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VII. Ostindien

Part 5 of 6 · Hirschberg, J. (Julius) · Public domain text

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Source: Project Gutenberg e-text #52353, public domain in the United States · text not rewritten or summarized · How RedLectern is built

 

Contents (9)
  1. Opening about 4 min
  2. I about 30 min
  3. II about 17 min
  4. III about 24 min
  5. IV. Japan about 2 h 59 min
  6. V about 1 h 12 min
  7. VI. Ceylon about 1 h 59 min
  8. VII. Ostindien about 4 h 23 min
  9. VIII. Heimfahrt about 1 h 30 min

Continue:

VII. Ostindien

Der Dampfer +Shannon+ ist überfüllt. Meine Cajüte gehört zur ersten Classe nur durch den Fahrpreis, den ich zahlen musste; sie ist schlecht gelüftet und dunkel, da ihre Fenster nicht auf das freie Meer, sondern auf den Gang hinausgehen. Auf letzterem schlafen +missbräuchlich+ die braunen Kinderfrauen (Aya) der englischen Familien. Aber ich bin wenigstens allein und ungestört in meinem engen Kämmerlein. Vor der Abfahrt beginnt wieder an Bord die Belästigung seitens der Händler und Wechsler. Dazu kommt das Geschrei der Knaben und Jünglinge, die im Katamoran, nur ein Stück Bambus als Ruder benutzend, das Schiff umkreisen und nach Münzen tauchen.

Nachmittags um 1 Uhr fahren wir ab, und zwar um die Südspitze von Ceylon herum, da die Meerenge zwischen der Insel und dem Festland (Palk-Strasse), wegen der Untiefen zwischen den Riffen der Adams-Brücke, für grössere Dampfer nicht fahrbar ist. Der Weg von Colombo nach Calcutta misst nur 1380 Seemeilen, dauert aber nicht weniger als sechs Tage, da einerseits in +Madras+ gehalten wird, andrerseits die ziemlich gefährliche Einfahrt in den +Hugli-Fluss+, an dem Calcutta liegt, uns zweimal zwingt, längere Zeit vor Anker zu liegen, um die Fluth abzuwarten.

* * * * *

Log-Bericht.

Donnerstag, 24. November, 7° 40´ N., 82° 2´ O., 270 Seemeilen.

Freitag, 25. November, 12° 23´ N., 80° 50´ O., 292 Seemeilen. (53 bis Madras). Nachmittag von 5 bis 10 Uhr in Madras.

Sonnabend, 26. November, 15° 2´ N., 82° 23´ O., 170 Seemeilen.

Sonntag, 27. November, 18° 47´ N., 85° 50´ O., 300 Seemeilen.

Montag, 28. November, ankern wir von 6 bis 10 Uhr V. vor der Insel Saugar, an der Mündung des Hugli; und Nachmittags wieder bei dem Diamant-Hafen bis Dienstag Morgens 6½ Uhr.

Dienstag, 29. November, Mittags ankern wir im Hafen von Calcutta.

* * * * *

Auf dem Schiff sind kaum noch Amerikaner: dagegen zwei Paare englischer Erdumwandrer, die ich von der Empress her kannte. Die meisten Cajüt-Reisenden sind „nach Indien gebundene“ Engländer: Officiere, Beamte, Kaufleute mit Weib, Kind, Säugling, Kinderfrau und Amme. Ich lerne einen gebildeten, greisen, englischen Civil-Ingenieur kennen, der zu seinem Vergnügen und zur Belehrung nach Indien reist. Mit ihm war, zumal ich einiges von den Schriften seines Vaters, eines Astronomen, und seines Bruders, eines Physikers, kannte, eine gebildete Unterhaltung möglich. Das kann ich von den meisten Engländern des Schiffes nicht behaupten. Da war zunächst der jugendliche Schiffsarzt, der mir erklärte, dass die englische Heilkunde viel weiter vorgeschritten sei, als die deutsche; aber nach kurzer Prüfung in der einen ebenso unwissend befunden wurde, wie in der andern. Da war ein englischer Beamter, der bei Tisch die abfälligsten Aeusserungen über mein Vaterland sich erlaubte und nachdrücklichst zum Schweigen gebracht werden musste. Selbst einer meiner alten Reisegefährten von der Empress, ein Gymnasialprofessor, trieb es ebenso; wurde aber weit angenehmer, als ich mir nichts gefallen liess, sondern sofort zum Angriff auf englische Zustände vorging. Die Damen waren gebildeter, namentlich meine Tischnachbarin, eine irische Beamten-Gattin, und die Frau eines Officiers, welche mit Begierde die Gelegenheit ergriff, einmal wieder deutsch zu sprechen. Sie war in Deutschland erzogen. Rührend und eigenartig ist die Zuversicht dieser Officiersfrauen: „Noch achtzehn Jahre der Verbannung in Indien; dann können wir in der Heimath herrlich leben.“ Es ist richtig; der englische Officier bekommt nach 25jähriger Dienstzeit in Indien tausend Pfund Sterling jährlich als Ruhegehalt; aber nur der dritte Theil dieser zweiten Söhne erlebt es. Die andern müssen früher nach Europa zurückkehren, oder sie finden ihr Grab in Indien.

Am zweiten Tage der Fahrt, Donnerstag, den 24. November, Morgens 6 Uhr, d. h. siebzehn Stunden nach der Abfahrt, ist die bergige Küste von Ceylon noch sichtbar, Mittags die Nordspitze mit den vorgelagerten Inseln. Das Meer ist spiegelglatt. Abends fällt Regen. Am Morgen des 25. November bin ich vor 6 Uhr auf Deck. Der Ost ist rosig gefärbt. Plötzlich blitzt am Horizont ein Strahl auf, und die obere Kuppe der Sonne wird sichtbar. Wer diese uns Inland- und Städte-Bewohnern so ganz unbekannte Erscheinung öfters gesehen, wird leicht verstehen, wie die küsten- und inselbewohnenden Griechen das Auf- und Eintauchen der Sonnen-Rosse so darstellen konnten, wie sie es am Parthenon gethan.

Ich lese +Thackeray’s+ Vanity fair und bereite mich auch für Indien vor. Nachmittags erscheinen die niedrigen Berge des indischen Festlandes, die mir wieder das oft genossene, aber stets von Neuem erfreuliche Vergnügen bereiten, die Kugelgestalt der Erde zu beweisen: erst erscheinen auf dem Wasserspiegel zwei getrennte Zacken, die ich sorgfältig aufzeichne; später hebt sich auch die Verbindungslinie derselben.

Nachmittag um 5 Uhr sind wir in +Madras+. Dies ist die dritte Stadt Indiens nach der Zahl der Einwohner (452000) und die Hauptstadt der gleichnamigen Präsidentschaft oder Provinz mit einem Gebiet von 361000 Quadratkilometer und 30 Millionen Einwohnern.

Die ganze Koromandel-Küste von Ceylon bis Orissa hat +keinen Hafen+. Ein Wellenbrecher ist am Nordende der Stadt Madras gebaut in Gestalt von zwei rechten Winkeln, die gegeneinander schauen und mit ihren freien Schenkeln eine enge Zufahrt offen lassen. Draussen tobt die Brandung, und zwar darum besonders stark, weil erst eine englische Meile vom Festland die Tiefe von 10 Faden erreicht wird; drinnen ist das Wasser spiegelglatt; an der Mitte des so abgegrenzten Festlandstreifens springt ein Damm in das umschlossene Rechteck des Hafens vor. Die kostbare Anlage ist nach Ansicht der Engländer nicht als gelungen zu betrachten. Heftige Wirbelstürme wüthen von Zeit zu Zeit an dieser Küste und haben öfters sämmtliche Schiffe zerstört, die vor Madras ankerten. Zur Zeit sind nur wenige Dampfer hier, trotz der neuen Schutzanlagen.

Die Bootsleute, welche Reisende an’s Land schaffen wollen, in den flachen Masula-Barken, die aus Mango-Holz mit Cocos-Stricken, ohne Nägel hergestellt sind, mit sonderbaren Rudern, die ein kleines kreisrundes Blatt an langer Stange darstellen, sind gradezu grässlich, weit schlimmer, als ich es 1884 in Tunis erlebt. Hier wäre eine kräftige Hafenpolizei am Platz.

Da es schon spät ist, verzichte ich auf das zweifelhafte Vergnügen, an’s Land zu gehen, nur um sagen zu können, dass ich in Madras gewesen und den Vice-König gesehen, der grade die Stadt mit seinem Besuche beehrte. Die grösseren neuen Gebäude, namentlich das Obergericht (High court), sehe ich vom Schiff aus.

Sehr bald beginnt ein unerhörtes +Gewühl+ am Schiffsbord. Aufdringlichste Verkäufer bieten gestickte Decken, Pantoffeln, Florgewebe, ineinander geschachtelte Körbe an. Eine +Gaukler-Familie+ erscheint und macht unter andern das gewöhnliche Kunststück der +Spiritisten+, aber bei Tagesbeleuchtung und auf den Planken des Schiffverdecks: eine junge Frau mit zahllosen Ohr- und Nasenringen wird an Händen und Füssen gebunden, in ein Netz aus Stricken gethan, noch einmal gebunden, auf den Boden gelegt, mit einem Korb überdeckt, dieser mit einem Degen in senkrechter und schräger Richtung durchstochen; -- und schliesslich kriecht sie unverletzt und ungebunden unter dem Korb hervor und bettelt die Reisenden an. Abends 10 Uhr fahren wir ab.

Nachdem ich unter fleissigem Studium den englischen Sonntag an Schiffsbord glücklich überstanden, merkte ich Montag, den 28. November, Morgens früh um 6 Uhr, dass wir +vor Anker+ liegen, und zwar gegenüber der niedrigen Tiger-Insel (+Saugar Island+) mit Flaggenstange, einem eisernen Leuchtthurm (von 75 Fuss Höhe, aus dem Jahre 1808) und mit einer kleinen Festung, in dem gelben Wasser des Hugli-Flusses, der zu den Mündungen des Ganges gehört, ja früher die hauptsächlichste gewesen sein soll.

Der Hugli ist höchst +gefährlich+, kann bei Nacht gar nicht und bei Tage nur +mit+ der Fluth befahren werden. Abgesehen von gelegentlichen Stürmen bilden sich fortwährend neue Sandbänke in dem Flusse. Nur die tägliche Erfahrung der Lootsen giebt Sicherheit. Diese Leute sind ganz besonders gut bezahlt und geachtet.

Die Gefährlichkeit des Flusses sehen wir bald mit eignen Augen; sowie wir in das gelbe Wasser hineinfahren, begegnen wir den traurig aus dem Wasser emporragenden Masten des Wracks der +Anglia+, eines grossen Dampfers, der vor acht Monaten hier zu Grunde gegangen. Wir werfen auch Nachmittags vor +Diamant-Harbour+ wieder Anker und verbleiben so über Nacht.

Abends ist Ball auf dem Schiff. Aber der ist schöner auf dem Norddeutschen Lloyd. Das Klavier aus dem Salon war auf Deck geschleppt worden, ein Sonder-Ausschuss hatte sich gebildet, eine Tanzordnung war geschaffen, die höchst gefallsüchtigen Damen tanzten nur mit denjenigen Herrn, die ihnen vorgestellt waren.

Bis 6½ Uhr Morgens, Dienstag, den 29. November, liegen wir vor Anker. Die Ufer des mächtigen Flusses sind grün und fruchtbar. Beim ersten Anblick sieht das Land aus wie in Europa, bis Palmen und Dörfer der Hindu erscheinen, die uns eines andern belehren. Kähne mit braunen „Vettern“ füllen den Fluss, gegen dessen Verheerungen die Felder durch mächtige Dämme geschützt sind. Der Fluss wird enger, die Schifffahrt belebter, Zuckerrohrpflanzungen, Baumwollenfabriken erscheinen, der Aussenhafen von Calcutta, Ziegeleien, endlich ein Wald von Masten: wir sind in +Calcutta+, der Hauptstadt des Kaiserreichs Indien.

Schon vorher waren die +Zollbeamten+ an Bord gekommen. Sie benahmen sich sehr höflich. Die Geheimnisse der Reisekoffer zu enthüllen lag ihnen fern; sie forschten nur nach zwei Dingen, Schnaps und Opium, die +Niemand+ in zollpflichtiger Menge bei sich führte; und nahmen Schiesswaffen nebst Ladung in Verwahrung, die +Jeder+ mit sich führte. Sogar der Globetrotter-Jüngling von sechzehn Jahren holte seinen Revolver aus der Tasche.

Es ist unrichtig, dies eine Beschlagnahme zu nennen, und überflüssig, den Consul zur Wiedererlangung der Waffen zu behelligen. Seit dem grossen Aufstand von 1857 hat die Regierung von Indien die Einfuhr von Waffen und Schiessbedarf einerseits unter Aufsicht genommen, andrerseits erschwert durch einen Zoll von einem Zehntel des Werthes.

Am folgenden Tag geht man zum Zollhaus, zahlt ein Zehntel des zu erklärenden Werthes der Waffe und erhält dieselbe sofort zurück. Es ist das ja ein wenig langweilig, trotz des trinkgeldsüchtigen Babu[422], der sofort erscheint und mit dem Fremden durch die verschiedenen Räume eilt, -- aber durchaus nicht schlimm. Angeblich soll man die gezahlte Summe in Bombay zurückfordern können, wenn man die Waffe wieder aus Indien ausführt. Doch macht der gewöhnliche Reisende davon keinen Gebrauch. Uebrigens soll trotz aller Vorsicht der Regierung ein schwungvoller Waffenschmuggel bestehen.

Am Lande werden die Koffer nicht geöffnet. Die Beamten bereiten dem Fremden keine Schwierigkeit, wohl aber die zerlumpten Träger, welche die Koffer auf das Droschkendach heben und unvernünftige Forderungen stellen, und die ebenso zerlumpten Führer, die sich mit hinaufschwingen und für den +Nachweis+ der Droschke -- deren Hunderte dastehen, -- und des Hotels, das dem Kutscher genügend bekannt ist, lächerliche Summen beanspruchen, aber auch mit weniger vorlieb nehmen, wenn man ihnen einfach den Rücken dreht.

Das +Great Eastern Hotel+, zu dem ich fuhr, wie wohl die meisten Reisenden unseres Dampfers, des +Postschiffes+ von London nach Calcutta, hatte kein Zimmer frei, da schon von London aus die Bestellungen vorher gemacht waren. Man hatte die Unverschämtheit, mir einen Schlafsaal mit sechzehn Betten zu zeigen, wo man auch mir eines aufstellen wollte. Ich machte meinen Empfindungen Luft in dem kräftigsten Englisch, das mir zu Gebote stand, und hatte die Genugthuung, da ein deutscher Geschäftsführer herbeieilte, auch noch in meiner Muttersprache meine Ansicht zu wiederholen. Bei Caine las ich allerdings, dass um Weihnachten so mancher Engländer sich glücklich schätzen würde, eines von diesen sechzehn Betten zu erlangen. Es gilt eben für fein, in +diesem+ Gasthaus[423] abzusteigen und hieher die Einladungsbriefe[424] zu erhalten. Aber da ich nicht an diese englischen Vorurtheile gebunden war, sondern meine Bequemlichkeit vorzog: so fuhr ich nach einem Gasthaus zweiten Ranges (+Bellevue+ der italienischen Gebrüder Boscolo), wo ich im ersten Stock ein nach indischen Begriffen gutes Zimmer, vorn in den „Saal“, hinten in mein eignes Badezimmer mündend, nebst voller Verpflegung (ausser Wein und Bier) für sieben Rupien täglich miethete und dazu, wie landesüblich, einen eignen Diener, der täglich ½ Rupie[425] zu fordern hat und mit einer ganzen zufrieden ist. Des Morgens früh bringt er den Thee und macht den (mir allerdings nur lästigen) Versuch, beim Ankleiden behilflich zu sein; die Sachen reinigt er nicht; vor dem Zimmer lungert er umher, bedient seinen Herrn bei Tisch, geht Gänge, kauft Halsbinden und dergleichen Kleinigkeiten, die man ihm aufträgt, mit geringem Aufschlag; fährt Abends mit in das Hindu-Theater, am nächsten Tage über den Fluss in den botanischen Garten, Nachmittags auf die Esplanade, zum Empfang des Vice-Königs, schliesslich zum Eisenbahnhalteplatz, wenn der Reisende abfährt. Dass der Diener immer mause, wie ich in einzelnen Reisebeschreibungen gelesen, kann ich nicht bestätigen; auf meinen Geldbeutel passe ich allerdings auf, und den Koffer halte ich gut verschlossen. Dass es nöthig oder angenehm wäre, einen solchen Diener, der mässig englisch spricht, mässig Bescheid weiss und dessen Haupttugend in der Unterwürfigkeit besteht, auf die Fahrt durch Indien mitzunehmen, kann ich gleichfalls nicht bestätigen; ebenso wenig, dass man in Bombay hungrig von der Mittagstafel aufstehen müsse, wenn man nicht einen eigenen Diener besitzt. Die deutschen Kaufleute in Calcutta, welche ich darüber befragte, lachten mich aus und erklärten, dass diejenigen Reisenden, die so übertriebene Schilderungen veröffentlicht hätten, sich selber nicht in helfen wüssten. Das sei unterwegs die Hauptsache, auch in Indien.

So bin ich also in Indien, dem +Märchenland+ für die Europäer von den Tagen des grossen Alexander bis auf die Kreuzzüge, die Herrschaft des Grossmogul und bis auf den heutigen Tag. So gross wie das Land, so lang wie seine Geschichte, die leider für die ältere Zeit noch so räthselhaft geblieben: so ausführlich ist die +Literatur+ über Indien. Natürlich meine ich nur diejenigen Bücher, die ein gebildeter Leser heutigen Tages befragt, um sich ein Urtheil zu schaffen; um, was er als Reisender mit eignen Augen geschaut, seinem Verständniss näher zu bringen.

Es giebt einen ziemlich guten Führer durch Indien, natürlich in englischer Sprache, von +Murray+. Ferner Führer durch die hauptsächlichsten Städte (Calcutta, Benares, Agra, Delhi, Bombay). Aber die Hauptquelle ist +The Indian Empire+ by Sir William Wilson +Hunter+, 3. Aufl., London 1893, 852 Seiten; der Verfasser hat aus seinen 128 Bänden (60000 Druckseiten) des +Statistical Survey+ erst die 14 Bände des +Imperial Gazetteer of India+ und daraus das erwähnte Werk gewissermassen abgezogen und zusammengedrängt. Das Werk ist vorzüglich und enthält in klarer Sprache alle Belehrung, die man vernünftiger Weise erwarten kann. (Es giebt auch ein deutsches Buch „das Kaiserreich Ostindien“ von +Werner+, Jena 1884.) Ausserdem hat +Hunter+ noch zwei Werke verfasst: +A brief history of the Indian people+ und +Englands Work in India+. Die ausführlichste Geschichte Indiens für die ältere Zeit ist von +Mount Stuart Elphinstone+, der selber so thätigen Antheil an der neueren Geschichte Indiens genommen. Wichtig ist auch History of the Indian +Mutiny+ by Col. S. B. Malleson.

Eine vorzügliche „Geschichte des alten Indien“ in deutscher Sprache hat Prof. +Lefmann+ in Heidelberg geschrieben (Berlin 1881-1885).

Für die indische Kunst kommt in Betracht +Industrial arts of India by Sir G. Birdwood+. +J. Fergusson’s History of Indian und Eastern Architecture+ scheint das einzige Werk über +indische Baukunst+ zu sein; in den gewöhnlichen englischen Werken sind seine Beschreibungen wörtlich abgedruckt; aber die Einseitigkeiten des bedeutenden Verfassers, namentlich seine Schwärmerei für den Schlangendienst in Indien, werden jedem Leser von den ersten Seiten an deutlich. Sehr lehrreich ist Albert +Grünwald’s+ buddhistische Kunst in Indien, Berlin 1893.

Ueber +Alterthümer+ erwähnen die Verfasser der englischen Reisewerke immer nur +Jas. Prinsep’s+ Essays on Indian Antiquities (zwei Bände, London, Murray, 1858). Aber diese verdienstvollen und schwierigen Einzelforschungen sind wohl von jenen nicht studirt worden. Wir Deutschen bevorzugen, mit vollem Recht, die bahnbrechende und noch heute werthvolle „Indische Alterthumskunde“ von Professor Chr. +Lassen+ in Bonn (1844-1861 und 1867-1874, vier Bände).

Beiden Völkern und Sprachen gemeinsam ist ein liebenswürdiges Büchlein von unserem +Max Müller+ in Oxford: +Indien+ in seiner weltgeschichtlichen Bedeutung (Leipzig 1884). Max Müller hat bekanntlich den ganzen +Rigveda+ herausgegeben, das unermüdliche Werk eines Menschenalters, und auch die Uebersetzung in’s Englische fertiggestellt. Die +indische Literaturgeschichte+ verdanken wir unserem Berliner Professor +Albrecht Weber+ (II. Auflage, Berlin 1876).

Ueber die +Religionen+ in Indien belehrt uns ein Werk von A. +Barth+ in Paris, das ich in der englischen Ausgabe (London 1891) besitze.

Die Zahl der +englischen Reisebeschreibungen+ über Indien ist gewaltig. Gelesen habe ich India Revisited, von dem Dichter +Sir E. Arnolds+, und Picturesque India by W. S. +Caine+ (London 1891).

Von +deutschen Reisewerken+ kommen in Betracht die einschlägigen Capitel der schon genannten Bücher von +Hildebrandt+, H. +Meyer+, +Lanckorónski+. Ausserdem haben wir eigne Reisebeschreibungen von Indien, ältere, wie die vorzügliche des Prinzen +Waldemar von Preussen+ (1844 bis 1846) und seines Arztes Dr. Hoffmeister, sowie aus neuerer Zeit von unserem Professor +Reuleaux+ „Quer durch Indien im Jahre 1881“ (Berlin 1885); endlich ein viel gelesenes Prachtwerk: Indien in Wort und Bild von +Schlagintweit+ (Leipzig 1881, 2 Bände), dessen gelehrtem Verfasser leider die eigne Anschauung des von ihm in Wort und Bild geschilderten Landes nicht beschieden war.

Die +allgemeine Länderkunde+ unseres bibliographischen Instituts enthält in dem 1892 erschienenen Band +Asien+ eine Beschreibung von Indien, die den deutschen Leser der Nothwendigkeit überhebt, den 8. Band von E. +Reclus+’ Nouvelle Géographie universelle (Paris 1883) nachzuschlagen; während die vor zwei Menschenaltern erschienene +Erdkunde+ unseres +Ritter+, trotz der inzwischen eingetretenen Veränderungen, durch ihre anziehende Behandlung noch heute verdient, zu Rathe gezogen zu werden.

Diese kleine, vielleicht etwas persönliche Auswahl von Schriften über Indien beweist denn doch, dass es nicht so ganz leicht und nicht so sehr schnell geht, über dieses Land einigermaassen sich zu unterrichten.

* * * * *

Unser Name +Indien+ stammt aus dem Sanskrit. Sindhus wurde der grosse Fluss genannt (Indus), zu dem aus Mittelasien die Arier zuerst gelangten und Sinthavas die Anwohner. Hieraus wurde Hendu im Iranischen, Indos im Griechischen. Jetzt heisst die Königin Victoria von England, seit dem 1. Januar 1877, Kaisar-i-Hind.

Als Columbus 1492 in Guanahani landete, glaubte er eine Insel nahe der Gangesmündung erreicht zu haben. Erst nachdem Vasco de Gama 1498 den Seeweg um Afrika nach dem eigentlichen Indien gefunden, und Balboa zuerst den Stillen Ocean erblickt; fing man an einzusehen, dass die neu entdeckten Länder im Westen von Europa und das alte Land der Inder im äussersten Osten durch weite Strecken von einander entfernt seien, und begann die Inseln in Mittelamerika als Westindien, das alte Indien aber als +Ostindien+ zu bezeichnen.

Das Riesendreieck von +Ostindien+ ruht mit der Grundfläche am Himalaya und reicht von 35° nördl. Br., d. h. von dem gemässigt warmen Erdgürtel, hinab mit der Spitze bis zum 8. Grad nördl. Br., d. h. zur heissesten Gegend der Erde. Das britische Kaiserreich in Indien hat eine Grösse von 4824000 qkm und eine Bevölkerung von 289 Millionen, d. h. so viel wie ganz Europa ohne Russland, und über das Doppelte von dem, was einst dem kaiserlichen Rom gehorchte. Es ist eher ein Erdtheil, als ein Land.

Drei Haupttheile sind zu unterscheiden: I) die Gegend der Himálaja[426]-Berge, welche 2400 Kilometer längs der Nordgrenze von Indien verlaufen. II) Die weiten Flussebenen erstlich des Indus mit seinen fünf Ursprungsflüssen (Punjab), zweitens des Ganges mit dem Nebenfluss Jumna, drittens des Brahmaputra, der sein Ausfluss-Delta mit dem des Ganges vereinigt. III) Das dreieckig begrenzte Tafelland der (grösseren) Süd-Hälfte, der Dekkan[427], d. h. Süden. Das Vindhya-Gebirge im Süden der Gangesebene bildet die Grundlinie des Dreiecks, die Ost- und West-Ghats[428] die beiden Seiten (Malabar- und Coromandel-Küste), die im Cap Comorin zusammentreffen. 1891 hatte II mit I zusammen 165, III 115 Millionen Einwohner.[429]

Ein Drittel des Landes mit einem Viertel der Bevölkerung steht noch unter einheimischen Fürsten, welche aber die britische Oberhoheit anerkennen. Der britische +Vicekönig+ (oder Governor General, zur Zeit Marquis von Landsdown,) hat seinen Herrschersitz im Winter zu Calcutta, im Sommer zu Simla, einem südlichen Vorsprung des östlichen Theiles vom Himalaya, und entfaltet mehr Pracht, als mancher europäische König.

Ich sah die prunkvollen Empfangsvorbereitungen zu Calcutta, als der Vicekönig von einer einfachen Besichtigungsreise nach Madras zurück erwartet wurde.

Das britische Gebiet des Kaiserreichs ist jetzt in zwölf Provinzen (Governments) getheilt, deren hauptsächlichste sind: Bengal, Nordwestprovinzen mit Oudh, Punjab, Centralprovinzen, Bombay mit Sindh. Madras. (Dazu Assam und Ober- und Nieder-Burma.)

Die Volkszählung von 1891 ergab:

1) 221434862 Einwohner in den britischen Besitzungen,

2) 66908147 „ „ „ Schutzstaaten,

3) 561384 „ „ „ portugiesischen Ansiedlungen (Goa u. s. w.),

4) 282923 „ „ „ französischen (Pondichery u. s. w.).

Von der erstgenannten Zahl waren nur 90169 Briten, und überhaupt (einschliesslich der Briten) nur 110504 nicht in Asien geboren. +Noch nie ist ein so grosses Reich von einer so winzigen Zahl Fremder beherrscht worden.+

Die Dichtigkeit der Bevölkerung beträgt 59 auf den Quadratkilometer und ist, wohl wegen der besseren Verwaltung, in den britischen Besitzungen fast doppelt so gross, wie in den einheimischen Schutzstaaten (89: 42). In Bengal ist Uebervölkerung, zwei Menschen müssen leben von den Erzeugnissen eines einzigen Acre.[430]

In England leben 53,{22} Procent der Bevölkerung in 182 Städten mit mehr als 20000 Einwohnern, in Britisch-Indien nur 4,{84} Procent in 225 Städten dieser Grösse. +Indien ist ein Acker-Land.+ In den übervölkerten Theilen nimmt die Bevölkerung nicht zu; doch giebt es noch genug Land; erwünscht, aber schwierig ist eine bessere +Vertheilung+ des Volkes.

In der Bevölkerung erkennt man hauptsächlich +vier Stämme+:

1) +Ureinwohner+ (Nicht-Arier) und ihre halb-hinduisirten Abkömmlinge 17½ Millionen (1872, in Britisch-Indien).

2) Verhältnissmässig reine +Arier+ (Bráhmanen, Rájputen) 16 Millionen.

3) Die +gemischte+ Bevölkerung der +Hindu+, die aus der arischen und nichtarischen Bevölkerung, hauptsächlich aus der letzteren, erwachsen ist, 111 Millionen.

4) +Mohammedaner+ 40 Millionen. (Zusammen 186 Millionen unter britischer Regierung im Jahre 1872.[431])

Die entsprechenden Zahlen aus den Schutzstaaten waren nach der Zählung von 1881: 5¼ Millionen Bráhmanen und Rájputen, 46¼ Millionen Ureinwohner und Hindu niederer Kasten (1 + 3), 5 Millionen Mohammedaner, zusammen 56 Millionen. Bei der Zählung von 1891 liess man die Unterschiede von 1 und 3 fallen; fand aber, dass in Britisch Indien noch 11, in ganz Indien 14 Millionen +wilder Wald-Stämme+ vorhanden sind.

In der +ältesten+ Zeit, aus der wir überhaupt Kunde haben, entdecken wir zwei Völkerstämme verschiedener Rasse im Kampf um den Boden Indiens. Der eine Stamm war ein +hellfarbiges+ Volk, vor Kurzem aus Mittelasien durch die Nordwest-Pässe des Himalaya nach Indien vorgedrungen; +Aryer+, d. h. Edle, nannten sie sich selber, sie hatten eine prachtvolle Sprache. Die anderen, +dunkler+ und von niederer Rasse, hatten lange im Lande gelebt und wurden von den Ankömmlingen theils in die Wälder getrieben, theils in der Ebene unterworfen. Sie selber haben keine Nachrichten oder Zeugnisse hinterlassen. Von den Siegern wurden sie in den über 3000 Jahre alten Liedern (Rig-Veda) +Feinde+ (Dasyus) oder +Sklaven+ (Dásas) genannt, Schwarzhäute, Nasenlose, Rohesser u. dergl. Sie können aber nicht alle Wilde gewesen sein, in den Veden ist von ihren sieben Schlössern und 90 Festungen die Rede. Als die Geschichte anbricht, finden wir in Indien einige der mächtigsten Königreiche unter nicht-arischen Herrschern.

Noch heute leben in Indien Stamme der Art, in demselben Zustand, wie vor 3000 Jahren, oder mit geringem Fortschritt.

Woher kamen diese Urvölker? Nur die Sprache giebt einigen Anhalt. Sie gehören zu den Tibeto-Burmanen, Kolariern und Dravidiern. Die ersteren sind wahrscheinlich durch die Nordostpässe eingedrungen und leben jetzt noch in der Nähe des Himálaya. 22 Hauptsprachen der Tibeto-Burmanen werden unterschieden. Die zweiten wohnen im Norden von Dekkan, zu ihnen gehören die Santáls; neun Hauptsprachen ihrer Gruppe werden unterschieden. Die Dravidier kamen wahrscheinlich durch die Nordwest-Pässe, zersprengten die kolarischen Stämme und drangen machtvoll nach dem Süden des dreieckigen Tafellandes und wurden von der arischen Rasse zwar unterworfen, aber nie auseinandergesprengt. Sie haben ihre Sprache 28 Millionen in Süd-Indien gegeben: zwölf Dravida-Sprachen (vier hauptsächliche) werden in Indien unterschieden. Sie verehrten die Erde unter dem Zeichen der Schlange und ferner den +Linga+, ein steinernes Sinnbild der männlichen Zeugungskraft; sie sind die Baum- und Schlangen-Anbeter des alten Indien. Noch heute sind also von den drei Theilen Indiens zwei, nämlich Himálaya im Norden und die dreieckige Südhälfte, hauptsächlich von nicht-arischen Völkern bewohnt; aber der wichtigste Theil Indiens, die grossen Flussebenen sind schon seit alter Zeit der Schauplatz, wo eine edlere Bevölkerung ihre Cultur ausbildete. Sie gehört zu der arischen oder indogermanischen Rasse. Ihr ursprünglicher Sitz war Central-Asien.

Die ältesten vedischen Gesänge zeigen uns den indischen Zweig der Arier auf dem Marsch von Kabul zum Punjab und schliesslich zu den Gangesebenen, wo sie dauernd sich niederliessen. Diese +Rig-Veda+ sollen nach den Hindu „vor aller Zeit“ oder doch schon mindestens 3000 v. Chr. entstanden sein, nach europäischen Gelehrten aber erst 1400 v. Chr. Es sind 1017 Psalmen mit 10580 Versen.

Diese alten Arier lebten nach der Weise der Erzväter, unter Häuptlingen; ehrten die Frauen, kannten die Metalle, den Pflug. Vieh war ihr Reichthum und ihr Geld. Sie assen Rindfleisch und tranken Bier (aus der Soma-Pflanze); wohnten in Dörfern und Städten, wanderten in Stämmen vorwärts, vertrieben oder unterjochten die „schwarzhäutigen“ Ureinwohner. Ihre Todten wurden ursprünglich begraben, später verbrannt. Sie verehrten den Himmelsvater Dyaush pitr (Jupiter) und die Mutter Erde, das Firmament Varuna (Uranos), Indra den Regengott mit dem Speer, dem die meisten Hymnen gewidmet sind, und Agni (Ignis), den Feuergott, im Ganzen 33 Gottheiten, elf im Himmel, elf auf Erden und elf im glänzenden Luftkreis.

Aber als sie weiter südlich zogen, war die Wärme nicht mehr so begehrenswerth; Agni verlor seine Wichtigkeit in Punjab gegen Indra. Und als sie schliesslich in den Gangesniederungen die regelmässigen Regenfälle der Monsune fanden, theilte Indra das Schicksal des Agni. Die mächtigen Naturkräfte in dem Gangesthal schufen die heilige Dreizahl des Schöpfers, Erhalters, Zerstörers (+Brahma+, +Wischnu+, +Schiwa+), von denen in den Veden noch nicht gesprochen wird, wie auch der Ganges nur zweimal dort Erwähnung findet.

Wann und wie erstand nun die neue Gliederung der Arier zu Königreichen mit Priestern und Kasten?[432] Die Schrift war unbekannt. Die Familien, welche die heiligen Gesänge auswendig wussten, gewannen an Bedeutung. Das siegspendende Gebet wurde bráhman genannt und seine Priester Bráhmanen. Sie schufen weihevolle und ehrfurchtgebietende Gebräuche. Der ganze Dienst wurde abgeleitet von den +Veda+ (dem +Wissen+, lat. vid-eo, griech. vida, οἶδα) und deren Neuordnungen und Zusätzen: die vier Veda mit den dazu gehörigen Brahmana bilden die +Offenbarung+ (Sruti, das aus Gottes Mund +Gehörte+); die späteren +Sutra+ (oder +Reihen+ von Sätzen), in denen die Bráhmanen als mächtige Priesterkaste dargestellt sind, fügen die +Ueberlieferung+ (Smriti, das Erinnerte) hinzu.

Die mächtigeren und glücklicheren Krieger bildeten die zweite Klasse der +Kshattriya+ (Rájanya, Rájbansi = Königs-Genossen), die heutzutage +Rájput+ = Königsabkömmlinge heissen; die Ackerbauer (+Vaisya+, von vis = Volk) die dritte. Heirathen zwischen den drei Kasten waren verboten, aber alle drei gehörten zu den zweifach Geborenen oder Ariern. +Unter+ ihnen stand eine vierte oder +dienende+ Klasse, +Súdra+, Ueberbleibsel der überwundenen Ureinwohner, nur einmal geboren, die nicht an den grossen Staats-Opfern theilnehmen durften. Die Vaisya erhoben sich theils zu den Kriegern, theils gingen sie unter in die Diener, so dass nur Priester, Krieger und Diener übrig blieben. Aber ein langer Kampf um die Oberherrschaft wüthete zwischen den Priestern und den Kriegern, aus dem die ersteren siegreich hervorgingen. Doch machten sie einen weisen Gebrauch von ihrer Gewalt, verzichteten auf die Herrscherwürde und begnügten sich mit der Macht über die Gemüther.

Strenge Regeln für ihre eigne Kaste stellten sie auf. Das Leben des Bráhmanen theilt sich in vier Abschnitte:

1) Sein religiöses Leben beginnt nicht mit der Geburt, sondern am Ende der Kindheit, wenn er mit dem heiligen Faden der zweimal Geborenen bekleidet wird. (Voll Stolz zeigte mir diesen Faden einer der armseligen Führer, die dem Reisenden die Sehenswürdigkeiten der Städte weisen.) Die Jugend und erste Mannheit bringt der Bráhmane damit zu, von einem Weisen seiner Kaste die heiligen Schriften zu erlernen.

2) Darauf gründet er eine Familie.

3) Er zieht sich in die Wälder zurück, lebt von Früchten und Wurzeln und führt die religiösen Gebräuche aus.

4) Den Schluss macht ein Büsser-Leben.

Die Bráhmanen unserer Tage sind das Ergebniss einer 3000jährigen Erb-Erziehung und Selbstbeherrschung.

Eine Rasse nach der andern hat Indien überfluthet, Fürstengeschlechter sind entstanden und vergangen, Religionen sind gekommen und geschwunden; aber seit der Dämmerung der Weltgeschichte hat der Bráhmane ruhig die Herrschaft ausgeübt, die Geister gelenkt und die Verehrung des Volkes empfangen. Aber sie haben auch Gutes und Grosses gewirkt. Ihren arischen Landsleuten bildeten sie eine edle Sprache und Literatur, den einheimischen Ureinwohnern brachten sie Cultur und nahmen sie auf in jene gesellschaftliche und religiöse Ordnung, aus welcher der Hinduismus unserer Tage hervorgegangen ist.

Sie erkannten die Einheit Gottes und schufen für das Verständniss der Masse die Dreiheit. Bráhma, der Schöpfer, ist zu abstract. Zur Zeit findet der Reisende in Indien nur +einen+ grossen Sitz seiner Verehrung, bei Ajmir. Wischnu, der Erhalter, in seinen zehn Erscheinungen, besonders in der siebenten und achten, als Rama und Krishna, nahm die Stelle ein der vedischen Gottheiten. Schiwa, der Zerstörer und Wiederhersteller, verkörperte die tiefsinnigen bráhmanischen Gedanken vom Tode als Austritt aus dem bisherigen Leben und Eintritt in ein neues. Seine schrecklichen Seiten verknüpften ihn mit Rudra, dem Sturmgott der Veden, und mit den blutgierigen Gottheiten der nicht arischen Stämme. Wischnu und Schiwa in ihren männlichen und weiblichen Erscheinungsformen sind jetzt die Götter der Hindu-Bevölkerung. In sechs Systemen der Philosophie (darsanas, Spiegeln der Kenntniss) suchten die Bráhmanen sich Rechenschaft zu geben über Gott, Welt und Menschenseele, darunter ist das erste (Sankya, 500 v. Chr.) die +Entwicklungslehre+, welche heute den Beifall so vieler Denker in Europa findet.

Die Bráhmanen schufen die +Wissenschaft+. Pánini’s Grammatik des Sanskrit (350 v. Chr.) gehört zu den ersten und den besten der Welt. Die Sanskritsprache ist so fein durchgebildet, dass man Zweifel erhoben, ob sie jemals die gesprochene Sprache eines Volkes gewesen sein kann. (Samskrita-bhasha „die vollkommene Sprachweise,“ gegenüber Prákrita-bhasha, der einfacheren Umgangssprache.) Die Sanskrit-Literatur wurde +mündlich+ überliefert und ist darum ganz in Versen (Sloka). Deshalb und wegen des zerstörenden Klima von Indien giebt es keine sehr alten Handschriften. Die meisten sind nicht älter als 400 Jahre, zwei nur 800, eines (auf Palmblättern) wurde in einem japanischen Kloster seit 609 n. Chr. aufbewahrt. Die ältesten Inschriften auf Säulen und Felsen sind aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. Die indischen Buchstabenzeichen scheinen aus den phoenicischen abgeleitet zu sein, doch ist die Frage noch nicht ganz entschieden.

Dagegen haben wir unsere „arabischen“ Zahlzeichen aus Indien. Die Araber, welche sie uns überliefert, nannten sie indische Ziffern: sie sind die Anfangsbuchstaben der indischen Zahlwörter von 1 bis 9, und 0 ist der Anfangsbuchstabe des Sanskrit-Wortes für „leer“.

Heilkunde, Kriegskunst, Musik, Baukunst galten als upaveda oder ergänzende Offenbarung. Von der Heilkunde, Musik, Sternkunde werde ich späterhin, bei besonderer Gelegenheit, noch ein paar Worte zu sagen haben. Die Baukunst wurde mehr von den Buddhisten entwickelt. Die Muselmänner brachten neue Formen. Aber die Hindu-Baukunst hat in den Werken der Mogul für alle Zeit bewunderungswürdige Denkmäler hinterlassen.

Das +Gesetzbuch von Manu+, das die Kasten feststellt und die Vorrechte der Bráhmanen sichert, wird von letzteren natürlich dem Manu, ihrem Adam, zugeschrieben; dürfte wohl auf ein älteres Buch (500 bis 200 v. Chr.?) zurückgreifen, aber in der jetzigen Gestalt nicht älter sein, als 500 n. Chr.

Die weitere Sanskrit-Literatur umfasst die beiden Riesen-Epen (Mahabharata und Ramayana, von denen das erste die Kämpfe der Arier in der Gangesebene, das zweite ihr Vordringen nach dem Dekkan und nach Ceylon behandelt,) Dramen, Sagen, Liebeslieder und mystische Dichtungen. Von Kalisada’s Drama +Sakuntala+ (550 n.Chr.) ist 1789 eine englische Uebersetzung erschienen, welche die eigentliche +Veranlassung+ für das Studium der indischen Sprache, Kunst und Wissenschaft in Europa geworden. Im Mittelalter (vom 8. bis zum 16. Jahrhundert) entstanden dann noch die +Purana+ (die „alten Schriften“), 1600000 Verse religiösen und philosophischen Inhalts.

Der erste Angriff auf die Brahmanen-Herrschaft war die Lehre von Gautama +Buddha+. (622-543 v. Chr., nach neueren Berechnungen starb er 478 v. Chr.) Gautama entwickelte sich aus einem Prinzen zum Einsiedler und Heiligen; er wurde Buddha, der Erleuchtete, und Siddharta, der Vollendete. Vierundvierzig Jahre predigte er dem Volke. Das Geheimniss von Buddha’s Erfolg beruhte auf der geistigen Befreiung, die er dem Volke brachte. Er predigte, dass Erlösung +allen+ Menschen eröffnet sei, nicht durch Besänftigung eingebildeter Gottheiten, sondern durch eigne Thätigkeit (Karma). Was der Mensch sät, wird er ernten. So beseitigte er die religiöse Grundlage der Kasten und die Oberhoheit der Brahmanen, der Vermittler zwischen Gott und den Menschen.

Die Buddha-Lehre sandte ihre Glaubensboten aus. Asoka (257 v. Chr.), König von Magadha oder Behar,[433] machte sie zur Staatsreligion und begründete (nach dem dritten Concil) den Canon der südlichen Buddhisten in der Volkssprache oder Maghadi. Das vierte und letzte Concil der Buddhisten war unter Kanishka (40 n. Chr.), einem Saka oder scythischen Eroberer von Nordwest-Indien; damals wurde der nördliche Canon in Sanskritsprache festgestellt, in welchem Buddha als ein Saka oder Turanier erscheint, und aus dem später der chinesische (mit 1440 Werken) hervorgegangen.

Buddhismus und Brahmanismus bestanden in Indien neben einander 1300 Jahre, und der moderne Hinduismus ist aus ihrer Verschmelzung entstanden. Im 8. und 9. Jahrhundert n. Chr. wurde Brahmanenthum in neuerer Form die herrschende Religion, Buddhismus ist seit 1000 Jahren aus seiner Heimath verbannt, hat aber in der Fremde reichlich gewonnen, was er daheim verloren. Ein Wiederaufleben in Indien ist nicht unmöglich.

Mit dem Zuge Alexander’s des Grossen über den Indus (327 v. Chr.) beginnt die Beeinflussung Indiens durch +Fremde+, beginnt für uns die indische Geschichte, da die indischen Arier selber nur Sagen, nie Geschichtsbücher aufgezeichnet haben. Von 126 v. Chr. bis 544 n. Chr. folgten verschiedene Einfälle der Scythen (Saka, Turanier), welche grosse Länderstrecken längere Zeit beherrscht und deutliche Reste in der Bevölkerung hinterlassen haben. Dazu kam der Einfluss der nicht arischen Königreiche (Naga, Schlangenanbeter), namentlich im Süden.

Der Vorhang der vedischen und nachvedischen Literatur fällt im 5. Jahrhundert v. Chr. nieder; wenn er im 10. Jahrhundert n. Chr. sich wieder erhebt in den Purana, hat eine gewaltige Aenderung Platz gegriffen. +Arier und Nichtarier sind verschmolzen zu Hindu+, und ihre Religion ist zusammengesetzt aus arischen Gedanken und nichtarischem Aberglauben. Wischnu- und Schiwa-Dienst sind die Volksreligion. Die Kasteneintheilung beruht auf Rassenunterschieden.

Vom 11. Jahrhundert an dringen die mohammedanischen Eroberer von +Afghanistan+ aus in Nordindien ein. 1526 gründet der mohammedanische Turanier Baber das Reich des +Grossmogul+, das machtvoll Indien, zuletzt auch bis zum Dekkan, beherrschte. Die +Portugiesen+ hatten (seit 1498) Handelsniederlassungen an den Küsten gegründet; aber weder diese noch ihre Erben, die +Holländer+ im 17. Jahrhundert, die +Engländer+ und die +Franzosen+, gewannen zunächst Macht im Lande. Erst nach der +Zersplitterung des Mogul-Reiches+ (1707) +gelang es den Engländern+, die schon 1600 ihre Ostindische Gesellschaft geschaffen, +festen Fuss in Indien zu fassen+. 1757 besiegte Clive den Nawab von Bengalen bei Plassy, 1763 verloren die Franzosen im Frieden von Paris ihre ostindischen Colonien an die Engländer. Im vorigen Jahrhundert besiegten die Engländer den Sultan Tipu von +Mysore+ in Südindien, der 1799 in der Bresche seiner erstürmten Hauptstadt fiel; im Anfang dieses Jahrhunderts die brahmanischen +Maraten+ in Centralindien, welche schon die Erbschaft des Grossmogul anzutreten bereit waren; in der Mitte unseres Jahrhunderts die +Sikhs+ in Punjab. Nachdem sie den Aufstand der einheimischen Soldaten (+Sepoy+) vom Jahre 1857 unterdrückt, wurde die Ostindische Gesellschaft aufgehoben, +Indien unter die Verwaltung der Krone genommen und am 1. Januar 1877 zum Kaiserreich erhoben+.

Calcutta,

die Hauptstadt des indischen Kaiserreiches und gleichzeitig die grösste und volkreichste Stadt desselben (mit 845000 Einwohnern[434] im Jahre 1891) hat zwar den Namen von einem +uralten Wallfahrtsort+ zu Ehren der +Kali+, der schrecklichen Gattin von Schiwa,[435] ist aber eine durchaus +neue+ Gründung und ein wahres Kind gegen so altehrwürdige Städte, wie Benares oder Delhi.

Im Jahre 1688 überliess der Kaiser (Grossmogul) von Delhi der englischen Ostindia-Gesellschaft die Gegend der jetzigen Stadt zu einer befestigten Handelsniederlassung; am 24. August 1690 wurde auch die englische Flagge hier aufgezogen; aber es blieb ein unbedeutender Ort bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts. 1710 betrug die Zahl der Einwohner erst 12000, 1724 wurde ein städtisches Gemeinwesen eingerichtet.

Im Jahre 1756 marschirte des Grossmoguls Nawab (Unterkönig) von Bengal, der 18jährige Siráj-ud-Daulá, um ein seiner Rache entflohenes Familienmitglied zu fangen, mit einem grossen Heer nach Calcutta, eroberte die Stadt nach tapferer Gegenwehr und liess die gefangenen Engländer (146, Männer und Frauen,) in das +schwarze Loch+ stecken (+Black hole+;[436] so hiess das Militärgefängniss von Fort William in Calcutta, 18 Fuss lang, mit zwei kleinen eisenvergitterten Fenstern). Die Folgen, die der junge Wütherich nicht vorausgesehen, waren entsetzlich durch die erdrückende Hitze der Juni-Nacht. Am folgenden Morgen waren von den 146 nur noch 23 am Leben geblieben.

Sofort segelten +Clive+ und Watson mit allen verfügbaren Truppen von Madras an die Gangesmündung, eroberten Calcutta wieder und zwangen den Nawab zum Frieden und zur Entschädigung. Da aber gerade in Europa Krieg zwischen England und Frankreich erklärt worden war, so eroberte Clive auch noch die französische Niederlassung Chandarnagar, nördlich von Calcutta am Hugli gelegen. Als der Nawab diesen Friedensbruch in seinem Gebiet übel nahm, wurde flugs unter seinen Officieren eine Verschwörung veranstaltet, der denkwürdige Sieg von +Plassy+ (80 engl. Meilen nördlich von Calcutta) am 23. Juni 1757 erfochten und ein Geschöpf der Engländer, einer der Verräther, Mír Jafar, auf den Thron des Nawab gesetzt. +Dies ist der eigentliche Anfang von Englands Machtstellung in Indien.+

Das heutige Calcutta ist eine ganz neue Stadt. Seine ältesten Gebäude sind die Kirche zum heiligen Johannes (St. Johns church) vom Jahre 1790 und Rathhaus sowie Regierungsgebäude vom Jahre 1804.

Calcutta liegt am linken Ufer des Hugli, 160 Kilometer vom Golf von Bengalen, unter 22° 33′ nördlicher Breite, +also dicht unter dem Wendekreis+, und unter 86° östlicher Länge v. Greenwich; erstreckt sich von Norden nach Süden, am Fluss entlang, etwa 5 Kilometer und von Osten nach Westen 2-3 Kilometer. Die eigentliche Stadt wird +begrenzt+ durch den +Fluss+ und die +Gürtelstrasse+ (Circular road, ehemals ein Erdwerk gegen die plündernden Maraten, Mahratta ditch,) und bedeckt 21 Quadratkilometer.

Das südwestliche Viertel oder Fünftel der Stadt ist +freigelassen+. Der riesige Exercirplatz (+Maidan+, Esplanade) von 3 Kilometer Durchmesser fesselt zunächst den Blick des Reisenden. Denn in seiner Mitte steht das +Denkmal für Sir David Ochterlone+, der 1823 englischer Resident zu Malwa und Rajputana gewesen: ein Thurm von 165 Fuss Höhe, welcher eine schöne Aussicht und Uebersicht verheisst. Erstaunt blickten die Einheimischen auf den Europäer, der in der glühenden Mittagshitze, um 1 Uhr, noch dazu ohne den landesüblichen Solar- oder Kork-Hut,[437] über den weiten Platz schritt, um die endlose Treppe im Innern der Säule emporzuklimmen.

Aber die Mühe wird reichlich belohnt. Der Blick schweift ungehindert über den weiten Platz; nach Norden, wo der amtliche Theil der Stadt liegt, mit dem kuppelförmigen Postgebäude, ferner mit dem Palast des Vicekönigs, den hohen Regierungs- und Gerichtshäusern; nach Westen zum Flussufer, an dem der Hafen mit einem Wald von Masten sich befindet; nach Süden zum Port William; nach Osten zu der vornehmen Chowringhee-Strasse, in welcher auch der +General-Consul+ des Deutschen Reiches, Herr Baron von Heyking, wohnt, der mich auf das liebenswürdigste empfangen hat.

Der Haupttheil der „+Stadt der Paläste+“, nördlich von dem Exercirplatz bis zum Flussufer, zeigt einen fast europäischen Baustil, aber einen sehr -- +mittelmässigen+. +Der Palast des Vicekönigs+ liegt inmitten eines geräumigen, gut gepflegten Gartens (von 2½ ha), besteht aus einem Centralbau und vier Flügeln, die durch diagonale Gänge mit jenem verbunden sind, und wird durch Polizisten, die nicht englisch verstehen, sowie durch Schildwachen so gut geschützt, dass der Reisende nicht hineinkommt.

Westlich von dem Palast liegt das +Stadthaus+ (Town-hall) in jenem nüchternen, angeblich dorischen Stil, der von Edinburgh her genügend bekannt ist. Von den Bildsäulen erwähne ich die von +Warren Hastings+ zwischen einem Hindu und einem Mohammedaner. Es ist dies ein beliebter Gegenstand für die Bildhauerkunst der Engländer in Indien. Von der gewaltsamen Bekehrungswuth der Portugiesen haben sie sich ja freigehalten, behandeln auch die beiden Religionen ganz gleich, die Bekenner beider mit der gleichen -- Ueberhebung. Vollends Warren Hastings (1772-1785 Gouverneur von Bengalen) hat mit ganz +gleicher Rücksichtslosigkeit+ den Hindu-Fürsten von Benares und die mohammedanische Königin-Mutter von Oudh vollständig ausgepresst wie Citronen, um den unersättlichen Golddurst der edlen Compagnie zu befriedigen: das war selbst seinen eigenen Landsleuten zu stark, er wurde angeklagt, nach siebenjähriger Dauer des Verfahrens zwar freigesprochen, hatte aber dabei sein ganzes Vermögen eingebüsst.

Das +Obergericht+ (High Court), das Secretariat und die andern Verwaltungsgebäude sind gross, aber nicht schön. Mehrere von ihnen liegen am Dalhousie Square, der in der Mitte mit einem hübschen Teich und Gartenanlagen geschmückt ist. Das stattlichste Gebäude ist die +Post+ mit einer grossen Kuppel, die den Hauptraum deckt. Leider ist die Postverwaltung von Indien mittelmässig. Die gewöhnlichen Beamten sind schlechtbezahlte Hindu (+Babu+)[438], welche eine grosse Neigung haben, Freimarken von den Briefen abzulösen und die letzteren einfach zu beseitigen. Deshalb ist es in Indien allgemein üblich, die Freimarken mit Tinte zu durchkreuzen, ehe man den Brief abliefert. Täglich war ich in der grossen Posthalle, reichte dem Babu meine englisch gedruckte Karte und verlangte meine postlagernden Briefe. Immer vergeblich. Und doch waren sie dort gewesen, wie ich aus der Abstempelung ersah, als ich etliche Wochen nach der Heimkehr die über Kimberley (Afrika) nach Berlin zurückgesendeten Briefschaften empfing. (In Bombay war ich so unvorsichtig, 5 Rupien und etliche Annas für eine Buchpostsendung nach der Heimath in der Post an den Babu zu zahlen; die Bücher habe ich in Berlin nicht erhalten, aber, nachdem ich mich beschwert, eine Antwort, dass nach § 150 der Postordnung die Sendung nicht abgeschickt worden wäre.)

Die Privatgebäude in dieser Gegend enthalten die grossen Hotels, Banken[439] und die Riesenläden mit Ausrüstungsgegenständen für die englischen Beamten und deren Familien sowie mit Kunstgegenständen für die gierigen Reisenden. Die Preise, welche gefordert werden, sind lächerlich hoch. Im Innern, in Benares, Delhi, Agra, Jaipur, kann man weit billiger einkaufen.

Von Dalhousie Square führt eine breite Hauptstrasse (+Bow Bazar+) quer durch die ganze Stadt und verbindet den westlich vom Huglifluss jenseits der Brücke gelegenen Eisenbahnhalteplatz (Howrah, für East India Railway) mit den beiden andern östlich von Calcutta belegenen. (Sealdah, für Eastern Bengal Railway, und Mutlah, für eine Zweiglinie der letzteren.)

Gleichlaufend mit der genannten Strasse und südlich davon ist die +Dhurumtolla-Strasse+, die an dem Palast beginnt und ganz allmählich von dem europäischen Viertel zu dem gemischten überleitet. Nach einer kleinen, aber hübschen Moschee (1840 von Prinz Shulam Muhamed, dem Sohn des berühmten Tipu Sultan, erbaut,) folgt Laden auf Laden, wo von den einheimischen Kaufleuten die eignen Erzeugnisse und Kunstgegenstände des Landes und die von Europa eingeführten zu billigeren Preisen feilgehalten werden, als in den Prachtläden des Europäer-Viertels. Hindu, Mohammedaner, Parsi, Juden sind die Händler. Dazu kommen noch gelegentlich hochgewachsene Afghanen in bauschigen Gewändern als Hausirer auf der Strasse.

Hier und da wird die Reihe der niedrigen Häuser unterbrochen durch ein höheres europäisches Gebäude, z. B. eine Concerthalle, die aber eher den Namen eines Tingeltangel verdient, oder durch ein Gasthaus zweiten Rangs, wie das, in dem ich Unterkunft gefunden, durch eine Apotheke, eine Kapelle. Auch wenn man von Dalhousie Square nach Norden fährt, sieht man den allmählichen Uebergang von der europäischen zur einheimischen Stadt. In einem Chinesen-Viertel versorgen die fleissigen Zopfträger ganz Calcutta mit Schuhen und Stiefeln.

Zahlreiche Bazare beleben das Bild. Ganze Strassen sind von Läden und Buden derselben Gattung eingenommen. Hier und da ist inmitten der kleineren Häuser ein grösserer Palast eines zurückgezogenen Rajah sichtbar. Einen derselben habe ich besucht, da ich nach Abgabe eines Empfehlungsbriefes mit einer Einladung beehrt wurde.

Seine Visitenkarte lautet:

Dasselbe ist am Eingang seines Palastes angeschrieben.

Unten am Hausflur steht eine Schildwache mit Flinte und Diensttracht, wie sie im Anfang unsres Jahrhunderts noch in Europa üblich gewesen. Auf den Gängen vor der grossen Empfangshalle halten morgenländische Krieger mit Krummschwert und blankem Stahlschild Wache. Der Fürst, ein sehr gebildeter Herr, empfing mich recht freundlich und spielte mir indische Weisen auf der Laute vor. Die geehrte Leserin, obwohl so sehr musikalisch, wird kaum daran denken, dass wir die Noten aus Indien haben: die Brahmanen hatten schon vor 350 v. Chr. die sieben Noten durch ihre Anfangsbuchstaben bezeichnet, durch die Araber kamen sie nach Europa. Fürst Tagore[440] hat es zu seiner Lebensaufgabe gemacht, die +Musik+ seines Vaterlandes gewissermaassen neu zu beleben und auch wissenschaftlich zu erörtern. Das aber möchte ich hervorheben, dass sowohl seine Musik als auch die im Hindu-Theater zu Calcutta meinem Ohr durchaus gefällig schien.

Wenn man aus diesen mittleren Gegenden noch weiter nach Norden kommt, sieht man sofort, dass ganze Stadttheile nur aus +Hindu-Dörfern+ (Bhusti) bestehen. Um einen heiligen Teich herum sind erbärmliche Hütten errichtet. Einige rohe Baumstämme tragen das Palmblattdach, die Wände zwischen diesen Stützen bestehen nur aus Flechtwerk, das mit Lehm verschmiert ist. Die Vorderseite der Hütte steht bei Tage offen und wird Nachts durch Flechtwerk oder Bretter nothdürftig geschlossen. Hier wohnen Kleinhändler und Arbeiter mit ihren Familien. In dem Teich baden sie, waschen ihre Kleider und Geräthe; eben dahin gehen ihre Abwässer.

Es ist erstaunlich, in einer Grossstadt so erbärmliche Viertel zu sehen.

Sehr anregend ist es, am Flussufer nordwärts bis zur Schiffsbrücke über den Hugli zu wandern. Der Hafen ist wirklich mit tausend Masten gefüllt. Dampfer und grosse Segler (Drei- und selbst Fünfmaster) sind am Ufer verankert. Aber die Kaufleute versichern, dass die grosse Zahl der Schiffe nicht durch die Blüthe, sondern durch das Darniederliegen des Handels bedingt sei; die Schiffe warten eben vergeblich auf lohnende Rückfracht.

Der nordwestliche Theil der Stadt am Flussufer und an der Schiffbrücke sieht einer +europäischen Fabrikstadt+ ähnlich. Da schnurren die Räder und dröhnt der Dampfhammer und Rauch steigt aus hohen Schornsteinen empor. Ausser Maschinenbauwerkstätten giebt es Jute- und Baumwollenspinnereien.

Der Handel Calcutta’s betrug 1874/75 an 50 Millionen £. Eingeführt werden hauptsächlich Baumwollengegenstände, ausgeführt Jute[441], und daraus gefertigte Säcke, Baumwolle, Weizen, Indigo, Häute, sowie Seide.

1884 war die Einfuhr 224, die Ausfuhr 361 Millionen Rupien. Von dem ganzen indischen Seehandel (Rx[442] 193 Millionen, oder in runden Zahlen 2500 Millionen Mark, im Jahre 1890-91) beherrscht Calcutta wie Bombay je 40 Procent.

Die Zahl der +Sehenswürdigkeiten+ in Calcutta ist gering.

Am bemerkenswerthesten ist das +indische Museum+ in der Chowringhee-Allee, ein mächtiges Gebäude, mit luftigen, bedeckten Gängen um den Mittelhof und mit gewaltigen Sälen. Der Eintritt ist frei. Die Eingeborenen machen reichlich Gebrauch davon; Europäer sah ich nur wenige, so oft ich hinkam. Die stattlichen Diener in Turban und langem Scharlachgewand sind zwar sehr zuvorkommend, aber ganz unwissend. Dank der Empfehlung meines Freundes Dr. A. B. +Meyer+, Museums-Director in Dresden, fand ich auch an denjenigen Tagen Zutritt, wo die Sammlungen dem Volk geschlossen bleiben, und wurde auch von dem Vorsteher der völkergeschichtlichen Abtheilung durch einen neuen, noch nicht eröffneten Flügel geführt, in dem lebensgrosse, bemalte Bildsäulen aller +indischen Völkerschaften+ mit ihrer Kleidung, ihrem Schmuck, ihren Waffen und Geräthen aufgestellt sind, von dem arischen Brahman bis zu dem Negrito der Andamanen-Inseln. Da erkennt man erst, dass Ost-Indien eigentlich nicht ein einheitliches Land, sondern einen ganzen Erdtheil mit den mannigfaltigsten Menschenrassen darstellt.

Die +naturwissenschaftliche+ Abtheilung giebt eine vollständige Uebersicht von Indiens Erzeugnissen aus den drei Reichen.

+Eisenerz+ wird überall in Indien gefunden und seit den ältesten Zeiten in einfacher Weise zu dem allerfeinsten Metall geschmolzen.

Uebrigens, obwohl gutes Eisenerz in bedeutender, mässig gute +Kohle+[443] in genügender Menge vorhanden ist, Arbeitslohn sehr billig, sind die Versuche der Engländer, Eisen im Grossen herzustellen, doch fehlgeschlagen, weil es zu schwierig ist, die drei Bestandtheile der Eisendarstellung, Erz, Flussmittel (Kalkstein) und Kohle nahe bei einander zu treffen. Der ungeheure Eisenbedarf Indiens, z. B. für die Eisenbahnen, wird aus England eingeführt; aus England kommt Kohle fast zu Ballastfrachtsatz.

+Steinsalz+ im Punjab und Seesalz, durch natürliche Verdampfung an der Küste von Bengal und Madras gewonnen, liefert das dem pflanzenessenden Indier so nöthige +Speisesalz+ und der Regierung ein beträchtliches Einkommen.[444]

Indien liefert aus seinen natürlichen Lagen im oberen Ganges-Thal (Nord-Behar) einen grossen Theil des +Salpeters+ für das Schiesspulver Europa’s.

+Silber+, seit uralter Zeit das Geld in Indien, wird nirgends im Lande gefunden. +Gold+ wird aus dem Flusssand gewaschen; aber die Arbeiter können kaum ihr Leben dabei fristen. Die Hoffnungen auf die neubearbeiteten Goldminen im Süden haben sich nicht erfüllt. +Kupfer+ wird in den niederen Bergrücken des Himalaja reichlich gefunden. Ausserdem Blei; Zinn in Burma; Antimon zur Augenschminke (surmá).

+Kalkstein+ (kankar) zum Bauen ist reichlich vorhanden, Kalk (chunam) wird daraus und aus Muscheln gewonnen. Die berühmten Gebäude zu Agra bestehen aus dem rosafarbenen +Marmor+ der Rajputana.

Trotz des sprichwörtlichen Reichthums an +Edelsteinen+, der Indien zugeschrieben wird, ist das Land nicht sehr +reich+ an kostbaren Steinen; jener Reichthum kam von der +Jahrhunderte+ lang fortgesetzten Sammlung und Anhäufung. Einige werthlose Diamanten werden noch jetzt in der Gegend von +Golconda+ gefunden, einige Perlen im Golf von Cambay und in der Gegend von Madura.

Uebrigens sind thatsächlich alle +Diamanten+[445] bis 1728 n. Chr. aus Indien gekommen, dann wurden solche auch in Brasilien und 1867 in Südafrika gefunden.

Die berühmtesten Diamanten der Erde sind die folgenden: 1) +Kohinur+ „Berg des Lichtes“, im 14. Jahrhundert von Alauddin in Südindien erbeutet und nach Delhi gebracht, wo er das Grabmal des grossen Akbar schmückte, von Nadir Schah 1739 erbeutet, diesem von den Sikhs abgenommen, nach der Besiegung der Sikhs 1850 dem englischen Kronschatz einverleibt. Er wiegt jetzt, nach dem Brillantschliff, 106 Karat (zu 20 Centigramm), soll aber ursprünglich das sechsfache gewogen haben. 2) Der +Orlow+ an der Spitze des russischen Scepters stammt aus dem Thronsessel von Nadir Schah und wurde 1772 für 450000 Silberrubel angekauft; Durchmesser 3,4 Centimeter, Höhe 2,18 Centimeter; Gewicht 197¾ Karat. 3) Der +Regent+, von 136 Karat, stammt gleichfalls aus Ostindien, wurde im vorigen Jahrhundert von dem Herzog von Orleans gekauft und befindet sich jetzt in dem preussischen Kronschatz.

Vergeblich suchte ich die +Glasmodelle+ der grossen indischen Diamanten, die nach dem Reisebuch hier anzutreffen seien. Lächelnd sagte mir Herr Dr. Holland, der Vorsteher dieser Abtheilung, dass ein dummer Teufel sie -- gestohlen habe. „Aber“, fügte er hinzu, „was wollen Sie denn hier? Alle indischen Mineralien finden Sie in der mineralogischen Sammlung zu Berlin“. Ich dankte ihm und erwiderte, dass ich erstlich in Berlin weniger Zeit hätte, zweitens hier in dem Museum von Calcutta zwei Dinge gesehen, die mir besondere Freude bereitet. Das erste ist der indische +Magneteisenstein+, der vielleicht schon seit 2000 Jahren in der Wundarzneikunst der Inder angewendet worden: in Susruta’s Ayur-Veda wird der „vom Eisen geliebte“ Stein als das vierzehnte der fünfzehn Mittel gepriesen, die geeignet sind, eine Pfeilspitze aus dem menschlichen Körper herauszuziehen.[446] Das zweite ist der indische +Beryll+, ein meergrüner, durchsichtiger Halbedelstein. +Sein indischer Name ist in die deutsche Sprache+ übergegangen: Im Sanskrit vaidurya, im Prakrit vêlurija, aramäisch bellur, griechisch βήρυλλος, lateinisch beryllus oder berullus; im Mittelalter berillus, auch zur Bezeichnung von Crystall und Glas. Davon stammt unser Wort +Brille+.

Sehr merkwürdig ist die Sammlung fossiler Wirbelthiere, eine der vollständigsten der Welt. Aber das Wichtigste sind die +Alterthümer+.

Am besten gefallen +uns+ die alten Bildhauerarbeiten, die aus dem äussersten Nordwesten (Gandhara, im Pundjab,) stammen und offenbar unter +griechisch-baktrischem+ Einfluss entstanden sind: kleine Figuren, aber Meisterstücke. Eine Reihe geflügelter Giganten könnte aus Pergamum, eine anmuthige Frau mit ihrem Sohn aus dem kaiserlichen Rom herstammen. Buddha gewinnt hier ein besonders mildes Antlitz und eine ebenmässige Gestalt; in einem Relief stehen zu beiden Seiten des Buddha betende Knaben, dann folgt jederseits ein knieender Jüngling, alles in schönster Raumvertheilung, wie in einem griechischen Tempelfries. Herr Baron von Heyking hat das grosse Verdienst, einige Originale dieser Kunstrichtung für das Berliner Museum der Völkerkunde erworben zu haben.

Am wichtigsten in der ganzen Sammlung sind die +Reste buddhistischer Bauwerke+. Es ist klar, dass, nachdem seit fast 1000 Jahren die Buddha-Lehre aus dem eigentlichen Indien vertrieben worden, hier weit mehr von ihren Alterthümern, trotzdem Vieles muthwillig zerstört ward, gesammelt werden kann, als in einer Gegend, wo heute noch die Buddha-Lehre blüht, und ihre Alterthümer hohe Verehrung geniessen. Man könnte nach ähnlichen Ueberlegungen auch denken, dass es in Indien schwer halten müsste, alte Bildsäulen von Hindu-Gottheiten für die Museen zu bekommen; doch scheinen die Mohammedaner so viele Hindu-Tempel zertrümmert und entweiht zu haben, dass der Bedarf an elephantenköpfigen und vielarmigen Gottheiten im Museum zu Calcutta ganz reichlich gedeckt ist.

Aber das Hauptstück ist das buddhistische Steingitter von +Bharhut+,[447] das schon 200 v. Chr. erbaut und vor nicht langer Zeit vom General Cunningham aufgefunden und ausgegraben ist. Es sind dies mächtige viereckige, aus Riegeln zusammengesetzte Steingitter, mit hohen Thoren und reichem Bilderschmuck, womit die Buddhisten ihre heiligen Bäume, Tempel, Gedenkthürme (Tope) und Reliquienbauten (Dagoba) zu umgeben pflegten. Das South Kensington-Museum und unser Völker-Museum zu Berlin besitzen treffliche Nachbildungen dieser merkwürdigen Art von Bauwerken. Der Thurm zu Bharhut, der anscheinend einen Durchmesser von 68 Fuss gehabt, ist gänzlich verschwunden in den -- Dörfern der Eingeborenen. Das Gitter aber, das vollständig eingestürzt und im Schutt begraben lag, ist zur Hälfte erhalten.

Ursprünglich hatte es einen Durchmesser von 88 Fuss, also eine Länge von etwa 275 Fuss. Die Thore waren 22 Fuss hoch bis zur Krönung, dem +Rad+ des Gesetzes, und ihre Querbalken mit Reihen von baum-anbetenden Elephanten, Löwen u. dgl. geschmückt. Das Gitter selbst war 9 Fuss hoch und der oberste Querbalken durch eine fortlaufende Reihe von Reliefs geschmückt, welche Legenden (jataka) darstellen und Inschriften enthalten mit dem Namen der dargestellten Personen und dem Titel der heiligen Bücher, worauf sie sich beziehen. Obwohl der Bau deutlich den Uebergang vom Holz- zum Steinwerk darstellt, ist das Bildwerk doch so scharf mit dem Meissel in den harten Sandstein eingegraben, dass eine lange Kunstübung vorausgegangen sein musste.

Die Bildhauerkunst ist ganz eigenartig und nicht ohne Anmuth; die Gegenstände betreffen den Buddha-Dienst ohne Buddha. Da ist der Traum seiner „Mutter“ Maya, vom Niedersteigen des weissen Elephanten, ein Naga-[448] Fürst, der den heiligen Feigenbaum anbetet; ein König, der vor einem Altar mit Buddha’s Fussspuren kniet; am Thorweg eine Heerde Elephanten, die sammt ihren Kälbern vor dem heiligen Feigenbaum niederknieen.

Der +zoologische Garten+, im Süden der Stadt, am Tolly-Nalla-Flüsschen gelegen und durch einige kleine Seen belebt, verdankt seine Entstehung dem unermüdlichen Eifer eines Deutschen, dem auch eine Erinnerungstafel gestiftet worden ist. Der Garten ist geräumig, gut gepflegt und mit Thieren besetzt; das Eintrittsgeld sehr gering; daher trifft man drinnen Eingeborene in grosser Zahl. Hier kann man ihre Gestalt und Gesichtszüge, Kleidung und Schmuck bequem in Augenschein nehmen. Einzelne Hindu-Frauen von ganz hübschem und gar nicht dunklem Gesicht sind für unseren Geschmack abscheulich entstellt durch riesige Nasenringe. Der dünne Ring geht durch den linken Nasenflügel und hängt vor dem Mund herab bis zur Spitze des Kinns und trägt noch allerlei Flitter und Zierath.

Von Löwen und Tigern sind einige Prachtstücke vorhanden, wir haben aber mehr davon. Das Affenhaus fesselt auch die indischen Kinder. Unter den Vögeln sind neben der ungeheuren Anzahl der Papageien besonders die herrlichen Paradiesvögel bemerkenswerth. Alligatoren leben unter bedeckter Halle in einem tiefgelegenen, ausgemauerten Wasserbehälter. Die Schlangen sind zahlreich und zum Theil recht lebhaft. Sehr belustigend ist das Chamäleon, das, wie auf Befehl, sein rechtes Auge nach oben, sein linkes nach unten wendet.

An dem munteren Verhalten der Thiere merken wir, dass sie in oder nahe ihrer Heimath sich befinden. Wenn auch in unserem zoologischen Garten an einzelnen Stellen der Charakter Asiens im +Baustil+ gewahrt ist, so fehlen uns, um die Täuschung voll zu machen, erstlich die +braunen Menschen+ und zweitens Inschriften wie die folgende: „Speisewirthschaft ausschliesslich für Hindu-Damen und Herren.“ Durch die strengen Speisegesetze der Hindu-Lehre ist diese Trennung geboten.

Aber weit berühmter ist der +botanische Garten+. Der Besuch desselben nimmt einen halben Tag in Anspruch. Man fährt im Miethswagen nördlich bis zur Schiffsbrücke, über dieselbe nach Howrah und dann südlich am Fluss-Ufer entlang. Kürzer ist die Fahrt im Boot nach der Treppe des botanischen Gartens (Botanical Garden Ghat); aber der Garten ist so ausgedehnt (272 Acres = 109 ha), dass man doch einen Wagen braucht. Der Garten wurde 1786 vom General Kydl begründet. Seine Nachfolger Roxburgh, Wallich, Griffith, Falconer, Thomson, Anderson und King waren alle sehr berühmte Botaniker.

An dem Howrah-Eingang ist eine wunderbare Gruppe: in der Mitte ein indischer Feigenbaum (Ficus indica), zur Seite zwei heilige Bo-Bäume (Ficus religiosa).

Nach rechts sieht man eine lange Reihe mustergiltiger Palmyra-Palmen, nach links eine eben solche von Mahagoni-Bäumen. Ich sehe auch sehr schöne Teak- und Strychnos-Bäume. In der Mitte der Anlage steht ein Marmordenkmal (für Roxburgh), mit einer lateinischen Inschrift: Frauen, die Blumen über einen kleinen Erdball fortreichen, in der That ein wenig glücklicher Gedanke.

Aber unvergleichlich schön ist die lange Strasse von hohen Königspalmen (Oreodoxa regia), die von hier ausgeht. Der Stamm verdünnt sich von der Wurzel bis zur Mitte seiner Höhe, schwillt dann wieder an, um sich noch einmal in einen grasgrünen Schaft zu verjüngen, das schönste Vorbild für die Anschwellung (Entasis) des griechischen Säulenschaftes; doch stammt Oreodoxa aus Westindien und Südamerika.

Unvergleichlich ist die Pracht der Blumen und der nur mit einem Schattendach versehenen Gewächshäuser. Die grösste Berühmtheit des Gartens ist ein +Banyanbaum+ (+Ficus indica+), der laut Inschrift genau hundert Jahr alt ist, aber durch die zahlreichen Luftwurzeln zu einem gewaltigen Dom mit flacher, grüner Kuppel und mit ungeheuren Säulenhallen sich entwickelt hat. Der Umfang des Stammes beträgt 42, der Verzweigungen 850 Fuss, die Zahl der Luftwurzeln 280.

Es ist sehr merkwürdig, dass bereits +Milton+ († 1674) den wunderbaren Banyan-Baum besungen hat:

Branching so broad along, that in the ground The bending twigs take root and daughters grow About the mother tree, a pillared shade, High overarched with echoing walks between.

Der botanische Garten zu Calcutta hat zur Kenntniss und zur Pflege der tropischen Pflanzen sehr viel beigetragen. Das grosse indische Herbarium ist unter Wallich hauptsächlich von den Schätzen dieses Gartens gesammelt und hat 1829 an die vornehmsten Museen Europa’s reiche Gaben ausgetheilt. Die Theepflanzungen auf dem Himalaya und in Assam sind hauptsächlich ein Werk des Gartendirectors. Die Sammlung getrockneter Pflanzen enthält 40000 Arten. Die +Flora of British India+ in 34 Theilen oder 9 Bänden wird im Jahre 1893 zu Kew bei London beendigt werden und legt Zeugniss ab von dem wissenschaftlichen Eifer der Engländer.

Bei der Rückfahrt finde ich die Brücke über den Hugli aufgezogen, damit Schiffe stromaufwärts fahren können. Die Stunde unfreiwilliger Musse (von 3-4 Uhr Nachmittags) giebt reichlich Stoff zur Beobachtung.

Hunderte von Wagen und Ochsenkarren stauen sich beiderseits und Hunderte von Fussgängern; denn eine zweite Brücke giebt es nicht über den breiten Strom, wohl eine Dampf-Fähre und kleine Boote.

Unterhalb der Brücke am Fluss-Ufer steht eine Inschrift: Dies Bad ist ausschliesslich für Hindu. Es wird reichlich benutzt. Hindu-Damen in ärmlicher Gewandung, aber stolzer Haltung, schreiten hinab in’s Wasser und baden sich sowie das lange rechteckige Baumwollentuch, das, künstlich umgeschlungen, ihr Kleid darstellt. Im blossen Schurz ringen sie das Tuch aus und trocknen es auf dem steinigen Ufer, in der Sonne, was nicht lange dauert. Kein Mann guckt nach ihrer Blösse, wie in unseren hoch gesitteten Seebädern.

Unbeschreiblich ist das Gewühl von beiden Seiten, als endlich die Zugbrücke fällt und der Verkehr freigegeben wird.

Nach Hause zurückgekehrt, nehme ich ein Bad, kleide mich um, und fahre zum Empfang des Vicekönigs an +Prinseps Ghat+, der Landungstreppe im Süden des Hafens.

Alle Schiffe haben geflaggt. Ganz Calcutta ist zur Stelle. Märchenhafter Prunk, wie aus 1001 Nacht, wird entfaltet. Da fährt der Rajah im grossen, vierspännigen, offenen Wagen. Himmelblau gekleidete Diener sitzen vorn, sitzen hinten, mit einem Wedel auf dem Rücken, zum Zeichen des Dienstes. Blau gekleidete Leibwächter mit blankem Schwert und Schild galoppiren hinterdrein. Der Rajah selbst im langen Sammtgewand mit Goldstickerei sitzt stolz und würdevoll in seinem Wagen und dankt sehr freundlich, wenn ihn Einer grüsst.

So kommen Dutzende von Wagen mit vornehmen Einheimischen und fahren auf den belebten Spazierwegen hin und her; einige Wagen enthalten auch Damen, die nicht so, wie die des Volkes, mit Nasen- und Armenringen überladen, aber doch abenteuerlich genug geputzt und gekleidet sind. Selbst die gewöhnlicheren von den Einheimischen, die ihren Einspänner selber lenken, ahmen das bunte Gefieder ihrer Vögel nach; ich sah einen jungen Mann in grüner, gestickter Seidenjacke und in Purpurhose. In dem Gewühl der einheimischen Fussgänger fehlen Frauen fast ganz, und trotzdem sieht es bunter aus, als bei unseren Volksfesten.

Auch die Europäer in ihren Kutschen zahlen dem Morgenland ihren Zoll; wenngleich sie selber dunkle oder wenigstens gleichfarbige Kleidung tragen, so sind doch ihre Kutscher und Läufer mit bunter Husarengewandung geschmückt. Selbst unter den Soldaten sind einzelne, z. B. die bengalischen Lanzenreiter, höchst farbenprächtig und eigenartig.

Nachdem die Ansammlung eine halbe Stunde gewartet, wurde es kund, dass der Dampfer des Vicekönigs am Ausfluss des Hugli aufgehalten worden sei, und die Ankunft erst am nächsten Tage stattfinden werde.

Die Sonne geht wolkenlos unter, aber sofort leuchtet der Mond in hellem Glanz.

Zwischen Prinseps Ghat und dem Maidan liegt das stattliche +Fort-William+, das von 1757-1773 für 2 Millionen £ erbaut worden. Es ist ein unregelmässiges Achteck, von 3 Kilometer Umfang, von einem 50 Fuss breiten und 30 Fuss tiefen Graben umgeben, der vom Fluss aus mit Wasser gefüllt werden kann, und mit sechs festen Thoren und einer Ausfallspforte.[449] Es enthält ein englisches und ein einheimisches Infanterie-Regiment und eine Batterie, hat 619 Geschütze, ein Arsenal und Raum für 25000 Mann. Gegenüber dem Wasser-Thor der Festung steht hart am Flussufer das Gwalior-Denkmal, zur Erinnerung an die 1843 im Feldzug gegen Gwalior gefallenen Soldaten und Officiere, im Jahre 1844 errichtet.

Zwischen der Festung und dem Palast liegt der +Eden-Garten+, wo Abends die Militärkapelle spielt und die Kinder nebst ihren Fräulein, Frauen und Dienern, ferner Jünglinge und Jungfrauen, sowie auch einen Theil der Vornehmen heranzieht, obwohl die letzteren lieber in ihren Kutschen am Eingange halten. Ich stieg natürlich aus und mischte mich in das Gewühl. Der Garten hat seinen Namen nicht von dem Paradiese, sondern von den Fräulein Eden, den Schwestern des Lord Auckland, die diesen freundlichen Aufenthaltsort geschaffen haben. An einem kleinen See ist eine echt birmesische Pagode aufgestellt mit riesigen, holzgeschnitzten Fabelthieren.

Dass sich ein Cricket-Grund vorfindet, neben dem Eden-Garten, und ein Platz zum Pferde-Wettrennen, südlich vom Fort, ist selbstverständlich.

Der ganze, von der Bebauung freigebliebene Südwesten der Stadt ist von vorzüglichen Fahrwegen durchzogen und an den Kreuzungen mit zahlreichen, gutgemeinten Bildsäulen verdienter Männer besetzt. Der Fahrweg am Fluss-Ufer setzt sich jenseits des Flüsschens Tolly-Nalla und der grossen Docks von Kidderpur südwestlich fort in die Garten-Strecke (Garden reach). Der Weg zieht hier neben dem Fluss-Ufer, aber von ihm getrennt, durch die Besitzungen der P. & O., der M. M., des abgesetzten Königs von Oudh und vieler Anderen; einzelne der Landhäuser sind schon von 1768-1780 erbaut.

Das Abendessen war ziemlich behaglich, da das gänzliche Fehlen englischer Damen den steifen Zwang in Fortfall brachte, und die Anwesenheit verschiedener Landsleute eine Unterhaltung in der Muttersprache ermöglichte.

Ausser mehreren jungen Kaufleuten, die den kostspieligen Versuch eigener Wirthschaft (mit etwa neun Dienern für jeden Unverheiratheten) aufgegeben und wieder zum Wirthshaus-Essen zurückgekehrt, fand ich einen Jutefabrikanten aus Deutschland, der mit seinem erwachsenen Sohn hauptsächlich zur Beruhigung seiner Nerven, theilweise auch zum Einkauf von Jute, nach Calcutta gereist war.

Mein Leibdiener wartete mir bei Tische auf, brachte die Gerichte und eine Flasche trinkbaren deutschen Bieres,[450] musste aber ernstlich verwarnt werden, dass er nicht jedes Mal ein grosses Stück Eis in das Tulpenglas werfe. Bis zum Jahre 1878/79 wurde Eis aus den Vereinigten Staaten eingeführt, seitdem wird es in Calcutta und Bombay künstlich hergestellt, ist aber ebenso wenig Vertrauen erweckend, wie das indische Soda-Wasser.[451] Ich habe ausser Thee und Kaffe in Indien nichts getrunken, was nicht vor meinen Augen einer in Europa verkorkten Flasche entnommen wurde.

Nach Tisch liest man bei einer rauchbaren Cigarre[452] die englische Zeitung von Calcutta, die schon genügend Telegramme aus Europa hat, um den fern von der Heimath weilenden Reisenden zu beruhigen. Aber nun scheint auch der Tag erschöpft. Denn in die nahe bei unserem Hotel gelegene Concerthalle zu gehen, um eine europäische „Diva“ singen oder gar pfeifen zu hören[453], dürfte doch nicht einmal ein zweifelhaftes Vergnügen, sondern ein zweifelloses Missvergnügen darstellen.

Aber es muss hier doch ein Hindu-Theater geben, frage ich den Wirth. -- Gewiss, mehr als eines; sie liegen dicht bei einander. Ich werde Ihnen einen Wagen besorgen und Ihren Diener benachrichtigen. -- Mein Landsmann, der schon mehrere Monate theils in Calcutta, theils in Darjeeling verweilt, aber noch nie eine solche Vorstellung gesehen, war gern bereit, mich zu begleiten. Wir fuhren eine ziemliche Strecke durch die dürftig mit Gas erleuchtete Stadt, (nur die Hauptstrasse zwischen den Bahnhöfen hat elektrische Lampen,) immer weiter nördlich, zu immer ärmlicheren Vierteln (Beadonstreet). Aber das Theater war sehr merkwürdig. Schade nur, dass ich so wenig davon verstand, trotzdem ein Hindu, der etwas englisch sprach, Erläuterungen gab. Das Stück hiess „Mondschein“ und war ein Trauerspiel, aber nach Shakespeare’scher, oder sagen wir lieber altindischer Art, mit lustigen und selbst possenhaften Auftritten vermischt. Ein Kebsweib erzürnt den Gatten gegen seinen erwachsenen Sohn und veranlasst die Tödtung des letzteren. Spiel und Gesang war für uns durchaus nicht unangenehm, weder in den traurigen, noch in den lustigen Abschnitten.

Da gegen Mitternacht das Stück noch nicht zu Ende war, fuhren wir nach Hause. Nach einem so inhaltsreichen Tage schlief ich gut, trotzdem das Zimmer heiss und das Bett mittelmässig war.

* * * * *

Ungefähr in der Mitte der Stadt liegt die +Universität+ und dabei das +Krankenhaus der Schule für Heilkunde+ (der medicinischen Facultät). Die Einrichtung ist natürlich nach europäischem Muster hergestellt, die Lehrer sind ehemalige Militärärzte, die Schüler Asiaten wie auch Europäer, Herren wie Damen. Beobachtungen, die mein Sonderfach betreffen, will ich übergehen, hingegen drei Krankheiten von allgemeiner Bedeutung kurz berühren. +Lungenentzündung+, die bei uns von den Nichtärzten für eine auserlesene +Erkältungskrankheit+ gehalten wird, fehlt keineswegs in dem heissen Indien und kommt besonders in der -- +wärmeren+ Jahreszeit vor. +Lungenschwindsucht+ ist in Indien sogar häufig; auch Europäer, die schon lange dort weilen, werden davon befallen. +Cholera+ kommt immer vor, aber man macht wenig Aufhebens davon. Als ich mit dem leitenden Arzt, Prof. Sanders, das im Norden von Calcutta, nahe dem Fluss-Ufer belegene +Mayo-Krankenhaus+ für Eingeborene, welches schon 1792 begründet, 1874 neu gebaut worden, besuchte, und von dem Haus-Wundarzt Babu Suresh Prasad Sarbadhikari auf das freundlichste begrüsst wurde, waren gerade zwei Fälle aufgenommen; ein leichterer in den allgemeinen Saal, ein schwererer in ein abgesondertes Gebäude.[454] Die Engländer glauben gegen die Krankheit gefeit zu sein, da sie niemals Wasser trinken; das ist auch gewiss ganz nützlich, aber vollständig ist der Schutz doch nicht. Als ich später nach den Felsengrotten von Ellora im Dekkan fuhr, bat mich ein britischer Officier, ihn in unserem Postwagen mitzunehmen, da er die Gräber der bei der vorjährigen Uebung im Lager an der Cholera verstorbenen Kameraden besuchen wollte. Auch die Einheimischen sind freier von Cholerafurcht, als im vorigen Jahre die Bewohner hochberühmter Weltstädte im Herzen von Europa. In dem Schutzstaat Jaipur (in der Mitte von Nordindien) befand ich mich in der Vorhalle eines Hindu-Tempels, als eine eingeborne Frau den Priester wegen ihrer Krankheit befragte. Er liess sich die Zunge zeigen, befühlte den Puls und sagte kaltblütig, dass sie an Cholera leide, nach Hause gehen und gar nichts thun solle. Thörichter Weise erwachte in mir der ärztliche Feuereifer. Hatte ich doch im Jahre 1866 als blutjunger Doctor, noch vor dem Staatsexamen, in dem Choleralazaret meine Sporen verdient und über tausend Cholera-Kranke behandelt. Ich fühlte gleichfalls den Puls, besah und befühlte die Zunge und erfuhr durch Befragen, dass die Kranke nur Durchfall, kein Erbrechen gehabt. Da erklärte ich ihr, dass sie gar nicht an der Cholera leide, nach Hause gehen und doch etwas thun solle, nämlich sich zu Bette legen, heissen Thee, aber nichts festes geniessen. Leider hatte ich hierbei den wichtigen Grundsatz ausser Acht gelassen, dass der Reisende in der Fremde vergessen müsse, was er zu Hause ist. Die Kranke schüttelte den Kopf und folgte dem Priester.

Da nun eben Indien die Heimath der verheerenden Seuche darstellt, so verlohnt es wohl, mit wenigen Worten auf die wichtigsten Thatsachen einzugehen. Die alten Griechen (auch schon +Hippocrates+, der Vater der Heilkunde, im 5. Jahrhundert v. Chr., sowie der aus den Griechen schöpfende Römer +Celsus+, zur Zeit Nero’s,) haben den Brechdurchfall mit dem Namen Cholera (χολέρα[455]) bezeichnet. Diesen Namen wählten die englischen Aerzte, welche in Indien zuerst die Brechruhr als Volksseuche beobachteten;[456] dieser Name wurde natürlich beibehalten, als die Seuche 1830 von Ostindien über Persien und Russland nach Europa sich verbreitete. In den klassischen Werken der Hindu-Heilkunde wird der Brechdurchfall[457] genau und zutreffend beschrieben, aber die epidemische Verbreitung nicht erwähnt. Obwohl bereits im 17. und 18. Jahrhundert einzelne Epidemien von grosser Ausbreitung und Heftigkeit in Indien gewüthet, so beginnt der eigentliche Seuchenzug erst im Jahre 1817 zu Jessore nahe dem Meerbusen von Bengalen. Unser +Robert Koch+ hat aus eigner Anschauung die ungünstigen Verhältnisse dieses Ueberschwemmungsgebietes genau geschildert und den von ihm als Ursache der epidemischen oder asiatischen Cholera entdeckten +Kleinpilz+ (Komma-Bacillus) in den auch von mir vorher erwähnten Wassertümpeln der Hindu-Stadt von Calcutta nachgewiesen. Die Zahl der Opfer, welche die Cholera in Indien alljährlich hinwegrafft, ist beträchtlich, sie schwankte von 1882 bis 1890 zwischen 200000 und 475000 jährlich bei einer Bevölkerung von etwa 198 Millionen, betrug also 1,3 bis 2,4 vom Tausend der Bevölkerung.[458]

An den Pocken sind 1883 in Indien 333000 Menschen gestorben. Indien ist ein ungesundes Land, seine Sterblichkeitsziffer beträgt jährlich 40 vom Tausend. (In Deutschland 28.)

Darjeeling im Himalaya.

Am 3. Dezember Nachmittags 4 Uhr, oder um 16 Uhr, wie es in Indien (und Canada) heisst, beginne ich einen viertägigen Ausflug[459] nach Darjeeling im Himalaya, erst auf der östlichen, dann weiter auf der nördlichen Eisenbahn von +Bengalen+.

Das Land ist dicht bevölkert und angebaut wie ein Garten. Man sieht unermessliche Reisfelder, Pflanzungen von Jute, Tabak, Gemüse, Zuckerrohr, Kokospalmen, Bananen u. s. w.; zahlreiche Dörfer, die Hütten mit schwach gewölbten Dächern, und Teiche.

Abends gegen 9 Uhr erreichen wir Damukdia, am rechten Ufer des Ganges. Wegen der grossen Aenderungen im Flussbett[460] konnte ein bleibender Bahnhof nicht in Angriff genommen werden. Jetzt ist der Fluss eine englische Meile breit; zur Zeit des Hochwassers, wenn der Himalaya-Schnee reichlicher schmilzt, angeblich bis 5 Meilen. In der trockenen Jahreszeit werden alljährlich zeitweilige Schienen auf den Sand gelegt, um den erheblichen Abstand (von 13 englischen Meilen) zwischen Damukdia und dem jenseitigen Eisenbahnhalteplatz +Sara Ghat+ einigermassen zu verringern.

Die wirkliche Kreuzung des Flusses mittelst des Dampfschiffes dauert jetzt 20 Minuten. (Erheblich länger in der nassen Jahreszeit.) Auf Deck wird uns ein Abendessen aufgetragen. +Zum ersten Mal in Indien ist es empfindlich kühl.+

Am nördlichen Ufer beginnt die Nordbahn von Bengalen (Northern Bengal railway). Diese hat eine +Meter-Spurweite+.

Das zweimalige Umsteigen ist durch die Anwesenheit williger Kuli wesentlich erleichtert. Auf jeden Europäer stürzen sich zwei bis drei, entreissen ihm jedes Gepäckstück und schleppen es nach dem neuen Bestimmungsort. Zwei bis drei Annas jedes Mal ist ein genügendes Trinkgeld; ich wenigstens habe fast nie Unzufriedenheit gesehen.

So beginne ich meine erste +Nachtfahrt+ auf indischer Eisenbahn. Der Abtheil ist geräumig und nur für vier Reisende bestimmt, von denen zwei auf den beiden gepolsterten Seitenbänken +bequem+ schlafen können; die beiden andern +leidlich+, auf den obern Klappbänken. Betten werden nicht geliefert. Fast Jeder reist mit seinem eignen Bett. Die im Lande lebenden Europäer bringen ungeheure Mengen von Gepäck in den Wagen, jeder zwei bis drei Koffer, verschiedene Mantelsäcke, Körbe, Nahrungsmittel, Flaschen mit Trinkwasser u. dgl.

Erstlich hat jeder Reisende erster Classe 1½ Maund (etwa 120 Pfund) Gepäck frei; und sollte es zufällig mehr sein, so wird der schüchterne Babu nicht wagen, dem schnauzbärtigen englischen Officier oder Beamten Vorhaltungen zu machen. Zweitens wollen die Bahnbediensteten sogar abgewogene Gepäckstücke, die frei befördert werden müssen, nicht in den Gepäckwagen nehmen; mir wenigstens sagten sie auf der Fahrt nach Benares, ich möchte nur meinen Koffer mit in den Wagen nehmen. Drittens ist die Zahl der Diener für die im Lande Lebenden und die der herumlungernden Kuli für die Reisenden so gross und ihre Willfährigkeit, unter die Bänke zu kriechen und das letzte Zeitungsblatt oder Körbchen wieder hervorzuholen, so unbegrenzt, dass fast Jeder so viel Sachen mitschleppt, wie er nur eben bewältigen kann. Ist dann aber ein Wagenabtheil erster Classe wirklich von vier Reisenden über Nacht besetzt, so sieht er aus wie eine belagerte Festung. Man kann darin nicht gehen, sondern muss klettern und einige Kraftanstrengung anwenden, um Morgens in den zu dem Wagen gehörigen Waschraum zu gelangen. Handtücher muss der Reisende mitbringen.

Ich hatte dies Mal das Glück, allein zu fahren. Darjeeling ist wohl im heissen Sommer Zufluchtsort für diejenigen Europäer, welche in Bengalen leben; aber jetzt im Winter strömt alles nach Calcutta: die Strecke ist jetzt wenig befahren, ausser von Einheimischen in der dritten Classe.

Da ich kein Bett mitgenommen, blieb ich angekleidet, blies mein Luftkissen auf, bedeckte mich mit meinen Plaid und schlief, wenn auch nicht vorzüglich, so doch genügend. Morgens 7 Uhr 50 Minuten erreichen wir Siliguri (328 englische Meilen von Calcutta), den Endpunkt der Staatsbahn.

Hier beginnt die private +Darjeeling-Himalaya-Eisenbahn+, die eingeleisig ist und eine Spurweite von nur zwei Fuss besitzt.[461] Bahn und Locomotiven sind besonders kräftig gebaut. Die Steigung beträgt bis 1:23 und wird ohne Zahnrad bewältigt. In einer Stunde steigt man um 1000 Fuss.

Der Director, dessen Bekanntschaft ich machte, sprach mit besonderem Stolz von den Curven. Aber die Wagen sind auch recht kurz, z. B. der Aussichtswagen erster Classe enthält nur sechs schmale Sessel für je eine Person. Mehr als 7 englische Meilen, d. h. 13 Kilometer, in der Stunde, sind hier nicht erlaubt. Wir legen die ganze Strecke von 48 englischen Meilen in acht Stunden zurück.

Die Bahn hat guten Ueberschuss, wenn ich nicht irre, jährlich 10 Procent des Anlagecapitals. Aber sie ist auch recht theuer. (20 Rupien für 48 englische Meilen, während die 328 Meilen von Calcutta bis Siliguri nur 30 Rupien kosten.)

Die Fahrt ist ausserordentlich schön und anregend. Wegen der zahlreichen Biegungen des Schienenzuges treten immer neue Landschaftsbilder auf, welche unsern Blick fesseln.

Zu seinen Füssen schaut der Reisende in immer zunehmender Entfernung die fruchtbare Ebene von Ober-Bengalen, in welcher zahlreiche, vom Himalaja herabströmende Flüsse aufblitzen. Die Berge, an denen wir emporklimmen, sind bis oben hin dicht bewaldet und alle Lichtungen, welche die Axt geschaffen, von ausgedehnten Theepflanzungen eingenommen.

Der Pflanzenwuchs ist sehr üppig, aber nicht mehr tropisch, wie auf der Fahrt nach Candy. Denn wir sind zwischen dem 26. und 27. Grad nördl. Br.

Allmählich wird es kühl, jedoch mir nicht unangenehm. In meinen wollenen, langen Reiseüberzieher gehüllt, harre ich ruhig im offnen Wagen aus, während manche Reisende die geschlossenen aufsuchen. Moosbärte treten auf an den Bäumen, auch vereinzelte Nadelhölzer, prachtvolle Baumfarn; doch bleiben Laubhölzer fast bis zur Passhöhe, welche 7400 Fuss über dem Meeresspiegel liegt. Der eigentliche Pass ist etwas kahl und steinig, aber der Pflanzenwuchs hört nicht völlig auf.

Gleichzeitig mit den Pflanzen haben bei der Höhenfahrt die Menschen sich geändert. Zunächst sieht man noch viele +Bengalen+, namentlich dunkle der niederen Casten, Ureinwohner, die einst von den Hindu unterjocht worden und die Hindu-Religion angenommen haben. Dann kommen in wachsender Zahl Mongolen mit Schlitzaugen und breiten Backenknochen. Es sind +Nepauler+ mit eigner Sprache, Buddhisten. Die Tracht, welche in der Ebene nur aus Lendenschurz bestand, ist mehr und mehr vervollständigt worden und schliesslich ähnlich der tatarischen. Die Leute decken den Mund mit einem wollenen Tuch oder Gewandzipfel. Jeder Mann hat ein breites Dolchmesser im Gürtel. Die Frauen tragen Halsbänder aus Landesmünzen, auch mit Amuletten, ungeheure Ohrgehänge, dazu Ringe und Nasenschrauben. Das Halsband ist Schaustück und Sparkasse zugleich. Ein Bettelmädchen, welches wenigstens 30 Mark in Silbermünzen um den Hals trug, war entrüstet, als ich mit Rücksicht auf diesen Schatz meinen Zoll verweigerte, und hielt mir eine lange Rede, die ich leider nicht verstand.

Darjeeling ist nach der Angabe des Eisenbahndirectors 6800 Fuss über dem Meer. Damit stimmt meine Messung. Der Ort liegt schön terrassenförmig auf einem steil abfallenden Bergrücken.

In dem Garten des dicht neben dem Haltepunkt der Eisenbahn gelegenen, vortrefflichen, aber zur Zeit ziemlich leeren +Woodland’s Hotel+ sehe ich im Freien, am 4. December, blühende Chrysanthemum, ausserdem herrliche Cypressen und Laubbäume.

Sehr interessant war der +Bazar+ der Eingeborenen wegen des Gedränges verschiedener Völkerstämme, wie Lepcha, Bhutia, Nepauler, Tibetaner.

Bei Tisch fand ich mittelmässiges Essen, aber gute Gesellschaft; zunächst einen alten Bekannten vom Shannon, und ferner einen englischen Beamten, der schon lange Zeit in Darjeeling weilt, um einen Handelsvertrag mit dem gegen Fremde so fest abgeschlossenen Tibet in Gang zu bringen. Sehr eingehend erkundigte er sich nach den Erfahrungen, die ich in den englischen Colonien gemacht, und als ich ihm freimüthig meine angenehmen wie unangenehmen Eindrücke schilderte, sagte er: „O yes, my countrymen are a dreadful people.“

Der Ort Darjeeling hat eine angenehme Temperatur, nicht über +26° C. im Sommer, nicht unter -1° C. im Winter, eine herrliche Lage und den wunderbaren Hintergrund der Himalayakette.

Der Bezirk +Darjeeling+, der zwischen die unabhängigen Staaten Nepaul[462] und Bhutan sich einschiebt und nach Norden an den über die Himalayakette fortreichenden Schutzstaat +Sikkim+ grenzt, war im Jahre 1839 fast menschenleer, als der Rajah von Sikkim das kleine Gebiet den Engländern zu einer Gesundheitsstätte für ihre Soldaten abtrat. Nur 22 Familien wohnten darin, als Dr. Campbell die Verwaltung übernahm. Er baute Strassen, einen Bazar, ein Regierungsgebäude, eine Heilstätte für die Soldaten und waltete 22 Jahre seines Amtes. Jetzt wohnen 150000 Menschen in dem Bezirk von Darjeeling.

Die +Theepflanzungen+ wurden 1856 begonnen. Jetzt giebt es 200 Theegärten, die 50000 Acres (= 20000 ha) decken. Im Jahre 1882/83 wurden über 8 Millionen Pfund Thee geerntet.

Da haben wir wieder ein Beispiel geschickter und erfolgreicher Colonisation.

Pflichtschuldig liess ich mich am nächsten Morgen (den 5. December) um 5 Uhr früh wecken und begann um 6 Uhr, unter Führung eines Einheimischen, der kein Wort Englisch verstand, den Ritt[463] nach dem Tiger-Hügel (Tiger hill), der in östlicher Richtung 11 Kilometer von Darjeeling entfernt und um 1500 Fuss höher gelegen ist.

Der Mond stand noch ziemlich hoch am Himmel, etwa 30 Grad über dem Horizont, und erglänzte in hellem Licht; zeitweise wurde er allerdings von vorüberziehenden Wolken verdeckt. Einige Wolken am westlichen Himmel schimmerten rosig, bestrahlt von der Morgenröthe, die selber mir noch verdeckt blieb. Auch die Gipfel der steinigen Riesen im Westen zeigten einen zartrosigen Schimmer. Sowie wir etwas höher stiegen, sah ich den Sonnenaufgang. Purpurroth hob sich ein kleiner Kreisabschnitt über meinen Horizont, darüber lag eine Schicht bläulichen Glanzes, und darüber wieder eine purpurne. Sowie die Sonne ganz über den Horizont emporgestiegen war, strahlte sie kräftig ihr gelbes Licht aus. Aber es war doch noch empfindlich kalt.

Der Baumwuchs ist bis oben erhalten, Laubbäume und Sträucher, wenngleich nicht sehr mächtige, viele mit Moosbart, einzelne winterlich entlaubt, andere im vollen Schmuck der grünen, vollsaftigen Blätter.

Dicht unterhalb des Gipfels sieht man Ruinen, wie von einer alten Befestigung; eigenthümliche, dünne Thürme, schon mit Strauchwerk bewachsen, und dazwischen Mauerreste. Aber jene Thürme sind die aus Stein aufgemauerten Schornsteine von Baracken englischer Soldaten. Vor zwölf Jahren wurde der traurige Platz aufgegeben, da zu viele Selbstmorde vorkamen.

Oben war die Aussicht auf die Himalaya-Ketten prachtvoll. Ich sah wohl zehn auf einander folgende Reihen von Felsriesen, immer durch ganz tiefe Schluchten von einander geschieden. Aber den schneebedeckten Everest-Berg, den höchsten auf der Erde, dessen Erhebung 29002 Fuss beträgt, vermochte ich nicht zu entdecken; eben so wenig hatten wir bisher den nur wenig kleineren Kinchinjanga (von 28156 Fuss Erhebung) vom Hotel aus erspähen können.

Je länger ich warte, desto mehr Nebel steigen auf. Deshalb reite ich zurück und sehe unterwegs eine Bergbatterie auf Mauleseln, sowie die stattlichen Baracken der englischen Besatzung, die hier zur Beobachtung des unruhigen Sikkim gehalten wird.

Nach mässigem Ausruhen und mittelmässigem Frühstück wandre ich durch die Stadt. Nur eine kleine Strasse hat europäische Geschäfte, eine Apotheke, Wisky-Handlung u. dgl. Die Landhäuser der Wohlhabenden und Vornehmen sind über die Abhänge der Hügel zerstreut, so dass man Besuche zu Pferde oder im Palankin macht. Auch der Lieutenant-Governor von Bengal hat hier sein Landhaus, Shrubbery genannt, wo er vier Monate des Jahres zubringt. Ein kleiner Platz mit hübscher Aussicht, Mall genannt, ist mit einem Brunnen geschmückt: hier pflegt auch zur belebten Zeit des Jahres, d. h. im Sommer, eine Musikkapelle zu spielen. Wohl das stattlichste Gebäude ist das von der Regierung von Bengalen errichtete +Eden-Sanitarium+, eine Pflegestätte für Genesende. Dr. +Russel+, der Arzt (civil physician) von Darjeeling, sagte mir, dass die Anstalt sehr nützlich sei für Leute, die an Sumpffieber und Ruhr gelitten; ferner als Sommerfrische, um aus der indischen Gluth-Ebene herauszukommen; aber gar nicht für Lungenleidende. Aus den Rules of the Eden-Sanitarium (Calcutta 1884) ersehe ich, dass die Verpflegungskosten in der ersten Klasse täglich 8, in der zweiten 4, in der dritten 2 Rupien betragen. Entsprechend der grossen -- Duldsamkeit der Engländer werden nur Europäer aufgenommen. Für die Einheimischen ist ein Nebengebäude in einer kleinen Thaleinsenkung errichtet.

Die Ordnung in der Stadt ist musterhaft. Die Polizisten sind kleine, aber tüchtige Gurkha aus Nepaul, ein Mischvolk aus Ariern und Turaniern.

In der Mitte der Stadt liegt der Hauptmarkt. Die Leutchen kennen mich schon von gestern und nicken mir freundlich zu. Die etwas schlitzäugige und sehr breitwangige, rothbäckige Gemüsehändlerin, die einen Kopfputz von der Gestalt eines Heiligenscheins mit dicken Glasperlen trägt, zieht lächelnd den silbernen Ring vom Finger, -- aber nicht etwa, um ihn dem fremden Bleichgesicht zu verehren, sondern um ihn für das Zehnfache des Werthes zum Verkauf anzubieten. Ihr Schmuck ist Waare, der sie das Aussehen der Echtheit und Alterthümlichkeit durch Tragen verleihen, und die sie sofort neu beschaffen, wenn ihnen der Verkauf geglückt ist. Kennen wir doch diese Künste auch in Europa!

Ich wandere weiter nach Norden zu, vorbei an dem wunderbaren Erziehungshause der Jesuiten, dem grössten Gebäude in der ganzen Gegend, die neue, breite Strasse entlang; oben ist schöner, dichter Wald, unten malerische Schluchten, auch Theepflanzungen. An der Strasse wird noch gebaut. Frauen und Kinder schleppen grosse Steine herbei. Auf dem schräg nach vorn gehaltenen Rücken liegt ein gefaltetes Tuch, darauf der Stein in einer Strickschlinge, die vorn über die Stirn geleitet wird. So tragen die Leute hier auch grosse Kiepen und schwere Butten, hauptsächlich mit dem Kopf.

Nachmittags besuchte ich das Dorf +Bhutia Busti+, das 1 englische Meile von Darjeeling entfernt und von Tibetanern bewohnt ist. Der Weg führt an der Hinterseite des Bergrückens entlang mit schönem Ausblick in die Schluchten. Auch hier liegen noch vereinzelte Landhäuser der Engländer. Zuerst komme ich zu dem Tempel; derselbe soll echt tibetanisch sein. Eine niedrige weisse Mauer umgrenzt ein Quadrat und enthält in jeder Seite eine Thür. In der Mitte des eingefriedigten Platzes steht eine niedrige, weissgetünchte Dagoba mit vier Nischen, in denen frische Blumen liegen. In der Hütte neben dem Tempel lag eine halbirte Ziege. Die anwesenden Männer forderten eine Rupie Bakschisch, erhielten aber nichts.

Die Frauen haben breite, schlitzäugige Gesichter und sind fett, dabei starkknochig und gross. Sie tragen eine Art von Diadem mit Glasperlen ringsum, die beiden Zöpfe hängen hinten frei herab und sind durch ein Band vereinigt, an dem öfters eine Münze hängt. Ohr- und Halsgehänge sind umfangreich, aber geschmackvoll.

Die Männer tragen Filz-Mützen, wie sie früher auch in Deutschland üblich gewesen, und Stiefel mit langen, buntfarbigen Schäften aus dickem Wollenzeug.

Da es am Nachmittag sogar, wenn auch gelinde, geregnet, und schwere Regenwolken schon auf der nächsten Bergkette hängen, somit keine Hoffnung auf Aussicht besteht; so beschliesse ich am nächsten Vormittag abzureisen. Aber in der Nacht regnet es ordentlich. Und Morgens 7½ Uhr (am 6. Dezember) tritt plötzlich das klare Bild der +Himalayakette+ hervor. Erst ragen die Kuppen über den Nebel empor, dann wird die ganze Kette sichtbar, mit dem wunderbaren Kinchinjanga, der übrigens in der Luftlinie noch 45 englische Meilen entfernt ist. Ueber die näheren Hügel und Berge und über eine ungeheure Kluft schweift der Blick zu der Grenzlinie des ewigen Schnee’s, die in 17000 Fuss Erhebung über den Kinchinjanga fortzieht. Eine gewaltige Fläche nackten Granits theilt den Gipfel in zwei Theile und lässt die Schneefelder noch grösser erscheinen.

Es ist gewiss eine grosse Freude, die +höchsten Berge der Erde+ zu betrachten. Aber sie sind auch viel weiter ab, als sonst die Schneeberge, die wir z. B. in den Alpen bewundern. Ich kann nicht der öfters gedruckten Aeusserung beistimmen, dass Jungfrau und Monte Rosa gänzlich gegen dieses Bild des Himalaya verschwinden.

Hochbefriedigt fahre ich bergab mit der Eisenbahn, in dichtem Nebel. In der Höhe von 4000 Fuss sehe ich die Ebene von Bengal, von einem ganz heiteren Himmel überspannt.

Die Nacht ist mittelmässig, da mein vortrefflicher Abtheil-Genosse regelmässig schnarcht. Morgens um 7 Uhr (den 7. December) setzt uns der Dampfer über den Ganges. Vormittags bin ich wieder in Calcutta und fahre, nach Erledigung einiger Geschäfte, Abends nach Benares.

* * * * *

Der Schnellzug von Calcutta nach Bombay (1400 englische Meilen = 2240 Kilometer) dauert nahezu vier Tage. Den Plan für die ostindischen Eisenbahnlinien hat Lord Dalhousie 1853 entworfen; alle grossen Städte und Besatzungen sollten durch Hauptlinien mit einander in Verbindung gesetzt werden. Privatgesellschaften führten den Bau aus, die Regierung leistete Gewähr für ein Einkommen von fünf Hundertstel des Capitals und verlangte dafür gewisse Befugnisse. Bereits 1871 war Bombay mit Calcutta einerseits und mit Madras andererseits durch Eisenbahnlinien verbunden. Lord Mayo hat dann von 1870 ab das Netz vervollständigt durch Nebenlinien für Handel und Verkehr, die billiger mit schmaler Spurweite erbaut wurden. Ein grosser Theil der Linien ist von der Regierung später übernommen worden, diese hat auch eigene Linien begründet, endlich sind auch in den Schutzstaaten Eisenbahnlinien gebaut worden. Am Schluss des Jahres 1891 waren in Indien 17209 englische Meilen = 27500 Kilometer in Betrieb,[464] davon 12805 der Regierung, 1435 den Schutzstaaten gehörig. Das darin angelegte Capital betrug Rx. 219615655; das Reineinkommen 5,78 Procent; Zahl der beförderten Reisenden 117 Millionen, Tonnenzahl der beförderten Güter 25 Millionen, im Jahre 1891.

Die grosse Heerstrassenlinie von Calcutta über Allahabad, Agra, Delhi, Lahore nach Peshawar, die Linie von Allahabad nach Bombay, von Bombay nach Madras sichern die Regierung und Vertheidigung des Landes. Es fehlt noch die Verbindung von Madras mit Calcutta, die wegen des schlechten Hafens von Madras und des schlechten Fahrwassers im Hugli besonders wünschenswerth scheint und in den Zeitungen, als ich in Indien war, dringend verlangt wurde. Aber die ungünstigen Verhältnisse der Staatseinkünfte und der Silbersturz boten zur Zeit unübersteigliche Hindernisse dar. -- 1845 reiste Prinz Waldemar von Calcutta nordwestwärts (nach Patna) im Palankin, 1862 fuhr Meister Hildebrand in 36 Stunden von Calcutta mittelst der Eisenbahn nach Benares; aber die Eisenbahnbrücke fand unser Reulaux 1881 und Hans Meyer 1882 noch nicht fertig.

Benares.

East Indian Railway führt von Howrah (dem westlichen Eisenbahnhalteplatz von Calcutta) nach Moghal Serai, 469 englische Meilen; und von hier Oudh and Rohilkand R. nach Benares, 10 Meilen: zusammen 479 englische Meilen = 766 Kilometer in 16 Stunden, für 46 Rupien 2 Annas, in der ersten Classe. Es ist der Hauptzug quer durch Nordindien und sehr stark besetzt. Als ich eine knappe Stunde vor Abgang des Zuges eintreffe, sind die meisten Wagen schon belegt. Doch fand ich noch einen guten Platz, mich häuslich einzurichten. Die Nacht war ziemlich kühl.

Am nächsten Vormittag fuhren wir südlich von Ganges und nicht weit von demselben durch die Landschaft Behar. Das Land ist angebaut wie ein Garten. Allenthalben sind Brunnen auf den Feldern sichtbar. (Die ganze Präsidentschaft Bengalen misst 400000 Quadratkilometer und zählt 70 Millionen Einwohner.)

Der Zug führt über die 1500 Yards = 1450 Meter lange Stahlbrücke[465] der Oudh- und Rohilkand-Eisenbahn, eine der schönsten in Indien, und hält um 1 Uhr in Benares. In +Clark’s Hotel+ finde ich ein leidliches Zimmer und Frühstück.

Die Gasthäuser im +Innern+ von Indien sind mittelmässig.[466] Die kleineren bestehen aus einem schmalen Speisesaal, in den man von der mit einfacher Veranda geschmückten Hauptfront eintritt, und der rings umgeben ist von sechs bis acht Schlafzimmern, -- fast so wie auf mittelmässigen Dampfschiffen. Jedes Schlafzimmer hat seinen Eingang vom Speisesaal, seinen Ausgang durch das Waschzimmer in’s Freie. Die Einrichtung ist einfach, die Betten genügen dem ermüdeten Reisenden. In den grösseren Gasthäusern legt sich noch eine Vorhalle vor den Speisesaal, ein Lesezimmer dahinter; die grössten haben ausserdem einen langen schmalen Flügel mit einem Schattendach davor und mit einer Reihe von Schlafzimmern nebst Zubehör.

Die Verpflegung ist mittelmässig, die Bedienung gleichfalls. Aber, wenn der Reisende abfährt, steht eine ganze Schaar von Dienern da, um Trinkgeld in Empfang zu nehmen: der Tischdiener, der Zimmerdiener, der Ausfeger, der zum Zeichen seiner Würde einige zusammengebundene Ruthen in der Hand hält, gelegentlich noch ein Nachtwächter, ein Pförtner, der Kutscher, der uns gefahren, und dessen jugendlicher Gehilfe. Zum Glück ist jeder mit 2 bis 3 Anna für den Tag zufrieden, so dass man mit 1 oder 1½ Rupien täglich diesen Ausgabeposten bestreiten kann. Wenn aber +zwei+ Männer mit Besen dastehen, so braucht nur einer bezahlt zu werden.

Benares ist eine der ersten Ansiedlungen der Arier, als sie bis in die Ganges-Ebene vorgedrungen, die älteste Stadt der Hindu und von ihren sieben heiligen Städten die heiligste, ihr Mekka, die Pforte zum Paradiese. Kein Fluss der Erde wird so verehrt wie der Ganges (oder vielmehr „Mutter Ganges“) von den Hindu; er gilt ihnen für einen unmittelbaren Ausfluss der Gottheit. Von dem Quell im Himalaya bis zu der Mündung ist das ganze Ufer heiliger Boden, am heiligsten die Vereinigung von Jumna mit Ganges, der wirkliche Wallfahrtsort (Prayág), wohin Hunderttausende alljährlich wandern, um ihre Sünden mit dem geweihten Wasser abzuwaschen. Das heilige Wasser des Ganges wird in Krügen auf den Schultern frommer Pilger bis zur Südspitze Indiens getragen, neuerdings auch -- in europäischen Glasflaschen massenhaft versendet. Aber der Ganges mit seinen Hauptnebenflüssen ist auch der grosse Wohlthäter der mächtigen, dichtbevölkerten Ebene von Indien, er befruchtet die Felder der Landbauer und vertheilt ihre Ernten.

Es ist sehr merkwürdig, wie +seltsam+ der Ganges in die deutsche Literatur eingeführt worden ist.

„Am Ganges duftet’s und leuchtet’s Und Riesenbäume blühn, Und schöne stille Menschen Vor Lotos[467]-Blumen knien.“

„Fort nach den Fluren des Ganges -- Dort liegt ein rothblühender Garten Im stillen Mondenschein, Die Lotosblumen erwarten Ihr trautes Schwesterlein.“

„Der Ganges rauscht, der grosse Ganges schwillt, Der Himalaya steht im Abendscheine Und aus der Nacht der Banianenhaine Die Elephantenheerde stürzt und brüllt --“

+Wann Benares+ (Waranasi) +gegründet worden, wie die Schicksale+ der Stadt im Laufe der Jahrhunderte sich gestalteten, ist uns völlig unbekannt, da die Hindu, das +ungeschichtlichste+ Volk der Erde, keine Nachricht überliefert haben. Wir wissen nur, dass im 6. Jahrhundert v. Chr. Benares eine grosse Stadt gewesen, wohin Buddha zog, um seine Lehre zu verkündigen; und dass noch im 7. Jahrhundert n. Chr. ein chinesischer Pilger zu Benares blühende Klöster der Buddhisten und mächtige Thurmbauten vorfand. Wie und wann diese Buddha-Verehrung so ganz und gar von der Brahmanen-Religion verdrängt worden, ist in tiefes Dunkel gehüllt.

Erst seit dem Ende des 12. Jahrhunderts dämmert uns Licht auf in den +geschichtlichen Jahrbüchern der Mohammedaner+. Im Jahre 1194 n. Chr. wurde Jai Chand, Rajah von Benares, „dessen Heer zahllos war wie der Sand am Meer“, besiegt und getödtet durch Kutbu-din, den Heerführer des Mohammed Ghori aus Afghanistan. Kutbu zerstörte 1000 Tempel der Hindu und baute Moscheen an ihre Stelle. +Von dieser Zeit herrschten Mohammedaner+ über Benares, bis 1776 die Engländer an ihre Stelle traten. Durch die bilderstürmende Wuth der mohammedanischen Eroberer ist es gekommen, dass heutzutage kein Gebäude zu Benares steht, das über die Zeit des milden Akbar (1556 bis 1605 n. Chr.) hinaufreicht.

Aber trotzdem +herrscht jetzt der Dienst des Schiwa+, dessen schöpferische Kraft im Linga verehrt wird. 1400 Hindu-Tempel schmücken die Stadt, 8000 Häuser sind Eigenthum der Priester, die (25000 an der Zahl -- nebst zahllosen Bettlern) von den Opfergaben der Pilger leben. Vor wenigen Jahrzehnten schenkte der Fürst von Tanjore sein Körpergewicht an Geld den Tempeln, 1876 der Fürst von Kaschmir 50000 Mark den Tempeln, und jedem der 25000 Brahmanen 30 Mark. Viele Tausende wallfahren hierher zu den Festtagen. (200000 in jedem Jahr.) Die heiligen Treppen sind selbst zur heissesten Zeit des Tages belagert, obwohl die Stadt eine mittlere Jahrestemperatur von 26,6° C. besitzt. Fürsten und Edle haben am Ufer des Ganges Paläste erbaut, wo sie die Festtage verleben und im Alter ihre letzten Tage hinbringen. Die Bevölkerung betrug 1881 gegen 200000 Einwohner, davon waren 151334 Hindu, 47234 Mohammedaner, 1130 Christen. Die Zählung von 1891 ergab für Benares mit Cantonment 219467 Einwohner. Benares ist die sechste Stadt Indiens nach der Bevölkerungszahl, ein grosser Platz für den inneren Handel und für die Erzeugung von Metallwaaren und Geweben.

Nicht bloss die alten Veda-Arier und die Buddhisten, auch die Secten des neueren Hinduismus finden in Benares ihren Mittelpunkt und ganz kürzlich hat hier Talsi das Heldengedicht Ramayana in die Volkssprache des Hindi übersetzt und zum Gemeingut der lebenden Geschlechter gemacht. In der Sanskrit-Hochschule zu Benares ist Sanskrit die Vortragssprache.

Benares ist auch die malerischste Stadt Indiens; es liegt an einer Biegung des Ganges, der hier ½ Kilometer, zur Fluthzeit aber über 1 Kilometer breit ist, auf dem Rücken eines niedrigen Hügels, etwa 100 Fuss über dem Wasserspiegel. Vom Fluss aus erblickt man eine 5 Kilometer lange Flucht von Palästen und Tempeln und die zahlreichen heiligen +Treppen+ (+ghats+), welche von den Palästen zum Fluss-Ufer hinabführen.

Natürlich litt es mich nicht lange im Gasthaus, wo nach dem Frühstück vor der Veranda der Gaukler mit Schlange und Mango erschienen war. Ich miethete mir einen Führer,[468] einen Wagen[469] und fuhr nach der Stadt der Eingeborenen, die 3 englische Meilen von dem Cantonment, der Wohnung der Truppen und der Engländer, entfernt ist. Mit dem Führer hatte ich kein Glück, er war von allen seinen Fachgenossen am wenigsten in der englischen Sprache und Kenntniss der Alterthümer bewandert; ich hatte, aus Mitleid, den ältesten aus der Schaar gewählt.

Wir besichtigten einige Tempel, nahmen aber dann sofort ein Boot,[470] um die +Fluss-Ufer+ entlang zu fahren. Das Boot hat acht Ruderer und zwei Stühle auf dem Verdeck, für den Reisenden und für seinen Führer.

Ganz langsam fuhren wir nahe an dem Flussufer entlang.

Die mächtigen +Treppen+ sind dicht gedrängt von Andächtigen; darüber ragen die Spitzdome der Tempel und die thurmgeschmückten Paläste empor, vom milden Licht der Abenddämmerung übergossen und nur in ihren Hauptumrisslinien sichtbar. An den bevorzugten Stellen grösster Heiligkeit lodern +Scheiterhaufen+, umringt von weissgekleideten Priestern und von den Leidtragenden. Das Ganze ist so fremdartig und märchenhaft für den europäischen Reisenden, dass er sich fragen möchte, ob es nicht ein wesenloses Traumbild sei, bis er an’s Land steigt, und, von dem Zauber der Todtenfeier ergriffen, ruhig auf einer Steinstufe Platz nimmt und mit seinen braunen Brüdern in die Flamme des Scheiterhaufens blickt.

Der nächste Tag (8. December) war einer +planmässigen Betrachtung+ der heiligen Stadt gewidmet. Die andächtigen Hindu baden täglich[471] schon früh am Morgen im Ganges und mehr als ein Mal, an verschiedenen Stellen; Vormittags sind die Läden leer. Deshalb brachte mich mein schneller Zweispänner schon früh am Morgen aus der englischen Ansiedlung vorbei an zahlreichen Tempeln mit dem Spitzdom[472] nach dem +Haupthalteplatz der Boote+. Wir rudern zum äussersten Westende der Stadt und lassen uns dann langsam vom Strom am Ufer entlang ostwärts treiben. Die Ghats sind breite Ufertreppen, von frommen und reichen Hindu unterhalb ihrer Paläste abwärts bis zum Wasserspiegel für ihre gläubigen Landsleute und für die Pilger erbaut. Ein solcher Bau gilt für das verdienstvollste Werk; einen Palast oder ein Haus mit dem Blick auf den Ganges zu besitzen, für die höchste Glückseligkeit.

Zum Ganges pilgert jeder Hindu, der es durchsetzen kann. Aber für die heiligste Handlung gilt die sechsjährige Pilgerschaft von der Quelle bis zur Mündung und zurück. Nach Benares zieht jeder Greis und jede Greisin, wenn sie es ermöglichen können, um nach Abschluss des irdischen Lebens hier einen seligen Tod zu erwarten und ihre Asche in den heiligen Fluss streuen zu lassen. Oft genug giebt der Ganges seinen frommen Kindern den Tod. Das kühle Bad am frühen Wintermorgen schüttelt die dürren Glieder der kraftlosen Greisin; das so heiss ersehnte Ziel wird früher erreicht. Noch schädlicher ist die Mittagsgluth im Hochsommer auf den Treppen. Am schlimmsten aber scheint die Zusammendrängung der Menschen zur Zeit von heftigen Seuchen. Das Heimathland der Cholera ist Indien. 150000 Pilger sollen an hohen Festtagen in Benares vereinigt sein.

Die Hindu am Ganges sind die frömmsten Menschen, welche ich bisher gesehen. Dass sie besser seien als wir, wollen ihre Beherrscher, die Engländer, nicht zugeben. Dass sie sich glücklich fühlen, will ich hoffen. Dass sie aber so heiter und zufrieden aussehen, wie die Japaner, kann der aufmerksame Reisende nicht bestätigen.

47 Treppen folgen aufeinander in der Richtung der Strömung, d. h. von West nach Ost; oder, da der Fluss hier eine Biegung nach Norden macht, von +Süd+-West nach +Nord+-Ost.

Die erste ist +Ashi Ghat+, so genannt nach dem Bächlein Ashi, das hier in den Ganges fliesst; sie ist 40 Fuss breit und ziemlich verfallen, obwohl sie zu den heiligsten Wallfahrtsplätzen von Benares gehört. Von dem dritten Ghat sind sogar gewaltige Steinmassen abgestürzt und liegen am Rand des Ufers; ich weiss nicht, ob die Baumeister die Grundmauerung zu schwach angelegt, oder ob hier die Strömung des Flusses zu stark ist.

Auf dem nächsten liegt eine grosse Bildsäule des Kriegsgottes; er heisst Bhim und sieht aus wie General Bum; die Sage erzählt, dass er alljährlich von der Fluth des Stromes fortgewaschen wird und von selber sich neu schafft. Das sechste ist +Shivala Ghat+, diese Treppe ist sehr schön gebaut und dicht gedrängt von Andächtigen. (Es sollen Morgens um 7 Uhr an 70000 Menschen gleichzeitig im Ganges baden.) Priester sitzen unter riesigen Sonnenschirmen auf den zierlich gemauerten Hervorragungen, die allenthalben die breite Treppenflucht unterbrechen, Beter auf den Stufen verneigen sich und heben die Arme empor, Männer und Frauen in weissen oder rothen Gewändern steigen in das Wasser, das ihnen bis über die Brust reicht, streuen Blumen hinein, netzen Augen, Mund, Stirn, alle voll Ernst und Inbrunst und heiliger Begeisterung, und schreiten dann wieder, die Männer würdevoll, die Frauen anmuthig, die Treppe empor zu kleinen Gemächern, um auszuruhen und sich zu trocknen.

Oberhalb dieser Treppe steht der feste Palast, in dem +Chait Sing+, der Rajah von Benares, 1781 wohnte. Da er keine Hilfsgelder zahlen wollte, behauptete +Warren Hastings+, dass er in Briefwechsel mit dem Feinde stände, und sandte Truppen zu seiner Verhaftung; aber der Rajah entkam durch ein Fenster, das uns gezeigt wird. Natürlich wurde sein Besitz eingezogen und nur unter der Bedingung einer verstärkten Tributzahlung an seinen Neffen ausgehändigt.

Am neunten oder +Smashan Ghat+ sieht man stets +Scheiterhaufen+; die Leiche, ganz in weisses Zeug gehüllt, ist auf einer einfachen Bahre (aus zwei Bambusstäben mit einigen Querleisten) mittelst dünner Stricke aufgebunden und liegt hart am Rande des sandigen Ufers, so dass die Füsse noch von dem heiligen Wasser benetzt werden. (Auf dieser Bahre war sie von zwei weissgekleideten Männern, die fortwährend +Ram+, +Ram+[473] rufen, zum Ganges-Ufer getragen worden, während die Leidtragenden folgten. Das sieht man in Benares an jedem Tage zu wiederholten Malen.)

Die Verbrennung ist unglaublich einfach und billig. Ein lockerer Scheiterhaufen von 6 bis 7 Fuss Länge und 2 bis 3 Fuss Höhe mit einigen zu beiden Seiten schräg aufgestellten, gewissermassen überwölbenden, armdicken Hölzern genügt vollständig, um in zwei Stunden die Leiche bis auf geringe Reste zu verbrennen.[474]

„Unsterbliche heben verlorene Kinder Mit feurigen Armen zum Himmel empor“,

singt Goethe in seiner Indischen Legende; und in der Braut von Korinth:

„Wenn der Funke sprüht, Wenn die Asche glüht, Eilen wir den alten Göttern zu.“

Aber will ich nicht verhehlen, dass der scharfe Blick des Beobachters dabei auch Einzelheiten entdeckt, welche empfindsamen Gemüthern die dichterische Verklärung zu rauben geeignet sind.

Da verbrennt der untere Theil des Rumpfes, während der Oberschenkelknochen wie ein Balken aus der Gluth herausragt, bis der Mann mit der Schürstange ihn abschlägt und in die Flammen drängt: da will der Brustkasten, der Schädel nicht zerfallen, bis wiederum die Schürstange mit kräftigen Stössen nachhilft.

Die elfte Treppe ist +Kedar Ghat+. Nach den heiligen Büchern der Hindu wird die Stadt in drei Theile getheilt, Benares, Kashi und Kedar. Kedar ist auch ein Name für Schiwa oder für seinen heiligen Berg im Himalaya. Dicht bei dem Schiwa-Tempel ist ein heiliger Teich, umgeben von 60 Schreinen, und ferner ein heiliger Stein, 4½ Fuss hoch, 15 Fuss im Umfang, -- ein Fetisch.

Am nächsten Ghat werden sogar Schlangen verehrt, ein Ueberbleibsel aus der Religion der Ureinwohner von Indien.

Das vierzehnte ist +Someshwar Ghat+ (von +Soma+, Mond, und +I’shwar+, Herr). Dies ist die +Poliklinik+ der Hindu, denn hier werden alle Krankheiten geheilt. Nur nicht die Pocken, für die giebt es eine besondere Treppe, nämlich No. 24, Sitla Ghat. Sitla ist die Göttin der Pocken.

Sie muss aber ihres Amtes nicht gehörig walten, vielleicht ärgert sie sich über die Zähigkeit, mit welcher die Engländer in Indien die Schutzpocken-Impfung durchsetzen: jedenfalls habe ich nirgends so viele Pockennarbige gesehen, wie in manchen Theilen von Indien.

Das zweiundzwanzigste ist +Munshi-Ghat+, das schönste von allen, oben gekrönt mit einem prachtvollen Palast im reinen Hindu-Stil mit wandständigen, schön gegliederten Säulen. Der Erbauer war Munshi Shri Dahar, Minister des Rajah von Nagpur.

Aber das +merkwürdigste+ von allen ist das fünfundzwanzigste, +Dasashwamedh Ghat+. Es hat seinen Namen von den zehn[475] Rossen, die Brahma hier geopfert haben soll; gehört zu den fünf heiligsten Wallfahrtsorten; ist oben ganz besetzt und rings umgeben von zahlreichen Spitzdomen der Tempel und von riesigen Sonnenschirmen, unter denen der Priester zu einer kleinen Schaar von Frommen und Getreuen redet; und immer gedrängt voll von Pilgern und Andächtigen, so dass die Treppenstufen nicht ausreichen, sondern kleine Holzbänke auf Pfählen von dem benachbarten Theil des Ufers aus in den Fluss vorgeschoben werden. Auf diesen Holzbänken liegen auch Kranke, denen von ihren Angehörigen das heilkräftige Wasser des grossen Ganges verabreicht wird. Diese Treppe wird gewöhnlich abgebildet, um die heilige Stadt Benares zu kennzeichnen.

Hier steigt der Reisende aus, um die religiöse Begeisterung des Hindu-Volkes aus der Nähe zu betrachten. Sein Blick fällt auch auf einige niedrige Steinsäulen neben den Treppen; das sind Zeugnisse der Glaubenswuth: +Satí+,[476] Denksteine für lebendig mit dem todten Gatten verbrannte +Wittwen+.

In den alten +Rig-Veda+ der Arier war dieser fürchterliche Gebrauch ganz unbekannt. Die Verse, welche von den Brahmanen später zu Gunsten der Wittwen-Verbrennung angeführt wurden, haben offenbar die +entgegengesetzte+ Bedeutung: „Steh auf, o Weib, komm zu der Welt des Lebens. Komm zu uns. Du hast deine Pflichten als Weib gegen deinen Gatten erfüllt.“ Aber seit jener dunklen Zeit, wo die Lichtgötter der Veda der Dreieinigkeit der Brahmanen und dem Pantheon der Hindu-Religion weichen mussten, hatte der Gebrauch feste Wurzeln geschlagen und erlangte im Laufe der Jahrhunderte die Heiligkeit eines religiösen Gesetzes. Der weise und grosse +Akbar+ (1556-1605 n. Chr.) erliess ein Verbot dagegen, konnte aber die Sitte nicht ausrotten. Im Anfang ihrer Herrschaft wagten die Engländer nicht, die frommen Ueberlieferungen des Volkes zu verletzen. Im Jahre 1817 sollen allein in der Provinz Bengalen 700 Wittwen lebendig verbrannt worden sein. Alle heiligen Wallfahrtsorte der Hindu sind noch heute mit den kleinen, weissen Pfeilern besetzt, den Denksteinen einer Satí. Trotz des Widerstandes sowohl von Europäern wie auch von Eingeborenen hat der verdienstvolle General-Gouverneur Lord William +Bentinck+ am 24. December 1829 es durchgesetzt, dass alle, die der Wittwen-Verbrennung Vorschub leisten, +des Mordes schuldig+ erklärt werden. Seitdem hat in dem +englischen+ Gebiet die Wittwen-Verbrennung +aufgehört+. In den Schutz-Staaten aber soll sie noch gelegentlich, wiewohl selten, vorkommen.

Einige Schritte weiter zu der nächsten Treppe (Man Mandir Ghat) bringen uns einen erfreulicheren Anblick, den der +Sternwarte+. Diese gehört zu den stattlichsten Gebäuden am Fluss-Ufer von Benares und besitzt einen mit zierlichen Säulen und Tragsteinen geschmückten Erker. So schön wie das Gebäude vom Fluss aus erscheint, so prachtvoll ist die Aussicht von oben auf die Ufer und die Stadt. Der Erbauer war Rajah Jai Singh (1705), Herrscher von Amber und Jaipur. Von Mohammed, dem Kaiser von Delhi, aufgefordert, den Kalender zu verbessern, stellte er astronomische Beobachtungen an und veröffentlichte sie in Sterntafeln, die noch heute vorhanden sind[477] und die einige Angaben von de la Hire (1702) berichtigen; doch soll Europäern (katholischen Missionären) das Hauptverdienst um seinen Ruhm zukommen.

Jai Singh hat von 1705 bis 1735 fünf Sternwarten erbaut, zu Benares, Delhi, Jaipur, Muttra, Ujjain. Die drei ersten hatte ich Gelegenheit zu sehen; die zu Benares ist am besten erhalten.

Die Instrumente sind sehr gross angelegt; der mächtige Durchmesser der Kreistheilungen soll Genauigkeit der Beobachtung sichern.[478] Da ist der Quadrant in einer Mauer von 11 Fuss Höhe und 9 Fuss Breite, um Zenith-Abstand und grösste Declination der Sonne und somit den Breitengrad festzustellen; eine Mauer von 36 Fuss Länge und 4½ Fuss Dicke, im Meridian aufgestellt, an dem einen Ende 6 Fuss 4¼ Zoll, an dem andern 22 Fuss 3½ Zoll hoch und ganz allmählich abgeschrägt, um auf den Nordpol zu zeigen, so dass Rectascension und Declination der Sterne bestimmt werden kann; sehr grosse getheilte Kreise, um den Schatten der Sonnenuhr genau festzustellen -- und noch zahlreiche ähnliche Einrichtungen.

Die Sternkunde der Brahmanen ist in übertriebener Weise bald bewundert, bald missachtet worden. Die vedischen Gesänge kennen eine leidlich richtige Berechnung des Sonnenjahrs, das sie in 360 Tage eintheilen, mit einem Schaltmonat nach je fünf Jahren; sie kennen die 27 bis 28 „Wohnungen“ des Mondes und einige Fixsterne. Bald nach der Zeit der Veda werden die Planeten (+graha+, Greifer), erst sieben, dann neun, mit echten Sanskrit-Namen erwähnt; weit später die Zeichen des Thierkreises und der sogenannte vedische Kalender.

Aber erst der Einfluss der Griechen befähigte die Brahmanen zu wissenschaftlichen Sternbeobachtungen; in ihrem Hauptwerk aus dem 6. Jahrhundert n. Chr. stehen die griechischen Namen der Planeten neben den indischen. Doch übertrafen sie ihre Lehrer und verbreiteten ihren Ruhm bis nach Europa, wovon das Chronikon Paschale (von 330 bis 641 n. Chr.) Zeugniss ablegt, und wurden ihrerseits wieder von ihren Schülern und Nachfolgern, den Arabern, übertroffen. Seit der mohammedanischen Eroberung Indiens sank die Astronomie der Brahmanen, nur wenige Hindu stellten noch Beobachtungen an; der bedeutendste war der genannte Jai Singh.

Das dreiunddreissigste ist +Manikaranika Ghat+, nicht bloss einer der fünf heiligen Wallfahrtsorte, sondern der allerheiligste, gleichzeitig der Mittelpunkt der Stadt.

Oberhalb der Treppe liegt der Manikaranika[479]-Brunnen, zu dem Stufen hinab führen und dessen Oberfläche ganz und gar mit Blumen-Opfern bedeckt ist und wegen der Zersetzung der Pflanzentheile höchst widrige Gerüche aushaucht. Trotzdem baden die Frommen darin und trinken davon. Die Engländer haben, um die Forderungen europäischer Gesundheitslehre mit dem asiatischen Glaubenseifer zu versöhnen, eine Inschrift angebracht, dass, nachdem zur Jubelfeier der Königin Victoria dieser ehrwürdige Platz gereinigt worden sei, alle braven Leute aufgefordert würden, den reinen Zustand zu erhalten. Es muss also früher noch weit schlimmer gewesen sein.

Zwischen dem Brunnen und den Treppenstufen liegt der Tempel von +Tarkeshwara+,[480] dem Erlöser, und dabei die hochverehrten Fusstapfen von Wischnu.

Unter diesem Tempel ist der Hauptverbrennungsplatz. Das Feuer zum Anzünden der Scheiterhaufen muss aus dem benachbarten Hause eines Domra, eines Mannes von sehr niedriger Kaste, geholt werden; von sehr reichen Leuten lässt er sich dafür 1000 Rupien bezahlen.

Nahe dem Ende der Stadt, über dem heiligen Panch-Ganga-Ghat,[481] sieht man die Moschee, welche der Kaiser +Aurangzeb+ (1658 bis 1707), ein glaubenswüthiger Muselmann, den Hindu zum Hohn, an Stelle eines zerstörten Krischna-Tempels erbaut hat; die beiden schlanken,[482] ja kühnen, 130 Fuss hohen Minarets erheben sich stolz in die Lüfte, alle Hindu-Tempel weit überragend: ein prachtvoller Anblick vom Fluss aus. Jetzt, wo die Macht der mohammedanischen Herrscher gebrochen ist, haben die Hindu, denen unstreitig der Platz gehört, den Muselmännern den Haupteingang zur Moschee zugemauert, so dass die Gläubigen durch ein Seitenpförtchen hinein schlüpfen müssen.

Die letzte Treppe ist +Raj Ghat+ an der Eisenbahnbrücke.

So schön Benares vom Fluss her aussieht, so wenig reizvoll ist es im Innern. Allerdings führt ein bequemer Fahrweg durch leidlich breite Strassen vom Cantonment bis zu dem belebten Markte in der Nähe der Sternwarte, wo man die Boote zu besteigen pflegt.

Auf diesem Markt genoss ich das Schauspiel einer Gauklerin, welche unter Trommelbegleitung ihre Gliederverrenkungen und Kunststücke mit scharfen Schwertern ausführte. Gegen Abend ist hier ein grosses Gedränge, wenn die Frucht- und Kleinhändler ihre Schätze auf der Erde auslegen.

Aber die meisten der in der Nähe des Fluss-Ufers gelegenen Strassen sind eng und unfahrbar. Die Haupttempel muss der Reisende zu Fuss aufsuchen; und wenn er dabei dem dichten Gedränge der Pilger aus allen Gegenden Indiens begegnet, so begreift er die verborgne Kraft, die noch heute in der Hindu-Religion lebt und trotz aller Milde des Hindu-Charakters gelegentlich in eine blutige Fehde mit den Mohammedanern, wie im Sommer 1893, ausbricht. In Benares macht der Pilger die Runde über alle Treppen, durch alle Tempel und bekommt schliesslich in +einem+ (Sakhi Bunjanka, d. h. Zeugniss-Tempel) ein schriftliches Ablass-Zeugniss, dass er die Pilgerschaft regelrecht vollendet hat.

Das Allerheiligste in Benares ist +der goldene Tempel+, dem +Schiwa+ geweiht. Das Innere können wir wegen des Andrangs der Pilger nicht genau sehen, müssen vielmehr in der engen Gasse den Laden, wo die Opferblumen verkauft werden, betreten und eine Treppe hoch steigen; dann sehen wir auf das Dach des quadratischen Tempels mit drei kleinen Thürmchen, von denen zwei mit Kupfer- und Goldplatten gedeckt sind; der eine gehört zum Tempel von Mahadeo, der andere zu dem von Schiwa oder Bisheshwar.[483]

In der Nähe ist der von einer berühmten Säulenhalle umgebene +Brunnen der Weisheit+ (Gyankup), in welchen der Hohepriester die Bildsäule des Schiwa warf, als Aurangzeb den alten Tempel zerstörte. Seine +Unannehmlichkeit+ ist nicht geringer, als die des nahe beschriebenen, -- trotzdem trinkt jeder Pilger daraus. Sehr lästig ist auch die grosse Zahl der frommen Menschen und der dem Schiwa heiligen Kühe, die beide mit grosser Achtung behandelt werden müssen.

Die Kühe wissen ganz gut, welche Stellung sie hier einnehmen, und wandern zwanglos zum nächsten Gemüsehändler, wenn es ihnen beliebt, etwas zu naschen.

Der Tempel der +Durga+, der Gattin von Schiwa in ihrer schrecklichen Form, welcher täglich blutige Ziegenopfer dargebracht werden, heisst bei den Europäern gewöhnlich der +Affen-Tempel+, weil Hunderte von Affen in den benachbarten Bäumen wohnen und sich am Eingang drängen, so dass man am besten thut, für einige Kupferstücke Früchte zu kaufen und sie an die kecken Thiere zu vertheilen. Der Haupttempel erhebt sich auf einer Platform und wird von zwölf Säulen getragen.

Im Ganzen machen die Heiligthümer von Benares auf uns keinen erhebenden Eindruck, weder der Tempel der Planeten (Saturn und Venus), noch der des Elephantengottes, noch endlich der der Nährgöttin Annapurna,[484] wo die +Bettler+ das Vorrecht besitzen, den Ankömmling zu brandschatzen.

Nächst den Tempeln gehören zu den Merkwürdigkeiten die +Bazare+. Ganze Strassen sind mit Läden und Buden gefüllt, wo die berühmten +Metallarbeiten+ von Benares verfertigt und feilgehalten werden.

Aus freier Hand hämmert der Künstler auf den kleinen Meissel, der die geometrischen Verzierungen in dem +Messingteller+ ausgräbt. Teller, Vasen, Wassergefässe, Löffel, Leuchter, Büchsen und hundert andre Dinge für den häuslichen Gebrauch und den Gottesdienst der Eingeborenen und auch für den Bedarf des neugierigen Reisenden werden vor unseren Augen fertig gemacht, ausgelegt und angeboten. Natürlich wird für die Ausfuhr und für die unkundigen Fremden reichlich Schundwaare hergestellt. Kostbare Stücke sieht man in einzelnen Läden und in der Verkaufsausstellung unsres Gasthofbesitzers.

Benares ist auch die eigentliche +Götterfabrik+ für die Hindu. Für die kleinen Bildsäulchen der Götter (Schiwa, Durga, Ganesa) lieben sie eine Mischung von acht Metallen, nämlich ausser Kupfer und Zink noch Gold, Silber, Eisen, Zinn, Blei und Quecksilber. Aber die Priester haben nicht verfehlt, seit alter Zeit die Verehrung von silbernen und goldnen Götterbildern als ein besonders verdienstvolles Werk zu preisen und ein bestimmtes Mindestgewicht festzusetzen! Die kleinen Thonbilder der Gottheiten müssen nach dem täglichen Hausgottesdienst in den Fluss geworfen und also jeden Tag erneuert werden. Die grösseren Götterbilder für die Tempel werden erst gegossen und dann mit Meissel und Feile fertig gestellt; oder auch aus Holz geschnitzt.

Der zweite Hauptgegenstand des Kunsthandwerks von Benares sind +Gewebe+, besonders Brokate (Kincob) mit Thierdarstellung (namentlich Jagden) in Gold und den verschiedensten Farben. Die kostbarsten werden mit Gold aufgewogen. Aber das meiste, was die endlose Reihe von Buden und Läden füllt, ist wieder einfachere Waare für den Hausgebrauch und Kleinigkeiten für den sammelwüthigen Reisenden.

Das Menschengewühl gegen Abend in den engen Gassen und auf den Marktplätzen ist gradezu erstaunlich. Hier erlebte ich ein kleines Abenteuer. Mein +Reisebuch+ (Murray’s Handbook to India) in dem bekannten rothen Einband war von dem Sitz meines offnen Wagens +verschwunden+: ob heruntergefallen, oder gestohlen, konnte ich nicht ermitteln. Da ich mir einige Bemerkungen eingezeichnet, wollte ich das Buch gern wieder bekommen und meldete den Verlust auf der +Polizei+ an.

Das Gebäude war scheunenähnlich und dunkel, alle Polizisten eingeborene, auch der Oberste des Englischen nicht mächtig. Es war ziemlich zeitraubend, mit Hilfe des Führers die Verhandlung aufzunehmen, am schwierigsten aber meinen Namen aus der englisch gedruckten Visitenkarte mit persischen Buchstaben in den Verhandlungsbericht zu übertragen. Uebrigens habe ich mein Buch nicht wieder bekommen, hatte aber auch keine Gebühren zu zahlen.

Bei dieser Gelegenheit möchte es sich verlohnen, einige Worte über die +einheimischen Sprachen+ Indiens zu sagen. Um den Beginn unserer Zeitrechnung sassen in Nord-Indien Völker, in denen das arische Element zur Herrschaft gelangt war: sie hatten eine hochentwickelte +Schrift-Sprache+, das +Sanskrit+, und redeten damit verwandte, aber einfachere Mundarten, +Prakrit+. Sie bezeichneten die nichtarischen Urvölker im Süden von Indien als Mlechchhas, d. h. Völker mit gebrochener Sprache. Als die Europäer im 17. Jahrhundert n. Chr. in Indien Fuss fassten, hatte sich Alles geändert. Sanskrit war eine todte Sprache, Prakrit war umgewandelt in neuere Formen, die schon eine volksthümliche Literatur entfalteten; die nichtarischen Völker des Südens hatten ihre eigenthümlichen Sprachen entwickelt und eine reiche Literatur geschaffen.

Die jetzt in Indien gesprochenen arischen Sprachen enthalten drei Elemente: 1) Tatsama, d. h. dasselbe, oder aus dem Sanskrit entlehnt. 2) Thadbhava, d. h. ähnlich von Natur. 3) Desaja, d. h. im Lande geboren, nicht-arisch. Der Hauptbestandtheil gehört zur zweiten Klasse. Folgende Sprachen sind zu unterscheiden: 1) Sindhí, an der Nordwestgrenze, enthält viele nicht-arische, wenig Sanskrit-Worte. 2) Punjabi. 3) Hindi und 4) Gujaráti enthalten meistens Prakrit-Worte. 5) Mahrati. 6) Bengali. 7) Uriya, die Küstensprache von der Gangesmündung abwärts. Jede dieser Sprachen, mit Ausnahme der ersten, besitzt eine eigene reiche Literatur. Hindi, die Verkehrssprache der Gebildeten, reicht am weitesten, wie ich auch von britischen Officieren erfuhr und selber merkte, da sie in dieser Sprache mit den Sepoy in Calcutta wie in Bombay und auf Aden verkehrten. Hindostani oder +Urdu+ (wörtlich Lager-Sprache), ein Dialect des Hindi, ist die Sprache der Mohammedaner in Indien, in Agra und Delhi; die Bücher über Heilkunde der Medicinschule zu Agra sind in dieser Sprache mit persisch-arabischen Buchstaben gedruckt. -- Dravidische Sprachen in Süd-Indien giebt es hauptsächlich vier; die wichtigste ist Tamil. Buddhisten, welche stets die Volkssprachen begünstigten, haben seit dem 9. Jahrhundert n. Chr. ihre Literatur begründet.

In der europäischen Ansiedlung, die, wie in allen Städten des Innern von Indien, sehr geräumig, mit grossen Gärten und breiten Wegen, angelegt ist, giebt es nur wenig Merkwürdigkeiten. Da ist zuerst die +Münze+, ein einfaches, aber festes Gebäude, in welchem die Engländer zur Zeit des grossen Aufstandes (1857) Zuflucht fanden. Da ist das gelbe Gartenhaus (+yellow bungalow+), wo Warren Hastings lebte, und die Sonnenuhr, die er errichten liess. Da ist ein Gymnasium (+Queens college+), im hässlichsten englischen Stil erbaut. Als ich das Gebäude betrat, um pflichtschuldigst das im Reisebuch verzeichnete Museum der Alterthümer zu betrachten, fertigte mich der eingeborene Director ziemlich hochmüthig und kurz ab und bedeutete mir, dass die Alterthümer jetzt in Calcutta wären. „Der Director ist grob“, bemerkte einer der vorlauten, grossgewachsenen Jünglinge, die mit ihren Büchern unter dem Arm aus dem Gebäude traten. Meiner Gepflogenheit folgend, fragte ich sie sofort, was sie werden wollten, und was sie eben gelernt hätten. Sie antworteten, dass sie Rechtswissenschaft studiren wollten und eben Euklid gelernt hätten. Nun fragte ich weiter, ob sie mir den pythagorēischen Lehrsatz nennen könnten. Keiner wusste es. Als ich ihnen aber die Figur mit dem Sonnenschirm-Stiel in den Sand kritzelte, lachte der vorlaute Jüngling und sagte: „O Herr, das wissen wir ganz gut. Aber weshalb brauchest du so pompöse Worte für einfache Dinge?“ Er hatte Recht.

Das einzige von Alterthümern, was noch in dem Garten des Gymnasiums gefunden wird, ist ein alter Obelisk aus Gazipur mit einer Gupta-Inschrift, die ich natürlich nicht entziffern konnte und auch im Reisebuch nicht vorfand. Ferner wird hier in einem kleinen Teich ein kummervolles Krokodil gehalten; zu welchem Zweck, konnte ich nicht erfahren.

+Zwei Ausflüge+ kann man von Benares machen. Erstlich nach +Sarnath+ oder +Alt-Benares+. Dieselbe Stadt ist heilig den Brahmanen und Buddhisten. Nach der grossen Stadt Benares zog Buddha vor 2½ Jahrtausenden, um dem versammelten Volke seine Lehre zu predigen. Von hier zogen die Sendboten seiner Lehre aus, durch Indien bis nach Ceylon und nach Nepal, Tibet und China. Bhuila (Kapilavustu), wo Siddharta geboren ward; Gaya, wo er Buddha wurde; Sarnath, wo er zuerst predigte; Kasia, wo er gestorben ist: das sind die vier heiligen Orte der Buddha-Gläubigen. Die frommen buddhistischen Pilger aus China, deren Reisebeschreibungen zum Glück bis auf unsere Tage gekommen, haben Sarnath in den Tagen seines Glanzes gesehen.

Fu-Hian (399 n. Chr.) sagt, dass 10 li (= 3,6 Kilometer) nordwestlich von Benares in dem Hirschpark des Unsterblichen der Tempel gelegen sei. +Hiouen Tsang+ (629-645 n. Chr.) berichtet, dass in dem Hirschpark bei Benares ein grossartiges Kloster mit einem Tempel (Vihara) von 200 Fuss Höhe sich befand und verschiedene Gedenk-Thürme (Stupa) zur Erinnerung an das Erdenwallen von Buddha, darunter zwei vom König Asoka (244 v. Chr.) errichtete.

Da diese Stupa aus Ziegeln oder kleinen Steinen mit schlechtem Cement erbaut waren, so konnten sie nach der +Entheiligung+ den Hindu, welche Steine zum Hausbau entnahmen, und den bildzerstörenden Mohammedanern keinen Widerstand leisten und befinden sich heute in trostlosem Zustand.

Der Thurm zu Sarnath (+Dhamek Stupa+), den der Reisende heutzutage noch sieht, ist 1835-1836 vom General +Cunningham+ genau durchforscht und als Stupa, d. h. Gedenk-Thurm ohne Reliquien, erkannt worden.

Der untere Theil von 93 Fuss Durchmesser und 43 Fuss Höhe besteht aus soliden, mittelst Eisenklammern verbundenen Hausteinen und reicht 9 Fuss unter den Boden; darüber erhebt sich bis zur Höhe von 100 Fuss ein Ziegelbau, der vielleicht nie vollendet ward, jedenfalls stark verfallen und mit Buschwerk bewachsen ist.

Der untere Theil zeigt acht vorspringende Flächen mit je einer Nische, wahrscheinlich um eine Bildsäule von Buddha aufzunehmen; und darunter ein breites Band von geometrischen und blumenartigen Verzierungen, das rings um den Thurm läuft. Die Ueberlieferung meldet, dass der Bau um das Jahr 1000 n. Chr. errichtet und durch den Einfall der Mohammedaner unterbrochen worden ist: eine Ansicht, der sich Capitän Wilford und Fergusson anschliessen, da die Verzierungen ganz übereinstimmen mit denen, welche Hindu-Künstler an den ältesten Moscheen zu Ajmir und Delhi angebracht haben.

Jetzt wird an der Erhaltung und Wiederherstellung des alten Denkmals gearbeitet. Der Maurer, der oben auf der Leiter stand und dem seine Kinder, Knabe wie Mädchen, Steine und Mörtel zutrugen, kam eiligst herabgeklettert, um von dem Fremden das ihm zukommende Trinkgeld zu fordern.

In der Nähe sind noch manche Ruinen, auch Torso von Buddha, Brunnen und auf einem steilen Hügel von 100 Fuss Höhe ein achteckiger (Wacht-?) Thurm aus dem 15. Jahrhundert, mit arabischer Inschrift; endlich ein von einer Mauer umgebener +Jain-Tempel+, der durch gute Erhaltung und grosse Sauberkeit vortheilhaft absticht und aus einer Säulenhalle um die drei Seiten des rechteckigen Hofes mit etwa 25 Kapellen besteht. In jeder Kapelle sitzt ein Heiliger. Sie sehen für uns alle gleich aus, und jeder gleicht Buddha. In der That sollen es aber 24 verschiedene Menschwerdungen der Weisheit sein. Jeder hat seinen besonderen Bildschmuck von Thieren und Pflanzen. (Ochs, Elephant, Pferd, Lotus u. s. w.)

Der zweite Ausflug ist eine Wasserpartie, südwestlich nach +Ramnagar+, dem Schloss des Maharajah von Benares, am rechten Ufer des Ganges. Der Palast ist festungsartig angelegt und ungeheuer weitläufig, wie eine kleine Stadt. Am Thor der Umwallung stehen einige sonderbar aufgeputzte Soldaten; dies Spielzeug gönnen die Engländer dem abgesetzten Fürsten. Sie nehmen den Erlaubnissschein in Empfang, den ich Tags zuvor von Herrn Dr. med. Lazarus, dem Bevollmächtigten des Maharajah in der Stadt, erhalten. Ich warte eine geraume Zeit. Dann kommt ein Diener und führt mich über weite Höfe in den eigentlichen Herrschersitz.

Wir durchwandern riesige Säle, die in schlechtem europäischen Geschmack ausgestattet und geschmückt sind. Das Entzücken der Asiaten sind grosse Crystallkronleuchter, Uhren mit beweglichen Figuren, Oelgemälde ihrer Familienmitglieder, auf denen allerdings mehr die reiche Gewandung als der Gesichtsausdruck zur Geltung kommt. Der Officier, der die Pflichten des Wirthes erfüllte, geleitete mich zum Schluss auf einen reizvollen Pavillon mit zierlich durchbrochener Wandung, der, auf einem hohen Bollwerk hart am Flussufer angelegt, eine entzückende Aussicht auf das ferne Benares beherrscht. Mit diesem letzten Blick schied ich von der heiligen Stadt und fuhr Mittags 12 Uhr, am 10. Dezember, nach +Lucknow+.

Lucknow.

Die Oudh and Rohilkand R. bringt mich in sieben Stunden zehn Minuten nach Lucknow. (200 engl. Meilen = 320 Kilometer, für 12 Rupien 7 Annas, in der ersten Classe; Geschwindigkeit dieses Postzugs etwa 46 Kilometer in der Stunde.)

Oudh, auch Audh geschrieben und so gesprochen, zwischen Nepal und dem oberen Ganges, ungefähr in derselben Breite wie Mittelägypten, war eine der ältesten Siedlungen der vom Indus in das Gangesthal vordringenden Arier. 86 englische Meilen westlich von Lucknow (auf der Bahnlinie), dicht neben Fyzabad, das bis 1775 Hauptstadt von Oudh gewesen, hegt +Ajodhya+, noch heute mit einem Pracht-Tempel des Ram geschmückt, einst die gewaltige Hauptstadt von Koshala, „dem Glanz-Reich“, und Herrschersitz der Sonnen-Rasse von Königen, deren erster Manu gewesen sein soll. Es ist unbekannt, weshalb die Sonnenkinder ihren Stammsitz verliessen; aber jedenfalls wanderten sie fort und blieben in Rajputana. In Ajodhya war später die Wiege der Buddha- und der Jain-Lehre. Hiouen-Tsang fand daselbst (629 bis 645 n. Chr.) zwanzig Buddhisten-Klöster. Dann folgten Hindu-Fürsten; eine in Kupfer gegrabene Urkunde des letzten (Jai Chand) aus dem Jahre 1187 n. Chr. ist in der Nahe von Fyzabad gefunden worden. Im Jahre 1193 n. Chr. erhielt das Land mohammedanische Fürsten und blieb ein Theil des Kaiserreiches von Delhi. Nach dem Zerfall des letzteren schwang sich der Statthalter (Nawab, Wesir) 1760 zum selbständigen Herrscher auf und vererbte die Würde auf seine Nachkommen. Aber schon zwei Jahrzehnte später wurden Truppen der ostindischen Gesellschaft in Oudh aufgestellt, von dem Herrscher unerhört hohe Abgaben erpresst und diese 1801 auf jährlich 1350000 £ gesteigert. Die Könige von Oudh suchten an Pracht die Glanzzeit der Grossmogul zu übertreffen, sie erschienen auf goldnem Thron, von scharlachgekleideten Dienern getragen, oder im Staatswagen, der von acht schwarzen Rossen gezogen wurde. Kämpfe von Elephanten unter einander oder mit Nashornthieren und von Büffeln mit Tigern waren an der Tagesordnung. Europäer, welche in den Glanztagen dort gewesen, sprechen von Palästen und Gärten aus den Märchen von „Tausend und eine Nacht.“ Mit feinem Spott behandelt Prinz Waldemar (1845), gegenüber der einfachen Würde verschiedener Hindu-Rajah, den barbarischen Prunk des Hofes von Oudh. Die letzten Fürsten lebten in Schwelgerei und sogen angeblich das Land aus. Unter diesem Vorwand wurde am 7. Februar 1856 die Absetzung des Fürsten und die Einverleibung des fruchtbaren Landes in die britische Herrschaft verkündigt. Die Bevölkerung nahm diesen Eingriff in die Rechte ihres Herrschers mit Gleichgiltigkeit auf; aber die Willkür, mit der die englischen Beamten den Grundbesitzern die Hälfte ihrer Einkünfte entzogen, hat wesentlich mit zu der Heftigkeit des Militäraufstandes von 1857 beigetragen. Nach Wiederherstellung der Ruhe wurde denn auch den Grossgrundbesitzern ihr Besitz, d. h. die Hälfte der ganzen von den Landbauern zu entrichtenden Grundsteuer, wieder zurückerstattet. Ob die Bauern sich heute besser stehen als früher, ist fraglich. Oudh hat 62000 Quadratkilometer und nach der Zählung von 1881 über 11000000 Einwohner,[485] wovon sieben Zehntel Hindu; und bildet jetzt einen Theil der britischen Nordwestprovinzen von Indien.

Das Land ist zum Theil schon abgeerntet und dürr, aber meist schön grün und durchweg gut bepflanzt. 55 Procent des Landes von Oudh sind bebaut mit Reis, Weizen und anderem Getreide, mit Gemüse, Oelpflanzen, Zucker, Baumwolle, Opium, Indigo. Epheuähnliches Grün schmückt die Dächer der jammervollen Hütten, die aber vielfach von prächtigen Laubbäumen, besonders von breiten, tiefästigen Tamarinden, beschattet werden. Künstliche Bewässerung ist allenthalben sichtbar. Aus tiefen Cisternen wird ein grosser Leder-Sack voll Wasser (1 bis 2 Centner schwer) geschöpft mit Hilfe von Stricken, die von Ochsen gezogen werden; der Sack entleert auf einem kleinen aufgeschütteten Hügel seinen Inhalt in kleine Gräben, die das kostbare Nass über die Felder vertheilen. Kinder arbeiten auch mit zwei Körben, die über einander in Stricken aufgehängt sind, und schwingen das Wasser aus dem Graben auf die Felder.

Bald erscheint die erste Pracht-Moschee, die ich auf dem platten Lande in Indien gesehen; diese Gegend ist eben viele Jahrhunderte lang von Mohammedanern beherrscht worden.

Im Eisenbahn-Wagen machte ich die Bekanntschaft eines englischen Capitäns, der einheimische Soldaten angeworben; wir werden bald so befreundet, dass wir auf das Wohl der beiden Heere trinken, die zusammen bei Waterloo gefochten haben. Wie viele englische Officiere, ist auch dieser der festen Ueberzeugung, dass, wenn Frankreich und Russland Deutschland angreifen sollten, England aus Gründen der Selbsterhaltung auf unsere Seite treten müsse. Auf einem Halteplatz kommen in unseren Wagen zwei Waidmänner, der Befehlshaber der Besatzung von Lucknow und sein Sohn, in +Pelzjacken+ gekleidet. In Nordindien ist es Nachts im Winter schon ziemlich kühl.

+Hill’s+ Grand Imperial Hotel, in dem ich Abends spät eintreffe, ist natürlich nicht gut, denn ein gutes Gasthaus giebt es nicht im Innern von Indien, aber doch leidlich.

+Lucknow+ (auch Lakhnau, oder Lacknó geschrieben), soll zwar schon in dem alten Heldengesang der Ramayana gefeiert sein, als Lakschmanawati, die der segenspendenden Lakschmi, der Gattin Wischnu’s, geweihte; hat aber erst seit dem Ende des vorigen Jahrhundert zu der jetzigen Grösse und Pracht sich emporgeschwungen, da der König von Oudh 1775 seinen Herrschersitz von Fyzabad hierher verlegte; jetzt ist es die +Hauptstadt+ von Oudh, zweite Residenz des Generalgouverneurs der Nordwestprovinzen und der Einwohnerzahl nach die fünfte Stadt in ganz Indien.[486] Im Jahre 1881 betrug die Zahl der Einwohner 261303, 1891 aber 273028, einschliesslich der Besatzung (Cantonment); drei Fünftel sind Hindu, die andern hauptsächlich Mohammedaner.

Obwohl die Stadt, welche in einer Länge von 8 Kilometer an dem +Gumti+, einem nördlichen Nebenfluss des Ganges, sich hinzieht, von weitem ganz stattlich aussieht; so findet der aufmerksame Reisende doch bei näherer Betrachtung sehr leicht, dass fast alle Bauwerke mittelmässige Stümpereien sind, die hauptsächlich durch Stuck, Flitterwerk und Tünche wirken sollen.

Wenn +Heber+, 1823 bis 1826 Bischof zu Calcutta, die älteren Gebäude der Stadt für die schönsten in ganz Indien erklärt hat, so beweist dies, dass er von der Baukunst gar nichts verstand und keinen Geschmack besass; und dass man gut thut, auch seinen andern Aussprüchen über Baukunst zu misstrauen.

+Fergusson+, der mehr davon versteht, erklärt, dass das beste Gebäude der Dynastie von Lucknow, das Grabmal ihres Gründers Saftar Jung bei Delhi aus dem Jahre 1756, nur aus der Ferne mächtig erscheint; wenn Verzierungen Baukunst darstellten, wäre Lucknow gross: aber die Unzahl von gewaltigen Gebäuden, mit denen die Herrscherfamilie in dem +einen+ Jahrhundert ihres Bestehens die Hauptstadt geschmückt, seien durchgängig von schlechtem Geschmack.

Am nächsten Morgen fuhr ich im Wagen mit Führer zur Besichtigung der Stadt, natürlich zuerst zu den denkwürdigen Ruinen der +Residenz+.

Dies Gebäude war um das Jahr 1800 vom Nawab Saadut Ali Khan inmitten der Stadt auf einer niedrigen Erhebung zum Wohnsitz für den englischen Gesandten (Residenten) an seinem Hofe erbaut worden. Als am 10. Mai 1857 die Sepoy[487] zu Meerut und am nächsten Morgen zu Delhi die Fahne des Aufruhrs erhoben; begann +Sir Henry Lawrence+, der Oberbevollmächtigte (Chief Commissioner) von Oudh, sofort die Residenz zu Lucknow in Vertheidigungszustand zu setzen und mit Lebensmitteln, Schiessbedarf und Kanonen zu versehen. Die Umwallung war 2150 Fuss lang, 1200 Fuss breit, mit sechs Batterien ausstattet. Am 30. Mai brach die Meuterei auch in Lucknow aus. Der Versuch, eine anrückende Heeresabtheilung von Meuterern in offener Feldschlacht zu zerstreuen, am 30. Mai, schlug vollständig fehl; Sir Henry Lawrence wurde geschlagen, verlor 119 englische Soldaten und mehrere Kanonen. Jetzt zog er sich mit einem britischen Regiment und allen Europäern aus der Gegend, nebst Frauen und Kindern, sowie mit den wenigen Sepoy, die treu geblieben, in die Residenz zurück. Die +Belagerung+ begann am 1. Juli.

Schon am 2. Juli wurde Lawrence durch einen Bombensplitter tödtlich verwundet, und nachdem er mit Ruhe alle Anordnungen getroffen, starb er zwei Tage später.

Fast zwei Monate hielten die Britenhelden muthig Stand gegen die Ueberzahl der Belagerer, ertrugen das mörderische Kanonen- und Musketenfeuer, trieben jeden Sturm zurück, machten Ausfälle und vernagelten Kanonen der Feinde, beseitigten ihre Minen durch Gegenminen.

Die unterirdischen Wohnräume des Residenzschlosses (+tykhana+, eigentlich eine kühle Sommerwohnung,) wurden als Zuflucht den Frauen und Kindern vom 32. Regiment zugewiesen, die Räume zur ebenen Erde als Krankenhaus für die Verwundeten benutzt; die oberen Stockwerke waren unhaltbar, da fortwährend Kugeln ein- und durchschlugen, aber auf dem Gipfel stand immer ein Officier mit Fernrohr, um die Bewegungen der Feinde zu überwachen.

Die Augen aller Briten in Indien waren auf diesen Platz gerichtet, den einzigen im Königreich Oudh, der noch in ihrem Besitz war. Am 25. September kündigte scharfes Musketen- und Kanonen-Feuer das Nahen der Ersatztruppen an, aber nur mit grossen Verlusten gelang es diesen unter den Generälen Outram und Havelock, zu den Belagerten vorzudringen. Die letzteren, im Beginn der Belagerung 927 Europäer und 765 Eingeborene, waren durch die täglichen Verluste bis auf 577 Europäer und 402 Eingeborene vermindert.

Aber das Ersatzheer wurde von frischen Schwärmen der Aufständischen +umzingelt+. Erst am 16. November drang +Sir Colin Campbell+ nach Lucknow vor, befreite die Besatzung und erzwang den ungehinderten Rückzug. Outram’s Abtheilung von 3000 Mann wurde in dem befestigten Garten Alum Bagh, 3 englische Meilen von Lucknow auf der Strasse nach Cawnpur, zurückgelassen und schlug alle Angriffe der Belagerer zurück, bis +Campbell+ am 1. März 1858 mit frischen Truppen und genügender Artillerie sie befreite, die von den Meuterern (30000 Sepoy und 50000 Freiwilligen) stark befestigte und mit 100 Kanonen versehene Stadt Lucknow einschloss und binnen 19 Tagen einen befestigten Punkt nach dem andern eroberte. Mit der +Zurückeroberung von Lucknow+ war der gefährliche Aufstand niedergeworfen.

Die Residenz zeigt noch heute unverändert die Zerstörung, welche durch die Belagerung angerichtet worden; nur so viel ist ausgebessert, dass der Zusammensturz verhütet wird, und dass der Besucher den Thurm besteigen kann, von dessen Spitze die englische Fahne im Winde flattert. Alle Fenster sind vernichtet, selbst Zwischenwände zerstört, die Mauern gefurcht und durchbohrt von Bomben, Granaten- und Flintenkugeln; die angrenzenden Flügel überhaupt nur noch andeutungsweise zu erkennen. Grüner Busch und Laub decken einen Theil der Wunden, die das Gemäuer erlitten.

Von der Spitze des 55 Fuss hohen Thurmes ist eine prachtvolle Aussicht. Unter uns liegt der mit Blumen und Cypressen geschmückte Kirchhof, in dessen Erde die sterblichen Reste von 2000 heldenmüthigen Männern und Frauen ruhen, darunter auch Sir +Henry Lawrence+. In der Nähe steht auf einem künstlichen Hügel ein Kreuz von weissem Marmor zum Andenken an die Tapferen, welche in Vertheidigung der Residenz gefallen sind.

Dicht beim Eintritt in den Garten ist auch ein Obelisk errichtet zum Andenken an die eingeborenen Officiere und Soldaten, welche an dieser Stelle in edler Pflichterfüllung ihr Leben eingebüsst haben.

Jeder Punkt in dem ganzen Gebiet ist genau bezeichnet, auch des braven Wundarztes Dr. Fayrer’s Wohnhaus, in welchem Sir Lawrence seinen letzten Athemzug aushauchte. In dem Kellergeschoss der Residenz ist ein genaues Modell des ehemaligen Zustandes mit allen Batterien der Engländer und der Feinde zu sehen, gewiss sehr bemerkenswerth für die vielen Fachmänner, die nach Lucknow kommen.

* * * * *

Wand’rer, kommst du nach Sparta, verkünde dorten, du habest Uns hier liegen gesehn, +wie das Gesetz es gebeut+.

Herodot, VII, 228.

Mit dieser Inschrift ehrten die Amphiktyonen das Grabdenkmal der 300 Spartaner, welche zu Thermopylae im heldenmüthigen Kampfe gegen die Uebermacht der Perser gefallen waren.

Eine Ueberschrift von gleich einfacher Erhabenheit, die nur +die Pflicht+ des Kriegers betont, schmückt den schmucklosen Grabstein von Lawrence:

Here lies Henry Lawrence +Who tried to do his duty+.

Was Alexander der Grosse ersehnt, aber nicht errungen, das märchenhaft reiche Land Indien zu erobern und mit einer kleinen europäischen Macht dauernd zu beherrschen; was Portugiesen, Holländer, Franzosen vergeblich versucht, -- das ist den Engländern vollständig gelungen: mit weniger als 100000 Briten beherrschen sie das ungeheure Reich von 280 Millionen Einwohnern. Zum Theil hatten sie wohl Glück bei der Eroberung, aber vier Grundbestandtheile ihrer Volks-Eigenart haben, nach +Hunter+, wesentlich zu dem Erfolg mit beigetragen: 1) Eine erstaunliche Zurückhaltung, bis sie wirklich hinreichende Kräfte zur Eroberung gesammelt. 2) Eine unbezwingliche Beharrlichkeit in Durchführung der einmal unternommenen Pläne. 3) Unbegrenztes Vertrauen zu einander unter den Beamten der ostindischen Gesellschaft. 4) Kräftigste Unterstützung der letzteren seitens des englischen Volkes. Eines scheint mir dabei noch vergessen zu sein, die rücksichtsloseste Ausbeutung des eigenen Vortheils. Die Holländer vernichteten sie bei Biderra, nicht weit von Chandernagor, ohne Kriegserklärung. Der englische Befehlshaber wusste, dass Briten und Holländer Frieden hatten, und sandte an Clive um Befehle. Clive spielte gerade Karten und schrieb ihm mit Bleistift: „Dear Forbe, fight them to day and I will send you an order to morrow.“ Als Friedrich der Grosse 1744 Ost-Friesland gewonnen, Emden zu einem Handelshafen erhoben und der +bengalischen Handelsgesellschaft+ 1753 seinen königlichen Freibrief gegeben; da schrieb der Präsident der englisch-ostindischen Gesellschaft: „I am in hopes, that their ships will be either sunk, broke or destroyed.“[488]

Wenn irgend ein indischer Fürst den Plänen der Briten widerstrebte, so wurde schnell eine Verschwörung gegen ihn angezettelt und ein neuer Thronbewerber aufgestellt, von dem grössere Fügsamkeit zu erwarten stand; oder ein Vorwand gesucht und gefunden, um dem Fürsten den Process zu machen, ihn ab-, und ein Kind unter englischer Vormundschaft an seine Stelle zu setzen, bis sein Staat zur völligen Einverleibung reif geworden.

Die Engländer rühmen sich ihrer +Verwaltung+. Im Jahre 1858, nach der blutigen Lehre des Aufstandes, ist die Verwaltung Indiens von der ostindischen Gesellschaft, deren Goldgier nur durch das Aufsichtsrecht des Staates beschränkt war, an die Krone von England übergegangen; und Pflichttreue, Gerechtigkeit, Unbestechlichkeit wird den englischen Beamten in Indien nachgerühmt. Der Vicekönig wird durch die Krone auf 5 Jahre ernannt, er hat seinen Herrschersitz in Calcutta -- für vier Monate des Jahres; für die übrige Zeit zu Simla im Punjab, auf einem Ausläufer des Himalaja, 2160 Meter über dem Meere.[489] Verantwortlich ist er dem Staatssecretär zu London, einem Minister des Cabinets. Der Vicekönig selber wird unterstützt durch einen ausführenden Rath (Executive Council) von fünf Mitgliedern nebst dem commandirenden General in Indien, und vereinigt gewissermassen in seiner Person die Pflichten eines Herrschers und eines ersten Ministers; wenn aber die Engländer sagen, eines +constitutionellen+ Herrschers, so ist das nicht zutreffend. Es giebt wohl auch noch einen gesetzgebenden Rath, worin ausser dem ausführenden Rath noch einige höhere Beamte und einige ernannte Privatpersonen, Europäer und Eingeborene, Sitz haben. Aber ihre Befugniss ist gering. Die eingeborenen Unterthanen der Kaiserin Victoria haben keinen Einfluss auf die Regierung des grossen Kaiserreiches.[490]

Vier Obergerichte giebt es (sowohl für bürgerliche Streitsachen als auch für Verbrechen) in den vier Hauptprovinzen oder Präsidentenschaften. (Bengal, Madras, Bombay, Nordwestprovinzen.) Die Oberrichter werden aus England gesendet, nur unter den jüngeren Richtern (puisne judges) sind einzelne wenige Stellen mit Einheimischen besetzt, obwohl deren Befähigung für das Rechtsfach lange anerkannt ist. Das herrschende Gesetz in Indien hat vier verschiedene Quellen: 1) Verfügungen des gesetzgebenden Rathes. 2) Beschlüsse des englischen Parlaments, die auf Indien sich beziehen. 3) Erb- und Eigenthumsgesetze der Hindu und Mohammedaner, in Angelegenheiten, die nur diese betreffen. 4) Gewohnheitsrechte der Kasten und Rassen. Ein einheitliches Gesetz ist noch nicht geschaffen. Marquis von Ripon (Vicekönig von 1881-1884) versuchte den Machtbereich der Landgerichte auf die Europäer auszudehnen und erregte damit einen wahren Sturm von Entrüstung; britischen Unterthanen musste das Recht zugestanden werden, ein Geschworenen-Gericht zu verlangen. Ob andere Europäer das Recht besitzen, ist zweifelhaft. In den Zeitungen war viel die Rede von diesen Fragen. Mir scheint es geboten, dass die europäischen Regierungen für ihre in Indien lebenden Unterthanen dasselbe Recht verlangen, welches die Briten geniessen.

Ueber die +Provinzverwaltung+ möchte ich nicht ausführlicher sprechen. Doch muss ich hervorheben, zumal der geneigten Leserin vielleicht aus Thackeray’s Vanity fair noch eine dunkle Erinnerung an den fetten Collector aus Dum-Dum geblieben, dass, wie zu den Zeiten der edlen Ostindia-Gesellschaft so auch heute das Haupt des Districtes der -- +Collector+ ist. Vor allem hat er die +Einkünfte+ für die Regierung zu sammeln, nebenbei ist er väterlicher Herrscher seines Bezirkes. Es giebt 250 Bezirke; +durchschnittlich+ beträgt die Grösse derselben 859 englische Quadratmeilen, die Bevölkerung 876000.

Die Hauptquelle des Regierungs-Einkommens liefert die +Land-Taxe+. Im ursprünglichen Hindu-Dorf war das Land Eigenthum der Gemeinde; nach der Ernte wurde ein Theil für den Herrscher des Landes bei Seite gestellt. Die Mogul nahmen +ein Drittel+ und bestellten Steuer-Pächter (zamindar). +Die Engländer haben dies Verfahren beibehalten und die Bürde der Bauern nicht erleichtert.+ Im Gegentheil geriethen die letzteren unter englischer Gerichtsbarkeit mehr und mehr in Schulden, verloren ihr Eigenthum und selbst ihre Freiheit, so dass in den Jahren 1879 und 1881 besondere Gesetze zum Schutz der Bauern gegen die Geldverleiher (Hindu) erlassen werden mussten. 1890/91 brachte die Grundsteuer gegen Rx 27½ Millionen oder 1½ Rupien für den Acre.[491] Die Salzsteuer brachte Rx 8½ Millionen, die Accise für berauschende Getränke, Opium u. dgl. Rx 3½ Millionen.[492] Im Ganzen bringt das Land an Steuern Rx 41¼ Millionen jährlich. Die Mogul sollen 60 Millionen verlangt haben; doch ist immer noch fraglich, ob sie es wirklich erhielten. Mit den Einnahmen der Staats-Eisenbahnen, Canäle, Post, Telegraphen, Frachten, Tributen der Schutzstaaten, Eingangszöllen (Rx 1700000). Gewinn am Opium (Rx 5½ Millionen[493]) betrugen die Staats-Einnahmen 1890/01 an Rx 85441000, die Ausgaben Rx 82053000. Unter den Ausgaben steht obenan die für das Heer mit Rx 20600000; ein +Viertel davon ist in England zu zahlen+. Die Schulden betragen Rx 207 Millionen. +Der Cursverlust+ an £ 15000000, +die in England zu zahlen waren+, +betrug+ 1890/91 +gegen+ Rx 5087000 +oder+ 75 +Millionen Mark+. Die Armee zählt 73000 Europäer und 144000 Einheimische. Dazu kommen 150000 Polizisten.

Der gesammte Handel Indiens (Aus- und Einfuhr, zur See,) betrug 1890/91 an Rx 196 Millionen. +Die Ausfuhr überwiegt+, und zwar um jährlich Rx 30 Millionen. Hiervon erhält Indien ein Drittel (Rx 10 Millionen) baar, das zweite Drittel zahlt die Zinsen in England, das letzte Drittel deckt die +Home-Charges+. (Gehälter, Pensionen, Heeres- und Eisenbahnbedürfnisse.) Ob aber das erste Drittel +von den Hindu gespart+ wird, wie +Hunter+ meint, oder von den Engländern in Indien, dürfte doch noch genauerer Untersuchung bedürfen. Denn von unparteiischen Engländern wird zugegeben, dass die ungeheuere Mehrzahl der Inder in trostloser Armuth lebe, und dass die Verarmung im Zunehmen sei.

So viel ist klar, dass England alljährlich riesige Summen aus Indien zieht.[494]

+Is that not a wonderful job, our India?+ Das fragte mich der gebildetste Engländer, den ich in Indien kennen gelernt. Ein Viertel des indischen Staatseinkommens, klagte der Parsi Naoroji im englischen Unterhaus, nehmen die Engländer; und für die eingeborenen Inder bleibt keine einträgliche und verantwortliche Stelle.

Werden die Engländer Indien behaupten? Wer weiss es? England ist eine grosse Macht, aber keine Grossmacht. Die ganze kaiserliche Weltstrasse, Canada, Hongkong, Singapore, Ostindien, Aden, Aegypten, ist ungenügend besetzt.

Wir Deutschen aber haben gar kein Interesse, des selbstsüchtigen und unersättlichen England’s asiatische Besitzungen zu schützen und etwa seinen Beitritt zum Dreibund zu wünschen. Uns könnte es eher angenehm sein, wenn unser östlicher Nachbar seinen Thatendrang nach Asien wendet und Europa in Frieden lässt.

* * * * *

Zu den sonstigen +Sehenswürdigkeiten+ von Lucknow gehören hauptsächlich die Paläste der früheren Herrscher:

1) +Kaiser Bagh+, das hauptsächliche Bauwerk aus Wajid Ali Schah’s Regierung, 1848 begonnen, 1850 vollendet; es hat mit der inneren Einrichtung 80 lakh[495] Rupien, also ungefähr 16 Millionen Mark verschlungen. Um einen ungeheuren Hof ist ein Viereck zweistöckiger Gebäude errichtet, die Fassaden nach innen, mit allen möglichen Arten von Fenstern und Pfeilern, die Flächen gelb, die Verzierungen weiss getüncht, -- so geschmacklos wie möglich. Im Innern dieser Gebäude sind einige grosse Hallen und unzählige Gemächer, die letzteren dienten den Damen des Harem (angeblich 200) zur Wohnung.

Der gewölbte Thorweg zeigt das Wappen mit zwei Fischen, welches Saadut Khan, der Gründer der königlichen Familie, angenommen hatte.

2) +Chatr Manzil+, das Sonnenschirm-Haus, in seltsam halbitalienischem Styl, 1827 bis 1837 von Nasir-ud-din für seinen Harem am Ufer des Gumti-Flusses erbaut, ist jetzt ein angenehmer Wohnsitz mit Lese- und Billard-Räumen für den Officier-Club (United Service Club), dessen Mitglieder dort auch für 60 Rupien im Monat ein wohl eingerichtetes Zimmer erhalten können.

Gegenüber ist ein +Museum+, welches die Kunsthandwerke Indiens zeigt, nach den verschiedenen Provinzen geordnet, Bronze- und Messingarbeiten von Benares, eingelegte Marmorwaaren von Agra, Teppiche und bemalte kleine Thonfiguren in höchster Lebenstreue aus Lucknow, ausserdem wieder Darstellungen der indischen Völkerstämme, naturwissenschaftliche Sammlungen aus den drei Reichen.

3) +Muchi Bhawan+, eine ältere Festung, die ihren Namen „Fischhaus“ von Saadut Khan erhielt. Am 30. Juni 1857 ward sie von den Engländern, die sie nicht halten konnten, in die Luft gesprengt. Bei Gelegenheit der Zugeständnisse, welche man später den Eingeborenen machte, bevor in der grossen Versammlung zu Delhi die Königin Victoria als Kaiserin von Indien ausgerufen wurde: ward das Gebäude den Mohammedanern zurückerstattet, wird jetzt (zusammen mit dem folgenden Palast) aus einem Capital verwaltet, das der letzte, abgesetzte König noch bei seinen Lebzeiten gestiftet hatte, und ist auch einigermassen wieder hergestellt worden.

Die Thorbauten sind mächtig, der Eingang mit den beiden Wappenfischen geschmückt und mit zwei Meerweibern, die eine Krone tragen, die Umfassungsmauern mit Hunderten von kleinen Kuppeln (aus Stuck) statt der Zinnen gekrönt.

Wenn man unter dem Thorweg eingetreten ist, sieht man zur Rechten eine Moschee, Jumma Musjid des Asaf-u daulah, die auch heute noch, entsprechend ihrem Namen, des Freitags von den Gläubigen besucht wird.

Gradeaus, nach Norden, steht das Hauptgebäude, +Imambara+ oder Haus des Propheten genannt[496] „das Juwel von Lucknow“, das hauptsächlichste Bauwerk von Asaf-u daulah’s Regierung.

Zur Zeit einer Hungersnoth wurde es begonnen, um der Bevölkerung Arbeitsgelegenheit zu geben, und 1783 vollendet, für 1 Million £. Das Gebäude ist 303 Fuss lang, 163 Fuss breit, 63 Fuss hoch. Ueber eine mächtige Freitreppe steigt man empor zu den neun offenen, von saracenischen Bögen überwölbten Eingängen. Der Haupteingang führt in die Haupthalle, die 163 Fuss lang und 53 Fuss breit und mit einem Gewölbe gedeckt ist. Hier liegt Asaf-u daulah begraben. Der Sarg ist einfach, aber von einem silbernen Gitter umgeben; die an sich feierliche Halle mit Glaskronleuchtern und andern glitzernden Schmuckgegenständen (z. B. einer Nachbildung des Grabes vom Propheten) geschmacklos ausgeputzt. Das Westthor, Rumi Darwaza oder Thor von Constantinopel, soll eine Nachahmung der hohen Pforte sein, doch konnte ich die Aehnlichkeit nicht herausfinden.

4) +Hoseïnabad Imambara+ oder Licht-Palast des Propheten, den Muhammed Ali Schah 1837 für sich als Begräbnissplatz erbaut hat. Das Hauptgebäude ist erheblich kleiner als das vorige, steht am Ende eines grossen mit Teich und Blumen geschmückten Gartens und zeigt gar keine Wandflächen, sondern nur Verzierungen; es ist recht heiter, aber geschmacklos.

Der vorspringende Mittelbau hat fünf von saracenischen Bögen überwölbte Eingänge und oben eine vergoldete und gerippte Kuppel. Die beiden Seitenflügel zeigen vier kleinere saracenische Bögen und Freitreppen. Im Innern ist ein Doppelgrab, daneben die üblichen Glaskronleuchter, bunte Glaskugeln, Spiegel u. dgl., aber auch ein Mimbar aus massivem Silber.

5) Die beiden sehr belebten +Bazare+ der Stadt zeigen uns Silber-, Gold- und Juwelier-Arbeiten, Stickereien, Waaren, Thonfiguren und Pfeifen,[497] sehr hübsch bedruckte Baumwollenzeuge in grosser Auswahl. Obwohl die Unterstützung des Hofes der Könige von Oudh fortgefallen, leben doch noch viele reiche und vornehme Eingeborene in Lucknow, so dass die Arbeiter keinen Mangel an Bestellungen verspüren. Nachmittags ist das Gewühl in den Bazaren so gross, dass dann in den Bazar-Strassen jeder Verkehr mit Wagen, Pferden, Kameelen, Elephanten durch die Behörden verboten ist.

6) Das +Cantonment+ ist wieder sehr geräumig angelegt, enthält eine Befestigung, die Bungalow der Officiere in hübschen Gärten, die Barracken der Besatzung und auch einzelne europäische Läden und Geschäfte, sowie unser Gasthaus.

Eine hübsche Parkanlage (+Wingfield Park+) giebt Gelegenheit zu Spazier-Gängen und -Fahrten.

7) +Dilkusha+, „Herz erweiternd“, ist ein zerstörtes Jagdschloss; hier starb am 24. November 1851 General Havelock an seinen Wunden.

8) +Sikandara Bagh+, ein grosser Garten ausserhalb der Stadt mit einer festen Mauer umgeben, von Wajid Ali für eine seiner Damen zu ihrem Vergnügen errichtet, war am 16. November 1857 Schauplatz eines schrecklichen Trauerspiels. 2000 der aufrührerischen Sepoy hatten hier Zuflucht gesucht und wurden bis zum letzten Mann von dem 43. Regiment (Hochländer), dem 52. und dem 4. Regiment der Sikhs mit dem Bajonet niedergemacht.

9) Die +Martinière+ ist ein steinernes Zeugniss von jenen europäischen Abenteurern, die an den Höfen der Grossmogul und der Könige von Oudh ihr Glück machten.

Claude Martin wurde 1735 in Lyon geboren und ist 1800 zu Lucknow gestorben. Er kam 1758 auf der französischen Flotte nach Indien, gerieth in Gefangenschaft bei den Engländern, diente unter diesen als Capitän mit Auszeichnung und gelangte 1773, ohne seinen Rang in der englischen Armee aufzugeben, an den Hof des Nawab von Oudh. Hier eröffnete er Banken und andere Geschäfte, baute Häuser und Paläste, pflanzte Indigo, goss Kanonen, machte Pulver und schlug Münzen für den Fürsten und lieh ihm gelegentlich auch Geld, führte europäische Waaren ein, wurde General (Lieutnant-Colonel) und sammelte ein ungeheures Vermögen. Dieses vermachte er schliesslich zur Gründung von Erziehungsanstalten in Lucknow, Calcutta und Lyon. Aber, da sein letzter Wille sehr ausführlich von ihm selbst in schlechtem Englisch aufgesetzt war, so wurde viel Zeit und Geld verloren, ehe es gelang, das englische Gesetz mit der Grammatik zu versöhnen.

Das Gebäude, welches er 2½ Kilometer südöstlich von Sikandara Bagh zu seinem Wohnsitz errichtete, heisst nach ihm la Martinière oder Constantia-Haus, da es die Inschrift führt: „Labore et Constantia.“ Asaf-u daulah soll ihm 1 Million £ dafür geboten haben; aber er starb, ehe der Handel vollendet war; und Martin starb, ehe das Gebäude fertig wurde.

Der Bau ist recht unregelmässig, in einem verdorbenen italienischen Styl, wohl nach den eigenen Plänen des würdigen Generals, angelegt. Auf einer ziemlichen Erhebung, zu der eine Freitreppe emporführt, steht der grillenhafte, mehrstöckige Thurm mit dem Dom aus zwei sich schneidenden Halbkreisbögen und die beiden, an das Mittelgebäude sich anschliessenden, pfeilergeschmückten, gebogenen Seitenflügel. Löwen, Mandarinen, Damen und allerlei Gottheiten schmücken die Dächer.

Jetzt ist hier eine Anstalt, in der 150 Knaben kostenfrei erzogen und unterrichtet werden. Ich sah einige von ihnen im Garten; sie waren munter mit dem Ballspiel beschäftigt. Aber ich will nicht unerwähnt lassen, dass ihre Vorgänger 1857 in der belagerten „Residenz“ als Krankenpfleger, Boten und sogar als Kämpfer sich ausgezeichnet haben. Vor dem Schloss liegt ein kleiner See, aus dem eine sonderbare jonische Säule 130 Fuss hoch emporsteigt und oben mit einer Laterne gekrönt ist.

Cawnpur.

Nachmittags 6 Uhr fahre ich von Lucknow nach Cawnpur, am rechten Ufer des Ganges, der auf einer 862 Meter langen eisernen Gitterbrücke überschritten wird. (25 englische Meilen in zwei Stunden für 3 Rupien, Cawnpur-Zweig der Oudh- und Rohilkand-Eisenbahn.)

Lee’s +Eisenbahn-Hotel+ ist nicht mit seinen Namens-Vettern in Berlin oder London zu vergleichen. Es stellt die Urform des indischen Gasthauses dar, die aus dem Rasthaus (in Ostindien Dak Bungalow genannt,) hervorgegangen: ein längliches Speisezimmer, in das etwa sechs Schlafzimmer einmünden. Dem entsprechend ist auch die Verpflegung mehr als einfach, nämlich schlecht; aber der Preis ist nur wenig geringer, als in den besseren Gasthäusern zu Benares und Lucknow.

Cawnpur bedeutet die Stadt des Kanh, d. h. des Landwirthes; damit ist Gott Krishna gemeint. Alt-Cawnpur lag 2 englische Meilen nordwestlich von der neuen Stadt; die letztere hat nach der Besiegung des Nawab-Wezir von Oudh (1764/65) um das den Engländern zugestandene befestigte Lager am rechten Ufer des Ganges seit 1777 sich erhoben. Sie hat keine bemerkenswerthen Bauwerke aufzuweisen, zählt aber (mit dem Cantonment) 188712 Einwohner, ist also nach der Bevölkerungszahl die neunte Stadt von Ostindien. Ihre wirthschaftliche Bedeutung beruht erstlich in den Fabriken von Lederwerk, Schuhen (für die Soldaten) und Pferdegeschirr, in grossen Baumwollen-Webereien und Druckereien, in dem Getreidehandel, der durch die schiffbaren Wasserwege und die vier hier sich kreuzenden Eisenbahnen (von Lucknow, Allahabad, Jhansi, Agra) gefördert wird, endlich noch in dem mächtigen +Ganges-Canal+, der hier seinen Ausgang nimmt.

Von alten Zeiten her hatten die Hindu in dem +Doab+ (Zweistromland zwischen Ganges und seinem Hauptnebenfluss Jumna) sich bestrebt, den Segen dieser Ströme durch Canäle weiter zu verbreiten.

Aber erst die Engländer haben es 1848 unternommen, durch das Riesenwerk des Ganges-Canals die in dürren Zeiten an Hungersnoth[498] leidende Gegend zu bewässern. Der Canal reicht von Hardwar (30° nördlicher Breite, 78° östlicher Länge) bis Cawnpur (26½° nördlicher Breite, 80° östlicher Länge). Die Entfernung in der Luftlinie beträgt etwa 300 englische Meilen = 480 Kilometer. Von den beiden Hauptzweigen des Ganges-Canals führt der eine in die Jumna. 1878 ist noch der untere Ganges-Canal hinzugekommen und bis Allahabad, dem Zusammenfluss von Jumna und Ganges, fortgesetzt worden. Die schiffbaren Canäle haben eine Länge von 1050 Kilometer, hierzu kommen noch 5000 Kilometer Vertheilungs-Canäle. Die Anlage kostete bis 1891 Rx 7440501.[499] Der Reingewinn betrug 1890/91, nach Zahlung der Zinsen, Rx 104110 oder 1,4 Procent des Capitals.

+Diese Canäle sind das beste, was die Engländer für Indien gethan haben.+ Mit grosser Befriedigung sah ich den Canal bei Cawnpur mit Getreidebarken dicht besetzt, und die stattlichen Schleusenwerke.

Aber die Reisenden kommen nach Cawnpur nicht wegen der Lederfabriken und nicht wegen des Ganges-Canals, sondern wegen der +geschichtlichen Erinnerung+ aus der Zeit der Meuterei. Als diese begann, war in dem ausgedehnten Cantonment eine starke bürgerliche Bevölkerung, jedoch nur 60 englische Soldaten und 3000 Sepoy. General Sir Hugh Wheeler beging zwei Fehler. Erstlich betraute er Nana Dundu Panth (Nana Sahib), eines abgesetzten Marathen-Fürsten (Peschwa) Pflegesohn, der in dem Process um die Fortbezahlung des Ruhegehaltes einen grossen Theil seines Vermögens eingebüsst, mit der Bewachung des Schatzes. Zweitens befestigte er leider nicht das Magazin am Fluss, weil er fürchtete, durch Misstrauen den Aufstand der Sepoy-Wache zu beschleunigen; sondern umzog ganz +unzweckmässiger Weise in der Ebene+ den Standort von zwei Baracken mit einem 4 Fuss hohen Erdwall, forderte und erhielt einige Verstärkungen von Sir H. Lawrence aus Lucknow und nahm die Nicht-Kämpfer am 22. Mai 1857 in die Umwallung. Am 4. Juni meuterten die Sepoy, plünderten den Schatz und das Magazin, das Munition und Kanonen enthielt; am 6. Juni wurde Wheeler von dem verrätherischen Nana, der den Oberbefehl über die Meuterer übernommen hatte, gewarnt, dass der Angriff beginnen werde.

1000 Menschen waren in der schwachen Umwallung, darunter 300 englische Soldaten, und trotzten kühn dem mörderischen Feuer der 3000 gut bewaffneten Belagerer. Nahrungsmittel wurden sparsam. Der einzige Brunnen gehörte zu den am wenigsten gedeckten Plätzen. Hier starb der Wundarzt den Heldentod, da er Wasser für seine Verwundeten holte. Im Dunkel jeder Nacht wurden die Todten herausgetragen zu einem tiefen Schacht ausserhalb der Umwallung. Ueber 250 wurden so in drei Wochen begraben. Ein allgemeiner Sturm am 23. Juni wurde kräftig zurückgeschlagen. Am 26. wurde ein Waffenstillstand von Nana angeboten und von den Engländern angenommen. Sie sollten ihre Befestigung, die Kanonen und den Schatz übergeben und mit ihren Waffen und jeder Mann mit 60 Patronen frei abziehen zum Fluss, um in Böten flussabwärts nach Allahabad befördert zu werden. Am 27. früh marschirten die Ueberlebenden nach der Flusstreppe (Sati Chaura Ghat), aber sie waren noch nicht alle eingeschifft, als plötzlich ein Horn ertönte, die einheimischen Bootsleute rasch aus den Böten kletterten, und nun ein mörderisches Feuer aus Musketen und Kanonen auf die zur Schlachtbank gelieferten Opfer erfolgte. Alle wurden getödtet bis auf 125 Frauen, die zum Theil verwundet und halb ertrunken nach Cawnpur gebracht wurden. +Ein+ Boot trieb flussabwärts, aber nur +vier+ Männer, vorzügliche Schwimmer, konnten sich retten, die übrigen 80 wurden eingefangen, die Männer gleich niedergeschossen, die Frauen und Kinder zu den 125 gebracht, in ein kleines Haus, Bibi garh, wo zwischen dem 1. und 14. Juli 28 starben.

Aber schon am 7. Juli rückte General Havelock mit 1000 britischen Soldaten, 130 Sikh und 6 Kanonen von Allahabad aus, schlug den Angriff von Nana’s Heer am 12. bei Belindah, in der Nähe von Fatepur zurück und wiederum am 15. Juli. Als Nana, der schwelgerisch in einem Palast lebte, nun merkte, dass Havelock siegreich vorrücke, gab er Befehl, die Frauen und Kinder zu tödten. Seine Sepoy schossen absichtlich vorbei; eine Rotte von Schlächtern mit langen Messern musste das Werk verüben; am nächsten Morgen wurden die Leichen, die Sterbenden und einige fast unverletzte Kinder in einen tiefen Brunnen geworfen.

Darauf rückte Nana mit 5000 Mann und gewaltiger Artillerie dem General Havelock entgegen, aber die Schlacht am 16. Juli endigte mit wilder Flucht der Meuterer. Nana Sahib floh nach Nepaul und ist dort wahrscheinlich gestorben.

Bevor Havelock das Cantonment erreichte, erfuhr er die Trauerkunde der schmählichen Metzelei.

Vier Monate später war Cawnpur wiederum die Scene blutigen Kampfes. Sir Colin Campbell marschirte am 9. November von dort zum Entsatz von Lucknow und liess, zum Schutz seines Stützpunktes, 500 Briten mit 4 Kanonen zurück. Als er am 27. November nach Cawnpur zurückmarschirte mit 2000 Frauen, Kindern, Kranken und Verwundeten, die er aus Lucknow gerettet, sah er die Stadt in Flammen; die Briten waren von Tantia Topi, dem Haupt der Gwalior Meuterer, etwa 15000 Mann, besiegt worden. Aber am 6. December stürmte Sir Colin das Lager der Meuterer und trieb sie in wildeste Flucht.

* * * * *

Am nächsten Morgen, dem 12. December, um 8 Uhr, besteige ich den Einspänner,[500] um die denkwürdigen Plätze von Cawnpur zu besichtigen. Mein Führer ist +Morton+, ein ehemaliger Soldat, der zwar nicht dabei gewesen, aber doch so lebhaft erzählt, als ob er einer der vier Ueberlebenden sei und mit Campbell sowohl Lucknow entsetzt, als auch Cawnpur von den Gwalior gesäubert.

Es ist angenehm kühl. Wir fahren zuerst nach der Umwallung (Entrenchement). Von dem Wall ist nichts mehr zu sehen, aber der Umfang des Platzes ist durch eine Hecke bezeichnet, und innen auch noch die Stelle, wo die Baracken gestanden, sowie der Brunnen.

In der Nähe ist ein Gedächtnissstein für die, welche zuerst (am 27. Juni) ihren Tod fanden, und ein andrer für die 70 Soldaten und Officiere, die dem Gemetzel entronnen waren, aber von den Meuterern eingefangen und am 1. Juli ermordet worden.

Eine stattliche Doppelreihe der schönsten Baracken britischer Truppen erweckt in uns die Hoffnung, dass ein neuer Aufstand auf ernstere Hindernisse stossen würde. Die Erinnerungskirche neben dem Platz der ehemaligen Umwallung ist im romanischen Stil erbaut, für 20000 £, und 1875 eingeweiht worden. Glasmalereien in den Fenstern geben ein Dämmerlicht, die Wände sind mit Gedenktafeln geschmückt.

Der Küster, ein Unterofficier, legt dem Reisenden das Kirchenbuch vor, damit er seinen Namen einzeichne und eine Gabe zur Erhaltung der Anlagen spende. Mit meiner Wenigkeit zusammen, hatten da hinter einander, +binnen+ 24 +Stunden+, sieben von den etwa fünfzehn Globetrottern, die am 1. September 1892 von Vancouver auf der Empress of Japan abgesegelt, ihre Namen verzeichnet!

Die Mord-Treppe, 1,_{3} Kilometer nördlich von der Kirche, führt von einem zerfallenen Schiwa-Tempel, dessen Wiederherstellung von den Einheimischen nicht gewagt und von den Engländern wohl auch nicht erlaubt wird, hinab zu dem Ganges-Fluss. Kein Eingeborener ist hier zu sehen. Herr Morton sprach mit grosser Erbitterung.

Ueber dem Schreckensbrunnen, in welchen die Körper der 200 Opfer geworfen wurden, ist ein kleiner Hügel errichtet und oben innerhalb eines achteckigen gothischen Marmor-Gitters[501] der Engel der Auferstehung, eine Marmorbildsäule von Marochetti, aufgestellt.

Ein friedlicher Garten von 12 Hektaren mit lieblichen Blumenbeeten und schönen Cypressen ist um dies Denkmal angelegt und herrlich in Stand gehalten. Aber +kein Einheimischer darf bis heute diesen Garten betreten+, trotzdem auf dem grossen Darbár[502] zu Allahabad am 1. November 1858 im Namen der Königin Victoria, die damals die Regierung von Indien in ihre eigne Hand nahm, volle Verzeihung allen zugesichert worden, mit Ausnahme der überwiesenen Mörder. Die Wunde ist nicht völlig geschlossen. Noch heute ist die Zahl der britischen Kaufleute und Handwerker sehr gering in Cawnpur; die nothwendigen Läden werden von Eingeborenen gehalten. Der Uhrmacher ist ein +Deutscher+, der übrigens recht vielseitig zu sein scheint.

Agra.

Mittags, 2 Uhr 40 Minuten, verlasse ich Cawnpur und fahre auf der East Indian R. (240 englische Meilen = 384 Kilometer, für 15 Rupien,) nach Agra, wo ich Abends 10 Uhr ankomme, nachdem um 7 Uhr Abends auf dem Bahnhof zu Etawah uns 20 Minuten zum Abendessen[503] gegönnt worden.

Die Landschaft, welche wir durchfahren, der südliche Theil der Nordwestprovinzen, der an die Schutzstaaten der Rajputana angrenzt, ist ziemlich einförmig, nicht einmal so abwechselungsreich, wie manche Gegenden von Norddeutschland, die wir auf der Eisenbahn durchfliegen. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man glauben in Europa zu sein, bis gelegentlich ein Kameel und sein Treiber uns an Asien erinnern. Auf den Halteplätzen allerdings belehrt uns das Menschengewühl, dass wir weit von der Heimath entfernt sind.

Da sieht man braune Kinder von drei bis fünf Jahren, die ganz nackt sind und nur einen metallenen Lendengürtel, allenfalls Arm- und Fuss-Ringe tragen, und durch die schwarzgeschminkten Augenlidränder uns sofort uralte Gebräuche des Morgenlandes vorführen. Die Nasenringe der Frauen werden immer riesiger und geschmückter, die Zahl der Armringe immer grösser. Aber man sieht auch sehr viele Frauen, die ihr Gesicht einigermassen verhüllt tragen, also zur Fahne des Propheten schwören.

+Laurie’s+ Great Northern Hotel, ungefähr 1 englische Meile von Agra-Fort-Station, ist grösser und etwas besser als das Gasthaus von Cawnpur.

Vor der Besichtigung des märchenhaften Herrschersitzes der Grossmogul scheint es zweckmässig, die +Geschichte der mohammedanischen Eroberungen+ in Indien an unserem geistigen Auge rasch vorüberziehen zu lassen.

Die weit verbreitete Schulmeinung, dass das reiche Indien den Mohammedanern als leichte Beute zufiel, entbehrt der Begründung. Im Gegentheil, der Halbmond war in seinem Siegeslauf schon durch West-Asien, Nord-Afrika, Süd-Europa bis nach Spanien vorgedrungen, ehe es ihm gelang, im Punjab festen Fuss zu fassen. Zu keiner Zeit hat der Islam über ganz Indien geherrscht; selbst während der Blüthe der Grossmogul (1560-1707) geboten Hindu-Fürsten über weite Landstrecken; allenfalls zahlten sie Tribut nach Delhi. Dann folgte die Wiederbelebung der Hindu-Macht durch die Rajput, Sikh, Marathen; und nur das Vordringen der Engländer im Beginn unseres Jahrhunderts hat verhütet, dass das Kaiserreich von Delhi in die Hände der Hindu fiel.

Der erste Zusammenstoss zwischen Hindu und Mohammedanern, an der Westgrenze des Punjab, ging von den +ersteren+ aus.

Jaipal, der Hindu-Fürst von Lahore, drang 977 n. Chr. nach Afghanistan[504] vor, um die räuberischen Bewohner zu züchtigen, wurde aber mit seinem ganzen Heere von Subuktigin, dem Fürsten zu Ghazni, abgefangen; und als er das versprochene Lösegeld von 1 Million Dirham (= 500000 Mark) gegen den Willen seiner Officiere auf Rath der Brahmanen +nicht+ zahlte, stürmte Subuktigin durch die Pässe und eroberte und besetzte Pescháwar. Sein Sohn +Mahmúd von Ghazni+(1001-1030) unternahm siebzehn Einfälle nach Indien und schleppte unermessliche Beute fort. Jaipál, zum zweiten Mal besiegt, verbrannte sich demzufolge, nach Hindu-Brauch, feierlich auf dem Scheiterhaufen. Mahmud hinterliess Punjab als West-Provinz seines Reiches. Im Jahre 1152 siegte die Dynastie von Ghor (West-Afghanistan) über diejenige von Ghazni; +Mahmud von Ghor+ begann neue Einfälle nach Indien.

Bei seinem ersten Zug auf Delhi 1191 wurde er von den tapferen Hindu gänzlich geschlagen. Aber als er 1193 mit neuen Schaaren wiederkehrte, fand er die Rajput uneinig, den König von Kanauj am Ganges im Kampf gegen den Fürsten von Delhi; so besiegte er erst Delhi, dann Ajmir, endlich Kanauj.[505]

Die braven Rajput wanderten aus nach Süden und gründeten die Kriegerstaaten, die heute noch ihren Namen (Rajputana) tragen.

Mohammed’s General eroberte 1199 Behar, die Gegend von Patna, und 1203 sogar Unter-Bengal bis zum Delta. Aber Indien war noch nicht völlig überwunden. Der kriegerische Stamm der Gakkar drang aus den Bergen hervor und eroberte Lahore; sie schwammen über den Indus und erstachen den schlafenden Sultan in seinem Lagerzelt, 1206.

Sein Vicekönig +Kutab-ud-din+ erklärte sich zum Selbstherrscher von Nord-Indien zu Delhi und gründete eine Dynastie, die von 1206 bis 1290 regierte und die der +Sklaven-Könige+ heisst, da Kutab ursprünglich ein türkischer Sklave gewesen.

Sein Andenken ist bis auf unsere Tage gekommen durch seine Moschee und seinen Thurm (Minár) zu Alt-Delhi.

Drei Gefahren bedrohten seine Nachfolger: Meuterei der eignen Generale, Aufstände der Hindu, neue Einfalle aus Mittel-Asien, hauptsächlich der Mongolen.

Der dritte und grösste Sultan der Dynastie, +Altamsh+, dessen Namen gleichfalls in den Bauten von Alt-Delhi, besonders in seinem Grabmal, erhalten ist, wurde vom Kalifen von Bagdad, 1229 n. Chr., feierlich anerkannt. Der vorletzte, +Balban+ (1265-1287), hatte die heftigsten Kämpfe mit aufständischen Hindu zu bestehen, in Bengal, ferner in Rajputana, wo er 100000 dem Schwerte überlieferte. Aber an seinem Hofe lebten von seiner Gnade fünfzehn einst unabhängige Fürsten, die von den Horden der Mongolen aus Central-Asien vertrieben waren.

1290 folgte die Dynastie der Kilji auf den Thron von Delhi.

+Alá-ud-din+, der zweite Herrscher (1295-1315) dieser Linie, drang sogar in den Dekkan vor, erst plündernd, dann erobernd. Nachdem er fünf Einfälle der Mongolen zurückgeschlagen, die Gefangenen nach Delhi gesendet, wo die Anführer von Elephanten todt getreten, die Soldaten niedergemetzelt wurden; nachdem er seine aufständischen Neffen erst hatte blenden, dann enthaupten lassen: entsandte er seinen General, den Eunuchen Matik Kafur, der bis zur Südspitze von Indien siegreich vordrang und hierselbst eine Moschee errichtete. Eine grosse mohammedanische Bevölkerung in Nord-Indien (Türken, Afghanen, Mongolen) nahm Dienst in seinen Heeren. Sein Name lebt noch heute in dem wundervollen Thor zum Hof der Moschee Kutb-ul-Islam zu Alt-Delhi.

1320 bemächtigte sich des Throns Ghiyás-ud-dín +Tughlak+, der vom türkischen Sklaven bis zum Statthalter des Punjab emporgestiegen. Sein grausamer Sohn Muhamed Tughlak (1325-1351) sendete vergeblich Heere gegen Persien und China, schleppte zwei Mal die Einwohner von Delhi 800 englische Meilen südwärts nach Deogiri, dem er den Namen Daulatabad gab, verschlechterte die Münzen und hatte von 1338-1351 unablässig mit Aufständen seiner eigenen Beamten und der Hindu-Fürsten zu kämpfen.

+Fíruz Tughlak+ (1351-1388) regierte menschlicher und lebt noch fort in dem dankbaren Gedächtniss der Nachwelt durch den Bau des alten Jumna-Canals. Aber 1398 drang Timur mit seinen Tataren-Horden durch die afghanischen Pässe, besiegte Mahmud, den letzten König der Tughlak-Dynastie, vor den Mauern von Delhi, plünderte dieses und andere Städte in der fürchterlichsten Weise und verschwand wieder durch die Nordwest-Pässe des Himalaya nach Central-Asien.

Mahmud kehrte zurück; von 1414-1450 folgte die Dynastie der Sayyid, von 1450-1526 die afghanische der Lodi; aber diese Fürsten waren ohnmächtig.

1526 drang der Mongole Bábar[506] ein und gründete das +mongolische Kaiserreich von Delhi+, dessen letzter Vertreter -- 1862 als britischer Staatsgefangener zu Rangoon gestorben ist. Erst die Grossmogul verstanden die Gefahren zu beschwören, unter welchen die sieben vorhergehenden mohammedanischen Herrscherhäuser stets zu leiden hatten, indem sie, weniger glaubenswüthig als ihre Vorgänger, +Hindu in die Regierung des Landes aufnahmen+.

+Bábar+, Ururenkel des Tataren Timur, war erst Herrscher in Fergana am Oxus (Amu Darja), dann in Kabul; drang 1526 in Indien ein, das unter eine ganze Anzahl von mohammedanischen Königen und Hindu-Fürsten getheilt war, und besiegte Ibrahim Lodi zu +Panipat+, nördlich von Delhi. Die Mohammedaner traten auf seine Seite, die Rajput besiegte er 1527 bei Fahtepur Sikri in der Nähe von Agra. Als er 1530 starb, hinterliess er ein Reich, das vom Amu Darja in Central-Asien bis zum Ganges-Delta reichte.

Sein Sohn +Humayun+ (1530-1556) hatte Kabul und den westlichen Theil des Punjab an seinen Bruder abzutreten; so war er seines Stützpunktes beraubt und wurde 1542 von Sher Shah, dem afghanischen Statthalter von Bengalen, vertrieben. Der letztere machte sich zum Kaiser von Delhi, begründete eine weise Verwaltung, schuf z. B. die +Rupie+, wurde aber schon 1545 beim Sturm auf die Felsenfeste Kalinjar getödtet. Sein Sohn folgte ihm in der Herrschaft. Aber unter seinem Enkel trat ein Aufstand ein. Humayun kehrte zurück, sein Sohn Akbar besiegte mit General Bairam die indisch-afghanische Macht 1566 in der entscheidenden Schlacht von +Panipat+.

+Akbar der Grosse+, der wirkliche Begründer des Kaiserreiches der Grossmogul,[507] das 200 Jahre lang bestanden, regierte von 1556 bis 1605 und hatte 1594 die Eroberung von Indien bis zu dem Vindhya-Gebirge im Norden des Dekkan vollendet. Seine Herrschaft reichte bis Kabul und Kandahar; und später, nach einem erfolgreichen Heereszug in den Dekkan, bis Kandesh bei Bombay. Akbar begann die Staatskunst der +Versöhnung+. Er selber heirathete eine Rajput-Prinzessin und gab eine andere seinem Sohn Jehangir zur Frau: machte seinen Schwager, den Sohn des Jaipur Rajah, zum Verwalter des Punjab, einen andern Rajah zum Verwalter von Bengal. Sein Finanzminister war gleichfalls ein Hindu, der die erste Landvermessung in Indien durchführte. Von 415 Reitergeneralen waren 51 Hindu. Die jaziah oder Kopfsteuer der Nicht-Muselmänner wurde aufgehoben, und staatliche Gleichberechtigung aller Unterthanen festgestellt. Er achtete die Hindu-Religion, bekämpfte aber grausame Gebräuche. Die Verbrennung der Wittwen konnte er zwar nicht beseitigen; aber er verlangte, dass sie nicht erzwungen werden dürfe. Den Sitz der Regierung verlegte er nach +Agra und baute 1566 die Festung+, deren zinnengekrönte Mauern aus rothem Sandstein noch heute majestätisch emporragen, ein bleibendes Denkmal dieses wahrhaft grossen Fürsten. 1605 starb er und wurde in dem Mausoleum zu +Sikandra+ begraben, dessen aus Hindu-Umriss und arabisch-persischer Verzierung zusammengesetzter Stil die Duldsamkeit des Gründers der Grossmogul-Herrschaft bezeugt.

Freitags pflegte er Muselmänner, Brahmanen, Parsi, Juden und Christen (Jesuiten) um sich zu versammeln und ihren Erörterungen zu lauschen. Er theilte das Land in Provinzen, ordnete das Militärwesen, Gericht und Verwaltung, sowie die Steuern. Das Land wurde vermessen, die Ertragsfähigkeit ermittelt, ein Drittel des Ertrags für die Regierung bestimmt und der Geldwerth desselben festgestellt. Von seinen elf Provinzen (ausser Kabul, Kandesh und Sindh) bezog er jährlich £ 12½ Millionen, während die Engländer 1883 nahezu Rx 11¾ Millionen nahmen.[508] Akbar’s Gesammt-Einnahme wird auf jährlich £ 42 Millionen geschätzt. (Sein Urenkel Aurangzeb hatte 1695 £ 43 Millionen an Grundsteuern und £ 90 Millionen Gesammt-Einnahmen. Aus diesen Zahlen, mit denen bis dahin in Europa nichts verglichen werden konnte,[509] begreifen wir den +sprichwörtlichen Reichthum der Grossmogul+.)

Akbar’s Sohn regierte von 1605 bis 1627 unter dem Namen +Jehangir+,[510] d. h. der Eroberer der Welt. Doch gelang es ihm nicht, die Herrschaft im Dekkan weiter auszubreiten. Die Nächte soll er oft in Trunkenheit zugebracht haben; aber bei Tage suchte er weise zu regieren. Eine Kette hing aussen nieder von der Festung zu Agra und leitete hin zu goldenen Glocken in seinem Zimmer; jeder Bittsteller konnte ohne Dazwischenkunft der Höflinge unmittelbar an den Kaiser sich wenden. Europäische Abenteurer kamen an seinen Hof, er schützte ihre Kunst und Religion. Die Hauptperson in seiner Regierung war die Kaiserin +Núr Jahán+, d. h. das Licht der Welt.[511] Geboren in grosser Dürftigkeit, aber aus edler persischer Familie, gewann sie durch ihre Schönheit die Liebe des noch jungen Prinzen; aber Kaiser Akbar gab sie schleunig einem tapferen Soldaten zur Frau. Als Jehangir zum Throne gelangte, befahl er die Scheidung. Der Gatte weigerte sich und wurde getödtet, die Frau in den Palast gebracht. Hier lebte sie eine Zeit lang in strenger Wittwentrauer, aber danach tauchte sie als Kaiserin Nur-Jahan auf. Anfangs beeinflusste sie ihren Gatten zum Guten, aber später begünstigte sie zu sehr ihre eigenen Verwandten. Schliesslich veranlasste sie Aufruhr. General Mahábat Khan nahm 1626 den Kaiser und die Kaiserin gefangen; 1627 starb Jehangir in der Gefangenschaft.

Sein aufrührerischer Sohn +Schah Jahan+, der nach dem Dekkan geflohen war, bestieg 1628 den Thron; zwang die Kaiserin, der er ein reiches Jahrgeld gewährte, in’s Privatleben sich zurückzuziehen; beseitigte nach morgenländischer Art alle Thronbewerber, regierte dann aber weise und gerecht, tadellos in seinem Privatleben und so sparsam, als sein glänzender Hof, die Prachtbauten und die Heereszüge in entfernte Landschaften es zuliessen.

Afghanistan ging verloren, aber im Dekkan wurden von den fünf mohammedanischen Reichen drei (Ahmadnagar mit Ellichpur und Bidar) erobert, die beiden anderen (Bijapur und Golkonda) zum Tribut gezwungen. Die Kriege wurden meist von seinen Söhnen durchgefochten, er selbst lebte glänzend im Norden von Indien. In Agra erbaute er +Taj-Mahal+,[512] das Mausoleum für sein geliebtes Weib, die bei der achten Entbindung gestorben war, und für sich selber, -- das schönste Gebäude Asiens. Ferner die Perl-Moschee (Moti Masjid), nach Hunter’s Ansicht das lieblichste Gebet-Haus auf der Erdoberfläche. Er plante, den Sitz der Regierung nach Delhi zurückzuverlegen und erbaute dort die unvergleichliche Grosse Moschee (Jumma Masjid) und den festen Palast.

Aber 1658 wurde der unglückliche, alte Schah Jahan von seinem Sohn +Aurangzeb+[513] abgesetzt und danach sieben Jahre lang, bis zu seinem Tode, in dem Palast der Festung Agra gefangen gehalten. Unter Schah Jahan erlangte das Mogulreich seine grösste Kraft und Blüthe, während sein Sohn weitere Eroberungen machte, aber gleichzeitig den Verfall einleitete. Shah Jahan’s Grundsteuer brachte 20 Millionen £. Die Pracht seines Hofes erregte die staunende Bewunderung der Reisenden aus Europa, sein Pfauenthron wurde von dem Juwelier Tavernier auf 6½ Millionen £ bewerthet.

+Aurangzeb+ erklärte sich 1658 zum Kaiser mit dem Titel Alamgír, Eroberer des Universum, und regierte als strenggläubigster Muselmann bis 1707. Er begann damit, von seinen drei Brüdern zwei zu tödten, den dritten zu vertreiben; darauf setzte er den Krieg im Dekkan fort. Ein viertel Jahrhundert (1658-1673) fochten seine Generale vergebens; 1676 machte sich ein Maráthá-Fürst, Sivaji, in den süd-indischen Provinzen selbständig, 1680 floh des Kaisers aufrührerischer Sohn Akbar zu den Marathen. Da zog 1683 Aurangzeb persönlich nach dem Dekkan und blieb 24 +Jahre im Felde+. 1688 eroberte er Bijapur und Golkonda; doch die Marathen konnte er wohl schlagen, aber nicht unterwerfen. 1707 starb er in Ahmadnagar im Dekkan; sein Grabmal ist nicht weit von Ellora, zu +Roza+, dem Kerbela der Dekkan-Mohammedaner. Seine (in persischer Sprache geschriebenen) +Briefe an seinen Sohn+ sind noch heute ein beliebtes Erbauungsbuch in Indien. Aber die Hindu hatte er durch seinen strenggläubigen Eifer und die Kopfsteuer entfremdet.

Die nächsten sechs Kaiser waren nur +Puppen+ in der Hand der Generale. Die eigenen Beamten, die Hindu, die fremden Eindringlinge arbeiteten gemeinsam zur Zerstörung des Reiches.

Der Nizam-ul-Mulk, d. h. Statthalter des Dekkan machte sich selbständig (1720-1748), ebenso der von Oudh (1732 bis 1743).

Die aufständischen Sikh im Punjab wurden zwar mitleidlos zertreten (1710-1716), aber die Rajput erlangten 1715 Selbständigkeit und die Marathen aus Süd-Indien gewannen sogar die Provinzen Malwa (1743) und Orissa (1751).

1739 plünderte +Nadir Schah+ aus Persien Delhi und nahm eine Beute von 32 Millionen £ mit. Sechs Mal brachen die Afghanen ein (1747-1761) und brachten unsägliches Elend über das Land; 1761 schlugen sie auf dem blutgedüngten Felde von +Panipat+ die Marathen. Inzwischen bauten die Engländer langsam ihre Herrschaft auf; 1788 nahmen sie Delhi ein und liessen dem Schattenkaisern Serail, Hofehren und einen Jahresgehalt (von 150000 £), während sie die entscheidenden Kämpfe mit den Marathen und Sikh durchfochten. Der letzte Kaiser tauchte 1857 für einen Augenblick im Meuterkriege auf und starb als Staatsgefangener zu Rangoon im Jahre 1862.

* * * * *

+Agra+,[514] die schönste Stadt Nord-Indiens, liegt am rechten Ufer des Jumna, des Hauptnebenflusses vom Ganges, und ist durch eine schöne Eisenbahnbrücke von sechzehn Bögen zu je 142 Fuss sowie durch eine plumpe Schiffsbrücke mit dem linken Ufer verbunden; bei 27° nördlicher Breite und 204 Meter Erhebung über den Meeresspiegel hat es eine mittlere Temperatur von 25,5° C. Die Einwohnerzahl betrug 1881 über 160000, davon waren 109000 Hindu, 45000 Mohammedaner, 4000 Christen. Im Jahre 1891 betrug die Einwohnerzahl von Agra nebst Cantonment 168000. Die alten Wälle der Stadt umschliessen ein Gebiet von 27½ Quadratkilometer, das jetzt etwa zur Hälfte mit Häusern bebaut ist.

In geschichtlicher Hinsicht ist nichts über Agra bekannt vor der Zeit der Mohammedaner. Sikander Lodi (1488-1517) machte es zu seinem Herrschersitz, doch lag seine Stadt am linken Ufer des Jumna. Die Glanzzeit der Stadt fällt zusammen mit der der Grossmogul. Akbar baute die Festung 1566 und herrschte zu Agra von 1568 bis zu seinem Tode 1605. Jehangir baute seinen Palast in der Festung (J. Mahal) und das Grabmal seines Schwiegervaters (des Itimadu daulah); aber 1618 verliess er Agra und kehrte nie wieder zurück. Schah Jahan residirte zu Agra und baute die Perl- und die grosse Moschee sowie die Taj und die Kas Mahal. Aurangzeb aber verlegte den Herrschersitz dauernd nach Delhi.

1764 wurde Agra von den Jats,[515] 1770 und 1774 von den Marathen erobert, am 17. October 1803 von den Engländern eingenommen, welche dabei 164 Geschütze und einen Schatz von ¼ Million £ erbeuteten. 1835 wurde der Sitz der Regierung der Nordwestprovinzen hierher verlegt.

Während des Meuterkrieges zog sich die Regierung am 3. Juli 1857 in die Festung zurück. Zwei Tage später wurde eine britische Abtheilung (bei Sucheta in der Nähe von Agra) von den Meuterern zum Rückzuge genöthigt; und, ehe sie noch den Schutz der Festung erreichte, begann der Pöbel zu plündern, zu brennen, Christen zu ermorden. Aber die feindliche Macht zog nach Delhi ab. Die Festung gewährte sichere Zuflucht für 4500 Europäer; unter diesen waren, ausser Soldaten, sowohl Nonnen von der Loire und Garonne wie Priester aus Rom und Sicilien, Missionäre vom Ohio und aus Basel, aber auch Gaukler aus Paris und Hausirer aus den Vereinigten Staaten. Nach der Wiedereroberung von Delhi zogen die flüchtigen Meuterer von dort zusammen mit denen von Central-Indien gegen Agra, wurden aber von der Abtheilung des Obersten +Greathed+ aus Delhi, der +vor+ ihnen und unbemerkt die Stadt Agra besetzt hatte, am 6. October 1857 geschlagen und gänzlich zerstreut.

1858 ward der Regierungssitz nach Allahabad zurück verlegt, aber Agra wurde durch die Entwicklung des Eisenbahnnetzes der Handelsmittelpunkt des Nord-Westens.

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Am 13. December fuhr ich in der üblichen Weise, im Einspänner mit Führer, zur Besichtigung der Sehenswürdigkeiten von Agra; am folgenden Tage besuchte ich dieselben Orte noch einmal +ohne+ Führer, was ja natürlich viel behaglicher ist.

Selbstverständlich begann ich des Morgens früh mit der +Taj+.[516] Denn nach allem, was ich über diese gelesen und hört, war meine Neugier auf das höchste gespannt.

+Taj+ (persisch) heisst Krone; +Taj Mahal+ Kron-Palast; +Taj bibi ke Roza+, (wie der eigentliche Name lautet,) der Kron-Dame Grabdenkmal.

Im Jahre 1630 begann Shah Jahan den Wunderbau als Grabdenkmal für seine Lieblingsgattin +Arjmand Banu+, mit dem Beinamen +Mumtaz Mahal+, d. h. die Erwählte des Palastes. Sie war die Tochter von Asaf Khan, Enkelin des Persers Mirzha Ghiyas, der von Teheran nach Indien gewandert, um sein Glück zu machen, und wirklich, nachdem seine Tochter Nur Jahan zur Gattin des Kaisers Jehangir erhoben worden, bis zum hohen Bange des Schatzmeisters (+Itimadu’ d-daulah+[517]) emporstieg.

Mumtaz Mahal wurde 1615 Gattin des Kaisers Shah Jahan, gebar ihm sieben Kinder und starb bei der Geburt des achten 1629 zu Burhanpur im Dekkan. Ihr Körper wurde nach Agra gebracht und zunächst in dem Garten beigesetzt, wo jetzt die Taj steht. Siebzehn Jahre dauerte der Bau, der 20000 Bauhandwerker beschäftigte und 18, nach andern 31 Millionen Rupien gekostet, obwohl ein grosser Theil des Materials und der Arbeit unbezahlt blieb. Denn nach Schah Jahan’s eignen Aufzeichnungen erhielten die Maurer nur 30 Lakh.[518] Ganze Kameel-Ladungen werthvoller Steine wurden für die eingelegte Arbeit herbeigeschleppt. Die kostbaren Steine für die Blumenranken wurden vielfach als Tribut von verschiedenen Rajah und Nabob „freiwillig und auf andere Art“ bezogen. Zwei Silber-Thüren schmückten den Eingang des Gebäudes, sind aber später von den Marathen fortgenommen und eingeschmolzen worden.

Der eigentliche Baumeister der Taj ist unbekannt. Nach einer Sage soll Kaiser Jahan selbst den Plan entworfen, Austin von Bordeaux, der damals in seinen Diensten stand, die Ausschmückung geleitet haben. Aber eine persische Handschrift, welche als Quelle über die Baugeschichte dient, nennt +Isa Muhammed+ als Obermeister mit einem Monatsgehalt von 1000 Rupien, einen Farbenkünstler Amarnund Khan aus Schiras, einen Meister der Maurer Mohammed Hanif aus Bagdad, mit demselben Gehalt, Werkleute von Delhi, Pundjab, Persien, der Türkei, keinen Europäer.

Die Taj steht hart am rechten Ufer des Jumna-Flusses, 2 Kilometer östlich vom Fort. Ein guter Weg, der während der Hungersnoth von 1838 angelegt worden, führt dorthin; der Wagen hält vor dem +grossen Thor+ des Gartens. Dasselbe ist 110 Fuss breit, 140 Fuss hoch, aus rothem Sandstein erbaut und für sich schon ein bedeutendes Kunstwerk. Ein mächtiger, 80 Fuss hoher Spitzbogen, in das grosse Rechteck der Vorderfläche eingeschnitten; darüber blumige Verzierungen, in weissen Marmor eingelegt; an den beiden seitlichen und der oberen Kante der Vorderfläche breite, eingelegte Marmorstreifen mit den prachtvollen arabischen Buchstaben, welche dem Gläubigen die Lehren des Koran predigen; eine Krönung von zwölf kleinen Kuppeln aus blendend weissem Marmor, die auf Säulchen ruhen; zu jeder Seite schlanke Thürmchen mit bunt abwechselnden geometrischen Verzierungen: das ist der Zugang zu dem grossen, durchaus regelmässig und gefällig gebauten, viereckigen Thorgebäude, das im Innern zweistöckig gestaltet und mit drei Spitzbogen-Durchgängen versehen ist. Langsam tritt der Besucher hindurch in den +Garten+. Drinnen aber macht er Halt und setzt sich auf eine der Bänke, welche zu ruhiger Betrachtung einladen.

Vor sich sieht er, inmitten eines prachtvollen Frucht- und Blumengartens (mit Palmen, Banyan, Schlinggewächsen, Bambus), einen langen Gang von Cypressen zu beiden Seiten eines schmalen, wohl 1000 Fuss langen, mit Marmor-Grund und -Fassung sowie mit zahlreichen Springbrunnen geschmückten Teiches, der die ganze Umgebung, Garten und Gebäude, getreulich wiederspiegelt; und am Ende desselben, auf mässiger Erhöhung, den weissen Marmorbau, so zart und frisch, als ob jetzt eben Schah Jahan herbeikäme, eine Rose[519] auf das Grab seines geliebten Weibes niederzulegen.

Das achteckige, blendend weisse Marmorgebäude mit der grossen Kuppel und zwei kleineren, die vier schlanken Minarets an den Ecken der Erhöhung, die ganze wunderbare Umrisslinie, alles tritt klar hervor, nur von den Seiten ein wenig durch das gesättigte Grün der Bäume verdeckt, während aus dem tieferen Dickicht rechts wie links die vorgeschobene Moschee aus rothem Sandstein ihre drei Kuppeln erhebt. Es ist das edelste und wirksamste Grabdenkmal, das je geschaffen worden. Und dies war beabsichtigt. Schah Jahan wollte ausdrücklich mit diesem Bauwerke alle anderen auf der Erde soweit übertreffen, wie seine Mumtaz alle Töchter der Erde übertroffen habe.

Kein Mensch stört mein Schauen. Die wenigen Eingeborenen, welche zur Pflege des Gartens oder auch zur andachtsvollen Betrachtung kommen, gehen mit asiatischer Geräuschlosigkeit vorüber. Langsam nähere ich mich dem Gebäude. In der Mitte des Gartens ist um den Teich eine viereckige Erhöhung aus Marmor erbaut und gleichfalls mit Bänken besetzt; hier macht der Beschauer wiederum Halt. Jetzt steht der ganze Wunderbau vor seinem Auge. Nicht bloss die Griechen verstanden zu bauen! Dazu kommt, dass bei der Betrachtung des Parthenon[520] durch die Trauer über das zerstörte die Bewunderung des gebliebenen getrübt wird; hier aber ist Alles frisch und neu,[521] der Marmor so blendend weiss in dem strahlenden Morgenlicht, als wären die Arbeiter gestern erst fortgegangen. Eine quadratische +Erhebung+ von 18 Fuss Höhe und 313 Fuss Seitenlänge steht vor uns, die weissen Marmorflächen mit fensterähnlichen, spitzbogigen Vertiefungen geschmückt, von denen die meisten blind, drei mittlere mit Marmorgitterwerk ausgefüllt sind und zwei (je eine zur Seite der letztgenannten) die Aufgangsthüren darstellen. An jeder der vier Ecken der grossen Fläche erhebt sich in drei Stockwerken ein schlanker +Marmor-Minaret+. Er wirkt nur durch seine gefälligen Abmessungen, den regelmässig abwechselnden Fugenschnitt, seine drei Brüstungen und die durchbrochene Kuppel, die ihn krönt; sonst entbehrt er aller Verzierungen.[522]

Diese sind für das +Hauptgebäude+ aufgespart. Das letztere steht in der Mitte jener Erhebung, bildet ein Quadrat von 186 Fuss Seitenlänge, dessen vier Ecken (in der Ausdehnung von 33 Fuss) abgeschnitten sind, so dass die vier ganz gleichen Hauptflächen von je 120 Fuss durch schmalere Eckflächen von 66 Fuss in einander übergehen. Die sehr gefällige Hauptkuppel stellt +zwei Drittel+ einer Kugelfläche dar, misst 58 Fuss im Durchmesser und 80 Fuss in der Höhe und geht durch eine zierlich gerippte, unten gezähnte Spitze in einen metallenen +Aufsatz+ über, der (244 Fuss über dem Boden) den +Halbmond+ trägt. Die Höhe des Gebäudes bis zum Scheitel des Domes misst 220 Fuss, die der Thürme 134 Fuss.

Jede der vier Hauptflächen besteht aus einem mittleren und zwei seitlichen Abschnitten. Der erstere ist höher, rechteckig, von zwei ganz schlanken, durch fünf Knoten gegliederten, mit Wellenstreifen geschmückten Minarets eingesäumt, und umrahmt den hohen Spitzbogen, über dem der Rest der Fläche bis zur rechteckigen Pfoste mit eingelegtem, blumigem Schmuck von höchst anmuthigen Farben und Verhältnissen geziert ist. Jaspis, Korallen, Agat, Blutstein, Lapis Lazuli, Onyx, Türkis (und sogar edle Steine) sind zu dieser eingelegten Arbeit verwendet, welche Ranken, Sträusse, Gewinde von Blumen darstellt. Obwohl diese Kunstform aus Italien durch Europäer nach Indien eingeführt sein soll,[523] so beweisen doch diese Verzierungen an der Taj einen hohen Grad von Geschmack und Kunst bei den indischen Baumeistern dieser Zeit; und, wenn sie auch mit den Metopen und Friesen der griechischen Tempel nicht verglichen werden können, so nehmen sie in der rein verzierenden Baukunst mit die erste Stelle ein.

Um die dreiseitige Pfoste ist noch ein breiter Streif von weissem Marmor mit eingelegten schwarzen, äusserst zierlichen, arabischen Buchstaben (Koran-Sprüchen) herum gelegt. Die beiden seitlichen Abschnitte der Hauptfläche enthalten, zweistöckig über einander, zwei kleinere offene Spitzbogen, über jedem ein Feld mit eingelegter Blumenverzierung.

Die Schrägflächen sind wie die seitlichen gestaltet und von kleineren Schlankthürmen eingefasst. Ueber jeder der vier abgeschrägten Ecken steht ein kleiner Dom. Die Grössenverhältnisse der einzelnen Glieder und die Vertheilung des Schmuckes machen einen äusserst gefälligen Eindruck.

Wenn man in einen der vier Haupteingänge eintritt, so wird das Auge gefesselt durch höchst geschmackvolle Blumen (Tulpen, Lilien, Oleander), die in erhabener Arbeit an dem unteren Theile der marmornen Seitenwände des Spitzbogens angebracht sind, wie auch im Innern. Aber wunderbar ist die grosse achteckige +Kuppel-Halle+, 70 Fuss weit, 120 Fuss hoch. Das Licht wird lediglich durch doppelte Gitter von durchbrochener Marmorarbeit, eines an der Aussen-, eines an der Innenfläche der Mauern, hineingelassen: bei uns würde dies, sagt +Fergusson+, vollständige Dunkelheit bedingen; aber in Indien und in diesem weissen Marmortempel war es das richtige Mittel, um den blendenden Glanz des Himmelslichtes so weit zu dämpfen, dass man die Wunderwerke drinnen bequem betrachten kann. Die Wände der Halle sind wieder mit den zartesten Blumenranken eingelegt, um gewissermassen die blumigen +Lauben des Koran-Paradieses+ darzustellen. Ein achteckiger +Schrein+ aus durchbrochener Marmorarbeit, die Pfosten mit eingelegtem Blumenschmuck, umgiebt die beiden +Leersärge+ aus Marmor. Nach dem Willen des kaiserlichen Erbauers steht in der Mitte der Grabstein der so tief betrauerten Gattin, seitlich daneben der des Kaisers selber, um einige Zoll höher als der erste, damit neben der romantischen Liebe, die, wie man sieht, an keine Zeit und keinen Ort gebunden ist, auch die Weltanschauung des Mohammedaners ihren gesetzmässigen Ausdruck finde.

Genau unter den Grabsteinen der Halle liegen in einem Gewölbe die einfacheren Steine, unter denen die Leichen ruhen, noch heute bewacht von Priestern beim Lampenschimmer und verehrt von den Einheimischen, seien es Mohammedaner, Hindu oder Parsi. In ganzen Zügen kommen sie, zum Theil aus entfernten Gegenden, und sind in ihrer feierlichen Andacht weit würdevoller, als eine plauderhafte, englische Gesellschaft, deren Damen schliesslich, um das vom Reisebuch gerühmte Echo zu erproben, in der Halle ihren nicht begehrten Gesang erschallen lassen.

Ueber dem Bogen des Eingangs steht der Vers des Koran: „Die da reinen Herzens sind, werden eintreten in den Garten Gottes.“ Die zierlichen arabischen Buchstaben auf dem Grabstein der Kaiserin besagen: „Hier liegt Mumtaz-i-Mahal. Gott allein ist mächtig.“

Die Inschrift, welche die Wände der Halle schmückt, zählt erst alle Titel des Kaisers auf und bringt dann einen Vers aus den „+Ueberlieferungen+“: „Es sagt Jesus,[524] Friede sei mit ihm: Diese Welt ist eine Brücke. Geh’ hinüber, aber baue nicht darauf. Diese Welt ist eine Stunde. Verwende ihre Minuten zu deinen Gebeten. Was kommt, kannst du nicht schauen.“

Man muss rings um das Gebäude herumwandern, von der Südfläche, die auf den Garten schaut, nach der Nordfläche, die über dem Fluss emporsteigt und den mächtigen Unterbau des Ganzen zeigt, zu den beiden seitlichen abgetrennten Flügelgebäuden in rothem Sandstein, von denen das eine eine wirkliche Moschee ist, das andere die Form einer solchen zeigt; erst zum Kuppeldach, dann auf einen der vier Minarets emporklimmen, um von oben eine Uebersicht zu gewinnen. Wenn man dann nach stundenlangem Verweilen endlich sich losreisst, ist der letzte Gedanken: „Auf baldiges Wiedersehen am morgigen Tage.“

Die Taj erfreut uns durch die Vollendung sowohl ihrer ebenmässigen Gliederung als auch ihrer kleinsten Theile. „Der Entwurf ist von einem Titanen, die Ausführung von einem Goldschmied.“ Leider stammt dieser Spruch von demselben Bischof Heber, dessen Ansichten über die Bauwerke von Lucknow wir nicht beizupflichten vermochten. Die Wirkung, welche die Taj auf den Beschauer hervorbringt, ist sehr verschieden nach der Besonderheit des letzteren. Gefühlsschwärmer werden zu Thränen gerührt, -- oder, wie Sir Edwin Arnolds, zu wässrigen Gedichten. Vernünftige, urtheilsfähige Männer, die schon viel Schönes gesehen, wie z. B. Prinz Waldemar, Meister Hildebrandt, Prof. Reuleaux, sind entzückt und gehoben. Aber der Vollständigkeit halber will ich doch erwähnen, dass auch andere Urtheile gefällt worden sind. Graf Lanckoroński, ein Künstler, findet, dass die Taj anmuthig und regelmässig sei, jedoch wegen ihrer äusserlichen Vollkommenheit unser Innerstes nicht aufrege. -- Drei Dinge sind öfters an der Taj getadelt worden: die Härte der Umrisslinien, der Mangel an Schatten und der farbige Schmuck.

Auf dem Gebiete der Baukunst sind die +Tataren+ ausgezeichnet durch ihre grosse Neigung zu +Grabes-Bauten+; hierdurch unterscheiden sie sich von Ariern und Semiten, mit denen sie die Herrschaft eines grossen Abschnitts der Erde theilen.

Die tatarischen Fürsten bauten selber ihr eigenes Grabmal bei Lebzeiten; aber nicht, wie einst die alten Aegypter, dunkle Kammern oder massige Pyramiden! Nein, inmitten eines lieblichen, draussen vor der Stadt belegenen Gartens, den sie mit hohen Zinnenmauern umgaben und mit prachtvollen Thorgebäuden schmückten, errichteten sie auf einer Erhöhung ein vier- oder achteckiges kuppelgekröntes Gebäude, das der Stifter bei Lebzeiten als Bara-duri, d. h. zwölfthorige +Festhalle+, mit seinen Freunden zur Erholung und zu frohen Festen benutzte. Nach seinem Tode aber wurde sein Leib unter dem Dom begraben, zuweilen auch der seiner Lieblingsgattin und anderer Verwandten. Die Sorge für das Gebäude wird nunmehr den Priestern übertragen, welche vom Verkauf der Früchte des Gartens und von milden Gaben leben. Taj Mahal ist von all’ den zahlreichen Grabstätten die einzige, wo Garten und Gebäude in der ursprünglichen Schönheit erhalten sind. Es giebt wenige Stellen der Erde, nach Fergusson keine zweite, wo Natur und Kunst so erfolgreich zusammenwirken.

Das Grabmal des +Itima du daulah+ (am linken Ufer des Jumna, wohin man von der Stadt aus über die belebte Schiffbrücke gelangt,) erläutert das eben Gesagte noch deutlicher; denn dieses ist in der That nur ein +heiteres Gartenhaus+.

Es ist ein einstöckiges, viereckiges Gebäude mit einem achteckigen, kuppelgekrönten Thurm in jeder Ecke und einem Pavillon auf dem platten, konsolengeschmückten Dach. Die Aussenfläche ist ganz mit Marmor belegt und dieser bis in die Leibungen der Spitzbogen hinein mit den schönsten und mannigfaltigsten geometrischen Mustern und heitersten Farben eingelegt, alle Fenster mit dem zierlichsten, durchbrochenen Gitterwerk ausgefüllt. Am ganzen Bauwerk ist nirgends eine ungeschmückte Fläche zu sehen. Im Innern wie in den Nischen der Bögen sind noch gemalte Blumen, Cypressen und langhalsige Vasen. Im Jahre 1628 liess der Schatzmeister und Schwiegervater von Jehangir den Bau errichten, oder seine Tochter, die Kaiserin. In dem Hauptgemach liegen die Grabsteine des Erbauers und seiner Gattin; in dem Marmor-Pavillon, der gerade darüber steht, sind noch einmal die Leer-Gräber angebracht.

Das dritte Grabdenkmal von Bedeutung ist das des grossen +Akbar+ im Dorf Sikandarah,[525] 9 Kilometer nordwestlich vom Cantonment.

Das mächtige Thorgebäude ist aus rothem Sandstein, eingelegt mit weissem Marmor und grossblumigen Verzierungen, gekrönt von vier zweistöckigen Marmorthürmen, deren Kuppeln die Jat bei der Plünderung von Agra (1764) muthwillig mit Kanonenkugeln abgeschossen haben. Innen führt ein breiter, gepflasterter Weg zu dem Mausoleum.

Dasselbe ist ein fünfstöckiges, sich verjüngendes Gebäude aus rothem Sandstein. Das untere, massive Stockwerk (ohne die Eckthürme) von 320 Fuss Seitenlänge und 30 Fuss Höhe, ist an jeder der beiden Hauptflächen von zehn grossen Spitzbogen-Eingängen durchbrochen und einem grösseren in der Mitte, der von Marmor-Mosaik und zwei schlanken Thürmchen eingefasst ist. Dann folgen drei Stockwerke mit offenen Hallen und Kuppeln; der oberste Stock von 115 Fuss, d. h. etwa der halben Seitenlänge des untersten, ist ganz aus weissem, durchbrochenem Marmor der schönsten Muster gebildet.

Hier oben steht Akbar’s Leer-Sarg von Marmor mit den herrlichsten Arabesken und dem Wahlspruch seines eigenen Glaubensbekenntnisses: „Alla hu akbar, Gott ist gross.“ Ein vier Fuss hoher Marmorpfeiler steht neben dem Sarg in dem Gemach; derselbe war einst mit Gold bedeckt und enthielt den Koh-i-nur; von hier hat ihn Nadir Schah fortgenommen. Eine prachtvolle Aussicht auf Jumna, Fort, Taj, Stadt, lohnt die Besteigung.

Genau unter dem Leergrab, in einem dunklen, mit Lampen spärlich erhellten Keller-Gewölbe, ruhen unter einem ganz einfachen Stein die sterblichen Reste des grossen Fürsten, der zur Zeit, als Europa von Religionskriegen zerfleischt ward, ein Muster von Duldung und Weisheit gewesen. Dicht bei Sikandra liegt das Grabmal seiner Frau Begam Marjam, der christlichen Portugiesin Maria. Sein eignes Grabdenkmal, das Akbar selber gebaut, ist nach Fergusson durchaus das Abbild eines Buddhisten-Klosters (Vihara) und sollte ursprünglich wohl noch einen Dom von 40 Fuss Höhe erhalten, so dass die Gesammthöhe von 140 Fuss in schönem Einklang stand mit den Längenabmessungen. 3000 Werkleute haben 20 Jahre lang an dem Bau gearbeitet.

Die Fahrstrasse nach Sikandra zeigt noch manche Sehenswürdigkeiten: erstlich die Meilensteine (Kos minar) auf Jehangir’s kaiserlichem Wege von Agra nach Lahore; sodann zahlreiche Gräber, eines mit einer Halle von 64 Pfeilern zum Andenken an einen General Akbar’s; ferner ein Kühl-Haus (baoli), das aus einer Reihe von Zimmern rings um einen tiefen Brunnen besteht und als Sommerwohnung während der heissen Jahreszeit von den Reicheren benutzt wurde; endlich ein plumpes Stein-Ross, angeblich von Sikander Lodi aufgestellt.

Das +Fort Akbar’s+,[526] zu seiner Zeit unüberwindlich, steht noch heute, nach mehr als drei Jahrhunderten, unversehrt in seiner kräftigen Schönheit da. 70 Fuss hoch ragen die zinnengekrönten, von (30 Fuss) tiefem und breitem Graben umgebenen Mauern aus rothem Sandstein. Der Umfang beträgt fast 3 Kilometer. Der Grundriss ist ungefähr ein Halbkreis, die krumme Linie mit ihren Bastionen nach der Landseite, der grade Durchmesser nach dem Fluss zu gewendet. Besonders schön ist der Anblick von der andern Seite des Flusses.

Durch das von mächtigen Thürmen und Bastionen beschützte westliche oder +Delhi-Thor+ fährt der Reisende hinein und gelangt durch das innere oder Elephanten-Thor, woselbst ehemals zwei Stein-Elephanten mit den berühmten Rajput-Helden Patta und Jaimall gestanden haben, zu der Wache.

Die Sepoy grüssen nach Krieger-Art den Europäer, auch wenn der letztere ganz friedlich aussieht. Eingeborene aber dürfen die Festung überhaupt nicht ohne ganz besondere Erlaubniss betreten.

+Deshalb+ ist auch die +Perlmoschee+ (Moti Musjid), das nächste Prachtgebäude im Innern der Festung, ganz +leer+ von Gläubigen.

Würdevoll steht der vereinsamte Priester auf der Platform der hohen, vorspringenden Doppel-Treppe und streckt dem Ungläubigen seine Rechte entgegen, um das Geschenk zu empfangen, von dem er mit seiner Familie leben muss. Als ich aber am nächsten Tage wiederkehrte, nickte er mir freundlich zu, wie einem alten Bekannten, ohne eine Gabe zu heischen.

Durch das bedeutende Thorgebäude aus rothem Sandstein tritt man in den (154×158′) grossen Hof, der eine mächtige Wirkung auf den Beschauer ausübt. Alles, was wir sehen, ist +Marmor+. In der Mitte liegt der Brunnen zu den Abwaschungen. An drei Seiten (Osten, Süden, Norden) ist die mit zierlichen Zinnen gekrönte Umfassungsmauer umgeben von einer Säulenhalle aus 58 schlanken, 12flächigen Pfeilern auf würfligen Füssen. Jede der drei Seiten hat ein Thorgebäude, aber nur das östliche ist offen.

Die vierte Seite, nach Westen, d. h. nach der Richtung (Kibla), in welcher von Indien aus das Grab des Propheten liegt, wird von der +Moschee+ eingenommen. Dieselbe öffnet sich nach dem Hof in sieben zusammengesetzten, auf Pfeilern ruhenden Spitzbögen von grosser Schönheit, wird überdacht von einer Reihe zierlicher Kuppeln und gekrönt von drei mächtigen Domen. Fergusson erklärt, dass er kein andres Gebäude der Art von so reinem und anmuthigem Stil kennen gelernt habe.

Längs der ganzen Vorderseite über den Bögen läuft eine Inschrift aus schwarzem Marmor, der in den weissen eingelegt ist, des Inhalts, dass diese Moschee einer kostbaren Perle verglichen werden kann, da sie allein vollständig mit Marmor bekleidet ist.

Die Moschee, welche nahezu drei Mal so breit wie tief (142:56′) und durch einige Stufen gegen den Hof erhöht ist, besteht aus drei Schiffen von je sieben Abtheilungen. Die zusammengesetzten Pfeiler, mit blumigem Relief an Fuss und Knauf, sind mit einander, sowohl der Breite als auch der Tiefe nach, durch die schönen, siebenfach eingeschnittenen Spitzbögen verbunden. Wenn man von der einen der beiden äusseren Ecken hineinblickt, ist das Bild der sich verjüngenden und einander schneidenden Bögen von unbeschreiblicher Anmuth.

Der Fussboden, wie alles, mit Marmor belegt, ist gleichsam in rechteckige Gebet-Teppiche abgetheilt, deren Anzahl sechshundert beträgt. Die Perlmoschee ist von 1648 bis 1655 von Schah Jahan erbaut worden. Während des Meuterkrieges diente der heilige Ort zum Krankenhaus. Der ganze Bau ist so neu und frisch, als wäre er gestern fertig geworden.

Nicht weit (nach Süden) von der Moschee, welche ungefähr die Mitte der Veste einnimmt, befindet sich der (570×300′) grosse +Waffenplatz+ (Armoury square), wo einst die Ritter des Grossmogul im Turnier sich tummelten, jetzt unbrauchbare, aber den Einheimischen vielleicht Ehrfurcht einflössende Kanonen und Mörser in langen, nüchternen Reihen liegen;[527] und, nahe der Südwestecke, das Grabdenkmal des Herrn +Colin+, Lieutnant-General der Nordwest-Provinzen, der hier am 9. September 1857 während des Meuterkrieges verstorben ist. Leider ist das Denkmal in -- gothischem Styl!

Der Hintergrund des Platzes nach Osten, d. h. gegen die Jumna zu, wird von Schah Jahan’s +öffentlicher Audienz-Halle+ (+Diwan-i-Am+[528]) eingenommen. Das Gebäude läuft von Norden nach Süden in der Ausdehnung von 201 Fuss. Die eigentliche Halle hat eine Länge von 192 und eine Breite von 64 Fuss. Sie besteht aus drei Schiffen von je neun Abtheilungen und ist offen an drei Seiten. Das platte, mit zwei Kuppelthürmchen geschmückte Dach wird durch anmuthige Pfeiler aus rothem Sandstein getragen.

An der Hinterwand sind Gitter, aus welchen die Schönen, selber ungesehen, die Ritter in der Halle betrachten konnten, und in der Mitte ein erhöhter Sitz aus weissem Marmor mit eingelegter Arbeit. Hier war es, wo, nach älteren Reisebeschreibungen, Aurangzeb thronte und die Verwaltung der Gerechtigkeit überwachte. Hier hat der Prinz von Wales 1876 einen öffentlichen Empfang (Durbar) der eingeborenen Fürsten und Edlen abgehalten.

Durch eine schmale Thür hinter dem Alkoven gelangt man in den Rest des prächtigsten Gebäudes aus der Mogul-Zeit, in den +Palast von Schah Jahan+.

Hinter der Audienzhalle liegt +Machchi Bawan+, +der Fisch-Teich+, und nördlich davon die +Edelstein-Moschee+ (Naginah Musjid), die Privatkapelle der Damen des Hofes.

Rings um den Fisch-Teich läuft eine zweistöckige Säulenhalle; nur an der Flussseite ist sie einstöckig, aber verbreitert, und oben mit einer geräumigen Terrasse versehen, auf welcher der +schwarze Thron+ steht und die +Privat-Audienzhalle+ (Diwan-i-Khas). Das ist ein Wunder von Schönheit, eine bedeckte spitzbogige Marmorhalle, 64 Fuss lang, 34 Fuss breit, 22 Fuss hoch, mit feinstem Schmuck in flachem Marmorrelief und eingelegten Steinen. In ganz Indien ist nichts Schöneres der Art zu sehen. Lord Northbroke hat auf seine Kosten ausbessern lassen, was britische Vandalen hier zerstört hatten.

In dieser Halle und auf jenem Thron sass der Kaiser Jahan und liess seinen Blick schweifen über den Fluss und die Gärten und Paläste der beiden Ufer. Von dieser Terrasse aus konnte man auch in Sicherheit auf die Kämpfe zwischen Elephant und Tiger herabblicken, die in der Tiefe am Fluss-Ufer von statten gingen, sowie auf die Wettfahrten der Ruderböte. In einem nahe gelegenen Pavillon ist Schah Jahan gestorben, sein letzter Blick noch suchte die Taj.

Von der Privat-Audienzhalle führte eine Treppe zum Wohnsitz der Kaiserin. Ein wundervoller zweistöckiger Pavillon (Saman Burj oder +Jasmin-Thurm+) mit durchbrochenem Marmorwerk in feinster Arbeit, der auf einer mächtigen Bastion unmittelbar am Fluss-Ufer ruht, ist noch erhalten; sowie ein feenhaftes +Badehaus+ (Shish Mahal = Spiegel-Palast) mit Springbrunnen und eine +offene Halle+ mit reichstem Schmuck (Khas Mahal).

Auf dem höchsten Punkt der Veste von Agra stand einst der Palast von Sher Schah oder seinem Sohne Selim. Fergusson sah noch einen Rest davon, ein bewundrungswürdiges Stück der verzierenden Kunst. Aber die gegenwärtige britische Regierung hat es fortgenommen und ein Vorrathshaus dort hingebaut, das in seiner weiss gewaschenen Hässlichkeit über die Marmorpaläste der Mogul fortblickt, -- nach +Fergusson+ ein sprechendes Beispiel, um den Geschmack der beiden Rassen zu vergleichen.

In einer Umgitterung werden einige +geschichtliche Andenken+ aufbewahrt: ein zerschlissener Sessel, auf dem irgend ein General oder Gouverneur, ich habe vergessen, welcher, zu sitzen pflegte; und die berüchtigten +Thore von Somnath+. Im Jahre 1024 n. Chr. stürmte und plünderte Mahmud Ghazni die Hindu-Stadt Somnath in Gujarat, zerstörte den heiligen Schiwa-Tempel und schleppte mit der gewaltigen Beute auch das +Sandelholz-Thor+ des Heiligthums fort.

1842, nach dem erfolglosen Krieg mit Afghanistan, liess Lord Ellenborough das Thor von Mahmud’s Grab aus Gazni prahlerisch durch Indien schleppen, als „Genugthuung für Somnath’s Plünderung.“ Aber die Hindu-Priester verweigerten die Annahme.

Das Thor ist übrigens aus +Ceder-Holz+, saracenische Arbeit, und wohl eine plumpe Fälschung, wenngleich in der kufischen Inschrift der Name Subuktugin vorkommen soll.

Am besten wäre es, dieses Siegeszeichen (?) -- zu verbrennen oder wenigstens dem Blick der urtheilsfähigen Betrachter zu entziehen.

Südlich von Schah Jahan’s Palast liegt der von +Jahangir+, unmittelbar nach Akbar’s Tode aus rothem Sandstein in reinem Hindu-Stil ohne Bogen oder Gewölbe erbaut. Von seinem Dach, dem höchsten Punkt in der Festung, hat man einen prachtvollen Ueberblick über das Ganze und kann im Geiste die Ruinen wieder aufbauen und mit der glänzenden Schaar beleben, die von europäischen Reisenden des 17. Jahrhunderts so farbenprächtig geschildert worden ist.

Gegenüber dem Delhi-Thor der Festung liegt die +Hauptmoschee+ der Stadt (Jumma Musjid), 1634 bis 1644 von Schah Jahan zu Ehren seiner Tochter Jahanara im Mogul-Stil erbaut.

Das Hauptthor wurde von den Briten zur Zeit der Meuterei niedergerissen, da es die Festung bedrohte. Jetzt ist an der Treppe ein Gewirr von Buden angesiedelt. Jede der drei Abtheilungen der Moschee öffnet sich in den Hof mit einem schönen Bogen und wird gekrönt mit einem Dom, der aus weissen und rothen Steinen in gezackten Linien erbaut ist.

Sehr bald befreundete ich mich mit dem Lehrer der +Koran-Schule+ in den offenen Seitenhallen des Hofes und mit den Schülern. Ich liess sie aus dem Koran vorlesen und übersetzen sowie abschreiben. Jede Klasse hatte ihren Prunkschüler, der voll Stolz seine Leistungen zeigte. Aber zum Schluss verlangten sie auch nach morgenländischer Sitte ein Geschenk von dem Sahib.

Es ist merkwürdig, wie wenig die Hindu, trotz ihrer Mehrzahl, gegen die Mohammedaner in Agra zur Geltung kommen.

Hindu-Tempel sieht man kaum, wohl in der Nähe der Schiffbrücke einige Treppen, die zu dem heiligen Fluss hinabführen.

Die Stadt selbst bietet wenig Sehenswürdigkeiten.

Das Haupterzeugniss des +Kunsthandwerks+ ist eingelegte Marmorarbeit. In den weissen Marmor von Jaipur werden blumenartige Verzierungen aus farbigen Steinen (Cornel, Agat, Jaspis, Chalzedon, Blutstein, Lapis Lazuli u. A.) eingelegt. Teller, Tischplatten, Gefässe, Tafel-Aufsätze und viele andere Gegenstände der Art werden so hergestellt und dem Reisenden in der Vorhalle des Gasthauses, am Eingang der Taj und in den Bazaren angeboten. Es giebt auch eine grosse Werkstätte, wo ein reiches Lager ausliegt, sowie Nachbildungen der Taj aus Alabaster in verschiedenen Grössen und Preisen (von 40 bis 200 Rupien). Aber diese verfehlen des Eindrucks, selbst die grosse, die für Chicago angefertigt worden und für die 1500 Rupien verlangt werden.

Ausser den Marmorarbeiten werden in den Bazaren noch hauptsächlich Gold- und Silberstickereien sowie Schnitzwerke aus Seifenstein dem Fremden angeboten. Das Europäer-Viertel liegt westlich von der Stadt, ist sehr weitläufig gebaut, mit schönen Gärten, und enthält die Baracken, den Gerichtshof, das Colleg, einige Kirchen, einige hübsche Landhäuser und unser Gasthaus.

Delhi.

Die Reisebücher rathen, der Zeitersparniss halber Nachts zu fahren, am folgenden Tag die nächste Stadt zu besichtigen und dann wieder Nachts weiter zu fahren. Mir schien das nicht zweckmässig zu sein. Schlafwagen giebt es nicht in Indien; auf ruhigen Schlaf und Bequemlichkeit ist also nicht mit Sicherheit zu rechnen. Nach schlafloser Nacht fehlt die Frische am Tage, um all’ die zahlreichen Sehenswürdigkeiten genau und aufmerksam zu beobachten. Dazu kommt, dass um die Mitte des December die Nächte in Nord-Indien schon recht kühl sind. (Ich mass am 15. December Vormittags 7½ Uhr +14° im Zimmer, +10° C. in der Vorhalle.)

Ich fahre also am 15. December, Vormittags 10 Uhr, von dem Halteplatz Agra-Fort mit dem Personenzug der East Indian R. über Tundla-Junction nordöstlich nach Delhi. (136 englische Meilen für 13½ Rupien, in sechs Stunden, also ungefähr 36 Kilometer in der Stunde.)

Das Land[529] sieht theilweise recht dürr aus, dann wird es wieder besser, ist aber ganz eben. Bemerkenswerth sind die mächtigen Bewässerungs-Canäle mit Schleusen und Abzweigungen. Lehmhütten mit flachem Dach, wie in Ober-Aegypten, sind die Behausungen der Bauern; doch giebt es auch bessere. Erstaunlich ist die Menge des gefiederten Volkes; grüne Papageien erscheinen in Paaren und in Schwärmen, wilde Pfauen, ernste Marabut.

Um 4 Uhr sind wir in Delhi. +Imperial Hotel+, das mir am meisten empfohlen war, hat kein ordentliches Zimmer frei; +Grand Hotel+, wo ich Unterkunft finde, ist schlecht. Der Nachmittag wird einer Fahrt durch die Bazar-Strasse (Chandni Chauk = Silber-Strasse) gewidmet.

Delhi wird als +Rom Asien’s+ bezeichnet. Seine +älteste Geschichte+ ist in tiefes Dunkel gehüllt. Aber die Trümmer, welche vom Süden der jetzigen Stadt in einer Länge von 16 Kilometer und in einer Breite von 5 bis 10 Kilometer sich erstrecken, sind die Ueberbleibsel von +sieben+ verschiedenen Städten, die zu ganz verschiedenen Zeiten errichtet worden sind. Die älteste war +Indraprastha+. Diese wird schon in dem altindischen Heldengedicht Mahabharata erwähnt. In den Purana, die vom 8. bis 13. Jahrhundert n. Chr. verfasst sind, wird Yudishthira als erster König der Stadt genannt, dann folgen angeblich 30 Geschlechter seiner Familie; hierauf eine andere, die 500 Jahre herrschte; endlich 24 Herrscher, deren letzter von Vikramaditya 57 v. Chr. besiegt wurde. Zu dieser Zeit erscheint zuerst der Name Delhi,[530] nach dem Fürsten Dilu, der 10 Kilometer stromabwärts von der jetzigen Stadt eine Burg erbaute. 792 Jahre lag die Stadt wüst, dann wurde sie neu bevölkert. (1052 durch Anang Pal II.) Die Kämpfe der Hindu mit einander machte den Mohammedanern die Eroberung leicht. 1011 n. Chr. wurde die Stadt von Mohammed Ghazni eingenommen, 1193 von Mohammed Ghori dauernd erobert. Dank dem geschichtlichen Sinn der Mohammedaner sind wir im Stande, die Reihe von 54 Fürsten aufzuzählen, welche danach zu Delhi geherrscht haben, von 1193 bis 1803, wo die Engländer die Stadt einnahmen. Für die Baugeschichte kommen hauptsächlich in Betracht:

1) Kutbu din (1206 n. Chr.), der Erbauer des grossen Thurmes (Kutb Minar) und der grossen Moschee.

2) Feroz Tughlak (1351-1388), der Erbauer des grossen Canals, welcher, unter Schah Jahan und wiederum neuerdings durch die Engländer wieder hergestellt, als westlicher Jumna-Canal durch die heutige Stadt fliesst.

3) Sher Schah machte 1540 Indrapat zur Festung seiner neuen Stadt und erbaute einen Palast und eine Moschee.

4) 1638 begann Schah Jahan die Festung und den Palast von „Shajahanabad“, dem heutigen Delhi. Dasselbe soll zur Zeit Aurangzeb’s 2 Millionen (?) Einwohner gezählt haben.

Das schrecklichste Unglück befiel die Stadt im Jahre 1739. Am 10. März wurde die persische Besatzung, welche Nadir Schah hineingelegt hatte, vom Volke aufgerieben. Am 11. befahl der Eroberer eine allgemeine Metzelei, die von Sonnenaufgang bis Mittag dauerte und 30000 (nach Anderen gar 200000) Opfer gefordert haben soll. Nadir Schah schleppte eine unermessliche Beute fort, die auf 30 und selbst 70 Millionen £ geschätzt wird, darunter den Pfauen-Thron und Koh-i-nur. 1788 eroberten die Marathen Delhi, 1803 gewannen es die Engländer und behaupteten es bis 1857, obwohl sie dem Nachkommen des Grossmogul erlaubten, König, ja sogar Schah schahi, König der Könige, sich zu nennen.

Am. 10. Mai 1857 brach zu Meerut, dem Hauptwaffenplatz des Nordwestens, 72 Kilometer nordwestlich von Delhi, die Meuterei aus. 58 Sepoy, welche im Arrest sassen, weil sie die neuen Patronen, wegen der Verwendung von Kuh-Talg, zurückgewiesen, wurden von ihren Kameraden befreit. Die Sepoy setzten die Häuser ihrer Officiere in Brand und marschirten nach Delhi. Leider versäumte General Hewitt in Meerut, der europäische Truppen genug zur Verfügung hatte, den Aufstand durch sofortiges Eingreifen zu ersticken. In Delhi vereinigten sich die Meuterer mit den dort befindlichen einheimischen Truppen, erschossen die britischen Officiere, ermordeten die Europäer, welche sie trafen, und setzten sich in Besitz der mit starken Mauern befestigten Stadt und des darin befindlichen Forts.

Erst am 8. Juni langte Sir H. Barnard mit den vereinigten britischen Truppen an, vertrieb die Meuterer von ihren vorgeschobenen Stellungen und besetzte den Bergrücken (+Ridge+) dicht bei der Nordwest-Ecke von Delhi. Aber die Engländer waren zunächst mehr belagert, als Belagerer. Denn Delhi hatte ausser der begeisterten Bevölkerung 30000 von den Engländern selbst gedrillte Sepoy, 114 Kanonen und reichlichsten Schiessbedarf.

Am 7. August kam General +Nicholson+ mit Verstärkungen an, am 4. September die Belagerungs-Kanonen aus Ferozpur, gezogen von Elephanten, nachdem die ihnen auflauernden Meuterer auf’s Haupt geschlagen worden; am 8. September Richard +Lawrence+ mit weiteren Verstärkungen. Aber zu einer Einschliessung der Stadt von 12½ Kilometer Umfang reichten die 8000 Mann nicht aus. Der Sturm wurde beschlossen. Unter starken Verlusten wurden die schweren Geschütze aufgestellt und das Feuer eröffnet auf die Nordseite der Stadtmauer und ihre drei Bastionen. Am 13. September waren die Breschen genügend. Am 14. wurde der Sturm unternommen, Nicholson war der erste auf dem Wall und fiel an der Spitze seiner Krieger. Die Officiere, welche beauftragt waren, das in der Mitte der Nord-Mauer befindliche Kaschmir-Thor mit Pulver zu sprengen, fielen alle, bis auf einen. Aber der Sturm gelang und nach sechstägigem verzweifeltem Strassenkampf, der auch den Engländern schwere Verluste brachte, war die Stadt genommen, das Rückgrat der Meuterei gebrochen. Am 21. September nahm +Hodson+, ein Reiteroberst, den alten Mogul-König Bahadur Schah, der während der Meuterei den Namen Kaiser von Indien angenommen, in Humayun’s Grabdenkmal gefangen und am folgenden Tage dessen Söhne; und da das Volk bei Delhi die Wache um die Söhne zu bedrängen schien, so +schoss er die Prinzen mit eigener Hand nieder+. Der Alte kam vor das Kriegsgericht, wurde schuldig befunden, Aufstand und Mord begünstigt zu haben, aber nicht getödtet, sondern nach Rangoon verbannt, wo er am 7. October 1862 verstorben ist.

Das +jetzige Delhi+ liegt unter 28¼° nördlicher Breite und 252 Meter über dem Meere, an niedrigen Felshügeln auf dem rechten Ufer des Jumna, und zählte 1881 an 173000 Einwohner, darunter 95000 Hindu und 72000 Mohammedaner, die sich nicht gut mit einander vertragen, sondern gelegentlich ihre Kräfte messen. Die Zählung von 1891 ergab für Delhi und Cantonment 192579 Einwohner. Delhi ist heutzutage ein grosser +Handelsplatz+, dessen Bazar zu den belebtesten im Innern von Indien gehört, und durch Eisenbahnen einerseits mit Calcutta, andererseits mit dem Punjab und der Nordwest-Grenze des Reiches, endlich durch die Rajputana hindurch mit Bombay verbunden.

Am 16. December fahre ich wiederum zur Besichtigung, im Einspänner und mit Führer. Der letztere ist nirgends und niemals überflüssiger gewesen, als hier an diesem Vormittag. Denn in der Festung übernimmt ein britischer Soldat die Führung; in die grosse Moschee wird mein Führer, als Hindu, überhaupt nicht hineingelassen, da seit dem letzten Volksauflauf und Strassenkampf zwischen den beiden eifersüchtigen Religions-Genossenschaften, der erst vor wenigen Jahren stattgefunden, den Hindu der Eintritt in das Gotteshaus der Mohammedaner, laut Anschlag der Behörde, verboten ist. Uebrigens ist das Englisch dieser Führer ausserordentlich mangelhaft: es reicht eben hin, um den Reisenden einzufangen; ist aber ganz ungenügend, Erläuterungen des Gesehenen zu geben.

Von dem westlichen Hauptthor (Lahore Gate) der Stadt Delhi führt die Hauptstrasse (Chandni Chauk) zu einem freien Platz, jenseits dessen die +Burg des Kaiser Jahan+ an dem Ufer des Jumna liegt, ein umwalltes Rechteck von 3200 Fuss Länge von Nord nach Süd und von 1600 Fuss Breite von West nach Ost.

Die zinnenbedeckten Mauern aus rothem Sandstein sind zwar nicht so hoch (40 Fuss), die Thürme nicht so gewaltig, wie in Akbar’s Veste zu Agra; aber dafür sind die grösseren und kleineren Kuppeln und die schlanken Minarets desto gefälliger.

Das westlich gelegene Hauptthor zur Burg (Lahore Gate, jetzt Victoria G. genannt,) ist ein stattliches Gebäude von 140 Fuss Höhe, und die gewölbte Halle von 375 Fuss Länge, durch welche man eintritt, vielleicht die vornehmste Palast-Pforte auf der Erdoberfläche.

Aber wer eingetreten ist, erblickt nicht etwa den herrlichen Palast Schah Jahan’s, der von 1628 bis 1658 erbaut, noch in der Mitte unseres Jahrhunderts vorhanden war, (zwar schlecht gehalten, durch allerhand Hütten verbaut und durch neue Bauwerke verunstaltet, wie unser Prinz Waldemar 1845 gefunden, aber doch immerhin erhalten und von dem Schattenkaiser[531] -- bis 1857 -- bewohnt,) sondern zunächst nur langweilige, weiss gestrichene Baracken. Was Afghanen und Perser geschont, haben Briten zerstört, und zwar nicht zu einem höheren Zwecke, sondern einfach aus Mangel an Kunstgeschmack.

+Fergusson+ nennt es Vandalismus, aber die Vandalen haben so etwas nie gethan; und auch in der ganzen neueren Geschichte ist nichts Aehnliches vorgekommen. Die massgebenden Rücksichten auf Sicherheit und Vertheidigung kamen gar nicht in Betracht. Kein Gebäude von Schah Jahan brauchte angerührt zu werden, um Raum für die Soldaten zu beschaffen, welche die unbewaffnete Bevölkerung der Stadt Delhi zu überwachen haben; und ein auswärtiger Feind mit Kanonen, der die Stadtmauern nebst ihren Bollwerken bezwungen, könnte in wenigen Stunden die Palast-Mauern niederlegen.

Lediglich, um ohne Mühe und Kosten einen Wall rings um das Barackenlager der Soldaten zu bekommen, damit keiner ohne Urlaub durchschlüpfe, wurde der +kostbarste Palast der Erde förmlich ausgeweidet+!

Mit der grössten Rücksichtslosigkeit hat man auch +geplündert+. Ein Capitän Jones liess zwei grosse Stücke von dem eingelegten Marmorthronsitz der öffentlichen Audienzhalle abreissen, brachte sie nach England und -- verkaufte sie an die Regierung für 500 £, so dass man sie jetzt wenigstens im Indischen Museum zu London bewundern kann.

In den Tagen des Glanzes führte der Eingang in einen grossen, quadratischen Hof von 350 Fuss Seitenlänge, an dessen Ende die +Musik-Halle+ stand. Darauf folgte ein zweiter Hof mit der +öffentlichen Audienz-Halle+. Im Norden dieser Gebäude-Reihe von 1600 Fuss Länge lagen die +Gast-Räume+ mit Gärten und der +Privat-Audienzhalle+. Der ganze Süden, ein Quadrat von 1000 Fuss Länge, war von den +Wohngemächern+ und dem Harem eingenommen. Somit bedeckte der Palast die doppelte Fläche des Escurial oder irgend eines Schlosses in Europa.

Nur spärliche Reste der Pracht sind noch vorhanden:

1) Die öffentliche Audienz-Halle (+Diwan-i-Am+). Sie ist ähnlich der zu Agra, aber prächtiger; 200 Fuss lang von Nord nach Süd und 100 Fuss breit; an drei Seiten offen. Das Dach wird getragen von drei Reihen von Säulen aus rothem Sandstein, die früher mit Stuck und Vergoldung geschmückt gewesen. Die Säulencapitäle sind nach allen vier Richtungen mit einander durch neunfach getheilte Spitzbogen verbunden. An der Hinterwand steht ein 10 Fuss hoher Marmorthron, der von einem auf vier weissen, leichten Marmorsäulen ruhenden, gewölbten Baldachin überragt wird und der aus den Privatgemächern durch eine Thür zugänglich ist. Die ganze Hinterwand und der Thron-Sitz ist mit Marmor-Mosaik geschmückt. Man sieht Fruchtkörbe, Vögel, kleine Löwen. Es gilt für das Werk von +Austin de Bordeaux+ und hat mir nicht sonderlich gefallen, namentlich im Vergleich mit den prachtvoll eingelegten Blumenranken von Agra. (Uebrigens floh Austin aus Europa zum Hof des Schah, weil er daheim -- verschiedene Fürsten mit falschen Edelsteinen betrogen hatte.)

Prinz Waldemar berichtet: „Dieselben Muster, die ich in Florenz sah, fand ich +hier+ wieder; auch sind europäische Vögel, Blumen und Früchte, die man hier gar nicht kennt, dargestellt, und, was das schlagendste ist, ein +Orpheus+ mit der Cither in der Hand, von Thieren umgeben.“

Ein Theil der Platten ist fortgenommen, ein Theil der kostbaren Steine herausgebrochen und gestohlen. Jetzt ist ein eisernes Gitter nach der Halle zu angebracht. Der friedfertige, durchaus nicht beutelustige Reisende wird von hinten her durch den wachthabenden Soldaten hin- und wieder zurückgeleitet.

2) Die +Privat-Audienzhalle+ (Diwan-i-Khas). Es ist eine rechteckige Halle (90×70′), nach allen Seiten offen, nach den breiteren durch fünf gleich grosse, neunfach getheilte Spitzbogen, nach den schmaleren durch drei grosse und zwei kleinere. Die Bogen ruhen auf Pfeilern, das platte Dach ist an den vier Ecken mit säulengetragenen Kuppeln geschmückt. Der ganze Bau ist aus rein weissem Marmor und auf’s geschmackvollste und kostbarste mit eingelegten Steinen und Vergoldung geschmückt. In der Mitte der Halle sieht man die Marmor-Erhöhung, auf welcher einst der berühmte Pfauen-Thron (Takt-i-Taus) gestanden hat.[532] Die Decke war mit Silber belegt. Dies haben die Marathen 1760 mitgenommen und ausgemünzt. Ueber dem Nord- und dem Süd-Bogen der Halle steht der berühmte persische Vers:

Giebt es auf Erden ein Paradies, So ist es dies, so ist es dies.

In der That dürfte es schwer sein, in irgend einem Palast der Erde einen Bau von gleicher Formvollendung aufzufinden.

3) Ganz nahebei in der gemalten Halle (+Rung Mahal+), die jetzt von den Officieren als Speise-Raum benutzt wird, ist ein wunderbares Fenster aus durchbrochener Marmor-Arbeit und darüber, eingelegt, die +Wage der Gerechtigkeit+ (Mizan-i-Insaf). Die Blumen, welche die Wand schmücken, sind theils eingelegt, theils mit Schmelzfarben aufgelegt, theils ausgemeisselt.

4) Von den Privatgemächern kann man wegen der Zerstörung keine rechte Vorstellung mehr sich bilden; einigermassen erhalten sind die +Bäder+, drei Marmorgemächer, mit Domen gekrönt und von oben durch gefärbte Glasfenster erleuchtet.

5) Dicht dabei ist die kleine +Perl-Moschee+ aus weissem und grauem Marmor; sie hat drei Bögen und drei Dome und ist innen ganz mit flacherhabener Arbeit geschmückt. Sie wurde 1635 von Aurangzeb erbaut und kostete 160000 Rupien.

Man könnte sich wundern, in dem grossen Palast nur eine so kleine Moschee zu finden. Aber ganz in der Nähe des südlichen Palastthores liegt die +Jumma Musjid+, die als Hof-Kirche benutzt wurde.

Das ist das bedeutendste Bauwerk in der Stadt Delhi ausserhalb der Veste, eine der grössten und schönsten Moscheen auf der ganzen Erde. 5000 Arbeiter waren sechs Jahre lang daran thätig; die arabische Inschrift nennt als Jahr der Vollendung dasjenige, in welchem Schah Jahan -- von seinem Sohn Aurangzeb abgesetzt worden. (1658, nach unserer Zeitrechnung.)

Auf einem mächtigen +Unterbau+ erhebt sich die offene, mit 15 Fuss langen Architraven aus Sandstein gedeckte, zinnengekrönte Säulenhalle, welche an jeder der vier Ecken mit einem Thürmchen geschmückt ist und den Hof von drei Seiten umgiebt, während die vierte Seite von der Moschee selber eingenommen wird. In der Mitte jeder der drei Seiten der Halle führt eine stattliche, unten 150 Fuss lange +Freitreppe+ von 36 Stufen empor zu einem +Thorgebäude+. Das hauptsächlichste, östliche, der Moschee gegenüber, hat das Aussehen eines dreistöckigen Gebäudes durch die drei Reihen von Spitzbogenfenstern und in der Mitte ein gewaltiges bis oben reichendes Spitzbogen-Thor, darüber eine Gallerie mit fünfzehn kleinen Marmor-Domen und sechs Thürmchen. Die Thür im Hintergrund des Bogens ist massiv und mit dicken Arabesken belegt.

Der +Hof+, welchen wir nun betreten, ist mit Granit- und Marmorplatten schön gepflastert, und quadratisch mit einer Seitenlänge von 325 Fuss. In der Mitte liegt das übliche Marmor-Becken für die Abwaschungen.

Die +Moschee+ selber ist 200 Fuss lang und 120 Fuss tief. Sie öffnet sich nach dem Hof mit zwei Mal fünf kleineren und einem grösseren mittleren Spitzbogen, ist zierlich aus rothem Sandstein und weissem Marmor erbaut, an der Vorderseite mit Zinnen gekrönt, oben von drei Marmordomen überragt, an den beiden Ecken mit dreistöckigen, 130 Fuss hohen Minarets geschmückt, deren Besteigung eine lohnende Aussicht auf die Stadt gewährt. Im Innern sind Fussboden, Decke und Wände vollständig mit Marmor bekleidet.

Der Fussboden der Moschee ist mit weissen, schwarzgesäumten Marmorplatten von 3 Fuss Länge und 1½ Fuss Breite gepflastert; jede stellt einen Gebet-Teppich dar, deren Zahl nach der Rechnung[533] über 5000 beträgt. Aber am Freitag Nachmittag drängen sich hier 10000 Gläubige zusammen.

In der Nordost-Ecke der Säulenhalle ist ein Pavillon mit alten Handschriften des Koran, einer kufischen aus dem 7. Jahrhundert n. Chr., und mit Reliquien Mohammed’s, z. B. einem +Haar aus dem Bart des Propheten+. Der fromme Mann, welcher diese heiligen Dinge dem Ungläubigen zeigt, ist unzufrieden, wenn letzterer ihm nicht eine Rupie spendet.

Die +Hauptstrasse+ von Delhi ist +Chandni Chauk+, die Silberstrasse. Sie führt von dem westlichen Hauptthor des Palastes zu dem der Stadt (Lahore Gate), ist 1½ Kilometer lang, 74 Fuss breit. Durch den grösseren Theil ihrer Ausdehnung zieht in der Mitte ein von doppelter Baumreihe eingefasster, erhöhter Fussweg, der die erwähnte, den Palast versorgende Wasserleitung bedeckt.

In diese Strasse ist das Gewühl der Käufer und Verkäufer zusammengedrängt. Laden reiht sich an Laden. Durch Zuruf, Gebärden, Geschäftskarten wird der Reisende, mag er zu Fuss gehen oder im Wagen fahren, zum Eintreten aufgefordert. Da sind Gold- und Silberwaaren, allerdings für meinem Geschmack viel zu plump. Vergeblich suchte ich nach einem Halsband für meine Frau. Der Verkäufer langte sein Prachtstück hervor, 2500 Rupien war der Preis. Lächelnd erwiederte ich, dass ich mir so viel Geld nicht eingesteckt. Die Händler in Kaschmir-Tüchern nehmen den Fremden aus dem Laden in das Hauptlager, das eine Treppe hoch nach dem Hof gelegen ist, und breiten unermüdlich ihre Schätze aus. Gold- und Silber-Stickereien gehören zu den einheimischen Erzeugnissen. Herr Tellery, ein Ungar, der ursprünglich vor vielen Jahren als Maschinenbaumeister nach Indien gekommen, erst Sammler von Erzeugnissen der einheimischen Kunsthandwerke, dann Händler und Hersteller, hat seine Hauptwerkstätten in Delhi.

Um Handel und Wandel zu unterstützen, hat die Stadtverwaltung in der Nähe der Hauptstrasse neuerdings ein grossartiges Gasthaus für Einheimische (Mor-Serai) erbaut, das in seinem hübschen morgenländischen Stil die Bauten der Engländer in Indien beschämt.

In der Mitte der Hauptstrasse ist ein misslungener Brunnen (Northfolk fountain), dicht dabei eine kleine Moschee aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts, die wegen ihrer drei vergoldeten Dome den Namen der +goldnen+ empfangen. Von hier hat Nadir Schah die Ermordung der unglücklichen Einwohner von Delhi betrachtet.

Von der Hauptstrasse gelangt man auch in die Königlichen Gärten (+Queen’s Gardens+), die etwas verwahrlost erscheinen. Am Eingang steht ein grosser Elephant aus Stein, der 1645 von Gwalior hierher gebracht worden. In dem Garten steht ein Glockenthurm von 128 Fuss Höhe, und daneben das +Museum+. Dasselbe enthält eine Sammlung von Erzeugnissen der Kunstindustrie; zunächst aus +Delhi+ eingelegte Metallwaaren, Stickereien, Schnitzereien; sodann aus den andern Hauptorten Indiens, aber auch chinesische Elfenbeinschnitzereien (Riesenschachspiel) und Lampen.

Sehr lehrreich sind verkleinerte Darstellungen der Handwerke und des Ackerbau’s (z. B. der Bewässerung), wie sie hier zu Lande betrieben werden.

Im Nordwesten der Stadt, auf dem Bergrücken, steht ein gothischer Thurm zum Andenken an den Meuter-Kampf (+Mutiny Memorial+). Nördlich davon in der Ebene liegt der Platz, wo am 1. Januar 1877 die Königin von England als +Kaiserin von Indien+ verkündigt wurde. Lord Lytton hatte alle Fürsten von Indien, die hauptsächlichsten europäischen Beamten und 50000 Soldaten, britische wie einheimische, versammelt und den grössten Prunk entfaltet.

Wer Delhi besitzt, beherrscht Indien, nach der Meinung der Einheimischen. Als die Engländer im Anfang des Jahrhunderts Delhi erobert hatten, begaben sich mehrere Kleinstaaten freiwillig unter ihren Schutz. Als der Meuterkrieg aufloderte, versuchten die Sepoy, den Schattenkönig von Delhi zum Kaiser von Indien zu erheben. Nur in Delhi konnte Königin Victoria als Kaisar-i-Hind ausgerufen werden.

Wenn Delhi, wegen seiner +Ruinen+, das Rom Asiens genannt wird, so verdient der Weg südwärts nach Kutb Minar als seine appische Strasse bezeichnet zu werden.

Von der Südwestecke der jetzigen Stadt (Ajmir Gate) fährt man südwärts auf gut geebneter Strasse und erblickt zu beiden Seiten zwischen dem ostwärts gelegenen Fluss (Jumna) und dem westwärts gelegenen Höhenzug unzählige Grabmäler; hier und da, dichter aneinander gedrängt, die Ruinen der auf den Gefilden von Alt-Delhi nach einander errichteten sieben Städte, von denen jede folgende die Ueberreste ihrer +Vorgängerin+ Jahrhunderte lang als +Steinbruch+ ausgebeutet hat.

Das erste Gebäude von Bedeutung ist +Jai Sing’s Sternwarte+, ähnlich der zu Benares, nur mehr zerstört. Der „Fürst der Sonnen-Uhren“ (Samrat Yantra) ist ein Gemäuer von der Form eines rechtwinkligen Dreiecks, dessen Höhe 56, dessen Grundlinie 104 Fuss misst. Demnächst folgt das Grabmal des +Safdar Jang+, Abu ’l Mansur Khan, der um die Mitte des vorigen Jahrhunderts Vezir des Kaisers Ahmed Schah gewesen und, 1749/50 von den afghanischen Rohilla besiegt, so thöricht war, die Marathen um Hilfe zu bitten. Das Grabdenkmal, welches 3 lakh Rupien gekostet, steht auf einer gemauerten Erhöhung, ist ein Quadrat von 100 Fuss Seitenlänge mit 4 Eckthürmen und einem Dom aus rothem Sandstein und -- Stuck. Von Weitem sieht es mächtig aus, aber bei näherer Betrachtung schwindet die Bewunderung. Safdar Jang ist der Gründer der Herrscherfamilie von Oudh, deren Stärke im Stuck liegt.

Unterwegs traf ich eine stattliche Abtheilung berittener +britischer Artillerie+, welche ein Feldlager aufschlug. Pferde und Bespannung schienen mir in vorzüglicher Ordnung, auch die Mannschaften nicht gar so jung wie die meisten britischen Fusssoldaten, die man in Indien antrifft. Aber der Train ist durchaus morgenländisch. Kameele tragen die Zelte, einheimische Diener schlagen dieselben auf, kochen ab für die Herren Soldaten, so dass auf jeden Kämpfer vielleicht zwei Diener kommen. In Friedenszeiten mag das sehr behaglich sein. Für den Ernstfall birgt es grosse Gefahren.

Das Endziel der Ausfahrt, +Kutb Minar+, liegt 19 Kilometer südlich vom Ajmir-Thor, auf der Stelle, wo die ursprüngliche Hindu-Stadt Dilli einst gestanden. Das mächtige Bauwerk zeigt beim ersten Blick, was es ist und sein soll, ein +Denkmal des Sieges+ der Mohammedaner über die Hindu. Zum Gebet konnte der Mueddin höchstens vom unteren Söller aus die Gläubigen rufen. Wenn Kutab-ud-din[534] (1206 bis 1210) das Werk begonnen, so scheint nach der Buchstabenform der Inschriften doch Altamsh (1211 bis 1236) das Wesentliche desselben vollendet zu haben. Der Führer allerdings erzählt uns ein +Volksmärchen+, dass der Hindu-König Raj Pithora (1180 n. Chr.) den Thurm gebaut, um von der Spitze aus seine geliebte Tochter zu sehen, wenn sie mit ihrem Gefolge zum Bad im Jumna-Fluss auszog.

Der Thurm ist 240 Fuss hoch. In fünf Stockwerken, die durch vier Söller abgetheilt sind, (in der Höhe von 97, 148, 188, 215 Fuss über dem Boden) verjüngt er sich, von 47 Fuss Durchmesser an der Grundfläche bis auf 9 Fuss an der Spitze,[535] deren Kuppel allerdings abgefallen ist. In Folge der starken Verjüngung erscheint dem nahe stehenden Betrachter die Höhe noch weit bedeutender, als sie wirklich ist. Die drei unteren Stockwerke bestehen aus rothem Sandstein und zeigen an der Oberfläche schön geschmückte Halb-Säulen und Pfeiler; im ersten Stockwerk beide abwechselnd, im zweiten nur Säulen, im dritten nur Pfeiler. Höchst gefällig ist die Abnahme der Höhe und der Dicke der höheren Stockwerke.

Das unterste Stockwerk hat drei, die beiden folgenden je zwei Bänder kufischer Inschriften mit Koran-Versen. Der Honigwabenschmuck unter dem ersten Söller soll von dem der Alhambra nicht merklich verschieden sein. Die beiden obersten Stockwerke sind glatt und mit Marmor belegt.

Kutb Minar gilt für das vollkommenste Bauwerk seiner Art auf der Erdoberfläche. (Der von Giotto erbaute Glockenthurm zu Florenz, der allerdings 30 Fuss höher ist, wird gewissermassen erdrückt von den Massen der benachbarten Kathedrale.)

390 Stufen führen im Innern auf die von einem Geländer umgebene Fläche der Spitze. Gewissenhaft stieg ich empor und fand den engen Raum dicht gedrängt von Einheimischen, die mir höflich, Platz machten. Der Ausblick ist ungemein lohnend; man sieht den Jumna und die heutige Stadt Delhi sowie die zahllosen Ruinen, endlich das zur Zeit recht trockne Land. Ist doch die indische Wüste nicht allzu fern! Der Gegensatz zwischen der dürren Ebene und dem grünen Streifen am Fluss erinnert an die Aussicht von der grossen Pyramide zu Gizeh.

In der Nähe erblickt man die Reste der mächtigen Mauern der Hindu-Festung Lalkot, weiter nach Osten die gewaltigen Ruinen der im Anfang des 14. Jahrhunderts erbauten mohammedanischen Festung Tughlakabad.

Kutb Minar steht neben der +Moschee+, die Kutab-ud-din unmittelbar nach der Eroberung von Delhi (1191 n. Chr.) begonnen und die Ibn Batuta, der mohammedanische Reisende, 150 Jahre später mit den Worten gepriesen, dass sie weder an Grösse noch an Schönheit ihres Gleichen habe. Ein wunderbarer Spitzbogen des Eingangs steht noch, 53 Fuss hoch, 22 Fuss breit, umrahmt von schöner Inschrift, die ganze Fläche mit blumiger Zierrath bedeckt. Der Hof ist umgeben von ganz und gar geschmückten Säulen, die nach den Inschriften aus 27 heidnischen Tempeln entnommen wurden; es dürften 1200 gewesen sein; die bilderzerstörenden Mohammedaner haben die Figuren an den Säulen zerstört, nur in einzelnen Ecken sieht man noch Jain-Heilige mit gekreuzten Schenkeln. Altamsh (1210-1236) und Alaud-din (1300) haben neue Höfe an und um die früheren gelegt, ähnlich, wie wir das aus altägyptischen Tempeln kennen, und so Kutb Minar mit eingeschlossen.

In dem ursprünglichen Hof steht der +Eisenpfeiler+, 23 Fuss 8 Zoll hoch, 16 Zoll dick, 6 Tonnen schwer, aus solidem Schmiedeeisen, mit einer Sanskrit-Inschrift aus dem 4. Jahrhundert n. Chr., welche einen Sieg des Rajah Dhava über das Volk der Vahlikas am Indus feiert. Es ist merkwürdig, dass die Hindu schon damals einen so mächtigen Pfeiler aus Eisen schmieden konnten, wie er selbst heutzutage in Europa nicht häufig hergestellt wird. (Nach Professor Reuleaux’s Untersuchung ist der Pfeiler aus kleinen Eisenstückchen zusammengeschweisst.)

In den äussersten Hof führt +Alaud-din’s Thor+, ein viereckiges Gebäude aus rothem Sandstein mit Spitzbogen, der von arabischer Inschrift umgeben wird, mit durchbrochener Marmor-Arbeit in den Fenstern und gekrönt von einer flachen Kuppel: wohl das schönste Beispiel des früheren mohammedanischen oder +Pathan-Stiles+ in Indien.

Ausserhalb des Hofes, an seiner Nordwestecke, liegt das +Grabmal von Altamsh+, das älteste in Indien.

Auf der Rückfahrt von Kutub Minar sah ich, östlich von Safdar Jang’s Denkmal noch die vom Führer so genannte +Halle der+ 64 Säulen, das Grab von Akbar’s Milchbruder. In der Nähe liegt das Grabmal des Dichters +Amir Khusran+, der 1315 zu Delhi gestorben ist, aber in seinen Liedern noch heute fortlebt; ferner das prachtvolle Marmorgrab des heiligen +Nizam-u-din+ (1652), noch heute von den Nachkommen seiner Schwester gepflegt; und endlich das der +Jahanara+, der frommen und gehorsamen Tochter des Schah Jahan. Treu pflegte sie ihren Vater in seiner siebenjährigen Gefangenschaft. (1658-1665) und ist 1681 verstorben. Das Grab ist unbedeckt. Die persische Inschrift des Leichensteins enthält die schönen Verse:

Deckt grünen Rasen auf mein Grab, nichts andres mir behagt. Dies sei das einz’ge Leichentuch der demuthsvollen Magd.

Das Menschengeschlecht ist nur von einer einzigen Art; die indische Prinzessin aus türkischem Stamm hat vor 200 Jahren Worte gewählt, wie sie der romantischen Schule Deutschlands im Anfang unseres Jahrhunderts geläufig waren.

In der Nähe ist ein von dem erwähnten Heiligen geweihter, 40 Fuss tiefer +Teich+, in dem der Sage nach Niemand ertrinken kann. Nackte Knaben stehen auf dem 40 Fuss hohen Dach des angrenzenden Gebäudes, bereit zum Sprung in das Wasser, wenn man ihnen ein Geschenk zusichert. Doch mochte ich den Heiligen nicht versuchen.

Oestlich und in geringer Entfernung von diesen Stätten liegt das Grabdenkmal von +Humayun+, der 1556 n. Chr. gestorben ist. Der Bau hat 16 Jahre gedauert und 15 lakh[536] gekostet und ist das älteste Vorbild für die Taj. Auf einer gemauerten Erhebung steht der von einer Marmorkuppel gekrönte, achteckige Mittelbau mit vier achteckigen Thürmen an den Ecken und vier 40 Fuss hohen, spitzbogigen Eingängen, alles aus rothem Sandstein, mit eingelegten Streifen von weissem Marmor geschmückt: im Gebiet der Grossmogul ein Werk zweiten Ranges, an jeder andern Stelle der Erdoberfläche ein Wunderbau. Hier war es, wo nach der Wiedereroberung Delhi’s am 12. September 1857 Hodson den Mogul-König +Bahadur+ Schah gefangen nahm und am nächsten Tage dessen Söhne mit eigener Hand niederschoss.

1,8 Kilometer nördlich von Humayun’s Grab (etwa 3,5 Kilometer südlich von dem Südostthor, Delhi Gate, der heutigen Stadt) liegt +Indrapat+, eine Veste mit hohen und dicken Mauern, die allerdings von Humayun 1533 ausgebessert sind, aber immerhin an verschiedenen Stellen den Eindruck hohen Alters machen. Eine steile Zufahrt bringt uns an das Südwestthor. Innerhalb der Mauern hat eine ärmliche Hindu-Bevölkerung ihre Hütten aufgeschlagen. Bettelnde Kinder und Frauen umringen nach Zigeuner-Art den Fremdling. +Sher Schah+’s Moschee vom Jahre 1541 ist eine einfache Halle aus rothem Sandstein, mit Marmor und Schiefer eingelegt, mit hohen Bögen und einem Dom: ein durchaus ebenmässiges Gebäude. In der Nähe steht ein achteckiges Gebäude, +die Bücherei von Humayun+, der hier, als er den Aufgang des Abendsterns beobachten wollte, die Treppen herabfiel und an den Folgen der Verletzung gestorben ist.

Südlich von den Südmauern der jetzigen Stadt sind die ganz zerfallenen Ruinen von +Ferozabad+, der Festung, die Feroz Schah Tughlak 1354 erbaut hatte. Auf einem dreistöckigen Gebäude steht der Steinpfeiler (+lat+) des Königs +Asoka+ (257 v. Chr.), von den Siwalik-Hügeln, wo der Jumna in die Ebene tritt, hierher gebracht: die Inschrift, in Pali, verbietet „zu tödten.“ Zur Zeit von Ferok Schah konnte Niemand dieselbe entziffern.

Jaipur.[537]

+Die indische Heilkunde+.

Sonnabend, den 17. December, Vormittags 11½ Uhr, fahre ich von Delhi nach +Jaipur+, wo ich 9½ Uhr Abends ankomme. (Bombay, Baroda and Central India Railway, 191 engl. Meilen = 305 Kilometer, für 15 Rupien. Folglich macht der „Schnellzug“ durchschnittlich nur 30 Kilometer in der Stunde, indem er zwei Mal für längere Zeit hält, in Ulwur über eine Stunde, in Bandikui eine halbe Stunde für das Mittagsessen.)

Ich komme also in die +Rajputana+, jenes grosse Gebiet im nordwestlichen Indien zwischen den Flüssen Indus und Nerbudda, welches, unter Aufsicht eines englischen Beamten, von zwanzig verschiedenen einheimischen Fürsten regiert wird.[538] Unter den letzteren sind nur zwei Mohammedaner.

Das Gebiet der Rajputana misst 330000 Quadratkilometer und hatte 1881 an 10 Millionen Einwohner,[539] von denen 8839000 Hindu, 378672 Jaina, nur 861000 Mohammedaner, 1284 Christen waren.

Von der ursprünglichen Kriegerkaste der +Rajput+ (im Sanskrit Radschaputra, d. i. Königssohn,) leben noch heute 480000 in Rajputana, hauptsächlich als Gross-Grundbesitzer oder als Ackerbauer, voll Stolz auf ihre Abkunft, obwohl sie schon in alter Zeit fremde (scythische, d. h. turanische) Bestandtheile in sich aufgenommen, sicher und würdevoll in ihrem Auftreten.

Das Land wird hügelig; wir durchfahren ein fruchtbares Thal zwischen zwei Felsenreihen, das nur streckenweise enger und dürrer wird, meist aber breit und fruchtbar bleibt. Es liefert jährlich zwei bis drei Ernten. Baumwollenvorräthe sind an den Halteplätzen aufgestapelt. Man erkennt leicht, dass hier die Mohammedaner sparsam geworden. Aber die Hindu sind ein recht schöner Menschenschlag. Leider haben die Pocken bis vor kurzem noch arg gewüthet; viele sind dadurch einäugig geworden.

Abends spät gelange ich in das +Gasthaus zur Kaiserin von Indien+ (Kaiser-i-Hind Hotel), das nach Murray vortrefflich sein soll, in Wirklichkeit ein zwar geräumiges, jedoch dürftig ausgestattetes, mittelmässig verwaltetes Haus darstellt. Mein Zimmer hatte weder Schloss noch Riegel, und als ich darüber meine Verwunderung aussprach, wollten sie +von aussen+ ein Vorlegeschloss befestigen, was ich mir natürlich verbat. Zu weiterer Beruhigung wurde mir der Nachtwächter des Hauses gezeigt, der soeben unter der Vorhalle, dicht bei meinem Zimmer, seinen Platz eingenommen.

Aber kaum war ich eingeschlafen, so wurde ich durch eigenthümliche, gleichförmige Töne wieder aufgeweckt. Mein Rajput sang die Heldenlieder[540] seines Stammes, die durch ungewöhnliche Länge sich auszeichnen, mit lauter, unermüdlicher Stimme in die ruhige Nacht hinaus. Zureden half nicht, zumal er mich nicht verstand. Es blieb mir nichts anderes übrig, als meinen Schirmstock in unzweideutiger Gebärde zu schwingen. Entsetzt über den geringen Kunstsinn des Fremdlings, floh er auf die andere Seite des Vorplatzes, um hier in gesicherter Stellung seine Gesänge unverdrossen weiter zu üben. Aber am nächsten Morgen machte ich dem Wirth meine Empfindungen so klar, dass fernerhin diese nächtlichen Lieder aufhörten.

* * * * *

Der erste mohammedanische Eroberer, Muhamed Ghori, fand (1184 n. Chr.) Delhi besetzt durch den Tomára Clan, Ajmir durch die Chauhanff, Kanauj am Ganges durch die Rhator. Die Uneinigkeit der Hindu-Staaten erleichterte dem Afghanen seinen Sieg. Aber die Rhator-Rajput mit andern Stämmen unterwarfen sich nicht, sondern wanderten südöstlich und gründeten die Königreiche, die bis heute noch ihren Namen (Rajputana) tragen.

Die Rajput erhoben sich gegen die mohammedanischen Sklaven-Könige Nordindiens und gegen ihre Nachfolger, die Khilji und Tuglak. Erst Akbar’s Staatsweisheit gelang es, sie zu versöhnen und als brauchbare Glieder seiner Regierung einzuverleiben. Aber als seine Weisheit und Milde dem engherzigen Glaubens-Eifer seiner Nachfolger Platz machen musste, folgten neue Aufstände, sowohl gegen Jehangir wie auch gegen Aurangzeb. Und, da mit des letzteren Tode auch die Kraft der Grossmogul geschwunden war, machten sich 1715 die Rajput-Fürsten unabhängig.

Nachdem die Engländer 1817 die Pindari-Banden, die Reste der Mogul-Heere, und 1818 die Marathen (Hindu aus dem Dekkan) endgiltig besiegt, traten die Fürsten der Rajputana in ein Lehnsverhältniss zur britischen Oberherrschaft und blieben auch treu zur Zeit des grossen Meuter-Aufstands.

Der wichtigste dieser Schutzstaaten ist +Jaipur+ mit 37000 Quadratkilometer und 2500000 Einwohnern, von denen nicht weniger als 2315000 Hindu sind.[541] Die gegenwärtige Herrscherfamilie fasste Fuss im Lande seit 967 n. Chr., der jetzige Maharadscha[542] ist der 35^{te}; aber die Hofschranzen wissen seinen Stammbaum bis auf Rama, den Helden der Volksdichtung, zurückzuführen. +Jai Singh+,[543] der sternkundige Lehnsfürst des Grossmogul, hat um das Jahr 1728 die Stadt Jaipur gebaut, und zwar, als Mathematiker, ganz regelmässig; ihr auch den Namen gegeben, denn Jaipur heisst Jai’s Stadt; und den Sitz der Regierung von Amber hierher verlegt. Da Amber 1000 Jahre bestanden haben sollte, beabsichtigte er das zweite Jahrtausend in einer neuen Hauptstadt zu beginnen. (In deutschen Büchern liest man, dass erst der Vorgänger des jetzt regierenden Fürsten Jaipur erbaut und die Bevölkerung von Amber nach Jaipur verpflanzt habe. Dr. +Hans Meyer+ dürfte der Urheber dieser unrichtigen Angabe sein.)

Der jetzige Fürst bezieht von seinen Unterthanen ein Steuereinkommen von jährlich 10 Millionen Mark,[544] wovon er allerdings auch die Bedürfnisse des Staates, sowie der zahlreichen Priester zu befriedigen und 800000 Mark als Tribut an die englische Regierung abzuführen hat. Ein königlicher Rath (Durbar) steht an der Spitze der Verwaltung; doch üben die englischen Aufsichtsbeamten einen übergrossen Einfluss aus. Davon werde ich ein merkwürdiges Beispiel mittheilen.

Die Stadt Jaipur liegt unter 27° nördlicher Breite, 1500 Fuss über dem Meeresspiegel, rings umgeben von steilen, mit Vesten gekrönten Felsen, hat gutes Wasser, ein trocknes und gesundes Klima und im Winter eine ganz angenehme Temperatur; durch Handel und Gewerbefleiss, Unterrichts- und Wohlfahrtseinrichtungen ist sie eine der ersten in den einheimischen Staaten. Sie besitzt ein Colleg[545] (Mittelschule) mit 1000 Zöglingen, eine Kunstschule und sogar eine (allerdings etwas schüchterne) Gas-Beleuchtung.[546] Die Zahl der Einwohner betrug 1881 an 142000, im Jahre 1891 über 158000; Jaipur ist also (nächst Haiderabad und Bangalore) der Bevölkerung nach die dritte Stadt in den einheimischen Staaten Indiens.

Am Sonntag, dem 18. December, Morgens früh, war ich bereit zur Besichtigung der Stadt Jaipur. Zur Stelle war der Führer mit höchst mangelhaftem Englisch und noch mangelhafterem Begriffsvermögen.

Hier merkte ich zum zweiten Male, dass die Engländer in Indien die fremden Reisenden doch ganz genau überwachen. Zwar wird nirgends ein Pass verlangt, aber schon vor der Landung muss Jeder den Zoll-Schein +eigenhändig+ unterschreiben. Sie finden die Sendlinge ihrer russischen Freunde[547] ganz gut heraus und begleiten sie durch das Kaiserreich mit zärtlicher Sorgfalt. Sollte einer von jenen die nordwestlichen Vertheidigungs-Pässe von Peschawar oder Quettah besichtigen wollen, so findet er die höfliche Ablehnung schon lange fertig geschrieben vor. Das haben mir britische Officiere erzählt. Vor Allem wird das Reisen in den +Schutzstaaten+ überwacht. Wo es gar keine Gasthäuser giebt, wie in Gwalior, steht das Rasthaus unmittelbar unter dem englischen Aufsichts-Beamten; der Reisende hat diesen schriftlich um Erlaubniss zu bitten.[548] Wo wegen des grösseren Verkehrs schon Gasthäuser nothwendig geworden, wie hier in Jaipur, kann man die +Erlaubniss zur Besichtigung der Paläste+ nur auf schriftlichen Antrag von dem englischen Beamten erhalten. So wird in unmerklicher und auch wenig lästiger Weise die Aufsicht ganz vollkommen geübt; denn, wenn Jemand hier reisen wollte, +ohne+ die Sehenswürdigkeiten zu besichtigen, so würde er erst recht auffallen.

Nach Erledigung dieses Geschäftes, wozu man nur auf den vorgedruckten Zettel seinen Namen zu setzen hat, fuhr ich in einem offnen, von zwei munteren Pferden gezogenen Wagen von dem draussen (im Cantonment) gelegenen Gasthaus nach der Stadt.

Von der Höhe grüsst die Festung im Morgenlicht; auf dem Berg, den sie krönt, ist in Riesen-Buchstaben das Wort +Welcome+ eingelegt. Grosse, mit Baumwolle hoch beladene Wagen, von Ochsen gezogen, kommen uns entgegen. Die Menschen sind meist etwas dunkler, als die, welche ich in den vorigen Tagen gesehen.

Die Stadt Jaipur hat eine vollständige, zinnengekrönte Mauer (von 6 Meter Höhe und 3 Meter Dicke) und sieben feste Thore. Die beiden Hauptstrassen, welche die Stadt regelmässig in vier Quadrate theilen, sind 111 Fuss breit und gut gepflastert. (Die Nebenstrassen sind immer noch 55 und die Gassen 28 Fuss breit; alle kreuzen sich unter rechten Winkeln.)

Höchst seltsam ist die lange, gleichmässige Flucht der Häuser, die einst der gute Fürst für seine getreuen Unterthanen, (servants of the Maharaja nennen sie sich in gelegentlichem Gespräch,) erbauen, mit Thürmchen, Erkern und Zinnen schmücken und durchweg rosig tünchen sowie mit weissen Zierrathen versehen liess.

Man hat Jaipur die schönste Stadt Indiens genannt. Das ist wohl eine Uebertreibung. Heiter sieht sie aus in den Hauptstrassen, namentlich Nachmittags, wenn die seltsamen Gebäude von dem Gewühl der noch seltsameren Menschen gehoben werden. Aber schön ist dieser Bau-Stil nicht; und auch die öffentlichen Gebäude sind mehr blendend, als tüchtig gebaut.

Schon jetzt am frühen Morgen, wo die meisten Läden noch geschlossen waren, sind die Strassen belebt. Man bringt frische Nahrungsmittel in die Stadt. Pfauen stolziren auf den platten Dächern, Affen klettern eiligst darüber fort, dorthin, wo sie ihr Frühstück erwarten; träge sitzen die Geier da, die friedfertigen Strassenreiniger Indiens. Gelegentlich erscheint auf dem Dach auch ein Mensch und macht seine Morgenwaschung. Ungeheure Taubenschwärme werden auf dem grossen Marktplatz gefüttert. Müssige Buckelochsen naschen mit von den Körnern.

Natürlich wurde ich zuerst in einen grossen +Laden+ geschleppt, wo die berühmten Metallwaaren und Gewebe des Ortes feilgeboten werden: so geschäftskundig sind doch die dümmsten Führer in Indien. Doch hatte er mit mir kein Glück.

Hierauf verliessen wir wiederum die Stadt und fuhren nach dem prachtvollen +Park+ ausserhalb der Mauern, der als der schönste von Indien gepriesen wird. Seine Ausdehnung misst 70 Acres oder 28 Hektaren; die Kosten der Herstellung betrugen 400000 Rupien, die Unterhaltung erfordert jährlich 30000 Rupien.

In dem Garten ist eine Bronze-Bildsäule des +Lord Mayo+ errichtet, welcher von 1869 bis 1872 Vicekönig von Indien gewesen, eine Reihe wichtiger Verbesserungen eingeführt und bei dem Besuch der Verbrecher-Colonie auf den Andamanen-Inseln durch die Hand eines Mörders sein Leben eingebüsst hat.

In dem Garten sind +Vogelhäuser+ mit Riesen-Pfauen, auch den schneeweissen aus Kabul, und Prachthähnen, sowie einige Käfige mit +wilden Thieren+, namentlich mit +Tigern+.

Während es bei uns üblich ist, den Besuchern das Necken der Thiere zu verbieten, erlaubt sich dies hier unaufgefordert der Wärter: er reizt den Tiger zu höchster Wuth und -- hält dann die Hand auf, um ein Trinkgeld von dem Reisenden zu empfangen. Dabei hat er früher bei einer solchen Gelegenheit seinen rechten Arm eingebüsst! Natürlich erzählt der Führer, dass alle diese Tiger, die hier eingesperrt werden, +Menschenfresser+ seien; der eine habe fünfzehn, der andere zehn, der dritte sieben Menschen vertilgt. Für gewöhnlich lebt der Tiger in Indien von Hirschen, Antilopen, Wildschweinen. Wo diese reichlich vorhanden sind, greift er nicht einmal das Vieh an. Hat er aber erst Menschenblut gekostet, (und den Hirt fängt er leichter, als ein Stück seiner Heerde,) so beginnt er fürchterlich zu wüthen.

Ein einzelner Tiger hat 118 Menschen binnen drei Jahren getödtet, ein zweiter 80 in einem Jahre, ein dritter verödete zwölf Dörfer und 250 englische Quadratmeilen, ein vierter hat im Jahre 1869 an 127 Menschen getödtet und eine Landstrasse für viele Wochen unwegsam gemacht, bis ein Europäer kam und ihn niederschoss. Noch im Jahre 1890 wurden 798 Menschen und 29275 Stück Vieh von Tigern getödtet, und 36000 Rupien an einheimische Jäger für Erlegung von 1200 Tigern ausgezahlt.

+Gefangen+ werden die Tiger in Gruben, indem man Gebüsch lose darüber legt und einen Ochsen als Lockspeise passend befestigt; in der Grube belässt man das Raubthier, bis es vor Hunger ganz kraftlos geworden und unfähig, sich zu rühren: dann wird es in den Eisenkäfig gebracht und zur Schau ausgestellt.

Der Hauptschmuck des Gartens ist +Albert Hall+, ein neues Gebäude, zu dem der Prinz von Wales 1876 den Grundstein gelegt, und das mit den luftigen Hallen und offenen, kuppelbedeckten Thürmchen der Hindu-Baukunst munter emporragt. Unten ist eine grosse Tanzhalle, an deren Wänden die Bilder der Vorfahren des Maharajah (von 1500 n. Chr. an) aufgemalt sind; und weite Gänge mit grossen Wandgemälden aus den altindischen Heldengesängen, nach älteren Vorlagen ausgeführt. Das Innere ist ein +Kunstmuseum+; dasselbe enthält die Ergebnisse der berühmten Kunstgewerbe-Ausstellung Indiens, die der Fürst 1883 hier in seiner Hauptstadt veranstaltet hatte, und erfreut sich einer stattlichen Zahl von Besuchern. (150000 im Jahr.) Von allen Sammlungen der Art, die ich in Indien gesehen, ist dies die +vollständigste+. Natürlich berücksichtigt sie am meisten die heimischen Erzeugnisse. Da sieht man die Metallwaaren von Jaipur, eingelegte Schalen, Schwerter, Streitäxte, Schilde u. dgl.; Schmelz auf Gold, Silber, Kupfer, wofür die Stadt besonders berühmt ist; Gold- und Silberarbeiten mit Granaten; Elephanten, Tiger, Götterbilder aus dem weissen Marmor von Jaipur mit wirkungsvoller Bemalung; gefärbte und gedruckte Baumwollenwaaren, alles mit der Hand gearbeitet, Stickereien, Schmucksachen aus Pfauen-Federn.

Bei den Gegenständen, die aus den andern Staaten und Provinzen herrühren, will ich nicht verweilen. Aber von freudigem Staunen ward ich ergriffen, als ich plötzlich auf einem Tisch Alexander den Grossen von unserem Prof. +Herter+ erblickte, offenbar als Muster, um den Blick und Geschmack der Einheimischen zu bilden.

Es giebt auch eine wirkliche +Kunstschule+ in Jaipur, welche Metall- und Schmelz-Arbeit, Stickerei und Kunstweberei nach den alten Mustern neu beleben soll.

Inzwischen war der Tag weiter vorgerückt, die Zeit mehr geeignet, um die +Stadt selber+ genauer in Augenschein zu nehmen. Die lange Reihe der einander ähnlichen Häuser in der ersten +Hauptstrasse+, alle rosenroth getüncht und mit weissen Verzierungen, theils in Stuck, theils in Bemalung, erinnert uns lebhaft an die Honigkuchen mit rothem Ueberzug und weissem Zuckerguss. Hübsch sind die durchbrochenen Steingitter in dem Vorbau des Oberstocks, aus dem zurückhaltende Frauen ungesehen das Treiben auf der Strasse betrachten können.

Die unteren Stockwerke öffnen sich nach der Strasse mit +Läden+, unter deren weissem Sonnendach die Käufer Halt machen. Vor den Läden, welche neben den einheimischen Waaren die von Kaschmir, Cawnpur und -- Manchester feilhalten, sind noch Buden angebracht.

Der +Marktplatz+ am Schnittpunkt der beiden Hauptstrassen ist rings um den in der Mitte befindlichen Brunnen mit Buden und ferner mit Ständen der Fruchthändler bedeckt, die gegen die Sonne ein grosses Schutzdach aus Flechtwerk, wie eine Staffelei, aufstellen. Die Männer aus dem Volke tragen ein weisses Käppchen (oder eine Art Turban) und einen weissen Rock nebst Schurz (oder Hosen); die Frauen schlagen grosse Tücher (Sari) um, und rahmen damit das Gesicht ein. Ihre Nasenringe werden durch Speichen und concentrische Ringe zu förmlichen Räderchen. Die Zahl der aus einer bemalten und vergoldeten Gummi-Masse verfertigten Armbänder wächst in’s ungemessene. Geduldig hockt die jugendliche Schöne, die schon sechs bis acht Armbänder an jedem Arm trägt, vor einem Laden, lässt ihre Armweite messen, den neuen Ring aussuchen, durchschneiden, die Schnittenden erwärmen, und dann das begehrte Schmuckstück bleibend an dem Arm zu den übrigen befestigen.

Schaaren von Tauben beleben den Markt, Ochsenfuhrwerke beengen den Platz. Uebrigens sind hier zu Lande die ältesten Ochsen +Grünhörner+ im wahren Sinne des Wortes, d. h. ihre Hörner sind mit grüner Farbe bestrichen. Gelegentlich kommt ein Kameel oder Elephant. In verschlossenen Sänften werden Tänzerinnen vorübergetragen. Unablässig fluthet der Menschenstrom. Das ganze Bild hat für uns Nordländer etwas Märchenhaftes. Alle Leute scheinen freundlich und zuvorkommend. Die echten Rajput, mit schön gepflegtem Backenbart, welche das Schwert in der Scheide ohne Gehänge in der Hand, wie wir den Spazierstock, tragen, sind voll Würde und Selbstbewusstsein, ganz andere Leute, als die Bengali. Gelegentlich sprengt auch auf weissem Ross ein adliger Rajput vom Lande einher, bis an die Zähne bewaffnet, mit Flinte, Pistole, Schwert und Dolch, während seine Leute ihm schreiend Platz zu machen suchen.

Der Palast des Maharajah, von einer zinnengekrönten, noch von Jai Singh erbauten Mauer rings umgeben, liegt in der Mitte der Stadt und bedeckt mit seinen Gärten ein +Siebentel+ ihrer Flächenausdehnung.

Nahe dem Haupteingang erhebt sich der +Himmelsthurm+, der von dem Rajah Ischwari erbaut wurde, um die Stadt zu überschauen, aber dem gewöhnlichen Sterblichen nicht zugänglich ist.

Die Soldaten in den Wachtstuben sind gemüthliche Kerle, in rother, zerschlissener Uniform, zum Theil mit alten Feuerstein-Flinten -- ohne Stein. Höchst seltsam sehen einige ältere aus, die nach der in Indien üblichen Sitte ihr graues Haar fuchsroth gefärbt haben.

Der Haupttheil des Palastes (+Chandra Mahal+) ist ein in sieben sich verjüngenden Stockwerken mit luftigen Hallen emporsteigendes Gebäude aus neuerer Zeit, -- wenn man will, in indisch-italienischem Stil; unzugänglich, da es die Privatgemächer des Herrschers und die Zimmer der Frauen enthält.

Offenbar ist der Geschmack durch europäischen Einfluss rasch verschlechtert worden. Denn die in dem schönen, schattigen Garten gelegene zierliche Audienzhalle aus weissem Marmor hat jüngst eine schreckliche Bemalung bekommen; und die Billard- und Garten-Zimmer sind leider in dem europäischen Ungeschmack der heutigen Zeit eingerichtet.

Ein andrer Theil der Palastbauten, der einzige, den man von der Strasse aus sehen kann, ist die Halle der Winde (+Hawal Mahal+), auch von Jai Singh, sechsstöckig sich verjüngend, mit zahllosen, kleinen, unregelmässig angeordneten Fensterchen und Kuppeln, -- von den Begeisterten, wie Sir Edwin Arnolds, hoch gepriesen,[549] aber in der That ein mehr abenteuerlich-kühnes, als schönes Machwerk aus Stuck.

Jetzt wohnt hier, wie ich hörte, die Mutter des Fürsten.

Innerhalb der so geräumigen Umwallung des Palastes liegt noch eine Waffensammlung, ein Parade-Platz, ein Gerichtsgebäude und eine Staatsdruckerei.

Ferner eine Sternwarte, die natürlich von Jai Singh herrührt, aber unter seinen unkundigen Nachfolgern in Trümmer gesunken ist.

Besser gehalten sind die +Ställe+, wo gute Araber-Rosse für den Fürsten gepflegt werden. Mit Begeisterung zeigt man dem Reisenden den Gold- und den Silber-+Prunkwagen+ des Fürsten und ist erstaunt, wenn jener nicht in die Bewunderung einstimmt.

Merkwürdiger ist uns die stattliche Heerde von +Elephanten+, die auf einem grossen Hof angekettet sind; zum Theil Reit-Thiere, deren Bekanntschaft ich bald machen sollte, zum Theil bestimmt, bei festlichen Gelegenheiten mit einander zu kämpfen.

In der Nähe dieses Hofes liegt, grade ausserhalb der Stadtmauer, der +Krokodil-Teich+.[550]

Eine steile Böschung mit 3 Fuss hoher Ufer-Mauer schützt den Garten; aber die Wiese jenseits des Teiches ist ungeschützt: gelegentlich sollen die Krokodile auch nächtliche Wanderungen nach dem See von Amber unternehmen. Die riesigen und hässlichen Thiere ruhen träge auf einer flachen, schlammigen Halbinsel und werden durch lautes Geschrei der Einheimischen, Männer und Knaben, die um den Reisenden sich versammelt haben, ermuntert und angelockt und schwimmen (aber nicht pfeilschnell, wie es in Kinder-Büchern heisst, sondern hübsch langsam,) auf die Böschung zu. Mein Führer hatte schon 8 Annas von mir erbeten und ein Hammelgekröse mit Lungen und Leber gekauft und an einen langen Strick festgebunden. Jetzt beginnt die Neckerei. Das Ungethüm sperrt den ungeheuren Rachen auf und erwartet in seiner Faulheit, dass ihm die Atzung hinein geworfen werde. Aber man wirft sie daneben und zieht sie schnell fort, ehe das Thier sich wenden und zuschnappen konnte; und wenn es ihm schliesslich gelungen ist, einzubeissen und zu schlucken, so zieht die ganze Mannschaft aus Leibeskräften am Seil, bis dieses zerreisst und das Ende mitsammt der Speise in den Magen des Reptils verschwindet.

Ein höchst anmuthiges Bild gewährt eine behende Gabelweihe, die in raschem Fluge, sozusagen aus dem Rachen des Krokodils, ihren Antheil an der Beute herausholt.

Bei meinem Hin- und Herfahren hatte ich zwei Mal Gelegenheit, den +Fürsten+ zu sehen. Derselbe zeigt sich dem Volke ohne grosse Förmlichkeiten. Im offenen Wagen, von zwei raschen Rossen gezogen, fährt er aus dem Thore des Palastes nach seinem Gartenhaus, gefolgt von einigen gut bewaffneten Lanzenreitern. Es ist ein sehr stattlicher Mann, mit hübschem, leicht gebräuntem Antlitz und gut gepflegtem Bart, in verhältnissmässig einfacher Gewandung; den Gruss des Reisenden erwiedert er ebenso freundlich wie würdevoll.

+Tempel+ giebt es genug in Jaipur, soll doch der Fürst die Hälfte des Staatseinkommens auf Priester und Tempel verwenden; aber grossartig sind diese Bauten nicht. Der berühmte +goldne+ Tempel ist ein offner Hof mit Säulenhallen, die Marmorwände spärlich mit Gold bemalt, im Hintergrund die üblichen Götzen und verschlossenen Schreine.

Ich sah noch ein Paar andre, die auch solche Hallen darstellen und eine Bildsäule von Schiwa’s Stier enthalten. Von weiteren Sehenswürdigkeiten sind noch zu erwähnen die +Grabdenkmäler+ der Fürsten, ausserhalb der Stadt, in einem schönen Garten, dessen Baumwipfel voll sind von ehrwürdigen, graubärtigen Affen; das von Jai Singh ist aus weissem Marmor, besteht aus einem hohen Unterbau, zwölf schön verzierten Säulen, und einem gerippten Dom. (Es sind +Leergräber+ oder Gedenk-Bauten; solche sind erst unter mohammedanischem Einfluss, seit Akbar’s Zeiten, von den Hindu errichtet worden.)

Der alte +Garten+ (Rambagh) mit Häuschen und Kiosk, wohin der träge Führer seinen Reisenden, kopfschüttelnd über diese Unermüdlichkeit, hingeleitete, lohnte kaum das darauf verwendete Stündchen.

Das +Hauptvergnügen+ in Jaipur besteht darin, gegen Abend durch die Hauptstrassen zu fahren, dann auszusteigen und das Gewühl des Völkchens aus der Nähe zu betrachten. Zum Schluss fährt man nach dem freien Platz vor +Albert Hall+, wo die vornehme Welt erscheint, um Neuigkeiten auszutauschen und den Klängen der Musikbande des Maharadscha zu lauschen.

Der englische Arzt in Jaipur, welcher gleichzeitig Verwalter von Albert Hall ist, zeigte mir den hochmögenden Residenten und seine Damen; ich sah, wie gut diese es verstehen, die ehrerbietige Höflichkeit der einheimischen Grossen, z. B. des Bruders vom Maharadscha, herablassend entgegenzunehmen.

Mit hereinbrechender Dunkelheit fährt man nach Haus, zum Abendessen. Danach ist in der Vorhalle des Gasthauses ein förmlicher Markt von +einheimischen Verkäufern+. Ich selber, der ich unterwegs, ausser den nöthigen Dingen, fast nur Photographien und Bücher kaufe, da ich es für aussichtslos halte, mir ein befriedigendes Museum anzulegen, war beschämt und empört über das Feilschen wohlhabender Engländer, die dem hungrigen Handwerker seine Arbeit für einen gradezu elenden Preis abdrücken. Aber was soll der Arme machen? Geld hat er nicht, warten kann er nicht; er muss schliesslich nehmen, was ihm geboten wird, da er von der Hand in den Mund lebt.

Hier müssten anständige Gross-Kaufleute dazwischen treten, welche die fertigen Erzeugnisse abnehmen und auf dem europäischen Markt absetzen; sonst geht das indische Kunsthandwerk zu Grunde, da die Kaufkraft der Einheimischen seit der englischen Herrschaft so erheblich abgenommen hat.

Der +Haupt-Ausflug ist nach Amber+.[551] Montag, den 19. December, stehe ich um 6½ Uhr auf; es ist noch ziemlich dunkel vor Sonnenaufgang.

Um 7 Uhr fahren wir fort, durch die erwachende Stadt und wieder heraus, durch die Grabdenkmal-Stätte, vorbei an einem friedlichen See, in dem aber Krokodile hausen sollen, und aus dem inselartig ein verfallener +Wasserpalast+ des Fürsten emporragt.

Die Strasse beginnt zu steigen und gewährt einen hübschen Rückblick auf Jaipur mit seinen zwei Thürmen und dem hohen Palast des Fürsten. Wir halten. Der von dem Residenten im Namen des Maharadscha gesendete, auf Stirn und Schultern bemalte, schön aufgeschirrte Elephant ist zur Stelle und kniet nieder; ich steige mittelst der kleinen Leiter empor, ebenso mein Führer sowie der Lenker des Thieres: und fort geht es, 3½ Kilometer weit. Der vorsintfluthliche Passgang des Ungethüms ist nichts weniger, als angenehm.

Aber was hilft es? Der Wein des Landes muss getrunken werden. Ein Soldat begleitet mich, er ist mit Turban und schmutzig weissem Gewand bekleidet und ein wahres Sinnbild des Friedens, denn seine einzige Waffe ist ein Schild.[552] In dem Buschwerk zur Seite des Weges sollen Tiger und Bären hausen, doch lassen sie sich nicht blicken.

Wir steigen weiter bergan und gelangen zu einem zweiten See. Hier enthüllt sich uns ein +wunderbares Schauspiel+: oben auf dem hohen Felsen die alte Festung mit weithin über die Bergrücken fortlaufenden Schutz-Mauern, auf mittlerer Höhe der Palast, und noch niedriger, an der Mündung einer Felsschlucht, die verlassene Stadt +Amber+.

Die Stadt ist sehr alt, da sie schon von Ptolemaeus erwähnt wird; im Jahre 1037 n. Chr. wurde sie von den Rajput erobert und dann gehalten, bis sie im vorigen Jahrhundert aufgegeben und verlassen ward.

Weiss schimmert der mächtige Palast, von welchem zinnengekrönte, mit festen Thürmen und Thoren versehene Mauern bis zu dem See und dem in das Wasser vorspringenden Garten hinabziehen. Hoch ragt der luftige Balkon, in dieser märchenhaften Einsamkeit.

Man Singh hat im Jahre 1600 den Palast begonnen, also zu einer Zeit, wo die Hindu-Baukunst schon von ihrer frischen Urwüchsigkeit eingebüsst und deutliche Spuren von Akbar’s Einfluss angenommen; immerhin ist es eines der bedeutendsten Denkmäler seiner Art, im Innern reich geschmückt durch Elephanten-Capitäle, Bildsäulen von Menschen und Thieren, welche den mohammedanischen Bauwerken abgehen, sowie durch Wandschmuck in Farben und Spiegeln. Jai Singh hat vor 1728 den Bau vollendet.

Von aussen sieht der Palast wie eine Festung aus: hohe, mächtige Mauern, nur mit kleinen, hochgelegenen Fenstern, getheilt durch pfeilerartig vorspringende Thürme, das platte Dach überragt von einem scheinbar regellosen Gewirr niedriger Gewölbe und säulengetragener Kuppeln.

Am ersten Thor harren einige ziemlich mittelmässig bekleidete und bewaffnete Soldaten. Nach dem ersten Hof, der von Diener- und Wirthschaftsgebäuden umgeben ist, kommt man durch ein mächtiges Thor zu einem zweiten, weiss und roth gepflasterten Hof, auf dem die öffentliche +Audienz-Halle+ steht. Die Marmorsäulen, in zwei Reihen angeordnet, tragen auf stilisirten Elephanten-Köpfen ein massives Gebälk, auf dem noch als zweites Stockwerk eine Empore mit durchbrochener Marmor-Arbeit ruht. Die Pracht dieser Halle soll den Neid von Jehangir erregt haben, so dass der damalige Fürst, Mirza Rajah, das Ganze mit Stuck bedecken liess, um sein Werk vor Zerstörung zu schützen.

Aber rasch erfolgte der Verfall des Geschmacks, unter dem europäischen Einfluss. Das Billardzimmer, hinter dieser prächtigen Halle, ist weiss getüncht und mittelst durchbrochener Vorlagen übermalt, wie es bei uns vor Einführung der Papiertapeten üblich war!

Zur rechten Seite der Halle steht ein kleiner Tempel, in dem der blutgierigen Kali oder Durga (Schiwa’s Gattin) jeden Morgen eine Ziege geopfert wird. Der Fürst zahlt monatlich 17 Rupien für die Lieferung der Thiere. Die Priester, aus einer besonderen Kaste, verzehren die besten Stücke und verkaufen den Rest des Fleisches.

Der eigentliche Palast, in den man vom Hofe durch das berühmte +Thor Jai Singh’s+ eintritt, ein Wunder der Kunst mit durchbrochener Arbeit in den Fenstern und zierlichen Erkern, ist trotz des Verfalls noch bewohnbar und wird auch gelegentlich noch vom Fürsten als Sommer-Wohnung benutzt. In der sogenannten Sieges-Halle (Jai Mandir) ist Fussboden und Wandbekleidung aus Marmor und Alabaster; kleine Spiegel sind überall an Wänden und Decken angebracht, durch eingelegte Spiegelstückchen an den Wänden grosse Verzierungen, z. B. Blumenkörbe, gebildet; ausserdem farbige Vögel, Blumen, Arabesken in die Alabaster-Täfelungen eingelegt.

Von dem platten Dach hat man eine schöne Aussicht auf den See und die verödete Stadt Amber. Hier oben ist auch eine kleine Umfriedigung, die als Privat-Audienzhalle bezeichnet wird, ein lauschiges Plätzchen.

Durch die Rauch- und Wohnzimmer des Maharadscha, welche mit Marmor und eingelegtem Glas geschmückt sind, durch lange gedeckte Gänge, durch grosse mit Perlmutter eingelegte Sandelholzthüren komme ich zu dem Bad, das ganz und gar aus gelblichem Marmor besteht, und zurück zu dem ersten Hof, wo ich mein Frühstück einnehme, mit dem Blick auf die tiefer liegende Stadt, welche durch Herrscherlaune plötzlich entvölkert worden.

Ganz leer ist sie aber auch heute nicht, wie man bei der Durchwanderung sieht. 2000 Arme, sowohl Hindu als auch Mohammedaner, haben in den zerfallenden Häusern sich angesiedelt. Aus dem reich geschmückten Fenster eines ehemaligen Palastes guckt neugierig der Kopf eines Knaben mit struppigem Haar und schmutziger Kappe hervor.[553] Ein Hindu-Tempel steht hier, der nach der Angabe meines Führers 700 Jahr alt sein soll; +Murray+ sagt gar nichts davon: jedenfalls ist er grossartiger, als alle Tempel, die man in der neuen Stadt Jaipur zu sehen bekommt. Der Thurm hat die gewöhnliche Form der Bischofsmütze. Das Innere ist, wie gewöhnlich, dunkel. Davor steht eine offene Halle, deren Säulen reichen Schmuck an grossen und kleinen Figuren (unten an dem Fusse wie oben über dem Knaufe) tragen und oben noch stilisirte Elephanten-Köpfe, deren gewundene Rüssel einander mit den herabhängenden, wie Lotosblumen gestalteten Enden berühren.

Auf der Rückfahrt sehe ich die +Dungkuchen-Herstellung+, eine Handarbeit, die Aristophanes hätte sehen sollen, ehe er seinen „Frieden“ verfasste. Muntere Mägdelein lesen den Kuhdung von der Strasse auf, bilden geschickt und schnell mit den Händen daraus platte Kuchen, häufen dieselben in Körbe und tragen auf dem Haupte zur Stadt die kostbare Last, welche dem Hindu zur Feuerung dient und das in dem alten Cultur-Land schon sparsam gewordene Brennholz ersetzt. Die Aussen-Wände ihrer Hütten sind wie gespickt mit solchen plattgeschlagenen Kuhfladen, welche dort trocknen, bis sie gebraucht werden. Wie die Regierung des Maharadscha väterlich für die Unterthanen sorgt, ersieht man aus zahlreichen fast mannshohen Steinbänken längs der öffentlichen Wege: die auf dem Kopf getragene Last wird bequem abgesetzt und nach der Ruhe ohne fremde Hilfe wieder aufgenommen.

* * * * *

Da ich in der guten Stadt Jaipur zwei volle Nachmittage frei und einen bequemen Wagen zur Verfügung hatte, so beschloss ich hier, in dem ersten einheimischen Staate Indiens, den ich besuchte, den Spuren der +altindischen Heilkunde+ nachzugehen, die vielleicht bis auf unsre Tage sich gerettet: für den Liebhaber der Culturgeschichte eine anziehende Aufgabe.

Die Heilkunde hat in der +brahmanischen+ Zeit selbständig sich entwickelt. Eine gewisse Kenntniss der Zergliederung war nöthig für die Opfer. Die Heilkunde wurde als eine Upa-Veda (oder ergänzende Offenbarung) bezeichnet und unter dem Namen Ayur-Veda (oder Offenbarung vom Leben) den +Göttern+ zugeschrieben. Die Krankheitsnamen, die in der Sanskrit-Sprachlehre von Pánini (350 v. Chr.[554]) vorkommen, zeugen für eine alte Pflege der Heilwissenschaft. Fanden doch auch schon die Begleiter Alexander’s ausgezeichnete Aerzte in Indien vor, deren Erfahrung in der Behandlung des Schlangenbisses sie besonders rühmten. Aber die wirklichen Quellen der indischen Heilkunde, die unter dem Namen des +Susruta+ und +Charaka+ überlieferten Schriften, gehören den +späteren+ Zeiten der Sútra oder Ueberlieferungen an. +Wann+ sie in der jetzigen Form niedergeschrieben worden, ist noch nicht ermittelt.

Ein gewaltiger Streit unter den Gelehrten ist entbrannt, ob die indische Heilkunde selbständig oder von den Griechen beeinflusst sei. Wie bei den Forschern über Alt-Aegypten, so giebt es bei den über Alt-Indien zwei Parteien: die einen erheben die Kenntnisse ihrer Schützlinge bis in den Himmel, die andern wollen kein gutes Haar an ihnen lassen. Aber die indischen Schriften der Heilkunde, ungleich denen über Sternkunde, erwähnen niemals die Yavana oder Griechen, enthalten auch keinen Kunstausdruck, der auf fremden Ursprung hinweist. Noch wichtiger scheint mir, dass die Inder einzelne Operationen kannten und übten, die den Griechen stets unbekannt geblieben, ja die wir Europäer erst im Anfang dieses Jahrhunderts staunend von ihnen gelernt haben.

Ist auch ihre Krankheitslehre ganz verworren, ihre Kenntniss vom Bau und der Verrichtung des menschlichen Körpers vollkommen ungenügend, ihre Heilkunde mit Bezauberungen und frommen Gesängen verbrämt; so sind doch ihre allgemeinen Regeln staunenswerth und auch noch heute nachahmungswürdig. Der Arzt soll seine Kranken wie seine Kinder betrachten und behandeln. Das vorzüglichste aller Werkzeuge ist die Hand. Nur die Vereinigung der Heilkunde und der Wundarzneikunst bildet den vollkommenen Arzt; ein Arzt, dem die Kenntniss eines dieser Zweige abgeht, gleicht einem Vogel mit nur +einem+ Flügel.

Die Blüthezeit der indischen Heilkunde scheint übrigens mit der des Buddhismus (250 v. Chr. bis 750 n. Chr.) zusammenzufallen. Oeffentliche Krankenhäuser für Menschen und, was für die Entwicklung der Heilkunde gewiss recht wichtig war, auch für Thiere bestanden in jeder grossen Stadt. König Asoka, der Constantin der Buddha-Lehre, der seine vierzehn Befehle durch ganz Hindostan zwischen Peschawar und Orissa auf Felsen und Säulen eingraben liess, gebot in dem zweiten: Regelmässige ärztliche Hilfe für Menschen wie für Thiere ist zu beschaffen, die Landstrassen sind mit Brunnen und Baumpflanzungen zu versehen.

Die Erfahrungen der Jahrhunderte wurden aufgespeichert und bildeten den Grundstock für die erwähnten Schriften.

Als der heutige Hinduismus entstand (750-1000 n. Chr.), und die Kasten sich fester ausbildeten, gaben die Brahmanen die Ausübung der Heilkunde auf. Die Mohammedaner traten an ihre Stelle; arabische Uebersetzungen der indischen Heilschriften waren schon unter den Kalifen von Bagdad (750-960 n. Chr.) angefertigt worden, der Name Charaka kommt oft vor im Avicenna und Rhazes. Persische Auszüge und Uebersetzungen sind vorhanden und mit den indischen Urschriften verglichen worden.

In der Mitte unsres Jahrhunderts haben die Engländer Schulen der Heilkunde in Indien errichtet. Die in Calcutta und Bombay haben englische Vortragssprache und Lehrer. Die letzteren sind gewöhnlich Militärärzte, die eine lange Praxis in Indien geübt, aber darum doch noch nicht immer Lehr-Begabung und theoretische Kenntnisse besitzen. Das konnte ich gelegentlich wohl bemerken.

Ausserdem giebt es noch einige Schulen der Heilkunde mit einheimischer Vortragssprache, z. B. in Lahore und Agra. Im Jahre 1891 waren unter den Studenten der Heilkunde in Indien 1677 Hindu, 336 Mohammedaner, 538 eingeborene Christen, Parsi, Eurasier, Europäer. Mein Gewährsmann für diese Zahlen (+Hunter+), erwähnt nicht die weiblichen Studenten, doch habe ich solche in Calcutta gesehen; sie sind für die Behandlung von Frauen und Kindern in Indien recht brauchbar. 228 Schriften zur Heilkunde sind 1890 in einheimischen Sprachen Indiens veröffentlicht worden.

Von allen Leistungen der indischen Wundarzneikunst erregten natürlicher Weise zwei hauptsächlich meine Wissbegier, die +Nasenbildung+ und der +Star-Stich+.

Wenn auch das Abschneiden der Nase heutzutage nicht mehr, wie früher, als +gesetzliche Strafe+ in Indien vorkommt; so ist es doch noch +Sitte+ in den einheimischen Staaten, dass der beleidigte Gatte die Ehebrecherin zu Boden drückt und so verstümmelt. Aber nirgends, auch hier in Jaipur nicht, vermochte ich einheimische, ungelehrte Handwerker, welche die Nasen-Neubildung ausüben, aufzufinden, oder von ihnen etwas zu erfahren; die Nasenbildung +wird+ ausgeführt in Indien, aber nicht mehr, wie es am Ende des vorigen Jahrhunderts englische Aerzte als Augenzeugen gesehen, von Mitgliedern der +Ziegelstreicher-Kaste+, sondern von Schülern der englischen Universitäten und Krankenhäuser.

Eines aber wollen die abfällig Urtheilenden unsrer Sanskritgelehrten beachten: die Nasenbildung und die ganze plastische Wundarzneikunst in Europa hat doch erst ihren neuen Aufschwung genommen als jene Kunststückchen der indischen Handwerker bei uns bekannt geworden waren.

Der +Star-Stich+[555] war den alten Griechen während ihrer Blüthezeit gänzlich unbekannt; weder in den Hippocratischen Schriften noch bei Aristoteles und Plato findet sich eine Spur davon. +Celsus+ (zur Zeit Nero’s) hat nach griechischen Quellen die erste Beschreibung geliefert; +Galen+ (im 2. Jahrhundert n. Chr.) erwähnt, dass es zu seiner Zeit in den Weltstädten Alexandria und Rom Fach-Aerzte für den Star-Stich gab; +Paulus von Aegina+ (im 7. Jahrhundert n. Chr.) hat in seiner Wundarzneikunst eine mustergiltige Schilderung des Star-Stichs und der Vor- und Nachbehandlung, nach den verloren gegangenen Schriften des grossen Galen, uns überliefert. Die +Araber+ des Mittelalters beschreiben sowohl die griechische Methode des Star-Stichs, mit einer eingestochenen spitzigen Nadel die Linse niederzudrücken, als auch eine zweite, etwas abweichende, erst mit einem Messerchen einen kleinen Schnitt durch die harte Haut des Auges bis in’s Innere anzulegen und darauf mit einer stumpfen Nadel den Star nach unten zu verschieben.

Von den Arabern haben im Mittelalter die Europäer ihre Heilkunde erlernt, etwa seit dem Jahre 1000 n. Chr.; und vier bis fünf Jahrhunderte später, nach dem Wiedererwachen der Wissenschaften, auch Zutritt zu den griechischen Quellen gewonnen; endlich in der Neuzeit ihre selbständige Forschung begonnen. Erst seit zwei Jahrhunderten ist in Europa die Staroperation durch wissenschaftliche Wundärzte den umherwandernden rohen Starstechern entwunden worden.

Erst in unserem Jahrhundert hat man bemerkt, dass das zweite Verfahren der Araber in Susruta’s Werk beschrieben ist. Europäische Aerzte haben diesen indischen Star-Stich von Empirikern in Indien ausführen sehen, auch in West-Asien bis nach Stambul; einzelne wandernde Star-Stecher sind sogar aus Asien nach Europa gekommen, nach Russland, nach England; im vorigen Jahre, grade als ich in Indien weilte, ist ein schlimmer Geselle der Art, Gholam Kader aus Singapur, in Berlin gewesen, hat aber, nachdem er verschiedene Augen zerstört oder geschädigt, unsre Hauptstadt wieder verlassen müssen.[556]

Die so bedeutungsvolle Frage der Geschichte, +welchem Volke+ (oder gar welchem Manne) die Erfindung des Star-Stichs zuzuschreiben sei, scheint mir zur Zeit völlig unlösbar.

Die Griechen dürften es nicht gewesen sei, da sie vor der Zeit ihres Verfalls und der genaueren Bekanntschaft mit den sogenannten Barbaren in Afrika und Asien gar nichts davon wussten. Den Aegyptern es zuzuschreiben ist leicht, aber unwissenschaftlich, da wir gar keine Belege dafür besitzen. Den Indern das zweite Verfahren zuzusprechen ist thunlich, da es ihnen offenbar angehört; das erste kann als eine Vereinfachung aus dem zweiten hervorgegangen sein.

Von wissenschaftlich gebildeten Wundärzten Europa’s wurde beim Greisen-Star der Star-Stich (ungefähr nach dem griechischen Verfahren) bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts regelmässig, seitdem seltner geübt und um die Mitte unsres Jahrhunderts gänzlich aufgegeben zu Gunsten des Star-Schnitts.

Die harte Linse der Greise, wenn sie in die Tiefe versenkt ward, löst sich nicht auf und kann eine dauernde Quelle der Gefahren bilden, so dass die ursprünglichen Verluste des Star-Stichs (15 Procent) bei längerer Beobachtung bis auf 50 Procent ansteigen. Dagegen ist der +Star-Schnitt+ durch Verbesserung der Wundbehandlung sehr sicher geworden, so dass man nur in wenigen (1 bis 2) Procenten Verlust erlebt und bleibenden Erfolg in den geheilten Fällen.

Sowie ich in Calcutta an’s Land stieg, hörte ich von den englischen Aerzten, was ich schon vorher gelesen,[557] dass die unwissenden und unsauberen einheimischen Quacksalber durch ihren Star-Stich die Augen zerstören, und dauernde Erfolge überaus selten seien. Aber, obwohl doch nur diejenigen von den so Operirten das englische Krankenhaus aufsuchen, welche mit den Erfolgen ihrer Star-Stecher unzufrieden sind, konnte ich so erhebliche Misserfolge nicht zu Gesicht bekommen. Bei einer 50jährigen Frau, die vor Jahren mittelst Star-Stichs operirt worden, fand ich gute Sehkraft auf beiden Augen, obwohl die niedergedrückten Stare nicht aufgelöst, sondern mit dem Augenspiegel noch zu sehen waren. Bei einem alten Mann war allerdings der niedergedrückte Star wieder aufgestiegen und sogar vor die Pupille gefallen.

In dem Mayo-Krankenhaus zu Jaipur, das 150 Betten enthält, und unter einem britischen Arzt (Dr. Hendley) steht, traf ich den einheimischen, in der Medicin-Schule zu Lahore gebildeten Hilfsarzt, der viel Selbstbewusstsein zur Schau trug; aber von den im Krankenhaus befindlichen sechs Staren, die er nach europäischer Art durch Schnitt ausgezogen, war nur einer mittelmässig gelungen, vier wenig genügend, einer vereitert. Er behauptete, dass die „Natives“ (ein Wort, das in +seinem+ Mund recht sonderbar klang,) nur 1 Procent Erfolg hätten.

Als ich nun eine halbe Stunde später durch das Gewühl der Hauptstrasse von Jaipur fuhr, sah ich hinter einander drei Menschen mit den bekannten dicken Star-Brillen. Eiligst rief ich sie an meinen Wagen und begann sie zu befragen, mit Hilfe meines Führers, dessen Dummheit und mangelhafte Kenntniss des Englischen mir freilich recht grosse Schwierigkeiten bereiteten.

Sie waren zwischen 50-60 Jahren alt. Der eine war vor 16 Jahren nach zweijähriger Blindheit von einem Empiriker in Lucknow vom Star befreit worden. (+Wasser+ nannten sie es, wie die Araber im Mittelalter und nach ihnen die Salernitaner.) Beide Augen sahen gut und sahen vorzüglich aus. Der zweite war auf einem Auge vor mehreren Jahren operirt worden, das eine Auge sah gut, das andere war noch star-blind. Der dritte war auf dem linken Auge von einem einheimischen Pfuscher operirt worden, mit vorzüglichem Erfolg; auf dem rechten durch Schnitt im englischen Krankenhaus, mit mittelmässigem Erfolg.

Meine Unterredung hatte einen gewaltigen Volksauflauf veranlasst. Die Strasse war fast gesperrt. Ein Mann trat heran, zeigte mir den Star auf seinem rechten Auge und fragte, was er thun solle. Ich erwiederte, er müsse nach dem englischen Krankenhaus gehen. Was die Leute bei diesem Rath dachten, weiss ich nicht; doch konnte ich keinen andern geben.

Meine Neugierde war auf das höchste gespannt, ich wollte einen der geschickten Pfuscher kennen lernen. Sowie ich am nächsten Tage von Amber zurückgekehrt, machte ich mich an das Suchen, aber vergeblich fuhr ich mit dem dummen Führer, der meine Absicht nicht begreifen konnte, durch die Strassen. Endlich kam ich auf den Gedanken, zu dem ersten Barbier des Ortes zu fahren. Ich fand zunächst dessen wohlbeleibten, ältlichen Vater vor dem Laden vollkommen nackt und fröhlich in der Sonne liegen, schüttelte ihm die Hand, und machte dem Sohn durch Gebärden klar, was ich wünschte, und erhielt dann endlich auch die Wohnungsangabe eines Star-Stechers. In einer Nebenstrasse fand ich den kleinen Laden und einen hochgewachsenen, ziemlich gut gekleideten, klug aussehenden Mann von kaum 30 Jahren. Aber seine Instrumente zeigte er mir nicht, mit dem Bemerken, dass er sie zerbrochen und diese Praxis aufgegeben habe; wohl aber wies er mir ein Buch über Augenkrankheiten: „Diseases of the Eye by Hilson, translated into Urdu. Agra 1884.“

In der That ist auf Andrängen des britischen Arztes den einheimischen, ungeprüften Star-Stechern das Handwerk verboten worden, bei 2000 Rupien Geldstrafe.

Zuerst hatte der Künstler mich für einen Späher gehalten, allmählich verlor er sein Misstrauen und erklärte, er würde mir Nachmittags 40 Star-Operirte zeigen. Hier offenbarte sich aber die morgenländische Unzuverlässigkeit. +Einer+ war da, ein Fünfzigjähriger, auf beiden Augen vor neun Jahren von jenem operirt, -- mit gutem Erfolge.

Vergeblich fuhr ich nach dem Gefängniss des Maharadscha, an dem ein einheimischer Arzt wirkt; ich konnte weiter nichts erfahren. (Dagegen sah ich dort, dass die im Krankenhause des Gefängnisses befindlichen Kranken +von ihren Ketten nicht befreit+ sind! Die Briten, die in so vieles sich mischen, sollten hier Wandel schaffen.) Ich spähte in alle Läden hinein, sah auch eine Sechzigjährige, die vom Pfuscher gut operirt war. Ich prüfte alle blinden Bettler auf der Strasse, nachdem ich sie durch doppeltes Almosen willfährig gemacht; bei keinem konnte ich Schrumpfung des Auges durch Star-Stich entdecken.

Somit besteht die seltsame Thatsache zu Recht, dass einige Pfuscher trotz Unwissenheit und Unsauberkeit in vielen Fällen brauchbare Erfolge erzielen.

Das +Geheimniss+ liegt zum Theil darin, dass unter der glühenden Sonne in Indien der Alters-Star +zwanzig Jahre früher+ reift, als bei uns. In Indien ist das mittlere Alter der Operation 40 Jahre, bei mir 62 Jahre. Die Gefahr der Niederdrückung ist im mittleren Alter geringer als im höheren.

Obwohl für uns gar nicht daran zu denken ist, gegen Greisenstar den Stich statt des Schnittes wieder einzuführen, gebietet doch die +Gerechtigkeit+ anzuerkennen, dass in Indien seit Jahrhunderten, vielleicht seit Jahrtausenden, Unzählige dem Star-Stich der Handwerker ihre Sehkraft verdankt haben. Das blosse Verbot ist eine halbe Massregel; man muss besseres an die Stelle setzen: wirklich geübte Wundärzte sind auch für die Millionen der ärmeren Einheimischen zu beschaffen, sowohl in den britischen Besitzungen Ostindiens wie auch in den Schutzstaaten. Ich habe schon erwähnt, dass auf Ceylon der englische Wundarzt eines öffentlichen Krankenhauses die Star-Blinden nicht operiren konnte, da ihm die Regierung für diesen Zweck weder Instrumente noch Arzneien zu liefern gewillt war.

Berg Abu.

Am 19. December, Abends 11 Uhr, fahre ich von Jaipur nach Abu-Road. (Ungefähr 468 Kilometer in 13½ Stunden für 21½ Rupien; Bombay, Baroda and Central India Railway.)

In dicker Kleidung schlief ich gut, ohne zu frieren. Ajmir (mit 48000 Einwohnern, Hauptstadt des gleichnamigen Gebietes von 500000 Einwohnern mitten in der Rajputana, das die Engländer in eigne Verwaltung genommen,) berührte ich um 3 Uhr Morgens.

Den Aufgang der Sonne über die Ebene beobachtete ich vom Eisenbahnwagen aus, wie schon öfters in Amerika. Ueber dem östlichen Horizont liegt ein breiter, gleichmässig purpurroth gefärbter Streifen, darüber ein gelber, der ganz allmählich verklingt, keine Spur von Wolken am Himmel; plötzlich zuckt der Strahl der Sonne hervor.

Wir sind noch in Rajputana, etwa 1000 Fuss über dem Meere, nach dem Aneroïd-Barometer. Nicht allzuweit von hier, nach Nordwesten zu, beginnt das Gebiet der indischen Wüste, zwischen dem Flüsschen Luni und dem Indus. Beiderseits von der Bahn treten +Hügel+ auf (+Arawali+ hills); das Land sieht recht dürr aus und wird hauptsächlich zur Viehzucht benutzt.

Auf dem Halteplatz +Abu Road+ lasse ich meinen Koffer zurück, sende die zwei Stücke Handgepäck hinauf nach +Abu Mountain+, das 24 Kilometer entfernt ist und etwa 3000 Fuss höher liegt.[558]

Ich selber bestieg die +Jinrikisha+, welche von sechs einander ablösenden Männern gezogen und geschoben wurde.[559]

Es war Mittags nicht nur sonnigwarm, sondern unbequem heiss (unter 25° nördlicher Breite); die Leute nicht nur sehr langsam und träge, sondern auch unbändig schwatzhaft: die ganze unendliche Unterhaltung drehte sich um kleine Münze, wie aus dem stets wiederholten „Annas und Pice“ zu entnehmen war.

Der +Berg Abu+ gehört zwar zu dem Arawali-Gebirge, ist aber durch ein fast 24 Kilometer breites Thal von der Hauptkette getrennt und erhebt sich 5000 Fuss hoch kühn aus der Ebene, wie ein Felseneiland aus dem Weltmeer. Kein Wunder, dass er seit uralter Zeit von Jaina und Hindu als Heiligthum verehrt wurde.

Der Berg liegt in dem kleinen Rajputana-Schutzstaat +Sirohi+, der unter den zwanzig, der Grösse nach, der vorletzte ist, und nur 7800 Quadratkilometer misst und 142000 Einwohner zählt.

Beim Aufstieg hat man einen hübschen Rückblick auf das von den beiden Ketten-Gebirgen eingeschlossene, grüne und fruchtbare Thal, das mit zahlreichen Palmen besetzt ist. Die Felspartien weiter oben sind recht romantisch, mit steilen Abhängen, dichtem Baumwuchs, der bis oben reicht, murmelnden Quellen, an denen, unter Palmen, wandernde Familien und Kutscher mit ihren Ochsenkarren ausruhen. Wir begegnen zahlreichen Sippen weissbärtiger Affen, die auf den Bäumen hausen, ferner dem Jäger „mit dem Pfeil und Bogen“, Post-Läufern, die an ihrem Stabe Schellen tragen, Polizisten. Vollkommene Sicherheit scheint in diesem einheimischen Staat nicht zu herrschen. Einem Fusswanderer guckt der Pistolenkolben aus der Rocktasche.

Wenige Tage vorher war nicht allzuweit von hier ein englischer Officier beim Angriff auf eine Räuberbande gefallen. Doch der Berg Abu selber ist ziemlich gut bewacht, weil oben die englische Verwaltung von ganz Rajputana ihren Sitz aufgeschlagen und ebendaselbst auch die Vakil oder Bevollmächtigten zahlreicher Schutzstaaten dauernden Wohnsitz genommen.

Die Menschen sind hier wieder ziemlich dunkel, aber wohlgebildet, nicht gross und nicht sehr kräftig. Mehrere meiner Leute zeigten gar keine Entwicklung der Arm-Musculatur. Kaum halbwegs wollten sie mir einen schlechtgesattelten Ponny aufschwatzen, aber ich folgte ihnen nicht.

Der Weg führt bei einem Dorf vorbei. An der Strasse hat ein +Fakir+[560] sein Zelt aufgeschlagen. Es ist nicht einmal ein Zelt, sondern ein auf vier Stäben ruhendes Schutzdach aus geflochtenen Blättern, etwa so, wie es unsere Steinklopfer zum Schutz gegen die Sonne gebrauchen. Der fromme Mann ist völlig nackt, mit langem, wirrem Haar, das Gesicht mit Asche beschmiert. Er hat aber eine ganz gut aussehende Frau, die das übliche Tuch trägt, und ein kleines, nacktes Büblein. Die Münze, die ich dem letzteren in die Hand lege, wird mit Dank angenommen; und bei meiner Rückkehr der Kleine mir wieder an den Weg gestellt. Angewiesen ist der Büsser keineswegs auf Almosen, da ihn die Leute aus der Nachbarschaft mit Speise versorgen.

Jenseits einer tiefen Schlucht erglänzt auf steiler Höhe ein weisser +Jain-Tempel+. Die schwarzen Felsblöcke am Wege zeigen vielfach tiefe, sogar schraubenförmige Löcher, die an +ehemalige Gletscher+ erinnern; auch oben in Abu-Mountain. Die Sonne geht hinter den Bergen unter, Palmen heben sich ab von dem Purpur des westlichen Himmels. Mit dem letzten Tages-Schimmer um 6½ Uhr Nachmittags kommen wir an im Gasthaus.

Immerhin giebt es Gegenden genug in Europa, wo man einen solchen Ausflug, ohne Schutzmassregeln zu treffen, nicht unternehmen würde.

Das Gasthaus ist klein, das Essen schlecht. Obwohl ich einen alten Bekannten vom Dampfer Brindisi antraf und ein angenehmes Plauderstündchen mit ihm verlebte, -- hier befiel mich zum ersten Male ernstlich das +Heimweh+.

Die breitesten und tiefsten Meere habe ich durchschifft, in Sonnengluth und Sturmeswuth; die höchsten Berge habe ich geschaut; ich sah die wunderbarste Ueppigkeit des Pflanzenwuchses, die seltensten Thiere, die merkwürdigsten Menschen, ihre Sitten und Kunst, die herrlichsten und grossartigsten Bauwerke auf der Oberfläche dieses Planeten: doch nun sehne ich mich nach Hause, zu den Meinen, zu meiner Thätigkeit.

* * * * *

Der Ort Abu Mountain liegt in einem reizenden Thale (von 10×3½ Kilometer) und enthält den Wohnsitz des englischen Bevollmächtigten (Residency), zahlreiche Privathäuser, einen Club, Baracken für Soldaten und eine Schule für Soldatenkinder, sowie den sogenannten Bazar, d. h. die Wohnungen der Eingeborenen. Die Erhebung beträgt 4000 Fuss über dem Meere, die Temperatur ist angenehm.

Der schwarze Fels tritt an vielen Stellen schroff zu Tage, in den Ritzen wurzeln prachtvolle Bäume und Cactus-Pflanzen.

Das Thal ist künstlich bewässert und fruchtbar. Auf den Grasflächen weiden +fette Kühe+, wie ich sie seit Nuwara Eliya auf Ceylon nicht mehr gesehen hatte. Reisfelder werden bestellt und bewässert aus Tiefbrunnen mittelst der von Ochsen getriebenen Schöpfräder, die den ägyptischen Sakije sehr ähnlich sind und hierzulande als persische Brunnen bezeichnet werden.

Pflichtschuldigst sende ich Morgens früh meine Karte zu dem Bürgermeister des Orts, dem englischen Capitän Tigh, um den Erlaubniss-Schein zum Besuch der berühmten +Jain-Tempel+ (Delwara[561]) zu erhalten, um deren willen der Ausflug nach Mount Abu unternommen wird. Inzwischen wandre ich nach dem kleinen, künstlich angelegten +Edelstein-See+ (Gem lake[562]), der einige hundert Schritt vom Gasthaus entfernt und mit Felsinselchen übersäet ist.

Hier geniesse ich ein träumerisches Ruhe-Stündchen und wandre, nachdem der Erlaubniss-Schein angekommen, um 11 Uhr nach den 3½ Kilometer entfernten Tempeln.

Von aussen sehen sie unscheinbar aus. Man sieht den ungeheuren Unterbau, die umgebende Mauer, zwei kegelförmige Dächer und einige Kuppeln, anscheinend regellos angeordnet, da sie nicht einem, sondern mehreren neben einander, aber in verschiedener Höhenlage errichteten Tempeln angehören.

+Das Innere ist überraschend.+ Der prachtvollere der beiden Tempel ist zwischen 1197 und 1247 n. Chr. errichtet und in Beziehung auf feine Bildhauerarbeit und Schönheit der Ausführung ohne Gleichen, sogar in Indien, dem Lande der geduldigen und unermüdlichen Arbeitsverschwendung. Vierzehn Jahre hat der Bau gedauert und 18 Millionen Rupien gekostet, ausser 5600000 Rupien, die zur Erhöhung des Hügels verbraucht wurden. Das ganze ist aus weissem Marmor gebaut, der 460 Kilometer weit her und auf den hohen Berg hinauf geschleppt werden musste!

Zwei Brüder, fürstliche Kaufleute, die auch noch andere Tempel errichtet, Tejpala und Vastupala, waren die Erbauer.

Der andere, gleichfalls von einem fürstlichen Kaufmann, Vimalah Sah, um das Jahr 1032 n. Chr. ist etwas einfacher, aber immerhin so reich geschmückt, als der gute Geschmack es zulässt. Hier können wir die Grundform des Jain-Tempels kennen lernen.

In der Mitte des Tempels steht die viereckige Zelle, die nur von ihrer Vorderöffnung her erleuchtet ist, den mit gekreuzten Schenkeln in ruhiger Haltung sitzenden Heiligen (hier Parswanatha[563]) enthält und oben das Spitz-Dach[564] trägt. Von der Vorderseite der Zelle geht eine prachtvolle Säulenhalle aus, die, mit einem geschmackvollen Uebergang des Achtecks zum Kreis, von einer Kuppel gedeckt wird und in einen weiteren Säulen-Vorbau nach dem Eingang zu sich fortsetzt.

Achtundvierzig +freistehende+, herrlich geschmückte +Säulen+ setzen diesen Theil des Bauwerks zusammen. (Selbstverständlich besteht die Wölbung aus +wagerechten+ Steinen; die +strahlenförmige+ der Römer muss ja auf einem vollständigen Cylinder von Mauerwerk aufruhen, oder doch, wie bei den Byzantinern, auf gewaltigen Strebepfeilern.)

Das Ganze steht in einem rechteckigen Hof von 140 Fuss Länge und 90 Fuss Breite, der an den drei Seiten (ausser der des Eingangs) von einer bedeckten Doppelreihe etwas kleinerer Säulen umgeben ist. In diesen Säulengang münden 55 kleinere Zellen;[565] jede von diesen enthält eine Wiederholung jenes Heiligen, mit dem reichsten Bildhauerschmuck von Thieren, Pflanzen, Begebenheiten aus seinem Leben, Verzierungen. Alles, auch der Fussboden, ist aus Marmor, alles ist in der üppigsten Weise geschmückt. Menschliche Figuren, grössere und kleinere, sind in rings umlaufenden Reihen neben einander und mehrfach über einander zwischen Ranken, Pfosten und Verzierungen an jeder Säule angebracht, ferner an den Kragsteinen des Säulen-Knaufs. Auch im unteren Theile der Kuppel, über einem ringsum laufenden Fries von Elephanten-Köpfen, sind sechzehn Figuren auf Sockeln angebracht, darüber noch drei concentrische Reihen von blumigen Verzierungen. Von dem Gipfel der Kuppel hängt eine riesige Himmelsblume aus Marmor in feinster Ausführung frei herab,[566] nach Fergusson ohne Gleichen auf der ganzen Erde. Die grossen Säulen der Haupt-Halle endigen oben in Kragstein-Knaufe; auf diesen stehen noch mit anmuthigen Figuren geschmückte Zwerg-Säulen, welche auf ihrem Knauf die mächtigen queren Stein-Balken tragen. Die Mitte der letzteren wird von schön verzierten Schrägbalken gestützt, die von den unteren Capitälen ausgehen. (In dem einen Tempel sind diese Schrägbalken nur blumige Windungen, die scheinbar aus stilisirten Thierrachen hervorwachsen.)

Das +Ganze+ macht einen höchst überraschenden, geradezu wunderbaren Eindruck, obwohl manche +Einzelheiten+ uns weniger anziehen.

Der dritte und der vierte Tempel sind kleiner und einfacher, sowohl im Baustoff als auch in der Ausführung.

Ein grässlich lärmender +Gottesdienst+ mit Gong und Pauken wurde grade abgehalten. Die Priester waren dabei ganz allein. Uebrigens sind sie sehr stolz und hochmüthig; als ich eingetroffen, weigerten sie mir zunächst den Einlass, da noch nicht Mittag sei.

Sie haben schon vergessen, dass die Tempel offen und vernachlässigt waren, bis Europäer in Abu sich niederliessen und Ordnung schufen. Eine grosse Stadt war nie auf dem Berge, die in der Ebene (Chandravati) ist von den Mohammedanern in der Mitte des 14. Jahrhunderts zerstört worden.

Wie eng unser Gesichtskreis, wie gering unsere Kenntnisse vom Morgenland, trat mir an diesem Platz recht deutlich in das Bewusstsein. +Wunderbare Tempel, die in Europa ihres Gleichen nicht haben,+ sind hier von einer Gemeinde errichtet, die bei uns (abgesehen von Fachgelehrten) kaum dem Namen nach gekannt ist. In keiner der von mir angeführten deutschen Reisebeschreibungen und Schilderungen von Indien werden die Delwara-Heiligthümer der Jaina besprochen.

Die Frage der +Jaina+ ist darum so schwierig, weil erstens die Hindu keine Geschichte besitzen, zweitens von den heiligen Büchern der Jaina erst wenig herausgegeben und übersetzt ist, drittens der Unterschied zwischen Jaina und Buddhisten uns wenigstens sehr geringfügig erscheint.

Wie die Buddhisten leugnen die Jaina vollständig die Göttlichkeit und Bedeutung der Veda; sie verwerfen Opfer und verlangen strengste Sittlichkeit; sie glauben, dass die Zukunft des Menschen mehr von seiner eignen Handlungsweise, als von einem göttlichen Einfluss abhänge und üben +ahimsâ+, d. h. die Achtung vor fremdem Leben, in einer gradezu erstaunlichen Vollkommenheit. Alle enthalten sich gänzlich des Fleisches; die strengsten unter ihnen trinken nur durchgeseihtes Wasser, athmen durch einen Schleier und fegen zart den Boden, ehe sie niedersitzen, um nicht unbewusst ein kleines Thierchen zu zerstören. Den Weg zur Glückseligkeit zeigt ihnen +Triratna+ (d. h. die drei Edelsteine): 1) vollkommener Glaube, 2) vollkommenes Wissen, 3) vollkommenes Leben.

Auch die Buddhisten lassen zahlreiche Buddha vor Gautama zu. Die Jaina erkennen +vierundzwanzig Jina+ an, (d. h. Siegreiche, oder +Thirthankara+, d. h. Furten-macher, Erlöser,) nämlich Weise, welche das reine Gesetz wieder hergestellt; und verehren hauptsächlich den vorletzten +Parsvanath+ und den letzten +Mahavira+, (d. h. grosser Held, magnus vir,) welcher Zeitgenosse und Lehrer von Gautama Buddha gewesen; wie dieser, ein Königssohn, mit dreissig Jahren Weib, Kind, Schloss verlassen und ein Büsserleben geführt und ihre Religion begründet haben soll.

+Jetzt+ giebt es in britisch Indien ½ Million Jaina, mehr wohl in den Schutzstaaten, da ihre Gesammtzahl in Indien auf 4 Millionen angegeben wird.

Sie bilden wohlhabende, eng zusammenhaltende Gemeinden; sind meist Grosskaufleute und Bankherren, üben grossartige Mildthätigkeit, und unterhalten auch die Siechenhäuser für Thiere, welche in manchen Städten Indiens noch aus der Zeit der Buddhisten zurückgeblieben sind. Sie theilen sich in +Yati+ oder Büsser und +Çravaka+ oder Hörer (Laien). Noch ist die Religionsgenossenschaft lebendig und baut neue, prachtvolle Tempel, wie wir sehr bald in Ahmedabad sehen werden. Aber weit grösser war ihr Einfluss in +früherer+ Zeit; nur ist es sehr schwierig, darüber etwas bestimmtes zu erfahren.

Nach der älteren Ansicht wären die Jaina Ueberbleibsel der indischen Buddhisten, welche vor Ausrottung sich retteten durch eine Verständigung mit der Hindu-Lehre und es durchsetzten, als eine besondere Kaste anerkannt zu werden; in der That nennen die Jaina sich Hindu.

Aber nach neuerer und richtiger Ansicht ist die Jain-Lehre uralt. Unser Landsmann +Jacobi+ hat neuerdings (1884) dargethan, dass Buddha- wie Jaina-Lehre aus dem Brahmanenthum sich entwickelt haben, nicht durch eine plötzliche Reformation, sondern durch religiöse Bewegungen, die lange Zeit vorbereitet gewesen. Jaina-Lehre war die ältere von beiden, wahrscheinlich von Parsvanath begründet und verbessert von Mahavira, der auch Vardhamána, der Vermehrer, genannt wird. Ihre heiligen Bücher wurden am Ende des 4. Jahrhundert v. Chr. verfasst oder gesammelt, und aufgeschrieben im 5. Jahrhundert n. Chr. Die Jaina zerfielen in die beiden Secten der +Swetambara+ oder Weissgekleideten und +Digambara+ oder Nackten (Luft-gekleideten) zwei oder drei Hundert Jahre nach dem Tode des Stifters; und diese Theilung besteht noch heutzutage, obwohl die nackten Büsser (Digambara Yati) jetzt Nacktheit nicht mehr +öffentlich+ zur Schau tragen. Der Streit zwischen den Nackten und Bekleideten wird schon in den kanonischen Büchern angedeutet: in den Edicten von Asoka (264 v. Chr.) wird die Secte der Nigantha (Nirgrantha, die jedes Band fortgeworfen), in den Kupferplatten-Inschriften von Mysore aus dem 6. Jahrhundert n. Chr. aber beide Secten der Jaina erwähnt.

Der Wörterbuch-Verfasser Hesychius, im 3. Jahrhundert n. Chr., war offenbar gut berichtet, als er Γέννοι durch Γυμνοσοφισταί übersetzte.[567]

* * * * *

Gestern war der Himmel tadellos rein blau gewesen, heute zeigt er am Horizont einige wenige Wölkchen. Nachmittags fahre ich in Jinrikisha wieder bergab mit denselben Leuten, die mich tags zuvor nach oben gebracht, und die nach dem Empfang des zweiten Trinkgelds von einer Rupie in der Nähe des Bahnhofes ein Freudenfeuer anzünden, um das sie sich zum Schmause lagern.

Ahmedabad.

Abends 9½ Uhr fahre ich von Aburoad nach Ahmedabad,[568] wo ich Morgens 6 Uhr ankomme. (Ortszug der +Bombay, Baroda and Central India+ Eisenbahn, 104 englische Meilen = 166 Kilometer in 8½ Stunden, also kaum 20 Kilometer in der Stunde, für 9 Rupien.)

In der Nacht, und zwar gegen Morgen, hatte ich die Freude, einmal wieder das +Kreuz des Südens+ zu erblicken. +Dante+, dem es wohl nur aus arabischen Quellen bekannt geworden, sehnte sich nach seinem Anblick; +Vespucci+ sah es auf seiner dritten Reise (1501); +Corsali+ (1517) hat es als Wunderkreuz bezeichnet.

Heutzutage ist die Schwierigkeit der Reise nach dem Süden nicht so gross. Bereits im Jahre 1889 (am 24. Februar, Morgens 3 Uhr,) war mir der Anblick beschieden, zu Assuan in Oberägypten, dicht an dem nördlichen Wendekreis.

Die vier hellen Sterne in der Nähe des Südpols der Ekliptik stehen in den Ecken eines Vierecks, dessen Diagonalen das Kreuz darstellen.

Als ich auf meiner jetzigen Reise in der Nähe des Aequators weilte, ging das Sternbild später auf als die Sonne, blieb also unsichtbar.

Der südliche Sternhimmel ist ärmer als der nördliche, das Kreuz des Südens hält den Vergleich mit dem Orion nicht aus. Aber immerhin darf Niemand aus den Tropen nach Europa zurückkehren, ohne das südliche Kreuz gesehen zu haben. Der merkwürdige Anblick wird durch ein kleines Opfer der Nachtruhe nicht zu theuer erkauft.

Die Stadt +Ahmedabad+ (ungefähr unter 23° nördlicher Breite, also ein wenig südlich vom nördlichen Wendekreis belegen,) hat trotz ihrer 148000 Einwohner kein wirkliches Gasthaus. Die zwei bis drei Zimmer, welche der Bahnhofswirth für Reisende bereit hält, fand ich besetzt und fahre deshalb von dem Eisenbahnhalteplatz (in der Mitte der Ostseite der Stadt) nach dem +Rasthaus+, das dicht vor dem in der Mitte der Nordseite belegenen Delhi-Thor sich befindet. Der einzige Insasse des Hauses war eben in Begriff abzureisen. Ich erhalte mein Zimmer, mein Bad, mein Frühstück, und fahre los zur Besichtigung der Stadt. Der Neffe des Rasthauswirthes macht den Führer.

+Ahmedabad ist äusserst lohnend.+ Die Stadt ist die erste im Bezirk +Guzerat+ und die zweite in der ganzen Präsidenschaft Bombay, deren nördlichen Theil jener Bezirk bildet.

Guzerat[569] liegt an der Nordwestküste von Vorderindien, zwischen 20 und 24° nördlicher Breite und zwischen 69 und 74° östlicher Länge und besteht aus der Insel Cutch (Katsch), der Halbinsel Kathiawar und dem daran grenzenden Festland südlich bis zum Fluss Nerbudda, der in den Meerbusen von Cambay sich ergiesst; es umfasst 189000 Quadratkilometer und enthält 7½ Millionen Einwohner.[570] Hiervon entfallen 163000 Quadratkilometer mit 4700000 auf die Schutzstaaten (53, deren grösster +Baroda+ ist,) und 26000 Quadratkilometer mit 2800000 Einwohnern auf britische Besitzungen, zu denen auch Ahmedabad gehört. Die fruchtbaren Küstengebiete haben reiche Ernten an Baumwolle und Weizen.

Die aus dem Sanskrit hervorgegangene Guzerati-Sprache ist als Handelssprache weit über ihre ursprünglichen Grenzen hinaus verbreitet, bis zum persischen Meerbusen, Arabien und zur Ostküste von Afrika.

Arische Eroberer scheinen früh nach Guzerat gekommen zu sein. Die byzantinischen Griechen trieben Handel mit Barygaza, dem jetzigen Baruch (+Barotsch+) an der Mündung des Nerbudda.

Guzerat hat seinen Namen von einem Volksstamm (Guzera oder Gudschara), der aus dem Punjab über Rajputana eingewandert war und dem Land zwischen 400 und 800 n. Chr. seine Herrscher gegeben. Um das Jahr 1100 hielt die Jaina-Religion ihren Einzug und beschränkte die Macht der Brahmanen.

Im Jahre 1294 wurde Guzerat Provinz des mohammedanischen Kaiserreiches von Delhi.[571]

Gegen Ende des 14. Jahrhunderts wurden die Statthalter mächtig. Muzaffar, ein zum Islam übergetretener Rajput, wurde von dem Tughlak-Kaiser Feroz Schah zum Statthalter (Sultan) von Guzerat eingesetzt. Sein Sohn Muhamed Schah machte sich selbständig. Dessen Sohn +Ahmed Schah+ erbaute 1411, auf dem Grund einer alten Hindu-Stadt (Asaval), am linken Ufer des Flusses Sabarmati, die nach seinem Namen benannte Stadt +Ahmedabad+, stattete sie mit breiten Strassen, prachtvollen Moscheen, Palästen, Festungsbauten aus und machte sie zu einem Mittelpunkt der Kunst, des Gewerbefleisses und des Handels. Unter seinen mächtigen Nachfolgern wuchs die Stadt an Grösse und Reichthum und an Zahl und Schönheit der öffentlichen Bauten. Nach Mahmud Begada (1459-1511) begann die Macht der Guzerat-Könige zu sinken. Der Handel nahm ab durch den Wettbewerb der Portugiesen, die Hauptstadt verarmte unter den steten Kämpfen des unruhigen Adels. 1572 wurde von einer Partei desselben +Akbar+ herbeigerufen, drang ohne erheblichen Widerstand in Ahmedabad ein und machte Guzerat zu einer Provinz des Mogul-Reiches, die von einem Vicekönig verwaltet wurde. Jetzt begann eine neue Blüthezeit für Ahmedabad, das eine Bevölkerung von 900000 Einwohnern erlangte; 1695 war es, nach dem Zeugniss europäischer Reisenden, „die grösste Stadt in Indien, an Seide und Brocat nicht geringer als Venedig.“ Von der Geschicklichkeit seiner damaligen Arbeiter in Baumwolle, Seide und Goldbrocat stammt das Volkssprichwort, „sein Wohlstand hänge an drei Fäden: Baumwolle, Seide, Gold.“[572]

Nach dem Zerfall des Mogul-Reiches (1707) begann wiederum eine Zeit der Unordnung, die Marathen drangen ein, plünderten, eroberten die Stadt, bis dieselbe 1818, nach dem Untergang der Marathen-Macht, in den Besitz der Engländer gelangte und jetzt, nach zweimaligem Wechsel zwischen Blüthe und Verfall, eine neue Zeit des Aufschwungs erlebt.

Allerdings die Baumwollenweberei erhielt 1820 den Todesstoss durch Einfuhr englischer Waaren. Die Seidenweberei ging seit 1875 zurück, da der neue Fürst (Gâekwâr) von Baroda jährlich nur für 160000 Mark bestellte, -- sein Vorgänger für 1½ Millionen.

Noch jetzt hat die Stadt, die mit dem 3½ englische Meilen in nordöstlicher Richtung entfernten Cantonment 148000 Einwohner[573] zählt, ihre alte Mauer mit Thürmen in Abständen von 150 Fuss und umschliesst ein Gebiet von 5 Quadratkilometern. Die zwölf Thorwege enthalten mächtige Thore aus Teakholz, die mit eisernen Spitzen gespickt sind, zur Vertheidigung gegen die Elephanten, welche abgerichtet waren, mit ihrer Stirn die Thore einzurennen.

Die Westseite der Stadtmauer grenzt unmittelbar an den Sabarmati-Fluss, der in den Meerbusen von Cambay sich ergiesst und ganz neuerdings mit einer recht stattlichen Eisenbrücke überspannt ist. Seine Breite beträgt 600 Meter, aber im Winter nur 100. Längs der Ostseite der Stadt zieht die Eisenbahn hin.

Merkwürdiger Weise ist Ahmedabad den europäischen Reisenden wenig bekannt und wird in deutschen Reisebüchern fast gar nicht besprochen; und doch ist die Stadt nächst Agra und Delhi die bedeutendste mit Rücksicht auf die vollendete und eigenartige Form ihrer +hindu-saracenischen Baukunst+. Die Kunst der durch Jahrhunderte lange Uebung gebildeten Guzerati war so gross, dass sie die mohammedanischen Eroberer eroberte; der Stil ist hier am meisten indisch geblieben. Die Gestalt ihrer +Verzierungen+ ist gradezu unübertrefflich.

Zuerst fahren wir nach der +Hauptsehenswürdigkeit+, der +Jumma Musjid+. Dieselbe steht in der Mitte der Stadt an der Südseite der ostwestlichen +Hauptstrasse+ (Manik Chauk).

Obwohl nicht sehr gross (382×258′), ist sie eine der schönsten Moscheen des Ostens. Durch ein einfaches Thor von Norden her betritt man den gepflasterten, von einer Halle umgebenen Hof; ein zweiter Eingang zu demselben ist von Süden. Nach Osten liegt das Grabmal des Erbauers, nach Westen die eigentliche Moschee, die 210×95 Fuss, also 20000 Quadratfuss misst.

Drei Spitzbogen-Eingänge führen hinein, der mittlere ist höher und zu jeder Seite eingefasst von einem ausserordentlich zierlich gegliederten und mit den feinsten Verzierungen geschmückten Minaret, der allerdings als solcher schwer zu erkennen ist, da er jetzt nur noch 43 Fuss hoch ist und mit dem zinnengekrönten Dach abschneidet; die obere Hälfte jedes der beiden Thürme[574] ist durch ein Erdbeben am 16. Juni 1819 herabgestürzt. 250 Jain-Säulen (freilich ohne Bildwerk[575]) tragen das Dach, das mit fünfzehn Kuppeln geschmückt ist; die drei mittleren sind grösser und höher, als die andern.

Durchbrochene Steinfenster von wunderbarer Arbeit an den Hinter- und den Seiten-Wänden lassen ein mildes, gedämpftes Licht einfallen.

In der rechten Ecke ist eine steinerne Empore für die Damen des Hofes, eine Unregelmässigkeit, aber nicht Unschönheit des Bau’s. Der Sitz des Sultans ist oben in der Mitte.

Oberhalb der drei Gebetnischen (Kiblah) sind auf Marmor die folgenden Inschriften in zierlich-arabischen Buchstaben eingemeisselt: „Diese hohe und weite Moschee wurde errichtet von dem Sklaven, der vertraut auf die Gnade Gottes, des mitleidigen, des allein zu verehrenden. -- Der Koran sagt, wahre Moscheen gehören Gott an, verehre keinen andern neben ihm. -- Der Sklave, der auf Gott vertraut, ist Ahmed Schah, Sohn von Muhamed Schah, Sohn von Sultan Muzaffar.“

Dass diese Muselmänner nicht sehr duldsam waren, zeigt der schwarze Trittstein vor dem Haupteingang der Moschee; derselbe stellt eine umgedrehte Jaina-Heiligenbildsäule dar, auf welche die Gläubigen ihren Fuss setzen.

An der Ostseite des Hofes liegt das Grabdenkmal von Ahmed Schah. Es ist ein viereckiges Gebäude, mit einem Dom, einer Vorhalle von achtzehn Pfeilern und mit Fenstern aus durchbrochener Steinarbeit. Der Hauptraum stellt ein Quadrat von 36 Fuss Seitenlänge dar, ist mit Marmor verschiedener Farben gepflastert und enthält die marmornen, mit Blumenschmuck schön verzierten Leersärge des Schah Ahmed sowie seines Sohnes Muhamed und seines Enkels Kutb. Ganz in der Nähe sind die Gräber der Königinnen, höchst anmuthig in den Verzierungen der Särge und der durchbrochenen Fenster.[576]

Ganz regelmässig ist den Särgen eine Verzierung eingemeisselt, bestehend aus einem Räuchergefäss, dass mittelst eines Kettchens an der „Himmelsblume“ aufgehängt ist: dies dürfte nicht mohammedanisch, sondern echt hindostanisch sein.

Alle Moscheen von Ahmedabad sind ebenso gebaut wie die „Grosse.“ An der Westseite des mächtigen Hofes liegt die mit zwei Thürmen (+Minarets+) versehene eigentliche Moschee, in welcher die Gläubigen sich zum Gebet versammeln, und welche ausser der westlichen Nische, die nach Muhameds Grab zeigt (+Kiblah+), noch den Platz enthält, an dem der Koran gelesen wird. (+Mimbar+.) In der Mitte des Hofes ist der Brunnen zu den vorschriftsmässigen Abwaschungen. An der Ostseite desselben liegt ein Garten oder Hof mit dem Grabdenkmal (+Roza+) des Begründers. Gegen das Ende des 16. Jahrhunderts, in ihrer Hauptblüthezeit, enthielt die Stadt an 1000 Moscheen und Gärten.

Von der Hauptmoschee führt die Hauptstrasse nach Westen. Das Untergeschoss jedes Hauses enthält Läden mit vorspringendem Schattendach. Auf der Strasse wogt die lebhafte Menge der Fussgänger, so dass die Ochsenfuhrwerke und die Wagen nur langsam vorwärts kommen. Gradeaus vor uns erhebt sich, die Strasse kreuzend, Ahmed Schah’s +dreifaches Thor+ (Tin darwaza), ein mächtiges Bauwerk mit reicher Bildhauerverzierung.

Gleich danach folgt die ebenfalls von Ahmed Schah 1411 erbaute +Burg+ (+Badr+ genannt nach einem nahe gelegenen Tempel der Göttin Badra Kali, der Gattin Schiwa’s); der von dem 23. Vicekönig der Mogul, Azam Khan, 1636 erbaute +Palast+, zwei gewaltige Thürme mit Zwischengebäude, jetzt als Gefängniss benutzt; die +Rubin-Bastion+ (Manik Burj), um den Grundstein der Stadt erbaut, und, in der Nordostecke der Umwallung, +Sidi Said’s Moschee+, jetzt allerdings für die örtliche +Verwaltung+ benutzt. Aber die durchbrochene +Marmorarbeit zweier Spitzbogenfenster+ lohnt allein schon die Reise nach Ahmedabad.

Das eine enthält in gleichen Abständen vier Palmen und drei gewöhnliche Bäume, die in blumige Ranken sich auflösen und die ganze Fläche füllen. Das zweite besteht aus einem Rankenbaum, der eine Palme umschlingt. Die feinsten Fensterausfüllungen in Agra und Delhi reichen nicht an die Schönheit dieser Kunstleistung heran. Die pflanzliche Verzierung ist naturähnlicher, als irgend ein Schmuck-Glied, das jemals die besten Baumeister der Griechen und des Mittelalters ausgeführt haben.

Nunmehr fahren wir zurück von der Mitte der Ostseite nach dem Südwestthor der Stadt, woselbst Moschee und Grabdenkmal der +Rani Sipri+ liegen. Dieselbe war Schwiegertochter von Ahmed Schah und hat 1436 die Gebäude errichten lassen, die zu den zierlichsten nicht bloss in Ahmedabad, sondern auf der ganzen Erde gehören.

Sie sind aus rothem Sandstein, die durchbrochene Arbeit in den Fenstern aus weissem Marmor.

Die Moschee ist nur 54 Fuss lang und 19 Fuss tief. Vor dem Eingang stehen sechs Doppel-Pfeiler, dahinter noch sechs einfache, nur 10 Fuss hoch. Die beiden vierstöckig sich verjüngenden Minarets sind 50 Fuss hoch. Die ganze Fläche des Gebäudes, der Pfeiler, der Thürme sind ein Triumph des Bildhauers.

Das Grabmal ist quadratisch, von 36 Fuss Seitenlänge, die Flächen zwischen den Pfeilern ganz in Fenster von zierlich durchbrochener Arbeit aufgelöst, mit Zinnen gekrönt, mit vier Eckkuppeln geschmückt und einer grösseren Mittelkuppel, die auf dem verjüngten Oberstock ruht.

1¼ Kilometer südöstlich von dem Thor liegt der +Kankariya+- oder +Bergkrystall-See+, 1451 von dem Sultan +Kutbudin+ angelegt und 1872 von Herrn Borrodaile, dem Collector, wieder in Ordnung gebracht. Sein Umfang misst ¼ deutsche Meile (6460 Fuss) und bildet ein regelmässiges Vieleck von 34 Seiten, deren jede 190 Fuss lang ist; sein Flächeninhalt beträgt 72 Acres oder gegen 29 Hektaren. Es ist die grösste Anlage dieser Art in Nordwest-Indien. Von dem Südende führt ein Damm mit Spazierweg zu einer in der Mitte belegenen Insel, auf der, inmitten von Palmen und violettblühenden Bäumen mit prachtvollem Grün, eine Erholungshalle angebracht ist.

Ausserhalb der Thore an den Landstrassen trifft man Rudel von weissbärtigen Affen, die hier ebenso frech sind, wie bei uns die Sperlinge.

Noch weiter südlich, 3¼ Kilometer von der Stadt, liegt das Grabmal von +Schah Alam+, welcher Sohn eines Heiligen und geistlicher Berather von Mahmud Begada gewesen und 1495 gestorben ist. Die durchbrochene Arbeit aus Marmor an dem kuppelgekrönten Gebäude und aus Bronze an den Gitterthüren um den Marmorsarg spottet jeder Beschreibung. Wunderbar ist die Wirkung des abgedämpften Lichtes. Die Minarets der Moschee von 90 Fuss Höhe haben sieben Stockwerke mit Rundgängen.

Zum Schluss kommt die Betrachtung der +Bazare+.

Goldschmied-[577] und Edelstein-Werke, Kupferschmied-Arbeiten, Holzschnitzereien, deren Kunst auch an den Pfosten der gewöhnlichen Wohnhäuser, namentlich der älteren, bewundert werden kann, Elfenbeinschnitzereien, Lederarbeiten, Baumwollengewebe, auch schön bedruckt, Seidengewebe, auch mit Gold- und Silberfäden, Brocate, Gold- und Silberstickereien, Teppiche, Töpfer-[578] und Papier-Waaren, -- alles wird dem kauflustigen Fremden in grosser Auswahl angeboten.

Die Handwerke in Ahmedabad sind geordnet in Gilden und Zünfte. Der Sohn lernt des Vaters Kunst; so ist durch Jahrhunderte lang fortgesetzte Uebung eine hohe Ausbildung erreicht worden. Verstösse gegen die Gesetze der Gilde werden durch bedeutende Geldstrafen geahndet. Der Oberste aller Gilden (Nagar Seth) wird auch von den britischen Behörden als Stadt-Haupt anerkannt.

So war ich denn in einem halben Tag mit den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt fertig geworden. Gleich nach Tisch fuhr ich wieder aus zu weiteren Besichtigungen.

Natürlich sahen wir noch einige der tausend Moscheen, zunächst die innerhalb der Stadt, nicht weit vom Delhi-Thor belegene der +Königin+ (+Rani Musjid+), die wahrscheinlich zur Zeit von Ahmed Schah erbaut worden ist.

Jedes der drei Schiffe ist durch einen Spitzbogen zugänglich und von einem Dom gekrönt, die Moschee 100 Fuss lang und 44 Fuss tief, 33 Fuss hoch, ohne die Kuppeln, von vortrefflichen Verhältnissen. Die Säulen, welche die mittlere Kuppel tragen, sind doppelt so hoch, als die für die seitlichen; zwei Reihen von Zwergsäulen auf dem Dach der Seitenflügel gleichen die Höhe aus, ihre Zwischenräume sind von durchbrochener Arbeit ausgefüllt. So kommt Luft hinein und Licht,[579] aber nie der Sonnenstrahl selber. Die beiden seitlichen Minarets reichen nur so hoch, wie die Fassade; es ist unbekannt, ob sie unvollendet geblieben oder durch Erdbeben wieder theilweise zerstört worden. Sie sind in reinem Hindu-Stil erbaut. In dem Grabdenkmal sind zwei Leersärge aus Marmor, wieder mit Kette und Rauchgefäss.

In der Nähe ist die Moschee von +Mohammed Chisti+ aus dem Jahre 1565, mit der allerschönsten durchbrochenen Arbeit, die in Ahmedabad zu finden.

Hierauf besichtigte ich einen grossartigen neuen +Jain-Tempel+, den, ganz in der Nähe des Rasthauses, ein reicher Wohlthäter, Hati Singh, nebst einem Obdach für Pilger, mit einem Kostenaufwand von 2 Millionen Mark erbaut. Man sieht, auch diese Religion ist noch lebendig, lebendig ist die werkthätige Liebe der Jain, die übrigens in der Stadt eine Zufluchtsstätte für alte und kranke Thiere (+Panjrapol+) erbaut haben und unterhalten, sowie ausserordentlich zahlreiche, schön geschnitzte und bemalte Futterhäuschen für Vögel auf hohen Pfeilern.

Der Jain-Tempel ist in seiner Einrichtung ähnlich denen vom Berg Abu, auch reich geschmückt, wenngleich nicht so kostbar, wie jene, und überaus +sauber+ gehalten. Der Bau ist 150 Fuss lang und 100 Fuss breit. Jede der 50 Zellen um die Halle des Hofes hat ein Heiligenbild und ihr besonderes Spitzdach, das Pflaster besteht aus Marmorwürfeln.

Die mittlere Säulenhalle mit Dom führt zu der von drei hohen Spitzthürmen überragten Haupt-Zelle, in der das Bild des Jain-Heiligen (angeblich des Dharmmanatha, des 15^{ten} der 24 Thirthankara), mit Diamanten geschmückt, sichtbar ist. Die Leute zeigen mir alles und sind nicht so unduldsam, wie die Hindu.

Danach kamen die +Wasserwerke+ an die Reihe, die ebenso wenig wie der Jain-Tempel in Murray’s Buch Erwähnung gefunden. Ein Tiefbrunnen ist gegraben; eine Dampfpumpe, die für 40000 Rupien aus England bezogen wurde und in täglich achtstündiger Wirksamkeit den Bedarf deckt, hebt das Wasser auf einen hohen Thurm in einen mächtigen Eisenbehälter von 18 Fuss Höhe. Der Stand des Wassers ist aussen ersichtlich. Die von dem Werk versorgten Brunnen in der Stadt sind für die hiesige Gegend ausserordentlich zweckmässig eingerichtet: es sind Steinwürfel mit etwa sechzehn Wasserhähnen draussen am Umfang, so dass zu den bestimmten Tageszeiten, wo Wasser gebraucht wird, dasselbe leicht und rasch entnommen werden kann.

Der Ingenieur der Wasserwerke, ein junger Parsi, zeigt mir alles auf das eingehendste. Mit morgenländischer Neugier fragt er mich nach meiner Heimath. Als ich +Berlin+ nenne, fasst er meine Hand, und bittet um einen Gefallen, nämlich ihm eine Beschreibung der weltberühmten Wasserwerke meiner Heimathsstadt zu senden. Ich verspreche ihm das, aber beim Scheiden sagt er feierlich: „Wir Parsi halten unser Wort heilig. Ich hoffe, du wirst dein Versprechen halten.“ Ich war ein wenig geschmeichelt von dem Ruhm meiner Heimathsstadt und habe ihm auch, mit Hilfe unsres vortrefflichen Director +Gille+, seinen Wunsch erfüllt.

Den Schluss machte die Besichtigung des +Hospitals+, dessen Arzt ein Eingeborener war. Trotzdem auch hier eine unentgeltliche Impf-Stelle ist, sah ich in der Stadt sehr viele Menschen mit Pockennarben, auch viele, die durch Pocken-Krankheit einäugig geworden.

Die Rechnung, die mir der biedre Rasthaus-Halter machte, zeigte mir, dass man auch unter einfachem Dach ganz ebenso viel verbrauchen kann, wie in dem grössten und prachtvollsten Gasthaus. Allerdings hatte ich mir hier, wo das Rasthaus am Thore einer grossen Stadt liegt, den Aufwand erlaubt, zu jeder der beiden Mahlzeiten eine Flasche Bier zu bestellen.[580]

Bombay.

Abends fahre ich von Ahmedabad ab und bin Morgens früh, am 23. December, nach etwa zwölf Stunden, in Bombay. (Church-Gate-Station. -- 310 englische Meilen = 496 Kilometer, für 20 Rupien.) Da ich, durch meine Erfahrung in Calcutta belehrt, rechtzeitig vorher geschrieben und von Ahmedabad noch Drahtnachricht gesendet; so finde ich mein Zimmer in Watson’s +Esplanade Hotel+, dem besten in Indien.

Ich fahre zum Consul, zur Post, zum Bevollmächtigten des östreichischen Lloyd, um mir eine Cajüte für die Heimfahrt zu sichern, zu einem Parsi-Arzt, dessen Bekanntschaft ich schon in Canada gemacht, und kann alsdann die Besichtigung der +zweiten Hauptstadt+ von Indien beginnen.

Bombay,[581] +das Auge von Indien+, das nach Westen schaut, die Eingangspforte, wo fast alle Reisenden, die von Europa nach Indien fahren, jetzt landen, und umgekehrt fast alle, die von Indien nach Europa zurückkehren, sich einschiffen, zählte im Jahre 1669, als König Karl der Zweite für einen Jahreszins von 10 Pfund Sterling die Insel an die ostindische Gesellschaft abtrat, kaum 10000 Einwohner; jetzt hat es 820000, darunter 500000 Hindu, 200000 Mohammedaner, 50000 Parsi, 12000 Europäer.

Vor dem Festland liegt hier eine Gruppe von zwölf Inseln, welche sowohl von jenem, wie auch von einander nur durch schmale und schmalste Wasserstrassen geschieden sind. Von diesen Inseln ist Bombay, nachdem sie sich zwei der kleinsten Inselchen (Colaba und die Alt-Weiber-Insel) durch Dämme angegliedert, die südlichste; ungefähr unter 18 Grad 53′ nördlicher Breite und 72 Grad 52′ östlicher Länge. Die Insel Bombay hat 11_{,5} Kilometer Länge, 3_{,5} Breite und etwa 55 Quadratkilometer Flächeninhalt,[582] und ungefähr die Gestalt einer länglichen, unregelmässigen Krebsscheere, deren beiden Spitzen nach Süden gerichtet sind. Die kürzere, östliche Spitze ist +Malabar-Hügel+, der Wohnsitz der Reichen; die längere westliche +Kolaba+, das Hauptquartier des Baumwollenhandels. Zwischen beiden liegt die seichte Hinterbucht (Back Bay).

Nördlich von Kolaba, an der Ostseite der hier noch schmalen Insel, liegt die alte +Festung und der Hafen+, und westlich davon die +Esplanade+, der feinste und amtliche Theil der Stadt. Nach Nordosten schliesst sich die ausserordentlich dicht bevölkerte[583] Stadt der Eingeborenen an (+Black town+) und reicht nördlich bis zu den Vorstädten (Mazagaon und Bykulla) und östlich bis zu dem Fuss des Malabar-Hügels.

Bombay wird von den Engländern als sehr gesund gerühmt, namentlich seitdem die hauptsächlichsten Sümpfe beseitigt, und eine ordentliche Wasserleitung erbaut worden. Aber der nördliche Theil der Insel, wo allerdings keine Engländer wohnen, ist noch heute Fiebergegend. Ich habe den dort (in Mahim) hausenden Stadt-Arzt, einen Parsi, besucht und erfahren, dass er jährlich sechs bis zwölf Tausend Fälle von Fieber zu behandeln hat.[584]

Die mittlere Jahrestemperatur ist + 26¼° C. Die Nähe des Meeres wirkt günstig. Die kühlsten Monate sind November bis März. Der Südwestmonsun beginnt mit der zweiten Woche des Juni, und der Regen hält an bis zum Ende des Monat September. Der durchschnittliche Regenfall beträgt 70 Zoll im Jahre.

In +geschichtlicher+ Hinsicht ist folgendes zu erwähnen. Im Jahre 1530 wurde die Insel Bombay von einem (auf der nördlich daran grenzenden Insel Salsette herrschenden) Kleinfürsten an die Portugiesen abgetreten, welche die Vortrefflichkeit des Hafens erkannten und eine befestigte Handelsniederlassung gründeten. Im Jahre 1661 erhielt König Karl II. von England bei seiner Verehelichung mit der portugiesischen Prinzessin Katharina die Insel Bombay als Heirathsgabe; aber schon 1668 verschenkte sie der unwirthschaftliche König an die ostindische Gesellschaft, so zu sagen für ein Butterbrot, nämlich für 10 Pfund Sterling jährlicher Abgabe. Im Jahre 1687 wurde der Sitz der Regierung (Präsidentschaft) von Surate hierher verlegt. 1696 liess Aurangzeb das Fort beschiessen und wurde nur durch ein schweres Lösegeld zum Abzug bewogen. Erst 1860 wurde die Festungseigenschaft der Stadt aufgehoben.

Jetzt umfasst die gleichnamige Präsidentschaft, an der Westküste Vorderindiens, 512000 Quadratkilometer mit 23 Millionen Einwohnern.

Die Zahl der Einwohner der Stadt Bombay war

1716: 16000, 1815: 221000, 1834: 234000, 1864: 816000[585], 1872: 640000, 1881: 773000[586], 1891: 821000 (einschliesslich des Cantonment).

Bei dieser raschen Entwicklung begreift man, dass nur ein Fünftel der Einwohner auf der Insel geboren ist, von den Europäern sogar nur vier Procent.

Ihren Aufschwung verdankt die Stadt der Einrichtung der englisch-indischen Post (London-Bombay) im Jahre 1837, der Eröffnung der Eisenbahnen nach dem Innern und vor allem des Suez-Canals (1869).

Im Jahre 1814/15 betrug der Werth der Ein- und Ausfuhr 8 Millionen Mark, 1884 aber 1285 Millionen! 1891 sollen es sogar 3200 Millionen gewesen sein, nach dem +Guide of Bombay+, 1892. Aber hier zeigt sich die Unzuverlässigkeit solcher Büchlein. Nach +Hunter’s amtlichen+ Zahlen betrug der ganze Handel Indiens 1890/91: Rx 196 Millionen. Hiervon entfielen 43 Procent (Rx 84 Millionen) auf Bombay, 37 Procent auf Calcutta. +Bombay hat also Calcutta bereits überflügelt.+

Den Haupteinfuhrgegenstand bilden Baumwollen-Waaren (für 187 Millionen Mark), den Hauptausfuhrgegenstand Rohbaumwolle (für 291 Millionen Mark). 77 Procent der ganzen Einfuhr und 58 Procent der ganzen Ausfuhr gehen durch den Suez-Canal.

Ausser dem Handel kommt die Industrie in Betracht. Bombay tritt durch seine Baumwollenspinnereien bereits in Wettbewerb mit Manchester. 1890/91 verkehrten 89797 Schiffe (darunter 3451 Dampfer) mit 5 Millionen Tonnen im Hafen von Bombay; allerdings kommen 87962 mit 2,8 Millionen Tonnen auf den Küstenhandel und den Verkehr mit indischen Häfen. Sechs grosse europäische Dampfschifffahrtgesellschaften unterhalten regelmässigen Dienst mit dem Hafen von Bombay.

* * * * *

+Esplanade Hotel+ hat eine vortreffliche Lage inmitten der Stadt. Nach Osten liegt die Haupt-Längsstrasse der Stadt (Esplanade Road), nach Süden grenzt daran eine Gewerbeschule, nach Westen eine schmale Strasse, jenseits deren das Regierungsgebäude der Präsidentschaft emporragt, nach Norden eine breite Querstrasse und jenseits derselben ein kleiner, zu der Universität gehörender Garten. Hier tummeln sich Führer, Kutscher mit ihren Wagen, gelegentlich auch Gaukler und andre Schmarotzer der Reisenden.

Ungeheuer ist das Gewühl in der grossen Halle zur ebenen Erde, mit all’ den Dienern des Gasthauses, der Fremden, der in Indien lebenden Engländer, mit den Kaufmannsburschen, welche kommen und gehen. Im Hintergrund der Halle ist der Schreibtisch, wo man seinen Namen einträgt und seine Zimmernummer erfährt, um sofort, mit dem Personen-Aufzug, (ungünstigen Falles, selbst bis zum fünften Stock, wo hauptsächlich Diener hausen,) empor befördert zu werden.

Ich erhielt ein Zimmer im ersten Stock, das allerdings weder sehr gross, noch glänzend ausgestattet war.[587]

Weiter befinden sich in Unterstock, angrenzend an die grosse Halle, die eigentliche Abfertigung, wo man bestellt und bezahlt, eine Geld-Wechsel-Stube, die sehr angenehm und nöthig ist,[588] ein Postamt, ein Billard- und Trink-Raum, ein sehr schlechter und dunkler Leseraum, wo Zeitungen an Ketten liegen, einige Läden, die mehr oder weniger innige Beziehungen mit der Leitung des Gasthauses unterhalten. Das letztere soll Eigenthum des früheren Ministers eines Schutzstaates sein, der mit seinem Raub nach Calcutta sich zurückgezogen, und soll grossen Gewinn abwerfen. Die Schreiber und Wechsler sind Hindu, ebenso wie die Pförtner und Diener.

Die grossen Speise-Säle liegen im ersten Stock. Man speist an kleinen Tischen zu vier bis acht Personen. Jeder Tisch hat seinen eignen Aufwärter. Ansässige (Beamte, Kaufleute, Consuln) bringen wohl ihren eignen Diener mit. Speisen und Getränke sind befriedigend.

Die Speise-Säle öffnen sich auf einen mächtigen Balkon, der die ganze Breitseite des Hauses einnimmt und namentlich nach dem Abendessen einen angenehmen Aufenthalt bildet, wo man an einem kleinen Tischchen den Kaffe einnimmt und bei der Cigarre[589] eine Stunde mit Bekannten verplaudert.

In dem Gasthaus wohnten etliche Deutsche, theils Reisende, theils Ansässige, deren Bekanntschaft ich bald machte und so die Annehmlichkeit genoss, wenigstens bei Tisch und danach meine Muttersprache sprechen zu können und auch lästigem Gesprächsstoff zu entgehen.[590]

Europäische Abendvergnügen, wie Theater,[591] giebt es in dieser indischen Grossstadt nicht.

Von dem luftigen Balkon wandre ich in’s Schlafgemach. Dieses ist gleichfalls luftig, da ich die Fenster auch Nachts offen lasse, und, nur von einem Laken zugedeckt, ganz angenehm schlafe.

Des Morgens, nach dem Bad und dem Früh-Thee, sitze ich behaglich am Fenster, rauche meine Cigarre, schreibe, lese, durchfliege die englische Zeitung. Letztere hat mir der unten lauernde Zeitungsjunge geschickt zwischen die eisernen Stäbe des Fensters hindurch in das Zimmer geschleudert; und, da er mit der hinuntergeworfenen Bezahlung zufrieden ist, wiederholt er dies jeden Morgen, sowie er mich erblickt. Die schon früh nach Bakschisch brüllenden Bettelkinder schaffe ich mir mit Hilfe des Pförtners vom Halse. So verbringe ich eine angenehme Morgenstunde.

Allmählich erscheinen aber mehr Menschen auf den Strassen. Jetzt ist es Zeit, die in nächster Nachbarschaft befindlichen +Prachtgebäude+ zu besichtigen. Hatte ich doch bei Sir Edwin Arnolds gelesen „von einer glücklichen Erleuchtung, welche die gothische Baukunst mit der indischen verschmilzt.“ Da aber wurde ich gründlich enttäuscht und, um es kurz zu sagen, +geschmacklosere Bauten+, als die der Engländer in Bombay, habe ich noch in keiner Grossstadt, sogar nicht in Amerika, auf so engem Baum zusammengedrängt gesehen.

Das +Secretariat+ der Präsidentschaft, westlich von unserem Gasthaus (mit der Hauptseite nach Mayo Road, die hier einigermassen gleichläuft mit Esplanade Road[592]) ist ein Steinkasten von 443 Fuss Länge und vier Stockwerken; -- für seinen Zweck ist es gewiss brauchbar, ausserdem aber soll es „+venetianisch+“ sein.

Die +Universitäts-Halle+ ist nach der Zeichnung des Sir Gilbert Scott im „+französischen+“ Stil des 15. Jahrhunderts erbaut, 104 Fuss lang, 44 Fuss breit und 63 Fuss hoch, 1874 fertig gestellt und nach Sir Cowasjee Jehangir Readymoney[593] benannt, der 100000 Rupien dazu beigesteuert.[594] Dies Gebäude ist wenigstens doch hübsch im +Innern+, durch eine Holztäfelung, die von Einheimischen herrührt. (Die Universität, die nur Prüfungen vornimmt, mit dem Unterricht aber nichts zu schaffen hat, hält hier ihre Sitzungen ab.)

Die +Universitäts-Bücherei+ mit dem Glocken-Thurme, von demselben Sir Gilbert Scott in dem „+gothischen Stil des 14. Jahrhunderts+“ entworfen, stellt eine Missverbindung dar zwischen einem 152 Fuss langen, ganz niedrigen Gebäude, der eigentlichen Bücherei, und einem plumpen, viereckigen, sechsstöckigen, bis über das Zifferblatt fast 200 Fuss unverjüngt aufsteigenden Thurm mit einer schmäleren Laterne, deren Spitze 260 Fuss über dem Erdboden steht. Der Thurm heisst der von +Rajabi+, nach der Mutter des edlen Gebers, des Herrn Prunchand Raichand, der für die Kosten des Bauwerks 300000 Rupien geschenkt und ausserdem 100000 Rupien für die Bücherei und noch spätere Zugaben, die vollkommen ausreichten, um Alles zu vollenden. Hätte der edle Geber nur noch die Mildherzigkeit so weit ausgedehnt, statt des englischen Künstlers einen einheimischen Handwerker mit Plan und Ausführung zu betrauen! Dann würde vielleicht auch der Beschauer eine Freude an dem Werke haben.[595] In dem Garten der Universität steht die Marmorbildsäule des einen der beiden Wohlthäter, der den Titel Sir führt.

Das +Gerichtsgebäude+, in „+altenglischem+“ Stil von Gen. J. A. Fuller entworfen und 1879 mit einem Kostenaufwand von 100000 £ vollendet, ist 562 Fuss lang, mit einem Thurme von 175 Fuss Höhe. Ich war auch +drinnen+; das beste, was man dort sieht, ist die +Aussicht+.

+Postgebäude+ „im mittelalterlichen Stil“, +Telegraphenamt+ „im neuen gothischen“ und +Bau-Amt+, die hier in der Nähe und dicht bei einander liegen, verdienen nur genannt zu werden.

Verfolgt man die Hauptquerstrasse (Churchgate street) nach Osten, so stösst man zuerst auf die +Cathedrale+, die 1718 erbaut, 1833 mit einem hohen Thurm versehen wurde und eine „Mischung des klassischen und gothischen Stils“ darstellen soll; hiernach auf einen kleinen Rundgarten (+Elphinstone Circle+), der von hohen Geschäftshäusern umgeben ist, und endlich auf das Stadthaus (+Town Hall+), das mit seiner Hauptfassade von 260 Fuss Länge und einer dorischen Säulenhalle etwas besser aussieht: es wurde 1835 mit einem Kostenaufwand von 65000 £ errichtet. Das Gebäude hat einen grossen Saal von 100 Fuss Länge und Breite, der weniger zu öffentlichen Versammlungen, als zu +Bällen+ benutzt wird; denn von städtischer Selbstverwaltung ist in Indien keine Rede. Aber es ist auch der Aufbewahrungsort für die wichtige Bücherei der +asiatischen Gesellschaft+ und hierdurch den deutschen Fachgelehrten genügend bekannt.

Oestlich von dem Stadthaus, schon dicht am Ufer, liegt die +Münze+, welche 300000 Rupien an +einem+ Tage zu prägen im Stande ist und früher bisweilen bis zu 200000 £ in Silberbarren beherbergte; denn Jedermann konnte hier sein Silber zu Rupien prägen lassen für die gesetzlichen Gebühren: erst vor wenigen Monaten ist die freie Silberprägung nothgedrungen, wegen des Silbersturzes, aufgehoben worden.

Ob das neue Stadthaus (+Municipal Office+) am Nordende des Europäer-Viertels[596] nach seiner Fertigstellung besser aussehen wird, weiss ich nicht. Jedenfalls hatte der Baumeister in nächster Nähe zwei Beispiele vor Augen, ein nachahmenswerthes, die +mohammedanische Mädchen-Schule+, welche trotz der üblichen Klassen-Eintheilung anmuthige Hallen und Kuppeln zeigt, und ein abschreckendes, das Gebäude des +Victoria-Eisenbahnhalteplatzes+,[597] das allenthalben nach vorn Dachtraufen mit den Köpfen nordischer Ungeheuer und sogar an seinem Central-Dom strahlenförmig Säulen mit eben solchen Missbildungen gegen den Himmel, wie versteinertes Gestrüpp, emporstreckt. Es soll „spät gothisch“ sein, wird als das schönste Gebäude in Bombay und als der prächtigste Eisenbahnhalteplatz in Indien gepriesen. Herr Stevens war der Baumeister, die Kosten betrugen 300000 £. 1888 wurde es fertig, die innere Einrichtung muss als zweckmässig gelobt werden; es ist der Endpunkt der Great Indian Peninsular Railway.

Bombay’s öffentlichen Gebäude machen keinen sonderlichen Eindruck auf denjenigen, der aus Indien +kommt+ und so viel schönes gesehen.

Wie die öffentlichen Gebäude, so auch die +Bildsäulen+.

Im südlichen Anfang von Esplanade road, gegenüber einem freien Platz, steht die bronzene +Reiterstatue des Prinzen von Wales+, die Sir +Albert Sassoon+[598] zur Erinnerung an den Besuch des Thronerben (1875/76) durch Herrn +Böhm+ für 12500 £ anfertigen liess und der Stadt Bombay zum Geschenk machte. Die Enthüllung fand im Jahre 1879 statt. Der Prinz, in Feldmarschallsuniform, sitzt zu Pferde. Die Bildsäule ist 12 Fuss hoch und steht leider auf einem Granitwürfel von 14 Fuss Höhe, also zu hoch für bequeme Betrachtung. An den beiden Hauptseiten enthält der Unterbau Bronze-Tafeln mit erhabener Arbeit. Die eine stellt die Landung des Prinzen dar; die andere zeigt die Vorstellung auf der Esplanade, wo der Prinz in der Mitte zwischen Hindu und Mohammedanern steht.

An der Kreuzungsstelle von Esplanade- und Mayo-Road sitzt unter einem gothischen Spitzdach von 42 Fuss Höhe +die Königin+ im Staatsgewande. Die Bildsäule ist 7 Fuss hoch, aus weissem Marmor, von +Noble+. Die Enthüllung erfolgte 1872. Die Gesammtkosten betrugen 182000 Rupien, wovon der Fürst (Gâekwâr) von Baroda 165000 beigesteuert. Ein gothisches Spitzdach ist die unglücklichste Bedeckung für eine sitzende Bildsäule; das weiss Jeder, der die von Walter Scott zu Edinburgh gesehen.

Bombay’s Bedeutung beruht auf dem +Seehandel+.

Naturgemäss wendet man sich zum +Hafen+. Es ist nicht weit. Man verfolgt Esplanade Road vom Hotel aus südwärts eine kurze Strecke, geht über einen halbkreisförmigen freien Platz und durch die Apollo-Bunder-Strasse, vorbei an dem +Seemanns-Heim+[599] und dem +Jacht-Club+ zur Linken und einem +Erfrischungshause+ zur Rechten. Hier springt die von einer 100 Fuss langen, offenen Halle gekrönte +Landungstreppe+ in den Hafen vor, die den für uns seltsamen Namen +Apollo Bunder+ führt.

+Bunder+ oder Bandar heisst auf hindostanisch +Uferstrasse+. Das Wort Apollo sollen die Engländer aus dem hindostanischen Wort pallow, d. h. +Fisch+, zurecht gemacht haben: wobei nur eines wunderbar ist, dass sie eine Silbe zugegeben, nicht fortgenommen haben.

+Apollo Bunder+ oder, wie der +amtliche+ Name jetzt lautet, +Wellington Damm+ (W. Pier) ist das wirkliche +Eingangs-Thor+ zur Westküste von Indien. Dicht davor werfen die Postdampfer der P. & O. Gesellschaft Anker. Ankunft und Abfahrt bedingen lebhaftes Gedränge und geschäftiges Treiben auf dem Ufer und auf dem Wasser. Der Blick von oben, über die niedrige Umfassungsmauer fort, zeigt eine der schönsten +Seelandschaften+ der Erde. Vor uns liegen in dem von schier unzähligen Vergnügungs- und Geschäftsbooten durchfurchten Hafen die zahlreichen verankerten Schiffe. Die Flaggen aller Völker flattern von den ragenden Masten. Obwohl Bombay heutzutage nicht mehr eine Festung darstellt, -- denn von dem nördlich von unserem Standpunkt befindlichen +Kastell+ sind nur noch die Ufermauem übrig geblieben und die Waffensammlung (+Arsenal+), -- so ist doch für die +Vertheidigung des Hafens+ einigermassen gesorgt. Da liegen die beiden Monitor Abyssinia und Magdala, jeder mit zwei Thürmen und 10zölligen Kanonen; da erhebt sich zu unserer Linken Chendal Bet, die Kreuz-Insel, mit ihrer Batterie, am Nordende der Ankerlinie; am Südende der letzteren der Austern-Felsen und eine dritte Batterie in der Mitte. Dazu kommt weiter nach Osten die Schlacht-Insel (+Butcher’s Island+), wo die Mannschaften zur Bedienung der unter See befindlichen Minen ihren Standort haben.

Lassen wir den Blick weiter über das Wasser nach dem Hintergrund zu schweifen, so erblicken wir andere grössere Inseln, darunter die berühmte +Elephanta+ und die Berge des Festlandes, die westlichen +Ghats+, die hier 1000 bis 2000 Fuss emporsteigen. Besonders reizvoll ist das Bild +gegen Abend+, wenn die tiefer stehende Sonne auf den Felsinseln eine malerische Abwechslung von Licht und Schatten hervorruft.

Dann sammelt sich auf diesem Platz „+ganz Bombay+“ oder wenigstens eine hübsche Muster-Sammlung seiner so verschiedenartigen Einwohner. Die Vornehmeren der wirklich herrschenden Kaste, der Engländer und anderen Europäer, erscheinen nur vereinzelt; die meisten fahren von dem Corso am westlichen Ufer der Bombay-Halbinsel sofort nach Hause, um für das wichtige Geschäft des Abendessens langsam und würdevoll sich vorzubereiten.

Aber von der einflussreichsten und wohlhabendsten Klasse der Eingeborenen, den Parsi, rollt ein Wagen nach dem andern heran. Aussteigen die würdevollen, hohen Gestalten der halb europäisch gekleideten Männer mit der steifen, glänzenden Kopfbedeckung, die an die Blechmützen der Garde Friedrich’s des Grossen erinnert; mit ihnen die schwarzäugigen Frauen, in lebhaft gefärbten Seidengewändern, das lange Tuch (Sari) mit dem bunten, fein gestickten Saum so um das Haupt geschlagen, dass es das Gesicht vollständig einrahmt; die munteren Kinder, Knaben wie Mädchen, in blumigen Gewändern (Jacke und Hosen) und mit Sammtkäppchen auf dem üppigen, schwarzen Lockenhaar. Nur durch Länge des Haares und Ohrringe sind die Mädchen von den Knaben zu unterscheiden.

Da erscheinen Hindu in jeder Schattirung des Braun, mit Kastenabzeichen auf der Stirn, mit allen Arten von Turbanen, weissen und rothen, und von Mützen und in schneeweisser Baumwollengewandung; Mohammedaner, die auch hier die grüne Farbe des Turbans vorziehen; Hinduweiber mit grellfarbigem Tuch (Sari, aus Battist oder Seide) um den Kopf, mit Nasenring, Spangen an Armen und Fussknöcheln; Juden aus Bagdad im Fez, mit ihren Frauen, die zu den schönsten im Osten gehören. Die schlanke Gestalt ist in ein weisses, bauschiges Gewand gekleidet, das aber wegen der Zartheit des Stoffes die Formen nicht vollständig verhüllt; das weisse Tuch umrahmt das regelmässige, helle Gesicht mit den dunklen Augen; den überladenen Schmuck der Hindu-Frauen verschmähen sie, gehen aber nicht barfuss, sondern in zierlichen Schuhen.

Natürlich fehlen die neugierigen Reisenden ebenso wenig wie die fröhlichen, recht jugendlichen Gestalten der britischen Soldaten sowie Schiffsvolk aus aller Herren Länder. Händler mit allerlei Kleinigkeiten, mit Süssigkeiten und Spielwaaren für die Kinder, Bootsleute, welche ihre Kähne anbieten, drängen sich zwischen die Menge, welche langsam auf- und abwandelt und den Klängen einer Musikkapelle lauscht, die gelegentlich vor dem Jacht-Klub ihre Weisen ertönen lässt. Dann geht die Sonne unter, der Mond leuchtet in märchenhaftem Glanze. Die Versammlung zerstreut sich nach allen Richtungen.

Unmittelbar nördlich von Apollo Bunder liegt die +Werft+ (Dockyard), 1735 von der Regierung mit Hilfe einer tüchtigen und grundehrlichen Parsi-Familie in’s Leben gerufen und ganz allmählich vergrössert; 1820 wurden Kriegsschiffe von 1700 Tonnen ganz und gar von den Parsi fertig gestellt, aus Teakholz, das fünf Mal so lange hält, wie europäisches Eichenholz. Ein Kauffahrer von 1000 Tonnen, aus diesem Holz erbaut, hat 70 Jahre lang das Meer befahren! Bombay ist der einzige wichtigere Platz in Indien, wo die Fluth (von 14 Fuss) hinreicht, um grössere Docks zu erbauen.

Südlich von Apollo Bunder bei Colaba liegt das alte +Sassoon-Dock+ zum Aus- und Ein-Laden von Schiffen, 650 Fuss lang, 250 Fuss breit, 19 Fuss tief, mit der Eisenbahn verbunden; und nördlich, dicht bei der Kreuz-Insel, die neuesten Anlagen der Art, +Prince’s Dock+, das 30 Acres = 12 Hektaren misst und 30 Oceandampfer aufnehmen kann; sowie +Victoria Dock+, von 25 Acres = 10 Hektaren.

Diese beiden Flächen, sowie der südlich daran stossende Uferstreifen bis zur Münze sind der See +abgewonnen+,[600] wodurch der Hafen erheblich verbessert und morastige, ungesunde Untiefen in vortreffliche Geschäftsviertel umgewandelt wurden.

+Hundert Millionen+ Mark sind hierfür, einschliesslich der Verbesserung der Backbay, ausgegeben worden.

Natürlich habe ich, bei meiner grossen Vorliebe für Hafen-Anlagen, nicht versäumt, den ganzen Hafen von Bombay im Boot zu durchfahren und alles genau in Augenschein zu nehmen. Ein ganzer Sonntag wurde daran gewendet. Bei dieser Gelegenheit besuchte ich auch S. M. Kreuzer +Schwalbe+, der soeben von unseren ostafrikanischen Besitzungen angekommen war und die deutsche Flagge im Hafen von Bombay flattern lies. Auf das zuvorkommendste wurde ich aufgenommen, von den Herrn Aerzten und Officieren durch das ganze Schiff geleitet, das vor Sauberkeit nur so blitzte. Da sah ich „die grossen Kanonen“, deren Ruf bald bei den unbotmässigen „Arabern“ so verbreitet war, dass schon der blosse Anblick des Schiffes ihnen einen heilsamen Schrecken einflösste. Spielend werden die mächtigen Feuerschlünde mittelst Maschinen von +einem+ Mann gedreht und gerichtet.

Unsre Matrosen und Seesoldaten sind prachtvolle Gestalten. Lächelnd gedachte ich der an Bombay’s Mauern angeklebten bunten Marktschreier-Zettel, die deutsches Bier empfehlen und ein Kampfspiel (Seilziehen, tug of war,) zwischen deutschen und englischen Matrosen darstellen: worin unsre Leute jammervoll unterliegen. In Wirklichkeit wird die Sache sich wohl anders entwickeln.

Natürlich ist ein solcher Kreuzer nicht so geräumig, wie ein Postdampfer; mit dem Raum muss man haushälterisch umgehen. Der Dienst ist auch nicht leicht. Aber die Verpflegung ist vortrefflich, die Mannschaften sehen sehr gut aus und sparen den grössten Theil ihrer Löhnung.

Nach der Besichtigung wurde wirklich deutsches Bier aufgetischt und mehr als ein Glas auf das Wohl des Vaterlandes geleert.

Zum Schluss fuhr ich noch nach Prince’s Dock, wo der stattliche Postdampfer +Imperatrix+ des östreichischen Lloyd, auf dem ich am 1. Januar meine Heimreise antreten sollte, hart an der Ufermauer verankert lag.

Capitän Egger, ein graubärtiger, biederer Seemann, empfing mich auf das freundlichste und zeigte mir die Einrichtung, ganz anders als die Capitäne der englischen P. & O.-Gesellschaft, die in dem Reisenden nur eine Zahl (oder eine Geldsumme) sehen.

Bootsfahrten sind natürlich, wie überall, bequem und billig. Als ich den Leuten 4 Rupien einhändigte, wagten sie gar nicht einmal, noch ein Geschenk (bakschisch) zu verlangen.

Schlechter ist es mit den +Droschken+ bestellt, wenn auch nicht ganz so schlecht, wie in Calcutta. Der Gebührensatz ist allerdings, wie bei uns, auf einer deutlich sichtbaren Tafel gedruckt zu lesen, z. B. nach dem Malabar-Hügel und zurück 2½ Rupien. Aber wenn man oben angelangt ist, sagt der Kutscher, dass das Pferd müde oder krank sei, und sucht den vollen Preis für die halbe Fahrt zu erlangen. Nach solcher Erfahrung miethete ich für grössere Ausflüge stets in der Gasthofkanzlei einen Einspänner, der für den halben Tag 3 bis 5, für den ganzen Tag 6 bis 8 Rupien kostet und weit besser fährt. Für kürzere Fahrten in der Stadt sind allerdings auch die Droschken brauchbar. Wer Einheimische genauer betrachten will, wird gelegentlich die Pferdebahn benutzen, die uns für ein geringes durch die ganze Stadt befördert.

Es ist aber auch sehr lehrreich, grosse Strecken +zu Fuss+ zurückzulegen.

Ganz eigenartig ist der Spaziergang nach Süden von Esplanade road, durch +Colaba causeway+. Hier kommt man zu dem +Baumwollen-Paradies+. Bombay ist nach New-Orleans[601] der grösste Baumwollenmarkt der Erde. 4000000 Centner werden jährlich von Bombay ausgeführt und 2000000 in den 70 Dampf-Spinnereien der Stadt verarbeitet,[602] wobei 59000 Menschen Beschäftigung finden.

Es ist wohl zu bemerken, dass im letzten Jahre mehr nach Deutschland als nach England verschifft worden ist! Die grossen viereckigen Ballen werden durch hydraulische Pressen, die einen Druck von 800 Tonnen auf den Ballen ausüben, zusammengedrückt, so dass sie grössere Dichtigkeit (specifisches Gewicht) als Tannenholz annehmen, und mit dünnen Eisenbändern umgeben. So lagern sie zu Tausenden und Tausenden in Hallen und auf Höfen, bewacht von den Angestellten der Geschäfte und durchmustert von Kauflustigen.

Indien ist die Heimath der Baumwollenpflanze und ihrer Verarbeitung zu den feinsten Geweben, seit uralter Zeit. Im Anfang des 18. Jahrhunderts beherrschten ostindische Baumwollenwaaren den englischen Markt, so dass in den Jahren 1700 und 1721 ihre Einfuhr nach England durch Gesetz beschränkt wurde. Aber der Erfindungsgeist und die Thatkraft der Europäer hat in +einem+ Jahrhundert auf diesem Gebiet mehr geleistet, als die Weisheit des Morgenlandes in Jahrtausenden.

Indien lieferte Baumwolle nach England und nahm von dort Baumwollenwaaren. Jetzt fängt Asien an, durch eigne Dampf-Spinnereien von Europa sich unabhängiger zu machen; aber vorläufig wird es noch zinspflichtig bleiben.

Umfassend ist hier am +Südende+ die +Aussicht+ auf Bombay. Im äussersten Westen erblickt man die Malabar-Spitze mit der Flaggen-Stange des Statthalters, dann kommt der grüne, langgestreckte, mässig hohe Hügelrücken der Malabar-Halbinsel, auf dem einzelne der Pracht-Häuser sichtbar sind, danach die hängenden Gärten und, hinter der Umbiegungsstelle der Hinterbucht, die fernen Schornsteine des sogenannten Manchester von Bombay, hierauf einige grosse Häuser am Strand, dann der Palmenwald, in dem ein Theil der „schwarzen Stadt“ der Hindu liegt, endlich die grossen Amtsgebäude, welche Bombay kennzeichnen (Victoria-Halteplatz, Universität, Obergericht,) einige rothe Dächer der höheren Geschäftshäuser und dahinter die Bergkuppen der in der Bombaybucht gelegenen Inseln.

Am äussersten schmalen Südende der Halbinsel sind einige militärische Gebäude, Werkstätten, seltsamer Weise auch Gesundheits- und Erholungs-Häuser für kranke Soldaten, eine Kirche am Strande, zum Gedächtniss an die 1842 in Afghanistan gefallenen Krieger, eine Sternwarte und ein Leuchtthurm, der nicht mehr in Thätigkeit ist, seitdem ein neuer (+Prong Light+) auf einer dicht vor der Colaba-Spitze gelegenen Klippe erbaut worden.

Auf dem Rückweg wandte ich mich zu der breiten +Uferstrasse+, (Drive, Queens road,) welche längs des ganzen Ostufers der Halbinsel, aber von diesem durch die Eisenbahn geschieden, bis nach dem Malabar-Hügel hinzieht und stetig eine prachtvolle Aussicht auf diesen und die Hinterbay darbietet. Ihre Länge beträgt wohl eine deutsche Meile. Hier und da sind Bahnübergänge zu Spielplätzen am Wasser, die fleissig von Gross und Klein benutzt werden. Die Uferstrasse selber ist Nachmittags belebt von Wagen und Fussgängern. Die meisten Wagen gehören den Parsi, dann kommen die Engländer, auch Damen, die selbst die Rosse lenken, dann vornehme Hindu, in rothem goldstrotzendem Turban, von Lanzenreitern gefolgt, und einzelne Mohammedaner.

Zwischen den Hauptgebäuden der Stadt und dem Ostufer liegt ein +Reitplatz+ von der Gestalt einer längs gezogenen Ellipse, natürlich +Rotten Row+ genannt. Denn der Engländer nimmt mit sich seine heimischen Sitten, Gebräuche, Namen, Neigungen überall hin, selbst bis zum Aequator und zu den Gegenfüsslern.

Dann folgt Church-Gate-Halteplatz der Bombay-Baroda und Central India-Eisenbahn; weiterhin sehr stattliche Baracken für Soldaten und eben solche für Matrosen; die der letzteren führen den Namen Marine Lines, und danach heisst auch der Eisenbahn-Halteplatz.

Gleich darauf folgt der grosse Parsi-Turnplatz (+Gymkhana+). Hier hatte einige Tage zuvor Lord Hawkin mit seinem Cricket-Club aus England, der auf dem Schiff Shannon schon durch seine Unverschämtheit das Missvergnügen der Vernünftigen erregt, statt des geträumten Sieges eine gründliche Niederlage von Seiten der Parsi-Jünglinge erfahren, zur grossen Freude der Parsi und zu meiner eignen Genugthuung; schliesslich aber durch seine allerdings anerkennenswerthe Zähigkeit und Ausdauer einen ganz geringen Erfolg davon getragen.[603]

Endlich kommt man in dem Stadttheil Girgaum zu den +Begräbnissstätten+ -- der Hindu, Mohammedaner, Europäer, die so auf einander folgen.

Natürlich verbrennen die Hindu ihre Todten.

Als ich in die offene Pforte des von einer sehr hohen Mauer umgebenen Platzes eintreten wollte, kam eiligst ein hochgewachsener Sikh-Schutzmann quer über die Strasse geeilt, um mir in fliessendem Hindostani eine längere Rede zu halten. Natürlich verstand ich dieselbe nicht, sagte ihm auf englisch, dass ich ein Reisender sei und alles betrachten wolle. Das verstand +er+ wieder nicht. Schliesslich aber führte er mich hinein zu einer grossen englischen Inschrift des Inhalts, dass die Andersgläubigen gebeten werden, die heiligen Handlungen nicht zu stören. Nun, ich hatte in Benares genug davon gesehen und ging meines Weges.

Die +einheimische Stadt+ erreicht man am besten über Hornby road, die von dem Denkmal des Prinzen nordöstlich zum Victoria-Halteplatz führt; und von da weiter[604] nördlich zum +Crawfort Markt+, dem Anfang der „schwarzen Stadt“. (2 Kilometer nördlich von meinem Gasthaus).[605]

Das Markt-Gebäude besteht aus einer mittleren Halle und zwei seitlichen Flügeln (150×100 Fuss und 350×100 Fuss), ist mit Eisen gedeckt, mit Fliesen gepflastert und sehr sauber gehalten.

Herr Arthur Crawford, städtischer Beamter von 1865-1871, hat natürlich die 1100000 Rupien, welche der Bau gekostet, nicht aus seiner Tasche gezahlt; aber doch ein grosses Verdienst um die Gesundheit der Stadt dadurch erworben, dass er die Schlachthäuser, die früher in der Nähe des Markts sich befanden, nach der Insel Salsette, nördlich von Bombay, verlegte.

Die mittlere Halle des Markt-Gebäudes wird ganz unpassender Weise von einem 128 Fuss hohen Glockenthurm überragt; sie hat aber innen einen sehr passenden Schmuck, einen Springbrunnen, der Kühlung verbreitet und frisches Trinkwasser in reichlicher Menge liefert, wieder eine Gabe des edlen Sir C. J. Readymoney. Die innere Einrichtung ist ähnlich der unserer Markthallen. Aber die Waaren sind verschieden.

Da sind ganze Reihen von Ständen, wo Betel verkauft wird. Unter den Früchten sind besonders Bananen und Pumelo bemerkenswerth, sowie Mango zu ihrer Zeit (Mai). Ferner sind Zwiebeln reichlich vorhanden und viel begehrt. Hier wie überall im Morgenland sind Männer die Käufer, wenngleich nicht ausnahmslos; aber in den Verkauf theilen sich beide Geschlechter gleichförmig. Fisch, Hammel-, Rind-Fleisch werden in besonderen Abtheilungen feilgeboten. Natürlich ist verhältnissmässig weniger Nachfrage, als bei uns, da die Hindu fast gar kein Fleisch essen.

Hinter der Markthalle ist ein schöner Garten, wo in kleinen Holzhäuschen lebendige Vögel, Papageien und Pfauen, ferner Aeffchen und langhaarige Katzen verkauft werden. (Für arabische Pferde, die aus Bagdad gebracht werden, giebt es einen besonderen Verkaufsstand. Die mit malerischem Burnus bekleideten Araber, welche diesen Handel betreiben, sind vielfach in den Strassen zu sehen.)

Von dem Markt ist es nicht weit zu den +Bazaren+, wo die Erzeugnisse des Handwerks und Gewerbefleisses feilgeboten werden. Gleich die Fortsetzung von Hornby road, die +Abduraman+- (oder Aboulrehman) Strasse, ist ganz und gar mit Läden besetzt.

Einen sehr grossen Raum nimmt der +Kupferschmied-Bazar+ ein, er macht sich dem Reisenden auch bald durch den Lärm des Hammers bemerkbar. Grosse kupferne Wassergefässe (Lota) werden in ungeheuren Mengen feilgehalten und verkauft.

Berühmt sind ferner die +Holzschnitzereien+ und eingelegten Holzarbeiten von Bombay (Bombay-Büchsen), Gold- und Silber-Stickereien, Töpferwaaren, Juwelier-Arbeiten. Aber gewaltig ist die Zahl der Verkaufsstände für die ganz billigen Schmuckgegenstände und Flitter-Waaren, die jede Eingeborene, auch die ärmste, in grossen Massen gebraucht.

Die +Strassen+ der Eingeborenen-Stadt sind eng und gewunden, ohne Bürgersteig, aber reinlich und reich an Abwechslung, dicht gedrängt von der auf- und abwogenden Menge, durch welche merkwürdiger Weise Wagen, ohne Schaden anzurichten, sich durchwinden. Die Häuser enthalten unten Läden und Verkaufsstellen, oben Erker, die vielfach ebenso wie die Thürpfosten schön geschnitzt und reich bemalt sind. Ganze Sippen leben in einem Hause. Auf 2½ Quadratkilometer wohnen gegen 400000 Menschen.

Von +Tempeln+ bemerkt man leicht drei Arten, die grell bemalten und mit abenteuerlichen Bildwerken geschmückten Hindu-Tempel; die einfacheren und bildlosen Moscheen, die immerhin durch Kuppel und Minarets hervorstechen; und die ganz schmucklosen, unzugänglichen, wie es heisst, auch innen ganz leeren Gebethäuser der Parsi.

Obwohl in der Eingeborenen-Stadt die Teiche (Tanks) nicht fehlen, so sieht man hier doch nirgends die elenden Dorf-Hütten um dieselben, wie in Calcutta.

Einen besonderen Stadttheil im Norden bilden die +Fabriken+ mit ihren hohen Schornsteinen.

Ich besuchte mit einem Empfehlungsschreiben die Seidenfabrik des Herrn Sassoon, die 1200 Menschen, nur +Asiaten+, beschäftigt.

Die Führung war höchst umsichtig; sie begann mit dem Rohstoff, der Ordnung und Reinigung desselben, ging dann über zum Spinnen der Garne und zu den Geweben, den einfachsten wie den zusammengesetzten, zeigte das Färben und Bedrucken und schliesslich das Lager. Die Stoffe werden nach dem Gewicht verkauft, schöne Tücher das Pfund zu 15 Rupien, das ist das doppelte des Rohstoff-Preises.

In der Nähe der westlichen Querstrasse (Grant road[606]) liegen die +Krankenhäuser der Medicin-Schule+ (Grant Medical College).

Die neun Professoren tragen vor in englischer Sprache, die vier Hilfslehrer aber in Guzerati und Marathi. Die Hilfsärzte sind Eingeborene, ebenso die Studenten.

Die Krankenhäuser sind milde Stiftungen, meist von Parsi. Da ist das Jamshidji-Krankenhaus, dicht bei der Medicin-Schule, mit vierzehn Krankensälen zu je vierzehn Betten; einer ist für Parsi allein, in den andern finden Kranke aller Bekenntnisse und Kasten Aufnahme. Schwierig ist die Verpflegung: Hindu brauchen einen Koch ihres Bekenntnisses, ja die Brahmanen einen solchen aus ihrer eigenen Kaste: Mohammedaner und Parsi sind mit einem Christen schon zufrieden, wenn er nur die Vögel nicht erdrosselt, sondern schlachtet.

Derselbe +Jamshidji Jijibhai+ hat eine Wohlthätigkeitsanstalt für Arme und ein Asyl für Obdachlose (Dharmsala) mit 200 Einzelräumen erbaut; ein Armenhaus für Parsi haben die Söhne von +Fardunji Sorabji Parak+ zum Andenken an ihre Mutter begründet.

Die +Gewerbeschule+, welche an unser Gasthaus grenzt, wurde 1870 von dem Juden David Sassoon und seinem Sohn Sir Albert Sassoon mit einem Kostenaufwand von 15000 £ erbaut und auch mit einer guten Bücherei versehen. Auf dem Flur steht eine Bildsäule von David Sassoon.

Ganz im +Norden der Stadt+, jenseits des Vorstadt-Halteplatzes Byculla, liegt der +Victoria-Garten+.

Hier steht das +Albert-Museum+. Sir G. +Birdwood+ sammelte 1 lakh durch freiwillige Beiträge; 1862 wurde der Grundstein gelegt, 1871 das Gebäude vollendet. Sir Albert Sassoon schenkte den Glockenthurm dazu und, wenn ich nicht irre, auch die Marmor-Bildsäule des Prinzen Albert von Koburg, des Gemahls der Königin Victoria. Von dem Inhalt der Sammlung sagt Murray weiter nichts, als dass er unbedeutend sei. Das möchte ich nicht unterschreiben. Wenn auch die einzelnen Stücke nicht so kostbar sind, so ist ihre planmässige Vereinigung höchst werthvoll und geeignet, uns einen vortrefflichen Ueberblick über Handwerk und Gewerbefleiss in Indien, namentlich in dem britischen, zu verschaffen.

Da sieht man die Jute, die Baumwolle, die Seide von ihrem rohen Zustand durch alle Stufen der Bearbeitung bis zu den fertigen, vollendetsten Geweben. Da lernt man auch die Bedürfnisse der verschiedenen Bevölkerungen, der einzelnen Gegenden, der hundertfältigen Kasten kennen; jede trägt ihren Turban so wie vor Jahrhunderten. Deutsche Geschäfte, welche solche Gegenstände für Indien herstellten, mussten erleben, dass ihre Waaren unverkäuflich blieben, wenn nur eine geringe Abweichung in der Breite oder in der Farbe des Stoffes vorhanden war. Ausser Geweben sind auch Metallwaaren aller Art, Töpferwaaren und bemalte Thonfiguren, Schnitzereien reichlich vertreten, zumal ganze Kästen aus den in Europa und in Indien veranstalteten Gewerbe-Ausstellungen schliesslich dem Museum einverleibt worden sind.

Die Eingeborenen sind wieder die dankbaren Besucher. Obwohl ich mehrmals da war, habe ich ausser meinen eignen Begleitern kaum einen Europäer dort gesehen.

Hinter dem Gebäude ist der Eingang zu dem grossen und schön gepflegten +Victoria-Garten+, der eine Fläche von 34 acres = 13½ Hektaren hat, auch eine stattliche Sammlung wilder Thiere besitzt und von der Stadt-Verwaltung mit einem Jahres-Aufwand von nur 10000 Rupien in Ordnung gehalten wird. So ein indischer Gärtner ist eben ein fleissiger und überaus genügsamer Mensch. Das Gitter öffnet ein Wärter, der auch durch Necken eines gefangenen Tigers einen Arm verloren. Eigenartig ist der +Schlangen-Zwinger+. Eine tiefe, ganz glatt ausgemauerte Grube enthält in der Mitte einen kleinen, künstlichen und gut bepflanzten Hügel mit höhlenartigen Löchern. Hier werden Riesen-Schlangen sowie auch kleinere gehalten und bewegen sich ungezwungen in völliger Freiheit, ganz anders als in unseren engen, künstlich geheizten Glas-Käfigen. Hier kann man beobachten, dass das Kriechen der Schlangen ein Vorschnellen oder plötzliches Strecken der Windungen des langen Leibes darstellt.

+Malabar-Hügel+ besuchte ich an einem Tage, den ich ganz den +Parsi+ gewidmet.

Auf der Fahrt durch Canada hatte ich in der Eisenbahn einen jungen Parsi, Doctor der Heilkunde, kennen gelernt, der aus London, wo er drei Jahre an Guy’s Hospital studirt, jetzt zurückkehrte, mit seiner jungen Frau, seiner zehnjährigen Schwester und seinen Eltern. Die letzteren drei hatten die Reise nach London erst einige Monate zuvor unternommen, um einen berühmten Nervenarzt zu befragen. Auf der langen Eisenbahnfahrt und der noch längeren Schiffsreise über den Stillen Ocean wurden wir gut bekannt, zumal es mir gelang, ein rheumatisches Kniegelenkleiden der Mutter ganz gut zu heilen. Die Leute waren sehr dankbar, gebildet, des Englischen mächtig. Da ich vorher Parsi noch niemals gesehen, so war natürlich meine Aufmerkkeit gefesselt; ich suchte sowohl über die körperlichen Eigenthümlichkeiten als auch über die religiöse Eigenart dieser uralten iranischen Vettern mir ein Urtheil zu bilden.

Da die Leute eine ziemlich helle Gesichtsfarbe haben und auf der Reise europäisch sich kleideten, so wichen sie wirklich im Aussehen nicht viel von Südeuropäern ab. Lächelnd erzählte mir der Doctor, dass seine Fachgenossen in London ihn wegen seines gut gepflegten Schnurrbartes für einen Ungarn gehalten hätten. Obwohl das Geschrei glaubenswüthiger Eiferer über Andersgläubige und Heiden mich nicht beeinflusst, war ich doch geradezu erstaunt, +den Inbegriff der Parsi-Lehre+ zu erfahren:

+Reine Gedanken, reine Worte, reine Handlungen.+ Zur Erinnerung an diese schon in ihrer Bibel, dem sogenannten +Zend-Avesta+,[607] betonten Dreiheit, umgürten sie den Knaben, sowie derselbe sieben Jahr alt geworden, mit dem heiligen Gürtel (Kosti oder Kuschti), und tragen denselben stets, um durch seine drei Schnüre an die drei Hauptgebote ihrer Tugendlehre erinnert zu werden. Und sie handeln auch danach. Man kann bei ihnen, im Vergleich mit ihren britischen Herrschern, einen sittlichen Mangel nicht entdecken, eher eine gewisse Ueberlegenheit. Sie sind redlich im Geschäft und unendlich wohlthätig. Die Missionare hatten +gar keine Erfolge+ bei den Parsi, wie die letzteren lächelnd mir mittheilten, und die englischen Bücher, die ich gelesen, vollauf bestätigen.

Wenn ein übereifriger, ungelehrter Reverend unsrer Tage sie Heiden schilt, werden sie sich zu trösten wissen, -- mit dem alten Propheten +Jesajas+,[608] der ihren König Koresch (Cyrus) den Gesalbten und den Hirten Gottes genannt; mit der Angabe des wahrheitsliebenden +Herodot+,[609] dass die Perser Bildsäulen und Tempel nicht errichten, weil sie nicht, wie die Hellenen, glauben, dass die Gottheit von Menschenart sei; da sogar einzelne vorurtheilsfreie mohammedanische Schriftsteller wie Sharastani († 1153 n. Chr. zu Bagdad) die Religion der Parsi mit der der Juden, Christen, Moslemin zusammengestellt; da kenntnissreiche und vorurtheilsfreie Forscher unserer Tage, wie namentlich +Haug+,[610] ihnen volle Gerechtigkeit widerfahren lassen und den edlen Kern ihrer Lehre hinter der krausen Hülle zu finden wissen; da endlich ihre ältesten und heiligsten Gesänge nur den +einen+ allmächtigen Gott lehren und preisen.

Der Gründer ihrer, der altiranischen, Religion ist +Zoroaster+ (Zarathuschtra), der vielleicht um das Jahr 1000 v. Chr. (in Ost-Iran) gelebt hat. Die Quelle ist das Buch +Zend-Avesta+, d. h. Erklärung vom Gesetz.[611]

In der +altiranischen+ Sprache, die in Europa missbräuchlich Zend genannt wird und die sowohl mit dem ältesten Sanskrit der Veden nahe verwandt als auch mit dem Altpersischen (der Keilinschrift-Sprache der Achaemeniden-Könige Kyrus, Dareios, Xerxes) fast identisch ist, wurden die Lehren des Zoroaster und seiner Jünger gesammelt; aber diese an Biegungen ausserordentlich reiche Sprache hörte schon mehrere Jahrhunderte vor Christi Geburt auf, gesprochen und verstanden zu werden und wurde später durch das abgeschliffene, einfachere und von semitischen Worten ganz durchsetzte Pehlwi (Pahlavi) verdrängt. Die Angaben, welche die alten Griechen über die Religion der Perser uns hinterlassen haben, werden durch die heutige Erforschung des Zend-Avesta vollkommen bestätigt, ebenso durch die Entzifferung der Keilinschriften des Königs Dareios, welche beweisen, dass die Religion des Zoroaster, die Verehrung Gottes (Ahura masda), der Zeit in Persien die herrschende gewesen.

Nachdem +Alexander der Grosse+ Persien erobert, in seiner Trunkenheit auch den Palast zu Persepolis mit der Hauptbücherei der masdagläubigen Lehre verbrannt hatte, verfiel die alte Religion unter der griechischen Fremdherrschaft und gedieh auch unter der Krieger-Herrschaft der turanischen +Parther+ aus Khorasan (der Asarkiden von 256 v. Chr. bis 226 n. Chr.) nicht sonderlich, weshalb bei der Wiederherstellung des alten Glaubens unter den +Sassaniden+ des mittelpersischen Reiches (226 n. Chr.) nach mehr als fünfhundertjähriger Nichtachtung nur noch +geringe Ueberreste+ der alten Bücher sich vorfanden, die in die +damals übliche Schriftart+[612] umgeschrieben und mit einer Uebersetzung ins Pehlwi oder Mittelpersisch versehen wurden. +Der Name Zend-Avesta kam erst damals auf+; unter der +Erläuterung+ wurden die Erklärungen in Pehlwi verstanden, welche die Priester dem ihnen wenig verständlichen Text hinzufügten. Im Jahre 636 n. Chr. wurde Jesdegerd III. von den Arabern besiegt; die Mohammedaner wütheten mit Feuer und Schwert gegen die „Heiden (Geber) und Feueranbeter“, vermochten aber ihre Lehre in Iran erst im Laufe einiger Jahrhunderte ganz auszurotten.

In der That sind jetzt nur noch 3000 Familien der Parsi zu Jedz (in der Provinz Irak-Adschmi, südlich von Teheran,) übrig geblieben, rings umgeben von den schiitischen Mohammedanern des +neupersischen+ Reiches, das, nachdem die Völkerwogen der Seldschucken und Mongolen vorüber gefluthet, 1502 vom Schah Ismael Safi begründet worden ist.

Ein Häuflein Parsi, welche den Mohammedanern und ihrem Glauben sich nicht unterwerfen wollten, wanderte 711 n. Chr. aus. Sie nahmen das heilige Feuer[613] mit, das sie bis auf den heutigen Tag unterhalten, gelangten schliesslich nach Guzerat, erwirkten hier in Indien Duldung und zogen, wie die Macht der Engländer erstarkte, nach +Bombay+. In dieser Stadt leben jetzt 50000, in dem übrigen Theil der Präsidentschaft 25000, im sonstigen Indien nur noch wenige Hundert. Ihre Sprache ist Guzerati, doch lernen die Männer alle Englisch. Ihre +heiligen Schriften+ haben sie aufbewahrt und gelegentlich auch aus Persien ergänzt.

So gelang es dem französischen Gelehrten +Anquetil Desperons+, der 1755 unter unsäglichen Entbehrungen nach Ostindien reiste und sieben Jahre dort verweilte, von einem Dastur (Parsen-Priester) eine Handschrift des Zend-Avesta zu erhalten sowie eine neupersische Uebersetzung, die er 1771 in französischer Uebertragung oder vielmehr Umschreibung herausgab. Die +Zweifel der Engländer+ über das Alter der Schrift und sogar über die Echtheit der Sprache wurden 1826 von dem dänischen Sprachforscher +Rask+ beseitigt, der ihre Verwandtschaft mit dem Sanskrit erkannte, und von +Eugen Bournouf+, der ihre Grammatik feststellte und Avesta-Texte herausgab (1829-1843). Seitdem hat man auch auf diesem dunklen Gebiete des Wissens Fortschritte gemacht. Europäische Gelehrte verstehen das Gefüge der Avesta-Sprache besser als die Dastur zu Bombay und Surat. Heutzutage können wir in der deutschen Uebersetzung von +Spiegel+ (Leipzig, 1852-1863), weit besser aber in der von +Haug+ (Leipzig, 1858-1860) und in dessen umfassendem Werk,[614] sowie in den von +Max Müller+ herausgegebenen Sacred books of the East die uralten heiligen Gesänge (+Gâthâs+[615]) des Zoroaster mit Bequemlichkeit lesen.

Der leitende Gedanke von +Spitama Zarathushtra+ war in der +Glaubenslehre+ die +Einheit+ Gottes, in der +Weisheitslehre+ die +Zwiefältigkeit+ der Dinge, der guten und der bösen, in der +Sittenlehre+ die +Dreifältigkeit+ (Gedanken, Worte, Thaten). Er war einer der tiefsinnigsten Denker jener uralten Zeit und ist als solcher auch schon von den alten Griechen anerkannt worden. Gott heisst in den alten Gesängen des Zarathushtra +Ahurô mazdâo+,[616] lebendiger Schöpfer des All. Ein böser Geist von ähnlicher Kraft ist der ursprünglichen Lehre fremd. Der Feind, gegen den Ahura kämpft, ist die Lüge (drukhsh). Auch in den Felsinschriften des Darius ist nur +ein+ Gott (Auramazda), wie Jehovah im alten Testament.

Allerdings wird schon in den alten Gesängen dem Ahuramazda ein wohlwollender Geist (Spento mainyush) und ein strafender Geist (Angro mainyush) zugeschrieben. Später wurde dann Spento mainyush als Name des Ahuramazda (+Ormazd+) aufgefasst und Angro mainyush (+Ahriman+) als sein Widersacher.

So entstand die Zweiheit von Gott und Teufel, Himmel[617] und Hölle; die Lehre von der Auferstehung und dem jüngsten Gericht.

Die Parsi in Bombay sind kluge, thatkräftige, einflussreiche Leute. Sie herrschen im Grosshandel von Shanghai und Hongkong bis nach Calcutta und Bombay und von hier weiter nach Aden und bis nach London. Da das Gemeindewahlrecht in Bombay an eine hohe Steuer (von mehr als 100 Mark im Jahr) gebunden ist; so stellt die kleine, aber wohlhabende Gemeinde der Parsi ein Drittel der Wahlberechtigten. Viele studiren Rechtswissenschaft, auch in England; einige haben es schon bis zum Oberrichter gebracht. Sie halten treu zur Regierung. Aber grade bei ihnen hörte ich die durchaus gerechte Forderung: +Indien den Indern+. Die rücksichtslose Ausbeutung Indiens durch die Engländer soll aufhören; den in Indien geborenen Unterthanen der Königin Victoria soll Zutritt zu den höheren Aemtern gewährt werden.

Die grossen Schenkungen der reichen Parsi zum Allgemeinwohl und ihre häusliche Gastfreundschaft lässt der Brite sich wohl gefallen; aber auf dem Fuss der Gleichheit will er mit ihnen nicht verkehren. Die Parsi sollen nicht einmal in den Speisesälen von Watson’s Gasthaus am Tisch sitzen dürfen. Daran kehrte +ich+ mich allerdings nicht und nöthigte meinen bescheidenen Freund, an meiner Seite zu sitzen, -- unbekümmert um die hochmüthigen und ärgerlichen Gesichter der Engländer; darüber zu reden wagte keiner von ihnen.

Am Vormittag besuchte ich den jungen Parsi-Doctor, der in dem Hause seiner Eltern zu Cumballa Hill wohnt. Das ist eine hübsche und hoch gelegene Vorstadt, nördlich vom Malabar-Hügel. Die Parsi besitzen schöne Häuser; ihnen gehören sogar die meisten der auf dem Malabar-Hügel belegenen Bungalow (Bangalo), welche für 300 bis 600 Mark monatlich an Europäer vermiethet werden.

Die Einrichtung der Empfangsräume, die Erfrischungen, welche mir vorgesetzt wurden, waren ganz europäisch. Die Kleidung der Damen aber war um eine leichte Abstufung wieder mehr morgenländisch, d. h. gefälliger geworden. Der Parsi hat nur eine Frau; diese versteckt er aber nicht.

Nachmittags fuhren wir, nachdem der Erlaubnissschein schon vorher beschafft worden, zu dem Parsi-Friedhof (+Dhakma+, +Thurm des Schweigens+), der auf dem höchsten Punkt des Malabar-Hügels steht, 150 Fuss über dem Meere, gerade da, wo die zugespitzte westliche Halbinsel aus dem viereckigen Hauptkörper der Insel Bombay frei wird. Ein reicher Parsi, der schon mehrfach genannte Sir Jamshidji Jijibhai, hat auf seine Kosten die schöne Strasse an der Nordseite des Malabar-Hügels angelegt und 100000 Quadratmeter Land dem Friedhof geschenkt.

Durch das äussere Thor der Umfassungsmauer steigt man 80 Stufen empor zu dem inneren, wo ein Parsi-Beamter die Führung übernimmt und dem Fremden einen Blumenstrauss bietet. Ob dies immer geschieht oder mir ausnahmsweise geboten wurde mit Rücksicht auf meinen Parsi-Freund, vermag ich nicht zu sagen.

Zuerst erreicht man ein schmuckloses Steinhaus, wo Gebete gesprochen werden, wenn der Todte vorüber getragen wird. Von hier hat man eine herrliche Aussicht auf Bombay.

Zur Linken erscheinen die Hügel des Nordendes (Mazagaon, an der Ostseite der Insel) und die grossen Schornsteine, geradeaus am Fusse des Hügels ein dichter Palmenwald, in dem die Hütten der Eingeborenen verschwinden, zur Rechten, jenseits der Hinterbay, der Victoria-Halteplatz, die Kathedrale und die amtlichen Gebäude.

Einen Leichenzug habe ich nicht gesehen, aber die Beschreibung gehört und gelesen. Vier Leichenträger tragen die Leiche auf einer Bahre, dann folgen zwei bärtige Männer, die allein den Thurm des Schweigens betreten und die Leiche im Innern niederlegen, endlich 100 Parsi-Männer in langem Zug, zu zwei und zwei geordnet.

Ins Innere der fünf weissgetünchten Thürme hat, ausser den dazu Angestellten, Niemand Zutritt, nicht einmal ein Parsi, geschweige denn ein Fremder; nichtsdestoweniger wissen wir ganz gut, wie es darin aussieht, da die Parsi selber genau ausgeführte Modelle nebst Beschreibung an die Museen von Bombay, Calcutta, London und andrer Städte vertheilt haben; auch im Völkermuseum zu Berlin ist eine solche Darstellung.

Der grösste Thurm, der 30000 £ gekostet, hat einen Durchmesser von 40 Fuss und eine Höhe von 25 Fuss. Auf einer Treppe steigen die Todtenträger empor zu der Oeffnung, die 8 Fuss über dem Erdboden liegt und 5½ Fuss breit wie hoch ist. Das Innere bildet eine Fläche, welche abwärts geneigt ist gegen den mittlern Schacht von 5 Fuss Durchmesser und durch Zwischengänge in drei breite, concentrische Reihen geschieden wird, die ihrerseits wieder durch strahlenförmig angeordnete Zwischenwände in zahlreiche Felder getheilt werden. In der äusseren Reihe finden die Leichen der Männer, in der mittleren die der Frauen, in der inneren die der Kinder ihren Platz. Sowie der vollkommen nackte Leichnam niedergelegt, die Thür geschlossen ist, die beiden bärtigen Männer fortgegangen sind; stürzen sich die zahlreichen, grossen +Geier+, welche die benachbarten Bäume bewohnen, durch die obere Oeffnung des ganz unbedeckten Thurmes auf den Todten, und in weniger als 30 Minuten ist nur noch das Knochengerüst übrig. Dies trocknet in der Sonne und freien Luft und wird dann in den tiefen Schacht geworfen, wo es zu Staub zerfällt. Das eindringende Regenwasser wird ab- und durch eine dicke Schicht Kohle hindurch geleitet, so dass es vollkommen geruchlos schliesslich in die See fliesst. Der Staub füllt den Schacht so langsam, dass der letztere in 40 Jahren erst um 5 Fuss sich erhöht hat. Ich sah übrigens die Geier nicht auf den Bäumen sitzen, sondern auf der oberen Rundung des Thurmes; alle waren regungslos, die Köpfe nach innen gerichtet, wie eine phantastische Zinnenkrönung des Gemäuers. Fünf derartige Thürme sind vorhanden, alle ganz einfach gebaut und weiss getüncht.

Diese Art der Bestattung hat einen doppelten Ursprung: einmal wollen die Parsi nicht mit den für unrein gehaltenen Todten das heilige Feuer beflecken, noch die als Element verehrte Erde; sodann soll im Tode, nach dem Wort des +Zerduscht+,[618] Reich und Arm sich begegnen. Gewiss wird der Brauch Vielen grässlich erscheinen; aber wer den einsamen, schön geschmückten Garten mit den feierlichen Cypressen und den geheimnissvollen, nie betretenen Thürmen des Schweigens gesehen, kommt bald zu andrer Anschauung, vor allem zu einer Achtung der fremden Ueberzeugung. Glauben doch die Parsi so innig an die Auferstehung der Frommen, wie nur irgend ein gläubiger Europäer. Und eine weitere Ueberlegung kann Jedem sagen: was hier die Geier in einer halben Stunde vollenden, das machen auf unseren Friedhöfen die Würmer in längerer Zeit. Seien wir weniger nachsichtig gegen unsere Fehler, dann werden wir gerechter sein gegen Andersdenkende. +Sir Lyon Playfair+[619] sagt über diesen Gegenstand Folgendes: „Ich bin amtlich mit der Untersuchung verschiedener Kirchhöfe betraut worden, um über ihre Beschaffenheit zu berichten. Die Erinnerung an das, was ich gesehen, macht mich heute noch schaudern. Das Grab sollte, mit dem Auge der Wissenschaft, als ein Verbrechen gegen die Lebenden und als eine Entehrung der Todten angesehen werden.“[620]

Wer von dem Parsi-Friedhof auf der Halbinsel des Malabar-Hügels weiter südwärts fährt, sieht östlich die schönen +Gartenanlagen+, die am Ostabhange des Hügels geschaffen sind, mit Rasenplätzen und Bänken an den schönsten Aussichtspunkten; ferner die zahlreichen +Bungalow+, die in Gärten liegen, und von europäischen Kaufleuten, Rechtsanwälten, Aerzten, Consuln bewohnt werden, zum Theil auch -- leer stehen, wegen der schlechten Zeiten, und an den Eingangspforten Vermiethungszettel zeigen; gelegentlich auch das abenteuerlich geschmückte und bemalte Schloss eines einheimischen Fürsten. Manche von diesen Häusern haben gewaltige Unterbauten, wie in den abschüssigen Theilen von Neapel, erfordert.

Aber merkwürdiger ist das nahe der Südostküste der Halbinsel belegene heilige Dorf der Hindu, +Walkeschwar+, d. h. des Sandes Herr. +Rama+, der göttliche Held, eine Verkörperung von Wischnu, hat auf dem Wege von Ayodha nach Lanka, um seine von dem bösen Ravana entführte Braut Sita zu suchen, hier eine Nacht gerastet. Da ihn dürstete, schoss er einen Pfeil in den Boden: sofort erschien der +heilige Teich+ (Vanatirtha, Pfeil-Teich), der heute noch verehrt und rings mit kleinen Kapellen und Häusern von Brahmanen umbaut ist. Und da der heilige Linga, den ihm sein Bruder jeden Abend aus Benares durch einen Geist schickte, nicht rechtzeitig ankam, so bildete er einen neuen aus dem +Sand+ des Bodens.

Höchst anmuthig sind die nackten Kinder, die hier spielen. Nur Brahmanen wohnen in dem heiligen Dorf. Aber leider haben sie, in ihrer Frömmigkeit, gegen die Impfung der Europäer zu sehr sich gesträubt; von den zwölf Erwachsenen, die uns neugierig umgaben, zählte ich sechs, die durch Pocken ein narbendurchfurchtes Gesicht und Verlust je eines Auges zu beklagen hatten.

Grässlich sehen die Büsser aus, die, ihrem frommen Wahn folgend, mit wirrem Haar, aschebeschmiertem Gesicht und unbekleidet auf der Erde sitzen und scheinbar an der irdischen Welt keinen Antheil nehmen.

Der heilige Teich ist ganz hübsch, rings herum hegen die kleinen Hindu-Tempel mit Nandi und Linga und auch Häuser der Frömmsten; auf den Zugangsstrassen aber Rasthäuser für Pilger, von wohlhabenden und wohlthätigen Hindu errichtet.

An der äussersten Südspitze der Malabar-Halbinsel (etwa eine deutsche Meile von dem Fort) befindet sich der +Palast des Statthalters+. (Gouvernements house at Malabar Point.)

Es ist ein anspruchsloses, etwas grosses Bungalow, gegen 100 Fuss über der See, mit schattiger Vorhalle, grossem Garten, Dienst- und Wacht-Gebäuden. Etwas tiefer, an der Endspitze der Halbinsel, liegt eine Batterie. Der Fremde wird von den Schildwachen höflich gegrüsst und von den prachtvoll gekleideten Dienern in die Vorhalle geleitet, wo er seinen Namen in das Buch einträgt.

Die Rückfahrt längs der Ostküste der Halbinsel (Breach Candy) um Cumballa Hill ist gegen Abend sehr angenehm.

Nach dem Abendessen fuhren wir zum +Parsi-Theater+. Das ist ein ganz stattliches, ordentliches Gebäude mit einem Halteplatz für Wagen, einer Erfrischungshalle, wo Selterswasser, Wein, Süssigkeiten zu haben sind, mit geräumigem Sperrsitz, zahlreichen Rängen und guter Gasbeleuchtung.

Ausser mir und einem österreichischen Herrn aus meinem Gasthaus, der mich begleitete, war kein Europäer zugegen. Aber das Haus war gut gefüllt: die Frauen alle, jung wie alt, in die kleidsamen Tücher gehüllt, welche das Antlitz mit blumig gesticktem Saum umrahmen, und in zarte Seidenstoffe gekleidet; die Männer ganz oder halb europäisch angezogen, mit ihren hohen Spitz-Hüten.

Das Stück, welches gegeben wurde, war -- +Molière’s Geizhals+, aber nicht in sklavischer Uebersetzung, sondern in freier Nachdichtung und natürlich in der Umgangssprache der Parsi (Gujerati). Soweit es ging, waren Hindu die Bösewichter, Wucherer und Ränkeschmiede; Parsi die edleren, wenngleich leichtlebigen Gesellen. Die aufgeklärten, nach der neuesten Mode gekleideten, sogar Cigarren rauchenden, Kneifer tragenden[621] Mitglieder der goldenen Jugend wurden in sehr belustigender Weise den ehrwürdigen, strenggläubigen Alten gegenüber gestellt; die Frauen-Rollen recht anmuthig von jungen Damen gegeben. Es war offenbar ein Stück des thatsächlichen Volkslebens auf die Bühne gebracht, für mich weit anziehender und geschmackvoller, als das englische „Volksstück“ the lights of London, welches ich in New York gesehen.

Um 11½ Uhr fuhr ich nach Hause, ohne das Ende des Stücks abzuwarten, aber darüber belehrt, dass in Asien Leute leben, von deren Bildung und Tugend wir stolzen Europäer kaum eine schwache Ahnung haben.

Zu den +Ausflügen+, die ich von Bombay gemacht, gehört der nach +Mahim+ an der Nordwestecke der Insel. Wenn man einen raschen Einspänner zu seiner Verfügung hat, ist die Fahrt ganz angenehm und auch lohnend. Man durchfährt erst die Stadt Bombay von Süden nach Norden, dann die Vorstädte Bykulla und Parel. Obwohl die Häuser weiter aus einander liegen, und Felder, Bleichen und Färbereien sich einschieben; hört doch die Bebauung eigentlich gar nicht auf, bis man Mahim erreicht hat.

Hier wartete meiner eine kleine Enttäuschung. Man hatte mir von dem +Palmenhain+ des Ortes gesprochen. Ich konnte aber einen solchen nicht finden, weil er -- nicht vorhanden ist, wie mir der Parsi-Doctor des Fieber-Nestes auseinandersetzte. Allerdings ist jedes Gehöft innerhalb der Umfassungsmauern dicht mit Kokospalmen bepflanzt. Aber das war nichts Neues für mich.

So fuhr ich denn noch über die Brücke nach der Insel Salsette und durchwanderte das Dorf Bandra, dessen Einwohner erstaunt den Fremdling betrachteten.

Der lohnendste Ausflug ist der nach der Insel +Elephanta+. Ich will nicht verhehlen, dass ich ihn an meinem +ersten+ Nachmittag in Bombay unternommen.

Die Gasthausverwaltung[622] veranstaltet diese Fahrten, mehrmals wöchentlich, in kleinem Dampfer; 3 Rupien beträgt der Fahrpreis für die Person.

Elephanta ist eine kleine Felseninsel von 7 Kilometer Umfang, 10 Kilometer von Apollo Bunder entfernt, also in einer guten Stunde zu erreichen. Sie bekam ihren Namen durch die Portugiesen von einem in dreifacher Grösse aus dem lebenden Fels gemeisselten Elephanten, der 1814, nachdem Kopf und Nacken abgefallen, nach Bombay gebracht wurde und im Victoria-Garten zu sehen ist. Die Eingeborenen nennen die Insel Gharapur, d. h. Grottenstadt.

Entzückend ist während der Fahrt der Rückblick, für mich um so werthvoller, als ich in Bombay nicht zu Schiff angekommen: erst aus der Nähe, auf Apollo-Bunder, Docks, Kastell und auf all’ die Schiffe und Schiffchen, die den Hafen beleben; dann, weiter ab, auf die ganze Ostküste der Insel Bombay und auf die 1000 Fuss hohen Berge der nördlich gelegenen Insel Trombay. Der höchste Punkt der Insel Elephanta, die vor uns liegt, erhebt sich 568 Fuss; ein andrer Hügel ist 400 Fuss hoch. Der Landungsplatz ist nicht sonderlich bequem. Man überschreitet einen schlüpfrigen Damm aus Steinblöcken, steigt einen zum Theil aus behauenen Stufen bestehenden Weg empor, zu der halben Höhe des Inselberges, und ist am Eingang zu den Höhlen.

+Wann+ diese Höhlen ausgehauen sind, ist unbekannt; man vermuthet, zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert n. Chr. Jedenfalls stellen sie ein achtungswerthes Stück Arbeit dar, da die Hindu keine andren Mittel als Haue, Meissel und Hammer zu ihrer Verfügung hatten. Unsinniger Weise haben die Portugiesen aus Glaubenswahn eine Zerstörung dieser ehrwürdigen Denkmäler des Alterthums begonnen; und obwohl die Engländer, namentlich in neuerer Zeit, Mühe um die Erhaltung sich gegeben, so hat doch der Zerfall beträchtliche Fortschritte gemacht seit der Zeit, wo unser Landsmann Karsten +Niebuhr+ (1774-1778) die erste Beschreibung geliefert, ja, nach Augenzeugen und Angaben des Aufsehers, seit den letzten Jahren noch weiter zugenommen.

Der Hauptraum des aus dem lebenden Fels ausgehauenen (Schiwa-Linga) +Tempels+ ist eine gewaltige Halle von 39,5 Meter Länge, 40 Meter Breite und 4,5 bis 5,3 Meter Höhe, die von zwei breiten Seitengängen genügend Licht erhält. Die glatte Decke wird gestützt von 26 mächtigen Pfeilern,[623] die man aus dem Felsen stehen liess und dann fein bearbeitet hat, sowie von 16 Halbpfeilern. Der Linga-Schrein in der Halle ist ein Quadrat von 19½ Fuss Seitenlänge mit vier Eingängen, der Linga ein kegelförmiger Stein von nahezu 3 Fuss Länge. An der Hinter- oder Südwand, gegenüber dem nach Norden zu gelegenen Eingang, ist eine gewaltige Steinbüste mit drei Köpfen (+Trimurti+); das mittlere, milde Gesicht ist Schiwa als Brahma oder Schöpfer, das rechte als Wischnu oder Erhalter, das linke als Rudra oder Zerstörer mit gewundenen Schlangen statt der Haare. In dem östlichen Nebengemach ist Schiwa 16 Fuss hoch, mit vier Armen, zur Hälfte männlich, zur Hälfte weiblich gebildet; er lehnt sich mit zwei Händen auf seinen Stier Nandi. In dem westlichen Nebengemach ist Schiwa 16 Fuss hoch und seine Gattin Parvati 12 Fuss hoch. Von den Nebenfiguren in beiden Gemächern will ich nicht reden.

Am Ende des westlichen Seitenflügels ist die Hochzeit zwischen Schiwa und Parvati; die letztere ist lieblich und verschämt dargestellt.

Am Ende des östlichen Seitenflügels ist die Geburt ihres Sohnes Ganescha mit dem Elephanten-Kopf.

In andern Gemächern erscheint +Schiwa+, wie er auf seinem Berge Kailas thront, und +Ravana+, der Dämon von Lanka mit zehn Armen, den Versuch macht, den Berg mitsamt dem Gott zu entführen; Schiwa, wie er von +Daksha+, Brahma’s Sohn, nicht zum Opfer für die Veda-Götter geladen, jenem das Haupt abschlägt, ein Sinnbild der über den Veda-Cult siegreichen Schiwa-Verehrung; und Schiwa als der Zerstörer (Bhairava) in Riesengrösse, mit Tigerzähnen, mit acht Armen und einer Brustkette von Schädeln.

Es lässt sich nicht leugnen, dass sowohl das wilde Antlitz, als auch die im Angriff und Kampf dargestellte Körperhaltung eine mächtige Wirkung ausübt, die +wir+ allerdings lieber mit andern Mitteln hervorbringen möchten.

Diese Bildungen waren es offenbar, die unseren Altmeister +Goethe+ zu den folgenden Versen veranlassten:

Und so will ich, ein für allemal, Keine Bestien in dem Göttersaal! Die leidigen Elephantenrüssel, Das umgeschlungene Schlangengenüssel, Tief Urschildkröte im Weltensumpf, Viel Königsköpf’ auf einem Rumpf, Die müssen uns zur Verzweiflung bringen, Wird sie nicht reiner Ost verschlingen.

* * * * *

Der Ost hat sie schon längst verschlungen: Kalidas und andre sind durchgedrungen; Sie haben mit Dichterzierlichkeit Von Pfaffen und Fratzen uns befreit. In Indien möchte ich selber leben, Hätt’ es nur keine Steinhauer gegeben. Was will man denn vergnüglicher wissen, Sakontola, Nala, die muss man küssen; Und Megha-Duta, den Wolkengesandten, Wer schickt ihn nicht gern zu Seelenverwandten.

Der alte Goethe ist ungerecht. Heute kann man milder urtheilen, da unsre Anschauungen umfassender geworden. Haben doch sogar unsre geliebten Griechen, noch kurz vor den Perserkriegen, Ungeheuer ausgemeisselt mit drei Köpfen und drei Menschenleibern, die in +einen+ Schlangenkörper übergehen. Der amtliche Nachweis des Akropolis-Museum nennt dies eines der vorzüglichsten Werke der Sammlung; und es ist in der That bewunderungswürdig. Die Schlangenfüsse der pergamenischen Giganten verletzen uns nicht, die Kentauren am Parthenon erscheinen uns als Kunstschöpfungen ersten Ranges.

Wer, durchdrungen von den Gestaltungen des klassischen Alterthums, zu Hause einen ablehnenden Standpunkt einnahm gegen die Bildungen der ägyptischen Kunst, wird bald bekehrt, wenn er an den Ufern des Nil in den Schmuck der mächtigen Tempel liebevoll sich versenkt. Auch mir ist es so gegangen. Das gleiche gilt von Indien. Der Höhlentempel von Elephanta ist eine wunderbare Leistung und der Bilderschmuck, obwohl nicht für uns berechnet, wird auch auf uns einen gewissen Eindruck hervorbringen, wenn wir vorurtheilsfrei an seine Betrachtung gehen.

Vergleichende Anatomie wollen wir aus solchen Schöpfungen der künstlerischen Einbildungskraft nicht lernen, ebenso wenig wie Weltgeschichte aus Märchen. Ein altehrwürdiges Kunstwerk muss aus sich heraus gewürdigt, nicht nach unsren heutigen Anschauungen bekrittelt werden. Etwas andres ist es, jenes zu beurtheilen und Gesetze für unsren +heutigen+ Kunstgeschmack aufzustellen.

* * * * *

Da mir die Felsentempel von Elephanta so gut gefallen hatten, beschloss ich die letzten Tage des scheidenden Jahres noch zu einem Ausflug nach den noch weit berühmteren +Grotten-Tempeln+ von +Ellora+ zu benutzen. Dieselben liegen, mit Eisenbahn und Post in einer starken Tagesreise erreichbar, in dem grössten Schutzstaat Indiens, dem Gebiet des mohammedanischen Nizam von Haiderabad.

Man fährt Abends 10½ Uhr („um 22^h 30′“) von Bombay mit dem Schnellzug[624] der Great Indian Peninsular-Eisenbahn nordöstlich 178 englische Meilen = 284 Kilometer (für 11 Rupien) bis zu dem kleinen Halteplatz +Nandgaon+, wo man Morgens um 6½ Uhr ankommt und die telegraphisch vorher bestellte +Extrapost+ vorfindet, die den Reisenden in 9 Stunden (56 englische Meilen = 90 Kilometer) südöstlich nach Aurangabad, seinem Nachtquartier, bringt.[625]

Ein junger Kaufmann aus Wien schloss sich mir an und nahm seinen Hindu-Diener mit. Unser Gepäck musste auf das nothwendigste beschränkt werden.

Der Postwagen, der während unsres Frühstücks angeschirrt wird, verdient die Bezeichnung „antiker Form sich nähernd“. Auf dem zweirädrigen Gestell liegt der Wagen, ganz offen, aber von einem auf vier Pfosten ruhenden Dach überschattet, mit zwei Vordersitzen, von denen der Kutscher den rechten, ich den linken einnahm, meine Reisetasche und Mantelsack zwischen den Füssen, während auf dem abwärts geneigten Hintersitz mein Begleiter und sein Diener uns den Rücken zukehrten.

Sowie wir erst abgefahren, ging es ganz rasch vorwärts. Die Pferde werden fleissig gewechselt; mehrmals bekamen wir aber ganz elende Gäule, die vom Kutscher und Stalldiener nur durch grausame Peinigungen zum Fortlaufen gezwungen werden konnten. Auch die Gehöfte, wo wir Pferde erhielten, sahen recht elend aus, am elendesten die Pariah-Hunde, deren Bekanntschaft ich hier machte und mit denen, obwohl ich Thiere so gern habe, ich mich kaum zu befreunden vermochte. Die Land-Strasse ist leidlich.

Nach kurzer Zeit hatten wir die Grenze überschritten. Ein Grenz-Stein und einige seltsam gekleidete Polizisten zeigten uns, dass wir das merkwürdige +Reich des Nizam+, betreten hatten.

Dasselbe hatte 1891 einen Umfang von 82698 englischen Quadratmeilen (oder 205000 Quadratkilometern) und 11537000 Einwohner. 1881 wurden 9845000 Einwohner ermittelt, davon 8893000 Hindu und nur 925900 Mohammedaner, welche aber, da der Fürst zum Islam sich bekennt, die herrschende Klasse bilden. (Hier zum ersten Mal in Indien traf ich anmassenden Hochmuth, als ich eine Moschee besichtigen wollte.)

Als die Mohammedaner um das Jahr 1000 n. Chr. von Afghanistan nach Indien vordrangen, herrschten im Dekkan, südlich von dem Vindhya-Gebirge, kriegerische Fürsten hauptsächlich +nicht-arischer+ Abkunft, unter drei grossen Oberherren, den der Chera-, Chola- und Pandya-Dynastien. Alá-ud-din, der Neffe des Gründers der Kilji-Dynastie des Kaiserreiches Delhi und sein Nachfolger, drang 1294 mit seinen Reiterschaaren über die Vindhya-Gebirge, überraschte und plünderte die Stadt Deogiri (Daulatabad), ganz in der Nähe von Ellora, und eroberte von 1305 bis 1315 Südindien. Sein General Málik Káfur drang bis zur Südspitze (Cap Comorin) vor und erbaute daselbst eine Moschee.

Aber schon unter dem unsinnigen Kaiser Muhamed Tughlak (1325 bis 1341) empörten sich sowohl die mohammedanischen Verwalter, als auch die Hindu-Lehnsfürsten des Dekkan: Zafar Khán Bahmaní, ein afghanischer General, wurde 1347 selbständig und beherrschte ungefähr das Gebiet des jetzigen Haiderabad; das Hindu-Königreich von Vijayagnar umfasste den Süden des Dekkan-Dreiecks.

Im Anfang des 16. Jahrhunderts zerfiel das mohammedanische Reich in fünf kleine Fürstenthümer (darunter Golkonda, Ahmadnagar mit der Familie des Nizam-Shahi u. A.), welche 1565 jenes Hindu-Königreich besiegten, aber nicht vollständig eroberten; dasselbe theilte sich in kleinere Herrschaften.

Unter den Mogul-Kaisern von Delhi wurde der Dekkan wieder erobert, zuerst ein Theil unter Schah Jahan (1636, 1657), dann hauptsächlich unter Aurangzeb (1683). Aber westlich von den Mohammedaner-Fürstenthümern war eine neue Hindu-Herrschaft 1670 entstanden, die der +Marathen+. Diese konnte Aurangzeb nicht vollständig besiegen und starb in dem Feldzuge, zu Ahmadnagar, 1707.

Nach dem Zerfall des Mogul-Reiches strebten die Marathen nach der Oberherrschaft über Indien und wurden, nach manchen Erfolgen, erst 1817 endgiltig von den Engländern besiegt. Aber auch die mohammedanischen Statthalter benutzten die Schwäche der Mogul-Kaiser; schon 1717 machte sich der Vicekönig oder Nizam ul Mulk (Ordner des Staates) Asaf Schah im Herzen des Dekkan unabhängig und behauptete sich auch gegen die Marathen. 1763 wurde im Frieden von Paris die Herrschaft der Nizam als unabhängiges Königreich anerkannt; doch allmählich kamen sie mehr und mehr in Abhängigkeit von den Engländern, mussten das Mündungsgebiet des Godawery-Flusses abgeben, wodurch sie vom Meere abgeschnitten waren, eine englische Schutztruppe aufnehmen und dafür Tribut zahlen, das Land Berar (nördlich von Aurungabad) für rückständige Zahlungen abtreten. Die Rückgabe dieses Landes wurde 1874 von den Briten entschieden abgelehnt, obwohl der Nizam die Zahlung der Schulden von 9 Millionen Mark anbot. Der Fürst ist der erste der Lehnsträger in Indien, sein Verhältniss zu England wird als Subsidienvertrag bezeichnet, er hat jetzt jährlich 421000 Mark zu zahlen und auf Erfordern einige Regimenter Truppen zu stellen.

Das Land, welches wir durchfahren, ist ziemlich fruchtbar, aber einförmig. In dem Rasthaus zu Deogam, 36 englische Meilen von Nandgaon, erhalten wir unser zweites Frühstück. Auch in dem Schutzstaat ist einigermassen für den Reisenden gesorgt. Nachmittags kommt mehr Abwechslung in die Landschaft, eigenthümliche Tafelberge erheben sich aus der Hochebene. Bevor es dunkel wird, erreichen wir das Rasthaus zu +Aurangabad+ und benutzen die Zeit vor Tisch noch, um mit Hilfe unsres Wagens die beiden Hauptsehenswürdigkeiten des Ortes zu besichtigen.

Die erste ist das Grabmal von +Rabi’ a Durani+, der Lieblings-Tochter von Aurangzeb. Der Kaiser befahl seinen Baumeistern, ein genaues Abbild von der Taj Mahal, seines Vaters berühmtem Bauwerk, herzustellen. Aber obwohl sie eine äussere Aehnlichkeit wahrten, so sind sie doch unendlich weit hinter dem bewunderten Vorbild zurückgeblieben. Das Gebäude ist viel zu niedrig, der Haupteingang viel zu klein, ausserdem die Eckthürmchen der Fassade höher als die mittleren. Blumenverzierung in erhabener und durchbrochener Arbeit ist an den Marmorwänden des Grabmals angebracht und drinnen ein durchbrochener Marmorschrein um das Grab, das aber keinen Stein, sondern die nackte Erde zeigt, -- was von den Moslim, als Beweis von Demuth, sehr gebilligt wird. Nichts kennzeichnet mehr den raschen und jähen Verfall des Geschmacks als der Vergleich dieser beiden Grabdenkmäler! Die Taj wurde im Jahre 1040 der Hegira oder 1630 n. Chr. begonnen, das Bronze-Thor zu Aurangabad ist im Jahre 1089 der Hegira oder 1678 n. Chr. vollendet worden.

Der Baumeister des mittelmässigen Werks (Atau’llah) hat seinen Namen durch eine Inschrift verewigt, der der Taj ist unbekannt oder wenigstens an dem Bauwerk nicht zu lesen.

Auch die +Jumma Musjid+, zur Hälfte von dem Gründer der Stadt, Matik Ambar (nach 1610), zur Hälfte von ihrem Erweiterer, Aurangzeb, erbaut, ist niedrig und unbedeutend, nur durch ein zwei Fuss breites Verzierungsband am obern Ende der Fassade geschmückt, mit kleiner Kuppel, kleinen Thürmen, -- aber sehr gut in Ordnung gehalten.

Der Priester, der uns den Ein+tritt+ verwehrte, (der Ein+blick+ von aussen in die schmale Halle ist genügend,) behauptete sogar, dass wir schon vor dem Eingang des Hofes die Schuhe hätten ablegen müssen! Das Schönste ist hier nicht das Gebäude, sondern die wundervollen indischen Feigenbäume, die den Weg beschatten.

Ein Heiligengrab in der Nähe und die alten Felsentempel konnten wir wegen hereinbrechender Dunkelheit nicht mehr besichtigen.

Das Städtchen +Aurangabad+ ist noch gar nicht so alt, hat aber sehr wechselnde Schicksale durchgemacht.

Gegründet 1610, unter dem Namen Khirki, von Malik Ambar, einem Grossen des Staates Ahmadnagar, wurde es von +Aurangzeb+ zu seinem +südlichen Herrschersitz+ erkoren, nach seinem Namen umgetauft und zum Delhi des Dekkan erhoben, wo 53 mächtige Fürsten mit ihrem Gefolge den kaiserlichen Hof ausmachten. Damals war Aurangabad eine der grössten und wichtigsten Städte Indiens; sie soll eine Million (?) Einwohner gehabt haben. Nach dem Tode des Kaisers reisten die Fürsten in ihre Staaten, die Schlösser verfielen, die Stadt sank in ihre Unbedeutendheit zurück. Jetzt hat sie nur 8000 Einwohner, ist aber ganz lebhaft durch Handel in Weizen und Baumwolle.

Unser Kutscher, den ich übrigens gleich morgens früh mit einem Trinkgeld angefeuert, hatte bei der Fahrt durch die Stadt einen Augenblick gehalten und seinen Abendbesuch angekündigt; auch der indische Kutscher hat sein Schätzchen.

Am nächsten Morgen fuhren wir von Aurangabad wieder nördlich, aber auch ein wenig östlich von der gestrigen Strasse, nach dem acht englische Meilen = 12½ Kilometer entfernten +Daulatabad+, früher Deogiri genannt. Das ist eine indische +Festung+ des 13. Jahrhunderts, höchst malerisch und eigenartig. Ein alleinstehender Felskegel von 500 Fuss Höhe ist unten ganz steil abgeböscht, bis zur Höhe von 80 bis 120 Fuss, ferner mit einem breiten und tiefen Graben umgeben und zugänglich nur durch einen schmalen Weg, der gerade Raum für zwei Fussgänger bietet und durch Aussenwerke vollständig beherrscht wird. Innen ist der Aufgang zu den auf dem Felsen befindlichen Gebäuden nur durch einen schmalen, in den Stein gehauenen Gang ermöglicht. 1293 nahm Alau’din die Stadt Deogiri ein, belagerte die Festung und zog erst ab, als ihm 15000 Pfund Gold, 25000 Pfund Silber, 175 Pfund Perlen, 75 Pfund Diamanten[626] als Lösegeld gezahlt wurden. 1338 versuchte Muhamed Tughlak seinen Herrschersitz hierher zu verlegen, schleppte die Einwohner Delhi’s nach Deogiri, änderte den Namen der Stadt in Daulatabad und verstärkte die Festung, die damals für uneinnehmbar galt. Seine Pläne scheiterten.

Nachdem die Mogul den Dekkan wieder erobert, benutzten Schah Jahan und Aurangzeb diesen Berg als Sommerwohnung. Es ist jetzt noch ein schönes Gebäude mit Schattendach und Aussicht oben, auf der obersten Plattform aber die Festung mit einer Riesenkanone von 19½ Fuss Länge und 7 Zoll Bohrung, die nach Tavernier’s Zeugniss unter Leitung eines europäischen Artilleristen ihre Aufstellung erhalten.

Lord Wellesley (später Herzog von Wellington) hat in dem zweiten Maratha-Krieg (1803-4) die Veste von einem benachbarten, höheren Berge aus erfolgreich beschossen und die Uebergabe bewirkt. Auch jetzt ist die Festung von den Engländern besetzt. Der britische Stabsofficier ertheilt die Erlaubniss zur Besichtigung des Innern.

Von der alten Stadt Daulatabad sind nur kärgliche Reste und wenige bewohnte Hütten übrig geblieben.

Der Weg führt jetzt bergauf nach dem 7 englische Meilen = 11 Kilometer entfernten +Roza+, wo wir in dem den britischen Officieren gehörigen Rasthaus abstiegen, nachdem wir uns die Erlaubniss dazu Morgens früh in dem englischen Lager (Cantonment) von Aurangabad ausgewirkt hatten.

Roza, 2000 Fuss über dem Meeresspiegel, war einst eine grosse, bedeutende und befestigte Stadt. Aurangzeb umgab sie mit einer hohen Steinmauer, welche Schiessscharten und Bollwerke enthält und deren Thorflügel, was dem Europäer besonders auffällt, an der Aussenseite mit gewaltigen Eisenspitzen vollständig gespickt sind, gegen den Ansturm der Elephanten. Jetzt ist Roza ein kleiner Ort mit nur 2000 Einwohnern.

Seine Bedeutung für die Moslim liegt in dem Namen, -- Roza (Rauza) bedeutet Grab. Der Ort ist das Kerbela der Mohammedaner des Dekkan. Hier liegt begraben Aurangzeb und sein zweiter Sohn, ferner Asaf Schah, der Gründer der Herrscherfamilie von Haiderabad, endlich der letzte König von Golkonda und zahlreiche Würdenträger.

Obwohl Kaiser Aurangzeb reicher war, als irgend einer vor ihm, da das Jahreseinkommen des Staates von angeblich 1600 Millionen Mark zu seiner Verfügung stand, ist nach seinem eignen Willen und nach den Vorschriften des Koran sein Grabstein ganz einfach, neben dem Hof einer Moschee, unbedeckt und nur von einem schönen Baum mit duftenden Blüthen überschattet. Die Heiligkeit des Ortes Roza rührt her von dem Grab des Saiyad Hazrat Barhanudin, der schon vor Alaudin aus Oberindien nach dem Dekkan vordrang, um den Koran zu predigen, und 1344 zu Roza verstorben ist. Sein Grab ist von einem durchbrochenen Gitter aus rothem Sandstein umgeben. Die Wunder, die er wirkte, will ich verschweigen; sie werden ganz ähnlich „bewiesen“, wie die in Europa geschehenen.

Für den europäischen Reisenden sind diese Gräber von geringer Wichtigkeit; er betrachtet sie, während das Frühstück bereitet wird. Sowie wir uns aber gestärkt hatten, wanderten wir mit einem einheimischen Führer nach den drei Kilometer entfernten Höhlentempeln des Dorfes +Ellora+, auf deren Besichtigung wir trotz mittäglicher Gluth nahezu fünf Stunden verwandten. Höchst lästig ist ein Haufen von Priestern, Bettlern und Knaben, die wie ein Fliegenschwarm den Fremden verfolgen. Ich berief den Aeltesten zu mir und erklärte, dass Jeder von uns eine Rupie Trinkgeld für die ganze Gesellschaft gäbe, und dass sie uns in Frieden lassen sollten. Das half einigermassen, aber nicht vollständig.

Die Inder haben uns wieder nichts über die Geschichte dieser so überaus merkwürdigen Bauten hinterlassen. Von den Mohammedanern hat zuerst Mahsudi, der arabische Erdbeschreiber aus dem zehnten Jahrhundert n. Chr., Ellora als Wallfahrtsort erwähnt; 1306 besuchten Alaudin’s Generale den Ort und fanden eine hier versteckte Hindu-Prinzessin aus Guzerat, die nach Delhi gebracht und mit dem Sohn des Kaisers vermählt wurde.

Ein zwei Kilometer langer, halbmondförmiger Hügelrücken, der in seiner Hauptausdehnung von Norden nach Süden zieht, enthält in der ganzen Länge seines nach Westen gerichteten Abhangs die 34 Höhlentempel. In dem südlichen Horn liegen die ältesten, die der Buddhisten (12); in dem nördlichen die der Jaina (5); in der Mitte die der Brahmanen oder Hindu-Gläubigen (17).

Die Buddhisten haben schon zu den Zeiten des Königs Asoka (250 v. Chr.) Klöster und Tempel in den lebendigen Felsen ausgehauen und dies fortgesetzt bis zu der grossen Umwälzung im achten Jahrhundert n. Chr. Jaina und Hindu folgten, aber in den nahezu 1000 einzelnen Aushöhlungen, die auf 40 bis 50 Gruppen sich vertheilen und von der 9/10 der Präsidentschaft Bombay angehören, kommen etwa 900 auf Buddhisten, die übrigen auf Jaina und Hindu. Schon vor der mohammedanischen Eroberung hat diese Bau-Art aufgehört. Die Trap-Bildung der Felsen des westlichen Indiens, mit ihrer grossen Dicke und Gleichförmigkeit und den steilen Abhängen, ist ausserordentlich geeignet für den Höhlenbau.

Aehnlich günstige Verhältnisse liegen auch in Aegypten vor. Aber die indischen Leistungen sind weit grossartiger.

Die vollständige Dauerhaftigkeit eines in den lebendigen Felsen gehauenen Tempels[627] ist selbstverständlich, während unsere mittelalterlichen Kathedralen schon Ausbesserungen erforderten, die oft den ursprünglichen Plan ganz verändert haben.

Der Zugang von dem Rücken des Hügels zu den Eingängen der Höhlen liegt in der Mitte des ganzen Abhangs und leitet uns unmittelbar zu dem prachtvollsten und wunderbarsten Bauwerk der ganzen Gruppe, zu dem +Kailas+.

Dies ist ein vollständiger, ganz frei stehender dravidischer Schiwa-Tempel, aber nicht auf ebener Grundlage aus Bausteinen errichtet, sondern aus dem Felsen herausgemeisselt; das Gestein ist aussen wie innen, um die Gemächer zu bilden, fortgehauen.[628] Ein rechteckiger Schacht wurde gebildet in dem Abhang des Hügels, 100 Fuss tief an der Innenseite, 50 Fuss tief an dem Eingang, und so ein Hof hergestellt, mit ebenem Grund, von 150 Fuss Breite und 270 Fuss Länge. In der Mitte dieses rechteckigen Hofes liess man einen mächtigen Felsblock stehen und bildete daraus den Tempel von 96 Fuss Höhe, mit 7 verschiedenen Zellen, und eine gewaltige, von 16 mächtigen Säulen getragene Halle; eine auf Pfeilern ruhende Brücke, durch welche jenes Bauwerk mit einer vorgeschobenen Halle und ebenso mit dem Eingangsthor verbunden ist; dazu im Hofe zwei grosse, verzierte Pfeiler (deepdan = Lampenträger) und zwei lebensgrosse Elephanten: alles, was bisher beschrieben ist, stellt gewissermassen +einen+ Einzelblock-Tempel dar. Umgeben ist der Hof noch von einem mächtigen Höhlenbau mit Pfeilern und Halbpfeilern, zahlreichen Zimmern und grossen Hallen. +Fergusson+ setzt den Bau in’s 8. oder 9. Jahrhundert n. Chr., andre Schriftsteller genauer in die Jahre 750 bis 850 n. Chr.; die Ueberlieferung nennt als Gründer den Rajah Eelu von Ellichpur, den Erbauer der Stadt Ellora, und bezeichnet den Tempel als Weihgeschenk zum Dank für seine durch das Wasser einer benachbarten Quelle bewirkte Genesung.

Zuerst gelangt man von der mit dem Fuss des ganzen Abhangs gleichlaufenden Strasse an den mächtigen Thorweg, der zu jeder Seite ein besonderes Zimmer enthält sowie über dem Thor einen Balkon mit einem von Pfeilern getragenen Dach und reichster Verzierung, vielleicht als Musik-Halle benutzt.

Wir durchschreiten das Thorgebäude, das aus drei mittleren Räumen besteht, überschreiten eine Brücken-Treppe und gelangen in die erste Vorhalle, in der Schiwa’s heiliger Stier (Nandi) sich befindet. Dieser Raum ist quadratisch, von 40 Fuss Seitenlänge, mit dicken Mauern, einem vordern und einem hintern Eingang und zwei seitlichen Fenstern. Der Blick aus jedem Fenster zeigt uns die entsprechende Seite des Hofes, gerade aus die rechteckigen, schön gegliederten, 38 Fuss hohen freistehenden Pfeiler mit einer Bildsäule in jeder der vier Nischen und mehr seitlich den Elephanten.

Ueber die zweite, hintere Brückentreppe gelangen wir in die riesige bedeckte Säulenhalle von etwa 75 Fuss Länge wie Breite.[629] Rechts und links von ihr ist eine offene Halle und dahinter die ganz und gar mit Bildhauerarbeit bedeckte Zelle, welche den Linga enthält, von einem schön ausgearbeiteten Pyramidendach überragt und von 5 Zellen, die anderen Gottheiten geweiht sind, umgeben wird.

Dieser ganze so zusammengesetzte Tempelbau liegt gewissermassen im Oberstock, wie man am besten vom Hof aus wahrnimmt. Der Haupttheil des Tempels wird scheinbar von frei hervortretenden Elephantenköpfen getragen. Die ganze Aussenfläche ist durch Pfeiler und Verzierungen in Nischen getheilt, alle mit Bildwerk, Gottheiten und Kampfscenen aus den Helden-Gesängen auf das allerreichste geschmückt. Das bezeichnendste Bildwerk ist Schiwa mit seiner Gattin auf dem Thron, umgeben von einem zahlreichen Gefolge, und darunter wieder der böse Geist aus Ceylon, der ihn zu entführen trachtet.

Aber auch ganz liebliche Begebenheiten aus der Hindu-Götterlehre sind dargestellt, die der ungelehrte Beobachter als Bräutigam und Braut bezeichnen und auf Erischna’s Schäferleben beziehen möchte.

Hätte +Goethe+ das Glück gehabt, dieses baukünstlerisch ganz vollendete Werk zu sehen, so würde er seine grimmigen Verse gegen die indischen Steinmetzen unterdrückt oder vielleicht durch andere anerkennende, wie die über Sakuntala, ergänzt haben.

Gewaltig sind die in den Fels gehauenen Säulenhallen, welche den Hof umgeben. Allerdings sind sie nur schmal, wegen des ungeheuren Gewichts, das oben lastet. Auf der einen Langseite des Hofes (rechts für den Eintretenden) liegt ein haushohes Felsstück, das im vorigen Jahrhundert herunter gefallen sein soll. Hier sind die Höhlenzimmer für die Priester in drei über einander liegenden Stockwerken angeordnet.

In der Flucht dieser Aushöhlungen liegen auch ganze Tempel mit Linga, Nandi und dem reichsten Bilderschmuck.

So viel über den einen Bau, den +Kailas+.

Von den brahmanischen, d. h. nach +nordindischem+ Stil errichteten Tempeln, ist der schönste +Dumar Lena+, wahrscheinlich zwischen 600 und 750 n. Chr. errichtet, an einem Ausläufer des Hügels, so dass Licht von drei Seiten zugeführt werden konnte. Die Säulenhalle ist riesig, 150 Fuss lang und ebenso breit; die Zelle steht nicht hinter der Halle, wie in einem freigebauten Tempel, sondern in der Halle, nahe der Hinterwand.

Unter den +buddhistischen+ Tempeln ist der merkwürdigste +Vishwakarma+, von den Engländern +Zimmermann’s Höhle+ (Carpenter’s cave) genannt, wegen der steinernen Nachahmung des Holzbau’s. Zuerst betritt man den Vorhof,[630] der an den beiden Seiten mit Säulen, kleinen Gemächern und Bildsäulen von Heiligen geschmückt ist, und sieht vor sich den äusserst geschmackvollen Eingang, der zweistöckig gehalten ist.

Das Innere bildet einen Hohlraum mit rechteckiger Grundfläche, (85′×45′, 35′ hoch.) und mit einem tonnenförmigen, gerippten Dach,[631] als wäre es das eines hölzernen Riesenschiffs. Die Seitenwände bestehen gewissermassen ganz und gar aus dichtstehenden, geschmückten Säulen,[632] über denen ein steinerner Teppich mit Heiligen-Darstellung ringsum läuft. Der Hintergrund wird von einer bis zur Decke reichenden Dagoba eingenommen, vor welcher ein riesengrosser Buddha sitzt. Nur von vorn her fällt das Licht gerade auf diesen, alles übrige ist im Halbdunkel; trotzdem sind alle Figuren und Verzierungen auch an den dunkelsten Stellen der Höhle vollkommen ausgearbeitet.

Es ist eine vollständige buddhistische Kirche (+chaitya+) aus späterer Zeit,[633] jedenfalls wohl einige Jahrhunderte n. Chr. errichtet.

Eine Reihe von Klöstern (+Vihara+) sind in der Nähe dieser Kirche in den Fels gegraben. Das grösste ist +Dherwara+,[634] 100×70 Fuss.

Es folgen mehrere kleinere. In dem Allerheiligsten ist stets Buddha dargestellt.

+Do-Tal+ ist zweistöckig, +Tin-Tal+ sogar dreistöckig, wie schon die Namen sagen, mit schönen Blumenkorb-Säulen.

Ganz ähnlich ist der zweistöckige Bau von +Das Avatar+, aber der Stil ist +brahmanisch+, mit einer Halle für den heiligen Stier des Schiwa; wahrscheinlich war dies hier der älteste Höhlentempel der Brahma-Gläubigen, welche zunächst dem Vorbild der Buddhisten folgten. Das Bildwerk zeigt Schiwa als Zerstörer.

An dem Nordende des Hügels liegen die +Jaina+-Tempel. Der eine, +Indra Subha+, ist besonders dadurch merkwürdig, dass der kleine freistehende Schrein vor der Höhle, nach +Fergusson+ aus dem 7. Jahrhundert n. Chr., das Muster zu dem grossen Kailas abgegeben. Die Bildsäule von Indra und seinem Weib Indrani sind die schönsten in ganz Ellora.

Von 12½ bis 5¼ Uhr durchwanderten wir diese wunderbaren Bauten, betrachteten die merkwürdigen Formen der Höhlen, der Säulen,[635] der gemeisselten Bildwerke und schieden mit der Ueberzeugung, dass der Gesammteindruck der Höhlentempel gradezu überwältigend ist.

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+Brief aus Roza bei Ellora.+ Donnerstag, den 29. December 1892. -- Diesen Brief schreibe ich im +Grabe+. Es ist aber natürlich nicht mein eigenes, sondern das -- eines +längstverstorbenen+ Mohammedaners, eine hohe und stattliche, kuppelgekrönte Halle, welche die britischen Officiere innen ausweissen und zu einem Rasthaus einrichten liessen, für sich und für den ihnen empfohlenen Reisenden.

Es kann aber leicht das Grab des letzteren werden, wenn er nicht gradwegs zur Thüre heraustritt, sondern schräg, da von den vier Ecken des Gebäudes häufig grosse Gesims-Steine herabstürzen.

Als ich Abends mein Bett aufsuchte, lag ich augenblicklich auf der Erde, da der Boden des Bettes nachgab; nachdem ich selber es in Ordnung gebracht, schlief ich ganz gut.

Die Verpflegung war auch so, wie sie Grabes-Anwärtern zukommt, Hackfleischklöschen, Reis und Eierkuchen; als Getränk wurde uns nur Wasser vorgesetzt, das ich verschmähte, und Thee, den ich mir munden liess.

Vergeblich war der Versuch, von den Lebenden des Ortes eine Flasche Bier zu erhandeln. Unverrichteter Sache kehrten unsere beiden Sendboten zurück. Vergeblich war auch der Versuch, einen Zehn-Rupien-Schein zu wechseln.[636] Da unser Hartgeld auf die Neige ging, kamen wir in seltsame Verlegenheit, bis ich meines Reisegefährten Hindu-Diener, der dies ganz ruhig mit angesehen, plötzlich anfuhr mit der Frage: „Wie viel Geld haben Sie bei sich? Geben Sie her.“ Erschrocken reichte er sein Vermögen, am Abend erhielt er es nebst einem Trinkgeld zurück. Jetzt konnten wir die Rückreise antreten. -- -- -- --

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Unser Wagen kommt nicht pünktlich. Erst nach 7 Uhr Morgens fahren wir ab. In dem kleinen, ehemals ummauerten Ort +Ellora+ sehen wir einen +Hindu-Tempelbezirk+, der den Vorzug hat, neu, sauber und wohlgepflegt zu sein. Inmitten liegt der heilige Teich, allseitig umgeben von hohen, gutgearbeiteten und auch gefälligen Granitstein-Treppen und von zahlreichen, kleinen, offenen Tempelchen aus rothem Sandstein, deren jedes oben den Bischofsmützen-Thurm trägt und innen den Linga-Stein beherbergt oder den gemüthlich dreinblickenden Gott mit dem Elephantenkopf oder einen andern in kleiner Ausgabe.

Nachmittags erlebten wir einen +Radreifenbruch+. Wir liehen uns in einem Dorf das Rad eines Ochsenwagens und befestigten es mit Stricken, so gut es ging, an der Achse.

Uebrigens beuteten die guten Leute unsre Verlegenheit nicht aus. Sie forderten nicht 20 Rupien, was wohl in manchen Gegenden von +Europa+ vorgekommen wäre, sondern nur 12 Annas, und bedankten sich höflich, als ich ihnen 16 gab.

Abends 7 Uhr kamen wir glücklich wieder in Nandgaon an, erhielten ein ordentliches Essen und Kleingeld und fuhren Nachts mit dem sogenannten Schnellzug nach Bombay. (178 englische Meilen = 284 Kilometer in 10 Stunden, keine sonderliche Leistung.)

In +Bombay+ machte ich noch einige Spazierfahrten, besuchte die Universität, besorgte mir Reisegeld, kaufte die Fahrkarte Bombay-Trieste (500 Rupien), wechselte mir auch 10 Sovereigns ein, um unterwegs bequemes Reisegeld zu haben, verlebte den Sylvester-Abend ganz still und fuhr am 1. Januar recht früh nach Prince’s Dock, an Bord der Imperatrix und winkte von dort mein +Lebewohl+ dem märchenhaft schönen Lande Indien zu.

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