Seekriege und Seekriegswesen, Zweiter Band in ihrer weltgeschichtlichen Entwicklung. Mit besonderer Berücksichtigung der grossen Seekriege des XVII. and XVIII. Jahrhunderts. (part 2 of 3)
Mit Louisbourg fiel die ganze Insel =Kap Breton= und auch die benachbarte, =St. Jean= (englischerseits später =Prince Edwards Insel= benannt), und den Engländern stand die Mündung des St. Lawrencegolfes offen; den Franzosen war damit einer ihrer besten Fischgründe sowie ein Ausgangspunkt der Freibeuterei genommen, die bisher den Handel der Kolonien schwer geschädigt hatte. Der Angriff auf Quebec wurde aber noch vertagt, weil die Jahreszeit zu weit vorgeschritten erschien und weil der =General Amherst= durch ungünstige Nachrichten vom General Abercromby zu dessen Unterstützung abgerufen wurde. =Admiral Boscawen= ließ nach dem Fall von Louisbourg zunächst französische Niederlassungen auf den Magdaleneninseln sowie auf dem Festlande von Neubraunschweig zerstören, die Insel St. Jean besetzen und den General Amherst nebst einigen Bataillonen nach Boston bringen. Später segelte er mit dem größeren Teile der Flotte nach England, nur wenige Schiffe blieben unter Kontreadmiral =Durell= in Nordamerika. Daß Boscawen vor dem Kanal zufällig mit der aus Kanada heimkehrenden Division =Du Chaffault= zusammenstieß, ist bereits erzählt (Seite 146).
=Auf dem Landkriegsschauplatze 1758= hatte =General Abercromby= 15000 Mann, darunter 6000 Reguläre, am Lake George zusammengezogen, um Fort Carillon (später Ticonderoga genannt) am Nordende dieses Sees, sowie dann Crown Point zu nehmen und sich so den Weg nach Montreal zu bahnen. =Montcalm=, der sich persönlich in Carillon befand, war zwar nur ein Viertel so stark, aber infolge falscher Maßnahmen der Engländer auf dem Marsche und besserer Geländekenntnis gelang es ihm, diesen im Juli eine Niederlage beizubringen und dann einen Sturm so kräftig abzuschlagen, daß sie sich mit großem Verluste zurückzogen und nichts weiter wagten. Nur einen kleinen Erfolg errangen sie. Einer Truppe von New York, 3000 Mann, war es geglückt, im August das fast ganz von Verteidigern entblößte Fort Frontenac zu nehmen. Sie konnte sich dort zwar nicht halten und mußte sich mit der Zerstörung des Werkes begnügen, aber dieser Erfolg zog den Fall des Forts Duquesne nach sich, das mit seiner Versorgung ganz auf Frontenac angewiesen war. Brigadier =Forbes=, der Duquesne angreifen sollte, hatte längere Zeit mit dem Bau einer Straße zum Ohio verloren und war bereits entschlossen, den Angriff für dieses Jahr aufzugeben; von Waldläufern über die traurige Lage des Forts unterrichtet, sandte er =Washington= mit Milizen hin. Dieser fand das Werk schon verlassen und aufgesprengt vor; der Ort ward mit Garnison belegt und nunmehr Pittsburg benannt. Abercromby wurde im Herbst abberufen und General Amherst übernahm den Oberbefehl an seiner Statt.
$England erobert Quebec, 17. September 1759.$ Der teilweise Mißerfolg des Vorjahres hinderte Pitt nicht an der Verfolgung seines Planes. Das Parlament bewilligte ihm 12 Millionen Lstrl. und früh im Jahre 1759 wurde eine neue starke Flotte unter =Vizeadmiral Sir Charles Saunders= mit Truppenverstärkungen abgesandt; begeistert für Pitt und unter dem Eindruck der englischen Erfolge in Westindien boten auch die Kolonien alle ihre Kräfte auf. General =Stanwix= wurde mit der Unterwerfung des Gebietes westlich von Pittsburg bis zum Eriesee beauftragt; Brigadier =Prideaux= erhielt Befehl, das Fort Niagara zu nehmen; =Amherst= wies man an, über den Champlainsee nach Montreal vorzudringen; =Wolfe= sollte, unterstützt durch die große Flotte, Quebec erobern. -- =Montcalm= sah jetzt das Ende voraus; er soll schon beabsichtigt haben, sich nach Louisiana zurückzuziehen, um dort bessere Zeiten abzuwarten. Aber er tat, was in seinen Kräften stand; er verstärkte die Stellung am Champlainsee mit 2000, die am Ontariosee mit 900 Mann und hielt sich bereit, mit 14000 Mann Quebec zu verteidigen.
=Montcalms= Bitten um Unterstützung hatten keinen Erfolg, man war in Frankreich nur mit dem Einfall in England und mit dem Festlandskriege beschäftigt. 1759 lief kein Kriegsschiff nach Kanada aus, nur einigen Freibeutern gelang es, 600 Rekruten sowie wenige Vorräte hinüberzuschaffen. Der Kriegsminister schrieb an Montcalm, der König sei außerstande, genügend Truppen zu senden, um den Engländern gewachsen zu sein, Verstärkungen würden diesen ja doch nur in die Hände fallen oder, falls sie glücklich ankämen, nur die Hungersnot in Kanada steigern.
Die englischen Vorstöße hatten trotz tapferster Gegenwehr überall Erfolg. Stanwix und Prideaux erfüllten ihre Aufgaben. Auch Amherst nötigte seinen Gegner, =Bourlamagne=, Carillon sowie Crown Point zu räumen; dann allerdings verschanzte sich dieser beim Fort Isle aux Noix am Flusse Richelieu und hielt hier Amherst stand. Dieser aber ging zur Winterruhe nach Crown Point zurück; er war ohne Kenntnis von dem Stande des Angriffes auf Quebec, dem er über Montreal hatte die Hand reichen sollen.
$Die Einnahme von Quebec 1759.$ Das Gros der Flotte unter Admiral =Saunders= hatte England am 17. Februar verlassen, nachdem einige Schiffe unter =Kontreadmiral Holmes= bereits im Januar gesegelt waren, um in Halifax Vorbereitungen für die Expedition zu treffen; diese sammelte sich dann in Louisbourg. Mit Einschluß der Schiffe Durells, die vom Vorjahre her auf der Station waren, zählte die Flotte 20 Linienschiffe, 2 50-Kanonenschiffe, 17 Fregatten und Sloops, 8 Brander und Mörserboote sowie zahlreiche Transporter. An Truppen verfügte General =Wolfe= über 10 Bataillone Infanterie und einige Kompagnien Artillerie; insgesamt 9200 Mann. Am 1. Juni ging die Expedition nach dem Lorenzstrome in See und erreichte am 23. die Insel Bic, etwa 120 Seemeilen von Quebec. Hier lag seit dem 23. Mai die Division =Durell=, die bereits im Frühjahr, sobald die Witterung es erlaubte, in den Fluß eingedrungen war. Die Gesamtflotte ging nun weiter stromauf. Bei der Insel Condres, etwa 60 Seemeilen von Quebec, wurde Durell zurückgelassen, noch durch einige Linienschiffe (wahrscheinlich die schwersten weil tiefgehendsten) verstärkt, um hier den Fluß abzusperren. Saunders setzte seine Flagge auf einem kleinen Linienschiff (64 Kanonen) und führte die Flotte bis zur Insel d'Orleans, die wenige Seemeilen vor der Stadt den Fluß in zwei Arme teilt; auf dieser Insel wurde das Lager für die Truppen aufgeschlagen.
=Montcalm= hatte zwar die Bojen und Marken des Fahrwassers entfernen lassen, sonst aber nichts getan, um dem Gegner an geeigneten Stellen entgegenzutreten, obgleich Brander und Kanonenboote vorbereitet waren. Die Stadt, am linken Ufer gelegen, wurde nur durch die Zitadelle und vor allem durch ein verschanztes Lager auf ihrer Nordostseite verteidigt; das rechte Ufer war unbesetzt gelassen. Das Lager, in dem fast das ganze französische Heer, 14000 Mann, stand, konnte der steilen Ufer wegen vom Flusse her nicht angegriffen werden, auf der anderen Seite war es durch die Täler der Flüsse Montmorency sowie St. Charles gesichert; in dem letzteren lagen zwei armierte Hulks zur Verbindung mit der Stadt. Zwischen Montcalm und dem Gouverneur =Vaudreuil=, einem Seeoffizier, bestanden andauernd Zwistigkeiten. Montcalm wünschte Maßregeln für einen etwaigen Rückzug zu treffen, Vaudreuil hielt dies mit der Begründung für unnötig, daß der Gegner höchstens einige Häuser der Stadt zerstören könne, wenn die ganze französische Macht vereinigt sei. So waren außer dem Lager nur die Zitadelle und mehrere Punkte stromaufwärts der Stadt besetzt, die zu einer Landung geeignet schienen.
Nach der Landung legte =Saunders= einige Linienschiffe und Fregatten weiter stromauf der Stadt gegenüber an das rechte Ufer und =Wolfe= landete dort (bei Point Levis) Soldaten. In der Nacht zum 29. Juni schickten die Franzosen 7 Brander und Brandflöße gegen die Flotte, doch diese hatte Vorbereitungen getroffen, und die gefahrdrohenden Fahrzeuge wurden durch Boote unschädlich gemacht; ebenso mißlang den Franzosen am 1. Juli der Versuch, mit schwimmenden Batterien die bei Point Levis Gelandeten zu vertreiben. Der Angriff wurde durch das Feuer der dort liegenden Schiffe abgewiesen. Wolfe baute hier eine Batterie, und in wenigen Tagen lag der größte Teil der Stadt in Trümmern. Die hochgelegene Zitadelle war aber nicht unter wirksames Feuer zu nehmen und ein Sturm auf die Stadt der steilen Ufer wegen ausgeschlossen; Montcalm ließ sich nicht herauslocken und wartete, daß sich der Feind eine Blöße gäbe. Wolfe legte nun Batterien am Montmorency an und beschoß von dort das Lager, doch auch dies blieb ohne Erfolg und zum Sturm fand sich keine geeignete Stelle. Man sandte einige kleine Schiffe an der Stadt vorbei, aber ein Landungsversuch dieser ward abgeschlagen, ebenso ein endlich am 31. Juli doch unternommener Sturm am Montmorency. Die Angreifer kamen nicht vorwärts, und die Zuversicht der Verteidiger wuchs so, daß man 3000 von ihnen unter dem fähigsten Offizier, =de Levis=, nach Montreal sandte, um Bourlamagne zu verstärken. Montcalm hoffte jetzt, seine Stellung halten zu können, bis die Herbststürme den Feind zum Abbruch der Belagerung nötigten; er wurde in seiner Hoffnung durch die Nachricht bestärkt, daß Wolfe fieberkrank daniederläge.
Aber dieser dachte nicht an Rückzug. Weitere Erkundungen oberhalb der Stadt wurden vorgenommen und eine derselben, von ihm in Person geleitet, ließ einen zum Landen geeigneten Punkt im Westen der Stadt finden. Die Flottille stromaufwärts wurde nun verstärkt und in der Nacht des 4. September sandte man soviel Soldaten dorthin, als die vorhandenen flachen Fahrzeuge sowie alle entbehrlichen Schiffsboote der Flotte fassen konnten; um den Feind zu täuschen, setzte man in den nächsten Tagen die Erkundungsfahrten fort. In der Nacht vom 12./13. drangen dann die Boote weiter den Fluß hinauf vor und lockten dadurch die zur Verteidigung des Ufers bestimmten Franzosen unter =Bougainville=[96] mit sich. Eine Stunde vor Tagesanbruch aber wendeten sie plötzlich und ruderten mit aller Kraft, jetzt unterstützt durch die Strömung und die Ebbe, so schnell stromab zu dem beabsichtigten Landungspunkte, daß die Franzosen am Ufer nicht folgen konnten. Mit Tagesanbruch wurde unter Wolfes Führung gelandet, die Wache überrumpelt, das steile Ufer erstiegen und oben eine kleine Batterie genommen; bald standen die Engländer auf der Höhe vor den Toren der Stadt. Jetzt erst erfuhr Montcalm, was geschehen war. Er eilte mit einigen Truppen über den Charlesfluß herbei und sandte Befehl an Bougainville, den Gegner im Rücken anzugreifen. Aber dieser konnte seine Leute nicht schnell genug sammeln und Vaudreuil hielt den größeren Teil des Heeres im Lager zurück, da die englische Flotte mit den Seesoldaten in den noch vorhandenen Schiffsbooten eine Scheinlandung am Montmorency unternahm.
[96] =Louis Antoine de Bougainville=, später als Seefahrer berühmt, war ursprünglich Jurist und 1755 Gesandtschaftssekretär in London; bei Quebec Adjutant Montcalms; 1763 Kapitän zur See, umsegelte er 1766-1769 die Erde und entdeckte den Salomons- sowie den Bismarckarchipel; diente im nordamerikanischen Befreiungskriege als Chef d'Escadre und wurde 1791 Lieutenant-Général. Während der Revolution zog er sich zurück; er wurde von Napoleon zum Senator ernannt und starb 1811.
So hatte Montcalm um 10 Uhr vormittags nur 4500 Mann zur Verfügung; er griff dennoch Wolfe an, um ihm keine Zeit zur Verschanzung sowie zur Verstärkung zu lassen. Aber trotz der Tapferkeit des Generals und seiner Offiziere schlugen die Engländer den Angriff ab; =Montcalm= selber ward tödlich verwundet, der nächstälteste Offizier fiel und die an den Kampf im offenen Gelände nicht gewöhnten Kanadier wichen in Stadt und Lager zurück. Bei der herrschenden Verwirrung hätten die Engländer mit kräftigem Nachdringen wohl das Lager nehmen können, aber jetzt erschien Bougainville, und auch bei ihnen ging die Oberleitung verloren, da =Wolfe= sowie dessen Nachfolger gefallen waren. Bougainville war aber allein zu schwach zum Angriff, so daß sich die Engländer in ihrer Stellung verschanzen und die Verbindung zwischen Lager und Stadt durch den Bau einer Batterie unterbrechen konnten.
=Vaudreuil= gab nach einem Kriegsrate Lager und Stadt auf und zog sich auf Montreal hin zurück. In Quebec blieben nur 1700 Mann mit dem Befehl, sich nach Erschöpfung ihrer Vorräte zu ergeben. Dies geschah schon am 17. September, als die Engländer Miene machten, die Beschießung vom Lande und von der Flotte aufzunehmen. Den Einwohnern der Stadt sowie den Milizen war Erhaltung ihres Besitzes und Religionsfreiheit zugesichert; nur die Soldaten wurden kriegsgefangen. Vaudreuil traf auf seinem Marsche bald =de Levis=, der nach der Kunde von dem Geschehenen stehen geblieben war. Dieser übernahm nun den Oberbefehl und führte das Heer zum Entsatze Quebecs heran, ging aber nach Montreal zurück, als er die Übergabe der Stadt erfuhr.
Nach dem Falle Quebecs ging =Saunders= mit der Flotte nach England heim; nur 5 Linienschiffe nebst einigen Fregatten und Sloops verblieben unter Kommodore =Lord Colville= in den amerikanischen Gewässern. Als die Flotte den Lorenzstrom verlassen hatte, entschlüpften einige französische Freibeuter, die sich vor der Belagerung stromaufwärts der Stadt verborgen hatten. Diese brachten die Nachricht von den Ereignissen mit neuen Bitten um schleunigste Hilfe nach Frankreich.
$Letzter Kampf um Kanada. Montreal fällt 1760.$ General =de Levis=, der nach Montcalms Tode den Oberbefehl übernahm, gab trotz der verzweifelten Lage den Kampf nicht auf. Er zog alle verfügbaren Truppen bei Montreal zusammen und beunruhigte von dort aus während des Winters die englischen Posten. Im Frühjahr 1760 machte er sogar den Versuch, Quebec wieder zu nehmen, da hier nur 3000 Engländer unter =General Murray= lagen. Er führte 5000 Mann[97] auf Fahrzeugen verschiedener Art den Fluß hinunter, landete etwas oberhalb der Stadt, schlug die Gegner zurück und schloß sie ein. Dieser Erfolg wurde nur durch die Unentschlossenheit des Feindes ermöglicht. Englischerseits hatte man geplant, die Franzosen in Montreal zu erdrücken: Amherst sollte mit 11000 Mann vom Champlainsee vorrücken, ihm zur Seite Oberst Havyland mit 5000 Mann und Murray von Quebec aus; Colvilles Geschwader sollte wieder nach Quebec gehen, sobald die Jahreszeit es erlaubte. De Levis war ihnen zuvorgekommen; die Stadt stand schon vor dem Fall, als endlich am 15. Mai die ersten Schiffe eintrafen und sofort den Kampf gegen die französischen Belagerungsbatterien aufnahmen.
[97] Nach Zimmermann, der wohl nur die regulären Soldaten zählt, denn englische Angaben sprechen von 14000 Mann.
Jetzt mußte de Levis nach Montreal zurück, er verstand es aber, noch monatelang die Wege dorthin zu verteidigen. =Amherst= hatte nicht die gerade, kaum noch streitig gemachte Straße nach Montreal eingeschlagen, sondern war zum Ontariosee marschiert, auf dem man im Winter eine Flottille von Segelkuttern und Ruderfahrzeugen gebildet hatte. Er nahm hier und bei dem Vordringen flußabwärts nach und nach die letzten kleinen französischen Posten und langte erst am 7. September vor Montreal an. Am selben Tage erschienen auch =Havyland=, der Bougainville hatte zurückdrängen müssen, und Murray, der nur langsam, von kleinen Kriegsschiffen unterstützt, flußaufwärts hatte herankommen können. Jetzt war allerdings das Schicksal der Franzosen entschieden. =De Levis= wollte es zwar noch auf einen Kampf ankommen lassen, mußte sich aber auf Vaudreuils Befehl am 8. September ergeben. Bald darauf fielen auch die letzten Posten Frankreichs am Eriesee und Colvilles Schiffe säuberten den St. Lawrencegolf von französischen Freibeutern, die noch zahlreich in den verschiedenen Buchten gelegen hatten. Die Beamten und Offiziere Kanadas mit ihren Angehörigen, sowie die Soldaten wurden nach Frankreich geschafft; gegen 500 der angesehensten Ansiedler folgten ihnen, und England begünstigte deren Abzug. =Kanada war für die Franzosen verloren=[98].
[98] Ein abenteuerlicher Versuch Frankreichs, 1762 nochmals in Neufundland Fuß zu fassen, soll zu Ende des »Kleinen Krieges« geschildert werden.
In Frankreich erregte der Verlust Kanadas die größte Empörung. Das Volk wußte nicht, daß die Regierung schon lange damit gerechnet hatte; es fühlte nur die Schmach und den Schmerz über die nutzlosen Opfer. Der Hof beschloß deshalb, was schon früher hätte geschehen müssen, die pflichtvergessenen Beamten zur Rechenschaft zu ziehen. Vaudreuil sowie der Intendant und zahlreiche Beamte kamen in die Bastille; sie wurden später verbannt oder sonst bestraft, auch mußten sie 11-1/2 Millionen veruntreuter Gelder ersetzen. Frankreich hatte von 1749-1760 für Kanada 123 Millionen aufgewendet; von 40 Millionen, die man der Kolonie schuldig war, wurden nur 12 zurückgezahlt. Die Tapferkeit der Offiziere dagegen fand Anerkennung; viele von ihnen fanden später noch eine ehrenvolle Laufbahn.
=England hatte ein Hauptziel des Krieges erreicht=; der sehnliche Wunsch der Kolonien war erfüllt, ihrer Ausdehnung stand nichts mehr im Wege. Allerdings erklärte die Regierung das Hinterland der Neuenglandstaaten vom Alleghanygebirge bis zum Mississippi für Kronland, während es zu diesen Kolonien hätte geschlagen werden müssen, da nach den alten Chartres bei Gründung der Niederlassungen stets ein Landstreifen vom Atlantik bis zum Stillen Ozean verliehen war. Aber die Staaten brauchten doch ihre Männer sowie ihr Geld nicht mehr für Kriege gegen die Kanadier zu verwenden und ein großer wirtschaftlicher Aufschwung mußte die Folge sein. Ebenso zweifellos aber war eine außerordentliche Steigerung des Selbstgefühls dieser schon so eifersüchtig über ihre Rechte wachenden Kolonien. Es wurden deshalb auch in England beim Friedensschlusse Stimmen laut, die rieten, Kanada an Frankreich zurückzugeben und lieber Guadeloupe zu behalten. Frankreich erhielt aber nur die beiden kleinen Inseln =Saint Pierre= und =Miquelon= an der Südküste Neufundlands als Stützpunkte seiner Kabeljaufischerei zurück; sie gehören ihm noch heute. Ihre Kolonie =Louisiana= traten die Franzosen an Spanien ab; =von Nordamerika war Frankreich damit ausgeschlossen=.
$Westindien 1755-1757.$ Dieser Kriegsschauplatz bietet in den ersten Jahren des Krieges wenig Bemerkenswertes, obgleich auch hier schon bald nach dem letzten Friedensschluß Streitigkeiten eintraten, so zunächst um =die neutralen Inseln=.
Wie bereits erwähnt, hatte man 1730 die Inseln Tabago, Sta. Lucia, St. Vincent und Dominica als neutral erklärt. Beim Friedensschluß 1748 erhielt Frankreich das Besitzrecht auf Sta. Lucia, wurde aber von England stets gedrängt, die Insel wieder aufzugeben; anderseits machten die Franzosen schon 1748 den Versuch, von Martinique aus Tabago zu besetzen und zu befestigen, den sie nur auf ernstliche Vorstellungen Englands unterließen. Im Frieden 1763 erhielt Frankreich aufs neue Sta. Lucia zugesprochen, während die drei anderen neutralen Inseln an England fielen; ebenso das bisher französische Grenada; Sta. Lucia kam erst 1814 endgültig an England.
Besonders eifersüchtig aber war England auf das Aufblühen der französischen Inseln in den letzten Jahren, so daß =Frankreich= wohl auf Angriffe gegen diese beim Ausbruch des Krieges gefaßt sein mußte. Es wurden deshalb überall die Befestigungen verstärkt und neue angelegt. 1755 stellte man auf allen Inseln Miliz- und Negertruppen auf und rüstete Kaperschiffe aus; um dem Mangel an Nahrungsmitteln vorzubeugen, wurden die Häfen neutralen Schiffen geöffnet. Anfang 1756 sandte man von Frankreich je ein Geschwader nach den beiden Stationen, St. Domingue und Martinique für die Antillen, die Truppen sowie Vorräte hinausbringen und den feindlichen Handel schädigen sollten.
=England= dachte jedoch vorläufig noch nicht an Unternehmungen gegen die feindlichen Kolonien; man hielt zunächst aus Besorgnis vor einer Invasion die Seestreitkräfte in Europa zusammen. Man verstärkte zwar die beiden westindischen Stationen (Jamaika und Barbados für die Kleinen Antillen) aber auch nur mit dem Zwecke, den Handel des Gegners lahmzulegen und seinen Inseln die Zufuhren abzuschneiden, in der Hoffnung, sie mit der Zeit auszuhungern.
Somit führte man nur den Kleinkrieg, denn keine Partei war zu größeren Unternehmungen genügend stark. Aber auch in diesem war keine ausgesprochen im Vorteile; wahrscheinlich litt England mehr, wie wir es meistens bei Beginn der Kriege gesehen haben. Wenn auch die Engländer viele Kauffahrer abfingen, so sorgten doch Holland und Spanien für die Einfuhr und Ausfuhr der französischen Inseln, und das Lahmlegen des französischen Handels wurde wenig fühlbar; anderseits fielen mehr englische Schiffe in Feindeshand, weil Englands Schiffahrt beträchtlich größer war als die der Franzosen und weil diese über mehr Freibeuter verfügten. Namentlich im Jahre 1756 scheinen die Engländer in den westlichen Gewässern schwere Verluste erlitten zu haben; die Jamaikastation war nur schwach besetzt, und die Schiffe wurden aus Furcht vor einem Angriff auf die Insel zusammengehalten. Außer Zusammenstößen einzelner Schiffe kam es in den ersten Jahren nur zu einem größeren Gefechte.
$Seegefecht bei Le Cap[99] am 21. Oktober 1757.$ Im November 1756 war ein französisches Geschwader unter Kapitän =de Kersaint= von 3 Linienschiffen, 2 Fregatten und einer Korvette aus Brest über Westafrika nach Westindien ausgelaufen und hatte nach Berühren von Martinique im Sommer 1757 Le Cap erreicht; von hier sollte es einen Konvoi Handelsschiffe nach Frankreich geleiten. Um dies zu hindern, sandten die Engländer im Herbst von Jamaika den =Kapitän Forrest= mit drei Linienschiffen zum Kreuzen vor Le Cap, Kersaint hatte aber hier andere Schiffe vorgefunden und trat dem Gegner, wider dessen Erwarten, am 21. Oktober mit Überlegenheit entgegen. Es standen französischerseits 2 Schiffe zu 74 Kanonen, 1 zu 64, 1 zu 50, 1 zu 44 und 2 zu 32 Kanonen gegen 1 Schiff zu 64 und 2 zu 60 englischerseits. Als die Franzosen in Sicht kamen, rief Forrest die beiden anderen Kommandanten zu sich an Bord und sagte ihnen: »Well, gentlemen, you see they are come out to engage us«, worauf Kapitän =Suckling= antwortete: »It would be a pity to disappoint them«. Dann griffen die Engländer um 3-1/2 Uhr nachmittags an, wobei Suckling führte, und nach scharfem, zweistündigem Kampfe mußte sich Kersaint mit seinem Schiffe durch eine Fregatte aus dem Gefecht schleppen lassen, worauf auch die anderen Franzosen abbrachen.
[99] Hafenstadt an der Nordwestküste der Insel Haiti, im damaligen französischen Teile St. Domingue und =Cap Français= genannt; jetzt eigentlich Le Cap Haiti, oft aber nur Le Cap bezeichnet. Cap Français war der Haupthafen für die französische St. Dominguestation sowie Sammelplatz der französischen Westindienfahrer vor ihrer Abreise im Konvoi nach Europa.
Die Engländer verloren an Toten und Verwundeten 119 Mann; ihre Schiffe waren in der Takelage so beschädigt, daß sie zum Ausbessern nach Jamaika zurückfuhren. Die Franzosen sollen gegen 500 Mann verloren haben; Kersaint konnte jedoch seinen Konvoi nach Frankreich führen und hatte somit den strategischen Erfolg auf seiner Seite. Trotzdem gilt das Gefecht bei den Engländern als eines der ruhmreichsten ihrer Geschichte, und wohl mit Recht. Suckling war der Oheim Nelsons, und auf seinem Schiff trat dieser ein. Als 48 Jahre später am gleichen Datum Trafalgar geschlagen wurde, gedachte Nelson dieses Gefechtes und sah es als eine gute Vorbedeutung an.
$Im Jahre 1758$ brachte Pitts Einfluß auch in Westindien wie auf den übrigen Kriegsschauplätzen durch Belebung der Tatkraft einen Umschwung zugunsten Englands hervor. Zunächst erklärte dieses jegliche Zufuhr von Lebensmitteln in französische Kolonien seitens spanischer oder holländischer Schiffe für Neutralitätsbruch und handelte dementsprechend. Zwar beschränkte man sich noch auf den kleinen Krieg, wohl weil die Expedition gegen Louisbourg große Aufwendungen erforderte, aber man übertraf den Gegner doch schon an Zahl der Streitkräfte. Frankreich sandte 1758 nur insgesamt 6 Segel nach Westindien; ein größeres Geschwader unter de La Clue wurde durch die Engländer im Mittelmeer festgehalten. Gegen Ende des Jahres faßte man denn auch das Vorgehen gegen die französischen Inseln ins Auge.
$England nimmt Guadeloupe und andere Inseln 1759.$ Im November 1758 segelten 8 Linienschiffe mit einem Transport von 8000 Soldaten nach Barbados und traten hier im Januar 1759 unter den Befehl des =Kommodore John Moore=, der nun über 10 Linienschiffe zu 60-80 Kanonen, 2 Schiffe zu 50 und 2 zu 44 Kanonen, sowie 4 Fregatten, 4 Sloops, 4 Mörserboote verfügte. Am 13. Januar ging die Expedition in See und wandte sich zunächst =gegen Martinique=, doch blieb dieser Vorstoß =erfolglos=. Am 15. ankerte die Flotte in der Bucht von Fort de France und am 16. beschossen die kleineren Schiffe ein Fort sowie einige schwächere Batterien an der zum Landen geeignetsten Stelle in der Bucht Cas des navires, etwa 5 Seemeilen von der Stadt; es wurden auch 4500 Mann gelandet. Als man aber erfuhr, daß die Stärke des Gegners einschließlich Milizen 10000 Mann betrüge, schiffte man die Gelandeten wieder ein. Die Flotte segelte nun vor den Hafen von St. Pierre, jedoch nur ein Schiff ging am 19. näher heran, wohl nur zur Erkundung, und wechselte einige Schüsse mit den Befestigungen. Dann aber ging =Moore gegen Guadeloupe= vor und hier =mit Erfolg=.
$Die Eroberung von Guadeloupe Januar/April 1759.$ Am 22. Januar erschien die englische Flotte vor der Stadt =Basse-Terre=, auf Basse-Terre, dem östlichen Teile der Insel Guadeloupe gelegen. Schon am 23. wurden die Befestigungen durch sechs schwere Linienschiffe zum Schweigen gebracht und am 24. legten die Mörserboote die Stadt fast in Trümmer. Am gleichen Tage landeten die Truppen und besetzten sie, rückten aber so langsam vor, daß die Franzosen Zeit hatten, sich in die Berge zurückzuziehen. Es war überflüssig, die Schiffe dem Kampfe mit den Befestigungen auszusetzen, denn man hätte gleich im Norden der Stadt landen und diese einnehmen können, da sie nach Land zu nicht befestigt war; noch weniger Zweck hatte die Beschießung durch die Mörserboote. Moore ließ dann noch durch einige Schiffe am 23. Februar =St. Louis=, auf Grande-Terre, dem westlichen Teil der Insel, nehmen, aber der Kampf in den Bergen zog sich als Guerillakrieg noch lange hin; die Franzosen ergaben sich erst am 23. April auf Basse-Terre und am 1. Mai auf Grande-Terre.
Auch dieser Erfolg wäre fast noch in Frage gestellt worden oder hätte doch größere Opfer kosten können. Am 8. März war in Martinique der Chef d'Escadre =de Bompart= mit 8 Linienschiffen und 3 Fregatten nebst Truppen von Frankreich angekommen. =Moore= sah sich dadurch genötigt, mit seiner Flotte in die Prinz-Rupert-Bucht (Dominica) zu gehen, um von hier aus die Bewegungen Bomparts zu überwachen. Dieser wurde jedoch vom Gouverneur von Martinique, =de Beauharnais=, der wohl für seine Insel fürchtete, sechs Wochen lang festgehalten; als er am 23. April endlich segelte und bei Guadeloupe erschien, war dessen Schicksal schon entschieden. Moore versuchte vergeblich, seinen Gegner zu treffen; Bompart war sofort nach Martinique zurückgegangen, segelte später nach St. Domingue, wo er Truppen landete, und dann nach Frankreich zurück; hier traf er kurz vor der Schlacht in der Quiberonbucht im November ein.
Nach dem Fall von Guadeloupe =ergaben sich= die umliegenden kleineren Inseln, =Marie-Galante=, =Les Saintes= und =Petite-Terre=, gleichfalls den Engländern. Diese hatten nach Bomparts Abfahrt wieder die See frei, waren durch die letzte Verstärkung sehr viel mächtiger geworden und konnten mithin den kleinen Krieg mit gutem Erfolge führen. So blieb die Lage auch 1761, wo weiter keine Ereignisse von Bedeutung vorfielen.
$England nimmt Dominica 1761 und Martinique, sowie den Rest der französischen Inseln 1762.$ Im Jahre 1761 verstärkten die Engländer ihre westindischen Stationen weiter durch Schiffe -- besonders kleine Linienschiffe, sowie 50 Kanonenschiffe und Fregatten -- und Truppen, die in Nordamerika freigeworden waren. Der kleine Krieg gewann noch an Kraft und von der Antillenstation aus besetzte man im April ohne jedes Hindernis die neutrale Insel =Dominica=. Im Spätherbst trafen auch noch Truppen von der Belle-Ile-Expedition ein. Am 22. November übernahm Kontreadmiral =Rodney= bei den Antillen den Oberbefehl zu einem Angriff auf Martinique. Er sandte sofort den bisherigen Stationschef, Kommodore Douglas, mit einer Division ab, um die Insel von jeder Zufuhr abzuschneiden, folgte mit der Hauptmacht am 5. Januar 1762 und vereinigte sich am 7. mit Douglas bei der genannten Insel. =Am 1. März war Martinique im Besitz der Engländer.=
$Die Einnahme von Martinique Januar/Februar 1762.$ =Rodneys= Streitmacht zählte 13 Linienschiffe zu 60-84 Kanonen, 4 50- und 3 44-Kanonenschiffe, 11 Fregatten, 5 Sloops, sowie 4 Mörserboote; auf 150 Transportern waren gegen 14000 Mann unter General =Monkton= eingeschifft. Bei dem schwierigen Gelände der Insel wäre es richtig gewesen, zum Angriff auf die Stadt Fort de France, damals Fort Royal genannt, in deren möglichster Nähe zu landen; dieser Umstand war aber nicht genügend bekannt, und der Admiral wünschte, die Stadt ohne Kampf mit ihren Seebefestigungen zu nehmen. Er sandte daher nur eine kleine Division vor die Bucht von Fort de France, ließ einen Scheinangriff in der Bucht von La Trinité machen und ging mit der Hauptmacht in die Bucht von St. Anne. Hier wurden die schwachen Befestigungen bald niedergekämpft und die Truppen gelandet. Nun aber stellte sich heraus, daß der Marsch auf Fort de France sehr schwierig sein würde; man schiffte daher wieder ein, und die ganze Flotte ging zur Fort-de-France-Bucht. Am Vormittag des 16. Januar wurden die Befestigungen zum Schweigen gebracht, dann landeten die Soldaten in der Bucht Cas des Navires, 5 Seemeilen von der Stadt. Am Abend waren zwei Drittel des Landungskorps ausgeschifft, der Rest sowie die Seesoldaten folgten am nächsten Morgen. Gegen eine hartnäckige Verteidigung, die jeden Fels und jeden Baum, sowie auch künstliche Hindernisse benutzte, gelang es erst am 24., unterstützt durch die armierten Boote der Flotte, bis an die Stadt vorzudringen.
Am 25. begann die Beschießung der Zitadelle aus schnell aufgeworfenen Batterien, aber erst am 4. Februar ergab sie sich. Am 13. unterzeichnete der Gouverneur der Insel, der sich am 28. Februar von Fort de France nach St. Pierre begeben hatte, einen Waffenstillstand mit der Zusage, die Insel am 1. März zu übergeben, wenn er bis dahin keine Unterstützung erhielte. Und so geschah es; ein auf dem Wege befindliches französisches Geschwader kam 8 Tage zu spät.
Schon während der Belagerung von Fort de France sandte =Rodney= kleinere Divisionen gegen =Grenada= und =Sta. Lucia=, und auch diese Inseln mußten sich ergeben. Dagegen gelang es ihm nicht, ein französisches Geschwader abzufangen. 1762, als Spanien auf seine Seite getreten war, machte Frankreich noch einen letzten Versuch, den Kolonien Hilfe zu bringen, und der Chef d'Escadre =de Blenac= entschlüpfte aus Brest. Dieses Geschwader, 7 Linienschiffe und 4 Fregatten mit 7 Bataillonen, erschien am 8. März an der Ostküste von Martinique. Das Blockadegeschwader vor Brest hatte zwar Rodney von der bevorstehenden Ankunft Blenacs in Kenntnis gesetzt, aber sein Versuch, diesen zu treffen, schlug fehl. Blenac war schon am 10. nach St. Domingue weiter gesegelt, als er sich vom Falle Guadeloupes überzeugt hatte.
Die Kolonie =St. Domingue= war noch allein in Frankreichs Besitz, doch griff =Rodney= diese nicht an. Er erhielt die Nachricht vom Ausbruche des Krieges mit Spanien, vom Eintreffen eines starken spanischen Geschwaders in Havanna und mußte auf einen Angriff gegen Jamaika gefaßt sein. Er warnte daher den Chef dieser Station und beorderte ihn zu einem Zusammentreffen beim Kap St. Nicolas an der Nordwestspitze Haitis; er wollte wohl dem neuen Gegner entgegentreten und gleichzeitig dessen Vereinigung mit Blenac hindern. Ehe er aber selber seeklar war, traf am 26. März der Befehl für ihn und General Monkton ein, vorläufig nichts zu unternehmen, sondern die Ankunft des Admirals =Sir George Pocock= abzuwarten; dieser sei mit Verstärkungen unterwegs und solle ein großes, vorläufig noch geheim gehaltenes Unternehmen führen. =Rodney= sandte nun den Kommodore Douglas mit 10 Linienschiffen nach Jamaika, um die dortigen Schiffe zur Vereinigung mit Pocock nach Kap St. Nicolas zu geleiten; er schickte eine kleine Division für den Handelskrieg in die spanischen Gewässer Mittel- und Südamerikas und erwartete mit dem Rest seiner Flotte den neuen Oberbefehlshaber in Martinique.
$England erobert Havanna. Juni/August 1762.$ Admiral =Pocock= traf am 20. April in Barbados ein und übernahm am 26. in Martinique den Befehl. Er ließ dann Rodney mit einigen Schiffen bei den Kleinen Antillen zurück und trat am 6. Mai mit der Flotte den Marsch nach Havanna an. Diese Stadt war das geheime Ziel; England beabsichtigte, gleich einen schweren Schlag gegen Spanien zu führen. Nachdem Pocock am 8. Mai bei der Monastraße einen Teil der Schiffe der Jamaikastation, die von Douglas zur Beobachtung Blenacs dorthin abgezweigt waren, und am 23. beim Kap Nicolas den Rest an sich gezogen hatte, zählte =seine Streitmacht=: 22 Linienschiffe zu 60-90 Kanonen, 4 Schiffe zu 50 und 3 zu 40, 12 Fregatten, 8 Sloops, 3 Mörserboote, Hospital- und Vorratsschiffe, sowie zahlreiche Transporter, auf denen 15500 Mann unter dem General =Earl George of Albemarle= eingeschifft waren; insgesamt gegen 200 Segel.
=Pocock= wählte vom Kap St. Nicolas nach Havanna nicht den üblichen Weg südlich der Insel Kuba, sondern den kürzeren durch den alten Bahamakanal. Dieser ist navigatorisch für Segelschiffe schwieriger und galt damals wegen der noch wenig genauen Karten als nicht ungefährlich, aber der Admiral beabsichtigte, möglichst schnell und überraschend vor Havanna zu erscheinen, sowie auch zu verhindern, daß der Stadt auf diesem Wege Nachrichten und Unterstützung durch die Franzosen in St. Domingue zugingen. Er benützte auf dieser Fahrt eine von Anson aufgenommene Karte, auch sandte er Boote voraus, die gefährliche Stellen markierten. Am Morgen des 6. Juni stand die Flotte 15 Seemeilen östlich von Havanna; die Stadt wurde nach zehnwöchiger Belagerung genommen.
$Die Einnahme von Havanna 1762.$ Noch am 6. Juni gab =Pocock= die Anordnung für die Landung, die östlich der Stadt erfolgen sollte. Zu ihrer Deckung blieb Kommodore =Keppel= mit 6 Linienschiffen und einigen Fregatten zurück; der Admiral segelte mit der Hauptflotte vor die Einfahrt des Hafens, in dem man 12 Linienschiffe zählte; drei waren im Eingange versenkt. Havanna wurde nach See zu hauptsächlich durch das starke, hochgelegene Fort Moro auf der Ostseite der Einfahrt und durch ein Werk auf der Westseite verteidigt; nach Land zu waren die Befestigungen nur unbedeutend. Am 7. morgens ließ Pocock durch die Seesoldaten der Schiffe eine Scheinlandung, etwa vier Seemeilen westlich der Stadt, ausführen, während =Albemarle= das ganze Heer sechs Seemeilen östlich von Havanna zwischen den Flüssen Coximar und Boca Nao landete.
Hier fand man erst beim Vormarsch gegen Fort Moro, als man den Coximar überschritt, Widerstand, der jedoch bald durch das Eingreifen der Fregatten gebrochen wurde. Man begann dann sogleich mit der regelrechten Berennung Moros. Um diese zu fördern, beschossen am 1. Juli drei schwere Linienschiffe das Fort, mußten sich aber nach sechsstündigem Kampfe, stark beschädigt mit einem Verluste von 42 Toten und 130 Verwundeten, zurückziehen und das Niederkämpfen des Forts der Belagerungsartillerie überlassen; am 30. Juli war Bresche gelegt, und man nahm das Werk im Sturm. Nach weiterer Beschießung der kleinen Befestigungen der Landseite, sowie der Stadt selber ergab sich diese am 14. August. Den Engländern kostete die Belagerung 1790 Tote und Verwundete; sie verloren außerdem viele Leute an Krankheiten in der ungesunden Gegend bei ungünstigster Jahreszeit.
Wegen dieses starken Verlustes wurden den Führern Vorwürfe gemacht: =Pocock= habe die Schiffe unnötig dem Kampfe mit dem Fort ausgesetzt, =Albemarle= ebenso unnötig das starke Werk als Angriffsobjekt gewählt, auch ohnedies wäre die Stadt leicht zu nehmen gewesen und Moro dann von selbst gefallen. Hervorgehoben wird das gute Einvernehmen zwischen den Führern beider Waffen während des ganzen Unternehmens.
Der Fall Havannas war ein Erfolg von großem, moralischem Werte Spanien gegenüber und fügte diesem schweren Schaden zu; er brachte England aber auch bedeutenden materiellen Gewinn. Die erbeuteten Gelder und Güter hatten einen Wert von drei Millionen Lstrl; 9 Linienschiffe -- 5 zu 70, 4 zu 60 Kanonen -- waren genommen, zwei noch auf Stapel liegende verbrannt; drei nebst einer großen Galere hatten die Spanier versenkt.
=Pocock= ging im November mit 4 Linienschiffen und einem Teil der Prisen nach England, 5 weitere folgten etwas später mit dem Rest der genommenen Schiffe. =Der große Krieg in Westindien war zu Ende=; zu einem wahrscheinlich ins Auge gefaßten Angriff auf St. Domingue kam es infolge des Präliminarfriedens vom 12. November 1762 nicht mehr. Frankreich erhielt durch den Frieden von Paris seine Inseln bis auf Grenada zurück. Sta. Lucia wurde ihm aufs neue zugesichert, aber die neutralen Inseln Tabago, St. Vincent und Dominica fielen an England. Spanien bekam gleichfalls Havanna wieder, trat aber Florida an England ab, wofür ihm Frankreich Louisiana überließ.
$Westafrika.$ Über dieses als Kriegsschauplatz ist nur wenig zu sagen. Englands Hauptniederlassungen lagen am Golf von Guinea, nur wenige (zwei Forts) an der Sierra-Leone-Küste, und in Senegambien besaß es fast gar keinen Einfluß (ein Fort an der Mündung des Gambia). Hier war Frankreich die vorherrschende Macht mit vielen Forts vom Kap Branco bis etwas südlich vom Gambia; Hauptstützpunkte waren St. Louis am Senegal und Gorée beim Kap Vert[100]. Stärkere Seestreitkräfte wurden von keinem der beiden Länder hier gehalten; England scheint meist einige Kriegsschiffe an der Guineaküste gehalten zu haben.
[100] Genaueres über die Besitzungen beider Länder in Westafrika vgl. Band I, Seite 619 ff., sowie Zimmermann, Band III, Seite 361 und Band IV, Seite 217.
Im Februar 1757 erschien der französische Kapitän =de Kersaint= auf seinem Wege nach Westindien mit 3 Linienschiffen, 2 Fregatten und einer Korvette in den westafrikanischen Gewässern; er brachte einige englische Sklavenschiffe auf und beunruhigte die Niederlassungen an der Guineaküste, ein ernstlicher Angriff auf Cap Coast Castle wurde jedoch abgeschlagen. =England= dagegen sandte 1758 kleinere Expeditionen hinaus, um die französischen Niederlassungen wegzunehmen, und =bemächtigte sich Senegambiens=.
$Einnahme von Port Louis und Gorée 1758.$ Am 9. März 1758 verließ =Kapitän Marsh= mit einem Linienschiff (64 Kanonen), einem 50-Kanonenschiff, sowie drei kleineren zu 8, 16 und 20 Kanonen England, erschien am 23. April vor der Mündung des Senegal, drang bei nur geringem Widerstande durch Küsten- und Flußfahrzeuge über die Barre nach =Port Louis= vor und zwang mit Hilfe vorher gewonnener eingeborener Fürsten das Fort am 1. Mai zur Übergabe; mit ihm fielen auch die anderen, weiter stromauf gelegenen Plätze. Es mutet seltsam an, daß die Anregung zu diesem Kriegszuge von einem Quäker ausging, der in Afrika ansässig gewesen war; dieser hatte auch die einheimischen Fürsten gewonnen. Marsh versuchte dann im Mai vergeblich, das besser befestigte Gorée zu nehmen. Aber schon am 28. Dezember trafen unter Führung des Kommodore =Augustus Keppel= 3 Linienschiffe, je ein 50- und ein 44-Kanonenschiff, verschiedene kleinere Fahrzeuge, zwei Mörserboote, sowie Transporter mit Soldaten vor =Gorée= ein, und die Niederlassung fiel bereits am nächsten Tage. (Näheres über diese Vorgänge siehe Laird Clowes, Band III, Seite 186 ff.)
Frankreich trat beim Friedensschluß Senegambien an England ab, erhielt aber Gorée zurück.
$Ostindien[101].$ =Ereignisse vor Ausbruch des Krieges.= Sicher bestand nach dem Frieden von Aachen bei den Leitern der ostindischen Kompagnien in London wie in Paris der Wunsch, neue Zerwürfnisse zu vermeiden, denn der letzte Krieg hatte große Kosten verursacht und dem Handel sehr geschadet. Aber die erfolgreiche Einmischung des französischen Gouverneurs =Dupleix= in die Streitigkeiten der indischen Fürsten hatte das frühere System der Kompagnien, von befestigten Niederlassungen aus nur Handel zu treiben, unmöglich gemacht. Die Europäer hatten die Überlegenheit ihrer Waffen zu gut kennen gelernt, um den indischen Fürsten weiter nur als Bittende entgegenzutreten, und diese strebten dahin, sich der unbesiegbaren Europäer gegen ihre einheimischen Feinde zu bedienen. Wollten die Kompagnien also weiter Geschäfte machen, so mußten sie Partei nehmen und ihren Freunden Waffen und Soldaten stellen. Wenn nun die Kompagnien selbst noch in den ersten Jahren nicht miteinander im Streit lagen, so unterstützte doch eine jede einheimische Fürsten, die vielleicht mit den Schützlingen der anderen Krieg führten; so mußten bald auch die Truppen der beiden Kompagnien in diese Kämpfe verwickelt werden.
[101] Im Anschluß an Seite 97-107. -- Die Verhältnisse in Indien, die sehr verwickelten Streitigkeiten der indischen Herrscher, in die die englische und französische Kompagnie des eigenen Vorteils halber eingriffen, geben wir nur soweit, als es zum Verständnis der kriegerischen Unternehmen nötig erscheint, insbesondere, um das Auftreten der Seestreitkräfte zu verstehen und zu würdigen. Genaueres findet man in Zimmermann, Band III, Seite 311 und Band IV, Seite 188 ff., wo die Geschichte der englischen und französischen Kolonie in Indien von 1748 an fortgeführt wird. Diese ist sehr lesenswert und man ersieht aus ihr, wie die Kompagnien mit wenig hundert Mann Europäern und einigen tausend Sepoys Einfluß über Staaten gewannen, deren Heere nach Zehn- ja Hunderttausenden zählten.
$Bis zum Jahre 1751$ zog =Frankreich= aus der Einmischung in indische Angelegenheiten bei weitem =den größeren Vorteil=. =England= gewann zwar 1749 bei einer Thronfolgefrage im Staate Tanjore die Stadt =Devicotta=, an der Mündung des Coleroon, etwa 30 Seemeilen südlich von Cuddalore, aber dem Gouverneur von Pondicherry, =Dupleix=, gelang fast die Verwirklichung seiner langgehegten Absicht, die Gründung eines Vasallenstaats von großer Ausdehnung für Frankreich. Um das =Dekan= -- ein Vizekönigreich des Großmogulstaats, das fast ganz Vorderindien umfaßte und in viele kleine Gebiete, jedes unter einem Nabob, zerfiel -- erhob sich 1749 gleichfalls ein Thronfolgestreit. Hier nahm Dupleix Partei und wandte Politik wie Waffengewalt so geschickt an, daß sein Schützling Sieger blieb.
Dieser machte als Vizekönig des Dekan 1750 Dupleix zum Nabob der Küstenstaaten von Masulipatam bis zum Kap Komorin, erweiterte das Gebiet der französischen Kompagnie bei Pondicherry sowie bei Karikal und trat ihr neues Land bei Masulipatam ab; auch erhielt der Gouverneur selber reichen Landbesitz als Eigentum. Der Vizekönig huldigte ihm sogar am 26. Dezember 1750 in Pondicherry, und sein Nachfolger dehnte 1751 durch ein weiteres Zugeständnis die französische Macht an der Orissaküste aus. Dupleix beherrschte tatsächlich den ganzen Süden Vorderindiens, da er als mächtiger Nabob beratende Stimme in allen wichtigen Angelegenheiten besaß, und da der Vizekönig wie die meisten anderen Nabobs seiner Hilfe ihre Stellungen verdankten. Mit nur 800 Mann Europäer und 3000 Sepoys hatte Dupleix seinen Einfluß über 35 Millionen Inder zur Herrschaft gebracht; die Engländer waren an der Ostküste Vorderindiens lahmgelegt, ihre völlige Austreibung schien nur noch eine Frage der Zeit.
$Bis zum Jahre 1755$ gingen diese =Errungenschaften Frankreichs= jedoch =wieder verloren=. Die Stellung Dupleix' und seines Verbündeten war nicht fest genug, als sich 1751 England unmittelbar einmischte und in =Robert Clive=[102] ein ebenbürtiger Gegner für Dupleix erwuchs. Der Vizekönig besaß noch nicht die volle Herrschaft im ganzen Dekan; er hatte im Norden mit widerspenstigen Fürsten zu schaffen und auch im Süden behauptete sich der von ihm abgesetzte Nabob des Carnatic in einigen festen Städten. Dieser gewann die Engländer für sich. Als der Vizekönig versuchte, ihn mit Hilfe der Franzosen niederzuwerfen, unterstützten ihn die Engländer von Madras, sowie von St. Davids aus mit Truppen. Hiermit war von Mitte Juli 1751 =der Krieg zwischen den Kompagnien= entbrannt. Es folgten zunächst vier Jahre des Kampfes im Carnatic, in denen mit wechselndem Kriegsglück bald die eine, bald die andere Partei im Vorteil war, je nachdem sich die unzuverlässigen indischen Fürsten gruppierten -- auch die Mahratten an der Westküste Vorderindiens, die alten Feinde des Mogulreiches, traten in den Kampf ein; zuerst auf englischer, später auf französischer Seite.
[102] =Robert Clive=, geboren 1725, kam 1743 als Beamter der jüngsten Klasse (Schreiber) der Kompagnie nach Madras, ging aber bald zum Kriegsdienst über und zeichnete sich schon als Fähnrich bei der Belagerung von Pondicherry 1748 aus. Jetzt war er erst 26 Jahre alt, aber mit scharfem, militärischem Blick begabt und in den indischen Angelegenheiten sehr erfahren. Durch seine Erfolge in Bengalen in diesem Kriege wurde er der Begründer der englischen Macht in Indien.
Wohl war die französische Kompagnie anfangs an Europäern wie an Sepoys stärker, aber die Engländer zogen Truppen aus Bengalen heran, und ihre Führer =Lawrence=, sowie =Clive= waren den Franzosen =d'Auteuil= und =Law= (Sohn des berüchtigten Finanzmannes, s. Band I, Seite 595) weit überlegen. Dupleix erhielt von der Heimat keine wesentlichen Unterstützungen, auch mußte er seinen fähigsten Offizier, =de Bussy=, mit einem Teil der Truppen abgeben, um den Vizekönig im Norden zu verstärken und an dessen Hofe Frankreichs Vorteil gegen eine von England gewonnene Partei wahrzunehmen. Zu Ende des Jahres 1752 stand es für die Franzosen sehr schlecht; ein Unternehmen gegen St. Davids -- der erste unmittelbar gegen die Engländer selber gerichtete Stoß -- wurde schon auf dem Anmarsch mit großem Verluste zurückgewiesen.
Anfang 1752 lagen im Carnatic nur noch 360 Franzosen gegen 700 Engländer im Felde; die erste, jetzt erwartete, bedeutendere Verstärkung von der Heimat, 700 Mann, blieb aus, da das Schiff unterwegs verbrannte. Dennoch behauptete sich Dupleix das Jahr über und errang sogar einige Vorteile, als Clive aus Gesundheitsrücksichten nach England gegangen war. Wegen Mangels an Truppen sowie an Geld -- er hatte schon bedeutende Summen aus eigenem Vermögen vorgeschossen --, sowie auf Drängen der Kompagnie, die des kostspieligen Krieges müde war, trat Dupleix im Januar 1754 mit dem Gouverneur von Madras, =Saunders=, in Unterhandlungen. Diese zerschlugen sich aber schon nach wenigen Tagen, da dieser unter keinen Umständen Dupleix als Nabob des Carnatic anerkennen wollte und auch erfahren hatte, daß dessen Stellung in Paris schwer erschüttert sei. Dennoch verlor der tapfere Mann nicht den Mut. Der Nabob von Tanjore, ein mächtiger Fürst, schien geneigt, sich auf seine Seite zu schlagen, im Februar wurde ein Sieg über die besten englischen Truppen erfochten und de Bussy hatte mit dem neuen Vizekönig, dem zweiten Nachfolger des ersten Freundes der Franzosen, ein vorzügliches Verhältnis hergestellt. Wiederum erhielt die Kompagnie große Gebiete an der Orissaküste, =die vier Circars=, die durch ein Einkommen von 400 000 Lstrl. genügende Geldmittel sicherten. So schöpfte =Dupleix= neue Hoffnung, da wurde er am 1. August 1754 =abberufen=.
$Die Abberufung Dupleix'$ war die Folge von Verhandlungen, die schon seit 1752 zwischen den Kompagnien unter Teilnahme der Regierungen geführt wurden. Die englische Regierung machte Dupleix für alle Wirren in Indien verantwortlich und forderte unter Androhung schärfster Maßregeln seine Entfernung; auch Clive vertrat diesen Standpunkt energisch, als er sich 1753/54 in England aufhielt. So lange draußen alles gut ging, war die französische Regierung mit Dupleix ganz zufrieden gewesen und die Kompagnie hatte über die schlechten Geschäftsergebnisse hinweggesehen; als aber von 1752 an eine Hiobspost nach der anderen eintraf und die Mittel zusammenschrumpften, ließ man den tüchtigen Mann fallen. Bei seiner Abberufung erhielt er weder ihm noch zustehende Gelder, noch die von ihm vorgeschossenen 6-7 Millionen Francs, selbst die Einkünfte aus seinem Privatbesitz enthielt man ihm vor, so daß er beinahe mittellos die Heimreise antreten mußte. Ohne daß seine gerechten Ansprüche befriedigt waren, starb er 1764 verlassen und vergessen, während man in England annahm und noch annimmt, daß die Engländer in den nun noch folgenden Kämpfen wahrscheinlich aus Indien verdrängt worden wären, wenn man Dupleix nicht abberufen hätte.
In Europa waren die Regierungen sowie die Kompagnien übereingekommen, beide Gouverneure abzuberufen und die Streitigkeiten durch besondere Kommissäre zu schlichten. England ernannte aber den bisherigen Gouverneur zu seinem Vertreter, während Frankreich einen früher in Bengalen tätig gewesenen Beamten, =Godeheu=, der stets gegen Dupleix intrigiert hatte, zum Kommissar bestellte. Dieser traf am 1. August 1754 mit 2000 Soldaten in Pondicherry ein und übernahm schon am 2. die Geschäfte. Er wies sofort die im Felde stehenden Befehlshaber an, die Feindseligkeiten einzustellen, =schloß= am 26. Oktober einen Waffenstillstand und =im Januar 1755= einen für die französische Kompagnie =höchst ungünstigen Frieden=.
$Godeheu$ folgte bei den Verhandlungen in keiner Hinsicht einer ihm von Dupleix hinterlassenen Denkschrift, in der die politische wie die militärische Lage dargestellt und die erforderlichen Maßnahmen entwickelt waren; auch sah er darüber hinweg, daß England gegen die Abmachung seinen früheren Gouverneur als Kommissar bestellt hatte. Er lieferte die Gefangenen aus, begann die an Frankreich abgetretenen Gebiete zu räumen und benachrichtigte den Vizekönig, daß er sich nicht mehr in dessen Angelegenheiten mischen dürfe; er ließ de Bussy zwar noch im Lager bei diesem, sandte ihm aber weder Truppen noch Geld.
$Das Ergebnis der Verhandlungen$ war, daß sich beide Kompagnien verpflichteten, sich nicht mehr in die Streitigkeiten der indischen Fürsten zu mischen, auch keine Würden oder Ämter vom Großmogul anzunehmen. =England= sollte St. George (Madras), St. Davids (Cuddalore) und Devicotta, =Frankreich= Pondicherry, Carical und Nizampatam behalten; das Gebiet von Masulipatam, das ansehnliche Einkünfte lieferte, wurde geteilt. England behauptete somit alles, was es besessen und hinzugewonnen, Frankreich gab an Besitz und an Einfluß auf, was ihm Dupleix erworben hatte. In den Augen der indischen Fürsten mußte dieser Friedensschluß als ein völliger Sieg Englands erscheinen.
Schon im Februar 1755 sah =Godeheu= seine Aufgabe als erledigt an, gab die Geschäfte an den neuen Gouverneur, =de Leyrit=, einen alten Beamten der Kompagnie, ab und kehrte nach Frankreich zurück. De Leyrit hatte zwar den Auftrag und die Absicht, Godeheus Politik fortzuführen, aber die Ereignisse zwangen ihn bald in andere Bahnen, und die Verwicklungen begannen abermals.
$Die Jahre 1756/57.$ Schon im Februar 1755 brachen die Engländer den Vertrag, indem sie dem Nabob von Carnatic, der nun von den Franzosen nicht mehr bekämpft wurde, wiederum Soldaten stellten, um seine Macht zu befestigen; =de Leyrit= nahm darauf auch seinerseits Partei, verstärkte de Bussy und stellte die Räumung des Orissagebietes ein. Das alte Spiel begann von neuem. Zwar traf =Clive=, zum Kommandanten von St. Davids ernannt, 1755 mit einem Geschwader von 3 Linienschiffen, einem 50-Kanonenschiffe, einer Fregatte und einer Sloop unter Kontreadmiral =Charles Watson= nebst Truppen in Indien ein, um im Einverständnis mit dem Gouverneur von Madras von Bombay aus den Vizekönig des Dekan anzugreifen, wozu auch die Unterstützung der Mahratten gewonnen war, aber die Behörden in Bombay wollten mit Rücksicht auf den eben geschlossenen Frieden nichts davon wissen. Sie benützten die Streitkräfte Clives lieber zur Befestigung ihrer Macht an der Westküste durch Niederwerfung eines Seeräuberstaates.
$Der Seeräuber Angria$ war das Haupt einer Mahrattenfamilie, die seit etwa 100 Jahren an der Westküste Vorderindiens Seeraub trieb und zu großem Landbesitz gekommen war. Sie belästigte sowohl den europäischen Handel wie den der Inder und griff selbst größere Kriegsschiffe an. Jetzt verband sich die englische Kompagnie mit den übrigen Mahratten zur Vernichtung Angrias. Schon im März 1755 nahmen ihre Schiffe den nördlichsten Hafen des Seeräuberstaates, =Bencote= (später Fort Victoria auf 18° Nordbreite), ein und im Januar 1756 gingen Clive und Watson mit ihrer Kriegsflotte, einigen Schiffen der Kompagnie sowie Fahrzeugen der Mahratten und einem Landungskorps gegen die Hauptstadt =Geriah= (auf 16-1/2° Nordbreite) vor. Diese nebst ihren Befestigungen mußte zwei Tage regelrecht beschossen werden, ehe sie sich am 14. Februar ergab. Man erbeutete 100000 Lstrl. an barem Gelde, sowie 30000 an Gütern, und verbrannte die Seeräuberflotte, die aus einigen größeren Segelschiffen und zahlreichen Rudergaleren bestand. Die Engländer behielten die ganze Beute und auch den festen Platz, da die Mahratten sich unzuverlässig gezeigt hatten.
Im Mai 1756 trafen Clive und Watson dann vor St. Davids ein, und der Gouverneur von Madras wollte nun angriffsweise gegen die Franzosen vorgehen, insbesondere gegen de Bussy, der durch englische Einwirkung zur Zeit mit dem Vizekönig entzweit war. Dies wurde zwar durch die Ereignisse in Bengalen verhindert, aber =der offene Krieg zwischen den Kompagnien= brach gleichwohl =in Bengalen= wie =im Carnatic= aus.
$England wirft Frankreich in Bengalen nieder 1756/57.$ Bengalen war lange Zeit von einem Vizekönig -- wie der im Dekan ein ziemlich unabhängiger Vasall des Großmogul -- regiert, der beide Kompagnien gleich begünstigte, um seinen Vorteil daraus zu ziehen; während des vorigen Krieges hatte er alle Feindseligkeiten zwischen ihnen verhindert. Im Jahre 1756 kam sein Enkel auf den Thron, dem der wachsende Einfluß der Europäer ein Dorn im Auge war. Dieser fiel schon im ersten Jahre über die Engländer her, nahm die Faktorei Cosimbazar ein und griff am 18. Juni =Kalkutta= an, wo nur 260 englische Soldaten und 250 Milizen standen. Sie riefen die Holländer in Chinsura, sowie die Franzosen in Chandernagore um Hilfe an, aber jene lehnten rundweg ab, diese rieten Aufgabe der Stadt und Rückzug nach Chandernagore. Die Engländer beschlossen nun allgemeine Flucht auf den vorhandenen Schiffen. Zuerst sollten die Familien mit der wertvollsten Habe an Bord gehen, aber man verlor den Kopf, und nur der Gouverneur sowie die höheren Offiziere retteten sich. Bei dem Sturm der Inder auf Kalkutta fielen 95 Engländer, die Soldaten flohen, und nach Einnahme der Stadt kamen von den übriggebliebenen 146 Männern 123 in dem berüchtigten Black Hole um; einem 18 Fuß langen und 14 Fuß breiten Raume, in dem sie für eine Nacht eingesperrt waren. Der Vizekönig besetzte die Zitadelle Fort William und zwang die Franzosen wie die Holländer zur Zahlung hoher Summen.
Auf die Nachricht von diesen Ereignissen, die im August 1756 in Madras eintraf, beschloß man hier, vor allem in Bengalen Rache zu nehmen. Schiffe, Mannschaft sowie tüchtige Offiziere, Clive und Lawrence, waren vorhanden, aber zwei Monate dauerte der Streit der maßgebenden Personen über die Stellung von Flotte und Heer zueinander, über den Oberbefehl, ja sogar über die Verteilung der Beute. Hervorzuheben ist, daß Admiral Watson die soeben erhaltene Anweisung, mit dem Geschwader nach England zurückzukehren, in richtiger Würdigung der Verhältnisse in Indien nicht befolgte. Erst am 16. Oktober segelte die Expedition ab. =Clive=, der die Truppen führte, erhielt den Befehl, im April 1757 wieder in Madras zu sein, weil in Europa der Krieg ausgebrochen war, und Frankreich beabsichtigte, große Verstärkungen nach Pondicherry zu senden. =Watsons= Geschwader zählte die obengenannten Kriegsschiffe (mit Ausnahme der Sloop) und ein Mörserboot; Clive befehligte 906 englische und 1500 indische Soldaten.
An der Koromandelküste blieben nur die schwachen Besatzungen der festen Plätze sowie einige Schiffe der Kompagnie zurück. Die Expedition war am 27. Dezember an der Mündung des Ganges versammelt, wo man die Flüchtlinge von Kalkutta fand; dann drang man zu Wasser und zu Lande ohne erheblichen Widerstand stromaufwärts vor, nahm am 2. Januar 1757 nach zweistündiger Beschießung Kalkutta nebst Zitadelle und wenige Tage darauf die Stadt Hugly, 30 Seemeilen weiter stromauf. Der Vizekönig war mit seinem eigentlichen Heere noch nicht herangekommen, sondern versuchte, die Franzosen vorher auf seine Seite zu ziehen. Diese zeigten sich unschlüssig, da sie hofften, die Bedrängnis der Engländer wie im vorigen Kriege zum Abschluß einer Neutralität ausbeuten zu können. Geschickt hielt nun Clive die Franzosen mit Verhandlungen hin, bis er einen bedeutenden Sieg über die Truppen des Vizekönigs errungen und diesen am 9. Februar zu einem Friedensschluß bewogen hatte, in dem England alle früheren Vorrechte zurückerhielt.
=Clive= hatte seine Aufgabe erfüllt und konnte nun nach Madras zurückgehen. Er erachtete aber die Gelegenheit für günstig, die Franzosen anzugreifen und schloß am 14. März 1757 im Verein mit =Watson= die Stadt =Chandernagore= ein, die gut befestigt, aber nur von 446 Europäern und 300 Sepoys verteidigt war. Am 19. zerstörten die Boote der Flotte einige diese bedrohende Brander; am 23. wurde die Stadt vom Lande wie vom Flusse her beschossen, worauf die Franzosen sie übergaben. Damit war =die französische Macht in Bengalen vernichtet= und der Kampf der Kompagnien hier beendet.
$Weitere Ereignisse in Bengalen bis 1763.$ =Clive= wollte jedoch noch seine Stellung den indischen Fürsten gegenüber befestigen und blieb deshalb in Bengalen, trotz mehrfacher, dringender Mahnungen aus Madras. Er hatte einen Angriff des Vizekönigs zu erwarten, der über die Einnahme von Chandernagore empört war und mit dem Rest der von dort nach Bhagulpore, etwas weiter stromauf geflohenen Franzosen sowie mit de Bussy im Dekan in Verbindung trat. Durch Verhandlungen und Intrigen gelang es Clive, eine Verschwörung gegen den Vizekönig in dessen Lager anzuzetteln und ihn mit nur 1000 Europäern nebst 2000 Sepoys gegen eine zwanzigfache Übermacht bei Plassey vernichtend zu schlagen. Dann setzte er einen England ergebenen Mann an dessen Stelle.
=Die Schlacht bei Plassey am 23. Juni 1757 gilt als der Anfang der englischen Herrschaft in Indien.= Noch fast das ganze Jahr 1758 über hielt Clive seine Landstreitmacht in Bengalen zusammen, um die Herrschaft des neuen Vizekönigs zu befestigen; erst im Oktober sandte er 500 Europäer und 2000 Sepoys nach Vizagapatam an der Orissaküste. Er selber ward jetzt zum Gouverneur von Bengalen ernannt, und damit weiter unabkömmlich; bald wurde auch der Vizekönig ihm feindlich gesinnt. Als im August 1759 sieben holländische Ostindienfahrer mit 1500 Soldaten für die Niederlassung Chinsura vor dem Ganges eintrafen, mußte er befürchten, daß der Vizekönig diese für seine Zwecke benützen würde. Er verlangte deshalb, daß ihnen die Einfahrt in den Strom verboten wurde, und als dies nicht geschah, ließ er sie auf ihrer Fahrt stromauf durch englische Ostindienfahrer und durch seine Truppen wegnehmen; auch zwang er die holländische Niederlassung zur Verpflichtung, keine Befestigungen anzulegen sowie keine Truppen zu halten, und gab die Schiffe nur gegen Zahlung einer Entschädigung zurück, die seine Kriegskosten deckte. Alles dies geschah, obgleich England mit Holland im Frieden war.
Anfang 1760 kam =Clive= nach England, wo er als =Baron v. Plassey= zum Peer von Irland ernannt und ins Parlament berufen wurde; sein Vermögen zählte mehrere Millionen. Erst 1764 kehrte er infolge auftretender Unruhen als =Generalgouverneur= und Chef aller Truppen nach Kalkutta zurück, wo sich bis dahin seine Nachfolger, wenn auch unter schwierigen Verhältnissen und mancherlei Kämpfen, behauptet hatten. 1767 ging Clive aus Gesundheitsrücksichten abermals nach England; er wurde 1772 wegen Mißbrauch seiner Gewalt in Indien zur Untersuchung gezogen, verteidigte sich aber so glänzend, daß die Verhandlung niedergeschlagen und seine großen Verdienste förmlich anerkannt wurden. Krank am Körper und verbittert im Gemüt, ergab er sich dem Opiumgenuß und endete durch Selbstmord am 22. November 1774.
$In Vorderindien$ dagegen stand $1757$ die Sache der Engländer schlecht. =De Leyrit= hatte Ende 1756 gleichfalls die Nachricht erhalten, daß man daheim eine große Expedition ausrüste, um die Engländer aus Indien zu vertreiben; er beschloß, schon vor Eintreffen derselben die Entsendung der englischen Truppen nach Bengalen zum Vorgehen zu benutzen. Vom April 1757 an bemächtigte er sich verschiedener fester Plätze im Carnatic, und auch =de Bussy=, der seine Stellung am Hofe des Vizekönigs trotz aller englischer Umtriebe behauptet hatte, nahm englische Niederlassungen im Norden genannter Provinz sowie an der Orissaküste fort, hier z. B. Vizagapatam. De Bussy war dadurch verhindert, dem Rufe des Vizekönigs von Bengalen Folge zu leisten; als ihm dies 1758 möglich gewesen wäre, wurde er beordert, seine Truppen zu einem großen Schlage im Carnatic heranzuführen, da die erwartete Expedition aus Frankreich eingetroffen war.
$Im Jahre 1758$ =gewinnt die Kriegführung zur See an Bedeutung=. Schon am 6. März 1757 waren 3 Schiffe der französisch-indischen Kompagnie mit 2 Bataillonen von Lorient nach Isle de France gesegelt, hier vereinigte sich der Gouverneur =Bouvet de Loziers= nebst drei weiteren Kompagnieschiffen mit ihnen und landete die Truppen im August bei Pondicherry, ohne Behinderung durch das englische Geschwader in Bengalen oder eine eben für dieses in Bombay eingetroffene Verstärkung von 3 Linienschiffen unter Kommodore =Charles Stevens=. Er kehrte dann nach Isle de France zurück, um das Gros der Expedition zu erwarten. Dieses verließ, durch Änderungen in seiner Zusammensetzung aufgehalten, erst am 2. Mai Lorient. Die Seestreitkräfte bestanden aus einem Linienschiffe und 6 (oder 10?) größeren Schiffen, sowie 2 Fregatten der Kompagnie unter dem Chef d'Escadre =Comte d'Aché=; eingeschifft waren 1200 Soldaten unter Generalleutnant =Comte de Lally=, der zum Oberbefehlshaber in Indien ernannt war.
Infolge ungünstiger Windverhältnisse -- man spricht auch von Ungeschicklichkeit der Kommandanten --, sowie einer Epidemie an Bord, die zu einem sechswöchentlichen Aufenthalt in Rio de Janeiro zwang, erreichte die Expedition erst am 16. Dezember Isle de France. Der Admiral stellte hier aus den besten aller versammelten Schiffe ein Geschwader von 11 Segeln zusammen, übte es in den dortigen Gewässern, ging dann nach Indien und ankerte am 28. April 1758 vor der Stadt Cuddalore; er überraschte hier zwei englische Fregatten, die genötigt waren, sich auf den Strand zu setzen und zu verbrennen. Graf de Lally segelte auf 2 Schiffen (einem zu 74 Kanonen und einer Fregatte) mit seinem Stabe nach Pondicherry weiter, um von hier aus Cuddalore zu Lande anzugreifen.
=Comte de Lally=, Baron de Tollendale, ein Irländer von Geburt, der England glühend haßte, galt im französischen Kriegsministerium als ein hervorragender Offizier. Er hatte schon 1755 als einziges Mittel, Englands Herr zu werden, eine Landung dort oder unbedingte Sicherung Kanadas oder die Vertreibung des Gegners aus Indien empfohlen -- mit anderen Worten, die Hauptkraft auf =ein= Ziel zu richten. Lange zögerte man mit einem Entschlusse, als man endlich überzeugt war, daß England unbedingt Kanada zu erobern strebte, wurden 3 Linienschiffe, mehrere Schiffe der Kompagnie nebst 3000 Mann für Indien bestimmt. De Lally erhielt den Oberbefehl, obgleich er den indischen Verhältnissen ganz fremd war, auch wurden die an sich schon genügenden dafür bestimmten Kräfte zugunsten des Krieges in Nordamerika auf die oben angegebene Stärke von Schiffen und Truppen herabgesetzt. Es trat hinzu, daß zwischen Lally und Aché das denkbar schlechteste Einvernehmen herrschte und daß ihr dienstliches Verhältnis zueinander keineswegs genügend geregelt war.
Was Lallys Stellung in Indien anbetraf, so erteilte man ihm die weitgehendste Vollmacht und stellte ihm als Hauptaufgabe die Vertreibung der Engländer und die Hebung des Handels hin; er sollte nicht etwa die Politik Dupleix' verfolgen, die doch de Leyrit sowie de Bussy notgedrungen hatten wieder aufnehmen müssen. Da Lally außerdem von schroffem, wenn auch ehrenwertem Charakter war, kann es nicht wundernehmen, daß er dem Gouverneur von Pondicherry, sowie den Beamten und Offizieren sehr ungelegen kam. In der Stadt angelangt, traf er sofort seine Anordnungen, ohne jemand um Rat zu fragen.
$Die Seeschlacht vor Cuddalore, 29. April 1758.$ Das englische Geschwader in Indien führte jetzt Vizeadmiral =George Pocock=, da Watson im August 1757 gestorben war; er lag am 24. März in Madras, als die Verstärkung unter Stevens zu ihm stieß. Am 17. April ging er in See, um Cuddalore vor dem erwarteten französischen Geschwader zu schützen, traf aber erst am 29. vor der Stadt ein. =D'Aché= lichtete, als die Engländer zu Luward in Sicht kamen, Anker, bildete die Kiellinie beim Winde -- der Wind war SO -- über Backbordbug und erwartete den Angriff. Dieser erfolgte genau nach der englischen Gefechtsinstruktion (vgl. Seite 39) und =die Schlacht= blieb infolgedessen, wie gewöhnlich, =unentschieden=, wurde =aber ein strategischer Erfolg der Franzosen=.
$Der Verlauf der Schlacht vor Cuddalore[103].$ Um 2-1/4 Uhr nachmittags hatte auch =Pocock= etwa drei Seemeilen querab vom Feinde die Kiellinie beim Winde über Backbordbug gebildet und steuerte nun mit seinem Flaggschiff schräg auf das feindliche zu, um so sein Geschwader Spitze auf Spitze und Flaggschiff gegen Flaggschiff auf nahe Entfernung neben das feindliche zu legen. In den Gefechtslinien traten sich 9 französische Schiffe mit 476 Kanonen und 7 englische mit 404 Kanonen in folgender Reihenfolge, nach Zahl der Geschütze bezeichnet, entgegen:
Die französische Linie: 58 54 44 56 74 (Flagge) 50 44 36 60 Die englische " 60 50 56 64 (Flagge) 56 50 60
[103] Nach: Mahan I; Bonfils II; Clowes III; Troude I.
Bei der scheinbaren Überlegenheit der Franzosen durch größere Zahl der Schiffe und Kanonen muß man aber berücksichtigen, daß nur ihr Flaggschiff der Königlichen Marine angehörte und daß die Kompagnieschiffe aus verschiedenen Gründen (vgl. Seite 57) Kriegsschiffen gleicher Größe an Gefechtskraft nicht ebenbürtig waren.
Die Angriffsart brachte für die Engländer die ihr anhaftenden Nachteile mit sich. Die vordersten vier Schiffe einschließlich des Flaggschiffes kamen zwar gut an die feindliche Linie heran, hatten aber auf dem Wege dahin fast deren ganzes Feuer auszuhalten, ohne es erwidern zu können, bis sich etwa um 3-3/4 Uhr Pocock querab von Aché wieder an den Wind legte und das Signal zum Nahgefecht gab. Die drei Schiffe hinter Pocock traten nicht sogleich in dieses ein; sie waren beim Heransegeln etwas zurückgeblieben, sei es durch Ungeschick, sei es dadurch, daß der unmittelbare Hintermann des Admirals ein schlechter Segler war. Dies konnte für die vorderen Schiffe bedenklich werden, doch auch in der französischen Linie traten Mißstände hervor: das dritte Schiff von vorn verlor sogleich sein Ruder und verließ die Linie; das kleine Schiff von 36 Kanonen wurde durch eine Breitseite aus ihr vertrieben; das Schlußschiff zu 60 Kanonen hatte sich von Anfang an nicht auf seinem Posten, sondern weiter in Lee gehalten. Auf erneutes Signal Pococks kamen die hinteren Schiffe zögernd näher, besonders das sechste zeigte sich so langsam, daß das siebente endlich an ihm vorbeisegelte. Beim Herankommen dieses großen Fahrzeuges scheint das schwache französische Schiff zu 44 Kanonen etwas aus der Linie gewichen zu sein. Hinter Pocock war so in der englischen Linie eine Lücke entstanden und sein Schiff wurde auch vom Hintermann d'Achés beschossen, während es wie seine Vorderleute unter langsamer Fahrt in scharfem Gefecht weitersegelte. Gegen 6 Uhr kamen die beiden französischen Schiffe in Sicht, die Lally nach Pondicherry gebracht hatten.
Bis zu diesem Zeitpunkt sind die verschiedenen Angaben über den Verlauf des Gefechtes wohl in Übereinstimmung zu bringen, über das nun folgende Manöver des französischen Admirals weichen die Meinungen ab. =D'Aché= erteilte nämlich jetzt den Befehl zum Halsen, wartete jedoch nicht ab, bis das Signal beantwortet war, sondern führte das Manöver mit dem Flaggschiff sofort aus. Die Schiffe hinter ihm folgten seinem Beispiele, wobei sein dichtaufgeschlossener Hintermann Gelegenheit hatte, dem englischen Flaggschiffe beim Vorbeisegeln nochmals eine Breitseite zu geben; die Schiffe vor ihm brachen das Gefecht erst etwas später ab, so daß die Ordnung der französischen Linie gestört war.
Einige Quellen erzählen nun, d'Aché habe durch »gleichzeitiges Halsen« aller Schiffe schnell die Linie über Steuerbordbug bilden, dann in der Lücke der englischen Linie durchbrechen und so deren letzte Schiffe abschneiden wollen; diese Absicht sei durch seine Ungeduld vereitelt. Andere nehmen an, er habe das Gefecht abgebrochen, um die ausgefallenen sowie die von Pondicherry kommenden Schiffe an sich zu ziehen und weiter in Lee aufs neue den Angriff abzuwarten; er habe dazu den Befehl »im Kontremarsch Halsen« gegeben. Diese Ansicht hat für sich, daß ein derartiges Manöver fast ganz der späteren Taktik der Franzosen (vgl. Seite 42) entsprechen würde, auch ist es bei dieser Annahme leichter zu erklären, daß der Hintermann des Admirals »beim Vorbeisegeln« nochmals eine Lage auf den englischen Admiral abgeben konnte. Tatsächlich wurde das Gefecht durch das Manöver abgebrochen und nicht wieder aufgenommen, denn die Nacht kam herauf. Aber auch sonst wäre =Pocock= zu einem zweiten Angriffe nicht in der Lage gewesen, da seine vordersten Schiffe zu sehr beschädigt waren -- eine weitere gewöhnliche Folge der englischen Angriffsart; der schon gegebene Befehl zur Verfolgung des Feindes mußte aus diesem Grunde widerrufen werden.
=Der Verlust= der Engländer betrug nur 29 Tote, sowie 89 Verwundete; der der Franzosen 162 und 360. Dieser große Unterschied war einerseits die Folge der verschiedenen Taktik -- bekanntlich schossen die Franzosen auf die Takelage, die Engländer auf den Rumpf --, anderseits aber auch des Umstandes, daß die französischen Schiffe mit Soldaten Lallys überfüllt waren.
Erwähnt sei, daß =d'Aché= den Kommandanten seines letzten Schiffes wegen Lauheit im Gefecht des Kommandos entsetzte, und daß auch von den drei Kommandanten der letzten englischen Schiffe durch kriegsgerichtlichen Spruch einer entlassen, ein zweiter vom Kommando enthoben und der dritte auf ein Jahr im Dienstalter zurückgestellt wurde.
$Die Franzosen nehmen St. David 1758.$ Nach der Schlacht segelte =Pocock= nach Sadras, um seine Schiffe auszubessern, gab also den Schutz von Cuddalore auf. =D'Aché= ankerte zunächst bei Lampraavy, 20 Seemeilen südlich von Pondicherry; -- hier ging ein Kompagnieschiff zu 74 Kanonen verloren, das infolge beschädigten Ankergeschirrs strandete -- und segelte dann nach Pondicherry; er stand also noch immer zwischen Cuddalore und dem Feinde. =De Lally= hatte aber schon am 29. April Truppen gegen diese Stadt in Bewegung gesetzt, nahm sie am 3. Mai und schritt zur Belagerung des Forts St. David. Die Engländer verfügten hier nur über 619 weiße und 1600 indische Soldaten, die Franzosen fast genau über dieselbe Gesamtzahl, aber im umgekehrten Verhältnis. Am 16. begann die Beschießung, bald fielen die Außenwerke, und am 2. Juni ergab sich das Fort; die Besatzung wurde kriegsgefangen.
Die Engländer räumten kurz darauf auch =Devicotta=; von wichtigeren Plätzen behielten sie nur noch Madras und Trichinopoly. =Pocock= hatte versucht, St. David zu entsetzen; er war am 10. Mai von Sadras in See gegangen, infolge ungünstigen Windes aber erst am 30. bis auf die Höhe von Pondicherry gekommen. D'Aché erhielt von de Lally den Auftrag, den Gegner zu schlagen; er ging zwar in See, hielt sich aber zu Luward vom Feinde und kehrte bald auf Verlangen der Behörden in Pondicherry -- de Lally war nach St. David abgegangen -- zum Schutz dieser Stadt zurück. Pocock hatte seinerseits nicht an den Feind herankommen können; als er am 6. Juni die Nachricht von dem bevorstehenden Falle St. Davids erhielt, segelte er nach Madras, um wenigstens diesen Platz zu schützen.
$Die Schlacht vor Negapatam am 3. August 1758.$ Nach der Einnahme von St. David wäre es de Lally bei seiner großen Überlegenheit an Soldaten wahrscheinlich leicht geworden, Madras zu erobern, und er forderte auch d'Aché zur Mitwirkung hierbei auf; dieser lehnte jedoch mit der Begründung ab, daß er in Ceylon Vorräte auffüllen müsse und dabei gegen den englischen Handel kreuzen wolle. =De Lally= zog nun am 18. Juni gegen Tanjore zu Felde, um hier eine alte Schuldforderung einzutreiben. Er erreichte die Stadt erst am 18. Juli, wurde dann durch Verhandlungen sowie kleine Teilzahlungen hingehalten, und als er endlich zum Sturme schreiten wollte, erhielt er die Nachricht, daß das französische Geschwader vor Negapatam geschlagen und Karikal, von wo aus sein Heer allein verpflegt werden konnte, sowie Pondicherry in Gefahr seien. Er ging deshalb am 10. August auf diese Stadt zurück. Am 17. Juli war =Pocock= dort erschienen, und =d'Aché=, der so lange untätig gelegen hatte, ging nun in See, anscheinend, um sich einem Kampfe zu entziehen, und steuerte, von Pocock gefolgt, südwärts. Die nächsten Tage brachten nur Manöver der beiden Geschwader, teils in Sicht, teils außer Sicht voneinander, aber am 3. August erfolgte der Zusammenstoß. Die Streitkräfte waren dieselben wie bei Cuddalore; französischerseits traten die damals nach Pondicherry gesandten Schiffe jetzt an die Stelle des gestrandeten und des kleinsten zu 36 Kanonen; wieder standen 9 Franzosen gegen 7 Engländer.
$Der Verlauf des Kampfes vor Negapatam.$ Am 3. August um 5 Uhr vormittags sichtete Pocock den Gegner, der tags zuvor aus Sicht gewesen war, zu Luward in Gefechtslinie vor Negapatam. Während er sein Geschwader ordnete, wären infolge flauen Windes und zeitweiser Stille fast seine beiden letzten Schiffe abgeschnitten. Um Mittag sprang Seebrise auf, wodurch die Engländer die Luvstellung erhielten, und um 12-1/2 Uhr griff Pocock in der üblichen Weise an. Es kam zu einem zweieinhalbstündigen Kampfe, der zwar ganz nach Vorschrift begonnen, aber nicht lange so durchgeführt zu sein scheint. Gleich nach dem Zusammenstoß fing das vorderste französische Schiff am Kreuzmast Feuer, mußte diesen kappen und wäre verloren gewesen, wenn sein Hintermann es nicht gedeckt hätte. Dem französischen Admiralschiff wurde das Ruderrad zerschossen, es trieb auf ein anderes, und auch hier legte sich ein drittes zwischen diese beiden und den Gegner; die zwei 44-Kanonenschiffe wurden bald aus der Linie vertrieben. So war die französische Ordnung schnell gelöst und d'Aché, dessen Schiff gleich nach Ausbesserung des Ruders in Brand geriet, gab gegen 2 Uhr nachmittags den Befehl, das Gefecht abzubrechen. Die Schiffe hielten in Unordnung ab. Pocock gab zwar den Befehl zur allgemeinen Jagd und führte bis 3 Uhr noch ein laufendes Gefecht, aber die Franzosen entkamen; einige englische Schiffe waren wieder so in der Takelage zerschossen, daß man das Überbordgehen der Masten befürchten mußte. =Der Verlust= der Engländer betrug 31 Tote und 166 Verwundete gegen 250 bzw. 600 der Franzosen; beide Geschwaderchefs waren verwundet.
=Die Schlacht vor Negapatam= muß als taktisch unentschieden bezeichnet werden und schließt für die nächste Zeit den Seekrieg in Indien, der französischerseits aufgegeben wurde. =D'Aché= ging nämlich nach Pondicherry, fand hier auch noch Material zur Ausbesserung seiner Schiffe, hielt es aber noch für nötig, diese zu kalfatern, was hier bei Anwesenheit des Feindes nicht angängig war. Obgleich er Befehl hatte, bis zum 15. Oktober in den indischen Gewässern zu bleiben, lehnte er die erneute Aufforderung zu einem Angriff auf Madras ab und erklärte, er dürfe die Schiffe in ihrem jetzigen Zustande weder einem neuen Kampfe noch den Unbilden der schlechten Jahreszeit aussetzen, er müsse sie, die so wichtig für Indien seien, erhalten. Trotz de Lallys Einsprache und den Bitten der Behörden ging er am 3. September nach Isle de France in See. Wahrscheinlich haben sein schlechtes Einvernehmen mit de Lally sowie die Überzeugung von der Überlegenheit der englischen Seestreitkräfte zu diesem Entschluß beigetragen. =Pocock= hatte nach der Schlacht vor Karikal gelegen und dadurch wohl zum Abbruch der Belagerung von Tanjore mitgewirkt, blieb aber sonst untätig; schon am 20. August ging er zum Überwintern nach Bombay. Dies muß befremden, da er nichts von d'Achés Absicht wußte, Indien zu verlassen, und da doch die englische Sache am Lande recht ungünstig stand. Alle englischen Quellen übergehen diesen Punkt! Während er in Trincomali auf Ceylon Wasser nahm, wurde ihm durch eine Ausguckfregatte das Passieren der Franzosen auf ihrem Wege nach Isle de France gemeldet; er ging sofort in See, konnte den Gegner aber nicht mehr erreichen.
$Niederlagen der Franzosen 1759.$ Obgleich von d'Aché im Stich gelassen und durch Geldmangel gelähmt, gab =de Lally= seinen Plan nicht auf. Nach Heranziehen de Bussys aus dem Dekan eroberte er im Oktober 1758 Arcot, die Hauptstadt des Carnatic, um sich Geld zu verschaffen, und wenn er auch hier fast nichts fand -- seine ganzen Mittel bestanden in 94000 Rupien und das Heer allein kostete im Monat 40000 --, zog er doch Anfang November mit 2700 Europäern sowie 5000 Sepoys =gegen Madras=, das durch Major =Lawrence= mit 1760 Engländern nebst 2400 Indern besetzt war. Da sich die Engländer in die Zitadelle, Fort George, zurückzogen, fiel die Stadt sogleich, am 12. Dezember, in die Hände der Franzosen, die hier eine Beute von 15 Millionen Francs gemacht haben sollen, von denen aber nur 92000 in die amtliche Kasse geflossen sind. Infolge mangelnder Mannszucht, ja des stillen Widerstandes vieler Offiziere, auch de Bussys, der über die Abberufung von seiner so wichtigen Mission im Dekan empört war, sowie der Tapferkeit der Engländer zog sich die Belagerung des Forts lange hin. Im französischen Lager herrschte bald Mangel, während die Belagerten trotz der Winterstürme über See aus Bengalen Zufuhren erhielten.
Am 16. Februar 1759 wollte de Lally einen Sturm wagen, da trafen in der Stadt zwei englische Fregatten nebst 6 Fahrzeugen mit Soldaten, Munition und Proviant von Bombay ein, so daß er die Belagerung abbrechen und das schwere Geschütz im Stich lassen mußte. An der =Orissaküste= errangen die Engländer gleichfalls Erfolge. Die im Oktober 1758 von Clive aus Bengalen dort hingesandten Truppen schlugen die Franzosen im Dezember vernichtend und zwangen im Januar 1759 in Masulipatam ihre Trümmer zur Übergabe. Der Vizekönig vom Dekan trat jetzt auf seiten Englands, wies die Franzosen aus seinem Reiche aus und teilte das ihnen früher überlassene Land, diese wichtige Errungenschaft Dupleix', den Engländern zu.
=De Lally= sah sich auf wenige feste Plätze außer Pondichery beschränkt und für den Sommer 1759 zur Untätigkeit verdammt; seine letzte Hoffnung war das Geschwader d'Achés, dessen Rückkehr längst fällig war. Glücklicherweise vermochte auch der Gegner nichts zu unternehmen, denn die Kompagnie sandte kein Geld, in der Meinung, daß die bengalische Beute alles bezahlt mache.
$Die Schlacht vor Porto Novo, 10. September 1759.$ =Pocock= hatte mit seinem Geschwader am 7. April Bombay verlassen und kreuzte in Erwartung des Gegners an der Koromandelküste; zu ihm stieß im Juni, von der Heimat kommend, Kontreadmiral =Charles Stevens= mit 2 Linienschiffen. =D'Aché= erschien erst im September wieder in Indien. Wenn er somit gerade ein Jahr vom Felde seiner Tätigkeit entfernt blieb, so ist dies keineswegs ihm allein zur Last zu legen. Bei seiner Ankunft in Isle de France im Oktober 1758 fand er zwar 3 Linienschiffe vor, die von Frankreich mit einigen wenigen Soldaten (90 oder 180 Mann), etwas Munition sowie 800000 Francs für Indien angekommen waren, aber die Zustände auf Isle de France und Bourbon waren derart, daß er sein Geschwader nur mit Mühe und in langer Zeit wieder schlagfertig machen konnte.
Auf Isle de France herrschte eine Hungersnot, die durch die Ankunft des Geschwaders noch fühlbarer wurde. Der Admiral mußte im November 9 Schiffe nach Kapstadt senden, um Nahrungsmittel zu holen; die dort erlangten Vorräte genügten aber nicht im geringsten, so daß der Gouverneur den Admiral des öftern bat, mit den Schiffen die Insel zu verlassen. Es fehlte ferner an Ersatzmannschaften, an Munition sowie an jeglichem Material; man war genötigt, aus Ankertauen Tauwerk für die Takelage anzufertigen. Schließlich schleppte man einige Schiffe auf, um mit deren Personal und Material den anderen auszuhelfen. -- Diese Mißstände beweisen die Unfähigkeit und Kurzsichtigkeit, mit denen Frankreich den Seekrieg führte; man wollte in Indien stark auftreten und hatte nichts zur Erhaltung der Schlagfertigkeit seiner Streitmittel vorgesehen. =D'Aché= schrieb nach seiner Ankunft in Port Louis: »Ich verließ Indien, da es dort an allem mangelte, ich kam hier an und geriet in noch größere Not.« Vor seiner Rückfahrt nach Indien berichtete er: »Ich bin im Begriff, abzusegeln, um meine Besatzungen vor dem Hungertode zu retten, aber man kann von dem Geschwader nichts erwarten, wenn keine Hilfsmittel gesandt werden.«
Am 17. Juli 1759 ging =d'Aché= endlich von Port Louis in See, lief Bourbon sowie Madagaskar an, um sich noch nach Möglichkeit mit Vorräten zu versehen, erreichte am 30. August Batticaloa auf Ceylon und stieß am 2. September an der Nordostspitze dieser Insel auf das englische Geschwader. Wieder vergingen einige Tage mit Manövrieren; erst der 10. September brachte =die dritte Schlacht zwischen Pocock und d'Aché= auf der Höhe von Porto Novo.
Vom $Verlauf der Schlacht vor Porto Novo$ bringen die Quellen beider Völker nur Angaben über die Zusammenstöße einzelner Schiffe, jedoch nichts über die Taktik[104]. Die =Streitmittel= bestanden auf englischer Seite in 9 Schiffen zu 50-68 Kanonen nebst einer Fregatte, auf französischer Seite in 4 Linienschiffen zu 64-74 Kanonen, 5 Kompagnieschiffen zu 54-68 Kanonen, nebst 2 Fregatten. Wieder also waren die Franzosen an Zahl der Schiffe wie der Geschütze überlegen, und das Verhältnis der Königlichen Schiffe zu denen der Kompagnie hatte sich günstiger gestaltet als in den beiden früheren Gefechten. Beide Geschwader lagen in Kiellinie über Backbordbug, und die Engländer griffen um 11 Uhr vormittags von Luward her an. Der Angriff scheint gut gelungen zu sein, so daß der Kampf bald auf der ganzen Linie im Gange war. Etwa um 4 Uhr hielt das französische Flaggschiff auf Befehl des zweitältesten Offiziers ab -- der Kommandant war gefallen, der Admiral zum Verbinden einer Wunde unter Deck gegangen -- und die übrigen Schiffe folgten dem Beispiel in der Annahme, das Gefecht solle abgebrochen werden. Die Engländer waren aber nicht imstande zu folgen, da ihre vordersten Schiffe wie gewöhnlich stark beschädigt waren. Die Nacht über lag das englische Geschwader in Gefechtslinie bei, die beschädigten Schiffe besserten hinter ihr aus. Am nächsten Tage sahen sich die Gegner nur auf weitere Entfernung und verloren sich gegen Abend aus Sicht, da die Franzosen nach Norden aufkreuzten, während die Engländer nach Süden segelten; letztere hatten dabei drei Schiffe im Schlepp, waren also wohl nicht imstande, am Feinde zu bleiben. =Der Verlust= betrug auf englischer Seite 569 Tote und Verwundete, auf französischer gegen 1500.
[104] So sagt z. B. Clowes, die Schlacht biete nichts taktisch Bemerkenswertes; Bonfils schreibt, nähere Angaben seien nicht vorhanden.
Auch diese =Schlacht= blieb =taktisch unentschieden, beendete aber= durch ihre Folgen =den Krieg= zugunsten der Engländer. =Pocock= besserte seine Schiffe vor Negapatam notdürftig aus und segelte dann nach Madras. Auf dem Wege hielt er sich den 27. September über vor Pondichery auf, dem Gegner vergeblich den Kampf anbietend. Hierher war =d'Aché= gesegelt und hatte seine Truppen gelandet; er erschien auch vor dem Hafen, aber wohl nur, um nicht vor Anker angegriffen zu werden. So hatte =de Lally= zwar eine kleine Verstärkung erhalten, Unterstützung durch die heißersehnte Flotte sollte ihm jedoch nicht zuteil werden. =D'Aché= erklärte wiederum, der Zustand seiner Schiffe erlaube ihm nicht, dem Feinde nochmals entgegenzutreten, um so weniger, da dieser in nächster Zeit aufs neue eine Verstärkung erwarte. Er gab zwar 900 Mann von den Schiffsbesatzungen ab, ging aber am 30. September nach Isle de France unter Segel, und nach seiner Abfahrt kamen =keine französischen Seestreitkräfte mehr nach Indien=[105].
[105] Ein geringer Erfolg des =Comte d'Estaing= in den indischen Gewässern 1759/60 soll bei Schilderung des Kleinen Krieges erwähnt werden.
Die Absicht, d'Achés Geschwader im Jahre 1760 dort wieder auftreten zu lassen, hat wohl bestanden, aber man hielt es zurück, da es hieß, England rüste eine Expedition gegen Isle de France aus (vgl. Seite 161). Außerdem waren durch einen Orkan im Januar 1760 mehrere Schiffe kriegsunbrauchbar geworden. =D'Aché= segelte dann im Dezember dieses Jahres mit dem größeren Teile des Geschwaders nach Frankreich; die zurückbleibenden Schiffe mußten wegen Mangels an Ankergeschirr auf den Strand geschleppt werden.
$Beurteilung d'Achés.$ Dieser Admiral -- geboren 1702, 1717 in die Marine eingetreten, 1743 Kapitän, 1756 Chef d'Escadre -- wird von den meisten französischen Schriftstellern zwar als ein tüchtiger Seemann, aber als ungeeignet für höhere Stellungen bezeichnet; auch werden ihm Kleinlichkeit und Halsstarrigkeit vorgeworfen. Diese soll er schon 1748 dadurch gezeigt haben, daß er das Kommando eines Schiffes ablehnte, das er »ohne Grund« als seeuntüchtig erklärt hatte, und auch beim Antritt seines Kommandos nach Indien machte er Schwierigkeiten, da ihm die Seestreitkräfte dort zu gering erschienen. Er hat nun wohl, wenigstens im zweiten Falle, recht gehabt, aber sein Verhalten de Lally gegenüber zum Schaden der allgemeinen Sache spricht allerdings nicht für ihn. Sein Auftreten als Admiral darf dagegen nicht zu schroff beurteilt werden. Der französische Grundsatz, das Geschwader nicht zu gefährden, war ja falsch; denn was nützte die =Erhaltung= der Flotte, wenn sie nicht =verwendet= wurde. Aber diese Ansicht entsprach dem allgemeinen Bestreben in der französischen Marine jener Zeit (auch in der Taktik) und war durch häufige dahin zielende Befehle und Instruktionen hervorgerufen, die den Wagemut der höheren Führer herabstimmen mußten. Sogar jetzt noch nennen einzelne französische Autoren d'Achés Verfahren in dieser Hinsicht richtig, da er seine Schiffe in Indien nicht hätte ausbessern können. Man muß ferner in Betracht ziehen, daß sein Geschwader durch das Überwiegen von Kompagnieschiffen dem englischen entschieden unterlegen war, und daß er mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, um es schlagfertig zu erhalten.
Ein bedeutenderer Mann hätte sich wohl von all diesem freigemacht -- =Suffren= überwand im nächsten Kriege die gleichen Schwierigkeiten -- und mehr geleistet; gelang es doch selbst d'Aché, wenn er auftrat, dem Gegner die Seeherrschaft streitig zu machen, und im letzten Jahre erschien sein Geschwader durchaus nicht mehr als minderwertig. Zu dieser Zeit war er aber wohl tatsächlich seiner Aufgabe nicht mehr gewachsen. 1758 erklärte er in Port Louis, der mit der Verstärkung herausgekommene Chef d'Escadre de L'Eguille wäre geeigneter zum Oberbefehlshaber, er selber sei durch die vielen Widerwärtigkeiten ermüdet. D'Aché wurde übrigens noch 1761 zum Lieutenant-Général und 1770 zum Vizeadmiral des Atlantik befördert; er starb 1780.
=Pocock= ging am 16. Oktober zum Überwintern nach Bombay, traf unterwegs die herausgesandte Verstärkung von 4 Linienschiffen unter Kontreadmiral Samuel Cornish und führte dann einen wertvollen Konvoi nach England. Auf der Station verblieben jedoch unter =Cornish= und =Stevens= genügend Schiffe, die in den nächsten Jahren erfolgreich in den Landkrieg eingreifen konnten.
$Der Zusammenbruch der französischen Macht in Indien 1760/61.$ Nach d'Achés Abfahrt gingen die Engländer am Lande mit fast ununterbrochenem Erfolge angriffsweise vor; sie erhielten ständig Verstärkungen aus der Heimat, die Franzosen nie. Ihre Führer waren denen der Gegner überlegen; de Lally war längere Zeit krank und de Bussy wurde im Januar 1760 gefangen genommen, auch sank die Mannszucht bei den Franzosen. =Die Engländer eroberten= im November 1759 Wandewash, im Februar 1760 Arcot, im April Karikal und Cuddalore; wo es anging, wirkte das Geschwader unmittelbar oder durch Landung von Mannschaften mit. Am 1. Mai schritten sie zur Belagerung von =Pondichery=, das gleichzeitig vom Admiral =Stevens= blockiert wurde; die Stadt verteidigte sich aber hartnäckig, immer noch in der Hoffnung auf Entsatz durch d'Aché. Das englische Geschwader hielt die Blockade auch im Winter aufrecht, verlor dabei jedoch in einem Orkan am 1. Januar 1761 4 Linienschiffe, 2 Fregatten sowie 2 kleinere Fahrzeuge mit insgesamt 1100 Mann Besatzung. Am 15. Januar mußte die Stadt kapitulieren; sie wurde zerstört und 1100 Europäer gerieten in Kriegsgefangenschaft. Bald nach Pondichery fielen die letzten festen Plätze im Carnatic. Im Februar hatte Admiral =Cornish= mit 4 Linienschiffen die französische Stadt =Mahé= an der Malabarküste genommen.
$De Lally$ wurde gleichfalls kriegsgefangen. Bei seiner Abreise verhöhnten ihn die eigenen Offiziere und Beamten. Sein Intendant, der Beweise für die Mißwirtschaft und Untreue der Beamten gesammelt haben soll, wurde erstochen. Später nach Paris zurückgekehrt, wollte de Lally die Beamten anklagen, diese kamen ihm jedoch zuvor und wurden von den Offizieren unterstützt; nach langem Prozeß wurde er 1766 wegen Verrates an der Sache des Königs und der Kompagnie =enthauptet=. =De Leyrit=, viele Beamte und auch =de Bussy= sollen große Vermögen erworben haben.
=Frankreich hatte alles verloren=; der Traum eines französischen Indiens war zu Ende. Wenn es auch beim Friedensschluß Pondichery mit den dazugehörigen Küstenfaktoreien zurückerhielt, so waren doch die Plätze der Befestigungen beraubt, verarmt und einflußlos geworden. =England war Herr in Indien=, im Carnatic und in den ehemaligen französischen Provinzen. In Bengalen erhielten zwar die Franzosen Chandernagore gleichfalls zurück, aber auch hier durften sie keine Befestigungen anlegen und mußten die von England eingesetzten Nabobs anerkennen. Englands Stellung in Indien wurde nicht wieder erschüttert, selbst nicht durch Suffrens Kraft und Führertalent im nächsten Kriege.
$Die französisch-ostindische Kompagnie$ löste sich 1770 auf. Die Regierung kaufte ihr schon 1764 die Inseln Isle de France und Bourbon, sowie den Hafen von Lorient ab, hob 1769 ihr Monopol auf und gab allen Franzosen den Handel nach Indien frei. Die Kompagnie soll von 1725-1769 ein Kapital von 169 Millionen Francs verloren haben.
$England erobert die Philippinen 1762.$ Wie bereits erwähnt, hatte England bei Ausbruch des Krieges mit Spanien beschlossen, tatkräftig gegen dessen Kolonien, insbesondere die Philippinen, vorzugehen. Die Anregung dazu gab der Oberst, später General, =Sir William Draper=, ein indischer Offizier. Er hatte von Indien aus einen Krankheitsurlaub in Manila verbracht und dabei erkundet, daß im Vertrauen auf die Entlegenheit dieser Kolonie die Befestigungen vernachlässigt waren. Mit einem Regiment Infanterie sowie einer Kompagnie Artillerie wurde er sodann nach Indien gesandt und hier auf dem Geschwader des Admiral =Cornish= -- 8 Linienschiffe, 3 Fregatten und 2 Ostindienfahrer -- eingeschifft; mit Einschluß der Schiffslandungsabteilungen standen ihm 2300 Mann zur Verfügung.
Die Vorbereitungen in Indien wurden sehr schnell getroffen, auch sandte man sogleich eine Fregatte voraus, die alle nach Manila bestimmten Schiffe abfangen und so verhindern sollte, daß die Spanier gewarnt würden. Am 1. August 1762 segelte die Expedition ab und traf am 23. September vor Manila ein, wo der Ausbruch des Krieges noch gar nicht bekannt war. Die Stadt wurde von nur 600 Soldaten mit 80 Kanonen verteidigt, weigerte aber die Übergabe. Vom 24. bis 26. landeten die Engländer trotz schwerer Brandung, aber sonst fast ohne Widerstand; Batterien wurden aufgeworfen und durch diese, von flankierenden Fregatten unterstützt, vom 29. an die Stadt beschossen. Am 5. Oktober war Bresche gelegt; die Stadt fiel durch Sturm und die Zitadelle ergab sich. Die Übergabebedingungen waren im allgemeinen günstig, aber die Stadt wurde drei Stunden geplündert. In die Übergabe wurden ganz Luzon sowie die übrigen Inseln eingeschlossen, doch beschränkte sich die Herrschaft der Engländer tatsächlich auf die Küstenplätze, da die Spanier im Innern die Übergabe nicht anerkannten und bis zum Friedensschluß einen Guerillakrieg führten. Ebenso vermochten die Engländer von der bedungenen Kriegskontribution, 4 Millionen Pesos, nur etwa die Hälfte zu erhalten; sie wurde nie voll bezahlt. Dagegen fiel ihnen eine andere Beute zu. Der Admiral hatte ein Schiff abgesandt, um das erwartete Acapulcoschiff[106] abzufangen. Dies gelang zwar nicht, aber man traf das im August mit Werten von fast 3 Millionen Pesos von Manila abgegangene Schiff und nahm es. =Der Verlust= der Engländer vor Manila betrug nur 150 Tote und Verwundete.
[106] Bekanntlich lief jährlich ein Schiff mit Schätzen und Waren von Manila nach Acapulco in Mexiko aus und umgekehrt kam von dort ein Schiff mit Geld für die Waren, sowie mit der jährlichen Subvention für die Kolonie von Acapulco nach Manila; diese nannte man Acapulcoschiffe.
Die Philippinen wurden beim Friedensschluß an Spanien zurückgegeben, zum größten Unwillen der ostindischen Kompagnie, die hier fast die ganzen Kosten der Expedition getragen hatte.
Der Kleine Krieg[107].
Wie in allen vorhergegangenen englisch-französischen Kriegen, so spielt auch in diesem der Angriff auf den Handel des Gegners eine große Rolle, und wiederum scheint es, als ob hierbei die Franzosen den größeren Erfolg erzielt hätten, sogar in noch höherem Maße als früher; während im Kriege 1702-1713 Frankreich mehr Kauffahrer verlor als England, und 1739-1748 der Verlust auf beiden Seiten, Spanien und Frankreich zusammengenommen, ungefähr gleich war, stellt er sich im Siebenjährigen Kriege für England sehr viel höher.
[107] Vgl. hierzu das über den Handelskrieg, sowie über den Wert des Kreuzerkrieges im ersten Bande, Seite 304 und Seite 471 Gesagte. -- Hervorragende Zusammenstöße von Kriegsschiffen im Kleinen Kriege sowie sonstige bemerkenswerte Angaben über diesen findet man in den englischen und französischen Spezialwerken; so z. B. Clowes III, Kapitel Minor actions, und Troude I.
Die Umstände, die diese Kriegführung für Frankreich begünstigten, seien kurz hervorgehoben. Die Häfen am Kanal, besonders Dünkirchen und St. Malo, boten vorzügliche Stützpunkte für die Freibeuter, in Westindien dienten Martinique und Guadeloupe dem gleichen Zweck; je mehr die französische Schiffahrt durch den Angriff der Engländer niederging, um so mehr wurde die Freibeuterei ein Erwerbszweig der Reeder sowie der seemännischen Bevölkerung; das Lahmlegen der Kriegsmarine wies die Regierung darauf hin, den Kreuzerkrieg durch ihre Schiffe betreiben zu lassen -- wenn sie auch nicht wie in den Kriegen des vorigen Abschnittes besondere Geschwader dazu aufstellte -- und die Freibeuterei durch Überlassen von Schiffen sowie Personal zu unterstützen. Vor allem aber kommt wiederum und in diesem Kriege mehr als je zuvor in Betracht, daß die englische Handelsschiffahrt der französischen an Zahl sehr überlegen war, also ein weit leichter zu schädigendes Angriffsobjekt bot; auch wird englischerseits hervorgehoben, daß viele Verluste dem Ungehorsam der Handelsschiffe gegen die Anordnungen der sie begleitenden Kriegsschiffe zuzuschreiben seien.
Einige Angaben sollen den Umfang des Kleinen Krieges, sowie die Verluste auf beiden Seiten veranschaulichen. Im Jahre 1755, vor Ausbruch des Krieges, nahm England 500 französische Handelsschiffe im Werte von über einer Million Lstrl; gegen 6000 Seeleute, einschließlich der Besatzungen einiger Kriegsschiffe, wurden kriegsgefangen. Dieses Vorgehen sollte Frankreich zum Nachgeben bewegen und ihm die Mobilmachung erschweren, denn der Verlust an Seeleuten entsprach der Besatzung von 10 Linienschiffen. Anderseits aber brachten in der Zeit vom Juni 1756 bis Juni 1760 die französischen Freibeuter 2500, die englischen Kreuzer nur 950 feindliche Kauffahrer auf; bis 1761 waren 240 französische Kaper weggefangen trotzdem Frankreich keine Geschwader mehr auf See hatte, nahmen deren Kameraden in diesem Jahre noch 812 Handelsschiffe, über dreimal so viel, als der eigene Verlust betrug; im Jahre 1762 fielen nur 120 französische Freibeuter und Kauffahrer den Engländern in die Hände.
Im ganzen hat England während des Krieges über 4000 Handelsschiffe verloren, 1400 davon wurden in Westindien und hauptsächlich von Martinique aus genommen; der Verlust Frankreichs soll sehr viel geringer gewesen sein, was die Anzahl der Fahrzeuge anbetrifft. Es ist dies aber kein Beweis für den größeren materiellen Erfolg. Unter den Prisen, die Frankreich machte, zählen viele kleinere und Küstenfahrzeuge, während die Engländer größere, wertvollere Schiffe sowie Freibeuter fingen. Außerdem stand der Verlust auf beiden Seiten in ganz anderem Verhältnis zur Gesamtschiffahrt. Der Handel und die Freibeuterei Frankreichs wurden nach und nach lahmgelegt. Ein französischer Autor (Troude) sagt: »1759 verursachte die glückliche Ankunft des westindischen Konvois bei den französischen Kaufleuten Überraschung und Freude; ein Zeichen, wie selten ein solches Ereignis geworden war in Meeren, die Englands Geschwader pflügten.« Der englische Handel aber blühte wie in den Jahren 1744-1748 so auch gerade während dieses Krieges auf; 1760 und 1761 befuhren 8000 englische Handelsschiffe die Meere. Der Seehandel und die gleichfalls gedeihende Industrie lieferten reichlich die Mittel für den eigenen Krieg wie für die Unterstützung der anderen Gegner Frankreichs.
England vollendete die Vernichtung des französischen Handels durch die Wegnahme der Kolonien, durch die Blockade der Häfen des Gegners und durch sein Auftreten neutralen Mächten gegenüber. (Seite 124.) Es band sich weder an den bisherigen Brauch hinsichtlich der als Kriegskontrebande anzusehenden Güter noch an den alten Grundsatz »Frei Schiff -- frei Gut«, sondern nahm neutrale Schiffe mit den Erzeugnissen französischer Kolonien und sah die französischen Häfen als in Blockade befindlich an, auch ohne daß eine solche tatsächlich bestand. Schon 1758 nahm England auf Grund dieser Auffassung 176 neutrale Schiffe fort, namentlich spanische, aber auch holländische.
$Einige kleinere Expeditionen$, die den abenteuerlichen Zügen früherer Kriege gleichen, seien noch angeführt. Im Jahre 1759 rüstete der Brigadegeneral =d'Estaing=, bisher im indischen Heere de Lallys, in =Isle de France= zwei Schiffe der Kompagnie aus, ging am 1. September in See, nahm einen wertvollen englischen Ostindienfahrer in Maskat, zerstörte dann am 14. Oktober das englische Fort Gombroon am Persischen Golf und im Februar 1760 die Niederlassungen auf Sumatra. Nach einer Kreuzfahrt von 22 Monaten kehrte er nach Port Louis zurück.
Als Choiseul die Leitung der Marine übernommen hatte und mit Hilfe Spaniens den Krieg zur See wieder zu beleben gedachte, unternahm er einen =Versuch, in Nordamerika= nochmals =Fuß zu fassen=. England hatte den größten Teil seiner Truppen von dort nach Westindien gezogen und auch die Seestreitkräfte sehr verringert. Am 18. Mai 1762 entschlüpfte Kapitän =de Ternay=, uns schon durch die Flottmachung und Überführung der in der Vilaine nach der Schlacht von Quiberon eingeschlossenen Schiffe bekannt, mit 2 Linienschiffen, einer Fregatte sowie einer Flüte mit 570 Soldaten aus Brest. Er erschien am 20. Juni im Hafen von St. John auf Neufundland, besetzte die Stadt und fügte von hier aus den Engländern durch Aufbringen von Fischerfahrzeugen großen Schaden zu. Bald allerdings blockierten ihn herbeigerufene englische Kriegsschiffe, es gelang ihm aber doch, während eines Sturmes auszulaufen und Frankreich wohlbehalten wieder zu erreichen. Die kleine französische Garnison mußte sich allerdings am 18. September den von Louisbourg herangerückten Truppen ergeben. -- Ohne Aussicht auf Beute unternommen, ist dieser Zug lediglich ein Beweis kühnsten Wagemuts.
Im gleichen Jahre bereitete Frankreich eine größere =Expedition gegen Rio de Janeiro= vor, um Portugal für seine Begünstigung Englands zu strafen. Als Chef des Geschwaders -- 9 Linienschiffe und 10 Transporter mit Soldaten -- war Kapitän =Beaussier de l'Isle= bestimmt, als Führer des Landungskorps =General d'Estaing=. Dieser erhielt den Oberbefehl, er wurde gleichzeitig zum Chef d'Escadre ernannt und in das Seeoffizierkorps eingereiht (im nächsten Kriege war er Flottenchef). In seiner Instruktion wurde er auf das Beispiel Duguay-Trouins, 1712, hingewiesen; es galt also in erster Linie, Beute zu machen, die hier ja auch zu finden war. Im November 1762 fast segelfertig, wurde die Expedition des bevorstehenden Friedensschlusses wegen zurückgehalten.
Schließlich finden wir noch eine =englische Expedition= ähnlicher Art, die ganz den Raubzügen zur Zeit der Königin Elisabeth entspricht. 1762 rüstete eine Gesellschaft von Edelleuten und Handelsherren einen Zug =gegen= die spanische Kolonie =Buenos Aires= aus. Mit zwei Kriegsschiffen, eins zu 50, eins zu 28 Kanonen, von der Admiralität gekauft, und 2 Transportern mit 500 Soldaten, traf ein Seeoffizier der ostindischen Kompagnie, =Macnemara=, am 2. November im La Plata ein, fand aber die Spanier besser vorbereitet, als er erwartet hatte. Zwei Versuche, die Stadt Colonia zu nehmen, wurden abgeschlagen; bei dem zweiten, am 6. Januar 1763, ging das größere Schiff in Flammen auf und mit ihm fanden der Führer sowie 270 Mann ihren Tod, die anderen entkamen nach Rio.
Schlußbetrachtungen.
$Über Strategie[108].$ Der Zusammenstoß zwischen England und Frankreich wegen maritimer sowie kolonialer Interessen war unvermeidlich und wurde auch von beiden Staaten seit dem letzten Friedensschluß vorausgesehen. =Frankreich= hatte deshalb während der Friedensjahre viel für seine Marine getan, aber sie bis 1755 doch noch nicht der englischen ebenbürtig machen können. Es gab aus diesem Grunde scheinbar überall nach, als in Nordamerika und Ostindien die Reibungen zwischen den beiderseitigen Kolonien bereits bis zum Kriege gediehen waren; vielleicht hatte man wirklich die Hoffnung, den allgemeinen Krieg noch hinausschieben zu können, vielleicht beabsichtigte man nur, einen günstigeren Augenblick abzuwarten.
[108] Bei dieser Betrachtung sei zur Ergänzung auf die Auslassungen hingewiesen, die wir schon vor der Schilderung des Kriegsverlaufes (Seite 123 ff.) über die Kriegführung der Gegner, sowie ihre strategischen Pläne und Maßnahmen aus dem dort angeführten Grunde genauer gegeben haben, als es bei den früheren Kriegen geschehen ist.
Nach französischer Auffassung suchte =England= dagegen den Krieg herbeizuführen, ehe die feindliche Marine mächtiger wurde, und Englands Forderungen bei den weiterlaufenden Verhandlungen sowie sein schon ausgesprochen kriegerisches Auftreten gegen französische Kriegs- und Handelsschiffe im Jahre 1755 lassen allerdings glaubhaft erscheinen, daß es den Franzosen den Krieg aufzwingen wollte, falls diese nicht bedingungslos nachgaben. Unter diesen Umständen hätte Frankreich seine ganze Kraft auf den bevorstehenden Seekrieg richten müssen, um wenigstens auf einem Kriegsschauplatze bald Erfolge zu erringen; zu einem klaren Entschlusse in dieser Hinsicht kam man aber nicht. Zwar gelang es 1756 die Aufmerksamkeit des Gegners abzulenken und durch überraschendes Vorgehen ihm Minorka, den wichtigen Stützpunkt im Mittelmeer zu entreißen; dann aber beschränkte man sich auf die Unterstützung der Kolonien. Durch den altüberlieferten Wunsch auf Ausdehnung nach Osten ließ sich ferner Frankreich verleiten, in den siebenjährigen Festlandskrieg einzutreten und diesem seine Hauptaufmerksamkeit wie seine Hauptkraft zuzuwenden, obgleich gerade jetzt, Anfang 1757, seine Sachen in Nordamerika sowie in Westindien recht günstig standen.
Auch England ergriff Partei in diesem Kriege, schon um das mit ihm verbundene Kurfürstentum Hannover gegen Frankreich zu schützen, besonders aber, weil sein Gegner dadurch eben vom Seekriege abgelenkt wurde; es beteiligte sich jedoch am Landkriege fast nur durch die Hilfsgelder, die es an Preußen und dessen Verbündete zahlte. Zur See entfalteten die Engländer dagegen ihre ganze Macht nach einem einheitlichen strategischen Plane, dessen Richtigkeit sich in den beiden letzten Jahren des vorangegangenen Krieges gezeigt hatte. Sie blockierten die französischen Seestreitkräfte in den atlantischen Häfen und hielten die in Toulon versammelten von Gibraltar aus im Mittelmeere fest; liefen französische Flotten aus, so stießen sie mit ihren seeentwöhnten Besatzungen auf stärkere, durch den schweren Blockadedienst erprobte englische Kräfte. Eine Vereinigung der französischen Flotten wurde so verhindert, und auch der Weg nach den Kolonien ward ihnen verlegt, während Englands stets wachsende Seemacht gestattete, in den fernen Gewässern nach und nach immer stärker aufzutreten.
Das Jahr 1757 brachte für England zwar noch keine Erfolge, sondern es gelang Frankreich, die Machtmittel seiner Kolonien zu verstärken. In Nordamerika waren die französischen Seestreitkräfte überlegen und verhinderten größere Unternehmungen des Gegners. In Ostindien stand sogar die englische Sache infolge des Krieges mit den Eingeborenen in Bengalen recht schlecht; aus Vorderindien würden die Engländer wahrscheinlich ganz vertrieben sein, wenn Frankreich seine Verstärkungen so bemessen hätte, wie es ursprünglich beabsichtigt gewesen war.
Aber schon 1758 wandte sich das Blatt, da die Unterstützung der Kolonien französischerseits ungenügend wurde. In Nordamerika gewannen die Engländer die Seeherrschaft, und der wichtigste Stützpunkt der Franzosen, Louisbourg, fiel, wodurch der Verlust Kanadas bedingt war; in Ostindien wurde zwar noch um die Seeherrschaft gekämpft und die Franzosen errangen Erfolge am Lande, aber hier wie zur See schwanden ihre Kräfte dahin. Im Jahre 1759 fiel dort Quebec, hier kamen alle Unternehmungen der Franzosen auf dem Festlande zum Stillstand und ihre Seestreitkräfte räumten, völlig erschöpft, zu Ende des Jahres endgültig die indischen Gewässer. Auch in Westindien, wo sich die Gegner bis 1758 die Wage gehalten und auf den kleinen Krieg beschränkt hatten, bekamen die Engländer in diesem Jahre die Übermacht und eroberten 1759 Guadeloupe.
Man sah in Frankreich endlich die Unmöglichkeit ein, auf allen Kriegsschauplätzen mit Erfolg zu fechten, ja überhaupt den Land- und Seekrieg gleichzeitig weiterzuführen, und war zu dem Entschlusse gekommen, alle Seestreitkräfte zu einem Hauptschlage zusammenzuraffen. Einsichtsvolle Männer hatten ihre Ansicht dahin ausgesprochen, daß England als Frankreichs gefährlichster Gegner anzusehen sei, daß der deutsche Krieg das Land nur an Geld und Menschen ruiniere, und daß ein Einfall in England die einzige Möglichkeit sei, den unheilvollen Kampf günstig zu beenden. Jetzt aber war es zu einem solchen Unternehmen zu spät; von einer Überrumpelung des Gegners konnte keine Rede mehr sein, und das Verhältnis der Stärke zur See hatte sich noch viel ungünstiger für Frankreich gestaltet. Trotzdem es die fernen Gewässer aufgab, standen ihm nur 12 Schlachtschiffe in Toulon und 21 in Brest zur Verfügung; England konnte diesen, ohne seine anderen Aufgaben zu vernachlässigen, 15 und 27 entgegenstellen und behielt dann noch Reserven übrig. Wie es mit der Brauchbarkeit der französischen Streitkräfte bestellt war, zeigt der Umstand, daß de Conflans die aus Westindien zurückgekehrten Schiffe, die seiner Brestflotte dem Gegner an Zahl überlegen gemacht hätte, nicht einstellte, sondern deren Besatzungen zum Auffüllen seiner Besatzungen benutzte. Beide Teile der französischen Flotte wurden von ihren Gegnern bei Lagos und Quiberon vernichtend geschlagen.
Von nun an gab Frankreich alle größeren Unternehmungen zur See auf und England heimste seine Ernte ein. 1760 fiel Montreal und damit Kanada, 1761 Pondichery, mit ihm Ostindien; in Westindien wurde 1762 Martinique nebst fast allen übrigen französischen Inseln erobert; England gewann 1761 sogar einen Stützpunkt für seine Blockade an der feindlichen Küste selbst durch die Einnahme der Insel d'Aix. Die letzte ferne Besitzung Frankreichs, sein Teil der Insel Haiti, St. Domingue -- Senegambien war schon 1758 verloren gegangen, -- wäre wohl nach Martinique an die Reihe gekommen, wenn sich England nicht zunächst gegen Spanien, seinen neu hinzugetretenen Feind, gewandt hätte. Diesem Staate kostete seine Verbindung mit Frankreich, ehe es diesem irgendwie hatte nützen können, 1762 Havanna sowie die Philippinen. Außerdem war Frankreichs Seehandel vernichtet und damit die Hauptquelle für die zur Kriegführung nötigen Gelder versiegt; Englands Handel und Industrie wuchsen dagegen während des Krieges und lieferten ihm reiche Mittel.
=England= verdankte seine Erfolge nur der richtigen Verwendung seiner überwältigenden Seemacht, die während des Krieges fortlaufend an Kraft gewann; kaum je hat sich der Einfluß einer solchen durchschlagender gezeigt, als in diesem großen See- $und$ Kolonialkriege.
=Frankreich= unterlag, weil es seine Marine nicht genügend für den unabwendbaren Waffengang vorbereitet hatte, und sie dann während des Krieges vernachlässigte; wurde doch sogar im Februar 1757 ein tüchtiger Marineminister seines Postens enthoben, bis 1761 durch ungeeignete Persönlichkeiten ersetzt (vgl. S. 30), und der dann folgende Aufschwung kam für diesen Krieg zu spät. Die vorhandenen Kräfte wurden aber auch nur schwächlich verwendet. Hervorragende französische Schriftsteller schieben die Schuld hierfür besonders den höheren Führern zu, doch geschieht dies zu Unrecht. Einmal ist es Aufgabe der Regierung, tüchtige Männer auf die wichtigen Posten zu stellen -- und tüchtige Offiziere besaß die Marine zweifellos --, sowie diesen die nötigen Mittel in brauchbarem Zustande in die Hand zu geben. Dann aber spricht für die Beschuldigten der Umstand, den wir schon mehrfach berührt haben. Ihre Aufgaben waren meistens eng begrenzt und ihre Instruktionen wiesen darauf hin, vorsichtig zu verfahren, es nicht zu zweifelhaften Kämpfen kommen zu lassen, sondern das kostspielige Material zu schonen. Nach solchen Bestimmungen handelten =La Gallissonnière= nach der Schlacht bei Minorca 1756 und =Dubois de la Motte= 1757 in Nordamerika, wenn sie ihre augenblickliche Überlegenheit nicht ausnutzten. Derartige Mahnungen, schon im vorigen Kriege üblich, mußten aber nach und nach den Schneid und den Wagemut der höheren Führer überhaupt lähmen und sie auf stete Verteidigung hinführen; sie eigneten sich die Gewohnheit an, freiwillig das Feld zu räumen, sobald es ihnen ein Gegner, selbst ein schwächerer, in kühner Weise streitig machte, obgleich doch sonst eine ängstliche Defensive wahrlich nicht dem französischen Charakter entspricht.
Nach diesen Leitsätzen handelten dann die Führer, auch wenn sie nicht ausdrücklich darauf hingewiesen waren, so z. B. =de Conflans= bei Quiberon 1759 und =d'Aché= in Indien 1758/59; bei diesen sprach auch noch der berechtigte Mangel an Vertrauen auf ihre Streitkräfte mit. Diese von der Oberleitung der französischen Marine in den Kriegen Ludwigs XV. vertretene Auffassung, die den Admiralen aufgab, ihre Schiffe zu schonen, beruht auf völligem Verkennen der Grundsätze für eine Kriegführung, die durchschlagenden Erfolg erringen will, besonders einer solchen zur See. Die Betrachtung der früheren Seekriege (im ersten Bande) lehrt, wie sich die Strategie naturgemäß derartig entwickelte, daß die Niederwerfung der feindlichen Seestreitkräfte und damit die Erringung der Seeherrschaft immer mehr in den Vordergrund trat.
Es ist auffallend, daß Frankreich fast stets den Seekrieg anders aufgefaßt hat. Schon unter =Ludwig= XIV. zeigen sich Beispiele dafür und auch unter =Ludwig= XVI. blieb es ähnlich, obgleich die Marine weit stärker geworden war. Noch 1802 schrieb eine französische Autorität in bezug auf Seekriegführung (A. Ramatuelle, Cours élémentaire de tactique naval; Paris 1802): »Die französische Marine hat stets den Ruhm höher geschätzt, eine Eroberung zu sichern oder zu halten, als den vielleicht glänzenderen, aber tatsächlich weniger nützlichen, einige Schiffe zu nehmen; sie hat sich damit mehr dem wahren Ziele genähert, das man sich im Kriege steckt.«
=Mahan=[109] sagt hierzu (gekürzt): »Die Richtigkeit dieses Schlusses hängt von der Ansicht ab, die man vom wahren Zweck des Seekrieges hat. Kommt es nur darauf an, eine Stellung an der Küste zu sichern, so wird die Marine für diesen besonderen Zweck ein Teil der Armee und ordnet sich deren Tätigkeit unter. Ist jedoch der wahre Zweck der, des Gegners Seeherrschaft zu brechen, ihm die Verbindung mit sonstigen Besitzungen abzuschneiden und seinen Handel abzugraben, so bildet dessen Marine das Angriffsobjekt. Diesem Verfahren verdankt England seine Seeherrschaft; hier sagte schon =Monk=, wer die See beherrschen wolle, müsse stets angreifen. -- =Gallissonnière= hielt die Unterstützung der Belagerung von Port Mahon für wichtiger als die Vernichtung der englischen Flotte; England erhielt aber Minorca nur infolge seiner Seeherrschaft zurück. Schon die Seeschlacht bei der Insel und die Einnahme der Festung hatte im französischen Volke Begeisterung für die Flotte erregt; hätte Gallissonnière dem Gegner auch noch 4 oder 5 Schiffe abgenommen, so wäre dieselbe vielleicht gleich der von 1760 geworden und die Regierung hätte sie schon damals zum Ausbau der Flotte ausnützen können.« Allerdings hat der Erfolg damals, nach Äußerung eines französischen Autors, auf den Marineminister so wenig Eindruck gemacht, »daß er es für angebracht hielt, die Schiffe und Takelagen zu verkaufen, die wir noch in unseren Häfen hatten«.
[109] Mahan I, Seite 276. Dieser Autor läßt sich, dem Zwecke seines Werkes entsprechend, überhaupt sehr eingehend über den hier angeregten Punkt aus; vgl. z. B. Seite 73/75, 276/77, 324/25.
Aber selbst wenn ein Staat die strategische Offensive nicht zu ergreifen vermag, um die Seeherrschaft zu erringen -- in welcher Lage sich Frankreich im besprochenen Kriege bald befand --, so muß er doch auch in der strategischen Defensive gegen die feindlichen Streitkräfte vorgehen, wo es irgend möglich ist; das Vermeiden des Kampfes, um die teuern Schiffe zu schonen, kann auch hier keine Erfolge zeitigen.
$Über Taktik.$ Die rangierten Schlachten dieses Krieges -- Minorca 1756, Cuddalore sowie Negapatam 1758, Porto Novo 1759 -- liefern gute Beispiele für die Taktik, die diesen Abschnitt kennzeichnet[110]. In ihnen folgen die Engländer genau ihrer Gefechtsinstruktion -- gleichzeitiger Angriff auf die ganze feindliche Linie unter strenger Aufrechterhaltung der Ordnung --, deren Schwächen sich in jedem Falle deutlich zeigen. Sie sind infolgedessen nie imstande, den Gegner niederzuwerfen, auch wenn sie ihn durch Ungestüm erschüttert haben. Der Verlauf der Schlacht bei Minorca führt über den Admiral wieder ein Kriegsgericht herbei, aus dessen Spruch die engherzige Auffassung der Gefechtsinstruktion zu ersehen ist. Diese große rangierte Schlacht zeigt auch zum ersten Male die französische Taktik in ihrer vollen Eigenart: Das Erwarten des Angriffs in freiwillig gewählter Leestellung; das Ausweichen der Spitze, sobald der Gegner zum Nahkampf heran ist; das Vorbeiziehen der ganzen Linie an den vordersten, schon beschädigten feindlichen Schiffen; das Einnehmen einer neuen Stellung, um einem zweiten Angriff zu begegnen. Auch bei den drei Kämpfen in Indien tritt die rein defensive Taktik der Franzosen, hier wohl noch mehr im Widerspruch zum Volkscharakter, hervor. Wie schon mehrfach angedeutet, entsprang diese nicht nur der Überlegung, die Schwächen der englischen Angriffsart auszunutzen, sondern auch dem Bestreben, das Material zu schonen; die Führer hielten sich für verpflichtet, abzubrechen, ehe der Kampf eine zu ernste Wendung nahm. Da nun die Engländer infolge starker Beschädigung eines Teiles ihrer Schiffe nie zum zweiten Angriff schreiten konnten, so blieben die rangierten Schlachten sämtlich unentschieden.
[110] Über diese Taktik vgl. Seite 36 ff., sowie Seite 113.
Die beiden großen und ausschlaggebenden, ja sogar für den Krieg entscheidenden Kämpfe -- Lagos und Quiberon 1759 -- waren, wie die beiden Entscheidungsschlachten bei Finisterre im vorhergegangenen Kriege, Verfolgungsgefechte. In ihnen verdankten die Engländer dem Schneid ihrer Admirale sowie der seemännisch-militärischen Tüchtigkeit ihrer Offiziere und Mannschaften den Sieg; die Franzosen unterlagen infolge taktischer Fehler ihrer Führer und der Minderwertigkeit des übrigen Personals. In beiden Fällen zeigt sich der große Nachteil, der einer verfolgten Flotte aus ungleicher Geschwindigkeit der Schiffe erwächst. Sie beweisen aber auch, daß der Führer diesem Umstande Rechnung tragen muß; aus einem Rückzuge wird sonst leicht eine regellose Flucht mit ihrem niederdrückenden Einfluß; eine moralische Überlegenheit besitzt der Verfolger ja schon von vornherein. Es tritt in diesen Schlachten auch wieder die Richtigkeit des Grundsatzes hervor, daß der Verfolger eines fliehenden Feindes auf die eigene Ordnung nur soweit Rücksicht nehmen soll, als nötig ist, um den Schiffen gegenseitige Unterstützung zu sichern; in beiden Fällen handelten die Engländer hiernach.
$Die Angriffe auf feindliche Küsten$[111] in diesem Kriege bestätigen weiter die schon früher gezogenen Lehren. =Die Eroberung Minorcas= 1756 gelang, weil Frankreich die See beherrschte. Dies war nur eine Folge der Nachlässigkeit Englands; hätte dessen Mittelmeerstation 12 anstatt 3 Linienschiffe gezählt, so würde der Gegner wahrscheinlich nicht einmal den Versuch gewagt haben. Dieser Fehler ist weder mit völliger Unkenntnis noch mit Mangel an Kräften zu entschuldigen. -- In dem =Versuch Frankreichs, in England zu landen=, 1759, findet Colomb vor allem einen Verstoß gegen den Grundsatz des Seekrieges, daß ein solches Unternehmen nur nach Eroberung der See nicht gleichzeitig mit dieser sicheren Erfolg verspricht. =Colomb= führt aus (hier gekürzt):
»Frankreich hatte Geschwader in Brest, Rochefort, Toulon und Westindien; gute Anordnungen vorausgesetzt und von Fehlern sowie unglücklichen Zufällen abgesehen, war Möglichkeit vorhanden, die getrennten englischen Beobachtungsgeschwader einzeln mit Übermacht zu schlagen. Hieraufhin mußte der Plan gemacht werden, reichten die Kräfte dazu nicht aus, so genügten sie noch weniger zu dem Versuche, ein Heer angesichts anerkannt überlegener Seestreitkräfte über das Meer zu führen. Glaubte man aber an die Möglichkeit, daß der Transport unbelästigt durchschlüpfen könne, so war es unnötig, ihn durch die Hauptflotte begleiten zu lassen. -- Bei der Ausführung des Versuches treten weitere Fehler auf. Es war falsch, die Transportmittel für den Teil der Invasion, der über den Kanal erfolgen sollte, in Havre zu sammeln, wo sie leicht vom Gegner vernichtet werden konnten (wie es tatsächlich durch Rodney geschah) und auch =de la Clue= durfte für sein Geschwader auf dem Marsche von Toulon nach Brest nicht Cadiz als Sammelpunkt bestimmen; dieser Umstand (zu große Nähe bei dem englischen Beobachtungsposten Gibraltar) rief die anderen Fehler hervor, die zu seiner Niederlage bei Lagos führten. Weshalb endlich ging =de Conflans= zum Abholen des Transportes zur Quiberonbucht? Seine Aufgabe wäre gewesen, die englische Flotte, als sie die Blockade hatte unterbrechen müssen, zu suchen und sie möglichst fern von dem Transporte zu engagieren. Mit den von Westindien zurückgekehrten Schiffen wäre er dem Gegner überlegen gewesen, aber selbst wenn er geschlagen wäre, hätte er denselben vielleicht so geschwächt, daß der Transport nun tatsächlich unter dem Schutz der besonders dazu bestimmten Bedeckung das Ziel unbelästigt hätte erreichen können. Dadurch aber, daß de Conflans zur Quiberonbucht ging, zog er den Gegner gerade zum Transport hin und machte dessen Segeln unmöglich.«
[111] Anschließend an Seite 113 ff.; wie dort ist hier weiter dem Werke Colombs, Kapitel VII, Seite 135 ff., und Kapitel XVI, Seite 356 ff., gefolgt.
Colombs Ausführung enthält viel Bemerkenswertes, sie rechnet aber auch mit verschiedenen Umständen, die auf französischer Seite nicht vorlagen. So wissen wir, daß Conflans die westindischen Schiffe aus berechtigtem Grunde nicht zur Verstärkung seiner Flotte heranzog, daß das zur besonderen Bedeckung des Transportes bestimmte Geschwader nicht von Brest zur Quiberonbucht hatte gelangen können, und daß die Engländer diesen Platz ebenfalls blockierten; hätte Conflans die Bedeckung nach seinem Inseegehen abgezweigt, so wäre er um so viel Schiffe schwächer gewesen. -- Während der später noch vorgekommenen großen Landungen -- auf Guadeloupe, Martinique und Belle-Ile -- waren die Engländer stets unbestritten Herren der See ebenso bei den =Belagerungen von Küstenstädten= -- Louisbourg, Havanna, Manila --, für deren Eroberung dann naturgemäß den Landstreitkräften wieder die Hauptaufgabe zufiel. Mit einfachen Beschießungen von Küstenplätzen (am Kanal) haben die Engländer wohl stets die Schädigung des feindlichen Landes wie die Schwächung der Freibeuterei bezweckt, wenn auch als Hauptgrund für die Bedrohung der französischen Küsten das Ablenken Frankreichs vom deutschen Kriege angegeben wird.
* * * * *
Fünftes Kapitel.
Der Nordamerikanische Freiheitskrieg 1775-1783.
Entstehung des Krieges[112].
$England und die Kolonien bis zu ihrer Erhebung.$ Bekanntlich fand die Erwerbung Kanadas im Frieden von Paris keineswegs den Beifall aller Politiker in England; viele hätten eine Erweiterung des englischen Besitzes in Westindien lieber gesehen und betonten, die eigenen Kolonien in Nordamerika könnten zu kräftig und selbstbewußt werden, wenn sie die Nachbarschaft der Franzosen nicht mehr zu fürchten brauchten; erzeugten sie doch fast alle ihre Bedürfnisse schon selber und ihre Abhängigkeit von England verminderte sich stetig. Die öffentliche Meinung und die meisten Staatsmänner teilten aber diese Befürchtung nicht, sie wollten Frankreich aus Nordamerika verdrängen. =Pitt= war gleicher Ansicht, denn er plante, Frankreich sämtlicher Kolonien zu berauben und es von der Hochseefischerei auszuschließen, um ihm Antrieb und Grundlage zur Aufstellung einer starken Marine zu nehmen. Auch der Amerikaner =Benjamin Franklin= trat öffentlich für die Erwerbung Kanadas ein. Bei der Verschiedenheit der englisch-amerikanischen Kolonien erklärte er es für ausgeschlossen, daß diese jemals gemeinsame Sache gegen das Mutterland machen würden, eher könne ein Aufgeben Kanadas sie zum Abfall führen. Seine wahre Ansicht wird dies wohl kaum gewesen sein.
[112] Hauptquellen zu dieser Betrachtung der politischen Verhältnisse: Schlosser, »Geschichte des 18. und 19. Jahrhdts. bis zum Sturz des französischen Kaiserreiches«, Band III und IV, sowie, besonders für die englisch-amerikanischen Verhältnisse, Zimmermann, »Europäische Kolonien«, Band II.
Tatsächlich wuchs das Selbstvertrauen der Kolonisten außerordentlich nach den Erfolgen, die sie während des Krieges und durch ihn erreicht hatten. Sie zeigten sich zwar in allerhand Äußerlichkeiten dankbar für Englands militärische und finanzielle Unterstützung -- sogar Massachusetts, die ungefügigste der Kolonien, versicherte in einer Adresse dem Könige ewige Treue, errichtete dem gefallenen General Lord Howe ein Denkmal und taufte Fort Duquesne um in Pittsburg --, aber sie hielten eifersüchtig fest an jedem ihrer wirklichen oder vermeintlichen Rechte dem Mutterlande gegenüber und verlangten vor allem, das englische Parlament, in dem die Kolonien nicht vertreten seien, solle auch keine Gesetze für sie machen, sondern das ihren eigenen gesetzgebenden Körperschaften überlassen. Ganz besonders sträubten sie sich gegen Zahlung direkter Steuern und erhoben Einspruch gegen die Beschränkung ihres Handels sowie ihrer Industrie zugunsten des Mutterlandes.
$Die innere Lage der Kolonien$ ist bereits im ersten Bande (Seite 606) erörtert. Im Laufe des 18. Jahrhunderts war sie großenteils nach den Wünschen der Kolonisten gestaltet; diese regierten sich in der Hauptsache selbständig. Die Gouverneure wurden zwar vom Könige ernannt, da aber ihre Besoldung von den Kolonien gezahlt wurde und jährlich bewilligt werden mußte, so waren sie von diesen abhängig; ähnlich verhielt es sich mit den Richtern. Die stehenden Truppen beschränkten sich auf schwache englische Besatzungen in den Forts, die Kolonialmilizen traten für Englands Zwecke nur auf besondere Abmachung sowie Soldzahlung ein. Die Zollbeamten allein wurden von England ernannt und besoldet, über Zollvergehen urteilten nicht die Geschworenen, sondern Admiralitâtsgerichte ab.
Dieser Entwicklung der Dinge hatte man in England lange ihren Lauf gelassen, da sich die Kolonien in manches fügten, das zu Englands Vorteil diente, so in die Zoll-, Handels- und Schiffahrtsgesetze. Schwierigkeiten ergaben sich naturgemäß häufig aus der verschiedenartigen Stellung der Regierung und der Gouverneure zu diesen Fragen. So hielt es der Minister =Walpole= zu Englands Nutzen für vorteilhaft, die Kolonien sich frei entwickeln zu lassen; der tüchtige, langjährige Gouverneur =Shirley=, uns von den beiden letzten Kriegen her bekannt, verlangte dagegen tatkräftigeres Auftreten der Regierung, Einführung direkter Steuern zur Besoldung der Beamten sowie eines stehenden Heeres u. dgl. Während des letzten Krieges wurde 1756 der =Earl of Loudoun= mit scharfen Anordnungen gegen Eigenmächtigkeiten der Kolonien hinausgesandt, während =Pitt= später auf alle schroffen Maßregeln verzichtete und einzig den Patriotismus der Neuengländer anrief.
Diese Meinungsverschiedenheiten gestalteten sich seit dem Regierungsantritt =Georgs= III. zu ernsten Zerwürfnissen zwischen England und den Kolonien. Wie der König Minister und Parlament seinem Willen unterordnen wollte, so erstrebte er dies auch bei den Kolonien. Hier sollte nicht nur die strenge Beachtung der bislang vielfach umgangenen Handelsgesetze durchgeführt, sondern auch Geld zur Erhaltung eines stehenden Heeres aufgebracht werden. Beides war an sich nicht unberechtigt, denn bisher überschritten die Erhebungskosten der Zölle deren Einkünfte um das Vierfache, und England hatte doch auch im Kriege gegen Kanada ungeheure Geldopfer gebracht; aber die Maßnahmen Englands führten Schritt für Schritt bis zur offenen Empörung seiner Pflanzstaaten, die mit dem sog. =Theesturm in Boston= am 18. Dezember 1773 ihren Anfang nahm.
$Die Streitigkeiten Englands mit den Kolonien$ waren in ihren Hauptpunkten folgende: Unter dem Minister =Grenville= beschloß das Parlament im April 1764 für die sämtlichen englischen Kolonien eine Einfuhrsteuer auf verschiedene Produkte, deren Ertrag nebst »anderen Abgaben« nach Anordnung des Parlamentes für die Auslagen verwendet werden sollten, die England aus dem Schutze der Kolonien erwüchsen. Als eine dieser »anderen Abgaben« war für Nordamerika die Einführung einer Stempelsteuer in Aussicht genommen, falls die Kolonien nicht auf andere Weise die nötigen Gelder aufbringen würden; gleichzeitig ward strenge Durchführung der Handelsgesetze und scharfe Unterdrückung des Schleichhandels angeordnet. In Amerika sträubte man sich gegen die Maßnahmen der Zollbeamten und Massachusetts erklärte jede Steuer ohne seine Einwilligung für ungesetzlich. Dennoch erließ England im Frühjahr 1765 die Stempelakte.
Darauf berief Massachusetts einen Kongreß von Deputierten aller 13 Staaten nach New York, auf dem 9 Kolonien vertreten waren, einen Protest gegen die Akte abfaßten und beschlossen, keine der besteuerten Waren mehr zu kaufen, sowie sich den Stempelabgaben zu widersetzen. Tatsächlich wurden beim Inkrafttreten des Gesetzes im November überall die Stempelpapiere vernichtet, so daß die Gouverneure das Gesetz nicht durchzuführen vermochten, da Gerichtsverfahren sowie Handel stillstanden. Die Regierung in England, das Ministerium =Rockingham=, sah sich 1766 genötigt, die Stempelakte und auch die neuen Zollgesetze wieder aufzuheben, nicht am wenigsten auf das Drängen der Kaufmannschaft und der klugen Vermittlung =Franklins=, des Agenten für Pennsylvanien in London.
Pitt wurde durch schweres körperliches Leiden in seinem Wirken für einen Ausgleich behindert, und so gewann der Schatzkanzler =Townsend= das Übergewicht im Ministerium und setzte im Mai 1767 ein neues Zollgesetz auf Tee sowie andere Waren durch. Auch sein Nachfolger, =Lord North=, hielt daran fest. Wieder weigerten sich die Kolonien, die besteuerten Artikel zu kaufen, und die Stimmung ward noch erregter. Schon forderten vereinzelte Stimmen Lossagung von England sowie Widerstand mit den Waffen, und im Juni 1768 kam es bereits zum Zusammenstoß englischer Zollpolizeibeamten mit leidenschaftlich erregten Amerikanern -- sons of liberty, Söhne der Freiheit --, die sich der Beschlagnahme eines Handelsschiffes widersetzten.
Die englische Regierung schien jedoch Ernst machen zu wollen; im Sommer 1768 wurden die Truppen in Boston verstärkt und man drohte mit Verhaftung der Hauptagitatoren. Es ist wohl tatsächlich die letzte Gelegenheit für England gewesen, durch völliges Nachgeben oder durch äußerste Gewalt sich die Kolonien zu erhalten, aber keins von beiden geschah. Die angedrohten Maßnahmen blieben Schreckschüsse, bei Wiederaufhebung der Steuern 1769 ließ man anderseits die auf den Tee bestehen, teils um den Grundsatz zu wahren, teils zugunsten der ostindischen Kompagnie und hielt hierdurch die einmal erregte Widersetzlichkeit wach. Mißhelligkeiten zwischen den Gouverneuren und den Kolonisten an verschiedenen Orten kamen hinzu.
Die Bewegung wurde in Boston sowie in New York, wo es schon zu Reibungen mit dem durch Beschimpfung erbitterten Militär kam, immer stürmischer und ergriff auch die anderen Provinzen. =Franklin=, der bisher in England öffentlich versöhnlich gewirkt hatte, goß jetzt dadurch Öl ins Feuer, daß er vertrauliche Briefe der Gouverneure und England ergebener Personen, die schroffe Urteile über die Kolonien enthielten, zur Kenntnisnahme nach Boston sandte. Endlich wurde der nur geringe Teezoll der Anlaß zum Ausbruch offener Empörung. Wieder waren die Kolonien einig geworden, keinen Tee zu kaufen, und als nun die ostindische Kompagnie versuchte, ihn durch gewinnsüchtige Spekulanten doch in den Handel zu bringen, trat man diesen überall entgegen. In den meisten Staaten hinderte man nur die Ausschiffung, in dem demokratisch schroffsten Massachusetts aber brauchte man Gewalt. Am 18. Dezember 1773 drangen in Boston die »Söhne der Freiheit« als Indianer verkleidet auf die Teeschiffe und warfen die Ladungen, 342 Kisten, über Bord.
Diese Gewalttat der Kolonisten machte den Bruch mit dem Mutterlande unheilbar; Regierung und öffentliche Meinung in England stimmten darin überein, daß jetzt rücksichtslos, besonders gegen Massachusetts, vorgegangen werden müsse. Das Parlament faßte im März 1774 drei Beschlüsse: Sperrung des Hafens von Boston für alle Waren außer Bedürfnissen des königlichen Dienstes; Aufhebung der demokratischen Verfassung in Massachusetts und Einführung einer vorläufigen Militärdiktatur; Ausdehnung der Grenzen Kanadas mit seiner absolutistischen Verfassung auf Gebiete, die von den Neuenglandstaaten beansprucht wurden.
Zugleich ward =General Gage= mit vier Regimentern Mitte Mai als neuer Gouverneur nach Boston gesandt; er schloß den Hafen, sperrte die Stadt ab, verlegte die gesetzgebende Versammlung nach Salem und löste sie bald hernach ganz auf. Die Einwohner von Massachusetts begannen jetzt, sich überall zu widersetzen, den Engländern die Beschaffung von Lebensmitteln zu erschweren und durch Anhäufung von Kriegsmaterial sowie Übungen der Milizen den Kampf vorzubereiten; der gesetzgebende Körper forderte vor seiner Auflösung die übrigen Kolonien auf, Deputierte zu einem allgemeinen =Kongreß in Philadelphia= zu senden.
Dieser Kongreß ward im September 1774 von zwölf Staaten[113] beschickt, nur Georgia schloß sich erst im folgenden Jahre an. Ein Ausschuß der bedeutendsten Männer des Kongresses verfaßte mit Mäßigung, großer Beredsamkeit, sowie mit steter Berufung auf die englischen Gesetze eine Anzahl von Staatsschriften, die eine Abhilfe der Mißstände, aber immer noch auf loyalem Wege anbahnen sollten; sie erschienen im Herbst 1774. Die wichtigsten sind: Eine Schilderung der Verhältnisse der in ihrer Verfassung bedrohten Provinz Massachusetts; eine »Erklärung der Rechte der Kolonien« nach Art der einst vom englischen Parlament gegen Karl I. ergangenen »Petition of rights«; eine Bittschrift an den König; eine Adresse an das englische Volk, in der zu beweisen versucht wurde, daß die Amerikaner Verteidiger der Rechte aller Engländer gegen die Übergriffe der Regierung seien.
[113] =Die 13 Kolonien= seien nochmals aufgeführt: =Die vier nördlichen=, die sogenannten »Neuenglandstaaten«, Newhampshire, Massachusetts mit Maine, Connecticut, Rhode-Island; =die fünf mittleren=, New York, New Jersey, Delaware, Pennsylvanien, Maryland; =die vier südlichen=, Virginien, Nord- und Südcarolina, Georgien. In den Neuenglandstaaten war die Stimmung gegen das Mutterland am schroffsten.
In den Schriften lagen jedoch auch versteckte Drohungen, u. a. die Erklärung, die Kolonien würden jede Verbindung mit England abbrechen, bis ihren Beschwerden abgeholfen wäre. Der Kongreß sprach ferner den Einwohnern von Boston seine Zustimmung für ihr bisheriges Auftreten aus und ermutigte sie, den Widerstand fortzusetzen, auch wurden die Kanadier aufgefordert, sich den Kolonien anzuschließen. In England fanden diese Erklärungen und Petitionen kein Gehör, obgleich sie durch den Handelsstand sowie durch Pitts Partei warm unterstützt wurden. Im übrigen Europa, besonders in Frankreich, erregten sie große Begeisterung für die Amerikaner.
Der König wies die Bittschrift geringschätzig ab, und =das Parlament erklärte im Februar 1775 Massachusetts für im Aufstande befindlich=, untersagte allen Verkehr mit Neuengland, sowie die Ausübung der Fischerei auf den Neufundlandbänken seitens der Amerikaner, um so deren Handel lahmzulegen, und bewilligte 6000 Mann neue Truppen. Nun brachte zwar =Lord North= noch den Zusatz durch, die Zwangsmaßregeln sollten erlöschen, sobald eine Kolonie sich unterwerfe und einen festen Steuerbetrag bewillige, aber diesen schwachen Versöhnungsversuch wiesen die Amerikaner zurück und den Regierungsmaßregeln setzten sie Gewalt entgegen. Die Mehrzahl des Volkes erklärte sich gegen England, nur wenige, die sogenannten »Loyalisten« blieben ihm treu. England dagegen gab seinen Beschlüssen keinen genügenden Nachdruck durch die Tat, sondern hoffte immer noch durch bloße Drohungen Nachgiebigkeit zu erreichen und ließ so dem Gegner Zeit zum Rüsten. Dies wurde besonders in Massachusetts eifrig betrieben. Die Milizen wurden besser gegliedert; mit Hilfe fremder Offiziere und vieler Amerikaner, die bisher im englischen Dienst gestanden hatten, stellte man stehende Truppen auf; Arsenale, Waffen- und Pulverfabriken wurden eingerichtet. Im Winter 1774/75 standen in Massachusetts bereits so viel Amerikaner unter Waffen, daß sich General =Gage= auf Boston beschränkt sah; in Newhampshire bemächtigten sich (Dezember) die Milizen zweier kleiner Forts und in Rhode-Island nahmen sie 40 Kanonen.
Im Mai 1775 trat der Kongreß in Philadelphia wieder zusammen. Er sandte nochmals Adressen an König und Parlament, traf aber gleichzeitig Maßregeln für den Krieg. Es wurde die Ausgabe von drei Millionen spanischer Dollars Papiergeld festgesetzt, jeder Verkehr mit England und dessen anderen Kolonien verboten, sowie die Aufstellung eines Nationalheeres angeordnet; zum Oberbefehlshaber ward am 16. Juni =George Washington= ernannt -- der rechte Mann an der rechten Stelle. Tatsächlich hatte =der Krieg= mit einem blutigen =Zusammenstoß bei Lexington= am 18./19. April =schon begonnen= und gleich darauf setzte Massachusetts Truppen gegen Boston und gegen die Grenzen Kanadas in Marsch. Als der Kongreß unter dem Einfluß des aus England zurückgekehrten Franklin, sowie in sicherer Hoffnung auf französische Hilfe am 4. Juli 1776 die =Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika= erklärte, dauerte der Krieg bereits ein Jahr.
$England, Frankreich und Spanien bis zum Aufstande der Kolonien.$ Wenn man in England mit Recht über die Ergebnisse des Pariser Friedens (vgl. Seite 127) mißgestimmt war, so hatte man doch in Frankreich noch mehr Grund, mit dem Ausgange des letzten Krieges unzufrieden zu sein. Englands Gewinn entsprach nahezu dem Verluste Frankreichs und dieses mußte die Einbuße Spaniens, die Abtretung Floridas an den Sieger, auch noch durch Überlassung Louisianas an seinen Verbündeten wettmachen. Der Ingrimm über die erlittenen Niederlagen trat hinzu, um in Frankreich den Gedanken an Wiedervergeltung in der Zukunft wachzuerhalten. Der =Herzog von Choiseul= arbeitete auf dieses Ziel hin, solange er am Ruder blieb. Er verstärkte die Streitmacht zu Wasser wie zu Lande und pflegte das Bündnis mit Spanien (der Bourbonische Familienvertrag von 1761; vgl. Seite 119), das auch diesem Staat durch die Familienbande zwischen den Herrscherhäusern wie durch die Furcht vor Englands Seemacht nahelag; hierzu trat der Haß wegen alter wie neuer Verluste an England -- Jamaika, Gibraltar, Minorca, Florida. Für den letzten Krieg war das Bündnis zu spät gekommen, aber bei rechtzeitiger Vorbereitung versprach es Erfolg. Den beiden benachbarten Königreichen mit ihren vorzüglichen Kräften mußte es gelingen, gemeinsam eine Seemacht aufzustellen, die der englischen gewachsen war; vielleicht fanden dann auch schwächere Seestaaten den Mut, sich gegen die Seeherrschaft Englands aufzulehnen.
Nur die ungünstigen inneren Verhältnisse Englands bedingten es, daß dem Siebenjährigen Kriege nicht sehr bald ein neuer Seekrieg mit den alten Gegnern folgte. Französische Geschichtschreiber behaupten, England habe den Ausbruch des genannten Krieges beschleunigt, um den Ausbau der französischen Marine zu verhindern. Der gleiche Grund lag jetzt vor und um so schwerwiegender, da man in England wußte, daß Frankreich und Spanien entschlossen seien loszuschlagen, sobald man sich stark genug fühle und eine günstige Gelegenheit sich biete. Auch hat es für England nicht an Anlässen gefehlt. Solchen bot zunächst die Erwerbung Corsicas durch Frankreich, dessen maritime Stellung im Mittelmeer dadurch sehr gestärkt wurde.
$Corsica von Frankreich erworben.$ Die kriegerischen Corsen waren, auf die Unzugänglichkeit ihrer Gebirge trotzend, schon seit 1730 gegen die aussaugende Herrschaft Genuas im Aufstande, der nicht ohne kaiserliche oder französische Hilfe und dann immer nur auf kurze Zeit niedergeworfen werden konnte. Müde der vergeblichen Kämpfe, trat endlich die Republik im Vertrage vom Compiègne 1768 Corsica förmlich an Frankreich ab; um Österreich und England gegenüber diese Gebietserweiterung Frankreichs zu verschleiern, erfolgte sie in Form eines Unterpfandes für aufgewandte Kriegskosten. Frankreich unterwarf dann mit 30000 Mann in kurzer Zeit die Insel. =Pasquale Paoli=, der tapfere Führer der Aufständischen, mußte 1769 nach England fliehen, wo er begeistert aufgenommen wurde und von der Regierung eine Pension erhielt.
Wohl wies u. a. Burke auf die hierdurch für England geschaffene Gefahr hin, und der Admiral Sir Charles Sounders erklärte im Unterhause, es wäre besser, Frankreich den Krieg zu erklären, als ihm Corsica zu überlassen. Die Regierung führte auch anfangs eine geharnischte Sprache, verschleppte aber dann die Sache, bis Frankreich im sicheren Besitz war. Die Aufhebung einer englischen Niederlassung auf den Falklandinseln hätte noch leichter Anlaß zum Kriege geben können.
$Englisch-spanischer Streit um die Falklandinseln.$ 1764 hatten die Franzosen durch den Weltumsegler =Bougainville= auf diesen Inseln eine Kolonie Port Louis gegründet, die Engländer folgten 1766 mit der Niederlassung Port Egmont. Gegen beide erhob Spanien Einspruch, und Frankreich holte seine Kolonisten wieder ab, die Engländer wurden mit Gewalt vertrieben. Die Spanier verlangten von dem englischen Befehlshaber dort die Räumung der Ansiedlung innerhalb von sechs Monaten und erzwangen diese, ehe noch Weisung von London ergangen war, im Juni 1770 mit fünf Fregatten und 1600 Mann; die schwache Garnison, die keinen Widerstand hatte leisten können, ward nach England geschickt.
Dieser Gewaltakt erregte die öffentliche Meinung in England heftig, während der corsicanische Zwischenfall mehr nur die Staatsmänner beschäftigt hatte. =Choiseul= und die spanischen Minister erwarteten und erhofften eine Kriegserklärung, da sie sich schon stark genug glaubten. England rüstete auch eine Flotte von 40 Linienschiffen, zeigte sich aber doch mit einer leichten Genugtuung zufrieden. König Karl III. mochte zwar anfangs nicht nachgeben, aber Ludwig XV. wollte keinen Krieg, und =Choiseul=, dessen Stellung durch die Freunde der Dubarry schon erschüttert war, wurde im Dezember 1770 gestürzt. Sein Nachfolger, der =Herzog d'Aiguillon=[114] -- der »Held von St. Cas« (vgl. Seite 146) --, der nur den Willen des Königs ausführte, wurde schnell mit Lord North einig, und England gab Port Egmont als zu kostspielig freiwillig auf.
[114] Der =Herzog von d'Aiguillon= war als Günstling Louis' XV. schnell bis zum Gouverneur der Bretagne gestiegen. Als solcher geriet er durch gewissenlose Willkür in so schwere Händel mit dem Parlament, daß er 1768 abberufen wurde. Durch die Dubarry ward er Nachfolger Choiseuls. Sein Ministerium gilt als die äußerste Entartung des »alten Regime«. Ludwig XVI. entließ ihn sofort.
=Die Schwäche der englischen Politik=, die sich bei beiden Gelegenheiten offenbarte, war =eine Folge der inneren Zwistigkeiten in England=, die ja auch den übereilten Frieden von Paris verschuldet hatten. König =Georg= III. strebte seit seiner Thronbesteigung (25. Oktober 1760) danach, eine selbständige, persönliche Politik zu führen, besaß aber weder die Geistes- noch die Charaktereigenschaften dazu. Er wollte die Macht der Krone erweitern und das Parlament in ihr gefügiges Werkzeug verwandeln; Männer von festem Charakter waren ihm zuwider, jede republikanische Gesinnung verhaßt. Er verdrängte den tatkräftigen =Pitt= durch seinen Günstling =Lord Bute=, der ihm ein gefügiges Werkzeug war. Dieser mußte zwar gleich nach dem mißliebigen Friedensschlusse wieder zurücktreten, aber das System blieb dasselbe.
Viele dem Volke mißliebige Regierungsmaßregeln, so auch das schroffe Vorgehen gegen die amerikanischen Kolonien, sind auf des Königs persönliche Anregung zurückzuführen. Seiner inneren Politik folgte eine Auflösung aller Parteiverhältnisse und statt fester langjähriger Ministerregierungen wie bisher, fand ein ununterbrochener Wechsel statt; erst =Lord North= blieb von 1770 an 12 Jahre im Amte. Immer lauter erscholl im Lande der Ruf nach einer Reform der Volksvertretung, immer heftiger wurden Regierung und Parlament angegriffen und gleichzeitig spitzte sich der Streit mit den Kolonien immer mehr zu.
Die englische Regierung war unter diesen Umständen weder kampflustig noch fühlte sie sich kriegsbereit, und auch in Frankreich erlosch die Kriegsneigung nach dem Falle Choiseuls bis zum Tode Ludwigs XV.; die unfähige Regierung hatte auch hier genug mit den inneren Verhältnissen zu tun. Doch ist es von Wichtigkeit, Choiseuls Pläne gegen England kennen zu lernen, da man späterhin mehrfach auf sie zurückkam.
$Choiseuls Pläne gegen England.$ =Choiseul= suchte nicht nur die Streitmittel Frankreichs und Spaniens für die nächste günstige Gelegenheit zur Abrechnung mit England bereitzustellen, sondern traf auch sonst alle Maßnahmen für den Krieg. Da er Streitigkeiten Englands mit seinen Kolonien voraussah, sandte er 1764 und 1766 einen Seeoffizier nach Nordamerika, um die Küstenverhältnisse zu erforschen, sowie 1767 den Baron =von Kalb=, den späteren amerikanischen General und Freund Lafayettes, um sich über die Stimmung in den Kolonien zu unterrichten.
Vor allem aber ließ er Pläne für einen Einfall in England entwerfen. Man findet in Lacour (I, Seite 416 ff.) verschiedene derselben, von denen besonders zwei bemerkenswert sind. Auch nach England waren Offiziere zur Untersuchung geeigneter Landungsplätze geschickt. Einer dieser, ein Landoffizier =de Berille=, schlug nun vor, Spanien solle für sich Demonstrationen oder Diversionen unternehmen, um die Nachteile gemeinsamer Operationen auszuschalten, Frankreich aber an vier Stellen -- Lime, Dartmouth, Fowey und Looe -- landen und auf Bristol marschieren, um diesen wichtigen Handelsplatz zu nehmen, dann würde London vom Könige und Parlament den Friedensschluß verlangen. Die Expedition solle von den kleinen Häfen der Bretagne ausgehen und auf Fischerfahrzeugen in einer der langen Nächte gegen Ende des Winters, »plötzlich und heimlich wie Schmuggler« übergeführt werden, wenn ein Sturm die englische Flotte vertrieben habe.
Auch =Choiseul= selber entwarf einen Plan mit genauer Verteilung der französischen Flotte, die dazu bis 1770 auf 80 Linienschiffe und 40 Fregatten zu bringen sei; Spanien sollte 20 Linienschiffe dazu stellen und gleichzeitig Portugal erobern. Ein ähnlicher Plan, und zwar der bemerkenswerteste, stammte vom =Graf Broglie=, dem Bruder des berühmten Marschalls. Wie Ludwig XV. sich ihm allein bekannte Agenten im Auslande hielt -- man sagt, nur um das Vergnügen zu haben, besser unterrichtet zu sein als seine Minister --, so hatte er auch Broglie heimlich mit der Aufstellung eines Planes betraut und einen Ingenieuroffizier nach England gesandt, der die Mündung der Themse sowie die Häfen, Arsenale und die Marschwege nach London von der Küste von Cornwallis an erkundete.
Nach Broglies Entwurf sollte Spanien Jamaika und Nordamerika mit einer Flotte bedrohen, mit einer andern Irland und gleichzeitig Gibraltar angreifen, während Frankreich Seestreitkräfte von Toulon gegen Minorca und Ostindien, von Brest gegen Schottland zu senden habe. Es waren dies aber nur Diversionen. Zum Hauptangriff sollte das Gros der Brestflotte 60000 Mann über den Kanal führen und sie zwischen Dungeness und Beachyhead landen; der Marsch gegen London war tagweise festgelegt. =Broglie= arbeitete den Plan 1763-1766 aus, legte ihn aber 1768 mit Genehmigung des Königs Choiseul vor, wohl aus Furcht vor dessen Zorn und auch, um nicht nur zum Vergnügen des Königs gearbeitet zu haben. Choiseul billigte ihn, er wurde auch 1777 =Ludwig= XVI. unterbreitet, und endlich nahm =Napoleon= I. Kenntnis von ihm.
Eingehende Tabellen über die nötigen Streitkräfte und Transportmittel, sowie über die Maßregeln, die England voraussichtlich zur Abwehr ergreifen müsse, waren aufgestellt; wir geben einige Auszüge aus ihnen[115].
[115] Wir geben diese Auszüge zum späteren Vergleich mit den Vorbereitungen, die Napoleon I. 1803/05 für den Einfall in England durch Aufstellung des sog. Lagers von Boulogne traf.
Frankreich sollte stellen:
für den Einfall 40 Liniensch., 20 Freg., 60000 Mann " Schottland 6 " 800 " " Minorca 10 " 10 " 15000 " " Ostindien (dieselben Schiffe) 1500 " ---------------------------------------------------------- Insgesamt 50 Liniensch., 36 Freg., 77300 Mann.
Spanien:
Gegen Gibraltar 12 Liniensch., 8 Freg., 20000 Mann " Westind. 15 " 10 " 12000 " " Irland 15 " 20 " 15000 " --------------------------------------------------- Insgesamt 42 Liniensch., 28 Freg., 47000 Mann
England brauche dagegen
für den Einfall 45 Liniensch., 25 Freg. 40000 Mann " Schottland 6 " 5-6000 " " Minorca 4500 " " Ostindien 10 "
Gegen Gibraltar d. v. Minorca } 4000 Mann " Westind. 20 } einige 8000 " " Irland 15 } 10000 " --------------------------------------------------- Insgesamt 101 72000 Mann
Die Truppen für den Einfall in England -- 54000 Mann Infanterie, 3000 Kavallerie, 3000 technische Waffen, eingeteilt in vier Divisionen -- sollten in Dünkirchen, Calais, Boulogne auf 130 Transportern eingeschifft werden, in Dieppe und Havre auf 200, in Honfleur und Cherbourg auf 110, in St. Malo und Morlaix auf 150 solchen. Die Brestflotte, 40 Linienschiffe, hatte die englischen Seestreitkräfte in den heimischen Gewässern, die mit Sicherung der ganzen Küste betraut und nicht vereint sein würden, zu schlagen, um den Weg freizumachen.
Es ist bemerkenswert, daß bei Ausbruch des Krieges 1778 in Frankreich wie in Spanien das in diesem Plane verlangte Schiffsmaterial reichlich vorhanden und daß auch die Stärke der englischen Marine richtig eingeschätzt war. Wir werden dies aus den späteren Betrachtungen der Streitmittel der Gegner in diesem Kriege ersehen.
$Die Entstehung des Seekrieges zwischen Frankreich, Spanien, Holland und England.$ Als =Ludwig= XVI. die Regierung antrat, näherten sich die Unruhen in Nordamerika ihrem Höhepunkt. Der drohende Bruch zwischen England und seinen Kolonien schien für Frankreich eine günstige Gelegenheit, die erlittenen Verluste wettzumachen, und der Minister des Äußern unter dem neuen König, =Graf von Vergennes=, der letzte tüchtige Staatsmann des alten Regimes, war bereit, sie auszunützen. Er stützte sich dabei auf weite Kreise des Volkes. Die französische Jugend der höheren und höchsten Stände brannte darauf, die militärische Ehre des Landes wiederherzustellen, und die sogenannte »aufgeklärte Gesellschaft«, begeistert für die Gedanken Montesquieus und Rousseaus, hegte die wärmste Teilnahme für die demokratischen Amerikaner. Die Erhebung der Kolonien 1775 erregte in Frankreich großen Jubel, und die geheimen Bemühungen der Amerikaner um Frankreichs Hilfe hatten Erfolg, wenn auch zunächst nicht offensichtlich.
=Vergennes= neigte zwar schon Anfang 1776 zur erklärten Parteinahme gegen England, aber der Finanzminister =Turgot=, mit durchgreifenden Reformen in seinem Ressort beschäftigt, riet zum Abwarten. Er scheute die Kosten, solange der Erfolg nicht ganz sicher schien, und äußerte die Ansicht, daß schon der Kampf Englands mit seinen Kolonien Frankreich Vorteile bringen würde. Er empfahl Beobachtung der Vorgänge in Großbritannien und Nordamerika, weitere Stärkung der Marine, sowie Vorbereitungen für einen Einfall in England und vorsichtige Unterstützung der Amerikaner mit Kriegsmaterial. Seine Ansicht wurde von bedeutenden Männern geteilt, aber nicht von der Hofpartei, und als er von dieser wegen seiner Reformen gestürzt war (Mai 1776), die den privilegierten Ständen mißfielen, wurde aus der heimlichen Parteinahme bald eine offene. Nach der Unabhängigkeitserklärung traten an Stelle der bisherigen geheimen Agenten wirkliche Bevollmächtigte der »Vereinigten Staaten von Nordamerika«.
Im Dezember 1776 erschienen als solche =Benjamin Franklin=, =Silas Deane= und =Lee= in Paris, um von der französischen Regierung die Anerkennung des neuen Staates, sowie den Abschluß eines Bündnisses zu erlangen. Diese Verhandlungen gingen zwar vorläufig nur durch Mittelspersonen, da die französische Regierung noch nicht mit England brechen wollte -- auch der neue Finanzminister =Necker= erklärte sich wegen der Finanznot gegen unmittelbare Einmischung; man war noch nicht genügend gerüstet und große militärische Erfolge hatten die Amerikaner bislang nicht aufzuweisen --, aber sie hoben doch die Begeisterung für Amerika in Frankreich noch mehr.
$Die amerikanischen Agenten in Frankreich.$ =Silas Dean=, ein Mitglied des Kongresses, war schon vor dem Abfall der Kolonien als politischer Agent und Handelskommissär nach Frankreich gekommen, wo er mit der Regierung sowie Privaten unterhandelte, um Geld zu leihen, Kriegsmaterial zu kaufen, Offiziere und Freiwillige zu werben; er sammelte auch einen Kreis von Personen um sich, die von Begeisterung für die Sache der Amerikaner, von Haß gegen England und von Kriegslust erfüllt waren. Auf sein Betreiben gingen mit Erlaubnis der Regierung reiche Geldmittel, Kriegsmaterial, durch dritte Hand von der Regierung erhalten, sowie zahlreiche Offiziere nach Amerika. Die nach der Unabhängigkeitserklärung eingetroffenen Gesandten gewannen die öffentliche Meinung noch mehr für die amerikanische Sache. Ohne jede Kenntnis der engherzigen religiösen und politischen Ansichten der herrschenden Klasse in den Kolonien sah man in den Amerikanern Kämpfer für religiöse Freiheit und politische Ideale, selbst die recht nüchternen Nachrichten der nach Amerika gegangenen Offiziere blieben unbeachtet.
=Franklin= war der rechte Mann, diese Stimmung zu heben. Statt eines klugen und berechnenden Diplomaten, wie er es war, sah man in dem mit gesuchter Einfachheit, mit Ruhe und Milde auftretenden alten Manne das Vorbild des vollendeten Philosophen. Er wurde der Mann des Tages; Philosophen, junge Offiziere, Damen der Gesellschaft und Höflinge drängten sich zu ihm. Immer mehr gab man dem Bestreben der Gesandten nach, Frankreich zu offener Parteinahme zu bewegen, vernachlässigte die Vorsicht bei den Unterstützungen und versuchte kaum noch, England durch friedliche Versicherungen zu täuschen. Viele bedeutende Personen gingen von oder über Frankreich nach Amerika, so der junge =Marquis de Lafayette=, einer der glänzendsten und reichsten Edelleute, der in Begleitung des schon als Agent Choiseuls erwähnten deutschen =Barons von Kalb= und einer kleinen auserlesenen Schar auf eigenem Schiff hinübersegelte; die Regierung sandte ihm mit Rücksicht auf England der Form halber einen Haftbefehl nach und ließ ihn auch durch zwei Kriegsschiffe verfolgen. Ihm folgten später der ehemalige preußische Offizier und Adjutant Friedrichs II. =von Steuben=, der Pole =Kosciusko= sowie verschiedene Franzosen, die sich nachher in den Revolutions- sowie Napoleonischen Kriegen auszeichneten, z. B. =Custine= und =Berthier=.
Als dann am 4. Dezember 1777 die Nachricht von der Kapitulation des englischen Generals =Burgoyne= bei Saratoga eintraf, schien der günstige Augenblick gekommen, Englands Verlegenheit auszunutzen. =Vergennes= empfing am 12. Dezember die Gesandten öffentlich, Frankreich erkannte am 6. Februar 1778 die neue Republik an, schloß mit ihr einen Handelsvertrag und verpflichtete sich, sie mit seiner ganzen Kraft zu unterstützen, bis sie ihre Unabhängigkeit errungen habe. Es stellte nur die Bedingung, daß die Amerikaner nicht Frieden schließen dürften, ehe ihre Unabhängigkeit gesichert sei, denn man nahm an, England werde um seine wertvollste Kolonie bis aufs äußerste kämpfen und so schwere Schädigung erleiden. Frankreich verzichtete dagegen feierlich für alle Zeiten auf jeden Besitz in Nordamerika, womit auch der Wiedererwerb Kanadas ausgeschlossen war; es behielt sich nur Eroberungen südlich der Bermudainseln, in Westindien, vor.
Dieser Vertrag wurde am 13. März an England bekanntgegeben mit dem Zusatz, daß sich die Vereinigten Staaten bereits im Besitz ihrer Unabhängigkeit befänden und daß Frankreich erwarte, England würde alles vermeiden, was seinen Handel mit denselben stören könne. Dies war eine ausgesprochene Kriegsdrohung, und England rief darauf ohne weiteres seinen Gesandten ab, der Paris am 16. März ohne Abschied verließ. Frankreich tat das gleiche am 17. Eine formelle Kriegserklärung erließ keine der Parteien, auch nicht, als die kriegerischen Unternehmungen begannen. Der König von Spanien versuchte noch zu vermitteln, von Frankreich hierzu angeregt, und dieses beging den Fehler, nicht gleich anzugreifen, obgleich es kriegsbereiter als England war. Der Krieg ward erst im Juni von diesem eröffnet, doch war schon am 13. April eine französische Flotte nach Amerika gesegelt.
=Spanien= zur offenen Parteinahme zu bewegen, war bisher nicht gelungen. Wenn auch die Minister den Krieg mit England wünschten, so war doch der König nicht geneigt, eine Republik anzuerkennen, geschweige denn, sich mit ihr zu verbünden, und so gab man vorläufig nur Geldunterstützungen für die Amerikaner; man sollte überhaupt annehmen, daß es einer Macht, die selber weitentlegene Kolonien besaß, nicht hätte ratsam erscheinen dürfen, aufständische Kolonien eines anderen Staates zu unterstützen, aber die Hoffnung Gibraltar, Minorca und vielleicht gar Jamaika wiederzuerringen, ließ wohl über diesen Punkt hinwegsehen. Frankreich und die spanischen Minister versuchten stetig weiter, den König umzustimmen, jedoch noch im März 1779 blieb der König von Spanien selbst eigenhändigen Briefen Ludwigs XVI. unzugänglich. Da benutzte man seine persönliche Eitelkeit, machte ihn glauben, es sei seine Pflicht, zwischen Frankreich und England zu vermitteln, und als dann seine Bemühungen an Englands unannehmbaren Bedingungen scheiterten, hatte man ihn gewonnen. Am 12. April 1779 unterzeichnete Spanien einen Vertrag mit Frankreich, demzufolge ein gemeinsamer Einfall in England oder Irland unternommen und Minorca erobert werden solle; beide Mächte verpflichteten sich, in keinen Frieden oder Waffenstillstand zu willigen, ehe Gibraltar genommen sei. Den Krieg erklärte Spanien erst am 16. Juni, um seine Rüstungen inzwischen zu vollenden.
$Ziele des spanisch-französischen Bündnisses.$ In dem Vertrage wurden als Ziele des Krieges festgelegt: Für Spanien: die Wiedergewinnung von Gibraltar, Minorca, Pensacola nebst der Küste von Florida längs des Bahamakanales; Vertreibung der Engländer aus der Honduras- und Campeche-Bucht. Für Frankreich: Aufhebung der Verpflichtungen, Dünkirchen sowie die Niederlassungen in Ostindien nicht zu befestigen; Eroberung Dominicas.
An =Holland= erklärte England am 20. Dezember 1780 selber den Krieg, als sein Versuch 1779, auf Grund des nun gerade hundert Jahre alten Vertrages von den Niederlanden Unterstützung zu erhalten, wenn ein Einfall in England drohe, am Widerstand der französischen Partei der Republik gescheitert war. Dagegen hatten auch hier die Unterhändler Amerikas Erfolg. In Amsterdam war es ihnen gelungen, Anleihen unterzubringen, ja 1779 im geheimen einen Handelsvertrag abzuschließen. England erhielt 1780 Kenntnis davon und suchte nun einen Kriegsgrund, denn auf Hollands Hilfe konnte man nicht mehr rechnen, als Gegner aber fiel es bei der Schwäche seiner Marine nicht ins Gewicht, sein Handel und seine Kolonien boten dagegen lohnende Angriffsobjekte. Als nun Holland der gegen England gerichteten sogenannten »bewaffneten Neutralität der Ostseemächte« beitreten wollte, war der Grund gefunden[116].
[116] Ein genaueres Eingehen auf diese Verhältnisse würde zu weit führen. Es sei verwiesen auf allgemeine Geschichtswerke, z. B. Schlosser, Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts, Band 4, Seite 293 ff. Vgl. auch Kirchhoff Band 1, Seite 317, über die bewaffnete Neutralität, und de Jonge Band 4, Seite 379 ff., über Reibungen auf See zwischen England und Holland vor der Kriegserklärung.
$Die bewaffnete Neutralität der Ostseemächte$ und ihre seerechtlichen Forderungen. England hatte schon im vorigen Kriege das Recht beansprucht, feindliches Gut in neutralen Schiffen wegzunehmen (vgl. Seite 124 und 199). Dieser Grundsatz schädigte auch jetzt Holland und die Ostseemächte schwer, in deren Hände während des Krieges ein großer Teil des europäischen Handels überging; anderseits lag England daran, gerade die Produkte der Ostsee, Schiffsmaterialien (Bauholz) und Getreide, seinen Gegnern vorzuenthalten. Im Jahre 1780 traten auf Anregung der Kaiserin =Katharina= II. Rußland, Dänemark und Schweden zusammen und erließen eine Erklärung, in der gefordert wurde:
1. Neutrale Schiffe sollten das Recht haben, nicht nur nach unblockierten Häfen, sondern auch von Hafen zu Hafen einer kriegführenden Macht zu segeln (also den Küstenhandel dort im Gange zu halten).
2. Das Eigentum der Untertanen einer kriegführenden Macht an Bord neutraler Schiffe sollte unantastbar sein. (»Frei Schiff -- frei Gut«.)
3. Nur Waffen, Ausrüstungsgegenstände und Kriegsmunition sollten als Kontrebande gelten. (Dies schloß Lebensmittel und Schiffsmaterialien aus, soweit sie nicht der Regierung eines Kriegführenden gehörten.)
4. Die Blockaden sollten eine entsprechende Seestreitmacht in nächster Nähe des blockierten Hafens erfordern, um bindend zu sein.
Die verbündeten Mächte verpflichteten sich, diesen Forderungen durch Bereithaltung einer gemeinsamen Flotte von festgesetzter Mindeststärke Nachdruck zu verleihen. Dem Vertrage schlossen sich am 8. Mai 1781 Preußen und am 9. Oktober 1781 der Kaiser (mit Rücksicht auf die österreichischen Niederlande) an, später traten auch Portugal sowie Neapel bei. Frankreich und Spanien erklärten sich einverstanden.
England versprach Rußland, dessen übrigens geringfügigen Handel zu schonen und erhob zwar gegen die Erklärung keinen Widerspruch, dachte aber auch nicht daran, sie zu beachten, was bei seiner Stärke zur See kaum wundernehmen kann. Die Generalstaaten hatten sich nach langen Verhandlungen am 20. November 1780 entschlossen, dem Bunde der Ostseemächte beizutreten, ehe aber die Erklärung in Petersburg eintraf (24. Dezember), erklärte England den Krieg. Rußland lehnte nun den Beitritt Hollands -- und damit die Verpflichtung, für dasselbe einzutreten -- mit der Begründung ab, daß dieser Staat nicht mehr neutral sei; von England im geheimen beeinflußte Personen hatten dies bewirkt.
$Kennzeichnung und Bedeutung des Seekrieges von 1778.$ =Der Landkrieg in Nordamerika= ist für uns nur soweit von Wichtigkeit, als Seestreitkräfte unmittelbar in ihn eingriffen und durch ihn Flottenbewegungen hervorgerufen wurden; wir werden ihn deshalb auch nicht eingehender schildern, als die Berücksichtigung dieser Punkte fordert. =Der Seekrieg= aber, der 1778 begann, =ist von großer Bedeutung für die Seekriegsgeschichte=. Es ist ein Kampf, wie ihn das 18. Jahrhundert noch nicht gesehen hatte. In den vorangegangenen Kriegen -- dem Spanischen, dem Österreichischen Erbfolgekriege und dem Siebenjährigen -- war Englands Macht zur See weit überlegen. Es fand in den beiden erstgenannten auch noch den Beistand der holländischen Marine, und wenn diese auch nur gering war, so glich er doch die Unterstützung Frankreichs durch Spanien aus, und im Siebenjährigen Kriege blieb Holland wenigstens neutral. Außerdem war England, besonders in den beiden letztgenannten Kriegen, an keinem Landkriege beteiligt, während Frankreich durch einen solchen abgelenkt und zu großen Opfern genötigt wurde. So war es England stets gelungen, durch früher oder später einsetzendes kräftiges Vorgehen die Marine Frankreichs niederzuwerfen und dann die Früchte unbedingter Seeherrschaft zu ernten, indem es dem Gegner die Hilfsquellen verstopfte und ihm seine fernen Besitzungen abnahm.
Jetzt mußte England mit seinen abgefallenen Kolonien einen ernsten Landkrieg führen und auch einen Teil seiner Seestreitkräfte in dessen Dienst stellen; Frankreich dagegen war am Lande frei. Es war England nicht geglückt, Verbündete zu finden, ja sogar die Anwerbung der durchaus nötigen Hilfstruppen in Deutschland wurde bald durch Preußen und den Kaiser eingeschränkt. Spanien trat diesmal beizeiten auf die Seite Frankreichs, und die vereinten Marinen dieser Länder, beide in den letzten Jahren wesentlich erstarkt, waren der englischen an Zahl der Schiffe überlegen. Später kam dann noch Holland als Gegner Englands hinzu, und dieses mußte auch mit den Kräften der »bewaffneten Neutralität« bis zu einem gewissen Grade rechnen. Nicht zu unterschätzen ist endlich die Schädigung der englischen Marine durch den Wegfall der Seeleute aus den amerikanischen Kolonien, den man auf 18000 berechnet.
England war in einer gefährlichen Lage; es mußte neben dem Kampfe um Wiederherstellung seiner Oberhoheit in Nordamerika auch seine, während der letzten hundert Jahre errungene Seeherrschaft verteidigen. Diese Obmacht zu brechen, die außer auf einer starken Marine auf den Kolonien, den Marinestationen draußen und dem Seehandel in allen Teilen der Welt beruhte, war das Ziel der Gegner. England befand sich in diesem Kriege in der Verteidigung und suchte seine außerheimischen Besitzungen überall durch eine genügende Macht zu sichern. Da nun seine Seestreitkräfte denen der Gegner zahlenmäßig anfangs unterlegen, später etwa gleich waren, hatten die Gegner mehrfach auf einem der Kriegsschauplätze, meistens auf dem europäischen, das Übergewicht. Englands Streitkräfte waren aber aus einem Guß und lagen in einer Hand, die der Verbündeten verstanden sich nicht immer und wurden oft getrennt zu Sonderzwecken eingesetzt; beides Schwächen der meisten Bündnisse. Zudem war auch der innere Wert der englischen Marine doch ein höherer als der der anderen, vornehmlich der spanischen, und so ging England schließlich unbesiegt aus dem schweren Kampfe hervor.
In den vorhergegangenen Kriegen des 18. Jahrhunderts tritt zwar der große Einfluß der unbeschränkten Seeherrschaft mehr hervor, das darauf fußende stolze Auftreten Englands kennzeichnet ihn, aber der jetzt zu besprechende ist seekriegsgeschichtlich bedeutungsvoller. Die europäischen Gewässer von England bis Gibraltar, die Küsten Nordamerikas, sowie West- und Ostindien bieten Kriegsschauplätze für große Flotten. Die Strategie beider Parteien gibt Anlaß zu eingehenden Betrachtungen, und auch in Hinsicht auf die Taktik bringt der Krieg viel Bemerkenswertes. Auf allen Kriegsschauplätzen messen sich Flotten gleicher Stärke in zahlreichen rangierten Schlachten, während die vorhergegangenen Kriege deren nur wenige brachten. Gerade in den Kämpfen des Seekrieges 1778-1783 erkennen wir deutlich die Entwicklung der Seetaktik, wie wir sie als eins der Kennzeichen des IV. Abschnittes hingestellt haben.
Die Streitmittel.
Die innere Geschichte der Marinen Frankreichs und Englands ist bereits im Kapitel II (Seite 24 ff.) behandelt, dort sind sie auch auf ihren Wert miteinander verglichen unter Hervorhebung einiger gerade für den vorliegenden Krieg bemerkenswerten Punkte. Wir können uns deshalb hier fast ganz auf Angaben über die Schiffsbestände und Schiffsverluste, sowie auf Hinweise betreffend die wichtigsten anderen Punkte beschränken.
$Frankreich.$ Den =Schiffsbestand= um 1778 kann man mit einiger Sicherheit auf 70-80 Linienschiffe, 70 Fregatten und Korvetten, sowie etwa 100 kleinere Fahrzeuge annehmen. Zur Verwendung überhaupt sind während des ganzen Krieges 92 Linienschiffe gekommen: 6 des ersten Ranges (110 Kanonen), 2 des zweiten (86 Kanonen), 84 des dritten (7 zu 80, 48 zu 74, 29 zu 64 Kanonen). Diese Zahl ist gleichzeitig niemals vorhanden gewesen, in ihr sind Schiffe enthalten, die verloren gingen, und solche, die neu erbaut wurden. =Der Verlust= betrug 18 Linienschiffe, sowie etwa 50 Fregatten und Korvetten; von den ersteren sind 12 vom Feinde genommen, die übrigen vernichtet oder sonst verunglückt[117].
[117] Den Schiffsbestand für 1778 geben Chab.-Arnault zu 70 Linienschiffen, Bonfils zu 72, Mahan zu 80 an. Die Angabe über die zur Verwendung gelangten, sowie über die verlorenen sind Charnock, Band 3, Seite 220 entnommen (dort mit Namen der Schiffe); eine Liste der Verlorenen bringt auch Clowes, Band 4, Seite 114.
=Die Schiffe= waren fast sämtlich neu, vorzügliche Seeschiffe und auch besser gehalten als in den vorangegangenen Kriegen, da Werften, sowie Arsenale leistungsfähiger waren, doch scheint hierin nach der Amtstätigkeit der beiden =Choiseul= schon wieder ein Rückschritt eingetreten zu sein. Frankreich hatte jetzt auch Dreidecker (Schiffe ersten Ranges), es stellte aber, wenn auch selten, noch immer 50-Kanonenschiffe in die Linie ein; seine Hauptkraft lag in Schiffen zu 74 Kanonen. Nur ein Bruchteil der Linienschiffe war gekupfert, und dies gereichte ihnen zum Nachteil gegenüber den englischen durchweg gekupferten, da die ungekupferten langsamer waren und dadurch häufig die schnelleren behinderten.
=Die Seeoffiziere= waren besonders theoretisch sehr gut ausgebildet. Ihre Zahl reichte aber bei der Indienststellung während dieses Krieges nicht aus, so daß man stark auf die Reserve aus der Handelsmarine (die sogenannten »officiers bleus«, vgl. Seite 31) zurückgreifen und auch Offiziere des Heeres in die Marine einstellen mußte. Auch an =Mannschaften= mangelte es, obgleich die seemännische Bevölkerung zugenommen hatte und gegen 67000 Mann in den Inskriptionslisten verzeichnet waren. Besonders später nach Verlusten, hauptsächlich durch Krankheiten infolge der schlechten gesundheitlichen Verhältnisse an Bord hervorgerufen, mußte man Fremde (Malteser, Genueser, ja Albaneser) anwerben, Seesoldaten sowie Mannschaften des Heeres an Stelle fehlender Matrosen einschiffen.
$Spanien$ besaß 1778 70 Linienschiffe: 2 zu 110 und 114 Kanonen, 2 zu 86, 7 zu 80, 48 zu 70-74, 11 zu 64. Hinzu traten 2 Schiffe zu 60, 2 zu 50, sowie genügend Fregatten usw. Die Marine war mithin unter =Karl= III. stattlich gewachsen, auch waren die Schiffe neu und gut gebaut. Aber alle Quellen stimmen darin überein, daß es der spanischen Marine infolge der sonstigen Verhältnisse im Lande an einer gesunden Organisation gefehlt habe und daß, wie bisher, Werften und Arsenale nicht imstande gewesen wären, die Schiffe gut auszurüsten. Ebenso sollen Offiziere wie Mannschaften wie früher im allgemeinen minderwertig gewesen sein. =Der Verlust= an Linienschiffen betrug 8, darunter 4 vom Feinde genommen, und 18 andere Kriegsfahrzeuge[118].
[118] Angaben nach Charnock, Seite 233. Mahan gibt für 1778 nur 60 Linienschiffe an, Chab.-Arnault gar nur 50. Eine Verlustliste auch in Clowes, Seite 115.
=Holland= hatte kaum noch eine nennenswerte Marine.
$Die innere Geschichte seiner Marine$ sei kurz berührt (anschließend an Seite 59; zusammengestellt nach de Jonge, Band IV, Seite 282, 392, 432, 472). =Wilhelm= IV., seit 1747 Statthalter, hatte versucht, die Marine wieder zu heben. Er schuf Einrichtungen zu besserer wissenschaftlicher Ausbildung der Seeoffiziere und sorgte für ihre Vermehrung, sowie schnellere Beförderung. Er ernannte 5 Leutnantsadmirale, 6 Vize- und 8 Kontreadmirale, so daß die Marine mehr Flaggoffiziere zählte als zur Zeit ihres höchsten Glanzes. Er erstrebte ferner, die Admiralitäten von ihren Schulden zu befreien und die Zahl der Schiffe zu vermehren. Man faßte auch dahinzielende Beschlüsse, doch wurden diese weder während der kurzen Regierung Wilhelms (bis 1751) noch unter der vormundschaftlichen Regierung seiner Gemahlin =Anna= durchgeführt, und nach deren Tode (1759) schlief die Teilnahme für die Marine wieder völlig ein.
So kam es, daß Holland bei Ausbruch des Siebenjährigen Krieges, in dem nur einige Schiffe zum Handelsschutz Verwendung fanden, nicht stärker dastand als 1741 und daß 1772 der Schiffsbestand sogar nur noch 12 Schiffe über 60 Kanonen (also zeitgemäße Linienschiffe), 14 zu 50-54, 6 zu 44, 15 zu 36, 18 zu 20-24 und 1 zu 12 -- also insgesamt 66 Segel -- betrug. =Wilhelm= V., der 1766 die Regierung selbständig übernahm, versuchte den Bau der längst als notwendig erkannten Schiffe durchzusetzen, aber erst 1778, als der Krieg zwischen England und Frankreich ausbrach, beschlossen die Provinzen einstimmig, den Bau von 24 Linienschiffen (aber noch von 50 Kanonen an aufwärts gerechnet).
Im September 1780, also kurz ehe England den Krieg an Holland erklärte, war man wegen Mangels an Geld und Mannschaften nur imstande, von dem eben angeführten geringen Bestande 8 Schiffe zu 60-71 Kanonen, 10 zu 50-54, sowie 11 Fregatten von 36-44 und 20 kleinere Fahrzeuge in Dienst zu stellen. Der seit 1778 begonnene Bau von neuen Schiffen ging infolge Geldmangels und zu geringer Leistungsfähigkeit der Werften nur langsam vorwärts; erst 1783, vor dem Friedensschluß, zählte Holland im Bestande 9 Schiffe zu 70-76 Kanonen, 23 zu 60-64, 14 zu 50-54, 26 zu 36 bis 40, 12 zu 20 und 56 kleinere Fahrzeuge (Kutter, Advijsjagden und Küstenfahrzeuge). Um diese in Dienst zu stellen, wären 31000 Mann nötig gewesen; wirklich in Dienst waren jedoch nur 11 Linienschiffe über 60 Kanonen, 11 über 50, 21 schwere Fregatten, 11 Korvetten, sowie sämtliche kleineren Fahrzeuge mit einer Gesamtbesatzung von 19000 Mann. Man beabsichtigte die ganze Flotte mobil zu machen, aber infolge des Waffenstillstandes kam es nicht mehr dazu. =Der Verlust= an Schiffen im Kriege betrug 4 Schiffe von 50-64 Kanonen und 5 von 16-38; 7 dieser Fahrzeuge waren vom Feinde genommen.
$Die bewaffnete Neutralität der Ostseemächte$ verpflichtete sich, an Seestreitkräften bereit zu halten:
----------------------+-------+-------+-------+------- Schiffe mit Kanonen | 70-76 | 60-66 | 40-50 | 20-38 ======================+=======+=======+=======+======= Rußland | 3 | 16 | 6 | 9 | | | | Dänemark | 6 | 6 | 4 | 9 | | | | Schweden | 6 | 8 | 3 | 11 ----------------------+-------+-------+-------+------ Gesamt 15 30 13 29 ----------- | 45 Linienschiffe.
$England$ hatte $1775$ einen =Schiffsbestand=[119]: von 131 Linienschiffen: 4 zu 100 Kanonen, 17 zu 90 und 98, 99 zu 64-80, 11 zu 60, 16 Schiffe zu 54 und 4 zu 44; an Fregatten: 38 zu 32 und 36 Kanonen, 24 zu 28, 7 zu 24, 13 Schiffe zu 22 und 20, 38 Sloops zu 8-18 Kanonen. Insgesamt 269 Segel, zu denen noch eine große Zahl kleinerer Fahrzeuge (cutter, adviceboats) traten. =Der Verlust= im Kriege betrug 13 Linienschiffe (nur eins fiel in Feindeshand), 57 Schiffe von 20-50 Kanonen (16 genommen) und 100 Sloops sowie kleinere Fahrzeuge (50 in Feindeshand). Aber wiederum vermehrte England während des Krieges seine Flotte derart, daß um $1788$ 174 Linienschiffe und insgesamt 450, ja mit Einschluß der ganz kleinen Fahrzeuge 650 Segel vorhanden waren.
[119] Vgl. Seite 18 die Tabellen mit den Angaben für 1775 und 1783. In diesen großen Zahlen sind aber ohne Frage stets viele alte Schiffe enthalten, die nicht mehr den Anforderungen genügten. -- Die Verluste an Schiffen unter Angabe der Namen vgl. Clowes, Bd. IV, Seite 109.
Hervorzuheben ist dabei, daß der Zuwachs an Linienschiffen vorwiegend in solchen zu 74 Kanonen (etwa 40 solcher) bestand; ferner waren die Schiffe zu 44 und 50 Kanonen (auch etwa um 40), sowie die Fregatten mit über 30 Kanonen (etwa um 50) besonders vermehrt. Die englischen =Seeoffiziere= zeichneten sich vor den französischen besonders durch seemännische Geschicklichkeit und Erfahrung, sowie infolge der vorhergegangenen siegreichen Kriege durch Kühnheit und Selbstvertrauen aus. Für die =Mannschaften= war gleichfalls vorzügliches Material vorhanden, hier aber trat im Gegensatz zu Frankreich bei Beginn des Krieges, wie auch früher stets, Mangel zutage, weil viele Seeleute mit den Handelsschiffen abwesend waren; es mußte beim Pressen auf minderwertiges Personal zurückgegriffen werden.
Wenn wir =den Vergleich der Seestreitkräfte= (vgl. Kapitel II, Seite 33) nochmals zusammenfassen, so ergibt sich, daß die Vorteile für Frankreich und Spanien aus den neueren und besseren Schiffen durch die Tüchtigkeit der englischen Besatzungen mehr als aufgewogen wurden; auch führte England während des Krieges die Kupferung der Schiffe allgemein durch und erreichte damit eine annähernd gleiche Geschwindigkeit dieser in den Flotten. An Schiffszahl aber konnte England in diesem Kriege nicht überlegen auftreten. Sein Gesamtschiffsbestand war zwar 1778 dem der vereinigten Gegner gleich und überwog ihn 1783 bedeutend. Aber in keinem Kriegsjahre hat England auch nur annähernd so viel Schiffe in Dienst gestellt, wie der Bestand aufwies, während Frankreich und Spanien dies taten.
Es ist möglich, daß England durch Mangel an Geld, Material und Leuten beschränkt wurde, wahrscheinlicher ist es jedoch, daß der Gesamtbestand eine große Zahl von Fahrzeugen enthielt (namentlich unter den Linienschiffen[120], die nicht mehr kriegsbrauchbar waren; ein Umstand, der bei den neugegründeten Marinen der Gegner fortfiel. Da nun Englands Strategie -- häufig als unrichtig beurteilt -- in diesem Kriege dahin strebte, auf allen Kriegsschauplätzen stets einem Angriff gewachsen zu sein, waren die Verbündeten in den europäischen Gewässern immer und auch auf den überseeischen Schauplätzen bisweilen die Stärkeren. Man hatte in England vor diesem Kriege, obgleich er lange vorauszusehen war, den schon weit früher von Marineautoritäten aufgestellten Grundsatz aus dem Auge gelassen, die Marine stets der vereinigten Seemacht der beiden bourbonischen Königreiche gewachsen zu halten.
[120] Wir werden ein Beispiel finden (Schlacht auf der Doggerbank 1781), wo sich selbst unter den in Dienst gestellten Linienschiffen anerkannt minderwertige befanden.
$Eine Zusammenstellung der Indiensthaltungen$ während der Kriegsjahre möge Vorstehendes veranschaulichen. Die Angaben über England sind einer Tabelle aus Colomb, »Naval Warfare«, Seite 366 entnommen. Es ist die einzige ihrer Art, die in den Quellen zu finden war, und auch sie ist nach Angabe des Autors nur im allgemeinen genau, da infolge von Konvoibegleitungen, Ablösungen ausbesserungsbedürftiger Schiffe usw. beständig Verschiebungen vorkamen. Über Frankreich und Spanien war keine solche Zusammenstellung zu finden (mit Ausnahme der Angabe über Frankreich für das Jahr 1700, welche Lacour II, Seite 305 entnommen ist); wir mußten die Zahlen nach den Angaben über die bei kriegerischen Ereignissen zur Verwendung gelangten Schiffe annähernd errechnen.
Die so geschätzten Zahlen werden zu niedrig sein, denn wie bei England die Gesamtzahl der Schiffe auf den Stationen stets weit größer ist als die bei den großen Unternehmungen genannte, ist es auch bei den Verbündeten der Fall; auf beiden Seiten wurde eine gewisse Zahl von Linienschiffen durch Ablösungsfahrten, Handelsschutz und Handelskrieg, Schutz der Häfen usw. der Verwendung in den großen Schiffsverbänden entzogen. Immerhin werden die Angaben einigermaßen zu einem Vergleiche der von beiden Seiten aufgestellten Seestreitkräfte dienen können.
=Englands Seestreitkräfte= (Linienschiffe). ---------+----------+-------------+--------------+---------+--------- Heimische|Mittelmeer|Westindien 1)|Nordamerika 2)|Ostindien|Insgesamt Gewässer| | | | | =========+==========+=============+==============+=========+========= 1778: 48| 1 | 14 | 12 | 2 | 77 1779: 43| 2 | 30 | 10 | 8 | 93 1780: 43| 2 | 33 | 17 | 8 | 102 1781: 39| 1 | 44 | 19 | 12 | 115 1782: 35| 1 | 59 | 12 | 22 | 129
1) In Westindien waren zwei Stationen besetzt: die Kleinen Antillen (Barbados) und Jamaika; letztere war im allgemeinen die weit schwächere.
2) In Nordamerika lag der Schwerpunkt der Station in New York, doch war auch Halifax besetzt.
=Streitkräfte der Verbündeten.= ------------------------+-----------+---------+-------+------+--------- Brest bzw. |Toulon bzw.|West- | Nord- | Ost- |Ins- spanische Küste |Mittelmeer |indien 1)|amerika|indien|gesamt 2) ========================+===========+=========+=======+======+========= 1778 Frankreich 32 | 5 | 23 | -- | 2 | 62 1779{Frankreich 30 | 5 | 25 | -- | 2 | 62} 118 {Spanien 38 | -- | 18 | -- | -- | 56} 1780{Frankreich 27 | 4 | 27 | 7 | 5 | 70} 123 {Spanien 35 | -- | 18 | -- | -- | 53} 1781{Frankreich 26 | ? | 29 | 8 | 11 | 74} 124 {Spanien 32 | 3 | 15 | -- | -- | 50} 1782{Frankreich 15(min.)| ? | 36 | -- | 13 |64(?)}109 {Spanien 35 | -- | 20 | -- | -- |55 }(?)
1) Die französische Flotte Westindiens trat auch in Nordamerika auf.
2) Zu diesen Zahlen sind nach oben Gesagtem sicher noch einige zuzurechnen. So gibt Campbel (Band 7, Seite 94) für Frankreich 1782 als in Dienst befindlich 89 Linienschiffe an; diese Zahl erscheint allerdings viel zu hoch, während anderseits die für dieses Jahr von uns angegebene wahrscheinlich sehr gering bemessen ist.
$Die Vereinigten Staaten von Nordamerika$[121] schufen während des Krieges eine kleine Marine; der 22. Dezember 1775 gilt als ihr Geburtstag. Der Kongreß befahl am 5. Oktober 1775 dem General =Washington=, zwei vor Massachusetts zum Kreuzen gegen Zufuhren der Engländer ausgerüstete Fahrzeuge in den Dienst der Allgemeinheit zu nehmen, um zwei mit Waffen und Munition erwartete Schiffe abzufangen, da dem Landheere besonders Pulver fehlte. Am 13. Oktober wurde dann eine Kommission eingesetzt, um die Ausrüstung von weiteren vier Fahrzeugen in die Wege zu leiten, und im November beschloß man, durch Aufbringen von englischen Kriegs- sowie Handelsschiffen den Krieg auch zur See zu führen.
[121] Nach Spears, Band 1. Die Flottille, die für die Kämpfe auf dem Champlainsee gebaut wurde, ist hier nicht berücksichtigt.
Die Kommission ward dann zur festen Behörde für Angelegenheiten der Marine und erließ organisatorische Bestimmungen für eine solche; am 11. Dezember ordnete man den Bau von 5 Schiffen zu 32 Kanonen, 5 zu 28, 3 zu 26 an, die im März 1776 seeklar sein sollten. Sechs dieser Schiffe sind niemals in See gegangen, sie wurden schon in den Bauhäfen von den Engländern zerstört. Gleichzeitig wurden geeignete Handelsschiffe zu Kriegszwecken eingerichtet -- 2 Vollschiffe zu 20 und 24 Kanonen, 2 Briggs, 1 Sloop und 2 Schoner -- und am 22. Dezember 1775 die Offiziere für diese ernannt, nämlich ein Kommodore, 4 Kapitäne, 5 Leutnants I. Klasse (unter diesen der bald berühmte =John Paul Jones=), 8 II. Klasse. An einem der nächsten Tage heißte auf dem Flaggschiff »Alfred« der erste Offizier (=Jones=) eigenhändig die neue Flagge: 13 Streifen, abwechselnd rot und weiß, mit dem britischen Union Jack[122]. Das kleine Geschwader konnte jedoch des Eises wegen nicht vor dem 17. Februar 1776 zum ersten Male in See gehen (zu einer Expedition gegen die Bahamainseln). Die 8 Fahrzeuge führten insgesamt 110 Kanonen, als schwerste aber nur 9-Pfdr. Zu Offizieren hatte man meist Personen ernannt, die sich schon auf den kleinen Kreuzern der Küstenstaaten ausgezeichnet hatten, unter den Mannschaften befanden sich dagegen viele Nichtseeleute, da die seemännische Bevölkerung den Dienst auf Freibeutern vorzog.
[122] Am 14. Juni 1776 änderte der Kongreß den Union Jack in ein blaues Feld mit 13 weißen Sternen um, und wieder war es =Paul Jones=, der die neue Flagge auf seinem Schiffe »Ranger« in Portsmouth (Newhampshire) zum ersten Male und eigenhändig heißte.
Als die Unabhängigkeitserklärung am 4. Juli 1776 erfolgte, zählte die Marine 24 Fahrzeuge aller Größen bis zur schweren Fregatte (32 Kanonen) mit 422 Geschützen. Während der Kriegsjahre wurde sie nach Kräften durch Neubau, Kauf und Einstellung genommener Fahrzeuge vermehrt, aber fast alle Schiffe fielen dem Feinde in die Hände, wurden vernichtet oder gingen sonst verloren; beim Friedensschluß waren nur noch 3 größere Schiffe mit insgesamt 84 Geschützen vorhanden. =Der Verlust=[123] betrug 3 Schiffe zu 40-44 Kanonen, 13 zu 28-32, 6 zu 20-26, 11 zu 12-14 und 6 zu 4-10. Rühmend heben amerikanische Quellen hervor, daß kein Kriegsfahrzeug von englischen Freibeutern genommen sei, während amerikanische Freibeuter 16 englische Kriegsschiffe genommen hätten.
[123] Nach einer Liste Clowes IV, Seite 113, in der die Namen der Schiffe und der Kommandanten, sowie die Ursache des Verlustes angegeben sind.
Verwendung fand die Marine nur in Verbindung mit Operationen am Lande sowie im Kleinen Kriege; die Angaben über die Größe der Schiffe machen dies selbstverständlich. Nach dem Kriege wurden die noch vorhandenen Fahrzeuge verkauft, da die öffentliche Meinung gegen jede stehende Waffe als eine monarchische Einrichtung war und auch deren Kosten scheute. Erst 1794 gaben die Schäden, die der Seehandel durch die Barbaresken erlitt, Anlaß zur Gründung einer neuen Marine.
Der Krieg in Nordamerika bis 1778[124].
$Das Jahr 1775$ verlief für England ungünstig. Dies hatte in Friedenszeiten in den Kolonien stets nur wenig Truppen, schwache Garnisonen in einigen Städten sowie in den kleinen Forts, und selbst als die Lage bedenklich wurde, sandte man nur geringe Verstärkungen hinaus, obgleich die Kolonien 1775 schon gegen 2 Millionen weiße Einwohner zählten. Es war für England auch nicht leicht, sofort größere Kräfte aufzubieten.
[124] =Hauptquellen=: Schlosser und Zimmermann (vgl. Fußnote Seite 205); Clowes Band III; Spears Band I; Campbell Band V. -- Die Angaben über die Stärke der Heere auf beiden Seiten in den verschiedenen Quellen weichen oft sehr voneinander ab. Der Grund mag darin liegen, daß die Zahlen bei der Unzuverlässigkeit der amerikanischen Milizen sehr wechselten und daß ein Kriegsschauplatz häufig dem andern aushalf; englischerseits darin, daß der eine Autor nur die regulären Truppen zählt, der andere die Milizen Kanadas und die Truppenkörper der sogenannten Loyalisten mitrechnet. Wir geben die Zahlen nach sorgfältigster Abwägung; bei der untergeordneten Bedeutung des Landkrieges für uns dürften etwaige Irrtümer ohne Belang sein.
Die englische Landarmee betrug 1774 nur 17500 Mann -- die Flotte war mit 20000 Seeleuten bemannt; für 1775 waren gar nur 18000 ausgeworfen --, für 1776 bewilligte das Parlament 55000 Soldaten, für die Marine 28000 Mann, von denen die größere Zahl nach Amerika bestimmt war, aber man vermochte sie nicht aufzustellen, da die Werbungen in Großbritannien und Irland wenig Rekruten brachten. Nur unter Entblößung der Heimat konnte man die nötigsten Verstärkungen hinaussenden, und der Kriegsminister empfahl, die aufständischen Kolonien allein durch Vernichtung ihres Handels sowie Zerstörung der Küstenstädte mürbe zu machen. Hiervon wollte jedoch der König nichts wissen, sondern kaufte für 1776 etwa 18000 Soldaten von den kleinen deutschen Fürsten; in den nächsten Jahren bis zu 25000 insgesamt. Als Kurfürst von Hannover sandte er ferner 2300 Hannoveraner nach Gibraltar und Minorca zur Ablösung englischer Regimenter. Auf diese Weise wurden noch mehr Truppen aufgestellt, als das Parlament bewilligt hatte, zum Teil aus Mitteln, die Korporationen und Private zur Verfügung stellten. -- Wie =Friedrich der Große= über den Menschenhandel in Deutschland dachte, zeigte sein Ausspruch: »Es sei billig, wenn er für die durch sein Land ziehenden Soldaten den Viehzoll erhebe, da sie doch wie Vieh verkauft wären.«
$Gefechte bei Lexington und Bunkershill.$ Als =General Gage= im Frühjahr den Gouverneursposten in Boston übernahm, hatte er nur etwa 3500 Mann zur Verfügung, während in Massachusetts schon 12 000 Mann unter Waffen standen und eifrig weiter gerüstet wurde. Bei Concord, etwa 6 Stunden von Boston, war ein Magazin eingerichtet; um es aufzuheben, entsandte Gage Mitte April 800 Mann. Diese Truppe wies zwar auf dem Hinmarsche eine kleine Abteilung Milizen blutig ab, die sich ihr in den Weg stellte, und führte ihren Auftrag aus, wurde aber auf dem Rückmarsch durch große Scharen der durch das erste Blutvergießen erregten Bevölkerung bei =Lexington am 19. April= angegriffen, verlor 65 Tote, 180 Verwundete sowie 28 Gefangene und würde vernichtet worden sein, wenn ihr nicht von Boston 16 Kompagnien zu Hilfe gekommen wären. =Dieses Gefecht gilt als der Anfang des Krieges=; Gage erklärte das Kriegsrecht, mußte sich aber in Boston verschanzen, da die Stadt von jetzt an durch die Amerikaner eingeschlossen wurde.
Am 24. Mai trafen nun zwar die Generale =Howe=, =Clinton= und =Burgoyne= mit Truppen ein, wodurch das Heer auf 10000 Mann kam, unternahmen aber noch nichts. Dagegen erlitten die Engländer eine neue Niederlage. Als sie auf der durch den Charles-River von Boston getrennten Landzunge eine die Stadt beherrschende Höhe -- =Bunkershill= -- befestigen wollten (jetzt erst!), kamen ihnen die Gegner zuvor. Die von diesen am =16. Juni= angelegte Befestigung wurde nun allerdings am =17. Juni= von den Engländern genommen, aber der Angriff kostete ihnen, trotz Unterstützung durch das Feuer ihrer Kriegsschiffe, 1054 Mann, einschließlich 89 Offiziere, an Toten und Verwundeten, während die Amerikaner nur 449 Mann einbüßten und sich -- wegen Munitionsmangels -- in guter Ordnung zurückzogen. Nun trat =George Washington= an die Spitze des amerikanischen Heeres und brachte es auf 20000 Mann, aber die Disziplin ließ sehr viel zu wünschen übrig, und es mangelte an Kriegsmaterial jeder Art. Die Engländer, über die im Oktober =Sir William Howe= den Oberbefehl übernahm, versuchten nicht einmal, die Linie der Belagerer zu durchbrechen, obgleich diese später kaum 9000 Mann zählten, als die Milizen heimgingen, die ihren Dienst hinter sich hatten; sie hofften, durch verschärfte Maßregeln -- Beschlagnahme aller amerikanischen Schiffe und Waren, sowie Blockade aller Häfen -- die Kolonien zum Nachgeben zu zwingen.
$Vordringen der Amerikaner gegen Kanada.$ In dem eben begonnenen Kriege war für beide Parteien die =Hudsonlinie= wichtig, die fast ununterbrochene Wasserstraße, die durch den Hudson, den George-, den Champlainsee und endlich den Richelieu-River von New York bis zum St. Lawrencestrom unterhalb Montreals gebildet wird. In der größtenteils noch unwegsamen Gegend bot sie den Weg für amerikanische Angriffe auf Kanada sowie für englische von dort; von den Engländern völlig beherrscht, setzte sie diese in den Stand, die gefährlichsten Kolonien -- die Neuenglandstaaten -- von den weniger feindseligen mittleren abzuschneiden. Deshalb und auch wohl in der Hoffnung, die widerstrebenden Kanadier doch noch herüberzuziehen, =bemächtigten sich= im Mai die Obersten =Arnold= und =Allen= von Massachusetts aus mit nur 270 Mann des =Forts Ticonderoga=, an der Südspitze, und des =Forts Crownpoint= am Westrande des Champlainsees.
Von hier aus segelte =Arnold= in einem Schoner zur Nordspitze des Champlainsees bis zu dessen Ausfluß, dem Richelieu-River, und nahm hier das =Fort St. Johns=. Halten konnte er sich hier allerdings nicht, da eine starke englische Truppe im Anmarsch war, die der Gouverneur von Kanada, =General Carleton=, zur Verstärkung der Grenzforts abgesandt hatte, aber er verbrannte vor seinem Rückzuge alle Fahrzeuge im Norden des Sees und sicherte sich so Crownpoint und Ticonderoga. Der Kongreß, der im Mai wieder zusammengetreten war und mit England verhandelte, war zwar anfangs mit diesem Vorgehen nicht einverstanden, gab aber später Washington Befehl, Truppen für einen Einfall in Kanada bereitzustellen. Am 4. September schiffte General =Montgomery= in Crownpoint 2-3000 Mann ein, nahm Fort Chambly am Richelieu-River und zwang St. John am 3. November zur Übergabe. Er zog dann weiter, besetzte am 13. November =Montreal= ohne Kampf und ging den St. Lawrencestrom hinab gegen =Quebec= vor; hier traf er auf =Arnold=. Dieser war während des Oktober durch die Wälder vorgedrungen, wobei er infolge von Strapazen 500 Mann von 1200 verlor, hatte am 13. November oberhalb Quebec den Strom überschritten und dieselbe Höhe besetzt, die =Wolfe= 16 Jahre früher erklommen; Carleton zählte nur 1500 Mann und war zu schwach, ihn zu vertreiben. Nach Montgomerys Eintreffen, Anfang Dezember, ward die Stadt eingeschlossen. Zu einer regelrechten Belagerung waren aber keine Mittel vorhanden, und ein Sturm am 31. Dezember, bei dem Montgomery fiel, wurde abgeschlagen. =Arnold= mußte sich nun begnügen, dem Feinde die Zufuhren vom Lande her abzuschneiden; von See her tat dies das Eis. Die Kanadier zeigten keine Neigung, von England abzufallen.
$Das Jahr 1776$ brachte gleichfalls einige $bemerkenswerte Ereignisse zur See$. Auf die Nachricht von dem ersten Blutvergießen bei Lexington bemächtigten sich die Einwohner von Machias (Maine) mittels einer Sloop eines bewaffneten Regierungsschoners, der mit Mastenhölzern beladene Fahrzeuge nach Boston bringen sollte. Sie armierten mit seinen Kanonen die besser segelnde Sloop und nahmen dann zwei Kriegsschoner, die von Halifax zur Verhaftung des Rädelsführers der ersten Gewalttat geschickt waren. Diese drei Fahrzeuge ließen sie gegen Schiffe kreuzen, die den Engländers in Boston Proviant und Material brachten. In ähnlicher Weise wurde bei Rhode-Island ein Kriegsschoner genommen, dessen Kommandant wegen seiner Schroffheit beim Durchsuchen von Handelsschiffen verhaßt war. Wie Maine sandten auch Massachusetts und Rhode-Island kleine Kreuzer gegen die englischen Zufuhren aus; bald nahm der Kongreß diesen Kaperkrieg in die Hand (vgl. Seite 225). Besonders erwünscht war das Abfangen von Transportern mit Munition, da die eigenen Milizen hieran Mangel litten.
Diese Kreuzfahrten hatten mehr Erfolg[125] als man glauben sollte. Allerdings kamen die englischen Zufuhrschiffe ohne Deckung, und es ist kaum verständlich, weshalb die Engländer sich nicht besser vorsahen, da sie doch in Boston ganz auf Zufuhren von See her angewiesen waren. Wie stark ihre Seestreitkräfte an der Küste waren, ist leider nirgend zu ersehen, nur Laird Clowes sagt, sie seien weder stark genug noch geeignet gewesen, ihre Aufgabe zu erfüllen, und erst im Oktober habe der Chef der Station, Admiral =Graves=, den Befehl erhalten, seinerseits amerikanische Handelsschiffe aufzubringen. Um diese Zeit wurden schroffe Maßregeln ergriffen und zu diesen gehörten =Expeditionen gegen Küstenstädte=, die Feindseligkeiten begangen hatten. So bombardierte Kapitän Mouatt mit 4 Kriegsschiffen am 16. Oktober Falmouth (jetzt Portland; Maine) und legte es in Trümmer; später wurden noch andere Städte beschossen, z. B. Norfolk in Virginia, das den Gouverneur vertrieben hatte.
[125] Die Haupttaten dieser Kreuzer, wie auch der spätere Freibeuterkrieg der Amerikaner sind eingehend und lesenswert dargestellt in Spears Band I.
Die Kunde von der barbarischen Beschießung der offenen Stadt Falmouth traf am 31. Oktober gleichzeitig mit der Nachricht in Philadelphia ein, daß England deutsche Truppen angeworben habe. Beides erhöhte die Erbitterung in den Kolonien, so daß der Kongreß beschloß, eine Marine zu schaffen und den Krieg auch zur See zu führen.
$Das Jahr 1776$ brachte zunächst $die Räumung Bostons$. Die bisherige Untätigkeit der Engländer hatte den Amerikanern Zeit zur Durchführung ihrer Rüstungen gegeben; durch die von den Freibeutern gemachten Prisen hatten sie Waffen und Munition erhalten. Im März fühlte sich =Washington= stark genug, gegen Boston vorzugehen; =Howe= mußte, da Freibeuter und Winterstürme die Zufuhr an Lebensmitteln abschnitten, am 17. März die Stadt aufgeben. Er segelte auf 150 Fahrzeugen mit 7-8000 Mann nach Halifax ab, und etwa 1500 englisch gesinnte Einwohner schlossen sich ihm aus Furcht vor der Rache ihrer Landsleute an. Er überließ dabei dem Gegner ansehnliche Kriegsvorräte und später fielen diesem auch noch viele mit solchen beladene Schiffe in die Hände, die ohne Kenntnis von dem Abzuge der Engländer einliefen. =Howe= wollte in Halifax die Ankunft einer großen Verstärkung abwarten, die von England in Aussicht gestellt war.
=Der Kriegsplan für= 1776 war, mit der Hauptarmee von New York aus den Hudson hinauf nach Albany vorzugehen, bis wohin der Fluß schiffbar war, und dort einem von Kanada aus über die Seen geführten Angriff die Hand zu bieten. Außerdem war ein kleinerer Vorstoß gegen die Carolinastaaten geplant, da man hoffte, diese beiden südlichen Kolonien mit Unterstützung der zahlreichen Englandfreunde dort leicht wieder gewinnen zu können; wie aus Virginia hatten auch aus Nord- und Südcarolina die Gouverneure flüchten müssen. Im Laufe des Sommers trafen gegen 30000 Mann, darunter die deutschen Truppen, ein, so daß England einschließlich der kanadischen Milizen und der Loyalisten über etwa 40000 Mann verfügte. Gleichzeitig wurden die Seestreitkräfte vermehrt und unter den Befehl des Vizeadmirals =Sir Richard Howe=, eines Bruders des Generals =Sir William Howe=, gestellt; an schwereren Schiffen sandte man den Küstenverhältnissen entsprechend nur kleinere Linienschiffe zu 64 Kanonen und 50-Kanonenschiffe hinaus. Zahlreich scheint die Verstärkung nicht gewesen zu sein, denn noch 1777/78 verfügte Howe nur über 7 oder 8 der ersteren und 6 oder 7 der letzteren an der ganzen nordamerikanischen Küste einschließlich Kanadas. Vor Darstellung der Begebnisse auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen, auf denen überall Seestreitkräfte mitwirkten, sei das Nötigste über den =Fortgang der politischen Verhältnisse= gesagt.
$Die Unabhängigkeitserklärung der Kolonien$ war schon im Mai 1775 auf dem Kongresse angeregt, und im Februar 1776 wurden sämtliche Provinzialversammlungen aufgefordert, ihren Deputierten beim Kongreß Vollmacht zur Zustimmung zu geben, als =Franklin= im Mai von England heimkam, Nachrichten über die schroffe Haltung des Parlaments sowie der maßgebenden Kreise dort mitbrachte und Mitglied des Kongresses ward, wurde es ihm leicht, diese Angelegenheit zu fördern. Die Zerstörung der Küstenstädte, die Anwerbung deutscher Truppen, maßlose Ausfälle der englischen Presse hatten die Erbitterung weiter geschürt, während anderseits die leicht erlangte Räumung Bostons sowie die Aussicht auf Frankreichs Unterstützung die Zuversicht hoben. Eine Kolonie nach der anderen entschied sich für die Lossagung vom Mutterlande. Ende Juni waren zwar die Deputierten von New York, Delaware, Pennsylvanien und Südcarolina, in welchen Provinzen besonders viele Loyalisten wohnten, noch nicht gewonnen, aber der Kongreßausschuß, der die Angelegenheit bearbeitete -- Jefferson, Adams, Franklin, Sherman und Livingston --, wußte geschickt den Widerstand zu besiegen: Carolina fügte sich; Delaware sandte noch einen Deputierten, der für den Abfall stimmte; zwei Abgeordnete Pennsylvaniens blieben der Abstimmung fern.
So erhielten die Befürworter der Unabhängigkeit Stimmenmehrheit, und die von =Jefferson= entworfene =Declaration of Independance= ward in Abwesenheit der Abgeordneten New Yorks =am 4. Juli 1776= einstimmig angenommen; aber auch die New Yorker unterzeichneten nachträglich. Man schickte nun die Gesandtschaft nach Frankreich, um sich dessen Beistand zu sichern, denn ein gewagter Schritt blieb der Abfall immerhin. Zwar rechnete man auf die Stimmung bei einem Teil des englischen Volkes und mit der Schwierigkeit der Kriegführung für England in dem schwer zugänglichen Innern der Kolonien, aber die eigenen Verhältnisse lagen auch nicht günstig. England hatte noch viele Anhänger und die übrigen Einwohner waren größerenteils zu Opfern an Gut und Blut wenig geneigt; für regelrechten Kriegsdienst waren sie weder begeistert noch geeignet, und als Milizen gingen sie heim, wenn sie ihrer zwölfmonatlichen Verpflichtung genügt hatten. Es fehlte an Mitteln; bares Geld war an und für sich wenig im Lande, etwa nur 12 Millionen Dollars, und dem Kongreß fehlte vorläufig jede gesetzliche Grundlage. Man suchte sich mit Beschlagnahme des Vermögens von Verrätern und Verdächtigen zu helfen und gab Papiergeld aus, aber die erste Quelle versiegte schnell und das Papiergeld fiel bald im Werte[126]. Die Preise aller Waren stiegen; es fehlte an Kleidung, Waffen und Unterhaltungsmitteln für das Heer. =Washington= und seine Freunde kamen mehr und mehr zur Erkenntnis, daß nur die Ausnutzung der weiten, wenig bevölkerten Gebiete und die Aushungerung der Engländer den Freiheitskampf so lange hinhalten konnten, bis irgendwelche Hilfe kam. Die meisten dieser ungünstigen Zustände erhielten sich bis zum Ende des Krieges, und man kann wohl mit Recht sagen, daß die Freiheit Amerikas nicht durch den Heldenmut des Volkes, sondern durch die Einsicht, Tatkraft und Aufopferung einer kleinen Zahl hervorragender Männer sowie durch die Hilfe Frankreichs errungen ist.
[126] Nach Zimmermann, Band III, Seite 409 stand das Papier zum Metallgelde Ende 1776 wie 2-1/2 : 1; 1778 wie 5-1/2 : 1; 1779 wie 27-1/2 : 1; 1780 wie 55 : 1.
$Der Angriff auf Charleston (Südcarolina) 28. Juni 1776$. Zuerst setzten die Engländer die Expedition gegen Carolina ins Werk. Im Januar 1776 segelten 2 50-Kanonenschiffe, 4 Fregatten zu 28 Kanonen, 4 kleinere Fahrzeuge und ein Mörserboot unter Kommodore =Sir Peter Parker= nebst 1000 Soldaten unter =Lord Cornwallis= von England und trafen nach stürmischer Überfahrt im Mai bei Kap Fear (Nordcarolina) ein. Hier befand sich bereits General =Sir Henry Clinton=, der von =Howe= im Januar mit 2000 Mann dorthin gesandt war. Bei seiner Ankunft hatten sich die Loyalisten zu erheben versucht, wurden aber von den Aufständischen niedergehalten, und Clinton fühlte sich nicht stark genug, in das Land einzudringen. Bei Ankunft der Verstärkung aus England übernahm er den Oberbefehl und beschloß, Charleston anzugreifen. Die Expedition segelte am 1. Juni weiter, ankerte am 4. außerhalb der Barre vor der Einfahrt zur genannten Stadt, passierte die Barre vom 7. bis 10. Juni, griff am 28. das Fort Moultrie an, das die Einfahrt deckte, vermochte es jedoch weder von See her niederzukämpfen noch von Land aus zu erstürmen.
$Der Verlauf des Angriffes$ war kurz folgender. (Nach Colomb, Seite 417, mit Plan, und Clowes III, Seite 372, dort sehr eingehend.) Die Haupteinfahrt, der Mainshipchannel, führt zunächst zwischen einer langgestreckten nur an ihrem Südende passierbaren Barre, und Morris-Island etwa fünf Seemeilen nördlich und wendet sich dann zwischen der Nordspitze genannter Insel und Sullivan-Island, nahe unter dieser, nach Westen der Stadt zu. Diese engste Stelle der Einfahrt ist noch etwa 4 Seemeilen von der Stadt entfernt und wurde damals nur durch ein Werk auf Sullivan-Island beherrscht -- später nach seinem jetzigen Verteidiger =Fort Moultrie= genannt. Das Fort besaß Bastionen auf den vier Ecken, die Wälle bestanden aus Sand und waren mit zusammengefügten Palmstämmen bedeckt. Nur die Hauptfront, die nach Süden die Einfahrt bestrich, und die Westfront waren fertig, die beiden anderen erst notdürftig gegen Ersteigen gesichert. 28 Geschütze (18- und 9-Pfünder) waren aufgestellt und zwar 21 in der Hauptfront; eine von Osten nach Westen laufende Traverse deckte diese gegen Rückenfeuer, doch ein Schutz gegen Enfilieren war nicht vorhanden und die Munition war sehr knapp. Letzterer Umstand war jedoch den Angreifern nicht bekannt. =Parker= ließ die tiefste Stelle der Barre ausloten und ausbojen; dann erfolgte die Durchfahrt, die Fregatten und die Transporter ankerten am 7. Juni innerhalb der Barre, ein 50-Kanonenschiff folgte erst am 10., da es zur Erleichterung Geschütze hatte abgeben müssen, das zweite 50-Kanonenschiff war noch nicht eingetroffen.
Vom 9.-15. landete =Clinton= seine Truppen auf Long Island, einer Insel, unmittelbar nördlich von Sullivan-Island. Man beabsichtigte, das Fort aus den Schiffen zu beschießen und vom Lande her zu erstürmen. Die Wasserrinne zwischen den Inseln war aber selbst bei niedrigstem Wasserstande noch 7 Fuß tief, und da man keine Mittel zum Überschreiten hatte, genügte ein kleiner, in niedrigem Gestrüpp liegender Trupp Amerikaner, jede Mitwirkung der Gelandeten beim Angriff zu verhindern. Die Verteidiger fanden noch Zeit, ihre Befestigungen zu verstärken, denn der Angriff erfolgte erst am 28., da das zweite schwere Schiff nicht vor dem 26. zur Stelle war und am 27. ungünstiger Nordwind wehte.
Am genannten Tage legten sich die 50-Kanonenschiffe sowie 2 Fregatten um 11 Uhr vorm. auf etwa 330 Meter Entfernung in Linie parallel der Hauptfront und eröffneten ein schnelles, gutgerichtetes Feuer; sie wurden durch das Mörserboot unterstützt. Die Entfernung war jedoch zu groß, um Kartätschen verwenden zu können; die Vollkugeln drangen nicht durch den Wall, wenn auch zuweilen 3 bis 4 gleichzeitige Breitseiten diesen so erschütterten, daß die Verteidiger fürchteten, er würde nach innen fallen; die Bomben des Mörserbootes richteten keinen Schaden an, da sie entweder tief in den Sand eindrangen oder in einen Morast im Innern des Werkes fielen. Das Mörserboot wurde überhaupt bald durch Zusammenbrechen seiner Geschützbettung gefechtsunfähig. Die Amerikaner unterhielten ein ruhiges, mit Rücksicht auf den geringen Munitionsbestand sehr langsames Feuer nur auf die 50-Kanonenschiffe, welche sehr in der Takelage beschädigt wurden und starke Mannschaftsverluste erlitten. Die beiden anderen Fregatten sowie eine Sloop hatten das Fort passieren und im Westen desselben ankern sollen, um die kämpfenden Schiffe gegen Branderangriffe von der Stadt her zu decken und um die Hauptfront zu enfilieren. Sie liefen jedoch sämtlich auf einer Bank in der Mitte des Fahrwassers auf; zwei von ihnen kamen nach einigen Stunden bei steigendem Wasser frei, aber eine Fregatte mußte verbrannt werden, als der Kampf aufgegeben wurde. Nach Aussage der Verteidiger würden ihre Leute von den Geschützen vertrieben sein, wenn diese Schiffe die richtige Stellung eingenommen oder wenn die anderen Kartätschen hätten verwenden können. So verloren sie nur durch einige Schartentreffer 37 Tote und Verwundete, während der englische Verlust 94 Mann betrug; Parker wurde leicht, sein Flaggkapitän tödlich verwundet. Nach Eintritt völliger Dunkelheit, 9 Uhr abends, brach der Kommodore den Kampf ab und ging auf seinen Ankerplatz an der Barre zurück.
=Parker= hat wohl auf einen leichteren Erfolg und auch bis zuletzt auf Mitwirkung der Gelandeten gerechnet. Es wäre gar nicht nötig gewesen, das Werk zu nehmen, um nach Charleston zu gelangen. Bei dem Angriff 1780 liefen die Schiffe ohne Schwierigkeit an dem Fort vorbei und auch bei dieser Gelegenheit hatten die Verteidiger ein Gleiches erwartet.
Der Angriff wurde nicht erneuert, da die Schiffe sehr beschädigt und die Munitionsvorräte fast erschöpft waren. Es wurde auch sonst kein Versuch gemacht, sich ohne Rücksicht auf das Fort der Stadt zu bemächtigen; die Führer erachteten doch wohl das Landungskorps für zu schwach, um sich in der Kolonie halten zu können, da in dieser zahlreiche Milizen unter General =Lee= zusammengezogen waren. Die Expedition segelte nach der nötigsten Ausbesserung der Schiffe wieder ab und traf gerade rechtzeitig am 4. August vor New York ein, um an der Einnahme dieser Stadt teilzunehmen.
$Der Angriff der Engländer von Kanada aus, 1776[127]$, hatte mehr Erfolg. Im April ward =General Carleton= aus seiner gezwungenen Untätigkeit in Quebec erlöst. Am 12. traf ein kleines Geschwader unter Kapitän =Charles Douglas= mit einigen Transportern an der Mündung des St. Lawrencestromes ein. Er preßte seine Schiffe durch das mürbe gewordene Eis den Fluß hinauf und erschien am 6. Mai vor der Stadt. Die Amerikaner hatten während des Winters unter Entbehrungen und Krankheiten schwer gelitten und =Arnold= verfügte nur über 1500 Mann. Carleton drang nun vor und Arnold wich langsam zurück; er traf am 3. Juli in Crownpoint ein, die Engländer folgten bis St. Johns. Sie wollten auf der Hudsonlinie bis Albany vorgehen, um hier dem Vorstoß von New York aus die Hand zu reichen; dies erschien durchführbar, da das Heer in Kanada mit dem Eintreffen der großen Verstärkungen aus Europa Ende Oktober fast 13000 Mann betrug, während die Amerikaner nur schwache Kräfte bei Crownpoint stehen hatten. Aber der Marsch an den Ufern des Champlainsees war wegen der völligen Unwegsamkeit des Geländes unmöglich, man mußte den Wasserweg wählen. Dies führte zu einem Kampfe um den See, und hierfür schufen sich beide Parteien eine Flottille. Bei ihrem Rückzuge hatten die Amerikaner sämtliche Fahrzeuge vom Norden mit sich genommen, so auch einen englischen Schoner aus St. Johns; vorläufig beherrschten sie den See.
[127] Eingehender, besonders auch über die Flottillen auf den Binnenseen, vgl. Clowes III, Seite 357, und Spears I, Seite 84.
$Die Flottillen auf dem Champlainsee.$ =Arnold= hatte durch Briefe schon während seines Rückzuges den Bau von Fahrzeugen vorbereitet. Er ließ Schiffszimmerleute, Segelmacher sowie Material von der Küste nach Crownpoint kommen. Zwei Schoner zu 12 Kanonen waren bereits vorhanden; nun wurden noch ein Schoner, eine Sloop zu 10 und 3 Galeonen zu 6-8 und 8 Gondolas zu 3-5 Kanonen gebaut. Die 15 Fahrzeuge führten insgesamt 88 Geschütze und waren mit 700 Mann, allerdings meist Nichtseeleuten, bemannt. Die Galeren und Gondolas waren Ruderfahrzeuge, erstere auch zum Segeln eingerichtet, und führten ein oder 2 schwerere Geschütze im Bug. Die anderen Fahrzeuge hatten nur wenig schwere Geschütze (12- und 18-Pfünder), meist nur 4-Pfünder oder 9-Pfünder; die Munition war knapp. Die Schoner, die Sloop und 5 Gondolas waren Mitte August bereit.
War es für die Amerikaner schwierig, Material und Personal zu beschaffen, so konnten sie doch in genügend tiefem Wasser bauen. Den Engländern hingegen standen zwar die genannten Bedürfnisse durch das Geschwader in Quebec reichlich zur Verfügung, aber die Aufstellung im See machte Schwierigkeiten. Der Wasserweg von Quebec war für größere Fahrzeuge nur bis Fort Chambly am Richelieu-River, etwa zehn Seemeilen unterhalb St. Johns, schiffbar. =Carleton= und =Douglas= ließen nun in Quebec die Hölzer für zwei Schoner vorbereiten, sowie ein schon fertiges Vollschiff von 180 tons wieder auseinandernehmen; dieses Material wurde dann zu Wasser nach Chambly, von dort über Land nach St. Johns gebracht, um hier die Fahrzeuge zusammenzusetzen. Anfang Oktober waren bereit: 1 Schiff zu 18 Kanonen (12-Pfünder); zwei Schoner mit 14 oder 12 (6-Pfünder); 1 floßartiges Blockschiff mit 6 (24-Pfünder), 12 (6-Pfünder), 2 Haubitzen, allerdings ein sehr unhandliches Fahrzeug; 1 Gondola und 12 Boote mit je einem Geschütz, 24-Pfünder bis zum kleinsten Feldgeschütz hinab. Munition war reichlich vorhanden, und unter der 1000 Mann starken Besatzung der Flottille befanden sich 8 Offiziere nebst 700 ausgesuchten Matrosen der Kriegsschiffe in Quebec.
Schon Anfang September erschien =Arnold= mit 8 Fahrzeugen vor St. Johns, um den Gegner zu beobachten und das Fahrwasser zu sperren, er konnte sich aber hier nicht halten, als die Engländer an den Ufern Batterien errichteten. Er ging deshalb bis etwa 14 Seemeilen südlich des Forts zurück und nahm hinter der Insel =Valcour= -- zwischen Grand-Island und dem Weststrande des Sees, wo jetzt Platsburg liegt -- Stellung; hier sammelten sich nach und nach die 15 Fahrzeuge seiner Flottille. Als am 10. Oktober Meldung vom Nahen des Feindes eintraf, riet der nächstälteste Offizier, unter Segel zu gehen und ein Rückzugsgefecht zu führen, um nicht von beiden Seiten angegriffen zu werden; Arnold glaubte jedoch, daß er dann sicher vernichtet werden würde, da der Gegner durch Größe und Schnelligkeit der Schiffe überlegen war. In der engen Straße, in der er sich befand, war er gegen Norden durch eine Untiefe gedeckt, und glaubte bei einem Angriffe von Süden günstige Aussichten für den Kampf zu haben, da fast stets nördlicher Wind wehte, der Gegner also aufkreuzen mußte und seine Fahrzeuge voraussichtlich ohne Ordnung und nur einzeln heranführen konnte. In der Hauptsache kam es auch so.
$Gefechte auf dem Champlainsee am 11. und 13. Oktober 1776.$ Am 11. Oktober in der Frühe passierte =Carleton=, als seemännischer Führer unter ihm Kommander =Pringle= mit der englischen Flottille die Straße zwischen Grand- und Valcour-Island bei frischem Nordostwinde. Als er die Amerikaner entdeckte, ging er gegen den Wind zum Angriff vor, aber das Vollschiff vermochte in der Enge kaum zu manövrieren, und das Blockschiff sowie die Gondolas kamen überhaupt nicht zum Kampf. =Arnold= ging ihm mit einem Schoner und den Galeren entgegen, während die anderen Fahrzeuge in Halbmondformation vor Anker blieben; es entspann sich ein blutiges Gefecht, das von 10 Uhr vormittags bis zum Eintritt der Dunkelheit dauerte. Der vorderste englische Schoner mußte schwer beschädigt zurückgehen, 3 Kanonenboote sanken, und die Engländer verloren gegen 40 Mann. Die Amerikaner büßten den vorgeschickten Schoner, der auf Valcour strandete, eine Gondola und 60 Mann ein, doch waren auch die anderen Fahrzeuge beschädigt und die Munition erschöpft.
Bei Einbruch der Nacht ankerte =Carleton= in einer die Straße im Süden absperrenden Linie, um am nächsten Tage das Vernichtungswerk zu vollenden oder die feindlichen Schiffe zur Übergabe zu zwingen. Über Land konnten ihre Besatzungen nicht entweichen, da die englische Flottille von Indianertrupps begleitet war, die schon vom Lande her mit Gewehrfeuer in den Kampf eingegriffen und auf Valcour die Leute des gestrandeten Schoners unter den üblichen Martern getötet und skalpiert hatten. =Arnold= aber führte während der dunkeln Nacht und in nebeligen Morgenstunden seine Schiffe, eins dicht hinter dem anderen, unbemerkt durch die feindliche Linie und erreichte Schuylers Island, einige Meilen südlicher, wo er durch Gegenwind zum Ankern gezwungen wurde. Zwar setzte er noch am selben Tage die Flucht fort, ward aber am 13. Oktober von den Engländern eingeholt und mußte nach hartnäckiger Gegenwehr eine Galere und vier Gondolas verbrennen. Er deckte die Ausführung selbst mit einer Galere und verließ diese erst, als auch sie gut in Brand war; mit den Besatzungen erreichte er trotz der Indianer glücklich Crownpoint. So war zwar die amerikanische Flottille nahezu vernichtet, aber das Vorgehen der Engländer kam doch für dieses Jahr zum Stehen. Die Amerikaner zogen sich nach Ticonderoga zurück; =Carleton= führte seine Truppen zunächst nach Crownpoint, ging aber dann wieder nach St. John und bezog hier Winterquartiere. Er hielt die Jahreszeit nicht mehr für geeignet, die starke Stellung bei Ticonderoga anzugreifen. Der rechtzeitige Bau der amerikanischen Flottille, die Schwierigkeit, selber eine solche aufzustellen, aber auch wohl der hartnäckige Widerstand Arnolds hatten den Plan der Engländer vereitelt.
$Der Kampf der Hauptheere um New York, New Jersey und die Narragansett-Bucht (Rhode-Island) 1776$ brachte den Engländern bedeutende Erfolge. =General Howe= traf mit den Truppen aus Halifax am 29. Juni bei Sandy Hook ein und landete am 3. Juli auf Staten Island; am 12. kam =Vizeadmiral Howe= von England an und bald darauf auch die erwartete große Verstärkung, die das englische Heer auf diesem Kriegsschauplatze auf 24000 Mann brachte; etwa ein Drittel davon bestand aus Hessen. Am 3. August stieß =Clinton= mit den 3000 Mann der Charlestonexpedition zu ihm. =Washington= war von Boston mit 18000 Mann herangeeilt und hatte in der Stadt New York sowie auf Long Island eine Verteidigungsstellung eingenommen. Ehe jedoch =General Howe= die Feindseligkeiten eröffnete, versuchte er nochmals durch ein Manifest an die Bevölkerung sowie durch Verhandlungen mit dem Kongreß die Amerikaner zum Nachgeben zu bewegen; vier Wochen gingen darüber hin, erst gegen Ende August schritt man zum Angriff. =Admiral Howe= hatte gleich nach seiner Ankunft vier Kriegsschiffe unter Kapitän =Hyde-Parker= 25 Seemeilen den Hudson hinaufgeschickt, wohl zur gewaltsamen Erkundung; die Schiffe erhielten schweres Feuer von Befestigungen auf beiden Seiten, ließen sich aber dadurch nicht aufhalten.
$Die Einnahme von Long Island, 22.-29. August 1776.$ Die Stadt New York nahm damals nur die Spitze der Insel Manhattan ein, die vom Hudson, hier Northriver genannt, im Westen, dem Eastriver, der Fortsetzung des Long Island-Sound, im Osten, dem Harlemriver, der Verbindung zwischen North- und Eastriver, und von der oberen Bucht von New York im Süden umgrenzt wird; von der letzteren führen die Narrows, die Wasserstraße zwischen Staten- und Long Island, zur unteren Bucht von New York zwischen Staten Island und Sandy Hook. Diese Bucht war in den Händen der englischen Seestreitkräfte, und Staten Island hatte leicht besetzt werden können, da Washington die Insel wegen Mangel an Kräften nicht mehr in den Bereich seiner Stellung gezogen hatte. Am Strande von Manhattan, am North- und am Eastriver waren kleine Forts erbaut und ebenso kleine Redouten im Norden der Stadt zwischen beiden Flüssen. Etwa 18 Kilometer nördlich lagen zwei stärkere Werke am Hudson zur Sperrung des Stromes -- Fort Washington am Ost- und Fort Lee am Westufer --, die jedoch bei der Verteidigung der Stadt noch nicht in Betracht kamen. Der Schlüssel der amerikanischen Stellung lag auf Long Island New York gegenüber, wo der Strand den von Manhattan überhöhte. =Washington= hatte deshalb hier eine Linie von Schanzen angelegt, die sich mit ihren Flügeln an die Narrows und an den Eastriver lehnte; in dieser lag die Hälfte seines Heeres (9000 Mann). Auch Governors Island, eine kleine Insel in der oberen Bucht zwei Kilometer südlich der Stadt, war besetzt, sie flankierte diese Linie.
Am 22. August brachte =Howe= unter dem Schutze der Kriegsschiffe 15000 Mann nebst 40 Feldgeschützen von Staten Island nach Long Island hinüber. Er ging nach seiner Art sehr behutsam vor, so daß die Truppen, nach und nach auf 25000 Mann verstärkt, erst am 27. der ganzen feindlichen Linie gegenüber in Stellung waren. Die Amerikaner verloren während dieser Tage in Scharmützeln gegen 1500 Mann; =Washington= ließ sie durch 2000 ersetzen, da er einen Sturm erwartete und erhoffte; Howe leitete aber den förmlichen Angriff ein.
Am 27. versuchte Kommodore =Sir Peter Parker= mit drei schweren Schiffen und zwei Fregatten in die obere Bucht aufzukreuzen, um die feindliche Linie flankieren oder gar in den Rücken fassen zu können, aber es gelang ihm weder an diesem noch an den beiden nächsten Tagen; am 28. begannen am Lande die Belagerungsarbeiten. Da Washington sich nicht imstande fühlte, hiergegen die Stellung zu halten, führte er in der Nacht des 29. August seine Truppen über den breiten und schnellfließenden Eastriver nach Manhattan und räumte auch Governors Island; die Soldaten eines aus Fischern gebildeten Regimentes leisteten dabei treffliche Dienste. Es war heller Mondschein, und wenn auch ein nebeliger Morgen folgte, so ist es doch kaum verständlich, daß die Engländer weder am Lande noch auf dem Wasser den Abzug bemerkten. Dieser Tadel trifft besonders die Schiffe, denn leicht hätten sie durch Boote mit umwickelten Riemen auch bei Nacht die Wasserstraße beobachten können. Als der Nebel sich hob, sah man gerade die letzten Boote hinüberfahren und feuerte noch einige wirkungslose Kanonenschüsse hinterher.
=Nach dem Rückzuge von Long Island= nahm =Washington= eine Stellung am Harlemriver ein, die sich mit ihrem rechten Flügel an Fort Washington am Ostufer des Hudson anlehnte; 4000 Mann blieben in New York. Wieder unterhandelte =Howe= und traf erst am 13. September Maßnahmen zur Eroberung der Stadt. Er sandte Schiffe gegen die Werke am North- und Eastriver, teils als Diversionen, teils um das Übersetzen der Truppen vorzubereiten; diese litten zwar wie bei der Erkundung im Juli nicht unbedeutend, aber man konnte doch am 15. auf der Ostseite von Manhattan landen, und =Washington= gewann die Überzeugung, daß die Befestigungen Schiffe bei günstigem Winde nicht an der Durchfahrt aufhalten könnten, und daß daher die Stadt nicht zu halten sei. Wiederum gelang es ihm, die Garnison während der Nacht am Westrande der Insel unbemerkt zur Hauptmacht heranzuziehen[128].
[128] =Clowes= sagt, Band III, Seite 385: »Diese Bewegung, eine Meile vor der Front des Feindes, gelang infolge der Trägheit General Howes und seiner Vorliebe für eine gute Mahlzeit; er war in dieser Nacht von einer listigen amerikanischen Dame (a shrewd lady) eingeladen.« Auch in allgemeinen Geschichtswerken wird dem General Bequemlichkeit und daraus entsprungene Nachlässigkeit vorgeworfen im schroffen Gegensatz zu seinem Bruder, dem Admiral.
=Howe besetzte nun New York ohne Kampf=, befestigte sich hier und nahm am 12. Oktober die Offensive wieder auf. Da er die feindliche Stellung für einen Frontangriff zu stark erachtete, bedrohte er sie durch Vorgehen vom Long Island-Sound aus im Rücken. Diese Bewegungen nötigten =Washington= zunächst zu einem Frontwechsel und schließlich, Anfang November, zum Rückzuge über den Fluß nach New Jersey hinein; zwischen dem Hudson und dem Sound konnte er sich nicht halten, da beide Wasserstraßen von den englischen Schiffen beherrscht wurden. Aufs neue waren schwere Fregatten an den Forts Washington und Lee vorübergelaufen, die Zufuhren über den Hudson waren aber für sein Heer die wichtigsten. Bei diesem Rückzuge trafen ihn zwei schwere Mißgeschicke. Sein Befehl, Fort Washington rechtzeitig zu räumen, war nicht befolgt; das Werk ward am 16. November vom General =Knyphausen= erstürmt, wobei 2700 Mann in Gefangenschaft gerieten. Ferner kam auch der Führer einer Heeresabteilung von 7000 Mann seinem Befehl, über den Fluß zu gehen, nicht rechtzeitig nach, sondern blieb im Staate New York.
So war =Washington=, mit nur 6000 Mann, nicht mehr imstande, eine gute Stellung im Hudsontale bei Westpoint einzunehmen, sondern mußte eilig durch New Jersey bis hinter den Delaware zurückgehen. Um diese Zeit verließ ihn ein Teil der Milizen, deren Dienstzeit abgelaufen war; ebenso ging es dem in New York zurückgebliebenen Korps. Als dieses ihn endlich erreichte und auch noch einige Bataillone von Ticonderoga zu ihm gestoßen waren, zählte sein Heer wieder nur 6000 Mann. =Howe besetzte New Jersey= bis an den Delaware.
Die Engländer bemächtigten sich ferner noch der =Narragansett-Bucht=, mit ihren Inseln Rhode-Island, Conanicut und Prudence, sowie der Stadt Newport. Am 1. Dezember 1776 ging ein Geschwader von fünf 50-Kanonenschiffen nebst acht kleineren Fahrzeugen unter =Sir Peter Parker= mit 7000 Mann unter General =Clinton= nach dort ab und besetzte Newport am 8. ohne Widerstand. Hierdurch ward den Amerikanern ein wichtiger Ausgangspunkt für ihre Kreuzer gegen die englischen Zufuhren genommen, die Engländer aber gewannen einen vorzüglichen Stützpunkt für ihre Seestreitkräfte. Die Narragansett-Bucht war der geräumigste und sicherste Ankerplatz an der ganzen Küste, zu jeder Zeit ohne Rücksicht auf Ebbe und Flut zugängig; von ihr aus waren die wichtigsten Städte der Kolonien -- Boston, New York, Philadelphia -- in wenigen Tagen zu erreichen.
Das Jahr 1776 hatte den Engländern also wesentliche Erfolge gebracht. Bei ihrer Überlegenheit kann man diese aber kaum hoch einschätzen, und selbst englische Quellen sagen, daß der Bathorden, den =Howe= erhielt, nie leichter verdient war. Und noch im Dezember traten =Rückschläge= ein. Anstatt die Erfolge auszunutzen und gegen Philadelphia vorzugehen, ließ Howe Winterquartiere beziehen und erfreute sich selber der Annehmlichkeiten New Yorks. Der Feind gewann Zeit zur Erholung und Rüstung.
Der Kongreß hatte eingesehen, daß die Schaffung eines stehenden Heeres nötig sei, und ordnete als Kern eines solchen die Aufstellung einer Anzahl Bataillone an, deren Mannschaften sich auf drei Jahre verpflichteten. Die Offiziere wurden nicht mehr von den Soldaten gewählt, sondern durch die einzelnen Staaten ernannt. Für Offiziere und Soldaten wurden Prämien an Geld sowie Grundeigentum ausgesetzt, aber man verschärfte auch die Dienstvorschriften, und Washington erhielt mit dem Titel Brigadier-General größere Vollmachten. Doch alle diese Beschlüsse trugen nur allmählich ihre Früchte, und es fehlte nach wie vor an Geld.
=Washington= zog bald aus der Sorglosigkeit der Engländer in ihren Winterquartieren Nutzen. Am 25. Dezember ging er nachts über den eistreibenden Delaware, überfiel =bei Trenton= drei hessische Regimenter, machte gegen 1000 Gefangene und zog sich wieder zurück. Acht Tage später erschien er nochmals am selben Orte; diesmal aber stieß er auf den tüchtigen General Cornwallis, wich ihm indessen durch einen geschickten Nachtmarsch aus und überraschte =bei Princetown= vier englische Regimenter, denen er schwere Verluste beibrachte. Die Folge dieser Siege sowie weiterer klug berechneter Bewegungen war, daß =Howe= seine Truppen mehr auf die Stadt New York, bis nach New Brunswick, zurückzog und =Washington= im mittleren, hügeligen Teile von New Jersey eine gute Stellung einnehmen konnte, die den Weg von New York nach Philadelphia flankierte.
Für $1777$ hielt die englische Regierung an dem Kriegsplane des Vorjahres fest und beauftragte =General Burgoyne=, der an Carletons Stelle getreten war, wiederum mit einem $Angriff von Kanada aus$. Burgoyne brach Ende Juni von St. Johns mit 10000 Mann -- 8000 Reguläre, darunter viele Braunschweiger, der Rest kanadische Milizen und Loyalisten der Neuenglandstaaten -- nebst einer starken Artillerie sowie Indianerhorden auf und erschien am 2. Juli vor =Ticonderoga=. Die Amerikaner wurden bald zum Rückzuge gezwungen, den sie unter großen Verlusten auf dem Wasserwege antraten und bei dem die englische Seenflottille am 6. Juli den Rest der amerikanischen vernichtete. Die erstere fand ferner nur noch Verwendung zur Schaffung und Deckung eines Nachfuhrdepots auf dem Georgesee; Burgoyne setzte seinen Marsch nicht auf dem Wasserwege fort, sondern drang durch die Wildnis vor. Dies war fehlerhaft, denn er mußte angesichts des allerdings nur schwachen Feindes -- anfangs unter =Schuyler=, später unter =Gates= -- Wege bahnen, Bäume fällen und Brücken über Flüsse, Moräste, Schluchten bauen. Er gelangte erst am 30. Juli nach Fort Edward am Hudson, noch etwa 40 englische Meilen von =Albany= entfernt. Hier mußte er längere Zeit verweilen, um die Verpflegung sicherzustellen, wobei kleine abgezweigte Abteilungen empfindliche Verluste erlitten; erst Mitte September drang er weiter vor.
Am 19. stieß er bei =Stillwater= (20 Meilen von Albany) auf General =Gates= mit 5000 Mann. Das Gefecht blieb zwar unentschieden, aber =Burgoyne= wurde doch festgehalten und war mit Rücksicht auf die nach und nach erlittenen Verluste, auf viele Kranke sowie Mangel an Proviant genötigt, am 9. Oktober den Rückmarsch nach Fort Edward anzutreten. Man beziffert seine Verluste auf 4000 Mann, worin aber wohl die kanadischen Milizen eingerechnet sind, die ihn nach Stillwater größtenteils verlassen hatten; auch die Indianer waren abgezogen. Am 10. Oktober wurde er bei =Saratoga= mit nur noch 6-7000 Mann, darunter viele Kranke, vom Feinde eingeschlossen; =Gates= hatte von Washington bedeutende Verstärkungen erhalten und alle Übergänge über den Hudson vor und hinter den Engländern besetzt. =Burgoyne= konnte auf Unterstützung von New York her nicht hoffen; seit drei Wochen waren seine Leute auf halbe Rationen gesetzt und dadurch erschöpft, der Proviant reichte nur noch auf 5-6 Tage. Er mußte die Waffen strecken. Besonders wertvoll für den Gegner war die erbeutete Artillerie.
=Die Kapitulation bei Saratoga am 17. Oktober 1777= wurde dadurch bedeutungsvoll, daß sie Frankreich auf die Seite der Amerikaner führte. Sie wog reichlich die Erfolge auf, die Howe auf dem anderen Kriegsschauplatze erzielte, und sie würde vermieden sein, wenn dieser General dem Kriegsplane der Regierung entsprechend gehandelt hätte.
$Der Angriff auf Philadelphia 1777.$ Der ausdrückliche Befehl für =Howe=, den Hudson hinauf vorzudringen und Burgoyne die Hand zu reichen, war zwar in London ausgefertigt, aber nicht rechtzeitig abgesandt worden[129]. Howe hielt es nun aus politischen Gründen für richtiger, den Angriff auf Philadelphia als Sitz des Kongresses und wegen der günstigen Volksstimmung in Pennsylvanien zu erneuern. Aber auch diesen betrieb er lässig, obgleich =Washington= anfangs nur schwach war.
[129] =Vom Lord Germaine=, der an der Spitze des Kolonialamtes stand und dem die Leitung des Krieges zufiel, wird wie von Howe gesagt, daß er seine Pflichten sehr leicht genommen habe; häufig soll er in Gesellschaften die eiligsten Depeschen ungelesen in die Tasche gesteckt und dann vergessen haben.
Der Zuzug zu Washingtons Heer blieb zunächst gering und es litt unter mangelhafter Verpflegung sowie schlechten Quartieren; im März zählte es nur 4500 Mann. Nun trafen allerdings aus Frankreich Geld, Material und Menschen ein, so langte im Mai =Lafayette= mit seinen Begleitern an und wurde sogleich zum amerikanischen General ernannt. Dies schuf aber auch neue Schwierigkeiten. Die Milizen wollten nicht unter fremden Führern dienen und viele amerikanische Offiziere traten aus. Es bedurfte großen Taktes sowie unerschöpflicher Geduld auf seiten Washingtons, hier zu vermitteln und die verschiedenen Elemente dem Gemeinwohle dienstbar zu machen.
Bis zum Juni blieb =Howe= in New York; als er dann den Vormarsch beginnen wollte, war =Washington= gegen 10000 Mann stark geworden und ließ sich nicht aus seiner festen Stellung zur offenen Schlacht hervorlocken. Trotz seiner Übermacht von insgesamt 30000 Mann wagte der englische General ihn nicht anzugreifen, scheute sich aber auch, mit dem Feinde in der Flanke durch New Jersey auf Philadelphia vorzudringen; er beschloß, über See den Delaware hinaufzugehen und segelte mit 14000 Mann in etwa 250 Transportern am 23. Juli von Sandy Hook ab. =Admiral Howe= deckte den Transport mit 5 Linienschiffen (64 Kanonen), einem 50-Kanonenschiffe und 10 kleineren Fahrzeugen; der Rest des Heeres blieb unter =Clinton= in New York und auf Rhode-Island. =Washington=, der nicht annehmen konnte, daß Howe von dem Plane der englischen Regierung abgehen würde, hielt die Bewegung nur für eine scheinbare, um ihn aus der Stellung zu locken, und rührte sich nicht.
Am 31. Juli stand die englische Expedition vor der Delaware-Bucht; da der Fluß unterhalb Philadelphias gesperrt war, beschloß man, am Nordende der Chesapeake-Bucht zu landen. Infolge Gegenwindes und Stillen gelang dies erst am 25. August und erst Anfang September begann der Vormarsch auf genannte Stadt. =Washington=, der schließlich doch zu ihrer Deckung herbeigeeilt war, hatte am =Brandywine=, einem bei Wilmington in den Delaware fallenden Fluß, mit 14000 Mann Aufstellung genommen, ward aber hier am 11. September umgangen und völlig geschlagen; das englische Heer hatte nach seinem Abzuge aus New Jersey Verstärkung erhalten. Abermals verfolgte Howe seinen Sieg nicht und die Amerikaner konnten sich wieder sammeln. =Er besetzte= am 26. =Philadelphia=, wobei eine amerikanische Fregatte vernichtet wurde; =Washington= zog sich in die nahen Wälder zurück, machte am 3. Oktober noch einen erfolglosen Vorstoß und nahm dann eine feste Stellung bei Valley-Forge, unweit Philadelphia ein. Auch =Howe= bezog Winterquartiere.
$Die englischen Seestreitkräfte$ hatten inzwischen auch noch den Delaware als kürzesten Zufuhrweg für das Heer bei Philadelphia freigemacht. =Admiral Howe= war nämlich am 14. Dezember mit dem Geschwader und den Transportern von der Chesapeake-Bucht nach der Mündung des genannten Flusses gegangen. In diesem hatte der Feind zwei Linien von Sperren gelegt und durch Batterien am Ufer gedeckt; Howe sandte ein Linienschiff, 2 Fregatten und 2 Sloops den Fluß hinauf. Die unterste Sperre ward leicht aufgeräumt und die Batterien genommen. Schwieriger war die Überwältigung der oberen Stellung etwa 10 englische Meilen unterhalb Philadelphias. Hier befanden sich auf dem Ostufer das Fort Redbank und am Westufer ein Werk auf einer kleinen Insel, Mud-Island; zwei schwimmende Batterien sowie eine Anzahl von Galeren und Branderflößen verstärkten die Linie.
Ein Angriff der Engländer am 22. Oktober wurde sowohl zu Lande wie auf dem Wasser abgeschlagen; das Linienschiff und eine Sloop kamen auf Grund und wurden verbrannt. Man baute nun Batterien am Lande und armierte sie mit Schiffsgeschützen. Mud-Island fiel jedoch am 15. November hauptsächlich dadurch, daß die andere Sloop und eine schwimmende Batterie mit schweren Geschützen am Westufer entlang segelten und die Kehle des Werkes bedrohten; in der Nacht räumten die Amerikaner das Werk und gaben auch Redbank am 21. auf. Die englischen Schiffe drangen nun nach Philadelphia vor und vernichteten hier eine zweite Fregatte sowie fünf kleinere Fahrzeuge der eben geschaffenen amerikanischen Marine.
Unter Beihilfe der Kriegsschiffe hatte endlich noch General =Clinton= am 3. Oktober mit einigen Fregatten und 3000 Mann von New York =einen Vorstoß den Hudson= hinauf unternommen. Er zerstörte leicht alle Uferbefestigungen, Depots und Fahrzeuge, auch zwei Kriegsschiffe und kam in einer Woche nach Westpoint; von hier gelangte ein Teil der Truppen auf kleinen Fahrzeugen bis auf 40 englische Meilen an Albany heran, gerade als =Burgoyne= von Stillwater den Rückzug antrat. Dieser hatte mehrere Boten mit der Nachricht über seine Lage an Clinton abgesandt, von denen allerdings nur einer sein Ziel erreichte. =Clinton= hielt sich aber für weiteres Vorgehen zu schwach und kehrte nach New York zurück. Verschiedene Autoren behaupten, er habe die Kapitulation von Saratoga doch wohl hindern können. Jedenfalls zeigt sein leichtes Vordringen, daß =Howe= mit seiner ganzen Macht die Vereinigung bei Albany erreicht haben würde; er hätte es dann zwar auch mit Washingtons Heere zu tun gehabt, im Besitze des Flusses aber seine Übermacht gut zur Geltung bringen können.
$Der Nutzen der englischen Seestreitkräfte 1777$ war bei sämtlichen Unternehmungen groß gewesen; sie hatten die Landtruppen an den Ort ihrer Verwendung gebracht, deren rückwärtige Verbindungen gesichert und auch in die Kämpfe eingegriffen. Daneben kreuzten einzelne Kriegsschiffe gegen feindliche Handelsfahrzeuge und Kreuzer, nicht nur an den Küsten Nordamerikas, sondern auch in den westindischen und europäischen Gewässern; seit 1776 gab England auch Kaperbriefe aus.
$Die amerikanischen Seestreitkräfte$[130] dehnten den Kleinen Krieg, der 1775 durch Freibeuter der einzelnen Staaten begonnen war, schon 1776 keck weiter aus. Am 17. Februar 1776 verließ das erste amerikanische Geschwader von 6 Fahrzeugen (vgl. Seite 225; 2 Schoner blieben zurück) unter =Kommodore Hopkins= den Delaware und segelte =nach den Bahama-Inseln=, um dort aufgespeicherte englische Kriegsvorräte wegzunehmen. Auf der Insel Abaco bemächtigte sich Hopkins der Küstenfahrzeuge und führte auf ihnen 300 Mann nach New Providence hinüber, in der Hoffnung, diese Insel zu überraschen. Die Garnison war jedoch auf ihrer Hut, so daß die Landung unter Deckung durch die größeren Kriegsschiffe erzwungen werden mußte. Dann wurden die Forts erstürmt, gegen hundert Kanonen sowie viel Material erbeutet und bei der Rückfahrt, Mitte März, der Gouverneur nebst angesehenen Einwohnern als Geiseln mitgenommen, da England alle auf amerikanischen Kaperschiffen gemachten Gefangenen für Piraten erklärte und sie, wenn auch nicht gerade hängte, doch sehr schlecht behandelte.
[130] Die kecken Taten der kleinen Marine sind ausführlich und lesenswert beschrieben in Spears Band I; die wichtigsten Gefechte mit englischen Schiffen auch in Clowes Band IV, Minor actions 1762-1792. Einiges werden wir bei Betrachtung des »Kleinen Krieges« am Schluß des Kapitels bringen.
Die Kriegsschiffe, zu denen bald Neubauten oder Neuerwerbungen traten, wurden einzeln oder in Gruppen zum Kleinen Kriege verwendet, auch die Zahl der Freibeuter wuchs ungemein. Beide machten den Engländern an der Küste Nordamerikas und in Westindien viel zu schaffen, 1777 erschienen sie sogar in der Biskaya und bei England. In Westindien fanden sie Zuflucht auf den französischen und holländischen Inseln, in Europa stützten sie sich auf französische Häfen. In diesen verkauften sie ihre Prisen; um die Neutralität Frankreichs wenigstens scheinbar zu wahren, ward der Kauf auf offener See abgeschlossen und das Geld dem amerikanischen Gesandten in Paris ausgezahlt. Dieser Krieg führte zu vielen Gefechten, in denen auch kleinere englische Kriegsschiffe genommen wurden, doch büßte die schwache amerikanische Marine im Laufe der späteren Jahre so viel Schiffe dabei ein, daß sie trotz aller Neubauten nie größere Macht erlangen konnte. Der englische Handel erlitt jedoch bedeutenden Schaden. In den Jahren 1776/77 wurden 560 englische Kauffahrer aufgebracht, während die Engländer nur 60 Handelsschiffe und 24 Freibeuter wegnahmen. Auf den westindischen Inseln trat schließlich Mangel an Sklaven und an Nahrungsmitteln ein; die Einfuhrartikel stiegen sehr im Preise, die der Ausfuhr fielen entsprechend; die Versicherung der Schiffe ging auf 23%. Der Gesamtschaden des Handels durch unmittelbaren Verlust oder Behinderung betrug in diesen Jahren über 1-1/2 Millionen Lstrl.
$Das Jahr 1778 brachte bis zur Teilnahme Frankreichs am Kriege nichts von Bedeutung.$ =General Howe= blieb auch noch im Frühjahr, bis auf kleinere Vorstöße zur Verproviantierung, untätig in den Winterquartieren, obgleich =Washingtons= Streitkräfte in traurigster Verfassung waren. Wo die Engländer standen und wohin sie kamen, wandte sich nämlich die Mehrheit der Bevölkerung von ihm ab; er erhielt von ihr weder Nachrichten noch Lieferungen. Sein Heer verlor während des Winters so viel Leute durch Krankheit und Fahnenflucht, daß es im Februar nur noch 5000 Waffenfähige neben 4000 Kranken zählte, die kaum die nötigste Kleidung hatten. So mußte auch er sich darauf beschränken, seine Truppen zu verstärken und zu verbessern[131].
[131] Hierbei leistete der ehemalig preußische Offizier =von Steuben=, der im Dezember 1777 eintraf und zum Inspekteur sowie Instrukteur ernannt wurde, wesentliche Dienste. Ihm ist es hauptsächlich zu danken, wenn aus den Milizen nach und nach ein leidlich brauchbares Heer geschaffen wurde.
Anfang Mai bekam er Nachrichten aus England, daß wegen des Erscheinens einer französischen Flotte die plötzliche Räumung Philadelphias nötig werden würde. Er zog daraufhin einen Teil seiner Kriegsschiffe in der Delaware-Bucht zusammen und verlud sämtliche Vorräte der Truppen bei Philadelphia bis auf den Bedarf für 14 Tage auf Transporter.
=Der Rückzug der Engländer vom Delaware -- General Howe= leitete ihn nicht mehr; er war am 24. Mai vom General =Clinton= im Oberbefehl abgelöst und nach England gegangen -- trat tatsächlich schon im Juni als eine Folge der veränderten politischen Verhältnisse ein. =Frankreich= trat nach Saratoga offen auf die Seite der Amerikaner und sandte am 13. April eine längst vorbereitete Flotte ab, die ihnen zunächst am Delaware Luft schaffte. =England= machte zwar noch einen letzten Versuch zur Versöhnung mit den Kolonien, jedoch gingen diese nicht mehr darauf ein, sondern nahmen nach Eintreffen der französischen Hilfe den Krieg mit erneuter Zuversicht wieder auf.
$Der letzte Versuch Englands zur Versöhnung.$ In England hatte man bislang sicher gehofft, den Aufstand bald niederzuschlagen. Die öffentliche Meinung, empört über die erfolgreiche Freibeuterei der Amerikaner, hieß alle harten Maßregeln der Regierung gut; nur die strengsten Whigs, damals in heftigem Streit mit der Regierung, traten für die Kolonien ein, erbitterten aber dadurch die große Menge nur noch mehr. Die Niederlage von Saratoga führte jedoch einen völligen Umschwung der öffentlichen Meinung herbei; man fand plötzlich die Wünsche der Kolonien billig und forderte schleunigen Frieden. Auch der König und die Regierung wurden nachgiebig, da Schwierigkeiten finanzieller Art sowie für die Beschaffung weiterer Soldtruppen aus Deutschland und endlich der Krieg mit Frankreich drohten.
Im Februar 1778 brachte =Lord North= eine Anzahl Bills vor das Parlament zur Bewilligung früherer Forderungen der Kolonien: Aufhebung der Verfassungsänderungen sowie des Teezolles; Befreiung von Steuern und Verwendung der Zolleinkünfte nach den Beschlüssen der Kolonien; Bevollmächtigte sollten darüber mit dem Kongreß verhandeln. Diese Beschlüsse verblüfften zwar sogar die Anhänger der Regierung, fanden aber keinen ernstlichen Widerspruch und wurden am 11. März vom Könige vollzogen. Doch die Demütigung war umsonst. Zwei Tage später übergab Frankreich die bekannte Erklärung (vgl. Seite 217) in London und die Gesandten wurden beiderseits abberufen. Der schwerkranke =Pitt= sprach bei seinem letzten Auftreten im Oberhause am 7. April kurz vor seinem Tode in einer gewaltigen Rede gegen die Unabhängigkeit der Kolonien und entschied den Entschluß, auch mit Frankreich den Krieg aufzunehmen.
Die trotzdem nach Amerika abgehenden Bevollmächtigten trafen im Mai in Philadelphia ein. Obgleich sie ihre Vollmacht überschritten und Vertretung der Kolonien im Parlament wie die Verpflichtung anboten, nie wieder europäische Truppen herüberzusenden, fanden sie kein Gehör. Der Kongreß hatte den Vertrag mit Frankreich unterzeichnet und bestand auf der Unabhängigkeitserklärung. Während die Bevollmächtigten noch unterhandelten, traf der Befehl zur Räumung Philadelphias ein, der ihre Aufgabe wahrlich nicht förderte, da er den Amerikanern als ein Zeichen der Schwäche Englands erscheinen mußte und ihnen den Rücken steifte. Einige Quellen sagen, =North= habe die ganz aussichtslosen Unterhandlungen nur wieder aufgenommen, um bei den Franzosen Mißtrauen gegen die Amerikaner zu erwecken.
Mit dem Auslaufen der französischen Flotte nach Amerika sind wir beim =Beginn des großen Seekrieges= angelangt und wenden uns diesem zu. Den weiteren Verlauf des Landkrieges flechten wir in die Schilderung des Seekrieges ein, soweit es zum Verständnis der unmittelbaren Mitwirkung von Seestreitkräften oder zur Beurteilung der durch ihn hervorgerufenen Bewegungen großer Flotten nötig ist.
Der grosse Seekrieg[132].
$Über Anordnung der Schilderung nach den Kriegsschauplätzen.$ Der Seekrieg spielte sich wie die letztvorhergegangenen auf vier Schauplätzen ab: den europäischen, den nordamerikanischen, den west- und den ostindischen Gewässern. In den früheren Kriegen war der erstgenannte der wichtigste; der Verlauf hier war für den Krieg auf den anderen ausschlaggebend. Wir konnten deshalb, ohne die Übersicht zu verlieren, zunächst die Ereignisse auf diesem zusammengefaßt geben und dann in gleicher Weise die auf den übrigen folgen lassen. Bei dem jetzt zu besprechenden Kriege müssen wir einen anderen Weg wählen, da das Ringen auf den verschiedenen Meeren gleich folgenschwer ist und eng ineinander greift. Bei einer streng chronologisch durchgeführten Schilderung der Ereignisse auf allen Kriegsschauplätzen zugleich würde nun aber infolge des reichen Materials der strategische Faden verloren gehen, und so bleibt nur eine Verbindung beider Wege übrig. Für eine solche geben =die militärische Lage, sowie die Ziele der Gegner in den verschiedenen Weltteilen= einen guten Anhalt.
[132] Besonders benutzte Quellen: Mahan I; Clowes Band III (das betreffende Kapitel ist auch hier von Kapitän Mahan bearbeitet, aber später als dessen eigenes Werk, und weicht deshalb zuweilen von diesem ab); Lacour II, Chevalier II, zwei Werke, die sich wertvoll ergänzen; Campbell Band V und VII; Troude Band II; Bonfils Band III. Die kleinen Begebenheiten findet man bei Clowes erst im Bande IV, Kapitel »Minor actions 1763-1793«.
=In Europa= beschränkte sich England im Gegensatz zu den früheren Kriegen ganz auf die Verteidigung, da es bei dem Bestreben, auch in allen fernen Meeren die Herrschaft zu wahren und Angriffen entgegenzutreten, hier den Gegnern nicht gewachsen war. Diese hatten es auf Einfälle in England sowie auf die Eroberung von Port Mahon und Gibraltar abgesehen; zum Glück für England lag die erste Aufgabe Frankreich, die zweite Spanien mehr am Herzen, und dieses Auseinandergehen der Ziele schwächte das Zusammenwirken der Verbündeten.
=In Nordamerika= handelte es sich für die Engländer um die Unterwerfung der Kolonien. Sie waren 1778 im Besitze New Yorks, der Narragansettbucht, Philadelphias und Kanadas. New York war politisch wertvoll als die größte Stadt neben Boston und militärisch durch seine Lage am Ausgangspunkte der Hudsonlinie. Die Narragansettbucht gab den besten Hafen der Küste, vorzüglich gelegen zu ihrer Beherrschung. Der Besitz von Philadelphia bildete jedoch eine Schwäche in der englischen Stellung, da das Heer hier von dem in New York über Land getrennt und auch in Hinsicht auf Zufuhren ganz auf die See angewiesen war; von dieser abgeschnitten, schwebte es in der Luft. Hierher richtete denn auch Frankreich den ersten Stoß seiner Flotte, und England mußte die mühsam errungene Stellung am Delaware aufgeben, sobald es seine Seeherrschaft bedroht sah. Bei den späteren Unternehmungen Englands gegen die südlichen Kolonien spielte der Besitz der Chesapeakebucht eine ähnliche Rolle. Da an dieser keine Befestigungen lagen, fiel sie der seebeherrschenden Partei zu und wurde deshalb Streitobjekt für die beiderseitigen Flotten. Kanada zu erobern oder für ihre Sache zu gewinnen, war den Amerikanern nicht gelungen, sie versuchten dies auch nach 1777 nicht mehr -- vielleicht trauten sich die neuen Verbündeten, Frankreich und Amerika, in dieser Beziehung nicht recht -- und so blieb die Kolonie eine feste Basis für England.
=In Westindien= war der Besitz der Engländer und der Franzosen auf den Kleinen Antillen ungefähr gleich. Der Kampf entspann sich zunächst um strategisch besonders wichtige Inseln (Dominica, Sta. Lucia); später erstrebte Frankreich die Eroberung englischen Gebietes überhaupt, wohl in der Hoffnung, sich hier ein großes Kolonialreich schaffen zu können. Dieser Versuch ging auf Kosten des Kampfes in den europäischen Gewässern. Auf den großen Inseln würde Spanien das Übergewicht gehabt haben, da es Kuba, Portoriko und mit Frankreich gemeinschaftlich Haiti besaß, während England nur Jamaika gehörte. Es trat jedoch nicht kräftig auf. Verschiedene Pläne Frankreichs und Spaniens, zusammen gegen diese Insel vorzugehen, kamen nicht zur Durchführung, und England hatte anderwärts zu viel zu tun, um gegen spanische Besitzungen wirksam zu werden. Jamaika lag außerdem so weit in Lee des Hauptkriegsschauplatzes, daß die Gegner ungern eine größere Streitmacht dorthin führten. Spaniens Waffen machten sich nur in dem Gebiete östlich von Mississippi, das damals Florida hieß und in englischem Besitze war, sowie gegen die Bahamainseln fühlbar. Sein Auftreten war hier, wie in den europäischen Gewässern das Vorgehen gegen Gibraltar ein Ausfluß von Sonderinteressen, wodurch der gemeinsamen Sache nur Kräfte entzogen wurden.
=Die Kriegsschauplätze Nordamerika und Westindien= berührten sich, die Ereignisse auf beiden griffen ineinander. Nicht nur ihre Nachbarschaft bedingte dies, sondern auch die Wetterverhältnisse trugen dazu bei. Die Winterstürme setzten in den nördlichen Breiten den Unternehmungen der Seestreitkräfte eine Grenze, und in Westindien ließ man sie ungern während der Orkanzeit; so fanden sie je nach der Jahreszeit an der Küste der nördlichen Staaten, an der der südlichen oder in Westindien Verwendung. Deshalb fallen bei Schilderung der Kämpfe diese beiden Schauplätze zusammen.
=In Ostindien= hatte England seit dem letzten Kriege seine Macht wesentlich ausgebreitet und gestärkt. Es war aber ständig mit mächtigen eingeborenen Feinden beschäftigt, und Frankreich hätte bei Ausbruch des Krieges hieraus Nutzen ziehen können. Es tat dies nicht, während England sofort mit Erfolg über die französischen Besitzungen herfiel. Die Seestreitkräfte beider Parteien waren hier anfangs unbedeutend; von 1779 an erhielten die englischen das Übergewicht, und mit ihrer Hilfe wurden auch die holländischen Besitzungen genommen. Erst 1782 trat Frankreich überlegen auf (Admiral =Suffren=) und es folgte ein Kampf um die Seeherrschaft. Da die Ereignisse dieses Schauplatzes ganz für sich dastehen, können sie und mit ihnen die auf dem Wege nach Indien (Kapland) am Schlusse für alle Jahre zusammengefaßt betrachtet werden.
$Die Einteilung für den Verlauf des Seekrieges$ wird nach vorstehendem diese sein:
=Die europäischen Gewässer= 1778. Die Franzosen vor dem Kanal.
=Nordamerika und Westindien= 1778/79. Der Feldzug der ersten französischen Flotte (d'Estaing).
=Die europäischen Gewässer= 1779/80. Bedrohung der englischen Küste durch die Verbündeten; Beginn der Belagerung von Gibraltar; die Festung versorgt (Rodney).
=Westindien und Nordamerika= 1780. Die zweite französische Flotte (de Guichen) in Westindien; erstes Auftreten Rodneys; die französische Hilfsarmee in Nordamerika.
=Die europäischen Gewässer= 1781. Gibraltar aufs neue versorgt (Darby); die Verbündeten vor dem Kanal; Eintreten Hollands in den Krieg.
=Westindien und Nordamerika= 1781. Die dritte französische Flotte (de Grasse) in Westindien; Kampf um die Chesapeakebucht und Fall von Yorktown.
=Europa= 1782. Die Verbündeten vor dem Kanal; der große Angriff auf Gibraltar; Howe rettet die Festung endgültig.
=Westindien= 1782. Rodney und de Grasse; der Krieg beendet.
=Ostindien= 1778-1783.
$Die Rüstungen der Gegner.$ =Frankreich= bereitete den Krieg frühzeitig vor. Vom August 1775 an wurde zwischen Versailles und Madrid ein Briefwechsel über gemeinsame Rüstungen geführt und solche auf den Werften von Brest und Toulon sowie Cadiz und Ferrol begonnen. =Vergennes'= erste Sorge war, zu verhindern, daß England wie im Jahre 1755 vor Ausbruch des Krieges einen großen Schlag gegen den französischen Handel führe. Schon 1776 erhielt deshalb das kleine Geschwader, das jährlich in Brest zu Übungszwecken zusammentrat, den Befehl, seine Fahrten auf die Gewässer zwischen Ouessant und Finisterre zu beschränken und die Schiffe zu beobachten, die England in diesem Jahre gegen amerikanische Kauffahrer sowie Freibeuter kreuzen ließ. Im Jahre 1777 lag sogar in Brest eine Flotte von 15 Linienschiffen seeklar, um einer etwa an der Küste erscheinenden englischen entgegentreten zu können, und leichtere Schiffe kreuzten außerdem wie im Vorjahre. Diese Flotte hielt man jedoch auf der Reede fest, aus Furcht, daß schon ihr Auslaufen zu einer Kreuzfahrt Anlaß zum Kriege geben könne. Im August wurde ein Fahrzeug nach den Neufundlandbänken gesandt, um die Fischerflottillen zurückzurufen. Als die Nachricht von Saratoga eintraf und man sich zum Kriege entschloß, hatte Frankreich 48 Linienschiffe, 31 in Brest, 17 in Toulon, zur Indienststellung bereit; bei dem Versuche, auch Spanien zum Losschlagen zu bewegen, wurde diesem schon ein Plan zur Verwendung der vereinten Kräfte mitgeteilt. =Vergennes= hob hierbei nochmals hervor, daß der Druck der englischen Seemacht nicht länger zu ertragen sei.
$Übergriffe der Engländer auf See.$ Die englischen Schiffe, die an Frankreichs Küsten kreuzten, gingen mit größter Rücksichtslosigkeit vor. Sie hielten alle Kauffahrer an und nahmen sie beim leisesten Verdacht auf Kriegskontrebande, deren Begriff sie weit ausdehnten, in Beschlag. 1777 und während der ersten Monate 1778, vor dem Ausbruch des Krieges, brachten sie gegen 130 Fahrzeuge mit einem Werte von 16 Millionen Franken auf. Sogar Kriegsschiffe hielten sie unter dem Vorwand an, sich vergewissern zu müssen, ob es tatsächlich französische wären, da die amerikanischen Freibeuter oft die französische Flagge zeigten. 1776 waren sogar englische Schiffe in ihrem Übermut durch die Formation des französischen Übungsgeschwaders hindurchgesegelt. Frankreich ließ sich alles dies gefallen, um nur den Bruch noch hinzuhalten. Die französischen Seeoffiziere waren darüber empört und klagten mit Recht, daß die Anmaßung der Engländer infolgedessen immer größer würde; verwunderlich ist, daß es nicht zu blutigen Zusammenstößen kam, denn die Schiffe beider Völker waren beim Begegnen stets gefechtsklar. Die Empörung in Frankreich über die Schärfe des englischen Beobachtungsdienstes war übrigens ungerechtfertigt, denn man unterstützte die Amerikaner mit Kriegsmaterial und gestattete ihren Freibeutern den Aufenthalt in französischen Häfen.
Als jedoch Spanien noch nicht am Kriege teilnehmen mochte, mußte Frankreich allein seine weiteren Maßregeln treffen. Mit der Abberufung der Gesandten (März 1778) erging der Befehl zur Indienststellung der gebrauchsbereiten Schiffe. Im April schon konnten 12 Linienschiffe unter Vizeadmiral =d'Estaing= von Toulon nach Nordamerika auslaufen, in Brest waren im Juni 20 und im Juli 30 unter Lieutenant-General =Comte d'Orvilliers= segelfertig. Man hatte ferner in den vorangegangenen Monaten Truppen und Kriegsmaterial nach Westindien und vier Fregatten nach Isle de France gesandt; 30000 Mann hatte man in der Normandie zusammengezogen. Marschall =de Broglie= übernahm im Mai den Oberbefehl über dieses Heer unter dem Vorwande, mit ihm Übungen zur Klärung taktischer Fragen anzustellen. Frankreich war also gut gerüstet.
=England= dagegen hatte seit dem letzten Kriege versäumt, seine Seestreitmittel stets denen der vereinten beiden bourbonischen Königreiche überlegen zu halten, die vorhandenen Schiffe waren auch nicht so bereit, wie sie bei der Wahrscheinlichkeit eines Krieges hätten sein müssen, und die Vorbereitungen für den Kampf begannen zu spät. Schuld hieran wird dem Minister des Äußern, der die Nähe und Größe der Gefahr unterschätzte oder der inneren Streitigkeiten halber verheimlichte, sowie der Sorglosigkeit des Ersten Lords der Admiralität gegeben.
=John, Earl of Sandwich=, bekleidete diesen Posten von Januar 1771 bis März 1782. Für die Jahre 1776 und 1777 waren die Geldmittel der Marine nur soweit erhöht, als es der amerikanische Krieg und das Kreuzen in den europäischen Gewässern erforderte. Im November 1777 erklärte der Erste Lord im Parlamente auf eine Klage der Opposition über die zu geringe Stärke der Kanalflotte, er glaube nicht, daß Frankreich und Spanien feindselige Gesinnungen hegten, im übrigen seien in der Heimat 42 Schiffe in Dienst, 35 derselben bereit, sofort auszulaufen; er fühle sich zu der Erklärung berechtigt, daß man damit den Flotten des Hauses Bourbon gewachsen sei. Dies wäre, wie wir wissen, nicht der Fall gewesen, aber auch gegen Frankreich allein konnte man sich kaum behaupten. Als nämlich nach Abbruch des diplomatischen Verkehrs eine Flotte von 13 Linienschiffen unter Admiral =Byron= für Amerika in Dienst gestellt war und etwa 3 Schiffe unter den Admiralen =Barrington= nach Barbados, sowie =Sir Peter Parker= nach Jamaika segelten, fand =Admiral Keppel= die Kanalflotte bei Übernahme des Kommandos, nach seinem Ausdrucke mit »Seemannsauge gemustert«, recht schwach vor; bei einem ersten Auslaufen im Juni verfügte er nur über 21 und erst im Juli über 30 Schiffe.
Also nicht einmal eine Übermacht Frankreich allein gegenüber war vorhanden. =Byron= stand mit 13 Schiffen gegen =d'Estaing= mit 12; =Keppel= mit 30 gegen =d'Orvilliers= mit 32. Schiffe sowie Werften waren eben nicht in Ordnung; es sollen (nach Campbell) Monate nötig gewesen sein, um das seit Jahren auf den Werften verrottende Material zu sichten, Masten und Raaen zu flicken. Auch der Mannschaftsmangel war groß, obgleich für 1778 vom Parlamente 60000 Mann (darunter 11000 Seesoldaten) für die Marine bewilligt waren. Da der Krieg noch nicht erklärt war, scheute man sich anfangs, zu scharfem Pressen zu schreiten, man wollte lieber die Rückkehr der Handelsschiffe aus allen Weltteilen im Frühjahr und Sommeranfang abwarten. Um wenigstens die Flotte Byrons bald seeklar zu machen, mußten Leute sowie Material von der Kanalflotte genommen werden. An Geldmitteln waren für 1778 fünf Millionen bewilligt; sie umfaßten die Kosten für Indiensthaltungen, Reparaturen sowie Neubauten und 1 Million Überschreitungen vom Vorjahre.
Bei Ausbruch des Krieges legten beide Parteien Beschlag auf die Handelsschiffe des Gegners in ihren Häfen und hielten die eigenen zurück. Letzteres geschah, um das Personal für die Kriegsschiffe zu gewinnen und um sie selber nicht der Wegnahme auszusetzen. Das englische Volk, bisher so stolz auf seine Marine, war empört über ihre hierdurch eingestandene augenblickliche Schwäche. Kaufleute und Reeder tadelten die Admiralität scharf; mit Recht, denn es mußten beispielsweise 100 Westindienfahrer drei Monate auf Bedeckung warten, wodurch ein Schaden von 90000 Lstrl. erwuchs und in Westindien Mangel am nötigsten eintrat.
Bei dem unfertigen Zustande der Marine kann es nicht verwundern, daß =England= weder den Krieg erklärte noch losschlug, obgleich es den diplomatischen Verkehr abgebrochen hatte; wäre es in der Lage gewesen, würde es sicher wie 1755 über Frankreichs Handel hergefallen sein. So hielt man sogar Byrons Flotte bis zum Juni fest, um die heimischen Gewässer nicht zu entblößen, und auch die Kanalflotte lief dann erst aus. Gegen Frankreichs Truppen in der Normandie hatte England Milizen an den Küsten aufgeboten, und schon im März war über Suez der Befehl nach Ostindien gesandt, die französischen Besitzungen anzugreifen. Aber auch =Frankreich= begann den Krieg nicht; man wollte vorläufig nur den Amerikanern an Ort und Stelle Hilfe leisten, die Brestflotte bereithalten und die Küsten durch Kreuzer bewachen lassen. Erst als =Keppel= französische Kriegsschiffe aufgebracht hatte, erhielt =d'Orvilliers= Befehl, dies zu vergelten.
Der Krieg in den europäischen Gewässern 1778.
$Die Eröffnung des Krieges.$ Am 13. April ging die Flotte des Vizeadmirals =d'Estaing= von Toulon mit versiegelten Ordres in See. Man hatte verbreitet, sie sei nach Brest bestimmt; ein Mitglied der amerikanischen Gesandtschaft in Paris, sowie der für die neue Republik bestimmte Gesandte Frankreichs waren unter falschen Namen eingeschifft, um das Ziel nicht zu verraten. Infolge ungünstigen Windes passierte sie erst am 17. Mai die Straße von Gibraltar, und am 20. wurden 120 Seemeilen westlich vom Kap St. Vincent die Ordres geöffnet. Die Flotte war nach Amerika bestimmt und sollte von jetzt an schon die Feindseligkeiten gegen englische Kriegs- wie Handelsschiffe beginnen. Eine englische Fregatte war ihr von Gibraltar aus gefolgt, behielt sie noch weitere 150 Seemeilen in Sicht und überbrachte am 7. Juni die Meldung in England. Am 8. segelte dann die Flotte des Vizeadmirals =John Byron= gleichfalls nach Amerika ab.
Zu gleicher Zeit (am 8. oder 12. Juni) ging =Admiral Augustus Keppel=[133] mit der Kanalflotte -- 21 Linienschiffe, 3 Fregatten, 2 Kutter, ein Brander -- in See, um vor Brest zu kreuzen. Er hatte den Befehl, die Brestflotte zu beobachten, den Kanal für die eigenen Handelsschiffe offenzuhalten und die Vereinigung der Toulon- mit der Brest-Flotte durch Waffengewalt zu verhindern. Am 17. Juni traf er vor dem Kanal auf eine kleine französische Flottille, die Fregatten »La Belle Poule«, Kapitän =de la Clocheterie=, »La Licorne«, die Korvette »L'Hirondelle« und den Lugger »Le Coureur«. Wenn auch der Krieg noch nicht erklärt war, hielt es =Keppel= doch für nötig, die Schiffe anzuhalten, sowohl um zu verhindern, daß seine Bewegungen dem Gegner bekannt würden, als auch um Nachrichten über diesen zu erhalten. Er jagte die Fahrzeuge mit der ganzen Flotte und ließ sie durch vorauseilende Fregatten auffordern, längsseit seines Flaggschiffes zu kommen.
[133] $Augustus Keppel$, 1782 Viscount K., geboren 2. April 1725, 1744 Kapitän, 1762 Kontreadmiral, 1770 Vizeadmiral, 1778 Admiral der blauen und 1782 der weißen Flagge, gestorben 2. Oktober 1786, führte schon im österreichischen Erbfolgekriege ein Linienschiff und geriet durch Strandung bei Verfolgung eines französischen Schiffes in Gefangenschaft. Als er 1754 mit einem kleinen Geschwader zum Dei von Algier gesandt war und dieser seine Verwunderung aussprach, daß der König von England ihm einen bartlosen Knaben zur Unterhandlung schicke, antwortete er: »Wenn die Weisheit nach der Länge des Bartes ginge, so würde man einen Ziegenbock gewählt haben.« Als dann der Dei ihm mit dem Tode drohte, sagte er, sein Geschwader würde für angemessene Begräbnisfeierlichkeiten sorgen. Im Siebenjährigen Kriege führte er 1758 die Expedition gegen Gorée, befehligte bei Quiberon ein Schiff mit Auszeichnung, nahm 1761 die Insel Belle-Ile und war 1762 zweiter im Kommando bei der Eroberung von Havanna. 1778 Chef der Kanalflotte, schlug er die Schlacht bei Ouessant, nach derselben wegen Verstoß gegen die Gefechtsinstruktion angeklagt, aber freigesprochen, legte er sein Kommando nieder und blieb unbeschäftigt, bis er nach dem Ministerwechsel vom 30. März 1782 bis Dezember 1783 das Amt des Ersten Lords wahrnahm.
»Licorne« tat dies, versuchte aber später zu entwischen, antwortete auf Warnungsschüsse mit einer Breitseite und strich dann die Flagge. »Hirondelle« entkam, »Coureur« ward bald genommen. »Belle Poule« führte ein hartnäckiges laufendes Gefecht mit der englischen Fregatte »Arethusa« und lief unter die französische Küste; hier konnten ihr die Engländer nicht beikommen, und sie erreichte am 21. Juni Brest. Am 19. Juni nahm =Keppel= noch die Fregatte »Pallas«. Aus den Papieren der Prisen ersah er, daß die französische Flotte der seinigen überlegen war oder es doch bald werden würde, er kehrte deshalb nach Spithead zurück, um Verstärkungen an sich zu ziehen.
Diese Wegnahme von Kriegsschiffen =sah man in Paris als Kriegserklärung an=. Man bezeichnete sie als verräterisch und gegen das Völkerrecht verstoßend, obgleich doch auch =d'Estaing= den Befehl hatte, die Feindseligkeiten zu eröffnen. Spanien wurde benachrichtigt, daß Frankreichs Geduld nunmehr erschöpft sei und man den Krieg beginne; Kaperbriefe wurden ausgegeben und =d'Orvilliers= erhielt am 2. Juli den Befehl, in See zu gehen. Aber trotz vorher erlassener Kabinettsordres, deren hochgemute Worte auf eine besonders kräftige Verwendung der Seestreitkräfte hatten schließen lassen und in denen den kommandierenden Offizieren der Marine die größte Unerschrockenheit bei ihrem Auftreten ans Herz gelegt wurde, war =die Instruktion für den Flottenchef= eine recht beschränkte. Er sollte einen Monat kreuzen und als Repressalie Kriegs- und Handelsschiffe aufbringen. Später, schon auf See, ging ihm sogar in einer Verfügung vom 12. Juli noch die Mahnung zu, daß der König bei der jetzt bekanntgewordenen Stärke der feindlichen Flotte sehr auf die Klugheit des Admirals rechne; die Minister wälzten also die Verantwortlichkeit ganz auf ihn ab.
$Befehle Ludwigs XVI.$[134] In einem Schreiben des Marineministers =Sartines= an =d'Orvilliers= vom 2. April 1778 findet man die Sätze: »Sie (der Chef, die Flaggoffiziere und die Kommandanten) müssen sich bewußt sein, daß die Augen Europas auf das erste Geschwader gerichtet sind, das nach dem letzten Kriege unsere Häfen verläßt. Ihre Pflicht ist es jetzt, der französischen Flotte wieder den alten Ruhm zu verleihen, der sie einst umstrahlt hat. Nur durch die glänzendsten Waffentaten können die letzten Unglücksfälle und Fehler gutgemacht werden; die zur Verfügung stehenden Mittel sichern ihnen die Überlegenheit, ihr Mut muß das übrige dazu tun....« »Aber in welche Lage auch immer die Flotte kommen mag, der König erwartet, daß seine Schiffe mit der größten Unerschrockenheit angreifen und sich stets bis aufs äußerste verteidigen werden.«
[134] Auszüge aus Chevalier II, Seite 80; Lacour II, Seite 120; Troude II, Seite 3.
In diesem Sinne folgt noch mehr, und =Troude= sagt hierzu richtig: »Wie verschieden war diese Sprache von jener, die unsere Admirale im letzten Kriege zu hören bekamen«; wir sind mehrfach auf die früheren Befehle eingegangen, die stets zur Vorsicht mahnten. Diesen tapferen Worten folgten aber bald wieder solche in abschwächender Tonart, so der obenerwähnte Befehl, den =d'Orvilliers= vor dem Inseegehen erhielt. Hierzu wurden die französischen Minister =Vergennes= und =Sartines= durch die Erwägung gebracht, daß ein Fehlschlag beim ersten Auftreten der Flotte sehr schädlich wäre. Wahrscheinlich überschätzten sie auch die Stärke des Gegners. Man ließ sich durch die große Schiffszahl Englands einschüchtern, ohne die ungünstigen Verhältnisse dort in Rechnung zu ziehen -- obwohl der Mannschaftsmangel durch Berichte aus London allerdings bekannt war -- auch glaubte man, daß =Byron= nur einen Konvoi ins offene Meer zu führen habe und sich dann mit =Keppel= vereinigen würde.
In ihrem Hange zu ängstlicher Schonung der Seestreitkräfte wurden die leitenden Personen durch hervorragende Seeoffiziere bestärkt. Diese empfahlen, durch Zurückhalten der Flotte und durch die Truppenansammlung England zu zwingen, seine Seestreitkräfte gleichfalls zusammenzuhalten; dies müsse dann durch Entsendung zahlreicher Kreuzer gegen den englischen Handel ausgenutzt werden. =D'Orvilliers= schlug aber in einem Brief vom 22. Juni vor, mit der Flotte auszulaufen. Zwar wollte auch er nicht zum entscheidenden Kampfe in den Kanal gehen, »wo er keine Zufluchtshafen habe und durch die vorherrschenden Winde leicht an der englischen Küste festgehalten werden könnte«, sondern eine Kreuztour gegen den Handel vor demselben aufnehmen. Er wollte dabei versuchen, die Vereinigung Byrons und Keppels zu verhindern, diese gegebenenfalls einzeln schlagen, beiden vereint aber ausweichen. Ihm schwebte die »Campagne au large« des Admirals =Tourville= 1691 vor, der wochenlang die überlegene englische Flotte hinter sich herzog und dadurch lähmte. (Vgl. Band I, Seite 441.) Diese Kreuztour sollte gleichzeitig zur Ausbildung der Flotte dienen. Die ihm zugegangene Instruktion -- sie hatte sich mit seinem obenerwähnten Briefe gekreuzt -- entsprach also gewissermaßen seinem Gedanken, der Nachtrag vom 12. Juli machte ihn aber für alle Folgen verantwortlich.
=D'Orvilliers= antwortete auf den letzten Befehl, er werde, wie zuerst angeordnet sei, einen Monat kreuzen, falls er nicht ausdrücklich zurückgeworfen würde, und auch einen Kampf annehmen; nur falls =Keppel= sehr überlegen aufträte, werde er ausweichen, dies könne aber unter Umständen schwierig sein, wenn der Gegner den Kampf ernstlich suche. Es ist bemerkenswert, daß die Flaggoffiziere und Kommandanten, als ihnen am 9. Juli der Befehl bekannt gegeben wurde, in den Chef drangen, er möge die Erlaubnis nachsuchen, in den Kanal einzulaufen und den Feind, selbst auf der Reede, anzugreifen.
$Die Schlacht bei Ouessant 27. Juli 1778.$ =Admiral Keppel= lief am 9. Juli zu einer zweiten Kreuzfahrt von Portsmouth mit 24 Linienschiffen aus und auf dem Wege kanalabwärts stießen noch 6 von Plymouth zu ihm. Erregt durch den Umstand, daß er das erste Mal das Feld hatte räumen müssen, sowie durch die deshalb von der öffentlichen Meinung ihm gemachten Vorwürfe, war er fest entschlossen, den Feind aufzusuchen und zum Kampfe zu zwingen. =Lieutenant-Général Comte d'Orvilliers=[135] war nach Empfang seiner Instruktion durch Gegenwind einige Tage festgehalten, erst am 8. Juli ging er mit 32 Linienschiffen in See, von denen jedoch drei als zu schwach für die Linie erklärt und wie die Fregatten während der Schlacht in Feuerlee von ihr gehalten wurden. Er nahm seinen Kurs nach dem Kanaleingange und benützte die Fahrt zu taktischen Übungen. Mit deren Ausfall war er durchaus nicht zufrieden, und es ist wohl anzunehmen, daß dies im Verein mit der erhaltenen Mahnung sein Verhalten in der Schlacht beeinflußt hat.
[135] =Louis Guillonet, Comte d'Orvilliers=, geboren 1710, trat 1728 in die Marine ein, wurde 1754 Kapitän, 1764 Chef d'Escadre, 1777 Lieutenant-Général. Er hatte 1754 unter La Gallissonnière, 1757 unter Dubois de la Motte gedient; 1772 befehligte er das neueingerichtete Übungsgeschwader. 1775 Marinekommandant in Brest, unterstützte er den Minister Sartines bei der Neuorganisation der Marine. Von 1777 bis 1779 war er Chef der Brestflotte. Er galt als ein vorzüglicher Taktiker, war aber jetzt 68 Jahre alt. Auch seine körperliche Rüstigkeit ließ zu wünschen übrig; im Januar 1778 nach Paris berufen, schrieb er, er könne die Reise nur »wie ein Greis« in kurzen Tagestouren machen. Infolge der Vorwürfe, die man ihm über die Führung der Flotte 1778/79 machte, zog er sich in eine religiöse Anstalt zurück und starb dort 1792.
Am Nachmittage des 23. Juli sichteten sich die Gegner etwa 100 Seemeilen westlich der Insel Ouessant; bei frischem WNW-Winde lagen die Franzosen nordöstlich der Engländer, also in Lee von ihnen, aber während der Nacht gewannen sie die Luvstellung nordwestlich des Gegners. Diese Lage befriedigte beide Führer, denn =Keppel= sah sich zwischen dem Feinde und Brest, während =d'Orvilliers= durch seine Luvstellung im Sinne seines Befehles zu handeln vermochte, nämlich die See zu halten und doch nur zu fechten, wenn er es für vorteilhaft hielt; er sollte aber sein Bedenken bestätigt finden, daß dies bei einem kampfesmutigen Gegner nicht leicht durchzuführen sei. In der Nacht waren außerdem drei seiner Schiffe von der Flotte abgekommen, in Lee der Engländer geblieben und konnten bis zur Schlacht nicht mehr herankommen, so daß bei dieser nur 27 Schiffe in der Linie standen.
Während der nächsten Tage manövrierten beide Teile in Sicht voneinander; =Keppel=, um an den Feind heranzukommen, =d'Orvilliers= wahrscheinlich, um dies zu verhindern. Zwar sagen französische Quellen, er habe sich nur die Luvstellung wahren wollen, aber sie deuten auch an, daß seine Geschwaderchefs ihn erst zu dem Entschlusse gebracht hätten, den Kampf aufzunehmen. Am 27. Juli kam es zur Schlacht, die aber nur in einem zwei- bis dreistündigen Feuergefecht im Passieren bestand.
$Der Verlauf der Schlacht bei Ouessant$ kann in groben Zügen gegeben werden, ohne auf Einzelheiten einzugehen; die für uns bemerkenswerten Punkte treten trotzdem genügend hervor[136].
[136] Die genaueste und, wie es scheint, objektivste Schilderung findet man in Clowes Band III, Seite 412.
=Die englische Flotte= zählte 32 Linienschiffe: Vorhut, Vizeadmiral =Sir Robert Harland=, 10 Schiffe; Mitte, =Keppel=, 11 Schiffe; Nachhut, Vizeadmiral =Sir Hugh Palliser=, 11 Schiffe. =Die französische Flotte= hatte 27 Schiffe in der Linie: Vorhut, Lieutenant-Général =Comte Duchaffault=, 9 Schiffe; Mitte, =d'Orvilliers=, 9 Schiffe; Nachhut, Lieutenant-Général =Duc de Chartres=, 9 Schiffe.
Am 27. Juli wehte frischer westlicher Wind mit heftigen Regenböen. Bei Tagesanbruch waren die Flotten etwa 6 Seemeilen voneinander entfernt, beide lagen über Steuerbordbug, die französische »in Kiellinie beim Winde« genau in der Windrichtung zu Luward der englischen; diese hatte kurz vorher »alle Schiffe zugleich« gewendet, über den neuen Bug aber die Kiellinie nicht wieder hergestellt, so daß sie in einer Peilungslinie segelte, aus der jedoch durch abermals gleichzeitiges Wenden sofort die Kiellinie über Backbord-Bug gebildet werden konnte. =Keppel= hatte keine Zeit mit Ausrichten verlieren wollen, um schnell an den Feind heranzukommen; auch befahl er allgemeine Jagd. Die Ordnung in seiner Flotte war nicht gut, besonders der rechte Flügel (über Steuerbordbug die Nachhut) war während der Nacht nach Lee geraten; sie erhielt jetzt Befehl, möglichst Luv zu gewinnen. Um 9 Uhr vorm. ließ =d'Orvilliers= im Kontremarsch, also ein Schiff nach dem anderen auf der gleichen Stelle, halsen, um den Feind besser beobachten und seine Stärke genauer erkunden zu können; er verlor hierdurch allerdings beträchtlich an Luv, aber doch nicht so viel, daß er nicht unter normalen Verhältnissen nach Belieben hätte den Kampf vermeiden oder angreifen können, sobald es ihm günstig schien.
Jetzt aber drehte der Wind südlicher, die englische Flotte konnte mehr auf die französische zuhalten, stand um 10-1/4 Uhr in deren Kielwasser, als sie eben die Kiellinie über Backbord-Bug gebildet hatte, und =Keppel= wendete mit allen Schiffen zugleich; er segelte nun also gleichfalls in Kiellinie über Backbord-Bug hinter seinem Gegner her. =D'Orvilliers= mußte fürchten, daß seine letzten Schiffe eingeholt und mit Übermacht angegriffen werden könnten, er ließ deshalb mit allen Schiffen zugleich wenden, wodurch seine eigentliche Nachhut, der Herzog von Chartres, zur Vorhut wurde, und segelte dem Feinde über Steuerbordbug entgegen. Nun folgte ein Passiergefecht, bei dem die Franzosen zu Luward standen, und zwar in leidlich guter Ordnung, während die Engländer infolge der Jagd schlecht ausgerichtet waren; in der Nachhut hinderten sich die Schiffe sogar gegenseitig im Feuer. Keppel hatte nach der letzten Wendung das Signal »Schlachtlinie bilden«, worauf diese ausgerichtet worden wäre, gar nicht gegeben, sondern nur das zur Eröffnung des Kampfes. Während des Passierens zielten die Franzosen, wie stets, besonders auf die Takelage, die Engländer auf den Rumpf der Schiffe.
Als die englische Vorhut gegen 1 Uhr die französische Linie passiert hatte, ließ =Harland= sie wenden, um am Feinde zu bleiben, und =Keppel= befahl der Mitte das gleiche, als sie soweit war. Da aber viele Schiffe der beschädigten Takelage halber das Manöver nicht ausführen konnten und ihr Halsen der nachfolgenden wegen schwierig und damit zeitraubend wurde, entstand große Unordnung, besonders in der Mitte. Der Admiral holte deshalb gegen 2 Uhr nachm. das Signal zum Gefecht nieder und heißte »Schlachtlinie bilden«. Die Linien hatten sich passiert, der Kampf war zu Ende.
Gleichzeitig gab =d'Orvilliers= den Befehl zum Halsen in Kontremarsch. Er wollte seine Linie aufs neue am Feinde vorüberführen und zwar in Lee derselben; mit Recht versprach er sich großen Erfolg von seinem Feuer auf die ungeordneten feindlichen Schiffe, und um so mehr, da er nun von Lee aus auch seine untersten Batterien hätte gebrauchen können, deren Pforten beim Passieren zu Luward der hohen See wegen hatten geschlossen bleiben müssen. Dieser Befehl ward jedoch nicht sofort ausgeführt, denn die Spitzenschiffe sahen das Signal nicht; der Führer der Vorhut, =Herzog von Chartres=, segelte sogar mit seinem Flaggschiff längsseit des Oberbefehlshabers, um nach dessen Absichten zu fragen. Dann erst begann das Manöver gegen 1/2-3 Uhr, aber nun war die rechte Zeit verpaßt; =Keppel= hatte seine Linie, wenigstens aus Vorhut und Mitte wiederhergestellt und segelte auf einige beschädigt in Lee liegende Schiffe zu, um sie zu decken. =D'Orvilliers= gab deshalb seine Absicht auf, hielt ab und nahm weiter in Lee eine abwartende Stellung ein, also entsprechend der alten französischen Taktik.
=Keppel= hatte auch die Absicht, aufs neue anzugreifen, aber ihm fehlte seine Nachhut. Die Schiffe dieser hatten sich auf das Signal zur Herstellung der Ordnung vorschriftsmäßig auf das Flaggschiff ihres Führers, =Palliser=, formiert, das etwa 2 Seemeilen zu Luward der Mitte lag. =Palliser= aber führte sein Geschwader nicht heran, obgleich er den Befehl dazu nicht nur durch Signal, sondern auch durch eine Fregatte erhielt; er entschuldigte dies später damit, daß sein Schiff nicht manövrierfähig gewesen wäre. Erst als =Keppel= die einzelnen Schiffe der Vorhut zu sich rief, trafen sie nach und nach ein, jetzt aber, gegen 7 Uhr, war es zu spät zur Wiederaufnahme des Kampfes geworden.
=Die Verluste= werden sehr verschieden angegeben. Die französischen Quellen nennen für die Franzosen 163 Tote und 517 Verwundete, für die Engländer 407 Tote, 789 Verwundete; die englischen geben für sich nur 133 bzw. 373 zu und behaupten, der Gegner habe weit mehr verloren als er zugestanden, erkennen jedoch die stärkere Beschädigung ihrer Schiffe an. Bei der verschiedenartigen Verwendung der Artillerie auf beiden Seiten ist anzunehmen, daß die Franzosen den größeren Verlust an Leuten gehabt haben.
=Die Schlacht blieb unentschieden.= In der folgenden Nacht entfernten sich die Flotten voneinander; beide Parteien aber schrieben sich den Sieg zu und behaupteten, der Gegner habe das Feld geräumt. Die Franzosen sagten aus, sie hätten am Morgen des 28. Juli den Gegner nicht mehr gesehen; er habe während der Nacht das Weite gesucht, ohne Lichter zu zeigen. Die Engländer behaupten, sie hätten die Nacht über gefechtsbereit gelegen; der Feind habe zur Täuschung drei Schiffe mit Admiralslichtern in Geschwaderabstand voneinander liegen lassen, sei dann abgesegelt und am anderen Morgen in der Richtung auf Ouessant nur noch von den Mastspitzen gesehen worden. Tatsächlich sind beide Flotten in ihre Häfen zurückgegangen, die französische traf am 29. Juli in Brest, die englische am 31. in Plymouth ein. Daß =d'Orvilliers= nichts weiter unternahm, ist leicht mit seiner Instruktion und mit der in der französischen Marine herrschenden Auffassung von der Verwendung der Flotten zu erklären: Er hatte die Ehre der Flagge gewahrt, seine Schiffe in brauchbarerem Zustande als die des Gegners erhalten und diesen vorläufig außerstand gesetzt, an der französischen Küste zu kreuzen. Er hatte durchgeführt, was er versprochen, und auch die Leistungen seiner Schiffe waren besser gewesen, als er nach dem Ausfall der Vorübungen erwartet hatte. Nun wollte er die beiden versprengten Schiffe aufnehmen und dann ausbessern, ehe er die Kreuzfahrt wieder aufnahm. Es ist mithin wohl möglich, daß =er= das Feld geräumt hat.
Die englische Behauptung gewinnt auch dadurch an Zuverlässigkeit, daß sie sich auf Angaben stützt, die von vielen als Zeugen in der Untersuchung gegen Keppel vernommenen Kommandanten unter eidlicher Bekräftigung gemacht sind, während der französischen Schilderung wohl nur die üblichen Berichte zugrunde liegen.
Auch =Keppel= hatte insoweit seinen Zweck erreicht, als er den Feind zum Kampfe nötigte. Es liegt auch kein Grund zum Zweifel an seiner Absicht vor, diesen am Nachmittag wieder aufzunehmen. Es ist ihm allerdings vorzuwerfen, daß er die Schiffe der Vorhut nicht gleich einzeln heranrief, aber er hatte keine Meldung von Palliser über dessen Manövrierunfähigkeit und wartete wohl von Minute zu Minute auf die Befolgung seiner Befehle. Daß er es am folgenden Tage für aussichtslos hielt, mit seinen beschädigten Schiffen den Feind einzuholen, und auch für gefährlich, mit ihnen an der feindlichen Küste zu bleiben, ist als berechtigt anzusehen.
$Die öffentliche Meinung in beiden Ländern$ war mit dem Ergebnis der Schlacht nicht zufrieden. =In Frankreich= hatte zwar zuerst die Vertreibung des Gegners von der Küste großen Jubel erregt, als aber die näheren Umstände bekannt wurden, fand man, daß viel mehr hätte erreicht werden müssen. Man schob die Schuld auf den =Herzog von Chartres=, weil er den Befehl des Flottenchefs nicht sofort ausgeführt habe; man beschuldigte ihn des Ungehorsams, ja der Feigheit. Er wurde aus der Marine entfernt.
$Louis Philippe, Duc de Chartres$ -- nach seines Vaters Tode Herzog von Orleans, während der Revolution als Bürger =Philippe Egalité= bekannt --, war bestimmt, später Admiral von Frankreich zu werden. Er hatte keine seemännische Erfahrung, weshalb man ihm in seinem Flaggkapitän, dem Chef d'Escadre =de Lamotte-Picquet=, einen hervorragend tüchtigen Seeoffizier zur Seite gestellt hatte; so wird er während der Schlacht kaum von irgendwelchem Einfluß gewesen sein. Die neueren französischen Marineautoren lehnen denn auch die gegen ihn erhobenen Vorwürfe bestimmt ab. Wie man sagt, erfolgte seine Entfernung auf Betreiben der Königin, und dies trug zur Vergrößerung der schon bestehenden Spannung zwischen dieser und dem Herzoge bei, obgleich letzterer zum Generaloberst der Husaren ernannt wurde -- ein für ihn neugeschaffener Titel.
In =England= war schon der erste Rückzug Keppels übel vermerkt worden. Jetzt hatte man die Vernichtung des Gegners erwartet und der Ausfall der Schlacht zog eine Flut von maritimen sowie von politischen Erörterungen nach sich; je nach dem Parteistandpunkte der Kritiker richteten sich die Vorwürfe gegen die Regierung und die Admiralität oder gegen =Keppel=, und dieser ward schließlich im Januar 1779 in kriegsgerichtliche Untersuchung gezogen. Wenn auch in allen Ehren freigesprochen, so legte er doch sein Kommando nieder.
$Kriegsgericht über Keppel.$ Der Admiral hatte =Palliser= nicht angeschuldigt, war aber gezwungen, zu Äußerungen der Presse über die Schlacht Stellung zu nehmen, und als er dabei das Verhalten seines Untergebenen zur Sprache brachte, erhob dieser Anklage gegen ihn; diese lautete auf zwei grobe Verstöße Keppels gegen die Gefechtsinstruktion dadurch, daß er zum Angriff vorgegangen sei, ehe die Gefechtslinie ordnungsmäßig gebildet war, sowie insofern, als er nach dem Passieren der Flotten nicht den Angriff sofort erneuert habe, sondern sogar vom Feinde fortgesegelt sei (wie bekannt zur Deckung einiger Schiffe), also nicht alles zur Vernichtung des Gegners getan habe.
=Keppel= wurde jedoch vom Kriegsgericht in allen Ehren freigesprochen; die Mehrzahl der englischen Seeoffiziere und die öffentliche Meinung standen gleichfalls auf seiner Seite. =Palliser= dagegen ward genötigt, seinen Abschied zu nehmen. Er hatte versucht, sich damit zu entschuldigen, daß er das Signal nicht gesehen habe und daß sein Schiff bewegungsunfähig gewesen sei; beides wurde ihm widerlegt und ihm außerdem vorgeworfen, wenn letzteres wirklich der Fall gewesen wäre, hätte er dies seinem Chef melden und ihm die anderen Schiffe senden müssen. Die Stimmung war derart, daß man nach Bekanntwerden des Urteils zu Ehren Keppels Feuerwerke abbrannte, während der betrunkene Pöbel das Haus Pallisers zerstörte und seinen Freunden die Fenster einwarf. (Näheres über das Kriegsgericht vgl. Campbell Band V, Seite 432, und Clowes Band III, Seite 423.)
=Für die Geschichte der Seetaktik ist die Schlacht bei Ouessant bemerkenswert= als ein wichtiges Glied in der Entwicklung der englischen Taktik. Bei Toulon 1744 trat =Mathews= gleichfalls ins Gefecht, ehe er die Linie gebildet hatte, da er fürchtete, daß ihm der Gegner sonst entweichen könne; als das Ergebnis der Schlacht den Erwartungen nicht entsprach, ward er für diesen Verstoß gegen die Gefechtsinstruktion aus dem Dienste entlassen. Nach diesem Vorgange wagte =Byng= bei Minorca trotz günstiger Gelegenheit nicht von der Vorschrift abzuweichen; er wurde erschossen, weil er nicht alles zur Vernichtung des Feindes getan habe. Beide Kriegsgerichte standen im englischen Offizierkorps noch gut in Erinnerung, Keppel war selber ein Mitglied des zweiten gewesen. Trotzdem griff er an, ohne die Linie völlig hergestellt zu haben, damit der Feind sich ihm nicht entziehe. Ihn sprach das Kriegsgericht frei; die meisten seiner Kommandanten hatten seinem Handeln mit der Begründung zugestimmt, daß es sonst nicht zur Schlacht gekommen wäre.
Ähnliches zeigt sich bei der Beurteilung der Unterführer. =Lestock=, der seinen Chef bei Toulon im Stich gelassen hatte, wurde freigesprochen, da er sich auf den Buchstaben der Instruktion berufen konnte, =Palliser= wurde jetzt wegen des gleichen Verhaltens wenigstens gemaßregelt. Dies sind doch Anzeichen, daß man in England die Notwendigkeit zu erkennen begann, mit der buchstäblichen und schematischen Befolgung der Gefechtsvorschriften zu brechen. Durchgedrungen war dieser Gedanke noch nicht. =Keppel= war sich wohl bewußt, welche Gefahr er lief; er äußerte, daß sein Handeln eine Frage um Leben und Tod für ihn sei. Auch das Verhalten der Schiffe der Vorhut zeigt, daß eine freiere Auffassung noch nicht genügend Platz gegriffen hatte, sonst würden sie ohne Befehl zur Mitte gesegelt sein, wenn ihr Geschwaderchef bewegungsunfähig war. Es ist übrigens bemerkenswert, daß =Keppel= nach der Schlacht befahl, in Zukunft hätten auf das Signal »Schlachtlinie bilden« die einzelnen Schiffe auf den Flottenchef und nicht wie bisher auf die Geschwaderchefs ihre Posten in der Linie einzunehmen.
Das Verhalten der Franzosen zeigt gleichfalls, wie schwer es ist, mit eingewurzelten Überlieferungen zu brechen; sie blieben bei ihrer defensiven Fechtart, wenn sie auch diesmal in der Luvstellung den Kampf annahmen. Hierdurch waren sie beim Passieren imstande, den Nahkampf herbeizuführen. Sie taten es nicht, obgleich sie der weniger geordneten englischen Linie gegenüber wahrscheinlich großen Erfolg gehabt hätten; sie blieben auch bei ihrem Feuer auf die Takelage, um dem Gegner die Offensivkraft zu nehmen. =D'Orvilliers= hatte nach dem Passieren zwar den richtigen Gedanken, dessen ungünstige Lage zum Angriff zu benutzen, die Durchführung versprach jedoch nur bei sofortigem Beginn der Manöver Erfolg und der Flottenchef war genötigt, seine Absicht erst den Untergebenen klar zu machen, so fern lag diesen ein tatkräftiges angriffsweises Vorgehen. Als sich inzwischen ein Teil der englischen Flotte geordnet hatte, sah =d'Orvilliers= vom Angriff ab und nahm die übliche Verteidigungsstellung ein.
Die Schlacht zeigt endlich, daß es zur See einem ausdauernden Verfolger oft gelingen wird, den Gegner zur Schlacht zu stellen, da für ihn günstige Umstände eintreten können; hier wurde es den Engländern durch die Windänderung möglich, obgleich sie in Lee standen. (Vgl. Hostes Regeln, Seite 37.)
$Weitere Ereignisse$ von Bedeutung brachte das Jahr $1778 in den europäischen Gewässern$ nicht mehr. =D'Orvilliers= ging aufs neue am 17. August mit 28 (29?) Linienschiffen zum Handelsschutz in See. Seine Instruktion hielt sich jetzt ganz nach der vorsichtigen Art früherer Zeiten, sie befahl ihm nicht gerade das Vermeiden, aber verbot ihm doch das Suchen eines Kampfes; =Vergennes= schrieb, daß man es nicht für richtig erachte, Schlachten herbeizuführen, »die doch oft nur Verluste brächten«. Vielleicht ist man dabei von dem Gedanken geleitet, die Kräfte für den Versuch einer Landung in England im nächsten Jahre zu erhalten. Die Flotte kreuzte sechs Tage vor dem Eingange des Kanals, später zwischen Ouessant und Finisterre und lief am 18. September wieder in Brest ein. Bis in den November hinein kreuzten dann mit Ablösung einige Linienschiffe bei Ouessant, Fregatten in der Biskaya und kleinere Fahrzeuge in der Nordsee sowie an der portugiesischen Küste. =Keppel= war gleichfalls vom 22. August bis zum 28. Oktober in See, meist am Eingange des Kanals. Beide Parteien behaupten, der Gegner sei einem Zusammenstoß ausgewichen. Die französische Flotte scheint, dem Befehle entsprechend, den Kanal verlassen zu haben, als Keppel erschien, und in England wollte man die schwache Heimflotte wahrscheinlich nicht zu weit von den eigenen Küsten entfernen.
$Die Kriegführung in den europäischen Gewässern 1778 zeigte auf beiden Seiten keine Tatkraft.$ =In England= war dies eine Folge der mangelhaften Vorbereitungen, man mußte sich ganz auf den Schutz der eigenen Gewässer beschränken. Das Ausrüsten wie das Auslaufen der Toulonflotte erfuhr man frühzeitig genug und war doch nicht imstande, Gegenmaßregeln zu ergreifen. Hätte =d'Estaing= nicht so ungewöhnlich lange Zeit von Toulon bis Gibraltar gebraucht, so würde er bei einer Bestimmung nach Brest seine Vereinigung mit der Flotte dort ohne Zweifel unbelästigt erreicht haben; nach Nordamerika beordert, wie es der Fall war, trat er mit Erfolg auf und sein Erscheinen würde ohne die erwähnte lange Reise noch verhängnisvoller für England geworden sein. Dies hätte seine Rüstungen darauf einrichten müssen, daß es die Straße von Gibraltar sperren oder sich wenigstens dort an die Toulonflotte hängen konnte. Die beim Beginn fast eines jeden Krieges auftretende Furcht vor einer Invasion wirkte übrigens mit, die englische Tatkraft zu lähmen; alle Schiffe wurden vorläufig daheim festgehalten. Nach Entsendung =Byrons= war England dann zu schwach, um aus den heimischen Gewässern herauszutreten.
=Frankreich= hatte den Krieg besser vorbereitet und auch rechtzeitig Befehle erlassen, um überall an erster Stelle im Felde erscheinen zu können, aber nur der Vorstoß in Amerika wurde durchgeführt. Alle neueren französischen Autoren stimmen, gestützt auf Aussprüche der Marineautoritäten jener Zeit, darin überein: »Frankreich wäre imstande gewesen, auch in Brest rechtzeitig eine den englischen Seestreitkräften weit überlegene Flotte aufzustellen, Schiffe lagen genügend auf den Werften bereit und an Leuten fehlte es nicht. Man hätte die Engländer in den Häfen blockieren und über deren Handel herfallen müssen, wie diese 1755 getan hatten; das würde nicht nur große Beute gebracht, sondern ihnen auch die Mobilmachung noch mehr erschwert haben. Vielleicht wäre wirklich eine Invasion, jedenfalls aber die Wegnahme der Kanalinseln ermöglicht worden. Die französische Marine sei für ein derartiges Vorgehen mit äußerster Kraft begeistert gewesen.«
In dem hierzu nötigen Umfange wurden die Rüstungen jedoch nicht angeordnet. Überschätzte man die Kraft Englands, und glaubte man, ohne die Mitwirkung Spaniens Großes nicht wagen zu dürfen? Aber auch mit den vorgenommenen Rüstungen blieb Frankreich monatelang überlegen und durfte angriffsweise vorgehen. Man konnte wenigstens =Byrons= Abfahrt nach Nordamerika hindern; hierdurch würde =d'Estaing=, wenn er auch zur Lösung seiner ersten Aufgabe zu spät kam, für sein weiteres Auftreten freiere Hand gehabt haben. Statt dessen hielt man die Brestflotte zurück, solange England sich nicht rührte, =Byron= konnte segeln und auch =Keppel= erschien als erster auf dem Plane. Und selbst noch nach den ersten Gewalttaten des englischen Admirals wäre es Zeit gewesen, loszuschlagen, aber Wochen vergingen, bis =d'Orvilliers= den Befehl zum Auslaufen erhielt, und nun war die feindliche Flotte ihm gewachsen. Der französischen Regierung fehlte hier wieder, wie wir es in den früheren Kriegen so oft gesehen haben, Verständnis dafür, daß ein durchschlagender Erfolg gegen England nur durch eine kräftige Offensive, hauptsächlich gegen die Seestreitkräfte des Gegners, zu erzielen war. Sie hatte zwar oft große Pläne, führte dann aber die Kriege im allgemeinen defensiv mit nur vereinzelten Offensivstößen -- wie hier in Nordamerika --, über die sie die großen Ziele aus dem Auge verlor. So blieb auch der Vorteil unbenutzt, den Frankreich in diesem Kriege durch bessere Vorbereitung hatte, und dies war bei den großen Hilfsquellen Englands ein schwerwiegender Fehler.[137]
[137] Die neueren französischen Quellen, Lacour sowie Chevalier, äußern sich sehr freimütig und ganz objektiv in diesem Sinne.
Der Krieg in Nordamerika und Westindien 1778/1779.
$Die Räumung Philadelphias$ (anschließend an Seite 242). =General Clinton= erhielt im Juni 1778 Befehl, die Stellung am Delaware zu räumen; sie mußte als unhaltbar angesehen werden, sobald die französische Flotte =d'Estaings= in den nordamerikanischen Gewässern auftrat und England die Seeherrschaft streitig machte. Der Rückzug, vom =Admiral Howe= schon vorbereitet, begann am 18. Juni und wurde über Land durch New Jersey angetreten. Wenn man auch diesen Marsch angesichts des Feindes im Vorjahre für zu gefährlich angesehen hatte, so mußte er jetzt doch gewählt werden, denn der Transport der Truppen über See erschien noch gewagter, da die französische Flotte jeden Tag erscheinen konnte. =Howe= deckte den Übergang des Heeres über den Delaware und führte dann die Transporter mit Material den Fluß hinab. Widriger Winde halber beanspruchte dies die Zeit bis zum 28. Juni, ein frischer Wind führte dann die Schiffe in kaum 48 Stunden nach Sandy Hook und auch =Clinton= traf am 30. mit dem Heere dort ein. =Washington=, jetzt sehr verstärkt, hatte zwar den Marsch beunruhigt, konnte ihn aber nicht aufhalten und wagte auch keine entscheidende Schlacht. Von Sandy Hook wurden die Truppen durch die Flotte bis zum 5. Juli nach New York übergeführt. Es war die höchste Zeit. Schon am 29. Juni erhielt =Howe= durch ein Postschiff die bestimmte Nachricht, daß =d'Estaing= unterwegs sei; das Fahrzeug hatte ihn sogar gesichtet. Am 7. Juli meldete einer der vom Admiral entsandten Kreuzer, daß er die Franzosen an der Küste gesehen habe, und am 9. traf die Nachricht ein, daß sie tags zuvor in der Delawarebucht geankert hätten.
$Vizeadmiral Graf d'Estaing[138] traf zu spät ein$, er hätte sonst großen Erfolg erringen können. Wie seine Fahrt von Toulon nach Gibraltar, so hatte auch die über den Ozean außergewöhnlich lange gedauert. Seine Order, die er am 20. Mai 120 Seemeilen westlich vom Kap St. Vincent öffnete, trug ihm auf, von nun ab die Feindseligkeiten zu beginnen, nach Nordamerika zu segeln und dort etwas zum Ruhme der französischen Flagge sowie zu nennenswertem Vorteile der Amerikaner zu unternehmen. In erster Linie war er angewiesen, die weit schwächere Flotte =Howes= in der Delawarebucht zu suchen und zu vernichten; sollte sie schon abgesegelt sein, so wäre sie zu verfolgen und anzugreifen, wo sich Gelegenheit biete. Man nahm an, mit der Vernichtung der Seestreitkräfte sei auch das englische Heer verloren. Nach Lösung dieser Aufgabe sollte der Admiral den Umständen gemäß handeln, also etwa Angriffe der Amerikaner auf Neubraunschweig unterstützen und ihre Küsten von Kreuzern sowie Freibeutern reinhalten. Erlange die englische Flotte durch Verstärkungen die Überlegenheit, so sollte =d'Estaing= Boston als Ausrüstungshafen und Stützpunkt aufsuchen und bei passender Gelegenheit nach Westindien (Kleine Antillenstation) segeln. Infolge der späten Ankunft ging die günstigste Aussicht auf einen großen Erfolg verloren; das einzige Ergebnis des Erscheinens vor der Delawarebucht war die Vernichtung zweier englischer Ausguckfregatten, die sich dort überraschen ließen.
[138] =Comte Charles-Henri-Théodat d'Estaing Du Saillans=, geboren 1729, trat 1745 als Mousquetaire in das Heer ein, war 1748 Oberst des Regimentes de Rouerque in der Armee des Marschalls von Sachsen, diente 1756 als Brigadier unter de Lally in Indien und kreuzte 1759/60 mit zwei Schiffen der ostindischen Kompagnie gegen die Engländer. Als Generalleutnant der Armee sollte er 1762 gegen Rio de Janeiro führen und wurde bei dieser Gelegenheit auch Chef d'Escadre in der Marine (vgl. Siebenjährigen Krieg). 1763 war er Lieutenant-Général in der Marine und Gouverneur der Antillen. 1777 schuf man für ihn besonders die Stelle eines dritten Vizeadmirals der amerikanischen und asiatischen Gewässer. 1792 zum Admiral von Frankreich ernannt, wurde er zur Zeit der Revolution in die Versammlung der Notabeln gewählt, zum Befehlshaber der Nationalgarde von Versailles ernannt und spielte eine Rolle im Prozeß der Königin. Später als verdächtig verhaftet, ward er am 28. April 1794 guillotiniert. Im hier besprochenen Kriege finden wir ihn 1778/79 in Nordamerika und Westindien, 1780 als Chef des französischen Kontingentes der spanisch-französischen Flotte unter Cordoba. Für 1783 war ihm die Leitung einer Expedition gegen Havanna zugedacht. =D'Estaing= war ein fähiger und feuriger Offizier, aber in der Marine unbeliebt. Hier sah man ihn als Eindringling an und neidete ihm seine durch Hofgunst erlangte schnelle Beförderung. Man warf ihm Mangel an seemännischer Kenntnis vor, Bevorzugung der aus der Armee stammenden Offiziere und daß er den Rat erfahrener Seeoffiziere verschmähe. Manche seiner Mißerfolge sind auch diesem Umstande zuzuschreiben.
$Die auffallend lange Reise der französischen Flotte$ wird vielfach dem Admiral zur Last gelegt, seinem Mangel an seemännischer Erfahrung sowie dem Umstande, daß er während der Fahrt durch unnötige Übungen viel Zeit verloren habe. Es mag etwas Wahrheit hierin liegen, aber von anderer Seite wird er mit der sehr ungleichen Segelfähigkeit seiner Schiffe entschuldigt. Er selber hat berichtet, daß seine besten Segeler häufig nur gereffte Marssegel hätten führen dürfen, wenn die schlechtesten mit Gefahr für die Masten Segel gepreßt hätten. Die Behauptung, einige, ihm übelgesinnte Kommandanten hätten absichtlich durch fehlerhaftes Manövrieren sowie schlechtes Steuern die Fahrt aufgehalten, ist nach neueren Forschungen haltlos. =D'Estaing= hat in allen Berichten, Tagebüchern und Briefen stets den Eifer der Kapitäne anerkannt, obgleich er ihnen sonst nicht wohlwollend gegenüberstand; er klagt immer nur über die Schiffe. Eher ist anzunehmen, daß dieser Umstand gar nicht so schwer ins Gewicht fiel, daß dagegen die mangelnde Erfahrung der Offiziere im Segeln in großen Verbänden das Zusammenhalten der Flotte erschwert hat. (Vgl. Lacour II über die Personalien und über diese Reise d'Estaings.)
Bei dem =Stärkeverhältnis der Flotten= war die Lage für Frankreich sehr günstig. Die französischen Streitkräfte zählten 12 Linienschiffe, 1 zu 90 Kanonen, 1 zu 80, 6 zu 74, 3 zu 64 und 1 zu 50, sowie vier Fregatten; 1000 Mann Infanterie waren für Landungen eingeschifft. Die englische Flotte bestand aus 6 Schiffen zu 64 Kanonen, 3 zu 50, 2 zu 44 und einigen Fregatten (in Halifax lagen noch drei oder vier kleinere Linienschiffe nebst mehreren Fregatten). Von diesen befand sich aber nur ein Teil in der Delawarebucht, der Rest lag in New York und in der Narragansettbai. Wäre =d'Estaing= 10-12 Tage früher angekommen, so hätte er den durch die Transportflotte noch behinderten Teil leicht vernichten können. Die dann nur von dem anderen Teile beschützte Bucht von New York wäre darauf voraussichtlich auch den Franzosen in die Hände gefallen und =Clintons= Heer, von den französischen See- und den amerikanischen Landstreitkräften in die Mitte genommen, zur Übergabe gezwungen gewesen.
$D'Estaings erfolgloser Angriff auf New York und Rhode-Island.$ Die Überlegenheit der französischen Flotte hätte zwar auch jetzt noch ausgenutzt werden können, aber =d'Estaing= war zu vorsichtig und zu langsam, fand dagegen in seinem Gegner einen umsichtigen, tatkräftigen und schnell entschlossenen Führer. =Admiral Sir Richard Howe=[139] hatte inzwischen seine sämtlichen Schiffe in der unteren Bucht von New York zusammengezogen, nur 4 Fregatten verblieben vor Newport an der Narragansettbucht. Brander wurden hergestellt und die nicht vollzähligen Schiffsbesatzungen durch zahlreich sich meldende Freiwillige der Transport- und Handelsschiffe sowie des Heeres aufgefüllt. Schiffer und Steuerleute von Kauffahrern liefen mit kleinen Fahrzeugen aus, um für New York bestimmte Schiffe zu warnen. Sobald die Truppen Clintons am 5. Juli nach der Stadt übergeführt waren, ließ der Admiral die Kriegsschiffe nach einem bereits aufgestellten Plane eine Verteidigungsstellung bei Sandy Hook einnehmen, die den Feind schon beim Einsegeln in die untere Bucht mit starkem, enfilierenden Feuer bedrohte und später die ganze eigene Kraft zur Verteidigung entfaltete.
[139] =Sir Richard Howe=, Viscount (1788 Earl), geboren 1726, Kapitän 1746, Kontreadmiral 1770, Vizeadmiral 1776, Admiral der blauen Flagge 1782, der weißen 1787, Admiral of the Fleet 1796, gestorben 5. August 1799, war ein erfahrener Seemann und ein Admiral, der sich durch seine Eigenschaften -- Entschlußfähigkeit, Tatkraft und Ausdauer -- gerade für die defensive Kriegführung des Jahres 1778 eignete, indem er jeder Bewegung des Gegners rechtzeitig entgegentrat. Nicht im Einverständnis mit dem Ersten Lord (er war Whig und überhaupt abgeneigt, gegen die Amerikaner zu fechten), ging er nach Beendigung der Operationen 1778 nach England zurück. Er fand erst 1782 nach dem Wechsel des Ministeriums wieder Verwendung und verproviantierte Gibraltar. Im nächsten Kriege befehligte er von 1793 an die Kanalflotte und errang am 1. Juni 1794 den glänzenden Sieg bei Ouessant. Biographie von =J. Barrow=, The life of Richard, Earl Howe (London 1838).
$Für Howes Stellung vor New York$ (vgl. Plan von New York, Seite 235) genügt eine kurze Schilderung, da es nicht zum Kampfe kam; sie ist genau und lesenswert beschrieben in =Elkins=, Naval Battles. Der über die Barre in die untere Bucht führende Kanal für tiefergehende Schiffe läuft in der Richtung Ost-West rechtwinklig auf Sandy Hook zu und dicht unter dieser Landspitze vorbei. =Howe= erbaute auf ihr eine Batterie und legte seine Hauptmacht, 5 Schiffe zu 64 Kanonen, 1 zu 50 und einen armierten Transporter, von Sandy Hook nach Westen in Linie. Die Schiffe lagen jedoch nicht genau in Kiellinie, sondern ein jedes war etwas nördlicher verankert als sein Vordermann, und hatte vom Heck aus einen Anker querab Backbord-Bug ausgefahren. Die Franzosen konnten nur bei westlichem Winde in Kiellinie passieren und den Kanal westwärts hinaufsegeln, wenn dann die Engländer ihre Springankertaue festhielten und die Bugankertaue fierten, so schwoiten sie mit der Breitseite nach Osten und bestrichen sämtlich den Kanal, ohne sich gegenseitig im Feuer zu hindern. Die Franzosen konnten das Feuer nicht erwidern und mußten schwer leiden; gelang es ihnen trotzdem, querab von den Engländern zu kommen, so brauchten diese nur die Springankertaue loszuwerfen, um wieder die geschlossene Ost-West-Linie herzustellen, die an ihren Flügeln nicht umgangen werden konnte. Hinter der Linie lagen als Reserve ein 64-Kanonenschiff nebst einigen Fregatten; auf der Barre selber, etwa 2-3 Seemeilen von der Landspitze, war ein 50-Kanonenschiff nebst kleineren Fahrzeugen stationiert, um den Feind schon hier zu enfilieren und sich dann zurückzuziehen; mit gleicher Bestimmung lagen vier Galeren im Kanal querab von der Huk. Bei der großen Übermacht der Franzosen blieb aber die Lage der Engländer immer gefährlich, und sie mußten eines harten Kampfes, vielleicht der Vernichtung gewärtig sein, wenn der Gegner zum Nahkampf herangelangte.
Diese Vorbereitungen waren noch nicht beendet, als am 11. Juli die Nachricht vom Nahen der französischen Flotte eintraf, doch blieb Zeit genug, sie durchzuführen. =D'Estaing= hatte zwar die Absicht, seiner Instruktion entsprechend die englische Flotte zu suchen, war aber erst am 10. Juli von der Delawarebucht aufgebrochen und ankerte am 11. abends etwa 4 Seemeilen südlich von Sandy Hook unter der Küste, um den Angriff auf =Howe= einzuleiten. Hier trat er mit =Washington= in Verbindung, der gleichzeitig die Stadt New York angreifen wollte. Die Verhältnisse lagen also noch günstig genug, um das englische Heer zur Übergabe zu zwingen, aber =d'Estaing= glaubte, ohne Lotsen nicht in die Bucht von New York eindringen zu können. Erst am 16. Juli trafen solche ein, erklärten jedoch, daß ein Passieren der Barre für die schweren Schiffe mit einem Tiefgange von 23 bis 25 Fuß unmöglich sei, da man selbst unter den günstigsten Verhältnissen nur auf 22 Fuß Wasser rechnen könne. In den nächsten Tagen von ihnen unter Aufsicht französischer Offiziere vorgenommene Lotungen ergaben auch nur 22-1/2 Fuß. Ein am 20. Juli zusammentretender Kriegsrat der Kommandanten, in dem den Lotsen ohne Erfolg 150 000 Francs angeboten wurden, beschloß, daß unter diesen Umständen sowie in Hinblick auf die starke Stellung der Engländer am Einfahrtskanal von einem gewaltsamen Eindringen abgesehen werden müsse, daß man sich dagegen im Verein mit dem amerikanischen Heere in Besitz der Stadt Newport mit der seemännisch und strategisch wichtigen Narragansettbucht setzen wolle. =Washington= hatte dies vorgeschlagen, falls der Plan gegen New York nicht auszuführen sei. Am 22. Juli zeigte sich die französische Flotte vormittags bei Sandy Hook, segelte aber nachmittags nach Süden ab; =Howe= ließ ihr kleinere Fahrzeuge zur Beobachtung folgen, da er zunächst nicht glaubte, daß sie den Angriff aufgegeben habe.
$Englische Berichte über die Lage$ besagen, daß ein Eindringen durchaus möglich gewesen wäre. Infolge der Gezeiten sei vom 20. Juli an bei Flut genügend Wasser auf der Barre gewesen, am Nachmittag des 22. bei Springflut sogar 30 Fuß, und dabei habe der Wind aus günstigster Richtung zum Einsegeln geweht; spätere Beobachtungen haben festgestellt, daß genannte Wassertiefe bei Springflut gewöhnlich vorhanden ist. Schon daß =Howe= nach genauen Lotungen so vorsorglich seine Verteidigungsstellung einnahm, beweist, daß er ein Eindringen für möglich hielt. Wenn die Lotsen anderer Ansicht waren, so ist dies erklärlich, da sie bislang keine Gelegenheit gehabt hatten, mit so schweren Schiffen zu rechnen, weil nur kleinere englische Linienschiffe an der Küste stationiert gewesen waren; französische Angaben deuten allerdings auch an, es seien Männer gewesen, die nicht warm zur amerikanischen Sache hielten. Die englische Flotte hat am 22. mittags den Angriff sicher erwartet.
=D'Estaing= verlor so die zweite Gelegenheit zu einem durchschlagenden Erfolg. Er wählte nun südlichen Kurs, um den Angriff auf Newport vorläufig zu verschleiern, und setzte ihn bis zur Delawarebucht fort. Nachdem ihn hier die englischen Beobachtungsfahrzeuge verlassen hatten, steuerte er nach Norden und ankerte am 29. Juli drei Seemeilen südlich von Rhode-Island. Er drang auch in die Narragansettbucht ein, sah sich aber genötigt, sie wieder zu verlassen, ehe es ihm oder den amerikanischen Truppen gelungen war, die Insel Rhode-Island nebst der Stadt Newport zu nehmen und sich so festzusetzen.
$Die Narragansettbucht$ an der Küste des Staates Rhode-Island wird nach See zu durch die Inseln Rhode-Island und Conanicut abgeschlossen, so daß drei Einfahrten entstehen. Die östlichste zwischen Rhode-Island und dem Festlande ist oberhalb genannter Insel nicht schiffbar; die mittlere zwischen den beiden Inseln ist die Haupteinfahrt und vereinigt sich oberhalb Conanicut mit der westlichen, die durch diese Insel und das westliche Festland gebildet wird. Die Stadt Newport liegt auf der Westseite Rhode-Islands etwa 4 Seemeilen vom Anfang der Haupteinfahrt. Ihr innerer Hafen wird durch die kleine Goatinsel geschützt, deren Batterien mit denen auf Rhode-Island im Norden und Süden der Stadt die Haupteinfahrt bestrichen; auf Conanicut befanden sich kleine Werke zur Beherrschung der Westeinfahrt.
Die englische Stellung an der Narragansettbucht befehligte =General Sir Robert Pigot=, dem 5-6000 Mann, sowie 5 Fregatten, 2 Sloops und einige Galeren unterstanden. Als =d'Estaing= vor der Haupteinfahrt geankert hatte, erhielt er von dem amerikanischen General =Sullivan=, der auf dem Festlande östlich der Bucht stand, die Nachricht, er sei noch nicht zum Angriff bereit und erwarte noch Milizen. So ging die Überraschung verloren und der Admiral mußte sich zunächst auf eine Art Blockade beschränken, um das Entweichen der englischen Schiffe, sowie das Einlaufen von Unterstützungen zu hindern. Am 30. Juli sandte er 2 Linienschiffe unter dem Befehle des später berühmten Kapitäns =Suffren= in die westliche Einfahrt; sie ankerten am Nordende dieser Insel, kaum behindert von den Batterien auf Conanicut. Gleichzeitig drangen 2 Fregatten, sowie eine Korvette in die östliche Einfahrt und zwangen hier zwei englische Fregatten, eine Sloop sowie einige Galeren, sich zu verbrennen, da sie nicht entrinnen konnten. =Pigot= rief jetzt seine Truppen von Conanicut zurück und zog seine ganze Kraft um Newport zusammen. Am 5. August durchsegelte =Suffren= die westliche und ankerte am Nordende der Haupteinfahrt; an seiner Stelle übernahmen zwei weitere Linienschiffe die Sperrung der Westeinfahrt. Der bei Newport befindliche Rest der englischen Schiffe war nebst fünf Transportern somit eingeschlossen; man versenkte sie zur Sicherung des inneren Hafens bei der Goatinsel, doch nahm man vorher Geschütze nebst Munition an Land, und die Besatzungen, gegen 1000 Mann, verstärkten die Garnison. -- Am 8. August erfuhr =d'Estaing=, daß Sullivan zum Angriff bereit sei; er lief nun mit den ihm verbliebenen 3 Linienschiffen, Schüsse mit den Befestigungen wechselnd, durch die Haupteinfahrt, ankerte an deren Nordende außerhalb des feindlichen Feuerbereichs in Linie und traf Vorbereitungen, sich durch Springanker mit den Breitseiten nach See legen und einen Angriff der englischen Flotte wirksam empfangen zu können. =Sullivan= führte in der Nacht vom 8./9. August 10 000 Mann nebst zahlreichen Feldgeschützen unter Deckung der dort liegenden Fregatten über die östliche Einfahrt nach dem Nordende von Rhode-Island und am 9. morgens landete der Admiral 4000 Soldaten sowie Seeleute auf Conanicut; dieses Landungskorps sollte hier formiert, etwas eingeübt und im gegebenen Augenblick zum gemeinsamen Angriff nach Rhode-Island gebracht werden. Das Wetter am 9. war nebelig, als aber die Sonne durchbrach, sah man die Schiffe vor der Westeinfahrt mit vollen Segeln in diese einlaufen; die englische Flotte war in Sicht. =D'Estaing= schiffte sein Landungskorps wieder ein und ließ die Schiffe quer zur Haupteinfahrt legen.
=Admiral Howe= hatte abermals schnell entschlossen gehandelt, auch war er inzwischen um vier Schiffe verstärkt. Am 26. Juli war ein 50-Kanonenschiff, zu seinem Geschwader gehörig, von Westindien eingetroffen, bald darauf stieß ein gleiches von Halifax zu ihm und am 30. Juli ein 74-Kanonenschiff; dieses war von Byrons herannahender Flotte im Sturm abgesprengt. Zwei Tage vorher war noch ein 64-Kanonenschiff von Halifax eingelaufen und hatte gemeldet, es habe die französische Flotte am 27. nach Norden steuern sehen. Alle diese Schiffe hätten also dem Feinde in die Hände fallen können. =Howe= faßte sofort den Entschluß, Newport zu entsetzen. Er war auch bereits am 1. August seeklar, konnte aber erst am 6. morgens die Barre bei Hochwasser passieren und erschien am 9. vor Rhode-Island. =Seine Flotte zählte= jetzt 1 Schiff zu 74 Kanonen, 7 zu 64, 5 zu 50, 2 zu 44, 4 Fregatten, 3 Sloops, 3 Brander, 2 Mörserboote, 4 Galeren und einige Transporter mit Truppen, Proviant und Munition. An Zahl der Schiffe von 50 Kanonen aufwärts war er so dem Gegner gleich, aber dieser gebot doch über weit schwerere. Trotzdem hielt =d'Estaing= seine Lage für gefährlich, da die vorherrschenden südlichen Winde einen Angriff der Engländer, besonders ihrer Brander, begünstigten, als daher der Wind in der Nacht vom 9. auf 10. August ausnahmsweise aus NO wehte, ließ er um 7 Uhr morgens die Ankertaue kappen, ging in See und steuerte auf =Howe= zu. Die Fregatten in der Osteinfahrt blieben zurück, um Sullivans rückwärtige Verbindungen zu sichern. Der englische Admiral hatte sich am 9. für einen Angriff zu schwach gefühlt und wollte aus gleichem Grunde jetzt in der Leestellung, in der er seine Brander nicht verwenden konnte, nicht fechten; er wich aus. Fast zwei Tage vergingen nun mit Manövrieren. Am Nachmittage des 11. August wäre es beinahe zur Schlacht gekommen, aber =ein Sturm trennte die Gegner und versprengte ihre Flotten=.
$Die Manöver der beiden Flotten.$ =Howe= steuerte beim Herauskommen der Franzosen südlich in der Hoffnung, daß der Wind bald wieder nach Süden drehen und ihm die Luvstellung geben würde; =d'Estaing= folgte, um den Kampf zu erzwingen. Der Wind blieb aber ostnordöstlich und der Morgen des 11. August fand beide Flotten über Steuerbordbug nach SO liegen, die französische im Nordosten der englischen. =Howe= wollte sich nicht zu weit von Rhode-Island abziehen lassen und bildete nachmittags die Schlachtlinie über Backbordbug mit nördlichem Kurse; es ist sehr bemerkenswert, daß er sein Flaggschiff verließ und sich auf einer Fregatte einschiffte, um im Fall des Kampfes seine Flotte besser leiten und so ihre Schwäche durch seine Geschicklichkeit ausgleichen zu können[140]. =D'Estaing= legte seine Flotte gleichfalls über Backbordbug (gegen 4 Uhr nachm.) und näherte sich nun schnell der englischen, da seine schweren Schiffe bei dem zunehmenden Seegange besser liefen und er auch raumer steuern konnte. Er hat scheinbar beabsichtigt, an die englische Linie von hinten und von Lee aus heranzugehen, um so die Zahl der anzugreifenden Gegner bestimmen und auch seine untersten Batterien verwenden zu können; =Howe= ließ deshalb eng auf die Mitte schließen.
[140] Dies ist der erste derartige Fall. Die Franzosen ahmten ihn später nach, aber das Verfahren wurde doch in beiden Marinen wieder aufgegeben. =Mahan= bringt (Mahan I, Seite 338) eine lesenswerte Betrachtung über die verschiedenen Plätze eines Flottenchefs -- ob an der Spitze, in der Mitte oder ganz außerhalb der Linie -- mit ihren Vor- und Nachteilen und bezeichnet den hier in Frage stehenden Platz als den ungeeignetsten, weil er den Admiral wahrscheinlich zum untätigen Zuschauer des Kampfes mache und ihm die Möglichkeit nähme, durch sein Beispiel zu wirken.
Aber jetzt frischte der Wind sehr auf und schwere Regenböen setzten ein. Als die französische Vorhut die englische Nachhut fast erreicht hatte (gegen 6 Uhr), sah sich d'Estaing genötigt, in einer schweren Bö mit dem Flaggschiffe beizudrehen. Die anderen Schiffe folgten seinem Beispiele; die ganze Flotte lag unter Sturmsegeln bei. Bald wehte schwerer Sturm. In der Nacht verlor das Flaggschiff Bugspriet, Besan- sowie Fockmast und das Ruder wurde beschädigt; auch die anderen Schiffe litten sehr und die Flotte wurde auseinandergesprengt. Der Sturm hielt bis zum Nachmittag des 13. an. Um diese Zeit sah sich das Flaggschiff ganz allein und wurde von einem unbeschädigten englischen 50-Kanonenschiffe angegriffen; ebenso erging es einem völlig entmasteten französischen 74-Kanonenschiff. Die Angegriffenen waren in ihrem wracken Zustande kaum fähig, sich zu verteidigen, da die beweglichen Gegner sie enfilierten, und nur der Einbruch der Nacht rettete sie; das Flaggschiff kam seinem Gegner aus Sicht, das andere erhielt Unterstützung. =D'Estaing= ankerte noch in der Nacht etwa 60 Seemeilen östlich vom Kap May am Eingang zur Delawarebucht und am 14. trafen die anderen Linienschiffe bei ihm ein, nur eins war nach Boston gesegelt. -- Auch =Howes= Flotte hatte mit dicht gerefften Marssegeln beigedreht und wurde gleichfalls auseinandergesprengt. Ein 50-Kanonenschiff sah sich schwer bedrängt von einem französischen Linienschiff, das jedoch beim Nahen anderer Engländer absegeln mußte; eine Sloop und ein Mörserboot wurden aber genommen. Der Admiral mit seiner Fregatte und nur zwei Linienschiffen sichtete am 15. die Franzosen auf ihrem Ankerplatze und traf dann am 17. bei Sandy Hook mit den übrigen Schiffen zusammen. Auch die englische Flotte war schwer beschädigt, aber doch weniger als die französische.
Nachdem =d'Estaing= seine Flotte nahe beim Eingang zur Delawarebucht wieder gesammelt und die Sturmschäden notdürftig ausgebessert hatte, ging er am 17. August nach Rhode-Island zurück und traf hier am 20. ein. =Sullivan= hatte seine Truppen an die englische Stellung um Newport herangeführt und seine Batterien schon bis auf 1500 Yards an die feindlichen Werke vorgeschoben. Er bat nun den Admiral dringend, mit den Schiffen die alte Stellung einzunehmen und aufs neue Leute zu landen, da er allein zu einem Angriffe zu schwach sei. =D'Estaing= erklärte sich zu der Landung bereit, aber nur, wenn der Erfolg innerhalb zweier Tage zu erreichen sei. Er hatte erfahren, daß Byrons Ankunft bevorstehe, ja daß einige von dessen Schiffen schon in New York angekommen seien, auch hatten einige seiner Schiffe einen zu Howes Flotte nicht gehörenden Dreidecker gesehen, wahrscheinlich Byrons Flaggschiff. Da nun ein so schneller Erfolg nicht sicher stand, erklärte d'Estaing, er dürfe sich mit seinen Schiffen dem Erscheinen eines stärkeren Feindes nicht aussetzen, und seine Kommandanten pflichteten ihm bei; dies entsprach ja auch völlig der Instruktion. =Am 22. segelte er nach Boston=.
$Die Amerikaner ließen den Angriff auf Newport fallen.$ =General Sullivan= zog zunächst geschickt seine schwere Artillerie auf das Festland zurück und folgte dann, die Engländer abwehrend, mit den Truppen; am 31. August war er in Sicherheit. Es war hohe Zeit gewesen, denn am 1. September kamen von New York über See 4000 Engländer auf Rhode-Island an. -- Empört über die Abfahrt =d'Estaings= erließ =Sullivan= später einen Tagesbefehl, der die Bevölkerung der Nordstaaten, sowie die Milizen aus diesen Kolonien gegen die Franzosen aufbrachte; er hatte anscheinend vergessen, daß der Mißerfolg größtenteils durch sein anfängliches Nichtbereitsein verschuldet war. In Boston wurden sogar infolgedessen bei einem Volksauflauf zwei französische Offiziere verwundet, von denen einer starb. Der Kongreß machte diese Vorfälle durch eine Adresse an d'Estaing wieder gut, in der er der französischen Flotte Dank für die bisherige Unterstützung aussprach; auch gab man den französischen Offizieren ein großes Festessen in Boston, ein richtiges Verbrüderungsfest, bei dem 25 Trinksprüche ausgebracht wurden (vgl. Lacour, Seite 174, Fußnote). In der Adresse wurde auch warm hervorgehoben, daß sich der französische Admiral bereit erklärt habe, von Boston aus durch gelandete Mannschaften einen Angriff auf New York zu unterstützen; ein sehr leichtsinniges Versprechen, wie französische Quellen mit Recht sagen, denn die Flotte würde die Mannschaften zur Verteidigung ihrer Stellung in Boston sehr nötig gebraucht haben.
$D'Estaing$ traf am 28. August $in Boston$ ein und ergriff sofort Verteidigungsmaßregeln. Drei schwer beschädigte Linienschiffe nebst den Fregatten legte er in den inneren Hafen, die übrigen nahmen in der äußeren Bucht eine halbmondförmige Stellung mit den Breitseiten nach See zu ein, die durch bereits vorhandene oder sofort aufgeworfene Batterien, armiert mit den Geschützen und bemannt durch die Besatzungen der im inneren Hafen liegenden Schiffe, auf den Inseln an der Einfahrt flankiert wurde. Schon am 31. war das notwendigste fertig. Es war auch die höchste Zeit, denn bald darauf erschien der unermüdliche Gegner.
=Admiral Howe= sammelte seine Flotte am 17. August bei Sandy Hook und ging schon am 22. wieder in See. =Pigot= hatte die Meldung gesandt, er könne sich gegen die Amerikaner wohl halten, sei aber verloren, wenn die französische Flotte aufs neue erscheine. Das englische Geschwader war zusammengesetzt wie beim ersten Auslaufen, nur trat an die Stelle eines schwer beschädigten Schiffes ein solches von =Byron=. Unterwegs hörte Howe, daß d'Estaing nach Boston gesegelt sei und folgte ihm. Die feindliche Stellung dort erschien ihm aber zu stark, und da er mit Hinblick auf den Zustand seiner Schiffe sowie auf die Wetterverhältnisse des herankommenden Herbstes auch eine längere Blockade für untunlich erachtete, kehrte er nach New York zurück. Bei seinem Eintreffen hier am 11. September fand er sechs weitere Schiffe Byrons vor. Bald darauf gab er sein Kommando an diesen ab.
=Howe ging nach England.= Er hatte schon früher aus Gesundheitsrücksichten die Erlaubnis hierzu erbeten und auch erhalten, jetzt nach Byrons Ankunft glaubte er die englische Sache auf diesem Kriegsschauplatze gesichert. Er kämpfte nur ungern gegen die Amerikaner, und allein die bevorstehende Ankunft der Franzosen bewog ihn zum Bleiben. Er war ferner, wie die meisten tüchtigen Seeoffiziere, empört über die Nachlässigkeiten und Fehler der Admiralität und trat in England schroff gegen den Ersten Lord auf, weshalb er auch erst nach dessen Rücktritt 1782 wieder aktiv verwendet wurde.
$D'Estaing segelt nach Westindien. Die Engländer folgen.$ Mit dem Einlaufen der französischen Flotte in Boston und der Ankunft Byrons in Nordamerika schlossen die größeren Unternehmungen der Seestreitkräfte auf diesem Kriegsschauplatze für das Jahr 1778, denen allerdings auch der Eintritt der schlechten Jahreszeit ein Ende gemacht haben würde. =D'Estaing= mußte zunächst seine Schiffe gründlich ausbessern, bei dem Mangel an Material in Boston eine schwierige Aufgabe. Der Kapitän =Suffren= schlug nun vor, aus einigen gefechtsbereiten Schiffen eine fliegende Division zu bilden und mit dieser Vorstöße gegen Neubraunschweig zu machen. Die Instruktion für den Admiral empfahl dies ja auch, aber doch mehr noch die Verwendung der Flotte in Westindien, zumal bei Überlegenheit der englischen Flotte; =d'Estaing= entschied sich hierfür und erwartete eine günstige Gelegenheit zum Segeln. Zunächst mußte er zwar noch auf einen Angriff gefaßt sein, da es hieß, =Byron= sei am 18. Oktober von New York in See gegangen, als dieser aber in den nächsten vierzehn Tagen nicht erschien und ein baldiges Auslaufen auch dadurch geboten war, daß man in Boston kaum noch Lebensmittel erhalten konnte, wurden die gelandeten Geschütze sowie Mannschaften eingeschifft und die Flotte seeklar gemacht. Am 2. November wehte ein schwerer Sturm, so daß man annehmen konnte, die englische Flotte sei aus der Nähe vertrieben. Kurz vorher waren amerikanische Freibeuter mit Prisen eingelaufen, die Lebensmittel für das englische Heer geladen hatten. Die Flotte wurde so wenigstens für die Reise versorgt und trat diese am 3. November an.
Vizeadmiral =John Byron= hatte am 8. Juni England mit 13 Linienschiffen -- 1 zu 90 Kanonen, 11 zu 74, 1 zu 64 -- und einer Fregatte verlassen. Stürmische Gegenwinde versprengten auf der Reise die Flotte. Die Schiffe waren mangelhaft bemannt, schlecht ausgerüstet -- das Tauwerk vielfach nicht neu, sondern nur umgeschlagen -- und litten in den Stürmen schwer. Nach 67 tägiger Reise traf das Flaggschiff allein bei Long Island ein und sichtete hier die auf ihrer zweiten Fahrt nach Rhode-Island befindliche französische Flotte. Gänzlich ohne Nachricht über die Lage in Nordamerika, wagte Byron weder New York noch die Narragansettbucht anzusteuern, sondern segelte nach Halifax; seine Schiffe sammelten sich teils hier, teils in New York. Seine Ankunft gab nun zwar den Engländern eine große Übermacht in den amerikanischen Gewässern, aber der Zustand, in dem sich sowohl Byrons wie Howes Schiffe befanden, schloß größere Unternehmungen vorläufig aus. =Byron= traf persönlich am 26. September in New York ein, vermochte aber erst am 18. Oktober mit 16 Linienschiffen in See zu gehen. Er nahm Kurs auf Boston, seine Schiffe wurden jedoch durch den Sturm am 2. November aufs neue beschädigt und teils nach New York teils nach der Narragansettbucht zurückgetrieben. So konnten die Franzosen segeln.
Das Auslaufen der englischen Flotte sollte anscheinend einer von New York nach Westindien bestimmten Expedition den Weg freihalten. Da auch der Landkrieg im nördlichen Amerika während des Winters zum Stillstand kam, hatte =Clinton= Befehl erhalten, 5000 Mann nach Westindien abzugeben. Mit diesen verließ ein Konvoi von Transportern am 4. November New York, gedeckt durch zwei 64-, zwei 50-Kanonenschiffe, zwei Fregatten und ein Mörserboot unter =Kommodore William Hotham=; diese Expedition segelte gleichzeitig und parallel mit der französischen Flotte, ohne daß die eine von der anderen wußte. Auf der Breite der Bermuda-Inseln fielen nach einem Sturme drei versprengte Transporter den Franzosen in die Hände, aber die Besatzungen verrieten ihren Bestimmungsort nicht. D'Estaing nahm Antigua an, kreuzte auf seiner weiteren Reise zwei Tage bei dieser Insel, ohne etwas von dem Konvoi zu sehen, und traf dann am 9. Dezember in Martinique ein. Die englische Expedition erreichte am 10. Barbados. Der Aufenthalt bei Antigua hat vielleicht dazu beigetragen, daß die französische Flotte die Eroberung der Insel Sta. Lucia durch die Engländer nicht hindern konnte.
=Byron= segelte am 16. Dezember mit 10 Linienschiffen von der Narragansettbucht ab und traf am 6. Januar 1779 in Sta. Lucia ein; damit wurde für das Jahr 1779 Westindien zum Schauplatz des großen Seekrieges, wo bisher nur geringe Streitkräfte der Gegner tätig gewesen waren.
* * * * *
$Der Landkrieg in Nordamerika 1778/79$ brachte =in den nördlichen Staaten= keine Ereignisse von Bedeutung. =Washington= war zwar dem von Philadelphia abziehenden englischen Heere gefolgt und hatte dann eine Stellung im Norden und Westen New Yorks bezogen, sah aber von einem Angriff auf die Stadt ab, als die französische Flotte ihre Unterstützung verweigerte. Er mußte seine ganze Kraft daransetzen, Rekruten zu werben, den Kongreß zu Maßregeln zu bewegen, um die Offiziere an die Fahne zu fesseln, und den Widerstand zu brechen, den ihm einige höhere Führer entgegensetzten. Der General hielt um diese Zeit die amerikanische Sache fast für verloren. Aber auch die englische Armee unternahm nichts von Bedeutung, und so kam es zwischen den Hauptheeren nur zu kleineren Zusammenstößen. An den Grenzen von Kanada verwüsteten von den Engländern aufgereizte Indianer und Loyalistentrupps die amerikanischen Gebiete. Auch 1779 änderte sich nichts; die Gegner lagen sich nur beobachtend gegenüber. Zu erwähnen sind einige Unternehmungen der englischen Seestreitkräfte; sie waren gegen die Stellung Washingtons und gegen die Küstenstädte gerichtet, von denen die amerikanische Freibeuterei ausging.
$Kleinere Unternehmungen der englischen Seestreitkräfte$ (Näheres hierüber vgl. Campbell, Band V, Seite 490 ff.). Am 30. Mai 1779 ging eine Flottille von einem Linienschiff und vier kleineren Fahrzeugen unter Kommodore =Sir George Collier= -- Befehlshaber der Station von der Abfahrt Byrons bis zum Eintreffen des Vizeadmirals =Arbuthnot= am 3. November -- den Hudson hinauf und zerstörte die Forts Stoney Point und Verplanks Neck, die =Washington= an den beiden Ufern des Flusses zur Sicherung des Verkehrs zwischen den Staaten östlich und westlich des Hudson erbaut hatte. Washington sah sich dadurch gezwungen, seine Stellung weiter nördlich in das hüglige Gelände bei Westpoint zu verlegen. -- Im Juli führte =Collier= eine Expedition gegen die Städte Newhaven, New London, Fairfield und andere an der Küste von Connecticut und vernichtete zahlreiche Freibeuterschiffe, die von hier aus den Verkehr New Yorks unsicher machten, sowie Arsenale und Magazine; einige Orte wurden völlig eingeäschert. -- Ende Juli berannten die Amerikaner mit Land- und Seestreitkräften einen starken Posten, den die Engländer von Halifax aus an der Mündung des Penobscot, fast an der Grenze zwischen Maine und Neubraunschweig, angelegt hatten. =Collier= erschien am 13. August mit einem Linienschiffe, drei Fregatten und drei Sloops zum Entsatz. Die ganze dort befindliche amerikanische Flottille, 3 Schiffe von 24-32 Kanonen, 16 von 10-22 und eine große Zahl von Transportern, ward vernichtet.
=In den südlichen Staaten= erzielten die Engländer 1779 einige Erfolge. Wie man von New York Verstärkungen nach Westindien abgezweigt hatte, so hielt man im Norden die Winterruhe für geeignet, auch den im Jahre 1776 gescheiterten Versuch zur Unterwerfung der Kolonien Carolina und Georgia zu wiederholen. Am 27. November 1778 segelte =Oberst Campbell= mit einem Truppentransport von New York, begleitet von einer Fregatte und drei kleinen Fahrzeugen, unter =Kapitän Hyde Parker=; vier Wochen später ward =Savannah (Georgia) in Besitz genommen=. Gleichzeitig rückte =General Prevost= von der treugebliebenen Kolonie Florida vor, vereinigte sich mit Campbell, übernahm den Oberbefehl und vertrieb die Amerikaner aus ganz Georgia. Nun verstärkte der Kongreß die Truppen hier, und =General Lincoln= trat den Engländern entgegen. Er hinderte deren Vordringen in Carolina und zwang sie, von Charleston, wo sie am 11. Mai 1779 erschienen waren, auf Savannah zurückzugehen. Dann trat für die heißen Sommermonate Waffenruhe ein, bis im September =d'Estaing= mit der französischen Flotte und dem amerikanischen Heere eine erfolglose Belagerung Savannahs eröffnete, deren Verlauf später zur Darstellung gelangt.
Im Mai 1779 unternahm =Kommodore Collier= eine Expedition =nach Virginien=, wo die Amerikaner an den Küsten der Chesapeakebucht Material für den Seekrieg anhäuften. Er verließ am 5. Mai mit einem Linienschiff, einer Fregatte, einigen kleineren Fahrzeugen, sowie 2500 Soldaten New York und erreichte am 9. Hampton. Hier blieb das Linienschiff, während die anderen Fahrzeuge in die südlichen Flüsse der Bucht eindrangen. Norfolk und Portsmouth, die wichtigsten Plätze, wurden besetzt, aber auch der James- sowie der Yorkfluß heimgesucht. Eine große Zahl von kleineren Kriegsschiffen, Freibeutern und Kauffahrern, sowie Vorräte für die amerikanischen Heere fiel den Engländern in die Hände. Brauchbares ward mitgenommen, alles übrige sowie Magazine und Arsenale zerstört. =Collier= schlug vor, in Norfolk einen Waffenplatz zu errichten, um dem Gegner die Chesapeakebucht als Zufuhrweg zu verlegen, aber =Clinton= scheint das damals noch nicht für zweckmäßig gehalten zu haben. Er rief die erfolgreiche Expedition schon Ende Mai zurück, wahrscheinlich hielt er die obenerwähnten Vorstöße auf dem Hudson und an der Küste von Connecticut zunächst für wichtiger.
=Mit der Eroberung Georgias und dem Einfall in Virginien= setzte im Jahre 1780 in den Südstaaten seitens der Engländer eine Kriegführung in großem Maßstabe ein. Sie schloß mit der Übergabe des englischen Heeres bei Yorktown (Oktober 1781), und diese Katastrophe beendete den Krieg. =Mahan= urteilt hierüber (Clowes, Band III, Seite 442): »daß die Aufnahme des Kampfes in den Südstaaten falsch gewesen sei; es sei derselbe Fehler, aber in noch größerem Maße, begangen, den General Howe gemacht, als er 1777 nach dem Delaware zog. Man habe das so schon ungenügende Heer in zwei Teile gespaltet, die ohne unmittelbare Verbindung gewesen wären.« Das Urteil ist richtig, denn die Verbindung war nur gesichert, solange England die See beherrschte, da am Lande der Feind zwischen den beiden Heeresteilen stand; die Seeherrschaft ward aber den Engländern mehrfach, und gerade in entscheidenden Augenblicken, mit Erfolg streitig gemacht.
$Bemerkungen zu der Kriegführung in den nordamerikanischen Gewässern 1778.$ Bei der Beurteilung der Kriegführung in Europa (Seite 257) wurde dargelegt, daß England selber verschuldet hat, wenn seine Lage in Nordamerika durch das Erscheinen der französischen Flotte dort mißlich wurde. Einen weiteren Fehler beging es dadurch, daß es New York und Newport nicht durch Anlage von Befestigungen gegen jeden Angriff von See aus unbedingt sicherte, was bei der damaligen Beschaffenheit der Schiffe möglich war; man hätte sich dadurch sichere Stützpunkte für die eigenen Seestreitkräfte geschaffen, deren Aufgaben sehr vereinfacht und auch das Heer entlastet. Wie die Sache tatsächlich lag, hat England es nur der Wachsamkeit, Schnelligkeit und Erfahrung seines Admirals zu verdanken, daß es nicht folgenschwere Niederlagen erlitt.
=Howe= erkannte die drohende Gefahr im Mai, einige Wochen nachdem die französische Flotte Toulon verlassen hatte. Er mußte nun seine auf der ganzen Küste verteilten Schiffe sammeln, den Troß eines ansehnlichen Heeres einschiffen und den Delaware hinabführen, nach Sandy Hook segeln und die Truppen von dort nach New York bringen, endlich eine Verteidigungsstellung einnehmen. Er löste diese vielseitige Aufgabe, indem er alles persönlich überwachte und durch seine Gegenwart den Eifer wie die Leistungen der Offiziere und Mannschaften belebte; mit diesen Eigenschaften bildete der Admiral einen scharfen Gegensatz zu seinem Bruder, dem General. Er gewann seinem Gegner beständig Zeit ab. Vor dem Delaware war =d'Estaing= 10 Tage gegen ihn im Rückstande, bei Sandy Hook schon 12. Sobald dann die französische Flotte nach Süden segelte, ohne anzugreifen, ließ =Howe= sie beobachten und rüstete sich schleunigst zu ihrer Verfolgung; obgleich 6 Tage durch ungünstige Wind- und Gezeitenverhältnisse in New York festgehalten, erschien er doch nur einen Tag nach d'Estaings Einsegeln in der Narragansettbucht vor dieser.
Seine Lage hier war vorzüglich. Die vorherrschenden Winde sicherten ihm die Luvstellung, und schon beim Herauskreuzen wären die feindlichen Schiffe der Gefahr ausgesetzt gewesen, einzeln angegriffen zu werden. Mutvoll und auf seine seemännische Geschicklichkeit vertrauend, nahm Howe auch die Gefahr in den Kauf, daß der Wind dem Feinde günstig sein könne. Wenn dies auch eintrat, so war das Glück doch dem englischen Admiral insofern hold, als ihm der Sturm zu Hilfe kam. Dann war seine Flotte schon nach 10 Tagen wieder see- und gefechtsbereit, obgleich die meisten der Schiffe seit zwei Jahren auf einer Station in Dienst gewesen waren, auf der es an leistungsfähigen Werften mangelte. So schlug =Howe= durch seine Tüchtigkeit =d'Estaing= auf allen Punkten; kaum ein Schuß war gewechselt und trotzdem hatte die schwächere Flotte entschiedene Vorteile errungen. Allerdings war der Führer der Franzosen dem englischen gerade in Seemannschaft nicht gewachsen und ähnlich standen die Besatzungen der beiden Flotten zueinander. Dies dürfte sich auch daraus ergeben, daß die französischen Schiffe in den Stürmen mehr litten als die englischen, obgleich sie weit später die heimischen Werften verlassen und doch Zeit genug gehabt hatten, sich einzuüben.
Die französische Expedition hätte den schwächern Engländern gegenüber großen Erfolg haben können, wenn =d'Estaing= schneller und unternehmender gewesen wäre, aber man darf diesen dennoch nicht zu hart beurteilen. Inwieweit die lange Überfahrt seine Schuld ist, läßt sich kaum entscheiden. Der Gegner gebot in Nordamerika immerhin über eine bedeutende Macht und die französische Flotte mußte unbedingt geschlossen an ihrem Ziele eintreffen; im Segeln in großen Verbänden hatten aber die Franzosen keine Übung, da mußte das Zusammenhalten die Reise verzögern. In welchem Zustande brachte denn =Byron= die Flotte der sonst an Seemannschaft so überlegenen Engländer über den Ozean? Nur Glück war es, daß nicht eine Anzahl seiner versprengten Schiffe dem Feinde in die Hände fielen; allerdings hatte er sehr schlechtes Wetter. =D'Estaings= Zögern bei Sandy Hook ist gleichfalls zu verstehen, denn er befand sich an einer Küste, die der französischen Marine völlig unbekannt war. Bei dem damaligen Stande des Kartenwesens konnte man Lotsen nicht entbehren, und für solche rechtzeitig zu sorgen, wäre Sache der Amerikaner gewesen.
=D'Estaing= mußte ferner zunächst mit =Washington= über ihr gemeinsames Vorgehen in Verbindung treten, und da gerade dieser den Angriff auf New York im Auge hatte, mußte der Admiral einen solchen mit Hilfe von Lotsen für aussichtsvoll halten, und es kam dann kaum in Betracht, wenn einige Tage mit den Vorbereitungen verloren gingen. Von dem Angriff sah =d'Estaing= infolge der Weigerung der Lotsen sowie der Ergebnisse der eigenen Auslotungen ab; die Annahme ist erlaubt, daß die meisten in seiner Lage ebenso gehandelt hätten. Bemerkenswert ist, daß sogar ein Seemann wie =Suffren= -- gleicherweise andere tüchtige Offiziere des Kriegsrates -- nicht für den Angriff eingetreten ist. Hätte er es getan wie bei Sta. Lucia 1779 in einer ganz ähnlichen Lage, so würde dies sicher überliefert sein, zumal da der Admiral unbeliebt war und ihm gerade Mangel in seemännischer Kenntnis vereint mit Nichtbeachtung technischer Ratschläge vorgeworfen wurde. Ein =Nelson= und ein =Farragut= haben allerdings gleich gefährliche Unternehmungen durchgeführt.
Man hat sich gefragt, ob =d'Estaing= zum Aufgeben des Angriffes, der schwere Opfer kosten und seine Flotte für lange Zeit lahmlegen konnte, nicht auch durch andere Rücksichten als rein militärische bestimmt worden sei. New York war der Mittelpunkt der englischen Macht, sein Fall mußte den Krieg mit den Kolonien schnell dem Ende nähern. Dies lag aber gar nicht im Interesse Frankreichs, da England dann ihm gegenüber die Hände freibekommen hätte. Sicher ist, daß die französische Regierung so dachte, mithin möglich, daß der Admiral geheime Weisungen in diesem Sinne erhalten hatte.
An der Verzögerung des Angriffes auf Newport war zunächst die Unfertigkeit der Amerikaner schuld. Daß =d'Estaing= sich dadurch hinhalten ließ und daß er das kaum begonnene Unternehmen beim Erscheinen der englischen Flotte wieder aufgab, beruht wohl auf seiner Unerfahrenheit zur See. Er war zweifellos ein tapferer und unternehmender Soldat, unterschätzte jedoch hier sowie späterhin die Kraft seiner Seestreitkräfte. Er wagte die nur schwache Stellung der Engländer ohne Mitwirkung der amerikanischen Truppen nicht anzugreifen und fühlte sich auf seinem Ankerplatz unsicher, obgleich ihm kaum eine Gefahr drohte; tatsächlich hielt ja der erfahrene Seemann =Howe= die Stellung der französischen Flotte für zu stark. Er hätte sicher seine Aufgabe durchführen und dann erst bei günstigem Winde ausbrechen können. Auch daß er nach dem Inseegehen den Gegner nicht zum Gefecht bringen konnte, ehe der Sturm aufkam, scheint an seinem geringeren seemännischen Geschick Howe gegenüber zu liegen. Seine spätere Vorsicht und das Absegeln nach Westindien, als Byron erschien, entsprachen den erhaltenen Weisungen. Diese englische Verstärkungsflotte hätte Frankreich schon in Europa festhalten müssen und können (vgl. Seite 257).
Wenn nun auch die französische Expedition nicht die erwarteten Erfolge brachte, so nützte sie doch den Amerikanern. Sie zwang England zum Aufgeben der Stellung am Delaware, schaffte dadurch =Washington= Luft und ließ als ein Zeichen der Schwäche Englands dessen letzten Versuch zur Versöhnung scheitern. Der Aufenthalt der französischen Flotte an der Küste hielt ferner =Clinton= von tatkräftigem Vorgehen gegen Washington ab und erleichterte die Versorgung der Kolonien mit Zufuhren über See. Der den Engländern zugefügte unmittelbare Schaden -- die Vernichtung einiger Kriegsschiffe, das Aufbringen von Transportern und Handelsfahrzeugen -- war dagegen kaum nennenswert.
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$In Westindien$ hatten beide Parteien auf ihren zwei Stationen -- England: Hauptstützpunkt Barbados für die Kleinen Antillen und Jamaika; Frankreich: Martinique für die kleinen Antillen und St. Domingue (Cap Français)[141] -- nur geringe Streitkräfte, Fregatten und kleinere Fahrzeuge. In Frühjahr 1778 sandte England die Admirale =Samuel Barrington=[142] mit zwei Linienschiffen nach Barbados und =Sir Peter Parker= mit einem solchen nach Jamaika. Diese sollten die Feindseligkeiten erst auf Befehl beginnen, die Franzosen kamen ihnen aber zuvor.
[143] Cap Français oder Le Cap vgl. Fußnote Seite 176.
[144] =Samuel Barrington=, geboren 1728, Kapitän 1747, Kontreadmiral 1778, Vizeadmiral 1779, Admiral 1787, gestorben 1800. Als tüchtiger Seeoffizier von schnellem Entschluß hatte er sich schon im Siebenjährigen Kriege in verschiedenen Einzelgefechten ausgezeichnet.
Wie bereits erwähnt, spielten sich die größeren Ereignisse des Krieges auf der Station der Kleinen Antillen ab. Bei den Großen Antillen wurde nur der Kleine Krieg geführt, dessen Vorfälle -- Aufbringen von Handelsschiffen, Einzelgefechte von Kriegsschiffen -- man in den Spezialwerken der beiden Marinen findet.
Am 17. August 1778 überbrachte eine Fregatte dem Generalgouverneur der französischen Kleinen Antillen, =Marquis de Bouillé=, mit der Nachricht von den ersten Gewalttaten der Engländer im Kanal den Befehl zur =Eroberung Dominicas=. Diese vorher neutrale Insel war 1763 an England gefallen, Frankreich wollte sich jetzt ihrer bemächtigen nicht nur zur Erweiterung seines Besitzes, sondern auch um seine militärische Stellung zu stärken, da sie zwischen den beiden wichtigsten französischen Inseln, Martinique und Guadeloupe, in Sicht von diesen lag. Ihre Befestigungen waren zwar stark, die Besatzung aber nur schwach. =Bouillé= segelte am 6. September mit drei Fregatten, einer Korvette, 1200 Soldaten und 1000 Freiwilligen, Kreolen und Farbigen, in wenigen Stunden von Martinique nach der Hauptstadt Dominicas, Le Roseau jetzt Charlottetown, hinüber, und der englische Gouverneur unterzeichnete schon am nächsten Tage die Übergabe, um unnützes Blutvergießen zu vermeiden. Gut gehaltene Werke mit 164 Kanonen sowie 48 Mörsern und reiche Vorräte fielen den Franzosen in die Hände; sie waren jetzt im Besitz der vier in einer Linie liegenden Inseln Sta. Lucia, Martinique, Dominica, Guadeloupe.
$Der Kampf um Sta. Lucia.$ =Barrington= hatte auf ausdrücklichen Befehl in Barbados auf Weisungen gewartet und auch nichts von dem schnell und geheim vorbereiteten Unternehmen =Bouillés= erfahren, sonst hätte er es wohl leicht verhindert, da er über zwei 74-Kanonenschiffe verfügte. Er erwies sich als tüchtiger und schnell entschlossener Führer. Als am 10. Dezember 1778 der Kommodore =Hotham= mit 7 Kriegsschiffen nebst dem Transporte von New York eintraf, beließ =Barrington= die Truppen an Bord, ging schon am 12. zum =Angriff auf Sta. Lucia= in See und sandte Kreuzer voraus, um zu verhindern, daß durch Handelsschiffe Nachricht dorthin gelange. Die Insel, gleichfalls früher neutral und 1763 an Frankreich gefallen, war strategisch wichtig für England, da man von ihr aus leicht Martinique mit dem Haupthafen der französischen Antillen, Fort Royal, beobachten konnte. Sie wurde fast ohne Kampf am 13. und 14. Dezember genommen.
$Eroberung Sta. Lucias durch die Engländer.$ Am 13. Dezember 1778 ankerte =Barrington= in der Bucht Cul de Sac auf der Westseite der Insel, landete einen Teil der Truppen und besetzte die Batterien am Strande sowie eine Höhe, die von Norden die Bucht beherrschte; die schwache französische Besatzung konnte bei Räumung der Werke nicht einmal die Geschütze vernageln. Am nächsten Tage bemächtigten sich die Engländer ebenso leicht eines Werkes auf der Höhe Morne de La vierge im Norden der benachbarten Bucht La Carenage (an der jetzt die Hauptstadt der Insel, Castries, liegt). wodurch sie auch diesen Ankerplatz beherrschten, und besetzten gleichfalls die damalige weiter im Innern gelegene Hauptstadt Morne fortuné. Der französische Gouverneur zog sich mit einigen hundert Soldaten und Milizen in die Berge zurück.
Aber bereits am 14. Dezember abends erschien =Vizeadmiral d'Estaing= mit den 12 Linienschiffen, die er von Nordamerika hergeführt hatte, und den Fregatten de Bouillés. Er war am 9. in Martinique angelangt und hatte den Oberbefehl zur See übernommen. Er sollte nicht Eroberungen machen, sondern nur englische Inseln überfallen, deren Befestigungen schleifen, Kriegsmaterial und Garnisonen hinwegführen. Hätte er nun sofort einen Aufklärungsdienst angeordnet, wo er wußte, daß =Hotham= angelangt sei, würde er die Wegnahme Sta. Lucias leicht haben hindern können. So erfuhr er erst am 13. durch einen amerikanischen Freibeuter die Abfahrt der Engländer von Barbados. Er ging nun mit etwa 3000 Soldaten und Milizen am 14. in See und sichtete abends das englische Geschwader bei Sta. Lucia, das er auf dem Wege nach Grenada geglaubt hatte. Trotz seiner großen Übermacht an Zahl und Stärke der Schiffe (vgl. Seite 260) vermochte er die Insel nicht zurückzuerobern, da =Barrington= bereits festen Fuß gefaßt hatte und sich jedem Angriffe zu Wasser wie zu Lande gewachsen zeigte.
$Erfolgloser Angriff der Franzosen auf Sta. Lucia.$ =Barrington= war gerade in Besitz der Küste von La Vierge bis zum Südende des Cul de Sac gelangt und beabsichtigte, seine Schiffe in die sicherere Bucht Le Carenage zu legen, als eine Fregatte das Nahen der Franzosen meldete und diese auch von den Höhen gesichtet wurden. Er legte nun während der Nacht seine sieben Schiffe von über 50 Kanonen (nur zwei zu 74) in eine Linie am Eingange des Cul de Sac, wobei er die an den Strand sich anlehnenden Flügel durch Wahl der stärksten Schiffe und durch quer gelegte Fregatten gegen Umgehung sicherte; die Soldaten setzten die eben genommenen Werke in Gefechtsbereitschaft. =D'Estaing= steuerte am 15. mit Tagesanbruch in die Bucht Le Carenage, um von hier aus den französischen Garnisonen Hilfe zu bringen, ein lebhaftes Feuer von La Vierge belehrte ihn erst, daß auch diese Bucht schon im Besitz des Feindes sei, und daß es sich nicht um Entsatz, sondern um Wiedereroberung der Insel handele. Er beschloß, das englische Geschwader anzugreifen. Um 11-1/2 Uhr vormittags führte er seine Flotte in großem Abstande an den englischen Schiffen vorüber, wechselte mit ihnen Schüsse und wiederholte dieses Manöver einige Stunden später; nennenswerte Verluste oder Beschädigungen erlitt keiner der Gegner, die Engländer verloren nur drei Tote.
Es ist nun wahrscheinlich, daß die Franzosen an diesem Tage wegen Windstille unter Land nicht näher herankommen konnten, aber auf eine günstige Gelegenheit hierzu war mit Sicherheit früher oder später zu rechnen. Trotzdem entschied sich =d'Estaing=, die englische Stellung zu Lande anzugreifen. Er ankerte in einer Bucht nördlich von Le Carenage, schiffte die Landtruppen sowie etwa 4000 Mann der Flotte aus und marschierte am 18. gegen La Vierge. Da aber der Hügel mit dem Fort auf dem Ende einer niederen Landzunge lag, gerieten die Franzosen in ein vernichtendes Feuer, und drei durch d'Estaing und de Bouillé persönlich geführte, mit größtem Mute unternommene Angriffe wurden unter Verlust von 41 Offizieren und 800 Mann an Toten und Verwundeten abgeschlagen. Noch am Abend des 18. schiffte man sich wieder ein. Der Admiral zog nun doch den Angriff des englischen Geschwaders in Betracht. Er ließ durch eine Fregatte vor dem Cul de Sac die Windverhältnisse beobachten, und als diese am 24. günstig erschienen, lichtete er Anker. =Barrington= hatte aber die Frist benutzt, seine Schiffe weiter in die Bucht zu legen, wohin die Seebrise seltener kam und wo er noch sicherer vor Umgehung der Flügel war; auch die Zahl der Batterien am Lande war vermehrt. =D'Estaing= erachtete jetzt wohl die feindliche Stellung für zu stark oder den Tag zu weit vorgeschritten und nahm den alten Ankerplatz wieder ein. Als er hier am 28. Dezember erfuhr, daß =Byron= mit seiner Flotte in Westindien erwartet würde, gab er das Unternehmen gegen Sta. Lucia vorläufig auf.
=D'Estaing= segelte am 29. Dezember nach Martinique zurück und am 30. unterzeichnete der französische Gouverneur die Übergabe von Sta. Lucia. Die Insel blieb während des Krieges englischer Besitz und bewährte 1782 ihre strategische Wichtigkeit; von ihr aus beobachtete =Rodney= die französische Flotte vor seinem großen Siege.
$D'Estaing erobert St. Martin, St. Barthélemy, St. Vincent und Grenada 1779.$ Die ersten Monate des Jahres verliefen ohne größere Ereignisse, obgleich die Seestreitkräfte auf beiden Seiten ansehnlich verstärkt wurden. Am 6. Januar traf =Vizeadmiral John Byron=[143] mit 10 Linienschiffen von Nordamerika in Sta. Lucia ein und übernahm den Oberbefehl; in der zweiten Hälfte des Februar führte ihm Kontreadmiral =Joshua Rowley=, der im Dezember England mit einem Konvoi Kauffahrer verlassen hatte, noch 7 Linienschiffe zu. Zu d'Estaings Flotte stieß am 12. Februar mit 4 Linienschiffen der Chef d'Escadre =Comte de Grasse=, der am 14. Januar von Brest abgesegelt war. Die Gegner waren zu dieser Zeit also annähernd gleich stark. Vorher hatte =d'Estaing= einen Erfolg gehabt. Am 11. Januar war er aufs neue vor Sta. Lucia erschienen, als aber seine Fregatten dort 15 Linienschiffe zählten und damit die Ankunft Byrons feststellten, ging er nach Martinique zurück, doch ließ er $St. Martin und St. Barthélemy$ durch kleine Schiffe überrumpeln. Am 26. April traf eine neue französische Verstärkung von 2 Linienschiffen, 2 Fregatten sowie 3 Korvetten unter dem Chef d'Escadre =Marquis de Vaudreuil= ein; diese Division hatte schon im Dezember Brest verlassen, aber zunächst einen Vorstoß gegen die englischen Besitzungen in Westafrika gemacht.
[143] =John Byron=, der Großvater des Dichters Lord Byron, geboren 1723, machte als Midshipman auf der Fregatte »Wager« =Ansons= Weltumsegelung mit, litt aber schon 1741 in der Magelhaenstraße Schiffbruch und geriet bis 1745 in spanische Kriegsgefangenschaft; 1746 war er Kapitän. Im Siebenjährigen Kriege schleifte er 1760 als Befehlshaber eines kleinen Geschwaders die Befestigungen von Louisbourg und brachte Freibeuter im Lorenzgolf auf, 1761 nahm er teil an der Expedition gegen Belle-Ile. Von 1764 bis 1766 leitete er die Erdumsegelung zweier Schiffe besonders zum Zweck der Erforschung der Südsee, die aber wenig Ergebnis hatte. Er wurde 1775 Kontreadmiral, 1780 Vizeadmiral der blauen Flagge. In der Schlacht bei Grenada erwarb er keinen Ruhm und ging wieder nach Nordamerika. Er war ein tüchtiger Seemann, aber kein Flottenchef, auch kein bedeutender Entdecker und wurde später nicht mehr verwendet. 1780 ward er Vizeadmiral der weißen Flagge und starb 1786. Über seine Weltumsegelung vgl. Clowes Band IV, Seite 117.
Auch =Byron= war im Januar vor Fort Royal erschienen, um den Feind herauszulocken und ließ dann gegen französische Verstärkungen kreuzen; beides ohne Erfolg. Anfang Juni mußte er Sta. Lucia auf längere Zeit verlassen. Bei St. Christoffer hatte sich ein großer Konvoi von Handelsfahrzeugen gesammelt, für dessen sichere Abfahrt er verantwortlich war; mit Rücksicht auf die große französische Flotte begab er sich mit sämtlichen Schiffen dorthin.
=D'Estaing= erhielt hiervon Kenntnis und benutzte die Gelegenheit. Am 9. Juni sandte er 2 Linienschiffe, 2 Fregatten und 6 kleinere Fahrzeuge mit 400 Soldaten gegen $St. Vincent$. Am 17. traf die Expedition bei der Insel ein und bemächtigte sich leicht der Hauptstadt Kingstown. Wenn auch die englische Garnison von 7 Kompagnien nicht als schwach gelten konnte, so mußte doch der Gouverneur mit den Eingeborenen rechnen, die den Engländern feindlich gesinnt waren, und den Franzosen ihre Hilfe angeboten hatten. Am 27. Juni stieß nun noch eine dritte Verstärkung zur französischen Flotte, der Chef d'Escadre =La Motte-Picquet=, der am 1. Mai mit 4 Linienschiffen, einem 50-Kanonenschiffe, 3 Fregatten und einem großen Konvoi von Transportern (Zufuhren für die Flotte und die Inseln) sowie Handelsschiffen Frankreich verlassen hatte. =D'Estaing= hielt sich jetzt für stark genug, größeres zu unternehmen. Ohne den angekommenen Schiffen nach der langen Reise Ruhe zu gönnen, ging er schon am 30. Januar mit seiner ganzen Flotte von 24 Linienschiffen in See, um den Hauptstützpunkt der Engländer, Barbados, anzugreifen; er hoffte, daß dann auch Sta. Lucia fallen würde. Da jedoch der Wind für den Kurs nach dieser Insel ungünstig war, bemächtigte er sich $Grenadas$. Am 2. Juli ankerte er vor Georgetown, setzte 1200 Mann an Land und nahm, auch hier persönlich führend, eine die Stadt beherrschende Höhe, nach der sich die nur etwa 70 Mann starke Garnison zurückgezogen hatte. Am 4. ward die Insel übergeben, eine Kriegssloop und 30 reichbeladene Kauffahrer fielen den Franzosen in die Hände.
$Die Schlacht bei Grenada, 6. Juli 1779.$ Aber schon am 5. Juli erhielt =d'Estaing= die Nachricht, daß die englische Flotte St. Vincent passiert habe und herankomme. =Byron= war am 6. Juni mit dem Konvoi von St. Christoffer abgefahren, hatte ihn in Sicherheit gebracht und traf dann am 1. Juli in Sta. Lucia ein. Auf die Nachricht, St. Vincent sei gefallen und Grenada bedroht, ging er am 3. in See, um diese Insel zu schützen; von der letzten Verstärkung der Gegner wußte er noch nichts, von der vorletzten wahrscheinlich nichts Genaues. Am 6. morgens langte er an der Nordwestspitze Grenadas an und es kam noch am selben Tage zur Schlacht.
$Die französische Flotte$ zählte nach Troude: 2 Schiffe zu 80 Kanonen, 11 zu 74, 7 zu 64, 4 zu 50 und einige Fregatten; $die englische$ nach Clowes: 1 Schiff zu 90, 11 zu 74, 1 zu 70, 7 zu 64, 1 zu 60, 1 Fregatte als Signalwiederholer und 26 Transporter mit Truppen sowie Kriegsmaterial.
Als =d'Estaing= am 5. Juli das Nahen der englischen Flotte erfuhr, blieb er vor Anker liegen, um nicht bei den nur leichten östlichen Winden durch die Strömungen nach Lee vertrieben zu werden und so dem Gegner die Annäherung an die Insel preiszugeben. Erst als dieser am 6. morgens gegen 6 Uhr in Sicht kam, befahl er, die Schlachtlinie beim Winde über Backbordbug zu bilden; ein Schiff nach dem anderen lichtete Anker und nahm seinen Platz in der Linie ein. =Barrington= konnte in dem Knäuel der zu Anker liegenden Schiffe deren Zahl nicht feststellen, wollte die scheinbare Unordnung zum Angriff ausnutzen, befahl deshalb »allgemeine Jagd« und richtete diesen Vorstoß besonders auf die noch still liegenden Schiffe. Seine eigene Flotte befand sich nicht in Gefechtslinie. Drei Schiffe unter Kontreadmiral =Rowley= waren zur Bedeckung des Konvois abgezweigt (s. Plan A. a.), da es an Fregatten mangelte; drei Schiffe standen ziemlich weit in Lee der anderen (b.); auf den Befehl zur Jagd eilten das Flaggschiff des Vizeadmirals =Barrington=, des Zweiten im Kommando, nebst zwei anderen der Flotte voraus (c.). Aus diesen Umständen erwuchsen große Nachteile. Die Voraussegelnden erhielten bei ihrer Annäherung enfilierendes Feuer von sämtlichen Franzosen, die sich in Linie setzten, konnten es kaum erwidern und wurden schwer beschädigt. Von der weiter segelnden französischen Linie, die mit der englischen Flotte beim Passieren sonst nur auf weite Entfernung Kugeln wechseln konnte, wurden die drei in Lee stehenden englischen Schiffe sehr mitgenommen (Plan A. zeigt die Lage gegen 8 Uhr vorm.). Infolge des nur leichten Windes erreichten =Barringtons= Schiffe die Bucht erst, als auch das letzte feindliche bereits unter Segel war; sie halsten nun und steuerten gleichfalls über Backbordbug zu Luward der französischen Linie entlang.
=Byron= sah jetzt, daß am Lande schon französische Flaggen wehten, er also zum Entsatz zu spät komme und vor allem an den Schutz des Konvois denken müsse. Er ließ seine übrigen Schiffe auf die Barringtons (B. c') die Gefechtslinie regelrecht einrichten, um sich zwischen den Gegner und den Konvoi zu legen, und gab Befehl zum Nahgefecht. Die Linie wurde dadurch schneller gebildet, daß =Rowley= mit seinen drei Schiffen (oder nur mit zwei derselben?) nicht den voraussegelnden Kameraden folgte, sondern geradeswegs auf die französische Spitze zu hielt (a.-a'.) und diese angriff, wobei aber zwei Schiffe arg zusammengeschossen, das eine bei dem Versuch, sich vor die feindliche Spitze zu legen, fast zum Wrack wurde. Die in Lee stehenden englischen Schiffe hatten so gelitten, daß sie das Manöver nicht mitmachen konnten und beinahe bewegungsunfähig nach Süden trieben (b'.). (Plan B. zeigt die Lage gegen 1 Uhr nachm.) =D'Estaing= gab nun den Befehl, abzuhalten, um weiter in Lee die Linie besser zu ordnen, da einige Schiffe außerhalb dieser standen. Er erwartete dann einen neuen Angriff (C.-C.). =Byron= wagte einen solchen jedoch nicht, denn sieben oder acht seiner Schiffe hatten schwer gelitten (a'. b'. c'.), während die Franzosen in der Takelage kaum beschädigt waren, auch wollte er sich in der Nähe des Konvois halten, der sonst durch die feindlichen Fregatten gefährdet war; er blieb dicht am Winde liegen. So endete der Kampf um 1 Uhr nachm. und wurde auch nicht wieder aufgenommen.
=Der Verlust= der Franzosen bezifferte sich auf 166 Tote und 763 Verwundete, der der Engländer auf 183 Tote und 346 Verwundete; von diesen fielen zwei Drittel auf die 6 besonders betroffenen Schiffe (b. u. c.).
=D'Estaing= legte gegen 3 Uhr nachm. seine Flotte durch gleichzeitiges Wenden aller Schiffe über Steuerbordbug (Kurs nach Süden), um in der Nähe der Insel zu bleiben; =Byron= folgte dem Beispiel, um die im Süden treibenden Schiffe (b'.) zu decken. Aber die Franzosen ließen diese unbehelligt entkommen. Das eine rettete sich nach Jamaika, die beiden anderen steuerten, nochmals von der feindlichen Linie beschossen, nach Norden, wohin auch das beschädigte Spitzenschiff (a'.) entwich. Während der Nacht und am anderen Morgen ankerte =d'Estaing= wieder vor Georgetown, und =Byron= nahm Kurs nach St. Christoffer, wohin er den Konvoi schon früher beordert hatte. Nur ein oder zwei Transporter fielen am 7 Juli in die Hände der Franzosen.
$Beurteilung der Schlacht bei Grenada.$ Es war ein =Fehler=, daß von der =englischen Flotte= drei Schiffe (b.) ausfielen. Bei der Wahrscheinlichkeit eines plötzlichen Zusammenstoßes mit dem Feinde mußte die Flotte geschlossen bleiben, und dies bot keine Schwierigkeit, da sie mit Rücksicht auf den langsamern Konvoi nur mit beschränkter Geschwindigkeit segeln konnte. Ferner brauchte =Byron= nicht anzugreifen, ehe die Ordnung hergestellt war. Er hatte frühmorgens die Luvstellung, konnte fest mit Auffrischen des Windes rechnen und der Feind mußte sich ihm stellen. Wollte =d'Estaing= einen Kampf unbedingt vermeiden, so hätte er seine Eroberung und voraussichtlich auch langsamere Schiffe im Stich lassen müssen. Endlich hat auch wohl =Barrington= den Befehl zur Jagd zu wörtlich aufgefaßt.
Auch =d'Estaing= werden =Fehler= nachgewiesen, die ihn um einen großen Erfolg gebracht haben. Schon gegen Ende des ersten Abschnitts der Schlacht, als er seine Linie gebildet hatte, konnte er durch Wenden im Kontremarsch und Durchbrechen der lockeren feindlichen Linie einen entscheidenden Sieg herbeiführen. In seinem Bericht führt er aus, er habe dies unterlassen, weil andernfalls mehrere seiner Schiffe in Lee hätten abgeschnitten werden können. Hierauf wurde erwidert, seine Linie hätte besser sein können, wenn er schon am 5. in See gegangen wäre. Um Mittag des 6. lag er dann mit 24 kampfbereiten Schiffen 17 oder 18 Engländern gegenüber, von denen einige so beschädigt waren (c'.), daß die übrigen in Manöver und Fahrt auf sie Rücksicht nehmen mußten; außerdem hatte =Byron= drei gefechtsunfähige Schiffe im Süden (b'.) und ein oder zwei (a'.)' im Norden zu schützen. Dies auszunutzen, standen dem französischen Admiral drei Wege offen. Er konnte vorwärts segeln, im Kontremarsch wenden, sich zwischen den Gegner und den Konvoi setzen und seine Fregatten auf letzteren werfen; dies fürchtete =Byron=, wie er berichtet hat. Er konnte ferner mit allen Schiffen zugleich wenden, angreifen und so einen Entscheidungskampf herbeiführen. Von beiden Maßregeln hat ihn wiederum die Rücksicht auf die in Lee stehenden Schiffe abgehalten. Endlich konnte er, als seine neue Linie (C.-C.) gebildet war, sofort nach Süden steuern, um die Engländer dort (b'.) abzuschneiden. Dieses Manöver bot den größten Vorteil. Es hätte den englischen General bewogen, wie er selbst zugibt, unter gewagten Umständen, nämlich ohne Rücksicht auf das Mitkommen der beschädigten Schiffe (c'.), anzugreifen, und die überlegene französische Flotte hätte leicht zu gleicher Zeit das bewegungslose Schiff im Norden (a'.), sowie den Konvoi durch die Fregatten angreifen können.
=Suffren=, der keineswegs ein persönlicher Gegner =d'Estaings= war, hat erklärt: »Wäre des Admirals Seemannschaft seinem Mute gleich gewesen, so würden wir nicht vier entmastete Schiffe haben entkommen lassen.« Das Verhalten d'Estaings ist aber auch wohl durch die damals in der französischen Marine herrschende Ansicht über die Kriegführung zur See beeinflußt; ein Punkt, auf den wir sogleich und später noch öfter zurückkommen werden.
=Die Schlacht bei Grenada war ein Sieg der Franzosen=, denn die englische Flotte wurde durch die Beschädigung einiger Schiffe für längere Zeit lahmgelegt und die Eroberung Grenadas gesichert, =aber ihr Erfolg wäre weit größer gewesen=, wenn =d'Estaing= seine Überlegenheit und die Fehler des Gegners besser ausgenutzt hätte. In dieser Hinsicht ist sie =von Bedeutung für die Seekriegsgeschichte=. Sie zeigt deutlich die schon mehrfach erwähnte Neigung der Franzosen in jener Zeit für eine Defensivtaktik, selbst unter so günstigen Verhältnissen wie hier weichen sie nicht davon ab. Und gerade die Schlacht bei Grenada erweist den engen Zusammenhang zwischen diesem Verhalten und der Auffassung über die strategischen Aufgaben der Seestreitkräfte, wie sie damals bei der Regierung und bei den Seeoffizieren in Frankreich vorherrschte. Man begnügte sich mit Aufgaben und Erfolgen in beschränktem Maße, ließ aber das wichtigste und richtigste Ziel, die Vernichtung der feindlichen Marine, außer Augen. Bei Grenada sah =d'Estaing= seine Pflicht nur darin, die Eroberung der Insel sicherzustellen, schonte seine Flotte und unternahm nichts weiter, obgleich sich Gelegenheit bot, durch schwere Schädigung der englischen Flotte die Seeherrschaft in den westindischen Gewässern zu erringen. Ein ähnlich hervorragendes Beispiel gab uns die Schlacht bei Minorka (1756).
$Ramatuelle$, =ein Seetaktiker= (vgl. Quellenverzeichnis), der in diesem Kriege diente, zur Zeit Napoleons schrieb und wohl die herrschende Auffassung wiedergibt, sagt: »Die französische Marine hat stets den Ruhm, eine Eroberung zu sichern, dem vielleicht glänzenderen, aber in Wahrheit bedeutungsloseren vorgezogen, einige Schiffe zu nehmen, und damit hat sie sich mehr dem wahren Ziele genähert, das man sich in einem Kriege setzen soll. Was würde der Verlust einiger Schiffe den Engländern bedeutet haben? Der wesentliche Punkt war, sie in ihrem Besitze, der Quelle ihres Reichtums und ihrer Seemacht, anzugreifen!« =Ramatuelle= führt als einen Beweis für seinen Ausspruch gerade die Schlacht von Grenada an. Nun können gewiß Fälle eintreten, wo man einen augenblicklichen sicheren militärischen Erfolg zugunsten eines größeren aufgibt, aber wieder gerade bei Grenada trifft dies nicht zu. An der Erhaltung der kleinen Insel lag wenig, sie wäre mit Erringung der Seeherrschaft auch gesichert gewesen; diese hätte ferner die Eroberung weiterer Inseln, sowie die Lahmlegung des englischen Handels ermöglicht. Schon früher (S. 204) ist eine Äußerung Mahans über diesen Ausspruch Ramatuelles angeführt.
Im übrigen hatte =d'Estaing= im Gegensatz zu La Gallissonnière bei Minorka gar nicht den Befehl, englische Inseln zu erobern, sondern er sollte ihnen nur den Wert als Stützpunkte der Gegner nehmen; aber ihm lag wohl viel an dem Besitze von Grenada, da diese Eroberung sein einziger Erfolg bisher war und auch bleiben sollte.
$D'Estaing verläßt Westindien.$ =Byron= ging nach St. Christoffer zum Ausbessern. Dies machte große Schwierigkeiten, da die Admiralität wie überall auf den auswärtigen Stationen nicht vorgesorgt hatte. Trotz der Geschicklichkeit, mit der die englischen Seeoffiziere jener Zeit auch unter den ungünstigsten Umständen ihre Schiffe wieder seefähig zu machen verstanden, war die Flotte zu längerer Untätigkeit verdammt. =D'Estaing= zog hieraus nur geringen Nutzen. Anstatt dem Feinde zu folgen, um ihm noch mehr Abbruch zu tun und sich dann gegen andere Inseln zu wenden, begnügte er sich damit, die Grenadinen zu besetzen. Am 15. Juli ging er dann in See, lief am 19. Guadeloupe an und beorderte einen hier für die Reise nach Europa gesammelten Konvoi, ihm zu folgen. Er erschien auch vor St. Christoffer, wagte aber keinen Angriff, da er die Engländer in Verteidigungsstellung fand, gestützt auf Batterien am Lande, und machte selbst keinen Versuch, sich zweier Schiffe zu bemächtigen, die bei der holländischen Insel Saba lagen; in seinem Berichte sagte er: »Weil er im Gegensatze zu den Engländern eine neutrale Flagge achte.« Er paradierte nur am 23. und 24. Juli in Gefechtslinie vor St. Christoffer und führte dann den Konvoi nach Haiti; am 31. traf er in Cap Français ein. Hier fand er den ausdrücklichen Befehl vor, mit den 1778 von Toulon ausgelaufenen Schiffen nach Brest zurückzukehren, die nachgekommenen Verstärkungen aber in Westindien zu belassen. Nun war ihm schon im Frühjahr eine Bitte des amerikanischen Generals Lincoln, unterstützt durch den französischen Konsul in Charleston, zugegangen, er möge nach Georgia kommen, um bei der Vertreibung der Engländer aus den Südstaaten mitzuwirken; er hatte damals geantwortet, daß er Westindien noch nicht verlassen könne. Jetzt wurde die Bitte in dringendster Form erneuert, auch hörte er, das amerikanische Volk murre über die Franzosen: diese hätten wohl die Hilfe Bostons zur Ausbesserung der Schiffe gern angenommen, nachher aber die amerikanische Sache im Stich gelassen. Er glaubte der allgemeinen Sache zu nützen, wenn er jetzt der Bitte Folge leiste, ja sogar, falls das Unternehmen in Georgia nicht lange dauere oder es sonst günstiger erschiene, mit =Washington= im Norden zu operieren versuche. Trotz seines Befehles ging er also mit 22 Linienschiffen am 25. August nach Savannah in See.
Hiermit fanden die größeren Ereignisse in Westindien für 1779 ihr Ende. =Byron= segelte im August nach England; =Barrington=, bei Grenada verwundet, war schon früher heimgekehrt. =Kontreadmiral Hyde Parker= übernahm das Kommando der Antillenstation bis zum März 1780; dann traf Admiral =Rodney= mit einer Flotte ein und der Kampf auf diesem Kriegsschauplatze begann wieder.
$Einige kleinere Ereignisse in Westindien$ sind noch zu erwähnen. Schon im September 1778 hatten sich die Franzosen von Cap Français aus der nahegelegenen kleinen =Turk-Inseln= bemächtigt, die von Engländern besiedelt waren. -- Durch die Abfahrt =d'Estaings= erlangten diese die Überlegenheit und behielten sie auch, als im November und Dezember ein Teil der französischen Flotte von Savannah zurückkehrte. =Hyde Parker= verfügte in Sta. Lucia über etwa 17 Linienschiffe, während =de La Motte-Picquet= Mitte Dezember in Martinique nur 6 oder 7 hatte, von denen sogar einige zeitweise außer Dienst gestellt waren. Hyde Parker überwachte Fort Royal, und es gelang ihm, am 18. Dezember vor diesem Hafen einen Konvoi von 26 Transportern und Handelsschiffen zu überraschen und auseinander zu sprengen, der im Oktober mit nur einer Fregatte von Marseille gesegelt war. Er würde alle Fahrzeuge genommen oder vernichtet haben, wenn ihm nicht =La Motte= mit drei in aller Eile seeklar gemachten Linienschiffen kühn entgegengetreten wäre. Durch einen vierstündigen =Kampf in der Bucht von Fort Royal=, in den auch die Befestigungen eingriffen, ermöglichte dieser 12 Fahrzeugen das Einlaufen, 10 wurden vom Feinde genommen, vier gerieten auf den Strand und wurden verbrannt, doch hatte man die Ladungen retten können. -- Am 21. Dezember nahm Admiral =Rowley= mit einer Division Linienschiffe bei =Guadeloupe= drei französische Fregatten, die mit Truppen von Savannah zurückkamen.
$Spanien$ hatte durch Entsendung von zwei Geschwadern zu 6 und 10 Linienschiffen nebst Transportern mit Truppen und Kriegsmaterial im Februar und März 1779 die Stationen in Westindien schon vor der Kriegserklärung verstärkt. Wenige Tage nach dieser begann von Portoriko, Kuba und dem Festlande aus der Kleine Krieg; die Befehle hierzu müssen also schon längere Zeit vorher ergangen sein. Ihm trat =Admiral Sir Peter Parker= von Jamaika aus entgegen, obgleich er nur ein Linienschiff, ein 50-Kanonenschiff und 8 Fregatten oder Sloops zur Verfügung hatte. Er ließ sogar im Oktober den stark befestigten Ort =Omoa= an der Hondurasküste, einen Stützpunkt der Spanier für den Kleinen Krieg, nehmen; zwei Silbergaleonen und verschiedene Kauffahrer mit einem Gesamtwert von drei Millionen Dollars wurden dabei erbeutet. Die Spanier bemächtigten sich dagegen der englischen Handelsniederlassungen am Mississippi.
(Näheres über diese kleineren Ereignisse vgl. Campbell Band V, Seite 453, 503, 514; Chevalier II, Seite 155; Lacour II, Seite 326.)
$D'Estaing vor Savannah.$ Der Kampf in den Südstaaten Nordamerikas war im Mai 1779 zum Stillstande gekommen; die Engländer unter =Prevost= hatten sich auf Savannah und Umgegend zurückgezogen, die Amerikaner unter =Lincoln= lagen in Charleston. Am 31. August 1779 erschien nun =d'Estaing= mit 21 Linienschiffen, 8 Fregatten und 3 Korvetten vor Savannah; später stießen 6 kleine amerikanische Kriegsfahrzeuge (zu 14-20 Kanonen) und 7 Galeren zu ihm. Er trat mit =Lincoln= in Verbindung, wollte aber nur wenige Tage an der Küste bleiben und versprach zunächst noch keine Mitwirkung. Als jedoch ein Sturm am 2. September mehrere seiner Schiffe beschädigte, glaubte er, daß ihre Ausbesserung zu lange dauern würde, um dann noch nach den Nordstaaten segeln zu können, und erklärte sich nun zu einem gemeinsamen Angriff auf Savannah bereit.
Doch =Lincoln= hatte nicht mehr auf die Flotte gerechnet und traf erst Mitte September ein. Durch diese Verzögerung gewann =Prevost= Zeit, seine Kräfte sämtlich in Savannah zusammenzuziehen, die Stadt besser zu befestigen sowie Schiffe in der Einfahrt zu versenken. =D'Estaing= landete am 13. September Truppen nebst Belagerungsmaterial, sandte kleinere Fahrzeuge den Fluß hinauf und forderte am 16. die Stadt zur Übergabe auf. =Prevost= jedoch lehnte ab; er war überzeugt, daß sich die feindliche Flotte in dieser Jahreszeit nicht mehr lange an der Küste halten könne. Schon die Landung machte wegen Mangels an geeigneten Fahrzeugen und der Unwissenheit der amerikanischen Lotsen große Schwierigkeiten. So bewilligte man den Engländern zunächst einen Waffenstillstand, und erst am 23. begannen die Belagerungsarbeiten unter =d'Estaings= Leitung. Da aber die Witterung immer ungünstiger wurde, so schritt man schon am 9. Oktober, zu frühzeitig, zum Sturme. Auch hier führte der Admiral in eigener Person, wurde verwundet und mit einem Verluste von 1200 Mann, von denen 63 Offiziere sowie 580 Mann auf die Franzosen fielen, abgeschlagen. Am 18. hob =d'Estaing= die Belagerung auf, deckte noch den Rückzug der Amerikaner, und traf dann die Vorbereitungen zum Inseegehen; hierzu wurde die Flotte schon am 28. Oktober durch einen Sturm gezwungen.
$Die Rückfahrt der französischen Flotte$ gestaltete sich sehr ungünstig. =D'Estaing= segelte mit den 12 Linienschiffen, die er 1778 aus Toulon geführt hatte, nach Brest. Der Sturm sprengte sie aber derart auseinander, daß der Admiral nur mit 2 Schiffen am 7. Dezember dort ankam; zwei trafen am 9. ein, vier gingen über Cadiz nach Toulon, zwei erreichten Rochefort und eins Lorient, ein Schiff endlich lief beschädigt in Havanna ein. =De Grasse= war mit 7 Schiffen nach Haiti bestimmt, sollte aber vorher die Chesapeakebucht behufs Verproviantierung anlaufen. Diese Schiffe gingen aber fast alle geradeswegs nach Westindien; vier erreichten vereinzelt Anfang Dezember Martinique, zwei trafen über Cap Français später dort ein. Nur eins war zur Chesapeakebucht gesegelt und kam dann im Januar in Fort Royal an; es wurde von der Höhe Haitis an durch Engländer gejagt. =La Motte-Picquet= war mit 3 Schiffen nach Martinique bestimmt gewesen; diese ankerten dort einzeln zwischen dem 20. und 27. November. Die nach Westindien bestimmten Geschwader hatten die von den Inseln mitgenommenen Truppen (2-3000 Mann) an Bord; 4 Fregatten mit Soldaten fielen, wie wir schon hörten, am 21. Dezember dem englischen Admiral =Rowley= in die Hände.
So endete auch das letzte Unternehmen =d'Estaings= kläglich; der einzige unmittelbare Erfolg war die Wegnahme einiger Kriegs- und Handelsfahrzeuge vor Savannah. Aber es brachte doch =einen strategischen Vorteil=: das Aufgeben der wichtigen Narragansettbucht seitens der Engländer. Auf die Nachricht hin, daß die französische Flotte von Westindien zur amerikanischen Küste unterwegs sei, räumte =Clinton= fluchtartig unter Zurücklassen von Geschützen und Material Rhode-Island; durch die Expedition nach Georgien geschwächt, fürchtete er, die Stellung nicht halten zu können. Schon 1780 landeten die Franzosen in diesem »besten Hafen und Flottenstützpunkt an der nordamerikanischen Küste« (Ausspruch des Admirals =Rodney=) ein Hilfskorps.
$Rückblick auf den Krieg in Westindien 1778/79.$ Beide Gegner waren auf diesem Schauplatz bei Ausbruch des Krieges kaum vorbereitet, aber beide hatten dort tüchtige Männer an der Spitze. Der französische Gouverneur der Kleinen Antillen, =Bouillé=, erhielt Befehl, sich der Insel Dominica bei günstiger Gelegenheit zu bemächtigen, und tat dies sofort im August 1778. Der englische Admiral =Barrington= machte den Verlust durch die Eroberung Sta. Lucias wett. Beide Inseln waren zwar gut befestigt, aber nur schwach besetzt gewesen. Bei Sta. Lucia fällt dies auf, denn die Franzosen hätten leicht die Garnison verstärken können, wenn sie von der Einnahme Dominicas absahen. So gab es nur einen Austausch, bei dem aber wohl die Engländer gewannen.
Eine gute französische Quelle (Chevalier) sagt: »Die französische Regierung habe besonderen Wert auf die Erwerbung Dominicas gelegt, weil diese Insel zwischen Martinique und Guadeloupe lag, so den französischen Besitz abrundete und auch leichter zu verteidigen war. Die Regierung sei ferner überzeugt gewesen, daß England beim Friedensschluß alles daran setzen würde, Sta. Lucia zu erhalten, und daß dann leicht eine Einigung erzielt werden könne, wenn man jetzt die eine Insel nähme, die andere dem Gegner überließe; jede Partei würde beim Friedensschlusse eben behalten, was sie schon besäße.« Von großem Selbstbewußtsein zeugt diese Auffassung nicht, aber wir wissen, daß Frankreich im Anfange des Krieges noch nicht die Absicht hatte, in Westindien Eroberungen zu machen.
Durch die Ankunft =d'Estaings= wurden die Franzosen dann weit überlegen, und dieser Admiral hätte Sta. Lucia wieder gewinnen können. Der Versuch mißlang infolge seiner falschen und wechselnden Maßnahmen, die wiederum durch seine Neigung bedingt waren, den Wert der Seegeltung zu unterschätzen und das Hauptgewicht auf die Verwendung der Landstreitkräfte zu legen. Er hätte durch Vernichtung des schwachen englischen Geschwaders die Seeherrschaft erringen müssen, dann wäre auch die Insel gefallen. So machte er nur einen schwächlichen Versuch hierzu, und gab auch diesen auf, als er von der bevorstehenden Ankunft =Byrons= hörte. Es ist kennzeichnend für =d'Estaing=, daß er als Oberbefehlshaber einer großen Flotte die Operationen am Lande selber leitete und den Angriff hier wie bei späteren Gelegenheiten sogar in Person führte; er war eben in erster Linie Landsoldat, allerdings ein tüchtiger und wagemutiger.
Wir wissen, daß die Seeoffiziere bei der Bedrohung von New York und Newport 1778 nicht auf ein kräftigeres Einsetzen der Flotte drangen. Hier in Westindien war es anders. =Kapitän Suffren= stellte dem Admiral in einer mit großem militärischen Takte verfaßten Denkschrift (eingehend in Chevalier II, Seite 130, und Lacour II, Seite 187) vor, wie unrichtig und gefährlich die Landung sei. Mit der Vernichtung der englischen Schiffe erreiche man den Fall der Insel sicherer, so aber setze man die Flotte durch Entfernung des Chefs und Schwächung der Besatzungen einer großen Gefahr aus, falls die englischen Seestreitkräfte Verstärkung erhielten. -- Diesen Rat, sowie den anderer erfahrener Seeoffiziere ließ =d'Estaing= außer acht, aber doch gab er wohl den Angriff am Lande nur aus Besorgnis um die Flotte so schnell wieder auf.
Mit dem Erscheinen =Byrons= (Januar 1779) wurden die Seestreitkräfte der Gegner nahezu gleich, und die Engländer konnten ihren Besitz von Sta. Lucia als gesichert ansehen. Bald aber wurde der englische Admiral durch die Deckung des nach Europa bestimmten Konvois in Anspruch genommen, eine Verpflichtung, die häufig an die Flottenchefs jener Zeit, besonders die englischen, herantrat und sie von ihren rein militärischen Aufgaben abzog; Byron mußte seine ganze Flotte dazu verwenden, denn bei der Stärke der feindlichen Seemacht würde die Abzweigung eines Teiles diesen oder den Rest gefährdet haben. Die günstige Gelegenheit benutzte =d'Estaing= zur Wegnahme St. Vincents und Grenadas, und =Byrons= Rückkehr zum Entsatz führte zur Schlacht bei Grenada, die für die Seeherrschaft hätte entscheidend werden können. Der englische Admiral verlor aber seine Aussichten auf Erfolg durch unvorsichtigen Angriff und der französische nutzte weder in der Schlacht die Fehler, noch nach derselben die erreichte Schwächung des Gegners aus. =D'Estaing= verließ dann Westindien. Hierbei folgte er allerdings teilweise einem Befehle, er verstieß jedoch gegen diesen dadurch, daß er mit der ganzen Flotte absegelte und so dem Feinde die See völlig freigab. Man sollte fast glauben, daß er sich zu dem Plane eines Zusammenwirkens mit Lincoln oder Washington in Nordamerika durch seine Vorliebe für Landunternehmungen bestimmen ließ, um so mehr, als er dort mit englischen Seestreitkräften kaum zu rechnen hatte. Vor Savannah erwies er sich zwar als mutiger Landsoldat, ließ aber bald die Sache aus Besorgnis um die Flotte fallen.
=Frankreich= hat für den Krieg in Westindien eine starke Macht aufgeboten, was um so bemerkenswerter ist, als es für das Jahr 1779 auch in den europäischen Gewässern ein großes Unternehmen, einen Einfall in England, plante. Aber der ganze =Erfolg in Westindien= bestand in der Eroberung einiger Inseln, die mit Ausnahme Dominicas von geringer Bedeutung waren; dafür hatte man das strategisch wichtige Sta. Lucia geopfert.
Der Vorwurf für den Mißerfolg der beiden Jahre in Nordamerika und Westindien trifft =d'Estaing=, der auch selber in Briefen und Berichten seinem Grame darüber Ausdruck gibt. Ältere französische Quellen behaupten, er sei von seinen Untergebenen nicht genügend unterstützt worden, neuere widersprechen dem und äußern sogar, dieser Grund sei in Frankreich bei Mißerfolgen stets angeführt; bekannt ist, wie man dort in ähnlichen Lagen häufig sogar die Anschuldigung des »Verrates« findet. Hiergegen spricht auch, daß der Admiral stets günstig über Offiziere sowie Mannschaften berichtet und von den ersteren mehrere zur Auszeichnung oder Beförderung eingegeben hat. Richtiger ist wohl ein Ausspruch anderer Autoren: »Man hätte dem tüchtigen Soldaten eine große Laufbahn im Heere sichern, ihn aber nicht gleich mit einem hohen Range in der Marine anstellen sollen; für wichtige Aufgaben geeignete Seeoffiziere waren genügend vorhanden.« Es wird versucht, den Fehler der Regierung dadurch zu entschuldigen, daß sie der öffentlichen Meinung zuliebe gehandelt habe; nach den Mißerfolgen des letzten Krieges seien Stimmen laut geworden, die eine Auffrischung des Seeoffizierkorps durch bewährte Landoffiziere befürworteten.
=Ein wichtiger Erfolg=, den =d'Estaing= durch seinen Zug nach Savannah und die Bedrohung der Engländer an der amerikanischen Küste errang, war die Räumung der Narragansettbucht durch diese; nach =Rodney= »der größte Fehler, den England begehen konnte«. Kapitän =Mahan= sagt (Clowes Band III, Seite 442) in Erweiterung seines Ausspruches (vgl. Seite 269) über den strategischen Fehler, den England durch die Eröffnung des Krieges in den Südstaaten gemacht habe, »der Fall von Savannah würde ein Glück für England gewesen sein, da man dann die Unternehmungen dort wohl aufgegeben hätte.« So aber bestärkte die leichte Abwehr der Gefahr den General Clinton in seinen Plänen; sobald die Abfahrt der französischen Flotte sicher war, ging er im Dezember 1779 persönlich mit Admiral =Arbuthnot= zur Eroberung Charlestons von New York in See.
$Westafrika.$ Im Zusammenhang mit Westindien muß ein französischer Vorstoß erwähnt werden, den der =Marquis de Vaudreuil= 1779 auf seiner Fahrt zu =d'Estaing= hier ausführte. Er verließ am 25. Dezember 1778 mit 2 Linienschiffen, 2 Fregatten und 3 Korvetten Frankreich; auf einigen Transportern waren Truppen unter dem =Herzog von Lauzun=, einem beliebten Hofmann, aber tüchtigen Soldaten, eingeschifft. Am 30. Januar 1779 wurde die englische Besitzung St. Louis am Senegal zur Übergabe gezwungen. Die Fregatten bemächtigten sich dann der Kontore am Gambia, an der Sierra-Leone -- sowie an der Guineaküste bis zum Voltaflusse. =Vaudreuil= segelte mit dem Geschwader am 5. März nach Westindien weiter, =Lauzun= sicherte die Eroberungen und kehrte dann nach Frankreich zurück.
Der Krieg in den europäischen Gewässern 1779/80.
$Im Jahre 1779$ wurde die Lage Englands sehr ernst, denn am 12. April schlossen Frankreich und Spanien ein Bündnis ab. In diesem wurde eine gemeinsame Kriegführung für das laufende Jahr vereinbart, die eine unmittelbare Bedrohung Englands vorsah. Es ist bereits erwähnt (Seite 214), daß schon unter =Choiseul= eingehende Pläne für einen Einfall in England ausgearbeitet waren, und mit Ausbruch des neuen Krieges traten wiederum tüchtige Offiziere mit solchen hervor.
Ein Irländer, =Graf de Wall=, wollte in Irland landen und hier eine Revolution erregen. Oberst =Dumouriez=, Kommandant von Brest (der spätere Sieger von Jemappes), schlug vor, 12000 Mann auf einer Flotte von Kriegsschiffen, aber ohne Transporter von Cherbourg nach Wight hinüberzuwerfen. Ein ehemaliger englischer Seeoffizier und Anhänger der Stuarts, =Hamilton=, legte mehrere Pläne vor, die verschiedene Punkte der englischen Küste im Auge hatten. Der schon erwähnte Entwurf des Grafen =Broglie= und andere mehr wurden wieder erwogen. Hier soll nicht näher auf sie eingegangen werden. Genaueres findet man in Lacour II, Seite 233 ff., wo auch der jetzige Plan erörtert ist.
Die französische Regierung, die schon seit 1776 mit Spanien über ein gemeinsames Vorgehen gegen England verhandelte, prüfte all diese Vorschläge. Bemerkenswert ist, daß =Broglie= sowie anfangs auch =Vergennes= nicht für ein gemeinsames Wirken, sondern für gleichzeitiges, aber getrenntes Vorgehen eintraten; sie wollten damit die umständlichen Vorverhandlungen sowie die Schwierigkeiten vermeiden, die sich der Kommandoführung verbündeter Streitkräfte erfahrungsmäßig entgegenstellen. Sie drangen nicht durch, aber ihre Bedenken erwiesen sich später als richtig. Zunächst nahmen die Verhandlungen so viel Zeit in Anspruch, daß der Vertrag erst am 12. April zum Abschluß kam; Spanien, dem mehr an der Eroberung Gibraltars und Minorkas gelegen war, wollte anfangs überhaupt nur Geldmittel beitragen, stellte dann aber doch wenigstens die Hälfte der gemeinsamen Flotte; auch stimmte man in Madrid für den Angriff auf Irland. Schließlich einigte man sich dahin, daß eine den englischen Streitkräften in den europäischen Gewässern überlegene Flotte gemeinschaftlich versammelt werden sollte und daß Frankreich ein Heer aufzustellen habe, um es auf Wight oder bei Portsmouth zu landen. Frankreich trieb zur Eile, um die versäumte Zeit wieder einzubringen, und nun wurde in beiden Ländern lebhaft gerüstet; Spanien war darin noch so weit zurück, daß es seine Kriegserklärung bis zum 16. Juni hinausschieben mußte, aber auch Frankreich wurde erst spät fertig.
=Die Rüstungen= waren allerdings sehr umfangreich. Jeder Staat bestimmte für die gemeinsame Flotte etwa 36 Linienschiffe; dabei hatte Frankreich mit den kürzlich nachgesandten Verstärkungen über 25 solcher in Westindien sowie einige in Toulon, und auch von Spanien war im März eine größere Zahl (16?) nach den Antillen sowie Mittelamerika gesandt. Man nahm an, mit über 60 Schiffen der feindlichen Flotte sehr überlegen zu sein und schätzte diese ganz richtig auf etwa 40 Linienschiffe. Obgleich in England für 1779 reiche Geldmittel -- 4-1/2 Millionen Lstrl., einschließlich der Neubauten -- sowie 70000 Mann (einschließlich 17500 Seesoldaten) für die Marine bewilligt waren, standen für die heimischen Gewässer nur 43 Linienschiffe zur Verfügung, denn auch von hier waren im Winter und Frühjahr Verstärkungen nach den auswärtigen Stationen abgegangen, und andere Schiffe befanden sich als Konvoibegleiter oder als vereinzelte Ablösungen unterwegs; insgesamt hatte England etwa 93 Linienschiffe im Dienst (vgl. Tabelle Seite 224).
Frankreich zog bei St. Malo und bei Havre je 20000 Mann sowie die nötigen Transporter zusammen. Das Heer stand unter dem =General Graf de Vaux=, der am 21. Juni =seine Instruktion= erhielt. Nach dieser sollten sich die beiden Transportflotten bei Cherbourg vereinigen und dann bei Gosport, Portsmouth gegenüber, die Truppen landen; wenn dies nicht ausführbar sei, solle die Insel Wight besetzt, hier ein befestigtes Lager für 10 000 Mann eingerichtet werden, das Gros des Heeres nach Übereinkunft mit dem Chef der Seemacht eine Landung an geeigneter Stelle der Küste zwischen Wight und Bristol versuchen. Den Oberbefehl über die gemeinsame Flotte erhielt =Lieutenant-Général Comte d'Orvilliers= und als Treffpunkt wurde die Insel Sisargas, westlich von Coruña bestimmt; schon bei Abschluß des Vertrages hatte Frankreich verlangt, die Vereinigung müsse so frühzeitig stattfinden, daß noch mindestens 14 Tage vor Beginn der Operationen zur Verfügung ständen, um die Ordre de Bataille aufzustellen sowie Übungen vorzunehmen. Ende Mai hielt man es in Versailles für die höchste Zeit, der eigenen Flotte den Befehl zum Auslaufen zu geben, damit sie nicht in Brest vom Gegner blockiert werde; da Spanien am 16. Juni den Krieg erklärte, durfte man annehmen, daß dieses gleichfalls bereit sei. So begannen im Juni die Bewegungen der großen Flotten, denn auch die englische zeigte sich in See; nach Keppels Rücktritt hatte =Admiral Sir Charles Hardy= den Oberbefehl erhalten.
In den ersten Monaten des Jahres fanden nur =kleine Zusammenstöße= zwischen einzelnen Schiffen oder kleineren Gruppen statt, wenn solche sich bei Ausübung des Handelskrieges oder bei Erkundungen begegneten. Hervorzuheben ist ein Versuch der Franzosen, sich der =Kanalinseln= zu bemächtigen. Am 21. April sollte eine Flottille kleinerer Kriegsschiffe Fischerfahrzeuge mit 1500 Mann von St. Malo nach Jersey führen. Stürmischer Wind trieb sie zurück und ein Landungsversuch am 1. Mai scheiterte gleichfalls an den Wetterverhältnissen sowie am Widerstande der Engländer. Am 11. erschienen die Franzosen nochmals; jetzt waren aber überlegene englische Seestreitkräfte herangekommen, die nicht nur den Angriff zurückwiesen, sondern sogar die französischen Schiffe in der Cancalebucht fast sämtlich vernichteten. -- Über die in diese Zeit fallenden kühnen Unternehmen des amerikanischen Freibeuterführers =Paul Jones= soll beim »Kleinen Kriege« berichtet werden.
Hervorzuheben ist, daß die französische Regierung an sämtliche Kriegsschiffe Befehl erließ, die unter Kapitän =James Cook= auf einer Entdeckungsfahrt befindlichen Schiffe als befreundet zu behandeln, da ihre Tätigkeit allen Völkern zum Nutzen gereiche.
$Die französisch-spanische Flotte an der englischen Küste 1779[144].$ =D'Orvilliers= ging am 4. Juni mit 28 Linienschiffen von Brest nach Sisargas in See, 2 folgten etwas später. Als der Befehl zum Auslaufen eintraf, fehlten der Flotte noch 4000 Seeleute, an deren Stelle der Admiral die Matrosen anderer Schiffe in Brest sowie 2000 Soldaten an Bord nahm. Am 11. Juni traf er an der verabredeten Stelle ein, aber erst gegen Ende des Monats stießen 8 Spanier von Coruña zu ihm. Um diese Zeit trat auf der französischen Flotte eine Epidemie auf, die schnell um sich griff. Mitte Juli zählte man 500 Kranke am Lande in Coruña und 2000 Dienstunbrauchbare an Bord. Am 23. Juli endlich traf der spanische Oberbefehlshaber =Generalleutnant Don Luis de Cordoba= mit 28 Linienschiffen ein, aber es stellte sich heraus, daß man diesem erst ganz kürzlich von Paris ein französisches Signalbuch nach Cadiz gesandt habe; zur Übersetzung war jetzt keine Zeit mehr, und man mußte notdürftig ein gemeinsames Signalsystem zusammenstellen. Hiermit sowie mit Anordnung der Ordre de Bataille gingen mehrere Tage hin. Erst am 30. Juli konnte die Flotte den Marsch nach dem Norden antreten; sieben günstige Sommerwochen waren seit der Ankunft der französischen Schiffe verloren und die Hälfte ihrer Wasser- und Proviantvorräte war verbraucht. =D'Orvilliers= suchte in Paris darum nach, ihm Ersatz hierfür sowie Reserveankergeschirr nachzusenden, da die Flotte voraussichtlich an der englischen Küste wegen des oft eintretenden Nebels und wegen der Strömungen häufig werde ankern müssen.
[144] Chevalier II und Lacour II bringen eine genaue, sehr unparteiische Beurteilung dieser erfolglosen Operation.
$Die Ordre de Bataille.$ =Das französische Kontingent= zählte: 2 Schiffe zu 110 und 114 Kanonen, 4 zu 80, 14 zu 74, 10 zu 64; =das spanische=: 1 Schiff zu 120, 6 zu 80, 23 zu 74, 2 zu 70, 4 zu 60. Diese 66 Linienschiffe waren eingeteilt in: 1. Die Hauptflotte unter =d'Orvilliers=; 3 Geschwader zu je 9 französischen und 6 spanischen Schiffen. 2. Das Beobachtungsgeschwader, 16 spanische Schiffe unter =Cordoba=. 3. Das leichte Geschwader, 3 Franzosen und 2 Spanier unter Lieutenant-Général =de Latouche=. Etwa 14 Fregatten und Korvetten sowie 9 Brander und Mörserboote waren auf die Geschwader verteilt; ein Hospitalschiff und einige Flüten mit Material folgten der Flotte. Die Segelordnung findet man in Lacour II, Seite 261; die Namen der Schiffe, auch die der englischen, führt Campbell Band V, Seite 466 an.
Admiral =Hardy=[145] ging am 16. Juni von Portsmouth mit dem Befehle in See, zwischen 25 und 50 Seemeilen südwestlich der Scilly-Inseln zu kreuzen. Er führte 35 Linienschiffe der Kanalflotte -- 9 zu 90-100 Kanonen, 22 zu 74, 4 zu 64 --, 7 Fregatten, 6 Brander und einige kleinere Fahrzeuge; der Rest der Kanalflotte, etwa 8 Linienschiffe, befand sich in den Haupthäfen oder kreuzte an der französischen Kanalküste.
[145] =Sir Charles Hardy=, geboren um 1716, in die Marine eingetreten 1731, wurde 1737 Leutnant, 1741 Kapitän, 1755 Gouverneur von New York, 1756 Kontre-, 1762 Vizeadmiral, 1770 Admiral. Er nahm teil an den drei Kriegen seiner Zeit. Im Siebenjährigen diente er mit Auszeichnung 1757/58 an der nordamerikanischen Küste (unter Boscawen vor Louisbourg), 1761/62 an der französischen (unter Hawke bei Quiberon); er starb 1780.
Es ist unverständlich, weshalb England nicht rechtzeitig die französische Flotte in Brest blockiert und so die Vereinigung der Gegner verhindert hat, da doch Spaniens Eintreten in den Krieg seit Monaten vorauszusehen war. Es hätte selbst später noch die eigene Flotte hinter der französischen her zur spanischen Küste senden können; wie die Sache lag, würde sie dort wochenlang die Überlegenheit besessen haben. Dieser zweite Fehler ist allerdings verzeihlich, da die Regierung unter dem Druck der öffentlichen Meinung die englische Küste und den Kanaleingang nicht entblößen durfte; mit der Blockade von Brest wäre aber auch der Kanal gedeckt gewesen. England konnte von Glück sagen, daß die französische Flotte sich nicht vor den Kanal gelegt hatte, um die spanische zu erwarten, dort hätte sie wahrscheinlich große Handelsflotten abgefangen, die zurückerwartet wurden; so erreichten ein Konvoi von den Antillen, einer von Jamaika (gegen 200 Fahrzeuge) und 8 große Ostindienfahrer unbehelligt die Häfen Englands und Schottlands.
$Die Furcht vor einer Invasion$ war in England wieder einmal sehr groß, doch diesmal wohl berechtigter als je zuvor. Am 9. Juli befahl die Regierung, beim Drohen einer feindlichen Landung alle Pferde und sämtliches Schlachtvieh ins Innere zu treiben; der Hafen von Plymouth ward durch eine Balkensperre geschützt und Schiffe zum Versenken bereit gehalten; große Besorgnis herrschte für die zurückerwarteten Konvois. Viele Einwohner flüchteten von der Küste; man erzählt, daß bei einem Gottesdienste in einem Küstenorte plötzlich eine Panik ausgebrochen sei und alle Teilnehmer bis auf den Pfarrer sowie den Bezirksgeneral nebst seinen Offizieren und Soldaten aus der Kirche geflohen seien. Die Militärs hielten die Lage indessen nicht für bedrohlich, und so konnte noch der später als Stratege berühmte Admiral =Jervis=, der beim Erscheinen der Verbündeten ein Schiff der Kanalflotte befehligte, seiner Schwester schreiben: »Es sei demütigend für England, daß der Feind den Kanal beherrsche, aber über den Gedanken an eine Invasion müsse er lachen.«
Die Flotte der Verbündeten fand auf ihrer Fahrt das schönste Wetter und hätte südwestlich von Ouessant, wo sie mehrere Tage durch Gegenwind aufgehalten wurde, die erbetenen Vorräte übernehmen können; man sandte aber nur einige Fahrzeuge mit Reserverundhölzern und vertröstete sie sonst auf spätere Zeit im Kanal. Am 11. August passierte sie Ouessant, am 14. Lizard und erschien am 17. vor Plymouth, wo ihr ein englisches Linienschiff in die Hände fiel, das sie für Engländer gehalten hatte. Die beiden großen Flotten hatten sich nicht gesichtet und wußten auch nichts weiter voneinander.
Jetzt stand also die überlegene französisch-spanische Macht zwischen der englischen und deren Häfen. =D'Orvilliers= beabsichtigte dem Plane für die Landung entsprechend, den Kanal nach der englischen Flotte bis Wight abzusuchen, sich in Besitz der Rhede von St. Hellens an der Nordostküste dieser Insel zu setzen und dann =Cordobas= Geschwader nach Cherbourg zu senden, um die Überfahrt der Transportflotte zu decken. Er wollte mit der Hauptmacht den Gegner zur See im Schach halten, ihn schlagen oder in seine Häfen einschließen. Das französische Landungsheer stand um diese Zeit für die Einschiffung auf 100 Transportern bereit, während man in England zur Abwehr neben den Milizen nur über wenig reguläre Soldaten verfügte, da man eine ansehnliche Truppenzahl zur Unterdrückung von Unruhen in Irland halten mußte; zudem war die verbündete Flotte auch nach Abzweigung =Cordobas= noch der englischen weit überlegen. Diese Gelegenheit, so günstig wie nie zuvor, um endlich einmal die Invasion wirklich durchzuführen, blieb jedoch unbenutzt. Vor Plymouth erhielt nämlich =d'Orvilliers= die Weisung, nicht Wight, sondern die Umgegend von Falmouth als Landungsstelle zu benutzen. Mit Recht wandte der Admiral dagegen ein, daß die große Flotte dort keinen sichern Ankerplatz habe, um sich stets zur Deckung der Landung bereit zu halten, und ein solcher sei um so nötiger, als das günstige Sommerwetter zu Ende gehe. Während er eine Antwort auf diesen Einwurf erwartete, kam ein mehrtägiger Oststurm auf und trieb ihn aus dem Kanal. Am 22. August benutzte er ruhiges Wetter, die Bestände an Wasser und Proviant zwischen den Schiffen auszugleichen und erhielt so die Flotte in ihrer Gesamtheit bis zum 20. September verwendungsfähig. Am 25. traf die Nachricht ein, daß die englische Flotte bei den Scillys kreuze.
Ein Kriegsrat der Flaggoffiziere entschied einstimmig dahin, daß es bei dem schon fast unhaltbar gewordenen Gesundheitszustande sowie dem drohenden Proviant- und Wassermangel unmöglich sei, nochmals in den Kanal einzulaufen. Man beschloß, den Feind zu suchen und zur Schlacht zu zwingen; wäre dies bis zum 8. September nicht zu erreichen, so sollte das französische Kontingent nach Brest, das spanische nach Cadiz zurückkehren. Dementsprechend wurde gehandelt. Am 31. August (nach allen französischen Quellen, nach Clowes am 29.) sichtete man die englische Flotte, die auf der Rückfahrt nach dem Kanal begriffen war. =D'Orvilliers= versuchte heranzukommen, aber =Hardy= wich der fast doppelten Übermacht aus, wobei ihn die Windverhältnisse begünstigten. Am 1. November konnten die Engländer ihr Einlaufen in Plymouth als gesichert ansehen und am 3. ankerten sie vor Portsmouth. Noch einmal erschien =d'Orvilliers= die Aussicht auf einen Teilerfolg. Als er am 31. die Fruchtlosigkeit einer weiteren Verfolgung erkannte, kamen im Westen 15 Schiffe in Sicht; sofort jagte er sie, aber sie erwiesen sich als ein Konvoi holländischer Handelsfahrzeuge. Er kreuzte dann noch am Eingange des Kanals, bis er als Antwort auf seinen Bericht über den Beschluß des Kriegsrates Befehl erhielt, mit der Gesamtflotte nach Brest zu kommen. Am 14. September traf er dort ein und gab am 21. den Oberbefehl an Lieutenant-Général =Du Chaffault= ab.
$Der Zustand der französischen Flotte$ war tatsächlich so traurig, daß die meisten Schiffe wegen Mangels an dienstbrauchbaren Leuten kaum noch manövrieren konnten. Schon Ende August und Anfang September mußten acht von ihnen nach Brest geschickt werden. Unter ihnen befand sich das Flaggschiff, das von 1100 Mann Besatzung 560 Dienstunfähige zählte; einem 80-Kanonenschiff fehlten von 800 Mann 500; ein Schiff zu 74 Kanonen hatte schon 70 Tote begraben und noch 529 Kranke. Auf vielen der Schiffe, die bis zuletzt die See hielten, war ein Krankenbestand von 2-300 Mann. (Nähere Angaben s. Chevalier II. Seite 171.)
=Die Operationen der großen Flotte waren für 1779 beendet.= Die französische Regierung hatte zwar die Absicht, die Flotte nach Auffüllung der Besatzungen sowie der Vorräte wieder auslaufen zu lassen, und auch an General =de Vaux= ergingen neue Erlasse für Unternehmungen, zu denen man die Flotte zu Anfang Oktober bereit glaubte. Aber ein Kriegsrat der französischen und spanischen Flaggoffiziere (3. Oktober) stellte fest, daß man wegen des augenblicklich großen Mannschaftsmangels, hauptsächlich bedingt durch die vielen Erkrankungen in der französischen Marine, sowie wegen notwendiger Ausbesserung der spanischen Schiffe nichts unternehmen könne.
=Cordoba= segelte am 9. November mit dem Beobachtungsgeschwader nach Spanien. Die übrigen spanischen Schiffe verblieben unter =de Gaston= bis Januar 1780 in ihren Verbänden der Gesamtflotte; für diese bestand die Ordre de Bataille weiter, damit sie im nächsten Frühjahr zeitig bereit wäre. Sie bezog Winterquartiere und die Lager des Landheeres wurden im November gleichfalls aufgelöst. Der ganze =Erfolg der Kampagne=, die von den Verbündeten mit Aufbietung aller Kräfte und ungeheuren Kosten ins Werk gesetzt war und die auch viele Menschenleben gefordert hatte, obgleich kaum ein Schuß gefallen war, bestand in der Erbeutung eines Linienschiffes, einiger zwanzig Kauffahrer und in etwa 1100 Gefangenen. Zwar hatte man England in Schrecken gesetzt und dessen Flotte gezwungen, das Feld zu räumen, aber von einer Beherrschung des Kanals, deren sich =d'Orvilliers= in einem seiner Berichte rühmte, kann keine Rede sein.
Dem greisen Admiral =d'Orvilliers=, der seinen einzigen Sohn, einen Leutnant, an der Epidemie verloren hatte, wurde natürlich von der öffentlichen Meinung die Hauptschuld an den Mißerfolgen aufgebürdet, die doch in erster Linie durch andere Gründe bedingt waren. Schwer gebeugt zog er sich für den Rest seines Lebens in eine religiöse Anstalt zurück; bei seinem streng christlichen Charakter war ihm der Ausweg versagt, den =Villeneuve= nach Trafalgar im Selbstmord fand.
$Das Jahr 1780$ brachte in den europäischen Gewässern keine Unternehmungen der Hauptflotten gegeneinander. Es kam jetzt zur Geltung, daß die Verbündeten verschiedene Ziele im Auge hatten. Beide wollten zwar England erniedrigen, aber Frankreich erstrebte dies in Westindien und Nordamerika, während Spanien Gibraltar und Minorka besonders berücksichtigte. So kamen sie überein, den Einfall in England vorläufig aufzugeben, aber den Gegner in Nordamerika und Ostindien im Schach zu halten, in Westindien angriffsweise vorzugehen, sowie Gibraltar zu nehmen. Diesem Plane entsprechend gestalteten sie ihre $Rüstungen für 1780[146]$.
[146] Vgl. auch die Tabellen Seite 224 mit dem Hinweis auf ihre nur bedingte Zuverlässigkeit, besonders was die spanische Marine anbetrifft.
=Spanien= hatte zu Beginn des Jahres 20 Schiffe in Cadiz unter =Cordoba=, 5 bei Algeciras, 11 kreuzten beim Kap St. Vincent; da man erfahren hatte, daß England Zufuhren nach Gibraltar senden wolle, rief man auch =de Gaston= mit seinen 21 Schiffen von Brest zurück. Er verlor hiervon am 16./17. Januar sieben bei St. Vincent und sandte Ende April zwölf unter Admiral =Solano= nach Westindien, wo sich schon einige Schiffe befanden; wahrscheinlich waren auch noch verschiedene in den Mittelmeerhäfen stationiert. Spanien wird somit im Anfang des Jahres etwas über 60 Linienschiffe und nach dem Verluste bei St. Vincent etwas unter dieser Zahl im Dienst gehabt haben.
=Frankreich= schloß den aus Brest absegelnden Spaniern 4 Linienschiffe an, sandte Anfang Februar 16 unter =de Guichen= nach Westindien, wo sich schon 10 oder 12 unter =de Grasse= und =La Motte-Picquet= befanden; im Mai führte =de Ternay= 7 nebst einer Hilfsarmee nach Nordamerika.
Da sich nun einige Schiffe (2?) in Toulon und schon im Januar von dieser Station 4 bei der spanischen Flotte in Cadiz befanden, 3 in Ostindien lagen, 2 nach dort abgingen und endlich 12 unter =Du Chaffault= das ganze Jahr über in Brest verblieben, während im Laufe des Sommers noch 9 von hier nach Cadiz segelten, so kann man die Gesamtindienststellung auf mindestens 70 Linienschiffe annehmen.
Selbstverständlich vermochte Frankreich infolge des großen Abganges an Toten und Schwererkrankten auf =d'Orvilliers=' Flotte noch weniger als im Vorjahre für diese Indienststellungen genügend Seeleute aufzubringen; man mußte noch mehr als früher mit Soldaten aushelfen und überwies zu diesem Zwecke zwei Regimenter des Heeres an die Marine.
=England= blieb auch 1780 seinem Grundsatz treu, auf allen fernen Kriegsschauplätzen einem Angriff gewachsen zu sein, in Europa seine Küsten zu decken und den Kanal im Interesse des Handels zu beherrschen. Für dieses Jahr waren 7-1/2 Millionen Lstrl. (einschließlich Neubauten, sowie 1-1/2 Millionen Überschreitung des Vorjahres) und 85000 Mann (einschließlich 18700 Seesoldaten) bewilligt. Im Sommer befanden sich 102 Linienschiffe im Dienst, deren Verteilung aus der Tabelle Seite 224 zu ersehen ist.
$Im Mittelmeer$ waren $in den Jahren 1778-1779$ keine Kriegsereignisse vorgefallen, solange sich nur England und Frankreich gegenüberstanden. Letzteres war durch sein Vorgehen im Kanal, Nordamerika und Westindien so in Anspruch genommen, daß England sich in Minorka und Gibraltar nicht bedroht sah; beide Staaten hielten im Mittelmeere nur geringe Kräfte zum Schutz des Handels. Als aber Spanien in den Krieg eintrat, begann es bereits im Juli 1779 =die Belagerung Gibraltars= und ließ diesem Platze durch einige Linienschiffe, sowie zahlreiche Fregatten von Algeciras aus die Zufuhren abschneiden. Wie schon erwähnt, war 1780 die Eroberung Gibraltars die Hauptaufgabe der spanischen Marine und eine große Macht wurde dafür bestimmt: =Cordoba= hatte in Cadiz 31 spanische und 4 französische Linienschiffe, 5 lagen in Algeciras; =Gaston= sollte mit 21 spanischen und 4 französischen zu ihm stoßen. Aber dennoch glückte es England, die belagerte Stadt mit Vorräten zu versehen.
$Rodney[147] siegt bei St. Vincent und versorgt Gibraltar. Januar 1780.$ Schon im Oktober 1779 hatte man in England beschlossen, den Admiral =Sir George Rodney= mit einigen Linienschiffen zur Übernahme des Kommandos nach Westindien zu senden; da die französische Flotte in Brest Winterquartiere bezogen hatte, nahm man nun die Gelegenheit wahr, mit der Ausreise dieses bewährten Führers die Versorgung Gibraltars und Minorkas zu verbinden. Der Admiral verließ am 29. Dezember mit 22 Linienschiffen, 14 Fregatten und einigen kleineren Fahrzeugen Plymouth. Nur fünf der ersteren hatte man für Westindien bestimmt, die übrigen gehörten der Kanalflotte an und waren Rodney nur unterstellt, um einen großen Konvoi zu decken. Dieser bestand aus Transportern mit Truppen, Kriegsmaterial sowie Proviant für Gibraltar und Minorka, und aus Handelsschiffen, die zur portugiesischen Küste oder nach Westindien segeln wollten; die letzteren zweigten sich am 7. Januar 1780 unter Deckung eines Linienschiffes nebst 4 Fregatten ab.
[149] =Sir George Bridges Rodney=, 1782 Baron R., geboren 16. Februar 1718, Kapitän 1742, Kontreadmiral 1759, Vizeadmiral 1762, Admiral 1778, gestorben 24. Mai 1792, diente als Kommandant eines Linienschiffes im österreichischen Erbfolgekriege (bei Finisterre 1747 unter Hawke) und im Siebenjährigen Kriege (bei Louisbourg 1759 unter Boscawen), führte 1759/60 ein Geschwader zur Blockierung der französischen Kanalhäfen, beschoß Havre, erhielt 1761 den Befehl auf der Antillenstation, nahm 1762 Martinique. Leichtsinnig in seinem Lebenswandel, hielt er sich bei Ausbruch des Krieges 1778 wegen seiner Schulden in England in Paris auf. Der französische Marschall =de Biron= hörte, daß =Rodney= sich rühme, er würde mit der französischen Flotte schon fertig werden, wenn er nur nach England könne, und bezahlte in einer Anwandlung von Ritterlichkeit sowie nationalem Kitzel dessen Schulden. Nun nach England zurückgekehrt, erhielt Rodney das obenerwähnte Kommando, und damit begann der glorreiche Teil der Laufbahn dieses tüchtigen und mutigen Mannes, der damals schon 62 Jahre zählte und schwer unter der Gicht litt. Seine Schlachten, besonders in Westindien ausgefochten, sein Geschick als Stratege und Taktiker und -- sein Glück, werden wir bald kennen lernen. Biographische Angaben: =Mundy=, The life and correspondence of the late Admiral R. (London 1830.)
Die Flotte stieß am 8. auf ein spanisches Geschwader -- ein Linienschiff, 4 Fregatten, 2 Korvetten -- nebst 12 Transportern mit Proviant für die Cadizflotte und nahm nach kurzer Jagd alle Fahrzeuge; das Linienschiff wurde, mit Engländern bemannt, angewiesen, die genommenen Proviantfahrzeuge nach Gibraltar zu geleiten. Auf der Weiterreise erhielt =Rodney= von einem Kauffahrer die Nachricht, daß auf der Höhe von =Kap St. Vincent= ein spanisches Geschwader kreuze, und als am 16. das Kap passiert war, kamen um 1 Uhr nachmittags 13 Segel in Sicht; =Rodney= steuerte sofort in gut gehaltener Formation auf sie zu. Es waren 11 Linienschiffe und 2 Fregatten unter dem Admiral =Don Juan de Langara=, ein Teil der Cadizflotte, die mit spanischer Sorglosigkeit schlecht geschlossen fuhren. Ihr Führer verlor die Zeit damit, zu sammeln, die Gefechtslinie zu bilden, sowie durch Signale die Ansicht der Kommandanten über weiteres Verhalten einzuholen, und nahm dann erst Kurs auf Cadiz, wofür der Wind günstig war.
=Rodney= gab nun Befehl zur »Allgemeinen Jagd« mit der Weisung, von Lee her anzugreifen, um sich so zwischen den Feind und die Küste zu setzen; das zuerst herankommende Schiff sollte das letzte feindliche angreifen, das zweite das vorletzte usw. Um 4 Uhr nachmittags schon waren die vier vordersten Engländer im Gefecht, um 4-3/4 Uhr flog ein spanisches Schiff von 74 Kanonen auf und um 6 Uhr strich ein zweites die Flagge. Jetzt wurde es schnell dunkel, aber der Kampf tobte weiter und um 2 Uhr morgens ergab sich der vorderste Spanier. Nur 4 Linienschiffe und die Fregatten entkamen; das Flaggschiff von 80 Kanonen, sowie 5 74-Kanonenschiffe wurden genommen. Auf einem der letzteren überwältigte später die Besatzung, die zur Bedienung herangezogen werden mußte, die wenigen Engländer, ein zweites strandete und fiel gleichfalls den Spaniern wieder zu. Es wehte nämlich während der Nacht bei hoher See so stark, daß selbst die größeren englischen Schiffe sich nur mit Mühe von den Klippen von San Lucar freihalten konnten.
Diese Schlacht, die den Siegern nur 39 Tote und 102 Verwundete kostete, zeigte die Tüchtigkeit =Rodneys=, der gerade an diesem Tage schwer unter der Gicht litt. Zwar war der Feind sehr unterlegen und wurde überrascht, aber dennoch blieb es eine kühne Tat, bei dem drohenden Wetter auf einer Leeküste kurz vor Einbruch der Nacht anzugreifen. Es war um so gewagter, als man wußte, daß =Cordobas= Streitkräfte in diesen Gewässern 35 Linienschiffe zählten. Dieser hatte auch tatsächlich mit den anderen 24 in Erwartung der Engländer gleichfalls vor der Straße von Gibraltar gekreuzt und war eben erst in Cadiz eingelaufen, um einige in einem Sturme beschädigte Schiffe auszubessern. =Rodney= wurde ferner dadurch vom Glück begünstigt, daß =Gaston=, der ihm von Brest aus entgegentreten sollte, zu lange im Hafen festgehalten und dann durch die Witterungsverhältnisse auf der Fahrt gehemmt wurde. =Rodney= erreichte unbelästigt Gibraltar, konnte aber widriger Winde halber erst am 26. Januar auf der Rhede ankern. Die fünf spanischen Blockadeschiffe zogen sich unter die Werke bei Algeciras zurück und die Engländer landeten ungestört Truppen sowie Vorräte. Die Transporter für Minorka waren schon vor dem Einlaufen in die Bucht unter Deckung von 3 Linienschiffen weitergesandt; sobald diese dann wieder eintrafen, ging =Rodney= am 13. Februar in den Atlantik zurück. Nach drei Tagen entließ er die Schiffe der Kanalflotte und steuerte selber mit 4 Linienschiffen nach Westindien. Gibraltar und Minorka waren auf ein Jahr versorgt.
Die unter Admiral =Digby= nach England segelnden Schiffe stießen am 23. Februar auf 15 französische Transporter, die unter Bedeckung durch 2 Linienschiffe und eine Fregatte nach Ostindien unterwegs waren. Drei Transporter sowie das Schiff des ältesten Kapitäns, der sich mutig opferte, wurden genommen, die anderen entkamen während der Nacht.
=Cordoba= rührte sich weder während des langen Aufenthalts der Engländer vor Gibraltar noch bei deren Rückfahrt durch die Straße. Er mochte wohl seinen, zur Zeit noch teilweise beschädigten Schiffen nicht allzuviel zutrauen. Nach der Vernichtung =Langaras= konnte er auch nicht mehr mit Überlegenheit auftreten, zumal das Geschwader =Gastons= erst am 23. Februar eintraf; es hatte schweres Wetter in der Biskaya gehabt und längere Zeit in Ferrol behufs notdürftiger Ausbesserung gelegen.
Der Befehlshaber der vier französischen Schiffe bei der spanischen Flotte äußerte sich sehr absprechend über diese. Die Besatzungen seien ungeschickt in der Bedienung der Schiffe und die Offiziere unerfahren, aber auch nachlässig im Segeln in großen Verbänden. Auch für =Cordobas= Tatkraft spricht nicht gerade die Erzählung eines spanischen Autors: Nach diesem traf die Meldung, daß die Engländer Gibraltar wieder verlassen hätten, den Admiral in der Kirche. Er sagte: »Es ist gut! Geduld. Gott will es. Diesmal haben die Engländer Glück, ein anderes Mal werden wir es haben.« Ein Epigramm jener Zeit nannte ihn »el gran santulario«.
Rodneys Sieg erregte in England große Freude. Der Erste Lord schrieb ihm, er habe mehr Linienschiffe genommen als in irgendeiner Schlacht der beiden letzten Kriege erbeutet worden wären. Der Admiral schrieb seinen Erfolg dem Umstande zu, daß ein Teil seiner Schiffe gekupfert und dadurch imstande gewesen sei, den Gegner einzuholen und festzuhalten. Er legte deshalb der Admiralität ans Herz, diese Maßnahme schnell allgemein durchzuführen, und der Erste Lord antwortete ihm: »Ich höre Sie laut nach gekupferten Schiffen rufen und bin entschlossen, to stop your mouth; you shall have copper enough.« Die Kupferung wurde dann auch beschleunigt.
$Der weitere Verlauf des Krieges in Europa 1780.$ Die Versorgung Gibraltars blieb der einzige englische Vorstoß in diesem Jahre, ja das einzige hervortretende Ereignis überhaupt, obgleich es schon im Februar zu Ende war, also zu einer Zeit, in der sonst die großen Unternehmungen kaum begannen. England, seiner Sorge um Gibraltar ledig, hielt die schwachen Streitkräfte, 43 Linienschiffe, in den nördlichen Gewässern zurück und auch die Verbündeten unternahmen nichts Ernstes, obgleich sie in Cadiz über eine große Zahl von Schiffen verfügten, im Herbst sogar über eine ungeheure Macht. Die Bewegungen der Gegner seien hier kurz dargestellt.
Der englische Admiral =Francis Geary=, der im Mai für den verstorbenen Admiral =Hardy= die Kanalflotte übernommen hatte, trat am 8. Juni mit 30 Linienschiffen eine Kreuzfahrt zum Schutze des Handels im Kanal an. Anfang Juli stieß er auf einen französischen Konvoi von 30 nach Westindien bestimmten Kauffahrern, konnte aber wegen einbrechender Nacht und aufkommenden Nebels nur 12 von ihnen nehmen. Am 18. August war diese Fahrt beendet und bald darauf ging der Oberbefehl auf Vizeadmiral =George Darby= über, der ihn auch während des Jahres 1781 führte. Von nun an kreuzten einzelne Kriegsschiffe, kleinere Verbände, sowie zahlreiche Kaper im Kanal und hinunter bis zur portugiesischen Küste.
=Die Verbündeten= zogen stärkere Streitkräfte in Cadiz zusammen; Frankreich suchte Spanien zu einer entscheidenden Unternehmung zu bewegen, aber dieser Staat versteifte sich auf die Belagerung von Gibraltar. Das einzige, wozu er sich verstand, war die Entsendung des Admirals =Don Josef de Solano= mit 12 Linienschiffen, einigen Fregatten, sowie gegen 12000 Mann nebst starkem Artilleriematerial auf 83 Transportern Ende April nach Westindien. Auch dann blieb =Cordoba= noch 29 Linienschiffe stark und Gibraltar war von Algeciras aus durch 5 solcher unmittelbar blockiert. Da zu diesen noch 8 oder 9 französische zu rechnen sind und im Juli weitere 5 von Brest eintrafen, so verfügten die Verbündeten schon Mitte dieses Monates hier über eine große Flotte.
In =Brest= behielt Frankreich das ganze Jahr über 12-15 Linienschiffe unter Lieutenant-Général =Du Chaffault= als ein Beobachtungsgeschwader; dies ist jedoch niemals vereint in See gegangen, sondern ließ nur einzelne Schiffe kreuzen.
=Cordobas Unternehmungen= blieben aber ganz auf die südlichen Gewässer beschränkt. Erst im Juli erhielt er den Befehl, mit einer größeren Macht in See zu gehen; er sollte zwischen Kap St. Vincent und Vigo bis auf 150 Seemeilen von der Küste entfernt kreuzen, um dem Treiben englischer Kriegsschiffe und Freibeuter ein Ende zu machen, die zwischen Ferrol und Cadiz die Verbindung fast ganz unterbrochen hatten und den französisch-spanischen Handel störten. Am 31. Juli lief er mit 22 Schiffen aus und hatte das Glück, am 8. August auf 36° 40' nördlicher Breite und 15° Westlänge (Greenwich) einen englischen Konvoi von 67 Fahrzeugen zu treffen, die nach Ost- und Westindien bestimmt und durch ein Linienschiff sowie zwei Fregatten gedeckt waren; nur die Kriegsschiffe und 12 Handelsschiffe entkamen, mit 55 Prisen im Werte von 1-1/2 Millionen Lstrl. und 2865 Gefangenen lief =Cordoba= am 29. August wieder in Cadiz ein. Der Schlag traf England um so härter, da ein Teil der Schiffe mit Zufuhren für die Truppen und Schiffe in den Kolonien beladen waren. Dies blieb aber auch der einzige Erfolg der Verbündeten, obgleich Frankreich den Vizeadmiral =d'Estaing= nach Spanien sandte, um mehr Tatkraft in die Kriegführung zu bringen.
$D'Estaings Mission in Spanien.$ Der Vizeadmiral traf im Juni 1780 in Madrid ein und versuchte mit Unterstützung des französischen Gesandten dahin zu wirken, daß man die große Flotte nicht nur im Dienste der Belagerung von Gibraltar belasse, in dem sie nach französischer Ansicht überhaupt nichts Ausschlaggebendes nützen könnte. Aber lange Verhandlungen hatten keinen Erfolg. =D'Estaing= traf dann am 26. September in Cadiz ein, begab sich von dort in das Lager von Gibraltar, fand die Aussicht auf eine erfolgreiche Berennung der durch ihre Lage fast uneinnehmbaren Stadt sehr gering und ward in seiner Ansicht noch bestärkt, daß die Flotte hier nichts nützen könne. Er trat lebhaft für deren anderweitige Verwendung ein, beispielsweise zu einem Angriff auf Minorka, aber wieder vergeblich. -- Er hatte Befehl, nach Eintreffen der französischen Streitkräfte von Westindien, die für die zweite Hälfte des September nach Cadiz beordert waren, die Gesamtflotte Frankreichs nach Brest zu führen, falls Spanien bis dahin nicht einer anderen Verwendung zugestimmt habe.
Am 1. Oktober trafen noch einige Schiffe vor Brest in Cadiz ein und am 24. kamen das Geschwader =de Guichens=, sowie die selbständige Division =de La Motte-Picquets= von Westindien an; jetzt waren etwa 40 französische Linienschiffe dort vereint. Da es =d'Estaing= nicht gelang, Spanien zu entschlossenerem Handeln zu bewegen und er keinen Nutzen in einem längeren Aufenthalt der französischen Schiffe bei Cadiz sah, traf er Anstalt, diese gemäß der erhaltenen Weisung nach Frankreich zurückzuführen. Die Jahreszeit war schon weit vorgeschritten, denn die Schiffe aus Westindien waren über einen Monat später angekommen, als man erwartet hatte und die meisten hatten eine gründliche Ausbesserung nach ihrer fast zweijährigen Abwesenheit nötig. Unter =de Guichen= waren 95 Schiffe mit Zucker und Kaffee angekommen. =D'Estaing= ließ von diesen die ins Mittelmeer bestimmten durch Kapitän =Suffren= mit 5 Linienschiffen nach Toulon geleiten, während er mit dem Gros der Flotte am 7. November nach Norden segelte. Er kreuzte noch kurze Zeit beim Kap St. Vincent und traf am 5. Januar 1781 in Brest ein.
$Bemerkungen zu dem Kriege in Europa 1779/80.$ Während sich 1779 in Westindien etwa gleichstarke Kräfte gegenüberstanden, befand sich =England= in den heimischen Gewässern in großer Bedrängnis, als die Flotte der Verbündeten auftrat; niemals seit Ruyters Zeit war die Gefahr eines Einfalles so groß gewesen wie jetzt. Zwei Fehler der Regierung hatten dies verschuldet. Erstens hatte man in den Friedensjahren versäumt, die Marine einem möglichen, ja wahrscheinlichen Zusammenwirken der beiden bourbonischen Königreiche gewachsen zu erhalten, zweitens mußte die Vereinigung der beiden feindlichen Flotten jetzt verhindert werden. Daß diese Unterlassungen sich nicht rächten, ist nur den Mißgriffen der Verbündeten zu danken; diese seien hier nochmals kurz zusammengefaßt.
Die französische Flotte ging mit unvollständiger Bemannung und Ausrüstung in See, um nicht vom Feinde in ihren Häfen blockiert zu werden. Die spanische brauchte sieben Wochen bis zur Vereinigung und dann verging noch eine Woche mit Maßnahmen, die man vorher hätte erledigen können. Französischerseits unterließ man ferner die Ergänzung der während des langen Wartens aufgebrauchten Vorräte. Ein weiterer schwerer Fehler war der befohlene Wechsel des Angriffspunktes. Dadurch ging die günstige Gelegenheit zur Landung unwiederbringlich verloren, und Krankheit sowie Mangel auf der Flotte bereiteten schließlich dem Unternehmen ein unrühmliches Ende. Auch hier bestätigte sich wieder, daß es grundfalsch ist, eine vor dem Feinde stehende Macht, und ganz besonders eine Seestreitmacht, ganz von Hause her leiten zu wollen. Gerade im vorliegenden Falle war der Gegenbefehl durchaus verkehrt und somit =d'Orvilliers=' Einwendungen völlig berechtigt; die erhaltene Weisung einfach nicht zu beachten, lag nicht in seinem Charakter. Dies hätten auch wohl nur wenige Führer gewagt, ein =Nelson= oder =Bonaparte= würden es wahrscheinlich getan haben.
Die Führer der großen Flotte zeigten sich allerdings auch nicht ihrer Aufgabe gewachsen, doch fällt dies gleichfalls den Regierungen zur Last, die sie an die verantwortlichen Stellen setzten. =D'Orvilliers= war ein tüchtiger Offizier, aber 68 Jahre alt und kein Charakter, der die Jahre vergessen ließ; er nannte sich außerdem selber »einen gebrechlichen Greis«. Es fehlten ihm Entschlußfähigkeit und Kühnheit, die unter schwierigen Umständen vieles wagen, um alles zu gewinnen.
Bezeichnend sind die Aussprüche zweier anderer Autoren (Chevalier II, Seite 136 A. a. O.): »=D'Orvilliers= wollte 1778 bei westlichem Winde nicht in den Kanal einlaufen, da er dann bei schlechtem Wetter oder nach unglücklichem Kampfe nicht wieder herauskönne; 1779 hinderte ihn östlicher Wind am Einlaufen. Welch ein Wind war denn nun günstig?« -- (Lacour II, Seite 254): »Man sagt, daß sich =d'Orvilliers= während des Feldzuges 1779 stets gefragt habe: »Was geschieht, wenn ich besiegt werde«, aber niemals: »Was erfolgt, wenn ich siege.«
Nicht anders lag es mit =Cordoba=. Dieser war sogar 73 Jahre alt, und =d'Estaing=, der 1780 mit ihm verhandeln mußte, berichtete, er habe bisher nur gegen die Barbaresken gefochten und sei, selbst nach Ansicht spanischer Offiziere, eine Persönlichkeit ohne jede Bedeutung, ohne Tatkraft und Kühnheit. Beide Führer waren allerdings auch nicht vom Glück begünstigt, und die Wetterverhältnisse waren mehrfach gegen sie, aber es gilt als alte Erfahrung, daß dem Wagemutigen das Glück hold ist; denn wer auch unter ungünstigen Verhältnissen seine Absicht durchzusetzen strebt, kommt einem günstigen Umschwung gewissermaßen entgegen. -- Infolge der Fehler der Verbündeten blieb das große Unternehmen 1779 ein Schlag ins Wasser; =Lacour= sagt von ihm: »Si le sujet n'était pas si triste, on penserait à la montagne en mal d'enfant, qui met au monde une souris.«
Die Kriegführung des Jahres 1779 zeigt deutlich =eine der Schwächen der Allianzen=[148]. Durch seine Nachlässigkeit in den Rüstungen lähmt der eine Verbündete den anderen. Im Jahre 1780 zeigt sich die Hauptgefahr für jedes Bündnis, die Verschiedenheit der Interessen und Ziele. Frankreich bindet sich noch stärker als vorher in Westindien, Spanien verbeißt sich in die Belagerung von Gibraltar. Der Oberbefehlshaber, Admiral =Cordoba=, löst in diesem Jahre aber nicht einmal die einfache Aufgabe, die belagerte Stadt von See her abzuschließen. Es gelingt =Rodney= mit weit schwächeren Kräften, Gibraltar zu versorgen; bei dieser Gelegenheit zeigt sich, daß dem Mutigen auch das Glück hold ist. Die Wetterverhältnisse legen die Seestreitkräfte des Gegners lahm und begünstigen ihn. Er trifft dann auf den Konvoi und einen Teil der spanischen Flotte, der ohne Unterstützung ist. Daß das englische Geschwader die Stürme überstand, während die Schiffe des Gegners arg beschädigt wurden, war allerdings der Überlegenheit der Engländer in Seemannschaft zu danken.
[148] Hierüber vgl. das in Band I, Seite 356 Ausgeführte.
$Ausbruch des Krieges zwischen England und Holland 1780.$ Am 20. Dezember erklärte England den Krieg an Holland. Schon weit früher war es zu Reibungen gekommen. Seit Ausbruch des Englisch-Amerikanischen Krieges wurde die holländische Schiffahrt durch die Untersuchungen seitens englischer Kriegsschiffe arg belästigt und noch mehr seit Beginn des Kriegs mit Frankreich. Am 31. Dezember 1779 ereignete sich bereits ein Vorfall ernster Art. Ein englisches Geschwader von 5 Linienschiffen und einigen Fregatten unter Kapitän =Charles Feilding= begegnete im Kanal einem großen holländischen Konvoi, geleitet durch 2 Linienschiffe und 2 Fregatten unter Kontreadmiral =van Byland=. Der englische Kommodore verlangte die Untersuchung der Schiffe. Der holländische Admiral verweigerte sie und ließ Gewehrfeuer auf die Boote richten, die trotzdem zu den Handelsschiffen fuhren. Nun eröffneten die englischen Schiffe das Feuer auf die holländischen und diese ergaben sich in ihr Schicksal; der Admiral strich sogar die Flagge. Davon machte =Feilding= nun zwar keinen Gebrauch, aber er führte 12 Kauffahrer nach Portsmouth, die dort kondemniert wurden, da sie nach englischer Angabe tatsächlich Kontrebande an Bord hatten.
Gleichzeitig mit der Kriegserklärung sandte England den Befehl nach Ost- und Westindien, die holländischen Schiffe sowie Besitzungen wegzunehmen; es soll sogar diese Weisung schon früher erlassen haben, da die englischen Kriegsschiffe überall so frühzeitig über den holländischen Handel herfielen, daß Ende Januar 1781 bereits 200 Kauffahrer im Werte von 15 Millionen Gulden aufgebracht waren. Am 30. Dezember 1781 ward das erste holländische Kriegsschiff von 54 Kanonen durch zwei englische 74-Kanonenschiffe im Kanal genommen. (Näheres über die Belästigungen des holländischen Handels, die dadurch hervorgerufenen Reibungen und die militärischen Maßnahmen Hollands findet man in =de Jonge=, Band 4, Seite 379 ff.)
Der Krieg in Westindien und Nordamerika 1780.
$Westindien.$ Im Beginn des Jahres 1780 lag der englische Admiral =Hyde Parker= mit etwa 16 Linienschiffen in Sta. Lucia, während sich die französischen Divisionen =de Grasse= und =de La Motte-Picquet=, 10 oder 11 Schiffe, in Martinique befanden; beide Parteien unternahmen Kreuzfahrten gegen Handelsschiffe und Transporter. =De La Motte= hatte von Haus Befehl erhalten, seine eigentliche Station bei St. Domingue gegen die Engländer in Jamaika einzunehmen, war aber von =de Grasse= und dem Gouverneur wegen der Überlegenheit des Gegners bisher auf der Antillenstation zurückgehalten; erst als die Nachricht vom Nahen der starken Flotte unter =de Guichen= eintraf, ließ man ihn absegeln. Auf der Reise hatte er einen Zusammenstoß mit einem englischen Geschwader, blieb aber sonst den großen Ereignissen des Jahres fern. Ebenso auch die schwache englische Jamaikastation unter =Sir Peter Parker=; beide fanden nur Verwendung zum Kleinen Kriege im nordwestlichen Teile der westindischen Gewässer.
$Gefecht bei Monte Christi, 20. März 1780.$ =La Motte-Picquet= verließ am 13. März mit zwei Schiffen zu 74 Kanonen, einem zu 64, einem zu 50 und einer Fregatte Martinique nebst einem Konvoi für Cap Français. Am 20. März stieß er nicht weit von seinem Ziele bei Monte Christi (Nordküste von Haiti) auf den Kapitän =Cornwallis=, der sich mit drei schwachen Schiffen der Jamaikastation auf einer der üblichen Kreuzfahrten in den dortigen Gewässern befand. Es kam zu einem Gefechte, das von 5 Uhr nachmittags bis mitternacht und den ganzen nächsten Tag über dauerte. Dann brach =La Motte= ab, da drei andere Engländer in Sicht kamen, und segelte nach Cap Français, wohin sein Konvoi schon vorausgegangen war. Der Zusammenstoß ist bemerkenswert, weil man aus seinem Verlaufe wiederum ersehen kann, wie die französischen Führer jener Zeit fast immer nur die Lösung ihrer Aufgabe anstrebten, sonst aber ihre Schiffe schonten. =De La Motte=, ohne Zweifel ein mutiger Mann und tüchtiger Offizier, hatte nur den Schutz des Konvois im Auge; zu diesem Zwecke griff er zwar selber an, führte aber den Kampf nicht bis zur Entscheidung durch, obgleich er weit überlegen war. =Cornwallis= befehligte ein Schiff zu 64 Kanonen, eins zu 50 und eins zu 44, und die später in Sicht kommenden waren auch nur ein 64-Kanonenschiff, nebst 2 Fregatten. (Näheres über das Gefecht vgl. Clowes III, Seite 474; Troude II, Seite 66.)
=De La Motte= geleitete später verschiedene Konvois, nach Europa bestimmte, von Cap Français, dem üblichen Sammelplatze, aus, so weit in den Atlantik, bis sie vor feindlichen Kreuzern sicher schienen; am 13. August trat er, erhaltenem Befehle gemäß, die Heimfahrt an und traf Ende Oktober in Cadiz ein.
$De Guichen und Rodney in Westindien 1780.$ =Lieutenant-Général de Guichen=[149] hatte am 3. Februar Brest mit 16 Linienschiffen und 4 Fregatten -- nach Angabe der französischen Quellen schlecht ausgerüstet -- nebst einem Konvoi von 83 Segeln verlassen; er traf am 22. März in Martinique ein und vereinigte sich mit =de Grasse=. Er war entrüstet, nicht auch =La Motte= vorzufinden, da er dann dem Gegner sehr überlegen gewesen wäre. Seine Order wies ihn an, auf der Reise besonders den Konvoi zu hüten, weil es in den Kolonien sehr an Nahrungsmitteln sowie anderen Bedürfnissen mangele, in Westindien dann »die Seeherrschaft zu erringen«; von etwa genommenen Inseln solle er einzig Sta. Lucia besetzen, auf anderen nur die Befestigungen und Magazine zerstören. Der Befehl enthielt aber wieder den lähmenden Zusatz: »Die See zu halten, soweit es die Stärke des Gegners erlaube, ohne die eigenen Kräfte zu sehr einzusetzen.« Der Admiral hoffte nun, Sta. Lucia überraschen zu können; er schiffte deshalb nur seine Kranken aus und ging schon am 23. März wieder in See. Er fand aber =Hyde Parker= mit seinen 16 Schiffen in der Gros-Islet-Bucht derartig verankert, daß er keinen Angriff wagte und nach Fort Royal zurücksegelte. Eine ähnlich günstige Gelegenheit, Sta. Lucia zu nehmen, kam nicht wieder; am 27. März vereinigte sich =Rodney=, von seiner spanischen Expedition angekommen, mit =Hyde Parker=, und die nun 20 oder 21 Linienschiffe starke englische Flotte war der französischen ungefähr gleich.
[149] =Luc Urbain de Bouexic, Comte de Guichen=, geboren 21. Juni 1712, Garde marine 1730, Lieutenant 1746, Capitaine 1756, Chef d'Escadre 1776, Lieut.-Général 1779, gestorben 13. Januar 1790, war viel zur See gefahren und hatte sich in den beiden letzten Kriegen sehr hervorgetan. 1778 führte er bei Ouessant eine Division der Mitte, 1779 die Vorhut der großen Flotte d'Orvilliers'. Er galt für sehr tüchtig in der Führung eines Geschwaders, aber auch für einen Typ der vorsichtigen taktischen Schule, außerdem war er jetzt 68 Jahre alt. Nach seinen drei Schlachten mit =Rodney=, der ihn als Gegner hoch einschätzte, stand er 1781/82 in der französisch-spanischen Flotte unter =Cordoba=. Am 12. Dezember 1781 wurde er im Atlantik bei Begleitung eines Konvois von Admiral Kempenfelt mit schwächeren Kräften geschlagen.
$Die Stärke der Gegner.$ =Die englische Flotte= bestand aus: der Vorhut, Kontreadmiral =Hyde Parker=, dem Flaggschiff zu 90 Kanonen, 4 Schiffen zu 74, 2 zu 64, 1 Fregatte; der Mitte, =Rodney=, Flaggschiff zu 90, 3 zu 74, 1 zu 70, 2 zu 64, 3 Fregatten; der Nachhut, Kontreadmiral =Rowley=, 4 zu 74, 1 zu 64, 1 zu 60, 1 zu 50 Kanonen (dieses sollte im Notfalle die Linie verlängern), 1 Fregatte.
=Die französische Flotte= zählte: Vorhut, Chef d'Escadre =Comte de Sade=, Flaggschiff zu 80 Kanonen, 3 Schiffe zu 74, 2 zu 60, 1 zu 60; Mitte, =de Guichen=, Flaggschiff zu 80, 4 zu 74, 3 zu 64; Nachhut, Chef d'Escadre =Comte de Grasse=, 6 Schiffe zu 74, 1 zu 64; hinzu traten 5 Fregatten und 1 Korvette.
$Die drei Gefechte bei Martinique 1780.$ Schon am 2. April zeigte sich =Rodney= vor Fort Royal, da =Guichen= aber nicht aus dem Hafen kam, ging er nach Sta. Lucia zurück und ließ den Feind durch Fregatten beobachten. Der französische Admiral war mit dem Gouverneur =de Bouillé=, der sich mit 3000 Mann auf der Flotte einschiffte, übereingekommen, bei günstiger Gelegenheit unbemerkt in See zu gehen, zunächst einen nach St. Domingue bestimmten Konvoi eine Strecke nach Norden zu geleiten und dann den Angriff auf die englischen Inseln zu beginnen. In der Nacht des 13. April verließ die französische Flotte den Hafen, aber die englische folgte sofort. Schon am 16. sichteten sich beide in Lee der Insel Martinique; die englische kam von Südosten heran, als die französische gegen Nordostpassat auf den Kanal zwischen Martinique und Dominica zu aufkreuzte.
In den nun folgenden Manövern zur Gewinnung der Luvstellung hatten die Engländer den Erfolg für sich. Bei Tagesanbruch am 17. April stand die englische Flotte etwa 12 Seemeilen östlich der französischen, und etwa 20 Seemeilen westlich vom Eingange des genannten Kanals erfolgte =die erste Schlacht=. Sie blieb =unentschieden=, ist =aber bemerkenswert für die Geschichte der Seetaktik=. Rodney versucht in ihr, abweichend von der bisherigen Angriffsart, einen Teil des Gegners überlegen anzugreifen; es mißlingt jedoch, da seine Untergebenen die Absicht nicht verstehen. Sie wurde dann in alter Weise zu Ende geführt und brachte die bekannten Folgen: Die Engländer standen nach dem ersten Zusammenstoß wegen der Beschädigung der Schiffe von weiterem Kampfe ab, und auch der französische Admiral drang im Hinblick auf den einschränkenden Zusatz zu seiner Instruktion nicht auf seine Fortsetzung bis zur Entscheidung.
$Die erste Schlacht bei Martinique am 17. April 1780[150].$ Bei Tagesanbruch lag die französische Flotte unter östlichem Winde in Kiellinie über Steuerbordbug mit etwa SSO-Kurs, die englische steuerte über Steuerbordbug nördlich. Rodney stellte die über Nacht etwas verloren gegangene Ordnung her und schloß die Entfernungen zwischen den Schiffen von zwei auf eine Kabellänge. Beide Flotten steuerten also einen parallelen, aber nahezu entgegengesetzten Kurs; es war für die zu Luward stehenden Engländer Gelegenheit, sich mit ihrer enggeschlossenen Linie überwältigend auf die hintere Hälfte der etwas auseinandergezogenen französischen zu werfen und diese niederzukämpfen, ehe die vordere Hälfte wenden und zur Hilfe herankommen konnte. Dies war Rodneys Absicht. Er machte sie um 8 Uhr vormittags durch Signal bekannt -- bereits früher scheint er durch Zusätze zur Gefechtsinstruktion derartige Manöver vorbereitet zu haben. Um 8-1/2 Uhr kommandierte er dann »Linksum« und hielt mit vollen Segeln in Dwarslinie auf den Gegner zu.
[150] Wir folgen hauptsächlich der Schilderung in Clowes III, Seite 453, geschrieben von =Captain Mahan=, als der neuesten und eingehendsten. Unsere anderen Quellen, auch Mahan in »Seemacht« I, weichen von dieser darin ab, daß nach ihnen die Schlacht über Steuerbordbug geschlagen wurde. Dies hat jedoch auf ihren Verlauf und für die Beurteilung der von =Rodney= angestrebten Taktik keinen Einfluß.
=Guichen= erkannte die Gefahr und ließ alle Schiffe zugleich halsen, so daß der Stoß nur die vordere Hälfte getroffen haben würde, der die hintere leicht Unterstützung bringen konnte. =Rodney= bildete darauf die Kiellinie über Steuerbordbug, um sein Manöver am anderen Ende der feindlichen Linie zu versuchen (vgl. Plan, Lage 1). Er öffnete jetzt zwar die Abstände wieder auf 2 Kabellängen, blieb aber immer noch geschlossener als der Gegner; die beiden Flotten lagen nun von neuem auf entgegengesetzten Kursen. Um 10-1/4 Uhr war Rodney mit seinem Flaggschiff querab von dem de Guichens, gab Befehl, mit allen Schiffen zugleich zu halsen, und ließ, als dies geschehen und die Linie wieder gut ausgerichtet war, etwa um 11 Uhr mehr nach Backbord, also schräg auf den Feind zu, steuern. Um 11-3/4 erfolgten schnell hintereinander die Signale: »Gerade auf den Feind abhalten; ein jedes Schiff auf seinen Gegner in der feindlichen Linie (dies war ein Signal gemäß seines Zusatzes zur Gefechtsinstruktion); Nahgefecht.« Rodney nahm dabei an, daß die Admirale und Kommandanten seiner um 8 Uhr bekanntgegebenen Absicht entsprechend das Schiff angreifen würden, das ihnen »augenblicklich« in der feindlichen Linie gegenüberstand.
Jetzt aber machte sich das Kleben am bisherigen Brauch, an dem buchstäblichen Befolgen der Gefechtsinstruktion, geltend. Der Kommandant des Spitzenschiffes, Kapitän =Carkett=, glaubte, er müsse das feindliche Spitzenschiff angreifen, steuerte auf dieses zu und zog seine drei Hintermänner einschließlich des Admirals der Vorhut, =Hyde Parker=, hinter sich her. Diese 4 Schiffe eröffneten gegen 1 Uhr nachmittags das Feuer, zunächst auf weitere Entfernung; die übrigen führten den Angriff richtiger aus, besonders die drei letzten der Vorhut, obgleich sie von ihrem Admiral den Befehl erhielten, in der Linie zu bleiben und ihm zu folgen. Es scheint demnach, als ob auch =Hyde Parker= die Absicht des Flottenchefs nicht verstanden habe. =Rodney= griff mit dem Flaggschiff etwas nach 1 Uhr in nächster Nähe an. Er war auf das zweite Schiff (64 Kanonen) hinter dem feindlichen Flaggschiffe gestoßen, trieb dies aus der Linie und ebenso das folgende, das die Lücken schließen wollte (Plan, Lage 2). Wohl während des Kampfes den Weichenden etwas nachdrängend, sah er sich plötzlich um 2-1/2 Uhr in Lee der feindlichen Linie und deren Flaggschiff zu Luward; er rief seine beiden Vordermänner zur Unterstützung näher heran.
So wurde der Kampf an dieser Stelle ziemlich heiß, und =Guichen= gewann den Eindruck, daß =Rodney= hier durchbrechen wolle. Dies ist indes kaum anzunehmen, da die Engländer bisher nicht viel vom Doublieren hielten; Rodney war wohl nur durch Zufall nach Lee geraten. Guichen gab deshalb gegen 4 Uhr den Befehl, mit allen Schiffen zugleich zu halsen, um den Durchbruch zu verhindern und weiter in Lee aufs neue Stellung zu nehmen. Da das Manöver ziemlich viel Raum erforderte, faßte =Rodney= es als Rückzug auf, er folgte aber nicht, wohl weil die Ordnung seiner Linie gestört war und das Flaggschiff sehr gelitten hatte; es hatte Fockmast sowie Großraa verloren und 80 Schüsse in den Rumpf erhalten, von diesen 3 unter Wasser, so daß es während der nächsten 24 Stunden nur mit Mühe flott erhalten werden konnte. Der Kampf fand um 4-1/4 Uhr nachmittags sein Ende und die Flotten trennten sich.
=Die Verluste= bezifferten sich englischerseits auf 120 Tote und 354 Verwundete, französischerseits auf 222 bzw. 537. Die englischen Schiffe waren in der Takelage wesentlich mehr beschädigt als die französischen.
Soweit die Schilderung, die besonders auf englischen Angaben, Berichten und Auslassungen =Rodneys= beruht, da die französischen sehr dürftig sind. =Rodney= erklärte später, diese Schlacht sei die beste Gelegenheit seines Lebens für einen großen Schlag gewesen; sein Plan würde Erfolg gehabt haben, wenn er richtig durchgeführt worden wäre. Er war mit seinen Untergebenen sehr unzufrieden und lobte nur 5 Kommandanten: seinen Flaggkapitän, die Führer der drei Vorhutschiffe und einen Kommandanten der Nachhut, der wie er selber nahe an den Feind herangegangen war. Dem Führer des Spitzenschiffes sowie dem Admiral =Hyde Parker= warf er die bereits hervorgehobenen Fehler vor, allen übrigen, daß sie ihre Schiffe nicht scharf genug ins Gefecht gebracht hätten. Auch Admiral =Rowley= traf sein Vorwurf, die Signale nicht genau befolgt zu haben.
Dies verhielt sich so: dem Schiffe der Nachhut, das dicht herangegangen war, hatte beim Aufdrehen zum Kampfe das Ruder versagt und es war über den falschen Bug zum Gefecht gekommen. Als darauf einige Franzosen wendeten, tat =Rowley= das gleiche. (Alle diese Schiffe legten sich übrigens bald wieder über Backbordbug.) Hierin sah Rodney einen Fehler, Rowley wandte aber ganz richtig dagegen ein, daß er mit seinem Manöver der Weisung entsprochen habe, wonach der Hauptangriff auf den hinteren Teil der feindlichen Linie gerichtet werden sollte. Rodneys Darlegungen wurden zwar nicht veröffentlicht, aber doch durch Privatbriefe und Gespräche bekannt. Der Kommandant des Spitzenschiffes, Kapitän =Carkett=, schrieb daraufhin an den Admiral, und dessen Antworten geben neben seinen Berichten genauen Aufschluß über seine Absicht; man ersieht aus ihnen auch, daß eben Mangel an Verständnis im englischen Offizierkorps den Plan des Admirals vereitelte. (Vgl. Clowes III, Seite 460 ff.)
Nach der Schlacht segelte =Guichen= nach Guadeloupe, um Verwundete und Kranke auszuschiffen. =Rodney= besserte auf See notdürftig aus und folgte dann dem Gegner, um sich zwischen ihm und Martinique zu halten, war aber bald genötigt, bei Sta. Lucia zu ankern, da er Wasser nehmen mußte. Er verlor jedoch die Absicht, die Rückkehr der Franzosen nach Fort Royal, ihrem besten Hafen und Ausrüstungsplatze, zu hindern, nicht aus dem Auge. Er ließ Fregatten östlich sowie westlich von Martinique kreuzen und erhielt so rechtzeitig Nachricht, sobald der Feind sich rührte. =Guichen= verließ an einem der ersten Maitage Guadeloupe und steuerte östlich von Martinique zu einem neuen Versuche gegen Sta. Lucia südlich.
=De Bouillé= hatte sich mit einem Teile der Landungstruppen auf Fregatten eingeschifft, die der Flotte um einige Stunden voraussegelten, als er jedoch am 9. Mai in der Straße zwischen Martinique und Sta. Lucia ankam, sah er die englischen Schiffe schon aus der Gros-Islet-Bucht herauskommen. So traten sich die beiden Flotten südöstlich der erstgenannten Insel wiederum entgegen und manövrierten dann, beide mit großem Geschick, 10 Tage lang in Sicht voneinander. Franzosen wie Engländer behaupten eine Schlacht gesucht zu haben, aber der Gegner sei ausgewichen oder habe günstige Gelegenheiten zum Angriff nicht benutzt.
Ein vorurteilsfreier Vergleich zeigt, daß beide hiermit nur bedingt recht haben, am meisten noch die Engländer. Da die Franzosen während der ganzen Zeit (eine Stunde am 15. Mai ausgenommen) die Luvstellung in dem regelmäßig wehenden Passat innehatten, ist ihre Behauptung unhaltbar, es sei unmöglich gewesen, den Feind zur Schlacht zu bringen, denn die Flucht hat dieser nie ergriffen. =Guichen= ging häufig, gewöhnlich wenn nachmittags der Passat am stetigsten wehte, näher an die Engländer heran, nahm aber den Nahkampf nie auf; wahrscheinlich wollte er, wie üblich, seine Flotte schonen und rechnete damit, dem Feinde nach und nach oder bei ganz besonders günstiger Gelegenheit Abbruch zu tun. =Rodney= nahm den auf weitere Entfernung angebotenen Kampf nie auf, um seine Munition nicht zu verschleudern, auch wollte er wohl nach englischem Brauch nur aus der Luvstellung fechten; er suchte also diese zu erreichen, wobei er gleichzeitig den Feind sowohl von dessen Stützpunkt wie auch von seinem Angriffsobjekt abdrängte. Beide Male aber, als die Umstände ihm eine Gelegenheit zum Angriff boten, benutzte er sie auch; man kann mithin nicht sagen, daß er jedem Zusammenstoß grundsätzlich ausgewichen sei.
$Die Gefechte bei Martinique am 15. und 19. Mai 1780.$ Am 15. Mai nachmittags kam =Guichen= etwas näher als gewöhnlich heran; beide Flotten lagen bei Ostwind über Steuerbordbug mit SSO-Kurs. Schon war das französische Spitzenschiff etwa querab von der englischen Mitte imstande, das Feuer zu eröffnen, da drehte der Wind schnell auf SSO, so daß sämtliche Schiffe etwa SW anlagen. =Rodney= benützte dies, wendete im Kontremarsch und führte seine Flotte nach Osten; er würde die feindliche Spitze zu Luward passiert haben, wenn nicht auch =Guichen= sofort mit allen Schiffen zugleich gehalst und gleichfalls östlich gesteuert hätte (also in einer Linie, in der sich seine Schiffe etwa SSO peilten). Die englische Flotte stand somit gewissermaßen windwärts der französischen, aber noch hinter ihr zurück, und es war nur eine Frage der Geschwindigkeit, ob sie herankommen würde.
Aber schon nach einer Stunde sprang der Wind auf Ost zurück. =Guichen= ging nun an den Wind und legte seine Schiffe schnell wieder in Kiellinie über Steuerbordbug (Kurs SSO); =Rodney=, der die Kiellinie durch Abhalten im Kontremarsch über Backbordbug (Kurs NNO) bildete, stieß mit seiner Spitze auf die Mitte der französischen Linie. Die englischen Schiffe hielten dann nacheinander auf NNW ab, und so glitten die Flotten aneinander vorüber. Die Engländer hätten vielleicht Gelegenheit zum Durchbrechen gehabt, doch war die französische Linie wohl zu gut geschlossen, und so kam es nur zu einem Feuergefecht der englischen Vorhut mit der französischen Nachhut auf nähere Entfernung, wobei die Franzosen wie gewöhnlich die feindliche Takelage als Ziel wählten. Als die Nacht hereinbrach, trennten sich die Gegner. (Genaueres vgl. Clowes III und Troude II.)
Am 19. Mai nachmittags begegneten sich die Flotten über verschiedenem Bug liegend, die Franzosen zu Luward, so nahe, daß =Rodney= wiederum mit seiner Spitze auf das fünfte französische Schiff stieß, und es folgte ein ganz gleiches Passiergefecht. Nach französischen Angaben soll =Rodney= dann mit seiner Vorhut, sobald diese das Schlußschiff des Gegners passiert hatte, die französische Linie hinten zu doublieren versucht, aber davon abgelassen haben, als =Guichen= Vorhut und Mitte, alle Schiffe zugleich, wenden ließ, um seiner Nachhut zu Hilfe zu kommen. Zu einem zweiten Zusammenstoß kam es auch diesmal wegen einbrechender Dunkelheit nicht. (Vgl. Troude II, Bonfils III.)
=Die Verluste= in diesen beiden Gefechten betragen englischerseits 68 Tote und 213 Verwundete, französischerseits waren sie wahrscheinlich um so viel größer als die englischen wie in der Schlacht am 17. April.
Der letzte Zusammenstoß am 19. Mai fand etwa 120 Seemeilen östlich von Martinique statt und beweist sicher, daß =Rodney= nicht vor dem Feinde gewichen war, denn er hatte ihn um diese Strecke nach Luward getrieben. Jetzt aber sahen sich beide Flotten genötigt, ihre Unternehmungen abzubrechen; die französische hatte nur noch für 6 Tage Wasser und Proviant, von der englischen bedurften mehrere Schiffe einer sorgfältigen Ausbesserung, endlich waren die Besatzungen durch die fortwährende Gefechtsbereitschaft sowie die vielen Segelmanöver überanstrengt[151]. =Rodney= sandte am 20. Mai die vier schadhaftesten Schiffe nach Sta. Lucia und segelte mit den übrigen nach Barbados, =Guichen= ging nach Fort Royal; sie erreichten ihr Ziel am 22. Beide konnten Erfolge verzeichnen, aber nur negative. Der erstere hatte Angriffe auf englische Inseln verhindert, letzterer entscheidende Schlachten vermieden und doch die feindliche Flotte für einige Zeit geschwächt.
[151] Rodney schrieb an seine Frau, daß Offiziere und Leute 14 Tage hindurch kaum zum Schlafen gekommen seien; nur das herrliche Passatwetter habe das Ertragen der Anstrengungen ermöglicht. =Guichen=, der außerdem am 17. April einen Sohn verloren hatte, bat um seine Ablösung, da sein Gesundheitszustand es nicht erlaube, weiterhin derartige Strapazen und andauernde Verantwortung zu übernehmen.
$De Guichen verläßt Westindien.$ Die Unternehmungen der Flotten waren für 1780 zu Ende, obgleich sich die Lage durch das Auftreten spanischer Seestreitkräfte scheinbar sehr zugunsten der Franzosen änderte. Anfang Juni erhielt =Guichen= durch eine spanische Fregatte die Nachricht vom Nahen der Flotte unter =Don Solano= -- 12 Linienschiffe, einige Fregatten und 83 Transporter mit 12000 Soldaten, starker Artillerie sowie reichlichem Kriegsmaterial --, die am 28. April Cadiz verlassen hatte (Seite 295). Auch =Rodney= hatte hiervon erfahren und sofort eine Beobachtungskette von Barbados bis Barbuda ausgelegt, auch beschleunigte er die Instandsetzung seines Geschwaders und ging am 7. Juni mit 17 Linienschiffen in See, um östlich von Martinique zu kreuzen. Er kam jedoch zu spät. =Solano= war bei seiner Fahrt nach dieser Insel etwa 150 Seemeilen windwärts von ihr auf eine der englischen Fregatten gestoßen, hatte deshalb den Kurs nördlich um Guadeloupe herum genommen und traf am 9. Juni westlich von Dominika auf =Guichen=, der ihm mit 15 Linienschiffen entgegengekommen war. Die Kriegsschiffe der Verbündeten ankerten dann in Fort Royal, die spanischen Transporter vor Basse-Terre.
Die Verbündeten verfügten jetzt über 34 Linienschiffe gegen 22 englische, sowie über eine ungemein starke Truppenmacht. Das englische Westindien schwebte in großer Gefahr, es schien leicht für den Gegner, Sta. Lucia und Jamaika zu erobern; der Gewinn dieser Insel war auch wohl Spaniens Absicht bei Entsendung der Flotte, während Frankreich in erster Linie den Besitz der Kleinen Antillen erstrebte. Aber die Übermacht wurde nicht benutzt. Vergebens bemühten sich =Guichen= und =Bouillé=, den spanischen Admiral zu gemeinsamem Vorgehen zu bewegen. =Solano= erklärte, er habe Befehl, nach Havanna zu segeln, ja er verlangte, daß die französische Flotte ihn sicher dorthin geleite. Die spanische Expedition befand sich allerdings in traurigem Zustande; auf den überfüllten und unreinlichen Transportern war eine Epidemie ausgebrochen, so daß die Soldaten zunächst einige Zeit zur Erholung ausgeschifft werden mußten.
=Guichen= sollte im Spätherbst die in St. Domingue sich sammelnden Westindienfahrer mit seiner Flotte nach Europa geleiten und entschloß sich, schon früher die Kleinen Antillen zu verlassen, um Solanos Wunsch zu erfüllen. Er segelte am 5. Juli mit den in Martinique gesammelten Handelsschiffen ab, geleitete die Spanier bis zum Ostende von Kuba und ging dann nach Cap Français. Hier fand er Briefe des französischen Gesandten bei den Vereinigten Staaten, sowie =Lafayettes= und =Washingtons= vor, in denen er dringend ersucht wurde, nach Nordamerika zu kommen; er lehnte dies jedoch mit Hinweis auf seine Order ab. Am 16. August trat er mit dem größeren Teile der Flotte die Heimfahrt nach Europa an, wohin die Division =La Motte= wenige Tage vorher schon abgesegelt war, und traf wie diese am 24. Oktober in Cadiz ein (Seite 296). 9 Linienschiffe verblieben in Westindien.
$Rodney segelt nach Nordamerika und kehrt zurück.$ Der englische Admiral hatte sich nach der Ankunft der Spanier beobachtend verhalten, da er für Angriffsunternehmungen zu schwach war. Zwar hatte man auch ihm Verstärkungen zugedacht, sie aber nicht oder doch nicht rechtzeitig abgeschickt. Ein an Admiral =Arbuthnot= in Nordamerika gegebener Befehl, Schiffe nach Westindien zu senden, erreichte diesen nicht, da ein Unfall das überbringende Schiff traf; eine Division von 5 Linienschiffen war durch widrige Winde drei Monate lang (!?) in England festgehalten und langte erst am 12. Juli in Sta. Lucia an. Nun rührte sich =Rodney=. Er ließ 5 Schiffe unter Kommodore =Hotham= als Schutz der Kleinen Antillen zurück und geleitete selber mit der Hauptflotte (am 17. Juli) den Sommerkonvoi von Handelsschiffen der Windwardinseln nach St. Christoffer, von wo diese nebst denen der Leewardinseln unter dem Schutz zweier Linienschiffe nach England abgingen. Unterwegs erhielt er Kenntnis von der Fahrt der Franzosen und Spanier nach Kuba, von deren Uneinigkeit und dem schlechten Zustande der spanischen Expedition.
Da nun =Guichen= den großen Konvoi mit sich führte und die schlimmste Jahreszeit für Wirbelstürme bevorstand, glaubte =Rodney= annehmen zu können, daß nur ein kleiner Teil der französischen Kräfte bei St. Domingue bleiben würde und daß größere Unternehmungen der Verbündeten nicht mehr zu befürchten wären. Anderseits nahm er aber auch an, daß nur ein Teil der Franzosen den Konvoi nach Europa geleiten, ein anderer jedoch nach Nordamerika segeln würde. Er beschloß, gleichfalls während der Orkanmonate dort zu operieren und wurde hierin durch die Nachricht bestärkt, daß ein französisches Geschwader (=de Ternay= vgl. Seite 291) am 12. Juli in der Narragansettbucht eingetroffen sei. Ende Juli sandte er 10 Linienschiffe zur Unterstützung des Admirals =Sir Peter Parker= gegen etwaige Vorstöße der Verbündeten von Kuba oder St. Domingue nach Jamaika und segelte im August mit 12 (14?) nach dem Norden. Auf der Fahrt trat er mit dem englischen Heere in Charleston in Verbindung und traf dann am 14. September in New York ein. Diese Teilung der Flotte =Rodneys= war bei der Ungewißheit über die Bewegungen der Gegner =ein großes=, durch nichts berechtigtes =Wagnis=; falls =Guichen= mit allen seinen Kräften gegen Jamaika oder nach Nordamerika gegangen wäre, so wäre keiner der beiden Teile der englischen Flotte ihm gewachsen gewesen.
In Nordamerika richtete =Rodney= nichts aus, wie wir später sehen werden. Am 16. November 1780 ging er mit 9 Schiffen wieder nach Westindien unter Segel und traf am 6. Dezember in Barbados ein. Im Oktober hatten =schwere Wirbelstürme= Westindien, besonders Barbados, Sta. Lucia sowie Jamaika heimgesucht; 13 englische Kriegsschiffe -- 2 Linienschiffe, 6 Fregatten, 5 Sloops -- gingen unter, viele andere wurden entmastet und fast alle Vorräte vernichtet, so daß die Schäden kaum ausgebessert werden konnten. =Rodney= hörte bei seiner Ankunft, daß auf St. Vincent die Befestigungen zerstört seien und machte am 15. Dezember den Versuch, sich dieser Insel zu bemächtigen, fand aber die Nachricht übertrieben. Im Januar 1781 traf dann ein Geschwader von 8 Linienschiffen unter Kontreadmiral =Sir Samuel Hood= nebst Transportern bei ihm ein. Jetzt konnten die beschädigten Schiffe wieder instand gesetzt werden und =Rodney= verfügte über 21 Linienschiffe -- 2 zu 90 Kanonen, 1 zu 80, 15 zu 74, 3 zu 64 --. Am 27. Januar erfuhr er den Ausbruch des Krieges mit Holland und erhielt Befehl, gegen dessen Besitzungen vorzugehen.
$Die Eroberung Pensacolas$, die im Herbst 1780 eingeleitet wurde, war ein =kleiner Erfolg der Verbündeten=. Der Chef d'Escadre =de Monteil=, der das von der französischen Flotte zurückgelassene Geschwader, 5 Schiffe zu 74 und 4 zu 64 Kanonen, befehligte, hatte Auftrag, bei geeigneter Gelegenheit mit =Solano= zusammenzuwirken. Die Spanier waren aber zu größeren Unternehmungen zunächst nicht gewillt oder nicht imstande, obgleich der französische Admiral mit 5 Linienschiffen nach Havanna kam, während seine anderen 4 die Station in Martinique übernahmen. Endlich wurde im Oktober eine gemeinsame Expedition unter =Solanos= Oberbefehl nach Florida ins Werk gesetzt, um einen Angriff der Spanier von Louisiana her auf Pensacola zu unterstützen. Das Unternehmen schritt jedoch nur langsam vorwärts, und erst am 9. Mai 1781 ergab sich die Stadt, ein Erfolg, der für den Großen Krieg ohne jede Bedeutung war. Die Franzosen wären besser zum Handelsschutze in den Gewässern von Haiti geblieben. =Monteil= traf am 10. Juli 1781 wieder in Cap Français ein und trat im August zu der Flotte des Admirals =de Grasse=, ehe diese nach dem Norden segelte.
* * * * *
$In Nordamerika$ brachte das Jahr $1780$ keine Ereignisse zur See. Die Engländer hatten zwar zeitweise ziemlich starke Geschwader dort, verwendeten sie aber nur zum Festhalten des französischen und im Dienste des Landkrieges, den wir jetzt kurz weiter verfolgen müssen. Ende 1779 lagen sich die Hauptheere bei New York fast nur beobachtend gegenüber (Seite 268), und die Engländer hatten im Süden den Angriff auf Savannah abgeschlagen. Nach diesem Erfolge setzte dann ein kräftiger =Angriff der Engländer in den Südstaaten= ein. Während im Norden der Winter zur Waffenruhe zwang, stellte sich =General Clinton= in Person an die Spitze einer Expedition =gegen Charleston=. Er übergab den Oberbefehl in New York an den General von Knyphausen und ging am 26. Dezember 1779 mit einem Geschwader unter =Vizeadmiral Arbuthnot=, dem Chef der nordamerikanischen Station -- 2 Schiffe zu 74 Kanonen, 3 zu 64, 1 zu 50, 2 zu 44, 6 Fregatten, Transporter mit 7750 Soldaten --, in See. Infolge einer langen und stürmischen Überfahrt, auf der die Schiffe auseinander kamen, war die Expedition erst Ende Januar 1780 in Savannah versammelt. Hier zog =Clinton= Nachrichten über die Verhältnisse ein, beorderte die dort befindlichen Truppen zum Vormarsch auf Charleston und ging am 10. Februar wieder unter Segel. Am 11. und 12. landeten dann die Truppen an der Mündung des Edistoflusses, etwa 30 km südlich der Stadt, und rückten vor. Eine regelrechte Berennung folgte, bis der amerikanische General =Lincoln= am 11. Mai =Charleston= übergab.
$Die Eroberung von Charleston, Frühjahr 1780.$ Während 1776 der Angriff auf die Stadt (vgl. Seite 231) ganz auf den Seestreitkräften beruhte, die nach Niederkämpfen der Befestigungen an der Einfahrt gegen Charleston vorgehen sollten, eröffnete man diesmal die förmliche Belagerung, während das Geschwader nur unterstützend eingriff. Die Stadt war gut geschützt. Das Fort Moultrie an der engsten Stelle der Einfahrt, das 1776 die feindliche Flotte zurückgewiesen hatte, zählte jetzt 40 Kanonen; bei der Art des diesmaligen Angriffes kam es jedoch kaum in Betracht, ebensowenig eine kleine Flottille amerikanischer sowie französischer Kriegsschiffe (Fregatten und kleinere Fahrzeuge), die bei Ankunft der Engländer bei dem Fort lag. Hinter der engen Stelle der Einfahrt wendet sich das Fahrwasser nach Westen auf die Stadt zu, die auf einer Landspitze zwischen den Flüssen Ashley und Cooper liegt; diese vereinigen sich hier und decken die Stadt auf der Ost- sowie der Südwestseite. Die Hauptbefestigungen befanden sich im Norden und Nordwesten auf der Landzunge. Die Küste im Süden Charlestons besteht aus verschiedenen, durch Creeks und Wasserläufe getrennten Inseln; von diesen liegt Morris-Island an der engsten Stelle der Einfahrt, an sie schließen sich westlich bis zum rechten Ufer des Ashley-Flusses, also der Stadt gegenüber, James-Island und südlich St. Johns-Island.
Die angreifenden Truppen marschierten vom Edisto über diese Inseln gegen die Stadt. Als die Ausschiffung des Belagerungskorps beendet war, wurden die schweren Linienschiffe nach New York zurückgesandt, die übrigen Fahrzeuge passierten die Barre, worauf sich die feindliche Flottille in den Cooperfluß zurückzog und zum Teil versenkt wurde. Am 29. März überschritt das Heer den Ashley; den Übergang deckten und ermöglichten die Boote des Geschwaders, die sich durch die Wasserläufe zwischen den Inseln dorthin begeben hatten. Am 9. April eröffnete dann =Clinton= die erste Parallele gegen die Nordfront der Stadt. Am gleichen Tage passierte =Arbuthnot= bei Flut und günstigem Winde mit den Schiffen die Einfahrt, wobei Fort Moultrie diesen nur wenig Schaden zufügte, und ankerte im Süden der Stadt nördlich vor der Jamesinsel. Die Schiffe erhielten zwar Feuer, beantworteten dieses aber nicht, obgleich die Geschosse sie erreichten, und der Feind schwieg bald, da er sie außer Schußweite glaubte. Charleston war so bis auf die Ostseite, den Cooperfluß, eingeschlossen. Ein Versuch, mit den Schiffsbooten auch in diesen einzudringen, wurde durch Sperren sowie Batterien verhindert, aber den Landungsabteilungen der Schiffe gelang es, am 7. Mai Fort Moultrie vom Rücken her zur Übergabe zu zwingen. Die Belagerung nahm ihren Verlauf, auch der Cooperfluß ward im Norden der Stadt gesperrt, und nachdem am 6. Mai die dritte Parallele fertiggestellt war, ergab sich Charleston am 11.
Mit der Übergabe der Stadt wurden gegen 7000 Mann, darunter über 1000 amerikanische und französische Seeleute, kriegsgefangen; 5 amerikanische, sowie 2 französische Kriegsschiffe fielen dem Sieger in die Hände, 3 wurden vernichtet. =Clinton= segelte am 5. Juni nach New York, 4-5000 Mann unter =General Cornwallis= zurücklassend. Dieser geschickte Befehlshaber brachte schnell Südcarolina zur Ruhe und entsandte seinen Unterführer, =Lord Rawdon=, nach Nordcarolina hinein. Jetzt stellte diese Provinz im Verein mit Virginia 6000 Milizen unter General =Gates= ins Feld, und von Washingtons Heer traf =Baron von Kalb= mit 2000 Regulären ein. Infolgedessen und weil sich Rawdon grobe Ausschreitungen, Erpressungen sowie Verheerungen hatte zuschulden kommen lassen, brach die Empörung in Südcarolina aufs neue aus. =Gates= drang nun im Juli in diese Provinz vor, wurde aber von =Cornwallis= am 18. August bei Camden mit weit geringeren Kräften vernichtend geschlagen (Kalb fiel hier), und dieser rückte in Nordcarolina ein. Er kam Ende September bis zur Stadt Charlotte, wurde dann aber durch schwierige Kämpfe mit zahlreichen kleinen feindlichen Schwärmen, sowie durch Unruhen im Rücken am weiteren Vorgehen gehindert.
Als endlich am 8. Oktober ein abgezweigter Teil seines Heeres unter Oberst =Ferguson=, der unvorsichtig in die gebirgige Gegend der Kolonie vorgedrungen war, bei Kingsmountain teils vernichtet, teils gefangengenommen war, mußte =Cornwallis= nach Südcarolina in der Richtung auf Charleston zurückgehen; er traf Ende Oktober bei Winsborough ein und nahm hier Stellung. Der Kongreß ernannte den sehr tüchtigen General =Greene= zum Oberbefehlshaber im Süden; dieser sammelte ein Heer und führte es nach Charlotte. Damit waren die größeren Operationen auf diesem Kriegsschauplatze für 1780 beendet. =Greene= fühlte sich zum Angriff nicht stark genug und auch =Cornwallis= sah sich zur Untätigkeit gezwungen, bis sich seine durch Strapazen und Entbehrungen entkräfteten Soldaten erholt hatten und Verstärkungen aus New York eingetroffen waren. Bis dies eintrat, Mitte Dezember, blieb die Macht der Engländer auf Charleston beschränkt.
=In den nördlichen Kolonien= änderte sich in den ersten Monaten des Jahres 1780 nichts. =Knyphausen= mußte sich während der Abwesenheit =Clintons= mit einem Teile des Heeres auf die Verteidigung New Yorks beschränken, aber auch =Washington= blieb in der festen Stellung bei Westpoint, da er nach wie vor Mangel an Offizieren, Soldaten, Geld und Vorräten litt; die Fahnenflucht in seinem Heere war groß. So konnte er auch die günstige Gelegenheit zu einem Angriff auf New York nicht benutzen, als im Januar 1780 die Flüsse mit einer Eisdecke belegt waren, die schwere Artillerie trug und dem Verteidiger eine Unterstützung durch seine Seestreitkräfte nahm. =Clintons= Rückkehr verstärkte die Macht der Engländer, aber auch die Amerikaner erhielten eine lang erhoffte Unterstützung, denn am 11. Juli 1780 traf das französische Geschwader unter dem Chef d'Escadre =de Ternay= -- 1 Schiff zu 84 Kanonen, 2 zu 74, 4 zu 64, 2 Fregatten -- nebst 6000 auserlesenen Soldaten unter General =Graf Rochambeau= bei Rhode-Island ein.
$Seegefecht bei den Bermuda-Inseln, Juni 1780.$ =De Ternay= verließ am 2. Mai Brest. Am 20. Juni stieß er bei den Bermudas auf ein englisches Geschwader unter =Kapitän Cornwallis= -- 2 Schiffe zu 74 Kanonen, 2 zu 64, 1 zu 50 und eine Fregatte --, das von Jamaika bis hierher Kauffahrer geleitet hatte. Der französische Admiral näherte sich zwar in Schlachtlinie dem Feinde, aber nur in der Absicht, diesen von seinen Truppentransportern abzuhalten; zugleich versuchte er, ein vom englischen Geschwader getrenntes Schiff abzuschneiden. =Cornwallis=, der seiner Unterlegenheit halber keinen Kampf wagen durfte, wenn er auch die Luvstellung hatte, manövrierte, um das bedrohte Schiff zu retten; als ihm dies gelungen war, brach er das Feuergefecht ab, zu dem es während des Manövrierens mehrfach gekommen war, und =de Ternay= nahm seinen Kurs nach Nordamerika wieder auf. Es ist ihm vorgeworfen, daß er die Gelegenheit nicht ausgenützt habe, und auch seine Offiziere äußerten ihre Unzufriedenheit darüber, aber er hat in diesem Falle wohl mit Recht die sichere und schnelle Weiterbeförderung des Transportes für wichtiger gehalten. (Clowes III, Seite 474, beschreibt das sonst belanglose Gefecht sehr genau, um die wirklich geschickten Manöver des englischen Führers hervorzuheben.)
Jetzt zeigte sich der Fehler, den =Clinton= 1779 durch das übereilte Aufgeben von Rhode-Island gemacht hatte. Das französische Geschwader fand in der Narragansettbucht einen sicheren Hafen und Stützpunkt, sowie die beste Gelegenheit, Truppen zu landen und mit Washingtons Heer zu vereinigen. Aber im Jahre 1780 sollte dies noch keine Folgen haben. =De Ternay= und =Rochambeau= waren zunächst bemüht, ihre Stellung durch Ausbau der Befestigungen gegen einen Angriff von See aus zu sichern. Auch hatte das Landungskorps nach der langen Seereise viele Kranke, und einige Transporter mit etwa 350 Mann, die vom Geschwader abgekommen waren, fehlten noch. Die Sicherung der Stellung erwies sich bald als sehr nötig, denn die englische Flotte erhielt am 13. Juli eine wesentliche Verstärkung durch Kontreadmiral =Thomas Graves=, der von England mit 6 Linienschiffen in New York anlangte; =Arbuthnot= verfügte in diesem Hafen jetzt über ein Schiff zu 98 Kanonen, 6 zu 74 und 3 zu 64.
=Admiral Graves= war von Portsmouth fast zu gleicher Zeit wie de Ternay von Brest mit der Aufgabe in See gegangen, der französischen Expedition den Weg zu verlegen. Obgleich er durch westliche Stürme 14 Tage in Plymouth festgehalten wurde, erreichte er doch nur 24 Stunden nach den Franzosen die amerikanische Küste.
Die Engländer wollten die Franzosen noch vor der Vereinigung mit den Amerikanern angreifen. Ihre Flotte erschien am 21. Juli zur Erkundung vor Rhode-Island, vermied aber einen Angriff, und =Clinton= traf Vorbereitungen, Truppen dorthin zu führen. Hierdurch gewannen die Gegner Zeit. Die Franzosen verstärkten die Befestigungen weiter; =Washington= machte die größten Anstrengungen zur Vermehrung seines Heeres, beorderte Truppen zur Vereinigung mit den Franzosen und entfaltete eine regere Tätigkeit vor New York. Infolgedessen stand =Clinton= von der Expedition ab, zu der die Soldaten bereits eingeschifft waren. Die Verbündeten blieben gleichfalls untätig, wahrscheinlich erwarteten sie die Ankunft de Guichens oder doch eines Teiles seiner Flotte. =De Ternay= hatte am 3. August ein Schiff mit der Bitte um Unterstützung nach Cap Français gesandt; die Botschaft traf aber dort erst ein, als =de Guichen= schon abgesegelt war, und =Monteil= konnte sie nicht entziffern, da ihm der Schlüssel fehlte. Als das zurückkehrende Schiff dies meldete, wurde am 28. Oktober der Sohn des Generals Rochambeau nach Frankreich geschickt, um dort um Hilfe zu bitten.
Am 14. September 1780 traf =Rodney= von Westindien ein, so daß nun die englische Flotte in New York mehr als 20 Linienschiffe zählte; mit einer solchen Macht hätte die französische Expedition sicher vernichtet werden können. Aber Rodney bewies hier nicht seine sonstige Schneidigkeit, wohl weil er infolge des plötzlichen Klimawechsels ganz besonders schwer unter der Gicht litt. Er ließ zwar die feindliche Stellung nochmals erkunden, tat dies aber nicht selbst, sondern begnügte sich mit der Meldung, daß sie zu stark sei. Der französischen Flotte war es allerdings 1779 gelungen, trotz der Befestigungen in die Narragansettbucht einzulaufen, aber die Werke waren jetzt auch bedeutend vermehrt und wurden durch 7 Linienschiffe unterstützt, so daß die Franzosen selber ihre Stellung für uneinnehmbar hielten. Dennoch zeigte diese Schwächen auf, und Admiral =Graves= war der Ansicht, ein kühner Angriff würde Erfolg haben; er trat lebhaft für einen solchen ein, drang aber nicht durch[152].
[152] Näheres über die französische Stellung und ihre Schwächen vgl. Mahan I, Seite 381/82. -- =Graves= war 1801 zweiter im Kommando unter =Nelson= bei dem ähnlichen, aber noch schwierigeren Unternehmen gegen Kopenhagen.
Am 16. November trat =Rodney= mit 9 Linienschiffen die Rückfahrt nach Westindien an, 12 blieben unter dem Oberbefehl von Admiral =Arbuthnot= auf der Station zurück. Dieser ließ nun von der Gardinerbucht aus -- am Ostende von Long-Island und etwa 35 Seemeilen von Rhode-Island gelegen -- die Franzosen durch Fregatten bewachen, und hier sammelte sich die Flotte, wenn man eine Bewegung des Gegners vermutete; dieser verhielt sich jedoch ruhig. Am 22. September waren =Washington=, =Rochambeau= und =de Ternay= in Hartford, der Hauptstadt des Staates Connecticut, zu einer Beratung zusammengetreten und hatten beschlossen, mit allen Kräften New York anzugreifen. Sie erkannten aber, daß dazu eine »unbedingte und andauernde« Seeherrschaft nötig und daher eine Verstärkung der Seestreitkräfte abzuwarten sei; daraufhin wurde dann die Bitte um eine solche nach Paris gesandt. Auch die Engländer unternahmen nichts, sie benützten wie im Vorjahre die Winterruhe im Norden zu Unternehmungen im Süden. Ende Dezember ging =General Leslie= mit Truppen nach Charleston ab, und =General Arnold=, als amerikanischer Offizier uns schon bekannt, führte eine Expedition nach Virginia. -- Am 15. Dezember starb =de Ternay=, für ihn ward Kapitän =Des Touches= stellvertretender Kommandeur des französischen Geschwaders.
$Arnolds Verrat.$ Als =Washington= nach Eintreffen der französischen Expedition lebhafter gegen New York vorging, drohte der amerikanischen Sache eine große Gefahr. General =Benedikt Arnold=, der sich in den ersten Jahren des Krieges besonders ausgezeichnet hatte und hoch in Washingtons Achtung stand, war nach der Einnahme von Philadelphia 1778 dort als Gouverneur eingesetzt, um in der im allgemeinen wenig patriotisch gesinnten Stadt wieder geordnete Zustände herzustellen. Er zog sich bei dieser schwierigen Aufgabe den Haß der Bevölkerung derart zu, daß seine Gegner ihn wegen Unterschlagung von Geldern anklagten und das Kriegsgericht ihn mit einem Verweise bestrafte, worauf er sein Amt niederlegte.
=Washington= stellte ihn zwar bald darauf wieder an, aber er blieb verbittert und sann auf Rache. Als nun der Oberbefehlshaber gegen New York vorging und =Arnold= inzwischen in Westpoint befehligte, trat er mit =Clinton= in Verbindung, um die wichtige Stellung den Engländern auszuliefern. Der Plan wurde jedoch vereitelt, denn der englische Major Andrée, der die Verhandlungen führte, fiel den Amerikanern in die Hände und =Washington= konnte rechtzeitig Gegenmaßregeln ergreifen. =Andrée= wurde trotz aller Bemühungen Clintons zu seinen Gunsten als Spion gehängt; =Arnold= floh zu den Engländern, ward von diesen als General verwendet und zeigte sich von nun an, wie häufig Renegaten, von besonderm Haß gegen seine Landsleute, sowie besonderem Eifer für die englische Sache erfüllt. (Näheres hierüber vgl. Schlosser, 18. und 19. Jahrh., Band III, Seite 494 ff.)
$Rückblick auf den Krieg in Westindien und Nordamerika 1780.$ Die Schwäche von Bündnissen, die in den verschiedenartigen Endzwecken der Verbündeten, sowie in ihren widerstreitenden Ansichten über die Wege zum Ziel ihre Erklärung findet, zeigt sich besonders auf diesen Kriegsschauplätzen. Frankreich hatte für 1780 von einem größeren Vorstoß gegen England in Europa abgesehen, um den Gegner hauptsächlich in Westindien anzugreifen und zu gleicher Zeit die Amerikaner kräftig zu unterstützen. Beides aber wurde mit ungenügenden Mitteln unternommen und blieb deshalb ohne Erfolg.
$Frankreich rechnete in Westindien$ wohl auf eine starke Unterstützung durch Spanien. Da es allein dort gegen 28 Linienschiffe ins Feld führte, hätten die Verbündeten mit Überlegenheit auftreten können, wenn das spanische Kontingent rechtzeitig und leistungsfähig eingetroffen wäre. So aber fand =de Guichen= zunächst fast gleichstarke englische Kräfte vor, und er war nicht der Mann kühnen Wagemutes, sondern vorsichtigen Handelns, worin er durch seine Order noch bestärkt wurde, und seine Pläne zur Eroberung englischer Inseln scheiterten an der Geschicklichkeit und Entschlossenheit seines Gegners Rodney. Als dann =Solano= eintraf, hatte er weder den Willen, noch die Fähigkeit, sich mit den Franzosen zu großen Unternehmungen zu vereinen, er bedurfte im Gegenteil deren Schutz und zog sie dadurch, früher als ursprünglich beabsichtigt war, vom Felde ihrer Tätigkeit ab.
Frankreich war zu Anfang des Jahres nicht imstande, allein eine größere Macht in Westindien aufzustellen. Die Expedition nach Nordamerika sollte abgehen, in Brest mußte ein Beobachtungsgeschwader verbleiben, und man hatte sich verpflichtet, die spanische Flotte in Cadiz zu verstärken. Dies hielt man wohl für nötig, um den lauen Bundesgenossen anzuspornen. Als später noch über weitere Schiffe verfügt werden konnte, lohnte es nicht mehr, diese nach Westindien zu senden. Dagegen muß es wundernehmen, daß die Division =La Motte-Picquet= nicht Guichen unterstellt, sondern vor dessen Ankunft nach St. Domingue beordert wurde. Da man angriffsweise vorgehen wollte, mußte man auch alle Kräfte zusammenziehen und von dem Schutze des Handels in den westlichen Gewässern absehen; wurden dann bedeutende Erfolge bei den Kleinen Antillen erzielt, so hätte dies den Schaden aufgewogen, wahrscheinlich aber auch schon die wenigen Schiffe der englischen Jamaikastation überhaupt festgehalten.
=Guichen= ging dann nach Europa zurück, ohne etwas erreicht zu haben. Infolge seiner Vorsicht war es nicht einmal zu ernstem Kampfe gekommen. Wenn er nun, wie d'Estaing 1779, von seiner Order abgewichen und nach Nordamerika gesegelt wäre, oder doch einen Teil der Flotte dahin abgezweigt hätte, so hätte wenigstens dort die große französische Rüstung Nutzen gebracht. Der von den Spaniern und den zurückgebliebenen Franzosen Ende 1780 eingeleitete Erfolg in Florida und die Eroberung Pensacolas im Mai 1781 waren von keiner Bedeutung für den Krieg; ein französischer Autor (Lacour) nennt sie bezeichnend »dem Feinde versetzte Nadelstiche«.
$England$ konnte bei seinem Grundsatz, überall einem Angriff gewachsen zu sein, $in Westindien$ nicht überlegen auftreten. Sein Admiral =Rodney= mußte sich deshalb darauf beschränken, dort den Gegner zu beobachten. Er hielt ihn mit Geschick im Schach und tat auch sein Bestes, wenigstens einen ernsten Waffengang herbeizuführen, allerdings vergeblich. Wäre die Verstärkung für ihn statt erst am 12. Juli einige Monate früher angekommen, wie es beabsichtigt war, so hätte es sich noch mehr gezeigt, daß die französische Flotte für ihre Aufgabe zu schwach war.
Rodneys Teilung der Flotte, um sowohl Jamaika zu decken, wie in Nordamerika aufzutreten, nachdem Guichen die Kleinen Antillen verlassen hatte, muß dagegen als ein strategischer Fehler, jedenfalls als ein großes Wagnis angesehen werden. Leicht konnte ein Teil vernichtet werden, wenn die ganze französische Flotte gegen ihn stand, und deren Bewegungen waren unbekannt, ja Rodney war der Überzeugung, daß der größere Teil ihrer Schiffe nach dem Norden segeln würde.
$Frankreich$ hätte $in Nordamerika$ gleichfalls stärker auftreten müssen. Man hatte auch ein Heer von 12000 Mann hinüberführen wollen, war aber wegen Mangels an Transportmitteln auf die Hälfte hinunter gegangen, denn die Expedition nach Westindien hatte alles aufgebraucht. Wahrscheinlich wäre es aber doch möglich gewesen, mehr als 6000 Mann einzuschiffen, wenigstens hat =de Ternay= über die Mitnahme eines unnütz großen Trosses geklagt. Wenn auch das französische Landungskorps vielleicht mehr wert war als das ganze amerikanische Heer von Regulären und Milizen, so waren doch nach Ansicht =Washingtons= und =Rochambeaus= beide vereint nicht stark genug zu angriffsweisem Vorgehen. Dabei sprach der Umstand mit, daß die Seestreitkräfte denen des Gegners nicht gewachsen waren; diese Schwäche gefährdete sogar die ganze Expedition, solange Rodney -- zu ihrem Glück untätig -- an der Küste weilte. Man hielt also zurück, um Verstärkungen zu erwarten.
Weshalb wurden nun solche nicht gesandt? Während des Sommers gingen noch Schiffe von Brest zur Cadizflotte ab, obgleich man sich doch überzeugt haben mußte, daß Spanien zu nichts zu bringen sei, sondern an der Belagerung von Gibraltar halte; zu einer Unterstützung dieser, von der sich Frankreich nicht einmal einen Nutzen versprach, war die Cadizflotte schon stark genug, und mit dem Beobachtungsgeschwader in Brest war sie auch der englischen Flotte in Europa gewachsen. Warum wurde nicht Guichen oder doch ein Teil seiner Schiffe nach Nordamerika beordert, wie es Washington und Rochambeau erhofften und selbst Rodney annahm? Wohl nicht mit Unrecht wird vermutet (so von Mahan), daß Frankreich gar nicht die Absicht gehabt habe, die Amerikaner zu dieser Zeit schon kräftiger zu unterstützen, da es keinen Vorteil darin erblickte, den Landkrieg schnell zu beenden, selbst nicht zuungunsten Englands; dieses hätte dann ja seine Machtmittel für den Seekrieg zusammenfassen können.
Die später zur Verfügung stehenden Schiffe wären, wie oben schon gesagt, nach Westindien wohl zu spät gekommen, aber in Nordamerika konnten sie noch von Nutzen sein. Nicht seekriegsgeschichtliche Werke (wie z. B. Schlosser und Zimmermann) und ebenso Mahan I geben an, man hätte beabsichtigt, eine zweite Division dorthin zu senden, sie sei aber von den Engländern blockiert gehalten. Tatsächlich kreuzte ja die englische Kanalflotte vom 8. Juni bis 18. August. Aber in keinem der französischen oder englischen Seekriegswerke wird erwähnt, daß die Absendung einer Verstärkung beabsichtigt und dann verhindert gewesen sei; nicht einmal Clowes erwähnt dergleichen, obwohl der Krieg hier auch von Mahan bearbeitet ist.
=England= hatte infolge der rechtzeitigen Ankunft der Verstärkung unter Graves in Nordamerika stets genügend Schiffe, um die Gegner wenigstens im Schach zu halten. Wäre genannter Admiral früher von England gesegelt und =Arbuthnot= dann mit seiner durch ihn erlangten Überlegenheit der französischen Expedition entgegengetreten, ehe sie die Narragansettbucht erreichte, so hätte deren Schwäche an Kriegsschiffen sich schwer rächen können.
Nirgend ist zu ersehen, weshalb =Graves= nicht früher abgesandt wurde, obgleich man wohl sicher in England wußte, daß Frankreich in Nordamerika eingreifen wollte. Der Umstand, daß er vierzehn Tage durch stürmische Gegenwinde festgehalten wurde, gibt keine genügende Erklärung; mit einer derartigen Verspätung mußte man rechnen. Ähnlich verhält es sich mit der bei Westindien erwähnten Verstärkung für Rodney, deren Abfahrt gar »drei Monate« durch Windverhältnisse verzögert worden sein soll. Es ist anzunehmen, daß beide Geschwader nicht rechtzeitig segelfertig gewesen sind.
Als dann =Rodney= eintraf, machte er von seiner großen Überlegenheit keinen Gebrauch. Dies wird mit seinem Gesundheitszustande entschuldigt, aber dann ist es unverständlich, weshalb =Arbuthnot= nun nicht für tatkräftiges Handeln eintrat, sondern anscheinend davon abgeraten hat. Vielleicht wird dies durch die Andeutung erklärt, die man in einer englischen Quelle (Clowes) findet, Arbuthnot habe deutlich und in ungehöriger Weise seinem Mißvergnügen über die Ankunft des älteren Admirals Ausdruck gegeben, der ihm durch sein Erscheinen den Oberbefehl abnahm und die Prisengelder auf der einträglichen Station kürzte.
Die Schwäche der Franzosen zur See auf diesem Kriegsschauplatze bedingt es, daß der $Landkrieg in Nordamerika$ 1780 trotz des französischen Hilfsheeres im großen und ganzen einen für die Engländer günstigen Verlauf nahm. Ihr Vorstoß im Süden kam zwar zum Stocken, die ersten Erfolge hier hatten aber auf die Amerikaner niederdrückend, auf die Engländer belebend gewirkt. Letztere hofften, die Carolinas und Virginien ganz in ihre Hand zu bekommen und damit einen großen Schritt zur Niederkämpfung des Aufstandes zu tun; die Gefahr, die in der Trennung der beiden Kriegsschauplätze lag, die nur zu Wasser miteinander in Verbindung standen, war bei der Schwäche der Gegner zur See in diesem Jahre noch nicht hervorgetreten.
Mit =Amerika stand es Ende 1780 schlecht=. Bei vielen Kolonisten war die erste Begeisterung erloschen, und das englische Heer erhielt im allgemeinen mehr Unterstützung als das amerikanische; trotz aller Verbote führten ihm die Farmer Vorräte zu, während Washington solche nur durch gewaltsame Beitreibung erhielt. Von 36000 Mann, die der Kongreß für dieses Jahr in Aussicht genommen hatte, waren nie mehr als 18000 aufzubringen, die Milizen blieben unzuverlässig und liefen nach jeder Schlappe auseinander, dabei war kein Geld vorhanden und die Truppen blieben oft monatelang ohne Sold, obgleich Frankreich mit einem Geschenk von 6 Millionen und einem Darlehen von 10 Millionen Francs einsprang. Im Dezember meuterte sogar ein Teil, und Clinton machte den Versuch, Washingtons Truppen durch Versprechungen für sich zu gewinnen, aber hierauf gingen die Leute doch nicht ein, sondern hängten die Agenten. Das Jahr 1780, in dem die amerikanische Sache wohl am bedenklichsten stand, zeigt deutlich, daß die Befreiung der Kolonien weniger der allgemeinen Begeisterung der Bevölkerung als der Tatkraft und Ausdauer einzelner Männer zu verdanken ist. Doch =diese Ausdauer ward belohnt=; die englische Regierung war nicht imstande, noch mehr für den Landkrieg aufzuwenden. Schon war die Schuldenlast sehr gewachsen (1781 kam sie auf 198 Millionen Lstrl.), und der Seekrieg stellte immer größere Anforderungen, da nun Holland als Gegner hinzutrat und auch der »Bewaffneten Neutralität« Aufmerksamkeit geschenkt, der gute Wille der Machthaber in Rußland erkauft werden mußte. Schon regte sich im englischen Volke der Wunsch nach Frieden mit den Kolonien.
Der Krieg in Europa 1781.
In den europäischen Gewässern drehte sich die Kriegführung in diesem Jahre um zwei Hauptpunkte, nämlich um den Schutz des Handels und um den Angriff oder die Verteidigung von Gibraltar sowie Minorka. Obgleich =England= noch stärker rüstete als im vorhergegangenen Jahre -- es waren vom Parlamente 90000 Mann (einschließlich 20000 Seesoldaten) sowie gegen 9 Millionen Lstrl. für die Marine bewilligt -- und im Sommer insgesamt 115 Linienschiffe im Dienst hatte, standen doch wie 1780 nur etwa 40 für die heimischen Gewässer zur Verfügung. Eine Gefahr von seiten der »bewaffneten Neutralität« hielt England allerdings durch diplomatische Künste von sich fern, und Hollands Marine war zu schwach, um als Gegner eine ernste Rolle zu spielen, aber immerhin sah sich England weiter auf die Verteidigung angewiesen.
Auch die Rüstungen der =Verbündeten=[153] erreichten die Stärke des Vorjahres, ja übertrafen sie wohl, wenigstens was =Frankreich= anbetrifft. Hier waren um die Mitte des Jahres zum mindesten 75 Linienschiffe im Dienst und in =Spanien= wahrscheinlich gegen 50.
[153] Vgl. die Fußnote Seite 291 über die Ungenauigkeit der Zahlenangaben.
=Frankreich= sandte im März 20 Linienschiffe unter =Admiral de Grasse= nach Westindien, wo sich bereits 9 befanden (zur Hälfte in St. Domingue, zur Hälfte in Martinique); zu gleicher Zeit segelten 5 nach Ostindien unter =Kommodore Suffren= zur Verstärkung der 6 dort befindlichen; in Nordamerika waren 7 stationiert und eins trat hinzu; im Juli führte =de Guichen= 19 nach Cadiz, und man muß annehmen, daß trotzdem einige Schiffe in Brest verblieben. =Spanien= hatte wenigstens 30 Linienschiffe in Cadiz und Algeciras, gegen 15 in Westindien und Zentralamerika und einige in Ferrol sowie in Cartagena.
Da aber Frankreich auch für dieses Jahr hauptsächlich die überseeischen Kriegsschauplätze im Auge hatte, blieben in Europa nicht genügend Streitkräfte zurück, um allein angriffsweise vorzugehen, und eine Vereinigung mit der spanischen Seemacht trat erst im Juli und nur für kurze Zeit ein. Bis dahin, sowie nach Trennung war England jedem einzelnen der Verbündeten gewachsen und dementsprechend spielten sich die Ereignisse im großen und ganzen zu seinen Gunsten ab. Vergeblich hatte Frankreich versucht, Spanien sowie Holland zu einem frühzeitigen Zusammenziehen der Flotten und zu gemeinsamem Vorgehen im Kanal zu bewegen. Holland war neben dem Schutze seines Handels und seiner Küsten dazu nicht imstande; Spanien hatte einzig Gibraltar im Auge ohne Verständnis dafür, daß der Belagerung kein größerer Dienst geleistet werden könne als durch die Niederkämpfung der englischen Flotte. Dieses Ziel aber scheint Frankreich für 1781 im Auge gehabt zu haben, um dadurch dem Handel Englands den Garaus zu machen, sowie seinen Verkehr mit den auswärtigen Besitzungen und Stationen zu unterbinden; von der Absicht einer Invasion, von Zusammenziehen eines Landungsheeres berichten die Quellen nichts.
$Admiral Darby versorgt Gibraltar, April 1781.$ Die Belagerung dieser Festung, die später (1782) geschildert werden soll, machte zwar keine Fortschritte, aber die Stadt hatte seit der Versorgung durch =Rodney= im Januar 1780 keine Zufuhren mehr erhalten und litt Mangel; schon seit Oktober waren die Rationen vorsichtshalber herabgesetzt. Englands erste Sorge war deshalb, der Not abzuhelfen. Vizeadmiral =George Darby=, Chef der Kanalflotte, ging am 13. März mit 28 Linienschiffen und einem großen Konvoi nach auswärts segelnder Kauffahrer von Portsmouth in See; ein für Ostindien bestimmtes Geschwader von 5 Linienschiffen unter Kommodore =George Johnstone=, gleichfalls mit einem Konvoi, schloß sich bis Kap Finisterre an. Die Fahrt erlitt eine Verzögerung von einigen Tagen, da Darby an der irischen Küste auf die in Cork gesammelten Transporter für Gibraltar und Minorka warten mußte. Doch dies gereichte ihm zum Glück.
Am 22. März verließ nämlich Admiral =de Grasse= Brest mit 26 Linienschiffen, von denen 20 nach Westindien, eins nach Nordamerika und 5 unter Kommodore =Suffren= nach Ostindien bestimmt waren. Durch einen Zusammenstoß Darbys mit ihm wäre die Versorgung Gibraltars ernstlich gefährdet worden. So kam es nur zwischen den Geschwadern Suffrens und Johnstones am 16. April auf der Rhede von Porto Praya zum Kampfe; die Engländer gaben infolgedessen den beabsichtigten Angriff auf die Kapkolonie auf. =Darby= aber erreichte, ohne auf einen Feind zu stoßen, am 11. April Kap Spartel. Die große spanische Flotte, etwa 30 Linienschiffe unter =Don Luis de Cordoba=, war zwar in See gewesen, hatte sich jedoch auf die Nachricht vom Nahen der Engländer wieder auf Cadiz zurückgezogen, wo Darbys Ausguckschiffe sie ruhig vor Anker liegen sahen. Der spanische Admiral scheint nicht gewagt zu haben, dem durch die Transporter noch behinderten Gegner entgegenzutreten. Der englische Admiral ließ Cadiz durch Fregatten beobachten, blieb mit der Hauptflotte unter Segel und sandte seine Nachhut unter Kontreadmiral =Sir Lockhart Roß= mit den Transportern nach Gibraltar; gleichzeitig gingen einige für Minorka bestimmte Vorratsschiffe dorthin ab.
=Admiral Roß= wurde zwar von den Belagerungsbatterien mit heftigem Feuer empfangen und auch von kleinen Kanonenbooten angegriffen, die eigens für die Belagerung erbaut, sowohl zum Rudern wie zum Segeln eingerichtet und mit einem besonders langen, daher weittragenden 26-Pfünder armiert waren. Seine Kriegsschiffe erlitten jedoch keinen wesentlichen Schaden und die Transporter konnten unbehelligt gelöscht werden.
Am 19. April vereinigte sich die Nachhut wieder mit der Flotte, die dann die Rückfahrt antrat und am 22. Mai Portsmouth erreichte. Gibraltar war nun auf längere Zeit versorgt. Auch auf der Heimreise stieß =Darby= auf keinen Gegner.
$Admiral de La Motte-Picquet nimmt einen englischen Konvoi.$ (Die =Beute Rodneys in Westindien=.) Wie erwähnt, hatte Frankreich für dieses Jahr den Handelskrieg besonders ins Auge gefaßt, für den auch jetzt wieder höhere Seeoffiziere eintraten, und zwar unter Hinweis darauf, daß der Kampf gegen den englischen Handel nicht wie bisher durch einzelne Kriegsschiffe und Freibeuter, sondern wie zu den Zeiten =Jean Barts= und seiner Schüler durch Geschwader geführt werden müsse. Im Januar hatte auch eine kleine Division eine Kreuzfahrt vor dem Kanal unternommen, diese war aber nur von kurzer Dauer und blieb ohne Erfolg.
Später sprach der bewährte und in diesem Dienst erfahrene Chef d'Escadre =de La Motte-Picquet= aufs neue dafür, als sich im April eine besonders gute Gelegenheit bot. Man hatte erfahren, daß von Westindien der Kommodore =Hotham= mit nur 4 Linienschiffen einen Konvoi geleite, der Rodneys Beute vom Januar auf der holländischen Insel St. Eustache nach England führte. La Motte erbat und erhielt die Erlaubnis, diesen abzufangen, obgleich der Marineminister anfangs Bedenken trug, weil Darbys Rückkehr zur gleichen Zeit in Aussicht stand. So ging La Motte am 24. April mit 6 starken Linienschiffen, 2 Fregatten und 2 Kuttern in See, um auf der Linie Azoren-Scillys gegen englische Konvois zu kreuzen. Das Glück war ihm hold, und er traf am 2. Mai auf den genannten wertvollen Transport, nahm von 30 Fahrzeugen 22, die einen Wert von 5 Millionen Francs hatten, und führte sie nach Brest. Hotham konnte es nicht hindern, rettete aber seine Kriegsschiffe. =Darby= erhielt auf der Heimreise Nachricht hiervon und zweigte sofort 8 Linienschiffe zur Verfolgung der Franzosen ab, erreichte diese jedoch nicht mehr; nur ein französisches, von seinem Geschwader abgekommenes Linienschiff hatte am 14. und 15. Mai dicht vor Brest ein Gefecht mit dem vordersten der Verfolger zu bestehen, lief aber glücklich ein.
$Die Verbündeten greifen Minorka an und erscheinen im Kanal 1781.$ Spanien, verdrossen über die Verproviantierung Gibraltars, beabsichtigte durch die Eroberung Minorkas einen Gegenstoß zu führen und ersuchte Frankreich um Mitwirkung; dieses sagte zu, wohl in der Hoffnung, dadurch auch ein gemeinsames Auftreten im Kanal zu erreichen. Am 25. Juni führte Lieutenant-Général =de Guichen= 19 Linienschiffe[154] nach Cadiz und trat unter den Oberbefehl des Admirals =de Cordoba=, dem nun 49 Linienschiffe, sowie gegen 20 Fregatten und kleinere Fahrzeuge zur Verfügung standen. Mit der Unterstellung seines Admirals unter den spanischen brachte Frankreich dem guten Einvernehmen ein großes Opfer, da man doch aus den Berichten der Flaggoffiziere in den Vorjahren die geringe Leistungsfähigkeit Cordobas kannte. Die mächtige Flotte verließ am 23. Juli Cadiz, führte die gegen Minorka bestimmte Expedition ins Mittelmeer, bis sie vor englischen Kreuzern sicher erschien, und trat dann die Fahrt nach dem Kanal an. Minorka ward leicht besetzt und auch die Zitadelle von Port Mahon fiel im Februar 1782; der Verlust dieses Stützpunktes war jedoch für England nicht von Bedeutung, da es in diesem Kriege das Mittelmeer nicht zu behaupten vermochte.
[154] Lacour II spricht im Gegensatz zu sämtlichen anderen Quellen von 24 Linienschiffen, gibt dann aber die Gesamtstärke auch nur auf 49 an.
$Die Eroberung Minorkas durch Spanien 1781/82.$ Die Insel mit ihrem trefflichen Hafen =Port Mahon= war bisher von beiden Parteien außer acht gelassen. England war nicht imstande, auch im Mittelmeer eine starke Flotte zu halten, und infolgedessen war dieser Stützpunkt für die Verbündeten gleichfalls ohne Wichtigkeit gewesen. Aber Spanien reizte es stets, den Platz im Besitze Englands zu sehen, und der spanische wie der französische Handel litten immerhin durch die feindlichen Freibeuter, die von hier aus ihr Handwerk betrieben. Man hoffte bei der Eroberung leichtes Spiel zu haben; die Engländer hatten zwar Port Mahon stark befestigt, aber der Kommandant, General =Murray=, verfügte nur über etwa 3000 Mann, ein englisches und zwei hannoversche Bataillone sowie gegen 200 Seeleute. Die spanische Expedition bestand aus 9 Kriegsschiffen unter Admiral =Buonaventura Moreno=, zu denen vor Cartagena noch 3 Linienschiffe stießen, und 11000 Mann vom Belagerungsheere vor Gibraltar unter dem =Herzog von Crillon=, einem Franzosen in spanischen Diensten. Da keine Störung durch englische Schiffe zu befürchten war, wählte man nicht, wie die Franzosen 1756, den weiter entfernten Hafen von Ciudadela zur Ausschiffung, sondern landete am 8. August gleichzeitig etwa 3-4 Seemeilen im Norden und im Süden Port Mahons. Man hoffte so, den Gegner zu überraschen, aber es gelang Murray doch, seine Außenposten heranzuziehen und reichlich Proviant in die Zitadelle Fort San Felipe zu schaffen. Dahin zog er sich zurück, da seine Kräfte nicht ausreichten, auch die sonstigen Befestigungen der Stadt zu besetzen.
Die Franzosen fanden in dieser reiche Beute: Bargeld im Werte von 25000 Goldpiastern, Ladungen der durch Freibeuter aufgebrachten Prisen, Getreidemagazine, Waffen, Munitionsvorräte, sowie Material zum Ausbessern von Schiffen in solchen Mengen, wie sie in den Häfen von Cadiz, Cartagena und Ferrol zusammen nicht vorhanden waren -- nach Ausspruch Morenos --, ein bedenkliches Zeugnis für die spanischen Kriegshäfen. =Crillon= schloß die Zitadelle ein, denn zu einer regelrechten Belagerung war er nicht ausgerüstet, da man die Expedition auf Überraschung angelegt hatte. Der förmliche Angriff begann erst im Oktober, nachdem die Belagerungsgeschütze sowie Verstärkungen von Barcelona und auch 4000 Franzosen von Toulon eingetroffen waren. Die Angriffsmacht zählte jetzt 16000 Mann mit 109 schweren Kanonen und 36 Mörsern. Trotzdem kapitulierte =Murray= erst am 4. Februar 1782, nur durch Hunger und Krankheit überwunden. Seine Leute litten schwer unter Skorbut und Dysenterie, bei der Übergabe waren nur noch 660 Mann dienstfähig und auch von diesen nur 100 ganz gesund, 415 Mann waren aber allein für die Besatzung der notwendigen Wachen erforderlich, es konnten also keine Ablösungen eintreten. Das Belagerungsheer zog dann im Mai wieder vor Gibraltar. =Crillon= wurde »wegen seines Erfolges« zum Oberbefehlshaber hier ernannt und mit dem Titel »Herzog von Mahon« ausgezeichnet.
=Cordoba= steuerte mit der mächtigen Flotte vom Kap St. Vincent aus nach Norden, jedoch in größerer Entfernung vom Lande, damit die Engländer nicht durch Kauffahrer unter der Küste Nachricht erhielten, aber seine Hoffnung, die feindliche Flotte in der Biskaya anzutreffen, erfüllte sich nicht. Vor dem Kanaleingange breitete er seine Schiffe, insbesondere die leichten, von Ouessant bis zu den Scillys aus, um den ganzen Kanal unter Beobachtung zu halten. In England hatte man tatsächlich keine Nachricht. Admiral =Darby= war nach zeitraubender Instandsetzung seiner Flotte am 1. August wieder mit 30 Linienschiffen in See gegangen, da um diese Zeit die Rückkehr der großen Konvois bevorstand. Infolge widriger Winde stand er erst bei Kap Lizard, als er durch ein Handelsschiff von der Nähe des Feindes erfuhr. Unfähig, der Übermacht entgegenzutreten, ging er nach Torbay und nahm hier am Eingange der Bucht eine Verteidigungsstellung ein.
Den Verbündeten bot sich jetzt Gelegenheit, mit einem Schlage den größten Teil der englischen Seestreitkräfte zu vernichten. =Guichen=, der in Person die Stellung des Feindes erkundet hatte, sprach sich in einem Kriegsrate der Flaggoffiziere begeistert für rücksichtslosesten Angriff aus und =La Motte-Picquet= sowie der spanische Admiral =Don Vincent Droz= schlossen sich ihm mit Entschiedenheit an. Aber =Cordoba= war anderer Ansicht, und als der Chef =d'Escadre de Bausset=, ein besonders leidenschaftlicher Anhänger des Handelskrieges, dafür eintrat, den Kampf zu meiden und statt dessen lieber die englischen Konvois abzufangen, stimmte er ihm zu, und seinem Beispiele folgten die übrigen spanischen Flaggoffiziere. Cordoba führte jedoch auch diese Aufgabe nicht durch; möglich, daß er die herankommende Zeit der Herbststürme fürchtete, da wie 1779 seine Schiffe in schlechter Verfassung waren und der Gesundheitszustand der Besatzungen zu wünschen übrig ließ. Am 5. September gab er in der Nähe von Ouessant Befehl zur Auflösung der Flotte trotz der Bitten Guichens, wenigstens noch einige Zeit gegen die englischen Konvois und zum Schutz gleichfalls erwarteter französischer zu kreuzen. Er segelte mit seinen 30 Schiffen, sowie 9 französischen nach Cadiz und entließ =Guichen= mit dem Rest nach Brest.
$Hollands Eintreten in den Krieg. Die Schlacht auf der Doggerbank, 5. August 1781.$ =Holland=[155] hatte mit Ausbruch des Krieges, Ende Dezember 1780, seinen Handelsschiffen verboten, ohne Erlaubnis die Heimatshäfen zu verlassen; teils um sie vor Aufbringen durch die Engländer zu bewahren, teils um ihre Besatzungen für die Kriegsschiffe heranziehen zu können. Ferner wurde zur Warnung schleunigst an alle Kriegsschiffe in fernen Gewässern, sowie an die Kolonien die Nachricht vom Ausbruch des Krieges gesandt; die Botschaft traf jedoch an den meisten Orten zu spät ein. Von den 69 Kriegsschiffen Hollands befanden sich 51 im Dienst oder doch zu sofortiger Indienststellung bereit. Aber schon bald fielen einige in Feindeshand, andere wurden im Auslande vom Gegner blockiert gehalten, so daß in Holland selber im Januar 1781 nur 33 Schiffe -- darunter 11 Linienschiffe, nämlich 2 zu 70 und 74 Kanonen, 2 zu 60 und 68, 7 zu 50-54 -- bereitstanden, und auch diese waren nur mangelhaft ausgerüstet und bemannt. Der Versuch, fertige Schiffe in den Staaten der »Bewaffneten Neutralität«, besonders in Dänemark und Schweden, zu kaufen, scheiterte wohl infolge englischer Einwirkung.
[155] Anschließend an Seite 298, (Ende Europäische Gewässer 1780), Kleindruck. Über die jetzt hier folgenden Verhältnisse und Ereignisse, sowie über Zusammenstöße einzelner holländischer Schiffe mit englischen sehr genaue Angaben in de Jonge, Band IV, Seite 474 ff.
So war es im Frühjahr weder möglich, englische Konvois von Bremen und Hamburg abzufangen, noch für die übliche Frühjahrsfahrt der eigenen Handelsschiffe nach der Ostsee eine genügend starke Begleitung aufzustellen, obgleich auch die Engländer in der Nordsee nur geringe Streitkräfte hatten. Erst im Juni wagte man es, den Ostseekonvoi abzusenden, und es sammelten sich nach und nach im Vliestrome 70 Kauffahrer. Das Zusammenziehen des Begleitgeschwaders verzögerte sich, und erst am 1. August konnte die Reise unter Führung des Schout biy Nacht =Johan Arnold Zoutman= angetreten werden; selbst jetzt noch fehlten zwei Linienschiffe zu 74 und 60 Kanonen, durch widrige Winde zurückgehalten, die bei dem Zusammentreffen mit dem Feinde voraussichtlich von großem Nutzen gewesen wären.
Englischerseits hatte der Vizeadmiral =Hyde Parker= im Juni mit 5 Linienschiffen einen Konvoi von 500 Segeln in die Ostsee geführt und kam Ende Juli mit 200 Handelsschiffen in die Nordsee zurück; hier stieß noch ein Linienschiff zu ihm, das ihm mit der Nachricht vom Sammeln der Holländer entgegengeschickt war.
=Zoutman und Hyde Parker= trafen am 5. August =auf der Doggerbank= in einer Schlacht zusammen, die von beiden Admiralen in einer so einfachen, an alte Zeiten erinnernden Art durchgeführt wurde, daß sie fast belustigend wirken könnte, wenn der Kampf nicht so überaus blutig gewesen wäre.
$Die Schlacht auf der Doggerbank, 5. August 1781[156].$ Beide Geschwader zählten 7 Schiffe in der Linie, die sich in folgender Reihenfolge gegenüberstanden:
die holländischen: 54 Kanonen, 74, 40, 54, 68*, 54, 68 } * Die Flagg- die englischen: 74 " 44, 60, 74*, 80, 50, 64 } schiffe
[158] Besonders benützte Quellen: Clowes, Band III, Seite 505 ff.; de Jonge, Band IV, Seite 514 ff. In letzterer ist die Schlacht sehr genau mit Eingehen auf den Kampf der einzelnen Schiffe beschrieben.
Von den englischen Schiffen waren nur die zu 74 Kanonen gute, neue Fahrzeuge; die übrigen stammten aus alten Beständen und man hatte sie ihres Zustandes halber sogar mit leichteren Kalibern armieren müssen, als ihrer Klasse entsprach. Dennoch standen englischerseits in einer Breitseite 223 Geschütze gegen 206 holländischerseits und das Geschoßgewicht einer Lage war 4347 Pfund gegen 3474.
Die englische Linie ward durch 4, die holländische durch 5 schwere Fregatten unterstützt, die sich bei Beginn der Schlacht dicht in Feuerlee ihrer Schlachtschiffe hielten. Auf beiden Seiten deckten einige Fregatten sowie kleinere Fahrzeuge die Konvois, die weiterab auf der dem Kampfe abgewandten Seite segelten. Als Hyde Parker zum Angriff schritt, gab er seinem Konvoi sofort Befehl, nach England weiterzufahren.
Bei Tagesanbruch sichteten sich die Gegner. Es wehte frisch von Nordost, aber die See war glatt; die Holländer hatten die Leestellung. =Zoutman= bildete die »Kiellinie beim Winde« über Steuerbordbug mit einer Kabellänge Zwischenraum zwischen den Schiffen. Er führte nur Mars- und Vorsegel, woraus hervorging, daß er den Angriff erwartete. =Parker= befahl trotzdem, und obgleich er den ganzen langen Sommertag vor sich hatte, zunächst »allgemeine Jagd«; er wollte sich den Kampf um keinen Preis entgehen lassen; er war immer noch erbittert über Rodneys Vorwurf nach der Schlacht am 17. April 1780, sowie darüber, daß die Admiralität ihm vorgeworfen hatte, er habe als stellvertretender Oberbefehlshaber in Westindien, von Byrons Heimreise bis zu Rodneys Ankunft, nicht schneidig genug gehandelt. So jagten die englischen Schiffe auf den Feind zu, wobei die schlechteren Segler alles beisetzen mußten und nicht Zeit hatten, Vorbereitungen zum Gefecht zutreffen. Um 6-1/4 Uhr vormittags wurde der Befehl gegeben, Dwarslinie zu bilden; jetzt kam Ordnung in die Aufstellung, aber die langsameren Schiffe waren noch beschäftigt, ihr Leesegelsgut zu bergen, als kurz vor 8 Uhr der Befehl zum Nahkampf folgte.
Die holländischen Schiffe erwarteten den Angriff in einer Ordnung wie bei der Parade. Die Besatzungen standen auf ihren Gefechtsstationen, die Seesoldaten auf Deck mit geschultertem Gewehr. Kein Schuß fiel bei der Annäherung der Engländer, die man doch unter verheerendes Enfilierfeuer hätte nehmen können. Erst als sie etwa auf Schiffslänge zum Kampfe aufdrehten, =Parker= um 8 Uhr den ersten Schuß feuerte und die rote Flagge heißte, gab auch =Zoutman= das Signal zum Eröffnen des Feuers. Der englische Admiral hatte nach üblicher Weise seine Linie so herangeführt, daß er mit seinem Flaggschiff, dem vierten von vorn, das feindliche, das fünfte von vorn, angriff. Da beide Geschwader tadellos ausgerichtet waren, hatten nunmehr anfangs das letzte englische Schiff und das vorderste holländische keinen Gegner, später griffen diese dann in ihrer Nähe ein, und so waren die Engländer vorn, die Holländer hinten im Nachteil. Bis 11 Uhr wurde auf das erbittertste gefochten. Jetzt war das holländische Schlußschiff durch seine zwei Gegner fast außer Gefecht gesetzt und Parker segelte nun, gefolgt von den Hinterleuten, zwischen seinem schwer beschädigten Vordermann und der feindlichen Linie hindurch auf, um das Gleichgewicht vorn herzustellen. Das Manöver wurde unter heftigstem Kugelwechsel ausgeführt und brachte die englische Linie in Unordnung. Um diese wieder herzustellen, ging =Parker= mit seinen Schiffen höher an den Wind, konnte aber seine Absicht nicht durchführen, da die Takelagen sehr zerschossen waren. =Zoutman= blieb noch eine halbe Stunde liegen, »um das Feld behauptet zu haben«, und nahm dann Verbindung mit seinem Konvoi, den er gegen 10 Uhr nach Texel zurückgeschickt hatte; ihm zu folgen, waren die Engländer vorläufig nicht imstande.
=Der Verlust= der Engländer in dem dreieinhalbstündigen Kampfe betrug 104 Tote und 339 Verwundete, mehr als in größeren Schlachten dieses Krieges, in denen sich 20-30 Schiffe auf jeder Seite gegenüberstanden. Die Holländer verloren gar 142 Tote und 403 Verwundete. Beide Gegner hatten auf den Rumpf der Schiffe gefeuert, so waren die Beschädigungen in den Takelagen nicht schwer, wenn sie auch für kurze Zeit die Manövrierfähigkeit behinderten. Kein Schiff war genommen; nur ein holländisches (das letzte in der Linie) sank auf der Weiterfahrt, doch konnte die Besatzung bis auf wenige Schwerverwundete gerettet werden.
$Beurteilung der Führer.$ Beide Admirale zeigten, daß ihre taktische Befähigung nicht auf der Höhe der Zeit stand. =Parkers= Angriff war übereilt und unvorteilhaft angesetzt. Er schob aber die Schuld seines Mißerfolges auf die Schiffe und erklärte dem Könige, der das Geschwader besuchte: »Ich wünsche Ew. Majestät bessere Schiffe und jüngere Admirale. Ich bin zu alt.« Der sonst so brave Offizier verscholl bald darauf mit seinem Schiffe, als er zur Übernahme des Oberbefehles nach Ostindien segelte. -- =Zoutman= war ein vielbefahrener Seemann, hatte aber infolge der Tatlosigkeit der holländischen Marine in den letzten Kriegen und ihres Verfalles in seinen 44 Dienstjahren keine Gelegenheit gehabt, Erfahrungen im Kriege sowie in der Führung größerer Verbände zu sammeln. Aber er, seine Offiziere und Leute haben mit der alten holländischen Tapferkeit und Hartnäckigkeit gefochten, die Ehre ihrer Flagge aufrecht erhalten und sich die Anerkennung ihres Volkes sowie ihrer Gegner errungen.
=Die Schlacht auf der Doggerbank= ist nach vorstehendem wohl =taktisch unentschieden= zu nennen, sie war =aber ein strategischer Erfolg der Engländer=, denn ihr Konvoi erreichte sein Ziel, während der holländische die Reise aufgeben mußte. Auch unternahm Holland in diesem Jahre nichts weiter.
$Vernichtung eines französischen Konvois für Westindien, Dezember 1781.$ Der Schluß des Jahres brachte Frankreich noch einen Mißerfolg, der von größerer Bedeutung war als alle bisherigen Ereignisse in Europa. Schon seit dem Sommer bestand die Absicht, der Flotte in Westindien Mannschaften, Vorräte, Kriegsmaterial sowie einige Linienschiffe behufs Ablösung anderer zu senden, aber erst spät im Jahre waren die Transporter mit dem Material bereit. Am 10. Dezember verließ =de Guichen= mit 19 Linienschiffen Brest. Er sollte die Transporter sowie zahlreiche Handelsschiffe, insgesamt 150 Segel, in die offene See geleiten, dann 5 Schiffe mit den Fahrzeugen für Westindien und 2 mit solchen für Ostindien entlassen, selber aber mit 12 nach Cadiz gehen.
In England war man von dem Plane unterrichtet und sandte schon am 2. Dezember den Admiral =Richard Kempenfelt= in See; in der Annahme, daß die Bedeckung des Konvois nicht stark sein werde, gab man ihm nur 12 Linienschiffe mit. Am 12. Dezember nachmittags trafen sich die Gegner etwa 150 Seemeilen südwestlich von Ouessant bei frischem Winde mit Hagelböen; die Engländer standen zu Luward.
Der sonst so vorsichtige französische Admiral hatte eine grobe Nachlässigkeit dadurch begangen, daß er mit seinen Kriegsschiffen in Lee voraus von dem Konvoi segelte. Infolge des unsichtigen Wetters bemerkte er die englische Flotte erst zu spät, als es plötzlich aufklarte. Obgleich er nun sofort ihr entgegenzutreten suchte, so hatte sie doch bereits den Konvoi erreicht, zersprengte ihn und nahm angesichts der feindlichen Übermacht 24 Fahrzeuge. Der Rest floh nach der französischen Küste und auch 9 der genommenen entwischten während der Nacht, aber 15 wurden nach England gebracht, fast nur Transporter, die 1400 Mann und viel Material an Bord führten. Am nächsten Tage versuchte =Guichen= den Kampf zu erzwingen, =Kempenfelt= wich jedoch mit Rücksicht auf seine Schwäche aus; nur zwischen einigen Schiffen wurden Schüsse gewechselt. Mehrere Tage darauf zerstreute ein Sturm die französische Flotte, die noch auf der Suche nach Versprengten des Konvois geblieben war, und mehrere Schiffe, unter ihnen das Flaggschiff, wurden halb entmastet. Von der ganzen Expedition gelangten nur 2 Linienschiffe und 5 Handelsschiffe unter dem Chef d'Escadre =de Vaudreuil= nach Westindien, auch einige der nach Ostindien bestimmten Schiffe erreichten ihr Ziel. Der Admiral =de Guichen= bat nach diesem Fehlschlage um seinen Abschied, wurde jedoch wegen seiner bisherigen Verdienste im Kommando der Brestflotte belassen.
$Ein Rückblick auf die Ereignisse in den europäischen Gewässern 1781$ zeigt, daß England im Vorteil blieb, obgleich die Verbündeten stärker waren. Es verlor Minorka, für diesen Krieg keine Sache von Bedeutung, und büßte die Beute ein, die den Holländern in Westindien abgenommen war. Diese Verluste wurden aber reichlich aufgewogen durch die Zerstreuung des für Westindien bestimmten französischen Konvois, der für den Handel Frankreichs und die Schlagfertigkeit seiner Flotte dort so wichtig war, und durch die Verproviantierung Gibraltars sowie den Umstand, daß der Handel im Kanal unangetastet blieb. Wie in den beiden Vorjahren, war das materielle Übergewicht der Verbündeten infolge ihrer Uneinigkeit und ihres Mangels an Tatkraft nicht zur Geltung gekommen. Da sich ihre Streitkräfte nicht rechtzeitig vereinigten, gelang es England, an Brest und Cadiz vorüber Gibraltar Zufuhr zu senden.
Ein Wagnis blieb dies immerhin, denn als =Darby= absegelte, war =de Grasse= noch in Brest, und Cordoba in Cadiz war ihm überlegen; wenn es sich nur um eine Seeschlacht gehandelt hätte, so brauchte man allerdings die spanische Flotte nicht nach ihrer Schiffszahl einzuschätzen, aber eine andere Sache war es doch, einen großen Konvoi sicher nach einem Orte dicht bei dem feindlichen Stützpunkt zu führen und dort zu löschen. -- Die später im Kanal erscheinende mächtige Flotte der Verbündeten, die hauptsächlich den englischen Handel vernichten sollte -- gewiß ein verständigeres, weil leichter erreichbares Ziel als eine Invasion --, blieb untätig; sie griff weder die schwächeren Seestreitkräfte Englands an, durch deren Überwindung sie ihr Ziel am sichersten erreicht hätte, noch verweilte sie lange genug, um wenigstens einigen Erfolg gegen englische Konvois zu haben. Diese Tatlosigkeit ist vor allem den Spaniern zuzuschreiben, und es soll denn auch das Fehlschlagen des kostspieligen Unternehmens dem guten Einvernehmen zwischen den verbündeten Staaten sehr geschadet haben.
=England= hat 1781 auf diesem Kriegsschauplatze mit 40 Schiffen 70 der Gegner einschließlich Hollands in Schach gehalten, aber es hätte vielleicht doch noch mehr erreichen können. Schon zu jener Zeit ist innerhalb und außerhalb des Parlamentes die Frage aufgeworfen, ob es nicht richtiger gewesen wäre, die Zufuhr für Gibraltar aufzuschieben und =Darby= statt dessen zum Abfangen des schwächeren Geschwaders unter =de Grasse= zu entsenden; durch Vernichtung dieser wären die Pläne Frankreichs in Westindien und Nordamerika für 1781 vereitelt worden. An leitender Stelle hat man aber wohl die andere Aufgabe für dringender gehalten, obgleich durch ihre Lösung der größere Teil der Kanalflotte aufs Spiel gesetzt wurde, auch war, wie der ganze Krieg zeigt, Englands Strategie überhaupt nicht darauf bedacht, den Feind von den entlegenen Kriegsschauplätzen fernzuhalten, trotzdem daß ein derartiges Verfahren schon seit langem von allen hervorragenden Seeoffizieren für das allein Richtige erklärt wurde. Wenn man ferner zum Abfangen der Flotte =Guichens= eine stärkere als die =Kempenfelts= entsandt hätte, so hätte man nicht nur den Transport festhalten, sondern auch durch Vernichtung der ersteren der französischen Marine einen schweren Schlag zufügen können; die Kanalflotte war hierzu stark genug und außerdem lagen Schiffe bereit, die schon im Januar 1782 unter Rodney nach Westindien segelten.
Westindien und Nordamerika 1781.
$Rodney erobert St. Eustache, St. Martin und Saba[157].$ Zu Anfang des Jahres verfügte =Rodney= in Sta. Lucia über 22 Linienschiffe, während Frankreich nur 4 in Martinique stationiert hatte. Am 27. Januar trafen die Nachricht vom Ausbruch des Krieges mit Holland und der Befehl ein, die holländischen Besitzungen anzugreifen. =Rodney= bestimmte 6 Linienschiffe zur Überwachung von Martinique und ging mit der Hauptflotte sowie einem Landungskorps unter General =Vaughan= am 30. Januar in See. Sein erstes Ziel war die Insel =St. Eustache=.
[157] Sehr eingehend geschildert in de Jonge, Band IV, Seite 458 ff.
In $St. Eustache$ konnte man auf große Beute rechnen. Seit Ausbruch des Krieges war diese Insel unter ihrer neutralen Flagge der Haupthandelsplatz Westindiens für alle Völker geworden, und Waren befanden sich hier stets in solchen Mengen angehäuft, daß die zahlreichen Lagerhäuser sie nicht fassen konnten. Sie wurde auch dadurch von militärischer Bedeutung, daß die Amerikaner, sowie die französischen Inseln ihre Kriegsbedürfnisse zum großen Teil von dort bezogen. Die Engländer waren bei ihrem eigenen großen Handel weniger auf die Insel angewiesen, sahen sich aber durch die politische Haltung der Holländer benachteiligt. So erhielt z. B. die französische Flotte von St. Eustache Handwerker und Material, als sie nach der Schlacht am 17. April 1780 Martinique nicht zum Ausbessern erreichen konnte, während den Engländern, die nach dem großen Orkan im Oktober desselben Jahres Tauwerk kaufen wollten, erklärt wurde, es sei keins am Markte; tatsächlich fand man aber nach der Eroberung eine große Menge vor, die dort schon lange lagerte.
Als die englische Flotte am 4. Februar vor der Insel erschien, war dem Gouverneur der Ausbruch des Krieges noch nicht bekannt; nicht in der Lage Widerstand zu leisten, kapitulierte er noch am selben Tage. Eine holländische Fregatte, die der Ehre der Flagge halber einige Schüsse abgab, einige kleinere Kriegsfahrzeuge, 150 Kauffahrer sowie die Waren am Lande fielen in die Hände der Engländer, ebenso wurde ein Konvoi von 30 Handelsfahrzeugen nebst dem begleitenden Linienschiffe, der am Tage vorher die Reise nach Europa angetreten hatte, noch abgefangen. Die Gesamtbeute hatte einen Wert von über drei Millionen Lstrl. =Rodney= bemächtigte sich dann noch der Nachbarinseln =St. Martin= und =Saba=, später, am 15. März, auch der französischen Insel St. Barthélemy. Auf den genommenen Inseln blieb die holländische Flagge wehen; hierdurch getäuscht, liefen in der nächsten Zeit noch verschiedene holländische, französische, sowie amerikanische Schiffe ein und wurden gleichfalls genommen. Die nicht englischen Einwohner, besonders die Holländer, verschickte man zwangsweise nach anderen Inseln, um den eroberten ihre bisherige Bedeutung zu nehmen; zu gleichem Zwecke wurden die Lagerhäuser zerstört oder wenigstens abgedeckt.
=Rodney= versteigerte einen Teil der Beute öffentlich an Engländer, Franzosen und Dänen. Den Rest sandte er auf 30 Handelsschiffen, gedeckt durch Kommodore =Hotham= mit 4 Linienschiffen, nach England; wir hörten schon, daß dieser Konvoi am 2. Mai an der europäischen Küste fast ganz dem französischen Admiral =de La Motte-Picquet= in die Hände fiel. =Rodney= und =Vaughan= haben bei der Beschlagnahme weder holländisches Privateigentum noch neutrale Waren geschont, die nicht zur Kriegskontrebande zählten. Ihr Auftreten erregte denn auch überall Entrüstung. Selbst in England und sogar im Parlament sind sie angegriffen; aber ohne weiteres Ergebnis, sie behielten ungestört ihre reichen Prisenanteile.
Es sei hier gleich erwähnt, daß die Engländer in den Monaten Februar und März von Barbados aus auch die holländischen Besitzungen in =Guayana= wegnahmen; =in Curaçao= dagegen, wo der Ausbruch des Krieges rechtzeitig bekannt geworden war, trafen die Holländer genügende Vorbereitungen zur Abwehr und blieben infolgedessen unbelästigt. Der holländische Handel litt überall sehr durch englische Kreuzer und Freibeuter.
$Admiral de Grasse in Westindien 1781. Zusammenstoß mit Hood bei Martinique.$ Etwa eine Woche nach der Besetzung der Insel St. Eustache brachte ein Handelsschiff die Nachricht dorthin, daß es am 31. Dezember 1780 in der Biskaya einen großen, für Westindien bestimmten französischen Konvoi unter Geleit von 8 oder 10 Linienschiffen gesehen habe. =Rodney= sandte daraufhin am 12. Februar den Kontreadmiral =Sir Samuel Hood= mit 11 Schiffen nach Martinique, um sich mit den dort schon befindlichen 6 zu vereinigen und dann zu Luward genannter Insel zu kreuzen. Er erklärte es für notwendig, selber behufs Durchführung von Maßregeln zur Sicherung der Beute und der Insel noch bei St. Eustache zu bleiben und behielt zwei Schiffe zurück. Die Nachricht über den Konvoi erwies sich bald darauf als falsch, aber der Befehl für =Hood= blieb bestehen, nur wurde er angewiesen, sich in Lee von Martinique zu halten. Er machte hiergegen geltend, daß er dann leicht nach Lee vertrieben werden könne, aber =Rodney= erklärte, daß es nach seinen Erfahrungen wohl durchführbar sei, sich wochenlang dicht vor dem französischen Hafen zu halten und daß dann die Schiffe, die zeitweise zum Wasser- oder Proviantauffüllen nach Sta. Lucia gesandt werden müßten, leicht wieder zur Flotte stoßen könnten, falls ein feindliches Geschwader von Europa ankäme. Bald aber sollte sich die Berechtigung von Hoods Einwurf zeigen.
=Lieutenant-Général de Grasse=[158] hatte am 22. März Brest mit 26 Linienschiffen verlassen. Bei den Azoren zweigte er 5 von ihnen nach Ostindien, 1 nach Nordamerika ab und segelte mit 20 nebst einem großen Konvoi von Transportern und Handelsschiffen nach Westindien weiter; zur Beschleunigung der Reise ließ er die schlechtesten Segler des Konvois von Kriegsschiffen in Schlepp nehmen. Die Flotte sichtete Martinique am 28. April und vernahm am Abend bei Point de Salines, der Südspitze der Insel, von der Anwesenheit der englischen. Zur größeren Sicherheit seines Konvois drehte =de Grasse= die Nacht über bei, setzte die Fahrt am anderen Morgen fort und stieß gegen Mittag mit =Hood= zusammen[159], der seine Ankunft erfahren hatte. Der Konvoi erreichte an diesem Tage Fort Royal unbehelligt, da sich die englische Flotte nicht zwischen ihn und den Hafen schieben konnte. Zu einer entscheidenden Schlacht nutzte aber =de Grasse= seine Überlegenheit nicht aus; ihm war an dem sicheren Einlaufen seiner Schutzbefohlenen zunächst mehr gelegen.
[158] =François Joseph Paul Chevalier= (später Comte) =de Grasse-Tilly=, geboren 13. September 1722, Garde-Marine 1739, Lieutenant 1754, Capitaine 1762, Chef d'Escadre 1778, Lieutenant-Général 22. März 1781, gestorben 11. Januar 1788. Er hatte sich in den beiden letzten Kriegen als tüchtiger Offizier bewährt, ohne jedoch besonders hervorzutreten. 1779 diente er unter =d'Estaing=, 1780 unter =de Guichen= in Westindien. Französische Quellen nennen ihn »tapfer, unterrichtet und erfahren, aber mehr theoretisch als praktisch beanlagt; wohl geeignet zum Geschwaderchef, aber nicht zum Führer großer Flotten«. Wir werden sehen, daß er bei der Abfahrt von Westindien nach Nordamerika Scharfblick, Schnelligkeit und Tatkraft zeigte. Bei Dominica 1782 geschlagen und gefangen genommen, schob er alle Schuld auf seine Untergebenen. Seine Taktlosigkeit hierbei sowie seine Anfechtung des kriegsgerichtlichen Spruches zog ihm die Mißachtung seiner Kameraden und die Ungnade des Königs zu.
[159] =Sir Samuel Hood= (1782 Baron, 1796 Viscount), geboren 1724, Kapitän 1756, Kontreadmiral 1780, Vizeadmiral 1787, Admiral der blauen Flagge 1794, der weißen 1799, gestorben 27. Januar 1816. Er nahm am Siebenjährigen Kriege als Leutnant und später als Kommandant einer Fregatte mit Auszeichnung teil. Er war ein sehr tüchtiger Admiral, wohl befähigt zur Führung großer Flotten. Er stand 1781 in Nordamerika unter =Graves= und 1782 unter =Rodney= in Westindien; beiden wies er verschiedene Fehler nach. 1782 zeichnete er sich als Oberbefehlshaber bei St. Christopher in strategischer und taktischer Hinsicht aus. Im nächsten Kriege (1793 bis 1802) befehligte er 1793/94 die Mittelmeerflotte und besetzte 1793 Toulon.
$Das Gefecht bei Martinique am 29. April 1781.$ Die französische Flotte zählte 20 Linienschiffe -- eins zu 100 Kanonen, 3 zu 80, 15 zu 74, 1 zu 64 -- 3 Fregatten und 2 Kutter, die englische 18 Linienschiffe -- 1 zu 90, 1 zu 80, 12 zu 74, 1 zu 70, 3 zu 64 --, 1 Fregatte und 1 Sloop. Es muß hervorgehoben werden, daß von den französischen Linienschiffen nur etwa die Hälfte, die englischen jedoch sämtlich gekupfert waren; Rodneys Vorstellungen in dieser Hinsicht hatten Erfolg gehabt.
Am 29. April in der Frühe rundete =de Grasse= die Südspitze von Martinique bei östlichem Winde (Passat); =Hood= konnte dies nicht hindern, da er zu weit in Lee stand. Der französische Konvoi segelte unter der Küste nach Norden, von der Flotte in Lee gedeckt. Die englische Flotte kam dieser mit südlichem Kurse entgegen, wendete gegen 10-1/2 Uhr vormittags, so daß nun beide parallel steuerten, wobei die französische Vorhut etwa querab von der englischen Mitte stand. Gegen 11 Uhr eröffneten die Franzosen das Feuer, die Engländer antworteten jedoch der großen Entfernung halber nicht. Um 11-3/4 Uhr befanden sich beide Linien vor der Bucht von Fort Royal, die englische Spitze näherte sich zu sehr ihrem nördlichen Strande und =Hood= wendete deshalb mit der ganzen Flotte, alle Schiffe zugleich. Der französische Konvoi war jetzt imstande, in die Bucht einzulaufen. =De Grasse= sah seine Schutzbefohlenen in Sicherheit; er halste alle Schiffe zugleich, und um diese Zeit hängten sich die vier im Hafen befindlichen Linienschiffe -- 1 zu 74 Kanonen, 3 zu 64 -- ihm an. Beide Flotten steuerten nun südlich, die Engländer in der Leestellung, aber es standen jetzt 24 Franzosen gegen 18 Engländer. Die Manöver hatten die Gegner einander näher gebracht, auch die Engländer nahmen das Feuer auf.
Gegen Mittag drehte =Hood= unter Marssegeln bei, des Angriffs gewärtig, da er selber nicht näher an den Feind herankommen konnte. Die beiden Flaggschiffe lagen querab voneinander, das Gefecht ward allgemein, aber immer noch auf so weite Entfernung, daß nur wenige Schüsse ihr Ziel erreichten. Da die Franzosen weiter segelten und ihre vordersten Schiffe die englische Spitze überholten, nahm auch =Hood= um 1 Uhr die Fahrt wieder auf. Als gegen 1-1/2 Uhr die beiden Spitzen vor dem Kanal zwischen Martinique und Sta. Lucia anlangten, hier frischeren Wind erhielten und vorliefen, befahl =Hood= seiner Flotte, sich geschlossen zu halten und das Feuer abzubrechen; der Kampf der Spitzen setzte sich aber noch einige Zeit fort und die vier vordersten Engländer hatten dabei 8 Franzosen abzuwehren. =Hood= scheint sich dann nach Wiederherstellung der Ordnung außer Schußweite gehalten und versucht zu haben, den Feind von der Küste abzuziehen, sowie die Luvstellung zu gewinnen. Aber auch =de Grasse= schritt nicht zum Angriff; es ist anzunehmen, daß er sich nicht weiter von der Insel entfernen wollte, ehe nicht sämtliche Fahrzeuge des Konvois einen sicheren Ankerplatz bei Fort Royal erreicht hätten.
=Der Verlust= an diesem Tage betrug auf französischer Seite 18 Tote und 56 Verwundete (ein englischer Autor gibt allerdings die Zahlen 119 und 150), auf englischer 39 Tote und 162 Verwundete. Die französischen Schiffe hatten wenig gelitten, von den englischen waren die vier vordersten beträchtlich beschädigt; Hood mußte eins derselben nach St. Eustache senden.
Seiner Sorge um den Konvoi ledig und durch 4 Schiffe aus Martinique verstärkt, während 4 englische Schiffe am 29. beschädigt waren, beabsichtigte =de Grasse= am 30. April eine Schlacht herbeizuführen. Jetzt aber hatte =Hood= keinen Anlaß mehr, sich einem so ungleichen Kampfe, zumal in der Leestellung, auszusetzen. Er versuchte zwar, die Luvstellung zu gewinnen, ließ aber den Feind nie nahe herankommen. Mit seinen gekupferten Schiffen hatte er es in der Hand, die Entfernung zu bestimmen; wenn die Franzosen die Jagd ernstlich aufnahmen, blieben ihre ungekupferten zurück. Am Abend gab =Hood= das Spiel auf und nahm Kurs nach Norden; er segelte nicht nach Sta. Lucia, da er befürchtete, daß seine beschädigten Schiffe es bei der starken westlichen Strömung nicht erreichen würden. =De Grasse= ankerte am 6. Mai vor Fort Royal.
$Das Verhalten der beiden Admirale$ am 29. und 30. April ist einer kurzen Betrachtung wert, um so mehr, da die beiderseitigen Autoren mehrfach angeben, der Gegner sei einem Kampfe ausgewichen. Nun ist aber wohl als sicher anzunehmen, daß =Hood= am ersten Tage den Kampf erstrebt hat: Anfangs versuchte er an den Feind heranzukommen, später bot er diesem Gelegenheit zum Angriff. Dies war eigentlich gewagt, da der Gegner Verstärkung erhalten hatte. Am zweiten Tage hielt er weiter das Feld, wahrscheinlich um abzuwarten, ob nicht der Zufall ihn in die Lage setzen würde, einen Teil der französischen Flotte anzugreifen. Seine seemännische Tüchtigkeit, sowie der Umstand, daß er durchgehends über gekupferte Schiffe verfügte, erlaubten ihm das gewagte Spiel; ein solches war es immerhin, denn leicht konnte er genötigt werden, seine beschädigten Schiffe im Stich zu lassen oder ihrethalben eine allgemeine Schlacht anzunehmen. =De Grasse= war am ersten Tage zu vorsichtig, aber nach dem bekannten französischen Brauche sah er wohl seine nächste Aufgabe in der unbedingten Sicherung des Konvois.
=De Grasse= ging schon am 8. Mai zu einem =Angriff auf Sta. Lucia= wiederum in See. Es lag den Franzosen besonders daran, sich in Besitz der Gros-Islet-Bucht an der Nordspitze dieser Insel, dem üblichen Ankerplatz der englischen Flotten zur Beobachtung Martiniques, zu setzen. Der Admiral hielt sich mit der Flotte zu Luward der Bucht, um jederzeit einem nahenden Gegner entgegentreten zu können, und der kriegerische Gouverneur von Martinique, =de Bouillé=, landete während der Nacht mit 1200 Mann. Man fand aber die von =Rodney= angelegten Befestigungen zu stark, um sich in kurzer Zeit festsetzen zu können, schiffte die Gelandeten wieder ein und kehrte nach Fort Royal zurück.
$Eroberung von Tabago.$ Am 8. Mai wurde auch eine Expedition gegen diese Insel entsandt. Sie zählte 2 Linienschiffe nebst einigen Fregatten und 1300 Soldaten unter Kapitän =d'Albert de Rions=. Am 22. Mai erfuhr =de Grasse=, daß die Flotte Rodneys auf der Fahrt nach Süden, wahrscheinlich nach Barbados, gesichtet sei. Besorgt um die Tabagoexpedition, ging er am 25. mit der Flotte in See und nahm 3000 Soldaten mit. =Rodney= hatte von der Ankunft der französischen Flotte in Westindien erst durch ein Schiff Kenntnis erhalten, das nach dem Gefecht bei Martinique beschädigt in St. Eustache eingetroffen war. Er segelte sobald als möglich mit seinen beiden unversehrten Schiffen, sowie dem in Eile ausgebesserten ab, traf am 11. Mai bei Antigua auf =Hood= und führte nun die Flotte nach Barbados, denn er fürchtete für diesen Hauptstützpunkt, der durch einen Orkan verwüstet war und ohne seinen Schutz einem Angriffe kaum hätte widerstehen können. Hier erfuhr er den Vorstoß der Franzosen gegen Tabago und sandte am 29. Mai den Kontreadmiral =Drake= mit 6 Linienschiffen dahin ab. Dieser sichtete am 30. die Flotte de Grasses und kehrte sofort, eine Zeitlang verfolgt, nach Barbados zurück, wo er am 3. Juni morgens eintraf. Jetzt setzte sich =Rodney= mit der ganzen Flotte in Bewegung, aber es war zu spät. Am 4. in Sicht der bedrohten Insel angelangt, erfuhr er, daß diese bereits am 2. Juni kapituliert habe.
$Die Besetzung Tabagos$ war den Franzosen leicht gelungen. Am 24. Mai landete die erste Expedition; der englische Gouverneur zog sich mit seinen schwachen Kräften -- 400 Regulären, 500 Milizen, 6 Geschützen -- in die Berge zurück. Am 30. wurden dann die Soldaten ausgeschifft, die mit der Flotte kamen, und der Gouverneur sah sich genötigt, der großen Macht gegenüber die Waffen zu strecken, zumal seine Leute übermüdet und entmutigt waren.
Die Oberbefehlshaber, beide tüchtige Admirale, standen sich nun einander gegenüber, =de Grasse= mit 23 und =Rodney= mit 20 Linienschiffen, aber es kam nicht zum Kampfe. =Rodney= stand zu Luward, griff jedoch nicht an. Er erklärte später, die Besorgnis, nach einer vielleicht ungünstig verlaufenen großen Schlacht mit den beschädigten Schiffen durch den starken westlichen Strom nach Lee vertrieben zu werden, habe ihn vom Angriff abgehalten; er würde dann in die schwierigen Gewässer der Grenadinen, die wie auch St. Vincent in französischem Besitze waren, geraten und der Gegner möglicherweise zwischen ihn und Barbados gekommen sein. Er segelte nach der genannten Insel zurück. =De Grasse= verfolgte nicht. Zufrieden mit der Einnahme Tabagos, lief er die Eroberungen des Jahres 1779, Grenada sowie St. Vincent, an, überzeugte sich von ihrem guten Verteidigungszustande und ankerte am 18. Juni bei Martinique.
$De Grasse segelt nach Nordamerika, Hood folgt ihm.$ Der französische Admiral verließ am 5. Juni 1781 Fort Royal mit seiner ganzen Flotte von 24 Linienschiffen, um 200 Handelsfahrzeuge nach Cap Français auf St. Domingue zu geleiten, wo er am 16. eintraf; unterwegs war eins seiner Linienschiffe infolge einer Explosion verbrannt. Hier fand er Briefe =Washingtons=, =Rochambeaus= sowie =Barras=', des Geschwaderchefs in Nordamerika, vor, in denen er dringend gebeten wurde, Unterstützung an Schiffen, Soldaten und Geldmitteln (mindestens 1200000 Francs) nach der Chesapeake- oder der Narragansettbucht zu senden, da ihre Lage verzweifelt sei. Obgleich er Befehl hatte, 9 oder 10 Schiffe, die sich schon seit 1778 in Westindien befanden, als Deckung des Konvois nach Europa heimzusenden, entschloß er sich, mit der ganzen Flotte -- noch verstärkt durch die 5 Schiffe der St. Dominguestation, die am 10. Juli von der Expedition gegen Pensacola (s. Seite 307) zurückkamen -- während der Orkanzeit nach der Chesapeakebucht zu gehen. Von diesem Entschluß sandte er sofort Nachricht an Barras, so daß dieser wie die genannten Generale schon am 15. August Kenntnis erhielten. Er schrieb dabei an diesen, er möge ganz nach eigenem Ermessen handeln, sich mit ihm vereinigen oder selbständig zum allgemeinen Nutzen vorgehen. Die Vorbereitungen zur Abfahrt dauerten jedoch einige Zeit.
Der Gouverneur von St. Domingue stellte 3200 Mann nebst einigen Feld- und Belagerungsgeschützen erst, als ihm zur Sicherung seiner Kolonie ein spanisches Geschwader von Kuba zugesagt war; das nötige Geld war in der französischen Kolonie nicht aufzubringen, es mußte von Havanna bezogen werden, wo zwar die Staatskassen leer waren, aber Privatleute die verlangte Summe vorschußweise lieferten. Am 5. August ging =de Grasse= mit 28 Linienschiffen in See. Um nicht durch Transporter aufgehalten zu werden, waren die Truppen auf den Kriegsschiffen untergebracht, und um den Marsch möglichst lange geheimzuhalten, wählte der Admiral den Weg durch den wenig befahrenen Bahamakanal. Am 30. August 1781 ankerte die französische Flotte im Eingange der Chesapeakebucht.
=Rodney= erhielt von den Plänen und Bewegungen der Franzosen nicht genügend Kenntnis, um volle Maßregeln ergreifen zu können. Er faßte die Wahrscheinlichkeit ins Auge, daß der Kriegsschauplatz während der Orkanmonate in die nördlichen Gewässer verlegt werden würde, und schickte deshalb am 7. Juli Befehl an den Stationschef in New York, Admiral =Graves=, zwischen diesem Hafen und der Chesapeakebucht Kreuzer zu halten, die etwa von ihm gesandten Verstärkungen Nachrichten übermitteln könnten. Als er dann am 9. Juli die Abfahrt der französischen Flotte von Martinique nach St. Domingue erfuhr, befahl er dem Admiral =Hood=, sich für Nordamerika bereit zu machen. Er teilte ihm aber nur 15 Linienschiffe zu, da er gehört hatte, daß auch =de Grasse= nicht mehr dorthin senden, sondern mit dem Rest seiner Flotte den Konvoi nach Europa geleiten würde. Zwei Schiffe zweigte er zum Schutze von Handelsfahrzeugen nach Jamaika ab, jedoch mit dem Befehl an den dortigen Chef, =Sir Peter Parker=, sie und mit ihnen noch einige seiner Schiffe sofort nach Amerika nachzusenden. Mit 2 oder 3 wohl einer Grundausbesserung bedürftigen Schiffen ging =Rodney= selber aus Gesundheitsrücksichten =nach England=.
=Hood= segelte, durch verschiedene belanglose Umstände aufgehalten, am 10. August von Antigua mit 14 Linienschiffen nach der Chesapeakebucht ab. Kurz vorher war eine Brigg mit der Bitte =Graves=' um Unterstützung eingetroffen. Sie wurde am 6. August mit der Nachricht von Hoods Kommen zurückgesandt, fiel aber in Feindeshand. So blieb =Graves= im Gegensatz zu seinen Gegnern lange ohne jede Kenntnis der Vorgänge, denn auch eine am 7. Juli abgesandte Nachricht hatte ihn nicht erreicht. Das Schiff langte zwar in New York an, traf aber den auf einer Kreuzfahrt befindlichen Admiral nicht und ging verloren, als es ihn suchte. Eine Abschrift dieser Nachricht fand =Graves= erst am 16. August in New York vor, das Kommen Hoods erfuhr er erst kurz vor dessen Ankunft am 28. August.
Mit der Abfahrt der Flotten wurde für 1781 Nordamerika Kriegsschauplatz. In Westindien begannen die Operationen erst wieder nach der Rückkehr de Grasses.
$In Nordamerika$ war der Landkrieg zu Ende des Jahres 1780 sowohl im Norden wie in den Carolinas zum Stillstande gekommen. Die Verbündeten wagten nicht, ohne weitere Unterstützung von Frankreich etwas gegen New York zu unternehmen (vgl. Seite 311); die Engländer hatten ihre Erfolge im Süden aufgeben und sich auf Winnsborough zurückziehen müssen, um Verstärkungen zu erwarten (Seite 309). Das französische Geschwader von 7 Linienschiffen lag unter Kapitän =Des Touches= in der Narragansettbucht und wurde von dem englischen Admiral =Arbuthnot= mit 12 (?) Linienschiffen von New York und der Gardinerbucht (Long Island) aus beobachtet.
Um die Jahreswende aber kam wieder Leben in den Krieg im Süden. General =Clinton= benutzte wie im Vorjahre die Winterruhe im Norden zu kräftigerem Auftreten dort, indem er im Dezember 1780 den General =Leslie= mit Verstärkungen nach Charleston und gleichzeitig den General =Arnold= zu einem Angriff auf Virginien entsandte. Die Ereignisse auf dem südlichen Kriegsschauplatze im Jahre 1781 wurden entscheidend für den Kampf Englands mit seinen Kolonien, und die Beherrschung des Meeres spielte bei ihnen die Hauptrolle, so daß wir die Unternehmungen am Lande und zu Wasser nicht voneinander trennen können[160].
[160] Auf die Ereignisse am Lande soll nur soweit eingegangen werden, als es nötig erscheint, um die Tätigkeit der Seestreitkräfte sowie den Verlauf des ganzen Krieges beurteilen zu können; ihre Schilderung wird deshalb nicht vollständig, selbst nicht immer ganz genau sein.
$Cornwallis dringt nach Virginien vor. Frühjahr 1781.$ Sobald =Leslie= mit 3000 Mann in Charleston eingetroffen war, zog =Cornwallis= einen Teil dieser Truppen an sich und brach dann von seinem Winterlager aufs neue gegen Nordcarolina auf; =Leslie= folgte mit dem Reste. Der amerikanische General =Greene= fühlte sich mit seinen Milizen und schlecht geschulten Soldaten diesen regulären Truppen im Felde nicht gewachsen; er ließ einen Teil seines Heeres unter General =Morgan= den Kleinen Krieg in Südcarolina führen, den er selbst an der Grenze von Nordcarolina aufnehmen wollte. Morgan näherte sich unvorsichtig der englischen Hauptmacht. =Cornwallis= sandte, um dies zu benutzen, den Oberst =Parleton= mit einem großen Teil seiner Truppen gegen ihn; dieser aber, der seinen Gegner unterschätzte, ließ sich zu einem übereilten Angriff verleiten und wurde am 7. Januar bei Cowpens vernichtend geschlagen.
Als sich dann =Cornwallis= und =Leslie= am 18. Januar vereinigt hatten, schritten sie zur Verfolgung Morgans. Zur Beschleunigung des Marsches ließen sie den ganzen Troß zurück, was ihnen später große Verlegenheiten bereitete und doch die Vereinigung Morgans mit Greene nicht hinderte. Auch der Versuch, das feindliche Heer von Virginien abzuschneiden, mißlang; es erreichte den Grenzfluß am 14. Februar und =Cornwallis= mußte wegen Erschöpfung seiner Truppen zurückgehen. =Greene= rückte nach, vermied aber eine Schlacht, obgleich er durch Milizen aus Virginien, Nord- und Südcarolina auf 6000 Mann verstärkt war. Das Gerücht gab seine Zahl gar auf 10000 Mann an; trotzdem griff =ihn Cornwallis= am 15. März bei Guilfords-Court an und siegte. Aber auch die Engländer hatten große Verluste und waren wegen Mangel an allem genötigt, den Rückzug auf Wilmington an der Küste fortzusetzen, wo Cornwallis für derartige Fälle von Charleston aus Depots hatte anlegen lassen. Im Inneren von Südcarolina stand noch ein kleines englisches Heer unter =Lord Rawdon=; gegen dieses wandte sich Greene.
Es sei hier gleich erwähnt, daß dieser kleine Krieg nicht zur Entscheidung beitrug. =Rawdon= verteidigte sich gut, mußte aber schließlich doch auf Charleston zurückgehen und ward hier eingeschlossen, als sich der Hauptkrieg nach Virginien zog und die beiden Carolinas sowie Georgien ganz den Amerikanern zufielen.
=Cornwallis= hatte nun die Wahl, nach Erholung seiner Truppen aufs neue um die Herrschaft in Carolina zu kämpfen oder nach Virginia zu marschieren und der dort operierenden Expedition die Hand zu reichen. Er wählte das letztere, da er sich für ersteres zu schwach fühlte und außerdem den Kampf um das Chesapeakegebiet für wichtiger hielt. Er überließ =Rawdon= seinem Schicksal. Nach 18tägiger Ruhe trat er am 25. April den Marsch an, vereinigte sich am 20. Mai in Petersburg mit den Truppen des Generals =Arnold= und übernahm den Oberbefehl.
=Clinton= war mit dem von =Cornwallis= auf eigene Faust unternommenen Zuge durchaus nicht einverstanden. Er schrieb: »Operationen im Chesapeakegebiete sind so lange mit großer Gefahr verknüpft, als wir nicht einer ununterbrochenen Seeherrschaft sicher sind. Ich zittere vor den verhängnisvollen Folgen, die daraus entstehen können.« In den Carolinas auf Charleston zurückgetrieben, war die englische Macht nur noch auf zwei Stellen konzentriert, in New York und an der Chesapeakebucht. Da New Jersey und Pennsylvanien in der Hand der Gegner waren, hing die Verbindung der beiden Kriegsschauplätze vollständig von der Offenhaltung des Seeverkehres ab. Aber trotz seines ungünstigen Urteils über das Vorgehen =Cornwallis=' hatte ja =Clinton= selber schon eine starke Abteilung im Chesapeakegebiete aufs Spiel gesetzt!
$Die englische Expedition gegen Virginia. Erste Seeschlacht vor der Chesapeakebucht, 16. März 1781.$ Ende Dezember 1780 ging =Arnold= mit 1600 Mann nach der Chesapeakebucht, drang den Jamesfluß hinauf, verheerte das Land, ohne nennenswerten Widerstand zu finden und setzte sich dann in Portsmouth, einem als maritimem Stützpunkt geeigneten Platze, fest. =Washington= bat Rochambeau und Des Touches, den schwachen amerikanischen Kräften in Virginien Unterstützung zu bringen. Die Gelegenheit hierzu erschien nicht ungünstig, da das englische Geschwader augenblicklich geschwächt war. =Arbuthnot= hatte nämlich drei seiner Schiffe in See gehabt, um drei französische abzufangen, die zur Aufnahme eines von Europa erwarteten Transportes ausgelaufen waren. In einem Sturme wurden zwei der englischen Schiffe entmastet und das dritte strandete, während die französischen vor Ausbruch des Unwetters wieder einlaufen konnten. Aber gerade dieses Mißgeschick der Gegner bestimmte =Des Touches=, nicht sein ganzes Geschwader den Unbilden der Jahreszeit auszusetzen; er sandte nur ein Linienschiff nebst 2 Fregatten am 9. Februar zur Chesapeakebucht. Diese richteten aber nichts aus, da sich =Arnolds= kleinere Fahrzeuge in den Flüssen verbargen; sie kehrten Ende des Monats zur Flotte zurück, wobei ihnen allerdings eine von Charleston kommende Fregatte in die Hände fiel. Inzwischen hatte =Washington= aber doch die französischen Führer zu einem gemeinsamen Unternehmen gegen =Arnold= gewonnen.
Die Amerikaner setzten =Lafayette= mit 1200 Mann nach Virginien in Bewegung und =Des Touches= ging am 8. März bei Einbruch der Nacht mit seinem ganzen Geschwader, sowie 1100 französischen Soldaten in See. =Arbuthnot=, der seeklar am Eingange der Gardinerbucht lag, folgte sofort. Da seine Schiffe sämtlich gekupfert waren, von den französischen nur drei, vielleicht auch infolge größerer seemännischer Geschicklichkeit, überholte er den Gegner. Am 16. März 6 Uhr vorm. meldete eine Fregatte, daß dieser 2-3 Seemeilen achteraus stehe; wegen nebligen Wetters hatte man ihn bislang nicht gesehen. Zu dieser Zeit lagen die Geschwader etwa 40 Seemeilen nordöstlich vom Eingange der Chesapeakebucht; der Wind war westlich, so daß sie nicht unmittelbar in die Bucht einlaufen konnten und das englische Geschwader stand zwischen der Einfahrt und dem französischen (Plan A, A'). =Arbuthnot= drehte sofort um und steuerte nach Norden auf den Feind zu; nach einigen Manövern bei beständig umspringendem Winde kam es bald nach Mittag zur Schlacht.
$Die Schlacht vor der Chesapeakebucht am 16. März 1781[161].$ Beide Geschwader zählten 8 Schiffe in der Linie, und zwar das englische ein Schiff zu 98 Kanonen, 3 zu 74, 3 zu 64, 1 zu 50 und das französische ein Schiff zu 84, 2 zu 74, 4 zu 64, 1 zu 44; hierzu traten 4 englische und 3 französische Fregatten. Die Engländer waren also an Geschützen nicht unwesentlich überlegen.
[161] Nach Clowes III, Seite 489, und Mahan I, Seite 372, deren Angaben in den Hauptsachen mit den französischen Quellen übereinstimmen.
Bald nachdem die Engländer den Kurs nach Norden aufgenommen hatten, drehte der Wind nach Nord, wodurch die Franzosen in die Luvstellung kamen. =Des Touches= bildete nun die Gefechtslinie über Steuerbordbug, steuerte also östlich; =Arbuthnot= folgte seinem Beispiele. Der Wind drehte weiter, bis er gegen Mittag auf NO stehen blieb und stürmisch mit aufkommender hoher See wurde. Die bessere Segelfähigkeit der englischen Schiffe brachte sie nach und nach näher an die französischen heran, so daß =des Touches= seine Nachhut bedroht sah (Plan B, B'). Um dieser Gefahr entgegenzutreten, legte er sein Geschwader über den anderen Bug und ging dem Feinde entgegen. Da er noch Zeit genug hatte, führte er das Manöver im Kontremarsch aus. Er wollte nach französischem Brauche den unvermeidlichen Kampf in der Leestellung aufnehmen, was in diesem Falle auch den Vorteil bot, daß die Schiffe die untersten Batterien verwenden konnten, die in der Luvstellung des starken Überliegens halber die Pforten geschlossen halten mußten. Er zog nun mit seiner Linie vor der Spitze der englischen vorüber und steuerte dann westlich.
=Arbuthnot= segelte zunächst weiter, bis er etwa 2 Uhr nachmittags querab vom Feinde war, halste dann im Kontremarsch (C, C') und ging an ihn heran. Die Franzosen eröffneten schon das Feuer, während die Engländer noch ihr Manöver ausführten, und um 2-1/2 Uhr lagen beide Linien im Gefecht. Der englische Admiral hatte das Signal zum »Nahgefecht« nicht geheißt, dagegen das für »Gefechtslinie« wehen lassen. Infolgedessen zögerten die hinteren Schiffe mit dem Nahangriff, und die bekannten Nachteile der englischen Taktik traten schroff hervor: die drei vorderen Engländer hatten beim Herangehen schweres Enfilierfeuer auszuhalten, kamen früher sowie auf nähere Entfernung zum Kampf als die hinteren (D, D') und litten sehr. =Des Touches= nützte dies aus. Er befahl seinen vorderen Schiffen, auszuweichen, führte die übrigen unter lebhaftem Feuer an der englischen Spitze vorüber, halste im Kontremarsch und segelte nach Osten ab (E'). =Arbuthnot= hatte zwar die Absicht, ihm zu folgen, aber seine vordersten Schiffe waren augenblicklich manövrierunfähig, er mußte auf seinem westlichen Kurse bleiben (E). So endete der Kampf.
=Die Verluste= betrugen auf englischer Seite 30 Tote und 73 Verwundete, auf französischer 73 und 112.
=Die Schlacht= blieb =taktisch unentschieden=, da sie nicht bis zum äußersten durchgefochten wurde; doch war sie =ein strategischer Erfolg der Engländer=. Ihre Flotte lief während der Nacht in die Bucht ein, =Des Touches= segelte nach Rhode-Island zurück, da sich der Kriegsrat am 17. dahin entschied, daß man die Landung der Truppen nicht ausführen könne.
In Hinsicht auf $die Seekriegsgeschichte$ ist die Schlacht ein gutes Beispiel zu unseren fortlaufenden Betrachtungen über die Taktik der beiden Gegner und die Strategie der Franzosen. =Arbuthnot= war stärker, tat aber dem Feinde keinen Abbruch. Dies war eine Folge der alten englischen Angriffsart, die um so mehr hervortrat, als der Admiral das Signal, die Linie zu halten, hatte wehen lassen. Dies wurde ihm auch zum Vorwurf gemacht, und es ergibt sich daraus, daß man es in England mehr und mehr als fehlerhaft erkannte, unbedingt die Ordnung zu wahren. -- =Des Touches= verfuhr seinerseits nach der französischen Defensivtaktik, er wählte sogar freiwillig die Leestellung und nutzte dann auch die günstige Lage geschickt aus. Den errungenen Vorteil aber, die Lahmlegung von drei feindlichen Schiffen, verfolgte er nicht. Hätte er den Kampf wieder aufgenommen, so würde er wahrscheinlich seine Aufgabe haben lösen können; die dem französischen Offizierkorps anerzogene Scheu vor entscheidenden Kämpfen hielt ihn aber davon ab.
Allerdings machte man =Des Touches= Vorwürfe über sein Verhalten, und weder ihm noch seinen Kommandanten wurde Anerkennung für das geschickt geführte Gefecht zuteil. Wie tief aber die vorsichtige Kriegführung im französischen Offizierkorps eingewurzelt war, zeigt der Bericht des Admiral =Barras=, der kurz nach der Schlacht an =Des Touches=' Stelle trat und sich für diesen verwandte. Er schrieb, nachdem er den taktischen Erfolg hervorgehoben hatte: »Daß die Engländer ihre strategische Aufgabe lösten, war eine Folge ihrer Überlegenheit und noch mehr des Umstandes, daß dieselbe eine rein defensive war. Es ist ein Grundsatz im Kriege, viel zu wagen, um die eigene Lage zu verteidigen, aber sehr wenig, um die des Gegners anzugreifen. Des Touches' Aufgabe war eine rein offensive, und er tat recht, sie aufzugeben, da es unwahrscheinlich war, daß er den überlegenen Gegner nicht nur schlüge, sondern auch völlig vernichte[162].« =Mahan= bemerkt hierzu (Clowes III, Seite 493) sehr treffend: »=Diese Erhebung der Defensive über die Offensive, dieses hemmende Rechnen mit Möglichkeiten, diese Scheu vor Wagnissen erklären die geringen Erfolge der Franzosen in diesem Kriege.=«
[162] Näheres hierüber vgl. Lacour II, Seite 362 und Chevalier II, Seite 237.
=Des Touches= erreichte am 18. März die Narragansettbucht, Anfang April stieß ein Linienschiff mit Munition, sowie 600 Soldaten von Frankreich zu ihm, und am 10. Mai langte auf einer Fregatte der Chef d'Escadre =de Barras= an, der den Oberbefehl übernahm. Auch =Arbuthnot= traf bald nach der Schlacht wieder in New York ein und begab sich auf seine Beobachtungsstellung in der Gardinerbucht; am 2. Juli wurde er durch den Kontreadmiral =Sir Thomas Graves= im Kommando abgelöst.
$Virginia wird der entscheidende Schauplatz des Landkrieges, Sommer 1781.$ =Des Touches= überließ durch seinen Rückzug den Engländern die Chesapeakebucht und =Clinton= sandte sofort (Ende März) den General =Phillips= mit 2000 Mann dorthin. Dieser übernahm den Oberbefehl, segelte während des Monats April den Jamesfluß hinauf, landete an verschiedenen Stellen, trieb die amerikanischen Milizen auseinander und verwüstete das Land planmäßig. Anfang Mai ging er wieder flußabwärts und erhielt am 7. Mai von =Cornwallis=, der jetzt aus Carolina herangekommen war, Befehl, sich mit ihm in Petersburg zu vereinigen. =Lafayette= war =Phillips= beobachtend gefolgt und versuchte vergeblich, Petersburg vor diesem zu erreichen, entzog sich aber doch dem Angriff durch =Cornwallis=. Die Vereinigung der englischen Heere fand am 20. Mai statt, nachdem =Phillips= kurz vorher einem Fieber erlegen war. Schon am 24. überschritt =Cornwallis= den Jamesfluß, um =Lafayette= anzugreifen, der vor Richmond Stellung genommen hatte. Dieser wich jedoch weiter aus und erhielt bald darauf Verstärkung.
=Cornwallis= blieb bei Williamsburg stehen, um die Halbinsel zwischen dem James- und dem Yorkflusse zu halten. Hier bekam er Befehl, einen Teil seines Heeres an =Clinton= zurückzusenden, der sich in New York unsicher fühlte. Es zeigte sich jetzt also die Folge seines Fehlers, daß er die so schon kaum genügenden Kräfte auf zwei nur über See in Verbindung stehende Kriegsschauplätze verteilt hatte. =Cornwallis= wollte nun auf Portsmouth zurückgehen, um dem Meere näher zu sein. Beim Übergang über den Jamesfluß wurde er von =Lafayette= angegriffen; der nur noch die Nachhut vor sich zu haben glaubte und eine schwere Niederlage erlitt. =Cornwallis= erhielt jetzt mit dem Widerruf des letzten Befehls den Auftrag, sich in Yorktown am Südufer in Gloucester am Nordufer des Yorkflusses festzusetzen und die Halbinsel zu behaupten. Er verfügte dazu über etwa 7000 Mann, 1 Schiff zu 50 Kanonen und einige kleinere Fahrzeuge; ihm gegenüber lag =Lafayette= mit etwa 1800 Regulären und 3000 Milizen (Ende August). Hier sollte sich der Landkrieg entscheiden, da die Verbündeten bald mit weitüberlegenen Kräften auftraten.
Mit dem Admiral =Barras= war der Sohn des Generals =Rochambeau= von seiner Sendung nach Frankreich zurückgekehrt und hatte berichtet, =de Grasse= habe Befehl, während der Orkanzeit von Westindien nach Nordamerika Schiffe zu senden. Daraufhin kamen =Washington= und =Rochambeau= am 21. Mai zusammen, um einen Kriegsplan aufzustellen. Man zog den Angriff auf New York, sowie eine große Expedition nach Virginia in Erwägung und entschied sich für letztere, hauptsächlich in der Annahme, daß =de Grasse= nach den Erfahrungen =d'Estaings= vor New York lieber in der Chesapeakebucht bleiben würde. Man beschloß, sofort die französischen Truppen zu den amerikanischen am Hudson heranzuziehen, um so zu beiden Unternehmungen bereit zu sein, falls =de Grasse= wider Erwarten den Angriff auf New York vorziehe.
Nach einer zweiten Beratung am 20. Juni ward dann eine Fregatte nach Westindien gesandt, um dem Admiral Kenntnis von den Plänen zu bringen und ihn um baldiges Kommen zu bitten. Dieses Schiff nahm auch amerikanische Lotsen mit; =Barras=, der mit =de Grasse= gleichzeitig Frankreich verlassen hatte, war von diesem hierzu beauftragt worden. Die Fregatte traf bekanntlich den Admiral in Cap Français und kam schon am 15. August mit der Nachricht zurück, daß er Anfang August nach der Chesapeakebucht unter Segel gehen werde. Inzwischen war Ende Juli die Vereinigung am Hudson erfolgt, und man verstärkte die Tätigkeit vor New York, um Clinton über den eigentlichen Plan zu täuschen. Am 19. August traten dann plötzlich 2000 Amerikaner und 4000 Franzosen den Marsch nach Virginia an und erreichten am 3. September Philadelphia. Hier erhielt man zunächst die beunruhigende Nachricht, daß =Hood= von Westindien in New York angekommen sei, aber gleich darauf erfuhr man =de Grasses= Eintreffen vor der Chesapeakebucht und stand schon am 5. September mit ihm in Verbindung.
Das französische Geschwader in der Narragansettbucht, 8 Linienschiffe und 4 Fregatten, ging am 25. August nach der Chesapeakebucht in See; es führte auf 18 Transportern Truppen nebst einem Belagerungspark mit sich. =Barras= hatte anfangs Bedenken geäußert: er könne mit =Graves= in New York, der außerdem noch Verstärkung aus England entgegensehe, oder mit der aus Westindien sicher zu erwartenden englischen Flotte zusammenstoßen; =de Grasse= sei aber mit 24 Linienschiffen auch ohne ihn jedem Gegner gewachsen und habe ihm ja, wohl aus diesem Grunde, freie Hand gelassen. Da wolle er lieber eine Diversion gegen Neufundland unternehmen. Er fügte sich jedoch später, nahm aber der Sicherheit halber seinen Kurs nach Süden weit von der Küste und steuerte die Bucht erst auf der Breite vom Kap Henry an. So traf er dort unbelästigt, aber erst am 10. September ein, als die Lage in der Hauptsache bereits entschieden war.
=Barras=' Einwurf war durchaus berechtigt, denn =Graves= war stark genug, ihn mit seinem Transporte zurückzuweisen, wie es =Arbuthnot= mit =Des Touches= geglückt war; er traf auch tatsächlich früher vor der Bucht ein als Barras. Mit Rücksicht auf =Graves=' Stärke hatte man sogar kurze Zeit vorher daran gedacht, das französische Geschwader nach Boston zurückzuziehen.
$De Grasse und Hood treffen ein. Zweite Schlacht vor der Chesapeakebucht, 5. September 1781.$ Admiral =Hood= war am 25. August vor der Bucht angelangt. Da man aber in New York nichts von seinem Kommen wußte, fand er keine Nachrichten über die Lage vor, segelte weiter und ankerte am 28. bei Sandy Hook. Am Abend dieses Tages erfuhr man in New York die Abfahrt der Franzosen von Rhode-Island. Admiral =Graves= kam mit 5 Linienschiffen und einem 50-Kanonenschiffe, die allein völlig seebereit waren, aus dem Hafen, übernahm den Oberbefehl und segelte am 31. August zur Verfolgung ab. Man wußte jetzt, daß das Heer der Verbündeten im Eilmarsch nach dem Süden zog, auch wollte man versuchen, =Barras= und =de Grasse= einzeln zu schlagen; letzteren schätzte man, wie auch =Rodney= getan hatte, auf nur etwa 14 Schiffe.
=De Grasse= erreichte die Chesapeakebai am 30. August und ankerte in der Lynnhavenbucht hinter Kap Henry. Er ließ trotz des weiten Weges die mitgebrachten 3300 Soldaten durch die Ruderboote der Flotte nach dem Jamesflusse befördern und dort landen, auch sandte er 4 Linienschiffe mit, um diese Überführung zu decken, die englischen Schiffe im Yorkflusse festzuhalten und um dem englischen Heere unter Cornwallis den Rückzug über den Jamesfluß zu verlegen.
=Lafayette= wurde durch die Gelandeten auf 8000 Mann verstärkt und rückte bis Williamsburg vor. Am 5. September früh erhielt =de Grasse= eine Bitte =Washingtons=, seine Truppen von Philadelphia nach Virginien überzusetzen; der Admiral bestimmte hierfür auch 7 Linienschiffe, wollte jedoch zuvor noch die Rückkehr der entsandten Boote abwarten. Um 9 Uhr vormittags meldete ihm eine Ausguckfregatte das Nahen einer großen Flotte. Man hielt diese zunächst für das Geschwader Barras' mit den Transportern, entnahm aber bald aus der Anzahl der schweren Schiffe, daß es Engländer sein müßten. =De Grasse= beschloß, ihnen vor der Bucht entgegenzutreten und ging um Mittag in See, als die Ebbe einsetzte. =Graves= war seinerseits auf das peinlichste überrascht, auf eine überlegene Flotte zu stoßen, zögerte aber keinen Augenblick mit dem Angriff. Die Schwerfälligkeit der englischen Methode ließ jedoch seine Tapferkeit zuschanden werden.
$Die Schlacht vor der Chesapeakebucht am 5. September 1781[163].$ =Die französische Flotte= zählte 24 Linienschiffe und zwar: 1 Schiff zu 104 Kanonen (»Ville de Paris«, das größte und schönste Schiff jener Zeit), 3 zu 80, 17 zu 74, 3 zu 64; die englische Flotte zählte 19 Schiffe: 2 zu 90, 12 zu 74, 1 zu 70, 4 zu 64, 1 zu 50 (dieses stand nicht in der Linie).
[165] Besonders benutzte Quellen: Clowes III, Seite 497; Bonfils III, Seite 209; Troude II, Seite 108. Clowes gibt auch Näheres über die von Hood an der Führung der englischen Flotte später geübte Kritik.
Die Mündung der Bucht vom Kap Charles bis Kap Henry ist etwa 10 Seemeilen breit; die Haupteinfahrt befindet sich zwischen letztgenanntem Kap und einer 3 Seemeilen entfernten Bank, dem Mittelgrunde. Als die englische Flotte gesichtet wurde, segelte sie von Norden mit südwestlichem Kurse auf die Einfahrt zu und bildete bei der Annäherung Kiellinie. Der Wind war NNO, viele der französischen Schiffe mußten beim Inseegehen einige Schläge machen, um das Kap Henry zu passieren; die Bildung der Linie dauerte infolgedessen längere Zeit, und sie war anfangs weder gut geschlossen noch ausgerichtet. =De Grasse= steuerte über Steuerbordbug beim Winde nach Osten; um 2 Uhr nachmittags stand seine Vorhut querab von der Mitte der Engländer.
Nun halste =Graves= mit allen Schiffen zugleich, so daß die beiden Linien parallel etwa 3 Seemeilen voneinander entfernt über gleichen Bug lagen, wartete ab, bis das feindliche Flaggschiff querab von dem seinen war (Plan: Lage A, A') und setzte sich dann wieder in Fahrt. Um 2-1/2 Uhr gab er dem Spitzenschiff Befehl, auf die Spitze des Gegners zuzuhalten; da die anderen Schiffe im Kielwasser des Spitzenschiffes bleiben mußten, näherte sich die englische Linie der feindlichen in einem spitzen Winkel. Um 3-3/4 Uhr heißte der Admiral das Signal zum Angriff, ließ aber das für »Kiellinie« wehen. Die Engländer befanden sich also genau in der Lage (B, B'), die sich bei Betrachtung der Taktik (Seite 41) als überaus ungünstig herausgestellt hat, und die Folgen blieben nicht aus. Die vorderen Schiffe kamen früher ins Gefecht, die folgenden erst nach und nach, ja überhaupt nur bis zum zwölften; diese zwölf aber hatten längere Zeit Enfilierfeuer auszuhalten, ohne es ernstlich erwidern zu können. In diesem besonderen Falle ergab sich hieraus noch ein weiterer Übelstand. Der Admiral, sowie einige Schiffe vor ihm luvten während der Annäherung zeitweise an, um ihre Breitseiten abgeben zu können, hierdurch wurde die Ordnung gestört und die Schiffe behinderten sich gegenseitig, Umstände, die sich bei anderen Schlachten als eine Folge dieser Art des Angriffs herausstellten, wenn Schiffe durch Havarien aufgehalten wurden (vgl. Minorka, Seite 137). Nach dem Schiffsjournal des Flaggschiffes hat =Graves= mehrere Male das Signal »Kiellinie« niedergeholt, es aber immer wieder geheißt. Der Führer der Nachhut, =Hood=, hat das Niederholen um 5-1/2 Uhr, dicht vor Ende des Kampfes, zum ersten Male erkannt. Die letzten 7 Schiffe kamen überhaupt nicht mehr zum Gefecht, was =Hood= eben diesem Umstande neben dem zu schrägen Heranführen zuschrieb. Um die genannte Zeit nämlich gab =de Grasse= seinen vordersten Schiffen Befehl, langsam abzuhalten, denn er glaubte sie gefährdet, weil seine hinteren Schiffe ziemlich weit in Lee standen. =Graves= aber blieb dicht am Winde liegen, und so endete der Kampf gegen Sonnenuntergang. =Hood= schrieb am nächsten Tage eine Kritik über die Führung, die auch veröffentlicht wurde. Sie gipfelte in den erwähnten Punkten und zog den Schluß, daß ohne diese Fehler die feindliche Vorhut hätte vernichtet werden können.
=Die Verluste= betrugen auf französischer Seite nach eigener Angabe 200 Tote und Verwundete, auf englischer 336; auch waren wie gewöhnlich die vorderen englischen Schiffe, besonders fünf von ihnen, stark beschädigt.
Nach vorstehender Schilderung ist auch =diese Schlacht ein besonders gutes Beispiel für die Taktik der beiden Gegner. Strategisch= war sie =ein Erfolg der Franzosen=. =Graves= hatte wohl die Absicht, den Kampf zu erneuern, sah aber wegen der Beschädigung mehrerer seiner Schiffe davon ab. Er hielt sich bis zum 9. September in Sicht der Franzosen, am 10. mußte er ein 74-Kanonenschiff verbrennen, da es nicht mehr flott zu halten war, und als ihm am 13. eine Fregatte meldete, daß die französische Flotte noch verstärkt in der Bucht läge, segelte er nach New York ab, wo er am 19. eintraf.
=Hood= war auch mit dem Verfahren nach der Schlacht nicht einverstanden. Nach seiner Ansicht hätte man unmittelbar nach Abbruch des Kampfes in die Bucht einlaufen und hier eine Verteidigungsstellung einnehmen müssen; der Feind würde dann wahrscheinlich von einem Angriffe abgesehen haben. Als er dann am 13. September von =Graves= um seine Ansicht befragt wurde, antwortete er, er könne wirklich keinen Rat in der traurigen Lage geben, in die man sich selber gebracht habe.
=De Grasse= hatte sich während der Tage nach der Schlacht beobachtend und abwartend verhalten; ihm lag in erster Linie daran, das erwartete Geschwader =Barras=' sicher aufzunehmen. Am 10. September segelte er nach der Chesapeakebucht, da er wegen seiner Boote in Sorge war und auch den Vormarsch des Landheeres unterstützen wollte. Als er am 11. einlief, fand er die Boote und =Barras= in Lynnhavenbucht vor.
$Cornwallis ergibt sich in Yorktown, Oktober 1781.$ Inzwischen hatten die Generale am Nordende der Chesapeakebucht alle Fahrzeuge gesammelt, deren sie habhaft werden konnten und mit ihnen 2000 Mann nach Süden befördert; der Rest setzte den Marsch zu Lande fort und wurde dann teilweise durch französische Fregatten von Annapolis aus weitergeführt. Am 25. September war die ganze Macht der Verbündeten, 14000 Mann, bei Williamsburg vereint und rückte am 26. gegen Yorktown vor; die Stadt ward eingeschlossen und auch Gloucester berannt. Um diese Zeit erfuhr =de Grasse=, daß =Graves= Verstärkungen erhalten habe. Er wollte auslaufen, da er dessen Erscheinen erwartete, aber =Washington= ersuchte ihn zu bleiben, damit =Cornwallis= keine Möglichkeit habe zu entschlüpfen. So hielt sich die Flotte nur zum Inseegehen bereit.
=Cornwallis= war nun auch vom Meere abgeschnitten. Von seinen Truppen -- 7250 Soldaten und 850 Seeleute, die in den Werken Schiffsgeschütze der Flottille bedienten -- lagen ungefähr 1500 Mann krank, Lebensmittel wie Munition wurden knapp; auch ein Versuch, sich von Norfolk über den Yorkfluß nach Gloucester zu ziehen, schlug fehl, da ein Sturm die Boote der Flottille vernichtete. In der Nacht vom 14./15. Oktober nahmen die Belagerer zwei wichtige Außenforts. Am 18. trat =Cornwallis= in Unterhandlungen und =übergab= am 19. =Oktober Yorktown=. Das englische Heer ward kriegsgefangen; 22 Fahnen, 160 Kanonen, 8 Mörser, sowie einige kleinere Kriegsschiffe fielen den Siegern in die Hände. Um die »Loyalisten« zu retten, die unter ihm dienten und die von den Amerikanern als Verräter behandelt worden wären, bedingte sich =Cornwallis= aus, daß ein Schiff mit ihnen an Bord undurchsucht nach New York segeln dürfte, von wo es dann zurückkehren und sich den Gegnern überliefern mußte. Noch größer war der moralische Erfolg des Sieges. Er belebte den gesunkenen Mut der Amerikaner, gab in England der Opposition und den Friedensfreunden eine neue Waffe und trug selbst zum Sturz des Ministeriums bei. =Mit dem Falle von Yorktown war der Krieg in Nordamerika gewissermaßen beendet.=
$Die großen Flotten segeln nach Westindien zurück.$ Kurz nach Ankunft der englischen Flotte in New York stießen Kontreadmiral =Digby=, der den Oberbefehl der Station übernehmen sollte, von England mit 3 Linienschiffen, sowie die beiden von =Rodney= nach Jamaika entsandten Schiffe zu ihr. Ein neuer Versuch zum Entsatz Yorktowns wurde beschlossen. =Graves=, der für das Kommando der Jamaikastation bestimmt war, behielt vorläufig den Oberbefehl und erschien am 25. Oktober mit 27 Linienschiffen, sowie 6000 Mann bei Kap Henry; auf die Nachricht von =Cornwallis=' Schicksal kehrte er jedoch nach New York zurück, ohne einen Angriff auf die französische Flotte gemacht zu haben. Er ging dann auf seine neue Station; =Hood= segelte am 5. November mit 18 Linienschiffen nach Westindien und traf am 5. Dezember in Barbados ein.
=De Grasse= ging am 4. November mit seiner ganzen Flotte, einschließlich des Geschwaders Barras', in See; nur einige Fregatten blieben zurück. Er zweigte 4 Linienschiffe ab, um die von St. Domingue mitgenommenen Soldaten wieder dorthin zu führen und dann den bei seiner Abfahrt zurückgelassenen Konvoi nach Europa zu geleiten. Mit dem Gros traf er am 26. November in Fort Royal ein.
=Washington= hatte =de Grasse= ersucht, noch einen Angriff auf Charleston oder auf Wilmington zu unterstützen. Der Admiral erklärte, seinem Befehle gemäß möglichst bald nach Westindien segeln zu müssen; ein Unternehmen gegen erstgenannte Stadt würde zu langwierig werden, zu einem solchen gegen Wilmington stelle er sich zur Verfügung, wenn es vor dem 1. November begonnen werden könne. Da jedoch die Amerikaner bis dahin nicht bereit waren, segelte er mit dem Versprechen ab, im nächsten Jahre wiederzukommen.
$Die Franzosen erobern St. Eustache zurück, 26. November 1781.$ Der Gouverneur von Martinique, =Marquis de Bouillé=, hatte erfahren, daß die Engländer seit der Abfahrt der Flotten nach Nordamerika in St. Eustache alle Vorsicht gegen einen Angriff außer acht ließen. Er ging am 16. November mit 2 Fregatten, einer Korvette und 1200 Mann auf einigen Handelsschiffen in See, landete in der Nacht vom 25./26. etwa 6 Seemeilen von der Stadt und rückte auf diese vor. Am 26. um 6 Uhr morgens überraschte er einen Teil der englischen Garnison auf dem Exerzierplatze und drang mit den Flüchtenden in das Fort ein; die übrigen Engländer wurden in der Stadt und in den Kasernen gefangen genommen. Außer etwa 700 Soldaten fiel ein Teil der Beute =Rodneys= in die Hände der Sieger, die sie den Holländern zurückgaben. Von St. Eustache aus bemächtigte sich =Bouillé= dann auch der Inseln =St. Martin= und =Saba=; nach Fort Royal zurückkehrend, fand er =de Grasse= dort vor.
$Beurteilung der Kriegführung in Westindien und Nordamerika 1781.$ =In Westindien= traf =Rodney= zu Anfang des Jahres auf keinen nennenswerten Widerstand, und so wurde es ihm leicht, sich der holländischen Besitzungen zu bemächtigen. Zu sehr um die Sicherung der Beute besorgt, trug er dann aber der Änderung der Lage keine Rechnung, die durch die Ankunft der großen Flotte nebst Konvoi unter =de Grasse= entstand. Es war falsch, =Hood= in Lee der Insel Martinique zu stationieren; =de Grasse= erhielt dadurch Gelegenheit, den Konvoi nach Fort Royal zu führen. =Rodney= selber würde wohl anders gehandelt haben. =Hood= konnte nur der erhaltenen Weisung folgen und, als es ihm nicht gelungen war, seine schwächeren Kräfte in günstiger Lage zum Kampfe zu bringen, seinen Oberbefehlshaber wieder aufsuchen. Hierdurch ging Zeit verloren, und den Franzosen glückte die Wegnahme von =Tabago=.
Später war =Rodney= als der Schwächere stets nur imstande, den Gegner in Schach zuhalten und die anderen Inseln, besonders Barbados, zu decken. Wenn er endlich nur einen Teil der Flotte nach Nordamerika sandte, auf die unsichere Annahme hin, der Gegner habe ein gleiches getan, so war auch dies ein Fehler, ist jedoch damit zu entschuldigen, daß die englischen Admirale stets der öffentlichen Meinung zuliebe großes Gewicht auf die Sicherung von Konvois legen mußten.
=De Grasse= trat in Westindien nicht so tatkräftig auf, wie es die Stärke seiner Flotte erlaubt hätte. Bei Martinique war er =Hood= gegenüber zu besorgt um den Konvoi, später =Rodney= gegenüber um die Sicherheit der eroberten Inseln. Es war eben wieder das vorsichtige Handeln der französischen Führer jener Zeit. Hätte er seine Überlegenheit zur Erringung der Seeherrschaft eingesetzt, würde er vielleicht sämtliche Antilleninseln erobert haben; so blieb die feindliche Flotte unversehrt, und Tabago war der einzige Erfolg. Anders zeigte sich =de Grasse= beim Antritt seiner Fahrt nach Nordamerika.
=In Nordamerika= waren die Engländer durch die Expedition nach Virginia in eine gefährliche Lage geraten. Anfangs befanden sie sich hier allerdings im Vorteil, und auch der erste Versuch der Verbündeten, ihre Lage zu bessern, schlug fehl, da der französische Admiral =Des Touches= trotz des im allgemeinen erfolgreichen Zusammenstoßes mit =Arbuthnot= seine Aufgabe nicht durchführte. Das Vordringen der Engländer in Virginien erhöhte die schon vorhandene Kriegsmüdigkeit in den Kolonien. Der Zeitpunkt schien nicht fern, wo der Kongreß den Krieg hätte beenden müssen, wenn nicht Hilfe kam. Diese sollte die große französische Flotte bringen und den Umstand benutzen, daß die Engländer zur Verbindung zwischen den beiden Kriegsschauplätzen ganz auf den Seeweg angewiesen waren, um sie auf einem derselben überlegen und überraschend anzugreifen.
Ganz richtig wählten =Washington= und =Rochambeau= hierzu Virginien. Hier war die englische Stellung schwächer als im Norden, man konnte durch scheinbare Bedrohung von New York den Gegner über den wahren Angriffspunkt täuschen, bis die Flotte die Verbindung unterbrach. Die Chesapeakebucht lag außerdem Westindien näher und ihre Wassertiefen machten sie geeigneter für ein Mitwirken der Seestreitkräfte. Auch =de Grasse= erkannte die Lage richtig und führte seine Aufgabe mit Entschlossenheit und Tatkraft durch. Er erhob keine Einwände, die Verzögerungen gebracht hätten, sondern beschaffte schnell die verlangten Geldmittel und Truppen und nahm von Seestreitkräften alles mit, was zu erlangen war, obgleich dadurch ein großer Konvoi zurückbleiben mußte.
=Mahan= (I, Seite 379) sagt hierzu: »Dieser Vorfall beleuchtet eine Schwäche eines handeltreibenden Volkes mit parlamentarischer Regierung dem reinen Militärstaat gegenüber. So schrieb ein Offizier jener Zeit, wenn die britische Regierung eine derartige Maßnahme (d. i. Zurückhaltung des Konvois) gebilligt oder ein englischer Admiral sie angeordnet hätte, so wäre die erstere gestürzt und letzterer gehängt worden.« Wie eben erwähnt, hatte =Rodney= seine Flotte durch Konvoibegleitungen geschwächt.
So war =de Grasse= rechtzeitig in genügender Stärke zur Stelle, beschäftigte dann =Graves= mit Kaltblütigkeit, bis Barras zu ihm stieß, und unterstützte schließlich die Operationen des Heeres. Die französische Flotte trug in erster Linie zum Falle von Yorktown und damit zur Beendigung des Krieges in Nordamerika bei.
=De Grasse= fand volle Anerkennung in Amerika. Der Kongreß sprach ihm seinen Dank aus und schenkte ihm vier der eroberten Kanonen, die der Admiral später vor seinem Schlosse de Tilly im Departement Seine et Oise aufstellte. Noch mehr mußte ihn die Anerkennung =Washingtons= befriedigen, dieses tüchtigen Kriegs- und Staatsmannes, der wie niemand sonst die Hilfsquellen seines Landes, sowie die Schwierigkeit des Kampfes kannte. Dieser schrieb ihm nach der Übergabe von Yorktown: »Die Übergabe...., wofür die Ehre Eurer Exzellenz gebührt, ist unserer hoffnungsvollsten Erwartung vorausgeeilt.« Er bittet dann um weitere Unterstützung und fährt fort: »Die Überlegenheit der Engländer zur See vor Ihrer Ankunft gab ihnen entscheidende Vorteile durch den schnellen Transport von Truppen und Vorräten, während die Märsche, die unsere Verstärkungen machen mußten, sie der Gefahr aussetzten, einzeln geschlagen zu werden. Es hängt von Ew. Exzellenz ab, den Krieg zu beenden.« Als =de Grasse= diese Aufforderung ablehnte, aber auf das nächste Jahr verwies, nahm =Washington= dies an und fügte hinzu: »Ich brauche Ew. Exzellenz gegenüber nicht auf die unabweisbare Notwendigkeit einer so starken Seestreitkraft zurückzukommen, die Ihnen die unbedingte Überlegenheit sichert.... Sie werden bemerkt haben, daß bei allen Anstrengungen des Landheeres der Marine stets das entscheidende Wort in dem gegenwärtigen Kampfe zufällt.« -- =Mahan= I, Seite 383-386, bringt weitere Auszüge aus Briefen =Washingtons=, auch an andere Personen, die bezeugen, welch hohen Wert er der Kriegführung zur See beimaß.
Der ungünstige Verlauf der englischen Unternehmungen ist zunächst der Teilung der Kräfte für Westindien und Nordamerika zuzuschreiben, eine Folge der Strategie Englands, auf allen Kriegsschauplätzen stets einem Angriffe gewachsen zu sein. Wir wollen hierauf in der Schlußbesprechung des Krieges eingehen. Schlechte Leitung und wirkliches Mißgeschick traten hinzu.
=Graves=' Geschwader hätte um einige Schiffe der Jamaikastation stärker sein können, wenn =Rodneys= Befehle genau befolgt wären. Es waren unglückliche Zufälle, daß =Graves= die Nachrichten aus Westindien nicht erhielt, sonst wäre er wohl rechtzeitig vor der Chesapeakebucht gewesen. Vielleicht war es ein Fehler, daß er selbst mit der ganzen Flotte New York zu einer Jahreszeit verließ, zu der er auch ohne weiteres die Flotten aus Westindien erwarten konnte, aber ihm war von England aus das Abfangen eines französischen Konvois dringend empfohlen.
Als er dann nach der Chesapeakebucht ging, wußte er von =Barras=' Auslaufen und hätte außer Sicht von Land kreuzen müssen, um zunächst diesen abzufangen. Wäre dies, wie wahrscheinlich, geglückt, so würde das feindliche Heer vor Yorktown kein Belagerungsmaterial gehabt haben und die französische Flotte späterhin nicht so überlegen gewesen sein. Daß =de Grasse= überhaupt schon und in solcher Stärke angelangt war, wußte er allerdings nicht. Die vor der Bucht stationierten Kreuzer hatten geankert, statt unter Segel zu bleiben; sie wurden durch die Franzosen überrascht, einer genommen, der andere in die Bucht gejagt. Sicher hätte =Graves=, sobald er Nachricht erhalten, sich zuerst gegen =Barras= gewendet. So wäre vielleicht der schnelle Fall Yorktowns verhindert und bei dem schon hervortretenden Mißtrauen der Amerikaner gegen Frankreich, sowie der Kriegsmüdigkeit dieser manches anders gekommen.
Der Krieg in Europa 1782.
=Der Wechsel des Ministeriums in England im März= 1782 brachte den Krieg in Nordamerika zum Stillstand. Wenn auch der König stets fest entschlossen blieb, die Unabhängigkeit der Kolonien nicht anzuerkennen und die Einmischung Frankreichs, sowie Spaniens nicht zu dulden, zeigte sich doch die öffentliche Meinung durch die ungeheuren Kriegskosten, durch das zweimalige Erscheinen überlegener feindlicher Flotten an Englands Küsten und durch mancherlei andere Vorfälle umgestimmt. Die Staatsschuld war auf 198 Millionen Lstrl. angewachsen, man mußte 300000 Soldaten und Seeleute besolden, sowie große Flotten im Dienst halten; die Zivilliste war, obgleich stark erhöht, überschritten und es war bekannt, daß große Summen aus ihr zur Gewinnung von Parlamentsmitgliedern für die Regierung verwendet wurden. Dabei sah man weder in Nordamerika noch zur See durchschlagende Erfolge. All dies erweckte im Volk den Wunsch nach Frieden mit den Kolonien; diese Stimmung wurde von Agenten sowie Freunden der Amerikaner genährt und ergriff immer weitere Kreise. Zudem traf dicht vor Eröffnung des Parlaments im Herbst 1781 die Nachricht von der Kapitulation des Heeres bei Yorktown ein.
Nach allem, was man bisher von dem jämmerlichen Zustande der amerikanischen Truppen, dem Geldmangel und der geringen Neigung der Kolonisten gehört hatte, für den Krieg Opfer zu bringen, kam die Kunde doppelt unerwartet; selbst der Premierminister, =Lord North=, war völlig niedergeschlagen. Der König verharrte allerdings auf seinem Standpunkte, und in der Thronrede vom 27. November verlautete nichts über den Frieden, aber im Volke schwand jede Neigung zum Kriege, wenigstens für den mit den Kolonien. Als dann noch der Verlust Minorkas und der westindischen Inseln bekannt wurde, hatte die Opposition im Parlamente freies Spiel. Die Politik der Regierung, die Verwaltungen des Heeres und der Marine, sowie die ganze Kriegführung wurden schonungslos angegriffen und die Einstellung des Kampfes in Nordamerika verlangt. Im März 1782 mußte das Ministerium einem solchen der Whigs weichen. Dieses stand unter der Leitung des =Marquis of Rockingham=, und der Admiral =Augustus Keppel= wurde Erster Lord der Admiralität an Stelle des =Earl of Sandwich=, der besonders hart, und zwar auch von höheren Seeoffizieren, angegriffen war. Als am 1. Juli, nach dem Tode Rockinghams, der =Graf von Shelburne= (Lansdown) an die Spitze trat, kam Sir =William Pitt= (der Jüngere) ins Kabinett und gewann sofort großen Einfluß, bis er im Dezember 1783 tatsächlich die Leitung übernahm.
Die Opposition erreichte zunächst, daß der Oberbefehlshaber in Amerika Befehl erhielt, sich auf das Halten der noch besetzten Plätze -- New York, Charleston, Savannah -- zu beschränken. Da nun auch die Amerikaner ohne die französische Flotte keinen Angriff wagten, trat =im Landkriege= eine Art =Waffenstillstand= ein. =Der Seekrieg= gegen die drei europäischen Mächte, der in England weit populärer war, ward dagegen mit aller Kraft fortgesetzt; er spielte sich besonders in West- und Ostindien ab. Schon im Januar segelte =Rodney= mit 12 Linienschiffen nach Westindien.
$Indienststellungen 1782.$ (Vgl. die Listen Seite 224.) =In England= waren für 1782 der Marine 100000 Mann, einschließlich 21000 Seesoldaten, sowie etwa 7-1/4 Millionen Lstrl. bewilligt. Im Sommer befanden sich 129 Linienschiffe im Dienst, von denen 35 in den heimischen Gewässern und 59 in den westindischen stationiert waren. =Frankreich und Spanien= verfügten in Europa über wenigstens 50 Linienschiffe und würden auch in Westindien mit 58 dem Feinde gewachsen gewesen sein, wenn ihre Flotten zusammengewirkt hätten. In Ostindien standen 22 englische gegen 13 französische Schiffe. =Holland= hatte im Oktober 16 Linienschiffe in Dienst.
=Der Krieg in den europäischen Gewässern= drehte sich 1782 wie im Vorjahre um die Seeherrschaft am Eingange des Kanals und um Gibraltar. Port Mahon fiel schon am 5. Februar den Spaniern in die Hände (vgl. Seite 319), und die hier verwendeten Truppen wurden nun zur Belagerung von Gibraltar mit herangezogen. Neben der engen Einschließung dieser Festung von See her planten Frankreich und Spanien auch in diesem Jahre mit ihrer Hauptseemacht in den nördlichen Gewässern aufzutreten; zu dieser sollten holländische Schiffe stoßen. Ein Unternehmen gegen die englische Küste scheint nicht beabsichtigt gewesen zu sein, sondern nur das Abfangen von Konvois sowie Militärtransporten und das Festhalten der englischen Flotte zugunsten der Belagerung von Gibraltar.
Schon am 11. Februar verließ Admiral =de Guichen=, sobald die Schiffe ihre im Dezember erlittenen Beschädigungen ausgebessert hatten, mit 16 Linienschiffen, von denen 2 nur als Flüten armiert waren, und 11 Fregatten Brest. Drei Linienschiffe waren nebst einem großen Konvoi mit Vorräten für das dortige Geschwader nach Westindien, zwei nach Ostindien bestimmt; sie trennten sich an der spanischen Küste von der Flotte. Hier ward auch am 15. Februar =La Motte-Picquet= mit 4 Linienschiffen abgezweigt, um in der Biskaya und vor dem Kanal zu kreuzen; er machte einige Prisen, erlitt aber schon am 23. in einem schweren Sturme arge Schäden und lief am 26. wieder in Brest ein. Am Wiederauslaufen wurde er bald durch überlegene englische Kräfte gehindert. =Guichen= erreichte am 11. Februar mit 5 Schiffen Cadiz und trat unter den Oberbefehl des spanischen Admirals =Cordoba=, der hier mit 27 Linienschiffen lag; 11 spanische, sowie 2 französische befanden sich außerdem unter Admiral =Moreno= bei Algeciras.
Die englische Kanalflotte, die insgesamt nur 35 Linienschiffe zählte, während sie mit einer feindlichen Macht von gegen 60, einschließlich der holländischen, rechnen mußte, eröffnete den Feldzug mit vorsichtigen kleinen Operationen, je nachdem die Schiffe bereit wurden. Den Oberbefehl führte =Lord Howe=, der durch den Wechsel im Ministerium aus seiner langen Untätigkeit erlöst war; unter ihm befehligten die tüchtigen Admirale =Barrington= und =Kempenfelt=. Der erstere kreuzte in der zweiten Hälfte des April mit 12 Linienschiffen vor dem Kanal, um die Franzosen in Brest festzuhalten, feindliche Konvois abzufangen und den eigenen Handel zu schützen. Er hatte einen nicht unbedeutenden Erfolg.
$Barrington vernichtet einen Transport für Ostindien.$ Am 20. April 1782 mittags sichtete der Admiral südwestlich von Ouessant 18 französische Transporter mit Truppen und Kriegsmaterial für Ostindien, die durch 3 Linienschiffe (eins als Flüte armiert) nebst einer Fregatte geleitet wurden, und jagte sie. Die Franzosen flohen zur Küste zurück, aber das Linienschiff »Pegasus« von 74 Kanonen wurde am Abend vom Kapitän =Jervis=, dem später berühmten Admiral, mit dem »Foudroyant« von 80 Kanonen, der den anderen Engländern weit voraus war, eingeholt und nach einem dreistündigen Nachtgefecht genommen. =Jervis= fing dann noch 13 Transporter und ein anderes englisches Schiff bemächtigte sich des als Flüte armierten Linienschiffes. Wie der Verlust des Konvois überhaupt, so war die Wegnahme dieses Schiffes im besonderen ein harter Schlag für den in Ostindien schwer ringenden Admiral =Suffren=, denn es führte Rundhölzer für vier Linienschiffe an Bord. =Jervis= erhielt für seinen Erfolg den Bathorden, der Kommandant des »Pegasus« ward aus dem Dienste entlassen. Man war in Frankreich über seine Niederlage empört, da man sich bisher schmeichelte, in Einzelgefechten von annähernd gleichstarken Schiffen meist den Sieg davongetragen zu haben. Der Verurteilte fand aber in der Marine Verteidiger, die auf die ungünstigen Verhältnisse hinwiesen, unter denen er gefochten habe: »Das Schiff sei erst am 11. April auf die Rhede gegangen, kaum ausgerüstet und so mangelhaft bemannt, daß ein junger Unterleutnant die unterste schwerste, Batterie befehligt habe; der Kapitän habe erst am 13. das Kommando übernommen und schon am 19. in See gehen müssen.« Es sind dies wohl zu beachtende Umstände für die Beurteilung der französischen Marine jener Zeit.
Als =Barrington= Ende April nach Portsmouth zurückgekehrt war, ging =Kempenfelt= mit 8 Linienschiffen zum Kreuzen in See.
Anfang Mai erfuhr man in England, Holland beabsichtige, in Texel ein größeres Geschwader zu sammeln, das nach auswärts bestimmte Handelsschiffe geleiten und sich dann mit der französisch-spanischen Flotte vereinigen solle. Die holländischen Handelsschiffe für die Ostsee, die durch die Schlacht auf der Doggerbank im August 1781 zurückgetrieben waren, hatten bislang nicht segeln können, da man ihnen keine genügende Begleitung zu geben vermochte, und heimgekehrte West- sowie Ostindienfahrer warteten in den norwegischen Häfen auf Abholen; der holländische Handel lag brach, nur den nach Westindien bestimmten Schiffen war es Anfang April gelungen, durch die Nordsee abzusegeln. Ehe nun aber das holländische Geschwader -- durch verspätete Fertigstellung der Schiffe und weiter durch widrige Windverhältnisse aufgehalten -- völlig versammelt war, erschien =Lord Howe= mit 12 Linienschiffen an der Küste und verhinderte dessen Auslaufen während mehrerer Wochen, bis eine an Bord der Schiffe ausbrechende Epidemie ihn zwang, nach Portsmouth zurückzugehen. Hier stieß =Kempenfelt= zu ihm, der seine Kreuztour aufgegeben hatte, wahrscheinlich weil die große Flotte der Verbündeten nahte. England hielt aber weiter die Nordsee unter Beobachtung, so daß die Holländer nicht wagten, ihr Geschwader auslaufen zu lassen, während die englischen Handelsschiffe unbelästigt die Nordsee passierten; die holländischen Ostseefahrer segelten später teilweise unter schwedischer Flagge und durch schwedische Kriegsschiffe geleitet.
$Die französisch-spanische Flotte vor dem Kanal, Sommer 1782.$ =Admiral Cordoba= hatte während des Monats April mit seiner Flotte -- 27 spanischen und 5 französischen Linienschiffen -- vor der Straße von Gibraltar gekreuzt, am 4. Juni trat er die Fahrt nach dem Norden an; die bislang in Brest blockierten französischen Schiffe sollten sich anschließen und man rechnete auch auf die Holländer. Am 25. traf die Flotte auf einen englischen Konvoi von 27 Fahrzeugen, der nach Neufundland sowie Kanada bestimmt und von 4 Kriegsschiffen geleitet war; es gelang ihr aber nur, 17 Handelsschiffe zu nehmen. Am 8. Juli stieß =La Motte-Picquet= bei Ouessant mit 8 Linienschiffen zu ihr; sie war nun 40 Schlachtschiffe stark. In England erwartete man den großen Westindienkonvoi unter Deckung des bisherigen Chefs der Jamaikastation, =Sir Peter Parker=, mit nur 3 Linienschiffen und entsandte am 2. Juli =Lord Howe= mit 22, um ihn aufzunehmen.
Die Gegner sichteten sich am 12. Juli westlich der Scillyinseln. =Cordoba= suchte den Kampf, aber =Howe= wich aus. Während der nun folgenden Jagd kam nur =La Motte=, dem ein selbständiges Geschwader von 4 Franzosen und 4 Spaniern unterstellt war, näher an den Feind heran; während der Nacht verlor man diesen aber aus Sicht und fand ihn nicht wieder. Die Verbündeten schrieben dies der größeren Schnelligkeit der englischen, sämtlich gekupferten Schiffe zu, tatsächlich aber hat =Howe= seine Flotte zwischen den Scillys und Kap Landsend hindurch nach Westen geführt. Er setzte sich so zwischen den Feind und den erwarteten Konvoi und lief Ende Juli, als Cordoba durch stürmisches Wetter nach Süden vertrieben war, mit den Handelsfahrzeugen unbelästigt in den Kanal ein; auf der Rückfahrt stießen noch 9 Linienschiffe zu ihm, die wahrscheinlich bei Howes Abfahrt in der Nordsee waren. =Cordoba= kreuzte noch einige Wochen, hauptsächlich in der Biskaya, und traf dann am 6. September in Cadiz ein. So war auch in diesem Jahre das Auftreten der großen Flotte der Verbündeten im Norden ohne jede Bedeutung geblieben. Die französischen Offiziere klagten mit Recht darüber, daß man die Verfolgung nicht bis zu den Häfen des Gegners durchgeführt habe; wie die Sache lag, hätte man ihn sogar von diesen abgeschnitten, und eine Vereinigung mit den Holländern wäre wahrscheinlich auch möglich gewesen.
$Die Tätigkeit der holländischen Marine 1782$ sei kurz berührt. (Genaueres vgl. de Jonge, Band IV, Seite 561 ff.) Als man in Holland Gewißheit hatte, daß die Flotte der Verbündeten vor dem Kanal erscheinen würde, lief am 7. Juli ein Geschwader von einem Linienschiff zu 74 Kanonen, 6 zu 60-68, 9 zu 54, sowie 9 schweren Fregatten unter =Vizeadmiral Hartsinck= von Texel aus. Es geleitete Westindienfahrer durch die Nordsee, bis sie ihre Reise um Schottland unter dem Schutze einiger Fregatten voraussichtlich ungefährdet fortsetzen konnten. Es kreuzte und übte dann in diesem Meere. Prisen fielen ihm nicht in die Hände, weil England seine Handelsschiffe zurückhielt. Ein abgezweigter Teil holte die in Norwegen angesammelten Kauffahrer ab, ein anderer führte solche nach der Ostsee. Mitte August kehrte =Hartsinck= zum Auffüllen von Proviant nach Texel zurück und ward dann wieder durch die Engländer blockiert. Als England im September alle verfügbaren Schiffe nach Gibraltar gesandt hatte, beabsichtigte man, auf Ersuchen Frankreichs ein Geschwader nach Brest zu schicken, das im nächsten Jahre mit den Verbündeten zusammenwirken sollte. Der schlechte Zustand der Schiffe, sowie Uneinigkeit zwischen den beiden großen Parteien im Lande gerade in betreff dieser Sache verzögerte die Abfahrt, und schließlich wagte man sie nicht mehr, weil man ein Zusammentreffen mit der von Gibraltar zurückkommenden englischen Flotte fürchtete.
$Lord Howe segelt mit Zufuhren nach Gibraltar.$ Nach Rückkehr von seiner Kanalfahrt erhielt der Admiral den Auftrag, eine Expedition vorzubereiten, um Gibraltar Truppen und Vorräte zuzuführen; die Festung war seit der Fahrt =Darbys= im April 1781 ohne jede Unterstützung geblieben. Für diese wichtige und gefährliche Aufgabe wurden die gesamte Kanalflotte -- 34 Linienschiffe, ein Dutzend Kreuzer, einige Brander --, sowie 31 Transporter in Portsmouth zusammengezogen. Schon am 11. September ging die Flotte in See; etwa 100 Kauffahrer, Konvois für alle fernen Meere, schlossen sich ihr an.
$Der Untergang des »Royal George«.$ Die Ausrüstung dieser Flotte brachte der englischen Marine einen empfindlichen Verlust. Die Schiffe waren viel in See gewesen und vielfach ausbesserungsbedürftig, es gebrach aber an Zeit, sie in Trockendocks aufzunehmen. So wurde unter anderen der »Royal George«, ein Schiff mit 100 Kanonen, Flaggschiff des Admirals =Kempenfelt=, am 29. August auf der Rhede von Spithead auf die Seite gelegt, um einige Arbeiten an Unterwasserteilen vorzunehmen; ein Manöver, das nur bei stillem Wetter und ruhigem Wasser ausgeführt werden darf. Die Lage der schadhaften Stelle verlangte ein ungewöhnlich weites Überlegen und der Zufall führte eine Katastrophe herbei. Es war Löhnungszahltag dicht vor der Abreise und infolgedessen befanden sich außer der 8-900 Köpfe starken Besatzung zahlreiche Frauen und Kinder der Leute, sowie Händler an Bord, so daß durch das Gewicht und die Bewegungen der vielen Menschen die Gefahr des Kenterns vergrößert wurde. Ungefähr um 10 Uhr vormittags, während der Admiral in der Kajüte mit Schreiben beschäftigt war und der größere Teil der Anwesenden sich unter Deck befand, warf eine plötzliche starke Bö das Schiff auf die Seite; das Wasser drang in die offenen Pforten ein, und es sank schnell. Der Admiral, mehrere Offiziere, sowie die meisten der unter Deck befindlichen Personen, insgesamt 900-1000 Menschen, ertranken; ein längsseit liegendes Proviantfahrzeug ward mit in die Tiefe gezogen. Dieser Unglücksfall, der mehrfach als Beweis für die mangelhafte Seefähigkeit der großen Dreidecker angeführt wird, findet sich anschaulich dargestellt in Kapitän =Marryats= Romane »the Kings Own«.