2,65% Glycerin, 12% «Lignin», 8% Huminsubstanzen, 22% «Zellulose» (?), 5% Wasser, 0,5% Asche.
Woher die +Pentosane+ stammen, die ~Councler~ aus Rinden erhielt, ist zweifelhaft. Möglicherweise enthält die verholzte Mittellamelle ein Xylan (~Czapek~), vielleicht aber stammen sie auch von Nucleoproteïden (des Inhaltes?). Der Stickstoffgehalt des Korkes, der 1,5-3% beträgt und den schon ~Hofmeister~ (1867) der Membran zuweist, sollte mit Rücksicht auf die bei der Pilzzellulose gemachten Erfahrungen einem erneuten Studium unterworfen werden. Er wird jetzt meist auf die Proteïnkörper des Inhaltes bezogen. Ferner wurden im Kork gefunden: der aromatische Aldehyd des Holzes, das +Hadromal+ (vielleicht als Kohlehydratester, ~Czapek~), +Vanillin+ (~Kügler~, ~Bräutigam~, ~Büttner~, ~Thoms~) und vielleicht auch +Coniferin+ (? ~Kügler~) -- wenn man Kork erhitzt bemerkt man einen aromatischen Geruch -- sowie +Gallussäure+ (~Drabble~ und ~Nierenstein~). Die +gerbstoffartigen+ Substanzen (z. T. Phlobaphene, z. T. wohl auch Phoroglukotannide?) gehören wohl dem Inhalte an. Der größte Teil derselben wird übrigens durch das Brühen des Korkes (S. 463) entfernt. Doch zeigt eine Abkochung Gerbstoffreaktion. Der männliche Kork ist so stark gerbstoffhaltig, daß er als Gerbematerial vorgeschlagen wurde.
Über die hier besonders wichtige Mikrohistochemie vgl. oben unter Anatomie.
Bei Einwirkung von HCl, H₃PO₄, Essig- und Ameisensäure (und CO₂) auf ein Gemisch von Formaldehyd und einem Phenol, von Gerbsäure oder Oxybenzoësäure entstehen Kondensationsprodukte, die ähnliche Reaktionen zeigen, wie Kork z. B. unlöslich in Kupferoxydammon und Schwefelsäure und löslich in Kali sind (~Baeyer~, ~Kleeberg~, ~Caro~, ~Möhlau~ und ~Kahl~, ~Drabble~ und ~Nierenstein~). Eine diesen Kondensationsprodukten, die ~Drabble~ und ~Nierenstein~ +Phellemsäure+ nennen, ähnliche Substanz isolierten die Genannten auch aus Kork. ~v. Schmidt~ fand, daß, wenn man das Gemisch der aus Kork extrahierten rohen Fettsäuren erhitzt, Wasserabspaltung eintritt und ein Produkt erhalten wird, das ganz indifferent und impermeabel für Gase ist, wie Kork, und daß, wenn man Filtrierpapier mit den Fettsäuren tränkt und auf 140° erhitzt, man ein ganz dem natürlichen Korke gleichendes Produkt erhält.
Die Zusammensetzung des gereinigten Korkes wurde zu C = 67,8, H = 8,7, N = 2,3, O = 21,1% (~Doepping~) oder C = 65,7, H = 8,5, N = 2,3, O = 29,5 (~Mitscherlich~) angegeben. ~v. Höhnel~ gibt die Zusammensetzung des Suberins zu 74% C, 10% H und 16% O an.
Aus Korkabfällen wird +Leuchtgas+ dargestellt, der dabei entstehende +Teer+ enthält 27% leichte Öle, unter denen sich viel Naphthalin befindet, ferner Benzol und Toluol, 27% schwere Öle, die Phenole nur in geringer Menge enthalten, sowie 11% fluoreszierendes Öl, mit viel Anthracen. Das +Teerwasser+ enthält Essigsäure und Homologe derselben, Methylalkohol, Blausäure, Methylamin und Ammoniak (~Bordet~).
Die Asche des Flaschenkorkes beträgt c. 0,5% (0,54-0,64% ~Kügler~) der Trockensubstanz. Sie enthält viel Mangan (27,7% Mn₃O₄ ~Kügler~) und Kalk (25% CaO), dann 11,3% SiO₂. 8,5% K₂O.
Das bei der Herrichtung der Korkplatten durch Abkratzen erzielte «+Korkholzabschabsel+» enthält nach dem Sieben: 44,91% Sand und SiO₂, 20,87% CaO, 4,62% MgO, 3.79% Fe₂O₃, + Al₂O₃, 5,55% K₂O, 1,07% Na₂O, 1,88% P₂O₅, 12,06% CO₂, 5,25% Glühverlust. Es wird als Kalidünger empfohlen (~Mastbaum~).
Das spez. Gewicht des Korkes gibt ~Rollmann~ zu 0,12-0,195, ~Muschenbrock~ zu 0,24 an. Doch ist bei diesen Versuchen wohl nicht die Luft entfernt worden, denn mit Wasser oder Alkohol gut ausgekochter Kork sinkt in kaltem Wasser unter (~Flückiger~), muß also schwerer als Wasser sein. Selbst außerordentlich dünne Korklamellen lassen sich nur sehr schwer (Kochen mit Alkohol) ganz von der Luft befreien (~Tschirch~).
Das reine Korkgewebe ist wenig hygroskopisch, dagegen ziehen die braunen Lentizellen-Streifen begierig Wasser an (~Kügler~).
=Lit.= ~Czapek~, Biochemie (dort und bei ~Kügler~ die Lit.). -- ~Brugnatelli~, Elementi di chim. II. Crells Ann. 1787. -- ~John~, Chem. Schrift. IV. -- ~Bouillon la Grange~, Ann. d. chim. 23 (1797), 42. -- ~Chevreul~, Ann. de chim. 62 (1807), 323, 96 (1815), 141, Schweigg. Journ. 16 (1816), 323. -- ~Boussingault~, Journ. pharm. chim. 1836. -- ~Mitscherlich~, Lieb. Ann. 75 (1850). -- ~Doepping~, Lieb. Ann. 45 (1843), 286. -- ~Siewert~, Chem. Centralbl. 1856, Journ. pr. Chem. 104 (1868) 118. Zeitschr. Ges. Naturw. 30 (1867). -- ~Payen~, Compt. rend. 1868. -- ~Koroll~, Quant. chem. Unters. d. Kork- usw. Gew. Diss. Dorpat 1880. -- ~Frémy~ und ~Urbain~, Journ. pharm. chim. 1882. -- ~Kügler~, Der Kork von Querc. Suber. Arch. d. Pharm. 1884, 217. Dissertat. Straßburg 1884 (und ~A. Meyer~, Ber. d. d. bot. Ges. 1883). -- ~De Graffigny~, Le liège. Paris 1888. -- ~Gilson~, Le Subérine et les cellules de liège. Diss. Straßb., La Cellule VI (1890), 63 (und in ~Flückiger~, Arch. Pharm. 1890, 690). -- ~van Wisselingh~, Sur le paroi des cellules subéreuses. Arch. Néerland. 12 (1888) und 26 (1893). Chem. Centrbl. 1892 II, 516. -- ~Bräutigam~, Pharm. Centralb. 1898, 685. -- ~Büttner~, Ebenda. -- ~Thoms~, Pharm. Centrh. 1898, 699. Chem. Centrbl. 1898 II, 1102. -- ~Istrati~ u. ~Ostrogovich~, Compt. rend. 128 (1899), 1581. -- ~von Schmidt~, Monatsh. f. Chem. 25 (1904), 277 u. Öster. Chem. Zeit 1911, 21. -- ~Drabble~ und ~Nierenstein~, Biochem. Journ. 1907 (Chem. Centralbl. 1907 II, I. 79). -- ~Mastbaum~, Chem. Zeit. 30 (1906), 39. -- ~Bordet~, Compt. rend. 92 (1881), 728. -- ~Rollmann~, Polyt. Centralbl. 27, 465 (1873).
=Anwendung.= Die Verwendung des Korkes beruht auf seiner Eigenschaft, sich infolge der Dünnwandigkeit der Zellen leicht zusammendrücken zu lassen, gegen Lösungsmittel und Fäulnis relativ resistent zu sein, wegen seines hohen Luftgehaltes auf Wasser zu schwimmen und (z. T. auch wegen der eingeschlossenen Luft) Wärme sowie Schall schlecht zu leiten. Doch wird Kork von konz. Mineralsäuren, den Halogenen, Ammoniak und einigen ätherischen Ölen (bes. Terpentinöl) angegriffen. Die Verwendung des Korkes als Verschlußmittel beruht auf der Eigenschaft der Suberinlamelle für Wasser und Wasserdampf, sowie für die Dämpfe der meisten Flüssigkeiten impermeabel zu sein. Kork ist auch für Gase, z. B. Luft, undurchlässig (~Wiesner~, Wiener Anzeiger 1879). Zum Teil mag dies auch darauf zurückzuführen sein, daß die Zellen selbst Luft enthalten, die sich nicht verdrängen läßt (~Tschirch~). Die Undurchlässigkeit des Korkes hängt mit seiner Funktion bei der Pflanze zusammen. Denn die Korkschicht bildet ja den vornehmsten Schutz gegen Verdunstung. Sonst wird der Rohkork auch zu Einlegesohlen, zur Umhüllung von Dampfleitungen, zu Schalldämpfern, zu Belegen für Eisbehälter, zu Schwimmgürteln verwendet -- die Korkabfälle zu künstlichen Korkplatten, zu Linoleum und Kamptulikon (Kortizin). Bei der Linoleumbereitung wird Korkpulver mit Linoxin (in Oxydierhäusern oxydiertes Leinöl, s. S. 323) behandelt. Der männliche Kork ist nur zu Schwimmkörpern, Korksteinen u. dergl. verwendbar.
=Lit.= ~Ed. Hanausek~, Technologie d. Drechslerkunst 1897 und ~Erdmann-König~, Allgem. Waarenkunde. -- ~T. F. Hanausek~ in Luegers Lexikon.
=Geschichte.= ~Theophrast~ beschreibt (Hist. pl. III, 17, I u. IV, 15, 1) eine Korkeiche φελλός), die er nach Tyrrhenium (d. h. nach Westen) verlegt, und sagt, daß wenn die Rinde φλοιός) entfernt werde, sie in 3 Jahren wieder wachse. φελλός des ~Theophrast~ deutet ~Sprengel~ als Quercus Pseudo-Suber ~Desf. Pausanias~ kennt eine Eiche in Arkadien, deren Rinde so leicht ist, daß sie als Ankerzeichen (Bojen) oder als Flossen an Fischnetzen befestigt, auf dem Wasser schwimmt (~Hehn~). Auch die Benutzung des Korkes zu Schwimmgürteln war den Römern bekannt (Sage von ~Camillus~). Es war ~Plinius~ bekannt, daß sich die «Rinde» erneuert und er erwähnt die Verwendung des Korkes zu Verschlüssen (obturamenta). ~Plinius~ sagt: «+Suberi+ minima arbor, glans pessima, rara: +Cortex+ tantum in fructu, +praecrassus ac renascens+, atque etiam in denos pedes undique explanatus. Usus ejus ancoralibus maxime navium, piscantiumque tragulis et +cadorum obturamentis+: praeterea in hiberno feminarum calceatu. Quamobrem non infacete Graeci +corticis arborem+ appellant. Sunt et qui +feminam ilicem+ vocant: atque ubi non nascitur ilex, pro ea subere utantur, in carpentariis praecipue fabricis, ut circa Elin et Lacedaemonem. Nec in Italia tota nascitur aut in Gallia omnino». Auf den Gebrauch des Korkes als «Schwimmer» spielen auch ~Aeschylos~, ~Plutarch~, ~Pindar~ und ~Archias~ an (daher Cortex natarius z. B. bei ~Festus~). ~Virgil~ erwähnt die Verwendung als Dachbedeckung, wozu die Korkplatten noch heute in Algier benutzt werden. ~Varro~ sagt: Die besten Bienenstöcke sind die aus Cortex gemachten. Auch ~Columella~ (I, S. 572) kannte das schlechte Wärmeleitungsvermögen der Korkplatten und empfiehlt sie als Umhüllung der Bienenstöcke, zur Herstellung einer gleichmäßigen Temperatur. «Siva illa (regio) ferax est +suberis+, haud dubitantur utilissimas alvos faciemus ex cortibus quia nec hieme rigent, nec candent aestate» (De re rustica IX, 6) -- wozu sie noch jetzt in Südspanien und Algier benutzt werden. ~Quintus Serenus Sammoniacus~ (Liber medicinalis) erwähnt einen Trank aus Korkrinde als Blutstillungsmittel.
«Die Sitte, Gefäße mit +verharztem+ Kork zu verschließen, stammt, wie es scheint, von den Galliern» (~Schrader~). Sie wird bei ~Cato~, ~Columella~ und ~Horaz~ (cortex adstrictus pice) erwähnt. Doch war das Verkorken bei den Römern selten, die Gefäße mit Holz, Pech, Gips, Kreide oder Wachs verschlossen oder Öl auf die Flüssigkeiten gossen -- was bekanntlich in Italien noch heute beim Wein geschieht. «Die Kunst, die +enge+ Öffnung eines Gefäßes mit der elastischen Rinde der Korkeiche zu verschließen, geht in ein hohes Altertum hinauf, und allgemein geworden ist sie erst seit den letzten Jahrhunderten, und zwar sehr langsam. Erst das Aufkommen enghalsiger Glasflaschen, die zuerst im XV. Jahrh. auftreten und die Notwendigkeit, derartige Flaschen gefüllt versenden zu müssen, brachte den Kork in allgemeinen Gebrauch» (~Hehn-Schrader~). Im Mittelalter bediente man sich zum Verschließen von Fässern der Holzpflöcke, bei kleineren Gefäßen der Verschraubung oder des Wachsverschlusses. 1410 führte Danzig Kork aus Lissabon ein (I, S. 811). ~Clusius~ sagt 1601 (a. a. O.): «Verum in Hispaniis primum illum praecrassum corticem dum taxat detrahere solent: quo non modo +ad cadorum obturamenta, alvearia et nonnulla etiam vasa rustici utuntur+, sed etiam ad tuguriorum, parietum, et murorum praetexta, praesertim in ea Baeticae parte, quam Estramaduram vocant, ubi interdum totis pagis aedes magnis suberis fragmentis imbricum loco tectas conspicere licet.»
~Pomet~ erwähnt 1694, daß die abgelösten Korkplatten in mit Wasser gefüllten Gräben übereinander geschichtet und mit Steinen beschwert, dann nach dem Ablassen des Wassers getrocknet und zu Ballen vereinigt wurden. Er nennt als besten Kork den spanischen, daneben aber auch schon einen französischen aus der Gascogne und von Bayonne. Die +Korkkohle+ erwähnt ~Pomet~ unter dem Namen Noir d’Espagne als Malerfarbe. Er gedenkt der Verwendung des Korkpulvers als Blutstillungsmittel und äußerlich bei Hämorrhoiden. ~Valentini~ (I, S. 912) sagt: «+Die Apotheker stopfen und verwehren die Gläser damit.+» Im Catologus von Rostock 1659 steht Suber, Pantoffelholz oder Kork 1 Loht = 2 Kr. Die Idee, Wein-, speziell Champagnerflaschen mit Korkstopfen zu verschließen, wird dem Pater Kellermeister der Abtei Haut-Villiers ~Dom Pérignon~ (1636-1715) zugeschrieben. Um diese Zeit erlangte die Sitte jedenfalls Verbreitung.
Nach ~Artigas~ soll die regelrechte Kultur des Baumes und Gewinnung des Korkes in Spanien erst in der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrh., und zwar in Gerona begonnen haben. Catalonien liefert auch heute noch den besten Kork. Von dort breitete sie sich nach Andalusien und Estremadura und die südlichen Provinzen Frankreichs und Portugals aus. Von 1830 an wurden die Korkwälder Algeriens durch die französische Regierung erschlossen, 1847 erreichte die Ausfuhr des Korkes dort bereits 46683 kg. Um diese Zeit wurde auch die Privatindustrie für die Gewinnung interessiert, große Strecken verpachtet und gegen die sehr gefährlichen Waldbrände strenge Verfügungen erlassen, z. B. das Ziehen von Gräben und Beseitigung des Unterholzes angeordnet, schließlich auch die Gewinnung gesetzlich geregelt. Jetzt bildet der Kork einen der wichtigsten Ausfuhrartikel des Landes. Auch in Tunis begann die geregelte Gewinnung mit der französischen Okkupation (1881), die Démasclage 1884 (~Lamey~).
~Robert Hooke~ sah zuerst mit seinem sehr einfachen Mikroskope die Zellen des Korkes (Micrographia 1667) und erkannte, daß der Kork zur Rinde eines Baumes gehören müsse, was damals noch nicht bekannt war. ~Johnston~ bestätigte das letztere. ~Hooke~ benutzte bei der Beschreibung des anatomischen Baues des Korkes zuerst den Ausdruck «cell» (er verglich ihn mit Bienenwaben). Der Ausdruck wurde dann auf alle «Zellen» übertragen. ~Hooke~ schätzte die Anzahl der Zellen im Kubikzoll auf 1200 Millionen (~Flückiger~).
Die ersten Korkstöpselschneidereien (taponerias) sollen c. 1760 in Llagostera bei Gerona entstanden sein. 1789 wurden Korkstöpsel in Stuhr (Oldenburg) geschnitten (~Flückiger~). Korkpantoffeln wurden aber schon im XV. Jahrh. in Danzig fabriziert (~Pabst~).
Auf Flaschenkork läßt sich bekanntlich sehr gut schreiben. Die Benutzung des Korkes anderer Pflanzen zum Schreiben finden wir schon im Altertum (vgl. S. 256). Die altindischen Bhûrja- (= Birken) Manuskripte sind auf den Blätterkork der Betula Bhojpattra ~Wall.~ geschrieben (~Dymock~). Auch heute wird noch Birkenkork zum Daraufschreiben benutzt, z. B. bei den Tanguten (~Prschewalski~ 1878). Ich erhielt 1909 aus Amerika einen auf Birkenkorkpapier geschriebenen Brief und sah 1908 in Frankreich Visiten- und Geschäftskarten auf dünne Flaschenkorkscheiben gedruckt.
=Lit.= ~Flückiger~, Pharmakogn. -- ~Beckmann~, Beitr. z. Gesch. d. Erfind. 1790. -- ~Hehn~, Culturpfl. 1877. -- ~Blümner~, Technol. u. Terminol. d. Gewebe. 1879. -- ~Dymock~, Mat. med. West. India 1885.
=Ersatzmittel.= Keine andere Pflanze bildet eine Korkschicht, die technisch wirklich brauchbar und exportfähig ist, da keine den Kork der Korkeiche an Elastizität, Weichheit und Dicke erreicht. Immerhin dienen einige andere Korke an den Produktionsorten zu ähnlichen Zwecken, wie z. B. der Kork von Ulmus campestris var. suberosa. Auch einige Rinden und Hölzer werden gelegentlich in den betreffenden Ländern wie Kork, z. B. zum Verschluß von Calebassen u. dgl. benutzt, so die Rinde von Pinus Merkusii in Johore und die von Melaleuca Leucadendron in Südasien, das schwammige Holz von Anona palustris in Südamerika, das weiche Holz von Ochroma Lagopus ~Sw.~ in Westindien, das einiger _Nyssa_arten in Nordamerika (Nyssa aquatica liefert das +Tupeloholz+), das des Baobab und der Herminiera elaphroxylon in Afrika, sowie das Holz von Bombax, Aeschynomene und Alstonia-Arten in Asien. Endlich wird auch das Holz von Hibiscus tiliaceus, von einigen _Erythrina_arten (Erythrina acanthocarpa liefert den +Marble-Cork)+ und Lianen und das Mark von Agaven und Fourcroyen als «+Korkholz+» benutzt (~Semler~). In Slavonien wird Süßholz für Stöpsel verwendet (~Hoehnel~).
Neuerdings wird als Ersatz für Kork das Holz einer Mimose (Mareabaum) vom Tschadsee angegeben, dessen spez. Gew. noch geringer ist als das des Korkes. Aber weder dieses noch der sog. Kaffrarian Marble Cork, der ebenfalls ein Holz ist (~Jos. Moeller~), kann den Kork ersetzen, da auch +seine Zellen verholzt und nicht verkorkt sind+.
Künstlicher Kork von ~Grünzweig & Hartmann~ besteht aus gepulvertem «Korkholz» und Stärkekleister, dem Leinöl oder Teer zugesetzt wird (vgl. auch oben S. 469). Über künstlichen Kork findet sich eine Zusammenstellung in ~M. Schall~, Verfahren z. Herstellung künstlicher Korkmassen. Kunststoffe 1 (1911), 141.
=Lit.= ~Semler~, Trop. Agrikult. -- Dingl. polyt. Journ. 250 (1883). -- ~T. F. Hanausek~ in Luegers Lexikon. -- ~Hoehnel~ in ~Wiesner~, Rohstoffe. -- ~Jos. Moeller~, Bot. Zeit. 1879, 719 und Pharm. Centralh. 1886, 240. -- Tropenpflanzer 1904 u. 1907.
2. Pollenino-Membranindrogen.
Als Anhang an die Suberino-Membranindrogen mag der Pollenino-Membranindrogen gedacht werden, denn die Polleninmembran der Pollenkörner und Sporen ist jedenfalls verwandt mit der Cuticula und diese mit dem Kork.
~Fourcroy~ erkannte bereits 1801 die Ähnlichkeit des Korkes und der Cuticula. ~Mitscherlich~ erhielt aus beiden die gleichen Produkte, aber in verschiedenen Mengen. (Er verglich Kartoffelkork mit Aloë-Cuticula.) Nach ~van Wisselingh~ und ~Frémy~ sind die Cuticula und die verkorkte Membran +nicht+ identisch. ~Wisselingh~ erhielt z. B. keine Phellonsäure aus der Cuticula und die Fettsäuren scheinen andere zu sein. ~Frémy~ und ~Urbain~ nannten die «inkrustierende» Substanz der Cuticula +Cutose+. Es ist nicht nachgewiesen, daß die Cuticula Polysaccharide enthält. Denn die Tatsache, daß die mit Kali anhaltend behandelte Cuticula die Jodreaktion gibt (~Hofmeister~), kann auch anders gedeutet werden (s. oben). Jedenfalls zeigt aber die Cuticula +viel Ähnlichkeit mit der Korkmembran+ (~von Höhnel~, ~Zimmermann~); sie ist resistent gegen konzentrierte Schwefelsäure (~Mohl~, ~Mulder~) und auch gegen Fäulnis (~Brogniart~), gibt nach Behandeln mit kochendem Kali die Reaktionen mit Jod («ähnlich» wie Cellulose, ~Mohl~), liefert mit Salpetersäure Korksäure und Bernsteinsäure (~Mitscherlich~) und wird von kochender Kalilauge angegriffen (~Schacht~), ist aber dagegen widerstandsfähiger wie Kork (~von Höhnel~). Sie zeigt gewisse Aldehydreaktionen (~Geneau de Lamarlière~). Auch lassen sich aus ihr durch Einwirkung heißen Wassers wachsartige Substanzen ausschmelzen (~de Bary~). Bei Behandlung mit kochender Lauge soll die krist. Stearocutinsäure (C₅₆H₄₈O₈) und die flüssige Oleocutinsäure (C₂₈H₂₀O₈) entstehen (~Frémy~ u. ~Urbain~).
Die Wand der Sporen und Pollenkörner, die mit dem Namen +Pollenin+ (~Braconnot~, ~John~) bezeichnet wurde, einem Namen, den ich hier wieder aufnehme, zeigt vielfach die Eigenschaften einer cuticularisierten Membran (~Biourge~), sie ist z. B. unlöslich in konz. Schwefelsäure, Alkohol und Äther. Sie ist jedenfalls eine komplizierte Substanz. Ältere Angaben von einem Stickstoffgehalt des Pollenins bedürfen der Nachprüfung. Bei einigen Pollenkörnern beträgt der Prozentsatz an Pollenin ziemlich viel (beim Pinuspollen z. B. c. 22%, ~Planta~).
=Lit.= ~Brogniart~, Ann. sc. nat. 1830 u. 1835. -- ~Mitscherlich~, Lieb. Ann. 75 (1850). -- ~Schacht~, Lehrbuch. -- ~Mohl~, Bot. Zeit. 1847. -- ~Mulder~, Phys. Chem. 1844. -- ~Hofmeister~, Pflanzenzelle. -- ~Cohn~, De Cuticula. Linnaea 1850. -- ~Frémy~, Rech. chim. sur la Cuticule. Compt. rend. 1859. -- ~A. Wigand~, Intercellularsubstanz und Cuticula. Braunschweig 1850. -- ~Kabsch~, Unters. über d. chem. Beschaff. d. Pflanzengewebe. Pringsh. Jahrb. 1863. -- ~v. Höhnel~, Öster. Bot. Zeitschr. 1878. -- ~de Bary~, Bot. Zeit. 29. -- ~Frémy~ und ~Urbain~, Ber. d. d. chem. Ges. 1877, 90, Compt. rend. 93 (1882), 926 u. 100 (1885) 19. Ann. sc. nat. (6) 13 (1882), 360. -- ~Ambronn~, Opt. Verh. d. Cuticula. Ber. d. d. Bot. Ges. 1888. -- ~van Wisselingh~, Sur la cuticularisation et la cutine Arch. Néerland. 28 (1894), 373, Over Cuticularisatie en Cutine Ned. Kruidk. Arch. VI. und Verh. d. Akad. Amsterdam 1894. -- ~Géneau de Lamarlière~, Bull. Soc. Bot. 1903, 268. -- ~Czapek~, Biochemie (dort die Lit.).
+Pollenin+: ~Braconnot~, Ann. chim. phys. (2) 42 (1829). -- ~John~, Schweigg. Journ. 12 (1814). -- ~Fritzsche~, Pogg. Ann. 32 (1834), 481. -- ~Berzelius~, Lehrbuch, 3. Aufl. 1837, VI, 474. -- ~Planta~, Landw. Versuchsstat. 1884 und 1885. -- ~Kresling~, Arch. Ph. 1891, 389. -- ~Th. Biourge~, Le Cellule 8 (1892) 45.
Lycopodium.
=Syn.= Sem. lycopodii, Sporae lycopodii, Hexenmehl, Bärlappsamen, Bärlappsporen, Streupulver, Blitzpulver, Erdschwefel, Alpenmehl, Blumenstaub, gelber Puder, Pillenmehl, Schlangenmehl, Wurmmehl, Pöschpulver, Puderbleiweiß, Steinpulver, -- in der Schweiz: Zäpflimehl, Tröcknipulver, -- lycopode, souffre végétal (franz.) -- earth-moss seeds, vegetable sulphur, clubmoss (engl.) -- nikt, heksemel (schwed.) -- ulvefoed (dän.) -- wolfsklaauw (holl.) -- licopodio (ital.) -- spori plauna (russ.) -- plavuň (böhm.) -- widlak (poln.).
Bärlapp, Wolfsklaue, Wolfsranke, Teufelsklaue, Krähenfuß, Druden-Fuß oder Kraut, Johannisgürtel, Schlangenmoos, Zigeunerkraut, Blitzkraut, Hexenkraut, Briszweig, Gäbali, Gertel, Gertlein, Kohlerkraut, Kosen, Rimpe, Saukraut, Sausanne, Zigeunerkraut (~Pritzel-Jessen~); -- in der Schweiz: Freselmehlkraut, Kolbenmoos, Lienle, Wolle, Schäbel -- mousse terrestre, griffe, patte ou pied de loupe, plicaire -- im Tessin: erba scaretta, musco terrestre. -- In England: common club moss, stagshorn. -- Im Mittelalter: bryon (?), soldana (?) -- bei ~Bock~: Muscus terrestris, Beerlap, Bärlappen, Teuffesklawen, Seil- oder Gürtelkraut, Neunheyl, Neungleych, Weingrein, Harschar -- bei ~Cordus~: Katzenleiterlein, Minzengrün, chamaepence -- bei ~Gesner~: Tüfelsschlüssel, muscus ursinus, pes ursinus -- bei ~Camerarius~: Dehnkraut -- bei ~Tabernaemontanus~: Löwenfuß, pes leoninus, pes lupinus. Weitere Namen in ~Nemnich~, Polyglotten-Lexikon.
=Stammpflanze.= =Lycopodium clavatum= L. Spec. pl. ed. I, 1101 (Lyc. officinale ~E. Neck.~, Meth. musc. 150, L. inflexum ~Sw.~). In zahlreichen Varietäten (z. B. tristachyum mit weit abstehenden Blättern, curtum u. and.), von denen einige (L. trichiatum, L. venustulum, L. inflexum) auch als Arten betrachtet werden.
=Etym.= Der Name Lycopodium findet sich zuerst bei ~Dodonaeus~ (Pemptad. 1583, 469), der hinzufügt i. e. pes lupi. Es ist also eine griechische Übersetzung von Wolfsfuß, Wolfsklaue, gebildet aus λύκος (= Wolf) und πόδιον (= Füßchen). Auch ~Tabernaemontanus~ hat Lycopodium. -- Clavatum (= keulenförmig, clava = Keule) nach der Form des Sporangienstandes. Bereits bei ~Caspar Bauhin~ steht muscus terrestris +clavatus+, bei ~Lobelius~ muscus +clavatus+ = pes leoninus. -- Die Bildungen Wolfsfuß, Wolfsklaue, pied de loupe, pes lupinus, Löwenfuß, pes leonis, pes ursinus, Bärlappen, Drudenfuß, Teufelsklauen sind abgeleitet von den einen zottigen Eindruck machenden beblätterten Laubsprossen, -- muscus terrestris, Schlangenkraut, von der Eigenschaft am Boden zu kriechen. ~Tabernaemontanus~ sagt «Mooss oder Beerlap», benutzt also beides als gleichbedeutend. (Über mos vgl. S. 264.) -- Bärlapp = Bärenpfote (lappo = Hand, Pfote). -- Hexenmehl wohl wegen des plötzlich an der Ähre auftretenden und verstäubenden Sporenmehls, auch andere Namen (Drudenfuß, Teufelsklauen) verraten in die Pflanze hineingelegte mystische Beziehungen.
=Systemat. Stellung.= Pteridophyta -- Lycopodiales -- Lycopodiaceae -- (Lycopodium Sectio Clavata).
Die Gattung Lycopodium umfaßt etwa 100 Arten, die über die ganze Erde verteilt sind.
=Beschreibung der Stammpflanze.= Auf einem kleinen, sehr vielgestaltigen, mit Wurzelhaaren besetzten thalloidischen Vorkeim (Prothallium), der die Antheridien und Archegonien trägt, also die geschlechtliche Generation darstellt, und der sich sehr langsam, erst in 7-12 Jahren, und ziemlich tief im Boden heranbildet, entsteht nach Befruchtung der Eizelle des Archegoniums aus dieser die junge Pflanze, die ungeschlechtliche Generation. Der auf der Erde oft zwischen Moos kriechende, mit dichotom verzweigten fädigen Wurzeln im Boden befestigte Stengel kann 1 m lang werden. Er verzweigt sich ziemlich reich. Ein Teil der aufstrebenden oder aufrechten, 5-15 cm langen Äste ist bis zur Spitze dicht mit spiralig gestellten, 3-4 mm langen, lanzettlichen, in eine hyaline Spitze auslaufenden Blättern besetzt. Ein anderer Teil läuft in die meist lang (8-18 cm) gestielten, ährenartigen, gelblichen, walzenrunden, 3-6 cm langen, 3-4 mm breiten Sporangienstände («Blüten») aus, die zu 1-4 (meist 1-2, in warmen Ländern auch mehr wie 4) an der Spitze des mit wenigen Blättchen besetzten Stieles angeordnet sind.
Die +Sporophylle+ (Fruchtblätter, Deckblätter, Tragblätter, Bracteen) sind 3 mm lang, ebenso breit, eiförmig, am Grunde fast herzförmig, am Rande durch Vortreten einiger Randzellen fein gezähnt und laufen oben in eine lange farblose Borste aus, so daß der Sporangienstand behaart erscheint. Die +Sporangien+ sind ¼ schmäler als die Sporophylle und sitzen auf der Blattoberseite.
Die Anlage der +Sporangien+ erfolgt bereits, wenn das Sporophyll sich noch in meristematischem Zustande befindet. Eine an der inneren Seite der Blattbasis gelegene Zellgruppe streckt sich senkrecht zur Blattfläche. In dieser Protuberanz wird nach Innen zu durch perikline Teilung der Oberflächenzellen das +Archesporium+ abgeschieden. Es sind meist drei nebeneinanderliegende Reihen (c. 20 Zellen), welche das Archespor bilden (~Bower~). Während aus diesen, und zwar besonders aus den mittleren und inneren, durch lebhafte Zellteilungen das Gewebe der Sporenmutterzellen hervorgeht, dehnt sich die äußere Hüllzelllage durch antikline Zellteilungen aus, das Sporangium wölbt sich vor und wird durch Wachstum des Basalgewebes emporgehoben. Das letztere treibt Vorsprünge in die sporogenen Massen, die die Ernährung erleichtern. Die äußere Hüllzelllage wird dann durch perikline Zellteilung mehrschichtig. Die innerste Schicht teilt sich dann nochmals und scheidet nach innen die plasmatischen Tapetenzellen ab. Schließlich ist das ganze sporogene Gewebe mit Ausnahme des Scheitels des Sporangiums von der Tapetenschicht umgeben. (~Sadebeck~ in ~Pritzel~, Lycopodiaceae, Fig. 370, ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam.) Die Entwicklung der Sporen aus den Sporenmutterzellen stimmt hier, wie bei allen Pteridophyten, mit der der Mikrosporen (Pollen) der höheren Pflanzen überein: Es entstehen aus dem Kern der Sporenmutterzellen zwei Tochterkerne und durch Teilung dieser vier Enkelkerne, die sich mit einer Membran umgeben und zu Sporenzellen werden. Nach der hierauf erfolgenden Lostrennung von den Schwesterzellen findet die Ausbildung der Sporenhülle und damit zugleich auch diejenige der Sporen statt (~Sadebeck~).
Das +Sporangium+ ist ein tangential gestreckter, nierenförmiger, einfächeriger Sack, der mit einem dicken, bündelfreien Stielchen der Basis des Sporophylls ansitzt. Die Wand des Sporangiums ist oben zweischichtig, unten bis fünfschichtig. Die Zellen der äußeren Schicht sind mit Verdickungen an den inneren und seitlichen Wänden versehen. Das Sporangium ist ganz mit gleichartigen gelblichen Sporen erfüllt und springt im Juli oder August durch einen tangential über den Scheitel laufenden Spalt in zwei muschelförmige Klappen auf. Die Verstreuung der Sporen erfolgt durch den Wind. Die Sporen sind mit einem Netzwerk kleiner Leisten bedeckt, über welches ein Häutchen ausgespannt ist, das nicht benetzbar ist. «Durch diese Vorrichtung wird die Spore befähigt, durch die Hohlräume des Bodens tief in die Erde zu gleiten; bei dieser Wanderung wird aber die Membran allmählich abgerieben und die unter ihr befindlichen Kammern, welche benetzbar sind, werden frei gelegt. Ist dieses Ziel erreicht, so haftet die Spore an den Bodenteilchen und findet so eine bleibende Stätte, an welcher die Keimung erfolgt» (~Schumann~). Aus der Spore geht das Prothallium (s. oben) hervor.
=Vorkommen.= Die Pflanze findet sich in Mittel- und Nordeuropa, Sibirien, Japan, Nord- und Südamerika, Südafrika, auf den Marianen und Sandwichinseln und in Australien, ist also über die ganze Erde verbreitet. Sie findet sich in Europa mit Ausnahme der Steppengebiete auf Haiden, in lichten Wäldern, an trockenen Stellen der Moore, auf Bergabhängen, buschigen Wiesen und besonders in Nadelwäldern an etwas frischeren Stellen (in der Schweiz in moorigen Wäldern besonders auf kieshaltigem Boden), in den wärmeren Gegenden besonders im Gebirge, in den Tropen nur dort, in Europa bis 2000 m.
Übersicht über die deutschen Lycopodium-Arten in ~Luerssen~, Med. pharm. Botanik.
=Lit.= ~Pritzel~, Lycopodiaceae in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam. (dort weitere Lit.). -- ~Sadebeck~, Gefäßkryptogam. in Schenks Handb. d. Botan. 1879. -- ~Luerssen~, Mediz. pharm. Bot. I. -- ~David et Weber~, Et s. l. Lycopod. en gen. et en part. sur le Lycop. clav. Soc. synd. d. pharm. d. l. côte d’Or Bull. 15 (1896). Jahresb. d. Pharm. 1897, 140. -- Der Vorkeim der Lycopodien wurde von ~Fankhauser~ in Bern entdeckt (Bot. Zeit. 1873). Vgl. darüber ferner ~Bruchmann~, Über d. Prothallien u. d. Keimpflanz. mehrerer europäisch. Lycopodien u. zwar über die von Lycopodium clavatum, L. annotinum, L. complanatum und L. Selago. Mit 7 Taf. Gotha 1898. -- +Abbild.+ in ~Berg-Schmidt~, Atlas II. Aufl. t. 157. -- ~Pabst-Köhler~, Medizinalpfl. t. 49. -- ~Nees von Esenbeck~, t. 13. -- ~Bentley-Trimen~, Med. pl. t. 299 und vielfach anderwärts.
=Pathologie.= An den Sporangienähren von Lycopodium clavatum kommen mehrere Ascomyceten vor: Helotium Sommierianum ~P. Magn.~, Mollisia Lycopodii ~Le Bret.~ et ~Malbr.~, Sphaerella Lycopodii ~Peck~. -- In den Sporophyllen von Lycopodium annotinum treten die Perithecien von Leptosphaeria Crepini (~Westd.~) ~de Not.~ auf; die befallene Ähre wird durch den Pilz sehr auffällig geschwärzt; in den Sporangien sind die Sporen zwar noch zu finden, aber sie erscheinen abgestorben und zwischen ihnen ziehen sich die Mycelhyphen des Pilzes hin. (~Ed. Fischer~.)
=Einsammlung und Handel.= Lycopodium wird besonders in vielen Teilen +Rußlands+ (besonders im Gouvern. Wladimir) gesammelt (I, S. 101), dann in beschränktem Maße in der +Schweiz+ [Kanton Bern, Emmenthal, Entlebuch, I, S. 98, Zug, Schwyz (~Schürmann~)], in +Deutschland+ (besonders in den Gebirgen), in +Österreich+ und +Schweden+. Rußland exportierte 1910: 8000 Pud. (~Ferrein~). 1910 sank ein russischer Dampfer, der einen großen Teil der Lycopodiumernte an Bord hatte und die Preise stiegen daher. Frankreich bezog 1897 c. 8000 kg Lycopodium via Deutschland. Bisweilen (z. B. 1910) litten die Pflanzen unter Frühjahrsfrösten oder zu starker Sommerhitze, dann war die Ernte gering, die Preise stiegen auf das Doppelte und die Fälschungen (s. unten) wurden wieder häufiger (1909). Auch die russische Revolution brachte Preisschwankungen. Die Sporangienstände werden im August und September gesammelt, auf Tellern oder Schüsseln an der Sonne getrocknet, ausgeklopft und dann durch ein Haarsieb von den Beimengungen (Sporophylle, Stengel usw.) befreit. In Rußland wird das Lycopodium zunächst in Säcke aus fester, ziemlich feiner Leinwand getan, diese werden umgeben von groben Hanfsäcken, und diese stecken in Bastmatten aus Schilf geflochten mit Tauen umschnürt. So ist ein Verstäuben ausgeschlossen. Diese «Bauernware» enthält c. 10% Verunreinigungen, Bruchstücke von Stengeln und Blättern (~Weigel~ 1905). Sie wird von den Drogenhäusern durch mehrmaliges Sieben gereinigt. Für pharmazeutische Zwecke ist nur prima doppelt oder dreifach gesiebtes sog. «leichtflüssiges» Lycopodium zu benutzen. Dies Lycopodium ist in Säcken à 50 kg und Kisten à 10 Pack. à 10 kg im Handel (~Grossmann~).
=Lit.= ~Gehe~, Handelsberichte. -- ~Caesar~ und ~Loretz~, Handelsb. -- ~Weigel~, Pharm. Centralh. 1905. -- ~Schürmann~, Schweiz. Wochenschr. 1908.
=Beschreibung der Droge.= Lycopodium bildet ein feines, blaßgelbes, sehr bewegliches, geruch- und geschmackloses, nicht hygroskopisches Pulver, das in die Flamme geblasen verpufft (auch Farnsporen und Kamala verpuffen ähnlich), langsam erhitzt aber ruhig abbrennt. Es muß beim Ausgießen leicht «strömen» und darf nicht feucht sein. Da die Sporen ein mit Wasser nicht benetzbares Häutchen besitzen, (s. oben), so schwimmen sie auf dem Wasser, trotzdem ihr spez. Gewicht höher ist. Sie sinken aber darin unter, sobald man sie mit Wasser kocht oder mit Alkohol benetzbar macht.
=Anatomie.= Die Lycopodiumsporen sind tetraëdrisch mit gewölbter Basis und drei flachen oder -- seltener -- etwas eingesunkenen Pyramidenflächen (Fig. 155 u. 156). Das Exosporium zeigt ein Leistenwerk von fünf- bis sechsseitigen Maschen, das besonders schön hervortritt, wenn man Schwefelsäure zum Präparat hinzufließen läßt. An den Ecken der Leistenmaschen finden sich kleine Knötchen. Am Rande der Spore erscheinen die Leisten als kleine Stacheln, deren Spitzen durch ein sehr zartes, in der Mitte eingesunkenes Häutchen (s. oben) verbunden sind. In der Nähe der Kanten der Pyramidenflächen verschwinden die Leisten meist ganz oder werden unregelmäßig. Die Größe der Sporen beträgt 25-40, meist 30-35 mik. Durch Kali werden die Sporen gelb, wäscht man dann aus und läßt Jodschwefelsäure zufließen, so färbt sich das Exosporium braun, das diesem innen als zartes Häutchen anliegende Endosporium blau. Zerdrückt man das in Schwefelsäure liegende Präparat, so tritt aus jeder Spore ein Öltropfen hervor.
=Lit.= +Abbild.+ in fast allen Lehrbüchern der Pharmakogn., z. B. in ~Koch~, Atlas IV, ~Vogl~, Atlas t. 58, ~Moeller~, Lehrbuch und Atlas, ~Karsten-Oltmans~, Lehrbuch, ~Berg~ Atlas, ~Luerssen~, Med. pharm. bot. etc. etc.
=Chemie.= Die Sporen enthalten c. 45% +Pollenin+ und 47,4 (~Flückiger~), 48,5 (~Bukowsky~) bis 49,34% (~Langer~) +fettes Öl+. Dieser Prozentsatz ist nur bei Chloroformextraktion der unter Alkoholzusatz mit Sand zerriebenen Sporen zu erhalten, Äther liefert auch nach 10 Tagen nur 40,9%. Unzerkleinerte Sporen geben an Chloroform nur 2-4% ab (daraus erklärt sich die frühere Angabe von ~Bucholz~: Öl 6%). Das sauer reagierende Öl von der Konsistenz des Olivenöls setzt sich (nach ~Langer~) aus 80-86,67% einer flüssigen Ölsäure, wechselnden Mengen Glycerin und eines Gemisches fester Fettsäuren zusammen. Die flüssige +Lycopodiumölsäure+ (C₁₆H₃₀O₂) betrachtet ~Langer~ als α-+Dekyl+-β-+Isopropylakrylsäure+. Zu etwas abweichenden Resultaten kam ~Bukowsky~. Er fand im Öl frischer Sporen neben 0,3% +Phytosterin+ (C₂₅H₄₂O. F. = 132-133°, ~Cadets~ Wachs?), 80% +Ölsäure+ (C₁₈H₃₄O₂), 3% +Arachin-+, +Stearin-+ und +Palmitinsäure+ und 2% +Lycopodiumsäure+ (C₁₈H₃₆O₄, isomer mit der Dioxystearinsäure), sowie 8,2% +Glycerin+. Das von ihm untersuchte Öl war neutral, erstarrte noch bei -22° nicht und ähnelte dem Mandelöl. Die Lycopodiumölsäure ~Langers~ und Myristicinsäure konnte er nicht finden. Er vermutet, daß sie Umsetzungsprodukte sind und ~Langer~, dessen Öl sauer reagierte, alte Sporen untersuchte. Es bleibt zu untersuchen, ob ~Langers~ mit Ölsäure homologe +Lycopodiumölsäure+: C₁₆H₃₀O₂, die er
CH₃\ CH.CH=C(CH₃(CH₂)₉)COOH CH₃/
schreibt, aus +Ölsäure+, C₁₈H₃₄O₂, die bald CH₃.(CH₂)₁₃C = CH.CH₂COOH (~Saytzeff~), bald CH₃(CH₂)₇.CH = CH.(CH₂)₇COOH (~Baruch~) geschrieben wird, hervorgehen kann, was mir bei obiger Formel sehr unwahrscheinlich erscheint. Identisch ist sie damit nicht, denn ~Langer~ erhielt aus seiner Ölsäure bei der Oxydation Dioxypalmitinsäure, ~Bukowsky~ aus der seinigen Dioxystearinsäure. Eine neue Untersuchung des Öls von ~Rathje~ ergab (wesentlich in Bestätigung von ~Langer~): 81% +Lycopodiumölsäure+, 3,2% +Lycopodiumsäure+ (Dioxystearinsäure), 1,13% +Stearinsäure+, 0,85% +Palmitinsäure+, 2% +Myristicinsäure+, im Mittel 7,8% +Glycerin+, 0,43% Unverseifbares, 0,03% anorganische Substanz. Das Fett ist bei den Sporen +Reservestoff+.
Die Sporen enthalten auch c. 3% +Zucker+ (~Bucholz~, ~Rebling~), darin 2,1% Saccharose (~Langer~). +Stärke+ fehlt (entgegen der Angabe von ~Riegel~, ~Fritsche~ und ~Winkler~). Kocht man Lycopodium mit Wasser und dampft die Flüssigkeit ein, so erhält man einen gallertigen Rückstand, der sich mit Jod grünlich färbt (~Winkler~). Der +Stickstoff+gehalt beträgt 1,48% (~Alcock~, 1,021-1,075% ~Butler~, 0,857% ~Langer~). Die trockene Destillation liefert eine «ammoniakalische» Flüssigkeit. Beim Kochen mit Kali entsteht Methylamin (~Langer~). Dies dürfte das +flüchtige Alkaloid+ gewesen sein, das ~Flückiger~ bei Destillation eines Auszuges von 8 kg Lycopodium mit Ätznatron in sehr geringer Menge erhielt. [In Lyc. complanatum fand ~Bödeker~ das alkaloidische Lycopodin (C₃₂H₅₂N₂O₃), in Lyc. Saururus ~Adrian~ und ~Bardet~ +Piliganin+ (C₁₅H₂₄N₂O), ein amorphes Alkaloid.]
Lycopodium oxydiert, da es Sauerstoff zu aktivieren vermag, mit Alkohol maceriert, diesen zu Acetaldehyd (~Langer~). Schmelzendes Kali bildet einen Körper mit fäkalem Geruch und eine mit Protokatechusäure verwandte Substanz. ~Riegel~ gibt auch Zitronensäure, Apfelsäure, Leim, Harz und Gummi an (?). Lufttrockenes Lycopodium verliert bei 100° nur 4% +Feuchtigkeit+ (~Flückiger~). Sein +spez. Gewicht+ beträgt 1,062 (~Flückiger~).
Schon ~Neumann~ gibt in seiner Chymia medica (1752) an, daß Lycopodium verbrannt «nur ein leichtes Gewebe, so überaus wenig wäget» zurückläßt. Der +Aschengehalt+ ganz reiner Sporen beträgt denn auch nur 1,15-1,16% (~Langer~) oder höchstens 1,5% (~Evell~), die Handelsware enthält aber meist mehr. D. A. V und Pharm. helv. IV limitieren die obere Grenze zu 3%, ebenso ~Hauke~, der 1,11-4,8% (meist 1-3% wie ~Caesar~ und ~Loretz~) in der Handelsware fand. ~Caesar~ und ~Loretz~ empfehlen (1910) zur Aschenbestimmung das Lycopodium mit Sand gemischt zu glühen und vor Schluß 5-10 Tropfen rauchende HNO₃ und dann Oxalsäure zuzufügen. Die rein weiße +Asche+ der Sporen enthält Tonerde (~Cadet~) und zwar 15,30% Al₂O₃ (~Langer~; ~Bucholz~ gibt 8,5% an, nach ~Flückiger~ soll sie tonerdefrei sein).
Die Lycopodien gehören zu den «Aluminiumpflanzen» (~Cadet~, ~John~, ~Ritthausen~). Das Kraut von Lycopodium clavatum enthält in der Asche nach ~Solms~ (1856) 27%, nach ~Alderholdt~ (1852) 26,65%, nach ~Church~ (1888) aber nur 15,24%, L. complanatum nach ~Alderholdt~ 51,85 bez. 57,36%, L. complanatum var. Chamaecyparissus nach ~Solms~ 54%, L. alpinum nach ~Church~ 33,5, L. Selago 7,29%, L. cernuum 16,09%, Al₂O₃. Aluminium ist sonst bei Pflanzen nicht gerade häufig, doch findet es sich in der Asche vieler Flechten (Variolaria, Cetraria islandica, S. 270) und Moose und in Spuren in vielen anderen Gewächsen (vgl. ~Wolff~, Aschenanalys. Besonders aluminiumreich sind die Blätter von Symplocos lanceolata (c. 50%) und das Holz von Orites excelsa (36-45%), vgl. ~Radlkofer~). +Aluminium+ fehlt in anderen Gefäßkryptogamen, z. B. den Farnen (außer einigen Baumfarn), in Equisetum, Salvinia, Marsilia und Selaginella (~Church~), aber auch einige Lycopodien enthalten es nur in Spuren. Es findet sich bei den Lycopodien in löslicher Form, wohl an organische Säuren gebunden, als Malat (~Ritthausen~) oder als Tartrat (~Arosenius~).
Ferner wurde in der Asche der Sporen gefunden: 45,7% P₂O₅, 18,41% Fe₂O₃, 9,3% K₂O, 5,1% Na₂O, ferner SO₃, CaO, MgO (je c. 1%) und 0,22% Cl nebst Spuren Mn (~Langer~).
=Lit.= ~Neumann~, Chymia medica 1704. -- ~Bergius~, Mat. med. 1782 (beschreibt die trockene Destillat.). -- ~Buchholz~, Taschenb. f. Scheidekünstler 1807, ~Gehlens~ Journ. VI, 573. -- ~Wichmann~, Arch. Pharm. 35, 38. -- ~Fritsche~, Poggend. Ann. 32, 481. -- ~John~, Handwörterb. d. Chem. 3, 231. -- ~Schwartze~, Tabellen I (1819). -- ~Winckler~, Buchn. Rep. 34, 58. -- ~Flückiger~, Pharmakogn. I. bis III. Aufl. -- ~Rebling~, Arch. d. Pharm. 84 (1855), 11. -- ~Kamp~ (Lyc. chamaecyp.) Lieb. Ann. 100, 300. -- ~Langer~, Bestandth. d. Lycopodiumsporen. Arch. Ph. 1889, 241 u. über die Lycopodiumölsäure ebenda S. 625 (Diss. Erlangen 1889). -- ~Bukowsky~, Bestandt. d. Lycopodiumöls. Dissertation Dorpat 1889 u. Pharm. Zeit. f. Rußl. 1889, 359. -- ~A. Rathje~, Neuere Unters. d. Fette von Lycopod. etc. Arch. Ph. 1908, 692. -- ~Alcock~, Pharm. Journ. 1906, 23, 100. -- ~Butler~, in ~Flückiger~ Pharmakogn. -- ~Bödeker~, Arch. d. Pharm. 1881, 304. -- ~Adrian~, Jahresber. d. Ph. 1886, 60. -- ~Arata~ u. ~Canzoneri~, Pharm. Zeit. 1892, 409. -- +Asche+: ~Caesar-Loretz~, Handelsber. 1897 u. and. -- ~H. Evell~, Jahresber. d. Pharm. 1892, 10. -- ~Hauke~ a. a. O. -- +Aluminium+: ~Ritthausen~, Journ. prakt. Chem. 53 (1851), 413. -- ~Alderholdt~, Lieb. Ann. 82 (1852), 111. -- ~Solms-Laubach~, Lieb. Ann. 100 (1856), 297. -- ~Church~, On the occurence of Aluminium in certain Vascular Cryptogams. Proc. Royal Soc. 44 (1888), 121 (Pharm. Journ. 1889, 846). -- ~Fluri~, Einfluß v. Aluminiumsalzen auf das Protoplasma. Diss. Basel 1908. -- ~Radlkofer~, Über Tonerdekörper im Pflanzenreich. Ber. d. bot. Ges. 1904.
=Verfälschungen.= Fast regelmäßig findet man im Lycopodium sehr kleine Mengen von Fragmenten der Sporangienwand, die durch ihre knotig verdickten Zellen sofort auffallen. Sofern diese nur in +sehr+ geringer Menge vorhanden sind, ist das Lycopodium nicht zu beanstanden. Bruchstücke von Stengeln und Blättern, besonders faserige, dürfen nicht anwesend sein, auch nicht in Spuren.
Von +organischen Verfälschungen+ sind neuerdings beobachtet: +Stärke+ verschiedener Herkunft (seit 1896 in jedem Jahr, ~Döll~), +Mehl+ (1909), +Weizenstärke+ (~Döll~, ~Koch~ 1908), +Reisstärke+, +Kartoffelstärke+ (~Döll~, auch in Amerika 1899, in Deutschland 1908, bis 30%), +Dextrin+ (1904), +Buchsbaumpulver+ (~Perrot~ 1907), +Harzpulver+ (1904) und besonders +Pinuspollen+ (~Weigel~ 1904, 1899 bis 20% beobachtet). Neuerdings (1908) haben die Fälschungen mit Stärke und Pinuspollen wieder auffällig zugenommen (~Caesar~ und ~Loretz~), da Locopodium teuer ist. Ferner werden angegeben verschiedene +Mehle+, z. B. Erbsenmehl (~Pereira~), und nicht näher bezeichnete +Stärkesorten+ [bis 20% (1909), bis 50% (1891) ~Brown~], mit Methylorange gefärbte +Maisstärke+, +Curcumapulver+, +Holzmehl+ (~Pereira~), +Wurmmehl+, +Kolophonium+ und andere Harze und andere +Pollenkörner+, besonders von Corylus, Larix, Cichorium, Cannabis (von mir nie beobachtet).
Von den +anorganischen Verfälschungen+ steht +Talcum+ obenan, das auch neuerdings (1904) oft beobachtet wurde (Stärke und Talcum werden schon 1826 erwähnt!). Dann werden genannt: +Kreide+ (~Scriba~), +Gips+ (~Hanbury~), +Magnesia+, +Schwefel+ (~Walpley~), Baryumsulfat (?), +Sand+.
Als +Substitution+ wurde besonders Pinuspollen beobachtet. Das «ungarische» (oder «österreichische») Lycopodium, das sich 1904 im Handel fand, bestand ganz aus Pinuspollen (~Mitlacher~). Pinuspollen wird in den Karpathen in ziemlichen Mengen gesammelt (~Vogl~). Ferner: gepulvertes österreichisches +Fichtenharz+ (~Gallois~ 1906), gepulverter Bernstein (~van Itallie~), ein Sklereïden, Bastfasern und Kork enthaltendes Rindenpulver (~van Itallie~). 1904 tauchte in Amerika unter dem Namen +Lykopodine+ ein dem echten Lycopodium äußerlich ähnlicher «Lycopodiumersatz» auf, der aus Talcum, Dextrin und Harzpulver bestand.
Die meisten Verfälschungen und Substitutionen sind leicht mit dem +Mikroskop+ zu erkennen (Fig. 156), die Stärkesorten und Mehle durch ihre Formen (vgl. S. 153 bis S. 198) und auch durch die Jodreaktion, das Dextrin (nicht im Wasserpräparat! vgl. S. 200) mittelst Jodglycerin, das Curcumapulver an den gelben Kleisterballen, die Holz- und Rindenpulver an den geformten Elementen. Das +Talcum+ bildet farblose eckige Kristallsplitter, der sublimierte +Schwefel+ rundliche, zu Ketten oder Massen vereinigte dunkle, strukturlose oder kristallinische Körper.
Der +Pollen der Abietineen+ (speziell der von Pinus silvestris wird gesammelt) ist oval und besitzt nicht genau an den beiden Seiten angefügte Luftsäcke (Fig. 156), die von der an diesen Stellen blasig aufgetriebenen Exine gebildet werden und die von halbkugeliger Gestalt und mit netziger Oberflächenzeichnung versehen sind. Das Pollenkorn selbst enthält Öltropfen. Die Größe beträgt je nach der Pinus- oder Abies-Species 54 bis 126 mik. Alkoholische Fuchsinlösung färbt sofort violett, Lycopodium erst beim Erwärmen (~Vogl~).
Der +Pollen von Corylus Avellana+ (Fig. 156) ist kugelig, glatt und an der äquatorialen Zone an drei etwa gleichweit von einander entfernten Stellen mit breiten stumpfen, am Scheitel mit einem Loche in der Exine versehenen Papillen versehen. Die drei Poren (Austrittsstellen des Pollenschlauches) treten besonders bei Behandeln mit Essigsäure und beim Eintrocknen gut hervor. Der körnige Inhalt erscheint dreistrahlig. Unterhalb der Poren ist die Intine kreisförmig von der Exine abgehoben. Rings um den Porus ist die Exine schwach wulstig verdickt. Durchmesser 26-30 mik. Der +Pollen von Typha+ besteht aus Gruppen von zu vieren miteinander verbundenen Pollenkörnern (Tetraden). Die Pollenkörner von Cichorium zeigen eine stachlige Exine. Die Pollenkörner von Cannabis sativa sind rundlich und besitzen drei deutliche Austrittsstellen für den Pollenschlauch. Die Pollenkörner von Larix decidua sind eiförmig (~Moeller~).
+Die Pollenkörner sind sämtlich tiefer gelb gefärbt als Lycopodium.+ Eine kleine Menge von Stärkekörnern kann in das Lycopodium zufällig dadurch hineingelangen, daß es in Rußland bisweilen in Mehlsäcken versandt wird, oder daß in den Drogenhäusern Stärkestaub hineingelangte. 1% kann man tolerieren. Nach dem Kochen mit Wasser darf letzteres durch Jodwasser nicht blau werden (~Caesar~ und ~Loretz~). Auch einige Pinuspollenkörner können zufällig hineingelangen, da ja die Pflanze in Nadelholzwäldern wächst (doch stäubt die Kiefer viel früher als die Lycopodiumarten).
Die +anorganischen Beimengungen+ erhöhen den Aschengehalt, verraten sich aber auch schon teils im Mikroskop, teils beim Vermischen des Lycopodium mit Wasser oder Chloroform. Reines Lycopodium schwimmt auf Wasser, mineralische, in Wasser unlösliche Beimengungen sinken zu Boden. Auch auf Chloroform und Schwefelkohlenstoff schwimmt reines Lycopodium. Der +Schwefel+ verrät sich durch die beim Verbrennen entstehende schweflige Säure. Die +Harze+ lösen sich in Alkohol oder Alkoholäther.
=Lit.= ~Caesar-Loretz~, Handelsb. -- Journ. of pharmac. 1898. -- ~Gallois~, Journ. pharm. chim. 1906, 242. -- ~Perrot~, Bull. sc. pharm. 1907, 350. -- ~Mitlacher~ (1904). -- ~Weigel~, Pharm. Centralh. 1904. -- ~Brown~, Bull. of ph. 1891, 10. -- ~Pereira~, Heilmittellehre. -- Abgebildet sind Pinuspollen in ~Moeller~, Lehrbuch, ~Vogl~, Atlas, ~Berg~, Atlas, ~Planchon-Collin~ u. and., Larixpollen bei ~Moeller~, Cannabispollen ebenda, Cichoriumpollen ebenda, Coryluspollen bei ~Vogl~.
=Anwendung.= Als +Streupulver+ (allein und mit Salicylsäure oder Zinkoxyd) bei Intertrigo, zum Aufstreuen auf wunde Stellen, besonders bei Kindern, usw. eignet sich Lycopodium gut, da es leicht haftet, mit Wasser nicht benetzbar ist und nicht zusammenballt. Die gleichen Eigenschaften und seine Indifferenz empfehlen es auch als +Konspergierungsmittel der Pillen+.
Zum Bestreuen der Pillen wird es in den Apotheken so viel benutzt, daß der Staub der Apotheke und alle Geräte und Utensilien derselben immer Lycopodiumsporen enthalten. Dies muß beachtet werden, wenn man aus der Apotheke bezogene Objekte mikroskopisch untersucht. (Ein Botaniker beschrieb einmal die Lycopodiumsporen als den Dauerzustand eines Schleimpilzes [!], den er in aus einer Apotheke stammendem Fleisch gefunden hatte und den er wegen der Netzleisten der Sporen: Haplococcus reticulatus nannte [!]).
Mit Salpeter gemischt dient es zur chinesischen Moxa. Die innerliche Anwendung, z. B. bei Dysurie, Blasenkatarrh, besonders als Emulsion (Linctus diureticus ~Hufeland~), in Pastillenform usw. kommt kaum noch in Betracht. Etwas verbraucht die Gießerei zum Ausstreichen der Formen. Eine große Menge L. (zuweilen Hunderte von Kisten) verbraucht die Feuerwerkerei besonders an den Nationalfesten, z. B. in Nordamerika. Die Sitte stammt aus Persien (~Olearius~, Persian. Reiß-Beschreib.). Herba Lycopodii wird kaum noch (als Diuretikum) benutzt. Das Kraut von L. Selago ist ein russisches Volksheilmittel. Es wirkt drastisch und abortiv. Auch das Kraut von L. Saururus wirkt drastisch. (Vgl. ~Husemann~, Arzneimittellehre).
=Geschichte.= Das etwas bitter schmeckende Kraut (Herba Lycopod. s. Musci clavati) war früher als das Sporenpulver besonders beim Volke in Gebrauch und ist noch da und dort (Polen) Volksheilmittel, ebenso wie Herba Selaginis s. musci erecti s. cathartici (von L. Selago), das auch gegen Ungeziefer benutzt wird. (Weitere Angaben über arzneilich verwendete Lycopodien in ~Dragendorff~, Heilpflanzen.) Vielleicht ist die Herba terrestris, pes pulli der +Alphita+ ein Lycopodium. Die patres botanices sowie ~Dodonaeus~, ~Tabernaemontanus~, ~Bauhin~, ~Parkinson~, ~Ray~ benutzten die ganze Pflanze und ein daraus destilliertes Wasser. ~Joh. Ray~ (I, S. 911) bespricht sie und ~Rolfink~ († 1677) rühmt sie als Antiepilepticum. Die erste Abbildung der Pflanze findet sich in ~Bock~, Hist. stirp. 1552 p. 555 (vgl. I, S. 327, Fig. 316), weitere bei ~Tabernaemontanus~ (I, S. 847), bei ~Cordus~ u. and. ~Lonicerus~ sagt (Nat. histor. op. nov. 1551) von den Sporangienständen, «asparagos», sie seien «leves et molles, ceu farina aut pulvere conspersos, mox decidentes, quos pro flore licebit sumere», erkannte sie also bereits als «Blüten». Der von ~Clusius~ (Rarior. pl.) abgebildete Muscus terrestris lusitanus ist vielleicht auch ein Lycopodium (oder eine Selaginella?). ~Dodonaeus~ tadelt den groben Mißbrauch Lycopodium clavatum in den Apotheken für Spica celtica (Saliunca = Valeriana celtica L.) zu geben. Schon ~Anguillara~ (Semplici 1561) erwähnt eine «Spica celtica commune» mit Früchten «simili al Pepe lungo», welche statt der echten Spica celtica gebraucht werde. Darin ist wohl (mit ~Berg~) Lycopodium zu erblicken.
Die erste Angabe über medizinische Anwendung der Sporen zum Bestreuen von Wunden findet sich bei ~Schröder~ in dessen Pharmacop. medico-chymica 1649 (~Flückiger~), doch findet sich L. weder in ~Dale~, Pharmacologia London 1693 (~Hanbury~), noch in der ~Berlu~-Liste (I, S. 950), noch in der Londoner Pharmacopoee, noch bei ~Pomet~. Wohl aber steht Sem. Lycopodii in der Taxe von Ulm 1664, Franckfurt 1669 und 1718, Basel 1701, im Gießener Catalogus 1688 als Synonym auch Muscus terrestris, in der Taxe von Schwäbisch-Hall 1700: Beerlapp- oder Gürtelkrautsamen (vgl. die Taxen im I. B.), muß also schon damals viel benutzt gewesen sein. Der Preis des Sem. Lycopodii betrug (Reform. d. Stadt Frankfurt 1718) 1 Lot = 4 Kr.
Der Züricher Stadtarzt ~Joh. Muralt~ († 1733) rühmte L. gegen Intertrigo (~Dierbach~). ~Bergius~ erwähnt 1782 das Farina Lycopodii s. Pollen gegen Excoriatio und ~Valentini~ sagt (im Museum 1704), ~G. W. Wedel~ ausschreibend, dem wir eine Monographie: +De musco terrestri clavato+ Jenae 1702 verdanken: «Es heilet auch allerley Räudigkeit, Verwundungen, Rothlauff, Jucken an heimlichen Örtern, absonderlich wenn die kleine Kinder allda wund werden». Besonders durch ~Wedels~ Dissertation scheint man auf die Lycopodiumsporen, die auch innerlich bei zahlreichen Krankheiten angewendet wurden (vgl. in ~Neumann~ Chymia medica) aufmerksam geworden zu sein. Die merkwürdigen Eigenschaften des L. -- ein staubfeines trockenes Pulver, das fast keine Asche gibt, das zur Hälfte aus Öl, das man doch nicht extrahieren konnte, besteht und im Lichte rückstandslos verpufft! -- haben den Chemikern viel zu schaffen gemacht. ~Bergius~ z. B. nennt es eine «vera cera cruda»; ~Lémery~ sagt, es habe viel sal essentiale, ~Neumann~, daß die partes resinosae mit den partibus oleosis «surschagiret» sind. Doch erkannten schon ~Lémery~, ~König~ und ~Neumann~, daß wirklich Öl darin enthalten ist.
=Paralleldrogen.= Ähnlich wie die Sporen von Lyc. clavatum, die die meisten Pharmacopoeen ausdrücklich verlangen, können auch die Sporen anderer Lycopodien, die alle tetraëdrisch sind, aber zum Teil eine andere Skulptur des Exosporiums zeigen, gebraucht werden und werden dort, wo die Arten häufiger vorkommen, auch ebenso benutzt. -- Pharmacop. american. läßt sie auch zu --. So z. B. die beiden in Norwegen ebenso benutzten Lycopodium complanatum ~L~. (L. Chamaecyparissias ~A. Br.~). Sporen fast gleich wie bei L. clavat. Breite 28-30 mik. und Lyc. annotinum L., Netzleisten sehr weitmaschig (Fig. 157, 2), Breite etwa wie bei L. clav. Kleine Sporangienähren haben: L. Selago L. mit getüpfeltem Exosporium (Fig. 157, 3), Breite 24-33, meist 27-30 mik. L. inundatum L.: Exosporium mit welligen Leisten. L. alpinum L. und L. dendroideum ~Mich.~ (Nordamerika, ~Maisch~). Die Sporen von L. phyllanthum haben Tüpfel, die von L. densum Stacheln. In Deutschland ist nur L. clavatum häufig, in der Schweiz auch L. Selago, in Skandinavien auch L. complanatum und annotinum (~Schübeler~), seltener sind in Deutschland L. annotinum, alpinum, inundatum und complanatum.
=Lit.= ~Flückiger~, Pharmakogn. -- ~Maisch~, Jahresb. d. Ph. 1870, 34. -- ~Schübeler~, Pflanzenwelt Norwegens. -- Abgebildet sind bei ~Pritzel~ in ~Engler-Prantl~, Pflanzenfam. I, 4, 587 die Sporen von Lycopod. phyllanthum, densum und inundatum.
3. Mycino-Membranindrogen.
Früher nahm man gestützt auf die Tatsache, daß sich die in Kupferoxydammon unlöslichen (~Frémy~) +Pilzzellmembranen+ (Fungin ~Braconnot~, Metazellulose ~Frémy~) nach Behandeln mit Kali durch Jodschwefelsäure violett färben, an, daß ihre Substanz aus einer «inkrustierten» Zellulose bestehe, die ~de Bary~ «Pilzzellulose» zu nennen vorschlug. Ich habe den Komplex der Inkrusten 1888 als +Mycin+ bezeichnet (entsprechend dem Lignin und Suberin). Diese Auffassung ist jetzt verlassen. Nach ~Staedeler~, ~Winterstein~, ~Gilson~, ~Wisselingh~ und ~Wester~ enthalten die Zellmembranen der verschiedensten Pilze +Chitin+, eine Substanz (von ~Odier~ 1823 so benannt), die bei den niederen Tieren weit verbreitet ist und z. B. in den Panzern und Flügeldecken der Insekten und Crustaceen, in der Haut der Seidenraupe und den Knorpeln der Sepien einen Hauptbestandteil bildet. Die quantitativen Bestimmungen ~Westers~ zeigen jedoch, daß das Chitin in den Pilzzellmembranen noch von anderen Substanzen begleitet sein muß, denn er fand den Chitingehalt z. B. bei Secale cornutum zu 5% und bei Hymenomycetenfruchtträgern zu 5-7%. Zellulose scheint der Begleiter aber nicht zu sein (~Wester~). ~Tanret~ nennt ihn Fungose (C₆H₁₀O₅)₆ (?). Die Chitinmengen scheinen übrigens zu schwanken, denn während ~Gilson~ und ~Escombe~ nur 0-10% Glukosaminchlorhydrat aus Secale cornutum erhielten, erhielt ~Iwanoff~ 20-40% davon. Keinesfalls ist die jetzt viel verbreitete Ansicht, daß Pilzzellmembranen +nur+ aus Chitin bestehen, richtig. Gefunden wurde Chitin von ~Winterstein~ und ~Gilson~ in Agaricus campestris, Boletus edulis, Polyporus officinalis u. and. von ~Gilson~ und ~Tanret~ in Aspergillus, Bovista, Cantharellus und Claviceps purpurea, von ~Wisselingh~ und ~Wester~ in zahlreichen anderen Pilzen (und auch einigen Flechten) mit Ausnahme der Myxomyceten und Bakterien. Neuerdings wurde es aber auch in Bakterien aufgefunden.
Wir dürfen jetzt annehmen, daß das Chitin und auch noch das bei der Behandlung mit Kali aus ihm neben Essigsäure hervorgehende +Chitosan+ (Mycosine ~Gilson~) hochmolekulare, der Stärke und dem Glykogen, deren Jodreaktion das Chitosan teilt [es wird durch Jod und verd. (1%) H₂SO₄ tief violett], analoge +Polysaccharide+ sind, die aber stickstoffhaltig und am Stickstoffe acetyliert sind (~Ledderhose~, ~Fränkel~ und ~Kelly~, ~Gilson~, ~Sundwick~, ~Schmiedeberg~). Es kommt also dem Chitin kaum die einfache Formel C₁₈H₃₀N₂O₁₂, vielleicht eher die höhere Formel C₆₀H₁₀₀N₈O₃₈ (~Sundwick~) zu, und auch das Chitosan muß komplizierter als C₁₄H₂₈N₂O₁₀ zusammengesetzt sein. Jedenfalls entstehen beim Behandeln der Pilzzellmembranen mit Salzsäure zunächst mehr oder weniger große Mengen des von d-Glukose:
OH H OH OH COH--C--C--C--C--CH₂OH H OH H H
abzuleitenden d-Glukosamins:
(NH₂) H OH OH COH--C--C--C--C--CH₂OH H OH H H
und schließlich ein +Chitose+ genannter Zucker, den ~E. Fischer~ als hydriertes Furanderivat auffaßt, und:
O ----/ \---- / \ COH--CH--CHOH--CHOH--CH--CH₂OH
schreibt. Das synthetisch aus d-Arabinose dargestellte d-Glukosamin ist, wie neuere Untersuchungen zeigten, identisch mit dem aus Chitin erhaltenen (~E. Fischer~ und ~Leuchs~). ~Offer~ betrachtet das Chitin als ein polymeres +Monoacetyldiglukosamin+.
~van Wisselingh~ schreibt mir (1911): «Im Widerstreit mit früheren Ansichten kommt bei den Pilzmembranen im allgemeinen keine Cellulose vor. Nur in einigen Fällen findet sich diese Wandsubstanz bei den Pilzen, nämlich bei den Myxomyceten, Peronosporeen und Saprolegnieen. Das Vorkommen von +Chitin+ bei den Pilzmembranen ist dagegen eine sehr allgemeine Erscheinung. Wenn man die Bakterien, die Saccharomyceten und die drei obengenannten Familien nicht berücksichtigt, so findet man bei den Pilzen fast ohne Ausnahme Chitin in den Zellwänden. Auch bei Plasmodiophora Brassicae (Myxomyceten) kommt diese Wandsubstanz vor. In keinem einzigen Falle sind Chitin und Cellulose nebeneinander in den Pilzmembranen nachgewiesen. Dagegen fehlen in einigen Fällen beide Stoffe in der Zellwand, nämlich bei Bakterien, Saccharomyces Cerevisiae, Fuligo septica und Cetraria islandica. Neben Chitin und Cellulose kommen noch mehrere Stoffe in den Pilzmembranen vor. Wahrscheinlich gehören dieselben zu den Kohlehydraten; im allgemeinen sind sie aber noch wenig bekannt, auch fehlen noch charakteristische Reaktionen für ihre Nachweisung.»
Fettsäuren sind bis jetzt aus den Pilzzellmembranen, die übrigens (s. Mikrochemie) eine sehr verschiedene Zusammensetzung zeigen, nicht isoliert worden, so daß sie also von den Korkmembranen stark abweichen. Nach ~Winterstein~ enthalten die Membranen einiger Pilze auch +Eiweiß+; nach ihm sind vielleicht in ihnen +mucinähnliche Stoffe in Verbindung mit Kohlehydraten+ enthalten. ~Winterstein~ isolierte aus Boletus edulis und Polyporus betulinus +Paradextran+ (liefert bei der Hydrolyse Traubenzucker). Auch ~Iwanoff~ nimmt bei Hutpilzen neben Chitin stickstofffreie Zellmembranstoffe in der Membran an. Alles in allem betrachtet scheint in der sog. Pilzzellulose ein +Mittelglied zwischen den Kohlehydraten und Eiweißstoffen+ vorzuliegen, in dem besonders polymere Amidoglukosen eine Rolle spielen.
Über den +mikrohistochemischen Nachweis+ des Chitins teilt mir ~van Wisselingh~ (1911) Folgendes mit. «Chitin kann mit großer Schärfe mikrochemisch nachgewiesen werden. Die zu prüfenden Objekte werden im Ölbade in zugeschmolzenen Röhrchen auf 160 oder 180° mit konzentrierter Kalilauge erhitzt. Hierdurch wird das Chitin in Chitosan umgesetzt. Nach Abkühlung werden die Objekte mit absolutem oder mit 95proz. Alkohol sorgfältig ausgewaschen und in destilliertes Wasser gebracht, worauf hintereinander Jodjodkalilösung und sehr verdünnte Schwefelsäure (0,5% J und 1% H₂SO₄) hinzugefügt werden. Chitinhaltige Zellmembranen und chitinhaltige Teile von Zellmembranen sind dann schön rotviolett gefärbt. Nach der Erhitzung mit Kalilauge färben chitinhaltige Membranen sich mit Chlorzinkjod blau. Diese Reaktion ist jedoch weniger scharf als die mit Jod und Schwefelsäure. Das Auswaschen mit Alkohol dient dazu, um einem Zerfließen der Präparate vorzubeugen, welches stattfindet, wenn man sie von der Kalilauge unmittelbar ins Wasser überträgt. Chitosan ist löslich in verdünnter Salzsäure (2½proz.) und in sehr verdünnter Essigsäure. Mit konzentrierter Kalilauge erhitzte Membranen lösen sich unmittelbar in diesen verdünnten Säuren, falls sie ausschließlich aus Chitosan bestehen. Chitin leistet einer Erhitzung in Glycerin auf 300° Widerstand, während viele andere Wandsubstanzen und Bestandteile des Zellinhalts zersetzt und entfernt werden. Diesem Prozeß kann man die Umsetzung des Chitins in Chitosan vorhergehen lassen, falls es nötig ist zur Verschärfung der Reaktion andere Substanzen zu entfernen.»
=Lit.= ~Ledderhose~, Ber. chem. Ges. 9 (1876), 1200, Zeitschr. phys. Chem. 2 u. 4. -- ~Städeler~, Lieb. Ann. 111, 21. -- ~Winterstein~, Zur Kenntn. d. in d. Membr. d. Pilze enth. Bestandt., Zeitschr. f. phys. Chem. 19, 521 u. 21, 134. Ber. d. chem. Ges. 26, 3098, 27, 3113; 28, 167 u. 1374. Ber. d. Bot. Ges. 11, 441 und 13, 65. -- ~Gilson~, Ber. d. chem. Ges. 28, 821. Rech. chim. sur la membr. cellul. d. champignons, La Cellule 1894 und Bull. soc. chim. 1894. Compt. rend. 1895. -- ~Sundwick~, Zeitschr. f. phys. Chem. (1881), 5, 385. -- ~Schmiedeberg~, Arch. exper. Path. 28, 355. -- ~Fränkel~ und ~Kelly~, Sitzungsb. d. Wien. Akad. 1901. -- ~Offer~, Bioch. Zeitschr. 1907. -- ~Tanret~, Bull. soc. chim. III, 17, 921. -- ~von Wisselingh~, Mikrochem. Unters. über d. Zellwände d. Fungi. Zeitschr. f. wiss. Botan. 31, 619. (Dort auch die mikrochem. Reaktion auf Chitin.) -- ~Wester~, Studien über d. Chitin. Dissert. Bern 1909 (dort weitere Literatur) und Verbreit. u. Lokalisat. d. Chitins im Tierreiche. Zoolog. Jahrb. 1910. -- ~E. Fischer~ u. ~Tiemann~, Ber. d. chem. Ges. 27 (1894), 138. -- ~E. Fischer~, Ebenda 35 (1902), 3789, 36 (1903), 24 und 2587. -- Weitere Lit. in ~Czapek~, Biochemie, ~Röhmann~, Biochemie und in ~Zellner~, Chemie d. höh. Pilze.
Fungus igniarius.
Agaricus quercinus praep., Fungus quercus, Fungus s. boletus chirurgorum, Feuerschwamm (daher igniarius von ignis = Feuer), Wundschwamm, Blutschwamm, Zunder (daher fomentarius von fomentum = Zunder) -- agaric de chêne, amadou (franz.) -- surgeons agaric, touchwood, german tinder (engl.) -- vuurzwam (holl.) -- esca (ital.) -- tapló (ung.).
Die Stammpflanze muß zu Fomes ~Fries~ und nicht zu Polyporus gezogen werden, da der Fruchtkörper von Anfang an holzig, derb und dauerhaft und konzentrisch gefurcht ist.
=Fomes fomentarius= (L.) ~Fries~, Syst. mycol. I, 374 (Polyporus fomentarius ~Fries~, Boletus fomentarius L., Agaricus fomentarius ~Lam.~) ist ein zu den Hymenomycetinae, Polyporaceae -- Polyporeae, Sectio Fomentarii, gehöriger, in Europa, Sibirien (bis über den Polarkreis), Nordamerika und auf Malakka vorkommender Pilz, der, ein echter Parasit, auf Laubbäumen, vorwiegend auf Buchen (und Birken) vorkommt.
Die Infektion des Baumes erfolgt stets durch Wunden. Das Mycelium verbreitet sich vorwiegend zwischen Rinde und Holz und erzeugt schließlich, von der Mitte des Stammes nach oben fortschreitend, den mehrere Jahre andauernden +Hymenialkörper+ (den +Hut+). Dieser ist hufförmig-polsterartig, an der Peripherie halbkreisförmig oder halbelliptisch, sitzt mit sehr breiter Fläche ungestielt dem Stamme an und wird an der Anheftungsstelle bis 50 cm hoch, 30 cm breit und 25 cm tief. Auf der Rückenfläche (Oberseite) ist er entfernt konzentrisch gefurcht, kahl, nackt, anfangs rußfarbig oder bräunlich-grau, dann perl-grau mit welligen, ungleich dicken, parallelen Zonen; auf der Bauchseite ist er flach oder schwach vertieft; bräunlichgrau, später rostbraun. Innen weich, flockig, rostfarbig-gelbbraun mit c. 3 mm dicker, sehr harter, zäher, dauerhafter, aus Paraplectenchym (Pseudoparenchym) bestehender Rinde. Die Hymenialschicht liegt auf der Unterseite. Sie läßt sich leicht abtrennen. «Unter der Rinde liegt eine etwas umfangreichere, weichere rostbraune Schicht, auf welche eine dicke atlasglänzende, zartflockige und sammetweiche, hellzimtfarbene Schicht, welche parallel zur Hymenialschicht gezont ist» (~Berg-Schmidt~) folgt. Diese geht allmählich in die unterste, dunklere, dichtere, grobflockige Basalschicht des Hutes über. Diese drei Schichten bilden das Plectenchym. +Nur die mittlere liefert den Feuerschwamm.+ Die Hymenialschicht (Schlauchschicht), die nun nach unten hin folgt und meist umfangreicher ist als der obere Hutkörper, besteht aus dichtem Plectenchym und ist von zahlreichen, vertikal verlaufenden, 0,5 mm weiten Röhren (Röhrenhymenium) durchzogen (daher Polyporus von πολύς und πῶρος), in welche die Basidien hineinragen, von denen je vier ellipsoidische Basidiosporen abgeschnürt werden. Die Hymenialschicht zeigt den Jahreszuwachsen entsprechende Zonen.
In den Fruchtkörpern dieses und anderer Baumpilze leben die Larven vieler Käferarten, z. B. [Cistelae, Melandryidae, Mordellidae] Mycetochares bipustulata ~Ill.~, Eustrophus (Mycetophagus) dermestoides ~Fabr.~, Orchesia micans. ~Payk.~, Hallomenus binotatus ~Quens.~ u. a. (~Israël~).
Der auf verschiedenen Laubhölzern, besonders Weiden, wachsende, in Europa, Sibirien, Nord- und Südamerika, Afrika und Australien vorkommende Weidenschwamm, Fomes igniarius (L.) ~Fries~ (Polyporus igniarius ~Fr.~, Boletus igniarius L.) besitzt einen meist kleineren, flacheren, reichlicher gezonten, am Rande gewulsteten Hut (Abbild. bei ~Hennings~), der im Alter rissig wird und dessen rostbraune holzige Schwammschicht viel härter ist als die des F. fomentarius, daher einen schlechteren Feuerschwamm liefert, übrigens meines Wissens jetzt nirgends mehr darauf verarbeitet wird. Das gleiche gilt von den Fruchtträgern von Fomes marginatus (Polyporus marginatus ~Fr.~). Dagegen soll F. applanatus verwendbar sein (~Flückiger~). Der Fruchtkörper von Fomes igniarius ist anfangs kugelig-knollig, später huf- oder polsterförmig, 6-20 cm lang, bis 10 cm dick, erst mit flockigem, gelbbraunem Filze, später kahl mit harter, grauer oder schwärzlicher Rinde, mit konzentrischen Furchen und stumpfem Rande (~Hennings~). Weitere Polyporeen bei ~Sydow~ in Realenzyklopäd. d. Pharm., bei ~Luerssen~ und ~Hennings~.
Feuerschwamm wird besonders in den Karpathen in +Siebenbürgen+ (im Szekler Lande und im Comitat Haromszék im Südosten), dann im Gouvernement Archangelsk, aber auch in +Böhmen+, +Ungarn+ (Temesvar), Galizien, Kroatien, Thüringen (früher c. 1000 cwts jährlich, ~Flückiger~), im Harz und +Schwarzwald+ (Todtnau im Wiesenthal), bei +Ulm+ und +Fredeburg+ (Westfalen), sowie in Schweden gesammelt und verarbeitet. Die mittlere lockere Schicht «Zunderschicht» des im August und September gesammelten Fruchtkörpers (s. oben) wird mit einem Messer herausgeschnitten, in Wasser oder schwache Aschenlauge oder verd. Natron- oder Kalilauge eingeweicht, durch Waschen gereinigt, getrocknet und durch Klopfen der auf Steine aufgelegten Stücke mit hölzernen Hämmern in eine weiche Platte verwandelt, die dann meist noch gewalzt wird. Diese «Felle» erreichen (aber jedenfalls nur in seltenen Fällen) eine Länge von 110 cm, eine Breite von 50 cm und eine Dicke von 1,5 cm (~Flückiger~). Man fertigt aus Feuerschwamm auch Kleidungsstücke, Mützen, Westen.
Der Wundschwamm des Handels besteht aus sehr langen, 2,5-5,5 mik dicken, geraden oder wellig gebogenen, locker durcheinander geschlungenen Hyphen mit sehr dünner, bräunlicher Membran, zwischen denen keinerlei Substanzen sich abgelagert finden und die auch nahezu inhaltsleer sind.
~Schlossberger~ und ~Döpping~ geben dem Zellstoff des Feuerschwamms die Zusammensetzung 45,37% C, 6,82% H. Der Fruchtträger enthält +Methylpentosane+ (~Wichers~ und ~Tollens~), ein +Fett+, das eine hohe Säurezahl besitzt (~Zellner~). Ferner wurde gefunden: eisenbläuender +Gerbstoff+ 0,6% und in einem jungen Fruchtträger ein glykosid-(salicin-)spaltendes +Ferment+ (~Bourquelot~). Die Asche beträgt 1,09% (~Flückiger~).
Polyporus igniarius enthält Oxalsäure (~Bouillon Lagrange~), +Apfelsäure+ (derselbe, ~Braconnots~ acide fongique, Schwammsäure), eisenbläuenden Gerbstoff. Die Polyporsäure scheint ein pathologisches Produkt zu sein, sie findet sich jedenfalls nicht regelmäßig (~Stahlschmidt~). ~Zellner~ fand in Polyporus igniarius Ergosterin, Harz, Fettsäuren, Fumarsäure (?), Mannit, Glukose, Phlobaphene, gummiartige Kohlehydrate und sehr wenig Eiweißkörper, von Fermenten ein fettspaltendes, ein diastatisches, ein glykosidspaltendes und ein Cellulose lösendes. Die Membranen geben, mit HCl destilliert, Furol, enthalten also wohl Pentosane. Bei Destillation mit Alkalien liefert der Pilz Amanitol und Aminbasen (sehr wenig). Asche 7,85-8,67. (Darin 23,82% K₂O, 23,93% CaO, 19,91% SO₃ 6,67% MgO, 2,29% SiO₂, 2,85% Fe₂O₃ + Al₂O₃, 1,78% P₂O₅, 0,87% Na₂O, 0,42% S als Sulfid.) CaSO₄ war reichlich vorhanden, die Tonerde in wasserlöslicher Form.
Als +Blutstillungsmittel+ wird Feuerschwamm jetzt vielfach durch Eisenchloridwatte ersetzt. Die Wirkung beruht wohl auf einer kapillaren Aufsaugung des Blutserums und dadurch bedingter rascher Gerinnung des Blutes infolge Verklebung der Blutkörperchen. Die Hyphen bilden sehr feine Röhren. Als Blutstillungsmittel wurde früher auch der ebenfalls Fungus chirurgorum genannte saprophyte Bovist (Lycoperdon caelatum ~Bull.~) benutzt.
Zur Darstellung des Zunder, der seit Einführung der Zündhölzer nur noch in Gebirgsdörfern da und dort benutzt wird, wird der Schwamm mit Salpeter getränkt. Ein solcher Schwamm ist als Blutstillungsmittel unverwendbar. Daher muß der Schwamm stets auf Salpeter geprüft werden. Guter Wundschwamm muß weich und dehnbar sein, angezündet ohne Knistern und ohne Funkensprühen verglimmen und leicht und reichlich Wasser aufnehmen. Das ausgedrückte Wasser muß rückstandslos verdunsten und darf keine Salpeterreaktion (mit Diphenylamin) geben. Feuerschwamm hält auch nach dem Ausdrücken leicht das doppelte Gewicht Wasser zurück.
Die Verwendung eines «Schwammes» beim Feuermachen erwähnt ~Plinius~ (16, 77) mit den Worten: «teritur ergo lignum ligno, ignemque concipit attritu, excipiente +materia aridi fomitis, fungi+ vel foliorum facillimo conceptu.» -- «Fungus» findet sich auch bei ~Serapion~ (I, S. 605).
=Lit.= Abbild. in ~Berg-Schmidt~, Atlas II. Aufl., t. 160 (dort die Liter.), ~Pabst-Köhler~, Arzneipflanzen, t. 139, ~Luerssen~, Med. pharm. Botan., ~Hennings~ in ~Engler-Prantl~, Pflanzenf., ~Hartwich~ in ~Hagers~ Pharm. Praxis, ~Berg~, Anatom. Atlas, ~Vogl~, Atlas. -- ~Flückiger~, Pharmakogn. -- ~Bouillon-Lagrange~, Ann. d. chim. 51, 75. -- ~Braconnot~, Ebenda 79 und 87. -- ~Schlossberger~ u. ~Döpping~, Lieb. Ann. 52 (1844), 106. -- ~Bourquelot~, Bull. soc. myc. 1894. -- ~Zellner~, Monatsh. f. Chem. 29, 1171 und Chemie d. höh. Pilze 1907.
4. Silico-Membranindrogen.
Die Abteilung der Bacillariaceen (Diatomeen) ist unter anderem dadurch ausgezeichnet, daß die bekanntlich eine ganz außerordentlich mannigfaltige Zeichnung zeigenden (Fig. 159, vgl. auch Fig. 107 u. Fig. 108) Membranen der Zellen der sehr kleinen Pflanzen sehr reich an Silicium sind. Daneben findet sich aber ein Membranin, das nicht Zellulose zu sein scheint. Wenn man nämlich das Silicium mit Flußsäure entfernt, so färbt sich der Rückstand mit Jodschwefelsäure auch dann gelb, wenn man zuvor mit Kalilauge oder ~Schultze~scher Flüssigkeit behandelt (~Pfitzer~). Wie das Silicium gebunden, ob eine «Silicozellulose» oder, was wohl das wahrscheinlichere ist, ein Kieselsäureester vorliegt, wissen wir nicht. Jedenfalls kommen auch Alkalien in der Schale vor, denn wenn man ohne zuvor mit Säuren zu kochen direkt verascht, bekommt man oft ein Glas. Kocht man aber mit Salpetersäure oder ~Schultze~schem Gemisch aus und glüht dann, so bleibt die Schale mit allen ihren, auch den feinsten Skulpturierungen erhalten. Das gleiche finden wir bei den Kieselguren, deren organische Substanz durch Fäulnis zerstört wurde. Wir können also die Kieselgurdiatomeen, die längst ihre Chromatophoren, ihr Plasma und die organische Grundsubstanz ihrer Membranen nicht mehr besitzen, auch heute noch nach der Struktur ihrer nunmehr vorwiegend aus Kieselsäure bestehenden Schalen diagnostizieren.
=Lit.= Siehe unter Kieselgur. Über die Verkieselung der Membran höherer Pflanzen vgl. ~Mohl~, Bot. Zeit. 1861 und ~Sachs~, Flora 1862, sowie ~Miliarakis~, Die Verkieselung lebender Elementarorgane bei den Pflanzen. Diss. Würzburg 1884.
Kieselgur.
Der Kieselgur (Infusorienerde, Bergmehl, Infusorienmehl, Kieselmehl, Diatomeenpelit) des Handels bildet ein leichtes, sehr feines, weißes oder grauweißes Pulver, das, wie die mikroskopische Untersuchung lehrt, so gut wie ausschließlich aus den zum Teil ganzen, zum Teil zertrümmerten Kieselschalen von Diatomeen (Bacillariaceen) besteht, die keine organische Substanz mehr enthalten. Nur selten finden sich die Nadeln des Süßwasserschwammes darunter. Er findet sich in bisweilen ziemlich mächtigen Lagern in +Böhmen+ (Biliner Polierschiefer, Franzensbader K.), in +Ungarn+ (Zabresta), in +Toskana+ (Castel del Piane bei Santa Fiora) und in +Deutschland+ (Lüneburger Heide, im Habichtswald, bei Kassel, am Hochsimmer in der Nähe des Laacher Sees, bei Altenschlürf und Steinfurth im Vogelsgebirge), in Finland (Lillhagshyön, Degernfors), Schweden (Drepenäre), Norwegen, Rußland, in Amerika (New York, Oregon, Nevada, Virginien und bes. Kalifornien). Richmond, Berlin und Königsberg stehen zum großen Teil auf stellenweise 23 m mächtigen Kieselgurlagern. Das Lager bei Ebstorf in der Lüneburger Heide ist 13 m, das in Zabresta 5 m mächtig. Die mächtigsten sind die von Fremont in Oregon (U. S. A.). Dort, wo wir +nur+ aus Diatomeenschalen bestehende Kieselgurlager finden, können wir sie kaum für Sedimente von Süß- oder Salzwasserseen halten -- die meisten Diatomeen sind Süß- oder Salzwasserbewohner --, da ihnen sonst wohl die Kieselreste anderer Organismen und anorganische Schlammbestandteile beigemengt wären, sondern diese sind wohl Produkte großer Quellen, die nur eben die Oberfläche naß erhielten.
Die Kieselgurlager enthalten, da die Diatomeen sehr klein sind, ganz ungeheuere Mengen dieser Organismen. Nach ~Brun~ sind in einem Kubikmillimeter 8000, nach ~Schumann~ in einem Kubikfuß 3 Billionen Diatomeen enthalten. Schon ein Kubikmeter enthält also schwindelerregende Mengen. Die ältesten Diatomeenformen reichen bis zur Kreide und ins Tertiär, die meisten sind viel jünger (Alluvium, Diluvium).
Der meiste Kieselgur, der in Deutschland technisch und in der Medizin verwendet wird, stammt aus den Lagern der Lüneburger Heide, wo sich verschiedene Fundstellen finden (Oberohe, Ebstorf, Hützel im Luhetal), deren Zusammensetzung nicht stark voneinander abweicht. Von dort werden jährlich 300-400 Doppelladungen exportiert.
Ein aus der +Lüneburger Heide+ (von Oberohe oder Ebstorf) stammendes Muster, das Dr. ~Keller-Escher~ in Zürich vor einiger Zeit bezog, bestand aus folgenden Arten: Synedra (S. Ulna dominiert, sie findet sich massenhaft), Fragilaria, Gomphonema, Melosira, Navicula, Epithemia, Cymbella, Amphora, Stephanodiscus und Cocconeïs.
Nach einer mir 1911 von ~O. Müller~-Berlin gesandten Bestimmung besteht der +Kieselgur von Lüneburg+ aus: Melosira granulata (~Ehr.~) Ralfs, Melosira crenulata. ~Kg.~ (italica), Melosira arenaria ~Moore~, Melosira (crenulata var.) tenuis ~Kg.~, Synedra (Ulna var.) splendens ~Kg.~, Cymbella Ehrenbergii ~Kg.~, Cymbella (Cocconema) lanceolata ~Ehr.~, Cymbella cistula. ~Hempr.~ u. var. maculata, Cymbella cuspidata ~Kg.~, Epithemia sorax ~Kg.~, Epithemia Hyndmanni ~W. Sm.~, Epithemia turgida (~Ehr.~) ~Kg.~ und var. granulata ~Grun.~, Cymatopleura (elliptica var.) hibernica ~W. Sm.~, Campylodiscus hibernicus ~Ehr.~, Surirella Campronii ~Bréb.~, Surirella biseriata (~Ehr.~) ~Bréb.~, Surirella elegans ~Ehr.~, Cyclotella operculata var. major ~Kg.~, Pinnularia viridis u. var. ~Kg.~, Pinnularia major ~Kg.~, Navicula sculpta ~Ehr.~, Eucyonema ventricosum ~Kg.~, Gomphonema constrictum var. capitata ~Ehr.~, Amphora ovalis ~Kg.~, Stephanodiscus astrasa (~Ehr.~) ~Grun.~, Navicula gastrum (~Ehr.~) ~Donk.~, Navicula elliptica ~Kg.~, Cocconeïs pediculus ~Ehr.~, Epithemia zebra (~Ehr.~) ~Kg.~ u. var. proboscoidea ~Grun.~, Cymatopleura elliptica (~Bréb.~) ~W. Sm.~
Ganz ähnlich ist nach ~Keller~ ein Lager bei Celle zusammengesetzt: Synedra (bes. Ulna), Amphora, Cocconeïs, Cymbella, Epithemia, Eucyonema, Fragilaria, Gomphonema, Melosira, Navicula und Stephanodiscus.
Beide Lager, das in der Lüneburger Heide und das von Celle, sind Süßwasserablagerungen.
Eine +Infusorienerde von Eger+ (Franzensbad) enthält hauptsächlich Campylodiscus Clypeus ~Ehrb.~ und Navicula (Anomoeoneis sculpta und bohemica (Fig. 160), daneben (nach ~Keller~) Cymbella und Nitzschia.
Von italienischen Erden sind im Handel:
+Monte Amiato+ (Süßwasserdiatomeen), bestehend aus (etwa 12 Spezies) Navicula, Epithemia, Cymbella, Synedra, Cymatopleura, Amphora, Stauroneis, Cyclotella, Fragilaria und Melosira (~Keller~).
+Santa Fiora+ (Süßwasserdiatomeen), bestehend aus Amphora, Cocconeïs, Cymatopleura, Cymbella, Epithemia, Fragilaria, Gomphonema, Melosira, Navicula, Pleurosigma, Stauroneis, Synedra, Tabellaria (~Keller~).
Als Beispiel einer Meereswasserdiatomeenablagerung sei das +Tripelgestein von Richmond+ in Virginien erwähnt (Fig. 161), das Coscinodiscus Gigas, Actinoptychus biternarius, ferner Aulacodiscus, Paralia marina, Actinocyclus, Grammatophora, Navicula, Pleurosigma und Hemiaulus enthält (~Pfitzer~).
Bei der Untersuchung eines Kieselgur ist zu beachten, daß die Diatomeen eine «Schalenseite» und eine «Gürtelseite» besitzen, also je nach seiner Lage dasselbe Objekt ein verschiedenes Aussehn zeigt.
Im Handel findet man jetzt folgende Sorten: Extra weiße calcinierte, Rosa calcinierte, Weiße geschlämmte und geschlämmte und calcinierte Infusorienerde (~Prollius~).
Für medizinische Zwecke wird besonders die Terra silicea calcinata praecipitata (d. h. geschlämmte und calcinierte) benutzt.
Die im Handel befindliche weiße (nicht die grüne!) Infusorienerde besteht fast nur aus Kieselsäure.
Der weiße (und grüne) Kieselgur der Lüneburger Haide z. B. enthält 97,3 (79,8)% Kieselsäure, 1 (1,9)% Tonerde, 1 (2,6)% Eisenoxydul, 0,3 (0,4)% Magnesia, 0,2 (0,3)% Kalk, 0,2 (15!)% Wasser und organische Substanz. Im grünen Kieselgur, der ungeglüht für unsere Zwecke unverwendbar ist, findet sich auch eine Spur Phosphorsäure.
Die +Verwendung+ des Kieselgur beruht darauf, daß die hohlen Schalen oder Schalenfragmente so +rasch jede Feuchtigkeit kapillar aufsaugen+, daß z. B. ein auf ein Kieselgurstäbchen fallender Tropfen Wasser sofort aufgesaugt wird. Von Wasser nimmt Kieselgur ⅕ des Gewichtes auf. Auch Gase und Dämpfe werden von Kieselgur rasch absorbiert (z. B. Closetgase, ~Frank~). Kieselgur wird deshalb in der Medizin als aufsaugendes und daher austrocknendes Mittel in der Dermatologie benutzt, ferner zur Bereitung von Streupulver, Desinfektionspulver, Zahnpulver, als Verbandmittel.