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VI. Ceylon

Part 4 of 6 · Hirschberg, J. (Julius) · Public domain text

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Contents (9)
  1. Opening about 4 min
  2. I about 30 min
  3. II about 17 min
  4. III about 24 min
  5. IV. Japan about 2 h 59 min
  6. V about 1 h 12 min
  7. VI. Ceylon about 1 h 59 min
  8. VII. Ostindien about 4 h 23 min
  9. VIII. Heimfahrt about 1 h 30 min

Continue:

VI. Ceylon

Wir Deutschen kennen Ceylon hauptsächlich aus den bequem zugänglichen Reisebeschreibungen unserer +Landsleute+ (+Schmarda+ 1854, +Hildebrandt+ 1862, Dr. H. +Meyer+ 1882, Graf +Lanckorónski+ 1889, Dr. Eugen +Böninger+ 1890); ferner aus Professor +Häckel’s+ indischen Reisebriefen (Leipzig, 1882) und vielleicht auch aus dem Prachtwerk von Eugen +Ransonnet-Villez+ (Braunschweig 1868), das aber leider vergriffen und sehr selten geworden ist.

Jedoch die eigentliche +Quelle+ unserer Kenntniss von dieser merkwürdigen Insel ist das zweibändige +klassische+ Werk: +Ceylon+, by Sir James +Emerson Tennent+ (5. Auflage, London 1860, Longman, Green, L. & Roberts). Der Verfasser hat als höherer Beamter und Gouverneur viele Jahre in Ceylon zugebracht, mit grosser Liebe in seinen Gegenstand sich vertieft und mit Hilfe von Fachgelehrten die ganze Geschichte des Volkes und der Natur, die Landbeschreibung und Sittenschilderung auf das allergründlichste abgehandelt.

Selbstverständlich sind in den letzten 30 Jahren wesentliche Aenderungen auf Ceylon eingetreten. In dieser Hinsicht, durch Angaben über den +gegenwärtigen+ Zustand, ist sehr nützlich +Ceylon+ in 1893, by +John Ferguson+ (London, Huddon & Co. 1893). Dieses Buch ist bei Weitem nicht so wissenschaftlich, wie das von +Tennent+, für welches Ferguson, ein ganz geschickter Zeitungsschreiber und agrarischer Parteimann, seltsamer Weise kaum ein Wort des Lobes findet, mehr als einmal aber spöttische Bemerkungen.

Eine naturwissenschaftliche Beschreibung der Insel Ceylon enthält das originale +Prachtwerk+: Ergebnisse der Forschungen in Ceylon von Dr. Paul +Sarasin+ und Dr. Fritz +Sarasin+, III. Band. Die Wedda’s von Ceylon. Wiesbaden 1892/3, Kreidel. (Fol., 600 S. mit Atlas.) Die Verfasser, hervorragende Naturforscher, haben in 2½ Jahren die Insel in 9 Halbmessern zu Fuss durchstreift und zwei Drittel des Umfangs umschritten.

Der Führer von Colombo (Guide to C., by E. J. A. +Skeen+, C, 1892) ist fast unlesbar, da Geschäftsanpreisung offenbar seinen Hauptzweck darstellt, enthält aber doch manch’ schätzenswerthe Einzelheiten. Derselbe Verfasser will einen Führer durch ganz Ceylon herausgeben.

Einen +Führer nach Kandy und Nuwara Eliya+ schrieb S. M. +Burrows+, der Verfasser eines kleinen Büchleins, das ich im Gasthaus von Nuwara Eliya gelesen: +The burried cities of Ceylon+. (Colombo und London, Trübner 1881).

Der „+Murray+“ für Indien und +Caine+’s Picturesque India (London 1891) widmen der schönen Insel nur wenige Seiten.

Die alte +Geschichte+ von Ceylon wird auch in dem klassischen Werk unseres Prof. +Lassen+ (Indische Alterthumskunde, Leipzig 1867, 1874, 1858, 1861, IV Bände) abgehandelt. Es giebt auch mehrere englische +Sonderschriften+ über Ceylon’s Geschichte, die ich aber nicht gelesen, da Emmerson Tennent’s Werk das Wesentliche enthält.

Hauptquellen für die +Alterthümer+ sind das letztgenannte Werk, und das oben erwähnte Buch von Burrows, ferner J. +Fergusson+’s +Indian and Eastern Architecture+ (London 1891, J. Murray) sowie, bezüglich der neuesten Ausgrabungen, +John Ferguson+’s +Ceylon in 1893+.

Schon über die +Namen+ der Insel haben die berühmtesten Gelehrten, wie +Lassen+ und +Bournouf+, ausführliche Abhandlungen veröffentlicht. Im Sanskrit heisst sie +Lanka+ (d. i. glückliche Insel), in den Schriften der Eingebornen Sihala oder +Sinhala+, d. i. +Loewen-Sitz+, bei den makedonischen Griechen +Taprobane+ (Tambapanni d. i. Kupferland, wegen des kupferrothen Sandes an der Küste, in welchen König Wiyago sich setzte und seine Hände färbte;) bei den späteren Griechen +Palai-Simundu+ (Pali-Simanta im Sanskrit = Haupt des Gesetzes); bei Ptolemäus im 2. Jahrhundert n. Chr. Salike d. i. Sihala: bei den Arabern, so auch in Sindbad’s Märchen aus „Tausend und eine Nacht“, Selendib oder +Serendib+ d. i. Sinhala oder Silan-dwipa = Silan-+Insel+. Aus Silan haben dann die Portugiesen +Zeilan+, die Holländer Ceylan, die Engländer Ceylon gemacht.

Das +glänzende+ Lanka preisen die Brahmanen; die Buddhisten den +Perlohrring+ am Antlitz von Indien; die Chinesen rühmen das +Land der Edelsteine+, die späteren Griechen das des Hyacinth und Rubins, die Mohammedaner das +Nach-Paradies+ von Adam und Eva. So zeugen auch die +dichterischen+ Bezeichnungen von der hohen Achtung, deren die Insel zu alter und neuer Zeit, in Ost und in West, sich zu erfreuen hatte.

Wenn +Sancho Pansa+, der so inbrünstig eine Insel zu besitzen strebte, Ceylon gekannt hätte; so würde er wahrscheinlich +diese+ Insel vor allen andern begehrt haben. Von den drei Inseln, die uns Mitteleuropäern als Urbilder der Schönheit vorschweben, Korfu, Sicilien, Ceylon; gebe ich, nach eigner Anschauung der letzten die +Palme+. Ich brauche sie ihr nicht zu geben. Sie +besitzt+ die Palme, im dichten Uferwald längs der brandenden Küste, als Wappen der neugeprägten Silbermünzen.

Ceylon ist übrigens eine ganz +stattliche+ Insel. Wir täuschen uns leicht über ihre Grösse,[291] wenn wir nur auf die Karte von Asien schauen und nicht unser kleines Europa in dem gleichen Massstab daneben haben.

Ceylon liegt an der Südostseite der Spitze von Vorder-Indien, zwischen 5° 56′ und 9° 49′ N. Br., misst in der Länge von Nord nach Süd 445, in der Breite 160 bis 235 Kilometer, hat einen Umfang von 1200 Kilometer und einen Flächeninhalt von 64000 Quadratkilometer. Daraus folgt, dass Ceylon ebenso gross ist wie das Königreich Bayern und noch einmal so gross wie die Insel Sicilien.

Die +Bevölkerungszahl+ ist die gleiche für beide Inseln, nämlich drei Millionen. Also ist die Bevölkerungsdichtigkeit in Ceylon 46 für den Quadratkilometer[292], d. h. ebenso gross wie in den mittleren Bezirken von Ostindien.

Die unzähligen, jetzt ausgetrockneten Bewässerungsteiche mit ihren von dichtem Busch bewachsenen Dämmen, welche in den Wäldern der nördlichen Zweidrittel von Ceylon zu finden sind, und die Angabe singhalesischer Chroniken, dass um 1300 n. Chr. 1500000 Dörfer auf der Insel vorhanden waren, haben +Emerson Tennent+ zu der Annahme bewogen, dass Ceylon in seiner Blüthezeit das Zehnfache der derzeitigen Einwohnerzahl, nämlich 12 bis 15 Millionen, besessen haben möge. Wenn auch +Ferguson+ dies für übertrieben hält und nur 4 bis 5 Millionen zulassen will, und die Vettern +Sarrasin+ in den verlassenen Teichen nur den Ausdruck der +Völkerverschiebung+, nicht einer ehemals grösseren Bevölkerungszahl sehen wollen; so ist es doch eine Thatsache, dass heutzutage zwei Drittel der Bevölkerung auf der Hälfte des Flächeninhalts, in den südwestlichen und den Hügel-Bezirken, leben, während das ehemalige Reisland der Nordhälfte auf +weite Strecken+ ziemlich öde geworden und nur 15 Einwohner auf den Quadratkilometer zählt. Mit den alten Wasserwerken ist die Cultur zerfallen, in Ceylon wie in Tunis und andern Gegenden des Südens.

Ceylon ist ein +natürliches Treibhaus+, warm und feucht, mit einem ewigen Sommer und einer mittleren Jahres-Temperatur von +27 bis 28° C. Obwohl der Boden nicht so reich[293] ist, wie z. B. in dem vulkanischen Java; so genügen doch Wärme und Feuchtigkeit, um den +üppigsten Pflanzenwuchs+ hervorzurufen.

Für den mitteleuropäischen +Menschen+ ist das Klima +weniger+ behaglich. Aber zwei angenehme +Erfrischungen+ helfen ihm, die Hitze zu ertragen.

Erstlich fiel, während meiner Anwesenheit in der Ebene, fast jeden Abend ein tüchtiger +Regen+, meist unter Gewitter. (Die Regenmonate in Ceylon sind Mai-Juni und October-November.[294] Colombo, die Hauptstadt der Insel, hat im Jahre etwa 118 Regentage und im Monate November durchschnittlich elf. Die Höhe des Regenfalls beträgt 88 Zoll im Jahre).

Sodann besitzt Ceylon eine +Gebirgsgegend+ (hill country), welche ⅙ seiner Fläche oder 4000 englische Quadratmeilen (von den 24702) umfasst, nach Süden steil, nach Norden allmählich abfällt. Hier liegen die beiden höchsten Berge der Insel, Pedurutalagala von 8269 Fuss und Adams-Pik von 7353 Fuss Erhebung. Die andern ⅚ der Insel sind wellige Ebenen. Aber Alles, von den tiefsten Thälern bis zu den höchsten Gipfeln, ist mit ausdauerndem Grün bedeckt, soweit nicht der schroffe Abfall einzelner Felsen den Pflanzenwuchs ausschliesst. Mit den Wäldern auf der Höhe hat man während der Pflanzerzeit, d. h. während der letzten 50 Jahre, unvernünftig aufgeräumt, so dass jetzt die Regierung freies Land oberhalb 5000 Fuss Erhebung nicht mehr veräussert. In diese Höhen flüchtet der Europäer; er verlässt des Morgens die Gluthitze von Colombo und erreicht Abends die Berge von Nuwara Eliya, ein Fleckchen Mitteleuropa im Herzen der tropischen Insel Asiens.

+Jahreszeiten giebt es nicht auf Ceylon.+ Wie in den Gefilden der Seligen trägt die Kokospalme reife Früchte in jedem Monat des Jahres.

Kokos- und Areca-Palmnüsse, China- und Zimmt-Rinde, Thee -- das sind die +Reichthümer+ der Insel. Kaffe war es bis vor Kurzem.

Die gesammte Aus- und Einfuhr hat jetzt einen Werth von 8 bis 10 Millionen £.[295] Im Jahre 1891 wurden ausgeführt 89000 Centner Kaffe, 5679000 Pfund Chinarinde (Cinchona), 68 Millionen Pfund Thee, 20000 Pfund Cacao, 422000 Pfund Kardamomgewürz, 2900000 Pfund Zimmt, 409000 Centner Kokosöl, 400000 Centner Graphit. Der Werth der Ausfuhr war 1886 in £: Areca-Nüsse 100000, Chinarinde 300000, Zimmt 115000, Kokos 100000, Cacao 40000, Thee 370000, Tabak[296] 80000 und -- Kaffee 600000, statt 4000000 in den Jahren 1868, 1869, 1870.

Ausgeführt wird auch +Eben-+ und +Teak-Holz+. Aber +Nährgetreide (Reis) muss eingeführt[297] werden+.

(1881 für 2 Millionen £, 1883 über 2 Millionen Hektoliter.)

Die früher so berühmten +Edelsteinlager+ Ceylons (Rubinen, Saphire, Granaten, Katzenaugen)[298] scheinen ziemlich erschöpft zu sein; noch mehr sind es die +Perlenfischereien+ im Golf von Manaar, zwischen Ceylon und Cap Comorin.

Was die „Mohren“ (Moormen) in Colombo dem gierigen Fremden anbieten, sind theils unbedeutende, minderwerthige Stücke, theils Nachahmungen aus Glas. Gold und Silber ist sparsam; gelegentliche Funde dieser edlen Metalle wurden in der alten Chronik der Singhalesen besonders erwähnt und gepriesen. Eisen ist genügend vorhanden, Kohle fehlt. Nur +eine Gesteinsart+ ist werthvoll und wichtig; sie besteht, wie der Diamant, einfach aus Kohlenstoff, aber aus uncrystallisirtem: das ist der +Graphit+, der Stoff für unsre Bleistifte, zu unschmelzbaren Tiegeln und zu +Anstrichfarben+, zum Ueberzug bei der Galvanoplastik.[299] 5 Millionen Mark betrug der Werth der Ausfuhr 1883 und neuerdings 7 Millionen.

Ganz anders war der +Handel Ceylon’s in der arabischen Zeit+. +Edrisi+, im 12. Jahrhundert n. Chr., nennt als Ausfuhrgegenstände Ceylon’s: Seide (die aus China kam), Perlen, Edelsteine und wohlriechende Stoffe.

Zwei Drittel der Bevölkerung von Ceylon, also 2 Millionen, sind +Singhalesen+, gelb oder gelbbraun, mit reichem, welligem Haar und feinen, angenehmen Gesichtszügen, Verehrer des Buddha. Sie sind ein +Mischvolk+ aus den vor etwa 2500 Jahren vom Gangesthal her eingewanderten +arischen Hindu+ und den schon lange vorher auf der Insel ansässigen Ureinwohnern.

Den zweiten Bestandtheil der Bevölkerung bilden die +Tamilen+, dunkelbraune +Dravida+, die aus Südindien, besonders von der Malabarküste, theils als Eroberer schon vor langer Zeit, selbst schon vor 1000 Jahren, in die Nordhälfte der Insel eingedrungen sind, theils neuerdings als Arbeiter auf den grossen Pflanzungen Beschäftigung suchen. Ihre Anzahl ist wechselnd, aber im Ganzen zunehmend, und beträgt jetzt gegen 800 000. Sie sind Shiwa-Verehrer. (Brahmanen).

Von den unvermischten Ureinwohnern Ceylons, die auf niedriger Bildungsstufe verblieben sind, den +Wedda+, ist noch ein geringer Rest, etwa 2200, erhalten. Nach den massgebenden Forschungen der Vettern +Sarrasin+ stellen die Wedda eine uralte prae-dravidische, aber mit den Dravida verwandte, auf niedrigster Stufe zurückgebliebene Bevölkerung dar.

Die Singhalesen bewohnen hauptsächlich den Südwesten und die Hügelgegend; die Tamilen hingegen den Norden und Osten; die Wedda endlich einsame Urwälder im Innern. Dazu kommen noch Hindu verschiedener Kasten; 212 000 Mohren (Moormen) d. h. Abkömmlinge abenteuernder Araber, natürlich Mohammedaner; Chinesen 8000; ebensoviel Malayen, ursprünglich angeworbene Soldaten, die nach der Auflösung der Truppe (1873) im Lande blieben, zum Theil noch als Polizisten verwendet; vereinzelte Afghanen, Parsi, Kaffern; endlich 6000 +Europäer+ und angeblich 20 000 +Eur-asier+, d. h. Mischlinge von Holländern mit Singhalesinnen, sogenannte Burghers, oder auch von Portugiesen und von Engländern mit einheimischen Frauen.[300]

Unter den Eingeborenen (Singhalesen und Tamilen) sind gegen eine Viertel Million Getaufter, nämlich 240000 Katholiken und 70000 Protestanten. Die Portugiesen erzwangen es mit der Inquisition; die Holländer mit dem Hunger, da sie keinem Einheimischen Arbeit gaben, der nicht zum protestantischen Glauben sich bekannte; die Engländer wirken durch ihre Missions-Gesellschaften, -- bischöfliche, presbyterianische, wesleyanische. Dazu kommt noch die Heilsarmee, deren einheimische Vertreter ich in den rothen Jacken mit den Buchstaben S. A. prangen sah. Der Singhalese hat wohl nur selten die Qual der Wahl; sein Fassungsvermögen vermag auch nicht zwischen dem neuen Sittengesetz und dem alten des Buddha einen Unterschied zu entdecken.

Seit 543 v. Chr. wurde Ceylon von singhalesischen Fürsten beherrscht. Die erste Königsfamilie, die aus dem Ganges-Thal stammte, hiess +Maha-wanso+, das grosse Geschlecht, und ebenso heisst die dichterische +Chronik+, welche in der dem Sanskrit verwandten Pâli-Sprache ihre ganze Geschichte enthält. (Die Sprache der Singhalesen -- +Elu+ genannt -- ist gemischt, ähnlich wie die englische, und zwar aus einem angeblich[301] der Tamilsprache verwandten Grundstock, der die gewöhnlichen, sichtbaren Dinge und die einfachen Begriffe ausdrückt; aus Pâli für die Begriffe der Religion; und aus Sanskrit für die der Wissenschaft und Kunst. Pâli war die Volkssprache ihrer buddhistischen Apostel aus Maghada).

170 Fürsten herrschten von 543 v. Chr. bis 1815 n. Chr., wo der letzte König von Kandy, angeblich wegen Grausamkeit, von den Engländern abgesetzt wurde. Im 4. Jahrhundert v. Chr. wurde die Buddha-Lehre eingeführt und gelangte zu hoher Blüthe. Ceylon ist ihre zweite Heimath. Von hier verbreitete sie sich nach Hinterindien, China, Japan.

Aber die kriegerischen Tamil-Stämme von der Coromandelküste und dem Süden des indischen Festlandes störten den Frieden der Insel und vertrieben allmählich die Singhalesen aus der nördlichen Hälfte. Im 8. Jahrhundert n. Chr. kamen Araber, 1505 die Portugiesen. Nachdem die letzteren über ein Jahrhundert lang die Küsten beherrscht, tüchtig geplündert und unter königlichem Monopol Gewürze ausgeführt, wurden sie 1632-1658 von den Holländern verdrängt, welche ursprünglich von den Singhalesen zu Hilfe gerufen waren. Die Holländer beuteten die Singhalesen ebenso aus, wie vorher die Portugiesen es gethan; sie setzten Todesstrafe auf unerlaubten Verkauf eines einzigen Zimmtstengels und übten Gewissenszwang; aber sie begannen doch wenigstens den Anbau von Kaffe und Indigo, sowie von Cocospalmen längs der ganzen Südwestküste.

1802 wurde die Insel im Frieden von Amiens an die Engländer abgetreten und 1815 zu einer +Kron-Colonie+ gemacht, nachdem das Königreich Kandy, welches sowohl den Portugiesen wie auch den Holländern widerstanden, endgiltig besiegt worden war.

Ein +Gouverneur+ herrscht über die Insel, selbstherrlich und uneingeschränkt,[302] allerdings dem Colonialamt verantwortlich, das aber ziemlich fern weilt, -- in Downingstreet zu London. Sechs Jahre pflegt seine Amtsthätigkeit zu dauern, für welche er die Kleinigkeit von jährlich 80000 Rupien bezieht.

(Entsprechend sind die Gehälter der andern Beamten. Schon seufzen die gebildeten Ceylonesen, Singhalesen und Burghers, über die Last der Pensionen, und klagen, dass sie, geborene Unterthanen der Königin Victoria, so wenig bei der Verwaltung ihres eignen Landes berücksichtigt werden.) Friede und Ruhe herrscht auf der Insel, die zu den bestbebauten Colonial-Ländern der Erde gehört und die wichtigste Kron-Colonie Englands darstellt.

The best and brightest gem In Britain’s orient diadem.

1500 Soldaten genügen, „um die Eingeborenen niederzuhalten.“ Sie kosten jährlich 160000 £; drei Viertel dieser Ausgabe fällt der Colonie zur Last. Dazu kommen noch 1400 Polizisten, für 60000 £. Die Einkünfte der Insel betrugen (im Jahre 1883) 1462000 £, die Ausgaben 1458834 £; im Jahre 1889 aber nur 1052000 £ und 1030000 £. Im Jahre 1891 war das Einkommen 17962701 Rupien;[303] 1892 ungefähr ebensoviel. Das Jahr 1893 wird sich ungünstiger gestalten wegen des Silbersturzes; 5¾ Millionen R. sind nach London als Zinsen der Schuld und für Pensionen zu zahlen. Die Schuld der Colonie beträgt ungefähr 2000000 £ und ist im Wesentlichen für Eisenbahnen, Hafenanlagen und Wasserwerke verbraucht worden.

Die Colonie befindet sich jetzt in einer Uebergangszeit; mit dem Kaffebau ist es vorbei, die Thee-Pflanzung ist in stetiger Zunahme begriffen; die Pflanzer machen grosse Anstrengung, mit ihrem Thee den Weltmarkt zu erobern.

Colombo,

die Hauptstadt der Insel Ceylon, hat den Namen von ihrem Fluss. (Kelani oder Kalan-Ganga.) Schon 1340 n. Chr. wird sie von arabischen Geographen als +Calambu+, die grösste und schönste Stadt von Serendib, erwähnt. 1507 gründeten die Portugiesen hier eine befestigte Handelsniederlassung; nahezu 150 Jahre haben sie hier sich behauptet; fast ebenso lange ihre Nachfolger, die Holländer, bis 1796 die Engländer an deren Stelle traten. Immer blieb Colombo die Hauptstadt: 1815 hatte sie 28000 Einwohner; jetzt besitzt die Stadt 20000 Häuser und 120000 Einwohner.

* * * * *

Am Mittwoch, den 9. November, meinem ersten Tag auf Ceylon, war ich, wie immer, sehr zeitig aufgestanden. Entzückend ist der frühe Morgen nach dem erquickenden Regen der Nacht. Zuerst kommt das kühle Bad, das übrigens in diesem Hotel besonders bezahlt werden muss;[304] dann das erste Frühstück, bestehend aus Thee, Zwieback oder Toast, Bananen, Butter und Honig, welches der dienstthuende Aufwärter, ein etwa 40jähriger Singhalese mit recht stattlichem Bart, auf dem zu meinem Zimmer gehörigen, überdachten Balcon aufträgt, nachdem er den dichten Vorhang aus Bambus-Stäben emporgezogen. Eine grosse schwarze Krähe, die von meinen Vorgängern wahrscheinlich verwöhnt worden, erscheint sofort und heischt keck ihren Antheil. Die Fenster der gegenüberliegenden europäischen Häuser sind noch fest durch Vorhänge verschlossen, so dass ich nicht zu befürchten brauche, durch mangelhafte Bekleidung Anstoss bei Nachbarinnen zu erregen. Die durch den Regen erfrischten Blüthenbäume auf der Strasse mischen ihren Duft mit dem meiner Morgen-Cigarre.

Die singhalesischen und tamilischen Arbeiter in weissem Jäckchen, einen weissen oder auch hellrothen langen Schurz um die Lenden, schreiten einzeln und gruppenweise zum Hafen und zu den Lagerhäusern und Fabriken.

Nach einem friedlichen Ruhestündchen beginne auch ich mein Tagewerk, nämlich mir einen +Ueberblick über die Stadt Colombo+ zu verschaffen. Zunächst habe ich die unverschämten Angriffe der „Führer“ abzuschlagen, die den Fremden als willkommene Beute betrachten und sich an seine Ferse heften, wohin er auch gehen mag.

Es sind kleine gelbe oder lichtbraune Singhalesen, in weissem Schurz, barfuss, mit blauer Uniform-Jacke, den halbkreisförmigen Schildpattkamm in dem üppigen schwarzen Lockenhaar, welches nach hinten bis über die Schultern herabhängt. Ein einziges, einsilbiges Wort genügt: „+Po+“, d. h. Pack’ dich -- zum Glück sowohl in der Sprache der Singhalesen als auch in der der Tamilen.

Dicht am Hafen und vom oberen Stock mit herrlicher Aussicht[305] auf denselben, liegt unser riesiges, weisses +Oriental-Hotel+[306] mit 125 Zimmern und einem (75×35 Fuss) grossen Speisesaal, umgeben von einer massiven schattigen Veranda, wo vom Morgen bis Abend „Mohren“, d. h. Verkäufer von sogenannten Edelsteinen, Perlen, Ringen, Geschmeiden, Spitzen, Seidenwaaren, Schildkrötarbeiten und Schnitzereien, Lichtbildern und tausend anderen Dingen umherlungern: während Strassengaukler und Schlangenzauberer, Kutscher, Jinrikisha-Männer, Führer nicht hineingelassen werden, sondern in nächster Nähe sich herumtreiben.

Ueber einen freien Platz, vorbei an einem +Kiosk+, wo die Gesellschaft der Theepflanzer echten, unverfälschten, nach meinem Geschmack vorzüglichen Ceylon-Thee für 15 Cts. (d. h. für 20 Pfennige) die Tasse verabreichen lässt und den Thee selber in Pfund-Verpackung feil[307] bietet, gelangt man zu dem Zollhaus[308] und dem überdachten +Landungsplatz+,[309] wo den ganzen Tag über ein reger Verkehr herrscht. Boote kommen von den zahlreich im Hafen verankerten Dampfern und gehen zu ihnen. Bootsmänner bieten ihre Dienste an, mehr gezügelt von dem Blick des würdevollen Polizisten, als von der grossen Tafel, welche die Fahrpreise regelt.

Wäscher, Schneider, Geldwechsler, Tabak- und Cigarrenhändler drängen sich zwischen die Fremden oder hocken mit ihrem kleinen Kram in den Ecken.

Ceylon gehört zu Ostasien, Silber[310] ist die Währung. Der Reisende, welcher nur englische Goldstücke (sovereigns) besitzt, allenfalls auch noch einige Silber-Yen aus Japan oder mexicanische Dollar aus Hongkong, verschafft sich hier landesübliche Münze für den ersten Anfang, wenn er nicht vorzieht, an der Kasse des Hotels zu wechseln. Geldeinheit ist die +Rupie+; dies ist eine alte, ostindische Silbermünze im Werthe von etwa 2 Mark, welche später auch von der ostindischen Compagnie geschlagen wurde und jetzt mit dem Bild der Kaiserin Victoria[311] in den Münzen von britisch Ostindien, nicht aber in Ceylon, geprägt wird.

Durch den Uebergang des deutschen Reiches zur Goldwährung und durch die gesteigerte Silbergewinnung, besonders in den Vereinigten Staaten, ist der Werth des Silbers von 1874-1892 stetig gesunken, so dass die Rupie, als ich in Ceylon landete, kaum 1 Mark 30 Pfennig werth war. Sechzehn der stattlichen Silberstücke erhielt man für den goldnen Sovereign, den die einheimischen Kleinhändler gierig erhandeln. Denn nur das gemünzte Gold liefert den Stoff für die in Ostasien von Weib und Mann so begehrten Schmuckgegenstände; Goldbergwerke, die lohnenden Ertrag liefern, giebt es heutzutage in ganz Ostindien nicht mehr; Goldbarren kann der kleine Goldschmied nicht kaufen. Die weitere Eintheilung der Rupie ist in der Kron-Colonie Ceylon anders und besser, als im Kaiserreich Indien. Seit 1872 ist in Ceylon die Zehntheilung eingeführt. Die halbe Rupie heisst 50 +Cents+, die Viertel-Rupie 25 Cents.[312] Dies sind funkelnagelneue, ganz kürzlich in Ceylon geprägte Silberstücke, welche auf der Rückseite das Bild der Königin Victoria, auf der Vorderseite den Kokos-Palmbaum, das Wahrzeichen der Insel, und die Werthbezeichnung tragen. Die Kupfermünzen zu 5, 1, ½ Cent erhält der Fremde nur selten; die kleineren weist ihm sogar der Bettler würdevoll zurück.

Seltsam sind die Menschen an dem Landungsplatz, seltsamer noch die Mehrzahl der +Boote+ im Wasser daneben.

Allerdings die Boote der Regierung, der Schiffskapitäne, der Grosskaufleute weichen von dem gewöhnlichen Bilde nicht ab. Ebensowenig die Knirpsdampfer, welche den Verkehr zwischen den riesigen Postdampfern im Hafen und dem Landungsplatz vermitteln und 25 Cents für den Kopf nehmen; oder die Jollen (jolly boats), die zahlreicher und darum leichter zu haben sind und dasselbe nehmen. Aber am zahlreichsten vertreten ist das echte Fahrzeug der Singhalesen, der +Auslegerkahn+[313]. Ein ausgehöhlter Baumstamm von 15-20 Fuss Länge bildet das flache Boot, durch aufgebundene senkrechte Bretter sind die Seitenwände auf etwa 3 Fuss erhöht, aber der Zwischenraum zwischen den Seitenbrettern ist so schmal, dass ein Erwachsener darin nur sitzen kann, wenn er ein Bein hinter das andere stellt. Von der Mitte der linken Seitenwand des Bootes gehen zwei gekrümmte, gleichlaufende Stäbe aus, an denen der Ausleger befestigt ist, ein dem Boot paralleler Stamm, der flach auf dem Wasser schwimmt und das schmale, gebrechliche Fahrzeug vor dem Kentern schützt.

Sie rudern, setzen auch wohl ein Segel auf; benutzen dies Boot zum Fischen am Strande. +Aber Seefahrer sind die Singhalesen nie gewesen.+

Kein Eisennagel ist in diesem Boot, die Bretter sind aneinander befestigt mit hölzernen Bolzen und mit Stricken aus Kokosfasern. Das gilt auch für grössere Fahrzeuge, gewiss seit Jahrtausenden, und hat vielleicht mit Veranlassung zu der +Sage vom Magnetberg+ gegeben, der in der Nähe von Ceylon liegen soll. Wir kennen diese Sage allerdings hauptsächlich aus den Märchen von 1001 Nacht; aber sie wird schon von älteren arabischen Geographen (von Edrisi im 12. Jahrhundert n. Chr., von El Caswini im 13. Jahrhundert), auch bereits in einem dem Palladius zugeschriebenen Buch aus byzantinischer Zeit[314] und ferner von älteren chinesischen Schriftstellern erwähnt; ja sogar, in etwas andrer Gestalt, schon von Aristoteles, Plinius, Ptolemäus angedeutet.

Das +Katamaran+, das Boot der Tamilen, wird ein Europäer nicht ohne Noth benutzen, sondern dasselbe den nackten Tauchern gern überlassen. Der Name bedeutet +Holz-Gebinde+[315]; das Fahrzeug ist eigentlich ein ganz kleines Floss, welches wohl gegen Ertrinken, aber nicht gegen Durchnässung schützt: es besteht aus drei nicht sehr breiten, sanft gebogenen Brettern, die mit den schmalen Seiten so aneinander gefügt, dass das mittlere nach vorn weiter vorragt, und mit Bast fest verbunden sind. Und diese urwüchsigen Böte haben früher den Postdienst zwischen Ceylon und dem Festland von Indien zu voller Zufriedenheit der Regierung geleistet!

So leer die Rhede von Point de Galle, +so voll ist der Hafen+ von Colombo. Ganz abgesehen von den Handels-Fahrzeugen, Seglern und Dampfern; von den Schiffen, welche den örtlichen Verkehr mit Bombay, Tutikorin, Madras, Calcutta vermitteln; ist Colombo seit 10 Jahren Stelldichein für die grossen Postdampfer, welche von Europa nach Indien (Calcutta), China, Australien fahren. Die englische P. & O. Gesellschaft, die französische der M. M., der norddeutsche Lloyd, der österreichische entfalten hier ihre Flagge; die Liste kann noch vervollständigt werden durch Orient, British India, Star, Ducal Line, Florio-Rubattino, Clan, Glen, City, Ocean, Anchor, Holt’s Line. -- Fracht kostet jetzt wegen der reichen Gelegenheit nur die Hälfte des Preises, der noch vor wenigen Jahren gezahlt werden musste.

Nicht weniger als 15286 Reisende sind in Colombo während der ersten vier Monate des Jahres 1892 gelandet. Wenn einer von den riesigen Australien-Dampfern[316] hier Anker wirft, um einen Tag zu verweilen und Kohlen einzunehmen; so ist es, als ob ein Heuschreckenschwarm das Oriental-Hotel befallen hätte. Da sieht man die kühnsten Trachten, hört das lauteste und sonderbarste Englisch und bemerkt ein übermüthiges Völkchen vergröberter Yankees.

Aber alle Vorliebe und Parteinahme der Regierung für Colombo und gegen Point de Galle hätte den gewaltigen Umschwung der Dinge nicht bewirken können, wenn es nicht gelungen wäre, die offene Rhede von Colombo in einen der +sichersten und bequemsten Häfen+ des Ostens umzugestalten. Dazu war ein ungeheures Bauwerk nothwendig, der +Wellenbrecher+ (Breakwater).

Von einer vorspringenden Landzunge erstreckt sich der Bau 3150 Fuss ungefähr nach Norden, biegt dann sanft gegen Osten um, bis zu einer Gesammtlänge von 4212 Fuss, und trägt an seinem Ende einen Leuchtthurm. Der Wellenbrecher besteht aus Cementblöcken von 16-32 Tonnen Gewicht, die auf einem Damm von Granitbruchstein liegen, und ragt 12 Fuss über Nieder-Wasser empor. Auf der Aussenseite spritzt der Gischt in die Höhe, auf der Innenseite ist die See glatt wie ein Spiegel.

500 Acres oder 2 Quadratkilometer misst die Ausdehnung des Hafens; die Hälfte ist 27 bis 40 Fuss tief und mit 26 Befestigungsboyen für die grössten Schiffe (von mehr als 25 Fuss Tiefgang) ausgestattet. Zehn Jahre hat der Bau des Werks gedauert, von 1875 bis 1885, wie die den Blöcken eingemeisselten Inschriften besagen. Wie gewöhnlich in den englischen Colonien wurden Strafgefangene zum Bau verwendet. Die Kosten betrugen 8500000 Rupien oder 705207 £. Seit 1882, wo der Wellenbrecher schon anfing, einigen Schutz zu gewähren, ist der Tonnengehalt des Schiffsverkehrs von 1700000 auf 5 Millionen gestiegen. Die Hafen-Einnahmen betrugen im Jahre 1888 ungefähr 1/10 der Kosten des Hafenbaues, nämlich 67000 £. Ein Nordwestarm, um den Hafen bis auf eine schmale, aber genügende Einfahrt zu schliessen und ein Trockendock herzustellen, ist schon lange geplant und wird, nachdem der Widerstand der Regierung gebrochen ist, in dem laufenden Jahre in Angriff genommen werden.

Während ich mir den Wellenbrecher genau auf seinen praktischen Zweck hin betrachtete, las ich im Führer von Colombo, dass er auch bei gutem Wetter des Abends einen höchst angenehmen Spazierweg für die vornehme Welt darstelle. Pünktlich stellte ich mich am nächsten Abend ein. Das Wetter war herrlich, die Aussicht auf das Meer und die untergehende Sonne entzückend. Ich war aber +ganz allein+, wie schon öfters auf den berühmten Spazierwegen der Reisebücher, -- nur zahlreiche eilfertige +Krabben+ kreuzten meinen Weg, um im Hafen reichere Beute zu finden.

Zur Zeit des Südwestmonsum brandet die See längs der ganzen Ausdehnung des Wellenbrechers in Schaum-Säulen von 50 Fuss Höhe, ein wundervoller Anblick, den ich aber nur aus einem Lichtbild kennen lernte.

Misstrauisch betrachten schon die Einheimischen den Fremdling, der das Hafenbild so genau studirt, dass er sich kaum davon trennen kann. Aber endlich wende ich mich rückwärts und muss gestehen, dass auch das Bild des +europäischen Stadttheiles von Colombo+ sehr gefällig ist. Der Name Fort ist ihm geblieben, obwohl die alten portugiesisch-holländischen Befestigungswerke seit 1871 niedergelegt und die Gräben ausgefüllt sind. (Nur eine Batterie von 12 Kanonen hat man übrig gelassen, um Begrüssungsschüsse abzufeuern.)

Von dem Landungsplatz nach Süden erstreckt sich ein breiter Boulevard (+Yorkstreet+) mit stattlichem Fahrweg, zwei Baumreihen, zwei Fusswegen. Der rothe Kies des Fahrwegs stimmt gut zu dem satten Grün. Der stattliche +Tulpenbaum+ (Suriya, Thespesia populnea) gewährt in den Strassen nicht bloss erfreulichen Anblick, sondern auch angenehmen Schatten.

Rechts liegt das mächtige Gebäude des Oriental-Hotel, links das der P. & O. Gesellschaft; im fernen Hintergrund erscheinen die stattlichen Baracken der Besatzung auf einem grossen, freien Platz.

Von dem Landungsplatz nach Osten zieht +Churchstreet+, an deren Ende ein schön gepflegter, öffentlicher Garten liegt (+Gordon’s+ G.) und der +Wohnsitz des Gouverneurs+ (Queen’s house). Vor diesem steht die Bronze-Bildsäule von Sir Eduard +Barnes+. Das Kunstwerk ist mittelmässig, aber der Mann war tüchtig. Als Gouverneur in den Jahren 1820-1822 und 1824-1831 hat er Ceylon bewohnbar gemacht durch +Anlegung von Strassen+. Als die Engländer in Ceylon landeten, gab es keine einzige ordentliche Strasse; im Jahre 1831 war jede Stadt durch gute Fahrstrassen erreichbar. Das wichtigste Werk von Sir Eduard Barnes war die Fahrstrasse von Colombo nach Kandy, auf der am 13. Februar 1832 die erste Postkutsche Asiens entlang fuhr. (Jetzt ist allerdings die Post von der Eisenbahn überholt.) Strassenbau ist das wichtigste Mittel zur Civilisation. Das haben die Engländer gut begriffen; in Ceylon gaben sie ein Gesetz, wonach jeder brauchbare Mann zwischen dem 18. und 55. Jahre alljährlich sechs Tage Arbeit oder eine entsprechende Geldzahlung zur Verbesserung der Strassen zu leisten hatte.

Ich verfolge meinen Weg längs der Yorkstrasse durch die geräumigen und schattigen Veranden, die den Läden vorgebaut sind, (denn die Sonne macht sich schon recht fühlbar,) werfe einen Blick auf die reichen Lager von Gold-, Silber-, Edelstein-Waaren, Kunstgegenständen, ohne mich aber durch die eifrigen Mohren zum Eintritt bereden zu lassen; und biege nach rechts in die +Princess-Street+ ein, wo in riesigen europäischen Kaufläden der Reisende wie der Ansiedler die vollständigste Ausrüstung und Einrichtung vorfindet.

Es zieht mich zur +Post+, die um 10 Uhr Vormittags geöffnet wird. Vier Briefe von Hause werden mir, als ich meine Karte vorzeige, von dem singhalesischen Beamten eingehändigt. Unbekümmert um die Vorübergehenden und die zudringlichen Bettler setze ich mich auf die Veranda und überfliege die 48 eng beschriebenen Seiten. Dann sende ich mein Telegramm nach Hause. (Jedes Wort nach Europa kostet 3 Rupien 12 Cents. Die Antwort erhalte ich am Nachmittag desselben Tages.)

In dieser Gegend liegen die Verwaltungs- und Bankgebäude. Als vor ungefähr 50 Jahren die Pflanzer-Zeit in Ceylon anhob, wurden Banken nothwendig. Die Oriental-Bank zog das Hauptgeschäft an sich und gab Kassenscheine aus, die willig, auch von den Eingeborenen, genommen wurden. Leider musste sie im März 1884 ihre Thüren schliessen. Aber der Gouverneur Sir Arthur Gordon verhütete die Verwirrung unter den Eingeborenen, indem er die Noten der Bank übernahm. Uebrigens hatte die Regierung keinen Verlust, da schliesslich Deckung genug vorhanden war; vielmehr Vortheil, da sie selber Papiergeld ausgab. (7 Millionen Rupien, mit einem Gewinn von jährlich 200000 Rupien.) Die New Oriental-Bank, die auf den Trümmern der alten gegründet worden, musste im Juni 1892, kurz bevor ich nach Asien kam, die Zahlungen einstellen. (Davon war in Singapore und Hongkong viel gesprochen worden. Auch diesmal wurden ihre Noten von den andern Banken übernommen, damit nicht das Vertrauen der Asiaten eine unheilbare Wunde erleide.) Jetzt giebt es in Colombo mindestens ein Dutzend Banken oder Bankvertretungen; darunter ist auch unsere „Deutsche Bank“ aus Berlin.

Ich gehe noch weiter südlich nach +Chatam-Street+, die mit Princess-Street gleich läuft. Hier drängen sich die einheimischen Läden mit sogenannten Kunstgegenständen (Curios) dicht aneinander. Die Einladungen zum Eintreten werden immer dringlicher. Hier liegt der +Glockenthurm+, der im Jahre 1857 erbaut ist und auch als Leuchtthurm benutzt wird. Das Licht steht 132 Fuss über dem Wasserspiegel und ist einem 20 Fuss über Wasser befindlichen Auge bei klarem Wetter bis auf 17 Seemeilen Entfernung sichtbar.[317] Dicht neben dem Thurm liegt das mit dem deutschen Wappen geschmückte Geschäftshaus unseres Consuls, des Herrn +Freudenberg+, dessen Namen in den deutschen Reiseschriften zu den besten gezählt wird. Mit der grössten Liebenswürdigkeit empfängt er mich, versorgt mich mit werthvollem Rath für die Reise durch Ceylon und, auf Grund meines Creditbriefes, mit dem dazu nöthigen Regierungs-Papiergeld (300 Rupien in Abschnitten von 5 und 10); und ladet mich sowie den Herrn Capitän zum Frühstück in das nahegelegene Bristol-Hotel.

Danach tritt die +tropische Mittagshitze+ in ihre Rechte. Ich verfüge mich nach Hause, nehme ein kühles Bad und verbringe einige Stunden auf dem Zimmer in ruhiger Beschaulichkeit. Da ich bei Tage nicht gern schlafe, hilft mir eine indische Cigarre (cheeroot) und ortsangemessener Lesestoff, die Zeit zu vertreiben. Um 4 Uhr wollten wir ausfahren. Da ich aber einmal zu den ungeduldigen und wissbegierigen Reisenden gehöre, so bin ich schon um 3 Uhr wieder unten in der Veranda.

Sofort hat mich einer der wandernden Gaukler und +Schlangenzauberer+[318] erspäht, durch Wort und Geberden seinen Dienst angeboten und beginnt sein Werk. Er kauert nieder; aus einem flachen, runden Deckelkorb nimmt er die Brillenschlange[319] und spielt auf einer kleinen Sack-Flöte eintönige Weisen; die Schlange bäumt und bläht sich und zeigt uns die an der Rückenfläche des geblähten Halses befindliche Brillen-Zeichnung. Dann ärgert er sie auch durch einen Schlag, dass sie wüthend aufzischt. Die Ansichten sind getheilt, ob der Schlange die beiden Giftzähne aus dem Oberkiefer ausgezogen worden, oder ob sie vor der Schaustellung ihren Giftvorrath in einen vorgehaltenen Lappen hat verspritzen müssen, oder ob der Gaukler einfach die Lebensgewohnheiten und namentlich die Furchtsamkeit des Thieres kennt und kühn benutzt. Immerhin soll ein nicht ganz unbeträchtlicher Theil der Schlangenbändiger gelegentlich dem Biss zum Opfer fallen. (Sind sie gebissen, so binden sie den Schlangenstein auf, der aus gebranntem Knochen besteht, fest sich ansaugt und wie ein Schröpfkopf wirkt.) Den Kampf des wieselartigen Mango-Thieres (Herpestes vitticollis, Ichneumon) mit der Schlange zeigen die Hindu-Gaukler in Ostindien, aber nicht die Tamilen in Ceylon, wo der alte +Schlangendienst+ der Ureinwohner (Naga) noch deutliche Spuren bis zum heutigen Tage hinterlassen: die Brillenschlange, deren man sich entledigen will, wird nicht getödtet, sondern in einen Korb eingeschlossen und in den Fluss geworfen.

Das zweite Hauptstück der ceylonischen Künstler ist +das Wachsen des Mangobaumes+, unter vielen Förmlichkeiten wird ein Häufchen Erde auf den Boden gelegt, benetzt, mit einem Korb bedeckt, wieder benetzt und bezaubert; und vor unseren Augen erhebt sich und wächst aus dem Sand eine kleine Staude mit mehreren grünen Blättern. Der Zuschauer sieht nicht, wie sie es machen: ob sie die getrocknete, quellungsfähige Pflanze mitbringen und gleich in dem Sandhaufen bergen oder mehrere Pflanzen bei sich haben und geschickt mit einander vertauschen.

Natürlich zieht das Schauspiel immer einige Gäste an, die es noch nicht oder noch nicht oft gesehen hatten. Es scheint immer ziemlich in derselben Weise gemacht zu werden. Zum Schluss kommt der Künstler mit der Schlange in der einen Hand und dem Korb in der andern, um einige Münzen einzusammeln; er kann von der halbstündigen Thätigkeit den Tag über leben, wenn ihm einer 25 Cts. giebt.

Unter den Gästen der Veranda erscheint auch ein alter Herr im Fez und grauem Vollbart; es ist +Arabi Pascha+ aus Aegypten, den die Engländer nach Colombo verbannt haben und der mit der alten, mohammedanischen Sage sich trösten kann, dass auch Adam und Eva, als sie aus dem Paradiese vertrieben worden, die schöne Insel Serendib zum Trost und zum Ersatz erhalten haben.

Um 4 Uhr miethe ich mit dem Capitän und einem andern Herrn einen Einspänner, natürlich mit einem +Pferde+; 2 Rupien beträgt der Fahrpreis für den Nachmittag. (Die +Ochsendroschken+[320] der Einheimischen kosten für den ganzen Tag 1 Rupie 78 Cts.; die Jinrikisha, die erst seit 1884 eingeführt sind, 12½ Cts. für die einfache Fahrt im Fort.) Wir fahren los. Wie in Neapel jeder Droschkenkutscher den Fremden nach Pompeji fahren will, in Palermo nach Monreal; so fährt uns der Kutscher in Colombo, wir mögen wollen oder nicht, zunächst nach den +Zimmtgärten+ (Cinamom gardens).

Vom Hotel aus fahren wir zunächst westlich nach der an das Europäer-Viertel (Fort) grenzenden Eingeborenen-Stadt (+Pettah+, d. h. schwarze Stadt,) die von der Seeseite aus mit ihrem dichten Kokospalmenwald und den niedrigen Hütten malerischer aussieht und angenehmer erscheint, als wenn man mitten hindurch sich bewegt. Zur linken, am Ufer, sind die ungeheuren Kohlenlager, die 100000 Tonnen fassen; zur rechten ein Lotos-Teich, der allerdings zur Zeit, da die Blumen fehlen, des Eindrucks entbehrt.

Dann kommt der +Trödelmarkt+, der eigentliche Anfang von Pettah, mit einem unbeschreiblichen Gewühl von grossen und kleinen, helleren und dunkleren Menschen, Früchte-Händlern und Käufern und „gemischten Waarenhandlungen“. Sehr schlecht stimmt zu dem südostasiatischen Bilde der europäische Brunnen (Municipal Fountain), welchen die getreuen Unterthanen der Königin Victoria zu ihrer Jubelfeier (1887) gestiftet. Ueberhaupt ist der englische Baustil im Osten verunglückt.

Durch die Hauptstrasse (Main-Street) von Pettah, den Sitz der mohrischen und indischen Reis-, Stoff- und Kunsthändler, geht es vorwärts, bis eine ungeheure Ansammlung von reisbeladenen Ochsenwagen unsere Fahrt hemmt. Die Asiaten haben unendliche Zeit und Geduld und kümmern sich nicht um die vereinzelten Europäer, bis diesen der Geduldsfaden reisst und sie selber Hand anlegen, um freie Bahn zu schaffen. In dieser Gegend liegt erstens ein +Hindu-Tempel+,[321] ein kleiner Bau mit ungeheurem Dach, auf dem ein unangenehmes Gewühl von tausend kleinen elephantenköpfigen und vielarmigen Gottheiten und von menschlichen Figuren in vollem Relief, wie ein Maskenball von Schornsteinfeger-Jungen, herum krabbelt; und zweitens noch ein vereinzeltes Andenken an die +holländische+ Zeit, ein alter Glockenthurm, der noch heute benutzt wird für die (1746 erbaute) Wolvendal-Kirche der Reformirten.

Südlich von Pettah liegt ein grosser Landsee, einfach +Lake+ oder Colombo-Lake genannt, angeblich der Rest der früheren Mündung des Flusses (Kelani Ganga), welcher jetzt +nördlich+ von Colombo in’s Meer fliesst. In diesen See springt von Süden her eine breite, künstlich aufgeschüttete Halbinsel weit vor, die +Sklaven Insel+ (Slave Island), so genannt, weil die Holländer im vorigen Jahrhundert hier die Regierungsklaven für die Nacht einzusperren pflegten. Jetzt ist es ein besonderer Stadttheil von Colombo, der achte von den neunen. Um diesen See fahren wir herum, geniessen die entzückende Aussicht auf die mit Kokospalmen dicht besetzten Ufer und erreichen das Südende von Colombo, die Vorstadt +Kollupitya+, von den Engländern kürzer Colpetty genannt, die zwar schon durch Strassen abgetheilt ist, auch zahlreiche Gartenhäuser enthält, aber zum grössten Theil von dem Victoria-Park nebst Museum, dem Renn- und dem Cricket-Platz sowie von den +Zimmt-Gärten+ eingenommen wird.

Der Europäer, welcher eine überschwängliche Vorstellung mit diesem Namen verbunden und gar die alte +Fabel+[322] geglaubt hat, dass die würzigen Düfte der Insel bis weit über das Meer hin wahrnehmbar seien, wird einigermaassen enttäuscht, wenn er zur Stelle gelangt ist.

Der Zimmtstrauch wächst in weissem Quarz-Sand, aus dem auch die Riesenbauten der Ameisen hervorragen, ist weder sehr hoch noch besonders schön; um den Duft wahrzunehmen, muss man erst einige abgepflückte Blätter in der Hand zerdrücken. Dazu ist freilich Gelegenheit genug vorhanden. Junge Burschen schleudern uns Zweige des Zimmtstrauches in den Wagen und heischen dafür eine Gabe; sie bieten aufdringlich Spazierstöcke aus Zimmtholz und glitzernde Goldkäfer zum Verkauf an.

+Zimmt+, die Innenrinde des Zimmtstrauches, gehört zu den ältesten Gewürzen des Menschengeschlechtes. Schon in einem altchinesischen Kräuterbuch, das angeblich aus dem Jahre 2700 v. Chr. stammt, wird es erwähnt, war angeblich den alten Aegyptern, sicher den Phöniziern, den Hebräern, den Griechen und Römern bekannt.

Den letzteren wurde Zimmt durch arabische Carawanen zugeführt und erzielte in Rom einen Preis von 150 Mark für das Pfund! Im Mittelalter blieb es ein sehr kostbares Gewürz, von dem man wusste, dass es aus China stammt. Sehr merkwürdig ist, dass obwohl der Ceylon-Zimmt unbestritten der beste auf der Erde ist und den Namen +Zimmt-Insel+ veranlasst hat, weder in singhalesischen noch in fremden Schriften der Zimmtbaum als einheimische Pflanze oder der Zimmt als Handelserzeugniss Ceylon’s vor +Ibn Batuta+, d. h. vor dem 14. Jahrhundert n. Chr., jemals erwähnt wird.

Die +Holländer+ machten ein Monopol aus dem Zimmthandel und bedrohten den unbefugten Handel mit Zimmt sowie die Zerstörung eines einzelnen Zimmtbaumes mit dem Tode. Zuerst erhielten sie den Zimmt hauptsächlich aus dem Königreich Kandy, in dessen Wäldern er geschnitten wurde; aber später (1770) versuchten sie den Anbau an der Südwestküste der Insel mit Erfolg und führten jährlich an 400000 Pfund aus, womit sie den ganzen Bedarf von Europa zu decken und dies Geschäft völlig zu beherrschen im Stande waren. Sie verbrannten lieber den Ueberschuss in Amsterdam, als dass sie einen Preisrückgang duldeten. Ihre grösste Jahresausfuhr war im Jahre 1738 und betrug 600000 Pfund, im Werthe von 8 bis 18 Mark das Pfund.

Unter der +englischen+ Herrschaft erhielt zuerst die ostindische Gesellschaft den Alleinhandel und führte jährlich gegen 500000 Pfund aus. 1833 wurde dies Monopol, 1853 der hohe Ausfuhrzoll (von ⅓ bis ½ des Werthes) aufgehoben. Nachdem die einschränkenden Gesetze gefallen waren, hob sich die Ausfuhr bedeutend. 1881/82 wurden aus Ceylon 1600000 Pfund Zimmt-Röhren und 400000 Pfand Zimmt-Spähne[323] ausgeführt, im Werthe von 3 Mark für das Pfund der besten Waare. Der Preis ist noch weiter gesunken, die Ausfuhr 1891 bis gegen 3 Millionen Pfund gestiegen. 35000 Acres sind in Ceylon mit dem Zimmtbaum bepflanzt, sie gehören Einheimischen und werden von Einheimischen bearbeitet.

Der Zimmtbaum[324] ist in den Wäldern Ceylon’s von 3000 bis 7000 Fuss Erhebung ziemlich verbreitet. Die Eingeborenen, welche die Rinde von diesen Bäumen sammeln, pflegen zuvor davon zu kosten und einzelne Bäume zu übergehen, da sie für den Zweck unbrauchbar sind. An der Südwestküste von Ceylon wird die beste Art bis zu einer Erhebung von 1500 Fuss angebaut. Sir Emmerson Tennent stellte fest, dass jeder der fünf hauptsächlichsten Zimmtgärten in diesem Bezirke 15-20 englische Meilen im Umfang mass. Später wurden viele der Zimmtgärten zu Gunsten des Kaffebau’s aufgegeben. Zum Zwecke der Zimmtgewinnung werden die Pflanzen beschnitten, so dass die Stammbildung unterdrückt wird, und 4 bis 5 Schösslinge aufspriessen, die man 1 bis 2 Jahre wachsen lässt.

Dann fängt die Rinde an, ihre grüne Farbe mit einer bräunlichen zu vertauschen. Nunmehr werden die Schösslinge, die jetzt 6 bis 10 Fuss lang und ½ bis 2 Zoll dick sind, mit einem langstieligen Sichelmesser abgeschnitten; die Blätter abgepflückt und die Rinde oberflächlich geputzt und von Unregelmässigkeiten befreit; der Abfall giebt die Zimmtspähne. Dann wird die Rinde in Abständen quer durchschnitten, auch senkrecht eingeschnitten und so leicht vom Holz abgelöst. Hierauf werden die Rindenstücke sorgfältig in einandergelegt und in Büschel gebunden. So bleiben sie 24 Stunden und länger. Es entsteht eine Art von Gährung, welche die Entfernung der Aussenrinde erleichtert. Dann werden die dünneren Röhrchen in die weiteren hineingelegt, die Rinde schrumpft und krümmt sich ein, bis sie eine Art von solidem Stab bildet, gewöhnlich von 40 Zoll Länge. Diese Stäbe werden erst im Schatten, dann in der Sonne getrocknet und schliesslich in Ballen von 30 Pfund fest verpackt.

Der Riechstoff des Zimmtes ist das ätherische +Zimmtöl+. Dasselbe wird in Ceylon aus den Abfällen der Zimmtrinde durch Destillation mit Wasser bereitet (1 Kilogramm Oel aus 200 Kilogramm Rinde) und zu wohlriechenden Stoffen wie auch zu Kräuterschnäpsen verwendet. Die +Zimmtblüthen+ kommen hauptsächlich aus China.

Dicht neben den Zimmtgärten von Colombo liegt die +Ackerbauschule+, die aber recht verwahrlost aussieht. Vor zehn Jahren äusserte sich H. +Meyer+ darüber folgendermaassen: „Ein reicher Singhalese schenkte bei irgend einer festlichen Gelegenheit der Stadt Colombo 20000 Pfund Sterling mit der Bestimmung, eine landwirthschaftliche Musteranstalt einzurichten. Wir ritten an dem Grundstück vorbei, und ich sah neben einer Anzahl halbverfallener Hütten ein Stück überwuchertes Gartenland und dahinter einen breiten Moorgrund, durchzogen von einigen verschlammten Bewässerungskanälen; das war das Mustergut.“

Angeblich hat der jetzige Leiter der Anstalt „europäische Qualification“ und ist erfolgreich bestrebt, durch das Mittelglied der Dorfschulmeister nützliche Kenntnisse vom Ackerbau über das Land zu verbreiten.

Besser gepflegt, ja sehr gut gehalten ist der kreisförmige +Victoria-Park+, in dessen Bereich das +Museum+ liegt. Dieses habe ich wiederholentlich besucht, erstlich weil ich in Colombo Zeit genug hatte und dieselbe ausfüllen musste, zweitens um mich dafür zu entschädigen, dass ich zu Hause so wenig Musse für den Besuch von Sammlungen finde. Meine Begleiter waren meist früher fertig und warteten draussen, bis ich die Besichtigung beendigt. Ueberhaupt fand ich auch hier nur wenige Europäer, desto mehr schau- und wissbegierige Ceylonesen.

Vor dem Gebäude steht das Erzstandbild von Sir W. H. +Gregory+, der von 1872-1877 Gouverneur von Ceylon gewesen. Die Inschrift besagt, dass das Standbild von den Einwohnern errichtet ist zur Erinnerung an die zahlreichen Wohlthaten, die sie ihm zu danken haben. In der That ist die Summe von 25000 Rupien für das Denkmal hauptsächlich von den Singhalesen gezeichnet worden. Herrn Gregory verdankt Colombo seine Wasserleitung und das Museum, sein schönstes Gebäude, das 12000 £ gekostet.

Der Inhalt der +Sammlungen+ ist, wie gewöhnlich in Ostasien, äusserst mannigfaltig. Zunächst ist da eine Bücherei der Regierung und eine andere des ceylonischen Zweiges der königlichen asiatischen Gesellschaft, sowie ein Lesezimmer. Dann sind als wichtigster Gegenstand die +singhalesischen Alterthümer+ zu erwähnen: die berühmten Inschriften von Anuradhapura, deren Entzifferung wir unserem Landsmann, meinem Studiengenossen Dr. +Goldschmidt+ verdanken, der als Professor zu Strassburg, leider zu früh für die Wissenschaft, verstorben ist; Münzen, die aber über das Mittelalter nicht hinaufreichen; zierlich gearbeitete Schmuckgegenstände, Halsketten, Armbänder, Ohr- und Fingerringe; Waffen, Schwerter, Hellebarden, Flinten, namentlich auch solche, welche bei den Prachtaufzügen der Kandy-Könige benutzt wurden, sowie alte holländische Degen und Reiterpistolen; endlich die bekannten +Masken der Teufel-Tänzer+, welche die Krankheiten beschwören. Diese Masken sind ein bis auf unsre Tage gekommenes Ueberbleibsel aus der Urzeit Ceylon’s, wo Dämonen-Verehrung nebst Schlangendienst auf der Insel blühte. Jede besondere Krankheit wird nach dem Aberglauben der Leute von einem besondern Dämon (Sanne) verursacht. Der Beschwörer (Kattadia) nimmt die entsprechende Maske vor, macht seinen Tanz nebst Beschwörung, unter Begleitung des Tamtam, und zieht sich um Sonnenuntergang zurück mit den Opfergaben und mit dem Wunsche baldiger Genesung. Diesem Dämonendienst bleiben auch die Getauften treu, worüber Portugiesen, Holländer, Engländer in gleicher Weise geklagt haben und noch heute klagen. Nach der Volkszählung von 1891 giebt es in Ceylon 1532 gewerbsmässige Teufel-Tänzer.

Ferner sind vorhanden +Natur- und Kunsterzeugnisse+ der Insel. Die ersteren sind recht vollständig vertreten. Unter den letzteren fallen hübsche Tischler- und Schnitz-Arbeiten auf. Die Singhalesen haben auch gute Schmiede, Töpfer, Korbmacher. Im Ganzen ist aber Handwerk und Gewerbefleiss nur wenig entwickelt. Sodann folgt eine +ethnographische+ Sammlung mit lebensgrossen, naturgetreuen Darstellungen, sowohl der Ureinwohner (Wedda) als auch der Singhalesen in ihrem vollen Putz. An der Haartracht der Damen ist portugiesischer Einfluss unverkennbar; das spanische Schläfenlöckchen scheint grossen Beifall gefunden zu haben.

Von Buddha-Heiligthümern sieht man hier weit weniger, als in der Sammlung zu Calcutta, offenbar deshalb, weil eben in Ceylon die Buddha-Lehre noch lebendig ist.

Die +naturwissenschaftliche+ Abtheilung mit ihren Säugethieren, Vögeln, Fischen, Insecten, Pflanzen, Gesteinen zieht die Eingeborenen ganz besonders an, namentlich bewundern sie einzelne Prachtstücke, wie den 23 Fuss langen Haifisch, der 1883 in einem Dorf bei Colombo gefangen worden. Den Europäer fesseln die Beweisstücke der erstaunlichen Fresswerkzeug-Leistungen einheimischer Ameisen, wie mannsdicke Balken, die in eine Art von Flechtwerk umgewandelt sind, und angenagte Steinkohlen; man würde sich kaum noch über durchgefressene Eisenbahnschienen verwundern.

Die +Rückfahrt+ nahmen wir, vorbei an einem prachtvollen Banyan-Baum (Ficus indica), der mit seinen Luftwurzeln eine prachtvolle, belaubte Säulenhalle bildet, über +Southern drive+, eine unvergleichlich schöne, vortrefflich angelegte, ockerrothe Strasse längs des Meeresufers. Ein Denkstein meldet, dass Sir Henry +Ward+ diesen Weg 1856 begonnen, 1859 vollendet hat und ihn seinen Nachfolgern an’s Herz legt zum Wohl der Frauen und Kinder von Colombo.

Hier tummelt sich gegen Abend das wohlhabendere Völkchen des Europäer-Viertels zu Wagen und zu Ross; hier tauschen sie die Bemerkungen über Wetter und Neuigkeiten der Gesellschaft aus und blicken mit Wohlwollen auf die Cricket- und Polo-Spieler zur Seite des Weges, voll Stolz auf die wenigen Fremden und die einzelnen Fussgänger und Eingeborenen herab, bis die Sonne wolkenlos in dem inselleeren Weltmeer zu versinken sich anschickt: dann eilen alle nordwärts durch den kleinen Stadttheil +Galle-Face+ mit seinen prachtvollen Palmen zurück nach dem Fort, um für das wichtige Geschäft des Abendessens die unerlässliche Schmückung des Körpers vorzunehmen. Beiläufig bemerke ich, dass, während die Damen noch immer zum Essen wie zu einem Ball sich ankleiden, die englischen Herren von dem Frack, den +Häckel+ vor 10 Jahren mit seinem Zorn überschüttet, jetzt abgekommen zu sein scheinen. Sie tragen dunkle Hosen und weissleinene, ganz kurze Knaben-Jäckchen, dazu einen seidnen Gürtel in brennendem Roth oder in Hellblau: was für dürre, ältliche, schon etwas gebückte Obersten und Capitäne oder für ganz unkriegerische Kaufleute meist einen recht lächerlichen Anzug oder Aufzug darstellt.

Gewohnt, rasch mich umzukleiden, habe ich noch Zeit, einen Blick in +Gordon’s Garten+ zu werfen. Zugegen waren hauptsächlich nur Kinder von Europäern, auf zierlichen zweirädrigen Karren von einheimischen Kinderfrauen geschoben. Einen köstlichen Anblick bot der +singhalesische Don Juan+, das lange rabenschwarze Haar zierlich gekräuselt und gesalbt, in Locken bis auf die Schultern herabwallend, geschmückt mit zwei Schildkrötkämmen, einem runden auf dem Scheitel, einem platten am Hinterhaupt; den Vollbart auf das sorgfältigste gepflegt; silberne Ringe an den Fingern; Jacke und Schurz von tadellosem Weiss; sein Liebesgeflüster offenbar ebenso eindrucksvoll, wie bei uns im Herzen von Europa.

Das +Mittagessen+ im +Oriental-Hotel+ (um 7½ Uhr Nachmittags) trägt die ganze Wichtigthuerei und geheuchelte Vornehmheit zur Schau, die Jeder kennt, der im Alexandra-Hotel zu Oban in Schottland oder in Shepheard’s Hotel zu Cairo in Aegypten unter überwiegend englischer Gesellschaft zu speisen das Vergnügen gehabt. Die Gerichte sind zahlreich, aber mittelmässig, besonders das Fleisch; der Wein schlecht, das Bier erträglich. Kühlung fächelt die Punka.

Nach dem Essen nimmt man den Kaffe in der Veranda und raucht eine Cigarre dazu, -- in Frieden, wenn man verstanden, die Mohren ein für alle Mal sich vom Leibe zu halten. Jung-Albion streckt hierselbst höchst anmuthig die gespreizten Schenkel auf die vorspringenden Lehnen der langen, rohrgeflochtenen Stühle (easy chairs), -- als ob es keine Frauen in der Welt gäbe.

In guter Gesellschaft plaudert man noch ein bis zwei Stündchen.

Dienstfertige Shinghalesen schaffen das Nöthige zur Befeuchtung der Kehle herbei. Nur die Liebhaber schärfster Getränke schützen Neigung zu einer Partie Billard vor und verschwinden nach der neben den Billardräumen gelegenen Schenke (bar) des Gasthauses.

Wenn man aber das Schlafzimmer aufgesucht und trotz offengehaltener Fensterthür und niedrig geschraubter Gasflamme[325] seufzend + 22° C. festgestellt; so ist eine kühle Abwaschung des ganzen Körpers sehr förderlich, bevor man kunstgerecht hinter die würfelförmige Moskito-Netz-Umzäunung des Bettes schlüpft.

Decken giebt es nicht; auch das Laken, das ihre Stelle vertritt, schiebt man bei Seite und kann doch nicht gleich einschlafen wegen des +Höllenlärms+ auf der Strasse, den betrunkene Matrosen und andre Europäer sowie rasselnde Jinrikisha verüben, und den die Engländer mit unbegreiflichem Langmuth selbst auf dem Hauptplatz der Hauptstadt gestatten. Allerdings, die hochmögenden Herren werden dadurch nicht gestört; sie schlafen sanft in ihren Landhäusern, weit ab in der friedlichen Vorstadt.

Endlich prasselt ein befreiender Regenguss herunter, kühlt die Luft und verscheucht die Nachtschwärmer.

* * * * *

Nicht müde konnte ich werden, tagtäglich, so lange mein Aufenthalt in der Gartenstadt Colombo währte, die Reize der entzückenden Ausfahrten zu geniessen und die Kokos-Palmen, Bananen, Tulpenbäume, Pawlonien, Banya in der nördlichen Vorstadt +Kotahena+, in der südlichen Colpetty und auf der Sklaveninsel mit immer erneuter Bewundrung zu betrachten. Unter den in prachtvollen Gärten gelegenen Landhäusern (Bungalow) entdeckte ich drei mit vaterländischen Namen: Karlsruhe, Wilhelmsruhe, Rheinland.

Wie üppig der Pflanzenwuchs schon in der Stadt ist, erkennt am besten, wer den am Ostende gelegenen Maligakanda-Hügel und das platte Dach des darauf erbauten +Wasserbehälters+ erklimmt. Hier, in einer Höhe von vielleicht 100 Fuss über der Ebene der Stadt und unmittelbar an ihrer Grenze, erblickt man vor sich nur einen einzigen mächtigen +Palmenwald+, die ganze Masse der 20000 Häuser ist darin völlig wie vergraben.

Die Wasserwerke von Colombo sind erst 1889 vollendet und haben 7 Millionen Mark gekostet. Sie bestehen aus dem Hauptbehälter zu Labugama, einem künstlichen See von 176 Acres in den letzten Ausläufern der Kette des Adams-Pik, ferner aus der 25 englische Meilen langen Leitung von dort bis zu diesem Nothbehälter in der Stadt, welcher 8350000 Gallonen oder 37575 Cubikmeter, d. h. den Bedarf[326] für drei Tage, fasst, und endlich aus den nöthigen Verzweigungen.

Als ich von der Dachluke des Wasserbehälters in das Innere einsteigen wollte, wo ich das Wasser rauschen hörte, traten die einheimischen Beamten mir entgegen und hemmten meine Wissbegier, trotz meines Einspruchs.

In der Nähe sind zwei buddhistische Tempel oder eigentlich Priesterwohnungen (pansala). Das eine ist Vidyodaya-Colleg, ein Hauptsitz östlicher Gelehrsamkeit, im Jahre 1873 begründet und geleitet von dem gelehrten Hohenpriester des Adams-Pik, welcher den wohllautenden Namen Hikkaduwe Sumangala Terrunanse besitzt. Der durchbrochene, dreistöckige Glockenthurm könnte ganz gut in einem italienischen Dorfe stehen.

Einer der schönsten +Ausflüge+ von Colombo geht nach dem +Buddhistentempel von Kelani+. Durch Pettah und die nördliche Villen-Vorstadt Kotahena kommen wir in einen dichten Palmenwald, wo einzelne ärmliche, aber höchst malerische Hütten der Eingeborenen stehen.

Eigentlich ist es kaum eine Hütte, sondern nur ein niedriges Palmblätter-Dach mit Stützen. Die Vorderwand ist offen und zeigt den Wohnraum und die kleinen Vorräthe an Früchten und einfachen Waaren, die feilgeboten werden: ein Paar Stengel mit Bananen (Paradies-Feigen); ein Paar Blätter mit Betelnuss-Stückchen, dütenartig zusammengerollt. Aber freundlich schmiegt sich die nährende Banane[327] und der Brodfruchtbaum[328] und einige Sträucher mit brennend rothen Blumen an den luftigen Bau, den eine sanftgebogene Kokospalme überschattet. Ein Paar Hühner und nackte Kinder beleben das Bild. Ein dunkles Weib mit entblösstem Oberkörper säugt den Kleinsten, während der nur mit Schurz bekleidete Mann häusliche Arbeit verrichtet.

„In dieser Armuth, welche Fülle!“

Der Singhalese lebt hauptsächlich von Reis, den er mit Gewürz (curry) zubereitet, und von Früchten (Bananen, Kokos, Jak); gelegentlich geniesst er auch getrocknete Fische. Diese einfachen und unentbehrlichen Nahrungsmittel und das gleichfalls unerlässliche Genussmittel der in Betelblätter eingewickelten Areca-Nuss wird allenthalben feilgeboten.

Wir erreichen den besuchten +Grandpass-Markt+ mit echt asiatischem Dorfleben und die Schiffsbrücke über den +Kelani Ganga+.[329]

Diese Brücke ist 500 Fuss lang und liegt auf 21 verankerten Booten; sie ist 1822 angelegt zur Verbindung von Colombo mit Kandy. Vor dem Bau der Eisenbahn bildete sie den einzigen Weg über den Fluss und auch noch heute dient sie einem lebhaften Verkehr beladener Ochsenwagen. Um die Schifffahrt zu ermöglichen, werden für zwei Stunden an jedem Tag zwei der Boote herausgenommen. Binnen kurzem wird hier eine eiserne Gürtelbrücke errichtet werden.

Der +Kelani+- (oder Kalany) +Fluss+ hat eine Länge von 157 km und ein Gebiet von 2250 qkm, ist also der zweitgrösste der Insel. (Nächst dem Mahaweli Ganga.) Nach einer kurzen Fahrt (von 3½ km) längs des rechten Ufers erreicht man den malerisch am Fluss gelegenen +Tempel+. Der letztere wurde bereits 306 vor Chr. begründet, später von plündernden Tamilen zerstört und ist in seiner jetzigen Gestalt nicht über 200 Jahre alt. Er gilt für hochheilig, sein Besuch für ein verdienstliches Werk.

Das Hauptfest (im Mai) dauert vier Wochen und zieht viele Tausende von Pilgern an, die nicht nur Blumen und Früchte, sondern auch Geld opfern. Letzteres nimmt man auch von Andersgläubigen.

Man führt uns stracks vor den Oberpriester, ein eisgraues, freundliches Männchen. Auf einem Tisch lag eine stattliche Sammlung grosser Silbermünzen aller Art; darunter waren auch alte Stücke europäischer Prägung, holländische, schwedische u. dgl. Sofort wird uns erklärt, dass der heilige Mann das Geld verachte; aber, wenn man Silber opfere, sehr schöne, kleine Dagoba (Reliquien-Thürmchen) daraus anfertigen lasse, wie solche in den Glasschränken an den Wänden zu sehen waren. Der Wink war verständlich; ich löste mich mit einer Rupie aus.

Nunmehr bekam ich auch +Buddha+ zu sehen. Die Bildsäule ist 36 Fuss lang. Der Heilige ist hellgelb angestrichen und liegt auf seiner rechten Seite, bereit, in Nirwana einzugehen. Höchst seltsame Wandgemälde sieht man im Innern des Tempels; sie sind eigentlich praehistorisch, denn sie stellen Gautuma’s Schicksale in seinen früheren Leben dar, deren es offenbar viele gegeben haben muss. Zum Beweis der Thatsache, dass unter dem Einfluss der siegreichen Tamilen in Ceylon die Buddha-Lehre mit dem Hindu-Dienst sich vermischt hat, findet man in demselben Tempel die Bilder der Hindu-Götter Vishnu, Shiva und Ganesa.[330]

In dem Garten steht ein heiliger Feigenbaum von riesigem Umfang. Zahlreiche Priester lungern umher nach Trinkgeld.

Einen zweiten Ausflug, nach +Mount Lavinia+, machten wir mit dem Bruder des Consul. Wir benutzten die Südbahn, welche in 25 Minuten die Strecke von 5,5 km (mit zahlreichen Haltestellen) zurücklegt. Die Bahn fährt, dicht am Meere, vorbei an den Wohnsitzen der Wohlhabenden mit prachtvollen Blüthenbäumen in den Gärten, durch dichten, herrlichen, schattigen Kokospalmen-Wald.[331] Derselbe ist in grössere, kleinere und kleinste Abschnitte getheilt und wird sehr sorgsam bewirthschaftet. Hier und da sieht man ein Band von Palmen-Blättern um den Stamm gebunden; und überlegt, ob dies etwa die Besteigung erleichtere: bis man erfährt, dass dadurch der betreffende Baum dem Dämon (Yakha) geweiht ist, -- oder auch dem Buddha oder dem Vishnu oder der katholischen Kirche. Das Ziel unsrer Fahrt ist ein niedriges Vorgebirge, wo einst der Gouverneur, wenn man dem „Führer“ glauben will, „einen Palast von bemerkenswerther Schönheit im dorischen, jonischen und korinthischen Styl“ erbaut hat. Nach meiner Ansicht ist das Gebäude so geschmacklos, wie irgend möglich; es hat aber eine wundervolle Lage und eine weite Aussicht auf das pfadlose Meer und auf die palmenbekränzten Ufer. Da der Herrscher hier zu weit von dem Sitz der Regierung war, so durfte er das Haus nicht beziehen. Dasselbe ist nach wechselvollen Schicksalen in ein Hotel umgewandelt, wo ein biederer Deutscher (Herr Link) vortreffliche Fische und ausgezeichnete Getränke, sogar Rheinwein, uns zum Frühstück vorsetzen lässt.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich wiederum meinen Landsleuten anempfehlen, unterwegs ihre Staatsangehörigkeit, wo es nöthig scheint, zu betonen und ihre Sprache, wo es angeht, zu sprechen. Nur so kann der Deutsche in der Fremde die ihm gebührende Stellung gewinnen und aufrecht erhalten.

Hier mitten unter Palmen konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, mir eine +Kokosnuss+ herunterholen zu lassen. (Ich hätte es nicht gethan, wenn ich damals schon gewusst, dass bei dieser Arbeit in Ceylon jährlich 150 Menschen ihr Leben einbüssen.) Ein Knabe steckt in einen geschlossenen Ring von Palmstrick, denselben spannend wie einen Steigbügel, seine beiden nackten Füsse, so dass sie nicht abwärts gleiten können, umfasst den rauhen astlosen Stamm mit den Knieen und mit den Händen und klimmt in wenigen Minuten empor zu den Früchten des weit über haushohen, schlanken Baumes, bringt eine mittelgrosse Nuss in grüner Schale herab und eröffnet dieselbe, indem er mit einem grossen sichelförmigen Messer die Kuppe abschlägt. Ich trinke ein wenig von dem Saft, der den Binnenraum der dickwandigen, hohlen Nuss ausfüllt und koste von dem Fleisch der letzteren. So poetisch dies dem Europäer vorkommt,[332] -- Vorsicht ist geboten, sonst ist Durchfall die Folge. Der Knabe bedankte sich für das Trinkgeld. Wir waren vor der Mittagsgluth wieder zu Hause.

So hatte ich denn das Wesentliche gesehen, was Ceylons Hauptstadt dem Reisenden zu bieten vermag. Meine Erwartungen waren hochgespannt, sie sind aber durch die schöne Wirklichkeit noch übertroffen worden.

Die sanft gebogene, von der Brandung des indischen Weltmeers gepeitschte Küste, ganz und gar besäumt von dichten Kokospalmwäldern; dann der von dem niedrigen Landvorsprung weit in’s Meer hineinragende Wellenbrecher, diesseits desselben der spiegelglatte Hafen mit zahlreichen Dampfern, zahllosen Booten und Ausleger-Kähnen; die stattlichen europäischen Häuser in der ehemaligen Festung und darum wieder ein Palmenwald mit friedlichen Hütten und geräumigen Herrensitzen; auf den Strassen hier drinnen dichtes Gedränge, dort draussen vornehme Stille, europäische Kutschen und asiatische Zebu-Karren; und endlich der interessanteste Gegenstand unsrer Betrachtung, die Menschen, -- Alles dies vereinigt sich zu einem ebenso fremdartigen wie stimmungsvollen Bilde, dessen Zauber Niemand sich zu entziehen vermag.

Der +Singhalese+ ist ein kleiner, zierlicher Mann von gelber bis zimmtbrauner Farbe und regelmässigen Gesichtszügen; mit gut gepflegtem und gekräuseltem Bart und langem Weiberhaar, das er in einem Knoten auf dem Hinterhaupt befestigt und mit einem halbkreisförmigen Kamm aus Schildpatt schmückt, wie ihn bei uns manch’ kleines Mädchen trägt. Die eigenthümliche weibische Haartracht der Singhalesen ist schon vor mehr als 1200 Jahren von griechisch-byzantinischen Seefahrern aus Aegypten besonders angemerkt worden.[333]

Der gewöhnliche Arbeiter trägt, namentlich auf dem Lande, nur einen langen Lendenschurz (Comboy) der wie ein Weiberrock aussieht, aus einfachem weissen Stoff oder aus rothem, der sehr beliebt ist. Der schon etwas bessere Arbeiter, zumal in den Städten, trägt dazu noch ein Jäckchen. Stutzer bekleiden sich vollständig mit europäischem Rock und Hemd, stecken noch einen zweiten Riesenkamm in den Haarknoten und zahlreiche Silberringe an die Finger. Gelegentlich lassen sie auch das lange, lockige Haar hinter dem Rundkamm auf die Schulter herabwallen und tragen Ohrringe. Ein schattenspendender Hut gehört nicht zur Tracht, aber ein Sonnenschirm ist zulässig.

Die Singhalesinnen tragen Rock und Jäckchen; ihre Tracht ist für den Fremden gewöhnlich gar nicht so sehr verschieden von der der Männer; aber sie schmücken sich nie mit dem Rundkamm, sondern stets mit Haarnadeln. Trotz der mitunter ganz hübschen Gesichter sind manche für uns unerträglich durch zwei Eigenschaften: sie spucken roth, vom Betelkauen; und tragen zwei Ringe in jedem Ohr, einen grossen in dem unförmlich verlängerten Zipfel und einen am oberen Rand.

Bei den +Tamilfrauen+ ist diese Verunstaltung der Ohren die Regel; dazu kommen noch Metallplättchen, die in die Nasenflügel eingeschraubt sind, auch mit Hängern, ein Nasenring durch die Zwischenscheidewand, zwei bis drei Halsbänder, etliche Armbänder, Finger-, Zehen-, Knöchel-Ringe. Dabei sind sie durchaus nicht ohne Geschmack und Gefallsucht; namentlich legen sie geschickt ein gefaltetes Tuch um die linke Schulter und schräg absteigend über die Brüste und wählen dazu oft ein lebhaftes Roth, das ihnen, besonders in dieser Umgebung, ganz gut steht.

Die Tamilen sind grösser, kräftiger, dunkler, als die Singhalesen, kaffe- bis schwarzbraun, mit niedrigerer Stirn, breiteren Nasenflügeln, dickeren Lippen, und tragen gern ein weisses Gewand, das wie ein Mantel um die Schultern geschlagen wird und zu den beiden Seiten faltig herabhängt.

Von den Hindu in Colombo haben das sonderbarste Aussehen die +Chetties+ mit abenteuerlicher Mütze, ganz glattrasirtem Gesicht, ungemein grossen, dünnen, mehrfachen Ohrringen, enganliegender, bis zu den Füssen reichender Gewandung. Sie handeln in Reis und Baumwolle und verleihen Gelder, und nehmen nur 60 Procent Zinsen, welche sie vorsichtiger Weise gleich von dem entliehenen Capital abziehen. Obwohl sie vorzüglich rechnen und buchführen, schreiben sie noch bis zum heutigen Tage auf Palmblätter.

Die mohammedanischen Indo-Araber oder +Mohren+, in Colombo ein Fünftel der Bevölkerung,[334] haben oft ganz deutlich arabische Gesichtszüge; sie tragen weisse Kappen oder hohe, bienenkorbähnliche Strohmützen und lange, weisse kaftan-ähnliche Röcke, dazu Hosen und Schuhe oder Pantoffel.

+Juden+ sollen in Ceylon fehlen.

Aber in den „Reisen zweier Mohammedaner“ aus dem 9. Jahrhundert n. Chr. rühmt ein Augenzeuge die Duldsamkeit der (buddhistischen) Singhalesen, welche bewiesen werde durch Anwesenheit einer christlichen Manichäer- und einer Juden-Gemeinde; und der arabische Geograph Edrisi aus dem 12. Jahrhundert n. Chr. berichtet, dass der Rath des Fürsten von Ceylon aus 16 Mitgliedern bestand, vier von der einheimischen Religion, vier Christen, vier Muselmännern, vier Juden.

Ich selber sah, als ich zu Pettah in den Laden eines Mohren eintreten wollte, und vergnügt mein Kleingeld an die Schaaren bettelnder Kinder und Greise vertheilte, ein auffallend schönes und helles Mädchen abseits stehen; und als ich den Ladenbesitzer fragte, wer sie sei, erwiederte er: Das ist ein Kind der Juden, die unter uns leben. Ob das +Abkömmlinge der alten+ sind, oder +neue Ankömmlinge aus Bagdad+, deren man so viele in Bombay sieht, konnte ich nicht erfahren.

Kandy.

Am Morgen des 11. November reiste ich von Colombo in’s Innere von Ceylon, zunächst mit der Eisenbahn nach +Kandy+.

Die Eisenbahnen auf Ceylon sind Regierungs-Vorrecht und werfen ein hübsches Einkommen ab, ebenso viel wie die Eingangszölle, nämlich ein Fünftel des Gesammt-Einkommens[335] der Colonie.

Die Hauptlinie geht von Colombo ostwärts nach Kandy[336] und weiter bergauf nach Nanu-Oya, dem Halteplatz für den Höhen-Ort Nuwara Eliya, 128 engl. Meilen, mit einer kleinen Zweiglinie von Peradenia bei Kandy bis Matale, 22 engl. Meilen.

Die Küstenlinie geht von Colombo südwärts bis Bentota (39 engl. Meilen) und soll demnächst nach Point de Galle fortgesetzt werden.[337]

(Für die Verbindung mit den nördlichen Städten Trincomali und Jafna ist man auch heute noch auf Postwagen angewiesen oder auf den Seeweg. Doch hat eine Londoner Gesellschaft schon den Bau einer Eisenbahn nach Jafna vorbereitet.)

Die Linie von Colombo nach Kandy ist 74½ engl. Meilen lang, gut gebaut, mit der breiten ostindischen Schienenweite (gauge) von 5 Fuss 6 Zoll, mit eisernen Gürtelbrücken, Viaducten, Tunnels und einer Steigung von 1:45 für 12 engl. Meilen in der Gebirgsgegend.

Die Herstellung dieser Linie von 74½ engl. Meilen hat übrigens der Regierung 1738413 £ gekostet, also immerhin, trotz der so billigen Arbeitslöhne, gegen 300000 Mark für den Kilometer, der in Deutschland durchschnittlich 264000, in England 400000 Mark erfordert.

Wegen der kunstreichen Ueberwindung von Schwierigkeiten wird sie in englischen Schriften und Reisebüchern unbändig gepriesen. Doch muss ich offen gestehen, dass weder diese Linie noch die nach Darjeeling im Himalaya in Bezug auf die Bauart irgend etwas bedeutet gegen eine Rigi- oder Gotthard-Bahn. Aber mit Rücksicht auf landschaftliche Schönheit und Eigenart gehört die Strecke von Colombo nach Kandy zu den bevorzugten, ja unvergesslichen.

Die Eisenbahn mag ja zunächst zum Vortheil der englischen Pflanzer gebaut sein, sie war auch nur durch die unternehmenden Pflanzer möglich geworden; hat aber auch den Einheimischen grossen Vortheil und Segen gebracht. In 25 Jahren sind 35 Millionen Menschen auf den Eisenbahnen Ceylon’s befördert worden, von denen die ungeheuere Mehrzahl Singhalesen und Tamilen waren. Kandy-Häuptlinge kamen 1867 nach Colombo und erblickten staunend zum ersten Male in ihrem Leben das ungeheure Weltmeer und die gewaltigen Schiffe im Hafen. Die Vorurtheile der Kasten, die in Ceylon zwar nicht so ausgeprägt sind, wie in Ostindien, aber doch immerhin bestehen, werden durch kein Mittel so wirksam ausgeglichen, als wenn auf derselben Holzbank, dicht gedrängt, die verschiedenen Stände mit einander auskommen müssen. Ein Einheimischer muss schon ziemlich reich sein, um die zweite Wagenklasse zu benutzen; in der ersten habe ich auf Ceylon keinen gesehen.

Für die Bequemlichkeit des Reisenden ist ziemlich gut gesorgt. In wenigen Minuten befördert ein Einspänner ihn selber und sein Gepäck nach dem im europäischen Stadtviertel gelegenen Halteplatz. (Fort-Station.)

Eingeborene Bahnbeamte, in stattlichem Dienstrock aus blauem Tuch, aber barfuss, behandeln den Reisenden erster Classe mit unterwürfiger Höflichkeit. Die Fahrkarte nach Kandy kostet 6 Rupien[338] (zweiter Classe 4), Hin- und Rückfahrt 9 (bezw. 6) Rupien.

Mein Koffer wird ungewogen einfach in meinen Wagen geschoben, da 112 Pfund frei sind. Die erste Classe ist nicht sehr besetzt, desto mehr die dritte mit Eingeborenen in den lebhaftesten Trachten. Die Wagen erster Classe sind nicht ganz so gut, wie die deutschen dritter Classe.[339]

Wir fahren um den See herum nach dem +Haupt-Halteplatz+ von Colombo und von da über +Maradana-Anschluss+,[340] wo reichlich Gelegenheit zur Beobachtung des einheimischen Lebens und Treibens geboten wird, nordöstlich zur +Eisenbahnbrücke+ über den Kelani-Fluss.

Der erste Theil der Fahrt geht durch +ebene Gegend+, hauptsächlich +Reisfelder+, die unter sorgfältiger Bebauung stehen oder auch zeitweilig dem Vieh zum Abgrasen überlassen werden. Knietief waten im Wasser die schwarzen Büffel. Wenn sie grasen, sitzt oft eine Krähe auf dem Rücken des Büffels, um ihrerseits Nahrung, d. h. Insecten, zu suchen.

Der Singhalese braucht Büffel und Ochsen jetzt, wie seit uralter Zeit, 1) zum Ziehen des Pfluges, 2) um den Morast zu stampfen, bevor Reis gesäet wird, 3) um das Korn aus den Reisgarben auszutreten.

Das ebene Land ist grün und feucht. Allenthalben sind kleine Seen und Wasserbehälter, unentbehrlich für die Berieselung der Reisfelder. Auf niedrigen Hügeln stehen die einfachen Hütten der Bauern oder Pächter, umgeben von Palmenhainen, in denen die anmuthig gebogenen Kokosbäume mit der schnurgraden und ganz schlanken Areca und der prächtigen Kitul (Zucker-Palme) ein stimmungsvolles Bild liefern, an dessen weiterer Ausschmückung Bananen, Brodfrucht- und Mango-Bäume, sowie Gemüse-Pflanzungen sich betheiligen. Auch die Dorfschule steht weit offen gegen eine Palmenpflanzung.

+Reisbau+ ist auch heutzutage Hauptbeschäftigung der Singhalesen im Südwesten sowie auch der Tamilen im Norden und Osten der Insel. Derselbe gewann einen neuen Aufschwung, als die Engländer anfingen, die künstlichen Seen und Wasserläufe, welche die Singhalesen mit grosser Kunst und Ausdauer in fast 2000jähriger Arbeit vom 6. Jahrhundert v. Chr. bis weit hinein in’s Mittelalter angelegt hatten und die von den Tamilen vernachlässigt, von den Portugiesen theilweise zerstört worden waren, von neuem wieder herzustellen und zu verbessern, wofür von 1867-1890 gegen 9 Millionen Rupien verwendet worden sind. 700000 Acres,[341] also 280000 Hectaren oder 2800 Quadrat-Kilometer, stehen unter Reisbau in Ceylon und 150000 Acres sind mit trocknem Getreide bepflanzt. Aber trotzdem ist die zur Ernährung des Volkes nothwendige Reiseinfuhr gestiegen: sie betrug vor 50 Jahren 650000 Bushel,[342] oder 227500 Hektoliter, jetzt zehn Mal so viel, da die Zahl der Arbeiter in den grossen Kaffe- und Thee-Pflanzungen so erheblich zugenommen.

+John Ferguson+, der den Vortheil der englischen Pflanzer auf Ceylon zu einseitig vertritt, eifert mit der vollen Heftigkeit eines Partei-Mannes gegen die am 1. Januar 1893 festgesetzte Aufhebung der +Reisbau-Steuer+ (Paddy rent), die bisher 900000 Rupien im Jahre gebracht hat, während das Gesammteinkommen der Colonie Ceylon für das Jahr 1893 auf 17847984 Rupien veranschlagt ist. Aber der gerechtere Menschenfreund kann ihm nicht beistimmen, sondern die Entlastung der armen Bauern nur mit Freuden begrüssen.

Nächst dem Reisbau kommt für die Einheimischen +Gartenbau+ in Betracht (Zimmt, Palmen, Fruchtbäume, Tabak, Baumwolle, Zuckerrohr), sowie ein wenig Viehzucht auf den natürlichen Weiden der Hochebenen.

Sehr zahlreich sind die +Halteplätze+, über ein Dutzend. Der Zug braucht 5½ Stunden für die 75 englischen Meilen oder 120 Kilometer; macht also etwa 22 Kilometer in der Stunde.

Natürlich bezieht die Bahn ihre Einkünfte nicht von den wenigen Vergnügungsreisenden, Theepflanzern und englischen Beamten, sondern von den zahlreichen Eingeborenen. Für die letzteren sind aber auch die kleineren Ortschaften Ausgang oder Ende der Fahrt.

Auf jedem Halteplatz ist lebhafter Verkehr. Den Einheimischen eröffnet der „fliegende Händler“, ein Knabe mit gefülltem Palmfasersack, eine frische Kokosnuss mit seinem Sichelmesser für eine kleine Münze. Für uns ist ein +Erfrischungswagen+ eingeschoben, in dem ein vollständiges Frühstück zu einem festen und mässigen Preise und von mässiger Güte, nebst einem Fläschchen Bier, verabfolgt wird.

Nunmehr erscheinen auch Hügel von gesättigtem Grün, in der Ferne die Landmarke Ceylon’s, der Adams-Pik, den ich zu Colombo nur des Morgens vorübergehend zu Gesicht bekommen, ehe die Nebel um ihn sich zusammenballten. 50 englische Meilen von Colombo beginnt die Bahn zu steigen und an dem Allegalla-Berge emporzuklimmen. Man sieht erbärmliche Hütten in herrlichster Umgebung und ausgedehnte Theepflanzungen an den Abhängen der Berge. Während wir merklich steigen, vorn von einer Locomotive gezogen, hinten von einer zweiten geschoben, bleibt prachtvollster und üppigster Pflanzenwuchs sichtbar: fruchtbare Thäler in der Tiefe der Schluchten, blassgrüne Reisfelder, die stufenförmig abfallen, Theepflanzungen auf mittlerer Höhe, und Palmen, Bananen, immergrüne Eichen dicht neben uns, in 1700 Fuss Erhebung über dem Meeres-Spiegel, hier und da auch dichtester Buschwald (Dschungel) mit schäumenden Wasserfällen, während in der Ferne ganz stattliche Felsen mit breiter Kuppe (Temple rock) oder mit zackigen Gipfeln bis 5000 Fuss empor starren.

Tief unter uns zieht die ursprüngliche Fahrstrasse, welche früher den Verkehr beherrschte, jetzt aber von der Eisenbahn überholt ist: ein Anblick, den man auch in der Schweiz an vielen Stellen und im Felsengebirge von Canada geniesst.

Kurz vor Kandy werden einige Tunnels durchfahren, dann gelangt der Zug an einen ganz steilen Abhang, wo der Blick über 1000 Fuss nach unten schweift, ohne einen Halt zu entdecken. +Sensationrock+ heisst diese Stelle, wohl nach amerikanischen Mustern.

Um 1 Uhr 15 Minuten bin ich in Kandy angelangt, werde von einem eifrigen „Führer“ sofort in den Hotelwagen gebracht, verlasse denselben aber wieder, da das mitreisende englische Paar zu viel Platz und zu viel Wartezeit für ihre Koffer beansprucht, nehme mir einen der Einspänner, die zahlreich vorhanden sind, und fahre nach +Queen’s Hotel+, das, schön gelegen dicht bei dem grossen See und dem Buddha-Tempel, mir ein schattiges Zimmer und gutes Mittagsessen bietet, sowie eine gedeckte Veranda zum Ausruhen während der heissen Tageszeit.

+Kandy+, der Herrschersitz des letzten einheimischen Königs, der erst 1815 von den Engländern entthront worden, ist eigentlich, wie die meisten Orte auf Ceylon, eher ein Dorf[343] oder eine Gruppe von drei Dörfern, mit 22000 Einwohnern. Sehenswürdigkeiten sind: 1) der Buddha-Tempel, 2) der künstliche See, 3) die neuen Spazierwege über die Berge, 4) das Volksleben auf dem Markt, 5) der botanische Garten zu Peradenia.

* * * * *

Kandy wurde im Beginn des 15. Jahrhunderts n. Chr. von den singhalesischen Fürsten, die vor den siegreichen Tamilen nach Süden zurückweichen mussten, in dem scheinbar sicheren Schutz der Hügel gegründet, um Kronschätze und kostbare Reliquien zu bergen, und gegen Ende des 16. Jahrhunderts zur Hauptstadt des Königreiches erhoben.

1586 vertrieb Raja Singha, einer der Kleinfürsten, den König von Kandy, der zu den Portugiesen nach Colombo floh und ebenso, wie seine Tochter, (als Don Philip und Donna Catharina) das Christenthum annahm. Die Grausamkeiten, welche die Portugiesen verübten, während sie 1586 in Colombo von Singha belagert wurden und als sie 1596 Kandy für ihren Schützling Catharina zurück eroberten, spotten jeder Beschreibung. Die Soldaten hackten Frauen und Kindern die Arme ab, um rascher in den Besitz der Armbänder und Ringe zu kommen; Mütter wurden erst gezwungen, eigenhändig ihre Kinder zwischen Mühlsteine zu werfen oder in Getreidemörsern zu zerstampfen,[344] und danach geköpft; Kinder der +Gallas+-Stämme wurden auf Speerspitzen gestochen, damit man +höre+, wie die jungen Hähne (Gallos) krähen; Männer wurden von der Brücke bei Malwané hinabgestossen, damit man +sähe+, wie die Krokodile sie verschlingen.

Diese Nachrichten sind nicht etwa blos von den Singhalesen an die Holländer überliefert, sondern auch von Portugiesen, nach amtlichen Schriftstücken, mitgetheilt worden. Aber, obwohl es den Portugiesen gelang, ganz Ceylon, ausser dem Königreich von Kandy, in ihre Gewalt zu bringen und 1617 sogar Jafna an der Nordspitze der Insel zu erobern und den letzten Fürsten der Malabar-Dynastie zu enthaupten, -- schon 1604 erschienen die Holländer, da ihnen durch Philipp II. von Spanien der Handel mit „seinem“ Portugal verboten worden, selbständig in Ceylon, schlossen ein Bündniss mit dem König von Kandy, begannen 1638 und beendigten 1658 die Vertreibung der Portugiesen. Die Herrschaft der Holländer war nicht befleckt durch Grausamkeit gegen die Singhalesen. Sie suchten Frieden mit Kandy um jeden Preis, um das „köstliche Juwel der Compagnie“ zu erhalten und ihren einträglichen Alleinhandel (in Zimmt, Areca u. A.) zu pflegen und rücksichtslos auszubeuten.

Für die Eingeborenen thaten sie nicht viel, aber doch etwas, soweit es zu ihrem eignen Vortheil war: sie gründeten Schulen und protestantische Kirchen, schufen ein Gesetzbuch und begünstigten den Ackerbau. Zu kämpfen hatten sie 1626 mit einem aufrührerischen Gouverneur, 1672 mit den Franzosen, 1766 mit den Eingeborenen, da ein malabarischer Prinz auf den Thron von Kandy gelangt war. Das „Juwel“ brachte keine Einnahmen mehr, sondern nur Ausgaben, wie eine holländische Tulpe; und als 1796 die britischen Truppen vor Colombo erschienen, erfolgte die Uebergabe ohne Kampf, da die Holländer ebenso gleichgiltig gegen die Behauptung waren, wie die Singhalesen erfreut über den Besitzwechsel.

Holland war derzeit von der französischen Republik überwältigt, der holländische Gouverneur auf Ceylon ein Verräther.

Die englische Verwaltung der Insel seitens der ostindischen Gesellschaft war zunächst so gewaltsam und erpressend, dass 1797 ein blutiger Aufstand erfolgte, und die Krone das Regiment übernahm. Aber der englische Gouverneur, Herr F. +North+, Earl of Guilford, nahm thätigen Antheil an einer Verschwörung des verrätherischen Ministers Pitamé Talawé zu Kandy gegen seinen jungen König Singha; und, als ein Vorwand sich dargeboten, wurde Kandy besetzt, ein Taugenichts und bestrafter Betrüger auf den Thron gehoben, und natürlich eine englische Besatzung zu seinem Schutz dort gelassen. Doch nun verrieth der Verräther Pitamé seinen Helfershelfer und liess 1803 die Engländer sowie den Schatten-König ermorden.

Die ganze Insel gerieth in Empörung. Kaum vermochten die Engländer Colombo zu behaupten. Wegen des Krieges mit Frankreich konnten Verstärkungen aus Europa nicht gesendet werden. Die Rache blieb aufgeschoben.

Inzwischen entwickelte sich König Singha zu einem blutgierigen Tyrannen; 1812 liess er, wegen Verrätherei, Pitamé Talawé enthaupten und 1814 wüthete er auf das grausamste gegen die Familie von dessen Neffen und Nachfolger, da auch dieser eine Verschwörung, wieder unter Mitwissenschaft des englischen Gouverneurs, angezettelt. Als der König einigen einheimischen Kaufleuten, die glücklicherweise britische Unterthanen waren, Nasen, Ohren und Hände abhacken liess; hatte man eine Handhabe, um 1815 den Krieg zu erklären und Kandy zu nehmen.

In der Audienzhalle des Königspalastes wurde von den Häuptlingen das Königreich an die britische Krone übertragen, unter der Bedingung, dass die heimische Religion geschützt, Gerechtigkeit unparteiisch geübt und -- ihre eignen Vorrechte aufrecht erhalten würden. Doch erfolgte bereits 1817 ein blutiger Aufstand und langdauernder Kleinkrieg, so dass die Engländer schon daran dachten, das Bergland aufzugeben und an die Küste sich zurückzuziehen. Aber, nachdem die Kandyer 10000 Menschen eingebüsst, machten sie Frieden. Eine Militärstrasse in das Herz der Berge bis zur Höhe von 6000 Fuss sicherte die Eroberung (1820). Seitdem herrscht Frieden im Lande.

* * * * *

Man kann es den Engländern nicht verargen, wenn sie die Fortschritte rühmen, die Ceylon in den letzten Jahren gemacht.

----+-----------+-----------+----------+-------+--------------- Jahr|Bevölkerung| Einkommen | Bebautes | Handel| Tonnengehalt | |der Colonie| Land | |der Schifffahrt | | £ | Acres | £ | ====+===========+===========+==========+=======+=============== 1815| 750000 | 226000 | 400000 | 546000| 75000 1888| 2800000 | 1540000 | -- |9800000| 4500000 1893| 3000000 | 1300000 |4850000[345]|9200000| 5000000 | | (Ausgabe | | | | | desgl.) | | |

----+-------------+--------------+------------- Jahr|Reg.-Ausgabe | Reg.-Ausgabe | Armen- |für Erziehung|für Gesundheit|unterstützung | £ | £ | £ ====+=============+==============+============= 1815| 3000 | 1000 | 3000[346] 1888| 46000 | 60000 | -- 1893| 50000 | 50000 | 8000

Gewiss, diese Zahlen führen eine beredte Sprache und zeugen von anerkennenswerthen Ergebnissen. Aber die drei letzten Posten fordern die Kritik heraus, sie sind auch heute noch zu gering.

Nur ein Viertel der Kinder wird unterrichtet. Früher hatte jeder Buddha-Tempel seine Schule.

Bezirkskrankenhäuser habe ich im Innern der Insel gesehen, die einen ganz guten Eindruck machen; aber die darauf verwendeten Mittel sind unzureichend. (Es giebt 200 Krankenhäuser, einschliesslich der Arzneivertheilungsstätten; die Zahl der jährlich behandelten Kranken beträgt 200000, aber zwei Drittheile davon sind unbedeutende Fälle; es giebt 170 Colonial-Aerzte, einschliesslich der Assistenten, Impfärzte u. dergl. Seit 1870 besteht auch eine Medicin-Schule, die 90 Singhalesen das Recht zur Praxis ertheilt hat.)

Ein Wundarzt der Regierung, der aufopferungsvoll fast 25 Jahre im Innern gewirkt (bei jetzt 500 £ Gehalt, von dem er die Hälfte braucht, um seine Kinder in England[347] zu erziehen), sagte mir, dass er den Star nicht operiren könne, da ihm dazu weder Instrumente noch Arzneien geliefert werden.

Gerechtigkeit wird wohl geübt, aber mehr, um die englischen Pflanzer zu schützen, als um die Singhalesen zu versöhnen. Die milde Haus-Sklaverei, die auf der Insel bestand, ist seit 1844 abgeschafft. Aber die englischen Beamten, welche von dem Volk bezahlt werden, schliessen jeden Einheimischen aus ihren +Clubs+ aus. Und dabei spotten sie über +Kasten-Vorurtheile+, die übrigens im buddhistischen Ceylon nie so ausgeprägt waren, wie im brahmanischen Indien. Ich war im +Polizeigericht+ zu Kandy. Zuvorkommend gab man mir einen Platz am Tisch der Anwälte. Hoch über uns thronte der englische Richter, ein schöner Jüngling mit glatt rasirtem Gesicht, müden Mienen und leiser Flüstersprache, -- wie ein junger Proconsul. Ein Dolmetsch stand ihm zur Seite, denn auf Ceylon gilt nicht, wie im Kaiserreich Indien, die Landessprache der Eingeborenen.[348] Eine verzweifelt weinende Frau wurde von dem Polizisten herbeigeführt. Einem Pflanzer waren zwanzig Kokosnüsse gestohlen, die Frau in der Nähe des Thatortes von einem Polizisten beobachtet worden. Trotz ihres Leugnens wurde sie von dem Richter, der dabei kaum den Mund und die Augen öffnete, zu 10 Rupien Geldstrafe oder 3 Monaten Gefängniss verurtheilt. Ich fragte den neben mir sitzenden singhalesischen Anwalt, ob er von der Schuld der Angeklagten überzeugt sei. „Keineswegs“, erwiderte er, „aber die Pflanzer sollen geschützt werden.“ -- „Kann sie nicht Berufung anmelden?“ fragte ich. -- „Oh nein, dann müsste sie 50 Rupien Gerichtskosten hinterlegen und für 150 Rupien einen Anwalt am Obergericht zu Colombo annehmen. So viel Geld hat ihr ganzes Dorf nicht.“

Der Mann war sehr betroffen, als ich ihm von dem deutschen Armenrecht auf kostenlose Vertheidigung erzählte.

Die gebildeten Singhalesen bevorzugen das Studium des Rechts. Einzelne haben es bis zum Oberrichter gebracht. Die Processsucht der Singhalesen ist sprichwörtlich. Die Zahl der Strafgefangenen beträgt 2500, die meisten sitzen für kleine Vergehen. Die Zahl aller Bestrafungen im Jahre 1891 war 20000. (Nicht 1 Procent betraf Frauen.) Ein Straf-Gesetzbuch, nach dem für Indien, ist 1885 eingeführt, ein bürgerliches in Bearbeitung.

Ein +Armen-Gesetz+ giebt es nicht auf Ceylon. Vielleicht ist es in diesem glücklichen Klima nicht nöthig. Sir Edward Creasy sah in London an einem Wintertage mehr Elend, als in Ceylon während eines neunjährigen Aufenthaltes.

* * * * *

Ceylon ist, als die Buddha-Lehre von den Brahmanen aus dem Festland von Indien ausgetrieben worden, die zweite Heimath dieser verbreitetsten Religion des Erdballs geworden. Birma, Siam und sogar China blicken mit Verehrung auf Ceylon; Birma, Siam und Cambodja senden alljährlich Gesandtschaften mit Geschenken zu dem heiligen Tempel von Kandy.

Als +Buddha+ bezeichnen diese Ostasiaten solche Wesen, welche nach zahllosen Seelenwanderungen den höchsten Grad von Reinheit erlangt haben. Ihre Vorschriften sind +bana+, das Wort; ihre Lehre +dharma+, die +Wahrheit+. Nach ihrem Tode gehen sie nicht in eine neue Lebensform über, sondern ein in das +Nirwana+, einen Zustand seliger Unbewusstheit, welchen die Buddhisten als die Vollendung ewiger Glückseligkeit ansehen. Buddhismus ist Tugendlehre ohne Gottheit.

24 Buddha waren +vor Gautama+, welcher der vierte in der jetzigen +Kalpa+ oder Periode ist, und dessen Lehre 5000 Jahre dauern soll, bis ein neuer Buddha erscheinen wird.

Shaka Gautama Buddha, der 624 v. Chr. zu Kapilavastu (an der Grenze von Nepaul) geboren ward, 588 v. Chr. unter einem Bo-Baume im Walde von Urawela, dem jetzigen Buddha Gaya, die Vollendung erreichte, soll, bevor er im Alter von 80 Jahren verstorben ist, nicht weniger als +drei Mal die Insel Ceylon besucht+ haben. Der heilige Fussabdruck auf dem Adams-Pik wird noch heute von seinen Anhängern als das Wunderzeugniss seines letzten Abschieds verehrt.

Aber der Masse des ceylonischen Volkes war seine Lehre fremd, als an seinem Todestage, 543 v. Chr., +Wijayo+, der Sohn eines Kleinfürsten aus dem Gangesthal, mit einer Hand voll Begleiter auf Ceylon landete und, nachdem er die Tochter[349] eines einheimischen Häuptlings geheirathet, zum König der Insel sich erhob und eine Dynastie begründete. Die Einwohner der Insel werden in der alten Chronik der Singhalesen (Mahawanso) als +Yakkho+ oder Dämonen und als +Naga+ oder Schlangen (Schlangen-Anbeter) beschrieben.

Wijayo zog Kaufleute in das Land und beförderte den Ackerbau. Er nannte die Insel Sihala (Singhala, Löwensitz) nach seinem Grossvater Singha. Dörfer wurden abgegrenzt, das Land in Felder und Gärten getheilt und, nach der Chronik, schon 504 v. Chr. der grosse Teich zur Bewässerung der Reisfelder in der Nähe der neuen Hauptstadt Anuradhapura angelegt. Aber erst 307 v. Chr. unter der Regierung des Königs Tissa, wie Mahawanso mit dichterischer Begeisterung erzählt, kam Malindo, Sohn des Königs Asoka von Magadha am Ganges, mit seiner Schwester Sanghamitta nach Ceylon und bekehrte das ganze Volk und den Fürsten zu der heiligen Lehre des Buddha und wurde „die Leuchte, von der das Licht des Glaubens über das Land sich verbreitete.“ Tissa erbat vom König Asoka einen Zweig des heiligen Bo-Baumes, unter dem Gautama Buddha die Vollendung gewonnen. Natürlich durfte der heilige Baum nicht verletzt werden; der Zweig löste sich von selber ab und stieg wurzelnd in das goldne Gefäss mit duftender Erde, ward nach Ceylon gebracht und im 18. Jahr der Regierung des Königs Devenipiatissa, d. h. 288 v. Chr., zu Anuradhapura eingepflanzt, wo er heute noch blüht und von allen Buddha-Gläubigen verehrt wird.

Erst von dieser Zeit rühren die ältesten Bauwerke her, deren Reste bis auf unsre Tage gekommen sind:

1) +Dagoba+ oder Reliquien-Schreine. (Von datu Reliquie, gobhan Schrein.) Das sind solide, ganz verschlossene und verputzte Ziegelbauten von Glockenform, mit einem Aufsatz. Es giebt kleinere und grössere; einige sind so gross, dass sie mit den Pyramiden von Gizeh verglichen werden können. Im Innern bargen sie in einer kleinen Höhle das kostbare Gefäss mit dem Haar oder Knochen von Gautama.

2) +Wihara+ oder Klöster für die Priester.

3) +Chaitya+ oder Tempel, meist mit den Klöstern verbunden. In dem dunklen Hintergrund der Halle sitzt Gautama in lehrender Haltung oder er liegt in seliger Nirwana.

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Aber ich eile zu der Geschichte des +heiligen Zahnes+. (Dhata datu zuerst, und jetzt dalada genannt.) Nachdem man Gautama’s sterbliche Reste zu Kusinara verbrannt, wurde sein aus den Flammen geretteter linker Hundszahn nach Dantapura,[350] der Hauptstadt von Kalinga, gebracht und blieb dort 800 Jahre. Im Jahre 311 n. Chr. sandte der in einen zweifelhaften Kampf verwickelte König von Kalinga den heiligen Zahn nach Ceylon. Eine Prinzessin barg ihn in ihrem Haupthaar und überbrachte ihn persönlich. Grosse Feste wurden in Ceylon gefeiert, deren Schilderung sowohl in Mahawanso erhalten ist als auch in dem Reisebericht des Chinesen +Fa-Hian+, der kurze Zeit darauf nach Ceylon gepilgert.

Zwischen 1303 und 1315 n. Chr. wurde der Zahn nach Süd-Indien zurückgebracht durch einen Heerführer, welcher Ceylon überfiel und die damalige Hauptstadt Yapahoo plünderte. Aber der nächste König von Ceylon reiste persönlich nach Madura und löste das Kleinod wieder ein, das mit anderen Kronschätzen nach der in den sicheren Bergen neu gegründeten Stadt Kandy geschafft wurde, in den Tempel Maligáwa, den heiligsten der buddhistischen Welt.

Im Jahre 1560 fiel der Zahn mit andern Kostbarkeiten in die Hände der Portugiesen, bei der Eroberung von Jafna, wohin die Schätze wegen der Unruhen im Süden der Insel gebracht worden waren. Der Zahn war in Gold gefasst und nach der (wohl irrthümlichen) Ansicht der Portugiesen der eines Affen. Der König von Pegu, welcher gewohnt war, alljährlich dem Tempel des heiligen Zahnes durch eine Gesandtschaft und durch Geschenke seine Ehrfurcht zu erweisen, sandte sofort nach Goa und bot für die Reliquie 400000 Cruzados. Die Officiere wollten gern das Anerbieten annehmen, aber der Erzbischof mit der Inquisition und der Geistlichkeit widersetzte sich auf das heftigste, zerstampfte den Zahn, verbrannte das Pulver zu Asche und zerstreute diese über die See. Alle Anwesenden klatschten Beifall; gewaltig war aber der Aerger der Portugiesen, als bald danach (1566) +zwei+ heilige Zähne an Stelle des einen auftauchten, der eine in Pegu, der andere in Kandy. Jeder von beiden wurde für den echten erklärt, die Portugiesen hätten einen nachgemachten erhalten. Der jetzt in Kandy verehrte ist offenbar 1566 angefertigt, ein Stück vergilbten Elfenbeins von 2 Zoll Länge und fast einem Zoll Dicke und ähnelt in der Gestalt mehr dem Zahn eines Krokodils, als dem eines Menschen. Aber manche Hindu-Götter (Wischnu und Kali), mit denen die Kandyer unter ihren früheren Königen bekannt geworden, werden mit derartig hervorragenden Zähnen dargestellt.

In dieser asiatischen Geschichte können wir Europäer uns spiegeln.

1815 wurde der Zahn wieder dem Tempel von Kandy überwiesen; und da die Aufständischen darnach trachteten, sich seiner zu bemächtigen, 1818-1847 von der Colonialregierung überwacht, dann auf Befehl der englischen Regierung den Priestern überliefert.

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Ein breiter Platz mit hübschen Wegen und Gartenanlagen trennt das Gasthaus von dem +Tempel des heiligen Zahnes+. Die Gebäude von Kandy erfreuen sich keineswegs eines hohen Alters, wegen der häufigen Zerstörungen, welche die Stadt erlitten. Der Tempel muss sogar, wenn ich die Abbildung von Tennent aus der Mitte unsres Jahrhunderts mit dem jetzigen Zustand vergleiche, noch in der letzten Zeit ausgebessert worden sein. Das Gebäude ist nicht gross und besteht aus einem zweistöckigen Hauptflügel mit Bogenhallen und einem dicken, niedrigen Thurm mit achteckigem, säulengetragenem Dach. Das fast europäische Aussehen des Thurmes (sowie auch einzelner Theile des ehemaligen Königspalastes) ist leicht zu erklären aus der Angabe des holländischen Admirals, der 1602 Kandy besucht, dass nämlich der König Whimala Dharma um 1600 seinen Palast und verschiedene Pagoden von kriegsgefangenen Portugiesen hatte erbauen lassen.

Eine niedrige, zinnengekrönte, durchbrochen gearbeitete Mauer, welche älter aussieht, umgiebt den Tempel. Den Zugang bildet ein ebenfalls alterthümliches Steinthor, das gleichzeitig als Brücke über einen Graben dient und eingemeisselte Elephanten und andere Darstellungen enthält. Aber, so bequem der Zugang, der Eintritt wird uns nicht leicht gemacht. Eine Rotte unverschämter Bettler lagert hier, die ihre Gebrechen nicht blos in gebrochenem Englisch ausrufen, sondern auch handgreiflich vorweisen. Gern giebt man wohl Jedem sein Scherflein und bedenkt natürlich zuerst den Blinden. Da er mir aber erklärte, dass sein Gebührensatz höher sei, so drehte ich ihm den Rücken zu und liess auch fernerhin auf den Spazierwegen seinen lauten Ruf „der blinde Mann“ ganz ungehört verschallen.[351]

In der Vorhalle des Tempels ist ein fortlaufender Fries, welcher die grässlichsten Höllenstrafen in recht mittelmässiger Malerei darstellt. Natürlich, die stärkste Häufung der schlimmsten Strafen, die im Zersägen, Zerhacken, Zermalmen u. s. w. bestehen, trifft denjenigen, welcher gegen einen heiligen Priester des Buddha gefrevelt.

Die Bauwerke machen keinen sonderlichen Eindruck. Eine freistehende Kapelle in dem Tempelhof war rings herum mit offenbar ganz neuen Kalkmalereien geschmückt, welche den Thierkreis nach asiatischer Art darstellen sowie Geschichtsbilder in mythischer Auffassung. Der eigentliche Tempel war geschlossen und blieb es auch, trotzdem ich den Priestern ein Geschenk bot. Obwohl es vielfach gedruckt ist, so glaube ich doch nicht, dass sie für 5 Rupien Jedem den heiligen Zahn zeigen.

Aber offen ist der Tempel Morgens ganz früh und Abends um den Sonnenuntergang, wenn die heilige Musik der Flöten, Trommeln und Muschelhörner erschallt und die Gläubigen zur Verehrung ruft. Natürlich war ich zur Stelle, und will nicht verhehlen, dass die feierlichen Gebräuche auf empfängliche Gemüther Eindruck machen können. Eine Flucht von Zimmern ist offen. Lampen brennen hier und da, um das geheimnissvolle Dunkel mehr zu zeigen, als aufzuhellen. Weihrauch duftet, Musik ertönt, Knaben und Mädchen hängen Jedem Blumen-Ketten um, die nachher dem Heiligen geopfert werden. Es sind hauptsächlich die Blüthen der Plumiera (Singhal. Alaria, von den Engländern Tempelbaum genannt), des Jasmin und des wohlriechenden Oleander,[352] welche diesem Zwecke dienen.

Zahlreiche Verehrer und Verehrerinnen sind anwesend. Vorhänge werden von Buddha-Bildsäulen fortgehoben, auch von dem glockenähnlichen, goldenen, edelsteingeschmückten Schrein, der immer kleinere Goldschreine und schliesslich in einer goldnen Lotosblume das Heiligthum dem Blicke der weltlichen Beschauer verbirgt.

In einem, von niedriger Mauer umgebenen, von hohen Kokospalmen und dichtblättrigen Bäumen beschatteten Park, gegenüber dem Tempel, stehen mehrere niedrige weissgetünchte Dagoba, deren eine den hochheiligen Schulterknochen Buddha’s eingemauert enthalten soll, sowie idyllisch gelegene Priesterwohnungen.

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+Kandy hat eine reizende Lage+ an dem Ufer eines stattlichen See’s, den der letzte König 1807 ausgraben und mit einer niedrigen, zinnentragenden Umfassung versehen liess, während von allen Seiten gut bewachsene Hügel, von 500-600 Fuss Höhe, das lebhaft grüne Thal einschliessen. Jetzt führt ein wohlgepflegter, über 5 Kilometer langer Weg rings um den See, geschmückt mit prachtvollen Kohl-Palmen und mit einem Park von Rosenbäumen.

An dem Ufer des See’s steht eine öffentliche Büchersammlung für die wissensdurstigen Singhalesen. Von einem Regenguss überrascht, trat ich in ein kleines Haus und war erstaunt, in dem jungen Besitzer einen gebildeten Mann zu finden, der, in Colombo erzogen, hier in mässiger Wohlhabenheit lebt und keinen grösseren Wunsch zu haben schien, als einmal eine Reise nach Europa zu unternehmen. Auf den Abhängen von den Hügeln zum See liegen die Häuser der Wohlhabenden, namentlich der Theepflanzer; auch das von einem Deutschen verwaltete kleine Gasthaus (Villa Florence), von dem ich vorher nichts erfahren.

Neben dem Tempel steht das Landhaus des Gouverneurs und die Wohnungen einiger anderen Würdenträger, dicht dabei sind die spärlichen +Reste des alten Königspalastes+ zu finden. Nachdem die Mauern beseitigt, die Gräben ausgefüllt, neue Gebäude auf dem Platz der Ruinen errichtet sind, kann man aus dem blossen Anblick keine Vorstellung von dem alten Herrschersitze gewinnen. Das einzige Gebäude, das der Zerstörung entgangen, ist die Empfangshalle, ein geräumiger Saal, getragen von reich geschnitzten Teakholzsäulen. Wo eine morsche Säule durch eine neue ersetzt worden, erkennt man den Verfall der einheimischen Kunst.

Hier pflegte einst der unumschränkte Herrscher Nachts auf einem hohen, dunklen Verschlag zu thronen, während die Seitenwände des mit Wachsfackeln erleuchteten Saales von den Reihen der kauernden Höflinge eingenommen wurden; auf allen Vieren und wirklich „den Staub des Erdbodens leckend“ mussten seine Minister und, wer sonst zugelassen war, zum Throne kriechen. Jetzt steht die Halle leer; sie wird als Bezirksgericht verwendet.

Wenige Schritte vom Hotel, und wir sind in der +Stadt der Eingeborenen+. Die ganzen Vorderseiten der niedrigen Häuser in der Hauptstrasse sind von Läden eingenommen, wo die üblichen Lebens- und Genussmittel, von denen ich schon gesprochen, und die einfachen Geräthschaften feilgeboten werden. Hier und da giebt es auch Lager von Gross-Kaufleuten in Reis, Tabak, Arecanüssen u. dgl. Die Leichtigkeit, mit der Bettler erhalten, was sie wünschen und brauchen, macht uns erklärlich, weshalb die Regierung so gut wie nichts für die Armen-Pflege ausgiebt.

Die grossen, tellerförmigen Hüte der Kandy-Häuptlinge, wie sie auf älteren Abbildungen, neueren Lichtbildern und auch auf den lebensgrossen, bemalten Thonfiguren im Museum zu Colombo sich finden, vermochte ich in den Strassen von Kandy nicht zu entdecken.

Mit dem +Einspänner+, der allerdings hier in den Bergen etwas theurer ist, als in den Strassen von Colombo, fahre ich über Lady Horton’s und Lady Mc. Carty’s Spazierweg, der um die Hügel sich windet und an deren steil abfallender Ostseite einen wunderbaren Blick über das Thal und das felsige Bett des +Mahaweli-Ganga+[353] gewährt. Es ist dies der grösste Fluss der Insel, seine Länge misst 270 Kilometer, sein Gebiet umfasst ein Sechstel des Flächeninhalts von Ceylon; er entspringt in einem Thal zwischen Peduru und dem nächsten Rücken des Adams-Pik-Stockes, fliesst erst nordwärts, dann östlich umbiegend in einem Bogen um die Stadt Kandy herum, hierauf wieder nordwärts, um schliesslich bei Trinkomale zu münden.

Auf diesen Spazierfahrten zeigt sich auch gelegentlich ein gutes Stück +jungfräulichen Buschwaldes+ (Dschungel): undurchdringliches Gebüsch, jeder Baum durch Schlinggewächse in eine Laube verwandelt. Alles grün und blumig von unten bis oben.

Am nächsten Nachmittag fuhr ich nach +Askyra+, auf guter Strasse und über eine ordentliche, eiserne Gitterbrücke, die den Mahaweli überspannt und, wie die meisten Brücken im Innern, von den englischen Pionier-Soldaten erbaut worden ist. Brückenzoll ist zu zahlen. Sehenswürdigkeiten sind die Bildsäule des schlafenden Buddha und -- Arbeitselephanten. Ich sah am Flussufer ein mächtiges Thier, das auf Befehl seines Lenkers die bekannten Kunststücke machte. Aber der Mann war mit dem Trinkgeld von 50 Cents nicht zufrieden, indem er behauptete, dass sein Thier 500 £ werth sei.

Da dieser Ort gerade durch seine Arbeitselephanten berühmt ist, wollte ich mehr davon sehen und fuhr weiter über die Brücke zu einem Dorf, spähte allenthalben umher, fragte Engländer, die überhaupt keine Antwort gaben, fragte Einheimische, die, gut gekleidet, die Vermuthung, dass sie englisch verständen, erregten. Einer von diesen antwortete auch und war klüger und witziger, als wir stolzen Europäer voraussetzen, wie ich das schon öfter bei Morgenländern gefunden. „Arbeitselephanten sind hier nicht zu treffen, aber dort drüben am Ufer des Flusses ist einer.“ -- „Den habe ich gesehen; der macht nicht viel; das habe ich in meiner Heimath schon besser gesehen.“ -- „Wenn du zu Hause so viele und so gute Elephanten sehen kannst, weshalb reisest du so weit über das Meer und kommst nach Askyra, um Elephanten zu besichtigen?“

Uebrigens sah ich am nächsten Tage auf der Strasse einen mächtigen Elephanten, der einen gewaltigen Balken spielend zog, wie ein Kind seinen Puppenwagen.

Der schönste Ausflug von Kandy geht nach +Peradenia+. Eine Zweiglinie der +Eisenbahn+ führt dorthin; aber es gehört die ganze Thorheit und unangebrachte Sparsamkeit eines „Wegweisers für Reise-Gesellschaften“ dazu, um +sie+ für den Besuch des Gartens zu empfehlen, der meilenweit sich erstreckt und hier, in den Tropen, nicht zu Fuss, sondern nur im Wagen besichtigt werden kann. Ich fahre also in meinem Einspänner des Morgens früh südwärts die schöne Strasse, welche eigentlich eine zusammenhängende Vorstadt bildet. Jedes der niedrigen, vorn mit Holzsäulen und Schattendach versehenen Häuschen besitzt einen hübschen Garten mit Palmen und Brotfruchtbäumen. Gruppen von Eingeborenen kommen mir entgegen, die den Markt von Kandy mit frischen Früchten und Lebensmitteln versorgen.

Pira-deniya, nahe dem Mahaweli Ganga, wurde 1371 n. Chr. zum Herrschersitz des Königs Wikram Bahu III. erkoren; doch ist keine Spur von dessen Bauten geblieben. Auch von den Zuckerrohrpflanzungen, welche, nach dem Vorgang der Holländer, hierselbst im ersten Drittel unsres Jahrhunderts von den Engländern angelegt wurden, ist nicht viel mehr zu sehen, da sie nicht recht einschlugen; das Rohr wuchs zwar reichlich, blieb aber wässrig und zuckerarm. Wohl aber liegt hier eine grosse +Thee-Factorei+, die ich, nach mürrischer Gewährung seitens des Besitzers, eines alten, dürren, einsilbigen Schotten, in Augenschein nahm.

Allerdings gestehe ich gern, dass die Maschinen zum Trocknen und Sichten der würzigen Blätter mehr Zutrauen einflössen, als die Handarbeit, die ich in Japan gesehen, woselbst zu den unter freiem Himmel auf dem Boden zum Trocknen ausgebreiteten Theeblättern Hühner und andre Vögel unbehinderten Zutritt hatten.

An der Einfahrt zum +botanischen+ Garten von Peradenia empfing mich freundlichst ein singhalesischer Gehilfe des abwesenden Leiters, Herrn Dr. +Trimen+; nahm in meinem Wagen Platz, zeigte die wichtigsten Sehenswürdigkeiten, indem wir hier und da ausstiegen und eine Strecke zu Fuss gingen, und erklärte mir in verständlichem Englisch die Wunder der Pflanzenwelt.

Gleich am Eingang ist ein herrlicher Gang von indischen +Gummi-Bäumen+ (Ficus elastica), die bis 100 Fuss in die Lüfte sich erheben und gewaltige Kronen von 50-60 Fuss Durchmesser ausbreiten, während ihre mächtigen Wurzeln ebensoweit, wie der Stamm emporsteigt, schlangengleich über den Erdboden fortkriechen, hier und da durch eine säulenartige, natürliche Stütze mit den niedrigeren Zweigen verbunden.

Gleich darauf folgt eine wunderbare Gruppe von +Palmen+, die kaum ihres Gleichen findet an Schönheit und Mannigfaltigkeit. Alle auf der Insel +einheimischen+ Palmenarten sind hier vereinigt. (Uebrigens sind es doch nur 12 von den 600 Palmen-Arten, welche der Wissenschaft um die Mitte unsres Jahrhunderts bekannt waren; jetzt ist die Gesammtzahl auf nahezu 1000 gestiegen.)

1) Da ist die schlanke +Kokospalme+ (Cocos nucifera), deren walzenförmiger, nur 2 Fuss dicker Stamm in anmuthiger Biegung bis 100 Fuss hoch in die Luft steigt, gekrönt mit einem Büschel von 18-20 Fuss langen Fiederblättern, unter deren Ansatz ein dichtgedrängter Haufen von Kokos-Nüssen in allen Stufen des Wachsthums und der Reife prangt.

2) Die kerzengrade und dünne +Areca-Palme+ (Areca catechu), die bis über 40 und 50 Fuss emporsteigt, mit einem Büschel abgestutzter Fiederblätter, -- ein Pfeil vom Himmel geschossen, nach dem Wort der Hindu-Dichter.

3) Die +Fächer-+ oder +Palmyra+[354]-Palme (Borassus flabelliformis) wird bis 90 Fuss hoch und 2 Fuss dick und hat eine prachtvolle Krone bis 9 Fuss langer, fächerförmiger Blätter.

4) Die +Zucker-Palme+ oder Kitul (Caryota urens).

5) Die herrlichste aller Palmen ist die +Talipot+ oder Schattenpalme (Corypha umbraculifera), deren gerader Stamm 70 und selbst 100 Fuss ansteigt, und deren majestätische Krone aus herabhängenden, fächerförmigen Blättern von 16 Fuss Durchmesser besteht. 30 bis 40 Jahre wächst die Palme und sammelt Kräfte, um dann plötzlich +einmal+ aufzublühen: ein ungeheurer, 20 und selbst 40 Fuss hoher Blüthenstamm schiesst empor; aber nachdem sie tausende von neuen Keimen ausgestreut, ist ihre Kraft erschöpft, ihr Leben erstirbt. Einen blühenden Baum habe ich leider nicht zu Gesicht bekommen.

6) Die Palme des Reisenden[355] (Urania speciosa), gehört gar nicht zu dem Palmengeschlecht, aber zu den schönsten Gewächsen der Erde; die Gesammtheit der mächtigen langgestielten Blätter, deren Wurzeln kunstvoll verflochten sind, stellt einen einzigen ungeheuren Riesenfächer dar.

Von den fremden Palmen, die hier angepflanzt sind, will ich schweigen und nur beiläufig eines herrlichen Ganges von Königspalmen (Oreodoxa, aus der Havannah) gedenken; aber vielleicht ist es angebracht, ein paar Worte zu sagen über die Bedeutung, welche die Palmen für Ceylon besitzen.

Die +Kokospalme+ scheint in Südindien einheimisch zu sein, sie ist aber auch über die tropischen Gegenden von Amerika und Afrika verbreitet. Es giebt kein Land der Erde, wo die Kokospalme besser gedeiht, als auf Ceylon, namentlich in der Südwestgegend der Insel, dem Haupt-Wohnsitz der Singhalesen. Sie liefert fast alle Lebensbedürfnisse und nährt einen grossen Theil der Bevölkerung. Die Rinden-Fasern der Kokosnuss werden verarbeitet zu Garn, Matten, Stricken, Schiffstauen; Kleidungsstücke, Bürsten, Hüte, Matratzen werden daraus bereitet. Der weisse Kern der Nuss liefert Nahrung, die Milch in der Höhlung ein Getränk. Nach Mahawanso hat Dutugaimunu (161 v. Chr.) die Milch der Kokosnuss für den Cement der Ruanwellé-Dagoba verwendet: das ist das älteste Zeugniss über die Anwesenheit der Kokospalme auf Ceylon. Aus dem Kern wird Oel gepresst, und dieses zum Salben, für Seifen und in Lampen benutzt; der Rückstand zu Viehfutter. Die gewöhnlichen Oelpressen der Eingeborenen, die ich zu Colombo sah, werden von Ochsen bewegt; es giebt deren 2000 auf der Insel. Die der Europäer, z. B. des Herrn Freudenberg, werden mit Dampfkraft betrieben; aber auch einzelne wohlhabende Eingeborene haben schon Dampfmaschinen angeschafft. Die getrockneten Kerne (Copra) werden auch zum Zweck der Oelgewinnung nach Europa ausgeführt. Zu Schmarda’s Zeit (1854) galten 1000 Copra 40 Schilling; 1000 Nüsse 60. Die harte Schale der Nuss wird zu Löffeln, Bechern, Lampen verarbeitet, aus dem Abfall feines Kohlenpulver gewonnen. Palmwein erhält man auch von der Kokospalme und bereitet daraus Arrak, Essig und Zucker. Die Blätter dienen zum Decken der Hütten, zum Flechten von Matten, Körben und Hüten, die Stengel zu Stäben und Zäunen; das Holz zum Bau von Möbeln und Häusern, von Böten und Flössen. Die Singhalesen rühmen begeistert die +hundert nützlichen Anwendungen+ der Kokospalme; nach dem Volksglauben muss sie hinsiechen, wenn sie nicht im Bereich der menschlichen Stimme wächst. Das ist auch ganz richtig, da sie sorgsame Pflege erfordert. Sie gedeiht am besten in der Nähe der Meeresküste, auch noch bis zur Höhe von etwa 2000 Fuss, und wird neuerdings sorgfältig in den neubewässerten Gebieten, z. B. in Anuradhapura, angepflanzt. Die Früchte reifen in Ceylon zu jeder Jahreszeit. Jeder tragende Baum liefert jährlich 80 bis 100 Nüsse (8 bis 10 Quart[356] Oel) und bringt etwa einen Thaler jährlich, wie mir Herr Freudenberg mittheilte. Absatz der Erzeugnisse ist immer möglich. Nach Tennents Berechnung waren 1860 an 20 Millionen Kokospalmbäume auf Ceylon vorhanden, jetzt dürften es 30 Millionen sein.[357] Mit Kokospalmen sind auf Ceylon 500000 Acres (oder 200000 ha) bepflanzt, die aber, mit Ausnahme von 30000, den Eingeborenen gehören. 500 Millionen Kokosnüsse werden jährlich auf Ceylon geerntet. (Daraus folgt, dass bei weitem nicht alle Bäume den vollen Ertrag an Nüssen bringen.)

Was für den Süden Ceylons die Kokos-, ist für den Norden die +Palmyra+-Palme. 40000 Acres sind mit letzterer bepflanzt und liefern 70 Millionen Nüsse, die bedeutend kleiner sind, als die der Kokospalme. Beide Palm-Arten tragen Früchte vom 8. bis 12. Jahre an und sollen 150 bis 300 Jahre alt werden. Die +Palmyrapalme liefert ein Viertel der Lebensbedürfnisse+ für die Bewohner der Nordprovinzen Ceylons. In einem +Tamil-Gedicht+ werden 800 Nutzanwendungen des prachtvollen Baumes beschrieben.

Die Früchte geben Nahrung und Oel, der Saft Palmwein und Zucker, der Stamm Bauholz, die Blätter Bedachung, Sonnenschirme, kleine Zelte, Zäune, Matten, Körbe, Hüte, Fächer und +Schreibpapier+ für die Schriften der Singhalesen.

Zu diesem Zwecke werden die jungen Palmblätter glatt und geschmeidig gemacht, in Streifen (ola) von 2-3 Zoll Breite und 1-3 Fuss Länge geschnitten, mit zwei Löchern durchbohrt, auf einen Faden gezogen und zwischen zwei Holzdeckeln aufgehoben. (Ich sah in Kandy ganz kleine Palm-Bücher, angeblich heiligen Inhalts, die nicht grösser waren, als die Fläche meiner Hand.) Geschrieben wird mit eisernem Griffel; die Furchen der Schrift werden mit einer Aufschwemmung von Kohlenpulver in wohlriechendem Oel sichtbar, gleichzeitig die Blätter dadurch haltbar gemacht, da der Geruch die Ameisen abschreckt. Die heiligen Bücher der Singhalesen sind in Pâli geschrieben, die rein wissenschaftlichen (über Stern-, Rechnen-, Heil-Kunde) in Sanskrit, die schön-wissenschaftlichen, welche hauptsächlich der neueren Zeit angehören, in Elu, das von dem gesprochenen Singhalesisch mehr im Styl als im Bau abweicht.

Das Alphabet stammt aus dem Altindischen. Fast alle singhalesischen Bücher sind in Versen abgefasst.

Von den heiligen enthält Pithakattyan die Lehre der Buddhisten in 592000 Stanzen, Atthakatha die Erläuterung in 361500; am beliebtesten sind daraus Buddha’s Reden. (Pansiya-panas-jataka-potu, wörtlich die 550 Wiedergeburten.) Diese Reden sind in’s Singhalesische übersetzt und füllen 2000 Palmblätter von 29 Zoll Länge mit je neun Zeilen.

Das +feinste+ Schreibpapier wird von dem Blatt der +Talipot-Palme+ gewonnen.

Die +Zucker-Palme+ liefert auch Sago. Ein tüchtiger Baum giebt in 24 Stunden 100 Pinten[358] Palmwein. 30000 Acres sind auf Ceylon mit dieser Palme bepflanzt.

Die +Nuss der Areca-Palme+ hat einen weissen, rothgeäderten Kern, welcher Fett, Emulsin, Zucker, Gerbsäure und einen rothen Farbstoff enthält. Ein Stückchen der Nuss wird in ein grünes Blatt des +Betel+-Pfeffers (piper betel), das an der Innenseite mit Kalk-Brei bestrichen ist, eingeschlagen, und dieser Bissen gekaut. Hundert Millionen Menschen sind diesem Genussmittel ergeben, das die Zähne schwarz, das Zahnfleisch und den Speichel roth färbt, aber die Esslust anregt und die Verdauung und Ernährung dieser reis-essenden Völker befördert. Singhalesen und Hindu vergessen eher Speise und Trank, als Betel-kauen. Mann und Frau, Jung und Alt huldigen diesem Brauch. Jeder Singhalese hat seine Betel-Büchse bei sich, die in ihrer grösseren Abtheilung Areca-Nuss und Betel-Blätter, in der kleineren etwas (calcinirten Muschel-) Kalk -- chunam -- enthält. Als ich im Postwagen den ganzen Tag neben dem Kutscher sass, lernte ich diese Geheimnisse genügend kennen. Die Betel-Büchsen der Reichen sind wahre Kunstwerke; solche sieht man auch im Museum zu Colombo. Mahawanso erwähnt, dass schon im 5. Jahrhundert v. Chr. Betel-Blätter das Geschenk darstellten, welches eine Prinzessin ihrem Verehrer zu senden pflegte; und dass Dutugaimunu (161 v. Chr.) den Arbeitern seiner Dagoba die fünf Würzen zum Kauen spendete. Die Frau eines singhalesischen Ministers schickte ihrem Gatten Betel ohne Kalk, in der sicheren Erwartung, er würde sofort nach Hause kommen, um das Vergessene zu holen, und so -- dem geplanten Mordanschlag entrinnen. Schon die Portugiesen führten aus Ceylon Areca-Nüsse aus gegen den Reis, der von Südindien eingeführt werden musste; die Holländer jährlich 35000 Centner, unter Monopol. Jetzt werden jährlich aus Ceylon 100000 Centner ausgeführt im Werthe von ebensoviel Pfund Sterling. Viel wird im Lande verbraucht. 65000 Acres sind auf Ceylon mit Areca-Palmen bepflanzt.

Für uns Nordländer ist einmal die Palme der eigentliche Baum des heissen Südens, ja der König aller Bäume, da unsre schwärmerische Einbildungskraft das Fremde und Ferne leicht zu überschätzen pflegt. Aber wer die Tropen wirklich besuchen konnte, findet dort noch +andere Pflanzenwunder+, die den Blick nicht minder fesseln. Da ist das undurchdringliche grüne Dickicht des +Riesen-Bambus+. Es ist nur ein Gras, aber was für eines? An 100 schlanke, walzenförmige Stämme, jeder 1-2 Fuss dick, ganz dicht an einander gedrängt, weil aus gemeinsamer Kriechwurzel entsprossen, schiessen grade empor bis zu 100 Fuss Höhe, -- bis zu 60 Fuss ohne Verzweigung; dann aber breiten sie sich aus in den grünen Riesenbüschel der zartgefiederten Blätter, der eine Kreisfläche von 100 Fuss Durchmesser beschattet.

Von den tropischen +Farnbäumen+ werde ich bald, bei andrer Gelegenheit, ein paar Worte zu sagen haben. Gewürznelken-, Muskatnuss-, Brotfrucht-Bäume und tausend andre kostbare und nützliche Pflanzen decken den grünen Rasen, alles wohl gepflegt, geordnet, bezeichnet. Denn der Pflege der tropischen Nutzgewächse wird grosse Sorgfalt zugewendet; Samen, Früchte, Ableger werden an Gärtner und Pflanzer vertheilt, und Versuche über Anbau und Einbürgerung angestellt. Auch die Schlinggewächse der Tropen, zum Theil mit herrlichen Blüthen und sogar ein Stück „Urwald“ kann man hier bewundern; nicht minder Orchideen und alle Blumen des Südens.

Es ist schwer zu sagen, worin für uns der Zauber der tropischen Vegetation liegt. +Schmarda+, ein feiner Naturbeobachter, stellte fünf Punkte zusammen: die massenhafte Entwicklung des Laubes, die grosse Mannigfaltigkeit in der Form, der Mangel geselliger Bäume, das kräftige Grün und die hellen Lichtreflexe der glatten, spiegelnden Flächen.

150 Acres oder 60 Hektaren bedeckt der Garten, der parkartig gehalten und an drei Seiten von der Krümmung des Mahaweli-Flusses umgeben ist. Seit 1830 besteht der botanische Garten zu Peradenia, nachdem ein solcher zuerst 1799 bei Colombo gegründet worden. Das Museum und das Denkmal für Dr. +Gardner+ verdienen besichtigt zu werden. Nach seiner Schätzung dürfte Ceylon 5000 Arten von Gefässpflanzen besitzen, also mehr als ganz Deutschland. Dr. +Thwaites+, der vorletzte Director des Gartens, hat 1864 eine Flora von Ceylon herausgegeben, in welcher 3000 verschiedene Arten von Gefässpflanzen beschrieben sind. Der jetzige Leiter des Garten, Dr. +Trimen+, hat einen Catalog der Pflanzen des Gartens veröffentlicht; mit einer vollständigen Beschreibung ist er noch beschäftigt.

Merkwürdig scheint nur, dass von dieser ausgezeichneten Gelegenheit zu botanischem Studium, welche der Garten zu Peradenia liefert, kein genügender Gebrauch gemacht wird. Ich fand daselbst keinen Studenten, keinen jungen Forscher. Und doch eignet er sich zu einer +botanischen Station+, gradeso wie der blaue Golf von Neapel zu einer zoologischen, welche daselbst durch die Thatkraft unsres Landsmanns Prof. +Dohrn+ in’s Leben gerufen worden. Dies ist übrigens schon von einem auf diesem Gebiet maassgebenden Forscher, von Professor +Häckel+, hervorgehoben worden. Aber neben dem Forschen müsste auch das Lehren betrieben und hierselbst eine +landwirthschaftliche+ Hochschule nach deutschem Muster, wenngleich wohl mit geringeren Ansprüchen, gegründet werden, wo die schwierigen Aufgaben der Thee-, Kaffe-, Cacao-Pflanzung +wissenschaftlich+ erläutert und dargelegt werden könnten. +Praktisch+ kann man die tropische Pflanzung nirgends in der Welt besser erlernen, als auf Ceylon.

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=Brief aus Kandy,= 11. November 1892.

Das +Paradies+ war hier, wo jetzt ich weile. Das glauben Hindu und Buddhisten, Mohammedaner, Juden, Christen, Und schrieben davon manche Zeile.

Gar vieles stimmt, wenn ich es recht bedenke: Des Himmels Pracht, der Erde üpp’ge Fülle, Des Paradieses Feig’ in gelber Hülle; Mühlos erwirbt man der Natur Geschenke.

Auch Schlangen sah ich hier. Was soll ich reden? Ich +glaub’+, ich bin mit einem Fuss im Paradiese, Und trotz’ dem Engel, der mich d’raus verwiese. Und doch ist’s +falsch+. Es fehlt -- das +Weib+ in Eden.

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Nuwara Eliya.

Sonntag, den 13. November, Vormittags 10^h 45′, fuhr ich mit der +Eisenbahn+[359] südwärts und bergauf nach +Nanu-Oya+, 53 englische Meilen in 5¼ Stunden, und von da im Postwagen[360] nach +Nuwara Eliya+, 5 englische Meilen in 1 Stunde.

Entzückend ist von der Eisenbahn aus, die dem Oberlauf des Mahaweli-Flusses folgt, der Rückblick auf Kandy mit seinen Palmenpflanzungen und den umgebenden Bergen; ganz herrlich der Pflanzenwuchs zu den Seiten der Bahn. In der Höhe[361] von 2000 Fuss über dem Meere erblickt man, im November, blühende Rosen, Camelien, Chrysanthemum, stattliche Palmen und Bananen, sodann Theepflanzungen, ferner in einigem Abstand terrassenförmig angelegte Reisfelder, die in hellstem Grün prangen, endlich noch weiter ab die undurchdringlichen Gestrüpp-Wälder. Die hohen Berge der Nachbarschaft sind bis zur Spitze grün bewaldet. In der Höhe von 4000 Fuss hören die Palmen[362] auf, die Bananen noch nicht gleich. Alöe[363] bildet mächtige Hecken längs der ganzen Eisenbahnstrasse. Aber es sind nicht die kleinen Büschel, die wir aus unseren Gärten, oder die grösseren, die wir von Neapel und Sicilien kennen; sondern gewaltige, umgekehrte Pyramiden, aus deren Mitte der +Blüthenschaft+, einem Baumstamm gleich, emporragt. Der Mahaweli wird reissender, seine Ufer schroffer und steiler, die malerischen Schluchten öfters mit üppigem Dschungel besetzt. Die Haupt-Haltepunkte sind Gampola und Hatton, beide berühmt durch +Theepflanzungen+.

Diese nehmen zu, je höher wir steigen, und erstrecken sich, soweit der Blick reicht, nur unterbrochen von den Bungalow der Besitzer, ihren Maschinen-Häusern oder +Factoreien+, und kleinen Gruppen von Hütten, in denen die Tamilen, die Arbeiter der Pflanzungen, mit Weib und Kind hausen.

Von weitem sieht die Theepflanzung fast wie ein Weinberg aus. Die einzelnen Sträucher sind durch Zwischenräume von einander getrennt. Die +neuen+ Pflanzungen erinnern vielfach an die Weizenfelder, die ich in Oregon und Canada gesehen: Stümpfe verbrannter Bäume sind inmitten stehen geblieben, da die Ausrodung zu mühsam und kostspielig schien, und grosse Steine liegen zwischen den Sträuchern. Hier und da sieht man auch noch eine vereinzelte Kaffe-Pflanzung.

* * * * *

Ich war in einen Wagen voll junger Theepflanzer gerathen. Es sind ganz tüchtige und angenehme Leute. Man sieht und hört ihnen an, dass sie thätig sind und ihr Fach verstehen. Gegen den Fremden sind sie zuvorkommend und mittheilsam. Die Missionäre werfen ihnen vor, dass viele von ihnen schwarze Frauen auf Zeit heirathen. John Ferguson räth dem Vater, der einen jüngeren Sohn nach Ceylon sendet, auch eine Tochter mitzuschicken; and then, when planters laid the foundation of pecuniary independence, +sisters would be exchanged+.

Aus dem Munde meiner Reisegefährten hörte ich von Neuem, was ich schon öfters gehört und seither noch genauer gelesen, +die merkwürdige Geschichte der Pflanzungen in Ceylon+, welche die Aufmerksamkeit des deutschen Lesers um so eher verdient, als wir ja in den letzten Jahren gleichfalls überseeische Colonien gewonnen haben, deren Geschichte noch im Werden begriffen ist.

Vor 12-15 Jahren war +Kaffe+ der Hauptausfuhrgegenstand Ceylon’s. Der immergrüne Kaffe-Baum (Kawah der Araber, Coffea arabica des Linné) stammt aus Ostafrika (Kaffa in Abessinien) und war seit alter Zeit in Arabien (Yemen) bekannt. Aber das anregende Kaffe-+Getränk+ ist weder dort noch sonst irgendwo +vor dem Anfang des 15. Jahrhunderts n. Chr.+ erwähnt worden. Die wirksamen Stoffe sind bekanntlich das +Coffeïn+, welches zu 0,8 bis 1,2 Procent in den lufttrocknen Bohnen enthalten ist und ebenfalls im Thee vorkommt, ferner Röststoffe, Gerbsäure, ein eigenthümliches flüchtiges Oel. Kaffe erregt das Nervensystem; das Herz schlägt kräftiger, das Blut kreist schneller. Die Araber sollen die Kaffe-Pflanze früh nach Indien und Ceylon gebracht, die Singhalesen aber nicht die Bohnen (Samen), sondern nur die Blätter zum Würzen des Reis und die Blüthen zum Tempelschmuck benutzt haben. Doch hat Dr. +Trimen+, Leiter des botanischen Gartens zu Peradenia, nachgewiesen, dass im tropischen Asien die Kaffepflanze völlig unbekannt geblieben, bis der Generalgouverneur der holländisch-ostindischen Gesellschaft, +van Horn+, im Jahre 1690 von arabischen Händlern Samen erhielt und dieselben in Batavia auf +Java+[364] anpflanzte. In demselben Jahre verpflanzten die Holländer den Kaffe auch nach Ceylon. Aber da sie den Anbau hier auf die flache Gegend beschränkten, so stieg ihre Ausfuhr nie über 1000 Centner im Jahr; und im Jahre 1739 gaben sie den Kaffe-Anbau auf Ceylon gänzlich wieder auf, um nicht den Alleinhandel Java’s zu beeinträchtigen.

Doch die Singhalesen setzten den Anbau fort, nachdem sie den Handelswerth der Waare kennen gelernt; die Mohren sammelten die Ernten der Dörfer und brachten das Erzeugniss nach Colombo und Galle. Im Jahre 1810 wurden 2170 Centner Kaffe aus Ceylon ausgeführt. Noch heute unterscheidet der Handel zwei Arten von Ceylon-Kaffe: 1) Nativa, 2) Pflanzer-Kaffe.

Als die Engländer 1815 Kandy besetzten, fanden sie dort einige Kaffe-Gärten und einzelne Kaffe-Bäume in der Nähe der Tempel.

Sowie der schöpferische Sir Edward Barnes seine Strasse von Colombo nach der Hügelgegend gangbar gemacht, gründete er 1825 die erste[365] +Höhen-Pflanzung+ von Kaffe-Bäumen in seiner eignen Besitzung bei Peradenia.

Das Beispiel fand Nachahmung. Die Zeit war sehr günstig. Herabsetzung des Kaffe-Zoll’s auf die Hälfte verdoppelte den Verbrauch[366] in England binnen drei Jahren; die Freilassung der Sklaven verminderte den Ertrag Westindiens.[367]

Schon im nächsten Jahre wurden 4000 Acres (= 1600 ha) Wald gefällt[368] und mit Kaffe bepflanzt; und bald überstieg der jährliche Verkauf von Kronland den Betrag von 40000 Acres.

+So wurde in einem Menschenalter aus dem Militärposten Ceylon eine unternehmende Ackerbau-Colonie.+ Alle Hügel von Kandy bedeckten sich mit Kaffe-Pflanzungen; die letzteren stiegen empor bis Nuwara Eliya (6000 Fuss über dem Meeresspiegel) und bis an die Grundfläche des Kegels vom Adams-Pik.

Für uns Deutsche ist es besonders nützlich zu beherzigen, wieviel Weisheit seitens der Regierung, und wieviel Untemehmungskraft und Geldaufwendung seitens der Bürger zusammenkommen mussten, um solche Erfolge zu zeitigen.

Die ersten +Pioniere+, hauptsächlich hartköpfige Schotten, lebten in Blockhäusern inmitten der pfadlosen Wildniss; bald aber entstanden behagliche Bungalow und fahrbare Strassen; die wilden Elephanten und Leoparden wichen in’s Innere der Waldgegend zurück. Im Jahre 1837 betrug die Ausfuhr an Kaffe aus Ceylon 30000 Centner. Dann wurde das „westindische System“ von Robert Boyd Tytler, dem „Vater der Kaffe-Pflanzer“, eingeführt und 1845 die Ausfuhr bis auf 200000 Centner gesteigert. In diesem Jahre erreichte die +Kaffe-Begeisterung+ den Gipfel. Ehemalige Gouverneure sowie noch thätige Richter, Geistliche, Beamte, nicht bloss aus Ceylon, sondern auch aus Ostindien, englische Capitalisten, -- Alles kaufte Kronland und barg Gold in den Boden mit derselben Wuth, mit der man es aus dem Boden drei Jahre später in Californien herauszuscharren suchte. Angeblich 100 Millionen Mark wurden in wenigen Jahren aufgewendet und -- grossentheils verloren.

Plötzlich kam die Geld-Knappheit von 1845 in England, ferner die Aufhebung des Schutzzolles gegen Java und Brasilien. Eine +unglaubliche Bestürzung+ folgte. Land wurde zu einem Zwanzigstel des Erwerbspreises wieder angeboten; ja ein Zehntel aller Pflanzungen, da sie nicht behauptet werden konnten und unverkäuflich blieben, ganz verlassen und der wieder vordringenden Ueberwaldung preisgegeben.

Allmählich trat Gesundung der Verhältnisse ein.[369] Man lernte den Boden auszuwählen, sparsam und ordentlich zu wirthschaften, mit vernünftiger Düngung, Beseitigung schädlicher Insecten, und überwand die Schwierigkeit, Tamil-Arbeiter von Malabar und Coromandel herbeizuziehen. 1857 waren in 404 Pflanzungen 80000 Acres (= 32000 ha) unter Kaffe-Cultur und lieferten, bei Verwendung von 129000 Tamilen, jährlich 347000 Centner Kaffe. Dazu kamen noch 160000 Centner der Eingeborenen, denn die Singhalesen folgten dem Beispiel der Engländer. So kam ein +zweiter Zeitabschnitt des Glückes+, ja schliesslich des Uebermuthes. Der Werth der jährlichen Kaffe-Ausfuhr, der 1827 £ 107000, 1857 £ 1700000 betragen hatte, stieg 1868, 1869, 1870 auf £ 4000000 (für 1 Million Centner Kaffe)! Die jüngeren Söhne, welche einige tausend Pfund Sterling besassen und dem Busch von Australien sowie dem Hinterland von Canada das romantische und dabei gewinnreiche Leben in der Hügelgegend der schönen Insel vorzogen, kamen aus England und Schottland und lebten in Ceylon wie die Fürsten. 176000 Acres (= 70400 ha) waren von den Pflanzern mit Kaffe bestellt, der Acre brachte 5 Centner, oder einen Gewinn von 7-10 £, d. h. 20-25 Procent des aufgewendeten Capitals.

1869 schienen die Aussichten ganz besonders glänzend sich zu gestalten. Da kam das +Unheil+. Es war ein +unsichtbarer+ Feind, ein mikroskopischer +Rostpilz+, der die Blätter des Kaffebaumes angriff und gewaltigen Schaden anrichtete, die kostbaren Bäume in Brennholz verwandelte, das ich noch in grossen Haufen auf den Bergen liegen sah, und den Werth der Kaffe-Ausfuhr rasch auf ein Fünftel verringerte. Dieser Pilz (+Hemileja vastatrix+, Uredineae) ist zuerst in Ceylon auf Kaffebaumblättern beobachtet und von +Berkley+ und +Broome+ in Gardener’s Chronicle (1869, S. 1157) beschrieben worden. Nach Dr. +Thwaites+, der vergeblich seine warnende Stimme erhob, aber von den Pflanzern verlacht wurde, ist der Pilz einer ceylonischen Dschungel-Pflanze eigenthümlich und hat sich dann, als er auf den Kaffeblättern so gut fortkam, in ungemessener Weise ausgebreitet. Später ist dieser Pilz auch in Mysore, Tonkin, Java, Sumatra zum Verdruss der Kaffepflanzer beobachtet worden, aber nicht in Brasilien.

Anfangs hatten die Pflanzer der Kaffeblatt-Krankheit (Coffee leave disease) keine besondere Bedeutung beigelegt und sogar wegen der steigenden Kaffe-Preise den Anbau um 50 Procent ausgedehnt. Aber die jungen Pflanzungen, welche 1870 bis 1874 unter Aufwendung von £ 3000000 bestellt wurden, gingen fast gänzlich zu Grunde. Die Blätter bedeckten sich mit orangerothen Flecken, fielen ab, der Baum ging zu Grunde. Kein Mittel half.

Der berühmte Botaniker Dr. +Marshall Ward+, der im Auftrage der Regierung zwei Jahre auf Ceylon verweilte, um die Kaffeblatt-Krankheit zu ergründen und womöglich zu heilen, wurde von den Pflanzern auf das heftigste angegriffen, da ihm die Heilung nicht gelang.

1878 wurden noch 825000 Centner Kaffe ausgeführt, 1888 nur 140000![370]

Viele Pflanzer wurden gänzlich zu Grunde gerichtet. Aber die Verwirrung war doch nicht so gross, wie 1845. Die +Gläubiger+ waren +vernünftig+ genug, auf ihre Zinsen lieber für einige Jahre zu verzichten, als durch Unerbittlichkeit die ganze Grundschuld auf einmal zu verlieren. Man muss bedenken, dass solch’ eine Pflanzung £ 10000 werth ist. Das versicherten mir meine Reisegefährten im Eisenbahnwagen, das las ich später in +Tennent’s+ Darstellung der früheren Verhältnisse.

Die +Pflanzer+ waren +muthig+ genug, sofort eine neue Thätigkeit zu unternehmen. Sowie man einsah, dass die Kaffebäume verloren seien, wurden sie +gefällt+, um andern Pflanzungen Raum zu geben. 1878 waren 275000 Acres (= 110000 ha) mit Kaffe bepflanzt, die höchste Ziffer, die erreicht worden ist; 1893 nur noch 35000 Acres (= 14000 ha). Die Ausfuhr an Kaffe beträgt nicht mehr 1 Million Centner, sondern den fünfzehnten Theil davon. Die Natur straft Einseitigkeit durch Krankheit; das Heilmittel liegt im Wechsel und in der Mannigfaltigkeit; die neuen Anpflanzungen sind Thee, Cinchona, Cacao.

Der +immergrüne Theestrauch+ (Thea) scheint aus Assam zu stammen. Die wirksamen Stoffe des Thees sind Koffeïn (= Theïn) und ätherisches Oel. Thee erregt das Nervensystem. In China und Japan ist das Theetrinken schon im 8. Jahrhundert n. Chr. bekannt gewesen, nach Europa kam es um die Mitte des 17. Jahrhunderts.

Ceylon scheint für die Theepflanzung sehr geeignet, da in den Niederungen des Westens und Südwestens sowie in der Hügelgegend fast kein Monat ohne Regen bleibt, und die Abwechselung der tropischen Sonne mit der Befeuchtung dem blattbildenden Theestrauch sehr förderlich ist. Die Blatternte erstreckt sich auf sechs und selbst auf neun Monate. Dazu gedeiht der Theestrauch von den Hügeln ab, die wenige hundert Fuss über dem Meeresspiegel emporragen, bis zur Höhe von Nuwara Eliya und darüber, d. h. bis zu der Erhebung von 6000 und selbst 7000 Fuss. 1873 waren 250 Acres mit Thee bepflanzt, 1883 schon 35000, 1887 aber 150000 und 1893 endlich 255000 Acres, das sind über 100000 Hektaren.

Die Ausfuhr von Thee aus Ceylon betrug 1876 ganze 23 Pfund, 1886 an 8 Millionen Pfund, 1892 an 78 Millionen Pfund. Das ist schon ein ansehnlicher Theil, vielleicht ein Siebentel der gesammten Ausfuhr der Erde.[371] Von dem Ceylon-Thee gelangten 1891 nach Deutschland 92000 Pfund, nach England 63 Millionen. In England ist von 1869 bis 1888 der jährliche Verbrauch von 3,63 Pfund auf 4,95 für den Kopf der Bevölkerung gestiegen, der von Kaffe gesunken von 0,94 Pfund auf 0,82 Pfund.

Der Ceylon-Thee scheint mir vortrefflich, sehr rein gehalten, von feinstem Duft und Geschmack, so dass ich den deutschen Hausfrauen schon empfehlen möchte, einen Versuch damit zu machen.

Unter den Pflanzern Ceylons hat sich eine grosse Gesellschaft[372] gebildet, um durch Zusammenwirken den Weltmarkt zu erobern. Von den Theepflanzungen hängt die Zukunft der Colonie ab. Die ganze Atmosphäre von Ceylon ist gewissermaassen mit Thee gesättigt.

Uebrigens ist für die Entwicklung der Colonie die Pflanzung von Thee günstiger, als die von Kaffe. Sie wirft zwar den grossen Pflanzern[373] weniger ab, aber sie beschäftigt die doppelte Zahl von Händen. Die Arbeitslöhne, die man zur Zeit zahlte, schwankten zwischen 35 und 60 Cts.,[374] nach meinen Gewährsmännern; damit können die genügsamen Tamilen gut auskommen.

Die Regierung begünstigt ihre Einwanderung von der Malabar- und Coromandel-Küste durch sehr billige Fahrsätze auf den ihr gehörigen Eisenbahnen und den anschliessenden Dampfern. In Südindien leben viele Millionen, deren Einkommen angeblich (?) für die Familie von etwa fünf Köpfen 1½ Shilling im Monat kaum übersteigt. Für diese ist Ceylon das gelobte Land, da die Familie wöchentlich 6 bis 8 Shilling verdienen und fast die Hälfte ersparen kann. Kein Wunder, dass die Zahl der Einwohner Ceylons durch die Pflanzungen auf das doppelte, die Einfuhr von Baumwollenstoff auf das fünffache, die von Nährstoffen auf das zehnfache angestiegen ist.

Ein grosser Theil dieser Arbeiterbevölkerung ist wechselnd; nach Vollendung der Arbeit kehren sie mit ihren Ersparnissen nach ihrer Heimath, d. h. nach dem Festland, zurück. Ein Theil aber macht sich sesshaft, namentlich da, wo die hochmögenden Herren Pflanzer ihnen ordentliche Hütten bauen und für ihr Wohlergehen Sorge tragen.

Die Aufschriften an jedem Halteplatz unserer Eisenbahnlinie sind dreisprachig: englisch, singhalesisch und tamil.

+Cacao+ (Theobroma[375] Cacao) ist ein aus Amerika stammender Baum von nicht erheblicher Grösse, dessen längliche (10-20 Centimeter lange, 5-7 Centimeter breite), röthliche, nach dem Trocknen braune Frucht in einem Muss die Samen oder Bohnen enthält, welche, geröstet und zerrieben, den Cacao, noch dazu mit Zucker und Gewürz versetzt, die +Chocolade+ geben. Das Wort ist mexicanisch, von Choco, d. i. Cacao, und +latl+ = Wasser. Die Spanier fanden 1519 den Gebrauch der Chocolade bei den +Mexicanern+ vor und brachten denselben nach Europa; im 17. Jahrhundert kam er nach Italien, Frankreich, England, Deutschland. Bontekoe, der Leibarzt unsres grossen Kurfürsten, hat bereits 1667 das Lob der Chocolade verkündigt.

Die Cacaobohnen enthalten Fett, Stärke, Zucker, Eiweiss und das +Theobromin+, welches seiner Zusammensetzung nach dem Koffeïn sehr ähnlich ist.

Der Anbau des Cacaobaumes erfordert grosse Sorgfalt. Auf dem Wege von Kandy nach Matale sah ich viele Pflanzungen und lernte einen Pflanzer kennen, der die Ackerbau-Chemie unsres Liebig in englischer Uebersetzung eifrigst studirte.

Im Jahre 1886 hat Ceylon bereits für 40000 £ Cacao ausgeführt; 1878 betrug die Ausfuhr 10 Centner, 1891 aber 20000. (Die Ernte der ganzen Erde an Cacao beträgt jährlich etwa 870000 Centner.) 12000 Acres (= 4800 ha) sind auf Ceylon mit Cacao bepflanzt. Die Cacaopflanzungen können keine so grosse Ausdehnung auf Ceylon erfahren, da sie beträchtliche Dicke guten Bodens in mittlerer Höhe und sehr gute, windgeschützte Lage erfordern.

Mit +Cinchona+, dem immergrünen China- oder Fieberrindenbaum[376] aus den Cordilleren des tropischen Südamerika, waren 1872 erst 500 Acres auf Ceylon bepflanzt, 1877 schon 6000, 1883 aber, nachdem seit 1879 der Misserfolg des Kaffe ausser Zweifel stand, bereits 60000 Acres = 24000 ha. Aber die gewaltige Ausfuhr von China-Rinde aus Ceylon (15 Millionen Pfund im Jahre 1887 gegen 11000 im Jahre 1872) bewirkte einen plötzlichen Preissturz (auf 1 Shilling für die Unze = 30 Gramm[377] Chinin, von 12 Shilling), der für die Leidenden zwar sehr glücklich, aber für die Pflanzer höchst unangenehm war, so dass sie den Anbau von Cinchona wieder theilweise durch den von Thee ersetzten. Im Jahre 1891 war die Ausfuhr von China-Rinde wieder auf 5½ Millionen Pfund gefallen.

Dazu kommt der Wettbewerb von Java, dessen Rinde weit gehaltvoller ist.[378] Immerhin bildet Cinchona eine +Ergänzung+ der Haupterzeugnisse des ceylonischen Pflanzers.

* * * * *

+Nuwara Eliya+[379] wurde 1826 von englischen Officieren auf der Elephanten-Jagd entdeckt und 1829 bereits von Sir William Barnes zu einer Heil- und Erholungs-Stätte für die Soldaten gemacht. In der That ist der Ort ein Paradies für die in den Tropen lebenden Europäer; die Höhe misst 6200 Fuss über dem Meer, die Temperatur schwankt zwischen + 2° und 21° C. (selbst + 26°) und beträgt im Mittel 13½ bis 15° C. Es giebt für die in Colombo lebenden Europäer kein grösseres Vergnügen, als die Gluthhitze des Tages und die erstickenden Nächte der Ebene zu verlassen und nach einer kurzen Tagesreise von weniger als 100 englischen Meilen in lieblicher und dabei grossartiger Gegend „ein Fleckchen Europa, das in Asien lächelt“, und ein nordisches Haus zu finden, unter wollener Decke zu schlafen und des Morgens vielleicht gar eine Spur von Eis im gefüllten Waschbecken zu entdecken.

Das +Grand Hotel+ von Nuwara Eliya preist sich selber als das +schöngelegene Curhaus von Ceylon+ und druckt einen Brief ab von dem früheren Gouverneur der Insel (Sir William H. Gregory), nach dem die Verpflegung gut und die Rechnung sehr mässig sei.

Es gelingt ihm auch, eine leidliche Zahl heissgesottener Kaufleute und Beamte mit Frauen und Kindern aus Colombo, Südindien und selbst aus Rangoon anzuziehen und zu fesseln, denen das „englisch kühle“ Klima behagt und Abends der lauschige Sitz am prasselnden +Kaminfeuer+, -- das ich, auf meiner Reise, zum ersten Mal seit Banff im canadischen Felsengebirge wieder antraf. Aber die Aehnlichkeit mit England oder mittleren Höhen der Schweiz ist wichtiger für die in Südasien lebenden Europäer, als für die Durchreisenden.

Allerdings liegt das Haus recht schön, in der Hochebene, auf deren Gras +fette+ Kühe (in Asien ein seltner Anblick) weiden, deren Wege mit gut gepflegten, auch europäischen Bäumen bepflanzt sind und überall Eingänge und Einfahrten zu Gärten mit hübschen Landhäusern enthalten; aus der Halle schweift der Blick über einen stattlichen, künstlichen See (Lake Gregory) zu fernen Bergen, namentlich dem Hakkagalla; die ganze Hochebene wird überragt von dem höchsten Berge der Insel, dem Pedurutallagalla.

Das Gasthaus ist einstöckig, einfach gebaut, aber sehr gut ausgestattet; Betten und Möbel besser, als ich sie sonst in Asien, mit Ausnahme von Tokyo, gefunden. Aber billig[380] ist es nicht, und die Gerichte so winzig für einen gesunden Magen, dass der Kellner, der mein Missvergnügen merkte, Käse und sonstigen Nachtisch noch einmal reichte.

Die Gesellschaft war nicht nach meinem Geschmack. Selbstsüchtiges Protzenthum ist für den Reisenden nicht anziehend, sogar als Beobachtungsgegenstand eher langweilig. Damen, welche ihren daheim schon fragwürdigen Geschmack in Asien erst recht abenteuerlich ausgestaltet haben und Tigerzähne, in Gold und Edelstein gefasst, als Halskette auf rothseidnem, gesticktem Gewand tragen, pflegen mich nicht zur Unterhaltung anzuregen.

Am nächsten Morgen ganz früh ging[381] ich, unter Führung eines einheimischen Knaben, auf den Gipfel des +Pedurutallagalla+,[382] des höchsten Berges in Ceylon, der 8295 Fuss über dem Meeresspiegel, 2095 Fuss über dem Gasthaus emporragt und 3 englische Meilen von dem letzteren entfernt ist. Es ist „ein Gneisdom, ein ungeheurer, waldbedeckter Maulwurfshügel“.

Da ich den berühmteren Adams-Pik wegen der Jahreszeit nicht besteigen konnte, so wollte ich wenigstens den ersteren nicht versäumen.

Der Weg führt zunächst durch die Ebene, vorbei an dem Wohnsitz der Eingeborenen, dem sogenannten +Markt+ (Bazar), wo wieder verschiedene englische Kirchen und Secten den Wettbewerb um die Seelen der Heiden betreiben, und steigt dann empor zu einem dichten, schattigen Wald mit zwitschernden Vögeln und murmelnden Bächen, wie wir ihn in den Bergen des Harzes oder in der Schweiz so oft mit Entzücken durchwandern.

Nur +Laubbäume+ sind zu sehen. Nadelhölzer kommen auf Ceylon nicht in Wäldern vor, sondern nur in künstlichen Anpflanzungen, z. B. in dem Garten von Hakkagalla.

Besonders bemerkenswerth sind die Himalaya-Fichten von Piniengestalt mit ganz schmalen Blättern und eine stattliche, 30 Fuss hohe Art von Rosenbaum[383] mit dunkelrothen Blüthen. Die Baumäste sind mit fusslang herabhängenden +Moosbärten+ geschmückt; einzelne Bäume sehen so aus, als wären sie von oben bis unten in dunklen Pelz gekleidet. Das Gebüsch zur Seite des Weges ist mannshoch, breitblättrig, undurchdringlich, ein förmlicher Urwald.

Es ist völlig einsam. Mein Führer schweigt theils aus Schüchternheit, theils aus Unkenntniss der englischen Sprache. So konnte ich ungestört der Beobachtung und Empfindung mich hingeben.

Man liest in Reisebüchern die Behauptung, dass in den Tropen der Wald nicht so poetisch sei, wie in unserm Vaterland. Aber der Wald ist seelenlos, hier wie dort; die Empfindung legen +wir+ erst hinein und müssen sie in uns tragen.

Binnen zwei Stunden war ich auf dem Gipfel angelangt und hatte dort oben eine herrliche Aussicht auf das friedlich grüne Thal in der Tiefe mit dem kleinen Gregory-See und den schmucken Häusern, aus deren Schornsteinen der Morgen-Rauch emporwirbelte. Rings um das Thal lag dichter Nebel. Von der Ost- und West-Küste[384], vom Adams-Pik sowie von der geographischen Uebersicht eines grossen Theiles der Insel war nichts zu sehen. Bald überzieht der aufsteigende Nebel das ganze Bild; für kurze Zeit dringt die Sonne wieder durch, der Wind jagt den Nebel in Fetzen dicht bei mir vorbei, ich sehe den See, aber nicht lange. So blieb ich hier in völliger Einsamkeit mit summenden Bienen, wie einst auf Cap Sunion in Attika und wie auf Monte Pellegrino in Sicilien, bei dem kopflosen Standbild der heiligen Rosalia. Solche Erinnerungen sind unvergesslich.

In 1½ Stunden stieg ich hinab. Das Frühstück schmeckte vortrefflich, ebenso ein Fläschchen Pilsener Bier[385] und ein Mittagsschläfchen, das ich ausnahmsweise, nach dem Spaziergang in den Tropen, mir gönnte.

Nachmittags fuhr ich im Wagen[386] nach dem +botanischen Garten+ der Regierung, der in +Hakkagalla+ liegt, 6 englische Meilen südöstlich von Nuwara Eliya und 800 Fuss tiefer. Der Weg ist sehr angenehm, für die ersten 2 Meilen führt er längs der Südwestseite des See’s, dann vorbei an der berühmten, 50 Jahre alten Farm von Sir S. Baker und schliesslich bergab durch eine enge waldige, mit prächtigen +Baumfarn+ besetzte Schlucht, die plötzlich vor dem Garten sich erweitert und dem erstaunten Blick die ungeheuren welligen Grasebenen und die fernen Berge der Südprovinz Uva zeigt. Dicht vor uns steht der zweigipflige Hakkagalla, d. h. Unterkiefer-Berg. Im Garten führte mich erst ein singhalesischer Gehilfe, der das Gymnasium durchgemacht, sogar griechisch gelernt, aber über die Ableitung des auf meiner Besuchs-Karte befindlichen Wortes +Ophthalmology+[387] rathlos grübelte, dann der Director selber, Herr +Nock+, der mir alles auf das freundlichste zeigte, vor allem die ebenso mächtigen wie anmuthigen Baumfarn,[388] die der Unkundige so leicht für Palmen hält, und mir auseinandersetzte, wie dieser Garten hauptsächlich zu Versuchen bestimmt sei und z. B. für die Einbürgerung des Fieberrindenbaumes in Ceylon das Wichtigste geleistet habe.

An den Wegen fand ich hier besonders reichlich eine kleine Bekannte aus der Studienzeit, d. h. aus dem Jahre 1862, die keusche +Mimose+,[389] die bei der Berührung ihre Aestchen und Blätter zusammenklappt, deren Bewegungsformen unser Professor du Bois-Reymond in seinen Vorlesungen über Physiologie gründlich zu erörtern pflegt.

Herr Nock nöthigte mich in sein Haus, stellte mir seine Frau vor und die beiden kleineren Kinder, -- die grösseren waren natürlich in England zur Erziehung und zur Gesundung; er bewirthete mich mit Bier und mit guten Rathschlägen, indem er mir von dem Besuch der Grasebenen (Horton plains) abrieth und Anuradhapura dringend anempfahl. Auf seinem Tisch lag Ceylon von Ferguson und +Häckel+’s indische Reisebriefe in englischer Uebersetzung.

Mit +Vergnügen+ erinnerte er sich an den Besuch unsres berühmten Landsmanns, der 1882 hier gewesen;[390] und Jeder wird ihm beipflichten, dem es einmal, wie mir, vergönnt gewesen, den deutschen Darwin in der Musenstadt Jena aufzusuchen. Aber das +Buch von Häckel+ wird merkwürdiger Weise in Ceylon abfällig, ja spöttisch beurtheilt, und zwar ebenso von Deutschen wie von Engländern. Statt die grossen Vorzüge und die bewunderungswürdigen Naturschilderungen anzuerkennen, klammern sie sich, um ihm die Genauigkeit der Beobachtung abzusprechen, an +eine Bemerkung+, die eigentlich wohl ein Witz sein soll und vielleicht gar nicht ernst gemeint ist,[391] -- vom Schlangen-Klein in der Reis-Würze.

„Babua (der Koch) schien zu ahnen, dass für mich als Zoologen alle Thierklassen ein gewisses Interesse darböten, und dass daher auch deren Verwendbarkeit für den Cörry ein wichtiges zoologisches Problem sei. Montags waren die Wirbelthiere durch delicaten Fisch im Cörry vertreten... Sonntags erschien bisweilen auch eine Schlange, die ich für einen Aal hielt.“

Seltsamer Weise spricht auch +Hildebrandt+ (Reise um die Erde, Berlin 1879, I, 44) vom +Schlangen-Gericht+ auf Ceylon.

„An der Mittagstafel des Hotels (zu Point de Galle) habe ich heute ein neues Gericht kennen gelernt: gesottene und geröstete Schlangen. Sie wurden in der Suppe gekocht und gebraten servirt; ihr Wohlgeschmack liess sich nicht leugnen. Anfangs hielt ich die kleinen Stücke für Aal, bis mich die grössere +Härte+ eines Besseren belehrte.“ Ueberzeugend ist diese Beweisführung keineswegs. Vielleicht ist es ein vom Herausgeber Kossak missverstandener Witz des Reisenden.

Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, dass zum Reis Würzen (curry)[392] aus pflanzlichen (und auch aus thierischen) Theilen gemischt werden, und zwar +milde+, d. h. solche, die weniger brennen, und +scharfe+,[393] die uns fast unerträglich sind. Curry war schon im 2. Jahrhundert v. Chr. in Gebrauch, nach der singhalesischen Chronik Rajavati; im 5. Jahrhundert n. Chr. nach Mahawanso. Der gewöhnliche Curry der Singhalesen besteht aus rothem Pfeffer, Zwiebeln, Kern der Kokosnuss, dessen Oel die Schärfe ein wenig mildert, und wird mit Pflanzenblättern (von Memecylon) gelb gefärbt. Für die Europäer fügen sie noch Fisch oder Hühnerfleisch oder Eier hinzu und wählen danach den Namen, z. B. Hühner-Curry. Doch war es mir manchmal fast unmöglich, mit dem Auge oder mit der Zunge diese Beimengung zu entdecken.

Nach Anuradhapura.

Bereits am nächsten Morgen (Dienstag, den 15. November) führte ich den Rath des Herrn Nock aus und fuhr nach der alten Ruinenstadt in der +nördlichen Centralprovinz+ von Ceylon. (North Central Province.)

Die letztere ist eine neue Gründung in dem vorher öden Landgürtel zwischen Singhalesen- und Tamil-Gegend; durch Wiederherstellung der alten Teiche und Bewässerungen haben die Engländer hier die Ansiedlung einer reisbauenden Singhalesen-Bevölkerung (jetzt 74000) in’s Leben gerufen.

Die Schwierigkeiten der Reise sind in der letzten Zeit erheblich verringert worden und werden in den schwärzesten Farben nur von denen dargestellt, welche aus irgend einem Grunde den Ausflug nicht gemacht haben.

Zuerst fahre ich Morgens ganz früh mit dem Postwagen von Nuwara Eliya durch die üppig bewachsene Schlucht bergab nach Nanu-Oya und von da mit der Eisenbahn nach Kandy.

Auf der letzteren Strecke wird der +Adams-Pik+ in seiner vollen Schönheit sichtbar. Der Spitzkegel starrt frei empor in den blauen Himmel; nur zeitweilig ist die höchste Spitze von einer dichten Wolke verhüllt. Um +diese Jahreszeit+ regnet es auf dem Gipfel fast unablässig; eine Besteigung ist unmöglich, kein Mensch weilt oben. Da aber der Adams-Pik die Landmarke von Ceylon darstellt, so muss ich doch, der Vollständigkeit halber, die Merkwürdigkeiten dieses berühmten Berges andeuten.

Schon die Ureinwohner der Insel haben diesen steil emporragenden Fels verehrt; die Aushöhlung auf der Spitze ist nach den Brahmanen der Fusstapfen von Shiva, nach den Buddhisten der von Buddha, nach den christlichen Gnostikern und den Mohammedanern der von Adam. Buddhistische Priester sind Wächter des heiligen Fusstapfens (sripada[394]); aber die Gläubigen aller Bekenntnisse beten hier in frommer Verträglichkeit, nicht in heftigem Streit, wie die lateinischen und griechischen Christen am heiligen Grabe zu Jerusalem.

Eingehauene Stufen und eiserne Ketten, die sehr alt sind, ermöglichen die Ersteigung der letzten, steilsten Partie des Kegels. Auf dem ganz schmalen Gipfel ist über der natürlichen Vertiefung von 1,45 Meter Länge, 0,5 Meter Breite und 0,05 Meter Tiefe, welche durch menschliche Nachhilfe die Gestalt eines Fusstapfens erhalten, eine offene Säulenhalle mit Schutzdach errichtet. Mindestens seit 1000 Jahren wird der Gipfel von Pilgern regelmässig besucht. Die Erhebung beträgt nur 2260 Meter (etwa 7353 englische Fuss) über dem Meeresspiegel; aber die Aussicht gehört zu den grossartigsten der Erde, da nur sehr wenige Berge diesen +unbeschränkten+ Blick bieten. Die beiden +Sarrasin+ hatten das Glück, auf dieser erhabenen Spitze den Sonnenaufgang zu beobachten, der von den Priestern mit Sadu, Sadu, Sadu (d. h. heilig, heilig, heilig) begrüsst wurde, und den ungeheuren Schattenkegel des Adams-Piks auf der Ebene, mit der hellen Stelle an der Spitze, welche die Einheimischen als Buddha’s Strahlen bezeichnen.

+Häckel+ lässt der Aussicht volle Gerechtigkeit widerfahren, möchte aber die vom schneebedeckten Pik von +Teneriffa+, der fast die doppelte Erhebung über den Meeresspiegel erreicht, doch vorziehen.

In +Kandy+ war eine kleine Schwierigkeit zu überwinden. Kein Zug[395] geht nordwärts nach +Matale+, dem Ende der Zweigbahn, vor 11 Uhr Nachts. So spät anzukommen, ist nicht räthlich, da dort kein Gast-, sondern nur ein Rasthaus vorhanden. Ich gebe also Koffer und Mantelsack in Verwahrung auf dem Bahnhof, behalte nur eine Reisetasche für die Bedürfnisse eines dreitägigen Ausflugs, frühstücke in dem mir bekannten Gasthaus zu Kandy und miethe vom Wirth einen zweispännigen Wagen nach Matale; lasse mir auch, was in diesen Gegenden nützlich, die Quittung (über 16 Rupien) ausstellen. Zwei Mal unterwegs wird Mauth-Geld von je einer Rupie erhoben.

Der Weg ist sehr schön, das Land angebaut wie ein Garten. Hier sieht man auch viele Cacaopflanzungen. Die beiden Pferde laufen munter.

Matale (Mahataláwe, die grosse Wiese,) wird schon in den alten Chroniken der Singhalesen erwähnt; es liegt 560 Fuss tiefer als Kandy, nämlich 1136 Fuss über dem Meeresspiegel und hat jetzt über 4000 Einwohner.

Hier brachte ich zum ersten Male die Nacht in einem +Rast-Haus+[396] zu. Obdachhäuser längs der Hauptstrassen, für Reisende und Pilger, sind in Ceylon wie in Indien seit uralten Zeiten von wohlthätigen Leuten erbaut und unterhalten worden. An den öffentlichen Strassen Ceylons hat die jetzige Regierung in Abständen von je 15 englischen Meilen Rasthäuser eingerichtet und ausgestattet, wo die Reisenden zu einem festen und mässigen Satz Aufnahme und Verpflegung finden, allerdings soweit der Platz reicht, und immer nur für einen Tag: danach muss der Erstgekommene, wenn Raummangel eintritt, dem neuen Reisenden Platz machen.

Es ist dies eine äusserst zweckmässige Einrichtung, welche den Europäern überhaupt erst das Reisen im Innern von Ceylon ermöglicht hat: in erster Linie für die Beamten bestimmt, kommt sie doch auch dem gewöhnlichen Reisenden zu Gute. Ein solches Rasthaus ist ein im Garten gelegenes einstöckiges Gebäude mit einer von Holzsäulen getragenen schattigen Vorhalle, auf der die beliebten Liege-Stühle aufgestellt sind, mit einer Haupthalle, die als Speise- und Wohnzimmer dient, und einigen (zwei bis vier) daranstossenden, allerdings sehr einfach ausgestatteten Schlafzimmern nebst Waschgelegenheit und Bequemlichkeit. Getrennt von dem Hauptgebäude liegt die Küche und der Wohnraum des „Boy“, der gewöhnlich ein bejahrter, bärtiger Singhalese ist und mit ein oder zwei jüngeren Leuten der Kochkunst und Bedienung waltet.

Natürlich können diese armen Leute keine grossen Vorräthe halten. Reis mit Würze wird immer aufgetragen, auch wenn man unangemeldet des Abends eintrifft oder bei Tage nur ein Stündchen[397] mit der Post weilt, -- natürlich nicht so rasch, wie in unsern Wirthshäusern mit voller Speisekarte und einem Stab dienender Geister. Auch Thee ist oft zu haben, gelegentlich Brod und Whisky. Hühner, Eier, Rindfleisch, Suppe, Sodawasser, Bier sind nur an den wichtigeren und besuchteren Knotenpunkten zu bekommen, am sichersten auf vorhergehende Bestellung. So ein singhalesischer Wirth ist darauf angewiesen, von einem oder zwei europäischen Gästen für den Tag seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und, wenn der Besuch noch sparsamer ist, auszukommen. Dazu gehört die ganze Genügsamkeit des Asiaten. Ein wenig Freundlichkeit seitens der Europäer und Trinkgeld erleichtert ihm das Dasein.

Ich war mit den bescheidenen und aufmerksamen Leuten stets zufrieden und erhielt hier in Matale, einem Eisenbahn- und Post-Halteplatz, wenngleich erst nach längerem Warten, ein vollständiges Abendessen aus mehreren Gängen sowie eine Flasche Bier.

Ich war der einzige Gast im Rasthaus; der einzige Europäer in der Postkutsche,[398] die mich am andern Morgen früh um 6 Uhr abholt zur Fahrt nach +Anuradhapura+. Die Zeit der Alleinherrschaft des Ochsengespannes ist vorbei. Der Postwagen hat zwei Pferde, die häufig gewechselt werden, und vier Räder,[399] allerdings nur +einen+ leidlich bequemen Sitz, nämlich vorn neben dem Kutscher, da das Innere des verdeckten Wagens von Briefbeuteln und Ballen, dem Pferdeknecht und dem Postillon mehr als gefüllt ist. Trotzdem sucht und findet auch gelegentlich ein Einheimischer darin Platz; er hat aber nur den halben Fahrpreis zu zahlen.

Wir fahren nordwärts in das grüne Land, bergab in die grosse Ebene der Nordhälfte von Ceylon.

Die Kokospalmen, welche in der Hügelgegend noch reichlich fortkommen, treten mehr und mehr zurück. Doch macht die englische Regierung grosse Anstrengungen, auch hier diesen nützlichen Baum anzupflanzen und überhaupt durch Wiederherstellung der alten Wasserbehälter grosse Landstriche, die Jahrhunderte lang öde gelegen, dem Ackerbau wiederzugeben. Wo das Gebüsch am Wege sich öffnet und dem Auge den Durchblick gestattet, sieht man ausgedehnte Reisfelder. Die Strasse ist gut, aber nicht sehr belebt. Europäische Reisende treffen wir gar nicht. Die Ochsenkarren der Einheimischen werden durch unser Posthorn zum Halten genöthigt, bis wir vorbeigefahren. Städte fehlen. Die Dörfer sehen ärmlich aus.

Jeden Halt zum Pferdewechsel benutzte ich, um die braunen Menschen anzusehen. Ich trete an die nächste Hütte. Für den Arzt ist es leicht, eine Unterhaltung anzubahnen. Da steht ein Mädchen, das ein wenig schielt. Ich sage ihr, mit Hilfe des Postillons, der englisch versteht, dass sie gerade Augen bekommen könne. So ist das Vertrauen gewonnen. Gross und Klein umringt mich. Die schwarzen Kinder sind artig, reichen die Hand und lassen sich betrachten.

Bekleidet sind die Kleinen nur mit Ringen, Amuletten und allenfalls einer Lendenschnur. Einige ältere Kinder, die bereits mehr Verstand und leider deshalb mehr Furcht haben, brüllen bei meiner Annäherung, wie unsre Dorfkinder beim Nahen eines Negers. Auch einem Erwachsenen ertheile ich gelegentlich Rath, natürlich den einfachsten: kühles Wasser auf das entzündete Auge. Bei der Rückfahrt erspähten sie natürlich meinen Wagen und zeigten mir den Mann wieder.

Auffallend war auf der langen Tagesfahrt (von 27½ + 40 = 67½ engl. Meilen oder 120 km), die auch streckenweise durch ziemlich öde Gegenden führte, wie +arm die Thierwelt+ in Ceylon erscheint gegenüber dem Reichthum der Pflanzenwelt. Auch +Häckel+ erklärt offen, dass er in dieser Beziehung ziemlich stark enttäuscht wurde. Dagegen fanden die beiden +Sarrasins+, die allerdings während 2½ Jahren zu Fuss die Insel in neun verschiedenen Richtungen durchstreift, dass die Thierwelt Ceylons ausserordentlich reich sei, namentlich im Vergleich zu Europa; aber spärlich da, wo die Europäer jetzt gewöhnlich hinkommen. Wer also eine wirkliche Anschauung von der ceylonischen Fauna gewinnen will, muss das Prachtwerk dieser Forscher studiren. Ich beschränke mich auf die kurze Mittheilung der Arten, die ich zu sehen bekam.

Büffel und Zebu-Ochsen, die letzteren als Zugthiere, einige Pferde, Arbeits-Elephanten, (wilde habe ich nicht gesehen,) schäbige Hunde, Katzen, Hühner sind die Hausthiere. In den Städten sind Krähen und unsre gemeinen Sperlinge ständige Gäste. Gelegentlich kreuzte ein Fuchs oder ein Hase unsern Weg. An den Palmen klettern Eichhörnchen empor. Auf den Telegraphendrähten sitzen Meisen, schöne Tauben mit braunen Schwingen und blauem Hals; kleine grüne Papageien fliegen auf; Specht- und Kukkuk-artige Vögel hört man im Walde; eine Bande muntrer Affen[400] gewährt belebende Abwechslung; Eidechsen und Schmetterlinge sind sparsamer, als in Süd-Europa.

Sehr ansehnlich sind die mannshohen Termiten-Bauten am Wege, die von dem staunenswerthen Fleiss und der Geschicklichkeit der Erbauer Zeugniss ablegen. Die höchsten messen 3 Meter. Der Bau beginnt unter dem Boden. Sie graben den Thon aus und mischen ihn mit ihrem Speichel, so dass er das Aussehen und fast die Härte von Sandstein annimmt. Stets sind mehrere geschützte Ausgänge vorhanden. Genauere Untersuchung dieser Burgen ist nicht anzurathen; in den verlassenen pflegen Schlangen[401] sich aufzuhalten.

Manche Strecken der Fahrt sind ziemlich belebt. Eiserne Brücken überspannen die Flüsse. Von Wald umgebene Felder, hier und da auch kuppelförmige Felsen, die von den Sarrasin’s sogenannten Gneis-Dome, liefern schöne Landschaftsbilder.

Mittags-Ruhe und -Mahl fand ich im Rasthaus zu +Dambulla+, das nur noch 533 Fuss über dem Meeresspiegel liegt; Abends in dem von +Anuradhapura+ (312 Fuss ü. d. Meere) mein Essen und mein Schlafzimmer. Zwei englische Beamte der Landesvermessung, die ich in der Vorhalle des Rasthauses antraf, waren sehr zuvorkommend; ebenso der englische Gouverneur der Nordostprovinz (Governements-Agent), Herr +Jever+,[402] dem ich meine Karte gesandt und der mir erwiederte, dass er mich am nächsten Morgen um 7 Uhr zur Besichtigung der Ausgrabungen abholen werde.

Beim Abendessen flog ein Vögelchen in die vorn offene Halle und gegen das hintere, geschlossene Glasfenster des Speisezimmers. Augenblicklich war eine Katze auf meinem Tisch; ein Sprung, und sie hatte das Vögelchen zwischen den Zähnen und war damit verschwunden. Dass Eidechsen im Speisezimmer die Wand emporlaufen, daran gewöhnt man sich mit der Zeit, da es nicht bloss im Rasthaus, sondern im grossen Gasthaus, mitten in der Stadt, vorkommt Lästiger ist aber ein Riesenbrummkäfer im Schlafzimmer, der hartnäckig gegen die hohe Decke fliegt und +oben+ hinaus will. Ein geschleuderter Pantoffel ist ein unsicheres Geschoss; man muss sich in Geduld fassen und das kleine Uebel ertragen. Ein grösseres droht von weit kleineren Thieren. Ich meine nicht Insecten, sondern die nur mit den besten Vergrösserungsgläsern sichtbaren Plasmodien, die Erreger des +Sumpffiebers+. Als ich das Fenster aufstiess, kam mir aus dem Garten eine so dumpfe Luft entgegen, dass ich schleunigst eine genügende Gabe Chinin einnahm. Jedenfalls bin ich gesund geblieben, hier und auf der ganzen Reise. Weitere Arzneien habe ich nicht gebraucht, nur die in meiner Reiseapotheke mitgenommenen Carbolsäurepastillen, um in Colombo die weisse Schimmelkrankheit meines Fracks zu beseitigen.

Anuradhapura ist ein Fiebernest. Die wenigen hier lebenden Europäer sind darauf angewiesen, ganz regelmässig Chinin zu schlucken.

* * * * *

+Anuradhapura, den 17. November+ 1892.

Ein zweirädriger Karren, bedeckt mit einem aus Palmblättern geflochtenen Schutzdach, gezogen von zwei zierlichen, weissen Buckelochsen; auf der Deichsel ein hübscher, schwarzbrauner Bursche, der nur mit einem Lendenschurz bekleidet und unablässig damit beschäftigt ist, die Schwänze der Ochsen in Knoten zu drehen oder ihre Weichen mit einem Stab zu stacheln, wonach sie für einige Secunden in einen höchst seltsamen Gallop gerathen, um gleich darauf wieder in ihre angeborene, schläfrige Gangart zurückzufallen; +in+ dem Wagen kein Götzenbild, keine südöstliche Prinzessin, sondern ich selber, in weisser Leinwand, unter weichem, hellem, breitkrämpigem Filzhut, bewaffnet mit Sonnenschirm und Schreibtäfelchen; neben mir im Wagen des Rasthauswirthes Neffe, der den Führer machte und vorgab, englisch zu verstehen: so ging es fort zur Besichtigung der Alterthümer von +Anuradhapura+.

Aber wo liegt denn der Ort mit dem prachtvoll langen Namen? Zu den +Weltstädten+ gehört er nicht; diese sind +zweisilbig+. Geneigte, eifrige Leserin, vielleicht wirst Du einige Mühe haben, über Anuradhapura Dich zu belehren, wenn auch Dein Bücherschatz leidlich vollständig sein mag. Doch auf guten Landkarten wirst Du es finden, ungefähr in der Mitte der Grundlinie des nördlichen Viertels von Ceylon.

Aber ich selber muss wahrheitsgemäss erklären, dass auch mir der Ort bis vor wenigen Monaten gänzlich unbekannt gewesen, und dass ich den sechssilbigen Namen erst jetzt im Kopf behalte und richtig ausspreche, seitdem ich in zwölfstündiger, anstrengender Postfahrt hierher hinlänglich Musse und Gelegenheit zur Einübung gefunden.

Und doch ist die Stadt nicht sehr viel jünger, als das +ewige Rom+; und auch in +religiöser Bedeutsamkeit+ mit Rom zu vergleichen: nur war die Zahl der Bekenner, deren Herzen für ihre Heiligthümer sich begeisterten, ganz erheblich viel grösser.

Mit unsern geschichtlichen Kenntnissen ist es schwach bestellt bezüglich der Völker, die, wie z. B. die Ostasiaten, unser kleines Europa nicht merklich beeinflusst haben. Natürlich ist es ein grosses Glück für uns, dass wir nicht dies Alles zu erlernen brauchen. Denn diese Völker haben früh schreiben gelernt, und +einige+ von ihnen haben +furchtbar viel aufgeschrieben+.

Vor allen die +Singhalesen+; diese besitzen eine +fortlaufende+ Chronik ihrer Geschichte, die über mehr als zwei Jahrtausende sich erstreckt.

Das weiss man allerdings in Europa noch nicht sehr lange. Bis zum ersten Drittel unsres Jahrhunderts galt allgemein die Ansicht, dass die Geschichte der Singhalesen, so gut wie die der Hindu, lediglich auf dichterischen Sagen beruhe. Da entdeckte der Engländer +Tournour+, ein hoher Beamter auf Ceylon, im Jahre 1827 aus alten Handschriften buddhistischer Klöster, was die Singhalesen selber derzeit nicht mehr recht wussten, dass sie eine in Versen der Pâli-Sprache auf Palmblätter geschriebene Chronik besitzen, welche ihre dynastische Geschichte schildert, vom Jahre 543 v. Chr. bis zum Jahre 1758 n. Chr., d. h. von ihrer Einwanderung in Ceylon bis gegen das Ende ihrer Selbständigkeit. Nach Ueberwindung unsäglicher Schwierigkeiten gelang es +Tournour+, mit Hilfe der später aufgefundenen +Erläuterungen+, das Werk in’s Englische zu übersetzen; doch starb er leider, nach der Veröffentlichung der ersten Hälfte: erst vor wenigen Jahren ist die Uebersetzung des zweiten Theiles von einem Einheimischen herausgegeben worden.[403]

+Mahawanso+ ist der Titel dieser Chronik, das heisst +grosse Dynastie+, und entspricht eigentlich nur der ersten Abtheilung vom Jahre 543 v. Chr. bis 301 n. Chr., nämlich von dem ersten Könige Wijayo,[404] der aus dem Ganges-Thal stammte, bis zu Maha Sen, mit dem diese Dynastie erlischt. Geschrieben ist dieser erste Theil zwischen 459 und 477 n. Chr. von Mahanamo, dem Oheim des Königs Dhatu Sena, und zwar auf Grund von älteren in der Volkssprache abgefassten Jahrbüchern. Die einheimischen Könige von Ceylon hielten seit uralter Zeit Geschichtsschreiber, worüber wir schon von Cosmas Indikopleustes († 550 n. Chr.) und von den Arabern Abu-Zeyd und Edrisi sichere Kunde haben, und förderten mit allen Mitteln die Abfassung von Chroniken. Die zweite Abtheilung von Mahawanso enthält die Geschichte der Könige von der niederen Rasse (Sulu wanse) und ist um das Jahr 1266 n. Chr. verfasst worden. Unter verschiedenen Herrschern wurde dann die Geschichtserzählung fortgesetzt und zwar bis zum Jahre 1758 n. Chr.

Ueber den Grad der Zuverlässigkeit des Mahawanso wird man erst in Zukunft genauer urtheilen können, wenn mehr von den alten Inschriften der ceylonischen Herrscher gefunden und verglichen sein wird. Aber gute Bestätigungen seines Inhalts, soweit er nicht religiös sagenhaft ist, liefern schon heute die auf Felsen und Säulen eingegrabenen Edicte des indischen Königs Asoka (270 bis 230 v. Chr.), des Horts der Buddhisten, der in Mahawanso erwähnt wird; ferner der chinesische Reisebericht des Pilgers Fa Hian, der um 400 n. Chr. Ceylon besuchte, und endlich die Beschreibung des Engländers Knox, der von dem König zu Kandy von 1660 bis 1680 in Gefangenschaft gehalten wurde.

Ausserdem giebt es noch andere Chroniken der Singhalesen, die zwischen dem 14. und 18. Jahrhundert n. Chr. verfasst sind.

So vermochte Tournour zum ersten Mal in einer europäischen Sprache die Aufeinanderfolge von 170 Königen festzustellen, welche während 2355 Jahren den Thron eingenommen hatten, von dem Eindringen des ersten Königs Wijayo bis zur Absetzung des letzten, Sri Wikrema Rája Singha, im Jahre 1815.

Sehr bald nach der Errichtung des Königreiches, im 5. Jahrhundert v. Chr., wurde die Stadt +Anuradhapura+[405] gegründet, in der Mitte des folgenden Jahrhunderts zur Hauptstadt erhoben und danach mit unerhörter Pracht ausgestattet, aber auch sehr ordnungsmässig[406] als Grossstadt eingerichtet und verwaltet. Ein Riesenteich wurde errichtet, öffentliche Gärten angelegt, ein Palast und eine vergoldete Audienz-Halle erbaut; ferner riesige Dagoba (Reliquien-Thürme), da jeder folgende König seine Vorgänger zu übertreffen strebte, Tempel mit goldnen, edelstein- und perlgeschmückten Bildsäulen, die Terrasse des heiligen Bo-Baumes und der Bronze-Palast, ein Kloster mit 1000 Zimmern für fromme Väter.

Schon von dem Erdbeschreiber +Ptolemaeus+ (im 2. Jahrhundert n. Chr.) wird Anuragrammum[407] als Hauptstadt der Insel beschrieben. Der chinesische Pilger +Fa Hian+, der im Anfang des 5. Jahrhunderts n. Chr. Ceylon besuchte, schildert voll Entzücken die Pracht der Heiligthümer. 60000 Priester lebten auf der Insel,[408] 6000 auf Kosten des Königs. Der heilige Zahn des Buddha, der 311 n. Chr. von Indien nach Ceylon gebracht worden, wurde an Festtagen in feierlichem Aufzug (perahera) dem Volke gezeigt; die Processions-Strasse war mit Blumen bestreut und mit Weihrauch erfüllt: eine dramatische Darstellung von Buddha’s Leben mit reichster Inscenirung bildete den Abschluss des Festes.

Ein singhalesisches Werk aus dem 7. Jahrhundert n. Chr. (Lankawista riyaye, d. h. das illustrirte Ceylon) giebt der Hauptstrasse von Anuradhapura 11000 Häuser und der Stadt eine Ausdehnung von 4 Wegstunden (16 engl. Meilen = 28,8 km) nach den beiden Hauptdurchmessern.

Der jetzige Leiter der Ausgrabungen, Herr H. C. R. +Bell+, ist der Ueberzeugung, dass dann die Vororte, wie Mihintale (8 engl. Meilen von den Haupttempeln) mit eingerechnet wurden.

Auch ist dichterische Uebertreibung nicht ganz von der Hand zu weisen, da die Schilderung der Stadt an eine Stelle des indischen Epos Ramayana erinnert. Aber die jetzt vorhandenen Ruinen beweisen, dass die Hauptdurchmesser der eigentlichen heiligen Stadt zum mindesten 2 engl. Meilen (= 3,7 km) betrugen; leider ist die Ausgrabung noch nicht so weit vorgeschritten, dass man über die Ausfüllung des ganzen Flächenraumes ein Urtheil sich bilden könnte.

Und diese ungeheure Stadt wurde im 8. Jahrhundert[409] n. Chr. aufgegeben und verlassen, da sie unhaltbar geworden gegen die kriegerischen Angriffe der +Tamilen+ aus dem südlichen Theil von Indien.

Ursprünglich waren dieselben von den mit Ackerbau und Errichtung von Heiligthümern vollauf beschäftigten Singhalesen zum Schutz der Insel-Küsten herbeigerufen worden; dann hatten die Schutztruppen gelegentlich sich selber der höchsten Gewalt bemächtigt; nach einiger Zeit wurden sie wieder vertrieben; immer kehrten sie aber in verstärkter Anzahl zurück, drangen erst plündernd, dann erobernd in Ceylon ein, wo man leider mehr Klöster und Dagoba gebaut, als Festungen und an die Klöster ein Drittel des ganzen Landes verschenkt hatte. Schliesslich mussten die Singhalesen den Tamilen die ganze Nordhälfte der Insel überlassen und ihren Hauptstützpunkt in der südlichen Hügelgegend suchen.

Erst seit zwei Menschenaltern ist Anuradhapura wieder bekannt und von Europäern besucht. Aber während Pompeji von der Asche des Vesuv, Olympia von dem Sand des Alpheus-Flusses verschüttet, Mykene und Tiryns wie Carthago und Ephesus von Feindeshand zerstört ward, und Erdbeben hier und da an dem Zerstörungswerk sich betheiligt; +Anuradhapura ist buchstäblich vom Wald überwachsen+;[410] das dichteste Gebüsch und gewaltige Bäume haben im Laufe von nahezu zwölf Jahrhunderten das meilengrosse Stadtgebiet in eine Art von +Urwald+ umgewandelt.

Die Insel Ceylon ist ja ein natürliches, feucht-warmes Gewächshaus. Von der Kraft des Pflanzenwuchses sieht man +gerade hier+ recht merkwürdige Beispiele. Die Böschung eines künstlichen Teiches ist mit mächtigen Steinblöcken belegt; ein solcher Block von vielleicht 2 Meter Länge ist durch die hinter ihm befindliche Wurzel eines Baumes um 30 Grad aus seiner Lage gedreht und wird sicher nach nicht allzu langer Zeit in die Tiefe stürzen. Gewaltige Feigenbäume wurzeln auf Mauern und Dämmen; gerade diese gehören zu den Hauptzerstörern der alten Gebäude, da erstlich in dem feuchten Klima ihre (von den Vögeln überall hin verschleppten) Samen so leicht Wurzel fassen, und da ferner die kriechenden Wurzeln dieses Baumes sich so weit umher verbreiten.

Aber die Einsamkeit der Gegend trug doch auch etwas zur Erhaltung der letzten Reste bei. Kein eifriger Moslem zerstörte absichtlich die Bildwerke und Säulen, kein lässiger Hindu verbrauchte die zugehauenen Steine für seine eignen Zwecke, kein englischer Beamter hat damit Brücken und Wege verbessert.

Uebrigens war der Ort +nie vollständig verlassen und vergessen+. Eine Handvoll Priester weilte stets in der Wildniss bei den Heiligthümern, von denen eines ja den rechten Kinnbackenknochen Buddha’s enthalten soll; und fromme Pilger drangen alljährlich auf schmalem Pfade durch die Wälder, um die Heiligthümer zu verehren, sowie Blumen an die Gottheit und Gaben an die Priester zu spenden.

Aber erst im Jahre 1832 wurde der Platz von dem Major Skinner untersucht, vermessen, gezeichnet; erst seit 20 Jahren haben die Engländer die wichtigsten Ruinen, so zu sagen, aus dem Wald herausgehauen und auch die alten Teiche und Bewässerungen wiederhergestellt, verbessert, mit Schleusen versehen. So ist hier wieder ein von Menschen bewohnter Ort entstanden; 1881 war es ein Dorf von 1300 Einwohnern, 1891 eine „Stadt“ von 2494 Einwohnern; es sind fast ausschliesslich reisbauende Singhalesen. Da sieht man wieder die niedrigen, von Kokospalmen beschatteten Hütten, einen belebten, sehr sauber gehaltenen Markt, die drei hier, in der trockneren Hälfte von Ceylon, für jeden Wohnort unentbehrlichen Teiche, einen zum Trinken, einen zum Baden und einen für das Vieh, von denen natürlich der erste etwas höher liegt, als der zweite und dieser wieder höher, als der dritte; und rings herum in weiter Ausdehnung gut bewässerte Reisfelder; da sieht man in der Nähe der alten Ruinen, die weit über unsre Zeitrechnung zurückreichen, an einem breiten rasenbepflanzten Weg, den behaglichen Wohnsitz des Regierungsvertreters, das grosse Verwaltungsgebäude (cutchery oder vielmehr Kachcheri), das Gerichtshaus, das Rasthaus, die Schule und sogar ein funkelnagelneues, noch nicht bezogenes Krankenhaus.

+Was ist nun zu sehen in Anuradhapura?+ Zunächst die +Dagoba+ oder Reliquien-Thürme, welche irgend ein Andenken an Buddha einschliessen.

Auf einem rundlichen Unterbau erhebt sich der halbkugel- oder glockenförmige, ganz solide Hauptbau; auf letzterem steht der würfelförmige Oberbau, und darauf ein Thürmchen mit metallischem Aufputz, wie man sagt, dem Abbild von Buddha’s siebenfachem Sonnenschirm.

Die Anzahl der Dagoba ist ungeheuer, ihre Grösse sehr verschieden; sehr viele sind nur 10-20 Fuss hoch, drei aber so gross, dass man sie mit den +Pyramiden+ von Gizeh wenigstens vergleichen kann. Die Dagoba sind der Ruhm wie der Ruin des Königreiches gewesen.

Natürlich hatten die erobernden Tamilen denselben Gedanken beim Anblick der mächtigen Bauten, wie die erobernden Araber bei den ägyptischen Pyramiden, dass grosse Schätze im Innern verborgen sein müssten, und begannen eifrig das Werk der Zerstörung, bis sie, von der Vergeblichkeit ihrer Bemühungen überzeugt, davon Abstand nahmen. Andre Schätze, nämlich solche der Wissenschaft, suchte vor wenigen Jahren Herr Jever; er liess in die Abhayagiri-Dagoba, die der englischen Krone gehört, einen Stollen von 200 Fuss Länge durch das solide Ziegelbauwerk von 2000jährigem Bestande treiben und fand als einzige Ausbeute nur ein paar Perlen von rein geschichtlichem Werthe.

Den merkwürdigsten Anblick gewährt die +Jayta-wanarama-Dagoba+, die 330 n. Chr. vom König Maha Sen errichtet wurde. Von weitem sieht sie jetzt aus wie ein +bewaldeter Berg+, auf dem ein kleiner Thurm steht. Aus grösserer Nähe erkennt man an den abgeholzten Stellen, dass das Ganze einen gewaltigen Ziegelbau darstellt. Derselbe ragt jetzt noch 249 Fuss in die Lüfte; sein Durchmesser beträgt 360 Fuss, so dass der Inhalt des ursprünglich halbkugelförmigen Bauwerks einst gegen 20 Millionen Cubikfuss[411] betrug. Fünfhundert unserer Maurer hätten sechs Jahre daran zu bauen; die Kosten würden, nach Tennent, eine Million Pfund Sterling betragen. Aus den Steinen könnte man eine Mauer von 10 Fuss Höhe und 1 Fuss Dicke zwischen London und Edinburgh herstellen.

Die +grösste Dagoba+ (+Abhayagiri+ = Berg der Sicherheit) wurde 87 n. Chr. vollendet und zwar vom König Walagam Bahu, zur Erinnerung an die Vertreibung der Tamilen und an die Wiedereroberung des Reiches. Ursprünglich war der Bau vom Grunde bis zur Spitze des Thürmchens 405 Fuss hoch; jetzt, nach nahezu 2000 Jahren, misst die Höhe noch 231 Fuss.

Auf der dichtbewaldeten, unregelmässigen Halbkugel aus Ziegelbau ist neuerdings der würfelförmige Oberbau mit dem schlanken Thurm möglichst getreu nach den erkennbaren Resten wieder hergestellt.

Am berühmtesten, wegen der zahlreichen Reliquien, und auch am merkwürdigsten ist die dritte der grossen Dagoba, +Ruan-welle+, d. h. Goldstaub, unter +Dutugaimunu+, dem Besieger des Tamil Elala, und seinem Nachfolger um das Jahr 140 v. Chr. nach 20jähriger Arbeit vollendet. Sie war gegen 370 (nach andern nur 270) Fuss hoch, ist aber durch die Tamilen 1214 n. Chr. so weit zerstört worden, dass nur noch ein kleiner Berg aus Ziegelbau in der Höhe von 150 Fuss, vollständig mit Bäumen und Buschwerk bewachsen, heutzutage übrig geblieben. Aber der untere Theil des Bauwerkes ist vollständig freigelegt nebst der umgebenden Pflasterung.

Man erkennt einen Processionsweg rings um den Unterbau und ein äusseres Steingitter, vier Vorsprünge des Unterbaus entsprechend den vier Hauptzugängen oder Treppen, ein Gesims des granitnen Unterbaus, das ganz und gar mit frei hervortretenden Elephantenköpfen geschmückt ist, während gleichsam die verborgenen Riesenleiber der Thiere den ganzen Bau zu tragen scheinen.[412] Der fromme Pilger reibt noch heute den Granitstein mit einer Münze oder einem Schmuck aus Gold.

Hier findet man auch überlebensgrosse +Bildsäulen+. Zunächst die eines Königs; sie stellt aber nicht den Erbauer der Dagoba dar, von dem allerdings einige Reliquien, z. B. der Grabstein, hier aufbewahrt werden; sondern den König Batiya Tissa, aus dem Beginn unsrer Zeitrechnung. Ferner mehrere Bildsäulen von Oberpriestern. Mit altgriechischen Werken kann man diese, und auch einen grossen Buddha in der Nachbarschaft, nicht vergleichen, -- höchstens mit denen aus der frühesten Zeit, wo der Bildhauer das Brett des Holzschneiders noch nicht ganz überwunden hatte.

Uebrigens entbehrt nicht alles Bildwerk zu Anuradhapura der Anmuth. Die Schutzgötter, die zu beiden Seiten der Zu- und Eingänge so vielfach angebracht sind, wiegen sich in den Hüften, wie so mancher Apollo; es sind die +Dwarpals+ oder Thürhüter, mit der siebenköpfigen Schlangenkappe auf dem Haupt. Die zierlichen halbkreisförmigen +(Mond-) Steine+ vor den Eingängen enthalten in erhabener Arbeit rings um eine stylisirte Lotosblume erst eine Reihe von heiligen Gänsen,[413] darum eine blumige Ranke, weiter nach aussen eine Procession von Elephant, Buckelochs, Löwe, Pferd und zum Abschluss eine pflanzliche Verzierung.

Am Eingang zu einem +Felsentempel+ (Isurumuniya, ausserhalb des Ortes,) ist hoch oben in den lebendigen Granitfels ein Gott in höchst anmuthiger Stellung neben einer Kuh ausgemeisselt, -- wenn es dem Gott nur nicht gefiele, falsche Ohren an unrichtiger Stelle zu besitzen.

Nicht weit von der Ruanwelle-Dagoba, dicht bei der Kreuzungsstelle der beiden Hauptstrassen des alten Anuradhapura, steht die +heiligste+ aller Dagoba, die +Thuparama+, 307 v. Chr. vom König Devenipiatissa errichtet, um den rechten Schulterknochen[414] von Buddha zu bergen.

+Es ist dies das älteste Gebäude von ganz Indien+, das auf unsre Tage gekommen. König Upatissa (400 n. Chr.) liess eine metallene, mit Gold geschmückte Umhüllung des ganzen Bauwerks anfertigen. Ein frommer Priester in der Mitte unsres Jahrhunderts sammelte Geld, befreite den Bau von dem überwuchernden Pflanzenwuchs und gab ihm eine einfache Hülle von Stuck.

Diese Dagoba hat eine höchst geschmackvolle Glockengestalt. Durchmesser und Höhe der Glocke sind nahezu gleichgross, etwa 60 Fuss hoch. Die 9 Fuss hohe Terrasse, auf welcher der Bau steht, ist geschmückt mit drei Reihen 24 Fuss hoher, unten vier-, oben achteckiger Granitpfeiler aus je einem Stein mit schön geschmückten Capitälen. Diese Dagoba dient noch heute den religiösen Zwecken der Buddhisten.

Ganz in der Nähe hat einst der Schrein für Buddha’s Zahn gestanden, wie auch Fa Hian aus eigner Anschauung berichtet; doch ist keine Spur mehr davon zu sehen.

Dagegen steht noch die +Lankaramaya Dagoba+ (von 32 Fuss Höhe), die allerdings bedeutend jünger ist, nämlich aus dem Jahre 276 n. Chr. Die achteckigen Pfeiler am Unterbau tragen +Buddha-Putten am Capitäl+.

Die zweite Art von Ruinen in Anuradhapura sind die sogenannten +Paläste+. Die Bedeutung der Gebäude ist meistens unklar, da bisher nur sehr wenige Inschriften[415] gefunden sind. Die Ausgrabungen werden, nach Massgabe der geringen Mittel, mit Eifer fortgesetzt; Herr Jever zeigte und erklärte mir alles auf das bereitwilligste. Aber sehr viel ist noch zu thun. Wenn die vergrabene Stadt von Anuradhapura in absehbarer Zeit planmässig frei gelegt werden soll, so sind, nach dem Leiter der Ausgrabungen, Herrn C. R. +Bell+, statt der jetzigen 60 mindestens 600 Mann anzustellen; es handelt sich um Quadratmeilen von Ruinen, die in eine feste, von der Sonne zusammengebackne und von Baumwurzeln zusammengehaltene Schicht aus Ziegeltrümmern eingebettet sind.

Der Busch und die Bäume sind allerdings vielfach fortgeschlagen, aber die Grundflächen der Gebäude liegen noch 5 (und selbst 10) Fuss unter der jetzigen Oberfläche; deshalb kann die Bedeutung der Bauwerke noch nicht festgestellt werden. Uebrigens sind in letzter Zeit, seitdem man tiefer gräbt, auch allerlei Gebrauchs- und Schmuckgegenstände, wie Lampen, Schreine, Geräthe, Ringe, Halsbänder, gefunden und dem Museum des Orts einverleibt worden.

Die meisten dieser Gebäude, die der einheimische Führer als Paläste bezeichnet, sind Ruinen von +Klöstern+.

Von einem, das vor mehr als 2000 Jahren errichtet worden, stehen noch die 1600 Säulen des untersten Stockwerkes grossentheils aufrecht; alles Uebrige ist verschwunden. Das Gebäude hiess Maha-Lowa-paya „der Bronzepalast“, war aber ein Kloster. Mahawanso giebt eine genaue Beschreibung der Erbauung und Einrichtung. König Dutugaimunu, „der Sklave der Priesterschaft“, liess das Gebäude um 161 v. Chr. errichten. Es ruhte auf 1600 Granitsäulen von je 12 Fuss Höhe, die in Reihen von je 40, ziemlich dicht gedrängt, aufgestellt waren, so dass die Seite der quadratischen Grundfläche 100 Ellen oder 220 englische Fuss misst. In neun Stockwerken, die allerdings (nach Fergusson’s Ansicht, entsprechend den heutigen Klöstern in +Birma+,) aus Holz errichtet waren und sich verjüngten, stieg der Bau empor, enthielt 900 oder 1000 Schlafzimmer für Priester und etliche grosse Hallen und als oberstes Stockwerk einen Dom, der mit Kupfer gedeckt war und so den Namen des Klosters begründete. Es war so hoch wie die höchsten Dagoba, so gross wie unsre stattlichsten Kirchen und gewiss eines der schönsten Gebäude im Osten. Ausnahmsweise für Asien und Afrika, wurden die Werkleute in klingender Münze bezahlt. Das Innere war mit märchenhafter Pracht geschmückt. Die grosse Halle ruhte auf vergoldeten Säulen. Ihre Wände trugen Schnüre von Perlen sowie von Blumen, die aus Edelsteinen gebildet waren. In der Mitte stand ein Thron aus Elfenbein, mit einer Sonne aus Gold und einem Mond aus Silber; darüber strahlte der weisse Baldachin des Kaisers (Chatta).

Aber schon nach 21 Jahren (140 v. Chr.) büsste der Palast seine beiden obersten Stockwerke ein, später (182 n. Chr.) noch zwei weitere; wurde dann von dem „abtrünnigen“ Maha Sen (301 n. Chr.) völlig zerstört, jedoch wieder aufgebaut und zum letzten Mal wieder hergestellt gegen Ende des 12. Jahrhunderts n. Chr.

Von jedem der fremden Eroberer wurde das reiche Kloster geplündert. Jetzt ist nur noch ein Wald von Steinsäulen übrig geblieben, die einen recht traurigen Eindruck machen, um so mehr, als sie nur ganz roh behauen sind. Einige zeigen sogar die Marken der Keile,[416] mit denen sie aus dem Felsen gebrochen worden. Offenbar hatten sie, als der Palast aufrecht stand, einen Ueberzug von Stuck aus Muschelkalk (chunnam) getragen.

Mitten im Walde, in bedeutender Entfernung von den eben beschriebenen Ruinen, zeigt der Führer einen Königspalast, ferner einen sogenannten Elephanten-Stall mit mächtigen Säulen, einen granitnen Elephanten-Trog,[417] der wie ein steinernes Boot aussieht und die ansehnliche Länge von 62 Fuss, bei einer innern Breite von 4 Fuss besitzt, und Pfeilerhallen, die nach dem Führer Gerichtsstätten, nach Fergusson aber die zu den Dagoba gehörigen, von Fa Hian beschriebenen +Predigthallen+ darstellen.

Recht geschmackvoll sind die Treppen, die zu den Palästen und Hallen empor leiten. Vorn liegt der Mondstein, dann folgt ein halbes Dutzend Treppenstufen mit schönem Profil; an der Vorderfläche jeder Stufe ist in der Mitte eine Zwergfigur ausgemeisselt und dadurch die Fläche in zwei Panele getheilt; mitunter findet sich auch noch an jedem Ende der Stufe eine solche Zwergfigur; die geschweiften Treppenwangen sind mit Löwen in erhabener Arbeit geschmückt.

Die +dritte Sehenswürdigkeit+ von Anuradhapura sind die +Wasserbauten+. Die schönsten Teiche heissen beim Volke das Bad des Prinzen und der Prinzessin. Sie sind vollkommen mit Steinblöcken ausgemauert und mit zierlichen Treppen versehen.

Ein Teich, weit grösser als der Müggelsee, mit +aufgemauertem+ Damm, was deutlich zu erkennen ist, liegt ausserhalb des Ortes und heisst beim Volk und beim Führer der +See der Riesen+.[418] Er wurde in alter Zeit künstlich angelegt und diente zur Wasserversorgung der Hauptstadt. Jetzt ist er wieder in Ordnung gebracht, mit einer Schleuse versehen und die Quelle der Fruchtbarkeit des ganzen Landstrichs.

Tennent beschreibt uns, an dem Beispiel des Sees von Horrabora, nach eigner Anschauung, wie die alten Singhalesen solch einen künstlichen See schufen. Ein Fluss zwischen zwei Hügeln, die 3 bis 4 englische Meilen von einander entfernt sind, wird abgefangen durch einen Damm, der quer durch das Thal an seiner engsten Stelle geführt wird. So entsteht ein See, der 10 englische Meilen lang und 3 bis 4 englische Meilen breit ist, also, um unser Mass zu Grunde zu legen, über 90 Quadratkilometer Flächenausdehnung besitzt. Der Damm ist 60 Fuss hoch und an der Grundfläche 200 Fuss dick. Zwei mächtige Felsenmassen, die gerade günstig lagen, wurden in den Damm mit eingeschlossen und die Wasser-Auslässe (50 Fuss hoch, unten 4 Fuss, oben 20 Fuss breit) durch den Felsen gehauen und mit Schleusen versehen. Kein andres Volk der Erde, vielleicht[419] mit Ausnahme der alten Aegypter, hat künstlich so grosse Seen geschaffen.

König Dutugaimunu, der die Ruanwelle-Dagoba und den Bronze-Palast erbaut und die erstere als sein grösstes Werk rühmt, dürfte durch die Teiche und Bewässerungsanlagen, die er in Kalawewa und Yodi-ela geschaffen, ein weit grösseres Anrecht auf Nachruhm sich erworben haben. König Pakrama Bahu, der Erneuerer des Reiches (1155 n. Chr.), hat nicht weniger als 1470 Teiche hergestellt, darunter 3 grössere Seen, und 534 Canäle angelegt, ausserdem viele der älteren Wasserwerke, die verfallen waren, wieder erneuert.

Die Aufgabe, die zum Theil verfallenen und sogar mit riesigen Feigenbäumen bewachsenen Dämme wieder herzustellen, die alten Teiche wieder auszubessern und zu erneuern, um dem Oedland die frühere Fruchtbarkeit wiederzugeben, hat der verdienstvolle Major (damals Lieutnant) Skinner und später Emmerson Tennent der Regierung gestellt, und diese hat ihre Aufgabe begriffen und rüstig ausgeführt.

So ist die Nord-Centralprovinz neu geschaffen. Teiche von 4000 und 6000 Acres (= 1600, bezw. 2400 ha) bewässern unabsehbare Reisfelder und an hundert Palmengärten in der Gegend von Anuradhapura.

Aber die +allergrösste Merkwürdigkeit+ von Anuradhapura, wenigstens nach Ansicht der Eingeborenen, ist der +heilige Feigenbaum+. Sein Name lautet: Jaga Sri Maha Bodin Wohanse, „der siegreiche, erlauchte, höchste Herr, der heilige Bo-Baum“.

Im Jahre 288 v. Chr. wurde ein Schössling desjenigen Feigenbaums, unter dem Gautama-Shaka Buddhaschaft empfing, nach Ceylon gebracht und vom König hier in Anuradhapura eingepflanzt und von einer ununterbrochenen Reihe frommer Wächter[420] gepflegt, worüber die singhalesischen Jahrbücher ganz genau berichten. Somit ist dies der älteste geschichtliche Baum der Welt.

Die Verehrung, welche von den Buddhisten diesem Baume gezollt wird, ist grenzenlos. Könige haben ihm Vermächtnisse hinterlassen. Kein schneidendes Werkzeug darf ihn berühren. Die (herzförmigen, langspitzigen) Blätter, welche von selber abgefallen sind, werden als Schätze von den Pilgern mit heimgenommen. Fa Hian fand im 5. Jahrhundert n. Chr. dieselbe Verehrung vor, deren Zeugen wir am heutigen Tage sind. Der Verfasser des Mahawanso (459-478 n. Chr.) schliesst seine Beschreibung mit den Worten: „So hat der Fürst der Wälder, begabt mit Wunderkraft, gestanden für Menschenalter in dem prachtvollen Maha-mejo-Garten von Lanka, fördernd die geistige Wohlfahrt der Einwohner und die Ausbreitung der wahren Religion.“ Kein fremder Eroberer hat es gewagt, diesen Baum zu schädigen. Man steigt einige Stufen empor und findet innerhalb einer quadratischen Mauer (Maha Vihara) die aus dem Boden emporstrebenden und sich verzweigenden Aeste mit den zahllosen, bei jedem leisesten Luftzug sich bewegenden Blättern; der eigentliche Stamm ist durch aufgeschüttete Erde verdeckt.

In der Nähe sind Priester-Wohnungen.

Seit dem Anfang unseres Jahrhunderts hat die selbständige Geschichte der Singhalesen aufgehört. Materiell befindet sich das Volk besser unter der englischen Regierung, wenigstens nach Ansicht der Engländer.

Aber wer die sanften, dunkelgelben Singhalesen mit dem halbrunden Schildpattkamm im langen, schwarzen Haar nur in Europa gesehen, wo sie zur Schaustellung Zebu-Ochsen und gelegentlich einen Arbeits-Elephanten vorführen; oder wer nur auf der langen Fahrt nach dem östlichen Asien oder gar nach Australien in dem Hafen von Colombo für ein paar Stunden verweilte und die gewandten Führer und unermüdlichen Händler mit zweifelhaften Schmuckgegenständen kennen gelernt: der kann sich kaum vorstellen, dass auch dieses Volk eine +mehrtausendjährige+ Geschichte besitzt.

Der edle Wijayo, ein Arier aus dem Ganges-Land, hat 543 v. Chr. das Königreich gegründet, den Ackerbau und die künstliche Bewässerung gelehrt. Der fromme Devenipiatissa (307 v. Chr.) hat das Land zur zweiten Heimath der Buddha-Lehre gemacht, so dass noch heute, nach mehr denn 2000 Jahren, von den 340 Millionen Buddhisten diejenigen, welche einen weiteren Blick besitzen, Ceylon als Stätte der Wiedergeburt ihrer heiligen Lehren betrachten. Der ritterliche Dutugaimunu (140 v. Chr.) hat Elala, den tapfern Kronräuber aus Tamil-Stamm, im Einzelkampf gefällt. Prakrama Bahu hat 1153 n. Chr. das zerfallene Reich wieder vereinigt, sich zum alleinigen König von Lanka gekrönt, die alte Religion und die künstliche Bewässerung erneut und seine siegreichen Waffen nach dem Festland von Vorder- wie Hinterindien getragen.

Aber die neue Blüthezeit dauerte nicht lange. Des Reiches Verderben waren die Priester, wie in Aegypten. Vor den Tamilen mussten die Singhalesen nach Süden zurückweichen. Nachdem Anuradhapura schon im 8. Jahrhundert n. Chr. unhaltbar geworden, musste 1235 n. Chr. auch die neue Hauptstadt Pollanarua aufgegeben, und der Sitz der Regierung nach der Gegend von Kandy und von Colombo zurückverlegt werden. 1410 n. Chr. eroberten sogar die Chinesen, deren Gesandtschaft beleidigt worden war, die Hauptstadt und erzwangen Tributzahlung, bis 1448. 1552 landeten in Colombo die Portugiesen, die nach der einheimischen Chronik Rajaveli, „weisse Steine“ (d. i. Brot) essen und „Blut“ (d. i. Rothwein) trinken und Röhren besitzen, die unter Donner ein meilenweit entferntes Marmorschloss zerstören. 1638 bis 1658 wurden sie von den Holländern vertrieben. Diesen folgten die Engländer, welche 1815 Kandy eroberten und der Selbständigkeit des Landes ein Ende bereiteten.

* * * * *

Unter strömendem Regen, gegen welchen der Wagen und mein Regenrock nur geringen Schutz boten, fuhr ich Freitag, den 18. November, Morgens 8 Uhr, wieder zurück, von Anuradhapura. Mittags in Dambulla war etwas besseres Wetter; ich wurde wieder trocken. Leider konnte ich den Postillon nicht zu längerem Aufenthalt bewegen, so dass ich die +Felsentempel bei Dambulla+ nicht zu sehen bekam. Abends gewährte der bläuliche Glanz der +Leuchtkäfer+, die zu Tausenden um die feuchten Gräser schwärmten, ein wunderbares Schauspiel, bis wieder strömender Regen einsetzte. Im Rasthaus zu Matale fand ich gute Aufnahme und Verpflegung, da ich bereits Mittags meine Ankunft telegraphisch angemeldet.[421]

Jetzt übte ich alte, fast vergessene Künste, liess heisses Wasser, Zucker und Cognak bringen und bereitete mir einen steifen und heissen Grog. Danach schlief ich vorzüglich, fuhr am nächsten Tag mit der Eisenbahn nach Kandy, nahm mein Gepäck aus der Kammer und setzte die Fahrt nach Colombo fort.

Im Oriental Hotel traf ich alte Bekannte vom Brindisi und sogar von der Empress, machte durch ihre Vermittelung neue Bekanntschaften, z. B. die eines holländischen Kaufmanns aus Sumatra, der ganz besonders deutschfreundlich war und das Heil seines Vaterlandes sowie der Colonien nur im engsten Anschluss an Deutschland sah; und brachte nicht bloss den englischen Sonntag (20. November), sondern auch die folgenden beiden Tage mit Ausflügen und Spaziergängen zu, die in Colombo stets lohnend sind. Dazu kamen kleine Einkäufe, Packen, Verabschieden vom Consul, Kauf der Fahrkarte nach Calcutta. (Preis 9 Pfund Sterling). Mit dem Verhalten der P. & O.-Gesellschaft konnte ich wieder nicht zufrieden sein; es war mir unmöglich, eine feste Cajüt-Nummer zu erhalten, selbst als das Schiff „Shannon“ schon im Hafen lag. Die Engländer, welche irgend eine Empfehlungskarte vorzeigten und dabei noch dazu als Beamte oder Missionäre Preisermässigung hatten, wurden in dieser Hinsicht bevorzugt.

Mit meinen 300 Rupien in ceylonischem Regierungs-Papiergeld war ich gerade ausgekommen, so dass ich nicht nöthig hatte, sie in Calcutta-Papiergeld umzusetzen. Denn die Verwaltung der Kroncolonie Ceylon ist ganz getrennt von der des Kaiserreichs Indien; Papiergeld und kleine Münzen von Ceylon gelten nicht in Indien, nur die Silber-Rupie wird in beiden genommen.

Am Mittwoch, den 23. November, sagte ich der schönen Insel mein letztes +Lebewohl+, denn auf ein Wiedersehen ist nicht zu rechnen.

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