IV. Japan
Wer eine +derartige+ Reise unternommen (nicht in der Absicht, silberne Theelöffel aus den fremden Städten, sondern +Belehrung+ heimzubringen,) wird immer gut thun, sich einigermassen +vorzubereiten+,[78] damit in dem schnellen Wechsel der vorüberziehenden Bilder nicht das Wesentliche seinem Blick entgehe. +Manches+ meinen wir ja zu +wissen+; wir glauben z. B. das +Aussehen+ der Japaner zu +kennen+. Jeder von uns hat eine ganze Anzahl von ihnen gesehen, die zum Studium irgend eines Faches die weite Reise nach Europa unternommen haben und in europäischer Kleidung würdevoll einherschreiten. Aber wie +oberflächlich+ unsere Kenntniss der Japaner bleibt, lernt man erst in +ihrem+ Lande kennen.
Die +Japaner+ selber hielten sich für Ureinwohner eigner Rasse. Die europäischen Forscher erklären sie für eine +mongolische+ Bevölkerung, welche aus der Tatarei über +Korea+[79] auf die Inseln vorgedrungen sei und mit den unterworfenen Ureinwohnern, den mongoloïden Aïno’s, sich vermischt habe, +vielleicht+ auch mit einigen vom Süden her eingewanderten Malayen. Ihre Sprache gehört zu der (agglutinirenden) turanischen oder tatarischen Sprachfamilie.
Die Schriftzeichen haben sie von den Chinesen übernommen, aber auch eigne dazu erfunden.
Die Japaner haben gelbliche Hautfarbe, schlichtes schwarzes Haar, sparsamen Bart, breite hervorragende Backenknochen, eine flache Nase und schmale, etwas schräg stehende Lidspalten. Der japanische Mann ist etwa so gross wie die europäische Frau (im Mittelmass 150 Centimeter); die japanische Frau entsprechend kleiner.
Sie ist in +Wirklichkeit+ schöner, als das sattsam bekannte +Ideal+ der japanischen +Maler+ mit dem ovalen Gesicht, den übertrieben schräg liegenden Schlitzaugen, der feinen Adlernase und dem ganz kleinen Rosenmündchen.
Zuverlässiger, als der Pinsel des voreingenommenen Malers, zeichnet der Sonnenstrahl. Anbei folgt die Wiedergabe des höchst gelungenen, getuschten Lichtbildes[80] einer jungen Japanerin, das ich in +Kobe+ gekauft habe.
Ich bemerke, dass die Schönheit der +jungen Mädchen+ von den Japanern mehr gepriesen wird, als die der Frauen, welche rasch altern. Der Europäer muss, wie man sagt, 12 +Monate+ im Lande verweilen, bis er vollständig an die schlitzäugige Schönheit sich gewöhnt hat. Aber +hässlich+ wird +Niemand+ sie finden.[81] Die zierliche Gestalt, die kleinen Hände und Füsse, die zarte Haut, die munteren, lustigen Augen, das feine Ohr, welches durch keinen Ring entstellt wird, das reiche rabenschwarze Haar, dessen künstlich aufgebauschte Anordnung[82] ihrem Gesichtchen ganz vortrefflich steht, das lebhaft gefärbte schlafrockähnliche Gewand (kimono) mit dem breiten Brustgürtel (obi), -- alles dies vereinigt sich zu einem ebenmässigen Ganzen, das auf den Beschauer einen +gefälligen+ Eindruck macht, trotz der hölzernen Stöckelschuhe. (+Geta+, aus einem Brettchen mit zwei unteren Querleisten.) Hoffentlich misslingt der Plan der Kaiserin von Japan, bei den Frauen ihres Landes die kleidsame, heimische Tracht durch die europäische zu verdrängen.
Und die japanischen +Männer+ sehen in dem weiten und weitärmeligen, etwas kürzeren Obergewand (kimono) aus zartgetöntem Seidenstoff mit dem von irgend einer Blume oder einem anderen Pflanzentheil entlehnten Familienwappen,[83] den sehr weiten Hosen (Hakawa), welche +über+ dem Kimono mit einem Gürtel befestigt werden und dem gleichfalls wappengeschmückten seidnen Obergewand (kamischimo oder rei-fuku), auch wenn sie Holzsandalen an den (mit blendend weissen Strümpfen gezierten) Füssen tragen, weit staatlicher aus, als in unserem Frack mit Klapphut und mit weisser Halsbinde. Die folgende Figur ist die Wiedergabe eines Lichtbildes, welches der zu meinem Empfang gewählte Ausschuss der Augenärzte zu Tokio für mich anfertigen liess. Es ist weit besser gelungen, als +Rein’s+ Bild japanischer Typen (I, 454) und stellt jedenfalls die +neueste+ Mode der Hauptstadt dar. Die Herren hatten in richtigem Tact ihre Volkstracht angelegt. Wie man sieht, gehört dazu keine Kopfbedeckung.[84] In der +Provinz+ hatten die Aerzte bei ähnlicher Gelegenheit, um mich zu ehren, +europäische+ Kleidung angezogen. Dies Bild scheint mir weit weniger gelungen.
Von der +Geschichte der Japaner+ weiss der gebildete Europäer gewöhnlichen Schlages ganz erstaunlich wenig, da Ostasien bei uns eben nicht zur Weltgeschichte gehört, und auch von den gelehrtesten Geschichtsforschern, wie von +Ranke+, nicht dazu gerechnet wird. Das ist eine +Thatsache+. Die +Redensarten+, dass wir Japans Geschichte nicht brauchen, dass die Japaner uns niemals beeinflusst haben, dass die mongolischen Völker überhaupt nicht eine solche organische Entwicklung aufzuweisen haben, wie die Arier, sind eben -- Redensarten.
Wenn das +Bestreben+ des Gebildeten dahin geht, +alles Geschehene zu begreifen+; so können wir ein grosses Volk Asiens, das an Kunst und guter Sitte den besten gleichkommt und viele in Europa übertrifft, nicht einfach von unserer Betrachtung ausschliessen. Machen wir das kleine Europa zum alleinigen Mittelpunkt, so sind wir ganz ebenso einseitig wie +Plato+ es zu seinem Bedauern gewesen, da er die kleine Erde als Mittelpunkt des Weltalls beschrieben.
Es ist vollkommen unrichtig, dass bisher vom japanischen Können uns nichts zu Gute gekommen. Man betrachte die Leistungen unserer Kunstgewerbe und unsern Zimmerschmuck. In Zukunft werden wir vielleicht noch Manches von +ihnen+ lernen, die jetzt -- unsere wissensdurstigsten Schüler darstellen.
Dass die mongolischen Völker starr wie Stein wären und keine Entwicklung zeigten, bestreiten die Kenner ihrer Literatur, wie +von der Gabelentz+; bestreitet jeder, dem es vergönnt war, den Boden von Ostasien zu betreten und mit offenen Augen um sich zu schauen. Japan vollends hat in unseren Tagen, so schnell, wie kein anderes Volk in der uns bekannten Geschichte, gewissermassen in einem einzigen kühnen Sprunge, den Uebergang von einem mittelalterlichen Feudalsystem zu einer ganz modernen Staatsverfassung vollzogen. Und dieses Volk sollte vorher +gar keine Entwicklung+ gehabt haben? Hüten wir uns, Dinge zu leugnen, weil wir sie nicht kennen.
Die +japanische Geschichte+ reicht nicht zurück über das 6. Jahrhundert unserer Zeitrechnung; erst seit dieser Zeit erhielt Japan die Schrift; das älteste japanische Buch, welches bis auf unsere Tage gekommen, eine Geschichtsaufzeichnung (Kojiki), ist vom Jahre 712, der älteste Buchdruck vom Jahre 770 n. Chr.
+Alles Frühere ist Mythe.+ Wir übergehen die japanischen Sagen von der +Weltschöpfung+ und von dem +göttlichen Zeitalter+, in dem Götter über Japan herrschten.
Der erste menschliche Kaiser (+Mikado+),[85] +Jim-mu-Tenno+, ein Abkömmling der Sonnengöttin (+Amaterasu+) soll 600 v. Chr. gelebt haben. Ein Spross seiner Familie sei der heutige Herrscher. (Die Japaner zählen 121 Mikados und 9 Kaiserinnen in 2½ Jahrtausenden; dass die Herrscherfamilie nicht ausgestorben, erklärt sich aus der Einrichtung der Nebenfrauen.) Um 200 n. Chr. soll Korea von der Kaiserin Jingō erobert sein.
1. Sicher ist, dass der +Buddhismus+ um die Mitte des 6. Jahrhunderts n. Chr. von Korea aus nach Japan kam, und danach chinesische Schrift und Einrichtungen angenommen wurden. Der göttlich verehrte Mikado, der Schützer des alten Ahnendienstes (+Shinto+), lebte, dem Volke unsichtbar, zu Kyoto.
2. Nach langen Kämpfen zwischen zwei eifersüchtigen Clans wurde 1192 n. Chr. +Yoritomo+ zum Hausmeier (+Shogun+)[86] oder weltlichen Herrscher ernannt. 1274-1281 wurden die Einfälle der Mongolen zurückgeschlagen, ihre Heere und Flotten vernichtet. 1542 landeten die Portugiesen, 1587 begann ihre Austreibung.
3. 1603 kam die kraftvolle +Tokugawa+-Familie, die den Buddhismus förderte, zum Shogunat und regierte bis 1868. Die drei ersten Herrscher waren +Jeyasu+, der grösste Mann der japanischen Geschichte, † 1616; Hidetada, † 1682; Jemitsu, † 1651. +Von 1614 bis 1854 war Japan den Fremden verschlossen.+ (Nur die +Holländer+ durften in Nagasaki eine Handelsfactorei halten.) Ackerbau und Kunst standen in hoher Blüthe. Es herrschte eine +Feudalverfassung+ mit Fürsten (+Daimio+)[87] und Rittern (+Samurai+)[88]. Zum gewöhnlichen Volk (+heimin+) gehörten alle, ausser Fürstendienern und Priestern, nämlich 1. Ackerbauer, 2. Handwerker, 3. Kaufleute. (Gerber und Todtengräber galten als Unreine, +Eta+.)
4. Im Anschluss an die (durch die Flotte des amerikanischen Commodore Perry 1854 erzwungenen) Verträge mit amerikanischen und europäischen Staaten kam es zu einer +Revolution+, aus welcher der +Mikado+ 1868 siegreich hervorging.
Das Feudalsystem wurde abgeschafft, das Tragen der Schwerter verboten, neue Gesetze eingeführt und 1889 eine +Verfassung+ mit Volksvertretung, nach preussischem Muster, gegeben.
Es besteht vollkommene +Religionsfreiheit+, doch wird neuerdings Shinto wieder mehr begünstigt.
Und wie steht es mit der +Religion+? Das wird sofort so mancher +Europäer+ fragen. Aber der +gebildete Japaner+ wird lächelnd erwiedern: „Wir haben gar keine Religion, Shinto ist eine Art von Patriotismus, die Buddha-Lehre eine Philosophie. -- Geh’ aufs Land. Der Japaner besucht bei Lebzeiten den Shintotempel und wird nach seinem Tode vom Buddha-Priester bestattet.“
Und die europäischen Kenner[89] stimmen vollkommen bei. Shinto hat keine Glaubenslehre, kein heiliges Buch. Japanische Schriftsteller unserer Tage behaupten, dass ihr Volk, vermöge seiner angebornen Gutart, ein solches Sittengesetz gar nicht brauche, wie die Chinesen und Europäer; und dass die letzteren wohl eine vortreffliche Bibel besässen, aber ihr Leben nicht danach einrichteten.
+Drei Zeitabschnitte sind bezüglich des Shinto zu unterscheiden.+
In dem ersten, von unbekanntem Uranfang bis etwa 550 Jahre n. Chr., hatten die Japaner keinen Begriff davon, dass Religion eine besondere Einrichtung sei. Sie verehrten die Götter, d. h. die abgeschiedenen Vorfahren des lebenden göttlichen Herrschers (Mikado); beteten auch zu dem Gott des Windes, des Feuers, der Nahrung u. A. Priester (Kannushi) thaten den Dienst, jeder in seinem Tempel, für den örtlichen Gott: aber sie predigten nicht dem Volke. Eine jungfräuliche Tochter des Mikado waltete im heiligen Hain zu +Ise+ über den Spiegel, das Schwert und den Edelstein, welche ihr Vater von seiner erhabenen Urahnin, der Sonnengöttin +Amaterasu+, geerbt. Shinto bestand aus Gebräuchen, die eben so viel politische wie religiöse Bedeutung besassen.
Die buddhistischen Priester, welche in der Mitte des 6. Jahrhunderts n. Chr. von Korea nach Japan vordrangen, waren staatsmännisch genug, die volksthümlichen Shintogötter, als Verkörperungen früherer Buddha’s, in ihren Himmel mit aufzunehmen. Sie schufen erst den Namen +Shin-to+. (+Shin+, Geist und +dô+, Lehre -- chinesisch. Auf japanisch heisst der Geist +Kami+, daher der Name +Kami-Lehre+.) Die buddhistischen Priester verwalteten auch die meisten Shintotempel. Es entstand seit dem Mikado Saga-Tennô (810-823 n. Chr.) die +Mischreligion Riyobu-Shinto+, d. h. beiderlei Götterlehre.
Die +Neugestaltung+, Läuterung und Wiederbelebung begann 1700 n. Chr. und ist 1868 mit der Wiedereinsetzung des Mikado, des Shinto-Hort’s, zum Siege gelangt. Die alten volksthümlichen Sagen und Gedichte wurden wieder hervorgesucht, die Lehren des Buddha und Confucius wegen ihres fremden Ursprungs verworfen. So begann in unseren Tagen die „+Reinigung+“ der Shintotempel von buddhistischen Götterbildern, wodurch allerdings (ebenso wie von den europäischen Bilderzerbrechern und -Stürmern und Puritanern) so manches Kunstwerk für immer vernichtet wurde. Die Buddhapriester, so duldsam sie auch im Allgemeinen sind, haben es in diesem Kampf mitunter vorgezogen, das Heiligthum durch Feuer lieber der Nirwana, als unversehrt den Shinto-Priestern zu übergeben.
Ich fand die Stätten der Shintotempel gedrängt voll von der fröhlichen Menge, die meisten Buddhatempel aber leer.
Der Shintotempel (Miya = verehrungswürdiges Haus) ist gekennzeichnet durch die seltsamen Thore, aus zwei senkrechten und zwei queren Balken, von denen der obere an den beiden Enden ein wenig nach aufwärts gekrümmt ist. (Torij = Vogelruhe.) Darauf folgt ein gepflasterter Zugang und das einfache Haus, aus dem Holze des heiligen Hinoki-Baumes (Chamaecyparis) verfertigt, mit alterthümlichem, aus der Rinde desselben Baumes hergestelltem Dach, im Innern vollkommen schmucklos und leer von Götterbildern. Auf einem einfachen Altartisch liegt ein runder Metallspiegel als Sinnbild der Sonne; daneben hängen einige weisse Papierstreifen (Gôhei = Kaiserliches Geschenk,)[90] +angeblich+ Sinnbilder der Kleider, die man früher opferte; auch ein Edelstein oder Bergcrystall als Sinnbild der Reinheit des Kami; endlich zwei Vasen mit Zweigen des immergrünen Sakaki-Baumes (Cleyera japonica). Das Shinto-Gebet beginnt mit den Worten: O Kami, der du thronest im hohen Himmelsfelde.
Der +Buddhismus+ beherrscht den Osten von Asien, wie der Mohammedanismus den Westen, und zählt angeblich 500 Millionen Bekenner, d. i. +ein Drittel der Erdbevölkerung+.
Im 7. Jahrhundert v. Chr. verliess der junge Königssohn +Siddhârta+ seinen Palast in Kapilavastu, dem heutigen Behar, südlich von Patna, in der Gangesebene; verliess sein Weib und Kind, und zog in die Einsamkeit. Unter dem heiligen +Bo+ oder Bohi-Baum (Ficus religiosa) widerstand er dem Teufel (Mara) und wurde +Buddha+ (ein Heiliger), +Çakyamuni+[91] +Gautama Buddha+. Im gelben Gewand, geschorenen Hauptes, seinen Lebensunterhalt bettelnd, zieht er von Ort zu Ort und verkündet seine neue Lehre. Ihre Grundzüge sind (nach +Eitel+ und +Rein+): 1. Atheïsmus, Vergötterung von Menschen und Ideen. 2. Die Lehre von der Seelenwanderung, welche das Kasten-Wesen beseitigt. 3. Erlösung durch eigne Kraft und Uebergang in +Nirwana+, wo die Seele das Bewusstsein ihrer Existenz verliert. „Wie der Thautropfen verschwindet in der leuchtenden See, so lösen sich die Heiligen in Nirwana auf.“
Nach den fünf +Hauptgeboten+ darf der Buddhist nicht tödten ein lebendes Wesen, nicht stehlen, nicht der Unzucht fröhnen, nicht lügen, kein geistiges Getränk zu sich nehmen. So steigt er empor in der Seelenwanderung zu immer höheren Stufen.
+Der Buddhismus hat Japan seine Cultur gebracht. Aber er ist allmählich zu einem groben Götzendienst entartet.+ Neben den sieben Glücksgöttern (der des Reichthums, Daikoku, ein feister Mann auf einem Reis-Sack, ist auf dem neuen japanischen Papiergeld sehr hübsch dargestellt,) und den sechs Nothhelfern sowie dem „+Dorfarzt+“ Binzuru, dessen sitzende Holzbildsäule der Leidende an der Stelle reibt, wo er selber Schmerz empfindet, ist besonders beliebt die Göttin der Gnade (+Kannón+) und die +Buddha’s+, die in Milde und Seelenruhe auf den Blättern einer ausgebreiteten Lotosblume ruhen, des Sinnbildes der aus dem Schlamm sich emporringenden Reinheit.
Hochberühmt sind die +grossen Buddha’s+ (Dai-buts) von Kamakura bei Yokohama, von Nara und Kyoto.
Der Buddhatempel in Japan (+tera+) liegt gewöhnlich in einem Hain. Verschiedene Thore (+mon+), von fratzenhaften Wächtern („Königen“) und Thieren bewacht, führen zu Höfen, die mit hohen Bäumen, Steinlaternen, Bibliotheken, Schatzhäusern geschmückt sind, bis man das prachtvoll geschnitzte Tempelhaus erreicht, das im Innern von Gold und farbigem Lack strahlt. Ein grosser goldiger Buddha thront auf einem Altar. Mit den immergrünen Zweigen des heiligen Baumes +Skimmi+ (Stern-Anis, Illicium religiosum) füllt man die Vasen. Der Gottesdienst ist manchem europäischen nicht unähnlich.
Das Gebet der Buddhisten beginnt mit den indischen Worten: Namu amida Butsu, Heil dem Lichtglanz Buddha. In +einem+ Punkt sind Shinto- und Buddhatempel gleich: Vor dem Eingang steht ein grosser Kasten, eine Riesen-Sparbüchse, wo hinein der Beter sein Scherflein wirft.[92]
Der weise +Koshi+[93] (Khung futse), der im 6. Jahrhundert v. Chr. in China lebte, hat die Beziehungen des Menschen zur Gottheit und die Unsterblichkeit der Seele nicht erörtert, sondern nur die Tugenden das Bürgers. Obenan steht die Liebe zu den Eltern, dann folgt Gattentreue, Gehorsam gegen die Staatsgesetze. Die fünf menschlichen Beziehungen (Go-rin): zwischen Vater und Sohn, Herrn und Diener, Mann und Frau, zwischen Freunden und Geschwistern hat Jeyasu aus der Sittenlehre des +Koshi+ in seine Gesetzgebung übernommen. Danach gestaltete der Samurai sein Ideal von Pflicht und Ehre. Noch in unseren Tagen stellte der aus der chinesischen Schule hervorgegangene Leibarzt des Mikado +Asada Shokaku+ den folgenden Grundsatz auf: +„Koshi bildet den Charakter, Shokanron[94] erhält das Leben.“+
Ueber die +Geographie+ genügen wenige Worte[95]. Japan ist das östlichste Land Asiens und erstreckt sich vom 23° bis 51° nördl. Br. und vom 123° bis 156° östl. Länge. In dem weiten Ring thätiger und erloschener Vulcane, welcher den stillen Ocean umschliesst, bildet es mit seinen vier grossen Inseln und einer beträchtlichen Zahl kleinerer ein 450 Meilen langes Glied, am welchem die Wogen des Weltmeeres gefährlich branden und woran Erdbeben häufig in beängstigender Weise rütteln. Auf 382000 qkm wohnen 40 Millionen. (105 auf 1 qkm, gegen 91 in Deutschland, das 540000 qkm und gegen 50 Millionen Einwohner zählt.) Die Bevölkerungszunahme in Japan ist beträchtlich. (0,9 Prozent jährlich, in Deutschland 1,14 Prozent von 1875 bis 1880.)
Die Hauptinsel heisst +Hondo+, bei uns +Nippon+, die beiden südlichen Inseln +Kiushiu+ (Neunland) und +Shikoku+ (Vierland). Die nördliche Insel +Yezo+ ist sehr schwach bevölkert (3 auf 1 qkm) und wird von Vergnügungsreisenden nur sehr selten besucht. Dazu kommen noch die Kurilen und die Riu-kiu Inseln.
Als +Marco Polo+ den staunenden Europäern von der goldreichen Insel +Zipangu+ im fernen Osten erzählte -- die zu erreichen, zu plündern, zu bekehren auch später Columbus ausfuhr, -- hat er die chinesische Bezeichnung des Landes wiedergegeben: Ji-pōn-kwo, Sonnen-Aufgang-Land. Die +Japaner+ nannten ihr Land zuerst +Yamato+, nach einer mittleren Provinz der Hauptinsel, oder das grosse glückliche Land u. dgl.; erst seit 670 n. Chr. +Nihon+ oder +Nippon+, von Nitsu, Sonne, und hon, Aufgang. Daraus haben die Portugiesen und Holländer die verdorbene Benennung Japón, Japán abgeleitet. Die Japaner nannten ihr Land auch +früher+, als sie von den andern Ländern noch keine ordentliche Kenntniss hatten, +Dai-Nippon+, das grosse Nippon; doch haben sie, klüger als andere Völker, das Beiwort wieder aufgegeben.
So vorbereitet, setzte ich meinen Fuss auf den Boden der Insel, welche „den Fichtenbaum mit der Palme vermählt hat,“[96] -- aber ich fand Alles anders, als ich erwartet, und wurde durch die Eigenart von Land und Leuten auf das freudigste überrascht.
Sehr oft, ja ganz regelmässig bin ich später, nach der Heimkehr, befragt worden, was unterwegs am schönsten gewesen. Diese Fragstellung ist fehlerhaft, daher die Frage nicht zu beantworten. Dinge, die nicht miteinander zu vergleichen sind, müssen für sich betrachtet werden. Die Bauwerke waren am schönsten im Reiche des Grossmogul, der Pflanzenwuchs am grossartigsten auf Ceylon, die Menschen am liebenswürdigsten in Japan.
Allerdings hatte ich besonderes Glück gehabt und, Dank meinen ehemaligen Zuhörern, viel mehr, namentlich von der Sitte und der Kunst des Volkes, zu sehen bekommen, als es sonst dem gewöhnlichen Reisenden beschieden ist.
Der Landungsplatz Yokohama fesselt die Meisten nicht lange, da sie nach der Hauptstadt Tokyo streben.
+Yokohama+ („Querstrand“) war ein unbedeutendes +Fischerdorf+, als Commodore Perry 1854 in der Bucht Anker warf und den Handelsvertrag von der japanischen Regierung erzwang. Der erste Vertragshafen, welcher den Fremden eröffnet wurde, war das Städtchen Kanagawa, etwa 2 km nördlich von dem Fischerdorf. Aber da das Städtchen an dem Tokaīdo lag, der östlichen Uferstrasse des z. Z. noch im Feudalzustand befindlichen Reiches, wo die bewaffneten Züge der Fürsten und Ritter zu leicht Zusammenstösse mit den Fremden herbeiführen konnten; so verlegte man 1858 den Vertragshafen nach +Yokohama+: 1860 wurde hierselbst die Fremdenstadt am Meeresufer nach einer Feuersbrunst wieder neu aufgebaut, 1867 der berühmte Bergrücken (Bluff) mit Landhäusern besiedelt, 1875 die englische Besatzung zurückgezogen, 1887 die Quellwasserleitung eröffnet.
Eine rasch wachsende Japanerstadt (und ein Chinesenviertel) lehnte sich an die europäische „Ansiedlung,“ die durch einen breiten Canal an der Landseite begrenzt wird. Jetzt beträgt die Einwohnerzahl schon 120000.[97] Yokohama ist der wichtigste von den vier +Vertragshäfen+[98] (Y., Kobe, Nagasaki, Hakodate) und hat 1881-1885 an 69 Procent der Ausfuhr, 67,5 Procent der Einfuhr geleistet; dieser Hafen führt aus Japan fast die ganze Seide aus, den grössten Theil des Thee’s und der kunstgewerblichen Erzeugnisse; im Jahre 1887 war der Werth seiner Einfuhr 19, seiner Ausfuhr 21 Millionen Yen (1 Yen = 3 Mark); im Jahre 1889 aber 34, bezw. 41 Millionen[99], woran die +Deutschen mit 15 Procent+ betheiligt waren. Die japanische Regierung hat sofort ihre Aufgabe begriffen und gelöst: eine grossartige Uferstrasse mit Quai aus Granitblöcken, Ladeplätze, Zoll- und Lagerhäuser, Post- und Telegraphen-Anstalten[100] erbaut und brauchbare Beamte angestellt, die unendlich viel besser sind, als die Hindu’s im britischen Ostindien.
In jedem Monat fährt zwei Mal ein grosser Dampfer der englischen P. & O. und einer der franz. M. M. Gesellschaft, einer des norddeutschen Lloyd von Yokohama über Indien nach Europa; zwei Mal je einer nach Vancouver und nach Frisco.
Wenn man die schöne 1½ englische Meilen lange Uferstrasse (Bund)[101] vom Zollhaus bis nach den Bluffs, oder die mit der ersteren gleichlaufende Geschäftsstrasse durchwandert, so wird man durch die Häuser und sonstigen Baulichkeiten nicht an Ostasien erinnert. Auch die Menschen sind meist Europäer, ausser Polizisten, Kuli’s und Wagenziehern.
Mit Vergnügen erblicken wir die Agentur des +norddeutschen+ Lloyd, das Consulat des +deutschen+ Reiches, den +deutschen+ Club. In letzterem nahm ich das Mittagsessen und machte die Bekanntschaft von ausgezeichneten Landsleuten, die hier in Ostasien die vornehmen Ueberlieferungen der alten Hansa fortsetzen. In jedem Hafen, den ich besuchte, in Kobe, Nagasaki, Hongkong, Canton, Singapore, Colombo, Calcutta, Bombay, fand ich zu meiner Freude das gleiche und las in dem englischen Führer (Bradshaw) die +ärgerliche+ Bestätigung: „There are many German in this city.“ In mehreren dieser Städte liegt die Hälfte des Handels in deutschen Händen. +Deutschland ist eine Macht in Ostasien+. Seien wir nur nicht zu bescheiden und zu zimperlich; nehmen wir nur nicht auf die andern, z. B. die Engländer, mehr Rücksicht, als unser Recht und unser Vortheil es zulassen.
Im deutschen +Club+ gab es gutes Essen und gutes Bier, aber auch eine Probe +ostasiatischer Sitten+. Ich erhielt bei Tisch einen Brief von zwei ausgezeichneten japanischen Aerzten, aus Tokyo, ehemaligen Schülern von mir, die im Hotel mich vergeblich aufgesucht und nun fragten, wann und wo sie mich sprechen könnten. Sofort erfuhr ich von meinen Gastgebern, dass kein Japaner in einen europäischen Club eingeführt werden könne.
Es liegt mir fern, diese Satzung abfällig zu beurtheilen, da sie in der jetzigen Uebergangszeit vielleicht eine Nothwendigkeit darstellt; aber die so ritterlich denkenden Japaner müssen das als eine Beleidigung empfinden, für welche sie durch die Gründung eigener Clubs nicht ganz sich entschädigen können. Ich kürzte also mein Mittagsmahl ab und ging zu meinen östlichen Freunden.
Ruhe sollte ich den Abend nicht gleich finden. Erst +bebte die Erde+,[102] aber so schwach, dass ich es kaum gemerkt hätte, wenn ich, der Sohn der erdbebenfreien Mark Brandenburg, nicht schon 1886 zu Pyrgos im Peloponnes die Bekanntschaft dieser merkwürdigen Bewegung der Erdrinde gemacht. Dann kamen japanische Freunde, die wegen übergrosser Höflichkeit erst spät zum Gehen sich entschlossen.
Hierauf schickte mir ein Bekannter vom Schiff ein Buch. Endlich schlüpfte, wie ich beim Packen war, geräuschlos ein Japaner in mein Zimmer. Auf die ärgerliche Frage, was er denn wolle, erwiederte er freundlich: „Ich tätowire“; und war sehr erstaunt, als ich ihm antworte: „Ich auch. Gehen Sie.“ +Er+ hatte +mich+ wohl nicht verstanden. (Das Tätowiren von weissen Flecken des menschlichen Auges gehört zur ärztlichen Kunstübung.) Ich verstand ihn desto besser.
Das Tätowiren der Körperhaut, eine uralte japanische Sitte, von chinesischen Reisenden schon im Beginn unserer Zeitrechnung beschrieben, besonders unter den Tokugawa Shoguns bei den Lanzknechten beliebt, aber auch bei Pferdejungen und Läufern, die ihren ganzen Körper mit schönen Frauen, Drachen, Jagden, Schlachten kunstvoll und farbenprächtig schmücken liessen;[103] aber seit 1868 von der Regierung als eine barbarische Sitte verboten, ist 1881 durch den Prinzen von Wales bei den Globetrottern in Aufnahme gekommen und wird von Hori[104] Chiyo und Hori Yasu kunstvoll geübt -- sogar unter Anwendung des schmerzstillenden Cocaïns!
Am folgenden Tage, Mittwoch, den 14. September, fuhr ich mit der Eisenbahn von Yokohama +nach Tokyo+ (18 englische Meilen = 32,4 km.) in 50 Minuten, mit fünf Halteplätzen.) Es ist dies die +älteste Eisenbahn+ in Japan,[105] sie wurde 1872 eröffnet.
Die Gebäude sind einfach, an den kleineren Halteplätzen aus Holz; aber durch grosse Holzbrücken und Uebergänge über den Bahnkörper wird für Sicherheit der Reisenden gut gesorgt, besser als in den Vereinigten Staaten; der Bau ist sorgfältig, die Bequemlichkeit der Wagen ausreichend, unvergleichlich die Höflichkeit der Beamten. Die am Schalter sprechen etwas englisch. Ein Pförtner in Diensttracht nimmt dem europäischen Gast die Handtasche ab und trägt sie in den Wagen erster Classe; aber das angebotene +Trinkgeld+ weist er kurz und würdig zurück.
Wie in Ostindien, so auch in Japan, haben die Einheimischen rasch mit dem neuen und billigen Beförderungsmittel der Eisenbahn Freundschaft geschlossen. Man erlebt die ergötzlichsten Scenen. Fröhliches Geplapper der Menschen und munteres Geklapper der Holzschuhe kennzeichnen jeden Halteplatz.
+Eilzüge giebt es nicht.+ Die Eisenbahn hält an jedem grösseren Dorf; sie ist eben für die Japaner da, nicht für die wenigen Fremden, welche die Zeit als ein kostbares Gut betrachten.
Von dem ersten Haltepunkt, dem schon erwähnten +Kanagawa+, in dessen seichter Bucht nur wenige Küstenfahrt-Segler verankert liegen, erblickt man das Wahrzeichen Japan’s, den (z. Z. allerdings unthätigen) Feuer-Berg +Fuji+, der bei den japanischen Malern dieselbe Rolle spielt, wie der Vesuv bei den neapolitanischen.
Vom Zuge aus erkennt man auch die alte Hauptstrasse des +Tokaïdo+, mit ihrer doppelten Pinienreihe.
Man sieht die liebliche Landschaft Japans: allenthalben zierliche, kleine Felder verschiedener Art, die Hütten mit Strohdach und Gärtchen, sanfte Hügel, weiter abliegende Berge, Bäche und Flüsse, auch die nicht zu ferne Meeresküste. Bald ist die +Hauptstadt+ erreicht, der Zug rollt in den grossen +Shimbashi-Bahnhof+, der nahe der Mitte der Uferlinie von Tokyo gelegen ist.
Hier harrte meiner die angenehmste +Ueberraschung+. Der ganze Aerzte-Ausschuss war zur Stelle, um mich zu empfangen. Im Wartesaal werden mir diejenigen Herren vorgestellt, die ich noch nicht kenne. Ich werde in einen mit zwei nicht sehr feurigen Pferden bespannten, offenen Wagen gesetzt und ins Hotel gefahren. Vor mir zwei Läufer, welche die kleinen und grossen Kinder vor den (in diesem Lande immerhin seltenen) Wagen-Pferden warnen; hinter mir der ganze Zug im Gänsemarsch, jeder Arzt in dem landesüblichen Wägelchen, das, zur Feier des Tages, mit zwei Mann hinter einander bespannt war. Das +Imperial-Hotel+ ist schön gelegen, in der Mitte der Stadt, und das +beste+, welches ich wenigstens in +Asien+ gefunden: ein sehr stattliches Gebäude mit prachtvollen Speisesälen, Lese- und Billardräumen, grossen, gut ausgestatteten Zimmern und Bädern,[106] electrischer Beleuchtung, guter Verpflegung, aufmerksamer Bedienung. Die ganze Verwaltung wird von Japanern geleitet, die Preise sind mässig:[107] das Hotel hat einen Zuschuss von der Regierung, welche einen Ort braucht, wo Festessen der Gouverneure u. dergl. in europäischem Styl gegeben werden können.
Bei einem guten Glase Bier wurde der Feldzugsplan festgestellt. Hier zeigte sich eine Eigenthümlichkeit der liebenswürdigen Japaner: sie konnten mit der Berathung nicht fertig werden, bis ich, mit meiner frisch gebackenen Weisheit, die „+Odawara-Sitzung+“[108] beendete und ihnen erklärte, dass ich erst die Sehenswürdigkeiten von Tokyo und Nikko betrachten und dann zu den ärztlichen Sitzungen kommen würde, die sie inzwischen genügend vorbereiten könnten.
Meine Freunde waren auch ein wenig unpraktisch, wenigstens nicht reiseerfahren. Auf meinen Tags zuvor in Yokohama ausgesprochenen Wunsch hatten sie mir einen +Führer+ gemiethet, was in den Reisebüchern dringend angerathen wird und ja auch sehr zweckmässig scheint, da man auf der Fahrt von Vancouver nach Yokohama die japanische Sprache nicht zu erlernen vermag.
Sie empfahlen ihn mir als den besten. Es ist ein kleiner, pockennarbiger Herr, der das +Gymnasium+ durchgemacht hat, mehreren von ihnen persönlich bekannt, viel zu würdig für die 2 +Yen+ Tageslohn,[109] die er zu empfangen hat.
Sowie ich ihn aber angenommen, werden sie bedenklich und sagen mir, dass er einen schlechten Charakter besitze. Vielleicht ist er nicht besser und nicht schlechter, als alle anderen. Doch hatte ich nun ein Vorurtheil gegen ihn. Ausserdem sprach er ausnahmsweise nicht englisch, sondern französisch, noch dazu mit schwer verständlicher Aussprache. Für das, was dem Reisenden merkwürdig ist, fehlte ihm, wie den meisten seiner Genossen, der Sinn; ich musste also das -- +englische+ Reisebuch in der Hand halten, +deutsch+ denken, +französisch+ fragen, die französische Antwort in meinem deutschen Hirn mit dem englischen Buch vergleichen. Das hielt ich nur einen Tag aus. Der zweite Führer, den ich danach annahm, wurde mir untreu, da er eine amerikanische Partei von drei Herren gewinnen konnte, die ihm täglich ½ Yen mehr zu zahlen hatte. Der Dritte führte mich zu Miyanoshita nicht, wie ich gewollt, in das vom Reisebuch an erster Stelle empfohlene, gut besuchte Hotel, sondern in ein anderes, wo ausser mir hauptsächlich nur Ratten hausten. Da gab ich die Führer auf und reiste allein durch das Land, übrigens mit voller Sicherheit und vollstem Vertrauen: es giebt kein Land der Erde, wo der Fremde sichrer reist, als in Japan; das liegt in der +Gutartigkeit+ des Volkes und der +mustergiltigen Polizei+.[110]
Allerdings einen +Pass+ muss der Reisende haben, sowie er die sieben offnen oder Vertragsstädte (Yokohama, Kobe, Osaka, Nagasaki, Hakodate, Nijgata und dazu Tokyo) zu verlassen, bezw. ihren Umkreis von 10 ri = 24½ engl. Meilen Halbmesser zu überschreiten beabsichtigt. Die Forderung des Passes wird ernst genommen. Der Europäer[111] erhält ohne japanischen Pass weder eine Eisenbahnfahrkarte noch ein Nachtlager. Der Pass wird nicht für ganz Japan und nicht für längere Zeit bewilligt. Der Reisende macht bei der Gesandtschaft seines Reiches eine Eingabe, worin er Plan und Dauer der Reise andeutet; gewöhnlich verlangt man die Erlaubniss für 13 Provinzen zwischen den Tempeln von Nikko (nördlich von Tokyo) und Nagasaki auf Kiushiu und für drei Monate: die Gesandtschaft erwirkt den Pass von dem auswärtigen Amt des Mikado.
Bereits am Nachmittag des ersten Tages, an dem ich mich auf unsrer Botschaft gemeldet, war mir durch die Liebenswürdigkeit unsrer Beamten mein Pass ins Hotel gesendet worden. Die Plackerei ist also nicht sehr gross. Von den zahlreichen Polizisten, die im Innern des Landes mich ebenso aufmerksam wie würdevoll betrachteten, hat keiner meinen Pass zu sehen verlangt. Sollte dies aber doch der Fall sein, so darf man nicht darauf rechnen, dass der japanische Polizist -- etwa wie mancher türkische Zaptieh -- nicht zu lesen verstände und mit dem Pass eines Andern oder einem beliebigen gestempelten Frachtbrief zufrieden wäre. Im Gegentheil, der passlose Fremde wird ohne Erbarmen nach dem nächsten Vertragshafen befördert.
Unser Landsmann Dr. +Scriba+, Professor der Chirurgie an der Universität Tokyo und Leibarzt des Mikado, hat mir die folgende Pass-Anecdote mitgetheilt. Als am 11. Mai 1891 der russische Thronfolger zu Otsu von einem japanischen Polizisten verwundet worden war, kam eiligst ein Adjutant zu ihm, mit der Aufforderung, sofort mit dem Mikado in einem Sonderzug nach der Unglücksstätte zu fahren. „Aber ich habe keinen Pass,“ wandte er ein. (Auch der im japanischen Staatsdienst stehende Europäer bedarf eines solchen.) „Sie fahren ja mit dem Mikado,“ erwiederte jener. -- „Das nützt mir nichts,“ sagte unser Landsmann, „jeder Polizist kann mich, nach dem Buchstaben des Gesetzes, vor den Augen des Mikado verhaften.“ So erhielt er denn einen Pass, der für Nicht-Diplomaten beispiellos ist und ihn berechtigt, zu jeder Zeit nach jedem Punkt des japanischen Reiches zu reisen. Aber jene Fahrt nach Otsu ist bekanntermassen unterblieben.
Ist der Pass zur Stelle, so braucht man noch zur freien Bewegung +japanisches Geld+. Goldstücke[112] sieht man nur in den Museen, d. h. solche alter Prägung. Die Landesmünze ist seit 1871, wo in Osaka eine Präge-Anstalt unter Leitung eines Engländers eingerichtet worden, der +Silber-Yen+, der genau so gross und so schwer ist wie der mexicanische Dollar, auch eben so viel gilt, nämlich etwa 3 Mark;[113] aber eine bedeutend schönere Prägung aufweist.
Auf der Vorderseite ist ein geschmackvoller Blüthenkranz, oben offen; in der Oeffnung des Mikado’s Wappen, die 16blättrige Chrysanthemum-Blume; in der Mitte die japanische Inschrift, ein Yen. Auf der Rückseite im Mittelfelde ein stylisirter Drache, seltsam verschlungen, aber schöner als Fafner; darum eine japanische Inschrift und „+one Yen+“ in lateinischen Buchstaben.
Der Yen wird in 100 Sen getheilt. Das gangbarste Kleingeld sind Silberstücke von 10 Sen und Nickel zu 5 Sen. Die +Kupfermünzen+[114] kommen kaum in die Hand des Fremden. Nur in den Tempeln sah ich noch gelegentlich auf dem Boden die von den Armen geopferten +alten+ Scheidemünzen aus Kupfer, Bronce oder Eisen, die ein viereckiges Loch besitzen, so dass man sie rollenweise auf einen Faden ziehen kann; träge kehrt der Priester mit dem Besen die Münzen zusammen, von denen ein Paar Tausend erst einen Yen ausmachen. +Papiergeld+ kannte Ostasien schon lange vor Europa, die Japaner schon seit dem 14. Jahrhundert. Jetzt giebt es Scheine zu 1, 5, 10 Yen, mit dem Gott des Reichthums und europäischen Zahlen, also sehr bequem zum Gebrauch. Sie entstammen dem +Dondorf+’schen Geschäft in Frankfurt a. M. Das Papiergeld ist gleichwerthig mit Silber. Die Finanzverhältnisse Japans sind nach Ueberwindung der Uebergangsschwierigkeiten ganz günstig geworden.[115] Mit dem japanischen Geld wird man bald vertraut und giebt es auch gern aus, da die Preise niedrig sind, und der Reisende nicht geprellt oder übervortheilt wird.
Hat man Pass und Geld, so braucht man +Verkehrsmittel+. Diese sind leicht zu haben. Für grössere Reisen dienen Eisenbahn und Dampfschiff. Für kleinere Fahrten in der Stadt und auch über Land dient die +Jin-riki-sha+, d. h. Mann-Kraft-Wagen.[116] Es sind dies ganz leichte, einsitzige, zweirädrige Wägelchen mit beweglichem Lederdach, in deren Gabel der Kutscher sich selber einstellt, die beiden Stangen mit den Händen ergreift und munter forttrabt.
Hier haben wir ein sicheres Beispiel des raschen Fortschritts, auch bei mongolischen Völkern. Vor 1867 gab es nur Sänften in Japan und China für diejenigen, welche weder gehen noch reiten wollten. Jetzt herrscht die Jinrikisha von Tokyo bis Nagasaki, (von da bis Hongkong und Singapore, ja bis Colombo) und bietet den Einheimischen eine gute Ernährungsquelle. In Tokyo allein giebt es 38000 solcher Wagen. Sowie der Wagenmann seine 30 Sen am Tage verdient hat, kann er sich und seine Familie grossartig ernähren. Er lebt gut, isst besser, als mancher aus den Mittelklassen, Fisch zum Reis, gelegentlich auch Fleisch, des Morgens drei rohe Eier. Aber seine +Leistung+ ist +staunenswerth+; kein Europäer, der es nicht ganz besonders geübt hat, kommt ihm gleich. Im Trabe zieht er einen Erwachsenen ein und zwei Stunden, ohne Athemnoth und Ermüdung. Zwei kräftige Leute ziehen auf guten Wegen den Wagen bis 10 deutsche Meilen = 70 km; doch gelten 50 km für ein gutes Tagewerk.[117] Früher trabte der Wagenmann noch bequemer, da er bei gutem Wetter nur das um die Stirn gewundene Kopftuch (oder einen Sonnenhut) sowie einen Schurz, neben seiner Tätowirung, trug; während neuerdings englische Damen so lange über die paradiesische Nacktheit „entrüstet“ waren, bis die allem Europäischen so zugethane Regierung Japans gefällig genug war, durch Verbot der Nacktheit die Einfuhr der Erzeugnisse von Manchester zu heben.
Prof. Bälz hat durch Versuche erwiesen, dass der nackte Körper beim Lauf sich weniger erhitzt, als der bekleidete. Die Wadenmuskulatur solcher Läufer ist so entwickelt, dass sie einem Bildhauer zum Muster dienen und selbst dem farnesischen Hercules die so oft angezweifelte Naturwahrheit wiedergeben könnte.
Unverdrossen patscht der Wagenmann mit seinen nackten Füssen in die Pfützen der ungepflasterten Strassen von Tokyo und dankt höflich nach langer Fahrt für jede 10 oder 20 Sen und für das kleinste Trinkgeld. (Fahrgeld ist 7-15 Sen für das ri = 2½ englische Meilen, etwa 60 Sen für einen halben Tag, 1-1½ Yen für den ganzen Tag.) Aber bewunderungswürdig wird das redende Pferdchen +Gullivan’s+ auf dem Lande, in den Bergen, wo die Strassen so schlecht sind, dass kein Ponny den Wagen befördern könnte. Der Europäer steigt aus, um die Kräfte der Männer zu schonen; aber ihr Ehrgefühl duldet dies nicht lange; mit freundlicher Gebärde laden sie uns bald ein, wieder aufzusteigen.[118]
Kein Reisender trägt Bedenken, Abends spät durch die theilweise ganz dunkle und auf grosse Strecken unbebaute Stadt Tokyo mit dem ersten besten Wagenmann zu fahren; -- in manchen Gegenden von Italien und Constantinopel[119] würde er sich wohl hüten oder es übel bereuen. Uebrigens ist die polizeiliche Ueberwachung sehr gründlich. Jeder Wagen hat seine Nummer und Bezeichnung, jeder Wagenmann trägt Abends die brennende Papierlaterne in der Hand. Oft genug bei Tage wird der Wagen von Polizisten genau gemustert. Die Rüstung des Wagenmanns, Rock, Hosen, Sonnenhut, Laterne, kostet 4 Yen; den Wagen kann er auch gegen Zinszahlung miethen; geht etwas daran entzwei, so bringt er selber es in Ordnung. Unser Hotel hatte eine förmliche Leibwache von Wagenmännern, die der Reihe nach herankamen, auf dem grossen Sonnenhut den Namen des Gasthauses mit Stolz trugen und am Eingang des Hofes in einem kleinen Hause wohnten, offenbar auch Nachts den Wächterdienst versahen. Schon nach kurzer Zeit hat sich zwischen dem Reisenden, wenn er nicht knickrig ist, und dem Wagenmann ein freundschaftliches Verhältniss herausgebildet. Allerdings, +englisch+ können diese Leute nicht sprechen, auch wenn sie es glauben und versichern. Aber sowie man im Hotel durch den Wirth ihnen die Punkte mittheilt, die besucht werden sollen; so geht es ganz ausgezeichnet, ohne lästigen Führer oder Dolmetscher.
Zu Fuss in dem riesigen Tokyo seinen Weg zu finden, wird der vernünftige Reisende gar nicht erst versuchen; die Stadt ist zu ausgedehnt, zu unregelmässig, die Häuser und Strassen zu gleichartig.
Die Stadt +Yedo+ ist 1450 n. Chr. gegründet. Der Name bedeutet +Wasser-Thor+. Die Bucht, in welche der Fluss Sumida-gawa sich ergiesst, ging damals viel weiter ins Land hinein. 1590 wurde Yedo durch +Jeyasu+ zur militärischen +Hauptstadt+ von Japan umgestaltet. In der alten Feudalzeit musste jeder Daimio alljährlich seine Huldigungsreise nach Yedo zum Shogun unternehmen; ja, seit 1642, einen Theil des Jahres dort wohnen. Noch bestehen die doppelten +Festungsgräben+, ein Theil der riesigen +Umfassungsmauern+ und der 27 Thore, die Jeyasu geschaffen.
Burg (+Shiro+) heisst noch heute beim Volke der mittlere Bezirk der Stadt. Hier liegen Regierungsgebäude, Gesandtschaftshäuser und, durch einen breiten Graben abgeschlossen, die romantisch-einsamen Gärten mit dem (nach dem Brand vom Jahre 1873) erst 1889 neu erbauten +Palast des Mikado+[120], zu dem eine prächtige Brücke (Niju) führt.
Den Umkreis der Burg (+Sotoshiro+) bildet die Handels- und Gewerbe-Stadt von Tokyo. Daran schliessen sich im weiteren Umkreis die Vorstädte. Die Stadt gehört zu den ausgedehntesten der Erde, sie deckt über 200 qkm, schliesst grosse Gärten und Parks, selbst Felder ein; und zählt 310000, meist kleine, hölzerne Häuser sowie (mit Einrechnung der Vororte) 1300000 Einwohner.
Die +Geschichte Tokyo’s+ zeigt uns eine Kette von +Feuersbrünsten+[121], Erdbeben, Seuchen. 1601 wurde die ganze Stadt ein Raub der Flammen; 1651 wurden 500 Daimio-Paläste, 350 Tempel und 1200 Strassen zerstört, wobei 100000 Menschen das Leben einbüssten, wenn dies nicht eine arge Uebertreibung ist. Aber noch 1875 wüthete ein starkes Feuer, bei dem mehrere Hundert Menschen das Leben verloren. Jeder Tag bringt noch jetzt zwei Schadenfeuer, noch heute sieht man ganze Bezirke öde und ausgebrannt, der neuen Bebauung harrend. Jährlich verbrennen jetzt in Tokyo 5000 Häuser (im Durchschnittswerth von je 300 Yen) oder 1:60. Man +sagte+ mir, dass ein Haus nur 5-7 Jahre stehe, bis es abbrenne. Doch muss dies übertrieben sein, nach der eben angeführten Brand-Statistik.
Die Feuerwehr ist eine alte und gute Einrichtung. An den Strassenecken sieht man hohe senkrechte Leitern, mit einer Lärm-Glocke oben; der Wachtmann hält fleissig Umschau. Brennt das Haus nieder, so geht der Japaner unverzagt mit seinem Bündelchen zu einem guten Freunde, der ihn aufnimmt und beim Aufbau eines neuen Holzhäuschens unterstützt.
Ein Erdbeben im Jahre 1703 soll 37000, eines im Jahre 1855 100000 und eine Pest im Jahre 1773 gar 190000 Menschen hinweggerafft haben. Doch scheint dies beträchtlich übertrieben zu sein.
1650-1653 wurden Wasserleitungen gebaut, 1660 das erste Theater; 1868 der Name Yedo in Tokyo, d. i. westliche Hauptstadt,[122] umgewandelt. 1869 wurde der Sitz der Regierung hierher verlegt, und die Stadt den Fremden eröffnet, seit 1872 auch Gebäude im europäischen Styl, in demselben Jahre die Eisenbahn nach Yokohama, 1882 eine Pferdebahn in den Hauptstrassen erbaut, 1885 electrische Beleuchtung und 1890 Telephon eingeführt.
Tokyo hat eine schöne Lage. Wellenförmig fällt das Thal, in dem es liegt, nach der Meeresbucht ab. Ein breiter Fluss und zahlreiche Wasserläufe durchziehen die Stadt.
Die +Strassen+ der Millionstadt Tokyo[123] zeigen zwar dem aufmerksamen Beobachter ein äusserst fesselndes Volksleben, aber nirgends bedeutsame Bauwerke. Im Gegentheil, inmitten von Hauptstrassen glaubt man auf einem lustigen Jahrmarkt mit zehntausend Holzbuden sich zu befinden.
Tokyo ist eigentlich nur eine Zusammendrängung von 100 ausgedehnten Dörfern, zwischen denen noch Gärten und Landhäuser stehen geblieben. Die Tempel liegen abseits von der Strasse, hinter Riesenbäumen versteckt. Die wenigen europäischen Gebäude der Regierung und der fremden Gesandten befinden sich in +einem+ Stadttheil, und zum Theil hinter Mauern und Gärten.
Das +japanische Haus+[124] ist von überraschender Einfachheit und Gleichförmigkeit. Es ist ein niedriger, ein- bis zweistöckiger Holzbau, ohne Fundament.
Hölzerne Pfosten, auf unbehauenen Steinen ruhend, stützen die Balken des stumpfwinkligen, schindelgedeckten Daches. Hinter der äusseren Reihe der Pfosten folgt eine zweite in 1 Meter Abstand, so dass eine umlaufende Veranda geschaffen wird. Die Diele ist um 2-3 Fuss über den Erdboden erhöht, ein Paar Holzstufen führen empor. Hier lässt der Japaner seine Schuhe, ehe er ins Innere des Hauses eintritt, da dicke Strohmatten in jeder japanischen Wohnung, von der Hütte bis zum Palast, den Fussboden vollständig decken und die Stelle unserer Betten, Tische, Sofa’s gleichzeitig vertreten.
Die Zimmer werden nach der Zahl der deckenden Matten (tatami, stets von 2×1 Meter) gemessen und sind durch verschiebbare Holzwände (von der Grösse der Matten) getrennt und darum, nach Wunsch und Bedürfniss, in jedem Augenblick zu vergrössern[125] oder zu verkleinern. Die Höhe der Zimmer beträgt 2½-3 Meter. Der etwa 1 Meter breite Abstand zwischen dem oberen Querbalken der Schiebewand und der Decke ist entweder geschlossen oder mit einem künstlerisch durchbrochenen Holzwerk (rama) ausgefüllt.
Licht erhält das Zimmer durch äussere Schiebewände, welche ein rechteckiges Netz von Holzstäben enthalten und mit durchscheinendem +Papier+[126] überklebt sind. Das matte, zerstreute Licht, welches diese „Fenster“ (shoji) liefern, ist uns nicht angenehm und offenbar für feinere Beschäftigung nicht ausreichend.[127] Den Tag über und bei gutem Wetter ist auch der nach der Strasse zu gelegene Arbeitsraum des Handwerkers, ja die ganze Vorderseite des Hauses offen. Schornsteine fehlen.(Doch werden sie neuerdings mehr und mehr beliebt.) Möbel giebt es nicht, ausser den Matten. Das beste Zimmer ist nach der Rückseite, mit Ausblick auf den winzigen Garten, -- wie in Pompeji. Hier ist an der einen festen Wand eine kleine Erhöhung des Fussbodens mit zwei Blumentöpfen, einem Hängebild, sowie ein Erker mit Schränken, worin das Schlafzeug[128], auch Bücher und Kostbarkeiten sich befinden.
Nachts wird durch Bretter, welche in Falzen laufen, das Haus geschlossen und das Schlussbrett durch einen Riegel versperrt. Der Reisende, welcher in einem japanischen Gasthaus abgestiegen, hört missvergnügt das lang dauernde Gepolter. Tags über stehen die Bretter in einer Lade, dem „Brettsack.“
Das japanische Haus (auch der Palast des Mikado zu Kyoto!) +entbehrt der Dauerhaftigkeit+, da es nur aus Holz und Papier besteht, und der +Behaglichkeit+, da ihm Möbel und Schutz gegen Kälte und Rauch fehlen. Ausserdem giebt es in Japan keine Canalisation; die kostbaren Dungstoffe für die Felder werden wie Schätze gehütet. Rein hat diese Schattenseiten sehr richtig hervorgehoben und der Amerikaner +Morse+, welcher eine Sonderschrift über das Haus der Japaner[129] veröffentlicht hat, kämpft mit Scheingründen und Deutschenhass[130] vergeblich dagegen an.
+Zwei Vortheile+ hat das japanische Haus, es ist sehr billig und widersteht dem Erdbeben. Ersteres erkennt man aus +Rein’s+ Angabe, dass der Herstellungswerth 150-1000 Mark beträgt. Letzteres sah ich zu Nagoya, wo alle Steinhäuser die bedenklichsten Risse von dem vor Jahresfrist beobachteten Erdbeben zeigten, die Holzhäuser unversehrt geblieben. Die Holzhäuser auf ein Mal durch Steinbauten für 40 Millionen Menschen zu ersetzen, wäre auch unmöglich, da das Geld dazu nicht vorhanden ist.
Jeder, selbst der Aermste, bewohnt ein Haus für sich, wenn gleich nur zur Miethe. Auf das japanische Haus kommen durchschnittlich vier Einwohner. Oefters wird nur die Zahl der Häuser eines Ortes, nicht die der Einwohner angegeben.
In kurzen Abständen sieht man zu Tokyo (und in den andern Städten Japan’s) schmale +feuerfeste+ Gebäude (Kura), worin Nachts und bei Feuersgefahr der Kaufmann seine Kostbarkeiten birgt. Sie bestehen aus doppelten Wänden von Backsteinen, deren Zwischenraum, ähnlich wie bei den vielleicht erst 1000 Jahre später in Europa erfundenen Geldschränken, mit einem Gemenge von Holzasche und Sand ausgefüllt ist; ihre kleinen Fenster können durch doppelte Fensterläden aus Eisen nahezu luftdicht verschlossen werden. Die Flure sind mit Fliesen bedeckt, das Dach feuersicher. Es giebt öffentliche Kura, welche werthvolle Gegenstände gegen eine Gebühr aufbewahren. Niemand behält Kostbarkeiten über Nacht in einem japanischen Haus aus Holz und Papier.
Das +Volksleben+ ist unbeschreiblich anmuthig wegen der Höflichkeit und Geschicklichkeit der Japaner. Trotz regen Verkehrs giebt es weder Lärm noch Gedränge.
Es ist ein wahres Vergnügen zu sehen, wie geschickt jeder Krämer in der mit lebhaften Schildereien behängten Bude seine Waare einwickelt, und der Käufer sie davon trägt.
Von dem Bahnhof Shimbashi nordwärts nach Nihonbashi, einer ziemlich in der Mitte der Stadt gelegenen Canalbrücke, von der aus alle Entfernungen in Japan gerechnet werden, führt die breite Hauptstrasse, welche Bazars, Curiositätenhandlungen, auch mehrere europäische Läden und sogar eine Pferdebahn enthält, die trotz der überaus billigen Preise der Jinrikisha’s gut besetzt ist.
Zu den +Hauptsehenswürdigkeiten+ von Tokyo gehört der Park von Shiba und der von Ueno.
+Shiba+, am Südwestende der Stadt, ist der Grund des Tempels von Zojoji, welcher der buddhistischen Jodo-Secte angehört und von +Jeyasu+ dazu ausersehen wurde, die Todtentafeln[131] (ihai) der Tokugawa-Familie aufzunehmen.
Sechs der vierzehn Tokugawa-Shogune liegen hier begraben, darunter der zweite, Hidetada † 1632 n. Chr.), und der vierzehnte, Jemochi † 1866).
Der Haupttempel ist am 1. Januar 1874 niedergebrannt, da er von den Buddhisten auf die Shintoïsten übertragen werden sollte; und weit kleiner und weniger prächtig wieder aufgebaut. Die Todtenkapellen der göttlich verehrten Herrscher stehen unversehrt.
Zuerst kommt man zu den Grabdenkmälern des siebenten und neunten Shoguns (Jetsuga, † 1751, und Jeshige, † 1761). Durch ein riesiges, schön geschnitztes +Holzthor+, das der beiden Dewa-Könige oder Tempel-Wächter, gelangen wir auf einen grossen, sehr sauber gehaltenen Hof, der in einer +ganz eigenthümlichen+, echt japanischen Weise geschmückt ist mit zahlreichen Reihen mannshoher Steinlaternen, den Ehrengaben der Daimio. Jede +Laterne+ besteht aus vier Theilen, nämlich aus einem Untersatz, der wie ein stylisirter Blumenkelch gestaltet ist, aus einer kurzen, mannigfach gegliederten Säule, aus dem viereckigen ausgehöhlten, mit vier Lichtöffnungen versehenen Lampenbehälter und aus einem phantastischen Pagodendach.
Ein +zweites Thor+, mit prachtvoll geschnitzten Drachen rings um die Holzpfeiler geschmückt, und Thor der kaiserlichen Tafel genannt, weil es den seligen Namen des Shogun, von der eignen Hand des Pabst-Mikado geschrieben, enthält, bringt uns nach dem +zweiten Hof+, der noch schöner als der erste, nämlich mit 112 mannshohen +Bronze-Laternen+ geziert ist.
Das +dritte Thor+ finden wir noch prachtvoller, als das zweite; es ist von beiden Seiten mit einem Gitter aus schön geschnitzten und bemalten Blumen und Vögeln und an der Decke des Durchgangs mit dem Bilde eines Engels (von Kano Ryosetsu) versehen. Von hier führt eine kurze, bedeckte Holzpfeilerhalle zu dem eigentlichen +Todten-Tempel+, dessen Dach mit den Pfeilern durch zwei geschnitzte Balken verbunden ist, die mit Recht als auf- und absteigender Drache bezeichnet werden.
Der Fremde klatscht in die Hände und zieht seine Schuhe aus. Ein junger Priester, der schliesslich für eine Gabe von 20 Sen sich dankend verneigt, geleitet ihn in das Innere. Jeder dieser Todtentempel besteht aus drei Theilen, aus der äusseren Gebetskapelle (haiden), einem schmalen Gang (ai-no-ma) und dem inneren Heiligthum (honden). In alter Zeit, wenn der Shogun erschien, um seinen Ahnen Verehrung zu zollen, betrat er allein das Allerheiligste, die Daimīo blieben auf dem Gang, die Samurai in der Vorhalle, -- ganz ähnlich wie in den Tempeln der alten Aegypter.
Alle Wände sind mit Gold und farbigen Lack-Verzierungen bedeckt. Im Allerheiligsten lehnen sich gegen die Hinterwand drei Gold-Lack-Schreine; der rechte enthält angeblich -- denn die Thüren werden nie geöffnet! -- das Holzbild des Vaters vom siebenten Shogun, der mittlere das des Shogun selber, der linke aber das des neunten. Zu beiden Seiten jedes Schreines stehen Bilder von Schutzgöttern; dann das Bild von Kwannon, der Göttin der Gnade, und Benten, der Göttin der Liebe. Allenthalben sieht man das Wappen der Tokugawafamilie (Awoï Mon), in einem Doppelkreise drei stylisirte Blätter der Haselwurz (Kamo-aoi, Asarum, Aristolochiac.); und ferner die Lotuspflanze, das buddhistische Sinnbild der Reinheit.
Der Europäer, welcher zum ersten Male ein solches Tempelgebäude besucht, und in seinem Reisebuch liest, dass es eine „+Symphonie von Gold und Lack, einen Traum von Schönheit+“ darstellt, fragt kopfschüttelnd, ob er die Sache nicht versteht oder -- der Verfasser des Buches. Wenn er aber erstlich berücksichtigt, dass der Tempel nicht als Schaustück für Reisende aus Europa oder Nordamerika, sondern für den +japanischen+ Geschmack errichtet ist; und ferner den Eindruck voll auf sich wirken lässt, ruhig auf den Boden gelagert und prüfend: so kommt er bald, namentlich bei wiederholten Besuchen, zu der Ueberzeugung, dass hier ein ganz eigenartiges und ebenmässiges Kunstwerk geschaffen ist, welches auch den europäischen Geschmack befriedigen kann, wenn man sich freihält von Vorurtheilen. Es ist ganz ähnlich, wie wenn ein an die italienischen Opern gewöhntes Ohr zum ersten Mal Richard Wagner’s Musikdrama vernimmt: unwillig sträubt es sich; giebt dann nach, bei genauerer Bekanntschaft, und ist schliesslich ganz entzückt und gehoben. Der Vergleich hinkt allerdings insofern, als ich keineswegs beabsichtige, die japanische Kunstschöpfung +über+ die europäische zu erheben.
Ich muss gestehen, dass ich erst beim dritten Besuch von Shiba die Schönheit des Werkes empfand und erst in den Tempeln von +Nikko+ Geschmack an diesen japanischen Kunstleistungen gewann.
Durch ein mit den fabelhaften Einhörnern (kirin) geziertes Thor und durch einen Hof, der wieder mit Bronze-Laternen geschmückt ist, gelangen wir über eine Steintreppe empor in die +tiefe Einsamkeit+, wo, von ernsten Fichten umgeben, die ganz einfachen Steinpagoden stehen, unter denen in einer Tiefe von 20 Fuss die +sterblichen Reste+ der verehrten Shogune ruhen, -- geschützt gegen Zerfall durch eine dicke Lage von Zinnober und Kohle.
Der Uebergang zu immer grösserer Pracht und die schliessliche Einfachheit des Grabes predigt laut von der Vergänglichkeit des Irdischen.
Ganz ähnlich sind die Todtentempel des sechsten, zwölften und vierzehnten Shogun und auch der Gattin des letzten, einer Tante des jetzigen Mikado.
Von hier führt der Weg zu dem +Kloster+ von Zojoji und zu dem neuen, noch nicht ganz fertigen, sehr geräumigen Haupttempel mit der Bildsäule von Amida. Im Innern dieses Tempels könnte Einer wohl vergessen, dass er in Ostasien weilt.
Ein Kleinod dahinter ist das Tempelchen +Gokoku-den+, welches in einem goldnen Schrein den „schwarzen Amida“ bergen soll, den Jeyasu stets als Schutzgeist mit sich führte. Kühne Bilder von Falken an den Wänden erinnern an des Fürsten Vorliebe für die Beize.
Ausserhalb des Tempels steht unbedeckt ein Bronzebild von Shaka, -- ein „nasser Heiliger“ (nure botoke), -- vom Jahre 1761.
Es ist noch viel zu sehen, die Grabstätten der Shogun-Gattinnen, der Todtentempel des zweiten Shogun, wo zwei mächtige vergoldete Pfeiler das reich verzierte Dach tragen, und mitten im Gehölz die berühmte achteckige Halle (Hakakku-do), welche das Leergrab des Herrschers enthält: auf einer steinernen Lotusblume ruht der Schrein, das grösste Werk der Erde in Goldlack, unten geschmückt mit dem Löwen, dem Könige der Thiere, und der Päonie, der Königin des Pflanzenreichs; oben mit den acht schönen Landschaften von China und denen des Biwa-See’s in Japan. Der Schrein enthält nur ein Bildniss des Shogun und seine Todtentafel; der Körper ist tief unter dem Fussboden begraben: ganz ähnlich, wie in den +Turbe’s+ der Sultane zu Stambul.
In der Nähe ist ein Shintotempel (Ankokuden), wo +Jeyasu+ auch als +Shintogottheit+ verehrt wird, und ferner +Kōyō-kwan+, das Ahorn-Clubhaus, das ich sehr bald von der besten Seite kennen lernen sollte.
Unsere Jinrikisha-Männer hatten inzwischen eine mehrstündige Ruhe genossen. Einer war mit uns gegangen bis an die Tempelpforten, theils um sein Auge zu erfreuen, theils um die Sonnenschirme zu halten; -- denn die ausgezogenen Schuhe zu bewachen, ist unnöthig. Als sie jetzt den Befehl vernahmen, „nach den 47 Ronin“; stürmten sie stolz und freudig mit uns vorwärts. Denn sie lieben ihr Vaterland und seine Helden. Obwohl die Geschichte dieser Ronin durch +Mitford’s tales of old Japan+ in Europa genügend bekannt geworden, möchte ich sie doch, der Vollständigkeit halber und für diejenigen Leser, die sie nicht kennen und -- im Conversationslexicon nicht finden würden, hier in Kürze anschliessen.
+Ronin+ heisst Wogenmann und bedeutet einen herrenlosen Vasall; in dem Lied chiushingura, „Lehnsmanns Treue“, und in den Schauspielen der beiden berühmten Dramen-Dichter Japans wird der Heldenmuth der 47 noch heute gefeiert.
Im Jahre 1727 n. Chr. hatte zu Yedo der Grosswürdenträger Kotsuke den jungen Daimio Takumi, der es verabsäumt, ihm Geschenke zu schicken, auf das gröblichste beleidigt. Kotsuke nöthigte Takumi, ihm die Sandalenbänder zu binden und sagte dann verächtlich: „Nicht einmal eine Sandale vermögt Ihr geschmackvoll zu binden. Ihr seid ein Bauerntölpel und versteht nichts von der Hofsitte zu Yedo.“ Da konnte Takumi seinen Zorn nicht länger bemeistern und verwundete Kotsuke am Kopfe. Takumi wurde entwaffnet, und, da er innerhalb der Palastmauem mit dem Schwert einen Menschen angegriffen; so wurden, nach den bestehenden strengen Gesetzen, seine Güter eingezogen, seine Familie verstossen, er selber zum Tode verurtheilt. Er wählte als Fürst das Harakiri.[132] Seine Dienstmannen, jetzt Ronin, zerstreuten sich. Aber der Erste, Oishi Kuranosuke, schloss mit 46 andern einen Bund; sie schworen, den Tod ihres Lehnsherrn zu rächen. Um jeden Verdacht abzuwenden, wurden die 46 zunächst Kaufleute und Handwerker; Kuranosuke aber ergab sich zu Kyoto dem Trunke, verstiess sein Weib mit den unmündigen Kindern, und trug viele Monate hindurch ein lasterhaftes Leben so offenkundig zur Schau, dass ihr Feind endlich seine Vorsicht aufgab. Dann entwich Kuranosuke heimlich nach Yedo, wo die Gefährten bereits harrten und die Ortsverhältnisse des Palastes von Kotsuke ausgekundschaftet hatten. In finstrer Winternacht überstiegen sie die Ringmauern und besetzten alle Ausgänge, nachdem sie unmittelbar zuvor den Nachbarn ihren Beweggrund mitgetheilt und bewirkt hatten, dass diese nicht Partei ergriffen. Bald waren die Samurai Kotsuke’s, so viele sich zur Wehre gesetzt, niedergehauen, -- aber dieser selber nicht zu finden, bis er endlich in einem Wandschrank entdeckt wurde. Der Rächer liess sich vor ihm auf’s Knie nieder und sagte: „Hoheit! Als getreue Lehnsmänner sind wir heute Nacht erschienen, um den Tod unseres unglücklichen Herrn zu rächen. Ihr werdet die Gerechtigkeit unseres Unternehmens anerkennen. Wir beschwören Euch, Harakiri zu vollziehen.“ Da jener aus Feigheit sich weigerte, hieb Kuranosuke ihm den Kopf ab, mit demselben Kurzschwert, durch welches Takumi den Tod gefunden. Sie legten den Kopf in einen Korb, löschten alle Lichter und Feuer im Palast aus, um Feuersbrunst zu verhüten, und zogen, da der Tag angebrochen, in blutigen und zerrissenen Kleidern nach dem Tempel Sengakuji in der Vorstadt Takonawa. Alles Volk jubelte ihnen zu; Niemand wagte sie anzugreifen, zumal ein Verwandter des Takumi zu ihrem Schutz seine Samurai gesammelt; ein Fürst, bei dessen Palast sie vorbeizogen, liess sie sogar bewirthen. In dem Tempel wuschen sie das blutige Haupt und legten es am Grabe ihres Herrn nieder. Sie fügten sich dem Beschluss des obersten Rathes und starben, als Edelleute, alle durch Harakiri; und wurden neben ihrem Herrn beigesetzt.
Das Volk ehrt die Heldengräber noch heute durch Besuch und brennende Weihrauchkerzen.
Die Leute waren sehr stolz, mir den Brunnen der Waschung, das Grabdenkmal des unglücklichen Fürsten Takumi und das seines bis in den Tod getreuen Lehnsmanns Kuranosuke zu zeigen. An dem letzteren hefte ich, der Landessitte gemäss, meine Karte zu den vielen Tausenden, die hier schon, auf Nägel gespiesst, zu sehen sind. Denn der Edle verdient es, der getreu war dem Worte des Confucius: „Du sollst nicht leben unter demselben Himmel und nicht betreten dieselbe Erde mit dem Mörder deines Herren.“[133]
Auf der Rückfahrt spendet man dem dicht am Eingang zum Shibapark gelegenen +Bazar+ (Kwankōba) ein Stündchen und bewundert die niedlichen, geschmackvollen und dabei so überaus billigen Erzeugnisse japanischer Kunstfertigkeit. +Alles+ ist hier zu haben, was der Japaner braucht: Stoffe und Gewänder, Gürtel, Fächer, Schirme, Haarschmuck, Ringe, Gemälde und Bilderbogen, Koffer und Schränke, Porzellan- und Steingutwaaren, Kinderspielzeug. Die Preise sind laut behördlicher Anordnung überall deutlich angeschrieben. Aufs höflichste verneigt sich der Käufer, wenn man um 15 Sen ein Täschchen für die Papier-Yen mit höchst eigenartigem Verschluss ersteht. Homerisches Gelächter erscholl in der Erfrischungshalle, als der Wirth die geforderte Bierflasche nicht zu entkorken verstand, und ich ihm diesen allerdings nicht so sehr wichtigen, weil selten verlangten, Theil seines Gewerbes handzüglich vorwies.
Dicht bei dem Shiba-Park ist ein berühmter Aussichtspunkt, der Hügel +Atago-yama+. Zwei Wege führen hinauf; der „männliche“ ist steiler, der „weibliche“ mehr gewunden und leichter. Die Aussicht ist nicht so sehr merkwürdig; die riesige Stadt erscheint wie ein Haufen von Dörfern, da die Häuser fast alle klein sind. Nur die riesengrosse russische Kirche, offenbar „für den Zuwachs“ eingerichtet, macht sich etwas aufdringlich geltend. Die Landschaft um die Hauptstadt ist sehr schön. Der Blick schweift einerseits bis zu dem Berg Fuji, und andrerseits über die Bay von Tokyo, zu dem Berg Kanozan.
Nach der Frühstückspause folgt die Fahrt nach dem in der Nordostecke der Stadt belegenen +Ueno+-Park, der +Nachmittags+ sich besser darstellt. +Shiba ist feierlich, Ueno volksthümlich.+ Ueno-Park, ursprünglich der Yedo-Wohnsitz der To-do-Familie, wurde 1625 vom Shogun +Jemitsu+ übernommen; er wollte hier eine Reihe von +Buddha-Tempeln+ gründen, die alles vorher dagewesene übertreffen sollten.
Der Haupttempel galt für einen Triumph japanischer Baukunst. Hier musste stets ein Sohn des regierenden Mikado als Oberpriester wohnen, so dass der Shogun ihn sofort zum Mikado ernennen konnte, wenn der Hof zu Kyoto Schwierigkeiten machte. (In der That versuchten dies mit dem Prinzen Kita Shirakawa die Parteigänger des letzten Shogun in dem Bürgerkriege; der siegreiche Mikado sandte den Prinzen grossmüthig nach Berlin, damit er sich dort in der Wissenschaft vervollkommne.) Dieser Prachttempel ist 1868 in der blutigen Schlacht von Ueno zwischen den Anhängern des Mikado und denen des Shogun niedergebrannt; an seiner Stelle steht jetzt das +Museum+. Der ganze Ueno-Park ist seit einigen Jahren der Stadtverwaltung von Tokyo übergeben.
Der Reisende besteigt einen kleinen Hügel und bewundert die Aussicht auf die Stadt, selber angestaunt von den Einheimischen, aber -- nicht belästigt. Die Kinder werden bald zutraulich, besonders wenn man Backwerk oder Früchte unter sie vertheilt; vielleicht ein einzelner Wildfang brüllt mächtig ob des fremdartigen Anblicks, wird aber auch von den andern rasch besänftigt.
Die Erwachsenen bieten höflichst Sitzplätze an. Ein steinernes +Denkmal+ ist dem Gedächtniss der hier für die Sache des Mikado gefallenen Soldaten gewidmet.
Der berühmte +Kirschbaumweg+, im Frühling zur Zeit der Blüthe das Entzücken der Japaner[134], war auch jetzt, im Herbst, recht schön, wiewohl ohne Blüthenschmuck. Zur Linken ist ein kleiner See, auf einer vorspringenden Landzunge ein sagengeschmückter Tempel der Liebesgöttin (Benten) und, mit schöner Aussicht, Hotel Seiyoken, wo ich gute Erfrischung fand, als ich einmal einen ganzen Tag dem Ueno-Park widmete. Das Bronzebild von Buddha, 21 Fuss hoch, aus dem Jahre 1660 n. Chr., ist unschön.
Durch ein Thor, das noch deutlich Kugelspuren von den Kämpfen zeigt, tritt man ein in einen wunderschönen Cryptomerienhain mit einer langen Reihe von Steinlaternen, die zu einem Heiligthum des +Gongen-Sama+ (Jeyasu) führt. Dasselbe beherbergt an den Wänden die Bilder der „33 Dichter-Geister“ (San-ju-rok-kasen) aus dem 8., 9. und 10. Jahrhundert. Unser Auge muss sich erst daran gewöhnen, dass der +Mensch ein Dreieck+ sein kann, mit dem Kopf als Spitze. Aber ein Japaner, der in weitem Prachtgewand auf seinen Knien kauert, ist thatsächlich ein solches Dreieck. Das +Ueno-Museum+, ein grosses Gebäude in europäischem Styl, verdankt seinen Ursprung der letzten japanischen Gewerbe-Ausstellung vom Jahre 1890. Der Eintrittspreis ist sehr gering, die Räume sind gut besucht von +Einheimischen+.[135] Die Ausstellung von Porzellan, Lack, Bronze, Holzwaaren, Geweben, Gemälden hat mich nicht entzückt. Die wirklichen Prachtstücke sind theils nach Europa gewandert, theils in Klöstern und Palästen verborgen. Dazu kommt, dass die Japaner, in ihrer schwärmerischen Vorliebe für +unsre+ Bildung, ganz gewöhnliche Machwerke europäischer Werkstätten in buntem Durcheinander mit ausgestellt haben. Auch die zoologische und botanische Abtheilung vermochte nicht mich so zu fesseln, wie die wissbegierigen Eingeborenen. Interessanter waren mir Staats-Wagen (für Ochsengespann bestimmt), Staats-Sänften und das Schiff des Shogun. Ferner vor- und urgeschichtliche Gegenstände, Perlen aus Agat, die, zu Halsbändern geordnet, von Mann und Weib getragen wurden; Speer- und Pfeilspitzen, Schwerter, alte Töpferwaaren, darunter kleine, +irdene Figuren von Mann und Ross+, die (seit dem Gesetz des elften Mikado, des edlen Suinin Tenno, um das Jahr 2 n. Chr.) dem todten Fürsten, an Stelle seiner vorher wirklich geopferten Mannen und Rosse, mit ins Grab gegeben wurden.[136] Sodann buddhistische Alterthümer, besonders vom Tempel Horuji in der Stammprovinz Yamato, und aus Nara Gegenstände des Shintodienstes. Endlich Ueberreste aus der portugiesischen Zeit. Der römische Bürgerbrief des Japaners Hashikura, der 1614-1620 eine Gesandtschaft zum Papst nach Rom geführt hatte, sein Oelbild mit Crucifix, ein kleines japanisches Buch der katholischen Glaubenslehre (in Silbenschrift, hiragana); und -- im Gegensatz dazu -- die +Trampelbretter+ (fumi-ita), Metalltafeln mit Reliefdarstellung des Erlösers, des Kreuzes, der heiligen Jungfrau, auf welche, nach Austreibung der Portugiesen und nach dem Verbot der christlichen Religion, diejenigen Japaner, welche man für heimliche Anhänger dieser Lehre hielt, +trampeln+[137] mussten, um sich von dem Verdacht zu reinigen.
Die Holländer sollen diese merkwürdigen Bildnisse den Japanern für schweres Geld geliefert haben.
Eine Kunstschule, eine öffentliche Bücherei und eine Akademie sind in der Nachbarschaft des Museums eingerichtet, und auch ein Thiergarten, der aber noch verbesserungsfähig erscheint und jedenfalls für die japanischen Maler wichtig ist, zur Erweiterung ihres Thierkreises.
Weit merkwürdiger für den Fremden sind aber die +Shogun-Gräber+ (Go Reiya). Der vierte aus der Tokugawa-Familie (Jetsuna, † 1680), der fünfte, achte, zehnte, elfte und der dreizehnte (Jesada, † 1858) liegen hier begraben.
Der zweite Todtentempel (Ni no Go Reiya), hat prachtvolle Säulenhallen, im Saal (16×7 Ellen) ein Cassettendach mit goldenen Drachen auf blauem Grunde, vergoldeten Wänden mit den landesüblichen Löwen. Dann folgt wieder der schmale Gang (4 Ellen breit) und das Allerheiligste (11×7 Ellen) mit den mächtigen Goldlack-Schreinen. Die Gräber sind dahinter.
Der erste Todtentempel (Ichi no G. R.) ist dem ersten ähnlich.
Bevor wir Ueno verlassen, werfen wir noch einen Blick auf die ständige +Verkaufs-Ausstellung+, die auch hier sich befindet, und bewundern wiederum die Nettigkeit und Billigkeit der gewöhnlichen Japan-Waaren. Ein Regenschirm aus Bambus mit Oelpapier, ganz brauchbar für seinen Zweck und auch ganz haltbar, wenigstens in der geschickten Hand des Japaners, kostet 20 Sen = 60 Pfennige.
Sehr eigenthümlich erscheinen uns die Gemälde, mit denen der gewöhnliche Japaner den Erker seiner guten Stube schmückt. Zahllos sind die kleinen Töpferwaaren, Porzellangeräthe, Bronzen, Spielzeuge. Der Koffer, den der Japaner für Haus und Reise braucht, ist ein Holzgestell mit starkem Papier verklebt; auf +unseren+ Reisen würde derselbe beim ersten Hinwerfen zerbrechen. Die geschnitzten Wandschränke für Buddha’s Bildsäule sind alle nach +einem+ Muster, innen vergoldet. Ein prachtvoller Fächer aus Schildkröt mit Bronze-Vögeln und Pflanzen kostet nur 10 Yen. Da die Metall-Oese am Handgriff mir nicht fein genug vorkam, kaufte ich ihn nicht; konnte aber später in Kyoto, dem Hauptort für Fächerherstellung, ein gleiches Stück nicht finden. In dem zum Gebäude gehörigen Garten sind die beliebten +Zwergpflanzen+[138] ausgestellt, z. B. ein Fichtenhain in einem tellergrossen Blumentopf. In dem Garten ist auch eine Erfrischungshalle, wo ich mit meinen jungen Freunden bei einem ganz guten Glase Bier und einer rauchbaren Cigarre[139] über wissenschaftliche Gegenstände plaudern kann.
Dicht bei Ueno liegt der Bezirk von +Asakusa+.
Zuerst fällt auf +Higashi Hongwanji+[140], der Haupttempel von Tokyo, im Besitz der buddhistischen Monto-Secte, 1657 gegründet, zwar einfach, aber in grossen Verhältnissen. Die Fläche der Haupthalle misst 140 Matten. Ueber dem Schrein ist vergoldetes, offenes Schnitzwerk von Engeln und Phoenix. Das schwarze Bild von Amida ist in dem vergoldeten Lackschrein sichtbar. Dies scheint ausnahmsweise ein volksthümlicher Buddhisten-Tempel zu sein; das fröhlichste Gewimmel von Gross und Klein ist hier anzutreffen. An den grossen Säulen der Halle sind Anschläge, welche das Rauchen und das Nachmittagsschläfchen verbieten!
Aber an Volksthümlichkeit überragt Alles der dicht dabei stehende Buddhisten-Tempel +Asakusa Kwannon+. Das eigentliche Cultbild der Göttin der Gnade (Kwannon) soll um das Jahr 600 n. Chr. hierselbst von einem verbannten Edelmann in der Mündung des Asakusaflusses mit einem Netz gefischt und nur 1⅘″ hoch sein. Es wird niemals gezeigt. Ein grösseres vor dem Altar wird einmal im Jahre (am 13. Dezember) dem Volk gewiesen. Die gegenwärtigen Baulichkeiten stammen aus der Zeit von Jemitsu († 1651 n. Chr.) Sie gehören der buddhistischen Tendai-Secte.
Der Tempelgrund (Koënchi) ist ein vergnügter Wurstelprater in japanischem Styl. Da sind Buden voll Süssigkeiten und Backwerk für Klein und Gross, voll Spielzeug und billigstem Schmuck, Augenblicksphotographen, Panoramen, Thonfigurencabinette, Ringer, Taschenspieler und Kunstreiter. Die Pferde sind mit Rücksicht auf den winzigen Raum sehr still und vernünftig, desto beweglicher die Reiter. Alles ist voll, jeder Nachmittag wird als Feiertag behandelt. Unser Sprichwort: „Saure Wochen, frohe Feste“, hat in diesem kindlich-glücklichen Land der aufgehenden Sonne gar keine Bedeutung.
Auch im Tempel geht es lustig und geräuschvoll zu, wie zu Jerusalem, als die Bankhalter mittelst der Geissel ausgetrieben wurden; oder wie in Deutschland zu Tetzels Zeiten. Der Vergleich drängt sich um so mehr auf, als eine beängstigende Aehnlichkeit der buddhistischen Priester und Heiligen mit den europäischen dem Reisenden vor Augen steht.
Unter dem lauten Ertönen der mächtigen Asakasu-Glocke trete ich durch das zweistöckige Thor (an dem rechts +Riesen-Sandalen+ hängen, Weihgeschenke von Schnellläufern, und links ein Heiligenschrein mit einer +Gebetmühle+ sich befindet,) hinein in die grosse Halle und sehe das Gewühl von Gläubigen, Männern und Frauen, welche Weihrauchkerzen, Heiligenbilder, fromme Büchlein unter lebhaftem Geplapper von den Priestern erhandeln; andere, welche eine Münze in den Opferstock werfen, in die Hände klatschen, um die Heiligen aufmerksam zu machen und sich auf den Boden neigen; noch andere, welche die Holzbildsäule des Heilgottes Binzuru eifrigst reiben, -- an der Stelle, wo es ihnen weh thut. Einst war es ein berühmtes Holzbildwerk von Jikaku Daishi; jetzt ist es mürbe und abgerieben, -- wie bei uns ein lebendiger, vielbegehrter Arzt. Im Innern des Tempels, an dem Altar oder Hauptschrein sind förmliche Verkaufsbuden eingerichtet. Die Bilder der Gnadengöttin, die man hier feilhält, gelten als Zauber gegen Krankheit, als Nothhelfer in schwerer Entbindung. Auch werden Wahrsagekarten verkauft und kleine Blätter, worauf geschrieben steht, ob das Kind in Hoffnung ein Knabe oder ein Mädchen sein wird.[141]
Allenthalben hängen an den Wänden Laternen und Bilder als Weihgeschenke. „Das Leben ein Traum“, dargestellt durch zwei Menschen und einen Tiger, die alle schlafen; die Hauptscene aus einem lyrischen Drama (No), in dem ein rothhariges Seeungeheuer auftritt; chinesische Helden und Kriegsgötter; ein japanischer Bogenspanner und „Rinaldo, den seine Rosa weckt“; -- endlich Engel, die letzteren in den höchsten Regionen, nämlich am Dach, -- das sind die Gegenstände der wichtigeren Weihgemälde, soweit man in dem Lärm und Gedränge es beobachten kann.
Der Altar ist durch ein Drahtgitter von dem Schiff getrennt; aber ein freundliches Wort zu dem Hauptpriester, und ein kleines Geschenk dazu, verschafft uns Einlass. Der Hochaltar, von Heiligenbildern beiderseits bewacht, enthält Lampen, Blumen, heilige Gefässe, den Schrein der Gnadengöttin, und zahllose Weihgeschenke, da hier Gebete für Kranke abgehalten werden. Hinter dem Haupttempel ist ein kleines Heiligthum, dessen Weihgeschenke alle mit dem Wort „Auge“ beschrieben sind und von Augenleidenden herrühren.
Ein Tempel (Jizo-do) enthält zahllose Steinbildsäulen von (verstorbenen) Kindern, rings um die des Jizo, des Schützers der Kleinen. Entsprechend der japanischen Duldsamkeit ist hier auch auf dem Tempelgrund ein Shintoheiligthum, den drei Fischern der örtlichen Sage gewidmet. Vorbei an einer Bühne für den heiligen Tanz (Kagura) erreicht man eine Drehbibliothek (Rinzō) so gross wie ein japanisches Zimmer, ganz leicht auf einem Zapfen zu drehen und durch +einen+ kräftigen Stoss in Bewegung zu setzen. Die Inschrift lautet: „Da die buddhistischen Schriften 6771 Bände umfassen, kann ein Einzelner sie nicht alle durchlesen. Aber ein +annähernd gleiches+ Verdienst erwirbt sich, wer die Bibliothek dreimal um ihre Achse dreht“. -- Ein chinesischer Priester +Fu Daishi+ im 6. Jahrhundert n. Chr. soll diese Dreh-Bücherei[142] erfunden haben.
Die Pagode nebenbei ist nicht mehr zugänglich. Und den zwölfstöckigen Aussichtsthurm, der 1890 erbaut ist, schenkte ich mir, da sein (durch electrische Kraft betriebener) Personenaufzug nicht in Wirksamkeit war.
Nach Hause fahre ich über eine grosse Brücke, die Tokyo mit der östlichen Vorstadt (Honjo) verbindet, und dann südwärts, am Flussufer entlang. Allenthalben herrscht fröhliche Festesfreude. In Japan giebt es noch mehr Feiertage, als in Bayern. Jede Gelegenheit wird benutzt. Aber die Leutchen sind alle maassvoll in der Fröhlichkeit, zierlich geputzt und höflich. Uebertrieben ist höchstens das Trommeln der Knaben vor den Tempeln, um Gäste anzulocken.
Auf einem Holzgestell inmitten eines freien Platzes ist eine Stegreifbühne aufgestellt. Unter unendlichem Jubel des Volkes wird der japanische Polichinell geprügelt.
Eigenartig ist der japanische +Geschäfts-Garten+. Die Pflanzen stehen ausserordentlich dicht an einander, offenbar ist der Boden kostbar. Die Gänge sind schmal und gefüllt mit Bewundrern. Aber mehr als die Nase wird das Auge geweidet.
Allerdings der bekannte Satz, dass „in Japan die Blumen keinen Duft, die Vögel keinen Sang, die Früchte keinen Wohlgeschmack“ haben, ist nichts weniger als genau, sondern nur eine jener Reisebuch-Behauptungen. Die Japaner haben ihre Nachtigall (Unguisu) und ihren Blüthenduft.
So heisst es in einer von Dr. R. Lange übersetzten Liedersammlung:
„Fällst Du Blüthe der Pflaume auch ab, so lass mir den Duft doch. Trag’ ich Verlangen nach Dir, wird er mich mahnen an Dich.“
Dafür ist die Augenweide der Japaner an blühenden Gewächsen ganz allgemein und seit mehr als 1000 Jahren vielleicht mehr entwickelt, als bei irgend einem andern Volke.
Ich sah in diesem Garten ein kleines Kind von 2-3 Jahren, auf dem Rücken der Mutter durch ein Kreuzband befestigt; so wie es eine Blumenhecke erblickt, klatscht das Würmchen, das noch nicht reden kann, vergnügt in die Hände. Wenn der Jinrikisha-Mann, der von 30 Sen den Tag leben kann, 40 verdient hat; so kauft er Abends nebst Esswaaren für einige Pfennige Blumen und trägt sie wohlgefällig in sein bescheidenes Heim. Für die Arbeiter ist in London Abends Nahrungsmittel-Markt bei Gasbeleuchtung; in Tokyo Blumenmarkt (Hana-ichi) bei Laternenlicht.
Die Japaner lieben den blühenden Zweig, nicht den Strauss. Von den Pflanzen haben sie das Meiste und Wichtigste ihrer Kunstgestaltungen entlehnt, ihre Wappen sind Pflanzen; eine schöne Blume dem Freunde zu senden, ist verbreitete Sitte und Höflichkeit.
Dem Gärtner zahlt man nichts für den Genuss. Aber er hat einen Theil seines Raumes an Theehäuschen abvermiethet. Dort sitzt der Fremde, der Sitte folgend, nieder, schlürft den üblichen Trank und hinterlegt eine kleine Silbermünze.
Ausflüge von Tokyo. -- Nikko, Miyanoshita, Kamakura.
Der schönste Ausflug von Tokyo ist nordwärts nach dem Tempelbezirk von +Nikko+[143], 90 englische oder 19 geographische Meilen, mit der Eisenbahn in 5 Stunden. Heute genügen 3 Tage. Vor 10 Jahren brauchte H. +Meyer+ 10 Tage dazu; er musste im Miethswagen fahren sowie Kochofen und Diener mitnehmen.
Nikko kekko, Nikko ist entzückend, -- dies hört man so häufig in Japan, wie in Frankreich, dass Paris die Hauptstadt des Erdballes sei.
Das Land ist herrlich angebaut wie ein Garten. Reis, Thee, Baumwolle, Maulbeerbäume, Gemüsefelder, -- Alles wechselt in bunter Reihe mit kleinen Ortschaften. In Japan waren 1887 an 4½ Millionen Hektar unter Bebauung, in Deutschland 22 Millionen. In unserem Vaterland kommen 47 Ar auf den Einwohner, in Japan +genügen elf+. Die Felder sind selten grösser als ½ Morgen, ja mitunter nur einige Quadratmeter gross. Die Wirthschaften sind klein, 1-1½ ha. Grossgüter giebt es nicht. 40 Procent der Landwirthe sind Besitzer, die andern Pächter.
40 Procent der Bevölkerung sind Bauern, und weitere 25 Procent betreiben Ackerbau im Nebengewerbe. 58 Procent der Staatseinnahmen kommen vom Ackerbau, ja, wenn man die landwirthschaftlichen Gewerbe, wie Sake-Brennereien hinzurechnet, 80 Procent. Arbeitsvieh wird wenig verwendet. Folglich fehlt thierischer Dung. Deshalb wird der menschliche auf das sorgfältigste aufgehoben und verwerthet. Künstliche Bewässerung wird seit den ältesten Zeiten geübt. Mit dem Tretrad wird das Wasser aus dem Graben auf die Felder gehoben. Auch sieht man zahlreiche Ziehbrunnen. +Reisfelder+ müssen ganz unter Wasser gesetzt werden. 100 Millionen Scheffel[144] werden jährlich geerntet oder 2⅔ Scheffel für den Einwohner. Mehr als die Hälfte des japanischen Ackerlandes besteht aus Reisfeldern.
Der Sonnengöttin Amaterasu, welche für die Japaner auch die Rolle der Ceres spielt, wird in ihrem Tempel zu Ise geopfert, damit die fünf Stengelfrüchte (Gokoku) Reis, Gerste, Weizen, Hirse, Bohnen gedeihen. „Landwirthschaft ist die Quelle des Landes,“ so lautet ein japanisches Sprichwort, das gewiss unserem „Bunde der Landwirthe“ gefallen wird, das aber in seiner Einseitigkeit aus der Zeit der völligen Absperrung herstammt. Unter den drei Classen des gewöhnlichen Volkes (heimin) stand der Bauer (hijakushô) höher, als der Handwerker (shokunin) und der Kaufmann (akindo). Der Samurai verschmähte es nicht, selber das Feld zu bestellen, gerade so wie der römische Patricier. Nur selten wird das japanische Landschaftsbild durch ein fremdartiges Gebäude, z. B. eine Papierfabrik, unterbrochen.
Bei Utsonomiya (65 englische Meilen von Tokyo) verlässt man die Nordbahn und geht über auf die nordwestlich verlaufende Zweigbahn nach Nikko.
Bald erscheinen niedrige, lieblich grüne Berge und die erhabene Fichten-Baumreihe, welche nach den Gräbern der grossen Shogune hinleitet. Neben der Strasse für Jedermann gab es auch eine zweite (Reiheishi Kaidō), ebenfalls von Fichtenbäumen eingesäumt, für die Gesandtschaft des Mikado, welche Geschenke zum Grabe des grossen Jeyasu brachte. Die +Fichten+ (Cryptomerien) Japan’s sind nicht so gewaltig wie die Sesquojen beim Yosemite-Thal in Californien[145], nicht einmal so mächtig wie die canadischen; aber es sind ebenmässige, wunderschöne, Ehrfurcht gebietende Bäume von 2-3 Meter Umfang. Mit grosser Kunst haben die Japaner es verstanden, sie zum Hintergrund der Todtentempel zu wählen. Offenbar bestanden die Fichtenhaine zu Nikko schon lange, als Jeyasu’s Grabeskirche hier erbaut wurde.
Das Dorf (Hashi-ichi), wo unser Zug endigt, (2000 Fuss über dem Meeresspiegel,) ist, wie die meisten in Japan, schmal und sehr lang. In dem üblichen Manneswagen fährt man zwei englische Meilen durch die Doppelreihe von Häusern, Pilgerherbergen und Läden, wo Erzeugnisse des heimischen Gewerbefleisses, Pelzwaaren und Holzschnitzereien,[146] ausliegen, ferner Lichtbilder von diesem, dem berühmtesten Theile von Japan, während an den freien Plätzen nicht bloss Jinrikisha’s, sondern sogar auch kleine Reitpferde auf Reisende harren. Trotz aller Besonderheiten von Land und Leuten sieht das Ganze einem schweizer Gebirgsdorf mit reichem Fremdenverkehr einigermassen ähnlich.
Im +Nikko-Hotel+, am Ende des Ortes und in der Nähe der Tempel, finde ich eine befriedigende Unterkunft und treffe mehr als Einen von den Schaaren, die mir zur See Begleiter waren.
Ein Shinto-Tempel hatte in Nikko seit uralter Zeit bestanden, er ward aber später nach Utsunomiya verlegt. Ein buddhistischer Tempel wurde 767 n. Chr. von dem heiligen Shōdo Shōnin errichtet, von dem die japanischen Acta Sanctorum der Wunder genug zu erzählen wissen, z. B. dass ein göttliches Wesen ihm, als er den reissenden Fluss bei Nikko nicht passiren konnte, in einem Augenblick eine gewölbte Schlangenbrücke herstellte. Im Jahre 1616 begann der zweite Shogun aus der Tokugawa-Familie den Todtentempel für seinen Vater +Jeyasu+. Im folgenden Jahre wurde der Leichnam unter grosser Feierlichkeit dorthin gebracht und beigesetzt. Abt des Klosters war stets ein Sohn des Mikado; er wohnte in Yedo und kam drei Mal jährlich nach Nikko. (Der letzte war der bei Besprechung des Ueno-Tempels genannte Prinz Kita Shirakawa.)
Auch der dritte Shogun (+Jemitsu+) hat in Nikko sein Grabdenkmal.
Entzücken und Begeisterung über die Tempel von Nikko findet man in vielen Schriften von Damen und Herren. Seltener, weil schwieriger, ist die +Begründung+ der Gefühlsschwärmerei durch genaue +Beschreibung+.
Wer, mit solchen Schriften in der Hand, prüfend in den Tempel eintritt, ist +zunächst enttäuscht+, -- namentlich, wenn er durch unser klassisches Gymnasium hindurch gegangen und auch noch in seinen Mannesjahren die hohe Schule der antiken Kunst in Florenz, Rom, Neapel, Athen, Olympia, sowie in den Sammlungen der europäischen Gross-Städte durchgemacht. Aber langsam und allmählich ändert sich der Eindruck. Wenn auch des Wunderlichen viel vorhanden ist, so fehlt doch nicht das Erhabene und das Schöne.
Vernünftige Ueberlegung siegt über eingewurzelte Geschmacksvorurtheile. Es ist ungereimt, griechische Ideale auf ostasiatische Kunstübung anzuwenden.
Die japanischen Tempel sind errichtet für Japaner, nicht für den Reisenden aus Europa und den Vereinigten Staaten. Wenn sie die Japaner voll und ganz befriedigen, und das ist der Fall, so müssen sie als gelungen und vollkommen angesehen werden.
Wie verschieden haben doch die verschiedenen Culturvölker des Alterthums und der Neuzeit, jedes nach seiner Art, den +Gedanken des Göttlichen im Tempelbau+ auszudrücken versucht! Da ich weder Gottesgelehrter noch Baumeister bin, so muss ich mich auf das beschränken, was ich selber mit meinen Augen gesehen.
So mächtig uns noch heute, nach Jahrtausenden, die Reste der +altägyptischen+ Tempel vorkommen, ganz anders war ihr Aussehen, als sie zur Zeit der Pharaonen noch unversehrt aufrecht standen, umgeben von den riesigen Umfassungsmauern, am Eingang mächtige Thorthürme (Pylonen), mit eingemeisselten, weithin sichtbaren Götterbildern und Hieroglyphen und mit 100 Fuss hohen, bewimpelten Masten und zahllosen Flaggen. Viele Aegypter durften für ihr ganzes Leben nur diese Aussenseite schauen und die ungeheuren Königsbilder aus Stein, die in majestätischer Haltung davor Wacht hielten, wie die „Memnons-Säulen“ zu Theben, deren Besuch den Gebildeten, welche in der römischen Kaiserzeit Aegypten bereisten, ganz unerlässlich schien, obwohl sie nicht mit zu den sieben Weltwundern gerechnet wurden. Jedenfalls konnte die Hauptmasse des Volkes nur bis in den ersten, gewaltigen, säulenumgebenen Hof vordringen, dessen Abschluss nach innen zu, eine Reihe von Lotos- oder Palmenblatt-Säulen, zu beiden Seiten des Eingangs durch übermannshohe Mauer-Schranken versperrt war. Nun folgte eine Flucht von säulengetragenen Sälen, alle von unbeschreiblicher Pracht, alles Bauwerk (sogar die Umfassungsmauern und die dunkelsten Keller) mit schöngeschnittenen Hieroglyphen und zahllosen (allerdings +unserem+ Geschmack nicht entsprechenden) Götterbildern geschmückt, endlich das +Allerheiligste+, ein ganz dunkles Gemach, aus einem ungeheuren Steinblock gehauen, worin das eigentliche Götterbild, der Gegenstand der Verehrung, aufbewahrt wurde.
In dieser scheinbar unzähligen Reihe von Gemächern ist jedes folgende niedriger, als das vorhergehende; jede folgende Thür der gradlinigen Flucht +erscheint+ nicht bloss dem Beschauer auf dem Hofe perspectivisch verkleinert, sondern +ist+ thatsächlich kleiner, als die vorhergehende, so dass der sinnlich überwältigende Eindruck einer ungeheuren Ferne, des Unendlichen und Geheimnissvollen, auf das empfängliche Gemüth des abergläubischen Nilanwohners hervorgebracht werden musste, wenn bei den nächtlichen Festen die Lampen aus der Thür des Allerheiligsten hervorschimmerten.
Die alten +Hebräer+ waren original in ihren religiösen Schriften, aber nicht in ihren Tempel-Bauten. Die Bundeslade entspricht ägyptischen Vorbildern. Von phönicischen Künstlern wurde Salomon’s Wunderwerk errichtet.
Die Entwicklung[147] des +altgriechischen+ Tempels zu schildern, übersteigt meine Kräfte. Betrachten wir als Beispiel aus der besten Zeit den +Parthenon+ auf dem Burgberg zu Athen. Schönheit des Stoffs und der Form, vollendetes Ebenmass und reicher, aber nicht überladener Schmuck mit Bilderwerken kennzeichnen das hohe, rechteckige Haus, welches die perikleische Zeit für die Schutzgöttin der glänzenden, berühmten, veilchenumkränzten Stadt errichtet hat.
Der Eingang ist von Osten. Die säulengetragene Vorhalle zeigt an der dreieckigen Stirn entzückende Marmorbilder. Ebenso an der gleichgestalteten Hinterseite. Sie stellen dar die Geburt der Göttin und ihre Besitzergreifung des athenischen Landes.
Im Hauptgemach unter freiem Himmel steht das Cultbild der Göttin aus Gold und Elfenbein, das Wunderwerk des Phidias. Die hintere Halle birgt den Staatsschatz. Die Metopenbildwerke und den umlaufenden Fries, die Darstellung des Festzuges zu den Panathenäen, rechnen wir noch heute zu dem schönsten Reste der griechischen Bildhauerkunst.
So wunderbar der ganze Marmorbau, gewiss eines der herrlichsten Gebäude, die jemals errichtet worden, -- er diente wohl der Betrachtung und der feierlichen Wallfahrt; aber die eigentliche +Verehrung+ hatte draussen im Freien ihre Stätte: auf dem Altar +vor+ dem Tempel wurden die Opfer verbrannt.
Die +Römer+, gross als Staatenbildner, in der Kunst und Wissenschaft waren sie klein und unselbständig. Wie viel sie den Etruskern verdanken, können wir nur vermuthen. Aber bedeutend war sicher der Einfluss der Griechen von Unteritalien oder Grossgriechenland. Aeusserlich sieht der römische Tempel dem Laien fast ebenso aus, wie der griechische. Im Innern sind Unterschiede. Die Vorhalle ist grösser. Die Hinterhalle fehlt. Das Cultbild steht im Hintergrund des Hauptgemaches, unmittelbar davor der Altar.
Trotzdem +diese+ Eigenthümlichkeit auch in der altchristlichen Kirche des Römerreiches, der +Basilica+, auftritt, scheint die letztere nicht aus dem römischen Tempel hervorgegangen zu sein, sondern aus der römischen Gerichtshalle. Zwei Säulenreihen tragen das platte Dach und theilen den Raum in drei Schiffe; dann kommt der erhöhte Chor, der prächtig geschmückte Altar und in der nach +Osten+ gerichteten Nische das Bild der Verehrung. Wohl die herrlichste Basilica der Erde ist San Paolo fuori le mura im ewigen Rom.
Noch zwei Typen hat die christliche Baukunst geschaffen, den +centralen Kuppelbau+, für den im heidnischen Pantheon zu Rom ein Vorbild gegeben war, und den +gothischen Dom+. Den ersteren bewundern wir in der heiligen Sophia zu Constantinopel, den letzteren in unserem +Köln+.
Zweifellos ist die Kuppel ein Sinnbild des +Himmelsgewölbes+, während die kühn emporstrebenden Säulen des gothischen Domes und die Spitzbogen den Blick gewissermassen in eine +unergründliche+ Höhe emporlenken.
Die +Mohammedaner+ haben in der ersten Zeit sicher die Basilica nachgeahmt, wie in der Moschee des Amr zu Kairo (aus der Mitte des 7. Jahrhunderts n. Chr.) deutlich zu sehen.
Den Kuppelbau der heiligen Sophia zu Constantinopel haben sie einfach in eine Moschee +umgewandelt+: die prachtvollen Mosaiken übertüncht, da sie im Gotteshaus Bilder nicht dulden; ferner eine Gebetnische (Michrab) nach +Südosten+,[148] in der Richtung auf das Grab Mohammed’s, eingebaut, so dass jetzt alle Gebet-Teppiche auf dem Fussboden +schräg+ gegen die Hauptachse des Tempels verlaufen; sodann eine steile Kanzeltreppe (Mimbar) errichtet, und +vor+ dem Tempel ihre schlanken Spitzthürme (+Minaret+) erbaut, von deren Höhe der Muezzin mit wohllautendem Gesang die Gläubigen zu Gebet ruft.
Die Mohammedaner haben zu Stambul nach diesem Vorbild andre Moscheen erbaut, deren Kuppeln weit schöner sind, als die der heiligen Sophia. Aber den Gipfel der Vollendung erreichten die +Kuppel-Bauten der Grossmogul zu Agra und Delhi+, die dem Parthenon ebenbürtig zur Seite stehen und des grossen Vortheils sich erfreuen, dass sie ziemlich unversehrt auf unsere Tage gekommen sind.
Voll dieser Gedanken, die ich am ersten Abend zu Nikko, nach dem ersten vorläufigen Besuch der Tempel, in meinem Tagebuch verzeichnet, trat ich am nächsten Morgen den Weg an zur genaueren Besichtigung.
Ob die Japaner +Religion+ besitzen, darüber lass’ ich die Gelehrten streiten. +Tempel+ haben sie; ihre schönsten in Nikko,[149] die Grabestempel der göttlich verehrten Herrscher. +Sie weichen wesentlich ab+ von den vorher geschilderten der andern Völker. Aber +Natur und Kunst+ haben die Japaner hier geschmackvoll vereinigt, um den +Eindruck des Feierlichen+ hervorzurufen.
Schon durch die meilenlange, zu beiden Seiten mit Cryptomerien besetzte +Zugangsstrasse+ wird die Aufmerksamkeit des Pilgers gefesselt und auf das Kommende vorbereitet.
Am oberen Ende des Dorfes liegt +Mihashi+, eine lebhaft roth lackirte Holzbrücke, welche, auf Steinpfeilern ruhend, den 40 Fuss breiten Fluss (Daiya-gawa) überspannt und den kundigen Wandrer an das Wunder mit Shōdo-Shōnin erinnert, um so mehr als sie zu beiden Seiten durch Gitter für +gewöhnliche Sterbliche+ stets verschlossen ist. Hundert Fuss flussabwärts findet man die +gangbare+ Brücke und kommt über dieselbe in die +heilige Strasse+. Dieselbe führt, tief eingeschnitten, so dass die Wurzel-Enden der mächtigen Bäume in der Höhe unseres Hauptes liegen, durch einen Cryptomerienhain, der von wunderbarer Schönheit und, weil besser gehalten, noch eindrucksvoller ist, als der berühmte Cypressenhain von Skutari.
Vorbei an einem Kloster und einer 42 Fuss hohen Kupfersäule mit dem Tokugawa-Wappen, erreicht man den Eingang zum +Mausoleum des Jeyasu+.
Eine breite Treppe zwischen zwei Cryptomerien-Reihen führt hinauf zu einem Steingatter (Torij) von 27 Fuss Höhe und 3½ Fuss Dicke der Säulen. Sowie man eingetreten, erscheint zur Linken ein höchst anmuthiger fünfstöckiger Thurm (+Pagode+),[150] der in lebhaften Farben prangt, 104 Fuss emporsteigt und oben 18 Fuss Seitenlänge hat. Rings um den ersten Stock sind, wie gewöhnlich, bemalte Holzschnitzbilder der chinesisch-japanischen zwölf Zeichen des Thierkreises.
Ein gepflasterter Weg führt zum +ersten Thor, Ni-o-mon+, d. h. Thor der beiden Könige. Doch sind diese „Schutzgeister“ aus ihren Nischen entfernt und durch zwei Fabelthiere ersetzt. Höchst kunstvolle Schnitzereien schmücken diesen Holzbau: Tapire, die als Zauber gegen Pestilenz gelten, Einhörner und andere Ungeheuer, Löwen und sehr gut ausgeführte Tiger.
Jetzt folgt der +erste Hof+ mit drei lebhaft gefärbten, hübschen +Schatzhäusern+, worin heilige Geräthe und Andenken vom grossen Jeyasu aufbewahrt werden. An dem einen sind bemalte Reliefs, Elephanten mit falscher Beugung der Hinterbeine. (Ein lebendiger Elephant war gewiss eine grosse Seltenheit in Japan.) Links vom Thor steht, innerhalb eines Steingitters, eine stattliche +Fichte+, dieselbe, welche Jeyasu, als sie kleiner war, stets in einem Blumentopf mit sich zu führen pflegte. Daneben befindet sich der (ehemalige) +Stall+ für die heiligen weissen Pferde, welche die Wagen der Götter an den Festtagen zu ziehen hatten. Ueber dem Thor sind drei bemalte Holzschnitzereien, +Affen+, welche mit ihren Händen den Mund, andere, welche die Ohren, noch andere, welche die Augen zuschliessen.
Sie werden wohl die Affen der drei Länder (Japan, China, Indien) genannt, bedeuten aber sinnbildlich die Enthaltsamkeit von Lügen, Verläumdungen, Begehrlichkeiten.
Ein schön überdachter, mächtiger, ausgehöhlter Granitwürfel dient als +Weihwasser-Becken+ und ein Gebäude daneben enthält eine achteckige Dreh-+Bücherei+ mit der vollständigen Sammlung der buddhistischen Schriften.
Ueber eine kleine Steintreppe gelangen wir empor zu einem +Vorhof+. Hier stehen +Huldigungsgaben+ der Lehns-Staaten: ein Bronzecandelaber vom König von Loochoo (Riukiu), eine grosse Glocke vom König von Korea, von demselben eine Riesenlaterne, von den Holländern ein etwas schäbiger, werthloser Candelaber. 118 Laternen, zum Theil von grosser Schönheit, haben die Daimio gestiftet.
Eine weitere Treppe führt empor zu dem +zweiten Thor+ (Yomei-mon). Dieses ist von wunderbarer Schönheit -- „und doch bloss ein Thor.“ Die Säulen sind weiss, mit geschnitzten geometrischen Figuren. Die letzteren kehren die Concavität nach oben; aber auf einer, jenseits des Thores, -- +nach unten+, um den Neid des Himmels abzuwenden. In den äusseren Nischen stehen mit Pfeil und Bogen bewaffnete Helden, in den inneren Unthiere, oben sieht man Einhörner, Drachen, Balcone mit Putten und mit weisen Chinesen. Das weit ausladende Dach hat anmuthige Formen.
Rechts und links von dem Thor erstrecken sich lange Gänge, deren Aussenwände mit naturgetreuen, bemalten Schnitzereien von Vögeln, Bäumen und Blumen geschmückt sind. Durch ziemlich einfache Innen- und Zwischenwände hat man eine Reihe von Gemächern für genügsame Priester geschaffen. +Ich+ sah aber hier einen +japanischen Maler+ eingerichtet, der in vollkommen richtiger Perspective und sehr naturgetreu +Oelbilder+ dieser klassischen Stätte für die Weltausstellung in +Chicago+ anfertigte. Auf Befragen gab er an, dass er nie einen europäischen Lehrmeister gehabt.
Der +zweite Hof+, den wir nunmehr betreten, enthält zur Rechten ein Gebäude zum +Verbrennen+ des duftenden, heiligen Cedernholzes und eines für den +heiligen+ Tanz. Ich sah den letzteren und merkte es nicht: eine Jungfrau, mit Fächer und Klapper, ging, sich neigend und beugend, auf einer niedrigen Bühne auf und nieder. Links ist ein Gebäude mit den +heiligen Wagen+, die im Festzug am 1. Juli umhergeführt werden, wenn (nach der Annahme) die göttlichen Seelen von Jeyasu, Hideyoshi und Yoritomo darin verweilen.
Geradeaus kommt man an den eigentlichen +Tempelbezirk+, der von einem niedrigen Gitter (mit schön geschnitzten Vögeln) umgeben ist. Hinein führt ein Thor aus chinesischen Hölzern mit eingelegter Arbeit.
Der Tempel hat ein prachtvolles Dach mit geschnitzten Drachen als Stützbalken. Der Innenraum (haiden) misst 42×27 Fuss, mit einem Nebenraume zu jeder Seite. Die Wände sind aus Goldlack mit farbigen Figuren in blau, roth und gold. An den Thürpfosten sind dicke Säulen von Lack, an den Wänden Gemälde von Einhörnern und Adlern auf Goldgrund, die Decke cassettirt mit Drachenfiguren. Man steigt einige Stufen hinab und sieht vor sich eine Treppe, und jenseits derselben eine goldige Thür, welche die Kapelle mit den heiligen Bildnissen -- verschliesst.
Der Tempel ist prachtvoll und feierlich, besonders in dem beliebten Halbdunkel. Fällt dann ein Sonnenstrahl durch die Spalten der Fenstervorhänge (aus Bambusstäben und Seide), so beleben sich die Farben auf das anmuthigste.
Wunderbar ist der +Zugang zu dem Grabmal+. Erst kommt man an ein Thor, mit dem vorzüglichen und von den Japanern hochgepriesenen Schnitzwerk einer schlafenden +Katze+ (von +Hidari Jingorō+) und steigt empor über eine feierliche Steintreppe, 240 Stufen, von Moos bewachsen und überschattet von geradezu herrlichen Cryptomerien. Das +Grabmal+ selbst ist eine kleine Pagode aus heller Bronze, davor steht (auf einer Schildkröte) ein Bronzekranich[151] mit einem Leuchter im Schnabel und ein Bronze-Lotosblumentopf, alles umgeben von einem Steingitter.
Etwas weiter liegt das +Grabmal+ des +Jemitsu+, des dritten Shogun aus der Tokugawa-Familie († 1651).
Wieder sind drei durch Höfe geschiedene Thore vorhanden. In den inneren Nischen des zweiten steht der Gott des Windes mit einem Schlauch[152] und der Gott des Donners mit Hantel-ähnlichen Trommelstöcken.
Sowie man durch das dritte Thor getreten, erscheint ein liebliches Landschaftsbild, der bis oben hin bewaldete Hügel des Grabmals. Halle und Kapelle sind weniger prächtig als die des Jeyasu, das Grabdenkmal ähnlich.
Der Zutritt zu dem Tempelbezirk ist +bequem+. Man ersteht eine Einlasskarte für 35 Sen. Die Japaner lassen ihre Schuhe beim ersten Gitter und miethen sich für eine kleine Münze ein +heiliges Paar+ Holzschuhe, das allein würdig ist, diesen Weg zu betreten. Das Innere der Kapellen ist natürlich nur nach dem Ablegen der Stiefel oder nach dem Ueberziehen von weissen Leinwandschuhen zugänglich. In dem Tempelbezirk darf nicht geraucht werden. --
Nachmittags machte ich in Jinrikisha (mit zwei Mann) einen Ausflug nach dem +Urami-ga-taki+ oder Hinten-Schau-Wasserfall. Leichter als bei dem Niagara, aber mit demselben fragwürdigen Genuss, kann man zwischen Felswand und den 50 Fuss hohen Wassersturz treten. Weit schöner sieht der Fall von vorn aus. Die vorsorglichen Japaner haben ein niedliches Theehaus in die Felsblöcke eingenistet. Bewunderungswürdig ist die Geduld und das Geschick der Wagen-Männer oder -Jünglinge. Sie keuchen und feuern sich gegenseitig an, klagen aber nicht. Steigt der Europäer aus, dem es unangenehm ist, dass Mitmenschen für ihn so sich plagen; so leiden sie das nicht lange und laden sehr bald mit freundlicher Geberde zum Einsteigen ein. Sie stützen den Schwerpunkt des Wagens, verhüten das Umfallen, leiten ihn sanft über Steine und kleine Abgründe. Kein Ponny würde den Wagen über diesen Weg befördern.
Auf dem Rückweg besuchen wir +Kamman-ga-fuchi+, wo über den Stromschnellen auf einem anscheinend unnahbaren Felsen ein Sanscrit-Wort (Hammam) eingemeisselt ist, -- +angeblich+ durch den heiligen Kobo Daishi, der seine Feder gegen den Fels schleuderte. Am Ufer stehen Hunderte von Amida-Bildsäulen, die +angeblich+ kein Mensch richtig zählen könne.
Der Aberglauben ist etwas +einförmig+, auch -- in Japan. Doch +lächeln+ die Japaner über den ihrigen, auch die gewöhnlichen Kulis.
Nachdem ich noch zum dritten Mal die Tempel besucht, -- die Priester schüttelten schon den Kopf über den hartnäckigen Fremdling, -- fuhr ich nach Tokyo zurück und machte am folgenden Tage den +zweiten Ausflug+, nach +Miyanoshita+.
Da dies nur eine „schöne Gegend“ ist, südwestlich von Tokyo, nicht weit von dem 12000 Fuss hohen, ruhenden Vulkan Fuji, ohne erhebliche Besonderheiten und namentlich ohne Alterthümer; so will ich mich ganz kurz fassen. Von Tokyo fährt man mit der Eisenbahn über Yokohama nach Kozu. Von hier mit der Pferdebahn weiter nach Odowara und Jumoto (1 Stunde). Mein Führer, den ich leider noch hatte, behauptete, es schicke sich nicht für mich, im gewöhnlichen Pferdebahnwagen mit dem Volk zusammen zu sitzen, und miethete für mich einen besonderen Wagen. Doch zeugte der Preis (1½ Yen) von japanischer Genügsamkeit.
+Odowara+ war früher Sitz der Hojo-Familie, im Jahre 1590 wurde ihre Macht durch den Taikō Hideyoshi gebrochen. Als sie in ihrem festen Schloss zu Odowara endlos darüber beriethen, ob sie angreifen oder auf Vertheidigung sich beschränken sollten, überfiel Hideyoshi das Schloss und nahm es durch einen Handstreich. Daher ist bei den Japanern die +Odowarasitzung+ sprichwörtlich geworden.
Von Yumoto bringt die Jinrikisha den Reisenden durch eine romantische Schlucht bergaufwärts nach +Miyanoshita+. Das beste Gasthaus ist +Fuji-ya+.
Mein Führer behauptete aber, wir müssten nach +Nara-ya+. Das Haus war auch gross, aber ganz leer. Ausser mir waren nur zwei Parsi und ein nervenkranker Engländer da, und -- zahlreiche +Ratten+, die man Nachts über der Decke nur allzu deutlich hörte.
Da ich den Wunsch äusserte, einen von den berühmten Spaziergängen kennen zu lernen, brachte mich mein Führer in ein nasses Bambusdickicht, um dem Fremdling bündig zu beweisen, dass man in Japan nicht -- zu +Fuss+ gehen soll.
An einen Ausflug nach dem Hakone-See war wegen des Regens, an eine Besteigung des Fuji ebendeswegen und wegen der vorgerückten Jahreszeit gar nicht zu denken. Berge, Seen und Wasserfälle hatte ich in Europa schon oft genug und mit grösserer Bequemlichkeit betrachtet. So kehrte ich denn baldigst nach Tokyo zurück, wo die Zeit der Feste für mich anhob.
Der dritte Ausflug ist der nach +Kamakura+ und +Enoshima+. Kamakura, südwärts von Yokohama,[153] an der Sagami-Bucht gelegen, ist jetzt ein Dorf, mit Sommerwohnungen für die Europäer von Yokohama; einst war es die mächtige Hauptstadt von Ost-Japan.
+Yoritomo+ (1192 n. Chr.), der Schöpfer des Shogunats und der Feudalverfassung, die bis 1868 angedauert, verlegte den Sitz der Regierung hierher. Hier wurden die Gesandten des Mongolen Kublai Khan, die Unterwerfung Japan’s gefordert, enthauptet. In der Blüthezeit des Mittelalters soll die Stadt über eine Million Einwohner gezählt haben. Die Gründung von Yedo (1603) versetzte ihr den Todesstoss.
Die Sehenswürdigkeit von Kamakura ist +Dai-butsu+, der grosse Buddha. Auf einer riesigen Lotosblume sitzt der beschauliche Weise von 49 Fuss Höhe, aus Bronze gegossen,[154] seit dem Jahre 1252 n. Chr. und hat den Tempel lange überdauert, der einst ihn überdachte, aber 1494, also kurz nach der Entdeckung Amerika’s, durch eine Springfluth zerstört wurde. Diese Bildsäule soll die wahre Idee des Buddhismus am reinsten darstellen, nämlich die geistige Ruhe, welche hervorgeht aus Erkenntniss und Bezwingung der Leidenschaften.
Jedenfalls ist es die beste Bildsäule von Shaka, die +ich+ zu sehen bekam. Aber seltsam berührt uns doch die Weisheitswarze auf der Mitte der Stirn und das verlängerte Ohrläppchen.
In Japan trägt kein Mensch Ohrringe; in Indien, woher die Grundform Shaka’s stammt, alle, Männlein und Weiblein; es giebt auch dort keine kleinen, einige sind aber grösser und die entsprechenden Ohrzipfel bedeutend länger.
Das Reisebuch sagt, dass die stille Grösse des Bildwerkes erst bei wiederholtem Besuch empfunden werde. Das ist möglich, aber für uns gleichgiltig, da wir nicht wiederkehren können. Jedenfalls sind solche Bildsäulen für den Reisenden lohnender, die man nur zu +betrachten+ braucht, um sie zu verstehen und zu +bewundern+.[155]
Weit schöner, als der Daibutsu, ist in dem benachbarten Tempel der Kwannon eine sitzende Bronzefigur aus dem 15. Jahrhundert, in kaum halber Lebensgrösse: wenn man von den halbgeschlossenen, etwas schläfrigen Augen absieht, könnte man sie für das Werk eines Griechen halten. Die vergoldete Riesen-Bildsäule der Göttin selber (von 30 Fuss Höhe) lohnt kaum das Ansehen und das Trinkgeld an den Priester. Desto schöner ist die Aussicht von dem ragenden Tempel über das Gestade und das Meer. Auch in diesen friedlichen Gefilden waren kriegerische Uebungen. Japanische Soldaten, die etwa so aussahen wie deutsche Rekruten in nicht passenden Uniformen und mit falschen Mützen, ruhten gemächlich vor einem Theehaus und schäkerten mit den Mädchen.
Die liebliche, immergrüne Insel +Enoshima+, seit alter Zeit der +Göttin der Liebe+ (Benten) geweiht, hängt durch eine schmale Düne mit dem Festland zusammen. Wenn man die steile Strasse emporsteigt, wo Haus bei Haus alle möglichen Meereserzeugnisse, Fische und Muscheln zum Essen, Glasschwamm (Hyalonema Sieboldi) und Muschelschalen, rohe wie künstlich verarbeitete, als Andenken, feilgeboten werden, glaubt man ein +japanisches Santa Lucia+ vor sich zu sehen. Ich raste oben auf der Höhe in einem Theehaus, mit einem zufälligen Reisegefährten, dem deutschen Pastor Schmiedel, der von allen englisch redenden Missionären, die ich in Ostasien getroffen, höchst vortheilhaft durch zwei Vorzüge sich auszeichnete, nämlich durch Gelehrsamkeit und Duldsamkeit.
Eine Theater-Vorstellung in Tokyo.
Pünktlich, wie verabredet, um 3 Uhr Nachmittags, holt mich mein Freund ab. Trotz der frühen Tageszeit war es keineswegs eine Vorstellung für Kinder. Denn das Hauptstück enthielt, wie mir gleich mitgetheilt worden, -- einen fünffachen Mord sowie den Selbstmord des Mörders unter erschwerendsten Umständen, Alles auf offener Bühne.
„Nehmen Sie lieber Ihre Pantoffeln mit!,“ sagte mein Freund; und rasch bestieg Jeder von uns seine zweirädrige Droschke, die, von zwei hintereinander eingespannten Männern gezogen, schneller und sanfter dahineilte, als so manches Fuhrwerk, das bei früherer Gelegenheit mich zu den Brettern, die die Welt bedeuten, hinbeförderte.
Wir sind angelangt. Höfliche Männer ziehen mir die Stiefel aus, meine gelbledernen, zum Glück ganz neuen Pantoffeln an. Auf weichen Matten, mehr gleitend als schreitend, gelange ich vorwärts in ein kleines Zimmerchen, wo freundlich lächelnde Mädchen in tadelloser Schmetterlingsfrisur, in buntseidenen Gewändern mit breitem rothen oder violetten Gürtel, auf den Knien und das Haupt zur Erde neigend, uns winzig kleine Schälchen voll klarer, heisser, hellgrüner, bitterer Flüssigkeit überreichen, die Thee sein soll. Wir sind in dem +Theehause+ des Theaters, welches in ortsüblicher Weise den Verkauf der Einlasskarten verwaltet.[156] Aber wir verweilen hier nicht lange. Rasch weiter gleitend, auf Matten, lackirtem Fussboden und kleinen Treppchen, befinde ich mich bald in einer der vornehmsten Logen des grossen, aus Holz erbauten und durch die breit durchbrochenen Wände hindurch vom Tageslicht hell genug erleuchteten Theaters. Ich selber (und ich allein im ganzen Theater) sitze auf einem Stuhl, umgeben oder besser umlagert von all’ meinen jungen Freunden, die, um mich zu erfreuen, ihre kleidsame Volkstracht angelegt, einen dünnen, seidenen, hellfarbigen, kurzen Schlafrock, geziert mit dem Wappen der Familie, das aber nach dem liebenswürdigen Geschmack des Landes, nicht wie bei uns aus grimmen Leuen und solchem Gethier, sondern aus freundlichen Blumen zusammengesetzt ist. Sofort wird mir die Cigarette gereicht und das Kästchen mit glimmender Kohle, dazu sprudelndes Getränk und vielerlei Süssigkeiten.
Wir befinden uns in dem +Haupttheater+ zu +Tokyo+, der Residenz des Mikado.
Das Gebäude stellt eine riesige, mit Holz überdachte Halle dar. Drei Seitenränge sind vorhanden, aber die Wände zeigen die japanische -- Offenheit. Unsere Wagenmänner können von draussen bequem über die Köpfe der Sperrsitz-Gäste hinweg +umsonst+ zusehen; und ausser ihnen Jeder, der Lust hat. Der Sperrsitz zu ebener Erde ist schachbrettartig in kleine Verschläge eingetheilt. In jedem kauern ihrer vier Personen auf den Matten. Man sieht hie und da eine ganze Familie, die mit Reisnapf, Theetopf, Zuckerwerk, Tabaksgeräth sich häuslich niedergelassen hat. Zwischenwege giebt es nicht. Um zu ihren Plätzen zu gelangen, müssen sie auf den Zwischenbalustraden, die man -- Blumenpfade nennt, entlang turnen. Das thun auch die Damen und zwar ganz geschickt. Alle Welt ist in Strümpfen; und in sehr weissen. Alle Welt, einschliesslich der Damen, raucht Tabak aus der winzig kleinen japanischen Pfeife und ist kreuzfidel. Die Damen sind prachtvoll geputzt in den buntesten Gewändern; das schwarze glänzende Haar, das wie lackirt aussieht, ist in der phantastischen Schmetterlings-Frisur geordnet. Die heitere Abwechslung, welche durch die Anwesenheit der Damen auf allen Plätzen hervorgerufen wird, die ungezwungene Unterhaltung während der Zwischenakte (und zum Theil auch während des Spiels) unterscheidet ganz wesentlich das japanische Theater von dem verwandten chinesischen.[157]
Das Stück beginnt. Den +Namen+[158] zu erfahren war schon recht schwierig, obgleich meine jungen Freunde und ehemaligen Schüler, des Deutschen mächtig, grosse Mühe mit der Erklärung sich gaben. Die wörtliche Uebersetzung des Titels lautet: „Der frischgeschnittene Satsuma“. Das letztere Wort bedeutet einen südlichen Clan von der Insel Kiuschiu, der eine grosse Rolle in der Geschichte Japans gespielt hat und noch heute in der constitutionellen Entwicklung zu spielen scheint. Das Wort bedeutet auch ein Kleidungsstück, das diesem Clan eigen ist. In unserem Stück, welches vor etwa 130 Jahren geschrieben, aber für die Zwecke des heutigen Theaters neu hergerichtet ist, bezeichnet es den Helden, den der berühmte Schauspieler Danyūro[159] spielt, einen Samurai oder Krieger mit zwei Schwertern im Gürtel, der in einem Lokal mit Damenbedienung aus einem nüchternen Weiberfeind in einen Trunkenbold, Verschwender und Mädchenjäger umgewandelt wird. Für unsere Begriffe ist die Entwicklung unklar, der Gang schleppend, die Fabel des Stückes arabeskenartig verflochten. Aber +wir+ sind hier nicht massgebend. Der Japaner hat unendlich viel mehr Geduld, als der Europäer.
Zuerst kommt eine vergnügte Kneiperei in dem Wirthshaus. Der Samurai, von seinem Vorgesetzten mit Geld ausgestattet, um eine kostbare Uhr in der Stadt ausbessern zu lassen, geräth in das liederliche Wirthshaus und wird von dem Wirth, dessen Weib und drei Mädchen[160] bearbeitet. Plötzlich tritt ein junger Liebhaber auf und schleudert ein viertes Mädchen zu Boden. Er scheint Grund zur Eifersucht zu haben. Dann wird er von seinem Vater verstossen, weil er von dem Mädchen doch nicht lassen will. Diese beiden Motive verschwinden im Fortgang des Stückes.
Der Samurai tritt in den Vordergrund. Er liebt das Mädchen Nummer Vier. Gegen ihn ist sie spröde. Er schickt ihr von dem anvertrauten Gelde fünfzig Thaler durch den Wirth. Dieser unterschlägt das Geld und leugnet seine Unterschrift. Denn die Japaner sind so schreibwüthig, wie einst die alten Aegypter; sie schreiben +Alles+ auf, auch Hamlet’sche Monologe: „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.“
Der Held betrinkt sich. Sein treuer Diener schleppt ihn fort, und zwar „auf dem Wege in die Ferne;“ das ist ein von der nur mässig erhöhten Bühne aus mitten zwischen Sperrsitz und den entsprechenden Logen hindurch geleiteter Holzsteg.
Als am andern Morgen der Krieger zum Selbstbewusstsein seiner ehrlosen That kommt, ergreift er -- nicht das Schwert, sondern zunächst den Schreibpinsel, um seine Abschiedsworte in zierlicher Sprache der Nachwelt zu überliefern.
Jetzt muss ich noch erwähnen, dass das ganze Spiel von einem zwar nicht überlauten, aber durchaus eintönigen Guitarrengeklimper aus einem Verschlag rechts von der Bühne, begleitet wird. Aber bei bedeutenden Scenen setzen kräftigere Akkorde ein; jede hervorragende Person des Stückes hat sozusagen ihr Leitmotiv. Selbstgespräche aber werden nicht gesprochen, sondern durch Geberden dargestellt, während gleichzeitig aus einem Verschlag +links+ von der Bühne ein Sänger der gewissermassen den Chor des griechischen Theaters vertritt, in etwas meckernder Fistelstimme, dem geehrten Publico die Gedanken, Befürchtungen, Vorsätze des Helden auseinandersetzt und ferner seine eignen Rathschläge hinzufügt.
Dazu kommt noch bei besonders packenden Scenen ein lautes Geräusch von Holz-Klappern, ähnlich wie in buddhistischen Tempeln, und ein kurzes einsilbiges Beifallsgeheul des Publicums!
Nachdem also der Samurai unter Gesangbegleitung seine „Lebensabiturientenrede“ niedergeschrieben, ergreift er das Schwert, das scharfe, und setzt es -- nicht gegen die Brust, das ist nicht fein in Japan, sondern etwas tiefer; aber in demselben Augenblick stürzt der getreue Ekkehard herein, entreisst ihm das Schwert und holt einen Freund und Biedermann, der nach längerer Vermahnung aus eigenen Mitteln den Kassen-Fehlbetrag ausgleicht.
Soweit wäre nun Alles gut, und das Lustspiel zu Ende. Aber dann wäre Danyūro um seine Kraftleistung gekommen. Das Theater würde nicht ausverkauft sein. Also, der Samurai geht noch einmal in das Wirthshaus und fordert sein Geld zurück. Wirth, Frau und Mädchen behandeln ihn ausnehmend schlecht; sie leugnen Alles, sogar die Anwesenheit von Nummer vier, die er doch mit eignen Augen eintreten sah. Man behandelt ihn, wie einen unzurechnungsfähigen Trunkenbold, ja wie einen Betrüger. Wüthend geht er ab. Sein Fächer, den er vergessen, wird ihm auf die Strasse nachgeworfen! Diese Verletzung der japanischen Höflichkeit ist schlimmer, als ein Faustschlag ins Gesicht. Wüthendes Geschrei der Zuschauer, höchste Töne des Vorsängers, stummes Geberdenspiel des Helden auf dem Holzbrett, zwischen Sperrsitz und Logen. Schon will er zurückstürzen und blutige Rache nehmen. Aber er stösst das Schwert in den Gürtel und enteilt mit beflügelten Schritten.
Der Vorhang -- er fällt nicht, er steigt nicht; oben in Oesen befestigt, wird er von discret durchschimmernden Männern rasch von der Seite her vorgeschoben.[161] Er zeigte Riesenblumen im Wasser, nach altägyptischer wie neujapanischer Perspective, das Nebeneinander übereinander gestellt. Ein gutes Theater braucht den Vorhang nicht zu kaufen, er wird von Verehrern gestiftet.
Die Zwischenmusik ist jetzt zu Ende. Auch unser Abendessen, das uns in einem Nebenzimmer, allerdings unter harmlosem Zuschauen des ganzen ersten Ranges, aufgetischt worden, sogar mit Bier, welches die Japaner ganz gut zu brauen von Deutschen gelernt haben.
Es ist Nacht auf der Bühne. Der Samurai erscheint vor dem Wirthshaus. Unklar scheint, warum er nicht eindringt. Denn ein gewöhnliches Haus in Japan kann man fast mit einem Federmesser öffnen.
Aber nun kommt ein realistischer Kniff. Woher kann er wissen, dass die ganze Gesellschaft, die er so ingrimmig hasst, zu Hause ist? Er verbirgt sich hinter einem Brunnen; eine Magd kommt heraus und erzählt einem Nachbar, dass sie alle fröhlich beisammen seien. Nun hat der Samurai es gehört. Auf den Zehen schleicht er näher und zieht sein Schwert.
Jetzt werden wir vertraut mit einer neuen Eigenheit der japanischen Bühne. Der grösste Theil derselben ist eine Kreisfläche, die auf einem Zapfen sich dreht.[162] Bei der nunmehr folgenden Haupthandlung, wo der Samurai seine fünf Opfer (Wirth, Wirthin und Mädchen Eins, Zwei, Drei) erschlägt, und die Erregung des Publicums auf das höchste gesteigert ist, dreht sich die Bühne langsam um die Achse, so dass man jetzt den Krieger draussen sieht, dann drinnen und in den verschiedenen Gemächern. Der Würgeengel ist unerbittlich. Der Dichter auch. Nicht bloss wird Jeder der Fünf vor unsern Augen abgeschlachtet; sondern nach dem ersten Stoss oder Schlag, wobei das Blut vor unsern Augen fliesst, da die Schauspieler Gummiblasen mit rother Flüssigkeit in den Händen halten,[163] folgt noch das Bauchaufschlitzen und Halsabschneiden in der natürlichsten oder, wenn man diesen Ausdruck vorzieht, in der allerkünstlichsten Weise! Der Realismus feiert seinen höchsten Triumph. Das Knacken der Knochen bei Vertretern unsrer jüngsten Schule ist Kinderspiel gegen die anämischen Krämpfe des blutüberströmten, sterbenden Kneipwirths, dessen Darsteller offenbar im Schlachthaus erfolgreiche Studien angestellt hat.
Wir kommen zu der letzten Scene. Japan’s stärkste Seite ist die +Polizei+. Es ist vielleicht die gründlichste der Welt. Ein Mörder +darf+ nicht unentdeckt, nicht unbestraft bleiben. Da kommt die ganze Schaar, mit kurzen Schwertern bewaffnet. Es ist am steilen Flussufer in der Nacht. Aber der kühne Krieger ist ihnen entkommen. Er rudert kräftig sein Schifflein zum andern Ufer. Hier vollendet er sein Geschick.
Die ganze Scene ist sprachlos.
+Harakiri+ nennen es die Europäer. Er stösst sich das Schwert in den Leib, ein Blutstrahl spritzt heraus und färbt das Hemd tief dunkelroth, sein Gesicht verzerrt sich; er zieht das Schwert, wie man glauben möchte, aus dem Leib und zerschneidet kunstvoll seine linke Halsschlagader. Dann sinkt er ins Boot und stirbt den stolzen Kriegertod, unerreichbar der Wuth seiner Verfolger.
Jetzt schien mir das Stück wirklich zu Ende zu sein, nachdem ich, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, schon zweimal vorher das Ende zu sehen geglaubt hatte. Der Sicherheit halber gehe ich hinter die Bühne und höre, dass es wirklich vorbei ist.
Das zweite, weniger erschütternde und mehr zeitgenössische Stück, worin eine Frau mit zwei Männern vorkam, habe ich nicht bis zu Ende gesehen; es war inzwischen 9 Uhr Abends geworden.
Ist nun das japanische Theater aus dem griechischen hervorgegangen, wie das unsrige? Wer weiss das zu beantworten? Meine japanischen Freunde sicher nicht. Und die Werke europäischer Gelehrten schweigen über diese Frage.[164]
Ein +gewisser+ Einfluss des +griechischen+ Drama’s auf das +indische+ ist nicht von der Hand zu weisen, darf aber [nach +Klein+,[165] gegen +Weber+] nicht überschätzt werden. Sendlinge der Buddha-Lehre sind dann als Culturträger von Indien nach China, von China nach Japan vorgedrungen. Kalidâsa, der Verfasser des auch uns bekannten indischen Drama’s Sakuntula, lebte im 3. Jahrhundert n. Chr.; über 400 Jahre später der Kaiser Hiuentsong, der Urheber des chinesischen Drama’s. Andrerseits fanden die spanischen Eroberer in Peru ein einheimisches geschichtliches Schauspiel vor, das +offenbar an Ort und Stelle+ entstanden war.
Jedenfalls hat +das japanische Drama[166] einen nationalen+ Ursprung in uralten religiösen Tänzen, die von Chorgesängen begleitet wurden. Im Beginn des 15. Jahrhunderts n. Chr. wurde durch den kunstliebenden Shogun Yoshimasa ein Fortschritt begründet: neben dem Chor traten zwei Schauspieler auf, die mehr in dramatischer Weise Theile der Dichtung vorführten und vortrugen. Diese Aufführung heisst +No+. Sie ist geschichtlich oder halbreligiös und in gewisser Beziehung dem ältesten Drama der Griechen nicht unähnlich. Scenerie ist nicht vorhanden, aber die Anzüge sind prachtvoll und von geschichtlicher Treue. Darum ist es ein kostspieliges Vergnügen der Grossen. Der letzte Mikado, der vor der Revolution in Kyoto Hof hielt und mit der Regierung des Landes nichts zu thun hatte, soll einen grossen Theil seiner Zeit auf das No-Spiel verwendet haben.
In Osaka bei Kyoto haben auch meine Freunde mir eine solche Aufführung veranstaltet, die der gewöhnliche Reisende nicht leicht zu sehen bekommt.
Drei Personen traten auf, der Held, die Prinzessin, ihre Dienerin, -- alle in der echten Pracht der alten Zeit, der Held mit einem Riesenschurz, die Prinzessin mit Riesen-Aermeln und Puscheln. Der kleinste Fehler in der Tracht würde den japanischen Kenner um jeden Kunstgenuss bringen. Unter der langsam feierlichen Musik kehrt der Held heim von seinem Siegeszuge. Er kam, er sah, er siegte über die Prinzessin, die vergeblich von der treuen Dienerin zurückgehalten wird. Erst bleibt der Held stolz, dann wird er weich und ergriffen, die Liebe triumphirt, und das glückliche Pärchen schreitet würdevoll nach dem Hintergrund. Hier wurden die weiblichen Rollen von Mädchen (Tänzerinnen) gegeben; wenn ich nicht irre, auch die eine männliche.
Es wird gewiss auch +inhaltreichere+ Stücke der Art geben; aber ich habe andere nicht gesehen.
Das +Volkstheater+ (Shibai oder Kabuki) nahm im 17. Jahrhundert n. Chr. seinen Ursprung aus jenen kleinen Lustspielen, welche die Reihe von 6-7 No-Aufführungen zu unterbrechen pflegten, -- gerade wie die alten Griechen auf die tragische Trilogie ein Satyrspiel folgen liessen.
Die Stücke sind entweder Geschichts- oder Sittenbilder.
Die beiden grössten Schauspieldichter[167] der Japaner lebten im 18. Jahrhundert und versuchten sich in beiden Arten; beide brachten die „Rache der 47 Knappen“[168] auf die Bühne. Im Volkstheater liebt man Scenerie und benutzt die Drehbühne, um zwei verschiedene Scenen unmittelbar auf einander folgen zu lassen. Das Volkstheater ist der einzige Platz, wo das +alte Schopf-Japan+ noch naturgetreu vorgeführt wird, und gleichzeitig das +heutige+ Leben des Völkchens, an den +Zuschauern+, studirt werden kann. Dass das japanische Theater sittenloser wäre als das unsrige, ist die vorschnelle Behauptung einer Unmöglichkeit.
Vor der neuen Verfassung waren die Schauspieler des No geehrt, die des Kabuki verachtet. Das hat sich jetzt auch geändert.
Ein Gastmahl und ein Fest im Clubhaus.
Auf eine wissenschaftliche Sitzung, die im Hause eines meiner Fachgenossen abgehalten wurde, folgte ein +Festmahl+. Die +Speisekarte+, welche jeder Gast erhielt, befand sich auf einem schön bemalten +Fächer+, der sinnbildlich den Namen des Gastes und des Wirthes (Sikayama = +Hirschberg+, Inouye = Ueber dem +Brunnen+), vereinigte. Wir sassen auf europäische Art an einer langen Tafel; auch die Frau des Wirthes, die zwar keine europäische Sprache verstand, aber, wiewohl schüchtern, so doch zierlich, ihr Glas gegen das unsrige erklingen liess. Es gab Fischsuppe, gefüllten Fisch, Lotos- und Lilienwurzel, Süssigkeiten, gebackene Vögel, Krabben, Polypen, Reis und noch vieles Andere.
Die Gerichte sind klein und zahlreich und werden jedem Gast besonders aufgetragen, immer mehrere zusammen auf einem lackirten Brettchen oder vielmehr +ganz niedrigen+ Tischchen (Zen) angeordnet. Ein volles Mahl besteht aus zwei bis drei Gängen (+Tischen+), und jeder Gang aus sechs bis acht Gerichten. Alles sieht sehr appetitlich aus, schmeckt uns aber weniger gut, als den Japanern. Auch können wir mit den zwei Ess-Stäbchen, die wie ein Storchschnabel oder eine Zange zusammenwirken, nicht geschickt genug umgehen, was bei unsern Wirthen harmloses Lächeln hervorruft. Gabeln, Messer, Löffel giebt es nicht. Suppe wird aus dem Tässchen getrunken, alles Uebrige ist so zerkleinert, dass die mit den zwei Ess-Stäbchen bewehrte Rechte es zum Munde führen kann. Unangenehm ist kein Gericht. Der +rohe Fisch+, ganz fein geschnitten und mit den Stäbchen in eine würzige Tunke getaucht, schmeckte mir besser, als -- eine lebendige Auster. Natürlich, in einem gewöhnlichen japanischen Gasthaus wird gerade +dieses Fisch-Gericht+ nicht so vortrefflich sein und alle die Verwünschungen verdienen, mit welchen es von europäischen und amerikanischen Reisenden überhäuft worden ist.
Getrunken wurde dazu Saki, der dünne japanische Reisschnaps, von dem es zahlreiche Arten giebt.
Doch will ich, zur Beruhigung wissenschaftlicher Seelen, die +Uebersetzung der Speisekarte+ beifügen, die Herr Tsurutaro Sengo, Lector des Japanischen an unserm Seminare für orientalische Sprachen, für mich anzufertigen die Güte hatte.
A. Der erste Tisch.
1) +Suimono+: (Suppe mit Tai-Fisch und Iwatake-Pilz).
2) +Kuchitori+, dessen Materialien: a) Wildes Geflügel, b) Krebse, c) Eier, d) Essbare Kastanien, e) Süsse Citrone.
3) +Sashimi+, dessen Materialien: a) Suzuki-Fisch, b) Aralia edulis, c) Junge Gurken. Gewürz: Meerrettig.
4) +Hachizakana+, dessen Material: Karei-Fisch, mit Gewürz, frischem Ingwer.
5) +Donburi+, dessen Material: Anago-Fisch.
6) +Mizubachi+, dessen Materialien: a) Namami-Fisch, b) Nori (Meerpflanze). Gewürz: Frischer Ingwer.
7) +Chawanmushi+, dessen Materialien: a) Geflügel, b) Krebse, c) Essbare Kastanien. Das Verbindungsmittel bilden Eier.
B. Der zweite Tisch.
8) +Namasu+, dessen Materialien: a) Akagai-Muscheln, b) Melonen, c) Iwatake-Pilz.
9) +Shiru+ (Suppe).
10) +Komono+, dessen Bestandtheile: a) Narazuke, Wurzel und Früchte, b) Misozuke, Wurzel und Früchte, c) Der grüne Salat (natürlich in japanischer Weise).
11) +Hira+, dessen Bestandtheile: a) Grosse Krebse (eine Art von Hummern), b) Shiitake-Pilz, c) Gemüse. Gewürz: Süsse Citronen.
12) +Choko+, dessen Material: Awabi-Muscheln.
13) +Tsubo+, dessen Materialien: a) Tai-Fisch, b) Essbare Kastanien, c) Eier.
14) +Hikimono+, dessen Bestandtheile: a) Tai-Fisch, b) Hummer, c) Hamaguri-Muscheln.
=Getränke:=
1) +Kamenotoshi+, } 2) +Shisoshu+, } 3) +Umeshu+, } 4) +Awamori+, } japanisch. 5) +Mirin+, } 6) +Jōrōshu+, } 7) +Irozakari+, } 8) +Hōmeishu+, } 9) +Champagner+, europäisch.
Der Uebersetzer bemerkt: +Alle+ vierzehn Teller stellen verschiedene Kocharten dar. Aber es ist unmöglich, dieselben zu erklären oder zu übersetzen. Es ist auch unmöglich, die Namen verschiedener Fische zu übersetzen. Es sind im Ganzen: a) Fünf Arten feinster Fische, b) zwei Arten Hummern und eine Art Krebs, c) drei Arten feinster Muscheln, d) zwei Arten Geflügel, e) Eier, f) zwei Arten feinster Pilze, g) essbare Kastanien, h) Melonen, i) junge Gurken, k) Aralia edulis, l) Nori (Meerpflanze), m) verschiedene Gemüse und Früchte, n) Gewürze, süsse Citronen, frischer Ingwer, Meerrettig etc. Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass das Fleisch irgend eines vierfüssigen Thieres (sei es Kalb, sei es Rind, sei es Hammel, sei es Reh,) vollständig fehlt. Der Grund ist der, dass es bei uns nicht als feines Fleisch gilt. Es darf auf einem feinen Diner nicht vorgesetzt werden, es sei denn ein europäisches. Auch die in Europa ausserordentlich hoch geschätzten Austern und Lachse gelten bei uns nicht als sehr fein, obgleich sie manchmal auf den Tisch der vornehmen Leute gebracht werden. Uebrigens sind die Austern bei uns (insbesondere in den südlichen Provinzen) sehr billig und werden auch von den armen Leuten gegessen. --
Ergötzt wurden beim Gastmahl Aug’ und Ohr durch Musik und Tanz. +Musik+ ist nach +Montesquieu+ ein +angenehmes+ Geräusch; ein +unangenehmes+ aber wird es für den Europäer, wenn es von Einwohnern der andern Erdtheile verübt wird, seien es „Araber“ in Tunis oder Aegypten, oder Türken in Constantinopel oder Smyrna, oder Hindu, Singalesen, Chinesen, Japaner; seien es zum Tanz singende Rothhäute in den Vereinigten Staaten oder in Canada.
Die Japaner haben Musik seit uralter Zeit besessen, aber ihre jetzige mit Harfen, Lauten, Leiern (Koto), die mittels eines dreieckigen Elfenbeinstabes gespielt werden, Fiedeln, Flöten, Trommeln haben sie von den buddhistischen Priestern aus China erhalten; höchstens die Guitarre (+Samisen+), das Lieblingsinstrument der Sängerinnen, von dem spanischen Manila.
Für die Guitarre giebt es auch keine Noten, wie für die heilige Musik. Es besteht noch grosser Streit unter den Gelehrten, ob die Japaner fünf Töne haben (ohne Quart und Septime des Grundtones) -- wie „fünf Elemente“, oder unsre kleinere Tonleiter.
Einer meiner jüngeren Freunde, der mehrere Jahre in Europa gelebt, erklärte mir, dass er die Musik von +Richard Wagner+ für sehr schön halte, aber gleichzeitig für sehr schwer; und dass die japanische Musik seinem Ohr angenehmer klinge, wegen der langen Gewöhnung, gerade so wie ihm die japanischen Speisen besser schmeckten, als die europäischen.
Auf unserm Gastmahl wurde unter Harfenbegleitung von den Töchtern des Hauses und deren Verwandten und Freundinnen, kleinen Mädchen von 5-10 Jahren, die auf das prachtvollste mit geblümten Seidengewändern bekleidet und geschmückt waren, ein eigens für diesen Zweck erfundener und sorgsam eingeübter Geberdentanz aufgeführt. Soweit ich es verstehen konnte, war es ein Tanz von Fischerinnen, die am Gestade des Meeres den aus der Ferne gekommenen Gast begrüssten und unter Schwenken von Segeln und Netzen auf das freundlichste willkommen hiessen.
Von oberflächlichen Globetrottern ist die Meinung verbreitet worden, dass in Japan der Tanz nur von niedrig stehenden Mädchen geübt werde. Das ist ganz falsch. Erstlich giebt es auch wirkliche Künstlerinnen, die der gewöhnliche Reisende allerdings nicht so leicht zu sehen bekommt, da diese Veranstaltungen sehr kostspielig sind. Zweitens wird im Bannkreise des eignen Hauses, allerdings nur für die Angehörigen und Freunde, der +kunstgemässe+ Tanz von den Töchtern vorgeführt.
Nach dem japanischen Mittagsessen wurde mir noch ein europäisches vorgesetzt, mit Messer und Gabel und mit europäischen Weinen.
Wenn der Gast schliesslich seinen Wagen besteigt, so findet er als +Gastgeschenk+ einen zierlichen Korb vor, worin, gut zubereitet und höchst geschmackvoll ausgelegt, ein grosser Fisch und eine Languste, die Sinnbilder für Glück und langes Leben, sich befinden.
Natürlich bekommt der +gewöhnliche+ Japaner nicht ein solches Mittagsmahl, wie ich es soeben beschrieben. Er isst drei Mal am Tage, Morgens, Mittags, Abends. +Reis+ ist die Hauptsache. Deshalb heissen die drei Mahlzeiten Morgen-, Mittag- Abend-+Reis+, wie bei uns Morgen-, Mittag-, Abend-+Brod+.
Dazu kommen +Bohnen+ und andere Hülsenfrüchte[169], Hirse, Fisch[170], und +Früchte+. Unter letzteren sind besonders beliebt Rettig und Eierpflanzen (Solanum melongena), Dattelfeigen sowie Birnen, die sehr gut aussehen, von jedem Japaner höchst geschickt geschält werden, aber schlecht schmecken. +Brod+, +Butter+, +Käse+, +Milch+ fehlen; Eier werden genossen.
Jedem Japaner wird ein eignes, ganz niedriges Tischchen mit den Speisen vorgesetzt. Er kniet auf den Matten, trinkt die Suppe und isst die festen Speisen, die alle zerkleinert und sehr sauber hergerichtet sind, mit zwei Holzstäbchen, die er zwischen den Fingern der rechten Hand hält und geschickt wie eine Zange anwendet.
Die drei +Genussmittel+ der Japaner sind 1. +cha+ (Thee), ein leichter Aufguss, grün, lau, bitter; 2. +sake+ (Reisschnaps), dünn, nicht sehr berauschend, aber für uns nicht wohlschmeckend. Der Japaner ist im Räuschchen nicht unliebenswürdig. Die Sake-Steuer brachte 1889/90 an 14 Millionen Yen. Die Einführung unseres Bieres bewirkte einen Rückgang in der Sake-Erzeugung. (1885: 244 Millionen Gallonen, 1887: 128 Millionen.) 3. +tabako+, der im Anfang des 17. Jahrhunderts von den Portugiesen aus Manila eingeführt wurde, und aus Pfeifchen mit einem fingerhutgrossen Kopf geraucht wird, von Jung und Alt, Mann und -- Weib.
Der Europäer, namentlich der englische Rindfleischvertilger, verlässt das japanische Mahl zwar gefüllt, aber nicht befriedigt.
Die japanische Nahrung ist ärmer an Stickstoff (und besonders an Fett), aber doch reich an Kohlenstoff und ganz genügend, um davon gut zu leben, namentlich bei genügender Muskelthätigkeit. Die Kulis sind kräftig, die Mitglieder der höheren Classen aber schwach, da sie nicht hinreichend Bewegung haben.
In der +Ernährung der japanischen+ (und chinesischen) +Arbeiter+ spielt der Reis die hervorragendste Rolle; er macht nach +Scheube+ etwa 72 Procent der Gesammtnahrung aus und wird von der arbeitenden Classe zu 750-1050 g, nach Wernich zuweilen sogar bis zu 1400 g täglich aufgenommen. Daneben werden Gerste, Sojabohnen, Rüben, Rettig, Kartoffeln, aber auch Fische (zuweilen etwas Rindfleisch) genossen. Diese Kost bietet nach +Scheube+, +Kellner+ und Y. +Mori+ und, nach den neuesten Bestimmungen von R. +Mori+, +Oi+ und +Jhisima+[171] an der Truppenreiskost, 78-100 g Eiweiss, 10-17 g Fett und 335-620 g Kohlehydrat[172]. Dabei ist zu beachten, dass die Japaner kleine, meistens nur 42-58 kg schwere Leute sind!
Bei dieser vorwiegenden Reiskost ist die Leistungsfähigkeit der japanischen, wagenziehenden Kulis, wie bekannt, geradezu erstaunlich. +Scheube+ will an sich selbst die Erfahrung gemacht haben, dass er unmittelbar nach einer, vorwiegend aus Reis bestehenden Mahlzeit einen grösseren Marsch ohne Beschwerden ausführen kann, während es nach einer reichlich Fleisch und Fett enthaltenden Mahlzeit ihm nur viel schwerer und mit Unbehagen möglich sei. Er spendet daher dem leicht verdaulichen, den Darm wenig belastenden, ziemlich eiweissreichen Reis (7-8 Procent Eiweiss) ein hohes Lob und betont, dass im wesentlichen das Ueberwiegen dieses Nahrungsmittels in der Kost der japanischen Kulis die grosse Ausdauer derselben bei schwerer Arbeit bedinge. Allen Erfahrungen zufolge ist gut gekochter Reis leicht bekömmlich, belästigt nicht die Verdauungsorgane und wird sehr gut verwerthet.[173]
Dies Hauptnahrungsmittel, der +Reis+, wird in China seit 5000 Jahren angebaut und in Indien seit den ältesten Zeiten. Von China kam er nach Japan. Von Indien seit Alexander dem Grossen zu den Griechen.[174] (Der Sanscrit-Name vrihi ward iranisch zu brizi, daraus machten die Griechen oryza; dieses Wort liegt allen neueuropäischen Benennungen zu Grunde.) Aber erst die Araber brachten den Reisbau nach dem Nildelta und nach Spanien; seit 1530 wurde er durch die Spanier auch in Italien eingeführt, und 1701 auch nach Amerika (Carolina, Florida). Das Reisgericht herrscht von Florenz bis Pecking. 750 Millionen Menschen leben hauptsächlich von Reis, darunter unsere 40 Millionen Japaner: bis 70 Millionen hl. werden jährlich in Japan geerntet, 2 Millionen (in guten Erntejahren) ausgeführt. --
Am 24. September 1892 war das +Festessen+, welches die +Aerzte+ von Tokyo mir gaben. Von den Mitgliedern des Ausschusses werde ich Mittags abgeholt, alle sind auf das festlichste gekleidet, in ihrer volksthümlichen Tracht, ich selber natürlich in Frack und weisser Binde, mit Klapphut. Zuerst werde ich mit ihnen zusammen photographirt, einmal mit dem Ausschuss der Augenärzte; dann mit dem der praktischen Aerzte, doch finden die ersteren soviel Vergnügen an der Sache, dass sie ihren Platz nicht räumen und auch auf dem zweiten Bilde mit den andern zusammen erscheinen. Der japanische Künstler[175] macht seine Sache ausgezeichnet.
Danach besuchen wir den Shinto-Tempel +Shokonsha+,[176] der zum Andenken an die für die Sache des Mikado im Bürgerkriege gefallenen Soldaten 1868 errichtet ist.
Auf ein einfaches, aber gewaltiges Bronze-Thor (Torij) folgt ein gepflasterter Weg, zu beiden Seiten mit Laternen besetzt. Vor dem Eingang steht ein mächtiger Steintrog mit geweihtem Wasser, ein Opferstock zur Aufnahme der von den Frommen gespendeten Münzen, eine Glocke. Das Innere des Tempelhauses ist, nach strengstem Shinto-Brauch, ganz einfach und leer. Nur einige Schwerter und Schlachtenbilder sollen den Besucher in die weihevolle Stimmung vaterlandsliebender Erinnerung versetzen.
Daneben ist ein Garten, den die Japaner besonders schön finden. Ganz entzückt sind sie von einem Baum, dessen Laub gruppenweis zu erhabenen Schilden zusammengedrängt ist.
Der kleine japanische Ziergarten zeigt gewöhnlich einen ganz kleinen Teich, worin Goldfische und Schildkröten sich tummeln, einen brückenartigen Steg zu einem Inselchen, einen künstlichen Fels, eine Steinlaterne und wunderliche Künstelei in der Behandlung der Bäume und Sträucher, die theils zwerghaft gehalten, theils zu sonderbaren Gestalten gezwungen werden.
Unter den Blumen und Blüthengewächsen sind am beliebtesten die Pflaume, wilder Kirschbaum, Päonien, Fuji (Wistaria chinensis), Pawlonien, Azaleen, Lotos, +Chrysanthemum+. (+Kiku+, von dieser Blume stammt das Regierungswappen des Mikado, Kiku-no-hana-mon.)
Der +Versammlungsort+ ist Kojo-kan, das Haus des rothen Ahornblattes. Das letztere erscheint, gewissermassen als Wappen, allenthalben, sowohl an den Wänden, wie auf den Tellern, wie auch auf der zierlichen Tracht der aufwartenden Mädchen. Das ganze erste Stockwerk des Hauses, von dem aus man eine schöne Aussicht hat (auf den Hafen und die umgebenden Gärten, aber nicht auf den Berg Fuji) ist durch Fortnahme der hölzernen Zwischenwände in +einen+ ungeheuren Saal mit rings herumlaufender, offener Halle umgewandelt und mit +deutschen+ und +japanischen Fahnen+ (der rothen Sonne in weissem Felde) reich geschmückt. Es herrscht ein ungeheures Gewühl. Ueber 100 Aerzte sind zugegen, darunter die ersten des Landes. Zuerst kommt ein Begrüssungs-Saki und die Vorstellungen. Der Japaner liebt es hierbei, seine +Besuchskarte+ zu überreichen und die des Gastes entgegenzunehmen. Mein eigner Vorrath war bald erschöpft. Um nicht unhöflich zu erscheinen, liess ich durch einen meiner Zuhörer neue anfertigen, mit einer kurzen Unterschrift in japanischer Sprache, und dieselbe später den Theilnehmern des Festes übersenden.
Die +Festordnung+ war sehr reich und abwechselnd. Zunächst kommt ein +Schnellmaler+. Der Künstler breitet einen Bogen Seidenpapier von etwa 1 Meter Länge und ⅔ Meter Breite auf den Fussboden und malt mit wenigen Pinselstrichen und Farben zunächst einen Hirsch. Das ist ein Gruss für mich. Er beginnt mit einem Auge und dem Kopf, malt dann einen Fuss, den Stummelschwanz, zuletzt den Fussboden; er wird aber sehr gut fertig. Dann malt er einen Kranich, das ist der Glücksvogel. Hierauf einen Affen, einen Tiger; der letztere ist nicht ganz so naturgetreu, wie wir ihn heutzutage zu sehen gewohnt sind: offenbar fehlt dem Künstler die Anschauung des Thieres, das ja bekanntermassen in Japan’s Wäldern nicht vorkommt und auch nicht in Thier-Gärten gehalten wird. Dann folgt, was unerlässlich ist, eine Landschaft mit dem Berge Fuji. Endlich malt er mich selbst. Er hat wohl noch nie einen Europäer in Frack und weisser Binde, mit Klapphut in der Hand, gelben Lederpantofffeln an den Füssen, gemalt; trotzdem entledigt er sich seiner Aufgabe mit grossem Geschick, nur konnte ich das Gesicht nicht sehr ähnlich finden. Uebrigens stempelte er jedes Stück. Wie ich nachträglich erfuhr, ist er ein sehr berühmter Maler (+Kuboto Beisen+). Ich fand später zu Kyoto Kunstwerke von seiner Hand.
Die japanischen Maler kennen nicht die Perspective, sondern malen hockend Alles auf das liegende Papier aus einer Art von Vogelschau. Sie glauben, besser zu zeichnen, als die Europäer, und sind liebe- und geschmackvolle Naturbeobachter. Was sie leisten werden +mit Perspective+ und +Oel+malerei, entzieht sich heute noch unserer Beurtheilung.
Hierauf folgte das +Festessen+. Die Japaner nahmen in der landesüblichen kauernden Stellung ringsum an den Wänden Platz. Ich selber erhielt ein Kissen, um bequemer zu sitzen.
Die +Speisekarte+ für Jeden war wieder ein bemalter Fächer, worauf, unter deutscher und japanischer Flagge, der Hirsch und der Berg Fuji erschien. Die Zahl der Gerichte war ungeheuer. Ich musste reichlich in Saki Bescheid trinken. Ein Herr kommt mit dem winzigen Schälchen voll Reisschnaps und leert es auf das Wohl des Gastes; letztrer nimmt dies Schälchen, taucht es in ein kleines Gefäss voll Wasser, das vor Jedem steht, und hält es leer der knieenden Hebe hin, die es aus einem kleinen Fläschchen von Neuem füllt. Meine Freunde waren zufrieden, wenn ich nur daran nippte; nicht aber, wie es eigentlich der Brauch heischt, austrank.
Uebrigens erhielt ich auch europäische Gerichte sowie Bier und Rothwein.
Die +Festreden+ behandelten den Dank der japanischen Aerzte an die deutschen Lehrer der Heilkunde. Die +Musik+ war die übliche. Die +Tänzerinnen+ in prachtvoller Gewandung führten einen eigens für diesen Zweck erfundenen Flaggentanz aus, jede einzelne hatte eine deutsche und eine japanische Flagge an kurzem Stiel in den Händen; ferner einen echtjapanischen Fächertanz; endlich einen Tanz der Wäscherinnen, mit sehr kunstvoller Verschlingung von langen Leinwandtüchern.
Der +Taschenspieler+ war höchst geschickt und unterhaltend. Sein Gehilfe legte mir und meinen Nachbarn einen geschlossenen Kasten vor, gefüllt mit zahlreichen Fächern, von denen jeder mit einer andern Blume geschmückt war. Drei Fächer wurden gezogen, er bildete jedesmal aus gefärbtem Reismehlteig die entsprechende Blume mit Blättern. Dass er die Blume richtig errieth, war ja ganz hübsch; aber wunderbar fand ich die Schnelligkeit, mit welcher er eine gefüllte Aster mit allen grünen, gerippten Blättern ohne Werkzeug, lediglich mit seinen Fingern, bildete und an dem in einem Blumentopf befindlichen Stengel befestigte. Aus einem abgerissenen Stück Papier entwickelt er viele Ellen Band, ein Feuerwerk und ein lebendes Huhn. Aus einem kleinen Stück Malzteig bläst er eine ungeheure Hohlkugel und holt aus dem Innern derselben zehn brennende Papierlaternen heraus, eine nach der andern, jede folgende grösser, als die vorhergehenden, die letzte von 1½ Fuss Höhe. Und das Alles macht er vor uns, in dem Clubsaal auf der Erde hockend, mit der freundlichsten Miene und dem heitersten Geplapper, ohne besondern Apparat. In allen diesen „brodlosen Künsten“ sind uns die Japaner weit überlegen.
Um 7 Uhr empfahl ich mich, nachdem ich zuvor noch die zahlreichsten Einladungen erhalten.
Deutschland in Japan.
Der deutsche Arzt, welcher nach der zweiwöchentlichen Seereise über den stillen Ocean, wo er keinem einzigen Schiffe begegnete, seinen Fuss auf den Boden des japanischen Reiches setzt, sieht vor sich ein +liebliches Märchenland+, wo Alles ungewöhnlich und seltsam, aber in seiner Eigenart doch höchst +anmuthig+ und gefällig erscheint. Um so freudiger ist er überrascht, dass sogleich an sein Ohr der Laut der +Heimathsprache+ klingt, die er auf der Fahrt über den nordamerikanischen Continent und über den stillen Ocean nur selten vernommen. +Deutsch ist Lieblingssprache japanischer Aerzte.+
Von Deutschen vernahmen sie zuerst die frohe Botschaft einer neuen Heilkunde, die sie aus den verknöcherten Formeln ostasiatischer Grübelei erlöste. Deutsche Professoren wirkten und wirken zum Theil noch heute an ihrer Universität zu Tokyo. Deutsch sprechen deren japanische Nachfolger und Collegen. Deutsch lernt schon auf dem Gymnasium der zukünftige Student der Heilkunde; und glücklich wird von seinen Freunden gepriesen, wem es vergönnt ward, in Deutschland seine Studien zu vollenden. Deutsch spricht so mancher Generalarzt der Armee, nur die der Flotte ziehen das Englische vor. Mit der deutschen Lesefibel werden sogar diejenigen Soldaten unterrichtet, welche im Lazaret des rothen Kreuzes zu Heilgehilfen herangebildet werden sollen.
Ich werde meine Leser nicht ermüden mit einer Beschreibung der Festlichkeiten, welche auf Veranlassung meiner ehemaligen Zuhörer die japanischen Collegen mir gewidmet haben. Aber gegenüber der in Europa ziemlich verbreiteten Ansicht, dass der Japaner zu Hause rasch seine Gesinnung gegen die früheren europäischen Lehrer ändere, gebietet mir die Gerechtigkeit, anzuerkennen, dass, obwohl ich schon oft auf Reisen von ehemaligen Zuhörern und werthen Collegen Freundlichkeit erfahren, doch mein Empfang in Japan alles Frühere in Schatten gestellt hat. Allerdings hatte ich besonderes Glück. Zufällig war ich der erste Universitätslehrer aus Deutschland, welcher eine Vergnügungsreise nach dem fernen Reich der aufgehenden Sonne unternommen: so hatte ein Sonderausschuss sich gebildet, welcher in jeder japanischen Stadt mich empfing und geleitete. Auf diese Weise lernte ich Land und Leute, die heimische Kunst, sowie auch den Zustand der Heilkunde besser kennen, als es sonst dem gewöhnlichen Reisenden beschieden ist.
Auf dem ersten Festessen zu Tokyo, in Koyo-kan, dem Haus des rothen Ahorn, hielt mein ehemaliger Zuhörer, der Augenarzt Dr. +Miyashita+, eine Ansprache, deren ersten allgemeinen Theil ich hier, nach seiner eigenen Handschrift, mittheilen möchte.
„Hochverehrte Anwesende, liebe Freunde und Collegen!
Von Seiten des Comité’s der hiesigen Ophthalmologen ist mir ein ebenso ehrenvoller, wie angenehmer Auftrag zu Theil geworden. Ich soll im Namen des Comité’s unseren hochgeschätzten Collegen, Herrn Prof. +Hirschberg+, der uns heute durch seine Anwesenheit beehrt hat, begrüssen und willkommen heissen.
Gestatten Sie mir, wenn ich die geschichtliche Entwicklung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Japan in kurzen Worten schildere.
Unser Vaterland Japan war lange Zeit verschlossen. Erst seit dem Jahre 1854, wo wir mit den europäischen und amerikanischen Staaten Verträge geschlossen, ist der Verkehr mit den Fremden allmählich rege geworden. Vor dieser Zeit hatten allein die Holländer das Vorrecht, in Nagasaki vor Anker gehen und Handel treiben zu dürfen. Ohne Zweifel gebührt den holländischen Aerzten das grosse Verdienst, die damaligen Aerzte von Japan, welche theils der chinesischen, theils der altjapanischen Schule angehörten, aus dem tiefsten Traum aufgeweckt und ihnen ein ganz neues Heilverfahren in die Hände gegeben zu haben. Aber erst mit der Eröffnung der drei Häfen siedelten verschiedene Aerzte aus Amerika und Europa in Japan sich an. Damals hörte man bei uns noch sehr wenig von Deutschland und man glaubte, England, Frankreich und Holland seien die einzigen Länder, wo die moderne Medicin in voller Blüthe steht.
Mit dem bekannten Kriege von 1870-1871, den Deutschland glorreich erfochten, ist dieses mächtige Kaiserreich weit und breit bekannt geworden. Kurz darauf kamen zwei Doctoren aus Deutschland hierher, es waren +Müller+ und +Hoffmann+.[177] Nachdem diese Herren glänzende Erfolge gehabt, sah man ein, dass Deutschland in der Medicin mit an der Spitze steht. Darauf kamen verschiedene andere Aerzte aus Deutschland nach Japan, und die medicinische Facultät der Universität Tokyo wurde nach dem deutschen Muster reorganisirt. Wie viele jüngere Collegen fahren heutzutage Jahr aus Jahr ein nach Deutschland, die sich bald in diesem, bald in jenem Fache ausbilden wollen. Wohl giebt es jetzt keine einzige Universität in Deutschland, wo nicht ein Japaner gewesen war. Ueberall, wo wir nur hingehen, werden wir mit offenen Armen empfangen. Wie viele medicinische Werke sind aus dem Deutschen in das Japanische übersetzt, die so viel Nutzen gebracht haben! Genug, das Verhältniss zwischen Deutschland und Japan ist ein so inniges, wie es wohl sonst nirgends der Fall sein wird. Wir haben Deutschland sehr viel, unendlich viel zu verdanken.“ --
Am 23. September 1892 war eine Hauptversammlung der ophthalmologischen Gesellschaft anberaumt worden, im Hause ihres Gründers T. +Inouye+. Der letztere hat vor einigen Jahren eine Studienreise durch Europa gemacht und in Berlin einen längeren Aufenthalt genommen.
Die von ihm gegründete Gesellschaft zählt 200 Mitglieder, die ziemlich vollständig erschienen waren, und hat deutsche Vortragssprache, die allerdings im Munde einzelner Japaner rührend-kindlich sich ausnimmt, und natürlich auch deutsche Berichte, von denen bisher elf Hefte erschienen sind. Das letzte Heft enthält, ausser der Begrüssungsrede, verschiedene Vorträge, auch meinen eigenen +über Wundbehandlung in der Augenheilkunde+, den ich in dieser Sitzung auf Wunsch und nach Wahl der japanischen Collegen gehalten. +Mein Vortrag ist so fehlerfrei zu Tokyo gedruckt, wie ich es vielleicht in London oder Paris nicht hätte erzielen können.+
Die +Universitätskliniken+ besuchte ich unter freundlicher Führung des Herrn Collegen +Scriba+. Bei diesem Besuch der Krankenhäuser fiel mir gleich die hippokratische Vorschrift ein, dass der Arzt, der in eine fremde Stadt kommt, sowohl die Gegend als auch die Lebensweise des Volkes genau erforschen müsse, um die verbreiteten Krankheiten zu verstehen. Ich sah nämlich 1. solche Krankheiten, die bei uns gar nicht vorkommen; 2. solche, die bei uns ganz ausserordentlich viel seltener sind; 3. solche, die hier bei uns auch vorkommen, aber dort eine ganz eigenartige Gestalt annehmen.
Die chirurgische Klinik hat 100 Betten. Der Operationssaal harrt der Bewilligung für einen Neubau. Denn Japan ist neuerdings in die Reihe der Staaten eingetreten, die eine Verfassung und Volksvertretung besitzen.
Die innere Klinik wird von Prof. +Baelz+ verwaltet, der zur Zeit gerade nach Europa gereist war. Beiden zur Seite stehen noch japanische Professoren mit gleichberechtigten Kliniken. Die Frauenklinik, dereinst von unserem Berliner Collegen +Wernich+ begründet, steht unter einem Japaner. Ebenso die Augenklinik.
Die +Körnerkrankheit+ (Trachoma, aegyptische Augenentzündung) ist ziemlich verbreitet in Japan, auch im Innern, wohin Europäer kaum vorgedrungen; und +sicher nicht erst von den Europäern ins Land gebracht+. Es ist genau dieselbe Krankheit wie bei uns, wovon ich mich persönlich überzeugt habe. 14 Procent der Augenkranken, welche die Universitätsaugenklinik zu Tokyo besuchen, leiden an Trachom. Zu Nagasaki ist die Krankheit noch häufiger.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich gleich beifügen, dass in den chinesischen Südprovinzen das Trachom bis auf 70 Procent der Augenkranken ansteigt; dagegen in Vorderindien ganz erheblich absinkt: nämlich auf etwa 6 Procent in Calcutta; auf 10 Procent in Bombay, wo ich aber einen grossen Zufluss aus Trachomgegenden, wie Bagdad und Persien, feststellen konnte; auf nahezu Null in Ceylon, trotz der so grossen Hitze und Feuchtigkeit.
Bei mir in Berlin sind es 4 Procent, darunter aber viele Ausländer, namentlich aus Russland, den slavischen Ländern und der Levante.
Die Klinik für Geisteskranke liegt, getrennt von der Universität, in einem Garten und enthält in verschiedenen einstöckigen Gebäuden 300 Betten. Sie wird von Prof. +Hasime Sakaki+ verwaltet, der ein Schüler meines Freundes +Mendel+ war und bei mir in gutem Andenken steht ob seiner Ausdauer und Geschicklichkeit im Anfertigen von Augenspiegelbildern.
Die Kranken werden mit +ausgesuchter Höflichkeit+ behandelt und benehmen sich auch recht höflich, mit vereinzelten Ausnahmen. Die Zellen für Tobsüchtige fand ich leer.
Eine ganz eigenthümliche Art japanischer Geistesstörung ist die +Fuchskrankheit+ oder Fuchsbesessenheit.[178] Nach einem alten, von China her eingedrungenen und weit verbreiteten Volksaberglauben kann der Fuchs in einen Menschen fahren.[179]
Befallen werden in Japan nur Weiber, hauptsächlich schwachsinnige, stark abergläubische, gelegentlich nach erschöpfenden Krankheiten, immer aber nur solche, welche jene Wahnvorstellung kennen und von der Wirklichkeit des Besessenseins überzeugt sind. Heilungen kommen vor, wenn die Kranke von der Möglichkeit einer solchen überzeugt wird; am tüchtigsten sind dazu die Priester der buddhistischen Nichiren-Secte.
An die Besprechung der Kliniken möchte ich einige Bemerkungen über die +Universität zu Tokyo+ anschliessen.
Meine Darstellung stützt sich auf den officiellen Kalender der Kaiserlichen Universität zu Japan für das Studienjahr 1891/92.
Die Universität hat vier Zweige: Heil-, Rechts-, Natur-Wissenschaft, Literatur.[180] Der Grundstock für die drei letzten war eine alte Schule der früheren Regierung (des Tokugawa Shogunat), nach der Wiederbelebung der Kaiserlichen (Mikado)-Herrschaft 1868 von dieser neugestaltet, sowie verschiedentlich verändert und verbessert. Die ärztliche Schule, gleichfalls einer älteren Einrichtung des Shogunat entsprungen, wurde 1876 mit den drei übrigen Facultäten zu einer Voll-Universität vereinigt, und die letztere dem Unterrichts-Minister unterstellt.
Die zahlreichen Aenderungen, welche der Neuerungsdrang von Jung-Japan geschaffen und zum Theil wieder vernichtet hat, kann ich nicht im Einzelnen verfolgen.
Es genügt hervorzuheben, dass die Lernzeit für die drei andern Facultäten je drei Jahre umfasst, für die Heilkunde aber vier Jahre, bevor der Titel eines Arztes (Igakushi) erlangt werden kann.
Die Studenten (auch die der Heilkunde) leben in besonderen Gebäuden[181] innerhalb des Universitätsbereiches und erhalten gegen eine geringe Zahlung (von ungefähr 10 Yen oder 30 Mark für den Monat) die vollständige Verpflegung. Auf Lehren und Lernen wird viel Zeit und Mühe verwendet. +Dem Professor bleibt wenig Musse für die Privatpraxis.+ Die Ferien betragen im Winter zwei Wochen, im Frühling eine Woche, im Sommer zwei Monate. Jährlich finden Prüfungen statt. Der japanische Student, der von Allen als geduldig, aufmerksam, gehorsam, fleissig gerühmt wird, ich möchte ihm auch noch das Beiwort geschickt zusprechen, +wird ausserordentlich strenge+ gehalten. Auf seinem Zimmer darf er weder geistige Getränke trinken, noch Tabak rauchen, und muss an Wochentagen Abends um 8 Uhr zu Hause sein. Aber in Japan steht man auch recht früh auf. Einer meiner Freunde beginnt seine Sprechstunden um 5 Uhr Morgens. Die künstliche Beleuchtung ist oft mittelmässig und zum Studium weniger geeignet; allerdings in den grösseren Städten des Landes trifft man schon elektrische Glühlampen, sogar in alten Klöstern von Buddhisten, die nicht so unduldsam sind, wie Manche in Europa.
Auf körperliche Uebungen legen die japanischen Studenten leider zu wenig Werth. Viele sind nicht bloss klein, sondern sogar von dürftiger Entwicklung der Muskulatur.
Lungenschwindsucht und Kurzsichtigkeit sind leider ziemlich häufig unter ihnen und werden durch das übertriebene Bücherlesen gefördert.
Dabei ist das japanische Volk in seiner Gesammtheit durchaus nicht schwächlich. Sie haben vor 300 Jahren in Osaka und an andern Orten die gewaltigsten Granitblöcke der Erde, die selbst den altägyptischen überlegen sind, zu Festungsbauten aufgethürmt; ihre Krieger (Samurai) waren voll Kühnheit und Todesverachtung und höchst gewandt in der Handhabung der Schwerter; die Wagen- (Jinrikisha-) Männer ziehen eine oder mehrere Stunden lang im Trabe ohne Athembeschwerden und ohne Ermüdung den Wagen mit einem Insassen von 150 Pfund Schwere und zeigen eine Entwicklung der Wadenmuskulatur, welche dem Bildhauer zum Muster dienen könnte; die Bauern tragen ungeheure Lasten, da sie nur wenige Zugthiere besitzen; die nackten Schiffer am Landungsplatz springen kühn in’s Wasser und befestigen ebenso geschickt wie kraftvoll das mächtige Tau des Dampfschiffes an der Boje. Aber die Studenten entstammen hauptsächlich den weniger starken Städtebewohnern. Um so freudiger ist der neu begründete Universitäts-Turnverein zu begrüssen.
22 Professoren wirken an der medicinischen Facultät zu Tokyo, darunter zwei deutsche, Dr. +Bälz+ für innere Krankheiten, Dr. +Scriba+ für Chirurgie.
Der Lehrplan ist ähnlich dem unsrigen, eher etwas reicher.
Das Staatsexamen ist im Wesentlichen nach deutschem Muster eingerichtet. Die Zahl der Studirenden der Heilkunde betrug im letzten Jahre 144, die aller Studirenden zu Tokyo 1373. Es giebt auch Wiederholungs- und Fortbildungskurse für praktische Aerzte, eine Berliner Einrichtung, welche sich über die ganze Erde verbreitet hat.
Ein Band von +Mittheilungen aus der medicinischen Facultät zu Tokyo+ und einer von den +Arbeiten der Kaiserlich militärärztlichen Lehranstalt+ ist 1892 zu Tokyo in deutscher Sprache erschienen.[182]
Obwohl die Lehrmittel zu Tokyo mit denen einer deutschen Universität nicht verglichen werden können, (nur das Krankenmaterial ist ausreichend, 346 Betten im ersten, 129 im zweiten Krankenhause, dazu 300 in der Irrenklinik,) so muss man doch billig staunen, was in einem einzigen Menschenalter geschaffen worden. Wie weit stehen z. B. die Medicinschulen zu Constantinopel und Cairo, die ich besucht, hinter der von Tokyo zurück! Und in China giebt es eigentlich gar keine, in der Heil+wissenschaft+ gelehrt wird. Dabei sind die Türken, Aegypter, Chinesen soviel längere Zeit schon in Verkehr mit Europäern. +Uebrigens lieben die Japaner gar nicht, mit den genannten Völkern zusammengestellt zu werden.+
Ausser den Universitäts-Krankenhäusern finden sich in der Millionstadt Tokyo noch zahlreiche andere. Die hauptsächlichsten habe ich besucht.
+Das Lazaret des rothen Kreuzes+, welches unter dem in der deutschen Literatur genügend bekannten und sehr liebenswürdigen Staatsrath, Professor und Generalarzt +Hashimoto+[183] steht, ist ausserordentlich reinlich und gut eingerichtet;[184] es gehört zu den besten, welche ich in Asien gesehen habe, und ist z. B. nach meiner Ansicht den englischen Universitätskliniken zu Calcutta entschieden überlegen, was ausdrücklich hervorgehoben werden soll gegenüber der bei uns so grossen Neigung zur Ueberschätzung englischer Einrichtungen.
Im Leichenhaus war gerade +Cursus der Stabsärzte+, nach deutschem Muster. Sectionen kommen in Japan nur selten vor, in Süd-China aber und vollends in Indien so gut wie gar nicht; die Leichen der Hindu müssen verbrannt, die der Mohammedaner und Juden begraben, die der Parsi von Geiern abgefressen werden; darüber wachen die Religionsgenossenschaften mit der allergrössten Sorgfalt und Peinlichkeit.
Auch das +Charitékrankenhaus+ (Sikeïn) zu Tokyo macht einen sehr günstigen Eindruck. Die dicken Strohmatten, welche in jeder japanischen Wohnung von der Hütte bis zum kaiserlichen Palast[185], den Fussboden vollständig auskleiden und die Stelle unsrer Betten, Sofa’s, Tische gleichzeitig vertreten,[186] (weshalb man ja auch seine Schuhe stets am Eingang des japanischen Hauses auszieht,) hat der thatkräftige Director vollständig und für immer verbannt; der hölzerne Fussboden blitzt nur vor Sauberkeit.
Ein eigenthümliches Krankenhaus ist das für die +Leprösen+. Die Aufnahme geschieht nicht durch gesetzlichen Zwang, sondern nach freier Entschliessung der Kranken, die mit Weib und Kind einziehen, wenn ihnen das Leben im heimischen Dorfe durch den Abscheu der Nachbarn unerträglich geworden. Jederzeit können sie wieder die Zufluchtstätte verlassen. Merkwürdigerweise sagte mir der Arzt, dass in Japan Uebertragung der Lepra von Mensch auf Mensch niemals festgestellt sei; aber in seiner eignen Inaugural-Dissertation[187] giebt er zu, dass Lepra contagiös sei, nur nicht so leicht und nicht so rasch, wie manche andre Krankheiten, anstecke; die angeborene erscheine selten vor der Pubertät.
Nur durch grosse +Zähigkeit+, wie vielfach bei anderen Gelegenheiten auf Reisen, setzte ich es durch, in +diesem+ Krankenhaus wirklich etwas zu +sehen+. Die Fälle, die mir schliesslich gezeigt wurden, waren fast alle, so zu sagen, erträglich. Sie sollten die Vorzüglichkeit einer specifischen Behandlung mit einem +Eucalyptus-+Präparat darthun. Ein Mann wurde mir gezeigt, dessen faustgrosse, schwärende Stirnknoten ganz rasch geschrumpft und vernarbt waren.
Ich bemerke, dass meine japanischen Collegen, die mich begleiteten, mit den Anschauungen der Aerzte des Lepra-Hauses, Vater und Sohn, nicht übereinstimmten und mir erklärten, dass jene eine Mischung der +älteren chinesisch-japanischen+ und der neueren europäischen Heilkunde darstellen. Die Aerzte der älteren Schule sind noch nicht ausgestorben, ja bei der neuesten Wiederbelebung des japanischen Nationalgefühls erheben sie kühner ihr Haupt und verlangen vom Abgeordnetenhaus, dass Mittel für die Lehre ihrer Richtung ausgeworfen werden sollen.
Dass wir Deutsche ein vorzügliches +Seemannskrankenhaus+ in Yokohama besitzen, darf ich wohl als bekannt hinstellen.
Ausser der Universität zu Tokyo giebt es in Japan noch sechs Medicinschulen, von denen ich die +vier wichtigsten+ besucht habe.
Ich reiste von Yokohama zunächst nach +Nagoya+.
Hier ist ein Mittelpunkt der in Japan so häufigen Erdbeben.[188] Ein solches hatte ein Jahr zuvor erhebliche Verwüstungen angerichtet. In dem Krankenhaus der Medicinschule, das aus Stein gebaut ist, waren Risse und Stützen sichtbar; die Anatomie war in ein Skelet umgewandelt. Trotzdem wurde rüstig gearbeitet.
In der berühmten Festung zu Nagoya ist ein recht ordentliches Garnisonlazaret, in der Stadt ein Privatkrankenhaus des +Dr. Kítagawa+, der seine Studien in Berlin unter +Virchow+, +Langenbeck+, +Schröder+ gemacht, auch bei mir zwei Semester gehört hat. Derselbe entfernte in meiner Gegenwart eine Geschwulst aus der Bauchhöhle mit vollendeter Kunstfertigkeit und Sauberkeit binnen 20 Minuten. +Wir blicken mit Stolz auf diese Schüler der deutschen Heilkunde.+
Auch in der frühern Hauptstadt des Mikado, dem alten +Kyoto+, sah ich die Medicinschule und das dazu gehörige Krankenhaus; sowie in der volkreichen Handelsstadt +Osaka+. Die Unterrichtsmittel sind hier allerdings mässig, aber die Krankenzahl genügend; in dem neuen +Operationssaal+ waren hintereinander 30 Bauchschnitte ohne Todesfall ausgeführt worden.
Recht interessant ist das +Privatkrankenhaus+ zu Suma bei Kobe, an der von den japanischen Dichtern seit 1000 Jahren besungenen, fichtenbekränzten Meeresküste: sehr geeignet für seinen Hauptzweck, die Behandlung von Lungenkranken, mit je einer besonderen Abtheilung für Europäer und Japaner.
Von Kobe geht die entzückende Fahrt durch die Inland-See nach +Nagasaki+ auf der Insel Kiusiu. Medicinschule und Hospital sind hier etwas älteren Ursprungs, da unser v. +Siebold+[189] im ersten Drittel unseres Jahrhunderts bereits die Keime ausgesät; sie haben aber gleichfalls den reformirenden Einfluss von Jung-Japan erfahren.
Dies sind die Eindrücke, welche die ärztlichen Einrichtungen Japan’s in mir hinterlassen. Die Thätigkeit von +Müller+, +Hoffmann+, +Schultz+, +Wernich+, +Dönitz+, +Langgaard+, +Bälz+, +Scriba+ war nicht vergeblich; die Erwartungen, welche +Hoffmann+ und +Wernich+ aussprachen, sind in Erfüllung gegangen; das bisher Erreichte bietet Bürgschaft für weiteren Fortschritt; die Thätigkeit der +Universitätslehrer in Deutschland+, zu denen so viele junge Japaner pilgerten, hat wesentlich zu dem Erfolg beigetragen. Es handelt sich um die +geistige Eroberung+ eines der einsichtigsten und thatkräftigsten Völker Asiens, auf welche unser Vaterland ebenso stolz sein kann, wie auf manche seiner Waffenthaten.
* * * * *
Die +Geschichte der japanischen Heilkunde+[190] kann zwanglos in +vier Zeitabschnitte+ eingetheilt werden:
I. Die +älteste, altjapanische+ (mythische) Zeit vom unbekannten Uranfang bis etwa 200 v. Chr.
II. Die +alte, chinesische+ Zeit von 200 v. Chr. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts n. Chr.
III. Die +neue+ Zeit, in welcher +europäischer+ Einfluss gegen den +chinesischen+ ankämpfte, ohne ihn zu besiegen, von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis über die Mitte unseres Jahrhunderts.
IV. Die +neueste, europäische+ Zeit, etwa von der Mitte unseres Jahrhunderts (oder eigentlich erst vom Jahre 1871) bis zum heutigen Tage.
Die +vereinzelten europäischen Aerzte+, welche von der Mitte des 16. bis zu der des 19. Jahrhunderts, theils wirkend, theils lehrend, längere oder kürzere Zeit in Japan verweilten, vermochten den chinesischen Grundzug der japanischen Heilkunde ebenso wenig zu ändern, als es den spärlichen europäischen Ansiedlern gelungen, die Rasseneigenthümlichkeit des Volkes umzugestalten.
Trotzdem will ich hier in aller Kürze zwei deutsche Männer erwähnen, welche einerseits als Lehrer der europäischen Heilmethode in Japan thätig gewesen, andrerseits den Europäern die ersten und wichtigsten Kenntnisse über das derzeit märchenhaft verschlossene Inselreich im fernen Weltmeer übermittelt haben.
Ein sehr merkwürdiger Mann war +Engelbrecht Kämpfer+, der nach seinen eigenen Aufzeichnungen[191] einige Japaner in der Anatomie und Heilkunde unterrichtet hat.
Wenn +Marco Polo+ die erste Kunde von der Existenz Japan’s den Europäern überliefert, +Mendez Pinto+ als erster Europäer seine Gestade betreten; so kann unser Landsmann E. +Kämpfer+ als der erste wissenschaftliche Entdecker von Japan gepriesen werden. Im Jahre 1651 zu Lemgo,[192] einem Städtchen in Lippe, geboren, machte er während und nach Vollendung seiner Studien Reisen durch Deutschland, Holland, Polen; er studirte Philosophie, Naturwissenschaften und Heilkunde; ging mit einer schwedischen Gesandtschaft durch Russland und die Tatarei nach Persien; segelte dann im Dienst der holländisch-ostindischen Gesellschaft von Ormuz nach Batavia, von da nach Siam und Japan. Zwei Jahre (1690-1692) verblieb er als Wundarzt auf Deshisma zu Nagasaki und hat zweimal die vorgeschriebene alljährliche Huldigungsreise nach Yedo zum Shogun mitgemacht. In seinen beiden Werken +Amoenit. exot.+ und +Geschichte von Japan+ hat er zum ersten Mal über Geographie, Geschichte, Naturgeschichte, Religion und Sitte des merkwürdigen Landes und Volkes berichtet.
Es scheint, dass die Absperrung, je länger sie dauerte, um so strenger gehandhabt wurde. Denn erst 150 Jahre[193] nach +Kämpfer+ kommt wiederum ein grosser Arzt, ein Deutscher, welcher den Dienst bei der holländischen Compagnie benutzt, um Japan zu studiren.
Es war Ph. F. v. +Siebold+ (1797-1866), der Verfasser des ausgezeichneten Werkes +Nippon+, Archiv zur Beschreibung von Japan. Von 1823-1830 weilte er in Japan, zunächst auf Deshima. Ihm gelang es, die Pockenimpfung in Japan einzuführen; er erhielt 1826, auf der Huldigungsreise nach Yedo, die Erlaubniss, allein als einziger Europäer in der ungeheuren Hauptstadt des asiatischen Reiches zu verweilen, Heilkunde zu lehren und sich selber über das Land und Volk zu unterrichten. Als er aber von dem Oberhofspion eine Karte des japanischen Reiches erworben, wurde jener im Gefängniss zum Selbstmord (Harakiri) gezwungen und +Siebold+ für immer des Landes verwiesen[194].
Drei +japanische Specialitäten+ sind zu beachten: 1. +das Nadelstechen+, 2. +das Brennen+, 3. +das Kneten+.
1. Das Nadelstechen ist sehr alt, geschieht mittels feiner, nur 1/48 Zoll dicker, scharfer Nadeln aus Silber, auch aus Gold oder Stahl, mit scharfer Spitze: acht bis zehn werden in regelmässigen Figuren, ½-¾ Zoll tief, eingestochen, oft an Stellen, wo die Nerven nahe an die Oberfläche treten, -- gegen Krampf, Schmerz und sonstige Nervenkrankheiten. Es giebt kleine Büchlein mit Abbildungen, welche die Regeln für das Nadelstechen enthalten.
Das Verfahren ist von China eingeführt, wurde bereits in der japanischen Universität vor 1200 Jahren gelehrt, gerieth dann in Vergessenheit und wurde 1682 n. Chr. auf Veranlassung des Shogun Tsunayoshi wiederbelebt durch den blinden +Sugiyama Waichi+.[195]
2. Das Brennen geschieht mittels dünner Walzen oder Kegel aus Zunder (von den Blättern der Artemisia, Beifuss, japanisch Moxa, eigentlich Muksa = Brennkraut). Mehrere Kegel werden an derselben Körperstelle abgebrannt, und das Verfahren vielfach wiederholt, nicht bloss zur Heilung von Krankheiten, sondern auch zur Verhütung. Aerzte +bezeichnen+ die Stelle, Laien (Weiber) führen das Brennen aus, und zwar recht geschickt und schnell, wie ich selber beobachtet. Es ist nicht sonderlich schmerzhaft.
+Kämpfer+ hat einen „Brennspiegel“ veröffentlicht nach einem chinesisch-japanischen Druck, worauf der Mensch von vorn und von hinten abgebildet ist, nebst den zu brennenden Stellen und den Anzeigen. „I, 3. Bei Leibschmerz brennt man zu beiden Seiten des Nabels. I, 5. Bei schweren Geburten muss die äusserste Spitze des kleinsten Zehen am linken Fusse mit drei Kegeln gebrannt werden.“ U. s. w.
3. Das Kneten (amma)[196] wird geübt, und zwar von oben nach unten, nicht bloss zur Heilung von Krankheiten, sondern auch zur Erfrischung des Körpers; hauptsächlich von den Blinden[197] (mojin), welche Abends die Strassen durchwandern und mit der Pickelflöte sich ankündigen. So ernähren sie ihre Familien,[198] statt wie bei uns der Gemeinde zur Last zu fallen, und gewinnen so viel, dass sie oft im Nebenamt Geld verleihen.[199] Bis 1870 machten sie eine besondere Gilde aus, für deren höchste Stufe nebst der Prüfung eine Baarzahlung von 1000 Dollar (Yen) zu leisten war!
Die japanische Massage besteht in sanftem Reiben der Körperoberfläche mit der Hand, passiven Bewegungen der Gelenke und Kneten der oberflächlichen Muskel.
Japanische Aerzte empfehlen die Massage bei Rückenmarkschwindsucht und bei Lähmung, bei Hysterie und Kopfschmerz, bei Hüftweh und Muskelschwäche, auch bei schwerer Entbindung und +nach+ der Entbindung, um die Brüste weich zu machen.
Die Geschicklichkeit und Kenntniss der Blinden ist überraschend. --
Was früher den Inhalt der wissenschaftlichen Heilkunde bildete, wird später Inbegriff der Volksmedicin, in Europa wie in Asien. Nadelstechen, Brennen, Kneten sind heute noch für das Volk in Japan die Allheilmittel. Als ich einen grösseren Spaziergang im Gebirge gemacht, wurde mir das Kneten von dem höflichen Wirth sofort angeboten, von mir aber mit eben so höflichem Danke abgelehnt.
+Aberglauben+ auf dem Gebiete der Heilkunde ist weit verbreitet, in Japan wie in Deutschland.[200]
Als ich an der fichtenbekränzten Seeküste bei Suma das mit aufgehängten Papierstreifen und brennenden Kerzen verehrte Steindenkmal des im Jahre 1184 n. Chr. gefallenen jugendlichen Helden +Atsumori+ besuchte, fand ich dort ein Pilgerpaar, eine ältliche Mutter mit ihrem 27jährigen Sohne; und da ich fragte, +weshalb+ sie die Pilgerfahrt unternommen, hob die Mutter, ohne ein Wort zu sagen, den weissen Leinwandrock des Sohnes auf und zeigte mir bekümmert seine Erkrankung, eine grosse Geschwulst (Elephantiasis). Und als ich ihr sagte, dass gerade +diese+ Krankheit nicht von dem göttlichen Helden, sondern von dem Arzt in Kobe geheilt werde, machte sie eine recht ungläubige Miene.
Während meines Aufenthaltes in Japan wurde ein Bauer zu neun Jahren Gefängniss verurtheilt, der in der festen Ueberzeugung, dass die Blindheit seiner geliebten Mutter nur durch Verzehren eines frischen Menschenherzens geheilt werden könne, seine freiwillig und mit Freuden sich darbietende Frau zu diesem Behufe getödtet hatte.
In buddhistischen Tempeln steht die Holzbildsäule eines Heiligen oder Heilgottes (+Binzuru+, eines der 16 Rakan oder Sendboten des Buddha, -- +ausserhalb+ der Kanzel, weil er die Schönheit eines Weibes bemerkt hatte). +Die Gläubigen reiben die Bildsäule an dem Theile, der ihnen selber weh thut+; und danach ihre eigne schmerzhafte Körperstelle. In Folge dessen sind die Bildsäulen stark abgerieben, die Augen z. B. kaum noch zu erkennen.
Schon +Kämpfer+ berichtet von einem frommen oder schlauen Heilkräuterhändler, der das Recept zu seiner Mischung von einem „Gott“ erhalten hatte.
Nach Nagoya.
Am Morgen des 27. September verlasse ich Tokyo, um mit der Eisenbahn südwestlich zu fahren. Meine Freunde verabschieden sich am Bahnhof. Der Gouverneur von Nagasaki, der denselben Zug benutzt, wird von dem Gewühl angelockt und tauscht mit mir die Karte; aber die Höflichkeit der Japaner ist doch nicht bloss oberflächlich: als ich in dem Hafen von Nagasaki angelangt war, sandte er seinen Diener an Bord, um mich zu einem frommen Volksfest einzuladen und mir einen guten Platz auf seiner eignen Zuschauerbühne anzubieten.
Ein hervorragender Arzt Tokyo’s bringt mir ein Blatt Papier, auf dem er die Namen und Wohnorte seiner hauptsächlichsten Schüler in den von mir zu durchreisenden Provinzen deutsch und japanisch verzeichnet hat, damit ich mich an den nächsten wende, wenn „Gefahr“ droht. Es ist dies ebenso liebenswürdig, wie überflüssig. +Japan ist das sicherste Land der Erde+, sogar mit Einschluss der Schweiz und Norwegens. Niemals ist ein Angriff auf das Eigenthum oder das Leben eines Reisenden[201] gemacht worden, seitdem das Land eröffnet und von Europäern und Amerikanern besucht wurde. Das kann nicht allein an der Güte der Polizei liegen, sondern muss in der Gutartigkeit der Bewohner mit begründet sein.
Ich reise, der Führer überdrüssig, ganz allein,[202] mit vollem Vertrauen und voller Sicherheit, und schlafe sogar Abends ganz sanft und ganz allein im Eisenbahnwagen, was in einigen europäischen Ländern sehr unvorsichtig sein würde.
Ich befahre also die +Tokaïdo-Eisenbahn+. Tokaïdo heisst Ost-See-Strasse. Dieser alte Name bezeichnete die wichtige, 125 ri lange Heeresstrasse, die von Kyoto, der alten Hauptstadt des Mikado, +längs der östlichen Seeküste+[203] nach Yedo (Tokyo), der Hauptstadt des Shogun, führte. Vom Beginn des 17. Jahrhunderts an mussten die Fürsten des Landes (Daimio) zweimal jährlich mit ihrer gewaltigen Gefolgschaft diesen Weg entlang ziehen, um dem Shogun ihre Unterwürfigkeit zu bezeugen. Die Strasse ist jetzt verödet. Aber welch’ ritterliches Gewühl hat früher in der Glanzzeit des Shogunats dieselbe belebt! Die prachtvollen Pinien, mit denen sie eingesäumt war, sieht man vom Eisenbahnzug aus noch heute an verschiedenen Stellen. Die +Eisenbahn+ (von Tokyo bis Kyoto 329 engl. Meilen, bis Kobe 376 Meilen) ist 1872 begonnen und 1889 beendigt.
Wir kommen nach Fujisawa, den Abgangspunkt für Enoshima: dann nach Kozu, dem für Hakone; hierauf mit Hilfe des Vorspanns einer zweiten Maschine über Brücken und durch Tunnel nach +Gotembo+ (1500 Fuss hoch), in die breite und fruchtbare Ebene am Fuji; endlich in der Dunkelheit nach +Nagoya+, einer Stadt von 162000 Einwohnern, dem früheren Sitz der Owari, einer der drei erlauchten Familien, die der Tokugawa-Familie verwandt und deshalb berechtigt gewesen, einen Nachfolger auf den Thron des Shogun zu liefern, wenn ein unmittelbarer Erbe nicht vorhanden war.
Die Aussicht vom Wagen aus ist sehr freundlich: kleine, verschiedenartige Felder, das Land hüglig und mannigfaltig, allenthalben künstliche Bewässerung. Die Firsten an den Strohdächern der Bauernhäuser sind vielfach mit Grün bepflanzt, gelegentlich auch das ganze Dach mit Blumen.
Der gebirgige Theil der Bahn ist höchst malerisch, aber dabei immer freundlich und anmuthig. Die wenigen, offenbar vornehmen Japaner, mit denen ich für einen Theil der Fahrt den Wagen erster Classe theilte, waren ausserordentlich zuvorkommend, auch die reich und geschmackvoll gekleideten Damen gar nicht so scheu, wie in Westasien; sie boten mir von ihren Vorräthen an und betrachteten mein Reisebesteck mit unverhohlener Wissbegier. Ich hatte mein Mittagsessen mitgenommen. Uebrigens gab es auf den Halteplätzen fliegende Händler, die das in Japan so rasch eingebürgerte Bier, ferner Früchte, sehr saubere Holzkistchen voll gekochten Reis, auch mit zubereiteten Fischen, endlich Thee sammt Kännchen und Tasse feil boten, die einheimischen Dinge zu lächerlich billigen Preisen von 3-4 Cts. Jedenfalls ist in Japan für den Eisenbahnreisenden besser gesorgt, als in Sicilien.
Der Empfang in Nagoya war grossartig. Ich wohne in dem europäischen Anbau eines japanischen Hotels.
+Der folgende Tag+ übertraf alle meine Erwartungen. Nagoya ist ein Kunst-Mittelpunkt zwischen Tokyo und Kyoto, wie Dresden zwischen Berlin und München. Die Theilung des Reiches in zahlreiche, mehr oder minder unabhängige Herrschaften mit besondern Fürstensitzen hat in Japan, wie in Deutschland und in Italien, die Kunstübung verallgemeinert und gefördert, während in Frankreich die frühzeitige Centralisation das geistige Leben der Provinzen, wenn auch nicht ganz unterdrückte, so doch nach der Hauptstadt zusammenzog.
Im offenen Wagen werde ich von meinen Freunden abgeholt; ein Läufer rennt voraus und meldet an den Kehren der Wege dem Gewühl des Volkes die im Innern von Japan ziemlich ungewöhnliche Beförderungsart. Der offenbar nicht sehr geübte Kutscher muss wiederholentlich gezügelt werden, damit er nicht in dem Gedränge der grossen und kleinen Kinder Unglück anrichte.
Das Leben in den Hauptstrassen Nagoya’s ist nicht sehr abweichend von dem in Tokyo.
Wir besuchen zuerst eine grosse +Porzellan-Handlung+. Es mag sein, dass mein Geschmack für diesen Zweig des Kunsthandwerks noch nicht genügend entwickelt ist, jedenfalls war ich nicht entzückt und fand den Gang durch eine grosse Niederlage in Berlin oder Dresden weit lohnender. Seitdem die Fürsten und Ritter abgesetzt sind, d. h. nicht mehr von den Bauern ihre Zehn- und Hunderttausend Scheffel Reis im Jahre beziehen, sind Käufer für grosse Prachtstücke nicht mehr zu finden. Die alten japanischen Künstler arbeiteten nicht einfach als Handwerker für Geld, sondern für ihren Fürsten und Brotherrn aus Liebe zur Kunst. Heutzutage macht man einfachere Sachen für den gewöhnlichen Gebrauch und schlechte, billige für die Ausfuhr nach den Ländern der westlichen und östlichen Fremden, die es so haben wollen, natürlich auch +einiges+ Gute. Der Werth der Ausfuhr von Porzellanwaaren betrug 1889 an 1300000 Yen. Die Porzellanmacherei ist in Japan nicht sehr viel älter, als in Europa; sie wurde um 1600 n. Chr. durch Kriegsgefangene aus Korea eingeführt und erreichte ihre Blüthe zwischen 1750 und 1830; das echte „alte“ Satsuma stammt aus den Jahren 1800-1850. In der Provinz Hizen, in Kaga, Owari, Kyoto sind berühmte Werkstätten, in letztgenannter Stadt ganze Strassen voll Porzellanhandlungen. Sehr gefällig finden wir die thönernen Darstellungen von Göttern, Menschen und Thieren, und geradezu erstaunlich ist die Menge von Spielsachen, die dieses kinderliebe Volk gebraucht: aus Thon werden Soldaten, heilige Füchse, ganze Gärten mit Bäumen und Häusern, Festungen und dergl. angefertigt, feilgehalten und verkauft.
Sodann fuhren wir zu einem Künstler in +Zellenschmelz+ (Email cloisonné). Schmelz ist bekanntlich ein mit Metalloxyden gefärbter Glasfluss, der, fein zerstossen und als Brei angerührt, auf Metall, Thon oder Glas aufgetragen und eingebrannt wird. Bei dem Zellenschmelz bilden aufgelöthete Metalldrähte die Umrisslinien; in die Zwischenräume werden die Schmelzfarben eingelassen. Diese Kunst war bereits den alten Aegyptern bekannt gewesen, wurde seit dem 6. Jahrhundert n. Chr. in Byzanz gepflegt und soll in China und Japan seit alter Zeit bis auf unsere Tage geübt worden sein.
Aber bezüglich Japan’s scheint die Sache anders sich zu verhalten. Eine rohe Art dieser Kunst ist allerdings seit 300 Jahren gebräuchlich. Aber die feinere ist nicht älter, als 20 Jahre. Nagoya, Kyoto und Tokyo sind die drei Hauptstätten der Arbeit. Die metallischen Umrisse sind fast unsichtbar, so dass man die Arbeit für reizvolle Porzellanmalerei von Arabesken und Blumen halten möchte. Ich sah eine prächtige Vase, die der Künstler für Chicago’s Weltausstellung hergestellt und die 500 Yen kosten sollte. Dabei arbeitet der bescheidne Mann für 1-2 Yen täglich! Sein Lager ist nicht gross. Wer eine Arbeit bestellt, muss 1 Jahr warten, bis sie fertig wird.
Die dritte Sehenswürdigkeit der Stadt ist ein grosser +Buddhatempel+ aus dem Anfang unsres Jahrhunderts (+Higoshi Hongwanji+), natürlich aus Holz, aber in schönen Verhältnissen und mit reichem Schmuck. Das zweistöckige Thor mit drei Eingängen zeigt geschmackvolles Schnitzwerk von Blumen und Arabesken sowie ausgezeichneten Bronze-Beschlag; dann folgt ein geräumiger Hof und darauf der eigentliche Tempel, der scheinbar zweistöckig ist, indem das Dach der vorderen Säulenhalle eine geringere Höhe besitzt, als das des Hauptgebäudes. Das letztere ist 120 Fuss breit, 108 Fuss tief und von vorn nach hinten in drei Theile getheilt. Der hinterste enthält die Kanzel mit einer 4 Fuss hohen Bildsäule von Amida in einem vergoldeten Schrein sowie Schnitzwerk von Engeln und Vögeln. Das Ganze macht einen höchst feierlichen Eindruck. +Der Europäer vergisst hier, dass er in Ostasien weilt.+
Hierauf fuhren wir nach dem Steingebäude der +Bezirksregierung+, das in dem neuen und wenig interessanten „Styl des Auslands“ erbaut ist. Hier werde ich dem Unterpräfekten vorgestellt. Derselbe unterliess natürlich nicht, noch an demselben Tage den Besuch zu erwiedern. Das Gebäude hat stark durch das vorjährige Erdbeben gelitten. Allenthalben sind Risse im Mauerwerk und hölzerne Stützen sichtbar. Die Zahl der Schreibstuben und Beamten ist sehr gross. Die Ernteerzeugnisse der Provinz, auch die Cocons, waren nach Jahrgängen höchst sorgfältig aufbewahrt und geordnet. In diesem Gebäude ist auch der Rathhaus-Saal der Provinz (Provinzial-Landtag), höchst einfach, aber ganz zweckmässig.
Hierauf wurde noch ausserhalb der Stadt der +Tempel der+ 500 +Rakan+ oder Jünger von Buddha besichtigt. Die Bildsäulen, 2 Fuss hoch und grell bemalt, sind trotz äusserer Aehnlichkeit alle von einander verschieden und so mannigfaltig, dass nach japanischem Sprichwort hier Jedermann das Abbild seines eignen Vaters finden kann.
Dann kam das Hauptstück von Nagoya, das +Schloss+ (O-shiro), 1610 von 20 grossen Feudalherren errichtet als Fürstensitz für Jeyasu’s Sohn, den Gründer der Owari-Familie. Der Raum zwischen dem äusseren und inneren Graben war früher besetzt von den Wohnhäusern der Ritter (Samurai) und enthält jetzt die Quartiere der Besatzung. Der innere Graben ist neuerdings trocken gelegt und birgt einige Familien der so niedlich gefleckten japanischen Hirsche, die wir aus unserm zoologischen Garten genau kennen. Das Innere des Schlosses ist ganz und gar verwüstet, da im Beginn der jetzigen Regierung das Gebäude der Militärverwaltung übergeben wurde. Erst, als es zu spät war, suchte man zu erhalten und zu bessern. Jetzt arbeitet der Maler und Holzschnitzer an der Wiederherstellung. Dank meiner guten Einführung, bekam ich die Reste von Gemälden auf Goldgrund zu sehen und die Rammas von Hidari-Jingoro. (Ramma ist der zur Lufterneuerung durchbrochne Obertheil der Holzwand des Zimmers.) Hier hat der Künstler ausserordentlich naturgetreue Holzschnitzereien vom Kranich, Fasan, Hahn und von der Schildkröte angebracht. Am besten erhalten ist der fünfstöckige Thurm. Der Styl ist durchaus abweichend von dem unsrigen, aber doch recht gefällig. +Zwei Spitzdächer, eines+, ein +kleines, keines+, das ist das Gesetz des Emporsteigens der fünf Stockwerke. Hoch oben auf dem Dache blitzen weit über die Stadt fort die beiden goldnen Delphine, welche 1601 auf Kosten des berühmten Kato Kiyomasa verfertigt wurden, desselben, der auch den Thurm errichten liess. Einer der beiden „drachenköpfigen Fische“, die einander gegenüber an den beiden Ecken des Dachfirstes mit emporgerichtetem Körper und Schwanz angebracht sind, wurde 1873 nach Wien zur Weltausstellung gesendet, versank auf der Heimfahrt mit dem französischen Dampfer Nil, wurde aber glücklich wieder vom Meeresgrunde emporgebracht und unter dem Jubel der Bevölkerung wieder an seinem alten Platze aufgestellt. Die Höhe der Thiere beträgt gegen 9 Fuss, der Goldwerth beider wird auf 180000 Dollar beziffert. Einige Schuppen wurden jüngst gestohlen, aber von dem Käufer, einem Goldschmied, wieder zurückgegeben. Der Dieb soll auf einem riesigen Papierdrachen emporgestiegen sein. Das möchte ich für eine Fabel halten.
Ich stieg im Thurm die Holztreppe empor bis zum obersten Stockwerk und erfreute mich der prachtvollen Aussicht auf Stadt und Land, über die unermesslichen Reisfelder bis an das Meer und die fernen Berge des heiligen Ise.
Nachdem ich drei Krankenhäuser und die Medizinschule besucht, daselbst auch zusammen mit den japanischen Fachgenossen photographirt worden war, begab ich mich nach dem Theehaus zum +Festessen+, zu dem 80 Aerzte sich versammelt hatten. Ich würde über dieses kein Wort verlieren, mit Rücksicht auf die Beschreibung des vorigen, wenn nicht die +Kunst Nagoya’s+, wenigstens nach meinem Empfinden, in mancher Beziehung die von Tokyo und Kyoto weit überragte. Zuerst wurde ich in das mit den üblichen Zwergbäumen und Steinlaternen besetzte Gärtchen des Theehauses geführt und über die Brücke des unvermeidlichen Teiches auf ein kleines Inselchen und in das Gartenhaus desselben geleitet. Hier erhielt ich eine Tasse Thee zur Begrüssung. Um gleichzeitig mein Auge zu erfreuen, hatten sie mir einen schönen Theestrauch in einem grossen Blumentopf aufgestellt. An den Wänden des Saales, den sie mit Papierlaternen, sowohl rothen, als auch prachtvoll bemalten aus Gifu, geschmückt, waren alte und neue Gemälde aufgehängt, soviel sie deren in der Stadt auftreiben konnten: das thaten meine Freunde jedes Mal, nachdem sie gehört hatten, dass ich japanische Malereien mit Vergnügen betrachte.
Während des japanischen Essens und nach demselben hörte ich einheimische Musik, namentlich einen berühmten Flötenspieler, welcher den Kranich nachahmte, und sah einheimische Tänze, die von Saiteninstrumenten und Gesang begleitet wurden.
Zuerst kam ein schöner und feierlicher +Nationaltanz+, der die Buddhapilger darstellte, von würdevoller und getragener Musik begleitet. Dann folgte der (Reis-) +Erntetanz+, ein höchst anmuthiger, heiterer, ja schalkhafter Gebärdentanz, von den 16 kleinen, prachtvoll bekleideten Künstlerinnen durch ihren eignen lebhaften Gesang begleitet. Ich muss gestehen, dass dieser Tanz mit seiner Musik mir lieber ist, als zehn Stücke, wie Sullivan’s Mikado; dass ich mir diesen Tanz wiederholen liess und der anwesenden Tanz-Meisterin durch einen dolmetschenden Arzt meine grösste Zufriedenheit ausdrückte. Da offenbarte sich aber die japanische Harmlosigkeit. Die Frau hatte vielleicht noch nie von einem Europäer solches Lob vernommen; sofort entwickelte sie mir in fliessender Rede, Japan wäre ein armes Land, wo sie mit den 16 Mädchen, wegen der Seltenheit solcher Festaufführungen, nur kümmerlich sich durchschlüge; dass aber Europa gewiss sehr reich sei, und ich am besten thäte, sie sammt ihrem Balletcorps nach Europa mitzunehmen und dort auf die Bühne zu bringen. Ich blieb vollkommen ernst und erwiederte, dass ich zu meinem grössten Bedauern diesen Plan nicht auszuführen vermöchte, da ich leider noch vielfach umherreisen müsste, ehe ich nach Europa zurückkehren könnte; hingegen nicht verfehlen würde, in Europa des Ballets von Nagoya rühmend zu erwähnen. Und damit war sie vollkommen +zufrieden+, und ich habe ja mein Wort gehalten. Von allem dem, was zwischen Tunis und Tokyo, in Aegypten, Indien, Japan als Tanz von Weibern dem Reisenden vorgeführt wird, -- zu Luksor in Oberägypten schrieb ich im Hause des amerikanischen Consuls, nachdem ich den berühmten Leuchter-Tanz gesehen, in mein Tagebuch: „Schön ist bei uns anders“, -- hat der Tanz zu Nagoya mein Kunstgefühl am meisten befriedigt. Meine japanischen Freunde, denen ich dies mittheilte, meinten, dass die dort übliche Musik munterer sei, als im übrigen Japan.
Hierauf folgte noch ein Schattenspiel; der Künstler brachte mit den Fingern seiner von hinten beleuchteten Hand auf einem Seidenpapierschirm die Gestalt von Katze und Maus und dergleichen auf das täuschendste hervor. Danach kamen zwei (von Männern dargestellte) keifende alte Weiber in aristophanischer Beweglichkeit und Komik und zum Schluss in dem dunklen Garten unter dem Jubel der zahllosen Zaungäste ein Feuerwerk, worin natürlich Sikayama und Berg Fuji erschien, sowie eine +deutsche Unterschrift ohne jeglichen Fehler+, obwohl doch der Künstler zweifellos keinen Buchstaben einer europäischen Schrift verstand.
Ich muss gestehen, dass erst an diesem Tage mir der rechte Geschmack für einige japanische Kunstübungen zum Bewusstsein gekommen ist.
Nach Kyoto.
Die Eisenbahnlinie von Nagoya nach Kyoto wendet sich nordwestwärts durch eine liebliche Gegend, -- Reisfelder, von fernen blauen Bergen im Vordergrund und zur Linken eingesäumt, und über den malerischen Kisogawafluss -- nach +Gifu+. Dieses Städtchen ist berühmt erstlich durch die grossen Mengen roher +Seide+, die hier gewonnen werden, zweitens durch die ausserordentlich dauerhaft und geschmackvoll aus Bambusstäben gearbeiteten, mit schönbemaltem Papier überzogenen +Laternen+ und drittens durch die +Kormoran-Fischerei+. Der zu der Familie der Pelikane gehörige Seerabe oder Kormoran (Phalacrocorax carbo, 92 Centimeter lang, 150 Centimeter breit,) wird gefangen und zur Fischjagd abgerichtet, in Japan[204] jedenfalls seit mehr als 1000 Jahren, da diese Jagd bereits in einem Gedicht des Kojiki, der altjapanischen Chronik vom Jahre 712 n. Chr., erwähnt wird. Nachts werden die Fische durch Fackeln und Klappern angelockt, die Vögel schwimmen an Leinen und tauchen; ein geschickter Fischer im Boote hält bis zu 12 Leinen in der Hand und zieht denjenigen Vogel, der einen Fisch gefangen, an Bord des Kahns, um ihm die Beute abzunehmen. Die Vögel haben einen Metallring um den Hals, dass sie nur ganz kleine Fische verschlucken können. Der Fang ist sehr einträglich, da ein Kormoran binnen drei Stunden bis 450 Fische fangen kann. Allerdings müssen die Kormorane sehr sorgsam gepflegt und in den sieben Monaten, wo kein Fang ist, durchgefüttert werden. Diese Art des Fischfangs ist ein beliebter Gegenstand für die Laternen-Maler, welche den Hintergrund auf der inneren Papierhülle anbringen, den Vordergrund auf der äusseren; so wird, wenn die Laterne angezündet ist, eine sehr schöne Wirkung erzielt.
Als wir in Gifu einige Minuten hielten, erschienen die Aerzte des Ortes und brachten mir eine Sammlung dieser Laternen, die ich Tags zuvor in Nagoya bewundert, zum Geschenk.
Die Eisenbahnlinie steigt durch ein enges Thal zu einer kleinen Ebene, die mit Maulbeerbäumen bepflanzt ist. Zur rechten erscheint ein stattlicher, oben nackter Berg, +Ibuki-yama+ (4300 Fuss hoch), einer der „sieben hohen Berge“, die schon in der alt-japanischen +Arzneimittellehre+ wegen ihrer Heilkräuter berühmt waren. In der That sah ich auch an den Halteplätzen Bauern, die dort oben grosse Bündel frischer Kräuter und Wurzeln gesammelt hatten. Weiterhin fährt der Zug am Ostufer des Biwa-See’s entlang, den wir aber erst an seiner Südseite, bei +Baba-Otsu+, zu Gesicht bekommen, dann durch einen Tunnel; sofort erscheinen die +fichtenbekränzten Hügel+, welche die alte Mikado-Stadt Kyoto von allen Seiten umgeben.
Hier in dieser Gegend liegen die fünf Stammprovinzen des japanischen Reiches, darunter +Yamato+, wo seit uralter Zeit das Hoflager des Mikado gewesen: zuerst mit wechselndem Sitz, indem jeder neue Herrscher gerade so, wie in manchen mohammedanischen Ländern, einen neuen Platz für seinen Palast wählte; vom Anfang des achten Jahrhunderts n. Chr. bis 783 zu Nara; von 793 an zu +Miyako+ oder +Kyoto+. Das erste Wort ist der japanische, das zweite der chinesische Name für +Hauptstadt+. Die Stadt wurde sehr regelmässig angelegt, 5½ Kilometer breit von Ost nach West, 6½ Kilometer lang von Nord nach Süd. 1/15 der Fläche, in der Mitte der Nordseite, wurde für den Palast des Herrschers (+Heianjo+ = Friedensschloss) eingeräumt; von hier zog eine Strasse von 240 Fuss Breite senkrecht nach Süden.
Auch die damit gleichlaufenden Nord-Südstrassen wurden sehr breit angelegt und neun, welche die Namen Erste Strasse, Zweite Strasse u. s. w. führen, von Ost nach West. Also der Städte-Plan und die Strassen-Bezeichnung waren vor 1000 Jahren so zweckmässig und einfach, wie +derzeit+ nirgends in Europa, ja wie wir sie auch +heutzutage+ nur selten in den alten Erdtheilen vorfinden, wo auf das Bestehende so viel Rücksicht zu nehmen war, regelmässig aber in dem neuen und in dieser Hinsicht unbeschränkten America. In dem Palast zu Kyoto lebten im Kreise des +Hofadels+ (Kuge), dem Volk verborgen, die göttlichen Mikado. Seit der Einführung des Shogunats (1192 n. Ch.) waren sie in der Hand des wirklichen Herrschers nur willenlose Puppen, die oft genug, freiwillig oder einem sanften Zwange nachgebend, zurücktraten, um ein beschauliches Mönchsleben in einem schönen Gartenhaus zu führen, ganz besonders in den letzten 250 Jahren (1603 bis 1868) zur Zeit der Tokuyawa Shogune. Der vorletzte Mikado brachte in seinem weitläufigen Palast seine Zeit mit der Pflege des No-Spiels hin. Der jetzige Mikado +Mutsu Hito+ hat, in richtiger Würdigung der Verhältnisse, nachdem er die +weltliche+ Herrschaft wieder erlangt, seinen Wohnsitz nach Tokyo verlegt, von wo aus Japan während der Blüthezeit des Reiches kraftvoll regiert worden war.
So macht denn Kyoto heutzutage den Eindruck einer abgesetzten Hauptstadt, wie Versailles unter der heutigen Regierungsform Frankreichs. Aber Kyoto ist immer noch die +erste+ Stadt Japan’s im +Kunstgewerbe+, in regelmässiger Bauart und Reinlichkeit der Strassen; und die dritte an Volkszahl: sie hat 279000 Einwohner. (Im Mittelalter vielleicht das Doppelte.[205]) Noch werden Kunst und Wissenschaft gepflegt, aber Osaka und Kobe haben den Handel und die Ausfuhr an sich gerissen. Immerhin ist es für den europäischen Reisenden die +interessanteste+ Stadt Japan’s, welche in Palästen und Tempeln[206] die grössten Sehenswürdigkeiten bietet und zu einem längeren Aufenthalt einladet, als ihr gewöhnlich von dem mit seinem japanischen Führer durcheilenden Globetrotter gewidmet wird.
Ich selber habe eine inhalts- und genussreiche Woche hier zugebracht. (Vom 30. September bis 6. October.) Merkwürdig ist, dass Kyoto, der Sitz des Mikado, des Shinto-Horts, gleichzeitig die +heilige Stadt der Buddhisten+ geworden und geblieben: das spricht für einen Grad von Duldsamkeit der Ostasiaten, der uns Europäern bis heute noch unbekannt geblieben.
Für mich war die freundliche Fürsorge meiner ehemaligen Zuhörer und der übrigen Aerzte von entscheidender Bedeutung. Die ältesten Klöster und Kirchen öffneten mir, wenn ich mit dem Hausarzt des Oberpriesters anklopfte, bereitwilligst ihre Pforten und gewährten mir Einblick in die eifersüchtig gehüteten Kunstschätze; ich habe einige Dinge gesehen, die vielleicht noch keines Europäers Auge erblickt hatte.
Schon der Empfang und das Geleit nach dem ziemlich guten +Kyoto-Hotel+,[207] 20 Jinrikisha hinter einander, mit den schnellsten Läufern bespannt, so seltsam dies auch dem Auge des Europäers erscheinen mochte, erregte das freudige Staunen der Einheimischen, die in ihren Zeitungen stets über meine Reisen, Festessen und die dabei gehaltenen Reden unterrichtet waren, und erweckte den Neid eines amerikanischen Reisegefährten, mit dem ich den stillen Ocean gekreuzt hatte. „Was kostet dieser prachtvolle Zug so gut gekleideter Japaner? Kann ich ihn nicht auch haben? Mein Führer hat mir davon nichts gesagt.“ Ich erwiederte ihm, das könne er auch haben, und noch dazu ganz umsonst: er solle nur Universitätsvorlesungen halten, die den Japanern gefielen. Der Mann erinnerte mich an einen Californier, welcher in Korinth beim Frühstück mir die Frage vorgelegt, ob er nicht Olympia kaufen könne, oder (da ich ihn auslachte) „wenigstens Delphoi.“
Der erste Nachmittag war einem Ausflug nach dem volksthümlichsten Tempel der Stadt gewidmet, nach +Sanjusangendo+. Das Wort bedeutet „33 Zwischenräume“, nämlich zwischen den Pfeilern. Der Tempel ist der Kwannon, der Göttin der Gnade gewidmet, der tausendarmigen, da die Gottheit mit tausend Mitteln für den Sterblichen sorgt. In Wirklichkeit hat sie 40 Hände, welche buddhistische Sinnbilder halten, die Lotusblume der Reinheit, die Sonne, den Mond; eine Axt, um die Sorgen dieser Welt zu beseitigen, die metallene Büchse der buddhistischen Bettelmönche. Höchst merkwürdig ist im Innern des Tempels der Wald von 5 Fuss hohen vergoldeten Bildsäulen der Göttin, die reihenweise aufgestellt sind. Es sollen 33000 sein, sind aber in Wirklichkeit nur 1000; die erste Zahl kommt heraus, wenn man die kleineren Götterbilder an den Köpfen, Heiligenscheinen, in den Händen der grössern hinzu rechnet. Auf dem Altar ist eine grosse sitzende Figur von Kwannon, darum einige vom Alter geschwärzte, sehr gut gearbeitete Holzbildsäulen von Heiligen. Der Tempel ist 1132 gegründet, 1165 von dem ehemaligen Mikado Go-Shirakawa ausgeschmückt, 1266 und 1662 (nach Feuersbrünsten) neu aufgebaut, das letzte Mal von dem Shogun Yetsuna.
Folglich hat +Kämpfer+ (1690-1692) die +jetzige+ Gestalt des Tempels gesehen und abgebildet. Auf seiner Zeichnung ist eine merkwürdige Sitte der alten Zeit dargestellt: die Bogenschützen übten sich, von einem Ende der Vorhalle bis zum andern zu schiessen. Das Gebäude hat die achtungswerthe Länge von 389 Fuss, bei 57 Fuss Breite. Heutzutage sieht man keine Bogenschützen, aber ein lustiges Gewühl grosser und kleiner Kinder, unter denen übrigens mehr und beharrlichere Bettler sind, als ich sonst irgendwo in Japan gefunden.
Der genannte Go-Shirakawa litt an heftigem, schier unheilbarem Kopfschmerz. Als er hier im Tempel bis Mitternacht betete, erschien ihm ein Mönch und theilte ihm mit, dass er, der Mikado, in einem früheren Dasein der Mönch Renge-bo gewesen sei, dessen Schädel jetzt in einem Flusse liege und durch einen daraus emporgewachsenen Weidenbaum von dem Winde erschüttert würde. Daher der Kopfschmerz! Als der Fürst erwachte, liess er den Schädel an der ihm genannten Stelle aufsuchen und dem Hauptbildniss der Kwannon einverleiben. So wurde er geheilt. Man sieht, die japanischen Priester-Aerzte kannten die Wirkung des Tempel-Schlafes so gut wie die griechischen, deren Gebahren Aristophanes so ergötzlich beschrieben.
In der Nachbarschaft ist eine grosse Buddha-Bildsäule (+Daibutsu+) aus Holz, 58 Fuss hoch, nur Kopf und Schulter, aber grundhässlich, 1801 durch einen Kaufmann aus Osaka errichtet, an derjenigen Stelle, wo einst Hideyori, Yeyasu’s Mitbewerber um den Thron, auf dessen listigen Rath sein ganzes Vermögen auf den Bau einer 58 Fuss hohen sitzenden Bronzebildsäule des Buddha verschwendet, die schon 1662 mitsammt dem umgebenden Tempel durch ein Erdbeben zerstört und -- zu Kupfermünzen eingeschmolzen worden.
Neben dem Daibutsu hängt eine der beiden +grössten Glocken+ Japan’s, 14 Fuss hoch, 9 Zoll dick, 9 Fuss im Durchmesser,[208] 63000 kg schwer, gleichfalls von Hideyori. Die japanischen Glocken sind Hohlcylinder mit oberer Kuppel ohne die untere Erweiterung der unsrigen. Sie werden angeschlagen durch einen aufgehängten Holzbalken, den man +einmal+ mit grosser Kraft dagegen schwingt. Der Klang ist sehr schön, das Nachklingen dauert eine volle Minute. Leider verwenden die Japaner heutzutage, z. B. im Eisenbahndienst, die weit hässlicheren Glocken Europas.
Eine Strasse, zu beiden Seiten dicht besetzt mit Läden voll irdener Spielwaaren für die Kinder, leitet empor zu einem Hügel mit schöner Aussicht und zu dem Tempel +Kiyomizu-dera+, der geburtshelfenden Kwannon gewidmet, und darum stets bei Tag und bei Nacht von Frauenschaaren belagert. Durch ein zweithoriges, hohes Gitter kommt man vorbei an kleineren Schreinen zu dem Haupttempel, der in absichtlicher Einfachheit prangt, mit unbehauenen Holzsäulen und nacktem Flur. Der Schrein mit der 5 Fuss hohen Bildsäule der Kwannon wird nur alle 30 Jahre einmal geöffnet.
Am Abend besuchte ich mit sämmtlichen Deutschen, die gerade in dem Hotel verweilten, sieben an der Zahl, darunter ein Ehepaar aus Canton, die +Theaterstrasse+ von Kyoto, die dicht bei unserm Hotel liegt. Das ist ein seltsamer Anblick. Haus bei Haus Theater, Bogenschiessstand, Würfelbude, Theehaus; Alles mit den zierlichen Laternen auf das festlichste erleuchtet, die Strassen gedrängt voll von der fröhlichen Menge, Gross wie Klein an den nämlichen Nichtigkeiten sich erfreuend. Das Theater fesselte uns nicht lange, da es ziemlich gewöhnlich war, und wir das Stück trotz der Erläuterungen des mitgenommenen Führers nicht verstanden.
Achtungswerth sind die Leistungen der Gaukler; diese Leute sind nicht bloss sehr geschickt, sondern auch ausnehmend kräftig; einer balancirt mit den Füssen einen grossen Holzkübel, in dem ein Baum und auf dessen Aesten zwei oder drei Menschen sich befinden.
Eigenartig ist das Glücksspiel. Man kauft ein Loos, das zu sechs Ziehungen berechtigt, und holt kleine japanische Kinder heran; ein dickes, dichtes Bündel von Fäden mit kleinen Handgriffen hängt herab; das Kind ergreift einen und zieht; an dem Faden hängt entweder ein Spielzeug als Gewinn oder eine Niete. Nur eines störte das Vergnügen in Ostasien, die englische Inschrift, dass vor Taschendieben gewarnt wird.
Der folgende Tag war den +Palästen+ gewidmet.
Der des Mikado (+Gosho+ genannt), 798 n. Chr. erbaut, wiederholentlich durch Feuer zerstört[209] und neu erbaut, das letzte Mal 1854 im alten Styl wieder aufgerichtet, seit 1868 nicht mehr bewohnt, bedeckt 26 Acres[210] (= 10 ha) und ist von einem niedrigen geglätteten Erdwall mit sechs Thoren umgeben. Von den Schwierigkeiten, welche die Palastbeamten manchem Reisenden bereiteten, habe ich nichts verspürt. Man zeigt den auf den Namen lautenden Erlaubnissschein, wird in ein kleines Haus geführt, das als Empfangshalle dient, und zeichnet seinen Namen in das ausliegende Buch. Von hier aus begleitete uns ein höherer Beamter von sehr würdevollem Benehmen, in japanischer Tracht, den Fächer in der Rechten, zu den verschiedenen Gebäuden, welche über die grosse Fläche zerstreut sind.
Zuerst nach +Seiryōden+, das heisst die kühle Halle. Das Gebäude (63×36 Fuss) ist aus dem Holze des heiligen Baums (hinoki, chamaecyparis), aus dem auch die Shinto-Tempel gebaut sind, und macht mit seinen rothgestrichenen Pfeilern und dem dicken Schindeldach (aus der Rinde desselben Baumes) einen höchst feierlichen Eindruck. Ursprünglich war es der Wohnsitz des Mikado, später aber wurde es nur zu Festlichkeiten benutzt. In einer Ecke besteht der Fussboden aus Cement, worauf jeden Morgen frische Erde gestreut wurde, so dass der Fürst, ohne das Haus zu verlassen, seinen Vorfahren auf +erdigem+ Grunde die vorgeschriebenen Opfer darbringen konnte.
Der Thron ist eine Erhöhung, mit Seidenvorhängen, der eigentliche Sitz eine Matte.
Durch grosse, leere Höfe werden wir weiter geführt nach +Shi-shin-den+, d. h. erhabene Purpur-Halle. Hier ist auf einer Erhöhung der wirkliche Thron mit Seidenvorhängen und einem Sessel. Die Vornehmsten (Prinzen) sassen in dem Saal, die weniger Vornehmen standen, entsprechend den 18 Rangklassen, -- auf den 18 Treppenstufen, die in den Hof hinabführten. Dort standen oder lagen die letzten, Ji-ge genannt, d. h. +nieder in den Staub+.
Von hier kamen wir nach des Mikado’s +Studirzimmer+, wo ihm Vorlesungen gehalten, und Musik und Dichtkunst gepflegt wurden, in der Nähe auch das No-Spiel. Hier sind prachtvolle +Schränke+ und bemalte Gleit-Wände. Die Figur giebt eine Skizze der Flächenansicht.
1, 2, 3 ist der Tisch; 4, 5, 6, 7 der Schrank in der Nische des japanischen Studirzimmers. 4, 5, 6, 7 sind schön bemalte Schiebethüren, 5 und 6 vor 4 und 7 hervorstehend; alle nicht durch hervorragende Knöpfe, sondern durch metallisch eingelegte Vertiefungen, in welche der Finger eingesetzt wird, nach der Seite zu schieben.
Die Anwendung der gleitenden Wände ist auf der folgenden Figur in einem wagerechten Durchschnitt dargestellt.
1 und 2 sind viereckige, schwarz lackirte Pfeiler; 3 und 4 die Planken, die in den vorderen Rillen laufen; 5 und 6 die der hinteren. Die Anordnung der Rillen wird klar aus dem senkrechten Durchschnitt nebenstehender Figur.
Bewegt werden diese Thüren durch höchst geschmackvolle Schnurschlingen.
Die Gemälde in diesen Räumen sind chinesische Landschaften, Chrysanthemum, wilde Gänse, die durch kräftige Hervorhebung der Zähne sogar recht wild aussehen.
Schliesslich kamen wir nach der eigentlichen Wohnung und den Behausungen des Gefolges.
Der +Palast des Shogun+, 1601 von Jeyasu als Absteigequartier gegründet, hiess auf japanisch +Nijo-no-Shiro+, d. h. +Nijo-Burg+. In der That, prachtvoll im Innern, sieht er von aussen wie eine Festung aus. Im Jahre 1868 hat hier der jetzige Mikado, in seine vollen Rechte wieder eingesetzt, in Gegenwart des Staatsraths einen feierlichen Eid abgelegt, dass er in Uebereinstimmung mit der öffentlichen Meinung und der zu erwählenden Volksvertretung regieren werde. Hierauf wurde der Palast als Regierungsgebäude des Bezirks von Kyoto benutzt, und, nachdem etliche von den herrlichen Kunstwerken unersetzliche Schädigung erlitten hatten, 1883 wieder als Sommerpalast des Mikado übernommen und 1885/86 ausgebessert. Damals wurde das Wappen des Shogun (Awoi-mon, die drei Haselwurz-Blätter) an allen Thürbeschlägen ersetzt durch das des Mikado, die 16blättrige Chrysanthemumblüthe (Kiku-no-hana-mon). Leider sind die neuen Metallbeschläge wahres Blech gegen die alten!
Eine cyclopische Mauer bildet die Umwallung des Schlossgebietes. Das mächtige Thor mit vergoldetem Schnitzwerk und Metallbeschlag bleibt verschlossen; der Reisende muss durch ein bescheidenes Seitenpförtchen eintreten; dann durch einen Hof und ein zweites Thor, das dem ersten ähnlich ist, in ein Wartezimmer, wo er wieder seinen Namen in das Buch einträgt.
Nunmehr werden wir durch eine Reihe von saalartigen Gemächern geführt; die Wände sind mit grossen Gemälden (von Palmbäumen, Tigern, Riesen-Adlern) auf Goldgrund bedeckt. Der obere durchbrochene Theil (Ramma) zeigt ausgezeichnete Holzschnitzereien, einige von Hidari Jingorō, z. B. Fasanen: dabei auf beiden Seiten ganz verschieden. Die Decken, soweit sie erhalten sind, lassen höchst geschmackvolle Verzierungen erkennen. Sehr berühmt war ein Gemälde, der +nasse Reiher+, der betrübt auf dem Seitenrand des Kahnes sitzt. Auf diese Wandstelle hatte der Präfect früher seine Bekanntmachungen ankleben lassen!
In dem riesengrossen Audienzsaal sind die mächtigen vergoldeten Wände nur mit düstern Fichten, ganz ohne Beiwerk von Mensch und Thier, bemalt. In diesem Palast, von dem leider nur ein Theil erhalten ist, vergisst man die landläufige Ansicht, dass die japanische Kunst nur Kleines und Niedliches schaffe. Die Wirkung ist grossartig, ja überwältigend. Die Anlage und Ausstattung dieses Schlosses entsprach der Hoheit der Fürsten, die einst darin walteten.
Nach kurzer Frühstückspause setzte sich unser Zug wieder in Bewegung, um erstlich +Porzellan-+ und +Seiden-Fabriken+,[211] zweitens +Klöster+ und +Kirchen+ zu besichtigen.
+Kurodani+, ein Kloster der buddhistischen Jodo-Secte, im 13. Jahrhundert n. Chr. begründet und im 18. Jahrhundert umgebaut, liegt reizvoll an der Seite eines Hügels. An diesem Ort ward der japanische Saulus zum Paulus: Kumagai Naozone, ein tapferer Krieger, hatte in einer Schlacht bei Kobe (1184 n. Chr.) einen edlen Jüngling aus dem feindlichen Clan, +Atsumori+, überwältigt; reisst ihm den Helm ab, um ihm das Haupt abzuschlagen; wird von dem edlen Antlitz tief ergriffen, -- wie die Jungfrau von Orleans bei dem Treffen mit Lionel, -- überwindet das Mitleid und tödtet den Jüngling, der heldenmüthig, ohne zu klagen, dem Schicksal sich unterwirft. Aber Naozone findet fürder keine Ruhe, er legt sein Schwert nieder in dem Tempel von Kurodani und widmet den Rest seines Lebens dem Gebet für +Atsumori+. Die Begebenheit bildet den Gegenstand eines geschichtlichen Schauspiels der Japaner.
Am Eingang des Klosters stehen zwei wundervolle Fichten. Die Zweige der einen sind durch Stützen wie ein Fächer ausgebreitet, die der andren, an welcher Naozone seine Waffen aufhing, wie ein Lotosblatt gestaltet. Die Japaner treiben eine wahre +Orthopaedie der Bäume+.
Der Altar strotzt von Gold. Ein vergoldeter Schrein enthält die Bildsäule des Kloster-Gründers Honen Shonin; ein Gemälde auf einem Gang hinter dem Altar hat die (auch bei uns im vorigen Jahrhundert so beliebte) Eigenschaft, den Beschauer grade anzublicken, wo letzterer auch sich hinstellt. Neben dem Altar hängen zwei Kakemonos. Das eine ist ein Gemälde und stellt +Mandara+ dar, das Paradies der Buddhisten mit den zahlreichen Heimstätten der Seligen. Das andere ist eine Stickerei aus dem Jahre 1669 und stellt dar den Eintritt Buddha’s in Nirwana (+Nehanzō+). Buddha liegt ausgestreckt auf einem niedrigen Lager: Götter, Menschen, Thiere stehen rings herum und bezeugen ihm anbetende Bewunderung.
Mit Zuvorkommenheit zeigen uns die Priester auch die inneren Gemächer und deren zahlreiche Gemälde, z. B. die Geschichte des Gründers, in chinesischer Manier; 50 Buddhas, deren Körper und Heiligenschein lediglich aus den chinesischen Buchstaben des Gebetanfangs (Namu Amida Butsu) besteht, u. dgl. mehr, endlich auch das Riesenschwert von Naozone.
Ueber einen schöngelegenen, an dem Hügel emporsteigenden und mit zahlreichen Bronze-Bildsäulen von Buddha geschmückten +Kirchhof+ gelangen wir zu dem grossen Tempel +Shinnyo-do+.
Die Inschrift, von dem berühmten Schönschreiber und Heiligen +Kobo Daishi+ (774-834 n. Chr.), hat einen fehlerhaften Buchstaben. Daher das japanische Sprichwort: mitunter irrt sich auch Kobo; ganz ähnlich dem römischen: mitunter schläft auch Homer.
+Ginkakuji+, das +silberne Gartenhaus+, liegt jenseits der Nordostgrenze von Kyoto in einem Dorfe.
Hierher zog sich 1479 n. Chr. Yoshimasa zurück, nachdem er die Würde des Shogun niedergelegt. Noch heute zeigt man die Plätze, wo er philosophirte, wo er den Mond bewunderte u. s. w. Der Garten lehnt sich an einen dicht mit Fichten bewachsenen Hügel, sieht darum natürlicher aus, als die meisten in Japan, und bietet eine angenehme Erholung. Das Gartenhaus ist stark verfallen und war nie mit Silber belegt, da Yoshimasa eher starb, als er seinen Plan ganz durchführen konnte. Hier wurden die berühmten +Thee-Ceremonien+ erfunden. Der Priester, welcher als Führer dient, bewirthet den Reisenden mit einer Tasse Thee, die man aber ohne Ceremonien nehmen darf.
Nachdem wir noch das +Nanzenji-Kloster+ besucht, mit seinem Riesenthor, und den vergoldeten Bildsäulen von Shaka und zwei andern, deren Namen wir weniger leicht behalten; kam einmal zur Abwechslung ein weltliches Schaustück, +der Canal+ des +Biwa-See+.
+Biwa+ heisst Guitarre. Der +Biwa-See+, nach japanischer Ueberlieferung im Jahre 286 v. Chr. durch ein Erdbeben plötzlich entstanden, während gleichzeitig Berg Fuji aus der Ebene sich emporhob, ist etwa 36 englische Meilen lang und 12 breit, ungefähr so gross, wie der Genfer See. Er liegt mit seinem Wasserspiegel 100 Meter über dem Meer, hat eine grösste Tiefe von 100 Metern, zahlreiche flache Stellen, und einzelne kleine Felseninseln. +Seine acht Schönheiten+ werden von der Dichtkunst und der Malerei der Japaner verherrlicht. Sein natürlicher Auslass ist ein Fluss, der vom Südende des See’s beginnt, erst als Seta-gawa, dann als Uji-gawa, und schliesslich, als Yodo-gawa, bei Osaka in die gleichnamige Bucht strömt.
Ein Nebenfluss ist der Kamo-gawa, der Kioto bewässert und südlich von der Hauptstadt, bei Fushimi, in den Yodogawa sich ergiesst. Zu diesem natürlichen Auslass kommt noch ein künstlicher, der Biwa-Canal, von einem japanischen Studenten der Ingenieurschule ersonnen und auch unter seiner Leitung 1885-1890 ausgeführt, für 1¼ Millionen Yen, von denen der Mikado ein Drittel gespendet. Der Canal besteht aus zwei Zweigen, dem einen für die Schifffahrt, dem andern für künstliche Bewässerung und zur Krafterzeugung. Der erste ist gegen 7 Kilometer lang, der zweite etwas über 5 Kilometer, der Fall beträgt 193 Fuss. Der Hauptcanal führt von dem See in den Kamogawa; aber dicht vor Kyoto ist eine stark geneigte Ebene, über welche die Schiffchen mittelst einer Drahtseilbahn, deren bewegende Kraft von dem Wasser des oberen Canalabschnittes geliefert wird, abwärts befördert werden, zu einem offenen Canal mit einer Schleuse.
Obwohl nur kleine Schiffe passiren können, ist es doch ein hübsches Werk, ein beredtes Zeugniss von der Schnelligkeit, mit welcher Jung-Japan die Errungenschaften der neuen Naturforschung annimmt. In Stambul, Aegypten, Klein-Asien sind alle Werke der Art ausschliesslich von Europäern hergestellt.
Noch eine Bemerkung möchte ich machen. Wie man vor der Ausführung des Suez-Canals zur Zeit des ersten Napoleon die unbegründete Furcht hegte, dass in Folge eines höheren Wasserspiegels im rothen Meer Unterägypten bis zum Mittelmeer unter Wasser gesetzt werden könnte; so fürchtete man in Japan, dass durch den Canal der herrliche Biwa-See abfliessen und mit seinen acht Schönheiten und der reichen Ernte von Fischen und Tang ganz austrocknen könne. Selbstverständlich ist das Niveau des See’s gar nicht geändert worden; der Canal ist weit schmäler als der natürliche Ausfluss. Mit Vergnügen wanderten wir über einen bedeckten Theil des Canals und würdigten die japanischen Leistungen im Wasserbau.
Den Beschluss der Betrachtungen machte wieder ein Kloster, das hauptsächlichste der buddhistischen +Jodo-Secte+, +Chion-in+, auf einem Hügel wie eine Festung belegen.
Das Kloster ist 1211 n. Chr. gegründet von dem frommen und grundgelehrten +Honen Shonin+, der eine besondere Lehre begründet, von der Erlösung oder dem Wege zu dem +reinen Land+. (Japan. Jodo, im Sanscrit +Sukhavâti+, d. i. der Himmel von Amida.) Vier Mal ist das Gebäude vom Feuer zerstört worden und rührt in seiner gegenwärtigen Gestalt her von Jeyasu (1603) und Jemitsu (1630).
Eine breite Allee führt zu einem mächtigen 80 Fuss hohen Thorweg, in dessen zweitem Stockwerk lebensgrosse Holzbildsäulen von Shaka und seinen Jüngern zu bewundern sind, sowie eine herrliche Aussicht über die Stadt, über die hügelige Landschaft mit zahlreichen Wohnhäusern und auf den Wald. Ich weiss nicht, ob es zufällig oder absichtlich geordnet ist; aber das Bild des letzteren war sehr ebenmässig und malerisch, ich sah die folgende Ordnung: Fichte, Bambus, Laubholz, Bambus, Fichte. Die 1633 n. Chr. gegossene +grosse Glocke+ (10,8 Fuss hoch, 9 Fuss weit, 74 Tonnen schwer) wird seit Kurzem mittelst einer Maschine bedient, welche den mächtigen Holzbalken zum Anschlag bewegt. Der Haupttempel, 167×138, 94 Fuss hoch, ist das grösste Gebäude in Kyoto. Der Altar ist dem Gründer gewidmet; vor ihm stehen metallische Lotuspflanzen von 21 Fuss Höhe in Bronzegefässen.
In dem zu dem Kloster gehörigen Palast, den Jemitsu erbaut hat, sind berühmte Gemälde der Kano-Schule: die Katze, welche den Beschauer anblickt, wo er auch stehen mag; der Sperling, der angeblich, als die Wand schon bemalt war, durch das Zimmer flog und nun auch abgebildet wurde.
Der folgende Tag war, der Abwechslung halber, einem +Ausflug+ gewidmet und zwar nach den +Wasserfällen des Katsura-gawa+.
Früh um 8 Uhr brach ich auf in zweispänniger Jinrikisha, deren Kasten vorsorglich das Frühstück nebst Getränk (Flaschenbier) barg; mit zwei jungen Aerzten, die mich nicht allein lassen wollten, und dem Führer, der eigentlich Nachfolger war und den ich nur angenommen, um den Collegen zu zeigen, dass ich Führerdienste von ihnen nicht beanspruchte.
Die Fahrt geht westlich durch die ausgedehnte Stadt und die dicht anschliessenden Dörfer, zwischen Feldern, die besser aussehen als riechen, da allenthalben kleine Dunggruben eingerichtet sind; im guten Schritt einen Hügel empor, durch einen hübschen, neuen Tunnel (ähnlich dem vom Posilip bei Neapel, nur kürzer,) und im Galopp bergab nach dem Dorfe Hodzu, 14 englische Meilen von Kyoto, wo die Wasserfälle beginnen. Auch die bergige Gegend war sehr belebt; Menschen und Ochsen ziehen kleinere oder grössere Karren, bergauf mit Reis, bergab mit Holz und Kohlen.
Bei Hodzu werden die Jinrikisha mit in das grosse, aus zolldicken biegsamen Brettern, ohne Rippen, zusammengefügte Boot genommen. Das letztere wird mit Grashalmen gelenkt, nämlich mit langen Bambusstäben. Der Fluss dringt zwischen die Berge, die allenthalben steil, mitunter fast senkrecht emporsteigen, an den Wänden einzelne Fichten tragen, oben dicht (mit Fichten, Buchen, Bambus) bewaldet sind. Unsere Thalfahrt beträgt 13 englische Meilen und dauert zwei Stunden, zur Rückfahrt braucht das Boot sechs Stunden und wird mittelst Seilen getreidelt. Wir begegnen vielen Frachtbooten, die so flussaufwärts fuhren. Von Zeit zu Zeit kommen +Stromschnellen+, die trotz ihrer hochtrabenden Namen, wie Löwen-Rachen, nicht im mindesten gefährlich oder nur aufregend, sondern eher belustigend sind, -- gerade so wie die an dem ersten Cataract des Nil. In dem ausserordentlich schön gelegenen Theehaus zu +Arashiyama+ ruhen wir aus[212] und erfreuen uns des mitgebrachten Frühstücks.
Auf der Heimfahrt in Jinrikisha lernte ich die Richtigkeit des Satzes kennen: Kein Tag ohne Tempel. Das gilt für den Reisenden in Japan, wie in Rom.
Wir besuchten zunächst +Kitano Tenjin+. Dieser Tempel ist dem +Tenjin Sama+ geweiht, dem berühmten Minister und Gelehrten, der 901 n. Chr. in Ungnade fiel und, als Vicepräsident nach der Insel Kiushiu verbannt, daselbst 903 verstorben ist. Er wird unter anderem auch als Gott der Schönschreibekunst verehrt. Da er auf einer Kuh zu reiten liebte, findet man verschiedene Bildsäulen dieses Thieres auf dem Tempel-Grund. Sehr seltsam ist eine Art von Schuppen, unter dessen Dach zahlreiche, hieher gestiftete Bilder aufgehängt sind; dieselben schienen von verschiedenem, zum Theil recht zweifelhaftem Werthe zu sein. Manche sind wie gespickt von Papierkügelchen. Die Gläubigen kauen ein Stück Papier und speien dasselbe gegen das Bild; wenn es haftet, ist der Heilige gnädig und zur Gewährung der Bitte geneigt.
Unablässiges Gewühl fröhlichen Volkes füllt die Räume dieses der Ryobo Shinto-Secte gehörigen Heiligthums, in dem zahlreiche Theehäuser zum Verweilen einladen.
Weit vornehmer ist +Kinkakuji+, ein Kloster der +buddhistischen+ Zen-Secte. +Kinkaku+ heisst +goldenes Gartenhaus+. Das war das Vorbild für das silberne (+Ginkaku+), von dem ich schon gesprochen. Im Jahre 1397 n. Chr. zog sich +Yoshimitsu+ hierher zurück, nachdem er drei Jahre zuvor die Würde des Shogun seinem jungen Sohn übergeben; schor sein Haupt, zog die Kutte eines buddhistischen Mönches an und lebte in Zurückgezogenheit, aber doch unter lebhafter Theilnahme an den Staatsgeschäften: genau so, wie sein unbewusster Nachahmer Karl der Fünfte (1556-1558) zu San Yuste in Estremadura, und wie der grosse Jeyasu.
Noch steht aufrecht, wiewohl schon verwittert, das alte Gartenhaus, 33×24 Fuss, dreistöckig, mit Bildsäulen des Gründers und Amida’s im Innern, fast erloschenen Wandgemälden und mit Spuren der dicken Vergoldung an den Wänden des Ober-Stocks, sowie mit einem 3 Fuss hohen Phönix auf dem Dach. Reizvoll ist der stille Garten mit seinem See, dessen Ufer und Inselchen fichtenbekränzt sind, und dessen Wasser uralte, gierige Karpfen birgt, die sofort zum Futterplatz schwimmen, sowie ein Fremder naht. Eine Pinie in Dschunkenform wird von den Japanern besonders schön gefunden. Der Reisende zieht die Gemälde in den Wohnräumen vor: mit Staunen erblickt er lustige Scenen, z. B. Kinder, die auf einen Elephanten emporklettern und mit Hunden spielen, in der Art wie +Murillo+ -- in Japan sie gemalt haben könnte; mit Bewunderung chinesische Kleinmalerei. Der Priester bewirthet uns wieder mit Thee und verabschiedet sich mit grosser Höflichkeit.
Die Fahrt über den +Biwa See+ (am 3. October) war darum besonders genussreich und ergiebig, weil der kleine Dampfer uns ausschliesslich zur Verfügung gestellt war. Mit meinen zwei unermüdlichen Collegen fuhr ich nach +Otsu+, woselbst die Aerzte des Ortes mich empfingen und der Erste (Dr. Muradsi) die Führung übernahm. Höchst drollig war es, wie jeder Mensch im Orte ihn mit rechtwinkliger Neigung des Körpers begrüsste: die japanische Mutter, die das Kleine auf ihren Rücken gebunden trägt; der Vater, der ein schon grösseres Kind auf dem Arm hält, die Kleinen dabei durchaus ruhig und artig, ohne im geringsten zu schreien, und das zwanzig Mal hintereinander in jeder Gasse!
Der Biwa-See hatte zwar zur Zeit nicht den hellgrünen Wasserspiegel, den +Rein+ rühmend hervorhebt, da eben der Himmel ein wenig bewölkt war, aber doch höchst reizvolle Ufer; er ist hier, an seinem Südende von niedrigen, bewaldeten Bergen umgeben, welche die Gestalt von Vulkanen besitzen.
Wir fahren fort, -- erst unter der neuen Eisenbahnbrücke, dann unter der +alten Brücke von Seta+, die den Fluss Setagawa da überspannt, wo er aus der Südost-Ecke des See’s hervorkommt. Eine Brücke hat hier, am +Nakasendo+, der Gebirgs-Heerstrasse zwischen Kyoto und Tokyo (aus dem achten Jahrhundert n. Chr.), seit uralter Zeit bestanden. Die jetzige ist erst im Jahre 1875 wiederhergestellt. Es ist eine Doppelbrücke, da in der Mitte des Flusses eine Insel liegt, von 215 + 576 Fuss Länge, auf hölzernen Jochen ruhend. Die Brücke ist berühmt in Sage und Geschichte. Hier hat, nach alten Mären, der kühne, auf Abenteuer ausziehende Ritter das hundertfüssige Ungeheuer besiegt und zum Lohn von einem dankbaren Zwerge den Sack mit Reis empfangen, der nie leer wurde, so oft er auch daraus seine Nahrung entnahm.
Um den Besitz dieses wichtigen Uebergangs ist in geschichtlicher Zeit so manch’ blutiger Strauss gefochten worden.
Wir dampfen eine kurze Strecke flussabwärts und landen bei dem berühmten Kloster +Ishiyama-dera+. Der Name heisst wörtlich Felsbergtempel und rührt her von einigen abenteuerlich gestalteten schwarzen Fels-Steinen und Rücken, die inmitten des Tempelgrundes hervorragen und von den findigen Priestern mit Geschick zur Verschönerung ihrer Gartenanlagen benutzt worden sind. Gegründet ist das Kloster 749 n. Chr., umgebaut 1078 und am Ende des 17. Jahrhunderts. Der Haupttempel auf dem Gipfel des dichtbewaldeten Hügels ist der Kwannon gewidmet und zeigt das Götterbild von 16 Fuss Höhe, in dessen Innern der eigentliche Gegenstand der Verehrung, eine Bildsäule von nur 6 Zoll, verborgen liegt. Vor dem Altar hängen Gebet-Mühlen, die ungefähr so gedreht werden, wie unsere Kaffee-Mühlen, und eine Glücksbüchse, welche die Jahreszahl 1888 trägt! Sie enthält 12 Metallstäbe, mit je 1 bis 12 Kerben. Man schüttelt die Büchse und drückt: dann springt +ein+ Stab hervor, gerade so wie aus den niedlichen japanischen Zahnstocher-Büchschen. Der Fragende liest sein „Schicksal“ von einer Tafel ab, die 12 verschiedene Verse enthält. Es ist recht ähnlich, wie auf unseren Jahrmärkten, wo die im Monat Mai geborene Schöne das Verslein zieht: „Die Mädchen geboren im Monat Mai, sind alle lustig und sorgenfrei“; aber, wenn sie älter und erfahrener wird, sehr bald bemerkt, dass diese Weissagungen nicht stimmen. Zahlreiche Besuchskarten von Pilgern, mit Namen, Wohnort, Besuchstag, sind hier aufgehängt, ein weiterer Beweis für die kindliche Art dieses „Gottesdienstes.“
Ein Punkt, welcher auf japanisch als +Baum der Vollmondbetrachtung+ bezeichnet wird, gewährt eine wirklich schöne Aussicht auf den Fluss, die lange Brücke, den See und die Uferberge. Wenn ich auch in meinen ersten japanischen Tagen den Unverstand der gewerbsmässigen Führer zu tadeln hatte, die gar keinen Begriff davon hatten, was den europäischen Reisenden am meisten reizt und fesselt; so muss ich doch den gebildeten Japanern, meinen Collegen, selbst denen, die keine europäische Sprache verstehen, nachrühmen, dass sie für die Natur- und Kunstbedürfnisse des Reisenden ein volles Verständniss an den Tag legten.
Jetzt fahren wir zurück, unter die Brücken durch, bei Otsu vorbei, nach +Karasaki+[213] am West-Ufer des See’s, wo die in ganz Japan +berühmte Fichte+ steht. Dieser seit uralter Zeit für heilig gehaltene Baum hat die nur mässige Höhe von 90 Fuss, bei 37 Fuss Umfang des Stammes; aber seine fächerartig ausgebreiteten, sorgfältig von hölzernen und sogar von steinernen Stützen getragenen Zweige (380 an der Zahl) bedecken und beschatten eine Fläche von 240×280 Fuss. Alle Löcher im Stamm sind auf das gründlichste ausgekittet,[214] ein kleines Regendach schützt sogar die Spitze, die man für besonders zart und schutzbedürftig ansieht.
Japan hat an schönen Bäumen keinen Mangel. Trotzdem findet man allenthalben, besonders in den grossen Park-Anlagen Tokyo’s, z. B. in Shiba, die rührendste Sorgfalt auf die Erhaltung des einzelnen Baumes verwendet.
Es giebt ja auch bei uns alte und mächtige Bäume; aber sie werden nicht mehr so gepflegt, seitdem in Europa die heiligen Haine ihre Verehrung eingebüsst, und fallen neueren Fortschrittsbedürfnissen zum Opfer. Noch steht allerdings die mächtigste Eiche Europa’s bei Körtlinghausen im Regierungsbezirk Arnsberg; sie zählt über 1000 Jahre und hat bei 22 Meter Höhe einen Umfang von 12,4 Meter nahe der Erde. Noch steht bei Neuenstadt in Württemberg die Linde, welche bereits 1226 n. Chr. in der Chronik als der grosse Baum an der Heerstrasse gepriesen wurde; und die bei Freiburg in der Schweiz, welche bereits zur Zeit der Schlacht bei Murten (1476) wegen ihrer Grösse bekannt war.
Aber diese habe ich leider noch nicht gesehen, dagegen die knorrigen Oelbäume in der Ilissus-Ebene bei Athen, welche schon auf Perikles herabblickten; die bei Carthago, welche die dreimalige Zerstörung der Stadt überdauert haben; die Riesenfichten von Mariposa im Herzen der Sierra Nevada von Californien, welche schon vorhanden waren, als Moses sein Volk aus Aegypten führte; die heilige Fichte von +Karasaki+ und den noch heiligeren +Bo-Baum+ zu Anuradhapura auf Ceylon, der von allen Bäumen der Erde die älteste Geschichte besitzt, da die zu seiner Pflege bestellten Priester schon seit mehr als 2000 Jahren ununterbrochen seine Schicksale verzeichnet haben.
Nach dem feierlichen Frühstück im Theehause zu Otsu wurde der berühmte Tempel von +Mi-i-dera+, im Norden der Stadt, besucht. Der Name bedeutet +Drei-Quellen-Tempel+. Das Heiligthum ist der Göttin der Gnade (Kwannon) gewidmet. Das Kloster ist 675 n. Chr. gegründet und zu verschiedenen Malen neu erbaut, das letzte Mal 1690.
In diesem Kloster packen die heiligen Väter ihre +Kunstschätze+ aus, die sogar in dem so ausführlichen Reisebuch von Murray mit keiner Silbe erwähnt werden, also dem gewöhnlichen Reisenden verborgen bleiben, wenn er eben nicht das Glück hat, mit dem -- +Hausarzt+ des Klosters vorzusprechen. Ich sehe erstlich +hängende Bilder+ (Kakemono), darunter ein entzückendes mit „blinde Kuh“ spielenden Kindern. Sodann +Rollbilder+ (Makimono) von bedeutender Länge, 10 Meter und darüber, die auf dem Flur der Vorhalle ausgebreitet, dem (natürlich nach japanischer Art auf dem Boden kauernden) Beobachter langsam vorbei geschoben und gleichzeitig wieder aufgerollt werden. Der Gegenstand dieser langen Bilder ist nicht ein einfacher, sondern eine +zusammengehörige Reihe+, wie bei manchem unserer Romanschriftsteller.
Ein Bild stellt die +sieben Nöthe+ dar. Zuerst kommt das Erdbeben, dann die Ueberschwemmung und das Feuer, die ja beide oft genug von den Japanern im Gefolge des Erdbebens beobachtet worden, ferner aber der Schiffbruch, das Gewitter, die wilden Thiere. Man sieht den Adler, der ein Kind fortträgt, den Bären, der einen Menschen tödtet, die Schlange, welche sich emporbäumt. Dieses Bild ist von dem berühmten realistischen Künstler +Okyo+ vor etwa 100 Jahren gemalt. Sein Gegenstück heisst die +sieben Freuden+ und behandelt die Reisernte, das Gastmahl und dergl. Grässlich erscheint uns das Bild von den +Räubern+ und +Mördern+, sowie das Gegenstück, welches ihre Bestrafung (durch Zersägen, Kreuzigen, Viertheilen) darstellt. Höchst merkwürdig fand ich ein im Anfang unsers Jahrhunderts, also noch zur Zeit der Absperrung von Japan, gemaltes +allegorisches Weltbild+, da diese Welt nur drei Reiche umfasst: Japan, dargestellt durch Amaterasu, die Sonnengöttin; China, vertreten durch Confutse; Indien, durch Shaka-Gautama-Buddha unter seinem heiligen Baum. (+San-Koku+, die drei Länder.) Rings herum sind verschiedene Gestalten, welche die Himmelsgegenden darstellen, vielleicht auch einige Fremdlinge von der Grenze der Erde. Denn damals glaubten die Japaner, dass an Tenjiku, die Himmels-Stütze oder Indien, die Länder Portugal und Holland, und andere, von denen sie vernommen, unmittelbar sich anschliessen.
Ich wünschte ein Lichtbild von dieser merkwürdigen Darstellung. Der Prior war ganz erschrocken ob meiner Kühnheit, da er das Bild für ein heiliges hielt, -- aber nach drei Tagen +hatte+ ich mein Abbild.
Vor dem Eingang zum Kloster ist ein freier Platz mit prachtvoller Aussicht über Berg und Thal, See und Canal, Stadt und Land. Hier steht ein wunderliches Denkmal, -- ein +Obelisk+ aus Granit, zum Gedächtniss an diejenigen Krieger des Bezirkes, welche im Kampf gegen die Empörung von Satsuma (1877) gefallen sind.
Ist schon die Gestalt des Denkmals in dieser Umgebung recht gewagt, so erscheint mir ganz unpassend die an dem Gitter angebrachte +Sammelbüchse+, welche in englischer Sprache +Beiträge+ zur Erhaltung der umgebenden Gartenanlage fordert.
Hier war es auch, wo +der Angriff auf den russischen Thronfolger+ am 11. Mai 1891 seinen Ausgang nahm. Die Sache verlief, nach den Mittheilungen meiner Begleiter und der Augenzeugen, die ich in der engen Gasse von Otsu persönlich befragte, in der folgenden Weise. Der Sohn des Czaren stand in bürgerlicher Kleidung auf dem Platz neben dem Obelisken, begleitet von dem Sohn des Königs von Griechenland, einem japanischen Prinzen und Anderen.
Der dienstthuende Polizeisoldat Tsuda Sanzo, der in dem eben erwähnten Feldzug gegen die Satsuma-Empörer sich ausgezeichnet, ein ordentlicher, aber etwas verrückter Mensch, grüsste militärisch durch Präsentiren des Säbels. Der Czarewitsch dankte nicht, vielleicht sah er den Soldaten gar nicht, sondern kritzelte mit seinem Spazierstock eine Figur in den Sand, die dem Polizisten die Hauptinsel des japanischen Reiches zu sein schien.
Nun muss man bedenken, dass bei den Japanern grosses Missbehagen gegen ihre russischen Nachbarn herrscht, welche ihnen halb mit Gewalt die Insel Sachalin gegen die unbrauchbaren Kurilen abgetrotzt und durch die schon begonnene sibirische Eisenbahn ihnen unangenehm auf den Leib rücken. Viele der gewöhnlichen Japaner glaubten, dass die Reise des Czarewitsch einen politischen Zweck verfolge. Jener Polizeisoldat aber wurde von der Wahnidee befallen, dass der Sohn des russischen Kaisers bereits das theure Vaterland gekauft und erworben habe und ihn wie einen Sklaven missachte; und -- getödtet werden müsse.
Aber Ostasiaten denken und handeln nicht so schnell, wie Europäer. Eine Viertelstunde später holte er den Grossfürsten ein, der in einer Jinrikisha sass, (vom einen Mann, hinten einen zweiten,) in einer schmalen Gasse von Otsu vor einem Schneiderladen, und verwundete ihn von hinten mit seinem Schwert in der Schläfengegend. Der japanische Prinz, der griechische Prinz, -- als sie den Lärm vernahmen, eilten sie zunächst vorwärts, um einen Ort zur Vertheidigung zu suchen, da sie an eine allgemeine Meuterei glaubten. Der hintere Jinrikisha-Mann aber hatte +augenblicklich+, ehe der Polizeisoldat zum zweiten, vielleicht verhängnissvollen Schlage ausholen konnte, sich niedergeworfen, den Angreifer bei den Beinen gepackt und ihn zu Boden geschleudert. Sein Vor-Mann half ihm bei der Ueberwältigung und Entwaffnung. Jetzt kam auch der griechische Prinz zurück und griff thätig ein. Die Wunde des Grossfürsten war zum Glück eine leichte, sie wurde von dem russischen Arzt verbunden; der Grossfürst auf sein Kriegsschiff gebracht. Die gesetzestreuen Einwohner von Otsu waren tief betrübt und beantragten bei der Regierung, dass der durch die schnöde That verunglimpfte Name ihres Städtchens umgeändert werde. Der Polizist, dessen Geisteskrankheit festgestellt worden, wurde auf Lebenszeit eingesperrt, ist aber bald darnach verstorben. Der wirkliche Retter des Grossfürsten, der Jinrikisha-Mann, erhielt vom Mikado ein Jahresgehalt von etwa 90 Yen, womit er sehr gut ohne Arbeit auskommen konnte, vom Czaren, nebst einem Orden, ein Jahresgehalt von 1000 Yen, wodurch er bald in ein liederliches Leben und in’s Gefängniss gerieth.
Also das scheint sichergestellt, dass der Czarewitsch weder das religiöse Empfinden, noch die Sitten des japanischen Volkes beleidigt hatte: dass der so beklagenswerthe und auffällige Angriff die That eines verrückten Vaterland-Schwärmers gewesen. Der gewöhnliche Reisende hat nichts in Japan zu befürchten. --
Nachdem wir die Purpurfärbung des Abendhimmels bewundert und auf dem Halteplatz verschiedene Volksscenen belauscht, kehrten wir auf der Eisenbahn zurück nach Kyoto.
Der Vormittag des folgenden Tages (4. Oct.) war wiederum den +Tempeln+ gewidmet.
Zunächst kamen wir nach +Nishi Hon-gwan-ji+. (+West-Haupt-Gebet-Tempel+.) Hier ist das Haupt-Quartier der buddhistischen +Shin+ (Geist-) oder +Monto+ (Thorfolger)-Secte, die von Shin-ran 1213 n. Chr. begründet ist, aber erst seit dem 15. Jahrhundert die jetzige Gestaltung angenommen, und 13718 Tempel in Japan besitzt. Man nennt sie[215] die Protestanten des japanischen Buddhismus. Sie verwerfen die Ehelosigkeit der Priester, die Enthaltsamkeit von gewissen Speisen, die Abtödtung und Bussübung, lehren den Glauben an Buddha, ernstes Gebet, edles Denken und Handeln. Ihr eigentlicher Gründer nahm ein Weib, wie Luther, und führte die Volks-Sprache und -Schrift in den Gottesdienst ein.
Das hohe, prächtige Thor des Tempels ist mit Holzschnitzereien der Chrysanthemum-Blume und -Blätter geschmückt, darüber aber ein dichtes Drahtnetz gelegt, damit die Vögel nicht ihre Nester einbauen. Auf dem Hof steht, dem Eingang gegenüber, eine über mannshohe Mauer, damit den vorübergehenden Müssiggängern der Einblick in’s Innere versperrt werde. Ein riesiger Baum auf dem Hofe soll das Gebäude -- vor Feuer schützen, da er Regenschauer darüber ausschütte, sowie eine Feuersbrunst in der Nachbarschaft mit Gefahr droht. Doch glaube ich nicht, nach persönlicher Bekanntschaft mit den Priestern, dass sie solchem Aberglauben huldigen.
Das Hauptgebäude misst 138×93 Fuss und deckt 477 Matten. Das Schiff ist einfach, aber die Kanzel ganz und gar vergoldet. Zu jeder Seite der Haupthalle liegt ein ganz und gar vergoldetes Zimmer von 24×36 Fuss, worin Anrufungen des Amida (in Goldbuchstaben auf dunkelblauem Grunde) aufgehängt sind. Das Gebäude ist 1591/92 errichtet, der Schmuck alle 50 Jahre erneuert. In dem Nebentempel, der ähnlich, aber kleiner, sieht man auf der Ramma Engel in vollem Relief. Sehr schön und grossartig sind die Empfangsräume, namentlich der grosse Saal (69×54 Fuss); geschmückt mit Landschaften und Jagdscenen in chinesischem Styl.
Der Oberpriester, der uns geleitet, +Akamzu Rensio+, gleichzeitig Lehrer an der Priesterschule, die dicht neben Nishi Hongwanji steht und durch ihren „fremden“ Styl gar seltsam absticht, hatte mir schon drinnen, in seinem japanischen Englisch, manch’ merkwürdiges Wort gesagt; unter andern auch, als er meine Heimath erfahren, mich nach +Eduard von Hartmann+ gefragt und grosse Freude geäussert, als ich ihm Einiges aus persönlicher Bekanntschaft erzählen konnte, und lebhaftes Bedauern, dass er dessen Schriften noch nicht gelesen habe, während er +Schopenhauer+ aus der Uebersetzung ganz gut kenne. Aber bei der Verabschiedung setzte er mich völlig in Erstaunen. Der Ausgang führt durch +Chokushi Mon+, das Gitter des kaiserlichen Gesandten, woselbst die ausserordentlich naturgetreuen Holzschnitzereien, namentlich eines Bauern mit seiner Kuh, von Hidari Jingoro, meine Bewunderung erregten.
„Es ist merkwürdig, Fremdling“, sagte er, „dass +Dir+ dieses so gefällt (und auch Deinen Landsleuten, denn ein Gesandter und ein Baumeister aus Deutschland war auch hier und gleich entzückt); und dass derselbe Gegenstand +unser+ Wohlgefallen erregt. Jeder Mensch hat seine eigne Zunge und seinen eignen Geschmack, den leiblichen und den geistigen. Jeder Mensch hat seine eigne Religion. Es ist Pflicht, duldsam gegen einander zu sein. Wir Buddhisten sind duldsam. Ihr Europäer seid es viel weniger, soviel ich dies beurtheilen kann.“
Ich schüttelte dem alten Biedermann die Rechte und schied von ihm in der Ueberzeugung, dass es Europäer genug giebt, die in Ostasien viel lernen könnten, wenn sie eben fähig wären, sich belehren zu lassen.
Die +japanische Bildhauerei+ ist hauptsächlich Holzschnitzerei und kam mit den Buddhisten in das Land. Der eine „Tempelwächter“ zu Nara stammt aus dem Jahre 1095 n. Chr. Aber schöner sind die Darstellungen von Vögeln und Blumen zu Nikko, Shiba, Ueno aus dem 17. Jahrhundert. Die Grösse der japanischen Bildhauerkunst liegt in der Decoration und in dem Kleinwerk, das voll Humor ist. Der +japanische Phidias+, Hidari[216] Jingoro (1594-1634 n. Chr.) schuf die Elephanten und die schlafende Katze im Mausoleum von Jeyasu und vieles andere. Von ihm wird die Geschichte von der schönen Galatea, dem Kunstwerk, in das der Künstler sich verliebte, auf echt japanisch erzählt.
Der zweite Tempel, den die Shin oder +Hongwanji+-Secte in Kyoto (wie in jeder Grosstadt Japan’s) besitzt, heisst +Higashi Hon-gwan-ji+ (Ost-Haupt-Gebet-Tempel). Dieser Tempel ist 1602 gegründet, 1864 in dem Bürgerkrieg zerstört und jetzt neu aufgerichtet, aber noch nicht ganz vollendet. Hier sieht man, dass die Buddha-Lehre in Japan noch nicht todt ist, wie Missionäre fabeln, die es wünschen, sondern vielleicht manche europäische Secte überleben wird; und dass die Kirche über gewaltige Mittel gebietet. Das Gebäude hat eine Länge von 260, eine Breite von 170, eine Höhe von 120 Fuss, das mächtige, tief herabhängende Dach mit 163512 dunklen Ziegeln wird von 96 Pfeilern gestützt. Vier prachtvolle Bronzelaternen schmücken den Eingang, und ferner -- ein +Riesenseil aus Menschenhaar.+ 38000 Frauen haben ihren blauschwarzen Haarschmuck geopfert, damit dies Seil zum Aufwinden heiliger Gegenstände geschaffen werde. Alle Provinzen der Nachbarschaft haben beigesteuert, und zwar ungeheure Summen, die Bauern haben persönlich Holz herbeigeschafft, damit der Tempel prachtvoll errichtet werde. Und neu sieht ein solcher Bau wirklich grossartig aus. Noch wird gebaut. Eine gewundene Schrägbahn führt auf das Dach, wie nach der Meinung von Gelehrten die alten Aegypter sie bei ihren Bauten benutzt haben sollen; die Hacke zur Holzbearbeitung sitzt in einem ganz krummen Stiel, wie wir ihn aus dem Grabdenkmal des Ti (2800 v. Chr., V. Dynastie) bei Sakkara kennen.
+Toji+, ein buddhistischer Tempel, in der Mitte des 8. Jahrhunderts n. Chr. gegründet, wurde 823 n. Chr. von dem Mikado dem +Kobo Daishi+ übergeben, dem Gründer der buddhistischen +Shingon+[217]-Secte, die heutzutage 15503 Tempel in Japan besitzt. Die jetzigen Baulichkeiten sind aus dem Jahre 1640, aber leider in Verfall. Hier steht noch der Thurm (Pagode), der sich zum Einsturz neigte, jedoch der Sage nach, durch das +Gebet+ von Kobo Daishi, (nach andern durch einen Graben,) wieder grade gerichtet wurde. Hier stand einst ein Stadtthor, wo der Sage nach ein kühner Ritter den Teufel bekämpfte. Auch hier empfängt uns ein freundlicher Oberpriester und geleitet uns durch die Empfangsgemächer, deren neue Gemälde gewaltig hinter den alten zurückstehen, und deren Ausstattung mit +elektrischen Glühlampen+ beweist, dass in Japan auch die Priester dem Fortschritt huldigen. In einem grossen Gemach sah man noch die Spuren eines Festessens, das Tags zuvor hier stattgefunden. Die Priester sind gastfrei gegen die Gläubigen und Verehrer; doch hörte ich, dass in Japan, wie anderswo, bei solchen Gelegenheiten ganz artige Summen für die Zwecke der Kirche -- freiwillig gezeichnet werden.
Meine Freunde führten mich dann in den +Haus-Garten eines wohlhabenden Japaners+, um mir das +Fussballspiel+ zu zeigen. Die Theilnehmer waren prachtvoll und gleich gekleidet, sie trugen weite blauseidne Hosen und ein weisses Hemd. Der leichte Fussball darf nicht mit der Hand berührt werden und soll nicht zur Erde fallen; so wird er mit dem Fussrücken geschickt emporgeschleudert und von dem einen Spieler dem andern zugeworfen. Selbst Grauköpfe betheiligten sich lebhaft und geschickt. Ich sah dasselbe Spiel auch in Hongkong, wo es von Chinesen, aber weniger gewandt, ausgeführt wurde.
Nachmittags besuchte ich +Krankenhaus+ und +Medizinschule+. Abends hatte ich das übliche Festessen. Eine grosse Menge von Gemälden und Kunstwerken war in dem Saale für mich ausgestellt: ein altes +geschichtliches Bilderbuch+ mit Kleinmalerei, ein grosses Rollgemälde, den Brand des Kaiser-Palastes darstellend, auch Oelbilder von Damen, von einem jungen Japaner nach europäischer Art gemalt; in einer Nische des Saales ein japanisches Prunkzimmer mit eingelegten Schränken, eine alte +Goldlackbüchse+[218] im Werthe von 1500 Yen. Ein ehemaliger Beamter des Mikado zeigte mir das feierliche Verbrennen von +Weihrauch+. Es wurde viel geredet und getrunken. Wir waren alle recht heiter.
+Uji+ war das Ziel des letzten, südwärts gerichteten Ausflugs von Kyoto.
In Jinrikisha fuhren wir zunächst nach dem Südende der Hauptstadt. Hier liegt +Tofukuji+, eines der Hauptklöster der buddhistischen Zen-Secte, die schon 513 n. Chr., von Dharma in Indien, begründet ist und in Japan nicht weniger als 21547 Tempel besitzt. +Zen+ bedeutet etwa +ernste Gedanken+. +Tofukuji+ ist schon im 13. Jahrhundert erbaut und hat eine wundervolle Lage. +Ahornbäume+, die grade schon ihr rothes Herbstgewand anlegen, säumen von beiden Seiten eine tiefe Schlucht ein, über welche die überdachte „+Himmelsbrücke+“ gespannt ist. Der grösste Schatz des Klosters ist ein riesiges +Rollbild+ (Kakemono), 48 Fuss lang, 24 Fuss breit, das Shaka’s Eintritt in Nirwana (Nehanzō) darstellt um das im Jahr 1408 n. Chr. gemalt ist von Japan’s Fra Bartolommeo, +Cho Densu+, der hier Jahre lang als Mönch gelebt hat. Einmal im Jahre wird das Bild für 4 Tage ausgestellt d. h. auseinandergerollt und dem anbetenden Volk, ganz von Weitem, gezeigt. Der dienstthuende Priester lachte mich aus, als ich ihm den Wunsch vortrug, jenes Bild zu sehen. Als ich aber meine und meiner Freunde Karten, nebst höflicher Bitte, dem +Oberpriester+ übersandte, kam derselbe sogleich mit sechs dienenden Brüdern, liess die Riesenrolle herbeischleppen, an die Decke der Halle emporwinden und entfalten, so dass wir uns des Anblicks erfreuen konnten. Shaka liegt in gelassener Körperhaltung und ruhigem Gesichtsausdruck auf einem niedrigen Bau, der wie eine Steinkiste aussieht, rings umgeben von klagenden Göttern und Menschen. Vier hohe Bäume bilden einen hübschen Abschluss der Landschaft. Tiefer abwärts im Gemälde, also im Vordergrund, klagen die Thiere, Schildkröten, Vögel, Säuger, unter letzteren der Elephant und das zweibucklige Kamel.[219]
Erfindung, Zeichnung und Farbengebung schienen mir recht tüchtig zu sein, ganz ebenso gut, wie in den gleichzeitigen italienischen Schulen vor Raphael. Natürlich hat der Maler nicht darauf Rücksicht nehmen können, dass sein Werk befangenen Europäern unserer Tage gefalle. Leider sind diese Bilder nicht recht haltbar. Dass sie durch das Rollen nicht schon ganz zerstört sind, ist ein beredtes Zeugniss für die Güte des japanischen Papiers.
Ich musste noch ein zweites Riesenbild betrachten, welches auf den Erdboden gelegt wurde. Es stellt den +Himmel+ dar und ist von einem chinesischen Künstler angeblich vor 1000 Jahren gemalt, aber durch Alter bereits so geschwärzt, dass ich mir kein rechtes Urtheil bilden konnte.
In nächster Nachbarschaft liegt der beliebte und volksthümliche +Shinto-Tempel+ von +Inari+, der Reis-Göttin, 711 n. Chr. begründet, als der Buddhist +Kobo Daishi+ hier einen Mann mit einem Reis-Sack traf und in ihm eine Erscheinung der Reis-Göttin erkannte. Dieselbe half dem Schmied Kokaji eines seiner berühmten Schwerter schmieden, mit dem er den Fels spaltete, -- wie Siegfried mit Nothung den Ambos. Diese japanische Sage ist auch Inhalt eines No-Schauspiels.
Schmiede und Schwertfeger verehren den Tempel bis zum heutigen Tage.
Am 29. April jedes Jahres werden die heiligen Wagen und Sänften des Tempel, die dann als Wohnsitz der Gottheiten gelten, nach dem allerheiligsten Shinto-Tempel von Ise gebracht und am 20. Mai zurückbefördert.[220]
+Füchse+ sind der Inari heilig. Füchse aus Thon, kleine und grosse, werden in Buden am Weg zum Tempel feilgeboten. Grosse Füchse aus Stein, einen Schlüssel in der Schnauze, sind an dem Tempelgitter aufgestellt. Drinnen drängt sich fröhliches Volk. Da sind Weiber mit kleinen Vögeln im Käfig; für 1 Sen erhält man einen, um ihn in Freiheit zu setzen. Für die kleinste Münze kauft man einige Frucht- (Gurken-)Scheiben und legt sie auf ein an Fäden befestigtes Schälchen: sofort zieht das oben sitzende Aeffchen sie mittelst eines einfachen Flaschenzugs empor, um sie schleunigst zu verspeisen. Mädchen führen unter Musikbegleitung den heiligen Tanz auf. Der Tempel ist einfach, aber die rothen Holzpfeiler vor den weissen Wänden nehmen sich ganz hübsch aus, während die vergoldeten blau-mähnigen Ungeheuer an den Enden der Vorhalle unsrem Geschmack nicht zusagen. Vor jedem der sechs kleinen Innengemächer ist ein grosser Metallspiegel von 18 Zoll Durchmesser aufgehängt. Oben auf dem Berg giebt es einen heiligen „Pfad der Berg-Höhlen“, mit zahlreichen Fuchslöchern.
Ein guter Weg bringt uns südwärts nach dem (4 ri = 10 engl. Meilen entfernten) malerisch an dem gleichnamigen Fluss gelegenen Oertchen +Uji+, das rings von +Theepflanzungen+ umgeben ist. Thee ist im 9. Jahrhundert von einem buddhistischen Abt aus China nach Japan eingeführt worden. Ursprünglich wurde der Theeaufguss von den Mönchen benutzt, um den Schlaf bei den nächtlichen Studien zu verscheuchen.[221] In Uji wird Thee seit dem Ende des 12. Jahrhunderts angebaut. Seit dem 14. Jahrhundert ist Thee Nationalgetränk der Japaner. Im Jahre 1887 wurde hier auf einem niedrigen Hügel ein Steindenkmal errichtet zur Erinnerung an das tausendjährige Bestehen der Theecultur in Japan und zum Preise des Thee’s von Uji.
Der Mikado war gegenwärtig bei der Feier und bezieht auch seinen Thee aus diesem Orte. Jede Familie in Uji baut und verkauft für sich ihren eignen Thee, dem sie die seltsamsten Namen beilegen. Die besten Sorten (Gyokuro = Edelstein-Thau) kosten hier 5 bis 7½ Yen das Pfund; das ist ein Preis, der bei uns kaum gezahlt wird. Thee ist nächst Seide der wichtigste +Ausfuhrgegenstand+ Japan’s. (Jährlich 40 Millionen Pfund im Werthe von 6 Millionen Yen.) Fast Alles geht nach Nordamerika. Die Leute von Kyoto pilgern in der Sommerzeit nach Uji wegen der schönen Aussicht und der zahllosen Leuchtkäfer, die des Abends umherfliegen.[222]
Die Hauptsehenswürdigkeit des Ortes ist das Kloster +Byōdō-in+ der buddhistischen +Tendai+ (Himmels-Gebot)-Secte, die aus China kam und in Japan 6391 Tempel besitzt. Das Kloster stammt aus dem Jahre 1052 n. Chr. Hier war es, wo nach der Schlacht an der Ujibrücke der 75jährige Held +Yorisama+, um den Rückzug seines Fürsten zu decken, mit 300 Mann gegen 20000 Feinde, dem Leonidas gleich, Stand hielt und, als er das gewollte durchgesetzt, gelassen in sein Schwert sich stürzte.
Das Hauptgebäude, neben einem Lotusteich, ist die +Phoenix+-Halle (Hōō-dō), eine der +ältesten Holzbauten+ Japan’s. Der zweistöckige Mittelbau stellt den Körper des Vogels dar, die rechtwinklig davon zu beiden Seiten ausgehenden Flügel sind eben die Flügel, und die von der Mitte nach hinten ziehende Halle der Schwanz. Auf dem Dach stehen zwei Bronze-Phoenix von 3 Fuss Höhe. Die Decke im Innern ist in kleine Vierecke eingetheilt und mit +Perlmutter+ eingelegt. Rings um den Obertheil der Wände ist ein Fries von 25 Heiligen (Bosatsu), darunter auch Frauen, die meinen Begleitern besonders merkwürdig schienen. Der Altar war ursprünglich mit Goldlack bedeckt und mit Perlmutter eingelegt. Aber der frühere Glanz ist zerfallen, und der jetzige Haupttempel sieht ärmlich aus.
In einem Theehaus am Fluss ruhen wir aus und verzehren unser mitgebrachtes Frühstück. Allenthalben, auch in so kleinen Orten, sind schon offene, mattenlose Hallen für die Fremden errichtet, um ihnen das Ausziehen der Schuhe zu ersparen.
Rechtzeitig langen wir in Kyoto wieder an, zum Packen und Briefschreiben.
Nach Osaka, Kobe, Nagasaki.
Die Eisenbahnfahrt von Kyoto nach Osaka dauert 1½ Stunden, die Entfernung beträgt nur 30 englische Meilen = 48 km. In Kyoto ist feierlicher Abschied; mein Fachgenosse aus Osaka zur Stelle, um mich zu geleiten; in Osaka wieder feierlicher Empfang. Einer meiner beharrlichsten Zuhörer, Dr. +Ogata+, dessen Vater bereits vor 40 Jahren, noch zur Zeit der Absperrung Japan’s, ein holländisches Werk über Heilkunde in’s Japanische übersetzt, stellt mir die bürgerlichen und militärischen Collegen vor und beruhigt mich wegen des +Nachtlagers+. Die blühende Handelsstadt +Osaka+,[223] die an der Einmündung des Yodogawa-Flusses in die Osakabucht liegt, 400 Jahre alt ist, und 476000 Einwohner besitzt, hat nur ein +einziges Gasthaus+, das, im Ganzen japanisch eingerichtet, nur eine kleine europäische Abtheilung besitzt, vor der ich von einigen in Kobe ansässigen Engländern gradezu gewarnt worden war. Ich hatte also beschlossen, in dem mit der Eisenbahn binnen einer Stunde zu erreichenden und mit einer europäischen Ansiedlung versehenen Vertragshafen Kobe zu übernachten.[224] Aber meine Freunde führen mich im Triumph nach dem Gasthaus und zeigen mir nicht blos das frisch gescheuerte Zimmer und den schneeweissen Bettüberzug,[225] -- Reinlichkeit wird in Japan nicht vermisst, -- sondern auch die europäischen Geräthe, die sie besorgt, den demüthigst sich verneigenden und Alles versprechenden Gastwirth und einen Aufwärter, welcher sogar versicherte, englisch zu verstehen. Ich habe auch die beiden Nächte ganz gut in dem Zimmer geschlafen; bei Tage war ich wenig zu Hause.
Sofort setzt sich der Jinrikisha-Zug in Bewegung nach dem +Schlosse+; die Führung übernimmt ein Militärarzt in Uniform. 1583 n. Chr. beschloss der Napoleon Japan’s, Taiko +Hideyoshi+, der Bauernsohn, welcher vom Stalljungen zum Soldaten und Heerführer und schliesslich zum thatsächlichen Herrscher Japan’s sich emporgeschwungen, an Stelle des früheren befestigten Buddha-Klosters zu Osaka, das von seinem Vorgänger Nobunaga 1580, wegen Feindseligkeit der Bonzen, zerstört worden war, ein festes Schloss zu erbauen und zu seinem Fürstensitz zu machen; und vollendete seinen Willen binnen zwei Jahren. Arbeiter wurden aus allen Theilen Japan’s, die ihm unmittelbar unterworfen waren, herbei gezogen. Seine Grafen und Ritter liessen ungeheure Steine herbeischaffen. So wurde das grösste Bauwerk Japan’s errichtet.
+Will Adams+, aus Chatam in Kent, 1598 Obersteuermann einer Flotte von fünf Seglern der holländischen Ostindia-Gesellschaft, von Peru nach Nagasaki verschlagen, und dann von Jeyasu als Schiffsbauer und als Unterhändler mit holländischen und englischen Schiffscapitänen bis zu seinem 1620 erfolgten Tode in „goldener Verbannung“ zurückgehalten, hat in seinen (neuerdings herausgegebenen) Briefen die Eindrücke geschildert, welche die Stadt und das Schloss von Osaka im Jahre 1600 auf ihn machten. Er fand die Stadt so gross wie London, die Holzbrücken so mächtig, wie die über die Themse; das Schloss wunderbar gross und stark, mit tiefen Gräben und gewaltigen Zugbrücken, die Thore mit Eisen beschlagen. Das Schloss aus schierem Stein gebaut, mit Schiessscharten und Aufgängen, um Steine auf die Belagerer herabzuschleudern. Die Mauern 6-7 Yards dick, solid, ohne Füllung und dabei haushoch; die Steine riesig, genau geschnitten, ohne Mörtel aufeinander gefügt.
In der That war der Graben 80-120 Fuss breit und 12-24 Fuss tief. Aber als Jeyasu 1615 das Schloss einnahm, das bis dahin dem Sohne des Hideyoshi gehört, liess er binnen drei Wochen den Graben ausfüllen.
1867 wurden hierselbst von dem letzten Tokugawa-Shogun Keiki die fremden Gesandten empfangen. Am 2. Februar 1868 wurden die innerhalb der Mauern befindlichen Gebäude von den flüchtenden Anhängern des Shogun in Brand gesteckt und binnen zwei Stunden vollständig zerstört. Der Palast soll das kostbarste Werk japanischer Kunst gewesen sein. Jetzt dient die Schlossruine als Hauptquartier der Besatzung von Osaka.
Reisende können angeblich das Schloss besuchen, aber keineswegs immer, und nicht so leicht.
Ich wurde in’s Empfangszimmer geleitet und mit Thee bewirthet. Der Adjutant kam, entschuldigte den General, und zeigte mir die Pläne des Schlosses aus dem vorigen Jahrhundert und aus heutiger Zeit. Die letzteren sind genau so, wie die unsrigen, und höchst kunstvoll ausgeführt. Die ersteren sind nach einer Art von Vogelschau entworfen, wie wir sie z. B. auch auf altägyptischen Garten- und Landschaftsbildern finden: die Bäume und Gebäude im Norden sind nach oben umgelegt, die im Süden nach unten, die im Osten nach rechts, die im Westen nach links. Der Generalarzt erschien mit seinem Stabe von Aerzten. Wir massen die grössten Steine in der Umwallung, so gut es ging, mit dem Sonnenschirmstock und zufällig vorgefundenen Stangen. Einzelne scheinen grösser zu sein, als die grössten in Aegypten. Eine Granitplatte war über 40 Fuss hoch, 15 Fuss breit; ihre Dicke nicht ersichtlich. Das Mass eines der gewöhnlichen Bausteine war 20×5×3 Fuss.[226]
Wir erstiegen die Platform, wo einst der Hauptthurm gestanden und genossen die schöne Aussicht auf die Stadt, die Ebene, das Meer. Jetzt steht hier oben eine neue Riesenkanone, die aber nur die Mittagsstunde anzeigt. Natürlich war ein Tiefbrunnen innerhalb der Mauern angelegt, das berühmte „Gold-Wasser“, um zur Zeit einer Belagerung die Krieger zu tränken.
Von dem Schloss stiegen wir hinab in die dicht dabei befindliche kaiserlich japanische +Waffenfabrik+. Zunächst wurden wir wieder in das Empfangszimmer geleitet, mit Thee bewirthet und mit Lichtbildern unterhalten, welche die Ergebnisse von Schiessversuchen auf Panzerplatten naturgetreu darstellen. Selbstverständlich ist auf diesem Gebiete das östlichste Asien heutzutage der getreue Nachbeter von Europa. Der General erschien und gab uns seinen Adjutanten mit, welcher in französischer Sprache uns die Einrichtungen erklärte und gelegentlich auch seufzend den Wunsch ausdrückte, einmal eine Reise nach +unseren+[227] Gegenden zu unternehmen.
Die Waffenfabrik ist mit den unsrigen nicht zu vergleichen, auch nicht mit Navy-yard zu Washington, das ich gerade sechs Wochen zuvor besucht hatte; aber doch schon recht ansehnlich. 2000 Arbeiter werden hier beschäftigt und Alles, von Riesenkanonen bis zu den Flinten und Säbeln und zur Munition, fertig gestellt. Eines bedauern sie, Gussstahl nicht in genügender Masse zu besitzen; deshalb sind bisher hauptsächlich Bronze-Kanonen angefertigt worden. Natürlich giebt es schon eigne, in Japan erfundene Hinterlader, Repetiergewehre und rauchloses Pulver. Die Armee ist nach preussischem Muster eingerichtet und beruht auf allgemeiner Wehrpflicht. Sie zählt 200000 Mann, doch dürften nur etwa 56000 unter Waffen stehen.
Die Flotte zählt 33 Schiffe mit 44000 Tonnen, 156 Kanonen, 5600 Mann, ist kriegstüchtig und offenbar der chinesischen überlegen.
Die +Münze+, wo die schönen Yen- und Sen-Stücke geschlagen werden, konnte ich leider nicht sehen.
Nach dem Frühstück folgte die Besichtigung des Krankenhauses und der Medizin-Schule, darauf eine Jinrikishafahrt durch die Stadt, Besichtigung der Hauptstrassen, des Rathhauses, des Hafens, während man mir von den Tempeln abrieth, da sie unbedeutend seien.
Die Stadt Osaka liegt an den Ufern des Yodogawa, der von drei grossen Brücken überspannt wird, und ist von sehr zahlreichen Canälen durchschnitten, die wiederum Hunderte von kleinen Brücken nöthig machen. So ist das Wasser ein belebendes Element für die Stadt. Man nennt Osaka das japanische Venedig. Die nächtlichen Bootfeste im Sommer sind berühmt. Andrerseits soll die tiefe Lage der Stadt und die grosse Zahl der stockenden Wasseradern zur heissen Zeit Krankheit bedingen und verbreiten.
Hochberühmt ist die Hauptstrasse Shinsai-bashi, mit ihren schönen Läden und grossen Schildern, eine der prächtigsten in Japan. Der Binnenhandel (in Reis, Baumwolle, Seide) wird zu Osaka in grossem Stil betrieben. In der Entwicklung des Seidenbau’s liegt eine Hauptquelle des Reichthums für Japan, 1889 wurden für 30 Millionen Yen Seidenerzeugnisse ausgeführt. (26 Millionen Rohseide, 1½ Millionen Seidengewebe). Der Seidenbau ist im 7. Jahrhundert von China (Korea) aus nach Nippon eingeführt.
Das +Festessen+ ist im Theehaus Urakukan, das zu der japanischen Abtheilung meines Hotels gehört. Also lasse ich meine Stiefeln im Schlafzimmer und gleite auf meinen gelben Pantöffelchen, im vollen Staat, durch ein Gewirr von Gängen in den Festsaal.
Fünfzig Aerzte waren zugegen, einige von fernen Orten herbeigeeilt. Schon sitze ich halbjapanisch, schlürfe Geflügelsuppe und esse Aalwurst mit Stäbchen. Aber nachher giebt es europäische Speisen und vorzügliches Bier. In Osaka ist die grosse +Asaki+-Brauerei, die von zwei deutschen Braumeistern eingerichtet worden. Der japanische Besitzer ist zur Stelle, er liefert uns nicht blos den Stoff, sondern, man staune, vierzig Seidelgläser mit zinnernen Klappdeckeln. Vielleicht sind, ausserhalb der deutschen Clubs, sonst in ganz Asien nicht so viel vorhanden, jedenfalls nicht an einem Orte. (Osaka besass 1886 nur 13 Bierlokale, hat es aber 1888 bereits auf 490 gebracht. Die Einfuhr deutschen Bieres nach Japan betrug 1888 an drei Millionen Flaschen im Werthe von 297000 Yen; scheint aber jetzt zurückzugehen, da mehr und mehr japanische Brauereien aufkommen.) Es wird viel gezecht, ein No-Drama aufgeführt, und ein +Gedicht+ mir überreicht.
Um den +chinesischen+ Stil des letzteren zu kennzeichnen, füge ich die Uebersetzung bei, in der Hoffnung, dass der geneigte Leser mir diese Mittheilung nicht -- als Eitelkeit auslegen werde.
„Abschiedsgruss an Herrn Professor +Hirschberg+.
(Altchinesisch.)
Professor +Hirschberg+ ist nach Japan gekommen und hat sich um die dortige medizinische Welt grosse Verdienste erworben. Seine Kenntnisse sind ohne Grenzen; sie gleichen an Glanz der Sonne und den Sternen, sein Fleiss ist unermüdlich, wie ein Strom, der unaufhörlich dahinfliesst. Wenn er die Kranken untersucht, so erkennt er genau den Ursprung der Krankheiten; wenn er Recepte verschreibt, dann sind dieselben nie falsch. In Behandlung der Augenkrankheiten ist er besonders hervorragend. Da er ein so vorzüglicher Gelehrter ist, verehrt ihn ein Jeder. Ein altes Sprichwort sagt: Wenn ein bedeutender Mann erscheint, bildet sich seine ganze Umgebung nach seiner Art. -- Solch’ einem Manne gleicht Herr Professor +Hirschberg+. Im Namen der Wissenschaft spreche ich ihm den grössten Dank aus.
Periode Meije, 25. Jahr, am 6. October.
+Nahamye Syisakka+, Arzt in Osaka.“
Ein zweites Gedicht, dessen Schönheit vom Uebersetzer besonders hoch gepriesen wird, verfasst von +Jeizo Jshii+, Vorsitzendem des medizinischen Vereins zu +Nagoya+, lautet folgendermaassen: „Ein Wort zum Empfang. Der Westwind säuselt und die Herbstblumen sind voll entfaltet, die Felder in einen bunten Teppich umgewandelt. In diesen schönen Tagen des prachtvollen Anblicks ist Professor +Hirschberg+ nach Japan gekommen.
Ein Weiser der alten Zeit hat gesagt: „„Die blaue Farbe wird aus Indigo gewonnen, und ist doch blauer als Indigo; das Eis wird aus Wasser gebildet und ist doch kälter, als Wasser.““ Wenn später in Japan berühmtere Aerzte entstehen sollten, zur Zierde für unser Vaterland, wie die Herbstblumen für die Felder, die uns jetzt den prachtvollen Anblick bieten; so wäre das nur ein Geschenk Deutschlands und solche Ehre für unser Vaterland wäre gleichzeitig Ehre für Deutschland.“ -- -- -- -- --
Am folgenden Tag machte ich einen Ausflug nach +Nara+, der mir heute noch, in der Erinnerung, wie ein liebliches Idyll vorkommt. +Nara+ war in der kurzen Zeit von 709 bis 784 n. Chr. Herrschersitz des Mikado; jedenfalls ist die Stadt weit älter, als Osaka und war früher sehr bevölkert; jetzt hat sie nur noch den zehnten Theil der früheren Bevölkerung, nämlich 20000 Einwohner, und liegt reizend am Fusse der Berge, in der Provinz +Yamato+, 25 engl. Meilen östlich von Osaka, durch Eisenbahn mit der Grossstadt verbunden. Die Erzeugnisse seines Gewerbefleisses sind chinesische Tusche, Fächer, kleine Holzspielsachen. (Nara ningyō).
Dr. +Ogata+ und zwei andre Aerzte begleiten mich. Eine Strecke der Eisenbahnfahrt ist sehr malerisch, durch schildkrötenähnliche Berge in engem Flussthal. Nach einstündiger Fahrt erreichen wir zunächst +Horuji+. Hier liegt das +älteste Kloster+ von Japan, 607 n. Chr. vollendet und berühmt -- durch seine Berühmtheiten. Ich muss gestehen, dass diese Kunstwerke des Museum entweder nicht so viel werth sind, als die Priester wähnen; oder wegen der gegenwärtigen Aufstellung keinen sonderlichen Eindruck machen.
Wir sahen eine achteckige Halle der Träume, der Göttin der Gnade gewidmet; verschiedene kleinere Tempel mit Bildern aus dem Leben des Gründers (Shotuku Taishi) und mit seiner Reiterbildsäule, im Pfefferkuchenstyl. Der Haupttempel (+Kondo+), der älteste Holzbau Japans, 1250 Jahre alt, enthält alte Bronze-Bildsäulen von Buddha, Amida u. A., und +wirkliche Fresco-Gemälde<g/> an den Wänden, in alter Zeit (angeblich 607 n. Chr.,) von koreanischen Künstlern gemalt und nach dem Reisebuch Allem überlegen, was Japaner geschaffen. Es sind überlebensgrosse Heilige und Shaka, wie aus vorrafaelischer Zeit.
Die +Geschichte der japanischen Malerei+[228] ist für den +Europäer kurz+ zu beschreiben. Die Malerei kam aus China über Korea mit den buddhistischen Priestern nach Japan. Die erste japanische Schule (Yamato Ryū) wurde um das Jahr 1000 n. Chr. gegründet. Vernachlässigung der Perspective und echter Humor herrschten damals, wie heute. Im 13. Jahrhundert hiess sie Tosa Ryu und wurde mehr und mehr „klassisch“. Im 15. Jahrhundert kam eine kräftige Renaissance unter chinesischem Einfluss. Der buddhistische Priester +Cho Densu+ malte heilige Gegenstände, +Josetsu+ Landschaften, Menschen, Vögel, Blumen. Ihnen folgten die klassischen Meister der Tosa-Schule +Mitsunobu+, +Sesshu+, +Kano+. Im 18. Jahrhundert kamen die +realistischen+ Schulen: +Hishigawa+, der volksthümliche Bücher illustrirte, +Okyo+, der Vögel und Fische genau nach der Natur zeichnete, und +Hokusai+ (1760-1849), der alle Motive japanischer Kunst ausführte, Scenen der Geschichte, des Drama, der Novellen, Erlebnisse des Tages, thierisches und pflanzliches Leben und sein geliebtes Yedo. Die Zeichnung der Japaner ist korrekt und hauptsächlich auf den Eindruck berechnet. „Ihre Kunst ist gross im Kleinen und klein im Grossen.“ Natürlich darf man solche Sätze nicht allzuwörtlich nehmen.
Ein achteckiges Gebäude ist dem Gott der Gesundheit, +Yakushi+, geweiht. Derselbe sieht für uns genau so aus, wie Shaka, hat aber ein Arzneifläschchen in der linken Hand. Die Innenwände dieses Tempels sind ganz und gar verdeckt von kleinen Schwertern und Spiegeln. Das sind Weihgeschenke; das Schwert heisst Geist des Mannes, der Spiegel Geist des Weibes. Andre Weihgeschenke sind: Bohrer, für Heilung der Taubheit; Bilder als Dank für Erlösung von Milchüberfluss; Bilder mit der Bitte, dass der unartige Sohn den Kopf sich rasiren lasse, u. dergl. m. Ein Tempel enthält Riesenbildsäulen von Shaka.
In +Nara+ übernahmen die dortigen +Aerzte+ sofort die Führung. Der +Park+, den wir durchschreiten, ist wie ein Märchenwald. Der Wind rauscht in den Wipfeln der prachtvollen Fichtenbäume. Rudelweise kommen die kleinen gefleckten Hirsche, die Männchen mit dem stattlichen Geweih, um aus unsrer Hand zu fressen. Sie blicken so klug und freundlich, dass man jeden Augenblick meint, sie müssten anfangen zu sprechen und uns zu erzählen von der Prinzessin, die hinten am Ende des schnurgraden, stundenlangen, mit zahllosen Steinlaternen besetzten Weges in einem verzauberten Schlosse wohnt.
Aber -- der Traum ist aus, wir stehen vor dem Tempel-Haus. Dasselbe ist verschiedenen Shinto-Göttern und Helden geweiht und schon 767 n. Chr. gegründet. Gegen das dunklere Grün der herrlichen Cryptomerien heben sich die rothen Holzpfeiler kräftig ab. Schöne Bronzelaternen schmücken die Vorhalle. Zahllose Steinlaternen säumen die Wege ein. Aber sie sind leer, wie die Kassen der Priester. Früher, als die Jahresbeiträge reichlich flossen, soll die abendliche Beleuchtung des ganzen Tempelbezirks eine zauberhafte Wirkung hervorgebracht haben.
Das heilige Albino-Ross, welches an Festtagen den Wagen der Gottheit zieht, wird in einem ganz engen Stall gehalten und steckt bettelnd den Kopf aus dem Fensterloch, da es, wie die Buddhapriester, nur von milden Gaben lebt. Der Pilger, wie der Reisende, kauft von dem Pfleger für kleine Münze einen Becher voll Erbsen und Bohnen und füttert das leider unschöne, triefäugige Thier. Ebenso eingesperrt und auf die öffentliche Mildthätigkeit angewiesen ist ein fremder Hirsch, der von den Bergen nach dem Park von Nara sich verirrt hatte, und, zwar vor der Wuth seiner feindlichen Brüder gerettet, aber der Hörner und der Freiheit beraubt, ein Leben führt, das gewiss weit schlimmer ist, als der Tod.
Nicht minder gierig, als diese Thiere, warten bei den niedrigen Hallen des +Tempels Wakamiya+ die Priester auf jeden Fremdling oder auch begüterten Japaner, um ihm, gegen Zahlung von ½ bis 10 Yen, den alten heiligen Tanz (Kagura) vorführen zu lassen, und zwar durch seltsam gekleidete Mädchen, welche Fächer und Schellenbündel in den Händen tragen.
Angenehmere Empfindungen weckt der gleichfalls roth und weisse Shinto-Tempel +Tamuke-yama no Hachiman+. Denn auf ihn bezieht sich ein altes Gedicht (von Sugawara-no-michizane), welches jeder Japaner, wie es heisst, auswendig weiss; meine Begleiter jedenfalls ohne Ausnahme. Die Worte lauten ungefähr folgendermassen:
„Leer ist die Hand, doch voll mein Herz, Ich nah’ den Göttern sonder Schmerz. Statt rothen Goldes bring’ ich heut Des Ahorns Roth zur Herbsteszeit.“
In der That sehen wir an den zahlreichen Ahornbäumen auf dem Tempelgrunde die liebliche Röthung der Blätter, die den sentimentalen Europäer ebenso erfreut, wie den blumenliebenden Japaner.
Hachiman ist der chinesische Name für den Gott des Krieges, japanisch Yawata; es ist eigentlich der göttlich verehrte Mikado Ojin, der um 200 n. Chr. gelebt haben soll.
An den Wänden des Tempels ist auch ein kriegerisches Frescobild in kindlichem Styl, der Krieger Tsuna am Thor von Kyoto, wie er das Ungeheuer Shuten Doji bekämpft und ihm den rechten Arm abhaut.
Schliesslich kommen wir auch zu einem Buddha-Tempel +Nigwatsu-do+, welcher, der Göttin der Gnade geweiht, im Jahre 752 n. Chr. gegründet und vor 200 Jahren in seiner gegenwärtigen Gestalt höchst eigenartig gebaut und auf dem Gipfel eines Hügels gegen eine Felswand gelehnt ist. Von den meisten Buddha-Tempeln unterscheidet er sich dadurch, dass er sehr beliebt und belebt ist. Hier sieht man fröhliche Familienbilder. Es erscheint der Mann mit seiner Frau, beide führen in der Mitte an der Hand den Stolz der Familie, das erstgeborene Söhnchen, das (weit besser, als die Eltern und die übrigen Geschwister,) in ein rothes, blumiges Gewand gekleidet ist und voll Vergnügen die neuen Holzschuhe klappern lässt, trotz seiner fünf Jahre schon ein genügendes Bewusstsein von seiner bevorzugten Stellung besitzt und dieselbe mit mässiger Unart, aber starker Begehrlichkeit nach Spielzeug und Süssigkeiten ausnützt. Mir machte es grosses Vergnügen, mich am Einkauf zu betheiligen, zumal Bekannte meiner Begleiter auf diesem +Jahrmarkt+ mit ihren Kindern erschienen.
Der von Bronzelaternen über und über behängte Tempel ist wie ein Bienenkorb. Die Leutchen kommen und gehen. Sie eilen die Treppenstufen empor, zum oberen Stock, von wo man eine schöne Aussicht geniesst. Sie leihen für eine kleine Münze hundert Bambus-Stäbchen; rennen, wie unsinnig, hundert Mal um den Tempel herum, und werfen nach jedem Umlauf eines der Stäbchen in den dafür bereit stehenden Kasten: eine Lauf-Procession, die sie für ebenso verdienstlich halten, als einige Europäer ihre Spring-Wallfahrt. Am 3. Februar jedes Jahres wird hier auch ein Fackel-Umgang gehalten. In einem Winkel sitzt würdevoll ein Wahrsager, der für 1 Sen (= 3 Pfennige) einer alten, gespannt zuhörenden Bäuerin die Zukunft verkündigt.
Für das Mittagsessen wählten meine Begleiter eine offene Halle auf einem Hügel, mit Ausblick auf den nahen Garten und die ferneren Thäler und Berge.
Nachmittags sahen wir den Tempelbezirk von +Todaiji+, zuerst die +grosse Glocke+, die 732 n. Chr. gegossen, 13½ Fuss hoch, 9 Fuss weit ist, 36 Tonnen Kupfer und 1 Tonne Zinn enthält; und dann den ungeheuren (750 n. Chr. begründeten, vor 200 Jahren neugebauten) Tempel von 290 Fuss Länge, 170 Fuss Breite, 156 Fuss Höhe, welcher den +Daibutsu+ unter seinem Dache birgt. Die bronzene Bildsäule ist 53 Fuss hoch, also 7 Fuss höher als die zu Kamakura. Das ursprüngliche Bild ist aus dem 8., das jetzige aus dem 13.; der Kopf, der durch eine Feuersbrunst abgeschmolzen war, aus dem 16. Jahrhundert.
Die Gottheit sitzt auf einer Lotusblume, der schwarze Kopf ist hässlich, der Heiligenschein dahinter enthält Bilder der Jünger. Eigentlich ist es Birushana, die buddhistische Verkörperung des Lichtes, die man mit der Shinto-Göttin Amaterasu zusammenfliessen lässt.
Der Ort hat seine Heiligkeit verloren. Der Fremdling, welcher das Eintrittsgeld bezahlt hat, tritt ungehindert auf das Gerüst, um die Bildsäule aus der Nähe zu betrachten; und steigt herab zu der Ausstellung von +Alterthümern+, die in einem Nebenraume des Tempels aufgestellt sind. Da sieht man alte Holzbildsäulen, Gewebe, Schwerter, Musikinstrumente, Masken, die in Tänzen gebraucht werden, u. dgl. m. Vor dem Tempel steht eine achteckige Bronzelaterne, die einem chinesischen Künstler aus dem 8. Jahrhundert n. Chr. zugeschrieben wird, und am Ausgang des langen Baumwegs ein grosses Thor (Ni-ō-mon) mit zwei riesigen, grellbemalten, holzgeschnitzten Thorwächtern (Ni-o), die in der Geschichte der japanischen Holzbildhauerei eine gewisse Rolle spielen.
Den Schluss der Betrachtung macht +Kobukuji+, einst ein grosser Tempel, 707 n. Chr. begründet, aber 1717 niedergebrannt. Jetzt ist nur noch eine Pagode übrig von dem alten Glanz und ein riesiger Fichtenbaum, den angeblich Kobo Daishi gepflanzt, als ein stetes Opfer für den Gott der Gesundheit Jakushi, an Stelle der täglichen Blumenspenden.
Recht hässlich sticht das zweistöckige, in europäischem Styl gebaute Regierungsgebäude von den Ueberresten des heimischen Alterthums ab.
Noch war die Sonne weit vom Untergang. Wir bestiegen einen kleinen Hügel, der eine treffliche Aussicht über die nahe Stadt Nara liefert. Fröhliches Volk hatte dort sich gelagert, Männer und Frauen, die munter schwatzten und der Theekanne wie dem Tabakspfeifchen zusprachen. Wir selber gingen in das Haus eines begüterten Japaners, der uns höflich seine Vorhalle zur Aussicht anbot.
Unterhalb des Hügels liegt ein Teich, von dem die folgende Sage erzählt wird. Die schönste Jungfrau am Hof des Mikado wies alle Bewerber zurück, da sie in den Mikado selber verliebt war. Dieser schien aus Mitleid ihre Neigung zu erwiedern; als sie erkannte, dass er sie nicht liebe, stahl sie sich Nachts fort aus dem Schloss und fand den Tod im Wellengrab. Jetzt werden hier Karpfen gehalten, die mit grosser Gier über das Futter herfallen, das man ihnen zuwirft. Es ist dies ein leichtes hohles Backwerk, wie Cocons, nur ein wenig grösser, an einem Faden. Natürlich belustigen sich die kleinen und grossen Japaner, wenn die Fische nach dem Bissen schnappen und sich gegenseitig fortdrängen, bis -- ihr Mitesser erscheint, eine Schildkröte, die stets in demselben Teich gehalten wird und, sowie es ihr gut scheint, den Rest des Futters vertilgt.[229]
Als wir, noch ein Stündchen vor Abgang des Zuges, durch die Stadt nach dem Bahnhof zuschreiten, wird mir das Haus unsres Führers gezeigt. Der bescheidene Mann war hocherfreut, da ich den Wunsch äusserte, unter seinem Dach zu ruhen und seiner Frau und den Kindern guten Tag zu sagen.
In dem Empfang- oder Wartezimmer befand sich seltsamer Weise ein altmodisches Sopha vor einem grossen runden Tisch, die Wand war geschmückt mit einem Holzschnitt des -- +Hippocrates+, den der Besitzer des Hauses gewiss ebenso ehrte, wie den zu Nara so heilig gehaltenen Yakushi. Es erschien die Gattin, der neunjährige Sohn, die sechsjährige Tochter, der Hauslehrer. Bier wurde aufgetragen. Ich leerte ein Glas auf das Wohl der Hausfrau. Etwas schüchtern, aber doch gefällig, that sie mir Bescheid, nachdem sie Unterweisung empfangen. Sie verstand, wie auch ihr Gatte, keine europäische Sprache; hatte aber ein freundliches und dabei würdevolles Benehmen. Ich gewann nicht den Eindruck, dass die Frauen gebildeter Japaner wie Sklavinnen gehalten werden. Uebrigens schwärzen sie auch nicht die Zähne, wie noch manche Frauen auf dem Lande, nach der Verheiratung, es machen.
Der Sohn war höchst unterhaltend, stolz auf seine Stellung als zukünftiges Haupt der Familie, stolz auf seine Kenntnisse. Er hatte die Kunst des Lesens und Schreibens der chinesisch-japanischen Zeichen schon tüchtig begonnen und malte mir höchst zierlich und geschickt seinen Namen mit dem Pinsel auf einen Papierstreifen. Es ist das nicht so leicht.
Die jetzige Umgangs- und Schriftsprache der Japaner ist eine Mosaik aus Worten ihrer einheimischen Sprache (Yamato) und der chinesischen,[230] der sie die Schriftzeichen verdanken. Der Gebildete hat mehr Fremdworte. Das chinesiche Zeichen hat in Japan eine veränderte, mehr wohlklingende Aussprache erhalten (Kan-on oder Jion); es kann aber auch japanisch gelesen werden (Yomi). Im 8. Jahrhundert n. Chr. kam das +Kata-kana+[231] auf, eine japanische Silbenschrift, welche 47 chinesische Ideogramme vereinfachte und als Zeichen für ebensoviele Silben der japanischen Sprache benutzte. Die chinesischen Zeichen werden für Hauptworte und Zeitworte benutzt, Kata-kana für Partikeln und Endungen. Kata-kana dient auch dazu, chinesische Wurzelwörter zu umschreiben. Diese Uebung fand ich in der japanischen Volksschule zu Tokyo.
+Hiragana+ (von hira, flach) ist eine andere Silbenschrift, aus dem 8. Jahrhundert, welche chinesische Zeichen in abgerundeter Form wiedergiebt, -- wie die alten Aegypter neben der hieroglyphischen eine hieratische Schrift besassen. Der Gebildete schreibt in chinesischen Zeichen, das Volk in Hiragana. Wenige Bücher sind in Hiragana geschrieben, keines in Kata-kana allein.
Sieben Jahre braucht der junge Japaner, um die chinesischen Zeichen zu bemeistern. Die Schrift ist schwierig, aber dafür sehr schön. So zusammengesetzt die Zeichen uns erscheinen, der geübte Japaner schreibt schneller nach Dictat, als der Europäer, -- natürlich wenn letzterer nicht Kurzschrift anwendet. Das Bestreben des Vereins Romaje Kai, die japanische Sprache lautmässig mit lateinischen Buchstaben zu schreiben, hat bisher noch keine wesentlichen Erfolge aufzuweisen.
Als ich nun das Mädchen durch einen dolmetschenden Arzt fragte, ob sie auch ihren Namen zeichnen könnte, lehnte sie verschämt das Köpfchen auf die linke Schulter und schwieg. Aber, wie wir aufbrachen, flüsterte sie ihrem Vater etwas in’s Ohr und lachend fragte er mich, ob ich etwas dagegen hätte, wenn seine Tochter und sein Sohn uns zur Bahn begleiteten.
Wir nahmen die Begleitung mit Vergnügen an und der glückliche Vater führte mit der rechten Hand den Sohn, mit der linken die Tochter. Kurz ehe der Zug sich in Bewegung setzte, flüsterte die Tochter wiederum, und der Vater sagte mir: „Da Sie nun abfahren, möchte meine Tochter Ihnen mittheilen, dass sie auch schon ziemlich gut schreiben kann. Vorher wollte sie es nicht sagen, da sie sich zu sehr schämte.“
Das Verhältniss von Kind zu Eltern ist in Japan vorzüglich; Vergehen gegen die Eltern kommen gar nicht vor.
Am folgenden Tage (den 8. October) fuhr ich auf der Tokaido-Eisenbahn die 17 englischen Meilen (= 32 km) von Osaka nach +Kobe+,[232] an der Bucht von Osaka. Diese Stadt zählt 135000 Einwohner, besitzt einen vorzüglichen, sicheren und tiefen Hafen, und, da sie seit 1868 dem auswärtigen Handel geöffnet ist, eine +Fremden-Siedelung+, längs der gepflasterten und mit granitner Umwallung gegen die Meereswogen geschützten Hafenstrasse, die hier, wie in ganz Ostasien, +Bund+[233] genannt wird. Südwestlich von Kobe, nur durch den Fluss Minatogawa von ihr geschieden, liegt die rein japanische Stadt Hiogo.[232]
Kobe’s Handel bleibt zwar hinter dem von Yokohama zurück, übertrifft aber den von Nagasaki um das fünffache. Kobe besorgt den grössten Theil der Ausfuhr von Kupfer, Sumach, Kampfer; in dem von Thee steht es Yokohama nach. 1889 betrug Kobe’s Einfuhr 25, die Ausfuhr 20 Millionen Yen.
Vom Ausland liefen 1888 in Kobe ein:
134 fremde Dampfer mit 220000 Tonnen Gehalt, 9 japanische „ „ 6400 „ „ ,
und liefen aus nach dem Ausland:
159 fremde Dampfer mit 260000 Tonnen Gehalt, 2 japanische „ „ 1341 „ „ .
Natürlich, je bequemer für den Reisenden in dem europäischen Viertel Alles eingerichtet ist, desto weniger japanische Dinge bekommt er da zu sehen. Oriental Hotel (Nummer 80 ist die Bezeichnung, unter welcher die Wagenmänner es kennen,) entspricht allen vernünftigen Anforderungen. Dicht dabei ist die +Agentur unseres norddeutschen Lloyd+, die mir erstlich einige Kisten nach Europa befördert, zweitens eine Fahrkarte ausstellt für ihren Dampfer +Nürnberg+, der am 9. October von Kobe nach Hongkong fährt, zum Anschluss an unsere ostasiatische Reichsdampferlinie.
Der 9. October wird benutzt zu einem Ausflug nach dem Privatkrankenhaus zu Suma bei Kobe. Den Eisenbahnzug, der 20 Minuten zu der Fahrt braucht, hatte ich versäumt. Die Jinrikisha, mit zwei Männern, brachte mich binnen 40 Minuten an’s Ziel. Die Anstalt ist sehr zweckmässig gelegen und eingerichtet, die beiden japanischen Aerzte sprechen auch englisch und deutsch. Nachdem ich Frau und Tochter des älteren Arztes begrüsst, folgte eine Wagenfahrt längs der fichtenbekränzten, seit mehr als 1000 Jahren von den japanischen Dichtern gepriesenen Meeresküste bis zu dem Denkmal des Helden +Atsumori+; und dann in dem von einem Franzosen gehaltenen Beach-Hotel ein Frühstück, wie ich es in Japan noch nicht gehabt, bis zum Champagner und Chartreuse.
Als vorsichtiger Reisender brachte ich dann persönlich mein Gepäck an Bord des Dampfers, wo ich die Cajüte Nr. 1 erhielt; wurde noch einmal mit Freund Ogata, zwei Aerzten aus Suma und einem aus Kobe zusammen photographirt und zwar diesmal vor einem gewaltigen Fuji-Berge, und fuhr mit meinen Collegen auf einen Hügel, nach einem Theehaus, das eine schöne Aussicht auf Stadt und Hafen bietet.
Nach Hause zurückgekehrt, erfuhr ich, dass mein Dampfer erst am 10. October Vormittags abfährt, da er wegen des schlechten Wetters seine werthvolle Ladung (Seide für Deutschland) nicht einnehmen konnte. Vielleicht war das meine Rettung. Denn sonst wären wir in den Taifun hineingekommen, der die beiden zur Zeit zwischen Japan und Formosa befindlichen Dampfer (Bokhara von der P. & O. Gesellschaft und den norwegischen Dampfer Normannia) völlig zerstört hat.
Montag den 10. October gehe ich, bei etwas besserem Wetter, an Bord unseres guten Dampfers +Nürnberg+ vom norddeutschen Lloyd: Capitän Blanke, 1. Offizier Dannemann, Arzt Dr. Dannemann, 1. Maschinist Bischoff. Allen diesen Herren bin ich zu grösstem Danke verpflichtet.
Lächerlich handeln diejenigen Deutschen, welche in Ostasien nicht mit dem norddeutschen Lloyd fahren, wenn es ihnen irgend möglich ist.[234] Es ist wohl zu berücksichtigen, dass die grossen ostasiatischen Dampferlinien (unser norddeutscher Lloyd, die engl. P. & O., die franz. Messag. maritim.) in Hongkong oder Shangai endigen und von hier aus nur +kleinere+ Dampfer den Anschluss nach und von Nagasaki, Kobe, Yokohama vermitteln.
Unser +Nürnberg+ hat 2500 Pferdekräfte, 3000 Tonnen, 365 Fuss Länge, 40 Fuss Breite und gehört zu den besten Dampfern, welche die chinesisch-japanischen Gewässer befahren.
Wir beginnen 10 Uhr Vormittags die Fahrt durch die +Inland-See+, welche zwischen der nördlich belegenen Westhälfte von Hondo (Nipon) und den südlich belegenen Inseln Kiushiu und Shikoku (nebst Awaji) sich erstreckt und von der Meerenge von Akashi bis zu der von Shimonosecki 240 Seemeilen misst; also, bei 12 Knoten, grade in 20 Stunden durchmessen wird. Die grösste Breite beträgt 40, die geringste 8 Seemeilen. Doch ist in den Meerengen und in den Fuhrten der kleineren Inseln öfters nur Raum für zwei Schiffe im Fahrwasser. Die Inlandsee liefert den Richtweg zwischen Kobe und Nagasaki. Der +Seemann+ hat fortwährend genau auf Fahrzeichen und Leuchtfeuer zu achten, die übrigens von der japanischen Regierung musterhaft in Ordnung gehalten werden.
Der +Reisende+ ist entzückt durch das spiegelglatte Wasser, die tausend kleinen Inseln, welche mit den Ufern der beiden Seiten ein höchst malerisches und dabei wechselndes Landschaftsbild liefern.
Die grösseren Inseln enthalten ziemlich hohe Berge, von denen manche die zierlichste Gestalt, einige vollendete Kegelform zeigen. Die kleineren sehen ganz seltsam aus, die kleinsten sind blosse Felsblöcke.
Fast alle sind bewohnt von einer Ackerbau und Fischzucht treibenden Bevölkerung. Das Wasser ist belebt von zahlreichen kleinen japanischen Dampfern, von Barken (Dschunken) und von Fischerbooten, sowohl kleineren mit 1-3 Mann, als auch grösseren. Sie fischen mit Trommeln und Nachts mit Fackeln, um die Fische anzulocken. Die Küsten sind mit Dörfern bekränzt, die Hügel bis oben hinauf mit zierlichen Feldern belegt. Die Zahl der Inseln soll mehrere Tausend betragen. Die Japaner haben keinen eignen Namen für die Inland-See, wohl aber für die vier Abschnitte (von Ost nach West Harima nada, Bingo n., Iyo n., Suwo n.); ihre Dichter sprechen nicht davon.
Am Morgen des folgenden Tages (5½ Uhr), weckt mich Herr Bischoff. Wir sehen beim Dämmerlicht die enge, nur ½ Meile breite Strasse von Shimonosecki, wo im Juni 1863 der kühne Daimio von Chôsiu die ihm verhassten Schiffe der Fremdlinge (ein amerikanisches, später ein französisches und ein holländisches) beschoss und tapfer, wenngleich vergeblich, am 5. und 6. September 1863 gegen die strafende Flotte von neun englischen, drei französischen, vier holländischen und einem amerikanischen Kriegsschiff sich wehrte.
Der Leuchtthurm sendet uns erst weisses Licht, als wir näher kommen, rothes. Die Strasse sieht wie vollständig abgesperrt aus. Wir winden uns durch, erblicken die Stadt Shimonosecki und auf beiden Ufern mächtige +Kohlenlager+; dann müssen wir weit hinaus in’s japanische Meer, um nach Süden umbiegend Abends +Nagasaki+ an der Westküste der Insel Kiushiu zu erreichen.
Logbericht Kobe-Nagasaki:
1. Tag (10. Okt. bis Mittag) 23 Meilen 2 Std. 1 Min. 2. „ (11. Okt. bis Mittag) 287 „ 24 „ 3. „ (11. Okt. Nachmittag) 81 „ 8 „ ------------------------------------------------------ Reisedauer (reducirt) 1 Tag 8 Stunden 49 Minuten.
In dem schönen geräumigen Hafen von Nagasaki werfen wir Anker, angesichts der erleuchteten Stadt, die wir aber, da es regnet, heute nicht mehr besuchen.
An Bord kommt, mit Tochter und kleinem Enkelchen, ein alter, australischer Schiffscapitän, der durch Schiffbruch seine ganze Habe verloren und nun von seinem Consul nach Hause geschickt wird; ferner ein norwegischer Capitän, der zwischen Wladiwostock und Sachalin gefahren war und Strafgefangene befördert hatte, bis ihm die Russen schliesslich sein Schiff abkauften. Er erzählt Schauergeschichten von Wladiwostok.
Am folgenden Tage ist das Wetter besser, wiewohl noch nicht gut. Jetzt sieht man den prachtvollen Hafen von Nagasaki, der drei englische Meilen lang, birnförmig gestaltet, durch vorliegende Inseln (darunter den berüchtigten „Papenberg“) vortrefflich geschützt, und dabei Schiffen jeden Tiefgangs zugänglich, den Eindruck eines abgeschlossenen Binnensee’s macht. In der That ist der Eingang zu dem Hafen nur ¼ Meile breit. Der Güte des Hafens entsprach allerdings zur Zeit nicht die Zahl der Schiffe. Es fehlt das Hinterland. Nagasaki ist von Yokohama und Kobe weit überflügelt worden.[235]
Dabei hat dieser +westlichste Punkt+ des japanischen Inselreiches die längste Geschichte des Verkehrs mit den Fremden.
Das kleine Fischerdorf Nagai-saki (langes Vorgebirge) gelangte zu grösserer Bedeutung, als der Fürst von Omura um die Mitte des 16. Jahrhunderts den Nam-ban oder südlichen Barbaren, so hiessen damals bei den Japanern die Portugiesen, gestattete, hier sich niederzulassen und Handel zu treiben, was ihm selbst und seinen Unterthanen grossen Gewinn abwarf. In Nagasaki, das so weit von der Hauptstadt Yedo (Tokyo) entfernt war, konnten christliche Kaufleute und Missionäre ihre Thätigkeit entfalten. Nach der Vertreibung der Portugiesen wurde Nagasaki 1646 den Chinesen und Holländern als einziger Handelshafen zugewiesen.
Hier haben die Holländer auf der kleinen, abgesperrten und bewachten Halbinsel Deshima[236] über 200 Jahre lang in unrühmlicher Gefangenschaft und Selbsterniedrigung,[237] um des schnöden Gewinnstes willen, zugebracht und mussten sich noch dazu gefallen lassen, dass die japanische Regierung die Preise bestimmte. Schon Kämpfer sagt 1690-1692: „Unser güldenes Fliess verwandelt sich in ein gemeines Fell.“ Während die Holländer 1611-1641 Gold, Silber, Kupfer und Kampher im Werthe von 306 Millionen Mark mit 90-95 Procent Gewinn ausgeführt hatten, sank danach die Ausfuhr an Menge erheblich und der Gewinn auf 40-45 Procent. Kupfer, Kampher, Lackwaaren, Porzellan blieben die hauptsächlichen Ausfuhrgegenstände. Um die Mitte unseres Jahrhunderts hatte das Handelsvorrecht der Holländer wesentlich an Werth eingebüsst. Durch den Vertrag von Kanagawa (1854) mit den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika und die darauf folgenden mit den europäischen Mächten wurde es vernichtet. Aber Nagasaki wurde mit unter die Vertragshäfen aufgenommen. Sein Handel ist wieder im Ansteigen.
1888 liefen ein:
427 fremde Dampfer mit 436000 Tonnen Gehalt, 171 japanische „ „ 183000 „ „ ;
und liefen aus:
488 fremde Dampfer mit 523000 Tonnen Gehalt, 161 japanische „ „ 178000 „ „ .
Der neue Aufschwung hängt namentlich davon ab, dass zu Nagasaki die fremden Dampfer mit +Kohlen+ sich versorgen. 1888 wurde hier für 3 Millionen Yen Steinkohle ausgeführt. Steinkohle gehört (nebst Kupfer) zu den wichtigsten Bergwerkserzeugnissen[238] Japans; sie findet sich hauptsächlich auf der nördlichen Insel Yezo und auf der Insel Kiushiu. Die japanische Steinkohle steht an Güte hinter der rheinischen und englischen zurück; sie hinterlässt viel Asche.
Auch unser Dampfer nahm hier seine Kohlen ein. Schwerbeladene Leichterschiffe hatten sich an unsere Breitseite gelegt. Körbe voll Kohlen wurden die Treppen hinauf von Hand zu Hand gereicht, oben ausgeschüttet, die Masse gewogen und in den Schiffsbauch versenkt. Hunderte von Arbeitern sind thätig, auch Mädchen, die ganz unverdrossen schaffen; sie bekommen 10-15 Cts. Tagelohn! Der japanische Kaufmann hat die Kohle an Bord zu liefern und bedient sich dazu der billigen Menschenkräfte seines Landes. Natürlich sticht das gewaltig ab gegen die riesigen, selbstthätigen Kohlenkrähne im Hafen von Toronto, die ich kurz zuvor bewundert; aber in Asien ist dies das allgemein übliche Verfahren.
Sonstige Ausfuhrgegenstände sind jetzt Reis, Thee, Tabak, Kampher, Pflanzenwachs, getrocknete und gesalzene Fische, ferner von den Erzeugnissen des Gewerbefleisses Schildpatt, Lack- und Thon-Waaren.
Nagasaki,[239] schon vor 200 Jahren, nach den Beobachtungen von Kämpfer, eine grosse und bedeutende Stadt mit besserer Polizei-Ordnung, als derzeit die meisten europäischen Städte besassen, zählt heute 55000 Einwohner und hat nur wenige Sehenswürdigkeiten.
Mit den beiden japanischen Aerzten, die mich vom Dampfer abholten, besuchte ich natürlich zuerst Deshima, wo aber nichts mehr an die alte Zeit gemahnt, da vor einigen Jahren eine Feuersbrunst die letzten Reste zerstört hat. Eine kleine Kirche erinnert daran, dass nicht mehr, wie zur Zeit der Tokugawa Shogune, das Bekennen des Christenthums verboten, sondern mit dem neuen Mikado vollkommene Religionsfreiheit in das Reich der aufgehenden Sonne eingezogen ist.
Die Lage der Stadt an dem Golf und die Hügel aufwärts, wo wirklich Fichte und Palme sich vereinigen, ist entzückend. Der grosse Shinto-Tempel +O-Suwa+ ist mit einem Bronze-Pferd geschmückt; seine Gärten ziehen sich terrassenförmig empor und zeigen allenthalben luftige Schaubühnen aus Bambusrohr, für den grossen Festzug +Kunichi+, der am nächsten Tag stattfinden sollte. Der Gouverneur der Stadt, meine Eisenbahn-Bekanntschaft, sandte Nachmittags einen Boten auf das Schiff, um mich einzuladen und mir einen Platz an seiner Seite anzubieten. Ich musste mit höflichem Danke ablehnen, da der Dampfer auf den Reisenden nicht wartet. In dem Krankenhaus, das zur Medicinschule gehört und das älteste Japan’s nach europäischer Art darstellt, fand ich einen deutschen Matrosen mit schwerer Verletzung des Unterschenkels, allein unter den japanischen Kranken und Aerzten, sehr traurig, aber doch getröstet, als ich ihm versicherte, dass diese japanischen Aerzte seines Vertrauens nicht unwerth seien.
Nachmittags besuchte uns auf dem Dampfer der Consul des Deutschen Reiches, Herr Dr. +Lenze+. Wir leerten mehr als ein Glas auf das Wohl der Heimath. Dann wurden die Anker gelichtet bei schlechtem Wetter, das draussen auf hoher See immer schlechter wurde. Das Meer war die ganze Nacht hindurch sehr bewegt, die Wogen klatschten gegen meine Cajütenfenster.
Abschied von Japan.
Schön ist das Reich, vom Meer umgeben; Die Landschaft lieblich, voller Leben, Die Felder zierlich, die Häuser nett, Das Volk manierlich, fein, adrett; Das Leben köstlich und amüsant In diesem östlich geleg’nen Wunderland.
Der Abschied von Japan, das ich doch gewiss nicht wiedersehen werde, ist mir recht schwer geworden, obschon ich nicht so weit gehe, wie der heilige Franz Xaver, der (in der Mitte des 16. Jahrhunderts) das japanische Volk als das +Entzücken seiner Seele+ bezeichnete. Wahrscheinlich bin ich nicht lange genug auf diesen freundlichen Inseln verblieben. Jedenfalls auch nicht lange genug, um die +Schattenseiten+ zu bemerken, welche die Grämlichen unter meinen Lesern vielleicht mit Befremden vermissen.
Wie jeder vernünftige Reisende, fand auch ich die Japaner freundlich, reinlich, geschmackvoll. Dass sie im Gegensatz dazu „eitel, geschäftsuntüchtig und unzugänglich für abstracte Begriffe“ seien, konnte ich wohl hie und da vermuthen, hatte es aber nur selten zu tadeln. Jedenfalls sind sie fröhlicher, vielleicht auch glücklicher, als wir. Ob sie weiser sind, trotz der geringen Kenntnisse in der reinen und angewandten Mathematik, in den alten Sprachen und in der Philosophie, -- das zu entscheiden will ich Andern überlassen.
Man könnte ihre glückliche Gemüthsstimmung ableiten von der heiteren, gemässigten, abwechslungsreichen Natur, welche sie umgiebt; und die gelegentlichen Ausbrüche einer wilderen Art von den Erdbeben und den Erschütterungen ihrer feuerspeienden Berge, welche von Zeit zu Zeit das friedliche Landschaftsbild stören. Aber das sind Redensarten. Unzweifelhaft sind sie tapfer und treu bis zum Tod.
In den Gesetzen von Jeyasu steht wohl die Strafe für ehebrechende Frauen, aber mit dem Bemerken, dass dieses Verbrechen kaum vorkomme. Die Frau der mittleren und höheren Stände waltet im Hause; sie ist aber nicht eingesperrt, wie bei den Türken. Von frühester Kindheit wird sie zu Sanftmuth und Nachgiebigkeit erzogen; der Erfolg ist unendlich viel anmuthiger, als die amerikanische Frau, welche herrisch nicht blos Gleichberechtigung, sondern Vorrecht erzwingen will. San-jô sind die drei Hauptpflichten: Gehorsam des Mädchens gegen den Vater, der Gattin gegen den Mann, der Wittwe gegen den ältesten Sohn.
Unreife Globetrotter haben in Europa und Amerika die Meinung verbreitet, dass in Japan Sittenlosigkeit[240] herrsche. Wer nur in schlechter Gesellschaft sich bewegt, kommt zu schiefen Urtheilen.
Als ich meine Freunde, die viele Jahre in Europa zugebracht, ernstlich befragte, ob denn wirklich die vornehmen Japaner ihre Gattinnen aus der Reihe der Tänzerinnen und Sängerinnen wählten, lachten sie mich fröhlich aus, und befragten mich, ob denn erstlich eine Heirath zwischen Edelmann und Tänzerin noch +niemals+ in Europa vorgekommen sei, und ob denn zweitens alle Tänzerinnen und Sängerinnen in Europa sittenlos seien; in Japan gäbe es ganz ordentliche.
Ihre Kleidung war jedenfalls schicklicher, als die unsrer Ballettdamen; das Benehmen der Aufwärterinnen in den Theehäusern sittsamer, als das unsrer Kellnerinnen. Wenn einmal ein niedrer Japaner wirklich eine Sirene ehelicht, so ist er sicher +nicht+, wie oft bei uns, ein Substrat der lex Heinze.
Die Ordnung in Japan ist überraschend. Ich habe nie und nirgends einen unordentlichen Menschen, sei es Mann[241] oder Weib gesehen; überhaupt nichts auf der Strasse wahrgenommen, was das Auge selbst der zimperlichsten Dame beleidigen könnte.
Heirathen auf Zeit kommen ja bekanntermassen in Japan vor, nur täuscht sich der eitle Europäer über die Güte der Waare, gerade so wie in Europa; und hat trotzdem in Japan weniger Grund zur Klage, als in Europa.
Japanische Kinder sollen niemals weinen. Das ist wohl nicht wörtlich zu nehmen. Als ich einmal einen unartigen Buben in einem Tempelgrund freundlich zu ermahnen versuchte, ergriff ihn die Mutter entsetzt und floh vor dem Fremdling. Jedenfalls sind die japanischen Kinder weit artiger, als die der Europäer, die in ihrem Lande weilen. Sie spielen fröhlich und heiter; die Mädchen mit Puppen, die Knaben mit Bällen, Kreiseln und Drachen. Mir hat es grosses Vergnügen gemacht, ihnen zuzuschauen. Sie sind auch nicht übertrieben blöde. Ein fröhliches „Oheio“ (gegrüsst) erschallte mir oft entgegen, wenn ich auf der Jinrikisha durch ein entlegenes Dorf rollte. Die Kinder in Japan scheinen vernünftiger, als die europäischen, während die erwachsenen Japaner öfters den Eindruck von grossen Kindern machen. Kindliche Liebe gilt seit sieben Jahrhunderten als die hauptsächliche Tugend.
Noch weit schwieriger, als über Vergangenheit und Gegenwart, ist für den Reisenden natürlich das Urtheil über die +Zukunft+. Japan befindet sich in einem Uebergang. Das Alte kämpft mit dem Neuen. Was wird das Ende sein? Wird Japan in die Reihe der civilisirten Mächte als vollberechtigtes Glied eintreten?
Japan wünscht die Beseitigung der Consulargerichtsbarkeit über die Fremden. Was es dafür bietet, Aufhebung des Passzwangs, allenfalls das Recht, Grundbesitz im Innern zu erwerben, gemischte Gerichtshöfe, wird von den Kaufleuten in den Vertragshäfen nicht für eine genügende Gegenleistung angesehen, obwohl namhafte europäische Schriftsteller für die Forderungen der Japaner eingetreten sind. Das deutsche Reich scheint berufen, eine wichtige, ja entscheidende Rolle in dieser Frage zu spielen. Ich hoffe auf eine freundschaftliche Lösung, zum Nutzen des deutschen Einflusses.