Seekriege und Seekriegswesen, Zweiter Band in ihrer weltgeschichtlichen Entwicklung. Mit besonderer Berücksichtigung der grossen Seekriege des XVII. and XVIII. Jahrhunderts.
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Seekriege und Seekriegswesen
in ihrer
weltgeschichtlichen Entwicklung
Mit besonderer Berücksichtigung der großen Seekriege des XVII. und XVIII. Jahrhunderts
von
Rudolph Rittmeyer
Kontre-Admiral z. D.
Zweiter Band
Von 1739-1793
Mit zahlreichen Porträts, Abbildungen und Skizzen
Berlin 1911 Ernst Siegfried Mittler und Sohn Königliche Hofbuchhandlung
Alle Rechte aus dem Gesetz vom 19. Juni 1901 sowie das Übersetzungsrecht sind vorbehalten.
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Vorwort zum zweiten Bande.
Die günstige Beurteilung des ersten Bandes hat mich bestimmt, den zweiten nach den gleichen Grundsätzen zu bearbeiten. Auch Einteilung und Anordnung des Stoffes sind die gleichen geblieben, um Übersicht und Nachschlagen zu erleichtern.
Mein Bestreben ging und geht vor allem dahin, die besten Quellen der verschiedenen Völker über die Tätigkeit ihrer Marinen, die naturgemäß manches für eine allgemeine Seekriegsgeschichte nicht Notwendige enthalten und mehr oder weniger national gefärbt erscheinen, sorgsam zu prüfen sowie gegeneinander abzuwägen, um eine möglichst objektiv gehaltene Darstellung der Seekriege in ihren wichtigsten Ereignissen geben zu können.
Je weiter aber die Geschichte fortschreitet, um so reichlicher fließen die Quellen; infolgedessen hat die Bearbeitung des zweiten Bandes mehr Zeit erfordert, als ich voraussetzte. Auch beanspruchte die Schilderung der Seekriege größeren Raum, als ich für sie in Aussicht genommen hatte, insbesondere der See- und Kolonialkrieg Englands gegen seine aufständischen Kolonien in Nordamerika, sowie gegen Frankreich, Spanien und Holland, der ereignisreichste und wohl lehrreichste Seekrieg, der je ausgefochten wurde. Ich habe deshalb den zweiten Band auf die Darstellung der Ereignisse von 1739-1793 beschränken müssen. Auch dieser Zeitraum ist gewissermaßen in sich abgeschlossen, weil er die großen Seekriege umfaßt, die in erster Linie dem Kolonialbesitz gelten.
Wie im ersten Bande und aus den gleichen, dort im Vorworte angeführten Gründen habe ich die Kriege, die für die allgemeine Geschichte, sowie für die Entwicklung des Seekriegswesens von geringerer Bedeutung sind, unter der Bezeichnung »Nebenkriege« nur kurz behandelt. Diejenigen, die sich in der Ostsee abspielen, sind zwar für uns Deutsche wohl bemerkenswert, aber ich habe doch von ihrer ausführlicheren Darstellung absehen zu können geglaubt, weil Vizeadmiral Kirchhoff in seinem 1907 und 1908 erschienenen Werke »Seemacht in der Ostsee« diese Vorgänge eingehend schildert und dabei auch die innere Geschichte der nordischen Marinen in ähnlicher Weise behandelt, wie ich es bei der englischen, französischen und holländischen getan habe.
Mein dritter Band soll dann die Zeit von 1793-1815 bringen, hauptsächlich die beiden großen Seekriege Englands gegen die erste Republik und das erste Kaiserreich der Franzosen, die von tiefgehendem Einfluß auf die Landkriege dieser bewegten Jahre gewesen sind. Mit ihnen schließen die Seekriege der Periode der reinen Segelschiffahrt, soweit sie von größerer Bedeutung gewesen sind, ab.
Möchte mir nach Beendigung des dritten Bandes noch Zeit und Kraft verbleiben, das Werk bis zur Gegenwart fortzuführen.
=Hannover=, Herbst 1910. Rittmeyer Kontre-Admiral z. D.
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Inhaltsverzeichnis.
Seite
Vorwort III
Wichtigste Quellenliteratur XIV
Verzeichnis der Abbildungen XIX
Vierter Abschnitt.
Die Zeit von 1739-1793.
Erstes Kapitel: Einleitung 1-10
=Kennzeichen des Abschnittes= S. 2.
=Geschichtlicher Überblick über denselben= S. 3-6.
=Seine Bedeutung für die Seekriegsgeschichte und für die Entwicklung des Seekriegswesens=: Erweiterung der Strategie S. 7. -- Umfang und Bedeutung der Kolonien 1740 S. 7. -- Entwicklung der Taktik und der Streitmittel S. 9.
Zweites Kapitel: Die Entwicklung des Seewesens von 1740-1793 11-44
=Weiterentwicklung der Schiffe.= Vergrößerung der Linienschiffe. Vervollkommnung der Takelage. Herausbildung des Fregattentyps. Kupferung. Farbenanstrich. Beiboote. Werften S. 11-16.
=Kauffahrteischiffe= S. 16.
=Fortschritte in der Nautik.= Chronometer. Hilfstafeln. Entdeckungsreisen S. 17.
=Schiffsklassen=: Schiffsbestände in der englischen Marine nach solchen um 1752, 1762, 1775, 1783, 1792. Schiffe zu besonderen Zwecken S. 17-19.
=Waffen=: Bedienung der Kanonen, die gebräuchlichen Kaliber und ihre Verteilung an Bord. Einführung der Karronaden. Handwaffen, Handgranaten. S. 19-23.
=Entwicklung der Marinen. Organisation und Personal.= In England: Admiralität, Offiziers-Ersatz, und Beförderung. Offiziersgrade. Mannschaft. Das Leben an Bord S. 24-27. -- In Frankreich: Amtstätigkeit der Marineminister Maurepas, Rouillé, Choiseul, Sartines, Castries S. 28-32. -- Offiziersgrade S. 33. -- Vergleich der englischen und französischen Marine S. 33-36. -- Uniformen S. 36.
=Die Taktik.= Hostes Werk über Taktik S. 36-38. -- Die englische Gefechtsinstruktion. Vor- und Nachteile der Luvstellung S. 39. -- Die Leestellung S. 41. -- Die englische Angriffs- und die französische Abwehrtaktik S. 41-44.
Drittes Kapitel: Der Englisch-Spanische Krieg 1739 und der Österreichische Erbfolgekrieg 1740-1748 45-115
=Die Anlässe zum Kriege.= Der englische Schmuggelhandel in 45-48 Westindien (der Vorfall mit Captain Jenkins Ohr) S. 45-46. -- Englands Kriegserklärung an Spanien S. 47. -- Tod Kaiser Karls VI.; Pragmatische Sanktion; Gruppierung der Staaten im österreichischen Erbfolgekriege S. 47-48.
=Der allgemeine Verlauf des Krieges.= Der Englisch-Spanische 49-56 Seekrieg 1739-1744 S. 49. -- Der österreichische Erbfolgekrieg am Lande 1740-1746 S. 49-53. -- Die Erhebung Schottlands 1743 S. 53. -- Ende des Krieges S. 54. -- Der See- und Kolonialkrieg S. 54-55. -- Der Frieden zu Aachen 1748 S. 55, die Friedensbedingungen S. 56.
=Die Streitmittel.= Der Schiffsbestand in Frankreich 1740; 57-59 die Schiffe der Compagnie des Indes; der Verlust an Schiffen während des Krieges S. 57. -- Zustand der spanischen Marine, Verluste S. 57. -- Der Schiffsbestand in England 1739 und 1744, Verluste S. 58. -- Zustand der holländischen Marine S. 59.
=Der Verlauf des Seekrieges. Der Krieg in Westindien= 60-71 1739-1744: Admiral Vernon erobert Puerto Belo 22. November 1739 S. 60. -- Französische Geschwader in Westindien S. 61. -- Vernon erobert Chagres 1740 S. 62. -- Zusammenstoß englischer und französischer Schiffe S. 63. -- Erfolglose Angriffe auf Cartagena und Santiago de Cuba 1741 S. 64-68. -- Englische Angriffe 1742/43 S. 69. -- Der Kleine Krieg. -- Ansons Zug 1740-1743 S. 70.
=Der Krieg in den europäischen Gewässern= 1740 bis 1744. Die 71-82 Engländer vor Toulon und Neapel 1742/43 S. 72. -- Versuch einer Landung in England 1744 S. 74. -- Die Schlacht vor Toulon 22. Februar 1744 (de Court gegen Mathews) S. 75; ihre Bedeutung für die Seekriegsgeschichte (Beurteilung der Gegner; Kriegsgericht über Mathews u. a.) S. 80-82.
=Der Krieg in den europäischen Gewässern= 1744-1748. 82-92 Bewegungen der Flotten 1744/45 S. 82. -- Die Erhebung Schottlands, von Frankreich nicht benutzt S. 84. -- Angriff auf Lorient, Landung bei Quiberon 1746 S. 86. -- England herrscht im Mittelmeer von 1746 an S. 87. -- Siege der Engländer bei Kap Finisterre 14. Mai und 25. Oktober 1747 (Admiral Anson gegen de La Jonquière und Admiral Hawke gegen L'Etanduère) S. 88-90. -- Frankreich erschöpft 1747 S. 91. -- Beteiligung der holländischen Marine am Seekriege S. 92.
=Der Krieg in den Kolonien= 1744-1748. =Nordamerika.= 93-106 Louisbourg erobert 1745 S. 93. -- Erfolglose französische Expedition unter d'Anville 1746 S. 95. -- Die Angriffe der englischen Kolonisten auf Kanada stocken bis zum Friedensschluß S. 96. -- =Westindien.= Angriffe auf Port Louis und Santiago de Cuba, Gefecht vor Havanna 1748 (Admiral Knowles) S. 97. -- =Ostindien=. Ausdehnung der französischen Macht; Dupleix und Labourdonnaye S. 99. -- Gefecht bei Negapatam 7. Juli 1746 S. 101. -- Einnahme von Madras S. 102. -- Zwist der französischen Führer S. 103. -- Angriff auf St. David 1747 S. 104. -- Angriff auf Pondichery (Admiral Boscawen) 1748 S. 105.
=Der Kleine Krieg gegen den Handel= 1739-1748 (Verluste an 107-108 Handelsschiffen) S. 107.
=Schlußbetrachtungen.= Einfluß des Seekrieges auf den 108-115 Landkrieg S. 108. -- Beurteilung der Kriegführung der Gegner S. 110. -- Gründe, die die englische Flotte lähmten S. 112. -- Taktik S. 113. -- Über Angriffe auf feindliche Küsten S. 114.
Viertes Kapitel: Der Siebenjährige See- und Kolonialkrieg zwischen England und Frankreich (Spanien) 1756-1763 116-206
=Die politischen Verhältnisse vor Ausbruch des Krieges.= 116-120 Anlässe zum Kriege und Gruppierung der Staaten S. 116-120. -- Verhältnis des Seekrieges zum gleichzeitigen Siebenjährigen Festlandskriege S. 119. -- Der Bourbonische Familienvertrag S. 119.
=Der Verlauf des Festlandskrieges= S. 120. -- Frieden zu 120-123 Hubertusburg 15. Februar 1763 S. 123.
=Allgemeiner Verlauf des Seekrieges=, Kennzeichnung der 123-127 Kriegführung der Gegner S. 123.
Frieden zu Paris 10. Februar 1763 S. 127. -- 127-129 Friedensbedingungen (Frankreich aus Nordamerika verdrängt, in Ostindien lahmgelegt) S. 128.
=Die Streitmittel.= Schiffsbestand in Frankreich 1756; über 130-131 die Offiziere; Schiffsverluste während des Krieges S. 130. -- Gleiche Angaben über Spanien und England S. 130.
=Der Verlauf des See- und Kolonialkrieges. Ereignisse vor der 131-141 Kriegserklärung.= Reibungen in den Kolonien S. 130. -- Französische und englische Expedition nach Nordamerika 1755 S. 132. -- Französische Schiffe in der Biscaya aufgebracht 1755 S. 133. -- Frankreich nimmt Minorka 1756. Belagerung von Port Mahon S. 133. -- Seeschlacht bei Minorka (La Gallissonnière gegen Byng) 20. März 1756 S. 135-138. -- Das weitere Schicksal Port Mahons während des Krieges S. 138. -- Bedeutung der Schlacht bei Minorka für die Geschichte der Seetaktik S. 139. -- Kriegsgericht über Admiral Byng S. 141.
=Der Krieg in den europäischen Gewässern.= Erklärung des 141-163 Krieges. Bewegungen der Flotten im Atlantik und Mittelmeer 1756 S. 141. -- Ebenso 1757. England versucht die französischen Geschwader in Europa festzuhalten, aber drei laufen von Brest nach Amerika aus S. 142. -- Erfolgloser Angriff der Engländer auf Rochefort, September 1757 S. 143. -- Blockade der französischen Häfen und Angriffe auf diese 1758 S. 145. -- Plan Frankreichs, in England einzufallen 1759 S. 147. -- Verteilung der englischen Flotte S. 148. -- Auslaufen der Toulonflotte unter de La Clue und ihre Vernichtung bei Lagos durch Boscawen 18. August 1759 S. 149. -- Le Havre beschossen S. 151. -- Auslaufen der Brestflotte unter de Conflans S. 151. -- Ihre Vernichtung bei Quiberon durch Hawke 20. November 1759 S. 154. -- Die französische Marine lahmgelegt S. 159. -- Ereignisse 1760-1762, französischer Einfall in Irland (Freibeuter Thurot) 1760 S. 160. -- Einnahme von Belle-Ile (Keppel) S. 161.
=Der Krieg in den Kolonien. Nordamerika.= Verhältnis der 163-198 englischen und französischen Kolonien zueinander S. 163. -- Erster Zusammenstoß im Ohiotale S. 164. -- Ausbruch des offenen Krieges S. 165. -- Ereignisse 1755-1757 S. 166. -- Eintreffen von Seestreitkräften 1757 S. 167. -- Eroberung von Louisbourg (General Amherst, Admiral Boscawen) 1758 S. 169. -- Ereignisse auf dem Festlande 1758 S. 170. -- Eroberung von Quebec (General Wolfe, Admiral Sounders) 1759 S. 171. -- Letzter Kampf um Kanada 1760. Versuch der Franzosen, Quebec wiederzunehmen, Montreal fällt, Kanada für Frankreich verloren S. 174.
=Westindien=: Lage der Gegner; zunächst nur Kleiner Krieg S. 176. -- Seegefecht bei Le Cap, Haïti, 1757 S. 176. -- England erobert die französischen Inseln (Admiral Rodney) 1758-1762 S. 177-179. -- Havanna erobert 1762 (Admiral Pocock) S. 180.
=Westafrika.= England bemächtigt sich Senegambiens 1758 S. 182.
=Ostindien.= Ausdehnung der französischen Macht unter Dupleix S. 182. -- Unglücklicher Krieg mit der englischen Kompagnie 1751 S. 183. -- Dupleix abberufen 1754 S. 184. -- Frieden der Kompagnien 1755 S. 185. -- Neuer Krieg 1756 S. 185. -- Der Seeräuber Angria S. 186. -- Englands Ausbreitung in Bengalen unter Clive, Frankreich dort vertrieben S. 186. -- Ereignisse in Vorderindien 1757 S. 188. -- Seeschlacht vor Cuddalore 29. April 1759 (Pocock gegen d'Aché) S. 189. -- Die Franzosen nehmen St. David S. 191. -- Seeschlacht vor Negapatam 3. August 1758 S. 192. -- Niederlagen der Franzosen am Lande 1759 S. 192. -- Seeschlacht vor Porto Novo 10. September 1759; Frankreich gibt die See preis S. 194. -- Beurteilung d'Achés S. 195. -- Pondichery erobert 1761; Zusammenbruch der französischen Macht in Indien S. 196. -- Manila von England erobert 1762 S. 197.
=Der Kleine Krieg gegen den Handel=: Verluste der Gegner 198-200 S. 198. -- Französische Expedition gegen Neufundland, englische gegen Buenos Aires 1762 S. 200.
=Schlußbetrachtungen=: über =Strategie=; Rückblick auf den 200-206 Krieg; politische und militärische Fehler Frankreichs; richtiges Vorgehen Englands S. 200. -- Über =Taktik= S. 204. -- Über Angriffe auf feindliche Küsten S. 205.
Fünftes Kapitel: Der Nordamerikanische Freiheitskrieg 1775-1783 207-416
=Entstehung des Krieges. England und die Kolonien bis zu 207-211 ihrer Erhebung=: Die inneren Verhältnisse der Kolonien S. 206. -- Ihre Streitfragen mit England S. 208. -- Der Teesturm in Boston. 18. Dezember 1773 S. 209. -- Erklärungen des Kongresses von Philadelphia 1774 S. 210. -- Bruch mit England S. 211.
=England, Frankreich, Spanien bis zum Ausbruch des 211-220 Seekrieges= 1778. Fragen, die den Frieden bedrohten (Frankreich besetzt Corsica 1768; Spanien vertreibt England von den Falklandsinseln) S. 212. -- Englands lähmende innere Verhältnisse unter Georg III. S. 213. -- Choiseuls Pläne gegen England S. 214. -- Kriegsneigung in Frankreich; die amerikanischen Agenten (Franklin) in Paris S. 215. -- Bruch mit England 1778 S. 217. -- Spaniens Beitritt 1779 (Ziele des französisch-spanischen Bündnisses) S. 217. -- Englands Kriegserklärung an Holland 1780; die »bewaffnete Neutralität der Ostseemächte« und ihre Ziele S. 218. -- Kennzeichnung und Bedeutung des Seekrieges von 1778 S. 219.
=Die Streitmittel.= Frankreichs und Spaniens Schiffsbestand 220-226 1778, Verluste während des Krieges, Wert des Materials und Personals S. 220. -- Innere Geschichte der Marine Hollands von 1747 an, Stand derselben 1778, Verluste S. 221. -- Streitkräfte der »bewaffneten Neutralität« S. 222. -- Englands Marine S. 222. -- Vergleich der Seestreitkräfte S. 223. -- Indiensthaltungen auf beiden Seiten in den einzelnen Kriegsjahren S. 224. -- Gründung der nordamerikanischen Marine S. 225.
=Der Krieg in Nordamerika bis= 1778. Erstes Gefecht bei 226-243 Lexington 19. April 1775; englische Verstärkungen unter Howe treffen ein; Erstürmung von Bunkershill 17. Juni S. 226. -- Vordringen der Amerikaner auf Quebec (Arnold) S. 227. -- Ereignisse zur See 1775 S. 228. -- Howe räumt Boston März 1776 S. 229. -- Die Unabhängigkeitserklärung der Kolonien, Juli S. 230. -- Der Angriff der Engländer auf Charleston, Juni S. 231. -- Ihr Vordringen von Kanada aus; die Seenflottillen, Gefechte auf dem Champlainsee 11./13. Oktober S. 233. -- Howe erobert Long-Island, besetzt New York und die Narragansettbucht August/Dezember S. 235. -- Washington in New Jersey siegreich Dezember 1776 S. 238. -- Burgoyne dringt 1777 von Kanada aus vor, wird 10. Oktober bei Saratoga zur Kapitulation gezwungen S. 238. -- Howe schlägt Washington bei Brandywine 11. und erobert Philadelphia 26. September S. 239. -- Tätigkeit der englischen Seestreitkräfte 1777, Vorstoß auf dem Hudson S. 240. -- Der Handelskrieg der Amerikaner 1775/78 S. 241. -- Clinton, Howes Nachfolger, räumt Philadelphia 1778; letzter Versuch Englands zur Versöhnung mit den Kolonien S. 242.
=Der große Seekrieg.= Militärische Lage und Ziele der Gegner 243-248 auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen; Anordnung der Schilderung des Krieges S. 243. -- Vorgänge und Rüstungen vor Ausbruch des Krieges S. 246.
=Der Krieg in den europäischen Gewässern= 1778. Die 248-258 französische Toulonflotte (d'Estaing) segelt nach Amerika; Keppel (Personalien) nimmt französische Kriegsschiffe im Kanal S. 248. -- Die Brestflotte läuft unter d'Orvilliers aus; Befehle Ludwigs XVI. S. 250. -- Schlacht bei Ouessant 27. Juli 1778 (Keppel gegen d'Orvilliers) S. 251. -- Die öffentliche Meinung in beiden Ländern (Entlassung des Herzog von Chartres; Kriegsgericht über Keppel) S. 254. -- Bedeutung der Schlacht für die Seetaktik S. 255. -- Beurteilung der Kriegführung des Jahres 1778 in Europa S. 257.
=Der Krieg in Nordamerika und Westindien= 1778/79. Die 258-285 Engländer gehen vom Delaware auf New York zurück; eine französische Flotte (d'Estaing) trifft ein S. 258. -- Howe und d'Estaing vor New York S. 260. -- D'Estaing bedroht die Narragansettbucht S. 262. -- Howe und d'Estaing vor derselben; Sturm zerstreut die Flotten S. 264. -- D'Estaing in Boston, segelt nach Westindien S. 266. -- Byron folgt ihm von New York S. 267. -- Der Landkrieg in Nordamerika 1778/79, englische Expeditionen an den Küsten (Savannah besetzt) S. 268. -- Beurteilung Howes und d'Estaings S. 270. --Westindien 1778: die Franzosen (de Bouillé) erobern Dominica, die Engländer (Barrington) Sta. Lucia S. 272. -- D'Estaing greift Sta. Lucia an S. 274. -- 1779: d'Estaing besetzt Grenada und andere Inseln S. 275. -- Schlacht bei Grenada 6. Juli (Byron, Personalien S. 275, gegen d'Estaing) S. 276. -- Kritik der Schlacht S. 278. -- D'Estaing verläßt Westindien S. 280. -- Kleinere Ereignisse dort (Gefecht vor Fort Royal, Martinique) S. 281. -- D'Estaing greift Savannah an und segelt nach Frankreich S. 282. -- Beurteilung des Krieges in Westindien 1778/79 S. 283. -- Ereignisse in =Westafrika= 1779 S. 285.
=Der Krieg in Europa= 1779/80. Kriegsplan und Rüstungen der 285-298 Verbündeten 1779 S. 285. -- Angriff auf die Kanalinseln S. 287. -- Vereinigung und Stärke der französisch-spanischen Flotte (d'Orvilliers und Cordoba) S. 287. -- Die englische Flotte unter Hardy (Personalien), Furcht in England vor Invasion S. 288. -- Die Flotte der Verbündeten im Kanal, gelähmt durch Gegenorder und schlechten Zustand der Schiffe S. 289. -- Rückfahrt derselben S. 290. -- Verteilung der Seestreitkräfte 1780 S. 292. -- Rodney (Personalien) siegt 16. Januar bei Kap St. Vincent über Langara und versorgt Gibraltar S. 293. -- Eine spanische Flotte (Solano) segelt nach Westindien; Cordoba nimmt einen englischen Konvoi, sonst trotz starker Flotte untätig S. 295. -- D'Estaing in Spanien vergeblich bemüht, den Krieg zu beleben S. 296. -- Kritik des Krieges 1779/80 in Europa S. 296. -- Ausbruch des Krieges mit Holland S. 298.
=Der Krieg in Westindien und Nordamerika= 1780. Gefecht bei 298-315 Monte Christi (Haiti) 20. März 1780 S. 299. -- De Guichen (Personalien) und Rodney treffen in Westindien ein S. 299. -- Stärke der Flotten S. 300. -- Die Schlacht bei Martinique 17. April (Rodneys Versuch zu einer neuen Taktik) S. 301. -- Gefechte bei Martinique 15. und 19. Mai S. 304. -- Eine spanische Flotte (Solano) trifft ein, bleibt aber untätig S. 305. -- Guichen segelt nach Europa, Rodney nach Nordamerika S. 306. -- Solano erobert Pensacola S. 307. -- In Nordamerika erobern die Engländer (Clinton) Charleston S. 308. -- Kämpfe in Carolina S. 309. -- Gefecht bei Bermudainseln (de Ternay gegen Cornwallis) S. 309. -- Ankunft französischer Truppen (Rochambeau) bei Rhode-Island, Rodney nach Westindien zurück S. 310. -- Arnold fällt in Virginia ein (sein Verrat an der amerikanischen Sache) S. 311. -- Kritik des Krieges in Westindien und Nordamerika S. 312. -- Schlechte Lage der Amerikaner Ende 1780 S. 315.
=Der Krieg in Europa= 1781. Rüstungen S. 315. -- Admiral 315-324 Darby versorgt wiederum Gibraltar S. 316. -- La Motte-Picquet nimmt einen englischen Konvoi mit der Beute Rodneys von St. Eustache S. 319. -- Die Verbündeten erobern Minorka und kreuzen wiederum erfolglos vor dem Kanal S. 318. -- Holland tritt in den Krieg ein, Schlacht auf der Doggerbank (Hyde-Parker gegen Zoutman) 5. August S. 320. -- Kempenfelt vernichtet einen für Westindien bestimmten Konvoi (de Guichen) S. 322. -- Kritik des Krieges in Europa S. 323.
=Der Krieg in Westindien und Nordamerika= 1781. Rodney 324-343 erobert St. Eustache und macht reiche Beute S. 324. -- De Grasse trifft ein (Personalien), Hood (Personalien) tritt ihm bei Martinique entgegen 29. April S. 325. -- De Grasse erobert Tabago S. 329. -- Segelt nach Nordamerika S. 329. -- Hood folgt S. 331. -- Lage in Nordamerika, Cornwallis dringt von Carolina gegen Virginia vor S. 331. -- Arnold fällt von der Chesapeakebucht in Virginia ein S. 332. -- Das französische Geschwader (Des Touches) kommt von der Narragansettbucht, um Arnold abzuschneiden; trifft auf das englische (Arbuthnot) S. 333. -- Erste Schlacht vor der Chesapeakebucht (taktisch bemerkenswert) S. 334. -- Virginia wird der entscheidende Schauplatz des Landkrieges; die englischen Heere vereinigen sich, die Amerikaner rücken von New York heran S. 335. -- De Grasse und Hood treffen ein S. 337. -- Zweite Schlacht vor der Chesapeakebucht (de Grasse gegen Graves; taktisch bemerkenswert) 5. September 1781 S. 338. -- Kapitulation des englischen Heeres bei Yorktown (Cornwallis); der Landkrieg beendet S. 339. -- Die großen Flotten segeln nach Westindien zurück S. 340. -- Die Franzosen erobern St. Eustache S. 341. -- Kritik des Krieges 1781 in Westindien und Nordamerika S. 341.
=Der Krieg in Europa= 1782. Der Wechsel im englischen 343-354 Ministerium führt zur Einstellung des Krieges in Nordamerika S. 343. -- Rüstungen und erste Bewegungen der Flotten S. 344. -- Vernichtung eines französischen Transportes für Ostindien durch Barrington S. 345. -- Die französisch-spanische Flotte (Cordoba, Guichen) erfolglos vor dem Kanal S. 346. -- Tätigkeit der holländischen Flotte 1782 S. 347. -- Untergang des »Royal George« S. 348. -- Die Belagerung von Gibraltar, Bau schwimmender Batterien (d'Arçon) S. 348. -- Der große Angriff auf die Stadt 13. September S. 350. -- Howe versorgt Gibraltar S. 351. -- Seetreffen bei Kap Spartel (Howe gegen Cordoba) S. 352. -- Kritik des Krieges 1782 in Europa S. 353.
=Der Krieg in Westindien und Nordamerika= 1782. Hood und 354-376 de Grasse in Westindien; Landung der Franzosen auf St. Christoffer (St. Kitts) S. 354. -- Schlacht bei St. Christoffer 25. Januar S. 355. -- Ankergefecht dort 26. Januar S. 357. -- Beurteilung Hoods und de Grasses S. 359. -- Rodney trifft in Westindien ein S. 360. -- Plan der Verbündeten, Jamaika zu erobern; erste Schlacht bei Dominica (Rodney gegen de Grasse) 9. April S. 360. -- Rodney verfolgt die französische Flotte, Unfälle derselben S. 364. -- Zweite Schlacht bei Dominica (Les Saintes; taktisch bemerkenswert, Rodney durchbricht die feindliche Linie) S. 366. -- De Grasses Gefangennahme S. 369. -- Kritik der Schlacht S. 370. -- Rodney unterläßt die Verfolgung S. 372. -- De Grasses Beurteilung in Frankreich, sein weiteres Schicksal S. 372. -- Bewegungen der Flotten nach der Schlacht S. 373. -- Folgen der Schlacht S. 374. -- Der Krieg in Westindien zu Ende (Rodney abberufen); Kritik desselben S. 374. -- Lage in Nordamerika Ende 1782 S. 375. -- Der Plan der Verbündeten gegen Jamaika für 1783 kommt infolge der Friedenspräliminarien nicht mehr zur Ausführung S. 375.
=Der Krieg in Ostindien= 1778-1783. Vorgänge in Indien 1763 376-404 bis 1778 S. 376. -- Ausbruch des Krieges; die Engländer nehmen Chandernagore und Masulipatam; Seegefecht vor Pondichery 10. August 1778 S. 378. -- England verstärkt die Station (Admiral Hughes, Personalien) S. 378. -- England im Kampfe mit Haidar Ali und den Mahratten 1778-1781 S. 379. -- Die Franzosen benützen diese Lage nicht, Untätigkeit ihres Geschwaders (d'Orves) S. 380. -- Die Engländer besetzen die holländischen Plätze Negapatam 1780 und Trincomali (Ceylon) 1781 S. 380. -- Ein französisches Geschwader (Suffren, Personalien) und ein englisches (Johnstone) segeln von Europa zur Kapkolonie 1781 S. 380. -- Die Schlacht vor Porto Praya (Kapverdeninseln; Suffren gegen Johnstone) 16. April 1781 S. 382. -- Beurteilung der Führer S. 383. -- Suffren versorgt die Kapkolonie, Johnstone kommt zu spät S. 384. -- Suffren und Hughes in Indien, ihre Lage und ihre Aufgaben S. 384. -- Die Schlacht bei Sadras 17. Februar 1782 (taktisch bemerkenswert; Suffren greift Hughes' Linie hinten mit Übermacht an, wird aber von seinen Kommandanten nicht unterstützt) S. 385. -- Suffren erreicht Pondichery, tritt mit Haidar Ali in Verbindung, Cuddalore kapituliert S. 387. -- Hughes segelt nach Trincomali, Suffren folgt; die Schlacht bei Providien 12. April 1782 S. 388. -- Suffren befolgt den Befehl, Indien zu verlassen, nicht S. 390. -- Die Schlacht bei Negapatam 6. Juli 1782 S 391. -- Suffren enthebt drei Kommandanten ihres Kommandos S. 393. -- Seine geschickten Maßnahmen zur Instandsetzung der Flotte S. 393. -- Der Landkrieg günstig für England S. 394. -- Hughes geht im Oktober 1782 nach Bombay und erhält Verstärkungen S. 397. -- Verzögerung der französischen nach Atchin, kehrt aber schon im Januar 1783 zur Koromandelküste zurück S. 398. -- Tod Haidar Alis; Bussy trifft ein; Suffren rüstet in Trincomali aus S. 399. -- Hughes kommt im April zur Koromandelküste zurück, die Engländer schließen Cuddalore zu Lande und zu Wasser ein; Suffren erscheint zum Entsatz S. 400. -- Die Schlacht bei Cuddalore 20. Juni 1783 S. 400. -- Ende des Krieges; Suffrens Rückreise nach Frankreich ein Triumphzug S. 402. -- Kritik des Krieges in Ostindien S. 403.
=Der Kleine Krieg= im allgemeinen S. 404. -- Der Kreuzerkrieg 404-407 der Amerikaner S. 405. -- Kapitän Paul Jones in den europäischen Gewässern S. 406.
=Der Frieden von Versailles= 3. September 1783 S. 407. -- 407-409 Uebertriebene Ansicht von der Wirkung der Schlacht von Dominica auf den Friedensschluß S. 408. -- Die Friedensbedingungen S. 409.
=Schlußbetrachtungen über Strategie=: die Ziele der 409-415 Verbündeten und die sich daraus für sie ergebenden Angriffsobjekte S. 410. -- Fehlerhafte Strategie Englands, überall einem Angriff gewachsen zu sein S. 411. -- Fehler der Verbündeten, die Kräfte zu zersplittern und nicht um die Seeherrschaft im großen zu kämpfen S. 412. -- Aussprüche Mahans hierzu S. 414.
=Über Taktik=: Die vielen rangierten Schlachten des Krieges bieten reiches Material zur Beurteilung des Standes der Taktik im vierten Abschnitte S. 414. -- Rodneys und Suffrens Versuche zur Änderung derselben S. 415.
Sechstes Kapitel: Nebenkriege 1740-1793 417-442
=Kämpfe mit den Barbaresken.= Englands, Hollands, Frankreichs 417-418 und Spaniens Maßnahmen gegen den Seeraub S. 417. -- Beschießung afrikanischer Städte durch die Franzosen S. 418.
=Der Schwedisch-Russische Krieg= 1741-1743. Anlaß des Krieges 418-420 S. 418. -- Die Streitmittel der Gegner S. 419. -- Der Verlauf des Krieges S. 419. -- Frieden von Abo 18. August 1743 S. 420. -- Ein Zusammenstoß Dänemarks mit Schweden durch Rußland verhindert S. 420.
=Die schwedische und die russische Marine im Siebenjährigen 421-422 Kriege= 1756-1763. Aufstellung gemeinsamer Flotten der nordischen Staaten zur Abwehr der englischen; Beschießungen von Kolberg 1760 und 1761 S. 421. -- Tätigkeit der schwedischen Schärenflotte an der pommerschen Küste; Gefecht beim Reppiner Haken gegen eine preußische Flottille am 11. September 1758 S. 421. -- Stellung Friedrichs des Großen zur Schaffung einer Flotte S. 422.
=Der Russisch-Türkische Krieg= 1768-1774. Anlaß zum Kriege 422-424 S. 422. -- Die russische Ostseeflotte unter Alexej Orlow (nebst Spiridoff und Elphinstone) in Griechenland 1770; Vernichtung der türkischen Flotte bei Tscheschme 5. Juli 1770 S. 423. -- Orlow an der syrischen Küste; der Frieden von Kücük-Kainardschi, 21. Juli 1774, wichtig für Rußlands Stellung am Schwarzen Meere S. 424.
=Der Russisch-Türkische Krieg= 1787-1791. Anlaß zum Kriege 424-425 der Verlauf des Landkrieges S. 424. -- Tätigkeit der russischen Schwarze-Meer-Flotte (Unterstützung der Belagerung von Otschakow 1788, Vertreibung der türkischen Flotte aus dem Schwarzen Meere 1791); der Friede von Jassi begründet Rußlands feste Stellung am Schwarzen Meere 9. Januar 1792 S. 425.
=Der Schwedisch-Russische Krieg= 1788-1790. Anlässe zum 425-442 Kriege; König Gustavs Plan gegen Petersburg S. 425. -- Die Seestreitmittel der Gegner (die »Armeeflotte« Schwedens) S. 426. -- Der Aufmarsch der Schweden 1788 S. 427. -- König Gustavs Ultimatum mit schroffen Forderungen an Kaiserin Katharina; die Bewegungen der Hochseeflotten; Schlacht bei Hogland (Herzog Karl von Södermanland gegen Greigh) 17. Juli 1788 S. 428. -- Der Schären- und Landkrieg 1788; König Gustav III. muß die Belagerung von Frederikshamn wegen Empörung im Heere (Anjalabund) aufgeben S. 429. -- Erfolgloser Angriff Dänemarks auf Schweden 1788 S. 430. -- Gründe der schwedischen Mißerfolge S. 430. -- Die Tätigkeit der Hochseeflotten 1789; Schlacht bei Öland (Herzog Karl gegen Tschitschakoff) 26. Juli 1789 S. 431. -- Die schwedische Flotte in Karlskrona blockiert S. 431. -- Der Land- und Schärenkrieg 1789 S. 432. -- Die Schärenschlacht im Svensksunde 24. August S. 433. -- Kritik des Jahres 1789 S. 434. -- Friedensunterhandlungen scheitern an Katharinas Forderungen; neuer Plan Gustavs für den Angriff auf Petersburg 1790 S. 434. -- Die Schweden überrumpeln Raagervik 17. März S. 435. -- Die Schlacht bei Reval (Herzog Karl gegen Tschitschakoff) 13. Mai 1790 S. 435. -- Die schwedische Küstenflotte greift Frederikshamn 15./19. Mai erfolglos an und dringt bis zur Wiborgbucht vor S. 436. -- Seeschlacht in der Kronstädter Bucht 3./4. Juni (Herzog Karl gegen Kruse) S. 436. -- Die schwedische Hochseeflotte zieht sich in die Wiborgbucht zurück und wird nebst der Küstenflotte durch Tschitschakoff und Kruse blockiert S. 438. -- Durchbruch der Schweden 3. Juli 1790 S. 439. -- Zweite Schlacht im Svensksunde 9. Juli; eine schwere Niederlage der Russen S. 440. -- Kritik des Jahres 1790 S. 441. -- Der Frieden zu Werelä 14. August 1790; die Ergebnisse des Krieges S. 441.
$Verzeichnis der Seekriege und Seeschlachten$ 443
$Sach- und Namenverzeichnis$ 446
* * * * *
Wichtigste Quellen-Literatur.
A. Werke allgemeinen Inhalts[1].
Abkürzung, im Text gebraucht:
[2]=W. Laird Clowes=: The Royal Navy. A history of the Clowes III, earliest time to the present. London 1897-1901. 6 Bde. IV.
Band III 1715-1783. Band IV Minor Operations, Voyages and Discoveries 1763-1792.
[2]=P. H. Colomb=, Rearadmiral: Naval warfare. Its ruling Colomb. principals and practice historically treated. London 1891.
=J. Campbell=[3] und seine Fortsetzer: Lives of the Campbell. British Admirals: containing an accurate Naval History from the earliest periods. London 1817. 8 Bde.
Band IV bis 1756, V bis 1779, VII bis 1801. In neueren Werken oft benutzt, namentlich hinsichtlich Zahlenangaben.
[2]=A. T. Mahan=, Captain U. S. Navy: Der Einfluss der Mahan I. Seemacht auf die Geschichte. Erster Band 1660-1783. Übersetzung Berlin 1898.
[2]=C. Chabaud-Arnault=, Capitaine de Fregatte: Histoire Chab.- des flottes militaires. Paris et Nancy 1889. Arnault.
[2]=O. Troude= (publié par =P. Levot=): Batailles navales Troude I, de La France. Paris 1867/68. 4 Bde. II.
Band I 520-1778, Band II 1778-1795.
=Comte de La Peyrouse Bonfils=: Histoire de la Marine Bonfils I, Française. Paris 1843. 3 Bde. Bd. I 1643-1778, Bd. II II. 1778-1789.
=L. Guérin=: Histoire maritime de France. Paris 1851.
In neueren Werken oft angezogen.
[2]=J. C. de Jonge=: Geschiedenis van het Nederlandsche Zeewezen. de Jonge. Haarlem 1858. 10 Bde.
Band IV 1707-1783.
=F. C. Duro=: Armada Espagnola desde la unión de los reinós de la Castilla y de Leon et Aragon. Madrid 1895-1903. 9 Bde.
Genaueste Geschichte der spanischen Marine.
=J. R. Spears=: The history of our navy from its origin to the Spears. present day. 1775-1897. 4 Bde. New York 1897.
Band I enthält die erste Gründung einer Marine der Vereinigten Staaten und deren Verwendung im Befreiungskriege 1775-1783.
=E. S. Maclay=: A history of the United States navy from 1775 to 1902. 3 Bde. London 1894, 1902.
Wie vorstehend.
=C. A. Gyllengranat=: Sveriges sjökrigshistoria i sammandrag. Carlskrona 1840. 2 Bde.
=P. O. Bäckström=: Svenska Flottans Historia. Stockholm 1884.
=Sir G. S. Clarke=: Russia's Sea-Power past and present or of the Rise of the Russian Navy. London 1898.
=F. T. Jane=: The imperial Russian Navy, its Past, Present and Future. London 1899.
=O. Wesselage=: Kurze Geschichte der russischen Seegefechte in zwei Jahrhunderten 1656-1858. Petersburg 1893-1895. 2 Bde.
In russischer Sprache.
=Kirchhoff=, Vizeadmiral z. D.: Seemacht in der Ostsee. Ihre Einwirkung auf die Geschichte der Ostseeländer im 17. und 18. Jahrhundert. Kiel 1907.
Behandelt eingehend die schwedischen, dänischen und russischen Kirchhoff. Kriege und bringt sehr genaue Angaben über die innere Geschichte der nordischen Marinen.
=A. Zimmermann=: Die europäischen Kolonien. Ihre Entstehung, Zimmermann. Entwicklung, Erfolge und Aussichten. Berlin 1896-1903. 5 Bde.
Band I Portugal und Spanien; Band II und III England; Band IV Frankreich; Band V Holland. Bemerkenswert für die Kriege der europäischen Völker gegeneinander in den Kolonien, besonders für die Kämpfe am Lande. B. Werke besonderen Inhalts.
[1] Außer den hier aufgeführten Werken sind im Band I, »Wichtigste Quellenliteratur«, S. XVIII ff., noch verschiedene, meist ältere Werke erwähnt; du Sein, v. Henk, Steinitz, Schomberg, Southey, Allen, Joinville; vgl. auch die Fußnoten S. XXI dort.
[2] Die auf diese Weise gekennzeichneten wichtigen Werke sind auf ihren Inhalt bereits im ersten Bande S. XVIII ff. näher besprochen.
[3] Im Quellenverzeichnis des I. Bandes ist irrtümlich eine Ausgabe von 1873 angegeben; es ist dies nur ein kleines Werk von 382 Seiten unter gleichem Titel.
B. Werke besonderen Inhalts.
I. Seekriegsgeschichtlichen Inhalts.
=E. Chevalier=: Histoire de la marine française depuis les débuts de la monarchie jusqu'au traité de paix de 1763. Paris 1902.
=Derselbe=: Histoire de la marine française pendant la guerre Chevalier de l'indépendance américaine. Paris 1877. II.
=G. Lacour-Gayet=: La marine militaire de la France sous Lacour I. le règne de Louis XV. Paris 1902.
=Derselbe=: La marine militaire de la France sous le règne Lacour II. de Louis XVI. Paris 1905.
Die Werke Chevaliers und Lacour-Gayets sind wichtig für die Kriege des zweiten Bandes. Sie sind weit objektiver gehalten als die älteren französischen Quellen und sie ergänzen sich in wertvoller Weise. Chevalier beschreibt, besonders in seinem zweiten Buche, die Operationen und Schlachten genauer. Lacour-Gayet hält sich allgemeiner, bringt aber viele Angaben, Briefe und Berichte, die Auskunft über die inneren Verhältnisse der französischen Marine geben; seine Bücher enthalten auch vollzählige Listen über die verwendeten Flotten und Geschwader mit Angabe von Personalien sämtlicher auf diesen befindlichen Offizieren.
=Ch. Ekins=: Naval battles 1744-1814. London 1824.
=E. K. Rawson=: Twenty famous naval battles, Salamis to Santiago. London 1900. 2 Bde.
=J. Drinkwater=: A history of the siège of Gibraltar 1779-1783. With a description and account of that garrison from the earliest times. London 1905. (Neudruck einer Ausgabe von 1786.)
=J. S. Roux=: Le Bailli de Suffren dans l'Inde. Marseille 1862.
=H. Moris=: Journal de bord du Bailli de Suffren dans l'Inde 1781-1784. Avec préface par le Vice-amiral Jurien de la Gravière. Paris 1888.
=Trublet=: Histoire de la campagne de l'Inde par l'escadre française, sous les ordres de M. le Bailli de Suffren 1781-1783. Paris 1892.
=G. v. Schantz=: Historia öfver Kriget emellan Sverige och Ryssland 1788-1790. Stockholm 1817 und 1818. 2 Bde.
=R. Ungermann=: Der russisch-türkische Krieg 1768-1774. Wien und Leipzig 1906.
II. Biographischen Inhalts.
=A. Barbou=: Les grands marins de France. Histoire populaire de la marine française depuis les temps anciens jusqu'à nos jours. Paris 1885.
Kurz gefaßt, gut illustriert.
=Vicomte de Noailles=: Marines et soldats français en Amérique pendant la guerre de l'indépendance des États-Unis 1778-1783. Paris 1903.
=J. K. Laughton=: From Howard to Nelson. Twelve sailors. London 1900. 2 Bde.
Der zweite Band enthält Aufsätze über Anson, Hawke, Boscawen, Rodney, Howe, Hood. (Jervis, Nelson.)
=J. Barrow=: The life of Lord Anson. London 1839.
=Derselbe=: The life of Richard Earl Howe. London 1838.
=Burrows=: The life of Edward Lord Hawke. London 1883.
=D. Hannay=: Rodney. London 1903. (2. Aufl.)
=Mundy=: The life and correspondence of the late admiral Lord Rodney. London 1830. 2 Bde.
III. Taktischen und strategischen Inhalts.
[4]=P. Hoste=: L'Art des armées navales ou traité des évolutions navales. Lyon 1697.
=Bigot de Morogues=: Tactique navale ou traité des évolutions et des signaux. Paris 1763.
=Bourdé de Villehue=: Le manoeuvrier ou essai sur la théorie et la pratique des mouvements du navire et des évolutions navales. Paris 1769.
=J. Clerk=: An essay on naval tactics systematical and historical with explanatory plates. 2. Edition. Edinburgh 1804.
Die erste Auflage erschien 1790, war aber schon 1782 in wenigen Exemplaren gedruckt und der Inhalt überhaupt einigen englischen Seeoffizieren bekannt. -- Der Verfasser zeigt an der Hand der Beschreibung von 14 Schlachten die Nachteile der bis dahin gebräuchlichen Angriffstaktik und macht Vorschläge, wie der Gegner an einer Stelle überlegen anzugreifen sei.
=A. Ramatuelle=: Cours élémentaire de tactic navale, dédié à Bonaparte. Paris 1802.
Verfasser diente in der französischen Marine in den Kriegen des vierten Abschnittes.
=Julien S. Corbett=: Fighting Instructions 1530-1816. Publications of the Navy Records Society. Vol. XXIX. London 1905.
Die Entwicklung der Gefechtsvorschriften in der englischen Marine.
=Derselbe=: Signals and Instructions 1776-1794. Ebendort Vol. XXXV. 1909.
Ein Aufsatz, in dem der Verfasser nach neuesten Forschungen bisherige Ansichten, auch seine eigenen, über die Entwicklung der Seetaktik teilweise modifiziert.
=Glatzel=, Kapitän zur See: Die Entwicklung der Seetaktik in der Zeit Rodneys und Howes. Marine-Rundschau 1909, Heft IV.
Bespricht vorstehenden Aufsatz Clerks.
=Julien S. Corbett=: England in the seven years war, a study in combined strategy. New York 1907. 2 Bde.
$Strategische Betrachtungen$ enthalten ferner in reichem Maße die oben schon erwähnten Werke von =Colomb= und =Mahan=, letzteres auch solche über $Taktik$.
[4] Vgl. Anmerkung zu Seite XIV.
IV. Technischen Inhalts.
=L. Arenhold=, Marinemaler und Kapitänleutnant der Arenhold. Reserve: Die historische Entwicklung der Schiffstypen vom römischen Kriegsschiff bis zur Gegenwart. Kiel und Leipzig 1891.
30 Heliogravüren mit erläuterndem Text veranschaulichen die Entwicklung des Schiffbaues, der Takelage und der Armierung.
=J. Charnock=: A history of marine architecture, including Charnock. an enlarged and progressive view of the nautical regulations and naval history, both civil and military, of all nations, especially of Great-Britain. London 1800-1802. 2 Bde.
In den besten neueren Werken über Seekriegsgeschichte als Quelle für Entwicklung des Seewesens oft benutzt. Auch bemerkenswert für die Kriege des vierten Abschnittes wegen genauer Angaben über die Seestreitkräfte der Gegner hinsichtlich ihrer Schiffsbestände (mit Namen der Schiffe) vor und nach den Kriegen, sowie über die Verluste während derselben.
=A. Jal=: Archéologie navale. Paris 1840. 2 Bde.
=Tj. Schwarz=: Das Linienschiff einst und jetzt. Berlin 1903.
Enthält bemerkenswerte Angaben über die Entwicklung der Segellinienschiffe.
$Angaben über Schiffe, Waffen$ usw. enthalten ferner die oben angeführten Werke von =Laird-Clowes= (Kapitel civil history), =Colomb= (Kapitel V über Schiffsklassen), =Troude= (Band I, Introduction); solche über $Organisation und Personal$ (innere Geschichte der Marinen), die Werke von =Laird Clowes= (englische Marine), =de Jonge= (holländische Marine), =Chabaud-Arnault= und =Lacour-Gayet= (französische Marine), =Kirchhoff= (dänische, schwedische, russische Marine).
* * * * *
Verzeichnis der Abbildungen.
Bildnisse.
Seite =George Brydges Rodney.= Nach Laird Clowes, The Royal Navy. Bd. III. London 1898. Sampson, Low, Marston & Co. Ltd. Titelbild
=George Lord Anson.= Nach Laird Clowes, The Royal Navy. Bd. III. London 1898. Sampson, Low, Marston & Co. Ltd. 70
=Admiral Thomas Mathews.= Nach Laird Clowes, The Royal Navy. Bd. III. London 1898. Sampson, Low, Marston & Co. Ltd. 75
=Marquis de La Gallissonnière.= Nach einer alten Lithographie nach A. Maurin 134
=Admiral The Hon. John Byng.= Nach Laird Clowes, The Royal Navy. Bd. III. London 1898. Sampson, Low, Marston & Co. Ltd. 137
=Admiral Edward Lord Hawke.= Nach Montagu Burrow, The Life of Edward Lord Hawke. London 1904. J. J. Keliher & Co. Ltd. 155
=Comte d'Estaing.= Nach einer alten Lithographie nach A. Maurin 259
=Richard Earl Howe.= Nach Laird Clowes, The Royal Navy. Bd. III. London 1898. Sampson, Low, Marston & Co. Ltd. 260
=Samuel Barrington.= Nach John Campbell, Life of the British Admirals. Bd. IV. London 1812. C. J. Barrington 273
=De Guichen.= Nach =Vicomte de Noailles=: Marines et soldats français en Amérique pendant la guerre de l'indépendance des États-Unis 1778-1783. Paris 1903 300
=Johan Arnold Zoutman.= Nach J. C. de Jonge, Geschiedenis van het Nederlandsche Zeewezen. 2. Aufl., Bd. IV. Haarlem 1861. A. C. Kruseman 320
=De Grasse.= Nach einer alten Lithographie nach A. Maurin 327
=Samuel Hood.= Nach Laird Clowes, The Royal Navy. Bd. IV. London 1899. Sampson, Low, Marston & Co. Ltd. 355
=P. A. de Suffren.= Nach G. Lacour-Gayet, La Marine Militaire de la France sous le règne de Louis XVI. Paris 1905. Honoré & Champion 377
=Captain John Paul Jones.= Nach Laird Clowes, The Royal Navy. Bd. IV. London 1899. Sampson, Low, Marston & Co. Ltd. 406
Abbildungen von Schiffen.
=Englisches Linienschiff »The Terrible 74«.= Den Franzosen 1747 abgenommen. Nach Laird Clowes, The Royal Navy. Bd. III. London 1898. Sampson, Low, Marston & Co. Ltd. 12
=Heck eines französischen Linienschiffes.= Aus Tjard Schwarz, Das Linienschiff einst und jetzt. Berlin 1903. E. S. Mittler & Sohn 12
=Französisches Linienschiff= »Sans Pareil«, 1770. Aus Tjard Schwarz, Das Linienschiff einst und jetzt. Berlin 1903. E. S. Mittler & Sohn 13
=Einblick in eine Batterie eines Segellinienschiffs.= Aus Tjard Schwarz, Das Linienschiff einst und jetzt. Berlin 1903. E. S. Mittler & Sohn 20
Schlachtpläne und Uebersichtsskizzen.
(Nach Skizzen des Verfassers.)
=Skizze zur Erläuterung der Taktik= 41
=Hafen von Cartagena= 65
=Schlacht vor Toulon=, 22. Februar 1744 76
=Schlacht bei Minorka=, 20. Mai 1756 138
=Die Quiberonbucht= 156
=New York und Umgebung= 235
=Schlacht bei Grenada=, 6. Juli 1779 277
=Schlacht bei Martinique=, 17. April 1780 301
=Schlacht vor der Chesapeakebucht=, 16. März 1781 333
=Schlacht vor der Chesapeakebucht=, 5. September 1781 338
=Schlacht bei St. Christoffer= (St. Kitts), 25. Januar, und =Ankergefecht=, 26. Januar 1782 357
=Schlacht bei Dominica=, 9. April 1782 362
=Schlacht bei Dominica= (Les Saintes), 12. April 1782 366 u. 368
=Schlacht vor Porto Praya=, 16. April 1781 382
=Schlacht bei Sadras=, 17. Februar 1782 386
=Schlacht bei Providien=, 12. April 1782 388
=Schlacht bei Negapatam=, 6. Juli 1782 392
=Schlacht bei Trincomali=, 3. September 1782 395
* * * * *
Vierter Abschnitt.
Die Zeit von 1739-1793.
Kennzeichen des Abschnittes.
Vergrößerung der Schlachtschiffe bei gleicher Kanonenzahl; größere Gleichmäßigkeit innerhalb der verschiedenen Klassen; Bevorzugung der bisherigen Linienschiffe mittlerer Größe; Verbesserung und Vermehrung der Fahrzeuge zu besonderen Zwecken, Einführung schwererer Fregatten. -- Die Taktik wird schematisch gehandhabt und führt zu meist unentschiedenen Schlachten, erst gegen das Ende des Abschnittes gewinnt sie neues Leben. -- Die Meere der Kolonien werden in den Seekrieg mit einbegriffen, das Bereich der Strategie wird dadurch erweitert.
Erstes Kapitel.
Einleitung.
Geschichtlicher Überblick über den Abschnitt[5]. Seine Bedeutung für die Entwicklung des Seekriegswesens.
$Geschichtlicher Überblick.$ Der dritte Abschnitt, die Zeit von 1648-1739 umfassend, zeitigte bis zum Frieden von Utrecht[6] fünf große Seekriege. Ihr letzter, der Spanische Erbfolgekrieg 1702-1713, hatte England zum Gebieter der Meere gemacht. Die Zeit von 1713-1739[7] brachte infolge der Friedenspolitik der Minister =Walpole= in England und =Fleury= in Frankreich keine großen Seekriege, obgleich Zündstoff für Zusammenstöße der Großstaaten am Weltmeere genügend vorhanden war: Zwischen Spanien-Frankreich einerseits und England-Holland anderseits schärften sich seit Erhebung der Bourbonen auf den spanischen Thron die handelspolitischen Gegensätze bedenklich.
Die im Frieden von Utrecht zwischen Spanien und England über den Handel in Westindien und Spanisch-Amerika geschlossenen Verträge waren auf die Dauer unhaltbar. Die Zugeständnisse, die Spanien gemacht hatte (Assientovertrag), konnten England nicht genügen; sie riefen bald eine unrechtmäßige Ausnutzung seitens der Engländer -- einen weitgehenden Schmuggelhandel -- und dadurch ebenso ungesetzliche Gewaltmaßregeln der Spanier hervor. Diese Reibungen bildeten eine stete Bedrohung des Friedens. Anderseits hatte Spanien 1733 auch Frankreich große Vorteile im Handelsverkehr gewährt. In Frankreich wuchs die Einsicht von der Notwendigkeit maritimer Ausdehnung. Während der Friedensjahre nahm der französische Seehandel schnell zu und die Kolonien blühten auf; in Westindien erlangten sie das Übergewicht über die englischen und in Ostindien bildete sich ein französisch-indisches Reich, ähnlich dem jetzigen englischen. Das englische Volk aber war gewillt, jede Nebenbuhlerschaft auf der See und über der See zu unterdrücken. Zwischen Frankreich und England harrte ferner der Streit um die Vormacht in Nordamerika des Austrages; nicht einmal die Grenzen zwischen den beiderseitigen Kolonien waren hier endgültig festgesetzt und auch über den Besitz des nördlichen Teiles von Neu-Braunschweig war noch keine Entscheidung getroffen. Spanien sowohl wie Frankreich mußte es endlich ein Dorn im Auge sein, Gibraltar und Minorka als Stützpunkte zur Beherrschung des Mittelmeeres und seines Ausganges im Besitze Englands zu sehen.
[5] Zu den geschichtlichen und politischen Betrachtungen hier, sowie bei Schilderung der Kriege sind besonders benützt: Schlosser, Geschichte des XVIII. und XIX. Jahrhunderts, Band II-IV; Spamers Weltgeschichte Band VII; Mahan I.
[6] Bedingungen des Friedens vgl. Band I, Seite 496; Ergebnisse des Spanischen Erbfolgekrieges für die Teilnehmer Seite 575 und auch 159.
[7] Ebendort Kapitel X und XI.
Anlässe zum Kriege waren also zur Genüge vorhanden, und wir wissen (vgl. Band I, Seite 598), daß sich Frankreich und Spanien in einem geheimen Defensivbündnisse verständigt hatten, bei geeigneter Gelegenheit gemeinsam gegen England vorzugehen; 1735 hatten diese Staaten ja bereits das Königreich Beider Sizilien unter bourbonischen Einfluß gebracht. So zeigt uns denn der vierte Abschnitt in dem kurzen Zeitraum von 43 Jahren =drei große Seekriege=. In diesen treten sich als Hauptgegner England und Frankreich gegenüber, Spanien sowie Holland spielen eine Nebenrolle: Hollands Seestreitkräfte waren sehr zurückgegangen, und auch die Spaniens, die zwar unter den Bourbonen (besonders unter Karl III. 1759-1788) wieder an Stärke gewannen, erreichten nicht die Bedeutung der französischen und englischen Seegeltung.
Die Reibungen in den westindischen Gewässern führten 1739 zu einem Kriege zwischen England und Spanien und eröffneten die großen Kämpfe zur See, die sich wie die letzten Kriege des vorigen Abschnittes an =große Landkriege= anschlossen.
Um das Jahr 1740 befand sich Europa in einem politischen Zustande, der bedeutende Umwälzungen ahnen ließ. Seit dem Spanischen Erbfolgekriege lag die Summe der politischen Weisheit in der Erhaltung des europäischen Gleichgewichtes zwischen den Großmächten Österreich, England, Frankreich, Holland, und nach dem Utrechter Frieden waren diese Staaten bestrebt, den seitdem geschaffenen Zustand zu erhalten; diese Sorge führte dann aber gerade zwei große europäische Kriege herbei. Neben den Fragen maritimer Bedeutung bedrohten auch andere, für die allgemeinen Interessen noch wichtigere das so ängstlich gehütete Gleichgewicht und damit den Frieden. Frankreichs Bestreben war weiter auf die Erwerbung der österreichischen Niederlande (Belgien) und auf die Sicherung Lothringens gerichtet, auf das es schon durch einen Erbschaftsvertrag mit König =Stanislaus Leszczynski= Beschlag gelegt hatte, und stieß so mit den Interessen Deutschlands, besonders Österreichs, durch die Absicht auf Belgien aber auch mit denen Hollands, ja sogar Englands, zusammen. In Deutschland hatte sich ferner eine immer schärfere Spannung zwischen Österreich und Preußen herausgebildet, und im Osten erhob sich drohend die anschwellende russische Macht; das polnische Reich war im Verfall, und die Türkei wurde immer schwächer.
Durch den Tod des Kaisers =Karl= VI. (Oktober 1740) kamen die Ereignisse ins Rollen. Zwar hatten fast alle Staaten die »=Pragmatische Sanktion=« (vgl. Band I, Seite 594 ff.) anerkannt, durch die dem Hause Habsburg -- der Kaisertochter =Maria Theresia= -- der Bestand seiner sämtlichen Lande gesichert war, aber nach dem Tode des Kaisers traten dennoch verschiedene Mächte mit Erbansprüchen hervor. So entbrannte =der Österreichische Erbfolgekrieg= (1740-1748), in dem Österreich mit England, Holland und Spanien gegen Bayern, Preußen (Erster und Zweiter Schlesischer Krieg) und Frankreich focht; auch die anderen Staaten schlossen sich einer der Parteien an, und der schon begonnene Seekrieg zwischen Spanien und England lief weiter. Der Kampf um das Gleichgewicht fand dann seine Fortsetzung und seinen Höhepunkt im =Siebenjährigen Kriege= 1756-1763, in dem jedoch die Gruppierung der Staaten eine ganz andere war. Die Eifersucht auf das zu Bedeutung gelangte Preußen führte jetzt Rußland sowie auch Frankreich (hier hatten allerdings noch andere Umstände ebenso großen Einfluß) auf die Seite Österreichs, um dem Werden eines kraftvollen Staates im wiederaufstrebenden Deutschland rechtzeitig einen Riegel vorzuschieben, während England durch den jetzt zur endgültigen Entscheidung drängenden Kampf seiner Kolonien in Nordamerika mit den französischen, sowie durch des Königs Interesse an Hannover auf die Seite Preußens getrieben wurde; wiederum beteiligten sich auch andere Staaten am Kriege[8]. In diesen beiden Kriegen war England bestrebt, die Kräfte Frankreichs an den Festlandskrieg zu fesseln, indem es dessen Gegnern die Mittel zum Kampfe lieferte, und diesen Umstand sowie die Schwäche der französischen Marine zu benutzen, die eigene Seeherrschaft zu festigen und seinen Kolonialbesitz zu erweitern.
[8] Auf die Geschichte dieser zwei großen Landkriege -- auf ihre Ursachen eingehender, auf ihren Verlauf, soweit es nötig erscheint -- werden wir bei der Betrachtung der sie begleitenden Seekriege zurückkommen.
Im Österreichischen Erbfolgekriege fügte England den feindlichen Seestreitkräften empfindliche Verluste zu und errang auch Vorteile in Nordamerika, während Frankreich in Ostindien glücklicher war; die englische Seemacht wurde aber in diesem Kriege durch verschiedene Umstände an der Entfaltung ihrer ganzen Kraft behindert. Im Siebenjährigen Kriege hatte England dagegen vollen Erfolg mit seinen Plänen. Dieser Krieg brachte ihm die Herrschaft über Kanada unter Verdrängung Frankreichs aus Nordamerika, sowie Erweiterung seines Besitzes in Westindien; den großen Unternehmungen Frankreichs in Ostindien wurde ein Ende gemacht; die französischen Seestreitkräfte waren vernichtend geschlagen. Spanien, das verspätet Frankreich Hilfe zu bringen versuchte, wurde in dessen Sturz hineingezogen. Gleichzeitig hatte im Landkriege =Friedrich der Große= Preußens Stellung als Großmacht gefestigt; die beiden germanisch-protestantischen Mächte behaupteten den Sieg.
Der dritte große Seekrieg unseres vierten Abschnittes schließt sich an den =Nordamerikanischen Freiheitskrieg= 1775-1783 an, in dem Frankreich sowie Spanien auf die Seite der aufständischen Kolonien traten und in dem Holland durch England selbst zu den Gegnern gedrängt wurde. Der Krieg wurde so ein Seekrieg in allen Meeren, es handelte sich für England nicht nur um die Herrschaft über seine Kolonien, sondern auch um die Erhaltung seiner Obmacht zur See.
Frankreichs Kraft war jetzt nicht durch einen Landkrieg in Europa abgelenkt, England selber mußte einen solchen in Amerika führen, und dabei waren die Marinen Frankreichs sowie Spaniens wesentlich erstarkt. Dieser Krieg war denn auch für England sehr gefahrdrohend und brachte ihm keine Erfolge. Zwar hielten seine Seestreitkräfte den vereinten feindlichen das Gegengewicht, blieben eigentlich die überlegenen, und ein letzter Versuch der Franzosen, in Ostindien wieder die Übermacht zu gewinnen, wurde vereitelt, aber die nordamerikanischen Kolonien erlangten ihre Unabhängigkeit (hauptsächlich durch die Unterstützung der französischen Flotte) und Minorka ging verloren. Die Tatsache endlich, daß die französische Flotte in diesem Kriege die See gehalten hatte, war von großer Bedeutung. Das französische Volk wandte sich mit lebhafterem Interesse dem Seewesen zu; Aufschwung des Seehandels, der Kolonien, sowie Pflege der Marine waren die Folge. In der Marine herrschten Selbstvertrauen und Streben; sie würde in einem neuen Seekriege eine wuchtige Waffe geworden sein, wenn nicht die Revolution gerade für sie die verhängnisvollsten Folgen gehabt hätte.
Am Ende unseres Abschnittes war gegen die Zeit des Westfälischen Friedens =eine völlige Umgestaltung Europas= abgeschlossen. Das kolonienreiche Spanien, die Militärmacht Schweden und das seemächtige Holland waren aus der Reihe der maßgebenden Staaten gestrichen; zwei neue Mächte, Preußen und Rußland, waren schnell aufgestiegen und bildeten jetzt mit den alten, England, Frankreich und Österreich, die Vorherrschaft der fünf Großmächte, von denen die Politik des Weltteils abhing. -- England begann sich zu einem außereuropäischen Weltreich auszudehnen und die Vereinigten Staaten von Nordamerika waren als eine anglo-germanische und protestantische Macht entstanden.
$Nebenkriege$, wie wir weiter die Seekriege nennen wollen, die nicht von ausschlaggebender Bedeutung für die allgemeine Weltgeschichte und für die Entwicklung des Seekriegswesens waren, sind im vierten Abschnitt folgende:
Der Russisch-Schwedische Krieg 1741-1743, der im Zusammenhange mit dem Österreichischen Erbfolgekriege steht; die Beteiligung der schwedischen sowie der russischen Seestreitkräfte am Siebenjährigen Kriege; die Russisch-Türkischen Kriege von 1768-1774 und von 1787-1792; der Russisch-Schwedische Krieg 1788-1790.
Diese Nebenkriege werden im Kapitel VI besprochen.
$Bedeutung des Abschnittes für die Seekriegsgeschichte und für die Entwicklung des Seekriegswesens.$ Die großen Seekriege dieses Abschnittes haben eine bezeichnende Eigenschaft, die sie von den früheren unterscheidet. Bisher[9] hatten die Kämpfe in den Gewässern der Kolonien nur den Charakter des Kleinen Krieges. Sie bestanden in Angriffen auf die Niederlassungen und den Handel dort behufs Schädigung des Feindes sowie eigener Bereicherung; die dazu verwendeten Seestreitkräfte waren nur gering. Von nun an aber, und in den Kriegen dieses Abschnittes ganz besonders, bleiben die Ereignisse in den fernen Meeren nicht mehr nur Ausläufer des in Europa und seinen Gewässern ausgefochtenen Entscheidungskampfes; die Weltgeschichte ist nicht mehr die Geschichte Europas, sondern die der atlantischen Welt.
[9] Vgl. Band I, Seiten 472, 483, 562, 574.
Die Kolonien hatten eine höhere und stetig wachsende Bedeutung für die europäischen Staaten gewonnen, sie bildeten einen Teil der Gesamtstaaten, von dem die Vermehrung des Nationalwohlstandes abhing. Sie erzeugten in regelmäßigem Anbau Produkte, die der europäische Markt nicht mehr missen konnte und waren als Abnehmer heimischer Erzeugnisse unentbehrlich geworden; es wurde aus diesem Grunde notwendig, den Verkehr zwischen ihnen und dem Mutterlande auch im Kriege zu behaupten. Deshalb schließen sich an den Hauptkriegsschauplatz in den europäischen Gewässern überseeische Schauplätze an, ja diese werden zuweilen die wichtigeren, und zwischen beiden muß die Verbindung aufrechterhalten werden, da von der Kraftquelle in der Heimat die Leistungen draußen abhängen. Alle diese Gründe rufen den Kampf um die Seeherrschaft im weitesten Sinne hervor und der =Strategie zur See wird damit ein größerer Spielraum angewiesen=.
Es erscheint nun auffällig, daß erst in dem letzten der drei Seekriege große Flotten auftreten; dies war hauptsächlich eine Folge der Schwäche der französischen Marine. In Frankreich war zwar der Aufschwung des Seehandels und der Kolonien während der Friedensjahre seit 1713 volkstümlich, aber die Regierung stand ihm kalt und mißtrauisch gegenüber. Sie ließ die Marine mehr und mehr verfallen, ja noch während der beiden ersten Kriege wurde wenig für sie getan; der Landkrieg sog die Hilfsquellen auf. Die vorhandenen Seestreitkräfte wurden außerdem zersplittert, Frankreich führte diese Seekriege lau und ohne strategisches Verständnis für ihre Wichtigkeit. Erst nach den maritimen Niederlagen und Verlusten im Siebenjährigen Kriege hob man auf Drängen des Volkes die Marine und sie trat nun im letzten großen Kriege, im Verein mit der gleichfalls erstarkten spanischen, mächtiger und tatkräftiger auf als je zuvor. Dieser Krieg wurde zwischen den europäischen Gegnern zu einem reinen Seekriege mit großen Flotten in allen Meeren.
$Die Bedeutung der Kolonien.$ Im ersten Bande (Kapitel XII) ist eine kurze Geschichte der Kolonien gegeben, um deren Umfang, ihren Wert für die Besitzer und ihre innere Kraft um 1740 zu veranschaulichen; die Weiterentwicklung ihrer Verhältnisse wird bei jedem der nun folgenden Kriege berührt werden. Bei der Wichtigkeit, die die Kolonien für sie haben, soll hier nochmals die Stellung der Gegner außerhalb Europas vor Augen geführt werden; der Einfluß der Kolonien auf die Strategie ergibt sich daraus.
=In Nord-Amerika= besaß =England= 13 Kolonien, die späteren »Vereinigten Staaten«: Die vier nördlichen oder Neuengland-Staaten: Newhampshire, Massachusetts mit Maine, Connecticut, Rhode-Island; die fünf mittleren: New York, New Jersey, Delaware, Pennsylvanien, Maryland; die vier südlichen: Virginien, Nord- und Südcarolina, Georgia. Diese Kolonien hatten 1740 schon eine Bevölkerung von etwa 1200000 Weißen und 200000 Negern, die schnell weiter zunahm (1760: 1385000 Weiße, 310000 Neger; 1770 insgesamt 2312000 und 1780 2943000 Seelen). Die Einwohner waren Ackerbauer, Kaufleute, sowie Seeleute und hingen noch mit Begeisterung am Mutterlande, wenn sie auch im wesentlichen auf sich angewiesen waren und sich selbst regierten. An einer solchen Bevölkerung, die außerdem auf die Franzosen sowie die Kanadier sehr eifersüchtig war, und an einem in jeder Beziehung ertragsfähigen Lande mit langer Seeküste und guten Häfen, in dem schon viel für die Entwicklung des Seewesens getan war (für Kriegsflotten voll leistungsfähige Werften gab es allerdings noch nicht), hatte England in den beiden ersten Kriegen eine sichere Basis auf der westlichen Halbkugel.
=Frankreich= besaß Kanada und =Louisiana=, worin das ganze Ohio- und Mississippi-Tal als notwendiges Glied zwischen dem St. Lorenz-Strom und dem Golf von Mexiko einbegriffen war. Dieses Zwischengebiet war jedoch nur schwach besetzt, und England erkannte Frankreichs Anspruch darauf nicht an. Die Stärke der französischen Stellung lag in Kanada, das 1740 etwa 50000 Weiße zählte (1760 etwa 80000). Die Ansiedler beschäftigten sich hier nur soweit mit Handel und Landwirtschaft, wie es für ihre unmittelbaren Bedürfnisse nötig war, in erster Linie lebten sie von der Jagd und dem Waffendienst. Eine militärische und mönchische Regierung hemmte Unternehmungslust sowie freie Verbindung zu gemeinsamen Zielen; selbst die für die Schiffahrt im Innern nötigen Fahrzeuge mußte man größerenteils in den englischen Kolonien kaufen. Kanada bot so und auch infolge der weiteren Entfernung von Westindien sowie seines rauhen Winterklimas vom militärisch-seemännischen Standpunkte aus für Frankreich weit weniger Nutzen als die englischen Kolonien für England; ein Vorteil Kanadas war wohl, daß es unter einheitlicher Verwaltung stand, während die englischen Provinzen nur lose zusammenhingen und nicht immer einig waren.
Bei der Schwäche der Bevölkerung und den geringen Hilfsmitteln des Landes lag das Geschick Kanadas in einem Kriege ganz in der Unterstützung durch die Seemacht Frankreichs, die sich entweder in unmittelbarer Beherrschung der benachbarten Gewässer oder in der Ablenkung des Gegners durch Bedrohung anderer Punkte äußern mußte. Von großer Bedeutung war hierbei der St. Lorenz-Strom, der den Zutritt bis zum Herzen des Landes gewährte; Neufundland und Neuschottland hatte Frankreich zwar schon verloren, aber es besaß in der Insel Breton mit der starken Feste Louisbourg noch den Schlüssel zum St. Lorenz-Golf. Im dritten, dem amerikanischen Befreiungskriege, gehörte Kanada England. Es bot ihm in Halifax einen Stützpunkt für die Seestreitkräfte und bildete für die anderen aufständischen Kolonien, da diese es weder zum Anschluß bringen noch erobern konnten, eine Grenze, die stets bewacht werden mußte.
=Spanien= besaß 1740 in Nordamerika außer Mexiko nur Florida, ungenau begrenzte weite Gebiete um die Halbinsel gleichen Namens; diese Kolonie blieb (auch als sie später in englischem Besitz war) während der Kriege von geringer Bedeutung.
=In Westindien, Mittel- und Südamerika= hatte =Spanien= die unter dem Namen »Spanisch-Amerika« bekannten Länder im Besitz, sowie die Inseln Kuba, Portoriko und vier Fünftel von Haïti; Kuba mit etwa 140000, Haïti mit 400000 Einwohnern aller Farben. =Frankreich= besaß Guadeloupe (10000 Weiße, 50000 Neger), Martinique (24000 bzw. 60000), ein Fünftel von Haïti (40000, 230000) sowie die kleineren Inseln Grenada, Marie Galante, St. Martin, Les Saintes, St. Croix und auf dem Festlande Cayenne. Zu =England= gehörten Jamaika (etwa 10000 Weiße), Barbados (20000 Weiße, 69000 Neger) sowie die kleineren Inseln Nevis, Antigua, Montserrat, Barbados, Anguilla, die Virgin-Inseln, die Bermudas und die Bahamas (alle zusammen vielleicht 15000 Weiße). Man ersieht, daß die Einwohnerzahl der französischen Inseln die der englischen beträchtlich übertraf. Auf dem Festlande besaß England an der Küste von Honduras Niederlassungen (z. B. Belize, die Insel Roatan, am Kap Honduras, 1739 erworben), die besonders als Stationen für Holzausfuhr dienten.
Die Inseln Dominica, St. Lucia, St. Vincent und Tabago, auf die sowohl England wie Frankreich Anspruch gemacht hatten, waren vorläufig (1730) als »=neutrale Inseln=«, den Indianern gehörig, erklärt.
Man sollte nun annehmen, daß die Eroberung der fruchtbaren Inseln vom Gegner ein Hauptziel geworden wäre, aber mit Ausnahme des spanischen Wunsches, Jamaika dauernd wiederzugewinnen, scheinen solche Pläne nie ernstlich gehegt zu sein. Das zur See mächtigere England wurde wohl durch die größere Masse des Volkes mehr auf Nordamerika hingewiesen und die kleineren westindischen Inseln, aus denen der englische Besitz hauptsächlich bestand, sind einzeln zu klein, um sie ohne unbedingte Seeherrschaft erfolgreich behaupten zu können; hiermit aber konnten die Gegner Englands nicht rechnen. So wurde gegen die Inseln von beiden Seiten mehr der kleine Krieg geführt; man sah sie gewissermaßen wie Schiffe oder Konvois mit feindlichem Gute an. Sie gehen häufig von einer Hand in die andere über; sie werden angegriffen, um sie zu brandschatzen; die Garnisonen werden gefangen genommen und die Befestigungen zerstört, um den feindlichen Seestreitkräften ihre Stützpunkte zu rauben. Die beim Friedensschluß etwa noch besetzten werden aber meist wieder zurückgegeben; nur das Schicksal der sogenannten neutralen Inseln entscheidet sich in den Kriegen unseres Zeitabschnittes; sie wurden zwischen England und Frankreich verteilt. Die Tatsache aber, daß jede der großen Mächte in Westindien, diesem Brennpunkte des Handels, Besitzungen hatte, zog kleine Geschwader, wie auch besonders im dritten Kriege große Flotten dorthin; eine große Zahl der Seekämpfe spielt sich hier ab.
=In Ostindien= besaß =England= als Hauptniederlassungen Bombay, Madras und Kalkutta; =Frankreich= Mahé, Pondichery und Chandernagore (am Ganges). Dieser Staat hatte großen Vorteil durch Besitz der Inseln Isle de France und Bourbon, die als Zwischenstationen auf dem Wege nach Indien, sowie als Stützpunkte in der Nähe dieses Landes dienten. Beide Staaten wurden in Indien nur durch ihre Kompagnien vertreten. Diese waren zwar um 1740 noch nicht sehr stark, strebten aber gerade in dem hier behandelten Zeitabschnitt wetteifernd dahin, ihre Macht auszudehnen, und hinter ihnen standen die Regierungen ihrer Mutterländer; die Kriege wurden deshalb auch hier von Bedeutung und berührten gleichfalls die Philippinen, die einzige Besitzung =Spaniens= im fernen Osten.
=Die holländischen Kolonien= -- in Westindien nur unbedeutend, in Ostindien, mit Ausnahme eines Kontors in Negapatam, auf die Inselwelt beschränkt -- wurden erst im dritten großen Kriege in den Streit verwickelt, als Holland gegen England stand; sie spielten aber auch dann nur eine untergeordnete Rolle. Wichtig wurde allein =das Kapland=, das nun den Franzosen als eine weitere Station auf dem Wege nach Indien zur Verfügung stand.
Die sonstigen Besitzungen der Staaten =in Afrika= waren lediglich Handelsstationen ohne militärischen Wert.
=Die Kriege des vierten Abschnittes sind ferner beachtenswert für die Fortentwicklung der Taktik.= Die Engländer treten in sie ein mit rein schematischer Durchführung gewisser kühner, aber unvorteilhafter Angriffsregeln, die außerdem sowohl den Oberbefehlshaber wie die Unterführer binden und lähmen. Die Franzosen bauen gegen diese Angriffe eine Verteidigungstaktik auf, mit Verwertung der jetzt auch erkannten Vorteile der Leestellung, führen diese aber gleichfalls nur schematisch durch, anstatt errungene Vorteile durch angriffsweises Vorgehen auszunutzen. Die Folge war, daß fast alle Schlachten unentschieden blieben. Erst gegen das Ende des Zeitabschnittes brechen bedeutende Führer beider Völker (=Rodney= und =Suffren=) mit dem Schematismus, und es kommt neues Leben in die Taktik; wie im dritten Abschnitt erscheint dann auch wieder ein aufsehenerregendes Werk (das des Schotten Clerk) über seetaktische Fragen.
In der =Entwicklung der Streitmittel=, der Schiffe und der Artillerie, zeitigt der Abschnitt nur wenige hervorragende Änderungen. Die Klassen der Schlachtschiffe werden in sich gleichmäßiger und man verwendet als solche in erster Linie Schiffe der bisherigen mittleren Größe (zu 74 Kanonen); die Fahrzeuge zu besonderen Zwecken werden bedeutend vermehrt, schwerere Fregatten erbaut. An Geschützen führen die Engländer die Karronaden als eine für den Nahkampf besonders wirksame Waffe ein.
* * * * *
Zweites Kapitel.
Die Entwicklung des Seekriegswesens von 1740-1793.
$Schiffe, Nautik$ (Entdeckungen), $Schiffsklassen, Waffen, Personal$ (Organisation der Marine), $Taktik$.
Die Betrachtungen schließen an das zweite Kapitel des dritten Abschnittes (Band I, Seite 161-188) an. Wie dort und aus dem gleichen Grunde sind in erster Linie die englischen Verhältnisse zugrunde gelegt; wichtige Abweichungen in anderen Marinen sind jedoch angeführt oder aus den Angaben über »die Streitmittel« vor jedem Kriege zu ersehen.
Als $Hauptquellen$ dienten: Clowes III; Charnock III; Arenhold; Troude I; Colomb, Kapitel V; Schwarz. (Vgl. Quellenverzeichnis.)
Schiffe, Nautik, Schiffsklassen.
Wir haben im ersten Bande die Entwicklung des Einzelschiffes und die Einteilung der Schiffe in Klassen eingehend verfolgt und kamen schließlich zu dem Ergebnis, daß um 1739 in beiden Hinsichten ein gewisser Abschluß erreicht war. Die weitere Zeit der Segelschiffahrt bringt nur noch Vervollkommnungen des Einzelschiffes, dessen Typ -- besonders der des Schlacht- (Linien-)schiffes -- feststand, und Verschiebungen in der Klasseneinteilung. Beides vollzieht sich weiter in den uns schon bekannten Richtungen: Anstreben besserer See- und Segelfähigkeit des Einzelschiffes, sowie Vergrößerung des Raumgehalts bei gleicher Kanonenzahl; Herbeiführen von Gleichmäßigkeit der Schiffe einer Klasse, Bevorzugung der ehemaligen Mittelklasse der Linienschiffe (Nichtvermehrung der sehr schweren, Abstoßung der kleineren), sowie Vermehrung der Fahrzeuge zu besonderen Zwecken.
$Die Linienschiffe.$ Schon im 17. Jahrhundert hatte Frankreich die Führung im Schiffbau übernommen. Hier beschäftigte man sich zuerst wissenschaftlich mit Untersuchungen über Stabilität und Manövrierkunst. Auf Anregung der Académie des Sciences in Paris nahmen hervorragende Gelehrte ein reges Interesse an der Theorie des Schiffbaues, und die Schiffbauingenieure wurden sorgfältig ausgebildet. Auch noch im 18. Jahrhundert benutzten die Engländer gern eroberte französische Schiffe als Muster bei ihren Neubauten und stellten sie stets in ihre Schlachtflotte ein, während die Franzosen erbeutete englische Linienschiffe nur als Begleitschiffe aufbrauchten. Die wissenschaftliche Behandlung des Schiffbaues führte zur Vergrößerung der Schiffe, um sie seefähiger zu machen, zur Verbesserung der Formen unter und über Wasser, um die Segelkraft zur Fortbewegung und zum Manövrieren besser auszunutzen; nach Theorie und Erfahrung wurden die Verhältnisse der Hauptmaße des Schiffskörpers und der Takelage zu einander festgesetzt. An Stelle der vollen Formen des Vorschiffes treten schärfere Linien; das Heck wird gefälliger und weniger massiv, doch verschwindet hier die eigentliche Schiffsform unter überreichem bildnerischen Schmuck, sowie den Anbauten, die zugunsten einer bequemen Ausgestaltung der Wohnräume für den Kommandanten und die Offiziere, selbst auf Kosten der Armierung, angebracht wurden.
Als ein Zeichen der allmählichen Vergrößerung der Schiffe sei erwähnt, daß die Franzosen in der Zeit nach dem ersten Kriege, in den Jahren 1748 bis 1756, Zweidecker bis zu 84 Kanonen bauten, während in England Schiffe zu 80 Kanonen bis 1760 noch Dreidecker waren; dann folgte man auch hier dem Beispiele und zwar nach dem Muster eines erbeuteten Fahrzeuges. Die Dreidecker blieben stets schlechtere Seeschiffe. Sie mußten oft bei starkem Winde oder schwerem Seegange die Pforten der untersten Batterie schließen und sind mehrfach, selbst im Hafen bei Bodenreinigungen, gekentert. Sie blieben jedoch gebräuchlich, namentlich als Flaggschiffe, da sie immerhin mächtige Gefechtseinheiten waren und Platz zur Unterbringung der Geschwaderstäbe boten.
In der Anordnung der Takelage war man schon zu Anfang des 18. Jahrhunderts bei dem Linienschiffe fast zur vollendeten Vollschiffstakelung gelangt: drei Masten und ein weitausladendes Bugspriet mit einem kleinen Maste; an den Masten und am Bugspriet Raasegel, am Kreuz- (Besan-) Maste ein großes Lateinsegel; auch Oberleesegel wurden schon gefahren[10]. Im Laufe des Jahrhunderts erschienen nun der Klüverbaum und die Vorsegel, die den kleinen Mast auf dem Bugspriet verdrängten, jedoch es blieben noch Raasegel am Klüverbaum (bis 1790), sowie am Bugspriet (bis 1815), da sie einem entmasteten Schiffe etwas mehr Steuerfähigkeit verliehen; zwischen den Masten traten Stagsegel auf. Das Lateinsegel am Kreuzmast wurde zum Besan, indem der untere Teil der langen Raa wegfiel und das Segel hier am Maste befestigt wurde; später wird der Rest der Raa zur Gaffel und für den unteren Rand des Segels tritt der Besansbaum zum Ausholen hinzu. Jetzt wird es auch gebräuchlich, die Flagge, die bisher an einem Flaggstock am Heck gefahren wurde, an der Besansgaffel zu heißen. Um 1790 endlich waren Oberbramsegel, sowie Unter- und Bram-Leesegel ziemlich allgemein eingeführt.
[10] Siehe Band I, Seite 166, die Abbildung des »Royal Louis«.
Im vierten Abschnitt wurden Schiffstypen erreicht, die allen Anforderungen genügten, wie die Blockaden beweisen, mit denen die Engländer bald darauf jahraus, jahrein die französischen Häfen geschlossen hielten. Als ein auf der Höhe seiner Zeit stehendes Linienschiff sei der französische Zweidecker »Sans Pareil« -- 84 Kanonen, gebaut 1770 -- abgebildet. Dieses Schiff soll vorzüglich see-, sowie manövrierfähig gewesen sein und konnte auch in schwerem Wetter die unterste Batterie gebrauchen; es wurde von den Engländern genommen und als Vorbild benutzt. Gleichzeitige 74-Kanonenschiffe sollen ebensogut gewesen sein.
$Die Fregatten.$ Bis 1745 hatte man im allgemeinen nur Linienschiffe, zu denen bis 1756 noch die 50-Kanonenschiffe rechneten, ferner Zweidecker mit 40 Kanonen, zuweilen und besonders in Frankreich als Fregatten bezeichnet, 20-Kanonenschiffe, auch Fregatten genannt, und noch kleinere Fahrzeuge. Dann entwickelte sich die wirkliche Fregatte; ein Schiffstyp von größerer Geschwindigkeit als Linienschiffe und Kauffahrer, von dem aber doch auch eine nicht unbedeutende Gefechtskraft verlangt wurde[11], um mit Erfolg als Aufklärungsschiffe der Flotten sowie im Handelskriege gegen Kaper dienen zu können. Die 40- oder 44-Kanonenzweidecker waren hierzu zu unbeholfen (diese Fahrzeuge wurden nach Einführung schwerer Fregatten ihrer Wohnlichkeit halber gern im Kolonialdienst verwendet), die 20-Kanonenschiffe zu schwach. Die neuen Fregatten führten ihre Hauptartillerie auf dem Hauptdeck, eingedeckt durch das Oberdeck, auf dem leichtere Geschütze standen. Etwa um 1748 wurden Fregatten mit 28 und 32 Kanonen gebaut, bald darauf auch solche mit 36. Sie führten bis 1780 nur 12-Pfünder in der Batterie, dann erhielten sie 18-Pfünder und es traten auch Schiffe mit 38 Kanonen hinzu; ganz schwere Fregatten mit 40-44 Geschützen erscheinen erst um die Wende des 18. Jahrhunderts.
[11] Mit der Bezeichnung »=Fregatte=« verband sich vom Mittelalter her, auch schon bei den Ruderschiffen, der Begriff der Schnelligkeit im Gegensatz zur Gefechtskraft, nach und nach trat für sie jedoch die Anforderung einer gewissen Gefechtskraft hinzu. Ueber die allmähliche Entwicklung des Begriffes »Fregatte« vgl. auch Band I im Sachregister unter diesem Stichworte.
$Die ständige Vergrößerung der Schiffe$ in allen Klassen zeigt die auf Seite 15 gegebene Tabelle für England, in der jedoch einige Zwischenstufen nicht aufgenommen sind, da sie gegen das Ende des Abschnittes nur noch schwach vertreten waren.
Diese Tabelle, deren Angaben sich an die im ersten Bande Seite 178 für 1727 aufgeführten anschließen, ist nach Clowes III, Seite 9, 12, 335, zusammengestellt. Die Angaben für 1741 sind die in England als Bauvorschrift festgesetzten. Derartige Vorschriften waren von 1713 bis 1745 mehrfach erlassen, um Gleichmäßigkeit im Schiffsmaterial zu erzielen; dann aber sah man ein, daß durch zu eingehende Bestimmungen
=Größenverhältnisse englischer Schiffe.= ========+========+=======+=====+======+================ Anzahl |Jahr des|Tonnen-|Länge|Breite| Tiefgang Kanonen | Baues |Gehalt |-----+------+---------------- | | | in englische Fuß abgerundet ========+========+=======+=====+======================= | 1741 | 1872 | 175 | 50 | 21 } 100 | 1756 | 2047 | 178 | 52 | 22 } | 1789 | 2279 | 190 | 52 | 22 } --------+--------+-------+-----+------+---------} Drei- } | 1741 | 1679 | 168 | 48 | 20 } decker} 90-98 | 1761 | 1827 | 176 | 49 | 21 } } | 1768 | 1947 | 178 | 50 | 21 } } --------+--------+-------+-----+------+-----------------} Linienschiffe 70 | 1741 | 1291 | 154 | 44 | 19 } } 74 {| 1759 | 1556 | 166 | 46 | 20 } } {| 1790 | 1836 | 176 | 49 | 20 } } --------+--------+-------+-----+------+---------} Zwei- } 60 | 1741 | 1123 | 147 | 42 | 18 } decker} 64 {| 1763 | 1380 | 159 | 45 | 19 } {| 1782 | 1521 | 163 | 45 | 18 } ========+========+=======+=====+======+================= Linien-{| 1741 | 968 | 140 | 40 | 17 } schiff {| 1752 | 1046 | 146 | 36 | 17 } 50 | 1765 | 1053 | 151 | 40 | 18 } --------+--------+-------+-----+------+---------} Zweidecker | 1741 | 706 | 126 | 36 | 15 } 44 | 1759 | 856 | 141 | 37 | 16 } | 1774 | 886 | 140 | 38 | 16 } ========+========+=======+=====+======================== 38 | 1780 | 940 | 141 | 38 | 14 } | 1782 | 1062 | 150 | 40 | 13 } --------+--------+-------+-----+------+---------} 36 | 1757 | 718 | 128 | 36 | 12 } | 1786 | 939 | 141 | 39 | 14 } --------+--------+-------+-----+------+---------} Fregatten 32 | 1757 | 667 | 128 | 34 | 12 } | 1783 | 779 | 131 | 36 | 13 } --------+--------+-------+-----+------+---------} 28 | 1757 | 599 | 118 | 34 | 11 } | 1785 | 594 | 121 | 34 | 11 } ========+========+=======+=====+======+================= 20 | 1757 | 430 | 108 | 30 | 10 } | 1776 | 429 | 108 | 30 | 10 } Postships --------+--------+-------+-----+------+----------------- 14 | 1746 | 276 | 91 | 26 | 12 } | 1789 | 321 | 100 | 27 | 13 } Sloops ========+========+=======+=====+======+=================
Verbesserungen gehemmt würden. Die Angaben für die späteren Jahre sind die Maße von ihrer Zeit besonders typischen Schiffen (Clowes führt die Namen an), die in England erbaut oder den Spaniers und Franzosen abgenommen waren.
$Verbesserungen im Schiffbau.$ 1761 ward der erste Versuch gemacht, den =Schiffsboden mit Kupferplatten= zu belegen, um ihn gegen den Bohrwurm zu schützen; 1785 war diese Maßnahme in der englischen Marine durchgeführt, während die französische darin noch zurückstand. Es brachte den unerwarteten Vorteil mit sich, den Anwuchs von Algen und Muscheln zu verringern; die Schiffe büßten hierdurch weniger an Schnelligkeit ein und bedurften seltener einer Bodenreinigung. Allerdings wurde der Bau des Schiffsrumpfes schwieriger sowie teurer, da alle Bolzen unter Wasser aus Kupfer hergestellt werden mußten, weil eiserne infolge des galvanischen Stromes zwischen Kupfer und Eisen leicht zerstört worden wären. =Die Pumpen= zur Entleerung des Schiffsbodens wurden etwa um 1764 verbessert, so daß sie ihre Aufgabe mit weniger Arbeitskraft schneller und gründlicher lösten; dies war von gutem Einfluß auf den Gesundheitszustand an Bord. 1772 führte man sogar schon =Destillationsapparate= ein, die jedoch nur geringe Mengen von Trinkwasser liefern konnten. Zum =Farbenanstrich= pflegte man für den Schiffsrumpf Schwarz mit gelblich-weißen Batteriegängen (d. s. die Planken, in denen die Geschützpforten eingeschnitten waren), für die Rundhölzer (Masten, Raaen, Gaffeln usw.) Gelb zu wählen.
In Hinsicht auf die =Beiboote= trat noch keine Änderung ein (siehe Band I, Seite 166). Sie wurden weiter auf Deck eingesetzt und blieben teilweise sehr groß, da man sie häufig zum Fischen gekappter Anker nötig hatte. Erst als im Anfang des 19. Jahrhunderts Ankerketten gebräuchlich wurden und die Boote bei deren großem Gewicht zum Ankerfischen nicht mehr tauglich waren, wurden sie kleiner; um diese Zeit erschienen auch die Bootsdavids zum Heißen der Boote an den Schiffsseiten. Die Boote waren gut besegelt und waren dadurch sowie durch ihre Größe zu tagelangen Entsendungen geeignet. =Die Werften= wurden immer leistungsfähiger, besonders auch, weil man den Dienst auf ihnen besser regelte, für jedes Schiff eine besondere Schiffskammer zur Aufbewahrung seines Materials anlegte und die Angestellten sorgsamer auswählte, sowie besser bezahlte.
$Die Kauffahrteischiffe$ des 18. Jahrhunderts waren selten größer als 800 tons. Sie wurden etwas schmaler als die Kriegsschiffe gebaut, führten meistens immer noch einige Kanonen und wurden häufig im Anstrich den Kriegsschiffen ähnlich gehalten (mit Batteriegängen), um Kaper abzuschrecken. Beim Bau solcher Fahrzeuge, die besonders für den =Kaperdienst= bestimmt waren, legte man Wert auf Schnelligkeit, worin sich frühzeitig die englisch-nordamerikanischen Kolonien hervortaten.
Für $die Nautik$ ist zu erwähnen, daß die Ortsbestimmung auf See dadurch sehr erleichtert wurde, daß man von 1772 an brauchbare Chronometer anfertigte (vgl. Band I, Seite 167), daß die nautischen Hilfstafeln vervollkommnet, die Leuchttürme vermehrt und mit bessern Lichtern versehen, die Seekarten fortlaufend vervollständigt wurden. =Wissenschaftliche Seereisen= trugen hierzu bei. 1736 konstruierte =Harrison= einen Chronometer, der auf einer Reise nach und von Westindien trotz schlechten Wetters nur 1^m 56^s verlor. Ein weiter verbessertes Instrument bewährte sich auf einer Entdeckungsreise des belgischen Kapitäns =Byron= in die Südsee 1764-1766. Auch die Franzosen sandten Schiffe zur Erprobung von Chronometern aus (=Fleurien= 1769, =Borda= 1771 und 1774). Etwa von 1772 an werden Chronometer an Bord der Kriegsschiffe allgemeiner eingeführt.
Die wissenschaftlichen Reisen beschränkten sich nicht auf geographische und hydrographische Forschungen in den bereits bekannten Gewässern; es wurden auch planmäßige $Entdeckungsreisen$ unternommen. Da ihre Ergebnisse mehr geographisch als politisch oder militärisch wichtig sind, seien nur die hervorragendsten kurz erwähnt. Durch russische Seeleute wurden von 1728 an die Nord- und Ostküsten Asiens besucht; der Däne =Bering= erforschte in russischem Dienste 1725 das Meer von Kamtschatka, durchfuhr 1728 die nach ihm benannte Straße und besuchte 1741 die Nordwestküste Amerikas. Die Reise des englischen Admirals =Anson= 1739-1741 brachte die genauere Kenntnis der Marianen-Inseln. Von französischen Seeoffizieren entdeckte =Bougainville=, der erste Weltumsegler Frankreichs, 1756-1759 die Salomon-Inseln und den Bismarck-Archipel, =Kerguelen= 1771-1774 die nach ihm benannten Inseln, =Lapérouse= erforschte 1785-1788 die japanischen und koreanischen Gewässer.
Am meisten ist aber dem englischen Kapitän =James Cook= zu verdanken, der schon 1764-1767 die Küste von Neufundland aufgenommen hatte. Nach Tahiti zur Beobachtung des Venusdurchganges gesandt, umfuhr er 1769-1771 Neuseeland und stellte damit fest, daß diese Insel entgegen der bisherigen Annahme nicht der Ausläufer eines südpolaren Festlandes sei; er erforschte die Ostküste Australiens und fand die Torresstraße, deren erste Entdeckung unbekannt geblieben war (vgl. Band I, Seite 75). Er lenkte die Aufmerksamkeit seiner Regierung auf Botanybay als geeignet zur Kolonisation, die dann 1788 durch Hinführung der ersten Sträflinge begann. 1772 umsegelte er die Erde von West nach Ost zwischen 60 und 70° südlicher Breite und stellte fest, daß sich kein südpolarer Kontinent bis in die gemäßigte Zone erstrecke. 1776-1779 entdeckte er den Cook-Archipel, sowie die Sandwich-Inseln und erforschte beim Suchen nach einer Nordwestpassage die Nordwestküste Amerikas nebst dem nördlichen Teile des Stillen Ozeans bis zur Beringstraße. Durch ihn besonders wurde ein klares Bild von der Begrenzung dieses Weltmeeres sowie der in ihm liegenden Ländermassen und Inselgruppen gewonnen.
Diese wissenschaftlichen und Entdeckungsreisen waren für englische wie französische Seeoffiziere eine gute Schule. Die an ihnen beteiligten Kapitäne und Offiziere haben sich fast durchgängig auch in den Kriegen hervorgetan. Bemerkenswert ist, daß beide Völker bei Ausbruch eines Krieges feindliche Schiffe, die zur Zeit auf einer derartigen Reise begriffen waren, ausdrücklich als neutral und unverletzbar erklärten.
$Schiffsklassen$ (englisch: rates; französisch: rangs). Aus der auf Seite 18 gegebenen Tabelle über die Bestände der $englischen Marine$ in verschiedenen Jahren ergibt sich folgendes (vgl. auch Band I, Seite 178): Die mittelstarken =Linienschiffe= kommen immer mehr als Hauptschlachtschiffe
=Bestände der englischen Marine nach Schiffsklassen.= ================+============+=======+=======+=======+=======+======= Klasse |Kanonenzahl | Anzahl der Schiffe im Jahre | +-------+-------+-------+-------+------- | |1752 1)|1762 2)|1775 1)|1783 2)|1792 1) ================+============+=======+=======+=======+=======+======= I | 100 | 5 | 5 | 4 | 5 | 5 II | 98 und 90 | 13 | 16 3)| 17 3)| 20 3)| 16 III | 64-80 | 47 | 88 | 99 | 141 | 107 In Klasse III {| 74 4) | ? | 37 | 57 | 81 | 66 waren enthalten{| 64 4) | | 30 | 32 | 49 | 39 IV | 60 | 67 5)| 32 | 11 | 8 | 1 ----------------+------------+-------+-------+-------+-------+------ Gesamtzahl der Linienschiffe | 132 | 141 | 131 | 174 | 129
IV | 50 6) | -- | 24 | 12 | 23 | 17 {| 44 6) |} | 21 | 4 | 30 | 22 V {| 38 7) |} | 2 | -- | 7 | 7 {| 36 7) |} 39 | 4 | 3 | 17 | 14 {| 32 7) |} | 34 | 35 | 61 | 47 {| 28 7) |} | 23 | 24 | 33 | 28 VI {| 24 7) |} 39 | 21 | 7 | 12 | 6 (Post ships) {| 20-22 |} | 13 | 13 | 15 | 7 Sloops | 8-18 8)| 34 | 57 | 38 | 85 | 42 Brander | | ? | 11 | 1 | 17 | 9 Mörserboote | | 4 | 14 | 2 | 4 | 2 ----------------+------------+-------+-------+-------+-------+----- Gesamtzahl Nichtlinienschiffe| 116 | 224 | 139 | 304 | 201 $Insgesamt$| $248$ |$365$ |$270$ |$478$ |$330$
Die Tabelle, anschließend an die Band I Seite 178 gegebene, ist zusammengestellt nach Clowes III, Seite 7 und 328.
1) Bestände gegen das Ende einer Friedenszeit,
2) im letzten Jahre eines Krieges.
3) In dieser Zahl ist ein (oder einige wenige) Schiff zu 84 Kanonen einbegriffen.
4) Diese Angaben im Kleindruck zeigen, wie sehr die Unterklassen verschwinden; von 1775 an fast gänzlich.
5) Da 1752 die 50-Kanonenschiffe noch zur Linie zählten, so sind sie für dieses Jahr hier mit einbegriffen.
6) Die Schiffe zu 50 und 44 Kanonen waren Zweidecker; als Nichtschlachtschiffe und da sie auch nicht als Fregatten gelten konnten, fanden sie besonders Verwendung in den Kolonien, zu kleineren Unternehmungen usw.; sie waren bequem zum Stationsdienst in Friedenszeiten und bedurften nur geringer Besatzung. Ihre Zahl geht deshalb der sonstigen Richtung entgegen nicht zurück.
7) Schiffe des neuen Fregattentypes.
8) Die größeren Sloops hatten Vollschiffstakelage.
in Gebrauch; ihre Zahl wächst beständig, während die Zahl der Dreidecker sich gleich bleibt und die der leichteren Linienschiffe abnimmt. Zum Linienschiff wird bis 1752 noch das 50-Kanonenschiff gerechnet, dann nur noch das zu 60 Kanonen (in Frankreich zu 56), doch verschwindet auch dieses allmählich und von 1763, Ende des Siebenjährigen Krieges, an bildet das zu 64 Kanonen die untere Grenze. Unterstufen in den einzelnen Klassen fallen nach und nach fort. Die Zahl der =Nebenschiffe= -- zum Aufklärungs-, Nachrichten-, Seepolizeidienst usw. -- wächst ungemein, ganz besonders die des sich neuentwickelnden =Fregattentypus=. Die Mörserboote und Brander[12] erreichen bei weitem nicht die Zahl früherer Zeiten. Aus der Tabelle ist endlich das Wachsen der englischen Marine im allgemeinen, sowie während eines jeden Krieges im besonderen zu entnehmen.
[12] Näheres über diese Spezialschiffe vgl. Band I im Sachregister unter den betreffenden Stichworten.
$In Frankreich$ (vgl. Troude I, Seite 19 ff.) teilte eine Verfügung von 1758 die Schiffe in folgende Klassen: A. Linienschiffe I Rang (Dreidecker) zu 110, 100 und 90 Kanonen; II zu 74 und 70; III zu 66, 60 und 50. B. Nichtlinienschiffe IV zu 50, 46 und 40; diese werden auch bisweilen schon zu den Fregatten gerechnet, jedoch die zu 50 noch häufig und auch später noch ab und zu in die Linie eingestellt; V zu 32 und 30, gleichfalls oft als Fregatten bezeichnet. Fregatten zu 24 und 20, Korvetten zu 16 und 12 Kanonen. -- Später fanden öfters Verschiebungen statt, die den Zweck hatten, Unterklassen zu vermindern und die Grenze des Linienschiffes hinaufzusetzen. So fehlen z. B. um 1765 die Schiffe zu 70, und die Klasse II setzt sich aus 80- und 74-Kanonenschiffen zusammen; 1786 wurde verfügt, als Schlachtschiffe nur solche zu 118, 110, 80 und 74 Kanonen zu erbauen. 1780 traten auch hier wie in England Fregatten zu 38 (ja sogar zu 40) Kanonen auf. Die Verfügungen scheinen jedoch niemals streng durchgeführt zu sein, jedenfalls waren stets größere Restbestände von den nach älteren Vorschriften erbauten Schiffen vorhanden. $In Spanien$ lehnte sich der Schiffbau eng an den französischen an.
$Dreidecker$ scheint Frankreich in den Kriegen 1739-1748, sowie 1756-1763 nicht gehabt oder sie doch nicht zur Verwendung gebracht zu haben, obgleich solche unter Ludwig XIV. schon reichlich vorhanden waren. Im ersten Kriege werden nämlich bei den Flotten nur Schiffe bis zu 80, beim zweiten bis zu 84 Kanonen aufgeführt, und diese waren Zweidecker. Bei dem Aufschwung der Marine, der um 1761 einsetzte, sind aber jedenfalls wieder Dreidecker (über 90 Kanonen) erbaut.
Die Waffen[13].
$Die Kanonen$, die im vorigen Abschnitt geschildert sind (Band I, Seite 168ff.), erfuhren keine wesentlichen Änderungen. Man gab den Rohren mehr Hintergewicht, um das starke Bucken beim Schuß zu vermeiden, und brachte einige Verbesserungen an den Lafetten (Bruststück sowie Schwanzstück) und an den Pforten an, um die Geschütze weiter nach vorn oder hinten richten zu können. Sonst blieben die Lafetten so primitiv wie bisher, und die Geschütze bedurften daher einer zahlreichen Bedienung.
[13] Hauptquellen: Clowes III, die Kapitel »Civil history« 1714-1762 und 1762 bis 1792; Troude I »Introduction«.
$Bedienung der Geschütze.$ Die Lafetten, aus schweren hölzernen Seitenwänden, liefen auf Blockrädern. Der Rückstoß beim Schuß wurde von dem schweren Brooktau und den Seitentaljen aufgenommen, deren Länge so bemessen war, daß sich nach dem Rücklauf des Geschützes die Mündung des Rohres etwa 2 Fuß innerhalb der Bordwand befand; in dieser Stellung wurde ausgewischt, geladen und dann das Geschütz mit den Seitentaljen wieder ausgerannt, d. h. wieder dicht an die Bordwand gezogen. Zum ersten Laden mußte die Lafette mittels der Einholtalje eingerannt, d. h. in die Ladestellung gezogen, zum Nehmen der Seitenrichtung mußte sie mit Handspaken herumgeworfen werden, die unter den hintern Teil der Lafettenwände gestemmt wurden. Zum Nehmen der Höhenrichtung wurde das Bodenstück des Rohres mit denselben Spaken gehoben oder gesenkt und dann durch einen Keil festgelegt. In einer Batterie war auf jeder Seite nur ein Geschütz um das andere mit Mannschaft besetzt, da man gewöhnlich nur nach einer Seite feuerte; die Mannschaft der anderen Seite bediente auf das Kommando »an die Steuerbord- (Backbord-) Kanonen« die freien Geschütze der feuernden Seite. Sollten beide Seiten in Tätigkeit treten, so sprang auf das Kommando »dubliert« die Hälfte der Bedienung eines jeden Geschützes an das nebenstehende unbesetzte. -- Ein 32-Pfünder brauchte 15 Mann zur Bedienung; in einer Batterie mit 30 Kanonen waren also 210 Mann beschäftigt. Da ist es nicht erstaunlich, daß zuweilen ungeheure Verluste eintraten, wenn ein Schiff im Nahkampfe eine wohlgezielte Breitseite des Feindes in die Batterien erhielt. Bei Trafalgar z. B. wurden auf dem spanischen Dreidecker »Santa Ana« durch eine solche 400 Mann außer Gefecht gesetzt.
Um 1780 wurde an Stelle der Zündung mittels Lunte ein =Flintensteinschloß= eingeführt, das der zielende Mann selber abfeuern konnte. Die =gebräuchlichsten Kaliber= blieben die gleichen: 42-Pfünder, 32-, 24-, 18-, 12-, 9-, 4-, 3-und 1/2-Pfünder; vom 24-Pfünder abwärts bis zum 6-Pfünder waren Rohre verschiedener Schwere und Länge vorhanden. Die Ladungen sind früher angegeben (Band I, Seite 168). Der 1/2-Pfünder -- Swiffel oder auch Patereroe genannt -- war ein Geschütz, das auf der Oberdecksbrustwehr (der Reeling) stand. Zuweilen, jedoch sehr selten, verwendete man eine Art kleiner Mörser für Brandgeschosse, nach ihrem Erfinder, einem holländischen Ingenieuroffizier, Coehoorn benannt.
$In Frankreich$ führte man 36-Pfünder, 24-, 18-, 12-, 8-, 6- und 4-Pfünder; der 48-Pfünder war hier schon fortgefallen, auch in England wurde der 42-Pfünder später nur noch wenig verwendet. Wie bereits früher (Band I, Seite 169) erklärt ist, war der englische 32-Pfünder etwa dem französischen 36-Pfünder gleich und die sonstigen englischen Kaliber den gleichlautenden französischen etwas überlegen. Das Flintensteinschloß ist in Frankreich erst 1802 allgemein geworden und auch die Verbesserungen der Lafetten fanden hier erst später Eingang.
$Die Handwaffen$ blieben die im ersten Bande (Seite 169) angeführten. Es traten =Handgranaten= hinzu, die nach den Etats der englischen Schiffe eine gewisse Rolle spielten; 1745 waren für das Linienschiff 200 Stück vorgesehen und auch in Frankreich hatte dieses etwa 30 Grenadiere, die beim »Klar Schiff zum Gefecht« je 3 Granaten erhielten.
$Die Verteilung der Geschütze$ nach Anzahl und Kaliber an Bord der verschiedenen Klassen von Schiffen zeigt einige wichtige Veränderungen gegen früher. Im ersten Bande (Seite 170) sind die Angaben hierüber für 1719 gebracht; in umstehender Tabelle folgen solche für 1765. Nach den für 1743, 1757 sowie 1792 vorhandenen Aufzeichnungen[14] muß man annehmen, daß die Armierungsart von 1719 noch im Kriege 1739-1748 zutraf und daß die jetzt gegebene für die beiden nächsten Kriege Gültigkeit hat. Früher galten der 42-Pfünder (48-Pfünder), sowie der 32-Pfünder (36-Pfünder) als =schwere=, der 24-Pfünder bis 9-Pfünder als =mittlere= und die kleineren Geschütze als =leichte Artillerie=. Ein Vergleich der Angaben für 1765 mit denen für 1719 zeigt nun, daß auf den Schiffen die Kaliber der Mittelartillerie gewachsen sind. An Stelle des 6-Pfünders ist häufig der 9-Pfünder oder gar der 12-Pfünder getreten. Ganz besonders aber ist dies bei den mittleren Linienschiffen -- nunmehr Hauptschlachtschiffen -- der Fall; hier tritt z. B. beim 74-Kanonenschiff der 24-Pfünder oder der 18-Pfünder an Stelle des 9-Pfünders, beim 64-Kanonenschiff der 18-Pfünder an Stelle des 9-Pfünders. Die Schiffe zu 74 Geschützen sind so groß geworden, daß sie in ihren untersten Batterien sogar schwere Artillerie führen können, während sie früher nur 24-Pfünder hatten. Auch die Mittelartillerie der 50- und 44-Kanonenschiffe ist zu höheren Kalibern übergegangen.
[14] Clowes gibt diese in Band III, Seite 11 und 334; von dort sind noch die Angaben für 1765 entnommen.
=Ein Vergleich der englischen mit der französischen= Tabelle zeigt, daß vom 80-Kanonenschiff aufwärts die Schlachtschiffe der Franzosen an Artillerie überlegen waren, da sie mehr mittlere und schwere Geschütze führten. Auch wurden die französischen Schiffe weit stärker bemannt.
$Die Einführung der Karronade$[15] verstärkte gegen das Ende dieses Zeitabschnittes die Schiffsartillerie wesentlich. Dies war ein Kammergeschütz
=Verteilung der Geschütze auf englischen Schiffen= 1765. ======================================================================== Schiffe| Batterie | |Be- mit |---------------------------------------------------------|sat- Kanonen| Unterste | Mittlere | Oberste | Quarter- | Back |zungs- | | | | deck | |stärke ======================================================================== 100 1) |30-42-Pfdr.|28-24-Pfdr.|30-12-Pfdr.|10-6-Pfdr.|2-6-Pfdr. |841 100 2) |28-42 " |28-24 " |28-12 " |12-6 " |4-6 " |743(?) 90 |26-32 " |26-18 " |24- 9 " | 4-6 " | -- |724 74 1) |28-32 " | -- |30-24 " |12-9 " |4-9 Pfdr.}| 74 2) |28-32 " | -- |28-18 " |14-9 " |4-9 " }|594 64 |26-24 " | -- |26-18 " |10-9 " |2-9 " |494 50 |22-24 " | -- |22-12 " | 4-6 " |2-6 " |345 44 |20-18 " | -- |22- 9 " | |2-6 " |297 | | | |---------------------| 38 |}erst 1780 | -- |28-18 " | 10-9-Pfdr. |297 |}eingeführt| | | | | | | | | | | 36 |} die | -- |26-12 " | 8-6 Pfdr.|2-6 Pfdr. |297 32 |} neuen | -- |26-12 " | 4-6 " |2-6 " |257 28 |}Fregatten | -- |24- 9 " | 4-6 " | -- |198 24 3) | 2-9 Pfdr. | -- |20- 9 " | 2-3 " | -- |158 20 |} | -- |20- 9 " | -- | -- |138 |} Sloops | | | | | 14 |} | -- |14- 6 " | -- | -- |124
=Verteilung auf französischen Schiffen= 1765 (nach Troude I, Seite 20). ------------------- 116 |32-36-Pfdr.|34-24-Pfdr. |34-12-Pfdr.| 16-8-Pfdr. |1260 110 |32-36 " |34-24 " |34-12 " | -- |1180 90 |30-36 " |30-24 " |30-12 " | -- |1070 80 |30-36 " |32-{24-oder |18-{12-oder| | | | {18-Pfdr.| {8-Pfdr.| -- | 940 74 |28-36 " | -- |30-18 " | 16-8-Pfdr. | 734 | | |18-oder | | 64 |26-24 " | -- |28-12-Pfdr.| 10-6 " | 589 | | |24-oder | | 50 |24-18-Pfdr.| -- |26-12 " | -- | 430 |} | |12-oder | | 30 |} | -- |26- 8-Pfdr.| -- | 220 24 |} Fregatten| -- |24- 8 " | -- | 210 |} | | 8-oder | | 20 |} | -- |20- 6-Pfdr.| -- | 150(?) 16 |} Korvetten| -- |16- 6 " | -- | 120(?) 12 |} | -- |12- 4 " | -- | 100(?)
1) Großer Typ.
2) Kleiner Typ.
3) Alter Typ.
mit bedeutend kürzerem und auch leichterem Rohr, als die Kanone von gleichem Kaliber hatte. Man konnte nun ohne Überlastung auf kleineren Fahrzeugen stärkere Kaliber als bisher aufstellen und auf großen Schiffen mehrere Geschütze dieser Art der alten Bestückung auf dem Oberdeck hinzufügen; infolge ihres geringen Gewichtes waren die Karronaden sehr viel leichter und somit schneller zu bedienen. Zwar war ihre Schußweite bedeutend geringer als die der Kanonen, aber ihr Geschoß rief infolge seiner geringeren Geschwindigkeit eine größere Splitterwirkung beim Durchschlagen der Bordwand hervor. Die Karronade war hierdurch eine besonders für den Nahkampf geeignete Waffe, um so mehr, da auch ihre Kartätschladung bei der Verwendbarkeit starker Kaliber große Wirkung gegen Mannschaft und Takelage hatte.
[15] Vgl. hierüber sowie auch über Veränderung der Schiffe zur Aufstellung der Karronaden Clowes III, Seite 333 ff.
Die Karronade ist von dem englischen General =Robert Melville= erfunden; wegen der großen Wirkung gegen Holzziele taufte dieser sie »smasher« (Zertrümmerer). Das erste Geschütz -- in den Eisenwerken der Carron-Kompagnie (daher der Name) am Fluß Carron in Schottland etwa 1774 gegossen -- hatte etwa das Gewicht des 12-Pfünders, war kürzer als der 6-Pfünder, aber von größerem Kaliber als die 42-Pfünder-Kanonen. Da man sie für Schiffsgeschütze als zu schwer erachtete, fertigte die Fabrik Karronaden entsprechend den 24-, 18- und 12-Pfündern an. Sie wurden sofort für Freibeuter in dem bald darauf ausbrechenden Kriege beliebt, aber auch auf Fregatten und kleineren Fahrzeugen der Marine erprobt.
Die Karronade fand schnell Eingang in England, da die englische Taktik stets den Nahkampf suchte. Schon im Juli 1779 wurde die Aufstellung des neuen Geschützes auf allen Schiffen verfügt.
=Es sollten an Karronaden führen=: ===============+==========+===========+==========+==========+ Schiffe | | | | | mit Kanonen | 100 | 98 od. 90 | 74 od. 64| 50 | ---------------+----------+-----------+----------+----------+ Auf d. Kampagne|8-12-Pfdr.|6-12-Pfdr. |6-12-Pfdr.|6-12-Pfdr.| Quarterdeck | -- | -- | -- |2-24-Pfdr.| Back |2-12-Pfdr.|4-12-Pfdr. |2-12-Pfdr.|2-24-Pfdr.| ---------------+----------+-----------+----------+----------+ Neue Gesamtzahl| 110 |108 od. 100| 82 od. 72| 60 |
===============+==========+==========+===========+==========+ Schiffe | | | | | mit Kanonen | 44 | 38 | 36 | 32 | ---------------+----------+----------+-----------+----------+ Auf d. Kampagne| -- | -- | -- | -- | Quarterdeck |8-18-Pfdr.|4-18-Pfdr.|4-18-Pfdr. |6-18-Pfdr.| Back |2-18-Pfdr.|4-18-Pfdr.|4-18-Pfdr. |2-18-Pfdr.| ---------------+----------+----------+-----------+----------+ Neue Gesamtzahl| 54 | 48 | 44 | 40 |
===============+==========+==========+==========+ Schiffe | | | | mit Kanonen | 28 | 24 | 14-20 | ---------------+----------+----------+----------+ Auf d. Kampagne| -- | -- | -- | Quarterdeck |4-18-Pfdr.|6-12-Pfdr.|6-12-Pfdr.| Back |2-18-Pfdr.|4-12-Pfdr.|2-12-Pfdr.| ---------------+----------+----------+----------+ Neue Gesamtzahl| 34 | 34 | 22-28 |
Die Karronaden zählten aber bei der Bezeichnung der Schiffe nicht mit, d. h. es wurde das 100-Kanonenschiff weiter so benannt, obgleich es jetzt 110 Geschütze führte, ebenso die 38-Kanonenfregatte trotz ihrer nunmehr 48 Geschütze usw. -- Die Einführung ging schnell vor sich, schon im Januar 1781 waren 600 Karronaden auf den Schiffen in Verwendung, besonders 18- und 12-Pfünder, aber bald auch schon einige 32-Pfünder. Die neue Waffe spielte in den letzten Jahren des dritten Krieges bereits eine wichtige Rolle und wurde deshalb weiter entwickelt. Vorstehende Verfügung über die Zahl behielt lange Gültigkeit, aber die Kaliber wuchsen schnell. Schon 1782 erhielten die Fregatten 24-Pfünder an Stelle der 18-Pfünder und bald wurden auf den schweren Schlachtschiffen 68-Pfünder, auf den mittleren 42- und 32-Pfünder statt der 12-Pfünder eingeführt; die leichteren Fahrzeuge tauschten sogar ihre sämtlichen Kanonen bis auf zwei Jagdgeschütze in Karronaden um.
=In Frankreich=, und ebenso in anderen Staaten, führte man die neue Waffe erst nach 1783 ein; auch dies ist erklärlich, da die französische Taktik bislang den Nahkampf zu vermeiden strebte.
Entwicklung der Marinen. Organisation und Personal.
Im ersten Bande (Seite 179) ist die Entstehung eines ständigen =Kriegsschiffs-Personals= (insbesondere auch der Deck- und Unteroffizierkorps der verschiedenen Dienstzweige) und dann fortlaufend bei der Besprechung der Streitmittel vor jedem Kriege die innere =Organisation= der drei großen Marinen von 1648-1739 dargelegt. Beides war in diesem Zeitraum zu einem gewissen Abschluß gelangt, später erfolgen nur noch geringe Änderungen. Wir können daher die innere Geschichte für den vorliegenden nur kurzen Zeitabschnitt hier gleich zusammenfassen, so daß wir von jedem Kriege nur die notwendigen Angaben zu machen brauchen. Wir können uns auch hier auf die Marinen Englands und Frankreichs beschränken. Holland hatte um 1740 keine Marine von Bedeutung mehr (vgl. Band I, Seite 498) und tritt von nun an, wie Spanien bisher schon und auch weiterhin, nur noch als Verbündeter auf; kurze Angaben über Holland, Spanien und die nordischen Mächte folgen vor den einzelnen Kriegen.
$In England$[16] wird seit 1689 (vgl. Band I, Seite 419) die Gesamtleitung der Marine, das Amt des früheren Lordhighadmirals, von einer Kommission verwaltet, der =Admiralität= (Board of Admiralty). An der Spitze steht der »Erste Lord der Admiralität« (nicht immer ein Seeoffizier), die Geschäfte sind an die übrigen Mitglieder der Kommission verteilt, von denen aber einige stets Seeoffiziere sein müssen (die Naval Lords) und die technischen und militärischen Angelegenheiten regeln. Bei der Ständigkeit dieser Art der Verwaltung, unterstützt durch den guten Einfluß des in Marineangelegenheiten erfahrenen Volkes, ist die Entwicklung der Kriegsflotte auf dem einmal eingeschlagenen Wege stetig fortgeschritten, wenn auch zuzeiten durch Partei- und Hofgunst wenig geeignete Personen in die wichtigsten Stellen kamen. Die ununterbrochene Zunahme und Verbesserung des Materials ist bereits geschildert, aber auch der Vervollkommnung des Dienstbetriebes sowie des Personals wurde die nötige Aufmerksamkeit zuteil. Während bis dahin jeder höhere Befehlshaber =Vorschriften über den Dienstbetrieb= für die ihm unterstellten Streitkräfte erließ, wurden 1731 nach den bisherigen Erfahrungen »The king's regulations and Admiraly Instructions« veröffentlicht, die, fortlaufend zeitgemäß geändert, bis jetzt in Kraft sind.
[16] Die innere Geschichte der englischen Marine nach Clowes III in den Kapiteln »Civil history«.
Der =Offiziersersatz= war geregelt. Schon 1728 war in Portsmouth eine Vorbildungsschule (Naval academy) gegründet. Aber nicht alle Offiziersaspiranten besuchten diese; im Gegenteil soll bis 1794 eine andere Art des Eintritts beliebter und vorteilhafter gewesen sein. Admirale und Kapitäne hatten die Erlaubnis, eine große Zahl »Domestics« sowie »Servants« mit sich zu führen und sie nahmen nun darunter junge Leute (als »page«, gewissermaßen als »Junker«) an Bord, um sie zu Seeoffizieren auszubilden. Anderseits wurde diese Erlaubnis durch Mitnahme höchst überflüssiger Personen: Schneider, Barbiere, Musikanten usw. mißbraucht. =Die Offiziersgrade= waren: Admiral of the Fleet; Admiral der weißen und der blauen Flagge; Vize- und Kontreadmirale der roten, weißen und blauen Flagge; Kapitän; Master and Commander; Lieutenant; Midshipman.
Über die Herkunft der Bezeichnung der Admirale nach den verschiedenen Flaggen und ihr damit verbundenes Anciennitätsverhältnis ist schon im ersten Bande (Seite 221) gesprochen. Der Master and Commander, der jetzige Commander (Korvettenkapitän), ist nicht zu verwechseln mit dem Master des Navigationsdienstzweiges (ebendort Seite 182). Dieser blieb noch lange nur ein Warrant officer wie die Deckoffiziere, wenn er auch zur Offiziersmesse gehörte; jener war ein älterer Leutnant, der kleinere Fahrzeuge (Sloops, Mörserboote, Brander, armierte Kauffahrer usw.) befehligte.
=Die Beförderung= erfolgte bis zum Kapitän nach Wahl. Hierbei spielte natürlich Protektion eine große Rolle; man findet Kapitäne, die mit einem Alter von einigen zwanzig Jahren, ja bis zu achtzehn hinunter, in diesen Dienstrang aufrückten, von denen übrigens viele sich später besonders hervortaten. Der Kapitän erhielt dann eine feste Stellung in der Rangliste (daher der Ausdruck »Postcaptain«, d. i. posted Captain) und seine Beförderung zum Kontreadmiral usw. erfolgte nach der Anciennität. Da es ursprünglich nur neun Admirale gab, je einen der angeführten Grade, waren nach der langen Friedenszeit die Kapitäne so alt geworden, daß eine Verjüngung des höheren Offizierkorps notwendig erschien. Von 1743 an wurden deshalb die Admiralsstellungen andauernd vermehrt. Um nun auch die Möglichkeit zu haben, tüchtige Männer eher zu Flaggoffizieren zu befördern, ernannte man von 1747 an Kapitäne, die zu alt oder sonst ungeeignet zur aktiven Verwendung in höheren Stellen erschienen, zu überzähligen Admiralen (vulgo Yellow Admirals) oder überging sie bei der Beförderung. Auch dies leistete natürlich der Protektion Vorschub, erregte Unzufriedenheit und führte selbst zu Klagen beim Parlamente, aber auf diese Weise und im Verein mit der Beförderung nach Wahl bis zum Kapitän erreichte man, daß tüchtige Männer jung in hohe Stellung kamen: Es wurden z. B. Admiral =Barrington= mit 18 Jahren Kapitän, =Howe= mit 20 und mit 39 Kontreadmiral; =Jervis= erreichte diese Chargen mit 26 und 43, =Nelson= mit 21 und 39 Jahren. Die Seeoffiziere gingen in Friedenszeiten häufig in fremde Kriegsdienste oder zur Kauffahrteimarine und blieben so in Übung; wie schon früher für Offiziere, so wurde jetzt auch für Masters sowie für Ärzte die Stellung auf Halbsold eingeführt, um sich für Kriegszeiten genügenden Ersatz zu sichern.
$Die Mannschaft$, Matrosen und Seesoldaten[17], wurden wie früher angeworben. Hiermit kam man jedoch niemals aus, obgleich England über so viele Seeleute verfügte, und es mußte stets zum Pressen gegriffen werden. Beim Ausbruch eines Krieges waren diese auf den Kauffahrteischiffen über die ganze Erde verstreut, aber auch während der Kriege ging der Seehandel fort und der beliebte Dienst als Freibeuter entzog der Marine die Leute. Um dem Kriegsschiffsdienst mehr Anziehungskraft zu geben, sowie um die Härte des Pressens zu mildern, wurden viele Gesetze erlassen in bezug auf: Höheres Handgeld; reichlichere und regelmäßigere Löhnungszahlung und Prisengelder; bessere Verpflegung sowie sonstige Fürsorge; die Möglichkeit für die Leute, Heimatszahlungen an ihre Angehörigen zu machen; Befreiung gewisser Lebensalter und Berufe (z. B. Anwärter auf die Offizierslaufbahn in der Handelsmarine) vom Gepreßtwerden.
[17] Seesoldatenregimenter waren 1702 gegründet. Der Zweck der Seesoldaten an Bord war ihre Verwendung als besonders gut ausgebildete Gewehrschützen, als Kern der Landungsabteilungen und auch als Stützen der Disziplin. Vgl. hierüber auch Band I, Seite 182, 506. Von der Besatzung der Schiffe wird man etwa ein Fünftel als Seesoldaten annehmen können. Die Seesoldatenregimenter bildeten eine stehende Truppe, von der die Schiffe bei der Indienststellung ihren Bedarf entnahmen, während ihr Matrosenkorps neu zusammengestellt wurde.
$Über das Leben an Bord.$ Der Dienst an Bord der Kriegsschiffe blieb seiner Härten halber lange noch unbeliebt und die Unzufriedenheit der Leute war häufig groß. In den Kriegsjahren 1756-1763 soll die Fahnenflucht sehr stark gewesen sein; für 1774-1780 werden 42000 Fälle dieses Vergehens angegeben, und auf einigen Schiffen kam es zur Meuterei. Anderseits wurden den Mannschaften einzelner Schiffe oder Schiffsverbände von der Regierung oder von den reichen Handelsstädten öfters für besondere Leistungen außergewöhnliche Zuschüsse zugewendet.
Wie selbst Offiziere jener Zeit über das Leben an Bord urteilten, erfahren wir durch Laird Clowes (Band III, Seite 21; entnommen aus »Seamans Letters«, hier gekürzt). Ein Kapitän =Edward Thompson= schreibt um 1756 an einen jungen Verwandten, der als Midshipman eintreten will: »An Bord hast du keine Hintertür zum Entschlüpfen, keine fühlende Brust, um dich auszusprechen. Du vertauschst einen guten Tisch gegen keinen, ein Bett gegen eine Hängematte an einem Orte, wo es nie Tag wird und wohin nie frische Luft kommt; dein Licht ist bei Tag wie bei Nacht eine elende Kerze. Die Nahrung ist gesalzen und oft schlecht, wenn du Abwechslung haben willst, so mußt du sie dir selber kochen; halte dir stets wenigstens Tee und Zucker, zu weiterem ist kein Platz, da du nur eine Kiste und die Hängematte hast.... Schlechte Gesellschaft ist Gift für die Jugend, auf den Schiffen findest du den Auswurf der Gefängnisse; der Verurteilte hat die Wahl zwischen Gehängtwerden oder Anbordgehen.... Du wirst etwas äußerliche Religion finden, Sonntagsgottesdienst, aber die Gemeinde wird durch den Bootsmann zusammengetrieben, der dabei weder Flüche noch Schläge spart.« --
In einem anderen Briefe schreibt =Thompson= über die damals gebräuchliche Behandlung eines Midshipman: »Der fast unerträglichen Verhältnisse, die ihn erwarten, sind so viele, daß nur der Umstand, daß auch die höchsten Offiziere sie durchgemacht haben, sie erdulden läßt. Und dabei ist es ein ganz falscher Gedanke, daß junge Leute eine schroffe Behandlung und niedere Dienstverrichtungen durchmachen müssen, um tüchtige Offiziere zu werden. Man kann das durch andere Mittel erreichen und ihnen dabei das Leben angenehm gestalten.... Die Beförderung zum Leutnant ist wie die Verwandlung einer häßlichen Made zum schillernden Schmetterling.... Die meisten unserer Kapitäne sind Leute ohne Erziehung. Gewiß müssen junge Leute gehorchen lernen, aber die Kapitäne brauchen nicht gemein zu werden; durch die jetzige Behandlung wird auch ihre Autorität geschädigt. Die jungen Leute müssen eine eigene Messe haben und von den Offizieren unterstützt werden....« Als ein Zeichen aber, daß es nach und nach doch besser wurde, dient eine andere Äußerung des Briefschreibers: »Im letzten Kriege genügten ein Primchen Tabak, ein Tauende und eine Auswahl von Flüchen zum Leutnant, jetzt aber streben alle nach Bildung und guten Formen; von Verweichlichung dadurch ist nicht die Rede, ich glaube im Gegenteil, die jetzigen Offiziere werden den Veteranen von 1692 im Dienste in gleicher Weise überlegen sein, wie es der Gebildete stets dem Ungebildeten ist.«
Wie man sieht, bezieht sich das Vorstehende auf die Verhältnisse des Offizierersatzes; wie mögen die der Mannschaft gewesen sein? Auch hierüber folge eine Andeutung =Thompsons=: »Ein Linienschiff mit 480 Mann Besatzung, von denen 225 den Gefängnissen entnommen oder vom Abschaum der Straßen gepreßt waren, schiffte 1756 nach nur einigen Monaten Kreuzen im Kanal 320 Kranke aus; neubemannt segelte es nach New York und traf hier mit 159 Dienstunfähigen ein.« (Wir werden nach 1779 in der französischen Flotte d'=Orvilliers= Ähnliches kennen lernen.) Dabei waren derartige Zustände keineswegs unabänderliche Folgen der Verhältnisse jener Zeit -- langer Seereisen, unvollkommener Einrichtung der Schiffe, ungesunder Dauernahrungsmittel, verdorbenen Wassers u. dgl. --, denn sorgsame Kommandanten verstanden es, sie zu vermeiden. =Cook= z. B. verlor auf den beiden letzten mehrjährigen Reisen von seinen zwei Schiffen nur 4 oder 5 Mann durch Krankheiten.
In $Frankreich$[18] lagen die Verhältnisse weit ungünstiger für eine gesunde Entwicklung der Marine. Wir hörten (Band I, Seite 503), daß diese während der Regentschaft (1715-1723) arg in Verfall geriet und daß auch =Maurepas=, der von 1723 mit Eifer und Umsicht dem Ministerium vorstand, nicht viel zur Wiederbelebung beitragen konnte, weil Kardinal =Fleury=, der Leiter der Politik 1723-1743, dieses Streben nicht unterstützte, um nicht Englands Eifersucht zu erregen. Auch von 1740-1760 wurde der Kriegsflotte von höchster Stelle keine Förderung zuteil. Niemals bewilligte man die nötigen Geldmittel; nach Ausspruch französischer Autoren machte die verschwenderische Hofhaltung die Quellen versiegen, aus denen die Marine schöpfen sollte. Die Entwicklung der Seemacht Frankreichs war eben im Gegensatz zu England, wo Volk und Parlament mitsprachen, zu sehr von der Person des Ministers abhängig, der zu dieser Zeit niemals ein Seeoffizier war und dessen Wahl wieder unter dem Einfluß anderer Ratgeber des Königs stand, des Premierministers oder der Hofpartei, und so wurde die Tätigkeit selbst tüchtiger Marineminister gelähmt. Auch die schnelle Aufeinanderfolge der Kriege hinderte eine Reform der Kriegsflotte.
[18] Quellen für die innere Geschichte in diesem Zeitabschnitt: Chab. Arnault, gedrängt, aber sehr übersichtlich; Lacour I und II ausführlicher, auch in Hinsicht auf die Bestimmungen für die Organisation besonders unter den Ministern Maurepas und Choiseul: diese Bestimmungen auch in Bonfils Band II, Seite 149-211.
Ebenso war die Organisation der Marine für deren Entwicklung und Leistung ungünstig. Wieder im Gegensatz zu England, wo Seeoffiziere in der Admiralität sowie in den Kriegshäfen die Oberleitung auch der technischen Angelegenheiten hatten, lagen diese in Frankreich in den Händen von Verwaltungsbeamten, ohne daß Seeoffiziere genügenden Einfluß besaßen. In den Kriegshäfen unterstanden dem »Commandant de la Marine« (dem ältesten anwesenden Seeoffizier) nur die in Dienst gestellten Schiffe und die Hafenverteidigung; ein Intendant leitete alles übrige, neben der eigentlichen Verwaltung auch die Werften und Arsenale, den Bau, die Unterhaltung, Ausrüstung und Bemannung der Schiffe. Die zu diesen Zweigen kommandierten Offiziere, an ihrer Spitze der »Capitaine de Port« (Oberwerftdirektor), waren allein dem Intendanten unterstellt; ja sogar die Verwaltungsbeamten an Bord waren unabhängig von den Seeoffizieren, so brauchten sie z. B. nicht einmal die Erlaubnis zum Anlandgehen von ihrem Kommandanten einzuholen. Diese Verhältnisse riefen unheilvolle Eifersucht und Streitigkeiten zwischen den Seeoffizieren (Officiers d'épée) und den Beamten (Officiers de plume) hervor.
=Colbert= hatte sich (1689) genötigt gesehen, in Hinsicht auf den damaligen Stand des Seeoffizierkorps den Beamten eine so weit gehende Macht einzuräumen. Als aber das Offizierkorps sich hob, mußten Reibungen eintreten, und diese nahmen im Laufe der Zeit immer mehr zu, da in der Verwaltung Nachlässigkeit sowie Unredlichkeit einriß (die Stellen wurden sogar käuflich) und die militärischen Behörden in allem schlecht bedient wurden. Sämtliche Militärschriftsteller klagten über die große Macht der Beamten; mit Recht, denn Offizieren, die Leben und Ehre einsetzen und die verantwortlich für das Wohl und Wehe ihrer Untergebenen sind, gebührt die Oberaufsicht und die Mitwirkung bei Erhaltung der Schlagfertigkeit ihrer Waffe.
Die Minister versuchten allerdings wiederholt, die Organisation zu verbessern. Aber jeder von ihnen hatte neue Ideen, die sich oft schroff entgegenstanden, und so brachten die wechselnden Bestimmungen mehr Unsicherheit als Nutzen.
Wie bisher wollen wir die Hauptpunkte der inneren Marinegeschichte Frankreichs an der Hand der $Amtstätigkeit der verschiedenen Minister$ betrachten. =Graf von Maurepas=, Marineminister von 1723-1749, schuf manches Gute. Der Mannschaftsersatz[19] der Matrosen sollte, wie wir wissen, durch Inskribierte der seemännischen Bevölkerung gedeckt werden, die Einrichtung war aber arg vernachlässigt worden. Bei der Bestechlichkeit der Beamten konnten sich Leute, die über einige Mittel verfügten, loskaufen, und dieser Übelstand machte sich um so fühlbarer, als sich infolge des Daniederliegens des Handels in den letzten Kriegen vor 1713 die Hafenstädte entvölkerten; der Mannschaftsmangel hatte dann zum Pressen und zu sonstigen harten Maßnahmen gegen den Rest der Inskribierten geführt und hierdurch den Abzug der Küstenbevölkerung noch vermehrt. Dank einer milderen Behandlung durch =Maurepas=, vereint mit der Wiederbelebung des Handels, kehrten viele der Abgezogenen zurück und in die Inskription kam wieder Ordnung, so daß bei Ausbruch des Krieges 1744 die Bemannung der Schiffe leichter wurde als in den vorhergegangenen Kämpfen. Auch die Zahl der Chargen -- Offiziere, Deck- und Unteroffiziere -- reichte für die nur geringen Indienststellungen aus, obgleich sie in den Jahrzehnten der Friedenszeit sehr herabgegangen war; für die Seeoffiziere z. B. von 1140 im Jahre 1696 auf 660 in 1744.
[19] Die in Frankreich vorhandenen =Seetruppen=, Seesoldaten-, Kanonier- und Bombardier-Kompagnien, waren (wie in England) gewissermaßen stehende Truppen, wurden aber hier von Seeoffizieren befehligt.
=Maurepas= tat viel für die wissenschaftliche sowie praktische Ausbildung der Offiziere; er machte ferner die Stellung des Commandant de la marine in den Kriegshäfen, deren Inhaber bisher häufig wechselte, zu einer festen und hob dadurch dessen Einfluß dem Intendanten gegenüber wenigstens etwas. In der Hauptsache aber, eine schlagfertige Flotte zu schaffen, hatte er keinen Erfolg. Seine Absicht war, eine solche von 60 Linienschiffen (40 in Brest, 20 in Toulon) aufzustellen; diese, zwar nicht übermäßig stark, aber aus guten Schiffen bestehend, sollte der Kern einer maritimen Verbindung mit Spanien (vielleicht auch Holland) gegen England sein. Er erhielt jedoch nicht die Mittel zur Durchführung dieses Planes. Das Marinebudget, das unter Ludwig XIV. selbst in Friedenszeiten nie unter 14 Millionen Francs gefallen war, betrug während seiner Amtsführung acht, und als er vor Ausbruch des Krieges 1744 20 Millionen verlangte, bekam er nur zehn.
Um 1740 besaß Frankreich 45-50 Linienschiffe über 50 Kanonen und 15-20 schwere Fregatten. Die Schiffe waren großenteils nicht gut im Stande, den Werften fehlten fähige Arbeiter, Arsenale und Magazine waren leer. In dem stark zusammengeschmolzenen Offizierkorps hatte seit vierzig Jahren die Beförderung gestockt; viele Offiziere waren zu alt für ihren Dienstgrad, andere einzig durch Protektion hochgekommen. Infolge der nur geringen Indienststellungen während der Friedensjahre fehlte den Chargen, höheren sowie niederen, die praktische Erfahrung. Frankreich trat so in den Österreichischen Erbfolgekrieg mit einer schwachen Marine ein; der Krieg brachte große Verluste an Schiffen, doch wurden diese durch Neubauten zum Teil ersetzt.
=Der Minister de Rouillé=, 1749-1755, arbeitete ganz im Sinne seines Vorgängers weiter. Unter ihm wurden 38 Linienschiffe gebaut oder gründlich ausgebessert; ihm standen auch mehr Mittel, 17-1/2 Millionen jährlich, zur Verfügung. Er schaffte die Galeerenflotte, eine unnütze und teure Waffe, ab, und stellte deren Offiziere in die Hochseeflotte ein. Die Académie de Marine in Brest wurde gegründet, ein Verein von Offizieren sowie Marinebeamten aller Dienstzweige und Grade, in dem wissenschaftliche Vorträge mit Besprechung gehalten wurden. Diese Einrichtung legte den Grund zu dem wissenschaftlichen Streben in der französischen Marine während der kommenden Jahre bis 1793. Auch der nächste Minister =Machault d'Arnauville= führte die Neubauten, jetzt mit einem Budget von 31 Millionen, fort, so daß die Marine 1755 schon 63 Linienschiffe zählte; das Offizierkorps war wieder auf 900 Köpfe angewachsen. Frankreich trat so in den Siebenjährigen Krieg weit mächtiger ein, als in den vorhergegangenen. Aber als dieser eben begonnen hatte, fiel der tüchtige Minister Hofintrigen zum Opfer (Februar 1757) und es folgten ihm, ein jeder nur für wenige Monate, zwei Männer, die der Stellung in so schwerer Zeit nicht gewachsen waren.
Als dann der Krieg gerade sehr schlecht stand, wurde =de Berryer= mit dem Amte betraut (1. November 1758). Von diesem sagt ein französischer Autor (Chabaud-Arnault, Seite 161): »Wenn Ludwig XV. den Triumph der Gegner gewollt hätte, so hätte er keine bessere Wahl treffen können. Ein Günstling der Pompadour, sittenlos, hart, hochmütig und dabei den Marineangelegenheiten völlig fremd, war er nur darauf bedacht, die Ausgaben zugunsten der verschwenderischen Hofhaltung einzuschränken. Im vollen Kriege stellte er die Arbeiten auf den Werften ein, ließ die Arsenale leer, ja verkaufte sogar Material; Offiziere, Beamte, Matrosen und Arbeiter gerieten in Not. Den Offizieren verbot er, in den Dienst der Freibeuterei zu treten, wie es in den früheren Kriegen üblich gewesen, wenn die Kriegsmarine lahmgelegt war, er rühmte aber ihnen gegenüber, die er doch selber zur Untätigkeit verdammte, die Taten der Officiers bleus (Hilfsoffiziere, worüber Näheres später).« Und diesem Manne standen gerade Mittel zur Verfügung, wie sonst nie unter Ludwig XV., nämlich 1758 42 Millionen und 1759 gar 57. Trotz der schweren Niederlagen der Marine während seiner Verwaltung hielt sich =de Berryer= durch die Gunst der Pompadour bis 1761.
Unter dem =Herzog von Choiseul-Amboise=, der seit November 1758 das Ministerium des Äußern führte und 1761 auch das des Krieges sowie der Marine übernahm, setzte ein lebhafter =Aufschwung der letzteren= ein. Während der Kriegsjahre bis 1763 konnte zwar nicht mehr viel geleistet werden, doch war es möglich, 15 Linienschiffe (zu 50 bis 90 Kanonen) auf Stapel zu legen; das Volk selber rief infolge der letzten schweren Niederlagen nach einer starken Flotte und auf Antrieb des feurigen Ministers beschaffte das gesamte Frankreich -- Provinzen, Städte, Privatpersonen -- durch eine Sammlung die nötigen Geldmittel hierzu. Nach dem Kriege setzte Choiseul dann durchgreifende Reformen ins Werk. 1766 gab er das Amt an seinen Vetter =Choiseul-Praslin= ab, der ganz in seinem Sinne weiter wirkte, so daß man die Tätigkeit beider bis 1770, wo sie sich infolge von Intrigen der Gräfin Dubarry aus dem öffentlichen Leben zurückzogen, als einheitlich betrachten kann. Den Verwaltungsbeamten wurde ein Teil ihrer Machtbefugnis und Vorrechte genommen, den Seeoffizieren -- insbesondere dem Commandant de la marine sowie dem Capitaine du port in den Kriegshäfen -- mehr Einfluß auf Instandhaltung, Ausrüstung, Armierung und Bemannung der Schiffe eingeräumt. Es wurde ein festes Korps von Schiffbauingenieuren gegründet, das allerdings, wie der Schiffbau überhaupt, dem Intendanten unterstellt blieb. Aus dem Offizierkorps wurden viele zu alte oder unfähige Personen entfernt, auch die Stellen vermehrt, und so günstigere Beförderungsverhältnisse geschaffen; die Marineschule wurde vergrößert und verbessert. Doch blieb man dabei, nur Adelige als Gardes de marine (Offiziersaspiranten) einzustellen.
Wir wissen (Band I, Seite 504), daß die Marine in den Kriegen des 17. Jahrhunderts eine wertvolle Unterstützung durch den Eintritt von Offizieren der Handelsmarine (»officiers bleus«) fand, daß diesen aber nach und nach durch die eigentlichen Seeoffiziere (»officiers rouges« oder »nobles«) der Dienst verleidet worden war. Es wurde jetzt versucht, diese Einrichtung wieder zu beleben. Junge Leute guter nichtadeliger Familien erzog man in der Kriegsmarine für den Dienst in der Handelsmarine im Frieden, also gewissermaßen zu Reserveoffizieren, von denen die besten ganz in die Kriegsflotte übernommen werden sollten; bei dem Stolz der Adeligen blieb jedoch das Verhältnis zwischen den beiden Kategorien schlecht. In der Art des Matrosenersatzes trat keine Änderung ein, aber in der Fürsorge für Invalide, Witwen und Waisen wurde manches getan; auch milderte man die Strafgesetze und arbeitete die Bestimmungen über den Dienstbetrieb eingehender aus. Gleichzeitig Kriegsminister, verleibte =Choiseul-Amboise= die Seetruppen dem Heere ein und zog Landtruppen für die Besatzungen der Schiffe, die Kriegshafengarnisonen, sowie die Kolonien heran, jedoch schon =Choiseul-Praslin= machte dies rückgängig und gründete wieder drei Brigaden Seetruppen zu je acht Kompagnien -- eine Bombardier-, vier Kanonier- und Füsilierkompagnien -- als »corps royal d'artillerie et d'infanterie de marine« unter dem Befehle von Seeoffizieren. Das Marinebudget betrug unter den beiden Choiseuls, nach und nach wachsend, 1763 16-1/2 und 1770 26-1/2 Millionen. Zu den Kriegshäfen Toulon, Brest, Rochefort trat 1762 L'Orient. Die Werften wurden sehr gehoben und Magazine und Arsenale gefüllt; ferner wurde auch Schiffsbauholz in Vorrat beschafft, an dem es bisher meist gemangelt hatte, so daß man die Neubauten oft in zu grünem Holze hatte herstellen müssen.
Von 1771-1774 folgten dann zwei Minister, von denen die französischen Quellen sagen, daß es ihnen glücklicherweise an Zeit gefehlt habe, ihre Organisation (von 1772) durchzuführen. Sie beabsichtigten nämlich, die 3 Brigaden der Seetruppen auf 8 für die sämtlichen Marinemannschaften zu vermehren. Jeder Brigade sollte dann eine Anzahl Schiffe aller Größen zur Instandhaltung und Besetzung zugeteilt werden. Durch Schaffung dieser kleineren Verbände, in denen auch die Beförderungen getrennt erfolgen sollten, hoffte man den allgemeinen Korpsgeist der Seeoffiziere zu brechen, der häufig den in Marineangelegenheiten völlig unerfahrenen Ministern unbequem geworden war.
1774 erhielt =Gabriel de Sartines= das Ministerium. Dieser führte 1776 nicht nur die Organisation der Choiseuls wieder ein, sondern er schoß in dem Bestreben, den Militärs mehr Einfluß zu geben, sogar über das Ziel hinaus. Auf den Werften wurde auch der Schiffbau ganz dem Capitaine du port unterstellt, der Intendant behielt nur die Verwaltung des Inventars und Materials. Der Commandant de la marine wurde der direkte Vorgesetzte des Capitaine du port, aber auch berechtigt, die Magazine usw. zu besichtigen. Sogar auf den Schiffen traten Seeoffiziere an Stelle der Verwaltungsbeamten. Dies ging zu weit. Gewiß ist es richtig, Seeoffizieren die Oberaufsicht über die Arbeiten auf den Werften usw. zu geben, also über die Schlagfertigkeit der Flotte, aber man darf sie nicht mit zuviel Einzelheiten belasten und muß den Technikern eine gewisse Selbständigkeit lassen. Mit der Übernahme der ganzen Verwaltung an Bord durch die Offiziere machte man gleichfalls schlechte Erfahrungen: die Abrechnungen der Schiffe zeigten die größte Unordnung.
Von 1765 bis 1778 waren also drei Organisationen in Kraft gewesen; der neuen Marine fehlte mithin eine gesunde Unterlage. Aber immerhin besaß Frankreich im dritten Krieg 1778 eine starke Flotte von gegen 80 guten Linienschiffen und hatte -- noch ein Verdienst =Choiseuls= -- seine militärische Stellung im Mittelmeer durch die Gewinnung Korsikas (1768) wesentlich verstärkt. Die Geldmittel für die Marine (die für die Kolonien, als demselben Minister unterstehend, stets darin eingeschlossen) waren seit dem Regierungsantritt Ludwigs XVI. (1774) gewachsen, der die Seegeltung hochschätzte. =Sartines= erhielt schon 1776 35 Millionen Francs und im folgenden Jahre 45. Während der Kriegsjahre wurden reichliche Mittel bewilligt: 1778 85 Millionen, 1779 131-1/2, 1780 144 -- und außerdem im ersten dieser Jahre 16, in den beiden andern je 25 Millionen Schulden gemacht. Im letzten Kriegsjahre 1782 verbrauchte die Marine gegen 200 Millionen Francs[20]. Infolge von Reibungen mit dem Finanzminister =Necker= legte =Sartines= im Oktober 1780 sein Amt nieder.
[20] Nach Lacour II. Zum Vergleich einige Angaben (nach Campbell) über die englische Marine: Bewilligt, einschließlich des Mehrverbrauchs im Vorjahre, wurden für 1778 4 Millionen Pfund Sterling, 1779 4-1/2, 1780 7-1/2, 1781 8, 1782 7-1/2.
Der neue Minister =Marquis de Castries=, ein tüchtiger Landoffizier, entwickelte in den beiden letzten Kriegsjahren große Tatkraft, wurde deshalb 1783 noch zum Marschall ernannt und traf nach dem Friedensschluß sofort Vorbereitungen für den nächsten Waffengang. Er erließ 1784 neue Organisationsbestimmungen, die den Verwaltungsbeamten wieder größere Selbständigkeit gaben und ihnen auch die frühere Tätigkeit an Bord wieder zuwiesen.
Dies war also die vierte Organisation innerhalb zwanzig Jahren; alle bezweckten ein richtiges Zusammenwirken der Offiziere und Beamten zu erreichen und die Reibungen zwischen ihnen zu vermindern. Doch glückte dies erst, als man 1799 in jedem Kriegshafen einen Préfet maritime (Seepräfekt) ernannte, dem alle Dienstzweige, die militärischen wie die der Verwaltung, unterstanden.
Die neue Organisation brachte auch wieder Verbesserungen der Gesetze über die Inskription zugunsten der Bevölkerung. =de Castries= erweiterte ferner die Werften und begann den Bau des Schutzdeiches in Cherbourg, um dem Lande endlich einen brauchbaren Kriegshafen am Kanal zu schaffen. Die Schiffe wurden gut gehalten und auch die Kupferung war seit 1785 allgemein geworden. 1789 besaß Frankreich gegen 80 vorzügliche Linienschiffe zu 64-118 Kanonen und 70 Fregatten zu 28-44; das Personal war tüchtig, besonders die Schiffsartillerie. Als Castries 1787 sein Amt infolge von Zerwürfnissen mit dem Finanzminister =Calonne= niederlegte, stand die Marine gediegener da wie je zuvor, aber die Revolution vernichtete das Geschaffene, ehe es sich bewähren konnte.
=Die Offiziersgrade der französischen Marine= waren bis zur Revolution: Amiral de France, Vice-Amiral, Lieutenant-Général, Chef d'Escadre, Capitaine de vaisseau, Capitaine de frégate, Lieutenant de vaisseau, Enseigne, Garde-marine.
Der Admiral von Frankreich war stets ein Prinz von Geblüt, häufig schon als Kind dazu ernannt, unter Ludwig XIV. mehrfach einer seiner illegitimen Söhne oder ihrer Nachkommen. Selten waren sie zu Seeleuten erzogen und haben sie eine Flotte geführt. Die Vizeadmirale entsprachen den Volladmiralen anderer Marinen. Ursprünglich gab es nur einen für die Atlantikflotte (Vizeadmiral du Ponant) und einen für das Mittelmeer (du Levante), deren Verwendung aber nicht an ihre Station gebunden war; 1777 wurde noch ein dritter (der west- und ostindischen Meere) und später noch ein vierter hinzugefügt. Sie rangierten hinter den Marschällen von Frankreich und erhielten oft diesen Rang. Die Generalleutnants entsprachen den Vizeadmiralen, die Chefs d'Escadre den Kontreadmiralen der englischen Marine. Es gab auch neben den eigentlichen Kapitänen noch solche de brûlot (Brander) und de flûte (Transporter), sowie Lieutenants de frégate, doch waren dies Chargen, die nicht ein jeder durchmachte, sondern in denen besonders die Officiers bleus verwendet wurden. Ältere Kapitäne erhielten den Rang eines Divisionschefs. In den Werken von Lacour-Gayet (vgl. Quellenverzeichnis) findet man Personalangaben über die Offiziere der betreffenden Zeit, aus denen die Daten ihrer Beförderungen und damit die Beförderungsverhältnisse zu entnehmen sind.
$Vergleich der englischen und französischen Marine$[21]. Was das =Material= anbetrifft, war England beim Beginn eines jeden der drei Kriege an Zahl der Schiffe überlegen. Diese Überlegenheit trat dann im Verlauf der Kämpfe noch mehr hervor, nur bei Beginn des dritten Krieges waren Frankreich und Spanien zusammen etwas stärker. Frankreich hatte allerdings stets die besser konstruierten Fahrzeuge; infolge der großen Verluste und der kurzen Lebensdauer der aus grünem Holze erbauten Schiffe war es häufiger zu Neubauten genötigt. Diesem Umstande ist aber kein zu großes Gewicht beizulegen. Zwar führen die Engländer mehrfach die besseren Segeleigenschaften der französischen Schiffe an, aber ebenso oft heben die Franzosen die größere Geschwindigkeit der englischen hervor; im dritten Kriege führen sie dies darauf zurück, daß England schon viele gekupferte Schiffe gehabt hätte. Vor allem aber wird die seemännische Tüchtigkeit der Engländer die Vorteile der besser gebauten Fahrzeuge auf französischer Seite aufgehoben haben; eine geschulte Besatzung holt eben mehr aus ihrem Schiffe heraus. Ebenso ist die Behauptung der Engländer, daß die Franzosen durch schwerere Kaliber in der Artillerie überlegen gewesen seien, sehr einzuschränken. Nach unseren Tabellen trifft es nur bei den Schiffen über 80 Kanonen zu, und die Hauptkraft der Flotten lag stets in den nächstniedrigeren Klassen; im dritten Kriege hatten die Engländer außerdem den Vorteil der Karronaden[22]. Im großen und ganzen kann man das Material als gleich gut auf beiden Seiten annehmen, den Ausschlag im Kampfe gab -- wie wohl fast in jedem Kriege zu Lande und zu Wasser -- bei annähernd gleicher Stärke die Tüchtigkeit der Mannschaft.
[21] Zu dieser Betrachtung ist neben den Hauptquellen für die innere Geschichte der Marinen auch Mahan I an verschiedenen Orten benützt.
[22] Dieser Vorteil wird von den Franzosen vielleicht über Gebühr hervorgehoben.
In Hinsicht auf =das Personal= war aber die englische Marine stets überlegen. Für =die Mannschaft= stand ihr die große Zahl der befahrenen Seeleute des Landes zur Verfügung. England hatte ferner auch während der langen Friedenszeit stets viele Schiffe im Dienst und erhielt sich so einen Stamm von geübtem Kriegsschiffspersonal. Später folgten dann die Kriege schnell aufeinander, und in diesen wurde alles aufgeboten, was an Schiffen vorhanden; auch war der harte Dienst langer Blockaden eine vortreffliche Schule. Mangel an Mannschaften trat allerdings trotzdem auf (Seite 26), und das dadurch notwendige wahllose Pressen brachte viel minderwertiges, ja schlechtes Material, ein Umstand, der wohl die erwähnten Übelstände -- schlechten Gesundheitszustand an Bord, Mißvergnügen, starke Fahnenflucht -- mit verschuldet hat.
In Frankreich lagen die Verhältnisse weit ungünstiger. Hier deckte die Einrichtung der Inskription den Bedarf an Matrosen nur im ersten Kriege, in dem die Indienststellungen gering waren. Wie schon früher, entvölkerten sich dann die Küsten während der Kriege, wenn der Seehandel daniederlag, und erholten sich nur langsam wieder; so standen z. B. 1701 87000 und 1776 nur 67000 Inskribierte in den Listen, obgleich gerade zu dieser Zeit die Schiffahrt aufgeblüht war. Beim Beginn des zweiten Krieges fielen die Besatzungen von 500 Handels-, sowie einiger Kriegsschiffe, die England unmittelbar vorher aufgebracht hatte, gegen 5000 befahrene Seeleute aus, und im dritten Kriege stellte Frankreich so viel Schiffe in Dienst, daß zum Ersatz von Matrosen stark auf die Seetruppen, ja sogar auf das Heer zurückgegriffen werden mußte; für die Schiffe in Toulon warb man auch Fremde von den Küsten des Mittelmeeres an. Das französische Personal hatte außerdem im allgemeinen auch nicht die gleiche Übung und Erfahrung wie das englische und erhielt sie selbst während der Kriege nicht, denn in Friedenszeiten waren zu wenig Kriegsschiffe im Dienst, und in den beiden ersten Kriegen ward die Flotte bald lahmgelegt; es wurden dann weniger Schiffe in Dienst gestellt und die ausgerüsteten sahen sich vom Gegner in den Häfen festgehalten. Dies trifft für den dritten Krieg zwar nicht zu, aber in diesem reichte eben der Ersatz an befahrenen Seeleuten überhaupt nicht.
Die zu geringe Verwendung im praktischen Seedienst zeitigte natürlich auch im französischen =Offizierkorps= bedenkliche Folgen. Vor Ausbruch des zweiten Krieges sollen z. B. von den 900 Seeoffizieren nur 200 eingeschifft gewesen sein, während der Rest nur acht- oder zehnmal im Jahre eine vierundzwanzigstündige Wache auf einem der Schiffe im Hafen tat; da kann es nicht wundernehmen, daß sie den englischen in Übung und Erfahrung sehr nachstanden. Vor dem dritten Kriege wurden allerdings Übungsgeschwader im Dienst gehalten, diese waren jedoch so klein, daß nur wenige Offiziere daraus Nutzen ziehen konnten. Im übrigen scheinen, wie die Geschichte des Seewesens zeigt, die germanischen Völker noch mehr natürliche Begabung für den Seedienst zu haben als die romanischen. Wir haben ferner schon darauf hingewiesen (Band I, Seite 319 und 506), daß und aus welchem Grunde sich das französische Seeoffizierkorps ganz anders herausbildete als das englische, daß bei dem Verschmelzen des Soldaten mit dem Seemann im Franzosen der erste, im Engländer der letzte überwog.
In England konnte ein jeder ohne Rücksicht auf Herkunft höhere Stellungen erreichen. Die schon erwähnte harte Erziehung dort, die häufige Verwendung an Bord machte die englischen Offiziere zu kühnen und erfahrenen Seeleuten, aber mit wenig Neigung für Wissenschaft und Theorie, zu »Teerjacken«, wie die Engländer selber sagen; da sie viel zur See fuhren, aber nicht immer kriegerische Verwendung fanden, wurden hervorragende Leistungen in Seemannschaft ihr Stolz, militärische, die mehr auf Theorie begründet waren, wie z. B. Taktik, lagen ihnen ferner. In Frankreich ergänzte sich das Offizierkorps nur aus Adligen, gerade hier eine hervorragend kriegerische Kaste; bis 1789 gab es besondere Beamte, die die adlige Herkunft der Offizieraspiranten zu prüfen hatten. Eine sorgfältigere Erziehung und auch wohl der Volkscharakter führten außerdem die französischen Offiziere dahin, sich mehr mit wissenschaftlichen Studien zu beschäftigen, und die Seltenheit der Einschiffungen gab ihnen die Zeit hierzu. So stand das französische Seeoffizierkorps dem englischen in seemännischer Praxis unbedingt nach, war ihm aber theoretisch überlegen. Letzteres zeigt sich während der nächsten Kriege besonders in der Taktik: die Engländer hielten im Kampfe an einem alten Brauche fest, die Franzosen gründeten hierauf eine überlegte Taktik. Einen größeren Nutzen zogen sie aber hieraus nicht, da ihre Taktik die einer zu vorsichtigen Abwehr gegen ein kräftiges, allerdings oft unbedachtes Draufgehen blieb.
=Von der wissenschaftlichen Beschäftigung der französischen Offiziere= gibt uns die Akademie ein Beispiel; wir sehen weiter noch, daß sich verschiedene Offiziere literarisch über Seetaktik betätigten. Die Bewertung der Theorie ging aber zu weit. =Chabaud-Arnault= sagt (Seite 196) von den Offizieren um 1778: »Sie waren mutig, eifrig und besser unterrichtet als die anderer Marinen. Vielleicht waren sie zu gelehrt in dem Sinne, daß ihnen, durchdrungen von den Regeln der Theorie, häufig die Initiative fehlte, unter gewissen Umständen mit den Regeln zu brechen, wenn es sich darum handelte, einen Erfolg auszunutzen oder die Folgen einer Schlappe abzuschwächen.« Die Engländer verfielen übrigens in den gleichen Fehler, aber aus Mangel an theoretischer Beschäftigung mit der Taktik; auch sie wagten nicht, von den althergebrachten Regeln abzuweichen. Dieser Fehler ist aber bei den Franzosen auch sicher eine Folge der von höchster Stelle angeordneten Kriegführung. Eine lange durchgeführte defensive Strategie, der häufig ausdrücklich gegebene Befehl, die Schiffe zu erhalten und zu schonen, konnte nicht zur Entwicklung von Unternehmungsgeist im Offizierkorps führen und hat auch zum Aufbau einer reinen Abwehrtaktik beigetragen. Der größere Wagemut auf englischer Seite und das vorsichtige Zurückhalten auf französischer ist in vielen Fällen schließlich auch darauf zurückzuführen, daß infolge der verschiedenen Beförderungsart die höheren Führer der Franzosen in weit höherem Lebensalter standen.
Ältere französische Schriftsteller sagen, =die Disziplin im französischen Offizierkorps= sei mangelhaft gewesen, besonders zur Zeit des dritten Krieges, neuere stellen dies in Abrede, geben aber folgende Punkte zu, die dem Geiste der Unterordnung schädlich waren: der Geburts- und Klassenstolz der Offiziere brachte ein Gefühl der Gleichberechtigung aller Dienstgrade hervor. Admirale, Kommandanten, Offiziere und Seekadetten bildeten eine Waffe; »sie duzten sich wie Hinz und Kunz«. Bei der Handhabung des Schiffes sprach der Untergebene seine Meinung aus, und der Vorgesetzte gab oft nach, um nicht unbeliebt zu werden. -- Wie zur Zeit =Colberts= stellte man wieder Offiziere der Armee mit ihrem Dienstgrade in die Marine, was die Seeoffiziere empörte und der Kameradschaft schadete. -- Der Adelsstolz der officiers rouges stieß die officiers bleus vor den Kopf. Dies zeigte sich besonders im dritten Kriege, als im französischen Volke bereits revolutionäre Gedanken auftauchten.
$Uniformen.$ In die hier geschilderte Zeit fällt die Einführung von Uniformen für die Seeoffiziere und Deckoffiziere. Bis dahin scheint zwar eine gewisse gleichartige Tracht Mode gewesen zu sein -- in Frankreich war eine Uniform für die Gardesmarines vorgeschrieben, in Dänemark schon 1723 auch für die Offiziere --, aber genaue Vorschriften erschienen in England[23] erst um 1748 und 1787, in Frankreich 1763. Überall wurde Blau mit goldenem Besatz gewählt, wie es noch jetzt üblich ist. Der Anzug der Matrosen blieb noch weiter ungeregelt; in England konnten die Leute ihren Anzug vom Staate kaufen, waren aber nicht dazu verpflichtet. Wahrscheinlich hat auch bei den Matrosen eine Mode geherrscht, wie es ja nach alten Bildern selbst in der Handelsmarine der Fall gewesen zu sein scheint, auch wird der Einfluß der Vorgesetzten eine gewisse Gleichmäßigkeit, wenigstens auf den einzelnen Schiffen, erzielt haben.
[23] Beschreibungen der Uniformen vgl. Clowes III, Seite 21 und 347.
Die Taktik.
Wir haben die Entwicklung der Taktik während der Zeit von 1648 bis 1740 verfolgt[24] und wollen nun hier zunächst ihren Stand zu Beginn des neuen Zeitabschnittes betrachten. Am geeignetsten hierzu ist =das Werk des Jesuitenpaters Paul Hoste=. Dieser war längere Zeit Kaplan des französischen Admirals =Tourville=; als Professor der Mathematik am Kgl. Seminar in Toulon veröffentlichte er 1697 das Buch »L'art des armées navales ou traité des évolutions navales« (vgl. Quellenverzeichnis); es ist wohl anzunehmen, daß in diesem mehr oder weniger die Gedanken genannten Admirals, des letzten großen Taktikers in den Kriegen des 17. Jahrhunderts, enthalten sind. =Hoste= stellt Grundsätze und Lehren für die Führung von Flotten auf und erläutert sie durch die Beschreibungen wichtiger Schlachten und sonstiger Ereignisse dieser Kriege. Von 1697 bis 1740 ist nur ein Seekrieg geführt und in diesem nur eine Schlacht geschlagen (Malaga 1704); das geschickt aufgebaute und durchdachte Werk gibt wahrscheinlich auch noch den theoretischen Stand der Seetaktik um 1740; es ist später die Grundlage zu ihrer weiteren theoretischen Entwicklung im 18. Jahrhundert gewesen und bis zum Ende der Segelschiffahrt von anderen Schriftstellern vielfach benutzt und ausgelegt, aber im Grunde wenig geändert worden.
[24] Vgl. Band I, Sachregister unter »Taktik«.
$Hostes Werk über Taktik$ bespricht die geeignetste Gefechtsordnung, die Vorteile der Luvstellung; verschiedene Marsch- (auch Rückzugs-) Ordnungen; Übergänge aus einer Ordnung in eine andere; besondere Manöver wie Geschwaderwechsel, Herstellung der Ordnungen bei Windänderung, Gewinnen der Luvstellung sowie Hindern des Gegners daran, Maßnahmen beim Forcieren oder Verteidigen einer Enge; besondere Lagen im Gefecht, Erzwingen oder Vermeiden des Kampfes, teilweises Dublieren des Gegners und Maßregeln dagegen[25], Durchbrechen der feindlichen Linie. Diese Betrachtungen sind besonders für Seeoffiziere sehr lesenswert; für unsere Zwecke genügen die unmittelbar auf den Kampf bezüglichen Ausführungen.
[25] Dublieren, d. i.: den Feind zwischen zwei Feuer nehmen.
Als =Gefechtsordnung= empfiehlt das Werk =die Kiellinie der Schlachtschiffe dicht beim Winde= unter kleinen Segeln, so daß die Schiffe eben gut steuerfähig bleiben. Die übrigen Fahrzeuge, Fregatten und Brander, sollen sich außerhalb der Linie etwa 1-1/2 Seemeilen entfernt in Feuerlee[26] zur Verwendung bereit halten; die Fregatten zur Unterstützung, z. B. zum Schleppen, schwer beschädigter Schlachtschiffe und für besondere Aufgaben. Von den =Marsch=- und =Ankerordnungen= wird verlangt, daß sie einen schnellen Übergang in die Gefechtsordnung gestatten. Als geeignetste Marschordnung bei Erwartung eines Zusammenstoßes mit dem Feinde gilt eine Linie, in der sich die Schiffe so peilen, d. h. so zueinander liegen, daß sie sofort in Kiellinie beim Winde liegen, sobald sie über den einen oder den anderen Bug an den Wind gehen.
[26] Feuerlee ist die dem Gegner abgewandte Seite.
Die =Luvstellung=[27] erscheint am besten für das Gefecht geeignet, da man aus ihr jederzeit zum Angriff übergehen kann und weil sie auch sonst viele Vorteile für den Kampf bietet. Ebenso gilt noch =der Angriff= mit der ganzen Linie zugleich auf die ganze Länge des Gegners unter gemeinsamer Führung des Höchstkommandierenden als der gebräuchlichste. An Beispielen der großen Führer in den Kriegen des 17. Jahrhunderts weist =Hoste= auf verschiedene Mittel hin, um an einer Stelle die Übermacht zu gewinnen. So gestattet er, den Kampf geschwaderweise zu führen, wodurch oft entscheidende Gefechte herbeigeführt würden, hebt aber die Schwierigkeit der Wiedervereinigung der Flotte hervor. Verfügt die Luvflotte über eine größere Schiffszahl als der Gegner, so soll sie die hinten überschießenden Schiffe ihrer Linie dazu benutzen, die Schlußschiffe des Feindes von Lee her anzugreifen und so zu dublieren. Er ist gegen ein Dublieren der feindlichen Spitze, weil die damit betrauten Schiffe, falls sie durch Beschädigungen bewegungslos werden, dem Feuer der ganzen feindlichen Linie ausgesetzt sind, wenn diese im weiteren Verlaufe des Kampfes an ihnen vorüberzieht. Eine schwächere Leeflotte soll sich gegen das Dublieren dadurch schützen, daß sie ihre Linie durch Vergrößerung der Entfernungen zwischen den einzelnen Schiffen oder besser durch Freilassen einer Lücke verlängert, die dann aber durch Fregatten und Brander gedeckt werden muß.
[27] Luvstellung bedeutet windwärts (über dem Winde) vom Gegner.
=Eine Flotte in Leestellung=, die kämpfen will, soll sich hart am Gegner halten. Vielleicht bringt ihr eine Windänderung die Luvstellung oder es bietet sich infolge besonderer Zufälle eine Gelegenheit, den Feind aus der sonst dazu ungünstigen Leestellung her zum Kampfe zu zwingen (z. B. Havarien feindlicher Schiffe). Ist sie überlegen, so kann sie dies durch einen Angriff mit ihren schnellsten Schiffen herbeiführen; diese halten den Feind fest, bis der Rest herankommt. Einen Angriff nimmt auch sie in Kiellinie beim Winde auf. Bei größerer Schiffszahl vermag sie den Feind hinten zu dublieren; zu diesem Zwecke weicht sie während des Kampfes nach Lee aus, ihre hinten überschießenden Schiffe machen das Manöver jedoch nicht mit, sondern setzen sich auf die Luvseite der letzten Schiffe der feindlichen Linie, wenn diese den Ausweichenden nachdrängt. Gegen ein solches Manöver soll sich eine schwächere Luvflotte dadurch schützen, daß sie nicht die ganze Linie der Leeflotte angreift, sondern nur, je nach der eigenen Schiffszahl, deren hintere Schiffe.
Für eine Leeflotte, aber nur für diese, sieht das Werk auch ein Durchbrechen der feindlichen Linie vor. Sie soll dazu über den beabsichtigten Durchbruchspunkt hinaussegeln und dann im Kontremarsch wenden[28]. Die Schiffe, die durchgebrochen sind, wenden darauf zu Luward der feindlichen Linie wiederum, und so sind die Schiffe des Gegners hinter dem Durchbruchspunkte dubliert. =Hoste= hält aber dieses Durchbrechen nicht für unbedingt empfehlenswert. Der Gegner kann es vereiteln, wenn er sofort mit allen Schiffen zugleich über den andern Bug geht; es wird gefährlich, wenn der Feind einige Schiffe durchbrechen läßt und dann wendet, denn nun sehen sich die durchgebrochenen dubliert. Das Manöver sei nur ratsam, wenn man eine größere Gefahr vermeiden will (z. B. auf eine Leeküste gedrängt, um abgeschnittene Kameraden zu befreien u. dgl.); auch wenn in der feindlichen Linie eine Lücke vorhanden ist -- sei es infolge geringerer Schiffszahl, sei es nach Niederkämpfen einiger --, sollen die dadurch unbeschäftigten eigenen Schiffe durch die Lücke brechen und den Feind hinten dublieren.
[28] Beim »=Wenden im Kontremarsch=« drehen von vorn beginnend die Schiffe eines nach dem andern, wenn sie auf der Stelle angekommen sind, wo das erste gewendet hat; so bleiben die Kiellinie und die Reihenfolge der Schiffe bestehen. Beim »=Wenden zugleich=« drehen die Schiffe gleichzeitig auf den Stellen, wo sie sich beim Erhalten des Befehles befinden; die Flotte steht dann gegen vorher in »Kehrt«, die Schiffe sind auch nicht mehr in Kiellinie, sondern müssen sich für eine solche erst wieder ausrichten. Entsprechend wird auch das »=Halsen=« auf beide Weisen ausgeführt.
Das Werk zeigt uns, wie dargelegt, einen hohen theoretischen Stand der Taktik, wohl geeignet, darauf weiter zu bauen. In der Praxis lag jedoch die Sache anders. Vom zweiten Englisch-Holländischen Kriege (1665-1667) an finden wir zwar in allen großen Schlachten Flottenführer, die versuchen, an einer Stelle mit Übermacht aufzutreten, sei es schon durch Ansetzen des Angriffes, sei es durch Ausnutzen von Blößen, die der Gegner während der Schlacht zeigt. Wir nennen =Monck=, =Ruyter=, =du Quesne=, die in diesem Bestreben von ihren Unterführern, =d'Estrées=, =Bankers=, =den Haën=, =Nesmond=, durch selbständige Manöver unterstützt wurden. Die aus diesen Beispielen zu ziehenden Lehren waren jedoch noch nicht Allgemeingut geworden, selbst die Gefechtsinstruktionen jener Zeit standen nicht auf der Höhe der Hosteschen Abhandlungen; es ist auch nicht anzunehmen, daß sich die Seeoffiziere jener Zeit, insbesondere die englischen »Teerjacken«, im allgemeinen mit ihnen beschäftigt hätten.
Die älteste eingehendere =Gefechtsinstruktion in England=[29] ist von 1665. Sie weist im allgemeinen auf den »Angriff« von Luward her, über denselben Bug wie der Gegner liegend und mit der ganzen eigenen Linie auf die ganze feindliche zugleich« hin. Sie sagt nämlich: »Erwartet der Feind, in Lee stilliegend, den Angriff, so soll ein jedes Geschwader[30] das entsprechende des Gegners angreifen. Begegnet die Flotte der feindlichen auf entgegengesetztem Kurse, so soll sie so weit laufen, bis ihre Vorhut querab von der Nachhut des Feindes ist; dann soll sie mit allen Schiffen zugleich wenden, so daß sie nun über den gleichen Bug parallel und querab von ihm (bereit zu vorstehender Angriffsart) liegt. -- Steht die Flotte über gleichen Bug in Lee, so soll die Vorhut die feindliche Linie durchbrechen und deren hintere Schiffe von Luward her angreifen; Mitte und Nachhut sollen die vorderen Schiffe des Feindes beobachten und die Nachhut unterstützen.« Bald darauf wurde einem selbständigen Durchbrechen seitens der Geschwaderchefs, ja selbst der Schiffskommandanten, in günstigen Augenblicken das Wort geredet und ihnen überhaupt mehr Freiheit gegeben, aber dann kam nach und nach in der Instruktion doch immer stärker das Streben zum Ausdruck, die ganze »Kiellinie beim Winde« in strengster Ordnung, Spitze gegen Spitze und Schiff gegen Schiff von Luward her zum Angriff heranzuführen.
[29] Wir führen die englische Gefechtsinstruktion hier an, da die Engländer in den Schlachten der nächsten Kriege stets die Angreifenden waren und dadurch die Taktik der Franzosen beeinflußten. Eingehend bespricht die Entwicklung dieser Instruktion =Corbett= »Fighting instructions« (vgl. Quellenverzeichnis).
[30] Es sei daran erinnert, daß eine Flotte meistens in drei Geschwader: Vorhut, Mitte, Nachhut, geteilt wurde.
$Die Vor- und Nachteile der Luvstellung$ (vgl. Band 1, Seite 184): Die Luvflotte kann jederzeit angreifen, die Gefechtsentfernung bestimmen, sowie leichter zum Entern gelangen; sie kann leicht die feindliche Linie durchbrechen und einen Teil von ihr abschneiden; sie kann den Gegner hinten dublieren; ihre Brander kommen besser zur Verwendung. Der Pulverrauch zieht nicht über die Schiffe hin und brennende Rückstände aus den Geschützen gefährden sie nicht. -- Die Nachteile der Luvstellung bestehen darin, daß die Schiffe häufig infolge des Überliegens bei starkem Winde oder wegen schwerer See die Pforten der untersten Batterie, in der die schwersten Geschütze stehen, auf der dem Feinde zugewandten Leeseite geschlossen halten müssen. Beim Herangehen zum Angriff sind die Schiffe dem Enfilierfeuer[31] ausgesetzt, während sie nur ihre Buggeschütze verwerten können. Es wird stets schwierig sein, ein Gefecht abzubrechen, da sich hierzu die Flotte nach Luward hin vom Feinde entfernen muß, beschädigte Schiffe werden aber vielleicht nicht mehr wenden oder höher am Winde steuern können; diese treiben dann dem Feinde entgegen, der sie völlig vernichtet, falls sie nicht dadurch unterstützt werden, daß man das Gefecht fortsetzt.
[31] =Enfilierfeuer= ist ein Feuer von vorn (oder hinten), das die ganze Länge des Schiffes bestreicht und dessen Geschosse demnach in den Batterien und in der Takelage mehr Schaden anrichten als solche, die das Schiff seitlich treffen.
Um 1691 sind die Bestimmungen über Durchbrechen ganz fortgefallen; kein Geschwader und kein Schiff darf ohne Befehl seinen Platz verlassen; streng wird darauf hingewiesen, den Angriff genau Spitze auf Spitze anzusetzen. Der Wortlaut der Instruktion machte es dem Oberbefehlshaber fast unmöglich, seine Flotte so heranzuführen, daß er von vornherein an einer Stelle die Übermacht gewann, und ebenso war ausgeschlossen, dies später durch Initiative der Unterführer zu erreichen.
=Ein Dublieren= des Feindes durch unbeschäftigte Schiffe, wie es =Hoste= empfiehlt, war in England auch früher niemals vorgesehen. Man soll wegen der Gefahr des gegenseitigen Beschießens der eigenen Schiffe das Dublieren hier ungünstig beurteilt haben, da die Engländer möglichst nahe an den Feind heranzugehen pflegten. Die Franzosen, die weitere Gefechtsentfernungen bevorzugten, hielten mehr vom Dublieren.
In dieser Änderung der Instruktion sahen sämtliche Marineschriftsteller bisher einen argen =Rückschritt in der Taktik= gegen die Zeit der obenerwähnten hervorragenden Führer. Nur =Corbett= sagt[32], es sei ein natürlicher Rückgang in ein defensiveres Verfahren nach einer Zeit wagemütigen Vorgehens seitens bedeutender Männer gewesen; man sei mit der Erkenntnis der Gefahren, die außergewöhnliche Manöver mit sich brächten (wie sie auch Hoste anführe), zu der wohlüberlegten Überzeugung gekommen, daß diejenige Flotte die größte Aussicht auf Erfolg habe, die am längsten ihre Formation hielte. =Corbetts= Auslassungen werden teilweise richtig sein, aber er will doch wohl auch das englische Seeoffizierkorps jener Zeit gegen den Vorwurf in Schutz nehmen, es habe die Taktik vernachlässigt. Sollte dieser Vorwurf nicht doch berechtigt sein?
[32] In =Corbett= »England in the Mediterranean« (vgl. Quellenverzeichnis, Band I) und in »Fighting Instructions«, eben angezogen. Über Corbetts Auslassungen vgl., schon genauer, auch Band I, Seite 532.
Wir haben bei der Kennzeichnung der Offizierkorps der beiden großen Marinen erwähnt, daß in England wenig Neigung zu militärisch-theoretischen Studien vorhanden war. Stolz auf ihre seemännische Tüchtigkeit, glaubten die englischen Seeoffiziere ihr Ziel, das Niederschmettern des Feindes »im Kampf Schiff gegen Schiff«, jederzeit zu erreichen. Die Beispiele der großen Führer bis zur Schlacht von Kap Barfleur-La Hogue (1692) gerieten in Vergessenheit, und es ist fraglich, ob =Hostes= Werk in weiteren englischen Kreisen bekannt war; erst etwa 1762 erschien eine vollständige Übersetzung in englischer Sprache. Die lange Friedenszeit 1713-1739 gab auch keinen Anlaß zur Beschäftigung mit taktischen Fragen; Übungsflotten kannte man noch nicht[33]. So führten die Engländer lange Zeit ihre Schlachten nach den Buchstaben ihrer Gefechtsinstruktion: Rücksichtsloses Draufgehen in starrer Ordnung, Kampf Schiff gegen Schiff in nächster Nähe. Sie richteten auch stets ihr Feuer auf den Rumpf der feindlichen Schiffe, also auf die durch Geschütze und Mannschaft dargestellte Gefechtskraft, während es häufig zweckmäßiger gewesen wäre, die Takelage, also die Bewegungsfähigkeit der Gegner, als Ziel zu wählen. Zum Beharren bei dieser unvollkommenen Taktik trugen verschiedene Kriegsgerichtsurteile bei über Führer, die von der Vorschrift abgewichen waren. Die bekanntesten dieser Gerichtserkenntnisse sind die nach den Schlachten vor Toulon (1744) und bei Minorka (1756); aus ihrer Besprechung wird sich ergeben, welch eine beschränkte Auffassung für die Verwendung von taktischen Regeln im englischen Seeoffizierkorps herrschte.
[33] Die auf Seite 35 erwähnten französischen Übungsgeschwader waren nur klein und sollten nicht taktische Fragen lösen, sondern die Offiziere in der Handhabung des Schiffes üben.
Wir wissen, daß die französischen Seeoffiziere im Gegensatz zu den englischen mehr für die militärische Seite ihres Berufes veranlagt waren und sich mehr mit theoretischen Studien beschäftigten[34]. So entstand gegen die schematische Angriffsart der Engländer nun eine =Abwehrtaktik der Franzosen=. Diese nutzte die bisher wenig beachteten Vorteile aus, die eine Leestellung bietet. Die Franzosen sind aber nicht nur aus diesen Gründen zur Wahl einer Defensivtaktik gekommen, sondern dabei sehr durch ihre Strategie beeinflußt worden.
[34] Wir finden in Frankreich nach dem Werke von Hoste auch bald =weitere Werke über Taktik=. Kapitän =Bigot de Morogues=, der erste Direktor der Marineakademie, veröffentlichte 1763 ein Buch »Tactique navale ou traité des évolutions et des signaux«, das Hostes Werk ersetzen sollte. -- Ein Offizier der französisch-ostindischen Kompagnie, =Bourdé de Villehuet=, schrieb 1765 das Buch »Le Manoeuvrier« usw. (beide vgl. Quellenverzeichnis).
$Vor- und Nachteile der Leestellung.$ Die Flotte in der Leestellung kann den Kampf nicht erzwingen und ist einem Angriff gegenüber auf die Verteidigung angewiesen, wenn sie sich nicht zurückziehen will. Ein Durchbrechen oder ein Dublieren des Gegners ist für sie schwieriger als für eine Luvflotte. Sie kann aber fast bei jedem Wetter ihre untersten Batterien gebrauchen, da die Luvseiten der Schiffe dem Feinde zugewandt sind; auch kann sie die Angreifer beim Herankommen mit den Breitseiten beschießen. Sie deckt leichter ihre beschädigten Schiffe, hält leichter ihre Ordnung aufrecht und kann jederzeit das Gefecht abbrechen, da der Feind mit stärker beschädigten Schiffen nicht imstande sein wird, sofort und in guter Ordnung zu folgen.
Die Luvstellung ist mithin geeigneter zum Angriff, die Leestellung zur Abwehr, und es ist, wie in der Kriegführung stets, auch hier die Verteidigung materiell, der Angriff moralisch stärker (nach einem Ausspruche des Generals =v. Clausewitz=).
=Die englische Angriffsart bringt große Übelstände mit sich.= Wenn der Angreifer abhält, um an die feindliche Linie heranzugehen und sich dann dieser auf nahe Entfernung Schiff gegen Schiff nun auch unter gekürzten Segeln wieder parallel zu legen, so sind seine Schiffe längere Zeit dem Enfilierfeuer von vorn ausgesetzt, das sie nur mit wenig Geschützen erwidern können (vgl. Plan, Lage 1). Nun liegt aber der Angegriffene nicht ganz still, er hat wenigstens soviel Bewegung, daß die Schiffe steuerfähig bleiben. Die angreifenden Schiffe müssen also schräg herangehen, um auf die ihnen in der feindlichen Linie entsprechenden Gegner zu stoßen; hierdurch wird die Dauer der ungünstigen Lage verlängert (Lage 2). Ferner ist es für Segelschiffe sehr schwierig, in einer solchen Stellung zueinander (nicht mehr in Kiellinie, sondern in einer Peilungslinie zum Kurse -- Lage 2a-a) eine gut ausgerichtete Linie innezuhalten, und da nun auch das eine oder das andere Schiff in der Takelage beschädigt werden wird, ist es wahrscheinlich, daß nicht alle Schiffe gleichzeitig ihren Platz zum Nahkampfe einnehmen; der Angriff erfolgt also nicht gleichmäßig.
Dies ist nun aber nur von formeller Bedeutung, in der Praxis gestaltet sich der Angriff noch ungünstiger. Die Luvflotte will dem Feinde den Weg abschneiden, ihn festhalten und zum Kampfe zwingen. Sie wird also schon von weiterer Entfernung an vor die Spitze des Feindes halten. Bei der Schwierigkeit, dies in einer Peilungslinie durchzuführen sowie um ein längeres Enfiliertwerden zu vermeiden, wird sie in Kiellinie bleiben, bis sie nahe genug zum Angriff durch Abhalten ist (Lage 3). Dieses Schrägheranführen in Kiellinie hat zwei Mißstände im Gefolge, die einen gleichzeitigen Angriff ausschließen, häufig denselben überhaupt lähmen. 1. Die ersten Schiffe werden stets früher zum Nahgefecht kommen als ihre Hinterleute, weit früher aber noch als die letzten der Linie. 2. Wenn ein Schiff der Linie, z. B. in der Mitte (Lage 4 a). vor dem Abhalten zum Angriff durch Beschädigungen lahmgelegt wird, so hält es seine Hinterleute auf und zwingt sie zum Ausweichen; die Linie wird gestaucht und die Ordnung gestört.
Die Schwierigkeit, den Angriff auf der ganzen Linie gleichzeitig durchzuführen und die ungünstige Lage des Angriffes machten die Franzosen sich zunutze. Sie ließen den bisher allgemein anerkannten Grundsatz fallen, vor der Schlacht die Luvstellung zu erstreben; sie gingen sogar zuweilen freiwillig nach Lee, um in (Kiellinie beim Winde) den Angriff aufzunehmen. Sie richteten dann, wie sie es schon früher gern getan hatten, ihr Feuer auf die Takelage, die Bewegungsfähigkeit des Feindes, ein großes, bereits auf weitere Entfernungen mit Erfolg zu beschießendes Ziel. Sie warteten dann aber nicht den Angriff auf der ganzen Linie ab, sondern wichen einem allgemeinen Kampf aus, wenn nur erst die feindliche Spitze herangekommen und genügend geschädigt war.
Meist zogen sie unter schnell vermehrten Segeln ihre ganze Linie an den vordersten feindlichen Schiffen, die dann schon durch das beim Herangehen erhaltene Feuer in ihrer Bewegungsfähigkeit beschränkt waren, vorüber und überschütteten sie mit Geschossen; dann nahmen sie in Lee aufs neue Stellung und warteten in gleich günstiger Lage wie beim ersten Angriff das Weitere ab[35]. Sie konnten infolge des zwischen den Flotten lagernden Pulverrauchs gewöhnlich ihr Manöver unbemerkt beginnen und auch in guter Ordnung durchführen, da ihre Schiffe noch unbeschädigt waren. Die Engländer aber sahen von einem zweiten Angriff ab, weil ihre Spitzenschiffe durch die Beschädigungen in der Takelage nicht mehr voll gefechtsfähig waren; häufig wurde eine englische Flotte dadurch sogar auf längere Zeit lahmgelegt. Es blieb bei dem einen Zusammenstoß, und die Flotten trennten sich.
[35] Wenn die Vorteile der Leestellung bisher noch nicht erkannt waren, so nutzte doch =Ruyter= in der Schlacht bei Stromboli 1676 die Leestellung in ähnlicher Weise aus, wie es jetzt die französische Taktik tat; es ist freilich nicht sicher, ob es schon in richtiger Erkenntnis geschah (vgl. Band I. Seite 378).
Hier ist =der Einfluß der Strategie der Franzosen auf ihre Taktik= zu erkennen. Diese hätte weiter dahin ausgebildet werden können, daß man nach der Schwächung des Gegners zum Angriff überging, um noch größeren Erfolg auf dem Schlachtfeld zu erreichen. Die Franzosen begnügten sich aber damit, den Angriff unter Schonung der eigenen Schiffe abgeschlagen zu haben.
Wie schon meist zur Zeit =Ludwigs= XIV. kämpfte Frankreich auch später nie um die Seeherrschaft im großen Sinne; den Seestreitkräften wurden nur bestimmte Ziele gesetzt: eine Eroberung zu sichern; eine Landung zu decken; ähnlichen Vorhaben des Gegners entgegenzutreten, häufig mit dem ausdrücklichen Befehle, »die kostbaren und schwer zu ersetzenden Schiffe zu schonen«. Die Flottenführer wurden somit darauf hingewiesen, Zusammenstöße möglichst zu vermeiden und, wenn sie zum Kampfe gezwungen waren, jedenfalls nicht zuviel aufs Spiel zu setzen. =Diese Auffassung= wurde bei ihnen zum Grundsatz; ein französischer Autor sagt sogar: »Man sah es fast als ein Unglück an, wenn man mit dem Feinde zusammenstieß.« Deshalb bevorzugten die Franzosen nun auch die taktische Defensive, bauten ihre Abwehrtaktik aus der Leestellung auf und führten diese dann schematisch durch, ohne etwaige Erfolge auszunutzen. Auch ihre Gefechtsinstruktion sah die Aufrechterhaltung der Ordnung als Hauptsache an und verbot streng, die Linie ohne Befehl zu verlassen.
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Lange Zeit blieben beide Gegner bei ihrem Schema. Die Schlacht bei =Malaga= (1704) gilt als die erste, in der sich die englische Angriffsform zeigt; in der Schlacht bei =Minorka= (1756) tritt das französische Abwehrverfahren zuerst deutlich hervor; als die letzten Fälle, in denen die beiden Taktiken sich noch einmal ausgesprochen gegenüberstehen, werden die Schlachten vor der =Chesapeakebucht= 1781 (am 16. April und am 5. September) angesehen. Die dazwischenliegende Zeit nennt man wohl =die Zeit der unentschiedenen oder der französischen Defensivschlachten=. Dies ist zutreffend, denn in allen Kämpfen zwischen annähernd gleichen Streitkräften begnügten sich die Franzosen mit der Abwehr, und die Schlachten brachten taktisch keine Entscheidung.
Die angreifenden Engländer erreichten nie ihren Zweck, den Feind zu vernichten, aber auch die Franzosen erfochten nie einen vollen Sieg. Bei der eigenartigen Verwendung des Geschützfeuers auf jeder Seite, der ihr eigentümlichen Taktik entsprechend, hatten die Franzosen meist den größeren Verlust an Menschen, während auf englischer Seite stets die Schiffe bedeutend mehr litten.
Erst gegen das Ende des hier behandelten Zeitabschnittes tritt bei beiden Gegnern wieder der Gedanke auf, sich mit der ganzen Kraft auf einen Teil des Feindes zu werfen. Der englische Admiral =Rodney= versucht bei =Martinique= (17. April 1780) von Luward her nur die feindliche Mitte und Nachhut anzugreifen. Von seinen an die alte Kampfart gewöhnten Unterführern nicht verstanden, gelingt es ihm zwar nicht, aber sein Gegner sucht von nun ab wieder die Luvstellung; allerdings geschieht dies nicht zum Angriff, sondern weiter zum Vermeiden größerer Entscheidungen. Derselbe Führer durchbricht bei =Dominica= (1782) von Luward her mit seiner Mitte die feindliche Flotte und dubliert den abgeschnittenen Teil mit großem Erfolge. Möglich, daß er zu diesem Manöver nur durch ein Umspringen des Windes gezwungen wurde, aber dessen Vorteile wurden jedenfalls erkannt, und dies führte dahin, daß man in England wieder Signale für »Durchbrechen« annahm. Zu derselben Zeit weicht auch der französische Admiral =Suffren= in den indischen Gewässern von der bisherigen Defensivtaktik ab; er wählt die Luvstellung zum Angriff und sucht eine gleichstarke englische Flotte hinten zu dublieren.
Die vorstehenden Darlegungen über die Taktik sollen die späteren Schilderungen der Schlachten, sowie ihre Besprechungen erleichtern. Sie erweisen aber auch jetzt schon die Kennzeichnung des vierten Abschnittes: »Die Taktik wird lange schematisch gehandhabt, aber gegen das Ende erwacht neues Leben in ihr«, als richtig. Jetzt erschien das epochemachende Werk des Schotten =Clerk= (vgl. Quellenverzeichnis) und zwar 1782 in wenigen Exemplaren gedruckt, 1790 in erster großer Auflage. Wir werden uns damit im nächsten Abschnitt beschäftigen, weisen aber hier schon darauf hin, daß der Verfasser die Maßnahmen zur Konzentration der Kraft in der Schlacht behandelt, sowie daß er seine Gedanken bereits vor dem Erscheinen des Buches englischen Seeoffizieren, unter diesen auch =Rodney=, mitgeteilt hatte.
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Drittes Kapitel.
Der Englisch-Spanische Krieg 1739 und der Österreichische Erbfolgekrieg 1740-1748.
Die Anlässe zum Kriege. Die Gruppierung der Staaten.
$Der Englisch-Spanische Krieg$ wurde, wie schon angedeutet, durch Gegensätze in den Handelsinteressen beider Völker in Beziehung zu Amerika hervorgerufen. Im Frieden von =Utrecht= war den Engländern die Einfuhr von Negern in Spanisch-Amerika (der Assientovertrag)[A] sowie die Entsendung eines Schiffes bestimmter Ladefähigkeit zu dem Markte von =Puerto-Belo=[A] gestattet. Diese Zugeständnisse genügten weder ihren Wünschen noch dem Verkehrsbedürfnis der spanischen Kolonien. Infolgedessen entwickelte sich bald ein beträchtlicher englischer Schmuggelhandel[36], der die spanische Regierung in ihren Einkünften schwer schädigte und in ihrem Stolz tief kränkte. Sie begann deshalb die Zügel straffer anzuziehen, alte und strengere Bestimmungen wieder hervorzuholen und sie in schroffster Weise durchzuführen[37].
[36] Vgl. diese Punkte betreffend Band I, Seite 576, 598, 601.
[37] Zimmermann, Band II, Seite 192-205, schildert die englisch-spanischen Verhältnisse von 1713-1739 genauer.
$Der englische Schmuggelhandel$ war schon 1728 ebenso bedeutend wie der regelmäßige Handel Spaniens mit seinen Kolonien. Deshalb lockerte die bourbonische Regierung wenigstens ihren eigenen Untertanen gegenüber das alte Absperrungssystem etwas und gestattete 1728 in =Guipuzcoa= (einer der baskischen Provinzen) die Gründung einer Handelsgesellschaft für die Kolonien. Auch den Franzosen gewährte man 1733 bedeutende Vorteile dort, wodurch der schon erwähnte Aufschwung des Seehandels und der Kolonien wesentlich gefördert wurde. Anderseits verloren durch diese Maßnahmen die berühmten =Silberflotten=, die so lange ein Hauptangriffsobjekt der Feinde Spaniens gewesen waren, an Bedeutung; 1748 wurden ihre regelmäßigen Fahrten eingestellt, 1778 fuhr die letzte. England und Holland gegenüber hielt man jedoch die Absperrung aufrecht und führte sie sogar wieder schärfer durch. Das Puerto-Belo-Schiff, die Fahrzeuge im Negerhandelsdienst und besonders auch die Schiffe, die unter dem Vorwande einer Ausbesserung oder Ausrüstung die spanischen Niederlassungen anliefen, wurden peinlich überwacht und untersucht.
=Nun= war es aber unmöglich, die lange Küste mit ihren vielen Einläufen genügend abzusperren; die englischen Seeleute und Händler schreckten in ihrem Streben nach Gewinn weder vor Strafen zurück noch nahmen sie Rücksicht auf die spanische Empfindlichkeit, und Spaniens Macht war nicht stark genug, um die englische Regierung zu einer Unterstützung zu nötigen. So wurde der schwächere Staat zur Anwendung gesetzwidriger Mittel getrieben; man ermächtigte Kriegs- und Zollschiffe, oder erlaubte es ihnen wenigstens, englische Schiffe auch auf hoher See anzuhalten und zu untersuchen. Bei den gesetzlichen und bei den ungesetzlichen Durchsuchungen ließen sich aber die Ausführenden infolge des spanischen Charakters und des alten Hasses gegen die Eindringlinge zu Beleidigungen und unberechtigten Gewalttaten hinreißen. Das Unrecht lag auf beiden Seiten; es war die Fortsetzung des alten Zustandes: »no peace beyond the line«. (Drakes Grundsatz, vgl. Band I, Seite 80 und 95.)
Dieses Vorgehen Spaniens rief im englischen Volke lebhafte Erregung hervor, und als die Vorstellungen, die der Minister =Walpole= beständig und besonders im Jahre 1737 in Madrid gemacht hatte, keinen Erfolg erzielten, reichten die westindischen Kaufleute 1738 dem Unterhause eine Denkschrift ein, in der sie sich eindringlich über die Verluste beklagten, die ihnen durch die Beschlagnahme von Schiffen sowie durch die Belästigung des Handels überhaupt erwachsen seien; für die Zeit von 1729-1738 wurde die Wegnahme von 52 Schiffen im Werte von 140000 Pfund Sterling angeführt. Auch auf die unmenschliche Behandlung englischer Schiffsbesatzungen wies man hin.
Das größte Aufsehen erregte $der Vorfall mit Captain Jenkins Ohr$, der 1731 in der Presse zur Sprache kam: »Das Schiff »Rebekka« wurde im April 1731 auf der Reise von Jamaika nach England in der Nähe Havannas von einem spanischen Zollkutter angehalten, in roher Weise durchsucht, der Kapitän mißhandelt und mit dem Tode bedroht. Heldenmütig erduldete er alles und bestand auf seinem Rechte. Als die Spanier keine Schmuggelartikel gefunden hatten, rissen sie ihm ein Ohr ab und warfen es ihm mit den Worten ins Gesicht: »Bringe dies deinem König und erzähle ihm alles«. Endlich nahmen sie die astronomischen Instrumente fort, so daß er sein Schiff kaum heimführen konnte. Die Schiffsbesatzung könne den Vorfall beeidigen.«
Diese Angelegenheit kam 1738 im Parlament wieder zur Sprache. =Jenkins= selber wurde vorgeführt und legte das Ohr auf den Tisch des Hauses nieder; auf die Frage, wie ihm bei der Sache zumute gewesen sei, antwortete er: »Ich empfahl mein Leben Gott, meine Sache dem englischen Volke.« jedenfalls ein hochgemuter Ausspruch in dem Munde eines damaligen Schiffsführers. Gegner des Krieges behaupteten denn auch, die ganze Rolle sei ihm einstudiert und er werde sein Ohr wohl näher zu Hause und nicht ohne Grund (nämlich am Pranger) verloren haben; jedenfalls diente aber der Vorfall zur Erregung des Parlaments sowie der öffentlichen Meinung und hat geschichtliche Bedeutung erlangt.
Die Denkschrift forderte, daß ernstlich, nötigenfalls feindlich, gegen Spanien vorgegangen würde. =Walpole= wünschte jedoch keinen Krieg und erklärte, daß durch einen solchen nichts gewonnen werde. Spanien würde ein Auftreten, wie es im Parlament zur Sprache gekommen, nicht gewagt haben, wenn es nicht von stärkeren Mächten ermutigt sei, und England wäre dem vereinigten Spanien und Frankreich nicht gewachsen; auch übertrieben die englischen Kaufleute und Rheder in blinder Leidenschaft die gerügten Mißstände. Er gab dem Parlamente hinhaltende Versprechungen und knüpfte nochmals (1738) Verhandlungen mit Spanien an. Dieses Verfahren genügte aber der öffentlichen Meinung nicht und die Presse verbreitete weiter die übertriebensten Gerüchte. In Spanien ging man auch nur widerwillig auf die Verhandlungen ein und wurde um so eigensinniger, je heftiger England auftrat, veranlaßt durch Personen der Kriegspartei gegen Walpoles Absicht.
Endlich zwang die Opposition im Parlament, geführt von =William Pitt=, 1739 den Minister, Spanien ein =Ultimatum= zu stellen. Es bestand in dem Verlangen einer völligen Verzichtleistung auf das Durchsuchungsrecht und der Anerkennung verschiedener Ansprüche Englands in Nordamerika (eine günstigere Grenzregulierung zwischen der neugegründeten Kolonie Georgia und dem spanischen Florida, dem Recht für England, Holz von der Campechebai auszuführen u. dgl.). Als diese Forderungen abgelehnt wurden, erfolgte die =Kriegserklärung= im Oktober 1739. Die Feindseligkeiten wurden sofort von seiten Englands eröffnet. Schon im Jahre darauf entbrannte der Österreichische Erbfolgekrieg, der gemeinsam mit dem Englisch-Spanischen zu betrachten sein wird.
$Der Österreichische Erbfolgekrieg$, einschließlich der =beiden ersten Schlesischen Kriege= wurde durch den Tod Kaiser =Karls= VI. (1740) hervorgerufen. Die Politik dieses Herrschers lief seit Jahren darauf hinaus, die gesamten Länder des Hauses Habsburg seiner Tochter =Maria Theresia= zu sichern (»Pragmatische Sanktion«, vgl. Band I, Seite 594 ff.), und er hatte hierfür auch die Zustimmung der meisten europäischen Staaten erreicht. Als aber =Maria Theresia= zur Regierung kam, zeigte sich, daß die =Pragmatische Sanktion= nichts als ein Stück Papier war. Die offenbare Schwäche Österreichs, dessen Geld- und Wehrverhältnisse sehr im argen lagen, reizte die Begehrlichkeit verschiedener Staaten; überall meldeten sich Erbansprüche. Preußen machte sein Recht auf Teile von Schlesien geltend; Bayern, das stets gegen die Sanktion protestiert hatte, verlangte ganz Österreich; Spanien forderte die ehemalig spanischen Provinzen in Norditalien. Auch Sachsen hielt sich für erbberechtigt und Sardinien dachte die Lombardei zu gewinnen. Der Kurfürst von Bayern, =Karl Albrecht=, strebte außerdem nach der Kaiserwürde.
=König Friedrich II. von Preußen=, der soeben den Thron bestiegen hatte, war stark genug, allein vorzugehen, und nahm sofort von Schlesien Besitz (1740). Bayern, selbst nicht kräftig genug zum Kampfe gegen Österreich, gewann nach längeren Unterhandlungen (1741) die Unterstützung Frankreichs; dieses hoffte Österreich zu schwächen und die eigene Macht nach Osten auszudehnen. Spanien schloß sich sofort an; später traten auch Preußen, Kurpfalz und Kurköln, sowie Sachsen für die ersten Jahre des Krieges, auf seiten Bayerns. Frankreich veranlaßte endlich Schweden zu einem Krieg mit Rußland, um diesen Staat an einer Betätigung zugunsten Österreichs zu hindern[38].
[38] Der Schwedisch-Russische Krieg 1741-1743 wird später als »Nebenkrieg« besonders besprochen.
Jedoch auch Österreich gewann Bundesgenossen. Die Stimmung in England neigte zugunsten Österreichs, und dies war natürlich, denn England stand bereits im Kampfe mit Spanien, einem der Gegner Österreichs, und ein Wachsen der Macht Frankreichs, etwa durch die Erwerbung Belgiens, lag keineswegs in Englands Wünschen. Das Aufblühen des französischen Seehandels und der Kolonien Frankreichs in Ost- und Westindien verfolgte man mit Besorgnis; in Nordamerika lag der Kampf um die Grenzen der beiderseitigen Besitzungen gewissermaßen in der Luft. König =Georg= II. war zunächst zur Unterstützung Österreichs bereit, da er als Kurfürst von Hannover eifersüchtig auf Preußens Wachsen sah. Bald aber glaubte er sein Kurfürstentum durch Preußens Bündnis mit Frankreich bedroht, wollte sich deshalb neutral halten und erklärte sich für die Kaiserwahl Karl Alberts. Infolge des nicht gerade günstigen Verlaufes des Seekrieges mit Spanien, und da die englische Flotte die Überführung eines spanischen Heeres nach Oberitalien (1741) nicht gehindert hatte, wuchs jedoch die Opposition gegen =Walpole=; er mußte sein Amt niederlegen (Februar 1742), und nun trat England durch Geldhilfe und die Stellung eines Heeres in Belgien offen für Österreich ein. Unter Englands Einfluß tat Holland das gleiche; hier fürchtete man die alte Gefahr, Frankreich als Nachbar und dadurch die belgischen Seestädte als Nebenbuhler im Handel zu bekommen[39]. Auch Sardinien, später (1743) Sachsen und endlich selbst Rußland (1744) wurden durch England für Österreich gewonnen.
[39] Seit dem Westfälischen Frieden war es stets ein Ziel der holländischen und der englischen Politik, die Sperrung der Schelde gegen freie Schiffahrt aufrecht zu erhalten und deshalb zu hindern, daß Antwerpen in französischen Besitz komme. Auch Englands Handel schien dadurch bedroht.
So war nach und nach ein allgemeiner europäischer Krieg entstanden, der neben dem Englisch-Spanischen Seekriege einen Englisch-Französischen See- und Kolonialkrieg mit sich brachte.
Als sehr bemerkenswert muß hier $eine eigentümliche Auffassung internationaler Beziehungen$ jener Zeit erwähnt werden. Während der ersten Jahre führte Frankreich den Krieg gegen Österreich nur zur Unterstützung Bayerns, und England sowie Spanien traten auch nur als Helfer Maria Theresias auf. Eine Kriegserklärung Frankreichs an Österreich und England erfolgte erst 1744, an Holland gar erst 1747; obgleich ihre Heere schon vorher gegeneinander fochten, betrachteten sich doch diese Staaten nicht als im Kriegszustand, sondern, mit Ausnahme der im Felde stehenden Truppen, als noch im Frieden befindlich. Ebenso galt es auf See. Zwischen Frankreich und Spanien bestand ein Defensivbündnis, nach dem Frankreich in bestimmten Fällen (siehe auch Band I, Seite 598) Spanien eine Hilfsflotte zu stellen hatte.
Diese Hilfe sollte allerdings keine Feindseligkeit gegen England in sich schließen, die den Frieden zwischen England und Frankreich verletzte. Französische Kriegsschiffe waren danach, so lange sie mit der spanischen Flotte den Abmachungen des Vertrages gemäß zusammenwirkten, Feinde Englands, nicht aber der französische Staat und seine sonstigen Streitkräfte zu Wasser und zu Lande. Auf Grund dieses Vertrages sandte nun Frankreich schon 1740 ein Geschwader nach Westindien, mit dem Befehl, die spanischen Schiffe und Kolonien zu schützen; 1741 deckten französische Kriegsschiffe im Verein mit der spanischen Flotte einen Truppentransport von Spanien nach Italien und Frankreich gewährte dann der spanischen Flotte Unterschlupf in Toulon; 1744 wurde, sogar noch ehe der Krieg erklärt war, die erste Seeschlacht vor Toulon mit den Engländern geschlagen, als eine französische Flotte die spanische nach Spanien begleitete. Da mutet es denn seltsam an, wenn sich französische Geschichtsschreiber mit großem Ernst über einzelne Angriffe englischer Schiffe auf französische vor 1744 unter dem Einwurfe beklagen, daß kein offener Krieg bestanden hätte; anderseits hatte ja allerdings England diese eigentümliche Auffassung in dem französisch-spanischen Vertrage gewissermaßen dadurch als berechtigt anerkannt, daß es aus dem beschriebenen Auftreten der französischen Seestreitkräfte keinen casus belli machte.
Der allgemeine Verlauf des Krieges.
Da der Seekrieg nur in loser Verbindung mit dem großen europäischen Landkriege stand, so genügt es, über diesen einen Überblick zu geben. Ein solcher ist jedoch wünschenswert, um zu zeigen, inwieweit die Gegner im Seekriege durch den Landkrieg in Anspruch genommen waren und inwieweit der erste auf den zweiten einwirkte; auch werden dabei die Gründe für die Gruppierung der Staaten etwas klarer werden. Der Verlauf des Seekrieges wird hierbei zunächst nur angedeutet werden.
$Der Englisch-Spanische Seekrieg 1739-1744$ wurde nur von den Engländern angriffsweise geführt, die in erster Linie gegen die spanischen Besitzungen in Westindien vorgingen; hier war Spanien am leichtesten zu verwunden. Schon im Juli 1739, noch vor der Kriegserklärung, lief die erste Expedition aus, und die Jahre 1739-1744 brachten dann eine Reihe von Angriffen auf die wichtigsten spanisch-westindischen Küstenstädte. Mit ungenügenden Mitteln unternommen und nicht tatkräftig durchgeführt, blieben sie jedoch sämtlich ohne entscheidenden Erfolg. In den europäischen Gewässern beschränkte sich die Tätigkeit der englischen Marine auf die Überwachung der spanischen Küsten -- um die feindlichen Kriegsschiffe und Freibeuter festzuhalten, sowie den Handel zu unterbinden -- und auf die Aufgaben, die der Landkrieg in Italien für die Seestreitkräfte im Mittelmeer brachte; aber auch hierin war man nicht überall und nicht andauernd glücklich. Selbst im kleinen Kriege errang England keine Vorteile; die Spanier fügten in den westindischen und in den europäischen Gewässern dem viel bedeutenderen englischen Seehandel mehr Schaden zu als sie von England überhaupt erleiden konnten. Der Schutz, den die französische Marine der spanischen zuteil werden ließ, lähmte allerdings wohl etwas die Tätigkeit der englischen, aber noch mehr trugen verschiedene andere selbstverschuldete Übelstände dazu bei, daß England bis zum Jahre 1744, als der förmliche Krieg mit Frankreich ausbrach, Spanien gegenüber noch nichts erreicht hatte.
$Der Österreichische Erbfolgekrieg von 1740-1748$ (einschließlich des =ersten Schlesischen Krieges=). Im November 1740 rückte =Friedrich= II. in Schlesien ein, bot aber gleichzeitig =Maria Theresia= gegen Abtretung dieser Provinz die Hilfe seiner Waffen und Geldunterstützung zur Erhaltung ihres übrigen Erbes sowie auch seine Stimme für die Kaiserwahl ihres Gemahls =Franz Stephan= an. Die hochherzige Frau wies das Anerbieten schroff zurück. Da in Schlesien nur wenige Truppen standen und die Festungen verwahrlost waren, bekam Friedrich die Provinz in kurzer Zeit bis auf =Neiße= in seine Hand und schlug auch den Feldmarschall =Neipperg=, der von Böhmen heranrückte, wieder aus dem Lande (=Schlacht bei Mollwitz=, 17. April 1741).
Den ersten Angriff auf Österreich hätte man wohl von =Karl Albert von Bayern=, dem Haupterbprätendenten, erwarten müssen, doch fand dieser nicht sofort die erwünschte Unterstützung durch Frankreich. Der Kardinal =Fleury= hätte zwar gern in Deutschland drei bis vier größere Staaten gesehen, unter sich uneinig und keine der französischen Macht gewachsen, dennoch zögerte er lange, einzugreifen. Nach den Erfolgen Preußens kam jedoch der =Vertrag von Nymphenburg= (Mai 1741) zwischen Frankreich, Spanien und Bayern zustande, in dem Frankreich versprach, für Bayern ein Heer zu stellen, Hilfsgelder zu zahlen und die Wahl des Kurfürsten zum Kaiser zu unterstützen; diesem Vertrage schlossen sich im August Preußen und Sachsen an. =Friedrich= II. sicherte sich dadurch französische Hilfe gegen Hannover. =Georg= II. =von England= hatte hier Truppen zusammengezogen, sah aber jetzt von einem Eingreifen ab und versuchte zwischen Österreich und Preußen zu vermitteln. =Friedrich= II. war den Sommer 1741 in Schlesien stehen geblieben, mit Vermehrung und Verbesserung seiner Reiterei beschäftigt, und hielt so die vorläufig einzige österreichische Feldarmee in Schach. Erst als =Neipperg= aufs neue vorrückte, brach auch er wieder auf (September); es kam aber nicht zum Schlagen, sondern man schloß eine geheime Konvention (=Klein-Schellendorf=, 9. Oktober) ab, nach der Preußen die eroberte Provinz bis zur Neiße behielt. =Maria Theresia= gab nach, um Neippergs Heer gegen ihre anderen Gegner frei zu bekommen.
Bayern und Franzosen waren nämlich im Sommer 1741 in Österreich bis nahe vor Wien eingedrungen. Dann zog der größere Teil ihres Heeres nach Böhmen und auch die Sachsen rückten dort ein; gemeinsam wurde Prag erobert und =Karl Albert= hier zum König gekrönt (Dezember 1741). Bald darauf wurde Karl Albert zum Deutschen Kaiser erwählt und in Frankfurt gekrönt (12. Februar 1742). =Maria Theresia= hatte aber Zeit zum Rüsten gewonnen und vor allem Ungarn durch Zusicherung größerer Selbstständigkeit zu außerordentlichen Leistungen bewogen. Der ungarische Heerbann, durch reguläre Truppen unterstützt, eroberte unter =Khevenhüller= Oberösterreich zurück und drang in Bayern ein (12. Februar 1742 in München). Ein zweites Heer unter =Karl von Lothringen= hatte weniger Erfolg. Zur Deckung Prags war es zu spät gekommen und =Friedrich= II. hatte wieder die Waffen ergriffen, weil Österreich die Konvention nicht geheim gehalten hatte.
Der König drang im Frühjahr 1742 durch Mähren bis nahe vor Wien vor. Zwar mußte er, von den Sachsen schlecht unterstützt, wieder nach Böhmen zurückgehen, als =Karl von Lothringen=, durch Truppen Khevenhüllers verstärkt, heranrückte, aber dann schlug er seinen Gegner, der sich zwischen ihn und Prag schieben wollte, bei =Czaslau und Chotusitz= (17. Mai 1742). Diesen Erfolg benützte =Friedrich= II. unter nachdrücklicher Vermittlung Englands sofort, um sich durch raschen =Friedensschluß= (=Breslau=, 11. Juni 1742) Schlesien zu sichern. Von Preußen nicht mehr bedroht, erzwangen die Österreicher den Abzug ihrer Gegner aus Böhmen, die Prag im Dezember 1742 räumten. Sie eroberten dann auch Bayern zurück (Frühjahr 1743), wo die Verbündeten wieder vorgedrungen waren; die Franzosen zogen ab, die bayerischen Truppen wurden in neutrale Quartiere verwiesen.
Um diese Zeit gingen nach =Walpoles= Rücktritt auch England und Holland tatkräftig für Österreich vor. =Georg= II. zog (April 1743) in Belgien englische, holländische, österreichische und hessische Truppen zusammen, die sogenannte »Pragmatische Armee«, führte sie rheinaufwärts, trieb durch den Sieg bei =Dettingen= (27. Juni 1743) ein neu eingedrungenes französisches Heer (=Herzog von Noailles=) über den Rhein zurück und nahm Worms ein; später ging die pragmatische Armee nach den Niederlanden. Der »Wanderkaiser« =Karl= VII. saß verlassen in Frankfurt.
=In Italien= behauptete die österreichische Sache das Gleichgewicht. Im Anfang des Jahres 1742 waren die Spanier in =Genua= und =Toskana= gelandet, unbehindert durch englische Seestreitkräfte, da eine französische Flotte die spanische begleitete. Zu ihrer Unterstützung kamen Truppen des Königreichs Beider Sizilien heran, aber England erzwang deren Rückberufung durch eine Flottendemonstration vor =Neapel= (August 1742). Schon im Februar 1742 hatte sich Sardinien für Österreich erklärt; König =Karl Emanuel=, der anfangs zu Frankreich-Spanien neigte, ließ sich von England durch Hilfsgelder und das Versprechen, im Mittelmeer eine starke Flotte zu halten, sowie von Österreich durch Zusicherung von Gebietsteilen im Mailändischen gewinnen. Nun besetzten zwar überlegene französisch-spanische Streitkräfte im Winter 1742/43 Savoyen, vermochten aber weder in Norditalien, noch in Toskana weiter vorzudringen.
=Die englische Flotte= hinderte ferner Landungen der Spanier in Genua und blockierte die spanische Flotte vom Mai 1742 bis zum Mai 1744 in Toulon. Kardinal =Fleury= konnte hieraus, sowie aus dem Verhalten Sardiniens und Neapels den Lohn für seine Vernachlässigung der Marine entnehmen.
$Neue Bündnisse.$ Die Erfolge des Jahres 1743 führten Österreich, England und Sardinien zu engerem Zusammenschluß. Im =Traktat zu Worms= (13. September 1743 im Hauptquartier Georgs II.) erkannte Sardinien die pragmatische Sanktion an und erhielt dafür einen Teil der Lombardei; England verpflichtete sich zur Stellung einer starken Flotte und zur Zahlung von 200000 Pfund Sterling; gegenseitig garantierten sich die Staaten ihren Besitz von 1739, also »=vor= dem Frieden von Breslau«. Ferner schlossen Österreich und Sachsen (Dezember 1743), sowie Sachsen und Rußland (Februar 1744) ein Defensivbündnis. Auch die Gegner blieben nicht untätig. Frankreich erneuerte nach Fleurys Tode seinen Vertrag mit Spanien: Mailand und Parma sollten als eine weitere Sekundogenitur, wie es Neapel schon war, an Spanien fallen; Gibraltar und Port Mahon wollte man zurückerobern und sonstigen englischen Übergriffen (in Westindien und Florida) steuern. =Frankreich= begünstigte außerdem die Vorbereitungen des letzten Stuart Karl Eduard für eine Erhebung in Schottland und =erklärte jetzt den Krieg= an England (März 1744, nach der Seeschlacht vor Toulon) und an Österreich (April). Auch =Friedrich= II. rüstete zu neuem Waffengange; durch den Wormser Traktat sah er sich im Besitze Schlesiens bedroht, der Vertrag Österreichs mit Sachsen richtete seine Spitze offenbar gegen ihn und eine Spannung mit Georg II. über den Besitz Ostfrieslands trat hinzu. Sein Versuch, die deutschen Fürsten unter preußisch-bayerischer Führung zu einigen, um die fremden Mächte von Deutschland auszuschließen, war fehlgeschlagen, nun schloß er (=Paris= 5. Juni 1744) ein neues Bündnis mit Frankreich »zum Schutze Kaiser Karls VII.«; ein ähnlicher Vertrag mit Bayern und Kurpfalz war vorhergegangen (=Frankfurter Union=, 22. Mai).
$Der Krieg von 1744-1746$ (=einschließlich des Zweiten Schlesischen Krieges=). Frankreich führte im Jahre 1744 den Krieg nur lau. In Belgien wurden unter Ludwigs XV. persönlicher Führung einige Städte genommen; ein zweites Heer am Oberrhein wagte jedoch nicht, diesen Fluß zu überschreiten, sondern zog die Bayern zu sich herüber. Dagegen gingen die Österreicher (=Karl von Lothringen=) über den Rhein und drangen im Elsaß vor. Ludwig kam zwar mit der Hälfte des flandernschen Heeres heran, aber seine Erkrankung lähmte die Unternehmungen. Jetzt eröffnete =Friedrich= II. den Feldzug. Er rückte durch Sachsen und aus Schlesien in Böhmen ein. Die Österreicher wurden dadurch gezwungen, über den Rhein zurückzugehen und auch Bayern zu räumen, aber nur langsam folgten die Franzosen und die Bayern nach. Unbehindert konnte Karl von Lothringen sein Heer nach Böhmen führen und Friedrich wurde unter großen Verlusten nach Schlesien zurückgedrängt (Dezember 1744). In Süddeutschland kam es im Winter 1744/45 noch zu einigen Kämpfen. Als aber Kaiser Karl gestorben war (Januar 1745), stimmte sein Sohn der pragmatischen Sanktion sowie der Kaiserwahl Franz Stephans zu und schloß Frieden mit Österreich (April); auch die Franzosen räumten Deutschland (Juli) und verlegten den Hauptkriegsschauplatz nach Belgien.
Vielleicht wäre es für Frankreich richtiger gewesen, Österreich in seinem entfernt liegenden und schwer zu verteidigenden Besitze, Belgien, hauptsächlich anzugreifen. Mit dem Vordringen über den Rhein und durch Deutschland hin reichte man aber Preußen die Hand, dessen militärische Macht sich zum ersten Male zeigte. In Belgien dagegen hätte der französische Angriff auch die Seemächte empfindlich getroffen, die stets auf das Eindringen der Franzosen eifersüchtig waren. So ist es wohl unterlassen, um den förmlichen Krieg mit diesen noch zu vermeiden. Als es aber später geschah, hat es sicher dazu beigetragen, die Tätigkeit der englischen Marine, in den fernen Gewässern besonders, zu lähmen; man wandte in England nun dem Landkriege mehr Aufmerksamkeit zu, als richtig war.
$Friedrich II.$ stand 1745 allein da; Österreich und Sachsen schlossen im März einen neuen Vertrag zu einem Einfall in Schlesien. Jetzt bewies der König seine Größe und vereitelte durch die Siege über Erzherzog Karl bei =Hohenfriedberg= (4. Juni 1745) und =Soor= (30. September) den Einfall. Als dann die Gegner wieder in Schlesien einbrechen und gleichzeitig mit der sächsischen Hauptmacht, verstärkt durch die am Rhein freigewordenen österreichischen Truppen, von Dresden her die Mark angreifen wollten, schlug er Karl von Lothringen aufs neue bei =Katholisch-Hennersdorf=, 23./24. November, und marschierte auf Dresden; Lothringen folgte. =Leopold von Dessau=, der das andere feindliche Heer zu beobachten hatte, griff dieses inzwischen auf ausdrücklichen Befehl des Königs trotz seiner schwächeren Kräfte an und schlug es vernichtend bei =Kesselsdorf= (15. Dezember), als der König bei Meißen und Karl bei Dresden angekommen waren. Dieser ging dann mit den Trümmern des geschlagenen Heeres nach Böhmen zurück; Friedrich zog in Dresden ein. Er zwang hierdurch Sachsen zum Nachgeben und auch Österreich war nicht geneigt, den Krieg allein fortzuführen. Am 25. Dezember 1745 wurde =der Friede von Dresden= geschlossen; der König behielt Schlesien und erkannte dafür Franz Stephan an, der schon am 13. September als =Franz= I. zum Kaiser gewählt und am 4. Oktober gekrönt war. =Der Krieg in Deutschland war zu Ende.=
Auch anderwärts stand die österreichische Sache ungünstig. Im Frühjahr 1745 waren die Franzosen mit starker Macht in =Belgien= aufgetreten. Sie nahmen wichtige Städte ein und der Marschall =Moritz von Sachsen= siegte bei Fontenay (11. April) über den Herzog von Cumberland; am 21. Februar besetzten die Franzosen Brüssel und bedrohten Holland selbst.
Im Mittelmeer fand am 22. Februar 1744 die =Seeschlacht vor Toulon= statt, als die französische Flotte die spanische von genanntem Hafen nach der italienischen oder spanischen Küste geleiten wollte. Sie blieb unentschieden.
=In Norditalien= eroberte ein französisch-spanisch-neapolitanisches Heer 1745 Piemont und fast die ganze Lombardei. Erst als nach dem Frieden von Dresden Österreichs Truppen in Deutschland frei wurden, konnte es in Italien das Gleichgewicht wieder herstellen. Das österreichisch-sardinische Heer vertrieb 1746 die Franzosen, die Spanier gingen von Genua aus in die Heimat zurück; die Sieger besetzten diese Stadt und drangen sogar in die Provence ein, in beidem von der englischen Flotte unterstützt. Ein von Frankreich begünstigter Aufstand in Genua rief sie dann aber zurück, und eine neue Belagerung dieser Stadt mußte aufgegeben werden, als die Franzosen wieder über Nizza (1747) vordrangen.
$Die Erhebung Schottlands.$ Der Niedergang der österreichischen Sache in Belgien hing mit der Gefahr zusammen, die dem Hause Hannover in England durch eine Erhebung der Schotten zugunsten der Stuarts drohte. =Jakob= III. lebte nach seinem letzten Ringen um die Krone Großbritanniens (1708; vgl. Band I, Seite 522) in Rom. Von hier ging 1743 sein Sohn =Karl Eduard= (gewöhnlich »der junge Prätendent« genannt) nach Paris, um mit Frankreichs Hilfe einen neuen Versuch zu wagen; der Kampf Englands mit den Bourbons, die geringe Beliebtheit des Hauses Hannover in England, die Anhänglichkeit der Schotten an die Stuarts, sowie ihre Abneigung gegen eine Verbindung mit England ließen die Gelegenheit günstig erscheinen. Frankreich war dem Unternehmen geneigt, das England vom Festlandskriege abziehen mußte und wollte 1744 14 000 Mann nach Schottland übersetzen, aber diese Expedition -- das einzige Angriffsunternehmen Frankreichs zur See in diesem Kriege -- scheiterte infolge verzögerter Ausrüstung, ungünstiger Wetterverhältnisse und der Übermacht der englischen Seestreitkräfte.
Erst im Juli 1745 kam Karl Eduard mit nur wenigen Begleitern nach Schottland. Verschiedene Clans standen für ihn auf. England war völlig überrascht und hatte nur wenige Truppen zur Verfügung; seine schwachen Garnisonen räumten Schottland. Der Prinz bemächtigte sich Edinburghs (im September), rückte in England ein, schlug ein englisches Korps und drang bis auf acht Tagemärsche an London heran. Das englische Volk zeigte sich meist gleichgültig, teilweise sogar feindlich gegen die eigene Dynastie, deren Lage bei dem Mangel an Truppen gefährdet erschien, um so mehr da eine französische Landung vorbereitet wurde. In London begann der Kredit zu wanken, die Bank wurde fast gestürmt. Aber jetzt weigerten sich die Schotten weiterzumarschieren. Karl Eduard mußte nach Schottland zurück und wurde bei =Culloden= (16. April 1746) vom =Herzog von Cumberland= vernichtend geschlagen. Dieser war mit Truppen von Belgien herübergerufen; meist Hessen im Solde Hollands, das nach altem Vertrag verpflichtet war, England bei drohendem Einfall Truppen zu stellen. Der letzte Versuch der Stuarts war gescheitert, =Karl Eduard= irrte fünf Monate umher und floh dann nach Frankreich; aber sein Aufstand war doch von lähmendem Einfluß auf Englands Kriegführung zur See gewesen.
$Das Ende des Erbfolgekrieges.$ Die Franzosen machten 1746 immer raschere Fortschritte in =Belgien=; alle wichtigen Städte, auch Antwerpen und Namur, fielen in ihre Hände; =Moritz von Sachsen= erfocht bei =Rocourt= (11. Oktober 1746) einen zweiten glänzenden Sieg über Cumberland und Karl von Lothringen. 1747 siegten die Franzosen nochmals bei =Maastricht= (2. Juli) und nahmen Bergen op Zoom (16. September); am 11. Mai 1748 fiel auch Maastricht. Schon vor Einnahme dieser wichtigsten Festung waren Friedensunterhandlungen im Gange, und als jetzt die Franzosen mit dem Einbruch in Holland drohten, kam es zum Frieden, zunächst zwischen Frankreich und England-Holland.
In dem $See- und Kolonialkriege Englands gegen Frankreich und Spanien 1744-1748$ behauptete England schließlich das Übergewicht. Wie Spanien schon bisher, so war auch =Frankreich= infolge der Schwäche seiner Marine genötigt, sich in der Verteidigung zu halten. Wie schon erwähnt, hatte es nur einmal, noch vor der Kriegserklärung, einen Offensivstoß versucht (einen Einfall in England zugunsten Karl Eduards), der aber nur bei völliger Überraschung des Gegners hätte gelingen können. Später beschränkte sich Frankreich auf den Schutz seiner Kolonien und auf den kleinen Krieg gegen den feindlichen Handel. =England= führte den Seekrieg zunächst nicht energischer als bisher gegen Spanien allein. Die Tätigkeit seiner Seemacht wurde durch verschiedene Umstände gelähmt -- Vernachlässigung der Marine während der langen Friedenszeit, Mangel an frischem Geiste in ihr, vor allem aber durch unrichtige und schwächliche Verwendung der überlegenen Flotte --, und so blieb natürlich der Erfolg aus. Es gelang nicht, die feindlichen Häfen zu sperren und so die Gegner von ihren Kolonien abzuschneiden.
In Westindien, worauf die Franzosen den Hauptwert legten, und wo auch die Spanier den größeren Teil ihrer Seestreitkräfte hielten, vermochten die Engländer nichts auszurichten; in Nordamerika eroberten zwar die englischen Kolonisten, von der Flotte unterstützt, die wichtige Festung =Louisbourg= und hielten sie bis zum Friedensschluß, mehr errangen sie jedoch nicht, da sie keine Unterstützung erhielten; in Ostindien gelang es sogar den Franzosen, =Madras= (1746) zu nehmen und den englischen Angriff auf Pondicherry (1748) abzuschlagen und so bei den indischen Fürsten das Ansehen Frankreichs über das Englands zu heben. Selbst im kleinen Kriege war England nicht imstande, seine Handelsschiffahrt vor großen Verlusten durch Freibeuter und einzelne Kriegsschiffe der Gegner zu bewahren, wenn es auch deren Handel gleichfalls großen Schaden zufügte.
Erst nach und nach, besonders vom Jahre 1747 an, wurde es besser. Die englische Marine erstarkte dauernd an Zahl der Schiffe und innerem Wert, die der Gegner gingen abwärts infolge von Verlusten und von Vernachlässigung, die französische Seemacht wurde schließlich durch die Vernichtung von zwei stattlichen Geschwadern in den =Seeschlachten bei Kap Finisterre= (im Mai und Oktober 1747) völlig lahmgelegt; auch die Freibeuter ihrer Gegner hatten die Engländer nach und nach größtenteils weggefangen. Jetzt war England imstande, Frankreich und Spanien von ihren Kolonien gänzlich abzuschließen, ihren Handel fast völlig zu vernichten, dagegen den eigenen Seehandel wirksam zu schützen, der übrigens in seiner Gesamtheit trotz der Verluste mit dem Schwinden des feindlichen stets zugenommen hatte.
Diese Umstände trugen wesentlich dazu bei, Frankreich dem Frieden geneigt zu machen.
$Der Frieden zu Aachen 1748$ beschloß den für alle Beteiligten ergebnis- und aussichtslosen Krieg.
Frankreich hatte zwar Ruhm und Eroberungen in den Niederlanden geerntet, aber mit jedem Jahre wuchs die Geldverlegenheit der Regierung und die Not des Volkes, die überwiegend die erwerbenden Klassen traf; das Land war erschöpft. Frankreich trug die Last des Krieges auch für seine Verbündeten, die häufige Anwesenheit des Königs bei den Heeren vermehrte die Kosten noch, während von den gewaltigen Brandschatzungen in Feindesland nichts in die öffentlichen Kassen floß. Der französische Seehandel litt schwer und sah sich nach den Unfällen der Marine im letzten Jahre ebenso wie die Kolonien immer mehr der englischen Seemacht preisgegeben. Selbst die Behauptung der Eroberungen in den Niederlanden schien unsicher, da die Seemächte noch während der Friedensverhandlungen im Verein mit Österreich und Sardinien beträchtliche Streitkräfte in den Niederlanden und in Italien aufstellten, um unter allen Umständen die Erhaltung Hollands durchzusetzen. Sogar Rußland ließ, von England und Österreich gewonnen, ein Heer in englischem Solde nach dem Rhein marschieren.
Aber auch die Seemächte waren zum Frieden geneigt. Holland sah sich durch einen französischen Einfall bedroht, England mußte zugunsten seiner Handelsübermacht unbedingt Holland halten und durfte aus demselben Grunde auch die österreichischen Niederlande nicht in französischen Händen lassen, mußte also Frieden schließen, so lange dies dadurch noch zu verhindern war. Die Seemächte trugen, wie früher, die Gesamtkosten; in erster Linie England, dessen Staatsschuld trotz großer Erhöhung der Steuern schon von 50 Millionen Pfund Sterling im Jahre 1739 auf 78 Millionen angewachsen war. Österreich und die kleineren Staaten vermochten nicht ohne das Geld der Seemächte weiter zu kämpfen, und so einigten sich zunächst England und Holland im geheimen mit Frankreich über die Grundlagen des Friedens (30. April 1748); die Bundesgenossen wollte man, wenn erforderlich, zur Beistimmung zwingen.
Nach den =Friedensbedingungen= beurteilt, ist wohl nie ein Krieg mit so vielen Kämpfen und so bedeutenden Verlusten an Geld und Blut so ergebnislos verlaufen wie dieser. Im wesentlichen wurde der Besitzstand vor dem Kriege wiederhergestellt und die Eroberungen zurückgegeben. Für Österreich wurde die pragmatische Sanktion, für das Haus Hannover die britische Thronfolge und für Preußen der Besitz von Schlesien gewährleistet. Österreich mußte Parma und Piacenza als eine zweite Sekundogenitur an Spanien, mailändisches Gebiet an Sardinien abtreten; seine Niederlande, in denen wie früher die Barrierefestungen von Holland mitbesetzt werden sollten, erhielt es zurück. Frankreich und England tauschten Madras und Louisbourg wieder aus und die Abmachungen über die neutralen Inseln in Westindien (vgl. Seite 9) wurden erneuert. Frankreich verpflichtete sich aufs neue, Dünkirchen nach der Seeseite nicht zu befestigen und Glieder der Familie Stuart weder zu unterstützen, noch auch in seinem Lande zu dulden.
Dagegen blieb die Grenzfrage zwischen den englischen und französischen Kolonien in Nordamerika, besonders in Neubraunschweig, sowie über das Besiedlungsrecht im Ohiotal ungeregelt. Ebenso wurden die Hauptstreitpunkte zwischen England und Spanien nicht aus der Welt geschafft: das Recht zur Untersuchung englischer Schiffe durch die Spanier wurde nicht aufgehoben; die geforderte Entschädigung englischer Rheder sowie die Abgrenzung zwischen Florida und Georgia sollten auf diplomatischem Wege geregelt werden und man wußte doch, wie wenig dabei herauskommen würde. Nur der Assientovertrag wurde auf vier Jahre erneuert.
Als =wichtige politische Folge= des Krieges, hervorgerufen durch das fortgesetzte Mißgeschick im Felde, erscheint die Wahl des Prinzen =Wilhelm von Nassau=, Statthalters von Friesland und Geldern, zum =Statthalter= aller sieben Provinzen, zum Generalkapitän und =Admiralgeneral= seitens der alten Volkspartei, womit die sogenannte zweite statthalterlose Zeit ihr Ende fand.
Der Frieden wurde von Frankreich und den Seemächten am 18. Oktober 1748 unterzeichnet; Österreich trat am 23. Oktober bei und Preußen, Spanien, Sardinien schlossen sich an. Da Maria Theresia nur gezwungen auf Schlesien verzichtete und da die wichtigsten Fragen zwischen England und Frankreich-Spanien unberührt gelassen waren, =trug der Friede den Keim zu neuem Kriege in sich=.
Die Streitmittel[40].
$Frankreich.$ Die Quellenangaben über den =Schiffsbestand= um 1740 schwanken. Man kann ihn zu 45-50 Linienschiffen (von 50 Kanonen und darüber) und zu 15-20 großen Fregatten (hierunter wohl auch Schiffe mit 40-50 Kanonen verstanden), sowie etwa 50 kleineren Schiffen und Fahrzeugen annehmen. Hinzu traten im Mittelmeer 60 Galeeren, auf die man aber kaum noch Wert legte. Unter den Linienschiffen scheinen sich keine mit über 80 Kanonen (Dreidecker) befunden zu haben; jedenfalls sind solche im Kriege nicht zur Verwendung gekommen. Die Schiffe waren großenteils in schlechtem Zustande, die Werften nicht leistungsfähig, die Arsenale und Magazine leer.
[40] Die innere Geschichte der Marinen Frankreichs und Englands ist schon im Kapitel II (Seite 24 ff.) behandelt; dort sind auch (Seite 33 ff.) die Marinen auf ihren inneren Wert -- Material und Personal betreffend -- gegeneinander abgewogen. So genügen hier die Angaben über den Schiffsbestand zur Zeit des zu besprechenden Krieges. Diese sind hauptsächlich nach Charnock, Teil III, zusammengestellt. Charnock gibt für den Anfang des Krieges nur summarische Mitteilungen, für die Verluste und den Bestand um 1748 Namen und Kanonenzahl der Schiffe. Ähnliche Zusammenstellungen über den Verlust von Schiffen wie in Charnock -- englische, französische, spanische, auch mit den Schiffsnamen -- sind in »Clowes«, Teil III, Seite 310, zu finden.
Die Zahl der =Offiziere, Deck- und Unteroffiziere= war zwar in den letzten Jahrzehnten sehr verringert, reichte jedoch für die Schiffe aus, die in Dienst gestellt wurden. Ebenso machte sich kein Mangel an =Mannschaften= fühlbar, da die Inskription wieder geregelt war. Infolge der seltenen Indienststellungen im Frieden und später im Kriege fehlte jedoch dem Gesamtpersonal die Übung.
Eine Unterstützung, besonders auf dem ostindischen Kriegsschauplatze, fand die Marine in den großen =Schiffen der Compagnie des Indes=, die mehr Kanonen (bis zu 60) an Bord nehmen konnten, als sie gewöhnlich führten (20-30). Man darf sie aber nicht als vollwertige Kriegsschiffe betrachten; darauf gebaut, viel Ladung und wenig Geschütze an Bord zu nehmen, vermochten sie im umgekehrten Falle nur wenig Segel zu führen. Auf größeren Seereisen konnten sie nur 30-38 Kanonen führen und auch nur Kanonen der Mittelartillerie (8-Pfünder, 12-Pfünder, vereinzelt 18-Pfünder). Die Offiziere der Kompagnie waren gute Seeleute, aber keine Seeoffiziere; die Mannschaft war noch weniger militärisch geübt; die Disziplin ließ bei beiden zu wünschen übrig.
=Der Verlust an Schiffen= während des Krieges betrug: 22 Linienschiffe, 4 Schiffe zu 40-46 Kanonen, 13 zu 24-32, 7 zu 20 Kanonen, 9 kleinere Fahrzeuge; insgesamt 55 Segel. Einige Neubauten traten hinzu, und so war =der Schiffsbestand um= 1748: 31 Linienschiffe und 8 im Bau.
$Spanien$ besaß um 1739 kaum 40 =Linienschiffe=. Unter diesen befanden sich einige sehr gute Neubauten, aber auch manche, die nicht als vollwertig gelten konnten, da sie für die Überführung der Schätze Amerikas eigentlich nur gegen Freibeuter armiert waren. Chabaud-Arnault (siehe Quellenverzeichnis) gibt 50 Linienschiffe an, von denen jedoch nur etwa die Hälfte brauchbar gewesen sei. Beiden Angaben entspricht der Umstand, daß nach der Schilderung der kriegerischen Ereignisse 20 bis höchstens 30 Linienschiffe gleichzeitig tätig waren. Die spanischen =Seeoffiziere= bewiesen sich tapfer, aber als Seeleute vielfach unfähig; die =Mannschaften= wurden aus allen Berufsarten gepreßt, schlecht gekleidet, verpflegt und bezahlt. Die Werften waren wenig leistungsfähig.
Die =Schiffsverluste= betrugen: 17 Linienschiffe und 5 Fregatten; die spanische Marine stand mithin beim Schluß des Krieges noch weit schwächer da als die französische.
$England.$ Die völlige Vernachlässigung der französischen Marine von 1714 an wirkte dahin, daß man auch in England den Werften, der Erhaltung und dem Neubau der Schiffe nicht die bisherige Sorge zuwandte. Aber immerhin betrug 1739 =der Bestand= in Dienst gestellter oder zu Indienststellung bereiter Schiffe: 2 zu 100 Kanonen, 3 zu 90, 11 zu 80, 16 zu 70, 44 zu 50-60 Kanonen; also 81 Linienschiffe. Dazu traten 35 Fregatten zu 30-44 Kanonen und eine Menge kleinerer Fahrzeuge. Im ganzen waren 140 =Schiffe mit mehr als je= 20 =Kanonen= vorhanden. Die Hilfsmittel des Landes machten es leicht, die Flotte zu verstärken; schon 1744, beim Ausbruch des Krieges mit Frankreich, waren 90 Linienschiffe und 84 Fregatten mit mehr als 20 Kanonen bereit.
=Der Verlust im Kriege= betrug: 13 Linienschiffe (nur zwei vom Feinde genommen), 10 Schiffe zu 20-44 Kanonen (2 davon genommen), 24 kleinere (4 genommen). Aber obgleich auch noch während des Krieges eine große Zahl von Schiffen als abgenutzt ausgemerzt wurde, war infolge von Neubau und Einstellung genommener Schiffe =der Schiffsbestand um= 1748 gewachsen auf: 4 Schiffe zu 100 Kanonen, 10 zu 90, 18 zu 80, 24 zu 70, 6 zu 64, 33 zu 60, 36 zu 50 Kanonen; also 131 Linienschiffe. Weiter waren vorhanden: 42 Fregatten zu 44 und 84 zu 20-36 Kanonen und eine Menge kleiner Fahrzeuge; insgesamt zählte die Marine 313 Segel.
Die Fregatten mit 30-36 Kanonen waren sämtlich dem Feinde abgenommen worden; England selber hatte also noch keine »eigentliche Fregatte« gebaut. =Bemerkenswert= ist ferner das Anwachsen der Zahl der Schiffe zwischen 20 und 44 Kanonen. Es war dies die Folge einer Denkschrift des alten Admirals =Sir John Norris= (siehe Band I), die auf den Mangel an Schiffen zum Schutz des Seehandels hinwies, als dieser große Verluste durch Freibeuter und Kreuzer erlitt, obgleich Englands »Flotten« die See beherrschten.
Hieraus ergibt sich die große =Übermacht Englands= Frankreich und Spanien gegenüber schon um 1744; Spaniens Marine allein war in dem Kriege 1739-1744 der englischen gegenüber kaum zu rechnen und hatte bis 1777 schon mehrere Linienschiffe verloren (bei Cartagena, 1771, 6 sowie einige in Einzelgefechten beim kleinen Kriege in den europäischen Gewässern). Die französischen Schiffe und auch die neueren spanischen waren zwar teilweise den englischen der gleichen Klasse an Stärke der Armierung (Kaliber) überlegen, aber dafür war das englische Personal, wie erwähnt (Kapitel II), tüchtiger. Augenfällig aber ist das Überwiegen Englands gegen Ende des Krieges. Die Verbündeten hatten zusammen 38 Linienschiffe verloren und konnten trotz einiger Neubauten den 131 Schlachtschiffen der Engländer kaum über 50 entgegenstellen.
=Troude= (Teil I, Seite 323) beziffert den französischen Verlust auf nur 18 Linienschiffe; er hat vielleicht die Schiffe der indischen Kompagnie nicht mitgerechnet, denn Lacour-Gayet, eine neuere Quelle, gibt wie Charnock 22 an. -- Chabaud-Arnault schreibt, 1747 seien 50 Linienschiffe vorhanden gewesen, davon neun im Bau. Wenn Frankreich auch wirklich zehn mehr gehabt hat, als Charnock angibt, so bleibt doch immer die große Übermacht Englands zu Ende des Krieges bestehen; übrigens führt auch hier Lacour nur 40 an, einschließlich zehn im Bau.
$Holland$[41]. Der völlige Verfall der Marine von 1713-1740 ist bereits erwähnt (Band I, Seite 500). Der =Schiffsbestand= um 1741 betrug 1 Schiff zu 90 Kanonen (42 Jahre alt), 5 zu 72 (3 davon zwischen 1715 und 1719 erbaut), 8 zu 64 (davon 2 unbrauchbar, 2 im Bau), 15 zu 52-58, 13 zu 44, 1 zu 36, 6 zu 22, 2 zu 12-16 Kanonen. Weit über die Hälfte gehörten zur Admiralität Amsterdam. Es hielt schwer, Mannschaften, besonders Unteroffiziere, zu erhalten; die Schiffe waren schlecht im Stande, die Offiziere ungeübt und überaltert. Während des Krieges wurden 12 Linienschiffe und 5 leichte Fregatten gebaut, aber eine wesentliche Unterstützung konnte die holländische Marine der englischen zu keiner Zeit bieten. 1744 verlangte England auf Grund des seit langen Jahren bestehenden Vertrages die Gestellung von 15 Linienschiffen und 5 schweren Fregatten; doch war dies nur mühsam zu bewirken und auch nicht während des ganzen Krieges durchzuführen. Der jüngste und tüchtigste Admiral jener Zeit urteilt, daß die Schiffe von ihrer ungeübten Besatzung schlecht bedient, daß die Kommandanten und Offiziere, ja selbst der Flottenchef, ohne jede Erfahrung in Flottenmanövern seien.
[41] Nach =de Jonge=, Teil IV, Seite 252 ff.; dort findet man die Fortsetzung der inneren Geschichte der holländischen Marine nach 1739.
Der Verlauf des Seekrieges[42].
Der Krieg in Westindien 1739-1744.
Ende Oktober 1739 erklärte England den Krieg an Spanien. Schon im Sommer hatte man mit der Mobilmachung begonnen, Mannschaften eingezogen, Schiffe in Dienst gestellt, die auswärtigen Stationen verstärkt und Kaperbriefe ausgegeben. Das Hauptaugenmerk richtete man auf die spanisch-amerikanischen Kolonien; hier war Spanien am leichtesten zu verwunden, hier hoffte man auf reiche Beute. Man sendete eine Expedition nach Westindien und eine nach dem Stillen Ozean; die letzte unter Kapitän =George Anson= ging jedoch erst im Herbst 1740 ab, dagegen segelte der Vizeadmiral =Edward Vernon= schon am 24. Juli 1739 =nach Westindien=.
[42] Besonders benutzte Quellen: Clowes Band III; Lacour I; Mahan Band I; Chab.-Arnault; Bonfils Band II; über die Angriffe auf Küstenstädte auch Colomb. -- Die meisten englischen Quellen geben für diesen Krieg =das Datum= noch nach altem Stil, die französischen nach dem neuen. Bei unserer Schilderung ist die letztere Methode gewählt und nach bestem Wissen durchgeführt. Es sind jedoch Irrtümer, besonders bei weniger wichtigen Ereignissen, nicht ausgeschlossen, da die englischen Quellen anscheinend ihre Methode nicht immer genau durchgeführt haben.
$Vernon$, geboren 1684 und seit 1706 Kapitän, stand in dem Rufe, die Verhältnisse in Westindien, besonders die Schwächen der Spanier, genau zu kennen, da er mehrere Jahre ein Schiff dort geführt hatte. Im Parlament erklärte er wiederholt, er würde imstande sein, Puerto Belo mit sechs Schiffen zu nehmen. Da er nun sehr populär, anderseits aber durch Ausfälle gegen die Regierung dieser unbequem war, gab man ihm jetzt das Kommando, um ihn für einige Zeit loszuwerden. Mit Überspringung des Kontreadmiralgrades wurde er Vizeadmiral und führte mehrere Jahre das Oberkommando in Westindien; nach England zurückgekehrt, wurde er 1745 Admiral und Chef eines Geschwaders im Kanal. In dieser Stellung protestierte er in schroffer Weise gegen Verfügungen der Admiralität und veröffentlichte auch gehässige Artikel über die Leitung der Marine. Obgleich er sonst ein tüchtiger und eifriger Offizier war, wurde er 1746 von der Liste der Flaggoffiziere gestrichen. Er starb 1757.
Ihm unterstanden neun Schiffe, von denen jedoch vier an der spanischen Küste abgezweigt wurden, um zurückerwarteten spanischen Silberschiffen aufzulauern. Am 23. Oktober erreichte Vernon Jamaika und übernahm das Kommando der Station. Auf die Nachricht hin, daß in =Puerto Belo= -- dem Ausgangshafen der Silberflotte, auf der Landenge von Panama gelegen -- die Bergwerksausbeute des letzten Jahres bereits von Panama zur Einschiffung eingetroffen sei, segelte er am 5. November mit sechs Schiffen -- 2 zu 70 Kanonen; 3 zu 60; 1 zu 50 -- und 200 Soldaten dahin ab. In der Nacht vom 20. auf 21. November ankerte das Geschwader vor der Bucht von Puerto Belo und nahm die Stadt am 22.
$Die Einnahme von Puerto Belo Im November 1739.$ Die Stadt liegt an der Südostecke einer kleinen Bucht, die westöstlich läuft, gleichmäßig etwa zwei Seemeilen lang und eine Seemeile breit ist. Die Einfahrt wurde beherrscht durch ein Fort auf der Nordostecke, die Stadt selber schützten zwei Forts; die Befestigungen waren ziemlich stark. =Vernon= beabsichtigte, sein Geschwader in Kiellinie in die Bucht segeln zu lassen; die ersten drei Schiffe sollten das äußere Fort unter Abgabe ihrer Breitseiten passieren und sich vor die Befestigungen der Stadt legen, die anderen drei Schiffe, auf deren erstem sich der Admiral befand, vor dem äußeren Fort ankern, alle ihre großen Boote, im Schlepp und mit Soldaten bemannt, zu einer Landung bereit halten. Am 21. morgens wehte jedoch östlicher Wind und der Plan konnte nicht genau durchgeführt werden, da die Schiffe in die Bucht aufkreuzen mußten. Um zwei Uhr nachmittags eröffneten die ersten drei Schiffe das Feuer auf das Fort an der Einfahrt, das anfangs lebhaft, aber bald schwächer antwortete. Der Admiral, der noch nicht ganz heran war, rief die Boote zu sich und gab den Befehl zum Landen. Dann trat das Flaggschiff in den Kampf ein, die Schützen in den Marsen vertrieben die Gegner aus den unteren Batterien des Forts, die Gelandeten drangen ein und waren bald Herren der ganzen Befestigung. Mittlerweile war es dunkel geworden, ohne daß die drei ersten Schiffe bis zur Stadt hatten gelangen können; sie waren nach Westen (aus der Bucht hinaus) getrieben und mußten vor Anker gehen. Auch die Schiffe des Admirals ankerten jetzt; das Flaggschiff und sein Hintermann wechselten während der Nacht mit den Stadtforts Schüsse, die jedoch nicht viel Schaden taten. Am 22. morgens gab =Vernon= Befehl an alle Schiffe, sich in der kommenden Nacht an Puerto Belo heranzuwarpen[43]. Dieser neue Plan kam jedoch nicht zur Ausführung, weil sich die Stadt nach längeren Unterhandlungen noch an diesem Tage ergab. Der englische Verlust betrug nur sieben Tote und einige Verwundete. (Genaueres über diese Unternehmung vgl. Clowes Seite 55 und Colomb Seite 322.)
[43] Warpen: Ein Schiff mit Hilfe von (Warp-) Ankern und Trossen fortbewegen.
Die Garnison zog mit vollen militärischen Ehren ab; Schonung der Stadt und des Privateigentums wurde zugesichert. Im Hafen lagen nur einige kleine Fahrzeuge, aber die Engländer erbeuteten etwa 10000 Dollar Staatsgelder, die Vernon sofort an seine Leute verteilte; die Befestigungen wurden geschleift. Im Dezember ging das Geschwader nach Jamaika zurück. Der Erfolg erregte großen Jubel in England, und die Regierung beschloß, möglichst bald noch einige Schiffe, zwei Regimenter Infanterie, sechs neuaufgestellte Regimenter Seesoldaten nach Westindien zu senden, sowie auch 3000 Mann von den nordamerikanischen Kolonien dorthin zu ziehen, um Vernon weitere und größere Unternehmungen zu ermöglichen. Es verging jedoch das ganze Jahr 1740, bis diese Verstärkung eintraf. =Vernon= blieb auf die schwachen Kräfte angewiesen, die genau seiner Forderung im Parlament entsprachen; er kam dadurch fast in eine üble Lage.
Im Sommer 1740 versuchte eine Abteilung von wenigen Soldaten, unterstützt durch kleinere Schiffe der nordamerikanischen Station, von Südcarolina aus die spanische Stadt $St. Augustine in Florida zu nehmen$. Es wurden zwar zwei kleine Befestigungen am St. Johnsflusse besetzt und vor der genannten Stadt auf einer Insel Fuß gefaßt, aber das Unternehmen mußte doch aus Mangel an Streitkräften aufgegeben werden.
$Spanien$ scheint 1739 keine Seestreitkräfte von Bedeutung in Westindien gehabt zu haben; was dort war, geleitete unter Admiral =Pizarro= die Silberflotte dieses Jahres wohlbehalten heim. 1740 aber traf man Vorbereitungen, die Kolonien zu schützen, und rief Frankreich, gemäß dem bestehenden Vertrage, um Unterstützung an; der Kardinal =Fleury= sah sich trotz seiner Friedensliebe durch die öffentliche Meinung gezwungen, diesem Anspruch zu willfahren. Im Juli 1740 verließ ein starkes spanisches Geschwader (wahrscheinlich 12 Linienschiffe) mit den Galeonen, die jährlich nach Amerika zum Abholen der Silberschätze segelten, unter Admiral =de Torres= Cadiz; es lief zunächst Ferrol an, traf im September in Portoriko ein, besserte dort längere Zeit seine durch Sturm beschädigten Schiffe aus, landete dann Truppen in Cartagena, ließ hier sechs Schiffe unter =Don Blas de Leso= und ging endlich nach Havanna.
$Frankreich$ sandte am 25. August von Toulon den Chef d'Escadre =de la Rochalart= mit 12 Linienschiffen und 3 Fregatten nach Westindien ab (im Oktober in Martinique); ihm folgte am 1. September von Brest der Vizeadmiral des Atlantik =d'Antin= mit 14 Linienschiffen und 5 Fregatten. Von dem ersten Geschwader wurden in Gibraltar 4 Schiffe zurückgerufen, auch das zweite zweigte einige Schiffe zum Kreuzen an der spanischen Küste ab, von denen jedoch ein Teil bald wieder nachkam; die Vereinigung beider Geschwader fand im Dezember in St. Domingo statt, wo nun im Januar 1741 =d'Antin= über etwa 22 Linienschiffe verfügte. Die französisch-spanischen Streitkräfte in den westindischen Gewässern waren mithin außerordentlich stark, gegen 40 Linienschiffe.
Die Berichte über die Stärke und Bewegungen der französischen und spanischen Geschwader lauten unbestimmt. Einige führen ausdrücklich an, daß =d'Antin= die Spanier von Ferrol aus begleitet habe; dies stimmt aber nicht mit den Ankunftszeiten in Westindien, doch könnten sie durch einen Sturm, den auch die Franzosen erwähnen, getrennt sein. -- Aus anderen Angaben muß man ferner schließen, daß außer =de Torres= noch ein spanisches Geschwader von Cadiz direkt nach Cartagena gegangen ist (5-6 Linienschiffe), und wir finden auch später sechs Linienschiffe in diesem Hafen und 12 in Havanna.
=Vernon= nahm nach Instandsetzung der Schiffe in Jamaika seine Tätigkeit wieder auf. Er $beschoß$ im März 1740 aus Mörserbooten $Cartagena$, allerdings mit nur wenig Erfolg, aber dann auch $Chagres$ (Landenge von Panama) und diese Stadt ergab sich; eine Beute von über 70000 Pfund Sterling fiel den Engländern in die Hände, die Befestigungen wurden geschleift. Im Juni machte er von Jamaika aus vergeblich den Versuch, ein spanisches Geschwader von 5 Schiffen (das eben erwähnte zweite Geschwader von Cadiz?) abzufangen, wurde aber durch Mangel an Vorräten aller Art festgehalten. Diese trafen zwar, von 2 Linienschiffen begleitet, im September ein, zugleich mit Truppen aus Nordamerika, aber der Admiral fühlte sich jetzt zu schwach, ohne die zugesagte große Verstärkung etwas zu unternehmen, nachdem er die Ankunft des spanischen Geschwaders (de Torres) in Cartagena und die des französischen (Rochalart) in Martinique erfahren hatte.
Die große Verstärkung hatte England im August verlassen, wurde aber durch Sturm zurückgetrieben und dann zurückgehalten, weil sie den nach Westindien entsandten französischen und spanischen Geschwadern gegenüber zu schwach an Linienschiffen erschien. Erst Anfang Oktober lief sie unter Kontreadmiral =Sir Chaloner Ogle= aus. Sie bestand aus 1 Schiff zu 80 Kanonen, 20 Linienschiffen der dritten Klasse, 4 der vierten Klasse, einigen Fregatten, Brandern und Mörserbooten; auf Transportern waren 9000 Soldaten (die erwähnten 8 Regimenter Infanterie und Seesoldaten, sowie technische Truppen) eingeschifft. Der Chef der Truppen, General =Lord Cathart=, ein sehr tüchtiger Offizier, starb leider auf der Ausreise zu Dominica, im Dezember; sein Nachfolger General =Thomas Wentworth= konnte ihn nicht ersetzen. Am 20. Januar 1741 traf die Flotte in Jamaika ein; eine derartig starke englische Macht war noch nie in Westindien aufgetreten, sie hätte sehr viel ausrichten können. Laird Clowes führt den Ausspruch eines älteren englischen Schriftstellers an: »Vernons Hände waren nicht gebunden, wie die der Admirale in den europäischen Gewässern. Wäre er sofort gegen Havanna vorgegangen, so würde er die Stadt vor der Orkanzeit genommen haben. Seine Instruktionen wiesen stark darauf hin, und seine Freunde in England rieten sehr dazu. Es wäre besser gewesen, wenn er strikte Befehle in dieser Hinsicht gehabt hätte.« Von den Franzosen drohte ihm in der Tat keine Gefahr mehr. Der Verlust Havannas wäre ein großer Schlag für Spanien gewesen, aber die englischen Führer wählten einen anderen Platz zum Angriff.
Auf der Fahrt =Ogles= von Dominica nach Jamaika ereignete sich ein $Zusammenstoß zwischen Engländern und Franzosen$. Auf der Höhe von Kap Tiburon (Westende von Haiti) sichtete die englische Flotte am 18. Januar 1741 vier große Schiffe; =Ogle= sandte sechs Linienschiffe zur Erkundung ab. Die Fremden heißten ihre Flagge, aber die Engländer argwöhnten, es seien Spanier, und gingen näher heran. Auf Anruf (um zehn Uhr abends) in englischer, dann in französischer Sprache erfolgte keine Antwort; nun griffen die sechs Engländer, weit schwerere Schiffe, die vier Franzosen an und es wurde mehrere Stunden scharf gefochten. Am andern Morgen entschuldigten die Engländer das Vorgehen mit dem Ausbleiben der Antwort auf ihren Anruf; die Franzosen behaupteten aber, Auskunft erteilt zu haben. -- =Ein ganz ähnlicher Fall= trug sich in demselben Jahre in der Straße von Gibraltar zu. Vier Engländer stießen auf drei Schiffe, die auf Anruf antworteten, sie seien Franzosen, die aus Westindien zurückkämen. Als die Engländer ein Boot absandten, um sich davon zu überzeugen, wurde das Anbordkommen nicht erlaubt; auch hier folgte ein scharfes Gefecht von einigen Stunden[44].
[44] Näheres über diese beiden Fälle vgl. Clowes, Band III, Seite 64 und 270; Lacour, I, Seite 132 und 133.
Man kann über derartige Fälle kaum erstaunt sein. Bei der Haltung Frankreichs im allgemeinen waren die englischen Offiziere gewiß nicht geneigt, große Rücksicht auf die französischen Schiffe zu nehmen; die Franzosen ihrerseits waren sicherlich berechtigt, barsche Anforderungen zurückzuweisen.
Die Anwesenheit der großen französischen Flotte in Westindien hatte für Spanien nur den Nutzen, daß Vernon weder gegen die spanischen Kolonien noch gegen =de Torres= etwas unternahm, bis die große Unterstützung eintraf. Die französischen Quellen behaupten, daß =d'Antin= zwar den Befehl gehabt habe, die nach Westindien segelnden Schiffe und die Besitzungen der Spanier zu decken, aber nur zu fechten, wenn er selber angegriffen würde.
Englische Schriftsteller behaupten, der französische Admiral habe sich allein durch den Zustand seiner Schiffe zur Untätigkeit gezwungen gesehen; diese seien schlecht ausgerüstet und durch stürmisches Wetter auf der Fahrt von Europa sowie später von Martinique nach Haiti sehr beschädigt gewesen. d'Antin habe außerdem Rückberufungsbefehl erhalten, als der Österreichische Erbfolgekrieg drohte; =Fleury= hätte den Bruch mit England vermeiden wollen, das ja noch zwischen den Parteien schwankte. Diese Auffassung scheint richtig zu sein; auch die französischen Quellen heben den schlechten Zustand der Schiffe hervor, auf denen außerdem das gelbe Fieber herrschte, und sprechen mit Bedauern aus, Fleury habe bald nur noch dem bevorstehenden Landkriege Aufmerksamkeit geschenkt. Schließlich hätte ja auch der französische Admiral triftigen Grund gehabt, angriffsweise vorzugehen; hatten doch die Engländer am Kap Tiburon die Feindseligkeiten eröffnet und auch sonst französische Schiffe aufgebracht. Tatsächlich segelte =d'Antin= am 7. Februar 1741 von Haiti nach Frankreich ab und ließ nur 6 Linienschiffe unter =Comte de Roquefeuil= in Westindien zurück; er sah seine Aufgabe als gelöst an und war auch wohl von der bevorstehenden Ankunft der großen englischen Flotte unterrichtet.
=Admiral Vernon= scheint noch keine bestimmten Pläne gehabt zu haben, als Ogle zu ihm stieß; er hat wahrscheinlich solche mit dem =Lord Cathart= beraten wollen. Gegen =Wentworth= faßte er von vornherein ein ungerechtes Vorurteil, denn dieser war zwar nicht so fähig wie Cathart, aber doch von bestem Willen beseelt. In einem Kriegsrate wurde beschlossen, zunächst nach Haiti aufzukreuzen, um die Franzosen zu beobachten. Viele englische Kritiker sehen hierin einen großen Fehler: »In drei Tagen hätte man von Jamaika das unter dem Winde liegende Havanna erreichen können!« Hiergegen erhebt Colomb mit Recht Einwendungen. In Cartagena befanden sich 6, in Havanna 12 spanische Linienschiffe, bei Haiti 22 französische. Vernon verfügte über 29 Linienschiffe, war also nicht imstande, die feindlichen Seestreitkräfte zu beobachten oder gar in Schach zu halten und gleichzeitig Havanna anzugreifen; von dem schlechten Zustande der französischen Schiffe sowie von der Absicht d'Antins, abzusegeln, wußte er nichts. So ging denn die englische Expedition Ende Januar von Jamaika in See. Am 8. Februar wurde dem Admiral beim Kap Tiburon durch einen Kreuzer gemeldet, die französische Flotte läge noch bei Aux Cayes -- dies war ein infolge Nebels entstandener Irrtum --, aber am 12. überzeugte man sich von der Abfahrt d'Antins.
Nun ward auf Vernons Vorschlag im Kriegsrat ein $Angriff auf Cartagena$ beschlossen. (Warum jetzt nicht auf Havanna? Sämtliche englische Quellen schweigen hierüber, obgleich sie sich bis dahin mit diesem Plane beschäftigen.) Mit Erlaubnis der französischen Behörden wurde auf Haiti Wasser und Brennholz genommen und ein Linienschiff nebst kleineren Fahrzeugen nach Cartagena gesandt, um einen Ankerplatz für die Flotte zu suchen; diese folgte am 25. Februar, ankerte am 4. März in einer Bucht westlich von der bedrohten Stadt und begann am 9. die Berennung. Das Schicksal Cartagenas mußte nach den Erfolgen gegen Puerto Belo im Vorjahre bei der großen Macht, die jetzt zur Verfügung stand, von vornherein als besiegelt angesehen werden, aber trotz eines anfänglich guten Verlaufes wurde das Unternehmen durch Mißhelligkeiten zwischen den Führern der Land- und Seestreitkräfte, sowie auch infolge von Mißgriffen beider zu einem verlustreichen Fehlschlag.
$Der Angriff auf Cartagena, März-April 1741[45].$ =Die Stadt war stark befestigt= und nur zu nehmen, ja nur wirksam zu beschießen, wenn die Befestigungen niedergekämpft waren (siehe Plan). Flaches Wasser bis auf etwa drei Seemeilen, sowie der Mangel an jeglichem Schutz gegen nördliche und westliche Winde hinderten eine genügende Annäherung unmittelbar von See aus; da die Boca grande für größere Schiffe zu flach ist, mußte man durch die Boca chica einlaufen, die aber nur je einem Schiffe den Durchgang gestattete. Diese Einfahrt wurde beherrscht durch das Fort S. Luis (82 Kanonen und drei Mörser) nebst den Außenwerken S. Felipe (acht Kanonen), S. Jago (15 Kanonen) und de Chamba (vier Kanonen), ferner durch die Faschinenbatterie La Baradera (15 Kanonen) mit einer kleineren (4 Kanonen) und durch das Fort S. José (21 Kanonen) auf einer kleinen Insel. Von S. Luis nach S. José war eine Balkensperre gelegt und hinter dieser vier Linienschiffe (Geschwader Don Blas de Leso) mit den Breitseiten nach See zu verankert. -- Bei dem Eingang in den inneren Hafen lagen die starke Befestigung Castillo Grande (vier Bastionen mit 59 Kanonen) und die Batterie Mancinilla (12 Kanonen); in dieser Einfahrt befindet sich eine flache Stelle, an deren beiden Seiten große Schiffe versenkt waren. -- Die Stadt selber, auf zwei Inseln gelegen und mit Wällen (300 Kanonen) umgeben, wurde gedeckt durch das etwa 20 m hoch gelegene Fort S. Lazare, das allerdings von einem unbefestigten Hügel eingesehen werden konnte. -- Die Garnison zählte 4000 spanische Soldaten nebst einer größeren Zahl von Negern und Indianern.
[45] Eingehendere Schilderung vgl. Clowes, Band III, Seite 68, und Colomb, Seite 338.
=Die englische Streitmacht= bestand aus 29 Linienschiffen -- 8 zu 80, 5 zu 70, 14 zu 60, 2 zu 50 Kanonen --, 11 Schiffen zu 20 Kanonen und kleineren Fahrzeugen, 9 Brandern und Mörserbooten sowie vielen Transportern; insgesamt 124 Segel mit einer Besatzung von 15000 Mann und 12000 Soldaten. Auf dem Ankerplatz in der benachbarten Bucht angelangt, ordnete =Vernon= für die leichteren Fahrzeuge Bewegungen an, die auf eine Landung schließen ließen, so daß die Spanier Truppen aus der Stadt dorthin zogen und Schanzen aufwarfen. Bis zum 9. März unternahmen die Engländer nichts; die Gegner konnten ungestört ihre Verteidigungsmaßregeln ausführen: die Sperre ziehen, die Linienschiffe postieren, Schiffe versenken, die Batterien fertig armieren u. dgl. Frühmorgens am genannten Tage setzte sich die englische Flotte in Bewegung. Eine Division -- zehn Linienschiffe und sechs kleinere Fahrzeuge unter =Sir Chaloner Ogle= -- war für den Angriff auf die Außenforts von S. Luis bestimmt; durch Erkundungen war festgestellt, daß man vor diesen auf Pistolenschußweite ankern konnte, ohne dem Feuer des Hauptforts und der Befestigungen der Boca chica ausgesetzt zu sein. Dieser Division folgte die zweite -- =Vernon= mit zehn Linienschiffen, zehn kleineren Fahrzeugen und den Transportern voll Soldaten. Der Rest der Flotte blieb unter Kommodore =Lestock= vorläufig vor Anker, um den Anschein einer beabsichtigten Landung hier aufrecht zu erhalten.
Vier der schwersten Schiffe Ogles ankerten vor den Werken und brachten diese bald zum Schweigen; Landungsabteilungen besetzten sie. Der Verlust der Engländer war sehr gering; nur ein Schiff, dem das Ankertau durchschossen war und das nicht schnell genug einen zweiten Anker fallen ließ, trieb vor die Einfahrt und litt beträchtlich durch das Feuer der dortigen Befestigungen. Im Laufe des 9. und 10. März landete General =Wentworth= mit dem größten Teil der Soldaten, Geschützen und Belagerungsmaterial auf der Insel Tierra Bomba, dann wurde ein Lager aufgeschlagen und zwei Batterien -- eine Mörser- und eine Batterie 24-Pfünder Schiffsgeschütze -- gegen S. Luis gebaut. Schon am 9. abends begannen die Mörserboote das Fort zu beschießen, am 13. griff auch die Mörserbatterie ein. Jetzt aber traten die ersten Mißhelligkeiten zwischen den beiden Führern auf; Vernon beklagte sich über zu langsames Fortschreiten der Unternehmung am Lande, der General über mangelhafte Unterstützung durch die Flotte. Am Lande brachen bald nach der Ausschiffung infolge ungünstiger Bodenverhältnisse und schlechter Verpflegung Krankheiten aus, wodurch die Tätigkeit der Gelandeten gelähmt wurde. Die Flotte war reichlich mit Wasser und frischem Fleisch versehen, auch versorgte sie sich mit Schildkröten, vernachlässigte aber die Truppen. =Vernon= ließ am 19. durch eine Landungsabteilung die Batterie Baradera im Rücken angreifen und erstürmen, weil sie das Lager unter Feuer nehmen konnte, die Kanonenbatterie gegen S. Luis wurde aber trotzdem und obgleich der Admiral 500 Seeleute zur Mitarbeit stellte, erst am 21. fertig. Vernons Ungeduld war berechtigt, denn die stürmische Jahreszeit rückte heran, der Ankerplatz war völlig ungeschützt, der Grund felsig, so daß die Ankertaue häufig durchgescheuert wurden; auch war die Nachricht eingelaufen, =de Torres= beabsichtige mit dem Havannageschwader, verstärkt durch das französische (Comte de Roquefeuil), zum Entsatz heranzukommen. Er ließ daher, nachdem die Landbatterien am 21. und 22. einen heftigen Kampf mit S. Luis geführt hatten, am 23. sechs Linienschiffe -- mehr konnten nicht zur Verwendung kommen -- das Feuer gegen S. Luis, S. José und gegen die Schiffe hinter der Sperre aufnehmen. Drei von diesen litten schwer und auch die übrigen wurden am 24. zurückgezogen.
Aber am Lande war Bresche gelegt und S. Luis wurde am 25. leicht gestürmt. Vernon hatte zur Ablenkung des Feindes eine Abteilung bei Baradera landen lassen; als ihr Führer sah, daß die Spanier nach dem Fall des Forts den Eindruck von Ratlosigkeit machten und sich anschickten, die Schiffe hinter der Sperre zu versenken oder zu verbrennen, ging er auf eigene Faust mit den Booten weiter, stürmte ohne Schwierigkeit S. José, sprengte die Sperre und nahm eins der Schiffe; den Spaniern gelang es, die andern zu vernichten. Vom 26. bis 30. März lief dann die ganze englische Flotte in den sichern äußern Hafen ein. Der Feind versenkte seine beiden letzten Linienschiffe im Eingang zum inneren Hafen, sprengte Fort Mancinilla auf und räumte auch Castillo Grande, das am 31. von den Engländern besetzt wurde.
So lagen zwischen dem Angreifer und der Stadt nur noch die versenkten Schiffe und das Fort S. Lazare; völliger Erfolg schien gesichert, wenn man sofort kräftig weiter nachstieß. Aber es kam anders. Die gelandeten Truppen hatten durch Krankheit sehr gelitten; schon am 25. März zählte man 500 Tote und 1500 Kranke. =Wentworth= stand von jetzt an, gereizt durch die Vernachlässigung und durch das abstoßende und herrische Wesen Vernons, dem Admiral mürrisch und ablehnend gegenüber; dieser aber ließ im weiteren Verlauf der Unternehmung gleichfalls seinen bisherigen, oft wagehalsigen Schneid vermissen.
So mangelte überall die Tatkraft und die Zeit ging verloren. Am 1. und 2. April eröffneten zwar die Mörserboote vom inneren Hafen aus sowie die Geschütze des Castillo Grande das Feuer auf die Stadt, und am 3. gingen auch größere Schiffe durch die Enge, um eine Landung decken zu können, aber erst am 5. und 6. wurde diese durch 5000 Mann der von Tierra Bomba wieder eingeschifften Truppen ausgeführt, wahrscheinlich innerhalb des Forts Mancinilla. Die Gelandeten lagerten auf einer Ebene etwa eine Seemeile von S. Lazare entfernt. Die Landoffiziere hielten den Bau einer Batterie für notwendig, und der General bat, die Beschießung auch mit den Mörserbooten und einem Linienschiffe aufzunehmen. Der Admiral erklärte, bei der geringen Wassertiefe sei es nicht möglich, Schiffe nahe genug zur wirksamen Beschießung heranzubringen (was nach den jetzigen Karten nicht zutrifft), man könne das schwache Werk überhaupt mit Sturm nehmen.
Es scheint, als ob Vernon der Ansicht war, die Truppen müßten jetzt alles tun, während die Landoffiziere wohl mit Recht auf einen raschen Erfolg nur bei Unterstützung durch die Flotte rechneten. Man verlor drei Tage, in denen die Krankheiten unter den Soldaten, die ohne Zelte und Gepäck sowie wiederum auf ungesundem Boden und fast ohne Wasser lagerten, reißend zunahmen, während die Spanier Zeit gewannen, sich von ihrer Bestürzung zu erholen und ihre Verteidigungsmittel zu verstärken; an die Ausnutzung des Hügels, der das Fort überhöhte, scheint man englischerseits nicht gedacht zu haben. Gereizt durch höhnische Vorwürfe des Admirals, ließ =Wentworth= endlich, gegen die Ansicht der meisten seiner Offiziere, am 9. April vor Tagesanbruch stürmen. Der Angriff wurde trotz großer Tapferkeit mit einem Verluste von 179 Toten, 459 Verwundeten und 16 Gefangenen zurückgeschlagen; es war ein ungeeigneter Punkt zum Angriff gewählt, die Offiziere waren ungenügend instruiert, die Sturmleitern erwiesen sich als zu kurz.
Nach diesem Mißerfolg ging alle Tatkraft verloren. Erneuten Bitten der Landoffiziere um Unterstützung durch die Schiffe gegenüber verhielt sich =Vernon= taub und stumm. In einem stürmisch verlaufenden Kriegsrat beider Waffen am 14. April wurde dann die sofortige Einschiffung der Truppen beschlossen, von denen nur noch 3500 Mann dienstfähig waren; sie erfolgte am 15. und 16. Am 16. ließ Vernon noch durch das spanische Schiff, das in der Boca chica genommen und zu einer schwimmenden Batterie hergerichtet war, die Stadt beschießen; es wurde jedoch derartig beschädigt, daß es beim Zurückgehen sank. Vielleicht sah sich der Admiral hierzu veranlaßt, um dem General die Unmöglichkeit eines wirksamen Eingreifens mit den Schiffen zu beweisen. Nach der Desarmierung und Zerstörung der genommenen Werke wurden die Truppen eingeschifft und die Flotte segelte ab.
Nur sechs spanische Linienschiffe und einige Werke hatte man zerstört, während bei richtiger Verwendung der vereinten starken Streitkräfte Cartagena hätte genommen werden müssen -- nach dem übereinstimmenden Urteil der besten englischen Quellen; diese heben ferner hervor, es sei nicht zu verstehen -- und auch scheinbar jetzt nicht mehr aufzuklären --, weshalb man zunächst die Landung nur gegen einen Teil der Befestigung gerichtet habe und dann nach den Erfolgen nicht tatkräftiger vorgegangen sei, und weshalb die Flotte nicht größere Anstrengungen gemacht habe. Vielleicht ist Vernon durch die Anwesenheit des spanischen und französischen Geschwaders in Westindien bestimmt worden, seine Schiffe nicht zu sehr einzusetzen.
Am 19. Mai 1741 traf die Flotte wieder in Jamaika ein. Hier wurden 11 Linienschiffe, darunter 7 zu 80 Kanonen, mit einem großen Konvoi von Kauffahrern nach England zurückgesandt. =Vernon= behielt mithin 18 Linienschiffe, und =Wentworth= hatte an Truppen nur noch 3000 Mann nebst 1000 in Jamaika ausgehobenen Negern. Trotzdem wurde der Beschluß zu einem $Angriff auf Santiago de Cuba$ gefaßt. Der Gouverneur von Jamaika hatte eine Expedition über den Isthmus von Panama vorgeschlagen, die englische Regierung hätte den Angriff auf Havanna am liebsten gesehen, jedoch sowohl die Seeoffiziere wie auch Wentworth hielten Santiago für den geeignetsten Angriffspunkt, wohl weil dessen Landbefestigungen nur schwach waren.
Absicht der Regierung war es sicher, Kuba zu erobern und festzuhalten. Man hatte schon Kolonisten Nordamerikas zur Übersiedlung dorthin aufgefordert, und auch der Umstand spricht dafür, daß Vernon der Bucht, in der er landete, ihren alten Namen »Cumberland harbour« wiedergab. Um so auffallender ist es, daß die Führer ihren Stoß nicht auf Havanna richteten; diese Stadt war damals noch mehr als jetzt das Herz der Insel, Santiagos kommerzielle und strategische Bedeutung dagegen noch gering. Bei dem nur verfügbaren schwachen Landungskorps scheint man Havanna, wo auch 12 spanische Schiffe lagen, für zu stark gehalten zu haben; man wollte wohl zunächst nur auf Kuba festen Fuß fassen und Truppenverstärkungen abwarten, deren Ankunft in Aussicht stand.
=Admiral Vernon= ließ 6 Linienschiffe zum Schutz Jamaikas zurück; mit 11 sowie 12 kleineren Fahrzeugen und 40 Transportern, die 3400 Soldaten führten, segelte er am 30. Juni nach Kuba; 3 noch mit Ausbesserungen beschäftigte Linienschiffe sollten nachkommen. Am 13. Juli ankerte die Flotte in der geräumigen und sicheren Bucht von Guantanamo, etwa 40 Seemeilen östlich von Santiago; von hier aus sollte zu Lande gegen diese Stadt vorgegangen werden, da ein Angriff von See aussichtslos erschien.
=Die Einfahrt von Santiago de Cuba= war eng, befestigt und durch eine Floßsperre geschlossen. Vor allem aber traten an einzelnen Stellen häufig Wirbelwinde auf, so daß man wahrscheinlich genötigt gewesen wäre, ein Schiff nach dem andern unter dem Feuer der (allerdings nicht sehr starken) Befestigungen durch die Einfahrt hindurchzuwarpen.
Dann wurden 6 Linienschiffe in eine Verteidigungsstellung am Eingang der Bucht zum Schutz der Transporter gelegt, 5 abgezweigt, um Santiago zu blockieren, und einige kleine Fahrzeuge zur Beobachtung des spanischen Havanna-Geschwaders entsandt. Man hat diesen 12 spanischen Schiffen gegenüber das ganze Unternehmen, insbesondere die Teilung der englischen Streitkräfte, als gewagt bezeichnet, jedoch war die Gefahr, der sich =Vernon= aussetzte, nicht bedeutend. Beabsichtigte =de Torres= während der Abwesenheit Vernons Jamaika anzugreifen, so konnte dieser leicht dorthin zurückkehren, weil Santiago über dem Winde von Jamaika liegt. Kam die spanische Flotte heran, um der Kubaexpedition entgegenzutreten, so waren bei gleicher numerischer Stärke die Engländer wohl sicher den Spaniern überlegen; überrascht konnten sie nicht werden, weil die Gegner gegen den Wind aufkreuzen mußten und die englischen Schiffe hier auch nicht, wie z. B. im Hafen vor Cartagena, unbedingt an die Belagerung gefesselt waren. Eine Vereinigung der Spanier mit den Franzosen von Haiti her konnte gleichfalls verhindert werden.
Der Angriff auf Santiago hatte aber noch weniger Erfolg als der auf Cartagena. Die Landung ging zwar ohne jede Störung vor sich, auch zeigten sich keine nennenswerten spanischen Truppen zwischen dem Landungsplatze und der Stadt, aber dennoch drang man kaum halbwegs bis zu dieser vor. Obgleich der Admiral Unterstützung durch die Flotte zusagte, erklärte es der General in Übereinstimmung mit seinen Offizieren für unmöglich, weiter vorzugehen: das Gelände sei zu dicht bewaldet; die Wege seien für den Transport der Geschütze zu schlecht; die Leute litten zu sehr unter Krankheiten. =Vernon= erkundete nochmals persönlich Santiago; er sah aber die Unmöglichkeit ein, allein von See her etwas zu erreichen, und fand auch keine geeignete Landungsstelle in der Nähe der Stadt. So mußte er auch seinerseits das Unternehmen aufgeben. Ende November wurden die Truppen wieder eingeschifft und die Flotte segelte nach Jamaika zurück; an Krankheiten hatte die Expedition mehr Leute verloren, als wahrscheinlich ein rasches, tatkräftiges und darum erfolgreiches Vorgehen gekostet haben würde.
Inwieweit bei diesem Mißerfolge das schlechte Verhältnis zwischen den beiden Führern von Einfluß gewesen ist, läßt sich nicht ersehen. =Vernon= hatte schon nach Cartagena um seine Ablösung gebeten und wiederholte die Bitte jetzt unter lebhafter Beschuldigung =Wentworths=, der »wechselnder als der Mond sei«. Trotzdem ließ man beide im Kommando, tadelte sie nur in milder Weise und ermahnte sie zu besserem Einvernehmen.
$Angriffe der Engländer 1742 und 1743.$ Auch in den beiden nächsten Jahren wurden noch einige ebenso erfolglose Angriffe auf Küstenstädte angesetzt; wir können uns darüber kurz fassen, weil sie kaum erwähnenswert sind[46]. Im Januar 1742 gebot =Wentworth= durch Nachschub aus England wieder über etwa 3000 Mann; man plante jetzt eine Landung bei =Puerto Belo=, um von dort nach =Panama= vorzudringen. Die Uneinigkeit zwischen dem General und =Vernon= verzögerte die Ausführung, erst am 28. März traf die Expedition in Puerto Belo ein; die Stadt wurde zwar leicht besetzt, dann aber gab man das Unternehmen auf, weil die Landoffiziere es für unausführbar erklärten. Auch ein ehemaliger Filibustierführer, der als gut unterrichtet in den Verhältnissen mitgenommen war und der einige Hundert Mosquito-Indianer (vom jetzigen Britisch-Honduras, den Engländern wohlgesinnt) anwerben sollte, riet nach näherer Erkundung ab.
[46] Eingehendere Schilderungen vgl. Clowes, Band III, Seite 78 und 85; Colomb, Seite 346 und 351.
Nach diesem Fehlschlage wurden endlich =Vernon= und =Wentworth abberufen=, Vernon mit einem Teil der Truppen. Den Befehl auf der Station übernahm =Admiral Ogle=, dem auch die zurückgebliebenen Soldaten unterstellt wurden. Die einzigen Erfolge dieses Jahres waren die Inbesitznahme und Besiedlung der Insel =Roatan= in der Honduras-Bucht und die Abwehr eines Landungsversuchs der Spanier von Florida aus in =Georgia=. Im Februar 1743 sandte Ogle den Kapitän =Knowles=, der sich unter Vernon ausgezeichnet hatte und von diesem öfters mit wichtigen Aufträgen betraut war, mit 5 größeren Schiffen (50-70 Kanonen) und 5 kleineren gegen =La Guayra=. Die Vorbereitungen hatten jedoch lange gedauert, so daß die Spanier Zeit gewannen, ihre vernachlässigten Befestigungen zu verstärken. Der hohe Seegang unter der Küste hinderte sowohl ein nahes Herangehen der Schiffe wie auch eine Landung. Eine Beschießung am 18. Februar mußte abgebrochen werden; die Stadt und ihre Verteidiger hatten zwar sehr gelitten, aber auch die angreifenden Schiffe waren schwer beschädigt und büßten gegen 400 Tote und Verwundete ein.
Nachdem =Knowles= seine Schiffe in Curaçao ausgebessert hatte, wandte er sich gegen =Puerto Cabello=, das jedoch noch besser auf seinen Empfang vorbereitet war. Die Hafeneinfahrt war gesperrt und wurde durch ein starkes Fort beherrscht, zu dessen Unterstützung man noch zwei Behelfsbatterien erbaut hatte. Die Besatzung zählte 300 Soldaten, 1200 Seeleute von den im Hafen liegenden Schiffen sowie zahlreiche Neger und Indianer, insgesamt gegen 5500 Mann. Knowles erachtete die Behelfsbatterien für ungünstig angelegt und leicht zu nehmen, aber für geeignet zur Verwendung gegen das Fort; er beschloß, sie zunächst zu erobern. Sie wurden am 16. April beschossen, nachts landeten dann 400 Matrosen, 400 Seesoldaten und 400 Landsoldaten. Die eine Batterie wurde leicht gestürmt, als sie aber von den anderen Befestigungen Feuer erhielten, trat Verwirrung unter den Gelandeten ein. Die Abteilungen beschossen sich gegenseitig und gingen dann in wilder Flucht zu ihren Booten zurück. Bei einer Beschießung am 24. verbrauchte man fast die gesamte Munition, ohne die Befestigungen niederzukämpfen. Ende des Monats segelte die Expedition nach Jamaika zurück. -- Dies war das letzte derartige Unternehmen.
Von 1744 an, als Frankreich offen in den Krieg eintrat, verlor Westindien seine Bedeutung als größerer Kriegsschauplatz. Die Seestreitkräfte der Gegner hielten sich hier bis 1747 ungefähr die Wage und erst 1748 gewannen die Engländer das Übergewicht. (Vgl. »Der Krieg in den Kolonien. Westindien«.)
$Der Kleine Krieg in Westindien.$ Infolge des Zusammenhaltens der englischen Seestreitkräfte zu den fruchtlosen Angriffen auf spanische Städte litt der englische Handel in den westindischen Gewässern sehr. Zwar brachten auch englische Kreuzer und Kaper manche spanischen Kauffahrer auf, aber bei dem umfangreicheren englischen Handel und der weit größeren Zahl der spanischen Freibeuter fiel die Bilanz im Kleinen Kriege doch zum Nachteil Englands aus.
$Ansons[47] Zug 1740-1743$, berühmt wegen der Ausdauer seines Führers unter den schwierigsten Verhältnissen. 1739 wurde beschlossen, die spanischen Kolonien auch vom Stillen Ozean her anzugreifen. =Kapitän Anson= sollte diese Expedition führen, doch lief sie, wohl infolge der rückständigen Verwaltung der Marine, erst am 18. September 1740 aus. Sie bestand aus dem Flaggschiff zu 60 (»Centurion«), 2 Schiffen zu 50, 1 zu 40, 1 zu 28 Kanonen und einer Sloop; die Schiffe zu bemannen war so schwierig gewesen, daß auf 500 ältere Halbinvaliden zurückgegriffen werden mußte, die aber sämtlich auf der Reise starben. Das Geschwader hatte eine Reihe der schwersten Stürme abzuwettern, als es Kap Hoorn in der schlechtesten Jahreszeit umsegelte; es wurde zerstreut, das eine 50-Kanonenschiff und das 40-Kanonenschiff gingen nach England zurück. Das Flaggschiff erreichte am 11. Juni 1741 die Insel Fernandez (Küste von Chile); es hatte 130 Kranke an Bord und schon 200 Mann begraben. Hier stieß der Rest der Schiffe in ähnlichem Zustande zu ihm, das 28-Kanonenschiff war jedoch an der chilenischen Küste gestrandet. Nachdem die Besatzungen sich erholt hatten, begann Anson vor den spanischen Kolonien zu kreuzen. Er machte verschiedene wertvolle Prisen und plünderte die Stadt Payta. Im Dezember erreichte er die Insel Coiba vor dem Golf von Panama. Seine Absicht war, den von Westindien ausgehenden Unternehmungen die Hand zu reichen, als er aber von deren Fehlschlagen die Nachricht erhielt, beschloß er, durch den Stillen Ozean zu segeln, um der Galeone, die jährlich zwischen Manila und Acapulco in Mexiko fuhr (daher oft »Acapulcoschiffe« genannt), den Weg zu verlegen. Zunächst kreuzte er zu diesem Zwecke mit seinen zwei Kriegsschiffen -- die Sloop war als seeuntüchtig aufgegeben -- und drei seiner Prisen, die armiert worden waren, vor Acapulco.
[47] =Lord George Anson=, geboren 1697, machte als Leutnant die Operationen unter Norris und Byng in der Ostsee und im Mittelmeer mit, wurde 1723 Kapitän. 1740-1743 führte er seine Reise um die Welt aus, siegte als Vizeadmiral am 14. Mai 1747 bei Kap Finisterre über de la Jonquière, wofür er zum Peer erhoben wurde, war 1751 Erster Lord der Admiralität, kommandierte im Siebenjährigen Kriege längere Zeit die Flotte; wurde 1761 Admiral of the Fleet, starb 6. Juni 1762. -- Eine eingehendere Schilderung obiger Reise z. B. in Clowes, Band III, Seite 320.
Am 5. Mai 1742 setzte er den Kurs auf China, nachdem den Gefangenen die Prisen überlassen waren. Bald mußte er auch das letzte Schiff wegen Seeuntüchtigkeit verbrennen, und auf dem Flaggschiff brach der Skorbut aus, der viele Opfer forderte. Nach einer Erholungszeit auf den Ladronen erreichte =Anson= Macao, wo er überwinterte. Im Frühjahr 1743 nahm er dann das Kreuzen gegen die Galeone bei den Philippinen wieder auf, und es gelang ihm wirklich, diese am 20. Juli zu fangen. Nach anderthalbstündigem, hartnäckigem Kampfe wurde sie genommen und in ihr fast 1-1/2 Millionen Dollar Wert an Münze sowie Silberbarren gefunden. Über China heimsegelnd, traf Anson am 15. Juni 1744 in Spithead ein. Der Zug hatte zwar keine militärischen Erfolge, rief aber Schrecken und Bestürzung in den spanischen Kolonien hervor; die Kenntnis der ostasiatischen Gewässer wurde durch ihn erweitert, weshalb man ihn mehr zu den Entdeckungsreisen rechnet. Hervorzuheben ist endlich, daß eine große Zahl der an ihm beteiligten Seeoffiziere sich später im Siebenjährigen Kriege hervorragend auszeichnete, wie es ihr Führer im Österreichischen Erbfolgekriege getan.
Der Krieg in den europäischen Gewässern 1740-1744.
Den Krieg mit Spanien führte =England= zunächst sehr lau. Wenn auch nach der langen Friedenszeit in der Marine nicht alles so stand, wie es hätte sein sollen, so besaß es doch eine derartige Übermacht, daß es wohl weit tatkräftiger hätte vorgehen können.
$1740. Vom Mittelmeer aus$ nahm der Kontreadmiral =Haddock= nach der Kriegserklärung die Blockade von Cadiz auf, als er aber durch den Zustand seiner Schiffe gezwungen war, im Frühjahr nach Port Mahon zu gehen, das man außerdem von den spanischen Häfen am Mittelmeer bedroht glaubte, fanden die in Cadiz liegenden spanischen Schiffe Gelegenheit zu entschlüpfen; wie erwähnt, langten sie in Westindien teils direkt, teils über Ferrol unter Admiral =de Torres= an. Im Juli, als man die Schwäche der Spanier genauer erkannt hatte, wurde ein Teil der englischen Mittelmeerflotte nach der Heimat zurückgezogen.
$Von England aus$ wurde im April ein Geschwader entsandt, um die heimkehrende Silberflotte abzufangen. Diese (Admiral =Pizarro=, vgl. Seite 61) war jedoch durch ein ihr entgegengesandtes Schiff gewarnt, setzte ihren Kurs auf Kap Ouessant und lief wohlbehalten in Santander ein, während das englische Geschwader auf dem sonst üblichen Wege Madeira-Cadiz kreuzte. Spanien entsandte gegen dieses eine stärkere Macht, doch kehrten die Engländer unbelästigt nach dem Kanal zurück. In Spithead war nach und nach eine starke Flotte unter dem Admiral of the Fleet =Sir John Norris=[48] zusammengezogen -- 21 Linienschiffe zu 60-100 Kanonen --, deren »geheime Order« aber auch jetzt noch unbekannt ist. Einige Quellen glauben, Ferrol hätte angegriffen werden sollen, da man die Anwesenheit der zahlreichen spanischen Schiffe dort mit einem Gerücht in Verbindung gebracht habe, nach dem Spanien einen Einfall in Irland zugunsten des Kronprätendenten =Jakobs= III. ins Werk setzen wollte. Wahrscheinlicher ist es, daß die Flotte nur die Schiffahrt vor und in dem Kanal sichern und für alle Fälle (auch gegen Angriffe von Frankreich?) bereit gehalten werden sollte. Tatsächlich hat sie 1740 den Kanal nicht verlassen.
[48] Uns schon bekannt als Flottenführer zu Anfang des Jahrhunderts; vgl. Band I, Namenverzeichnis.
$1741$ lief =Norris mit der Kanalflotte= im Juli sowie im Oktober aus und kreuzte an der Nordküste Spaniens, wobei jedoch nur einige kleinere Prisen gemacht wurden. Im =Mittelmeer= schlugen sogar =zwei wichtige Unternehmungen= fehl. Frankreich hatte im Juli in Toulon 12 Linienschiffe (50-74 Kanonen) unter Lieutenant-Général =de Court= in Dienst gestellt, um sich mit 16 spanischen Schiffen unter Admiral =Don José de Navarro= zu vereinigen und dann 15000 Mann von Barcelona nach Norditalien zu führen (vgl. Seite 51); die englische Flotte sollte dies hindern. Aber =Haddocks= Kreuzer ließen die Spanier aus Cadiz entschlüpfen und sichteten sie erst beim Cap de Gata. Als dann die Engländer herankamen (am 19. Dezember neuen Stils), war die Vereinigung mit den Franzosen vor Barcelona schon erfolgt. Der Kriegsrat auf der nur etwas über halb so starken englischen Flotte glaubte sowohl von einem Angriff wie selbst von weiterem Folgen absehen zu müssen, da man der Neutralität der Franzosen nicht sicher war. Die französisch-spanische Flotte führte den Truppentransport von Barcelona die französische und italienische Küste entlang nach Genua und Toskana; sie ging dann nach Toulon, wo sie am 22. Februar 1742 eintraf.
Das französische Geschwader war, was Schiffe und Besatzungen anbetrifft, in mangelhaftem Zustande. Die Verfassung des spanischen muß aber, nach französischen Angaben, ganz trostlos gewesen sein: »Die Schiffe verfallen; die Mannschaft halb nackt und halb verhungert; viele Kranke; Monate waren nötig, um das Geschwader in einigermaßen brauchbaren Zustand zu setzen.«
Die englische Flotte war auch kaum imstande, den Handel wirksam zu schützen. Da ist es nicht zu verwundern, daß die Fehlschläge im Mittelmeer im Verein mit den Mißerfolgen der kostspieligen Unternehmungen in Westindien, sowie der Verlust des Handels dort das englische Volk gegen die laue Kriegführung =Walpoles= aufbrachten und dadurch dessen Rücktritt herbeiführten. England trat jetzt offen für Österreich auf.
$1742 und 1743$ gewann die Kriegführung im Mittelmeer etwas mehr Leben. Im Februar 1742 traf eine bedeutende Verstärkung unter Kontreadmiral =Lestock= ein, der das Kommando für den erkrankten Haddock übernahm, und Spanien mußte die geplante Absendung eines neuen Truppentransportes vorläufig aufgeben. Bald darauf, im Mai, wurde der Vizeadmiral =Mathews= Oberbefehlshaber im Mittelmeer. Dieser führte nun während 22 Monaten eine strenge $Blockade von Toulon$ durch, hinderte weiter die Verstärkung der spanischen Armee in Italien und übte auch einen Druck auf das Königreich beider Sizilien aus. Der Admiral lag mit der Flotte stets segelfertig in Villafranca, eine Division unter =Lestock= blockierte von den Hyèrischen Inseln aus Toulon; man erklärte, es gälte nur dem spanischen Geschwader dort, aber man nahm auch dahin bestimmte französische Handelsschiffe weg. Die Franzosen brachten die Befestigungen in Kriegszustand, zogen die Schiffe in den innern Hafen zurück und sperrten die Einfahrt.
Im Juli 1742 jagte ein englisches Linienschiff 5 spanische Galeren, die Kriegsvorräte längs der Küste nach Italien bringen wollten, in den französischen Hafen von $St. Tropez$ und vernichtete sie durch einen Brander, als sie auf ihren Verfolger feuerten; wenige Monate später wurde diese Stadt mit Beschießung bedroht, falls sie zwei dort eingelaufene spanische Transporter beherbergen würde. »Die Vernachlässigung der Marine«, so klagen französische Schriftsteller »hatte es dahin gebracht, daß Frankreich dieses alles dulden mußte.«
Wie erwähnt, hatte der König beider Sizilien Hilfstruppen für Spanien nach Norditalien gesandt. Im Juli 1742 schickte Mathews den Kommodore =William Martin= mit einem kleinen Geschwader, 4 Kriegsschiffe und 3 Mörserboote, nach $Neapel$. Martin erschien dort am 19. August mit der Forderung, diese Truppen zurückzurufen und verlangte unter Androhung einer Beschießung der Stadt Antwort binnen einer halben Stunde. Der König konnte nun zwar in der kurzen Frist nicht erreicht werden, da er auf einem Landgute weilte, erfüllte aber schon am 20. das Verlangen. 1759 bestieg er als =Karl= III. den spanischen Thron; die Erinnerung an die Vergewaltigung in Neapel zog ihn nun in den beiden nächsten Kriegen auf die Seite Frankreichs. -- =Martin= zerstörte bald darauf im genuesischen =Alassio= Magazine für das spanische Heer. Ferner wurden durch englische Schiffe spanische Transporter in den Häfen der katalonischen Küste vernichtet; 1743 mußte ein Linienschiff im Hafen von Ajaccio in die Luft gesprengt werden, um den Engländern nicht in die Hände zu fallen, und =Genua= ward gezwungen, die Ladung von 15 spanischen Transportern, die von Majorka aus in seinen Hafen eingelaufen waren, nach Corsica zu schaffen, wo die Vorräte bis zum Friedensschluß lagerten.
$1744.$ Endlich, im Jahre 1743, raffte $Frankreich$ sich auf, als es nach =Fleurys= Tode das Bündnis mit Spanien erneuert hatte; man faßte sogar nun $große Pläne für einen Seekrieg$: Vertreibung Englands aus dem Mittelmeer, Wiedereroberung Minorkas und Gibraltars für Spanien; die Vereinigung sämtlicher Seestreitkräfte in den nördlichen Gewässern, um hier die Seeherrschaft zu erringen und durch einen Einfall in Großbritannien die Familie Stuart wiedereinzusetzen, jedenfalls England zum Zurückziehen seines Heeres vom Festlande zu zwingen.
$Versuch einer Landung in England 1744.$ Im November 1743 begannen die Rüstungen hierfür. Prinz =Karl Eduard= (vgl. Seite 53) sollte mit 16 Bataillonen Infanterie und vier Schwadronen Dragoner -- insgesamt gegen 15 000 Mann -- unter dem Marschall Moritz von Sachsen in 32 Transportern von Dünkirchen nach der Themsemündung, wenn möglich nach London, übergeführt werden, der Lieutenant-Général =Comte de Roquefeuil= mit der Brestflotte -- 19 Linienschiffe und 5 Fregatten -- die englischen Seestreitkräfte festhalten, sowie Einschiffung und Überfahrt des Heeres decken. Am 6. Februar 1744 verließ diese Flotte Brest, wurde aber etwa 10 Tage durch Gegenwind beim Kap Lizard festgehalten. Ein englischer Kreuzer, der vor Brest lag, hatte schon das Auslaufen des Feindes gemeldet, ein Begleitschiff eines Konvois nach Westindien brachte wenige Tage später die Nachricht von seinem Erscheinen vor dem Kanal nach London. In England scheint man zwar vorher über den französischen Plan nicht genauer unterrichtet gewesen zu sein, da man sich aber auf den Krieg mit Frankreich vorbereitet hatte, so vermochte man rechtzeitig eine überlegene Flotte an den Downs zusammenzuziehen; nämlich 49 Segel, darunter 21 Linienschiffe von 60 Kanonen aufwärts. =Sir John Norris=, der sie kommandierte, ging jedoch dem Feinde nicht entgegen, da er fürchtete, dieser könne ihm bei Nacht oder unsichtigem Wetter vorbeilaufen.
Am 27. Februar war =Roquefeuil= bei der Insel Wight; hier zweigte er, seiner Order entsprechend, 4 Linienschiffe und eine Fregatte nach Dünkirchen ab, denen insbesondere die Deckung der Einschiffung und Überführung zugedacht war, er selber sollte die englischen Schiffe festhalten. Am 4. (oder 5.) März ankerte er, durch mehrtägigen Sturm aufgehalten, bei Dungeness. Hier trat ihm am nächsten Tage die englische Flotte entgegen; zum Glück für die Franzosen war sie jedoch genötigt, wegen schwachen Windes zu ankern, als sie schon auf sechs Seemeilen heran war, weil die Flut einsetzte. Der sofort berufene Kriegsrat des französischen Geschwaders beschloß, das Unternehmen aufzugeben. Bei Eintritt der Ebbe und gleichzeitig der Dunkelheit ging man schleunigst unter Segel und hatte das Glück, daß mit der Ebbe starker nordwestlicher Wind aufkam, der bald zum Sturm wurde. Als =Norris= am andern Morgen die Flucht des Gegners bemerkte, war keine Aussicht mehr, ihn einzuholen. Die Franzosen erreichten, wenn auch mehr oder weniger vom Sturm beschädigt, Brest; nur die Wetterverhältnisse hatten sie aus einer argen Klemme befreit. Die nach Dünkirchen abgezweigten Schiffe waren am 29. Februar dort angekommen und man hatte sogleich mit der Einschiffung der Truppen begonnen. Die Leute mußten mit Fischerbooten und Küstenfahrzeugen an Bord der auf der Rhede liegenden Transporter gebracht werden, was schon bei mäßig starkem Wind und Seegang sehr gefährlich war. So richtete der Sturm am 6. und 7. März natürlich viel Unheil an; mehrere Boote sowie auch Transporter sanken oder wurden auf den Strand geworfen. Als die Nachricht vom Rückzug der Flotte eintraf, schiffte man die Truppen wieder aus und die Kriegsschiffe gingen nach Brest.
So war der Plan eines Einfalls in England gescheitert; ähnlich wie die früheren war er aussichtslos gewesen. Wenn auch England beträchtliche Seestreitkräfte im Mittelmeer und in Westindien hatte, so verblieben ihm doch genug, um Roquefeuil mit Erfolg entgegenzutreten.
$Die Schlacht vor Toulon, 22. Februar 1744.$ Im Mittelmeer war inzwischen die erste Seeschlacht geschlagen. Lieutenant-Général =de Court= erhielt im November 1743 Befehl, das spanische Geschwader nach Genua (oder nach spanischen Häfen?) zu geleiten; Admiral =Navarro= war jedoch nicht geneigt, in See zu gehen und auch die französische Flotte scheint noch nicht bereit gewesen zu sein. Erst im Januar 1744 unternahm =de Court= eine kurze Erkundungs- oder Übungsfahrt vor dem Hafen, bei der er von =Mathews= höflich salutiert wurde. Dieser hatte kurz vorher in Turin, wo er über gemeinsames Handeln mit dem Landheer beriet, die falsche Nachricht erhalten, die Brestflotte sei in See gegangen und die französisch-spanische Flotte wolle auslaufen, um sich mit ihr zu vereinigen. Er zog deshalb alle Schiffe im Mittelmeer bei den Hyèrischen Inseln zusammen, übernahm selber die Leitung der Blockade von Toulon und trat der feindlichen Seemacht entgegen, die am 19. Februar auf die äußere Rhede gegangen war und am 21. in See erschien. Der französische Oberbefehlshaber hatte, wie der Admiral d'Antin 1740 in Westindien, Anweisung, nur zu fechten, wenn er angegriffen würde; die Instruktionen des englischen Admirals werden diesem dagegen auch den Angriff gestattet haben.
$Die englische Flotte$ unter =Thomas Mathews=[49] zählte 28 Linienschiffe zu 60 Kanonen und darüber; die Vorhut führte Kontreadmiral =Rowley=,
$Die Schlacht vor Toulon, 22. Februar 1744.$
+----------------------------------------------------+ | Englische Französisch-Spanische | | [symbol] [symbol] [symbol] | | Flotte Flotte | +---------------+---------+----------------+---------+ | Schiffe | Kanonen | Schiffe | Kanonen | | | | | | +===============+=========+================+=========+ | | | Vorhut | |Castle | 70 |Borée | 64 | |Warwick | 60 |Toulouse | 60 | |Nassau | 70 |Duc d'Orleans | 74 | |Barfleur | 90 |Espérance | 74 | | (Adm. Rowley) | | (Adm. Gabaret) | | |Caroline | 80 |Trident | 64 | |Berwick | 70 |Alcion | 54 | |Chichester | 80 |Aquilon | 48 | |Boyne | 80 |Eole | 64 | |Kingston | 60 | | | | | | Mitte | |Dragon | 60 |Furieux | 60 | |Bedford | 70 |Serieux | 64 | |Somerset | 80 |Ferme | 74 | |Princesa | 74 |Tigre | 50 | |Norfolk | 80 |Terrible | 74 | |Namur | 90 | (Adm. de Court)| | | (Adm. Mathews)| |St. Esprit | 74 | |Marlborough | 90 |Diamant | 50 | |Dorsetshire | 80 |Solide | 64 | |Essex | 70 |Oriente 1) | 60 | |Rupert | 60 |America 1) | 60 | |Royal Oak | 70 |Neptuno 1) | 60 | | | | Nachhut | |Dunkirk | 60 |Poder | 60 | |Cambridge | 80 |Constante | 70 | |Torbay | 80 |Real Felipe | 114 | |Neptune | 90 | (Adm. Navarro) | | | (Adm. Lestock)| |Isabela | 80 | |Russel | 80 |Hercules | 64 | |Buckingham | 70 |Retiro | 54 | |Elisabeth | 70 |Brillante | 60 | |Revenge | 70 |S. Fernando | 64 | | | |Sobiero | 60 |
1) Spanische Schiffe, die der Division de Court zugeteilt waren.
Zu den Schiffen der Tabelle traten als nicht in die Schlachtlinie eingestellt: bei den Engländern 5 Schiffe mit 50, 2 mit 40, 2 mit 20 Kanonen und 2 Brander; bei den Verbündeten 4 Schiffe mit 20 Kanonen und 3 Brander.
die Nachhut Vizeadmiral =Lestock=[50]. $Die verbündete Flotte$ unter =de Court=[51] bestand gleichfalls aus 28 Linienschiffen; die Vorhut führte der Chef d'Escadre =Gabaret=, die Nachhut Admiral =Navarro=. Diese bestand aus den spanischen Schiffen, von denen jedoch drei der Mitte zugeteilt waren. Man sagt, de Court habe sie sämtlich zwischen die französischen Schiffe verteilen wollen, doch sei Navarro hierauf nicht eingegangen. An Zahl der Linienschiffe waren beide Flotten gleich, aber die Engländer besaßen schwerere Schiffe und ihre Überlegenheit wurde dadurch noch größer, daß sie über 4 Schiffe zu 50 Kanonen, 2 zu 40, sowie 2 zu 20 (dazu 2 Brander) verfügten, die auf die Divisionen verteilt waren, während die Gegner zwei Schiffe zu 50 Kanonen in die Linie eingestellt hatten und außer der Linie nur 4 Schiffe zu 20 Kanonen (sowie drei Brander) besaßen (vgl. die Angaben auf der Skizze der Schlacht). Die Überlegenheit der Engländer kam aber nicht zur Geltung, da sich ihre Nachhut nicht am Kampfe beteiligte.
[49] =Thomas Mathews=, geb. 1676, Kapitän 1703, zeichnete sich im Spanischen Erbfolgekriege aus, wurde 1742 Vizeadmiral, 1743 Admiral; infolge der Schlacht vor Toulon durch kriegsgerichtlichen Spruch aus der Marine entlassen. Er war ein tüchtiger Offizier von vornehmem Charakter, gehorsam als Untergebener, fest, aber schroff als Vorgesetzter. Ehe er das Kommando übernahm, hatte er das Verlangen auf Abberufung Lestocks gestellt; das erfolgte Versprechen ward vergessen oder nicht beachtet.
[50] =Richard Lestock=, 1743 Kontre- und bald darauf Vizeadmiral, war sehr von sich eingenommen, hart als Vorgesetzter, schwierig als Untergebener, tapfer aber ohne weiten Blick; sehr unbeliebt in der Marine, hatte er sich auch gleich beim Eintreffen Mathews respektlos gegen diesen gezeigt. Nach der Schlacht vom Dienst suspendiert und in Untersuchung gezogen, wurde er freigesprochen und auch weiter verwendet und befördert.
[51] =Labruyère de Court=, geb. 1666, Gardemarine 1684, Leutnant 1689, Kapitän 1695, Chef d'Escadre 1715, Lieutenant-Général 1720, Vizeadmiral 1750, war ein tüchtiger Offizier, hatte unter Duquesne und Tourville gedient und in der Schlacht bei Malaga das Flaggschiff geführt; jetzt aber zählte er 78 Jahre und hatte im Laufe der letzten 34 Jahre nur ein Bordkommando gehabt.
$Der Verlauf der Schlacht vor Toulon$[52]. Die französisch-spanische Flotte hatte schon am 20. Februar auslaufen wollen, sah sich jedoch durch den Zusammenstoß zweier Schiffe zum Wiederankern genötigt. Die englische Flotte hatte an diesem Tage gleichfalls Anker gelichtet, gegen schwachen westlichen Wind aufgekreuzt und abends wieder in der Bucht von Hyères geankert. Am 21. gingen die Verbündeten in See; die Engländer versuchten heranzukommen; dies war ihnen aber bei dem zu schwachen, jetzt östlichen Winde mit schwerem westlichen Seegange nicht möglich; sie konnten nicht einmal eine gute Ordnung einnehmen. Am Abend gab =Mathews=, 4-5 Seemeilen vom Feinde entfernt, den Befehl zum Beidrehen; =Lestock= stand mit der Nachhut noch weit von der Mitte ab, dennoch folgte er dem Befehle, anstatt erst näher heranzusegeln. Während der Nacht vergrößerte der Feind die Entfernung, ohne daß die englischen Beobachtungsschiffe es bemerkten. Am 22. bei Tagesanbruch standen die Engländer in loser Ordnung -- über neun Seemeilen vom vordersten bis zum hintersten Schiffe -- etwa 12 Seemeilen SSO. vom Kap Sicié und acht Seemeilen nordöstlich vom Gegner, der bei leichtem östlichem Winde in Kiellinie über Steuerbordbug nach Süd steuerte. =Lestock= mehrte nun allerdings sofort Segel, um zur Mitte heranzukommen; da aber =Mathews= schon um 6-1/2 Uhr vormittags den Befehl zum Segelmehren für die ganze Flotte gab, blieb die Nachhut auch weiterhin etwa fünf Seemeilen von der Mitte ab. Um 8 Uhr folgte der Befehl, über Steuerbordbug die Kiellinie zum Angriff zu bilden, und als dieses Manöver, infolge des flauen Windes nur langsam und unvollständig, um 11-1/2 Uhr von Vorhut und Mitte ausgeführt war, auch das Signal »Angreifen«, wobei jedoch das für »Kiellinie« wehen blieb; =Lestock= beantwortete das Signal »Angreifen« nicht. Die Verbündeten waren in leidlich guter Ordnung, nur die Nachhut stand etwas zurück und in dieser wieder die letzten fünf Schiffe.
[52] Schilderung nach: Mahan, Band I; Lacour, Band I; Clowes, Band III, in dem die genauesten Angaben und aus dem auch die Schiffsliste entnommen ist.
Langsam überholten die Engländer den Gegner. Um 1 Uhr nachmittags war =Mathews= (»Namur«) querab von =Navarro= (»Real Felipe«) und =Rowley= »Barfleur«) von =de Court= (»Terrible«). Jetzt hielt Mathews mit dem Flaggschiff aus der Kiellinie ab und legte sich auf Pistolenschußweite neben Navarro; er ward unterstützt durch seinen Vordermann »Norfolk« und seinen Hintermann »Marlborough«, die »Constante« und »Isabela« angriffen. Die Besorgnis, der Gegner könne sich dem Kampfe entziehen, verleitete =Mathews= zum Angriff, ehe die Flotte in guter Ordnung und ehe die Nachhut herangekommen war. Admiral =Rowley= folgte dem Beispiel und hielt auf =de Court= ab, auch er wurde durch seine beiden Hinterleute unterstützt; hier fochten also »Barfleur«, »Prinzeß Carolina« und »Berwick« gegen »Terrible«, »Esprit« und »Diamant«. Das Gefecht scheint jedoch ein laufendes gewesen zu sein (auch nicht auf so nahe Entfernung wie bei Mathews), denn die Lücke zwischen Nachhut und Mitte der Verbündeten vergrößerte sich; der Kampf der englischen Schiffe mit den spanischen erfolgte dagegen mit kleiner Fahrt, und die letzten fünf Spanier kamen infolgedessen nach und nach auf.
Die sämtlichen übrigen englischen Schiffe beteiligten sich, wenig oder gar nicht am Kampfe. Die drei Spitzenschiffe der Vorhut griffen nicht an, denn sie wollten dadurch die Vorhut der Verbündeten hindern, zu wenden und dann die englische Flotte von Luward her zu dublieren. Die drei Schiffe hinter »Berwick« blieben auch in der Kiellinie und so weit ab, daß sie nur ein wenig erfolgreiches Feuer mit den drei Spaniern wechseln konnten, die als letzte der französischen Mitte zugeteilt waren. Ebenso verfuhren die vier ersten Schiffe der englischen Mitte, die nur anfangs auf die ebenerwähnten Spanier und dann auf »Poder« feuerten; dieser scheint schwer beschädigt worden zu sein. Von den letzten vier Schiffen der englischen Mitte (Dorsetshire und Hinterleute) berichten die Quellen beim ersten Angriff nichts; da sie ihren Platz in der Kiellinie nicht verließen und da ihre Gegner noch nicht heranwaren, blieben sie wohl ganz untätig.
Hervorzuheben ist das Verhalten des Kapitäns =Hawke=, des später berühmten Flottenführers. Als Kommandant des »Berwick« hatte er den weit schwächeren »Diamant« gegenüber, der dem Kampf auswich; als er nun sah, daß »Poder« zwar lebhaft beschossen, aber doch nicht im Nahkampf angegriffen war, verließ er seinen Platz in der Vorhut, segelte zu dem genannten Schiffe nahe heran und zwang es zur Übergabe. Heiß war der Kampf bei =Mathews=. Zwar trieb »Norfolk« den »Constante« nahezu als Wrack aus der Linie und »Real Felipe« sowie »Isabela« erlitten großen Verlust an Mannschaft, aber auch die englischen Schiffe wurden so schwer in der Takelage beschädigt, daß sie ihren Vorteil nicht ausnutzen konnten. Der Admiral gab einem Brander den Befehl, das spanische Flaggschiff anzuzünden. Dieser ging unter furchtbarem Feuer des Gegners vor, als er jedoch, schon fast sinkend, genötigt war, selber zu schießen, um spanische Boote abzuwehren, geriet er durch das eigene Feuer in Brand und flog auf, ehe er sein Opfer erreicht hatte.
Etwa drei Stunden waren verflossen, seit Mathews den Kampf begonnen hatte, da gab =de Court= seiner Vorhut und Mitte den Befehl zu wenden, um den Spaniern Hilfe zu bringen; die englische Vorhut wendete gleichfalls. Zu dieser Zeit waren die fünf letzten Spanier aufgesegelt und griffen in das Gefecht bei ihrem Admiral ein; =Lestock=, der nun auch näher herangelangt war, bemühte sich infolge zu flauen Windes mit schwerer See vergeblich, dies zu hindern. Jetzt brach =Mathews= den Kampf ab und gab das Signal, die Kiellinie über Backbordbug zu bilden; er wollte vor allem die Ordnung herstellen, weil er eine Wiederaufnahme des Kampfes durch die langsam herankommenden Franzosen erwartete. Das Manöver erfolgte und führte zu einem Gefecht zwischen den letzten Schiffen der englischen Mitte und den letzten Spaniern, als sie sich auf entgegengesetzten Kursen begegneten.
Die Franzosen, die beim Herankommen den entmasteten »Poder« wiedergenommen hatten, waren in Unordnung geraten, und die spanischen Schiffe lagen in einem wirren Haufen um ihren Admiral. Infolge des flauen Windes hatten alle Manöver sehr viel Zeit gekostet: das Wenden der Schiffe (viele hatten halsen müssen), das Abbrechen des Kampfes seitens der Engländer (»Marlborough« mußte mit Booten weggeschleppt werden), das Entwirren auf beiden Seiten. So brach die Nacht herein, ehe die Ordnung hergestellt war, und der Kampf war zu Ende.
Die Gegner lagen die Nacht über in Sicht voneinander. Am anderen Morgen stieß das englische Schiff »SSomerset« auf das spanische »Hercules«; beide waren von ihren Flotten versprengt. Der Engländer griff an, mußte jedoch bald abbrechen, da einige Franzosen herankamen.
Die =Verluste= waren =auf englischer Seite= nicht groß. Zwar waren drei Schiffe stark beschädigt (Mathews mußte am nächsten Tage seine Flagge auf einem anderen setzen), aber der Mannschaftsverlust war unbedeutend. Von den hauptsächlich beteiligten Schiffen hatten die drei der Vorhut etwa 80, die drei der Mitte 200 Tote und Verwundete (davon »Marlborough« allein 160), darunter zwei Kommandanten. =Die Spanier= verloren den »Poder«, der zwar zurückerobert war, aber am nächsten Tage wegen Seeuntüchtigkeit verbrannt werden mußte; die am Kampf beteiligten Schiffe hatten sehr gelitten, »Real Felipe« mußte geschleppt werden. Der Mannschaftsverlust war sehr bedeutend, so hatten z. B. »Isabela« 300, »Real Felipe« 500 Tote und Verwundete. Der Kommandant des Flaggschiffes wurde schon bei Beginn des Kampfes schwer verwundet; nach französischen Angaben verließ mit ihm auch der leicht getroffene Admiral das Deck, und nur dem zweiten Kommandanten, einem französischen Seeoffizier =de Lage=, soll der heldenmütige Widerstand des Schiffes zu danken sein. Der =Verlust der Franzosen= ist nicht bekannt. Er wird unbedeutend gewesen sein; die französischen Quellen bezeichnen nämlich das Feuergefecht, das ihre Schiffe führten, als »ziemlich matt«, und die englischen Schiffe, die mit ihnen fochten, haben ja auch nur geringe Verluste gehabt.
=Die Schlacht blieb taktisch unentschieden=; beide Flotten behaupteten vorläufig das Feld. Meist wird sie als ein Sieg der Engländer bezeichnet, doch nicht mit Recht. Allerdings gaben die Verbündeten die Fahrt nach Genua auf -- falls sie diese überhaupt beabsichtigt haben --, aber sie nahmen am 23. Februar Kurs nach Spanien, wobei die Franzosen zwischen den Spaniern und dem Gegner segelten, und kamen unbelästigt nach Cartagena; die französische Flotte ging dann im April gleichfalls ungestört nach Toulon zurück, auf der Fahrt fielen ihr einige englische Kauffahrer in die Hände. Hieraus sowie aus dem längeren Stilliegen der englischen Flotte in Port Mahon leiten die Franzosen als Erfolg der Schlacht ab, daß sie für einige Zeit die See freigemacht hätten. =Mathews= war nämlich am 23. dem Feinde gefolgt, gab dies aber am nächsten Tage auf. Er hatte erfahren, daß in Spanien neue Verstärkungen für das Heer in Italien zusammengezogen seien, und wollte diesen nicht dadurch den Weg freigeben, daß er sich nach Süden abziehen ließ. Hätte er die Verfolgung fortgesetzt, so wären ihm wahrscheinlich einige der in der Takelage beschädigten Schiffe zum Opfer gefallen oder der Feind hätte sich aufs neue zum Kampf stellen müssen, um diese zu decken. So aber zeigte sich =Mathews= nur noch in der Bucht von Rosas und ging dann nach Port Mahon; hier entsetzte er =Lestock= vom Kommando und sandte ihn nach England.
$Die Bedeutung der Schlacht vor Toulon für die Seekriegsgeschichte$ liegt nicht in ihren kriegerischen Ergebnissen, sondern in dem Einblick, den sie in den Stand der Taktik (vgl. Seite 36) und in einige Verhältnisse der Marinen gewährt. =In England= war man entrüstet über ihren geringen Erfolg, und auf Drängen des Parlaments wurden Mathews, Lestock sowie elf Kommandanten der Vorhut und Mitte in =kriegsgerichtliche Untersuchung=[53] gezogen. Dem Flottenchef warf man grobe Verstöße gegen die Gefechtsvorschriften vor. Diese verlangten bekanntlich, die Flotte in Kiellinie neben die feindliche Linie zu führen, Spitze neben Spitze, und dann Schiff gegen Schiff zum Angriff abzuhalten, jedes Schiff sollte bis dahin auf seinem Platze in der Linie bleiben. =Mathews= hatte aber das Beispiel für den Angriff gegeben, ehe Spitze gegen Spitze stand; durch kriegsgerichtlichen Spruch wurde er kassiert. Allerdings hat er gegen den Buchstaben der Vorschrift verstoßen, aber er handelte doch mit Überlegung und würde voraussichtlich großen Erfolg gehabt haben, wenn seine Untergebenen ihm sämtlich gefolgt wären. Der Augenblick zum Angriff war sicher günstig gewählt. Die Schiffe beim spanischen Admiral waren dem Angriff der ganzen englischen Mitte ausgesetzt; gegen das Zurückkommen der Franzosen, das bei dem flauen Winde lange gewährt haben würde, deckte die Vorhut, und die zurückgebliebenen spanischen Schiffe wären zur Unterstützung zu spät gekommen, auch würde ihnen die englische Nachhut entgegengetreten sein, wenn Lestock sofort mit raumem Winde abgehalten hätte. Der Admiral wurde ein Opfer des Streites zwischen den Verteidigern einer freieren Auffassung und denen der schematischen Befolgung der taktischen Vorschriften, bei dem diese die Überhand behielten. Die Verurteilung des Admirals =Mathews= trug aber dazu bei, daß von nun an die englischen Flottenführer sich peinlich an den Wortlaut der Vorschriften hielten, und =Clerk= (vgl. Quellenverzeichnis) sagt in seinem berühmten Werke über Taktik mit Recht: »Dieses kriegsgerichtliche Urteil muß als die eigentliche Quelle der späteren Mißerfolge zur See angesehen werden.« Die erste Schlacht im nächsten Kriege (bei Minorka 1756) wird ein schlagendes Beispiel hierfür geben. -- Der Admiral =Lestock= und die 11 Schiffskommandanten wurden der Nichtbefolgung der Befehle oder der mangelhaften Beteiligung am Kampfe angeklagt. =Lestock= führte an, daß die beiden Signale: »Kiellinie bilden (bzw. halten)« und »Angreifen« gleichzeitig geweht hätten. Er habe mithin den zweiten Befehl nicht ausführen können, ohne gegen den ersten zu verstoßen, auch sei ja die Flotte noch nicht in der für den Angriff vorgeschriebenen Stellung gewesen. Auf diese künstliche Verteidigung hin wurde er freigesprochen.
[53] Näheres über diese berühmten Kriegsgerichte, mit Angabe weiterer Quellen, vgl. Clowes, Band III, Seite 103.
Die englischen Quellen urteilen schroff über =Lestock=. So schreibt Clowes, Lestock habe sich wohl gesagt: »Laß =Mathews= tun, was er will; wenn es auch zum Schaden ausschlägt, halte ich mich an die Vorschrift und bin so sicher.«
Von den =angeklagten Kapitänen= starb einer, ein anderer wurde fahnenflüchtig, zwei (die von »Somerset« und »Princesa«) wurden freigesprochen; sieben aber wurden entlassen oder im Dienstalter zurückgesetzt. Von den Entlassenen stellte der König drei sofort wieder an; es waren dies die Kommandanten der 3 Spitzenschiffe, die nicht angegriffen hatten, um die französische Vorhut am Dublieren zu hindern. Das schwächliche Verhalten der übrigen Angeschuldigten hat wohl tatsächlich seinen Grund darin gehabt, daß sie bei der Wahl zwischen dem Befolgen des Beispiels ihres Admirals und dem Festhalten an der Norm nicht zum Entschluß kommen konnten; jedenfalls zeigt ihr Benehmen Mangel an Verständnis für die Absichten ihres Führers und läßt zu dieser Zeit den alten Schneid im englischen Offizierkorps vermissen.
Hieraus sind $wichtige Lehren$ zu ziehen. =Mahan sagt= (Band I, Seite 256 ff., hier gekürzt): »Die Untüchtigkeit der englischen Kommandanten, die sich hier, aber auch bei anderen Gelegenheiten zeigte, erklärte zum Teil, daß England aus seiner Überlegenheit zur See in diesem Kriege nicht den vollen Nutzen zog. Man kann nun nicht annehmen, daß so viele englische Seeleute aus Feigheit -- einer so niedern und seltenen Untugend -- versagt haben; vielmehr trug Mangel an geistiger Vorbereitung und an militärischer Leistungsfähigkeit die Schuld daran. Dies gibt allen Offizieren die Lehre, wie notwendig es ist, im Frieden den Geist durch das Überdenken der Lagen, in die sie im Kriege kommen können, vorzubereiten und zu festigen, damit die Stunde des Kampfes sie nicht unvorbereitet findet und vielleicht in Unehre bringt.«
=Wir müssen wohl noch hinzufügen=, daß die Offiziere auch im Frieden durch möglichst kriegsmäßige Gefechtsmanöver hierin zu unterstützen sind. Die englischen Kommandanten in der Schlacht vor Toulon verstanden die Absicht ihres Chefs nicht; Manöver im Frieden müssen anstreben, ein gegenseitiges Verstehen zwischen Vorgesetzten und Untergebenen herbeizuführen, die Entschlußfähigkeit zu fördern, sowie endlich und nicht am wenigsten dahin zu wirken, daß die formale Taktik nicht verknöchert, sondern als eine angewandte im Geiste aller selbständigen Führer lebt.
=Mahan führt weiter an=: »Auch hat vielleicht das teilweise vorhandene Übelwollen der Kommandanten gegen ihren schroffen Vorgesetzten mitgewirkt. Es ist wohl am Platze, auf den Einfluß einer gewissen Herzlichkeit und des Wohlwollens seitens der Vorgesetzten gegen ihre Untergebenen hinzuweisen. Sie gehören vielleicht nicht notwendig zum militärischen Erfolge, aber sie geben dem zu diesem nötigen Elemente einen belebenden Hauch, der möglich macht, was sonst unmöglich wäre. Sie erzeugen einen Grad von Hingebung und Heldentum, den die schärfste, aber nicht so veredelte Manneszucht niemals erreicht. Zweifellos ist dies natürliche Anlage beim Vorgesetzten; wohl das leuchtendste Beispiel dieser Art unter den Seeleuten war Nelson.«
Auch für die anderen Marinen bieten die Ereignisse der Schlacht Bemerkenswertes. In =Frankreich= und in =Spanien= erregte ihr Verlauf gleichfalls Entrüstung. Spanien beschwerte sich über ungenügende Unterstützung seiner Schiffe durch die Franzosen. Der Admiral =de Court= wandte dagegen ein, die Unordnung im spanischen Geschwader habe den Angriff der Engländer überhaupt nur hervorgerufen, er habe dann Navarro vor der Vernichtung bewahrt. Trotzdem wurde de Court vom Kommando abgelöst und nicht mehr verwendet, wenn er auch noch 1750 den Titel des Viceadmirals du Ponant erhielt. Gegenüber dem Schicksal Mathews und de Courts wirkt der Umstand fast erheiternd, daß der spanische Admiral =Navarro= »wegen seines Sieges« zum Vizeadmiral befördert wurde.
Die völlige Untätigkeit der französischen Schiffe, die nicht selber angegriffen wurden, bleibt allerdings auffällig. Keine Quelle spricht sich über den Grund hierfür aus, nur =Lacour= deutet an, daß die Kommandanten vielleicht unter dem Einfluß des Befehls für den Admiral gestanden hätten: nur zu fechten, wenn er angegriffen werde. Dies wäre seltsam, denn ihr Admiral war ja im Kampfe. Erwarteten sie nun trotzdem ausdrücklichen Befehl zum Eingreifen; wagten sie ohne solchen nicht, die Linie zu verlassen; hielten sie den Versuch, an den zu Luward stehenden Feind heranzukommen, bei dem flauen Winde für aussichtslos? Einige Quellen (Mahan; Chevalier I, vgl. Quellenverzeichnis) sagen, de Court habe schon, ehe er später mit der ganzen Flotte wendete, der Vorhut Befehl zum Wenden gegeben, um den Gegner zu dublieren. Wenn dies richtig ist, warum befolgte =Gabaret=, der Führer der Vorhut, den Befehl nicht? Hielt auch er es bei den Windverhältnissen für unausführbar oder sah er sich tatsächlich durch das Verhalten der englischen Spitzenschiffe daran gehindert?
Vielleicht sprach ein anderer wichtiger Umstand bei dem Verhalten der französischen Schiffe mit. Wir erwähnten schon, daß während der langen Friedenszeit die Beförderung in der französischen Marine vollständig stockte. Nun gibt Lacour (Seite 464 ff.) Personalangaben über die Offiziere der in den Kriegen Ludwigs XV. verwendeten Schiffe. Danach war bei Toulon der Admiral de Court 78 Jahre alt, Admiral Gabaret hatte eine Dienstzeit von 56 Jahren, die eine Hälfte der Kommandanten eine solche von 52, die andere von 40-45 Jahren; es kommen mithin, wenn man den Diensteintritt mit 15 Jahren annimmt, Lebensalter von 70-67 und 55-60 heraus, und wir wissen, daß die Offiziere seit langen Jahren wenig zur See gefahren hatten. Da konnte man hervorragende Unternehmungslust von den französischen Kommandanten allerdings wohl kaum erwarten. Der englische Admiral Rowley war 54 Jahre alt; die Kommandanten, die sich besonders auszeichneten, der des »Berwick« zählte 39, der des »Norfolk« 30 Jahre.
Der Krieg in den europäischen Gewässern 1744-1748.
Erst nach der Schlacht vor Toulon erklärte Frankreich am 15. März 1744 den Krieg, England antwortete am 29. Es forderte jetzt von Holland die vertragsmäßige Hilfe, die jedoch nur schwach ausfiel[54].
[54] Vgl. Seite 59: Die Beteiligung der holländischen Marine an diesem Kriege, sowohl im Verein mit der englischen wie auch selbständig, war sehr unbedeutend; sie soll zu Ende dieser Schilderung des Krieges in den europäischen Gewässern kurz zusammengefaßt werden.
$Das Jahr 1744$ brachte weder im Atlantik noch im Mittelmeer Ereignisse von Bedeutung, obgleich größere Flotten beider Gegner tätig waren. Von England gingen im Frühjahr Verstärkungen nach Ostindien (Kommodore =Barnet=), sowie nach Westindien (Vizeadmiral =Davers=) ab. Ferner segelten im April ein Konvoi Kauffahrer und mehrere Transporter mit Vorräten für die Mittelmeerflotte und die österreichisch-sardinische Armee unter dem Schutz des Vizeadmirals =Hardy= mit 11 Linienschiffen nach =Lissabon=; Hardy führte seine Schutzbefohlenen nach Lissabon, von wo sie unter schwächeren Bedeckungen gruppenweise ihre verschiedenen Wege einschlagen sollten, und kehrte im Mai nach England zurück; aber bald nachdem er Lissabon verlassen hatte, wurden die Kauffahrer und Transporter dort von einem französischen Brestgeschwader, 14 Linienschiffen unter dem Chef d'Escadre =Rochambeau=, blockiert.
=Im Kanal= standen die englischen Seestreitkräfte, die den Handel in und vor diesem Meere schützen sollten, unter dem Admiral =Sir John Balchen=. Als Anfang August das holländische Hilfsgeschwader zu diesem stieß, unternahm er mit 14 englischen und 8 holländischen Linienschiffen eine Kreuztour vor dem Kanal, auf der am 23. August 6 reichbeladene französische Westindienfahrer gefangen wurden. Anfang September erhielt Balchen Kenntnis von der Blockade Lissabons, ging dorthin und führte die Transporter nach =Gibraltar=; Rochambeau hatte beim Nahen der Engländer die Blockade aufgegeben und war in Cadiz eingelaufen; Balchen segelte, ohne auf den Feind zu stoßen, nach England zurück.
Auf dieser Rückfahrt zerstreute ein schwerer Sturm am 13. Oktober 1744 die Flotte, und =das Flaggschiff »Victory« ging mit der ganzen Mannschaft verloren=. Es galt als das stolzeste und beste Kriegsschiff jener Zeit, führte 110 Kanonen und gegen 1000 Mann, darunter 50 Volontäre aus guten Familien. Der Unfall wurde vielfach auf Konstruktionsfehler zurückgeführt und als ein Beispiel für die Unhandlichkeit und Unsicherheit der großen Dreidecker angesehen. Wahrscheinlich aber ist das Schiff auf Klippen in der Nähe von Alderney gescheitert; man hat auf der Insel Notschüsse gehört.
=Im Mittelmeer= hatte die englische Flotte ihre durch die Schlacht vor Toulon erlittenen Beschädigungen in Mahon ausgebessert und dann die Beobachtung der französischen Flotte in Toulon, die der spanischen in Cartagena, die Unterbindung der Zufuhren nach Italien und vor allem auch den Schutz des englischen Handels wieder aufgenommen; =Mathews= wurde im September nach England zurückgerufen, und =Rowley= übernahm das Kommando. In Spanien erwartete man um diese Zeit die Rückkehr der Silberflotte. Um deren Eintreffen zu sichern, lief Ende September ein französisches Geschwader von 16 Linienschiffen unter dem Chef d'Escadre =Gabaret= von Toulon aus; es sollte sich mit der spanischen Flotte oder mit =Rochambeau= vereinigen. Rowley erhielt erst nach 14 Tagen hiervon Nachricht; er ging mit einem Teil seiner Flotte zur spanischen Küste und bis Gibraltar, fand hier die erwähnten Transporter, stieß aber nicht auf den Feind. Scheinbar ist Rochambeau von Cadiz aus dem Toulongeschwader entgegengegangen, infolge eines schweren Sturmes aber segelten beide nach ihren Ausgangshäfen zurück, ehe sie sich getroffen hatten. Vom Toulongeschwader wurde eine Division (Chevalier =de Caylus=) nach Westindien abgezweigt.
Die Angaben über 1744 und 1745 sind in den englischen wie in den französischen Quellen ungenau und lückenhaft. So führen die englischen Quellen und auch Troude den Admiral Gabaret als Chef des erwähnten Geschwaders an, während er nach Lacour bereits am 21. Juni 1744 gestorben ist, kurz nachdem er für de Court das Kommando in Toulon übernommen hatte. Lacour sagt, der Minister Maurepas sei im Mai in Toulon gewesen, um verschiedene Mängel abzustellen. Nach Gabarets Tode habe er dann keinen neuen Oberbefehlshaber für das Mittelmeer ernannt, sondern die Flotte hier in fünf selbständige Divisionen zu je 4-5 Linienschiffen geteilt; diese Maßregel habe sich durch erfolgreiche kleine Unternehmungen, Handelsschutz, Verbindung mit Italien u. dgl., in den nächsten Jahren bewährt. Wenn dies richtig ist, so hat die Streitkraft an der spanischen Küste 1744 vielleicht aus einigen dieser Divisionen bestanden; es werden nämlich auch Entsendungen nach Cadiz und Gibraltar erwähnt, sowie daß eine der Divisionen von de Caylus geführt sei, von dessen Abfahrt nach Westindien vorhin berichtet wurde.
$Im Jahre 1745$ fiel der englischen Flotte =im Mittelmeer= auch noch die Beobachtung des französischen Geschwaders in Cadiz zu; sie wurde deshalb in drei Hauptgeschwader zur Bewachung von Cadiz, Cartagena und der Küste Italiens geteilt. Außerdem mußte sie eine größere Division (Vizeadmiral =Townsend=) für Westindien abgeben. Diese Umstände erklären wohl, daß den Franzosen, wie ihre Quellen sagen, in diesem Jahre verschiedene kleinere Expeditionen nach der Küste Italiens geglückt sind. Ihr Landheer drang in Norditalien siegreich vor, auch neapolitanische Truppen waren wieder im Felde. Ferner trat =Genua= auf Frankreichs Seite; eine Division der englischen Flotte beschoß deshalb einige Küstenplätze dieser Republik und unterstützte die gegen sie aufgestandenen Corsicaner bei der Eroberung von Bastia.
Vom =Kanal und Atlantik= berichten die Quellen für das Jahr 1745 außer Zusammenstößen zwischen einzelnen Schiffen oder ganz kleinen Divisionen[55] wenig. Erwähnenswert ist, daß es den Franzosen auch von Brest aus glückte, zweimal Verstärkungen an Kriegsschiffen nach Westindien zu senden, deren eine einen großen Konvoi von Kauffahrern und Transportern deckte; dagegen war es nicht gelungen, rechtzeitig eine Unterstützung nach Nordamerika auslaufen zu lassen, um die bedrohte Festung Louisbourg zu retten. Ferner fällt in dieses Jahr =die Erhebung Schottlands=. Ihr Verlauf ist auf Seite 53 geschildert, hier sei das seemännisch Bemerkenswerte hinzugefügt.
[55] Die zahlreichen kleinen Gefechte, die bei der Ausübung des Kleinen und Handelskrieges sowie auch bei der Beobachtung der französischen Häfen durch die Engländer vorfielen, übergehen wir. Man findet die bemerkenswertesten in den Spezialwerken, so z. B. in Clowes, Kapitel »Minor actions«, und in Troude.
$Prinz Karl Eduard In Schottland 1745.$ Der Prinz schiffte sich Mitte Juni in St. Nazaire auf einem kleinen Fahrzeuge (»Dentelle«, 18 Kanonen), mit nur wenigen Begleitern, mit Waffen für 2000 Mann und etwa 2000 Lstrl. an Geldmitteln, ein. Ein für Freibeuterzwecke ausgerüstetes Schiff der Königlichen Marine (»Elisabeth«, 64 Kanonen) sollte zum Schutz dienen und schlug auch auf der Höhe von Brest den Angriff des englischen Kreuzers »Lion« von 50 Kanonen ab; ohne weitere Belästigung erreichte dann der Prinz im Juli Schottland. Seine anfänglichen Erfolge sind bekannt, doch erhielt er von Frankreich zu geringe Unterstützung. Die meisten der kleineren Fahrzeuge (Freibeuterschiffe), mit denen seine Anhänger in Frankreich ihm Freiwillige sowie Hilfsmittel senden wollten, wurden von den englischen Geschwadern weggefangen, die im Kanal und an der schottischen Küste kreuzten; das Gros der Kanalflotte unter =Admiral Vernon= beobachtete von den Downs aus Dünkirchen und Calais auf eine ernstere Bedrohung durch Frankreich. Es gereicht aber der englischen Marine nicht gerade zum Ruhme, daß es im Dezember 1745 einer Flottille von 7 Fahrzeugen gelang, bei Montrose 700 Mann zu landen und einen Angriff englischer Schiffe abzuweisen; auch im Mai 1746 schlugen zwei Freibeuter kleine englische Kriegsschiffe aus dem Felde und brachten einige schottische Rebellenführer nach Frankreich. Im Herbst desselben Jahres holte ein französischer Freibeuter den Prinzen von den Hebriden nach der Bretagne zurück; dies war der dritte Versuch, den Prinzen zu retten.
Die französischen Marineschriftsteller vertreten die Ansicht, daß für Frankreich nie, weder zur Zeit Ludwigs XIV. noch später während der Republik und des Kaiserreichs, eine so =günstige Gelegenheit zu einem Einfall in England= sich geboten habe, wie bei dieser Erhebung Schottlands; auch englische Autoren bezeichnen die damalige Lage als gefährlich. England war von Truppen entblößt und in Belgien geschlagen; die englischen Seestreitkräfte scheinen anfangs schwach und zerstreut gewesen zu sein. (Der Oberbefehlshaber =Vernon=, allerdings durch seine Opposition bekannt, sprach der Admiralität gegenüber spöttisch von »zwei Flaggoffizieren in den Downs mit noch einem 40-Kanonenschiff, um damit die Schlachtlinie zu bilden«.) Auch in Frankreich erhoben sich gewichtige Stimmen für die Benutzung der günstigen Gelegenheit und für die Ausführung des Planes von 1744. Vorbereitungen wenigstens wurden getroffen. Lacour berichtet hierüber (A. a. O. Seite 158 ff; hier im Auszuge):
»Dem Prinzen Karl Eduard war von einflußreichen Personen gesagt, wenn er in Schottland gelandet sei, so könne der König nicht umhin, ihn zu unterstützen. Der Marschall de Noailles erklärte dem Könige, wenn er in London wirklich die Messe lesen lassen wolle, so müsse er jetzt 30000 Mann hinübersenden. -- Gegen 30000 Mann waren unter dem =Herzog von Richelieu= bei Calais versammelt und man traf Vorbereitungen zur Überführung, ja es scheint einige Male schon mit der Einschiffung begonnen zu sein; =Voltaire= hatte einen Aufruf an das englische Volk entworfen. -- Während 72 Stunden, vom 31. Dezember 1745 bis zum 3. Januar 1746, wehte SSO-Wind, den Weg freimachend von der englischen Flotte und der Überfahrt günstig; Vernon schrieb in jener Zeit an den Kommandanten von Deal, er würde nicht imstande sein, unter diesen Umständen die Überfahrt der Franzosen zu hindern. Jetzt hatte aber weder der König, noch die Minister, noch Richelieu mehr Interesse für den Plan, und im Februar erklärte Moritz von Sachsen, daß Richelieu ihm von unüberwindlichen Hindernissen berichtet und ihm die für das Unternehmen bestimmten Truppen zurückgesandt habe.«
Lacour schließt mit der Bemerkung, man höre in den Aufzeichnungen jener Zeit das Echo der allgemeinen Entrüstung in Frankreich über das Aufgeben des Planes. Nun, so ganz leicht wäre die Ausführung doch wohl nicht gewesen und im Winter 1745/46 war es sicher schon zu spät. Um diese Zeit hatte man in England die Verteidigung planmäßig geordnet; die Hauptflotte lag in den Downs und je ein Geschwader in Plymouth, in der Themsemündung sowie vor der schottischen Küste, abgezweigte Divisionen und einzelne Kreuzer schwärmten auf See.
$Im Jahre 1746$ stand der Krieg in Flandern für England schlecht; die Franzosen hatten sich Belgiens bemächtigt und bedrohten Holland; dabei hatte man von diesem Kriegsschauplatze Truppen gegen die Schotten abberufen müssen. Man beabsichtigte deshalb, durch einen =Vorstoß gegen die französische Küste= (=gegen Lorient=) französische Truppen aus Flandern wegzuziehen und so gleichzeitig der öffentlichen Meinung Rechnung zu tragen. Schon früher waren Vorbereitungen getroffen, den Kolonisten in Amerika eine ansehnliche Hilfstruppe zu einem Angriff auf Quebec zu senden. Frankreich erhielt hiervon Kenntnis und traf die gleiche Maßregel, sandte zur Wiedereroberung Louisbourgs von Brest Ende Juni 11 Linienschiffe unter dem =Duc d'Anville= nebst einem Truppentransport ab, während die englische Expedition unterblieb. Um die dadurch in England hervorgerufene Entrüstung zu besänftigen, erklärte die Regierung, daß die für die Kolonie gesammelten Kräfte jetzt gegen Frankreich selber verwendet werden würden.
Nach einigen englischen Quellen ist es bis jetzt nicht aufgeklärt, weshalb die Unterstützung für Amerika nicht entsendet wurde; andere führen an, die Expedition sei zunächst durch »gewisse Umstände« verzögert und später wegen zu weit vorgeschrittener Jahreszeit aufgegeben. Es ist möglich, daß man zu Anfang des Jahres 1746, ehe der schottische Aufstand niedergeschlagen war, Schiffe und Truppen der Heimat nicht zu entziehen wagte, aber im April war Karl Eduards Sache durch die Niederlage bei Culloden bereits völlig verloren und Frankreich hatte den Einfall in England schon früher aufgegeben. Da ist es verwunderlich, daß die Expedition nicht abging, ja daß man nicht einmal versuchte, die französische Unternehmung zu verhindern, die doch ein Gegenstoß gegen die beabsichtigte eigene sein sollte. Aber es wurde nichts Ernstliches gegen das Sammeln der feindlichen Kriegsschiffe und Transporter getan, die in verschiedenen Häfen ausgerüstet werden mußten. Nur durch ein Blockieren von St. Malo ist ihr Zusammentritt um einige Wochen verzögert, gegen das Auslaufen der großen Flotte im Juni wurde nicht vorgegangen. Daß England hierzu nicht imstande gewesen wäre, kann man bei der Überlegenheit seiner Marine kaum annehmen. Colomb (»naval warfare«) erblickt hierin wohl mit Recht einen strategischen Fehler. Mit dem Vorstoß gegen Lorient wollte man nun diesen einigermaßen wieder gut machen.
Aber wäre der Angriff auch wirklich mit Erfolg gekrönt worden, so würde es doch nur ein Ausgleich gegen etwa von den Franzosen in Amerika errungene Vorteile gewesen sein, nur ein geringer Gewinn für die überlegene Seemacht. Man wählte Lorient als geeignetsten Angriffspunkt, da die Stadt einerseits nur schwach befestigt war und anderseits als Hauptstapelplatz der französisch-ostindischen Kompagnie reiche Beute versprach; man hoffte ferner, daß man von hier aus in der Bretagne den protestantischen Teil der Bevölkerung (besonders in La Rochelle) zum Aufstand bringen und dann, von der See her stets unterstützt, weiter in die Provinz eindringen könne. Nicht genügend vorbereitet und mangelhaft durchgeführt, schlug das Unternehmen völlig fehl.
$Der englische Angriff auf Lorient 1746.$ In Portsmouth wurden auf 40 Fahrzeugen 7000-8000 Mann unter Generalleutnant =St. Clair= eingeschifft; =Admiral Lestock= deckte den Transport mit einem Teil der Kanalflotte, sandte einige Schiffe zur Erkundung der Küste voraus und folgte Mitte August mit dem Transport; er erreichte aber widriger Winde halber erst Ende September die Insel de Groix. Nach französischen Angaben hätte er leicht in die Bucht von Lorient einlaufen können, da die Orte Port Louis und Lorient kaum befestigt und nur von wenigen Kompagnien Küstenwache (Miliz) besetzt waren. Seestreitkräfte waren gar nicht zur Stelle, in Brest scheint man weder das Passieren der Erkundungsdivision, noch das der 50 Segel starken Flotte bemerkt zu haben; die englischen Führer scheinen aber auch hiervon weder durch ihre Behörden daheim noch durch Erkundung Kenntnis gehabt zu haben. Man versuchte gar kein gewaltsames Eindringen, sondern landete am 1. Oktober etwa 15 Kilometer westlich von Lorient an der Mündung des Quimperlé. Der Kommandant der bedrohten Stadt bot in Eile alle erreichbaren, wenn auch kaum regelrecht bewaffneten Milizen auf und verstärkte die Befestigungen, war aber doch zur Übergabe geneigt, wenn der Gegner vom Beutemachen absehen wollte. Die Engländer gingen hierauf nicht ein, sondern rückten auf Lorient vor; sie kamen jedoch wegen ungünstigen Geländes nur langsam vorwärts, und der Angriff stockte vor der Stadt, weil jegliches Belagerungsmaterial fehlte. Am 7. Oktober gaben sie die Berennung auf und schifften die Truppen wieder ein; wie französische Angaben sagen, zum Erstaunen des Kommandanten, der gerade beschlossen habe, die Stadt auf jede Bedingung hin zu übergeben. Als Beispiel der mangelhaften Ausrüstung der englischen Expedition sei erwähnt, daß der General auf seine Bitte um eine Karte der Bretagne durch Eilboten eine solche der Gascogne erhielt.
Darauf landeten die Engländer bei =Quiberon=, gaben aber auch hier nach wenigen Tagen die Operationen auf, nur die Inseln =Houat= und =Hoedik= wurden gebrandschatzt und ihre Befestigungen zerstört. Am 23. Oktober ging die Flotte nach England zurück.
Ruhm gewannen die Engländer bei diesem Unternehmen nicht. =Moritz von Sachsen= erhielt allerdings Befehl, Truppen nach der Bretagne zu werfen, doch inzwischen hatte er durch seinen Sieg bei =Rocoux= neue große Erfolge errungen und fühlte die Schwächung nicht. Bemerkenswert ist die berechtigte Klage französischer Quellen über die traurige maritime Verfassung Frankreichs, infolge deren eine so wichtige Küstenstadt fast widerstandslos gelassen war, und die nicht einmal starke feindliche Flotte wochenlang unter der Küste bleiben und mehrfach landen konnte, ohne von Brest oder Rochefort aus bedroht zu werden.
=Im Mittelmeer= beherrschten 1746 die englischen Seestreitkräfte, insgesamt etwa 30 Linienschiffe, die See und unterstützten das österreichisch-sardinische Heer bei der Einnahme von Genua und dem Vordringen in die Provence. Eine Flottille leichterer Fahrzeuge deckte im Dezember den Übergang über den Grenzfluß =Var=, die gegen 20 Linienschiffe starke Flotte zwang die =Lerinischen Inseln= zur Übergabe und beschoß die Stadt =Antibes=, die vom Heere berannt wurde. Die Franzosen setzten schleunigst die sehr vernachlässigte und nur schwach besetzte Stadt Toulon in notdürftigen Verteidigungszustand.
$Im Jahre 1747$ kam das Vordringen des verbündeten Heeres allerdings bald zum Stehen, da sich =Genua= in ihrem Rücken wieder empörte. Der =Marschall Belle-Isle= entsetzte dann am 3. Februar Antibes und trieb die Gegner über den Var zurück. Auch gelang es, trotz der englischen Flotte die Lerinischen Inseln im Mai wiederzunehmen, sowie einige Male über Corsica auf kleinen Fahrzeugen nach Genua Unterstützung zu bringen. Im allgemeinen blieben jedoch die Engländer bis zum Ende des Krieges ($1748$) Herren der See im Mittelmeer und hielten die spanischen und französischen Kriegsschiffe in ihren Häfen fest. Zur Unterbindung des Verkehrs zwischen Frankreich und Italien rüsteten sie eine große Anzahl kleinerer Fahrzeuge aus, die dicht unter der Küste kreuzten. Die Marinen ihrer Gegner unternahmen im Mittelmeer nichts. Französische Quellen sagen: »1748 =war die Erschöpfung an Schiffen, Ausrüstungsgegenständen jeder Art, sowie an Personal in Toulon vollständig=.«
$Die beiden Seeschlachten bei Kap Finisterre 1747$[56]. Auch in den atlantischen Gewässern wurde die französische Flotte in diesem Jahre völlig lahmgelegt. Die englische Admiralität scheint von nun an über die Absichten und Bewegungen des Feindes besser unterrichtet zu sein als bisher und war auch imstande, ihm kräftig entgegenzutreten. Zunächst hatten die Franzosen zwei Geschwader ausgerüstet, von denen das eine, 3 Linienschiffe, 2 Fregatten, unter dem Chef d'Escadre =de la Jonquière= etwa 30 Transporter von Brest nach Kanada begleiten, das andere, 3 Linienschiffe und einige größere Schiffe der ostindischen Kompagnie unter =Grout de St. George=, einem Offizier genannter Kompagnie, mit einigen Kauffahrern von Lorient nach Ostindien segeln sollte.
[56] Nach Clowes, Band III; Troude, Band I; Bonfils, Band II; Lacour, Band I.
Beide Geschwader gingen im März 1747 in See, wurden jedoch durch Sturm genötigt, auf der Rhede von l'Ile d'Aix, zwischen der Mündung der Charente und der Insel Oléron, einem beliebten Anker- und Sammelplatz für größere Verbände, zu ankern. Sie beschlossen, der größeren Sicherheit halber, von hier aus vorläufig gemeinsam weiter zu segeln und liefen am 10 Mai aus. Ein Linienschiff unter Kapitän =Bouvet de Lozier= und 4 Ostindienfahrer des zweiten Geschwaders, die im Sturm abgekommen waren, hatten die Reise fortgesetzt und erreichten Indien. Von England waren Mitte April Vizeadmiral =George Anson= und Kontreadmiral =Peter Warren= mit 17 Schiffen in See gegangen; sie kreuzten auf der Höhe von Kap Finisterre und stießen am 14. Mai etwa 75 Seemeilen nordwestlich des Kaps auf die Gegner. Auffallenderweise haben die sonst bisher stets so gut unterrichteten Franzosen keine Kenntnis von der Anwesenheit Ansons in den spanischen Gewässern gehabt und in dem nun folgenden, höchst ungleichen Kampfe wurden sie vernichtend geschlagen.
$Die erste Schlacht bei Kap Finisterre, 14. Mai 1747.$ Als die Gegner einander sichteten, standen die Engländer bei nördlichem Winde östlich von den Franzosen. =De la Jonquière= ließ durch eine Fregatte die Stärke des Feindes feststellen und befahl dann den Kriegsschiffen sowie den armierten Schiffen der Kompagnie, die Schlachtlinie zu bilden, der Konvoi sollte unter Deckung der einen Fregatte, eines kleineren Kriegsschiffes und eines Kompagnieschiffes mit raumem Winde das Weite suchen. Seine Linie bestand aus einem Schiffe zu 74 Kanonen (dem Flaggschiff Grouts), 1 zu 64 (das eigene Flaggschiff), 1 zu 52, 2 zu 50, 1 zu 40 und 5 Kompagnieschiffen zu 18-30 Kanonen.
Auch =Anson= hatte die Schlachtlinie angeordnet, sobald er aber die Schwäche des Feindes erkannte, befahl er »allgemeine Jagd«; seine Flotte -- 1 Schiff zu 90, 1 zu 74, 9 zu 60-66, 3 zu 56, 1 zu 40 Kanonen sowie einige kleinere -- ging nun ohne besondere Ordnung so schnell wie möglich an den Feind. Dieser blieb nicht lange in Ordnung; 2 Kompagnieschiffe brachen sofort aus, 2 andere sowie auch ein 50-Kanonenschiff strichen schon nach kurzem Kampfe die Flagge. So wurde es den Engländern leicht, die feindliche Linie an verschiedenen Stellen zu durchbrechen und den Rest der Franzosen von beiden Seiten anzugreifen. =De la Jonquière= gab nun den Befehl zum Rückzug mit raumem Winde; es folgte ein laufendes Gefecht in der Melée, in dem nach bewundernswerter Gegenwehr innerhalb von drei Stunden sämtliche französische Schiffe der Übermacht erlagen. Um 7 Uhr abends drehte =Anson= bei, ließ aber bis zur völligen Dunkelheit durch drei Schiffe den Konvoi verfolgen, wobei noch die beiden ausgebrochenen Kompagnieschiffe, das kleine Kriegsschiff und 6 Fahrzeuge des Konvois genommen wurden.
=Der Verlust= der Franzosen betrug also 5 Linienschiffe, 1 Fregatte, 1 Kriegsfahrzeug und 5 große Kompagnieschiffe. Von der tapferen Gegenwehr zeugten die großen Beschädigungen der Schiffe und der Verlust von 800 Toten und Verwundeten, unter den letzteren der Admiral und sein Flaggkapitän. Auch die Engländer büßten 520 Mann ein, aber die auf den feindlichen Schiffen gemachte Beute hatte einen Wert von 300 000 Lstrl.
Die zweite Schlacht erfolgte im Herbst. Am 6. Oktober 1747 verließen 250 nach Westindien bestimmte Kauffahrer die Rhede von l'Ile d'Aix; sie wurden gedeckt durch ein Brestgeschwader von 8 Linienschiffen, 1 Fregatte unter dem Chef d'Escadre =de l'Etanduère=[57]. Von England war am 20. August eine Flotte, 14 Linienschiffe und einige Fregatten, unter Kontreadmiral =Edward Hawke=[58] zum Abfangen des Konvois ausgesandt und sichtete ihn in der Biscaya am 25. Oktober -- etwa 270 Seemeilen nördlich vom Kap Finisterre auf 47° 49' Nordbreite. Der französische Admiral nahm den Kampf gegen den weit überlegenen Gegner auf, opferte seine Kriegsschiffe und rettete dadurch den Konvoi.
[57] =Les Herbiers, Marquis de l'Etanduère=, geb. 1682, Gardemarine 1697, Lieutenant 1705, Capitaine 1727, Chef d'Escadre 1745, gestorben 1750. Er hatte unter den tüchtigsten Führern gedient: Pointis, du Casse, Guay-Trouin (Zug nach Rio), 1741 in Westindien mit Auszeichnung, 1744 bei Toulon.
[58] =Sir Edward Hawke=, geb. 1705, Kapitän 1734, Kontreadmiral 1747, Vizeadmiral 1748, Admiral 1757, Admiral of the Fleet 1768, vom Dezember 1766 bis Januar 1771 Erster Lord der Admiralität, gestorben als Vizeadmiral von England 1781. Tat sich schon als Kommandant der »Berwick« bei Toulon hervor und zeichnete sich später im Siebenjährigen Kriege als Flottenführer aus: Sieg bei Quiberon über de Conflans 1759. Vielfach kommandierte er die englische Hauptflotte vor der französischen Atlantikküste, und er hat wohl den Grund für die strikte Durchführung der Blockade gelegt, die in den napoleonischen Kriegen so großen Erfolg davontrug.
$Die zweite Schlacht bei Kap Finisterre, 25. Oktober 1747.$ =De l'Etanduère= wußte um die Anwesenheit der englischen Flotte in der Nähe von Kap Finisterre. Er steuerte deshalb nach Verlassen der französischen Küste zunächst nordöstlich, um das Kap auf weitere Entfernung als sonst üblich zu umsegeln, wurde jedoch von zwei versprengten oder abgezweigten englischen Schiffen gesehen; diese riefen =Hawke= herbei. Als sich die Gegner am 25. Oktober in der Frühe sichteten, segelte der Konvoi mit raumem westlichen Winde zwischen zwei deckenden Kolonnen, von denen die eine in Lee aus den 8 Linienschiffen, die andere zu Luward aus einem 64-Kanonenschiff der westindischen Kompagnie, der Fregatte und 6 gut segelnden Kauffahrern bestand; diese Kolonnen sollten also wohl nur die große Zahl der Fahrzeuge zusammenhalten. Der Admiral gab dem Konvoi und der Luvkolonne den Befehl, sich in Lee der Linienschiffskolonnen zu begeben und dann nach NO hin auszuweichen; mit den Linienschiffen bildete er die Schlachtlinie über Steuerbordbug.
Bei der großen Zahl der Kauffahrer erforderte dies Manöver längere Zeit; die Linienschiffe mußten ihre Entfernungen voneinander erweitern, um die Kauffahrer durchzulassen, und dann wieder schließen. So fanden die Engländer Zeit, heranzukommen. =Hawke= hatte zuerst allgemeine Jagd befohlen, bildete dann aber vorsichtshalber die Schlachtlinie, da man viele große Schiffe sah; als er näher herankam und die geringe Zahl der Kriegsschiffe erkannte, gab er wieder den Befehl zur allgemeinen Jagd. Die Franzosen nahmen den Angriff unter Marssegeln auf, ihre vordersten Schiffe braßten sogar back, um den hintern das Aufschließen zu erleichtern. Die englische Flotte kam von hinten auf, ihre Schiffe verteilten sich nach eigenem Gutdünken auf beide Seiten der wohlgeordneten französischen Linie, bis diese in ihrer ganzen Länge zwischen zwei Feuer genommen war. In der Linie lagen 1 Schiff zu 80 Kanonen (das Flaggschiff), 4 zu 74, 2 zu 64 und 1 zu 50, während die englische Flotte 1 Schiff zu 74, 1 zu 70, 10 zu 60-66 und 2 zu 50 Kanonen zählte. Gegen diese Übermacht fochten die Franzosen mit einer Ausdauer, die auch beim Gegner höchste Anerkennung fand. -- Gegen Mittag hatten die vordersten englischen Schiffe das Feuer auf die feindlichen Schlußschiffe eröffnet, erst um 4 Uhr nachmittags strich das erste französische Schiff die Flagge, und es war 7 Uhr abends, als 6 Schiffe, zerschossen und entmastet, genommen waren; dem Flaggschiff und dem Vierundsiebziger gelang es sogar, sich aus dem Gefecht zu ziehen und unbelästigt Brest zu erreichen, wobei das Flaggschiff zeitweise von seinem Kameraden in Schlepp genommen wurde.
=Der Verlust= an Mannschaften betrug auf französischer Seite 800, auf englischer 712 Mann. Nach französischen Angaben haben die Franzosen 1842 Schuß, die Engländer gegen 4000 abgegeben. Diese sollen viel Kartätschen und Kettenkugeln (besonders wirksam gegen die Takelage), verfeuert haben, Geschoßarten, von denen die Franzosen nur wenig an Bord hatten. Die englischen Schiffe hatten gleichfalls so gelitten, daß sie nicht daran denken konnten, den Konvoi zu verfolgen. =Admiral Hawke= sandte jedoch sofort einen Schnellsegler nach Westindien, um dort den Stationschef von der bevorstehenden Ankunft des Konvois zu benachrichtigen, und so wurden immerhin durch Kriegsschiffe noch 20 Kauffahrer (im Wert von 100 000 Lstrl.) und von Freibeutern weitere zehn aufgebracht.
=In den eben geschilderten Schlachten Ansons und Hawkes= siegten die Engländer durch ihre Überlegenheit an Zahl, und die Führer handelten richtig, wenn sie allgemeine Jagd anordneten. =Mahan= sagt hierzu: »Wenn sich der Feind infolge einer Schlacht oder erheblicher Unterlegenheit zur Flucht genötigt sieht, so soll man die Rücksicht auf eigene Ordnung bis zu einem gewissen Grade außer acht lassen; der hierin vom Admiral =Tourville= nach der Schlacht bei Beachy Head 1690 gemachte Fehler ist dort erwähnt« (auch von uns, vgl. Band I, Seite 439). »Es kommt dann darauf an, den Gegner zu überholen oder festzuhalten, und dies kann mit Sicherheit nur erreicht werden, wenn man die schnellsten oder die zur Verfolgung in günstigster Lage befindlichen eigenen Schiffe ihren Vorteil ausnutzen läßt; diese werden die langsamsten Schiffe des Gegners einholen, die dann verloren sind oder die Gesamtstreitmacht nötigen, sich zu stellen.«
Auch die französischen Admirale verfuhren in beiden Schlachten richtig, wenn sie sich mit den Kampfschiffen zwischen ihre Schutzbefohlenen und den Feind legten. =Jonquière= erreichte seinen Zweck nicht ganz, weil er von verschiedenen Schiffen im Stich gelassen wurde; der glänzenden Verteidigung =l'Etanduères= aber war die Rettung des wertvollen Konvois zu danken. -- Daß die deckenden Geschwader so klein bemessen waren, spricht nicht für die Leitung der französischen Marine oder bezeugt ihre Schwäche. Im ersten Falle handelte es sich allerdings nur um kleine Unterstützungen für die fernen Kriegsschauplätze, und solche waren in den letztverflossenen Jahren häufig dem Gegner entgangen; im zweiten Falle aber hätte man, durch den ersten Verlust gewitzigt, dem ungeheuer großen Konvoi, der viel schwerer unbemerkt durchschlüpfen konnte, doch einen stärkeren Schutz zuteil werden lassen müssen.
Das Jahr 1747 brachte zwischen beiden Schlachten noch $weitere bemerkenswerte Verluste der Franzosen$. Am 1. Juli 1747 stieß Kapitän =Fox= mit 4 Linienschiffen und 2 schweren Fregatten in der Bucht von Biscaya auf einen großen Konvoi heimkehrender französischer Westindienfahrer, dem er schon seit Mai auflauerte. Der Führer der Bedeckung (3 Linienschiffe und 1 Fregatte), Kapitän =Dubois de Lamotte=, machte zwar zunächst Miene, durch Aufnahme des Kampfes den Feind festzuhalten, führte diese Absicht aber nicht durch, sondern gab den Kauffahrern den Befehl, sich auf eigene Faust zu bergen. Er räumte mit seinen Kriegsschiffen das Feld und führte diese wohlbehalten nach Brest, aber 47 seiner Schutzbefohlenen fielen den Engländern in die Hände. -- Wenige Tage später jagte Admiral =Warren=, zweiter Admiral auf Ansons Flotte, ein französisches Kriegsschiff nebst 5 Handelsschiffen bei Kap Finisterre auf den Strand und nahm oder verbrannte sie.
Nach dem Verlust von 11 Linienschiffen in den beiden Schlachten scheint =Frankreichs Marine auch im Atlantik erschöpft= gewesen zu sein, und es zeigen sich dort keine Seestreitkräfte von Bedeutung mehr. Man hört nur -- es klingt fast wie ein Scherz -- von der Indienststellung eines zwei Fregatten starken »fliegenden Geschwaders« zum Schutz der atlantischen Küste. Diese kleine Macht fing zwar einige Freibeuter und bestand sogar ein Gefecht mit stärkeren Kriegsschiffen, konnte aber selbstverständlich nicht hindern, daß die eigenen Kaper genommen und der Handel schwer geschädigt wurde. Nach der zweiten Schlacht bei Finisterre kreuzten nämlich in den Jahren 1747 und auch $1748$ bis zum Friedensschluß stets mehrere englische Geschwader, von Flandern bis Gibraltar verteilt, vor der französischen und spanischen Küste.
$Die Beteiligung der holländischen Marine am Kriege$ beschränkte sich auf die europäischen Gewässer und bot tatsächlich kaum eine Unterstützung für England[59]. Beim Ausbruch des Krieges mit Frankreich 1744 war dies berechtigt -- insbesondere infolge des französischen Versuches, in Großbritannien zu landen --, auf Grund des alten Vertrages von 1678 von Holland 23 Kriegsschiffe zur Unterstützung zu fordern. Die Generalstaaten wollten dem Verlangen zwar entsprechen, aber der traurige Zustand der Marine und der Geldmangel bei den Admiralitäten erlaubten dies zunächst nicht. Erst Anfang August gingen 8 Linienschiffe -- 1 zu 72, 1 zu 64, 6 zu 54 Kanonen -- unter dem Leutnant-Admiral =Grave=, 2 Vize- und einem Kontreadmiral nach Spithead; 4 Fregatten, die noch bereit waren, mußten in die Nordsee gesandt werden, um die zurückerwarteten Ostindienfahrer aufzunehmen.
[59] Genaueres vgl. de Jonge, Band IV, Seite 182 ff. -- Den traurigen Zustand der holländischen Marine um 1744 haben wir schon geschildert. Vgl. Seite 59 und Band I, Seite 500.
Kennzeichnend für die jetzige Bedeutungslosigkeit der holländischen Marine ist, daß die Schiffe die englische Gösch auf dem Bugspriet führten; allerdings sagte man, es geschehe nur, um Frankreich gegenüber ausdrücklich hervorzuheben, die Schiffe seien ein vertragsmäßiges Hilfsgeschwader, nicht aber Streitkräfte einer selbständig kriegführenden Macht. (Also ein ähnliches Verhältnis wie das der französischen Schiffe vor 1744 zu Spanien.) Die Linienschiffe machten 1744 die Reise des Admirals =Balchen= in die spanischen Gewässer mit, doch fielen drei bald aus, da sie wegen ihres schlechten Zustandes und Krankheit an Bord Lissabon als Nothafen anlaufen mußten. Im Laufe des nachfolgenden Winters wurde das holländische Kontingent nach und nach wirklich auf 15 Linienschiffe und 5 schwere Fregatten gebracht, der Zustand der Schiffe war jedoch derart, daß sie sich nur einige Male und noch nicht vollzählig an den Kreuzfahrten der englischen Geschwader beteiligen konnten; meist lagen sie untätig in den Häfen, und schon im April 1746 wurden mit Bewilligung Englands 8 Schiffe wieder zurückgezogen.
Das Verhältnis zwischen England und Holland in maritimen Angelegenheiten war schlecht. Holland erhob Klage, daß die Engländer in den auswärtigen Gewässern bei ihrer Jagd auf französische und spanische Kauffahrer auch holländische belästigten; die holländischen Seeoffiziere waren empört, daß ihre älteren Flaggoffiziere unter jüngere englische gestellt wurden und warfen ihrem Chef zu großes Entgegenkommen vor. Im Winter 1745/46 kehrte der Rest der Schiffe nach Holland zurück und damit unterblieb die Gestellung eines Hilfsgeschwaders vorläufig ganz, weil man die schwachen Kräfte notwendig selber gebrauchte. -- Schon von 1745 an waren ältere Linienschiffe (sogenannte »Ausleger«, d. i. wohl »Wachtschiffe«) nebst kleineren Fahrzeugen in der Schelde stationiert, hier unter österreichischer Flagge, wiederum nur als Hilfskräfte; als 1746 die Franzosen näher an Holland herankamen, wurden diese vermehrt, nur unter holländischer Flagge. Die anderen Küsteneinfahrten besetzte man ähnlich; man zog dazu auch noch Schiffe der ostindischen Kompagnie und sonst geeignete Kauffahrer heran.
An eigentlichen Kriegsschiffen sind in den Jahren 1746 und 1747 einige zwanzig im Dienst gewesen, von denen aber der größere Teil zum Schutze des Handels in auswärtigen Gewässern Verwendung fand. An der eigenen Küste kreuzten nur wenige (3 oder 5), so daß man sich genötigt sah, 1747 England um Unterstützung durch ein Geschwader zu bitten, als man einen französischen Angriff von Sas van Gent aus gegen Walcheren befürchtete. =De Jonge= klagt: »Fremde Schiffe mußten herbeigerufen werden, um Vlissingen, den Geburtsort unserer großen Admirale Ruyter, Evertsen, Bankers, zu schützen!« Im Juli 1747 und im Januar 1748 wurden nochmals kleine Geschwader von 6 Schiffen nach England gesandt, die sich an Kreuzfahrten beteiligten.
Der Krieg in den Kolonien 1744-1748[60].
$Nordamerika.$ Mit der Kriegserklärung zwischen England und Frankreich entbrannten sogleich wieder die Kämpfe unter ihren Kolonien in Nordamerika. Die Franzosen waren hierbei die ersten auf dem Platze, obgleich um 1744 Kanada nur 50000 weiße Einwohner gegen eine Million -- in den vier Neuenglandstaaten allein schon 400000 -- in den englischen Kolonien zählte. Auch die militärische Macht Frankreichs war gering. Der Generalgouverneur von Kanada verfügte nur über 600 Soldaten und 1200 Milizen; die Grenzforts hatte man zwar verstärkt, aber ernsten Angriffen konnten sie kaum standhalten. Die Befestigungen Quebecs waren noch nicht vollendet. Als wirklich starke Festung konnte nur Louisbourg auf der Insel Breton gelten; hier standen 650 Soldaten und 800 Milizen.
[60] Quellen vgl. Fußnote Seite 59; hierzu treten Zimmermann, Band II und IV. -- Über die Stellung der kriegführenden Mächte in den Kolonien um 1740 vgl. Seite 7 ff.; die Geschichte der Kolonien bis 1740 vgl. Band I, Kapitel XII.
Da aber die Kriegserklärung in Kanada weit früher bekannt wurde als in Neuengland, glaubte der Kommandant von Louisbourg, =Duquesnel=, dem Gegner durch Überraschung einen empfindlichen Schlag beibringen zu können. Er ließ im Mai 1744 den englischen Militärposten =Canseau auf Neuschottland= durch 400 Mann überrumpeln und die dortigen Fischereianlagen zerstören; der Versuch, sich auch der Stadt Annapolis, des ehemaligen Port Royal, zu bemächtigen, mißlang, die kleine Truppe mußte abziehen, als ein englisches Kriegsschiff sowie Verstärkungen aus Boston herankamen. Immerhin aber schien Neuschottland gefährdet, dessen Kolonisten vielfach zu Frankreich neigten, und auch die Wegnahme verschiedener englischer Handelsschiffe und Fischerfahrzeuge durch französische Freibeuter erregte die englischen Kolonien. Sie hatten anfangs keine kriegerischen Absichten und wären unter dem Einfluß religiöser Streitigkeiten, Zwiste der Kolonien mit den Gouverneuren sowie untereinander lieber neutral geblieben. Nur der Gouverneur von Massachusetts-Maine (Hauptstadt Boston), =Shirley=, hatte in Voraussicht eines Krieges Vorbereitungen getroffen und brachte jetzt auch die übrigen Neuenglandstaaten zu einem =Angriff auf Louisbourg= zusammen. Man bat die Regierung in England um Unterstützung durch Seestreitkräfte und zwar des schnelleren Eintreffens wegen durch die in Westindien stationierten; diesem Wunsche wurde entsprochen.
$Die Einnahme von Louisbourg, Mai-Juni 1745.$ =Louisbourg= liegt am Eingange eines kleinen vorzüglichen Hafens an der Ostküste der Insel Breton. Die Umwallung der Stadt war für 148 Kanonen eingerichtet, von denen man jedoch nur 64 aufgestellt hatte. Dazu traten 2 Batterien mit 10 und 6 Mörsern, 2 Außenwerke mit 16 und 30 Kanonen (24-Pfünder), die auch den Landzugang deckten, sowie 2 Batterien zu 35 und 34 Kanonen (42-Pfünder), die den Hafen und seinen Eingang bestrichen und deren eine auf einer kleinen Insel lag. Aber die Befestigungen auf der Landseite waren noch nicht ganz fertig, und das schlechte Material ihres Mauerwerkes konnte einer andauernden Beschießung nicht genügend widerstehen.
Die vier Neuenglandstaaten sammelten in Boston 4000 Mann Milizen unter dem Befehl =Sir William Pepperels=, eines reichen Kaufmanns in Maine, und führten diese, sobald die Nachricht vom Nahen eines Geschwaders eingetroffen war, Anfang April 1745 auf 80 Fahrzeugen, gedeckt durch 11 Freibeuter (zu je 20 Kanonen) nach Canseau. Hier wurden die Truppen eingeübt, bis zu Ende des Monats Kommodore =Warren= mit 4 Schiffen (1 zu 60, 3 zu 40 Kanonen) eintraf, zu denen im Laufe der Operationen noch einige stießen. In den ersten Tagen des Mai landeten dann die Engländer etwa vier Seemeilen südwestlich von Louisbourg in der Gabarusbucht; sie wurden nicht weiter belästigt, nachdem das Feuer ihrer kleineren Schiffe schwache feindliche Abteilungen vertrieben hatte.
Die Verhältnisse lagen für die Franzosen sehr ungünstig. Zunächst scheinen sie überrascht worden zu sein. In Frankreich hatte man zwar von dem beabsichtigten Angriff Wind bekommen und sofort eine der schnellsten Fregatten zur Benachrichtigung nach Louisbourg abgesandt, aber diese wurde durch die Freibeuter Pepperels gehindert, die Festung zu erreichen und ging nach Frankreich zurück. Ferner war einige Monate vorher infolge schlechter Behandlung und ungenügender Löhnungszahlung unter den französischen Soldaten eine nur mühsam unterdrückte Meuterei entstanden; der Kommandant wagte nicht, die unzuverlässigen Leute dem Feinde entgegenzuführen, um diesen am Landen und Festsetzen zu hindern. Endlich befanden sich auch die Befestigungen der Stadt -- von den Franzosen stolz das »amerikanische Dünkirchen« genannt -- keineswegs in der Verfassung, die man nach den ungeheuren Ausgaben dafür (30 Millionen?) hätte erwarten müssen. Die beiden letzten Umstände waren dem Gouverneur Shirley bekannt und hatten ihn in seinem Plane bestärkt.
Die englischen Truppen nahmen die Belagerung auf, während die Schiffe den Hafen blockierten und jede Zufuhr abschnitten. =Warrens= Kräfte bestanden bald aus 3 Schiffen zu 60, 1 zu 50, 3 zu 40 Kanonen und mehreren kleineren, so daß er unbedingt Herr der See war. Er nahm verschiedene Schiffe, so auch ein Linienschiff zu 64 Kanonen, das Kriegsvorräte in die Stadt werfen sollte; dies war das einzige Kriegsschiff, das zur Unterstützung von Frankreich kam, nachdem die entsandte Fregatte die Nachricht vom Angriff dorthin überbracht hatte. Wahrscheinlich sah man sich außerstande, mehr zu senden, teils weil die Heimatshäfen blockiert wurden, teils weil in diesem Jahre zwei größere Divisionen nach Westindien abgegangen waren.
Warren versuchte, die Batterie auf der Insel mit Booten zu nehmen, aber der erste Angriff scheiterte infolge von Nebel und der zweite wurde blutig abgeschlagen, da die Franzosen die Besatzung beträchtlich verstärkt hatten. Dagegen erbaute die Flotte gegenüber der Stadt an der nur eine Seemeile breiten Einfahrt eine die Insel beherrschende Batterie, und die Truppen nahmen einige Werke der Landseite ein. In der Festung begannen Munition und Proviant knapp zu werden, auch erfuhr man, daß auf eine Unterstützung von der Heimat nicht zu rechnen sei, während die Belagerer Zufuhr an allem Nötigen erhielten. So kapitulierte denn die Stadt am 26. Juni, als die Belagerer nach wirksamer Beschießung einen allgemeinen Sturm vorbereiteten. Die Berennung hatte 44 Tage gedauert, 600 Bomben und 9000 Kugeln waren verfeuert; die Franzosen erlitten einen Verlust von 240 Toten, während die Engländer nur 100 Mann einbüßten.
Um Louisbourg besser als eigenen Stützpunkt verwerten zu können, entfernten die Engländer die gefangenen Soldaten sowie die Einwohner, schifften sie ein und landeten sie einige Monate später an der Küste der Bretagne. -- In Anerkennung des Erfolges ward =Pepperel= die Würde eines Baronets verliehen und Kommodore =Warren= zum Kontreadmiral befördert.
=Die Einnahme von Louisbourg= gilt als eins der besten Beispiele für richtiges Zusammenwirken von Land- und Seestreitkräften bei Berennung einer Küstenstadt. Jede Waffe blieb in ihrem Wirkungskreise: die Landtruppen übernahmen die Hauptaufgabe; die Flotte versorgte, deckte und unterstützte sie. Der Fall der Festung hatte =wichtige Folgen=. Für England war es von großer Bedeutung, den Ausrüstungshafen für die Freibeuter, den Stützpunkt zur Beherrschung des Eingangs in den Lorenzgolf, genommen zu haben. Unter dem Eindruck des Erfolges bewilligten nun auch die Mittelstaaten reiche Geldmittel für den Krieg; das englische Parlament gestand den Kolonien den Ersatz ihrer Kosten für das Unternehmen zu und zeigte sich jetzt geneigt, einen Angriff auf Kanada tatkräftig zu unterstützen. Frankreich verlor mit der Stadt die ganze Insel Breton, auch fiel eine große Zahl von Handelsschiffen, die ohne Kenntnis der Ereignisse von Westindien nach Louisbourg kamen, in die Hände des Gegners, eine Beute von 25 Millionen Lstrl. Quebec befand sich in ernster Gefahr, seine Befestigungen wurden in Eile vervollständigt, sowie Bündnisse mit Indianerstämmen abgeschlossen, auch bat man dringend in Frankreich um Hilfe.
Wie bereits erwähnt, führte die Absicht auf der einen Seite, den Erfolg auszunützen, auf der andern, die Scharte auszuwetzen, $im Jahre 1746$ zu Rüstungen in den Marinen Englands und Frankreichs. Während aber die englische Unterstützung nicht abging, entsandte Frankreich, allerdings verzögert, eine große Expedition. Unter dem Befehl des =Herzogs d'Anville= verließen Ende Juni 1746 7 Schiffe zu 64 Kanonen, 4 zu 50-56, 3 Fregatten, 2 Korvetten und 52 Transporter mit 3500 Mann und reichem Kriegsmaterial Frankreich; man wollte Louisbourg wiedererobern, mit Hilfe der Kanadier ganz Akadien (vor allem Annapolis) wegnehmen und endlich Boston angreifen. Als Sammelplatz der gesamten See- und Landstreitkräfte war Chibouctu (das jetzige Halifax) bestimmt. Infolge verschiedener Umstände schlug das Unternehmen fehl; zwei vorausgesandte Kriegsschiffe trafen im Juli auf dem Sammelplatz ein, aber die große Flotte ließ lange auf sich warten und war dann leistungsunfähig.
$Die Expedition d'Anvilles nach Kanada 1746.$ D'Anville war wohl nicht der geeignete Mann hierzu; zur Galerenflotte gehörig, deren Chef er zuletzt gewesen war, stand er der Hochseeschiffahrt fern. Die Ausrüstung der Expedition war sehr schlecht, teils infolge Geldmangels, teils weil sie dem Intendanten übergeben war, der durch seine Unzuverlässigkeit die erwähnte Meuterei in Louisbourg verschuldet hatte. Die Flotte verließ am 22. Juni Frankreich, erreichte aber erst am 10. September die Küste Neuschottlands. Hier wurde sie am 13. durch einen schweren Sturm zerstreut, der zwei Fregatten bis in die Mitte des Atlantiks trieb, von wo sie nach Frankreich zurückkehrten, einige Schiffe wurden bis zu den Antillen verschlagen. Die übrigen ankerten am 27. September vor Halifax. Sie befanden sich in traurigem Zustande; 800 Soldaten und 1500 Matrosen lagen krank an Skorbut und Pocken, der Rest konnte nicht vollen Dienst tun. =D'Anville= war am 25. einem Schlagfluß erlegen, unter seinem Nachfolger =d'Estournelle= wurde zunächst in einem Kriegsrate erwogen, ob man den Angriff auf Louisbourg durchführen oder die Kräfte zu einem solchen auf Annapolis sowie zur Deckung von Quebec teilen solle; der Streit hierüber erregte den erkrankten Chef derart, daß er in Irrsinn verfiel und einen Selbstmordversuch machte. Der auf ihn folgende Oberbefehlshaber =de la Jonquière= raffte sich dann auf und führte Ende Oktober 4 Kriegsschiffe nebst einigen Transportern mit 1100 Mann gegen =Annapolis=. Als er aber Kap Sable umsegelte, litten die Schiffe sehr durch einen Sturm; er gab nun jede weitere Unternehmung auf und ging nach Frankreich zurück, wo nach und nach sämtliche Schiffe der Expedition, überfüllt mit Kranken, eintrafen.
Wenn so die Pläne Frankreichs scheiterten, Louisbourg wiederzunehmen und in Akadia einzudringen, hatte doch auch England mit seinen Absichten für das Jahr 1746 kein Glück. Unter Hinweis auf den allgemeinen Wunsch der Neuengländer, Kanada zu erobern, war es dem Gouverneur =Shirley= gelungen, die Kolonien und das Mutterland zu entschiedenem Vorgehen zu bewegen; die Nachrichten über Frankreichs Rüstungen, sowie über Angriffe der Kanadier auf die Grenzen hatten ihn dabei unterstützt. England versprach die Entsendung einer starken Flotte mit Truppen, um Quebec anzugreifen, gleichzeitig sollten die Milizen der Kolonien von New York aus zu Lande gegen Kanada vorgehen. Aber die Flotte blieb eben aus, nur einige Schiffe von Westindien unter Vizeadmiral =Townsend= trafen im Frühjahr ein; =d'Anville= würde diesem weit überlegen gewesen sein, wenn seine Flotte schlagfertig geblieben wäre. Als nun die französische Expedition erschien, sahen sich die Kolonien genötigt, die bei Albany am Hudson zum Vorstoß auf Kanada zusammengezogenen Milizen (10000 Mann) nach Akadia und nach Boston zu werfen. Man vermochte aber trotzdem nicht, die Kanadier völlig aus Neuschottland zu vertreiben, und mußte es außerdem hinnehmen, daß die Grenzgebiete der Staaten New York, Connecticut und Massachusetts durch die Franzosen sowie deren Indianerhorden fürchterlich heimgesucht wurden.
So war $im Frühjahr 1747$ die Lage für die Franzosen trotz ihrer geringen Zahl und trotz des Fehlschlagens der großen Expedition nicht ungünstig; kam jetzt rechtzeitig Hilfe aus Frankreich, so konnten die Pläne des Jahres 1746 noch ausgeführt werden. Bekanntlich war man in Paris hierzu entschlossen, aber das Geschwader =de la Jonquières= wurde bei Kap Finisterre durch Anson vernichtet (14. Mai). Später war dann Frankreich nicht mehr imstande, etwas für seine Kolonien zu tun, und Kanada hätte einem ernstlichen Angriff nicht widerstehen können, aber ein solcher erfolgte nicht; es kam in Nordamerika überhaupt nicht mehr zu größeren Feindseligkeiten. Die Kolonien waren nach dem Verrauchen ihres ersten Eifers ergrimmt über den Mangel an Unterstützung seitens des Mutterlandes. Sie beschuldigten dieses sogar, die Eroberung von Kanada gar nicht ernstlich zu wollen; tatsächlich scheint man in England durch die ungünstige Lage der Dinge in Indien zu sehr in Anspruch genommen und zum Frieden geneigt gewesen zu sein, um für Amerika noch weitere Aufwendungen zu machen.
Die Bedingungen des =Friedens zu Aachen= erregten die Entrüstung der englischen Kolonisten, da das durch ihre Milizen eroberte Louisbourg zurückgegeben wurde und nicht einmal die Grenzfragen Erledigung fanden. Sie sahen den Frieden geradezu als auf ihre Kosten geschlossen an; es soll allerdings in England die Ansicht laut geworden sein, daß nur die Furcht vor der Nachbarschaft der Franzosen die Kolonien noch an das Mutterland fessele, und daß man deshalb gut tue, sie nicht durch die Eroberung Kanadas noch mächtiger und übermütiger zu machen.
$Westindien.$ Wie bereits erwähnt (Seite 70), behielt Westindien nach Ausbruch des förmlichen Krieges zwischen England und Frankreich 1744 als Kriegsschauplatz nicht mehr die Bedeutung, die es während des Krieges zwischen England und Spanien allein gehabt hatte. Engländer wie Franzosen sandten zwar des öfteren nicht unbedeutende Seestreitkräfte in diese Gewässer, doch hatte keine Partei jemals eine derartig überlegene Flotte draußen, um größere Schläge zu planen. Es muß besonders für England wundernehmen, daß es in den nächsten Jahren nicht imstande gewesen ist, die volle Seeherrschaft zu erringen. Aber die Streitkräfte der Jamaikastation waren meistens denen der Spanier bei Kuba und denen der Franzosen bei Haiti nur eben gewachsen und die Antillenstation war häufig sogar schwächer; von dieser wurden in den Jahren 1745 und 1746 mehrfach Geschwader zur Verwendung in Nordamerika abgezweigt.
So beschränkten sich denn die Gegner darauf, die eigenen Besitzungen, sowie abgehende und ankommende Konvois zu decken und den Verkehr des Feindes zu stören. Die Engländer waren wohl häufiger die Angreifer, und es gelang ihnen auch zuweilen, größere französische Konvois zu nehmen oder doch zu zerstreuen, mehrfach aber glückte es auch den Franzosen, Handelsgeschwader hinaus- oder heimzuführen. Hierin zeichnete sich besonders der Kapitän =de Conflans= aus; 1745 machten sie sogar einen Angriff auf die Insel Anguilla und landeten 600 Mann, die jedoch von den Einwohnern selber zur Wiedereinschiffung gezwungen wurden, obgleich diese nur über 100 Bewaffnete geboten. Auf die Bewegungen der kleinen Geschwader und der Konvois sowie auf die unbedeutenden Zusammenstöße näher einzugehen, würde ermüden; man findet sie in den Spezialquellen (z. B. Clowes, Band III, Troude, Band I, Lacour, Band I). =Der Kleine Krieg=, die Schädigung des feindlichen Handels durch Freibeuter und einzelne Kriegsschiffe, dürfte -- wie es bis 1744 der Fall gewesen, weil die Engländer ihre Kräfte damals zu den Unternehmungen gegen spanische Städte zusammenhielten -- weiter zu ihrem Nachteil ausgefallen sein, solange sich die Seestreitkräfte der Gegner ungefähr die Wage hielten, da der größere englische Handel eben mehr Angriffsgelegenheiten bot.
Erst im letzten Jahre des Krieges wurde es anders, als die Marine Frankreichs lahmgelegt war. =Das Jahr= 1748 bringt denn auch größere Unternehmungen der Engländer, und zum ersten Male seit langer Zeit läßt die spanische Flotte wieder von sich hören, und zwar Günstiges.
$Angriffe der Engländer auf Port Louis und Santiago de Cuba.$ Im Februar 1748 verließ =Kontreadmiral Knowles= mit 7 Linienschiffen, 1 Schiff zu 50 Kanonen und 2 kleineren Jamaika, um Santiago de Cuba anzugreifen. Andauernde nördliche Winde hinderten ihn jedoch, dieses Ziel zu erreichen und er wandte sich gegen =Port Louis= an der Südküste Haitis. Hier konnten die Schiffe auf Pistolenschußweite an die Befestigungen herangeführt werden und kämpften diese bald nieder. Den 257 Kanonen einer Breitseite des englischen Geschwaders standen nur 78 in den Werken gegenüber; der Angriff eines spanischen Branders wurde durch Boote abgeschlagen, zwei andere Fahrzeuge dieser Art vernichtete man auf ihren Liegeplätzen, ehe sie zum Angriff kamen. Die Stadt kapitulierte am 8. März; die Angreifer hatten 70 Tote und Verwundete verloren, die Spanier 160 von den 600 Mann der Garnison. Dann segelte Knowles nach =Santiago de Cuba=. Dies war stärker befestigt als zur Zeit der Berennung durch Vernon. Trotzdem wollte Knowles die Einfahrt erzwingen, mochte auch Vernon der Windverhältnisse wegen einen derartigen Versuch für aussichtslos gehalten haben. Als jedoch die dazu bestimmten Schiffe festgestellt hatten, daß die Einfahrt mittels einer Floßsperre und dahinter bereitgehaltener Brander verteidigt war, gab man die Angriffe auf und kehrte nach Jamaika zurück.
$Das Gefecht vor Havanna, 1. Oktober 1748.$ Später erfuhr =Knowles=, daß in Havanna die Silberflotte von Vera Cruz erwartet würde. Er ging mit 5 Linienschiffen in See und kreuzte bei den Tortugasbänken. Kurz vorher hatte ein nach England bestimmter Konvoi, gedeckt durch ein Linienschiff, Jamaika verlassen und war wegen der Windverhältnisse gleichfalls durch die Floridastraße gesegelt, anstatt wie üblich durch die Windwardpassage. Dieser Konvoi traf am 29. September auf ein spanisches Geschwader; der Führer des Linienschiffes befahl seinen Schutzbefohlenen, sich zu zerstreuen, während er selber Knowles aufsuchte und auch schon am nächsten Tage fand. Das englische Geschwader -- 1 Schiff zu 80 Kanonen (das Flaggschiff), 1 zu 70, 4 zu 60, 1 zu 50 -- stieß am 1. Oktober zwischen den genannten Bänken und Havanna auf das spanische -- 2 Schiffe zu 74 Kanonen, 4 zu 64, 1 Fregatte zu 36 unter =Kontreadmiral Spinola= -- griff sofort an und trug den Sieg davon.
Die Spanier nahmen den Angriff in guter Ordnung, Kiellinie beim Winde, auf, während von den Engländern zwei Schiffe noch zurückstanden; als um 2 Uhr nachmittags das Nahgefecht begann, scheint der Kampf anfangs nicht günstig für die Engländer verlaufen zu sein. Das englische Flaggschiff wurde von dem spanischen so warm empfangen, daß es schon nach einer halben Stunde die Linie verlassen mußte. Während es ausbesserte, trieb durch Zufall auch ein beschädigtes spanisches Schiff (64 Kanonen) in seine Nähe und wurde nun nach hartnäckiger Verteidigung durch das weit überlegene englische genommen. Dieser Erfolg wird besonders dem Umstande zugeschrieben, daß der Spanier dreimal durch Mörserfeuer[61] des Engländers in Brand geschossen wurde. Inzwischen hatten die zurückgebliebenen englischen Schiffe in den Kampf eingegriffen und der spanische Admiral brach um 8 Uhr abends das Gefecht ab. Die Spanier verloren 86 Tote und 197 Verwundete, die Engländer 59 und 120. Erstere erreichten Havanna, büßten aber noch ein zweites Schiff ein, das wegen seiner Beschädigungen vor dem Hafen ankern und zwei Tage später verbrannt werden mußte, als sich die Engländer näherten.
[61] In einigen seltenen Fällen führten die englischen Schiffe einige kleine Mörser -- »Coehorns« benannt nach ihrem Erfinder van Coehoorn, einem holländischen Ingenieuroffizier, geb. 1641, gest. 1704 -- so hatte auch hier das Flaggschiff acht derselben an Bord.
Der Sieg war aber bei etwa gleichen Kräften für die Engländer ungewohnt schwer zu erringen gewesen. =Admiral Knowles wurde= denn auch =vor ein Kriegsgericht gestellt= unter der Anklage, angegriffen zu haben, ehe sein Geschwader zusammen und in der vorgeschriebenen Ordnung gewesen sei (also ähnlich wie =Mathews= bei Toulon). Er kam aber mit einem Verweise davon, obgleich man ihm auch noch vorwarf, daß er nach dem Ausfall seines Flaggschiffes nicht auf ein anderes Schiff übergegangen sei.
Nach dem Gefecht kreuzte das Geschwader weiter, um die Silberflotte abzufangen, bis der Befehl eintraf, die Feindseligkeiten wegen bevorstehenden Friedensschlusses abzubrechen.
$Ostindien$[62]. Hier stand Frankreichs Sache vor Ausbruch des Krieges sehr günstig. Die französische Kompagnie schien der englischen den Rang ablaufen zu wollen; um 1740 beschäftigte sie 40 Schiffe, und auch der Handel mit China hatte bedeutend zugenommen. Ihr Besitz bei Pondichery war unter dem Gouverneur =Dumas= in den Jahren 1739-1741 auf friedlichem Wege durch Gewinnung der Stadt Karikal bei Negapatam sehr erweitert; die Station Chandernagor am Ganges hatte unter =Dupleix= große Fortschritte gemacht; die Inseln Isle de France und Bourbon waren unter =Labourdonnaye= leistungsfähige Stützpunkte auf dem Wege nach Indien geworden. 1741 übernahm Dupleix an Stelle des erkrankten Dumas die Station Pondichery; in ihm und Labourdonnaye besaß Frankreich bei Ausbruch des Krieges zwei hervorragende Männer in Indien. Wenn diese in richtiger Weise zusammengearbeitet hätten und von der Heimat genügend unterstützt worden wären, so hätten sie die englischen Niederlassungen vielleicht zugrunde richten können, beides aber traf nicht zu.
[62] Siehe die Anmerkung Seite 93.
Bertrand François =Mahé de Labourdonnaye=, Offizier der ostindischen Kompagnie und seit 1735 Gouverneur der Maskareneninseln, befand sich 1740 in Frankreich. Da der Krieg mit England vorauszusehen war, stellte er der Regierung vor, wie wichtig es sei, sich bei dessen Ausbruch mit starken Seestreitkräften sofort die Herrschaft in den indischen Gewässern zu sichern, um den Handel Englands lahmzulegen und die englischen Besitzungen wegzunehmen. Die Regierung ging hierauf ein und bewirkte, daß ihm die Kompagnie bei seiner Rückreise (April 1741) fünf große wohl ausgerüstete Schiffe mit 1200 Seeleuten zur Verfügung stellte. Dieses Geschwader sollte auch alsbald nützlich werden; mit seiner Hilfe wurde im Dezember 1741 =Mahé= befreit, das auf Betreiben der Engländer durch einige indische Fürsten bedroht war. Als aber Labourdonnaye dann wieder in Isle de France eintraf, erhielt er Befehl, die Schiffe nach Frankreich zurückzusenden. Die Kompagnie war nämlich dem Kriege abgeneigt. Sie hoffte, sich mit der englischen Kompagnie über Neutralität zu einigen; sie fürchtete auch wohl, von der eigenen Regierung zu abhängig zu werden, wenn die Gouverneure, wie es bei Labourdonnaye geschehen war, zuviel Gewalt über die Beamten der Kompagnie erhielten. Die Regierung, schwankend, wie sie unter Ludwig XV. stets war, ließ sich davon überzeugen, daß sich bei dem Interesse, das beide Kompagnien am Frieden hätten, ein Kampf in Indien sicher vermeiden lassen würde. So sah sich =Labourdonnaye= bei Ausbruch des Krieges auf seine eigenen Kräfte angewiesen.
Der Gouverneur =Joseph François Dupleix=, Sohn eines Direktors der Kompagnie und in deren Verwaltungsdienste aufgewachsen, hatte gleichfalls große Pläne. Er beabsichtigte, ohne die Handelsbeziehungen außer acht zu lassen, in Indien ein Reich zu gründen, in dem Frankreich über eine große Anzahl eingeborener Vasallenfürsten herrschen sollte. Aber auch dieser Plan fand keinen Anklang bei der Kompagnie. Sie wollte sich möglichst auf den Handel beschränken und fürchtete auch wohl, daß ein derartiges Vorgehen die Erhaltung des Friedens unmöglich machen würde. 1743 erhielt Dupleix den Befehl, alle Ausgaben für Bauten, Befestigungen usw. tunlichst einzuschränken. So war auch er auf eigene Kraft allein angewiesen; die von ihm auf höhere Anordnung 1744 eingeleiteten Unterhandlungen mit dem englischen Gouverneur in Madras behufs eines Neutralitätsabkommens wurden abgelehnt, da die Engländer eine Flotte erwarteten.
=Labourdonnaye und Dupleix= gerieten im Verlauf der Ereignisse durch eine ernste Meinungsverschiedenheit über die Maßregeln zur Durchführung des Kampfes in =Zwiespalt=. Labourdonnaye sah als Seeoffizier den Kampf um die Seeherrschaft als die erste und wichtigste Aufgabe an, Dupleix hatte mehr die Eroberungen am Lande im Auge. Es ist wohl sicher, daß die Seeherrschaft nicht nur für den Krieg, sondern auch für die großen Pläne Dupleix' überhaupt nötig war; auch ein französischer Autor, der sonst diese Pläne hoch einschätzt, Henry Martin, sagt in seiner »Histoire de France«: »Schwäche zur See war der Hauptgrund, der die Fortschritte Dupleix' hemmte.«
Anfangs waren beide Männer von feurigem Patriotismus beseelt, einig, und beide bereiteten sich mit den ihnen zu Gebote stehenden Mitteln auf den Krieg vor. =Dupleix= befestigte auf eigene Faust und zum Teil auf eigene Kosten Pondichery und knüpfte enge Verbindungen mit indischen Fürsten. Der =Nabob von Carnatic= erklärte infolgedessen, daß Pondichery unter dem Schutz des Mogul stehe und daß dieser jeden Angriff der Engländer auf französische Besitzungen an der Koromandelküste verbiete, aber allerdings auch die Franzosen hindern werde, gegen die englischen Niederlassungen vorzugehen. =Labourdonnaye= hielt in Isle de France alle Schiffe an, rüstete die dazu geeigneten so gut wie möglich zum Kriegsdienste aus und bildete sich aus den Besatzungen Kriegsschiffsmatrosen sowie Soldaten heran. Da dies jedoch geraume Zeit erforderte und da auch die Engländer sich vorläufig noch nicht stark genug zum Angriff fühlten, verliefen $die Jahre 1744 und 1745$ ohne besondere Ereignisse. Die englische Kompagnie hatte wohl die Absicht gehabt, gegen Pondichery vorzugehen, gab sie jedoch infolge der Drohung des Nabob von Carnatic auf; ein englisches Geschwader unter =Kommodore Barnet=, das 4 Linienschiffe und 2 Fregatten stark 1744 eingetroffen war, begnügte sich damit, im Golf von Bengalen französische Schiffe aufzubringen und Pondichery von der See abzuschneiden.
Als =Anson= nach England zurückgekehrt war, sandte man =Barnet= den Befehl, wenn möglich auch 1744 die spanische Galeone wegzufangen, die jährlich zwischen Manila und Mexiko fuhr, wie es ersterem 1743 geglückt. Die Verhältnisse in Indien gestatteten aber dem Kommodore nicht, sich so weit zu entfernen, jedoch es gelang ihm im Januar 1745, in der Bankastraße drei große Schiffe der französischen Kompagnie zu nehmen, deren bevorstehende Rückkehr von China man erfahren hatte.
$Im Jahre 1746$ aber fühlte sich =Labourdonnaye=, zu dem im Januar ein Linienschiff und mehrere Schiffe der Kompagnie gestoßen waren, stark genug zum Handeln. Im April verließ er Isle de France; in einem Zyklon wurden seine Schiffe zwar übel zugerichtet, das Linienschiff völlig entmastet, aber er besserte sie in der Bucht von Antougill auf Madagaskar aus und erschien Ende Juni an der Koromandelküste. Hier kreuzte seit einiger Zeit das englische Geschwader unter =Kommodore Peyton=, der nach Barnets Tode den Befehl übernommen hatte, zwischen dem Fort St. David[63] und Negapatam. Labourdonnaye beschloß, anzugreifen, obgleich seine Schiffe, wenn auch zahlreicher, an Gefechtskraft weit zurückstanden, und schlug den Gegner aus dem Felde.
[63] Fort St. David deckte die Stadt Kudalur (englisch Cuddalore), zwischen Pondichery und der neuen französischen Besitzung Karikal gelegen; hier hatten die Engländer in einem der letzten Jahre eine neue Niederlassung gegründet.
$Gefecht bei Negapatam, 7. Juli 1746.$ Das französische Geschwader zählte 1 Linienschiff zu 74 Kanonen und 8 Kompagnieschiffe: 1 zu 38, 1 zu 36, 6 zu 30 Kanonen. Es ist schon früher erklärt (Seite 57), weshalb man die Schiffe der Kompagnie trotz ihrer Größe nicht als vollwertige Schlachtschiffe ansehen kann; an Zahl und Kaliber der Geschütze waren sie weit unterlegen, dagegen hatte sie Labourdonnaye stark bemannt und besonders auf Entern eingeübt. =Peyton= verfügte über 1 Schiff zu 60 Kanonen, 3 zu 50, 1 zu 40 und 1 zu 20 Kanonen. =Labourdonnaye= lag am 7. Juli vor Negapatam, einer holländischen Ansiedlung, zu Anker, und ging sofort in See, als das englische Geschwader bei nördlichem Winde zu Luward in Sicht kam. Er hatte die Absicht, den Enterkampf herbeizuführen, konnte aber nicht herankommen, da sich =Peyton= mit seinen besser segelnden Schiffen dicht am Winde hielt. So entspann sich nur von 4 bis 7 Uhr nachmittags ein Feuergefecht auf mittlere Entfernungen, in dem die Engländer etwa 60 und die Franzosen gegen 70 Tote und Verwundete einbüßten; die Schiffe wurden wenig beschädigt. =Peyton= räumte während der Nacht das Feld; er wurde später durch seinen Nachfolger unter Arrest nach England gesandt, aber dort nicht weiter zur Verantwortung gezogen.
Das englische Geschwader gab dem französischen nicht nur den Weg nach Pondichery frei, es ließ sogar Madras ohne Schutz, indem es nach Ceylon segelte. =Labourdonnaye=, der auf seinen Schiffen bedeutende Gelder und Vorräte für Pondichery an Bord hatte, ging nach diesem Hafen und trat mit =Dupleix= über weitere Maßnahmen in Beratung.
Von jetzt an wurde das Verhältnis zwischen den beiden Führern gespannt. =Labourdonnaye= wollte vor allem die englischen Seestreitkräfte vernichten. Er bat zu diesem Zweck um Überlassung von 60 schweren Geschützen für seine Schiffe; Dupleix gab ihm nur leichte, weil er die Werke der Stadt nicht zu sehr schwächen wollte. Das Geschwader lief am 4. August aus, um die Engländer zu suchen. Die Gegner sichteten sich auch, wieder vor =Negapatam=, am 17.; es kam aber zu keinem Zusammenstoß, obgleich sie drei Tage in Sicht voneinander blieben, da =Peyton= beständig auswich. Dieser ging dann auf die Rhede von Pulicat (nördlich von Madras), lag dort längere Zeit untätig und segelte schließlich sogar Anfang September nach Bengalen (bei den vorherrschenden Winden nach Lee!), obgleich Madras inzwischen bedroht war.
Labourdonnaye hatte bei seiner Rückkehr nach Pondichery den Vorschlag gemacht, das Fort St. David anzugreifen; Dupleix hielt diesen Platz für zu unwichtig und verlangte die Vernichtung des englischen Geschwaders oder einen Angriff auf Madras; hiergegen wandte der Admiral wieder ein, die Engländer wichen ihm zur See stets aus, so lange sie jedoch gegenwärtig wären, sei ein Unternehmen gegen Madras zu gewagt -- es scheint, als ob er doch die besseren Schiffe des Gegners gefürchtet habe. Durch den Gouverneur mit seinem Rat vor die Wahl gestellt, entweder eine der geforderten Aufgaben zu übernehmen oder sein Kommando niederzulegen, entschloß sich Labourdonnaye endlich Ende August zum Angriff auf Madras. Kurz vorher waren seine Schiffe -- er selber lag krank -- vor Madras gewesen und hatten die Stadt kurze Zeit beschossen; da nun Peyton selbst daraufhin nicht erschien, ja sogar nach Bengalen ging, von wo er des Windes halber so leicht nicht zurückkommen konnte, brauchte Labourdonnaye mit ihm nicht mehr zu rechnen.
$Die Einnahme von Madras$ durch die Franzosen. 21. September 1746. Am 12. September ging die Expedition von Pondichery ab, am 14. wurden 2000 Mann (1000 Europäer und 1000 Indier) gelandet. Madras war in keiner Weise auf eine Belagerung vorbereitet. Als das französische Geschwader in Pondichery eintraf, bat der Gouverneur, =General Morse=, den Nabob von Carnatic um Beistand, wie es vor zwei Jahren die Franzosen getan hatten; der englische Agent verstieß aber derartig gegen die üblichen Formen, daß er nur eine ausweichende Antwort erhielt und vom Nabob kein Verbot an die Franzosen erging. Dennoch, obgleich auch das Fort St. Georg nur 300 Mann Besatzung hatte, und man von den Seestreitkräften im Stich gelassen war, lehnte der Gouverneur eine Übergabe zunächst ab und kapitulierte erst nach mehrtägiger Beschießung am 21. September. Die Garnison und sämtliche Engländer wurden kriegsgefangen, alle Waren und Güter wie Fort und Stadt Eigentum der Franzosen. Aber bei Abschluß des Übergabevertrages hatte Labourdonnaye durchblicken lassen, daß er geneigt sei, die Stadt gegen ein Lösegeld zurückzugeben; nach der Übergabe begann er darüber mit Morse zu verhandeln, trotzdem Dupleix und sein Rat in Pondichery dem Gedanken auf das schärfste entgegentraten. =Diese Angelegenheit führte zum völligen Bruch zwischen Labourdonnaye und Dupleix.=
=Dupleix= hatte gerade am 21. September vom Nabob von Carnatic die Weisung erhalten, die Belagerung sofort aufzuheben, widrigenfalls dieser eingreifen würde. Er antwortete, er wolle Madras, sobald es eingenommen sei, dem Nabob ausliefern; hiervon gab er dem Admiral Kenntnis. Dieser hatte inzwischen dem Gouverneur den Sieg gemeldet und hinzugefügt: »Wenn man die Stadt zerstöre, würden sich die Engländer an einem anderen Platze niederlassen; sie zur französischen Kolonie zu machen, verböte seine Instruktion von 1741, nach der er keine Eroberungen behufs dauernder Inbesitznahme machen dürfe. Er sei für ein Lösegeld; dieses wäre für die Kompagnie und auch für den siegreichen Führer sowie seine Offiziere und Soldaten(!) ein großer Vorteil, und der englische General sei bereit, es in Wechseln auf England zu erlegen.« Dupleix wollte hiervon nichts hören. Er mußte fürchten, daß England die Wechsel nicht einlösen und daß die nächste englische Flotte die Stadt zurückerobern würde. Er wollte also diese zerstören und durch Zurückgabe ihrer Trümmer dem Nabob gefällig sein, sowie den Engländern schaden. Labourdonnaye setzte aber seine Verhandlungen fort, obgleich Dupleix immer schärfere Sprache brauchte und sogar eine neueingetroffene Verfügung der Kompagnie sandte, nach der der Admiral zwar eine Stimme im Rat haben solle, aber verpflichtet sei, die Beschlüsse dieser Körperschaft durchzuführen. Der Admiral erklärte hierauf, er nähme nur Befehle vom Minister an; die Beamten, die der Gouverneur zur Übernahme der Geschäfte in Madras gesandt hatte, setzte er gefangen[64].
[64] Genaueres über diesen Streit, der schon während der Belagerung begann und bis zum 18. Oktober dauerte, vgl. Zimmermann, Band II, Seite 303 ff., und Band IV, Seite 177 ff.
Abgesehen von der Meinungsverschiedenheit über das Schicksal der Stadt und die Art der Kriegführung, haben sicher auch persönliche Beweggründe zum Bruch zwischen den Führern beigetragen. Der Admiral wollte sich nicht unter den Befehl des Rates stellen; der Gouverneur sah sich durch Labourdonnaye in seiner Würde sowie in seinen Rechten verletzt und seine ganze Politik dem Nabob gegenüber in Frage gestellt; auch ging das Gerücht, der Admiral sei von den Engländern bestochen.
=Dupleix= hatte nicht die Macht, seine Ansicht durchzusetzen, da die Offiziere der Expedition zum Admiral hielten und auch die dreier Linienschiffe, die am 8. Oktober von Frankreich ankamen, sowie die von verschiedenen Kompagnieschiffen, die bisher bei Sumatra gekreuzt hatten, auf dessen Seite traten. =Labourdonnaye= schloß am 27. September den Vertrag über ein Lösegeld von 421 666 Lstrl. ab, der am 18. Oktober bestätigt und dahin ergänzt wurde, daß Madras am 1. Januar 1747 zurückzugeben sei. Der Admiral hatte sich beeilen müssen, da er der Jahreszeit halber nicht länger an der Küste bleiben konnte; schon am 13. Oktober waren in einem Sturme drei Schiffe gesunken und mehrere schwer beschädigt. Nach notdürftiger Ausbesserung traf er dann am 27. Oktober vor Pondichery ein; er war durch die erwähnten Verstärkungen trotz der Verluste immer noch in der Lage, den Beschlüssen des Gouverneurs und des Rates zu trotzen. Die Uneinigkeit dauerte fort. Um im nächsten Jahre dem Feinde zur See wieder kräftig entgegentreten zu können, verlangte Dupleix, die Schiffe sollten in Atchin überwintern; Labourdonnayes Plan war, sie in Goa gründlich auszubessern und dort noch einige zum Kriegsdienst auszurüsten. Da ihm der Gouverneur Geldmittel, Geschütze und Leute zu diesem Zweck verweigerte, ging er mit den Schiffen seines ursprünglichen Geschwaders über Isle de France nach Frankreich zurück[65]. Die neu herausgekommenen Linienschiffe begaben sich zum überwintern nach Atchin.
[65] =Labourdonnaye= wurde in die Bastille gesetzt, aber nach drei Jahren freigelassen. Die Bestechung konnte man ihm nicht nachweisen; in England ist sie später aktenmäßig festgestellt (40000 Lstrl.; vgl. Zimmermann, Band II, Seite 303). In einer Verteidigungsschrift regte L. noch die öffentliche Meinung gegen Dupleix auf. Er starb 1753.
=Dupleix= war jetzt Herr des eroberten Madras und blieb es während der Dauer des Krieges trotz verschiedener Bedrohungen. Schon Ende des Monats Oktober sandte der Nabob von Carnatic, durch die Engländer veranlaßt, ein Heer von 10000 Mann, da die Franzosen keine Miene machten, die Stadt auszuliefern; Dupleix würde dies getan haben, wenn Labourdonnaye die Befestigungen geschleift hätte, so aber fürchtete er, daß sie wieder in die Hand der Engländer fielen. Er befahl indes, einen Zusammenstoß mit den Indern zu vermeiden. Als diese dann aber eine französische Verstärkung von 1000 Mann auf ihrem Marsche von Pondichery nach Madras angriffen, wurden sie am 4. November blutig zurückgewiesen; dies war der erste entscheidende Sieg von Europäern über Truppen des Mogul. Nun fühlte sich Dupleix sicher in Madras; er erklärte den Vertrag Labourdonnayes für ungültig, beschlagnahmte aufs neue Vorräte und Waren und wies die Engländer aus, die Frankreich nicht huldigten. Diese zogen nach Fort St. David ab.
$Angriff der Franzosen auf Fort St. David 1747.$ Hier und in der benachbarten Stadt Cuddalore befand sich jetzt die englische Verwaltung der Koromandelküste, und von hier aus wurde weiter gegen die Franzosen beim Nabob intrigiert. =Dupleix= wollte deshalb diese letzten englischen Plätze nehmen. Er sandte im Dezember 1746 von Pondichery 1600 Mann mit 12 Geschützen ab; wider Willen mußte er den Befehl dem =General de Bury=, als dem dienstältesten Offizier, übertragen, einem wenig befähigten und überalterten Manne. Die Engländer verfügten nur über 300 Europäer und 1000 Inder; sie würden wohl unterlegen sein, aber de Bury ließ sich durch den Nabob überfallen und zum Rückzug nötigen.
Als $im Januar 1747$ die Schiffe von Atchin zurückkamen, hätte ein Angriff wohl Erfolg gehabt, Dupleix sah aber, wohl im Hinblick auf die geringe Befähigung seines Generals, vorläufig davon ab. Er benützte zunächst die Anwesenheit der Schiffe zur Einschüchterung des Nabobs. Dieser, trotz des letzten Erfolges entmutigt und des Krieges müde, ließ sich auch bestimmen, auf die Rückgabe der Stadt Madras zu verzichten und sich von den Engländern loszusagen. Nun erst beschloß Dupleix, vorzugehen. Die Schiffe, die den englischen Seestreitkräften doch nicht gewachsen gewesen wären, schickte er zwar nach Goa, aber er setzte beim Rate die Ernennung eines jungen und befähigten Offiziers -- des Schweizer =Paradis=, von Beruf Ingenieur -- zum Oberbefehlshaber durch und ließ ihn am 13. März gegen St. David marschieren. Der günstige Augenblick war jedoch verpaßt. Als die Truppen vor dem Fort erschienen, fanden sie auf der Rhede ein starkes englisches Geschwader -- 3 Schiffe zu 60, 3 zu 50, 3 zu 40, 1 zu 20 Kanonen -- vor; zu den Schiffen in den bengalischen Gewässern war nämlich kurz vorher eine Verstärkung unter =Kontreadmiral Thomas Griffin= gestoßen, der auch den Oberbefehl an Peytons Stelle übernommen hatte. Paradis mußte nach Pondichery zurück, das nun selber bedroht schien. Die Engländer fühlten sich jedoch zu einem Vorgehen auf dem Lande zu schwach und begnügten sich damit, die französischen Besitzungen von der See abzuschneiden. Dupleix beorderte seine Schiffe in Goa nach Isle de France, um dort Verstärkungen zu suchen. So verging das Jahr 1747 ohne besondere Ereignisse.
$Im Juni 1748$ erschien ein französisches Geschwader, 9 Schiffe stark, von Isle de France an der Koromandelküste; es bestand aus den bei der Insel bereits befindlichen Schiffen und den fünf, die unter dem Befehl des Kapitäns =Bouvet de Lozier= der Vernichtung bei Kap Finisterre (vgl. Seite 88) entgangen waren. Wieder überwog das englische Geschwader an Gefechtswert, aber Bouvet gelang es, durch geschickte Manöver, den englischen Führer =Griffin= zu täuschen. Er landete unbelästigt 300 Mann, Vorräte sowie eine größere Geldsumme in Madras und kehrte dann nach Isle de France zurück, weil er Kenntnis von der bevorstehenden Ankunft eines weiteren starken englischen Geschwaders hatte. Während =Griffin= in See gewesen war, um Bouvet zu treffen, hatte =Dupleix= den Versuch gemacht, St. David zu überrumpeln; er mißlang, da der neue Kommandant, Major Lawrence, kurz zuvor mit geringen Verstärkungen aus England eingetroffen, auf seiner Hut gewesen war.
$Angriff der Engländer auf Pondichery 1748.$ Jetzt wurde die Lage der Franzosen in Indien bedenklich. Sie waren von Frankreich abgeschnitten und konnten bei dem Zustand der Marine keine Verstärkung ihrer Seestreitkräfte mehr erwarten; der Gegner beherrschte die See und sah neuem Zuzug entgegen. Wäre der letzte Überfall auf St. David gelungen, so hätten die Engländer wenigstens keinen Stützpunkt am Lande gehabt. Aber =Dupleix= verlor den Mut nicht. Er befestigte Pondichery weiter und schuf zwei Meilen von der Stadt einen wichtigen Außenposten, Ariancopan, den er Paradis unterstellte.
In England hatte der Fall von Madras Empörung erregt und nicht nur die Kompagnie, sondern auch die Regierung zu großen Aufwendungen veranlaßt. Ende 1747 ging =Kontreadmiral Boscawen= mit 10 Linienschiffen sowie 11 Schiffen der Kompagnie, die viele Vorräte und 1500 Soldaten an Bord hatten, in See; am Kap der Guten Hoffnung schlossen sich 6 Schiffe der holländisch-ostindischen Kompagnie mit 400 Mann an. Eine derartig große europäische Flotte hatte der Osten bisher noch nicht gesehen.
=Boscawen sollte zunächst die Inseln Isle de France und Bourbon wegnehmen.= Er erschien am 4. Juli 1748 vor Isle de France, da er jedoch nach seinen Erkundungen die Insel für zu stark befestigt und besetzt hielt, segelte er drei Tage später nach Indien weiter, zumal da die Jahreszeit für Unternehmungen an der Koromandelküste schon reichlich vorgerückt erschien. Allerdings hatte man in Isle de France alles mögliche für die Befestigungen getan, aber es standen nur 500 Soldaten und 1000 Seeleute zur Besetzung bereit; ein Angriff wäre mithin nicht aussichtslos gewesen. Am 11. August erreichte die Flotte St. David und vereinigte sich mit dem dort schon befindlichen Geschwader. Nachdem man einige Schiffe von diesem, die schon lange draußen waren, heimgesandt und einige andere zu besonderen Zwecken abgezweigt hatte, verfügte =Boscawen= an Kriegsschiffen über 1 zu 74, 1 zu 64, 4 zu 60, 4 zu 50, 4 zu 8-24 Kanonen und mit den vielen armierten Ostindienfahrern insgesamt über 30 gefechtsfähige Segel. Am Lande standen, einschließlich der Seesoldaten der Schiffe, gegen 5200 Mann Fußtruppen (darunter 3700 Europäer) und etwa 2000 eingeborene Reiter. =Dupleix= hatte nur 1800 Europäer und 3000 Inder. Trotzdem wurde =der Angriff auf Pondichery= abgeschlagen.
=Admiral Boscawen= leitete den Angriff am Lande. Am 18. August rückten die Truppen von St. David gegen Pondichery vor und schlossen die Stadt ein, die durch die Flotte unter =Kapitän Lisle= blockiert wurde. =Dupleix= verteidigte sich mit größter Bravour und verlor auch den Mut nicht, als Truppen des Nabob zu den Engländers stießen (wohl die schon erwähnte indische Reiterei). Ein Angriff auf das Außenwerk Ariancopan wurde blutig zurückgeschlagen und bei einem Ausfall aus ihm sogar der tüchtigste englische Offizier, Major =Lawrence=, gefangen genommen; leider fiel auch Paradis dabei. Das Fort mußte dann allerdings infolge einer Explosion geräumt werden; die weitere Berennung der Stadt machte jedoch keine Fortschritte, obgleich sich noch die Flotte an der Beschießung beteiligte. Die Schiffe konnten des flachen Wassers halber nicht nahe genug herankommen; die englischen Quellen schieben die Schuld im übrigen auf die Unfähigkeit der Landoffiziere, insbesondere der Ingenieure. Als die Regenzeit einsetzte und die Truppen schwer unter Krankheit litten, mußten die Engländer die Belagerung aufgeben; sie gingen am 14. Oktober nach St. David zurück. Die Franzosen hatten 200 Europäer und 50 Eingeborene verloren, die Engländer büßten 1065 Tote ein. Bemerkenswert ist, daß bei dieser Belagerung der =Fähnrich Clive=, der später so berühmte Gouverneur von Indien, zuerst von sich reden machte.
=Dieser Mißerfolg war ein großer Schlag für die Engländer.= Das Ansehen der Franzosen, insbesondere des Generalgouverneurs Dupleix, wuchs bei den eingeborenen Fürsten ungemein; viele dieser sandten Glückwünsche. =Dupleix= rüstete nun seinerseits wieder zum Angriff. Zu Anfang $des Jahres 1749$ trafen 200 Soldaten sowie einige Geldmittel von Frankreich ein, auch kamen 7 Schiffe von Isle de France nach Madras; ehe jedoch die Feindseligkeiten wieder aufgenommen wurden, erhielt man Kenntnis vom Friedensschluß. Die englische Flotte, die nach der Belagerung von Pondichery während der schlechten Jahreszeit nach Atchin und Ceylon gegangen war, kehrte im Januar 1749 gleichfalls nach St. David zurück; sie beschränkte sich jedoch, von dem Frieden schon unterrichtet, auf die Beobachtung des französischen Geschwaders in Madras.
Im Frieden zu Aachen wurde, wie schon bekannt, =Madras gegen Louisbourg an England ausgeliefert=. Die Übergabe erfolgte im August 1749 und war ein schwerer Schlag für Dupleix, der schon bedeutende Mittel für bessere Befestigung aufgewendet hatte. Die Engländer ernteten nun die Früchte seiner Arbeit und besetzten auch sogleich noch den ehemalig portugiesischen Platz Sao Tomé, vier Meilen südlich von Madras gelegen.
$Im übrigen Indien$ waren kriegerische Ereignisse nicht vorgekommen. In =Bengalen=, wo beide Völker Niederlassungen in naher Nachbarschaft besaßen, hatte dies der Nabob des Moguls verhindert; er erhob von beiden Seiten Kontributionen, von den Engländern etwa 100000 Lstrl. =Der Handel der englisch-ostindischen Kompagnie= hatte sich während des Krieges sogar gehoben, da die englischen Seestreitkräfte den der anderen Staaten lahmlegten. Die englische Ausfuhr nach Indien stieg von 568000 Lstrl. (1745) auf 834000 Lstrl. (1748).
Der Kleine Krieg.
Über den Kampf um den Handel -- Schutz des eigenen, Schädigung des feindlichen -- im Österreichischen Erbfolgekriege enthalten die Quellen nicht so genaue Angaben wie bisher. Gelegentliche Andeutungen rufen den Eindruck hervor, als ob diese Art der Kriegführung nach der langen Friedenszeit auf beiden Seiten nicht mit der gleichen Tatkraft betrieben worden sei wie in den früheren und auch wieder in den nächstfolgenden Kriegen[66]. In Frankreich fehlt das planmäßige Vorgehen mit eigens dazu gebildeten Divisionen, wie es die Minister Pontchartrin, Vater und Sohn, in den Kriegen 1688-1697 und 1702-1713 vorbereitet hatten; die Marine war bei ihrer jetzigen Schwäche durch die Bestrebungen zum Schutze der Kolonien vollauf in Anspruch genommen.
[66] Auch =Mahan=, der (Band I, Seite 126, 188 und 526) für seine Betrachtungen »über den Wert des Kreuzerkrieges«, die wir in unserem ersten Bande (Seite 304 und 471) teilweise wiedergegeben haben, die sämtlichen früheren sowie späteren Kriege benutzt, zieht hierbei den Österreichischen Erbfolgekrieg nicht heran.
Auch England leistete im Kleinen Kriege nicht das, was man bei seiner Überlegenheit zur See hätte erwarten können; hier lag der Grund wohl in der zur Zeit herabgesetzten Leistungsfähigkeit der Marine. Der Kampf um den Handel in Westindien wurde, wie erwähnt, englischerseits nicht mit genügender Kraft durchgeführt, weil man bis 1744 die Seestreitkräfte zu schließlich doch unfruchtbaren Unternehmungen gegen spanische Niederlassungen zusammenhielt und weil man nach diesem Jahre den vereinigten Gegnern nicht überlegen genug war, um die See zu beherrschen.
Aber auch in den europäischen Gewässern waren die englischen Seestreitkräfte sowohl während des Krieges mit Spanien allein, wie später an der spanischen Küste und im Mittelmeer nicht imstande, den eigenen Handel genügend zu schützen; im Kanal und in der Biscaya war dies ja bei der günstigen Lage französischer Häfen als Stützpunkte für Kreuzer und Freibeuter auch früher schon schwierig gewesen. Erst von 1747 an wurde es überall leichter, als die Marine Frankreichs vom Meere verschwunden und auch seine Kaper größtenteils weggefangen waren. »20000 Matrosen, die Besatzungen der Freibeuter,« sagt Bonfils, »schmachteten in englischen Gefängnissen.« Andrerseits war nach und nach frischeres Leben in die englische Marine gekommen und man hatte die Zahl der für den Kleinen Krieg besonders geeigneten Schiffe wesentlich vermehrt.
Damit soll nun aber keineswegs gesagt sein, daß der Kampf um den Handel keine bedeutende Rolle in diesem Kriege gespielt habe. Bei der Schilderung der kriegerischen Ereignisse sind die Operationen und Kämpfe um größere Konvois bereits zur Sprache gekommen. Von beiden Seiten kreuzten außerdem zahlreiche Kriegsschiffe und Freibeuter, und in Frankreich wurden, wie schon in den früheren Kriegen, Schiffe der königlichen Marine Privatpersonen zu diesem Zwecke überlassen. =Die Verluste an Handelsschiffen= bezeugen den bedeutenden Umfang des Kleinen Krieges. =Es verloren=: die Spanier 1249, die Franzosen 2185 = 3434 Schiffe. Die Engländer durch Spanier 1360, durch Franzosen 1878 = 3238 Schiffe. Man darf jedoch aus diesen Angaben weder schließen, daß die Gegner Englands tätiger gewesen seien, noch daß der englische Handel im großen ganzen ebenso gelitten habe wie der seiner Feinde. Da die Schiffahrt Englands weit bedeutender war, bot sie mehr Angriffsgelegenheit, und aus gleichem Grunde steht die Zahl der verlorenen Schiffe für England in einem ganz anderen Verhältnis zur Gesamtzahl der Handelsfahrzeuge, als bei Spanien und Frankreich. Die Schiffahrt dieser Länder war durch den Verlust nahezu lahmgelegt, ihr Handel vernichtet, der englische durchaus nicht. Da ferner viele den Spaniern abgenommene Schiffe einen ungeheuren Wert hatten, war der durch die Prisen gemachte Gesamtgewinn Englands größer als sein Gesamtverlust; man nennt einen Überschuß von 2 Millionen Lstrl. Ferner hemmte der Ausfall der verlorenen Schiffe keineswegs den Handel des Landes; dieser nahm sogar zu, je mehr der der andern Völker abnahm. Nach Zimmermann (Band II, Seite 311) hatte der Gesamthandel Englands 1744 einen Wert von 17791000 Lstrl., im Jahre 1748 aber einen solchen von 20487000 Lstrl.
Die Ergebnisse des Kleinen Krieges haben sicher dazu beigetragen, beide Parteien dem Frieden geneigter zu machen. In Frankreich verschlechterten sie die ohnehin schon bedenkliche Finanzlage noch wesentlich, aber auch in England wurden trotz der günstigen Bilanz zwischen Gewinn und Verlust sowie der Zunahme des Handels im allgemeinen die betroffenen Kreise des Krieges müde.
Schlußbetrachtungen.
Der besprochene Seekrieg ist der Anfang einer fast ununterbrochenen Reihe von Kämpfen zwischen England und Frankreich im 18. Jahrhundert, aus denen England schließlich als Alleinherrscherin auf dem Meere und als erste Kolonialmacht hervorging. Er brachte in letzter Beziehung noch keine Ergebnisse von Bedeutung, wie denn der Österreichische Erbfolgekrieg überhaupt nahezu ergebnislos blieb. Auch die Kriegführung selber in ihm erweckt nicht das gleiche Interesse wie in den anderen großen Seekriegen. Er regt aber doch zur Betrachtung verschiedener Punkte an, die in geschichtlicher, insbesondere seekriegsgeschichtlicher Hinsicht bemerkenswert und lehrreich sind. Im Nachstehenden soll versucht werden, diesen kurz gerecht zu werden.
$Das unmittelbare Eingreifen des Seekrieges in den Landkrieg$ war gering; es beschränkte sich auf den Kriegsschauplatz in Norditalien. Gemeinsame Waffentaten von Bedeutung, wie z. B. Angriffe auf Küstenstädte der See- und Landstreitkräfte, sind jedoch auch hier nicht zu verzeichnen und kommen nur im Kolonialkriege vor. Mehr tritt die Tätigkeit der Flotten bei den Versuchen Spaniens und Frankreichs hervor, die Verbindung ihrer in Italien fechtenden Truppen mit der Heimat aufrecht zu halten, sowie in dem Bestreben Englands, dieses zu verhindern. Der Einfluß der Seestreitkräfte auf den Verlauf des Landkrieges ist denn auch zu bemerken. Eine französisch-spanische Flotte deckte im Winter 1741/42 das erste Landen der Spanier in Italien. Aber schon das Versprechen Englands, im Mittelmeere eine starke Flotte halten zu wollen, brachte Sardinien auf die Seite Österreichs. Englische Geschwader hinderten dann tatsächlich 1742/43 den weiteren Nachschub von Verstärkungen für das spanische Heer und zwangen Neapel, seine Hilfstruppen zurückzuziehen; dem Vordringen der Spanier und Franzosen am Lande wurde um diese Zeit ein Ziel gesetzt. Nach der für Englands Seemacht nicht ruhmreichen Seeschlacht von Toulon (1744) dagegen, und als 1745 die verminderte englische Flotte im Mittelmeer ihre Aufgaben nicht voll zu lösen vermochte, beteiligte sich Neapel wieder am Kriege, und es gelang den Franzosen, ihr Heer in Italien auch über See zu unterstützen; wir finden die französisch-spanisch-neapolitanischen Truppen in Piemont und in der Lombardei im Vorteil.
1746 vertreiben die Österreicher ihre Gegner aus Italien und bedrohen sogar die Provence; allerdings hatten sie durch den Frieden mit Preußen freiere Hand gewonnen, aber auch die englische Flotte trat in diesem Jahre wesentlich verstärkt auf. In den meisten Schilderungen des Krieges wird der Einfluß der englischen Seemacht nur in Hinsicht auf das Verhalten Sardiniens und Neapels gewürdigt; es dürfte jedoch wohl kein Zufall sein, daß die Kriegslage überhaupt stets dann für Österreich günstiger stand, wenn die englische Flotte die See beherrschte. Wir wollen jedoch nicht behaupten, daß der Einfluß der Seemacht hierbei den Ausschlag gegeben habe.
$Der mittelbare Einfluß des Seekrieges$ auf den großen europäischen Landkrieg ist bedeutend gewesen. Alles in allem wurde Frankreich durch den Mangel an einer starken und leistungsfähigen Marine gezwungen, die im Landkriege errungenen Vorteile aufzugeben, während England seine Stellung mit Hilfe der Seemacht rettete, obgleich es nicht einmal den besten Gebrauch von ihr machte. Um dies zu erweisen, müssen wir zunächst auf =die Verhältnisse Frankreichs vor dem Kriege= eingehen. In der langen Friedenszeit hatte dieser Staat aufs neue begonnen, seinen Seehandel und seinen Kolonialbesitz zu heben. Man behielt aber stets eine europäische Gebietserweiterung im Auge und ließ sich dadurch bei der ersten geeigneten Gelegenheit in einen Festlandskrieg verwickeln, obschon ein gleichzeitiger Seekrieg mit England vorauszusehen war. Bei Ausbruch des Österreichischen Erbfolgekrieges spielte schon der Kampf auf dem Meere zwischen England und Spanien, und Frankreich war durch Vertrag gebunden, Spanien zu decken, außerdem bedrohte die Eifersucht zwischen den englischen und den französischen Kolonien stets den Frieden. Der große Landkrieg sog dann die Hilfsquellen des Landes auf; man hatte aber, um England nicht zu reizen, die Marine verfallen lassen und damit den Seehandel und die Kolonien, die Haupthilfsquellen, des Schutzes beraubt. Während des Krieges war man nicht imstande -- auch wohl aus Mangel an Einsicht für die Bedeutung des Seekrieges kaum geneigt --, die Marine zu stärken; diese brach schließlich zusammen.
Da ist es kein Wunder, daß der Seekrieg für Frankreich so ungünstig verlief, daß die Vernichtung des Handels und die dadurch beschleunigte Erschöpfung des Landes sowie endlich der drohende Verlust der Kolonien wesentlich zu einem Friedensschluß beitrugen, der bei den Erfolgen im Landkriege eigentlich demütigend war. Hätte Frankreich eine Marine besessen, die der englischen entgegentreten konnte, wenn sie dieser auch nicht gewachsen war, so würde es dank seiner Gewalt über die österreichischen Niederlande und über Maastricht günstigere Friedensbedingungen haben durchsetzen können.
$Die Kriegführung Frankreichs zur See$ entsprach der Schwäche seiner Marine; sie mußte sich auf die Verteidigung beschränken. So finden wir denn auch nur zwei ernstliche Versuche, zum Angriff überzugehen: das eine Mal, als man noch vor der Kriegserklärung beabsichtigte, überraschend in England einzufallen (1744), das andere Mal, als die starke Expedition nach Nordamerika entsandt wurde (1746). Die Vorbereitung zu einem Einfall in England (1745), um die Erhebung Schottlands zu unterstützen, ist wahrscheinlich mehr als eine Demonstration anzusehen. Die Marine beschränkte sich darauf, den eigenen Handel zu schützen, den englischen zu schädigen und den Kolonien Verstärkungen zuzuführen. Selbst wenn die Regierung der Seemacht höhere Aufgaben gestellt hätte und Führer von hoher Begabung vorhanden gewesen wären, würde ein Kampf um die Seeherrschaft kaum Erfolge erzielt haben, die von größerem Einfluß auf den Krieg im allgemeinen sein konnten; wahrscheinlich wäre nur der Zusammenbruch der Marine beschleunigt worden. Die untergeordneten Aufgaben hat sie aber einige Jahre hindurch nahezu gelöst.
Zwei neuere französische Marineschriftsteller äußern sich sehr verschieden hierüber: =Lacour-Gayet= schreibt (Seite 189): »Was fehlte, um die Führer von Verdienst und die tapfern Schiffsbesatzungen zum Erfolge zu führen? Der feste Wille der Regierung, die Marine ihren Teil an der großen Politik nehmen zu lassen! Man benutzte sie zu zwar bemerkenswerten, aber untergeordneten Unternehmungen, wie die Kreuzfahrten nach Westindien. Für die entscheidenden Kriegshandlungen aber, wie den Einfall in England, die Wiedereroberung von Louisbourg, die Kämpfe in Ostindien, schien man sie nur widerwillig heranzuziehen; hier bewilligte man nur so ungenügende Mittel, daß das Mißlingen vorauszusehen war.«
Chabaud-Arnault sagt dagegen (Seite 158; hier gekürzt): »Die meisten unserer Geschichtschreiber verurteilen den Minister, der die Verwendung der Marine leitete. Sie gehen viel zu weit! Unsere Marine war infolge der schändlichen Politik Fleurys völlig ungenügend für ihre wichtige Aufgabe. Sie konnte nicht um die Seeherrschaft kämpfen und widmete sich deshalb der einzig möglichen Kriegführung: der Begleitung von Konvois und der Störung des feindlichen Handels. Hierbei ging sie zugrunde, aber sie hatte Erfolge, die nicht zu verkennen sind. England wollte uns die Kolonien nehmen; es ist ihm nicht gelungen und sein Handel ist zum Teil vernichtet.« Die Auffassung Chabaud-Arnaults dürfte unserem Erachten nach den Verhältnissen entsprechender sein.
$Die Kriegführung Spaniens$ war durchaus schwächlich. In den europäischen Gewässern verlautet mit Ausnahme der Truppenüberführung 1741 nach Italien und der Schlacht vor Toulon 1744 nichts von spanischen Flotten oder Geschwadern. Der Zustand der Marine muß trostlos gewesen sein. Welch eine lange Zeit gebrauchte die Flotte in Toulon, um segelfertig zu werden, obgleich die Franzosen sie mit Material, Mannschaften, ja selbst Offizieren unterstützten! In Westindien stand es ähnlich. Von den nicht unbedeutenden Kräften (18 Linienschiffe), die hier 1740 versammelt waren, wurde nur ein Drittel dazu bestimmt, die bedrohten Besitzungen in Mittelamerika zu decken; diese Schiffe (6) gingen in Cartagena verloren. Der Rest lag fast tatenlos, sich gewissermaßen an die Franzosen in Haiti anlehnend, in Havanna, nur auf den Schutz dieser Stadt und wohl auch auf den eigenen bedacht. Von hier aus scheinen sie, wie das Zusammentreffen mit den Engländern (1748) zeigt, in nächster Nähe gekreuzt zu haben, aber sie machten nicht einmal den Versuch, einzugreifen, als der Feind vor Santiago de Cuba stand. Infolge der Fehler der Engländer war Spanien längere Zeit erfolgreich im Kleinen Kriege durch Freibeuter und auch, besonders in den europäischen Gewässern, durch einzelne Kriegsschiffe; von diesen fielen jedoch manche den Engländern zum Opfer. In mehreren dieser Einzelgefechte haben sich übrigens spanische Schiffe tapfer geschlagen, so auch das Geschwader vor Havanna.
$Die Kriegführung Englands$ entsprach nicht seiner Überlegenheit zur See. Die englische Marine war 1739 fast dreimal so stark als die spanische. Trotzdem hatten die Angriffe auf spanische Niederlassungen in Westindien -- sonst richtig als die geeignetste Maßregel gegen Spanien ins Auge gefaßt -- keine durchschlagenden Erfolge, im Mittelmeer wurde die Verbindung Spaniens mit Italien nicht völlig abgeschnitten und selbst im Kleinen Kriege war England nicht im Vorteil. Überall und besonders in Westindien hätte man mit stärkeren Streitkräften auftreten müssen, um so mehr, als man doch damit rechnen konnte und auch tatsächlich rechnete, daß die Franzosen eingreifen würden. Als der Krieg mit Frankreich dann wirklich ausbrach, war die Überlegenheit auf seiten Englands zwar nicht mehr so groß, aber immer noch vorhanden und wuchs fortlaufend beträchtlich; England trat aber auch weiterhin außerhalb des Kanals nur selten mit genügender Kraft auf, und so währte es lange, bis die englische Marine die See beherrschte. Erst im letzten Jahre des Krieges vermochte England die französische Marine lahmzulegen, die Gegner von ihren Kolonien sowie von Italien völlig abzuschließen und den Vorteil im Kleinen Kriege ganz auf seine Seite zu bringen.
Hierdurch wurde nun allerdings Frankreich zum Frieden bestimmt, aber auch England wünschte ihn, da es seinen Verbündeten, Holland, arg gefährdet sah und weil der Krieg schon bedeutende Kosten verursacht hatte; das Geld begann knapp zu werden und jetzt versuchte sogar Holland bei ihm zu borgen. England hatte in dem langen Kampfe den Handel und die Marinen der Gegner für den Augenblick vernichtet; es mußte sich aber mit einem Frieden begnügen, der ihm keine Gebietserweiterungen brachte, ja der sogar die Hauptursachen des Krieges -- die Entlastung seiner Schiffahrt von spanischem Drucke in Westindien, die Grenz- und Machtfragen zwischen seinen und den französischen Kolonien in Nordamerika und in Ostindien -- unerledigt ließ. Bei seiner Überlegenheit zur See hätte man erwarten können, daß es England gelungen wäre, den eigenen Handel vor größeren Verlusten zu schützen, den Kampf in Nordamerika und Ostindien zu einem günstigen Austrag zu bringen, sowie den Gegnern wichtige Besitzungen in Westindien abzunehmen und mit diesen als Pfand einen schnelleren, jedenfalls aber vorteilhafteren Friedensschluß zu erzwingen. England machte jedoch unter einer schwachen Regierung von seiner Seemacht nicht den richtigen Gebrauch. Weder nach einem klaren strategischen Plane noch mit voller Kraft wurde die Marine eingesetzt; eine mittelbare Bestätigung dieser Behauptung wird uns der nächste Krieg bringen, in dem man unter =William Pitts= Leitung den richtigen Weg einschlug. Hierzu kam, daß auch die Leistungsfähigkeit der englischen Marine derzeit zu wünschen übrig ließ.
$Die Gründe für die Lähmung der englischen Marine$ sind also in ihrer mangelhaften Verwendung und in ihrer derzeitigen geringeren Leistungsfähigkeit zu suchen; hierüber noch einige Worte. Es zeigte sich, daß England auf allen auswärtigen Kriegsschauplätzen mit ungenügenden Kräften auftrat. Dies ist wohl für die ersten Jahre neben der Abneigung Walpoles gegen den Krieg den unsicheren Zuständen in England zuzuschreiben. Die Sache der Stuarts war noch lebendig und man wagte nicht, die Heimat zu sehr von Truppen und Schiffen zu entblößen. Hierbei sprach wahrscheinlich noch eine falsche Einschätzung der spanischen und vor allem der französischen Marine mit, gegründet auf die zahlenmäßige Stärke dieser ohne Rücksicht auf ihren geringen inneren Wert. Bekannt ist Walpoles Erklärung vor dem Ausbruch des Krieges 1739, England sei dem vereinigten Spanien und Frankreich nicht gewachsen. Außerdem stand für den König Hannover und damit der Landkrieg im Vordergrund; sein dienstwilliges und schwaches Ministerium fügte sich hierin, anstatt den Seekrieg in richtige Bahnen zu lenken und ihn im richtigen Geist zu führen, selbst nicht, nachdem man die Schwäche der feindlichen Marinen erkannt hatte. =William Pitts= Auftreten schon in dieser Zeit zugunsten der wahren Interessen Englands gegen die hannoversche Politik gab den Anlaß, daß der König so lange zögerte, ihm eine leitende Stellung anzuvertrauen, obgleich die öffentliche Meinung dies forderte. Seine Neigung, das Augenmerk vorzugsweise auf den Landkrieg zu richten, wurde dann dadurch bestärkt, daß Frankreich (seit 1745) den Hauptkriegsschauplatz in die österreichischen Niederlande verlegte und Holland bedrohte; Länder, die England ihm seines eigenen Handels wegen unter keinen Umständen preisgeben wollte. Man erkannte nicht, daß gegen die Erfolge Frankreichs hier gerade das beste Gegengewicht zu gewinnen war, wenn man ihm wertvolle auswärtige Besitzungen als Pfand abgenommen hätte.
Aber auch die Marine selber war nach der langen Friedenszeit nicht in der Verfassung, in der sie hätte sein sollen. Die Verwaltung stand nicht auf der Höhe. Die Zahl der Schiffe ist zwar ungemein groß und wird immer größer, aber mehrfach zeigt sich, daß für die fernen Gewässer bestimmte Geschwader weit später auslaufen, als ursprünglich geplant war. -- Englische Quellen fügen oft hinzu: »wie gewöhnlich« -- und auch in den heimischen Meeren scheinen die Flotten nicht immer rechtzeitig bereit gewesen zu sein, so z. B. als im Jahre 1745 ein Einfall der Franzosen drohte. Ferner war der Nachrichtendienst mangelhaft, und so konnten französische Geschwader unbelästigt, ja öfters unbemerkt auslaufen. Auch die anfängliche Überschätzung der Gegner beruhte wohl hierauf. Die Franzosen waren stets weit besser unterrichtet, wie schon unter Ludwig XIV. wohl durch die Anhänger der Stuarts in England. Endlich fehlten im Offizierkorps zu dieser Zeit vielfach der frische Geist und Schneid, die militärische Vorbildung für den Krieg, ja sogar teilweise die Disziplin. Beweise hierfür liefern die Kriegsgerichte über Admiral Lestock und die Kommandanten nach der Schlacht vor Toulon, über Kommodore Peyton nach dem Gefecht bei Negapatam und sein Verhalten nach diesem, sowie über Admiral Knowles nach der Schlacht vor Havanna; ein ähnlicher Fall wie der Peytons ereignete sich noch 1746 in Westindien, wo ein Kommodore (=Mitchel=) dem Kampfe mit einem schwächeren französischen Geschwader auswich.
Über diese Schwächen im englischen Offizierkorps haben wir uns schon früher (vgl. Seite 80 ff.) näher ausgelassen und gleichfalls mehrfach darauf hingewiesen, daß bei dem englischen Seeoffizier lange Zeit im 18. Jahrhundert das Interesse für die seemännische Seite seines Berufes die für die militärische überwog; gerade für die Zeit unmittelbar nach den langen Friedensjahren trifft dies ganz besonders zu. Diese Mängel haben sicher nicht nur in einzelnen Fällen ihre Wirkung gezeigt, sondern auch im allgemeinen die Durchführung der Aufgaben der Marine gelähmt, denn bessere Zustände in der Marine und infolgedessen bessere Leistungen würden wohl auch die Tätigkeit des Ministeriums dahin beeinflußt haben, die Seemacht richtiger und kräftiger auszunutzen. Ein Läuterungsprozeß begann vor der Schlacht vor Toulon; seit 1747 ist ja auch schon ein Fortschritt zu erkennen, sein Endergebnis kam jedoch diesem Kriege nicht mehr zugute.
Für die Geschichte der $Entwicklung der Taktik$ (vgl. Seite 36 ff.) bringt dieser Krieg noch nicht viel Bemerkenswertes; nur zwei rangierte Schlachten wurden geschlagen: Toulon 1744, Havanna 1748. Diese zeigen uns aber die beschränkte Auffassung der Taktik in der englischen Marine, nach beiden werden die Führer kriegsgerichtlich verurteilt, weil sie gegen den Buchstaben der Vorschrift verstoßen haben. -- Die zwei Schlachten bei Finisterre gereichen beiden Gegnern zur Ehre. Die englischen Führer nutzen ihre Überlegenheit richtig dadurch aus, daß sie ohne Ordnung so schnell wie möglich angreifen und die Melee herbeiführen; die französischen Admirale halten mit eigener Aufopferung den Gegner fest, um den ihnen anvertrauten Konvois die Möglichkeit der Rettung zu geben.
$Angriffe auf die feindliche Küste$ fanden in diesem Kriege vielfach statt und bestätigen die strategischen und taktischen Lehren, die sich aus den früheren Kriegen ergeben haben[67].
[67] Im ersten Bande auf den Seiten 231, 300, 357, 484. Es ist dabei auf das sehr lesenswerte Werk des Admirals Colomb »Naval warfare« verwiesen, in dem »der Kampf um die Seeherrschaft« und »die Bedingungen, unter denen Angriffe auf Feindesland von See aus Erfolg haben« an der Hand von Beispielen aus den großen Seekriegen kritisch beleuchtet worden. Auch nachstehenden Betrachtungen ist dieses Werk (Kapitel VII, Seite 131, sowie Kapitel XV und XVI) zugrunde gelegt.
=Zu erfolgreichen Unternehmungen gegen die Seegrenze des Gegners ist stets die Beherrschung des Meeres nötig.= Der letztbesprochene Krieg bringt 1744 wieder einen Versuch Frankreichs, ein Heer nach England überzuführen und hierzu durch die Flotte den Weg freimachen zu lassen. Als ein vollwertiges Unternehmen, die Seeherrschaft vor der Überführung zu erringen, kann jedoch dieser Fall nicht gelten; Colomb sagt bezeichnend: »Es war nicht ein Fall von »Naval warfare«, sondern von »Naval gambling«.« Denn wenn auch England nicht gerade eine Flotte in Spithead versammelt hatte und auch nicht genau über den französischen Plan unterrichtet war, so durfte Frankreich doch nicht annehmen, daß der Gegner, der schon im Kriege mit Spanien und vor einem solchen mit Frankreich stand, seine Küsten völlig unbewacht und unbeschützt gelassen hätte. Zu einem ernsten Kampfe um die Seeherrschaft war aber die französische Marine zu schwach, und selbst wenn man durch überraschendes Auftreten Teile der noch nicht zusammengezogenen englischen Streitkräfte vernichtet hätte, wäre der Erfolg eines Einfalles nicht gesichert gewesen, da England im Winter vorher zu Wasser und zu Lande stark gerüstet hatte. Tatsächlich trat ja auch eine überlegene Flotte der französischen entgegen, und diese konnte von Glück sagen, daß sie heil davonkam, durch die Witterungsverhältnisse begünstigt. Im Jahre 1745 wurde der gleiche Plan gar nicht ins Werk gesetzt, weil England die See beherrschte; dieses dagegen unternahm 1746 den aus anderen Gründen erfolglosen Angriff auf Lorient ganz richtig, als die französische Atlantikflotte zur Wiedereroberung Louisbourgs abwesend war. -- In den Kolonien ging man gegen Küstenstädte nur vor, wenn der Angreifer sich vor feindlichen Seestreitkräften sicher wußte. So nahm =Vernon= 1739/40 Puerto Belo sowie Chagres und beschoß Cartagena, gab aber derartige Unternehmungen auf, sobald er Kenntnis vom Eintreffen spanischer und französischer Geschwader in Westindien erhielt.
Als die englischen Seestreitkräfte wesentlich verstärkt waren und die Franzosen die Station verlassen hatten, folgen in den Jahren 1741-1743 neue Angriffe auf Küstenstädte, dann aber sehen die Engländer wieder bis 1748 (Angriffe auf Port Louis und auf Santiago de Cuba) davon ab, da sie während dieser Zeit den Gegnern zur See nicht überlegen waren. Die Ereignisse auf den andern Kriegsschauplätzen liefern gleiche Beispiele. Die Engländer nehmen (1745) unter dem Schutz eines starken Geschwaders Louisbourg in Nordamerika. Wäre eine französische Entsatzflotte während der langdauernden Berennung herangekommen, so würde aus der belagernden englischen Flotte eine belagerte geworden sein oder sie hätte die gelandeten Truppen im Stich lassen müssen; die Franzosen wurden aber durch Blockade in den Heimatshäfen festgehalten. In Ostindien überwältigen die Franzosen (1746) Madras, weil das englische Geschwader unter Peyton das Feld räumt -- schon wenn es nur in der Nähe geblieben wäre, würde es den Angriff verhindert haben, sie müssen das Vorgehen gegen St. David (1747) aufgeben, als der Gegner wider Erwarten zur See auftritt; die Engländer greifen Pondichery an (1748), nachdem die Franzosen die ostindischen Gewässer völlig geräumt hatten.
=Bei der Eroberung von Küstenstädten fällt die Hauptaufgabe den Landstreitkräften zu=; die Flotte deckt, versorgt und unterstützt diese. Nach der Zusammenstellung Colombs haben Angriffe durch Seestreitkräfte allein nur in Ausnahmefällen zur Übergabe eines Platzes geführt, so in diesem Kriege bei Puerto Belo (1739), Chagres (1739) und Port Louis (1748). Dabei lagen aber die Verhältnisse besonders günstig für den Angreifer. Im ersten war die Besatzung schwach und entmutigt, in den beiden andern konnten die Schiffe auf ganz nahe Entfernung an die Befestigungen herangehen; in einer solchen Lage hatten aber zu jener Zeit die Schiffe wegen der ungeheuren Überzahl an Geschützen den Befestigungen gegenüber einen großen Vorteil. Die Angriffe auf La Guayra (1743), Puerto Cabello (1743) und Port Louis (1748) durch die Flotte allein führten nicht zur Übergabe. -- Beispiele eines gemeinsamen Angriffes von Land- und Seestreitkräften sind die Berennungen von Cartagena (1741), Santiago de Cuba (1741), Pondichery, Louisbourg und Madras. Besonders in den beiden zuletzt genannten Fällen nahmen Flotte und Heer die ihnen zukommende Aufgabe wahr und erzielten einen Erfolg. Wenn solcher in den anderen Fällen ausblieb, so lag dies an Fehlern oder an mangelnder Tatkraft bei der Berennung vom Lande her; Uneinigkeit zwischen den einander gleichgestellten Führern der beiden Waffen sowie ungünstige Klimaverhältnisse traten hinzu. Das Unternehmen der Engländer gegen Lorient kann hier nicht herangezogen werden; es war schon in seiner Anlage verfehlt und ermangelte jeder Energie.
=Ein bemerkenswerter Ausspruch Colombs= sei noch angeführt. Er sagt (Seite 359 ff., hier kurz zusammengefaßt): »Dieser Krieg bringt uns den Anfang jener höheren Strategie, nicht an Ort und Stelle und unmittelbar unsere (Englands) fernen Besitzungen zu schützen und unsere Flotten in den fernen Meeren zu stärken, sondern mittelbar und in den heimischen Gewässern dadurch, daß man die wichtigen europäischen Häfen des Gegners bewacht und diesen hindert, Verstärkungen hinauszusenden. Von 1747 an geschah dies und mit Erfolg; man hatte wohl eine Lehre aus dem Fehler gezogen, den man 1746 begangen, indem man die große französische Flotte nach Nordamerika auslaufen nach Nordamerika auslaufen ließ «.
* * * * *
Viertes Kapitel.
Der Siebenjährige See- und Kolonial-Krieg zwischen England und Frankreich (Spanien) 1756-1763.
Die politischen Verhältnisse vor Ausbruch des Krieges.
Die Friedensschlüsse von Dresden (1745 zwischen Österreich und Preußen) und von Aachen (1748 zwischen den übrigen Gegnern im Österreichischen Erbfolgekriege) trugen den Keim zu neuen Kämpfen in sich.
=Österreich= wollte weder auf Schlesien verzichten noch Preußens Großmachtstellung anerkennen; von gleichen Gefühlen der Eifersucht war =Rußland= erfüllt. Besonders von ihm, wo seit der Thronbesteigung =Elisabeths= die altrussische Partei am Ruder war, ging der Anstoß zu einem neuen Kriege aus, schon 1749 versuchte man, Österreich, Sachsen, sowie England zum Angriff auf Preußen zu bestimmen. Standen diese Mächte auch seit 1748 im Bündnis unter sich und mit Rußland, so hatten sie doch zunächst noch keine Neigung, sich aufs neue in einen Krieg zu stürzen. =Friedrich= II. mußte in Frankreich seinen einzigen Bundesgenossen sehen, er blieb deshalb nach 1748 in enger Verbindung und schloß noch 1753 einen Handelsvertrag mit ihm.
England zu gewinnen, erschien für Friedrich aussichtslos. =Georg= II. blieb als Kurfürst von Hannover infolge der Machtentwicklung Preußens, sowie des Streites um Ostfriesland sein Gegner, aber auch mit der englischen Regierung bestanden Zwistigkeiten, da diese sich weigerte, Schadenersatz für im letzten Kriege unrechtmäßig aufgebrachte Handelsschiffe zu leisten. Das Verhältnis zwischen beiden Staaten spitzte sich so zu, daß sie 1750 ihre Gesandten abberiefen, auch verpflichtete sich England 1751, Sachsen auf vier Jahre Subsidien zu zahlen, wobei es hauptsächlich den Schutz Hannovers gegen Preußen im Auge hatte. Während nun aber der Bund zwischen Österreich, Rußland und Sachsen mit der ausgesprochenen Absicht, Preußen zu vernichten, immer festere Gestalt annahm, trat 1755 ein =völliger Umschwung in der Politik Englands und Frankreichs= und damit in ihrer Stellung zu Preußen ein.
Die Nebenbuhlerschaft dieser beiden Staaten um Seehandel und Kolonialbesitz war der Anlaß. Nach dem Frieden von Aachen hatten die Schiffahrt sowie die Kolonien Frankreichs wieder einen bedeutenden Aufschwung genommen. Der Einfluß der Franzosen in Indien wuchs in einer für England bedenklichen Weise; in Westindien versuchte Frankreich sich in den alleinigen Besitz der sogenannten neutralen Inseln (Seite 9) zu setzen; in Nordamerika wurden die gegenseitigen Beziehungen unhaltbar. Hier nahmen auf beiden Seiten die Kolonisten ihre Sache selber in die Hand; schon 1754 kam es zwischen ihnen zu Blutvergießen. Die englische Regierung hatte nun zwar keine Neigung, wegen der nordamerikanischen Fragen einen Krieg mit Frankreich zu beginnen[68], als aber dieses in den Verhandlungen unannehmbare Bedingungen stellte, kam es überraschend schnell zum Zusammenstoß. Im Frühjahr 1755 entbrannte zwischen den Kolonien der offene Krieg, beide Staaten sandten starke, schon länger vorbereitete, See- und Landstreitkräfte hinüber und England griff bereits im Sommer den französischen Handel in den europäischen Gewässern an. Wenn auch die Kriegserklärung erst im Frühjahr 1756 erfolgte, nachdem die Franzosen Port Mahon angegriffen hatten (April), so war doch der $See- und Kolonialkrieg$ schon im Gange, ehe der Siebenjährige Krieg auf dem Festlande ausbrach.
[68] Französische Geschichtschreiber sagen dagegen, England habe den baldigen Ausbruch eines Krieges gewünscht, um sein Ziel, die Vernichtung der französischen See- und Kolonialmacht, zu erreichen, ehe die französische Flotte ausgebaut sei. Dies dürfte, wenn auch nicht der Ansicht der damaligen Regierung, so doch wohl der eines großen Teils des englischen Volkes entsprochen haben.
England sah sich angesichts dieser Verhältnisse nach Bundesgenossen zum Schutze Hannovers um. Im September 1755 wurde ein Vertrag mit Rußland geschlossen, der England gegen Subsidien ein russisches Heer zur Verfügung stellte. Dagegen ging das alte Bündnis mit Österreich in die Brüche. Sein Hauptwert hatte für England stets darin gelegen, daß Belgien (insbesondere Antwerpen) in österreichischem Besitze bliebe; Österreich zeigte sich jetzt aber geneigt, diese Provinz an Frankreich abzutreten, um dessen Hilfe gegen Preußen zu gewinnen. Gleichzeitig lockerte sich auch das gute Verhältnis zwischen Preußen und Frankreich. Dieses fühlte, es könne in dem Kriege mit England nicht auf Preußens Unterstützung rechnen. Friedrich II. durfte sich nicht an einem Kampfe um Hannover beteiligen, da er dann den sofortigen Angriff Österreichs zu gewärtigen hatte, zudem erfuhr er von den Verhandlungen Österreichs mit Frankreich.
Unter diesen Verhältnissen machte nun England den Versuch, Preußen wenigstens bedingungsweise für sich zu gewinnen, und Friedrich ging darauf ein, als er von dem Abkommen zwischen England und Rußland Kenntnis erhielt. So schlossen England und Preußen den Neutralitätsvertrag von Westminster (Januar 1756), in dem beide Mächte sich Frieden und Freundschaft gelobten und sich verpflichteten, ihre bisherigen Verbündeten von Angriffen auf Gebiete des anderen -- also Rußland von Preußen, Frankreich von Hannover -- abzuhalten. Dieses Abkommen sollte mithin die letztgenannten Mächte einschränken, beförderte aber tatsächlich $eine neue Gruppierung der Staaten$, auf die Österreich unter Fürst Kaunitz schon lange hinarbeitete. Es gelang ihm, Rußland, Sachsen, Schweden, sowie die meisten deutschen Fürsten zu einem Angriffskriege gegen Preußen, auf dessen völlige Zerstücklung es abgesehen war, an sich zu ziehen und diesem Bunde die Unterstützung Frankreichs zu sichern. Es dauerte jedoch geraume Zeit, bis dies erreicht war; erst im Frühjahr 1757 kam die Koalition zustande und erst im Sommer waren die Rüstungen überall vollendet.
Frankreichs bisheriger Politik widersprach dieses Bündnis völlig, bezweckte es doch einen Krieg, der das österreichische Kaiserreich stärken sollte, für dessen Demütigung und Schwächung Frankreich bisher gekämpft hatte; es wurde auch nur durch die Hofpartei begünstigt. Als Preis versprach Österreich Belgien; ein Teil dieser Provinz sollte an Frankreich abgetreten werden, den Rest der in Parma regierende spanische Infant Philipp gegen Überlassung seines bisherigen Besitzes an Österreich erhalten. Noch mehr aber förderten persönliche Einflüsse das Zustandekommen dieses Vertrages. Man benutzte den religiösen Aberglauben Ludwigs XV., um ihn zu einem Kriege der beiden katholischen Großmächte gegen die neuentstehende protestantische zu begeistern, auch wurde die Pompadour, die durch den Spott Friedrichs II. gereizt war, für den Plan gewonnen. Im Mai 1756 schlossen Österreich und Frankreich zu Versailles ein Schutzbündnis als Antwort auf den englisch-preußischen Neutralitätsvertrag, und im Mai 1757 verpflichtete sich Frankreich, ein Heer nach Deutschland zu schicken, auch erklärte es gleichzeitig den Krieg an Preußen. -- Bei der Teilung Preußens sollte =Rußland= Ostpreußen erhalten, an =Schweden= sollte Pommern, an =Sachsen= der Saalekreis sowie Magdeburg fallen, =Österreich= wollte natürlich Schlesien behalten. -- Auch Rußland und Schweden erklärten erst im Sommer 1757 den Krieg, nur das =Deutsche Reich= hatte dies auf einen Notruf Sachsens schon im Januar getan und zwar an den »Kurfürsten von Brandenburg«.
=Friedrich der Große= hatte aber schon 1756 den als $der Siebenjährige Krieg$ bekannten Kampf begonnen. Er war im Juli 1756 durch Holland von der ihm drohenden Gefahr unterrichtet und hoffte mittels eines schnellen Stoßes die Koalition zu sprengen, Österreich zu entmutigen, sowie dessen Bundesgenossen abzuschrecken; 1756 nahm er Sachsen in Besitz und drang im April 1757 in Böhmen ein. Ehe seine übrigen Gegner im Felde erschienen, hatte er auch mit England einen festeren Bund geschlossen (Januar 1757). Im Mai und Juni 1756 hatten England und Frankreich formelle Kriegserklärungen gewechselt; in dem neuen Vertrage mit Preußen verpflichtete sich England-Hannover, in Westfalen ein Heer aufzustellen, eine starke Flotte in die Ostsee zu senden und jährlich eine Million Lstrl. Subsidien zu zahlen; auch lieferte es Hilfsgelder an die wenigen deutschen Fürsten, die zu Preußen standen.
Dieser Vertrag war ein Verdienst des älteren =Pitt=, des späteren Grafen von Chatham, Staatssekretärs des Auswärtigen, des Leiters der englischen Politik vom November 1756 bis April 1757 und sodann vom Juni 1757 bis Oktober 1761. Er war trotz mancher Gegensätze ein begeisterter Verehrer Friedrichs II. und rechnete überdies ganz richtig, daß die im deutschen Kriege angelegten Gelder in Nordamerika, sowie in Ostindien Zinsen tragen würden. Mit dem Tode Georgs II. (Oktober 1760) schwand sein Einfluß; Georg III. sah in ihm einen Feind der königlichen Rechte, bald wurde die Strömung gegen ihn so stark, daß er (5. Oktober 1761) sein Amt niederlegte, und damit hörten auch die Unterstützungen Englands an Preußen auf.
Durch dieses preußisch-englische Bündnis tritt =der Seekrieg zwischen England und Frankreich in Verbindung mit dem Siebenjährigen Kriege=. Der große König ward in seine gewaltigen Ringen durch englisches Geld sowie auch durch Truppen wesentlich unterstützt, und Frankreich war genötigt, neben dem Kampfe gegen Preußen einen See- und Kolonialkrieg zu führen und seine Küsten gegen englische Angriffe zu schützen. Englands Nutzen aus dieser Verbindung war jedoch noch größer, denn Frankreich verbrauchte im Landkriege so viel von seiner Kraft, daß es dem Gegner auf und über See nicht standhalten konnte. Die Truppen, die es zum Schutz seiner Küsten zurückbehalten mußte, sowie die Geldmittel, die es notgedrungen und nur widerwillig für den Seekrieg aufwandte, hätten in dem Kriege mit Preußen keine ausschlaggebende Rolle gespielt; dagegen muß man allerdings auch wohl anrechnen, daß Frankreich durch die Vernichtung seines Seehandels und durch den Verlust seiner Kolonien infolge des Seekrieges stark geschwächt und dadurch Preußen noch zur rechten Zeit von diesem gefährlichen Gegner befreit wurde, als es nach Pitts Rücktritt 1761 von England verlassen war.
=In den See- und Kolonialkrieg trat auch Spanien ein=, allerdings erst 1762. England sowohl wie Frankreich hatten lange versucht, diesen Staat zu einer engeren Verbindung zu bewegen; letzteres hatte ihm Minorka und Hilfe zur Rückeroberung Gibraltars angeboten, Pitt sogar die freiwillige Rückgabe dieses wichtigen Platzes, allerdings zu einer Zeit, 1757, als die Sache Englands in Nordamerika schlecht stand. Solange Ferdinand VI. regierte, war jedoch alles vergeblich, anfangs, weil der schwer gemütskranke König ganz unter dem Einfluß der einsichtigen Königin stand, dann, weil nach deren Tode alle Geschäfte ruhten. Erst als Karl III. den Thron bestiegen hatte (1759), gelang es Choiseul, ihn für Frankreich zu gewinnen und ihn zur Kriegserklärung an England am 1. Mai 1762 zu bestimmen; England kam dem jedoch durch die eigene Kriegserklärung schon im Januar zuvor.
$Der Bourbonische Familienvertrag.$ Im ersten Bande ist (Seite 598) fälschlich ein Defensivbündnis zwischen Spanien und Frankreich schon mit diesem Namen belegt, während erst das jetzige vom 15. Oktober 1761, dem auch die spanischen Sekundogenituren Neapel und Parma beitraten, gewöhnlich so bezeichnet wird. In ihm garantierten sich sämtliche Herrscherhäuser bourbonischen Stammes ihren gegenseitigen Besitz; der Vertrag schuf ihnen die Grundlage für eine gemeinsame Politik bis zur französischen Revolution.
Karl III., bis 1759 König beider Sizilien, war ein Feind Englands, dem er die Demütigung im Österreichischen Erbfolgekriege (s. Seite 73) nicht vergessen konnte. Er gab die Neutralität auf, obgleich sie, wenn auch vielfach von England verletzt, Spaniens Finanzen und Handel zur Blüte gebracht hatte. Pitt erfuhr frühzeitig von den Verhandlungen und wollte sofort den Krieg erklären, aber sein Einfluß genügte nicht mehr, dies durchzusetzen. Als jedoch bald nach seinem Rücktritt die Silberflotte des Jahres 1761 mit den für einen Krieg nötigen Mitteln unversehrt eingelaufen war, trat Spanien so anmaßend auf, daß England sich doch zur Kriegserklärung am 2. Januar 1762 genötigt sah.
=Auch Portugal ward in den Krieg hineingezogen.= Frankreich und Spanien forderten diesen Staat auf, ihrem Bunde gegen den »Tyrannen der See« beizutreten und sich dadurch von England freizumachen, das ihm alles Geld aus dem Lande zöge (vgl. über den englisch-portugiesischen »Methuen-Vertrag«, Band I, Seite 490). Portugal ging aber nicht darauf ein in der richtigen Ansicht, daß ein gutes Einvernehmen mit England ihm nützlicher sei. Frankreich und Spanien fielen nun 1762 in das Land ein, wurden aber mit englischer Hilfe zurückgeschlagen.
Bei der alten Abneigung zwischen den beiden Staaten der Pyrenäischen Halbinsel hatte Portugal einen Verbündeten nötig, der zu jeder Zeit imstande und gewillt zu seinem Schutze, vor allem auch zu dem des so wichtigen brasilianischen Handels, war. Auf England konnte es sich verlassen, da für dessen Seemacht die Verfügung über die portugiesischen Häfen eine große Bedeutung hatte. So blieb Portugal dem bisherigen Verbündeten treu, obgleich es auch unter Verletzungen der Neutralität durch England litt. Man gab an, das Bündnis mit England sei rein defensiver Natur; Frankreich und Spanien erklärten es jedoch für offensiv, da Englands Flotte nur durch die Benutzung der portugiesischen Häfen imstande sei, zu allen Jahreszeiten die See zu halten und dadurch ihren Handel sowie die Bewegungen ihrer Flotten zu bedrohen.
=Nur Holland blieb neutral= im See- wie im Landkriege. Es war sich seiner Schwäche zu Wasser und zu Lande bewußt, auch sah es sich nicht bedroht, da infolge des Bündnisses zwischen Frankreich und Österreich in diesem Kriege Belgien nicht wie früher Streitobjekt war. Auf Einwirkung Frankreichs hin band es sich aber auch nicht an den alten Schutzvertrag mit England, was seinem Seehandel teuer zu stehen kam.
Der Verlauf des Siebenjährigen (Land-)Krieges.
Dieser Landkrieg steht mit unserem Seekriege in keiner näheren militärischen Beziehung. Wir wollen über seinen Verlauf jedoch soviel sagen, als nötig erscheint, um bei der Betrachtung des Seekrieges zu jedem Zeitpunkt den Stand des Landkriegs in Vergleich ziehen, sowie beurteilen zu können, welche Leistungen er von den Gegnern im Seekriege verlangte; auch ist dies notwendig für die Beteiligung der schwedischen und russischen Marinen am Landkriege, die wir später (Kapitel VI, »Nebenkriege«) behandeln werden.
$1756.$ Friedrich II. wollte durch einen überraschenden Stoß in das Herz Österreichs hinein die ihn bedrohende Koalition sprengen. Er brach am 29. August in Sachsen ein, um sich dieses Land als Basis zu sichern. Am 10. September schloß er das sächsische Heer bei Pirna ein und schlug ein heranrückendes österreichisches am 1. Oktober bei Lobositz; ein zweites, das Schlesien bedrohte, wurde durch Graf Schwerin festgehalten. Die Sachsen ergaben sich am 14. Oktober, das ganze Land kam nun bald in Besitz des Königs, aber infolge des unerwartet langen Widerstandes war die Jahreszeit zu weit vorgeschritten, um den Stoß gegen den Hauptgegner noch unternehmen zu können; eine verhängnisvolle Verzögerung, denn im Winter wurden seine Gegner einig und sammelten ihre Kräfte.
$1757.$ Unter Zurücklassung genügender Truppen zum Grenzschutz brach König Friedrich mit der Hauptmacht im April in Böhmen ein. Am 6. Mai wurde ein österreichisches Heer (Karl von Lothringen) geschlagen, in die Festung Prag geworfen und dort berannt, dann ging Friedrich dem unter Daun erscheinenden Entsatzheer entgegen, in der Hoffnung, durch einen zweiten Sieg dem Kriege ein Ende zu machen. Da er aber die Belagerung Prags aufrechterhielt, wurde er mit seinen unzureichenden Kräften am 18. Juni bei Kolin geschlagen. Dies war seine erste und zugleich seine folgenschwerste Niederlage, denn sie machte seinem Vorwärtsdringen ein Ende; von jetzt an bedrohte man ihn von allen Seiten, er konnte nur noch um den Bestand seines Staates kämpfen.
Friedrich II. war zu schwach, um allen Gegnern gleichzeitig und gleich kräftig entgegenzutreten, er strebte deshalb dahin, mit seiner Hauptmacht stets an der bedrohtesten Stelle zu erscheinen, dann errungene Vorteile durch die Grenzkorps festhalten zu lassen und sich selber gegen die nächste größte Gefahr zu wenden. Seine Feldherrnkunst, die Unterstützung durch tüchtige Generale, die Beherrschung der kürzeren inneren Linien sowie die erstaunliche Marschfähigkeit seiner Truppen ermöglichten ihm, die schwierigsten Lagen zu überwinden und die Gegner schließlich zu ermüden, obgleich auch er schwere Niederlagen erlitt. Zugute kam ihm, daß die Kräfte der Gegner nicht in einer Hand und daß ihre Führer oft uneinig waren, endlich auch deren Langsamkeit. Die Heere waren nach damaligem Brauch bei ihren Bewegungen an Magazine gebunden; der große König machte sich zuweilen durch unmittelbare Beitreibungen hiervon frei. Man sagt, er habe den Nutzen dieses Verfahrens voll gewürdigt, aber nur im äußersten Notfalle davon Gebrauch gemacht, um es nicht seine Gegner zu lehren, die ihn dann erdrückt haben würden.
1757 hatten Friedrichs Feinde 500000 Mann aufgebracht, denen dieser nur 250000 (einschließlich seiner Verbündeten und der Festungsbesatzungen) entgegenstellen konnte. Die Russen drangen in Preußen ein, zwangen mit Hilfe einer Flotte Memel zur Übergabe (5. Juli), siegten bei Groß-Jägersdorf (30. August) und bedrohten Königsberg; sie mußten aber im Herbst zurückgehen, da sie sich in dem verwüsteten Lande nicht halten konnten. Ein Vorstoß der Schweden in Pommern wurde zurückgeworfen. Die Franzosen griffen Westfalen an, schlugen die Hannoveraner (Herzog von Cumberland) bei Hastenbeck (26. Juli) und breiteten sich in Hannover und Braunschweig aus. Die Reichsarmee im Verein mit einem französischen Korps unter Prinz Soubise hatte durch einen Angriff über Thüringen auf Sachsen die Umklammerung Preußens schließen sollen; ihr galt der erste Stoß des Königs. Er kam von Kolin mit einem Teil des Heeres durch Sachsen heran -- der andere Teil deckte Schlesien -- und zerstreute die Verbündeten durch den Sieg bei Roßbach (5. November); dann befreite er durch die Schlacht bei Leuthen (5. Dezember) das schon fast ganz verlorene Schlesien bis auf Schweidnitz. Er hatte also in diesem Jahre seine Staaten sowie Sachsen behauptet. Das hannoversche Heer wurde im Winter, jetzt auch durch englische Truppen verstärkt, neu aufgestellt (Herzog Ferdinand von Braunschweig).
$1758$ stellten die Verbündeten 320000 Mann auf. Österreich sollte gegen Schlesien sowie Sachsen vorgehen, den Russen im Osten, den Franzosen im Westen die Hand reichen; Friedrich verfügte über 236000 Mann. Ferdinand von Braunschweig trieb im Februar die Franzosen über den Rhein und siegte am 22. Juni bei Krefeld; wenn er auch dann durch den Vormarsch eines französischen Korps von Hessen her zum Zurückgehen gezwungen wurde, so behauptete er sich doch das Jahr über in Westfalen. Ebenso wurden die Schweden, die fast schon Berlin erreicht hatten, bis Ende des Jahres nach Stralsund zurückgetrieben. Nur die Russen hatten im Januar Preußen besetzt und waren dann in Pommern bis Kolberg, in der Mark bis Küstrin vorgedrungen. Friedrich selber eröffnete den Feldzug mit der Eroberung von Schweidnitz, rückte in Mähren ein und belagerte Olmütz. Das seine Verbindungen bedrohende Vorgehen der Österreicher unter Daun zwang ihn, die Belagerung abzubrechen, doch gelang es ihm, unbehindert Schlesien zu erreichen, um den Russen entgegenzutreten. Diese wurden durch den Sieg bei Zorndorf am 25. August aus der Mark sowie Pommern vertrieben und zogen sich bis hinter die Weichsel zurück. Der König eilte nach Sachsen, wo Prinz Heinrich von der Reichsarmee und Daun arg bedrängt war. Er zog diesen, dessen Verschanzungen unangreifbar waren, durch Bedrohung seiner Magazine nach der Lausitz, erlitt aber durch den Überfall bei Hochkirch (14. Oktober) eine schwere Niederlage. Trotzdem entsetzte er das belagerte Neiße und verhinderte Daun an einem zweiten Vorstoß auf Sachsen. Wieder hatte er seine Staaten bis auf die Provinz Preußen erhalten und Schwedisch-Pommern sowie Westdeutschland bis zum Rhein gewonnen.
$1759$ stellten die Verbündeten 392000 Mann, Preußen und England-Hannover 252000 auf. Die ersteren planten einen konzentrischen Stoß auf Berlin: Russen und Österreicher von der Oder her, Reichsheer und Franzosen über Sachsen, die Schweden von Norden, Franzosen über Hannover; ein zweites österreichisches Heer (Daun) sollte den König im Süden festhalten. Die vom Süden kommenden Franzosen besetzten schon am 2. Januar Frankfurt a. M. und schlugen Herzog Ferdinand bei Bergen (13. April). Dieser siegte jedoch bei Minden (1. August) über die von Westen heranrückenden Franzosen, sowie im November über die Württemberger; er behauptete das Jahr über Westfalen. Die Schweden breiteten sich in Schwedisch-Pommern aus. Für Friedrich wurde dies Jahr das unheilvollste. Er mußte abwarten, wo sein Eingreifen am nötigsten war oder wo die Gegner sich eine Blöße gäben. Die Russen unter Soltikof und die Österreicher unter Laudon vereinigten sich bei Frankfurt a. O.; der General Wedell wurde von den ersteren bei Key (23. Juli) geschlagen. Als der König dort hineilte, erlitt er die furchtbare Niederlage bei Kunersdorf (12. August). Dresden ging an das Reichsheer verloren. Da aber Daun und Soltikof nicht einig waren, versäumten sie die Gelegenheit, Friedrich zu erdrücken. Prinz Heinrich hielt Daun, der König Soltikof und Laudon fest, bis letztere im Oktober nach Polen abzogen; ein Versuch des Königs, Dresden wiederzugewinnen, gelang jedoch nicht. So blieben ein Teil Sachsens, Schwedisch-Pommern sowie Preußen in der Gegner Hände; der Feldzug 1759 hatte außerdem des Königs Heer stark gelichtet.
$1760$ konnte Friedrich II. sein Feldheer nur auf 90000 Mann, dazu 70000 unter Herzog Ferdinand, bringen, während die Verbündeten 430000 zählten; dennoch verlief das Jahr verhältnismäßig günstig. Herzog Ferdinand behauptete sich, wenn auch mit wechselndem Waffenglück, weiter, und die Schweden machten keine Fortschritte; die Russen in Pommern mußten eine Belagerung Kolbergs zu Wasser und zu Lande aufgeben. In Schlesien und in Sachsen stand es anfangs schlimm; hier standen Daun und das Reichsheer, dort strebten Russen und Laudon aufs neue nach Vereinigung. Laudon schlug Fouqué bei Landshut. Der König wandte sich von Sachsen nach Schlesien, Daun folgte ihm, kehrte dann aber plötzlich zur Eroberung Dresdens zurück. Da jedoch Laudon Glatz nahm, Breslau bedrohte, und die Russen gleichfalls im Anmarsch waren, mußte der König doch nach Schlesien gehen. Unmittelbar rechts vor und hinter ihm folgten zwei österreichische Korps (Daun und Lascy), während Laudon ihm entgegenkam; doch der große Feldherr zerriß dieses Netz durch den Sieg über Laudon bei Liegnitz am 15. August. Auch zu einer völligen Vereinigung der Österreicher mit den Russen kam es nicht. Nur eine abgezweigte russische Abteilung drang mit Lascy vereint bis Berlin vor (Einnahme am 9. Oktober), mußte aber wieder abziehen, als der König heranrückte; dieser trieb dann Daun, der inzwischen ganz Sachsen besetzt hatte, durch den Sieg bei Torgau (3. November) wieder auf Dresden zurück. Friedrich stand mithin nicht schlechter da als zu Ende 1761.
$1761$ waren die Streitkräfte der Gegner etwa die gleichen wie im Vorjahre und auch der Plan der Verbündeten war nahezu derselbe. Größere Ereignisse im Felde brachte das Jahr nicht. Der König konnte die Vereinigung der Russen unter Butturlin und der Österreicher unter Laudon in Schlesien nicht hindern, wich ihnen jedoch geschickt aus und bezog endlich eine sichere Stellung im Lager von Bunzelwitz; Uneinigkeit der feindlichen Feldherren führte zum Abzug der Russen. Es gelang aber den Österreichern am 9. Oktober Schweidnitz, und den Russen am 16. Dezember Kolberg zu nehmen; damit hatten sie in Schlesien sowie Pommern festen Fuß gefaßt.
$1762.$ Immer kleiner war das Gebiet geworden, das Friedrich noch behauptete, und jetzt fielen durch Pitts Rücktritt auch die englischen Hilfsgelder fort. Schon sahen die Gegner der Niederlage Preußens mit Zuversicht entgegen, da wandte sich das Blatt. Nach dem Tode der Kaiserin Elisabeth am 2. Januar schloß ihr Nachfolger Peter III. von Rußland Frieden mit dem König (Petersburg, 6. Mai) und stellte ihm sogar ein Hilfskorps unter Czernitschew in Schlesien zur Verfügung. Friedrich griff Schweidnitz an, das Daun in einer festen Stellung auf den Höhen bei Reichenbach deckte. Nach der Entthronung Peters wurde Czernitschew zurückberufen, ließ sich aber bestimmen, unter Geheimhaltung der Order noch einige Tage zu bleiben, damit Daun mit ihm rechnen müsse. Der König siegte bei Burkersdorf am 21. Juli über diesen und wies dann noch einen weiteren Entsatzversuch Dauns bei Reichenbach am 16. August zurück. Am 9. Oktober fiel Schweidnitz, Schlesien war wiedergewonnen. Prinz Heinrich hatte im Sommer in Sachsen die Reichstruppen von den Österreichern getrennt und nach Franken vertrieben; als sich beide in Böhmen wieder vereinigt hatten, schlug er sie bei Freiburg (29. Oktober). Herzog Ferdinand erfocht über die von Kassel aus vordringenden Franzosen zweimal einen Sieg bei Wilhelmsthal am 24. Juni, bei Lutterberg am 23. Juli. Kaiserin Katharina von Rußland zog sich vom Kriege zurück, bestätigte den Frieden Peters und räumte Preußen.
=Der Krieg war zu Ende!= England und Frankreich schlossen am 2. November den =Präliminarfrieden zu Fontainebleau=. England gab dabei Preußen völlig preis, es zog seine Truppen zurück und gestattete Frankreich, Kleve, Wesel sowie Geldern besetzt zu halten. Nur der Umstand, daß dieser Staat auch des kostspieligen Landkrieges müde war, bewahrte Preußen vor den Folgen der englischen Treulosigkeit, denn Österreich verzagte daran, allein Friedrich II. niederzuwerfen, schloß Waffenstillstand und trat in Friedensverhandlungen ein.
$Der Frieden zu Hubertusburg$, 15. Februar 1763, stellte den Besitzstand vor dem Kriege wieder her: Österreich verzichtete auf Schlesien und Glatz, Preußen räumte Sachsen. Friedrich II. versprach außerdem seine Stimme für die Kaiserwahl des Erzherzogs Joseph. Des großen Königs überlegener Geist, sowie die opferwillige Hingabe seines tapferen Volkes hatten den preußischen Staat und mit ihm die Zukunft Deutschlands gerettet.
Der allgemeine Verlauf des See- und Kolonialkrieges.
Der Seekrieg spielte sich auf verschiedenen Schauplätzen -- in den europäischen, den nordamerikanischen, den west- und ostindischen Gewässern -- ab. Um aber stets über die ganze Kriegslage im klaren zu sein, sowie auch weil England von Anfang an nach einem alle Schauplätze umfassenden Plane vorging, erscheint es angebracht, zunächst den allgemeinen Verlauf dieses Seekrieges etwas eingehender zu schildern, als dies bisher bei anderen geschehen ist.
=Kennzeichnung der Kriegführung seitens der Gegner.= Der vorherzusehende Zusammenstoß zwischen England und Frankreich erfolgte nur wegen Streitfragen auf oder über der See; dies wies deutlich genug auf den wahren Kriegsschauplatz hin, und man hätte einen reinen Seekrieg zwischen den beiden Mächten erwarten müssen. Aber nur England besaß eine starke Flotte und erkannte das Richtige, =Frankreich= hatte Vorbereitungen für einen Seekrieg versäumt und ließ sich außerdem durch den Landkrieg vom Seekriege ablenken. Zu Anfang zeigten sich zwar Unternehmungslust und Tatkraft auf seiten der Franzosen und sie hatten schon wichtige Erfolge errungen, als sie 1757 in den Landkrieg eintraten. Durch die überraschende Einnahme von Port Mahon, durch die Gewinnung Korsikas (wo ihnen Genua zum eigenen Schutz gegen einen Aufstand die befestigten Plätze übergeben hatte) besaßen sie im Verein mit Toulon eine starke Stellung im Mittelmeer; in Nordamerika stand ihre Sache sehr günstig und in Indien war ihre Lage mittelbar dadurch gestärkt, daß die Engländer um ihren bengalischen Besitz mit den Eingeborenen in schwerem Kampfe lagen. Frankreich hätte nun ernstlich dahin streben müssen, durch Bündnisse seine Kraft zur See zu verstärken, Holland und Spanien zu gewinnen; dies geschah oder gelang aber nicht.
$Englands rücksichtsloses Auftreten$ gegen die neutralen Staaten, das aus dem Gefühl seiner Macht zur See entsprang, gab hierzu Gelegenheit. Daß Holland den alten Bund nicht erneuert hatte, vergalt England mit harten Maßregeln gegen dessen Handel[69]. Es erklärte alle Häfen Frankreichs in Blockadezustand und ordnete an, daß sämtliche nach dort bestimmten Schiffe als gesetzliche Prisen zu nehmen wären. Ferner faßte es den Begriff der Kriegskontrebande weit schärfer als bisher und hielt sich nicht mehr an die mit Holland getroffene Abmachung »Frei Schiff« -- »Frei Gut«, sondern legte Beschlag auf holländische Schiffe mit französischer Ladung. Der holländische Handel mit französischen Kolonien, ja sogar der nach den holländischen wurde arg belästigt; Holland war genötigt, seine Kauffahrer durch starke Bedeckungen geleiten zu lassen. Auch andere Staaten, so insbesondere Spanien, litten unter Englands Vorgehen; der Versuch, Spanien zu gewinnen, scheint aber erst von Choiseul ernstlich gemacht zu sein.
[69] Näheres hierüber, so auch einzelne, besonders hervortretende Fälle, vgl. de Jonge, Band IV, Seite 314 ff.
Dagegen ließ sich Frankreich in den Siebenjährigen Landkrieg verwickeln, der seine Mittel stark in Anspruch nahm, da es nicht nur die eigenen Rüstungen, sondern auch die der deutschen Fürsten zahlen, sowie Österreich mit Geld unterstützen mußte. Deshalb vernachlässigte es nun trotz der ersten Erfolge seine schon an und für sich schwächere Marine schmählich, anstatt die für diese durch die Einnahme von Port Mahon im Lande hervorgerufene Begeisterung zu ihrer Hebung zu benutzen. So zeigen sich denn auch Frankreichs Flotten nur einmal, 1759, im Kampfe um die Seeherrschaft, und mit dem Verzicht auf diese gab es auch seine Kolonien auf. Spaniens Hilfe kam zu spät, seine Kolonien teilten nur das Schicksal der französischen.
Es mag sein, daß bei der geringen Bevölkerung der französischen Kolonien in Nordamerika gegenüber den englischen die Seemacht dort nichts am Ausgang des Kampfes geändert haben würde; bei der Lage der beiden Völker in Indien hing aber alles von der Beherrschung der See ab.
Ebenso ist es nicht sicher, ob Frankreich ohne den Landkrieg England hätte erfolgreich gegenübertreten können. Die Marine war vor 1755 noch nicht genügend vorbereitet, obgleich ein tüchtiger Marineminister für sie gearbeitet hatte. Die etwaigen Bundesgenossen waren gleichfalls schwach; Hollands Marine war unbedeutend, die spanische besaß zwar eine stattliche Zahl von Linienschiffen, nach den früheren Leistungen darf man aber zweifeln, ob ihr Wert der Zahl entsprach.
=England= nutzte wohl anfangs seine überlegene Seemacht nicht mit der nötigen Tatkraft und Umsicht aus, aber bald nach Pitts Amtsantritt im November 1756 trat hierin eine Änderung ein; dieser erkannte, wo Englands wahre Vorteile lagen. Auf dem Festlande führte er den Kampf gegen Frankreich fast nur mit Geld, die Hauptkraft verwandte er auf den Seekrieg. England beherrschte bald alle Gewässer, schnitt den Gegner von den Kolonien ab und vernichtete dessen Handel; der eigene wuchs infolgedessen. So wurde Frankreich die finanzielle Kraft zur Kriegführung genommen, während England die Kosten leichter tragen konnte.
=Ein Ausblick auf den Verlauf des Seekrieges= veranschaulicht Vorstehendes. Als 1755 in Nordamerika zwischen den Kolonien der offene Krieg ausgebrochen war, von den Mutterländern unterstützt, rüsteten beide Gegner, wenn auch die Unterhandlungen noch fortliefen; England ließ bereits im Sommer an den Küsten Frankreichs Kriegs- und Handelsschiffe abfangen. Es geschah vielleicht, um den Gegner noch zum Nachgeben zu bewegen, aber vor allem, um ihn in seinen Rüstungen zu stören; wurden doch 500 Schiffe mit 6000 Seeleuten, also den Besatzungen von acht bis zehn Linienschiffen entsprechend, genommen. Dagegen gelang es den Franzosen 1756, durch Vorbereitung eines Einfalls in England die Aufmerksamkeit des Gegners vom Mittelmeer abzulenken und dessen Schwäche dort zur Eroberung von Port Mahon zu benutzen; der Versuch Englands, die belagerte Stadt zu entsetzen, wurde durch die Schlacht von Minorka vereitelt. Jetzt erst erklärte England den Krieg, entfaltete aber bald seine Seemacht in durchgreifender Weise.
=Der Plan für das Vorgehen der englischen Flotte= gipfelte in folgenden Maßnahmen:
1. Unterstützung des Kolonialkrieges in Nordamerika;
2. die französischen Häfen am Atlantik, besonders Brest, wurden mit überlegenen Kräften blockiert, so daß sich auslaufende Flotten oder Geschwader schlagen mußten.
Eine vollständige Blockade von Brest wurde in diesem Kriege zum ersten Male planmäßig betrieben. Die Lage dieses Hafens erleichterte eine solche. Wenn die Blockierenden durch schwere Westwinde zu ihrer Unterbrechung gezwungen wurden, konnten auch die Blockierten nicht auslaufen; die Engländer gingen dann nach einem ihrer Kanalhäfen, waren aber sicher, mit östlichen Winden ihre Station wieder zu erreichen, ehe eine große und mangelhaft gehandhabte Flotte wesentlichen Vorsprung gewinnen konnte. Außer ihrem eigentlichen Zweck hatte nämlich eine strenge Blockade noch eine wichtige Folge: Die französische Marine wurde dauernd außerstand gesetzt, die Handhabung ihrer Schiffe und Schiffsverbände zu üben; in diesen wie in den Kriegen zu Ende des Jahrhunderts -- dargestellt in unserem fünften Abschnitt --, in denen die Blockaden jahraus, jahrein meisterhaft durchgeführt wurden, waren daher die Franzosen, selbst bei gleicher Stärke, beim Zusammentreffen den Engländern nicht gewachsen, während diese gerade durch den schwierigen Blockadedienst zu vorzüglichen Seeleuten herangebildet wurden.
3. Fliegende Geschwader unternahmen Angriffe auf Frankreichs Küsten, bisweilen mit kleineren Landungen verbunden. Diese Vorstöße, deren Ziel der Gegner nicht voraussehen konnte, sollten ihn zwingen, an vielen Stellen Truppen bereit zu halten und damit dem Kriege in Deutschland zu entziehen.
4. In der Nähe von Gibraltar wurde eine Flotte gehalten, um die Seestreitkräfte von Toulon zu hindern, sich mit der Atlantikflotte zu vereinigen oder die auswärtigen Stationen zu verstärken. Dieser Teil der englischen Streitmacht war zwar selbständig, hatte aber etwaigen Anforderungen der Atlantikflotte Folge zu leisten.
Auf die Wiedereroberung des Hafens von Port Mahon, ja selbst auf eine Unterbindung des Verkehrs mit ihm, scheint man keinen Wert gelegt zu haben. Der Besitz der Seeherrschaft im Mittelmeer spielte nicht die Rolle wie in den früheren Kriegen, die Hauptinteressen lagen anderswo.
5. Es wurden Züge gegen die französischen Besitzungen in Westindien sowie Afrika unternommen und in Ostindien ein ständiges Geschwader unterhalten, um die Herrschaft in jenen Meeren zu sichern, den Franzosen die rückwärtigen Verbindungen abzuschneiden und ihren Handel zu vernichten. Diese niemals ausgesetzte Tätigkeit nahm größeren Umfang an, als die französische Marine (1759) lahmgelegt war und als durch Spaniens Eintritt in den Krieg (1761) die Aussicht auf wertvolle Eroberungen sowie Beute größer wurde.
=Frankreich= versuchte in den ersten Jahren noch, seine auswärtigen Stationen zu verstärken, sowie die Kolonien zu unterstützen, und kleinere Geschwader schlüpften auch des öfteren, namentlich während der Wintermonate, durch die Blockade. Dem aber machte Englands Übermacht nach und nach ein Ende; selten nur noch gelang es, Kriegsschiffe oder Konvois nach den Kolonien abzusenden. In den europäischen Gewässern hatte man sich nach dem Vorstoß gegen Port Mahon auf den Kleinen Krieg mittels einzelner Kriegsschiffe und Kaper beschränkt. Erst als zu Ende des Jahres 1758 der feurige =Choiseul= ans Ruder gekommen war, raffte man sich auf. Herabgestimmt durch die Mißerfolge des Jahres im Landkriege, gereizt durch die englischen Küstenangriffe, faßte man den Entschluß, alle Kraft auf ein Ziel zu setzen und in Großbritannien zu landen; ein Plan, mit dem man sich vom Beginn des Krieges an getragen hatte. Gleichzeitig sollten Truppen nach Irland, England sowie Schottland geworfen und zu diesem Zwecke die gesamte Streitmacht zusammengezogen werden. Aber die Toulonflotte wurde auf dem Wege nach Brest von der englischen Gibraltarflotte vernichtend geschlagen (bei Lagos, August 1759). Trotzdem gab Choiseul den Plan nicht auf. Die Brestflotte lief aus, als die Blockade durch stürmisches Wetter unterbrochen war, aber auch sie wurde von dem rechtzeitig zurückkehrenden Gegner gestellt und aufgerieben. (Schlacht in der Quiberonbucht, November 1759.)
=England= errang inzwischen große Erfolge, da durch das Sammeln der französischen Seestreitkräfte die anderen Kriegsschauplätze für das Jahr 1759 ganz ohne Unterstützung geblieben waren. Schon 1758 war die wichtige Festung Louisbourg in Nordamerika gefallen; 1759 eroberte England auch Quebec, in Westindien Guadeloupe, in Afrika Gorée und in Indien räumte das französische Geschwader, nach mehreren nicht unbedingt verlorenen Gefechten, das Feld, worauf bis Januar 1761 (Übergabe von Pondicherry) ganz Französisch-Indien verloren ging. Die Streitkräfte Frankreichs draußen mußten sich eben aufzehren. Die beiden großen Niederlagen 1759 nahmen nun der französischen Marine jegliche Kraft, während England infolge der geringen Beanspruchung daheim in den fernen Gewässern noch tatkräftiger auftreten konnte. Spaniens Hilfe für Frankreich kam zu spät, und auch das sonst erfolgreiche Streben Choiseuls, der 1761 das Marineministerium mit übernahm, die Marine zu heben, konnte für diesen Krieg keine Früchte mehr tragen. Nicht imstande, zur See etwas zu unternehmen, griffen die Verbündeten (1762) Portugal zu Land an, wurden jedoch mit Englands Unterstützung zurückgeschlagen. England dagegen nahm im Jahre 1762 Frankreich noch Martinique, die Perle der Antillen und ein wichtiger Stützpunkt für Freibeuterei, den Spaniern Havanna und die Philippinen ab. Frankreich hatte alle Kolonien bis auf seinen Anteil an Haiti verloren.
Der Kleine Krieg gegen den Handel in allen Meeren spielte auch im Siebenjährigen Kriege eine bemerkenswerte Rolle; er zeigte fast dieselbe Eigenart wie in den früheren englisch-französischen Kämpfen. Obgleich er wiederum von Frankreich mit großer Kühnheit und Ausdauer geführt wurde, um so tatkräftiger, je mehr die Marine zurückging, brachte er schließlich doch wie im österreichischen Erbfolgekriege den Niedergang des französischen Handels bis zur Vernichtung, dagegen ein Aufblühen der englischen Schiffahrt und Industrie. Damit wurde für Frankreich eine wichtige Hilfsquelle verstopft, die für England desto reichlicher floß.
Der Friede zu Paris. 10. Februar 1763.
Die Eroberung der Philippinen[70] war das letzte Ereignis dieses Krieges. Neun Monate hatten genügt, um =Spanien= niederzuwerfen; es bat um Frieden, und Frankreichs letzte Hoffnung war damit zertrümmert. =Choiseul= hatte schon 1761 Friedensvorschläge gemacht; es war ihm aber wahrscheinlich kaum Ernst damit und er wollte wohl nur England über seine Verhandlungen mit Spanien täuschen. =Pitt= durchschaute jedoch diese Absicht und war auch nicht gewillt, auf das Verlangen Frankreichs einzugehen, Preußen ganz fallen zu lassen; er rechnete im Gegenteil weiter damit, durch die Fortsetzung des Land- und Seekrieges Frankreich als See- und Kolonialmacht völlig zu vernichten. 1762 waren nun beide Gegner des Krieges müde, Frankreich war erschöpft und die englische Regierung glaubte, gegen Pitts und seiner Anhänger Ansicht, mit der augenblicklichen Vernichtung der feindlichen Flotten und Wegnahme der Kolonien genügend erreicht zu haben. Die Friedensverhandlungen gingen nach Pitts Rücktritt sogar von der schwachen englischen Regierung aus und wurden trotz der glänzenden Erfolge mit unwürdiger Hast zu Ende geführt. =Georg= III. und der nunmehrige Leiter der Politik, =Lord Bute=, wünschten den Frieden aus anderen Gründen: Mangel an politischer Einsicht, Abneigung gegen Friedrich II., Verlangen nach Frieden von außen, um sich gegen Widersacher der Regierung im Lande wenden zu können. Sie schlossen schon am 3. November 1762 einen =Präliminarfrieden zu Fontainebleau= mit Frankreich und Spanien unter weit bescheideneren Bedingungen[71] ab, als die Gegner erwarteten und England nötig gehabt hätte; der Vertrag wurde am 10. Februar 1763 zu Paris bestätigt.
[70] Clowes, Band III, Seite 238, setzt diese Eroberung (mit sonst gleichen Monats- und Tagesangaben) wohl irrtümlich auf 1761 und beschreibt sie unter den Ereignissen dieses Jahres im Gegensatz zu allen anderen Geschichtsbüchern.
[71] Die Bedingungen, soweit sie die Kolonien betrafen (und dies war die Hauptsache), sehr genau in Zimmermann, Band II, sowie Band IV.
$Die Friedensbedingungen.$ =Frankreich= gab alle Ansprüche auf Kanada, Neuschottland und Neubraunschweig -- mit Kap Breton sowie den anderen Inseln im St. Lorenzstrom -- auf; es trat das Ohiotal und das ganze Gebiet östlich vom Mississippi an England ab. Es gab auch Minorka zurück, und da es die Insel Spanien versprochen hatte, entschädigte es diesen Staat durch die Gebiete Louisianas, westlich vom Mississippi, einschließlich der Stadt New Orleans. Es war aus Nordamerika vertrieben. -- In Westindien erhielt Frankreich sämtliche Inseln bis auf Grenada zurück. Die neutralen Inseln wurden geteilt: St. Lucia fiel an Frankreich, St. Vincent, Tabago, Dominica an England. -- In Ostindien bekam Frankreich Pondicherry nebst den Besitzungen an der Koromandelküste wieder, die es 1749 besessen hatte, es mußte aber auf die seitdem hier sowie in Orissa gemachten Erwerbungen und auf das Recht verzichten, in Bengalen Befestigungen anzulegen und Truppen zu halten. Es konnte in Indien wohl in beschränktem Maße Handel treiben, aber sein politischer Einfluß -- der Traum eines großen Reiches hier -- war zu Ende. -- In Afrika wurden die Niederlassungen im Senegal (mit Ausnahme von Gorée) an England abgetreten. -- Das Recht, an den Küsten Neufundlands, sowie in einigen Teilen des Lorenzgolfes zu fischen, ward Frankreich zugestanden und ihm zu diesem Zweck die kleinen Inseln St. Pierre und Miquelon als Fischerstationen belassen. -- Dünkirchen, der gefährliche Stützpunkt der Freibeuterei, mußte, wie nach dem Aachener Frieden, wieder entfestigt werden.
=Spanien= bekam Havanna sowie die Philippinen zurück, trat aber Florida an England ab und erhielt die französischen Teile von Louisiana. Von dem beanspruchten Rechte der Fischerei bei Neufundland wurde es ausgeschlossen. Es gestand zu, daß England in Honduras Holz holen dürfe, und erklärte sich mit der Aburteilung der Prisenfälle in England einverstanden.
=England= kam mithin durch den Frieden in den Besitz eines nordamerikanischen Reiches, das Kanada sowie die sämtlichen jetzigen Vereinigten Staaten östlich des Mississippi umfaßte. Es gewann einige westindische Inseln und Senegal. In Ostindien wurden der englischen Kompagnie alle Eroberungen stillschweigend zugestanden; England war hier unbedingt die Vormacht geworden. Fast noch wichtiger als diese Gebietserweiterungen waren das Übergewicht zur See und das Ansehen, das England durch den Krieg erlangt hatte. Aber England hätte weit bedeutendere Forderungen durchsetzen können: solche, wie sie Pitt und seine Anhänger wünschten, um Frankreich aus der Reihe der Kolonialmächte zu streichen. Diese versuchten denn auch, die übereilten Friedensvorschläge rückgängig zu machen, das Parlament war jedoch größtenteils in der Hand der Regierung und bestätigte sie[72].
[72] Der Einfluß des Pariser Friedens auf die Beendigung des Siebenjährigen Krieges ist bereits Seite 123 geschildert.
$Captain Mahan äußert sich hierzu$ (Band I, Seite 309; hier gekürzt wiedergegeben): =Pitt sagte=: Frankreich ist uns hauptsächlich als See- und Kolonialmacht gefährlich. Was wir in dieser Hinsicht gewinnen, ist uns durch den Schaden wertvoll, den Frankreich davon bat. =Jetzt läßt man ihm die Möglichkeit, seine Marine wieder ins Leben zu rufen.= Die Zurückgabe der Kolonien in West- und Ostindien sowie des Rechtes der Fischerei in Nordamerika gaben Frankreich die Möglichkeit und den Antrieb, Schiffahrt, Handel und Marine wieder herzustellen, und waren geeignet, es von dem Pfade des Ehrgeizes auf dem Festlande, der so günstig für das Wachsen der Macht Englands auf den Ozeanen gewesen war, abzulenken. Die Opposition in England war auch der Ansicht, daß das noch öde Florida ein schlechter Ersatz für das wichtige Havanna sei; Portoriko war als solcher vorgeschlagen, Florida wurde angenommen.
Das Ministerium rechtfertigte seine Nachgiebigkeit mit dem ungeheuren Wachsen der Staatsschuld durch den Krieg (von 78 Millionen Lstrl. im Jahre 1748 auf 122); aber gerade weil dieser Wechsel auf die Zukunft gezogen war und sich dies durch die Erfolge im Kriege bewährt hatte, mußte man beim Friedensschluß alles nehmen, was man erhalten konnte. Auch brauchte England in dieser Hinsicht nicht in Sorge zu sein. Der zunehmende Handel und die wachsende Industrie, für die der große Kolonialbesitz ihm den Absatz sicherte, während im übrigen Europa Seehandel und Industrie daniederlagen, boten ihm genügende Garantie. Aber das Volk hatte keine Vertretung in der Regierung; der einzige Mann, der der Ausnutzung der günstigen Lage gewachsen war, Pitt, stand in Ungnade bei Hofe.«
Frankreich war über die geringen Forderungen erstaunt. Man hätte hier das reiche Martinique, Guadeloupe sowie das handelspolitisch und strategisch wichtig gelegene St. Lucia[73] geopfert; Guadeloupe gab aber Lord Bute sogar über den Kopf des Premierministers hin fort. Die ostindische Kompagnie war empört, daß sie die fast nur auf ihre Kosten eroberten Philippinen nicht behalten durfte; nicht einmal der volle Betrag der auferlegten Kontribution wurde ihr von Spanien gezahlt. Die Entrüstung auf Bute wuchs so rasch im Lande, daß er schon im April 1763 zurücktrat; man sagte ihm sogar nach, er sei von Frankreich bestochen worden.
[73] St. Lucia, zu Luward von Guadeloupe und Martinique gelegen, war vorzüglich geeignet, diese wichtigen französischen Inseln zu überwachen, wie sich 1782 zeigen sollte.
Die Streitmittel.[74]
$Frankreich$ trat dank den Bemühungen der Minister =Maurepas= und =Rouillé= mit einer größeren Zahl von Schiffen in den Siebenjährigen Krieg ein als in den vorigen.
[74] Die innere Geschichte der Marinen Frankreichs und Englands ist schon im Kapitel II (Seite 24 ff.) behandelt, dort sind auch (Seite 33) die beiden Marinen auf ihren Wert an Material und Personal verglichen. Wir beschränken uns hier deshalb fast ganz auf Angaben über die Schiffsbestände und Schiffsverluste in diesem Kriege. Diese Angaben stützen sich auf Charnock, Teil III, Seite 174, 178, 183, 196, der auch die Namen der Schiffe angibt (über Spanien ebenfalls). Die Verluste der drei Marinen vgl. auch Clowes III, Seite 310 ff. (gleichfalls mit Namen).
=Der Schiffsbestand= betrug 1756: 6 Schiffe zu 84 Kanonen, 29 zu 74, 3 zu 70, 29 zu 64, 5 zu 60, mithin 72 Linienschiffe; ferner 10 Schiffe zu 50 sowie 6 zu 36-46 Kanonen, gewöhnlich Fregatten genannt, und an richtigen Fregatten 17 zu 32 sowie 24 zu 22-26 Kanonen, endlich 12 Korvetten zu 10-16 Kanonen und etwa 100 kleinere Fahrzeuge. Fast alle diese Schiffe, besonders aber die Linienschiffe, waren seit 1748 neu erbaut.
Zu den Linienschiffen zählen von dieser Zeit an nur solche, die über 50 Kanonen führen, doch stellte Frankreich noch manchmal 50-Kanonenschiffe in die Linie ein (England nur sehr selten). Frankreich scheint auch in diesem Kriege noch keine Dreidecker gehabt zu haben, dagegen die neuen, sehr starken Zweidecker zu 84 Kanonen (vgl. Seite 12 und 14). Mehrere Quellen geben für 1756 nur 60-70 Linienschiffe an.
Auch die Zahl der =Seeoffiziere= war von 660 um 1740 wieder auf 900 gewachsen, aber wie bei Beginn des vorigen Krieges fehlte ihnen die Übung, und bei den Mannschaften war dies noch mehr der Fall. Die traurigen Verhältnisse unter den späteren Ministern machten eine Stärkung der Marine während des Krieges unmöglich; der Aufschwung unter =Choiseul= (1761) kam zu spät. Im Siebenjährigen Kriege erhielt die königliche Marine noch Unterstützung durch die Ostindische Kompagnie, deren Schiffe und Offiziere jedoch nicht vollwertig waren (vgl. Seite 57).
=Der Verlust an Schiffen= betrug 20 Linienschiffe und 34 Fregatten, vom Feinde genommen, 14 und 22 Schiffe dieser Arten vernichtet oder sonst verunglückt; eine Anzahl kleinerer Fahrzeuge trat hinzu. Die Marine war also um 1763 wieder bis auf 40 Linienschiffe und, trotz einiger Neubauten, auf vielleicht 10 Fregatten zurückgegangen, wozu dann die 15 Linienschiffe im Bau, die die Nation der Regierung schenkte, traten.
$Spanien$ hatte gleichfalls seine Marine seit 1748 sehr verstärkt. 1759 besaß es 49 Linienschiffe, nämlich: 2 zu 80 Kanonen, 6 zu 70, 30 zu 68, 8 zu 60, 3 zu 58. Hinzu kamen 2 Schiffe zu 50 Kanonen, 22 Fregatten zu 22-30 und 14 Korvetten. Die Schiffe waren fast sämtlich neu, jedenfalls die Linienschiffe erst nach 1750 erbaut. Es liegen aber keinerlei Andeutungen vor, die darauf hinweisen, daß die Schiffe besser imstande gehalten wären, noch daß das Personal auf einer höheren Stufe gestanden habe, als bisher. Spanien verlor in dem Kriege 9 Linienschiffe sowie 5 Fregatten, vom Feinde genommen, und beim Angriff auf Havanna (1762) waren 3 Linienschiffe zur Sperrung der Einfahrt versenkt.
In $England$ war der =Schiffsbestand= um $1756$: 5 Schiffe zu 100 Kanonen, 10 zu 90, 6 zu 74, 27 zu 70, 5 zu 64, 36 zu 60, mithin 89 Linienschiffe; 30 Schiffe zu 50 Kanonen sowie 38 zu 40-44 (die letzteren oft Fregatten genannt); 59 Fregatten zu 20-24 Kanonen und viele kleinere Fahrzeuge. Insgesamt 274 Segel. Der =Verlust= betrug 15 Linienschiffe (aber nur eins vom Feinde genommen), 4 50-Kanonenschiffe, 3 zu 40 und 14 zu 20-28 Kanonen. Trotz dieses Verlustes und obgleich während des Krieges eine ziemlich große Zahl als abgenutzt aus den Listen gestrichen wurde, war doch durch Neubau oder Einstellung genommener Schiffe der =Gesamtbestand um 1763= auf 340 Segel gewachsen. Die schon früher gegebene Tabelle (Seite 18) weist für 1762 an Linienschiffen 141 nach; aus ihr ist ferner zu ersehen, daß besonders Schiffe der dritten Klasse (zu 74 und 64 Kanonen) sowie Fregatten zu 28-38 Kanonen erbaut oder eingestellt sind, während man die verlorenen 50- oder 44-Kanonenschiffe nicht ersetzt hat. Auch begann man gegen Ende des Krieges in England nach dem Muster genommener französischer großer Zweidecker solche zu 80 Kanonen zu erbauen.
Im Gegensatz zum vorhergegangenen Kriege würde die englische Marine nicht überlegen gewesen sein, wenn das Bündnis zwischen Frankreich und Spanien sofort in Kraft getreten wäre. Auch nach den niedrigsten Angaben hätten diese Staaten über 100 Linienschiffe den englischen 89 (oder mit Einschluß der 50-Kanonenschiffe 120) entgegenstellen können. Gegen Frankreich allein trat England allerdings überlegen auf, und als Spanien (1761) den Krieg erklärte, hatte die französische Marine schon die angegebenen ungeheuren Verluste erlitten, die englische war dagegen bedeutend gewachsen.
Der Verlauf des See- und Kolonialkrieges.[75]
Die Ereignisse vor der Kriegserklärung.
$Die Reibungen in den Kolonien$ begannen schon unmittelbar nach dem Frieden von Aachen. =In Westindien= besetzte der Gouverneur von Martinique 1749 die neutrale Insel Tabago und räumte sie erst wieder, als England sehr ernstlich Einsprache erhob; ein ähnlicher Fall ereignete sich an der Westküste von =Afrika=. =In Ostindien= aber hatten die Kompagnien und in =Nordamerika= die Kolonisten der beiden Länder den Kampf trotz des Friedensschlusses eigentlich ununterbrochen fortgesetzt, wie sich später bei der Schilderung des Krieges in den Kolonien ergeben wird. Um 1755 war der Kampf, in Amerika schon beträchtlich von den Mutterländern unterstützt, zu einem derartigen Umfange gediehen, daß die Regierungen daheim Maßregeln ergriffen, die einen großen Krieg unabwendbar erscheinen ließen. =Frankreich= bereitete in Brest sowie Rochefort eine starke Expedition nach Kanada vor, und =England= rüstete daraufhin gegen 35 Linienschiffe aus, warb oder preßte Seeleute und ordnete die Aufstellung von 50 Kompagnien Seesoldaten an.
[75] Besonders benutzte Quellen: Clowes, Band III; Lacour I; Mahan I; Troude, Band I; Bonfils, Band II; für die politischen Verhältnisse sowie den Krieg am Lande in den Kolonien Zimmermann. Band II und IV.
Am 3. Mai 1755 verließ Lieutenant-Général =Comte de Macnemara= Brest mit einer Flotte von 20 Linienschiffen und 6 Fregatten. Von den Linienschiffen waren jedoch nur 9 vollständig armiert, nämlich 6, die, zu einem Geschwader vereint, dem genannten Admiral unmittelbar unterstellt waren, und 3 zum Geschwader des Chef d'Escadre =Dubois de la Motte= gehörige. Dieser Flaggoffizier war der Führer der eigentlichen Expedition nach Kanada, und die ihm weiter unterstellten 11 Linienschiffe, die 12 Bataillone Infanterie (unter Baron =Dieskau=) sowie Kriegsmaterial in die Kolonie überführen sollten, waren nur als Flüten[76] armiert. Macnemara ging mit seinen Linienschiffen sowie 3 Fregatten nach Brest zurück, sobald er seine Aufgabe gelöst hatte und die Expedition sicher auf hoher See wußte. Nun sollte er an den Küsten Frankreichs kreuzen. Er legte aber krankheitshalber sein Kommando nieder und starb bald darauf, 65 Jahre alt; das Geschwader kreuzte dann unter dem Befehle des Comte Du Guay. =Dubois= segelte nach Nordamerika, zweigte bei Annäherung an die Küste 4 Linienschiffe nach Louisbourg ab und führte den Rest nach Quebec; 3 Schiffe waren im Nebel von ihm abgekommen, und nur diese stießen mit den Engländern zusammen.
[76] Es war in Frankreich üblich, Linienschiffe »en flûte« zu armieren, wenn sie Truppen und Material nach den Kolonien brachten. Es waren dann, um Raum zu gewinnen, nur 20-22 Kanonen aufgestellt, die anderen wurden zurückgelassen oder in den Lasten verstaut. -- Französische Quellen sagen, im vorliegenden Falle sei es auch aus Sparsamkeit geschehen, sowie, um England nicht zu reizen.
In England war man nur oberflächlich von der französischen Expedition unterrichtet gewesen, hatte aber doch schon am 27. April den Vizeadmiral =Edward Boscawen= mit 11 Linienschiffen, einer Fregatte sowie einigen Transportern, die 2 Regimenter an Bord führten, nach Amerika gesandt. Als die Stärke der Franzosen bekannt wurde, folgte am 11. Mai ein Nachschub von 6 Linienschiffen unter Kontreadmiral =Francis Holburne=, die am 21. Juni auf den Neufundlandbänken zu Boscawen stießen. Dieser war zwar mit Dubois nicht zusammengetroffen, jedoch am 6. Juni den drei versprengten Franzosen begegnet, hatte sie mit dem ganzen Geschwader gejagt und am 8. zwei von ihnen, ein voll- und ein en flûte-armiertes Schiff, genommen; dem dritten, einem guten Segler, gelang es, im Nebel nach Louisbourg zu entkommen. Als Boscawen dann erfuhr, daß Dubois wohlbehalten Quebec erreicht habe, ging er nach Halifax, da seine Mannschaft sehr unter Krankheit litt; nur ein kleineres Geschwader unter Holburne blockierte Louisbourg. Nach Ausschiffung der Truppen begab sich =Dubois= auf die Rückreise und langte am 21. September in Brest an; auch den Schiffen in Louisbourg gelang es, während eines Sturmes zu entschlüpfen und sich ihm anzuschließen. Nun ging auch =Boscawen=, dessen Bleiben in den nordamerikanischen Gewässern nicht mehr nötig erschien und der gegen 2000 Mann an Krankheiten verloren hatte, mit Holburne nach England und traf am 4. November in Spithead ein; nur wenige Schiffe unter Kommodore =Spry= überwinterten in Halifax.
=Dubois= wäre ohne Zweifel zu schwach gewesen, um gegen Boscawen aufzutreten, aber auch seine Instruktion verbot es ihm. Bemerkenswert ist hier die Verschiedenheit der Befehle für die Führer. Die französischen schrieben vor, jeden Zusammenstoß zu vermeiden, solange es die Ehre der Flagge zuließe; =Boscawen= hatte Order, die Kolonie zu schützen und das feindliche Geschwader anzugreifen, wo er es fände. Der Erlaß dieses Befehls war sogar dem französischen Gesandten bekannt gegeben.
Die Wegnahme der beiden französischen Schiffe erregte in Frankreich große Entrüstung, blieb aber nicht die einzige Gewalttat Englands vor der Kriegserklärung. Im Sommer 1755 erhielt der Kontreadmiral =Sir Edward Hawke= den Auftrag, mit einem starken Geschwader in der Biscaya zu kreuzen und jedes französische Linienschiff zu nehmen; im August wurde der Befehl auf alle feindlichen Kriegsschiffe, Kaper und Handelsschiffe ausgedehnt. Der gleiche Befehl erging an das Mittelmeergeschwader. Bis Ende des Jahres nahmen Hawke, später die Admirale =Byng= und =Temple-West= 500 Handelsschiffe im Wert von über einer Million Lstrl., sowie einige Kriegsschiffe; auf ihnen befanden sich 6000 französische Seeleute und 1500 Soldaten, einschließlich der Besatzungen der in Nordamerika genommenen Schiffe, in englischer Gefangenschaft. Diese entsprachen den Besatzungen von wohl 10 Linienschiffen, bedingten also einen schweren Verlust für Frankreich vor Eintritt in den Krieg.
$Frankreich nimmt Minorka 1756.$ Trotz aller dieser Vorgänge und obgleich sich die Stimmung des englischen Parlaments im November 1755 sehr kriegerisch äußerte, setzte die französische Regierung die Verhandlungen über die amerikanischen Streitfragen fort; sie zeigte sich sogar so friedfertig, daß sie einen vor Brest genommenen englischen Kreuzer zurückgab und dem englischen Mittelmeergeschwader das Anlaufen von Toulon behufs Auffüllung von Vorräten gestattete. Hoffte man noch, den Frieden zu erhalten, oder wollte man die Zeit zu einem plötzlichen Schlage abwarten? Wie in den früheren Kriegen war in Frankreich große Stimmung für einen überraschenden Einfall in Großbritannien; See- und Landoffiziere sowie auch Private legten dem Marineminister Pläne zu einem solchen vor[77]. Mit Beginn des Jahres 1756 wurden Truppen an der Kanalküste zusammengezogen, und in Brest rüstete man eifrig. Es ist fraglich, ob dies Ernst war, aber man rief damit in England wieder die Furcht wach, die seit Ruyters Einfall hier so leicht die Gemüter erregte. Sogar die Regierung erließ eine Proklamation, die selbst englische Quellen (vgl. Laird Clowes, Band III, Seite 142) »foolish« nennen, an die Bevölkerung über Maßregeln bei einer Landung der Franzosen. Besonders aber wurde die Aufmerksamkeit Englands von den anderen wahrscheinlichen Kriegsschauplätzen abgelenkt, so besonders vom Mittelmeer. Der von allen früheren Strategen seit Drakes Zeiten längst als einzig richtig anerkannte Grundsatz, das Land vor einem Einfall durch entschieden angriffsweise Tätigkeit der Flotte zu schützen, geriet wieder einmal in Vergessenheit.
[77] Lacour I, Seite 244 ff., bringt einige dieser Pläne.
Und nun wählte Frankreich das Mittelmeer zu einem plötzlichen Vorstoß. Während man die Vorbereitungen im Norden möglichst geräuschvoll betrieb und dabei kleine Geschwader oder Divisionen von dort nach den Kolonien sandte, rüstete man in Toulon und Marseille ganz insgeheim eine mächtige Expedition gegen Port Mahon aus, um diesen wichtigen Stützpunkt vor der eigenen Küste den Engländern zu entreißen. Am 12. April 1756 ging der Lieutenant-Général =Marquis de La Gallissonnière=[78] mit 12 Linienschiffen und 5 Fregatten in See, er deckte eine Transportflotte von 176 Segeln mit 12000 Mann unter dem =Herzog von Richelieu=. Eine Woche später wurde das Heer auf Minorka gelandet, Port Mahon berannt und von der Flotte blockiert. Die erst spät zum Entsatz erscheinende englische Flotte unter Vizeadmiral =John Byng= wurde abgewiesen; die Festung ergab sich am 29. Juni.
[78] =Roland Michel, Marquis de La Gallissonnière=, geboren 1693, trat 1710 in die Marine, wurde, da er keine besondere Protektion besaß, nur langsam befördert: 1726 Leutnant, 1738 Kapitän, 1750 Chef d'Escadre, 1755 Lieutenant-Général. Er diente unter Gabaret und de Court mit Auszeichnung im Österreichischen Erbfolgekriege; war 1747-1750 Gouverneur von Kanada und sorgte für die Befestigungen an dessen Grenzen; einige Jahre in Landstellungen der Marine, führte er 1754 und 1755 Schulgeschwader im Mittelmeer und machte sich verdient um Geschwaderübungen sowie Signalwesen. Er kommandierte in der Schlacht bei Minorka 1756 und starb am 26. Oktober desselben Jahres. Gallissonnière war ein tüchtiger Offizier, aber doch kein höherer Führer und auch jetzt wohl zu alt, sonst hätte er seinen Erfolg bei Minorka besser ausgenutzt.
$Die Eroberung von Port Mahon 1756.$ Die Expedition war sehr geheim gehalten. Truppen, Artillerie-parks und Munition waren unter mannigfachen Vorwänden in Toulon und Marseille gesammelt. Der bezügliche Befehl erging an =Richelieu=, den derzeitigen Oberbefehlshaber der Truppen an der Mittelmeerküste, erst am 16. März, an Gallissonnière am 22., sonst hatten selbst die höheren See- und Landoffiziere keine Kenntnis vom Zweck der Rüstungen. Die Schiffe waren schnell und gut ausgerüstet, man hatte dazu Arbeiter aus Genua und Venedig herangezogen. Die Einschiffung erfolgte vom 4. bis 8. April; die Gesamtflotte ging am 10. in See; sie mußte zwar wegen Gegenwindes wieder ankern, setzte aber am 12. die Reise fort und erreichte am 18. Minorka, ohne von einem englischen Schiffe gesehen zu sein. Des herrschenden Windes wegen wählte man Ciudadela als Landungsplatz; vom 18. abends bis zum 20. wurden die Truppen ausgeschifft.
Die Flotte blieb dann noch vor dieser Stadt liegen, um die Landung des Trains zu decken. Man hat dies dem Admiral zum Vorwurf gemacht; er habe die Deckung Fregatten überlassen können. Er versäumte nämlich dadurch die Gelegenheit, einige englische Schiffe abzufangen, die in Port Mahon lagen. Aus seiner Verteidigung[79] geht jedoch hervor, daß er sich genau an die ihm gewordene Order gehalten hat. Diese lautete: »Die Ausschiffungsstelle nicht zu verlassen, ehe der Marschall völlig zum Angriff auf Port Mahon bereit sei; seine Kräfte nie zu teilen und nur zum Schutz der Expedition zu verwenden.« Erst vom 24. April ab kreuzte er dementsprechend vor der belagerten Stadt.
[79] Näheres vgl. Lacour I, Seite 263.
Marschall Richelieu besetzte die Stadt Port Mahon am 22. Die Garnison hatte sich in das Fort San Felipe zurückgezogen; sie war nur schwach, viele Offiziere befanden sich auf Heimatsurlaub und der sonst tüchtige Gouverneur, General =Blakney=, war alt und krank. Auf dessen Anfrage, was die Landung bezwecke, antwortete der Marschall: Das gleiche wie das Wegnehmen französischer Schiffe durch die englische Flotte. Die Beschießung des Forts und seiner Außenwerke begann erst am 11. Mai, da das Gelände die Belagerungsarbeiten sehr erschwerte; auch war noch Material verschiedener Art aus Frankreich nachzusenden. Man mußte mit dessen Beschaffung eilen, da täglich die Verbindung mit der Heimat durch englische Seestreitkräfte unterbrochen werden konnte. Eine englische Flotte erschien gegen Ende des Monats, wurde aber zurückgeschlagen. Die Besatzung kapitulierte nach tapferer Gegenwehr am 29. Juni unter ehrenvollen Bedingungen; sie wurde auf französischen Handelsschiffen nach Gibraltar gebracht.
$Die Seeschlacht bei Minorka am 20. Mai 1756.$ In England hatte man mit Rücksicht auf die französischen Rüstungen im Norden das Mittelmeer ganz aus dem Auge gelassen, obgleich schon im Oktober 1755 das Gerücht von einem Plane des Feindes gegen Port Mahon aufgetaucht war und Schiffe genug zur Verfügung standen, um die nur schwache Mittelmeerstation zu verstärken. Auch war die Gefahr einer Landung in England keineswegs besonders drohend. Einige Kriegsschiffe, die im Januar 1756 Kauffahrer aus dem Kanal geleitet hatten, stellten auf ihrer Rückreise fest, daß in Brest sowie Rochefort nur 16 Linienschiffe bis zum Mai seeklar sein würden. Bis dahin aber konnte man mit Sicherheit über 50 bis 60 Linienschiffe verfügen. Erst am 6. April sandte man auf Drängen der öffentlichen Meinung den Vizeadmiral =John Byng= und den Kontreadmiral =Temple-West= nach dem Mittelmeer. Deren Flotte zählte aber nur 11 Linienschiffe, obgleich schon um diese Zeit 27 im Kanal und der Biskaya kreuzten und 28 in den Häfen lagen (außerdem waren gegen 40 Fregatten im Dienst). Byngs Schiffe hatten ein Regiment zur Verstärkung Port Mahons an Bord; um die Soldaten besser unterbringen zu können, waren die Seesoldaten der Besatzungen zurückgelassen. Am 2. Mai traf der Admiral in Gibraltar ein und erfuhr hier von dem bisherigen Befehlshaber im Mittelmeer, Kommodore =George Edgcumbe=, die Landung der Franzosen.
=Edgcumbe=, der nur drei Linienschiffe und einige kleinere Kriegsfahrzeuge befehligte, hatte bei der Landung der Franzosen in Port Mahon gelegen, wohin er genommene französische Kauffahrer gebracht hatte; er hätte also leicht abgefangen werden können. Es gelang ihm aber, nach Gibraltar zu entschlüpfen, nachdem er noch seine Seesoldaten sowie eine Anzahl Seeleute der Garnison überwiesen hatte. Nur eins seiner Schiffe wurde durch französische Fregatten in Palma blockiert und erst durch die englische Flotte auf ihrer Fahrt nach Minorka befreit. Die Division Edgcumbe trat zu Byngs Flotte, zwei ihrer Linienschiffe finden wir in der Schlacht.
=Admiral Byng= versuchte in Gibraltar als Ersatz für die fehlenden Seesoldaten Landtruppen zu erhalten, der Gouverneur konnte jedoch bei der Schwäche der Garnison diesem Wunsche nicht voll entsprechen. Am 8. Mai ging die Flotte weiter und sichtete am 19. bei Tagesanbruch Minorka; Byng sandte Fregatten voraus, um mit Fort Philippe in Signalverbindung zu treten, mußte sie aber zurückziehen, als die französische Flotte herankam. =La Gallissonnière= hatte am 17. durch eine Fregatte das Nahen des Gegners erfahren und sich daraufhin dicht bei der Insel gehalten; da der Wind vom 18. an nördlich war, blieb er nordöstlich der Stadt, um sich die Luvstellung gegenüber dem Feinde zu sichern. Er benutzte die Zeit des Wartens, um seine Schiffsbesatzungen vom Lande her zu verstärken. =Richelieu= ließ am 18. mehrere Kompagnien auf Küstenfahrzeugen einschiffen, aber infolge flauen Windes und grober See erreichten nur einige von ihnen die Flotte; eins fiel sogar am 20. den Engländern in die Hände. Der 19. Mai, teilweise nebelig und fast windstill, verging mit Manövrieren der Flotten, um aneinander heranzukommen, wobei die Engländer die Luvstellung zu gewinnen, die Franzosen sich diese sowie ihre Lage zwischen dem Feinde und der Stadt zu erhalten suchten. Byng benutzte den Tag, um die Besatzung schwachbemannter Linienschiffe durch Leute der Fregatten zu ergänzen, sowie ein minderwertiges Schiff von 20 Kanonen zum Brander vorzubereiten. Am 20. Mai bei Tagesanbruch war es noch unsichtig und flau, als aber gegen Mittag der Wind nach Osten drehte und auffrischte, griff Byng an.
=Die englische Flotte zählte=: 1 Schiff zu 90 Kanonen (das Flaggschiff Byngs »Ramillies«), 1 zu 74, 1 zu 68 (»Buckingham«, Flaggschiff Temple-Wests), 8 zu 60-66, 2 zu 50, insgesamt 13 =Schiffe= mit 834 Kanonen =in der Linie=; außerhalb dieser 1 Schiff zu 40, 3 zu 20, 1 zu 14 Kanonen. Die =französische Flotte= zählte: 1 Schiff zu 84 Kanonen (das Flaggschiff La Gallissonnières »Foudroyant«), 2 zu 74 (»Redoutable« und »Couronne«, Flaggschiffe der Chefs d'Escadre de Glaudevez, Vorhut, und de La Clue, Nachhut), weitere 2 zu 74, 5 zu 64, 2 zu 50, insgesamt 12 =Schiffe= mit 760 Kanonen =in der Linie=; außerhalb der Linie 1 Schiff zu 46 sowie 4 zu 26 Kanonen.
$Die Schilderung der Schlacht bei Minorka$ ist in den verschiedenen Quellen nicht ganz gleich; diese weichen in den Angaben über Windrichtung und Bug der Flotten während des Kampfes voneinander ab. Das stellt aber nur den Kurs in Frage, denn über die Lage zueinander und zum Winde stimmen die Quellen überein; einen Einfluß auf die Beurteilung des Verlaufes der Schlacht haben die Abweichungen also nicht. Die nachfolgende Darstellung versucht, alle sonstigen Widersprüche möglichst in Einklang zu bringen; sie fällt nahezu mit der Mahans (I, Seite 274) zusammen.
Als es am 20. Mai morgens aufklarte, lagen die Franzosen bei östlichem Winde mit SSO.-Kurs über Steuerbordbug zwischen den Engländern und der Insel. =Byng= führte nun seine Flotte über Backbordbug an der feindlichen vorüber, bis sie genau querab von ihr stand, und wendete dann mit allen Schiffen zugleich; er verfuhr also genau nach der englischen Instruktion für den Fall, daß man dem Feinde mit entgegengesetztem Kurse begegnet (vgl. Seite 39). Beide Flotten lagen jetzt querab voneinander über gleichen Bug, aber nicht parallel, sondern in einem Winkel von 30 bis 40 Grad. Ihre Spitzenschiffe waren etwa 2, die Schlußschiffe etwa 4 Seemeilen voneinander entfernt; die französische Linie lag unter kleinen Segeln dicht beim Winde und erwartete den Angriff, die englische steuerte raum auf sie zu. Als Byng gegen 2 Uhr nachmittags das Signal zum »Angriff« gab, wie in der Schlacht bei Toulon 1744, blieb das vorher gegebene Signal »Gefechtslinie einnehmen« stehen (Lage I des Planes). Nun traten die Nachteile der englischen Angriffsart im vollsten Maße ein, denn die Schiffe konnten nicht annähernd gleichzeitig an den Feind kommen.
Auf das Angriffssignal hielten die Schiffe der Vorhut beinahe senkrecht auf ihre entsprechenden Gegner in der französischen Linie ab; sie mußten auf eigenes Feuer fast ganz verzichten, erhielten dagegen drei furchtbare Breitseiten und wurden in der Takelage sehr beschädigt. Das sechste Schiff von vorn, »Intrepid«, verlor die Vormarsstenge und drehte in den Wind; damit brachte es die folgenden Schiffe in Unordnung, die rechts und links vorbeisegeln mußten, um Linie zu halten, und behinderte deren Feuer (Lage 2). Jetzt hätte Byng den Hinterschiffen ein Beispiel geben und hart auf den Feind abhalten müssen, aber eingedenk der Vorschrift und der Verurteilung Mathews nach der Schlacht bei Toulon wagte er es nicht. Er sagte zu seinem Flaggkapitän: »Sie sehen, daß ich vor »Louisa« und »Trident« (Schiffe, die vor ihm sein sollten) bin. Ich kann doch als Admiral nicht abhalten, als wenn ich ein einzelnes Schiff angreifen wollte? Es war Mathews Unglück, daß er seine Streitmacht nicht zusammen heranführte; das will ich vermeiden.«
So staute sich der ganze Angriff und stockte. Inzwischen wichen die französischen Spitzenschiffe aus, um den Nahkampf zu vermeiden; der Rest der französischen Linie mehrte Segel, zog an der beschädigten englischen Vorhut vorüber und überschüttete sie mit Feuer. Sie konnte dies ohne Belästigung durch die übrigen englischen Schiffe ausführen, da diese Segel geborgen hatten, um die Linie wieder herzustellen (Lage 3). Die Franzosen halsten dann im Kontremarsch und nahmen über Backbordbug ihre abwartende Stellung unter kleinen Segeln wieder ein. Ein zweiter Angriff erfolgte aber nicht, da die englische Flotte durch die Beschädigung der vordersten Schiffe zu sehr geschwächt war. =Byng= zog sich auf die Südseite der Insel zurück; =Gallissonnière= verfolgte ihn nicht.
=Der Verlust= der Franzosen in dem etwa dreistündigen Kampfe betrug 38 Tote und 184 Verwundete; nur ein Schiff war schwerer beschädigt. Die Engländer büßten 45 Tote und 162 Verwundete ein, die auf die vordersten sieben Schiffe entfielen; diese waren auch sehr zerschossen.
=Die Schlacht= muß wohl =taktisch unentschieden= genannt werden, =aber der Erfolg= war doch auf =französischer Seite=. Im englischen Kriegsrate kam man zu der Ansicht, man sei nicht imstande, die französische Flotte nochmals anzugreifen, ja man würde durch eine neue Schlacht, wenn sie ungünstig verliefe, sogar die Sicherheit Gibraltars sowie des Handels im Mittelmeer aufs Spiel setzen. So ging =Byng nach Gibraltar= zurück; der Entsatz Port Mahons war vereitelt. Die Franzosen fühlten sich jedoch keineswegs vor dem Wiedererscheinen der dann wohl verstärkten englischen Flotte sicher. =La Gallissonnière= blieb deshalb in der Nähe der Insel, bis Port Mahon gefallen war, und drang danach auf schleunige Einschiffung der Truppen. Diese erfolgte vom 4. bis 7. Juli; am 18. trafen das Gros der Expedition, am 21. die letzten Nachzügler wieder in Toulon ein. Tatsächlich erschien auch noch im Juli der englische Admiral =Hawke= bei Minorka.
$Das weitere Schicksal Port Mahons in diesem Kriege$ sei gleich hier kurz berührt. Wenn Frankreich im Besitz einer leistungsfähigen Marine gewesen wäre, so würde dieser Stützpunkt im Verein mit Toulon und Korsika eine Stellung von Bedeutung gewesen sein. Da man aber den Seekrieg bald nur schwächlich führte und seine Vorzüge nicht ausnutzen konnte, so wurde für Port Mahon nichts getan. Man überließ es seinem Schicksal; der Hafen war meistens blockiert und der Garnison mangelte oft das Notwendigste; die Engländer hielten eine Wiedereroberung nicht der Mühe wert. Beide Gegner waren überzeugt, daß Minorka beim Friedensschluß doch an England zurückfallen würde. Nach Ausspruch eines französischen Autors (Lacour I, Seite 277), plante man in Frankreich schon vor Ausführung der Expedition, nach der Einnahme die enge Einfahrt Port Mahons durch Verschüttung zu sperren, um den Hafen überhaupt als Stützpunkt unbrauchbar zu machen; es lag wohl stets die Absicht vor, bei vorteilhafter Gelegenheit Minorka an Spanien zurückzugeben.
$Die Bedeutung der Schlacht bei Minorka für die Geschichte der Seetaktik$ ist noch größer als die der Schlachten vor Malaga (1704) und vor Toulon (1744). Sie gibt in geradezu vollkommener Weise ein Bild zu dem, was über die Taktik des Zeitabschnittes gesagt ist. Der englische Admiral führt seine Flotte genau nach den Gefechtsinstruktionen zum Angriff und verharrt, wie seine Kommandanten, in der buchstäblichen Befolgung dieser Vorschriften, obgleich der Verlauf des Kampfes, selbst nach seiner eigenen Erkenntnis, ein Abweichen erfordert hätte. Auch die unvermeidlichen Folgen der englischen Angriffsart, die bei dieser Gelegenheit wegen des großen Winkels der beiden Gefechtslinien besonders schwierig war, zeigen sich deutlich in allen Einzelheiten dieser Schlacht. Die vordere Hälfte der englischen Linie, die in ungünstiger Lage zunächst allein ins Gefecht eintritt, wird in ihrer Bewegungsfähigkeit gelähmt; eins ihrer Schiffe bringt die hintere Hälfte in Unordnung; infolge des Bestrebens, die Ordnung wiederherzustellen, kommt diese überhaupt nicht zu ernstlichem Kampfe.
Auch die Franzosen verfahren genau nach ihrer Taktik. Ihre vorderen Schiffe weichen aus, ehe die Gegner zum Nahkampf heran sind; die hinteren benutzen die Untätigkeit der gegenüberstehenden Feinde und ziehen in vollster Ordnung unter Ausnutzung ihres Feuers an den schon beschädigten Engländern vorüber; dann nimmt der französische Admiral außer Schußweite eine neue Stellung ein und erwartet das Weitere. Der englische Admiral fühlt sich aber zu schwach und bricht das Gefecht ab. -- Endlich ist auch das Ergebnis der Schlacht so, wie es theoretisch beim Aufeinandertreffen der beiden Taktiken sein muß. Die Schlacht bleibt unentschieden; die Franzosen haben zwar mehrere feindliche Schiffe schwer beschädigt, aber keins vernichtet oder genommen; die Engländer müssen in Rücksicht auf den augenblicklichen Ausfall der Beschädigten von einem zweiten Angriff absehen. (Wenn in diesem Falle ihr Mannschaftsverlust fast ebenso groß war wie der der Franzosen, so ist dies wohl dem Umstande zuzuschreiben, daß ihre Schiffe durch die Soldaten für Port Mahon überfüllt gewesen sind.)
Neuere französische Marineschriftsteller tadeln den Admiral La Gallissonnière, daß er die Unordnung in der feindlichen Linie und die dadurch hervorgerufene Trennung der hinteren Hälfte von der vorderen nicht benutzt habe, mit den ihm folgenden Schiffen durch die Lücken auf die Luvseite der vorderen englischen Hälfte zu gehen, um sie von beiden Seiten anzugreifen; seine vorderen Schiffe hätten standhalten müssen und durften nicht ausweichen. Dafür, daß nicht so verfahren sei, wird von anderer Seite als Entschuldigung angeführt, die hinteren französischen Schiffe seien zu sehr beschädigt gewesen, um ein solches Manöver auszuführen, auch seien die Engländer durch die Soldaten an Bord so stark bemannt gewesen, daß man französischerseits besser tat, einen Nah- oder gar Enterkampf zu vermeiden. Der erste Grund muß hinfällig erscheinen, da die fraglichen Schiffe nur wenig Feuer erhalten haben können; der zweite hat vielleicht mitgewirkt. Die bestimmende Ursache aber für den Führer wie den Oberbefehlshaber war die Hinneigung zur Vorsicht und damit zur Defensive, die sich in allen Orders und Instruktionen von höchster Stelle jenes Zeitabschnitts ausspricht und die damalige französische Taktik wie Strategie kennzeichnet. Man strebte mehr danach, sich augenblickliche Vorteile zu erhalten oder gemachte Eroberungen zu sichern, als durch kräftiges Vorgehen Errungenes weiter auszunützen und vor allem die feindlichen Seestreitkräfte zu vernichten; »niemals wollte man viel aufs Spiel setzen«.
Dieser zuerst wohl auf strategischem Gebiet als Folge der schwächeren Marine in den früheren Kriegen erwachte Gedanke hat wahrscheinlich ebenso zur Ausbildung einer defensiven Taktik beigetragen, wie die Erkenntnis der Schwächen in der englischen Taktik, die auf eine solche hinwiesen. Auch bei Minorka hat La Gallissonnière wohl sicher von der Offensive abgesehen, um seine Flotte zu schonen; daß er nach der Schlacht dem geschwächten Gegner nicht folgte, um ihm weitere Verluste beizubringen, geschah nach seiner eigenen Äußerung tatsächlich, um »seiner Instruktion gemäß« das Landunternehmen nicht aus dem Auge zu lassen und zu dessen Schutz seine Flotte möglichst stark und schlagfertig zu erhalten.
Bei der allgemeinen Betrachtung des französischen Personals (Seite 43) wurde betont, daß die Orders unter Louis XV. nicht dazu geeignet waren, die Offiziere zu schneidigem Handeln zu erziehen. Schon während der Landung hatte sich der Admiral die Gelegenheit entgehen lassen, die englischen Schiffe im Hafen abzufangen, und jetzt nach der Schlacht verfolgte er nicht. Ein französischer Autor (Lacour I, Seite 264) sagt gerade bei Beschreibung der Minorka-Expedition: »Mais des instructions trop timides ont souvent paralysé dans notre histoire maritime l'ésprit d'initiative des chefs les plus capables.«
=La Gallissonnière= fand volle Anerkennung und Billigung seines Verfahrens; der Erfolg über das seemächtige England erregte in Frankreich großen Jubel und Begeisterung für die Marine. Er erhielt das Großkreuz des Ludwigsordens sowie eine hohe Pension; auch seine Ernennung zum Marschall war in Aussicht genommen, doch starb er schon am 26. Oktober 1756. -- Der Admiral =Byng= dagegen wurde ein Opfer für die Fehler seiner Regierung, die ihm zu schwache Streitmittel gegeben hatte, und des Volksunwillens. Er wurde kriegsgerichtlich zum Tode verurteilt und erschossen.
$Das Kriegsgericht über Byng.$ Nach dem Eintreffen in Gibraltar wurde der Admiral abberufen und in Untersuchung gezogen. Die Hauptanklagepunkte waren, daß er nicht mit der ganzen Linie angegriffen, sondern mit den der »Intrepid« folgenden Schiffen Segel gemindert habe, um die Ordnung herzustellen. Gewiß wäre dies richtig gewesen und hätte auch im allgemeinen wohl den Vorschriften entsprochen, aber man hatte doch nach Toulon den Admiral Mathews angeklagt, weil er aus der Linie gebrochen war, und ähnlich würde Byng auch haben handeln müssen. Ferner wurde ihm vorgeworfen, daß er nach notdürftiger Ausbesserung seiner Schiffe nicht bei Minorka geblieben sei und alles versucht habe, Port Mahon zu unterstützen. Dies hatte ja aber der Kriegsrat der Land- und Seeoffiziere für unmöglich erklärt.
Er wurde verurteilt nach dem Kriegsartikel, der mit dem Tode diejenigen bedrohte, die aus Feigheit, bösem Willen oder Nachlässigkeit es unterließen, alles daran zu setzen, feindliche Schiffe zu nehmen oder zu vernichten. Die Verurteilung zeigt, daß die englischen Gefechtsvorschriften mangelhaft und hemmend waren, sowie daß die meisten englischen Seeoffiziere dieser Zeit sie nur dem Buchstaben, nicht dem Sinne nach auffaßten. Das Kriegsgericht empfahl nun zwar den Angeklagten der Gnade des Königs, da er nicht aus Feigheit, noch mit Kopflosigkeit gehandelt, sondern, wenn auch irrig, kühl und mit Überlegung. Das Urteil wurde aber dennoch bestätigt, denn die Regierung hatte das Mittelmeer vernachlässigt, jetzt war der Schaden da und der Volksunwille groß; man brauchte einen Sündenbock. Nun hatte gar Byng, als er auf der Ausreise in Gibraltar die Landung der Franzosen erfuhr, in einem Bericht an die Admiralität die bisherige Vernachlässigung des Mittelmeeres sowie die Schwäche seiner Flotte kritisiert. Der mehrfach angezogene französische Autor (Lacour I, Seite 266) sagt treffend: »Einen solchen Brief verzeiht man wohl einem siegreichen, aber nie einem geschlagenen Admiral.«
=Byng= war ein tapferer, see- und diensterfahrener, ehrenwerter Mann, aber doch wohl kein bedeutender höherer Führer; sein Bericht über die Schlacht enthielt zu viele Entschuldigungen und zeigte zu wenig Selbstbewußtsein. Während der Untersuchung und bei seinem Tode trat er jedoch würdig auf. Am 17. März 1757 wurde er in Spithead auf dem Achterdeck des Linienschiffes »Monarch« erschossen.[80]
[80] Näheres über Byngs Bericht, das Kriegsgericht und seinen Tod vgl. Clowes, Band III, Seite 152-160.
Der Krieg In den europäischen Gewässern.
=Am 17. Mai 1756=, wenige Tage vor der Schlacht bei Minorka, als die Nachricht von der Landung der Franzosen auf dieser Insel eingetroffen war, =erklärte England den Krieg=.
$Das Jahr 1756$ brachte jedoch $in der Biskaya und im Kanal$ keine Ereignisse von Bedeutung. $England$ hielt aus Besorgnis vor einer Invasion seine Hauptmacht, die nach und nach auf über 50 Linienschiffe sowie gegen 40 Fregatten gebracht wurde, in den Kanalhäfen zusammen. Von hier aus beobachtete Ende Februar Admiral =Sir Edward Hawke= mit einem ziemlich starken Geschwader Brest; vorher war es zwei französischen Divisionen geglückt, nach Westindien auszulaufen. Diese Beobachtung, später unter den Admiralen =Boscawen= und dann =Knowles=, wurde bis zum November aufrechterhalten, doch man verringerte die dazu bestimmten Kräfte allmählich, da im Sommer ein Leutnant durch eine kühne nächtliche Bootsfahrt in den Hafen von Brest festgestellt hatte, daß dort nur wenige Schiffe lägen. Bald darauf entschlüpften wieder zwei französische Divisionen, die eine nach Westindien, die andere nach Westafrika. Die starke Streitmacht Englands hatte also nicht einmal den Gegner von seinen Kolonien abgeschnitten. =Frankreich= vermochte indessen, außer den Entsendungen nach den Kolonien, nichts zu unternehmen.
$Der Plan zu einer Invasion in England$ blieb in Frankreich während der Jahre 1756-1759 rege, in jedem Jahre wurden Rüstungen dazu angeordnet. Entweder konnte man aber die Mittel nicht aufbringen oder man betrieb die Sache nicht ernstlich; die Schiffe, die in Dienst gestellt wurden, gingen dann größtenteils nach den Kolonien. Im Jahre 1756 trug man sich auch mit der Absicht, die normannischen Inseln, die so wichtigen Vorposten Englands im Kanal, zu erobern, jedoch dies kam gleichfalls nicht zur Ausführung. All diese Gedanken wurden jedoch 1759 aufgegeben, als man sich stark genug glaubte, aber schon bei den ersten Schritten zu ihrer Ausführung die schweren Niederlagen von Lagos und Quiberon erlitt.
$Im Mittelmeer$ verlief der Krieg 1756 schleppend. Admiral =Byng= traf nach der Schlacht bei Minorka am 19. Juni in Gibraltar ein, fand hier eine von England gesandte Verstärkung von 5 Linienschiffen und bereitete die Rückkehr ins Mittelmeer vor. Am 3. Juli langte jedoch =Hawke= mit dem Kontreadmiral Saunders an und brachte die Rückberufung Byngs sowie Temple-Wests mit. Er übernahm das Kommando und führte die jetzt 21 Linienschiffe starke Flotte nach Minorka, doch war es zu spät, um Port Mahon zu retten oder auch nur den Rücktransport des französischen Heeres anzugreifen. Hawke beschränkte sich darauf, den Hafen zu blockieren und den Handel im Mittelmeer zu schützen.
Die französische Toulonflotte zeigte sich nicht mehr, obgleich sie nach Rückkehr von Minorka instandgesetzt wurde und im August 16 Linienschiffe sowie 6 Fregatten zählte. So ganz unbedingt müssen jedoch die Engländer die See nicht beherrscht haben, denn es gelang den Franzosen wiederholt, Port Mahon zu verproviantieren sowie im November 3600 Mann von Antibes nach Korsika zur Unterstützung Genuas gegen die Aufständischen überzusetzen; genannte Republik übergab dann alle befestigten Hafenplätze dieser Insel den Franzosen. Im Dezember kehrte Hawke mit einem Teil der Flotte nach England zurück und überließ dem Kontreadmiral =Charles Saunders= den Befehl auf der Mittelmeerstation.
Auch $im Jahre 1757$ bieten die Operationen $im Mittelmeer$ wenig Bemerkenswertes. Im März gingen 4 Linienschiffe unter Kapitän =Durevest= von Toulon nach Nordamerika. =Saunders= hatte Nachricht davon erhalten und lauerte ihnen in der Straße von Gibraltar mit 5 Linienschiffen auf. Am 5. April um 5 Uhr nachmittags sichteten sich die Gegner; es kam bei Einbruch der Dunkelheit zu einem zweistündigen Gefechte auf weitere Entfernung, aber in der Nacht entschlüpften die Franzosen und erreichten unbelästigt ihr Ziel (15. Juni in Louisbourg). Im Mai wurde die englische Station unter dem Kommando des Vizeadmirals =Henry Osborne= wieder verstärkt. Dieser nahm das Kreuzen wie im Vorjahre auf; er erschien im Juni mit 14 Linienschiffen vor Toulon und landete auch einmal bei Bormes, einem Küstenplatz östlich der Hyèren, zur gewaltsamen Eintreibung von Schlachtvieh sowie frischem Proviant.
In Toulon lagen nur 6 Linienschiffe unter dem Chef d'Escadre =de La Clue=; man beabsichtigte, weitere 8 in Dienst zu stellen, aber es fehlte an Material wie Mannschaften. Auch de La Clues Division, die über St. Domingo nach Louisbourg segeln sollte, war erst im Oktober seeklar und ging am 8. November in See. Der Admiral wagte jedoch wegen Osbornes Anwesenheit dort nicht, die Straße von Gibraltar zu passieren, sondern suchte Cartagena auf, um hier Verstärkungen zu erwarten; diese trafen aber erst im nächsten Jahre ein.
$Im Atlantik$ wurde es $1757$ etwas lebhafter. Obgleich die Engländer das Kreuzen vor den französischen Häfen im Frühjahr wieder mit verstärkten Kräften aufnahmen, gelang es doch drei Geschwadern, auszulaufen: Der Chef d'Escadre =de Bauffremont= verließ am 30. Januar Brest mit 5 Linienschiffen und einer Fregatte und traf am 23. Mai in Louisbourg ein; Chef d'Escadre =Comte d'Aché= segelte am 4. Mai mit einem Linienschiff sowie 7 großen Schiffen der Ostindischen Kompagnie nach Ostindien, er war am 11. Dezember in Isle de France; Lieutenant-Général =Dubois de La Motte= führte am 3. Mai 9 Linienschiffe nebst 4 Fregatten nach Louisbourg und erreichte es am 19. Juni. Im weiteren Verlauf des Jahres entwickelte aber England mehr Tatkraft, was sicher mit dem Eintritt Pitts in die Regierung zusammenhängt. Es wurden Angriffe auf die feindliche Küste ins Auge gefaßt, als Gegenstoß gegen französische Invasionspläne, mit denen man in England immer noch rechnete. Ein =Angriff auf Rochefort= schlug jedoch gänzlich fehl, was bei den bedeutenden Kosten, die er verursacht hatte, großen Unwillen im englischen Volke erregte.
$Angriff der Engländer auf Rochefort 1757.$ Man wählte diese Stadt, da man hoffte, hier leicht die Docks, Magazine, Arsenale und Schiffe zerstören zu können. Im Jahre 1754 hatte ein Kapitän =Clark=, der von Gibraltar nach England reiste, die Stadt besucht und mit Erlaubnis der Behörden sämtliche Anlagen besichtigt. Er fand die Befestigungen fehlerhaft angelegt und seit sechzig bis achtzig Jahren vernachlässigt, entwarf danach einen Angriffsplan und legte diesen jetzt, im Juli 1757, =William Pitt= vor. Da nun ein verräterischer französischer Lotse, Thierry, die Angaben Clarks bestätigte und weitere über L'Ile d'Aix, die kleine befestigte Insel vor der Charente, von der die Reede von Rochefort (gewöhnlich Reede von L'Ile d'Aix benannt), sowie die Flußmündung beherrscht werden -- sowie über Fouras, ein Fort an der Flußmündung, hinzufügte, glaubte man, hier leichtes Spiel zu haben.
Insgeheim wurde eine Flotte von 16 Linienschiffen, zahlreichen kleineren Fahrzeugen sowie Transportern mit 10000 Soldaten ausgerüstet; die Flotte befehligten Admiral =Hawke=, Vizeadmiral =Knowles= und Kontreadmiral =Broderick=, die Truppen standen unter Generalleutnant =Sir John Mordaunt=. Die Expedition segelte am 8. September und erschien am 20. überraschend in der Durchfahrt zwischen den Inseln Oléron und Ré. Noch am selben Tage ging Knowles mit 2 Mörserbooten gegen Ile d'Aix vor, zwei französische Schiffe, die auf der Rhede lagen, liefen in die Charente ein und alarmierten. Am 23. wurden die Befestigungen der Insel beschossen, leicht niedergekämpft, besetzt und zerstört. In der Zwischenzeit suchten kleinere Fahrzeuge einen geeigneten Landungsplatz auf dem Festlande. Sie fanden jedoch die Landung überall schwierig, bei Widerstand sogar unmöglich; ein Kriegsrat am 25. beschloß daher, von dem Unternehmen abzusehen. In einer zweiten Versammlung am 28. wurde zwar doch der Angriff wieder ins Auge gefaßt, obgleich der Gegner jetzt manche Verteidigungsmaßregeln getroffen hatte, aber am 29. wehte heftiger Landwind, und man stand abermals davon ab. Am 1. Oktober ging die Flotte unter Segel und traf am 6. in Spithead ein.
Nach französischen Auffassungen hätte das Unternehmen gelingen müssen. So sagt ein Autor (Lacour I, der die Ereignisse Seite 305 genauer beschreibt): »Die Macht der Engländer war stark genug, den Erfolg sicherzustellen. Man fing 1757 eben an, die Insel Aix zu befestigen.... Die Werke Rocheforts waren in dem Zustande, wie sie Clark beschrieben hatte.... Im Fort Fouras war keine Batterie in Ordnung, und es lagen nur 300 Mann dort.... Der Marinekommandant und der Intendant dieses Hafens waren so überrascht und von der Einnahme der Stadt so überzeugt, daß sie nur an die Rettung der Dokumente und Akten, nicht aber an Verteidigungsmaßregeln dachten. (Rettung der Kassen wird nicht erwähnt, in ihnen war wohl nichts?).... Aber was die Verteidiger aus Kopflosigkeit sowie Kleinmut verfehlten, das hoben die Angreifer durch Mangel an Tatkraft und schnellem Handeln auf. Der Befehlshaber der Truppen, Generalleutnant =Langeron=, gewann Zeit, die Garnison von Fouras zu verstärken, sowie an einigen Stellen am Strande Schanzen aufzuwerfen, auch verstand er es, seine schwachen Kräfte stärker erscheinen zu lassen; so wagten die Gegner nicht, etwas gegen das Festland zu unternehmen.«
Kurz nach der Rückkehr der Expedition ging Admiral =Hawke= am 22. Oktober aufs neue mit 15 Linienschiffen in See, um die französische Flotte abzufangen, die unter =Dubois de La Motte= von Louisbourg zurückerwartet wurde. Seine Schiffe wurden jedoch in der Biskaya durch einen Sturm zersprengt, und ehe sie sich wieder vereinigt hatten, lief der Gegner am 23. November in Brest ein.
$Im Jahre 1758$ fanden in =England= schon im Winter große Indienststellungen statt. Im Februar verließ Admiral =Boscawen= Portsmouth mit einer Expedition von 20 Linienschiffen, 18 Fregatten, vielen kleineren Fahrzeugen sowie über 100 Transportern mit 12000 Mann (14000?), die Louisbourg nahm. Kleinere Geschwader gingen nach West- und Ostindien sowie nach Westafrika ab. Die Admirale =Lord Anson= und =Hawke= wurden zur Blockade von Brest und zur Beobachtung der Kanalhäfen entsandt; man sammelte ein kleineres Geschwader unter Kommodore =Richard Howe= sowie Truppen auf Wight zu Vorstößen gegen die feindliche Küste. Endlich kreuzte Kommodore =Holmes= mit einigen Schiffen an der holländischen Küste.
Die Division Holmes griff durch die =Eroberung Emdens= unmittelbar in den Siebenjährigen Krieg ein. Die Stadt war am 4. Juli 1757 von den Franzosen besetzt, jetzt wurde sie im März 1758 mit Unterstützung der Seestreitkräfte zurückerobert.
=Frankreich= gelang es wiederum, von den atlantischen Häfen Verstärkungen nach Kanada zu senden, und zwar während der Wintermonate, als der Gegner die Blockade noch nicht in vollem Maße aufgenommen hatte oder sie auch wegen der Stürme nicht streng durchführen konnte. In drei Abteilungen -- unter Führung der Kapitäne =Des Gouttes=, =Beaussier de L'isle= und =Comte de Du Chaffault= -- segelten insgesamt 9 Linienschiffe ab, von denen aber nur 4 voll, die anderen als Flüten armiert waren, 2 Fregatten, ein schweres Schiff der Indischen Kompagnie, sowie einige Transporter mit Truppen und Kriegsmaterial. Im April sollte ein weiterer Transport von Ile d'Aix aus folgen, wurde jedoch durch Hawke festgehalten.
$Angriff auf französische Schiffe bei Ile d'Aix 1758.$ Am 3. April erschien =Hawke= vor der Insel; auf der Rhede lagen 5 Linienschiffe, 2 Fregatten und etwa 40 Transporter. Als er am 4. nachmittags herankam, kappten die Franzosen ihre Ankertaue und setzten sich auf Strand. Die Engländer mußten gleichfalls der geringen Wassertiefe halber ankern und vermochten sich auch am 5. bei Flut nicht so weit zu nähern, daß sie die feindlichen Schiffe hätten vernichten können. Die französischen Kriegsschiffe erleichterten sich dann durch Überbordwerfen der Kanonen und liefen in die Charente ein; ihre Gegner mußten sich damit begnügen, die Bojen auf den Kanonen zu entfernen. Immerhin war die Abfahrt der Verstärkung verhindert, was vielleicht die Eroberung Louisbourgs erleichtert hat.
Nun folgte =eine Reihe von Angriffen auf französische Kanalhäfen=. Ihr Zweck war angeblich, zugunsten Friedrichs II. französische Truppen vom Kriegsschauplatz in Deutschland abzuziehen, doch wollte wohl England, wie in den früheren Kriegen, hierdurch die Ausgangshäfen der französischen Freibeuterei vernichten. Der Flotte unter =Anson=, dem =Hawke= als zweiter im Kommando zur Seite stand, fiel die Aufgabe zu, jede Störung durch französische Seestreitkräfte von den atlantischen Häfen aus zu hindern; zur Ausführung war unter =Howe= ein Geschwader von Schiffen bestimmt, die besonders für die Küstengewässer geeignet waren; die Landungstruppen, 14000 Mann, befehligte General =Herzog von Marlborough=, an dessen Stelle im Juli General =Bligh= trat. Da die Ereignisse wenig Bemerkenswertes bieten, sollen sie nur kurz behandelt werden[81].
[81] Genaueres bieten Clowes III, Seite 192-195; Lacour I, Seite 312-317.
$Angriffe auf französische Kanalhäfen 1758.$ =Howes= Geschwader zählte 1 Linienschiff, 4 Schiffe zu 50 Kanonen, 10 Fregatten, 5 Sloops, 2 Brander, 2 Mörserboote, viele kleine Fahrzeuge zu besonderen Zwecken sowie 100 Transporter für die Truppen; die Schiffe hatten eine große Zahl flachgehender Boote für Landungen an Bord. Am 1. Juni segelte =Anson= von England, um sich mit Hawke vor Brest zu vereinen, bald darauf ging Howe in See. Am 5. Juni nachmittags ankerte die Expedition in einer Bucht 6 Seemeilen östlich von $St. Malo$, 3 Fregatten sowie 1 Sloop setzten die dort befindliche Strandbatterie außer Gefecht und vertrieben am Strande befindliche Truppen, so daß die Landung ohne Verlust vor sich gehen konnte; sie war am 6. beendet und am 7. wurde auf St. Malo marschiert. Die Einnahme der Stadt zeigte sich jedoch undurchführbar, und am 11. sowie 12. schiffte man die Truppen wieder ein, nachdem die Umgebung gebrandschatzt war; das Unternehmen hatte 30 Tote und Verwundete gekostet. Durch ungünstigen Wind aufgehalten, langte die Expedition erst am 26. vor $Le Havre$ an. Hier versuchte man eine Landung nicht erst, da der Gegner zu gut vorbereitet war. Man ankerte am 29. Juni zwei Seemeilen entfernt vor $Cherbourg$. Hier vereitelte aufkommender Sturm die schon vorbereitete Landung. Da die Wetteraussichten für die nächste Zeit ungünstig erschienen, und da auch auf den überfüllten Schiffen Krankheiten ausgebrochen waren, ging =Howe= nach Spithead zurück; eine französische Fregatte war während der Unternehmungen genommen.
In England wurden zunächst die Truppen zur Erholung ausgeschifft. Einen Teil derselben sandte man später zum Heere in Deutschland, mit dem Rest ging die Expedition am 1. August aufs neue in See. Am 6. wurde vor $Cherbourg$ erkundet, am 7. und 8. in einer Bucht 6 Seemeilen westlich der Stadt fast ungestört gelandet und diese dann ohne ernsten Widerstand besetzt. Stadt sowie Werke waren von den Franzosen geräumt. Man zerstörte nun die Befestigungen, Magazine und Schiffe im Hafen, doch war der Erfolg mehr moralischer Art, da Cherbourg damals nur eine unbedeutende Marinestation war; in kleinen Scharmützeln hatte man 20 Tote sowie 30 Verwundete eingebüßt. Am 16. nahm man die Truppen wieder an Bord und ankerte am 18. bei Portland, da aber der Regierung der Erfolg nicht genügte, wandte man sich wieder gegen $St. Malo$.
Am 4. September landete man in der Bucht von St. Lunaire, westlich der Stadt, sah aber auch diesmal vom Angriff auf die Stadt ab und beschränkte sich auf Brandschatzen. Da die genannte Bucht sehr felsigen Grund hatte, und das Wetter bedrohlich aussah, erachtete der Kommodore die Wiedereinschiffung hier für gefährlich; man wählte deshalb die Bucht von $St. Cas$, aber der Marsch dahin brachte eine schwere Niederlage. Aus Wäldchen und Hecken wurden die Truppen beschossen und sahen sich plötzlich am 11. September durch eine stärkere feindliche Streitmacht bedroht. In Eile wurde der Weg nach St. Cas fortgesetzt, aber hier gelang es nur noch, etwa ein Drittel der Truppen in Ruhe und Ordnung an Bord zu bringen, wobei man zuerst die Reiter und die Artillerie einschiffte. Da griffen die Franzosen mit allen Waffen an, und der Rückzug artete in Flucht aus. Der Gesamtverlust dieses Unternehmens bezifferte sich auf 822 Tote, Verwundete und Gefangene; darunter 4 Schiffskommandanten, die bei der Einschiffung befehligt hatten.
$Bemerkenswert$ ist, daß der »Sieg am 11. September« in der Bretagne wie in ganz Frankreich großen Jubel erregte; er wurde gefeiert, in Liedern besungen, und der =Herzog von Aiguillon=, der die Truppen von Brest herangeführt hatte, war der Held des Tages.
Die englische Hauptflotte unter =Anson= blockierte die französischen Kriegshäfen bis Mitte September. Als dann die Angriffe auf die Kanalhäfen aufgegeben wurden, ging sie heim und ließ ein kleineres Geschwader zurück, das erst im Dezember eingezogen wurde. Im Oktober kam =Du Chaffault= mit seiner Division -- 4 Linienschiffen, 2 davon als Flüten armiert, dem Kompagnieschiff und einer Fregatte -- von Kanada; er wäre wohl abgefangen worden, wenn die Blockade noch in vollem Umfange bestanden hätte. So erlitt er nur durch Zufall Verluste. Er =traf= nämlich vor dem Eingang des Kanals =mit Boscawen zusammen=, der mit einem Teile seiner Flotte gleichfalls auf der Heimreise von Nordamerika war. Zum Glück der Franzosen war diese durch einen Sturm versprengt; Boscawen hatte nur 4 Linienschiffe und 3 Fregatten bei sich. Die Gegner sichteten sich am 27. Oktober und es kam gegen Abend zu einem Gefecht, das jedoch wegen stürmischen Windes und hoher See bald abgebrochen wurde. In der Nacht kam Du Chaffault von seinen Schiffen ab und erreichte Rochefort. Seine übrigen Schiffe wurden am 28. von Boscawen gejagt; das Kompagnieschiff wurde aufgebracht, ein Linienschiff lief in Seenot Bristol an und wurde dort mit Beschlag belegt, der Rest rettete sich nach Brest.
$Im Mittelmeer$ kreuzte $1758$ die englische Flotte unter Vizeadmiral =Henry Osborne=. =De La Clue= lag seit November 1757 in Cartagena, wo er Verstärkungen erwartete. Im Januar stießen 2 Linienschiffe nebst einer Fregatte zu ihm, weitere 3 und eine Fregatte mußten noch in Toulon das Eintreffen einer Division von der Levante, die Kauffahrer heimführte, abwarten, um ihre Besatzungen zu ergänzen. Sie erschienen am 27. Februar bei Cartagena und erhielten Befehl, vor dem Hafen zu bleiben, da de La Clue nunmehr die Reise nach Westindien sofort antreten wollte. In der Nacht aber wurden die Wartenden durch Sturm vertrieben und stießen am anderen Morgen beim Kap de Gata auf Osborne. Sie wurden einzeln gejagt: 2 Linienschiffe wurden genommen, das dritte auf den Strand getrieben, nur die Fregatte entkam. Da nun in Toulon keine Schiffe mehr bereit waren und de La Clue ohne Verstärkung die Ausfahrt aus dem Mittelmeer nicht wagen konnte, rief man ihn nach Toulon zurück, wo er am 26. April eintraf. Daß die geschilderten Bewegungen der Franzosen überhaupt möglich gewesen waren, spricht nicht zugunsten der Engländer; Osborne verfügte insgesamt über 14 Linienschiffe, je zwei zu 40 und 50 Kanonen, 6 Fregatten und 2 Sloops.
$Der Versuch der Franzosen, 1759 in England einzufallen$, macht dieses Jahr zu einem entscheidenden im See- und Kolonialkriege. Zwei große Niederlagen in den europäischen Gewässern brachten der französischen Marine derartige Verluste, daß ihre Tätigkeit auf allen Kriegsschauplätzen gelähmt war. Pläne zu einem Einfall in England beschäftigten =Frankreich= bereits seit 1756. Die verflossenen Jahre hatten nun erkennen lassen, daß man nicht imstande sei, in allen Meeren zu kämpfen, ja daß die Geldmittel den doppelten Krieg auf dem Festlande und auf der See überhaupt nicht erlaubten. Der eigene Handel lag hoffnungslos danieder, während der englische aufblühte und diesem Lande die Mittel zu reichlicher Unterstützung der Gegner Frankreichs lieferte.
Diese Erwägung im Verein mit der Verstimmung über die Mißerfolge des Jahres 1758 auf dem Lande brachten den feurigen =Choiseul=, der seit November dieses Jahres Frankreich leitete, zu dem Entschlusse, die ganze Kraft der Marine auf ein Ziel zu richten, auf den Einfall in England. Mit dem Kriegsminister, =Marschall von Belle-Isle=, entwarf er folgenden Plan[82]: Von Ostende aus sollten auf eigens dazu erbauten flachen Fahrzeugen 20 000 Mann unter =General de Chevert= nach der Mündung des Blackwater, nordöstlich von London, übergeführt werden; ein gleichstarkes Heer unter dem =Herzog d'Aiguillon= sollte bei Vannes gesammelt, in der Morbihanbucht[83] eingeschifft und in Schottland gelandet werden; ein kleineres Korps endlich wollte man von Dünkirchen aus nach Irland werfen, da man hier auf einen allgemeinen Aufstand rechnete. Die vereinigten Seestreitkräfte von Brest und Toulon -- 35 bis 40 Linienschiffe -- waren bestimmt, unter =Marschall de Conflans= zuerst die Expedition nach Schottland zu führen und dann den Übergang nach England zu decken; für die Überführung nach Irland waren nur einige Kriegsschiffe vorgesehen. -- Schon im Winter 1758/59 wurde mit den Vorbereitungen zu diesem großen Unternehmen begonnen, aber Beratungen über den Plan, Mangel an Geldmitteln, sowie der schlechte Zustand der Werften und Arsenale verzögerten die Ausführung; erst spät im Sommer glaubte man sich bereit. Inzwischen aber war eine Hauptsache, die Vereinigung der Toulonflotte mit den Streitkräften des Atlantik, durch die Schlacht bei Lagos verhindert, und England hatte Zeit zu nachdrücklichsten Abwehrmaßregeln gefunden.
[82] Näheres über die verschiedenen Entwürfe, die in den verflossenen Jahren sowie jetzt in Erwägung gezogen sind, vgl. Lacour I, Seite 293-303 sowie Seite 318 bis 322. Wir geben auch den nachstehenden Plan nach dieser Quelle; andere französische oder englische Angaben weichen nur unwesentlich ab.
[83] $Morbihanbucht$ ist der Sammelname für die verschiedenen Meerbusen, die östlich der Quiberonbai in das Land eindringen.
Obgleich man sämtliche Schlachtschiffe in Brest zusammenziehen wollte, hatte man zu Anfang 1759 den Chef d'Escadre =de Bompart= mit 8 Linienschiffen und 3 Fregatten von Brest nach Westindien gesandt. Er sollte Truppen nach den bedrohten Inseln bringen und dann sofort zurückkehren. Durch die Ereignisse in Westindien wurde er zwar länger aufgehalten, als vorauszusehen war; da sich die Expedition aber verzögerte, so traf er noch vor deren Abgang in Brest wieder ein.
In =England= erfuhr man bald von der Absicht Frankreichs, und die Furcht vor der Invasion erregte wie gewöhnlich die Gemüter. Aber die leitenden Kreise hatten doch in strategischer Hinsicht gelernt und der einsichtsvolle =Pitt= stand an der Spitze. Man hielt nicht mehr, wie bisher so oft, die Streitkräfte ängstlich an der eigenen Küste zusammen, sondern verwendete sie jetzt ganz in der Art, wie sie in der Einleitung zu diesem Kriege (vgl. Seite 125) geschildert ist. Ein Geschwader (=Kommodore Boys=) kreuzte vor Dünkirchen und Ostende, eins (=Kontreadmiral Rodney=) vor der Küste der Normandie; hinter diesen lag ein Geschwader (=Admiral Thomas Smith= und =Kommodore Sir Piercy Brett=) in den Downs. =Sir Edward Hawke= blockierte Brest, und das Mittelmeergeschwader (=Admiral Edward Boscawen=) war verstärkt. Diese Streitkräfte zur Beobachtung und Abwehr des Gegners in den europäischen Gewässern gewannen im Laufe des Jahres mehr und mehr an Stärke. Genaue Zahlen stehen uns leider nicht zu Gebote, doch mag als Anhalt dienen, daß Hawke im Juni über 25 Linienschiffe (dazu 4 50-Kanonenschiffe) und Boscawen über 13 (dazu 2 50-Kanonenschiffe) verfügte; die kleineren Beobachtungsgeschwader waren aus nur wenigen Linienschiffen zu 60 Kanonen, sonst aus 50-Kanonenschiffen und Fregatten zusammengesetzt.
Aber auch die anderen Kriegsschauplätze wurden nicht vergessen. Nach Nordamerika ging im Februar eine Flotte unter Vizeadmiral =Charles Saunders= ab und brachte die dortigen Streitkräfte auf 20 Linienschiffe (dazu 2 50-Kanonenschiffe); zur Verstärkung der sonstigen Stationen waren schon im November 1758 8 Linienschiffe nach Westindien, 5 nach Ostindien ausgelaufen. Ferner sandte man Truppen nach diesen drei Kriegsschauplätzen sowie zum Festlandskriege; in England selber wurden die Milizen aufgeboten. Da die Franzosen nur an den Einfall in England dachten, blieben ihre Kolonien außer Westindien ohne Unterstützung und die Engländer errangen überall große Erfolge.
$Die Schlacht bei Lagos, 18. August 1759.$ In Toulon rüsteten =die Franzosen= ein Geschwader von 12 Linienschiffen, darunter 2 50-Kanonenschiffe, und 3 Fregatten aus, das der Chef d'Escadre =de La Clue=[84] nach Brest führen sollte. Dies war bei der Überlegenheit der Engländer eine schwierige Aufgabe, zumal diesen Gibraltar als Beobachtungsplatz zur Verfügung stand, wenn die Blockade von Toulon nicht durchführbar war. Gerade jetzt erwies sich die Wichtigkeit dieses Wachtturmes am Ausgange des Mittelmeeres, und es ist sehr befremdend, daß selbst der einsichtige Pitt noch 1757 die Rückgabe Gibraltars Spanien als Preis für ein Bündnis angeboten hat. Die englische Mittelmeerflotte war während des Winters und des Frühjahrs auf 13 Linienschiffe, 2 50-Kanonenschiffe, 10 Fregatten, 2 Sloops und 2 Brander gebracht.
[84] =De La Clue-Sabran= trat 1715 in die Marine, wurde 1727 Enseigne, 1734 Lieutenant, 1742 Capitaine, war Schiffskommandant bei Toulon (1744), wurde 1755 Chef d'Escadre und führte bei Minorka (1755) die Nachhut. Bei Lagos schwer verwundet, wurde er nicht mehr aktiv verwendet, schied aber erst 1764 mit der Pension eines Lieutenant-Général aus dem Dienste.
=Admiral Boscawen=[85] übernahm am 16. Mai das Kommando und blockierte sofort Toulon streng; am 7. Juni ließ er sogar durch 3 Linienschiffe 2 französische Fregatten auf der Äußeren Rhede angreifen, die englischen Schiffe gerieten aber unter den Befestigungen in Windstille und litten schwer. Um sie auszubessern, sowie um Wasser und Vorräte der Flotte zu ergänzen, ging der Admiral Anfang Juli nach Gibraltar; er gebrauchte aber die Vorsicht, auf der Höhe von Malaga, sowie vor Ceuta je eine Fregatte auszulegen.
[85] =R. Honorable Edward Boscawen=, geboren 1716, hatte sich schon im österreichischen Erbfolgekriege bei Vernons Expedition in Westindien und in der Schlacht bei Finisterre (1747) als Kommandant, dann als Kontreadmiral und Befehlshaber in den indischen Gewässern (vor Pondicherry 1748) ausgezeichnet. Im Siebenjährigen Kriege war er als Vizeadmiral 1755 Chef der Station in Nordamerika, 1756/57 leitete er zeitweise die Blockade von Brest, 1758 nahm er als Admiral Louisbourg. Nach dem Siege von Lagos wurde er zum »General of Marines« (nur ein Ehrentitel) befördert. 1760 leitete er wieder (abwechselnd mit Hawke) die Blockade von Brest; er starb am 10. Januar 1761.
=De La Clue= verließ am 5. August, als seine Schiffe endlich segelfertig und mit genügender Mannschaft versehen waren, Toulon, traf am 17. August vor der Straße von Gibraltar ein und wurde hier durch die eine der Fregatten gesichtet. Diese meldete den Feind schon um 7-1/2 Uhr abends in Gibraltar. Der französische Admiral beabsichtigte, sich jedem Zusammenstoße zu entziehen, aber Boscawen ging mit äußerster Beschleunigung unter Segel und bereitete ihm, der von einem Teil seiner Schiffe im Stich gelassen wurde, in einem Verfolgungsgefechte am 18. und 19. August eine schwere Niederlage.
$Schilderung der Schlacht bei Lagos.$ =Boscawen= war nicht völlig seeklar gewesen, sein Flaggschiff hatte nicht einmal Segel untergeschlagen, dennoch gelang es, noch vor 10 Uhr nachts die Flotte in zwei einige Seemeilen voneinander getrennten Gruppen in See zu bringen. =De La Clue= hatte mit östlichem Winde die Straße in Kiellinie passiert; er beabsichtigte nun, unter vollen Segeln mit westlichem Kurse in die offene See zu steuern, um sich einer Verfolgung zu entziehen. Er minderte auf dem Flaggschiff Segel und gab das Signal für den neuen Kurs; als dies von den nächsten Hinterleuten beantwortet war, löschte er die Admiralslaternen am Heck, mehrte Segel und steuerte WNW. Die Kiellinie war wohl bisher nicht gut geschlossen gefahren, denn die Segeleigenschaft der Schiffe war sehr verschieden, die des Flaggschiffes besonders gut, und so kam es, daß die letzten 5 Linienschiffe sowie die Fregatten das Signal nicht bemerkten; als sie die Admiralslaternen aus Sicht verloren, steuerten sie NNW, um Cadiz zu erreichen, da dieser Hafen durch einen früheren Befehl als Sammelpunkt bei verloren gegangener Fühlung bezeichnet war.
Am 18. August gegen 7 Uhr vormittags sichtete Boscawen mit seiner vorn segelnden Gruppe, 8 Linienschiffen, de La Clue mit 7 Linienschiffen unter vollen Segeln in Kiellinie; er gab seinen drei besten Seglern den Befehl, Segel zu pressen und die letzten Schiffe der Franzosen festzuhalten. Um 2-1/2 Uhr nachmittags kam der vorderste Engländer mit dem hintersten Feinde ins Gefecht; zum Vorteil der Verfolger flaute der Wind für die westlicher stehenden Schiffe ab, während die nachfolgenden noch Wind genug hatten, so daß bis bald nach 4 Uhr die ganze Gruppe Boscawens eingreifen konnte.
Um 4-1/2 Uhr kam es zum Kampf zwischen den beiden Flaggschiffen, in dem das englische, »Namur« mit 90 Kanonen, von dem französischen, »L'Océan« mit 80 Kanonen, im Laufe einer halben Stunde durch Beschädigung der Takelage außer Gefecht gesetzt wurde, so daß Boscawen auf ein anderes Schiff gehen mußte. Hervorragend focht auch das letzte französische Schiff, »Centaure«, mit 74 Kanonen unter Kapitän de Sabran, der 11 Wunden davontrug; es hielt stundenlang gegen 5 englische Schiffe stand, bis es wrack und halb voll Wasser die Flagge strich. Dieser Opfermut gab den anderen Franzosen Gelegenheit, ihre Flucht fortzusetzen. Boscawen warf später einigen seiner Kommandanten vor, nicht tatkräftig genug eingegriffen zu haben, doch wurden sie anscheinend durch Windstille zurückgehalten. Während der unsichtigen Nacht retteten sich dann zwei Franzosen durch Ausbrechen aus ihrem Geschwader; der Rest wurde am 19. in die Bucht von Lagos gejagt. Das Flaggschiff setzte sich hier auf den Strand, die anderen ankerten unter den portugiesischen Batterien. Boscawen, dessen zweite Gruppe (Vizeadmiral Broderick) nun auch herangekommen war, nahm aber keine Rücksicht auf die Neutralität Portugals und griff an; 2 feindliche Schiffe wurden genommen, 2 verbrannt. Unter den letzteren war das Flaggschiff; den an beiden Beinen schwer verwundeten Admiral hatten seine Leute vorher an Land geschafft.
=Der Verlust= der Franzosen betrug 5 Linienschiffe, sowie gegen 200 Tote und Verwundete allein auf »Océan« und »Centaure«. Die Engländer büßten 175 Mann ein, und zwar fast nur auf den Schiffen der ersten Gruppe. Aber auch die entwichenen französischen Schiffe waren außer Gefecht gesetzt. Die nach Cadiz gesegelten wurden hier bis zum Januar 1760 blockiert gehalten; die beiden später geflohenen erreichten auf Umwegen erst im Oktober Rochefort.
=Die Schlacht bei Lagos= kostete Frankreich seine Mittelmeerflotte und =ist bemerkenswert als gutes Beispiel eines reinen Verfolgungsgefechtes=. Die französischen Streitkräfte waren den englischen an Schlachtschiffen nur wenig unterlegen; es standen 12 Franzosen mit 806 Kanonen gegen 15 Engländer mit 998. Dennoch handelte =de La Clue= richtig, wenn er ein Zusammentreffen unbedingt zu vermeiden suchte; seine Aufgabe war, die Flotte ungeschwächt und schnell zur Vereinigung nach Brest zu führen. Sich dem Kampfe durch Einlaufen in Cadiz, dem von ihm für alle Fälle angegebenen Sammelpunkt, zu entziehen, wäre zwecklos gewesen, da er dann hier wie bislang in Toulon blockiert worden wäre.
Er hätte aber für Zusammenhalten der Flotte sorgen müssen, in der Nacht vor der Schlacht trennten sich jedoch die hintersten 5 Schiffe und segelten nach Cadiz. Von älteren französischen Quellen werden die Kommandanten dieser Schiffe des Ungehorsams, ja selbst der Feigheit, beschuldigt, neuere Schriftsteller urteilen mit Recht milder. Der Admiral mußte seine Absicht noch bei Tageslicht kundgeben oder hätte sich doch in der dunkeln Nacht erst überzeugen müssen, ob sein Signal allgemein verstanden sei, ehe er den beschleunigten Marsch antrat; bei dem noch unvollständigen Signalsystem[86] war dies unbedingt notwendig. Er hätte ferner schon vorher die Marschgeschwindigkeit der Flotte den langsamsten Schiffen anpassen müssen, um einem Zurückbleiben dieser vorzubeugen.
[86] Nach =Colomb=, Seite 139, gab es zu dieser Zeit in der französischen Marine noch keine genauen Nachtkurssignale; der Admiral konnte in vorliegendem Falle für seinen Zweck nur etwa signalisieren: »Raum segeln über Backbordbug«.
Den Nachteil, der einer Flotte durch ungleiche Marschfähigkeit ihrer Schiffe erwächst, wenn sie sich dem Kampfe entziehen will, nützte =Boscawen= richtig aus, als er am 17. folgte, ehe er seine Flotte aufgeschlossen hatte, und als er am 18. August ohne Rücksicht auf Ordnung durch seine schnellsten Schiffe die letzten des Gegners angreifen ließ, um diesen überhaupt festzuhalten. Der Kommandant des hintersten französischen Schiffes, Kapitän =de Sabran=, verdient das höchste Lob dafür, daß er hierbei durch heldenmütige Verteidigung und Aufopferung so viele Gegner festhielt, um seine Kameraden zu retten.
=Kapitän de Sabran= wurde während seiner Gefangenschaft in Gibraltar von den Engländern mit Auszeichnung behandelt und später in Toulon, in Paris sowie am Hofe sehr gefeiert. Den übrigen Kommandanten warf die öffentliche Meinung Ungeschick und Ungehorsam, ja sogar Feigheit und Verrat vor. Auch =de La Clue= fiel in Ungnade. Nach älteren Quellen soll er bald nach der Schlacht seinen Wunden erlegen sein, nach englischen Angaben schon in Lagos. Dies muß ein Irrtum sein, denn Lacour führt ausdrücklich an, er sei von =Choiseul=, der 1761 das Marineministerium übernahm, milder beurteilt und habe erst 1764 den Dienst verlassen.
Bezeichnend ist endlich noch das Auftreten des englischen Admirals an der Küste des neutralen Portugals; aber dieser Staat war so abhängig von England, daß man keine Rücksicht zu nehmen brauchte. Es erfolgte auch später nur eine förmliche Entschuldigung durch den englischen Gesandten; dieser war aber durch Pitt angewiesen, dabei keinen Zweifel zu lassen, daß man weder die genommenen Schiffe wieder ausliefern noch den Admiral tadeln würde.
$Das Auslaufen der französischen Brestflotte 1759.$ Am 3. Juli erschien Kontreadmiral $Rodney vor Le Havre$ mit einem Linienschiffe, 4 50-Kanonenschiffen, 5 Fregatten und 6 Mörserbooten, um die hier für die Expedition gebauten flachen Transportfahrzeuge, sowie die angehäuften Ausrüstungsgegenstände zu vernichten. Er überschüttete während 52 Stunden Stadt und Hafen mit 1900 Bomben und 1100 Brandgeschossen. Die Einwohner flüchteten; die Kauffahrer im Hafen, sowie die Magazine erlitten großen Schaden, und die flachen Boote, die in einem benachbarten kleinen Seinehafen Schutz gesucht hatten, wurden verbrannt, um sie nicht in Feindeshand fallen zu lassen.
=Admiral Hawke= hatte die Blockade von Brest im Juni mit 25 Linienschiffen nebst zahlreichen Fregatten aufgenommen. Er ließ hierbei seine leichten Schiffe dicht vor dem Hafen kreuzen, während er sich mit den schweren in sicherer Entfernung von der Küste hielt. Später zweigte er eine kleine Division unter =Kommodore Robert Duff= zur Beobachtung der Morbihanbucht ab, wo sich die französische Expedition sammelte, und sandte bald darauf noch eine zweite unter =Admiral Geary= vor die Quiberonbucht, um dem von Westindien zurückerwarteten Geschwader de Bompart (siehe Seite 148) den Weg nach Rochefort zu verlegen. Nur einmal versuchten die Franzosen mit 4 Linienschiffen von Brest zur Morbihanbucht durchzubrechen; diese mußten jedoch wieder umkehren, da die innere Blockadelinie aufmerksam war und die Flotte heranrief.
Diese kleine französische Division unter Kapitän =de Morogues= sollte die unmittelbare Deckung des Transportes für den Einfall in England übernehmen. An diesem hielt man nämlich immer noch fest, obgleich die Rüstungen so langsam fortschritten, daß die Herbststürme herannahten, und obgleich mit der Mittelmeerflotte nicht mehr gerechnet werden konnte. Der Plan erlitt aber insofern eine Einschränkung, als von der Überführung eines Heeres über den Kanal abgesehen und nur die große Landung in Schottland, sowie die Diversion nach Irland im Auge behalten wurde. Auch diese Einschränkung scheint erst spät beschlossen oder überhaupt nur die Folge der weiteren Ereignisse gewesen zu sein, denn noch in einer Verfügung an Admiral =Conflans= in Brest vom 13. September ist von dem gegen England bestimmten Heere die Rede, als dessen Führer man jetzt den Prinzen =Soubise= nannte.
Das Mißgeschick bei Lagos sowie die sorgfältige Überwachung der Küsten durch die Engländer hätte wohl von dem ganzen Unternehmen abmahnen müssen. Aber man wünschte in Paris durch einen Erfolg auf dem Meere die im Landkriege erlittenen Scharten auszuwetzen und dadurch einen ehrenhaften Frieden herbeizuführen. Französische Quellen besagen, das Aufgeben des Planes nach den großen Vorbereitungen wäre für Frankreich ein volles Eingeständnis seiner maritimen Ohnmacht gewesen. Daraufhin aber sich in ein fast aussichtsloses Wagnis zu stürzen, spricht nicht für die Einsicht der leitenden Kreise. Doch kann dies kaum mehr wundernehmen als die Bestimmung des Prinzen von Soubise, der sich bei Roßbach ganz unfähig gezeigt hatte, zum Führer eines so schwierigen Unternehmens.
Im September hielt man das an der Morbihanbucht zusammengezogene Heer, sowie die Flotte in Brest für schlagfertig und erteilte am 15. d. M. dem Vizeadmiral der Levante, =Marschall de Conflans=[87], den Befehl, von Brest in See zu gehen, die Truppen abzuholen und am Clyde oder an der Ostküste Schottlands zu landen. Doch wieder traten Verzögerungen ein, weil die Ansichten über die Ausführung des Planes auseinandergingen. Der Marineminister =Berryer= erachtete den Admiral taktisch für nicht geschickt genug, um das Vorgehen des Feindes zu hindern und die Überfahrt der Transportflotte ohne entscheidenden Kampf zu sichern. Sein Plan war daher, für die unmittelbare Begleitung der Transporter nur 6 Linienschiffe zu bestimmen, die Flotte aber vorauszusenden, um die Schlacht vorher zu schlagen; brachte diese einen entscheidenden Sieg, so wäre der Weg frei, verlief sie ungünstig, so würde wenigstens der Transport nicht gefährdet.
[87] =Hubert de Brienne, Chevalier (später Comte) de Conflans=, trat 1706 in die Marine ein, wurde bei dem damals schlechten Avancement erst 1712 Enseigne, 1727 Lieutenant de vaisseau, 1735 Capitaine (1747 Gouverneur von St. Domingue), 1748 Chef d'Escadre, 1752 Lieutenant-Général, 1756 Vizeadmiral der Levante und 1758 Marschall. Im Österreichischen Erbfolgekriege zeichnete er sich dadurch aus, daß er mehrmals mit nur wenig Kriegsschiffen starke Konvois von Kauffahrern oder Transportern glücklich nach und von Westindien führte. Im Siebenjährigen Kriege Chef der Streitkräfte am Atlantik, hatte er bisher keine Gelegenheit zu kriegerischer Tätigkeit gehabt, da die verfügbaren Schiffe stets überseeisch verwendet waren. Jetzt war er gegen 70 Jahre alt und, wenn auch ein tüchtiger Offizier, seiner hohen Stellung und schweren Aufgabe wohl kaum noch gewachsen; er starb am 22. Januar 1777 in Paris.
=De Conflans= -- der sich übrigens stets darüber beklagt hatte, daß Heer und Transporter nicht bei Brest gesammelt seien und daß er so bei Benutzung einer günstigen Gelegenheit für das Auslaufen zu einem zeitraubenden Umweg gezwungen sei -- war anderer Ansicht; er bestand darauf, den Transport mit der ganzen Flotte zu begleiten und, wenn nötig, auch so einen Angriff abzuschlagen. Am 14. Oktober erhielt er denn auch eine neue Order (wörtlich bei Lacour I, Seite 366), die ihm freistellte, »ganz nach seiner Ansicht und Erfahrung zu handeln«. Der Augenblick war günstig, da die englische Flotte wegen eines Sturmes die Blockade für kurze Zeit hatte aufgeben müssen. Aber Conflans zögerte immer noch und zwar, wie er berichtete, weil die Ausrüstung der Flotte nicht abgeschlossen und die Besatzungen nicht vollzählig, sowie zu wenig eingeübt seien; die meisten Schiffe hatten seit drei Jahren den Hafen nicht verlassen. Am 9. November sah sich die englische Flotte wiederum durch das Wetter genötigt, die Blockade abzubrechen und nach Torbay zu segeln; diese Gelegenheit benutzte das gerade vor Westindien anlangende Geschwader =Bomparts=, um in Brest einzulaufen. Es zählte 8 Linienschiffe und würde die Brestflotte auf 27 solcher gegenüber 23 der englischen Blockadeflotte gebracht haben; Conflans zog sie aber hierzu nicht heran, sondern füllte mit ihren seeerfahrenen Besatzungen seine Schiffe auf. Diese Maßregel wird sehr verschieden beurteilt, muß aber wohl als zweckentsprechend angesehen werden; sie läßt auf den traurigen Zustand der übrigen Schiffe schließen. =Conflans= ging dann am 14. November mit östlichem Winde in See und steuerte südwärts.
Admiral =Hawke= hatte am 12. Torbay wieder verlassen, sobald das Wetter besser geworden, war aber nochmals zur Umkehr gezwungen; er trat dann auch am 14. die Fahrt nach Brest an und hörte vor dem Hafen, daß der Feind im Süden mit östlichem Kurse gesehen sei; er schloß richtig, daß er zur Quiberonbucht wolle, und folgte unter einem Preß von Segeln.
$Die Schlacht bei Quiberon, 20. November 1759$[88]. Marschall =de Conflans= hoffte zwar eine Schlacht zu vermeiden, mußte aber eine solche sogar suchen, wenn er auf die englische Flotte stieß und dennoch die Expedition mit den Transportern durchführen wollte; die Vereinigung allein mit diesen in der Quiberonbucht würde sonst nur eine weitere Blockade von Flotte und Konvoi zur Folge gehabt haben, nunmehr in =einem= Hafen, also eine leichtere Aufgabe für den Gegner. In einem ausführlichen Flottenbefehle betonte er, daß man wahrscheinlich bald mit dem Feinde zusammenstoßen würde, und er erließ ausführlichste Gefechtsvorschriften für alle möglichen Verhältnisse, unter denen dies erfolgen könnte. Stets war mit tönenden Worten auf ein schneidiges Vorgehen hingewiesen. Mit Vorstehendem aber stimmte der weitere Verlauf der Dinge durchaus nicht; =Conflans= traf weder Maßregeln, um sich durch Aufklärer vor Überraschung zu sichern, noch trat er dem Feind entgegen, als dieser erschien. Südöstliche Winde hemmten die Fahrt der Flotte und versetzten sie westlich; erst am 19. November abends stand sie etwa 70 Seemeilen südwestlich von Belle-Ile.
[88] Nach Troude I (dort Seite 381 ff. wörtlich der Flottenbefehl Conflans' vor der Abfahrt, sowie dessen Bericht über seine Absichten, als er den Gegner sichtete, und über den Verlauf der Schlacht); Clowes III; Lacour I; Mahan I; Colomb. -- Die Schlacht wird in Frankreich auch »=La bataille des Cardinaux=« genannt.
Jetzt drehte der Wind nach Westen und Conflans nahm Kurs auf die Quiberonbucht; da der Wind schnell auffrischte, mußte er aber kleine Segel führen, um nicht während der Nacht vor der Einfahrt anzukommen. Bei Tagesanbruch am 20. wurden voraus einige Segel gesichtet. Es war die Division des Kommodore =Duff=, der die Quiberonbucht bewachte: 1 Linienschiff, 4 50-Kanonenschiffe, sowie 3 oder 4 Fregatten. Duff hatte hinter Belle-Ile vor Anker gelegen und war in wenigen Minuten, nach Kappen der Ankertaue, unter Segel gegangen, als er durch eine vor der Einfahrt kreuzende Fregatte das Nahen der Franzosen erfuhr. =Conflans=, der in Brest stets Nachrichten von der Morbihanküste erhalten hatte, schloß ganz richtig, daß er es nur mit Duff zu tun habe, und befahl allgemeine Jagd. Die englische Division teilte sich; einige Schiffe segelten über Backbordbug beim Winde nach Süden, die anderen unter Duff hielten raum wieder auf die Küste zu. Diesen folgte Conflans mit Vorhut und Mitte seiner Flotte, da sie den größeren Teil des Feindes ausmachten und auf seinem Kurse lagen; gegen den kleineren Teil sandte er die Nachhut. Bald darauf aber meldete diese zahlreiche Schiffe im NW und auch das Flaggschiff sichtete sie; es war =Hawkes= Flotte, die unter vollen Segeln herankam. Duff ging nun an den Wind und vereinigte sich mit Hawke; Conflans rief seine Nachhut zurück und gab Befehl zum Bilden der Kiellinie, sowie für Vorbereitung zum Gefecht.
Wenn er wirklich zunächst die Absicht gehabt hatte, den Kampf auf offener See anzunehmen, so gab er sie doch bald auf, da es mit allen Anzeichen aufkommenden schweren Wetters hart aus WNW wehte und da die Flotte dicht unter einer Leeküste einem überlegenen Feinde gegenüber in Lee stand. Er entschloß sich, einzulaufen, in der sicheren Voraussetzung, daß Hawke nicht wagen würde, bei den Wetterverhältnissen ohne Lotsen und genaue Karten in das mit Bänken und Riffen besetzte Gewässer zu folgen. Er hoffte noch unbehelligt hineinzukommen und wollte dann dicht unter dem westlichen Ufer der Bucht ankern. So dachte er den Gegner, falls dieser doch folgen sollte, zu zwingen, zum Angriff nun seinerseits die Leestellung mit der Küste in Lee einzunehmen. Er setzte sich mit dem Flaggschiff an die Spitze der Flotte, um sie zu führen; auf seinen Platz für die Gefechtsformation in der Mitte beabsichtigte er erst später wieder zu gehen.
Aber keine seiner Voraussetzungen traf ein. Das Bilden der Linie dauerte lange, die Engländer kamen schnell näher, und =Hawke= ließ sich keinen Augenblick durch die vor ihm liegenden Gefahren beirren. Als erfahrener Seemann würdigte er sie vollauf, aber er war ein ruhiger und tapferer Mann und er schätzte den Schneid sowie die Erfahrung seiner, durch die harte Schule langer Blockaden erprobten Offiziere und Mannschaften höher ein als die der Franzosen; er wußte, daß sein Land die Vernichtung der feindlichen Flotte erwartete -- wurde er doch, während er hier dieses Werk vollbrachte, in England in effigie verbrannt, weil er diese aus Brest hatte entschlüpfen lassen. Zweifellos rechnete er auch damit, daß die vorausfahrenden Franzosen ihm als Lotsen dienen oder zuerst auf den Grund kommen würden. Er nahm die Verfolgung auf, erreichte die feindliche Flotte noch in der Einfahrt und setzte sie durch einen Kampf in der Melée unter den schwierigsten Umständen -- Sturm, schwere See, sowie Leeküste; eine ungeheure Zahl von Schiffen auf kleinem, gefährlichem Raum -- für den weiteren Verlauf des Krieges außer Gefecht.
$Die Stärke der Flotten$:
==================================================================== Kanonenzahl |100| 90| 80| 74| 70| 64| 60| ==================================================================== Englische Schiffe | 1| 3| --| 7| 5| 2| 5| = 23 Linienschiffe Französische Schiffe| --| --| 4| 6| 4| 7| --| = 21 "
Hinzu traten auf englischer Seite: 4 50-Kanonenschiffe (Division Duff), 6 Fregatten zu 28-36 Kanonen; auf französischer Seite: 2 oder 3 Fregatten zu 30 Kanonen, 2 Korvetten mit 6 und 16 Kanonen.
$Französische Flaggoffiziere$: Vorhut Chef d'Escadre =de Bauffremont=, Prince de Linois; Mitte Marschall =de Conflans=; Nachhut Chef d'Escadre =St. Andrée du Verger=.
$Englische Flaggoffiziere$: Vizeadmiral =Sir Charles Hardy=; Admiral =Hawke=; Kommodore =James Young=.
$Der Verlauf des Kampfes$ wird in allen Quellen nur skizzenhaft gegeben, ergänzt durch Schilderung der Schicksale einzelner Schiffe; dies ist dadurch erklärlich, daß auf beiden Seiten bald jede Ordnung aufhörte. Die englische Flotte stand beim Sichten des Feindes gegen 10 Uhr vormittags WzS von Belle-Ile, die französische in SW dieser Insel und näher bei ihr. =Hawke= bildete Dwarslinie, um seine hinteren Schiffe aufkommen zu lassen, gab aber bald den 7 Schiffen, die dem Feinde am nächsten waren, Befehl zur Jagd. Auf französischer Seite dauerte das Bilden der Linie sowie das Aufnehmen der abgezweigten Vorhut längere Zeit, in der die Engländer vor dem stürmischen Westwinde schnell aufkamen. =Conflans= setzte dann schon frühzeitig so viel Segel als möglich, und während der nun folgenden Jagd gingen infolge der ungleichen Segelfähigkeit der Schiffe bald Fühlung und Ordnung in der französischen Linie verloren; die Nachhut war überhaupt noch nicht ganz herangekommen.
Gegen 2-1/2 Uhr nachmittags passierte Conflans mit dem Flaggschiff die Felsen =Les Cardinaux= und ging näher an den Wind, um in die Quiberonbucht zu steuern; zu gleicher Zeit griff das vorderste englische Schiff südlich von Belle-Ile das letzte französische an und nach kurzer Frist waren 9 Engländer mit 4 oder 5 Franzosen der Nachhut in einem laufenden Gefecht. Bald darauf drehte der zum Sturm mit schweren Böen gewordene Wind nach NNW, wodurch die Ordnung der französischen Linie noch mehr gestört und dem Rest der Engländer das Herankommen erleichtert wurde; auch die letzten Schiffe der französischen Mitte wurden nun angegriffen. Gegen 3-1/2 Uhr wendete =Conflans= mit dem Flaggschiff, um sich nach der Mitte zu begeben, auch heißte er für die anderen Schiffe das Signal, im Kontremarsch zu wenden; er hoffte so eine geordnete Linie wieder herzustellen, scheint also die Absicht gehabt zu haben, den Kampf aufzunehmen, um seine Nachhut zu retten. Von diesem Augenblicke an ist es nicht mehr möglich, den Verlauf des Gefechtes zu übersehen. Bei dem Versuche, dem Befehle nachzukommen, trieben die französischen Schiffe in Haufen zusammen, und immer mehr Engländer kamen heran; dabei ging der kurze Novembertag zu Ende.
In dem Dreieck zwischen den Bänken =Les Cardinaux= und =Le Four= sowie der Insel =Dumet= fochten gegen 50 Schiffe in der Melée. Manche, namentlich französische, sind wohl kaum zum Feuern gekommen, weil sie sich gegenseitig behinderten, wie denn auch verschiedene Zusammenstöße erfolgten; dazu kamen der schwere Sturm sowie die hohe See, die die Manöver erschwerten und viele Schiffe zwangen, die Pforten der untersten Batterie geschlossen zu halten. Die 7 Schiffe der französischen Nachhut, die den Kampf wacker aufnahmen, hatten schon zu Anfang schwer gelitten. =St. Andrée= fiel und ebenso sein Flaggkapitän (sein Bruder), aber das Schiff strich erst um 4-1/2 Uhr die Flagge, als es 200 Tote verloren hatte und fast wrack war; ein zweites war genötigt, die Flagge zu streichen und zu ankern, da es jedoch des schweren Wetters wegen vom Gegner nicht besetzt wurde, heißte es die Flagge wieder und zog sich aus der Melée; ein drittes endlich floh schwer beschädigt und sank vor der Loiremündung. Von der französischen Vorhut kenterte ein von beiden Seiten hart bedrängtes Schiff, da in einer schweren Bö das Wasser durch die Leepforten der untersten Batterie hineinströmte; ein anderes wurde durch das Feuer des englischen Flaggschiffes zum Sinken gebracht.
Nach Eintritt der Dunkelheit löste sich das Gewühl. =Conflans= wollte seine Flotte wieder ins offene Meer hinausführen, konnte sich jedoch zuerst nicht aus dem Knäuel lösen, fürchtete dann, unklar von Le Four zu kommen und ankerte in der Nähe dieser Bank. 7 Schiffe, unter ihnen der Führer der Vorhut, =Bauffremont=, entwichen nach Süden und fanden sich später vor Rochefort zusammen; 7 andere sowie die Fregatten ankerten vor der Mündung der Vilaine. Admiral =Hawke=, der in der Dunkelheit an keine Verfolgung denken konnte, ging ungefähr in der Mitte des Kampfplatzes vor Anker, seinem Beispiele folgten aber nur die Schiffe in seiner Nähe, die dies bemerkten. Das Nachtsignal zum Ankern, zwei Kanonenschüsse, wurde nicht verstanden, da auch sonst noch gefeuert wurde; so suchten die anderen Schiffe sich Ankerplätze nach Belieben, einige gingen auch in See hinaus.
Am 21. November bei Tagesanbruch hatte =Hawke= nicht viele Schiffe beisammen und englische Quellen sagen, hier sei für die Franzosen Gelegenheit gewesen, mit Übermacht aufzutreten. Dabei wird angenommen, daß die sieben nach Süden entwichenen französischen Schiffe während der Nacht in der Nähe, vielleicht südlich Le Four, vor Anker gelegen hätten; nach Andeutung einer französischen Quelle (Lacour) scheint dies der Fall gewesen zu sein, doch schweigen die anderen hierüber. =Conflans= sah sich am Morgen fast allein nicht weit von Hawke liegen, nur das Schiff der Nachhut, das die Flagge wieder geheißt hatte, war in seiner Nähe; er glaubte nicht mehr entkommen zu können und setzte sein Schiff in der Bucht von Croizic auf den Strand, wie es kurz vor ihm das eben genannte Schiff getan. =Hawke= hatte tatsächlich ein Schiff gegen diese beiden beordert, doch strandete dies auf Le Four, wo schon ein anderes englisches seit dem Tage vorher festsaß. Weitere Versuche, den Sieg auszunutzen, konnte Hawke des Wetters wegen am 21. noch nicht machen und infolgedessen gelang es den französischen Schiffen vor der Vilaine an diesem und dem folgenden Tage, nachdem sie sich durch Überbordwerfen von Geschützen sowie Material möglichst erleichtert hatten, die Barre vor dem Flusse zu überschreiten, diesen eine Strecke hinaufzulaufen und sich so vor Angriffen von See her zu sichern. Als am 22. das Wetter besser geworden war, wollte =Hawke= die Schiffe bei Croizic verbrennen, die Franzosen zündeten sie aber selber an; es wurde ihnen dadurch unmöglich, die wertvolle Artillerie des Flaggschiffes zu bergen.
$Beurteilung der Franzosen.$ Der 20. November 1759 war kein Ruhmestag für diese, weder für den Admiral noch für die meisten Kommandanten. Daß die französischen Seeoffiziere im allgemeinen tapfere Männer waren, wie es bei dem Charakter ihres Volkes und bei ihrer Abstammung von dem alten kriegerischen Adel von vornherein anzunehmen ist, beweist die ehrenvolle Verteidigung der Nachhutschiffe, die noch unter einigermaßen normalen Verhältnissen in den Kampf eintraten; aber fast allgemein fehlte es ihnen an Umsicht und an Selbstvertrauen. In Frankreich wurden dann auch Klagen erhoben, die von französischen Schriftstellern zum Teil noch jetzt als begründet angesehen werden[89].
[89] Vgl. Lacour I, Seite 330 ff.; Verteidigungen der Betroffenen vgl. Troude I, Seite 385 ff. und 399.
Dem Admiral =Conflans= wirft man zunächst vor, daß er sich auf seinem Marsche nicht gesichert habe; überrascht, habe er dann den Kopf verloren. Er hätte -- wie es auch =de La Clue= bei Lagos hätte tun müssen -- beim Ansteuern der Quiberonbucht die Geschwindigkeit der Flotte nach der des langsamsten Schiffes regeln und vor allem die Nachhut herankommen lassen müssen. Als diese angegriffen wurde, hätte er sofort wenden sollen; vielleicht war dann noch Zeit, sie zu retten, ehe die Gesamtmacht des Feindes in Gefechtsordnung auftreten konnte. Oder er hätte sie opfern und seinen Plan, eine Verteidigungsstellung in der Bucht einzunehmen, mit Mitte und Vorhut zur Ausführung bringen müssen; durch den zu späten Versuch, dem Gegner entgegenzutreten, habe er die völlige Unordnung der Flotte und damit deren Ohnmacht hervorgerufen. Es wird dem Marschall endlich vorgeworfen, sein Schiff, das gar nicht sehr gelitten hatte und ein vorzüglicher Segler war, vorzeitig ohne Fluchtversuch auf den Strand gesetzt und später ohne jeden Kampf verlassen zu haben. -- Den Chef der Vorhut, =Bauffremont=, traf der Vorwurf der Indisziplin, sogar auch, wie zu allen Zeiten in Frankreich bei Katastrophen üblich, der des »Verrates«, weil er »mit seiner Division« den Marschall im Stich gelassen habe. Wörtlich trifft dies aber nicht zu; die nach Rochefort geflüchteten Schiffe kamen einzeln und teilweise vor Bauffremont dort an und zwar nicht nur Schiffe der Vorhut, sondern auch solche der Mitte und der Nachhut, ebenso wie sich die nach der Vilaine gesegelten aus allen drei Divisionen zusammensetzten. Aus diesem Umstande geht hervor, daß jeder französische Kommandant selbständig seine Rettung aus dem Gewirr gesucht hat. Wohl aber hätte Bauffremont als Zweiter im Kommando am 21. versuchen müssen, möglichst viel Schiffe zu sammeln und seinen Chef zu unterstützen. -- Der gleiche Vorwurf der Indisziplin und des Mangels an Tatkraft wurde allen =Kommandanten= gemacht.
Diese Beschuldigungen sind gewiß nicht ganz unberechtigt, aber man muß sich auch die Lage der französischen Offiziere vergegenwärtigen. Der größere Teil der Schiffe ging zum ersten Male seit Jahren in See, die Besatzungen waren ungeübt, die Flotte hatte noch niemals im Verbande gesegelt, und nun sollten schwierige Manöver unter den ungünstigsten Umständen ausgeführt werden. Welch ein Zustand mag dabei auf den Schiffen geherrscht haben. Das niederdrückende Gefühl der Flucht vor einem überlegenen Feinde trat hinzu; da kann es nicht wundernehmen, wenn den Verantwortlichen die Nerven versagten und sie alles verloren glaubten. Hinterher entschuldigten sie sich mit der Pflicht, in solcher Lage wenigstens ihr Schiff dem Könige zu erhalten. Eine wirkliche Untersuchung fand nicht statt, wohl weil die beiden Admirale dem Kreise der Pompadour nahestanden; die öffentliche Meinung aber verhöhnte den Oberbefehlshaber dadurch, daß sie die Schlacht »den Tag des Marschalls de Conflans« nannte. Es war ein eigenartiger Zufall, daß das Flaggschiff »Le Soleil Royal« hieß, wie das des Admirals Tourville, das bei La Hogue verbrannt wurde, dessen Vernichtung jedoch der zwar unglückliche, aber höchst ehrenvolle Kampf bei Cap Barfleur vorhergegangen war. =De Conflans= zog sich vom Dienste zurück; =Bauffremont= mußte, wohl unter dem Druck der öffentlichen Meinung, bis 1764 auf seine Beförderung zum Lieutenant-General warten.
$Der Erfolg der Engländer$ -- mit einem Verluste von nur zwei gestrandeten Schiffen, 50 Toten und etwa 250 Verwundeten erkauft -- =war entscheidend=. Drei französische Schiffe waren gesunken, eins genommen und zwei verbrannt, acht Schiffe nach Rochefort und sieben nebst den Fregatten in die Vilaine geflüchtet. Diese konnten ebenfalls als verloren gelten, da es erst nach langer Zeit gelang, sie paarweise wieder aus dem Flusse zu bringen. Zwei Linienschiffe und zwei Fregatten passierten die Barre im Januar 1761, zwei weitere am 28. November und die letzten erst im April 1762. Alle erreichten Brest, obgleich die Engländer die Mündung der Vilaine bewachten, doch waren sie kaum mehr kriegsbrauchbar[90]. Die Schlacht bei Quiberon legte die französische Marine im Atlantik lahm, wie es die bei Lagos für das Mittelmeer getan hatte; infolgedessen sah Frankreich von der Expedition gegen England ab und löste das Heer bei Morbihan auf. England war diese Sorge los und konnte sich mit größerer Kraft dem Kriege in den Kolonien zuwenden. =Mahan= nennt Quiberon »das Trafalgar des Siebenjährigen Krieges«, der französische Autor =Guérin= »das La Hogue, aber ohne wie dort Ruhm und Ehre Frankreichs gewahrt zu haben«.
[90] Näheres über das Schicksal dieser Schiffe, die mit Geschick die Blockade brachen, vgl. Lacour I, Seite 347, und Troude II, Seite 403 und 415. Bei Troude, Seite 405, auch Bemerkenswertes über den Versuch des Admirals Hawke, durch Verhandlungen in den Besitz der Artillerie des »Soleil Royal« zu kommen und die Besatzung des anderen gestrandeten Schiffes als kriegsgefangen ausgeliefert zu erhalten.
Die englische Flotte wurde wenige Tage nach der Schlacht noch durch 6 Linienschiffe verstärkt, die auf die Nachricht vom Inseegehen des Marschalls de Conflans von England abgesandt waren. =Hawke= zweigte Ende November eine Division nach der Quiberonbucht ab, um die Vilaine zu blockieren, eine zweite nach Rochefort, um die Schiffe dort zu vernichten. Diese hatten sich jedoch so weit in die Charente zurückgezogen, daß man ihnen ebensowenig wie denen in der Vilaine beikommen konnte. Die Blockierung der atlantischen Küste wurde aber den Winter über aufrechterhalten, an Hawkes Stelle bald durch Admiral =Boscawen=.
$Die Ereignisse der Jahre 1760-1762$ in den europäischen Gewässern können wir kurz zusammenfassen. $Im Mittelmeer$ ging Admiral =Boscawen=, nachdem er in Gibraltar ausgebessert hatte, mit 8 Linienschiffen nebst den bei Lagos gemachten Prisen nach England zurück; er äußerte sich über seinen Sieg: »Es war gut, aber es hätte besser sein können«. Vizeadmiral =Broderick= blockierte mit dem Rest der Mittelmeerflotte die nach Cadiz geflüchteten Franzosen; als er jedoch zu Ende des Jahres durch einen Sturm gezwungen war, von der Küste abzustehen, brachen diese am 2. Januar 1760 aus und erreichten unbelästigt am 17. Toulon. Bald darauf übernahm Vizeadmiral =Charles Saunders= die Mittelmeerflotte, beschränkte sich aber auf die Sicherung des eigenen und die Störung des feindlichen Handels. Wie schon angedeutet, scheint England nicht einmal Wert darauf gelegt zu haben, die Verbindung Frankreichs mit Minorka zu verhindern.
Im Jahre 1762, als =Spanien= in den Krieg eintrat, verstärkte England die Mittelmeerflotte noch einmal erheblich. Sie kam aber auch jetzt kaum zur Geltung, da sich weder die spanische noch die französische Flotte zeigte, und brachte nur viele Kauffahrer auf. In diesem Jahre faßte Frankreich unter Choiseuls Einfluß noch einmal den Plan zu größeren Kreuzfahrten von Toulon aus, ja sogar zu einem Angriff auf Gibraltar. Vielleicht glaubte man wirklich, einen solchen mit Spaniens Unterstützung unternehmen zu können, vielleicht hoffte man auch nur, durch derartige Gerüchte einen schnelleren und günstigeren Friedensschluß herbeizuführen; ähnliches war auch in den nördlichen Gewässern im Gange. Nach dem Friedensschluß ging der größere Teil der englischen Flotte heim; Kontreadmiral =Sir Piercy Brett= nahm mit dem Rest =Minorka= wieder in Besitz.
$In den atlantischen Gewässern$ waren $1760$ die englischen Streitkräfte zur Blockade sowie zum Handelsschutz ähnlich verteilt wie im Vorjahre: Kommodore =Brett= befehligte in den Downs und in der Nordsee; =Rodney= kreuzte im Kanal; =Hawke= und =Boscawen=[91] bewachten wechselweise die Quiberonbucht, die jetzt an Stelle Brests als Mittelpunkt des Blockadebereichs Rochefort, Lorient und Brest angesehen wurde. Außerdem verstärkte man die ostindische sowie die nordamerikanische Station und nahm auf der westindischen die nötigen Ablösungen vor. Die Franzosen hatten alle größeren Unternehmungen aufgegeben, nicht einmal Verstärkungen nach den Kolonien gingen ab; nur vereinzelt liefen Kriegsschiffe aus, um gegen den Handel des Gegners zu kreuzen. Die englische Blockade zeitigte keine großen unmittelbaren Erfolge; sie hinderte zwar Frankreichs Verbindung mit den Kolonien, brachte aber wenig Beute, da der französische Handel schon völlig daniederlag; den kleinen Freibeutern konnte sie das Handwerk nicht völlig legen. Aufzeichnungen über Zusammenstöße zwischen den Kreuzern beider Parteien bringen die Spezialwerke (z. B. Troude I und Laird Clowes III, Kap. »Minor Actions«).
[91] Boscawen führte das Kommando vom Frühsommer bis August 1760; er starb im Januar 1761.
$Der Einfall der Franzosen in Irland 1760$ ist das einzige bemerkenswerte Ereignis dieses Jahres; er war als Diversion geplant, die gleichzeitig mit der großen Expedition gegen Schottland ins Werk gesetzt werden sollte. Man hatte dazu in =Dünkirchen= 1300 Soldaten unter General =Flobert= gesammelt und eine Flottille von 4 Fregatten (zu 24-44 Kanonen), sowie 2 Korvetten (18 Kanonen) unter Kapitän =Thurot= ausgerüstet. Dieser war ein Freibeuter von Ruf, 1726 als Sohn eines kleinen Gastwirtes geboren, im Jesuitenseminar erzogen, dann als Apotheker tätig und 1744 als Arzt auf einem Freibeuter in englische Gefangenschaft geraten. Aus dieser entfloh er, widmete sich ganz der Freibeuterei und erhielt wegen seiner Verdienste im Österreichischen Erbfolgekriege ein Offizierspatent (als Transporterkapitän) in der königlichen Marine. Beim Ausbruch des Siebenjährigen Krieges rüstete er 2 Fregatten und 2 Korvetten aus, mit denen er vom 16. Juli 1756 bis Februar 1759 ununterbrochen in der Nordsee sowie dem Kanal kreuzte, mehrere Gefechte bestand und zahlreiche Prisen machte. Ihm war schon eine Rolle bei dem geplanten Angriff auf die Kanalinseln (s. Seite 142) zugedacht gewesen, jetzt wurde er mit der seemännischen Führung der Expedition gegen Irland betraut, wo man mit einer Erhebung der Bevölkerung rechnete. Er erhielt seine Instruktion am 17. Juni 1759, es gelang ihm, am 15. Oktober auszulaufen, während das englische Blockadegeschwader durch Sturm vertrieben war; also gerade zu der Zeit, als man mit dem Inseegehen der großen Expedition rechnete. Um den Feind zu täuschen, lief Thurot zuerst Gothenburg, dann Bergen an; auf der stürmischen Reise wurde eine Korvette versprengt und eine Fregatte genötigt, wegen Beschädigungen nach Frankreich zurückzukehren.
Am 1. Januar 1760 ankerte er bei den Färöerinseln und erschien dann am 25. bei Londonderry an der irischen Küste. Die Wetterverhältnisse machten eine Landung unmöglich und auch die zweite Korvette wurde von der Flottille getrennt, so daß die anderen Kapitäne Thurot beschworen, das Unternehmen aufzugeben. Aber dieser blieb fest und ankerte nach einer kurzen Erholung auf der Insel Islay am 19. Februar in =Belfast-Lough=. Am 21. zwang General Flobert mit 600 Mann die nur schwach besetzte Stadt Carrickfergus zur Übergabe. Thurot konnte ihn aber nicht bewegen, gegen Belfast vorzugehen; dies wäre auch wohl ein hoffnungsloses Wagnis gewesen, man hatte schon 30 Tote und 60 Verwundete eingebüßt. Nachdem man Proviant beigetrieben und einige kleine Fahrzeuge verbrannt hatte, wurde am 27. die Rückfahrt nach Frankreich angetreten. Natürlich waren alle benachbarten irischen sowie schottischen Häfen alarmiert und von Kingsale liefen 3 englische Fregatten (zu 36 Kanonen) unter Kapitän =John Elliot= aus. Diese stießen am 28. Februar in der Nähe der =Insel Man= auf die Franzosen; zwei dieser strichen fast sogleich die Flagge, nur =Thurot= kämpfte mit seinem Flaggschiff (44 Kanonen) tapfer, bis er fiel und seine Fregatte dem Sinken nahe war. Er hat selbst bei den Engländern als ein Freibeuter von ehrenhaftem Charakter gegolten, der stets Edelmut und Menschlichkeit zeigte.
Die Blockade wurde den Winter über aufrechterhalten, doch scheint man $1761$ die Geschwader nach und nach verkleinert zu haben, so wurde z. B. Admiral Rodney nach Westindien befehligt und durch einen Kommodore ersetzt. Auch =Hawke= verließ im März mit dem größeren Teile seiner Flotte die Biskaya, doch traf dafür eine neue Flotte mit einer besonderen Aufgabe ein.
$Die Einnahme von Belle-Ile, April/Mai 1761.$ Schon im Herbst 1760 befand sich eine Flotte mit Landungstruppen in Ausrüstung, die man anfangs gegen die Inseln Isle de France und Bourbon, später aber gegen die französische Küste verwenden wollte. Durch den Tod König Georgs II. (27. Oktober) traten jedoch Verzögerungen ein und Pitt verlor an Einfluß, so daß man die Sache für dieses Jahr aufgab. Im Frühjahre 1761 wurde sie mit Erfolg, allerdings auch mit großem Kraftaufwand, ins Werk gesetzt. Ein Geschwader von 13 Linienschiffen nebst drei Fregatten wurde vor Brest stationiert, um jede Störung von dort aus zu hindern, und eine Flotte von 15 Linienschiffen, 8 Fregatten, 3 Sloops, 2 Brandern, 3 oder 4 Mörserbooten und zahlreichen Transportern mit 10000 Mann segelte am 29. März (einige der Schiffe etwas später) von St. Helens, Insel Wight, ab, um Belle-Ile zu erobern. Die Flotte führte Kommodore =Augustus Keppel=, die Truppen General =Hodgson=. Am 6. April sichtete man die Insel und Keppel zweigte 6 Fregatten ab, um sie von der Verbindung mit dem Festlande abzuschneiden. Am 7. ankerte die Flotte vor dem Haupthafen Le Palais auf der Nordostseite der Insel. Diese Stadt wurde durch eine Zitadelle nebst einigen Außenwerken verteidigt, an anderen Landeplätzen lagen schwache Forts oder Batterien; Erkundungen ergaben, daß die beste Landungsstelle in einer kleinen Bucht an der Südostspitze der Insel sei.
Hier warf man am 8. Truppen an Land, nachdem die Batterie niedergekämpft war, sie fanden aber derartigen Widerstand, daß sie sich wieder zurückziehen mußten; das Wetter hinderte dann 14 Tage lang einen neuen Versuch. Dem Kommandanten von Belle-Ile, =Chevalier de Saint-Croix=, standen nur zwei Regimenter nebst einigen Bataillonen Miliz zur Verfügung, trotzdem benutzte man die Frist nicht, Verstärkungen vom Festlande (Lorient) heranzuziehen; auch französische Quellen können nicht angeben, ob man es nicht wagte oder nicht konnte. Am 22. landeten die Engländer aufs neue an drei Stellen der Bucht, zwei Landungen waren nur Scheinangriffe; die Franzosen wurden durch das Feuer der Flotte vertrieben und mußten sich auf Le Palais zurückziehen. Die Angreifer schritten nun zur regelrechten Belagerung der Stadt, am 13. Mai wurden die Außenwerke genommen und vom 16. an die Zitadelle auf das heftigste beschossen. Als am 7. Juni Bresche gelegt war und zum Sturm geschritten werden sollte, kapitulierte St. Croix mit allen militärischen Ehren. Die Angreifer verloren in den Kämpfen 310 Tote und 500 Verwundete, aber außerdem viele Leute durch Krankheiten.
Die englischen Quellen heben besonders hervor, daß bei diesem Unternehmen stets völliges Einverständnis zwischen dem Admiral und dem General geherrscht habe, ein bisher selten vorgekommener Fall. -- Die Insel blieb bis zum Friedensschluß in den Händen der Engländer, diese hatten damit einen Stützpunkt für die Blockade der atlantischen Häfen Frankreichs gewonnen; französische Schriftsteller weisen darauf hin, daß Belle-Ile im Verein mit den Kanalinseln ihren Gegnern einen Einfall in die Bretagne möglich gemacht haben würde.
Bald nach der Landung hier hatte Keppel den Kapitän =Sir Thomas Stanhope= mit 7 Linienschiffen nach der Rhede von =Ile d'Aix= gesandt. Dieses Geschwader fand dort zwar keine feindlichen Schiffe vor, zerstörte aber am 21. und 22. Juni die Befestigungen der Insel. Der Versuch der Franzosen, dies von der Charente aus mit Kanonenschaluppen zu hindern, schlug fehl, ebenso ein Unternehmen im Dezember, die blockierenden Engländer mit Brandern zu vertreiben.
Für $das Jahr 1762$ sind keine Ereignisse von Bedeutung =in den europäischen Gewässern= zu verzeichnen, obgleich Spanien im Januar auf seiten Frankreichs in den Krieg eintrat. England beschloß, ohne Zaudern auf das schärfste gegen den neuen Gegner vorzugehen und ihn an seiner verwundbarsten Stelle, seinen Kolonien, anzufassen. Es sandte sofort eine bedeutende Verstärkung nach Westindien, zog dort unter =Admiral Pocock= eine Expedition gegen Havanna zusammen und schickte auch nach Ostindien Streitkräfte, um die Philippinen anzugreifen. In Europa beschränkten sich die Maßnahmen außer auf die Verstärkung der Mittelmeerflotte darauf, daß man den größeren Teil der bisher für die Blockade der französischen Küsten verwendeten Kräfte unter =Hawke=, später unter Admiral =Hardy=, in den spanischen Gewässern stationierte. 8000 Mann wurden nach Lissabon gesandt, mit deren Hilfe Portugal den Angriff der Franzosen und Spanier zurückwies.
Wie im Mittelmeer, so zeigte sich die spanische Marine auch nicht im Atlantik. Wohl weil die Blockadegeschwader in der Biskaya schwächer als bisher gehalten wurden, gelang es in diesem letzten Jahre des Krieges nochmals zwei französischen Geschwadern, bei Sturm durchzuschlüpfen. Früh im Jahre verließ der Chef d'Escadre =de Blenac= mit 7 Linienschiffen, 4 Fregatten nebst 7 Bataillonen Infanterie Brest und segelte nach Westindien; das englische Blockadegeschwader versuchte zwar, ihn einzuholen, mußte jedoch die Verfolgung aufgeben, da die Proviantbestände zu Ende gingen, und sich damit begnügen, den Admiral in Westindien von der bevorstehenden Ankunft Blenacs in Kenntnis zu setzen. Im Mai lief dann der Kapitän =de Ternay= mit 3 Linienschiffen, deren eins als Transporter (Flüte) diente, 1 Fregatte und 600 Soldaten von Brest nach Nordamerika aus und erreichte sein Ziel. Diese beiden letzten Anstrengungen Frankreichs, den Kolonien Hilfe zu bringen, hatten aber auf den Krieg in den fernen Gewässern keinen Einfluß mehr; dort war schon alles verloren.
=Pläne für einen Einfall in England= entwarf man auch noch in den Jahren 1761 und 1762. Es befinden sich Arbeiten darüber in den Archiven des französischen Marineministeriums und ebenso in einem Briefwechsel zwischen =Choiseul=, der im Oktober 1761 dieses Ministerium übernahm, und dem Gouverneur der Bretagne, Herzog =d'Aiguillon=, der schon 1759 zum Chef des Einfallheeres bestimmt gewesen war.
Näheres über einige dieser Arbeiten findet man in Lacour I, Seite 354. Ein Plan ist bemerkenswert, da er dem gleicht, der den Bestimmungen und Bewegungen der französisch-spanischen Seestreitkräfte vor der Schlacht von Trafalgar 1805 zugrunde lag. Aus den verschiedenen französischen und spanischen Häfen sollten Geschwader zu Vorstößen in den kolonialen Gewässern auslaufen, um England zur Teilung seiner Kräfte zu verleiten. Sie sollten sich aber an einem bestimmten Termin in Ferrol vereinigen, die in Europa verbliebenen Schiffe aufnehmen und dann dem Übergang eines Heeres über den Kanal den Weg freimachen.
Der Krieg in den Kolonien[92].
$Nordamerika. 1748-1755.$ Hier blieben die englischen und die französischen Kolonien nach dem Frieden von Aachen 1748 eigentlich im Kriegszustande, während von ihren Mutterländern Verhandlungen über die unerledigt gelassenen Grenz- sowie Machtbereichsfragen geführt wurden, wie es beim Friedensschluß bestimmt war. =Die englischen Kolonien= mußten Wert darauf legen, daß Neuschottland stärker von Engländern besiedelt und die nicht zuverlässige alte französische Bevölkerung dort verdrängt würde. Die englische Regierung sträubte sich anfangs dagegen, sowohl der Kosten wegen als auch in der Besorgnis, Neuengland könne zu mächtig werden; sie mußte aber doch nachgeben, bot nun Auswanderern nach Neuschottland große Vorteile und baute 1749 die Festung =Halifax=.
[92] Im Anschluß an die Ereignisse des Krieges 1744-1748 (S. 93 ff.); Hauptquellen vgl. S. 131.
Deren erster Gouverneur begann dann sofort, die Indianer auszurotten und die französischen Ansiedler zum Anschluß an England oder zur Auswanderung unter Verlust ihres Eigentums zu zwingen. Noch wichtiger war es, dem Vordringen der Franzosen im Ohiotale Einhalt zu tun, das die Ausdehnung der Neuenglandstaaten über das Alleghanygebirge nach Westen hin unmöglich zu machen drohte, während den Nebenbuhlern die Aussicht erwuchs, durch den Mississippi mit der Kolonie Louisiana in Verbindung zu treten und so die englischen Kolonien ganz ein- und abzuschließen. Schon 1748 wurde deshalb in Virginia die Ohiokompagnie gegründet, deren Agenten und Kolonisten sich im Ohiogebiet zwischen den Flüssen Monongahela und Kenewka festsetzten.
=Die französischen Gouverneure in Kanada=, de la Gallissonnière (1747), de la Jonquière (1749), de Menneville (1752), bemühten sich eifrig, die französischen Interessen zu behaupten.
Ihre Agenten waren im ganzen Hinterlande Neuenglands tätig und bemühten sich, in Akadien die französischen Sympathien zu nähren; man baute sogar Befestigungen auf der Landzunge zwischen Neuschottland und Neubraunschweig, um das Vordringen der Engländer zu hindern, obgleich die Friedensbedingungen das Gebiet bis auf einen nördlichen noch strittigen Strich England zugesprochen hatten. Endlich wurde die Kette von Forts, die sich von Quebec zum Mississippi -- am Ontario- und Eriesee, sowie am Ohio und seinen Nebenflüssen entlang -- ziehen sollte, in den Jahren 1749 bis 1754 weitergeführt und ausgebaut. Es würde zu weit führen, näher auf die beiderseitigen Maßnahmen sowie auf die dabei vorgekommenen kleineren Zusammenstöße einzugehen; von ihnen soll aber derjenige erwähnt werden, der Frankreich für den Augenblick zum Herrn im Ohiotale machte und zum Ausbruch des offenen Krieges führte. Bei ihm tritt auch zum ersten Male =Washington= in der Geschichte auf.
$Der erste Zusammenstoß im Ohiotale 1754.$ Im Jahre 1753 hatten sich die Verhältnisse bereits soweit zugespitzt, daß die englische Regierung gestattete, dem Eindringen der Franzosen in das Ohiogebiet mit Gewalt entgegenzutreten. 1754 führte der =Milizmajor Washington= etwa 500 Mann mit einigen Kanonen vor, um den Bau eines Forts der Ohiokompagnie am Zusammenfluß des Alleghany und des Monongahela zu schützen, wo jetzt =Pittsburg= liegt. Ehe er aber eintraf, hatten die Franzosen den Platz überfallen und sich dort festgesetzt (Fort Duquesne). Sie sandten dann Washington eine Abteilung mit der Forderung entgegen, das von Frankreich beanspruchte Gebiet zu räumen; es kam zu einem Gefechte, in dem der französische Führer fiel und 21 seiner Leute gefangen wurden. Washington verschanzte sich nun in der Hoffnung auf Verstärkung, wurde aber vom Fort Duquesne aus durch 600 Kanadier nebst 100 Indianern angegriffen und am 3. Juli zur Übergabe gezwungen.
Nach diesem Ereignis, das in ganz Europa Aufsehen erregte, war an einen friedlichen Austrag der Streitigkeiten nicht mehr zu denken. =England= brach zwar die Verhandlungen noch nicht ab, rüstete aber stark zur See, und auf sein Betreiben faßten die nordamerikanischen Kolonien zum ersten Male den Plan einer Bundesverfassung sowie ein gemeinsames Vorgehen in ihrem Hinterlande ins Auge. Ende 1754 sandte die Regierung den =General Braddock= mit zwei Regimentern nach Virginia. =Frankreich= tat zunächst noch nichts, da die Kassen leer waren; man empfand aber wohl, daß Kanada den vereinten englischen Kolonien nicht gewachsen[93] war und suchte durch Fortführung der Verhandlungen Zeit zum Rüsten zu gewinnen.
[93] Kanada zählte 1756 ungefähr 80000 Weiße gegen 425000 in den Neuenglandstaaten, 457000 in den mittleren und 283000 in den Südstaaten. Die letztgenannten kamen allerdings bei einem Kriege nicht in Betracht, da sie der starken Negerbevölkerung wegen keine Milizen ausrücken lassen konnten. In den mittleren Staaten lebten gegen 70000, in den südlichen gar 178000 Farbige, in den Nordstaaten nur 11000.
=Frankreich= erbot sich im Januar 1755, die Verhältnisse dem Aachener Frieden (1748) gemäß herzustellen, =England= verlangte den Utrechter Frieden (1713) als Grundlage. Ersteres erklärte sich im Februar bereit, auch das Ohiogebiet preiszugeben; ernst war es ihm jedoch kaum damit, denn gleichzeitig wies es seinen Gouverneur an, die englischen Forts am Kennebec zu nehmen. Die englische Regierung, die dies wußte und zum Bruche entschlossen war, forderte jetzt, im März, daß Frankreich das Ohiogebiet räume, die Forts am Niagara schleife, die Neutralisierung des Ontario-, Erie- sowie des Champlainsees und auch des Südufers des St. Lawrencegolfes bewillige, endlich den noch strittigen nördlichen Teil von Neubraunschweig abtrete. Darauf konnte Frankreich nicht eingehen, setzte aber die Verhandlungen noch fort.
Der offene Krieg brach in Amerika bald aus. =Braddock=, der im Februar 1755 gelandet war, stellte im April im Verein mit den Gouverneuren der wichtigsten Kolonien einen Kriegsplan auf, nach dem der Gouverneur von Neuschottland die Gebiete bis zum Lawrencegolf besetzen, die Milizen von New York und New Jersey, Crown Point (Fort St. Frederic, am Südende des Champlainsees) nehmen, und der schon aus dem vorigen Kriege bekannte Gouverneur von Boston, =Shirley=, Fort Niagara (an der Mündung des Niagara in den Ontariosee) angreifen sollte, während Braddock mit der Hauptmacht sich die Unterwerfung des Ohiogebietes vorbehielt. In =Akadien= glückte der Plan. Im Juni wurden die französischen Forts auf der Landzunge genommen und 7000 Einwohner, die den vollen Untertaneneid verweigerten, unter Beschlagnahme ihres Eigentums, sowie ohne jede weitere Fürsorge gewaltsam nach südlicheren Kolonien geschafft. =Braddocks Zug= gegen das Fort Duquesne schlug jedoch völlig fehl; er fiel am 9. Juli in einen Hinterhalt und kam mit einigen hundert Mann ums Leben; ohne Washingtons Geschick wären alle verloren gewesen.
Inzwischen hatten auch die Franzosen Unterstützung erhalten. Im Mai 1755 hatte ein Geschwader unter =Dubois de la Motte= Truppen unter dem deutschen General =Baron Dieskau= (mit ihm kam als neuer Gouverneur =de Vaudreuil= nach Kanada) nach Louisbourg und Quebec gebracht, ohne daß das englische Geschwader unter Boscawen es hatte hindern können. Diese Verstärkung vereitelte auch die beiden anderen Vorstöße. =Der Zug gegen Crown Point= war zwar vorgedrungen und hatte am oberen Hudson sowie am Lake George Befestigungen angelegt, dann aber trat ihm Dieskau entgegen. Zwar erlitt dieser eine Niederlage, in der er selber fiel, aber auch die Engländer wurden so geschwächt, daß sie stehen blieben und nur ihr Lager, Fort William Henry am Lake George, ausbauten. Infolgedessen kam auch =der Zug gegen Fort Niagara= zum Stillstand. Hier hatte man den Ontariosee erreicht, begnügte sich aber nun damit, die dort befindlichen englischen Stationen, Oswego und Ontario, zu verstärken.
=Frankreich= hatte sich also 1755 außer in Akadien überall behauptet, obgleich es nur 2800 Reguläre und 5000 Milizen gegen 15000 Mann, worunter etwa 7000 Reguläre, ins Feld führen konnte.
Trotz alledem ward der Krieg noch nicht erklärt. In =England= erwog man wiederum, ob nicht in den Kolonien bei weiterem Wachsen ihrer Macht Selbständigkeitsgelüste auftreten würden. =Gouverneur Shirley= erklärte aber, eine Vereinigung der Kolonien sei bei der Verschiedenheit der Verfassung, der Interessen sowie der Stimmung in den einzelnen unwahrscheinlich, auch könnten derartige Bestrebungen leicht durch die Besatzungstruppen niedergehalten werden; es gelang ihm, die Regierung zur Vertreibung der Franzosen aus Kanada zu bestimmen. =Shirley= erhielt nun die oberste Leitung sämtlicher Milizen und faßte den =Plan=, 1756 Quebec von zwei Seiten anzugreifen, sowie gleichzeitig alle vorgeschobenen Forts der Franzosen im Westen zu nehmen. Die Mittel der Kolonien würden jedoch hierzu trotz ihrer Wohlhabenheit und starken Bevölkerung nicht hingereicht haben; den Milizen mangelten Übung und gute Offiziere. In England zweifelte man auch an der Befähigung Shirleys als Führer; man rief ihn deshalb unter dem Vorwande ab, seinen Rat nötig zu haben, und ersetzte ihn 1756 durch den =Earl of Loudoun=. Dieser sollte, unabhängig von den Gouverneuren, den Befehl über sämtliche Streitkräfte übernehmen, aber auch die Eigenwilligkeit der Kolonien brechen. Zu diesem Zweck erließ man Verfügungen, die in bestehende Vorrechte eingriffen. Anderseits brachte Loudoun eine Million Lstrl. mit, um den Kolonien die Kosten des Krieges 1755 zu ersetzen, sowie Mittel und Offiziere zur Errichtung zweier königlicher Regimenter.
=Frankreich= hatte zwar nach dem Auftreten des Admirals Boscawen im Juli 1755 die Verhandlungen abgebrochen, verhielt sich aber sonst doch friedlich und ergriff nicht einmal Gegenmaßregeln, als England überall französische Schiffe aufbrachte. Aber nach Nordamerika sandte man doch Verstärkungen; im April 1756 traf General =Marquis de Montcalm= mit drei Fregatten und drei Flüten dort ein, die 1500 Mann nebst Kriegsmaterial und Geldmitteln erhielten. Der neue Oberbefehlshaber fand ungünstige Verhältnisse vor. Der Feldzug hatte die Kolonie erschöpft, da die Milizen der Bestellung der Felder entzogen gewesen waren; zwischen diesen tüchtigen, aber wenig disziplinierten Kriegern und den Regulären herrschte schlechtes Einvernehmen; die Beamten der Kolonie wirtschafteten unredlich.
$Das Jahr 1756$ brachte für England nur weitere Rückschläge. =Loudoun= zeigte sich seiner Aufgabe nicht gewachsen. Statt schleunigst zu handeln, lag er mit 10000 Soldaten und 7000 Milizen untätig in Albany. Die englischen Seestreitkräfte waren nur schwach; die von Boscawen zurückgelassenen Schiffe unter =Kommodore Spry= kreuzten zwar in den Gewässern bei Louisbourg, es gelang ihnen aber nicht, die französischen Schiffe mit Verstärkungen zu fassen. Der französische Oberbefehlshaber, =Montcalm=, war dagegen sehr tätig. Von den Forts Crown Point, Frontenac (am Niagara) und Niagara aus beunruhigte er die vorgeschobenen englischen Posten und deren Rückverbindungen; er nahm sogar Oswego sowie Ontario, wobei 1640 weiße Soldaten nebst 113 Kanonen und große Vorräte in seine Hände fielen. So faßte er festen Fuß am Ontariosee und bereitete weitere Angriffe vor, während verbündete Indianer die englischen Grenzgebiete verwüsteten.
Jetzt wäre es für Frankreich an der Zeit gewesen, Kanada mit aller Kraft zu unterstützen, aber man hatte in Paris mehr Vorliebe für Pläne gegen England in Europa und für den Krieg in Deutschland. Ganz ohne Erfolg blieben Montcalms Bitten um Hilfe indessen nicht. Bekanntlich gelang es im Frühjahr 1757 drei französischen Geschwadern mit Truppen und Material, die Blockade zu brechen. =Bauffremont= traf am 23. Mai mit 4 Linienschiffen, =Durevest= am 25. mit 4, und =Dubois de la Motte= am 19. Juni mit 9 in Louisbourg ein; von nun an waren die französischen Seestreitkräfte den englischen stets gewachsen, zuzeiten überlegen. Dubois verfügte im Juni über 18 Linienschiffe und 5 Fregatten, während die Engländer erst im Juli, nach Eintreffen einer Verstärkung, 15 Linienschiffe zählten.
$Der Hauptplan Loudouns für 1757$ ging denn auch durch die Überlegenheit der Franzosen zur See in die Brüche. Zu einem kräftigen Vorgehen gegen die Forts an den Seen war der General auch in diesem Jahre nicht geneigt, aber er hatte einen =Angriff auf Louisbourg= vorgeschlagen und dafür die Billigung der Regierung erhalten; diese bestimmte den Gouverneur von New York, Kontreadmiral =Sir Charles Hardy=, zum seemännischen Führer des Unternehmens. In New York wurden im Mai 3500 Mann zusammengezogen, aber erst im Juni nach Halifax übergeführt, weil sich bis dahin französische Schiffe dort gezeigt hatten; mit den Truppen in Halifax zählte das Angriffskorps nunmehr 11000 Mann. Es wurden aber Wochen mit Exerzitien und Paraden verloren, vielleicht wollte man auch die eben erwähnte Verstärkung erwarten, die längst in Aussicht gestellt war; hatte man Anfang Juni die französische Flotte für zu stark erachtet, um in See zu gehen, so war dies nach Dubois' Eintreffen noch mehr der Fall.
Es fällt auf, daß =Dubois= diese Gelegenheit nicht benutzte, seinerseits anzugreifen. Er hatte jedoch nach dem französischen Brauche zu jener Zeit wieder den gemessenen Befehl, »Louisbourg nur zu verteidigen; die feindlichen Seestreitkräfte nur anzugreifen, wenn er derartig überlegen sei, daß der Erfolg unbedingt sicher stände«; er hatte außerdem viele Kranke auf seinen Schiffen und war 65 Jahre alt. Am 7. Juli traf endlich die Verstärkung unter Vizeadmiral =Francis Holburne= ein, der den Oberbefehl zur See übernahm. Dieser ließ durch Fregatten die Kräfte der Gegner erkunden und daraufhin wurden die Truppen am 1. und 2. August eingeschifft, um sie in der Gabarusbucht, 6 Seemeilen westlich von Louisbourg, zu landen. Als man aber auf einer Prise Papiere fand, die höhere und richtigere Angaben über die Stärke der Franzosen enthielten, sah man doch von dem Unternehmen ab; die Truppen wurden wieder ausgeschifft und teilweise nach New York zurückgeführt.
=Auf den anderen Kriegsschauplätzen= brachte das Jahr 1757 den Engländern nur Verluste. =Montcalm= hatte schon im Winter versucht, sich des Forts William Henry am Georgesee zu bemächtigen, und im August gelang es ihm, dieses zu zerstören; dann stellte er allerdings die Operationen ein, da er die Milizen zum Einbringen der Ernte entlassen mußte, und da unter den Indianern die Blattern ausbrachen. Immerhin blieben die Franzosen Herren des Hinterlandes von New York und Loudoun tat auch nach Aufgabe des Angriffs auf Louisbourg hiergegen nichts. Er glaubte genügendes zu leisten, wenn er die über die mangelhafte Kriegführung entrüsteten Kolonisten zum Befolgen seiner Verordnungen anhielt und über etwaige Selbständigkeitsgelüste wachte. Die Entrüstung wuchs aber noch, als die englische Flotte bald heimsegelte.
=Admiral Holburne hatte schwer durch Sturm gelitten.= Er war am 26. August vor Louisbourg erschienen, um in Person die Verhältnisse zu erkunden, ging aber nach Halifax zurück, als Dubois Miene machte, herauszukommen. Hier fand er eine neue Verstärkung von 4 Linienschiffen vor, die seine Flotte auf 19 Linienschiffe und 2 50-Kanonenschiffe brachte. Jetzt dem Gegner überlegen, ging er abermals in See, um Dubois durch Abschneiden aller Zufuhren zum Kampfe zu zwingen. Aber als die Flotte am 24. September etwa 60 Seemeilen südlich von Louisbourg stand, kam ein schwerer Oststurm auf, der am 25. zum Orkan anschwoll; die Flotte wäre wahrscheinlich verloren gewesen, wenn der Wind nicht nach Norden gedreht hätte. So schon scheiterte ein Linienschiff, eine Sloop kenterte und die anderen Schiffe litten schwer, 12 wurden entmastet. Der Admiral sah sich genötigt, einen Teil der Flotte sofort nach England zu senden; er folgte bald darauf mit dem Rest und ließ nur eine kleine Division in Halifax, die Louisbourg die Zufuhren abschneiden sollte. Nun verließ im Oktober auch =Admiral Dubois= die Station, er entging dem Blockadegeschwader Hawkes und lief am 22. November in Brest ein. Den Gesundheitszustand auf seinen Schiffen kennzeichnet die Tatsache, daß er nach seiner Ankunft 4000 Kranke ausschiffte, wodurch in Brest eine Epidemie ausbrach, die täglich 50-80 Opfer forderte.
$England erobert Louisbourg 1758.$ In diesem Jahre wandten sich die Verhältnisse zugunsten Englands: als =Pitt= ans Ruder gelangt war, der gerade auf den Kolonialkrieg Wert legte, kam ein anderer Geist in die englische Kriegführung.
=Pitt= änderte vor allem die innere Politik in Nordamerika: Loudoun wurde abberufen; alle gegen die Freiheiten der Kolonien gerichteten Maßregeln wurden aufgegeben; den Milizoffizieren bewilligte man gleiche Rechte wie denen des Heeres; anstatt Kriegssteuern zu fordern, ersuchte man die Neuenglandstaaten, gegen Rückerstattung der Kosten so viel Leute als möglich ins Feld zu stellen. -- Pitt wandte sich mit Erfolg an die Vaterlandsliebe der Kolonisten.
=Pitt= entwarf mit =Benjamin Franklin=, der sich gerade in England aufhielt, einen =Kriegsplan=: Mit einer Hauptmacht, einer starken Flotte unter Admiral =Boscawen= nebst 12000 (14000?) Mann Landungstruppen, sollten Louisbourg und dann Quebec genommen werden, eine weitere Expedition unter General =Abercromby= gleichzeitig gegen Crown Point und eine dritte unter =John Forbes= gegen Fort Duquesne vorgehen. Die Kräfte der beiden letztgenannten Unternehmen waren auf 50000 Mann, Reguläre und Milizen, veranschlagt. Aber auch =Frankreich= hatte in den Wintermonaten Verstärkungen hinausgesandt; in drei Abteilungen segelten 4 voll armierte Linienschiffe, 2 Fregatten, 5 als Flüten ausgerüstete Linienschiffe, sowie ein schweres Schiff der indischen Kompagnie mit Truppen und Vorräten nach Louisbourg und Kanada.
Was wollte dies jedoch gegen die Übermacht sagen, mit der England auftrat. Als der Angriff erfolgte, standen in Louisbourg nur 3000 Soldaten, mit den Schiffsbesatzungen und einigen Milizen wahrscheinlich 7000 Verteidiger insgesamt; =Montcalm= verfügte in Kanada über 6000 Reguläre und 15000 Milizen, die auf viele weitentlegene Stationen verteilt waren, sowie über Indianerhorden. Er konnte daher nicht mehr angriffsweise vorgehen und hielt auch die Kolonie ohne schleunige Hilfe oder Friedensschluß für verloren. Wohl wollte Frankreich noch weitere Verstärkungen senden, aber Hawke machte dies durch sein Auftreten auf der Rhede von Ile d'Aix am 3. April 1758 (Seite 145) unmöglich. Dennoch verlor Montcalm den Mut nicht; am 16. Juni schrieb er nach Paris: »Wir werden fechten und uns unter den Trümmern der Kolonie begraben lassen.« -- Trotz der üblen Lage der Gegner gelang den Engländern nur der Angriff auf Louisbourg vollständig; im Landkriege ward nur ein Teilerfolg erzielt.
$Die Einnahme von Louisbourg[94] 1758.$ Lage sowie Befestigungen der Stadt sind bereits Seite 93 beschrieben. Die Befestigungen waren jetzt besser im Stande als damals, besonders auf der Seefront, aber der Gouverneur, Kapitän zur See =Chevalier Drucourt=, verfügte nur über 3000 Soldaten und einige Milizen. Im Hafen lagen 5 Linienschiffe, davon 3 als Flüten armiert, 2 Fregatten und 2 Korvetten. Diese vier kleineren Schiffe wurden in der Hafeneinfahrt versenkt und die Linienschiffe hinter der so hergestellten Sperre mit der Breitseite nach See zu verankert. Die letzte Abteilung der obenerwähnten Verstärkung, Kapitän =Du Chaffault=, war angelangt, als der Hafen schon gesperrt war; er gab die für die Festung bestimmten Truppen sowie Vorräte ab und ging nach Quebec weiter.
[94] Nach Clowes III, Seite 183; Lacour I, Seite 361; Troude I, Seite 369.
Die englische Expedition unter =Admiral Boscawen= hatte im Februar Portsmouth verlassen; sie zählte 20 Linienschiffe, 18 Fregatten, einige leichtere Schiffe sowie über 100 Transporter; insgesamt 167 Segel mit 12000 Mann Landungstruppen. Diese befehligte Generalmajor =Jeffrey Amherst=, unter ihm stand als Brigadegeneral =James Wolfe=, der spätere Held von Quebec. Auf der Überfahrt durch Sturm teilweise versprengt, fand sich die Expedition erst am 2. Juni in der Gabarusbucht wieder zusammen. Mehrere Tage lang verhinderte starke Brandung das Landen, erst am 8. gelang es. Fregatten und Sloops hielten den Strand unter heftigem Feuer; an zwei Stellen wurde eine Scheinlandung vorgetäuscht, an einer dritten setzte Wolfe Truppen an Land. Obgleich mehrere Boote kenterten und ihre Besatzungen teilweise ertranken und obwohl fast alle Munition naß geworden war, trieben die Gelandeten den Feind mit dem Bajonett zurück und faßten festen Fuß. Abends waren alle Truppen ausgeschifft; -- zum Glück, denn bald frischte der Wind auf und die Verbindung mit den Schiffen wurde auf mehrere Tage unterbrochen.
Am 13. Juni begann die regelrechte Belagerung der Festung, wozu man auch die Seesoldaten der Flotte heranzog. Das Feuer der Linienschiffe hinter der Sperre belästigte die Angreifer sehr, aber am 21. Juli wurde das stärkste von ihnen in Brand geschossen, flog auf und entzündete noch zwei andere. In der Nacht zum 25. ließ Boscawen die beiden letzteren durch 600 Mann in Booten angreifen; trotz heftigen Feuers der Schiffe sowie der Befestigungen gelang es, das eine zu verbrennen, das andere zu nehmen und von der Sperre wegzuschleppen. Dies führte zur Entscheidung. Als Boscawen Vorbereitungen traf, mit Linienschiffen in den Hafen einzudringen, trat =Drucourt= in Verhandlungen ein und übergab am 27. Juli die fast in Trümmern liegenden Befestigungen[95]; gegen 800 Mann waren gefallen oder schwer verwundet, 1200 lagen krank. Die Garnison und die Schiffsbesatzungen, gegen 4000 Mann, wurden kriegsgefangen, 216 Kanonen sowie einige Mörser erbeutet; die Einwohner der Stadt (wahrscheinlich auch die Milizen) sandte man nach Frankreich. Die Engländer sollen nur 400 Mann verloren haben. Erwähnenswert ist, daß es einem französischen Freibeuter gelungen war, während der Belagerung in den Hafen einzulaufen und ihn auch wieder zu verlassen.
[95] 1760 zerstörten die Engländer die Befestigungen von Louisbourg vollständig; sie sind nicht wieder erbaut, aber noch kenntlich.