Der Occultismus des Altertums
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Der Occultismus des Altertums von Karl Kiesewetter.
Leipzig, Verlag von Wilhelm Friedrich.
Druck von Emil Herrmann senior in Leipzig.
Der Occultismus des Altertums.
Von demselben Verfasser erschien in gleichem Verlage:
Geschichte des neueren Occultismus. Broschiert Mark 16,--, gebunden Mark 18,--.
Geheimwissenschaften. Broschiert Mark 16,--, gebunden Mark 18,--.
Inhaltsverzeichnis.
Der Occultismus des Altertums.
I. Buch.
Der Occultismus bei den Akkadern, Babyloniern, Chaldäern und Assyriern.
I. Kapitel.
Religionsphilosophie, weiße und schwarze Magie der Akkader.
Eine aus der Bibliothek des Königspalastes von Niniveh stammende Tafel mit den Fragmenten von 28 Zaubersprüchen. -- Die akkadische Magie. -- Religion der Kuschiten. -- Planetengötter. -- Tammuz. -- Die obersten zwölf Götter. -- Astralgeister. -- Die obersten Naturgeister der Akkader. -- Sieben Maskim. -- Die akkadischen Beschwörungen der Maskim. -- Die akkadischen Krankheitsbeschwörungen. -- Mesmerisierte Bäder. -- Verschiedene Arten von Talismanen. -- Heilmesmerismus. -- Transplantation der Krankheiten. -- Der Bildzauber. -- Die Verwünschung. -- Silik-mulu-khi. -- Das Urbild des Paktes mit dem Teufel. -- Das Intellektualsystem der Akkader. -- Die akkadische Geisterlehre. -- Lehre von den Feruern.
II. Kapitel.
Das Divinationswesen der Chaldäer.
Die Astrologie. -- Observatorien. -- Die Loswahrsagung. -- Belomantie. -- Die Beobachtung des Vogelflugs. -- Wahrsagung aus den Eingeweiden der Opfertiere. -- Traumdeutung. -- Die wahrsagerische Beobachtung der Wolken und atmosphärischen Erscheinungen. -- Die Fulguration. -- Wahrsagerei aus Erdbeben. -- Phyllomantie, Wahrsagung aus der Bewegung und dem Rauschen der Bäume. -- Die Schlange als wahrsagendes Tier. -- Baalzebub, Baalfliege, Herr der Fliege. -- Träume von Feuer und Flammen. -- Incubation. -- Nekromantie.
II. Buch.
Der Occultismus der Meder und Perser.
Erste Abteilung.
Der medische Magismus.
Das System des Magismus. -- Kambyses in Ägypten. -- Feier des Magiermords. -- Geist des ursprünglichen Mazdeismus. -- Der siebenstöckige Thurm zu Borsippa. -- Der babylonische Gestirn- und Planetendienst. -- Die Trias. -- Die drei Weltzonen. -- Zrvâna-akarana, Ahuramazdâ und Angrômainyus. -- Der Brauch der Menschenopfer. -- Die turanischen Ureinwohner Mediens. -- Die Wurzel aller Schlangen- und Teufelskulte. -- Directe Nachkommen der alten Angrômainyusverehrer. -- Yezidis oder Teufelsanbeter.
Zweite Abteilung.
Der Zoroastrismus.
I. Kapitel.
Das Leben Zoroasters.
Sohn des Poraschasp und der Dogdo. -- Zendavesta. -- Amschaspands. -- Die vier Elemente des Menschenkörpers. -- Parsismus. -- Gustaspes. -- Die mediumistischen Erscheinungen der Feuerfestigkeit und des forcierten Pflanzenwachstums. -- Spuren der Physiognomik. -- Das Darunopfer mit Wein, Wohlgerüchen, Milch und einem Granatapfel. -- Sein Körper, aller Verwundung unfähig. -- Der Brahmine Tschengregatscha. -- Ardjaspes. -- Iran. -- Gründung des Cypressendienstes.
Dritte Abteilung.
Der religionsphilosophisch-occultistische Inhalt und die Kosmogonie des Zoroastrismus.
I. Kapitel.
Der religionsphilosophisch-occultistische Inhalt des Zoroastrismus.
Der Unendliche und Anbeginnlose Ahuramazdâ und Angrômainyus. -- Zrvâna-akarana. -- Die Feruer aller Wesen. -- Gedanken du Prels anticipiert. -- Die sieben Amschaspands. -- Bahman. -- Schahriver. -- Sapandomad. -- Chordad. -- Amerdad. -- Die Izeds. -- Die Stufenleiter der Izeds. -- Mithra. -- Korschid. -- Aban. -- Ader. -- Anahid. -- Amiran. -- Ard. -- Arduisur. -- Aschtad. -- Asman. -- Barzo. -- Behram. -- Dahman. -- Din. -- Farvardin. -- Gosch. -- Goschorun. -- Mah. -- Mansrespand. -- Neriosengh. -- Pavand. -- Rameschne-kharan. -- Raschne-rast. -- Serosch. -- Taschter. -- Vad. -- Venant. -- Zemiad. -- Der Urvater der Menschheit. -- Die sieben Erzdews. -- Kampf der guten und bösen Geister. -- Der Tod. -- Die Auferstehung der Toten.
II. Kapitel.
Der zoroastrische Kultus.
Liebe und Haß, Sympathie und Antipathie. -- Zoroaster gebietet unähnlich dem indischen Quietismus keine empfindungslose Geistesstille, keine Abtötung des Leibes. -- Das heilige Altarfeuer Behram, das heilige Wasser Zahre, welches auf dem Urberg Albordj entspringt, und der heilige Hombaum, aus welchem der Lebenssaft, das Wasser der Unsterblichkeit hervorquillt. -- Die Zauberer als Hände und Füße, Augen und Zungen von Angrômainyus betrachet. -- Zweck der Religion Lichtwerdung der ganzen Schöpfung. -- Die allgemeine Harmonie alles Lebendigen. -- Gemeinde der Lebendigen. -- Körper des Urworts. -- Das Wort, das Urwesen, durch welches alle Wesen geworden sind, was sie sind. -- Es ist eins mit der Lebenskraft und dem göttlichen Wesen. -- Das erste Gesetz. -- Das Werk der Finsternis. -- Erhaltung der Reinheit der Seele. -- Feuerdienst. -- Die Reinigungen. -- Das Wasser. -- Das Fasten.
III. Kapitel.
Auszug aus dem Bun-Dehesch, der parsistischen Kosmogonie.
Ahuramazdâ und Angrômainyus. -- Die beiden Urprinzipien. -- Die Fixsterne der Sichtbarkeit. -- Meschgah. -- Kaiomorts. -- Sieben Fixsterne als Wächter. -- Schöpfung des Wassers. -- Der Urstier. -- Der Hund Sura. -- Meschia und Meschiane. -- Von der Zeugung. -- Eine Art mystischer Zoologie. -- Von der Auferstehung der Toten und Wiederherstellung der Leiber. -- Sostosch. -- Vom sublunarischen Himmel. -- Ewige Dauer.
IV. Kapitel.
Die Orakel Zoroasters.
Aphorismen. -- Oneirokritik des Astrampsychus. -- Kommentar des Psellos. -- Plethon. -- Incarnationen. -- Das Bild von den Ausklopfern der Seele. -- Paradies. -- Der Astralkörper. -- Hefe der Seele.
III. Buch.
Der Occultismus der Inder.
Veden. -- Rigveda. -- Yayurveda. -- Samaveda. -- Artharvaveda. -- Sabäismus. -- Göttertrias: Brahma, Wischnu, Schiwa. -- Brahma. -- Der vergeistigte Mazdeismus. -- Das Gesetzbuch des Manu. -- Die kosmogonischen Philosopheme. -- Äther (+âkâsa+). -- Reincarnationen. -- Die Weltendauer. -- Pessimismus der indischen Religionsphilosophie. -- Drei Dimensionen des Raumes. -- Tamas. -- Maya. -- Satya. -- Sankhyaphilosophie. -- Echtheit der Theosophie. -- Yogi. -- Autohypnose. -- Somatrank. -- Atma. -- Traumschlaf. -- Ekstase. -- Das Manas. -- Indische Astrologie. -- Die Siebenzahl. -- Die Wochentage. -- Tierkreis. -- Die Entstehung des Tierkreises. -- Harmonie des Makrokosmos mit dem Mikrokosmus. -- Die eigentliche Astronomie. -- Der Brahmane und später portugiesische Abbé Faria. -- Schaustellungen der Bokte-Lamas. -- Hucs Bericht über die magischen Wunderheilungen. -- Der französische Gesandte Gobineau. -- Zauberei in Camerun. -- Oberstlieutenant T. G. Frazer. -- Die wandelnden Krüge. -- Die Fakire Jacolliots. -- Covindasamy.
IV. Buch.
Der Occultismus der Ägypter.
I. Kapitel.
Der ägyptische Occultismus als Priesterwissenschaft.
Jamblichus. -- Die ägyptischen Priester. -- Porphyrius. -- Die Hofzauberer Pharaos. -- Die Heilgottheiten der Ägypter. -- Isis. -- Horus. -- Apis. -- Phtha, das Bild des unendlichen Geistes.
II. Kapitel.
Der Heilmagnetismus bei den alten Ägyptern.
Bentrosch-Stele nach der Übersetzung des Professor Dr. Lauth. -- Chonsu Heilgott. -- Der ägyptische Hypnotiseur. -- Die +sa+-Striche. -- Festmachen. -- Erzeugung von Hypnose und Somnambulismus.
III. Kapitel.
Die eigentliche magische Heilkunde der Ägypter.
Hermes Trismegistos. -- Die hermetische Litteratur. -- Heilkräfte gegen Hautkrankheiten und Epilepsie, gegen Augenkrankheiten, Zahnleiden, Ohrenleiden, Nasenleiden, für die Kehle, für den Magen, für die Gedärme, für die Blase, für die Geschlechtsteile, für die Gebärmutter, für die Nieren. -- Humoralpathologie. -- Der Grundsatz: +similia similibus+. -- Homöopathie. -- Impfung und Serumtherapie. -- Ebn Esras.
IV. Kapitel.
Die Seelenlehre der alten Ägypter.
Wahrscheinlichkeit, daß die Kabbala auf Moses zurückzuführen. -- Totengericht. -- Wägung des Herzens. -- Das Zwischenreich. -- Die Unterwelt Amenti. -- Paradies. -- Papyrus, Totenbuch. -- Der Mensch als Monade in einer Siebenteilung. -- 92. Kapitel des Totenbuches. -- Tetragramme oder magische Quadrate.
V. Buch.
Der Occultismus der Hebräer.
I. Kapitel.
Die schwarze Magie der Hebräer.
Elementarwesen des Feuers, der Luft, des Wassers und der Erde. -- Salamander, Sylphen, Undinen und Pygmäen. -- Pflanzlicher Nephesch (Astralleib). -- Gewisse Vorgänge im modernen Mediumismus. -- Mit Hilfe der Elementarwesen ausgeführte Magie. -- Der Sohar. -- Das magische Schauen. -- Monen. -- Astrologie der Tagewählerei. -- Nichusch, wahrsagende Deutung der Erscheinungen und Veränderungen irdischer Dinge. -- Doresch ha Methim, ein Befragen der Toten. -- Der Kischuph. -- Beschwörung der Satanim. -- Habal de Garmin. -- Schädigende Willensmagie.
Zweite Abteilung.
Die Kabbala.
I. Kapitel.
Das Alter der Kabbala.
Joseph ben Akiba. -- Simon ben Jochai. -- Gemara. -- Mischna. -- Rabbi Zera. -- Die mysteriöse und heilige Lehre der Merkaba. -- Das Tetragrammaton. -- Maimonides. -- Geheimlehre über die Schöpfung und die Natur der Gottheit. -- Kultus des Buchstabens. -- Kabbalisten im Gegensatz zu den Essäern. -- Die Adepten der Kabbala.
II. Kapitel.
Die kabbalistischen Bücher. -- Die Authenticität des Sepher Jezirah.
Überlieferung des Talmud. -- Die Darstellungsweise des Jezirah. -- Autorität des Moses Botril. -- Rabbi Akiba. -- Der Verfasser des Buches der Schöpfung.
III. Kapitel.
Die Authenticität des Sohar.
Rabbi Moses ben Nachman. -- Rabbi Ascher. -- Rabbi Gedalia. -- Jehuda ben Gerim. -- Simon ben Jochai. -- Der Verfasser des Sohar. -- Moses von Leon. -- Die Emanationslehre, Grundlehre des ganzen im Sohar entwickelten Systems. -- Hieronymus, von den zehn mystischen Namen. -- Die Stephiroth. -- Die Kette der Tradition. -- Supplement des Sohar. -- Die kabbalistischen Lehren durch mündliche Tradition überliefert. -- Das System des Simon ben Jochai. -- Das Copernikanische System. -- Der heilige Augustin über denselben Gegenstand.
IV. Kapitel.
Die Lehren der kabbalistischen Bücher. -- Analyse des Sepher Jezirah.
Das Buch Jezirah. -- Die zweiunddreißig wunderbaren Wege der Weisheit. -- Die zehn Sephiroth. -- Die zweiundzwanzig Buchstaben des hebräischen Alphabets. -- Das letzte Wort des kabbalistischen Systems. -- Transformation des Symbols zur Idee.
V. Kapitel.
Analyse des Sohar. -- Die allegorische Methode der Kabbalisten.
Die Kabbalisten schoben auf eine den Profanen unbekannte Weise in mysteriösem Sinn den historischen Thatsachen und positiven Geboten eine geheime Bedeutung unter. -- Origenes, +Homil 7 in Levit.+
VI. Kapitel.
Die Anschauungen der Kabbalisten über die göttliche Natur.
Das Buch des Geheimnisses. -- Dreizehntausend Myriaden Welten. -- Der Name des Unendlichen En Soph. -- Die göttlichen Attribute. -- Idra Suta. -- Der höchste Gedanke oder das Wort. -- Besondere Rolle der einzelnen Sephiroth und ihre Gruppierung nach Trinitäten und Personen. -- Hegel. -- Die Personen dieser Trinität als drei aufeinanderfolgende und absolut notwendige Phasen des Denkens und Seins. -- Mit der Hegelschen Philosophie vergleichbar, eine Verbindung von Ideen Platos und Spinozas. -- Die drei ersten Sephiroth. -- Die Sephiroth bilden in ihrer Gesamtheit den himmlischen oder idealen Menschen. -- Absolute Identität der Existenz und des Gedankens. -- Schechinah. -- Die immanente Kraft der Dinge. -- Das Buch der Geheimnisse. -- Die Könige von Edom, die Welten, welche bestanden, noch ehe sich die Formen gebildet hatten, um als Mittelglied zwischen der Schöpfung und der göttlichen Wesenheit in ihrer größten Reinheit zu dienen. -- Von dem Geschlechtsunterschied des idealen Menschen. -- Die Metempsychose. -- Die Dämonen. -- Hüllen.
VII. Kapitel.
Die Weltanschauung der Kabbalisten.
Kommentatoren des Sepher Jezirah. -- Das Dogma von der Schöpfung. -- +Ex nihilo nihil.+ -- Der Erzengel des Bösen. -- Samael. -- Die Kabbalisten über die Physiognomik. -- Die vier Gestalten des mystischen Wagens des Hesekiel. -- Von der himmlischen und der höllischen Hierarchie. -- Der Engel der Reinheit (Tahariel), der Barmherzigkeit (Rachmiel), der Gerechtigkeit (Zadkiel), der Befreiung (Padael), und der berühmte Raziel, welcher mit eifersüchtigen Augen die Geheimnisse der kabbalistischen Weisheit bewacht. -- Der Engel des Feuers Nuriel, der des Lichts Uriel. -- Die Absicht dieser Allegorien. -- Die große Hure oder die Meisterin der Ausschweifungen Lilith. -- Die Dämonologie der Kabbalisten eine notwendige Ergänzung ihrer Metaphysik.
VIII. Kapitel.
Die Lehrmeinung der Kabbalisten von der menschlichen Seele.
Drei Principien oder vielmehr drei Grade der menschlichen Existenz. -- Das individuelle Princip. -- Von den Androgynen Platos. -- Dogma der Präexistenz. -- Die Lehre von der moralischen Prädestination. -- Diejenigen welche auf der Welt Böses thun, haben schon im Himmel angefangen, sich vom Heiligen zu entfernen. -- Probe der Seelenwanderung (Gilgul). -- Die Rückkehr der Seele in den Schoß der Gottheit. -- Palast der Liebe. -- Küsse der Liebe. -- Das Dogma vom Sündenfall.
Anhang.
Blüten vom Baume der Kabbala.
Grundstoff (Huli) der Welt. -- Isaak Loriah: Sepher Cch'wanoth, Fol. 46. -- Massel (Genius, transcendentales Subject). -- Nischmath Chajim, Fol. 101. -- Nephesch. -- Machschaba (Imagination). -- Mairecheth Aeloluth, Fol. 41, 63. -- Der Ruach der Tiere. -- Der umkreisende Äther. -- Gedanken des Herzens wirken auf den Äther ein. -- Esarah Maimeroth, Fol. 49.
VI. Buch.
Der Occultismus der alten Griechen.
I. Kapitel.
Die jonischen Naturphilosophen.
Berührung des Occultismus mit der Philosophie. -- Thales von Milet. -- Seine Lehre vom flüssigen Urstoff. -- Hylozoimus. -- Aussprüche des Thales. -- Anaximander. -- Der gasförmige Urzustand. -- Nebularhypothese. -- Entstehen und Vergehen der Welten. -- Anaximenes. -- Bedeutung der Verdünnung und Verdichtung. -- Hippo, Idaeus und Diogenes von Apollonia. -- Kreisbewegung. -- Heraclit der Dunkle. -- Sein ist Werden. -- Lehre von den Weltperioden. -- Das große Jahr. -- Beziehungen zu Zoroaster.
II. Kapitel.
Pythagoras und die Alt-Pythagoräer.
Geschichte seines Lebens. -- Geheimbund. -- Die einfachsten Zahlenbestimmungen der musikalischen Harmonie. -- Zahlenmystische Spielereien. -- Theologie der alten Pythagoräer. -- Die kosmologischen Einsichten. -- Harmonie der Sphären. -- Metempsychose, richtiger Metemsomatose. -- Palingenesie. -- Sexuelle Enthaltsamkeit. -- Genuß der Bohnen.
III. Kapitel.
Die Eleaten.
Xenophanes. -- Skepsis. -- Reiner Monotheismus. -- Parmenides. -- Vorläufer der Naturphilosophie des Telesius. -- Warmes und Kaltes. -- Zeno, der Eleat. -- Einheit des Seins. -- Wesen von Raum und Zeit. -- Wirklichkeit und Erscheinung. -- Gesetz der bestimmten Anzahl. -- Rangordnung der Realitäten.
IV. Kapitel.
Empedocles, Pherekydes, Epimenides von Kreta.
Praktiker auf dem Gebiete der sog. Geheimwissenschaften. -- Medizin-Mann. -- Hypnotische Technik. -- Goëtie. -- Charlatanerie. -- Kreislauf des Stoffwechsels. -- Attraktionskraft und Repulsionskraft. -- Liebe und Haß. -- Darwinistische Theorie. -- Antizipation der Lehre von der indirekten Auslese. -- Seelenwanderungslehre. -- Vegetarismus. -- Pherekydes. -- Sehertum. -- Theogonie. -- Epimenides von Kreta. -- Jatromanten. -- Nona. -- Epidemische Geisteskrankheit. -- Reinigungsceremonien. -- Orpheotelesten. -- Das Wunder suggestiver Massenheilung.
V. Kapitel.
Die Geheimlehre der Mysterien.
Bacchische und cerealische. -- Kreta. -- Soziale Nebentendenz. -- Die bacchischen Mysterien. -- Ahnung der göttlichen Einheit. -- Geheimkult indischen Ursprungs. -- Dionysos. -- Zagreus. -- Die Siebenzahl. -- Weltökonomie. -- Spiegelbecher. -- Phallus. -- Lingam und Yoni. -- Die Welt des Scheins. -- Becher der Reinigung oder Wiedergeburt. -- Spekulative Analyse der indischen Ideen. -- Die schaffende Gottheit Welt-Lingam. -- Die cerealischen Mysterien. -- Die Eleusinien. -- Erntefeste. -- Die sog. kleinen Mysterien. -- Erkennungszeichen. -- Die letzte Weihe, +epopteia+. -- Selbstschau. -- +Conx ompax.+ -- Spiritismus. -- Unsterblichkeit. -- Demeter eine Gottheit mit doppeltem Charakter. -- Spekulative Analyse des Inhalts der eleusinischen Lehre. -- Die Toten sind Demetrier. -- Die Thesmophorien. -- Der Ackerbau als das fruchtbarste Prinzip der Humanität. -- Mysterium der Ehe. -- Natürlich geschlechtliche Basis der Ehe. -- Neuntägige Enthaltung von geschlechtlichem Verkehr. -- Sthenien. -- Die Orgie in Halimus. -- Schamlose Seite altheidnischer Feste. -- +Kteis.+ -- Orgiasmus. -- Die samothrakischen Mysterien. -- Todesfeier des Dionysios. -- Orphiker. -- Heilige Sage.
VI. Kapitel.
Anaxagoras.
+Nus+, Verstand. -- Homöomerien.
VII. Kapitel.
Die Atomistiker, insbesondere Demokritos.
Leucippos. -- Demokrit. -- Atomverbindungen. -- Quantitative Beziehungen. -- Primäre und sekundäre Eigenschaften. -- Besonderer Seelenstoff. -- Sophistik.
VIII. Kapitel.
Sokrates und sein Dämonium.
Problem des sog. Genius. -- Glauben an die Orakel. -- Dämonion. -- Vulgäre Psychologie. -- Unbegreiflichkeit des Phämomens. -- Dühring. -- Dramatische Spaltung des Ich. -- Du Prels Mystik der alten Griechen.
IX. Kapitel.
Platon.
Platon der Vater des Idealismus. -- Traum des Sokrates. -- Große Reise nach Cyrene und nach Ägypten. -- Syrakus. -- Dionysios. -- Dion. -- Unverletzte Virginität. -- Platos Lehre. -- Der Theätet, der Sophist und der Politikos. -- Parmenides. -- Ideenlehre. -- Bedeutung der platonischen Ideen. -- Lotze in seiner Metaphysik. -- Verhältnis der Ideenwelt zur Gottheit. -- Phädrus, Philebus, die Republik und der Dialog von den Gesetzen. -- Unsterblichkeit der Seele. -- Phaedon, der Staat, Phaedrus, Timaeus und das Gastmahl. -- Der intelligible Charakter. -- Ästhetische Mystik.
X. Kapitel.
Aristoteles.
Universal-Gelehrter. -- Scholastik. -- Überschätzung. -- Exoterische und esoterische Schriften. -- Form und Stoff. -- Dualismus. -- Seelenlehre. -- Entelechie. -- Persönliche Substanz. -- Der thätige Intellekt. -- Der leidentliche Intellekt. -- Rationalistische Theorie der Träume.
VII. Buch.
Der Occultismus der alten Römer.
I. Kapitel.
Einfluß der Etrusker auf die römische Religion.
Die Verhüllten.
II. Kapitel.
Die Religion der Römer.
Die Religion im Dienste des Staates. -- R. v. Ihering. -- Machiavellismus der Römer. -- +Ver sacrum.+ -- Jupiter. -- Mars. -- Quirinus. -- Juno. -- Die Matronalien. -- +Ficus Ruminalis.+ -- Nebenbedeutung allerintimster Natur. -- Lupercus. -- Lupera. -- Innuus. -- Unfruchtbarkeit. -- +Februare.+ -- Rock der Juno. -- Subigus. -- Prema. -- Pertunda. -- Perfica. -- Fluonia. -- Lucina. -- Befriedigung des Geschlechtstriebes. -- Janus. -- Saturn. -- Das goldene Zeitalter. -- Ceres, Liber und Libera. -- +Fascinum+ = Phallus. -- Flora. -- Euhemeristische Mythologie. -- Die Freudenmädchen. -- Die römische Venus. -- Volupia, die eigentliche Göttin der Wollust. -- Angeronia. -- Cloacina. -- Minerva. -- Vulcan. -- Faunus. -- Ficarii und Incubi. -- Fatua. -- Pales. -- Priapus. -- Anna Perenna. -- Acca Laurentia. -- Die Apotheose eines Freudenmädchens. -- Die geschlechtliche Sinnlichkeit des Römers. -- Volksmetaphysik.
III. Kapitel.
Unsterblichkeitsglaube und Jenseitsvorstellung.
Eine sozial sehr zweckmäßige Eigenschaft. -- Genien, Laren oder Manen und Lemuren. -- Manen. -- Totenfest. -- Aller-Seelenfeier. -- Larenopfer. -- Venus Libitina. -- Beziehung der Demeter zum Tode und zur Zeugung.
IV. Kapitel.
Der Glaube an Magie und symbolische Handlungen.
Cicero in seiner Schrift über die Weissagung. -- Ausführung des Naturforschers Plinius.
V. Kapitel.
Weissagung und Zeichendeuterei. Orakel. Sibyllinische Bücher.
Werfen der Loose. -- Orakel. -- Tibur. -- Somnambule Zustände. -- Orakel zu Tumae. -- Sibylle. -- Neun Bücher Weissagungen. -- Die sog. sibyllinischen Bücher. -- Eine sibyllinische Weissagung.
VI. Kapitel.
Beobachtung der Himmelszeichen, Vögel, Blitze u. s. w., und Opferschau.
+Augurium.+ -- Auguren. -- Der Glaube der alten Römer an die Unfehlbarkeit der Auspicien. -- Geheimwissenschaft. -- Verfahren. -- Flug der Vögel. -- Fressen der heiligen Hühner. -- Cicero über die Auspicien. -- Opferschauer. -- +Haruspicium.+ -- Ein Wort Hannibals. -- Beobachtung der Blitze. -- Jupiter, Elicius. -- Wettermagie.
VIII. Buch.
Der Occultimus der Alexandriner, Neupythagoräer und Neuplatoniker.
Vorbemerkung.
Erste Abteilung.
Die Alexandriner.
I. Philo von Alexandria
I. Kapitel.
Philos Leben und Lehrweise.
Alexandria. -- Bibliothek. -- Philos Leben. -- Versuche, das alte Testament esoterisch zu deuten. -- Die mystische Reise nach Haran. -- Ekstase der indischen Sonnen- und Mondkinder. -- Der Logos.
II. Kapitel.
Philos Mystik.
Sekte der Essäer durch buddhistische Missionäre gestiftet. -- Sündenfall. -- Askese oder Unterricht. -- Heraustreten aus dem eigenen Ich.
III. Kapitel.
Die Elemente der Gnosis bei Philo.
Theosophie Philos. -- Die doppelte Erkenntnis.
II. Die Therapeuten und Essäer.
Josephus. -- Ihre Gütergemeinschaft.
Zweite Abteilung.
Die Neupythagoräer.
Apollonius von Tyana.
Parallele Christi. -- Zweifel an der Existenz des Apollonius. -- Eduard Baltzer. -- Apollonius, ein entschiedener Spiritist. -- Julia Domna. -- Philostratus von Lemnos. -- Mysterien des Aeskulapdienstes. -- Schweigezeit. -- Die indischen Brahmanen. -- Ereignisse im Leben des Apollonius. -- Parallele aus der Autobiographie des Bürgermeisters Barth. Sastrow zu Stralsund. -- Gymnosophisten.
Dritte Abteilung.
Die Neuplatoniker.
I. Kapitel.
Plotinos.
Plutarch. -- L. Apulejus. -- Ammonios Sakkas. -- Longinos. -- Porphyrius. -- Die Verstandeswelt, das Muster der Sinnenwelt. -- Das Geisterreich. -- Die Einkörperung der Seele. -- Zwei Wege, zum Schauen des Einen, Ersten und Höchsten.
II. Kapitel.
Porphyrius, Jamblichus, Proklus, Sosipatra.
Vereinigung mit Gott. -- Vehikel der Seele. -- Dämonologie. -- Mantik. -- Jamblichus. -- Materialisation. -- Schrift +De mysteriis Aegyptiorum+. -- Annahme eines Astralleibes. -- Prachtstück der theurgischen Weisheit. -- Proklus. -- Sosipatra.
III. Kapitel.
Hierokles und sein Kommentar zu den goldenen Sprüchen des Pythagoras. -- Die letzten Neuplatoniker.
Vierundfünfzig Strophen der goldenen Sprüche. -- Hierokles. -- Erkenntnis der Doppelnatur des Menschen. -- Die mystische Reinigung.
IV. Kapitel.
Synesios, der letzte Neuplatoniker, sein Leben und seine Lehren.
Hypatia. -- Cyrenaica oder Pentapolis. -- Messias-Putsch. -- Synesios in Konstantinopel. -- Schrift »Die Ägypter, oder über die Vorsehung«. -- Bischofswürde. -- Die Schrift über die Träume.
V. Kapitel.
Die Gnostiker und Manichäer.
IX. Buch.
Der Occultismus der Kelten und Germanen.
Erste Abteilung.
Die Kelten.
I. Kapitel.
Die Druiden.
Das Religionssystem der Kelten. -- Pentalpha. -- Geheimlehre. -- Die auf Eichen wachsende Mistel. -- Triaden. -- Oberdruide.
II. Kapitel.
Gottesdienst und Geheimlehre der Druiden.
Menschenopfer. -- +Teutates.+ -- Seelenführer. -- +Esus+ oder +Hesus+. -- Die Insel Mona. -- Hu gadarn. -- Die Gotteinheit der britischen Kelten. -- Mysterien vom Tode des Hu. -- Ceridwen. -- Tetragrammaton. -- Lehrgebäude des Kesselordens.
Zweite Abteilung.
Der Occultismus der Germanen.
Entwickelungsgeschichte der germanischen Mythologie.
I. Kapitel.
Die Weltschöpfung der Edda. Yggdrasil.
Dualismus eines bösen und guten Weltprinzips. -- Der Mythus vom Weltbaum.
II. Kapitel.
Der Götterhimmel der Germanen.
Die Edda. -- Odin. -- Odin-Wodan. -- Das Gespensterheer. -- Die Erzählung der Edda vom Dichtertrank. -- Der runenkundige Gott. -- Lehre vom Doppel-Ich. -- Thor und Loki. -- Balder. -- Hödur. -- Deutung dieses Mythus. -- Frigg. -- Iduna.
III. Kapitel.
Götterdämmerung und Wiedergeburt.
Ragnarök. -- Weltuntergang. -- Esoterische Idee der Wiedergeburt.
X. Buch.
Der Occultismus der barbarischen Völker.
Skythen. -- Toxaris und Anacharsis. -- Massageten. -- Geten. -- Zamolxis. -- Hyperboräer. -- Abaois. -- Taurer.
Vorwort.
Am zweiten Ostertage v. J. (1895) starb Karl Kiesewetter, einer der eifrigsten Forscher auf dem Gebiete des »Wunderbaren und Geheimnisvollen«, der Verfasser der »Geschichte des neueren Occultismus«, der »Geheimwissenschaften« und des ersten Halbbandes dieses Buches über den »Occultismus des Altertums«. Ein plötzlicher Tod entriß ihn im besten Mannesalter seinem eigenartigen Studiengebiete, auf dem er augenscheinlich eine erstaunliche Belesenheit und Quellenkunde besaß.
Die Verlagshandlung wandte sich nun an mich, mit dem Antrage, die Herstellung des zweiten Halbbandes dieses Buches unter Benutzung des Kiesewetterschen handschriftlichen Nachlasses zu übernehmen und zwar genau nach der bereits von Kiesewetter festgestellten Disposition. Die Einsicht des handschriftlichen Nachlasses ergab, daß der Verstorbene nur das achte Buch seiner Disposition, den Abschnitt über die Alexandriner, Neupythagoräer und Neuplatoniker ausgearbeitet hatte.
Der wohlwollende Leser möge die ganze von mir gelieferte Arbeit nicht etwa als ein Werk auffassen, das mit wissenschaftlicher Prätension sich etwaigen ähnlichen Forschungen über »vergleichende Religionswissenschaft« zur Seite stellen möchte, sondern als das Ergebnis dilettantischer Nebenstunden, als eine dem gebildeten Dilettanten selber, der über keine Zeit und keine genügende Ausdauer verfügt, aus dem Staube der Bibliotheken und dem Studium schwerfällig gelehrter Originalwerke das ihn Interessierende selber herauszusuchen, gewidmete Skizze eklektischer Streifzüge ins Gebiet der Mystik.
+Dixi et salvavi animam meam.+
Jena, im Februar 1896.
L. Kuhlenbeck.
Erstes Buch.
Der Occultismus bei den Akkadern, Babyloniern, Chaldäern und Assyriern.
Erstes Kapitel.
Religionsphilosophie, weiße und schwarze Magie der Akkader.
Der Occultismus ist so alt wie die ihrer selbst bewußte Menschheit, und selbst wo uns die Hieroglyphen Ägyptens im Stich lassen, führt uns die Keilschriftlitteratur der Euphrat- und Tigrislande in die graueste Urzeit des Menschengeschlechts hinauf und zeigt uns, daß zum allermindesten tausend Jahre vor Beginn der beglaubigten Geschichte der Occultismus in seinem Kern derselbe war wie heute. Natürlich wechselten mit den verschiedenen Staatsreligionen seine Formen, und wir haben deshalb den stets gleichen esoterischen Kern unter den wechselnden Hüllen der Dogmen nachzuweisen sowie auch seine fortschreitende Weiterbildung und Ausreifung.
Vor noch nicht einem Menschenalter -- im Jahre 1866 -- veröffentlichten die englischen Orientalisten Sir Henry Rawlinson und Norris im zweiten Band der +Cuneiform Inscriptions of Western Asia+ eine aus der Bibliothek des Königspalastes von Niniveh stammende Tafel mit den Fragmenten von 28 Zaubersprüchen, welche, wie Lenormant sagt[1]: »von der Existenz einer so künstlichen und zahlreichen Dämonologie bei den Chaldäern zeugt, wie sie sich ein Jacob Sprenger, Jean Bodin, Wier oder Pierre de Lancre wohl nimmer vorgestellt hätten. Es erschließt sich uns darin eine ganze Welt von bösen Geistern, deren Rangordnung mit vieler Gelehrsamkeit festgestellt, deren Persönlichkeiten sorgfältig unterschieden und deren besondere Eigenschaften scharf präcisiert sind.«
Außerdem entdeckte Layard an gleicher Stelle die gegenwärtig im +British Museum+ aufbewahrten Fragmente eines umfangreichen magischen Werkes von zweihundert Tafeln, welches für Chaldäa wohl das Gleiche war, was die alten Inder in ihrem Atharva-Veda besaßen, nämlich eine Sammlung aller Formeln, Beschwörungen und Hymnen der chaldäischen Magier, von denen die Schriftsteller des Altertums berichten.
Diese Urkunden sind in akkadischer, einer den finnischen und tartarischen Dialekten verwandten turanischen Sprache abgefaßt, welche von den vorgeschichtlichen Ureinwohnern Chaldäas, den Akkadern, gesprochen wurde. Assurbanhabal ließ dieselben im siebenten Jahrhundert v. Chr. für seine Palastbibliothek mit der überlieferten assyrischen Interlinearversion abschreiben, ohne welche sie wohl nicht mehr verstanden worden wären, weil damals die akkadische schon über tausend Jahre eine tote Sprache war.
Dieses Erbe der Akkader, welches offenbar aus ältern im Laufe der Zeit zusammengestellten Überlieferungen besteht, führt in eine altersgraue Zeit hinauf, in welcher, wie wir sehen werden, neben dem Kultus kosmischer und tellurer Potenzen der Glaube an die Einheit und Geistigkeit des göttlichen Wesens bestand.
Die akkadische Magie beruhte auf einem vollständigen wohlgegliederten mythologischen System, welches in seinen Ursprüngen über das dritte Jahrtausend vor Christus zurückreicht. In diesem Jahrtausend wanderten vermutlich in das von den Akkadern bewohnte nachmalige Chaldäa Kuschiten ein, welche Sprache, Religion und Volkstum der Akkader allmählich in den Hintergrund drängten. In Babylonien wie in Chaldäa bildeten sich verschiedene Religionsformen aus, bis ums Jahr 2000 König Sargon eine einheitliche Staatsreligion einführte, die in Chaldäa und Babylonien wie später auch in Assyrien galt.
Diese Staatsreligion beruhte zum Teil auf der der syrischen und phönicischen verwandten Religion der Kuschiten; sie nahm aber viele akkadische Elemente auf, und so beginnt denn die bis zur Zeit Alexanders des Großen reichende Periode der »Chaldäer«. Allerdings nahmen in dieser Mischreligion die akkadischen Elemente mit ihrer Dämonenlehre und ihren Exorcismen einen untergeordneten Rang ein, und ihre Pfleger waren eine niedere Kaste von Zauberpriestern, welche durch ihre Beschwörungen Krankheiten und Bezauberungen zu heilen, Dämonen zu vertreiben, widrige elementarische Einflüsse zu zerstreuen usw. usw. suchten. Die oberste Priesterkaste waren die Chaldäer, welche -- wie die persisch-medischen Magier -- sich nur mit Astronomie und Astrologie befaßten.
Da bei den genannten Völkern Kultus und Occultismus auf das engste verbunden sind, müssen wir zunächst zu einer Darstellung ihrer Religionslehren übergehen.
Nach chaldäisch-babylonischer Anschauung ist die Erde von den als Gottheiten gedachten Meer, Ocean und Chaos (chald. +Tiamat+, +Apsu+ und +Mummu+ -- %Thayath%, %Apasôn% und %Môumis% des Berosus) geboren. Jedoch werden diese mystischen Gottheiten im öffentlichen Kultus nicht verehrt, sondern an ihre Stelle tritt zuerst die oberste Trias der männlichen Gottheiten, welcher eine gewisse Ähnlichkeit mit der christlichen Dreieinigkeit nicht abzusprechen ist. Die erste Person dieser Trias ist +Anu+ (Himmel), der Erstgeborene, der Uralte, der Älteste der Götter, der Vater der Götter, der Gebieter der Finsternis. Er ist der Herr des Himmels und des Weltalls, schon ehe er dem Chaos eine feste Gestalt gegeben hatte, und zugleich der Gott der Welt und Zeit. Auf ihn folgt +Ea+, die das All durchdringende, belebende, lenkende und befruchtende göttliche Weisheit, der über dem Meer schwebende Geist. Die dritte Person dieser Trias ist +Bel+ (akkad. +Mul-ge+), der Gebieter und die Personifikation der geordneten Schöpfung, der Bildner des Sternenhimmels und Lenker der geordneten Bewegung der Himmelskörper.
Diese drei Personen der obersten göttlichen Trias sind in ihrem Wesen gleich und gleich mächtig, ohne jedoch auf gleicher Stufe der Emanation zu stehen; +Anu+ ist stets der Vater des +Ea+, aber bald der Vater und bald der Bruder des +Bel+.
Dieser obersten männlichen Trias steht eine weibliche gegenüber, +Anat+ (akkad. +Anu+), +Belit+ (akkad. +Ningelal+) und +Davkina+, welche man sich als der weibliche Ausdruck und Form der männlichen Trias dachte. Diese Gottheiten sind androgyner Natur, und dieser uralten Anschauung entstammen die von den Orphikern und Neuplatonikern gelehrten hierhergehörigen Mythen der klassischen Völker.
Der Begriff der Androgynie war bei den Chaldäern auch auf die Planetengötter übertragen, wie es denn von der Venus (+Dilbat+) heißt:
»Der weibliche Stern ist der Venusstern; er ist weiblich bei Sonnenaufgang; Der männliche Stern ist der Venusstern; er ist männlich bei Sonnenuntergang.«
Wie lange sich diese Anschauungen erhielten, möge man daraus ersehen, daß in der Astrologie bis auf die neueste Zeit Mercur als Hermaphrodit gilt, welcher -- am Morgenhimmel sichtbar -- weiblich und am Abendhimmel männlich ist.
Die höchste Planetengottheit ist die Sonne, +Samas+, dessen weibliche Potenz +Gula+ hieß; ihr folgte der Mondgott +Sin+, dessen weibliches Prinzip im Akkadischen +Nin-gelal+ hieß; der assyrische Name ist noch nicht mit Sicherheit entziffert.
Diesen höchsten Planetengöttern folgen nun in bekannter Stufenreihe: +Adar+ (Saturn), +Maruduk+ (Jupiter), +Nergal+ (Mars), +Istar+ (Venus), +Nebo+ (Mercur); akkadisch: +Nin-dara+, +Amar-utuki+, +Nirgal+, +Sukus+ und +Ak+. Ihnen allen stehen mit Ausnahme der unklar androgyn gedachten +Istar+, deren geheimnisvoller Gatte +Dumuzu+ heißt, ausgesprochene weibliche Prinzipe gegenüber. So dem Adar: die +Belit+, dem Maruduk die +Zarpanit+, dem Nergal die +Laz+, und endlich dem Nebo die +Tasmit+.
Da nun Venus und Mercur bald am Morgen, und bald am Abend sichtbar sind, so nahm man eine doppelte Istar, eine von Arbela und eine von Niniveh, an und machte aus Nebo gar zwei Persönlichkeiten, Nebo den Gott der Wissenschaften und Künste, und +Nuzku+, den Diener und Boten des Bel. -- Wir sehen also hier schon völlig den mythologischen wie den astrologischen Charakter des Mercur vorgebildet.
Der geheimnisvolle Gatte Dumuzu (Tammuz) der Istar wurde ihr in seiner Jugendblüte entrissen und veranlaßte ihre Wanderung in das »Land ohne Heimkehr«, das Totenreich, wodurch er Anlaß zur Dichtung des ältesten Epos der Menschheit, die »Höllenfahrt der Istar«, gab. Da nun Dumuzu die Sonne ist, liegt diesem Mythus wohl der astronomische Vorgang des zeitweisen Verschwindens der Venus unter den Sonnenstrahlen zu Grund.
Die Planetengötter bilden die auf die höchste Trias folgende oberste Götterklasse und regieren mit ihnen nach Diodorus Siculus[2] die zwölf Monate und zwölf Zeichen des Tierkreises.
Auf Denkmälern, wie dem Obelisk des Salmanassar zu Nimrud und dem Monolithen des Assur-nasir-habal werden die obersten zwölf Götter folgendermaßen genannt:
»1. Anu, der König der himmlischen und irdischen Erzengel, König der Welt. 2. Bel, Vater der Götter, Schöpfer. 3. Ea, König des Oceans, Lenker des Schicksals, Gott der Weisheit und Erkenntniß. 4. Sin, Herr der Kronen, zum höchsten Glanz erkoren. 5. Bin, der Krieger und Herr der befruchtenden Kanäle. 6. Samas, Richter des Himmels und der Erde. 7. Maruduk, gerechter Fürst der Götter, Herr der Geburt. 8. Adar-Samdar, der Mächtige, Krieger unter den kriegerischen Göttern, Vernichter des Bösen. 9. Nergal, der Edelmüthige, König der Schlachten. 10. Nebo, Träger des höchsten Scepters. 11. Belit, Gattin des Bel und Mutter der höchsten Götter. 12. Istar, die Älteste des Himmels und der Erde, die das Antlitz der Krieger mit Glanz erfüllt.«
Anderswo[3] heißen die zwölf Monate des Jahres mit ihren Göttern:
1. Nisannu, Anu und Bel. 2. Airu, Ea, Gebieter der Menschheit. 3. Sivanu, Sin, Erstgeborener des Bel. 4. Duzu, Adar, der Krieger. 5. Abu, Allat, Herrin des Zauberstabes (Nin-gis-zida). 6. Ululu, Istar, Herrin der Schlachten. 7. Tasritu, Samas, der Herr der Welt. 8. Arak-samma, Maruduk, der große Fürst der Götter. 9. Kisilvu, Nergal, der große Krieger. 10. Tebitu, Pap-sukul, Diener des Anu und der Anat. 11. Sabatu, Bin, Feldherr des Himmels und der Erde. 12. Addaru, die sieben großen Götter der Planeten. 13. Makru-sa-addari, (Schaltmonat) Assur, Vater der Götter.
Mit Leichtigkeit erkennt man in diesen Monaten diejenigen des Kalenders der Juden, welche ihr Jahr mit dem siebenten Monat der Chaldäer beginnen ließen. Der erste jüdische Monat Tischri entspricht dem Tasritu, der Marchesvan dem Arak-samma, der Kaslev dem Kisilvu, der Thebet dem Tebitu, der Schebat dem Sabatu, der Adar dem Addaru, der Nisan dem Nisannu, der Ijar dem Airu, der Sivan dem Sivanu, der Tammuz dem Duzu, der Ab dem Abu, der Elul dem Ululu und der jüdische Schaltmonat Veadar endlich dem chaldäischen Makru-sa-addari.
Damit endlich, daß man die Planeten vergöttlichte und sie zu den Herren der Zeichen des Tierkreises wie der Monate machte, waren die Grundlagen der Astrologie geschaffen.
Eine große Anzahl von Sternbildern und einzelnen Fixsternen wurden als Götter niederen Ranges und Genien (+musedu+) angesehen und nach ihrem Rang und ihrer Bedeutung genau klassifiziert. Man suchte sich ihrer Kräfte durch Anfertigung ihnen geweihter Talismane zu versichern, aus denen dann die astrologischen Bilder entstanden, von denen ich in meinen »Geheimwissenschaften« ausführlich handelte.
Diese Astralgeister standen zwischen den Göttern und Menschen und griffen segenbringend oder unheilstiftend in das Schicksal der letzteren ein. Die vier wichtigsten schützenden Genien waren: der bekannte Flügelstier mit dem Menschenhaupt, der +sedu+ oder +Kirubu+, akk. +Alad+; der Löwe mit dem Menschenhaupt, +lamassu+ oder +nirgallu+, akkad. +lamass+; der menschlich gestaltete +ustur+ und endlich der geierköpfige +nattig+, welcher Hesekiel bei seiner Beschreibung der vier symbolischen, den Thron Jehovas tragenden Wesen vorschwebte.
Über diesen Genien standen noch zwei besondere Engelgruppen, die +Igigi+, die Geister des Himmels, und die +Amuna-irsiti+ (akkad. +amuma-ge+), die Geister der Erde, welche den phönizischen Kabiren entsprechen.
Nach Angabe eines Täfelchens aus der Bibliothek von Niniveh gab es außer der obersten Trias sieben höchste Götter, fünfzig große Götter des Himmels und der Erde, dreihundert Geister des Himmels und sechshundert Geister der Erde.
Es ist natürlich, daß die Annahme eines solchen Götter- und Dämonenschwarmes die Aufnahme des akkadischen Beschwörungs- und Zauberritus in die chaldäische Priesterwissenschaft begünstigen mußte, obschon die alten Akkader keine eigentlichen Götter, sondern nur gute und böse Naturgeister kannten, welche die Chaldäer später in Götter, Genien und Dämonen umbildeten.
Lenormant nimmt an, daß diese Jahrhunderte währende Umbildung und der Ausbau der alten Religion innerhalb der chaldäischen Priesterschulen zur Zeit Sargons I. um das Jahr 2000 v. Chr. abgeschlossen wurde.
Die obersten Naturgeister der Akkader sind die +allad+ (assyr. +sedu+), Genien, und +lamma+ (assyr. +lamassu+), Kolosse, welche jedoch in sehr unklarer Weise bald als gute und bald als böse Geister aufgefaßt werden. Besser sind wir über die eigentlichen Dämonen, +utuk+, welches Wort aber auch zuweilen einen guten Geist oder die menschliche Seele bedeutet, unterrichtet. Die wichtigsten unter ihnen sind die +alal+ (assyr. +allu+), Zerstörer, die +gigim+ (assyr. +e-kimmu+), welcher Name nicht entziffert ist, die +tellal+ (assyr. +gallu+), Krieger, und endlich die +maskim+ (assyr. +rabisu+), Nachsteller.
Diese letzten bilden die wichtigste scharf abgegrenzte Klasse und sind aufs genaueste das Widerspiel der sieben Planetengottheiten, kosmische Dämonen, welche überall störend und vernichtend in das Naturleben eingreifen; »sieben böse Geister, sieben Flammengespenster, sieben Dämonen der feurigen Sphären«.
Diese sieben Maskim, welche sich als Planetendämonen durch alle Mythologien ziehen[4] und noch als Vorbilder der sieben »Kurfürsten« der Teufel des Faustschen Höllenzwangs deutlich erkennbar sind, sind die Söhne des +Ana+, des Gottes und Königs der finstern Welt der Akkader; sie stören die Ordnung des Planetenlaufs, erregen Sonnen- und Mondfinsternisse; sie führen gleich den griechischen Titanen und den Naphelim oder Nephilim des Buches Henoch kurz nach der Schöpfung erbitterte Kämpfe gegen Gott. Sie thronen gleich den Teufeln im Innern der Erde und verursachen Unheil und Umsturz im Himmel und auf Erden. Eine akkadische Inschrift schildert ihr Treiben folgendermaßen mit lebhaften Farben:
»Die Sieben, sie werden im Gebirge des Westens geboren; Die Sieben, sie werden groß im Gebirge des Ostens; Sie thronen in den Tiefen der Erde; Sie lassen ihre Stimme erschallen auf der Höhe der Erde; Sie lagern im unermeßlichen Raum im Himmel und auf Erden. Einen guten Namen im Himmel und auf Erden besitzen sie nicht; Sie, die Sieben, erheben sich im Gebirge des Westens; Sie, die Sieben, legen sich im Gebirge des Ostens zur Ruh. -- -- -- Sieben sind es, sieben sind es: Sieben sind es in des Oceans tiefsten Gründen, aus dem verborgenen Schlupfwinkel. Sie sind nicht männlich, sind nicht weiblich, Sie breiten sich aus gleich Fesseln. Sie haben kein Weib, zeugen nicht Kinder; Ehrfurcht und Wohlthun kennen sie nicht. Gebet und Flehen erhören sie nicht. Ungeziefer, das dem Gebirge entsprossen, Feinde des Ea, Sind sie die Werkzeuge des Zornes der Götter. Die Landstraße störend, lassen sie auf dem Wege sich nieder, Die Feinde, die Feinde; Sieben sind sie! Sieben sind sie! Sieben sind sie! Geist des Himmels, daß sie beschworen seien! Geist der Erde, daß sie beschworen seien! -- -- -- Sie sind der Tag der Trauer, der schädlichen Winde! Sie sind der verhängnißvolle Tag, der verheerende Wind, der ihm vorausgeht. Sie sind die Kinder der Rache, die Söhne der Rache; Sie sind die Vorboten der Pest; Sie sind die Werkzeuge des Zorns der Nin-kigal[5]; Sie sind die flammende Wettersäule, welche arg hauset auf Erden; Sie sind die sieben Götter des unermeßlichen Himmels; Sie sind die sieben Götter der unermeßlichen Erde; Sie sind die sieben Götter der feurigen Sphären; Die sieben Götter, sie sind sieben an der Zahl; Sie sind die sieben schädlichen Götter; Sie sind die sieben Schreckgeister; Sie sind die sieben bösen Flammengespenster, Sieben im Himmel, sieben auf der Erde, Der böse Dämon, der böse +alal+, der böse +gigim+, der böse +telal+, der böse Gott, der böse +maskim+. Geist des Himmels, beschwöre sie! Geist der Erde, beschwöre sie! Geist der Nin-gelal, der Herrin der Länder, beschwöre sie! Geist des Nin-dara, Sohn des Feuerhimmels, beschwöre sie! Geist der Sukus, Herrin der Länder, die zur Nachtzeit erglänzt, beschwöre sie!«
Die akkadischen Beschwörungen der Maskim erhalten zuweilen eine noch größere Ausdehnung und nehmen dann stets eine dramatische Form an. Eine Schilderung der von den Dämonen verursachten Verheerungen bildet die Einleitung, wobei vorausgesetzt wird, daß die Klage von dem wohlwollenden +Silik-mulu-khi+, dem Sohne Ea's, der über den Menschen wacht und zwischen ihnen und den obern Göttern als Vermittler dient, erhört worden sei. Aber seine Macht und Weisheit sind nicht derart, daß sie die übermächtigen Geister, deren Einfluß beschworen werden soll, zu überwinden vermögen. Silik-mulu-khi wendet sich daher an seinen Vater Ea, den Herrn der ewigen Geheimnisse, der die theurgischen Handlungen leitet, und dieser offenbart endlich den mysteriösen Ritus, die Zauberformel oder den »allmächtigen geheimnißvollen Namen«, der im Stande ist, alle Anschläge der furchtbarsten Höllenmächte zu vereiteln.
Es wird also in den akkadischen Beschwörungen von einem allmächtigen, geheimnisvollen Namen gesprochen, »mittelst dessen Ea im Innern seines Herzens die Zukunft bewacht und beschirmt«; dieser Name aber, der alle höllischen Mächte zu Boden streckt, wird nicht genannt: er wird in geheimnisvoller Weise vom Vater auf den Sohn übermittelt, ähnlich wie die wahre Aussprache des $YHWH$ bei den Juden von Hohepriester zu Hohepriester. Ea erteilt noch einige Vorschriften zum Behuf der Beschützung und Heilung der von den Maskim Besessenen, worauf endlich mehrere göttliche Wesen, wie die Höllengöttin Nin-kigal und Nin-akka-quddu, deren Eigenschaften weniger bekannt sind, unter Eas Anführung in die Handlung eingreifen und zusammen mit dem Feuergott zur völligen Unterwerfung und Bindung der Maskim schreiten.
Noch ist zu bemerken, daß diese soeben besprochenen Dämonen, deren Thätigkeit vorwiegend eine allgemeine und kosmische ist, nicht selten auch Menschen angreifen, deren Mißgeschick sie herbeiführen. Ihre Einwirkung kann aber auch -- wie die der Teufel des Mittelalters und der Reformationszeit -- infolge der Bezauberung durch Schwarzkünstler, wovon weiter unten, eintreten, und diese gilt daher als Urquelle alles menschlichen Unglücks sowie als Ursache aller tellurischen Katastrophen.
Wir sehen also in dem akkadischen Beschwörungsritual den ganzen Modus der mittelalterlichen Teufelsbeschwörungen vorgebildet, und wie dort die Maskim durch Silik-mulu-khi, den Sohn des Ea, und den »allmächtigen, geheimnißvollen Namen« Eas beschworen werden, so werden hier die sieben Kur- oder Großfürsten der Hölle durch Jesum Christum, Gottes Sohn, und die geheimnisvollen kabbalistischen Namen Gottes citiert und wieder entlassen. Ja, der »allmächtige, geheimnißvolle Name« der Akkader erinnert sogar an die Worte des Goetheschen Fausts, mit welchen dieser den in Pudelsgestalt hinter dem Ofen hockenden Mephistopheles apostrophiert:
»Verworfenes Wesen, Kannst du ihn lesen, Den nie entsprossenen, Unausgesprochenen, Durch alle Himmel gegossenen, Freventlich durchstochenen?«
Die akkadisch-chaldäischen Planetengötter und Maskim wurden im Parsismus zu den Amschaspands und Devs, bei den Juden zu den Erzengeln und Dämonen der Planeten, bei den Neuplatonikern zu den Weltfürsten und den Fürsten der Materie, und bei den mittelalterlichen Magiern endlich zu den Planetenintelligenzen und Großfürsten der Hölle.
Die andern Naturgeister wurden nicht zu den eigentlichen Dämonen gezählt, sondern -- wie der keilschriftliche Ausdruck lautet -- als »an sich selbst böse Geister« angesehen. Namentlich waren dies die Geister heißer und ungesunder Winde, welche in Verbindung mit den klimatischen Verhältnissen Chaldäas die Ausbildung und Verbreitung ansteckender Krankheiten begünstigten. Noch die Magie der nachreformatorischen Zeit läßt die vier Kardinalwinde von den Teufeln Oriens, Paymon, Egyn, Amaymon beseelt sein, und noch Robert Fludd schrieb in seiner +Medicina catholica+ einen stattlichen Folioband, worin er die Entstehung und Heilung aller Krankheiten durch die Geister der Winde detailliert.
Die Thätigkeit der übrigen, unbestimmt klassifizierten akkadischen Dämonen ist auf die Vorgänge des täglichen Lebens gerichtet, und eine Beschwörung sagt hierüber Folgendes:
»Sie sind der Hölle Ausgeburt, Sie tragen den Umsturz nach oben, sie bringen Verwirrung nach unten. Sie sind das Gift in der Galle der Götter, die großen Tage, die vom Himmel sich weg stehlen. Sie fallen als Regen vom Himmel, sie sind die der Erde entsprossenen Kinder. Sie drängen sich rings um hohe Gerüste, um geräumige Gerüste. Sie dringen aus einem Hause in das andere, Sie werden von den Thüren nicht abgehalten, Sie werden von den Riegeln nicht aufgehalten, Sie schleichen zwischen den Thüren hindurch wie Schlangen, Sie verhindern die Schwängerung des Weibes durch den Gatten[6], Sie stehlen die Kinder vom Schooße des Menschen[7], Sie vertreiben den Besitzer vom väterlichen Hause, Sie sind die Stimme, die den Menschen verflucht und verfolgt.«
Diese Dämonen wohnen in Einöden und Wildnissen[8], von wo aus sie in bewohnte Ländereien einfallen, um die Menschen zu schrecken und zu schädigen. Sie werden in den Beschwörungen nach ihren Wohnorten klassifiziert, nach der Wüste, rauhen Berggipfeln, pesthauchenden Sümpfen und dem Meere. Ferner heißt es an einer Stelle, daß der +utuk+ die Wüste bewohne, der +alad+ sich auf den Berggipfeln aufhalte, der +gigim+ die Wüste durchstreife und der +telal+ in den Städten umherschleiche.
Von allen bösen Einwirkungen, welche die Dämonen auf die Menschen ausüben, ist die Besessenheit am meisten gefürchtet, und es giebt zahlreiche Sprüche und Beschwörungen zur Heilung derselben. So heißt es z. B.:
»Den Dämon, der sich des Menschen bemächtigt, den Dämon, der sich des Menschen bemächtigt, Den +gigim+, der das Üble anthut, den bösen Dämon, Geist des Himmels, beschwöre ihn! Geist der Erde, beschwöre ihn!«
Wenn die Dämonen aus den Besessenen vertrieben waren, so suchte man zum Schutz gegen ihre Wiederkehr durch Beschwörung dahin zu wirken, daß nach Ausfahrt des bösen Geistes ein guter in den Leib des Besessenen fahre. In diesem Sinne sagt eine Beschwörung:
»Daß der böse Dämon ausfahren möge! Daß er sich anderswo niederlasse! Daß der holde Dämon, der holde Coloß Einfahren möge in seinen Körper! Geist des Himmels, beschwöre sie! Geist der Erde, beschwöre sie!«
Nach akkadischem Glauben waren alle Krankheiten ein Werk der Dämonen, woraus sich die schon Herodots Aufmerksamkeit erregende Thatsache erklärt, daß es bei den Erben der Akkader, den Babyloniern und Assyriern, keine Ärzte in unserm Sinne gab; die Medizin war bei ihnen nicht wie bei den Griechen eine rationelle Wissenschaft, sondern ein Zweig der Magie, welche wiederum mit der Religion zusammenfiel. Das ärztliche Verfahren bestand in Beschwörungen, Exorcismen und der Anwendung von Zaubertränken, wodurch allerdings nicht ausgeschlossen wird, daß man sich bei Anwendung der letzteren nicht auch einer Anzahl von Stoffen bediente, deren Heilkraft die Erfahrung gelehrt hatte.
Die Auffassung, daß die Krankheiten ein Werk feindlicher Dämonen seien, zieht sich bekanntlich durch die ganze Geschichte, und diesbezügliche Beschwörungen wären wohl kaum zu allen Zeiten geübt worden, wenn sie nicht zuweilen wirksam gewesen wären. Die so von und bei geeigneten Persönlichkeiten erzielten Heilungen bestärkten natürlich den Glauben an die objektive Wahrheit des den Beschwörungen zu Grund liegenden zufällig herrschenden Dogmas, welcher Irrtum zur Zeit der »Aufklärung« Veranlassung gab, das Kind mit dem Bade auszuschütten und mit der falschen Voraussetzung auch den thatsächlich erzielten Erfolg preiszugeben. Die durch Exorcismen erzielten Heilungen sind ganz einfach als +mind-cures+ zu betrachten, in denen eine willenskräftig liebevolle durch die dem jeweiligen Kulturzustand entsprechende Beschwörung gläubig erregte Psyche auf eine andere, schwächere wirkt; und dies mag wohl schon bei den Akkadern der Fall gewesen sein.
Das zweite Buch des Sargonschen Auguralwerks enthält die akkadischen Krankheitsbeschwörungen, welche nach einem Muster geformt sind: Eine Erklärung der Krankheit und ihrer Symptome macht den Anfang und füllt den größten Teil der Beschwörung aus, worauf die Wünsche nach Genesung, oder aber eine an die Krankheit selbst[9] gerichtete kategorische Aufforderung, sich zu entfernen, den Schluß bilden. Manchmal erhält die Beschwörung am Schluß eine dramatische Form, und es entspinnt sich dann stets ein Dialog, in welchem Ea von Silik-mulu-khi angegangen wird, das gewünschte Heilmittel nachzuweisen.
Manchmal sind diese Heilmittel magnetische, wie z. B. magnetisiertes Wasser, Transplantation der Krankheit und magnetisierte Amulette. Ein Beispiel für den Gebrauch magnetisierten Wassers liefert uns eine längere Beschwörung, deren Anfang leider verstümmelt ist. Der Text beginnt mit den Worten:
»Die Krankheit der Stirn ist der Hölle entsprungen, Sie ist dem Wohnsitz des Gebieters der Hölle entsprungen.«
Im Folgenden werden die besonderen Symptome des Leidens charakterisiert; es wird von der »anschwellenden Geschwulst« und »beginnender Eiterung« sowie von der Gewalt des Übels gesprochen, welches »die Wände des Kopfes gleich denen eines morschen Schiffes zersprengt«. Vergeblich hat der Kranke die Wirkung der reinigenden Gebräuche versucht; sie vermochten die der Hölle entstammende Plage nicht zu bemeistern:
»Er hat sich gereinigt und hat den Stier nicht gebändigt, Er hat sich gereinigt und hat den Büffel nicht ins Joch gespannt.«
Trotzdem läßt das Übel nicht ab, den Kranken »gleich Heuschreckenschwärmen« zu zernagen; da schreiten endlich die Götter ein, und von jetzt ab lautet der Text:
»Silik-mulu-khi hat ihm Beistand geliehen. Er ist in seines Vaters Behausung getreten und hat zu ihm gesprochen: Mein Vater! die Krankheit des Hauptes ist der Hölle entstiegen. Ein zweites Mal hat er zu ihm gesprochen: Was er dagegen thun soll, das weiß dieser Mann nicht; wie wird er dieselbe überwinden? Er hat seinem Sohne Silik-mulu-khi erwidert: Mein Sohn! weshalb weißt du das nicht? Warum soll ichs dich erst lehren? Was ich weiß, das weißt du doch auch. Doch komme her, mein Sohn Silik-mulu-khi; . . . . . . . . . .[10] nimm den Eimer; Schöpfe Wasser von der Spiegelfläche des Flusses; Theile diesem Wasser deine hohe Zauberkraft mit; Verleihe ihm durch deinen Zauber den Glanz der Reinheit. Benetze mit ihm den Mann, den Sohn seines Gottes; . . . . . . . . . . umhülle sein Haupt. Daß der Irrsinn vergehe! Daß die Krankheit seines Hauptes sich auflöse wie ein flüchtiger Nachtregen! Daß Eas Vorschrift ihn heile! Daß Davkina[11] ihn heile! Daß Silik-mulu-khi, des Oceans Erstgeborener, das günstige Bild schaffe!«
Nehmen wir, was hier zulässig ist, an, daß bei den Akkadern, wie bei den Ägyptern der heilende Gott in der Praxis durch einen Priester vertreten wird[12], so sehen wir in dem letzten Passus der Beschwörung gleichzeitig eine Vorschrift zur Herstellung magnetisierten Wassers vor uns, welches angewendet wurde, wenn der Exorcismus oder -- besser gesagt -- die geistige Heilkraft, nicht stark genug war.
Daß die alten Akkader auch eine Art mesmerisierter Bäder kannten, ergiebt sich aus dem Inhalt folgenden Zauberspruchs[13]:
»Fülle ein Gefäß mit Wasser; . . . . . . . . . . Stelle einen Zweig von der weißen Ceder hinein; Übertrage demselben den Zauber der von Eridhu[14] kommt. Bekräftige sodann die Bezauberung dieses Wassers; Vervollständige den göttlichen Zauber. Reiche dieses Wasser dem Menschen; Thue, was . . . . . . . . . . sein Haupt. Den hinfälligen Menschen, Sohn seines Gottes, stelle wieder her! . . . . . . . . . . sein Zauberbild. Beschwöre diesen Menschen. Verleihe Heilkraft diesem bezauberten Wasser, auf daß Ihn alle Folgen der Verwünschung verlassen. Gleichzeitig, während dieses Wasser über seinem Körper zerrinnt, Möge die Pest, die seinen Körper behaftet, zerrinnen wie dieses Wasser. Fange dieses Wasser im Gefäße wieder auf Und schütte es aus als Trankopfer auf die Seite der Landstraße, Daß die Landstraße die Krankheit, die seine Kräfte verzehrt, entführe!«
Wie allbekannt, werden noch heute Bäder mesmerisiert, indem man mit einem Stab, dem Konduktor, das in der Wanne befindliche Wasser eine Zeit lang in gleicher Richtung kreisförmig umrührt, eine Manipulation, welche, wie der Augenschein beweist, schon vor Jahrtausenden bekannt war. Nach unserer Vorschrift scheint man das magnetisierte Wasser sowohl zum Trinken als zu einer Art Douche benutzt zu haben. Das Ausgießen des Bades auf die Landstraße ist eine sogenannte »Transplantation der Krankheit in die Elemente«, wie sie noch heute bei den sogenannten magnetischen Kuren vielfach geübt wird, indem man die mit der kranken »Mumie« angefüllten »Magnete« -- um die klassisch gewordenen Ausdrücke der Paracelsisten beizubehalten -- an die Luft oder in den Rauch hängt, vergräbt, verbrennt, ausschüttet usw.
Der Zauberstab oder magnetische Konduktor spielt in den Euphratländern eine große Rolle und heißt akkadisch +gis-zida+, »der günstige, wohlthätig wirkende Stab«, oder +gi-namekirru+, »Rohr des Schicksals« und assyrisch +qan mamiti+, »Rohr des Schicksals« und +qan pasari+, »Rohr der Offenbarung«. Als Schilfrohr ist der Zauberstab Attribut des heilenden Gottes Silik-mulu-khi, und es heißt von ihm[15]:
»Goldenes Schilfrohr, mächtiges Schilfrohr, leuchtendes Schilfrohr der Sümpfe, Heilige Streu der Götter, Kupfernes Schilfrohr, das die Vollendung erhöht, Ich bin der Bote des Silik-mulu-khi, Der Verkünder hehrer Verjüngung.«
Offenbar beziehen sich die dem Schilfrohr oder Zauberstab beigelegten Bezeichnungen auf durch denselben hervorgerufenes Hellsehen oder erzeugte Heilungen resp. wohlthätige allgemeine Wirkungen, und es gewinnt nach obiger Strophe den Anschein, als ob man sich auch metallener Konduktoren bedient habe. Vielleicht unterstützten die Erben der Akkader ihre Seher und Seherinnen durch das »Rohr der Offenbarung«. Die bekannteste dieser antiken Somnambulen wohnte im Turme zu Borsippa, und Herodot äußert sich, das Wesen der Incubation mißverstehend, folgendermaßen über die dort erteilten Orakel:
»Im obersten Thurm ist ein geräumiger Tempel, in demselben befindet sich eine große wohlgebettete Lagerstätte und daneben steht ein goldener Tisch; ein Götterbild ist aber dort nicht aufgerichtet, auch verweilt kein Mensch darin des Nachts außer einem Weibe, eine von den Eingeborenen, welche der Gott sich aus allen erwählt hat, wie die Chaldäer versichern, welche die Priester dieses Gottes sind. Eben dieselben behaupten auch, wovon sie mich jedoch nicht überzeugt haben, daß der Gott selbst in den Tempel komme und auf dem Lager ruhe, gerade wie in dem egyptischen Theben auf dieselbe Weise nach Angabe der Aegypter, denn auch dort schläft im Tempel des thebanischen Zeus ein Weib. Diese beiden pflegen, wie man sagt, mit keinem Manne Umgang; ebenso verhält es sich in dem lycischen Patara mit der Priesterin des Gottes zur Zeit des Orakels, denn es findet dasselbe nicht immer dort statt; wenn es aber stattfindet, so wird sie dann die Nächte hindurch mit dem Gott in den Tempel eingeschlossen.«[16]
Einigen Aufschluß über die Anwendung magnetisierter Stoffe zu Heilzwecken in Verbindung mit magnetisiertem Wasser bei den Akkadern giebt uns folgender Zauberspruch, in welchem Ea die Mittel zur Heilung eines Kopfübels angiebt[17]:
»Nimm das Fell eines weiblichen Camels, das sich nie begattete, Die Zauberin[18] stelle sich zur Rechten, auch treffe sie ihre Vorbereitungen zur Linken (des Kranken); Zertheile (dieses Fell) in zweimal sieben Stücke und theile ihnen den Zauber mit, der da kommt von Eridhu.[19] Umhülle das Haupt des Kranken, Umhülle den Sitz seines Lebens, Umhülle seine Hände und Füße. Lasse ihn sich niedersetzen auf seinem Lager und Benetze ihn mit den bezauberten Wassern; Daß die Krankheit seines Hauptes in den Himmelsraum entführt werde gleich einem reißenden Sturmwind. Daß sie von der Erde entführt werde wie die zeitweise übertretenden Wasser.[20] Daß Eas Vorschrift ihn heile! Daß Davkina ihn heile! Daß Silik-mulu-khi, des Ozeans Erstgeborener, dem Bilde die heilsame Kraft verleihe!«
Soviel über den Mesmerismus bei den Akkadern, dessen Anwendung auf dem heilenden wie auf dem divinatorischen Gebiet die gleiche ist, heute wie tausend Jahre vor dem Beginn der eigentlichen Geschichte.
Oben wurde bereits angedeutet, daß die Akkader die Krankheit als ein persönliches Wesen betrachteten, welches sich des Menschen bemächtige. Dies geschah besonders bei den beiden schwersten Krankheiten, an denen die Chaldäer zu leiden hatten, der Pest und dem Fieber, Namtar und Idpa. Diese zählen zu den gefürchtetsten Dämonen, wie wir aus folgendem Beschwörungsfragment ersehen:
»Gegen den Kopf des Menschen richtet seine Macht der fluchwürdige +idpa+, Gegen das Leben des Menschen der grausame +namtar+, Gegen den Hals des Menschen der schädliche +utuq+, Gegen die Brust des Menschen der verderbenbringende +alal+, Gegen die Eingeweide des Menschen der böse +gigim+, Gegen die Hand des Menschen der schreckliche +telal+.«
Die auf diese schadenstiftenden Dämonen folgende Klasse sind die Schreckgespenster, welche mit den Schatten der Toten im Innern der Erde, in dem dem jüdischen Scheol vergleichbaren »Land ohne Heimkehr« wohnen und aus ihm hervorgehen. Die drei wichtigsten Wesen dieser Klasse sind das larvenartige »Schreckgespenst« oder »Schattenbild« (akkad. +dimme+, assyr. +lamastuv+), das »Gespenst« (akkad. +dimmea+, assyr. +labasu+) und der Vampyr (akkad. +dimmekhab+, assyr. +abharu+), von welchen die ersteren nur die Menschen durch ihre Erscheinung erschrecken, während der Vampyr »den Menschen anfällt«. Der Vampyrglaube ist in Chaldäa sehr verbreitet, und in dem Epos »die Höllenfahrt der Istar« ruft die Göttin dem Hüter der Hölle am Thore folgende Worte zu:
»Hüter, öffne dein Thor; Öffne dein Thor, damit ich eintreten kann! Öffnest du aber das Thor nicht, und kann ich nicht eintreten, Dann stürme ich das Thor und sprenge sein Schloß, Stürme die schließenden Riegel, durchschreite das Thor. Dann werde ich die Todten erwecken, zu verschlingen die Lebenden, Ich werde die dem Tageslicht wieder zugeführten Todten zahlreicher machen denn Alles, was lebt.«
Eine besondere Geisterklasse sind die »Dämonen der nächtlichen Samenergüsse«, das Nachtmännchen, +lillal+, und das Nachtweibchen, +kiel-lillal+, die »bezwingende Beischläferin«, deren Umarmungen sich weder Weiber noch Männer entziehen können. Die +kiel-lillal+ ist die Lilith der Juden, und es heißt von ihr ganz conform der Stelle bei Jesaias[21]:
»Dornen werden in ihren Palästen wachsen, In ihren Festen Nesseln und Disteln; Schakale werden da hausen, Strauße werden da nisten. Dort werden die Thiere der Wüste den Wölfen begegnen, Die Dämonen mit einander verkehren. Dort allein wird Lilith ihre Wohnstatt suchen, ihren Ruheplatz finden.«
Außer dem Nachtweibchen giebt es noch einen weiblichen Kobold (akkad. +kiel-udda-karra+, assyr. +ardat+), von welchem nur bekannt ist, daß er sich gern in der Nähe der Menschen aufhält und besonders die Ställe zum Schauplatz ihres Treibens macht, also ein Hauskobold.
Noch sei erwähnt, daß die Akkader den bösen Blick und das Berufen kannten. Das »böse Wort« und der »böse Mund« werden überall neben dem bösen Blick erwähnt; so heißt es:
»Den, der das gefertigte Ebenbild bezaubert, Das böse Antlitz, den bösen Blick, Den bösen Mund, die böse Zunge, Die böse Lippe, das schädliche Gift, Geist des Himmels, beschwöre sie! Geist der Erde, beschwöre sie!«
Außer den Beschwörungen bedienten sich die Chaldäer und später die Assyrer in ausgedehntester Weise der Talismane (akkad. +sagba+, assyr. +mamituv+). Folgende Beschwörung wurde über einen solchen Talisman gesprochen, um ihm die Macht zu verleihen, die sich in die Häuser einschleichenden Dämonen zu vertreiben:
»Talisman! Talisman! Unwandelbarer Hort! Unüberschreitbare, von den Göttern errichtete, Schranke! Grenzscheide des Himmels und der Erde, die man nimmer hinwegrückt. Einziger Gott, der sich nimmer verändert, Dessen Macht kein Gott, kein Mensch zu bekämpfen vermag, Schlinge, die nimmer gelöst wird, dem bösen Zauber gelegt, Schwert, dem man nimmer entgeht, gegen den schädlichen Zauber gerichtet! Sei's auch ein böser +utuk+, ein böser +alal+, ein böser +gigim+, ein böser +telal+, ein böser Gott, ein böser +maskim+, Ein Schreckgespenst, ein Nachtgeist, ein Vampyr, Ein Nachtmännchen, ein Nachtweibchen, ein weiblicher Kobold, Sei's gar die verheerende Pest, das schmerzhafte Fieber, eine bösartige Krankheit: Wer sein Haupt gegen die Wasser des Ea erhebt, die durch Besprengen verbreitet, Den soll die Falle des Gottes Ea erfassen. Wer sein Haupt gegen die Speicher des Gottes Serakh erhebt, Den soll das Sichelschwert des Gottes Serakh in Stücke zerschneiden, Wer den Grenzstein des Eigenthums überschreitet, Den wird der Grenzstein der Götter, der Grenzstein des Himmels und der Erde nimmer entkommen lassen! -- . . . . . . . . . . Wer Arges im Schilde führt wider das Wohnhaus, Den soll er in den Graben des Hauses versenken! Diejenigen, die aller Orten Verwirrung und Umsturz stiften, Die soll er anderswohin verjagen, in öde, unfruchtbare Orte! Wer am Thore des Hauses auflauert, Den soll er einsperren im Hause, an einem Ort, aus dem keine Wiederkehr möglich ist! Wer sich den Thürflügeln, den Querriegeln anhängt, Den sollen die Thürflügel, die Riegel in unauflösbare Bande einschließen! Wer sich heimlich in die Rinnen und Dachtraufen stiehlt, Wer mit Gewalt den Verschluß fortstößt, der auf die Thür und Angeln gelegt ist, Den soll er wie Wasser hindurchfließen lassen! Den soll er zerschmettern wie einen irdenen Krug! Den soll er zermalmen wie Thonerde. Wer das Zimmerwerk überschreitet, den soll er der Flügel berauben! Den, der seinen Hals zum Fenster hinaussteckt, den soll das Fenster erwürgen!«
Es gab sehr verschiedene Arten von Talismanen bei den Akkadern: so auf Zettel geschriebene Zaubersprüche, welche gleich den Denkzetteln der Juden an die Kleider geheftet getragen wurden. Auch trug man Periapte aus allerlei Stoffen um den Hals als Schutzmittel gegen Unglück aller Art, Krankheiten, dämonische Nachstellungen usw., ebenso in Steine geschnittene Bildnisse von Göttern und Genien, wie dergleichen vielfach in den Museen aufbewahrt werden.
Eine ganze Anzahl talismanischer Götterstatuetten aus gebranntem Lehm fand Botta unter der Thorschwelle des Königspalastes von Khorsabad und ließ sie in das Museum des Louvre schaffen. Es sind dies: Bel mit einer Kopfbedeckung, die mit mehreren Reihen Stierhörnern geschmückt ist; Nergal mit einem Löwenkopf, Nebo mit einem Scepter usw. In einer dazugehörigen Inschrift, welche sich gegenwärtig in Cambridge befindet, sagt Nergalsarussur, ein Nachfolger des babylonischen Königs Nabukudurussur, daß er bei der Wiederherstellung der Thore der heiligen Pyramide von Babylon »acht talismanische Figuren von Bronce, welche durch Todesschrecken Böse und Feinde entfernen«, habe verfertigen lassen, um sie dort aufzustellen.
Aus dem Fragment folgenden Zauberspruches lassen sich recht deutlich die Bestimmung, Macht und Anwendung derartiger Talismane ersehen:
»Zur Erhebung eurer Hände habe ich mich in einen dunkelblauen Schleier gehüllt; Ich habe ein vielfarbiges Kleid angelegt; in eure Hände . . Ich habe die Zauberbinde vervollkommnet, ich habe sie gereinigt. Ich habe mich mit Glanz umhüllt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Stelle zwei an einander gebundene Bilder, untadelhafte Bilder, welche die bösen Dämonen verjagen, Neben den Kopf des Kranken zur Rechten und Linken. Stelle das Bild des Gottes Ungal-Nirra[22], der nicht seines Gleichen hat, an die Umzäunung des Hauses. Stelle das Bild des Gottes, der im Glanze der Tapferkeit strahlt, der nicht seines Gleichen hat[23], Und das Bild des Gottes Narudi, des Gebieters der mächtigen Götter, Auf den Boden unter das Bett. Zur Abhaltung alles nahenden Ungemaches stelle den Gott . . und den Gott Latarak an die Thür. Zur Abhaltung alles Übels stelle als Scheuche an die Thür . . An den Thorweg stelle den streitbaren Helden, der seine Hand dem Feinde entgegenstreckt, Stelle ihn zur Rechten und Linken. Stelle die wachsamen Bilder des Ea und Silik-mulu-khi unter den Thorweg; Stelle sie zur Rechten und Linken . . . . . . . . . . die Zauberkraft Silik-mulu-khis, welche dem Bilde innewohnt, . . . . . . . . . . O, die ihr dem Ocean entsprossen, ihr Glänzenden, Kinder des Ea, Esset, was mundet, trinket, was süß schmeckt! Dank eurem Schutz kein Ungemach eindringe!«
Aus dem Schluß des Zauberspruches ergiebt es sich mit Sicherheit, daß die Akkader für ihre Götter und Genien, gerade wie unsere Altvordern für die Hauskobolde, irgendwo im Hause Speise und Trank aufzustellen pflegten, um sich ihrer Gunst zu versichern. Analog heißt es in einer Sammlung assyrischer Beschwörungen gegen die Einwirkung böser Zauberer:
»Gegen die Dämonen, den Genius, den +rabisu+, den +ekimmu+, Das Gespenst, das Schattenbild, den Vampyr, Das Nachtmännchen, das Nachtweibchen, den weiblichen Kobold Und alles Übel, das den Menschen erfaßt, Veranstaltet Festlichkeiten, opfert und kommt alle zusammen; Daß euer Weihrauch zum Himmel emporsteige! Daß die Sonne das Fleisch eures Opfers verzehre! Daß Eas Sohn, der Held, dessen Zauber . . . . . . euer Leben verlängere!«
Eine andere Art von Talismanen wurde in der Absicht hergestellt, daß man die durch sie dargestellten Dämonen durch die Scheußlichkeit ihrer Ebenbilder zu vertreiben gedachte. So giebt z. B. Ea seinem Sohne Silik-mulu-khi behufs Vertreibung des Pestdämons Namtar folgenden Rat:
»Tritt heran, mein Sohn Silik-mulu-khi, Knete den Schlamm des Oceans Und forme daraus das ihm (Namtar) ähnliche Bild, Lege den Menschen nieder, nachdem du ihn einer Reinigung unterzogen; Lege das Bild auf seinen entblößten Unterleib; Theile ihm den Zauber mit, der von Eridhu kommt. Wende sein Antlitz nach Westen. Daß der böse Namtar, der seinen Körper bewohnt, sich anderswo niederlasse. Amen. Das Bild, das sein Haupt emporgerichtet, ist mit großer Macht ausgestattet.«
Eine derartige Broncestatuette, welche nach einer auf ihrem Rücken befindlichen akkadischen Inschrift den Dämon des Westwindes darstellt, befindet sich im Museum des Louvre. Die aufrechtstehende Figur hat einen Totenkopf mit Augen und Ziegenhörnern, den Rumpf eines Hundes, Löwentatzen, Adlerfüße, einen Skorpionsschweif und ausgespannte Flügel. An einem am Hinterkopf der Figur befindlichen Ring wurde dieselbe am Fenster oder vor der Thür des Hauses aufgehängt, um den schädlichen Einfluß des von der arabischen Wüste nach Babylon herüberstreichenden Westwindes zu vernichten.
Im +British Museum+ befinden sich ähnliche Talismane wie z. B. ein Bild eines Dämons mit einem Widderkopf und übermäßig langem Hals oder mit einem Hyänenkopf, Bärenleib und Löwentatzen usw. usw. Es ist leider nicht möglich, alle Formen dieser Talismane festzustellen und zu deuten, indessen kann nicht der mindeste Zweifel darüber herrschen, daß in späterer Zeit aus ihnen Abraxasgemmen und -ringe sowie die astrologischen Bilder entstanden. Die abenteuerlichen Formen dieser aus menschlichen und tierischen Teilen bestehenden Geschöpfe hängen mit uralten kosmogonischen Mythen zusammen, denn Berosus schildert die Geschöpfe des Chaos ganz analog, wenn er sagt:
»Es gab eine Zeit, wo alles in Finsterniß gehüllt und vom Wasser durchdrungen war, und wo mitten in diesem wirren Chaos die scheußlichsten Thiere und wunderbarsten Geschöpfe urplötzlich entstanden; es gab Menschen mit zwei und vier Flügeln, mit zwei verschiedenen Gesichtern oder Köpfen, von denen der eine oft männlichen, der andere weiblichen Geschlechtes war, ja es gab sogar Menschen, welche gleichzeitig männlichen und weiblichen Geschlechtes waren; es gab Menschen mit Ziegenfüßen und Ziegenhörnern oder solche mit Pferdefüßen; es gab endlich Menschen, welche mit dem Hintertheil eines Pferdes und dem Vordertheil eines Menschen ausgestattet waren, ähnlich den Hippocentauren, Es gab Stiere mit menschlichem Kopfe, Hunde mit vierfachem Körper und Fischschwänzen, Pferde und Menschen mit Hundeköpfen, desgleichen Thiere, welche mit dem Kopf und Körper eines Pferdes und dem Schwanze eines Fisches versehen, auch andere Vierfüßler, welche aus verschiedenen Thieren, wie Fische, Schlangen und andere Reptilien zusammengesetzt, desgleichen zahlreiche Arten von wunderbaren Ungeheuern, welche auf das verschiedenartigste gestaltet waren und deren Abbildungen man auf den Wandgemälden des Baaltempels sehen kann. Ein Weib, Amoroka[24], leitete diese Schöpfung; sie wird im Chaldäischen Thavatth[25] genannt, ein Name, der im Griechischen »das Meer« bedeutet; doch wird sie auch mit dem Monde identificiert.«
Diese Geschöpfe des Chaos sind nach Lenormant[26] entweder wohlthätige Genien oder von den Göttern bekämpfte Dämonen, welche bei der Scheidung der Elemente entstanden, und denen Diodorus Siculus die ganze untere Hälfte des Weltalls als Sitz anweist.[27] Die Ungeheuer, welche Tiamat im Chaos beherrschte, sind indessen auch die Bestandteile jenes Heeres, mit welchem Tiamat -- die Personifizierung der von den Göttern noch ungeordneten Materie -- die geordnete Welt befehdet. Auch ist es Tiamat, welche die ersten Menschen zur Verletzung der göttlichen Gebote verleitet, so daß sie in der chaldäo-babylonischen Schöpfungstradition die gleiche Rolle spielt, wie die Schlange in der biblischen. Die beim Kampfe der Tiamat mitwirkenden chaotischen Geschöpfe werden vollständig mit den Dämonen identifiziert und deshalb von den oberen Göttern bekämpft. Im +British Museum+ befindet sich z. B. ein aus dem Palast von Nimrud herrührendes Basrelief, auf welchem der mit Königskrone und Stierhörnern geschmückte Maruduk, welcher an den Schultern vier Flügel trägt, mit dem Blitzstrahl in der Hand die Tiamat verfolgt, welche als Ungeheuer mit Körper, Kopf und Vorderfüßen eines Löwen und den Flügeln, Kopf und Krallen eines Adlers erscheint.
Die Talismane, welche man zum Schutz in den Häusern verbarg, entfalten nach dem Glauben der Urzeit wie nach dem des späteren Mittelalters nur so lang ihre heilbringende Kraft, als sie an ihrem Platz bleiben, wie sich schon aus folgender von König Assurakhiddin herrührenden Inschrift ergibt:
»Daß der bewachende Stier, der bewachende Genius, Der die Macht meines Königthums schützt, Für alle Zeiten meinen freudestrahlenden und geachteten Namen erhalte, Bis seine Füße von seinem Platz verdrängt werden.«
In anderen Bruchstücken unseres magischen Sammelwerkes wird dem reuevollen Bekenntnis begangener Sünden, der aufrichtigen Buße und reinigenden Gebräuchen schützende Wirkung gegen die Nachstellung böser Dämonen beigelegt. Man sieht also, daß gewisse kirchliche Gebräuche nichts weniger als christlichen Ursprungs sind.
Zu den wichtigsten der schützenden Talismane der Chaldäer wird der Zauberstab bezeichnet, dessen akkadische Bezeichnung +gis-zida+, der günstige, wohlthätige wirkende Stab auch von den Babyloniern und Assyriern, wenn er auch Beinamen führte, doch nicht durch einen andern Namen ersetzt wurde. Der Titel +Nin-gis-zida+, »die Herrin des Zauberstabs«, ist eine Nebenbezeichnung der akkadischen Göttin Nin-kigal und der assyrischen Allat, der »Herrin des Totenreichs«, welche daher auch die Sondergöttin der Magie und Geisterbeschwörung ist; ihr, »der Herrin des Zauberstabs«, ist der Monat Ab geheiligt.
Welche Rolle der magische Stab bei den Hofzauberern Pharaos, in der Odyssee, bei Cicero usw. usw. spielt, ist bekannt.
Die Chaldäer machten einen Unterschied zwischen helfender Magie und schädigender schwarzen Kunst. Die Vorschriften zu ersterer wurden in den heiligen Büchern mitgeteilt und ich habe oben an einigen Stichproben gezeigt, daß dem Verfahren im wesentlichen Heilmesmerismus und Transplantation der Krankheiten zu Grund lag; außerdem spielten noch die Beschwörungen eine große Rolle. Durch die Beschwörung der Schutzgötter, als welche besonders Ea und der Sonnengott betrachtet werden, sollen nicht allein die bösen Dämonen bekämpft, sondern es soll auch die Wirkung des Zaubers vernichtet werden. In diesem Sinne heißt es in einem Hymnus:
»Der du die Lüge zu Schanden machst, den bösen Einfluß vernichtest, Der du Wunder, schreckliche Zeichen, Deutungen, Träum' und Erscheinungen, Der du die bösen Ränke vereitelst, Menschen und Länder vernichtest, Die der Hexerei und bösem Zauber ergeben sind, usw.«
Der Zauberer und Schwarzkünstler wird in den akkadischen Beschwörungen meist »der Bösewicht«, »der boshafte Mensch« bezeichnet, welche Namen dessen magische Thätigkeit aus Furcht nur verschleiert andeuten, gerade wie man im Mittelalter die Hexen »gute Frauen«, »+bonnes dames+« usw. zu nennen pflegte. So wird auch bei den Akkadern im gleichen Sinn die Zauberei »das Wirkende«, »das Gewaltsame«; die magischen Gebräuche »die Handlung«; die Beschwörung »das Wort« und der Zaubertrank »die wirkende Sache« genannt.
Der akkadische »Bösewicht« übt die gleichen Venefizien wie die mittelalterlichen Hexen. Sie bezaubern den Menschen durch den bösen Blick oder böse Worte; durch seine Beschwörungen und Künste zwingt er die Dämonen, daß sie seinen Befehlen gehorchen und Menschen wie ganze Länder mit Krankheit, Besessenheit und Tod überziehen. Durch Zauberei, Verwünschungen und wirkliches den Zaubertränken beigemischtes Gift tötet er die Menschen, während umgekehrt die zur Heilung der Zauberei angewendete Beschwörung den tödlichen Ausgang auf den Schwarzkünstler zurückzuwälzen sucht. So lautet ein hierhergehöriger Passus einer assyrischen Beschwörung, die gegen die bösen Künste einer Hexe gerichtet ist[28]: »Daß sie sterbe und ich am Leben bleiben möge!«
Bei den Akkadern wird wie bei den Thessaliern, den übrigen Völkern des Altertums und den Hexen die Schwarzkunst hauptsächlich von den Frauen betrieben, weshalb sich auch eine große Anzahl assyrischer Beschwörungen gegen das Treiben der Zauberinnen und Hexen richtet. Bei den mesopotamischen Völkern herrschte auch der Glaube, daß die Hexen auf Besenstielen durch die Luft ritten, und das dazu bestimmte »Stück Holz« (+gusur+) heißt »das Reitthier der Hexe« (+rakabu sa kasipti+).
Ein lebhaftes Bild von den Künsten der akkadischen Hexen entwirft uns folgende Beschwörung[29]:
»Der Zauberer hat mich durch Zauber bezaubert, er hat mich durch seinen Zauber bezaubert; Die Zauberin hat mich durch Zauber bezaubert; sie hat mich durch ihren Zauber bezaubert; Der Hexenmeister hat mich durch Hexerei behext; er hat usw.; Die Hexe hat mich durch Hexerei behext; sie hat mich usw.; Die Zauberin hat mich durch Hexerei behext, sie hat mich usw. Derjenige, der Bildnisse anfertigt, entsprechend meiner ganzen Erscheinung, hat meine Erscheinung bezaubert; Er hat den mir bereiteten Zaubertrank ergriffen und meine Kleider verunreinigt. Er hat meine Kleider zerrissen und sein zauberisches Kraut mit dem Staube meiner Füße vermengt[30], Daß der Feuergott, der Held, ihre Zaubereien zu Schanden machen möge!«
Eine andere Beschwörung derselben Tafel spricht von dem Zauberer, »der die Nachtwachen mit Zauberei hinbringt«, »schädliche Worte spricht«, »zauberische Knoten schürzt, die gelöst werden müssen«[31], und schließt mit dem Wunsche, »daß er durch das Machtwort der Götter beschworen werden möge!«
Das Venefizium wurde von den Akkadern wie von den Hexen durch die Beschwörung, die symbolische Handlung und den Zaubertrank ausgeübt, der unter Umständen irgend ein pflanzliches oder mineralisches Gift ist.
Der Bildzauber spielt eine große Rolle und scheint eine der häufigsten Manipulationen der chaldäischen Schwarzkünstler gewesen zu sein, denn in fast allen Beschwörungen wird vor dem »Anfertiger des Ebenbildes« gewarnt. Diese Manipulation scheint sich Jahrtausende hindurch fortgeerbt zu haben, denn der im 14. Jahrhundert lebende arabische Geschichtsschreiber Ibn Chaldûn berichtet als Augenzeuge von den am untern Euphrat lebenden nabatäischen Zauberern[32]:
»Wir haben mit eigenen Augen gesehen, wie einer dieser Schwarzkünstler das Bildniß einer Person herstellte, die er bezaubern wollte. Die Bildnisse bestehen aus Stoffen, deren Qualität sich je nach den Absichten und Plänen des Zauberers richtet, und deren symbolische Bedeutung mit dem Namen und Stand seines Opfers gewissermaßen harmonirt. Nachdem der Zauberer das Bildniß, welches die zu bezaubernde Person thatsächlich oder sinnbildlich darstellt, vor sich aufgestellt und einige Worte darüber gesprochen, speit er einen Theil des im Munde gesammelten Speichels gegen dasselbe, während er gleichzeitig die Organe bewegt, mittelst deren die Buchstaben der verhängnißvollen Formel ausgesprochen werden. Endlich spannt er über diesem symbolischen Bildniß eine bereit gehaltene Leine, in welche er einen Knoten macht[33], womit er andeuten will, daß er mit Entschlossenheit und Beharrlichkeit handelt und mit dem Dämon, der im Augenblick des Ausspeiens seine Handlung unterstützte, einen Bund schließt, und beweist, daß er die feste Absicht hegt, den Zauber unlösbar zu machen. Ein böser Geist, der, im Speichel verborgen, dem Munde des Zauberers entfährt, nimmt an diesen unheilvollen Handlungen und Worten Theil, während allmählich noch andere böse Geister hinzutreten, sodaß der Zauberer vollkommen im Stande ist, seinem Opfer das Böse anzuthun, was er ihm angewünscht hat.«
Des magischen Knüpfens der Knoten bedienten sich übrigens auch die helfenden Magier, und eine akkadische Formel sagt u. a.: »Silik-mulu-khi, Eridhus Sohn, durchschneide den Knoten mit deinen reinen, heiligen Händen!« Es scheint jedoch hier die Lösung eines in schädigender Absicht geknüpften magischen Knotens von Seiten eines helfenden Zauberers gemeint zu sein, wie wir ähnlichen Manipulationen beim Nestelknüpfen und andern magischen Künsten des Mittelalters begegnen.
Das mächtigste Zaubermittel des akkadischen Bösewichts war die Verwünschung, welche nicht allein die Dämonen entfesselte, sondern auch die Götter beeinflußte, insofern sie deren Handlungen und Worte mit schädlichen Eigenschaften ausstattete. Nach chaldäischer Anschauung machten sich die Schwarzkünstler durch ihre Verwünschungen die über die einzelnen Menschen wachenden Götter unterthan und verwandelten ihre wohlthätige Macht in eine feindliche. Dieser Gedanke liegt folgender Beschwörung zu Grund[34]:
»Die schändliche Verwünschung, sie wirkt auf den Menschen wie ein böser Dämon; Der Spruch der Verwünschung schwebt über ihm; Der Spruch des Verderbens schwebt über ihm; Die schändlichste Verwünschung, sie ist der Zauber, der den Irrsinn hervorrief. Die schändliche Verwünschung, sie erwürgt diesen Menschen wie ein Lamm. Sein Gott hat sich aus dem Innern seines Körpers entfernt; Seine Göttin, aufgebracht, hat sich anderswo niedergelassen, Die dröhnende Stimme umhüllt ihn wie ein Schleier, sie schmettert ihn zu Boden durch die Kraft ihres Schalles.«
Hierauf kommt Silik-mulu-khi dem Verwünschten zu Hilfe und befragt Ea um Rat, welcher antwortet:
»Reich' ihm die Hand von der Höhe der glänzenden Wohnsitze herab; Zerstöre das böse Geschick, befreie ihn vom bösen Geschick, Welches Übel auch in seinem Innern wühlen mag, Sei es eine Verwünschung seines Vaters, Eine Verwünschung seiner Mutter, Eine Verwünschung seines älteren Bruders, Oder gar der Fluch eines Unbekannten. Das böse Geschick, möge es auf den Zauberspruch, den Ea verkündet, Gleich einer Zwiebel sich abschälen, Gleich einer Dattel zerstückelt, Gleich einem Knoten gelöst werden! Das böse Geschick! Geist des Himmels, beschwöre es! Geist der Erde, beschwöre es!«
Die Fortsetzung des Zauberspruches zerfällt in eine Anzahl von Strophen, welche zu symbolischen Handlungen gesprochen wurden, die sich aus den Anfängen derselben ergeben. So heißt es:
»I. Gleichwie diese Zwiebel ihrer Schale beraubt ist, so wird es auch dem bösen Zauber ergehen! Das lodernde Feuer wird sie verzehren! II. Gleichwie diese Dattel in Stücke zerschnitten ist, so wird es auch dem bösen Zauber ergehen! Das lodernde Feuer wird sie verzehren! III. Gleichwie dieser Knoten gelöst ist, so wird es auch dem bösen Zauber ergehen! usw. IV. Gleichwie diese Wolle zerfetzt ist, so usw. V. Gleichwie dieses Fähnlein zerrissen ist, so usw. VI. Gleichwie dieses gewalkte Tuch zerfetzt ist, so wird es auch dem bösen Zauber ergehen! Das Feuer wird es verzehren! Der Walker wird es nimmermehr färben und zu einem Kleidungsstück verwenden, Es wird nimmermehr zum Gewand eines Königs, eines Gottes erwählt werden! Der Mensch, der den bösen Zauber verhängt hat, desgleichen sein Weib, Die gewaltsame Einwirkung, das Zeigen mit den Fingern, die bezaubernde Schrift, die Verwünschung und sündige Rede, Das Übel, welches meinen Unterleib, mein Fleisch, meine Wunden behaftet, Möge dies Alles zerfetzt werden wie dieses gewalkte Tuch! Möge es noch an diesem Tage vom lodernden Feuer verzehrt werden! Möge sich das böse Verhängniß verziehen, möge es wieder hell um mich werden!«
Soviel von der schwarzen Magie der Akkader.
Wie bereits oben gesagt, ging der akkadische Kultus der Naturgeister in die Staatsreligion der Chaldäer über, in welcher er eine untergeordnete Stellung einnahm, während die Naturgeister selbst zu niedrigen, kaum über den Menschen stehenden Emanationen wurden. Die akkadischen Zauberpriester, die wir uns wohl als eine Art Medizinmänner oder Schamanen zu denken haben, fanden Aufnahme in die Priesterkaste der Chaldäer, ähnlich wie in Indien Priesterfamilien der braunen, den Ariern vorausgehenden Rasse unter die Brahminen aufgenommen wurden. Aber diese Zauberpriester bildeten nach ihrer Aufnahme besondere, den andern Priestern im Rang nachstehende Körperschaften, die +Khartumim+, +hakamim+ und +asaphim+ des Buches Daniel.
Die Sammlung ihrer überlieferten Beschwörungen, welche wohl um diese Zeit abgeschlossen wurde, fand Aufnahme unter die heiligen Bücher der Chaldäer und erhielt einen kanonischen Charakter. Sie war das Hauptlehrbuch dieser der Magie ergebenen Priesterkollegien, ähnlich wie man in Indien das Atharva-Veda, welches in vielen Stücken mit dem ursprünglichen reinen Glauben der Arier wie auch mit der orthodoxen brahminischen Lehre in Widerspruch stand, unter die heiligen Bücher aufnahm, insofern es als den Priesterfamilien Goptris oder Angiras angehörend betrachtet wurde.
Die akkadische Magie beruht auf dem Glauben an unzählige persönliche Geister, welche überall in der Natur verbreitet und bald mit den von ihnen beseelten Naturkörpern eins sind, bald eine von diesen abgesonderte Existenz besitzen. Diese naive Anschauung des Übersinnlichen ist dem Fetischismus nahe verwandt, mit welchem sie das blinde Vertrauen zu den an die Stelle der Fetische tretenden Talismanen gemein hat. Die genannten Geister rufen alle Naturerscheinungen hervor; sie beleben und beherrschen alle Geschöpfe, verursachen das Gute und Böse, leiten die Himmelskörper in ihren Bahnen, führen den Wechsel der Jahreszeiten herbei, bewirken das Wehen der Winde, erzeugen den Regen sowie alle guten und schadenstiftenden atmosphärischen Erscheinungen; sie machen den Boden fruchtbar, lassen die Pflanzen keimen und reifen; sie sind die Erzeuger und Erhalter der Lebenskraft und die Bringer von Krankheit und Tod. Diese Geister wohnen überall: im Sternenhimmel, in der Atmosphäre, auf der Erde, in der Luft, im Feuer und Wasser. Jeder Himmelskörper wird von Geistern bewohnt. Man verleiht diesen Geistern sichtbare, bestimmte Persönlichkeiten.
Wie überall in der Natur Böses und Gutes, Licht und Nacht, Leben und Tod, Gesundheit und Krankheit einander gegenüberstehen, so findet sich -- ähnlich wie bei Zoroaster -- auch bei den akkadischen Zauberpriestern ein ausgesprochener Dualismus in ihren Vorstellungen von der Geisterwelt, von welcher sie weniger Gutes erhoffen, als Böses fürchten. Gewaltige Gruppen böser und guter Geister stehen einander gegenüber und bekämpfen sich unaufhörlich in allen Teilen des Weltalls. Die abwechselnden Siege und Niederlagen der guten Geister verursachen den Wechsel zwischen guten und bösen, glücklichen oder unglücklichen Ereignissen und lassen auf den regelmäßigen Verlauf der Dinge plötzliche Katastrophen folgen. Mit jedem Stern, jedem Element, jedem Wesen und Ding sind gute wie böse Geister verbunden, leben und weben in ihm, weshalb denn auch überall Zwietracht herrscht und nichts vom Kampfe zwischen dem Guten und Bösen verschont bleibt. Dieser Kampf wird -- dem niederen kulturellen Standpunkt der Akkader entsprechend -- in überwiegender Weise als ein physischer aufgefaßt, und die ethische Seite desselben tritt selbst in den religiösen Hymnen völlig zurück. In einer an gewisse Stellen des alten Testaments erinnernden Weise erscheinen in den magischen Texten der Akkader Verstöße gegen den Ritus als die schwersten Vergehen, welche durch äußere Gebräuche gesühnt werden müssen. Eines der größten Verbrechen ist die unterlassene Anrufung der guten Geister und der mit den bösen eingegangene Bund. Wir haben also hier das Urbild des Paktes mit dem Teufel.
Auf dieser dualistischen Grundlage beruht auch die fromme und erlaubte akkadische Magie, welche als Theurgie, als ein durch heilige Gebräuche zwischen den Menschen und der Welt der guten Geister vermittelter Verkehr zu betrachten ist.
Der Mensch ist selbst in den beständigen Streit zwischen den guten und bösen Geistern verwickelt, ohne ihm entrinnen zu können. Alles ihm widerfahrende Gute rührt von den guten, alles Böse von den bösen Geistern her. Deshalb bedarf er des Beistandes der guten gegen die bösen Geister und die von diesen hervorgerufenen Krankheiten und Plagen. Denselben gewähren ihm die allmächtigen, geheimnisvollen Worte der Beschwörungen der Zauberpriester, ihre Bannungen und Talismane. Allein durch diese werden die bösen Dämonen vertrieben und die guten herbeigerufen. Ja man hat einen so hohen Begriff von der Allgewalt dieser Beschwörungsworte und Gebräuche usw., daß man annimmt, sie erhöhten die Kraft der guten Geister im Kampfe gegen die bösen, daß sie dieselben unüberwindlich machten und ihnen den Sieg verliehen. Darum beschirmen die Zauberpriester nicht nur die Menschen, sondern verhindern auch schädigende Naturereignisse und greifen entscheidend in den Kampf der guten und bösen Geister ein.
Die guten Geister wurden in Klassen geteilt, welche mit denen der Dämonen parallel liefen; jedoch sind die keilschriftlichen Angaben über die Einteilung und Rangordnung der guten Geister noch ungenauer als die über die Klassifizierung der bösen erhalten gebliebenen. Nur soviel ist ersichtlich, daß die Geisterrassen der +alad+, +lamma+ und +utuk+ sowohl unter den guten, als unter den bösen Geistern vorkamen, insofern in den Beschwörungen sehr häufig »der gute +alad+«, »der gute +lamma+« und »der gute +utuk+« den bösen entgegengestellt werden. Auch ist von Elementargeistern (+zi+) im engeren Sinn, Schutzgeistern und körperlich gestalteten Engeln die Rede, unter denen namentlich die auf Erden wohnenden +anunna+ und die unter dem Himmel schwebenden +igigi+ oder +igaga+ unterschieden werden.
Auf der Spitze dieser Geisterleiter stehen eine Anzahl Götter, -- +ana+, +dingi+ oder +dimmer+ --, welche sich jedoch nicht erheblich von den Geistern (+zi+) unterscheiden und nur dadurch auszeichnen, daß man ihnen eine größere Macht oder einen größeren Wirkungskreis beilegt. Soweit sich das Intellektualsystem der Akkader übersehen läßt, ist ein Gott von einem Naturgeist nur dadurch unterschieden, daß er an weniger enge räumliche Grenzen gebunden ist und einen größeren Teil des Universum, eine größere Menge von Naturvorgängen und eine besondere Gruppe von Menschen und Dingen, von welchen übrigens eine jede Individualität durch einen besondern Geist beherrscht wird, regiert.
Diese Götterklasse erscheint äußerst zahlreich. Viele werden in den Beschwörungen gegen die Dämonen und Krankheiten sowie in den magischen Hymnen genannt; viele werden aber auch nur an einer einzelnen Stelle und unter Umständen erwähnt, daß man daraus nichts Bestimmtes über ihre Persönlichkeiten, Ämter usw. entnehmen kann.
Um die akkadische Geisterlehre völlig verstehen zu können, müssen wir uns mit den Begriffen bekannt machen, welche sie von Himmel und Erde hatten:
Die Akkader dachten sich die von den Menschen bewohnte Erde (+kî+) als eine umgestürzte Barke in Gestalt einer halben Kugel, deren innere, nach unten geöffnete Höhlung der Abgrund, die Unterwelt (+ge+) ist, in welcher die Toten wohnen (+kur-nu-ga+, +kîgal+, +arali+), und in welcher auch die Sonne ihre Wanderung während der Nachtzeit vollbringt. Über der Erde dehnt sich der Himmel (+ana+) wie eine Decke aus. Derselbe dreht sich mit den Fixsternen (+mul+) um »den Berg des Ostens« (+charsak kurraj+), nämlich um eine Himmel und Erde verbindende, dem Himmel als Axe dienende Säule. Dieser Berg ist nordöstlich von Akkad gelegen, welches -- unter dem Zenith (+nuzku+) befindlich -- der Mittelpunkt der bewohnten Erde ist. Weiter nordöstlich vom »Berge des Ostens« befindet sich das Land der Aralli, »der goldreiche Wohnsitz der Götter und seligen Geister«.
In späterer Zeit nahmen die chaldäischen Astrologen einen sphärischen Himmel an, welcher die Erde nach allen Seiten hin umschloß; jedoch lassen gewisse charakteristische Ausdrücke die Vermutung zu, daß man in der Zeit, in welcher der größte Teil der magischen Urkunden abgefaßt wurde, sich den Himmel als Halbkugel dachte, deren unterer Rand als »Fundamente des Himmels« (+uru ana+) auf den äußersten Enden der Erde jenseits des »großen Wasserbeckens« (+abzu+) ruhten, welches das Festland gerade wie der Okeanos des Homer umgab. Die Planeten, welche, wie ihr akkadischer Name +lubad+ -- Leithammel -- anzeigt, als lebende Wesen betrachtet wurden, bewegen sich in einer niedern Sphäre (+ul-gana+), die sich unterhalb des Fixsternhimmels (+e-sara+) befindet. Jedoch findet sich in diesen Texten noch keine Spur einer Annahme konzentrischer Planetenbahnen. Der Fixsternhimmel trägt den Ocean der himmlischen Gewässer (+ziku+), welche noch in der mittelalterlichen Magie spuken; derselbe wird auch wie der irdische Ocean als ein alles umschlingender Fluß gedacht.
Das Universum besteht aus drei Regionen, dem Himmel, der Erde und Luft sowie endlich dem Abgrund. Über diese drei Regionen gebieten die drei mächtigsten Götter: Ana, Ea und Mul-ge oder Elim, entsprechend den chaldäischen Anu, Ea und Bel. Der akkadische Ana ist jedoch nicht nur der Himmel selbst, sondern auch der Gott desselben und der oberste Herr der Naturgeister.
Ea ist »der gewaltige Fisch des Oceans« (+gal-chana-abzu+), den er bewohnt, der Oannes (+ea-chan+) des Berosus. Derselbe nennt Ea den Beschützer und Retter des Xisuthros (+khasisatra+), des chaldäischen Noah und sagt, nachdem er erzählt hat, wie das Schiff des Gerechten auf einem hohen Berge stehen geblieben war: »Ein Theil dieses gestrandeten Schiffes ist noch vorhanden in den korydäischen Bergen in Armenien, und Wallfahrer holen von da Asphalt, den sie vom Wrack abkratzen, um es als Mittel gegen Bezauberung zu gebrauchen.« Ähnlich sagt der Auszug des Abydenus: »Aus dem Holze des Schiffes machen die Bewohner des Landes Amulette, welche sie zum Schutz gegen Bezauberung um den Hals hängen.«
Über die Vorstellungen, welche die Akkader von der Gestalt der Erde hatten, wurde bereits das Nötige gesagt; es bleibt nur noch übrig, die Anschauungen derselben von der Unterwelt, dem »Abgrund« und »Land ohne Heimkehr« zu entwickeln. In der Höllenfahrt der Istar wird dasselbe ähnlich dem hebräischen Scheol folgendermaßen geschildert:
»Die Tochter des Sin (Istar) hat ihren Geist gerichtet Auf die Stätten der Auflösung, den Sitz des Gottes Irkalla, Auf die Stätte, in die man eintritt, ohne wiederzukommen[35], Auf den Pfad, den man wandelt, ohne wiederzukehren, Auf die Stätte, wo Allen, die da eintreten, das Licht durch Blindheit ersetzt wird, Wo die Menge nur Staub für ihren Hunger, nur Schlamm zu ihrer Nahrung hat, Wo man das Licht nicht erblickt und im Finstern wohnt, Wo die Schatten gleich Vögeln gekleidet sind in ein Gewand von Flügeln, Wo auf der Thür und den Thürflügeln der Staub sich anhäuft.«
In Istars Höllenfahrt wird eine »Quelle des Lebenswassers« erwähnt, welche sich im Hintergrund des Landes ohne Heimkehr befindet und von den unterirdischen Mächten eifersüchtig vor der Annäherung der Schatten (+utuk+) der Verstorbenen bewacht wird. Nur ein Befehl der himmlischen Götter kann sie veranlassen, eine Annäherung zu gestatten; wer aber »das Wasser des Lebens« getrunken, kehrt lebend an das Tageslicht zurück. -- Eine ähnliche Vorstellung hat wohl schon zur Zeit der Abfassung der magischen Texte existiert, weil ein Hymnus auch dem Silik-mulu-khi, dem Mittler zwischen Gott und Mensch, die Macht zuschreibt, »die Todten ins Leben zurückzuführen«. -- Auch Diogenes Laërtius berichtet ausdrücklich, daß die Chaldäer an eine Auferstehung glaubten, nach welcher die Menschen unsterblich sein sollten.
In dem genannten chaldäischen Epos wird das Land ohne Heimkehr nach dem Vorbilde der Planetensphären in sieben konzentrische Kreise geteilt, zu welchen »sieben Thore und Verschlüsse der Welt« führen, die man sich vermutlich rings um den Saum der Erde verteilt dachte. Der Haupteingang in die Unterwelt, welchen der Gott Negab (Thürhüter), »der große Thürhüter der Welt« bewachte, lag im Westen in der Nähe des »großen Berges«, welcher dem »Berge des Ostens«, der »Wiege des Menschengeschlechts« und dem »Versammlungsort der Götter« gegenüberliegt.
Während die Pelasger die Götter der Unterwelt als die Erzeuger der Fruchtbarkeit verehrten, verehrten die Akkader die Sonne der Unterwelt[36] als den Gott der glänzenden Steine und Metalle, aus welchen die Talismane gefertigt wurden. Die magischen Bücher kennen einen Gott des Goldes, des Silbers und Kupfers, einen »Gott und Herrn des Ostens in seinem Berg von Edelsteinen« und einen »Gott der Ceder«, welcher namentlich bösen Zauber abwendete.
In einem Hymnus an Nin-dara werden öfter kostbare Steine erwähnt, deren talismanische Kräfte ihr Besitzer Nin-dara gegen das feindliche Land richtet, woraus sich wohl die Thatsache erklären läßt, daß das Altertum den Ursprung des talismanischen Zaubers nach Chaldäa verlegt. Das Buch, welches nach Angabe des Plinius der Babylonier Zacharias über Talismane verfaßte und dem König Mithridates widmete, gehörte wahrscheinlich zu den Produkten der griechisch-babylonischen Litteratur, welche zu den alten akkadischen Zauberbüchern in einem ähnlichen Verhältnis standen wie die hermetischen Bücher zu den Schriften der alten Ägypter.
Die der Hölle entsprossenen Dämonen hegen wie die Schwarzkünstler eine große Vorliebe für die Finsternis und schleichen unter dem Schutz der Finsternis als Plagegeister umher, welche die Menschen überall belästigen und heimsuchen. Die Finsternis galt deshalb als sichtbare Offenbarung des bösen Prinzips ebenso wie das Licht als Offenbarung des guten. Utu, die Tagessonne, verscheucht die Dämonen und Zauberer:
»Du machst die Lüge schwinden, du vernichtest den bösen Einfluß Der Wunder, Vorbedeutungen, Zaubereien, Träume und schädlichen Erscheinungen.«
Ein anderer Gegner der Dämonen und Zauberer ist Ini oder Mermer, der Gott der Winde und fruchtbaren Regen, welcher später in den chaldäischen Bin oder Ramann, den Gott aller atmosphärischen Erscheinungen umgewandelt wurde.
Auch der Feuergott Bil-gi ist ein mächtiger Widersacher der Zaubereien und Bekämpfer der bösen Dämonen, als welchen ihn folgendes Fragment preist:
»Der du die bösen Maskim verjagst, Der du gedeihen läßt die Wohlfahrt des Lebens, Der du des Bösen Brust in Schrecken bannst, Hüter des Orakels des Mul-Gelal. Feuer, Vernichter des Feindes, Schreckliche Waffe, welche die Pest vertreibt, Welche befruchtet und leuchten läßt, Welche unter den sieben Göttern die Bösen vernichtet.«
Ini, der altakkadische Feuergott, nahm bei den Babyloniern einen solaren Charakter an und wird als Izdhubar der Held eines der bedeutendsten chaldäischen Epen, in welchem auch die Sintflutmythe eine besondere Episode bildet. Er wird wie Bil-gi der Herr der Talismane genannt, und seine hauptsächlichsten Prädikate sind: +puvalu+, Riese, und +puvalu-emuki+, Riese an Macht. Sein Abzeichen ist das Schilfrohr, welchem wir als Zauberstab schon oben begegneten, und das später an Silik-mulu-khi übergeht.
Silik-mulu-khi, der Verkünder des Willens und der Ratschläge Eas, der Mittler zwischen ihm und der Menschheit, ist eng mit dem Erzengel Çraoscha, »dem Heiligen und Gerechten« des Zoroastrismus verwandt, ebenso mit Mithra, wie man denselben am Ende der Periode der Achämeniden unter dem Einfluß des medischen Magismus zur Zeit der Zersetzung der alten mazdeischen Lehre auffaßte.
Eine andere Analogie zwischen der Magie der Akkader und der spätern mazdeischen Religion findet sich in der Lehre von den Feruern, welche im Zoroastrismus die reinen Formen der Dinge, himmlische Urbilder der irdischen Wesen sind. Jeder Engel, jeder Mensch, jeder Stern, ja jedes Tier und jede Pflanze hat seinen eigenen Feruer, seinen unsichtbaren Schutzgeist, welcher beständig über ihm wacht, und den der Mensch durch Gebet und Opfer um Gnade anfleht. Diese Feruer sind offenbar die den Einzelwesen vorstehenden Geister der Akkader, welche in den spätern Parsismus Aufnahme fanden und hier ihren Platz auf den untern Stufen der Hierarchie des guten Prinzips fanden.
Wie im Zendavesta jeder Mensch seinen Feruer besitzt, so ist bei den Akkadern einem jeden von Geburt an ein besonderer Gott zugeeignet, welcher ihn beschützt, in ihm lebt und sein geistiges Urbild ist.[37] Nach einer Vorstellung entspricht jedem Menschen sogar »ein Gott und dessen Göttin, reine Geister über ihm«. Daher heißt es auch so häufig anstatt z. B. der fromme Mensch, der fromme König: »der Mensch, Sohn seines Gottes«, »der König, Sohn seines Gottes«. Daher ruft auch z. B. in einer Beschwörung der Priester dem Feuergott zu: »Mit dir sei in Frieden das Herz meines Gottes und meiner Göttin, der reinen Geister!« und deshalb heißt es: »Er werde zurückversetzt in die gnädigen Hände seines Gottes!«
Diese Schutzgötter sind übrigens keineswegs vollkommene Wesen, sondern teilen die menschliche Natur ihrer Schutzbefohlenen mit ihren Unvollkommenheiten und Schwächen. Sie können samt den mit ihnen verbundenen Menschen von den Dämonen und Zauberern bezwungen und dienstbar gemacht und sogar dahin gebracht werden, alles Böse im Menschen zu bewirken und zu veranlassen, was Dämonen und Zauberer befehlen. Wenn z. B. der Pestdämon Namtar einen Menschen ergriffen hat, so befinden sich der Gott und die Göttin des Menschen ebensogut in der Gewalt des Geistes der Krankheit als dessen Körper. Es läßt sich mithin sagen, daß der besondere Gott und die besondere Göttin eines Menschen einen Teil seiner Seele bilden, was auch von den zoroastrischen Feruern gilt, nur daß die Auffassung der letzteren eine dem »transcendentalen Subjekt« entsprechende höhere war und sich von der Stofflichkeit und Unvollkommenheit des irdischen Menschen besser abgelöst hatte.
Zweites Kapitel.
Das Divinationswesen der Chaldäer.
Das chaldäische Divinationswesen gehört der sechzehn Jahrhunderte umfassenden Periode an, welche von Sargon I., König von Agane, bis zu Alexander dem Großen reicht.
Aus den im vorigen Kapitel angegebenen Elementen hatte sich die chaldäische Staatsreligion herausgebildet und war in den in Babylonien, Assyrien und Chaldäa gleich einflußreichen Priesterschulen nach einem einheitlichen philosophischen System geregelt worden. Ihre ein zusammenhängendes Ganze bildenden Lehren waren in den heiligen Büchern codifiziert und wurden in den Tempeln und Priesterschulen, deren einflußreichste sich zu Erech befand, gelehrt.
Wie schon gesagt, nahm die akkadische Magie in dieser Staatsreligion nur eine niedere Stufe ein, denn die den forschenden Geist der Priester der neuen Religion belebenden Ideen waren ganz anderer Natur. Die Basis derselben war die Astrologie, welche die im Altertum sprichwörtlich gewordene Hauptbeschäftigung der Chaldäer bildete. Die Bezeichnung Chaldäer hat hier jedoch keine ethnische Bedeutung, sondern wird im Sinne der Bibel wie der Griechen für die Angehörigen jener großen Priesterkaste gebraucht, welche sich nach der eingangs erwähnten großen Reformation um das Jahr 2000 v. Chr. über Babylonien wie Chaldäa verbreitete und ihren allgewaltigen Einfluß auch auf die assyrische Kultur ausübte.
Philo sagt: »Die Chaldäer scheinen die Sternkunde und Wahrsagerei vor allen andern Völkern gepflegt und befördert zu haben. Sie brachten die irdischen Dinge mit den himmlischen, mit andern Worten den Himmel mit der Erde in Verbindung und suchten dann aus den wechselseitigen Beziehungen dieser nur räumlich, nicht wesentlich geschiedenen Theile des Weltalls auch den harmonischen Einklang derselben nachzuweisen. Sie stellten die Vermuthung auf, daß die sinnliche Welt an sich oder doch wenigstens durch die sie belebende Kraft Gott sei, und riefen, indem sie diese Kraft unter dem Namen Verhängniß oder Nothwendigkeit vergöttlichten, den reinen Atheismus hervor, denn sie erweckten den Glauben, daß alle Naturerscheinungen nur eine sichtbare Ursache hätten, und daß von der Sonne, dem Mond und dem Laufe der Gestirne das Glück oder Unglück eines jeden Menschen abhänge.«
Der Kern der chaldäischen Lehren, ihre Licht- und Schattenseiten können wohl kaum treffender charakterisiert werden; nur ist das, was Philo über den Atheismus und Materialismus der Chaldäer sagt, eben so wenig wörtlich zu nehmen als eine ähnliche Stelle des Diodorus Siculus[38]:
»Die Chaldäer behaupten, daß die Welt ihrem Wesen nach ewig sei, daß sie keinen Anfang gehabt habe und kein Ende haben werde. Die Schönheit und die Ordnung des Weltalls schreiben sie einer göttlichen Vorsehung zu und behaupten dennoch, daß auf Erden keine Erscheinung, kein Vorkommniß zufällig oder spontan, sondern schon im Voraus von den Göttern bestimmt sei.«
Die von Diodorus gemeinte Vorsehung ist nicht die schaffende, sondern die ordnende Urkraft, welche einerseits mit der Ewigkeit der Welt verbunden ist, andererseits aber nach einem höheren Willen den Lauf der Gestirne in den bestimmten Bahnen regelt. Dieses Gesetz aber ist nichts anderes als das Verhängnis oder die Notwendigkeit des Philo, das Gesetz und die Harmonie, welche Sanchuniathon personifiziert[39], die Thuro-Chusartis der phönizischen Theologie, das Sinnbild der Einheit der unwandelbaren Ordnung und wunderbaren Harmonie des Weltalls. Die Bezeichnung Atheismus ist insofern unzutreffend, als die Chaldäer ein göttliches Urwesen oder eine allgemeine Weltseele, aus welcher alle niederen Gottheiten emanierten, annahmen. Nur leiten sie dieses göttliche Urwesen von der Materie ab, welche sie sich niemals völlig von ihm getrennt dachten. Deshalb war auch ihr Gott weder ein Wesen an sich, noch rein geistiger Natur, noch auch unumschränkt. Er war als Ordner und Leiter der Welt doch durch das unbeugsame Gesetz der Notwendigkeit gebunden, nach dessen Bestimmungen er durch seine oberste Emanation die Schöpfung der Welt hatte vollbringen lassen.
Die Neigung zur Astrologie erwuchs den Chaldäern aus ihren eigentümlichen, den nördlichen Semitenvölkern entlehnten religiösen Anschauungen. Indem sie den Himmel, die Harmonie seiner Bewegung und die Einwirkung der Sonne auf alle Lebewesen beobachteten, waren sie in durchaus naheliegender Weise dahin gekommen, alle Naturerscheinungen mit den Sternen, namentlich mit den Planeten, in Verbindung zu bringen; sie führten den Gestirndienst ein. Die Chaldäer verehrten die Gestirne nicht nur als die glänzendste Offenbarung der göttlichen Macht, sondern verehrten sie als Gottheiten. Auch führten sie zuerst systematische astronomische Beobachtungen ein, wie sie zur Einteilung der Zeit und Innehaltung ihrer religiösen Feste unbedingt notwendig waren.
Diese Beobachtungen nahmen sie auf ihren Pyramiden vor, welche in Stockwerke geteilt und wie die ägyptischen mit den Seiten nach den Himmelsgegenden orientiert waren. Die Zahl der Stockwerke schwankt zwischen drei zu Ur und sieben zu Borsippa am großen Turm, den Nabukudurussur wieder herstellen ließ. Die drei Stockwerke zu Ur entsprechen der Trias der Götter der Sonne, des Mondes und der Luft, Samas, Sin und Bin. Fünf Stockwerke, welche ebenfalls vorkommen, entsprechen den Planeten, und sieben den Planeten samt den Lichtern. Alle Pyramiden von sieben Stockwerken sind mit den Farben der Planeten übertüncht.[40] Sie waren sowohl die Stätten des Gestirnkultus als auch wirkliche Observatorien, wie Diodorus Siculus von der großen Pyramide zu Babylon ausdrücklich sagt. Man glaubte sich durch sie den Göttern stufenweise zu nähern, und auch auf einem Basrelief von Denderah ist die in den Geheimlehren des Altertums eine so große Rolle spielende Leiter in dieser Gestalt abgebildet, und auch Celsus bedient sich bei der Beschreibung der Mithrasmysterien des Wortes %klimax%, Leiter, in entsprechender Weise.[41] Die Himmelsleiter Jakobs ist ebenfalls als eine solche Pyramide zu betrachten.
Die Chaldäer zeichneten die auf diesen Pyramiden beobachteten Himmelserscheinungen, Konstellationen, Mondphasen usw. samt ihrem Zusammenfallen mit irdischen Ereignissen auf und glaubten, indem sie von der Ähnlichkeit und Gleichheit der Erscheinungen auf den Parallelismus der Geschicke schlossen, den Schlüssel zu den Rätseln der Zukunft gefunden zu haben.
Lenormant sagt: »Die unabänderliche Regelmäßigkeit des Laufes der Sterne und ihr Einfluß auf den Wechsel der Jahreszeiten rief die Vorstellung vom Walten eines unabänderlichen und ewigen Gesetzes hervor, welches durch ein festes solidarisches Verhältniß alle Erscheinungen und Ereignisse verbinden und die irdischen Dinge von den himmlischen abhängig mache. Und daraufhin wurde angenommen, daß alle beobachteten Coincidenzen sich mit nothwendiger Gleichheit wiederholen müßten.
Die Astrologie nahm allmählich eine immer bestimmtere Form an, ja sie machte sogar auf wissenschaftliche Genauigkeit Anspruch, da sie mittelst der fortgesetzten alltäglichen Beobachtungen eine Reihe astronomischer Wahrheiten erhärtet hatte. Die menschlichen Geschicke und geschichtlichen Begebenheiten wurden lediglich in die Kategorie der gewöhnlichen Naturereignisse gerechnet, und daher suchte man denn auch das Geheimniß derselben in den complicirten wechselnden Stellungen derselben, sowohl unter einander als in Bezug auf Sonne und Mond zu ergründen. Die Gestirne waren nicht allein Lenker des Weltalls, die bestimmende Ursache aller Vorkommnisse und Begebenheiten, sondern auch die Verkünder derselben. Denn ihre Stellungen und Erscheinungsphasen hatten sämmtlich eine bestimmte Bedeutung, und wie die ersteren die Ereignisse bestimmten, so waren die letzteren auch sichere Vorzeichen derselben. Man reihte deshalb alle wahrgenommenen Coincidenzen der verschiedenen Begebenheiten mit den Erscheinungen der Sonne, des Mondes, der Planeten und Fixsterne in ein bestimmtes System ein, unterließ aber gleichzeitig nicht, aus den allgemeinen Beziehungen der wechselnden Erscheinungen zur Atmosphäre neben den politischen und historischen Prophezeiungen auch manche sich nicht selten als richtig erweisende Vermuthungen über das Wetter abzuleiten. Endlich wurden derartige Beobachtungen und Erfahrungen tabellarisch verzeichnet, um eben in allen vorkommenden Fällen befragt und als Richtschnur beobachtet zu werden.«
Hier einige Proben derartiger Aufzeichnungen der Keilschriftlitteratur:
»Erscheint der Mond auffällig groß, so wird eine Finsterniß eintreten. Erscheint er dagegen auffällig klein, so wird die Ernte des Landes gesegnet sein.« (Unvollkommene Beobachtungen von Perigäum und Apogäum des Mondes, welche zufällig mit einer Finsternis und guten Ernte zusammenfielen.)
»Zeigt der Mond am 1. und 28. des Monats das gleiche Aussehen, so ist dies ein verhängnißvolles Zeichen für Syrien. -- Ist der Mond am 30. sichtbar, so ist dies ein gutes Zeichen für das Land Akkad und ein böses für Syrien.«
»Zeigt der Mond am 1. und 27. des Monats das gleiche Aussehen, so ist dies ein verhängnißvolles Zeichen für Elam.«
»Jupiter geht auf, und sein Licht ist hell wie der Tag; in einem Glanze bildet er hinter sich einen Schweif, ähnlich dem Stachel der Scorpione. Es ist dies ein günstiges Vorzeichen, welches Glück verkündet dem Herrn des Hauses und dem ganzen ihm unterthänigen Lande.«
»Leuchtet im Monat Duz der Stern Entemaslun (Aldebaran) bei seinem Aufgang sehr hell, so wird die Ernte des Landes sehr gut, und ihr Ertrag ein reichlicher sein. -- Ist dagegen dieser bei seinem Aufgange verhüllt, so wird die Ernte des Landes mißrathen.«
»Wird der Mond von dichtem Gewölk verhüllt, so stehen Überschwemmungen bevor. -- Trinkt der Mond in den Wolken, so wird es regnen.«
Man sieht, daß diese Aufzeichnungen der frühesten Kindheit der Beobachtung entstammen und mit Ausnahme der letzten Schlüsse vom Prügel auf den Winkel sind.
Außer den astronomischen Erscheinungen wurden noch die tellurischen eifrig beobachtet, und es hat sich das Inhaltsverzeichnis eines augurallitterarischen Werkes aus der Bibliothek des Statthalters von Niniveh erhalten, welches fünfundzwanzig Tafeln und Kapitel stark war. Von diesen fünfundzwanzig Kapiteln handelten vierzehn von günstigen und ungünstigen tellurischen Erscheinungen, elf von Astrologie. Der Text selbst ist verloren, und von den Kapitelüberschriften sind folgende Reste erhalten:
»1. Also, die Prophezeiungen von Glück und ihr Gegentheil, -- die Anzeichen von Freude und Trübsal für das Menschenherz.«
»2. Also: der Herr des Geldes, der Erklärer der Regengüsse --.«
Es handelt sich hier offenbar um die Wahrsagung aus den Regen, welche als Brechomantie noch heute in der Türkei eine große Rolle spielt.
»3. Von den Sternwarten der Stadt.«
Die Überschrift des vierten Kapitels ist schwer verständlich; es scheint von der Deutung des Gesanges oder Geschreis, des Erscheinens und des Fluges »der Vögel des Himmels, der Gewässer und der Erde« gehandelt zu haben. Den diesbezüglichen Beobachtungen scheint man besonders dann eine große Wichtigkeit beigelegt zu haben, wenn sie »in der Stadt und den Straßen derselben« gemacht wurden.
»6. Zinnober ist über der Flamme verbrannt.«
»7. Wird das Aussehen eines Hauses alterthümlich, so ist dies für die Bewohner des Hauses ein verhängnißvolles Zeichen.«
Über diese sogenannte Ökoskopie schrieb bei den Griechen ein gewisser Xenokrates, und auch der heilige Basilius spricht in seinen Schriften darüber.
»13. Ein Traum von hellem Schein, das Land in Feuer, -- ein Traum von hellem Schein, die Stadt in Flammen.«
»14. Ein Seedrache mit den Vögeln des Himmels . . .«
Aus den astrologischen Kapitelüberschriften sind folgende hervorzuheben.
»3. Der Venusstern erhebt sich bei Tagesanbruch . . .«
»4. Der Marsstern mit sieben Namen in . . . . . . . .«
»5. Das gleichmäßige Aussehen von Sonne und Mond . .«
»6. Der gleichzeitige Anblick von Sonne und Mond . .«
»7. Vom 1. und 5. des Monats, der Mond . . . . .«
»8. Der Stern, welcher vorn einen Stern und hinten einen Schweif hat . . . .«
»10. Der Stern +iku+ . . . .«
»11. Der Polarstern, der am Scheitelpunkt (des Himmels) sich um sich selbst dreht . . . .«
»Elf Tafeln, betreffend Himmelserscheinungen, unter ihnen der Stern, der vorn einen Stern und hinten einen Schweif hat, -- die Himmelserscheinungen . . . . Die Erscheinungen auf Erden und am Himmel . . . . Himmel und Erde . . . .«
Die Schlußzeilen der Vorderseite dieser Tafel sind nur fragmentarisch erhalten und betreffen irgend eine Himmelserscheinung, deren verhängnisvolle Bedeutung auf der Rückseite folgendermaßen angegeben wird:
»Diese Erscheinung lehrt, daß die Stadt des Landesfürsten samt ihren Einwohnern in die Gewalt des Feindes gerathen wird; Sterblichkeit und Hungersnoth . . . . auf der Tafel, die Zahl, welche du genannt, dir verkünden wird, und wie . . . . .«
»Diese Sammlung von fünfundzwanzig Tafeln betrifft die Erscheinungen am Himmel und auf Erden, sowie ihre günstigen und ungünstigen Vorbedeutungen . . . . alle Erscheinungen am Himmel und auf Erden . . . . hierin ist ihre Deutung verzeichnet.«
König Sargon I. ließ diese Sammlung sowie ein großes Werk von siebenzig Tafeln über alle bis auf seine Zeit erhaltenen astrologischen Resultate anlegen, welches das Hauptwerk der chaldäischen Astrologie und anscheinend von Berosus ins Griechische übersetzt wurde.
Neben der bienenfleißig getriebenen Beobachtung der astronomischen und tellurischen Erscheinungen und Vorzeichen übten die Chaldäer auch das einfachste und unentwickeltste Divinationsverfahren, die Loswahrsagung. Ich habe dieselbe in meinen »Geheimwissenschaften« ausführlich beschrieben und muß darauf zurückverweisen. Hier will ich nur kurz rekapitulieren, daß man in einem Köcher sieben mit Schriftzeichen versehene Pfeilschäfte durcheinander schüttelte und aus dem zuerst herausspringenden wahrsagte. Mit diesen Stäben ist nicht das »Rohr des Schicksals, der Offenbarung, der Enthüllung« (akkad. +gi-namekirru+, +qan-mamiti+, +qan pasari+, assyr. +kil-killuo+) zu verwechseln, welches durch Bewegungen in der Hand der Magier Orakel erteilte.
Neben dieser Art Belomantie kannten die Chaldäer noch ein anderes Verfahren, welches in einem besonderen Kapitel eines Werkes der Bibliothek von Niniveh besprochen wird.[42] Es wurden wirkliche Pfeile nach verschiedenen Richtungen hin abgeschossen und sodann aus der größeren und geringeren Entfernung derselben vom Schützen, sowie aus der Art und Weise ihres Niederfallens Schlüsse auf die Zukunft gezogen.
Bekanntlich wird diese Wahrsagungsart im alten Testament mehrfach erwähnt.
Über die chaldäischen Auguren und Haruspices sagt Diodorus Siculus[43]: »Die Chaldäer sind erfahren in der Deutung des Vogelfluges und in der Auslegung von Träumen und Wunderzeichen, auch hält man sie für geschickte Opferschauer, welche genau das Richtige treffen.«
Die Auguralwissenschaft der Chaldäer war demnach, und wie sich aus den Keilschriften ergiebt, in vier Abteilungen geteilt: in die Beobachtung des Vogelflugs, in die Wahrsagung aus den Eingeweiden der Opfertiere, in die Auslegung aller Arten von Naturerscheinungen (%terata%) und in die Traumdeutung.
Leider sind wir bei dem gänzlichen Mangel an Keilschrifttexten nicht im Stande, etwas Näheres über die Vogelschau der Chaldäer zu sagen; nur soviel ergiebt sich -- wie schon erwähnt --, daß dieselben dem Gesang und Geschrei der Vögel große Bedeutung beimaßen, wie dies die Griechen, Etrusker und Römer ebenfalls thaten.
Nach Festus teilten die Etrusker und Römer die Vögel in +alites+ und +oscines+, je nachdem man ihren Flug oder Ruf für bedeutungsvoll hielt. Bei den Griechen war die Kunst der %oinôpoloi% schon in sehr früher Zeit im Gebrauch und kommt bereits bei Homer völlig ausgebildet vor. Wahrscheinlich war sie von Chaldäa nach Griechenland gekommen. Wie Suidas angiebt, sei sie eine Erfindung des Telegonus, des Sohnes des Odysseus und der Circe gewesen, Clemens von Alexandrien hingegen sagt, daß sie aus Phrygien stamme, womit Cicero übereinstimmt, der Phrygien, Cilicien, Pisidien und Pamphylien als die Länder nennt, in welchen diese Divinationsgattung besonders im Schwang sei. Diese Gegenden hatten aber bereits in sehr früher Zeit die Kultur der Euphratländer angenommen und mit andern babylonisch-chaldäischen Elementen auch diese Wahrsagungsart nach Griechenland getragen. Auch die nach Cicero[44] in hohem Grad entwickelte Auguralwissenschaft der Araber ist wohl auf babylonische Einflüsse zurückzuführen ebenso wie die Spuren, die sich bei den Maçudi und Juden[45] finden. Auch das Haruspicium kennen die Juden, und zwar spricht Hesekiel an der bekannten Stelle davon[46], wo Nabukudurussur das Pfeilorakel befragt und sich aus der Leber der Opfertiere weissagen läßt.
Nach den Fragmenten des großen auguralwissenschaftlichen Werkes von König Sargon I. suchten die Chaldäer in den Eingeweiden der verschiedensten Tiere vorbedeutende Anzeichen. Ein Fragment handelt von einem leider nicht näher angegebenen Vorzeichen, welches man in den Herzen junger Hunde, Füchse, wilder und zahmer Schafe, Pferde, Esel, Rinder, Löwen, Bären, Fische, Schlangen u. a. m. beobachten könne. Doch hatte die betreffende Erscheinung bei jeder Tierart eine besondere Vorbedeutung. Ein zweites Fragment bezieht sich auf Wahrzeichen, welche man aus der Farbe und dem Ansehen der Eingeweide der Opfertiere besonders der Esel und Maultiere entnehmen wollte. So heißt es z. B.: »Sind die Eingeweide des Esels auf der rechten Seite schwarz, -- auf der rechten Seite bläulich, desgleichen ihre Windungen, -- auf der rechten Seite dunkelfarbig, -- auf der rechten Seite kupferfarbig, -- auf der linken Seite kupferfarbig«, so sind diese Erscheinungen ebenso viele Vorbedeutungen für die Jahreszeiten sowie die Schicksale des Landes und des Landesherrn. Die gleichen Erscheinungen, welche auf der rechten Seite günstig waren, waren auf der linken Seite ungünstig und umgekehrt. Die auf der linken Seite auftretenden Erscheinungen waren im allgemeinen ungünstiger als die auf der rechten vorkommenden.
Andere Vorbedeutungen suchten die chaldäischen Haruspices im Innern der Eingeweide, welche nach vorausgegangener äußerer Besichtigung geöffnet wurden. So heißt es z. B.:
»Zeigen sich im Innern der Eingeweide auf der linken Seite Risse, so tritt Hader und Zwietracht ein.«
»Zeigen sich im Innern der Eingeweide auf der linken und rechten Seite Risse, so tritt ebenfalls Hader und Zwietracht ein.«
»Ist das Innere der Eingeweide auf der rechten und linken Seite schwarz, so tritt Zwietracht ein.«
Von den noch unveröffentlichten Fragmenten bezieht sich nach Lenormant eines auf die Hepatoskopie, die Leberschau, welche bekanntlich außer bei den Babyloniern bei den Völkern des klassischen Altertums eine große Rolle spielte. Das erhaltene keilschriftliche Fragment ist klein und verstümmelt und enthält nur die Aufzählung der Fälle, welche mit der größeren oder geringeren Entwickelung des einen oder anderen Lappens der Leber oder beider zugleich sowie mit dem völligen Schwund des rechten oder linken Lappens oder aber mit der schwarzen, bläulichen, kupferigen oder roten Färbung eines oder beider Lappen zusammenhängen, worauf die aus dem Aussehen und der Entwickelung der Gallenblase gezogenen Schlüsse folgen.
Die Opferschau verbreitete sich von Babylonien aus über alle Länder der alten Welt: im Norden über Armenien und Komagene, im Westen über Phönizien und Palästina (die O. wird den Juden ausdrücklich verboten[47]) bis nach Karthago. Vorzugsweise wurde sie in Kleinasien betrieben, wo namentlich die Einwohner von Telmessos als geschickte Haruspices berühmt waren. Von Kleinasien kam das Haruspicium sehr frühzeitig nach Griechenland, wo die Familienangehörigen der Damiden und Klytiaden als Haruspices in großem Ansehen standen. Der griechischen Tradition zufolge soll Delphos, der Sohn des Apollo, der Erfinder des Haruspicium gewesen sein, was indessen wohl nur darauf hindeutet, daß die Opferschau vorzugsweise in Delphi ausgeübt wurde. In Italien war diese Divinationsgattung besonders in Etrurien gebräuchlich und erlangte in Rom selbst niemals den offiziellen Charakter, den die Beobachtung der Auspicien und sonstigen Naturerscheinungen trug. Zur Zeit, als der Senat die +haruspices+ befragte[48], wurden dieselben aus Etrurien berufen und bildeten eine besondere Körperschaft, welche gesetzlich anerkannt war.[49] Die +libri haruspicini+ waren ebenso wie die +libri fulgurales+ und +tonitruales+[50] etruskische Bücher, deren Vorschriften und Lehren man für Offenbarungen des der Erde entstiegenen Tages hielt.[51]
Außer den Regengüssen wurde die Gestalt und Farbe der bei Tage erscheinenden Wolken eifrig beobachtet und gedeutet, während die Deutung der Beziehungen der nächtlichen Wolken zu den Sternen Sache der Astrologen war.
Über die erstere Wolkengattung heißt es z. B.:
»Steigt bläulichschwarzes Gewölk am Himmel auf, so wird im Verlaufe des Tages der Wind wehen.
Ausgefertigt durch Nabu-akha-irib.«
Wie man sieht, tragen diese kindlich naiven Beobachtungen einen meteorologischen Charakter.
Moses[52] und Jeremias[53] verbieten den Juden die wahrsagerische Beobachtung der Wolken und atmosphärischen Erscheinungen.
Die Fulguration scheint bei den Chaldäern sehr ausgebildet gewesen zu sein. Wie die klassischen Schriftsteller berichten, unterschieden die Chaldäer im allgemeinen zwei Arten von Blitzen: 1. auf die Erde herabfallende und 2. nur in den Wolken leuchtende. Nach der Versicherung des Plinius[54] nahmen die Chaldäer an, daß diese Blitze von den Planeten Saturn, Jupiter und Mars herrührten und beobachteten sie vorzugsweise. Die zweite Art, die +fulgura fortuita+ des Plinius »verkündeten durch ihren Donner die Stimme der atmosphärischen Wächter, deren Pfad sie durch ihre Leuchtkraft bezeichneten«.[55]
Es ist nur ein einziges und zwar sehr verstümmeltes keilschriftliches Fragment über die Einteilung der Blitze bei den Chaldäern erhalten[56], das aber trotz seiner Verstümmelung sehr wichtig ist, insofern es die Richtigkeit der Angaben des Plinius beweist. Dasselbe lautet:
»Der Blitz . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Blitz der Sterne . . . . . . . . . . . . Der Blitz des Gottes Bin . . . . . . . . . . Der Blitz der Erde . . . . . . . . . . . . . Der Blitz des Wassers . . . . . . . . . . . . Der Blitz der Nacht, welcher leuchtet . . . . Der Blitz des Gottes Mamna . . . . . . . . . Der Blitz des Gottes Baluv . . . . . . . . . Der Blitz des Gestirnes . . . . . . . . . . . Der Blitz . . . . . . . . . . . . . . . . . .«
Vergleichen wir nun die Blitze der Planeten und die +fulgura fortuita+ des Plinius mit den Angaben des Fragments, so finden wir, daß die Blitze des Ersteren mit dem »Blitz der Gestirne« und dem »Blitz des Gottes Bin« (assyr. Rimmon) zusammenfallen. Bin ist der Gott der Luft und des Donners und wird deshalb mit einem Donnerkeil oder einem zackigen Blitz dargestellt.
Die Blitze der Götter Mamna und Baluv sind verschiedenen Erscheinungsphasen des Planeten Mars zugeeignet und waren wegen ihrer zündenden Kraft berüchtigt.[57]
Die übrigen auf dem Fragment genannten Blitzarten waren den Etruskern ebenfalls bekannt, welche dieselben auch zum Teil den obern Planeten zuschrieben.[58] Dieselben kannten auch eine Art dem Saturn geweihte Blitze, welche von der Erde zum Himmel emporstiegen.[59] Dies ist wohl »der Blitz der Erde« des Fragments, welcher mit dem Blitz des Bel oder Mul-ge identisch ist. Endlich kannten die Etrusker noch »die Blitze der Nacht«, welche der Gott Summanus erzeugen sollte, während die Römer die komplizierte etruskische Fulgurallehre einfacher gestalteten und nur »Blitze des Tages« und »Blitze der Nacht« annahmen, die sie dem Jupiter oder dem Summanus zuschrieben. Dagegen findet sich in den Berichten über die etruskische Fulguration nichts, was sich mit dem rätselhaften »Blitz des Wassers« der Chaldäer vergleichen ließe.
Über die Wahrsagerei der Chaldäer aus Erdbeben, welche Diodorus Siculus erwähnt[60], wissen wir nichts näheres, ebensowenig als über die chaldäische Kapnomantie und Pyromantie. In Griechenland war die Pyromantie, deren Erfindung dem Amphiaraus zugeschrieben wurde, allgemein gebräuchlich. Man warf unter Gebeten Weihrauch in die Flamme und beobachtete, ob derselbe verzehrt oder zerstreut wurde, worauf man dann Schlüsse auf günstige oder ungünstige Vorbedeutung schloß. Diese auch Libanomantie genannte Wahrsagungsart war besonders in Apollonia gebräuchlich, wo die heiligen Feuer durch dem Boden entströmende Kohlenwasserstoffgase genährt wurden.
Da oben ein mitgeteiltes Fragment einer Kapitelüberschrift des Sargonschen Auguralwerkes lautet: »Zinnober ist über der Flamme verbrannt«, so scheint es, daß die Akkader ein ähnliches Verfahren kannten; auch dürften sie, weil sie ihrem Feuergott eine so große Bedeutung als Bekämpfer der bösen Dämonen beilegten, auch auf das äußere Ansehen der Feuerflammen geachtet haben.
Nach einigen Bruchstücken des Sargonschen Werkes schrieben die Akkader auch Quellen und Flüssen prophetische Bedeutung zu und weissagten aus der Menge, dem Aussehen und der Strömung des Wassers.
Nach Psellus[61] sind die Assyrer die Erfinder der Lekanomantie, welche bei ihnen jedoch anders als in späterer Zeit ausgeübt wurde. Psellus sagt:
»Die Lekanomantie wird mittelst einer Schale ausgeübt, welche man mit prophetischem Wasser anfüllt und vor sich stehen hat. -- Dieses Wasser unterscheidet sich äußerlich durch nichts vom gewöhnlichen Wasser, aber die Handlungen und Beschwörungen, welche über dem Gefäß vorgenommen werden, beschenken es mit einer prophetischen Kraft, welche im Schoße der Erde entspringt und sich eigenartig äußert: Denn während sie sich dem Wasser mitteilt, ruft sie ein unbestimmtes Rauschen hervor, welchem die Anwesenden zunächst keinen rechten Sinn abgewinnen können; hat sie sich aber in der Flüssigkeit nach allen Seiten hin gleichmäßig ausgebreitet, so vernimmt man gewisse seltsame Töne, aus denen man die Prophezeiung der Zukunft schöpft. Diese der materiellen Wirklichkeit angehörenden Klänge haben aber stets etwas Rätselhaftes und Geheimnisvolles an sich[62], daher denn auch die Weissager, welche diesen Umstand möglichst ausbeuten, niemals eines Betrugs überführt werden können.«
Nach einigen Tafeln der Bibliothek zu Niniveh legte man auch dem größern oder geringeren Glanz edler Steine divinatorische Bedeutung bei, wie denn z. B., um über das Gelingen oder Fehlschlagen eines feindlichen Angriffs zu prophezeien, geprüft wurde, ob »der Diamant am Finger« seine Strahlen nach rechts oder links warf.
Unter den Akkadern wie unter allen Völkern des Altertums war die Phyllomantie, die Wahrsagung aus der Bewegung und dem Rauschen der Bäume sehr gebräuchlich[63] und von ihnen zu den Juden übergegangen; bei ihnen finden wir die Zaubereiche in Sichem[64]; die Maulbeerbäume, aus deren Rauschen David prophezeite[65], und die Palme, unter welcher Deborah weissagte.[66] Auch die vorislamitischen Araber hatten heilige Palmen und verehrten auch den Sumurahstrauch (+Spina aegyptiaca+) als göttlich. Überhaupt war es ein sehr verbreiteter Glaube der Araber, daß sie aus allen möglichen Arten dorniger Sträucher prophetische Laute zu vernehmen glaubten, und dieser Anschauung dürfte auch die Erscheinung Jehovahs im brennenden Dornbusch ihren Ursprung verdanken. -- Die Etrusker, deren Kultur entschieden von der chaldäischen abhängig ist, unterschieden günstige und ungünstige Bäume je nach den Prophezeiungen, welche sie denselben entnahmen.[67] Die Griechen hatten redende Eichen (%prosêgoroi dryes%), wie zu Dodona, der ältesten pelasgischen Orakelstätte, und weissagende Lorbeerbäume zu Delphi und Delos. -- Auf den Baumkultus der Germanen werde ich später zurückkommen.
Die den Tieren entnommene Orakel anlangend, so betrachteten die Chaldäer vorzugsweise die Schlange als wahrsagendes Tier, was die alten Philosophen damit zu erklären suchen, daß die kriechende Schlange am meisten von allen Tieren mit der Erde, dem Urquell aller Inspiration, in Verbindung stehe. Auch ist darauf aufmerksam zu machen, daß in den semitischen Sprachen die Worte »Schlange« und »weissagen« der gleichen Wurzel +nahasch+ entspringen.
Die Schlange ist bei den Chaldäo-Babyloniern und Assyriern das Sinnbild des Ea, der höchsten Einsicht wie des Inhabers der höchsten Weisheit, weshalb sie auch als Sinnbild alles magischen Wissens betrachtet wird. Die Genesis hält sie für listiger denn alle Tiere, die Jehovah erschaffen und die alten Araber glaubten, daß man durch den Genuß eines Schlangenherzens und einer Schlangenleber die Sprache der Tiere verstehen lerne, eine Anschauung, welche bekanntlich noch in der deutschen Volkssage fortlebt. -- Es scheint sogar, daß man in einigen babylonischen Tempeln Schlangen züchtete, welche man als Mittler zwischen den Göttern und Menschen ansah und aus ihren Gebahren orakelte. -- Auf Ähnliches scheint auch die biblische Erzählung »vom Drachen zu Babel« hinzudeuten.
Ein anderes prophetisches Tier war der Hund, und Lenormant teilt eine ganze Reihe von Regeln mit, nach welchen die Chaldäo-Babylonier aus der Farbe und dem Exkrementieren eines fremd in den Königspalast oder ein Privathaus gelaufenen Hundes wahrsagten.
Eine leider nur lückenhaft erhaltene Inschrift giebt an, daß Fliegen (+zumbi+) von den Chaldäo-Babyloniern zum Wahrsagen benutzt wurden. Dieser Umstand beleuchtet einen wichtigen Punkt der semitischen Mythologie, nämlich die Rolle, welche der große Gott von Akkaron (Ekron) spielt. Derselbe hieß bei den Philistern bekanntlich Baal-Zebub, »Baal-Fliege« oder »Herr der Fliege«; die Septuaginta nennt ihn %Baal myia%, Josephus %theos myia%, und die Juden machten ihn später zum Obersten der Teufel. Dieser Baal-Zebub besaß ein berühmtes Orakel, welches nach dem alttestamentarischen Bericht selbst Achasja, König von Israel, über den Ausgang seiner Krankheit um Rat befragte und dadurch den Zeloteneifer des Elias entflammte. Berücksichtigen wir nun obige keilschriftliche Nachricht, so bleibt kein Zweifel, daß zwischen dem Namen des großen Gottes von Akkaron und der Art und Weise der Ausübung seines Orakels Zusammenhang herrscht, und daß die semitischen Völker so gut wie die Chaldäer Fliegenorakel besaßen. Daß Bienen und Ameisen als wahrsagende Tiere auch bei den klassischen Völkern eine Rolle spielten, beweist die Erzählung von der Kindheit Platos und die Midassage.
Nach dem Bericht des Jamblichus[68] weissagten die Babylonier sogar aus dem Verhalten der Ratten, Heuschrecken &c., und endlich wurden nach Angabe des Sargonschen Auguralwerks auch »die Fische der Teiche« zu den prophetischen Tieren der Chaldäer gerechnet, worunter wahrscheinlich heilige Fische zu verstehen sind, die man zum Behuf der Wahrsagung züchtete. So gab es z. B. in Lycien heilige Fische, welche durch Flötenspiel an die Oberfläche des Wassers gelockt wurden, worauf man aus ihrem Verhalten orakelte; das Gleiche war nach Varro[69] auch in Lydien der Fall. Auch dürften die in einem Teiche beim Tempel des Zeus Labrandeus zu Mylasa in Karien gezüchteten Fische, welche Ohrgehänge an den Kiemen trugen, zu Wahrsagezwecken gehalten worden sein, wie ferner die zu Ehren der Göttin Atargatis oder Derketo zu Askalon gezüchteten, wo bekanntlich ein dem babylonischen verwandter Kultus herrschte.
Auch war die chaldäische Mantik bemüht, aus spontanen Bewegungen oder Tönen von Hausgeräten und Möbeln wahrzusagen, und es ist ein Fragment erhalten, welches eine ganze Reihe von hölzernen Möbeln und Teilen des Hauses nennt, aus denen prophetische Laute hervortönen (+assaput+, +ku-a+), »geeignet, das Menschenherz fröhlich zu stimmen«. Die einzelnen Deutungen sind jedoch verloren gegangen. Ich habe schon oft darauf hingewiesen, daß wir es hier wohl mit den Anfängen des Tischklopfens und Tischrückens zu thun haben.
Auch zufällig gehörten Worten wurde prophetische Bedeutung beigelegt; es sind dies die von den Juden +bath-kol+ genannten Stimmen.
Hingegen läßt sich im Sargonschen Auguralwerk nicht die Ausübung der im Buche Hiob erwähnten Chiromantie, der Onychomantie sowie der Kranioskopie nachweisen.
Die Beschäftigung der Chaldäer mit der Astrologie brachte es mit sich, daß sie den Mißgeburten große Aufmerksamkeit zuwendeten. Nach ihren Behauptungen rechtfertigten 470000 jahrelang angestellte Beobachtungen die Annahme, daß der bei der Geburt eines Menschen vorhandene Sternenstand dessen Geschick bestimmen. Da aber Gebrechen und Mißgestaltungen neugeborener Kinder ebenfalls von diesem Sternenstand abhängig seien, so lasse sich aus Mißgeburten ebenso gut die Zukunft entschleiern als aus den Sternen selbst.[70] Deshalb legte man den Mißgeburten eine ungeheuere Wichtigkeit bei und behandelte deren Deutung sehr ausführlich in dem Sargonschen Auguralwerk. Von den 72 diesbezüglichen Texten, welche Lenormant beibringt, will ich nur folgenden anführen, welcher beweist, daß man schon in jener altersgrauen Vorzeit der »Glückshaube« eines neugeborenen Kindes eine ebenso große Wichtigkeit beilegte als heute:
»Gebiert eine Frau ein Kind, dessen Haupt mit einer Haube bedeckt ist, so wird beim Anblick desselben ein günstiges Vorzeichen im Hause walten.«
Namentlich wurde den Mißgeburten fürstlicher Frauen große Bedeutung beigelegt, und auch die Mißgeburten mancher Tiere -- wie z. B. der Stuten -- galten als besonders ominös.
Der Glaube an die Vorbedeutung der +Portenta+ ging auf Etrusker und Römer über, und noch in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts schrieb Caspar Schott +De mirabilibus portentorum+.
Mit die wichtigste Rolle im chaldäischen Divinationswesen spielt die Traumdeutung. Nach Diodorus Siculus rechneten die Chaldäer die Träume zu den tellurischen Vorzeichen und deuteten sie nach den Vorschriften des Sargonschen Auguralwerks. Ein Fragment desselben lautet[71]:
»Sieht einer im Traum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einen männlichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Gestalt eines Hundes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Gestalt eines Bären mit den Füßen eines . . . . . . . . . . . Das Vordertheil eines Bären mit den Füßen eines . . . . . . . . . Die Gestalt eines Hundes mit den Füßen eines andern Thiers . . . . Einen todten Hund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Den Gott Nin-kistu (Nergal) todtschlagen . . . . . . . . . . . . . Leichen großer Thiere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ein Licht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einen Mann auf sich harnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .«
Das Urinlassen als Traumsymbol dünkte den Chaldäern ganz besonders wichtig und wird auch noch von einem Weib, Bären, Hunde usw. angeführt. Herodot berichtet bekanntlich von einem hierhergehörigen Traum des Astyages, dessen Tochter Mandane auf diese Weise ganz Asien überschwemmte und so die Herrschaft des Cyrus prognostizierte.
Von den Kapiteln des Auguralwerkes scheint besonders das von der Traumdeutung gehandelt zu haben, dessen Anfang lautet:
»Ein Traum von hellem Schein, das Land in Feuer . . . . Ein Traum von hellem Schein, die Stadt in Flammen . . .«
Bekanntlich spielen Träume von Feuer und Flammen noch in der modernen Traumdeutung eine große Rolle.
Nach Jamblichus begaben sich die babylonischen Frauen absichtlich in den Tempel der Zirpanit oder Aphrodite, um divinatorische Träume zu erhalten, welche sie sofort von den Traumdeutern auslegen ließen. Bekanntlich wurde dieser +incubatio+ oder %enkoimêsis% genannte Brauch auch in Ägypten oder Griechenland ausgeübt.
In Chaldäa und wahrscheinlich auch in Assyrien, da ja die Assyrier in diesen Dingen nur die Schüler und Nachbeter der Chaldäer waren, gab es nach den Keilschrifttexten Seher (+sabru+), welchen die Götter vorzugsweise prophetische Träume zu Teil werden ließen. Derartige Seher und Seherinnen scheint es, wie die oben mitgeteilte Nachricht Herodots vom Tempel zu Borsippa andeutet, in manchen Tempeln ständig gegeben zu haben. -- Zweifellos wurden bei den Chaldäern prophetische Träume auch durch narkotische Mittel hervorgerufen wie bei andern Völkern des Altertums und noch bei vielen wilden Völkerschaften.
Der Eingang des obersten -- siebenten -- Stockwerks des Turmes von Borsippa war dem Gott Nebo (Prophet) geweiht und hieß +bab assaput+, »Thor des Orakels«. Ein ähnliches Orakelgemach, +bil assaput+, existierte noch nach inschriftlichen Angaben in der Pyramide des königlichen Stadtviertels zu Babylon. Ob jedoch die Art und Weise, wie die Orakel in diesem erteilt wurden, die gleiche war wie im Turme von Borsippa, ist aus den Inschriften nicht ersichtlich. Gewiß ist nur, daß dieses Gemach als Grabkammer des Bel-Maruduk galt, was vermuten läßt, daß daselbst Incubation stattfand, weil man im Altertum häufig Grabstätten aufsuchte, um in ihnen prophetische Träume zu erhalten. Auch ist bekannt, daß das Orakel des Belus oder Bel-Maruduk in der Geschichte Alexanders des Großen insofern eine Rolle spielt, als die Chaldäer den siegreichen Eroberer im Namen dieses Heiligtums zu bestimmen suchten, von Babylon fern zu bleiben. Allerdings blieb dieser Versuch erfolglos, weil Alexander die egoistischen Beweggründe der Chaldäer wohl erkannte.
Das Gebet, welches Incubation im Grab des Bel-Maruduk einleitete, ist teilweise erhalten und enthält folgende charakteristische Stellen:
»Gewähre mir den Eintritt, daß mir ein Glückstraum zu Theil werde! Der Traum, den ich träume, daß er günstig sei! Der Traum, den ich träumen werde, daß er wahrhaft sei! Der Traum, den ich träumen werde, laß ihn ausfallen zu meinen Gunsten! Makhir, der Traumgott, möge walten über meinem Haupt! Gewähre mir Eintritt in den E-saggal, in das Götterschloß, den Wohnsitz des Herrn! Auf daß ich mich nähere Maruduk, dem Erbarmer, dem Glückspender und den gesegneten Händen seiner Allmacht! Möge ich rühmen können deine Größe, lobpreisen deine Gottheit! Mögen die Bewohner meiner Stadt rühmen können deine Werke!«
In der Zeit vom 8. bis 6. Jahrhundert erreichte die Traumdeutung ihren Höhepunkt in Vorderasien und Ägypten, woselbst sie sogar die Politik und Kriegsführung beeinflußte. Durch einen siegverheißenden Traum wurde Assurbanhabal zum Kriege gegen Te-Umman angeregt, und durch Träume wurde mehrfach sein Heer zur Ausdauer ermuntert. Ein Traum bewog Gyges zur Anerkennung der assyrischen Oberherrschaft. Träume waren es, welche Krösus den Tod seines Sohnes Atys, Astyages die Herrschaft seines Enkels und Cyrus die des Darius verkündeten. Ein Traum führte Sebek, König von Ägypten, zum Entschluß, seine Regierung niederzulegen; auch war es wiederum ein Traum, welcher dem König Seti die endliche Vernichtung des assyrischen Heeres unter Senacherib zusicherte und ihn so zum Ausharren in der Gegenwehr ermunterte. Endlich hatte der äthiopische Fürst Ta-nuat-Amen einen Traum, welcher ihm seine zukünftige Macht offenbarte und ihn zur Eroberung Ägyptens anspornte.
Bei den Juden war die Deutung der von Jehovah gesandten Träume erlaubt, dagegen bei Strafe der Steinigung verboten, im Namen fremder Gottheiten Träume herbeizuführen und zu deuten. Diese Bestimmung wirkt in der bei den Christen gemachten Einteilung der Träume in göttliche und teuflische bis in das vorige Jahrhundert nach.
Die letzte wichtige Wahrsagung der Chaldäo-Babylonier ist die Nekromantie. Wie oben schon mitgeteilt, ist jedem Menschen von Geburt an ein den Feruern entsprechender besonderer Geist beigegeben, welcher ihn schützt, in ihm lebt und sein geistiges Urbild ist. Nach dem Tode des Menschen wird aus diesem Geist ein Dämon (+utuk+, +utukku+), dessen Schicksal »im Land ohne Heimkehr« je nach Maßgabe der Geneigtheit der Götter ein günstiges oder ungünstiges ist. Nur bevorzugte Seelen von Helden und Königen fanden Eingang in den Himmel und bewohnten fortan:
»Das Land mit Silberhimmel, Wo Segensgüter Sind zu ihrer Nahrung Und süße Lust Sie zu beseligen, Wo ist Einhalt Des Kummers und Jammers.«
Das Loos der großen Überzahl der Menschen, deren +utuk+ in das »Land ohne Heimkehr« (akkad. +kur-nu-ga+, assyr. +mat la Tayarti+) hinabstieg, gestaltete sich ziemlich trostlos. Das »Land ohne Heimkehr« wird in der »Höllenfahrt der Istar« folgendermaßen geschildert:
»Dort wohnen die Führer und die des Glückes entbehren, Wohnen die Geringen und Großen, Wohnen die Ungeheuer des Abgrunds der großen Götter, Wohnt Etanna, wohnt Nir . . . .«
Im »Land ohne Heimkehr« lebt die Seele wie im Scheol der Hebräer ohne Empfindung und Willenskraft, von Finsternis umgeben, fort. Ihr Zustand ist weder völlige Vernichtung noch Unsterblichkeit, sondern eine Art von Erstarrung oder Schlummer. Im Hintergrund des »Landes ohne Heimkehr« befand sich jedoch, wie oben erwähnt, im »ewigen Heiligthum« die »Quelle der Lebenswässer«, deren Sprudel die höllischen Mächte mit der größten Wachsamkeit und Ehrfurcht behüteten. Den Zugang zu ihr konnte nur ein Gebot der höchsten Götter, namentlich des Ea, erschließen, und wer daraufhin von ihr getrunken hatte, kehrte -- wie Istar am Schluß ihrer Gefangenschaft -- lebend an das Licht zurück. Ob diese Quelle eine Andeutung der Auferstehung, an welche die Chaldäer nach Diogenes Laërtius glaubten, ist, läßt sich nach den Texten nicht entscheiden.
Übrigens konnten die Seelen nicht nur auf Eas Gebot, sondern auch als Vampyre dem »Land ohne Heimkehr« entsteigen, um die Lebenden zu quälen. Deshalb droht auch Istar dem Schließer des Höllenreichs mit den Worten:
»Oeffnest du aber das Thor nicht, und kann ich nicht eintreten, -- Dann werde ich die Todten erwecken, zu verschlingen die Lebenden; Ich werde die dem Tageslicht wieder zugeführten Todten zahlreicher machen denn Alles, was lebt.«
Auch die Schwarzkünstler vermögen Vampyre aus dem »Land ohne Heimkehr« heraufzubeschwören und die Gegenstände ihres Hasses von ihnen peinigen zu lassen.
Da man sonach an die Citation Verstorbener glaubte, so lag es sehr nahe, die von den Schranken des Raumes und der Zeit befreiten Geister der Verstorbenen über die Zukunft zu befragen, und die Nekromantie mußte sich folgerecht entwickeln. Über die Ausübung der Nekromantie habe ich anderwärts[72] schon das Nötige gesagt. Hier will ich nur rekapitulieren, daß wir uns aus dem alten Testament ein ungefähres Bild von der Totenbeschwörung der Chaldäer entwerfen können.
Der biblische +Ob+ ist ein unsauberer Geist, ein Totengeist, welcher in dem Körper eines Mannes oder einer Frau wohnt und von hier aus die Zukunft offenbart, entsprechend dem +jidoni+, dem »Wissenden« oder »Belehrenden«, welcher fast immer mit den +oboth+ zusammen genannt wird. Es ist dabei zu bemerken, daß die Worte +oboth+ und +jidonim+ sowohl für die Geister selbst als die von ihnen Besessenen gebraucht werden.
Das Letztere ist nicht nur der Besprechung der Hexe von Endor durch Josephus[73] sondern auch daraus zu entnehmen, daß die Septuaginta wiederholt +oboth+ mit %engastrimythoi% übersetzt, sowie überhaupt aus den charakteristischen Ausdrücken, deren sich die Propheten bei der Schilderung der +oboth+ bedienen.
Ziehen wir nun die ausdrückliche Angabe des Jamblichus, daß die Babylonier mittelst ihrer %Sakchoiras% die Geister der Toten über die Zukunft befragten, in Betracht, und erwägen wir, daß +ob+ kein semitisches Wort ist, sondern vom akkadischen +ubi+, »strafwürdigen Künsten obliegen«, abstammt, so kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die hebräische Nekromantie aus der akkadischen hervorging.
Zweites Buch.
Der Occultismus der Meder und Perser.
Erste Abteilung.
Der medische Magismus.
Medien war bis zur Einwanderung der eigentlichen iranischen Meder im Besitz eines Volkes turanischer Rasse, welches mit den Akkadern eine große Ähnlichkeit hatte und das protomedische genannt wird. Die iranische Einwanderung geschah nach Lenormant und Maury im achten Jahrhundert vor Christus; jedoch bildeten auch nach der völligen Besitznahme Mediens die Iraner immer noch den kleineren, wenn auch herrschenden Teil der Bevölkerung. Zur Zeit der Achämeniden sprach das Volk noch die protomedische Sprache, welche auch die amtliche Sprache der Perserkönige wurde. Das turanische Medien aber bewahrte nicht nur seine eigene Sprache, sondern auch seinen eigenen religiösen Charakter, welchem es erst nach langem mit wechselndem Glück geführten Kampf gegen die Religion Zoroasters entsagte. Die den Protomedern eigenen religiösen Vorstellungen fanden endlich sogar bei den iranischen Eroberern Eingang und erzeugten durch ihre Vermischung mit der Religion derselben das System des Magismus, so genannt nach dem Stamme der Magier, welche das ausschließliche Privilegium besaßen, daselbst das Priesteramt auszuüben.[74]
Der Name Magismus wurde sehr lange Zeit der Religion des Zoroaster beigelegt, was jedoch auf einer von den griechischen Schriftstellern begangenen Verwechslung beruht, die namentlich Herodot verschuldet hat, welcher wohl Medien, aber nicht das eigentliche Persien bereiste. Ja diese Annahme ist nach den neuesten Forschungen sogar ein entschiedener Irrtum, da beide Religionssysteme, der Magismus und der Zoroastrismus einander entgegengesetzt sind.
Darius, Sohn des Hystaspes, welcher wohl genauer als Herodot unterrichtet war, berichtet ausdrücklich in seinen Regierungsannalen auf dem Felsen von Behistan, daß die Magier, welche mit Gaumata, dem falschen Smerdis, eine Zeit lang Herren des Reichs waren, den Versuch machten, die iranische Religion durch die ihrige zu verdrängen, und daß Darius ihre »gottlosen Altäre« stürzte.
Es heißt in der genannten Inschrift[75]:
»Als Kambyses in Aegypten war, verfiel das Volk in Gottlosigkeit, und Wahnglauben wurde im Lande mächtig, in Persien, Medien und andern Provinzen. Die Königswürde, welche unserm Geschlecht entrissen war, habe ich wiedererlangt; ich habe sie von Neuem wiederhergestellt. Die Tempel, welche der Magier Gaumata zerstört hatte, habe ich wieder erbaut; ich habe die Familien, welchen sie vom Magier Gaumata entrissen worden, die heiligen Gesänge und rituellen Gebräuche wiedererstattet; ich habe den Staat auf seinen alten Grundlagen wiederhergestellt und Persien, Medien sowie die übrigen Provinzen wieder an mich gebracht.«
In der zu Naksch-i-Rustam befindlichen Grabschrift des Darius heißt es ferner: »Als Ahuramazdâ dieses Land dem Aberglauben preisgegeben sah, vertraute er es mir an.« Das im Text für Aberglauben gebrauchte Wort ist +yâtum+, »Religion der Yâtus«, wie die Feinde des Zoroaster im Zendavesta genannt werden. Danach und nach der im nächsten Kapitel zu gebenden Lebensbeschreibung des Zoroaster erscheint das Blutbad, welches die Perser bald nach der Ermordung des falschen Smerdis anrichteten, und die sonst unerklärliche Einsetzung der »Feier des Magiermords«, welche man lange Zeit hindurch am Jahrestag desselben beging, begreiflich. Die Magier werden überhaupt in keiner alten entschieden zoroastrischen Urkunde persischen oder baktrischen Ursprungs als Diener der Religion erwähnt. Jedoch trat die Zersetzung und Entstellung der ursprünglichen und nationalen iranischen Lehre des reinen Mazdeismus der Ghâtâs und der ersten Fargards der Vendidad-Sâde bei den Medern schon frühzeitig durch ihre Berührung mit turanischen Elementen ein, bevor sie das ganze Medien genannte Land erobert hatten.
Indessen charakterisieren Herodot und die andern alten Schriftsteller den eigentlichen Geist des ursprünglichen Mazdeismus sehr richtig, indem sie die Perser als ein Volk hinstellen, welches Götzendienst und fremde Religionen verabscheute und deshalb auf seinen Kriegszügen den Kultus anderer Völker zu zerstören suchte, Tempel verbrannte, die Götterbilder vernichtete, wertvolle gottesdienstliche Geräte als Beute mitschleppte, die Priester beschimpfte und tötete, die Feier religiöser Feste verhinderte, heilige Tiere tötete und sogar die Gräber entweihte. -- Kambyses in Aegypten ist das Prototyp des persischen Fanatismus.
Wenn aber Herodot auf die positive Seite des Mazdeismus einzugehen versucht, so sehen wir mit Erstaunen, daß er nicht einmal den Namen des Ahuramazdâ kennt. Er spricht von einem Kultus der Sonne, des Mondes, des Feuers, der Erde, des Wassers und der Winde, also von einer Religion, welche mit dem Geiste des Zendavesta nicht das Mindeste gemein hat und weit mehr der der Veden oder gar der alten akkadischen Zauberbücher gleicht. Hiermit stimmt überein, daß Herodot ausdrücklich die Magier, die Vertreter der alten protomedischen Religion als die Priester dieses Kultus nennt.[76]
Der Gestirndienst war im medischen Magismus sehr ausgebildet, obschon er in den Zendschriften nur wenig und zwar in neueren unter fremden Einflüssen stehenden Teilen hervortritt. Gegen das Ende der persischen Herrschaft jedoch hatte er -- wie auch in den am spätesten Zendbüchern -- große Bedeutung gewonnen.
Daß dieser von den Magiern herrührende Kultus bei den Medern eine Hauptrolle spielte, bezeugt übrigens auch Herodot in seiner Schilderung der sieben Mauern Ekbatanas, welche mit den Farben der sieben Planeten bemalt waren. Wir begegnen dieser Sitte noch zu Gazaka, dem »zweiten Ekbatana, der Stadt mit den sieben Ringmauern« und zur Zeit der Sassaniden an dem Palaste Bahram-Gurs. Dieser Brauch entstammt direkt chaldäo-babylonischer Anschauung, denn der siebenstöckige Thurm zu Borsippa wurde nach seiner Wiederherstellung durch Nabukudurussur ebenfalls mit den sieben Planetenfarben bemalt, und das Gleiche war bei dem Zipurrat, dem heiligen Turm des Palastes zu Khorsabad der Fall.
Der babylonische Gestirn- und Planetendienst gelangte gleich dem Anatkultus vermutlich durch die Assyrier zu den medischen Turanern und zwar während deren langer Berührung mit der Kultur der Euphratländer; dann ging er auf die Magier über, welche ihn hinwiederum auf die Perser und andern iranischen Völker übertrugen.
Erwähnt sei, daß die Lehre von Zrvâna-akarana, »der unbegrenzten Zeit«, der gemeinsamen Quelle des Ahuramazdâ und Angrômainyus, eine von der Sekte der Zervanier herrührende Entstellung der ursprünglichen mazdeischen Lehre ist. Eudemius, der Lieblingsschüler des Aristoteles, welcher diese Person wie das aus ihr entspringende dualistische Paar sehr eingehend behandelt, bezeichnet sie ebenfalls als eine Schöpfung der Magier.[77] Auch ist es von Interesse, hier eine Angabe des Berosus zu erwähnen, wonach derselbe Name Zrvâna auch der mythischen Personifikation der alten turanischen Rasse, welche in der chaldäisch-babylonischen Legende vom Ursprung der Rassen in Armenien auftritt, beigelegt wurde. In den Bruchstücken der akkadischen Zaubertexte begegnet man aber ebenfalls Anschauungen, welche denen der Auffassung der Zrvâna-akarana entsprechen. In derselben emanieren aus Mul-ge sowohl gehässige Götter wie Namtar, als gnädige, die Dämonen bekämpfende Götter, wie z. B. Nin-dara; auch aus Ana entspringen sowohl Dämonen, als auch der Feuergott, welcher den Charakter eines +Deus averruncus+, eines die Dämonen vertreibenden Gottes trägt. Betrachten wir die Trias: das Urwesen Ana und den dem düstern Mul-ge entgegengesetzten holden Ea, die drei Götter, welche die Akkader über die drei Weltzonen setzten, so werden wir bei Zrvâna-akarana, Ahuramazdâ, und Angrômainyus nur unwesentliche Modifikationen finden.
Aus dem medischen Magismus ist indessen noch mehr hervorzuheben als das gemeinschaftliche Urprinzip, aus welchem Ahuramazdâ und Angrômainyus hervorgingen. Während nämlich im echten Mazdeismus der Perser Ahuramazdâ allein verehrt und Angrômainyus mit Verwünschungen überschüttet wurde, wurden im Magismus das gute wie das böse Prinzip in gleicher Weise verehrt. Plutarch erzählt[78], daß die Magier dem Angrômainyus (%Aidês, Areimanôs%) Opfer darbrachten, und beschreibt die drei üblichen Gebräuche, welche hauptsächlich in der Darbringung des Sumpfgrases (%omômi%) bestanden, das mit dem Blute eines Menschen benetzt und an einem finstern Ort aufbewahrt wurde. Herodot[79] läßt Amnestris, die Gemahlin des Xerxes, welche dem Einfluß der Magier gänzlich ergeben war, »dem Gotte der Finsterniß und der untern Regionen« sieben Kinder opfern; auch berichtet er von einem ähnlichen Opfer, welches die Perser auf ihrem Zug nach Griechenland beim Übergang über den Strymon zu Ehren desselben Gottes verrichtet haben sollten. Der Brauch der Menschenopfer ist aber ebenso wie die Anbetung des Angrômainyus den Grundprinzipien des Zoroastrismus durchaus zuwider, auch wiederholt er sich sonst in der Geschichte der Perser nicht, weshalb er wohl als ein Rückfall in den Magismus zu betrachten ist.
Der medische Magismus steht insofern auf einer tieferen Stufe wie die akkadische Magie, als in ihm das böse wie das gute Prinzip gleichmäßig verehrt wurden. Aber, wie es scheint, rührt dies daher, daß die Meder einen ihrer Hauptgötter vor der iranischen Einwanderung und Eroberung in Schlangengestalt verehrten, ein Brauch, welcher sich mehrfach bei den turanischen Völkern findet. So war bei den Akkadern die Schlange eine Erscheinungsform des Ea und ein häufig gebrauchtes religiöses Symbol. So legt z. B. ein akkadischer Zauberhymnus einem Gott -- vielleicht Ea -- folgende Worte in den Mund:
»Wie die gewaltige siebenköpfige Schlange ihre Köpfe heftig schüttelt, so schwinge ich die siebenköpfige Waffe. Wie die Schlange, die die Wogen des Meeres peitscht, ihren Feind von vorn angreift, So führe auch ich die Verheererin in tobendem Schlachtgetümmel, die Beherrscherin von Himmel und Erde, die siebenköpfige Waffe.«
Bei der Vermischung der protomedischen Religion mit den iranischen Überlieferungen mußte sich der alte Schlangengott mit dem iranischen bösen Prinzip zu einem Wesen verschmelzen, um so mehr, als in der iranischen Überlieferung Angrômainyus Schlangengestalt angenommen hatte, um in den Himmel Ahuramazdâs zu gelangen. Da nun die turanischen Ureinwohner Mediens wohl sicher größere Neigung ihren alten Schlangengott als den iranischen Ahuramazdâ zu verehren besaßen, mußte der Kultus des Angrômainyus so recht zu der mit magischen Gebräuchen verbundenen Volksreligion werden, und hier haben wir auch die Wurzel aller späteren Schlangen- und Teufelskulte zu suchen, deren ursprüngliche Bedeutung verloren gegangen war. -- Direkte Nachkommen der alten Angrômainyusverehrer sind die noch heute im nördlichen Mesopotamien lebenden Yezidis oder Teufelsanbeter, deren Religion noch ganz die alte dualistische ist, die aber nur das böse Prinzip verehren, weil das gute keine Anbetung verlange.
Hervorgehoben muß noch werden, daß seit Artaxerxes Memnon der persische Mithra eben dieselbe Vermittlerrolle zwischen der Gottheit und der Menschheit ausübt wie der akkadische Silik-mulu-khi. So wird auch Mithra »der Freund« genannt, was als iranische Übersetzung des akkadischen Beinamens des Silik-mulu-khi, »der den Menschen Gutes zuwendet«, gelten kann. Jedenfalls hat Mithra im Magismus die Stellung irgend eines vermittelnden, dem akkadischen Silik-mulu-khi entsprechenden Gottes in der protomedischen Religion mit Ähnliches bedeutendem Namen innegehabt.
Was nun den eigentlichen Ritus der Magier anlangt, so sind nach Ansicht aller mazdeischen Schriften die Beschwörungs- und Zaubergebräuche des medischen Magismus nur ein Werk und eine Erfindung der Yâtus, der Feinde des Zoroaster, weshalb dieselben ausdrücklich untersagt und mit strengen Strafen belegt werden.
Die Weissagung übten die Magier, wie schon oben gesagt, hauptsächlich durch das Loswerfen mit Tamariskenstäben aus. Das in späterer Zeit das Hauptabzeichen der Diener des mazdeischen Kultus bildende Bareçma ist nichts als ein Bündel solcher Wahrsagestäbe, deren Anwendung in Persien unter dem Einfluß der Magierkaste Eingang gefunden hatte.
Die Magier gaben ferner vor, daß sie durch bestimmte Worte und Handlungen himmlisches Feuer auf ihre Altäre herabziehen könnten, und legten sich überhaupt nach Herodot[80] und Diogenes Laërtius[81] alle möglichen übersinnlichen Kräfte bei. Das Herabziehen des Blitzes, welches wir auch bei den Etruskern und Römern antreffen, könnte vielleicht auf primitiven elektrischen Kenntnissen beruhen, welche bei der Ausübung der Fulguration erworben worden waren.
Endlich verbreitete sich zur Zeit der Perserkriege in Griechenland ein Buch, welches von einem Magier Osthanes verfaßt worden war und nach Plinius[82] »den Griechen einen wahren Heißhunger nach Magie beibrachte«, die von jetzt ab an die Stelle der alten rohen Goëtie trat. So viel von dem Buche bekannt ist, lehrte es allerlei Zauber- und Wahrsagekünste sowie die Beschwörung der Toten und Dämonen.[83]
Zweite Abteilung.
Der Zoroastrismus.
Erstes Kapitel.
Das Leben Zoroasters.[84]
Der große parsische Gesetzgeber heißt in der Zendsprache Zarethoschtro, im Pehlvi Zerathescht oder Zertoscht, und endlich im Parsi Zerduscht. Die Griechen machten aus diesen Namen Zeroasters, Zabratos, Zaratas, Zarasdes und endlich den gebräuchlichsten Namen Zoroaster. Die Bedeutung desselben ist »Goldstern« oder »Sohn des Stern«, ähnlich wie Bar Cochba oder Nazaratos.
Nach den Zendschriften lebte Zoroaster im 6ten Jahrhundert v. Chr. und wurde zu Urmi in Aderbedschan als Sohn des Poraschasp und der Dogdo geboren.
»Dies begab sich -- heißt es im Zerduscht-nameh -- am Ende eines Zeitpunkts, wo Angrômainyus Macht hatte. Bosheit war gewaltig auf Erden, die Völker ohne Richter, und Angrômainyus war ihr Herrscher und Plager. Da zeigte Gott das Antlitz seiner Liebe, ließ aus Feriduns Wurzel einen Baum hervorgehen[85], Zoroaster, den Propheten der mußte die Gefangenen erlösen.«
»Dogdo, Zoroasters Mutter, hatte im sechsten Monat ihrer Schwangerschaft einen Traum voll Furcht und Schauder. Eine schwarze Wolke war vor ihrem Auge, die wie ein Adlerflügel das Licht bedeckte und schreckliches Dunkel erzeugte. Löwen und Tiger und Wölfe und Rhinocerosse mit Schlangen regneten aus dieser Wolke in Dogdos Haus. Das gewaltigste und grausamste dieser Ungeheuer stürzte sich auf sie, wüthete und brüllte, riß ihr den Leib auf und zog Zoroaster hervor, packte ihn zwischen die Klauen und wollte ihn umbringen. Alle Menschen erhoben ein furchtbares Geschrei, und Dogdo rief mit Zittern und Zagen: Wer will mich erretten von dem Ungeheuer, das mich erdrückt? -- Sei guten Muths, sprach Zoroaster, die Ungeheuer werden nichts ausrichten, denn der Herr wacht zu meinem Schutz; lerne ihn nur kennen, Mutter! Ich, der Einzige, will die Menge der Ungeheuer bezwingen!«
»Diese Worte waren Trost für Dogdos Herz. Und am Orte der Bestien erhob sich ein hoher Berg; Sonnenglanz zerstäubte die Nachtwolke, Südwind blies, und die Ungeheuer zerstiebten wie Blätter.«
»Am hohen Tage zeigte sich ein Jüngling, schön wie der Glanz des vollen Mondes, leuchtend wie Djemschid, mit einem Lichthorn[86] in der einen Hand riß er die Wurzel der Dews aus, die andere hielt ein Buch. Er schwang sein Buch nach den Bestien, da schwanden sie aus Dogdos Haus, als wären sie zu nichts geworden. Nur die drei mächtigsten: Löwe, Wolf und Tiger blieben. Es schlug sie aber der Jüngling mit dem Lichthorn, daß sie vergingen. Da schloß er Zoroaster wieder in seiner Mutter Leib, blies sie an, und sie ward schwanger. Ohne Furcht! sprach er zu Dogdo, der König des Himmels schützt das Kind; die Welt ist voll seiner Erwartung; er ist der Prophet Gottes an sein Volk. Sein Gesetz wird der Erde Freude bringen. Durch ihn soll Löwe und Lamm zusammen trinken. Fürchte diese Bestien nicht! Wessen Helfer Gott ist, wie sollte er die ganze Welt fürchten?«
»Der Jüngling verschwand und Dogdo erwachte. Dies war gegen Mitternacht. Die zagende Dogdo suchte einen ehrwürdigen Greis auf, der erfahren war in der Traumdeutung und Kenntniß der Welt wie des Laufes der Gestirne. Sie erzählte ihr Gesicht, um das Unglück zu erfahren, welches sie befürchten müsse. Mein Leben lang, sprach der Alte, habe ich dergleichen nicht gehört. Bringe mir den Planetenstand bei deiner Geburt und komme in vier Tagen wieder.«
»Die drei Nächte, welche kamen, waren schlaflos für Dogdo. Als der vierte Tag anbrach, sah sie den Traumdeuter wieder, und Freudenlicht glänzte aus seinen Augen. Sein Astrolabium war zur Sonne gerichtet; er betrachtete nochmals, was sich begeben sollte, nahm darauf eine Tafel und schrieb darauf bei einer Stunde lang, indem er die Sterne beobachtete, und sprach dann zur Mutter Zoroasters: Ich sehe, was noch kein Menschenkind gesehen hat. Du bist schwanger fünf Monate und dreiundzwanzig Tage, und wenn deine Zeit gekommen ist, sollst du einen Sohn gebären[87], den man nennen wird »gebenedeieter Zoroaster«. Er soll ein Gesetz verkündigen, das der Erde Freude bringen wird. Die Verehrer des unreinen Gesetzes werden seine Widersacher sein und gegen ihn streiten. Du wirst davon leiden, wie du gelitten hast von jenen Bestien, endlich aber siegen. Der lichtglänzende Jüngling, der dir im Gesicht erschienen, ist aus dem sechsten Himmel; das Lichthorn in seiner einen Hand ist ein Sinnbild der Größe Gottes, der Zoroasters Beistand sein wird zur Vertreibung des Bösen. Das Buch in seiner andern Hand ist ein Siegel seiner Weissagung[88], vor welchem die Dews fliehen. Die drei Bestien, welche bleiben, sind drei gewaltige Feinde, die aber nichts gegen ihn auszurichten vermögen. Um diese Zeit wird ein König sein, der das vortreffliche Gesetz einführen wird. Welcher Mensch Zoroasters Worten glaubt, dem wird Gott das Paradies schenken; die Seele seiner Feinde wird zum Duzakh[89] müssen.«
»Woher, sprach Dogdo, weißt du meine fünfmonatliche Schwangerschaft? Wisse, war seine Antwort, daß ich Wahrheit sage: Die Berechnungen meiner Kunst beruhen in der Kenntniß des Himmels. So schreiben die alten Bücher.«
»Dogdo, deren Herz vor Freude trunken war wie von Wein, hüpfte wie die Wolken, segnete den Traumdeuter, kehrte heim und sagte Alles, was sie begeben hatte, Poroschasp, ihrem Manne.«
»Am Ausgang der neun Monate gebar sie einen Sohn. Kaum geboren, lächelte der Knabe, worüber sich alle Welt verwunderte und große Dinge weissagte.«
»Unter den Frauen in Dogdos Gemach waren Magierinnen, welche dieses Wunder, das sie im Leben noch nicht gesehen hatten[90], stumm machte. Das Gerücht des Wunders erscholl allenthalben und machte den großen Haufen der Magier bekümmert. Sie besorgten daraus Böses für sich und wollten Zoroaster umbringen. Dies entdeckte Ahuramazdâ Zoroaster[91] mit den Worten: Im Anfang verschworen sich die Dews wider den großen Zoroaster und trachteten ihm nach dem Leben. Aber Zoroaster soll reine Freude haben und die Dews überwinden.«
»Von Norden aus kommt Angrômainyus[92], aus allen Gegenden und Orten kommt der todschwangere Fürst der Dews; er läuft ruhelos, dieser todschwangere Angrômainyus, dieser Eingeber des argen Gesetzes. Dieser Darudj[93] durchstreicht die Länder und verheert sie, o reiner Zoroaster! Überall dringt er hin; er, der Dew, der Vater alles Bösen, der Verheerer, Plager und Lehrer des bösen Gesetzes.«
»Darauf offenbarte Ahuramazdâ dem Zoroaster, was beim Anfang der Welt zwischen ihm und Angrômainyus vorgefallen; wie der Arge im Anblick des künftigen Untergangs seines Reiches durch Zoroaster Alles, die Kräfte seiner Engel, gegen ihn aufgebracht von der Stunde seiner Geburt an.«
»Er mit seinem langen Arm und ausgedehnten Körper, heiliger Zoroaster, durchstreifte die weite Erde, ohne nach Ahuramazdâ dem Großen, dem gerechten Richter der Welt, zu fragen; er durchlief sie lang und breit, und da er wie über eine weitgehende Brücke war, drang er in die feste Stadt des Poroschasp. Doch war Zoroaster weit stärker als Angrômainyus, der Vater des bösen Gesetzes.«
»Damals lebte in dieser Gegend Fürst Duranserun, Haupt der Magier und Erster der Schüler des bösen Gesetzes.[94] Er wußte, daß Zoroaster, sobald er aufstünde, durch sein reines Gesetz alle Magie töten würde. Kaum wurde ihm des Kindes Geburt verkündigt[95], als er auf den Thron sprang wie ein Stier, zu Pferde stieg und sich mit Eifer in das Haus des Poroschasp begab. Er fand Zoroaster an der Mutter Brust, seine Wangen waren wie des Frühlings Blüte, und Größe Gottes ging von ihm aus. Belehrt von dem, was sich begeben hatte bei seiner Geburt, machte Duranserun der Zorn blaß, und er befahl seinen Leuten, daß sie das Kind greifen und mit dem Säbel zerhauen sollten. Aber der Vater der Seelen ließ seine Hand verdorren auf dem Fleck. Im Feuerzorn verließ er Zoroasters Wiege, und die Magier, wie Schlangen gekrümmt, machten sich von dannen.«
»Einige Zeit darauf nahmen sie Zoroaster und trugen ihn in die Wüste. Daselbst bauten sie einen Holzstoß von Pech und andern Feuermaterien, entzündeten ihn und warfen Zoroaster darauf und gingen mit Freude und Jauchzen, Duranserun anzusagen, was sie gemacht hätten. Dogdo hörte dies und lief wie außer sich zur Wüste, fand aber Zoroaster sanft und ruhig schlafen. Feuer war ihm süßes Wasser. Sein Antlitz glänzte wie Zohore[96] und Moschteri.[97] Sie nahm ihr Kind, gab ihm hundert Küsse und trug es heim.«
»Augenblicklich verbreiteten sich diese Wunder. Feuer hatte nicht Macht gehabt über Zoroaster, das wußte Jedermann. Darauf trugen ihn die Magier auf Befehl ihres Obersten in einen Hohlweg, den Ochsen begingen; die sollten ihn zertreten und zerreißen. Aber der größte und stärkste der Heerde ging auf Zoroaster zu wie eine zärtliche Mutter, umfaßte ihn und schlug mit dem Horn alle Stiere, die auf ihn zu wollten, und wie sie alle vorbei waren, ging der Ochse seinen Weg und ließ das Kind. Dies ward wieder ruchbar. Als Dogdo hörte, wohin man ihr Kind getragen, holte sie es heim und behielt alle diese Dinge Tag und Nacht in ihr ihrem Herzen.«
»Ein gewisser Zauberer Turberatorsch, berühmt durch seine Zauberkünste, sah seine Gesellen ganz muthlos und sprach: Wozu das Klagen? Ich weiß, wir können nichts gegen Zoroaster. Gott schützt ihn. Bahman[98] wird ihn zum Throne Ahuramazdâs bringen; der wird ihm alle Geheimnisse aufschließen und ihn zum Propheten der ganzen Welt machen. Er wird ihr ein Gesetz geben, und ein gerechter König wird alle Magier verderben. Poroschasp hörte den Magier vom Schicksal seines Sohnes reden und fragte: Was denkst du von seinem Lachen bei der Geburt? Turberatorsch sprach: Dein Herz freue sich: So lange die Welt steht, hat sie dergleichen nicht gesehen. Das Kind wird ein Wunder der Heiligkeit werden und den Völkern den Weg zur Reinigkeit zeigen und nach dem Wort des reinen und siegreichen Gottes Zendavesta auf die Erde bringen. Der König Gustasp[99] wird sein Gesetz annehmen. -- Das waren Worte der Freude für Zoroasters Vater.«
»Poroschasps Nachbar, alt in Weisheit und Heiligkeit, kam als der Hahn krähte, und bat Poroschasp, ihm Zoroaster anzuvertrauen. Er wolle seiner pflegen und für ihn sorgen als für die zarteste und schönste Blume. Poroschasp willigte darein, und Zoroaster blieb bei dem alten Weisen, geschützt durch die Glorie Ahuramazdâs, ohne den Feuerwind des Angrômainyus und der Magier zu empfinden.«
»Nach diesem kamen Turberatorsch und Duranserun zu Poroschasp, um durch ihre Bezauberungen seinen Knaben tödlich zu erschrecken. Sie trieben Kunst auf Kunst, erregten Schrecken auf Schrecken, daß alles Volk zitterte. Zoroaster, dessen ganzes Thun und Lassen in Gott war, blieb allein beherzt, ohne einen Fuß zu bewegen. Gott ließ ihn alle Zaubereien überwinden und erfüllte die Magier mit Verzweiflung, daß sie von dannen wichen.«
»Zoroaster wurde krank, und seine Freunde sehr betrübt. Turberatorsch, der Zauberer Oberster, bereitete einen Arzneitrank aus reinen und unreinen Pflanzen aller Art. Nimm diesen Trank, sprach er zu Zoroaster, wenn du genesen willst! Zoroaster, der gleich wußte, daß dies Zauberarznei wäre, die allem Volke Ahuramazdâs verboten ist, nahm sie aus der Hand des Argen und goß sie auf die Erde mit den Worten: Kothseele, ich bedarf deines Mittels nicht; verübe alle deine Magie gegen mich: komme zu mir im falschen Kleide, meine Seele kennet dich doch. Der Allerhöchste läßt mich sehen, wie du bist; er, welcher der Seele Leben giebt und nimmt.«
»Magier deckten damals das Erdreich, und die meisten Erdenkinder vergaßen des Weltenschöpfers und fragten blos die Dews.[100] Poroschasp, der Diener Ahuramazdâs ließ sich vom Strom mit fort reißen und vereinigte in sich Anbetung Ahuramazdâs und Ehrfurcht vor den Dewspriestern. Eines Tages versammelte er bei sich eine Schaar kundiger Magier, unter ihnen Turberatorsch und Duranserun, und gab ihnen ein Mahl. Als sie gegessen und getrunken hatten, sprach er zu Turberatorsch: O, du, der du alle Tiefen der Magie weißt, gieb mir ein geheimes Mittel, das heute Freude in meiner Seele erzeugt.«
»Zoroaster hörte seines Vaters Begehr und sagte: Sprich nicht, Vater, solche leere Worte; du brauchst nicht solche Mittel. Geht dein Fuß nicht reinen Weg, so mußt du einst zur Hölle. Folge dem, was Gott dir zeigt, der alle Dinge gemacht hat. Du trauest falsch den Zauberkünsten und vergissest das Werk des Gottes aller Welt. Ihr Ende wird sein Abgrund und Verderben, ihrer Thaten Frucht.«
»Turberatorsch antwortete: Warum kannst du nicht schweigen, kleiner Schwätzer? Du und dein Vater, was seid ihr vor mir? Du willst mit Gewalt mein Geheimniß aufdecken? Kein Mensch hat noch also von mir geredet. Warte! Ich will dich überall beschimpfen, deine Werke verrufen; nie soll dein Herz sich freuen!«
»Heillose Kothseele, sprach Zoroaster, alle deine Lügen werden nichts vermögen. Was ich sage ist wahr. Dieser Arm soll dich zerstäuben! Durch Hülfe des großen Gottes der Allmacht will ich all dein Beginnen zu nichts machen, dich an Leib und Seele plagen! Diese Worte erfüllten die Zauberer mit Schauder, und Turberatorsch -- man sollte gedacht haben, seine Seele wäre außer dem Leibe -- wich von dannen und wurde heftig krank.«
»So erreichte Zoroaster sein fünfzehntes Jahr.[101] Er war Tag und Nacht im Gebet, sein Haupt zur Erde gebeugt, und hatte Leiden an Seele und Leib.«
»Den Bedrängten spendete er Trost und Hülfe im Geheimen. Konnte Jemand nicht in seinem Vorhaben fort, so brachte er es in Ordnung, kleidete die Armen und gab Almosen, wo es nöthig war. All sein Gold und Silber gab er dahin, und sein Name war groß bei Jung und Alt.«
»Ein Jüngling wie Zoroaster, dessen Herz nicht durch irdische Güter umfaßt, noch durch die Vergnügungen seines Alters erwärmt wurde, fand keine Lust am Umgang der der Magie ergebenen Bewohner von Urmi. Er fand seine Freude und Trost in der Weisheit bis zum fünfundzwanzigsten Jahr. Er hörte die Weisen aus Chaldäa, und die hohen Gedanken, welche er aus ihren Schriften schöpfte, waren der Keim für alle die Wahrheiten, durch welche er später Persien erleuchtete.«
»Im dreißigsten Jahr trieb ihn sein Herz nach Iran.[102] -- Er kam daselbst an am letzten Tag des Jahres. Man feierte daselbst just Farvardians, d. h. das Fest der Seelen des Gesetzes[103], und die Fürsten des Reiches waren beisammen. Zoroaster wollte auch dahin, aber die Nacht überkam ihn auf dem Wege. Er legte sich hier schlafen und sah im Traum ein Heer Schlangen von Mitternacht ausziehen, welche den ganzen Weg bedeckten und keinen Ausgang ließen. Wie Zoroaster sie eine Weile anschaute, sah er ein anderes Heer von Mittag kommen. Beide stießen wüthend auf einander; dieses aber überwand.«
»Dieser Traum deutete auf die Magier und Dews, welche wie brüllende Löwen gegen Zoroaster kriegen würden, wenn er, in den Geheimnissen Gottes unterrichtet, der Welt sein Gesetz bekannt gemacht hätte; daß aber Mediomah[104] an dieses Gesetz glauben, dem neuen Gesandten Gottes beistehen, und die Dews und Magier durch das Lesen des Zendavesta in die Flucht getrieben würden.«
»Sobald Zoroaster der geheime Sinn seines Traumes aufgegangen war, ging er zu dem Ort des Festes und überließ sein Herz der Freude. Dann besuchte er in der Mitte des Monats Ardibehescht[105] ein großes Meer und sah sich in der Mitte eines paradiesähnlichen Landes. Bei Sonnenaufgang des Tages Dapmeher[106] dachte Zoroaster hin und her über die Widersprüche, die er nun bald würde leiden müssen, und verließ Iran mit nassen Augen. Nachdem er über den Araxes war, kam er nach wenigen Tagen an das Ufer des Meeres Daeti.[107] Er stieg in das Wasser ohne Furcht; anfangs ging es ihm bis an die Schenkel, darauf bis an die Kniee, den Leib und den Hals.«
»Diese vier Wasserhöhen deuteten auf das Wachsen seines herrlichen Gesetzes[108] zu vier verschiedenen Zeiten: unter Zoroaster, unter den Propheten Oschederbami und Oschedermah in den letzten Tagen und unter dem Sosiosch, der bei der Auferstehung die ganze Welt reinigen und zum Paradies machen wird.[109] Zoroaster wusch sich Haupt und Leib im Daeti und dankte Ahuramazdâ, wie er hindurch war. Er zog sich hierauf in die Gebirge zurück, um den Allerhöchsten zu befragen, und in allergrößter Ruhe bei sich zu betrachten, was er seinem Vaterland verkünden wolle.«
»Hier erschien ihm nun Bahman im Lichtglanz wie die Sonne. Seine Hände waren in einen Schleier gehüllt, und er sprach zu Zoroaster: Wer bist du, und was suchst du? -- Ich suche, was Ahuramazdâ gefällt, dem Schöpfer beider Welten, weiß aber nicht, was er von mir will. Du, der du rein bist, zeige mir den Weg des Gesetzes. -- Bahman hatte Wohlgefallen an diesen Worten und sprach: Mache dich auf, um vor Gott zu erscheinen; da sollst du Antwort hören auf dein Begehr. Zoroaster machte sich auf und folgte Bahman, der zu ihm sprach: Schließe deine Augen und gehe frisch. -- Es war, als ob ein Adler ihn aufnähme und vor Gott brächte. -- Zoroaster that seine Augen auf und sah des Himmels Glanz, Heerscharen der Engel kamen auf ihn zu; jeder fragte ihn um etwas und zeigte es mit dem Finger. Vor dem Throne Gottes betete er erst an und fragte dann um dies und das, wie Djemschid einst that.«
»Zoroaster sprach zum Allerhöchsten: Wer ist der beste deiner Diener in der Welt? -- Gott, der immer gewesen ist und immer sein wird, antwortete: Der ist's, der reines Herzens ist; wohlthätig gegen den Gerechten und gegen alle Menschen; der seine Augen vom Reichthum wendet; der von Herzen Gutes thut allem Geschöpf in der Welt, dem Feuer, Wasser und Thiergeschöpfen: der soll ewig sein in Fried und Freuden. Ich hasse den, sprach Ahuramazdâ, der den Guten betrübt, der meine Diener bekümmert und außer meinen Geboten wandelt, der -- sage es allem Volk -- muß ewig in der Hölle sein.«
Hierauf fragte Zoroaster Ahuramazdâ über die Amschaspands[110], die ihm lieb sind, über den unreinen Angrômainyus, der nur Arges denkt, über Gute und Böse und über den Ausgang derer, die den Dews anhängen.
Ahuramazdâ sprach: »Ich bin es, der lehrt, was gut ist[111]; Angrômainyus ist der Vater des Bösen; mein Wille ist nicht der Menschen Plage. Wisse: Böses kommt nur von Angrômainyus, alles böse Thun und alles böse Denken. Die Strafe der Sünde ist in der Hölle. Die Thoren lügen, wenn sie sagen, ich thäte Böses.«
Alsdann bat Zoroaster Angrômainyus um Unsterblichkeit, damit er in allen Zeiten die Menschen im Glauben und der Befolgung des Gesetzes stärken könne. Ahuramazdâ sprach[112]: »Befreie ich dich vom Tode, so wird auch der Körper des Dew Turberatorsch davon befreit sein, und es würde alsdann keine Auferstehung geben. Du würdest alsdann den Tod von mir suchen.« Ahuramazdâ gab ihm eine Speise, ähnlich dem Honig. Zoroaster aß und sah im Traum die Herzen und Gedanken der Menschen aufgedeckt. Ahuramazdâ ließ ihn alle Begebenheiten vom Ersten der Menschen bis zur Auferstehung sehen und was im letzten Weltjahrtausend geschehen würde. Beim Anblick der Plagen und Übelthaten, welche die Welt verwüsten würden, wünschte er sich nicht mehr Todlosigkeit.[113]
Ahuramazdâ lehrte ihn noch den Umlauf des Himmels[114], die guten und bösen Einflüsse der Gestirne, die Tiefen der Naturgeheimnisse, die Hoheit der Amschaspands und die Freuden der himmlischen Wesen. Zoroaster sah auch die Gestalt des Angrômainyus in der Hölle und erlöste aus diesem Reich der Finsternis einen Menschen, der Gutes und Böses gethan hatte.[115]
Als Angrômainyus ihn erblickte, schrie er mit großer Stimme: »Verlasse das reine Gesetz; wirf es wie Staub hinweg; du sollst doch in der Welt haben, was dein Herz begehrt.[116] Kümmere dich nicht um deinen Ausgang, oder bekämpfe wenigstens mein Volk nicht, o reiner Zoroaster, Sohn des Poroschasp, der du geboren bist von der, die dich getragen.« Zoroaster sprach: »Falscher Ruhm und Glanz ist dir und allen deinen Nachfolgern in der Hölle. Mit Gottes Barmherzigkeit will ich dein Werk in Schimpf und Schande bringen!«
Zoroaster -- voll göttlicher Majestät -- sah nun einen Feuerberg; er mußte hinein und ging schadlos hindurch. Es wurden geschmolzene Metalle über ihn ausgegossen, und er verlor kein Haar. Darauf öffnete man ihm auf Befehl Ahuramazdâs den Leib und nahm Alles heraus. Wen Gott schützt, dem ist Feuer in der Hand wie Wachs, und wenn er auch durch Feuer oder Wasser muß, so fürchtet er doch nichts.[117]
Ahuramazdâ sprach: »Sage nun allem Volk, was du gesehen hast, du, sein Hirte! Wer nun Angrômainyus unreinen Weg wandelt, aus dessen Leib sollen Blutflüsse fließen, und er soll den Feuerflammen übergeben werden, wie dir gezeigt ist. Vom Fluß des geschmolzenen Metalls siehe diese Deutung: Ein Menschengeschlecht wird das Gesetz verlassen und Angrômainyus anhängen; aber die Mobeds werden sich rüsten wider die Dews zu streiten. Zweifelsucht wird über die Menschen Gewalt üben, aber dieser Feuerstrom soll sie aufzehren. Aderbad Mahrespand[118] wird erscheinen und die Menschen lehren Alles, was sie wissen müssen. Geschmolzene Metalle werden über ihn gegossen werden, ihm aber nicht schaden. Dieses Wunder wird alle Zweifel wie Staub verschwinden machen und den rechten Weg zeigen.«[119]
Darauf befragte Zoroaster Ahuramazdâ, der alle Geheimnisse weiß, um die Pflichten seiner Diener -- Desturs und wachsamen Mobeds -- um die Art zu beten und sein Gesicht zu kehren. Der Allernährer jedes Tags und Allgenugsame sprach: »Sage den Menschen, daß mein Licht verborgen ist unter allem, was glänzt.[120] Richte dein Antlitz gegen das Licht und thue meine Gebote, so wird Angrômainyus fliehen; in der Welt geht nichts über das Licht.«
Dann lehrte Ahuramazdâ Zoroaster den Zendavesta und sprach: »Lies ihn vor dem König Gustasp, damit er ihn in seinen Schutz nehme; zeige ihm, wer ich bin, damit er Mitleiden und Güte beweise; lehre ihn Alles und unterrichte auch die Mobeds an meiner Statt, daß sie den Weg Angrômainyus meiden.« Über diese Gebote freute sich Zoroaster und dankte Ahuramazdâ.
Nun kamen die Amschaspands zu Zoroaster, um ihre Aufträge auszurichten. Bahman, der die Tiere schützt[121], sprach: »Ich überlasse dir die Thiere und Herden; laß die Mobeds dafür sorgen. Kein junges und nützliches Thier müsse getödtet werden; das sage Alt und Jung: ich habe sie von Ahuramazdâ empfangen und darf sie keinem Bösen anvertrauen.«
Der glänzende Ardibehescht[122] sprach: »Sage in meinem Namen Gustasp, Diener des reinen Gottes, ich habe dir alle Feuer empfohlen. Laß Desturs, Mobeds und Herbeds[123] dafür sorgen, daß sie nicht getilgt werden, weder durch Wasser, noch Koth, daß jede Stadt ein Atesch-gah[124] habe und diesem Element zum Lobe die vorgeschriebenen Feste feiere, denn der Glanz des Feuers kommt vom Glanze Gottes. Was ist Schöneres in der Welt? Er will nur Holz und Gerüche; Jung und Alt bringt ihm die, und er wird die Gebete erhören. Ich überlasse es dir, wie es mir von Ahuramazdâ überlassen ist. Wer mein Wort nicht hört, der geht zur Hölle.«
Shariver[125] befahl, die Waffen -- Säbel, Lanze &c. -- nicht verrosten zu lassen.
Espendarmad[126]: die Menschen sollten nach dem Willen dessen, der alles segnet, die Erde vor Blut bewahren, vor Unreinigkeiten und Todten; alles Unreine und Todte an besondere Orte schaffen, die Erde fleißig bauen usw.
Chordad[127] empfahl ihm alles Wasser unter und über der Erde, in Quellen, Flüssen, Brunnen usw. Wasser giebt allem Lebendigen Stärke, macht grün usw.; deshalb darf man nichts Unreines und Todtes hineinwerfen.
Amerdad[128] sprach von Früchten und Bäumen und befahl sie nicht muthwillig zu beschädigen.
Noch wurde Zoroaster befohlen: »Laß die Desturs in alle Welt gehen und die Menschen zum Glauben an Ahuramazdâs Gesetz bekehren.[129] In jedem Ort bestelle einen zum Lehrer des Gesetzes und der Gerechtigkeit, der den Zendavesta liest und zu Gott, dem Schöpfer der Welt, betet. Alle Menschen sollen sich nach der Seite des Rechts wenden, mit dem Kosti[130] umgürtet sein, dem Kennzeichen der Schüler des heiligen Gesetzes, und rein erhalten die vier Elemente des Menschenkörpers, Luft, Wasser, Feuer, Erde; dann wird alles blühen und den Segen des Allerhöchsten genießen.«
Dies waren die Lehren, welche Ahuramazdâ und die Amschaspands ihrem Diener Zoroaster erteilten.
Da nun Zoroaster außerdem noch auf den Bergen Offenbarungen von Ahuramazdâ erhielt, so heiligte er in den Gebirgen Persiens dem Mithra[131] eine Höhle. Diese Höhle sollte ein Bild der Weltschöpfung durch Mithra sein, und die Dinge, welche in ihr in abgemessenen Entfernungen von einander lagen, sollten die Harmonie des Weltalls darstellen, die Bewegung der Planeten und Fixsterne und den Aufenthalt der Seelen auf denselben.
Nach Origenes[132] hatten die Perser in den später allenthalben entstandenen Mithrasgrotten eine symbolische Leiter von acht Sprossen. Die erste aus Blei bestehende Sprosse stellte den Saturn, die zweite aus Zinn bestehende den Jupiter, die dritte aus Eisen bestehende den Mars, die vierte aus Kupfer bestehende die Venus, die fünfte aus gemischtem Metall bestehende den Mercur, die sechste, silberne, den Mond, die siebente, goldene, die Sonne und die achte den Fixsternhimmel dar.
Auch im neueren Parsismus nimmt man sieben den Planeten entsprechende Himmel mit verschiedenen Graden der Seligkeit an. Über sie alle geht Gorotman, die Wohnung Ahuramazdâs und der himmlischen Geister. Gorotman ist die achte Stufe der Leiter des Origenes.
Nachdem Zoroaster die Offenbarungen Ahuramazdâs und der Amschaspands erhalten hatte, kehrte er in die Welt zurück. Die Dews und Magier versuchten ihn zu bekriegen, konnten aber nichts ausrichten. Der oberste Magier sprach: »Sprich du immerhin Avesta, du sollst gegen uns doch nichts können.« Da ward Zoroaster zornig und sprach Avesta in Zend[133], da flohen alle Dews und verbargen sich in den Abgründen der Erde. Die Magier erfüllte Schrecken und Verzweiflung; ein Teil derselben starb, der andere bat um Gnade.
Nunmehr nahte sich Zoroaster auf der Straße von Balkh dem Palaste des Gustasp.[134] An einem Glückstag kam er in die Stadt und ruhete ein wenig; dann betete er zu Gott und ging zum König. Da er nicht vor sein Angesicht kommen sollte, spaltete er das Dach des Hauses darin der König Hof hielt.
Die Hofleute flohen, und nur Gustaspes blieb allein ohne Schrecken. Die Hofleute aber bestanden aus den Großen Irans und den berühmtesten Weisen. Der nähere und entferntere Zutritt zu seiner Person war die Belohnung ihrer größeren oder geringeren Verdienste.
Zoroaster trat vor den glänzenden Gustaspes und segnete ihn. Getroffen durch Zoroasters Worte der Weisheit, fragte der König seine Weisen, wer er wäre. Zoroaster setzte sich und redete unerhörte Dinge und beantwortete die Fragen, daß alle staunten.
Darauf breiteten die Weisen ein Decke auf den Fußboden und setzten sich um Zoroaster.[135] Jeder fragte ihn besonders, so viel er konnte, um die alten Wissenschaften und bewunderte die Tiefe und Weite seiner Einsicht. Gustaspes fragte auch nach der Weisheit der Alten und vernahm mit der Freude des Herzens seine Antwort und schenkte ihm darauf eine herrliche Wohnung neben sich. Die Weisen sannen die ganze Nacht auf Fragen, womit sie Zoroaster beschämen wollten; er aber betete die ganze Nacht und dankte Gott für den Sieg über sie.
Bei Tagesanbruch fanden sich die Diener und Weisen beim König ein. Sie redeten von vielen Dingen, aber Zoroaster war ihnen immer überlegen. »Was will daraus werden?« sagten sie.
Wie ein scharfschneidendes Schwert war seine Zunge gegen sie, und ihre Fragen aus der Weisheit beantwortete er hundertfältig. Gustaspes erwies ihm Ehre über Ehre, und Zoroaster mußte ihm seinen Stand, Namen, Familie und Geburtsort anzeigen. Am folgenden Tag Ahuramazdâ war Versammlung aller Großen, Heerführer und Weisen. Des Königs Diener aber entbrannten vor Zorn und sprachen: »Was, ein Fremdling will uns unsern Namen rauben? Wohlan, wir wollen zusammenhalten und alle seine Reden unnütz machen!«
Aber Zoroaster machte, daß am Tage Ahuramazdâ[136] wie an den vorigen Tagen alle Großen und Weisen verstummen mußten, und er wurde groß vor Gustaspes und sprach: »Ich bin von Gott ausgegangen, der die sieben Himmel gemacht hat, die Erde und die Sterne; von dem Gott, der Leben und Nahrung giebt Tag vor Tag und sich seines Dieners annimmt; der dir die Krone aufgesetzt hat und dich schützt und deinen Körper aus dem Nichts gezogen. Durch ihn regierst du und hast Gewalt über seine Knechte.« Zoroaster stellte Gustaspes Avesta vor und sprach: »Gott hat mich den Völkern gesandt, daß sie sein Wort in Zend, Ahuramazdâs Willen, annehmen. Thust du Gottes Willen, so wirst du Glanz haben in der andern Welt, wie dieser; hörst du aber sein Wort nicht, so wird Gott in seinem Zorn deine Krone zerbrechen, und dein Ende der Duzakh[137] sein. Neige dein Ohr den Belehrungen Ahuramazdâs und thue nicht mehr den Willen der Dews.«[138] -- Gustaspes sprach: »Was thust du zum Beweis deiner göttlichen Sendung für Zeichen, daß ich deinen Worten glaube und dich wider Ungerechtigkeiten schütze?«
»Wer das thut, was ich lehre, sprach Zoroaster, wird große Wunder thun. Gott hat mir gesagt: Wenn dein König Zeichen fordert, so sprich: Lies nur Zendavesta, so brauchst du keine Wunder. Das Buch selbst, das du siehst, ist Wunder genug. Es wird dich lehren, was in beiden Welten ist, der Sterne Lauf und den Weg des Guten.« -- »So lies denn Zendavesta«, sprach Gustaspes. Zoroaster las ein ganzes Stück, und der König fand nicht Geschmack, denn die Größe von Avesta ging über seinen Verstand. Er war wie ein Kind, das nicht köstliche Steine schützt; wie ein Unwissender, der nicht kennt den Wert der Wissenschaft.
Der König sprach zu Zoroaster: »Ich billige deine guten Wünsche für mich; aber wir müssen die Sache besonders ansehen. Ich will untersuchen und dir meine Zweifel darlegen. Um nicht Lüge zu glauben, will ich Zendavesta lesen, und was ich klar erkenne, dem will ich folgen.« Zoroaster freute sich über den König und versprach zur Zerstreuung seiner Zweifel alle Zeichen zu thun, die der König verlangte.
Die Weisen des Königs gestanden, daß Zoroasters Lehre rein sei; daß man aber, um sich von seiner göttlichen Sendung zu überzeugen, ein außerordentliches Zeichen von ihm verlangen müsse. »Welches denn?« fragte der König. Die Weisen antworteten: »Wir wollen ihn stark binden, mit Kräutern, deren Kraft wir kennen, reiben und ein Man[139] geschmolzenes Erz über ihn ausgießen.« Zoroaster war damit zufrieden, legte den Zendavesta vor sie und sprach: »O Gott, wenn dieses Buch dein ist, so zeige es jetzt!« Man goß geschmolzenes Erz auf seine Brust, und es schmerzte ihn nicht. Zoroaster that noch andere Wunder als: er pflanzte eine Cypresse, die in wenig Tagen zu einem großen Baum erwuchs[140] usw.
Nun glaubte Gustaspes, und Zoroaster erklärte ihm den ganzen Zendavesta. Des Königs Diener wurden eifersüchtig und sannen auf Mittel ihn zu stürzen. Einst erhielten sie durch Bestechung den Schlüssel zu Zoroasters Gemach im Palast des Königs. Sie trugen Blut, unreine Dinge, Haare, Leichname usw. zusammen, alles in einen Sack und legten es in sein Bett unter das Kopfkissen. Darauf gingen sie zum König und sprachen: »Zoroaster ist ein großer Betrüger; die ganze Nacht zaubert er und erfüllt dein Reich mit Gräueln.[141] Du bist unser König, und wir sagen nichts, als was wir wissen; du kennst diesen Schalk noch nicht!« Gustaspes dachte dem nach und wollte doch wissen, ob es wahr wäre. Zoroaster, der sich seiner Unschuld freute, öffnete ganz ruhig sein Gemach; aber da fand man Nägel, Todtengebeine usw.[142] Gustaspes zeigte das Alles seinen Dienern, und sie verfluchten Zoroaster. »Du Unreiner!« sprachen sie. »Ist das nicht Rüstzeug der Zauberer?« Zoroaster berief sich auf den Thürhüter, welcher sagte, kein fremder Wind sei in sein Gemach gegangen. Gustaspes glaubte und nannte Zoroaster einen Hund, warf ihm den Zendavesta vor die Füße und ließ ihn in Eisen legen. Solch ein Zauberer sei noch nicht in der Welt gewesen, denn er könne die Welt umkehren. -- Täglich bekam Zoroaster im Kerker ein Brod und einen Krug Wasser. Nach sieben Tagen offenbarte ein Wunder seine Unschuld. Der König hatte ein Lieblingspferd, das war schwarz. Er glaubte, wenn er dasselbe reite, so folge ihm der Sieg. Plötzlich hatten sich diesem die Beine in den Leib gezogen, und kein Arzt oder Weise wußte Hülfe. Der König aß und trank nicht, und die ganze Stadt war Trauer und Klage. Zoroaster hörte es endlich und sprach: »Lasse mich der König aus dem Kerker, so soll sein Pferd gesund sein.«
Es geschah. Als Zoroaster vor den König kam, sprach dieser: »Von dem, was du mir sagst, begreife ich nichts; heilst du aber mein Pferd, so bist du ein wahrer Prophet.« Zoroaster sprach: »Zuerst mußt du glauben[143], daß ich ein Prophet Gottes bin, der dir dein Gesicht gegeben hat und darin einen Charakter ausdrückt.[144] Wenn dein Herz ist wie deine Lippen, so soll dein Wunsch geschehen.« Gustaspes versprach sein Leben lang das Gesetz zu halten, zu thun, was recht sei, und Gott zu ehren. Darauf rief Zoroaster Gott an und weinte, und dem Pferde kamen die Beine wieder.
Vor dem Heraustreten des zweiten Beines mußte der Held Espendiar versprechen, daß er Zoroaster und sein Gesetz schützen wolle. Vor dem Heraustreten des dritten ließ sich Zoroaster in das Innerste des Palastes führen und verkündete dem ganzen königlichen Hause den Zendavesta. Endlich mußte der Thürhüter die Betrüger unter den Dienern des Königs entdecken, die ihn in Ungnade gebracht hatten. Der König bedrohte ihn mit dem Leben, die Wahrheit zu sagen. Er fiel auf sein Angesicht und bat um Gnade. »Die Weisen haben mich bedroht, sprach er, und wie sollte ich denen widerstehen, die mein Herr und König ehrt?« -- Die vier vornehmsten der Weisen wurden gespießt. Zuletzt sprach Zoroaster: »Gottes Macht ist so groß, daß er thut, was er will, ohne daß man fragen darf, wie und warum?« Von nun an fragte der König Zoroaster um Alles, was er vornehmen wollte. Einst sprach er: »Mein Herz verlangt vier Dinge, die eben so groß und wunderbar sind als Gottes Gesetz: Zu wissen, was für ein Ort mir in in der andern Welt bestimmt ist; daß ich mich vor keinem meiner Feinde fürchte; daß ich sehe, alles Gute und Böse, was in der Welt sich begeben wird, und daß meine Seele im Körper bleibe bis zur Auferstehung.«[145]
»Ich will zwar, sprach Zoroaster, um diese vier Dinge von Gott bitten; du mußt dich aber an einem begnügen und den drei Vornehmsten deines Hofes die andern überlassen; denn Gott schenkt sie alle nicht einem Menschen allein, damit er nicht sagen könne: ich bin allmächtig.« Da verlangte Gustaspes seinen Ort in der andern Welt zu wissen.
Am Morgen des andern Tags kam Zoroaster vor den König, der auf einem goldenen Thron saß. Er hatte den König kaum gesegnet, so standen vier edle Krieger im reichsten Waffenschmuck und hoch wie Berge vor der Thüre. Sie hießen Bahman, Ardibehescht, Chordad und Adergoschasp.[146] Sie sprachen: »Gott hat uns zu dir gesandt, König der Länder, um dir zu sagen, daß, wenn du Zoroasters Worten glaubst, du vor der Hölle bewahrt bleiben sollst, denn ich, sagt Ahuramazdâ, habe ihn gesandt.«
Der König war eine Zeit lang sprach- und sinnlos. Als er wieder bei Sinnen war, sprach er: »Ich, der Geringste unter den Dienern Ahuramazdâs, bin zu allem bereit, was ihr mir gesagt habt.« Der König sprach zu Zoroaster: »Ich übergebe mich dir mit Leib und Seele, wie mir Ahuramazdâ befohlen hat.« Zoroaster antwortete: »Sei getrost und guten Muths; du sollst sehen, was du verlangt hast!« Er verrichtete darauf das Darunopfer mit Wein, Wohlgerüchen, Milch und einem Granatapfel. Nachdem er diese Dinge und las Zendavesta und trank von dem Wein und gab den Becher dem König, der auch trinken mußte und wie berauscht einschlief. Im Schlafe, der drei Tage dauerte, erhob sich seine Seele zum Throne Gottes und sah seinen Kerdar[147] in Reinheit glänzend, seinen Platz, der für ihn und die Heiligen im Himmel bereitet war.
Dem zweiten Sohn des Gustaspes, Paschutan, gab Zoroaster die Milch zu trinken. Er wurde dadurch unsterblich. Djamaspes, der Diener des Gustaspes, bekam die Gerüche und damit alle Weisheit und die Erkenntnis alles Geschehenden bis an die Auferstehung. Espendiar endlich genoß einige Granatkerne, und sein Körper wurde fest wie ein Fels, aller Verwundung unfähig; daher nannte man ihn »Kupferleib« (Ruintan).
Als der König nach drei Tagen erwachte, sprach er: »O Gott der beiden Welten, dein Reich wird währen von Ewigkeit zu Ewigkeit.« Er berief hierauf Zoroaster zu sich und sagte Alles, was er gesehen hatte, und befahl auch allen seinen Unterthanen, dem Gesetz zu gehorchen.
Nun verlangte der König, daß Zoroaster von einem erhabenen Sitz den Zendavesta vorlesen sollte, damit ihm alle Zweifel benommen würden und er das Gesetz vollkommen verstehen lerne. Zoroaster that dies mit Herzensfreude und begann mit dem Gebet an Gott. Durch das Lesen erzitterten alle Dews und flohen in die Abgründe. Darauf ließ Zoroaster die reinen Mobeds und Herbeds zu sich kommen und redete mit ihnen in Gegenwart des Königs der Könige von den verschiedenen Arten des Feuers, zeigte ihnen den Dienst derselben &c. Er ließ auch ein gewölbtes Gemach bauen, darunter das Bild eines halben Mondes setzen, und in dieses Gemach einen mit Gold und Silber bekleideten Thron; es wurde auch allenthalben bedeckt, damit kein Unreiner es sehen könne. In diesen Atesch-gah wurde das heilige Feuer[148] gebracht, und Zoroaster befahl, daß an jedem Ort ein ähnlicher Atesch-gah erbaut werden solle. Da war das Herz der Diener Ahuramazdâs in Freude und das der Anbeter der Dews[149] in Traurigkeit.
Vor dem Atesch-gah gab Zoroaster dem Gustaspes noch folgende Ermahnungen: Den Anfang machte eine Lobpreisung Gottes, der alle Welt geschaffen hat, und die Bösen am Ende, wie er sie aus dem Nichts genommen, wieder ins Nichts zurückbringen wird; er, der den Himmel gemacht und den Sternen Glanz gegeben, dessen Reich ohne Ende dauert, der ein König alles Lichtes und aller Herrlichkeit ist.
Darauf erklärte Zoroaster dem König das Gesetz nach den Zendbüchern und sprach also: »Betest du Gott an in der Wahrheit, so wirst du zum Himmel gehen. Angrômainyus ist Ahuramazdâs Feind; er wendet das Herz der Menschen unaufhörlich vom Gesetz der Gerechtigkeit und sucht sie nach sich in die Hölle zu ziehen, um seine natürliche Wuth zu stillen, denn der Menschen Unglück ist der Hölle Freude. Am Ende werden die Sünder von den Dews verspottet, welche sagen: Warum hast du den Weg der Gerechtigkeit verlassen und bist den Weg der Finsterniß gewandelt?«
Zoroaster fuhr fort: »Gott, der herzliches Mitleiden mit seinen Dienern hat, hat mich mit dem Gesetz zu ihnen gesandt, damit sie den Weg des Bösen verlassen. Wer sein Herz vom Übel wendet, der wird ewige Freude haben. Möchte doch der Ungerechte seine Ungerechtigkeiten verwünschen und Andere mit sich auf den Weg der Wahrheit führen.«
»Der Gott der Welt hat mich zu dir gesandt, o reiner und gerechter König, und gesagt: Verkündige meinen Dienern, daß sie nicht von meinen Geboten weichen; lehre die Völker der Erde den Weg des verwünschten Angrômainyus zu hassen und meinen Weg der Gerechtigkeit zu wandeln; dann werden sie in den Himmel gelangen. Wer ihn verläßt, der muß mit Angrômainyus in der Hölle sein.«
»Siehe, noch folgenden Unterricht hat mir Ahuramazdâ gegeben.«
»Die Welt ist wie nichts in den Augen dessen, der sie gemacht hat. Auch die längste Geschlechtsreihe muß ihr Ende haben.«
»Du siehst diese runden Gewölbe -- er zeigte nach dem Himmel und dem Atesch-gah[150] --; hier wird einst der König mit seinem Unterthan, der Herr mit dem Knecht vereinigt sein.«
»Lehre nie, was du nicht von mir gehört hast, und am Ende will ich mich deiner erbarmen; denn ich finde nicht Wohlgefallen an deiner Sünde; ich will dein Böses und deine Strafen mindern.«
»Bei deinen Handlungen werden die Früchte sein, je nachdem du gepflanzt hast. Wer in der Welt Reinigkeit säet, dem wird sie im Himmel zu Theil. Gott spricht ein Wort, dazu und davon kommt nichts: Wer Sünde thut, wird in der Hölle Schande tragen.«
»Siehe, was Ahuramazdâ über die verständigen Mobeds sagt: Das Wasser der Größe[151] ist Ebenmaaß, das weder zu viel noch zu wenig hat. Wenn diese Wahrheit schon gesagt ist, bin ich ein Lügner; wenn aber noch kein Mund etwas Ähnliches hervorgebracht hat, so muß man meine Worte nicht mit einem bösen Herzen betrachten. Der Mensch soll vielmehr wissen, daß dies Worte des reinen Gottes sind und nicht der unreinen Dews. Denn die Dews würden nicht so reden und Gott lobpreisen.«
»Von allen, die als Propheten in die Welt gekommen sind und den Völkern Gesetze gegeben haben, hat noch keiner gezeigt, was auf Erden ist oder geschehen wird. Nur Zoroaster, der Reine, hat nach Zendavesta verkündigt, was sein wird; Gutes und Böses, das nach der Weltschöpfung bis zur Auferstehung verborgen geblieben sein würde, hat er aufgedeckt. Er hat uns die Dews kennen lehren, Gerechtigkeit und gute und böse Thaten.«
»Noch kein Prophet hat mit reinem, geraden, menschlichen und fehlerlosen Herzen gebetet als Zoroaster, der Meister des reinen Gesetzes, der Lobpreiser und Vertraute Ahuramazdâs.«
»Ahuramazdâ sagt zum Menschen des Gesetzes: wer Gutes thut, wird guten Lohn empfangen, nachdem sein Gutes ist.«
»Ahuramazdâ verkündet dies den Völkern der Welt: Die Seelen aller Menschen müssen einige Zeit in der Hölle dauern, nachdem ihr Böses ist, groß oder klein.«
»Noch zuletzt sagt Ahuramazdâ: Wer nicht dein Schüler ist, über den frage nicht, wie es mit ihm werden wird; Strafe erwartet ihn am Ende seiner Tage.« --
Der Eifer des Gustaspes war die feste Stütze Zoroasters. Es wurden Atesch-gahs errichtet, und zwar zuerst dem Feuer Farpa[152], das Djemschid heilig ist, auf dem Berge Charesom, neben Kasbin im Vardjemguerd; ferner dem Feuer Goschasp[153], dem Kekhosro auf dem Berge Asnevand in Aderbedjan einen Atesch-gah gebaut hatte; und dem Feuer Burzin-meher und Behram[154], das aus verschiedenen Feuern bestand. Allenthalben wurden nun auch Gesellschaften von Mobeds und Desturs gegründet.
Zu Kaschmer[155] in Khorasan war ein sehr berühmter Atesch-gah. Neben dem Tempelthor pflanzte Zoroaster eine Cypresse, in deren Rinde er die Annahme des Gesetzes durch Gustaspes schnitt. Wie nun nach einigen Jahren diese Cypresse groß und stark genug geworden war, so baute man darüber einen Palast, der in der Höhe und ins Gevierte vierzig Ellen hielt. Er schloß zwei Säle ein, deren Decke mit Gold, deren Fußboden aber mit Silber überzogen war; die Mauern waren mit köstlichen Steinen ausgeschmückt. Daselbst hing man die Bildnisse Djemschids und Feriduns auf. Hierher zog Gustaspes, als seine Stunde gekommen war, daß seine Seele sich in den Himmel erheben wollte. Vor seinem Ende ließ dieser Fürst den Satrapen aller Provinzen bekannt machen, daß sie zu Fuße nach dieser Cypresse wallen, an Zoroasters Gesetz glauben und allem Götzendienst von Turan und Tschin absagen sollten. Diesem Gesetz kam man teils mit Lust, teils aus Furcht nach.
Zoroasters Name drang bis Indien. Der Brahmine Tschengregatscha, der die Weisen der Welt gebildet hatte, und dessen Bücher in Iran sehr berühmt waren, hörte von einem ihm unbekannten Propheten, der den König von Iran und seine Diener und alle seine Länder bekehrt habe. Er schrieb daher mit dem Eifer eines Mannes, der sich für die Stütze der Wahrheit hält, an Gustaspes.
Sein Brief begann mit dem Namen Gottes, des Allbeherrschers, der den kreisenden Himmel zu seinen Füßen hat und Leib und Seele des Menschen geschaffen. Hierauf erhob er den König mit einer Lobpreisung und bezeugte, daß er von einer neuen Religionsform gehört habe, die ihn tief schmerze und ruhelos lasse. Er sagte: »Ein Betrüger, ein Heuchler, hat Iran verführt. Dergleichen hat sich weder unter Feridun, noch unter Kobad, noch unter Djemschid, noch unter Kaus begeben. Die Einwohner Irans haben sich einem jungen Mann[156] ergeben und seine Lügen gläubig angenommen. Was mich am meisten wundert, ist Djamaspes, der Diener des Königs Lohraspes. Er hat mehrere Jahre hindurch meine Lehren gehört; ich habe ihm nichts von meiner Weisheit verhalten. Er, der Andere hätte vor Gefahr schützen sollen, ist selbst in die Schlingen gefallen. Ich weiß nicht, welches Netz ihm gestellt ist, daß seine Kraft ihn verlassen hat, und er mit Schande verstummt ist.«
Hierauf gab Tschengregatscha Gustaspes den Rat, sich ja nicht durch dieses Betrügers Zaubereien, noch durch seine gleißenden Worte fangen zu lassen. »Ich selbst will mich aufmachen, sprach der Brahmine, ihn seiner Lügen überführen und auf Alles antworten, was er vorbringen wird. Du, o großer König, mußt ihn so lange bewahren, bis ich komme, und wenn ich alsdann werde die Schande dieses Schurken aufgedeckt haben, so werde ich dich um seine Bestrafung bitten, damit kein Ähnlicher in Zukunft das Herz habe, die Völker durch falsche Gesetze und Neuerungen in der Religion irre zu führen.«
Als dieser Brief Tschengregatschas anlangte, befand sich Djamaspes bei Gustaspes. Die Schreiber mußten ihn lesen, und der König sprach zu seinem Diener: »Kein Andrer als du bist im Stande, die Sache einzusehen. Prüfe sie und antworte Tschengregatscha, wie du es für passend erachtest.« »Ich bin unbeweglich im himmlischen Gesetz«, sprach Djamaspes, »ich glaube an Gottes Wort. Kein Mensch kann aus sich selbst wissen, was Zoroaster weiß, noch thun, was er thut. Gott muß sein Lehrer sein. Doch glaube ich auch, o großer König, daß kein Mensch auf der Welt so weise sei wie Tschengregatscha. Ich habe seine Bücher gelesen, Iran verlassen und ihn in Hindostan aufgesucht; er hat meine Seele in allen Wissenschaften ausgebildet. Ich halte es also für das Beste, daß man ihn mit Güte bitte, nach Iran zu kommen, damit er selbst das Gesetz des Himmels annehme; dadurch werden, wenn die Welt es hört, alle Zweifel gegen Zoroasters Gesetz völlig vernichtet werden.«
Tschengregatscha erhielt folgende Antwort: »Wir haben deinen Brief gelesen. Was du von Zoroaster gehört hast, ist wahr. Wir glauben an sein Gesetz. Wir sagen dir hiermit, daß wir uns der Weisheit und den Lehren Zoroasters ergeben haben. Mit unsern Augen haben wir seine unglaublichen Thaten gesehen. Wir haben seine Worte gehört, seine Bücher gelesen, und kein Mensch kann etwas dagegen sagen. Wir haben die Weisen aller Länder berufen, und alle haben sie der Weisheit seiner Antworten weichen müssen. Die Großen Irans beneiden ihn nicht mehr, sondern glauben an sein Gesetz und sagen: Kein Mensch kann solche Dinge aus sich lernen; der Mund Gottes muß sie ihm sagen. Wundert dich das, so komme selbst und du wirst über die Tiefe seiner Weisheit staunen. Dem denke fleißig nach. Gott leite dich!«
Tschengregatscha wurde mit Freude erfüllt, als er dieses las. Er las noch eine Menge Bücher, um die ganze Weisheit der Vorwelt in sich zu sammeln, und erdachte zwei ganze Jahre hindurch ohne Schlaf und Ruhe die schärfsten, tiefsten und feinsten Fragen. Den Weisen von Hindostan schrieb er, daß sie sich wie Löwen bereiten sollten, mit ihm zu ziehen. »Fürchtet euch aber nur nicht«, sprach er zugleich; »ganz Iran soll noch sagen: Wer Weisheit sucht, muß nach Hindostan, und über Tschengregatscha ist kein Menschenkind weise.« -- Der Brahmine schrieb darauf an Gustaspes: »Ich bin bereit, mit meinen Weisen vor deinen Thron zu kommen, und dich und die Herzen deiner Unterthanen vom Irrthum zu erlösen.« Es wurden nun alle Anstalten der Pracht und des Glanzes gemacht. Tschengregatscha stellte sich am siebenten Tag nach seiner Ankunft in der Königstadt vor den Thron des Gustaspes, segnete ihn und sprach: »Es sei mir erlaubt, o König, mit dir zu reden!« Gustaspes antwortete: »Hier ist nicht der Ort des Kampfes mit der Lanze oder aus Neid; sondern Thaten, Fragen, Worte, das sind die Waffen, welche die Zweifel auflösen müssen.« Es wurden hierauf zwei goldene Throne gesetzt für Tschengregatscha und Zoroaster, dessen lichtglänzendes Antlitz die Blicke aller Weisen auf sich zog. Tschengregatscha erhob sich und sprach: »Gerechter König! Wir sind hier versammelt aus zwei Ursachen; erstlich, daß ich diesem Mann, welcher Gottes Prophet sein will, Fragen vorlege und, wenn er sie lösen kann, ich mit meinen Freunden, den Weisen Hindostans, sein Gesetz annehme; zweitens aber, daß du ihn zur Stunde strafest, wenn meine Fragen ungelöst bleiben.« Gustaspes sprach, daß er nach der bloßen That richten werde und sich durch keine Vorliebe für irgend eine Partei binden lassen wolle.
Zoroaster sprach zu Tschengregatscha: »Zum Besten meines Gesetzes will ich vor dem Ersten der Völker ein Neues thun, was den Augen als Wunder erscheinen muß. Völker haben mich schon gehört; neige auch du dein Ohr gegen einen der göttlichen Nosks[157], den ich vorlesen will; oder gefällt es dir, so laß ihn einen deiner Schüler vorlesen.« Die Weisen hörten nun mit Aufmerksamkeit einen Nosk des Avesta an. Dieser Nosk enthielt die Lösung aller Fragen, auf welche Tschengregatscha zwei Jahre lang gesonnen hatte.
Kaum war das Lesen beendet, so rief Tschengregatscha ganz in Verwunderung versunken aus: »Wie, ich bin schon grau, und Alles, was mir Gott erschlossen hat von meiner Jugend an bis heute, das Alles habe ich eben aus Avesta gehört. Welche Wissenschaft hat dies errathen können? Auf wie Vieles habe ich nicht in den zwei Jahren gedacht, welche Fragen, die mir so viel Mühe gemacht haben, und von denen ich glaubte, daß sie in zweihundert Jahren nicht aufgelöst werden könnten! Keinem Menschen habe ich sie eröffnet, o König des Ruhms! Ich erkenne das Übermenschliche, das Werk Gottes!«
Tschengregatscha bezeugte hierauf, daß er an Avesta glauben und Zeit seines Lebens danach handeln werde. Zoroaster empfahl ihm die Anbetung Ahuramazdâs, Reinheit des Leibes und der Seele und verhieß ihm einen Platz im Himmel. Zoroaster umarmte Tschengregatscha und gab ihm eine Abschrift vom Avesta; auch wurde wegen der wunderbaren Bekehrung dieses Brahminen, welche nach allen Enden der Welt erscholl, ein Fest von sieben Tagen gefeiert. Tschengregatscha studierte nun sein Leben lang im Avesta und entzündete die Brahminen mit gleichem Eifer. Mehr als achtzigtausend der Weisen und Häupter von Indien, Sind und andern Reichen glaubten an Zoroasters Avesta.
Nach der Bekehrung Tschengregatschas begab sich Zoroaster nach Babylon, um den Chaldäern den Avesta zu lehren, und soll daselbst auch Pythagoras unterwiesen haben. Dann begleitete er Gustaspes nach Istakhar, nachdem er die von ihm so gerühmten »reinen Seelen«[158] in den Provinzen Serman, Saenan und Dahu besucht hatte.
Nach etwa zwanzig Jahren wurde die zoroastrische Religion dem König von Turan mißfällig, und selbst verschiedene vom König von Iran abhängige Fürsten waren dagegen. Unter andern Sal und Rustem, Fürsten von Sistan, Vater und Sohn. Darum glänzen ihre Namen auch nicht in den Zendbüchern, obschon ihre Ahnen, Sam und Guerschaspes, als alte Helden Persiens darin verewigt sind.
Nicht so mild wie gegen diese Fürsten, an denen er sich nur durch Stillschweigen rächte, verfuhr Zoroaster gegen den Dewsanbeter Ardjaspes, König von Turan.
Ardjaspes stammte von Afrasiab und war nach dem Schah-nameh einer der mächtigsten Fürsten Asiens. Er hatte vom Könige Irans einen jährlichen Tribut erzwungen und besaß auch im westlichen Iran am kaspischen Meer Ländereien; auch haßte er Zoroaster persönlich. Darum auch sagte derselbe[159]: »Sei mir gnädig, o Quell Arduisur, daß Zerir verderbe den, der große Schätze hat, den Frieden mindert, den Dew, den Anbeter der Dews, meinen Feind Ardjaspes, der in der Welt Macht hat.«
Zoroaster fürchtete, daß Ardjaspes seine Religion vernichten würde, und trachtete daher nach dem Tod desselben. Er kannte den gewaltsamen, schnell entschlossenen Charakter des Gustaspes und war sich seines Einflusses auf ihn wohl bewußt. Deshalb stellte er ihm die Notwendigkeit vor, den König von Turan zu bekriegen. Nach seinem Gesetz sei Freundschaft mit Gottlosen unerlaubt; es sei unverantwortlich, daß Gustaspes, als rechtgläubiger Fürst, dem König von Tschin, einem Dewsanbeter, den Tribut der Unterthänigkeit zahle. »Wirst du ihn angreifen«, sprach Zoroaster zu Gustaspes, »so ist Gott gewiß dein Schutz.«
Der König war froh, sagte Ardjaspes den Gehorsam auf und verlangte von ihm, er solle Zoroasters Gesetz annehmen und ihm einen Teil seiner Länder nordwestlich von Balkh abtreten; wo nicht, so werde er ihn zu Staub machen.
Beim Anblick des diese Botschaft enthaltenden Briefes entbrannte Ardjaspes vor Zorn und schrieb an Gustaspes, daß er sich mit seinem ganzen Hofe von einem alten Betrüger habe verführen lassen. Er rate ihm die Religion der Väter wieder anzunehmen, die Lehren und Grundsätze der Magier, welche einen König, welchem Gott die Krone aufgesetzt habe, zu verwerfen. Wo nicht, so werde er ihn bekriegen und sein Reich zerrütten und verheeren. »Die Herrlichkeit Gottes will es, daß ich dich angreife!« sprach Ardjaspes.
Gustaspes zeigte den Brief dieses Fürsten Zoroaster und seinen Dienern und allen Großen des Hofes. Djamaspes wollte mit großer Klugheit darauf antworten; aber Zoroaster sprach: »Was Klugheit? Ziehe gegen ihn zu Feld!«
Nach diesem Ausspruch wurde die Antwort abgefaßt und beide Könige stellten große Heere gegeneinander auf. Der Krieg war sehr blutig, und ein Teil der Familie des Gustaspes -- sein Bruder Zerir und mehrere seiner Kinder -- fielen. Aber Espendiar entschied endlich den Sieg für Gustaspes. Der König von Turan mußte sein Land abtreten, und Gustaspes bezeugte Zoroaster seine Dankbarkeit.
Der weitere Verlauf der Kriege hängt nicht direkt mit dem Leben des Religionsstifters zusammen.
Nach den Ravaets[160] starb Zoroaster im 77. Jahre seines Alters.
Kleuker setzt Zoroasters Geburt in das Jahr 589 v. Chr. Im dreißigsten Jahr durchzog er Iran, lebte dann zehn -- nach anderer Angabe zwanzig -- Jahre in der Wüste und nährte sich nur von Käse. Zehn Jahre that er Wunder. Im 65. Jahre gab Zoroaster philosophischen Unterricht zu Babylon und kehrte nach drei Jahren zur Gründung des Cypressendienstes zurück. Nach acht Jahren riet er Gustaspes zum Krieg gegen Turan und starb als Greis von 77 Jahren.
Dritte Abteilung.
Der religionsphilosophisch-occultistische Inhalt und die Kosmogonie des Zoroastrismus.
Erstes Kapitel.
Der religionsphilosophisch-occultistische Inhalt des Zoroastrismus.
Der Geist des ausgebildeten Zoroastrismus setzt vor den Anfang »der Welt und der Wesen Zrvâna-akarana«[161], die »unbegrenzte Zeit«, die anbeginnlose Ewigkeit. Sie ist der unergründliche Urgrund, in dem heilige Dunkelheit, Ewigkeit im Leben in unschaubarer Nacht, in Unergründlichkeit der Länge und Weite, Höhe und Tiefe ist. In ihr ist aber nicht leere Öde, sondern aller Wesensstufen Urgrund, der allerhöchste Gott. Der Ewige ist Schöpfer des Urlichts, Urwassers und Urfeuers, und der Same dessen, was beim Beginn der Wesen Licht, Wasser und Feuer wurde lag von Ewigkeit her in der grenzenlosen Zeit verborgen. Der Ewige ist seinem Wesen nach Wort, das vor allen Wesen, sichtbaren und unsichtbaren, da war, und wodurch alles, was Wesen hat, geboren ist.
Aus dem göttlichen und ewigen Samen zeugte der Unendliche und Anbeginnlose Ahuramazdâ und Angrômainyus, die zweiten Wesen nach sich, lebendig, wirkend, schaffend, die Wurzeln aller Geschöpfe.
Ahuramazdâ, aus dem ewigen Samen des Unendlichen erzeugt, der Erstgeborene aller Wesen, das Glanzbild und Gefäß der Unendlichkeiten des Unergründlichen aus ewigem Licht geboren und fort und fort an sich ziehend, wohnend im Urlicht, dem Thron der Ewigkeit, von Anbeginn. Durch und durch gut, rein und alles Guten Quell und Wurzel, hat der Himmlische der Himmlischen fast alle Herrlichkeiten und Eigenschaften des Unendlichen; denn er ist der Urabdruck seines Wesens, worin das Wesen des Ewigen allein sichtbar wird. Seine Weisheit und Einsicht ist ohne Anfang in Weite, Höhe und Tiefe, und seine Macht, sein Wille, unbegrenzt heilig bis auf die Wurzel seines Wesens. Der Erste und Erhabenste im Wissen und Verstehen, im Wirken des Reinen und Guten. Darum ist er die höchste Weisheit selbst und -- schlaflos bei Tag und Nacht -- der höchste Weltenrichter, König aller Wesen in reinster Gerechtigkeit, Güte, Licht und Glanz. Sein Körper, d. h. seine Hülle, die ihn umschließende Sphäre ist das reinste Licht.
Ahuramazdâ hat die ganze reine Welt aus sich geboren durch sein allschaffendes Wort; den Himmel und was darin ist: Licht, Feuer, Wasser, Sterne und Sonne. Er liebt in sich sein Volk die durch ihn gewordenen Menschen. Er ist als König gut und weise, lebendig über Alles; er stärkt, nährt und erhält alle Wesen, giebt ihnen das geistige Lebensfeuer, wodurch sie dauern und leben. Er giebt dem Menschen, der ihn bittet, Lichtsamen zur Reinigkeit des Gedankens, des Herzens, Geistes und Willens. Gnade und Liebe ist seine Lust; er ermüdet nie, der sichtbaren und unsichtbaren Welt, der ganzen Natur wohlzuthun. Er bestreitet durch seine und seiner Diener Kraft alles Böse Tag und Nacht bis zum endlichen Triumph des Guten über das Böse.
Angrômainyus, vom Ewigen nach Ahuramazdâ geschaffen, war anfangs gut und kannte das Gute; aber er wurde aus Neid gegen Ahuramazdâ Dew, arg, Quell, Grund und Wurzel alles Unreinen, Argen und Bösen. Sein Licht verwandelte sich in Finsternis; im Lichtreich der Schöpfung entstand ein Schatten. Die Zerrüttung seines Wesens aus Licht in Finsternis kam nicht vom Ewigen, sondern aus ihm und durch ihn selbst. Durch ihn wurde die Finsternis geboren, der Same alles Bösen, Argen und Todes. Als er Dew wurde, stürzte er aus der Höhe und wurde vom Abgrund der Finsternis verschlungen, bis auf die Wurzel seines Wesens böse. Ahuramazdâ ist seinem Wesen nach Licht und wohnt im Lichtreich höher denn die Himmel; Angrômainyus ist seinem Wesen nach Finsternis, d. h. Laster, Zerrüttung und Argheit selbst, und die Sphäre seiner Wohnung, alles, was ihn einhüllt, ist Finsternis der Finsternisse. In Duzakhs Tiefen ist sein Thron, und soweit die Finsternis reicht, ist er König und grausamer Gewalthaber. Seine Kenntnis ist groß, aber durch die Finsternis beschränkt; seine Macht, als die des Zweiten nach Ahuramazdâ, ist ausgedehnt, reicht aber nicht an Ahuramazdâs Erhabenheit und Glanz.
Seiner Neigungen Wurzel ist die ewige Grundfeindschaft alles Guten, das durch Ahuramazdâs Herrlichkeit erzeugt wird. Er, die als ein mächtig wirkendes Wesen symbolisierte Finsternis ist in einem ständigen Kampfe gegen das Licht begriffen, soweit ihm dieser zugelassen ist. Durch ihn wird alles Böse. Wie nichts Reines, Gutes und Seliges in der Welt sein kann, ohne aus Ahuramazdâs Lichtquell zu fließen, so steigt der Grund alles Bösen von Ursache zu Ursache bis in seinen Abgrund. Sein Sinnen und Dichten endigt sich in beständigem Streben und Wirken zur Erweiterung seines Reichs. Darum vergiftet er mit seinen Dews die ganze Natur, Pflanzen, Tiere und Menschen durch Krankheiten, Seuchen, Plagen, und besonders streut er den Samen zu unreinen Gedanken und schwarzen Begierden in der Menschen Herz, wodurch sein und der Dews Reich beständig an Umfang und innerer Macht zunimmt. Er durchstreift die Welt, um überall Irrtum, Tod und Laster auszustreuen, denn damit ist er stets schwanger, und er ist der Einzige, welcher unter den Izeds im Himmel erscheinen darf. Wo er einen Menschen findet mit großer Kraft und Heldeneifer für des Guten Vermehrung in Ahuramazdâs Lichtwelt, dem ist er todfeind. Der bloße Gedanke oder Anblick desselben macht ihn blaßgelb, er wagt alles gegen ihn, vermag aber nichts, denn der Streiter für das Gute gehört zu dem geliebten Volk Ahuramazdâs und hat den Schutz aller Izeds des Lichtes für sich.
Das Bild seines Wesens ist die Schlange oder der Drache. Der Ewige hat ihn zur Dauer aller Ewigkeiten geschaffen; er soll aber nicht immer der Grundfeind des Lichtes, der Bestreiter des Guten und König der Finsternis bleiben, sondern nach der Auferstehung der Toten wird er von Ahuramazdâ mit Ohnmacht geschlagen und sein Reich bis auf die Tiefen seiner Grundfesten zertrümmert werden. Er selbst wird ausgebrannt in feurigen Metallströmen, wodurch er Sinn und Willen ändert; er wird heilig, himmlisch, und begründet in seiner Welt Ahuramazdâs Gesetz und Wort, wodurch alle Wesen geworden sind. Er wird auf ewig Freund Ahuramazdâs, und beide singen Zrvâna-akarana Izeschné, d. h. Ruhm- und Lobgesänge.
Aus der unbegrenzten Ewigkeit wurde der Anfang, die Zeit. Wie der Ewige Ahuramazdâ und Angrômainyus geboren, faßte er den Ratschluß einer Zeitdauer von zwölf Jahrtausenden, worin alles, was der Ewige in Gedanken hatte in aufeinanderfolgenden Reihen erscheinen und vollendet werden sollte. Dies geschah noch vor der Schöpfung der Wesen auf höheren oder niederen Stufen. Noch hatte der Unbegrenzte kein Volk außer Ahuramazdâ und Angrômainyus. Dieser »die begrenzte Zeit« genannte Cyclus ist für die Herrschaft von Ahuramazdâ und Angrômainyus bestimmt; sie als die Erstgeborenen aus der Unendlichkeit des Ewigen sollen die ersten Regenten und Machthaber bis nach Ablauf dieses Zeitraumes sein. Diese zwölf Jahrtausende teilte der Unendliche nach wechselnden Perioden unter diese beiden Könige aus. Das erste Vierteil wurde Ahuramazdâ, dem Erstgeborenen der Wesen, zu Teil. Ahuramazdâ in Licht und Herrlichkeit fing an zu schaffen und zu wirken nach der Art und Natur seines Wesens. Angrômainyus sah Ahuramazdâs Glorie und Herrlichkeit, wurde neidisch, schwur ihm ewige Feindschaft und begann den Krieg gegen Ahuramazdâ. Nun begann der Kampf zwischen Licht und Finsternis. Ahuramazdâ entbot ihm zwar Freundschaft, wenn er Mitschöpfer der reinen, guten Welt sein wolle, aber Angrômainyus verhärtete sich aus Stolz, Neid und Haß und wurde der Grundärgste. Nun zerfiel alles in zwei Königreiche, Welten und Gewalten. Das Licht ward Ahuramazdâs Eigentum, die Finsternis das des Angrômainyus. Angrômainyus stürzte aus der Höhe unendlich tief in den Abgrund, blieb aber König des Abgrundes, und wenn die Zeit seiner Herrschaft kommt, ist er der grausamste Gewalthaber, der ärgste Tyrann. In der Zeit seiner Herrschaft wirkt er mit äußerstem Streben, Unruhe und Anspannung aller seiner Kräfte, denn er weiß sein Ende. In dieser Zeit des Angrômainyus hat oft das Böse die Oberhand, und die Finsternis verdunkelt das Licht. So steigt und fällt bis zum Schluß der begrenzten Zeit die Übermacht oder Schwäche des Guten und Bösen. Ahuramazdâ und Angrômainyus befinden sich in stetem Kampf gegeneinander, und das Ende ist der Sieg des Guten, der Triumph Ahuramazdâs.
Am Anfang schuf Ahuramazdâ zur Bekämpfung des Angrômainyus die Feruer aller Wesen. Er dachte als Schöpfer auf Wesen aller Art, die rein, gut, stark und edel wären, und jeder dieser Gedanken war ein Feruer, der Geist des künftigen Wesens, das künftig ein Teil von Ahuramazdâs Welt sein sollte, ganz Licht und Geist, im Wesen Geist und im Leben Geist, durch den bloßen Schöpfergedanken geboren; denn Ahuramazdâ dachte im Wort, und jeder Gedanke im allschaffenden Wort ist Geist, der das Geschöpf belebt, zu dem er gedacht ist.
Die aus Ahuramazdâs allschaffendem Geist hervorgegangenen zahllosen Arten, Gestalten und Stufen der Feruer aller reinen Wesen sind unsterblich, denn ihr Same war vom ewigen Geist und unzerstörbaren Licht. Sie sind ganz Leben, denn der sie gebar, schuf sie durch ihre schaffende Feuer- und Lichtkraft stets wirkend und belebend. Durch sie lebt Alles in der Natur, Stern und Mensch, Tier und Baum; Alles erhält durch sie Bewegung und Segen. Sie sind des Himmels Schutz und Wache gegen Angrômainyus; der Seele Schutz, denn sie sind erhaltend, reinigend bei der Auferstehung von allem Bösen; sie bekämpfen die Schlangen, Dews, die Bösen und erlösen die Gerechten. Mit der Schnelligkeit eines Vogels fahren sie gen Himmel und bringen die Gebote vor Ahuramazdâ. In der Welt sind sie an die Körper gebunden.
Die Zahl und Stufen der Feruer sind unendlich wie die der Wesen, weil die unbegrenzte Ewigkeit sich denkt im allmächtigen Wort, und dieser Abdruck des unergründlichen Wesens ist Ahuramazdâs Feruer. Des Gesetzes Feruer ist des Gesetzes Geist und Lebenskraft, das Lebendige und Belebende im Wort, das Wort, wie Gott es denkt. Der Feruer Zoroasters ist köstlich in den Augen Ahuramazdâs, denn er hat das Gesetz in Gang gebracht und des Weltenherrschers Glanz und Herrlichkeit an das Licht gebracht.
Nach diesen reinen ersten Schöpfungsbildern sind alle himmlischen und irdischen Wesen in endlosen Reihenfolgen geworden. In ihnen steht die Welt Ahuramazdâs, und gegen sie kämpft Angrômainyus mit seinen argen Geistern.
An diese zoroastrischen Sätze knüpft Kleuker eine längere Anmerkung, die insofern Interesse besitzt, als in einem Teil derselben Kleuker den Gedanken du Prels anticipiert, der Genius des Sokrates sei dessen transcendentales Subjekt oder Feruer.
Die betreffende Stelle lautet:
»Zend-Avestas Feruers sind ein feiner Gedanke. Sie sind der Übergang von dem, was wir Substanz nennen, zum bloßen Schöpfergedanken der Substanz. Weil aber der Wesenschöpfer nach dem Geist Zendavestas, keinen einzigen Gedanken leer -- als einer bloßen Möglichkeit denkt, so dachte er lauter Feruers. Feruers sind die ersten, reinsten Abdrücke aller künftigen Wesen und Geschöpfe; das, was in allen Wesen abgezogenster Geist, reinster Funke, himmlischer, göttlicher Natur ist. Sie werden immer von den Seelen unterschieden; sie sind höher und eher als dieselben; sie haben zwar schon den Grund in sich, warum sie künftig mit solchen und nicht andern Geschöpfen vereinigt werden sollen, aber noch nicht die Gestalt eines besonderen Geschöpfes; sie sind Platos Ideen. Wie Ormuzds Gedanke Zoroasters Feruer schuf, so war er von allen Feruers höherer Geister, wie von allen Feruers aller Menschen unterschieden; er war aber noch nicht Zoroaster, sondern enthielt nur das ganze Bild, doch aber in wahrer, lebendiger Existenz, was Zoroaster künftig werden sollte. Sobald Ormuzd sie dachte, lebten sie, und können Jahrtausende leben und wirken, ehe sie mit den Geschöpfen vereinigt werden, dieselben zu beleben. Daher kommts, daß die alten Philosophen, die aus dem Quell der Weisheit des Orients getrunken, den Geist lange vorher leben und freiwirken lassen, ehe er mit dem Körper verbunden wird, daß sie ihn göttlichen Geschlechts und Natur nennen, sagen, im Tode geh' er wieder hin, woher er gekommen sei. Nach Zoroaster sind die Feruers die reinsten Ausflüsse von Ormuzds Schöpfergeist, derselben Natur, wahres Licht, wahres, lebendiges Wort: darauf wird auch ihre Unsterblichkeit und ewige Fortdauer gegründet: denn kein Funke göttlichen Geistes kann sterben, er ist seiner Natur nach Leben und belebende Kraft. Zunächst wird Feruer von verständigen und lebenden Geschöpfen gebraucht, die gewesen sind, oder sind, oder noch geboren werden sollen, (denn auch diese sind schon vorhanden,) wie wir nur von Himmelswesen und Menschen Geist eigentlich zu gebrauchen pflegen; aber es giebt auch Feruers (Geist) in Thieren, Bäumen, Blumen, Sternen. -- Kurz, wo Leben, Regsamkeit, Bewegung, Wachsthum ist, da lehren die Parsen innere Kraft, Feuer, Lichtsamen, und das bestimmt eben die Natur der Feruers. Sind sie mit Wesen verbunden, so werden sie oft für das Wesen oder Geschöpf selbst gesagt, weil sie das Reinste und letzter Mittelpunkt jeden Geschöpfes sind. Sie sind der Seele Schutz. Daher muß der Parse für seinen Feruer besonders beten, daß Ormuzd ihn bewahren wolle; denn ohne ihn wird Seel' und Leib unrein, irre geleitet. Siehe da Sokrates Schutzgeist!«[162] -- --
Die von Ahuramazdâ geschaffene Welt ist unendlich groß, lebend und wirkend in Wesen und Geschöpfen von zahllosen Arten und Stufen; sie teilt sich in eine himmlische und irdische, in eine geistige und materielle Welt ein.
Den höchsten Rang in der geistigen Welt nehmen die sieben Amschaspands ein. Ihr König und Schöpfer ist Ahuramazdâ, der Urquell alles Lebens. Sie sind die sieben ersten Geister Gottes, Könige, ganz Leben, heilig, rein und groß; der Menschen Muster. Sie gehen an keinen unreinen Ort. Ein jeder hat einen Tag, dem er vorsteht, an dem er Segen und Wohlthaten spendet. Ihre Namen sind heilig.
Der zweite Amschaspand ist Bahman, der König der Welt, des Lichtes und Himmels. Die übrigen Amschaspands ruhen unter seinem Schutz. Er sieht durch Ahuramazdâs Lichtverstand, giebt Weisheit, Friede und Reinigkeit des Herzens; er nimmt die Seelen der Gerechten in Gorotman auf und segnet ihre Ankunft im Sitz der Seligkeit. Er ist fort und fort in Lichtglanz und Glorie.
Der dritte Amschaspand ist der lichtglänzende Ardibehescht. Er giebt Feuer und Gesundheit.
Der vierte Amschaspand ist Schahriver. Er ist der Vorsteher der Metalle, der Vater des Mitleids und der Pfleger der Hungrigen.
Der fünfte Amschaspand ist Sapandomad, Ahuramazdâs Tochter, der weibliche Ized der Erde; die heiligste und reinste der ersten reinen Wesen; weise, freigebig und demütig wie Demut verleihend; er hat reine, wohlthätige Augen und befruchtet die Erde. Von ihr sind das erste Menschenpaar, Meschia und Meschiane, gebildet.
Der sechste Amschaspand ist der von Ahuramazdâ den Menschen zum Heil geschaffene Chordad, der König der Jahre, Monate, Tage und Zeiten. Den Reinen giebt er reines Wasser und süße Speise. Sein Tag ist heilig und der erste des Jahres.
Der siebente Amschaspand ist Amerdad, der Schutzgeist der Bäume und des Getreides, der Befruchter der Herden, welcher Früchte aller Art in Fülle spendet.
Die zweite Klasse der guten Geister sind die Izeds. Ahuramazdâ hat sie geschaffen zum Segen der Welt, zu Richtern und Schutzaugen des reinen Volks. Der Mensch muß ihre heiligen Namen nennen und durch Nachahmung ihrer Eigenschaften nach ihrem Wohlgefallen streben. Alle Monate und Tage sind unter die Amschaspands und Izeds verteilt, und selbst die fünf Abschnitte des Tages und die fünf Schalttage werden als unter besondere Ized stehend gedacht. Jeder höhere Geist hat niedriger stehende zu Begleitern; so ist Ahuramazdâ von den Amschaspands, und diese sind von den Izeds begleitet.
Folgendes ist die Stufenleiter der Izeds nach den Zendbüchern:
1. Mithra (auch Meher), der Höchste und Glanzreichste aller Izeds, wird mit der Sonne angerufen, ohne die Sonne selbst zu sein. Er glänzt wie der Mond, ist hocherhaben wie Taschter[163], hebt seine Hände auf zu Ahuramazdâ, dem König der Welt. Er ist mit tausend Ohren und Augen der Schutzwächter und Segner aller Menschen und Geschöpfe, und spricht die Wahrheit in den Versammlungen der Izeds. Er segnet Iran mit Friede und Glück, giebt der Erde Licht und Sonne und vertreibt die Druschts.[164]
2. Korschid (die Sonne) ist groß, unsterblich, Ahuramazdâs Auge. Er hat vier Pferde und vollendet seinen Lauf in 365 Tagen wie ein Held.
3. Aban, Ized des Wassers.
4. Ader, Ized des Feuers; er giebt Glanz, und sein Name bezeichnet alle göttlichen Feuererscheinungen, welche sich den Menschen gezeigt haben.
5. Anahid (Venus), die Bewahrerin des Samens Zoroasters.
6. Amiran, das von Gott geschaffene Urlicht; der Urheber des Lichtes des menschlichen Leibes.
7. Ard, giebt Weisheit, Größe, Edelmuth, Glanz, Güter; er wird mit dem weiblichen Ized Aesching oder Aschehing identificirt, welcher Gesundheit, tägliche Nahrung und Freuden spendet.
8. Arduisur, ein weiblicher Ized, kommt den Toten zu Hilfe, hat einen jungfräulichen Leib, heißt die Tochter Ahuramazdâs und ist das von Ahuramazdâs Thron ausfließende Wasser; von Arduisur kommen alle Wasser unter dem Himmel.
9. Aschtad ist der Ized des Überflusses, Oschens Mitgehülfe. Sein Sitz ist der Berg des Lebens. Von da wacht er über die Erde und hilft das Tagewerk der Menschen vollbringen.
10. Asman, der Himmel, schützt wider den Duzakh.
11. Barzo ist der Schutzgeist von Bordj, woher die Wasser ausströmen. Taschters Gehilfe bei der Austeilung des Wassers auf der Erde.
12. Behram, der lebendigste aller Izeds, besitzt einen himmlischen Körper, dessen Glanz von Ahuramazdâ kommt. Derselbe hat ihn auch zum König der Wesen gesetzt, welche er alle wie Feuer durchdringt. Er erscheint im Winde und unter allerlei Tiergestalten.
13. Dahman ist der Segen der Geschöpfe und des gerechten Menschen, dessen Seele er von Seroschs Händen nimmt und in den Himmel trägt.
14. Din, Ized des Gesetzes, giebt Wissenschaft.
15. Farvardin, der Herr des ersten Monats des Jahres und des neunzehnten Tags eines jeden Monats, giebt Kraft und Licht.
16. Gosch, giebt alle Güter, Unsterblichkeit, Reinigkeit; er vermehrt die Wesen, die Kinder des Verdienstes, welche für das Gesetz mit Eifer brennen; er verleiht die Freundschaft der Gerechten, vertreibt die Dews und hilft die Dewsanbeter besiegen.
17. Goschorun ist der Ized der Herden und die Seele der Tiere; er seufzt und klagt vor Ahuramazdâ und bittet um Erlösung vom Dew Eschem.
18. Mah (der Mond) ist ein weiblicher Ized und schützt den Keim des Stiers; er geht von Albordj aus, giebt Wärme, Geist und Frieden. Bei seiner Fülle beginnt alles zu grünen und zu wachsen; er ist wohlthätig und giebt allen Herden Samen.
19. Mansrespand, der Ized als göttliches Wort, ist der Schutzwächter des Himmels. Sein Glanz ist rein, und was er sehen läßt, ist gut.
20. Neriosengh, der Ized des Feuers zu königlichem Mut und des Friedens, schützt den Gerechten nach Gottes Willen; er schützt zwei Teile zu Kaiomorts Samen, zum männlichen Gliede und zur Seele.
21. Parvand ist ein weiblicher Ized.
22. Rameschne-kharan ist der Ized des Glücks, der reine dauernde Freuden giebt.
23. Raschne-rast, der Ized der Wahrheit und Redlichkeit, ist herrlich und weise, sieht scharf und weit und schützt die Erde. Zehntausende himmlischer Geister begleiten ihn; er hat tausend Kräfte und zehntausend Augen.
24. Serosch ist der Ahuramazdâ der Erde, weil er ihr König ist. Er ist auf dem Gipfel der Welt über alles erhaben, lebendig und der wirksamste aller Izeds, der gehorsamste und am meisten thätige. Er ist der Menschen Schutz, und durch seinen Dienst haben sie das Gesetz.
25. Taschter. Sein Auge ist Gerechtigkeit und Güte. Er ist der Ized des Regens und erscheint unter mancherlei Gestalten, als Jüngling, als mutiges Pferd usw.; er belebt die ganze Natur durch fruchtbare Gewässer und Regen.
26. Vad, der Ized des Windes, giebt Kraft und Mut.
27. Venant, Ized des Rigel[165], schützt im Mittage und giebt Kraft und Gesundheit.
28. Zemiad giebt ewigen Thron, thut alles Gute, wenn sie gepflegt wird, und ist ein weiblicher Ized.[166]
So viel über die himmlische Welt.
Die sichtbare Welt, Himmel und Erde, schuf Ahuramazdâ in sechs Reihenfolgen, und die Amschaspands waren dabei thätig.
Zuerst schuf Ahuramazdâ das Licht zwischen Himmel und Erde, die Fixsterne und Planeten.
Alsdann schuf er das Wasser, welches die ganze Erde bedeckte, in die Tiefen der Erde stieg und durch den himmlischen Wind, der es durchdrang wie der Geist den Leib, in die Höhen getrieben wurde, damit sich Wolken bildeten. Darauf schloß Ahuramazdâ dieses Wasser ein und gab ihm die Erde zur Grenze.
Hierauf ward die Erde, bei deren Schöpfung -- wie auch bei der des Wassers -- Angrômainyus mit thätig war, denn diese Elemente besitzen einen Teil Finsternis, und alle Finsternis kommt von Angrômainyus. Albordj[167] wurde zuerst geboren, darauf die übrigen Gebirge. Albordj ist der Erde Kern, Wurzel, Herz und Nabel.
Ferner wurden die Bäume aller Art geschaffen. Im Anfang ließ Ahuramazdâ einen Baum erstehen, aber der war dürr. Aber der Amschaspand Amerdad, welchem Ahuramazdâ die Bäume anvertraut hat, setzte den Keim dieses Baumes, als Taschter über die ganze Erde Regen ausgoß, in Taschters Wasser. Darauf wuchsen Bäume aus der Erde wie Haare auf des Menschen Haupt.
Zum Fünften wurden die Tiere geschaffen. Zuerst wurde der Stier gebildet. Dieser starb, und aus seinem Schweif gingen fünfzig Heilpflanzen hervor, die sich auf Erden mehrten. Die Izeds brachten den Samen dieses Stieres in den Mondhimmel, durch dessen Licht er gereinigt wurde, so daß Ahuramazdâ einen neuen, schönen Körper daraus bildete, den er belebte. Hieraus wurde ein neues Paar erzeugt, welches Vater und Mutter aller Tiergeschlechter wurde, die auf Erden sind, der Vögel in den Wolken und der Fische im Wasser.
Am Ende wurde der Mensch geschaffen, dessen Keim ebenfalls dem Urstier, dem Vorbild aller lebenden und sich bewegenden Geschöpfe entstammt. Der Urvater der Menschheit war Kaiomorts.[168] Er war lichtglänzend mit zum Himmel schauenden Augen, rein durch seinen Feruer und lebte noch dreißig Jahre nach dem Tode des Urstiers. Als er starb, weissagte er den künftigen Triumph des Menschengeschlechts über Angrômainyus. Bei seinem Tod ließ er seinen Samen zurück, den die Sonne reinigen, und von welchen Neriosengh zwei Teile und Sapandomad den dritten aufbewahren mußte. Aus diesem Samen erwuchs der Baum Reivas aus der Erde, welcher ein Zwitter[169] war, anzusehen, wie zwei, die aufs Innigste vereinigt sind. Ahuramazdâ bildete diesen Baum zum Doppelmenschen um, worauf er anstatt Früchte zehn Menschenpaare trug. Das erste Paar war Meschia und Meschiane, die Stammeltern des Menschengeschlechts. Sie waren anfangs rein und unschuldig, und der Himmel sollte ihnen werden, wenn sie rein wären in Gedanken, rein und demütig im Herzen, rein in ihren Thaten. Anfangs waren sie das und erkannten Ahuramazdâ als den einzigen Schöpfer aller Dinge und beteten auch keine Dews an. Sie lebten aber schon in dem Jahrtausend, da Angrômainyus Gewalt hatte, Böses unter das Gute zu mischen, und so wurde zuerst das Weib Meschiane und darauf Meschia von Angrômainyus, der sich der Gedanken und Begierden ihres Herzens bemächtigt hatte, verführt, und beide wurden Darvands (Sünder). Jedoch vermehrte sich ihr Geschlecht durch immer neue Zeugungen.
Als Ahuramazdâ seine Schöpfung vollendet hatte, feierte er ihr zu Ehren die himmlischen Gahanbars.[170]
Von der Lichtwelt Ahuramazdâs wenden wir uns zur finstern Welt des Angrômainyus.
Angrômainyus, der grundarge Feind Ahuramazdâs und alles Guten, gedachte, sobald er nur könne, eine Reihe von Wesen zu schaffen, die ihm ähnlich sind, Feinde Ahuramazdâs und aller reinen und guten Geschöpfe wie er, und die wie Angrômainyus aus dem innern Quell der Bosheit und Feindschaft an Zerrüttung der Welt Ahuramazdâs arbeiten. Wie auf Erden Tier gegen Tier ist, so ist im Reiche der unsichtbaren Wesen Geist gegen Geist. Die ersten sieben Dews sind das im Reiche der Finsternis, was die Amschaspands im Reiche des Lichts sind. Jeder hat seinen besondern Namen und einen besondern Widersacher unter den Amschaspands, mit dem er zunächst zu kämpfen hat. Die sieben Erzdews[171] sind an die sieben Planeten gekettet. Sie kommen von Norden, sind männlichen und weiblichen Geschlechts, und alle Übel kommen von ihnen. Jeder ist eine besondere Quelle eines besonderen Übels; andere Dews wiederum sind deren Gehilfen, gerade so wie die Amschaspands ihre Gehilfen (Hamkars) an den Izeds, und diese wieder an den geringeren Izeds besitzen. Sie erscheinen unter allerlei Gestalten auf der Erde, als Schlange, Mensch, Wolf, Fliege &c.
Am Ende der Welt und Zeit sollen alle Dews bis auf Angrômainyus ausgerottet werden.
Ihre Zahl ist -- wie die der guten Geister -- über zehntausendmal zehntausend.
Folgende sind die wichtigsten:
1. Akuman, welcher unter allen Dews zuerst von Angrômainyus geschaffen wurde. Er ist der Widersacher Bahmans, in seinen Gedanken ganz Gift und der häßlichste der Dews. Er plagt vorzüglich die gut und edel lebenden Menschen.
2. Aresch, der Dew des Neids.
3. Aschmogh, raubt alles Gute von der Erde und bringt dafür alles Böse. Das Wort der Wahrheit ist ihm wegen seiner außerordentlichen Grundbosheit unerträglich. Er heißt auch die zweifüßige Schlange.
4. Astuiad, der Dew des Todes, raubt den Toten die Seele.
5. Boete besitzt und lähmt die Gelenke des menschlichen Leibes.
6. Derevesch ist der Dew der Armut.
7. Djadu ist der Dew der Magie.
Dies sind die sieben Erzdews. Weiter folgen:
8. Dje, Dew der Unreinigkeit.
9. Eghetesch, Dew der Zerrüttung des Herzens.
10. Eschem, Dew des Neides, Goschoruns Widersacher.
11. Epeosche, erscheint in Gestalt eines Pferdes.
12. Kesosch, giebt Zwerggestalt.
13. Khevezo ist der Besitzer der Toten.
14. Khiveh ist der Feind des Feuers und Wassers.
15. Xonde ist der Dew der Trunkenheit.
16. Nesosch besitzt ein ganzes Heer von Dews, die nach Norden schwärmen.
17. Pretesch ist der Dew aller Falschheit und Lästerung.
18. Sor ist Seroschs Widersacher.
19. Vaziresch besitzt die Toten.
20. Vato ist der Dew der Ungewitter.
21. Verin ist der Dew der Regengüsse.
22. Zaretsch ist der Allverderber.
Dies sind die wichtigsten Dews. Fast jedes Laster, jede böse Neigung, jede Plage und Krankheit hat ihren Dew. Jeder Wohlthäter unter den Amschaspands und Izeds hat mit vielen und namentlich mit dem ihm entgegengesetzten Erzdew zu kämpfen.
Die neun Häupter der Druschts sind:
1. Angrômainyus, der Widersacher Ahuramazdâs.
2. Akuman, der Widersacher Bahmans.
3. Ander, der Nebenbuhler Ardibeheschts.
4. Savel, der Nebenbuhler Schahrivers.
5. Tarmad, der Gegner Sapandomads, der Druscht des Stolzes.
6. Tarik, der Gegner Chordads.
7. Zaretsch, der Gegner Amerdads.
8. Eschem, einer der schlimmsten Druschts, Druscht der Gewaltthätigkeit, Gegner des Serosch, Dämon der Grausamkeit, welcher Ahuramazdâs Volk mit ganz besonderem Grimm bekämpft.
9. Aschmogh, raubt alle Güter, schwächt und kränkt die Menschen und verursacht alle Übel der Erde. Er weiß, daß Avesta das wahre Gesetz Ahuramazdâs ist, weigert sich aber infolge seiner grenzenlosen Bosheit dasselbe auszuüben.
In dem beständigen Kampf der guten und bösen Geister, Menschen und Kräfte, liegt nun die Mischung des Guten und Bösen, wie sie in der Welt in Erscheinung tritt. Alles Gute, alle lebendige Kraft und Wirkung stammt von Ahuramazdâ und führt wieder zu ihm zurück. Die Thätigkeit eines jeden Wirkenden, sei er auch der Unterste der unendlichen Kette, reicht in ihren Folgen wie in der Kette ihrer Ursachen bis hinab in die »unbegrenzte Zeit[172]«. -- Ebenso verhält es sich mit dem Bösen. »Die Welt der Übel« ist unter gute und böse Prinzipien, Wesen und wirkende Ursachen verteilt. Des Guten ist nur soviel vorhanden, als wirkende Ursachen sind und Angrômainyus mit seinen Dews geschlagen wird. Deshalb betrachtet sich der Anhänger Zoroasters als einen Krieger Ahuramazdâs, welcher nicht sündigen kann, ohne alle guten Izeds zu betrüben, die Kräfte des Guten in der Welt Ahuramazdâs zu schwächen, und keine Todsünde begehen, ohne selbst ein Darvand, ein Glied der Welt des Angrômainyus zu werden.
Der Tod ist durch Angrômainyus durch die Sünde des ersten Menschenpaares in die Welt gebracht worden. Er erlöst den Anhänger Zoroasters von seinem Streit gegen Angrômainyus. Wenn er in seinem Leben treu war im Streit und rüstig durch Tilgung des Bösen gegen Angrômainyus und die Dews kämpfte, so hat er vom Tod nichts zu fürchten. Er geht über die Brücke Tschinvad zur Ruhe und Seligkeit ein.
Sofort nach seinem Abscheiden eilen die Dews herbei und wollen sich seiner Seele bemächtigen. Ist sie aber gerecht und rein und hat sie sich im Leben die Izeds zu Freunden gemacht, so sind diese zu ihrem Schutz bereit. Die Seele des Gottlosen aber ist von allen verlassen, und da sie sich in ihrer Ohnmacht nicht selbst wehren kann, so wird sie der Raub der Dews. Einige Tage nach ihrem Hinscheiden kommt sie an die große Brücke Tschinvad, welche die Scheidewand und Verbindung zwischen dieser und jener Welt bildet. Hier untersuchen Ahuramazdâ und Bahman den Wandel des Menschen und verweisen ihn, wenn sich Gutes und Böses annähernd die Wage halten, zu einem Mittelaufenthalt bis zur Auferstehung, der je nach dem Wandel mehr oder weniger selig oder von Unseligkeit und Angst erfüllt ist.[173] -- Spricht Ahuramazdâ Lob und Preis über des Menschen Leben, so wird er von den heiligen Izeds über die Brücke in das Land der Freuden geführt, wo er einer fröhlichen Auferstehung wartet. Im andern Fall kann er nicht über die Brücke und muß in den Duzakh, den seine Thaten verdienen.
Zuletzt erfolgt die Auferstehung der Toten. Gute und Böse sollen auferstehen, und Erde und Flüsse sollen die Gebeine der Menschen wiedergeben. Ahuramazdâ will sie zusammensetzen und mit Fleisch und Adern überziehen und neu beleben.[174] Gute sollen sich zu Guten und Böse zu Bösen gesellen. Darauf soll die ganze Natur so neu werden wie der Mensch an Leib und Seele. Nun folgen noch nach einem von der »anbeginnlosen Zeit« festgestellten Ratschluß Versuche, den Sündern die Thore Gorotmans aufzuschließen. Wenn die Verdammten durch Strafen im unterirdischen Duzakh geläutert und gedemütigt worden sind, so müssen sie durch Feuerströme geschmolzenen Metalls, wo sie die letzte Reinigung erfahren; alsdann genießen sie mit den Gerechten die endlose Seligkeit. Die ganze Natur ist alsdann am Endziel ihrer Bestimmung angelangt und Licht geworden. Selbst Duzakh ist nicht mehr, sondern ist Paradies geworden. Das Reich des Angrômainyus ist zertrümmert und das des Ahuramazdâ Alles in Allem geworden. Das Gesetz Ahuramazdâs herrscht allein im Weltall und ist das alleinige Element, in dem die Geschöpfe aller Stufen und Arten leben und weben. Ahuramazdâ, im Gefolge die Amschaspands, und Angrômainyus, von den vormaligen Erzdews begleitet, bringen dem Urwesen Zrvâna-akarana die Opfer ewigen Lobes. Dies ist das Ende der begrenzten Zeit.
Zweites Kapitel.
Der zoroastrische Kultus.
Die Anbetung Ahuramazdâs, die Liebe gegen alles von ihm kommende, tödlicher Haß gegen Angrômainyus und sein Reich ist die erste Pflicht des Avestabekenners.
Liebe und Haß, Sympathie und Antipathie sind die +causa movens+ des Parsismus, wie alles Bestehenden. Der Anhänger Zoroasters muß alles Gute, die sichtbare und unsichtbare Lichtschöpfung Ahuramazdâs lieben, das Reich des Angrômainyus aber hassen und bestreiten, so lange ein physisches und moralisches Übel zu bekämpfen ist.
Ahuramazdâ ist Licht, sein Reich ist Licht, sein religiöses System ein Lichtsystem, und der ganze Kultus bezweckt die Verherrlichung Ahuramazdâs, wobei seine Glorie erkannt und durch Vermehrung des Lichtes Lebensgenuß und Lebensmitteilung vermehrt werden. Dies ist das Wesen der Religion Zoroasters, der heilige Dienst des lebendigen Worts.
Die Erkenntnis Ahuramazdâs ist die erste Pflicht des Parsen, der Anfang und das Ende seiner Bestimmung, die Grundlage seines Denkens, Thuns und Lassens in der sichtbaren und unsichtbaren Welt. Ohne Ahuramazdâ würde alles Nacht sein, tot und öde, durch ihn ist der Parse, was er ist, und hofft in alle Ewigkeit an Kraft und Licht, Leben und Güte zu wachsen.
Ahuramazdâ muß erkannt werden als Gott und Schöpfer aller guten Wesen. Er ist seinem Wesen nach Licht; Licht aber ist Leben, Lebenskraft, Güte und Urwort. Aus ihm strömt Licht, Leben, Geist, Kraft, Güte und Wahrheit über das ganze von ihm geschaffene Weltall aus. Er muß erkannt werden als der allein alles Belebende, der alles zu Licht und Leben macht und Güte und Seligkeit zu erkennen und genießen giebt.
Darum preisen auch die Gebete des Zendavesta alle Geschöpfe Ahuramazdâs hoch, alle Izeds, alle reinen Menschen, reine Tiere und Pflanzen. Denn alle leben mehr oder minder im Lichte Ahuramazdâs, durch seine belebende Geisteskraft. Selbst Bahman, der höchste Amschaspand und seinem Wesen nach Ahuramazdâ am nächsten stehend, bekennt in seinen Lobgesängen, daß er seinen Verstand, sein Licht, seine Weisheit und vielzeugende Kraft nur von Ahuramazdâ habe.
So muß Ahuramazdâ erkannt werden im Himmel und auf Erden von allen Wesen, die ihn erkennen können.
Die Verehrung Ahuramazdâs muß aber zur That, zu lebendigen Handlungen werden. Das Bild des Lichtes, welches ohne Unterlaß leuchtet, wärmt, belebt und wirksam ist, muß die ganze Empfindung durchdrungen haben und thätig sein. Obgleich Zoroaster in der heiligen Höhle seinen Geist nach orientalischer Sitte lang in tiefe Betrachtungen versenkt hatte, so gebietet er doch unähnlich dem indischen Quietismus keine empfindungslose Geistesstille, keine Abtötung des Leibes, um durch Versenkung in die Gottheit nur Geist zu werden. Bei ihm ist alles Leben und That, Wachsamkeit und reger Dienst des Göttlichen bei Tag und Nacht. Deshalb auch konnte er durch das Judentum und Christentum so unendlichen Einfluß auf die Völker der kaukasischen Rasse gewinnen, welcher der faule Buddhismus gänzlich zuwider ist.
Nach dem Zendavesta ist alles Lichte und Reine, alles, was Leben besitzt und Leben mitteilt, gut; die ganze Welt Ahuramazdâs mit allen in ihr lebenden Wesen ist gut, alles durch Gedanken, Wort und That Belebende ist gut. Zoroaster faßt alles, was im einzelnen Wahrheit, Güte, Liebe, Leben, Kraft, Geist, Segen und Seligkeit ist, in dem Worte Licht zusammen. Darum schreibt er auch allen Wesen einen Glanz, einen Lichtschein zu, dem Baume wie dem edlen Menschen, dem nützlichen Tier wie dem Amschaspand. In allen Wesen und Geschöpfen Ahuramazdâs ist Licht, und der Glanz eines Geschöpfes ist der Inbegriff seines Geistes, seiner Kraft und seiner Lebensregungen als Funken der Gottheit. Je nach Maßgabe der Beschaffenheit dieser Funken ist der Grad des Glanzes größer oder geringer. In Ahuramazdâ vereinigt sich alles, darum ist sein Glanz der höchste und vollkommenste. Da nun der zoroastrische Kultus nur den Zweck hat, Ahuramazdâ in seiner Schöpfung zu verherrlichen, so muß der Parse alles vom Schöpfer des Lichts kommende Gute lieben, verehren und sich ihm gefällig zu machen suchen. Vor allen Dingen aber muß er Ahuramazdâ in Gedanken, Worten und Thaten anbeten. Kein Wesen darf er gleich Ahuramazdâ verehren außer Zrvâna-akarana, die zuweilen auch der Urgrund und Abgrund aller Wesen genannt wird.
Nach dem Schöpfer alles Guten muß aber sein Geschöpf, die Welt, wie sie von den Menschen erkannt wird, je nach der Stufe der Hoheit, Würde und Vollkommenheit der Dinge geliebt und angerufen werden; denn die Welt enthält, soweit sie gut ist, lauter Söhne Ahuramazdâs, von Ahuramazdâ geliebte Geschöpfe, in welchen er sich mit Wohlgefallen widerspiegelt, über die er sich freut wie beim Anbeginn der Dinge, da alles durch ihn geboren ward. Darum richtet der Parse sein Gebet zuerst an die Amschaspands, die ersten Abdrücke Ahuramazdâs, die Nächsten seines Glanzes und die Ersten an seinem Thron. In den an sie gerichteten Gebeten und Lobpreisungen werden die besonderen Eigenschaften eines jeden gerühmt, und sie werden um Schutz, Hilfe und Segen angerufen, je nachdem ihnen Ahuramazdâ die verschiedenen Teile der Schöpfung anvertraut hat.
Hieraus, wie aus den übrigen Anrufungen der Geschöpfe ergiebt sich, worin deren Verehrung besteht. Sie besteht darin, daß ein jedes Geschöpf für das erkannt wird, was es ist, daß dies in der Form eines Gebetes bekannt wird, und daß man von jedem Geschöpf, je nach seinem Daseinszweck die Wohlthat erbittet, welche zu erteilen ihm von Ahuramazdâ anbefohlen ist.
Der Zoroastrismus personifiziert im Geiste des alten Orients die guten oder bösen Eigenschaften der Dinge in guten oder bösen geistigen Wesen und glaubt z. B. seine Dankbarkeit für die wohlthätigen Eigenschaften des Wassers nicht besser beweisen zu können, als wenn er dieselben in einem an den Ized des Wassers gerichteten Lobhymnus preist, wobei indessen Ahuramazdâ ebensowenig vergessen wird, als wenn er von einem Ized oder dem ihm geweihten Gegenstand dessen wohlthätige Wirkungen erbittet.
Das Gebet an die himmlischen Geister bezieht sich genau auf ihre Eigenschaften wie Funktionen und -- wenn es Himmelskörper sind -- auf die Zeit ihrer Erscheinung. So wird z. B. die Sonne nur bei Tag angerufen, der Mond aber bei Tag und bei Nacht.
Die Sonne als Quell alles Lichtes, die alles mit Leben und Freude erfüllt, wird als sichtbares Bild Ahuramazdâs angerufen, als König des Himmels, der ohne Ruhe im Lauf ist wie ein Held.
Die Anrufungen sind je nach den Tageszeiten verschieden. Das Morgengebet geht dahin, daß Ahuramazdâ seinen Glanz erhöhen wolle wie der Sonne Glanz, und das Abendgebet, daß der Beter durch Ahuramazdâs und aller Izeds Schutz seinen Lebenslauf vollenden möge wie der himmlische Glanzkönig, um in Gorotman einzugehen. Mithra wird in allen Gebeten nach seinem reinen Glanz als Befruchter der Erde gepriesen, welcher Nahrungssaft über die ganze Natur ausgießt, als Urheber des Friedens, als mächtiger Streiter wider alle Dews des Streites, des Krieges und der Zerrüttung. Endlich richtet der Parse sein Gebet an den eigenen Feruer und den aller reinen Menschen. Diese Feruer werden schon im irdischen Leben eng verbunden gedacht als Glieder jener lebendigen Gemeinde, welche in Gorotman noch mehr eins werden soll. Auch die Tiere werden unter Hinweisung auf Ahuramazdâ gepriesen, und der Gedanke an den himmlischen Stier, von welchem alle Menschen, Tiere und Pflanzen kommen, giebt diesem Gebet Leben und inneres Gewicht.
Endlich wird alles von Ahuramazdâ kommende gepriesen: Feuer, Wasser und Bäume, so namentlich das heilige Altarfeuer Behram, das heilige Wasser Zare, welches auf dem Urberg Albordj entspringt, und der heilige Hombaum, aus welchem der Lebenssaft das Wasser der Unsterblichkeit hervorquillt.
Nach der Anbetung Ahuramazdâs und der Hochschätzung aller wohlthätigen und reinen Geschöpfe befiehlt der Zendavesta die Ausübung des Guten in Reinigkeit des Gedankens, des Wortes und der That. Der Mensch soll im ganzen Verhalten des äußern und innern Menschen wie Licht sein und wirken. Dies ist der beste Beweis für die zu Ahuramazdâ getragene Liebe. Er soll wirken wie das Licht, d. h. wie Ahuramazdâ, die Amschaspands, die Izeds, wie Zoroaster und die reinen Menschen, in denen Ahuramazdâ sich gefällt, weil sie ihm ähnlich sind. Je mehr Lichtreinheit und Güte ein Mensch in seinem Wesen ausdrückt, um so näher sind ihm die himmlischen Geister, um so mehr können sie ihn lieben und zu seinem Dienst bereit sein. In diesem Geist muß man auch gegen die Menschen auf Erden handeln und wie die Izeds alles mit Wohlthätigkeit segnen, so muß der Mensch die Natur zu veredeln und überall Lebenslicht und Fruchtbarkeit auszustreuen suchen. In diesem Sinn speist er die Hungrigen, pflegt die Kranken, beherbergt die Wanderer, bepflanzt die Wüste mit Bäumen, tränkt die Erde und besäet sie zur Freude der heiligen Sapandomad mit reinem Samen; er sorgt für die Nahrung und Fortpflanzung der Tiere, stiftet Ehen usw. Dies alles thut er, damit er nicht Finsternis sei, sondern Licht werde und die Finsternis durch sein wohlthätiges Licht erleuchte, daß das Wüste fruchtbar werde, das Schwache stark und das Tote lebendig.
Der zweite Teil des Ahuramazdâdienstes besteht im Streit gegen Angrômainyus und seine Anhänger, im Haß gegen alles Böse und der Unterdrückung des physischen und moralischen Übels. Jeder Parse muß Angrômainyus, den Thronfürsten der Finsternis, Vater alles Bösen, durch Gedanken, Wort und That, so sehr verwünschen und hassen, als er nur Kraft zu hassen hat. Wer Angrômainyus und seine Gesellen anbetet, und als Darvand thut, was die Dews thun, liebt was sie lieben, in irgend welcher Weise ihre feindlichen Absichten fördert, ihre Einflüsse erleichtert und vermehrt, der ist verwünscht an Leib, Seele und Vermögen; Flüche ruhen auf ihm zu Tausenden. Zum Streit gegen Angrômainyus gehört besonders noch, daß der Anhänger Zoroasters bekenne, von Angrômainyus und den Dews komme alles Böse her.
Zu den Anhängern des Angrômainyus gehören besonders die Zauberer, welche Zoroaster als Hände und Füße, Augen und Zungen von Angrômainyus betrachtet. Um so höher das Ansehen der Magier beim Volke gestanden hatte, um so mehr verwünscht Zoroaster ihr Thun. Sie hören und Gemeinschaft mit ihnen haben, ist Fluch und Verdammnis; sie verfolgen und vertreiben, ist die Freude Ahuramazdâs und aller Izeds und Segen für alle Menschen und Geschöpfe.
Eine That ist edel, wenn die Dews dadurch erbittert werden, und bei jedem amschaspandähnlichem Thun möchten sie vor Bosheit und Zornwut ohnmächtig werden; jeder Anblick einer reinen hochstrebenden Seele -- wie z. B. die Zoroasters -- macht sie mutlos und blaßgelb. Thaten des Lichts, reine, edle Werke sind das beste Mittel, das Beginnen der Dews zu zerstören. Was die Dews verheeren, muß der Anhänger Zoroasters blühend machen. Die Dews lehren den Menschen das Gesetz Duzakhs und der Finsternis; der Mensch dagegen muß das Wort des Lebens überall lebendig machen und das Gesetz des Lichts und der Wahrheit in Gang bringen. So wie bei der Verehrung Ahuramazdâs nichts als die That gilt, so ist der Kampf gegen Angrômainyus und sein Reich ganz That und Streit durch Gebet im lebendigen Wort, durch Reinheit der Seele und des Leibes und durch Vertreibung der Dews, wo sie oder ihre Anhänger sich einfinden sollten.
Nach dem Zendavesta ist der Zweck der Religion Lichtwerdung der ganzen Schöpfung Ahuramazdâs, Triumph des Guten, des Lichts der Wahrheit und des Lebens, sowie Zerstörung des Todes, der Finsternis und Unseligkeit.
Der Anhänger Zoroasters ist nicht der Ansicht, daß er für sich und Ahuramazdâ für Alle sorgen müsse, sondern betrachtet sich als ein Glied der lebendigen Gesellschaft, das nur dann gesund ist, wenn der ganze Körper in Gesundheit und Stärke blüht. Er wacht über die Mitanbeter Ahuramazdâs mit der gleichen Sorgfalt wie über sich selbst, denn je mehr durch ihn die ganze Schöpfung zum Licht emporgehoben wird, desto glücklicher ist sein Zustand. So thun Ahuramazdâ wie die Izeds, und der Parse muß ihr Thun nachahmen. Ahuramazdâ, seinem Wesen nach ganz Licht und Leben, hat bei seiner Schöpfung und Regierung der Welt nur den Zweck, daß dieselbe Licht und Leben werde, und alle Glieder seines Reiches, jedes nach seiner Stellung zum Ganzen, zu Reinheit, Wahrheit, Vollkommenheit und Seligkeit gelange, deren es fähig ist, und alles gewonnen werde und nichts verloren gehe, daß alles in Ahuramazdâ, dem Schöpfer und Urquell alles Lichts und aller Güte, zuletzt zusammenfließe.
Das Licht muß immer im Kampf sein mit der Finsterniß, und Ahuramazdâ mit dem zahllosen Heer seiner Kräfte ist ohne Unterlaß geschäftig, die Mächte, Wirkungen und Geschöpfe von Angrômainyus täglich zu schwächen, sein Volk zu retten und zu reinigen von allen physischen und moralischem Übel, wo eins das andere erzeugt, eins das andere verschlingt, und jedem seines Volkes durch Verleihung von Kraft im Kampfe beizustehen. Dies ist das tägliche Geschäft Ahuramazdâs, und darum soll jedes Glied seiner Welt durch seine Kräfte in seiner Sphäre thun, was Ahuramazdâ im ganzen All seines Reiches für alle Geschöpfe und durch die ganze Fülle seiner Licht- und Lebenskräfte vollendet.
Im Zendavesta wird die allgemeine Harmonie alles Lebendigen, die Existenz eines Lebens in der ganzen Schöpfung gelehrt. Alle Einzelheiten, welche Zoroaster dem Schöpfer alles Guten beigelegt, einigen sich im Begriff der Allbelebung, der Allschöpfung und Allbeseligung, dessen Geist, Wort und Kraft durch alle Glieder des Lebens und Webens der Schöpfung dringt, der in allen Gliedern wohnt und sie alle leben, fühlen, thun und wachsen läßt wie der menschliche Lebensgeist den menschlichen Organismus. Was nun Ahuramazdâ für das All der Schöpfung ist, das soll jeder Ahuramazdâverehrer in seinem Wirkungskreis sein, wobei er allezeit den großen Zweck Ahuramazdâs im Auge haben muß, der das Ganze zu Einem machen will, voll Harmonie, Leben, Wahrheit, Licht und lebendiger Wirksamkeit.
Die ganze Schöpfung ist ein Wesen, worin alles in Harmonie verbunden ist von Glied zu Glied, von Ursache zu Ursache, von Wirkung zu Wirkung. Besonders werden alle Izeds, die Feruers des Lichts und alle Seelen reiner Menschen als eine lebendige Gemeinde, als das Volk Ahuramazdâs vorgestellt, worin derselbe König und Haupt ist und in allen und durch alle wirkt. Kein Geschöpf kann im Licht der Wahrheit leben und wahre Seligkeit genießen, wenn es nicht ein Teil dieser Gemeinde der Lebendigen ist. In der lebendigen Gemeinde der Ahuramazdâdiener hat ein jedes Glied einen Teil der Kräfte des Alls. Diese Kräfte sind Kräfte des Lebens und kommen von Ahuramazdâ; sie müssen gebraucht werden, wozu sie dienen, zur Zerstörung des Bösen und Schaffung des Guten. Der Anhänger Zoroasters muß fortwährend Licht schaffen, sonst weicht Ahuramazdâ von ihm und er selbst hört auf ein Lebendiger zu sein. Jedes Glied der lebendigen Gemeinde hat eine von Ahuramazdâ ihm angewiesene Wirkungssphäre, welche er durch sein Licht beleuchten und den Samen seiner guten Thaten befruchten und beleben muß, sonst wird sie öde Wüste, Sphäre der Finsternis und des Todes. Der Wirkungskreis eines jeden Wesens in Ahuramazdâs Lichtwelt liegt in der Sphäre, worin er lebt. So wirkt Bahman nicht in der Sapandomads, die Sonne nicht in der des Mondes, und der Priester nicht in der Sphäre des gemeinen Parsen. Wenn ein jeder Wirkende in der Kette lebendiger Ursachen sich und was um ihn ist belebt, so ziehen alle übrigen Glieder aus seiner Fülle Lebenssaft an sich und teilen ihn wieder mit; er macht vielen ihr Wirken leicht und sie wieder ihm. Deshalb muß jeder Parse für Alle beten; der Priester muß durch die Fülle seiner guten Handlungen und durch die Erfüllung aller Pflichten Ahuramazdâ und Zoroaster nachahmen und so ein Beispiel für das Volk und zum Segen für alle Stände werden. Vom Ackerbautreibenden wird beständige Sorge für seine Ländereien und Herden begehrt, damit er ein Quell des Überflußes für Viele werde.
So wie im himmlischen Reich Ahuramazdâs jeder Ized seine Verrichtungen mit Freude und Leichtigkeit thun kann, weil sie sie alle freudig thun, so soll nach dem Zendavesta ein jedes Glied eines jeden Standes im sichtbaren Reich Ahuramazdâs auf Erden die Pflichten seiner Sphäre ganz und mit Reinigkeit, Lust und Leben thun, damit alle sie thun können, und diese Gemeinde der Ahuramazdâverehrer auf Erden ein Abbild sei der lebendigen Gemeinde des Himmels, und sie immer höher gehoben und weiter gefördert werde, bis sie im großen All des Lichtreiches von Ahuramazdâ aufgeht.
Ein jedes Glied der Gemeinde der Ahuramazdâdiener hat den Zweck, vollkommen zu werden; aber wie die Vollkommenheit des Auges nicht die Vollkommenheit des Ohrs ist oder der Hand oder des Fußes, so hat auch in der lebendigen Gemeinde jeder Obere wie jeder Untergeordnete eines jeden Standes eine besondere Bestimmung, und im besten Erreichen seiner Bestimmung besteht seine Vollkommenheit, darin beruht sein Glanz, seine Güte, sein Leben und sein Licht. Und obgleich der Glanz des Kriegers nicht wie der Glanz des Priesters, noch der Glanz des Unterthanen wie der Glanz des Königs, so hat doch ein jeder seine Vollkommenheit, und darin beruht sein Ruhm und Glanz. Wenn alle sind, was sie sein sollen, so fließt daraus die Verherrlichung Ahuramazdâs wie die Lichtwerdung der ganzen guten Welt. Alsdann freut sich die ganze Gemeinde im Lebensgenuß, ein jedes Glied im Leben aller genießt und giebt zu genießen, jedes für alle und alle für jedes.
Es soll also jeder Anhänger Zoroasters als Glied der lebendigen Gemeinde die Verherrlichung Ahuramazdâs zum ersten und letzten Zweck haben sowohl für sich in dieser Welt dadurch, daß er sich von allem Bösen des Leibes und der Seele reinigt, Angrômainyus und seine Diener im ganzen Reich der Finsternis bestreitet, Licht wird und Licht schafft; und in der künftigen Welt, daß er als treuer Diener Ahuramazdâs ewiges Leben genieße, ewig Ahuramazdâ gefalle, und im Licht lebe und webe. Er soll aber auch die Verherrlichung Ahuramazdâs zum ersten und letzten Zweck haben für Andere, daß er die ganze Schöpfung verehre, in ihr Ahuramazdâ überall finde und mit sich die Geschöpfe verschiedener Art veredle, die Geister nach ihrer Hoheit, nach ihrem verschiedenen Glanz, nach ihrer mannigfaltigen Wohlthätigkeit rühme und hoch erhebe und in ihnen lebendige Muster seines ganzen Verhaltens erkenne. Die Menschen verehre und veredle er dadurch, daß er für ihr Heil in diesem und jenem Leben sorge, für sie bete und über sie wache, damit sie ihre Pflichten thun. Er nähre die Tiere, ziehe sie auf und sorge, daß alle guten Geschöpfe auf Erden sich vermehren und die Elemente rein erhalten bleiben, damit von Tag zu Tag alles in Licht und Reinheit, Lebensgenuß, Güte, Freude wachse, und er mit allem, was ihn umgiebt, von Tag zu Tag edler werde und von Finsternis zum Licht, vom Tod zum Leben, von der Materie zum Geist sich entwickle und alles mit sich emporhebe in die Nähe Ahuramazdâs, damit alles eins werde und eine Seligkeit des Lebens genieße.
Zur Erreichung dieses Zwecks schrieb Zoroaster einen Kultus vor, dessen genaue und sorgfältige Ausübung das Mittel dazu ist.
Zoroasters Gesetz ist der Körper des Urworts[175], das vor allen Wesen war, und ist als fortwährend schaffende göttliche Geistessprache im Zendavesta wahrhaftig aufbehalten. Das Wort war das Urwesen, durch welches alle Wesen geworden sind, was sie sind. Es ist eins mit der Lebenskraft und dem göttlichen Wesen, insofern es ganz Licht, Geist und Kraft des Lebens ist und alles belebt, sobald Ahuramazdâ haucht. Insofern Gottes Natur ganz Leben und Lebenskraft ist und weder von Anfang noch von Ende weiß, heißt Gott das Urwort, und insofern Gottes Geist dieses Wort spricht und durch dieses Sprechen außer sich andern Wesen außer sich Sein, Leben und Wirksamkeit, d. h. Licht mitteilt, heißt dieses Sprechen Gottes auch Wort, Wort der Belebung, lebendige Geistessprache Gottes. Die Sprache Gottes ist blos geistig, ein unsichtbarer Zug der göttlichen Willenskraft, der aus dem Mittelpunkt der Gottheit in die Izeds übergeht und zugleich die Kraft zu beleben und zu schaffen mit sich führt. Diese Sprache verstehen die Izeds vollkommen, denn sie ist die unmittelbare Anschauung der Dinge, das Gefühl des Willens, wie es in Gott war und das aus Gott in sie überging, was keine Menschenzunge aussprechen kann. Die Izeds und Feruers selbst reden unter sich diese Sprache innerer Empfindung und Anschauung, die Menschen aber sprechen mit dem von der Zunge gefaßten Wort miteinander, darum wissen sie auch nicht, wie Gott spricht, und was die Sprache und das Wort Gottes ist. Dieses Wort heißt auch das erste Gesetz, die höchste Weisheit, Ahuramazdâs ursprünglichstes Element, das mit dem Urlicht so zu sagen eins ist, der Ausfluß und die Seele Ahuramazdâs, denn es enthält gewissermaßen die wahren Elemente Gottes; es ist das ewige »Ich bin«, vor dem Beginn aller Dinge vorhanden, ewig die Vollkommenheit selbst, Licht, schrecklich, lebendig und schnell. Ahuramazdâ sprach es, und alle Wesen wurden. Er spricht es von Augenblick zu Augenblick, und dadurch kommt aller Überfluß, alles Gute, aller Samen des Lichts in die Welt; alle Dinge in der Welt sind nur ausgesprochene Worte Ahuramazdâs. Wie Ahuramazdâ das Wort der unbegrenzten Ewigkeit ist, so ist die ganze Welt sein Wort, und alles, was die Izeds wirken, ist ihr Wort.
Dieses Wort wurde unter der Hülle des Gesetzes den Menschen offenbart, oder -- besser gesagt: der Schöpfer aller Dinge wollte den Menschen Erkenntnis und Licht der Natur der ewigen und in jedem Augenblick neu schaffenden Gottheit geben und redete deshalb zu den Menschen in menschlicher Sprache, die sie verstehen konnten, und so wurde das Gesetz, das im Zendavesta, das himmlische, göttliche Gesetz genannt wird, das Gesetz des Lichts, der Wahrheit und des Lebens.
Die Gottheit hat sich schon vor Zoroaster offenbart und offenbart sich nach ihm, aber Zoroaster ist ihr vornehmster Prophet.
Der Hauptinhalt des ganzen Gesetzes besteht in den Worten: Du mußt Ahuramazdâ, den König der ganzen Welt, erkennen in Reinheit, seine Schöpfung hochschätzen, Zoroaster für den wahren Propheten Gottes halten und das Reich des Angrômainyus zerstören. Die Menschen sollen Gutes thun wie der erste der Amschaspands, weise sein in ihrem Verstand, wahrhaftig in der Rede, groß, edel und verstandvoll in ihrem Thun und Lassen.
Die einzelnen Vorschriften des Gesetzes bezwecken Ahuramazdâs Reich im einzelnen und im ganzen zu verschönern, Licht, Leben, Wahrheit und Seligkeit überall auszubreiten, und sind entweder moralisch oder gottesdienstlich oder politisch-religiös.
Die moralischen Vorschriften beziehen sich auf die Seele, ihre inneren und äußeren Wirkungen. Hier ist das Hauptgebot die größte Reinheit des inneren und äußeren Lebens, Reinheit des Gedankens, Reinheit des Worts und der That. Der Schwerpunkt liegt auf dem Innern der That.
Die Reinheit des Gedankens, aus welcher Reinheit der Rede und der That entspringt, ist die Richtschnur, nach welcher die Handlungen bemessen und beurteilt werden müssen. Die Reinheit des Gedankens verdammt alle bösen Begierden, welche aus den Keimen Duzakhs entspringen. Jede unreine Lust hat ihren eigenen Dew, wie jede Vollkommenheit und Tugend ihren besonderen Ized. Jeder unreine Gedanke betrübt die Izeds und hindert sie dieser Seele zu dienen, er schwächt das Licht und Leben der Seele und macht, daß die Dews sich freuen und mehr Gewalt bekommen.
Die Reinheit des Worts besteht in der Güte und Wahrheit der Rede, in der Harmonie zwischen Gedanken und Wort, Zunge und Herz. In der Bezeichnung Reinheit der Rede wird im Zendavesta alles zusammengefaßt, was in der Reinheit des Gedankens liegt, nur daß die Rede unsern Nebenmenschen versinnlicht, was im Herzen Edles, Wahres und Gutes verborgen liegt. Bekannt ist, daß die alten Schriftsteller nicht genug die Wahrheitsliebe der Perser zu rühmen wissen, und nach Herodot bedeutete die Lüge bei den Persern bürgerlichen Tod, und die Jugend wurde von früh an an die strengste Wahrheitsliebe gewöhnt. Im Zendavesta heißt es sehr oft: »Sei wahrhaftig in deinen Worten!« und von allen Persern wird Reinheit, Edelmut, Hoheit im Denken und Wahrhaftigkeit im Reden vorzüglich verlangt. Ahuramazdâ, dessen Wort lautere Wahrheit ist, wird beständig als Muster aller Muster gepriesen, und Mithra ist der spezielle Ized der Wahrheit in der lebendigen Gemeinde; er ist der Schutzengel der Wahrheit, der Einigkeit und des Friedens. Die Lüge gilt im Zendavesta als das Häßlichste, wodurch der Mensch zum Dew wird; Angrômainyus ist der Erzlügner und Vater aller Lügen.
Die Reinheit der That oder Gerechtigkeit ist der Tugendgeist und die Lichtabsicht der Handlungen. Wie alles zwischen Ahuramazdâs und Angrômainyus Reich, zwischen Licht und Finsternis, Reinheit und Unreinheit geteilt ist, so auch die Thaten. Die Handlungen haben Licht und Glanz, wenn der Geist des Gesetzes in ihnen lebt, wenn der sie erzeugende Trieb auf Ahuramazdâ und die Verherrlichung seiner Schöpfung durch Vermehrung des Guten gerichtet ist. Alles dagegen, was nicht hierauf abzielt, ist das Werk der Finsternis, ein Werk von Angrômainyus. Im Zendavesta wird die Reinheit der Handlungen nicht durch viele subtile Regeln bestimmt, sondern der Unterricht ist, weil die Vorschriften für Menschen aller Stände bestimmt sind, so beschaffen, daß alle bei der Befolgung des Gesetzes wissen können, wie sie aus reinen Trieben zu handeln imstande sind. »Verehre Ahuramazdâ und sein glänzendes Volk, das er im Anfang geschaffen hat, -- heißt es im Zendavesta, -- wähle ihr Beispiel dir zum Muster und thue den Willen Ahuramazdâs so, wie die Izeds im Himmel ihn thun, so handelst du rein.« -- Wenn die Anhänger Zoroasters beten, so müssen sie vorher in demütiger Reue ihre Sünden bekennen, wodurch das Herz erleichtert und zum Gebet gereinigt wird. Beim Spenden der Almosen, das den Parsen oft und dringend geboten wird, müssen sie beständig an Ahuramazdâ und die Izeds gedenken und betrachten, wie wohlthätig dieselben sind. Mit größter Bereitwilligkeit des Herzens soll ein Parse dem andern wohlthun, der Reiche den Armen speisen, weil auch dieser ein Verehrer Ahuramazdâs ist, weil alle im Gorotman eins zu werden hoffen, und weil Ahuramazdâ und die Amschaspands sich vorzüglich der Notleidenden annehmen. -- Der König soll hauptsächlich dahin streben, daß sein Thun und Lassen rein sei, wozu gehört, daß er seinem Volk sei, was Ahuramazdâ der ganzen Welt ist, Ernährer und Vater der Armen und Betrübten, der Schützer und Helfer der Gerechten, daß er ihnen viel Freude mache und mit seiner ganzen Gewalt das Böse unterdrücke, daß er seine Macht und Würde allein als Ahuramazdâs Geschenk trage und sie nur zum Wohlthun benutze. Weiterhin wird allen Ständen die Nachahmung Ahuramazdâs und seiner Izeds anbefohlen, und jeder Stand hat einen besondern Ized, den er vorzugsweise nachahmen soll, und wenn er dies befolgt, so trägt sein Thun zur Verherrlichung und Lichtwerdung der Schöpfung Ahuramazdâs bei, was der Zweck der Lebensthätigkeit eines jeden Geschöpfs sein soll. Jede darauf hinzielende That ist rein, und je reicher jemand an reinen Thaten ist, desto ähnlicher ist er Ahuramazdâ und seinen Lichtgeschöpfen.
Diese Reinigkeit des Herzens und der That ist das Endziel aller Parsen, und wer sie besitzt, der soll Tag und Nacht dahin wirken, daß ihr Samen sich vermehre. Ist erst jemand durch die Reinheit des Gedankens, des Worts und der That so weit gereinigt, daß er nichts als Gutes thut und -- als Mensch auf Erden betrachtet -- ganz Licht ist und immer mit ganzem Herzen Ahuramazdâ anbeten kann, dessen Gewalt ist so groß, daß alle Darvands, Druschts und Dews vor ihm fliehen müssen, daß er sie durch seinen Willen, sein Gebet und das Licht seiner Thaten vollständig ohnmächtig macht. Jedoch soll niemand glauben, daß er ohne die Kraft und den Beistand Ahuramazdâs, der Izeds und namentlich Mithras sich in der Reinheit der Seele erhalten könne.
Vorzugsweise soll der Parse die Sprache und die Kraft zu wirken heilig halten, denn beide sind Ahuramazdâs Geschenke und die Mittel, wodurch der Mensch Größe, Edelmut und Thatkraft im Dienste Ahuramazdâs beweisen und vermehren kann.
Zur Erhaltung der Reinheit der Seele dient in erster Linie der Gebrauch des Gesetzes. Das Lesen des Zendavesta ist eine der notwendigsten Pflichten, und ein dem Urwort gebrachtes Opfer ist eine tägliche Nahrung der Seele, ohne welche ihr Licht zu Finsternis wird. Nur durch dieses Opfer erhält sich der Anhänger Zoroasters im Besitz des lebendigen Worts.
Außer dem Lesen des Gesetzes ist das Gebet die heiligste Pflicht der Ahuramazdâverehrer und unumgänglich notwendig, weil dieselben mit den täglichen Anläufen Angrômainyus und seiner Diener sowie mit den Lockungen zum Bösen kämpfen müssen, welche nicht anders als durch das Gebet zu überwinden sind. Das Gebet verleiht neue Kraft und neuen Eifer zum Streit gegen das Böse und zum Streben nach dem Guten. Es erweckt den hohen Gedanken, daß jeder Anhänger Zoroasters für Ahuramazdâ kämpfe, täglich in der Seele von neuem und erhebt das Herz zum Himmel. Ohne das Gebet können die Geister in ihrer Sphäre das nicht wirken, wozu sie geschaffen sind und wovon die Diener Ahuramazdâs alles Gute erhoffen müssen.
Die Beschaffenheit des Gebets ist im Zendavesta vorgeschrieben. Zuerst legt der Parse ein aufrichtiges Gebet seiner Sünden ab, deren Entstehungsarten aufgezählt werden. Alsdann beklagt er seine und aller Menschen Sünden und rühmt die grenzenlose Barmherzigkeit und Gnade Gottes, von welcher er Vergebung erhofft. Hierauf beteuert er seine Liebe zu Ahuramazdâ und seinen Haß gegen das Reich des Angrômainyus, seine Treue gegen das Gesetz und die Notwendigkeit guter Thaten. Nach diesem Sündenbekenntnis und Gelübde folgen Lobpreisungen Ahuramazdâs, der Amschaspands, Izeds und aller reinen Menschen von Kaiomorts an bis zur Auferstehung sowie aller Söhne Gottes, d. h. aller Geschöpfe, in denen Leben und Spuren von Ahuramazdâs Geist zu finden sind.
Die Parsen beten nicht nur für sich, sondern für alle reinen Menschen, welche den Schöpfer der Natur erkennen und verehren auf allen Teilen der Erde. Besonders ist der Priester verbunden, für sich und alle zu beten: für den König, den Ahuramazdâ über sein Volk gesetzt hat und so herab bis auf alle Menschen, die noch bis an das Ende der Welt in Ahuramazdâs Reich leben werden; er betet ferner für die Seelen und Feruer, gleichviel ob dieselben auf Erden bereits verkörpert waren oder nicht. Damit das Gebet eine größere innere Energie habe, vereinigt es der Priester mit dem Gebet aller reinen Menschen auf der ganzen Erde, die gelebt haben, leben und bis zur Auferstehung leben werden.
Ein Ahuramazdâdiener betet für Alle, und Alle für Einen. Der Priester bekennt, daß er Teil nehme an den guten Werken aller von Ahuramazdâ geliebten Seelen, wie sie umgekehrt alle an den Früchten seiner eigenen guten Thaten teilnehmen.
Ebenso atmen alle religiösen Ceremonien und liturgischen Formen den Geist der Gemeinsamkeit.
Unter den eigentlichen gottesdienstlichen Gebräuchen und Riten ist in erster Linie der Feuerdienst zu nennen. Die Parsen glauben nämlich an ein Urfeuer und ein materielles Feuer, welches letztere ein Bild vom Ersteren ist. Jenes ist von Ewigkeit, und dieses ist aus jenem entstanden. Das Urfeuer ist das Band der Vereinigung und den in Zrvâna-akarana verschlungenen Wesen; es ist der Samen, aus welchem Ahuramazdâ alle Wesen erzeugt hat und was Ahuramazdâ durch sein Feuer erzeugt ist sein Sohn. Deshalb heißen die Amschaspands, Izeds, Feruer, Sterne, Menschen, Tiere und Pflanzen, alle Söhne Gottes, weil alle diese Wesen etwas vom Samen der Allschöpfung und Allbelebung in sich tragen und dadurch sind, was sie sind. Das Urfeuer hat sich von Anfang an unter verschiedenen Gestalten hier auf Erden zu erkennen gegeben, teils in sichtbaren Feuererscheinungen, teils in unsichtbaren Wirkungen seiner Kraft in den Geschöpfen. Alle großen Thaten, alle Heldenthaten, alle Weisheit und alle Weissagung werden der Kraft des Urfeuers zugeschrieben. Je reiner und stärker das Feuer ist, durch welches die Menschen belebt werden, desto reiner, stärker und geistiger sind ihre Wirkungen.
Das Urfeuer war von Ewigkeit in der unendlichen Gottheit und gab allen Geschöpfen ihr Wesen, und das durch jenes entstandene und in alle Wesen übergegangene Feuer, welches nun in Millionen und aber Millionen von Geschöpfen unter den verschiedensten Äußerungen und Wirkungsarten das einzige allschaffende, allwirkende und allbelebende Prinzip ist, das Mittel, durch welches Ahuramazdâ die ganze Schöpfung in Leben und Bewegung erhält. Das Feuer ist also der Ausfluß des Geistes und der Kraft Gottes, das reinste Symbol der unaufhörlich schaffenden, allwirkenden und allbelebenden Gottheit.
Zum Ruhm dieser Kraft Gottes stiftete Zoroaster den Feuerdienst, und weil das göttliche Urfeuer unsichtbar ist, so befahl er, heilige Feuerherde, Tempel zur Feuerverehrung (Dad-gah) zu errichten. Ihr Zweck war, die Gottheit unter dem Symbol des Feuers zu verehren. Das Bild des Feuers mußte also mit aller ihm zu Grund liegenden Kraft und Hoheit der Idee den Seelen der Anhänger Zoroasters tief eingeprägt werden. Deshalb sagt Strabo[176]: »Zu welcher Gottheit die Perser auch beten mögen, sie rufen vor allen Dingen zuerst das Feuer an.«
Trotzdem verehren die Parsen das Feuer nicht als Gottheit selbst, sondern beten in ihm nur die Eigenschaften des Schöpfers an, Ahuramazdâs belebende und erzeugende Kraft. Die dem Feuer gebrachten Opfer dienen zur Unterhaltung desselben, und die an das Feuer gerichteten Gebete sind Lob- und Dankgebete für die genannten Äußerungen Ahuramazdâs. Auch die Elemente, Izeds, Sterne usw. wurden nicht als eigentliche Gottheiten verehrt, sondern als wohlthätige Kräfte, als belebte Wesen, durch welche Ahuramazdâ die Welt regiert. Wenn die griechischen Schriftsteller derartigen von den Persern verehrten Wesen Namen wie Zeus, Hestia usw. beilegen, so beweist dies nur, daß es ihnen unmöglich ist, aus dem Bannkreis ihrer Mythologie herauszukommen.
Außer dem Feuerdienst hatten die Perser noch andere rituelle Gebräuche, von denen in erster Linie die Opfergeschenke zu nennen sind. Dieselben bestanden in Miezd, Hom und Perahom genannten Kleidern für die Priester, deren Darbringung durch Gebete an Ahuramazdâ und die Izeds und das Lesen der heiligen Bücher begleitet wurde.
Einen äußerst wichtigen Teil der parsistischen Ceremonien machen die Reinigungen aus. Die Reinheit des Leibes ist das Bild der Reinheit des Herzens und dieses ist Alles in Allem. Das Herz kann aber nicht rein sein ohne Reinheit des Körpers, weshalb diese die größte Sorgfalt und Wachsamkeit erfordert. Den unreinen Körper besitzen eine Menge Dews, aber vor dem reinen müssen sie weichen. Die Menschen werden von Natur unrein geboren, denn sie stammen alle von Kaiomorts, welcher durch Angrômainyus verunreinigt ist.[177]
Aus dem Glauben an die Unreinheit des Körpers sind verschiedene rituelle Gebräuche entstanden. So das Gebot, beim Gebet und Essen den untern Teil des Angesichts mit dem Penom[178] verhüllt zu halten, weil der Speichel irgend etwas verunreinigen könne. Daher rührt auch das Gebot, nichts vom oder aus dem Körper Kommendes in das Wasser oder Feuer zu werfen; auch dürfen die Parsen beim Beten, Essen und Verrichten der Notdurft nur eine Zeichensprache reden, weil sich sonst Dews in den Körper einschleichen können, wenn sich das Gemüt nicht in gehöriger Sammlung, Stille und Wachsamkeit befindet. -- Ähnliche Anschauungen gingen bekanntlich in den Talmud über.
Die Unreinheit des inneren Körpers kann nicht ganz aufgehoben werden, weshalb der Parse wenigstens für die Reinhaltung des äußeren sorgen und durch beständige Aufmerksamkeit auf alles, was verunreinigen kann, verhüten muß, daß die Unreinheit des Innern wachse. Dabei muß sein Blick sowohl auf die Außenwelt als auf sich selbst gerichtet sein, weil dies die beiden Wege sind, auf welchen sich Verunreinigungen einschleichen können. Auf die Außenwelt, damit er keinem unreinen Menschen oder Tier nahe, und daß er nichts Totes berühre, ohne die vorgeschriebenen Bräuche beobachtet zu haben. Auf sich selbst insofern, als er in allen Fällen, in welchen Dews ihn verunreinigen können, besonders wachsam auf sich ist und sich nicht durch sinnliche Gegenstände zerstreuen läßt. Ist der Mensch, was nicht zu vermeiden, verunreinigt worden, so muß er sich durch das Wasser reinigen.
Das Wasser wird im Zendavesta eben so hoch gepriesen als das Feuer. Es gehört mit zum Ursamen aller Dinge, und das reinste Himmelswasser fließt vor dem Throne Ahuramazdâs, es belebt die Natur, reinigt die Körper der Natur, giebt ihnen Nahrungssaft, Samen, Gehirn, Verstand, Mark und Kraft, Milch und Fruchtbarkeit zur Zeugung, es erneuert die Wesen und giebt Überfluß aller Art. Ahuramazdâ hat das Wasser dem Menschen zum Schutz gegen die Dews und ihre Erzeugnisse gegeben; es hat einen heiligen Ized und muß des Morgens beim Krähen der Hähne angerufen werden. Das Wasser ist -- wie Feuer und Licht -- Symbol alles Guten und unterstützt das Feuer in seinen Wirkungen. So wie das Feuer alle Geschöpfe durchdringt und in allen Geschöpfen Wirkungen des Lebens äußert, so auch das Wasser, welches den Lebenssaft aller Menschen, Tiere und Pflanzen enthält.
Die Parsen haben zwei heilige Wässer, Zur und Hom. Das Wasser Zur wird zu Mitternacht unter mancherlei Ceremonien und Gebeten aus gemeinem Wasser bereitet, während Hom, das Wasser des Lebens und der Unsterblichkeit, aus dem Saft des Hombaumes bereitet wird.
Die Fälle, in welchen der Parse der Wasserreinigung bedarf, sind: nach Verrichtung der Notdurft, bei Frauen nach der Menstruation, das Kind nach der Geburt, überhaupt nach jeder Verunreinigung usw. usw. Ist der Parse verhindert, sich zu reinigen, so ersetzen Reue und Gebet die Reinigung.
Auch die gesetzlichen Strafen gelten als Reinigungsmittel, und die reinigende Kraft der Todesstrafe ist so groß, daß die Sünde dadurch getilgt und der Sünder in Gorotman aufgenommen wird.
Das Fasten hält Zoroaster weder für nötig, noch für verdienstlich, noch überhaupt für erlaubt. Er befiehlt Mäßigkeit, aber der Parse soll seinen Leib pflegen, damit er Ahuramazdâ zu Ehren wirken und gegen die Dews kämpfen könne, und damit der Hunger seinen Geist nicht von der Aufmerksamkeit auf das Gesetz abziehe. Die religiösen Feste der Parsen beziehen sich auf die Schöpfung und das Naturleben überhaupt. So die sechs je fünftägigen Gahanbars auf die sechs Perioden der Schöpfung, das allerheiligste No-ruz (Neujahr) als Frühlingsfest auf die Vollendung der Schöpfung, auf den Triumph Kaiomorts über den Dew Eschem, auf die Schaffung des ersten Menschenpaares und die Neubelebung der Natur an diesem Tag. Dem No-ruz ist die Mithrafeier Mehrdjan als Herbstfest entgegengesetzt.
Drittes Kapitel.
Auszug aus dem Bun-Dehesch[179], der parsistischen Kosmogonie.
Im Urbeginn wurde Ahuramazdâ und Angrômainyus das Wesen mitgeteilt. Darauf nahm die Welt ihren Anfang und was sie sein wird bis ans Ende, bis zur Wiederherstellung aller Dinge.[180] Ahuramazdâ lebt erhaben über alles mit höchster Weisheit und Heiligkeit im Lichtkreise der Welt. Dieser Lichtthron[181] Ahuramazdâs wird »das erste Licht« genannt und ist als alles übertreffende Weisheit und Reinheit Ahuramazdâs Gesetz.
Ahuramazdâ und Angrômainyus sind im Laufe ihrer Existenz allein »das Volk der unbegrenzten Zeit«. Der wahre Schöpfer ist die Zeit, welche keine Schranken kennt, nichts über sich und keine Wurzel hat, die ewig gewesen ist und ewig sein wird. Deshalb spricht der Verständige nicht: Woher ist die Zeit gekommen? In der Größe, worin die Zeit war, war nichts Geschaffenes, das sie Schöpfer nennen konnte, denn es war noch nichts geschaffen. Darauf ward Feuer und Wasser, und aus ihrer Vereinigung Ahuramazdâ. Die Zeit war der Schöpfer und führte die Herrschaft über alle Geschöpfe. Ahuramazdâ war in der Zeit und wird sein in Ewigkeit.
Angrômainyus wohnt mit seinem Gesetz in der ersten Finsternis und war allein ihre Mitte. Die beiden Urprinzipien, in Unendlichkeit des Guten und Bösen verschlungen und ohne Grenzen der Fortdauer, wurden sichtbar durch Vermischung. Ihre Wohnungen, des großen Ahuramazdâ erstes Lichtreich und Angrômainyus Urfinsternis, waren ebenfalls ohne Grenzen. Sie lebten einsam in der Mitte dieser Abgründe, und einer näherte sich dem andern. Ein jedes dieser Wesen war durch seine Hülle begrenzt. -- Angrômainyus weiß alles, wie Ahuramazdâ, und beide haben alles, was ist, geschaffen. Ahuramazdâ ist ohne Grenzen, denn er durchschaut die Schranken der Macht beider in Unendlichkeit verschlungenen Wesen. Angrômainyus ist Sklave und König.
Ahuramazdâs Volk wird bis zur Auferstehung der Toten endlos dauern, ewig wie der Lauf der Wesen.
Die Genossen des Angrômainyus werden, wenn dereinst die Toten neu belebt sind, schwinden. Er selbst wird ohne Ende sein.
Ahuramazdâ kannte durch seine ihm von der unbegrenzten Zeit gegebene allumfassende Wissenschaft das listige Unterfangen der argen Wünsche des Angrômainyus, wie er bis an das Ende der Dinge seine Werke mit den Werken des guten Wesens vermischen dürfe, und wie seine Macht sich endigen werde.
Darauf sprach Ahuramazdâ: Ich muß durch meine Macht das Volk des Himmels schaffen. Da schuf er in dreitausend Jahren den Himmel und sein Volk. Und Angrômainyus, fort und fort auf Böses sinnend zum Widerstand des Guten, war unbekümmert um das, was vorging. Angrômainyus wußte nicht, was Ahuramazdâ wußte.
Endlich erhob sich der Grundarge und näherte sich dem Licht. Wie er nun Ahuramazdâs Licht erblickte, wollte er, dem nie Gutes in den Sinn kommt, der nichts denkt, als wie er als Druscht alles schlagen und zerstören mag, er wollte das Licht verschlingen. Aber durch dessen Schönheit, Glanz, Erhabenheit geblendet, stürzte er von selbst in seine vorige dicke Finsternis zurück und zeugte ein großes Heer von Dews und Druschts zur Plage der Welt.
Ahuramazdâ, der alles weiß, erhob sich, sah Angrômainyus Volk, sein gräßlich-schreckliches Volk; sein Hauch war Fäulnis, Bosheit und der Schöpfung unwert. Angrômainyus erblickte das Volk Ahuramazdâs, das Volk in Scharen, das Volk in Herrlichkeit, über welches der in Ewigkeit verschlungene den Schöpfungsrat fassen mußte, das der Schöpfung wert war und welches Ahuramazdâ für würdig erklärt hatte.
Ahuramazdâ indessen, welcher wußte, daß zuletzt Angrômainyus Werk doch ein Ende nehmen müsse, bot ihm Friede und sprach: O Angrômainyus, hilf der Welt, die ich geschaffen habe, ehre sie, und deine Schöpfung soll unsterblich sein, nicht altern, sich nicht zerrütten und nie Mangel haben.
Angrômainyus, der Lügenvater, schuf Akuman, den ersten der Dews und Widersacher Bahmans.
Der Himmel war die erste Schöpfung Ahuramazdâs in der reinen Welt; ihm ward Bahman vorgesetzt. Er sah, daß seine Schöpfungen bis zur Auferstehung dauern würden, und ließ Ardibehescht, Schahriver, Sapandomad, Chordad und Amerdad der Folge nach werden. In der dunkeln Welt schuf Angrômainyus Akuman, Ander, Savel, Nakaed, Tarik und Zaretsch.
Nach dem Himmel schuf Ahuramazdâ das Wasser, die Erde, die Pflanzen, die Tiere und die Menschen.
Ahuramazdâ ließ Licht werden zwischen Himmel und Erde, Fixsterne und Planeten, Sonne und Mond, wie gesagt ist: Er schuf anfangs den Himmel. Die Fixsterne der Sichtbarkeit ordneten sich in zwölf Gestirne wie in eben so viel Stammmütter. Ihre Namen sind: Lamm, Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe, Ähre, Wage, Scorpion, Bogen, Steinbock, Schöpfeimer und Fische. Diese Konstellationen sind seit ihrem Ursprung in achtundzwanzig Kordehs[182] männlichen Geschlechts eingeteilt, welche heißen: Pesch, Parviz, Peruesch, Pehe, Aveser, Beschen, Rekhad, Tarehe, Avre, Nehn, Meian, Avdem, Maschahe, Sapner oder Sapur, Hohro, Srob, Nor, Guel, Grefsche, Vareand, Gao, Goi, Moro, Bonde, Kehtser, Veht, Meian, Keht.
Alle diese Gestirne wurden anfangs geschaffen, um in der Welt immerfort Stand zu halten, damit, wenn der Feind sich darstellt, wenn Peetiaré[183] selbst zu schaden trachtet, durch ihren Beistand die Geschöpfe von den Übelthätern gerettet werden.
Dieser Sterne sind sechstausend und vierhundert und zwanzigtausend zum Dienst des großen Gestirns geschaffen worden. Noch hat Ahuramazdâ an den vier Enden des Himmels vier Wachen aufgestellt, welche auf die Fixsterne achten müssen. Ein jeder steht da als Wächter seines Kreises und seiner Himmelsgegend durch seine Kraft und Macht, er, der Schöpfer der Sternenheere, wie gesagt ist: Taschter schützt den Osten, Satevis den Westen, Venand den Mittag und Haftorang den Norden.
Meschgah ist ein großer Stern in der Mitte des Himmels, und wenn der Feind mit seinem Heer herannaht, so deckt derselbe -- auch Rapitan genannt -- den Mittag. Um den Gah Rapitans[184] lobsingt Ahuramazdâ mit den Amschaspands himmlische Izeschné.[185] Izeschné giebt jedem Kraft, Peetiaré zu schlagen. Notwendig ist dieser Dienst.
Zu gleicher Zeit führte die allwissende und vortrefflichste Weisheit den Menschen Feruer zu und sprach: Welcher Gewinn für euch, Körper in der Welt zu beleben! Seid daher im Kampfe gegen die Druschts und macht die Druschts schwinden! Am Ende sollt ihr in den ersten Zustand zurückkehren. Seligkeit soll euch werden, Unsterblichkeit ohne Veraltung, ohne Übel. Meine Fittige sollen euch gegen den Feind decken! -- Darauf kam des Menschen Feruer, durch des Allwissenden Geist gegen die Druschts des Angrômainyus geschützt, in die Welt und ward sichtbar. Am Ende der Zeit wird er, vom Feinde Peetiaré errettet, des ersten Glücks genießen, wenn die Toten neu leben, durch alle Ewigkeiten der Wesendauer.
Angrômainyus, der Machtberaubte, und alle Dews mit ihm sahen den Menschen und stürzten vor seiner Macht zu Boden. Eine Zeitlänge von drei Jahrtausenden mußte Angrômainyus angekettet liegen, und wie er so gebunden lag, sprach jeder der Dews zu ihm: Auf und mit mir! Ich will diesen Ahuramazdâ und die Amschaspands in dieser Welt bestürmen und zusammentreiben! -- Der Arge überlegte zweimal und war sehr unzufrieden, denn Furcht vor dem reinen Menschen hielt Angrômainyus zurück. Am Schluß der dreitausend Jahre kam der Darvand Djé zu ihm und sprach: O Angrômainyus, mache dich auf mit mir! Ich will hinaus in die Welt, Ahuramazdâ und die Amschaspands bekriegen und sie ängstigen! -- Der Übelthäter überzählte zweimal seine Dews, aber mit Verdruß. -- Angrômainyus wollte sich gern von seinem Kummer beim Anblick des reinen Menschen losmachen, aber der Darvand Djé sprach: Auf, mit mir zum Krieg! Welche Plagen will ich über die reinen Menschen und arbeitenden Rinder ausgießen! Wenn ich meinen Willen an ihnen vollbracht habe, so sollen sie, so wahr ich bin, nicht leben! Zerstören will ich ihr Licht, durchdringen das Wasser, die Bäume, das Feuer Ahuramazdâs, ja alle Geschöpfe Ahuramazdâs.
Der nichts als Böses thut übersah nochmals seine Heere, und siehe, wie außer sich vor Freude, sprang er aus dem Kleinmut, welcher bis jetzt gefangen hielt, und küßte Djés Haupt. Djé ist der Schöpfer der Unreinigkeit, die man der Weiber Zeit nennt. Angrômainyus sprach zu Djé: Was du nur immer wünschen kannst, nimm von mir! Djés Bitte war: Mit Menschengestalt wollte ich bekleidet sein, gieb sie mir! -- Angrômainyus bildete eines fünfzehnjährigen Jünglings schönen Leib und zeigte ihn Djé, und Djé, unsauber in Gedanken, trug ihn davon.
Nach diesem stellte sich Angrômainyus in Begleitung aller Dews vors Licht und sah den Himmel, und die nur Zerrüttung sinnenden Dews gedachten, wie sie ihn stürzten. Angrômainyus allein drang in den Himmel. In Schlangengestalt sprang er vom Himmel auf die Erde.
Am Tage Ahuramazdâ des Monats Farvardin[186] lief er von Süden aus und sah den Himmel, aber Schauder und Schreck durchfuhr ihn, wie das Schaf vor dem Wolf. Er zog in die Wolken, sah unter sich die Erde und drang durch die gemachte Öffnung in die Mitte der Erde. Darauf durchfuhr er die Bäume, den Stier, Kaiomorts[187] und das Feuer. In Fliegengestalt durchstreifte er alles Geschaffene. Gegen Süden, in Mittag verheerte er die Erde durchaus, und Alles überzog Schwärze wie Nacht. Danach schickte er fressende Kahrfesters auf die Erde, welche Gift haben, wie Schlangen, Skorpione, Kröten usw. Alles verbrannte bis zur Wurzel, und nichts konnte den Kahrfesters widerstehen. Glutheißes Wasser regnete auf die Bäume und machte sie im Augenblick verdorren. Der grausam plagende Verin und Boschasp[188] mußten sich auf den Stier und Kaiomorts stürzen, um sie an der Brust zu fassen.
Vor des Stiers Erscheinung schuf Ahuramazdâ Binak, das Wasser der Gesundheit. Wer daraus an der Quelle trank, mußte ihre ganze Heilkraft spüren.
Der, dessen ganzer Wille Böses war, schlug durch sein Gift den Stier, daß er krank darnieder sank und seufzend starb.
Im Sterben sprach er noch: Siehe, was geschehen muß für die Tiere, die noch werden sollen. Mein Wille ist, sie vor dem Bösen zu schützen!
Ehe Kaiomorts ward, schuf Ahuramazdâ das Wasser Chei[189] und brachte es zu ihm. Mit großem Ruhm spricht das Gesetz von dem Wasser Chei, welches Kaiomorts Lichtglanz und Jugend verlieh.
Kaiomorts sah die Welt in Finsternis wie die Nacht, und wie die durch Kahrfesters verbrannte Erde kaum noch bestand. Am Himmel liefen Sonne und Mond in ihren Bahnen, und die Dews von Mazenderan kämpften gegen die Fixsterne. Denn Angrômainyus hatte außer dem, was er gegen Kaiomorts Böses im Sinne hatte, einen Plan, welcher war der ganzen Welt Zerstörung. Astruiad[190] mußte mit tausend Dews, Kunstmeistern des Todes, Kaiomorts besitzen; aber seine Zeit war noch nicht gekommen, daher vermochten sie nichts an seinem Körper, denn es heißt: Zur Zeit der Ankunft Angrômainyus Peetiarés war Kaiomorts schon im Leben; schon dreißig Jahre war er König. Nach der Ankunft Peetiarés lebte er noch dreißig Jahre. Kaiomorts sprach zu ihm: Du bist wie ein Feind gekommen; aber alle Menschen meines Samens werden thun, was rein ist, verdienstvolle Werke und dich zu Boden stürzen!
Nach diesem drang Angrômainyus ins Feuer und ließ schwarzen Rauchdampf daraus aufsteigen. Geschützt durch ein Heer von Dews mischte er sich unter die Planeten und versuchte sich mit dem Sternenhimmel zu messen und drang durch die Fixsterne und an allen Orten hervor. Durch neunzig Tage und neunzig Nächte standen des Himmels Izeds im Kampfe mit Angrômainyus und den Dews aller Welt. Die Dews stürzten entkräftet in den Abgrund, und der Himmel half den Izeds, daß Angrômainyus sich nicht mehr an sie wagen durfte. Aus des Abgrunds Mitte stieg Angrômainyus auf die Erde, durchbrach sie, zeigte sich darauf und durchreiste sie; Alles in der Welt kehrte er um. Als Feind des Guten mischte er sich in Alles, zeigte sich in Allem und suchte Böses zu schaffen oben und unten.
Es steht ferner geschrieben, daß im Augenblick, da der noch einzig geschaffene Urstier starb, Kaiomorts aus seiner rechten Schulter hervorging. Nach seinem Tode kam aus seiner linken Schulter Goschorun als Seele des einzig geschaffenen Stiers. Goschorun, also geboren, verweilte bei dem Leichnam des Stiers und erhob ein lautes Geschrei wie tausend Menschen. Er trat vor Ahuramazdâ mit diesen Worten: Wen hast du zum König der Erde gesetzt? Angrômainyus geht darauf aus, in Eile die Erde zu zertrümmern, die Bäume zu schädigen und sie durch feuriges Wasser zu verbrennen. Ist es dieser Mensch, von dem du gesagt hast, ich will ihn schaffen, daß er lerne sich vor dem Argen zu schützen? Ahuramazdâ antwortete: Krank ist der Stier geworden durch Angrômainyus Krankheit; aber dieser Mensch ist für eine Erde und Zeit aufgehoben, wo Angrômainyus nicht wird Gewalt üben können.
Goschorun ging und zog durch die Sphären der Sterne und den Himmel der Sonne wie des Mondes. Nun zeigte ihm Ahuramazdâ Zoroasters Feruer und sprach: Ihn will ich der Welt schenken, und er soll sie lehren, wie man sich vor dem Bösen rein bewahre. Goschorun wurde freudig, zollte dem Verlangen Ahuramazdâs Beifall und sprach: Ich werde für der Welt Geschöpfe sorgen. -- --
Über die Welt sind sieben Fixsterne als Wächter bestellt:
1. Taschter, von dem Planeten Tir (Jupiter) begleitet. 2. Haftorang, " " " Beram (Mars) " 3. Venant, " " " Anhuma (Merkur) " 4. Satevis, " " " Anahid (Venus) " 5. Mesch, " " " Revans (Saturn) " 6. Gurzscher und 7. Dodjdom Muschever mit ihren Schweifen (Kometen), stehen unter der Wache der Sonne und des Mondes.
Albordj ging hervor. Dieser Berg umkreist die Welt und steht in der Mitte der Erde.
Wie das Wasser, so geht auch die Sonne im Kreislauf, schwebend in der Mitte der Welt, beginnend bei Albordj, beim Zeichen Varé.[191]
Hundert und achtzig Tage läuft die Sonne östlich und eben so viel westlich.[192] Tag für Tag besucht sie Albordj mit ihrem Licht. Das macht einen Tag.
Fixsterne wie Planeten, sichtbar in ihrem Lauf, durchschwärmen alle Tage drei Keschwars und einen halben[193], wie deine Augen sehen können.
Jedes Jahr hat zweimal Gleichheit der Tage und Nächte. Am ersten Kordeh zur Frühlingszeit beginnt die erste Gleichheit zwischen Dunkel und Licht. Längster Tag ist am ersten Kordeh des Krebses, die zweite Gleichheit des Tages und Dunkels am Kordeh der Wage, wo Anfang des Herbstes ist, und am Kordeh des Steinbocks ist die längste Dauer der Nacht. Hier beginnt der Winter, und wenn Varé wieder sichtbar wird, so ist neue Gleichheit zwischen Licht und Dunkel, so daß die Sonne von Beginn ihres Laufs bis zur Rückkehr 360 Tage braucht. Dazu kommen die fünf Tage der Gahs.[194] Wer in ihnen die vorgeschriebenen Gebete vollendet, der soll die Geheimnisse der Dews wissen und wird dieselben binden können.
Angrômainyus lief hinaus in die Welt, und beim Anblick der Schönheit, Reinheit und Stärke der Izeds ergriff er von neuem die Flucht. Der Himmel stellte sich wie ein Streiter im Harnisch vor Angrômainyus zum Kampf. Ahuramazdâ half aus dem festen Himmel, seinem Wohnsitz, dem Himmel, der umläuft. Die Feruer der Krieger und Reinen, mit Lanzen und Keulen in der Hand, rüsteten sich zur Unterstützung des Himmels, der sich umdreht, und halfen ihm mit der That. Angrômainyus ward zur neuen Flucht gezwungen, indem er sah, daß seine Dews flohen und er selbst seine Kraft verlieren werde, weil der endliche Sieg Ahuramazdâ aufbehalten ist, von der Auferstehung der Toten an durch die ewige Dauer der Wesen hindurch.
Ahuramazdâ und Angrômainyus wirkten beide bei der Schöpfung des Wassers. Als nämlich der Stern Taschter im Krebs war, floß Wasser im Kordeh Avré.[195] Am Tage, da der Feind im Wassergebiet seinen Lauf hatte, kehrte Taschter in seiner Bahn zurück[196] und schien im Kordeh Avré westwärts, denn jeder Monat hat sein besonderes Zeichen. Der Tirmonat ist der vierte des Jahres. Der Krebs ist das vierte Zeichen vom Lamm an. Wie Taschter dieses Zeichen berührt hatte, ließ er Regen kommen, der allen Dingen Wachstum giebt, und daraus zog er mit der Kraft des Windes Wasser in die Wolken. Taschter fand Schutz an Bahman und dem Ized Hom[197], den der gesegnete Ized Barso[198] begleitete, und reine Seelen wachten mit Sorge über Taschter. Dreißig Tage und dreißig Nächte lang glänzte sein Licht hoch[199], und unter jedem Körper gab er zehn Tage Regen, wie es von den Fixsternen heißt: jeder dieser Sterne hat drei Körper.
Jeder Wassertropfen war wie eine Schale, und die Erde war in der Höhe eines Menschen mit Wasser bedeckt. Alle Kharfesters auf Erden starben durch diesen Regen[200]; er durchdrang alle Öffnungen. In der Folge teilte sich ein Wind vom Himmel dem Wasser mit und trug es in den Wolken mit sich fort und gab ihm die Erde zum Pfand. So ward Zaré Ferakh kand[201] gebildet.
Die toten Kharfesters blieben auf Erden zurück und teilten derselben Gift und Fäulnis mit. Um die Erde von der großen Menge Kröten zu reinigen, kam Taschter in Gestalt eines weißen Pferdes mit langem Schwanz in den Zaré herab, und der Dew Apevesch[202] in der Hülle eines schwarzen Pferdes mit starkem Schwanz zog ihm entgegen in den Streit. Taschter wurde geschwächt und überwunden und mußte ein Stück zurückfliehen, bat aber Ahuramazdâ um den Sieg, der ihm Übermacht schenkte, denn es heißt: Alsobald bekam Taschter von Ahuramazdâ zehn junge Pferde, eben so viel Kameele und Stiere, zehn Berge und zehn Flüsse. Der Dew Apevesch wurde schwach und floh als Überwundener ein Stück zurück. Tschem[203] soll keine Stütze gewesen sein wie Tir[204] die Taschters. Darauf wirkte Hom in der Höhe mit großer Macht, daß das Wasser über die Erde schwemmte.
Jetzt ist Frage über das Wasser, das Taschter aus dem Zaré nahm. Er ließ es in wunderbarer Menge regnen, und es fielen Tropfen in der Größe eines Rinder- und Menschenkopfs, größere und kleinere. Unter Taschters Regen versuchte der Dew Apevesch in Roßgestalt Böses zu thun. Taschter schleuderte aber den Blitz (das Vadjeschtefeuer) auf ihn und Aspotschereh[205] erhob ein fürchterliches Gebrüll.
Wie beide so wirkten, regnete es zehn Tage und Nächte und die Flüsse wurden. Die Erde behielt Kröten in Menge und Gift der Kharfesters, die sich in alles Wasser mischten und es salzig machten. Denn alle Kharfesterkeime, die der Erde blieben, verursachten giftige Fäulnis. Darauf stürmte ein heftiger Wind drei Tage lang allerseits Wasser über die Erde; daraus sammelten sich drei große Zarés und dreiundzwanzig kleine. Zwei Zaréquellen, Tetscheschtvar und Sumbar, fingen an zu springen, welches zwei große Quellen sind, die sich bei dem Quell der Zarés einigen.
Von der Nordseite aus flossen zwei Wasser, eines ost- und das andere westwärts, Arg und Veh, wie es heißt: Ahuramazdâ ließ nach seiner höchsten Liebe gegen die Menschen von seinem Thron aus zwei Wasser fließen, die ihren Kreislauf über die Oberfläche der Erde nehmen und zuletzt im Zaré Ferakh kand in eins zusammenfließen. Diese zwei Wasser fließen aus Quellen, woraus Gott achtzehn andere ausgehen läßt, und daraus kommt alles übrige Gewässer, das er zuletzt wieder in den Arg und Veh zurückfließen läßt, er der da ist der Weltenschöpfer.
Während sich Angrômainyus in das Innere der Erde zurückzog, ward den Bergen ihre Kraft anerschaffen, die Erde gleichsam zu entwickeln. Im Anfang entstand Albordj, darauf die übrigen Berge der Erde. Wie sich Albordj nach allen Seiten weit ausgedehnt hatte, gelangten alle andern Berge auch zur Vervielfältigung, da sie aus der Wurzel von Albordj entsprossen waren. Sie stiegen tief aus der Erde in die Höhe empor, wie ein Baum, dessen Wurzel bald hoch, bald in die Tiefe wächst. So kam es, daß alle Berge aller Wurzel Sprossen waren, sich durch den ganzen Erdkörper ausbreiteten und seit der Wesenschöpfung gesehen worden sind.
Das Erdwasser quillt in den Bergen, wo die Ader verborgen liegt. Aller Berge Wurzel ist in Höhen und Tiefen gepflanzt; man sieht ihre Ausbreitung durch die Erde, den Verschlingungen der Baumwurzeln in der Erde gleich, und wie alle Adern des menschlichen Körpers in einen Stamm zusammenlaufen und dem ganzen Körper Kraft und Stärke geben.
Außer dem Albordj wuchsen innerhalb hundertundsechzig Jahren aus und über der Erde alle Berge mit allem ihrem Überfluß und ihrer Fruchtbarkeit.
Ahuramazdâ und Angrômainyus waren beide Schöpfer des Baumes. Anfangs war derselbe dürr, aber der Amschaspand Amerdad, dem der Baum zugehört, setzte ihn, als er noch klein war, in das Wasser Taschters, als Taschter durch einen allgemeinen Regen Wasser über die ganze Erde führte. Der Baum wuchs wie Haar des Menschenhauptes, und aus einem Baum sproßten zehntausend fruchtbare Baumarten zur Heilung der Zehntausenden von Krankheiten, welche Angrômainyus in der Welt geschaffen hat. Diese zehntausend Gattungen von Bäumen gaben wieder die Keime zu einhundertundzwanzigtausend Arten von Gewächsen, welche sich -- aus einem Keim entspringend -- fruchtbar vermehrten.
Ahuramazdâ legte den Keim aller Pflanzen in den Zaré Ferakh kand, worin dieser Keim wuchs, der alle Pflanzenarten mit ihren Vervielfältigungen in sich schloß. Neben diesen Urkeim aller Pflanzen setzte Ahuramazdâ den Baum Gogard, welcher alle verjüngende und reichmachende Kraft in sich schloß.[206]
Ahuramazdâ und Angrômainyus sind der Schöpfer des Urstiers. Als derselbe tot war, gingen aus seinem Schweif fünfundfünfzig Arten Getreidepflanzen und zwölf Arten gesundmachender Bäume hervor, die sich auf Erden vervielfältigten. Den Samen des Lichts und der Stärke des Stiers übergaben die Izeds dem Mondhimmel, wo er durch das Mondlicht geläutert wurde. Ahuramazdâ bildete daraus einen wohlgebauten Körper, belebte ihn, und daraus wurden zwei andere Stiere, männlichen und weiblichen Geschlechts. Aus diesen entwickelten sich wieder 282 Tierarten auf Erden, die Vögel in der Luft und die Fische im Wasser.
Während des dreißigtägigen Regens, welchen Taschter über die Erde ausgoß, teilte sich dieselbe in sieben Teile, deren mittelster, um welchen sich die sechs anderen gruppieren, Khunnerets (Iran) ist. In Khunnerets hat Ahuramazdâ alles gelegt, was im höchsten Grad rein ist, und seit Anbeginn schon sucht Angrômainyus diesen Erdteil zu schädigen, weil er sah, daß Khunnerets das Vaterland des Keans (reinen, weisen Menschen) sein, und das reine Gesetz in Keans gegeben werden würde, von wo aus es erst die andern Teile der Erde erhalten, und daß der Sosiosch in Khunnerets geboren werden würde, der bestimmt ist, Angrômainyus ohnmächtig zu machen und die Auferstehung der Toten sowie die Wiederherstellung der Leiber zu bewirken.[207] -- --
Im Gesetz steht geschrieben: Als der Urstier tot war, ging aus dem Mark seines Leibes Samen in Mannigfaltigkeit aus, wie es heißt: Aus dem Marke kamen Schöpfungen verschiedener Art, denn im Marke liegt alles verborgen. Aus den Hörnern des Stiers wuchsen die Früchte, aus seiner Nase die Laucharten, aus seinem Blute die Trauben, aus denen der Wein gekeltert wird, welcher das Blut vermehrt. Aus seiner Brust keimte Espand[208], welches gegen Fäulnis und Hauptkrankheiten dient.
Als der Same des Stiers im Mondhimmel gereinigt worden war, wurden aus ihm verschiedene Tiergattungen gebildet, zuerst zwei Stiere männlichen und weiblichen Geschlechts. Darauf setzte Ahuramazdâ von jedem Tierpaare eines auf die Erde, welche sich in Iran-vedj vermehrten und einen Hesar von drei Farsangs mit mit ihren Jungen anfüllten.[209] Diese Tiere blieben tausend Tage und tausend Nächte ohne Nahrung, danach tranken sie Wasser und nährten sich von den Bäumen.
Aus dem Stierpaar wurden zuerst Ziegen und Schafe, dann Kameel und Rindvieh und endlich Pferd und Esel geschaffen. Diese wurden zuerst und zum Gebrauch der Reinen erzeugt. In zweiter Linie schuf Ahuramazdâ Soweje[210], dessen Lauf schnell ist, und den Hirsch, Tiere, die keine Hand zähmt. Drittens schuf Ahuramazdâ die Wassertiere.
Diese Tiere teilte Ahuramazdâ in fünf Gattungen: in solche mit gespaltenem Huf zum Gebrauch der Reinen, in Tiere mit ungespaltenem Huf, in Tiere mit fünf Klauen, in Vögel und Fische. -- Im Bun-Dehesch werden die Säugetiere in 282, die Vögel und Fische in je zehn Arten geteilt.
Es ist auch von einem mystischen Hund Sura am Himmel nach der Seite des Gestirns Haftorang zu die Rede, den Ahuramazdâ zur Wache über die Menschen und zum Schutz der Tiere schuf. Wenn Menschen und Tiere zusammenkommen, ist er in der Welt und bewacht sie. Er ist es, welcher durch die Hilfe des Arduisurwassers aus einem Menschen eine unzählige Menge hat entstehen lassen. Sein Haar ist ihm Kleid, und er wacht mit Thätigkeit und Größe.
Der lebendige Sa (Wolf) ist vom Haupte der bösen Geister geschaffen und richtet unter den Herden viel Unheil an. In Abwesenheit des Hundes vermehrt er die Furcht.
Ahuramazdâ sagt: Ich habe den Vogel Varescha in großer Anzahl wider das Böse in der Welt geschaffen und besonders wider den, der -- durch das Gesetz erleuchtet -- häufig die Werke Angrômainyus thut. Ich habe ihn geschaffen, damit die Wünsche des Menschen Darvand nicht erfüllet werden. Du wirst dich nicht sättigen können, wenn du den Wasservogel schlägst. Ohne den Vogel Varescha würde Angrômainyus Darvand alle Arten von Übeln über die Körper verhängen; die Welt würde nicht bestehen können.[211]
Der Hund Sura vervielfältigt alle Tierarten, und Angrômainyus zerrüttet eines wie das andere, daß zuletzt nur eines übrig bleibt.
Nach dem Tode Kaiomorts wurde dessen Same durch das Licht der Sonne gereinigt, und nach Ablauf von vierzig Jahren ging eine Reivaspflanze aus der Erde hervor, die wie ein Baum aufwuchs fünfzehn Jahre mit fünfzehn Sprößlingen. Dieser Baum ist wie zwei nebeneinander gestellte Körper, da einer dem andern die Hand ans Ohr hält und beide -- so miteinander vereinigt -- gleichsam ein Leib sind.[212] -- Sie waren so genau miteinander verbunden, daß man weder männliches noch weibliches voneinander unterscheiden, noch sehen konnte, ob Ahuramazdâ das männliche Glied zuerst erschaffen habe, wie gesagt wird in Hinsicht auf das Erstgeschaffene, ob es das Glied oder der Leib gewesen. Ahuramazdâ sagt davon, daß er zuerst die Hand und darauf den Körper gemacht und dann jenes Glied dem Körper angefügt habe; daß er dem Körper seine eigentümliche Wirkungskraft anerschaffen, um sein Werk zu thun und zu leben. Aber die Seele ist von ihm vor dem Körper erschaffen worden. Wie Körper und Seele aus Pflanzenwesen in Menschenwesen umgebildet waren, so bekam das Glied von Ahuramazdâ seine Stelle, und die Seele nahm ihre Wohnung im Körper.
Der Baum wuchs empor und trug zehn Menschenarten als Früchte.
Ahuramazdâ redete von Meschia und Meschiane. Der Mensch als Weltvater wurde. Der Himmel ward ihm bestimmt mit der Bedingung der Herzensdemut, Gehorsam gegen den Willen des Gesetzes, der Reinheit in Gedanken, der Reinheit in Reden, der Reinheit in Thun und Lassen, und daß er keine Dews anbete. Durch Beharren in diesem Geist sollten der Mann zum Glücke des Weibes und das Weib zum Glücke des Mannes leben. So waren auch im Anfang ihre Gedanken und ihre Werke. Sie nahten sich einander und hatten Gemeinschaft zusammen.
Anfangs sprachen sie: Ahuramazdâ ist es, von dem Wasser und Erde, Bäume und Tiere, Sterne, Sonne, Mond und alles Gute kommt, das reine Wurzel und reine Frucht hat. Darauf bemächtigte sich Angrômainyus ihrer Gedanken, verdarb ihre Seele und gab ihnen ein, er sei es, der Wasser und Erde, Bäume und Tiere und alles Gute geschaffen habe. Das glaubten sie, und so gelang es Angrômainyus, sie gleich anfangs zu betrügen durch Irrtümer in der Lehre von den Dews, und von Anfang bis zu Ende suchte der Grausame nichts als Betrug. Meschia und Meschiane wurden durch den Glauben an diese Lüge Darvands, und ihre Seelen müssen bis zur Neubelebung der Leiber im Duzakh verharren.
Meschia und Meschiane kleideten sich dreißig Tage lang schwarz; danach gingen sie auf die Jagd und fanden eine weiße Ziege, aus deren Zitzen sie die Milch sogen; die war ihnen liebliche Nahrung. Meschia und Meschiane sprachen: ich habe noch nichts so angenehmes genossen wie diese Milch, sie hat mich ungemein erquickt. Das war aber ein Übel für ihren Körper, denn dadurch sündigten sie gegen ihren Leib und wurden gestraft.
Angrômainyus, dessen Rede ganz Lüge ist, zeigte sich -- durch jenen Betrug noch beherzter -- ihnen zum zweiten Mal und gab ihnen Früchte, die sie aßen. Dadurch verloren sie die hundert Glückseligkeiten, die sie bisher genossen hatten, bis auf eine. Nach dreißig Tagen und dreißig Nächten kam ein fetter weißer Schöps zu ihnen, dem sie das linke Ohr abschnitten. Die himmlischen Izeds hatten sie gelehrt, Feuer aus dem Konarbaum zu ziehen, dessen Holz sie mit einem scharfen Eisen rieben. Beide legten das Feuer an den Baum und machten durch ihr Blasen, daß es in einer Flamme ausschlug. Zuerst brannten sie Holz von Konarbaum, darauf von Datteln und Myrten. Den Schöps brieten sie und teilten ihn dreifach, und von den zwei Teilen, die sie nicht aßen, wurde ein Teil durch den Vogel Kehrkas gen Himmel getragen.
Anfangs kleideten sie sich in Hundsfelle, denn Hundefleisch war ihre Speise, danach jagten sie fleißig und machten sich Kleider von den Fellen des Rotwilds.
Es steht auch geschrieben, daß Meschia und Meschiane eine Öffnung in die Erde machten. Darin fanden sie Eisen, woraus sie eine Axt fertigten, nachdem sie es mit Steinen geschärft hatten. Diese legten sie einem Baum an die Wurzel, hieben ihn ab und bauten sich eine Wohnung, ohne Gott zu danken. Dadurch bekamen die Dews große Gewalt über sie. Einer wurde der Feind des andern, einer entbrannte in Neid und Haß gegen den andern, einer lehnte sich gegen den andern auf, schlug und beschädigte ihn und erlitt ein Gleiches. Endlich schrie der Fürst der Dews aus seiner finstern Wohnung gewaltig: O, betet an, ihr Menschen, betet an die Dews! Der Dew des Neides und des Hasses setzte sich auf seinen Thron. Meschia nahte sich, zog Milch von seiner Kuh und goß sie nordwärts aus. Dadurch bekamen die Dews größere Macht, und Meschia und Meschiane wurden unfruchtbar. In fünfzig Jahren dachten sie an keine leibliche Vereinigung. Am Ende der fünfzig Jahre bekam Meschia zuerst Lust zur Zeugung und danach Meschiane. Meschia sprach zu Meschiane: Ich möchte deine Schlange sehen, denn die meinige erhebt sich mit Macht. Danach sprach Meschiane: O Bruder Meschia, ich sehe deine große Schlange, sie fährt auf wie ein leinen Tuch. Darauf sahen sie sich, und dieses Sehen ward ihnen verderblich, denn sie thatens mit Ausschweifung, indem jedes bei sich selbst dachte: schon seit fünfzig Jahren hätte ich das thun sollen. Nach neun Monaten wurden ihnen Zwillinge, ein Knäblein und ein Mägdlein, geboren. Von diesen geliebten Kindern pflegte die Mutter das eine und der Vater das andere. In der Folge nahm ihnen Ahuramazdâ diese Lieblinge ab und sorgte für ihre Erziehung; sie blieben auf der Erde. Meschia und Meschiane sahen noch sieben Paar Nachkommen männlichen und weiblichen Geschlechts von ihnen. Alle waren Brüder und Schwestern. Jedes Paar zeugte Kinder bis zum fünfzigsten Jahr und gegen das hundertste starb es. Unter diesen sieben Paaren waren Siamakh, der Mann, und Veschak, die Frau, welche wieder zwei Kinder beiderlei Geschlechts miteinander hatten, Frevak und Frevakein.
Von diesen wurden fünfzehn Paare Kinder geboren, von denen ein jedes die Eltern eines besonderen Volkes wurde, und auf welche alle Völker der Erde zurückgehen. -- Dabei sei nebenbei bemerkt, daß im Bun-Dehesch monströse Menschen -- ähnlich wie bei Berosus -- angeführt werden, so Menschen mit einem Ohr, einem Auge, einem Haarschweif, einem Pferde- oder Hundskopf usw.
Von der Zeugung sagt das Gesetz, daß eine Frau, nachdem sie vom Daschtan[213] gekommen ist, innerhalb zehn Tagen und zehn Nächten nach ihrer Empfängnis schwanger wird. Der Beginn ihrer Schwangerschaft ist das Ende ihrer Periode. Ist der Same des Mannes kräftiger, so wird ein Knabe geboren, ist es der weibliche Same, ein Mädchen. Hat der Same von Mann und Frau gleichviel Kraft und Geist, so wird die Geburt zwei- und dreifach. Tritt der Samen des Mannes zuerst aus, so wird die Frau Mutter; quillt aber der weibliche Samen zuerst, so ist es bloßes Blut, und sie hat Ungemach davon.
Der Samen des Weibes ist blutähnlich und kommt aus der Seite als eine weißlich-rot-gelbe Flüssigkeit. Der feurige und trockene Samen des Mannes quillt aus dem Haupt und Marke, ist flüssig, weiß, stark und in Menge ausschießend. Sobald der weibliche Samen in die Mutter dringt, ist er wirksam; der männliche bedeckt ihn und erfüllt die Mutter; aller nachmalige geht in die Adern der Mutter und wird zu Blut, und nach der Geburt wird er zu Milch, der Nahrung des Kindes, denn alle Muttermilch kommt vom männlichen Keime.
Vier Dinge sind Mutter. Himmel, Metalle, Wind und Feuer sind zeugende Väter und werden nie etwas anderes; aber Wasser, Erde, Bäume und Mond sind weiblich ohne alle Verwandlung. Alles übrige ist männlich und weiblich.
Das Gesetz spricht von fünf Arten Feuer: vom Feuer Berezesengh in Ahuramazdâ und den Königen; von Voh freiann in den Menschen und Tieren; von Oruazescht in den Tieren und Gewächsen; von Vazescht, dem Feuer des Blitzes und dem Feuer des Beehenescht, welches den Bedürfnissen des Menschen dient und aus dem das heilige Feuer Behram zubereitet wird. Das Behramfeuer stammt aus der reinsten Lichtmaterie aller Feuer.
Nachdem der Menschenkörper im Mutterleib gebildet ist, kommt die Seele vom Himmel herab und belebt ihn. So lange er durch sie lebt und sich bewegt, begleitet sie ihn unablässig. Wenn der Mensch stirbt, wird sein Leib Staub, und die Seele kehrt in den Himmel zurück.
Im Bun-Dehesch folgt nun eine Art mystischer Zoologie, worin namentlich dargestellt ist, welche Tiergattungen gegen gewisse Dämonen schützen, eine Anschauung, welche sich bekanntlich bis in das Mittelalter fortspinnt. Aus den diesbezüglichen Anführungen des Bun-Dehesch will ich nur folgende, als bei den Juden, den Neuplatonikern und im Mittelalter noch besonders in Ansehen stehend mitteilen, obschon die Erinnerung an die Quelle dieser Anschauung verloren gegangen war:
Der Hahn ist den Dews und Zauberern feind. Er unterstützt den Hund, wie im Gesetz steht: Unter den die Druschts plagenden Geschöpfen vereinigen der Hahn und der Hund ihre Kräfte. -- Das Gesetz sagt: wenn der Hund und der Hahn gegen Druscht streiten, so entkräften sie ihn, der sonst Menschen und Vieh peinigt. Daher heißt es: Durch ihn werden alle Feinde des Guten überwunden; seine Stimme zerstört das Böse. Der Hund verlangt vom Menschen nichts als Fleisch und Fett; ihm es geben, ist Quelle der Gesundheit, die Ahuramazdâ schenkt. Nichts Schädliches darf ihm gegeben werden. Wer ihm -- auch unbewußt -- etwas Faules giebt, der muß von den Desturs, welche die fünf nötigen Eigenschaften haben, gestraft werden. Nährt man ihn aber mit dem, was vorgeschrieben ist, so macht man alle Dews zu Schanden.
In der deutschen Volkssage spielt bekanntlich ein dreibeiniger gespenstiger Schimmel eine bedeutende Rolle, während im Bun-Dehesch von einem ähnlichen dreibeinigen weißen Esel die Rede ist. Offenbar walten hier uralte Reminiscenzen arischer Völker ob, deren Sinn verloren gegangen ist.
Vom Wasser wird im Bun-Dehesch allerlei Mystisches berichtet: Das erste Wasser ist das der Pflanzen; das zweite, das aus den Bergen quillt und Quellen bildet; das dritte Wasser ist der Regen; das vierte das in Brunnen gegrabene; das fünfte der menschliche und tierische Samen; das sechste der Schweiß; das siebente das Rückenmark; das achte der Urin; das neunte der Speichel; das zehnte das menschliche und tierische Fett; das elfte der menschliche und tierische Lebenssaft; das zwölfte der von unten aufsteigende Baumsaft, von welchem es heißt: Der Saft in den Bäumen gleicht Wassertropfen, die ausquellen, wenn man den Baum nahe an das Feuer legt. Das dreizehnte Wasser endlich ist die Milch der Tiere und Menschen.
Wenn alle diese Dinge ein Nefa[214] berührt oder wenn ein aus dem Wasser gezogener Leichnam oder ein Stück davon sich wieder mit dem Wasser der Ruds vermischt, alsdann sind, wie geschrieben steht, die drei Ruds: Arg, Muru und Itmand, sie die himmlischen, mit Unreinheit geschlagen; ihr Fluß tränkt die Welt nicht mehr; und wenn eine Frau nach unzeitiger Geburt aus dem besondern Ort ihrer Entfernung dieses Wasser anschauet, so zeigt sich in diesen Fällen das Wirken des Menschenfeindes.[215] Aber Zoroaster hat auch dafür gesorgt, denn Ahuramazdâ spricht: Ich gebe euch das sechste Wasser Zur. Wen ihr damit begießt, der gelangt zur ersten Reinheit. Von diesem Wasser heißt es: Wenn wenig Her[216] und viel Zur ist, so kommt das Wasser in drei Jahren wieder zur Quelle; sind Her und Zur gleich, so geschieht es in sechs Jahren; ist aber mehr Her als Zur, so bedarf es neun Jahre, und dann kehrt es zurück, um den Bäumen Glanz zu geben.
Es folgt im Bun-Dehesch wieder eine längere naturgeschichtlich-mystische Exkursion, aus welcher ich nur hervorheben will, daß die Affen als eine Art Dews betrachtet werden, erzeugt aus der Ehe der Schwester Djemschids mit einem Dew. Bekanntlich hält noch Luther in seinen Tischreden die Affen für Teufel.
Hinsichtlich der Chronologie will ich nur folgende Stellen des Bun-Dehesch anführen.
Es heißt, daß im Jahr, durch der Monate Lauf Wärme und Kälte und Kälte und Wärme sich innerhalb sechzig Tagen zweimal miteinander vereinigen. Die Monate Farvardin, Ardibehescht, Chordad machen Frühling; Tir, Amerdad, Schahriver Sommer, Meher, Avan, Ader Herbst und Din, Bahman und Sapandomad sind Wintermonate. Die Sonne vollendet vom Kordeh Vareh (Widder), bis sie wieder an diesen Ort kommt, in ihrem Lauf 365 Tage und fünf kleine Zeitteile. Das macht ein Jahr. Alsdann kehrt sie dahin, woher sie gekommen ist. In drei Monaten durchläuft sie drei Himmelszeichen mehr oder minder sichtbar und kehrt wieder zurück.
Alle Zeit vollendet sich in zwölf Jahrtausenden. Im Gesetz steht, daß das Himmelsvolk in den ersten drei Jahrtausenden allein war, daß damals das Heer des Feindes nicht in die Welt ausstreifte. Kaiomorts und der Stier machen bis zur Erscheinung der Welt drei andere Jahrtausende. Das sind also sechs Jahrtausende. Diese Tausende Gottes bilden sich ab in den sechs ersten himmlischen Zeichen: Lamm, Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe, Kornähre. Diese begreifen die sechs Jahrtausende Gottes.
Nach den Tausenden Gottes kam die Wage. Angrômainyus lief aus in die Welt.
Nach der Zeitrechnung des Bun-Dehesch würde die Gegenwart unter dem Zeichen des Steinbocks stehen.
Ich will bemerken, daß die Verteilung der Zeit unter die Himmelszeichen und Planeten auf die ganze Astrologie nachwirkte.
Noch sei erwähnt, daß auch im Bun-Dehesch die biblische Anschauung von einem paradiesischen unschuldigen Urzustand der Natur vertreten ist. Es heißt:
»Vor des Feindes Ankunft in der Welt hatten die Bäume weder Dornen noch Rinde. Seit Angrômainyus Peetiaré, der sich in alles, was ist, mischte, tragen sie Stachel und Rinde. Am stärksten wirkte seine Macht auf die Gewächse, denn ihre Schädlichkeit übertrifft alles andere Übel; ihr Giftsaft tötet durch seinen Genuß Menschen und Tiere.«
Von den Druschts heißt es: Dew Tarmat ist der Dew des Hochmuts. Dew Medokht ist Angrômainyus. Dew Areschk ist Urheber des Neids. Der mächtigste dieses argen Volkes ist Dew Eschem, wie geschrieben steht. Sieben Kräfte werden Eschem gegeben zur Zerrüttung der lebendigen Geschöpfe. Durch seine siebenfachen Kräfte schlug er zu seiner Zeit die Keans, lebendige Bewohner der sieben Keschvars. Ein einziger Keschvar kämpfte gegen ihn, Medokht kam dahin, und Areschk ward darüber froh. Eschem kehrte alles um. Eschem eroberte eine Gegend, woselbst er viele Geschöpfe zerrüttete und in großer Zahl zu Grund richtete. Eschem ist es eigentlich, der gegen das von Ahuramazdâ geschützte Volk feindselig handelt. Die Keans, Geschöpfe des Lebens, wurden durch die Bosheit Eschems gedrückt, wie es heißt: Eschem Khruidrosch schuf Dew Odjescht, der Tag und Nacht frißt in der Welt und der Toten Seelen mit Furcht quält, ihnen Schrecken einflößt und vor dem Höllenthor sich aufhält. Er schuf Dew Ode, der den Menschen, er sitze am Orte der Aufmerksamkeit oder speise an einem himmlischen Ort, auf die Schulter schlägt und ihm zuredet, Unreines zu essen, damit er nicht zu den reinen Wohnungen der Seligkeit (Behescht) gelangen möge.
Von der Auferstehung der Toten und Wiederherstellung der Leiber berichtet das Gesetz, daß so, wie Meschia und Meschiane, Erdengezeugte, zuerst von bloßem Wassertrinken lebten, nachmals festere Nahrung, Baumfrüchte, genossen, dann Milch und endlich Fleisch, so in umgekehrter Ordnung die Menschen, welche durch die ganze Zeitdauer von ihnen abstammen, zuerst Fleisch, dann Milch und Brot zur Nahrung machen werden, bis sie wieder dahin gebracht sind, daß sie von nichts als Wasser leben.
Im Jahrtausend Oscheder mah wird noch Kraft in der Natur sein, aber abnehmen. Die Menschen werden nur in je drei Tagen ein Izeschné[217] vollenden, eines wie das andere essen und sich am Ende der Tage erkennen. Darauf werden sie nicht mehr Fleisch essen, sondern Baumfrüchte und Milch wird ihre Nahrung sein. Dann werden sie auch nicht mehr Milch genießen, sondern blos von Gewächsen leben und Wasser trinken. Im letzten Jahr der Erscheinung des Sosiosch wird der Mensch ohne alle Nahrung leben.
Danach wird Sosiosch die Toten beleben, wie geschrieben steht: Zoroaster fragte Ahuramazdâ und sprach: Der Wind führt den Staub der Körper fort, Wasser nimmt ihn mit sich; wie soll der Tote auferstehen? Ahuramazdâ antwortete: Ich bin es, der den allweiten sternreichen Asman (Himmel) im Raum des Äthers hält; der macht, daß er -- hier zeigte er auf das Antlitz des Himmels -- in Tiefen und Weiten Licht, das einst in Nacht begraben war, ausstrahlen muß. Durch mich ist die Erde geworden zur Dauer und Bestand, die Erde, darauf der Herr der Welt wandelt. Ich bin es, der den Glanz der Sonne, des Monds und der Sterne durch die Wolken leuchten läßt. Ich bin der Schöpfer des Samenkorns, das nach der Verwesung in der Erde von neuem keimt und sich vermehrt ins Unendliche. Ich bin es, der den Bäumen Adern des Saftes und Wurzeln mancherlei Art geschaffen. Durch meine Kraft lebt in den Bäumen und allen Geschöpfen ein Feuer, das nicht verzehrt. Ich bin es, der die lebendige Frucht in die Mutter legt nach ihrer Art, der allen Wesen besonders giebt Haut, Nägel, Blut, Fuß, Auge, Ohr. Ich bin es, der Wasser in den Tiefen schafft und in den Höhen, damit die Welt getränkt werde durch Flüsse und Regen. Ich bin es, der den Menschen macht, dessen Auge Licht ist, dessen Lebenskraft im Hauche des Mundes liegt; will er sich heben durch die unsichtbare Kraft des Lebens, das ich in ihn gelegt, so kann kein Arm ihn niederdrücken. Ich bin Schöpfer aller Wesen. Trete der Arge auf und versuche die Auferweckung; er wird sie umsonst versuchen und keinen Leichnam beleben können. Sicher und gewiß sollen deine Augen einst durch die Auferstehung neu leben sehen. Gerippe sollen Sehnen und Adern bekommen. Und ist die Belebung der Toten vollendet, so wird sie kein zweites Mal erfolgen. Denn um diese Zeit wird die verklärte Erde Gebeine und Wasser, Blut und Pflanzen, Haar und Feuer und Leben geben wie beim Beginn der Dinge.
Kaiomorts wird der Erstling der Auferstehung sein und Meschia und Meschiane nach ihm; nach diesen wird das übrige Menschengeschlecht Leben bekommen. Der Mensch soll wieder auf Erden sichtbar werden. Rein oder Darvand, jeder Mensch soll nach dieser Ordnung neu leben. Ihre Seelen sollen erst sein; alsdann sollen alle Leichname der ganzen Welt, so weit sie ist, ganz so neu werden wie beim Anbeginn der Schöpfung. Ein Lichtstrahl der Sonne wird Kaiomorts Licht und Glanz geben, ein anderer der übrigen Menschenmenge. Jede Seele wird die Leiber erkennen: Siehe, mein Vater! meine Mutter! mein Bruder! mein Weib! meine Freunde und Verwandten! Alsdann werden die Wesen aller Welt mit dem Menschen auf Erden versammelt sein. In dieser Versammlung wird jeder sein Gutes und Böses, das er gethan hat, sehen. In dieser Versammlung wird der Darvand sein wie ein weißes Tier unter den schwarzen. In dieser Weltversammlung wird der Darvand den Gerechten, dessen Freund er hier war, besonders an sich ziehen und sagen: Ach, warum hast du mich doch auf Erden, da ich doch dein Freund war, nicht gelehrt, mit Reinheit zu handeln. Du, o Reiner, hast mich nicht zum Guten geleitet, und darum bin ich unter diesen Seligen!
Danach wird eine Scheidung sein zwischen den Gerechten und Darvands. Die Gerechten werden in Gorotman eingehen, und alle Darvands werden von neuem in den Abgrund gestürzt werden. Drei Tage und drei Nächte hindurch müssen Leib und Seele büßen, unterdessen der Gerechte in der Himmelswohnung die Lieblichkeiten der Seligen mit Leib und Seele schmecken wird, denn so steht geschrieben. Am Tage der Scheidung des Reinen von Allem, was Darvand ist, wird jeder Befleckte in die Tiefe sinken.
Dann wird der Vater von seinen Geliebten, die Schwester vom Bruder, der Freund vom Freund geschieden sein. Jeder wird nehmen nach seinen Werken. Unbefleckte werden weinen über die Darvands, und die Darvands über sich selbst. Von zwei Schwestern wird die eine rein sein, die andere Darvand. Zohak und Afrasiab aus Turan und ihnen Ähnliche werden die Strafe der Sünde Marguerzan (Tod) erleiden. Die Menschen werden jener Läuterung von drei Tagen und drei Nächten nicht entrinnen.
Beim Beginn dieser Auferstehung werden von den noch lebenden Reinen fünfzig männlichen und fünfzig weiblichen Geschlechts dem Sosiosch zu Hilfe kommen.
Wenn einst Gurzscher[218] vom sublunarischen Himmel auf die Erde stürzen wird, so wird die Erde krank sein gleich dem Schaf, das mit Zittern und Zagen vor dem Wolf niederfällt. Alsdann werden durch des Feuers Hitze große und kleine Berge mit Metallen zerfließen. Das geschmolzene Erz bildet einen großen Strom, und alles, was Mensch heißt, muß hindurch zur Reinigung. Der Reine durchgeht ihn wie einen warmen Milchfluß. Die Darvands müssen auch hindurch, sie fühlen sich dazu gezwungen, und so muß die ganze Welt den geschmolzenen Erzstrom durchgehen, damit sie rein und glücklich werde, Vater, Sohn, Schwester, Freund, Einer wie der Andere, und Einer mit dem Andern werden Gutes thun.
Wenn nun die Seelen, es sei der Gerechten oder Darvands, sprach Zoroaster, über die ich deinen Unterricht gesucht habe, so gereinigt worden sind, was wird dann weiter aus dem Menschen, sowohl der Seele als dem Leibe nach, werden? Ahuramazdâ sprach: Alle Menschen werden sich zu einem Werk vereinigen und werden Ahuramazdâ und den Amschaspands mit lebendigem Eifer ein großes Setaesch[219] bringen. Wenn nun um diese Zeit alle Schöpfungen Ahuramazdâs vollendet sein werden, wird er nichts mehr hinzuthun. Die Neubelebten werden dem Knechtsdienst entrissen sein. Sosiosch wird mit allen belebten Toten lobpreisen, und der Stier Hedeiavesch wird einstimmen.
Die Toten werden leben durch das, was vom Stier ausgeht und dem weißen Hom. Sosiosch wird allen Menschen von diesen Säften zu trinken geben, und sie werden groß und unvergeßlich sein, so lange Wesen dauern. Alle Tote, groß und klein, werden davon trinken und neu leben.
Endlich wird Sosiosch auf Befehl des gerechten Richters Ahuramazdâ von einem erhabenen Ort aus allen Menschen geben, was ihre Thaten wert sind. Der Reinen Wohnung wird der glänzende Gorotman sein, Ahuramazdâ selbst wird ihre Körper zu sich in Gorotmans Höhen ziehen, und sie werden alle Ewigkeiten hindurch unter seinem Schutze wandeln.
Dann werden Ahuramazdâ und Angrômainyus, Bahman und Akuman, Ardibehescht und Ander, Schahriver und Savel, Sapandomad und Darmad, Naonghes, Kordad, Amerdad, Tarik und Zaretch, Serosch und Eschem vereinigt Izeschné anstimmen.
Alsdann wird Druscht Angrômainyus bleiben und in Ahuramazdâs Welt zurückkehren. Er selbst, Djuti[220] und Serosch und Raspi[221] werden den Evanguin[222] in der Hand führen. Alsdann wird Angrômainyus, des Argen, Macht, die nichts als Böses thut, geschlagen sein. Er wird vom Himmel zur Brücke Tschinvad eilen und sich von neuem in die dichte Finsternis stürzen. Dieser Morddrache wird in dem Flusse geschmolzenen Erzes ausbrennen: Alles Faule und Unreine des Duzakh wird darin aufgelöst und geläutert werden. Der unterirdische Angrômainyus wird von neuem erscheinen, des Abgrunds Erde durch den Erzstrom ziehen und sie zum fruchtreichsten Land machen. Auch wird die Welt durch das Wort bei der Auferstehung ewige Dauer bekommen.
Viertes Kapitel.
Die Orakel Zoroasters.
Wie bereits gesagt, galt -- wenn auch durchaus irrtümlicher Weise -- im ganzen Altertum Zoroaster als der Erfinder und größte Adept der Magie. Deshalb standen auch bei den Magiern und Theurgen, Neuplatonikern und Gnostikern ihm zugeschriebene Aphorismen, die sogenannten +Oracula magica Zoroastris+, im höchsten Ansehen.
Läßt sich nun auch ein Zusammenhang dieser Orakel mit der Person Zoroasters nicht nachweisen, so vertreten sie doch entschieden zoroastrische Ideen, obschon dieselben neuplatonisch und gnostisch überfirnißt erscheinen. Uralt sind sie gewiß; und wenn der um 220 gestorbene Kirchenvater Clemens von Alexandria in seinen »+Stromata+« sagt: »Pythagoras machte zuerst auf den berühmten persischen Magier Zoroaster aufmerksam, dessen Geheimschriften die Anhänger des Prodicus zu besitzen vorgaben«, so haben wir in dem den »magischen Orakeln Zoroasters« zu Grund liegenden Original vielleicht eine solche Geheimschrift zu sehen, welche -- von den alten Pythagoräern wollen wir ganz absehen -- zweifelsohne den Neupythagoräern, Neuplatonikern und Gnostikern bekannt war. Dafür spricht außer dem sachlichen Inhalt auch der Umstand, daß sie von dem gelehrten Byzantiner Michael Psellos (gest. 1106) kommentiert wurden, von demselben Psellos, der so viele neuplatonische Schriften dem Untergang entriß und mit Commentaren versah. Auch ist sie den von Marsilius Ficinus mitgeteilten »Symbolen des Pythagoras« sehr ähnlich.
Ich habe von dem den magischen Orakeln zu Grund liegenden Original gesprochen und zwar mit Recht, denn die uns heute unter diesem Namen vorliegenden Aphorismen sind ganz offenbar nicht das Original, sondern Fragmente, welche sich in vier verschiedenen Fassungen mit eben soviel Kommentaren erhalten haben. Drei Fassungen tragen neuplatonisches, die vierte anscheinend gnostisches Gepräge.
Ich wende mich zuerst zu den neuplatonischen Bearbeitungen samt ihren Kommentaren. Der erste Commentator der Orakel ist der oben genannte Psellos, der zweite ist der als Rat des Manuel und Theodor Paläologos und berühmter Philosoph der Renaissance bekannte, wahrscheinlich 1452 gestorbene Georgios Gemistios Plethon, der dritte, aber der hier beobachteten Reihenfolge nach der erste, ist ungenannt. Ich vermute in diesem unbekannten Kommentator einen gewissen Johannes Opsopoeus, welcher diese mystischen Fragmente mit den Kommentaren des Psellos und Plethon unter dem Titel herausgab: +Oracula magica Zoroastris cum scholiis+ unter +Plethonis et Pselli nunc primum edita, e bibliotheca regia stud. Joh. Opsopoei, Graec. et Lat. Paris. 1607. 8°.+ Beigebunden sind noch die sogenannten metrischen Orakel des Jupiter, Apollo, Serapis und der Hekate, sowie die von Joseph Scaliger besorgte Ausgabe der Oneirokritik des Astrampsychus.
Opsopoeus schickt seiner Zusammenstellung der drei verschiedenen Redaktionen der zoroastrischen Fragmente eine Sammlung von Stellen aus Platos »Alcibiades«, aus Plutarchs »Isis und Osiris«, »Über den Verfall der Orakel«, aus Plinius »Naturgeschichte«, aus Suidas Ammianus Marcellinus, Clemens von Alexandria und Eusebius über die Person &c. Zoroasters voraus, welche wir hier übergehen können. Darauf läßt er die erste Fassung der »Orakel« mit dem Kommentar des Ungenannten, alsdann die Fassung und den Kommentar des Psellos folgen. An denselben giebt er eine kurze Erläuterung der chaldäischen[223] Religionslehren durch Psellos, aus welcher ich nur herausheben will, daß Psellos sagt:
»Die Chaldäer nehmen sieben Welten an, eine feurige, drei ätherische und drei materielle, deren letzte die unter dem Mond befindliche irdische ist.«
Weiterhin sagt Psellos noch, daß nach chaldäischer Lehre die Seelen sich nach dem Tode nach Maßgabe ihres Läuterungsbedürfnisses zerstreuten und sich in teilbare und unteilbare Naturen absonderten. Das Übrige dieses Abschnittes über die chaldäischen Lehren enthält nichts als bekannte exoterische Äußerlichkeiten. Den Schluß des Buches von Opsopoeus bilden die zoroastrischen Orakel in der Fassung, wie sie Plethon kannte, mit dem Kommentar des selben. -- Am meisten gleichen sich die erste Fassung der Orakel und die des Plethon; die Fassung des Psellos weicht erheblich ab.
Ich gebe nun eine vergleichende Zusammenstellung der Orakel sowohl als der Kommentare.
Der erste Aphorismus in der ersten Fassung lautet:
»Erforsche den Weg der Seele, woher sie komme und weshalb sie dem Leib dienen müsse. Trachte dahin, daß du sie an den Ort zurückbringst, von dem sie ausgegangen ist.«
Dieser Aphorismus fehlt bei Psellos und lautet in dieser Fassung des Plethon:
»Erforsche die Reihenstufe, auf welcher deine Seele steht, welchen Rang sie vor ihrer Verbindung eingenommen; mittelst magischer Worte und Gebräuche wirst du sie zu ihrer früheren Würde wieder aufrichten.«
Der anonyme Kommentator bemerkt hierzu, daß nach Annahme der Magier die Seele unsterblich vom Himmel herabkomme, um sich auf der Erde mit dem Körper analog dem Verhältnis des Mannes zur Frau zu verbinden und ihn dereinst wieder behufs ihrer Rückkehr in den Himmel zu verlassen. Ob sie aber thatsächlich in den Himmel zurückkehre, komme auf ihr Verhalten während des irdischen Lebens an, ob sie sich nämlich mehr den Prinzipien des Lichts oder der Finsternis zugeneigt habe &c. »Darauf deutet nun ermahnend der Spruch hin, daß wir über den reinen Spruch der Seele nachdenken sollen; denn kennen wir den Weg, welchen sie aus dem Himmel genommen hat, so wird sie ihn auch zurückfinden.« -- Bestimmter spricht sich Plethon aus:
»Die Magier aus der Schule Zoroasters glaubten, daß die Seele wegen früherer Verschuldung mit dem Körper sich verbinde, sich aber derselben in dieser Verbindung nicht mehr entsinnen könne. Nur wenn die Seele während ihres irdischen Aufenthaltes einen tugendhaften Wandel geführt habe, stehe ihr die Rückkehr in die himmlische Heimat frei. Weil aber mannigfache Wohnungen der Seele bereitet sind, so ist es natürlich und begreiflich, daß der Aufenthalt der einen ein lichtumflossener, der der andern ein undurchdringliches Dunkel sein muß. Der Zug der Seele führt sie dahin, wo ihr die während der Verbindung mit dem Leibe begangenen Handlungen eine Stelle anweisen. Das Orakel ermahnt uns daher, daß wir über den Ursprung der Seele und über unsere Handlungen auf Erden nachdenken und darauf durch Gebet und gottgefällige Ceremonien ihre Erhebung in den Himmel zu bewirken trachten.«
Unter diesen Ceremonien sind die sogenannten »theurgischen Hülfen« zu verstehen, welche nach Philo und den Neuplatonikern, wie überhaupt nach den Mystikern aller Zeiten in der Zurückgezogenheit von der Welt und Stille, in der Enthaltsamkeit von überflüssiger Nahrung, Fleischspeisen, alkoholischen Getränken und physischer Liebe, in der Zurücksetzung weltlicher Geschäfte, Meditation und Betrachtung gewisser Worte und Symbole bestehen. Von diesen sagt Proklos[224]:
»Die Vollbringung geheimer, über alle Vernunft gehender, den Göttern wohlgefälliger Handlungen und die Kraft der von den Göttern allein erkannten unaussprechlichen Symbolen gewährt nur die theurgische Vereinigung. Daher wird sie nicht durch das Denken bewirkt, und wir bringen sie nicht durch die Thätigkeit der Vernunft in uns hervor. Die göttlichen Charaktere oder Symbole (%symbola% oder %synthêmata%) bringen vielmehr, ohne daß wir denken, die theurgische Vereinigung (%theougikên henôsis%, bei Porphyrius %synousia%) hervor, also daß die verborgene Kraft der Götter, worauf sich jene beziehen, durch sich selbst ihre eigenthümlichen Bilder erkennt.«[225]
Der zweite sich dem Sinn nach völlig an den ersten anschließende Aphorismus lautet in der ersten Fassung:
»Wende dich nicht rückwärts! Das Verderben ist auf der Erde, und sieben Wege sind es, welche dich vom Bessern abziehen und dem Schicksal unterwerfen.«
Dieser Aphorismus fehlt bei Psellos und lautet in der Fassung des Plethon:
»Damit du nicht zum Abgrund hinneigst und abermals dem Schicksal verfällst.«
Der anonyme Kommentator versteht unter dem »Verderben« das Laster, die sittliche Verdorbenheit und das sittliche Elend; unter Erde den irdischen Leib, die sinnliche Natur, unter »Feuer« das Göttliche im Menschen. Die sieben den Menschen dem Schicksal unterwerfenden Wege sind die sieben nach der alten Weltanschauung von den Planeten abhängigen Kardinalfehler, die Todsünden der katholischen Kirche. Nach diesem Kommentator erhebt sich der Mensch durch die Anwendung seiner sittlichen Kraft über das Fatum oder die vorher bestimmte Versuchung, indem er der unsittlichen Neigung, welche sich, je nach dem in ihm herrschenden Temperamente, seiner Seele am meisten zu bemächtigen droht, den kräftigsten Widerstand entgegensetzt.
Plethon versteht unter dem »Abgrund« die Erde als Gegensatz zur Lichtwelt und giebt dem Aphorismus folgenden Sinn: »Lebe so, daß du vor der Wiederverkörperung behütet werdest, denn solltest du zu einem abermaligen Wandeln auf der Erde verurteilt werden, so befindest du dich wieder unter der Herrschaft der Nothwendigkeit.«
Der dritte Aphorismus lautet in der ersten Fassung und bei Plethon übereinstimmend:
»Dein Gefäß werden die Thiere der Erde bewohnen« und beide Kommentatoren verstehen einstimmig unter dem »Gefäß der Seele« den Leib, und unter seinen Bewohnern die Würmer. Psellos dagegen, in dessen Fassung dieser Aphorismus der Reihenfolge nach der neunzehnte ist, versteht unter »Gefäß« das Temperament des aus allen Elementen zusammengesetzten Leibes, und unter den Bewohnern des Gefäßes die sich eines jeden Menschen, der seine Leidenschaften nicht beherrschen kann, sich bemächtigenden Dämonen nach dem Grundsatz, daß Gleiches von Gleichem angezogen wird.
Der vierte Aphorismus lautet in der ersten Fassung:
»Strebe nicht dein Schicksal zu erweitern, denn die Vorsehung giebt allen Dingen ihr bestimmtes Maaß, und ihre Handlungen sind nicht unvollkommen.«
Bei Plethon und Psellos (bei letzterem Aph. 29):
»Erweitere nicht dein Schicksal.«
Der anonyme Kommentator erklärt diesen Aphorismus allgemein moralisierend und sagt, daß diese Mahnung diejenigen angehe, welche mit der ihnen im Leben angewiesenen Stellung unzufrieden seien und wähnen, daß sie selber ihr Schicksal machen und die Beschlüsse der Gottheit verbessern könnten. Psellos und Plethon fassen das Schicksal (%heimarmenê%, +fatum+, des Grundtextes) im landläufigen Sinn auf und sagen, es sei thöricht, durch Wünsche und Gebete die unabwendbaren Beschlüsse der Gottheit abändern zu wollen.
Die zweite Hälfte des vierten Aphorismus der ersten Fassung bildet in der Reihenfolge Plethons den fünften und lautet hier:
»Denn es geht nichts Unvollkommenes vom Vater der Seelen aus.«
Der Kommentar dazu sagt:
»Du bist nicht im Stande, dein Erdenlos zu verbessern, denn alle Ereignisse geschehen nach naturgemäßem Lauf, und es ist eines die Folge des andern bis zum Zeitpunkt der Schöpfung zurück; alle Begebenheiten greifen harmonisch in einander, nirgends nimmt man einen Zufall wahr. Wo ist also Unvollkommenheit?«
Dieser wie der fünfte Aphorismus der ersten oder der sechste der Plethonischen Fassung fehlt bei Psellos. Bei dem fünften (sechsten) Aphorismus zeigt sich jedoch recht deutlich, daß die auf uns gekommenen Fassungen Varianten eines alten, verloren gegangenen Originals sind. Derselbe lautet in der ersten Fassung:
»Der Seelen Vater gestattet nicht solche Ausschweifungen des Eigenwillens;«
bei Plethon:
»Er kann nicht auf deine Wünsche achten, so lange die Binde der Vergessenheit deinen Blick umschleiert, bis endlich diese fallen wird, und das heilige Zeichen des Vaters sich deinem Gedächtniß einprägt.«
Was bei Plethon Text ist, wird in der ersten Fassung ähnlich im Kommentar gesagt, denn daselbst heißt es:
»Erst dann wird unsere Seele sich freier bewegen, wenn sie die Binde der Vergessenheit ihrer himmlischen Heimath zugleich mit den Banden des sie umnachtenden Leibes abgestreift hat. Dann besitzt sie wieder das Vermögen, in die tiefste Vergangenheit und in die ernste Zukunft zu blicken. Aber es kann dieses Vermögen auch schon bei Lebzeiten des Leibes zum Theil erreicht werden, wenn man sich eines heiligen Wandels befleißigt und gewisse magische Sprüche erlernt hat, welche dem Reinen die Pforten der Geisterwelt öffnen.«
Plethon kommentiert:
»Die Vergessenheit der früheren Zustände (Incarnationen) ist eine Folge der Verbindung der Seele mit dem Leibe. Erst nach der Auflösung des letzteren wird ihr Blick wieder freier, und sie begreift nun auch, indem sie ihres früheren Seins wieder bewußt wird, daß ihr Schicksal auf der Erde nur die notwendige Folge ihrer Handlungen und deshalb unabänderlich war.[226] Die freigewordene Seele ist alsdann wieder gottähnlich und allwissend; das ist das Zeichen des Vaters, welches ihr Gedächtniß auffrischt.«
Der sechste Aphorismus der ersten Fassung ist bei Psellos der sechzehnte und bei Plethon der siebente. Sein Wortlaut in den drei Redaktionen ist der Reihenfolge nach:
1. »Eile, daß du zum Urlicht zurückkehrst, zum Glanze deines himmlischen Erzeugers, von dem deine Seele ausgeflossen ist.«
2. »Das Göttliche erfülle deine Seele! Den Blick zum Himmel stets gewendet!«[227]
3. »Eile zum Licht des Vaters, von welchem deine Seele ausgeflossen ist.«
Der Anonymus und Plethon deuten diesen Spruch übereinstimmend dahin, daß die Gottheit das höchste Licht, und in diese Lichtheimat zurückzukehren das einzige Verlangen der Seele sein müsse. Psellos dagegen sagt etwas abweichend:
»Die Seele entwickelt drei Kräfte: Verstand, Gedächtniß und Urtheilskraft; diese drei Potenzen vereinige, um über das Wesen der Gottheit nachzudenken und sich mit dieser zu vereinigen.«
Bis hierher haben wir in der Aufeinanderfolge der Aphorismen einen gewissen Zusammenhang beobachten können. Jetzt aber folgt ein dem Sinn nach gar nicht verwandter Spruch, was auf einen verloren gegangenen Teil des den drei Bearbeitungen zu Grunde liegenden Originals deutet. Dieser in der ersten Fassung als siebenter folgende Aphorismus ist bei Psellos der achtundzwanzigste und bei Plethon der achte. Sein Wortlaut ist der Reihenfolge nach:
1. »Jene beweint die Erde sammt ihren Kindern.«
2. »Die Erde klagt fortwährend über sie und ihre Kinder.«
3. »Sie beweint die Erde und mit ihnen zugleich ihre Kinder.«
Plethon kommentiert diesen Spruch folgendermaßen:
»Diejenigen, welche dieser Mahnung nicht folgen, werden von der Erde beklagt. Unter der Erde ist aber hier die irdische Natur verstanden, welche eine Folge der Unvollkommenheit ist, denn das irdische Leben ist eine Strafe. Darum beweint die Erde auch die Kinder der Unvollkommenheit, denn die Eltern pflanzen ihre sündhaften Begierden auf die Kinder fort; die Tugendhaften befleißigen sich eines keuschen Wandels.«
Während also Plethon obigen Spruch mit Bezugnahme auf die Reincarnations- und Vererbungstheorie deutet, so kommentieren ihn der Anonymus und Psellos nur in Hinsicht auf die Wiederverkörperung. Ich kann ihre Aussprüche hier übergehen.
Der nächste Aphorismus, ebenfalls ohne Zusammenhang mit den übrigen, findet sich nur in der ersten Fassung und lautet:
»Die Ausklopfer der Seele, welche ihr aufzuathmen möglich machen, sind auflösender Art.«
Der Kommentar sagt:
»Unter den 'Ausklopfern der Seele', welche hier unter dem Bilde eines Kleides eingeführt sind, werden die Vernunftgründe verstanden, welche, wenn sie Eingang in die Seele finden, den Staub der Leidenschaften und alle bösen Neigungen aus ihr heraustreiben. Ihre auflösende Art besteht darin, daß sie von den Schlacken reinigen, welche die Seele von ihrer Hülle, der unreinen Materie, an sich zieht.«
Ich bemerke hierzu, daß auch die Kabbala das Bild von den »Ausklopfern der Seele« kennt, welche der Seele im Moment des Todes den letzten schweren »Grabschlag« (+Chibbut Hakkeber+) erteilen. Da die Kabbala zum großen Teil im Zoroastrismus wurzelt, so ist diese Stelle ein Beweis für das hohe Alter unserer Aphorismen.
Der neunte auch zusammenhanglose Aphorismus, bei Psellos der zwölfte und bei Plethon ebenfalls der neunte lautet:
1. »Auf der linken Seite ist der Sitz der tugendhaften Begierden.«
2. »Der Tugend Quell ist auf der linken Seite der Hekate. Jungfräulichkeit bewahre.«
3. »Auf der linken Seite ist der Tugend Quell, bewahre die Jungfräulichkeit.«
Alle drei Kommentatoren betrachten diesen Spruch als Keuschheitsgebot und sagen, daß die linke Seite als Sitz der Tugend betrachtet werde, weil auf ihr das Herz liege; die rechte Seite sei wegen Anwesenheit der Leber der Sitz der Begierden.
Der zehnte Aphorismus der ersten Fassung findet sich in allen drei Bearbeitungen, er ist bei Psellos der fünfzehnte und bei Plethon ebenfalls der zehnte und hat der Reihe nach folgenden Wortlaut:
1. »Die Seele strebe danach, sich mit dem Göttlichen zu verbinden. Hat sie sich dadurch von den Einflüssen der Materie frei gemacht, so wird sie von Gott durchdrungen sein.«
2. »Die Seele trachte gottberauscht zu sein, Was irdisch und gebrechlich von sich thuend.«
3. »Die Seele des Menschen strebe, das Göttliche in sich zu behalten.«
Der erste Kommentar sagt sehr dürftig, die Seele könne des Göttlichen nicht voll sein, ohne zuvor die irdischen Gelüste abgelegt zu haben.
Psellos bemerkt:
»Die Seele heilige sich zu einem Gefäße, in welchem die Gottheit ihre Wohnung nehme. Dies geschieht, wenn sie erleuchtet ist, in einem Zustand also, dem ein heiliger Wandel, eine Verachtung alles Irdischen vorhergehen muß.«
Plethon endlich sagt:
»Obgleich die Seele mit dem Leib verbunden ist, so vergesse sie doch ihren himmlischen Ursprung nicht, beklage sich aber auch nicht, daß ihr der schmutzige Leib zur Hülle gegeben wurde, ebenso wenig als sie auf die himmlischen Güter und göttlichen Eigenschaften stolz sein darf, mit welchen sie der Vater so reichlich bedachte.«
Aphorismus elf in allen drei Fassungen lautet der Reihenfolge nach:
1. »Weil die Seele ein durchsichtiges Feuer ist, so bleibt sie unsterblich und die Herrin des Lebens.«
2. »Weil die Seele ein leuchtendes Feuer ist, darum ist sie unsterblich und Herrin des Lebens.«
3. »Weil sie ein lichtes Feuer ist und unsterblich . . . .«
Die drei Kommentatoren sagen:
1. »Das Irdische ist das Vergängliche, das Geistige das Unvergängliche. Nur des letzteren können wir verlustig gehen, und deshalb ist die Seele die Herrin des Lebens, d. h. des ewigen Lebens.«
2. »Die Seele ist immateriell, stofflos, daher unvergänglich, weil sie nicht aus auflösbaren Stoffen zusammengesetzt ist. Sie nimmt nichts von der Finsterniß an, weil sie keinen Körper hat; sie ist also eitel Licht.«
3. »Unter dem Feuer sind die geistigen Fähigkeiten verstanden, mit welchen die Seele des Menschen begabt ist.«
Bei Plethon folgt nun als zwölfter, bei Psellos als achtzehnter ein kurzer Aphorismus, der in der ersten Fassung fehlt:
»Suche das Paradies!«
Plethon sagt kommentierend nur, daß unter Paradies der lichtumflossene Aufenthalt der reinen Seelen zu verstehen sei; Psellos dagegen äußert sich folgendermaßen:
»Die Chaldäer verstehen unter Paradies den Chorus von sämmtlichen Eigenschaften der Gottheit, welche ihn als besondere Personificationen umgeben.[228] Dem Unwürdigen wehrt ein feuriges Schwert. Daselbst findet man alle Tugenden, welche den Menschen gottähnlich machen.«
Der zwölfte Aphorismus der ersten Fassung, bei Psellos der siebzehnte und bei Plethon der dreizehnte hat dieser Reihenfolge nach folgenden Wortlaut:
1. »Verunreinige nicht den Geist und ziehe ihn nicht in die Tiefe hinab.«
2. »Beflecke nicht den Geist und ziehe Sein Lichtgewand nicht in die Tiefe.«
3. »Verunreinige nicht den Geist.«
Der bedeutsamste Kommentar dieses Spruches ist der erste:
»Die Pythagoräer und Platoniker denken sich die Seele auch nach dem Tode nicht vom Körper getrennt. Sie theilen nämlich die Seele in einen unsterblichen Geist, der vom Himmel stammt, und in die Thierseele. Ersterer kehrt nach dem Tode in den Äther zurück, Letztere[229] bewohnt noch einige Zeit den Körper bis zu seiner gänzlichen Auflösung. Die Wünsche, von welchen sie während des Lebens bewegt wurde, beschäftigen sie noch jetzt, während ihr die Organe zur Befriedigung derselben fehlen[230]; sie sind nach der Erde gerichtet und verhindern die volle Befriedigung des Geistes. Das sind die Dämonen, welche unstät umherirren; sie verunreinigen den Geist und ziehen ihn in die Tiefe hinab. Die reineren Seelen hingegen, welche sich schon im leiblichen Leben dem Ewigen zuwendeten, vereinigen sich nach dem Tode sogleich mit dem Urquell des Lichts. Das ist, was die Jünger Zoroasters lehren.«
Psellos sagt, daß die Chaldäer der Seele zwei Gewänder zuerteilen, deren eines (es ist der Astralkörper gemeint) aus den feinsten Stoffen der Sinnenwelt gewebt, das andere aber ätherisch, lichtglänzend und unfaßlich sei. Der Spruch warne, beide mit sündigen Lüsten zu beflecken. -- Plethon äußert sich folgendermaßen:
»Die Pythagoräer und Platoniker nehmen mit Zoroaster eine dreifache Seele an, nämlich die Thierseele, welche vom Leibe unzertrennlich ist und mit diesem aufhört zu sein. Höher als diese steht die mit Vernunft begabte Seele des Menschen, welche aber durch die Verbindung der Seele mit dem Körper der Versuchung sich zu verunreinigen ausgesetzt ist, aber auch durch den Sieg über die Versuchung die Unsterblichkeit sich zu bewahren vermag. Die höchste Stufe nehmen die Seelen der Dämonen ein, deren Hülle eine feinere ist und nicht aus materiellen Stoffen besteht, weshalb sie auch nicht dem Verderbniß einer gebrechlichen Natur ausgesetzt ist. Über diesen stehen die Planetenintelligenzen, deren Hülle aus reinem Licht besteht.«
Bei Plethon folgt nun als vierzehnter Aphorismus der bei den Andern fehlende Spruch:
»Vernachlässige aber auch nicht den Leib.«
mit dem kurzen Kommentar:
»D. h. man schwäche ihn nicht absichtlich, um sich aus diesem Leben früher zu befreien, als es der Wille der Vorsehung beschlossen hat.«
In der ersten Fassung der Orakel folgt nun als dreizehnter, nachstehender, bei Psellos gleichlautender und in seiner Reihenfolge erster, bei Plethon aber fehlender Aphorismus:
»Auch von dem Schattenbild der Seele ist ein Theil eitel Licht.«
Der anonyme Kommentator bemerkt hierzu:
»Das Schattenbild der Seele ist die thierische Psyche im Menschen, welche zwar mit dem bessern Ich desselben in Wechselwirkung steht und insofern also von dem göttlichen Theil im Menschen einiges Licht empfängt, aber an sich selbst der Vernunft beraubt ist und nur den Einflüsterungen der Sinne gehorcht.«
Psellos sagt:
»Schattenbilder oder Idole sind bei den Philosophen solche Dinge, welche an sich selbst schlechter oder den bessern untergeordnet sind, aber doch mit ihnen eine gewisse Ähnlichkeit besitzen, wie z. B. der menschliche Verstand ein Theil der Gottheit, aber doch dem Irrthum unterworfen ist. Vom Verstand ist nun wieder die Thierseele im Menschen in gleichem Abstand; sie hat nur materielles Streben und ist deshalb ein Schattenbild des Geistes. Dieser begiebt sich nach seiner Trennung vom Leibe in die Lichtregion. Zoroaster will also sagen: Nicht blos die mit Vernunft begabten Seelen können in die vollkommen erleuchtete Region versetzt werden, sondern auch die Thierseele im Menschen, wenn dieser tugendhaft wandelte. Hier weicht also der Grieche vom Chaldäer ab, insofern Ersterer die Thierseele sich nach ihrer Trennung vom Leibe im Weltenraum unbewußt verflüchtigen läßt, d. h. ihr die Fortdauer abspricht.«
Aphorismus vierzehn und fünfzehn der ersten Fassung (bei Plethon fehlend) lauten:
»Überlasse auch nicht deine Seele der Hefe der Materie.«
»Überlasse auch nicht die Hefe deiner Seele dem Abgrund, damit sie bei ihrer Trennung vom Körper nicht zu Schaden komme.«
Bei Psellos zwei und drei:
»Überlasse auch nicht die Hefe der Seele dem Abgrund Damit sie nicht bei der Trennung vom Körper zu Schaden komme.«
Der erste Kommentar nennt diese Aphorismen:
»Eine Ermahnung, daß die Seele stets über sich wache und nicht den Anfechtungen des Leibes unterliege, wodurch sie mit ihm ins Verderben sinkt. Damit ist vor der Strafe der Seelenwanderung gewarnt, welcher alle verfallen, die während ihres Erdenlebens dem Körper, d. h. der Hefe der Seele, eine zu große Macht einräumen.«
Psellos sagt:
»Unter Hefe der Seele ist der aus den vier Elementen zusammengesetzte Körper verstanden. Der Jünger wird also ermahnt: Nicht nur die Seele erhebe zu Gott, sondern suche auch ihr Kleid, nämlich den Leib, zu erheben. Abgrund ist Erde, auf welche die aus dem Himmel verwiesene Seele herabgeschleudert wurde. Wie läßt sich aber diese Ermahnung anders befolgen, als indem man den Körper dem Scheiterhaufen übergiebt. Oder ist die Läuterung durch göttliches Feuer gemeint, wie wir an Henoch und Elias sehen, die es wegen ihrer Auffahrt zum Himmel noch bei lebendigem Leibe wohl in ihrer Vervollkommnung so weit gebracht hatten, daß sie nur noch einen ätherischen Leib besaßen? Dieses Ziel zu erreichen ist aber ohne den Beistand der göttlichen Gnade unmöglich.«
Bezüglich des zweiten Spruchs sagt Psellos, daß auch Plotinos denselben anführe und bemerkt weiter:
»Diese Ermahnung ist sehr wichtig, denn die Furcht vor dem Tode zieht die meisten Menschen von edleren Betrachtungen ab, so daß die Seele ihre Läuterung nicht bestehen kann. Daher kommt es, daß die aus der Welt abscheidende Seele noch einige ihrer irdischen Sorgen und Wünsche mit hinüber nimmt, anstatt sie zu Gott und den Engeln zu erheben, wie die Erleuchteten thun, deren Blick schon diesseits des Grabes eine höhere Richtung nimmt.«
Der sechzehnte Aphorismus der ersten Fassung, der zwanzigste bei Psellos und fünfzehnte bei Plethon hat in den drei Bearbeitungen folgenden Wortlaut:
1. »Wenn du deinen aus ätherischem Stoff bestehenden Geist zur Verehrung der Gottheit hinleitest, so wird auch dein irdisches Theil dabei wohl fahren.«
2. »Wenn du dein feurig Ich zu guten Werken lenkst, So wirst du auch dein feuchtes Ich erretten.«
3. »Wenn du dein feuriges Theil aufrichtest, so wirst du auch den feinsten Stoff des Leibes dir erhalten.«
Der anonyme erste Kommentator bemerkt, daß unter der Verehrung der Gottheit nicht allein der Kultus, sondern alle sittlichen Handlungen zu verstehen seien. Psellos versteht unter dem feurigen Ich die vom Göttlichen erleuchtete Seele und unter dem feuchten Ich den materiellen Leib. Plethon sagt:
»Wenn du einen gottesfürchtigen Wandel führst, so wird dir auch leibliches Wohlsein zu Theil werden.«
Der siebzehnte Aphorismus, bei Plethon der sechzehnte (bei Psellos fehlend) wird in mystischen Werken sehr häufig citiert[231] und lautet in der ersten Fassung:
»Von allen Enden der Erde kommen Hunde herbei, die den Sterblichen durch falsche Zeichen äffen.«
In der zweiten:
»Aus allen Enden der Erde springen Hunde hervor, den Menschen Gaukelbilder zeigend.«
Beide Kommentatoren sagen übereinstimmend, daß den in die Mysterien Einzuweihenden Gespenster mit Hundefratzen erschienen, und verstehen unter denselben Personifikationen der zerstörenden Leidenschaften, welche die Seele aus ihrer Ruhe aufschrecken.
Der achtzehnte (bei Psellos fehlende) und bei Plethon siebzehnte Aphorismus hat folgenden Wortlaut:
1. »Die Vernunft lehrt uns, daß die Dämonen ursprünglich heilige Geister seien, und die bösen Eigenschaften eine Verkehrung der guten sind.«
2. »Die Natur sagt uns, daß die Dämonen vollkommene Wesen seien.«
Der erste Kommentar ergeht sich in ziemlich nichtssagender Weise über den Fall der Engel, welchen wir auch oben bei Zoroaster vorkommen sahen. -- Plethon versteht unter Dämonen nicht im vulgären Sinn böse Geister, sondern geistige Wesen überhaupt; im übrigen umschreibt er nur den Aphorismus, ohne etwas von Bedeutung zu sagen.
Der nächste Aphorismus findet sich nur in der ersten Fassung:
»Die rächenden Furien zügeln den Menschen. Es führe die Seele die Oberherrschaft und schicke vorsichtig nach allen Seiten ihre Blicke aus.«
Der Kommentar versteht unter den rächenden Furien die notwendigen Folgen der Thaten der Menschen, und unter den Blicken die angeborenen guten Eigenschaften, mit deren Hilfe wir die schlechten erkennen und ihren Einfluß auf uns abwehren.
Der folgende, sich auch bei Psellos findende Aphorismus:
»O Mensch, du kühnes Kunstwerk der Natur.«
gehört offenbar zum einundzwanzigsten Spruch der ersten Fassung, welcher in den beiden andern fehlt:
»Hättest du meinen Beistand fleißiger angerufen, so würdest du wohlgethan haben, denn nicht vom himmlischen Stoffe scheint dir das Weltgebäude, sondern zu Schlechten und Krummen sich neigend. Die Sterne glänzen nicht, der Mond ist verfinstert, die Erde wankt, und alle Gegenstände scheinen sich in Blitze zu verwandeln.«
Der Kommentar sagt nur:
»So spricht das Orakel zu dem in die Weihen Initiierten.«
Der zweiundzwanzigste -- bei Psellos fehlende -- und bei Plethon achtzehnte Aphorismus lautet:
»Nimm nicht das Bild der Natur für die Gottheit selbst!«
Bei Plethon:
»Berufe dich nicht auf das Bild der Natur!«
Beide Kommentare sagen übereinstimmend, Gott sei nicht durch das Bild zu erfassen.
»Alle dem Eingeweihten[232] sich darbietenden Erscheinungen, wie Flammen, Blitze, sind nur Sinnbilder des Schöpfers, nicht sein eigentliches Wesen.«
Der dreiundzwanzigste -- bei Psellos zehnte -- Spruch heißt:
»Mit reinem Gemüth umfasse die Zügel des Feuers.«
Bei Psellos:
»Die gestaltlose Seele halte die Zügel des Feuers.«
Der erste Kommentar ist nichtssagend. Psellos bemerkt:
»Die gestaltlose, d. h. die von der Materie sich abwendende Seele halte die Zügel des Feuers. Sie soll sich nämlich in den Besitz des zum ewigen Licht führenden Mittels setzen. Wer die Zügel schlaff hält, dessen gute Vorsätze erschlaffen, und er fällt wieder der Erde anheim.«
Der vierundzwanzigste, bei Psellos dreizehnte Spruch hat den Wortlaut:
»Wenn du das heilige Feuer aller Gestalt ledig durch die Tiefen des ganzen Weltalls wirst schimmern sehen, so horche auf den Ton des Feuers.«
Bei Psellos heißt es:
»Wenn du gewahrst des heiligen Feuers Strahl, Das doch Gestalt nicht hat, der Unterwelt auch leuchtend, Dann horche auf des Feuers Ton!«
Der erste Kommentator giebt folgende Auslegung:
»Das gestaltlose Feuer ist die Gottheit selbst, welche alle Räume der Welt durchdringt. Auf ihr Flüstern achte du!«
Psellos bemerkt:
»Dieses Feuer ist das göttliche Licht, weil es keine Gestalt hat. Wenn dieses den Seher erleuchtet, daß er im Geist der Erde Tiefen durchschaut, dann vertraue er seinen Eingebungen.«
Der fünfundzwanzigste Aphorismus lautet bei dem Anonymus und Psellos:
1. »Die Seele des Menschen trägt die Spuren ihrer göttlichen Abkunft in sich.«
2. »Eile zum Lichte zu gelangen, zu den Strahlen des Vaters, von welchem deine Seele ausgeflossen ist.«
Beide Commentare sind nichtssagend, weil der Aphorismus für sich spricht.
Der sechsundzwanzigste Aphorismus in der ersten Fassung und zweiunddreißigste bei Psellos lautet:
1. »Vernimm, was sich durch den Verstand fassen läßt, denn dies ist über die Vernunft.«
2. »Wisse, das durch den Geist Wahrnehmbare kann vom Verstande nicht begriffen werden.«
Der erste Kommentar lautet:
»Obschon der Schöpfer die Bilder der unsichtbaren Dinge dir eingegeben hat, so bestehen sie in deiner Seele doch nur durch das Vorstellungsvermögen; trachte du aber danach, sie in der Wirklichkeit zu besitzen, d. h. dich nach dem Tode des Leibes mit dem Urgeist, dem nichts verborgen ist, zu vereinigen.«
Psellos dagegen sagt:
»Obschon der Verstand uns alle Dinge erklärt, so kann doch das Wesen Gottes von ihm nicht erfaßt werden, denn dies wäre nur durch unmittelbare Erleuchtung von oben möglich. Weder der Gedanke des Menschen, noch das artikulirte Wort kann das Wesen des Schöpfers definiren. Er ist durch ehrfurchtvolles Schweigen weit passender verehrt, als durch einen Schwall von Worten. Er ist über alles Lob erhaben.«
Der siebenundzwanzigste -- bei Psellos fehlende -- Aphorismus hat den Wortlaut:
1. »Wahrlich, etwas ist durch den Geist wahrnehmbar, das sich den Sinnen entzieht.«
Der Kommentator bezieht das den Sinnen nicht Wahrnehmbare kurzweg auf Gott.
Der achtundzwanzigste -- bei Psellos sechsundzwanzigste -- Aphorismus lautet:
1. »Alles ist aus Einem Feuer hervorgegangen, welches der Urheber dem aus ihm hervorgegangenen Geist übergab, welch' Letzteren die Menschen für das Urwesen[233] selbst halten.«
2. »Alles ist aus einem Feuer entstanden.«
Der erste Kommentator sagt:
»Alles emanirt aus Gott. Er hat Alles geschaffen, nämlich die geistigen Vorbilder der Dinge[234]; der eigentliche Weltbaumeister verfertigte die irdischen Abbilder der vorigen, denn von der Materie, welche aber nicht vom Urquell des Lichts herstammt, konnte die Körperwelt nicht entstehen.«
Psellos bemerkt zu diesem Aphorismus in seiner Fassung nur, daß er dem christlichen Glauben entspreche, insofern alles in Gott wurzele.
Der neunundzwanzigste Aphorismus der ersten Fassung fehlt bei Psellos und ist der neunzehnte bei Plethon; er hat folgenden Wortlaut:
1. »Die Dinge, welche vom Verstand erforscht werden, sind selbst Intelligenzen.«
2. »Die Seelen, welche vom Vater empfangen werden, sind selbst der Empfängniß fähig.«
Der erste Kommentar lautet dahin, daß die geistigen, unkörperlichen Wesen Zeugungen Gottes, selbst handelnde Persönlichkeiten und verschieden von den mit dem Leib vermählten Seelen[235], den Geschöpfen des Demiurgen sind. Plethon sagt nur, daß hier die geistige Fortpflanzung der Ideen gemeint sei, welche die Chaldäer sich als unsichtbare Personifikationen der Dinge auf Erden vorstellten.
Der dreißigste Aphorismus der ersten Fassung ist bei Psellos der siebente und bei Plethon der zwanzigste. Er lautet der Reihenfolge nach:
1. »Die Welt wird nach unwandelbaren Gesetzen von vielen Intelligenzen regiert.«
2. »Die Welt wird durch vernunftbegabte und doch unbewegliche Wesen vor dem Untergang geschützt.«
3. »Die Welt erhält zu Lenkern solche Wesen, die, weil sie nur intellektuell, also mit den Sinnen nicht wahrnehmbar, auch der Veränderung nicht unterworfen sind.«
Der erste Kommentator und Plethon bemerken nur, daß die oberste dieser Intelligenzen der Demiurg[236] sei, und daß, da die Welt unvergänglich sei, diese Eigenschaft deren geistigen Regenten erst recht zukomme. Psellos verliert sich in die unfruchtbare magisch-astrologische Lehre von den Planetenintelligenzen.
Der einunddreißigste Aphorismus ist bei Psellos der dreiundzwanzigste, bei Plethon der einundzwanzigste und lautet in den drei Fassungen:
1. »Sich selbst hat der höchste Gott dem Blicke aller Wesen entzogen, welche, obschon mit dem Vermögen ausgerüstet, sich von unsichtbaren Dingen eine Vorstellung zu machen, doch seine Eigenschaften nicht begreifen können.«
2. »Der Schöpfer hat sich in die Verborgenheit zurückgezogen und ist selbst den geistigen Naturen unerforschlich.«
3. »Der Vater hat sich selbst entzogen.«
Über diese auch in der Kabbalistik ausgesprochene Lehre bemerkt der erste Kommentator nur, daß dies daher komme, weil kein geschaffener Geist Gott als ungeschaffenes Wesen begreifen könne. Psellos läßt sich auf keine Erklärung ein und sagt nur, daß dieser Satz dem christlichen Glauben widerspreche. Plethon hingegen äußert sich folgendermaßen:
»Obgleich geistige Wesen mittelst des Geistes wahrgenommen werden, entzieht sich doch der Schöpfer auch diesem, wenn der menschliche Forschungsgeist die Natur der Gottheit zu erforschen sich vermißt.«
Der zweiunddreißigste und letzte Aphorismus der ersten Fassung, der zweiundzwanzigste bei Psellos und Plethon lautet:
1. »Der Vater aller Wesen flößt nicht Furcht ein, sondern den Trieb, ihm gehorsam zu sein.«
2. »Gott flößt keine Furcht ein, sondern den Trieb, ihm gehorsam zu sein.«
3. »Der Vater flößt nicht Furcht ein.«
Der erste Kommentator und Plethon sagen nur, daß Gott als Urquell alles Guten nur Liebe, nicht aber Furcht einflößen könne. Psellos bemerkt:
»Die göttliche Natur kennt weder Zorn noch Unwillen, sie bleibt sich stets gleich. Deshalb flößt sie auch den Geschöpfen keine Furcht ein. Wäre sie feindlicher Gesinnung, so könnte die Schöpfung keinen Bestand haben. Gott ist ein Licht, aber dem Sünder ein verzehrendes Feuer.«
Damit schließen bei Plethon und in der ersten Fassung die magischen Orakel Zoroasters. Aus der Fassung des Psellos hebe ich noch folgende, bei den andern Beiden fehlenden Aphorismen hervor:
Aph. 5: »Nicht niederwärts den Blick gerichtet! Zum Himmel strebe auf! Denn unten Herrscht nur Nothwendigkeit, die harte, Die den Planeten ihre Richtung gab.«
Der Kommentar enthält nur den bemerkenswerten Ausspruch, daß sich die Seele auf jedem Planeten verkörpern müsse. Das übrige ist astrologische Spitzfindelei.
Aph. 14: »Es läßt Natur uns Geisterreiche ahnen, Des Bösen wie des Guten allzugleich.«
Der Kommentar sagt nur, daß die geahnten Geisterreiche auch zur Erscheinung gebracht werden könnten, wenn es dem Theurgen gelinge, die Elementarkräfte aufzuregen. Damit schließen die Orakel Zoroasters in der Redaktion des Psellos, welche ich hier der fortlaufenden Vergleichung halber außer der Reihenfolge brachte.
In der anscheinend gnostischen Fassung lauten die Orakel folgendermaßen:
»Erforsche den Weg der Seele, woher oder auf welche Weise du, wenn du dem Leibe dienest, jene wieder in die Ordnung, von der du abgewichen bist, bringen kannst, indem du mit dem heiligen Wort dein Werk vollbringst.«
»Nicht abwärts sollst du dich neigen; ein Abgrund ist auf Erden, welcher dich von der Schwelle, die sieben Gänge hat, abzieht, unter welcher der Thron des furchtbaren Schicksals steht.«
»Denn dein Behältniß werden die wilden Thiere der Erde bewohnen.«
»Gieb ja nicht dem Schicksal einen Zuwachs; denn nichts Unvollkommenes geht von der Herrschaft des himmlischen Vaters aus.«
»Aber der Wille des Vaters läßt nicht den Willen jener Seele, bis sie die Vergessenheit preisgegeben und das Wort gesprochen hat, im Gedächtniß behaltend das heilige Zeichen des Vaters.«
»Du mußt zum Lichte eilen und zum Glanze des Vaters, von dem deine Seele ausgegangen ist, welcher viel Verstand inne wohnt.«
»Die Erde beweint sie bis auf die Kinder.«
»Die Vertreiber der Seele, welche sie wieder ins Leben rufen, können erlöst werden.«
»In der linken Höhle deines Lagers wohnt die Kraft der Tugend und bleibt ganz darin, ohne ihre Jungfräulichkeit preiszugeben.«
»Die Seele der Menschen wird Gott gewaltig an sich ziehen; nichts Sterbliches habend, ist sie ganz Gottestrunken. Denn sie rühmt sich der Einheit[237], in welcher sich der sterbliche Körper befindet.«
»Weil die Seele glänzendes Feuer ist durch die Macht des Vaters, so bleibt sie unsterblich und ist Herrin des Lebens, und weil sie viele Vollendungen der Welt hat, sollst du das Paradies suchen.«
»Verunreinige nicht den Geist und drücke ihn nicht in die Tiefe nieder.«
»Es ist auch dem Bilde der Seele[238] sein Theil allenthalben an einem hellglänzenden Ort.«
»Laß nicht den Auswurf des Stoffes am Abgrunde liegen.«
»Führe nicht die Seele heraus, damit sie nicht den Körper verlassend, in Gefahr komme.«[239]
»Wenn du den feurigen Geist zum Dienste Gottes antreibst, so wirst du auch den Körper im Leben wohl-erhalten.«
»Aus dem Busen der Erde gehen irdische Hunde hervor, die niemals das wahre Zeichen dem irdischen Menschen aufweisen.«
»Die Natur räth, daß die Geister heilig seien, und daß auch die Steine des schlechten Stoffs gut und edel sind.«
»Rächende Wesen züchtigen den Menschen.«
»Eine unsterbliche Tiefe wird über die Seele herrschen; du aber richte die Augen ganz in die Höhe.«
»O Mensch, du Gebilde der zuversichtlichsten Natur! Wenn du öfter mit mir geredet haben wirst, so wirst du alles wohl im Gedächtniß behalten. Denn dann wird dir nicht mehr krumm und schief die himmlische Masse erscheinen. Die Sterne glänzen nicht; das Licht des Mondes ist verdeckt. Die Erde steht nicht fest, und Alles wird wie Blitze aussehen.«
»Du sollst nicht das durch sich selbst offenbare Bild der Natur anrufen.«
»Allenthalben mit einfältigem Herzen ergreife die Zügel des Feuers.«
»Wenn du gestaltlos das heilige Feuer erblickst, wie es schimmernd springt durch die Tiefen der ganzen Welt, so höre auf das Geräusch des Feuers.«
»Der Geist Gottes selber gab den Seelen der Menschen die väterlichen Sinnbilder ein.«
»Begreife, was mit dem Verstand begriffen werden kann, denn es ist außer dem Geiste.«[240]
»Es giebt wahrlich etwas, was mit dem Verstand begriffen werden kann.«[241]
»Alles ist aus einem Feuer hervorgebracht, sintemal Alles der Vater vollbracht hat und hat es dem zweiten Geiste mitgetheilt, welchen die Geschlechter der Menschen den ersten nennen.«
»Die Gestalten, welche im Geiste ergriffen werden, vernommen durch den Geist des Vaters, begreifen auch selbst, damit sie, durch schweigende Überlegung bewegt, einsehen.«
»O wie hat diese Welt Lenker, welche mit der Kraft der Einsicht begabt sind und nicht gebeugt werden können.«
»Sich selber hat der höchste Vater von allen andern getrennt; aber nicht auf die Kraft seiner Einsicht hat er sein Feuer beschränkt.«
»Der Vater läßt keine Furcht zu, sondern nur Gehorsam.«
Drittes Buch.
Der Occultismus der Inder.
Am reinsten gelangt der indische Occultismus in den Veden zur Darstellung.
Veda, das Wissen, heißt im weiteren Sinn alles Geoffenbarte, weshalb gewissermaßen alle heiligen Bücher der Inder Veden genannt werden können. In engerem Sinn jedoch versteht man unter Veden die vier ältesten Sammlungen religiöser Urkunden, welche nach indischer Anschauung in der Urzeit von Brahma selbst gegeben wurden, und auf welche die indische Religion, die Gesetze und die Litteratur gegründet sind. Es sind:
1. Der Rigveda mit religiös-moralischen Vorschriften, Ermahnungen und Hymnen auf alle Gottheiten.
2. Der Yayurveda, bestehend in sechsundachtzig prosaischen Abschnitten über die verschiedenen Arten der Opfer und die dabei zu beobachtenden Gebräuche.
3. Der Samaveda, welcher für den heiligsten gehalten wird und lyrische Gebete enthält, die gesungen werden.
4. Der Atharvaveda mit über siebenhundert Hymnen, Exorcismen, Zaubersprüchen, Verfluchungen usw.
Die Veden zerfallen weiter in einen rituellen, Pûrvakândam oder Karmakândam genannten Teil, welcher u. a. die Gebete -- Mantras -- enthält, die, wenn sie metrisch -- rig -- sind, gesungen und, wenn nicht metrisch -- yajush -- leise gemurmelt werden. Daran reiht sich der Brâhmana, Uttarakânda oder Gnâna -- Gnosis -- genannte Abschnitt, welcher sich über Kosmogonie, das göttliche Wesen, die göttlichen Attribute usw. verbreitet. Jeder Veda, besonders die Brâhmanas enthalten noch eine Anzahl Upanischads oder Meditationen, genannte Traktate, welche die eigentliche Theologie der Veden enthalten. Jedes auf die Veden sich stützende Werk führt den Namen Sâstra; deren giebt es eine große Anzahl und sie wie ihre Kommentare enthalten die zahllosen ceremoniellen Vorschriften.
Die Veden werden häufig Sruti, »das durch Offenbarung Gehörte« genannt, weil sie von Brahma selbst heiligen Männern, deren Namen genannt werden, geoffenbart worden sein sollen; doch gestehen die Kommentare selbst zu, daß die genannten Heiligen, die Rischis, die wahren Verfasser sind. -- Die über diese Verfasser usw. umlaufenden Traditionen lasse ich beiseite.
Zur Zeit als die arischen Indier sich von verwandten Völkern trennten und von den asiatischen Hochebenen in das Tiefland einwanderten, war ihre Religion wohl Sabäismus und im wesentlichen Sonnendienst, wie denn noch jetzt bei Sonnenaufgang das Homaopfer dargebracht wird und die Sekte der Sauras ausschließlich die Sonne verehrt; bei den Indiern wie bei den Essäern darf die Sonne die Blöße des Menschen nicht bescheinen, und in den Veden ist es wie im Zendavesta und bei den Pythagoräern verboten, sein Wasser gegen die Sonne zu lassen, &c. &c.
Als mythische Gottheit und erste Person der allbekannten indischen Göttertrias: Brahma, Wischnu, Schiwa, führte die Sonne den Namen Brahman, der Leuchtende. Sie schläft zur Zeit des winterlichen Regens, sie stirbt, wird neugeboren, und zahlreiche Mythen des alten Indiens sind nur aus dem Sonnenkultus zu erklären und +mutatis mutandis+ universalgeschichtliche Erscheinungen. Überall, wo Sonnendienst herrschte, begegnen wir denselben Festen und den gleichen ihnen zu Grund liegenden mythologischen Vorstellungen, die -- wie die ganze Theogonie -- in epischem Gewand gleichsam historisiert auftreten.
Die zum Heil des Menschengeschlechts unternommenen Thaten und Wanderungen des Sonnengottes bilden sich im Laufe der Zeit in eine Götterlegende oder -- wenn auf menschliche Heroen übertragen -- zu einer Heldensage um, aus welcher für das Volk Belehrung und Moral geschöpft wird, und an deren thatsächlicher Grundlage weder Priester noch Geschichtschreiber zweifeln.
In den Veden treffen wir den Brahmaismus in engerem Sinn oder den Sonnendienst mit dem untergelegten Gedanken eines ewigen Lichtquells und weltschaffenden Geistes, welcher -- an sich von der Sonne als Weltkörper unabhängig -- diese wie das ganze Universum hervorgebracht hat, welcher alles Thun der Götter und Menschen wahrnimmt und unter dem Bilde der Sonne zu verehren ist.
Mit der Zeit ging diese Anschauung zum reinen Monotheismus über, und wie im Mazdeismus Zrvâna-akarana, so wird im Brahmaismus +Brahma+, »das Große«, ein neutrales Abstraktum, welchem erst die Prädikate durch Kraftäußerungen nach außen werden müssen; deshalb wird es auch +tat+, das Ich, die Seele oder das Wesen, +sat+, genannt. Dieses »Große« wurde als das höchste Wesen betrachtet, in welchem alles seinen Grund habe, und das man mit Eifer aus seinen Wirkungen zu erkennen suchen müsse. Es führt in den Veden den Namen +Parabrahma+, das Urgroße; +Avoyaka+, das Unsichtbare; +Nirvikalpa+, das Unerschaffene; +Svayambhu+, das durch sich selbst Seiende, wodurch Brahma den Begriff des Ewigen und Selbständigen erhält. Auf dieses unendliche Urwesen bezieht sich keine Mythe, und es heißt in den Veden nur, daß vor ihm nichts vorhanden war, und daß seine Glorie so groß sei, daß es kein Bild derselben geben kann. Eine Manifestation desselben ist erst die als Demiurg, als weltschaffender Brahma gedachte Sonne, ähnlich wie im Mazdeismus Ahuramazdâ der vollkommenste Abdruck des Erhabenen ist.
Das durch sich selbst Seiende regiert durch diesen seinen Statthalter und andere aus ihm geflossene göttliche Emanationen, welche nur das persönliche Hervortreten und Sichtbarwerden der verschiedenen Attribute und Eigenschaften des Urersten sein sollen, die Welt nur mittelbar, und hierbei verliert sich die indische Spekulation in ein buntes Gewimmel metaphysisch-mythologischer Gestaltungen, welches wir hier bei Seite lassen können. Bei diesem Personifikationsprozeß der einzelnen Attribute trat vorerst das durch sich selbst Seiende in den Hintergrund zurück, und selbst Brahma -- seine erste Emanation -- verlor an Ansehen, so daß vom Brahmaismus Indiens nur insofern die Rede sein kann, als sich derselbe auf den ursprünglichen vergeistigten Sonnendienst bezieht.
Trotzdem ist aus den heiligen Büchern der Indier überall nachweisbar, daß die indische Religion sich schon sehr bald vom Sabäismus zur Verehrung eines höchsten Wesens erhoben hatte, und es ist leicht einzusehen, daß in Indien, wo kein Eroberer die beschauliche Ruhe der Weisen unterbrach, der Sinn für die religiösen Grundwahrheiten früher geweckt werden mußte, als es in dem von wilden Stürmen bewegten Westen möglich war. Hier begannen die schüchternen, von Sokrates nachmals mit der Moral verbundenen Anfänge der Religionsphilosophie mit Anaxagoras und Xenophanes und nahmen dann unter Pythagoras und Plato einen höhern Aufschwung bis sie in den Lehren der Stoa einen dem Christentum ähnlichen würdigen Ausdruck fanden.
Der vergeistigte Mazdeismus übte mächtigen Einfluß auf die Religion der Juden, unter denen bisher nur die Propheten auf einer höheren Erkenntnisstufe gestanden hatten, während der große Haufe zwischen den polytheistischen Religionen seiner Nachbarvölker hin und her schwankte bis endlich der Stifter des Christentums die Lichtstrahlen des Mazdeismus, des Buddhismus und der hellenistisch-jüdischen Religionsphilosophie in einem Brennpunkt vereinigte und mit einer reinen praktischen Moral verband.
Alle Religionen des Altertums zeigen ein Fortschreiten vom Fetischismus aus durch den Sabäismus und Sonnendienst zur Lichtreligion und Verehrung Eines höchsten Wesens, von welchem die Volksgottheiten usw. nur niedere Potenzen, Emanationen, Attribute &c. sind.
Gerade die indische Litteratur zeigt wie keine andere die Fähigkeit des menschlichen Geistes, von der Bewunderung der menschlichen Natur ausgehend, aus eigner Kraft zum Höchsten sich erheben zu können, und beweist die Nichtigkeit einer erträumten göttlichen Urweisheit und eines Urpriestertums des menschlichen Geschlechts, wie es sich bei den mehr oder weniger von Jakob Böhme abhängigen gläubigen Naturforschern und Naturphilosophen der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts in so aufdringlicher Weise breit macht.
Für den indischen Monotheismus der Indier erheben sich schon früh gewichtige Stimmen. So sagt Philostratus in seinem Leben des Apollonius von Tyana[242], daß in Indien nur eine höchste Gottheit alles leite, daß aber daneben Untergötter angenommen würden. Bardesanes spricht sich dahin aus[243], daß es mehrere tausend Brahminen gebe, die nach Gesetz und Tradition keine Bilder verehrten, weder Fleisch noch geistige Getränke genössen, ohne Falsch seien, ihren Geist allein auf die Gottheit richteten. Selbst der Muhammedaner Abulfeda gesteht zu, daß der gebildete Indier keine Idololatrie treibe, und daß beim Volk endlich die Götterbilder nur zur Fixirung der Andacht dienten. In unserer Zeit bekennt endlich Colebrooke[244], daß der Monotheismus in den Lehren der Vedas genau ausgesprochen, wenn auch nicht immer klar von der Polylatrie geschieden sei; daß er aber in den den Veden folgenden Schriften der Indier, welche sich demnach mit Recht auf die Lehre ihrer religiösen Schriften von der Einheit Gottes beriefen, immer mehr hervortrete.
Das Gesetzbuch des Manu sagt ausdrücklich, daß die Veden nur einen Gott lehren als den Herrn aller Götter und Menschen, den man in jedem Wesen erkennen und verehren müsse, und im allgemeinen schildern die Veden die Gottheit als immateriell, unsichtbar, über alle Vorstellung erhaben, aus deren Werken der Mensch ihre Ewigkeit, Allmacht, Allwissenheit und Allgegenwart erkennen kann; als das göttliche unvergleichlich große Licht, von welchem alles ausgeht, zu dem alles zurückkehrt, welches allein unsern Verstand erleuchten kann und auf gerechte Weise Vergeltung erteilt durch die rollenden Zeiten.[245]
Die Veden lehren: »Es ist ein lebendiger, wahrer Gott, ewig, körperlos, ohne Theile und ohne Leidenschaft, allmächtig, allweise und allgütig, ein Schöpfer und Erhalter aller Dinge. -- Er ist allwissend, aber Niemand kennt ihn, den man den großen, weisen Gott nennt. -- Gott, der die vollkommene Weisheit ist, ist die endliche Zuflucht des Menschen, der freigebig sein Vermögen spendete, fest in der Tugend war und der den großen Einen kennt und verehrt. -- Er ist der Gott, welcher das Weltall regierend durchdringt; er war der Erstgeborene und ruht fort im Mutterleib; er kam in das Licht des Daseins, wohnt im Licht und in Allem, was ist. Der Herr der Schöpfung war früher als das All, er wirkt in allen Wesen und freut sich über seine Schöpfung. Wem sollten wir blutlose Opfer bringen, als ihm, der die ätherische Luft geschaffen wie die feste Erde, ihm, der die Scheibe der Sonne festheftete und des Himmels Wohnung, ihm, der des niedern Luftkreises Tropfen in eine Gestalt brachte? Wem sollten wir unsere Gaben bieten als ihm, den Himmel und Erde im Geiste beschauen?«[246]
»Wer weiß genau, und wer wird in dieser Welt aussprechen, von wannen und warum diese Schöpfung stattgefunden? Die Götter sind später als die Schöpfung. Der im höchsten Himmel der Lenker dieses Alls ist, weiß es; aber kein Anderer kann darüber Kunde haben.[247] -- Über den Sonnen hinaus scheint keine Sonne mehr, kein Mond und kein Stern mehr, dort funkelt kein Blitz, sondern die Gottheit strahlt dort allein und giebt dem Universum sein Licht.«
»Es ist kein Größerer als Brahma, der Mächtige, in jedem Raume gegenwärtig, allwissend und einzig. Forsche nicht über das Wesen des Ewigen, noch über die Gesetze, nach welchen er regiert, beides ist eitel und strafbar; dir sei es genug, daß du täglich seine Weisheit, Macht und Güte in seinen Werken schaust. Dies sei dir Heil. Du, o Gott, bist das wahre ewig selige Licht aller Zeiten und Räume; deine Weisheit erkennt tausend und mehr als tausend Gesetze, und doch handelst du allezeit frei und zu deiner Ehre; du warst vor Allem, was wir verehren, dir sei Lob und Anbetung. -- Man kann Gott erkennen aus dem Gesetz, das er gegeben hat, und aus den Wundern, die er in der Welt wirkt. Man entdeckt ihn auch durch die Vernunft und den Verstand, welche er den Menschen gegeben, und durch die Schöpfung und Erhaltung aller Dinge. Was er von den Menschen fordert, besteht hauptsächlich in Liebe und Glauben, denn so steht in unserm Gesetz vom Dienste des höchsten Gottes: der Mensch soll ihn lieben, ihn mit Mund und Herz bekennen und soll nichts thun als aus Liebe und Glauben, nach welchem er Gott anrufen und seinen Geboten gehorchen muß, also daß er sich in Allem unverbrüchlich nach seinem Willen richte.«[248]
»Das höchste Wesen ist unsichtbar; niemand hat es je gesehen, und die Zeit hat es nicht begriffen. Sein Wesen erfüllt Alles, und alle Dinge entspringen aus ihm; alle Kraft, alle Weisheit, alle Heiligkeit und alle Wahrheit ist in ihm; es ist unendlich gütig, gerecht und barmherzig; es hat alle Dinge geschaffen, erhält Alles und ist gern unter den Menschenkindern, um sie zur ewigen Glückseligkeit zu führen, die darin besteht, daß man das unendliche Wesen liebe und und ihm diene.«[249]
»Ich diene dem Herrn der Welt, in welchem sie besteht, zu dem sie einst zurückkehrt, und in dessen Licht sie glänzt; dem Herrn, dessen Herrlichkeit ewig und unaussprechlich; der ohne Wechsel ruhend und immer dauernd ist, und zu dem heilige Menschen sich erheben, wenn sie die Finsterniß des Irrthums zerstreut haben.[250] -- Als Einsiedler mußt du mit einem aufrichtigen Herzen an Gott denken, an denjenigen Gott, der weder veralten, noch ein Ende haben wird, welcher der Höchste ist, der Allen, die ihn suchen, Verstand giebt; seiner sollst du allein gedenken.[251] -- Welchen Vortheil hat man, wenn man die Vedas, Puranas und Shastras liest? Besser ist allezeit an Brahma denken und also seine Seele bewahren, denn diese wird immerdar bestehen, und der, durch welchen weiße Flamingos, grüne Papageien und bunte Pfauen geschaffen wurden, der wird für dich sorgen.«[252]
Soviel über den indischen Monotheismus.
Was nun die kosmogonischen Philosopheme anlangt, so widersprechen sich dieselben in den Veden und namentlich in den Puranas vielfach. Am reinsten treten die Schöpfungstheorien in den Veden entgegen, in welchen es heißt, daß das Weltall durch den bloßen Gedanken Brahmas entstanden sei: »Er[253] dachte, ich will Welten schaffen, und sie waren da!« oder durch sein Schöpfungswort, welches -- wie später in der Gnosis -- personificiert erscheint. Im Rigveda erscheint +vâch+, die Rede, als aktive Kraft Brahmas, welche von ihm als Göttin ausgeht, als die höchste Weisheit und Königin aller Wissenschaft. Alle Wesen durchdringend erzeugte sie erst den als Demiurg gedachten Brahma und ist mit dem Urwesen eins.[254]
Auch Origenes sagt[255], daß die Brahminen sich die Gottheit nicht sowohl als ein Licht denken, verschieden von Sonne und Feuer, sondern auch als Wort (%logos%), göttlich und körperlich, als das Wort der Gnosis, durch welches den Weisen die verborgensten Mysterien sichtbar würden. Ja, ein anonymer Indier äußert sich in seinem Schriftchen +De Brahmanis+[256]:
»+Nam verbum Deus est, hoc mundum creavit, hoc regit et alit omnia. Hoc nos veneramur, hoc diligimus, ex hoc spiritum trahimus, siquidem ipso Deus spiritus est atque mens.+«
Diese und ähnliche schon früher erwähnte Anschauungen liegen der schon spätern spezifischen Logosidee zu Grund.
In Manus Gesetzbuch heißt es über die Schöpfung:
»Zahllose Weltentwickelungen giebts, Schöpfungen, Zerstörungen, Spielend gleichsam wirkt er dies, der höchste Schöpfer für und für«,
und in den Veden spielt der alles hervorbringende Brahma mit Maya, der illusorischen Ideenwelt, und ruht gleichsam in der Mitte des Universum, wie eine Spinne in ihrem Gewebe, alles aus sich selbst herausspinnend und wieder in sich hineinziehend. An einer andern Vedastelle, wo von der Schöpfung gehandelt wird, heißt es, daß anfangs weder Sein noch Nichtsein -- +sat+ und +asat+ -- gewesen, sondern das große Es -- +tat+ -- oder Brahma habe sich selbst erst zum Sein manifestiert, während die Maya oder Täuschung rings um ihn in gestaltlosem Nebel als +asat+ oder +non Ens+ geschwebt habe.[257] Indem aber nun auf diese Weise das Urwesen sich selbst im Spiegelglanz der Maya anzuschauen begann, ward durch seine Betrachtung die Finsternis geteilt, und die Liebe in seinem Gemüt wurde zur produktiven Schöpferkraft.
Im Upnekhata bildet sich die Welt aus einem Ei, woraus sich zunächst Brahma als Makrokosmus in der Gestalt eines Menschen entwickelt. Zu seinem Körper gehören selbst die Götter, da alles eins ist, und wer ihn erkennt und ihn versteht, der ist selbst Gott.[258]
Wenn in den indischen Kosmogonien ein Urstoff angenommen wird, so ist derselbe je nach dem herrschenden Kultus verschieden, bei den Verehrern des Schiwa das Feuer, und im Wischnukultus das Wasser. Im Ramayana heißt es[259]:
»Alles war Wasser, dann wurde die Erde geschaffen, und darauf entstand der selbstständige Brahma mit den Devatas.«
In Manus Gesetzbuch wird gesagt[260]:
»Als der Ewige und Unsichtbare, den nur die Vernunft ergründet, aus seiner eigenen göttlichen Substanz mannigfache Wesen hervorbringen wollte, schuf er zuerst durch einen Gedanken das Wasser und that darein den Zeugungsstoff. Dieser ward zu einem Ei, wie die Sonne glänzend, und in ihm entwickelte sich der große Urvater aller Geister, Brahma, die schaffende Kraft des Ewigen, welche nach einem Schöpfungsjahr allein durch den Gedanken das Ei zertheilte, dessen beide Hälften sodann Himmel und Erde bildeten.«
Andere wieder halten die Luft oder -- besser gesagt -- den Äther (+âkâsa+) für das erste Prinzip und betrachten ihn, wie später die Griechen usw., als ein fünftes Element, in welchem sich die Himmelskörper bewegen, seit sie von der Hand des Schöpfers den ersten Anstoß erhielten.
In noch andern Kosmogonien waltet ein dualistisches Prinzip, insofern der ewigen Materie ein ewiger Urgeist als Seele oder +sensorium commune+ gegenübergestellt wird, auf welchen die höchste Gottheit durch Bewegung einwirkt. In diesem Sinne heißt es in einem Purana[261]:
»Den Stoff und auch den Geist durchdrang von Anbeginn der Weltenfürst, Mit seiner Einheit Majestät bewegte sie der höchste Herr; Dem jungfräulichen Sehnen gleich, und wie des Frühlings Zephirhauch Verharrte in Bewegung dann Er, dieser Eingestaltige.«
Eine Grundlehre der Brahmanen ist ferner, daß Gott alle Dinge gut schuf, und der Mensch als freies Wesen allein die Schuld an dem moralischen Übel trägt, insofern seine Seele eine Emanation der Gottheit ist.
Als Brahma das Schöpferwort aussprach, entstanden die geistigen Urbilder alles Lebens, deren Aufenthalt der Äther ist. Sie sind völlig den Feruers des Mazdeismus vergleichbar. Andere aus Brahma emanierende, den Amschaspands, Izeds oder Engeln ähnliche Wesen sind die Devâs und Surâs, welche in der intelligiblen Welt ihre Freiheit genossen, bis einer von ihnen -- +Mahîsasura+, der Büffeldämon, -- aus Neid und Eifersucht von Brahma abfiel, ihm ähnlich gesinnte Geister verführte und dadurch der Seligkeit verlustig ging. Hierauf schuf Brahma die materielle Welt, damit in ihr die abgefallenen Geister durch Prüfungen geläutert und erneuert würden. Die menschliche Seele ist das Ebenbild (+mûrtî+) der Gottheit, denn sie ist vom göttlichen Atem belebt. Sie hat ihren Sitz im Gehirn, wo sie wie die Luft in einem Gefäß eingeschlossen ist. Zerbricht die Form, so vereinigt sich der menschliche Geist wieder mit dem göttlichen, gleichwie ein in das Meer geworfenes Gefäß seinen Inhalt mit dem des Oceans mischt. Die übrigen Teile des Menschen lösen sich in die vier Elemente auf. Diese Auflösung in fünf Bestandteile -- +panchatvam+, »der Zustand von Fünfen«, denen die fünf Sinne als ebensoviel Thüren dienen, welche man gegen die Außenwelt verschlossen halten soll -- ist der Tod, der keine Vernichtung ist, sondern eine stete Umbildung in neue Formen. Die endliche Vereinigung mit der Gottheit sucht der Mensch dadurch zu erreichen, daß er in strenger Askese alle sinnlichen Einflüsse auf sich abzuhalten sucht.
Das moralisch Böse wird als etwas Negatives, als das Nachlassen der geistigen Kraft auf die Materie aufgefaßt, gegen welche das Gute als Positives, als frei waltende Kraft fortwährend zu kämpfen hat. Die Götter selbst gaben dazu durch ihre Büßungen ein Vorbild.
Das Dasein des Menschen auf Erden ist eine Strafe und wie jedes Leiden und Ungemach durch in früheren Daseinsstufen begangene Sünden verschuldet, und je weiter sich alles von der Quelle der Gottheit entfernt, desto mehr verschlimmert es sich, weil die Gesetze der Emanation und Evolution es mit sich bringen, daß die Kette und der Kreis aller Wesen sich je länger je mehr vom Mittelpunkt entfernt. Das Böse würde demnach bei seinem beharrlichen Sinken keine Aussicht auf eine Rückkehr zum Göttlichen haben, wenn die Gottheit nicht selbst dazu ein Mittel gegeben hätte. Sie hat, sich gewissermaßen zum Fatum -- Karma -- gestaltend, nicht nur jedem Einzelwesen ein besonderes Ziel in einer Einzelexistenz -- Incarnation -- gesteckt, sondern vergönnt ihm auch in wiederholten Existenzen -- Reincarnationen -- auf die Erde herabzukommen, um sich in ihnen zum endlichen Rückfluß in die Gottheit zu läutern. -- Durch die Kenntnis dieses Gesetzes erhält der Mensch die Richtschnur für sein Denken und Handeln.
Die Weltendauer ist auf 12000 resp. 432000 Jahre beschränkt, nach deren Verlauf alles Böse vernichtet wird, wenn die Gottheit abermals erscheint, die materielle Welt zerstört und ein allgemeines Reich des Geistes einführt.
Es heißt in den Veden: »Was kann die Welt für Freude gewähren, wo Alles sich verschlimmert? Könige sind gefallen, Ströme versiegt, Berge versunken. Der Pol selbst hat seinen Ort verändert; Sterne sind aus ihrer Bahn gewichen, die ganze Erde ist von ihrer Bahn heimgesucht und die Geister selbst vom Himmel geschleudert worden.« Darum muß alles Sein dahinschwinden, und das Ramayana[262] ergeht sich in folgenden Betrachtungen:
»So wie die reife Baumesfrucht im Augenblicke fallen kann, Muß dir, o Mensch, dein Erdenziel beständig in Gedanken sein; Denn wie veraltet ein Gebäu, so fest es war, in Trümmer fällt, So welkt der Sterblichen Geschlecht dem Tode unaufhaltsam zu. Es kehret nimmermehr zurück die Nacht, wenn einmal sie verschwand, Und mit des Ganges Wasser mischt ohne Rast sich Yamuna. Es schwinden unsre Tage hin, und aller Wesen Lebenshauch Ist wie ein Dunst zur Sommerzeit, den aufwärts zieht der Sonnenstrahl, Zur Seite wandert uns der Tod, kehrt ein mit uns von Jugend auf. Und wendet sich mit uns zurück, wenn wir am höchsten Ziele sind, Wenn grau das Haar geworden ist, wenn eingeschrumpft die Glieder sind. -- Es freuen sich die Menschen hier, wenn auf- die Sonn' und untergeht: Es sollte Warnung ihnen sein, daß Alles auf- und untergeht: Sie freuen sich der Frühlingszeit, wenn Alles jung und neu erscheint: Ach, wie das Jahr die Zeiten rollt, so schwindet auch das Leben hin! -- Wie dort am Lotosblatte sich ein Tropfen Thaues zitternd hält, So ist dem steten Falle nah des Menschen zitternd Erdenglück, Und wie im großen Ocean ein Splitter Holz den andern trifft, So treffen hier auf Erden sich die Wesen einen Augenblick.«
Der ausgesprochene Pessimismus der indischen Religionsphilosophie läßt, wie bekannt und bereits gesagt, die irdische, materielle, sublunarische Welt ein Übel sein, welches steter Veränderlichkeit und stetem Wechsel ausgesetzt ist, während darüber hinaus stete Ruhe und Seligkeit herrscht.
Diese dem Wandel unterworfene Sinnenwelt zerfällt in drei Abteilungen nach den drei Dimensionen des Raumes. In diesen drei Abteilungen sind vierzehn Klassen von Wesen verteilt nach den drei Grundkräften, mit denen die Natur wirkt. Denn gleichwie der Zusammenfluß von drei Strömen nur einen bildet, oder wie durch Vereinigung von Öl, Docht und Flamme das Licht entsteht, so wirken die drei Grundkräfte durch Vereinigung der feindlichen Gegensätze zu einem Zwecke hin. Die drei Grundkräfte sind folgende:
1. +Tamas+, Finsternis, Unwissenheit und niedere Selbstsucht, bei welcher das Gewissen und die Scham wegen böser Handlungen eintritt.[263] Diese Eigenschaft ist in Erde und Wasser vorherrschend, weil diese Elemente abwärts streben. Zu ihr gehören fünf Abteilungen der untersten Weltzone, die Tierwelt und die leblosen Körper. Deshalb findet auch bei Menschen, in denen diese Eigenschaft vorherrscht, die Metempsychose in niedere Tierkörper statt, sodaß die größten Sünden wie Ehebruch, Zerstörung religiöser Gebäude die Seelenwanderung in die niedersten Tierkörper, ja sogar den Übergang in Pflanzen und Mineralien nach sich zieht.
2. +Maya+, die Täuschung oder der Schein. Dieselbe herrscht in der Luft vor und ist beim Menschen ein passiv-leidenschaftlicher Zustand, in welchem die Vernunft gefangen genommen ist. Bei ihm findet eine Metempsychose in menschliche oder höchstens übermenschliche Wesen niederster Gattung statt. Sie hat in der mittlern, nur von einer Wesensreihe -- der menschlichen -- bewohnten Weltzone die Oberhand. In ihr herrscht die Leidenschaft, weshalb sich der Mensch gegen dieselbe wappnen und seine Sinne beherrschen soll.
3. +Satya+, die Wesenheit, Wahrheit, Tugend. Sie herrscht im Feuer vor, weil dieses nach oben steigt. Bei dem Menschen ist sie die harmonische Wirksamkeit aller Seelenkräfte und das Streben nach dem Guten und Wahren, bei dessen Obwalten bei der Metempsychose eine beständige Vergöttlichung stattfindet, ähnlich wie sich der Neuplatoniker Hierokles in folgenden Versen ausdrückt[264]:
»Dann wirst du froh in den reinen Äther dich singend erheben, Vom Tod auf ewig befreit, bist du unsterblicher Gott dann!«
Bevor aber die Seele, wie es in der Bhagavadgita heißt[265], nach dem zerrissenen und abgenutzten Gewand ein neues anzieht oder vom Mund zum Himmel sich erhebt, muß sie vor den Totenrichter Yamas kommen, der ihr das Verzeichnis ihrer Thaten vorliest, worauf sie in dem Fall, daß in ihrer Incarnation die Sünde vorherrschte, eine Zeit lang ohne körperliche Hülle in verschiedenen Höllen büßen muß. Dieselben sind Fegefeuer mit furchtbaren Einrichtungen, wie glühende Betten, Schlammgruben &c., zur Peinigung der sündigen Seelen. Erst wenn eine solche Seele je nach dem Grad ihrer Sündhaftigkeit eine größere Anzahl Höllen durchwandert hat, kann sie einen neuen Körper anziehen und behufs ihrer Besserung den Weg der Reincarnation weiter beschreiten.
Die Guten kommen direkt in das Paradies Indras, wo sie in seliges Anschauen, in Ekstase versinken.
In der sogenannten »Theosophie« oder dem esoterischen Buddhismus ist unendlich viel von den sieben Grundteilen des Menschen die Rede, ohne daß jedoch im Entferntesten diese Lehre etwas dem Buddhismus oder der indischen Religionsphilosophie Eigentümliches wäre. Im Gegenteil finden wir bei allen philosophischen, religiösen und occultistischen Lehren, die auf pantheistischer Grundlage ruhen und ein Emanieren der Seele aus Gott annehmen, ein Zerlegen des nicht körperlichen Menschen in mehrere, keineswegs stets sieben Grundteile; im Gegenteil ist die Zahl derselben eine sehr schwankende. Der Annahme mehrerer Grundteile des übersinnlichen Menschen liegt die Folgerung zu Grund, daß die eigentliche als Teil der Gottheit emanierte Seele weder leiden noch sündigen könne. Darum giebt man ihr noch mehrere mehr oder weniger niedere Grundteile bei, um Leiden, Sünde, Leidenschaft usw. erklären zu können. Damit ist die Annahme eines Astralkörpers als ätherisches Grundschema des Menschenleibes eng verbunden. Ich werde die Ausbildung dieser Anschauungen verfolgen und will hier einstweilen nur bemerken, daß die »Theosophie« eine Entwickelung oder Sublimation der sieben Grundteile aus dem Stoff heraus und empor analog der Entwickelung des Menschen aus dem Urschleim annimmt, um den Umstand erklären zu können, daß in manchem Menschen der göttliche Funke total fehlt oder nur ganz rudimentär entwickelt ist, wie beim Idioten, Verbrecher usw. So ist bei dem Menschen der westlichen Kultur nach »theosophischer« Anschauung erst der fünfte Grundteil entwickelt, bei den hochbelobten Mahatmas der sechste und erst bei den verschiedenen Buddhas und Christus -- ein hirnverbrannter »Theosoph« zählt neunzehn Christus auf -- ist der siebente Grundteil ausgebildet. -- Die als die geistigste aller geistigen Lehren und uralt gepriesene »Theosophie« ist also durchaus materieller Natur und modernsten Ursprungs.
Die »theosophische« Anschauung entstammt der Sankhyaphilosophie, welche zwischen einer spirituellen und einer sensitiven Seele oder einer Art Astralkörper unterscheidet. Die Gründer der »Theosophie« haben dann aus den verschiedensten Geheimlehren Brocken aufgelesen, die »Lebenskraft« hinzugethan und endlich, um der mystischen Zahl Sieben Genüge zu thun, sieben Grundteile glücklich herausgebracht. Davon, daß Paracelsus und Agrippa von Nettesheim wie Helmont wirklich sieben Grundteile annahmen, wußten sie kein Wort, das habe ich erst entdeckt und Herr Franz Hartmann in seinem Paracelsus verwendet. Später wies Herr Franz Lambert die Annahme von sieben Grundteilen bei den Ägyptern und in der Kabbala nach, was indessen ebenso wie meine Entdeckungen für die Echtheit der Theosophie gar nichts beweist, als daß in den ersten beiden Jahren des Bekanntwerdens der Blavatskosophie in Deutschland ein Jagdfieber nach Grundteilen herrschte. Das Zusammentreffen ist ein rein zufälliges und eine durchgehende esoterische Annahme von sieben Grundteilen im Menschen ist nicht im Entferntesten vorhanden. Ich werde den Nachweis führen. Mit der durchgehenden Annahme von sieben Grundteilen aber, die sich einer aus dem andern entwickeln, steht und fällt die ganze Theosophie.
Nach der Sankhyaphilosophie also sind zwar die Seelen aus dem Urgeist -- Atma -- geflossen, aber wir müssen sie mit Perlen vergleichen, die an eine Schnur gereiht sind. Ein jeder Körper hat seine individuelle Seele, weil sonst jeder Einfluß auf alle zusammen wirken würde, und ebenso hat auch jede Seele ihre Vollkommenheiten und Schwächen, gerade wie eine jede der auf der Schnur verteilten Perlen. Die geistige, »lebende, selbstbewußte« Seele -- +jîva+, +buddhi+ -- ist umhüllt mit einem feinen Leib aus dem feinsten materiellen Äther. Derselbe ist das, was die späteren Philosophen +anima sensitiva+ -- bei den Indiern +manas+ -- nannten, welches der Sitz der Neigungen und Leidenschaften der Menschen ist, und welchen man durch die geistige Seele, die Vernunft, +buddhi+, beherrschen muß. Die +anima sensitiva+ führt auch den Namen +sûkshmasarîra+, »feiner Körper« -- also Astralkörper -- und ist der Sitz des Selbstbewußtseins; derselbe wird durch innere und äußere Eindrücke angeregt, ist aber des sinnlichen Genusses so lange unfähig, bis er von einem materiellen Körper umgeben ist. -- Derselbe -- +sthûlasarîra+ -- besteht aus den Elementen, wird durch die Zeugung fortgepflanzt und ist sehr vergänglich, während der »feine Körper« dauerhafter ist und sich durch eine Reihe von Generationen hindurchzieht, gleich wie derselbe Schauspieler die verschiedenen Rollen seines Repertoirs spielt. Endlich aber wird der »feine Körper« im Äther aufgelöst, während die Vernunft -- +buddhi+ -- in der Gottheit aufgeht, ohne dabei ihre Individualität zu verlieren. Dies ist die ewige Seligkeit, die Auferstehung in der Lichtwelt.
Nach der Lehre der Brahmanen ist die eigentliche Aufgabe des höheren geistigen Lebens die Contemplation und Meditation, bis die Seele ganz und gar dasjenige erreicht, womit sie sich ausschließlich beschäftigt. Indem sie sich mit allen Kräften in die Natur dessen, womit sie sich beschäftigt, versetzt und darin aufgeht, so muß sie die ganze Kraft ihres Willens dahin richten, den Gebrauch solcher Mittel zu üben, welche einen derartigen magisch-mystischen Rapport hervorrufen, um durch stufenweise Einweihung und fortschreitende Übung jene mystische Vollendung zu erreichen, in welcher ihnen Brahma selbst erscheint und sich mit ihnen vereinigt.
Diese Mittel sind Buße und strenge Askese. Um die Seele ganz von dem Irdischen loszulösen und sie in völlige Freiheit zu setzen, muß der Yogi genannte Asket allen natürlichen Verhältnissen entsagen, sich gänzlich von der Welt zurückziehen und allem Umgang mit Menschen entsagen, durchaus keusch leben und streng fasten. Auch scheint ein anhaltender Aufenthalt im Dunkeln und eine Überladung des Bluts mit Kohlensäure, herbeigeführt durch systematisch verlangsamtes Atmen, die Yoga zu befördern. Unbedingter Gehorsam gegen den Führer -- Guru -- auf den ansteigenden Stufen der Yoga ist ebenfalls unbedingt erforderlich, um die vollkommene Ruhe der Seele zu erlangen, ebenso wie »der Leib ganz ohne Bewegung, dem Holze gleich, ohne Empfindung und Regung festgehalten und alle seine Pforten der natürlichen Ausgänge verschlossen gehalten werden müssen.«
Übrigens kommen in Manus Gesetzbuch mehrere Stellen vor, welche noch äußere Mittel nennen, die zur Erreichung des inneren Schauens mithelfen sollen, wie das Schauen in Feuer, Sonne oder Mond -- also Autohypnose -- Opfer, Gesänge und endlich der berühmte Somatrank. Der Somatrank gilt als unerläßlich zur Vollendung der Yoga und soll in jenen magischen Zustand versetzen, in welchem die Yogis sich über alle Welten erheben und -- mit Brahma vereint -- das All durchschauen. Nach Decandolle ist der Somatrank der Milchsaft der +Asclepias acida+ (+Cynanchum viminale+), und der genannte Botaniker spricht sich über denselben folgendermaßen aus: »Dieser Saft ist scharf und reizend und kann in größerer Gabe leicht giftig werden, und in manchen Fällen werden die Nerven wie von narkotischen Mitteln afficiert, die besser als erstarrend bezeichnet werden können, da sie die Bewegungsthätigkeit der Nerven hemmen, ohne einen betäubenden Schlaf hervorzurufen.« Ähnlich sagt Windischmann in seinem bekannten Werk über die Anwendung des heiligen Trankes, daß der Genuß des Somatrankes schon in älterer Zeit als ein heiliger Akt und gleichsam als ein Sakrament betrachtet wurde, wodurch die Vereinigung mit Brahma bewirkt werden sollte, leuchtet aus mehreren Zeugnissen der indischen Schriften ein; öfter heißt es: »Paradschapati selbst trinke diese Milch, die Essenz aller Nahrung und Wahrnehmung, die Milch der Unsterblichkeit.«
Oben wurde der eigentümlichen Methode, durch systematisch gehemmtes Atmen das Blut mit Kohlensäure zu überladen und so ekstatische Zustände zu erzeugen, gedacht. Nach dem Oupnekhata ist der Vorgang folgender: Voraus geht ein Gebet:
»Brahma ist ein unvergängliches Wesen, reines Licht in einer heiligen Wohnung, und so ist auch die denkende Seele eine Offenbarung jener lichtausstrahlenden Kraft. Ich sinne im Geiste jener Lichtkraft -- Brahma -- nach, durch ein verborgenes Licht geleitet, das in mir selbst wohnt, und durch das ich denke, welches in meinem Herzen ist. Der allerhöchste Brahma, der die sieben Welten erleuchtet, wolle meine Seele mit ihrem Lichte erleuchten.«
Dann heißt es weiter:
»Um die weiße Magudschi (Betrachtung) zu machen, soll man sich auf eine viereckige Basis setzen, auf die Fersen nämlich, und dann die neun Pforten verschließen. Die beiden untern durch die Fersen, die Ohren durch die Daumen, die Augen durch die Zeigefinger, die Nase durch die mittleren, die Lippen durch die vier andern Finger. Die Lampe im Gefäß des Körpers wird dann bewahrt vor Licht und Bewegung, und das ganze Gefäß wird Licht. Wie die Schildkröte muß der Mensch alle Sinne in sich hineinziehen, das Herz dann in der Mitte der Öffnung hüten, dann wird Brahma in ihn eintreten als Feuer, Blitz. In dem großen Feuer in der Herzöffnung wird eine kleine Flamme aufwärts lodern, und in ihrer Mitte Atma sein. Und wer alle weltliche Lust und ihre Weisheit in sich zerstreut, wie ein Habicht ist er durch die Fäden des Netzes gebrochen und ist mit Brahma eins geworden. Wie die Flüsse, nachdem sie einen großen Raum durchlaufen, eins werden mit dem ungebundenen Meer, so diese sich absondernden Menschen; sie werden selbst Brahma, selbst Atma. Im Großen der Großen und der Große der Großen ist mit seinem Lichte Alllicht; wer ihn als Brahma erkennt, wird Brahma. Hunderttausendmal hunderttausendfaches Sonnenlicht reicht nicht an das Licht dessen, der Brahmatma geworden ist. Atma selbst zeigt ihm seine Gestalt. Eben darum gelangt nicht jeder zu dieser Höhe, weil Atma ihre Sinne von sich treibt, daß sie nur Äußeres sehen. Wer daher diesen Weg zu Brahma einschlägt, muß aller Welt und Lust entsagen, die Scham nur bedecken, einen Stock nur führen und so viel Almosen nehmen, als zur Fristung des Lebens nothwendig ist. Dies thun aber nur noch die Kleineren; der Große wirft Gefäß und Stock weg und liest auch nicht die Oupnekhata. Brahma erkennt die Luft als seine Decke; er heftet sich an nichts, er ist nicht geschieden und nicht gebunden mit irgend etwas; für ihn ist nicht Tag und nicht Nacht, nichts als Atma, und Brahma ist ihm Alles.«
Analog heißt es in den Upanischads:
»Das Herz wandelt in der Zeit des Wachens an Orten, wohin das Auge, das Ohr und die andern Sinne nicht gelangen und gewährt schon so ein großes Licht. Ebenso wandelt es im Traume an entlegene Orte und zündet den andren Sinnen ein großes Licht an. Im tiefen Schlaf ist es eins und ungetheilt und hat nicht seines Gleichen im Leibe; es ist das Princip aller Sinne. Der Fähige vollbringt seine Werke mittelst des Herzens, und der Erkennende erkennt durch das Herz, auch ist es der Beweggrund aller Opfer. Es ist die Leuchte des Leibes und der Mittelpunkt desselben und aller Sinne Mitte. In ihm wohnt die Erinnerung und alle Überlegung. In seinen Banden ist der vergangene, gegenwärtige und zukünftige Zustand der Welt, alles Vergängliche; es selbst aber ist unvergänglich. In der Herzhöhle wohnt die unsterbliche Person nicht größer als ein Daumen, in der Mitte des Geistes, diese Person ist klar wie eine rauchlose Flamme. In dieser Höhle ist Brahmas Wohnung, eine kleine Lotosblume, ein kleiner Raum, der von ätherischem Licht erfüllt ist. Was das sei, was darin ist, sollte erforscht und erkannt werden. Derselbe Äther, wie er außen ist, ist auch innerhalb jenes kleinen Raumes im Herzen und in ihm sind Himmel und Erde enthalten, und das Feuer und der Wind, und Sonne und Mond, und der Blitz und die Gestirne. Alles ist und ist nicht an diesem Ort. Und wenn Einer sagt, daß hierin Alles enthalten ist und alles Verlangenswerthe, was bleibt dann übrig, wenn Brahmas Wohnung, welche im Herzen ist, altert und vergeht? Darauf muß erwidert werden: jener zarte Äther altert nicht und wird nicht getödtet mit dem Leibe. Er ist wahrhaftig und Brahmas Wohnung, in welcher Alles enthalten ist. Er ist der Geist, von allem Übel weit entfernt, dem Alter, der Krankheit, dem Tode nicht unterworfen. Wer diesen Atma nicht erkennt, geht aus der Welt und in alle Welten, seiner nicht mächtig, und zieht aus, den Lohn der Werke zu empfangen, der ihm gebührt. Die aber von hier weg gehen, den Geist erkennend, die gehen ihrer und ihrer Wünsche mächtig und empfangen ewigen Lohn. Wem der Schleier der Unwissenheit und des Irrthums vom Herzen genommen wird, wer die Gestalt des zarten Äthers angenommen hat, dem ist alles Wünschenswerthe gegenwärtig. Wie der Nichtwissende über einen in der Erde verborgenen Schatz wegschreitet und ihn nicht findet, so wissen die Menschen nicht, wohin sie gehen und mit wem sie alle Tage zusammenkommen, wenn sie -- in tiefen Schlaf versinkend -- wirklich zu Brahma eingehen und einkehren in jenen innern Äther. Wer aber den Geist erreicht, der sieht, wenn er auch äußerlich nicht sieht, der wird gesund, wenn er auch krank ist. Ihm wird die Nacht zum Tag, das Dunkel zum Licht, er ist sich offenbar, und diese offenbare Gegenwart ist die Welt des Brahma selbst. Wer sie gewinnt, der ist aller Orten und auf alle Weisen, wie er will, zu jeder Zeit; wenn er sich von aller Anhänglichkeit an die Sinnenwelt geschieden hat, ist er wahrhaftig.«
Nach Manus Gesetzbuch hat die Seele drei Zustände der Erkenntnis: das Wachen, der Traumschlaf und die durch die Yoga hervorgerufene Ekstase.
Das Wachen in der äußern sinnlichen Welt gilt den Indiern nicht als ein wahres Erkennen, denn Unwissenheit und Bethörung walten vor wegen der Anhänglichkeit an äußere Dinge und der Begierde nach deren Besitz. Daher die Habsucht, die Anhänglichkeit an das Vergängliche und sinnlich Handgreifliche, das Trachten nach falschen Gütern, die Unbeständigkeit und das Gemisch von gut und böse, hohem und niedern, Laster und Tugend, Tier und Mensch. Dieser Zustand entspricht der Finsternis nach den verschiedenen Stufen vom ersten Erwachen ins irdische Dasein bis zur Intelligenz und allem Raffinement in den Künsten und Wissenschaften.
Im Traumschlaf herrscht noch der Sonnendienst in Bildern; die Seele schwebt noch im Dämmerlicht in Bewegung zwischen Freude und Leid, Liebe und Haß, zwischen Kühnheit und Furcht vor Gefahren. Das ganze Leben ist ein Traumleben voll Eitelkeit, ohne je das wahre Ziel zu erreichen; jedoch ist es schon der Übergang zum wahren Erwachen in Brahmas Welt.
Die Ekstase öffnet erst das wahre Licht der Erkenntnis, und das rechte Wachen ist ein Schauen eines dem gemeinen Auge unsichtbaren unzugänglichen Lichtes. Hier wird erst das innere Auge aufgeschlossen, und das Sehen ist nicht mehr das sinnliche, dem Zufall und dem natürlichen Licht preisgegebene verwirrbare, sondern es ist das Hellsehen, das Durchschauen der Dinge. -- Die Ekstase hat aber verschiedene Grade des innern Erwachens, in welchem die Yogis in tiefen Schlaf versenkt und wie die im Traumschlaf Befangenen der Welt entrückt sind, und in den niedern Stufen herrscht Ohnmacht und Ruhe und halbaufgeschlossener innerer Sinn wie im Traumschlafe. Alle Menschen verfallen täglich in diesen Zustand, aber daraus zurückgekehrt wissen die wenigsten etwas davon und fallen beim Erwachen in die äußere Welt wieder der Unwissenheit anheim.
Nach einer Erzählung der Upanischads antwortete ein Rischi auf die Frage: wer wohl der Größere sei, der wache, der Träume schaue, und wo der Ort der Wonne sei? auf folgende Weise: »Wenn die Sonne untergeht, gehen ihre Strahlen in den Kern zurück; auf dieselbe Weise gehen die Sinne in Manas (den Allsinn) zurück. Die Person sieht nichts, hört nichts, riecht nichts, schmeckt und fühlt nichts, faßt nichts mit der Hand und hat keine Lustbegierde, eine solche Person ist in Supta (im Schlafe). Aber innerhalb der Stadt des Brahma (im Leibe des Schlafenden) sind dann die fünf Pranas leuchtend und wach. So lange die Pforten des Leibes noch offen stehen und das Herz in den Regionen der äußern Sinneswelt umherschweift, erwacht keine wesentliche Selbstheit, denn die Sinne stehen dann geschieden und vereinzelt. Werden sie aber in das Herz hineingezogen, so gehen sie Gemeinschaft ein, und der Mensch erreicht sich selbst im Licht jener Pranas, er ist bei verschlossenen Pforten des Leibes und im tiefen Schlafe -- auch bei völliger Erstarrung und Unempfindlichkeit -- innerlich wach und genießt die Erkenntnis des Brahma an jedem Tag und zur Zeit des seligen Schlafes. Da sieht er dann, was er im Wachen that, und sah an jedem Ort Alles aufs Neue. Er sieht Alles insgesammt, Gesehenes und Nichtgesehenes, Gehörtes und Nichtgehörtes, Gewußtes und Nichtgewußtes, und weil Atma selbst Urheber aller Handlungen ist, so verrichtet er nun im Schlaf gleichfalls alle Handlungen und nimmt seine ursprüngliche Gestalt wieder an. Um dahin zu gelangen, müssen die Sinne und die Sinnenlust verschlossen sein, auch innerlich im Leibe muß diese Macht in die Pfortader eintreten und der Galle den Ausfluß verschließen, denn das Manas bindet in dieser Zeit jene Ader, welche der Weg der Begierde ist, und der Schlafende sieht dann keinen Traum mehr, sondern er wird dann ganz Atma, lichtartig, und sieht die Dinge, wie sie sind. Er wirkt vernünftig und vollbringt Alles. Er wird mit Brahma Eins.«
»Wie Ströme rinnen und im Ocean, Aufgebend, Name und Gestalt, verschwinden, So geht, erlöst von Name und Gestalt, Der Weise ein zum göttlich höchsten Geist.«
So viel über Kosmogonie, Mystik &c. der Inder.
Ich wende mich nun zur indischen Astrologie, über die ich in meinen »Geheimwissenschaften« schon Einiges sagte.
Eine jede sabäische Religion ist aus der Beobachtung der Gestirne erwachsen, und es gehört zum Glauben der hierhergehörigen Kulte, daß die Himmelskörper die Geschicke der Menschen bestimmen. Deshalb ist und bleibt die Astrologie die Mutter der Astronomie. Es ist ein tiefeingreifender Glaube der sabäischen Religionen, daß die Gestirne belebt, daß sie entweder göttliche Wesen an sich seien, deren Pfad am Himmel die Milchstraße darstellt, weshalb diese bei den Indern sowohl die Sternenbahn, als auch die Götterstraße und der Weg der Frommen genannt wird, oder daß wenigstens die Seelen der Tugendhaften aus ihnen strahlen, so lange ihr Verdienst währt, dann aber als Sternschnuppen herabfallen, um abermals in irdische Körper gebannt zu werden. So sagt Matalis zu Arjunas: »es sind Fromme, welche du in Sternengestalt auf der Erde gesehen hast!« und diese Vergleichung mit einem gefallenen Stern bei den indischen Dichtern findet nach dieser Ansicht erst einen tiefen Sinn. Ähnlich war die Vorstellung bei einigen Griechen; denn bei Aristophanes heißt es ausdrücklich, daß die Seele zum leuchtenden Stern werde, und auch Origenes kann sich von diesem Stern kaum losreißen.
Werden aber die Gestirne mit diesem Interesse betrachtet, so muß die Astrologie in dem ursprünglichen Sinn der Astrognosie gar bald ein unzertrennlicher Teil der Religion werden, und die Beobachtung muß sich auf die Himmelskörper mit gesteigertem Anteil lenken, um womöglich ihre ewigen Gesetze zu berechnen und die scheinbar regellos zerstreuten Funken in eine kosmische Symmetrie zu bringen.
Die Beobachter waren Priester, durch Muße, höhere Bildung, Kastenverbindung und Beruf am ersten angewiesen, auf alles, was Religion betraf, aufmerksam zu sein, und so konnte es auch der oberflächlichsten Beobachtung nicht entgehen, wie die alles belebende Sonne als Hauptgottheit des Sabäismus im Laufe der Jahreszeiten ihren Einfluß zugleich mit der anscheinenden Bahn veränderte, wie die Sterngruppen zu ihrer Stellung wechselten, und besonders der Mond eine regelmäßige Wanderung zu machen schien am unermeßlichen Himmelsgewölbe, bald dieses, bald jenes Gestirn begrüßend, bald im vollen Glanz, bald unscheinbar und ganz verschwindend.
Im Geiste des Orients hüllte man die beobachtete Regelmäßigkeit in populäre Allegorien ein, teils um die Mitteilung der Erfahrungen zu erleichtern, teils um dem Volke den geglaubten Einfluß jener glänzenden Körper auf die Erde bemerklich zu machen.
Dies war der Ursprung der Astrologie.
Fortgesetzte Beobachtungen mußten bald neben Sonne und Mond noch fünf Planeten entdecken lassen, und wirklich geht die Bekanntschaft mit denselben über die uns bekannte Geschichte hinaus. Bereits Homer kennt die Venus, während die Chaldäer besonders Jupiter und Mars verehrten, und aus keinem andern Grund genießt die mystische Zahl Sieben eine solche Verehrung, als aus Rücksicht auf die Zahl der Planeten.
Bei den Indern ist die Siebenzahl hochheilig und spielt in den Mythen eine sehr bedeutende Rolle; dabei will ich nur an die sieben heiligen Rischis, die sieben Rosse des Surya, die sieben Zungen des Agnis, an den siebenköpfigen Drachen und an die sieben Reinigungshöllen erinnern.
Die Planeten werden in den ältesten heiligen Schriften der Indier genannt, und es giebt sogar besondere Gebete an sie. Venus ist eine männliche Gottheit; sie und Merkur sind glückliche Sterne und stehen wie Jupiter, »der Lehrer der Götter«, in hohem Ansehen. Hingegen ist Saturn, »der Langsame« (+Sanis+), unheilbringend; ihm ist der Rabe gewidmet, welcher allenthalben als ein Anzeichen des Unglücks, der Trennung und der Regenzeit erscheint.
Die Wochentage werden folgendermaßen unter die Planeten verteilt:
1. Sonntag Tag des +Sûryas+ (Sonne). 2. Montag " " +Chandras+ (Mond). 3. Dienstag " " +Mangalas+ (Mars). 4. Mittwoch " " +Buddhas+ (Merkur). 5. Donnerstag " " +Vrihaspatis+ (Jupiter). 6. Freitag " " +Sukras+ (Venus). 7. Sonnabend " " +Sanis+ (Saturn).
Der Sonntag war der heiligste Tag; er war der Schöpfungstag unter dem Meridian von Lanka, und mit ihm -- um Sonnenaufgang -- beginnt die Kalpa oder eine neue Weltperiode.
Die Indier haben einen doppelten Tierkreis, insofern derselbe nämlich sowohl in die zwölf Bilder der Ekliptik, als in achtundzwanzig Mondstationen geteilt ist.
Die Indier nennen den Zodiacus Gestirnkreis (+jyotishimandala+) oder Zeichenrad (+râsichakra+), und die Bilder kommen sowohl in den Veden, als im Ramayana und Bhagavadgita vor. Sie sind ursprünglich einfache Kalenderzeichen und beziehen sich auf die klimatischen Verhältnisse, von denen die drei bedeutsamsten Zeichen auf eine periodische Überschwemmung hinweisen. Diese sind:
Der Steinbock, welcher eine Doppelgestalt, halb Bock, halb Fisch, besitzt. Aratus gedenkt des Fischschwanzes noch nicht, wohl aber Eratosthenes, welcher ihn nach geläufigen Ideen Pan nennt. Bei den Indiern ist er eigentlich ein Delphin (+makara+) und wird dann mit einem Seeungeheuer, welches dem Gotte Varuna geweiht ist, am gewöhnlichsten mit einem Krokodil, verwechselt. Die Bildung des ausgehenden Fischschwanzes kommt hier häufiger vor, unter andern bei der Matsyavatara des Wischnu; um aber das Steigen des Wassers recht anschaulich zu machen, fügt die indische Sphäre das Bild einer Gazelle hinzu.
Der Wassermann gießt aus seiner Urne Ströme Wasser aus, und schon Eratosthenes meint, er scheine seinen Namen von der That zu haben. Im Sanskrit heißt dieses Zeichen Krug (+kumbha+), welcher in der Hand des Wassermanns die auffallendste Ähnlichkeit mit den ägyptischen Canopuskrügen darbietet. Nach dem periodischen Regen zur Zeit, in welcher die Sonne im Zeichen des Wassermannes steht, folgt im dritten Monat der Regenzeit das völlige Wachsen der Ströme, welches
die Fische andeuten, deren Mythus sich unwandelbar an die syrische Göttin Atargatis -- Derketo -- knüpft. Im nächsten Monat ist das Wasser so weit abgelaufen, daß man im Zeichen des
Widders das Kleinvieh wieder auf die Weide treiben kann. Der Widder wird bald als der des Bacchus in Libyen, bald als der des Phrixus und der Helle aufgefaßt und wiederum mit Jupiter Ammon in Verbindung gebracht. Sein Charakter als Zeichen der Frühlingsnachtgleiche würde auf ein Entstehen des Tierkreises um etwa 560 v. Chr. hindeuten.
Der Stier ist das natürlichste Zeichen, daß im Frühling das Feld bestellt werden muß; außerdem ist auch in Bezug seiner Reihenfolge auf den Widder zu beobachten, daß im Frühling nach den Schafen die Rinder werfen. Ägyptische Mythen beziehen den Stier auf den Apis; mit größerem Recht haben wir wohl an den zoroastrischen Urstier, Moloch &c. zu denken.
Die Zwillinge erscheinen auf der indischen Sphäre getrennten Geschlechts; jedoch erscheint diese Darstellung jünger als die griechischen Mythen, welche in diesem Sternbild die Dioskuren, Triptolemus und Jasion, Zethus und Amphion, Herkules und Apollo sehen. Bemerkt sei noch, daß sich anstatt der menschlichen Zwillinge, auf welche sich jedoch schon die Asvinau der Indier in den epischen Gedichten zu beziehen scheinen, in indischen Darstellungen zwei Gazellen finden, und das ganze Bild somit die im Frühling üppig grünende Natur anzudeuten scheint.
Die Darstellung des folgenden Zeichens durch einen Krebs ist zwar allverbreitet und uralt, unterliegt aber doch wohl ursprünglich einer falschen Deutung, insofern die ältesten Darstellungen der ägyptischen und indischen Sphäre nicht einen Krebs, sondern den der Sonne geheiligten Scarabäus darstellen, welcher jedoch erst in späterer Zeit als Solstitialzeichen dem Anubis beigesellt wurde.
Die griechische Mythe läßt den Krebs aus dem lernäischen Sumpf hervorgehen und den Herkules bei seinem Kampf gegen die Schlange am Fuße verwunden. Diese Mythe entstand höchst wahrscheinlich erst aus dem Sternbild selbst, um so mehr, als Taschenkrebse -- denn einen solchen stellt das Sternbild vor -- nur im Meere leben. -- In späterer Zeit erklärt Makrobius den Krebs aus der abnehmenden Deklination der Sonne, nachdem sie den Sommersolstitialpunkt erreicht hatte.
Auf der alten Sphäre bezeichnet der Löwe, das Sinnbild der Kraft, den ursprünglichen Kulminationspunkt der Sonne, und hierauf beziehen sich die diesbezüglichen Mythen wie vom nemeischen Löwen usw.
Die Jungfrau mit der Ähre (+Spica+) ist an sich klar das Bild der Ernte und kann sich, da dem gesamten Altertum das Bild einer Frau als Schnitterin fremd ist, nur auf die Erde als Göttin beziehen, welche ihre Gaben spendet. Darauf beziehen sich auch die schwankenden Mythen, welche bald auf Dike, bald auf Asträa, Isis usw. abzielen.
Bekannt ist, daß der ältesten griechischen Sphäre das Zeichen der Wage fehlt, und daß sich an ihrer Stelle die Scheren des Skorpions befinden. Auf der indischen Sphäre jedoch befindet sich die Wage (+tulâ+) mit zwei Schalen, deren die Goldschmiede sich bedienen und worauf der Totenrichter Yama die Thaten der Menschen abwägt. Außerdem bedeutet sie an sich +aequalitas+ und ist somit das natürlichste Zeichen des Äquinoktium.
Bezüglich des Skorpions finden sich nur wenig Mythen, doch fängt in Ägypten unter ihm das Reich des Typhon an. Am richtigsten ist wohl, bei der Aufstellung dieses Sternbildes daran zu denken, daß im Herbst Indien und Persien von Skorpionen, Schlangen und anderm Gewürm wimmeln; auch wäre es vielleicht angezeigt, an die Kharfesters des Zendavesta zu denken.
Die Entstehung des Sternbildes des Schützen ist sehr zweifelhaft; auf keinen Fall kann die Mythe von den Centauren, Chiron &c. genügen, und auch an einen ägyptischen Ursprung ist wohl kaum zu denken, da das Nilthal ein durchaus pferdearmes Land ist, wohingegen die Entstehung der Centaurenmythe durchaus auf die Ebenen Hochasiens paßt.
Überhaupt steht die Annahme des ägyptischen Ursprungs des Tierkreises in entschiedenem Widerspruch zum dortigen Naturleben, abgesehen von dem Umstand, daß das Alter des Tierkreises von Denderah nicht über die Zeit des Tiberius hinausgeht. Wenn andere Flüsse abnehmen, sagen schon die Alten, so steigt der Nil vom Sommersolstitium bis zum Herbstäquinoktium, und wenn andere Völker Winter haben, ist in Ägypten alles blühend. Die Frühlingsnachtgleiche findet im Widder statt; der Nil steigt im Krebs, und die Überschwemmung dauert bis in das Zeichen der Wage, weshalb der Löwe nicht mehr ein Bild der Sonnenhöhe sein kann. Die Landbestellung fängt im November, also im Zeichen des Schützen an, die Ernte fällt in den März, weshalb der Stier nicht Erntestier sein kann, und im Zeichen der Jungfrau steht das Land unter Wasser. Aus den genannten Ursachen würde ein ägyptischer Ursprung des Tierkreises nur dann annehmbar sein, wenn man das Frühlingsäquinoktium in die Wage, und das Wintersolstitium in den Krebs versetzen wollte. Dabei würden aber die so charakteristischen Zeichen des Stiers, des Krebses und des Löwen ihre Bedeutung völlig einbüßen, abgesehen von dem Umstand, daß man die Entstehung des ägyptischen Tierkreises in das Jahr 14272 v. Chr. setzen müßte.
Dahingegen würde die Entstehung des Tierkreises völlig auf das nördliche Indien und Bengalen passen, insofern die Regenmonate (+chaturo vârshikan mâsân+ nach der Ramayana) der Sphäre entsprechend vom November bis Februar fallen. Die Vedas setzen den Frühling (+vasanta+) unter die Zeichen von den Fischen bis zum Stier sofort nach der Überschwemmung. Die betreffenden drei Monate sind die angenehmsten, und in ihnen beginnen die Pilgerfahrten nach Haridvari bis zum April hin, wo endlich die Zeit der Feldbestellung im Zeichen des Stieres beginnt. Der Tierkreis bietet somit noch gegenwärtig den Indiern einen völligen Naturkalender dar, während er für Ägypten eine nichtssagende Hieroglyphe ist.
Es fragt sich nun endlich noch, ob die Anordnung des Tierkreises getroffen wurde, als noch Bild und Sache zusammenfielen, d. h. mit andern Worten, als der Katasterismus des Widders das Zeichen des Frühlingsäquinoktium war, was um ca. 550 v. Chr. stattfand, oder ob dies früher geschehen sei. Dabei ist der Betrag der Präcession -- in 72 Jahren ein Grad -- wohl zu berücksichtigen und zu bedenken, das die Präcession eines Zeichens 2160 Jahre, die des ganzen Tierkreises jedoch rund ca. 26000 Jahre beträgt.
Da nun trotz der Behauptungen des Ktesias, der alten chaldäischen Priester usw. nicht an ein solches Alter der Astronomie zu denken ist, so bleibt nur die Annahme des indischen Ursprungs des Zodiacus übrig, wobei nur das spät entstandene Zeichen der Wage störend wirkt, während alle anderen Zeichen ihre ungezwungene Erklärung finden, wenn mit dem Stier das Jahr sich eröffnete. Die Hitze mit ihren Fiebern wird am drückendsten zur Zeit des Herbstäquinoktium, wenn die Sonne in den Skorpion tritt, gerade wie der Parsismus und die biblische Kosmogonie das Hereinbrechen des Übels unter dem alten Drachen und die neueren Stücke des Zendavesta im Zeichen der Wage annehmen. Im Steinbock steigt die Sonne wie das Wasser der Ströme, welches durch das Amphibium Makara angedeutet wird. Der Wassermann gießt seine Ströme herunter, und der Scarabäus erhält dadurch Bedeutung, daß er erst zur Sonne strebt, aber noch nicht deren Kulminationspunkt bezeichnet. Derselbe tritt im Löwen, im astrologischen Haus der Sonne ein, weshalb Herkules auf der Löwenhaut ausruht und in Ägypten der Löwe der Thron des Horus ist. Überhaupt beziehen sich alle siderischen Mythen nur auf diese Sphäre, besonders wenn in ihnen der Stier figuriert, an dessen Stelle in späterer Zeit der Widder oder das Lamm trat.
Die Chinesen beginnen noch heute den Tierkreis mit dem Stier und feiern die Wiederkehr der Sonne im Wassermann, während die Perser die zwölf Bilder des Tierkreises mit den zwölf ersten Buchstaben des Alphabets bezeichnen und für den Stier +A+, für die Zwillinge +B+ setzen usw. Dabei will ich nochmals daran erinnern, daß im Zendavesta der Urstier, der himmlische Lichtbringer, welcher das Gras wachsen läßt, im Frühjahr geschaffen wird.
Noch deutlicher wird dies bei den Mithramonumenten und bei dem ägyptischen Apis usw. In allen diesen religiösen Mythen, welche das ganze Altertum durchdringen, eröffnet der Stier das Jahr, und es geht mit ihm und dem Frühlingsäquinoktium bei der Weltschöpfung die Umwälzung sämtlicher Gestirne aus. In den Vedas beginnen die Krittikas oder die Plejaden am Halse dieses Sternbildes ebenso wie die 28 Mondnakshatras, eine Anordnung, welche Colebrooke um das Jahr 1400 v. Chr. setzt.
Nur die Ägypter, bei denen die Personifikation der Erde als eine Kuh als eine ihnen ursprünglich fremde Vorstellung vorausgesetzt werden darf, treten hier -- durch ihr Klima genötigt -- mit der späteren Sphäre allenthalben in Widerspruch.
Der Widder, welcher im koptischen Tierkreis das Reich des Ammon genannt wird, war den Ägyptern bereits das Zeichen des Frühlingsäquinoktium, und die Mythen von Jupiter Ammon sind wie die Sothisperiode wohl kaum so alt als man gewöhnlich annimmt. Der Sirius (Sothis) sollte nach den Anschauungen der Ägypter der Schöpfung der Welt vorgestanden haben, weil sie nach dem astronomischen Jahr des Meton den Jahresanfang in das Sommersolstitium verlegten oder die Schöpfung im Zeichen der Wage geschehen sein ließen, weil sonst die Züge des Osiris keine Beziehungen zu dem Land gehabt hätten, denn nach Diodorus Siculus trat, während Osiris in Äthiopien war, der Nil aus seinen Ufern. Dennoch begannen sie die Trauer um Isis, wenn der Nil noch im Steigen war, und die Thränen der Isis vermehrten das Wasser, und Osiris stirbt im Zeichen des Skorpions. Alles dies sind Anschauungen der Perser und Indier von dem Absterben der Natur und dem Sieg des Bösen, welche jedoch mit dem Anfang des Frühlings im Nilthal ohne alle Bedeutung sind.
Alle diese Umstände würden auf eine Entstehung des Tierkreises um etwa 1600 v. Chr. deuten. Das hohe Alter des Tierkreises erhellt auch aus dem Umstand, daß das älteste Jahr 360 Tage zählte. Die Griechen schrieben die Einführung desselben dem Solon zu, während nach Diodor[266] in Ägypten zu Philä täglich ein Gefäß mit Milch aufgestellt wurde, bis die Zahl von 360 erreicht war; eben so viele Priester mußten Wasser in ein durchlöchertes Faß gießen, und der Kriegsrock des Amasis bestand aus Fäden von 360 Drähten. Am Rocke des Hohepriesters befanden sich nach einigen Rabbinen 360 Glöckchen, und in der Kaaba der alten Araber standen 360 Götterbilder; Semiramis baute um Babylon eine Mauer von 360 Stadien Länge, und auch das altpersische Jahr hatte 360 Tage. Bei den Indiern bilden 360 irdische Jahre ein Götterjahr, und noch jetzt ist ein Jahr von 360 Tagen auf Sumatra, Java, in Surate usw. in Gebrauch. Die indische Stunde hat 60 Minuten oder 360 Augenblicke, und es scheint, daß auch die Ägypter ihre Stundeneinteilung diesem Jahre entlehnten. Wenigstens scheint dies aus Ptolemäus zu erhellen, welcher nach den 360 Graden des Tierkreises der Stunde fünfzehn Minuten und der Minute fünfzehn Sekunden, dem Tag also 60 Stunden giebt, während der bürgerliche Tag nur 24 Stunden zählt.
Es bleibt nun noch die indische Lehre zu erwähnen, nach welcher der Tierkreis in 120 Dekatemorien geteilt wird, so daß auf jedes Zeichen zehn entfallen, ferner in 36 Dekanate, deren Herren -- die Dekane -- die einzelnen menschlichen Glieder analog der Harmonie des Makrokosmos mit dem Mikrokosmos regieren. Ursprünglich entstammte diese Anordnung wohl den Chaldäern, weil Psellus und andere sie denselben zuschreiben. Diodorus Siculus nennt dieselben %theoi boulaioi%, und bei den Indiern heißen sie +dreskânâs+.
Einer der bedeutendsten indischen Astrologen war der um 506 nach Christus lebende Varahamihioas, ein Brahmane zu Udjayini, von seinen Schülern Avantikas genannt, welcher ein reichhaltiges astronomisch-astrologisches Werk schrieb. Der erste Teil desselben enthält die eigentliche Astronomie, und die beiden letzten die Astrologie. Die letztere zerfällt wieder in drei Teile (+skandâs+), nämlich +Tantra+, welches die Berechnung der Planetenorte lehrt, alsdann +Horâ+, das eigentliche Stellen der Nativitäten und das Ermitteln glücklicher Elektionen zu Reisen, Hochzeiten usw. Der dritte Teil enthält die Wetterprognostika (+Sâkhâ+). Von dem Gesamtwerk sind nur die astrologischen Teile unter dem Namen +Vrihatsanhitâ+ erhalten geblieben und von Bhattatpala kommentiert worden.
Ein anderer berühmter Astrolog war der um 581 n. Chr. lebende Brahmaguptas, welcher großen Einfluß auf die Araber ausübte, und mit welchem namentlich Abumassar in der Theorie von den großen Umläufen des Saturn und Jupiter übereinstimmt.
Noch will ich bemerken, daß es nach Diodorus Siculus und Strabo bereits zur Zeit Alexanders des Großen in Indien astrologische Ephemeriden gab, und daß am Neujahrstage die Astrologen bei Hofe erscheinen mußten, um »die Witterung« für das Jahr vorauszusagen. Was aber Strabo und Diodorus »Witterung« nennen, bezieht sich auf die »glücklichen« und »verbrannten« Tage (+dagdhas+), welche bis auf die Neuzeit in der Astrologie eine große Rolle spielen. Es leuchtet ein, daß die Ermittelung dieser Tage, welche an gewisse Konstellationen geknüpft sind, Berechnungen erfordern, weshalb der Astrolog im Sanskrit Rechner (+ganakas+) oder Zeichenkenner (+nimittavid+) heißt. Die Astrologie heißt entweder Götterbefragung (+devaprasna+) oder Nativitätsberechnung (+jâtaka+), und der Berechner astrologischer Ephemeriden führt den Namen +Sâmoatsaras+. In Trankebar besteht gegenwärtig noch der Kalender (+panchângam+) aus fünf Hauptteilen: aus den Titthis, den Wochentagen (+vara+), den Nakschatras, den Yogas und aus dem astrologischen Teil, der die +Kâana+ und +Tyâga+ oder dasjenige vorschreibt, was an den glücklichen oder unglücklichen Tagen zu thun und zu lassen sei. Die Astrologie kommt bereits im Ramayana bei der Geburt des Rama vor, welche unter einer glücklichen Konstellation stattfand, ja aus vielen Stellen alter Sanskritschriften ergiebt sich, daß das Leben der alten Inder durch astrologische Ideen so beherrscht wurde, daß er nichts that, ohne die Planeten zu befragen. Diese Anschauungen mußten sich allenthalben da entwickeln, wo die Gestirne ihren Einfluß auf die Regierung der Welt, auf Charakter und Sitten, auf die künftigen Schicksale, auf die Körperbildung wie auf das ganze Naturleben behaupteten.
Was sonst noch über indische Astrologie zu sagen ist, habe ich in meinen »Geheimwissenschaften« mitgeteilt.
Sehen wir nun zu, was an verbürgten Resultaten des praktischen Occultismus der Inder in Europa bekannt geworden ist.
Dr. Johannes Baumgarten berichtet in der +Sphinx+[267]:
»Seitdem Charcot 1878 den wissenschaftlichen Bann gebrochen hat, der auf den Magnetisten (nicht zu verwechseln mit den Magnetiseurs) lastete, sind die 'Profanen' allseitig in das sorgfältig gehütete dunkle Gebiet des Occultismus eingedrungen und haben als Gewinn ihrer Streifzüge eine Reihe sogenannte Entdeckungen von Thatsachen heimgebracht, die seit Jahrhunderten, vielleicht seit Jahrtausenden, nur der blinden Schulweisheit unbekannt waren, die sie jedoch unter neuen Namen zuerst an das Licht gezogen zu haben wähnen. Keine einzige der durch die Experimente von Charcot, Baurneville, Richet, Liebeault, Bernheim, Dumontpallier, Preyer u. v. a. herausgestellten Hauptthatsachen des Hypnotismus und der Suggestion ist neu; sie lassen sich nachweisen in den Schriften von Du Potet und dessen Schülern; ja manche bei den ersten Mesmeristen und selbst weiter rückwärts im 18. Jahrhundert.«
»Der Brahmane und spätere portugiesische Abbé Faria, der in dem ersten Viertel unseres Jahrhunderts durch seine Experimente in Frankreich Aufsehen erregte und Schüler wie Noizet und Bertrand bildete, stellte die erste Theorie der Suggestion auf. In vielen Dingen steht er bereits auf heutigem wissenschaftlichem Boden. Sein etwas schwer zu lesendes Werk ist eine Fundgrube für Forscher; man findet darin: Gedankenübertragung, Lesen geschlossener Bücher oder versiegelter Briefe, Fernsehen, Ortsveränderung der Seele &c.«
»Ein anderer Brahmane Lahanteka, der 1854 und 55 Amerika bereiste, bewies in merkwürdigen Experimenten die direkte Wirkung des Willens auf die äußere Welt und zeigte u. a. wie durch einen einfachen Willensakt die Sinne seiner Zuhörer dergestalt von Illusionen befangen wurden, daß sie glaubten, einen Schwarm von Vögeln durch den Saal fliegen zu sehen und deren Gesang zu hören. Von Gedankenlesen gab er ihnen folgenden Beweis:«
»Lahanteka hatte ihnen zu wiederholten Malen unter zwanzig Münzen diejenige richtig bezeichnet, auf welche sie während seiner Abwesenheit ihre Willenskraft koncentrirt hatten. Da schlug einer, ebenfalls in Abwesenheit des Brahmanen, vor, um ihn zu prüfen, unter den Geldstücken keine Wahl zu treffen und sie ihm so vorzulegen. Lahanteka untersuchte die Münzen genau und erklärte dann, man habe auf keine einzige speziell den Gedanken gerichtet; hierauf betrachtete er eben so genau seine Zuhörer und bezeichnete dann richtig denjenigen, der diese Probe vorgeschlagen hatte.«
»Bei aufmerksamer Lektüre der seit dem 16. Jahrhundert erschienenen Reisebeschreibungen wird man auf eine Menge bisher wenig beachteter occultistischer Thatsachen stoßen, die nicht selten durch ihre Übereinstimmung in den verschiedensten Ländern eine entscheidende Beweiskraft für ihre Wirklichkeit und dadurch vielfach fast den Wert direkter Experimente haben.«
»Erst seit sieben Jahren weiß man genauer, daß in den Bazars des Orients eine geheime Korrespondenzweise bekannt ist, wodurch man Nachrichten in die Ferne senden und daraus erhalten kann. Dieselbe heißt Hindostan und im westlichen Asien Khabar (d. h. arab. Nachrichten).«
»Diese bis jetzt für die Wissenschaft unerklärliche Mitteilung geschieht mit der Schnelligkeit des Blitzes, wie Lord Cameron in seinen 'Erinnerungen an die Drusen' sagt:«
»Fragt euch ein Kaufmann, Türke, Araber, Hindu oder Perser, ob ihr die neuesten Nachrichten kennt, und ihr antwortet verneinend, so teilt er euch diejenigen mit, welche der Khabar eben offenbart hat.«
»Hieraus erklärt sich, wie während des Krimkrieges die Brahmanen eher als die Engländer und noch vor dem Eintreffen der telegraphischen Nachricht den Fall Sebastopols und nachher den Abschluß des Friedens von 1856 erfuhren. Das Journal Du Potets erinnert daran, daß 1816 ein kurzer Aufstand unter einigen Völkerschaften im Innern von Hindostan entstand, weil diese -- drei Wochen bevor die englische Regierung es erfuhr -- die Nachricht von der Niederlage der Engländer am Vormittage von Waterloo erhalten hatten. Kurz darauf traf ebenso schnell die Nachricht vom schließlichen Siege der Engländer ein. An der Thatsache, die in ähnlicher Weise auch in Central- und Nordasien von Reisenden beobachtet wurde, ist kaum zu zweifeln. Aber wie soll man sie erklären? Noch kein wissenschaftlicher Beobachter hat sie untersucht, man ist also auf Vermuthungen beschränkt, da auch von der Benutzung des Hellsehens einer Somnambule dabei nicht die Rede ist.«
»Man könnte denken an den Gebrauch des magischen Spiegels +Sarwa anjoun+, den die Hindu und Mohammedaner in Indien kennen, und welcher in merkwürdiger Weise an das Experiment des Grafen de Laborde mit dem Magier Achmed in Ägypten erinnert. Die Operationsweise mit diesem Spiegel ist folgende:«
»Man nimmt eine Handvoll von +dolichos lablab+, welche man über dem Feuer verkohlen läßt und zu Pulver zerreibt und dann mit Biberöl befeuchtet. Hierauf läßt man dieses Präparat in einem neuen irdenen Gefäß, Lota genannt, verbrennen und drückt diese Masse, nachdem man eine gewisse Formel gesprochen hat, in die Hand eines Knaben, der bald darauf darin geheimnisvolle Gestalten und Geister erblickt. -- Höchst bemerkenswerth ist, daß eine der ersten Gestalten, welche das Kind erblickt, gewöhnlich die des +fourach+ oder Straßenkehrers ist, dem ein Wasserträger folgt; hierauf kehrt der +fourach+ zurück, breitet einen Teppich aus und es erscheint eine große Schaar von guten und bösen Geistern, bis sich ihr Führer auf einem Throne zeigt und dadurch die Erscheinung zu Ende geht.«
»So geht die Sache in Hindostan vor sich. Nun hat sich aber ganz dasselbe in Kairo beim Experiment Achmeds vor dem Grafen de Laborde gezeigt: Der in seine Hand blickende Knabe beschrieb einen türkischen Soldaten, der einen Platz vor einem Zelte fegte. Die Beweise von Fernsicht, welche das Kind gab, waren durchaus überzeugend.«
»Von einem zum Fernsehen gebrauchten Knaben ist weder beim Khabar noch bei den Sannyasis und Hoyis, welche den +Sarwa anjoun+ handhaben, die Rede. Es muß also eine andere Erklärung gesucht werden, und da dürfte denn die von einem Herrn Magliulo 1856 zu Bona in Algerien (jedenfalls im Verkehr mit den dortigen Arabern) gemachte Entdeckung eines höchst einfachen, Ferngesichte erzeugenden Zauberspiegels eine Handhabe bieten. Nach Du Potets Journal (+XV, 494+) bereitet man diesen Spiegel auf folgende Weise:«
»Man schwärzt mit Tinte in der Höhlung der linken Hand eine Fläche von der Größe eines Zehncentimes-Stückes, gießt 2-3 Tropfen Öl darauf, den Flecken magnetisiert man durch einige Striche mit der rechten Hand, was auch ein anderer eine halbe Minute lang thun kann, hierauf lehnt man die Hand irgendwo an, um sie nicht ermüden zu lassen, und haftet unverwandt den Blick ohne die Augen und Gedanken jemals abschweifen zu lassen, auf den schwarzen Flecken in der linken Hand und erwartet die sicher eintreffenden Erscheinungen und verlangten Fernblicke ab. Personen von nervösem oder lymphatischem Temperamente erhalten dieselben recht bald, vollkommen gesunde und kräftige oft erst nach längerer Zeit.«
»Die Möglichkeit dieser Operationsweise beim Khabar läßt sich nicht ohne weiteres zurückweisen, da eine Reihe ähnlicher Beobachtungen mit anderen sogenannten Zauberspiegeln vorliegen. Das Ganze beschränkt sich auf eine braidistische Konzentration des Blickes und Gedankens, die eine Auto-Hypnose erzeugt, welche bei hysterischen und nervösen Personen die bekannten Erscheinungen unzweifelhaft zur Folge haben. Es kann nicht eindringlich genug darauf aufmerksam gemacht werden, daß diese Auto-Hypnose wie überhaupt alle Auto-Magnetisations-Experimente äußerst gefährlich sind, daß häufig Wahnsinn, selbst Tobsucht eintritt, jedenfalls eine dauernde Disposition zu Delirien und Wahnvorstellungen. Aubin Gauthier machte schon auf die Gefährlichkeit der vor ihm so genannten Ipso-Magnetisation aufmerksam in dem Falle, wo sie die Erzeugung eines somnambulen Zustandes bezwecke. Es treten zuweilen unheimliche Zustände einer Art von fast dämonischer Besessenheit mit entsetzlichen Hallucinationen ein, wie sie uns Du Potet beschreibt, der sie an sich selbst erfahren hat. Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht unerwähnt lassen, daß Paul Gibier in seinen beiden letzten Schriften und mehrere andere Sachkenner es für einen höchst gefährlichen Unfug halten, wenn sogenannte Antispiritisten und Hallucinationskünstler in Deutschland umherziehen und mit ihren hypnotistischen Experimenten die unwissende Menge, wozu auch auf diesem Gebiete die meisten Gebildeten gehören, verblüffen. 'Es sind Kinder', sagte er, 'welche mit Dynamitpatronen spielen.'«
»Wir gehen jetzt über zur Schilderung einiger occultistischer Merkwürdigkeiten aus Tibet, welche wir den Reisebeschreibungen des Missionars Huc entnehmen. Die Werke dieses Reisenden wurden auf den Index gesetzt und er selbst seiner Stelle als Missionar entkleidet, weil er in naiver Weise die Übereinstimmung einer Reihe katholischer Ceremonien und Gebräuche mit tibetanischen wahrheitsgetreu ans Licht gezogen und ebenso über einige Wunderdinge, die er unter den Lamas mit eigenen Augen gesehen, berichtet hatte. Einiges harrt noch der wissenschaftlichen Erklärung und Bestätigung, anderes, wie die Schaustellungen der Bokte-Lamas, ist heute durch ähnliche Beobachtungen in Kleinasien und Nordafrika vollständig außer Zweifel gesetzt.«
»Wir gehen jetzt zu einer andern occultistischen Thatsache über, deren Bericht dem Missionär Huc[268] den Spott und Hohn der wissenschaftlichen Welt, namentlich der Mediziner, zuzog, die aber heute durch ganz dieselben Beobachtungen in andern Ländern in die Reihe jener zahlreichen, scheinbar unmöglichen und übernatürlichen Thatsachen gerückt worden ist, deren Erklärung auf positiv wissenschaftlichem Boden gegenwärtig teils schon erfolgt ist, teils mit Zuversicht erwartet werden kann. Allerdings wird das Ergründen der letzten atomistischen Vorgänge für uns Erdensöhne ewig ein vergebliches Suchen bleiben; man wird zuletzt immer auf ein unbegriffenes Residuum stoßen, wie dies selbst bei einigen Vorgängen des Telephonierens der Fall sein dürfte.«
»Die in ganz Tibet berühmten Schaustellungen der Bokte-Lamas finden an den großen religiösen Festen in den buddhistischen Klöstern statt. Vor der Tempelthüre im Klosterhof wird ein großer Altar errichtet, welchen zahlreiche im Kreise geordnete Lamas und die dichtgedrängte Schaar der Pilger schweigend umlagern. Der Bokte-Lama, der stets den untern Stufen der Hierarchie angehört, erscheint, schreitet würdevoll zum Altar und setzt sich darauf unter dem Beifallrufen der Menge. Hierauf nimmt er ein großes Messer aus seinem Gürtel und legt es vor sich auf die Kniee. Nun erheben die Lamas, die zu seinen Füßen sitzen, die schrecklichen Anrufungen und Gebete dieser scheußlichen Ceremonie. Unter den fortdauernden Gebeten beginnt der Lama an allen Gliedern zu zittern und mehr und mehr in wahnsinnige Krämpfe zu gerathen. Bald verlieren die Lamas alles Maaß; ihre Stimmen werden begeistert, ihr Gesang wird unordentlich und übereilt; das Hersagen der Gebete geht zuletzt in Schreien und Heulen über.«
»In diesem Augenblick wirft der Bokte die Schürze, mit welcher er umwickelt ist, ab, ebenso seinen Gürtel, ergreift das geheiligte Messer und öffnet sich den Bauch in seiner ganzen Länge. Während das Blut fließt, wirft sich die Menge vor diesem schauderhaften Schauspiel auf die Kniee und man befragt diesen Wahnsinnigen über verborgene Dinge, über zukünftige Ereignisse und dergleichen. Der Bokte giebt auf alle diese Fragen Antworten, die von Jedermann als Orakel betrachtet werden.«
»Ist die fromme Neugierde der zahlreichen Pilger befriedigt, so beginnen die Lamas wieder mit Ernst und Ruhe ihre Gebete herzusagen. Der Bokte nimmt in seiner rechten Hand Blut aus seiner Wunde auf, hält es an seinen Mund, bläst dreimal darüber und wirft es mit einem großen Schrei in die Luft. Dann fährt er rasch mit der Hand über seine Wunde und alles kehrt in seinen früheren Zustand zurück, ohne daß außer einer außerordentlich großen Entkräftung die geringste Spur dieser diabolischen Operation zurückbleibt.«
»Das Bauchaufschneiden -- fügt Huc hinzu -- ist eine der berühmtesten Siéfas (tibetanisch: verworfene Mittel) der Lamas; andere gleichartige sind weniger volksthümlich und auffallend; sie werden in Privatkreisen und nicht an den großen Festen der Lamaserieen gezeigt: so hält man z. B. glühende Eisen ungestraft an die Zunge, bringt sich Schnitte bei, von denen einen Augenblick nachher keine Spur mehr sichtbar ist usw. Allen diesen Schaustellungen muß das Hersagen eines Gebetes vorangehen.«
»Der Missionär, der von seinem Standpunkt aus alles als Wirkungen und Wunder des Teufels erklärt, sagt jedoch ausdrücklich: Wir denken durchaus nicht, daß man diese Thatsachen stets auf Rechnung der Betrügerei setzen kann.«
»Wenn Hucs Bericht über die magischen Wunderheilungen vereinzelt dastände, so würde er sicherlich in das Gebiet der Fabeln verwiesen und der wissenschaftlichen Verwerthung entzogen werden; aber derselbe schließt sich einer langen Reihe ähnlicher Beobachtungen anderer Reisender bis auf die neueste Zeit an, wodurch, wie wir später sehen werden, eine für die Psychologie und Philosophie überaus wichtige Thatsache festgestellt, bewahrheitet und der definitiven wissenschaftlichen Erklärung näher gebracht wird. Wir heben einige dieser Beobachtungen hervor und bemerken dabei, daß wir das ganze Gebiet der christlichen Wunderwirkungen ausschließen. Dieselben sind keine bloßen Schaustellungen, sondern meistens auf sittliche Zwecke gerichtet, und es dürfte daher trotz mancher Analogien eine bloße physiologische und psychologische Erklärung nicht ausreichen.«[269]
»Von den Aissawas, den tanzenden und heulenden Derwischen und der Secte der Ruffais ist bekannt, daß sie sich durch Tänze, krampfhafte Bewegungen, Musik, lange wiederholte Gutturaltöne usw. in epileptische Ekstase versetzen und sich dann unbeschadet die gräßlichsten Wunden beibringen und glühende Eisen belecken. Diedier sah in Cairo die Derwische vom Orden des Scheiks Bedr-Eddin nicht nur sich ohne Schaden spitze Eisen in die Brust, den Kopf und die Augen stoßen, leere Gefäße aus der Ferne mit Wasser füllen, sondern auch am Feste des Propheten auf lange Stangen aufgepfählt, deren eiserne Spitzen zwischen ihren Schultern hervorragten, sich durch die Moschee umhertragen lassen, während die Gläubigen laut beteten oder die Kapitel des Korans hersagten. Kein Beobachter hat genauer und drastischer die grausenhaften Vorstellungen der heulenden Derwische geschildert als Theophile Gautier, der sie in Scutari und Pera sah. Der Raum gestattet uns leider nicht, den interessanten Bericht, der das allmähliche Entstehen der Ekstase, ihre wahnsinnigen Gestaltungen und deren Ansteckungsfähigkeit auf die Zuschauer fast photographisch treu schildert, hier wiederzugeben.«
»Seit Tavernier haben zahlreiche Reisende ganz dieselben Vorkommnisse aus Hindostan berichtet; doch dürfte eine Erfahrung, welche ein Oberst und mehrere Marine-Officiere mit den hindostanischen Ruffais machten, weniger bekannt geworden sein. Die Officiere sahen, wie diese Leute sich ohne Schaden Glieder und selbst die Zunge abschnitten, welche sie wieder in den Mund steckten, wo sie augenblicklich anheilte.«[270]
»In andern Theilen Asiens machte man dieselben Beobachtungen. So berichtet der französische Gesandte Gobineau[271], der in Persien Ekstatiker glühende Kohlen in den Mund stecken sah; Bastian[272], der von den burätischen Schamanen berichtet, daß sie unbeschadet ins Feuer springen und glühende Eisen über die Zunge ziehen, bis sich die Hütte mit dem Geruch des verbrannten Fleisches füllt.«
»Zu den vorstehend mitgetheilten Thatsachen giebt die von Carl Rehbinder in der +Sphinx 1889, VII, S. 243ff.+ mitgetheilte, der +Pall Mall Gazette (Nr. 3, Januar 1889)+ entnommene merkwürdige Nachricht von einer 'Zauberei in Camerun' eine sehr willkommene Ergänzung, welche allerdings der heutigen officiellen Wissenschaft etwas ärgerlich, ungeheuerlich und unerklärbar, also absurd fabelhaft vorkommen muß. Doch Thatsachen sind hartnäckig und weichen keiner bloßen Leugnung. -- Die Leistungen der schwarzen Zauberin übertrafen alle bekannten Wunderwirkungen der Fakire und Derwische:«
»Nichts von alledem, was ich von ihr sah, sagt der Berichterstatter, konnte übernatürlich im eigentlichen Sinn genannt werden. Sie schien nämlich die Naturkräfte bloß in ihrer Gewalt zu haben, ja, wie der eben erzählte Fall (Schweben in der Luft) beweist, ihre Gesetze aufheben, aber nicht umkehren zu können. Sie konnte z. B. einen frisch abgehauenen Arm durch Berührung ihres Stabes und angeblicher Zaubersprüche innerhalb einer Secunde mit dem Stumpf wieder so vereinigen, daß auch nicht eine Spur von einer Verletzung zu sehen war (ganz wie bei den Ruffais oben); als ich sie jedoch aufforderte, unserm Quartiermeister den vor mehreren Jahren verlorenen Vorderarm zu ersetzen, erklärte sie freimüthig, daß sie es nicht im Stande sei. Sie sagte: der Arm ist todt, ich habe nicht die Macht. -- Über alles Lebendige hatte sie eine erstaunliche, unmittelbare, Grausen erregende Gewalt. Als sie einst in meiner Gegenwart mit einem boshaft gezischten Fluchwort ihren Stab gegen einen Krieger richtete, schwand dieser förmlich hin: Die Muskeln begannen zusammenzuschrumpfen, und nach ein paar Minuten blieb von dem großen, starken Mann nicht viel mehr übrig als ein Gerippe. -- Ebenso verwandelte sich unter dem Zauberstabe eine Frau in ein hartes und kaltes Steinbild im buchstäblichen Sinn des Wortes, wovon ich mich überzeugte, indem ich mit meinem Revolver den ganzen Körper ausklopfte und einen Ton erhielt, als wenn ich Marmor angeschlagen hätte.«
»Rehbinder meint: Das Weib war einfach in hypnotische Katalepsie versetzt; aber der Hypnotismus, ein neues Wort für alte Thatsachen, reicht hier zur Erklärung nicht aus, ebensowenig wie bei der Fernwirkung jenes malabarischen Fakirs Covindasamy, der vor den Augen Jacolliots von der Terrasse des Hauses aus die Hand gegen einen Diener ausstreckte, der aus dem Brunnen inmitten des großen Gartens Wasser heraufzog; zuerst wurde das Brunnenseil unbeweglich, dann als der Mann, im Wahne, das Seil sei bezaubert, mit gellender Stimme Beschwörungen zu singen begann, stockte dieselbe plötzlich in seiner Kehle, er konnte trotz aller Anstrengung kein Wort mehr hervorbringen, bis der Fakir durch Sinkenlassen der Hand den Bann löste. Die magische Wirkung des Fakirs ist derselben Art, wie die der schwarzen Zauberin von Kamerun; die Hypnose, unter welchem Namen man heute eine ganze Reihe verschiedener Zustände und Wirkungen zusammenfaßt, erklärt sie nicht, ebensowenig wie die Kataplexie oder Schrecklähmung Preyers. Suggestion oder Hallucination findet auch nicht dabei statt; die Erklärung muß also einen andern Weg suchen, der zu einem occultistischen Arkanum führen dürfte, dessen vollständige Kenntniß auch das Können einschließen und deshalb nur Eingeweihten zugänglich sein würde. Von welchem Ausgangspunkte aus man eine annähernde Kenntniß zu erstreben haben wird, läßt sich jedoch, wie wir sehen werden, mit einiger Sicherheit bestimmen.«
»Jemehr die Aufmerksamkeit sich auf occultistische Thatsachen in Reisebeschreibungen lenkt, desto mehr Bestätigungen viel bisher mit ungläubigem Lächeln als dummer Aberglaube der Beachtung nicht werth gehaltener älterer Berichte werden zu Tage treten. Es mögen hier noch als besonders merkwürdig hervorgehoben werden die noch wenig bekannten occultistischen Vorgänge mit Drusen im Libanon, welche seit Jahrhunderten die Magie und deren Praxis in einem sorgfältig gehüteten geheimen Orden lehren und ausüben. Der ganze Stamm zerfällt in Akkals, Eingeweihte, und Dschahils, Profane, Nichteingeweihte. Die Geheimlehre wird nur mündlich überliefert; die auf den Bibliotheken von London, Paris und Oxford befindlichen drusischen Bücher und Handschriften enthalten wenig darüber. Silvester de Sacy, der sich eingehend damit beschäftigte, fand nicht so viel Zuverlässiges, als Gerard de Nerval (+Voyage en Orient, Paris 1867+), der einem drusischen Scheik wichtige Dienste leistete, als Gast desselben manche Einzelheiten der Tradition erfuhr und u. A. auch einen drusischen Katechismus veröffentlichte. Einige englische Berichte theilt A. Diezmann mit, worin auch merkwürdige Wunderheilungen, namentlich der Epilepsie und des Wahnsinnes, erwähnt werden. Der Akkal giebt den Kranken, die man zu ihm bringt, durchaus keine Arznei, sondern spricht nur einige Beschwörungsformeln und streicht mit der Hand über sie.«
»Ein Engländer, welcher sechs Monate unter den Drusen verweilte und mit ihnen sehr vertraut wurde, hatte von einem Landsmann, 'dessen Aussage unbedingten Glauben verdiente', erfahren, daß der Scheik Beschir nicht blos Wunderheilungen, sondern auch unerklärliche Zaubereien verrichte. So habe er einen Stock auf dessen Befehl ganz allein und ohne sichtbare Beihilfe von einem Ende des Zimmers zum andern gehen sehen. Ferner wurden in seiner Gegenwart zwei Krüge, ein leerer und ein gefüllter, in zwei Ecken des Zimmers einander gegenüberstellt, worauf bald der leere sich in Bewegung setzte, über das Zimmer hin und danach auch der volle sich erhob, dem andern entgegenmarschirte (d. h. sich bewegte) und ihm seinen Inhalt übergab, mit dem der letztere dann an die Stelle zurückkehrte, von welcher er gekommen war. -- Durch diese Erzählung neugierig gemacht, beschloß der Berichterstatter, den merkwürdigen Mann näher kennen zu lernen und berichtet darüber:«
»Anfangs lehnte Scheik Beschir mit aller Bestimmtheit meine Bitte ab, mir einige seiner Zauberkräfte zu zeigen, von denen ich so viel gehört, und erklärte, er habe es sich zur Regel gemacht, nichts mehr mit der unsichtbaren Welt zu schaffen zu haben, außer etwa um Heilungen zu bewirken. Nachdem wir aber genauer mit einander bekannt geworden waren, willigte er eines Tages ein, mir eines seiner Kunststücke zu zeigen ... Er nahm einen gewöhnlichen Wasserkrug, murmelte gewisse Beschwörungsformeln in denselben hinein und übergab ihn zwei Personen, die aufs Geradewohl unter den Anwesenden ausgewählt wurden, und die einander gegenüber saßen. Eine Zeit lang rührte sich der Krug nicht, während der Scheik sehr rasch hintereinander, wie es mir vorkam, Verse aus dem Koran sprach und dazu den Takt mit der rechten Hand in die linke schlug. Der Krug blieb noch immer unbeweglich und der Scheik wiederholte seine Verse so ungestüm und schien wegen des Erfolges so aufgeregt zu sein, daß trotz dem kalten Winde, der in das Zimmer blies, in welchem wir saßen, der Schweiß ihm über das Gesicht und den Bart strömte. Endlich begann der Krug sich zu bewegen, anfangs langsam, dann schneller, bis er ziemlich rasch drei- bis viermal herumging. Der Scheik wies triumphirend darauf hin und stellte sein Gemurmel ein, worauf der Krug stehen blieb. Nach einer Pause von etwa einer Minute begann der Scheik seine Beschwörungen von Neuem und wunderbarer Weise drehte sich der Krug ebenfalls sofort wieder. Endlich hörte er auf, nahm den Krug aus den Händen derer, die ihn gehabt hatten und hielt ihn einen Augenblick an mein Ohr, so daß ich deutlich ein singendes Geräusch darin hörte, wie von kochendem Wasser. Darauf goß er das Wasser sorgsam aus, murmelte wieder etwas in den Krug hinein und gab ihn den Dienern, damit sie ihn wieder mit Wasser füllten und an den Ort stellten, wo er vorher gestanden hatte, für den Fall, daß Jemand zu trinken wünsche. Ich hätte vorausschicken sollen, daß der Krug einer der gewöhnlichen war, wie man sie in Syrien hat und mit mehreren andern an der Thür stand. Als die Vorstellung zu Ende war, sank der Scheik ganz erschöpft auf den Divan und erklärte, es sei das letzte Mal, daß er sich solcher Anstrengung aussetze und Zauberkünste verrichte, außer wenn es einen Kranken gesund machen könne.«
»Der Scheik, berichtet der Engländer, bereitet sich zu den Heilungen durch längere Fasten vor, die, wie er sagte, nothwendig seien, um die Macht über die Geister zu erlangen, die er dabei brauche. Er ist wohlhabend, nimmt keine Belohnung an; will seine Kunst, die aus der Pharaonenzeit stamme, von einem alten Marokkaner erlernt haben; sie könne nicht für Geld erlangt werden; es lebten jetzt nicht fünfzig Personen in der Welt, welche die wahre Kenntniß davon besäßen; er selbst sei noch ein Anfänger, da er die erforderlichen strengen Fasten nie ohne Nachtheil für seine Gesundheit habe halten können.«
So weit der Engländer.
Oberstlieutenant T. G. Fraser berichtet folgende Erzählung einer Generalin W. in seinem Werke: »+Sport and Military life in Western India+« --, übrigens ein Buch, in welchem man nicht leichtgläubige Voreingenommenheit für die übersinnliche Erklärung von Thatsachen vermuten wird. Die Dame beschreibt Fraser als »untadelhaft in Genauigkeit und Aufrichtigkeit, furchtlos und starksinnig, auch so wenig unter dem Einflusse krankhafter oder abergläubischer Einbildung stehend, wie nur irgend Jemand, den er kenne.« Von Fraser selbst aber sagt u. a. Oberst Malteser +C. B. J.+, daß er »der offenste und zuverlässigste Mann sei, mit dem er je das Glück gehabt habe, in Berührung zu kommen.« Fraser giebt die Erzählung der Generalin folgendermaßen wieder:
»An einem schwülen Aprilabende stand ich an der Eingangspforte unseres Grundstücks, als ein Birudge, ein Hindubüßer von mittleren Jahren, mit Asche bedeckt, auf der Straße daher kam und an mir vorüberging. Dabei sah er mich einen Augenblick eindringend an, ohne jedoch stehen zu bleiben oder mir zu zeigen, daß er mich kenne. Als er einige Schritte weiter gegangen war, wandte er sich um und sagte zu mir: Im Namen Gottes, es ist mir gegeben, Dir zu sagen, was Dein Schicksal sein wird. -- Ich rief eine in der Nähe stehende Ordonanz herbei und befahl ihr, dem Manne eine Rupie zu geben. -- Nein, sagte der Mann, ich bitte um nichts; aber Dein Schicksal steht für mich auf Deiner Stirn geschrieben, und ich will es Dir, wenn Du es wünscht, enthüllen. -- Ich vermuthe, erwiderte ich, Du gewinnst Deinen Unterhalt damit. -- Ich kann dies, sagte er dagegen, nur für wenige Personen, Du aber bist eine derselben. -- Wirklich? Nun dann laß einmal hören! Sag mir, wer ich bin; wenn Du aber etwas unrichtiges sagst, werde ich Dich bestrafen lassen. -- Du bist die Frau des General Sahib, Du hast einen Sohn und eine Tochter! -- Ich hatte, warf ich ein, aber ich habe ersteren verloren. -- Nein, erwiderte er, es ist wie ich sage. -- Nun fahre nur fort. -- Du wirst sehr bald das Land verlassen und in Deine Heimath zurückkehren. (Mein Mann hatte indessen sehr häufig erklärt, niemals wieder Indien verlassen zu wollen.) -- Nun, wann soll denn das vor sich gehen? -- Sehr bald! -- Werden wir denn unversehrt daheim ankommen? -- Du wirst; aber vierzehn Tage, nachdem Ihr von hier abreist, wird er in Gott ruhen! -- Bis dahin hatte ich ihm gleichgültig zugehört, jetzt aber fuhr ich erbost und geängstigt auf: Was sagst Du, Elender? -- Nicht ich rede, hohe Frau, nur Dein Schicksal redet. In 18 Tagen wirst Du an Bord sein, und wirst Alles hier verkauft haben bis auf ein einziges Pferd. -- Hier, rief ich, ist der Stall; komm und zeige mir das Pferd, von dem Du meinst, daß wir es nicht verkaufen werden. -- Er ließ seine Augen schnell an der Reihe der Pferde entlang gleiten, und zeigte sofort auf einen Grauschimmel: das da! (Mein Mann hatte mir dieses Pferd zwei Jahre vorher zum Geburtstage geschenkt.) -- Nun, sagte ich, wenn Du doch so viel weißt, sage mir doch, ob ich sicher im Hause anlangen und mein Kind sehen werde? -- Ja, Du wirst Deinen Sohn sehen, wenn Du von hier abreisest, aber wirst ihn nicht mehr sprechen; er wird Dir mit einem Tuche von ferne zuwinken. Du wirst in Europa anlangen und dort eine Zeit bleiben, aber Geldschwierigkeiten werden Dich zwingen, hierher zurückzukehren; danach jedoch wirst Du wieder heimkehren und nach einiger Zeit wirst Du das Geld erhalten und glücklich sein.«
»Bis diesen Augenblick ist All und Jedes eingetroffen, genau wie es jener Mann vorhergesagt. Noch an demselben Abend beim Thee sagte plötzlich der General, der so oft seinen Entschluß geäußert hatte, nur in Indien leben und sterben zu wollen: 'Was würdest Du zu einer Tour nach England sagen? Ich sprach mit F. und er hat mir einen Platz an Bord der *** gesichert, wenn wir zum *** bereit sind; ich habe Lust dazu.'«
»Ich war so überrascht, daß mir fast die Tasse aus der Hand fiel. Ich starrte meinen Mann an, aber es war nur zu wahr. Noch im Laufe desselben Monats waren die erforderlichen Einrichtungen getroffen, Alles wurde verkauft bis auf den arabischen Grauschimmel, der, da er ein Geburtstagsgeschenk war, an *** gegeben wurde. Wir schifften uns bei vollständiger Gesundheit ein, und als wir eben auf der Höhe des Leuchtthurmes waren, sahen wir in der Ferne ein Boot, das sich vergeblich bemühte, uns einzuholen. Mit dem Fernglas konnten wir in demselben einen Europäer bemerken, der mit einem Taschentuch winkte; nachher stellte sich heraus, daß dies mein Sohn gewesen, dessen Tod uns zwei Monate vorher aus den oberen Provinzen berichtet worden war. Hätte ich ihn damals erkennen können, so wäre ich dadurch gewissermaßen auf das, was folgte, vorbereitet worden. Zehn Tage später fiel der General auf dem Deck nieder, wurde in seine Cabine getragen und starb am vierzehnten Tage nach unserer Abreise, wie der Fakir es richtig vorhergesagt hatte. Ich kam übrigens wohlbehalten daheim an und es muß sich zeigen, ob sich auch der Rest seiner Prophezeiungen erfüllen wird. Jedenfalls sehen Sie, daß ich wieder nach Indien zurückgekehrt bin, um meine Geldangelegenheiten und das Testament des Generals zu ordnen, denn F. wollte mir kein Geld weiter auszahlen.«
Oberst Fraser fügt hinzu: »So weit die Geschichte; sie redet für sich selbst. Bald nachher hörte ich, daß meine verehrte Freundin, die Generalin, wieder nach England abgereist ist.« -- --
Je tiefer man in das occultistische Gebiet, auf dem sich heute eine höchst bedeutende wissenschaftliche Neugestaltung zu vollziehen im Begriff ist, vordringt, auf desto mehr Thatsachen, wiederholen wir, stößt man, die bisher vereinzelt, als unglaublich erschienen sind, deren vergleichende Zusammenstellung jedoch zur Anerkennung ihrer Wirklichkeit führt, wenn auch die Wissenschaft dabei noch vor ungelösten Rätseln steht. Wir fahren mit den Belegen dazu fort.
Was die wandelnden Krüge betrifft, welche bei den Drusen im Libanon Wasser herbeischleppen und ausgießen, so erinnern sie auffallend an Berichte der Alten[273] von laufenden Dreifüßen, von Bildsäulen, welche sich automatisch bewegen und an den Höfen der indischen Fürsten bei der Tafel aufwarten. Das Bewirken von Ortsveränderungen lebloser Gegenstände ohne Berührung und aus der Ferne bei Sitzungen mit Medien ist durch zahlreiche Experimente aus letzter Zeit eine so unzweifelhafte Thatsache geworden, daß selbst Vertreter der exakten Wissenschaften, wie Wallace, Crookes und neuerdings Paul Gibier, de Rochas und viele andere dieselbe anerkannt haben, obgleich ihnen, wie allen unbefangenen Forschern dabei zugestoßen ist, was der berühmte Foucault Jahrzehnte vorher prophetisch gesagt hatte: »+Le jour, où l'on ferait bouger un fétude de paille sons la seule action de ma volonté, j'en serais épouvanté.+« Die ungläubigsten Beobachter haben bei solchen Sitzungen sehr oft gesehen, wie ohne Berührung Stühle herbeihumpelten, Bücher und Instrumente durch die Luft flogen und Tische sich fußhoch über den Boden erhoben; Thatsachen, die zu derselben Kategorie gehören, wie die durch Berichte von russischen und deutschen Reisenden bekannten ebenso unzweifelhaften fliegenden Tische der Schamanen.
Es ließen sich aus Hindostan, Tibet und China noch eine Reihe ähnlicher, genugsam beglaubigter Vorkommnisse anführen; wir übergehen sie und geben dafür aus neuester Zeit eine Mitteilung von Horace Pelletier, einem Schüler des Obersten de Rochas, welcher mit drei Sensitiven (magnetisch Begabten) occultistische Experimente vornimmt, die ihn zu höchst interessanten Ergebnissen geführt haben.
»Sie wissen«, schreibt er an den Direktor der +l'Initation+, »daß dank der psychischen Kraft, welche aus dem Körper meiner Sensitiven ausgeht, leblose Gegenstände aus der Ferne und ohne jede Berührung bewegt werden und ihre Stelle verlassen. Diese Gegenstände bleiben nicht bei der bloßen Ortsveränderung, sie drehen sich, Kreise beschreibend, um sich selbst, laufen von einem Ende der Tischplatte bis zur andern, kehren selbst zu ihrem Ausgangspunkte zurück, um von neuem mit erstaunlicher Schnelligkeit wieder davon auszugehen; manchmal schnellen sie in die Höhe, springen über den Tischrand und fallen zur Erde.«
»Oft gehorchen sie dem Worte; ja sie gehorchen wirklich; wenn man ihnen befiehlt. Bei allen meinen Sitzungen wiederholt sich diese merkwürdige Thatsache mehrmals, als wenn das Fluidum, welches ihnen die Bewegung mittheilt, mit Verstand begabt wäre.«
»Ich stelle zwei Korkstöpsel mitten auf die Tischplatte, 1 1/2-2 Zoll von einander entfernt, und ich sage zu ihnen: Küßt euch! Sofort drücken sie sich aneinander, nachdem jeder die Hälfte des Zwischenraumes zurückgelegt hat. Nun befehle ich ihnen sich zu trennen, und jeder seines Weges zu gehen. Sie gehorchen pünktlich, trennen sich und, indem jeder eine entgegengesetzte Richtung einschlägt, bewegt er sich bis an den Rand der Tischplatte. -- Ich befehle ihnen sich zu vereinigen; sie kehren zu einander zurück und von Neuem drückt der eine sich an den andern. -- Hierauf sage ich zu dem einen: Nimm einen Anlauf und springe! Sofort läuft der treue Korkstöpsel, meinem Befehl gehorchend, an den Rand der Tischplatte; aber zuweilen hat er die Entfernung schlecht bemessen und bleibt am Rand stehen. Ich wiederhole meinen Befehl, und er kehrt zu seinem Ausgangspunkt zurück, aber besser berechnend, läuft er mit großer Schnelligkeit, springt wie eine Gemse über den Rand und fällt zu Boden. Ich weiß wohl, daß ich da sonderbare, unerhörte, unglaubliche Dinge erzählte, aber ich übertreibe nichts, ich behaupte nur, was genau wahr ist. Auch habe ich hierfür Zeugen. Bemerken will ich noch, daß meine Sensitiven, während die Dinge vor sich gingen, sich drei Fuß vom Tischchen entfernt befanden und meistens, gelangweilt durch diese von mir unablässig wiederholten Experimente, wenig darauf achteten, plauderten und lachten, ohne sich um das Ergebniß zu kümmern.«
Der Umstand, daß die vorgehend geschilderten Experimente mit ganz gewöhnlichen Krügen, Stöpseln u. dergl. gemacht wurden, kann dieselben weder lächerlich machen, noch deren Bedeutsamkeit für die Erkenntnis der ihnen zu Grunde liegenden, zum Teil noch unbekannten Naturgesetze im mindesten schmälern.
Ich wende mich jetzt zu den Berichten über die Fakire Jacolliots, deren Künste wie die oben erwähnten auf uralten Traditionen beruhen und ähnlich schon im alten Indien geübt wurden, wie wir bei Apollonius von Tyana sehen werden. Ich referiere nach Perty[274], dessen Darstellung in weiteren Kreisen wenig bekannt wurde:
Die Urgeschichte gerade derjenigen alten Völker, welche am meisten auf die klassische und moderne Kultur Einfluß übten, wurde am spätesten, hauptsächlich erst in diesem Jahrhundert aufgeschlossen. Es sind die Indier und die noch älteren Ägypter, Völker mit wesentlich hierarchischen Verfassungen einer mächtigen Priesterschaft, ausgebildeter Geheimlehre, bis ins kleinste geordnetem Ritus und Ceremoniell, deren Sitten, Künste, Meinungen, Philosophie mächtig auf die Perser, Araber, Griechen eingewirkt haben, deren Religionsbegriffe z. B. auch in andern Glaubenslehren, die christliche nicht ausgeschlossen, eingedrungen sind. An die Geister der Vorfahren scheinen schon die Arier in ihren Ursitzen geglaubt zu haben, bei den Indiern wurde dieser Glaube im »Buche der Pitris« zu einem System ausgebildet. Diese und andere indische Verhältnisse wurden wieder in den letzten Jahren durch den Franzosen Herrn Louis Jacolliot untersucht, der in Pondichery wohnhaft, von hier aus Indien durchstreifte, und Forschungen über seine Geschichte, seine Altertümer und Religion anstellte. Der Teil derselben, welcher die Leser näher interessieren dürfte, führt den Titel: +Le spiritisme dans le monde, l'Initiation et les scienses occultes dans l'Inde (Paris 1875)+ und enthält, sich hauptsächlich auf das Buch der Pitris (Geister) stützend, unter anderem selbstbeobachtete Produktionen der Fakirs, welche mit den spiritualistischen des Abendlandes große Ähnlichkeit haben.
Zum Verkehr mit den Geistern können nur die Eingeweihten, von den Fakirs an, gelangen. Nur durch schwere, lang fortgesetzte Büßungen kommt man zu den oberen Stufen, deren höchste, der Yogi, unermeßlich hoch über den gewöhnlichen Menschen steht. Die Yogis bilden den Rat der Alten, enthalten sich des geschlechtlichen Verkehrs, und so erhaben ist ihr Zustand und Verdienst, daß gewöhnliche Menschen ihn in Tausenden von Generationen und Seelenwanderungen nicht erreichen könnten. Das siebenknotige Bambusstäbchen, welches schon die Fakirs immer führen, findet man auch bei den oberen Stufen, und es wird feierlich durch den Oberpriester zugestellt; die sieben Knoten stellen die sieben Stufen der Anrufung und der äußeren Manifestationen vor. Der oberste Priester führt den Namen Brahmatma. Wenn der Guru (Oberpriester) seinen Unterricht vor den Schülern beginnt, die gläubig und verehrend zu seinen Füßen sitzen, so spricht er zu ihnen: Hört! Während der elende Sudra (die unterste Kaste) sich dem Hunde gleich auf sein Lager wirft, der Vaysia die Reichtümer der Erde anzuhäufen denkt, der Tschatrya (Fürst, Krieger) im Frauengemach schläft, ermüdet aber nie gesättigt vom Vergnügen, so ist es jetzt für die Gerechten, die nicht von der unreinen Körperhülle sich wollen beherrschen lassen, Zeit, die Wissenschaft zu studieren.
Die Eingeweihten gelangen zu der ihnen zugeschriebenen Macht durch ein langes Leben der strengsten Askese und zwar zu den verschiedenen Graden ihrer Macht. Zu einer ersten Klasse gehören die Grihastas, die ihre Familien nicht verlassen und die Vermittelung zwischen den Tempeln und dem Volk herstellen, keine magischen Phänomene hervorbringen können, sondern nur die Seelen der Vorfahren, und zwar nur in ihrem Stammbaum anrufen dürfen, um von ihnen Eingebungen zu erhalten; dann die Purohitas, welche, bereits den Tempeln zugeteilt, die gewöhnlichen Priesterfunktionen versehen, bei den Geburten, Ehen, Bestattungen thätig sind, die Familiengeister anrufen, die Horoskope stellen, die Dämonen vertreiben; endlich die Fakirs, die Almosensammler der Tempel, zugleich die Zauberer, welche willkürlich die auffallendsten und unsern sogenannten Naturgesetzen am meisten widersprechenden Wirkungen hervorbringen und zwar mit Hilfe der Pitris, Geister der Vorfahren, zu deren Herbeirufung nach brahmanischer Behauptung sie ermächtigt sind. Für die Eingeweihten der zweiten Klasse, der Sanyassis, und der dritten, der Nirvanys und Yogis ist die Macht ihrem Wesen nach gleich und nur dem Grade nach verschieden. Sie bringen ihre Manifestationen nur im Innern der Tempel, äußerst selten bei sehr vornehmen Personen oder bei seltenen öffentlichen Festen hervor, glauben, daß die sichtbare und unsichtbare Welt ihrem Willen unterworfen sei, daß sie den Elementen gebieten, ihren Körper verlassen und wieder in denselben zurückkehren können; ihre orientalische Phantasie kennt keine Schranke und kein Hindernis, und sie werden in Indien gleichsam für Götter gehalten. Man sieht, daß daselbst eine durchgeführte priesterliche Organisation besteht und es wird behauptet, daß in den Krypten der Pagoden die Eingeweihten viele Jahre hindurch einer strengen Disziplin unterworfen werden, welche ihren Organismus physiologisch umstimmt und das reine Fluidum in ihnen vermehrt, welches, Akasa genannt, das Vehikel aller magischen Wirkungen ist. Es war Herrn Jacolliot nicht möglich, über diese verborgenen Vorgänge sich zu unterrichten, und er kann daher nur über die Fakirs Mitteilungen machen. Sogar die Gebets- und Evokationsformeln der höheren Grade wurden nie aufgeschrieben, sondern nur mündlich mitgeteilt, und das »Buch der Pitris« schweigt hierüber.
Nach brahmanischer Lehre ist jener Akasa, das reine Lebensfluidum -- etwa unser Äther -- durch die ganze Natur verbreitet und setzt alle belebten und unbelebten, alle sichtbaren und unsichtbaren Wesen miteinander in Verbindung; Elektrizität, Wärme, alle Naturkräfte kommen nur durch den Akasa zur Wirksamkeit. Wer eine größere Quantität desselben besitzt, erlangt Macht über diejenigen, welche davon weniger haben, und über die leblosen Wesen. Selbst die Geister, welche ihre Macht zum Dienst der Menschen anwenden, die imstande sind, sie herbeizurufen, fühlen die allgemeine Verbindung, welche der Akasa unter den Weltdingen herstellt. Für gewisse Brahmanen ist der Akasa das wirkende Prinzip der Weltseele und der Beherrscher aller Seelen, die in inniger Gemeinschaft stehen würden, träte nicht die grobkörperliche Materie bis auf einen gewissen Grad hindernd dazwischen; je mehr von dieser eine Seele sich durch ein beschauliches Wesen frei macht, desto inniger fühlt sie die allgemeine Strömung, welche die sichtbare und unsichtbare Welt durchzieht.
Allgemein bekannt ist die außerordentliche Geschicklichkeit der indischen Fakirs, die man gewöhnlich als Zauberer oder Jongleurs bezeichnet und welchen alle asiatischen Völker eine übernatürliche Kraft zuschreiben. Viele glauben zwar, daß unsere geschicktesten Taschenspieler das Gleiche zu vollbringen vermögen, es bestehen aber zwischen beiden die wesentlichsten Unterschiede, denn der Fakir giebt nie Vorstellungen vor größeren Gesellschaften, sondern nur im Innern von Privatwohnungen, hat nie einen Helfer, ist immer ganz unbekleidet mit Ausnahme eines handgroßen, die Geschlechtsteile bedeckenden Lappens, weiß nichts von den tausend Geräten und Apparaten, den Bechern, Büchsen mit doppeltem Boden, Zaubersäcken, präparierten Tischen, eigens eingerichteten Localitäten unserer Taschenspieler. Der Fakir hat gar nichts als ein Bambusstäbchen, dick wie ein Federhalter, mit sieben Knoten in der rechten Hand und ein Pfeifchen von etwa drei Zoll Länge, an einer seiner Haarflechten befestigt, weil er, als ganz unbekleidet, keine Tasche hat, um es darin aufzubewahren. Er operiert, wie man will, sitzend oder aufrecht, auf der Rohrmatte des Salons, auf dem Marmor-, Granit- oder Mörtelboden der Veranda, auf der nackten Erde des Gartens. Hat er zur Hervorrufung lebensmagnetischer und somnambulistischer Zustände eine Person nötig, so nimmt er den nächsten Domestiken dazu, den man ihm bezeichnet, gleichviel ob Indier oder Europäer; bedarf er ein Musikinstrument, Rohr, Papier, Bleistift, so ersucht er darum. Zugleich wiederholt er seine Darstellung, so oft man es verlangt, um sie kontrollieren zu können, und verlangt niemals eine Bezahlung, sondern nimmt das Almosen an, das man ihm für seinen Tempel giebt; alle Fakire der verschiedenen indischen Länder beobachten diese Vorschriften. Glaubt man in der That, fragt Jacolliot, daß unsere Taschenspieler unter diesen Bedingungen etwas leisten könnten?
Derselbe, seit vielen Jahren in Indien, kannte die Phänomene des amerikanischen und europäischen Spiritualismus nicht, hatte in Europa nie einen Tisch sich bewegen sehen, der »übertriebene Glaube an die Unsichtbaren« erinnerte ihn so sehr an die Ekstasen und Mysterien des Katholicismus, daß er, ein eingefleischter Rationalist, welcher noch jetzt zu sein er behauptet, sich nicht entschließen konnte, bei den Vorgängen in einem Cirkel zugegen zu sein. Die indischen Fakirs, von ihm einfach für Taschenspieler gehalten, hat er immer abgewiesen, hörte aber fortwährend von ihrer wunderbaren Geschicklichkeit sprechen. Als nun in Pondichery einst gegen den Mittag durch den Dobaschy, Kammerdiener, wieder ein Fakir bei ihm gemeldet wurde, entschloß er sich doch, ihn zu empfangen, was in einer der inneren Verandas seines Hauses geschah, wo ihn der Fakir, auf den Marmorplatten des Fußbodens kauernd, erwartete. Jacolliot war betroffen über seine Magerkeit, sein fleischloses Gesicht und die halberloschenen Augen erinnerten ihn an die graublauen Augen der Haie des großen Oceans. Der Fakir erhob sich langsam, verneigte sich mit an die Stirne gelegten Händen und murmelte: Ehrerbietigen Gruß, Herr! Ich bin Salvanidin-Odéar, Sohn des Canagareyen-Odéar. Der unsterbliche Wischnu beschütze deine Tage! -- Sei gegrüßt Salvanidin-Odéar, Sohn des Canagareyen-Odéar, könntest du sterben am heiligen Ufer des Tucangy, und möge diese Transformation deine letzte sein! erwiderte Jacolliot. -- Der Guru der Pagode hat mir diesen Morgen gesagt: geh auf geradewohl Ähren lesen längs den Reisfeldern, und Ganesa, der Schutzgott der Wanderer, hat mich zu Dir geführt. -- Sei willkommen! -- Was wünschest Du von mir? -- Man behauptet, Du könntest leblose Körper bewegen, ohne sie zu berühren; ich möchte gerne dieses Wunder dich vollbringen sehen. -- Salvanidin-Odéar hat diese Macht nicht; er ruft seine Geister an, die ihm ihren Beistand gewähren. -- Nun wohl, Salvanidin-Odéar, rufe die Geister und zeige mir ihre Macht! -- Gleich nach diesen Worten kauerte der Fakir sich wieder auf dem Boden nieder, stellte sein Stäbchen mit den sieben Knoten zwischen seine gekreuzten Beine und bat mich nun, ihm sieben kleine irdene Töpfe mit Erde, sieben dünne Holzstäbchen von je zwei Ellen Länge und sieben beliebige Blätter bringen zu lassen. Dann ließ er die gebrachten Gegenstände, ohne sie selbst zu berühren, durch den Dobaschy etwa zwei Meter von seinen ausgestreckten Armen in eine Linie legen; hierauf mußte der Diener in jeden Topf eines von den Holzstäbchen stecken und über jedes ein in der Mitte durchbohrtes Blatt stülpen, das am Stäbchen hinuntergleitend, den Topf wie einen Deckel bedeckte. Hierauf hob der Fakir die geschlossenen Hände über seinen Kopf und sprach in tamulischer Sprache folgende Anrufung: Mögen alle Mächte, die über das geistige Prinzip des Lebens und über das Prinzip der Materie wachen, mich gegen den Zorn der bösen Geister beschützen, und der unsterbliche Geist Mahatatritandi, der drei Formen hat, mich nicht der Rache Yamas überliefern! -- Dann streckte er die Hände gegen die Töpfe und blieb unbeweglich wie in Ekstase, nur von Zeit zu Zeit seine Lippen bewegend, als wenn er innerlich spräche.
Plötzlich schien es Jacolliot, als wenn ein leichter Wind seine eigenen Haare bewege und über sein Gesicht streiche wie der tropische Abendwind nach Untergang der Sonne, und doch bewegten sich die Vorhänge zwischen den Säulen der Veranda nicht; die gleiche Empfindung wiederholte sich mehrmals nach einander. Es war etwa eine Viertelstunde verflossen, wo der Fakir seine Stellung nicht verändert hatte; da stiegen langsam die Feigenblätter an den Holzstäben empor und ließen sich wieder herab, und der Beobachter, näher tretend und gar keine Verbindung zwischen dem Fakir und ihnen findend, fühlte eine gewisse Aufregung; die Blätter unterbrachen ihr Auf- und Absteigen nicht, obschon er mehrmals zwischen den Töpfen und dem Fakir durchging. Jacolliot nahm dann, was ihm unbedenklich zugestanden wurde, die Blätter von den Stäben und diese aus den Töpfen und leerte die ganze Erde auf dem Fußboden aus. Hierauf klingelte Jacolliot dem Koch, ließ sich aus der Küche sieben Fußgläser, aus dem Garten Erde und neue Blätter bringen, teilte selbst ein Bambusrohr in sieben Stücke, die er in die Gläser steckte, über welche er die durchbohrten Blätter stülpte und fragte nun den etwa vier Meter entfernten Fakir, der regungslos dem Allen zugesehen hatte, ob er glaube, daß seine Geister auch jetzt noch wirken könnten. Der Hindu antwortete nicht, sondern streckte nur wie zuvor seine Hände gegen die Gläser aus, und es dauerte keine fünf Minuten, als das Auf- und Absteigen der Blätter von neuem begann. Jacolliot fragte hierauf den Fakir, ob denn die Töpfe und Erde für die Hervorbringung des Phänomens notwendig seien, und als dieser die Frage verneinte, ließ Jacolliot sieben Löcher in ein Brett bohren und steckte in diese die Bambusstücke. Nach kurzer Zeit folgte die Erscheinung mit gleicher Regelmäßigkeit und zwar zwei Stunden hindurch nach vielfach geänderten Versuchen in immer gleicher Weise, so daß Jacolliot sich fragen wollte, ob er nicht selbst unter einer starken magischen Einwirkung stehe. Da sprach der Fakir: Hast Du von den Unsichtbaren nichts zu verlangen, ehe ich mich von ihnen trenne? Jacolliot hatte gehört, daß die europäischen Medien sich für ihre angebliche Unterhaltung mit den Geistern eines Alphabets bedienen, teilte dies dem Hindu mit und fragte, ob man nicht durch ähnliche Mittel eine Verbindung mit jenen herstellen könnte. Wörtlich antwortete der Fakir: Frage, was Du wünschest. Haben die Geister Dir nichts zu sagen, so werden die Blätter unbeweglich bleiben; haben sie, welche die Blätter bewegen, Dir ihre Gedanken mitzuteilen, so werden die Blätter an den Stäbchen emporsteigen. Jacolliot zeichnete eiligst das Alphabet auf ein Blatt Papier, da fiel ihm noch ein anderes Mittel ein. Er besaß kupferne Buchstaben und Zahlen auf Zinkplatten gelötet, die er brauchte, seinen Namen und eine Ordnungsnummer auf seine Bücher zu prägen, und warf diese nun alle unter einander in einen kleinen Sack, um eine nach der andern herauszunehmen. Der Fakir hatte seine Anrufungsstellung angenommen, Jacolliot dachte an einen vor fast zwanzig Jahren verstorbenen Freund und nahm nun eine Zinkplatte nach der andern heraus, immer die Buchstaben und Zahlen und zugleich die Blätter beobachtend. Vierzehn von jenen waren schon herausgenommen, als beim Buchstaben +A+ die Blätter schnell bis zum Gipfel der Stäbchen emporstiegen, dann herunterfielen und unbeweglich auf dem Brett liegen blieben, in welchem die Stäbchen steckten. Jacolliot fühlte sich bewegt, denn +A+ war der erste Buchstabe des Namens jenes Verstorbenen. Als der Sack leer war, wurde er wieder mit den Typen gefüllt, und nach und nach, Buchstaben für Buchstaben, erhielt der Beobachter den Satz:
+Albain Brunier, mort à Bourg-en-Bresse, 3. Janvier 1856.+
Es flimmerte vor seinen Augen, als er dieses Resultat vor sich sah, und er mußte, unfähig, die Beobachtungen diesen Tag länger fortzusetzen, den Fakir für den nächsten Tag zu sich laden.
Nachdem er einen Teil der Nacht über diese Dinge nachgedacht, dann in der folgenden Sitzung die Phänomene des vorigen Tages in gleicher Art hatte wiederholen lassen, bat Jacolliot den Fakir, noch einmal anzufangen, richtete aber sein Verhalten nach einer von ihm gemachten Voraussetzung ein. Er änderte nämlich im Geiste die Buchstaben jener Phrase, wie er meinte, beibehaltend, die Stellung derselben und erhielt so durch dieselbe Prozedur wie am vorigen Tage die Namen:
+Halbin Pruniet, mort à Bourg-en-Bresse, 3. Janvier 1856.+
Jacolliot wollte auch den Namen der Stadt und den Todestag ändern, gelangte aber nicht dazu, sondern erhielt wieder:
+mort à Bourg-en-Bresse, 3. Janvier 1856.+
Vierzehn Tage nacheinander ließ Jacolliot den Fakir kommen, welcher die größte Hingebung bewies, und veränderte fortwährend seine Versuche, bald erhielt er Änderungen in den Buchstaben jenes Namens, die denselben ganz unkenntlich machten, bald Modifikationen des Tages, Monats und Jahres des Todes, nie aber eine Änderung im Namen der Stadt, woraus er, immer von der Voraussetzung einer natürlichen Kraft ausgehend, die den Fakir und die Blätter in Verbindung setze, schloß, daß er vielleicht sein Wissen der wahren Orthographie vielleicht nicht bei allen Worten genügend isoliren könne. Er wiederholte dann noch öfter zu verschiedenen Zeiten mit verschiedenen Subjekten die Versuche, ohne zu einem andern Resultat zu gelangen. Während einesteils die materiellen Phänomene sich sozusagen konstant reproduzierten, wechselte ebenso konstant die Verschiedenheit in Übertragung der Gedanken, und zwar von ihm gewollte oder ganz gegen seinen Willen eingetretene Verschiedenheit.
In der letzten Sitzung mit dem Fakir machte dieser mit einer gewöhnlichen Pfauenfeder die leere Schale einer Wage sinken, während die andere mit 80 Kilos belastet war; auf einfache Auflegung seiner Hände flog ein Blumenkranz in die Luft; man hörte in dieser unbestimmte Töne, und eine ätherische Hand schrieb in der Luft leuchtende Zeichen, Phänomene, die Jacolliot damals für reine Phantasmagorie hielt und von denen später noch die Rede sein wird. Die erwähnten materiellen Phänomene ließen auch bei der strengsten Untersuchung keinerlei Betrug entdecken, hinsichtlich der psychologischen hat er nichts ganz Festes und Unveränderliches erhalten und neigt sich mit Ausschluß aller natürlichen Einwirkung zu der Ansicht, daß die Phänomene auf einer »fluidischen Gemeinschaft« zwischen ihm und dem Operateur beruhen. Seine richterlichen Funktionen einerseits und dann die Studien über das alte Indien gestatteten ihm nicht die Fortsetzung dieser Untersuchungen, doch zeichnete er Alles auf, was sich auf die Lehre von den Pitris und den Geisterglauben bezog, ebenso was ihm über die materiellen Wirkungen des Fakirs kund wurde, in der Absicht, das über diese fremdartigen Gegenstände Gefundene später bekannt zu machen, wobei er sich jedoch bloß als Historiker verhalten wollte, da er nach seiner Aussage zu keiner wissenschaftlichen Ansicht hierüber kommen konnte.
Jacolliot glaubt jedoch, daß in der Natur und im Menschen, der in der Welt doch nur ein Atom ist, unermeßliche Kräfte liegen, deren Gesetze man jetzt noch nicht kennt, aber sie entdecken wird, und daß die Zukunft Dinge als Wirklichkeiten erweisen wird, die man jetzt für Träumereien hält, und Phänomene sehen wird, die man jetzt nicht einmal ahnen kann. Man könnte vielleicht einwenden, die Indier hätten seit tausenden von Jahren nicht vermocht, die Gesetze jener Phänomene festzustellen und man solle seine Zeit damit nicht weiter verlieren. Aber bei den Brahmanen, die alles unter den religiösen Glauben gebeugt haben, giebt es eben wegen des Glaubens weder Erfahrung noch wissenschaftliche Prüfung, und was hat, fragt Jacolliot, das Mittelalter, das seine Grundsätze aus dem Text der Bibel holte, von Wissenschaft zu Tag befördert? Man hat in den Pagoden die Dampfkraft gekannt und durch sie Vasen zersprengen lassen, man hat auch einige Äußerungen der Elektrizität beobachtet, ist aber weder zu Eisenbahnen, noch zu Telegraphen gekommen, die freilich auch bei uns von sehr gelehrten Gesellschaften als Schwindel behauptet worden waren. Das, was er in Indien sah, bringt Jacolliot schließlich zum Ausspruch, daß im Menschen eine spezifische Kraft vorhanden sein müsse, die unter einer unbekannten, oft intellektuellen Leitung wirkt, eine Kraft, deren Gesetze durch vorurteilsfreie Männer studiert werden sollten. Und ist es am Ende nicht die gleiche Kraft, welche, durch Erziehung und Leitung entwickelt, die Tempelpriester der alten Völker in den Stand setzte, der Menge durch angebliche Wunder zu imponieren? Dann wäre manches begründet, was uns in den alten Überlieferungen geboten wird, und neben abergläubischen Vorstellungen hätten wir auch reale Wirkung einer natürlichen Kraft vor uns.
Jacolliot hatte den ganzen Abschnitt über diese Gegenstände 1866 in Pondichery geschrieben, und als er das vorliegende Buch für den Druck vorbereitete, anfänglich die Absicht, ihn ganz zu unterdrücken, weil er, der sich vorgenommen, nur einfacher Berichterstatter sein zu wollen, bemerkte, daß er doch Partei für eine nach seiner Meinung eine natürliche, in Wahrheit jedoch übernatürliche Wirkungen erzeugende Kraft genommen habe. Da bekam er durch Gefälligkeit des Dr. Pual den bekannten Artikel von Crookes über die sogen. psychische Kraft im »+Quarterly Journal of Science+« zu lesen, der während seines Aufenthaltes in Indien erschienen war, und geriet in Erstaunen, als er sah, daß der berühmte englische Chemiker nach seinen Versuchen die Existenz einer Kraft im Menschen förmlich behauptete, die er, Jacolliot, mehrere Jahre früher nur vermutet hatte. Dieses bestimmte ihn, das betreffende Kapitel so zu lassen, wie es ursprünglich geschrieben worden war und demgemäß auch seine hier folgenden Erfahrungen mitzuteilen.
Unter dem indischen Himmel mit seiner Glut und Farbenpracht ist die Gefahr noch größer als bei uns, aus der Sprache nüchterner und objektiver Erzählung in eine solche zu verfallen, welche Sensation zu beabsichtigen scheinen könnte. Am 3. Januar 1866 reiste Jacolliot in einem Dungui, einem landesüblichen Fahrzeug, mit kleiner Kajüte, von Tschandernagore auf dem Hugly ab und gelangte 14 Tage später nach der heiligen Stadt Benares. Zwei Eingeborene, nämlich ein Kammerdiener und ein Koch, begleiteten ihn, ein Bootsführer und sechs Ruderer aus der Fischerkaste bildeten die Bemannung des Fahrzeuges. Jacolliot schilderte mit Begeisterung die Pracht der großen Wallfahrtsstadt der Bekenner der Brahmareligion, in welcher unzählige Pilger aus dem weiten Indien kommen und gehen, mit ihren Tempeln, den Minaretstürmen der Mohammedaner, welche über die Massen der Paläste emporragen, den zahlreichen mächtigen Quadertreppen (Chabs), welche zum Ganges hinabführen, an dessen gekrümmten Ufern sich die Stadt in einer Ausdehnung von fast zwei Stunden hinzieht. Überall lange Arkaden, von Säulen gestützt, hohe Quais, Terrassen mit Balkonen und dazwischen das üppige Laubwerk der Baobabs, Tamarinden und Bananenbäume, vielfach mit vielfarbigen Blütentrauben bedeckt, Gärten voll Blumen in weiten Höfen. Mohammedanische und indische Baukunst mischen sich wundersam in der ganz unregelmäßigen Stadt, in welcher die Waren von Indien und Asien zusammenströmen, in der eine Toleranz ohnegleichen herrscht, so daß die Moslim und Brahmadiener gemeinsam ihre Waschungen im heiligen Strome verrichten. Jacolliot hatte in Tschandernagore einen Mahrattenfürsten kennen gelernt, der sich nach Benares zurückgezogen hatte und ihm nun ein Quartier in seinem prachtvollen siebenstöckigen Palast am Strome, links von der berühmten Moschee Aurengzebs, anwies.
Es ist nicht selten, daß indische Große ihre letzten Jahre in Benares, zurückgezogen von der Welt, hinbringen, und unter den Pilgern giebt es solche, welche in kleinen Säcken die nach der Leichenverbrennung gesammelten Knochenreste der Bagahs oder reicher Personen mitbringen, welche die Reise bezahlen können, beauftragt, sie in den heiligen Strom zu werfen; denn die letzte Hoffnung des Hindu ist, an den Ufern des Ganges zu sterben, oder seine Reste dahin bringen zu lassen. Diesem Umstand verdankt Jacolliot die Bekanntschaft vielleicht des außerordentlichsten Fakirs, den er in Indien getroffen, Covindasamy mit Namen. Er kam von Trivanderam, nicht weit von Kap Comorin, der Südspitze Hindostans, mit dem Auftrage, die Leichenreste eines reichen Malabaren, aus der Kaste der Kaufleute, Commutys, nach Benares zu bringen. Der Fürst, dessen Familie aus dem Süden stammte, war gewöhnt, in den Nebengebäuden seines Palastes die Pilger von Travancor, Maisur, Tandjaor und der alten Mahrattenlande aufzunehmen und hatte Covindasamy, der schon 14 Tage da war, eine kleine Strohhütte am Ufer angewiesen, wo er während einundzwanzig Tagen zu Ehren des Toten jeden Tag morgens und abends seine Waschungen machen sollte. Nachdem sich Jacolliot von seinem guten Willen überzeugt hatte, ließ er ihn eines Tages um die Mittagsstunde, wo Alles im Palast wegen der Hitze Siesta hielt, zu sich in ein Zimmer führen, vor welchem eine Terrasse mit der Aussicht auf den Ganges sich befand, in welcher ein Springbrunnen höchst angenehme Kühlung verbreitete. Nachdem sich der Fakir mit gekreuzten Beinen auf den Boden gekauert, sprach Jacolliot zu ihm, ob er wohl eine Frage an ihn richten könne? -- Ich höre, war die Antwort. -- Weißt Du, fuhr Jacolliot fort, ob in Dir eine Kraft sich entwickelt, wenn Du die Phänomene hervorbringst, und hast Du nie in Deinem Gehirn oder Deinen Muskeln eine besondere Empfindung erhalten? -- Es ist nicht eine natürliche Kraft, die wirkt, antwortete Covindasamy, sondern ich rufe die Seelen der Vorfahren an, und sie sind es, welche ihre Macht zeigen, deren Werkzeug ich nur bin. -- Eine Menge Fakirs, welche Jacolliot über den gleichen Punkt befragt hatte, gaben fast die gleiche Antwort, und er ließ nun Covindasamy seine Wirksamkeit beginnen. Derselbe hatte schon Stellung genommen und streckte seine Hände in der Richtung gegen eine große, mit Wasser gefüllte Bronzevase aus. Kaum nach 5 Minuten begann die Vase an ihrem Grunde in Schwingungen zu geraten und sich ohne sichtbare Rucke unmerklich dem Zauberer zu nähern, und im Maße wie ihre Entfernung von ihm abnahm, hörte man mehr und mehr metallische Töne aus ihr, als wenn mit einem Stahlstab auf sie geschlagen würde, und diese Töne wurden in einem gegebenen Moment so zahlreich und folgten sich so rasch, als wenn ein Hagelschauer auf ein Zinkdach fiele. Jacolliot verlangte, die Operation leiten zu dürfen, was der Fakir ohne weiteres zugab, und die Vase, stets von ihm beeinflußt, rückte vor oder wieder zurück, oder blieb ruhig, und die Töne stellten ein ununterbrochenes Rollen dar, oder folgten sich langsam und regelmäßig, wie die Stundenschläge einer Uhr, je nach dem Verlangen, welches Jacolliot äußerte; auch geschah eine bestimmte Zahl von Schlägen in einer gegebenen Zeit, und es wurde das Spiel einer Musikdose, welche sich im Palast befand, für die die Hindus so große Liebhaberei hegen, und welche zuerst den Walzer aus dem Freischütz, dann den Marsch aus dem Propheten spielte, im Takt von den Schlägen begleitet. Alles geschah ohne Apparat auf einer Terrasse von einigen Quadratmetern, und die, wie angegeben, bewegte Vase, breit ausgeschweift wie eine Schale und bestimmt, das Wasser des Springbrunnens aufzunehmen, das zu den morgendlichen Waschungen diente, die in Indien ein wahres Bad sind, hatte, wenn ganz leer, ein solches Gewicht, daß kaum zwei Männer sie bewegen konnten. Der Fakir, bis dahin unbeweglich kauernd, erhob sich nun und stützte seine Fingerspitzen auf den Rand der Vase, die nach einigen Augenblicken immer schneller hin und her zu schwanken begann, ohne daß ihr Fuß, der bald die eine, bald die andere Seite auf den Stuckboden setzte, das geringste Geräusch machte. Dabei blieb, was Jacolliot am meisten in Erstaunen setzte, das Wasser in der Vase unbeweglich, als wenn ein starker Druck es hinderte, seinem durch die Bewegung des Behälters fortwährend geänderten Schwerpunkt zu folgen. Dreimal während dieser Schwankungen erhob sich die Vase ganz über den Boden, 7-8 Zoll hoch, und wenn sie auf diesen wieder zurück ging, geschah es ohne wahrnehmbaren Stoß. Die sich gegen den Horizont neigende Sonne mahnte Jacolliot, seine Exkursionen durch die Monumente und Ruinen des alten Kassy, des Mittelpunktes geistlicher Macht zu unternehmen, nachdem die Brahminen im Kampf mit den Rajahs ihre weltliche verloren hatten, -- und den Fakir, sich im Sivatempel durch die üblichen Gebete auf die Waschungen und Trauerceremonien vorzubereiten, die er jeden Abend am Ufer des heiligen Stromes zu erfüllen hatte. Er versprach, jeden der wenigen Tage seines Bleibens in Benares noch zu kommen, denn Jacolliot hatte sein Herz gewonnen, da er, so lange Jahre im Süden Indiens lebend, das sanfte und wohlklingende Tamul sprach, was in Benares nicht verstanden wurde, der Fakir daher mit ihm sich über sein wunderbares Heimatsland voll alter Denkmäler und herrlicher Vegetation, und über die geheimnisvollen Krypten der Pagode von Trivanderam unterhalten konnte, in welchem er von den Brahminen in die Kunst der Anrufung eingeweiht worden war.
Nachdem dies auch bei der Zusammenkunft am nächsten Tage geschehen, und hierauf Covindasamy sinnend mit gekreuzten Beinen verharrt hatte, stand er plötzlich auf, näherte sich der Bronzevase, die bis zum Rand mit Wasser gefüllt war, hielt seine Hände über dieses, ohne es zu berühren, und blieb unbeweglich. Vielleicht weil seine Kraft heute schwächer war, verfloß eine Stunde ohne alle sichtbare Wirkung, bis endlich das Wasser wie unter einem leichten Luftzug sich zu runzeln begann; Jacolliot, der seine Hände auf den Rand des Gefäßes gelegt hatte, empfand einen Hauch von Frische, und ein auf das Wasser geworfenes Rosenblatt trieb gegen den Rand. Eigen war dabei, daß die kleinen Wellen sich an der dem Fakir entgegengesetzten Seite bildeten und gegen den Rand, an dem er stand, anschlugen. Nach und nach geriet die Wassermasse wie bei starker Erhitzung in eine sprudelnde Bewegung, überflutete die Hände des Zauberers und manche Wasserstrahlen schossen ein bis zwei Fuß hoch empor. Bat Jacolliot den Fakir, seine Hände vom Wasser zurückzuziehen, so ließ dessen Bewegung allmählich nach, näherte er sie wieder, so nahm sie aufs neue zu.
Der Hindu bat um ein kleines Stäbchen, und Jacolliot gab ihm einen noch nicht angeschnittenen Bleistift, den Covindasamy auf das Wasser legte und der nach einigen Minuten den Händen des Fakirs folgte, wie man eine Magnetnadel durch vorgehaltenes Eisen in allen Richtungen zu führen vermag. Dann legte er äußerst leise die Spitze seines Zeigefingers auf die Mitte des Bleistiftes und dieser sank nach wenig Augenblicken unter das Wasser bis auf den Grund der Vase. Jacolliot hatte schon bei manchen Fakirs Erhebungen vom Boden gesehen und bat auch Covindasamy um eine solche. Dieser ergriff ein Rohr von Eisenholz, welches Jacolliot von Ceylon gebracht hatte, stützte die rechte Hand auf den Kopf, schlug die Augen zur Erde und begann seine Evokationen zu sprechen, worauf er sich allmählich, die eine Hand auf den Kopf gestützt, mit nach orientalischer Weise gekreuzten Beinen bis etwa zwei Fuß über den Boden erhob, dabei unbeweglich bleibend in einer Stellung, ähnlich den bronzenen Buddhas, welche jetzt alle Touristen aus dem äußersten Orient mitbringen, während die meisten dieser Statuetten in den Schmelzereien von London angefertigt wurden. Jacolliot vermochte schlechterdings nicht zu begreifen, wie der Fakir über 20 Minuten lang in einer dem Gesetze der Schwere gänzlich widersprechenden Stellung verharren konnte. Als er an diesem Tage Abschied nahm, kündigte er Jacolliot an, daß in dem Augenblick, wo die heiligen Elephanten auf den kupfernen Becken in Sivas Pagode die Mitternachtsstunde schlagen würden, er die Familiengeister der Franguys (Franzosen) anrufen wolle, welche im Schlafzimmer Jacolliots dann ihre Gegenwart anzeigen würden. Um gegen alle Täuschung gesichert zu sein, schickte Jacolliot die beiden Diener auf das Dingui, um dort mit dem Cercar (Bootsführer) und seinen Leuten die Nacht zuzubringen. Der Palast des Peischwa hat Fenster nur nach dem Ganges hin und besteht aus sieben übereinander gebauten Stockwerken, deren Zimmer sich gegen bedeckte Gallerien und Terrassen öffnen. Die Stockwerke sind auf sonderbare Weise untereinander in Verbindung gesetzt; vom untersten führt nämlich eine einzige Freitreppe (Perron) in das nächste obere, und am andern äußersten Ende von diesem wieder ein Perron nach dem dritten Stockwerk und so fort bis zum sechsten, von welchem ein beweglicher Perron durch Ketten, nach Art einer Zugbrücke aufhebbar, in das siebente Stockwerk führt, welches letztere, halb orientalisch und halb europäisch möbliert, der Peischwa seinen fremden Gästen anzuweisen pflegt. Nachdem Jacolliot die Zimmer genau untersucht, die Zugbrücke aufgehoben hatte, war alle Verbindung nach außen abgeschnitten. Da schien es ihm um die angegebene Stunde, er höre deutlich zwei Schläge gegen die Mauer seines Zimmers, und als er gegen die Stelle zuging, einen schwachen Schlag, der aus der Glasglocke zu kommen schien, welche die Hängelampe gegen die Mücken und Nachtschmetterlinge schützte, dann noch Geräusch in den Cedernbalken der Decke, worauf alles still war. Er ging dann an das Ende der Terrasse, es war eine der Silbernächte, die man in unserem Klima nicht kennt, der Ganges breitete seinen ungeheuren Teppich zu Füßen der schlafenden Stadt aus, und auf einem der Tritte war eine dunkle Gestalt sichtbar: Der Fakir von Trivanderam, welcher für die Ruhe der Toten betete.
Jacolliot konnte sich nicht überzeugen, daß für die Hervorbringung der so oft von ihm gesehenen Phänomene die Theorie der Hindus, nach welcher die Geister der Vorfahren sie erzeugen, erwiesen sei, versichert aber wiederholt, daß niemand in Hindostan die von den Zauberern angewandten Mittel kennt; die Hindus trennen die materiellen Phänomene nicht von ihrem religiösen Glauben. Jawohl, sagte er zum Fakir, als dieser am nächsten Abend wieder erschien, die Geräusche, welche Du angezeigt hast, haben sich vernehmen lassen, der Fakir ist sehr geschickt. -- Der Fakir ist nichts, antwortete Covindasamy höchst kaltblütig, er spricht die Mentrams und die Geister hören ihn. Es waren die Manen Deiner französischen Vorfahren, welche Dich besucht haben. -- Du hast also Macht auch über fremde Geister? -- Niemand kann den Geistern gebieten. -- Ich meine, wie können die Seelen der Franguys die Bitten eines Hindu erhören, sie sind ja nicht von Deiner Kaste? -- Es giebt keine Kaste in der obern Welt. -- Es war diesmal so wenig als ein andermal möglich, Covindasamys Überzeugung wankend zu machen; er ergriff, ohne weiteres abzuwarten, einen kleinen Schemel von Bambus und setzte sich darauf, die Beine nach Moslimweise gekreuzt, die Arme über die Brust gelegt. Der Kammerdiener (Cansama in Hindustani, das Gleiche was Dobaschy im Tamul) hatte die Terrasse taghell erleuchtet, und so sah auch Jacolliot nach einigen Augenblicken der Willenskonzentration des ganz unbeweglichen Fakirs, den Bambusschemel geräuschlos in kleinen Rucken von etwa 10 Centimeter über den Boden gleiten und in etwa 10 Minuten an das Ende der sieben Meter langen Terrasse gelangen, dann sich wieder rückwärts bis zum alten Platz bewegen. Dreimal erfolgte auf Jacolliots Wunsch das gleiche; die Beine des Fakirs waren um die ganze Höhe des Schemels über dem Boden. Die Hitze war an diesem Tag außerordentlich, die kühlende Brise, jeden Abend vom Himalaya kommend, noch nicht eingetreten und der Koch bewegte zur Abkühlung nach Leibeskräften über den mittelst eines Strickes aus Kokosfasern einen enormen Pankah, eine Art beweglichen Fächer, der an einer der mittleren Eisenstangen der Terrasse aufgehängt war. Der Fakir ließ sich den Strick geben, stützte beide Hände auf die Stirne und kauerte sich unter dem Pankah nieder, der bald, ohne daß Covindasamy eine Bewegung gemacht hatte, zuerst sanft, dann immer schneller, wie von Menschenhand bewegt, zu schwingen anfing. Ließ der Zauberer den Strick fahren, so bewegte sich der Pankah langsamer und langsamer, bis er zuletzt still stand. Von drei Blumentöpfen auf der Terrasse, so schwer, daß Manneskraft zur Hebung von einem erforderlich war, wählte Covindasamy einen, legte seine Fingerspitzen auf dessen Rand und bewirkte damit ein regelmäßiges, pendelartiges Hin- und Herbewegen auf seiner Basis und zuletzt schien Jacolliot der Topf sich über den Boden zu erheben und nach dem Willen des Fakirs hin und her zu gehen, ein Phänomen, was Jacolliot auch sehr oft am hellen Tag gesehen hatte.
Derselbe hatte dem Fakir auch so gut als möglich den Lebensmagnetismus und Somnambulismus erklärt, die nach des letzteren Meinung ebenfalls durch Geisterwirkung zustande kommen; er konnte aber keine Zeit finden, hierüber Versuche anzustellen. Er hatte manchmal Gegenstände durch Zauberer fest an den Boden heften sehen, entweder, wie ein englischer Mayor meinte, indem sie durch ihr Fluidum deren spezifisches Gewicht ungemein vermehrten, oder auf unbekannte Weise. Jacolliot, willens den Versuch zu wiederholen, nahm einen kleinen Leuchterstuhl von Teakholz, den er leicht mit Daumen und Zeigefinger aufheben konnte, setzte ihn in die Mitte der Terrasse und fragte den Fakir, ob er ihn hier nicht so befestigen könne, daß er nicht anderswo hin zu bringen sei? Der Malabare, seine beiden Hände auf die obere Platte legend, blieb fast eine Viertelstunde in dieser Stellung, worauf er lächelnd sprach: Die Geister sind gekommen, und niemand kann diesen Gueridon ohne ihren Willen verrücken. Jacolliot versuchte dieses, aber das Möbel verrückte sich so wenig, als wenn es durch Klammern am Boden befestigt wäre, und als er seine Anstrengungen verdoppelte, blieb ihm die obere zerbrechliche Platte in den Händen. Als er mit den ein Kreuz bildenden Füßen auch nichts machen konnte, dachte er, wenn das Geräte durch die Hände des Zauberers mit einer Kraft geladen worden sei und diese nicht mehr erneuert werde, so müsse nach einiger Zeit der Gegenstand bewegt werden können. Er bat daher den Fakir, an das Ende der Terrasse zu gehen, und in der That konnte nach einigen Minuten Jacolliot das Möbel verrücken, was Covindasamy damit erklärte, daß die Geister abgegangen seien. »Aber höre, sie kehren wieder zurück.« Mit diesen Worten legte er seine Hände auf eine der gewaltig großen silberplattierten Kupferplatten, welche die reichen Eingeborenen zu einem gewissen Spiel brauchen, und fast augenblicklich hörte man eine gewaltige Menge starker Laute, als wie von Hagel auf ein Metalldach, und Jacolliot glaubte, ungeachtet es Tag war, eine Anzahl die Platte in allen Richtungen durchkreuzender Flämmchen zu sehen. Nach dem Willen des Fakirs verschwand die Erscheinung und kehrte wieder zurück.
Auf den Gestellen dieser halb europäisch, halb orientalisch möblierten Zimmer standen eine Menge Nippsachen: kleine Windmühlen, welche Schmiedehämmer bewegten, Bleisoldaten, Tierchen in Holz mit grünen Bäumchen, ein frühes Spielzeug der Kinder, und andere Nürnberger Waren, dazwischen wieder wertvolle und künstliche Dinge, alles durcheinander. Jacolliot nahm eine kleine Mühle, die, durch Blasen in Bewegung gesetzt, diese einigen Persönchen mitteilte, und ersuchte Covindasamy, sie ohne Berührung in Bewegung zu setzen. Dies geschah durch bloßes Darüberhalten seiner Hände, und die Bewegung wurde immer schneller, je mehr er die Hände näherte. Jacolliot hing eine Harmonika an einer dünnen Schnur an einen der eisernen Griffe der Terrasse auf, so daß sie etwa zwei Fuß über dem Boden schwebte, und bat den Zauberer, Töne aus ihr zu ziehen, ohne sie zu berühren. Dieser ergriff mit Daumen und Zeigefinger beider Hände die Schnur, an welcher das Instrument schwebte, und ging dann, völlig unbeweglich werdend, in sich selbst ein. Bald regte sich das Instrument, das Pfeifenwerk erhielt eine Bewegung von unsichtbarer Hand und man hörte langgezogene reine Töne, doch keine Akkorde. Könntest Du nicht eine Arie erhalten? fragte Jacolliot. -- Ich will den Geist eines alten Musikers der Pagoden anrufen, erwiderte dieser höchst kaltblütig. Das Instrument hatte nach Jacolliots Frage sogleich geschwiegen; nach langer Stille regte es sich, gab zuerst wie präludierend, eine Reihe von Akkorden und dann ganz entschieden eine der populärsten Arien der Malabarküste, deren Anfangsworte lauten: Bringe Kleinodien für die Jungfrau von Aruna. Der Fakir, ganz unbeweglich bleibend, hielt nur die Schnur zwischen seinen Fingern; Jacolliot, der beim Instrument niederkniete, sah die Griffe nach Bedürfnis sich auf- und niederbewegen.
Es war für Covindasamy der einundzwanzigste Tag seiner Anwesenheit in Benares gekommen, wo er 24 Stunden lang von einem Sonnenaufgang zum andern im Gebet verharren mußte, um dann nach Trivandaram zurückzukehren. Aber zuvor, sprach er zu Jacolliot, werde ich Dir noch einen Tag und eine Nacht widmen, denn Du warst gut mit mir, und ich, dessen Mund lange verschlossen war, habe in der Sprache mit Dir reden können, die meine Mutter brauchte, als sie mich in einem Bananenblatt in Schlaf wiegte. Alle Indier sprechen nie ohne Bewegung von ihrer Mutter. Als am Vorabend des langen Gebetstages Covindasamy die Terrasse verließ und in einem Gefäß vielfarbige Federn der merkwürdigsten indischen Vögel sah, ergriff er davon eine Hand voll und warf sie so hoch als möglich über seinen Kopf, und als sie herab kommen wollten, machte er mit den Händen Luftstriche unter ihnen, und sowie letzteren eine Feder nahe kam, so drehte sie sich leicht um sich selbst und stieg in Spiralen bis zum Zeltdach der Terrasse empor. Alle folgten der gleichen Richtung, aber einen Augenblick später wollten sie, der Schwere folgend, zu Boden sinken, stiegen aber, kaum auf der Hälfte des Weges angelangt, wieder auf und setzten sich an der Decke fest. Noch einmal erzitterten sie und zeigten eine schwache Neigung zum Herabsinken, aber bald blieben sie vollkommen unbeweglich hängen und gewährten durch ihre Anordnung auf dem Goldgelb der Strohmatte der Decke und ihre bunten Farben einen angenehmen Anblick. Kaum aber war der Fakir abgegangen, so fielen sie träg zu Boden, wo sie Jacolliot längere Zeit liegen ließ, um sich zu überzeugen, daß er beim Anblick dieser unbegreiflichen Phänomene nicht das Opfer einer Hallucination geworden sei.
Der Fakir weihte nach Beendigung seiner Mission Jacolliot noch einen Tag für zwei Sitzungen, eine zur Tages-, die andere zur Nachtzeit, jedoch bei voller Beleuchtung, und hatte Jacolliot versprochen, alle Geister, welche ihm beistehen, anzurufen, damit Jacolliot Dinge sehe, die ihm stets unvergeßlich bleiben würden. Covindasamy brachte zur Tagsitzung ein Säckchen sehr feinen Sandes mit, den er auf den Boden leerte und mit der Hand zu einer gleichförmigen Fläche von etwa 50 Quadratcentimeter ausbreitete. Dann ließ er an einem Tisch gegenüber mit Papier und Bleistift Jacolliot Platz nehmen, verlangte ein Stückchen Holz, worauf ihm Jacolliot einen Federhalter reichte, den er vorsichtig auf die Sandfläche legte. Ich rufe, sprach Covindasamy, nun die Geister an; sobald Du den mir gegebenen Gegenstand sich vertikal erheben siehst, so aber, daß sein eines Ende mit dem Sand in Verbindung bleibt, kannst Du auf das Papier beliebige Zeichen machen, und Du wirst sie auf dem Sande nachgebildet sehen. Er streckte dann seine beiden Hände wagerecht vor und murmelte seine geheimen Anrufungen, worauf in kürzester Zeit der Federhalter sich allmählich erhob und zu gleicher Zeit, wo Jacolliot auf sein Papier die bizarrsten Figuren zeichnete, dieselben getreu auf dem Sande kopierte. Hielt Jacolliot an, so stand auch der Federhalter still, und fuhr seinerseits fort, wenn Jacolliot wieder begann; der Fakir, der keine Verbindung mit ihm hatte, blieb vollkommen ruhig. Jacolliot, um zu veranlassen, daß der Fakir nicht einmal die Bewegungen sehen könne, die er mit seinem Bleistift mache, nahm hierauf eine Stellung an, wo dieses unmöglich war, untersuchte hierauf die Zeichnungen auf dem Papier und dem Sande und fand sie ganz identisch. Der Fakir, nachdem er den Sand wieder geglättet hatte, forderte Jacolliot auf, sich ein Wort in der Göttersprache, dem Sanskrit, zu denken und auf dessen Frage, warum gerade in dieser? bemerkte er, daß die Geister sich leichter dieser unsterblichen, den Unreinen verbotenen Sprache bedienen; Jacolliot, der mit Covindasamy über dessen religiöse Anschauungen diskutierte, dachte sich hierauf ein Sanskritwort; der Hindu regte sich, erhob sich, und schrieb alsbald: +Purucha+ (der himmlische Erzeuger), das Wort, was Jacolliot gedacht hatte. Und auch eine ganze Phrase: »+Adicêtê Vaicuntam Haris+ (Vischnu schläft auf dem Berge Veikunta)«, die Jacolliot zu denken aufgefordert worden war, wurde geschrieben. Könnte mir wohl der Geist, der Dich inspiriert, fragte Jacolliot, die 243. Sloca des vierten Buches von Manu geben? Er hatte kaum diesen Wunsch ausgesprochen, so setzte sich der Federhalter in Bewegung und schrieb Buchstaben für Buchstaben jener Strophe: »+Darmaprâ dánam purucham tapasâ hatakilvisam paralôkam nayati âcou bâsuantam kaçarininan+ (der Mensch, dessen sämmtliche Handlungen auf Tugend zielen, dessen Sünden durch fromme Akte und Opfer versöhnt werden, gelangt zum himmlischen Aufenthalt, lichtstrahlend und von einem geistigen Leibe bekleidet).« Jacolliot legte die Hand auf ein kleines geschlossenes Buch, das im Auszug einige Hymnen des Rigveda enthielt und fragte, welches das erste Wort der fünften Zeile der einundzwanzigsten Seite sei? Der Federhalter schrieb »+Devadatta+ (von Gott gegeben)«, und es war so. Willst Du eine Frage in Gedanken stellen, fragte Covindasamy, und Jacolliot nickte einwilligend mit dem Kopfe. Der Stift schrieb auf den Sand: »+Vasundara+ (die Erde).« Jacolliot hatte in Gedanken gefragt: Was ist unsere gemeinschaftliche Mutter?
Es war 10 Uhr morgens geworden, Licht und Hitze bereits sehr groß, der Spiegel des Ganges warf einen blendenden Glanz. Jacolliot ging mit dem Zauberer an das Ende der Terrasse und sie sahen im Garten einen Koch, der Wasser aus einem Brunnen schöpfte und es in eine Bambusleitung goß, die in einen Badesaal ausmündete. Covindasamy streckte seine Hände in der Richtung des Brunnens aus, und alsbald wollte das Seil des Eimers nicht mehr in der Rolle laufen, trotz des Zornes des Kochs. Wie alle Hindus Widerwärtigkeiten den bösen Geistern zuschreiben und diese dann durch magische Gesänge zu vertreiben suchen, so auch dieser Koch. Kaum hatte er jedoch einige Worte in dem scharfen näselnden Tone hervorgebracht, der uns den orientalischen Gesang so unangenehm macht, so blieben ihm die Worte in der Kehle stecken, und er konnte trotz aller Grimmassen kein einziges mehr sprechen. Nach einigen Minuten ließ der Fakir seine Hände sinken, und der Koch erhielt seine Stimme wieder und den Gebrauch seines Seiles. Jacolliot klagte über die Hitze, der Fakir schien ihn nicht zu hören, so tief war er in sich selbst gekehrt. Da sah der erstere einen Fächer von Palmblättern von einem Tisch, auf dem er lag, sich erheben und die Luft um sein Gesicht fächeln, und glaubte harmonische Töne einer Menschenstimme zu hören. Als der Fakir, Abschied nehmend, die Hände über die Brust gekreuzt, im Ausschnitt der Pforte stand, welche von der Terrasse auf den Perron führte, erhob er sich ohne alle Stütze 25-30 Centimeter in die Luft, was Jacolliot dieses Mal genau messen konnte; indem hinter ihm sich ein seidener Vorhang befand, der als Thüre diente und weiße und Goldstreifen hatte; die Füße des Fakirs waren beim nächsten Streifen. Das Erheben, Schweben in der Luft und Wiederherabkommen währte etwas über 8 Minuten, das Beharren im Maximum der Erhebung etwa 5 Minuten. Auf die Frage, ob er dieses Phänomen willkürlich hervorbringen könne, antwortete er mit orientalischer Emphase: »Der Fakir könnte sich bis in die Wolken erheben.« Obschon er sich schon oft nur als ein Werkzeug der Geister erklärt hatte, enthielt sich Jacolliot doch wieder nicht der Frage, wie er diese Macht der Erhebung erlange? worauf Covindasamy mit einer Sentenz antwortete: Man muß durch Gebete und Betrachtung mit den Pitris in beständiger Verbindung bleiben, dann steigt ein hoher Geist vom Himmel herab.
Jacolliot sah schon öfter die Leistungen der Fakire, einen Einfluß auf das Pflanzenwachstum in der Weise üben, daß dadurch, wie sie behaupten, in wenigen Stunden Resultate erreicht werden, die sonst Monate, selbst Jahre erfordern, wie ähnliches der Missionär Juc auch aus Tibet berichtet. Jacolliot hatte dieses jeder Zeit als ein sehr künstliches Taschenspielerstückchen betrachtet, demselben daher keine nähere Beachtung geschenkt, jetzt wollte er es auch von Covindasamy sehen, dessen Fähigkeiten wirklich wunderbar waren, und alle Aufmerksamkeit darauf wenden. Als der Fakir nachmittags 3 Uhr erschien, glaubte er ihn mit diesem Ansinnen zu überraschen, aber Covindasamy sagte in seiner gewöhnlichen einfachen Weise: Ich stehe zu deinem Befehl. -- Wirst Du mich auch die Erde, das Gefäß und den Samen wählen lassen, den Du vor mir treiben lassen willst? -- Das Gefäß und den Samen ja! Die Erde hingegen muß aus einem Nest der Carias (Termiten) genommen sein. -- Der Kammerdiener wurde beauftragt, eine Blumenvase voll Erde und verschiedene Samen zu bringen, und der Fakir bat ihn noch, die Erde zwischen zwei Steinen zu zermalmen, denn sie ist durch den mörtelartigen Speichel der Insekten fast so fest wie Mauerstücke. In weniger als einer Viertelstunde waren die Sachen zur Hand, und Jacolliot schickte den Cansama fort, weil er nicht wollte, daß er mit dem Fakir etwa Gemeinschaft habe. Er gab nun letzterem die Erde, die derselbe mit etwas Wasser anrührte, dabei seine Mentrams murmelnd. Dann verlangte er die Samen und einige Ellen irgend eines weißen Stoffes. Jacolliot ergriff auf geradewohl einen Kern des Melonenbaumes und fragte ihn, ob er ihn zeichnen dürfe? Auf die bejahende Antwort schnitt Jacolliot die äußere Haut dieses, mit Ausnahme der Farbe, einem Kürbiskern ähnlichen, nur ganz dunkelbraunen Kernes leicht ein und übergab ihn nebst einigen Ellen Moskitotuch dem Fakir. -- Ich werde bald den Schlaf der Geister schlafen, sagte dieser, schwöre mir, weder mich noch die Vase zu berühren. Nachdem Jacolliot dieses gelobt, pflanzte er den Samenkern in die nun einem flüssigen Schlamm ähnliche Erde, stieß dann sein Stäbchen mit sieben Knoten, dem Attribut des Eingeweihten, ohne das er nie ging, in einen Winkel der Vase und breitete über ihn das Mousselinstück aus. Dann kauerte er sich nieder, streckte beide Hände horizontal über den Apparat und verfiel in vollkommene Katalepsie. Als nach einer halben Stunde, immer die Arme horizontal ausgestreckt, was kein Wacher thun könnte, und selbst nach einer Stunde nicht die geringste Muskelzuckung eintrat und der fast nackte durch die Hitze gebräunte und glänzende Körper einer Bronzestatue glich, wobei die Augen offen und starr waren, konnte Jacolliot, der sich der Beobachtung halber ihm gegenübergesetzt hatte, den Blick dieser halberloschenen Augen nicht mehr ertragen; es schien ihm die ganze Umgebung -- der Fakir mit -- vor den Augen zu tanzen, ohne Zweifel infolge der zu gespannten Aufmerksamkeit, und er mußte sich an das Ende der Terrasse setzen, wo er abwechselnd auf den Strom und Covindasamy blickte. Endlich nach zwei Stunden machte ein leichter Seufzer ihn erzittern, der Fakir war wieder zum Bewußtsein gekommen, gab ihm ein Zeichen sich zu nähern, hob das Mousselintuch weg und zeigte ihm ein frisches junges Stämmchen des Melonenbaumes von etwa 20 Centimeter Höhe. Jacolliots Gedanken erratend, griff er in die Erde, zog vorsichtig die junge Pflanze heraus und zeigte an dem Häutchen, das noch an den Wurzeln hing, den vor zwei Stunden gemachten Einschnitt. Jacolliot bemerkt, der Fakir habe vor seinem Kommen nicht gewußt, was von ihm verlangt würde; er konnte nichts unter Kleidern verbergen, da er fast nackt war, er konnte auch nicht wissen, daß Jacolliot, der ihn während der ganzen Zeit nicht aus den Augen gelassen hatte, gerade einen Samenkern des Melonenbaumes wählen werde. Es sei dies einer von den Fällen, wo die Sinne keinerlei Betrug zu entdecken vermochten, die Vernunft sich aber doch nicht gefangen geben wolle. Nachdem der Fakir sich einige Augenblicke an seinem Staunen geweidet, sagte er nicht ohne Stolz: »Hätte ich die Anrufungen fortgesetzt, so würde der Melonenbaum in 8 Tagen Blüten und in 14 Früchte gehabt haben.« -- An die Erzählung von Huc und an gewisse Phänomene denkend, die Jacolliot selbst in Carnatic gesehen, sprach er, es gäbe Zauberer, die das Gleiche in zwei Stunden hervorbringen könnten. -- »Du irrst, erwiderte Covindasamy, das, wovon Du sprichst, war die Herbeibringung fruchtbarer Bäume durch die Geister; was ich Dir zeigte ist Wachsthum; nie hat das von den Pitris gerichtete reine Fluidum in einem einzigen Tage Keimung, Blüte und Frucht erzeugen können.« -- Jacolliot macht darauf aufmerksam, daß unter dem Himmel Indiens, wenn man den Samen vieler Küchenkräuter um die Morgenröte in feuchtes, der Sonne gut ausgesetztes Erdreich säet, die Pflänzchen schon um Mittag aus der Erde hervorkommen und um 6 Uhr abends fast einen Centimeter hoch sind, daß aber freilich ein Same des Melonenbaumes 14 Tage zur Keimung braucht.
Um zehn Uhr abends an diesem Tage trat Covindasamy wie gewöhnlich schweigend in das Zimmer von Jacolliot, nachdem er auf einer der Stufen der Treppe das Languty abgelegt hatte, jenes kleine Zeugstück, und gewöhnlich seine einzige Bekleidung, und er war nun ganz nackt, sein Bambusstäbchen mit den sieben Knoten an einer seiner langen Haarflechten befestigt. -- Nichts Unreines, sagte er, darf den Körper des Anrufenden berühren, wenn er seine Fähigkeit, mit den Geistern in Verbindung zu treten, in ihrer ganzen Stärke erhalten will. -- Jacolliot kam hierbei der Gedanke, ob nicht die von den Griechen am Indus getroffenen Gymnosophisten eben solche Eingeweihte wie Covindasamy waren. Es wurde an diesem Abend auf der Terrasse und im Schlafzimmer von Jacolliot experimentiert, beide, nur unter sich zusammenhängend, waren nach außen vollständig abgeschlossen, in jeder der beiden Lokalitäten brannte eine Hängelampe mit Kokosöl, in ein Krystallglas eingeschlossen. In allen indischen Häusern findet man kleine kupferne Kohlenbecken, beständig mit glühenden Kohlen gefüllt, um darauf von Zeit zu Zeit einige Prisen eines wohlriechenden Pulvers von Sandelholz, Iriswurzel und Myrte zu verbrennen. Der Fakir stellte ein solches Becken auf die Mitte der Terrasse und daneben eine kupferne Platte mit jenem wohlriechenden Pulver, dann kauerte er sich in gewohnter Stellung mit gekreuzten Armen auf den Boden, begann hierauf eine lange Inkantation in einer unbekannten Sprache, rezitierte seine Mentrams und blieb dann unbeweglich, die linke Hand auf dem Herzen, die rechte auf sein Stäbchen gestützt; von Zeit zu Zeit brachte er die Hand an die Stirne, wie um durch Striche sein Gehirn frei zu machen. Auf einmal mußte Jacolliot erzittern, denn eine schwachleuchtende Wolke bildete sich in seinem Schlafzimmer, aus der nach allen Seiten hin rasch Hände hervorkamen und wiederum in sie zurückgingen; nach einigen Minuten verloren mehrere dieser Hände ihr dunstiges Ansehen und glichen, sich gewissermaßen materialisierend, menschlichen Händen, während die andern leuchtender wurden; erstere waren undurchsichtig und warfen Schatten, die andern so durchsichtig, daß man Gegenstände hindurchsehen konnte; Jacolliot zählte im Ganzen sechzehn. Kaum hatte Jacolliot den Fakir gefragt, ob es nicht möglich wäre, diese Hände zu berühren, so löste sich eine von der Gruppe ab, kam gegen ihn geschwebt und drückte seine dargebotene Hand. Sie war klein, geschmeidig und feucht wie die Hand einer jungen Frau. -- »Der Geist ist da, obwohl nur eine seiner Hände sichtbar ist, sprach Covindasamy. Du kannst mit ihm reden, wenn Du es wünschest.« -- Jacolliot fragte lächelnd, ob der Geist, dem diese kleine Hand gehöre, ihm nicht ein Andenken geben wolle? und fühlte darauf jene Hand in der seinen vergehen und sie gegen ein Blumenbouquet schweben, eine Rosenknospe abbrechen, welche sie zu seinen Füßen warf, worauf sie verschwand. Während zwei Stunden kamen Dinge vor, ganz geeignet, die Besinnung zu verwirren; bald streifte eine Hand Jacolliots Gesicht oder fächelte ihm mit einem Fächer, bald verbreitete eine andere im Zimmer einen Blumenregen oder zeichnete in der Luft feurige Buchstaben, welche verschwanden, nachdem der letzte erschienen war, wobei wahrhafte Blitzstrahlen durch das Zimmer und die Terrasse fuhren. Zwei der Sanskritsprüche, die Jacolliot rasch mit dem Bleistift aufzeichnete, lauteten: +Divyavapur gatwâ+ (Ich habe einen fluidischen Körper angenommen) und unmittelbar darauf schrieb die Hand: +Atmâram crêyasa yoxyatas Dchasya'sya vimô canat+ (Du wirst das Glück erlangen, wenn du dich von diesem vergänglichen Körper losmachst). Nach und nach verschwanden die Hände, die Wolke hatte in dem Maße abgenommen, als die Hände sich zu materialisieren schienen; an der Stelle, wo die letzte Hand verdunstet war, fand man einen Kranz von jenen stark duftenden Immortellen, welche die Hindus bei allen ihren Ceremonien verwenden.
Einen Augenblick nach dem Verschwinden der Hände, während der Fakir seine Anrufungen eifrig fortsetzte, bildete sich eine dunklere und dichtere Wolke neben dem kleinen Kohlenbecken, das Jacolliot nach dem Wunsch des Hindu stets mit Glut gefüllt erhalten hatte, und allmählich nahm diese Wolke menschliche Form an und erschien als der Schemen eines alten opfernden Brahminen, der neben dem Becken kniete. Er hatte auf der Stirne die dem Wischnu heiligen Zeichen, seine Hände hielt er vereinigt wie beim Opfern über den Kopf, und seine Lippen bewegten sich wie betend. In einem gegebenen Augenblick nahm er eine starke Prise des wohlriechenden Pulvers und warf sie auf die Glut, worauf alsbald ein dichter Rauch alle Räume erfüllte, nach dessen Verschwinden Jacolliot den Schemen zwei Schritte vor sich sah, der ihm seine fleischlose Hand reichte, die Jacolliot grüßend in die seine faßte und -- obwohl knöchern und hart -- doch warm und lebend fand. »Bist du wohl, fragte er laut, ein früherer Bewohner der Erde?« Und kaum hatte er diese Frage beendet, als auf der Brust des Schemens glänzend wie Phosphorlicht das Wort +Am+ (Ja) erschien und sogleich wieder verschwand. Und als Jacolliot weiter fragte: »Willst du mir kein Zeichen deines Vorübergangs hinterlassen?« zerriß der Geist seinen aus drei Baumwollenschnüren gemachten Gürtel, gab ihm denselben und verschwand zu seinen Füßen.
Jacolliot glaubte die Sitzung beendet, aber der Fakir dachte noch immer nicht daran, seine Stellung zu verändern. Da hörte ersterer plötzlich eine bizarre Melodie, ausgeführt auf einem Instrument, das ihm die zwei Tage vorher gebrauchte Ziehharmonika zu sein schien, welche jedoch der Peischwa des Abends vorher hatte abholen lassen, und die sich nicht mehr in den Zimmern von Jacolliot befand. Die anfangs fernen Töne erklangen bald wie aus näheren Räumen und zuletzt wie im Schlafzimmer, als Jacolliot längs den Mauern hingleitend das Phantom eines Pagodenmusikers erblickte, welcher, die Harmonika spielend, auf ihr jene einförmigen und klagenden Töne hervorbrachte, wie sie der religiösen Musik der Hindus eigen sind.
Als das Phantom durch das Zimmer und die Terrasse passiert war, verschwand es, und an der Stelle seines Verschwindens lag das von ihm gebrauchte Instrument, in der That die Ziehharmonika des Rajah, und doch waren alle Thüren wohl verschlossen. Covindasamy stand nun auf, in Schweiß reich gebadet, auf das äußerste erschöpft, und doch sollte er in wenig Stunden seine Reise antreten. -- »Dank Dir, Malabare, sprach Jacolliot, ihn so mit dem Namen seiner geliebten Heimat anredend --, und möge der, welcher die drei geheimnisvollen Gewalten vereinigt, (die brahmanische Dreifaltigkeit), Deine Reise nach den lieblichen Ländern des Südens beschützen, und mögest Du erfahren, daß während Deiner Abwesenheit Freude und Glück in Deiner Hütte gewohnt haben.« -- Der Fakir antwortete in noch mehr emphatischem Tone, und nachdem er das dargereichte Geschenk empfangen, ohne es anzusehen, selbst ohne dafür zu danken, sprach er melancholisch seinen letzten Salam (Gruß) und verschwand geräuschlos. Als Jacolliot in der ersten Morgenröte von der Terrasse auf den Strom blickte, sah er auf demselben einen schwarzen Punkt und mittelst des Nachtfernrohrs, daß es der Fakir war, der den Fährmann geweckt hatte und nun den Ganges kreuzte, um den Weg nach Trivanderam einzuschlagen und das blaue Meer, die Kokospalmen und seine Hütte wiederzusehen, von der er so oft gesprochen. Nach einigen Stunden Schlafs im Hamak erwachend, schien ihm die vergangene Nacht Traum und Hallucination zu sein, aber die Harmonika war da, die geworfenen Blumen bedeckten alle noch die Terrasse, der Immortellenkranz lag noch auf einem Divan, und die Worte, die er in Feuerschrift gesehen, standen in seiner Schreibtafel aufgezeichnet, einen Betrug konnte Jacolliot ebensowenig entdecken als Abbé Huc in Tibet bei den dort gesehenen Produktionen.
Etwa vier Jahre später reiste Jacolliot über Madras, Bellary und Bedjapur nach der Provinz Aurungabad, um den unterirdischen Tempel von Karli zu besuchen, welche berühmten Krypten wie Ellora, Elephantea, Rosach &c. in einem Hügelkranz des Mahrattenlandes liegen, der -- mit Forts versehen -- Jahrhunderte lang das Eindringen der Moslims gehindert hat. Der Eingang in die in Felsen gehauenen Krypten von Karli befindet sich etwa 300 Fuß über der Basis des Hügels, und man gelangt dahin auf einem Wege, der eher dem Bett eines Bergstroms als einer Straße gleicht und auf eine Terrasse führt, die einen würdigen Vorplatz des prachtvollen Innern bildet. Auf der linken Seite des Porticus steht eine mit unentzifferbaren Charakteren bedeckte massive Säule, die auf ihrem Kapitäl drei noch kaum erkennbare Löwen trägt; auf die Schwelle tretend, hat man einen ungeheuren Vorsaal vor sich, der in seiner ganzen Länge von etwa 600 Schritt mit Arabesken und Skulpturen bedeckt ist; an jeder Seite des Eingangs stehen drei riesige Elephanten mit ihren Cornacs auf Hals und Rücken; das Gewölbe ist durch zwei Reihen von Pfeilern gestützt mit einem Elephanten über jedem, der auf seinem Rücken eine männliche und eine weibliche Gestalt trägt, wie gebeugt unter der ungeheuern auf ihnen ruhenden Last. Dieses imposante dunkle Innere ist nun eine berühmte Wallfahrtsstätte für die Fakirs aus ganz Indien, und manche schlagen ihre Wohnung in der Nähe des Tempels auf, kasteien ihren Leib und leben allein noch der Betrachtung. Tag und Nacht vor flammenden Feuern hingekauert, welche die Gläubigen unterhalten, eine Binde über den Mund, um nicht das geringste Unreine einzuatmen, nichts genießend als einige Körner gerösteten Reis mit Wasser befeuchtet, das durch ein Tuch geseiht wird, magern sie nach und nach zu Skeletten ab, die Geisteskräfte sinken rasch, und ehe ihre letzte Stunde schlägt, haben sie schon eine lange Zeit physischer und intellektueller Schwäche durchlebt, die kein Leben mehr ist. Alle Fakirs, welche in der obern Welt die höchsten Transformationen erlangen wollen, müssen ihren Leib diesen schrecklichen Kasteiungen unterwerfen. Man zeigte Jacolliot einen, erst vor wenigen Monaten vom Kap Comorin angekommenen, der, zwischen zwei Glutpfannen liegend, fast schon ganz gefühllos geworden war. Wie erstaunte Jacolliot, als eine breite Narbe auf dem Schädel ihn den Fakir von Trivanderam erkennen ließ, und er fragte ihn in seiner geliebten Sprache des Südens, ob er sich nicht an den Franguy von Benares erinnere. Einen Augenblick schien ein Blitz durch seine fast verloschenen Augen zu zucken, und er murmelte die zwei Sanskritworte, welche in jener Sitzung in feurigen Buchstaben erschienen waren: »+Divyavapur gatwâ.+ Ich habe einen fluidischen Körper angenommen.« Es war von ihm, den sie nur »Karli Sava, den Leichnam, das Phantom von Karli« nannten, kein weiteres Zeichen von Aufmerksamkeit zu erlangen. So enden, sagt Jacolliot, in Siechtum und Geistesschwäche die indischen Medien. --
Es ist denkbar, selbst wahrscheinlich, daß Jacolliot manches mit zu lebhaften Farben geschildert hat, und daß eine Gruppierung der Phänomene stattgefunden hat, um die Überzeugung herbeizuführen, daß namentlich vielleicht die Steigerung derselben ein teilweises Produkt späterer Anordnung sei, die Folge nicht gerade in der angegebenen Weise stattgefunden habe. Prüft man aber die einzelnen Fälle für sich, so stimmen sie nach Wegrechnung des Volkscharakters, der natürlichen Umgebungen, des Bodens, auf dem sie spielen, dem Wesen nach mit den übrigen mystischen Erscheinungen der verschiedensten Zeiten und Völker überein und sind nicht mehr und nicht weniger wunderbar als diese, namentlich auch die spiritistischen Phänomene. Diese Übereinstimmung in der innern wesentlichen Beschaffenheit läßt demnach die Angaben Jacolliots so glaubwürdig erscheinen, wie die meisten andern, und wir befinden uns auch ihnen gegenüber in der gleichen Kontroverse einer Hervorbringung durch magische Kräfte lebender Menschen oder in der Regel unsichtbare Wesen, sogenannte Geister, welche die Lebenden, speziell die, welche man Medien nennt, als Organe ihrer Kundgebung brauchen. Man sieht aus den hier mitgeteilten Angaben, daß die Indier seit uralter Zeit sich für die letztere Meinung entschieden haben und ihre Pitris, die Geister der Vorfahren, für die hierbei Wirkenden ansehen. Haben sie recht, so muß man schließen, daß bei diesen Kräfte frei werden, die nicht an die sogenannten Naturgesetze gebunden sind, daß sie aber zur Bestätigung derselben in sehr vielen Fällen mit Lebenden in Verbindung treten, nicht sowohl als wenn sie dieselben zur Hervorbringung der Phänomene nötig hätten, als vielmehr durch diese ihr eigenes Dasein zu erweisen und wenigstens teilweise ihre Fähigkeiten dem Verständnis der Lebenden näher zu bringen. -- Was aber die Fakirs, Sanyassis, Nirvanys &c. betrifft, so ist kaum daran zu zweifeln, daß manche nicht dazu gelangen werden, das magische Vermögen in sich zu entwickeln, und dadurch der Versuchung verfallen, dasselbe zu simulieren, durch seinen Schein zu täuschen, daß sie von Magiern zu Taschenspielern herabsinken. Dieses würde, wie beim ägyptischen, Zend- und anderem Kultus geschehen ist, in dem Maße zunehmen, als der Brahmanismus seinem Verfall entgegen ginge, wovon jedoch bis jetzt nicht viel zu bemerken ist. Lachten doch schon in der spätern Zeit der Republik römische Auguren, wenn sie sich begegneten, und als die Römer nach Ägypten kamen, waren die Priester nur noch imstande, als Führer zu den alten Herrlichkeiten zu dienen.
Die Erfahrung aller Zeiten hat gelehrt, daß die Übung dieser Dinge für die Lebenden mit Gefahr verbunden ist, und daß sie auf Kosten ihrer Bestimmung für die gegenwärtige Form des Daseins vollzogen wird. Bekannt ist, wie gefährlich z. B. jene das visionäre Vermögen erweckenden Räucherungen sind, von denen schon Benvenuto Cellini erzählt, vor welchen Horst und Eckartshausen warnen und deren Wirkung auch Jacolliot erfahren hat. Um wie viel bedenklicher werden aber jene fortgesetzten asketischen Übungen sein, die in manchen Fällen zur Stigmatisation, in andern sonst zum Hinsiechen des Organismus führen. Wenn ein Trost für solche Hingebung zu finden ist, so wird er darin bestehen, daß durch sie Aufschlüsse über das innerste Wesen der menschlichen Natur erlangt worden sind, die auf anderem Wege nicht zu erhalten waren, und wenn jene Meinung richtig ist, welche die Wirkung oder doch Mitwirkung der nicht mehr im irdischen Leben Wandelnden behauptet, so wäre damit ein empirischer Beweis für die persönliche Fortdauer geleistet, ungleich wertvoller als alle Spekulation darüber. Und so hätten die Mystiker aller Zeiten, indem sie irdische Bestimmung wenigstens teilweise verfehlten, sehr oft auch das, was man irdisches Glück nennt, einbüßten, doch nicht umsonst gelebt und entbehrt, sondern der Menschheit einen sehr großen Dienst indirekt erwiesen. Dieses und nicht die vermeinte Gottgefälligkeit der sich jenen abnormen Zuständen Hingebenden oder von ihnen Überwältigten, scheint mir der Gesichtspunkt zu sein, von welchem aus sie zu würdigen sind.
Eine spezielle göttliche Einwirkung muß man wohl bei ihnen allen ausschließen; es erfolgen diese Vorgänge bei einer Gesetzmäßigkeit, wie sie durch die Weltvernunft für alle Gebiete des Seins festgestellt, aber für das in Frage stehende uns noch ganz verschleiert ist. Diese Dinge sind sehr wunderbar, aber kein Wunder im populären Sinn des Worts, wofür sie freilich der fromme Glauben aller Zeiten zu halten geneigt ist. Mit denjenigen aber ist nicht zu rechten, welche bei ihrer gänzlichen Unkenntnis dieses Gebietes mit dem Schlagwort »Betrug« die Thatsachen vernichten zu können glauben, welche aus Naturgesetzen, die hier nicht gelten, die Unmöglichkeit mystischer Erscheinungen erweisen wollen und den Beifall einer urteilslosen Menge der ernsten und unbefangenen Forschung vorziehen.
So weit Perty. Ich habe seinen Worten nichts hinzuzufügen.
Viertes Buch.
Der Occultismus der Ägypter.
Erstes Kapitel.
Der ägyptische Occultismus als Priesterwissenschaft.
Mehr als in jedem Land des Altertums -- Akkad vielleicht ausgenommen -- wurde der Occultismus und zwar zumeist in den Zweigen des Somnambulismus und Heilmagnetismus -- in Ägypten von den Priestern ausgeübt, deren ganze Lebensweise und Disziplin an die Brahmanen gemahnt. Schon Jamblichus sagt[275]:
»Die Priester verlegen sich nur auf die Erkenntniß Gottes, ihrer selbst und der Wahrheit. Sie beachten nicht einen eitlen Ruhm bei ihren heiligen Handlungen und geben der Phantasie keinen Platz.«
Bekanntlich waren sie gleich den Brahmanen die herrschende Kaste und ihr Rang dem des oft von ihnen beherrschten und ihrer Kaste angehörigen Königs gleichgestellt. Wie die Brahmanen führten sie die strengste Lebensweise und abermals wie diesen waren auch ihnen wiederholte tägliche Waschungen vorgeschrieben. Ihre Kleidung bestand aus Baumwolle und Leinwand, und ihre Sandalen waren aus Papyrus gefertigt. Ihre Diät war zumeist die vegetarische, jedoch genossen sie auch zuweilen Fleisch, welches jedoch vorher von besonders dazu angestellten Beamten besichtigt werden mußte, die dasselbe, wenn sie es für rein und gesund erkannten, mit einem Stempel bezeichneten. Schweinefleisch genossen sie nur zur Zeit des Vollmonds, und Fische -- ganz besonders aber Seefische -- waren ihnen ebenfalls verboten. Von Pflanzenkost waren ihnen die Hülsenfrüchte und Zwiebeln verboten, und zwar -- wie Plutarch meint -- erstere, weil sie zu stark nähren und Blähungen erzeugen, letztere wegen ihrer stimulierenden Wirkung und weil sie zum Durst reizen. Wein durften sie nach einigen alten Schriftstellern nicht trinken, nach anderen war es jedoch gestattet. Sprengel sucht diesen Widerspruch dergestalt zu erklären[276], daß er annimmt, der Wein sei erst zu Psammetichs Zeiten in Ägypten eingeführt worden und auch dann noch ein Privilegium der höheren Stände gewesen.
Die ägyptischen Priester waren bekanntlich in verschiedene Grade und Klassen geteilt, von denen einige -- wie die Fakire -- magisch- mediumistische Künste ausübten, andere die Astrologie pflegten, wieder andere magisch-magnetische Heilkunst trieben und Somnambulismus hervorriefen. Sie teilten ihre geheimen Künste keinem nicht zur Kaste gehörenden mit, und lange war es Ausländern unmöglich, in dieselbe aufgenommen zu werden.
Die ersten Fremden, welche der Tradition zufolge in die Tempelgeheimnisse eingeweiht wurden, waren Orpheus, Thales und Pythagoras.
Von letzterem erzählt Porphyrius[277]:
»Pythagoras bat vor seiner Reise nach Ägypten den Polykrates, König von Samos, um ein Empfehlungsschreiben an den ägyptischen König Amasis, damit man ihn dort in die geheimen Lehren der Priester einweihe. Der König gab es ihm, allein die Helipoliten, an die er sich zuerst wendete, schickten ihn nach Memphis, gleichsam zu den Höheren und Älteren. Zu Memphis wurde er unter demselben Vorwand zu den Diospoliten oder Thebanern entlassen. Da diese aus Furcht vor dem König nichts mehr vorzuschützen wußten, kamen sie überein, ihn durch übermäßiges Arbeiten und Druck von seinem Vorhaben abzuwenden. Da aber Pythagoras auf das Pünktlichste Alles erfüllte, so wunderten sie sich darüber so sehr, daß sie ihn einweihten und ihren Geheimnissen beiwohnen ließen, was sonst keinem Fremden gelang.«
Wie allbekannt, spricht die Bibel von ägyptischen Magiern, Traumdeutern, und die Hofzauberer Pharaos kennt jedes Kind. Auch Homer deutet Ähnliches an, wenn er singt[278]:
»Aber ein Neues ersann die liebliche Tochter Kronions: Siehe, sie warf in den Wein, wovon sie tranken, ein Mittel Gegen Kummer und Groll und aller Leiden Gedächtniß. Kostet einer des Weins, mit dieser Würze gemischet, Dann benetzt den Tag ihm keine Thräne die Wangen, Wär ihm auch sein Vater und seine Mutter gestorben, Würde vor ihm sein Vater und sein geliebtester Sohn auch Mit dem Schwerte getödtet, daß seine Augen es sähen. Siehe, so heilsam war die künstlich bereitete Würze, Welche Helenen einst die Gemahlin Thons, Polydamna, In Aegyptos geschenkt. Dort bringt die fruchtbare Erde Mancherlei Säfte hervor zu gut und schädlicher Mischung; Dort ist jeder ein Arzt und übertrifft an Erfahrung Alle Menschen, denn wahrlich, sie sind vom Geschlechte Paons.«
Die Heilgottheiten der Ägypter waren Isis, Horus, Serapis, Osiris, Apis und Phtha.
Bezüglich der Isis sagt Diodorus Siculus[279]:
»Die Aegypter versichern, daß Isis ihnen in der Arzneikunst große Dienste geleistet habe durch heilsame Mittel, die sie entdeckte; daß sie jetzt, wo sie unsterblich geworden, an dem Gottesdienst der Menschen ein besonderes Wohlgefallen habe und sich vorzüglich um ihre Gesundheit bekümmere; daß sie ihnen durch Träume zu Hülfe komme, womit sie ihr ganzes Wohlgefallen offenbare. Die Probe ist darüber festgesetzt nicht durch Fabeln, wie bei den Griechen, sondern durch gewisse Thatsachen. In der That, alle Völker der Erde geben Zeugniß von der Macht dieser Göttin in Bezug auf Heilung von Krankheiten durch ihre Verehrung und Dankbarkeit. Sie zeigt in den Träumen denjenigen, die leidend sind, die für ihre Krankheiten geeigneten Mittel an, und die treue Erfüllung ihrer Verordnungen hat gegen die Erwartung aller Welt Kranke gerettet, die von den Ärzten aufgegeben waren.«
Die berühmtesten Isistempel befanden sich zu Memphis und Busiris.
Horus, der Sohn der Isis, hatte nach dem Glauben der Ägypter von seiner Mutter die Heilkunst erlernt und wurde namentlich in seiner späteren Gestaltung als Harpokrates als Heilgott verehrt. Höhere Verehrung genoß Serapis, dem nach Jablonski zweiundvierzig Tempel geweiht waren, von denen sich die berühmtesten zu Memphis, Canopus und besonders in Alexandria befanden. Strabo sagt von Serapis[280]:
»In seinen Tempeln ist eine große Gottesverehrung, wo viele medicinische Wunder geschehen, an welche die berühmtesten Männer glauben und für sich und andere den Tempelschlaf pflegen.«
Der Serapistempel zu Canopus wurde von den angesehensten Personen mit großer Ehrfurcht besucht und nach Strabo befanden sich im Innern desselben eine Menge Wunderkuren enthaltende Weihetafeln.
Der berühmteste Serapistempel war bekanntlich der zu Alexandria, wo auch die von Kaiser Vespasian ausgeübten magnetischen Heilungen sich ereigneten. Tacitus erzählt dieselben folgendermaßen[281]:
»Als Vespasian sich zu Alexandrien aufhielt, geschahen sehr viele Wunder, wodurch besonders sich die göttliche Gewogenheit und Zuneigung für Vespasian offenbarte. Irgend ein gemeiner und wohlbekannter Blinder von Alexandrien kam auf Anrathen des Gottes Serapis zu den Knieen des Kaisers, mit Thränen um Hülfe rufend. Er bat den Kaiser, daß er seine Augen mit seinem -- des Kaisers -- Speichel benetzen möchte. Ein anderer an der Hand Gelähmter bat gleichfalls auf Anrathen des Serapis, daß ihn der Kaiser mit seinem Fuß berühren, d. h. mit der Fußsohle treten möchte.«
»Allein Vespasian lachte zuerst, war ungehalten und fürchtete, als jene dringend zu bitten fortfuhren, in den Ruf der Eitelkeit zu kommen; endlich aber wurde er durch ihr Flehen, durch den Zuspruch und durch die Liebkosungen Anderer zur Hoffnung bewegt. Zuletzt ließ er die Ärzte entscheiden, ob eine solche Blindheit und Schwäche durch menschliche Hülfe zu heilen wäre. Die Ärzte sprachen hin und her und meinten, die ganze Sehkraft sei noch nicht erloschen[282], und das Gesicht könne wiederkehren, wenn nur die Hindernisse gehoben werden könnten; allein der Kaiser versuchte es vor der Versammlung, und der glückliche Erfolg blieb nicht aus. Jener andere könne seine bösen Gliedmaßen wieder heilen, wenn irgend eine hülfreiche Kraft angewendet würde. Zu diesem göttlichen Dienst könne vielleicht der Kaiser ausersehen sein. Und endlich würde der Ruhm der geleisteten Hülfe immer dem Kaiser bleiben, der Spott aber im Falle des Fehlschlags die armen Kranken treffen. Vespasian vollzog also im Glauben, daß seinem Glücke Alles offen stehe, und daß nichts unmöglich sei, mit freudigem Gesicht vor der aufs Äußerste gespannten Versammlung das Gebot. Der Eine gebrauchte gleich seine Hand und dem Blinden schien das Tageslicht. Alle, die gegenwärtig waren, stimmen bezüglich der Wahrheit mit einander überein, daher erwartet die Lüge umsonst ihren Preis.«
Eine weitere Heilgottheit war Apis, von welchem Plinius berichtet[283]:
»In Aegypten wird ein Ochse, den sie Apis nennen, göttlich verehrt; er hat an der rechten Seite einen glänzenden weißen Fleck, welcher mit dem Neumonde zu wachsen beginnt.[284] Er darf nur ein gewisses Alter erreichen, dann ertränken ihn die Priester und suchen klagend nach einem andern an dessen Stelle. Nachdem sie einen gefunden haben, führen ihn die Priester nach Memphis, wo das Orakel blos durch Zeichen und Deutungen künftige Dinge verkündete. Aus der verschiedenen Haltung, aus den Bewegungen und dem Thun des Ochsen pflegten sie wahrzusagen, indem ihm die Rathfragenden Speise darboten. Aus der verschiedenen Zu- oder Abneigung, solche anzunehmen, leitete man seine Antworten ab.[285] So stieß er z. B. die Hand des Kaisers Augustus von sich, worauf derselbe nach kurzer Zeit starb. Apis lebt ganz verborgen; wenn er sich aber einmal losreißt, so treiben die Lictoren das Volk aus dem Wege und eine Herde Knaben begleitet ihn, Loblieder zu seiner Ehre singend, was er zu verstehen scheint.«
Phtha ist das Bild des unendlichen Geistes, der Alles schuf. Er ist ein feines ätherisches Feuer, welches unaufhörlich fortleuchtet, und dessen Glanz weit über den der Sterne und Planeten erhaben ist. Er ist also gewissermaßen das Symbol des Astral- oder odischen Lichtes, welches ja bekanntlich bei somnambulen und heilmagnetischen Vorgängen eine große Rolle spielt. Der berühmteste Phthatempel befand sich zu Memphis und hatte wie die Isistempel die Inschrift: »Ich bin, der ich bin, und kein Sterblicher hat mein Geheimniß entdeckt.«
Über das, was im Innern dieser geheimnisvollen Tempel vorging, haben wir bruchstücksweise überlieferte Nachrichten, denn den Uneingeweihten war der Zutritt gänzlich untersagt, und die Eingeweihten -- selbst die Griechen -- hielten den abgelegten Schwur des Stillschweigens.
Dennoch wissen wir aber, daß, wie im nächsten Kapitel näher ausgeführt werden soll, Hervorrufung von Somnambulismus und heilmagnetische Praxis eine Hauptrolle spielte. Die Vorbereitung dazu bestand in Fasten, Baden, Reinigung, Salben und Reiben; in an die Götter gerichteten Gebeten und Lobpreisungen, während feierliche Opfer, heilige Ceremonien und geheimnisvolle Musik in tiefer Dunkelheit die Seele der Gläubigen in mystische Schwingungen versetzte.
Vom Priester selbst sagt Jamblichus:
»+Ipse sacerdos, antequam det oracula, multa rite peragit sacrificia, observat sanctimonium, lavatur; triduum prorsus abstinet cibo, habitat in secessu, jamque incipit paulatim illuminari mirificeque gaudere.+«
Betrachten wir nun das magnetische Verfahren der Ägypter selbst.
Zweites Kapitel.
Der Heilmagnetismus bei den alten Ägyptern.[286]
Auf der auf der Pariser Nationalbibliothek befindlichen sogen. Bentrosch-Stele von dreitausendjährigem Alter wird die glückliche Heilung der besessenen Tochter eines mesopotamischen Fürsten erzählt, und es kann nicht der mindeste Zweifel obwalten, daß die Heilung durch Hypnotismus und Heilmagnetismus geschah.
Der Text der Bentrosch-Stele lautet nach der Übersetzung des Professor Dr. Lauth in München[287]:
»Siehe, es befand sich Se. Majestät in Nahar gemäß seiner alljährlichen Gepflogenheit. Die Großen jedes Fremdlandes zogen als Gebückte, als Friedfertige mit Opfergaben vor die Geistigkeit Sr. Majestät von den äußersten Hinterländern her. Sie brachten ihre Tribute an Gold, Silber, Lapis Lazuli, Kupfer und allen Holzarten des heiligen Landes auf ihren Rücken; ein jeglicher suchte seinen Nebenmann zu überbieten. Da ließ auch der Fürst des Landes Buchtan herbeigebracht werden seine Tribute und gab ihm seine älteste Tochter an der Spitze derselben, indem er anrief Se. Majestät und das Leben erbat von demselben. Es war dies ein schönes Weib, überaus geschätzt von Sr. Majestät über Alles. Sofort schrieb man ihren Titel als königliche Hauptfrau mit dem Namen Ranofru 'Sonne der Schönheiten'. Nachdem Se. Majestät der König nach Ägypten gelangt war, vollbrachte er ihr alle Ceremonien, die einer königlichen Hauptfrau gebühren.«
»Im Jahre 15 am 22. Payni[288] geschah es nun, daß sich Se. Majestät in der Stadt Theben befand, der siegreichen, der Gebieterin der Städte, beschäftigt mit Lobpreisungen des Vaters Amun, des Herrn der Throne beider Welten, an seinem schönen Panegyrienfeste im südlichen Apt, seinem Lieblingssitze von Anfang. Da kam man zu sagen Sr. Majestät: 'Es ist ein Bote des Fürsten von Buchtan da, gekommen mit zahlreichen Geschenken für die Königsfrau', und sofort wurde dieser vor Se. Majestät gebracht mit den Geschenken. Alsdann sprach er, den Boden küssend vor Sr. Majestät: 'Preis Dir, Du Sonne der neun Völker! Gestatte uns zu leben bei Dir! Ich komme zu Dir, o Großkönig, mein Gebieter, in Betreff der Bentrosch, deiner jüngern Schwester von Seiten der Königsfrau Ranofru. Ein Übel ist eingedrungen in ihre Glieder. Möge darum abreisen lassen Deine Majestät einen Sachverständigen, um sie zu besehen.' Sofort sprach Se. Majestät: 'Bringet mir die Schreiber des Hierogrammatenhauses und die Gelehrten der Geheimnisse des Adytum!' Sie wurden auf der Stelle herbeigeführt. Da sprach Se. Majestät: 'Warum hat man Euch rufen lassen? Damit ihr höret dieses Wort: Sofort liefert mir einen Künstler in seinem Herzen, einen Schreiber (Operateur) mit seinen Fingern aus Eurem Kreise.' Nachdem nun der Basilicogrammate Thotemhebi vor Se. Majestät getreten war, befahl ihm Se. Majestät, daß er ausziehe gen Buchtan mit diesem Boten. Als nun aber gelangt war der Sachverständige gen Buchtan, traf er die Bentrosch im Zustande einer von einem Dämon Besessenen, und fand sich selbst zu schwach, um mit demselben zu kämpfen. Da sandte der Fürst von Buchtan wiederum einen Boten an Se. Majestät mit den Worten: 'O Großkönig, mein Herr, es möge befehlen Se. Majestät, daß gebracht werde der Gott Chonsu selber.'[289] Es ereignete sich nun, daß Se. Majestät im Jahre 26 im Monate Pachon[290] zur Zeit der Amunspanegyrie im Innern von Theben sich befand. Da trat Se. Majestät wieder vor Chonsu nofer hotep[291] mit den Worten: 'O gütiger Herr, ich bin wieder vor dir in Betreff der Tochter des Königs von Buchtan.' Sofort wurde gebracht Chonsu nofer hotep zu Chonsu p-ari secher[292], dem großen Gott, welcher vertreibt die Unholde. Alsdann sprach Se. Majestät vor Chonsu nofer hotep: 'O du gütiger Herr, wenn du doch wendetest dein Antlitz gen Chonsu p-ari secher, welcher vertreibt die Unholde, damit er ziehe gen Buchtan.' Zunickung, große, große. Alsdann sprach der König: 'Gieb deinen Segen mit ihm, damit ich ziehen mache Se. Heiligkeit gen Buchtan, um zu erlösen die Tochter des Fürsten von Buchtan.' Zunickung des Hauptes, große, große, von Seiten des Chonsu nofer hotep. Sofort machte er den Segen viermal über den Chonsu p-ari secher. Es befahl dann Se. Majestät, daß man ausziehen mache Chonsu p-ari secher auf einer großen Barke mit fünf Schifflein, einem Wagen und zahlreichen Pferden rechts und links. Als nun gelangt war dieser Gott gen Buchtan in einer Dauer von 1 Jahr 5 Monaten, siehe da kam der Fürst von Buchtan mit seinen Soldaten und Edeln entgegen dem Chonsu p-ari secher, dem Planausführenden. Derselbe that sich auf seinen Bauch, indem er sprach: 'Du kommst zu uns, du läßt dich bei uns nieder nach der Weisung des Königs Vesu-ma-Ra sotep-en-Ra.'«
»Sofort begab sich dieser Gott[293] zu dem Ort, wo Bentrosch sich aufhielt. Alsdann machte er den Segen über die Tochter des Fürsten von Buchtan: gut ward sie augenblicklich. Hierauf sprach der Dämon, der mit ihr war, vor Chonsu p-ari secher[294]: 'Komme in Frieden, großer Gott, welcher vertreibt die Unholde: Deine Stadt ist Buchtan, deine Sklaven sind seine Bewohner; auch ich bin dein Sklave: ich werde fortgehen zu dem Ort, von dem ich ausgezogen bin, um zu befriedigen dein Herz in Betreff dessen, weshalb du gekommen bist. Nun möge Deine Heiligkeit befehlen, daß man begehe einen Festtag mit mir und dem Fürsten von Buchtan.' Sofort nickte dieser Gott gegen seinen Propheten mit den Worten: 'Lasse veranstalten den Fürsten von Buchtan ein Speiseopfer vor diesem Dämon.' Während nun Chonsu p-ari secher dies mit dem Dämon verhandelte, stand der Fürst mit seinen Soldaten dabei, sich gar sehr fürchtend. Indessen veranstaltete er ein großes Opfer vor Chonsu p-ari secher und vor diesem Dämon; der Fürst von Buchtan hielt ein Freudenfest für sie. Hierauf ging der Dämon in Frieden an den Ort, den er liebte, auf Befehl des Chonsu p-ari secher.«
»Da war der Fürst von Buchtan aufjubelnd über alle Maßen sowie jede Person, welche in Buchtan war. Alsdann überlegte er in seinem Herzen, indem er bei sich sprach: 'Es könnte werden dieser Gott eine Gabe für Buchtan; ich werde ihn nicht heimziehen lassen nach Ägypten.' So blieb derselbe 3 Jahre 9 Monate in Buchtan. Da lag der Fürst von Buchtan einstmals auf seinem Bette und sah träumend, wie dieser Gott herausging aus seinem Hause, in Gestalt eines Goldsperbers aufschwebend himmelwärts gen Chemi. Nachdem er vor Entsetzen aufgewacht war, sagte er sofort zu den Theodulen des Chonsu p-ari secher: 'Dieser Gott, welcher bei uns weilt, will gen Chemi ziehen. Lasse also seinen Wagen fahren gen Chemi.' Alsdann ließ der Fürst von Buchtan fortziehen diesen Gott gen Chemi, indem er ihm mitgab Geschenke, viele von allen guten Dingen, Soldaten und zahlreiche Pferde; sie gelangten in Frieden nach Theben. Alsdann ging Chonsu p-ari secher zum Tempel des Chonsu nofer hotep, und er legte die Geschenke, die ihm der Fürst von Buchtan gegeben hatte, an allen guten Dingen, vor Chonsu nofer hotep; er that nichts in sein eigenes Haus. Es gelangte Chonsu p-ari secher zu seinem Hause in Frieden im Jahre 33 am 19. Mechir[295] des Königs von Ober- und Unterägypten Vesu-ma-Ra sotep-en-Ra, der dieses Denkmal geschaffen hat. Möge er Leben spenden gleich dem Sonnengott immerdar.«
Soweit der Text der Bentrosch-Stele.
Festzuhalten ist, daß Chonsu Heilgott ist, welcher durch geistige, magische Kraft heilt.
Wir sehen aus der Erzählung, daß die Schwägerin eines ägyptischen Königs -- es ist Ramses XII. gemeint -- erkrankt, resp. besessen ist. Da die Kunst der einheimischen Ärzte nicht geholfen zu haben scheint, so wurde eine Gesandtschaft abgeschickt, um einen der in hohem Rufe stehenden ägyptischen Ärzte herbeizuholen. Ramses läßt sich darauf einen geeigneten Mann bezeichnen, einen -- wie Prof. Dr. Lauth übersetzt -- »Künstler in seinem Herzen, einen Schreiber (Operateur) mit seinen Fingern.« -- Setzt man nun die Kenntnis des Heilmagnetismus und Hypnotismus bei den Ägyptern voraus, wozu sich die Berechtigung bald ergeben wird, so wird man die Stelle anders übersetzen müssen. Deshalb übersetzt auch der französische Ägyptologe Vicomte de Rougé: »Ein Mann mit intelligentem Herzen, ein Meister mit geschickten Fingern.« -- Allein nach Lambert ist auch dies nicht ganz richtig, insofern »Herz« für »Wille« gebraucht wird, und er sagt deshalb[296]:
»Es hat also nach dieser Analyse alle Berechtigung, wenn ich den Befehl des Pharao so verstehe, daß ihm ein Mann bezeichnet werde, der 'Herr seines Willens und Meister seiner Finger' sei. Bei der letzteren Eigenschaft ist jedoch weniger an einen Operateur, als an einen tüchtigen Hypnotiseur und Magnetiseur zu denken, weil ein solcher sowohl mit seiner Hand als mit seinem Willen arbeiten muß.«
Der erwählte ägyptische Hypnotiseur, der älteste, dessen Namen bekannt wurde, hieß Thotemhebi. Als derselbe nach Buchtan kam, gewahrte er, daß Bentrosch besessen war, und versuchte sie ohne Erfolg zu heilen. Es vergingen elf Jahre, ohne daß die Leidende gesund wurde, worauf deren Vater abermals eine Gesandtschaft nach Ägypten schickte mit der Bitte, man möge doch einen Gott nach Buchtan schicken. Wie sich aus dem Zusammenhang klar ergiebt, wird hier »Gott« euphemistisch für einen Priester der oberen hierarchischen Stufen gebraucht. Der Pharao begiebt sich also nach dem Tempel des Chonsu und bittet den Chonsu nofer hotep, welcher offenbar als Oberpriester zu betrachten ist, er möge den Chonsu p-ari secher, einem unter diesem stehenden Priester, seinen Segen oder seine Kraft mitteilen. Dies wird gewährt, und der Chonsu nofer hotep macht die segnende Bestreichung -- +sa+ -- viermal. Für dieselbe wird folgende Hieroglyphe gebraucht:
Darauf wird der Chonsu p-ari secher nach Buchtan geleitet, wo er die besessene Bentrosch durch eine segnende Bestreichung heilt, die mit folgender Hieroglyphe bezeichnet wird:
Über die Bedeutung dieser Segen lasse ich nun Lambert selbst sprechen:
»Was sind nun diese verschiedenen Segen? Ich denke, ich werde keinem Widerspruch begegnen, wenn ich dieselbe für mesmerische Bestreichungen, und ihre verschiedenen, durch die beiden Hieroglyphen deutlich dargestellten Formen für die Schemata halte, nach denen die Striche geführt wurden. Der Segen ist ja in seiner ursprünglichen Wesenheit wohl nichts Anderes als ein Ausströmenlassen einer Kraft aus seinen Händen.«