Seekriege und Seekriegswesen, Erster Band in ihrer weltgeschichtlichen Entwicklung. Mit besonderer Berücksichtigung der grossen Seekriege des XVII. and XVIII. Jahrhunderts. (part 3 of 4)
Ruyter hatte geplant, in den Hafen einzulaufen, doch zeigte sich die Einfahrt für schwere Schiffe zu seicht, durch zwei versenkte Fahrzeuge teilweise gesperrt und durch das Fort (20 Kanonen) sowie durch ein Kriegs- und ein armiertes Kauffahrteischiff zu gut geschützt. Man mußte deshalb in einer benachbarten Bucht, die aber auch durch das Fort und die genannten Schiffe bestrichen werden konnte, landen und das Fort vom Lande her angreifen. Nach einem schon auf der Reise ausgearbeiteten Plane wurde unter dem deckenden Feuer der Schiffe mit allen Booten in breiter Formation eine Brigade von 1000 Soldaten an Land geworfen; es kostete schwere Verluste -- der Feind war 5 Kompagnien stark, der Strand war steil, schlüpfrig und schmal -- aber es gelang, den Feind in den Busch zu treiben, festen Fuß zu fassen und das Landen zweier gleichstarker Abteilungen zu decken. Verstärkungen von Matrosen wurden sofort nachgesandt und der Feind auch aus dem mit Verhauen gesperrten Busch vertrieben. Die Stellung des Gegners beim Fort war jedoch stark, begünstigt durch eine mit Infanterie besetzte Anhöhe; mehrere Stürme wurden abgeschlagen, eine Umgehung, um das Fort in der Kehle anzugreifen, wurde durch das Feuer der feindlichen Schiffe vereitelt. In den Kämpfen fielen der Chef des Landungskorps, zwei Brigadeführer und mehrere andere höhere Offiziere oder wurden verwundet: ein Teil der Truppen ging fluchtartig nach den Booten zurück. Französische Berichte sagen, viele Holländer hätten sich in Wein- und Branntweinmagazinen am Strande betrunken.
Infolge großer Verluste aber, besonders an höheren Dienstgraden der Soldaten, hielt Ruyter am Abend die Eroberung des Forts für unmöglich, ja sogar das Landungskorps für gefährdet; er befahl deshalb die Wiedereinschiffung, die dann während der Nacht in voller Ordnung vor sich ging.
Nach diesem mißlungenen Versuch segelte der Admiral nach =Domingo=, um Wasser aufzufüllen. Die Überzeugung, daß auch die andern Inseln zu gut vorbereitet wären, das Vorhandensein der vielen Verwundeten an Bord, der Mangel an Führern für das Landungskorps und endlich das Herannahen der Orkanzeit bestimmten ihn, =nach Holland zurückzukehren=; er ließ 5 Schiffe in den westindischen Gewässern. Seine Reise nach Holland (Ankunft 30. September) wurde durch Stillen und Stürme verzögert; die Rationen mußten herabgesetzt werden und die Flotte litt sehr unter Ruhr und Skorbut.
Das =Mißlingen dieser Expedition= wird wiederum der zu späten Seebereitschaft der Schiffe und dem Umstande zugeschrieben, daß der Feind rechtzeitig Kenntnis erhielt. Dies braucht nicht allein eine Folge von Verrat gewesen zu sein, die Ausrüstung der Flotte konnte kein Geheimnis bleiben. Daß sich die Franzosen nicht nur auf einen Vorstoß gegen ihre Küsten, sondern auch gegen ihre auswärtigen Besitzungen gefaßt machten, ist nicht wunderbar, hatte doch gerade Ruyter im Jahre 1664 einen ähnlichen Zug erfolgreich gegen englische Kolonien unternommen und die alten Expeditionen der Engländer sowie eigene der Art gegen Spanien und Portugal, seitdem die Kolonien eine Rolle spielten, waren wohl unvergessen. Wäre es aber für Holland nicht richtiger gewesen, seine Kräfte 1674 nicht zu zersplittern, die Expedition Ruyters stärker zu machen oder die ganze Flotte gegen die französische Küste oder noch besser gegen die feindlichen Seestreitkräfte im Mittelmeer zu verwenden? Wir kommen darauf zurück.
Das Mißlingen der Unternehmung gegen Martinique im besonderen wird dem Mangel an Kenntnis der Örtlichkeit zugeschrieben. Ein französischer Edelmann, der auf der Insel gewohnt hatte, soll den Zug begleitet haben, um Rat zu geben. Dieser äußerte sich später, man habe nicht auf ihn gehört und einen sehr ungünstigen Landungsplatz gewählt.
Die $Pläne, Frankreich in Westindien zu schädigen$[205] und die eigene Macht dort zu erweitern, wurden keineswegs aufgegeben; die Provinzen von Holland, besonders Amsterdam, legten großen Wert darauf. $1676$ gründete eine von Amsterdam ausgerüstete Expedition in =Guyana= am Cyapoco eine Niederlassung (Oranje), doch wurde diese bereits nach 9 Monaten eine Beute der Franzosen in Cayenne. In demselben Jahre wurde aber noch ein zweites Unternehmen gegen französische Besitzungen ins Werk gesetzt. Unter =Jacob Binckes= eroberte ein Geschwader von 3 Linienschiffen, 3 Fregatten und 3 Jachten -- ausgerüstet unter dem Vorwande, den Handel im Mittelmeer zu schützen -- nebst einem Transporter mit 700 Soldaten das =Fort Cayenne= (Mai 1676); diese Kolonie wurde mit 200 Soldaten besetzt. Auch die Insel Marie Galante wurde genommen, man brandschatzte sie aber nur und führte alle brauchbaren Sachen, sogar die Sklaven hinweg, um sie zur Besiedlung von =Tabago= zu verwenden. Ein Anschlag auf Guadeloupe mißlang infolge Herankommens einiger starker Linienschiffe von Martinique -- 1675 war ein kleines Geschwader unter de Grancey von La Rochelle nach den Antillen gesandt --, mit denen man ein scharfes Gefecht zu bestehen hatte. Endlich brandschatzte Binckes noch St. Martin und nahm einige bewaffnete Kauffahrer an der Nordküste von Domingo. Dann führte er seine Hauptaufgabe aus, die Inbesitznahme Tabagos. Hier hatte schon 1655 eine aufblühende holländische Kolonie bestanden, sie war aber, im vorletzten Kriege verschiedentlich den Herrn wechselnd, verwüstet und fast ganz wieder verlassen. Binckes brachte nun holländische Pflanzer anderer Inseln dorthin, landete seine Truppen und setzte die alten Befestigungen wieder instand; es sollte auch sofort der Kampf um die Insel beginnen.
[205] Hauptquellen: de Jonge, Teil II, dort auch genauere Angaben über die beiderseitigen Streitkräfte; Chab.-Arnault; Bonfils.
Ludwig XIV. sandte schon im Oktober 1676 ein Geschwader aus, um Cayenne zurückzuerobern, Tabago zu nehmen und auch sonst Beute zu machen. Admiral =d'Estrées=, eifersüchtig auf die von du Quesne im Mittelmeer errungenen Lorbeeren, hatte den Anstoß dazu gegeben und selbst einen Teil der Kosten beigetragen; er führte den Oberbefehl. Ende Dezember nahm er leicht Cayenne und Oranje, er erschien dann am 20. Februar 1677 =vor Tabago=. Binckes hatte seine Ankunft in Westindien erfahren, war aber zu schwach, ihm auf See entgegenzutreten. D'Estrées' Geschwader bestand aus 7 Linienschiffen, 3 Fregatten, 3 Jachten und 1 Brander, auch waren die französischen Linienschiffe weit mächtiger, alle Schiffe weit stärker bemannt und auf ihnen 450 Soldaten sowie 400 Freiwillige von den französischen Inseln eingeschifft. Als eins der ersten Beispiele derartiger Kämpfe um Kolonien, von dem genauere Angaben vorliegen, sei etwas näher auf diese Aktion eingegangen; sie wird außerdem in der Geschichte der holländischen Marine mit Recht als eine hervorragende Waffentat angesehen.
=Binckes= hatte wegen Mangels an Material und wegen der vorhergegangenen Regenzeit das Fort noch nicht völlig herstellen können. Die Lage war aber günstig, an Busch und Morast gelehnt; zur Bestreichung der Bucht war noch eine behelfsmäßige Batterie vor dem Fort gebaut. Da die Besatzung ungenügend erschien -- die Zahl der Soldaten war durch Abgabe der Cayenne-Garnison sowie durch Verluste und Kranke sehr vermindert --, verstärkte der Admiral sie von den Schiffen. Er hielt die Stellung am Lande für die wichtigere; die Schiffe konnten die Insel nicht halten und waren mit dem Verlust der Befestigungen selbst verloren. Dementsprechend erwartete er auch den Hauptangriff am Lande, um so mehr da für einen Angriff das Segeln auf die Rhede zwar leicht, das Wiederabsegeln aber sehr schwer, oft nur vermittels Warpen[206] möglich war. Binckes übernahm selbst auch das Kommando am Lande. Die Schiffe waren im Grunde der Bucht in Linie verankert: eng geschlossen, mit den Breitseiten nach See zu vermoort, die Flügel der Linie an den Strand und an eine Bank mit Klippen gelehnt.
[206] Ein Schiff fortbewegen, indem man mit Booten leichte Anker auslegt und sich an diese heranholt.
Am 21. landete =d'Estrées= etwa 1000 Mann, stellte Geschütze auf einem Hügel auf und beschoß, allerdings ohne großen Erfolg, Fort und Schanze; das Geschwader blockierte die Bucht und lotete das Fahrwasser aus. Nach Ansicht Binckes' würden die Franzosen Erfolg gehabt haben, wenn sie den Hauptwert auf die Eroberung des Forts gelegt, dazu das Landungskorps durch Ausschiffen nach Möglichkeit verstärkt und die holländischen Schiffe nur beschäftigt hätten. So aber ordnete d'Estrées, wieder seemännischem Rate unzugänglich, für den 3. März einen gleichzeitigen Angriff zu Lande und zu Wasser an. Der Angriff wurde mit großem Mute durchgeführt, erreichte aber den Zweck nicht. Am Lande können die Franzosen kaum die nötige Übermacht gehabt haben, um eine feste Stellung zu nehmen. Außerdem griffen sie -- gegen den Befehl -- zu früh und an einer anstatt an mehreren Stellen an. Ein dreimaliger Sturm wurde mit großen Verlusten (200 Tote, viele Verwundete), darunter der Führer und fast alle Offiziere, abgeschlagen. Das Landungskorps mußte sich während der Nacht zurückziehen und wurde später in einer benachbarten Bucht wieder eingeschifft.
Die französischen Schiffe segelten in zwei Kolonnen auf die Rhede und legten sich längsseit der Holländer, teilweise Bord an Bord. In einem hartnäckigen Kampfe verbrannten sämtliche holländischen Schiffe bis auf 2 Linienschiffe und 1 Fregatte, die sich aber entmastet und leck auf den Strand setzen mußten. Jedoch auch auf französischer Seite flog das Flaggschiff mit seinem Gegner zugleich auf, ein zweites Linienschiff verbrannte, zwei andere und der Brander gerieten auf Strand, die übrigen wurden schwer beschädigt, 3 Kommandanten fielen. Gegen Abend zog d'Estrées die Schiffe aus dem Feuerbereich der Befestigungen; zwei größere Linienschiffe wurden noch 2 Tage durch den Gegenwind in Tragweite der feindlichen Geschütze zurückgehalten und wechselten Schüsse mit diesen. Auch dieser Angriff war mit Bravour ausgeführt, aber es wird darüber geklagt, daß die Offiziere die brennenden Schiffe zuerst verlassen hätten. In den nächsten Tagen zerstörten die Holländer die französischen Schanzen und nahmen die gestrandeten und verlassenen Schiffe in Besitz; ein Versuch d'Estrées', diese Fahrzeuge und den Rest der holländischen durch einen neuhergerichteten Brander zu zerstören, mißlang (11. März); er verließ Tabago.
Der Gesamtverlust der Franzosen betrug über 1500 Mann, der der Holländer 350 Tote und Verwundete; trotzdem wurde in Paris eine Siegesdenkmünze geprägt.
Der Angriff war also abgeschlagen; infolge großer Verluste und der schweren Beschädigungen seiner Schiffe mußte d'Estrées nach Frankreich zurückgehen, ohne weiteres in Westindien zu unternehmen. In Holland beschloß man, sofort Verstärkungen nach Tabago zu senden. Geldmangel verzögerte die Ausrüstung, obgleich man hörte, daß auch Frankreich eine neue Expedition für Westindien rüste, der Winter kam dazwischen; als ein kleines Geschwader endlich die Antillen erreichte, war die Insel gefallen.
Schon im Oktober $1677$ war d'=Estrées= mit 13 Linienschiffen und Fregatten wieder ausgelaufen. Er bemächtigte sich zunächst der holländischen Besitzungen in =Senegambien= (Gorée, Pertudal, Joal u. a.) und segelte dann nach den Antillen, wo er durch 12 Flibustier verstärkt wurde. Am 6. Dezember erschien er =vor Tabago=, wo nur 2 holländische Kriegsschiffe lagen; diese wurden blockiert und 1500 Mann gelandet. =Binckes= verfügte nur über 350 gesunde Soldaten und mußte sich ganz auf die Verteidigung des Forts beschränken. Am 11. eröffneten die Franzosen aus Belagerungsbatterien das Feuer, schon die dritte Bombe sprengte das Pulvermagazin auf, wobei Binckes und mehrere Offiziere umkamen. Das Fort wurde erstürmt, die Niederlassung verwüstet, die Schiffe verbrannt. Weiter aber erreichte d'Estrées nichts. Als er nach einigen Monaten Ruhe in Martinique im Frühjahr 1678 aufbrach, um =Curaçao= anzugreifen, erfolgte die schon erwähnte Strandung seines Geschwaders auf den =Aves-Inseln= (Seite 349). Auch bei dieser Gelegenheit verließen (nach französischen Angaben) Admiral, Kommandanten und Offiziere die gefährdeten Schiffe und gaben die Mannschaften dem Untergange preis. D'Estrées kam (französische Angabe) der französischen Marine teuer zu stehen, wurde aber trotzdem wegen der »Eroberung von Tabago« zum Marschall ernannt.
$Der Krieg im Mittelmeer 1675-1678$[207] (Stromboli, Agosta, Palermo). =Ludwig= XIV. hatte also nach dem Austritt Englands aus dem Bündnis den Entschluß gefaßt, seine Seestreitkräfte hauptsächlich im Mittelmeer zu verwenden; dementsprechend wurde im $Frühjahr 1674$ von den Häfen am Ozean ein Geschwader von 10 Schiffen unter dem Chef d'Escadre Valbelle nach dem Mittelmeer gezogen. In Toulon waren die Galeren und eine Hochseeflotte -- vorläufig 8 Linienschiffe, 2 Fregatten, 4 Brander, aber nach und nach beträchtlich vermehrt -- in Dienst gestellt. Den Oberbefehl führte =Graf de Vivonne= (Bruder der Montespan), General der Galeren -- der Posten des Vizeadmirals der Levante war nicht besetzt; unter ihm befehligten auf der Hochseeflotte Generalleutnant du Quesne als Vizeadmiral und Chef d'Escadre de Preuilly als Kontreadmiral. Die Hochseeflotte und das Geschwader vom Atlantik trafen sich (Anfang Sommer) in Tanger, um den Hafen von =Cadiz= zu forcieren und die dort liegenden spanischen Kriegsschiffe zu zerstören, wie es früher die Engländer und Holländer auch getan hatten. Dieser Plan wurde jedoch aufgegeben, »weil die Spanier davon Kenntnis erhalten« -- du Quesne und Valbelle sollen den Angriff bei den gegen früher sehr verstärkten Befestigungen für untunlich erachtet haben. Vivonne ging nach Toulon zurück und von dort an die Küsten von Rousillon und Catalonien zur Unterstützung des Landkrieges -- Schutz französischer (z. B. Collioure), Angriff spanischer Seestädte; Festhalten der spanischen Seestreitkräfte --, wir haben die Flotte oder Teile davon bei Tromps Operationen vor Barcelona und Rosas gesehen.
[207] Hauptquellen: de Jonge, Teil II; »Ruyters Leben«; Jal: »du Quesne«, sehr genau; Bonfils.
Ihre Hauptverwendung sollte die französische Flotte aber in dem =Kampf um Sicilien= finden. Die Stadt =Messina=, damals etwa 80-100000 Einwohner, hatte sich gegen Spanien erhoben, den Vizekönig verjagt und bat nun Ludwig um Unterstützung. Dieser ging gern darauf ein: Der Aufstand auf der Insel zog Spanien vom Kriege gegen ihn ab; Frankreich gewann, wenn es in Sicilien Fuß faßte, einen wichtigen Stützpunkt für Unternehmungen gegen Italien und für die Herrschaft im Mittelmeer überhaupt. Infolgedessen sahen wir im September 1674 französische Seestreitkräfte eine spanische Flotte vor Rosas festhalten, die die Truppen nach Sicilien überführen sollte. Vor allem aber war es wichtig, dem schwerbedrängten Messina Lebensmittel zuzuführen. =Valbelle= brachte Ende September mit 6 Kriegsschiffen und 3 Brandern ein großes Getreideschiff unbehindert hinüber. Das Erscheinen der Holländer unter Tromp hatte inzwischen die spanische Flotte freigemacht, sie gelangte wohlbehalten nach Messina, und die Belagerung ward mit aller Kraft aufgenommen. Valbelle ward deshalb aufs neue hinübergesandt; er führte nur außer Getreideschiffen 500 Soldaten zur Verstärkung der Stadtbesatzung mit sich. Dieses Mal fand er hinter der Straße von Messina (am 30. Dezember) die spanische Flotte, Hochseeschiffe und Galeren. Er wartete günstige Wind- und Stromverhältnisse ab und lief am 3. Januar $1675$ durch die Straße und in den Hafen ein, ohne daß die Spanier ihm entgegentraten; kleine Batterien, die Straße und Einfahrt bestrichen, waren leicht zum Schweigen gebracht worden. Es war die höchste Zeit für Ankunft dieser Unterstützung, die Stadt war fast ausgehungert; die Verteidigung erhielt nun neues Leben, die Belagerung ward lauer; die spanische Flotte machte nur einen erfolglosen Nachtangriff mit Brandern und Booten auf die französischen Schiffe.
Messina stellte sich jetzt unter den Schutz Frankreichs, und im Februar führte =Vivonne=, zum =Vizekönig von Sicilien= ernannt, eine mächtigere Unterstützung heran. Mit 9 Linienschiffen, 1 Fregatte und 3 Brandern begleitete er -- unter ihm du Quesne und de Preuilly -- 8 Transporter mit Lebensmitteln und Truppen. Ihm endlich trat die spanische Flotte -- 16 oder 17 Hochseeschiffe unter =de la Cueva= (ein Landoffizier) und 14 Galeren unter =del Viso= (Generalkapitän der Galeren und Oberbefehlshaber) -- entgegen, aber ohne Erfolg.
Am 11. Februar kommt es zu einem wenig Bemerkenswertes bietenden $Gefecht zwischen Stromboli und Lipari$. östlicher Wind, die Spanier zu Luward. Nur 6 französische Linienschiffe sind in Linie, die Nachhut ist mit dem Convoi weiter in Lee. Die Spanier umzingeln in Gruppen. Die Franzosen wenden, vereinigen sich mit der Nachhut und bilden eine neue Linie. Während des neuen Gefechts kommt Valbelle mit seinem Geschwader von Messina und greift die Spanier von Luward her an. Die Galeren ziehen sich zuerst mit Hilfe der Riemen nach Luward aus dem Gefecht; auch die Schiffe brechen ab und lassen ein 40-Kanonenschiff zurück, das von du Quesne mit Booten genommen wird; die Spanier gehen nach Neapel (Verlust 4 Schiffe?), die Franzosen laufen in Messina ein. Wieder war es die höchste Zeit, die Stadt stand auf dem Punkte, zu kapitulieren.
Weitere Verstärkungen folgten nach; auch neue Kriegsschiffe stießen zur Flotte, geführt von Leutnantgeneral d'Alméras, der jetzt das Amt des Kontreadmirals übernahm (eines der Schiffe führte der bald berühmte de Tourville).
=Die französische Flotte beherrschte die See=, führte Lebensmittel für die Stadt heran und hinderte die Zufuhren der Spanier. Vivonne eroberte dann am 17. August fast ohne Schwertstreich =Agosta= durch eine Landung unter dem Schutz der Seestreitkräfte, jedoch warf man ihm vor, daß er nichts gegen die spanische Flotte in Neapel unternommen habe; er verfügte im August über 29 Schiffe, 24 Galeren, 12 Brander. Das eigentliche Kommando über die Flotte hatte er, »durch seine Geschäfte an Messina gebunden«, übrigens bald an =du Quesne= abgegeben; französische Quellen sagen aber »wegen seiner Neigung zu Ruhe und Vergnügungen«. sein Beiname war »le gros crevé« (Dickwanst). Auch den Landkrieg führte Vivonne lau, die Stadt blieb belagert. Weitere Unterstützungen an Lebensmitteln und Truppen waren nötig; auch die Flotte mußte instandgesetzt werden, weil man erfuhr, daß Holland den Spaniern Hilfe zur See unter Ruyters Kommando zugesagt hatte. Am 16. September wurde deshalb du Quesne mit zwei Dritteln der Flotte nach Toulon gesandt, um seine Schiffe zu überholen, die Unterstützungen zu beschleunigen und sie sicher heranzuführen. Verwaltung, Werften und Arsenale arbeiteten aber noch nicht zuverlässig, und so konnte der Admiral erst am 16. Dezember mit 20 Kriegsschiffen, 6 Brandern und verschiedenen Transportern Toulon wieder verlassen. Ruyter war schon Ende September in Cadiz angekommen, so daß die Absendung du Quesnes mit dem größten Teile der Flotte recht gewagt war; zu Vivonnes Glück wurde Ruyter lange aufgehalten.
Wenden wir uns nun zu diesem Eingreifen Hollands. Spanien hatte =Holland= um =Unterstützung in Sicilien= gebeten. Wir wissen, daß schon Tromp im Herbst 1674 ersucht worden war, nach Messina zu gehen; nach Einmischung der Franzosen und besonders nach dem Siege Vivonnes (Februar 1875) wurden die Bitten um Unterstützung durch eine holländische Flotte immer dringender, ja man bat direkt um =Ruyter=. Die meisten niederländischen Provinzen waren nicht geneigt, hierfür Mittel zu bewilligen; die Generalstaaten aber und auch wohl die Provinzen von Holland, besonders Amsterdam, fürchteten mit Recht, daß ein Festsetzen der Franzosen in Sicilien ihre Seeherrschaft im Mittelmeer sehr stärken und den holländischen Handel mit Italien und der Levante sehr gefährden würde. Außerdem sah man die alte Gefahr heraufziehen, Frankreich als unmittelbaren Nachbar zu erhalten: es verlautete nämlich, Spanien würde unter Umständen selbst seine Niederlande opfern, um Sicilien zu retten.
Die Verhandlungen im Lande führten zu der außergewöhnlichen Maßregel, daß nur eine Admiralität die erbetene Hilfsflotte stellte: Amsterdam erklärte sich bereit, die Schiffe zu liefern; von den 1-1/2 Millionen Gulden Kosten sollte Spanien die Hälfte zahlen, 450000 wollte Amsterdam auf sich nehmen, so daß für die übrigen Provinzen nur 300000 blieben; die Admiralität der Maas wollte das Flottenflaggschiff stellen, aber nur um ihr altes Recht darauf zu wahren. Genannte Summe reichte nur zu der Indienststellung von 18 Kriegsschiffen, 4 Brandern, 6 kleinen Segeln und 2 Transportern; Spanien verpflichtete sich, 22-24 Kriegsschiffe und seine Galeren zu stellen.
Ruyter hielt die holländische Flotte für zu klein. Ihm war wohl bekannt, daß die französische Marine in jeder Hinsicht Fortschritte gemacht hatte; er achtete du Quesne hoch; er wußte, was von den Spaniern zu erwarten war. Die Generalstaaten aber hatten keine Aussicht, mehr Mittel zu erhalten, und beurteilten auch wohl den Verbündeten und den Gegner anders. Ruyter mußte sogar kränkende Äußerungen hören; er beantwortete sie mit der ihm eigenen einfachen Würde, und die Zukunft sollte zeigen, wie richtig sein Urteil gewesen war.
Schon die Ausrüstung und die Ausreise der Expedition verlief ungünstig und langsam, dann waren die Spanier nicht fertig.
Kurz diese Ereignisse: Die Verhandlungen begannen im Frühjahr 1675 und waren im Juni zum Beschlusse gediehen, trotzdem konnte Ruyter erst am 29. August in See gehen. Als Vizeadmiral der Flotte war Jan den Haen kommandiert, ein tüchtiger Offizier, aber mit Ruyter nicht recht im Einverständnis; Kapitän Verschoor, selbst in seinem Dienstgrade noch jung, erhielt durch Gunst das Amt als Kontreadmiral. Ruyter war kränklich, erklärte aber auf abratende Vorstellungen seiner Verwandten, die Pflicht rufe, und er würde den Zug mitmachen, wenn er auch an Bord getragen werden müsse; ebenso hatte er auf die kränkenden Äußerungen geantwortet, er ginge, ohne Rücksicht auf sein Schicksal, wohin man ihn kommandiere, aber er wundere sich, »daß man die Ehre der holländischen Flagge so leichtsinnig aufs Spiel setze.« Als böses Omen könnte man fast ansehen, daß sein altes ruhmreiches Flaggschiff (»7 Provinzen«) nicht seetüchtig war; er ging an Bord der »Eendragt« (76 Kanonen).
Sturm und widrige Winde verzögerten die Reise. Erst am 26. September kam er in Cadiz an und mußte hier 11 Tage ausbessern; die Ausrüstung der Schiffe war schlecht, wie sich während der weiteren Indiensthaltung immer mehr herausstellte. In Cadiz erhielt er Befehl, von der Ebromündung 7 spanische Linienschiffe abzuholen, den für Sicilien als Vizekönig bestimmten Don Juan d'Austria an Bord zu nehmen und sich in Palermo mit der spanischen Hauptflotte zu vereinigen. Die Reise wurde zu einer Argonautenfahrt, auf die wir nicht genauer eingehen wollen[208]: Sturm und Gegenwinde; den Haen mit 7 Schiffen im Sturm abgesprengt; keine spanischen Schiffe an der Ebromündung, auch nicht in Barcelona (14. November); hier 14 Tage durch Befehle und Gegenbefehle aufgehalten; d'Austria kommt nicht »wegen Krankheit«, in Wahrheit, weil er in Ränke gegen die Königin-Regentin verwickelt war. Am 4. Dezember ist Ruyter in Cagliari, den Haen in Neapel; am 20. Ruyter in Melazzo (Nordküste Siciliens), hört hier, daß die Spanier in Palermo noch nicht schlagfertig sind und daß sie es auch wegen Uneinigkeit zwischen Vizekönig und Admiral, wegen Lauheit der Behörden und Materialmangels sobald nicht sein würden; selbst den Haen wurde dort festgehalten. Endlich gegen Ende Dezember treffen den Haen und mit diesem 9 spanische Galeren sowie ein Kriegsschiff bei ihm ein; er kann am 31. in See gehen, um vor der Straße von Messina zu kreuzen und der Stadt die Zufuhren von Norden abzuschneiden; die spanische Hochseeflotte soll folgen, sobald sie bereit ist.
[208] Sehr genau in de Jonge und im »Leben Ruyters«, hier auch die genaue Instruktion, die der Admiral erhalten.
=Anfang Januar= 1676 endlich vor der Straße von Messina angekommen, erfährt =Ruyter= (über Neapel), daß =du Quesne= von Toulon aufgebrochen und schon an der Küste Sardiniens gesehen sei; er beschloß, ihm entgegenzutreten. Da der Wind verhinderte, die Straße zu passieren, und den Feind hinter dieser zu erwarten, so suchte er ihn auf. Am 6. befand er sich dicht unter der Insel Lipari und hörte von Küstenschiffern, man könne die Franzosen von den Bergen aus in Nordwest sehen; ein auf die Insel Salina gesandter Offizier bestätigte dies. An demselben Tage erfuhr der Admiral auch, daß die Spanier von Palermo ausgelaufen seien. Am 7. früh sichtete man die Franzosen im Norden Salinas, bei Südsüdwest-Wind über Steuerbord-Bug liegend und aufkreuzend. Ruyter hielt mit vollen Segeln auf sie zu, drehte aber um 3 Uhr nachm. außer Kanonenschußweite bei und bildete die Gefechtslinie gleichfalls über Steuerbord. Dann rief er die Kommandanten an Bord und gab Anweisungen und Ermahnungen für die bevorstehende Schlacht; den Erschienenen soll sein sehr ernstes, ja gedrücktes Wesen aufgefallen sein.
Trotz der Luvstellung griff er an diesem Tage nicht an, sondern hielt sich auf Parallelkurse mit dem Feinde. Ein leichtes Schiff war während der Nacht nah am Gegner stationiert, um dessen Bewegungen zu signalisieren. Um Mitternacht sprang der Wind auf Westsüdwest und frischte so auf, daß die spanischen Galeren unter Lipari Schutz suchen mußten. Gegen Morgen wendeten beide Flotten, die Franzosen zuerst. Durch das Umspringen war der Wind für die Franzosen zur Fortsetzung der Reise günstig geworden, und sie standen jetzt zu Luward; du Quesne sandte seine Transporter voraus mit Kurs nach Messina, bildete mit der Flotte die Schlachtlinie und näherte sich den Holländern.
Jetzt erst konnte Ruyter die Stärke des Feindes genau feststellen, bisherige Nachrichten hatten von nur 12 Linienschiffen gesprochen.
=Die Flotten setzten sich zusammen=:
Über 80 K. 70-74 60-64 50 36 Kleinere Brander Franzosen; Schiffe 7 1) 6 4 3 -- ? 6 Holländer; " -- 4 2) 2 9 3) 4 6 4)
Galeren Transporter Franzosen; Schiffe 4(?) Holländer; " 9 --
1) Darunter 3 zu 90 Kanonen, aber fraglich, ob vollarmiert; 2) darunter 2 zu 76 Kanonen; 1 zu 68 Kanonen; 3) darunter 1 zu 47 Kanonen und 1 spanisches; 4) »Snauwen« zu 8 Kanonen, 36 Mann; seit 1674 an stelle der Advijsjachten aufgeführt; kuttergetakelte Fahrzeuge.
Die Franzosen waren also an Größe der Schiffe und damit in der Armierung wesentlich überlegen; daß die französische Armierung auch in der Kaliberverwendung stärker war, ist uns bekannt. Die Besatzungsstärke -- d. h. die gleicher Schiffsgrößen -- war diesmal annähernd gleich. Die Flotten, in 3 Geschwader geteilt, wurden geführt auf holländischer Seite: Vorhut Verschoor; Mitte =Ruyter=; Nachhut den Haen; auf französischer Seite: Vorhut de Preuilly; Mitte =du Quesne=; Nachhut de Gabaret -- d. h. so war die Rangierung in der Schlacht, da beide Flotten in »Kehrt« standen.[209]
[209] Nach de Jonge, Teil II, Beilagen X und XI; Jal: »du Quesne« und Bonfils geben die Namen der französischen Schiffe.
»Abraham du Quesne«, 1610 in Dieppe geboren, Sohn eines Seemannes, der zur See gefallen war, diente in der königlichen Marine und auch mehrere Jahre zu Kriegszeiten in der schwedischen. Nach Frankreich zurückgekehrt, zog er die Freibeuterei dem Dienst in der verfallenen Marine vor; erst unter Colbert trat er wieder ein. 1672 bis 1674 der befähigtste Admiral der Flotte im Kanal; 1674-1678 hervorragend im Mittelmeer, zeichnete sich auch später noch gegen die Barbaresken aus. Nur weil er Protestant war, wurde er nicht zum Vizeadmiral der Levante ernannt, obgleich er diesen Posten ausfüllte -- dieser Posten blieb so lange unbesetzt; er erhielt auch nicht den Marschallsstab trotz seiner Taten. Von Charakter fest und gerecht, war er ein vorzüglicher Vorgesetzter und Organisator der jungen Marine, aber kein bequemer Untergebener, besonders nicht den durch Hofgunst Bevorzugten gegenüber. Er starb 1688. -- Daß Ruyter ihn als tüchtigen Gegner anerkannte, zeigt dessen Antwort auf die Frage eines englischen Kapitäns, was Ruyter vor Messina mache: »Ich erwarte den tapfern du Quesne.«
Trotz der Stellung in Lee und trotz der Übermacht des Feindes nahm Ruyter den Kampf zwischen den Inseln Stromboli und Panaria an. Die $Schlacht bei Stromboli am 8. Januar 1676$[210] ist besonders bemerkenswert wegen Ruyters Verhalten.
[210] Schilderung nach »Ruyters Leben«; de Jonge, Teil II; Jal: »du Quesne«: Bericht desselben, viele Privatbriefe, Aktenauszüge über diese Aktion; Bonfils. -- Vgl. auch Mahan, Teil I, Seite 155, hier besonders der Hinweis auf die Wahrscheinlichkeit, daß Ruyter mit Absicht die Defensive wählte.
Warum benutzte er die günstige Windstellung am 7. nicht zum Angriff? Warum nahm er am folgenden Tage den Kampf unter scheinbar ungünstigen Umständen an? Zwar haben wir ihn im letzten Kriege seine Schlachten behutsam vorbereiten aber dann doch -- selbst gegen Übermacht -- mit äußerster Energie, ja Tollkühnheit durchführen sehen, wenn ein Schlagen nötig war. Daß er auch hier unbedingt dem Feinde den Weg nach Messina verlegen wollte, wird durch sein Bleiben am Feind und sein Schlagen am anderen Tage bewiesen.
Die holländischen Quellen sagen nun: Am 7. habe Ruyter zunächst beidrehen müssen, um Nachzügler zu erwarten, später sei der Tag zu weit vorgeschritten gewesen; als er am 8. die Stärke des Feindes genau erkannt, sei ein Rückzug zu gefährlich gewesen. Beides erscheint nicht unbedingt zutreffend: Ruyter mußte am 7. damit rechnen, daß der Wind sich bis zum nächsten Tage zu seinen Ungunsten ändern könne; sein »gedrücktes« Wesen läßt darauf schließen, daß er auch an diesem Tage schon die Stärke des Gegners erkannt hatte und deshalb vom Angriff absah. Ich möchte andere Beweggründe für wahrscheinlicher halten. Ruyter brauchte nicht durchaus anzugreifen, um seinen strategischen Zweck zu erreichen. Du Quesne mußte es, wenn er seine Reise fortsetzen wollte; zögerte dieser mit dem Angriff, so konnte jeden Augenblick die spanische Flotte zur Verstärkung der holländischen eintreffen. Hierin ein Grund für Ruyters Verhalten am 7. Januar.
Hierzu kommt nun, daß ein so erfahrener Seemann wie Ruyter vielleicht schon die Vorteile der Defensive -- auch in der Leestellung --, die in der bisher üblichen Taktik noch nicht gewürdigt wurden, erkannt hatte; Vorteile, die besonders ins Gewicht fielen, wo es sich darum handelte, mit schwächeren Kräften einem Gegner von feurigem Mut, aber mangelnder Seemannschaft entgegenzutreten. Dies kann den Admiral des weiteren bestimmt haben, dem Feinde am 7. den Angriff zu überlassen und am 8. den Kampf in einer scheinbar ungünstigen Stellung -- der Leestellung -- anzunehmen.
Die =Schilderung der Schlacht= wird zeigen, daß die Holländer tatsächlich infolge der Vorteile einer Defensive in der Leestellung imstande waren, dem starken Angriffe zu widerstehen; die Schlacht bei Stromboli gibt teilweise ein Bild der Defensivtaktik, die die Franzosen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrh. den Engländern gegenüber oft mit großem Erfolge durchführten.
Die beiden Flotten lagen über Backbord-Bug in Kiellinie beim Winde. Gegen 9 Uhr vorm. hielt =du Quesne= ab und lief mit der ganzen Linie schräg auf die Holländer zu; ein Manöver, das schwer mit Genauigkeit auszuführen ist und den Angreifer in ungünstiger Lage dem Breitseitfeuer aussetzt, weil dieser selbst wenig Geschütze verwendbar hat und den Bug dem Enfilierfeuer darbietet; die bisher vorzügliche Ordnung ging denn auch verloren. Das französische Spitzenschiff stürzte sich (gegen 10 Uhr) tollkühn auf die Mitte der feindlichen Vorhut, erlitt sofort schwere Beschädigungen in der Takelage und war genötigt, aus der Linie zu holen; nicht besser erging es dem zweiten Schiffe, beide waren wohl etwas voraus. Der dann folgende Admiral Preuilly hatte beim Abhalten zu wenig Raum gelassen, seine nachfolgenden Schiffe waren infolgedessen zu nahe aufgeschlossen, als sie querab vom Feinde wieder an den Wind gingen; sie schoben sich zum Teil nebeneinander und hinderten sich gegenseitig im Feuer (Lage 1). Außerdem kamen die französischen Schiffe nacheinander ins Gefecht; es ist dies eine fast unvermeidliche Folge der gewählten Angriffsart. Der Angriff du Quesne's auf die holländische Mitte verlief deshalb ähnlich, auch hier wurden die beiden ersten Schiffe durch überlegenes Feuer sehr zusammengeschossen. Sonst scheint die französische Mitte mit mehr Ordnung wieder an den Wind gegangen zu sein; auch bei der Vorhut wurde die Ordnung bald wiederhergestellt. Die Holländer leisteten überall kräftigen Widerstand und »keines ihrer Schiffe sah man, das nicht einen Gegner dicht an der Seite hatte«.
=Ruyter= soll nun aber doch mit seinen beiden vorderen Geschwadern fortwährend Raum gegeben haben. Es ist nicht ersichtlich, ob dies ein Geständnis der Schwäche oder ein taktisches Manöver war, um den Gegner aufs neue zum Herangehen in ungünstiger Lage zu verleiten.
(In späteren Zeiten verfuhren nämlich die Franzosen so, allerdings mit mehr Methode: Eine Gruppe von 2-3 Schiffen hielt ab, gedeckt durch Pulverrauch und das Feuer der übrigen. Nach und nach bildete sich so eine neue Linie, die dann die letzten Schiffe der ursprünglichen Linie bei ihrem Abhalten durch Feuer deckte und aufnahm.)
Das Gefecht währte hier bis gegen 4-1/2 Uhr nachm.; drei französische Brander, zwei davon auf Ruyters Schiff angesetzt, wurden zwischen den kämpfenden Linien entmastet und verbrannten nutzlos. Das Ende des Kampfes ist nicht genau aus den Überlieferungen zu erkennen; Ruyter brach ab, die Franzosen verfolgten nicht. Wahrscheinlich waren sie zu sehr beschädigt, wenigstens bedauerten sie den Mangel an Galeren zur Verfolgung. Die nachgekommenen spanischen Galeren schleppten stark beschädigte Holländer aus dem feindlichen Feuer, sonst hatten sie sich nur durch Abgabe einiger Schüsse aus den Buggeschützen auf weite Entfernung am Gefecht beteiligt.
Auch über den Kampf der Nachhuten sind die Angaben ungenügend; er trennte sich frühzeitig von dem der anderen Geschwader. Infolge der Angriffsart mußte er natürlich zuletzt beginnen, die Trennung scheint aber auch noch andere Gründe gehabt zu haben. Du Quesne warf Gabaret vor, den Anschluß an die Mitte verloren und nicht mit derselben Energie angegriffen zu haben; Gabaret entschuldigte sich mit der Lauheit einiger seiner Schiffe und deren ungeschickten Manövern.
Es gab dies und ein anderer Vorfall -- einige Tage später auf dem Marsche beschädigten zwei Schiffe der Nachhut einander so, daß sie fast entmastet wurden -- du Quesne Anlaß, dem Könige zu berichten, daß manche Kommandanten aus Mangel an Übung, aber auch infolge nicht genügender Beachtung der Instruktionen durch nachlässige Führung ihrer Schiffe die Aufrechterhaltung der Schlachtlinie gefährdeten. Mit ziemlich deutlichen Worten bittet er, Maßregeln zur Abstellung dieses Übelstandes zu ergreifen.[211]
[211] Jal: »du Quesne«, Teil II, Seite 205.
Auf holländischer Seite scheint aber der Führer der Nachhut auch an der Trennung schuld gewesen zu sein. Anstatt auf seine Mitte aufgeschlossen zu bleiben und das Manöver des Abhaltens dann mitzumachen, scheint er seinen Gegner erwartet zu haben; ein Fehler, dem wir schon öfters als Grund der Trennung eines Geschwaders von der Flotte begegnet sind. Er hätte dadurch in eine gefährliche Lage kommen können, denn du Quesne sandte gegen Ende des Kampfes den Kapitän Tourville (Kommandant von Nr. 5 der Mitte) mit 3 oder 4 Schiffen ab, um ihn von Lee aus anzugreifen und ganz von seiner Flotte zu trennen. Zu den Haens Glück gelangte infolge abflauenden Windes nur ein französisches Schiff (Nr. 7 der Mitte) zum Angriff; dieses kam nun selbst in schwierige Lage, entzog sich ihr jedoch durch geschickte Manöver und vereinigte sich mit der Nachhut (Lage 2). Hier brach das Gefecht mit Eintritt der Dunkelheit ab; beide Nachhuten stießen wieder zu ihren Flotten.
=Die Verluste= sind nicht ganz sicher bekannt. Die geringsten Angaben sprechen von 400 Toten und Verwundeten bei den Franzosen und von 250 bei den Holländern; hier fiel Verschoor, dort waren du Quesne verwundet und zwei Kommandanten getötet. Ein holländisches Linienschiff sank, während es schwer beschädigt nach Palermo geschleppt wurde; die Franzosen behaupten, nur ihre drei Brander eingebüßt zu haben. Gerüchte von einem größeren Verluste sollen durch den vorhin erwähnten Zusammenstoß auf der Weiterreise entstanden sein. Beide Parteien rühmen den Mut und die Geschicklichkeit des Gegners in der Schlacht; auf französischer Seite zeichnete sich besonders =Tourville= aus, und du Quesne schlug ihn zur baldigen Beförderung (Chef d'Escadre) vor; wie wir sehen werden, lohnte Tourville seinem Chef diese Anerkennung später schlecht.
Für die =Geschichte der Seetaktik= ist die Schlacht bemerkenswert. Sie zeigt die =Vorteile der Leestellung= bei einem Angriff, wie die Franzosen ihn ansetzten, mit ihren Folgen für den Angreifer: Unordnung in der Linie; die Vorhut zuerst der ganzen Heftigkeit des feindlichen Feuers ausgesetzt, die Schiffe nacheinander ins Gefecht eintretend; lahmgeschossene Schiffe vorn, die die folgenden in Verwirrung bringen. Hier fielen sofort zwei französische Schiffe aus, zwei wurden schwer beschädigt, wodurch die Überlegenheit der Zahl nahezu aufgehoben war.
=Ruyter= hatte durch die Schlacht den Feind wohl aufgehalten, die Fortsetzung seiner Reise konnte er jedoch nicht hindern. Am 9. besserten beide Flotten aus, vormittags noch in Sicht voneinander. Gegen Abend stießen 9 Spanier zu den Holländern, allerdings fast nur Fregatten; man beschloß, dem Feinde weiter den Weg zu verlegen. Schon am Abend des 10. sichtete man die Lichter der Franzosen, aber am anderen Morgen sah man, daß auch diese Verstärkung erhalten hatten; es war der in Messina bei du Quesne's Abgang im September zurückgebliebene Teil der Flotte: 10 Linienschiffe, 1 Fregatte, 3 Brander unter Generalleutnant d'Alméras, die am 10. abends herangekommen waren. Ruyter fühlte sich nun nicht stark genug, anzugreifen; er ging nach Melazzo zurück, um weitere Spanier heranzuziehen. =Du Quesne= erreichte wohlbehalten Messina aber erst am 22. Januar. Er hatte es doch vorgezogen, den Weg westlich um Sicilien zu nehmen: »günstigerer Windverhältnisse wegen«? Es ist dies ebenso auffallend, wie, daß er »nach dem Siege am 8.« trotz der erhaltenen Verstärkung den Feind nicht aufsuchte. Er hat den weiteren Weg doch wohl gewählt, weil er nicht wagte, mit dem Feinde in der Flanke durch die Straße zu gehen. Nun ließen ihn allerdings »günstige Windverhältnisse« in verhältnismäßig kurzer Zeit die wieder in großer Bedrängnis befindliche Stadt erreichen; andernfalls wäre vielleicht Messina gefallen. Es war also ein Zufall, daß die Schlacht nicht ein strategischer Erfolg Ruyters wurde.
Nach der Schlacht von Stromboli trat im Seekrieg eine längere Pause ein. Wie schon erwähnt, wurde der Landkrieg lau geführt. Die Franzosen hatten nur in Messina und in Agosta festen Fuß gefaßt; Messina wurde weiter belagert und bedurfte stets der Zufuhren, die die französische Flotte ermöglichen mußte. Sonst aber unternahm diese nichts von Bedeutung, und auch Ruyter war längere Zeit untätig an der italienischen Küste.
Da die vertragsmäßige Zeit für die Gestellung der holländischen Flotte abgelaufen war, rüstete Ruyter zur Rückreise, um nicht wie Tromp 1674 die Frist der Indiensthaltung zu überschreiten. Aus verschiedenen Gründen -- behufs besserer Ausrüstung; um gegebenenfalls einen Convoi mit Schiffen zu verstärken, den sein Sohn in Livorno sammelte; um schneller Nachrichten aus Holland zu erhalten -- ging er zur italienischen Küste; hier erhielt er Befehl, noch länger bei den Spaniern zu bleiben. Aufs neue hatte er sich bitter über diese beklagt: Über ihre schwache Beteiligung und darüber, daß sie weder für die Ausrüstung der eigenen Schiffe, noch für die der holländischen genügend sorgten.
Holland drängte Spanien, mehr zu tun; es erbot sich auch, neue Schiffe gegen Erstattung eines Teiles der Kosten hinaus zu senden, stieß aber auf passiven Widerstand.
Am 23. Februar 1676 kehrte =Ruyter= nach Palermo zurück und trieb zu =neuen Operationen= an. Man wußte einerseits, daß Frankreich den Abgang großer, für Messina sehr notwendiger Unterstützungen in Toulon vorbereite, anderseits, daß jetzt viele Einwohner Messinas mit der Herrschaft Frankreichs unzufrieden waren. Der Zeitpunkt erschien günstig, einen kräftigen Angriff zu =Lande und zu Wasser= gegen die Stadt zu unternehmen. In Melazzo, wo sich der spanische Vizekönig mit dem Hauptquartier der Landarmee befand, wurde am 24. März der Entschluß hierzu gefaßt. Die Flotte der Verbündeten ging am nächsten Tage in See, passierte am 26. ungehindert die Straße und legte sich der Stadt gegenüber an die Küste Kalabriens, aus seemännischen Gründen einige Tage später an die Siciliens südlich von Messina, um den Landangriff abzuwarten. Die Operationen zu Lande hatten jedoch keinen Erfolg, und Ruyter sah ein, daß von See her überhaupt nichts zu machen sei, weil die starke feindliche Flotte in und vor dem Hafen lag; er ging deshalb in See, um die von Süden her erwarteten Convois abzufangen.
Es ist nicht zu ersehen, warum die französische Flotte untätig blieb; französische Quellen sagen, sie sei durch Windverhältnisse bis zum 29. festgehalten. An diesem Tage ging Vivonne an Bord, um selbst den Feind aufzusuchen; er ließ sich aber -- scheinbar sehr gern -- durch die Vertreter der französischen Partei in der Stadt zurückhalten und übergab wiederum das Kommando der Flotte an du Quesne. Dann herrschte längere Zeit sehr stürmisches Wetter, das auch für Ruyter sehr beschwerlich war und ihn hinderte, einen inzwischen ins Auge gefaßten Angriff auf =Agosta= auszuführen. Als er endlich am 20. April vor dieser Stadt erschien, erfuhr er, daß sie jetzt zu gut vorbereitet sei, daß die spanischen Landtruppen auch hier zu schwach zur Unterstützung seien und daß die französische Flotte herankomme. Diese war am 19. und 20. endlich ausgelaufen; Ruyter ging ihr am 21. abends entgegen, obgleich sie ihm wesentlich überlegen war.
Zusammensetzung der Flotten[212] in der $Schlacht von Agosta$[213] 22. April 1676:
Schiffe über 80 K. 70-80 50-70 30-40 kleinere Brander Galeren
Franzosen: 1) 9 10 10 2 2 8 (9?)
Holländer: 2) -- 3 10 4 6 4 -- -----+----- | Spanier: 3) -- 1 3 5 1 9
1) Französische Galeren sind nicht dabei gewesen, wie einige Quellen sagen; sie kamen erst später als Bedeckung des großen Transportes nach Messina.
2) Die Holländer sind dieselben wie bei Stromboli, also meistens 50-Kanonen-Schiffe.
3) Nach französischen Angaben waren die Spanier noch schwächer armiert, als hier in den Klassen einrangiert; jedenfalls führten sie sehr schwache Kaliber -- nur sechs 32-Pfünder in Summa --, waren sehr schwach bemannt und ungenügend mit Munition etc. versehen. den Haen berichtete z. B., daß sie keine Reservesegel an Bord gehabt, daß die Offiziere Teile der Munition, des Proviants und Materials verkauft hätten.
[212] Nach de Jonge, Teil II, Beilage XII, nahezu übereinstimmend mit den anderen Hauptquellen; A. Jal gibt in »du Quesne«, Teil II, Namen der französischen und spanischen Schiffe und Kommandanten, für letztere die Armierung nach offiziellen spanischen Angaben.
[213] Schilderung der Schlacht nach de Jonge, Teil II; »Leben Ruyters«; Jal: »du Quesne«; Bon fils. Diese Quellen weichen etwas voneinander ab, aber kaum wesentlich für die Beurteilung der Schlacht.
Auf seiten der Verbündeten bildeten die Holländer Vor- und Nachhut unter =Ruyter= und den Haen, die Spanier die Mitte (von den Holländern ihnen »aus Ehrerbietung für den König« überlassen) unter =de la Cerda=; die Galeren standen unter de Bayona. Bei den Franzosen befanden sich als Flaggoffiziere: Vorhut Generalleutnant d'Alméras; Mitte =du Quesne=; Nachhut de Gabaret; hinzutraten als Divisionsführer die Chefs d'Escadre de Valbelle, de Tourville, de Preuilly.
Am 22. April morgens sichteten sich die Gegner; die Franzosen standen etwa 18 Seemeilen nördlich von Agosta bei flauem Nordwestwinde zu Luward; du Quesne bildete die Gefechtslinie und steuerte heran, Ruyter hielt zunächst von der Küste ab. Gegen Mittag wurde es still, dann kam leichter Südwind auf; jetzt stand Ruyter zu Luward und näherte sich seinerseits zum Gefecht. Bei der Flaute gebrauchte er längere Zeit, um Mitte und Nachhut zur Bildung der Gefechtslinie heran kommen zu lassen; um 3 Uhr Nachmittags hielt er dann zum Angriff ab.
$Der Verlauf der Schlacht.$ =Ruyter= führte sein Geschwader auf die Vorhut des Feindes. Sein Stoß (4 Uhr) war sehr erfolgreich. Bald fällt d'Alméras, 2 Kommandanten werden schwer verwundet und einige Schiffe zeitweise außer Gefecht gesetzt; das französische Geschwader gerät infolgedessen in Unordnung. Ruyter soll beabsichtigt haben, die feindliche Vorhut zu durchbrechen und von ihrer Mitte abzuschneiden; dies gelang nicht und hätte auch nicht dazu geführt, die feindliche Mitte mit Übermacht anzugreifen. Die Spanier nämlich folgten nicht eng aufgeschlossen der Vorhut, hielten nicht zum Nahkampf ab, sondern führten ein Feuergefecht auf weite Entfernung. So kam auch =den Haen=, der seinerseits auf die Spanier aufgeschlossen fuhr, zunächst nicht ins Gefecht. Aufgebracht hierüber und ungeduldig setzte er sich an die Spitze seines Geschwaders (gegen 5 Uhr) und suchte den Nahkampf, gleichzeitig mit dem Bestreben, sich an Ruyter anzuschließen; um dieses Manöver zu unterstützen, braßte Ruyter back.[214] Auch auf französischer Seite strebte =du Quesne=, von den Spaniern nicht angegriffen, nach vorn seiner bedrängten Vorhut zu; so hatte Ruyter das Feuer der an ihm vorüberziehenden feindlichen Mitte auszuhalten. Der zweite und Hauptmoment der Schlacht scheint dann ein Kampf zwischen den beiden holländischen Geschwadern und der französischen Mitte und Nachhut gewesen zu sein; längere Zeit lagen sich Ruyter, unterstützt von einem Schiff unter Graf Styrum, und du Quesne, unterstützt von Tourville und Preuilly, gegenüber.
[214] Backbrassen heißt, das Schiff durch Stellen der Segel eines Mastes gegen den Wind zum Stillstand bringen.
»Eine halbe Stunde etwa, nachdem der Kampf heftig geworden war,« also dicht vor oder dicht nach dem Backbrassen, =fiel Ruyter=; ihm war der linke Fuß und der rechte Unterschenkel zerschmettert, die erste Verwundung in seinem Leben. Sein Flaggkapitän, =Callenburgh=, führte das Geschwader mit Umsicht weiter, aber auch der Admiral gab noch Anordnungen, wie er auch später noch den Bericht über die Schlacht aufsetzte.
Die Dunkelheit trennte die Gegner; wie gewöhnlich behaupten beide, der Feind habe abgebrochen. Die spanischen Galeren schleppten während des Gefechts beschädigte Schiffe der Vorhut mit Mut und Tapferkeit aus dem Feuer; von den Hochseeschiffen der Mitte haben sich einige flämisch-spanische bei dem Kampfe Ruyters mit der feindlichen Mitte wacker beteiligt, nachdem Callenburgh den spanischen Admiral dringend um Herankommen ersucht hatte. Das laue Verhalten der Spanier im allgemeinen wurde von den Holländern hart verurteilt, jedoch später etwas mit der Schwäche und dem schlechten Zustande ihrer Schiffe entschuldigt; aber selbst der Vizekönig berichtete dem Könige, daß seine Flotte nicht ihre Schuldigkeit getan habe -- im damaligen Spanien eine seltene und gewagte Aufrichtigkeit.
=Die Schlacht muß man als »unentschieden« bezeichnen=; beide Gegner wollen das Schlachtfeld behauptet haben, was zutrifft. Die verbündete Flotte blieb die Nacht in der Nähe, beigedreht und ausbessernd, und ging am andern Morgen nach Syrakus, teilweise im Schlepp der Galeren. Die Franzosen sah man von den Toppen aus unter kleinen Segeln ebenfalls ausbessernd; beide Parteien waren eben nicht imstande, etwas zu unternehmen. Du Quesne zeigte sich zwar einige Tage später vor Syrakus, ging dann aber nach Messina (Ankunft 1. Mai).
Man muß wohl fragen, was Ruyter bewogen hat, bei der eigenen Schwäche und der Stärke des Gegners diese Operation gegen Messina zu unternehmen. Hoffte er auf einen erfolgreichen Landangriff, wollte er dabei die französische Flotte nur beschäftigen und rechnete er hierbei dann wieder auf einen großen Nutzen der Galeren? Vertraute er später bei einem Kampfe in offener See auf seine und der Seinigen größere Seemannschaft; dieses vielleicht gerade nach den Erfahrungen bei Stromboli? Man sagt, er habe gewünscht, bei einer Seeschlacht die spanischen Schiffe zwischen die holländischen zu verteilen; jedenfalls befahl er später noch, die holländischen Geschwader nie wieder zu trennen.
$Ruyters Tod.$ Die Verwundung gab anfangs noch Hoffnung auf Heilung. Bald aber verschlimmerte sich der Zustand, er konnte den Bericht über die Schlacht nicht mehr unterschreiben und starb am 29. April abends. Er war 69 Jahre alt, hatte 58 Jahre zur See gedient, über 40 Gefechte mitgemacht -- darunter 15 große -- und in 7 Schlachten kommandiert. Zunächst in Syrakus begraben, wurde die Leiche Ende 1676 von der heimkehrenden Flotte nach der Heimat übergeführt und am 16. März 1677 in Amsterdam mit großer Feierlichkeit beigesetzt (Denkmal in der »Neuen Kirche«). Auch außerhalb Hollands wurden Ruyters Verdienste anerkannt; alle Verbündeten sandten Beileidschreiben an die Regierung und an die Witwe.[215] Der König von Spanien hatte ihn nach der Schlacht von Stromboli zum Herzog ernannt und ihm eine jährliche Pension ausgesetzt; beides ging auf den Sohn über, der Titel wurde auf dessen Wunsch in Baron geändert. Selbst Ludwig XIV. gab den Befestigungen Befehl, das Schiff mit der Leiche zu salutieren, falls es nahe genug passiere und angekündigt sei.
[215] Wörtlich im »Leben Ruyters«, darunter auch die Schreiben des Großen Kurfürsten.
Das Interesse, das wohl jeder Leser für den großen und sympathischen Seehelden gewonnen hat, läßt es angebracht erscheinen, hier am Schluß seiner Laufbahn noch einige Urteile über ihn hinzuzufügen. (Personalien vgl. Seite 205.) =Mahan= sagt (Seemacht, Teil I, Seite 142): »In der Schlacht bei Solebay bewies Ruyter einen Grad der Geschicklichkeit und Tatkraft, wie man sie nach ihm bis zu den Zeiten Nelsons und Suffrens zur See nicht wieder zu sehen bekam. Seine Schlachten 1672-1674 waren keine »behutsame Unternehmungen«, wenn sie auch behutsam ins Werk gesetzt wurden; sein Ziel war stets die vollste Niederwerfung des Feindes, indem er taktische Geschicklichkeit mit ungestümem Draufgehn vereinigte. Bei Solebay war er etwas schwächer als sein Feind, später war er es immer in viel höherem Grade.« Derselbe Verfasser nach der Schlacht bei Texel (Seite 152 abgekürzt): »Texel schließt die lange Reihe der Kriege ab, in denen England und Holland um die Seeherrschaft kämpften; die holländische Marine stand auf ihrem höchsten Punkt und ihre größte Zierde, Ruyter, auf dem Gipfel seines Ruhmes, das Alter von 66 Jahren hatte ihm nichts von seinem kriegerischen Feuer geraubt; sein Angriff war noch ebenso ungestüm wie vor acht Jahren, aber Erfahrung hatte sein Urteil gereift, wie die größere Klarheit seiner Pläne und sein scharfer militärischer Blick erkennen lassen. Er unternahm, um das Vaterland zu retten, den Kampf gegen einen überlegenen Gegner mit einer Marine, die ihm ihre Tüchtigkeit verdankte; er vollbrachte die Aufgabe nicht durch Mut allein, sondern durch Mut, Voraussicht und Geschicklichkeit. Der Angriff bei Texel war in den allgemeinen Zügen derselbe wie bei Trafalgar: Vernachlässigung der Vorhut des Feindes, Angriff mit ganzer Macht auf Mitte und Nachhut; sein Erfolg war geringer als der Nelsons, da sein Gegner ihm in größerem Maße überlegen war als diesem.« Ebendort: »Noch einmal wird uns dieser einfache und heldenhafte Mann begegnen und, wenn auch unter traurig veränderten Verhältnissen (Mittelmeer 1676), in seinem Wesen immer derselbe.« -- Dieser hohen Anerkennung seiner Fähigkeiten aus maßgebender Feder mögen einige Angaben folgen, die =Ruyters Charakter= kennzeichnen. Der schon früher angezogene Graf von =Guiche=, Kriegsfreiwilliger im zweiten Kriege, schreibt nach der Viertageschlacht: »Ich sah ihn niemals anders als ruhig und gleichmäßig; wenn der Sieg gesichert war, so sagte er stets, der liebe Gott hätte ihn uns geschenkt. Als die Flotte in Unordnung war und beim Anblick der Verluste schien ihn nur der Gedanke an das Unglück seines Landes zu bewegen; aber stets unterwarf er sich dem Willen Gottes. Es möge noch erwähnt sein, daß er etwas von der Einfachheit unserer Patriarchen hatte. Einen Tag nach dem Siege traf ich ihn, wie er sein Zimmer ausfegte und seine Küken fütterte.«
=Brand= (»Leben Ruyters«, Teil II, Seite 165) führt -- als er davon gesprochen, daß sonst unverzagte Kriegsleute sich auch einmal weniger tapfer zeigen könnten -- eine Erzählung Ruyters an, die er »aus des Admirals eigenem Munde« habe. Kurz gefaßt ist sie folgende: Vor einem größeren Treffen fühlte sich Ruyter gegen alle Gewohnheit kleinmütig und zögerte, die letzten Befehle zu geben. Er begab sich deshalb allein in seine Kajüte, fiel auf die Knie und bat Gott in kurzem, aber andächtigem Gebet, ihn in dieser Stunde nicht zu verlassen, sondern ihm zum Besten seines Vaterlandes beizustehen. Nach diesem Gebet verließ ihn »alle Bangigkeit, und die gewöhnliche Ruhe und Freudigkeit seines Geistes bekam wieder die Oberhand«. Er gab seine Befehle mit standhaftem Mut und führte die Aktion glücklich durch, den Erfolg nachher Gottes Beistand zuschreibend.
Ergreifend ist endlich die Schilderung seiner letzten Tage: wie er noch während der Schlacht für seine Flotte betet, später die Schmerzen mit Geduld erträgt und mit Ergebung dem Tode entgegensieht.
=Die verbündete Flotte= ging am 6. Mai südlich um Sicilien =nach Palermo=; es spricht nicht für die französische Leitung, daß dies nicht verhindert wurde, obgleich am 21. April sogar noch 25 Galeren in Messina eingetroffen waren. Erst Ende Mai beschloß =Vivonne= in Person, den Feind in Palermo anzugreifen -- nach französischen Quellen endlich angetrieben durch Eifersucht auf du Quesnes Erfolge und auf die Nachricht, daß man in Paris damit umginge, ihn durch einen schneidigeren Mann ablösen zu lassen; er schiffte sich auf dem Flaggschiffe Tourvilles ein, um dessen Rat zur Hand zu haben. Die ganze Flotte der Hochseeschiffe -- 29 Kriegsschiffe, 9 Brander -- sowie 25 Galeren liefen am 28. Mai aus; die Nachricht hiervon traf am 30. in Palermo ein. Auf Antreiben =den Haens=, auf den der Befehl über die Holländer übergegangen war, nahmen die Verbündeten eine Verteidigungsstellung ein, die Holländer sofort, die Spanier nach und nach bis zum 1. Juni: Die Schiffe -- 27 aller Größen -- wurden in der Bucht im Halbmond verankert, durch Warpanker mit den Breitseiten nach See zu gehalten; den rechten Flügel bildeten nur spanische Schiffe, die Mitte und den linken Flügel hauptsächlich holländische, aber einige Spanier darunter; die Flügel lehnten sich an Batterien auf der Mole und an kleinere Befestigungen, die Mitte wurde durch das Hauptfort des Hafens verstärkt; die Galeren waren auf die Flügel und zwischen den Schiffen verteilt, um Brander abzuwehren.
Die $Schlacht vor Palermo[216] am 2. Juni 1676$ sollte eine der größten Erfolge dieser Waffe werden, die allerdings unter sehr günstigen Umständen verwendet wurde.
[216] Quellen wie bei »Agosta«.
Die Verbündeten hatten beschlossen, vor Anker zu fechten, weil verschiedene Schiffe infolge von Mangel an Material noch nicht wieder seeklar waren; das holländische und das spanische Flaggschiff (jetzt Admiral d'Ybarra) wechselten Masten. Ruyter würde wahrscheinlich mit den segelfertigen Schiffen in See gegangen sein; noch vor Agosta hatte er erklärt, unter keinen Umständen ein Gefecht vor Anker zu liefern, selbst nicht den Feind in einer Bucht zu erwarten; die Folgen bestätigten die Richtigkeit seiner Ansicht. Die Holländer hatten aber wohl zu wenig Vertrauen auf die Spanier, waren selbst niedergedrückt durch Ruyters Tod und rechneten mit einem kräftigen Rückhalt an den Befestigungen.
Vivonne ließ am 1. Juni durch Tourville und Gabaret auf einem kleinen Fahrzeuge, gedeckt durch die Galeren, die feindliche Stellung erkunden und griff am Morgen des 2. an. Ein Geschwader von 9 Schiffen nebst 6 Brandern ging unter Preuilly gegen den rechten Flügel vor und legte sich ebenfalls auf Spring[217] den Schiffen auf Kabellänge querab; die Brander griffen durch Pulverrauch gedeckt an. So bedroht kappt der spanische Vizeadmiral zuerst sein Kabel und treibt auf den Strand; die meisten seiner Schiffe folgen dem Beispiel; 3 Schiffe verbrennen, 2 Galeren werden vernichtet. Das Gros der Franzosen ist inzwischen gegen Mitte und linken Flügel ebenso vorgegangen. Es findet zwar kräftigeren Widerstand, doch das Schicksal des rechten Flügels wirkt entmutigend, um so mehr, da auch hier die Brander Erfolg haben: ein holländisches Flaggschiff fängt Feuer, treibt und entzündet 2 andere Schiffe, alle 3 fliegen auf; das spanische Flaggschiff (bei der Mitte) schlägt zwar 2 Brander ab, 2 andere aber kommen heran, die ganze Besatzung springt über Bord, d'Ybarra (und auch de la Cerda, als Freiwilliger weiter an Bord verblieben) ertrinken dabei, das Schiff fliegt auf. So entsteht auch hier Panik; 4 Holländer kappen und treiben an Land, die meisten Spanier und alle Galeren flüchten in den inneren Hafen; auch Teile der Stadt werden in Brand geschossen und eine Batterie wird aufgesprengt. Nur wenige Schiffe unter den Haen (Mitte) und Callenburgh (linker Flügel) kämpften tapfer weiter; den Haen fiel.
[217] Um ein Schiff vor Anker in jeder beliebigen Lage zum Winde festlegen zu können, wird vom Heck aus eine Trosse außenbords herum nach vorn genommen, auf die Ankerkette gesteckt und nach Bedarf eingeholt.
Vivonne brach das Gefecht ab, als seine Brander sämtlich verbraucht waren. Der Verlust der Verbündeten wäre wohl noch bedeutender gewesen, wenn dem Feinde mehr Brander zu Gebote gestanden hätten; der Angriff auf das spanische Flaggschiff war schlecht ausgeführt, er kostete allein 4 Brander. Die Holländer schreiben die Hauptschuld an der Katastrophe der mangelhaften Unterstützung seitens der Befestigungen und der Galeren zu; diese hätten die Brander unschädlich machen können. Die Franzosen haben das Manöver des Längsseitgehens und Ankerns trotz heftigen Feuers unter Preuilly, Tourville mit dem Flaggschiff der Flotte und du Quesne mit dem Spitzenschiff des Gros vorzüglich ausgeführt.
=Die Verluste der Verbündeten waren ungeheuer.= Die Holländer verloren 2 Flaggoffiziere, 260 Tote und viele Verwundete, mindestens 3 Linienschiffe; die Spanier 4 Flaggoffiziere, 8 Kommandanten, 1700 Mann, mindestens 4 Linienschiffe, 2 Galeren und verschiedene kleinere Fahrzeuge. Der Verlust der Franzosen war unbedeutend, an Fahrzeugen nur 1 Schiff und die Brander.
Wiederum ist es auffallend, daß die Franzosen den Kampf nicht bis aufs äußerste durchführten. Vivonne konnte mit seiner Artillerie auch nach Verbrauch der Brander den Erfolg noch erhöhen; er konnte -- wie ihm vorgeschlagen wurde -- an einem der nächsten Tage mit neuhergestellten Brandern die Zerstörung fortsetzen. Statt dessen ging er nach Messina zurück, und wiederum schreiben dies französische Angaben seiner Lässigkeit (insouciance) zu; nach seiner Äußerung »hatte er genug getan«, es zog ihn nach seiner Residenz zurück. Immerhin war mit dieser Niederlage der Verbündeten die Kriegführung zur See um Sicilien zu Ende. Die Franzosen beherrschten die See, eine ebenbürtige Flotte stand ihnen nicht mehr gegenüber. Holland wollte, nach all den Opfern und von Spanien nicht unterstützt, seine Schiffe nicht mehr einsetzen, die Spanier waren weder imstande, ihre Seestreitkräfte zu verstärken, noch mit den vorhandenen ohne die Holländer etwas zu unternehmen; sie verblieben in dem möglichst verstärkten Palermo.
Auch für den =Landkrieg auf Sicilien= hätte diese Schlacht entscheidend werden müssen. Die französische Flotte hatte ihre Hauptaufgabe erfüllt, sie beherrschte die See und hinderte jede Unterstützung der spanischen Armee auf der Insel, falls man überhaupt zu einer solchen imstande gewesen. Frankreich brauchte nur genügend Truppen und einen tüchtigeren General hinüberzusenden. Vivonne aber führte den Krieg in der bisherigen Weise fort: vereinzelte Vorstöße, um die Lage Messinas zu verbessern; Angriffe auf andere Küstenstädte, um dort Fuß zu fassen; alles jedoch ohne Nachhalt, auch wenn vereinzelte Erfolge errungen waren. Man darf ihm aber die Schuld nicht allein zuschieben. Er verfügte zwar zunächst noch über eine starke Flotte, seine Landmacht dagegen war gering und litt sehr unter Krankheiten. Allerdings erhielt er von Zeit zu Zeit Nachschub, dieser war jedoch stets nur schwach und minderwertig; seine Klagen hierüber -- selbst bei Frau von Montespan, seiner Schwester -- blieben erfolglos. Der König und Louvois -- dieser eifersüchtig auf Colbert -- betrachteten die Operationen in Sicilien immer mehr nur als eine Diversion für ihren Krieg mit Spanien an den Landesgrenzen; sie hatten ungeheure Kosten verursacht und als Erfolg eigentlich nur einigen Ruhm für die junge Marine gebracht.
Als sich England 1678 Frankreichs Feinden zuneigte und mit Holland in Verhandlungen über eine gemeinsam ins Mittelmeer zu entsendende Flotte eintrat, zog man die Truppen aus Messina zurück und überließ die Stadt den Spaniern.
$Die weiteren Ereignisse zur See$[218] seien nur kurz erwähnt. Nach dem Kampfe bei Palermo befahl die holländische Regierung ihrer Flotte, nach Neapel zu gehen, um hier auszurüsten und um einen neuen Admiral (Kontreadmiral van Almonde, über Land kommend) zu erwarten. Der interimistische Chef, Kapitän =Callenburgh=, führte den Befehl Anfang August aus; er stieß dabei auf die mächtige französische Flotte unter du Quesne, entzog sich aber ihr sehr geschickt.
[218] Genauer in de Jonge, Teil II, und »du Quesne«, Teil II.
Am 13. August sichtete Callenburgh nicht weit von Neapel den Feind, 24 Kriegsschiffe mit einem Convoi. Tagsüber manövrierte er, als ob er die günstige Windstellung für ein Gefecht gewinnen und halten wolle. Nachts aber änderte er nach und nach den Kurs nach Westen, kam so dem Feinde aus Sicht, hielt sich noch einige Tage fern von der Küste und erreichte dann wohlbehalten Neapel am 20. August.
Inzwischen begann Holland wieder Unterhandlungen mit Spanien über Entsendung einer neuen Flotte. Da diese aber nicht vorwärts kamen und auch die Gelder für die erste Expedition nicht gezahlt wurden, rief man =Almonde= zurück. Dieser verließ am 4. Oktober Neapel, blieb einige Zeit in Cadiz -- falls Spanien sich noch besinnen sollte --, mußte wegen Sturm und Eis England anlaufen und kam endlich, Ende Januar 1677, in Holland an.
Auf französischer Seite wurde =du Quesne= wenige Tage nach der Schlacht von Palermo mit der ganzen Hochseeflotte nach Toulon gesandt, um Zufuhr an Truppen, Kriegsmaterial und Proviant zu holen. Ende Juli kehrte er mit 24 Kriegsschiffen und einigen Transportern (6 Schiffe mit weiteren Truppen folgten bald) zurück und traf, wie erwähnt, auf Callenburgh, ohne daß es zum Zusammenstoß kam.
Wohl hatte er die Absicht, die Holländer anzugreifen. Als diese sich ihm aber entzogen, sah er von weiterem Suchen ab; er mußte zunächst die sehnlichst erwarteten Zufuhren abliefern, außerdem drohte der Flotte durch den schlechten Gesundheitszustand der eingeschifften Truppen Gefahr.
Von jetzt ab treten in dem Kriege keine größeren französischen Flotten mehr auf; auffallenderweise werden keine Versuche gemacht, die Reste der spanischen und holländischen Seestreitkräfte zu vernichten. Nur kleinere Geschwader beteiligen sich an Unternehmungen gegen sicilianische Städte -- z. B. 1676 Scaletta und Taormina genommen; 1676 und 1677 vergebliche Versuche gegen Syrakus --, die Hauptaufgabe bleibt, die Zufuhren von Frankreich nach Messina zu decken. In den Jahren 1677 und 1678 werden auch wieder kleinere Geschwader zur Unterstützung des Landkrieges an der spanischen Grenze verwendet. Größere Aktionen zur See kamen auch hier nicht vor, selbst nicht als 1678 nochmals die Holländer hier erschienen, wie wir gleich hören werden. Es hat den Anschein, als ob die französische Flotte infolge von Reibungen zwischen den militärischen und den administrativen Behörden in Toulon weniger leistungsfähig geworden war.
Im Februar 1678 ging ein größeres Geschwader nach Messina unter dem Marschall de la Feuillade, der Vivonne ablösen sollte; man wollte diesem die Demütigung ersparen, Sicilien zu räumen. Um Unruhen in der Stadt vorzubeugen, ordnete der neue Vizekönig zunächst Maßregeln an, die auf eine energischere Kriegführung hinzudeuten schienen. Als aber unter diesem Vorwande alles zur Einschiffung bereit war, erklärte er auf einem Gastmahle mit den Behörden plötzlich, daß sein König die Truppen zurückzöge. Der Abzug aus den verschiedenen besetzten Plätzen begann Mitte März, am 1. April verließen die letzten Franzosen die Insel.
$Die Räumung Siciliens$ war, wie wir wissen, beschlossen, da man das Erscheinen einer englisch-holländischen Flotte im Mittelmeer befürchten mußte; sie wurde beschleunigt, als man erfuhr, daß ein =holländisches Geschwader= schon ausgerüstet werde. Dieses Geschwader hatte nur noch wenig Gelegenheit zu nützen, doch führte seine Reise zu einem =letzten Zusammenstoß mit den Franzosen=.
Don Juan d'Austria hatte in Spanien an Stelle der Königin-Mutter die Regierung für den unmündigen König übernommen; er bat im Jahre 1677 Holland wieder um Unterstützung unter den früheren Bedingungen und zahlte auch einen Teil der rückständigen Gelder ab. Holland war aber vorsichtig geworden, die Unterhandlungen zogen sich hin und die Rüstungen wurden nur fortgesetzt, wenn die Geldraten eintrafen. So war die Flotte -- 18 Kriegsschiffe, 6 Schnauven, 6 Brander -- erst im Februar 1678 fertig und wurde dann noch teilweise durch Eis festgehalten. Dennoch erhielt der Führer, Vizeadmiral =Cornelis Evertsen= (genannt »der Jüngste« als der dritte dieses Namens, Sohn des Leutnantadmiral Jan E.) Mitte Februar den Befehl, mit 9 Schiffen und 5 Brandern auszulaufen; der Rest sollte baldmöglichst folgen. Es geschah wohl, um Frankreich zu zeigen, daß man Ernst mache, und um England anzufeuern. Mit der Entsendung einer so kleinen Macht verscherzte man die Gelegenheit, den Franzosen eine Schlappe zuzufügen, und setzte sie selbst einer Gefahr aus. Evertsen, einige Zeit in England aufgehalten, traf am 17. März, etwa 30 sm. westlich von Kap Ouessant auf den Chef d'Escadre =Chateau-Renault= mit 6 schweren Linienschiffen. Auch dieses Geschwader war von Brest nach Sicilien bestimmt, um bei der Räumung mitzuwirken, und gleichfalls durch verzögerte Ausrüstung verspätet. Die Franzosen griffen an. Infolge schweren Seeganges, der das Öffnen der untersten Pforten verbot, blieb das etwa sechsstündige Gefecht ohne große Folgen und ohne Entscheidung; die Nacht trennte die Gegner und Evertsen erreichte Cadiz, wo er die in Holland zurückgelassenen Schiffe schon antraf.
Die holländische Flotte traf erst am 26. März 1678 in Cadiz ein. Sie war also für Sicilien nicht mehr nötig und kam auch zu spät, um gegen den Abzug der Franzosen verwendet zu werden, wenn sie nicht sofort weiterging. Aber wie zu Ruyters Zeit wurde sie durch mangelnde Unterstützung, durch Befehle und Gegenbefehle von Madrid festgehalten. Erst Ende Mai führte sie Truppen nach Barcelona, blieb dort etwa drei Wochen an der Küste, ohne mit dem Feinde zusammenzustoßen, und wurde dann nach Holland zurückgerufen, weil Spanien wiederum seinen Verpflichtungen nicht nachkam.
=So endeten die holländischen Unternehmungen im Mittelmeer.= Sie hatten große Summen gekostet, große Verluste -- besonders den Ruyters -- gebracht und fast keine Erfolge gehabt, wenn auch die verhältnismäßig schwachen, zu schwachen Kräfte ihre Pflicht getan und die Ehre ihrer Flagge hoch gehalten hatten. Die größere Schuld an dem Mißerfolge trifft wohl die Spanier, und die Folgen des Zusammengehens mit ihnen fühlte Holland noch lange nach: Spanien zahlte nur dürftig ab. Noch 1684 bestand eine Forderung an diesen Staat von 6 Millionen Gulden, 1713 von 4 Millionen und die Zinsen von 30 Jahren; die Schulden der holländischen Admiralitäten waren aufs neue vermehrt worden, was von größtem Nachteil für das Seewesen der Republik wurde.
Ehe wir die Schilderung dieses französisch-holländischen Krieges schließen, müssen über den $kleinen Krieg[219] gegen den Handel$ wenige Worte gesagt werden. Holland gab bekanntlich in den Jahren 1672 und 1673 die Freibeuterei stets frei, sobald im Herbst die Operationen der Flotten aufhörten. Die Freibeuterei richtete sich von 1674 natürlich gegen die Franzosen und wurde wie immer hauptsächlich von den Seeländern betrieben; vom Mittelmeer bis zum Kanal schwärmten ihre Fahrzeuge, oft in kleinen Geschwadern. Sie haben auch dem Gegner großen Schaden getan; so wurden z. B. allein im Jahre 1676 in spanischen Städten 71 von seeländischen Freibeutern aufgebrachte französische Handelsschiffe verkauft. Aber auch die Niederlande erlitten im kleinen Kriege schwere Verluste, weil ihr Handel unverhältnismäßig größer war. Wenn man auch stets Geschwader am Eingange des Mittelmeeres hielt, um die Levantefahrer zu sichern -- die schon der Barbaresken wegen stets unter Bedeckung segeln mußten -- und ferner die Handelsschiffe durch den Kanal begleiten ließ, so wurden doch viele von ihnen durch Freibeuter der französischen Küste oder durch kleine Kriegschiffsgeschwader von St. Malo und Brest abgefangen.
[219] Näheres de Jonge, Teil II, Seite 653 mit Schilderung kleiner Gefechte zwischen Kriegs- und Freibeuter-Geschwadern beider Seiten, besonders auch der Operationen gegen die Freibeuterei Dünkirchens; auch Bonfils, Teil I, Seite 223, hier erstes Auftreten Jean Barts.
Der größte Feind des niederländischen Handels wurde seit 1674 wieder =Dünkirchen=, wie die Stadt es zu Anfang des Jahrhunderts gewesen war. Sie hatte, wie wir wissen, seit jener Zeit mehrfach ihren Herren gewechselt und war dadurch sehr heruntergekommen. England soll absichtlich ihren Hafen haben verfallen lassen, so daß ihn nur kleine Fahrzeuge benutzen konnten; Ludwig XIV. stellte wohlweislich, im Hinblick auf die wichtige Lage, diesen Übelstand wieder ab. Solange der Krieg zwischen England und Holland währte, konnten die Dünkirchener ihr Lieblingsgewerbe noch nicht aufnehmen, die Holländer hatten meistens ihre Schiffahrt eingestellt und auch zu starke Kriegsflotten in See; sobald aber der holländische Handel nach dem Frieden von Westminster wieder kräftig betrieben wurde, erschienen auch die Freibeuter der Stadt in großer und immer größer werdender Zahl von schnellsegelnden Jachten und Fregatten mit 2-24 Kanonen, oft in Geschwadern. Jetzt schon tat sich der später berühmte =Jean Bart= hervor. Holland sah sich bald genötigt, wie in den älteren Zeiten einen förmlichen Krieg gegen dieses Gemeinwesen zu führen. Anfangs sandte man einige leichte Schiffe gegen die Freibeuter aus, später war man gezwungen, ständige Geschwader aufzustellen, deren Kern kleinere Linienschiffe bildeten. Der Krieg wurde wie vor 30 Jahren geführt: Mit vorzüglichem Personal aller Nationen bemannt, holten die Dünkirchener selbst Fahrzeuge aus den niederländischen Seegatten heraus, griffen große Convois an, ja planten 1676 sogar, sich Briels oder Hellevoetsluis' zu bemächtigen; die holländischen Geschwader mußten immer stärker gemacht werden, um Dünkirchen zu blockieren, die eigenen Küsten reinzuhalten, ihre Ostseefahrer durch die ganze Nordsee zu geleiten und die Fischereigründe zu überwachen. Trotz alledem fügten die verwegenen Gegner dem Handel schweren Schaden zu; trotz der Blockade liefen sie nachts und im Sturm ein und aus.
$Rückblick auf die Kriegführung zur See von 1674-1678.$ In seiner Geschichte des niederländischen Seewesens erhebt de Jonge Einwand gegen den Vorwurf in den meisten Geschichtswerken, daß nach dem Frieden von Westminster in dem holländischen Seewesen kein rechtes Leben mehr gewesen und von seinen Seestreitkräften nicht viel mehr geleistet sei. Er erinnert an alle die hier besprochenen Unternehmungen, zu denen noch die Beteiligung am schwedisch-dänischen Kriege tritt. Er weist dann darauf hin, welche Anstrengungen besonders von der Admiralität Amsterdam gemacht seien, indem von dieser die ganze Flotte Ruyters im Mittelmeer und der größte Teil der Schiffe gegen Schweden, gegen Dünkirchen, zum Schutz der Convois sowie für die Expeditionen nach Westindien gestellt wäre; dieser Admiralität seien solche Leistungen möglich gewesen, da man hier die nötigen Mittel habe aufbringen können. Als Gründe hierfür führt de Jonge an, daß die Provinzen von Holland stets die für das Seewesen bestimmten Gelder zahlten. Dies kam nun den Admiralitäten von Amsterdam, Maas und Norderquartier zu gute; so waren auch die beiden letzten imstande, sich an den Rüstungen zu beteiligen, Amsterdam aber am meisten, weil sein Handel bei weitem der einträglichste war. Der Zuschuß der Landprovinzen fehlte allen Admiralitäten, und da die beiden anderen Seeprovinzen auch schon seit Jahren unregelmäßig und ungenügend zahlten, so waren ihre Admiralitäten, Seeland und Friesland, derart in Schulden geraten, daß ihre Kontingente nach und nach ganz ausfielen; ihre immer schwächer werdende Beteiligung haben wir schon im 2. und 3. englisch-holländischen Kriege gesehen. Soweit de Jonge.
Alles dieses bestätigt doch aber nur, daß die Rüstungen zur See im allgemeinen zurückgegangen sind, auch die Angaben über die Indienststellungen beweisen dies: Schon 1674 zählten die Flotten Ruyters und Tromps zusammen nur 45 Linienschiffe und Fregatten; für 1676 gibt die Zusammenzählung der Kräfte im Mittelmeer, Ostsee, Westindien und gegen Dünkirchen kaum eine größere Zahl. Im Kriege 1672-1674 aber waren Flotten von 64-75 Schiffen aufgestellt.
Der Hauptgrund für diese Herabsetzung war wohl die Erschöpfung des Landes, sahen wir doch selbst Ruyter nach dem Frieden mit England für eine Verminderung der Flotte sprechen. Es mögen aber doch auch die Verhältnisse eingewirkt haben, die schon in den früheren Kriegen oft dahin führten, daß die äußersten Anstrengungen nur gemacht wurden, wenn das Feuer auf den Nägeln brannte. Sonst aber wurde es der Regierung -- den Generalstaaten und dem Prinzen von Oranien --, in einer Republik von Kaufleuten, in der stets eine große friedliebende Partei vorhanden sein wird, schwer, Beschlüsse durchzubringen, die die Entfaltung einer großen Macht und damit die Durchführung größerer strategischer Pläne ermöglichten; der Mangel an Zentralisation in der Marineverwaltung erschwerte dies noch mehr, es hatten eben in allen Dingen zu viele mitzusprechen.
Wenn sich Amsterdam am meisten an den Rüstungen beteiligte, so ist dies nicht allein seinen reichlicheren Mitteln zuzuschreiben, sondern auch dem Umstande, daß hier das größere Verständnis für die Wichtigkeit der Kriegführung zur See vorhanden war. Es zeigte sich dies schon in den früheren Kriegen, und auch jetzt in den Jahren 1674-1678 gehen die Forderungen, zur See etwas zu unternehmen, stets von den Provinzen von Holland aus; de Jonge sagt: »Hier war der Geist de Witts noch nicht ganz verschwunden.«
Daß im übrigen die Republik erschöpft war, kann nicht wundernehmen. Die Hälfte ihrer Provinzen war lange Zeit in Feindeshand gewesen, und doch hatte sie den größten Teil der Kosten eines fast europäischen Krieges getragen. Sie mußte mit ihrem Gelde auch die Armeen der Verbündeten wesentlich unterstützen und viele stets geldbedürftige deutsche Fürsten dem Bunde gegen Frankreich treu erhalten; daß dies überhaupt möglich war, ist das Verdienst der Marine, die dem Lande immer wieder das Meer freigemacht hat.
Kommen wir nun zu den =Leistungen der holländischen Marine=, so drängt sich die Frage auf, ob diese nicht trotz der notgedrungen schwächer gewordenen Kräfte hätten größer sein können. Bei allen Operationen wird, auch von holländischer Seite, der Vorwurf erhoben, sie seien mit zu schwachen Kräften unternommen; gleichzeitig wird geklagt, daß der Handel so sehr durch französische Freibeuter geschädigt wäre. Würde es nicht richtiger gewesen sein, die Kräfte nicht zu zersplittern?
Ruyters Zug nach Westindien konnte nicht bedeutend auf den Verlauf des Krieges einwirken -- noch weniger die späteren kleinen Expeditionen --, mit den hierfür verwendeten Kräften wäre wohl besser das Unternehmen Tromps verstärkt und dem sich wieder regenden Dünkirchen, sowie der feindlichen Freibeuterei überhaupt, rechtzeitig fest entgegengetreten. Wenn sich auch dann herausgestellt hätte, daß Tromp nichts von Bedeutung gegen die Küsten ausrichten konnte, hätte man der französischen Flotte im Mittelmeer ernstlich zu Leibe gehen müssen. Dasselbe ist von den späteren Jahren zu sagen, Ostsee und Mittelmeer zu gleicher Zeit war zu viel für die vorhandenen Kräfte. Stets fehlte ein Plan zu einheitlicher Verwendung der Seestreitkräfte, um ein wichtiges Ziel unbedingt zu erreichen; immer folgte man mehr augenblicklichen Antrieben, die oft wohl von interessierten Kreisen ausgingen. Die Zersplitterung führte nur zu Teilerfolgen (Ostsee), die auch nicht einmal immer dem Einsatz entsprachen (Tromp 1674), oder gar zu Verlusten (Mittelmeer, Westindien) und daneben konnte man den Handel nicht genügend schützen, was doch wichtig für die Fortsetzung des Krieges war.
Über =die Kriegführung der Franzosen= ist folgendes zu bemerken. Wohl war es richtig, daß sie sich im Atlantik auf die Defensive beschränkten -- ausgenommen die Expeditionen nach Westindien, die mehr den Charakter der Privatzüge älterer Zeiten hatten. Wenn sie gezeigt hätten, daß sie hier den Seekrieg ernstlich zu führen beabsichtigten, so würde Holland ihnen seine ganze Macht entgegengestellt haben, und dieser waren sie nicht gewachsen. Im inneren Wert stand ihre Marine noch nicht auf der Höhe der holländischen und auch an Schiffen konnten sie noch nicht dieselbe Zahl aufstellen, weil das Personal fehlte; wir zählen in den Kriegsjahren 1674/78 kaum mehr als 40 Linienschiffe und Fregatten gleichzeitig im Mittelmeer und Atlantik: nur sind mehr schwerere Schiffe darunter als in den Jahren 1672/73. Im Mittelmeer aber war die französische Flotte mächtig und stets ihren Gegnern an Stärke und Zahl der Schiffe überlegen, so besonders bei dem Kampfe um Sicilien. Deshalb ist es befremdend, daß man von dieser Übermacht keinen tatkräftigeren Gebrauch gemacht hat.
Bei der Schilderung der Ereignisse wurde hierauf mehrfach hingewiesen. Schon bei Stromboli macht du Quesne keinen ernsten Versuch, Ruyter zum zweiten Male entgegenzutreten, obgleich er unmittelbar nach der Schlacht bedeutende Verstärkung erhielt; in noch höherem Maße erscheint es auffallend, daß er im nächsten Jahre nicht alles daransetzt, den weit schwächeren Callenburgh vor Neapel zu vernichten. Doch kann man in diesen beiden Fällen wenigstens annehmen, er habe zunächst den wichtigen Zufuhrtransport sicher nach Messina führen wollen. Aber auch sonst vermißt man fast durchgehend eine energische Offensive, meist liegt die französische Flotte ohne größere Aufgabe tatenlos vor der belagerten Stadt. Als Ruyter an der italienischen Küste war, hätte sie gegen die getrennten Gegner vorgehen können; die Spanier wenigstens wären ihnen gewiß leicht zum Opfer gefallen. Nach Agosta machen die Franzosen eine lange Pause, ehe sie den Schlag gegen Palermo führen, obgleich sie auch nach dieser Schlacht wiederum durch ihre Galerenflotte verstärkt waren. Der Sieg wird dann nicht völlig ausgenützt, und es wird später nicht daran gedacht, die Reste der aufs neue getrennten feindlichen Flotten gänzlich zu vernichten.
Du Quesne war ein tüchtiger Mann. War er es nur in der Schlacht -- Tourville äußert sich später bei der Expedition gegen Algier über du Quesne derart, als ob dieser größere eigene Verantwortung gescheut habe; ein Vorwurf übrigens, der gegen ihn selbst im nächsten großen Kriege auch erhoben wurde -- oder konnte er den lauen Vivonne, der stets den Oberbefehl auch über die Flotte führte, nicht zu energischen Taten bewegen? Spielte Eifersucht Vivonnes auf du Quesne, Louvois' auf Colbert hierbei mit? Wenn die französische Flotte endlich in den letzten Kriegsjahren an der spanischen Küste so wenig hervortrat, so scheint dies allerdings seinen Grund in ihrem weniger schlagfertigen Zustande gehabt zu haben; daß es aber dahin gekommen war, macht ebenso wie ihr Verhalten bei Sicilien den Eindruck, als ob man die neue Waffe doch noch nicht zu schätzen verstanden habe.
Über =Spanien= ist nichts weiter zu sagen; der Krieg zeigt, in welchem Zustande das ganze Reich und seine Marine im besonderen war.
$Der Frieden von Nymwegen$ schloß diesen Krieg ab. Seine Bedingungen kennen wir bereits (Seite 363). Es ist aber gerade für unseren Standpunkt wichtig, die =mittelbaren Folgen dieses Krieges= für Holland, Frankreich und auch England zu betrachten.
Scheinbar war der Friedensschluß für =Holland= unerwartet günstig; es verlor in Europa nichts, im Auslande nur wenige bedeutende Besitzungen. Aber sein Schaden während dieser Kriegsjahre nach dem Frieden mit England war doch sehr groß. In dieser Zeit ging ein großer Teil seines europäischen Zwischenhandels in englische Hände über; die holländische Schiffahrt war zu gefährdet und Frankreich begünstigte in jeder Weise die Englands, um Holland zu schädigen und England neutral zu erhalten. =England= machte dadurch als Seemacht einen Schritt weiter auf Kosten Hollands; Holland begann, von der Stelle einer Seemacht ersten Ranges abzutreten, und als im nächsten Kriege die beiden Nationen vereint gekämpft hatten, sicherte sich England als der nun stärkere Verbündete wiederum den größeren Gewinn zur See.
Aber auch =Frankreich= zog aus dem Kriege keineswegs nur Nutzen, wenigstens nicht für sein Seewesen; durch ihn ward das Werk Colberts gehemmt. Dieser wollte bekanntlich durch Begünstigung der Produktion und durch Anregung des Seehandels mit Hilfe einer starken Handels- und Kriegsmarine den Wohlstand des Landes heben. Bis zu diesem Kriege war alles gut gegangen; man befand sich auf dem Wege, Holland und England mit Erfolg Konkurrenz zu machen; die Einnahmen des Landes vermehrten sich mächtig.
Ludwigs Politik gegen Holland stärkte aber, wie eben gesagt, den Seehandel Englands schon während des Krieges. Die Friedensbedingungen waren dann zwar sehr vorteilhaft für Landzuwachs und militärische Machtstellung -- Frankreich stand jetzt an der ersten Stelle auf dem Festlande --, sie waren es aber nicht für Industrie und Handel des Landes, weil die Schutzzölle zugunsten Englands und Hollands herabgesetzt wurden. Dies traf die Weiterentwicklung der Schiffahrt schwer und die Kriegsmarine war, ohne Rückhalt an eine starke Handelsmarine, wie ein Baum ohne Wurzeln. Zwar wuchs sie in den nächsten Jahren noch sehr und wurde selbst für kurze Zeit der englischen überlegen; sie schwand aber in dem nächsten großen Kriege schnell dahin. Das Scheitern des Planes Colberts, Frankreich zu einer großen Handelsmacht zu machen, ist auch von Einfluß gewesen auf den finanziellen Ruin des Landes im nächsten Jahrhundert, der durch die weiteren kostspieligen Kriege Ludwigs eingeleitet wurde.
$Der schwedisch-dänische$[220] (-holländisch-brandenburgische) $Krieg 1675-1679$.
Im zweiten Eroberungskriege Ludwigs XIV. trat =Schweden= auf die Seite Frankreichs und griff 1675 Brandenburg an; =Dänemark= unterstützte diesen Staat. Da es sich hierbei für Dänemark darum handelte, dem Großen Kurfürsten bei der Eroberung Pommerns zu helfen, den Schweden die rückwärtigen Verbindungen von dort abzuschneiden, vor allem aber auch die im letzten Kriege mit Schweden verlorenen Provinzen (z. B. »Schonen«; deshalb auch der »schonische Krieg« genannt) und die Vorherrschaft in der Ostsee wiederzugewinnen, so spielte der Krieg zur See eine große Rolle.
[220] Die früheren Kriege Dänemarks und Schwedens und ihre Marinen vgl. Seite 44, 109, 148, 239. Die Quellen dort auch hier gültig. Über die Beteiligung der Holländer siehe de Jonge, Teil II, Seite 153, und »Vie de Tromp«.
$Die dänische Marine$ war im letzten Kriege nicht imstande gewesen, ihr Land vor Invasion zu schützen; Christian V. aber (1670-1699) brachte sie hoch, ja er führte sie zu ihrem höchsten Glanze. Schon 1675 besaß Dänemark an Kriegsschiffen: 2 zu 80-90 Kanonen; 11 zu 58-78; 7 zu 36-54; 6 zu 24-32; 4 zu 8-20. Dazu traten 46 Defensionsschiffe der großen Rhedereien (darunter 20 zu 34 Kanonen). Infolge der engen politischen Verbindung mit Holland, der Unterstützung durch seine Flotten, hatten holländisches Wesen und holländische Seeleute in großem Maße Eingang in die dänische Marine gefunden; in dem jetzt ausgebrochenen Kriege wurde sogar 1676 =Cornelis Tromp= als Oberbefehlshaber berufen, nachdem der bisherige -- der tüchtige Admiral Adolar, auch im holländischen Seedienst erzogen -- gestorben war.
Nach de Jonge waren die neueren dänischen Schiffe nach holländischem Muster und teilweise von holländischen Schiffbauern gebaut; fast alles Kriegsmaterial ward aus den Niederlanden bezogen. In der dänischen Flotte unter Niels Juel im Jahre 1677 waren der Vizeadmiral, der Kontreadmiral und 17 Kommandanten (von 26) Holländer; 1676 hatte man 3000, 1677 gar über 5000 Seeleute in den Niederlanden angeworben. Kein Wunder, wenn nun dieselbe Quelle, auf ältere gestützt, sagt: Es hätten die Schweden in diesem Kriege eigentlich nur gegen Holländer gefochten; es hätten die dänischen Seeleute von diesen gelernt -- auch Juel von Tromp --; selbst die von den dänischen Schiffen allein erreichten Erfolge seien den aus Holland stammenden Offizieren oder doch deren Unterweisung zuzuschreiben.
Gegen diesen holländischen Einfluß, gefördert durch Admiral Adolar, trat von jetzt an eine nationale Partei in der Marineleitung auf und drang nach und nach durch. Sie bewirkte 1678 die Entfernung Tromps, ihr Haupt =Niels Juel= übernahm die Oberleitung und sorgte für die Schaffung eines tüchtigen nationalen Offizierkorps.
$Die schwedische Marine$ war 1675 der dänischen noch an Zahl und Größe ihrer Schiffe überlegen, aber minderwertig im Personal. Unter der vormundschaftlichen Regierung für Karl XI. (seit 1660) wurden die Offiziersstellen, namentlich die höheren, vielfach nach Gunst an Angehörige der regierenden Adelspartei vergeben, die nicht Seeleute, oft nicht einmal Soldaten waren. Es sollte sich bald zeigen, daß die dänische Flotte auch ohne Unterstützung durch die holländische, die dänischen Führer auch ohne Tromp, den Schweden überlegen waren.
$Holland$ griff in den Krieg ein, »um seinem treuen Verbündeten, dem Großen Kurfürsten, zu helfen«; es geschah aber auch wohl, damit Schweden nicht wieder zu mächtig an der Ostsee werde. In allen früheren Kriegen war es Hollands Bestreben gewesen, keine Macht zu hoch kommen zu lassen, sei es Hansa, Dänemark oder Schweden. Gerade von Holland aus erging an Dänemark die Anregung zum Kriege, Subsidien für die dänische Flotte wurden zugesagt (wie auch von Spanien) und das Werben von Seeleuten in den Niederlanden bereitwilligst gestattet. Endlich wurden auch in den Jahren 1675, 1676 und 1677 Geschwader in die Ostsee gesandt, um mit den Dänen gemeinsam zu operieren. Diese Geschwader waren jedoch nicht groß und erreichten in keinem Jahre die Stärke, die ursprünglich beschlossen war. Die Gründe hierfür -- sowohl für die nur gering bemessenen wie auch für die dann nur teilweise durchgeführten Rüstungen -- waren dieselben, die wir bei den anderen Unternehmungen nach 1674 kennen gelernt haben: Geteilte Meinungen in den Provinzen über fernerliegende Unternehmungen; Mangel an Geld bei einzelnen Admiralitäten. Die spanische Unterstützung blieb natürlich auch hier aus.
So betrug die =Stärke der Geschwader= nur:
1675 Schiffe: 3 zu 70 K.; 2 zu 50-60; 2 zu 40; 1676 " 3 " 70 " ; 6 " 60-64; 6 " 40-44; 1677 " 1 " 76 " ; 5 " 60-70; 4 " 40-50;
1675 Schiffe: 6 kleinere; 2 Brander; Admiral Binckes 1676 " 6 " ; 3 " ; " C. Evertsen 1677 " 3 " ; 3 " ; " Scheppers.
Schließlich müssen wir auch noch die $Seestreitkräfte Brandenburgs$ erwähnen. 1675 erteilte der Große Kurfürst dem Holländer =Benjamin Raule= (in Middelburg, Seeland) Kaperbriefe gegen Schweden. Dieser trat bald -- deshalb der Seeräuberei angeklagt und landesflüchtig -- als Marinedirektor in brandenburgischen Dienst. Mit ihm schloß nun der Kurfürst in den Kriegsjahren stets für einige Monate die Gestellung von Kriegsschiffen ab. Es waren dies immer 3 Fregatten, in ihren Größen zwischen 16-20 und 18-24 Kanonen schwankend, sowie einige (3-10) kleinere Fahrzeuge zu 4-10 Kanonen. Im Jahre 1675 traten noch 3 Linienschiffe von 40-44 Kanonen für fünf Monate hinzu, die von der Admiralität Amsterdam geheuert waren.
$Der Verlauf des Krieges$ brachte im Jahre $1675$ zur See nichts von Bedeutung. Das holländische Geschwader traf Ende Juni in Kopenhagen ein, aber erst am 23. August lief die vereinigte Flotte, die Dänen unter Adolar, aus. Sie kreuzte meistens zwischen Bornholm und Rügen und fing auch einige schwedische Zufuhrschiffe ab. Die schwedische Flotte zeigte sich zunächst nicht. Sie ging erst am 19. Oktober in See -- 44 Kriegsschiffe, mit 9000 Mann Truppen für Pommern oder für einen Einfall in Seeland --, kehrte aber bald um infolge stürmischen Wetters, in dem einige Schiffe verloren gingen, und infolge einer erschreckend zunehmenden Epidemie unter den Soldaten und Matrosen; der Untergang der Schiffe und die Krankheit sollen 5000 Mann gekostet haben. Die Holländer gingen dann in die Heimat zurück und begleiteten dabei eine große Zahl ihrer Ostseefahrer.
=Zu Lande= wurden die Schweden aus der Mark vertrieben (Fehrbellin 28. Juni) und in Pommern von Brandenburg und Dänemark angegriffen. Der Große Kurfürst nahm in diesem Jahre noch die Inseln Usedom und Wollin sowie Peenemünde und Wolgast, teilweise unter Mitwirkung seiner kleinen Flottille; die Dänen eroberten Wismar und Damgarten.
$Im Jahre 1676$ trafen die Holländer schon im Mai in Dänemark ein. Es waren aber zunächst nur 9 Schiffe und 2 Brander der Provinzen Hollands unter Kontreadmiral =Almonde=, das Kontingent Seelands war wieder einmal noch nicht seeklar; mit ihnen kam =Tromp= als Passagier. Er wurde mit großen Ehren[221] empfangen, übernahm den Oberbefehl über die dänische Flotte und schiffte sich auf »Christian V.« (86 Kanonen) ein, dessen erster und zweiter Kapitän Holländer waren; das Geschwader brachte auch Matrosen für die dänischen Schiffe mit. Während Tromp vorläufig die Ausrüstung weiterer Schiffe überwachte, stieß Almonde zu =Niels Juel=, der schon am 29. April =Wisby= zur Übergabe gezwungen hatte. Die so vereinigte Flotte zählte 10 Linienschiffe, 7 Fregatten, 4 Brander und einige Jachten; sie begegnete am 4. Juni abends bei $Bornholm$ den Schweden, diese 25 Linienschiffe, 10 Brander und Jachten stark unter den Admiralen =Creutz= und =Ugla=. Am 4. wurden nur einige Schüsse auf weitere Entfernung gewechselt, es scheint flau gewesen zu sein; $am 5. Juni$ 6 Uhr früh kam es zu einem wirklichen Gefecht, das aber auch ohne größere Folgen und ohne Entscheidung blieb.
[221] Schon jetzt erhielt er den Elefantenorden. Als er dafür aber an Gebühren 2000 Taler zahlen mußte, soll er, sparsam veranlagt, gesagt haben: »Maar duivel! het beestje komt mij een beetje duur te staan.« (De Jonge.)
Die Schweden standen zu Luward, griffen aber nicht an, sondern steuerten hoch am Winde. Die Holländer, die Vorhut der Verbündeten, versuchten, nahe an den Feind heranzukommen; sie waren gezwungen, unter seinem Feuer vorzulaufen, zu wenden und dann wieder an der feindlichen Linie entlang zu segeln. Diesem Manöver sollen nun nur 2 Dänen, von Holländern kommandiert, gefolgt sein; Niels Juel soll sich auf weiteren Entfernungen gehalten haben: Das holländische Flaggschiff wurde sehr beschädigt und Almonde sah sich genötigt, das Nahgefecht abzubrechen; Juel zog sich gegen 10 Uhr vorm. zurück, Almonde will diesen Rückzug gedeckt haben. Auch die Schweden drangen nicht auf Fortsetzung des Kampfes. Dies ist die Schilderung nach Almondes Bericht; wie häufig beschwert sich ein Verbündeter über den andern: Die dänische Überlieferung rühmt Niels Juel, daß er den überlegenen Angriff mit Erfolg abgewiesen habe, und erwähnt nichts von hervorragendem Auftreten der Holländer. Neuere holländische Quellen geben zu, daß der dänische Admiral den Befehl gehabt haben könne, gegen überlegene Kräfte und vor Tromps Eintreffen nichts einzusetzen. Hierüber sagt aber schon Almonde sehr richtig, dann hätte Juel schon am 4. das Gefecht vermeiden müssen; es muß dann auch auffallend erscheinen, daß der dänische Admiral solche Absicht dem holländischen nicht bekannt gegeben.
Die Schweden segelten nach dem Gefecht nördlich, die Verbündeten westlich. Zu diesen stieß am 7. bei Falsterbo =Tromp=, der auf die Nachricht von dem Gefecht sofort mit 4 schweren dänischen und 3 neuangekommenen holländischen Linienschiffen in See gegangen war. Tromp sucht jetzt mit der so verstärkten Flotte den Feind, sichtet ihn am 9. unter der schwedischen Küste und verfolgt ihn. In der Nacht aus Sicht gekommen, wird er am 10. mittags durch die Fregatten wiedergefunden, am 11. vormittags endlich erreicht und zwischen Bornholm und Öland bei günstigem Winde (Westnordwest) angegriffen.
In dieser $Schlacht bei Ertholm$ (Christiansö) $oder Öland$ wurde nicht lange rangiert gefochten. Die Verbündeten griffen von Luward an; Tromp selbst (»Christian V.« 86 Kanonen) engagierte das schwedische Flottenflaggschiff »3 Kronen« (120 Kanonen; 800 Mann, wohl mit das mächtigste Schiff damaliger Zeit). Dieses wollte nach Abgabe der ersten Breitseite wenden, um die andere Lage zu feuern; die Luvgeschütze wurden bei Bemannung der anderen Seite zu früh verlassen und nicht festgesetzt, sie gingen über und das Schiff lag zum Kentern; die brennenden Lunten fielen dabei zwischen aufgehäufte Kartuschen und das Schiff flog auf. Der Unfall rief Schrecken und Unordnung in der Flotte hervor, verschiedene Schiffe hielten ab. Der Vizeadmiral Ugla, einer der wenigen Seeleute in höheren Stellen, leistete mit einigen Schiffen kräftigen Widerstand, aber auch sein Schiff (86 Kanonen) flog in die Luft. Es hatte im Kampfe mit Tromp so schwer gelitten, daß es die Flagge strich. Als schon ein Boot unterwegs war, um es in Besitz zu nehmen, wurde es durch einen holländischen Brander ohne Befehl in Brand gesetzt (Tromp äußert sich empört über diesen Verstoß gegen Kriegsbrauch). Nun erfolgte regellose Flucht der Schweden; jedes Schiff trachtete nur danach, sich dem Kampfe zu entziehen und irgend einen Hafen zu erreichen; dabei wurden 2 Linienschiffe und 2 kleinere eingeholt und genommen. Die Verbündeten verfolgten 2 Tage, sie sahen 4 Schiffe an der Küste stranden; zwei davon gingen verloren, darunter das dritte Flaggschiff. Die Holländer und Dänen hatten keine nennenswerten Verluste und Beschädigungen.
Mit Verlust von 8 Linienschiffen, darunter die 3 Flaggschiffe der Geschwader, wurden die Schweden in voller Auflösung und schwer beschädigt in ihre Häfen gejagt; Tromp ging dann in die Kjögebucht, um weitere Befehle einzuholen. Der Sieg wurde auch sofort strategisch ausgenutzt. Die Schweden zeigten sich in diesem Jahre nicht mehr außerhalb der Häfen, und so konnte eine schon vorbereitete =Landung in Schonen= ausgeführt werden. Tromp ging mit einem Teil der Flotte nach Ystadt, warf 4000 Soldaten und Matrosen an Land und nahm die Stadt; dann landete der König selbst unter dem Schutz von 11 Kriegsschiffen auf 600 Fahrzeugen 16000 Mann zwischen Helsingborg und Landskrona und eroberte auch diese Städte sowie später Christianstadt leicht. Von See aus wurden durch die Flotte noch Karlshamn und Christianopolis genommen.
Zur Zeit der Landung in Schonen war auch Evertsen mit dem Rest der holländischen Hilfsflotte in Kopenhagen eingetroffen. Er war durch Mannschaftsmangel (häufig in Seeland; infolge des Freibeutereidienstes?) so lange aufgehalten, dann hatte er im Verein mit dem Geschwader für Schutz der Fischerei in der Nordsee vergeblich ein schwedisches Geschwader vor der Elbe und an der Küste Norwegens gesucht. Er übernahm nun den Oberbefehl über die Holländer; Almonde ging, wie uns bekannt, nach dem Mittelmeer, um hier den Oberbefehl zu führen.
Hiermit fanden für 1676 die wichtigen Ereignisse zur See ein Ende. Holländer und Dänen kreuzten noch bis zum Herbst an den pommerschen und schwedischen Küsten, dann gingen jene heim und diese legten auf. Es trat die übliche Winterruhe ein, die Holländer waren auch wohl der Ansicht, Schweden für ihre Zwecke vorläufig genügend geschwächt zu haben.
=Im Landkriege= war jedoch das Glück den Dänen nicht beständig, ihr Fortschritt in Schonen kam zum Stehen. Ein Versuch, sich Gothenburgs und der dort liegenden Schiffe zu bemächtigen, schlug fehl; Christianopolis, Karlshamn und Helsingborg gingen wieder verloren.
$Im Jahre 1677$ betrieb Schweden eifrigst mit französischem Gelde die Rüstung seiner Flotte; Dänemark erbat und erhielt wiederum Unterstützung von Holland. Tromp war in Person zu diesem Zweck und um weitere Leute anzuwerben nach Holland gegangen; er selbst, seit Ruyters Tod zum Generalleutnantadmiral befördert, erhielt ein weiteres Jahr Urlaub. Das neue holländische Geschwader, mit Tromp und 1500 Matrosen für Dänemark an Bord, traf am 11. Juli bei Kronenburg ein.
Schon vorher hatte =Niels Juel= mit seinen Dänen =große Erfolge= errungen. Er verlegte einem schwedischen Geschwader von 17 Segeln, worunter 8 Linienschiffe, das sich von Gothenburg durch den Belt nach Osten begeben und mit der Hauptflotte vereinigen wollte, auf der Linie =Warnemünde= -- =Gjedser= den Weg (11. Juni) und nahm in zweistündigem Kampfe 5 Linienschiffe sowie 2 kleinere. Am 11. Juli erschien die Hauptflotte der Schweden -- 37 Linienschiffe, 10 Fregatten, 2 Brander unter =Admiral Horn= -- bei Falsterbo und griff bei günstigem Winde die ihm in der $Kjögebucht$ entgegentretenden Dänen -- 25 Linienschiffe, 5 kleinere, 3 Brander unter Niels Juel -- an. Der Angriff dieser überlegenen Macht wurde mit Tapferkeit ausgeführt, aber mit wenig Ordnung; es zeigte sich dann die größere Kriegsfertigkeit der Dänen. Juel hielt, obgleich man gerade besonders ihn angriff und er dreimal sein Flaggschiff wechseln mußte, stets die Ordnung aufrecht, gewann den Wind, schnitt einen Teil des Feindes ab und dublierte diesen. Die Schweden wurden vollständig geschlagen -- mindestens 4 Linienschiffe wurden genommen, 4 vernichtet -- und zogen sich größtenteils schwer beschädigt fluchtartig in ihre Häfen zurück. Bastiansze =Scheppers=, der mit seinen Holländern gerade den Sund heraufkam, erfuhr, daß 3 Schweden der geschlagenen Flotte auf dem Wege nach Gothenburg in =Malmö= eingelaufen seien. Er teilte sein Geschwader, besetzte das Fahrwasser bei Kronenburg und bei den Drogden, der Rest suchte die genannten Schiffe. Man traf sie noch in Malmö an, nahm eins und vernichtete die andern durch Brander.
Dieser große Seesieg war von bedeutendem Nutzen für den =Landkrieg=. Auch 1677 war das dänische Heer nicht erfolgreich. Ein Versuch nach dem Siege bei Warnemünde, sich Malmös zu bemächtigen, mißlang, und am 24. Juli griffen die Schweden die Hauptstellung vor Landskrona an. Nach blutiger Schlacht, an der beide Könige teilnahmen, behaupteten sie das Schlachtfeld; die Dänen mußten sich auf die Stadt zurückziehen. Die völlige Niederlage der schwedischen Flotte erlaubte nun aber eine Diversion mit der eigenen; diese erhielt den Befehl, die $schwedische Küste$ im Rücken der feindlichen Armee zu beunruhigen und $zu brandschatzen$, insbesondere $Kalmar anzugreifen$.
Der Stoß wurde gegen die Küste von Smaland und gegen die Insel Öland geführt. Der größere Teil der dänischen Flotte unter Juel traf am 11. August in diesen Gewässern ein, die Holländer folgten erst später und ebenso Tromp mit dem Rest der Dänen. (Der Grund der Verzögerung lag wohl in Reibungen, die gerade nach dem Erfolge der Dänen entstanden zu sein scheinen: Scheppers wollte nicht unter dänischem Oberbefehl stehen und Tromp begann zu fühlen, daß man ihm nicht mehr die bisherige Hochachtung zollte.) Nun begann ein barbarisches Werk der Zerstörung, das man nur mit dem alten Haß zwischen den Dänen und Schweden erklären und in etwas damit entschuldigen kann, daß auch auf den genommenen schwedischen Schiffen die Order vorgefunden war, »im Falle des Sieges die dänischen Lande mit Feuer und Schwert zu verwüsten.«
Die dänische Flotte hatte schon vor Tromps Ankunft verschiedene Dörfer, Schlösser und die kleine Stadt Münsteräs an der Küste Smalands verbrannt. Nun versuchten die Dänen von Norden, die Holländer von Süden in den Kalmarsund vorzudringen, um die dort liegenden Kriegsschiffe (etwa 12) zu zerstören; es war jedoch nicht möglich, weil die Schweden im Fahrwasser die Seezeichen entfernt und Schiffe versenkt hatten. Auch ein Versuch, durch eine Landung von 2000 Mann sich der Stadt Kalmar zu bemächtigen, schlug fehl, man konnte nur die Vorstadt verbrennen und die Umgegend verwüsten. Endlich wurde (28. August) im Norden und Süden auf Öland gelandet; ein Festsetzen, um von hier aus gegen Kalmar vorzugehen, war jedoch wieder nicht möglich, da man die Feste der Insel nicht zu nehmen vermochte. So verbrannte man sämtliche Häuser auf der Insel, die Kirchen ausgenommen, trieb alles Vieh, an 2000 Kühe und Schafe, weg und schiffte sich wieder ein.
Nach Verwüstung der Umgegend Kalmars und der Insel Öland wurde Tromp mit einem Teil der dänischen Flotte und der gesamten holländischen nach Kopenhagen zurückgerufen (Anfang September); =Niels Juel= verblieb an der Küste Smalands. Er brandschatzte hier weiter in der Nähe Westerviks, erzwang sich am 11. September mit kleineren Kriegsschiffen Eingang in den befestigten Hafen und verbrannte den Ort sowie die dort liegenden Kriegs- und Kauffahrteischiffe; dann lag er bis zum Winter zur Beobachtung des Feindes bei Gothland.
Damit enden in diesem Kriege die wichtigeren Unternehmungen zur See, die von seiten Dänemarks und Hollands gegen Schweden unmittelbar gerichtet waren. Die schwedische Flotte verließ $1678$ ihre Häfen nicht. Sie hatte genug mit der Ausbesserung der wenigen noch kampffähigen Schiffe zu tun; die Nation hatte das Vertrauen auf ihre Marine verloren, es war nicht möglich, brauchbaren Personalersatz zu erhalten. Auch als sie sich 1679 wieder zeigen wollte, wurde sie von Juel im Schach gehalten. =Dänemark beherrschte= bis zum Schluß des Krieges =die Ostsee=, so daß Schweden auch nicht imstande war, nach Pommern die so nötige Unterstützung zu senden.
$Der Krieg In Pommern$ dagegen bringt in den Jahren 1677 und 1678 noch einige erwähnenswerte Ereignisse. Die im September $1677$ von Smaland zurückgezogenen dänisch-holländischen Seestreitkräfte wurden bestimmt, $Rügen zu erobern$. Sie erschienen unter dem König und =Tromp= am 17. September 1677 zwischen Wittow und Jasmund und landeten 4000 Mann; nur etwas Kavallerie, bald durch das Feuer der Schiffe vertrieben, versuchte vergeblich die Landung zu hindern. Verstärkungen trafen von Dänemark und auch vom Großen Kurfürsten ein -- dieser belagerte seit Juli Stettin, Tromp stellte sich ihm Ende September dort vor -- und so wurde die Insel leicht erobert; die Schweden unter Graf =Königsmark= mußten sich auf Stralsund zurückziehen. Von hier aus aber eroberten sie Ende 1677 die Insel wieder, wobei die dänischen Truppen fast sämtlich gefangen genommen wurden. Die dänischen Schiffe kreuzten im übrigen bis zum Winter vor der pommerschen Küste; die Holländer gingen im Herbst, wiederum einen großen Convoi geleitend, heim.
Die kleinen =brandenburgischen Flottillen= fanden 1676 und 1677 Verwendung zur Blockade der Häfen von Stralsund, Greifswald und Stettin. Im Juni 1676 hatten sie das Glück, eine schwedische Fregatte und einen Brander zu nehmen, die nach einem der Gefechte von ihrer Flotte abgekommen waren; diese wurden als die ersten »kurfürstlichen« Schiffe in Dienst gestellt.
Für das Jahr 1678 gelang es Dänemark nicht, die Unterstützung durch eine holländische Flotte zu erhalten, nur neue Werbungen in den Niederlanden wurden gestattet; Holland stand schon in Friedensunterhandlungen mit Frankreich. Infolgedessen setzte nun die nationale Partei der dänischen Marine die Abdankung Tromps durch. Dieser war über den Undank sehr empört, trotzdem bewog er den größten Teil der holländischen Offiziere und Mannschaften, die in dänischem Dienste standen, zu bleiben; über die Entlassung ihres Admirals gleichfalls entrüstet, hatten auch sie den Abschied verlangt; es war fast zu Meuterei gekommen. Nach Holland zurückgekehrt, trat =Tromp= nicht mehr auf, er zog sich bald ins Privatleben zurück. 1691 wurde er zwar als Oberbefehlshaber der vereinigten englisch-holländischen Flotte in Aussicht genommen, er war jedoch krank und starb am 29. Mai dieses Jahres. Vor dem Verlassen der Ostsee sollte er aber das letzte größere Unternehmen zur See hier noch mitmachen.
Im Januar $1678$ war Stettin nach langer Belagerung gefallen, die Schweden verloren immer mehr Boden in Pommern und die Verbündeten planten $aufs neue die Eroberung Rügens$; der =Große Kurfürst= hatte hierzu Tromp zu sich berufen.
Zu dieser Expedition hatte der Kurfürst in Peenemünde 350 Fahrzeuge für den Transport von 4000 Mann unter =Derfflinger= gesammelt; die Flottille -- 7 Segel mit 107 Kanonen -- sollte Überfahrt und Landung decken. Tromp befand sich als Kriegsfreiwilliger an Bord des Flaggschiffes, Dänemark stellte ein kleineres Geschwader -- 7 Linienschiffe und einige kleinere -- unter Niels Juel. Am 22. September wurde aufgebrochen, jedoch segelten die Dänen (schon am 21.?!) nach Wittow, der Kurfürst nach Palmerort. Er wollte hier einen Scheinangriff machen, die Truppen aber bei Putbus landen. Die Landung konnte an diesem Tage nicht ausgeführt werden; Flaute zwang zum Ankern und hielt sogar die Flottille eine Zeitlang im Feuer von am Lande aufgefahrenen Geschützen fest, doch taten diese kaum Schaden. Den Dänen dagegen war es am 22. gelungen, ohne wesentlichen Widerstand auf Wittow Fuß zu fassen und Juel meldete dies in Person am 23. dem Kurfürsten. Hierauf ging auch dieser mit seiner ganzen Macht dorthin, die Kriegsschiffe wurden zeitweise wegen neuer Flaute durch Boote getaut. Dann wurde die Landung ausgeführt, obgleich die Schweden Kavallerie bereit hielten und auch Geschütze auffuhren: Die Boote und kleinen Fahrzeuge gingen in bester Ordnung -- wo nötig mit Weiterstaken -- so nah wie angängig heran, die Truppen wateten oder schwammen an Land und formierten sich schnell; alles ohne Verlust, weil die Schweden keinen ernstlichen Widerstand leisteten, auch Kavallerie kam bald an Land. Der Feind wich und räumte schon am 24. die Insel, nachdem er in einem kurzen aber heftigen Gefechte um die Stellung, die den Übergang nach Stralsund deckte, geschlagen war.
Nach der Eroberung Rügens wurde der Dänholm genommen; nun =kapitulierte= Ende Oktober =Stralsund=, von der Land- und Wasserseite eingeschlossen, und im November nach zweistündiger Beschießung mit glühenden Kugeln auch =Greifswald=; ganz Schwedisch-Pommern war erobert. 1679 ward nur noch in Ostpreußen gefochten -- Friedrich Wilhelms Zug über das Kurische Haff.
=Schweden büßte in diesem Kriege schwer die Vernachlässigung seiner Marine.= Wäre seine an Material so mächtige Flotte schlagfertig gewesen, so dürfte den Gegnern der Krieg in Pommern weit schwerer geworden sein und an Stelle eines dänischen Einfalls in Schonen hätte die Geschichte vielleicht einen schwedischen in Seeland gesehen. Die innerlich tüchtigere und besser geführte dänische Flotte, noch während des Krieges weiter gepflegt, führte schließlich den Sieg ihres Staates trotz der eigentlich nur geringen Erfolge des Landheeres herbei.
Es ist bereits erwähnt, daß in den =Frieden von Fontainebleau= (oder Lund, September 1679) und =St. Germain= (Juni 1679) sowohl Dänemark wie Brandenburg ihre Eroberungen zurückgeben mußten; von den übrigen Verbündeten -- Holland; Kaiser; Reich -- verlassen, hatten sie sich den Forderungen Ludwigs XIV. zu fügen.
Es sei an dieser Stelle noch die =weitere Geschichte der brandenburgischen Marine=[222] kurz geschildert, wenn sie auch an keinem Seekriege mehr teilnimmt.
[222] Näheres z. B. von Borke, »Die brandenburg-preußische Marine und die afrikanische Kompagnie.«
Da im Frieden von St. Germain Stettin und Stralsund an Schweden zurückfielen, blieben dem Großen Kurfürsten nur Pillau und Königsberg zu Hafen- und Werftanlagen für handelspolitische und kriegsmaritime Zwecke; hier wurden dann auch Warenhäuser und Arsenale errichtet; 1682 gründete Friedrich Wilhelm eine afrikanische Handelsgesellschaft. Um auch einen Hafen an der Nordsee zu haben, legte er 1683 Besatzungen nach Emden und Gretsiel; er benutzte dazu Zwistigkeiten zwischen den Fürsten und den Ständen von Ostfriesland und folgte einem Wunsche der letztgenannten. Emden wurde nun der Sitz der Kompagnie, die Ostfriesen erhielten dafür das Recht, unter dem Schutz der brandenburgischen Flagge zu fahren.
1684 wurde die bisher gemeinschaftliche Verwaltung der eigentlichen Kriegsmarine und der Handelskompagnie getrennt; die Marine zählte dann bald 10 Segel: 2 zu 50 Kanonen; 1 zu 40; 1 zu 36; 1 zu 20; 1 zu 40; 1 zu 10; 2 zu 6 Kanonen. Der größte Teil dieses Bestandes gehörte zur Station der Nordsee; der höchste Bestand war 1688 erreicht: 35 Schiffe mit 210 Kanonen und 40 Fahrzeuge mit 80 Kanonen. Nach dem Tode des Großen Kurfürsten 1688 ging die Marine schnell zurück, da Friedrich III. keinen Wert auf Entwicklung des Seehandels legte; die Hauptstütze ihres Gründers, Raule, starb 1707; als 1708 noch Soldaten nach Afrika gesandt wurden, mußten sie unter holländischer Flagge fahren. Friedrich Wilhelm I. sah sich genötigt, den Schutz des Seehandels ganz aufzugeben und die Kolonien an Holland abzutreten; damit verschwindet die brandenburgisch-preußische Marine bis zu einem schwachen Versuch 1756.
Von der Verwendung der brandenburgischen Marine nach dem Frieden sei noch folgendes erwähnt: 1680 kreuzte ein Geschwader -- 5 Schiffe zu 16-40 Kanonen; 1 Brander; 515 Matrosen, meist Holländer; 180 Soldaten -- gegen Spanien im Kanal, um auf diese Weise die nicht gezahlten Subsidien für den letzten Krieg einzutreiben, und nahm ein Schiff zu 50 Kanonen; später segelte das Geschwader nach Westindien und brachte verschiedene Kauffahrer auf. 1682 gingen 2 Fregatten nach der Westküste Afrikas und gründeten dort die Niederlassung Groß-Friedrichsburg (am Kap der drei Spitzen), andere Faktoreien folgten hier. Versuche, auch in Westindien Fuß zu fassen -- auf St. Thomas wurde eine Faktorei angelegt --, scheiterten an der Eifersucht Hollands und Frankreichs.
$Kämpfe gegen die Barbaresken 1674-1688 und die Franzosen vor Genua 1684$ (Bombardements von Algier und Genua).
Wir wissen, daß jedesmal nach größeren Kriegen an die westeuropäischen Marinen die Aufgabe herantrat, kräftiger gegen die Raubstaaten Afrikas vorzugehen; wenn man sich während der Kriege mit der notwendigsten Sicherung der Kauffahrer gegen Seeraub begnügen mußte, nahm dieses Räuberunwesen stets zu.
Von 1675 an hielten $die Engländer$[223] ein stärkeres Geschwader an der Nordküste Afrikas, unter dessen Druck Verhandlungen mit Algier, Tunis und Tripolis geführt wurden. Blockade der Häfen, Wegnahme einzelner Schiffe, Gefechte mit Seeräubergeschwadern, auch Bedrohung oder gar Bombardement der Hauptstädte (z. B. 1677 der Stadt Tripolis durch Admiral Narbrough) führten dann zur Befriedigung der englischen Forderungen: Rückgabe von Gefangenen, Zahlung von Entschädigungen, Abschluß von Verträgen; doch wurden seitens der Barbaresken stets die Verträge gebrochen und die Raubzüge wieder aufgenommen. Im Jahre 1681 hören diese größeren Unternehmungen auf, wohl weil die Franzosen von jetzt an sehr energisch vorgingen.
[223] Clowes, Teil II, Seite 450, gibt die Operationen und manche recht interessante Gefechte genau. Es findet sich dort auch die Bemerkung, daß England 1674-78 sehr von französischen Freibeutern im Kanal zu leiden hatte. Diese, gegen Holland bestimmt, nahmen es wie üblich mit ihren Angriffsobjekten nicht so genau. Der König beschränkte sich auf erfolglose Vorstellungen in Paris. Das Volk mußte den Schaden tragen, merkte es sich aber. -- Ebendort auch Angaben über Gefechte mit Piraten in Ost- und Westindien.
Das englische Geschwader wirkte auch mit zur Verteidigung von =Tanger=, welche Besitzung öfters von Marokko angegriffen wurde. 1683 räumte England Tanger, weil die Kosten der Erhaltung und Verteidigung seinem Werte nicht zu entsprechen schienen. Man gab es auch nicht an Portugal, den früheren Besitzer, zurück, sondern schleifte die Hauptwerke; die Mauren befestigten es aber sofort wieder. Dieses Aufgeben eines strategisch wichtigen Punktes ist selten in der englischen Marinepolitik und wurde auch später bedauert; selbst wenn die Stellung wenigstens von den Portugiesen gehalten wäre, würde es von Nutzen gewesen sein, da diese vom nächsten Jahrhundert an ganz von England abhängig wurden.
Unwesentlicher waren die $Operationen der Holländer$.[224] In den ersten Jahren nach dem Frieden 1678 mußte man sich wegen Geldmangels und Schulden der Admiralitäten wie während des Krieges auf den allernotwendigsten Schutz der Kauffahrer beschränken. Von 1686 an wurden zwar größere Geschwader entsendet; erwähnenswerte Ereignisse fanden jedoch auch dann nicht statt.
[224] Nähere Angaben in de Jonge, Teil III.
Weit bedeutender aber sind die $Unternehmungen der Franzosen$.[225] Sie sind besonders bemerkenswert, da bei ihnen zum ersten Male im Seekriege die »Bombe« eine wichtige Rolle spielt; ferner zeigen gerade sie, mit welcher Hartnäckigkeit und auch Kraft die Barbaresken auftraten, wie schwer es den europäischen Mächten wurde, diese niederzuhalten.
[225] Geschildert nach du Sein, Bonfils und Jal: »du Quesne«, hier besonders die Expeditionen sehr genau, die dieser Admiral führte.
Auch die Franzosen hielten seit dem Frieden 1678 Geschwader an der afrikanischen Küste, die ihre Fahrten zum Schutz des Handels bis zur Levante ausdehnten. So zerstörte =du Quesne= 1681 im Hafen von $Chios$ eine Anzahl Schiffe von Tripolis, ohne sich um die Türken zu kümmern; die türkischen Batterien, die eingriffen, wurden zum Schweigen gebracht. Zwar entstand darob großer Zorn in Konstantinopel, aber der Sultan, mit Österreich im Kampfe, wünschte keine Zerwürfnisse mit Frankreich; du Quesne drückte sogar mit seiner Flotte weiter darauf, daß der Sultan Tripolis zum Frieden bewöge. Auch die Freibeuter des Kanals, jetzt unbeschäftigt, wurden gegen die Barbaresken verwendet; =Jean Bart=, schon seit 1679 in der königlichen Marine angestellt, tat hier 1681 den ersten Dienst als Führer kleiner Geschwader solcher Schiffe, die teils von Unternehmern, teils von der Krone unterhalten wurden. Die Erfolge waren aber wie bei den Engländern immer nur von kurzer Dauer; besonders Algier war schwer zu bändigen, der Dey erklärte sogar im Oktober 1681 förmlich den Krieg an Frankreich.
Man erwog nun den Plan zu einem großen Schlage gegen die Stadt Algier; der später an du Quesne gegebene Befehl lautete: »Diese anzuzünden und von Grund aus zu zerstören.« Gut befestigt wie die Stadt war, glaubte man nicht, ihn mit der Flotte allein ausführen zu können, und faßte schon einen größeren Einfall in das Land ins Auge, um sie dann regelrecht zu belagern. Um diese Zeit aber hatte ein junger Edelmann, =Renau d'Eliçagarey=, der sich mit Schiffbaufragen beschäftigte, einen Plan für verbesserte Mörserboote vorgelegt.
Wir haben gehört (Seite 173), daß man um diese Zeit wohl schon in allen Marinen Mörserboote kannte. Sie waren aber nicht genügend segel- und seefähig, um Flotten auf weite Entfernungen begleiten zu können, auch erlaubten Lafettierung und Aufstellung bei schwereren Mörsern wegen des Rückstoßes keine hohen Elevationen. In diesen Hinsichten machte Renau nun Verbesserungen, besonders durch die Konstruktion einer schrägen (um 45° geneigten) und gut federnden Bettung. Die Boote waren etwa 23 m lang und 8 m breit, hatten etwas vor der Mitte zwei Bettungen für je einen Mörser mit der Feuerrichtung nach vorn; sie führten daneben 4 leichte Kanonen und waren mit einer Takelage versehen, die im Gefecht (vor Anker) teilweise niedergelegt werden konnte. Nach den ersten Erfahrungen 1682 wurden sie verbessert; so erhielten sie eine Brustwehr von Netzen mit altem Tauwerk gefüllt, wie man später auf den Schiffen die Hängematten und Kleidersäcke als Schutz verwandte, das Ankergeschirr wurde sehr vermehrt, um die Boote gut festlegen zu können. (Jal: »du Quesne«, Teil II, Seite 414 ff.)
Fünf solcher =Galiotes à bombes à la Renau= wurden 1681/82 in Havre und Dünkirchen gebaut; sie bewährten sich bei den Proben. Man beschloß nun, zu versuchen, mit ihnen Algier durch ein großes Bombardement niederzuzwingen oder zu vernichten, und zog sie 1682 ins Mittelmeer. Wir werden sehen, daß auch ihr Erfolg den Erwartungen nicht völlig entsprach: Geschütze und Munition waren noch zu unvollkommen; immerhin ist es die erste große Verwendung von Sprenggeschossen im Seekriege. Ehe wir zur Besprechung der verschiedenen Unternehmungen gegen Algier (und auch gegen Tunis und Tripolis) schreiten, sei die =taktische Verwendung dieser Mörserboote= geschildert, wie sie du Quesne 1682 und 1683 anordnete.
Ich wähle zu dieser Schilderung die Anordnung des Bombardements im Jahre 1683, da diese nach den Erfahrungen des Vorjahres sehr verbessert war (Plan vergl. Seite 405).
Die Mörserboote (1683 waren es 7) sollten ein konzentrisches Feuer auf die Befestigung der Mole (150 Kanonen?), auf die dahinter liegenden Schiffe und auf die Stadt selbst richten: die Beschießung sollte nur während der Nächte vor sich gehen, tagsüber wollte man die Boote dem feindlichen Feuer entzogen halten. Auf die Liegeplätze der Galioten -- etwa 1100 m von der Mole -- wurden durch Schiffsboote schwere Anker gelegt und von diesen Leinen -- mehrere aufeinandergesteckt -- zu 7 Linienschiffen geführt, die radial hinter der Galiotenposition, außerhalb Schußweite der Befestigungen, verankert waren. Mit diesen Leinen, über ihr Deck genommen, verholten sich die Fahrzeuge; sie waren somit imstande, ohne fremde Hilfe leicht und sicher erst kurz vor dem Gefecht ihre Posten einzunehmen und sich nach Schluß in den Schutz eines starken Schiffes zurückzuziehen; auch konnten sie während des Kampfes ihre Lage ändern, falls das feindliche Feuer es wünschenswert machte. Zur Sicherung gegen einen Angriff mit Booten oder Galeren wurden jeder Galiote 2 armierte Schiffsboote oder schwere Schaluppen, die zu diesem Zweck besonders mitgenommen waren, zugeteilt.
Die ganze Stellung ward noch dadurch verstärkt und bewacht, daß auf jedem Flügel ein Linienschiff ankerte; auch für diese waren Anker ausgelegt und auch sie lagen nur nachts dort. Vor den Linienschiffen endlich lagen Boote auf Vorposten, und zwischen den Galioten und der Mole gingen 4 schwere Schaluppen vor, die mit Geschützen für Brandgeschosse armiert waren.
Am 23. Juli $1682$ traf $du Quesne$ zum $ersten Angriff$ vor $Algier$ ein; mit den Schiffen, die bereits die Stadt blockierten, zählte seine Flotte 11 Linienschiffe, 2 Brander, 5 Mörserboote und 15 Galeren. Durch Erkundungen und ungünstiges Wetter hingehalten, konnte er erst am 13. August zum Angriff übergehen. Dieser war folgendermaßen angesetzt: Zwei Gruppen -- je 2 Linienschiffe im Schlepp von Galeren -- sollten die detachierten Forts im Norden und Süden der Stadt beschäftigen, die übrigen Linienschiffe mit den Galioten, diese zu beiden Seiten des Admirals, sollten von Galeren auf Ankerplätze in Front der Mole geschleppt werden; als aber eben die ersten Schiffe zu Anker gehen wollten, mußte das ganze Unternehmen aufgegeben werden, da plötzlich sehr starker ablandiger Wind aufkam. Am 15. meldete der Chef der Galeren, auf seinen Fahrzeugen ginge das Wasser zu Ende. Du Quesne, der diese Art Schiffe überhaupt wegen mangelnder Seefähigkeit, häufigen Mangels an Wasser und Proviant für hemmender als nützlich bei einer Flotte hielt, sandte sie nach Frankreich zurück und entschied sich nun für eine Verwendung der Mörserboote, wie sie oben beschrieben ist.
Am 18. August wurden 5 Anker ausgelegt, am 20. abends nahmen die Galioten zum ersten Male ihre Position ein und eröffneten das Feuer. Die Beschießung dauerte bis zum 12. September, allerdings öfters unterbrochen. Anfangs mußten die Anker umgelegt werden, sie lagen einander zu nahe und zu weit von der Stadt; mehrfach traten Wetterverhältnisse hindernd auf, einmal mußte ein nächtlicher Bootsangriff abgeschlagen werden; auch Verhandlungen mit dem Dey wurden dazwischen geführt. Immerhin wurden einige hundert Bomben geworfen, aber der Erfolg war nicht bedeutend. Viele Geschosse erreichten das Ziel nicht, einige krepierten nicht und eine nicht geringe Zahl krepierte bald nach dem Verlassen des Rohres. Eins setzte sogar sein Boot in Brand; dieses wurde nur durch die Kaltblütigkeit des Kommandanten gerettet, während der größte Teil der Besatzung über Bord sprang. Am 13. September verließ du Quesne der vorgerückten Jahreszeit wegen, besonders mit Rücksicht auf die Mörserboote, Algier. Auch mit den Verhandlungen hatte er nichts erreicht, doch ließ er einige Schiffe zur Blockade zurück.
Auf Befehl des Königs berichtete =du Quesne= jetzt, welche Kräfte er für einen $zweiten Angriff 1683$ für notwendig erachte.
=Jal= gibt im »Abraham du Quesne« einen ziemlich genauen Auszug aus dieser Denkschrift; sie ist bemerkenswert, weil man daraus die Umsicht des erfahrenen Admirals ersehen kann. Er verlangte, kurz gefaßt, folgendes: 15 Linienschiffe, 2 Fregatten, 2 Brander außer den Mörserbooten; einen Stützpunkt auf den Balearen als ständigen Sammelplatz und hier: 3 Schiffe mit Proviant usw., ein Zeltlager für Kranke, Vorrat an frischem Proviant, Ausbesserungsgegenstände; ein Lazarettschiff zum Verkehr der Flotte mit dem Stützpunkte; nur etwa 6 Galeren für Polizei- und Wachdienst, dafür aber 6 schwere Schaluppen -- gleich geeignet zum Rudern und Segeln -- zum Bugsieren der Galioten und zu ihrer Verteidigung; bessere Munition für die Mörser, reichlicheres Ankergeschirr für die Fahrzeuge behufs sicheren Festlegens; 5 mit Steinen gefüllte Schiffe, um die Einfahrt zu sperren (mit der Absicht, den Hafen unbrauchbar zu machen, selbst wenn die Vernichtung der Stadt geglückt wäre); diese sollten auch mit Sprengstoffen gefüllt sein, um die Hafensperre und die Befestigungen auf der Mole zu zerstören. Auch ersuchte er, nicht zu viel Gardes de la marine (Offiziersaspiranten) und keine Kriegsfreiwilligen einzuschiffen, »diese nähmen nur Platz fort und brauchten zu viel Erfrischungen und Wasser, weil sie so oft seekrank wären.«
Er erhielt nahezu alles, was er verlangt hatte. An Mörserbooten waren jetzt 7 vorhanden; die Senkschiffe fehlten -- es sind 2 vorbereitet, doch werden sie später nicht mehr erwähnt --, dagegen erhielt er 2 »Kupferminen« -- sehr schwere Gefäße mit Pulver, Projektilen und Feuerwerkskörpern gefüllt, sonst Konstruktion unbekannt --, die in Fahrzeugen gegen die Hafensperre herangeführt werden sollten. Auch 16 Galeren stießen zur Flotte; sie waren jedoch bei Beginn der Operationen noch nicht zur Stelle, wurden später wiederum zur Auffüllung von Wasser und Proviant zurückgesandt und kamen nicht wieder (Grund: zu vorgerückte Jahreszeit oder die bekannte Spannung zwischen der Galeren- und Hochseeflotte). Der Stützpunkt auf den Balearen scheint nicht eingerichtet zu sein. Trotz des Admirals Bitte wurden aber mehrere überzählige Kapitäne und eine große Zahl Gardes de la marine zur Belehrung auf die Flotte kommandiert und zwar besonders an Bord der Schiffe, auf die sich die Mörserboote stützen sollten. Legendenhaft -- auch nach Jal -- ist endlich die Mitgabe von 2 »großen Bomben«; mitgegeben sind sie, aber es ist nicht zu sagen zu welchem Zweck; ein besonderer Mörser war nicht vorhanden, vielleicht war ihre Verwendung ähnlich gedacht wie die der Kupferminen, oder es sind diese.
Die Ausrüstung der neuen Flotte wurde mit Eifer betrieben; der Sekretär des Marineministeriums, =de Seignelay= (Sohn Colberts), erschien selbst in Toulon, aber infolge von Verzögerungen und widrigen Winden traf =du Quesne= erst am 18. Juni 1683 vor Algier ein.
Am 23. waren unter =Tourvilles= Leitung alle Vorbereitungen für die Bombardementsstellung getroffen, jetzt genau in der Seite 404 beschriebenen Weise; starker ablandiger Wind und Seegang hinderten jedoch bis zum 26. abends das Vorschicken der Mörserboote. Dann wurden, wieder unter Tourvilles Leitung, in dieser und der nächsten Nacht 200 Bomben geworfen. Der Feind antwortete lebhaft aber mit wenig Erfolg, die Franzosen dagegen hatten bessere Ergebnisse als im Vorjahre; die Munition war besser, nur etwa 25 Bomben krepierten zu früh, und die Elevation war richtiger bemessen. Obgleich am 28. früh Wind und See so zunahmen, daß verschiedene Mörserboote vertrieben und beim Verlassen der Stellung mehrere der Verholleinen brachen, sandte der Feind doch Parlamentäre. Du Quesne weigerte sich, auf Verhandlungen einzugehen, ehe nicht sämtliche Sklaven französischer Nation freigelassen seien, worauf während der nächsten Tage gegen 600 auf der Flotte abgeliefert wurden; die Verhandlungen zogen sich aber trotzdem hin. Nach den mitgegebenen und weiter eingehenden Instruktionen sollte der Admiral nicht nur die Herausgabe der Sklaven und die Zahlung von einer Million Franken für französischen Untertanen zugefügten Schaden verlangen, sondern auch, daß der Dey demütig Abbitte tue für die Unverschämtheit (insolence), überhaupt gegen den König Krieg geführt zu haben; endlich war du Quesne streng untersagt, die Auslieferung mohammedanischer Sklaven auf französischen Galeren zu versprechen. Gerade dieser letzte Punkt scheint die herrschenden Elemente in Algier, die Janitscharen, empört zu haben; am 23. Juli brach eine Militärrevolution aus, der Dey wurde ermordet und der Führer der Empörung brach die Verhandlungen ab.
Nach einigen Tagen vergeblichen Wartens eröffnete du Quesne die Beschießung von neuem. Der Kampf wurde jetzt von den Barbaresken auf das energischste und grausamste geführt: das Feuer wurde noch heftiger und nun auch mit mehr Erfolg erwidert; ein nächtlicher Ausfall wurde gemacht und hierbei ein Wachtboot genommen; französische Sklaven und Gefangene, darunter der Konsul, wurden vor die Mündungen der Kanonen gebunden. Bis zum 18. August warfen die Franzosen über 1000 Bomben -- dann wurde die Munition knapp --, die Stadt lag halb in Trümmern, aber sie ergab sich nicht. Da auch die Batterien noch nicht zum Schweigen gebracht waren, hielt du Quesne eine Forcierung des Hafens nicht für ratsam.
Für ein Forcieren war der Admiral nie gewesen, wenn nicht die Befestigungen vorher niedergekämpft seien. Ludwig XIV. war empört, daß die Stadt nicht schneller bezwungen wurde; er machte (Ende Juli) du Quesne die schwersten Vorwürfe und schrieb dabei: er müsse annehmen, daß dieser nicht forcieren wolle, weil er stets dagegen gewesen; er beföhle es nunmehr. Wenige Tage später schrieb de Seignelay, im Namen des Königs, etwas milder, wies aber auch auf gewaltsamen Angriff hin und sandte gleichzeitig an Tourville unmittelbar den Befehl, einen solchen auszuführen: mit Hilfe der beiden Minen die Hafensperre (Kette und Pfahlwerk) zu sprengen, die Schiffe im Hafen und die Stadt anzuzünden; Galeren und Schiffsboote seien ihm dazu unterstellt. Es unterliegt keinem Zweifel, daß Tourville -- jetzt auch Generalleutnant und Zweiter im Kommando --, der sich hier sonst sehr auszeichnete, gegen du Quesne intriguierte. In Briefen an den Marinestaatssekretär und an den Hof warf er dem Oberbefehlshaber Fehler und Lauheit (z. B. die lange Pause) beim Bombardement vor, auch erklärte er, daß ein Forcieren wohl möglich sei. Das erste war ungerecht, du Quesnes Aufgabe war gewesen, einen Frieden herbeizuführen, und er stand ja in Unterhandlungen; das letzte war mindestens fraglich. Ein gewaltsamer Angriff würde jedenfalls viel französisches Blut gekostet haben, so betrug der Verlust in der Hauptzeit der Beschießung, nämlich bis zum 29. Juli, nur 20 Tote und 78 Verwundete; darunter allerdings 13 Offiziere der Mörserboote und Schaluppen.
Auch nach Eingang dieser ausdrücklichen Befehle geschah nichts. Du Quesne war beleidigt, und die Forcierung ging ihn nach der Order an Tourville nichts mehr an. Tourville selbst erklärte jetzt aber auch die Sache für nicht ausführbar: Es fehlten die Galeren (die, wie wir wissen, nicht wiedergekommen waren); die Minen seien unbrauchbar, da nach Aussage der damit vertrauten Offiziere keine Fahrzeuge für deren Verwendung vorbereitet seien. Hiermit wurde ein neuer Vorwurf gegen du Quesne verbunden: Diese Offiziere hätten ausgesagt, der Admiral habe trotz ihrer Vorstellung die Herrichtung geeigneter Fahrzeuge in Toulon nicht abwarten wollen.
Im September erhielt du Quesne Befehl, beim Eintritt der ungünstigen Jahreszeit die Belagerung aufzugeben; Anfang Oktober ging er deshalb nach Toulon, Tourville mit 7 der bestsegelnden Linienschiffe zur Blockade zurücklassend. So endete auch dieser Angriff ohne Erfolg; Algier unterwarf sich den Friedensbedingungen erst infolge der beständigen Blockaden im Frühjahr 1684. Die Machthaber der Stadt sollen stets gesagt haben, ein Bombardement schade ihnen nichts, die Stadt sei reich genug und mache so gute Beute, daß sie sich nach einer Beschießung besser als vorher wieder aufbauen könne; auch gab Ludwig etwas nach, da er gerade andere Pläne im Mittelmeer hatte (Angriff auf Genua 1684). $Die weiteren französischen Operationen gegen die Barbaresken$ seien hier noch kurz geschildert.
Tourville hatte im Frühjahr 1684 einen hundertjährigen (!) Frieden mit dem Dey geschlossen, aber schon $1685$ nahmen die Räubereien, zuerst von =Tunis= und =Tripolis= aus, wieder überhand. Im Juni dieses Jahres erschien deshalb d'=Estrées= mit einem Geschwader vor beiden Städten und zwang sie durch Beschießung zur Zahlung großer Entschädigungssummen. $1688$ griff er auch =Algier= an; vom 1.-14. Juli wurden aus 10 Mörserbooten gegen 10000 Bomben geworfen. Da sich aber die Boote in schlechtem Zustande befanden und auch sonst die Beschießung weniger sorgfältig vorbereitet war, erreichte man noch weniger als früher du Quesne. Die Stadt weigerte sich zu unterhandeln und gab erst im nächsten Jahre aus anderen Gründen nach.
Diese Züge kommandierte d'Estrées, obgleich er Vizeadmiral des Atlantik war, da sich du Quesne 1684 vor Genua mit de Seignelay überworfen hatte. De Seignelay hatte sich hier zu sehr in die Befehlsbefugnisse du Quesnes gemengt, so daß dieser zeitweise seine Kajüte nicht verließ. Der Staatssekretär hatte nach den leichten Erfolgen 1685 an d'Estrées geschrieben, wenn er 1682 und 1683 kommandiert hätte, würde die Sache wohl besser verlaufen sein; der Mißerfolg des Jahres 1688 war also eine große Genugtuung für du Quesne.
$1684 griff Ludwig XIV. Genua an.$ Die Stadt hielt zu Österreich und Spanien, baute um diese Zeit Galeren für letztgenannten Staat und hatte auch Kriegsmaterial an die Barbaresken verkauft. Ludwig verbot die Lieferung der Galeren unter Androhung schwerster Züchtigung. Genua lehnte ab, stand aber ohne jede Unterstützung da, als Spanien 1684 (Regensburg) mit Frankreich einen Waffenstillstand abgeschlossen hatte.
Nun wurde =du Quesne= mit einer Flotte -- 13 Linienschiffe, 2 Brander, 20 Galeren, 10 Mörserboote -- gegen die Stadt gesandt; =de Seignelay= schiffte sich selbst mit ein. Die Flotte erschien am 17. Mai vor Genua und begann am 18. die Beschießung, nachdem die harten und demütigenden Friedensbedingungen abgelehnt waren; die Stellung der Mörserboote war dieselbe wie vor Algier. Vom 18.-22. und am 24. warf man 4000 Bomben; am letzten Tage wurde eine Scheinlandung im Osten, eine ernsthafte (2500 Mann) im Westen der Stadt unternommen und die Vorstadt San Pier d'Arena verbrannt. Die Stadt hatte durch das Bombardement schwer gelitten, doch waren die Franzosen nicht imstande, sie einzunehmen. Infolge Androhung einer neuen Beschießung unterwarf sich Genua aber doch 1685 den durch Vermittlung des Papstes etwas gemilderten Friedensbedingungen: man lieferte die streitigen Galeren an Frankreich aus und der Doge mußte mit einer Abordnung der edelsten Geschlechter in Paris um Verzeihung bitten.
Es war dies die letzte größere Tätigkeit =du Quesnes=; er zog sich bald ins Privatleben zurück und starb 1688. Als Höchstkommandierender im Mittelmeer folgte ihm Tourville, der sich auch vor Genua wieder ausgezeichnet hatte. Dieser wurde 1689 zum Vizeadmiral der Levante ernannt, welchen Dienstgrad du Quesne wegen seiner Religion nie erlangt hatte.
Ein $venetianisch-türkischer Krieg 1684-1699$ soll im Kapitel X besprochen werden (vergl. Seite 297).
* * * * *
Achtes Kapitel.
Der französisch-englisch-holländische Krieg von 1688-1697.
$Die politischen Verhältnisse, die den Krieg herbeiführten.$ Der jetzt zu besprechende Seekrieg ist der Anteil, den die Kriegführung zur See an dem großen europäischen Kriege 1688-1697 -- dem =Pfälzischen Erbschaftskriege=, auch la guerre de la Ligue d'Augsbourg oder der Orleanssche Krieg genannt -- genommen hat. Die Kriegführung zur See in diesem spielt scheinbar eine untergeordnete Rolle. Wenig große Seeschlachten werden geschlagen, nur bei den Versuchen Ludwigs XIV., in England die Stuarts wieder einzusetzen. Der Einfluß der Kriegführung zur See war aber tatsächlich für den Verlauf des ganzen Krieges doch so bedeutend, daß wir ihn wohl zu den großen Seekriegen rechnen können; die eben hochgekommene französische Marine verschwindet in Folge dieses Krieges wieder auf ein halbes Jahrhundert fast ganz von dem Meere.
Mit dem Frieden von Nymwegen (1678) stand =Ludwig= XIV. auf der Höhe seiner Macht und nutzte sie aus. Durch die berüchtigten Reunionskammern -- 1678 und 1679 von ihm in Metz, Breisach, Besançon und Tournay eingesetzt -- ließ er sich alle Gebiete zusprechen, die vormals irgendwann und irgendwo mit den durch den Westfälischen oder Nymweger Frieden von Frankreich neuerworbenen Ländern zusammengehangen hatten (deshalb eben: »Wiedervereinigungs«-Kammern). Auf Grund dieser Ansprüche nahm er dann an 600 Herrschaften, Städte und Orte in Deutschland und in den spanischen Niederlanden (hier auch Luxemburg) in Besitz. Das Deutsche Reich konnte nur Einspruch dagegen erheben; hierauf antwortete Ludwig gar mit der Besetzung Straßburgs am 30. September 1681. Österreich war seit 1678 durch Empörungen in Ungarn bedrängt. Hier hatte man die Türken zu Hilfe gerufen, die bis Wien kamen (entsetzt durch Sobieski 1683); auch der Große Kurfürst ließ den Kaiser im Stich, aus Verdruß über das ihm widerfahrene Unrecht. So sah sich der Kaiser, und mit ihm Spanien und Holland, sogar gezwungen, 1684 mit Frankreich einen Waffenstillstand (Regensburg) abzuschließen, in dem die Ansprüche auf die Reunionen anerkannt wurden. Ludwig behielt auch Straßburg, Luxemburg und das 1681 vom Herzog von Mantua gekaufte Casala: drei wichtige strategische Punkte für Unternehmungen nach Norden, Osten und Süden; von seiner gewalttätigen Züchtigung der kaiserlich und spanisch gesinnten Stadt Genua (1684) haben wir gehört.
Ludwig hatte sich aber durch sein Vorgehen neue Feinde geschaffen und alte Freunde entfremdet; alles sah sich geschädigt -- selbst der König von Schweden im Herzogtum Zweibrücken und der Papst durch die Gründung der selbständigen französischen Kirche -- oder doch bedroht. Auch seine innere Politik sollte dazu beitragen, die Machtstellung Frankreichs zu gefährden; auf diesen Punkt wird später näher eingegangen werden. Trotzdem trat er mit einer neuen Forderung hervor. Als 1685 der Kurfürst Karl Ludwig von der Pfalz starb, beanspruchte Ludwig die Allodialgüter der ausgestorbenen Linie; er erhob diesen Anspruch, bald auf die ganze Pfalz ausgedehnt, im Namen seiner Schwägerin Elisabeth Charlotte (Schwester des verstorbenen Kurfürsten und Gemahlin des Herzogs von Orleans).
Wenn nun aber auch die Erbitterung in allen Staaten Europas tief und allgemein war, so fehlte ihr zur Betätigung doch noch die Organisation und Leitung; auch durfte Ludwig immerhin mit einem Rückhalt an den Stuarts in England rechnen. Die Veränderung der Verhältnisse hier -- die Revolution, die Wilhelm von Oraniens Thronbesteigung zur Folge hatte -- sollte das Vorgehen Gesamteuropas gegen Frankreich nun beschleunigen.
Karl II. hatte immer noch genügend monarchische Gewalt gehabt, die politische und religiöse Feindschaft des englischen Volkes gegen Frankreich einzudämmen. Er starb 1685. Sein Nachfolger Jakob II. schloß sich nun noch enger an Ludwig an und ließ sich durch seinen katholischen Glaubenseifer zu Handlungen hinreißen, die das Volk dahin brachten, des Königs protestantische Tochter Maria (Gemahlin Wilhelms von Oranien; dieser selbst Enkel Karls I. von mütterlicher Seite) für den Thron ins Auge zu fassen.
=Wilhelm von Oranien= war von seinem ersten Auftreten an vor die Aufgabe gestellt, den Eroberungsplänen Ludwigs entgegenzutreten; er blieb ihr bis zu seinem Tode treu. Von einer Besteigung des englischen Thrones erhoffte er nicht nur eine Erhöhung seiner Stellung, sondern auch die Erfüllung seines glühendsten politischen Wunsches, die Macht des französischen Königs zu brechen. Er wurde die Seele der gärenden Bewegung in Europa. Zunächst versöhnte er Brandenburg mit dem Kaiser und mit Schweden, Holland mit Spanien und brachte ein Bündnis dieser Staaten zustande, dem die meisten deutschen Fürsten beitraten (den =Augsburger Bund=, Juli 1686).
Während dieser diplomatischen Schachzüge fand von seiten Hollands und Frankreichs eine Flottendemonstration statt. Ludwig versuchte Dänemark an sich zu ziehen, den einzigen Staat, der von ihm nicht geschädigt war. Dadurch entstand (1683) eine Spannung zwischen Dänemark und Schweden; jenes rüstete zu Lande und zu Wasser mit französischer Unterstützung und näherte sich Brandenburg, das noch nicht mit dem Kaiser versöhnt war. Nun beschloß Holland die Sendung einer Flotte von 24 Linienschiffen nach der Ostsee zum Schutze seines Handels, aber auch gegebenen Falles zur Unterstützung Schwedens, oder gar um Truppen nach Deutschland zu führen. Frankreich kam ihm zuvor, Juni 1683 traf ein Geschwader von 13 Linienschiffen zum Schutze Dänemarks in Kopenhagen ein. Die holländische Flotte ging im August in See, kreuzte in der Nordsee und erreichte erst Ende Oktober Gothenburg; die öffentliche Meinung in Holland billigte aus Furcht vor Frankreich den Schritt nicht. Da sich die Verhältnisse zwischen Dänemark und Schweden friedlicher gestaltet hatten, ging das französische Geschwader schon im September in die Heimat zurück; auf die Kunde hiervon kehrten auch die Holländer heim.
Vorläufig war es nur ein Defensivbündnis und noch nicht stark genug zum Handeln. Noch war Österreich nicht frei im Osten, wenn es auch 1683 die Türken in Ungarn in die Defensive gedrängt und immer weitere Erfolge gehabt hatte (Ofen erobert, September 1686). Noch fehlte es an Geld, die Niederlande waren trotz Oraniens Wunsch nicht willens, wieder den Bankier für einen Staatenbund abzugeben; sie waren auch noch nicht geneigt, Oraniens Absichten auf England mit Schiffen und Geld zu unterstützen, weil sie wußten, daß dies sofort einen Krieg mit Frankreich herbeiführen würde; Oranien selbst war auch wohl seiner Sache dort noch nicht sicher genug. Neue Ereignisse brachten die Angelegenheit in Gang.
Im November 1687 nahm Ludwig die Handelszugeständnisse zurück, die er im Frieden von Nymwegen den Holländern gemacht hatte, und drohte dadurch ihren Handel schwer zu schädigen.
Nun schlug die Stimmung in den Niederlanden um; es gelang Oranien mit Hilfe einiger vertrauter Staatsmänner, sich die Bereitschaft von Kriegsschiffen für das kommende Jahr zu sichern sowie Gelder zum Mieten von Truppen und Transportern zu verschaffen; beides geheim und unter anderen Vorwänden.
Im Juni 1688 wurde in England ein Thronfolger geboren. Die Furcht, das katholische Königstum auch nach Jakob II. fortgesetzt zu sehen, brachte die englische Nation fast allgemein dazu, jetzt Maria und Wilhelm wirklich herbeizurufen. In Köln starb 1688 der Kurfürst. Die französische Partei wählte den französisch gesinnten Wilhelm von Fürstenberg; Kaiser und Reich (auch der Papst) erkannten ihn nicht an, französische Truppen setzten ihn ein und beschützten ihn in Bonn, während Köln ihm die Tore verschloß und mit Hilfe Brandenburgs entgegentrat. So war ein erster Zusammenstoß da und Ludwig erachtete überhaupt die Zeit für den Angriff seinerseits gekommen, ehe der Augsburger Bund völlig kampfbereit sein würde und einen tatkräftigen Führer erhielte. Österreich hatte 1687 neue Erfolge gegen die Türken errungen (Sieg bei Mohacs) und Ungarn wieder ganz unterworfen, konnte also bald seine volle Kraft nach Westen verwenden; anderseits wußte Ludwig Oranien zur Zeit in erster Linie mit seinen englischen Plänen beschäftigt.
=Ludwig erklärte= deshalb am 24. September 1688 =den Krieg an Deutschland= und fiel sofort in die Rheinlande ein. Diese Gelegenheit benutzte wieder =Oranien=, seinen =Übergang nach England= auszuführen; die Vorbereitungen waren nahezu vollendet, die Niederlande stimmten jetzt auch offiziell zu, die Ausführung wurde allerdings durch Wetterverhältnisse verzögert. Er landete am 15. November bei Torbay und trat dann, sobald er schnell und unblutig festen Fuß gefaßt hatte (18. Februar 1689 wurden Wilhelm III. und Maria zu gleichem Recht auf den für erledigt erklärten Thron erhoben; Jakob floh nach Frankreich), auch für England dem Augsburger Bunde bei; an Holland hatte Ludwig den Krieg erklärt, als er von dem Zuge Oraniens Kenntnis erhielt. Durch Englands und endlich Savoyens Beitritt wurde der Bund zur =großen Wiener Allianz von= 1689 erweitert.
Ein französischer Autor sagt zutreffend: »Die Revolution in England führte den Krieg von 1688 herbei und dieser Krieg ermöglichte wiederum die englische Revolution.«
So mußte Frankreich gegen ganz Europa einen Krieg ohne einen einzigen Bundesgenossen führen, und es war eingetreten, was seine Politik sonst stets gefürchtet und deshalb bisher verhütet hatte: die Seemächte England und Holland waren verbündet. Sie waren sogar unter demselben Herrscher vereinigt.
Diese letzte Tatsache war die Folge kaum begreiflicher =Fehler der Könige Ludwig und Jakob=: Ludwig hatte Jakob unablässig und dringend vor den Plänen Oraniens gewarnt und ihm Unterstützung durch Truppen, Geld und Schiffe angeboten. Der englische König schlug alles ab, entweder weil er seiner Flotte unbedingt traute (hiervon später) oder weil er fürchtete, daß bei der Stimmung des englischen Volkes das Eingreifen der Franzosen eine Katastrophe beschleunigen würde. Vielleicht trat eine Unterschätzung der Gefahr hinzu, um so mehr, da ein früherer Versuch gegen seinen Thron leicht niedergeschlagen worden war.
(1685 hatten der Herzog von Monmouth und der Graf von Argyll einen Versuch gemacht, Aufstände in England und Schottland zu erregen. Sie landeten von Holland aus mit einigen wenigen Schiffen und Truppen in Dorsetshire und an der Westküste Schottlands, wurden jedoch beide bald überwältigt und hingerichtet.)
Aber auch Ludwig scheint bei der Hartnäckigkeit, mit der er seine Ziele auf dem Festlande im Auge hatte, diesen Umstand nicht genügend gewürdigt zu haben. Er begann einen schweren Krieg im Osten und bedachte dabei nicht, daß die im Herzen feindliche englische Nation in seiner Flanke darauf brannte, in den Kampf gegen ihn einzutreten, und hierzu nur eines Führers bedurfte. Wenn er Holland zu Lande angriff und seine Flotte -- zu dieser Zeit selbst der vereinten englischen und holländischen überlegen -- in den Kanal schickte, so konnte er Oranien in den Niederlanden festhalten; wenn dies rechtzeitig geschah, so wäre auch vielleicht das Verhalten der englischen Flotte ein anderes gewesen. Während der Vorbereitungen zu Oraniens Expedition und während der späteren Verzögerung ihres Abganges bestürmten der französische Gesandte im Haag und der Marineminister Seignelay den König, die Flotte auslaufen zu lassen, aber vergeblich. (Des Kriegsministers Louvois Einfluß gegenüber dem Seignelays'?)
$Allgemeiner Verlauf des Pfälzischen Erbschaftskrieges und Kennzeichnung der Kriegführung zur See in diesem.$ Wenn der Kampf zur See scheinbar nur eine untergeordnete Rolle spielt und ihm deshalb auch in den meisten Geschichtswerken (selbst seekriegsgeschichtlichen) nur eine dementsprechende Beachtung geschenkt wird, so hat dies seinen Grund darin, weil nur wenige große Seeschlachten auf einem Nebenkriegsschauplatze geschlagen werden. Der Landkrieg und der Seekrieg stehen nur wenig im Zusammenhange, besonders nicht in den Jahren, in denen der Landkrieg am erbittertsten geführt wurde; nur im Kampfe um Irland und gegen Ende um Katalonien greifen sie ineinander ein. So genügt es denn, von dem =Verlaufe des großen europäischen Landkrieges= hier nachstehende kurze Zusammenfassung zu geben und auch später nur andeutend auf ihn zurückzukommen.
Die Schauplätze des Landkrieges waren die spanischen Niederlande, der Unterrhein, die Pfalz, Savoyen (Piemont) und Spanien (bes. Katalonien); Irland trat durch den Einfall Jakobs II. dort hinzu. Wie im vorigen Kriege waren die Waffen Frankreichs im allgemeinen glücklich: Ludwig gebot über tüchtige, von Condé und Turenne erzogene Generale, über eine gute und einheitliche Armee von 150000 Mann; Vauban hatte Frankreich -- in dessen Besitz überall wichtige Stützpunkte und Waffenplätze übergegangen waren -- zu einem verschanzten Lager gemacht.
Am Oberrhein erfolgte die furchtbare =Verwüstung der Pfalz= im Herbst 1688 und Frühjahr 1689 =unter Melac=, wobei Speier, Worms, Heidelberg, Mannheim und Hunderte von kleinen Orten verbrannt wurden. Ein ernster Widerstand war nicht möglich: Bayern zeigte sich lässig; der größere Teil der österreichischen Macht war noch in Ungarn beschäftigt; den Verbündeten mangelte das Zusammenwirken, da der österreichische Führer (Caprara) mit dem brandenburgischen (Schöning) stets im Streite lag und der holländische (Waldeck) sich unfähig erwies. 1689 gelang es nur, Mainz wieder zu erobern (Sachsen und Bayern) und die Franzosen mit dem von ihnen eingesetzten Kurfürsten aus dem Kölnischen zu vertreiben. Sonst drangen die Franzosen weiter vor bis Frankfurt, Rothenburg, Göppingen und Ulm, welche Plätze sich hielten; selbst von Bamberg, Nürnberg und Würzburg wurde mit Erfolg Kontribution gefordert, und in Stuttgart ließ die Regierung den Feind hinein; Melac wollte auch diese Stadt verbrennen, wurde aber durch Karl von Baden mit schwäbischen Kreistruppen und aufgestandenen Bauern aus Schwaben vertrieben. 1690 wurde auch Waldeck (Holländer, Spanier, Reichstruppen) bei =Fleurus= vom Marschall =Luxembourg= geschlagen und die Franzosen errangen Erfolge in Piemont und an der spanischen Grenze.
Die Seele des Bundes, =Oranien=, war bisher noch in England =unabkömmlich= gewesen. Jakob II. war im März 1689 in Irland gelandet, von Frankreich unterstützt und gedeckt durch eine französische Flotte (Seegefecht vor Bantrybay). Mit Ausnahme des vorwiegend protestantischen Ulster fiel ihm ganz Irland zu. Oranien aber gelang es, trotz der französischen Flotte Truppen hinüberzuschaffen und im Juni 1690 selbst hinüberzugehen, Jakob schließlich in der =Schlacht am Boyne= (11. Juli 1690) völlig zu schlagen und aufs neue zur Flucht nach Frankreich zu zwingen; Oraniens Herrschaft war von diesem Zeitpunkt an als gesichert anzusehen. Selbst der Seesieg der Franzosen bei Beachyhead (10. Juli 1690), in dem die vereinigte englisch-holländische Flotte für dieses Jahr vollständig außer Gefecht gesetzt wurde, konnte Jakobs Sache nicht mehr retten; schwache Versuche der französischen Flotte, nach ihrem Siege an der englischen Küste aufzutreten, blieben erfolglos.
=Das Jahr= 1691 brachte auf dem Festland einen Stillstand der französischen Erfolge, auch ein Zurückgehen der Franzosen am Oberrhein. =Oranien erschien= eben nun mit einem Hilfskorps =in Holland= und, was vielleicht noch mehr Einfluß hatte, Louvois starb. Dieser Stillstand war aber nur von kurzer Dauer; Oranien mußte bald nach England zurück und sofort errang =Luxembourg= Vorteile über Waldeck (z. B. =Sieg bei Leuze= im Hennegau, September 1691) und =im Jahre= 1692 eröffnete Ludwig den Feldzug wieder mit äußerster Energie.
Es wurde eine große Landung in England geplant -- ein letzter mächtiger Versuch im Interesse Jakobs -- und zugleich auf dem Festlande überall kräftig vorgestoßen. Gegen Holland zog der König selbst, unter ihm Vauban und Luxembourg; hierher war Oranien Anfang des Jahres mit neuen Truppen zurückgekehrt, er war jedoch nicht glücklich im Felde. Namur wurde genommen (Vauban gegen Coehoorn, die beiden berühmten Ingenieure), =Oranien= selbst mit einem 75000 Mann starken spanisch-holländisch-deutschen Heere =bei Steenkirchen= von Luxembourg, wenn nicht geschlagen, so doch unter starkem Verluste aufgehalten. Catinat drang siegreich in Piemont (Schlacht bei Marsaille in der Nähe Turins), Noailles in Spanien (Schlacht am Terr) vor; auf beiden Flügeln so im Vorteil, brachen die Franzosen in der Mitte wieder in Deutschland den Neckar entlang ein. Auch 1693 konnten die Franzosen noch Erfolge verzeichnen: Im Juli siegte =Luxembourg= nochmals =bei Neerwinden= über Oranien, dieser jedoch behauptete stets mit Hartnäckigkeit und Ausdauer das Feld; am Oberrhein erfolgten neue Raubzüge, ungestraft wegen Uneinigkeit der gegnerischen Führer; aber auch hier setzte Ludwig von Baden, als kaiserlicher Feldherr jetzt, in einer Verteidigungsstellung bei Heilbronn dem Vordringen eine Grenze.
Dagegen hatte der Plan einer Invasion in England mit einer völligen Niederlage der Franzosen (Seeschlacht bei Barfleur und La Hogue, 29. Mai 1692, und die nächsten Tage) geendet. Der Seekrieg hatte bis dahin mit dem Landkriege auf dem Festland in keinem Zusammenhang gestanden. Die französische Flotte war verwendet zur Unterstützung des Aufruhrs in Irland und zu Versuchen, England anzugreifen; die Seestreitkräfte der Verbündeten zur Abwehr. Jetzt verschwand die französische Flotte als solche vom Meere. Man focht auf dem Meere in erster Linie um den Handel, und die Verbündeten versuchten daneben, von See her in den Landkrieg einzugreifen: Durch Bedrohung der französischen Küsten und durch Unterstützung der Spanier in Katalonien. Das letztere setzte den Erfolgen der Franzosen ein Ziel, als Ludwig =im Jahre= 1694 hier noch einmal kräftig vorstieß. Der Kampf um den Seehandel war aber von noch bedeutenderem Einfluß; besonders von Frankreich mit großem Erfolge geführt, schädigte er England und Holland sehr. Von 1694 an wurde der Krieg von beiden Seiten lauer geführt, außer der Rückeroberung Namurs 1695 durch Oranien treten keine Ereignisse von Bedeutung mehr ein; auf beiden Seiten wünschte man den Frieden. Ludwig gelang es schon 1696, Savoyen durch Rückgabe seines ganzen Gebietes zu befriedigen und so den Bund zu schwächen. Spanien zeigte sich am hartnäckigsten, wurde aber dadurch zum Nachgeben gezwungen, daß Ludwig 1697 noch einmal ihm gegenüber Vorteile errang. Von den englisch-holländischen Seestreitkräften nicht mehr unterstützt, wurde es in die Enge getrieben (Barcelona fiel), gleichzeitig bedrohte ein französisches Geschwader seine westindischen Kolonien (Cartagena). Durch Schwedens Bemühungen trat im Mai 1697 ein erfolgreicher Friedenskongreß in Ryswijk zusammen.
Der Krieg endete mit dem $Frieden von Ryswijk$ (20. September 1697, Spanien, Holland, England; 30. Oktober Kaiser und Reich), da beide Parteien erschöpft und des Kampfes müde waren.
In Deutschland war der gute Wille, sich der Franzosen zu erwehren, durch Neid unter den Fürsten und durch französische Umtriebe immer mehr erlahmt. England und Holland, die auf seiten der Verbündeten allein die Kosten getragen hatten, waren durch den Kreuzerkrieg schwer geschädigt worden. Sie waren unter diesen Umständen (in Holland brach 1695 gar ein Volksauflauf wegen der hohen Kriegssteuern aus) zum Frieden geneigt und rechneten wohl damit, besonders England, auch jetzt schon genügende Vorteile zu erringen. Frankreich war trotz des Reichtums, den das Land barg, erschöpft durch den Riesenkampf gegen ganz Europa, verbunden mit dem Rückgange der wirtschaftlichen Verhältnisse im Lande.
Diese =Erschöpfung Frankreichs=, unter der besonders auch seine Marine litt -- der tatsächliche Verlust an Schiffen war keineswegs der Grund ihres schon während des Krieges eintretenden Verfalls; diese Materialeinbuße wäre leicht zu verschmerzen gewesen --, war eine natürliche Folge der Politik Ludwigs, seiner inneren wie seiner äußeren. Selbst die ungeheuern Opfer, die der Riesenkampf forderte, hätte das an sich sehr reiche Land wohl tragen können, wenn Colberts Pläne voll verwirklicht wären und Zeit gehabt hätten, genügend zu wirken. Colberts Reformen (vgl. Seite 315 »Colberts Tätigkeit«) hatten bis zum Jahre 1672 schon großen Erfolg gehabt. Die Produktion auf landwirtschaftlichem und industriellem Gebiet hatte zugenommen, die westindischen Kolonien blühten auf, der Seehandel hatte sich verdoppelt; der allgemeine Wohlstand war gewachsen. Frankreich, das bei Ludwigs Thronbesteigung unter Schulden und Unordnung seiner Finanzen litt, erfreute sich bei Ausbruch des Krieges 1672 gerade geordneter Verhältnisse.
Der sechs Jahre dauernde Krieg untergrub aber schon die von Colbert geschaffene Grundlage: Die ackerbauende Bevölkerung, die Industrie, Handel und Kolonien wurden durch ihn zu lange lahm gelegt; die ungeheuren Kosten erschütterten die Ordnung in den Staatsfinanzen, nur mühsam konnte Colbert diese von nun an noch aufrecht erhalten. Beim Frieden von Nymwegen wäre es wohl noch wieder gut zu machen gewesen, aber wie erwähnt, wurden nur Bedingungen durchgesetzt, die zwar vorteilhaft für Landzuwachs, aber nicht für Hebung der Produktion und des Handels waren. Nach Colberts Tode wurden seine Wege ganz verlassen und an die Stelle der produktiven Wohlfahrtspolitik trat immer mehr ein nur nach Steuerkraft ringendes Verfahren. Auch durch sein Vorgehen gegen die Hugenotten (Dragonaden 1683; Aufhebung des Edikts von Nantes 1685) hatte Ludwig die Produktionskraft des Landes geschädigt, indem er ein Element geistiger und wirtschaftlicher Kraft zerstörte.
Die Feindschaft mit ganz Europa schloß nun von 1688 an auf lange Jahre Frankreich zu Lande und zu Wasser von dem Verkehr mit allen anderen Völkern ab und kein Land kann sich auf die Dauer aus sich allein heraus gedeihlich erhalten; nicht ohne Grund hatten Richelieu und Colbert eine eigene Macht zur See und ein freundschaftliches Verhältnis mit Holland angestrebt. Ludwig verwarf dieses mächtige Hilfsmittel im stolzen Vertrauen auf seine Stärke und auf seine unumschränkte Herrschaft im Lande.
In diesem Kriege rechtfertigte Frankreich noch dieses Vertrauen durch seine, im ganzen genommen, standhafte Haltung ganz Europa gegenüber. Es machte im Felde zwar keine dauernden Fortschritte, wich aber auch nicht zurück; die Friedensbedingungen fielen aber doch schon recht nachteilig aus. Im bald folgenden nächsten Kriege aber war wohl noch dieselbe Tatkraft, jedoch nicht mehr die nötige Lebenskraft vorhanden; Frankreich wurde überall zurückgeschlagen und an den Rand des Verderbens gebracht.
=Die Bedingungen des Friedens= -- zum ersten Male in französischer, nicht wie bisher in lateinischer Sprache abgeschlossen -- waren für Ludwig XIV. ungünstig: Frankreich verlor fast alles, was es im Frieden von Nymwegen gewonnen, was es in den Friedensjahren sich angeeignet oder in den Kriegsjahren erobert hatte; nur die Reunionen im Elsaß sowie Straßburg blieben in seiner Hand. Es erkannte Oranien als König von England an und gewährte den beiden Seenationen Handelsvorteile, die dem Gedeihen der eignen Seemacht höchst nachteilig waren.
Vergegenwärtigen wir uns nun nach der kurzen Zusammenfassung des Gesamtkrieges die Beteiligung der Seestreitkräfte an ihm und damit den =Einfluß der Seemacht=[226], um an der Hand dieser Betrachtung später die kriegerischen Ereignisse zur See der Zeit nach zu besprechen.
[226] Vgl. Mahan, Teil I (Seite 168 ff.), von mir bei Vorstehendem zu Rate gezogen und auch stellenweise angeführt.
Zuerst fanden die Flotten Verwendung in den Kämpfen, die die englische Revolution hervorrief: Mit Hilfe der holländischen Flotte ging Oranien nach England hinüber, unterstützt durch die französische Marine fiel Jakob in Irland ein; die Flotten beider Parteien mußten dann ihre Armeen auf dieser Insel unterstützen. 1690 versucht die französische Flotte, dem bis dahin erfolgreichen Unternehmen Jakobs in Irland durch einen mächtigen Schlag gegen die Hauptmacht der englisch-französischen Seestreitkräfte auch in England eine günstige Wendung zu geben, jedoch ohne Erfolg; der ähnliche Versuch 1692 -- eine Landung in England -- endet mit der Niederlage der französischen Flotte.
Nach dieser Niederlage gibt Frankreich den Seekrieg mit Flotten ganz auf und verlegt sich auf den Kreuzerkrieg in großem Maßstabe, den es schon 1691, noch auf die Flotte gestützt, begonnen hatte. Es fügt dem Handel der Gegner andauernd solchen Schaden zu, daß diese zum Frieden geneigt werden. Anderseits schließen aber auch die Verbündeten die Franzosen vom Seehandel ab und greifen mit starken Flotten in den Landkrieg ein; in Spanien mit Erfolg. Endlich gegen Ende des Krieges trägt das Auftreten französischer Seestreitkräfte gegen Spanien zur Beschleunigung des Friedensschlusses bei.
Die Kriegführung zur See zeigt sich also in diesem Kriege doch recht einflußreich, ja, sogar mitentscheidend. Die Beschreibung des Seekrieges und die sich daranschließenden Betrachtungen werden lehren, daß dieser Einfluß noch weit bedeutender hätte sein können, wenn nicht auf beiden Seiten Fehler in der Verwendung der Seestreitkräfte gemacht wären und wenn nicht diese selbst, ebenfalls auf beiden Seiten, in ihrer Leistungsfähigkeit zu wünschen übrig gelassen hätten. Ganz besonders lehrreich ist aber dieser Krieg auch durch die Folgerungen, die man aus ihm über den Kreuzerkrieg ziehen kann.
$Über die Streitmittel$ (anschließend an Seite 312 ff.).
In $England$ hatte der König Karl II. 1678 die Verwaltung der Marine in die Hand einer Kommission gelegt (an ihrer Spitze stand Prinz Rupert), deren Macht jedoch sehr durch den Einfluß des Königs eingeschränkt war; die schon erwähnten Mißstände -- Lockerung der Disziplin, Verminderung und Verwahrlosung des Materials -- erreichten eine solche Höhe in den nächsten 5 Jahren, daß ein englischer Autor (Campbell) sagt: »Wenn diese Zustände noch weitere 5 Jahre gedauert hätten, so würde die Marine so weit heruntergebracht sein, daß weitere Fehler in ihrer Verwaltung nicht mehr begangen werden konnten.« Dies sah schon Karl II. 1684 und griff bessernd ein; nach seinem Tode (1685) setzte Jakob II. das Werk fort. Selbst hervorragender Seemann, war dieser sein eigener Marineminister; er erreichte, daß bei Ausbruch des Krieges 1688 wenigstens reichliches Material vorhanden war. Er sollte aber für seine Person keinen Nutzen daraus ziehen, da die Flotte ihn verließ. Mitte Dezember 1688 stand die ganze Marine Wilhelm von Oranien zur Verfügung.
Clowes sagt: »Jakob II. war gegen Ende seiner Regierung als tüchtiger Seemann wohl noch populär in der Marine, erfreute sich aber als König nur geringer Loyalität. Die Marine als Ganzes war sehr antikatholisch und nun machte der König, als Oraniens Einfall drohte, im Juni 1688 einen Katholiken -- Sir Roger Strickland -- zum Befehlshaber der Flotte; er sandte auch Priester an Bord, um Messe lesen zu lassen; diese entgingen nur mit knapper Not körperlichen Mißhandlungen. Es war kein Ersatz an Mannschaften zu erhalten, da niemand für die katholische Sache fechten wollte. Im September wurde ein anderer Chef ernannt -- der Earl of Dartmouth; es war zu spät, das Mißtrauen war zu weit eingerissen, der Einfluß der mit der Revolution einverstandenen Offiziere war zu groß geworden: »Cabals in every fore-castle; political meetings in every cabin.« Es ist fraglich, ob auch nur ein Drittel der Besatzungen, wenn vor die Frage gestellt, gefochten haben würde.«
Admiral Herbert (später Earl of Torrington) und Kapitän Russell (später Admiral Earl of Oxford) gehörten zu den Hauptparteigängern Oraniens; dieser war unter den Abgeordneten, die Oranien herbeiriefen, jener befehligte zu Wasser dessen Expedition.
Der =Schiffsbestand=[227] war (vgl. genauer Seite 177):
Schiffe: Klasse I. II. III. IV. V. Kanonen: 96-100 80-90 60-74 40-54 28-32 Anzahl: 9 11 39 40 2(12?)
Schiffe: Klasse VI. Brander Mörserboote Kanonen: Anzahl: 6 26 3
[227] Clowes, Teil II, Seite 244. Er gibt hier zum letzten Male eine genaue Gesamtliste, später nur noch Veränderungen.
Es würden dies also etwa 100 Schlachtschiffe (über 40 Kanonen) sein. In den während des Krieges aufgestellten Schlachtflotten werden wir aber keine Schiffe unter 50 Kanonen finden, auch bei den Holländern nur wenige; das Linienschiff rechnet also tatsächlich von 50 Kanonen ab. Selbst die Schiffe von 50-60 Kanonen sind schwach vertreten, sie erscheinen ebenso spärlich wie im vorigen Kriege die 40-50 Kanonenschiffe. Die Hauptkraft der Flotten liegt in 70 Kanonenschiffen und auch die noch schwereren sind vermehrt. Vergleichen wir z. B. den Bestand von Solebay 1672 = 8 zu 80 Kanonen und darüber, 11 zu 60-80 Kanonen und den von Barfleur 1692 = 19 zu 80 Kanonen und darüber, 31 zu 60-80 Kanonen.
Aus der letzten Angabe sehen wir auch, daß 1692 fast alle Linienschiffe über 60 Kanonen bei der Hauptflotte waren, und so war es in den meisten Kriegsjahren der Fall. Auch von den kleineren Linienschiffen (40-60 Kanonen) und von den anderen Fahrzeugen war wohl der größte Teil im Dienst; man hatte stets kleine Geschwader in Westindien und den amerikanischen Gewässern, mit den Holländern vereint ein Geschwader vor Dünkirchen, Kreuzer im Kanal und Nordsee und endlich auch Begleitschiffe für Convois (hiervon wohl eine große Zahl, wie genauere Angaben bei den Holländern zeigen werden). Die =Armierung= der Schiffe ist früher (Tabelle Seite 170) für 1677 gegeben, vielleicht ist bei der jetzt gebräuchlichsten Schiffsklasse die für 1719 mitgeteilte schon mehr entsprechend. Die =Mörserboote= wurden stark vermehrt, gerade in diesem Kriege spielten sie eine große Rolle.
Wilhelm III. übergab die Verwaltung und Leitung der Marine -- die Geschäfte des Lordhighadmiral -- wieder einer Kommission, wie es schon sehr früh 1638, dann unter der Republik und endlich, eben gesagt, unter Jakob II. geschehen war. So entstand =die Admiralität= mit dem »Ersten Lord« an der Spitze (der Marineminister) und diese hat seitdem -- mit kurzer Unterbrechung unter Königin Anna -- fortbestanden. (Von 1696 an erscheint auch fortdauernd der Admiral of the Fleet.) Die Mißstände in der Verwaltung dauerten aber noch länger fort, gerade in diesem Kriege werden wir oft von verzögerter und mangelhafter Ausrüstung der Schiffe hören. Auch in einer anderen Hinsicht lagen die Verhältnisse ungünstig. Wohl weil die innere politische Lage im Lande noch nicht geklärt war, die neue Regierung noch keineswegs feststand, scheint vielfach Mißtrauen in Hinsicht auf Zuverlässigkeit und guten Willen mancher höheren Offiziere geherrscht zu haben. Wir werden sehen, daß Frankreich mit solcher Unzuverlässigkeit rechnete, daß von holländischer Seite die Schuld an Verzögerungen militärischer Operationen dem Einfluß englischer Führer zugeschoben wird; auffallend ist es jedenfalls, wie häufig man einen Wechsel im Oberkommando eintreten ließ -- zweimal wird es sogar wieder in die Hände dreier Admirale gleichzeitig gelegt --, wie sehr der jeweilige Chef abhängig von Befehlen der Admiralität war und scheinbar nicht wagte, nach eigener Ansicht zu handeln: Mißerfolge konnten ihn verdächtig machen.
Es ist nicht zu verwundern, daß unter der Einwirkung dieser Umstände die englische Marine in diesem Kriege nicht das leistete, was man bei ihrer Stärke hätte erwarten müssen.
Man liest wohl, daß die $holländische Marine$[228] von Wilhelm von Oranien vernachlässigt sei, namentlich nachdem dieser den englischen Thron bestiegen habe; es wird sogar angedeutet, daß dies nicht nur geschehen, weil er mehr Interesse für den Landkrieg und somit für das Heer gehabt habe, sondern auch -- eben später als König von England -- um diesen Nebenbuhler der englischen Marine zu schwächen; man kann aber diese Behauptung nicht anerkennen. In Holland wurden während des jetzt zu besprechenden Krieges recht bedeutende Anstrengungen gemacht, die Seestreitkräfte mächtig zu erhalten, und diese sind sämtlich der Anregung und Einwirkung Oraniens zuzuschreiben. In den ersten Jahren nach dem Frieden von Nymwegen wurde allerdings wenig getan, die Schiffe, namentlich die schweren, in gutem Zustande zu erhalten oder für Ersatz zu sorgen; doch haben wir stets gesehen, daß man in dieser Hinsicht nicht sehr vorsorglich war, wenn die Gefahr vorüber; bei der Erschöpfung des Landes und den Schulden der Admiralitäten nach dem letzten Kriege kann es besonders dieses Mal nicht wundernehmen. Aber schon von 1680 an setzte Oranien seinen Einfluß ein, um die Flotte wieder herzustellen; vielleicht bewogen ihn gerade seine Pläne auf England hierzu.
[228] Hauptquelle: de Jonge, Teil III.
1682 brachte er den Beschluß durch, 36 Linienschiffe in zwei Raten zu bauen, von denen auch sofort die erste Hälfte auf Stapel gelegt wurde (die zweite Rate folgte erst 1688), und 1685 brachte auf sein Drängen eine Kommission von Abgeordneten der Generalstaaten und der Admiralitäten den Antrag ein, den =Gesamtbestand= auf 96 Linienschiffe -- 20 I. Klasse (80-96 Kanonen), 28 II. Klasse (70-74 Kanonen), 24 III. Klasse (60-68 Kanonen), 24 IV. Klasse (50-54 Kanonen) -- und 90 Fregatten usw. (14 bis 44 Kanonen) zu bringen und zu erhalten; hiervon waren zur Zeit nur 50 und 32 vorhanden. Wenn dieser Antrag auch nicht durchging, so wurden doch bis 1692 41 Linienschiffe (über 50 Kanonen), darunter besonders zunächst viele der schwereren, und 31 Fregatten usw. gebaut, so daß in diesem Jahre die geplante Stärke fast erreicht war, obgleich inzwischen schon Verluste eingetreten waren; während der weiteren Kriegsjahre kamen noch gegen 20 Linienschiffe zum Bau.[229]
[229] De Jonge, Teil III, Beilage VII und VIII.
Im ganzen sind unter Oranien von 1683-1701 93 Linienschiffe (I. Klasse = 15 zu 90-96 Kanonen; 2 zu 80-86 Kanonen; 21 II. Klasse; 29 III. Klasse; 26 IV. Klasse und hiervon 40 allein in Amsterdam, in Friesland nur 4, in den 3 anderen Admiralitäten je 14-18) und 65 leichtere Schiffe (meist zu 30-46 Kanonen) fertiggestellt -- diese mit den gewöhnlichen Mitteln der Admiralitäten, für die Linienschiffe hatte Oranien außergewöhnliche Gelder beschafft -- und zwar besonders seit 1688, also während des langdauernden kostspieligen Krieges.
Es ist anzumerken: =Der holländische Schiffbau=, der in früheren Zeiten als Muster für die übrigen Nationen dastand, hatte sich nur wenig weiter entwickelt. In England und namentlich in Frankreich wurde dieser mehr und mehr als Kunst, auf Erfahrung und Theorie gestützt, betrieben, in Holland baute man handwerksmäßig nach altem Brauche weiter; die Schiffe besaßen infolgedessen weniger gute See- und Segeleigenschaften, was sich z. B. besonders den Dünkirchenern gegenüber zeigte. Beweise hierfür findet man: in den Berichten der Admirale; in dem Umstande, daß erwogen wurde, aus England einen Chef des Schiffbauwesens kommen zu lassen (der Vorschlag scheiterte am holländischen Nationalstolz); in dem späteren Ausspruch Peters des Großen, daß er Holland verlassen habe, da hier der Schiffbau nicht auf der Höhe stehe. Im übrigen wurden unter Oranien sonst Hafen- und Werftanlagen erweitert und verbessert.
In betreff der =Armierung= der Schiffe ist schon öfters erwähnt, daß sie in den Kalibern hinter England und auch Frankreich zurückstand; für die Zeit von 1690-1697 liegen Angaben vor, die dies im Vergleich mit genannten Marinen (Tabelle Seite 170) auffallend zeigen.
De Jonge, Teil III, Beilage X (dort genauer): Es führten
Ein Seeländer 94 K.-Schiff = 28:24-Pfdr.; 30:18-Pfdr.; 6:12-Pfdr.; 22:8-Pfdr.; 8:6-Pfdr. Ein Maas 90 K.-Schiff = 12:36-Pfdr.; 18:24-Pfdr.; 30:18-Pfdr.; 24:6-Pfdr.; 4:4-Pfdr. Ein Maas 84 K.-Schiff = 28:24-Pfdr.; 28:18-Pfdr.; 22:6-Pfdr.; 6:4-Pfdr. Ein -- 74 K.-Schiff = 14:24-Pfdr.; 12:18-Pfdr.; 26:12-Pfdr.; 10:6-Pfdr.; 10:4-Pfdr.
36-Pfdr. scheinen nur die Schiffe der Maas gehabt zu haben, bei Amsterdam wahrscheinlich nicht, bei den anderen Admiralitäten sicher nicht; bei letzteren führten die 80 Kanonen-Schiffe an Stelle der 24-Pfdr. nur 18-Pfdr.
Im Jahre 1695 wurden auch in Holland die neuaufgekommenen seefähigen Mörserboote gebaut (10 oder 12).
Holland hat in diesem Kriege auch noch stets zu der englisch-holländischen Hauptflotte sein vertragsmäßiges Kontingent gestellt (etwa 30 Linienschiffe = 3/8:5/8) und dazu traten stets ein Geschwader vor Dünkirchen, Kreuzer im Kanal und Nordsee (alles Linienschiffe von 40-50 Kanonen, einige von 50-60 Kanonen) sowie 30-35 Convoi-Begleitschiffe (20-50 Kanonen, meist 30-40 Kanonen).
1690 fehlten bei der Hauptflotte in der Schlacht bei Beachyhead etwa 10 Linienschiffe -- sie waren, wie auch in England, nicht fertig und traten erst später hinzu --, es waren aber 10 im Mittelmeer. 1692: bei La Hogue waren 29 Linienschiffe, darunter 8 über 80 Kanonen. 1693: 29 Linienschiffe bei der Flotte, 9 über 80 Kanonen; 6 im Mittelmeer; 14 vor Dünkirchen usw. 1694: Gesamt 49, 11 über 80 Kanonen; 1695: 43; 1696: 40 Linienschiffe. Also waren meistens 45-50 Linienschiffe über 50 Kanonen im Jahre im Dienst.
Es muß schließlich erwähnt werden, daß in diesem Kriege zwar wiederum in einzelnen Jahren Verzögerungen bei der Ausrüstung der Schiffe eintraten (Geldmangel bei den Admiralitäten), daß aber über die Ausführung nicht geklagt wird wie zu Ende des vorigen Krieges; wenn die verbündete Flotte durch mangelhaften Zustand der Schiffe gelähmt wurde, scheint es stets an den englischen gelegen zu haben; auch waren die Holländer in der Innehaltung des Termins für die Aufstellung der Jahresflotte pünktlicher.
Was das =Personal= anbetrifft, so verfügte die holländische Marine über tüchtige Admirale aus der Schule Ruyters, wie z. B. Almonde, Callenburgh, Evertsen (der »Jüngste«); sie traten nicht so hervor, da die Holländer dem Vertrage gemäß stets unter englischem Oberbefehl fochten. In der inneren Organisation waren durch Oraniens Einfluß verschiedene Einrichtungen verbessert und erweitert, die den Geist des Personals heben sollten: Vermehrung der Kapitäne und Offiziere auf Halbsold, um immer unabhängiger von Aushilfskräften zu werden; überetatsmäßige Kommandierung dieser an Bord, um sie in Übung zu erhalten; Instruktionen für Dienstbetrieb und Disziplin, für Verpflegung und Gesundheitspflege. Die Bemannungsfrage war wieder schwierig: der Krieg war nicht so volkstümlich wie der gegen England; Seefahrt und Fischerei wurden im allgemeinen nicht eingestellt, man wollte die Einkünfte daraus nicht verlieren und fürchtete bei der langen Dauer des Krieges, der Handel würde in andere Hände übergehen; die Freibeuterei lockte mehr durch freieres Leben und größeren Gewinn; der Zudrang aus Schweden und Dänemark fiel aus, da auch hier infolge eines drohenden Zusammenstoßes größere Flotten in Dienst gehalten wurden, Fremde kamen nur noch zahlreich von Bremen und Hamburg. Ähnliche Maßnahmen wie früher wurden ergriffen: Zeitweises Verbot der Schiffahrt, wenn die Flotte in Dienst gestellt wurde, oder Verpflichtung der Rhedereien, Leute zu stellen. Der Versuch, ein festes Matrosenkorps zu gründen (1688 etwa 7000 Mann), scheiterte an der Abneigung der seemännischen Bevölkerung, doch gelang es meist, schon im Winter, wenn die Schiffahrt daniederlag -- und die Matrosen der Kauffahrer oder der vorjährigen Flotte ihr Erspartes nach Seemannsart bald verjubelt hatten --, eine Reserve von etwa 9000 Mann für das nächste Frühjahr anzuwerben. So wurde der Bedarf, 16-18000 Mann in einigen Jahren 20000, stets gedeckt, man findet keine Klagen hierüber und das holländische Personal errang in diesem Kriege mehrfach das Lob Oraniens.
Das in den beiden letzten Kriegen vorhandene Seesoldatenkorps war wieder aufgelöst, obgleich es sich so gut bewährt hatte. Da die Seeoffiziere besonders den Verlust des gut geschulten Gewehrfeuers bedauerten, sicherte sich die Admiralität von Amsterdam einige Kompagnien der Landtruppen dieser Provinz zur Einschiffung.
So kann man wohl nicht sagen, daß die holländische Marine schon unter Oranien vernachlässigt sei, um so weniger, wenn man die doch schon beginnende Erschöpfung des Landes in Betracht zieht. Auch wenn der König in England war, verhandelte er eifrig -- auch mündlich -- mit den Vertrauten, die jetzt die Seele des Seewesens in Holland waren: Der Ratspensionär von Holland, Heinsius (vor ihm Fagel, der unmittelbare Nachfolger de Witts), und der Sekretär der Admiralität Amsterdam, de Wildt; dieser war Vertreter des Statthalters im Seewesen, ein Generalleutnantadmiral wurde nach Tromps Tode nicht wieder ernannt.
Daß die Ansicht (sogar durch holländische Schriftsteller) später ausgesprochen ist, Oranien habe die Marine verfallen lassen, erklärt de Jonge mit folgenden Umständen: Mit Ruyters Tode habe Brand, dem die besten Überlieferungen der früheren Kriege zu danken (»Leben Ruyters«), aufgehört zu schreiben, Archive usw. seien früher schwer zugänglich gewesen und so hätten genaue Angaben über den Umfang der Indienststellungen und über die Leistungen der Marine gefehlt. Große Ereignisse und Erfolge seien in diesem Kriege selten gewesen; England sei mehr hervorgetreten, da es die größere Zahl der Schiffe und die Oberbefehlshaber gestellt habe.
Wenn Oranien damit einverstanden war, daß Holland so eine zweite Rolle spielte, so braucht man darin allerdings noch keine böse Absicht zu erkennen. Es ist nicht auffallend, daß die Republik mehr zu dem Landkriege, der ihre Grenzen berührte, herangezogen wurde als England; hiermit aber war die jetzt einflußreiche Partei, die aristokratische, wohl sehr einverstanden; wir wissen, daß sie stets das Landheer vor der Marine begünstigte.
De Jonge hebt dann ausdrücklich hervor: Was in Marinesachen geleistet, sei nur Oranien zu verdanken, er habe stets auf noch mehr hingestrebt; wenn dieses nicht erreicht sei, so seien andere Gründe schuld gewesen. (Es sind die uns bekannten: Parteiwesen, Uneinigkeit der Provinzen, Vielköpfigkeit der Regierung; eine äußerste Anstrengung war nur zu erreichen, wenn der Republik das Feuer auf den Nägeln brannte.) Der Verfall der Marine sei erst nach Oraniens Tode eingetreten.
Wir haben die Entwicklung der $französischen Marine$[230] bis zum Beginn des dritten englisch-holländischen Krieges verfolgt und gesehen, wie Colbert in wenigen Jahren die Seestreitkräfte Frankreichs auf fast gleiche Höhe mit denen Englands oder Hollands brachte, wenigstens was das Material anbetrifft. In derselben Weise arbeitete er weiter.
[230] Hauptquellen: Chab.-Arnault; Bonfils, Teil I und II; Delarbre: »Tourville«.
Für das Jahr 1681 wird der =Schiffsbestand= auf 70 Linienschiffe über 50 Kanonen und auf 170 Segel insgesamt angegeben; unter Colbert wurden die verbesserten Mörserboote gebaut, die dann auch die anderen Marinen einführten. Mit du Quesne wirkte er für die Ausbildung und Disziplinierung des =Personals=, besonders der Offiziere; der Krieg mit Holland im Mittelmeer (1674-78), der Kampf mit den Barbaresken später gaben Gelegenheit zum Sammeln von Erfahrungen, und seit dem Frieden von Nymwegen wurden stets große Übungsgeschwader im Dienst gehalten; in Kriegs- und Friedenszeiten waren nichtbeschäftigte Offiziere, auch Kommandanten, überetatsmäßig an Bord kommandiert. Wie früher Artillerie- und Navigationsschulen, so wurde 1680 eine Schiffbauschule gegründet; mit Bau der Mörserboote errichtete man besondere Bombardierkompagnien. So schritt die Entwicklung der Marine unter Colbert stetig fort, trotzdem daß er in seinen letzten Jahren schon mit Finanzschwierigkeiten im Lande zu kämpfen hatte; wenn wir sahen, daß schon 1678 die Ausrüstung der Flotte zu wünschen übrig ließ, so scheint dies mehr an Reibungen zwischen den Verwaltungs- und Kommandobehörden gelegen zu haben, denn die französischen Quellen heben ausdrücklich hervor, daß Colbert noch leistungsfähige Werften und wohlgefüllte Magazine hinterlassen habe.
Nach Colberts Tode aber (1683) ging mit dem Verfall seiner anderen Schöpfungen auch die Marine bald zurück. Ludwig hatte kein Interesse für das Seewesen; er wünschte zwar eine Kriegsmarine für seine Kriege, aber er konnte oder wollte nicht einsehen, daß die Kriegsmarine wenig Zweck und keine Lebensfähigkeit habe, wenn Industrie, Handel und friedliche Schiffahrt zugrunde gingen. Es kam hinzu, daß die Nachfolger Colberts als Marineminister wie Ludwig dachten oder gar die Flotte selbst als Waffe gering achteten.
Der Marquis =de Seignelay= (1683-1690; Sohn Colberts und schon seit 1672 unter seinem Vater im Marineministerium tätig) strebte zwar auch noch eine Vergrößerung der Marine an, aber nicht im Interesse des Handels sondern wie Ludwig, »um mit ihr als Waffe seinen Ehrgeiz zu befriedigen«; wir sahen ihn schon vor Genua selbst an Bord auftreten. Colbert hatte versucht, der seemännischen Bevölkerung für ihren Dienst Vorteile zuzuwenden -- Halbsold, Witwen- und Waisenpensionen usw. --, unter Seignelay fielen diese weg, er nutzte die Menschen nur aus.
Der =Schiffsbestand= war hoch; 1690 sehen wir in der Schlacht bei Beachy Head: 12 Schiffe von 80 bis über 100 Kanonen, 48 von 60-80 Kanonen und 17 von 50-60 Kanonen. Aber die Werften und Arsenale waren schon um 1688 nicht mehr voll und pünktlich leistungsfähig (Unordnung und Verschwendung riß ein), und um die Schiffe zu bemannen, mußte wieder zum Pressen gegriffen werden (vergl. Seite 182). Dies wurde selbst in Friedenszeiten mit solcher Härte durchgeführt, daß Empörungen vorkamen; das System der Rekrutierung bestand nur noch auf dem Papier. Zur teilweisen Abhilfe des Mannschaftsmangels gründete Seignelay 80 ständige Freikompagnien von Soldaten, je 100 Mann unter Führung eines Seeoffiziers, die als Ersatz für Matrosen gute Dienste leisteten. Nur eins wird ihm nachgerühmt, »daß er durch Sammlung und Vervollständigung der Reglements seines Vaters ein Mittel hinterließ, mit dem sich viel später -- unter Choiseul 1760 -- die Marine aus dem von ihm durch Vergeudung des vorgefundenen Materials und Personals vorbereiteten Niedergang wieder erheben konnte.« Er starb, erst 39 Jahre alt, am 6. September 1690.
Chabaud-Arnault sagt von Seignelay: Seignelay besaß einen festen Willen, große Intelligenz und Arbeitskraft, aber unleidlichen Stolz, Härte und Vergnügungssucht. Colbert war selten zufrieden, tadelte stets, aber strafte ungern; Seignelay tadelte beleidigend und strafte hart. Eins war gut bei ihm: er wußte die Disziplin, namentlich im höheren Offizierkorps, aufrecht zu erhalten, die einzuführen Colbert und du Quesne so viele Mühe gemacht hatte.
In den Krieg 1688 trat nach Vorstehendem die französische Marine also noch als eine mächtige ein. Sie besaß genügendes und gutes Schiffsmaterial wie Personal, insbesondere waren die Flaggoffiziere und Kommandanten in Führung der Geschwader und Schiffe auf der Höhe. Die Marine war den Feinden gewachsen, wenn nicht überlegen, aber ihr Rückgang war schon im Entstehen.
Admiral von Frankreich war dem Namen nach bis 1683 =Vermandois= (Sohn der Lavallière). Als dieser, 16 Jahre alt, starb, folgte der fünfjährige =Comte de Toulouse= (Sohn der Montespan). Dieser sprach vorläufig also auch noch nicht mit, sollte aber später ein ganz tüchtiger Seeoffizier werden.
Was Ludwig von seiner Seemacht hielt, geht daraus hervor, daß er ähnlich wie England verlangte, alle Nationen (ausschließlich England) sollten auf See die Lilienflagge salutieren; 1688 zwang Tourville, von der Barbareskenküste zurückkehrend, ein spanisches Geschwader mit Waffengewalt hierzu.
Auf Seignelay folgte =Louis de Pontchartrin= 1690-1699 und unter ihm schritt der Verfall der Marine fort.
Chabaud-Arnault sagt: Auf einen Minister jung, kriegerisch, ruhmsüchtig, zwar verschwenderisch aber doch wohl bekannt mit der Organisation der Verwaltung und der Flotte folgte ein älterer Mann (47 Jahre) kalt, berechnend, sparsam, friedlich gesinnt und völlig dem Kriegswesen, insbesondere dem Seewesen, fremd. Obgleich wohlwollend und gutem Rate zugänglich, wurde er durch die Umstände gezwungen, mehrfach und ungerecht gegen die tüchtigsten Führer aufzutreten und bei der Verwendung der für die Marine bestimmten Mittel teils unangebrachte Knauserei, teils zwecklose Verschwendung zu zeigen.
Pontchartrin hatte ganz andere Ansichten über die Verwendung der Marine als seine beiden Vorgänger; zum Heben des eigenen Handels konnte er bei den herrschenden Verhältnissen nichts tun, von einer Kriegführung zur See in großem Maßstabe hielt er nichts -- vielleicht unter Louvois' Einfluß stehend --; er glaubte die Marine am besten zum Angriff auf den feindlichen Handel zu verwerten und dadurch die öffentlichen und privaten Kassen zu bereichern. Anfang 1691 schlugen Louvois und Pontchartrin gar dem Könige vor: »Die Marine, die so teuer käme und doch nur die Küsten schütze, durch 25000 Mann Infanterie und 4000 Reiter zu diesem Zwecke zu ersetzen!«[231]
[231] Delarbre »Tourville«, Seite 194.
Die Schiffszahl wurde zwar, um Ludwigs Wünschen zu genügen, noch erhalten, auch wurden zunächst noch große Flotten in Dienst gestellt. Der =Bestand= wird für 1692 auf 120 Linienschiffe über 40 Kanonen angegeben. In diesem Jahre verlor Frankreich bei La Hogue 15 Linienschiffe. Oft ist gesagt, hier sei die französische Marine vernichtet! Der Verlust wäre doch wohl zu verschmerzen gewesen, auch waren andere Schiffe im Bau; schon 1693 finden wir 70 Linienschiffe im Atlantik und gegen 17 im Mittelmeer im Dienst, weitere waren noch auf den Werften und für 1696, also gegen Ende des Krieges, wird der Bestand sogar auf 135 Linienschiffe über 40 Kanonen und auf 20 Fahrzeuge von 24-36 Kanonen angegeben; es ist dies der höchste Stand, der erreicht worden ist. Von einer Vernichtung bei La Hogue kann man also nicht sprechen, aber nach dieser Schlacht brach die Ansicht Pontchartrins immer mehr durch; die große Flotte 1693 wurde nur zu einem Schlage gegen den feindlichen Handel (Angriff auf den Smyrna-Convoi) verwendet, und von da an stellte man jährlich nur noch verschiedene kleinere Divisionen auf. Die große Schiffszahl stand bald sozusagen nur noch auf dem Papier; auch wurden die Schiffe vernachlässigt, da Werften und Arsenale sich immer weniger leistungsfähig zeigten. Unter einem in den Seesachen gänzlich unerfahrenen Minister trat zu der schon unter Seignelay eingerissenen Verschwendung in der Verwaltung auch wieder Nachlässigkeit und selbst Untreue wie vor Colberts Zeiten; auch nahm der Hader zwischen den Verwaltungs- und Kommandobehörden zu. Ebenso ging =das Personal= nach und nach zurück. Der reine Kreuzerkrieg mit kleinen Divisionen und einzelnen Schiffen, besonders wenn er mit Königlichen Schiffen, Offizieren und Mannschaften geführt wurde, die an Private vermietet waren (vgl. später »Kreuzerkrieg«), mußte schädigend auf Disziplin und Geist einwirken; bei vielen wurde doch wohl mehr Lust nach Beute als Ehre und Vaterlandsliebe die Triebfeder. Im Offizierkorps gingen ferner Übung und Erfahrung in Exerzitien und Taktik verloren -- nur eine kleine Elite bewahrte das Interesse daran und damit die Überlieferung für die späteren Zeiten Choiseuls. Zwar warf Pontchartrin als gleichzeitiger Generalkontrolleur der Finanzen noch ein großes Budget für die Marine aus, aber die schlechte Verwaltung verschlang noch mehr und die zunehmende Zerrüttung der Geldwirtschaft im Lande machte es oft unmöglich, die nötigen Mittel zu beschaffen. Da konnten denn auch unter ihm der seemännischen Bevölkerung die von Colbert eingeführten Vergünstigungen nicht zu teil werden, selbst die Löhnungszahlung wurde wieder unregelmäßig; die Folge war, daß der Dienst immer unbeliebter wurde, das Pressen immer härter durchgeführt werden mußte; die Fahnenflucht wurde eine Plage, die mit den schärfsten Mitteln nicht zu steuern war.
Der Verlauf des Seekrieges.
$Wilhelm von Oraniens Übergang nach England[232] 1688.$ Es ist erwähnt, daß Oranien frühzeitig dafür sorgte, im gegebenen Augenblick über die erforderlichen Kräfte zur Besitzergreifung des englischen Thrones verfügen zu können. An die Generalstaaten konnte er sich nicht wenden, weil die Angelegenheit möglichst geheim gehalten werden mußte und die Nation vorläufig nicht geneigt war, sich durch Unterstützung seiner Pläne mit Frankreich zu verfeinden. Er gewann aber einflußreiche Vertraute in dem Ratspensionär von Holland, Fagel, in den drei Bürgermeistern von Amsterdam, in Mitgliedern der Admiralitäten usw. Mit ihrer Hilfe gingen schon Ende 1687 Beschlüsse durch, im nächsten Jahre eine stärkere Flotte in Dienst zu stellen als in den letzten Jahren, sowie Gelder zu bewilligen, um die Festungen in Stand zu setzen. Die stärkere Indienststellung wurde für den Handelsschutz, besonders gegen Piraten der Raubstaaten, die sich wieder bis in den Kanal zeigten, verlangt; zu diesem Zweck war ein Beschluß der Generalstaaten nicht nötig, solange es die Admiralitäten aus ihren eigenen Mitteln bestreiten konnten. Die Gelder für die Festungen verwandte Oranien zum Mieten von Truppen bei fremden Fürsten und zum Heuern von Transportern. Die Vertrauten, die Einfluß in den Admiralitäten besaßen, sorgten ferner dafür, daß auch die nicht in Dienst zu stellenden Schiffe bereit gehalten wurden und daß man im Laufe des Sommers 1688, nachdem der Prinz im Juli die Adresse aus England erhalten hatte, die bewilligte Flotte nach und nach noch weiter verstärkte.
[232] Nach de Jonge, Teil III, und Clowes, Teil II, worin die Ereignisse für die betreffende Nation genannt; in ersterem auch besonders über die Vorbereitungen, z. B. Geheimhaltung und Beschaffung der Mittel, sowie in Beilage I, Aufzählung der holländischen Schiffe für die Expedition, genaue Angabe der Truppen, Instruktionen für Herbert und Evertsen.
=Mitte Oktober= 1688 lag in Hellevoetsluis eine Flotte von 13 Schiffen zu 60-68 Kanonen, von 7 zu 50-56, 11 zu 40-48, 16 zu 32-36, 10 Brandern und in verschiedenen benachbarten Häfen waren gegen 340 Transporter zur Überführung der Truppen sowie 60-70 kleine Fahrzeuge für die Landung selbst bereit. Die Befehlshaber -- Leutnantadmiral Cornelis Evertsen und Vizeadmiral Almonde -- erfuhren erst jetzt den wahren Zweck der Flotte sowie, daß der nach Holland geflüchtete englische Admiral Herbert (später Earl of Torrington) als Leutnantadmiralgeneral mit dem Tage der Abfahrt den Oberbefehl übernehmen solle, wie es auch am 27. Oktober geschah. Die Order für die Flotte war: Die Überfahrt der Transporter und die Landung zu decken und dann Diversionen an der Westküste Englands und in Schottland zugunsten Oraniens zu machen.
=Tromp= war nach Ruyters Tode Leutnantgeneraladmiral geworden. Wenn ihm nicht der Oberbefehl über die immer mehr anwachsende Flotte übergeben wurde, so hatte dies gleichfalls seinen Grund darin, daß man kein Aufsehen erregen wollte; es war ja kein Krieg -- auch soll er nicht mehr gut mit Oranien gestanden haben. Der englische Oberbefehlshaber war lediglich aus politischen Gründen gewählt worden; bis zum Tage der Abfahrt befehligte Herbert nur ein Geschwader.
Ende Oktober war alles bereit; die Truppen wurden eiligst und heimlich zusammengezogen und eingeschifft (11090 Mann und 4092 Pferde); Oranien ging am 27. mit Leutnantadmiral Scheppers und Marschall Schomberg auf die ganz neue Fregatte »den Briel« (30 Kanonen). Bezeichnend für den politisch-religiös gemischten Charakter der Expedition ist, daß, wie Wilhelms Oberbefehlshaber am Lande, eben der frühere französische Marschall Schomberg, so auch ein großer Teil der Armeeoffiziere Hugenotten waren.
Erst unmittelbar vorher hatte Oranien den Generalstaaten seine Pläne eröffnet und nun auch ihre Zustimmung gefunden. Bis dahin soll diesen und auch England gegenüber alles geheim gehalten sein, was jedoch kaum glaublich ist; weiß man doch, daß der französische Gesandte schon länger darüber an Ludwig berichtet hatte; der englische Gesandte soll allerdings sehr »harmlos« gewesen sein.
Die Flotte setzte bei Südwestwind den Kurs nach Norden, weil die Ostküste Englands (Humber?) zur Landung in Aussicht genommen war, aber schon in der nächsten Nacht zersprengte sie ein schwerer Südweststurm; man mußte zum Wiedersammeln nach Hellevoetsluis zurückkehren. Große Freude war in England und Frankreich, wo übertriebene Berichte über Verluste einliefen; der französische Gesandte im Haag schrieb: »Enfin la flotte du Prince d'Orange est au diable«; diese Gerüchte wurden von holländischen Zeitungen absichtlich genährt, um die Feinde einzuschläfern. Tatsächlich hatte wohl ein schrecklicher Zustand auf den überfüllten Schiffen geherrscht, die Beschädigungen aber waren nur gering und Verluste fast gar nicht zu beklagen; 500? oder 900? Pferde sollen über Bord geworfen sein. Schnell wurde allem abgeholfen.
=Am= 10. =und= 11. =November= ging man wiederum in See mit demselben Ziele; wegen schweren östlichen Windes aber wurde bald beschlossen, in den Kanal zu steuern und bei Torbay und Dartmouth zu landen. Am 13. wurden die Hoofden passiert, die Nachzügler gesammelt und dann mit Trompetenschall und Geschützsalut längs der englischen Küste kanalabwärts gesteuert; voran die Transporter von 4 Fregatten gedeckt, die Flotte zum Schutz gegen die englische hinterher. »Den Briel« führte im Großtopp eine Flagge mit der Inschrift: »Für den protestantischen Gottesdienst und Englands Freiheit«; darunter Oraniens Devise: »Je maintiendrai«. Der Prinz hatte beabsichtigt, schon am 14. November, seinem 38. Geburtstage, zu landen; die ihn begleitenden Engländer beredeten ihn zur Wahl des 15., des Jahrestages der Pulververschwörung. In der Nacht vom 14. auf 15. überlief die Flotte Dartmouth infolge Unachtsamkeit der englischen Lotsen (die Engländer sagen, Fehler der holländischen Navigateure). Dies konnte bei dem steifen Ostwinde sehr nachteilig werden, weil man fürchten mußte, an anderen Landungspunkten mehr westlich Widerstand von englischen See- und Landstreitkräften zu finden. Der Zufall kam zu Hilfe; der Wind sprang auf Süd um, man erreichte Torbay und konnte noch am 15. den größten Teil der Truppen ausschiffen; Oranien wurde am Lande mit Jubel begrüßt. Am 16. wurde der Rest gelandet, nach einem Feldgottesdienst der Marsch auf Exeter angetreten und diese Stadt noch am Abend besetzt. Gleich nach beendeter Ausschiffung der Truppen kam Sturm auf, so daß die Landung der Geschütze und des Kriegsmaterials verhindert wurde.
=Wo waren die Engländer=? Jakob II. hatte eine ansehnliche Flotte im Dienst. Diese hatte den Sommer über unter dem katholischen Admiral Strickland vor Dover gelegen mit Vorposten im Kanal und vor der Themse; später aber war sie unter dem protestantischen Admiral Earl of Dartmouth in die Themse zurückgezogen; die holländische Expedition hatte sie beim Steuern in den Kanal fast in Sicht passiert. Der Wind soll an diesem Tage ein Ankerlichten verhindert haben; erst am 15. konnte sie dem Feinde folgen, wurde dann aber, gegen den Sturm aufkreuzend, festgehalten, bis es zu spät war. Es ist wohl anzunehmen, daß weder vom König strikte Befehle eingegangen, weil dieser der Marine nicht mehr traute (auf den Werften usw. hatten schon ungünstige Kundgebungen stattgefunden), noch in der Flotte ernstliche Absichten, einzugreifen, vorhanden waren. Bald nach den geschilderten Ereignissen wurden infolge eines Kriegsrates die katholischen Kommandanten an Land gesetzt und eine Adresse an Oranien gesandt; Mitte Dezember stellte sich die Flotte diesem völlig zur Verfügung.
Oranien marschierte auf London; Truppen, die bei Salisbury standen, gingen zu ihm über. =Jakob= verkündigte eine Amnestie und versprach, allen Beschwerden abzuhelfen; zu spät, alles verließ ihn, er mußte nach Frankreich fliehen. Am 18. Dezember zog =Oranien= in London ein und wurde am 18. Februar 1689 =als König anerkannt=.
Die holländische Flotte kehrte in zwei Abteilungen im Januar und März 1689 nach Holland zurück.
$Jakobs II. Einfall in Irland und die Operationen 1689.$ Ludwig XIV. hatte nach Oraniens Übergang an Holland den Krieg erklärt, aber nicht an England, weil er Oranien nur als einen Eindringling betrachtete, der keineswegs das ganze englische Volk hinter sich habe, jedoch war er bereit, Jakob in seinem Versuche, sein Königreich wiederzugewinnen, zu unterstützen. Tatsächlich besaß Jakob in England noch viele Anhänger; die besten Aussichten hatte er aber in den schottischen Hochlanden und vor allein in Irland; von hier aus wollte er versuchen, seine verlorene Macht wiederzugewinnen. Es wäre nun die beste Gelegenheit gewesen, den Fehler von 1688 -- daß man Oranien überhaupt hinübergelassen hatte -- wieder gut zu machen, indem man die Überlegenheit der französischen Flotte jetzt noch voll ausnutzte, zunächst den Seekrieg gegen England und Holland führte und damit eine große Invasion in Irland, Schottland oder gar England selbst ermöglichte; dies geschah aber nicht.
=Im März= 1689 brachte ein kleineres französisches Geschwader -- Chef d'Escadre de Gabaret -- =Jakob= mit 8000 Mann =in Cork= an Land (22. bis 24. März). Er wurde mit Jubel begrüßt, zog in Dublin ein, nur in einzelnen Städten hielten sich die englischen Besatzungen; gleichzeitig erhoben sich unter Viscount Dundee die Hochländer in Schottland. Jakob verstand es aber nicht, seine Sache richtig zu führen -- er lebte mehr der Entgegennahme von Huldigungen usw. -- und wurde auch in der Folge nicht richtig von der französischen Flotte unterstützt, sonst hätte er mit Hilfe Irlands und Schottlands Wilhelms III. Stellung sehr erschüttern können. Sein Einfall war ohne jeden Widerstand seitens der englisch-holländischen Seestreitkräfte ausgeführt, da diese nicht fertig waren.
=England und Holland= hatten allerdings schon im Beginn des Jahres einen =Vertrag= über Ausrüstung einer gemeinsamen Flotte von 80 Linienschiffen, 24 Fregatten, 12 Brandern geschlossen; 50 Schiffe waren für den Kanal, 30 für das Mittelmeer bestimmt. Wie schon im Jahre 1668 (Tripelallianz, Seite 308) wurde dabei auch jetzt und auch später immer das Verhältnis auf 5/8 (England) und 3/8 (Holland) festgesetzt; England sollte 50 Linienschiffe, 15 Fregatten, 8 Brander stellen, Holland 30 Linienschiffe, 9 Fregatten und 4 Brander. Wie 1668 so war auch jetzt als Grund des schwächeren Kontingents Hollands angenommen, daß dieser Staat mehr durch den Landkrieg in Anspruch genommen werden würde, und dementsprechend wurden die aufzustellenden Armeen auf 100000 Holländer gegen 40000 Engländer normiert. Man braucht darin also, wie schon erwähnt, noch keinen Beweis des Rückganges der holländischen Marine zu sehen, aber es kennzeichnet doch wohl schon ein Zurücktreten der Seemacht Hollands hinter die Englands, und ganz besonders tun dies die sonstigen Bestimmungen des Vertrages. Nach diesen nämlich sollten nicht nur die Hauptflotte der Verbündeten, sondern auch alle selbständigen Geschwader oder sonstige detachierte Kräfte stets unter dem Oberbefehl eines englischen Offiziers stehen; ja, bei gemeinschaftlichem Kriegsrat hatten die englischen Flaggoffiziere und Kommandanten am »oberen Ende« des Tisches zu sitzen (diese Bestimmungen entschuldigt de Jonge mit der »damaligen höheren Auffassung« der Würde des Königtums).
Aber erst nach und nach sammelten sich die Schiffe der beiden Staaten. Die ersten Holländer trafen im Juni bei Wight ein. Die Schiffe, die 1688 im Dienst gewesen, waren erst im Januar und März zurückgekehrt und bedurften der Überholung; die kleineren Admiralitäten hatten überhaupt nicht genügend Kriegsschiffe und mußten Kauffahrer umbauen; den größeren mangelte Geld, bis die ostindische Kompagnie aushalf. In England hatten wohl die noch unsicheren inneren Verhältnisse eine rechtzeitige Indienststellung verhindert.
Erst als Jakobs Landung bekannt geworden, erhielt =Admiral Herbert= in Portsmouth den Befehl, mit den segelfertigen englischen Schiffen =nach Irland= zu gehen. Er erschien Mitte April vor Cork mit nur 12 Linienschiffen, hörte hier, daß das französische Geschwader bereits zurückgesegelt sei, kreuzte dann im Kanaleingang an der französischen Küste und hielt endlich wieder nach Cork hinüber, da er durch Aufklärungsschiffe erfahren hatte, daß eine neue französische Flotte unterwegs sei; am 9. Mai kam auch für kurze Zeit eine größere Zahl von Schiffen in Sicht.
Es war dies eine =zweite französische Expedition=, die am 6. Mai wiederum mit Truppen (5000?, 6000?, 7000? Mann, Munition und Kriegsmaterial) Brest verlassen hatte. Diese ihrerseits erfuhr am 9. vor Cork, daß Herbert in der Nahe sei; da man bei dem herrschenden Ostwinde auf den Ankerplatz hätte aufkreuzen müssen, steuerte der Chef Generalleutnant =Château-Renault= nach West und ankerte am 10. Mai 2 Uhr nachm. in der =Bantrybay=. Herbert war am 9., den Feind suchend, auch nach Westen gesegelt und sichtete die Franzosen am Abend des 10. in genannter Bucht. Château-Renault hatte sofort mit dem Ausschiffen begonnen, und als um 6 Uhr abends seine Vorposten das Herankommen der Engländer meldeten, waren fast alle Truppen schon am Lande. Er warf den Rest, der sich noch auf den Linienschiffen befand, auf die Transporter, lichtete Anker und hielt sich mit kleinen Schlägen gefechtsbereit im Eingang der Bucht, um das weitere Landen des Kriegsmaterials von den Transportern und Brandern zu decken. Die Nacht verbot auf beiden Seiten weitere Operationen; am 11. kam es zum Gefecht. =Stärke der Gegner=:
Engländer = 3 Schiffe zu 70 Kanonen; 5: 60-68; 5: 50-54; 5: 46-48; 1: 36; 1 Brander; 2 Mörserboote.
Franzosen = 4: 60-66; 12: 50-60; 8: 40-48; 2 Fregatten, 10 Brander.
Das $Gefecht vor Bantrybay$[233] 11. Mai 1689: Herbert beginnt morgens in die Bucht hinein aufzukreuzen. Als er aber die Stärke des Feindes genau erkennt, hält er es für ungeeignet, in der Leestellung und im beschränkten Wasser zu fechten. Er hält unter kleinen Segeln wieder in See, dabei bestrebt, seine noch nicht tadellose Linie zu verbessern und die Luvstellung zu gewinnen; das erste gelingt, das zweite jedoch nicht infolge Gegenmanöver der vordersten Franzosen. Château-Renault hatte bis 11 Uhr gewartet und ging dann erst an den Feind heran; auch seine Linie scheint nicht besonders gut gewesen zu sein infolge des Manövrierens in der Bucht.
[233] Nach Clowes, Teil II, Bonfils, Teil I, Troude, Teil I; sie stimmen nicht ganz überein, selbst nicht die französischen Quellen unter sich. Doch ist dies von wenig Belang, da das Gefecht ohne taktisches Interesse.
Um 11-1/2 Uhr vorm. begann das Gefecht. Es wurde auf französischer Seite nur von der Mitte mit Nachdruck geführt, während Vorhut -- Chef d'Escadre de Gabaret -- und Nachhut -- Chef d'E. de Forant -- sich lau zeigten. (Französische Quellen sagen wegen Eifersucht der Unterführer gegen den Geschwaderchef -- alte Seeleute gegen einen Protegierten; nach Troude berichtete Château-Renault, Gabaret habe die Befehle zum Angriff nicht sofort befolgt, so daß er selbst mit der Mitte die Spitze habe nehmen müssen, und Forant sei nicht im Kielwasser geblieben; beide hatten Entschuldigungen für ihr Benehmen. Chabaud-Arnault sagt: »Gabaret und Forant gaben an, Renault habe das Gefecht schlecht geleitet, die nötigen Orders nicht zu geeigneter Zeit gegeben, dann war es aber Pflicht der Offiziere mit mehr Erfahrung, ihren Chef zu unterstützen. Herbert dagegen verstand es nicht, aus dem Fehler der Franzosen Nutzen zu ziehen«.) Herbert versuchte nun, den Feind von der Küste abzulocken; Ch. Renault jedoch brach um 5-1/2 Uhr nachm. 21 sm. von der Küste das Gefecht ab, um seine Transporter nicht allein zu lassen. Das Gefecht war ziemlich scharf gewesen: ein französisches Schiff (54 Kanonen) war durch eine Explosion angehäufter Kartuschen fast ganz zerstört, auch die Engländer verloren ein Schiff sowie 100 Tote und 300 Verwundete. Für diese war es von großem Vorteil gewesen, daß die französischen Brander nicht zur Stelle waren, da sie noch Munition für die gelandeten Truppen löschten.
Das Gefecht war kein voller Sieg der Franzosen, aber auch keine besondere Leistung der Engländer, soviel schwächer waren diese nicht; dennoch wurde aus politischen Gründen Herbert zum Earl of Torrington ernannt und an zwei Kommandanten die Ritterwürde verliehen.
Auf beiden Seiten hatten viele Schiffe so gelitten, daß nichts weiter unternommen wurde: Herbert segelte nach Plymouth; Renault, der eigentlich nach beendeter Landung an der Küste bleiben und die englischen Seestreitkräfte verjagen sollte, ging nach Brest zurück (16. Mai dort). Er hatte zwar die erste Aufgabe trotz feindlichen Eingreifens in nur 10 Tagen gelöst, ein Verbleiben in den irischen Gewässern wäre aber von großer Wichtigkeit gewesen. Herbert schickte nämlich bei seiner Abfahrt ein =kleines Geschwader= in die =irische See=, nur zwei Schiffe (54 und 48 Kanonen) =unter Kapitän Rooke=, um dort einige kleinere Fahrzeuge an sich zu ziehen und sich dann dem Landkriege zur Verfügung zu stellen. Diese kleine Flottille leistete nun Wesentliches ohne Störung durch französische Seestreitkräfte; sie unterbrach die Verbindung zwischen Irland und Schottland für die Jakobiten und hielt eine solche zwischen Irland und England für Wilhelm III. offen, auch griff sie in den Kampf um Küstenplätze ein.
=Londonderry= -- im Norden Irlands am Lough Foyle -- wurde von den Jakobiten belagert und hart bedrängt; General Kirke stand in England mit Truppen zur Verstärkung; Rooke ankert am 10. Mai im Clyde (genauer unter der Halbinsel Cantine) und bestellt hierher die Transporter Kirkes vom Solway. Zunächst stoßen einige kleinere Fahrzeuge zu ihm, dann kommt am 8. Juni der Transport, gedeckt durch drei 48-Kanonenschiffe und ein 36-Kanonenschiff. Rooke geht nun nach dem Lough Foyle, trifft Mitte Juni dort ein; Kirke (früher Seesoldat) versucht nach Londonderry hinaufzukommen, findet aber das Fahrwasser durch Ketten und Sperren mit flankierenden Batterien gesperrt. Rooke läuft in den Lough Swilly ein und belästigt von dort den Feind (läßt nebenbei an der Küste auf kleinere französische Kriegsfahrzeuge kreuzen); Kirke forciert infolge eines antreibenden Befehles vom Marschall Schomberg am 28. Juni die Sperre mit einem Kriegsschiff und zwei Transportern. Es gelingt, die Verstärkungen in die Stadt zu werfen und die Jakobiten geben am 31. Juli die Belagerung auf.
=Rooke= kreuzt weiter zwischen der Nordspitze Irlands und der Insel Man im Nordkanal und =führt= den Transport mit =Schombergs Hauptheer= zur Niederwerfung Irlands nach Belfast Lough =über=. Nach und nach verstärkt, teilt er seine Flottille und beherrscht auch die irische See sowie den St. Georgskanal; am 18. September nimmt er sogar die wichtigste Insel im Hafen von Cork; erst im Oktober geht er nach den Downs, da seine Schiffe der Ausbesserung und Ausrüstung bedürfen.
Diese Erfolge der kleinen Flottille sind um so bemerkenswerter, als sonst die =Beteiligung der Seestreitkräfte= beider Gegner im Kampfe um Irland 1689 =unbegreiflich gering= ist. Die Franzosen hätten das Hinübergehen englischer Truppen hindern müssen, wahrscheinlich wäre dann im Sommer 1689 ganz Irland für Jakob gewonnen worden; die Verbündeten taten nach Bantrybay wenig, um sich die Herrschaft im Kanal zu sichern. Die Untätigkeit beider Gegner ist um so unverständlicher, als sie nach und nach über nicht unbedeutende Flotten verfügten; diese müssen wohl nicht recht kriegsbereit gewesen sein.
Zu =Herbert= stießen im Laufe des Juni bei Wight die Holländer, und die vereinigte Flotte war nun 61 Kriegsschiffe (34-92 Kanonen) und 17 Brander stark; die festgesetzte Stärke von allein 80 Linienschiffen war also bei weitem nicht erreicht, und von einer Entsendung nach dem Mittelmeer mußte abgesehen werden, dazu war man nicht stark genug. Die Flotte ging in See, um die französische Küste zu beunruhigen und um ein in Brest von Toulon erwartetes Geschwader -- 20 Linienschiffe unter Tourville; am 9. Juni abgegangen -- abzufangen; sie kehrte bald nach Torbay zurück, »da sie schlecht ausgerüstet war.« Unmittelbar darauf (31. Juli) traf =Tourville= in Brest ein und übernahm den Oberbefehl über 70 Schiffe über 40 Kanonen.
Nach Delarbre waren die Verbündeten noch bei Cap Ouessant, als Tourville herankam; in größerer Nähe Brest zu blockieren, erschien ihnen zu gefährlich. Durch Aufklärung gut über den Feind unterrichtet, hielt sich Tourville bei nördlichem Winde 5 Tage lang in der Nähe, aber aus Sicht der Gegner, wartete, bis Südwestwind aufkam und lief dann in Sicht des Feindes in die Bucht (Iroise) ein.
Im August liefen die Verbündeten nochmals aus und Tourville trat ihnen bei den Scillys entgegen (Mitte des Monats); der Minister Seignelay befand sich an Bord. Die Verbündeten standen zu Luward, vermieden aber das »von den Franzosen gesuchte« Gefecht. Es kam nur zum Zusammenstoß je eines vorgeschickten Linienschiffes in Sicht der Flotten.
Nach holländischen Angaben wollten sie sich wegen ihrer Minderzahl durchaus defensiv verhalten; nach französischen Quellen schonten sie sich, um einen erwarteten Smyrnaconvoi beider Nationen decken zu können. Dieser Convoi lief auch später unbelästigt in den Kanal ein. Beide Erklärungen stimmen also gut überein. Nach einer anderen französischen Angabe endlich waren auch die Franzosen nicht geneigt, in einer großen Schlacht zuviel aufs Spiel zu setzen.
Dann trennten sich die Gegner, gingen nach einigen Tagen in ihre Häfen und rüsteten bis auf kleine Wintergeschwader ab.
$Das Jahr 1690. Die Schlacht bei Beachy Head$ (oder Béveziers). Für 1690 rüstete Frankreich gewaltig zur See mit der Absicht, die englisch-holländischen Streitkräfte zu vernichten -- womöglich einzeln vor ihrer Vereinigung; die Engländer überraschend in ihren Häfen --, die Seeherrschaft völlig zu erringen und dann in England einzufallen. In Rochefort wurden innerhalb dreier Monate 15 Galeren zur Unterstützung der Segelflotte gebaut und Truppen an den Küsten zusammengezogen; es waren zwar nur 8000 Mann, man rechnete aber mit Erhebung der Jakobiten in England und hielt für diese Waffen zur Überführung bereit. In Brest lagen über 60 Linienschiffe unter =Tourville=, eine Verstärkung aus Toulon wurde erwartet; infolge Mangels an Personal und an Material in den Arsenalen war aber die Flotte (70 Linienschiffe) nicht vor Ende Juni fertig.
Tourville (nach Chabaud-Arnault) geboren 1637; in der harten Schule der Malteser-Ritter erzogen, besonders zum tüchtigen Seemann; 1666 Kapitän in der französischen Marine, trat früh hervor; im Frieden mehrfach Kommandant von Schulschiffen für Seeoffiziere; zeichnete sich aus im Kriege 1674-1678 im Mittelmeer, später vor Algier und Genua. -- Kräftige, schöne Erscheinung und aristokratisches Auftreten; ehrenhaft, vielleicht nicht ganz aufrichtig (siehe sein Benehmen gegen du Quesne); gehorsam, scheute sich aber nicht, seine Ansicht auszusprechen; persönlich mutig bis zur Tollkühnheit; klug und geschickt bei Entwerfen von Operationen; ließ sich nicht beeinflussen beim Fassen von Entschlüssen und scheute sich nicht vor Verantwortung; in allen Zweigen des Dienstes erfahren, aber kein Organisator wie du Quesne.
Wir finden aber auch andere Urteile: Seignelay, dessen Befehle vom grünen Tisch er nicht immer ausführte, sagte von ihm »brave de coeur, mais poltron de tête«, wogegen Sue wohl richtiger sagt »brave de sa personne et poltron pour ses matelôts«.
1689 wurde er Vizeadmiral der Levante und nach d'Estrées' sen. Abgang als ältester Vizeadmiral Chef der großen Flotten, 1693 Marschall, gestorben 1701. -- Biographie von Delarbre.
Die Verbündeten hatten die Indienststellung einer gleich starken Flotte wie im Vorjahre (80 Linienschiffe) beschlossen; hier blieb man noch mehr im Rückstande. Am 1. Juli lagen nur etwa 50 Linienschiffe -- darunter nur erst 18 Holländer -- unter =Herbert= bei Wight; allerdings waren ein größeres und ein kleineres Geschwader detachiert und einige Schiffe in Plymouth bereit, zur Flotte zu stoßen. Weitere holländische Schiffe, deren Ausrüstung wieder wegen Geldmangels nicht rechtzeitig fertig wurde, kamen erst im Laufe des Juli nach und nach hinzu. Auch in England war die Rüstung mit einer unverständlichen Lauheit betrieben worden, scheinbar ein Fehler der Regierung. Admiral Herbert hatte während des ganzen Winters vergeblich auf rechtzeitige Ausführung gedrungen; der Premierminister =Nottingham= nahm in Unterschätzung der Franzosen die Sache leicht (vgl. z. B. Colomb, Seite 110: Herberts Verteidigung in seinem späteren Prozeß); auch in Holland scheint der Feind unterschätzt worden zu sein.
Das =größere= der genannten =Geschwader= war =an der spanischen Küste=. Schon bei der Abrüstung 1689 war es im Dienst behalten, 16 englische und 9 holländische Linienschiffe stark. Es sollte Anfang 1690 nach dem Mittelmeer gehen, um einen großen gemeinsamen Convoi dahin zu geleiten und dann die französischen Streitkräfte von Toulon dort festzuhalten. Verschiedene Umstände -- Ausrüstung; Wetter; Erwarten der Braut des Königs von Spanien (Maria Anna, Tochter des Kurfürsten von der Pfalz), die nach Coruña gebracht werden sollte; Sammeln des Convois --, in der Hauptsache aber scheinbar Unschlüssigkeit in England (die Holländer klagen darüber), verzögerten die Abfahrt; erst Mitte März ging man mit einem großen Convoi in See. An der spanischen Küste wurden Schiffe abgezweigt, um die Prinzessin zu geleiten, andere zur weiteren Begleitung der Kauffahrer; ein Sturm trennte die übrigen Schiffe und brachte Verluste, so daß erst am 18. April etwa 15 Linienschiffe -- die Engländer unter Admiral =Killigrew=, die Holländer unter =Almonde= -- zur Erfüllung der Hauptaufgabe, Abfangen des Toulon-Kontingents, wieder vereint in Cadiz lagen. Während man hier ausrüstete und ausbesserte, wurde am 19. Mai die Ankunft des französischen Geschwaders -- 14 Segel, darunter 6(?) Linienschiffe -- unter =Château-Renault= gemeldet. Killigrew ging am nächsten Tage in See und sichtete die Franzosen am 22. Mai zwischen Gibraltar und Ceuta. Château-Renault, der schwächer war und seine Vereinigung mit der Flotte in Brest im Auge hatte, entzog sich richtigerweise einem Gefecht; er konnte es, weil seine Schiffe bodenrein waren, die der Gegner (besonders der Engländer) jedoch in schlechtem Stande. Killigrew hatte den Befehl, ihm zu folgen, und tat dies auch, aber nicht im Sinne der Order. Er kehrte zunächst nach Cadiz zurück, besserte aus, sammelte einen Convoi von 150-200 Schiffen und segelte dann am 19. Juni. Die Folge war, daß Renault seine Verstärkung wohlbehalten und rechtzeitig zur Vereinigung nach Brest führen konnte, während Killigrew erst am 23. Juli in Plymouth eintraf, als die Schlacht bei Beachy Head geschlagen war.
Das =kleinere Geschwader=, 6 Kriegsschiffe unter Admiral =Shovel=, war für die =irischen Gewässer= abgezweigt und sollte wie im Vorjahre sehr nützlich werden. Es kam allerdings zu spät, oder war nicht stark genug, um einen ersten Erfolg der Franzosen zu hindern. Im Anfang März schon brachte der Chef d'Escadre d'=Amfreville= mit 30 Linienschiffen, die auch zu diesem Zweck von 1689 im Dienst belassen waren, unbehindert einen Transport von 7000 Mann sowie Kriegsmaterial nach Cork. Er ging dann aber nach Frankreich zurück, und in der Zukunft zeigten sich keine Franzosen mehr hier, um den Engländern die Verbindung mit Irland zu unterbrechen. So wurde es =Wilhelm= III. möglich, unter Shovels Bedeckung auf 288 Fahrzeugen seine Armee im Juni von Chester nach Irland hinüberzuführen; er landete am 24. Juni in =Carrikfergus=. Shovel wurde am 28. Juni zur Hauptflotte entlassen, erreichte diese aber auch erst nach Beachy Head.
=Mahan= sagt zu vorstehenden Ereignissen: »Während des ganzen Kriegsabschnittes, in dem es sich um den Besitz von Irland handelt, ist nichts auffallender als die von beiden Seiten an den Tag gelegte Sorglosigkeit in bezug auf die Verbindung des Gegners mit der Insel. Besonders merkwürdig erscheint dies bei den Franzosen, die die stärkeren Seestreitkräfte hatten und von denen man annehmen muß, daß sie durch die Unzufriedenen in England genau über alle Vorgänge unterrichtet waren. Es scheint, daß ein Geschwader von 25 Fregatten nebst einigen Linienschiffen für den Dienst im St. Georgs-Kanal bestimmt war; aber nur 10 Fregatten kamen nach Kingsale und auch dies erst, als durch die Schlacht am Boyne alles für Jakob verloren war.« Wir kommen auf diesen Umstand noch zurück.
Die Verzögerung des Seeklarwerdens hatte die Franzosen gehindert, ihrer Absicht gemäß vor Vereinigung der Gegner aufzutreten; =Tourville= erhielt nun =Befehl=, trotzdem auszulaufen und den Feind aufzusuchen. Ein großer Schlag zur See versprach die größten Erfolge: Die Lage in England war bedenklich. Irland war über ein Jahr in erfolgreichem Aufstande, und es war den Franzosen geglückt, eine neue Truppenmacht auf die Insel zu werfen; Wilhelm III. war mit dem größten und besten Teile seiner Truppen dort; die Anhänger Jakobs traten in England, wo die Königin die Regierung führte, mit ihren Kundgebungen mehr und mehr hervor. Die Vernichtung der verbündeten Flotte und darauf ein Festhalten des Königs in Irland, sowie eine Landung in England mußten voraussichtlich für Oraniens Stellung verhängnisvoll werden. Die französische Flotte war hierzu der feindlichen ungemein überlegen -- die stolzeste, die Frankreich je ins Gefecht geführt hat.
Am 23. Juni lief =Tourville= von Brest aus; starke Gegenwinde im Kanal hielten ihn auf, auch waren die Galeren genötigt, unter der Küste der Bretagne Schutz zu suchen. Am 3. Juli morgens sichteten seine Aufklärungsschiffe die feindliche Flotte zu Anker bei St. Helens (Wight). =Herbert= war so wenig kriegsbereit und unterrichtet, daß er nicht einmal Vorposten im Westen hatte. Erst am 2. Juli hatte er Nachricht erhalten, daß die Franzosen in See gegangen seien; jetzt waren sie wenige Seemeilen von ihm.
Er sagte später aus: Da alle unsere Schiffe noch mit Ausrüsten (z. B. auch mit Einschiffen eines Regimentes) beschäftigt waren, hatte ich die Holländer mit dem Sicherheitsdienst betraut (wohl am 2. Juli); die von diesen dazu befehligten Schiffe scheinen aber auch durch Ergänzen von Bedürfnissen festgehalten zu sein. »Sicher ist, daß ich erst durch das Sichten der feindlichen Vorposten von dem Erscheinen der französischen Flotte Kenntnis erhielt. Auch ihre Stärke war mir unbekannt; daß Château-Renault mit dem Toulon-Geschwader dabei war, zeigte mir erst seine Flagge.« (Z. B. Colomb, Seite 113.)
Herbert lichtete sofort Anker, mußte aber bald wieder bei Dunose (Südostspitze Wights) ankern, da der leichte Nordostwind ganz einschlief; hier stießen am 4. Juli noch einige englische und holländische Schiffe zu ihm, ebenso während der nächsten Tage. Am 5. Juli 9 Uhr vormittags meldete eine Fregatte das Nahen des Feindes. Herbert ging Anker auf und formierte bei leichtem südlichem Winde die Gefechtslinie über Backbord-Bug; bald sichteten sich die Flotten. Als nun aber die Stärke der Franzosen erkannt war, beschloß der Kriegsrat der Verbündeten, einem Gefecht auszuweichen, um die Flotte für eine Defensive unversehrt zu erhalten. Dementsprechend wurde an die Königin in London berichtet und nach Osten gesteuert; die Franzosen folgten.
Herbert berichtete[234] (kurz gefaßt): Er habe zuerst beabsichtigt, ein Gefecht anzunehmen, die Franzosen hätten jedoch nicht angegriffen, obgleich sie zu Luward standen. (Vielleicht hielten sie zurück, weil sie infolge des flauen Windes nicht in guter Ordnung waren, vielleicht um auch erst die Stärke des Feindes kennen zu lernen; sie hatten nämlich am 4. das Salutieren der zu Herbert gestoßenen Schiffe gehört.) Als die Stärke des Gegners erkannt war, sei vorstehender Beschluß gefaßt worden. Man habe dabei in Erwägung gezogen, daß man in einer Schlacht die ganze Flotte und damit die Seeherrschaft aufs Spiel setze. Es sei für richtiger erkannt worden, auszuweichen und bei günstiger Gelegenheit zu versuchen, nach West zu steuern, um sich mit Killigrew, Shovel sowie den Schiffen in Plymouth zu vereinigen und so dem Feinde eher gewachsen zu sein, oder sich nach Osten, wenn nötig bis zur Themse hinter die Gunfleet[235], zurückzuziehen, um von dort aus mit der unversehrten Flotte den Feind im Schach zu halten und erst geeigneten oder notwendigen Falles hervorzubrechen; auch hier könnten die Streitkräfte im Westen über die Bänke trotz der Franzosen zur Flotte stoßen.
[234] Diese und noch folgende Auszüge aus Berichten Herberts und Befehlen von London vgl. z. B. Colomb, Seite 115.
[235] Gunfleet: Bänke östlich von der Themse von Foulness bis Harwich; ein geeigneter, sicherer Ankerplatz für große Flotten.
Herbert weist jetzt noch einmal auf seine im Winter vergeblich geäußerten Bedenken und Ermahnungen hin; er bittet um Verstärkungen und entsprechende Orders an die Schiffe im Westen.
Flaue Winde hinderten an den nächsten Tagen ein Näherkommen der verfolgenden Franzosen, um so mehr als die Engländer die Stromverhältnisse besser kannten; beide Flotten mußten häufig ankern. Da traf am 9. Juli abends ein =Befehl der Königin= ein, der Herbert =zum Fechten= nötigte; in London war man über die Lage -- über die zu wählende Strategie -- anderer Ansicht und man unterschätzte den Feind.
Nottingham schrieb: Die Franzosen hätten nach sicherer Nachricht nur 60 Linienschiffe, diese seien schlecht bemannt. Shovel und die Schiffe von Plymouth seien bereits unterwegs; Killigrews Ankunft stände ganz nahe bevor. Alle diese aber -- und mit ihnen Killigrews großer Convoi -- seien sehr in Gefahr, wenn sich die Flotte nach Osten zurückzöge; die Franzosen würden dadurch ferner imstande sein, ganz oder teilweise nach Schottland zu gehen, wo dann ein großer Aufstand erfolgen könne.
Die angeschlossene Order der Königin besagte, daß sie die Absicht, sich bis zur Themse zurückzuziehen, durchaus mißbillige. Ein nach Westen Gehen verbiete sie nicht, wenn es sich mit folgendem vereinigen ließe. Vor allem sei nämlich die französische Flotte »nie« aus Sicht zu lassen, damit sie nicht etwas gegen die Küsten oder gegen die Themse unternehmen oder »überhaupt ohne Gefecht absegeln« könne (wohin? nach Schottland oder nach Hause?), eher sei unter günstigen Windverhältnissen (d. h. in der Luvstellung) zu schlagen. In welcher Eile diese Befehle verfaßt wurden, zeigt die Tatsache, daß Nottingham sich nicht einmal Zeit nahm, Konzepte oder Abschriften anzufertigen.
Herbert antwortete sofort: Die Ansicht in London über Stärke und Bemannung des Feindes sei nach seiner Beobachtung und seinen Nachrichten falsch. Er hielte die Schiffe im Westen und die Küsten für nicht gefährdet; er beabsichtige ja gerade, alle Unternehmungen des Feindes zu hindern (durch seine »fleet in being«; dieser jetzt so oft gebrauchte Ausdruck stammt von Herbert); wenn er aber geschlagen würde, dann sei alles bedroht; im übrigen werde die Flotte auf den Befehl hin ihre Pflicht tun.
=Am 10. Juli= morgens bildete Herbert bei frischem Nordostwind etwa 10-12 sm. südlich von =Beachy Head= die Schlachtlinie über Backbord-Bug und hielt dann auf die in Lee stehenden Franzosen ab, die ihn über denselben Bug backgebraßt erwarteten.
=Stärke und Einteilung der Flotten=
100 K. 80-92 70-80 60-70 50-60 40-50 Brander =Verbündete= 1) Vorhut 3) -- 2 4 8 7 1 4? Mitte 1 4 10 4 2 1 4? Nachhut 3) 1 2 7 1 2 -- 3? ------------------------------------------------------- Gesamt 2 8 21 13 11 2 11? 2)
57 Schiffe; 11 Brander; 3842 Kanonen; 23157 Mann
=Franzosen= 1) 104-110 K. 80-90 70-80 60-70 50-60 40-50 Brander Vorhut 1 3 2 10 6 -- 6 Mitte 1 4 1 14 5 -- 6 Nachhut -- 5 3 8 6 1 6 ----------------------------------------------------------- Gesamt 2 12 6 32 17 1 18
70 Schiffe; 18 Brander; 4624 Kanonen, 27-28000 Mann
1) Die verschiedenen Quellen weichen ab. Ich gebe hier die Verbündeten nach de Jonge, Teil III, Beilage XI, ziemlich übereinstimmend mit den englischen Quellen, die Franzosen nach Bonfils, Teil I. De Jonge gibt für diese 6 Schiffe mehr an, Colomb 5 weniger: de Jonge, weil er mehr 40-50 Kanonenschiffe zur Linie rechnet, Colomb wahrscheinlich, weil Tourville sogar einige 50-60 Kanonenschiffe als »zu schwach gebaut« nicht in die Linie nahm; Angaben über die Schiffe außerhalb der Linie sind sonst nirgend vorhanden.
2) Die Brander der Verbündeten gibt Clowes als 4 + 8 + 8 = 20.
3) Die Vorhut der Verbündeten bestand aus Holländern; die Nachhut geben französische Quellen als von beiden Nationen gemischt an, Clowes und de Jonge erwähnen es nicht, nach den Namen der Schiffe scheint es nicht der Fall. (Namen der Schiffe und Kommandanten im Clowes für alle 3 Nationen; in Bonfils und Delarbre für die Franzosen.)
=Die Flaggoffiziere nach Segelorder= der Geschwader und Divisionen.
=Verbündete.= Vorhut: Vizeadmiral von Callenburgh, Leutnantadmiral Cornelis Evertsen, Vizeadmiral v. d. Putte (zu jeder Division ein Konteradmiral).
Mitte: Vizeadmiral Sir John Ashby, =Admiral Herbert, Earl of Torrington=, Kontreadmiral Rooke.
Nachhut: Vizeadmiral Sir Ralph Delaval (Divisionschefs nicht angegeben).
=Franzosen.= Vorhut: Generalleutnant de Villette, Generalleutnant Château-Renault, Chef d'Escadre de Langeron.
Mitte: Chef d'E. de Nesmond, =Vizeadmiral der Levante Tourville= und 2 Chefs d'E. als Vorder- und Hintermann, Generalleutnant d'Amfreville.
Nachhut: Chef d'E. de Flacourt, Vizeadmiral des Atlantik d'Estrées (seinem Vater im Dienstgrade gefolgt), Leutnantgeneral de Gabaret und 1 Chef d'Escadre als Schlußschiff.
$Die Schilderung der Schlacht bei Beachy Head$ ist in allen Quellen[236] ziemlich klar, nahezu übereinstimmend, und kann sehr kurz gegeben werden.
[236] Hier benutzt: Clowes, Teil II; de Jonge, Teil III, am ausführlichsten, was die Holländer betrifft; Delarbre; Bonfils, Teil I; Mahan, Teil I.
Die verbündete Flotte hielt zugleich auf den Feind ab, Geschwader gegen Geschwader. Die Vorhut, Evertsen, ging dicht heran, holte an den Wind (9 Uhr vormittags), und es entspann sich ein blutiges Gefecht auf nahe Entfernung mit wenig Fahrt (unter »Backen und Füllen«). Genau so verfuhr die Nachhut, Delaval; sie stieß 9^{30} Uhr vorm. mit ihrem Gegner zusammen. Herbert mit der Mitte steuerte nicht genau Schiff auf Schiff auf den Feind, sondern zuerst etwas südlicher; dadurch entstand eine Lücke zwischen ihm und seiner Vorhut. Die erste Division der Mitte, Ashby, sah diese Lücke zu groß werden und versuchte sich der Vorhut zu nähern, ihm folgten dann auch Herbert und Rooke. Die drei Divisionen der Mitte sind infolge dieses Manövers, wenn auch in sich gut geschlossen etwas voneinander getrennt; auch halten sie sich auf weitere Entfernung vom Feinde, bis sie um 10 Uhr vormittags ins Gefecht eingreifen.
Im Kampfe der Nachhuten blieben sich die Aussichten etwa gleich; da bald nach dem Zusammenstoß einige Schiffe der Franzosen aus dem Gefecht holen mußten, wurde ihre Überlegenheit ziemlich ausgeglichen.
Die Holländer aber kamen in eine üble Lage. Beim Heransegeln hatten sie, wie gewöhnlich, mehr gelitten als ihre Gegner (vielleicht hatten sie auch nicht genau Spitze auf Spitze getroffen); Château-Renault sah dies, ließ seine erste Division (de Villette) vorsegeln, wenden und die Holländer von Luward aus dublieren (1 Uhr nachmittags). Von der französischen Mitte, die durch Herbert ja nicht scharf engagiert war und die den Angriff Ashbys abgeschlagen hatte, kam die erste Division (de Nesmond) von hinten auf und dublierte gleichfalls; so war die Vorhut der Verbündeten fast ganz in die Mitte genommen und litt schwer. Bald darauf versuchte dann auch Tourville selbst, mit seiner Division hier einzugreifen; Herbert, der jetzt näher herankommen wollte, war hierzu bei dem flauer gewordenen Winde zu weit ab.
Die Holländer würden völlig vernichtet sein, wenn nicht der Zufall und Evertsens Geschicklichkeit ihnen zu Hilfe gekommen wären. Um 3 Uhr nachmittags wurde es nämlich still, Tourville mußte sich mit Booten tauen; Evertsen aber benutzte die Stille, um sich aus der bedrängten Lage zu befreien, er gab Befehl, mit stehenden Segeln zu ankern, als um 5 Uhr nachmittags die Ebbe stark lief. Die ganze Flotte folgte dann diesem Beispiel; die Franzosen bemerkten oder verstanden dieses Manöver nicht sogleich. Als auch hier der Befehl zum Ankern gegeben wurde, waren sie schon durch den Strom nach Lee (Südwest) aus Schußweite getrieben; damit endete der Kampf.
Die Franzosen geben ihren =Verlust= auf 500 Tote und Verwundete an. Der der Verbündeten wird größer gewesen sein, besonders aber hatten die Schiffe der Vorhut und Nachhut sehr gelitten; verschiedene der Holländer waren ganz oder teilweise entmastet, andere mit allen Pumpen kaum noch über Wasser zu halten, zwei holländische Kontreadmirale waren gefallen. Zwar war nur ein holländisches Schiff, das nicht geankert hatte und mit forttrieb, genommen worden (es sank später), aber der Zustand der Schiffe -- nach de Jonge waren nur noch drei völlig gefechtsfähig; »noch nie sei eine Flotte im ganzen so zugerichtet« -- sollte in der Folge die Schlacht zu einer völligen Niederlage machen.
Die =Gründe der Niederlage= liegen auf der Hand. Wie stets bei dieser Art des Angriffs kam die Vorhut zuerst und allein ins Gefecht, hatte die heftigste Wirkung des feindlichen Feuers auszuhalten und wurde nicht rechtzeitig entlastet. Was bewog Herbert, der Vorhut nicht zu folgen? Nach Hoste (»tactique navale«) hat Herbert die Absicht gehabt, besonders die französische Nachhut anzugreifen und sie zu dublieren (die französische Mitte soll zufällig oder mit Absicht etwas nach Lee eingebogen zur Vorhut und Nachhut gestanden haben; dies soll dem englischen Admiral den Gedanken eingegeben haben). Dann aber war es falsch, zu diesem Zweck zwischen sich und seiner Vorhut eine Lücke entstehen zu lassen und der Vorhut zu erlauben, auf ein ernstes Nahgefecht einzugehen. Er hätte wie Ruyter bei Texel soviel Schiffe des Feindes, von hinten gerechnet, angreifen müssen, wie er niederkämpfen zu können glaubte. Die Vorhut mußte den Befehl haben, die vorderen Feinde nur zu beschäftigen; die geringere Zahl ihrer Schiffe mußte hierzu durch größere Abstände zwischen ihnen, nicht aber durch Lücken zwischen den Geschwadern ausgeglichen werden. Wenn Herbert diese Absicht gehabt hat, so muß er sie doch gleich wieder aufgegeben haben, wohl weil er erkannte, daß Tourville imstande war, die englische Nachhut zu dublieren; um dies stets hindern zu können, hielt er dann vielleicht seine Mitte überhaupt zurück. Zu diesem Verfahren kann und wird ihn aber auch -- trotz des Befehls der Königin -- seine uns bekannte Ansicht über die Wichtigkeit der Erhaltung der Flotte bewogen haben; wir kommen hierauf bei den Betrachtungen über Strategie (am Schluß des Kapitels) nochmals zurück.
Die Leistungen der Holländer in der Schlacht wurden von den Franzosen und Engländern, von Wilhelm III. und der Königin besonders, anerkannt; Herbert wurde in Haft genommen, zwar kriegsgerichtlich freigesprochen aber nicht wieder verwendet.
Die Schilderung zeigt uns die Niederlage der Verbündeten, der =Hauptverlust= trat erst =nach der Schlacht= ein. Ein zusammengerufener Kriegsrat sah ein, daß ein zweites Gefecht unmöglich sei, ja daß man selbst nicht um zurückbleibende Schiffe kämpfen könne, sondern diese zerstören müsse. Abends 9 Uhr mit Einsetzen der Flut trat man den Rückzug nach Osten an, die schwerstbeschädigten Schiffe im Tau von Fregatten. Der flaue Gegenwind zwang häufig während der Ebbe zu ankern, aber mit der besseren Kenntnis der Stromverhältnisse entzog man sich immer mehr den folgenden Franzosen. Tourville hatte zur Verfolgung erst etwas später Anker gelichtet und segelte stets in Formation, anstatt eine allgemeine Jagd anzuordnen; immerhin fiel ihm ein großer Teil der beschädigten Schiffe zum Opfer.
Im Laufe der nächsten Tage mußten zwei mastenlose Holländer verbrannt werden; eins sank vor Anker. Vier setzten sich bei Rye auf den Strand: drei verbrannten sich, nur eins wurde durch Geschicklichkeit und Umsicht seines Kommandanten gerettet. Er ließ sein Schiff halb voll laufen, brachte Kanonen am Lande in Stellung und schlug verschiedene Branderangriffe ab. Auch ein englisches Schiff ging verloren.
Sicher würde der Verlust größer gewesen sein, wenn Tourville seine Galeren zur Stelle gehabt, und vor allem auch, wenn er anders verfahren hätte. Einen geschlagenen und in voller Flucht zurückgehenden Feind soll man mit Ungestüm verfolgen, auf die eigene Ordnung nur soweit Rücksicht nehmen, als nötig ist, um den verfolgenden Schiffen die gegenseitige Unterstützung zu sichern.
=Warum nutzte Tourville die Verfolgung nicht besser aus=? Mahan sagt (gekürzt): »Die Vorsicht bei der Verfolgung entsprang demselben Charakterzuge Tourvilles, der ihn zwei Jahre später bei La Hogue seine Flotte der fast sicheren Vernichtung entgegenführen ließ, bloß weil er den Befehl seines Königs in der Tasche hatte, so verschieden auch beide Handlungen zu sein scheinen. Er war tapfer genug, um alles zu tun, aber nicht stark genug, um die schwersten Lasten zu tragen.« (Man denke an Seignelays Ausspruch: »Poltron de tête, mais brave de coeur«.) »Er war nach Beachy Head mit seinen Leistungen in der Schlacht zufrieden, aber kein Nelson, der sagte: Wenn wir von elf Schiffen zehn genommen und das elfte hätten entwischen lassen, während wir es nehmen konnten, so würde ich dies niemals für ein gutes Tagewerk halten. Tourville war der Vorgänger der geschickten aber vorsichtigen Taktiker der kommenden Zeit, allerdings noch voll jener Lust zum Draufgehen, die für die Flottenführer des 17. Jahrh. so bezeichnend ist.«
Am 18. Juli gaben die Franzosen die Verfolgung ganz auf; die Verbündeten ankerten am 20. bei Sheerness. Tourville ging, da auch viele seiner Schiffe schwer beschädigt und knapp an Munition[237] waren, nach Havre; es erregte dies das Mißfallen Seignelays, aber der Admiral war der Ansicht, hier die Flotte schneller wieder gefechtsfähig machen zu können. Nach erfolgter Wiederausrüstung unternahm =Tourville= nichts von Bedeutung mehr, obgleich man wußte, daß die Verbündeten vor dem 10. September nicht auslaufen würden. Auf Drängen Seignelays, der mit der Leistung der Flotte nach dem großen Siege durchaus nicht zufrieden war, ging er schon am 29. Juli, jetzt mit den Galeren, =wieder in See=, richtete aber nichts aus. Er erschien vor Torbay, landete (5. August) eine kleine Abteilung, verbrannte einige Häuser und kleine Fahrzeuge in Teignmouth, wurde jedoch durch die aufgebotene Miliz bald zum Wiedereinschiffen gezwungen, anstatt die gehoffte Unterstützung im Lande zu finden. Er zeigte sich auch vor Plymouth, wo Killigrew mit seinem Geschwader und dem Convoi (150-200 Schiffe) lag, hielt es aber nicht für angebracht, den Hafen zu forcieren wie ihm befohlen; nach de Jonge hatten sich dort die Kriegsschiffe in guter Verteidigungsstellung vermoort, Forts und Batterien waren durch die Mannschaften der Kauffahrer verstärkt. Ende August kehrte Tourville =nach Brest zurück=.
[237] Munitionsmangel herrschte bei allen drei Nationen und wird überall der schlechten Ausrüstung, nicht der Dauer der Aktion zugeschrieben.
So war die Schlacht bei =Beachy Head= zwar ein =großer Sieg= gewesen -- der hervorragendste Einzelerfolg, den die Franzosen je über die Engländer errungen --, =aber kein entscheidender= geworden, weil er weder taktisch noch strategisch genügend ausgenutzt wurde. Die Flotte der Verbündeten war zunächst völlig außer Gefecht gesetzt. Die Schiffe beider Nationen besserten in England aus und erst am 26. September lag wieder eine aktionsfähige Macht -- jetzt unter dem Befehl von =drei Joint-Admirals=: Haddock, Killigrew, Ashby -- in Spithead; sie zählte gegen 50 Linienschiffe, weil das Mittelmeergeschwader hinzugestoßen war. Also zehn Wochen lang hatten die Franzosen unbestritten die Herrschaft im Kanal -- auch in Holland fürchtete man eine Landung und bot die Bürgerwehren auf, um die wichtigsten Küstenplätze zu besetzen --; sie nutzte ihnen nur dadurch, daß ihre Freibeuter unbehindert den feindlichen Handel schädigten.
Für den =Landkrieg in Irland= war der Seesieg ohne jede Folge, hier war fast an demselben Tage am Boyne die Lage zugunsten Wilhelms schon entschieden.
Jakob II. hatte sich unnütz mit der Belagerung von Städten (z. B. Londonderry) aufgehalten. Nach Wilhelms Landung in Irland hatte ihm Ludwig (dessen Flotte besser die Landung gehindert hätte) geraten, eine entscheidende Schlacht zu vermeiden und sich an den Shannon, in einen ihm völlig ergebenen Teil des Landes, vorläufig zurückzuziehen. Aber =Jakob= wollte Dublin nicht aufgeben, um seiner Sache nicht moralisch zu schaden; er nahm zur Deckung seiner Hauptstadt eine Stellung am =Boyne= ein. Hier wurde er am 11. Juli =vollständig geschlagen= und schiffte sich in Kingsale auf der erwähnten Flottille französischer Fregatten, die eigentlich den St. Georgs-Kanal hätten bewachen sollen, nach Frankreich ein. Er bestürmte nun den König, den Sieg von Beachy Head zu benutzen und ihn mit einer größeren Armee in England landen zu lassen. Ludwig aber, ungehalten über ihn, schlug dies ab und befahl sogar, die französischen Truppen aus Irland zurückzuziehen.
Inwieweit die Rücksicht auf die Trümmer der verbündeten Flotte als immer noch einer »fleet in being« Tourvilles Lauheit im August hervorgerufen hat, entzieht sich der Beurteilung; Herbert legte in seinem Prozeß großen Wert auf diesen Umstand. Für die frühe Heimkehr der französischen Flotte im August wurden als Gründe »der Zustand der Schiffe« und »die herannahende schlechte Jahreszeit« angegeben; vielleicht hat auch die augenblickliche Verstimmung Ludwigs gegen Jakob dazu beigetragen. Ende September ging nur noch ein Teil der Flotte unter d'Amfreville nach Irland hinüber und holte die französischen Truppen zurück. Die Flotte der Verbündeten war noch nicht imstande, dies zu hindern. Am 30. September erschien dann ein Teil mit 7000-8000 Mann unter Marlborough vor Cork. Unter Mitwirkung leichter Schiffe ward diese Stadt genommen, 300 Offiziere und 5000 Mann Jakobs wurden zur Kapitulation gezwungen, bald darauf fiel auch Kingsale und damit die letzte Stadt Jakobs im Süden Irlands. Ein anderer Teil der Flotte hatte den Handelsschutz gegen die Freibeuter Dünkirchens übernommen; die unbedingte Seeherrschaft Frankreichs war also zu Ende.
Im Oktober legte man, wie üblich, mit Ausnahme der Wintergeschwader auf, einige englische Schiffe blieben ferner in den irischen Gewässern.
$Das Jahr 1691. Tourvilles Hochsee-Kreuztour.$ Für das Jahr 1691 rüsteten beide Gegner mit Macht. Die Franzosen zogen wieder fast alle Streitkräfte in Brest zusammen. Hier lag unter Tourville im Juni eine Flotte von 120 Segeln, darunter wie im Vorjahre 70 Linienschiffe; im Mittelmeer fanden nur etwa 12 Linienschiffe zur Unterstützung des Krieges gegen Spanien Verwendung. Die Verbündeten entwickelten jetzt trotz oder gerade infolge der Niederlage und der Verluste bei Beachy Head eine weit bedeutendere Kraft als im Vorjahre; es kennzeichnet dies wohl im Gegensatz zu Frankreich später den Unterschied zweier Marinen, von denen die eine eine rein militärische Einrichtung ist, während die andere ihre Grundlage in dem Charakter und der Beschäftigung des Volkes hat. Die Flotte der Verbündeten bestand aus etwa 100 Linienschiffen mit Zubehör, darunter 39 Holländer; daneben waren ein gemeinsames Geschwader von 11 Linienschiffen nebst reichlich Fregatten gegen die Freibeuter Dünkirchens sowie zahlreiche Convoischiffe (Holländer 20 zu 20-50 Kanonen) in Dienst gestellt. Aber obgleich die Rüstungen frühzeitig beschlossen und eifrig betrieben wurden, um den Franzosen zuvorzukommen, war die Flotte doch erst wieder Anfang Juni in den Downs seeklar.
In den Niederlanden war der Anstoß zu starker Rüstung wie stets von der Provinz Holland ausgegangen. Die Gründe der Verzögerung waren die alten: Geldmangel infolge des daniederliegenden Handels und Lässigkeit der Landprovinzen; Personalmangel infolge der eigenen Freibeuterei, besonders in Seeland. In England war immer noch der mangelhafte Zustand der Verwaltung ein Hemmnis.
So ist es in den Quellen zu lesen! Wenn man aber immer wieder bei neueren Schriftstellern aller Völker die Klage über »verspätete« Operationsbereitschaft liest, so drängt sich doch die Frage auf, ob wirklich immer unbeabsichtigte »Verzögerungen« die Schuld trugen. Auch in den Landkriegen begannen in jenen Zeiten die Operationen häufig erst im späten Frühjahr, selbst noch im Siebenjährigen Kriege.
Die Flotte stand unter dem Befehl des Admiral of the Fleet =Russell=, das holländische Kontingent unter =de Almonde=; Tromp war zum Chef bestimmt, starb aber am 29. Mai. Gegenwinde und »andere Umstände« -- wohl hauptsächlich diese, d. h. Nichtbereitschaft -- hinderten das Auslaufen bis zum 20. Juni, auch dann brauchte man zehn Tage, um bis Torbay zukommen.
So waren die =Franzosen zuerst in See=, aber mit ganz anderen Orders als im Vorjahre. Der feurige und ehrgeizige Marineminister Seignelay, der stets die schärfste Offensive gegen die feindlichen Seestreitkräfte im Auge gehabt hatte, war gestorben; sein Nachfolger =Pontchartrin= war anderer Ansicht. Er bestimmte die Flotte für den Schutz der eigenen Küsten und für die Vernichtung des feindlichen Handels; demgemäß war der Befehl, daß hauptsächlich ein im Juni im Kanal erwarteter großer Convoi englischer und holländischer Levantefahrer abgefangen werden sollte.
=Der Befehl=[238] =lautete= (gekürzt): Der englisch-holländische Smyrnaconvoi, auf 30 Millionen Lire Wert geschätzt, am 7. Mai bei Alicante gemeldet und Anfang Juni im Eingange des Kanals erwartet, ist erstes Angriffsobjekt. »Der Fang dieses reichen Convois ist für den König nützlicher als ein zweiter großer Seesieg. Auch andere Convois können der Flotte in die Hände fallen, ohne etwas aufs Spiel zu setzen.«
[238] In Delarbre »Tourville«, Seite 349 ff., findet man den Befehl (vom 20. Mai) sowie Berichte Tourvilles mit Vorstellungen dagegen; aus diesem Schriftwechsel ist das geringe seemännische Verständnis des Ministers zu ersehen.
Die feindliche Kriegsflotte wird an Zahl stärker sein, aber der König hält die seinige in jeder Hinsicht für besser. Dennoch ist der Feind nicht zu suchen, sondern zu vermeiden. Zu schlagen ist nur, wenn man auf wesentlich schwächere Kräfte trifft oder wenn der Feind gegen die französischen Küsten operiert. Dieses letzte aber auch nur, wenn westlich von La Hogue; wenn der Feind östlich im Kanal operiert, sind erst Befehle einzuholen (vielleicht, weil dort keine Zufluchtshäfen waren?).
Wenn bis August nichts vorgefallen ist, wird der Feind viele Kranke haben, dann soll offensiv vorgegangen werden; deshalb größte Sorgfalt für Erhaltung eines guten Gesundheitszustandes auf der eigenen Flotte. Jedenfalls soll die Flotte bis zum 1. September in See bleiben und darf bis dahin nur einige (angeführte) »Rheden« anlaufen, keinenfalls den Hafen von Brest, falls nicht die Folgen einer Schlacht dies verlangen. (Ist der letzte Teil des Befehls nicht ein Mißtrauensvotum für Tourville?)
=Tourville= wandte verschiedenes gegen den Befehl ein, so vor allem, daß das Abfangen des Smyrnaconvois ein Kreuzen bei den Scillys verlange, die Aufgabe, die Küsten unter allen Umständen zu sichern, aber ein Verlassen der Küsten nicht erlaube. Er erhielt nur ausweichende Antworten und scheint dann stets die zweite Aufgabe als die wichtigere angesehen zu haben. Dementsprechend operierte er auf seiner sogenannten »=Hochseekreuztour=«, durch die er den Feind fünfzig Tage lang beschäftigte; diese »=Campagne du large=« lebt noch heute als eine der glänzendsten strategischen und taktischen Leistungen in der französischen Marine.
=Tourville= lief am 25. Juni von Brest aus und kreuzte etwa 20-40 Seemeilen westlich vor der Mitte der Linie Scillys-Ouessant; er richtete einen vorzüglichen Aufklärungsdienst nach allen Seiten ein, um sowohl nach dem erwarteten Convoi wie nach der feindlichen Flotte zu spähen. =Russell= erfuhr dies Anfang Juli in Torbay und beeilte sich auch, nach dem Eingang des Kanals zu kommen, um den Convoi aufzunehmen; er kreuzte auf der genannten Linie, ohne vom Feinde Kundschaft zu erhalten.
Tourville bekam am 16. Juli (oder kurz vorher) Meldung, daß der Convoi am 8. südlich von der französischen Flotte gestanden habe. Da aber seit dem Tage südwestliche Winde mit unsichtigem Wetter geweht hatten und er auch von der Anwesenheit Russells rechtzeitig unterrichtet war, nahm er an, daß der Convoi bereits Irland erreicht habe und unter dem Schutz der feindlichen Flotte stehe; er sah deshalb von einer ernstlichen Verfolgung ab, zumal da er auch durch Stillen und Nebel behindert war. Seine Annahme war richtig; der Convoi war am 16. in Kingsale eingetroffen; Russell, der um diese Zeit gerade sein erfolgloses Suchen eingestellt hatte und unter die irische Küste gegangen war, traf auf ihn und führte ihn zunächst etwas den Kanal hinauf.
Dagegen erfuhr Tourville von einem aufgegriffenen Kauffahrer, daß ein englischer Transport von zwölf Schiffen nahe, mit Munition und andern Bedarfsartikeln für Westindien, nur gedeckt durch zwei Kriegsschiffe; oder es war ein etwa gleichstarker Convoi von Jamaica; die Quellen weichen ab, doch ist dies wohl ohne Belang. Es gelang ihm während Russells Abwesenheit, die zwei Kriegsschiffe und einige der Transporter zu fangen; dann hielt er sich südlicher, zu Luward von Brest, etwa auf dem 48. Breitengrade. Auch Russell kehrte auf seine alte Beobachtungslinie zurück und suchte den Feind. Es begann nun ein Spiel, das von dem französischen Admiral vorzüglich durchgeführt wurde. Die Kreuzer Russells scheinen stets durch geschickte Manöver getäuscht zu sein; nie wußte man genau, wo Tourville stand. Dieser jedoch war stets unterrichtet, und so gelang es ihm, den Feind die ganze zweite Hälfte des Juli und die erste Hälfte des August hinter sich herzuziehen -- auf einem Seeraum vom 49. Breitengrade bis zu dem von Lorient und nach Westen bis auf 120 sm. von Ouessant --, sich dabei stets die Luvstellung und eine Entfernung von 15-30 sm. zwischen den beiden Flotten wahrend. Am 14. August lief Tourville wieder in Brest ein, um neu auszurüsten, und auch Russell ging auf die Kunde hiervon zu gleichem Zweck nach Torbay.
Es war also Tourville nicht gelungen, den reichen Smyrnaconvoi wegzunehmen; nur ein Teil des englischen Transports nach Westindien und einige wenige andere Kauffahrer fielen ihm in die Hände. Er hat aber erreicht, daß die Verbündeten den ganzen Sommer über von ihrer Übermacht keinen Gebrauch machen konnten. Auch zwang er sie, ihre Streitkräfte zusammenzuhalten, und die französischen Freibeuter fanden so die See frei. Wie stets zeichnete sich =Dünkirchen= im kleinen Kriege aus; das gegen diesen Hafen aufgestellte Geschwader der Verbündeten war nicht imstande, ein Auslaufen völlig zu hindern. Allerdings war der Verlust des englischen Handels nicht so bedeutend, wie er in den nächsten Jahren werden sollte, aber der holländische Nordseehandel litt schwer (auf den kleinen Krieg und besonders auch diesen Umstand kommen wir noch zurück). Endlich war der Verkehr zwischen Frankreich und Irland frei; verschiedene Transporte gingen hinüber.
Ludwig XIV. war von seinem in der ersten Verstimmung über Jakobs Ungeschicklichkeit gefaßtem Beschlusse zurückgekommen und sandte 1691 doch wieder Unterstützung nach Irland. Die vermehrten Anforderungen des Festlandskrieges gestatteten ihm jedoch nicht, dies in ausreichendem Maße zu tun. Im Laufe des Jahres =unterwarf Wilhelm III. die ganze Insel= und im Anfang Oktober ergab sich der Rest der irisch-französischen Truppen bei Limerik unter der Bedingung freien Abzuges nach Frankreich.
Die englisch-holländische Flotte ging am 7. September nochmals nach dem Eingange des Kanals. Am 9. aber setzte ein schwerer Sturm ein und versprengte sie völlig; 3 englische Linienschiffe gingen verloren, die Mehrzahl der Schiffe erlitt schwere Beschädigungen und erst nach und nach sammelte man sich wieder in Spithead. Bald darauf wurde mit der Abrüstung begonnen, zunächst durch Außerdienststellung der schweren Schiffe. Ein Geschwader von 24 Linienschiffen wurde für das Mittelmeer bestimmt, jedoch vor Abgang festgehalten; ein anderes gleich starkes blieb bis Ende November an der irischen Küste, ein Teil davon brachte dann einen Convoi nach Gibraltar und führte Ostindienfahrer zurück. Im Dezember wurde sonst bis auf ein kleines gemischtes Wintergeschwader allgemein aufgelegt.
=Weshalb Tourville nicht wieder in See ging=, ist aus den Quellen nicht recht zu ersehen. Allerdings war nach Auffüllung der Vorräte und nach Ausführung der nötigen Ausbesserungen wohl fast der 1. September herangekommen, der in seiner ersten Order als Schluß der Operationen vorläufig angesetzt war; er erhielt jedoch keine neuen Befehle. Wir wissen, daß 1691 auch der Landkrieg im allgemeinen lauer geführt wurde, und französischerseits scheinen die Sommerfeldzüge zur See stets noch kürzer, als so schon üblich, bemessen zu sein. Wiederum mußte er sich darüber verantworten, daß er nicht genug getan habe, und er hatte doch seinem Befehle entsprochen; freilich war ihm der Smyrnaconvoi entgangen -- aber doch hauptsächlich, weil dieser vom Wetter begünstigt -- und an leitender Stelle hatte man gerade gehofft, hierdurch dem Gegner einen schweren Schlag zu versetzen und die eigenen Kassen zu füllen. Sein Einlaufen in Brest vor dem erlaubten Zeitpunkt begründete Tourville damit, daß er dort die Flotte hätte schneller und sicherer wieder schlagfertig machen können als auf Rhede.
Von der französischen Atlantikflotte ging 1691 nur noch ein Geschwader im November nach Irland, um die Trümmer der Armee, gemäß den Kapitulationsbedingungen, und einige Tausend auswandernder Irländer nach Frankreich zu holen.
$Im Mittelmeer$[239] beteiligte sich während des Sommers $1691$ ein Geschwader von 12 Linienschiffen, einigen Fregatten und Mörserbooten sowie 26 Galeren unter d'=Estrées= an Catinats Belagerung von Villafranca und bombardierte Oneglia; dann unternahm man Demonstrationen mit Beschießungen gegen einige andere spanische Küstenstädte (Alicante und Barcelona). Bei der letzteren Gelegenheit wurden die französischen Seestreitkräfte durch ein überlegenes spanisches Geschwader -- 17 Linienschiffe -- vertrieben, als Barcelona fast zur Zahlung einer bedeutenden Kontribution gezwungen war; zum Zusammenstoß auf See kam es jedoch hierbei nicht.
[239] Etwas Genaueres hierüber in Troude, Teil I.
$Das Jahr 1692. Schlacht bei Cap Barfleur-La Hogue.$ Im Frühjahr 1692 wurde der Krieg, wie bereits erwähnt, überall wieder besonders heftig aufgenommen. Wilhelm III. war in Holland eingetroffen und belebte die Kriegführung auf seiten des Bundes; Ludwig griff energisch auf allen Kriegstheatern des Kontinents an und plante daneben eine Invasion in England -- einen letzten großen Versuch zugunsten Jakobs, der gleichzeitig Wilhelm und dessen Truppen vom Festlande abziehen sollte.
=Zum Einfall in England= wurde eine Armee von 20000 Mann -- nach den neuesten französischen Quellen gar 30000 -- unter =König Jakob= und dem =Marschall de Belfonds=, denen in der Person des Generalintendanten der Justiz und Finanzen der Marine de Bonrepaus (ursprünglich Seeoffizier) ein seemännisch-technischer Beirat gegeben war, an den Küsten des Kanals zusammengezogen -- die Infanterie in der Nachbarschaft der Rhede von La Hogue, in Caën und Cherbourg; die Kavallerie, die Munition usw. der leichteren Einschiffung wegen in Havre -- und eine Transportflotte von 300 (neuere Angabe 500) Fahrzeugen gesammelt. Eine Flotte von 70 Linienschiffen, in Brest, Rochefort und Toulon in Dienst gestellt, sollte unter =Tourville= die Überführung der Truppen nach England gegen Ende April sichern.
=Ludwig rechnete= für den Erfolg der Expedition =mit folgenden Umständen=: Daß seine Flotte der feindlichen an Kraft und Leistung überlegen wäre; daß sie vor der Vereinigung der Seestreitkräfte Englands und Hollands auftreten würde; daß man in England eine wesentliche Unterstützung durch einen großen Aufstand der Jakobiten fände und daß im besonderen ein großer Teil der englischen Flotte -- etwa die Hälfte -- nicht gegen ihn fechten würde. In allen diesen Vermutungen täuschte er sich; zunächst wurden seine =Rüstungen nicht rechtzeitig fertig= und der Beginn der Operationen mußte verschoben werden.
Die Befehle für die Rüstungen waren am 20. Februar erlassen, am 25. April sollte die Flotte von Brest in See gehen und den Armeetransport von La Hogue abholen; man hatte also nur zwei Monate ungünstiger Jahreszeit, um die Flotte in Dienst zu stellen, in Brest zu vereinigen, die Truppen und Transporter zu versammeln.
Bei dem mangelhaften Zustande in der Verwaltung der Werften wurden die Schiffe nicht rechtzeitig fertig. In Rochefort und Toulon waren sie erst Anfang Mai seeklar; auch in Brest konnte eine größere Zahl der Schiffe wegen Personalmangels nur nach und nach bemannt werden. Am 23. April erging deshalb der Befehl an Tourville, die Abfahrt wenigstens bis zum Eintreffen der Rochefort-Schiffe aufzuschieben.
=Tourville lag Anfang Mai= mit nur erst 39 Linienschiffen segelfertig vor Brest, die Ankunft von 5 Schiffen aus Rochefort stand bevor und von Brest hoffte man noch Verstärkungen zu erhalten; so ging er am 12. in See. An leitender Stelle glaubte man, daß die Gegner auch noch nicht fertig seien und schätzte diese, selbst wenn vereinigt, nur auf 60 Schlachtschiffe; man rechnete immer noch mit der Unzuverlässigkeit vieler englischer Offiziere, mit der Spannung zwischen Engländern und Holländern, mit der Überlegenheit der eigenen Flotte an Zahl und Güte der Schiffe.
Wie sehr der König auf die Überlegenheit seiner Flotte baute, geht aus dem Tenor seiner =Instruktion an Tourville=[240] vom 16. März hervor: Der Admiral soll am 25. April mit den Schiffen, die bereit sind, in See gehen; soll durch ein vorauszuschickendes Detachement gut segelnder Schiffe die Transporter mit der Kavallerie nach La Hogue holen lassen; er selbst soll auf dieser Rhede die Infanterie -- auch auf den Kriegsschiffen -- einschiffen; soll nach England gehen, Ort der Landung nach Angabe Jakobs, Bellefonds' und Bonrepaus'; soll nach der Landung die Transporter zurücksenden und selbst zur Verfügung der Armee im Kanal bleiben; soll die Seeherrschaft wahren.
[240] Nach Delarbre »Tourville« im Auszuge; dieses Werk ist hier besonders benutzt, vergleichend mit anderen französischen Quellen, aber auch mit Clowes, Mahan, de Jonge.
Er soll »unbedingt« am 25. April auslaufen, auch wenn er gehört, daß der Feind stärker als er selbst in See sei, in diesem Falle nur nichts detachieren. Trifft er den Gegner unterwegs, so soll er ihn »unter allen Umständen« angreifen und vernichten oder in seine Häfen treiben; liegt der Feind bei Wight, so soll er zu demselben Zweck dorthin gehen; in beiden Fällen die Armee dann überführen.
Kommt der Feind, wenn der Transport unterwegs oder schon in der Landung begriffen ist, soll angegriffen und so hartnäckig gefochten werden, daß die Landung doch ausgeführt werden kann, »es koste was es wolle.«
Nur wenn der Gegner nach vollendeter Landung erschiene, darf der Admiral einem Gefechte ausweichen, »falls der Feind mehr als 10 Linienschiffe stärker sei«; hiervon habe er sich aber »persönlich, nicht nur durch Aufklärungsschiffe«, zu vergewissern.
Dieser Befehl ward noch verschärft durch den handschriftlichen Zusatz des Königs: »Ich füge eigenhändig hinzu, daß dies mein strikt zu befolgender Wille ist.«
Aber auch =die Verbündeten= hatten =stark gerüstet= und waren infolge der Verzögerung auf französischer Seite noch rechtzeitig fertig geworden. Wilhelm III. war gleichfalls mit dem Gedanken einer Landung in Frankreich umgegangen, um den Feind vom Landkriege abzuziehen. Diesem Plane waren die Niederlande nicht geneigt, da sie fürchteten, daß dann englische Truppen vom Festlande zurückgezogen würden; anderseits sahen sie ein, daß eine England drohende Landung dieselbe Maßnahme nach sich ziehen müsse. Sie waren deshalb bereit, ein starkes Kontingent zur gemeinsamen Flotte zu stellen und beschlossen die frühzeitige Indienststellung von 48 Linienschiffen mit reichlichem Zubehör. Die alten Gründe verzögerten wieder die Ausrüstung; erst Anfang Mai gingen die ersten Schiffe nach dem Sammelpunkt bei Rye, nach und nach folgten weitere, doch fehlten bei Beginn der Operationen noch etwa 20 Linienschiffe, die erst nach der großen Schlacht zur Flotte stießen. In England hatte man bei Portsmouth zusammengezogen, was an Truppen aufzustellen war, und die Königin drückte persönlich auf Beschleunigung der Indienststellung einer großen Zahl von Schiffen. Auch hier hinderten die Verhältnisse wie im Vorjahre die Ausrüstung; erst am 18. Mai trafen etwa 30 Linienschiffe bei Rye ein. So kam es wohl, daß die Franzosen noch Mitte Mai immer nur mit 50-60 Schiffen der Gegner rechneten; es waren aber noch zwei englische Geschwader im Dienst und nahe bei der Hand.
Diese kreuzten schon seit April unter Delaval und Carteret im Kanal zur Beobachtung der französischen Küste bis La Hogue; eins war mit Convoi aus dem Mittelmeer zurückgekehrt, das andere eigens zu diesem Zweck aus den zuerst fertigen Schiffen zusammengestellt.
Diese vereinigten sich am 23. Mai auf der Rhede von St. Helens mit der Hauptflotte unter =Russell=, die dadurch 88 Linienschiffe über 50 Kanonen stark wurde. Da man Tourvilles Auslaufen erfahren hatte, wurden sofort Fregatten vorgeschickt und die Hauptflotte =ging= am 28. mittags =zur französischen Küste hinüber=. Die Holländer sagen, Russell habe hierzu erst Befehl von London einholen wollen, der holländische Chef =Almonde= aber im Kriegsrate auf sofortigem Segeln bestanden; wenn dies richtig, so ist es der Sache sehr dienlich gewesen.
Die Franzosen traten somit weder überlegen noch überraschend auf. =Tourville= war nach dem Inseegehen noch durch Westwinde unter der Küste festgehalten, dann mußte er im Eingang des Kanals gegen steifen Nordost aufkreuzen. Während dieser Zeit stießen zwar die 5 Schiffe von Rochefort zu ihm, aber weitere Verstärkungen aus Brest und vor allem die Schiffe aus Toulon kamen nicht.
Von Toulon waren Anfang Mai 13 Linienschiffe unter d'Estrées ausgelaufen. In der Straße von Gibraltar traf sie am 18. Mai ein schwerer Sturm; 2 Schiffe strandeten bei Ceuta, die übrigen wurden schwer beschädigt: erst im Juli erreichte das Geschwader Brest.
Am 27. Mai endlich wurde der Wind günstig und =Tourville steuerte kanalaufwärts=. Es war =zu seinem Verderben=; länger festgehalten, würde ihn voraussichtlich noch rechtzeitig der Befehl erreicht haben, weiter vor Brest zu kreuzen, bis d'Estrées und andere Verstärkungen eingetroffen seien. (Dasselbe wäre möglicherweise der Fall gewesen, wenn die Verbündeten gegen Almondes Rat nicht sofort gesegelt wären.) Ludwig, der bei der Belagerung von Namur anwesend war, hatte sich Anfang Mai doch überzeugt, daß alle seine Voraussetzungen für einen Erfolg in die Brüche gegangen seien. Seine Flotte hatte nicht die beabsichtigte Stärke erreicht; die Vereinigung der Gegner stand bevor; die Hoffnung auf den Abfall englischer Offiziere war erschüttert. Infolgedessen wurden bald Befehle gegeben, die den veränderten Verhältnissen Rechnung trugen (nach Delarbre datiert vom 9. und 12. Mai). Sie erreichten Tourville nicht und ebensowenig ein letzter, der ihm Kenntnis von Änderungen im Operationsplan sowie von der nun schon erfolgten Vereinigung der Gegner geben sollte und den Befehl des Zurückgehens wiederholte. Dieser letzte Befehl wurde am 27. Mai durch 10 Schnellsegler von verschiedenen Kanalhäfen aus abgesandt; die Fahrzeuge stießen, teilweise durch Nebel behindert, nicht auf die Flotte.
In England waren allerdings die Jakobiten eifrig am Werke gewesen. Es sollen die Aufstellung verschiedener Regimenter für Jakob völlig vorbereitet gewesen und hohe Personen, die bisher zu Oranien hielten, für ersteren gewonnen oder doch unsicher gemacht sein. (Marlborough! Russell!?) Ludwig war über alles dieses gut unterrichtet; freilich wird gesagt, daß derartige Gerüchte teilweise auch von Gutgesinnten ausgesprengt seien, um Ludwig zu täuschen. Doch selbst die Königin hegte Befürchtungen; sie schrieb diese an Russell mit dem Hinzufügen, sie könne sich nicht denken, daß die Flotte ihre Pflicht vergäße. Daraufhin aber traten am 25. Mai die Flagg- und Stabsoffiziere zusammen und unterzeichneten eine Ergebenheitsadresse (Russell war abwesend durch Zufall oder mit Absicht? Seine politische Zuverlässigkeit wird von mehreren Autoren angezweifelt). Auch dies kam sofort zu Ludwigs Kenntnis. Schon früher war das Triumvirat der Führer in La Hogue durch die Verzögerung der Expedition unsicher geworden und hatte den Operationsplan geändert; wir brauchen nicht darauf einzugehen, da die Beschlüsse nie zur Ausführung kamen (Näheres vgl. Delarbre). Bemerkenswert ist nur, daß auch in diesen, vom König genehmigten Beschlüssen immer noch eine Unterschätzung des Feindes (65 Schiffe) und eine Überschätzung der eigenen Kraft (augenblicklich 52, nach Ankommen der Verstärkungen 70 Schiffe) zu ersehen ist.
Am 29. Mai, zwischen 3 und 4 Uhr morgens, =sichteten sich die Gegner= einige Seemeilen =nördlich vom Cap Barfleur=; es wehte leichter Südost und war diesig; die Franzosen standen zu Luward. Beide Flotten formierten die Gefechtslinie über Backbord-Bug und Tourville führte dann die seinige zum Angriff heran, Geschwader gegen Geschwader und Flaggschiff gegen Flaggschiff.
Die Stärke der Flotten.[241]
Schiffe von 90-b. üb. 100 K. 80-90 70-80 60-70 50-60 26-46 4)
{Vorhut 1)) 5 3 5 8 5 8 Verbündete {Mitte 8 2) 2 11 3 6 6 {Nachhut 8 3) 1 13 4 6 --------------------------------------- 21 6 29 15 17 20
Schiffe kleinere Brander
{Vorhut 1)) 10 7 Verbündete {Mitte ? 12 {Nachhut ? 11 ----------------- ? 30
88 Linienschiffe über 50 K.; 30 Brander; 6756 Geschütze; 38-39000 Mann.
Schiffe von 90-b. üb. 100 K. 80-90 70-80 60-70 50-60 26-46 4)
{Vorhut 2 1 2 10 -- Franzosen {Mitte 3 3 2 4 {Nachhut 1 1 4 5 3 -------------------------------------------- 6(9) 5)) 5(6) 8(8) 19(16) 7(5)
Schiffe kleinere Brander
{Vorhut } Franzosen {Mitte ? } 13 {Nachhut } ----------------- 13
45(44) Linienschiffe über 50 K.; 13 Brander; 3083(3248) Geschütze; (21400) Mann.
1) Vorhut der Verbündeten das holländische Kontingent.
2) Darunter 5 zu 100 Kanonen, die andern zu 90 Kanonen.
3) Darunter 1 zu 100 Kanonen, die andern zu 90 Kanonen.
Es ist bemerkenswert, daß in allen Quellen die englischen Schiffe gleichstark armiert angegeben werden: zu 100, 90, 80, 70 usw. Kanonen; also scheinbar sehr gleichmäßig.
4) Nicht in der Linie; vielleicht nur bei den Holländern einige über 40 Kanonen.
5) Die eingeklammerten Zahlen nach de Jonge; die Hauptzahlen nach Troude.
[241] Nach de Jonge, Teil III, Beilage XV; Clowes, Teil II; Troude, Teil I; Bonfils, Teil I; Delarbre. Mit Ausnahme de Jonges geben diese Quellen die Namen der Schiffe und der Kommandanten.
=Die Flaggoffiziere=:
=Verbündete= I. Division II. Division III. Division
Vorhut: V.-Adm. Callenburgh Lt.-Adm. v. Almonde V.-Adm. v. d. Putte (1. Kontreadm.) (1. Kontreadm.) (1. Kontreadm.) Mitte: V.-Adm. Sir R. Delaval =Adm. Russell= K.-Adm. Sir C. Shovel Nachhut: V.-Adm. Rooke Adm. Sir J. Ashby K.-Adm. Carteret
=Franzosen= Vorhut: Chef d'Esc. de Nesmond Lt.-Gen. d'Amfreville Chef d'Esc. de Relingue
Mitte: Lt.-Gen. de Villette V.-Adm. =Tourville= " de Langeron
Nachhut: Chef d'Esc. de Coëtlogon Lt.-Gen. de Gabaret " Pannetier
Die Verbündeten waren also mindestens doppelt so stark als die Franzosen. Sie waren erstaunt über den Angriff; viele Offiziere, namentlich holländische, sollen in dem Augenblick der Ansicht gewesen sein, Tourville müsse begründete Überzeugung haben, daß ein Teil der englischen Schiffe zu ihm übergehen würde. Nach Bonfils fragte Almonde bei Delaval an, ob er sich auf die Engländer verlassen könne; dieser antwortete: »Ich weiß nicht, worauf sich der Verdacht gründet, kann aber für mich einstehen.«
Es ist von älteren und neueren Autoren viel darüber geschrieben =weshalb Tourville= unter solchen Umständen =den Kampf suchte=, den er doch bei seiner Luvstellung vermeiden konnte. Alle Auslassungen hierüber abwägend, muß ich mich der Ansicht anschließen, die immer die meistverbreitete gewesen ist: Tourville hat blindlings nach der ersten, der einzigen ihm zugegangenen, Instruktion gehandelt, und zwar nach folgendem Satze in dieser[242]: »En cas qu'il (der Admiral) les (die Feinde) rencontre à la Hogue (auf dem Wege, den Transport abzuholen), Sa Majesté veut, qu'il les combatte en quelque nombre qu'ils soient, qu'il les poursuive jusque dans leurs ports usw.«
[242] Delarbre »Tourville«, Seite 197.
Er wurde darin bestärkt dadurch, daß er die Zahl der Feinde unterschätzte, daß er glaubte, nur auf die englische oder nur auf die holländische Flotte gestoßen zu sein -- er konnte die Stärke bis dicht vor dem Zusammenstoß nicht feststellen, da es neblig war -- und daß er mit der Unzuverlässigkeit eines Teils der Engländer rechnete. Von allen Veränderungen in der Lage der Dinge hatte er ja keine Nachricht; dagegen zog er aber auch nicht in Erwägung, daß der ihm gegebene Befehl mit 70, ja selbst ohne das Mittelmeergeschwader doch mit nahe an 60 französischen Linienschiffen gerechnet hatte. Er fürchtete vielleicht auch, daß ein Ausweichen niederdrückend für den Geist auf der eigenen, aufmunternd für den auf der anderen Seite sein würde. Als sicher aber kann man annehmen, daß seine eigene Gemütsverfassung eine große Rolle bei dem Entschlusse gespielt hat: Sein vorsichtiges Verhalten 1690 und 1691 war von leitender Stelle herb beurteilt. Als er in diesem Jahre Bedenken in Hinsicht auf seine Instruktion geäußert hatte, da die Zeit unbenutzt verfloß und seine Flotte so schwach blieb, ergingen ähnliche kränkende Antworten; so schrieb Pontchartrin[243] z. B.: »Es ist Ihre Pflicht zu gehorchen, nicht die Befehle zu diskutieren, sonst wird man einen gehorsameren und »weniger behutsamen(!)« Mann finden.« Er wußte, daß man dem König nahe gelegt hatte, ihm (Tourville) fehle der Mut -- man denke an den eigenhändigen Zusatz des Königs unter der Instruktion --; so glaubte er, es seiner Ehre schuldig zu sein, dem Befehle dem Wortlaute gemäß und ohne weitere Überlegung nachzukommen. Persönlich mutig war er, doch hatte ja schon Seignelay von ihm gesagt, er wage nicht, große Verantwortung zu übernehmen (Poltron de tête); eine solche Verantwortung war hier, von dem Buchstaben des Befehls abzuweichen.
[243] Chab.-Arnault, Seite 94.
Im Mahan, Teil I, Seite 184 steht -- allerdings nur in einer Anmerkung --, daß nach einem neueren französischen Schriftsteller de Crisenoy die Instruktion, wenn auch für gewisse Verhältnisse bindend, Tourville doch nicht gezwungen hätte, unter solchen Umständen wie am 29. Mai zu fechten (Clowes deutet Ähnliches an). Meines Wissens ist die Schrift Crisenoys nicht neuer als die Biographie Tourvilles von Delarbre, und dieser gibt nur die früher im Auszuge gebrachte Instruktion, nach der ein Ausweichen allein »unter bestimmten Umständen nach erfolgreicher Landung« erlaubt war.
In Betreff eines anderen Punktes scheint Crisenoy recht zu haben. Die meisten bisherigen Schilderungen sagen nämlich, vor der Schlacht habe Tourville seine Admirale zusammengerufen und gefragt, ob man fechten dürfe. Als alle dieses verneinten, habe er die Order des Königs gezeigt und nun hätten alle mit »Vive le roi« (die Szene wird sehr dramatisch geschildert) dem Entschlusse Tourvilles zugestimmt. Crisenoy verweist diesen ganzen Kriegsrat in das Gebiet der Fabel und auch Delarbre sagt nach den Memoiren Bonrepaus': Tourville griff an wie ein Rasender, »ohne einen Kriegsrat zu versammeln, wie es doch bei solchen Gelegenheiten der Brauch ist.«
In der $Schilderung der Schlacht bei Kap Barfleur, 29. Mai 1692$, weichen die Quellen sehr voneinander ab. Englische geben meist nur den Anfang, später einige Momente; sie sagen, ein Festlegen des Verlaufes sonst sei schon zu jenen Zeiten des diesigen Wetters, zuweilen völligen Nebels wegen nicht möglich gewesen; es wird dies seine Richtigkeit haben. Die genaueste Schilderung fand ich im Delarbre (nach »Sue«); ich gebe diese,[244] da sich die Angaben der anderen im allgemeinen damit wohl in Übereinstimmung bringen lassen. Sues Schilderung mag gefärbt sein, aber auch aus den übrigen ist zu ersehen, daß sich die Franzosen ausgezeichnet geschlagen haben und von allen ihren Führern gut geleitet sind; sie hätten sich sonst auch nicht so aus ihrer verzweifelten Lage ziehen können, wie sie es taten.
[244] Zusätze nach anderen Quellen gebe ich in [--], besonders nach Clowes und de Jonge, weitere Hauptquellen sind Bonfils; Troude. Kurz in Mahan, Teil I.
[Russell lag die Nacht vom 28. auf 29. Mai über Backbord-Bug, Kurs Südsüdost, nach der französischen Küste zu; Wind Südwest, nebelig. Um 3 Uhr früh hörte man Schüsse der Vorposten im Westen, bald meldeten zwei das Nahen des Feindes.] Mit Sonnenaufgang sichteten sich die Gegner auf etwa 21 Seemeilen. Tourville konnte die Zahl der Feinde nicht genau feststellen, setzte seinen Kurs mit raumen Winde fort und entschloß sich, auch als er den Feind zählen konnte, doch zum Angriff. Russell erwartete ihn beigedreht. Da es flau war, ging die Annäherung nur langsam vor sich; beide Gegner benutzten die Zeit zum Ausrichten, so daß vor dem Zusammenstoß die Gefechtslinien recht gut formiert waren, soweit es auf französischer Seite der Angriff und auf englisch-holländischer Seite der flaue Wind gestatteten.
Der Angriff war im allgemeinen, wie üblich, Geschwader auf Geschwader angesetzt, wurde aber nicht genau so durchgeführt. Tourville steuerte direkt auf Russell zu und somit Mitte auf Mitte beider Gefechtslinien. Die erste Division der Vorhut (Nesmond) aber segelte auf die vordersten Schiffe der feindlichen Vorhut (Callenburgh) zu, um zu verhindern, daß diese bei der bedeutend längeren Linie der Verbündeten ohne Gegner blieben und imstande wären, die französische Spitze zu dublieren. [In der Tat hatten die Holländer den Befehl, dieses sofort anzustreben.] Dadurch entstand eine Lücke zwischen der I. Division (Nesmond) und der II. (d'Amfreville), namentlich aber auch eine solche zwischen der III. der Vorhut (Relingue) und der I. der Mitte (de Villette), und es war die Gefahr vorhanden, daß die III. Division der Holländer (v. d. Putte) bei näherem Herangehen ohne Gegner bleiben, durch diese Lücke durchbrechen und die französische Vorhut von achtern oder die französische Mitte von vorn dublieren würde; standen in den Gesamtvorhuten doch nur 15 (14?) Schiffe der Franzosen, 26 der Holländer gegenüber. D'Amfreville hielt sich deshalb sehr richtig mit seiner II. und III. Division weiter ab, um einem solchen Manöver stets von Luward her entgegentreten zu können. [Er erweiterte auch die Abstände zwischen den einzelnen Schiffen, um seine Linie zu verlängern.] Von der französischen Nachhut war die III. Division (Pannetier) -- wie so oft bei dieser Art Angriff, der ja stets etwas schräg angesetzt werden muß -- zurückgeblieben und konnte dies trotz Segelpressen nicht mehr ausgleichen. Die I. (Coëtlogon) und II. (Gabaret) ihrer Divisionen hielten sich aber aufgeschlossen hinter der III. Division der Mitte; so kam es, daß der größere Teil der englisch-holländischen Nachhut keine Gegner erhielt -- standen doch auch in den Mitten nur 16 Franzosen 30 Engländern gegenüber.
Ungefähr um 10^{30} Uhr vormittags gingen die I. Division der Vorhut, die Mitte und die I. und II. der Nachhut quer ab vom Feinde an den Wind; kein Schuß war bisher gefallen, jetzt schoß ein Holländer, und sofort entbrannte der allgemeine Kampf.
Die französische Vorhut löste ihre Aufgabe vollkommen, allerdings auch durch die Windverhältnisse begünstigt. Sie hinderte sowohl das Dublieren von vorn wie das Durchbrechen vor der Mitte. Ihre I. Division hielt die feindliche Spitze im Schach; die übrigen Holländer versuchten zwar näher an ihre sich hoch am Winde haltenden Gegner heranzukommen, wurden aber durch die Flaute daran gehindert. [So kam nur ihre I. Division in heftiges Feuer, die II. (Almonde) nur auf weitere Entfernung, die III. (v. d. Putte) soll keinen Schuß abgegeben oder erhalten haben.]
Tourville war mit seinen drei Divisionen der Mitte auf 3/4 Musketenschußweite (Pistolenschuß) herangegangen. [Die beiden ersten Divisionen der Nachhut scheinen sich auch ähnlich wie d'Amfreville richtigerweise etwas weiter abgehalten zu haben, um ein Dubliertwerden von achtern zu erschweren.] Der Kampf der Mitten war der heftigste, standen doch fast jedem Franzosen zwei Gegner gegenüber; Tourville (»Soleil Royal« 104) focht mit Russell (»Britannia« 100) und dessen Vorder- und Hintermann (je 100). Es scheint hier jetzt schon die Melee teilweise eingetreten zu sein, da es ganz still wurde und die Gegner durcheinander trieben. [Nach etwa zwei Stunden versucht »Soleil Royal« sich durch Boote nach Westen abschleppen zu lassen, Russell folgt; »Soleil Royal« findet Unterstützung durch Schiffe Coëtlogons.]
Um 2 Uhr nachmittags kam etwas Nordwestwind auf. Diesen benutzten die nicht angegriffenen Schiffe der englischen Nachhut -- etwa 25 --, die bisher infolge der Stille auch ihrerseits nicht imstande gewesen waren, einzugreifen, um hinter der II. Division der französischen Nachhut vorzubrechen. Sie gingen aber nicht zu Luward der kämpfenden Linie, um die Franzosen von achtern zu dublieren, was ihnen möglich gewesen wäre, sondern sie versuchten, an die noch immer zurückstehende Division Pannetier heranzukommen. Es gelang nicht, da Pannetier geschickt steuerte; er zog sie absichtlich hinter sich her, so daß diese 25 Schiffe bis 7 Uhr nachmittags weiter nutzlos blieben.
In der Schilderung tritt nun eine Pause ein. [Um 3 Uhr nachmittags dichter Nebel und wieder still; allgemeine Unordnung, nur durch Zufall treffen sich die durcheinander treibenden Schiffe; um 5 Uhr nachmittags wird es klarer und etwas Wind aus Ost; man sieht die Franzosen westlich steuern, teilweise durch Boote geschleppt. Russell gibt Signal zum Folgen, kurze Zeit neuer Kampf.] Auch die Zeitangaben schwanken; Delarbre fährt erst mit 7 Uhr nachmittags fort. Um diese Zeit erscheinen einige der englischen Schiffe, die Pannetier gefolgt waren, zu Luward der Franzosen und ankern hier. Tourville in großer Bedrängnis wird wieder von Coëtlogon unterstützt, auch Gabaret kommt heran; also völlige Melee der Mitten und der Nachhuten. Jetzt etwa setzte die Flut ein; Tourville ließ ankern, wie es die zu Luward angekommenen Engländer getan hatten. Auch die französische Vorhut ankerte; sie hatte bis dahin ihre Stellung gegen die Holländer gehalten und hielt sie so weiter, jedoch jetzt ohne Kampf. Die englischen Schiffe in Lee der Franzosen (Russell usw.) ankerten zu spät, so daß sie außer Schußweite trieben. Dennoch kam Tourville nochmals in arge Bedrängnis, als es um 8.^{30} Uhr abends wieder aufklärte und der Kampf -- zu Anker und durcheinander treibend -- nochmals bei Mondschein entbrannte. Auch Shovel war es geglückt, mit einigen seiner Schiffe zu Luward zu kommen. Er schickte fünf Brander gegen Tourville, die nur mit Mühe abgeschlagen wurden (zwei durch Boote; einmal kappte Tourville). Sonst aber waren die zu Luward stehenden Engländer jetzt im Nachteil, da der Feind in Lee nicht mehr bedrängt wurde; aus Furcht, bei aufkommendem Winde gefährdet zu sein, kappten sie und ließen sich durch die Feinde zur eigenen Flotte treiben, wobei sie enfilierend arg beschossen wurden. Zwischen 9 und 10 Uhr abends wurde es wieder ganz dick und die Schacht war beendet. [Englische und holländische Quellen erwähnen ein Ankern während des Kampfes nicht; sie sagen, beide Flotten ankerten bei dem letzten Nebel und die Schiffe zu Luward ließen sich dann durchtreiben; doch heben alle französischen Berichte, die unmittelbar nach der Schlacht aufgesetzt sind, gerade das Ankern hervor.]
In dem zehnstündigen Kampfe gegen die ungeheure Übermacht verloren die Franzosen kein Schiff, keines war völlig außer Gefecht gesetzt; die Verbündeten sollen, nach Aussage französischer Offiziere, zwei Schiffe verloren haben, jedenfalls verbrauchten sie mehrere Brander ohne Erfolg. Keiner der französischen Führer hat einen wesentlichen Fehler gemacht, tüchtig haben sie sich gegenseitig unterstützt; die richtige Verwendung der Vorhut hinderte ein Dublieren von vorn; auf seiten der Verbündeten muß man doch wohl das Verfolgen Pannetiers als Fehler bezeichnen.
Clowes, also ein englisches Urteil, sagt: »Russell verdient Anerkennung für das rechtzeitige Zusammenziehen der Flotte; in der Schlacht und in der Verfolgung konnte er kaum weniger leisten. Er gewann einen wichtigen aber keinen glorreichen Sieg. Tourville verlor nur wenig von seinem Ruf; Russell gewann nicht mehr.«
Auch Ludwig erkannte Tourvilles Verdienst an, indem er sagte: »Ein Glück, daß Tourville gerettet ist; Schiffe lassen sich wieder bauen.« Er ernannte ihn zehn Monate nach der Schlacht zum Marschall; wohl ein Beweis, daß der Admiral nach seinem Sinne gehandelt hatte.
Die Schlacht bleibt eine glorreiche Tat für Tourville und die französische Marine, wenn auch ihre unmittelbaren Folgen verhängnisvoll wurden.
$Die Vernichtung vieler Schiffe bei La Hogue und Cherbourg.$ Am 30. Mai 1 Uhr vormittags kam leichter Ostnordost auf. =Tourville= gab Befehl zum Ankerlichten und die Schiffe sammelten sich bei dem nächsten Geschwaderchef: bei Tourville 8, bei Villette 15, bei d'Amfreville 12. Um 7 Uhr nachmittags vereinigten sich die Admirale, nun also 35 Linienschiffe stark; von den fehlenden 9 waren 6 unter Nesmond nach La Hogue und 3 unter Gabaret nach der Küste Englands gegangen; diese drei erreichten wohlbehalten Brest.
=Russell= hatte mit Einsetzen der Ebbe gleichfalls Anker gelichtet und allgemeine Verfolgung befohlen. Am 30. Mai blieben sich die Flotten in Sicht -- ankerten während der Flut --, kamen aber nicht auf Gefechtsdistanz, sondern blieben etwa 3 Seemeilen auseinander. =Tourville= bemerkte jedoch, daß die Verbündeten nach und nach aufkamen, er beschloß deshalb, von dem Rückzuge nach Brest zunächst abzusehen und die bessere Kenntnis der Strom- und Küstenverhältnisse zu benutzen, um sich dem Gegner zu entziehen. Er wollte =durch den Blanchard-Kanal= -- zwischen dem Festlande und den Inseln d'Aurigny (Aldernay) und Jersey -- unter die Küste der Normandie laufen und nahm an, daß die Verbündeten die schwierige Passage scheuen würden, der starke Strom, der in diesem Kanal läuft, würde ihm dann schnell einen großen Vorsprung gegeben haben. Aber er beging einen großen Fehler dabei. Sein Flaggschiff »Soleil Royal«, das er für seine Person verlassen hatte, und zwei andere große Schiffe waren schwer beschädigt; sie hielten die Flotte auf und der Admiral wagte nicht, die Verantwortung zu übernehmen, jene allein einen Zufluchtsort aufsuchen zu lassen. Infolge des Wartens auf sie stimmten beim Einlaufen in den Kanal (31. Mai, morgens) die Stromverhältnisse nicht mehr; zwar gelang es 12 Schiffen noch mit der Ebbe den Kanal zu passieren, aber 13 -- unter ihnen der »l'Ambitieux«, auf dem sich Tourville jetzt befand -- waren genötigt, beim Einsetzen der Flut im Kanal zu ankern. Die Lotsen wählten einen ungünstigen Platz; die Anker hielten nicht oder die Taue brachen; da im Gefecht verschiedentlich gekappt war, besaßen manche Schiffe nur noch ungenügendes Ankergeschirr. Der Admiral mußte mit den 13 Schiffen zurückgehen und beschloß nun, auf der Rhede von La Hogue, wo einige Batterien aufgeworfen waren, möglichst dicht unter Land Schutz zu suchen; auf dem Wege dahin schickte er jetzt die 3 beschädigten Schiffe in den Hafen von Cherbourg, den sie auch erreichten. Er ankerte am 31. abends auf der Rhede und fand hier 2 Schiffe de Nesmonds vor; die 4 anderen Schiffe dieses Admirals waren soeben kanalaufwärts gesegelt und gelangten um Schottland herum glücklich nach Brest.
=Russell= war tatsächlich vor dem Blanchard-Kanal geblieben. Er sandte nun Ashby mit der Nachhut und einigen Holländern westlich um die Kanalinseln herum zur Verfolgung der Schiffe, denen die Durchfahrt geglückt war, doch entkamen sie unbelästigt nach St. Malo; er selbst folgte Tourville, schickte Delaval nach Cherbourg, und es gelang, die 12 Schiffe vor La Hogue (unter den Augen Jakobs) und die 3 in Cherbourg zu vernichten.[245]
[245] In Delarbre »Tourville« findet man die genauen englischen, holländischen und französischen Berichte.
=Delaval= griff am 31. die 3 Schiffe vor =Cherbourg=, damals noch ohne Wellenbrecher und ohne Hafen, mit kleineren Linienschiffen und Brandern an, wurde aber durch heftiges Feuer abgeschlagen. Am 1. Juni gelang es, gedeckt durch Feuer der Linienschiffe mit Booten 2 Brander heranzubringen; ein dritter wurde durch das feindliche Feuer zu früh entzündet, doch steckten die begleitenden Boote auch das dritte Schiff in Brand.
=Tourville= war auf der Rhede von =La Hogue= mit Jakob und den Führern des Heeres in Verbindung getreten; man hatte beschlossen, die Kriegsschiffe auf das äußerste zu verteidigen, sowie möglichst Mannschaften, Material und Munition zu retten. Die Schiffe wurden bei Flut mit Leinen von Land in der Nähe zweier Forts möglichst hoch auf den Strand geholt und man begann mit Löschen von Material usw. Um sie gegen Brander- und Bootsangriffe besser schützen zu können, wurden alle ihre Boote sowie Fahrzeuge von Land mit Matrosen besetzt, am Lande Batterien gebaut und die Truppen zusammengezogen. Aber die Zeit war nur kurz, große Unordnung herrschte, einheitliche Leitung fehlte; nach einem hochgestellten Augenzeugen soll Tourville den Kopf verloren haben. Russell beauftragte =Rooke= mit dem Angriff. Am 2. Juni versuchte dieser auch hier, mit leichteren Linienschiffen Brander an eine Gruppe von 6 Schiffen heranzuführen; es mißlang, da das Wasser zu flach war; auch ein Versuch, die Brander mit Booten heranzuschleppen, blieb fruchtlos. Darauf wurden bei Eintritt der Nacht gegen 200 Boote armiert, die feindlichen Boote zurückgeschlagen, die Schiffe geentert und angezündet; in den Bootskampf auf seichtem Wasser sollen selbst französische Reiter eingegriffen haben. Am 3. vormittags wurde, wiederum mit Booten, die andere Gruppe von Schiffen unter dem zweiten Fort vernichtet, auch einige Transporter fielen zum Opfer. Noch im Jahre 1833 waren die Spanten der vernichteten Schiffe zu sehen; bei niedrigem Wasser sind damals verschiedene Überreste geborgen und ins Pariser Marinemuseum geschafft worden.
Der Verlust dieser 15 Linienschiffe, worunter viele der stärksten, war aber kaum die wichtigste Folge der Schlacht: er wäre bei der großen Zahl der vorhandenen Schiffe zu ertragen gewesen und wurde auch zum großen Teil durch Neubau ersetzt. Der Eindruck, den die Niederlage auf die an Ludwigs Erfolge gewöhnte öffentliche Meinung und auch an leitender Stelle hervorbrachte, war bedeutsamer. Eine volkstümliche Waffe war die Marine in Frankreich noch nicht geworden, und wir haben schon gehört, daß Pontchartrin und andere nicht viel von ihr hielten. Jetzt drang die Ansicht dieser Personen, den Krieg zur See nur gegen den feindlichen Handel zu führen, mehr durch und der Marine wurde immer weniger Sorge zugewendet; =die französische Flotte trat den feindlichen nicht mehr entgegen=. Zunächst hören wir in diesem Jahre gar nichts mehr von ihr; vielen Mannschaften wurde erlaubt, auf Freibeutern zu dienen, die gesammelten Transporter wurden teilweise als solche verwendet und der kleine Krieg blühte.
Aber auch die =Verbündeten= blieben untätig. Nach den letzten Vorfällen ging das Gros ihrer Flotte zum Instandsetzen nach Wight. Ein kleineres gemischtes Geschwader unter Ashby und Callenburgh kreuzte noch an der Küste, um etwa versprengte Franzosen oder die nach St. Malo geretteten auf ihrem Wege nach Brest abzufangen; es ging auch nach Havre, wo man die Schiffe Nesmonds vermutete, fand diese jedoch -- wie wir wissen -- nicht und wagte auch nicht, etwas gegen die Transporter dort zu unternehmen; dann vereinigte es sich wieder mit dem Gros. Dieses lief am 28. Juni wieder aus, teilte sich in zwei Teile, von denen der eine westlich im Kanal gegen die St. Malo-Schiffe kreuzte, der andere östlich, um die Verbindung zwischen England und Holland zu sichern.
Nach Colomb (Seite 268) waren die englischen Seeoffiziere der Ansicht, ohne einen gleichzeitigen Landangriff nichts gegen die in St. Malo geborgenen französischen Schiffe unternehmen zu können; es gelang diesen, später unbewacht, nach Brest durchzukommen.
Die englisch-holländische Flotte beherrschte also den Kanal und es wurde auch wieder der Plan einer Landung in Frankreich ins Auge gefaßt. Truppen wurden bei Portsmouth versammelt und Anfang August mit der Einschiffung auf der dort wieder vereinigten Flotte begonnen. Der Plan kam aber nicht zur Ausführung: Befehle und Gegenbefehle von London, Kriegsratsversammlungen der Armee und Marine verzögerten die Maßnahmen; endlich erachtete man die Jahreszeit für die schweren Schiffe zu weit vorgeschritten; holländische Quellen deuten wieder an, daß Russell an der Verzögerung schuld gewesen sei. (Er habe zu denen gehört, die es durch Entfaltung zu großen Eifers nicht ganz mit Jakob verderben wollten.) Das Ergebnis war die Überführung einiger englischer Truppen nach Holland. Gegen die immer zahlreicher auftretenden Freibeuter des Feindes hatte man auch keine ernste Maßregeln ergreifen können, da man die Flotte -- schließlich unnütz -- stets zusammengehalten hatte.
Im September wurden die schweren Schiffe abgerüstet, andere kreuzten noch im Kanal, bis endlich die Flotte auf die kleinen Wintergeschwader vermindert wurde.
$Die Ereignisse der Jahre 1693-1697.$ Während der weiteren Kriegsjahre führten =die Franzosen=, wie schon mehrfach erwähnt, den Krieg in der Hauptsache nur gegen den feindlichen Handel, besonders in den nördlichen Gewässern. Wenn auch zuweilen noch größere Flotten zusammengezogen wurden -- im Jahre 1693 sogar noch eine solche von 70 Linienschiffen, aber auch nur um einen großen Schlag gegen den feindlichen Handel in führen --, so versuchten diese doch nicht mehr, dem Feinde die Seeherrschaft streitig zu machen. Im Mittelmeer wurden wie bisher stets noch etwas stärkere Geschwader im Dienst gehalten, um an den Küsten im Landkriege zu wirken; im Atlantik waren die Streitkräfte meistens in kleineren Divisionen auf die verschiedenen Häfen verteilt, um diese zu schützen und von ihnen aus gegen die feindlichen Handelsfahrzeuge zu kreuzen. Der Kreuzerkrieg wurde dabei durch die vom Staate in jeder Hinsicht unterstützte Freibeuterei ungemein verstärkt; je weniger Pflege der Marine im Laufe der kommenden Jahre zuteil wurde -- wegen Geldmangels, und wegen fehlenden Interesses an maßgebender Stelle --, um so mehr entwickelte sich die Freibeuterei.
Die Tätigkeit der =englisch-holländischen Flotten= äußerte sich nach drei Richtungen: Unternehmungen gegen französische Küstenstädte, um hierdurch auf den Landkrieg einzuwirken; Unterstützung des Landkrieges in Spanien; Schutz des eigenen Handels. Mit den Angriffen auf die Küstenstädte beabsichtigte man in den meisten Fällen und hauptsächlich, den Kreuzerkrieg des Gegners in seinen Stützpunkten anzugreifen. Um die Gesamtrüstungen der Verbündeten in diesen Jahren richtig beurteilen zu können, sei vorausgeschickt, daß neben den Hauptflotten, deren Tätigkeit uns zunächst beschäftigt, stets ein starkes Geschwader -- bis zu 20 Linienschiffen -- gegen Dünkirchen aufgestellt war.
$Das Jahr 1693$ zeigt uns die =Kriegführung der Verbündeten= in einem sehr trüben Lichte. Unentschlossenheit an leitender Stelle in England -- schon Ende 1692 bemerkbar --, der Zustand der Verwaltung in der Marine hier und Uneinigkeit in der Führung der Flotte ließen es nicht nur zu keinerlei Erfolg kommen, sondern führten sogar einen großen Verlust herbei.
Im Oktober 1692 war von England und Holland =mit Spanien ein Vertrag= abgeschlossen, wonach die schwachen spanischen Seestreitkräfte durch englisch-holländische verstärkt werden sollten, um den Angriffen der Franzosen auf die spanischen Küsten sowie der Bedrohung der Silberflotten entgegenzutreten; England und Holland gedachten dadurch auch ihren Mittelmeerhandel zu sichern und einer Vereinigung der Flotten von Brest und Toulon stets vorzubeugen.
Nach dem Vertrage sollte Spanien 16 Linienschiffe und 25 Galeren stellen, England und Holland je die gleiche Zahl Schlachtschiffe; Spanien sollte in einem seiner Häfen Magazine einräumen, damit die Verbündeten sich einen Stützpunkt schaffen könnten. Dieser Vertrag blieb grundlegend für spätere während des ganzen Krieges, doch wurde Spanien bald lau in der Erfüllung seiner Pflicht.
Das schwache Spanien kam zunächst seiner Pflicht nach, die Verbündeten nicht. Zwar wurden schon im März Schiffe zu diesem Zwecke bestimmt -- 4 Holländer, 11 Engländer --, aber sie kamen nicht fort. Befehle wechselten mit Gegenbefehlen. Erst sollte das Geschwader auf Kauffahrer warten, dann hielt man es für nicht stark genug den Franzosen in Toulon gegenüber und endlich wollten die Rhedereien ihm ihre Schiffe nicht anvertrauen.
Außer diesem Mittelmeergeschwader war die Indienststellung einer ebenso großen Hauptflotte wie im Jahre 1692 beschlossen, weil man wußte, daß auch die Franzosen stark rüsteten. Von Mitte April an sammelte sich diese Flotte bei Wight und bestand bald aus 76 Linienschiffen (46 Engländer, 30 Holländer). Russell war seines Postens enthoben worden (Differenzen wegen La Hogue), das Kommando führten 3 =Jointadmirals= -- Killigrew, Shovel, Delaval -- =auf einem Flaggschiff=, das holländische Kontingent kommandierte =Almonde=; aus den angedeuteten Gründen lag die Flotte wochenlang untätig und auch wohl teilweise unfertig auf der Rhede von St. Helens.
In =Frankreich= hatte man tatsächlich stark gerüstet, und zwar dem neuen Plane gemäß, den Kampf nur gegen den Handel zu führen, zu einem besonderen Zwecke: dem Abfangen des jährlichen großen englisch-holländischen Levanteconvois bei seiner Ausreise, der ja auch 1691 auf seiner Heimreise Tourville als Hauptangriffsobjekt bezeichnet war. Wieder unter =Tourville= waren in Brest 71 Linienschiffe zusammengezogen; in Toulon wurden etwa 20 Linienschiffe unter d'Estrées gegen Spanien in Dienst gestellt.
Wie stets bisher, war man in Frankreich durch Spione und Parteigänger Jakobs über alle Vorgänge in England gut unterrichtet. So erhielt man auch jetzt rechtzeitig Nachricht, als die Abfahrt des Convois bevorstand, und Tourville wurde sofort in See gesandt, obgleich die Flotte noch unvollkommen ausgerüstet war, um ihn in der Straße von Gibraltar zu erwarten. In England hatte man sich endlich entschlossen, den Convoi mit dem für das Mittelmeer bestimmten Geschwader segeln zu lassen, da man aber die Stärke der Franzosen in Brest kannte, wurde bestimmt, daß die Hauptflotte bis in den Atlantik mitgehen solle; zu einem rechtzeitigen Festhalten Tourvilles in Brest war sie nicht fertig geworden.
Am 9. Juni verließ alles Wight; der Convoi war an 400 Segel stark. Am 14. Juni, etwa 36 Seemeilen südwestlich von Ouessant, wurden die für Westindien und andere transatlantische Gewässer bestimmten Schiffe mit den üblichen kleinen Bedeckungen entlassen, die Hauptflotte kehrte in den Kanal zurück; =das Mittelmeergeschwader= unter =Admiral Rooke= (Holländer unter van der Goes) setzte mit den Kauffahrern für Portugal, Spanien und Mittelmeer die Reise fort.
Auf der Hauptflotte wußte man nichts von dem vierzehn Tage vorher erfolgten Auslaufen Tourvilles. Dieser kaum zu verstehende Fehler wird mit einer Nachlässigkeit im englischen Ministerium erklärt: »Nottingham hatte vor Abgang der Flotte einen Brief erhalten, der Tourvilles Auslaufen meldete; er sandte die der Nachricht angeschlossene Liste der französischen Schiffe an die drei Admirale, der Brief selbst aber wurde vergessen beizulegen.« Der Führung der Flotte ist aber doch wohl vorzuwerfen, daß sie nicht erkunden ließ, ob Tourville noch in Brest sei. Hätte man gewußt, daß die Franzosen in See waren, so würde doch die Hauptflotte bis zum Mittelmeer mitgegangen sein; so wurde der $Angriff Tourvilles auf den Smyrnaconvoi vor Lagos$ am 27. Juni 1693 ein großer Erfolg.
=Rooke= entließ an der portugiesischen Küste die nach Lissabon bestimmten Kauffahrer mit einigen Kriegsschiffen, die später wieder zu ihm stoßen sollten; er war so nur 15 Linienschiffe über 50 Kanonen, etwa 10 leichtere Schiffe, 4 Brander und 2 Mörserboote stark, der Convoi zählte noch 130-140 Segel. Anstatt nun gleich in Portugal Nachrichten einzuziehen, steuerte er zunächst von der Küste ab und machte erst am 26. Juni Land bei St. Vincent. (Nur ein leichtes Fahrzeug hatte er nach Lagos vorausgesandt; es kam nicht zurück, da es unter der Küste bekalmt wurde.) Jetzt meldeten seine Vorposten einige französische Schiffe im Süden -- es waren die Vorposten Tourvilles --; da diese sich aber zurückzogen und der nördliche Wind günstig war, wurde die Fahrt fortgesetzt. Mit Tagesgrauen am 27. bekam man 10 Linienschiffe und einige kleinere Segel in Sicht; auf einen Angriff gingen auch diese zurück; ein kleines Fahrzeug wurde genommen und sagte aus, Tourville sei allerdings unter der spanischen Küste, aber nur mit 15 Linienschiffen, einen Transport nach Toulon geleitend. Um 10 Uhr vormittags aber sichtete man den Feind überall: voraus 18 Kriegsschiffe, zu Luward 16 (Gabaret) und weiter ab in Lee 40 (Tourville selbst), die ganze Flotte von Brest.
=Tourville= war am 27. Mai mit 71 Linienschiffen, 4 kleineren Fahrzeugen und 35 Brandern in See und geradeswegs nach Lagos gegangen. (Hier soll er nach Bericht des holländischen Gesandten in Lissabon unter englischen und holländischen Flaggen gelegen haben.) Von hier hatte er sofort zwei starke Geschwader der besten Segler -- eben die genannten 18 und 16 Linienschiffe -- zum Kreuzen bei Kap St. Vincent entsandt. Er =hatte den Befehl=: den Convoi abzufangen, aber ein Gefecht zu vermeiden, wenn der Feind viel stärker wäre; an der spanisch-portugiesischen Küste bis Anfang September zu bleiben, aber auch Unternehmungen gegen die französische Küste entgegenzutreten (vgl. seinen Auftrag 1691; der jetzige war wohl noch schwieriger). Als nun Rooke am 27. in Sicht kam, hielt sich Tourville zunächst zurück, um ausweichen zu können, falls es die Hauptflotte der Verbündeten wäre; sobald er aber erfahren hatte, daß es der verhältnismäßig nur schwach bedeckte Convoi war, gab er den Befehl zum Angriff, vor allem dem am günstigsten stehenden Geschwader Gabaret.
=Rooke= war seit dem Sichten der feindlichen Vorposten am Morgen mit dem Geschwader, in dessen Linie einige der stärksten Kauffahrer eingestellt waren, vor dem Convoi gesegelt. Als er sah, daß bei der Stärke des Feinden ein Widerstand unmöglich war, formierte er die Gefechtslinie hoch am Winde mit einem Kurse nach See zu und gab an die Schiffe des Convois den Befehl, sich auf eigene Faust namentlich unter dem Schutze der Nacht zu bergen; den Schiffen unter Land wurde geraten, spanische Häfen aufzusuchen, den weiter in See befindlichen gewährte das Geschwader vorläufig eine Deckung. Das vorderste französische Geschwader Gabaret, das aus den bestsegelnden Schiffen bestand, kam gegen Abend (6 Uhr nachmittags) an Rooke heran. Zwei holländische Schiffe opferten sich, indem sie das Gefecht aufnahmen, nach Land zu wendeten und einen Teil der Feinde auf sich zogen; sie wurden nach hartnäckigem Widerstande genommen; das übrige Geschwader entzog sich während der Nacht dem Feinde. Am andern Morgen sah Rooke nur noch wenige Gegner, die bald von der Verfolgung abstanden; er erreichte mit dem Geschwader und etwa 50 Kauffahrern wohlbehalten Madeira.
Es wird =Gabaret= der Vorwurf gemacht, daß er das Geschwader angegriffen und dazu sogar seine vordersten Schiffe zurückgerufen habe, um erst die Gefechtslinie zu formieren, anstatt gleich an die Verfolgung und Vernichtung der verstreuten Kauffahrer zu gehen oder wenigstens durch die vordersten Schiffe das feindliche Geschwader rechtzeitig festhalten zu lassen.
Einem zweiten Teile der französischen Flotte (wohl dem 18-Schiffe-Geschwader) gelang es während der Nacht die unter Land segelnden Fahrzeuge des Convois zu umzingeln und am nächsten Tage zu nehmen oder zu zerstören; viele wurden durch die eigene Besatzung auf Strand gesetzt und versenkt oder verbrannt. An dieser Vernichtung beteiligten sich wahrscheinlich auch Schiffe des erst später herangekommenen Gros. So gingen gegen 70 (90?) englisch-holländische Kauffahrer -- mit einem Werte von einer Million Lstrl. -- verloren; einige wenige erreichten spanische Häfen. Der Verlust würde voraussichtlich noch weit bedeutender gewesen sein, wenn Tourville nicht -- allerdings seiner Instruktion entsprechend -- das Gros seiner Flotte anfangs so vorsichtig zurückgehalten hätte.
=Die Hauptflotte der Verbündeten= war nach der Trennung von dem Convoi einige Tage vor dem Kanal geblieben, um Tourville in Brest zu beobachten, bis man über England von dessen Auslaufen Nachricht erhielt; nun ging sie nach Torbay zurück (2. Juli dort), um »Vorräte zu ergänzen« und »Befehle einzuholen« -- bezeichnend für die Art der Ausrüstung der (englischen) Schiffe und für die Leitung. Der hier zusammentretende Kriegsrat sah wohl ein, daß sofortiges Abgehen nach der spanischen Küste das richtigste sei, um Tourville vor oder nach seinem Anschlage gegenüberzutreten, aber erst am 21. Juli war man seeklar und konnte wegen Gegenwindes gar erst am 27. endgültig unter Segel gehen, nachdem nunmehr auch die Sprengung des Convois bekannt geworden war. Die Flotte kreuzte wiederum vor Brest, »die Rückkehr Tourvilles erwartend,« dann mußte auch die Absicht aufgegeben werden, weil die dorthin bestellten englischen Proviantschiffe ausblieben. Die Flotte kehrte am 26. August nach Torbay, am 8. September nach St. Helens zurück und wurde bald bis auf das Wintergeschwader -- in diesem Jahre ziemlich stark, z. B. 18 holländische Linienschiffe, aber wie üblich keine schweren -- aufgelegt.
Die Untätigkeit der Flotte, insbesondere das Schicksal des Convois, legte die englische Nation (Haus der Gemeinen) den drei Oberbefehlshabern zur Last; in einer Untersuchung wurden sie aber freigesprochen, die Hauptschuld traf auch wohl die Leitung von London und die Verwaltung. Jointadmirale ernannte man aber nicht wieder, oder doch nur einmal unter ganz anderen Umständen (einen Oberbefehlshaber für die See- und einen für die Landoperationen einer Expedition).
=Tourville= war nach der Vernichtung des Convois =ins Mittelmeer= eingelaufen und hatte sich am 18. Juli vor Malaga mit dem Toulon-Geschwader vereinigt. Er mußte annehmen, im Atlantik jetzt der weit stärkeren Hauptflotte des Feindes zu begegnen; er bedurfte der Ausrüstung, da er ja Brest sehr eilig verlassen hatte, auch war so die französische Seeherrschaft im Mittelmeer unbedingt gesichert. Die spanische Küste entlang laufend, gelang es ihm noch, in Gibraltar (durch Brander) und in Malaga (durch armierte Boote) einige englische und holländische Schiffe zu zerstören. Dann aber blieb die ganze, jetzt 94 Linienschiffe (190 Segel) starke Flotte untätig in Toulon liegen; Mitte September kehrte der Admiral mit den Atlantik-Schiffen ungehindert nach Brest zurück.
Von dem Jahre 1693 ist nur noch das $Bombardement von St. Malo$ zu erwähnen. Von dieser Stadt aus wurde die Freibeuterei jetzt ebenso erfolgreich betrieben wie von Dünkirchen. Ende November erschien hier ein englisches Geschwader von Linienschiffen IV. Klasse, kleineren Fahrzeugen, Brandern und Mörserbooten; ein besonders konstruierter Brander war beigegeben.
Dieser Brander -- =Machine oder Infernal= genannt; in England durch einen holländischen Ingenieur Meesters konstruiert -- war ein altes Hafenfahrzeug von 350 tons mit ausgemauertem Boden, gefüllt mit losem Pulver und solchem in Fässern, darüber eine dicke Schicht von Pech, Harz, Werg und dgl. Alles war so gestaut, daß eine Entzündung schnell um sich greifen mußte; auf der deckenden Schicht lagen Brandgeschosse, Kugeln und Ketten.
Stadt und Hafen von St. Malo waren gedeckt durch einige Forts auf kleinen Inseln. Das Geschwader ankerte am 26. November bei Cap Fréhel, sandte schon nachmittags einige Mörserboote gegen das äußerste Fort, vertrieb die Franzosen hier und errichtete eine Batterie. Am 27. wurden dann die übrigen Befestigungen von hier aus und durch die Mörserboote beschossen; der Erfolg war jedoch gering infolge schlechter Munition (vgl. Seite 174), das Feuer wurde kräftig erwidert, die Mörserboote und die sie deckenden Schiffe mußten zurückgehen. In der Nacht vom 30. November bis 1. Dezember wurde der Infernal losgelassen. Bei glatter See und auflandigem Winde kam er bis auf 50 Schritt an die Stadtmauer heran, wurde nun aber durch eine Windveränderung auf einen Felsen geworfen und leck gestoßen; entzündet, zerstörte er dennoch gegen 300 Häuser.
Es ist dies der erste Fall der Unternehmungen gegen französische Städte. Da sie keinen Einfluß auf den Krieg hatten und nur die friedlichen Einwohner schädigten, werden sie -- auch von englischen Autoren -- als nutzlos und barbarisch bezeichnet. Man muß doch aber wohl die von den englischen Quellen angeführte Entschuldigung gelten lassen, daß Ludwig XIV. durch das Bombardement von Genua 1684 das Beispiel zu solchen Unternehmungen gegeben habe, auch daran denken, daß man in ihnen ein wirksames Mittel gegen die sonst nicht niederzuhaltende Freibeuterei zu finden hoffte.
Wenn wir im Jahre 1693 noch einmal eine große französische Flotte sehen und infolgedessen auch ein Zusammenhalten der Streitkräfte Englands und Hollands, so treten jetzt von $1694$ an die Verhältnisse in der Kriegführung, wie sie vorhin angedeutet sind, völlig ein. =Die Franzosen= stellten im Atlantik etwa 50 Linienschiffe in Dienst, von denen einige ins Mittelmeer gesandt, die anderen in kleinen Divisionen auf die Häfen am Kanal und Atlantik verteilt wurden. Im Mittelmeer verfügte Tourville so über eine Flotte von etwa 20 Linienschiffen und die Galeren; er griff von Anfang Mai an in den spanischen Landkrieg ein -- Eroberung von Palamos; Belagerung von Barcelona --, in dem bekanntlich Ludwig in diesem Jahre wieder kräftig und, eben durch Unterstützung der Flotte, anfangs auch erfolgreich vorging. Die Divisionen in den nördlichen Gewässern sollten nur zum Schutz der Küste und zum Kreuzerkriege dienen; jetzt begann Frankreich, den feindlichen Handel ganz besonders heftig mit kleinen Divisionen von Kriegsschiffen oder von Freibeutern anzugreifen. Die =Verbündeten= hatten auch für dieses Jahr stark gerüstet und waren jetzt in der Lage, ihre Streitkräfte für die verschiedenen Aufgaben zu teilen und den Spaniern die vertragsmäßige Hilfe zu bringen. Kurz seien $die Operationen des Jahres 1694$[246] aufgeführt.
[246] Die (ungefähren) Angaben über die Anzahl der Linienschiffe bei diesen sind aus de Jonge, Teil III, entnommen.
Am 6. Januar ging ein gemeinsames =Geschwader= von 25 Linienschiffen unter Vizeadmiral =Wheeler= (die Holländer unter Callenburgh) mit einem Convoi =nach dem Mittelmeer=. Es hatte den Befehl, die Levantefahrer des Convois bis Malta zu führen, dann von Cadiz aus die Silberflotten zu sichern und später zurückkehrende Levantefahrer heimzugeleiten. Am 28. Februar verlor dieses Geschwader in einem schweren Sturm nahe bei Gibraltar 4 Linienschiffe, darunter das Flaggschiff mit dem Admiral; unter Callenburgh kehrte es nach Cadiz zurück, weil es ein Zusammentreffen mit der Toulonflotte fürchtete, und war nicht einmal imstande, die von Brest abgegangenen französischen Schiffe (am 14. Mai bei Gibraltar) an ihrer Vereinigung mit Tourville zu hindern.
Die =Hauptflotte der Verbündeten= unter =Russell= (Holländer unter =Almonde=) begann sich im April zu sammeln. Im Mai wurde der Versuch gemacht, die von Brest nach Toulon bestimmten Schiffe festzuhalten; man kam zu spät, vernichtete aber einen feindlichen Convoi. Im Juni waren gegen 80 Linienschiffe bei St Helens vereinigt; es wurden jetzt (15. Juni) zwei Flotten formiert. =Russell selbst= ging mit 44 Linienschiffen =zum Mittelmeer=, vereinigte sich am 11. Juli mit dem dort befindlichen Geschwader und war jetzt, da auch 10 Spanier hinzustießen, 75 Linienschiffe und 15 Brander stark. Er ging nach Barcelona, traf hier am 8. August ein und hob die Belagerung auf; Tourville hatte sich schon bei seiner Annäherung auf Toulon zurückgezogen. Die Flotte blieb dann bis Mitte Oktober an der Ostküste Spaniens und zeigte sich auch an der französischen. Zwar wurde nichts gegen die Küstenstädte Kataloniens, die in französischen Händen waren, unternommen, weil sich die spanische Landmacht unzureichend erwies, aber man hielt doch Tourville in Toulon fest, hinderte das Zurückgehen der Brest-Schiffe für den Winter und sicherte den Handel im Mittelmeer. Die Flotte überwinterte in Cadiz, um im nächsten Jahre früh bereit zu sein.
=Dies ist bemerkenswert.= Es geschah zum ersten Male; man kann von hier an die dauernde Stationierung einer englischen Flotte im Mittelmeer rechnen. Es war so neu, daß es anfänglich den Widerpruch Russells (und auch wohl anderer Offiziere) hervorrief; anderseits sah England den Fehler ein, den es mit der Aufgabe von Tanger gemacht hatte, und sorgte nun bald für Gewinnung eines Stützpunktes im Mittelmeer (zunächst Port Mahon).
=Der zweite Teil der Hauptflotte= -- 36 Linienschiffe (16 Holländer) mit Fregatten, Brandern und einer größeren Zahl von Mörserbooten -- wurde unter Admiral =Lord Berkeley= of Stratton zu Unternehmungen =gegen die französische Küste=[247] bestimmt. Insbesondere beabsichtigte man =Brest= anzugreifen, zu welchem Zweck 6000-7000 Mann unter General Talmash eingeschifft wurden. Diese sollten die Forts nehmen, die die Einfahrt verteidigten, damit die Schiffe auf die Binnenrhede einlaufen könnten. Aber die Franzosen waren vorbereitet; die Unternehmung war durch hochgestellte Personen in England, die sich für alle Fälle bei Jakob gut stellen wollten, verraten. =Vauban= selbst hatte die Verstärkung der Befestigungen geleitet; insbesondere waren am Strande der Außenrheden (Bucht von Camaret und von Bertheaume) zahlreiche neue Batterien aufgeworfen, von denen die Verbündeten nichts wußten, und Truppen in Verschanzungen aufgestellt worden. Am 17. Juni ankerte Berkeley in der Camaret-Bucht -- südlich vom Goulet de Brest, der Einfahrt zur Binnenrhede -- außerhalb Schußweite und nach einer Erkundung wurde auf Talmash' Drängen die Landung in dieser Bucht beschlossen. Am 18. wurde sie, gedeckt durch das Feuer von 3 Linienschiffen und 6 Fregatten, mit Bravour ausgeführt, aber zurückgeschlagen. Von den Gelandeten (1200? 600? Mann) kamen nur wenige (100?) zurück, weil die Boote trocken gefallen[248] waren, Talmash selbst wurde schwer verwundet. Auch die deckenden Schiffe litten, ein Holländer geriet auf Strand und ging verloren. Da die Mörserboote wegen der Außenforts nicht nahe genug herangehen konnten, um die Stadt oder die Binnenrhede mit Erfolg zu beschießen, segelte die Flotte nach St. Helens zurück (25. Juni dort).
[247] Die Bombardements der französischen Küstenstädte in diesen Jahren etwas genauer in Bonfils, Teil I, und in de Jonge, Teil III.
[248] D. h. sie lagen nach Zurückweichen des Wasser bei Ebbe auf dem Strande.
Es kam jetzt der Befehl, andere Städte zu bombardieren oder mit Infernals anzugreifen. (Es sei erwähnt, daß in den Jahren 1694/95 gegen 30 solcher Fahrzeuge erbaut wurden, aber schon 1695 gab man diese Waffe wieder auf.) Die Truppen wurden ausgeschifft, von Landungen also abgesehen. Am 18. Juli erschien =Berkeley vor Dieppe=, warf am 23. aus den Mörserbooten gegen 1100 Bomben und Brandgeschosse in die Stadt, wodurch diese auf lange Jahre hinaus fast ganz zerstört wurde; der Angriff mit einem Infernal mißlang, weil dieser wegen einer Sperre zu weit abblieb. Am 26. wurde =Havre= bombardiert. Der Erfolg war hier aber unbedeutend, da Seegang ein gutes Zielen unmöglich machte; dagegen flog ein Mörserboot im feindlichen Feuer auf. Die Flotte ging dann nach England zurück und die großen Schiffe wurden aufgelegt.
Im September wurde nochmals ein =Geschwader unter Shovel gegen Dünkirchen= gesandt. Die Seeoffiziere erachteten zwar die Jahreszeit für nicht mehr dazu geeignet, gerade gegen diese Stadt zu operieren; sie erhielten aber Befehl zum Angriff, weil von hier aus in letzter Zeit die Freibeuter bedeutende Erfolge erzielt hatten und über Dünkirchen große Kornladungen (durch Jean Bart) aus der Ostsee nach Frankreich eingeführt waren. Das Geschwader war sehr stark (18 Linienschiffe), besonders an Infernals (17) und vereinigte sich noch mit der ständig gegen Dünkirchen aufgestellten Flottille; Es wurde nichts erreicht. Die Franzosen waren wieder von dem Plane unterrichtet und hatten die in den letzten Jahren verstärkten Befestigungen gut im Stande gehalten. Mehrere Forts deckten die Stadt und 2 Forts auf den langen Molen den Hafeneingang, der außerdem gesperrt war. Zwar wurde durch Ausloten des wenig bekannten Wassers trotz heftigen Feuers (am 22. September) festgestellt, daß ein Beschießen der Stadt von der Westseite möglich sei, aber die Mörserboote waren noch nicht eingetroffen. Man schickte vorläufig 2 Infernals gegen die Molenforts; der eine wurde vom Feinde in Brand geschossen, der andere durch Boote abgeschleppt. Ehe die Mörserboote zum Geschwader stießen, wurde dieses durch ungünstiges Wetter zum Verlassen der Rhede gezwungen. Am 26. September beschoß man noch =Calais=, ebenfalls erfolglos, weil Wind und Seegang die Mörserboote zwang, unter Segel zu operieren. Am 29. traf das Geschwader in den Downs ein; die Unternehmungen fanden für 1694 ihr Ende.
Aus vorstehendem ist zu ersehen, wie bedeutend die Rüstungen der Verbündeten[249] für dieses Jahr gewesen waren, und daß sie als unmittelbaren Erfolg nur die Zerstörung von Dieppe, den Entsatz von Barcelona und die Sicherung ihres Handels im Mittelmeer zu verzeichnen hatten; ihre Seeherrschaft im Kanal und in der Nordsee war keineswegs eine unbestrittene gewesen, wie wir bei Betrachtung des Kreuzerkrieges sehen werden.
[249] De Jonge, Teil III führt in Beilage XVII 49 Linienschiffe, darunter 9 über 90 Kanonen, im Kanal, Mittelmeer und gegen Dünkirchen allein für Holland auf.
$Die Operationen des Jahres 1695$ waren derselben Art. =Russell im Mittelmeer= war von gleicher Stärke wie im Vorjahre, weil man die Schiffe, die zu Ausbesserungen heim mußten, sofort durch andere ersetzte. Die Flotte blieb in Cadiz, bis einige Mörserboote und 3000 Soldaten (General Stewart) eintrafen; bis dahin hielt sie nur die Straße von Gibraltar besetzt, um den Verkehr zwischen Brest und Toulon zu hindern. Am 9. Mai ging sie die spanische Küste hinauf, hielt sich einige Zeit vor Toulon und erschien dann =vor Palamos=; man beabsichtigte, im Verein mit spanischen Truppen diese Stadt zu nehmen. Die Soldaten und auch eine Anzahl Seeleute wurden gelandet (16. August) und die Stadt von den Mörserbooten beschossen. Es gelang, ein kleines französisches Heer, das in der Nähe stand, zu vertreiben; die Stadt würde auch gefallen sein, wenn die spanischen Truppen stärker gewesen wären und die Verbündeten ausgehalten hätten. Aber bald (27. August) ging Russell wieder nach Toulon, weil er von gefangenen französischen Fischern gehört hatte, daß die französische Flotte auslaufen wolle. Sofort kehrten die Franzosen am Lande zurück und der spanische General mußte die Belagerung aufgeben. Die Nachricht war (absichtlich) falsch gewesen, die französische Flotte war keineswegs seeklar. Bis Ende September kreuzte Russell bei Sardinien und den Balearen; das ganze Ergebnis war also wieder, daß der Handel geschützt und die Franzosen in Toulon festgehalten wurden.
Am 27. September traf die Flotte in Cadiz ein und fand von England und Holland den Befehl vor, heimzukehren. Etwa 20 Linienschiffe blieben unter =Rooke=, der mit einigen neuen Schiffen herausgekommen war, als =Winterflotte in Cadiz=.
Auch im =Kanal= war wiederum eine große Flotte unter =Berkeley= zusammengezogen worden -- daneben die übliche Flottille gegen Dünkirchen und zum Schutz des Nordseehandels --, etwa ebenso stark, wie im Vorjahre bei der Trennung dort. Es ist aber bemerkenswert, daß jetzt die meisten Schiffe über 80 Kanonen fehlten, weil man erkannt hatte, daß diese bei den Unternehmungen gegen die Küste nutzlos waren; die Holländer stellten gar keine solcher schweren Schiffe in Dienst, dafür aber in diesem Jahre auch Mörserboote (6). -- Wieder hatte man =Angriffe auf Küstenstädte= ins Auge gefaßt, aber wie am Lande und im Mittelmeer kann man auch hier sehen, daß die Kriegführung lauer wurde. Erst Ende Juni war die Flotte operationsfähig; es wurde aber nicht mehr geleistet als im Jahre 1694; die französischen Häfen waren natürlich in immer besseren Verteidigungszustand gesetzt.
Am 14. und 15. Juli ward =St. Malo= von der ganzen Flotte angegriffen. Es gelang zwar, einen Brander an eines der beiden auf Felsen gelegenen Hauptforts so nahe heranzuführen, daß dieses infolge des Rauches längere Zeit nicht feuern konnte, aber niederzukämpfen waren die massiven Befestigungen nicht, obgleich die Mörserboote ziemlich nahe herangingen; nachdem etwa 900 Bomben geworfen und einige Häuser der Stadt in Flammen aufgegangen waren, wurde abgebrochen. Am 18. Juli beschossen einige Schiffe die offene Stadt =Granville=, die teilweise verbrannte. Nach einem Aufenthalt in St. Helens und den Downs, um Munition zu ergänzen und Infernals -- eine größere Zahl unter dem Kommando des Erfinders Meesters -- heranzuziehen, erschien, verzögert durch Gegenwind, die Flotte am 11. August vor =Dünkirchen=. Da dieser Angriff gut vorbereitet war und energisch durchgeführt wurde, sei etwas näher darauf eingegangen.
Wieder hatten die Franzosen Zeit gehabt, sich vorzubereiten. Bei Erwähnung des Unternehmens der Verbündeten 1694 wurde gesagt, daß die Wasserverhältnisse westlich von der Einfahrt für einen Angreifer zum Bombardement der Stadt und des Hafens die günstigsten sind; deshalb war schon früher westlich von der Stadt ein starkes Fort erbaut worden. Dieses war jetzt verstärkt durch eine neue Batterie am Strande und durch Stationierung von 9 schweren Kanonenschaluppen längs des Strandes zwischen dem Fort auf der Westmole (in ihm kommandierte Jean Bart) und dienen Befestigungen. Eine gleiche Zahl Schaluppen legte man in die Hafeneinfahrt, um sie zu sperren und um Branderangriffe auf die beiden hölzernen Molenforts abzuweisen; die ganze Stellung war endlich durch Verankerung von abgetakelten, schwer armierten Schiffen, deren Feuer sich mit dem der Forts kreuzte, verstärkt.
Die Verbündeten konnten ihre schwereren Schiffe des Tiefgangs wegen nicht verwerten; das Gros der Flotte ankerte deshalb bei Gravelines und detachierte (11. August) 18 Mörserfahrzeuge, viele armierte Boote und einige Brander unter dem Schutz von 16 Fregatten sowie anderen kleineren Segeln. Die Mörserboote legten sich -- zuerst etwas zu weit, dann aber näher -- in Halbmondform um die Molenforts sowie das große Westfort und bombardierten von 8 Uhr morgens bis 3 Uhr nachmittags; der Erfolg war gering, der Feind antwortete kräftig und Seegang beeinträchtigte das Schießen. Inzwischen wurde ein Angriff von 4 Infernals vorbereitet, von dem man sich gerade den Holzforts gegenüber großen Erfolg versprach. Ein neuer Gedanke des Erfinders sollte hierbei verwertet werden, nämlich den Angriff durch Vorausschicken von =Rauchschiffen= (eine Art Brander, die angezündet hauptsächlich Rauch erzeugten) zu maskieren; diese sollten einerseits das Feuer des Feindes auf sich ablenken, anderseits eben die Infernals verbergen. Auch diese Gruppe wurde durch einige Fregatten gedeckt, die voraussegelten und zuerst das Feuer auf sich zogen. Aber durch irgend welche Umstände verzögert, blieben Rauchschiffe und Infernals zu weit achteraus; die Fregatten mußten zurück und auch die armierten Boote, die gegen die feindlichen Schaluppen zwischen den Forts vorgegangen, wurden abgeschlagen. Als endlich der Angriff der Infernals erfolgte, hatte er das ganze Feuer auszuhalten; die Fahrzeuge wurden zu früh entzündet, verlassen und dann von französischen Booten aus gefahrdrohender Nähe geschleppt. Um 5 Uhr nachmittags gab Berkeley Befehl zum Rückzug. Da der Wind auflandig war und die Ebbe noch nicht eingesetzt hatte, wurde es den Mörserbooten und den deckenden Schiffen schwer, sich aus dem Feuer zu ziehen, sie litten sehr; mehrere kamen auf Strand und konnten erst bei der nächsten Flut wieder abgebracht werden, eine holländische Fregatte wurde genommen. Man hatte nichts erreicht, obgleich 1200 Bomben und 2000 Kugeln verschossen waren. (Dieser Vorfall gab Anlaß zu einer Abhandlung über die Schwierigkeit einer Beschießung von See aus im Vergleich zu einer solchen vom Lande: Man müsse sie ohne jede Deckung ausführen; sei abhängig von Wind und Strom; könne seine Stellung nicht so genau wählen; der Geschützstand sei zu bewegt.) Das Unternehmen wurde aufgegeben; man erachtete die Westseite für zu stark, weil man mit den schweren Schiffen nicht nahe genug kommen konnte, gegen die weniger starke Ostseite wagten die Lotsen nicht einmal kleinere Fahrzeuge heranzuführen.
Ein hierauf beschlossener =Angriff auf Calais= wurde durch ungünstige Wetterverhältnisse und dadurch verzögert, daß die Infernals nicht zur Stelle waren; man sagt, Meesters habe sich absichtlich mit ihnen ferngehalten, weil man ihm allein die Schuld des Mißerfolges gegen Dünkirchen zugeschoben hatte. Es wurde jetzt ein Versuch mit einem improvisierten Brander, gedeckt durch schwere Schiffsboote, gegen ein Fort gemacht, aber abgeschlagen; auch eine Beschießung durch Mörserboote hatte nur geringen Erfolg. Am 28. ging die Flotte nach England zurück und die Holländer trennten sich von ihr, weil Berkeley das Kommando an einen jüngeren Flaggoffizier abgab, unter dem Almonde nicht dienen wollte. Sie kreuzten noch einige Zeit im Kanal, dann wurden die Wintergeschwader gebildet.
=Im Jahre 1696= gaben die Verbündeten die Operationen =im Mittelmeer= auf. Anstatt das dort belassene Wintergeschwader wieder zu einer mächtigen Flotte zu verstärken, erhielt es den Befehl zur Heimkehr. Man scheint es müde geworden zu sein, Spanien zu unterstützen, weil dieses seinerseits den Krieg nur lau führte; es hatte nach dem ersten Jahre nie wieder zur Verstärkung der Seestreitkräfte beigetragen und trat auch am Lande stets ungenügend auf. Man glaubte auch wohl bei der eigenen fortschreitenden Erschöpfung alles, was man aufstellen konnte, in den nördlichen Gewässern nötiger zu haben; das Geschwader unverstärkt im Mittelmeer zu lassen, erschien nicht ratsam, weil Frankreich in Toulon stark rüstete. So verließ Rooke Anfang April Cadiz -- infolge stürmischer Witterung etwa 14 Tage verzögert -- und führte einen Convoi von 130 Levantefahrern heim. Es war unter diesen Umständen auch hohe Zeit, denn schon im März war Château Renault mit 47 Kriegsschiffen von Toulon in See gegangen und auch nur durch Sturm aufgehalten worden.
Als man im Winter den Beschluß faßte, das Mittelmeer aufzugeben, war allerdings im Kanal eine gewisse Gefahr aufgetaucht: Frankreich zog in Calais Truppen und in Dünkirchen Transporter zusammen. In den Niederlanden wurde zunächst ein Angriff auf Seeland von See her gefürchtet und in Eile dagegen gerüstet, so gut es der Winter erlaubte; da alle schweren Schiffe auflagen und ausgebessert wurden, stellte man hauptsächlich Schiffe der Kompagnie, Freibeuter und Fahrzeuge sonst nur zum Convoieren bestimmt, in Dienst und zog Truppen an der Küste zusammen. Bald aber erfuhr man, daß es dem =Versuch einer überraschenden Landung in England= gelte. Noch einmal wollte Ludwig für Jakob eintreten; die Gelegenheit schien günstig, da die Königin Maria von England gestorben war und die Jakobiten sich aufs neue rührten. =Jean Bart= mit den in Dünkirchen vorhandenen Kriegsschiffen und =de Nesmond= mit einer Division von Brest sollten etwa 20000 Mann auf 300 Transportern hinüberführen; Jakob selbst begab sich nach Calais. Nun brachten die Holländer unter dem Schutz der eben in Dienst gestellten Schiffe einige tausend Mann in die Themse (im März) und die Engländer schickten gleichzeitig die Winterseestreitkräfte beider Länder, nach Möglichkeit noch verstärkt, in den Kanal. =Russell= erschien mit diesen an der französischen Küste bei Gravelines; er ging zwar bald zurück, ließ aber am 13. April durch ein Geschwader unter Shovel =Calais= beschießen, wohin sich die Transporter schon begeben hatten. Die Beschießung hatte zwar wenig Erfolg, aber Ludwig gab doch seinen Plan auf, weil er ein überraschendes Auftreten ausgeschlossen sah. Die Vorbereitungen waren nicht schnell und rechtzeitig genug fertig geworden; französische Quellen sagen: Jakob, leicht erkrankt, sei schuld an der Verzögerung gewesen. Jakobs Schicksal war hiermit endgültig entschieden.
Infolge dieses Vorganges trat auch die =Sommerflotte der Verbündeten= in diesem Jahre früher zusammen als in den Vorjahren, schon im April gingen die ersten Holländer nach England. Diese Flotte wird die übliche Stärke gehabt haben; das holländische Kontingent betrug 37 Linienschiffe, darunter 8 über 90 Kanonen.
Anfang Mai ging =Rooke=, der den Oberbefehl übernommen hatte, mit den zur Zeit fertigen Schiffen kanalabwärts, um der in Brest erwarteten Toulonflotte entgegenzutreten; er kam zu spät, sie traf am 15. in Brest ein. (Ebensowenig gelang es einer Flottille, die unter Bembow Dünkirchen bewachte, zu hindern, daß Jean Bart mit seiner Division am 17. Mai auslief, wovon später.)
Die Flotte lag dann vom 3. Juni an untätig vor Torbay -- die Holländer sagen, »Befehle aus London erwartend«; sie klagen, daß auf diese Weise in den letzten Jahren öfters die Operationen aufgehalten seien --, erst nach drei Wochen ging sie, nun unter =Berkeley= nach Brest, um den Feind herauszulocken. Ihr Erscheinen zwang die Division de Nesmond, die zum Kreuzerkrieg an die spanische Küste gehen wollte, zurückzulaufen. Man erfuhr dann, daß ein großer Teil der aus Toulon gekommenen Schiffe abrüste, daß also der Gegner nichts Größeres beabsichtige. =Die verbündete Flotte= wandte sich deshalb =wieder gegen die Küsten=. Mit den Operationen gegen die Städte am Kanal hatte man nichts erreicht, so sollte nun versucht werden, den Gegner an der Westküste mehr zu schädigen; der Erfolg war noch geringer.
Die Flotte segelte nach =Belleisle=, wo Tromp vor 22 Jahren gelandet war. Da jedoch hier die Befestigungen zu stark erschienen, begnügte man sich damit, die =Inseln Houat und Haedik= zu verwüsten, und eine Abteilung von 8 Linienschiffen mit sämtlichen Mörserbooten südlicher zu senden. Dieses Detachement schoß am 15. Juli =St. Martin= auf der Insel Ré und am 17. die kleine Stadt =Les Sables d'Olonne= auf dem Festlande in Brand (2000 Bomben, die ganze Munition, verbraucht) und vereinigte sich wieder mit der Flotte.
Am 30. Juli wurde die Rückfahrt nach Torbay angetreten, um Vorräte zu ergänzen, und die Operationen hatten ein Ende. Vom holländischen Kontingent wurden gleich verschiedene Divisionen abberufen -- zum besseren Schutz des Handels in der Nordsee und zur Deckung der erwarteten Ostindienfahrer -- und im September verminderte man die Streitkräfte überhaupt auf eine gemeinsame Winterflotte. Diese übernahm in kleinen Divisionen den Handelsschutz. Eine solche Division führte einen Convoi nach dem Mittelmeer; die holländischen Schiffe dieser geleiteten im März 1697 wieder Kauffahrer heim; die englischen gingen unter Vizeadmiral =Neville= nach Westindien, wo wir sie wieder treffen werden.
$Vom Jahre 1697$, in dem die Friedensverhandlungen begannen, sind keine größeren Ereignisse in europäischen Gewässern mehr zu melden. Die Sommerflotte unter Rooke wurde weit schwächer bemessen -- die Holländer z. B. nur 22 Linienschiffe --; vereint oder in mehrere Teile geteilt, hielt sie im Kanal und in der Biscaya die kleinen französischen Divisionen, deren Zahl und Stärke immer geringer geworden war, im Schach.
$Spanien$ wurde weiter seinem Schicksal überlassen und, wie schon erwähnt (Seite 415), dadurch zum Frieden gezwungen. Die französischen Truppen, unterstützt durch ein Toulongeschwader unter d'Estrées, machten rasche Fortschritte; =Barcelona= fiel jetzt. Von Einfluß war auch ein =Vorstoß der Franzosen in Westindien gegen Cartagena=, dem seit alten Zeiten als Sammelplatz der Reichtümer von Peru stets beliebten Angriffsobjekt der Feinde Spaniens.
Im Januar 1697 verließ der Chef d'Escadre =de Pointis= mit 6 Linienschiffen, 5 Fregatten, einigen Mörserbooten und kleinen Fahrzeugen sowie Transportern mit 6000 Mann Frankreich, um die spanischen Kolonien und die Silberflotten zu bedrohen; in Westindien durch 12 Flibustier verstärkt, erreichte er am 12. April Cartagena. Nach regelrechter Belagerung zu Wasser und zu Lande wurden bis zum 30. nacheinander die 3 schützenden Forts erstürmt und am 4. Mai ergab sich die Stadt; sie mußte eine Kontribution von 10 Millionen zahlen, reiche Beute fiel den Siegern in die Hände; die Befestigungen wurden geschleift, da man den Platz nicht halten konnte und ihm überdies Hilfe nahte.
Als man nämlich in England die Abfahrt de Pointis' erfahren hatte, wurde der Vizeadmiral =Neville= mit den englischen Schiffen an der spanischen Küste, in Madeira noch durch holländische der Kanalflotte auf 27 Kriegsschiffe verstärkt, hinterher gesandt. Pointis erfuhr Nevilles Eintreffen in Barbados, verließ deshalb Anfang Juni Cartagena und wählte den Weg durch die Floridastraße anstatt durch die Windward-Passage, um dem Feinde zu entgehen; er war nicht nur zu schwach, sondern auch durch Prisen behindert, ferner waren seine Schiffe überladen und Krankheit herrschte auf ihnen. Durch die Wahl des Weges stieß er aber gerade auf den Feind, der von Jamaica nach Cartagena unterwegs war. Fünf Tage lang verfolgte Neville die Franzosen zeitweise auf Schußweite, es gelang aber nur, ihnen eine Prise wieder abzunehmen. Pointis erreichte mit dem größeren Teile seines Geschwaders über Neufundland, wo er zum Wassernehmen anlief und fast einem dortigen englischen Geschwader in die Hände gefallen wäre, im August glücklich Brest; hier traf er den Rest seiner Schiffe schon an, bei Ouessant hatte er noch den Angriff einer englischen Division abzuschlagen gehabt. Auch auf Nevilles Geschwader war eine Epidemie ausgebrochen, die schwere Opfer (etwa 1/3 der Besatzungen) kostete: Die Engländer verloren daran 2 Flaggoffiziere, 7 Kommandanten, 1500 Mann; die Holländer 1 Admiral, 3 Kommandanten, 400 Mann. Die Spanier in Havanna verweigerten aus Furcht vor Ansteckung das Auffüllen von Wasser und Proviant, ja lehnten sogar die angebotene Begleitung der dort bereitliegenden Silberflotte ab. Der Rest der Besatzungen konnte wegen Entkräftung auf der Heimreise kaum die Schiffe bedienen.
Am 20. September 1697 wurde der =Frieden von Ryswijk= geschlossen, dessen Bedingungen wir schon kennen (vergl. Seite 416.)
$Der kleine Krieg; der Kreuzerkrieg der Franzosen.$[250] Wie in den früheren Kriegen so wurde auch in diesem die =Freibeuterei= von beiden Parteien von Anfang an lebhaft betrieben. Auf seiten der Verbündeten zeichneten sich hierin die Seeländer aus, die bekanntlich von alters her diesem Gewerbe (der »freien Nahrung«) sehr zugetan waren; wie früher bildeten sich hier, besonders in Vlissingen und Middelburg, Gesellschaften zu diesem Zwecke. Von Frankreich aus machten die Freibeuter der Städte Dünkirchen, St. Malo, Dieppe, Havre, Bayonne die Meere unsicher.
[250] Hauptquellen: Chabaud-Arnault, Seite 99; Bonfils, Teil I, Seite 352, 357; Mahan, Teil I, Seite 188; de Jonge, Teil III, an verschiedenen Stellen.
Die Franzosen waren dabei wohl stets im Vorteil. Einerseits war ihr Handel weit geringer, anderseits stand ihnen dazu mehr Material zur Verfügung; ihre Schiffahrt war schon vor dem Kriege (seit Colberts Tode) zurückgegangen, es ist verständlich, daß die Rhederei die vorhandenen Schiffe und Seeleute in dieser Weise zu verwenden suchte. Infolge ihrer Lage schädigten besonders Dünkirchen und St. Malo den Feind; St. Malo machte jetzt Dünkirchen fast den Rang streitig.
Da =Dünkirchen= den wichtigen Handel nach der Ostsee durch die Nordsee, sowie den Fischfang in diesem Meere, in hohem Maße gefährdete, sahen sich die Holländer von Anfang an genötigt, wie in früheren Kriegen eine Flottille zur ständigen Beobachtung der gefährlichen Stadt aufzustellen. Von 1691 an wurde diese stehende Flottille zu einem gemeinsamen englisch-holländischen Geschwader, von Jahr zu Jahr verstärkt, weil die Gefahr immer zunahm.
Die Holländer stellten als =Dünkirchen-Geschwader=:
1690 = 2 kleine Linienschiffe (50 Kanonen), 6 Fregatten. 1691-1693 = 5 " " 11 " 1694-1696 = 9-11 Linienschiffe (bis zu 60 und 70 Kanonen) und gegen 12 Fregatten. Von England trat seit 1691 stets etwa die gleiche Zahl, besonders an Linienschiffen, hinzu.
Dieses Geschwader war nur dazu bestimmt, den Hafen zu blockieren und den östlichen Eingang in den Kanal reinzuhalten, Abgang und Ankunft größerer Convois im Osten zu decken, wie wir es von Geschwadern der Hauptflotte oder von dieser selbst im Westen für Convois von und nach dem Atlantik sowie Mittelmeer gesehen haben. Auf ihren weiteren Reisen wurden die Convois in allen Meeren durch besondere Schiffe in kleinerer Zahl begleitet; Holland hatte zu diesem Zweck jährlich gegen 30-40 sogenannte =Convoijers= -- Fahrzeuge von 16-50 Kanonen; meist 24-40 -- im Dienst.
Wir wissen schon, daß in diesem Kriege der Handel nicht nur durch Freibeuter, oder auch Kriegsschiffe, und durch vereinzelte Operationen der Hauptstreitkräfte (Geschwader; selbst Flotten) gegen größere Convois bei günstiger Gelegenheit neben anderen Aufgaben angegriffen wurde, sondern daß =Frankreich= bald fast seine ganze Kriegführung zur See darauf richtete. So wurde denn auch der eigentliche =Kreuzerkrieg= von ihm zu Ende dieses Zeitabschnittes (auch im nächsten und letzten Kriege -- dem Spanischen Erbfolgekriege -- bleiben die Franzosen dabei) in einem Grade geführt, der weder vorher noch nachher erreicht ist; er ist deshalb wohl geeignet zur Beurteilung des Wesens und des Wertes eines solchen Krieges.
Was führte nun Frankreich auf diesen Weg? Es ist schon darauf hingewiesen (Seite 424), daß der Marineminister Pontchartrin nicht viel von einer Marine hielt, und es ist mehrfach angedeutet, daß Ludwig selbst die Wichtigkeit der Erringung der Seeherrschaft nicht genügend erkannte. So kam es, daß nach der Niederlage von La Hogue die Ansicht des Ministers, den Krieg nur gegen den Handel der Verbündeten zu führen, bei der entscheidenden Stelle immer mehr Anklang fand. (Im conseil d'Etat -- die Vertrauensmänner des Königs --, der über alle wichtigen Sachen entschied.)
Schon der Zug Tourvilles, die campagne au large, 1691 sollte in der Hauptsache diesem Zweck dienen (der Versuch, den Smyrnaconvoi abzufangen); 1692 nach La Hogue wurden die gesammelten Transporter zur Freibeuterei benutzt, mit großem Erfolge, da die Verbündeten ihre Flotte fälschlich zusammenhielten; die letzte große Flotte, die Frankreich 1693 aufstellte, war nur für einen Schlag gegen den feindlichen Handel bestimmt (Tourvilles Vernichtung des Smyrnaconvois). Von Ende 1693 an verschwinden die großen Flotten; es war dies allerdings nicht nur eine Folge der neuen Ansicht über die geeignetste Art der Kriegführung, sondern auch des Verfalls der Marine, hervorgerufen durch ihre mangelnde Pflege sowie durch die Erschöpfung des Landes. Nun wurde =der Krieg gegen den Handel= zum reinen Kreuzerkriege und =erhielt einen eigentümlichen Charakter=, ähnlich dem englischen zur Zeit der Königin Elisabeth gegen Spanien: er wurde teils von der Regierung, teils von Privaten, Hand in Hand, geführt.
Wir wissen, daß die Franzosen von 1694 an in den Häfen des Kanals und des Atlantik nur kleine Divisionen für den Küstenschutz aufstellten; diese nahmen auch an dem Kreuzerkriege teil. Vor allem aber erreichte die Freibeuterei einen großen Umfang. Die französische Schiffahrt hatte nach und nach fast ganz aufgehört, weil das Land vom Meere fast völlig abgeschnitten war und auch im Innern Handel und Wandel stockten. Die Freibeuterei wurde so immer mehr die einzige Möglichkeit, Schiffe und Seeleute zu verwerten. Jetzt traten noch die auf der Flotte entbehrlichen Mannschaften hinzu, und die Regierung begünstigte den Kreuzerkrieg in jeder Weise. Schiffe und Offiziere der Marine wurden Firmen und Gesellschaften, die Freibeuterei betreiben wollten, zur Verfügung gestellt, als Gegenleistung erhielt der König einen Anteil vom Gewinn; Minister und andere hochgestellte Personen nahmen Anteilscheine von solchen Unternehmungen, ja mußten es tun, um dem Könige zu gefallen.
Meist kreuzten die Freibeuterkapitäne mit ihren Schiffen allein, da Männer dieses Gewerbes ungern abhängig waren. Auf den Schiffen folgte man einer eigentümlichen Sitte: Vor dem Auslaufen wurde über den Operationsplan vom Kapitän, den Offizieren und den Mannschaften in freimütiger Besprechung der Beschluß gefaßt; einmal unterwegs herrschte strengste Disziplin. Häufig aber auch operierten diese Fahrzeuge in kleinen Divisionen von 3-6 Schiffen unter besonders tüchtigen Männern, wie Jean Bart, Forbin, Duguay-Trouin u. a., die in der Freibeuterei groß geworden waren, später einen Rang in der königlichen Marine erhalten hatten und auch zeitweise in dieser beschäftigt wurden; von den eigentlichen Seeoffizieren, die königliche oder Freibeuter-Divisionen führten, haben sich Coëtlogon, de Nesmond, Renau (der Erfinder der Mörserboote), du Casse u. a. ausgezeichnet.
Diese Verwendung der königlichen Offiziere und Schiffe hatte zwar sehr verderbliche Folgen für die Marine, wie schon erwähnt -- Rückgang der Güte des Offizierkorps; Verlust vieler guter Schiffe --, verlieh aber dem Freibeutertum einen Geist und eine Tatkraft, die ihm sonst kaum innewohnen; man muß auch zugestehen, daß die Besatzungen unter den erwähnten hervorragenden Führern wohl lieber fochten als plünderten.
Der Handel der Engländer und Holländer litt außerordentlichen Schaden. Verschiedene Autoren geben die Zahl der 1691-1697 von den Franzosen genommenen Kauffahrer auf mehr als 4000 an; die Unternehmer gewannen Reichtümer und auch in die erschöpfte französische Staatskasse flossen bedeutende Summen. Zwar wollen auch die Gegner viele Schiffe aufgebracht haben -- englische Quellen sprechen von über 2000 --, doch war der eigene Verlust der größere und trug schließlich viel mit zum Friedensschluß bei.
Der kleine Krieg führte zu ungezählten Gefechten zwischen einzelnen Schiffen und zwischen kleinen Divisionen, zu Angriffen und Verteidigungen von Convois in allen Meeren, besonders von der Küste Spaniens bis in die Nordsee. Die Geschichten der Marinen[251] erzählen manche davon; mit besonderer Liebe, da sich gerade in ihnen seemännisches Geschick und Mut zeigen; die französischen Freibeuter, vor allen Jean Bart, manövrierten meist auf sofortiges Entern.
[251] Z. B. in den soeben angeführten Quellen; für die englische Marine im Clowes, Teil II, Kap. »minor operations«.
Als Beispiel sollen hier nur =die Haupttaten Jean Barts=, des berühmtesten Freibeuters dieses Krieges, gegeben werden: Als Sohn eines Fischers 1650 in Dünkirchen geboren und selbst Fischer, diente Jean Bart während des zweiten Krieges mit Auszeichnung in der holländischen Marine, ging aber bei Ausbruch des dritten Krieges nach Frankreich, obgleich ihm in Holland ein Schiff angeboten war. Er zog bald als Freibeuter die Aufmerksamkeit Colberts auf sich, erhielt 1679 ein Leutnantspatent in der königlichen Marine und wurde 1689 Kapitän. Als solcher führte er ein Schiff bei Beachyhead; meist jedoch fuhr er auch während dieser Jahre als Freibeuter, er wurde dabei 1689 nebst Trouin von den Engländern gefangen, entfloh aber bald mit diesem.
Von 1692 an jedoch kommandierte er eine Division für den Kreuzerkrieg, die »=Escadre du Nord=« oder »=de Dunkerque=« genannt. Bei seinem ersten Auftreten in dieser Stellung gelang es ihm trotz des englisch-holländischen Blockadegeschwaders auszulaufen, 3 feindliche Kriegsschiffe und etwa 20 Kauffahrer zu nehmen, 80 Fischerfahrzeuge zu vernichten und den Hafen wohlbehalten wieder zu erreichen. 1693 führte er in dem Gefecht bei Lagos (Vernichtung des Smyrnaconvois) ein Schiff mit Auszeichnung. Er übernahm dann wieder seine Division und leistete 1694 seinem Lande einen großen Dienst. Wegen Mißernten war Frankreich in diesem Jahre auf Kornzufuhren aus der Ostsee angewiesen, 120 Fahrzeuge mit Getreide wurden von dort erwartet. Schon im Februar lief Jean Bart aus und brachte einige 20 Segel glücklich ein, obgleich englische und holländische Geschwader in der Nordsee waren. Im Juni ging er mit 5 Schiffen (40-52 Kanonen) dem Rest entgegen, der durch Eisverhältnisse aufgehalten war; er traf ihn in der Nordsee schon von 8 holländischen Kriegsschiffen (38-58 Kanonen) umringt, befreite ihn nach heftigem Kampfe (280 gegen 390 Kanonen), in dem 3 Holländer genommen wurden; darunter das Flaggschiff, nach de Jonge das erste holländische, das in Feindeshand blieb (früher genommene sind stets gesunken). Für diese Tat wurde er geadelt. 1695 zeichnete er sich bei der Verteidigung seiner Vaterstadt als Kommandant des Westmolenforts aus. 1696 bricht er wieder die Blockade mit 7 Segeln (300 Kanonen), um einen Convoi rückkehrender holländischer Ostseefahrer abzufangen. Er trifft ihn nördlich von Texel, nimmt sämtliche begleitende Kriegsschiffe (5 mit 200 Kanonen) und etwa 30 Kauffahrer. Er verbrennt diese, weil das holländische Dünkirchengeschwader (14 Segel) erscheint, das gerade einen ausgehenden Convoi Ostseefahrer geleitet, entzieht sich aber selbst dem Angriff.
Im Jahre 1697 führte Jean Bart trotz feindlicher Geschwader den Prinzen von Conti, Prätendenten für die Krone Polens, nach Danzig. Dies war seine letzte Tat. Er starb, 52 Jahre alt, im April 1702, als der Ausbruch des Spanischen Erbfolgekrieges ihm neue Lorbeeren in Aussicht stellte, aber er hinterließ tüchtige Schüler.
Seine Tätigkeit von Dünkirchen aus soll die üblichen drei bis vier englisch-holländischen Convois im Jahre nach der Ostsee oft auf einen beschränkt haben; kein Wunder, daß die Gegner ihr Geschwader vor dieser Stadt immer mehr verstärkten und verschiedene Versuche machten, sie zu zerstören.
Die ungeheueren Verluste, die die Verbündeten erlitten, beweisen, daß ihre Marinen die Aufgabe, den Seehandel zu schützen, nicht gelöst haben. Es führt uns dieser Umstand zu einer theoretischen $Betrachtung über das Wesen des Kreuzerkrieges$.[252]
[252] Vgl. Mahan, Teil I, Seite 188 und Seite 126-132. Von Mahans Auslassungen ist bereits früher (Seite 305) ein Auszug gegeben, an den gewissermaßen hier angeschlossen wird.
Es gilt jetzt wohl allgemein als Grundsatz, daß der Kreuzerkrieg nur von großem Einfluß sein kann, wenn er sich auf eine starke Flotte stützt. Mahan sagt hierzu: »Um wirksam zu sein, muß der Kreuzerkrieg durch eine Geschwaderkriegführung oder durch Abteilungen von Linienschiffen unterstützt werden. Indem diese den Feind zwingen, seine Streitkräfte zusammenzuhalten, geben sie den Kreuzern die Möglichkeit der erfolgreichen Zerstörung des feindlichen Handels; ohne eine solche Rückendeckung wird das Ergebnis die Wegnahme der Kreuzer sein.« Unser Krieg scheint nun dagegen zu sprechen; der Handel der Verbündeten litt nämlich am meisten, als nach La Hogue 1692 die französische Flotte vom Meere verschwunden war -- wie man gemeiniglich sagt.
Angaben einiger Schriftsteller hierfür. Macaulay sagt: Während vieler Monate im Jahre 1693 war der englische Handel nach dem Mittelmeer beinahe gänzlich unterbrochen. Es war nicht möglich, nach der Straße von Gibraltar zu gelangen, ohne von einem französischen Kreuzer angegriffen zu werden; ein Schutz dagegen war aber nicht leicht zu erhalten. -- Martin (Geschichte Frankreichs) sagt von den späteren Jahren des Krieges bezüglich Englands: Der Zustand der Finanzen war kläglich, die Seeversicherung betrug 30%; die Navigationsakte war tatsächlich außer Kraft gesetzt und die englischen Schiffe waren genötigt, unter schwedischer oder dänischer Flagge zu fahren. Campbell (Live of the Admirals) sagt von dieser Zeit: In dem Jahre, in dem die Franzosen Herren der See waren (also nach Beachyhead 1690), hatte unser Handel weit weniger gelitten.
Bonfils endlich tut den obenerwähnten Ausspruch, daß statt drei bis vier Convois jährlich nur einer nach der Ostsee abging.
Die Verhältnisse liegen aber bei näherer Betrachtung doch anders. Zwar gab die französische Flotte tatsächlich die aktive Kriegführung auf, aber die Verbündeten glaubten zu verschiedenen Zeiten doch noch mit ihr rechnen zu müssen -- um so mehr, als der Eindruck des Sieges bei Beachyhead und des tapfern Verhaltens der Franzosen bei La Hogue noch einige Zeit bei ihnen nachwirkte --, oder wenn dies nicht der Fall war, versäumten sie eben, die richtigen Maßregeln gegen den Kreuzerkrieg zu ergreifen. Bis zu den allerletzten Jahren hielten sie ihre Hauptstreitkräfte zusammen, anstatt sie zur Verfolgung der feindlichen Kreuzer aufzulösen und die feindlichen Kreuzerhäfen schärfer zu blockieren; nur gelegentlich (wenn Convois erwartet) detachierten sie Teile.
Ein kurzer Rückblick möge dies veranschaulichen. 1692 nach La Hogue war die französische Flotte wirklich brach gelegt. Die Seestreitkräfte der Verbündeten wurden aber bis zum Winter bei Spithead zusammengehalten, um Truppen für eine Landung in Frankreich aufzunehmen; die Franzosen hingegen armierten mit den Leuten der Flotte und den gesammelten Transportern eine außergewöhnliche Zahl von Freibeutern, so daß die Kaperei gerade in diesem Jahre besonders stark betrieben werden konnte und in den betroffenen englischen Kreisen die größte Entrüstung hervorrief.
1693 wurde die Flotte der Verbündeten zusammengehalten, weil Frankreich die seinige in Brest zusammenzog. Ungenügendes Unterrichtetsein, sowie Mangel an Entschluß und Disposition an den leitenden Stellen, schlechter Zustand des Materials führte dann doch den Verlust des Smyrnaconvois durch die französische Flotte, die man im Schach halten wollte, herbei; auch nachher geschah nichts zum Schutz des Handels.
1694 und 1695 war die eine Hälfte der Streitkräfte im Mittelmeer, die andere blieb in den nördlichen Gewässern zu den fruchtlosen Unternehmungen gegen die feindlichen Küsten vereint; wie viel besser wäre sie gegen das Freibeuterwesen verwendet worden!
1696 vergingen das Frühjahr und der Sommer bis zum August mit dem Bereithalten gegen eine Landung der Franzosen, mit dem vergeblichen Versuch, die Vereinigung der Toulon- und Brestflotte zu hindern und dann wieder mit den Unternehmungen gegen die atlantische Küste des Gegners.
Erst im August 1696 und im Jahre 1697 wurden die Seestreitkräfte mehr zur Bekämpfung des Kreuzerkrieges verwendet, und jetzt auch mit Erfolg.
Als dies endlich, vom Herbst 1696 an, mehr geschah, wurde die Tätigkeit der französischen Freibeuter auch wesentlich eingeschränkt; viele wurden weggefangen, die Kreuzerdivisionen in den Häfen festgehalten. -- Die Ereignisse dieses Krieges entkräften also obigen Satz nicht. Im nächsten Kriege, als die französische Marine völlig ohnmächtig war, wird sich die geringe Wirksamkeit eines Kreuzerkrieges, der nicht auf Flotten gestützt ist, noch deutlicher zeigen. Dabei muß man noch im Auge behalten, daß die Lage der französischen Häfen ungemein günstig zur Bedrohung der englisch-holländischen Handelswege war.
$Die Zusammenstöße in den Kolonien$[253] während dieses Krieges können wir auch zu dem kleinen Kriege rechnen, weil sie ohne großen Erfolg und Einfluß waren; es handelte sich neben dem Aufbringen von Kauffahrern fast nur um Brandschatzungen feindlicher Niederlassungen, weil der Angreifende, wenn er eine solche wirklich genommen hatte, doch nie lange in ihrem Besitz blieb.
[253] Etwas genauer geschildert in Colomb, Kapitel XI, XII; in Bonfils, Teil I; in Clowes, Teil II, »minor operations«. In Zimmermann »Europäische Kolonien«, Band II und IV ist näher auf die Kriege Englands und Frankreichs um Kanada usw. eingegangen.
In den =westindischen Gewässern= befanden sich stets einige Kriegsschiffe beider Gegner, Kauffahrer wurden dort armiert oder Flibustier in Sold genommen. England sandte fast in jedem Jahre ein kleines Geschwader, oft mit Truppen, hinaus, Frankreich seltener. So hatten die Engländer häufiger die Seeherrschaft und traten im ganzen genommen offensiver auf; da aber die französischen Kolonien schon stärker bevölkert waren, konnten sie meist Widerstand leisten und zeitweise, wenn ihre Streitkräfte überwogen, bedrohten die Franzosen die feindlichen Niederlassungen. Die französischen Kolonien waren auch reicher, führten den Krieg gegen den Handel mit Flibustiern und hatten hierin wohl den größeren Erfolg, besonders natürlich, wenn die Engländer nicht ausgesprochen die See beherrschten.
Die Franzosen nahmen gleich zu Beginn des Krieges (1688) den Holländern St. Eustache ab, verdrängten (1689) die Engländer aus dem gemeinschaftlich besetzten St. Kitts und plünderten durch Flibustier spanische Niederlassungen. Aber schon 1690 setzten sich die Engländer wieder in den alleinigen Besitz von St. Kitts, eroberten Marie Galante, landeten auf Guadeloupe und belagerten die Garnison in Basse-Terre. Beide Inseln mußten sie 1691 wieder aufgeben, als ein größeres französisches Geschwader auf der Station erschien. 1692 kam es zu einem Gefecht auf offener See bei Désirade, in dem die Engländer einen Convoi gegen den Angriff einer überlegenen Kraft deckten. 1693 machten die Engländer einen vergeblichen Angriff auf Martinique; 1694 fielen die Franzosen in Jamaica und 1695 die Engländer und Spanier in den französischen Teil Haitis ein. Aber alle diese Expeditionen hatten eben keinen dauernden Erfolg.
Das größte Unternehmen Frankreichs -- der Zug de Pointis' gegen Cartagena, 1697 -- haben wir als militärisch-seemännisch wie politisch bemerkenswert näher berührt (Seite 466).
=In Nordamerika= hatten schon vor dem Kriege Feindseligkeiten an den Grenzen begonnen; hier waren zwar die englischen Kolonien den französischen an Bevölkerung weit überlegen, aber Frankreich strebte sehr nach Erweiterung seiner Macht und scheint vor und während des Krieges stets die stärkeren regulären Landstreitkräfte -- allerdings auch nur sehr geringe -- gehabt zu haben.
Schon 1686 nahmen sie einige englische Besitzungen an der Hudsonbai weg und bekriegten englisch gesinnte Indianerstämme; es lag in der Absicht, New York zu nehmen, um einen eisfreien Hafen für Kanada zu erhalten. 1689 sollte hierzu zu Wasser und zu Lande vorgegangen werden, aber die von Frankreich erwarteten Schiffe kamen zu spät und mußten dann gleich zurück, da sie infolge langer Überfahrt ihre Vorräte aufgebraucht hatten; zu Lande unternahm man noch im Winter (Februar 1690) Einfälle an den Grenzen, durch Indianerhorden mit großer Grausamkeit ausgeführt. Nun aber rüsteten die englischen Kolonien mit aller Kraft. Ein englisches Geschwader -- Admiral Phips mit 8 Linienschiffen -- traf ein und nahm im April 1690 die festen Plätze von Akadia (Neuschottland); dann wurde ein Angriff auf Quebec ins Werk gesetzt. Phips führte Mitte August die Kriegsschiffe und 32 Transporter -- mit Milizen von Massachusetts, etwa 2000 Mann -- den Lorenzstrom hinauf, landete unweit Quebec -- ungünstiger Winde auf See und schwieriger Navigation im Flußrevier wegen erst Mitte Oktober -- und versuchte die Stadt zu nehmen; einige Schiffe beschossen diese. Aber die Artillerie der Stadt war der der Schiffe gewachsen, die Garnison dem durch Krankheit geschwächten Landungskorps überlegen; das Unternehmen mußte mit bedeutendem Verlust aufgegeben werden. Ein gleichzeitiger Vormarsch zu Lande von Albany auf Mont Real -- 3000 Milizen der Kolonien -- war auch infolge Uneinigkeit zwischen den Kontingenten nicht vorwärts gekommen. -- Während der folgenden Jahre beschränkte sich die Kriegführung auf Grenzstreifzüge; beide Parteien wurden von Europa nicht unterstützt. Die Franzosen bemächtigten sich nach und nach Akadiens wieder und besetzten weitere Plätze an der Hudsonbai sowie in Neufundland. Ein zweiter Plan gegen New York und Boston 1696 kam wieder nicht zur Ausführung, da das dafür bestimmte Geschwader -- 15 Kriegsschiffe unter de Nesmond -- abermals zu spät (1697) und von allem entblößt eintraf. Im ganzen hatte aber doch Frankreich die meisten Vorteile errungen; beim Frieden gab England die Hudsonbai und Neuschottland auf und auch von Neufundland behielt Frankreich den festen Platz Placentia sowie die Niederlassungen an der Westküste.
$Bemerkenswertes in diesem Kriege.$ -- $Über Strategie.$ In Hinsicht auf das =Kriegsmaterial= ist bei diesem Kriege wenig zu sagen. Das =Schlachtschiff= wächst weiter (vgl. Seite 353 u. 418); trotz der nur kurzen Zeit seit dem letzten englisch-holländischen Kriege hat dieser Prozeß wieder einen Schritt vorwärts gemacht: das 40-50 Kanonenschiff ist ganz aus der Linie verschwunden, die 50-60 Kanonenschiffe erscheinen so selten wie im vorigen Kriege die 40-50er; die Zahl der Schiffe über 80 Kanonen hat zwar auch zugenommen, aber die Hauptkraft der Flotten liegt in den 60-70 Kanonenschiffen.
Es ist also der angedeutete (Seite 178/179) Abschluß des Abschnittes fast erreicht. Dort wurde gesagt, daß man im nächsten Zeitabschnitt, nach 1740, in England das 74 Kanonenschiff als das geeignetste Schlachtschiff ansah. (So sehr, daß man, wenn das Auftreten der Seemacht überhaupt bezeichnet werden sollte, nur von »unseren 74ern« sprach, schon in diesem Kriege lag die Hauptkraft der Engländer in 70 Kanonenschiffen.
Von den Spezialwaffen sind =die Brander=, die im letzten Kriege, was die Zahl anbetrifft, auf ihrem Höhepunkte waren, nicht mehr so stark bei den Flotten vertreten; ihre Leistungen sind noch geringer geworden. Infolge der vielen Unternehmungen gegen Küstenstädte treten die =Mörserboote=, bisher nur von den Franzosen im Mittelmeer verwendet, auch bei den Engländern und Holländern auf; ihre Wirkung läßt aber zu wünschen übrig. Völlig versagten die von England gegen Küstenbefestigungen und Hafenanlagen gebauten =Infernals=.
In bezug auf die =Taktik= bringen die wenigen großen Aktionen nichts Neues. Sie zeigen eigentlich nur, inwieweit das Personal -- und zwar die höheren Offiziere -- der verschiedenen Marinen seinen Aufgaben gewachsen war. Bei der eingehenden Schilderung der Schlachten sind die vorzüglichen Leistungen und die Fehler hervorgehoben.
Es genügt hier, darauf hinzuweisen, daß die Franzosen in diesem Kriege auf der Höhe standen; sie wandten die Taktik, die sich nach und nach entwickelt hatte, richtig an. Sie zeigen dies sowohl bei Stärke wie bei Schwäche auf ihrer Seite: bei Beachy Head durch Ausnutzung der eigenen Überlegenheit und der Fehler des Gegners; bei Barfleur, indem sie durch geeignete Manöver und durch gegenseitige Unterstützung die Überlegenheit des Feindes nach Möglichkeit aufhoben. Größere taktische Fehler machten eigentlich nur der sonst so hervorragende Führer Tourville als Verfolger in der ersten, als Verfolgter in der zweiten Aktion und de Nesmond bei Lagos. Auch Holland gebot über tüchtige Admirale, Schüler Ruyters, doch kamen sie nicht genügend zur Geltung; das einzige Mal, wo es der Fall war, bewährten sie sich -- Evertsen bei Beachy Head.
Taktische Fehler in den Schlachten sind nur englischen Führern vorzuwerfen: das Verhalten der Nachhut bei Barfleur, als sie sich von der Hauptschlacht abziehen ließ, und Herberts schwache Beteiligung mit seiner Mitte bei Beachy Head. Das Verhalten Herberts bei dieser Gelegenheit soll jedoch weiter unten nochmals besprochen, werden, da es höchst wahrscheinlich strategischen Erwägungen entsprang.
Wenden wir uns nun eingehender den =Betrachtungen über Strategie= zu. Es ist eingangs dieses Kapitels gesagt, daß der Pfälzische Erbschaftskrieg zwar in der Hauptsache ein Landkrieg war, daß aber doch die Kriegführung zur See von großem Einfluß gewesen ist; es ist ferner darauf hingewiesen, daß dieser Einfluß bei richtigerer Verwendung der Seestreitkräfte und bei größerer Leistungsfähigkeit dieser -- beides auf beiden Seiten -- wohl noch weit bedeutender hätte sein können. Nachstehender =Rückblick auf den Verlauf des Krieges= soll diese Behauptungen bekräftigen.
Ludwig XIV. hatte es dahin gebracht, daß sämtliche Staaten des Festlandes gegen ihn die Waffen zu erheben drohten; vertrauend auf seine Macht griff er 1688 selbst Deutschland an. Er beging aber sofort einen großen Fehler dadurch, daß er Wilhelm von Oranien -- die Seele des gegen ihn gerichteten Bundes -- den Thron von England besteigen ließ. Infolgedessen trat auch dieser Staat zu seinen Feinden, ja, England und Holland kamen unter eine Leitung und diese beiden Seenationen waren seine gefährlichsten Gegner, da sie mit ihrem Reichtum dem Gesamtbunde die Mittel zum Kriege liefern mußten.
Ludwig hätte es hindern können, wenn er, anstatt hauptsächlich gegen Deutschland vorzugehen, dessen schwache Kräfte vorläufig nur im Schach gehalten und mit großer Macht, zu Lande wie auch gerade zu Wasser mit seiner mächtigen Marine, Holland angegriffen hätte; Seignelay riet hierzu auf das dringendste. Nach Oraniens Thronbesteigung ermöglichte und unterstützte Ludwig die Erhebung Jakobs in Irland und der erste Fehler hätte wieder gut gemacht werden können, wenn Ludwig noch jetzt seine Hauptanstrengungen gegen die Seemächte richtete -- gegen Oraniens Stellung in England und gegen die englisch-holländische Verbindung; noch war er, selbst beiden Mächten vereint, zu Wasser überlegen.
Irland war der schwächste Punkt in Oraniens Stellung, hier war der vertriebene König mit Begeisterung aufgenommen. Aber auch in England hatte er viele Parteigänger, und Oranien wurde sogar von denen, die ihn gerufen hatten, in seiner königlichen Macht durch eifersüchtige Einschränkungen geschädigt. Ludwig hätte nun mit aller Energie die Stuarts unterstützen und England selbst angreifen müssen -- Irland dem Könige Jakob erhalten, in England einfallen --; dies war nur möglich durch einen tatkräftig geführten Seekrieg. Mit der Wiederentthronung Oraniens würde dem Bunde der Gegner die Spitze abgebrochen sein.
Wiederum vertrat Seignelay diese Ansicht, aber der Einfluß Louvois' -- eifersüchtig auf die Seestreitkräfte und scheinbar die Wirkung eines Seekrieges sowie die Lage überhaupt verkennend -- überwog; Ludwig blieb bei der Teilung seiner Kräfte. Die Folge war, daß Irland fiel, Oranien in seiner Stellung gesichert und damit in den Stand gesetzt wurde, den Krieg auf dem Festlande zu unterstützen, ja sogar persönlich zu leiten. Dieses Beharren in dem großen politischen und strategischen Fehler bei Beginn des Krieges ist wohl als entscheidend für den Ausgang anzusehen; alle Erfolge auf dem Festlande konnten nicht hindern, daß sich der Kampf in die Länge zog und erst wegen allgemeiner Erschöpfung endete. Die Gegner hatten aber den Krieg nur mit den Mitteln der Seenationen durchführen können und die Erschöpfung Frankreichs war nicht zum wenigsten durch den stillen aber anhaltenden Druck der Seestreitkräfte Englands und Hollands herbeigeführt; ihre Marinen waren, weil auf gesunderer Grundlage ruhend, bald der französischen überlegen geworden.
Gehen wir nun zu der =Kriegführung zur See= im besonderen über. Wir können sie in zwei Abschnitte teilen: in dem ersten ist die französische Flotte die angreifende 1689-1692; in dem zweiten tritt die Flotte der Verbündeten in die Offensive durch Angriffe auf die feindliche Küste und durch Eingreifen in den spanischen Landkrieg, die französische beschränkt sich auf die Defensive und auf den Kampf gegen den Handel 1694-1697; das Jahr 1693 bildet gewissermaßen den Übergang zwischen beiden.
=Das Jahr= 1689 zeigt den besprochenen Fehler Ludwigs: Er greift zwar Holland zu Lande an, tut aber zur See nichts gegen England und Holland, obgleich deren Flotten anfangs nicht bereit sind; auch sein Eingreifen in Irland ist nur schwächlich. Im März wird Jakob ungehindert mit Truppen übergeführt und im Mai gelingt es, trotz des feindlichen Angriffs (Bantrybay) Verstärkungen nachzusenden. Aber die mächtige französische Flotte zeigt sich nicht rechtzeitig, und die Geschwader, die die Überführungen bewerkstelligten, kehren stets sofort zurück; so gelingt es einer ganz schwachen englischen Flottille (Rooke), im irischen Kanal die Verbindung Jakobs mit seinen Anhängern in Schottland zu unterbrechen, die Belagerung der Stadt Londonderry aufzuheben und den Marschall Schomberg mit einer Angriffsarmee in Irland zu landen.
Im Juli verfügen die Verbündeten über 60 Kriegsschiffe. Sie zeigen sich an der französischen Küste, hindern aber nicht, daß sich das französische Mittelmeergeschwader mit den Kräften des Atlantik vereinigt; hierdurch wird die französische Flotte gegen 70 Schiffe stark. Im August erscheinen die Verbündeten wiederum vor Brest und Tourville tritt ihnen entgegen. Es kommt aber zu keinem Zusammenstoß, die Verbündeten schützen nur das Einlaufen eines Mittelmeerconvois. Die Kriegführung war also sehr lau auf beiden Seiten.
=Die wahrscheinlichen Gründe hierfür=: England war durch den Einfall in Irland überrascht, aber auch im weiteren Verlauf waren die Verbündeten nicht fertig. In England mögen dies die noch unsicheren politischen Verhältnisse hervorgerufen haben, in Holland die uns bekannten Umstände, die stets das Auftreten lähmten, wenn dem Volke das Feuer nicht auf den Nägeln brannte. So fühlte sich die Führung der Flotte nicht sicher genug -- holländische Quellen sprechen dies unumwunden aus -- und vermied ein ernstes Zusammentreffen.
In Frankreich war die Lauheit doch wohl ein Zeichen des geringen Verständnisses der einflußreichsten Kreise für die Wichtigkeit der Kriegführung zur See. Warum war die Flotte nicht rechtzeitig bereit? Französische Quellen schieben es auf die schon eingerissene Unordnung in der Organisation; aber dies ist doch nicht durchaus stichhaltig, auch als sie fertig war, tat sie nichts. Man wollte nicht zuviel aufs Spiel setzen (auch nach französischen Angaben).
=Im Jahre= 1690 plante Ludwig, energisch vorzugehen. Wenn es auch England gelungen war, Truppen nach Irland zu werfen, so stand Jakobs Sache dort noch nicht schlecht, falls ihn Frankreich ernstlich unterstützte, besonders mit der Flotte. Diese konnte nun entweder in erster Linie ganz in den Dienst des irischen Landkrieges gestellt oder dazu bestimmt werden, zunächst die feindliche Flotte zu vernichten und dadurch einen Einfall in England zu ermöglichen. Ludwig entschied sich für den zweiten Weg. Dies war zweifellos richtig; noch konnte er sich zur See als überlegen betrachten, aber er durfte dabei nicht die Unterbrechung der Verbindung seines Gegners mit Irland ganz vernachlässigen, doch dies geschah wie im Vorjahre. Im März führte ein französisches Geschwader Truppen und Kriegsmaterial nach Irland, ungehindert obgleich die Engländer Schiffe im Kanal hatten.
So z. B. das für das Mittelmeer bereitliegende Geschwader unter Killigrew. Die kleine Flottille unter Shovel, die für die irischen Gewässer in Dienst gestellt wurde, kam zu spät. Diese scheint nur zur Deckung des eigenen, bald folgenden Überganges bestimmt gewesen zu sein, ging sie doch auch nach Erfüllung dieser Aufgabe zur großen Flotte zurück.
Wie im Vorjahre kehrte dieses aber sofort nach Frankreich zurück, und weitere Seestreitkräfte von Belang waren später nicht in den irischen Gewässern. So konnte Wilhelm III. im Juni mit großer Macht in eigener Person nach Irland hinübergehen. Es ist wohl möglich, daß dieser Fehler französischerseits begangen ist, weil man annahm, der Expedition nach Irland bald den geplanten großen Angriff mit der Hauptflotte folgen lassen zu können. Auffallend bleibt es doch und läßt auf mangelndes Verständnis in dieser Hinsicht schließen, wie völlig »beide Parteien« die Unterbrechung der Verbindung des Gegners mit der Insel während der ganzen Dauer des Kampfes um diese vernachlässigen.
Die mächtige französische Flotte, für den Angriff auf England bestimmt, 70 Linienschiffe unter Tourville war erst Ende Juni in Brest bereit; zu spät, um, wie beabsichtigt, die Verbündeten vor ihrer Vereinigung zu schlagen. Als sie auftrat, entschied sich gerade Jakobs Schicksal durch die Schlacht am Boyne (11. Juli). Trotz dieser Verzögerung -- dieses Mal wirklich wohl allein hervorgerufen durch die seit Colberts Tode eingerissenen Übelstände -- war Tourville den Verbündeten -- 57 Linienschiffe unter Herbert -- weit überlegen und er schlug sie fast vernichtend bei Beachy Head (10. Juli). Daß er so überlegen auftreten und hiervon Gebrauch machen konnte, war die Folge einer Summe von Fehlern der Gegner: Ungenügende und verspätete Rüstung, Zersplitterung der Kräfte, falsche Führung.
Das schon im Winter bereite Geschwader unter Killigrew, das im Frühjahr Kauffahrer ins Mittelmeer geleiten und die Toulonschiffe dort festhalten sollte, segelte infolge von Unschlüssigkeit in London zu spät. Als es doch noch auf das Toulon-Geschwader traf, vermied dieses (Château-Renault) richtigerweise das Gefecht und vereinigte sich rechtzeitig mit seiner Hauptflotte. Killigrew dagegen folgte nicht sofort und traf erst nach der großen Schlacht in England ein.
Die Ausrüstung der Hauptflotte hatten die Verbündeten so lässig betrieben, daß sie am 1. Juli nur 50, kaum voll gefechtsbereite Linienschiffe zählte. In beiden Ländern war man schlecht über die Rüstungen des Gegners unterrichtet und unterschätzte ihn vielleicht infolge seines schwächlichen Auftretens im Vorjahre. Als man die Gefahr erkannte, gab man Herbert den Befehl, unter allen Umständen zu schlagen, und nun war auch sein Verhalten beim Zusammenstoß nicht einwandfrei.
Es sei hier nochmals etwas näher darauf eingegangen, was aus der Untersuchung in dieser Sache zu entnehmen ist und wie =Herberts Verhalten bei Beachy Head= von verschiedenen Seiten beurteilt wird. Auf seine Vorstellungen im Winter, die Rüstungen zu verstärken und zu beschleunigen, erhielt Herbert die Antwort des Ministers Nottingham: »Sie werden stark genug gegen die Franzosen sein;« Herbert antwortete: »Mein Lord, ich kenne mein Geschäft und werde mein Bestes tun. Aber ich bitte sich später zu erinnern, daß es nicht meine Schuld gewesen ist, wenn die Flotte nicht stärker ist. Ich bin jetzt in Sorge, wo die Gefahr noch abzuwenden ist; Sie werden es im Sommer sein, wenn es zu spät ist.« Er erhielt auch den Befehl, sich einzuschiffen, erst Ende Mai, und vorher waren von höherer Stelle keine Anordnungen getroffen, um die Franzosen zu beobachten. Man schätzte sie nur auf 66 Linienschiffe, schlecht bemannt und somit der eigenen Macht nicht überlegen.
Aus dem bereits teilweise wiedergegebenen Briefwechsel (S. 435 ff.) zwischen Herbert und Nottingham geht hervor, daß Herbert keine Schlacht schlagen wollte, nachdem er sich durch Augenschein von der Überlegenheit des Gegners überzeugt hatte. Sein Plan war, nach Westen zu gehen, um die dort stehenden Teile der Seestreitkräfte an sich zu ziehen, oder falls dies nicht möglich wäre, von einer sicheren Stellung im Osten aus mit seiner unversehrten Flotte den Gegner im Schach zu halten. Dies entsprach also dem Verhalten Ruyters im dritten englisch-holländischen Kriege. Nottingham billigte den Plan nicht und erwirkte, immer noch mit falscher Einschätzung der Stärke des Feindes, den Befehl der Königin, der zur Schlacht führen mußte.
Colomb hält Herberts Standpunkt für den einzig richtigen; Clowes stimmt nicht völlig bei: »Es sei doch nicht sicher, daß Herbert unbedingt imstande gewesen sein würde, die sich gestellte Aufgabe zu lösen; Wind- und Wetterverhältnisse hätten ihn hindern können.« Dieser Einwand ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Die Lage ist z. B. nicht durchaus mit der Ruyters zu vergleichen: Ruyter hatte eine weit kürzere Küstenstrecke zu schützen und stand im Westen (westliche Winde vorherrschend) der bedrohten Punkte; Herbert wollte von der Themse aus den ganzen Kanal bewachen. Mit beiden Kritikern muß man aber den Umstand verurteilen, daß Herbert von London aus so bindende Befehle erhielt; =soweit darf der Einfluß auf den Chef einer Streitmacht nicht gehen=, wie es hier geschah.
(Clowes führt hier den Ausspruch eines Admirals der Neuzeit, =Sir G. Th. Hornbys=, an. Als man in England gelegentlich von Differenzen mit einer fremden Macht erwog, ein Kabel zur Flotte zu legen, wenn diese an der feindlichen Küste sei, um stets von Whitehall mit ihr in Verbindung zu bleiben, äußerte genannter Admiral: »Wenn ich der Chef der Flotte wäre, würde man -- so fürchte ich -- bald hören, daß das Kabel gebrochen sei.«)
Kommen wir nun zu Herberts Verhalten bei dem Zusammenstoß. Er kannte die Überlegenheit des Feindes, griff trotzdem an, führte aber den Kampf nicht mit äußerster Energie durch. Clowes sagt hierzu: »Drei Wege standen ihm nach Eingang des Befehls offen:
1. Direkter Ungehorsam und Handeln nach seiner Überzeugung; das tun nur sehr bedeutende Männer: Napoleon, als General, und Nelson haben es getan.
2. Nachdem er die Schlacht beschlossen hatte, fechten, solange er eine Planke unter den Füßen hatte; Nelson würde dies getan haben.
3. Ein Kompromiß: Gehorsam gegen den Buchstaben, aber nicht den Sinn des Befehles; diesen Weg wählte er.«
Herbert selbst sagte in der Untersuchung aus, er habe nicht annehmen können, daß die Königin die Order unterzeichnet haben würde, wenn sie die Überlegenheit des Gegners voll gekannt hätte. So habe er nun die Flotte nicht ganz opfern und damit das Land völlig dem Feinde preisgeben wollen; »die Folgen hätten ihm Recht gegeben.« (Ferner: »Ich war stets der Ansicht -- und so kam es --, daß der Feind nichts unternehmen würde, whilst we had a =fleet in being=.«)
Auch dies erkennt Colomb als richtig an, aber es ist doch wohl auch nicht ganz zutreffend: Denn wenn Tourville seinen Sieg -- zunächst schon taktisch durch schärfere Verfolgung, vielleicht gar Nachdringen in die Themse -- mehr ausgenutzt hätte, wäre Herbert wahrscheinlich auch bei dem gewählten Verfahren vollständig vernichtet worden. Clowes dagegen sagt: »Wenn Herbert anders gefochten, so hätte er möglicherweise einen glorreichen Sieg erkämpft, jedenfalls aber den Gegner bedeutend mehr geschädigt, und dieser würde um so weniger etwas unternommen haben; keinenfalls würden die Franzosen so unbedingte Herren der See geworden sein, wie sie es für einige Zeit wurden.« Auch diese Ansicht kann man angreifen, aber man muß doch wohl sagen: Wählte Herbert die Schlacht, von der er wußte, daß sie entscheidend werden würde, so mußte er auch alles tun, was er vermochte; =Kompromisse= sind =in großen Sachen wohl stets das Ungeeignetste und Unsicherste=.
Die Franzosen nutzten ihren Sieg weder taktisch noch strategisch aus. Eine schärfere Verfolgung würde den Verlust der Verbündeten weit größer, vielleicht entscheidend für den Krieg mit England gemacht haben; die für fast drei Monate errungene Seeherrschaft wurde nur zu unbedeutenden Unternehmungen gegen die feindliche Küste und zum Abholen der französischen Truppen von Irland benutzt, als Ludwig die Sache Jakobs vorläufig aufgab.
Diese letzte Tatsache zeigt nochmals, wie wenig auf Unterbrechung der Verbindung des Gegners mit der Insel auch von England gegeben wurde. Tourville war Ende August nach Brest gegangen, Killigrew's und Shovel's Geschwader waren nicht im Gefecht gewesen und doch geschah nichts, um das Abholen zu hindern!
Die von den Franzosen angegebenen Gründe für ihre Lauheit nach Beachy Head sind: Nach der Schlacht Munitionsmangel, dann schlechter Zustand der Schiffe, endlich Herannahen der schlechten Jahreszeit. Seignelay verlangte mehr von der Flotte, vor allem den Versuch, in die Themse einzudringen, wie es Ruyter einst getan habe. Dies oder ähnliches hätte die Hauptflotte unternehmen müssen, während leichte Schiffe Irland abschlossen, wo sich Wilhelm III. in Person befand. Möglich, daß die Reste der Flotte der Verbündeten immer noch als eine »fleet in being« ernstliche Unternehmungen gegen die Küste verhindert haben; zulässig auch erscheint mir, die nach der Schlacht am Boyne eingetretene Mißstimmung Ludwigs gegen Jakob und seine Sache als Grund der Lauheit anzunehmen; geschah doch auch nichts von französischer Seite, als Ende September endlich ein Teil der Flotte der Verbündeten die letzte Stadt Irlands im Süden nahm.
Der strategische Plan Ludwigs im Jahre 1690 war gewiß richtig, genügende Kraft dafür bestimmt und die Gelegenheit zur Ausführung günstig, weil die französische Flotte noch überlegen auftreten konnte; er scheiterte an ungenügender Vorbereitung und am Nichtausnutzen der errungenen Erfolge. Sollte eine Invasion gelingen, so mußte die geschlagene feindliche Flotte vernichtet werden.
=Das Jahr= 1691 bringt nur die strategisch und auch taktisch glänzende Leistung Tourvilles, seine Hochseekreuztour. Die Franzosen hatten wiederum 70 Linienschiffe aufgestellt, auch die Verbündeten spannten endlich ihre Kräfte an und brachten jetzt gegen 100 Linienschiffe unter Russell zusammen. Aber die Franzosen waren zuerst seeklar und nur bei ihnen kann man einen strategischen Plan wahrnehmen. Dieser war jedoch, nach Seignelays Tode, ein ganz anderer als im Vorjahre: anstatt einer Offensive gegen die feindlichen Streitkräfte oder gar Küsten nur Schutz der eigenen Küste und Angriff des feindlichen Handels, insbesondere des großen Levanteconvois. Ohne Antwort auf seinen Einwurf, daß diese Aufgaben sich kaum vereinigen ließen, tat Tourville sein Bestes, doch sah er im Gegensatz zu seiner Regierung den Schutz der Küste als die wichtigere an. Als der Convoi ihm, durch Wetterverhältnisse begünstigt, entgangen war, verstand er es, den Feind wochenlang hinter sich herzuziehen, ohne ihm Gelegenheit zum Schlagen zu geben. Damit hinderte er die Gegner, von ihrer starken Rüstung irgendwelchen Gebrauch zu machen, und hielt den Kanal für die französischen Freibeuter sowie für die wiederaufgenommene Verbindung mit Irland frei.
Das Verhalten der Verbündeten war so schwächlich wie in den Vorjahren. Wieder waren sie durch verzögerte und mangelhafte Ausrüstung gelähmt, aber auch Tatkraft in der Führung fehlte. Man muß annehmen, daß sie noch unter dem Eindruck der Niederlage von Beachy Head standen (Herberts abschreckendes Schicksal), daß sie deshalb trotz der übermacht ihre Kräfte so ängstlich zusammenhielten, alles andere preisgaben und doch nichts wagten.
Zu erwähnen ist noch, daß in diesem Jahre die französischen Streitkräfte im Mittelmeer zu den Erfolgen gegen Savoyen und Spanien am Lande beitrugen; die schwache spanische Marine konnte ihnen nicht entgegentreten.
Wie Ludwig XIV. =im Jahre= 1692 den Landkrieg aufs neue mit aller Kraft begann, so nahm er auch seinen Plan von 1690 wieder auf: Frühzeitiges Zusammenziehen der gesamten Seestreitkräfte, um die Flotten der Verbündeten vor der Vereinigung zu vernichten und dann in England einzufallen. Wieder rechnete er mit einem allgemeinen Aufstande der Jakobiten, hatte aber dieses Mal richtigerweise -- im Sinne des verstorbenen Seignelay -- trotzdem eine große Invasionsarmee aufgestellt. 1689 und 1690 lagen die Aussichten für einen solchen Plan günstig; jetzt war es zu spät. Bei der eigenen Marine waren die Schäden in der Organisation fortgeschritten, auch machte sich infolge des langen Krieges schon Geldmangel bemerkbar; die Feinde dagegen waren imstande, ihre natürlichen Hilfsmittel auszunutzen. Eine Überlegenheit zur See war nicht mehr vorhanden, selbst nicht wenn sämtliche Schiffe Frankreichs rechtzeitig fertig und vereint gewesen wären; doch auch dies war nicht der Fall. Zu dem für Beginn der Operationen festgesetzten Zeitpunkt (Ende April) verfügte Tourville nur über 39 Schiffe; die Verbündeten aber waren in diesem Jahre früher als bisher mit ihrer ganzen Macht bereit (am 19. Mai 88 Linienschiffe). Ludwig glaubte trotzdem an die Überlegenheit seiner Flotte und gab den Befehl zum Auslaufen, als diese 45 Schiffe stark war.
Er hielt die Gegner für nicht bereit oder doch, wenn dies der Fall und selbst wenn vereinigt, seiner Flotte kaum gewachsen und er rechnete mit der Unzuverlässigkeit eines großen Teiles der englischen Flotte. So sagen die Quellen! Diese Unkenntnis ist aber auffallend, weil man in Frankreich bisher und auch später wieder stets rechtzeitig und genau von den feindlichen Rüstungen und Plänen unterrichtet war. Man muß fast annehmen, daß Ludwig durch Hochmut und Ungeduld fortgerissen worden ist.
Zu spät kam Ludwig Nachricht und Einsicht, daß alle seine Voraussetzungen falsch seien, daß er vorläufig von dem Unternehmen absehen müsse; Tourville war ausgelaufen, die Gegenbefehle und die Benachrichtigung, daß die Gegner vereint seien, erreichten ihn nicht. Er stieß unvermutet bei Cap Barfleur (29. Mai) auf den Feind und griff seinem Befehle gemäß an, obgleich er dessen Überlegenheit erkannte. Was Tourville zu diesem Schritte bewogen hat, wissen wir; strategische Überlegungen leiteten ihn nicht. Er stand ganz unter dem Einfluß persönlicher Gefühle, und die Schuld an der Katastrophe trifft in erster Linie den König, der die berechtigten Einwendungen seines Admirals unbeachtet gelassen und ihm so bindende Befehle gegeben hatte. Es erfolgte die Niederlage in der Schlacht und die Vernichtung so vieler Schiffe nach dieser bei La Hogue. Wichtiger für den Verlauf des Krieges als der Verlust an Material war aber, daß Frankreich die Offensive zur See von jetzt an aufgab.
Der Erfolg der Verbündeten ist nur dem Umstande zuzuschreiben, daß sie ihre Rüstung beeilt hatten, große Tatkraft und strategische Kunst haben sie auch in diesem Jahre nicht entfaltet. Sie wären sogar noch überrascht worden, wenn Tourville für seinen Marsch günstigen Wind gehabt hätte. Bis zum 18. Mai lagen sie getrennt bei Rye und in den Downs, zwei Geschwader kreuzten im Kanal; es war wohl ein Fehler, daß man diese anstatt leichter Schiffe zum Erkunden entsendet hatte. Wie sich die Sache entwickelte, schlug die Verzögerung der Ausrüstung und Vereinigung ihrer Flotte zum Vorteil der Verbündeten aus, denn hierdurch wurde Ludwig im Festhalten an seinem Plane bestärkt.
Es ist nicht sicher, ob die Verbündeten genau über die Absichten der Franzosen unterrichtet waren. Holländische Quellen behaupten es, englische zweifeln daran. So sagt Colomb, man habe bis zum letzten Augenblick selbst ein Unternehmen gegen St. Malo im Auge gehabt und hierzu seien die Truppen in Portsmouth zusammengezogen gewesen. Das Zusammentreffen bei Barfleur scheint jedenfalls auch ihnen unerwartet gekommen zu sein.
In der Schlacht waren die Verbündeten von erdrückender übermacht, und doch brachte diese den Franzosen den größeren Ruhm. Die Verfolgung kostete ihnen infolge der Rücksichtnahme auf die beschädigten Schiffe zwar schwere Opfer, aber die Verbündeten hätten den Sieg mehr ausbeuten müssen, die nach der Schlacht entkommenen Schiffe durften ihnen nicht entgehen.
Haben sie endlich die errungene Seeherrschaft ausgenutzt? Die französische Flotte legte auf und die Transporter wurden mit Marinemannschaften in den Dienst der Freibeuterei gestellt, die gerade noch in diesem Jahre den Handel der Verbündeten auf das empfindlichste schädigte, weit mehr als im Jahre 1690, in dem die Franzosen die See beherrschten. Die Flotte der Verbündeten wurde zwei Monate hindurch behufs Vorbereitungen zu einem Unternehmen auf dem Festlande, zu dem es schließlich nicht kam, untätig zusammengehalten.
=Das Jahr= 1693 zeigt den Übergang in den zweiten Abschnitt der Kriegführung: die Franzosen richten ihren Angriff nur gegen den Handel, aber noch mit einer großen Hauptflotte; die Verbündeten halten weiter ihre Kräfte zusammen, können sich aber noch nicht zur Offensive entschließen. Ihre Leistung ist auch in diesem Jahre recht mäßig und zeigt eine Reihe von Fehlern und Mißständen.
Die Verbündeten beabsichtigten, ein Geschwader zur Unterstützung Spaniens ins Mittelmeer zu senden und mit der Hauptflotte in den nördlichen Gewässern zu operieren. Das Geschwader sollte ferner auf der Ausreise den Frühjahrsconvoi Levantefahrer geleiten und gerade diesem galt der französische Angriff. Infolge des schlechten Unterrichtetseins und der Unentschlossenheit auf seiten der Verbündeten sowie der Fehler des Kommandos der Hauptflotte und des Convoiführers gelang es Tourville, den Convoi großenteils zu vernichten.
Die Abfahrt des Convois war zu lange verzögert. Frankreich, gut unterrichtet, sandte Tourville in See, als die Abfahrt bevorstand. Die Hauptflotte der Verbündeten war nicht rechtzeitig bereit, um die französische in Brest festzuhalten. Als sie dann das Geschwader nebst Convoi durch den Kanal geleitete, wußte sie nichts vom Auslaufen Tourvilles, und die »drei Admirale auf einem Schiff« versäumten es, sich hierüber zu vergewissern. Sie entließen ihre Schutzbefohlenen zu früh und diese fielen infolge der Unvorsichtigkeit des Geschwaderchefs dem Feinde in die Hände. Die Flotte blieb vor Brest und erfuhr erst über London die Abfahrt Tourvilles; sie ging dann nach England, um »neu auszurüsten« und »Befehle einzuholen«, anstatt dem Feinde zu folgen.
Dieselben Mißstände und dieselbe Unentschlossenheit zeigen sich weiter. Wohl sah man ein, daß es richtig sei, Tourville zu folgen, um ihn an seinem Vorhaben zu hindern oder, als es hierzu zu spät war, ihn wenigstens zur Schlacht zu zwingen. Es kam nicht dazu; die Flotte war ungenügend ausgerüstet und wurde schließlich frühzeitig aufgelöst. Tourville kehrte im Herbst unbehelligt zurück, nachdem er den Sommer über zum Schaden des feindlichen Handels die See im Mittelmeer beherrscht hatte.
Im Herbst 1693 setzte der Kreuzerkrieg der Franzosen mit dem ihm eigentümlichen Charakter ein. Auch hier traten die Verbündeten nicht mit der nötigen Kraft auf; im November machten sie den ersten Versuch gegen einen der Hauptstützpunkte der Freibeuterei (St. Malo). So beginnt Ende 1693 die Kriegführung, die wir in den letzten Jahren des Krieges durchweg finden.
=In den Jahren= 1694-1697 beschränkten sich die Franzosen in den nördlichen Gewässern auf Küstenschutz und Kreuzerkrieg; im Mittelmeer unterstützten sie den Angriff auf Spanien. Die Verbündeten stellten ihren Seestreitkräften drei Aufgaben: Unterstützung Spaniens, Angriff auf französische Küsten, Handelsschutz.
Im spanischen Landkriege hatten die Franzosen 1694 Erfolge durch Unterstützung der Flotte, bis Russell im August mit der Hälfte der verbündeten Flotte erschien. Dann ging Tourville nach Toulon und wurde hier, auch das Jahr 1695 über, festgehalten. Russell beherrschte die See, aber Erfolge für den Landkrieg errang er nicht, da die Spanier am Lande zu schwach waren. Als er 1695 imstande war, diese durch ein Landungskorps zu unterstützen, brach er schon günstig liegende Unternehmungen ab, sobald er das Auftreten der französischen Flotte fürchten mußte. 1696 zogen sich die Verbündeten aus dem Mittelmeer zurück und die Franzosen hatten 1697 Erfolge in Spanien, die wichtig für den Verlauf des Krieges waren. Wir sehen also auf beiden Seiten die Flotten nur dann größere Aufgaben an der Küste durchführen, wenn die Seeherrschaft gesichert ist.
Die Angriffe der Verbündeten auf die französischen Küsten begannen 1694 mit dem größeren Unternehmen gegen Brest, das völlig scheiterte, weil man den Gegner gut vorbereitet fand. Es folgt dann die Reihe von Beschießungen der Küstenstädte, die den Gegner wenig schädigten und ihren einen Hauptzweck, nennenswerte Truppen von seiner Feldarmee abzuziehen, nicht erreichten. Ein englischer Schriftsteller sagt: »Sie kosteten England mehr, als sie nutzten.« Den zweiten Hauptzweck, die Freibeuterei lahmzulegen, würde man durch eine andere Verwendung der Seestreitkräfte besser erreicht haben.
In Hinsicht auf die dritte Aufgabe, den Schutz des Handels, versagten die Flotten der Verbündeten überhaupt, wenigstens bis auf die allerletzte Zeit, weil man die Kräfte aus Vorsicht oder eben zu unfruchtbaren Unternehmungen zusammenhielt. Anderseits zeigt der Kreuzerkrieg der Franzosen, wenn er auch erfolgreich war, doch, daß ein solcher nur gestützt auf eine Flotte lebensfähig ist.
Die koloniale und überseeische Kriegführung ist auch in diesem Kriege noch unbedeutend; nur der Zug de Pointis' gegen Cartagena (1697) war von Einfluß auf den Verlauf. Im nächsten Kriege spielt sie eine etwas größere Rolle, von wirklicher Bedeutung wird sie erst in den Kriegen des folgenden Zeitabschnittes.
=Colomb= (Naval warfare) =zieht auch aus den Ereignissen dieses Krieges bemerkenswerte Schlüsse=. In den Kapiteln VI und VII: »Versuche, zu einem bestimmten Zwecke die Seeherrschaft zu erringen« -- nämlich einer Invasion -- wird gesagt: Die Ereignisse des Jahres 1690 zeigen, daß eine teilweise Beherrschung der See (Tourville nach Beachy Head) noch keine Invasion erlaubt, daß selbst noch mit einer teilweise geschlagenen Flotte gerechnet werden muß. Das Jahr 1692 zeigt die Schwierigkeit, eine »zeitliche« Seeherrschaft zu gewinnen, sowie die damit verbundene große Gefahr, wenn man eine solche unter allen Umständen erzwingen will.
Colomb sagt: »1690 wurde der französische Versuch vereitelt durch Herberts gesunde Politik, geleitet durch die Überzeugung, daß er die größte Gefahr heraufbeschwöre, wenn seine Flotte infolge eines anderen Verhaltens vernichtet würde.« (Wir wissen, daß Colomb die Ansicht Herberts billigt.) »Man kann sagen, daß die Franzosen 1692 gerade entgegengesetzt handelten, indem sie ihre Flotte auf einen Wurf einsetzten, um die Invasion zu ermöglichen.«
Weiter wird darauf hingewiesen, daß der Plan einer Invasion 1696 sofort aufgegeben wurde, als man sah, daß die verbündete Flotte fertig und somit eine Überraschung ausgeschlossen sei.
Im Kapitel XII: »Die Bedingungen, unter denen Angriffe von See her gelingen oder scheitern«, nimmt Colomb die Ereignisse an der spanischen Küste als Beispiele dafür, daß auch zu solchen Unternehmungen die unbedingte Seeherrschaft notwendig ist. Beide Parteien geben Belagerungen von See aus auf, sobald sich der Feind nähert, ja nur seeklar gemeldet wird; in den nördlichen Gewässern beginnen die Verbündeten mit den Angriffen auf die Küste erst Ende 1693, als sie unbestritten die See beherrschen. In Hinsicht auf die Durchführung solcher Angriffe bespricht Colomb den größeren auf Brest 1694. Er sagt: die Seeherrschaft war hier vorhanden, aber die Expedition war nicht stark genug und wurde fehlerhaft geleitet.
»There was no heart in it« (dies sagt er mit Beziehung auf alle derartigen Unternehmungen dieser Jahre) und die Landtruppen waren nicht annähernd genügend stark. Man durfte auch nicht in einer der Buchten bei der Einfahrt landen, deren Strand ganz in eine befestigte Stellung verwandelt war. Man hätte eine stärkere Macht z. B. in der Douarnenez-Bucht außer Bereich der feindlichen Stellung ausschiffen müssen.
Colomb schließt das Kapitel XII: »Wenn man die Stärke der Befestigungen genau kennt, genügend Truppen verwendet, diese außer Bereich der Befestigungen landet, durch die Flotte schlagfertig hält und unterstützt, so ist kein Grund, daran zu zweifeln, daß jeder Platz fällt, vorausgesetzt, daß kein Entsatz über See kommt«.
Unsere Betrachtungen über Strategie dürften zeigen, daß der =Einfluß der Kriegführung zur See= weit größer hätte sein können. Ludwig XIV. versäumte es, von der zu Anfang vorhandenen Überlegenheit seiner Marine Gebrauch zu machen. Die Seemacht der Verbündeten gewann Zeit, ihre Kraft zur Entfaltung zu bringen, hätte dann aber weit mehr leisten müssen. Sogar Clowes schreibt: »Wenn auch der Frieden günstig war, so kann man doch nicht sagen, daß die Marine in dem achtjährigen Kriege viel zur Hebung des Rufes beigetragen hat, den sie unter Cromwell und auch noch unter Karl II. errungen hatte.« Die Gründe sind jedoch teilweise durch die Verhältnisse zu entschuldigen.
Grobe Fehler wurden allerdings von der höchsten Leitung (Whitehall) gemacht: Hier war man stets vom Feinde ungenügend unterrichtet; es mangelte an Einsicht und Entschlossenheit, und dabei beanspruchte man die Leitung bis ins kleinste.
Aber auch die Verwaltung war infolge der früheren Mißregierung schlecht: Die Schiffe waren, wenn am meisten nötig, schlecht im Stande, schlecht bemannt und schlecht ausgerüstet. Endlich fehlte die Tatkraft in der Führung, doch ist dies wieder größtenteils eine Folge der politischen Verhältnisse. Die Führer wagten zwar einesteils wegen des mangelhaften Zustandes der Flotte nichts, anderseits aber scheuten sie sich vor Verantwortung. Jakob glaubte an eine besondere Anhänglichkeit der Seeoffiziere an seine Person; auch die unter Wilhelm III. leitenden Kreise hatten diesen Verdacht, sie zweifelten daher an der Treue und Zuverlässigkeit vieler Offiziere. Mißtrauen herrschten im Kabinett und in der Hauptstadt, Parteiwesen und Unentschlossenheit im Offizierkorps. Ein Mann, der sich im Gefecht unglücklich oder unfähig zeigte, mußte gewärtig sein, abgesetzt und zur Verantwortung gezogen, gar des Verrats angeschuldigt zu werden. Da ferner gerade manche der erfahrenen Männer in Verdacht standen, der Regierung feindlich zu sein, so wurden diese nicht ihren Fähigkeiten entsprechend verwendet. Die öffentliche Meinung klagte, daß man ungeeignete Personen bei Besetzung der Stellen bevorzugte, in deren Händen die Leitung der Seemacht lag. Eine weitere Folge dieser Verhältnisse war der beständige Wechsel im Oberkommando der Flotte, zweimal sogar ernannte man Joint-Admirals. Ein solches Unding war nur ohne Schaden möglich gewesen zu Zeiten eines Blake oder Monck, neben denen die Kollegen keine Rolle spielten.
Die holländische Marine war in diesem Kriege in jeder Hinsicht besser als die englische. Sie kam aber nicht zur Geltung, weil sie in der gemeinsamen Flotte wesentlich schwächer vertreten war und stets unter englischem Oberbefehl stand.
* * * * *
Neuntes Kapitel.
Der Spanische Erbfolgekrieg 1702-1713.
$Die politischen Verhältnisse und Verhandlungen vor Ausbruch des Krieges.$[254] Auch dieser Krieg erscheint in der Hauptsache nur als ein großer europäischer Festlandskrieg, ist aber doch von der größten Bedeutung für die Seekriegsgeschichte. Er wird schon ebensosehr durch die Eifersucht der Staaten in maritimen Interessen wie durch Streit um Länderbesitz hervorgerufen; in Beziehung auf maritime Interessen sind seine Folgen von großer Wirkung. In ihm entscheidet sich der Kampf der drei großen Seemächte um die Herrschaft auf dem Meere. England erringt den von jetzt an kaum noch bestrittenen ersten Platz. Große Aktionen zur See bringt dieser Krieg noch weniger als der Pfälzische Erbschaftskrieg. Der Einfluß der Seestreitkräfte auf den Verlauf ist zwar besonders auf seiten der Gegner Frankreichs groß, aber er besteht, ähnlich wie in dem vorigen Kriege von 1694 an und noch mehr, fast nur in dem geräuschlosen andauernden Drucke, mit dem die Seemacht arbeiten kann, indem sie dem Feinde die Hilfsquellen abdämmt, während sie die eigenen offen hält. Aus diesen Gründen wird sich schon die Schilderung des Spanischen Erbfolgekrieges ebensosehr mit genauer Auslassung über die vorstehenden Punkte -- Ursachen und Folgen des Krieges in maritimer Hinsicht; Einfluß der Seemacht -- wie mit der Beschreibung kriegerischer Ereignisse zu beschäftigen haben.
[254] Diese Betrachtungen bedürfen der Nachsicht. Die Verhältnisse und diplomatischen Verhandlungen sind sehr verwickelt, und bei der gebotenen Kürzung waren Unvollständigkeiten, selbst Ungenauigkeiten, nicht zu vermeiden; es dürfte dies jedoch ohne Einfluß auf die Beurteilung der Sachlage sein.
Wie der Name sagt, gab =die Thronfolge in Spanien= -- beim Aussterben des habsburgischen Zweiges -- den Anlaß zum Kriege; schon vor dem Tode des letzten Königs, Karls II., beschäftigte diese Frage die Kabinette. Es handelte sich darum, ob der Nachfolger aus dem Hause Bourbon oder aus dem habsburgischen Zweige, der in Österreich regierte, hervorgehen sollte. Diese Häuser waren erbberechtigt: In erster Linie durch die beiden Schwestern Karls II., von denen Maria Theresia mit Ludwig XIV. und Margarete Theresia mit Kaiser Leopold I. verheiratet gewesen waren; in zweiter Linie auch schon durch die beiden Schwestern König Philipps IV., von denen Anna die Gemahlin Ludwigs XIII. und Maria Anna die Kaiser Ferdinands III. gewesen waren (die Mütter Ludwigs XIV. und Leopolds I.).
Ludwig XIV. und Leopold sahen wohl ein, daß die übrigen Staaten nicht zulassen würden, Spanien mit ihren Ländern zu vereinigen, sie traten deshalb für ihre Person und ihre Thronfolger zurück. Ludwig verlangte den spanischen Thron für seinen Enkel Philipp von Anjou (einen »jüngeren« Bruder), Leopold für seinen zweiten Sohn (aus dritter Ehe).
Maria Theresia hatte bei ihrer Verheiratung auf die Erbfolge verzichtet; das einzige Kind Margarete Theresias verzichtete zugunsten ihres Vaters auf die Thronfolge in Spanien, als sie sich mit Max Emanuel von Bayern verband, doch erkannten weder Ludwig XIV. noch der Kurfürst diese Verzichte an. Erbberechtigt erschienen so: Der Dauphin von Frankreich, der Kurprinz von Bayern und der älteste Sohn Leopolds; der Dauphin und Leopolds Sohn auch schon von den Schwestern Philipps IV. her.
Man mußte sich also vereinbaren und legte Wert auf die letzte Willensmeinung des Königs von Spanien. Dieser war seinen deutschen Verwandten zugeneigt, aber die Partei der Königin arbeitete, von Frankreich beeinflußt, für das Haus Bourbon. Für die anderen Staaten handelte es sich aber im Hinblick auf =das politische Gleichgewicht= nicht nur darum, an welches der beiden Häuser Spanien fallen, sondern wohl noch mehr darum, ob es in seinem ganzen ungeheuren Umfange bestehen bleiben sollte. Dies war besonders wichtig für die Seenationen, weil bei ihrer Auffassung des Gleichgewichts der Einfluß der neuen politischen Gestaltung auf Handel und Schiffahrt, auf die Beherrschung des Ozeans und des Mittelmeeres schwer ins Gewicht fiel.
Zu Spanien gehörten: Neben Mailand und anderen Provinzen in Norditalien der Süden dieser Halbinsel, Sicilien, Sardinien, die Balearen; die spanischen Niederlande; auf der westlichen Halbkugel Kuba, Portorico und die großen Staaten Südamerikas, deren Bedeutung für den Handel man gerade zu erkennen begann; endlich große Besitzungen in Indien. Solange Spanien wie in den letzten Jahrzehnten ohnmächtig war, hatten die Seenationen gleichgültig auf diese große Ausdehnung, gerade in maritimer Hinsicht, geblickt. Anders wurde die Sachlage für sie, wenn eine stärkere Regierung in Spanien das Ruder führte, die vielleicht gar einen Rückhalt an einer anderen Großmacht hatte; wir werden sehen, daß während aller Verhandlungen, später während des Krieges und endlich beim Friedensschluß diese maritimen Interessen von größtem Einfluß waren.
Wegen der Wichtigkeit in maritimer Hinsicht -- aber auch wegen des Charakters Ludwigs XIV. -- mußte ein Erfolg Frankreichs bei der Lösung der Frage des Seenationen bedenklicher erscheinen als der der Gegenpartei; die Verhandlungen der Kabinette näherten sich infolgedessen immer mehr einer neuen Allianz gegen Frankreich, und wieder wurde Wilhelm III. von England die Seele dieser Bewegung. England und Holland fürchteten ganz besonders, wenn ein Bourbon den Thron Spaniens bestieg, den Einfluß Frankreichs in den spanischen Niederlanden, ein französisches Handelsmonopol im spanischen Amerika und die Beherrschung der Straße von Gibraltar zugunsten Frankreichs; dieses erschien ihnen sowohl im Hinblick auf den Handel wie vom militärischen Standpunkte aus gefährlich; hatte ihnen doch im letzten Kriege Cadiz als Stützpunkt gegen die Verbindung der französischen Streitkräfte von Toulon und Brest gedient.
Die Seenationen machten nun zunächst einen =Vermittlungsvorschlag= (im Haag 1688): Joseph, der Kurprinz von Bayern, sollte Spanien, Indien und die Niederlande erben; an Karl, des Kaisers Sohn, sollten Mailand und an einen Sohn Ludwigs Neapel und Sicilien fallen. So waren alle Erbberechtigten bedacht, und auch sie erreichten ihren Zweck; Frankreich erhielt zwar eine stärkere Stellung im Mittelmeer, aber dieser glaubten die Regierungen der Seestaaten gewachsen zu sein. Ludwig ging auf diesen Vorschlag ein, vielleicht nur um im Bunde mit England und Holland den Kaiser zu schrecken oder um für seine Umtriebe in Madrid Zeit zu gewinnen. Der Kaiser jedoch widersetzte sich, da er seiner Familie gerade die Mittelmeerstellung erhalten wollte, und alles flog in die Luft, als der Kurprinz 1699 plötzlich (an Gift?) starb.
In Spanien war die öffentliche Meinung gegen jede Lösung der Frage, die das Reich zersplitterte, und der Partei der Königin gelang es, den König zu bestimmen, in seinem Testament (Oktober 1700) =Philipp von Anjou= als Thronfolger einzusetzen; der König starb am 1. November 1700. Ludwig XIV. erkannte das Testament an, ohne auf seine Verhandlungen mit den Seemächten Rücksicht zu nehmen; er ließ seinen Enkel zum König ausrufen und sandte ihn im Januar 1701 nach Spanien. Anjou fand dort keinen Widerstand, er zog im April als König Philipp V. feierlich in Madrid ein; auch in Mailand und Neapel wurde er anerkannt, ebenso vom Papst und von Mantua. Er war aber ganz auf Frankreichs Unterstützung angewiesen, da in Spanien Heer und Flotte gänzlich verfallen waren.
Bei seiner Abreise sagte ihm Ludwig: »Sei ein guter Spanier, das ist deine erste Pflicht, aber vergiß auch nicht, daß du ein geborener Franzose bist, um stets die Verbindung zwischen beiden Ländern und damit den Frieden Europas aufrecht zu erhalten.« Ludwig frohlockte auch schon mit dem Ausspruch: »Es gibt keine Pyrenäen mehr!« Sein Triumph war berechtigt: die Vereinigung der Länder beim Hause Bourbon versprach große Vorteile für Frankreich, schon weil dieses dadurch einen alten Feind im Rücken verlor, der trotz seiner Schwäche oft die Erweiterungspläne nach Osten behindert hatte. Tatsächlich haben ja auch die beiden Königreiche dann lange Zeit, mit nur kurzer Unterbrechung, in einem auf Familienbeziehungen beruhenden Bündnisse gelebt, das nur wegen Spaniens Ohnmacht nicht gefährlich für das übrige Europa wurde.
=Nun drohte der Krieg=; die Bevölkerung der Seestaaten wollte aber nach den Leiden des letzten Kampfes noch Ruhe haben. Man versuchte deshalb, Ludwig zu einigem Nachgeben zu bewegen, und machte einen neuen Vermittlungsvorschlag, nach dem Anjou Spanien behalten sollte, aber Frankreich keine Handelsbevorzugung in den Kolonien gewähren dürfe; die italienischen Provinzen sollten sämtlich an Karl fallen, wodurch dem vorhin erwähnten Anspruch des Kaisers genügt wäre. Den Seemächten erschien es für ihre maritimen Interessen weit unbedenklicher, Süditalien in habsburgischen Händen zu sehen als in bourbonischen; es ist bemerkenswert, daß diese Lösung der Frage annähernd schließlich das Ergebnis des zehnjährigen Krieges wurde.
=Ludwig= XIV. war aber inzwischen schon weiter gegangen, indem er im Februar, im Einverständnis mit dem spanischen Statthalter, aus den Festungen der spanischen Niederlande die holländischen Besatzungen vertrieben hatte, die dort nach altem Vertrage zum Schutze dieser Provinz und somit Hollands selbst lagen. Nun begann Holland zu rüsten und auch der Kaiser sammelte Truppen (Prinz Eugen), um sich die Lombardei zu sichern. Ludwig sandte sofort ein Heer (Catinat) nach Oberitalien, um den Österreichern den Weg zu verlegen; hier begann der Krieg schon im Mai 1701.
Der Kaiser war zunächst noch in bedrängter Lage. Infolge der Türkenkriege war der Schatz erschöpft und in Ungarn erforderten neue Unruhen ein Heer; Ludwig hatte Savoyen sowie die Kurfürsten von Bayern und Köln für sich gewonnen, auch ganz Italien stand gegen den Kaiser; mit ihm gingen allerdings die meisten anderen deutschen Fürsten, besonders Preußen und Hannover, die er sich durch Gewährung der Königs- und Kurfürstenwürde verpflichtet hatte.
Die neuen Versuche der Seemächte, auf friedlichem Wege ihren Zweck zu erreichen, hatten auch keinen Erfolg. Ludwig gab nicht nach, und wie Holland genötigt war, zu seinem eigenen Schutze zu rüsten, so wurde auch in England die Stimmung feindlicher. Schon der erste Teilungsvorschlag war hier dem Volke nicht genehm gewesen, weil durch ihn Neapel und Sicilien unter französischen Einfluß gekommen wären; jetzt sprach sich das Parlament offen gegen jede Lösung der Frage aus, die Frankreichs Herrschaft im Mittelmeer stärke, und gab dem Könige freie Hand, eine neue große Allianz gegen Ludwig XIV. herbeizuführen. Im September 1701 schlossen =die Seemächte= einen geheimen Vertrag mit dem =Kaiser=, in dem folgende =Grundzüge für einen bevorstehenden Krieg= niedergelegt wurden: Besetzung der spanischen Niederlande zum Schutze Hollands; Eroberung der italienischen Provinzen für den Kaiser; Berechtigung der Seemächte, außereuropäische spanische Besitzungen für sich zu erobern. Keiner der Verbündeten solle allein mit Frankreich in Unterhandlung treten und ohne sicherzustellen, daß niemals Frankreich Spanisch-Indien erhielte oder dort Handelsbeziehungen anknüpfe, endlich daß England und Holland die Handelsvorrechte behielten, die sie unter dem verstorbenen Könige besessen hatten. Diese Bedingungen entsprachen also dem letzten Teilungsvorschlage: Anjou wurde als König anerkannt, aber die Seenationen sicherten sich große maritime Vorteile und berücksichtigten doch die Ansprüche des Kaisers -- deutsche Truppen mußten ja in erster Linie den Landkrieg führen.
Zum Ausbruch des allgemeinen Krieges kam es aber noch immer nicht. Holland wollte nicht ohne England losschlagen, und hier konnten sich die Handelskreise noch nicht entschließen, noch nicht von dem Eindruck der Verluste im letzten Kriege freimachen. In diesem kritischen Augenblicke starb Jakob II. (16. Dezember 1701) und Ludwig ließ sich bewegen, trotz der Bedingung im Frieden von Ryswijk dessen Sohn als König Jakob III. von England anzuerkennen. Dies faßte das englische Volk als Drohung und Beleidigung auf, und das Parlament bewilligte jetzt alle verlangten Mittel zum Kriege sowie Subsidien für Deutschland. Wilhelm III. starb zwar am 8. März 1702, doch die Königin Anna blieb seiner Politik treu; der Herzog von Marlborough wurde nicht nur in England, sondern für die Verbündeten überhaupt, die in diesem Kriege treibende Persönlichkeit, wie es früher Wilhelm von Oranien gewesen war. In den Niederlanden, wo kein neuer Statthalter gewählt wurde, gelang es dem Ratspensionär der Staaten von Holland, Heinsius, die Politik im Sinne Wilhelms fortzuführen. =Im Mai 1702 wurde der Krieg erklärt.=
=Die Kriegserklärung= erging: von Holland an die Könige von Frankreich und Spanien; von England an den König von Frankreich und an Spanien, da Anna nach der Proklamation Jakobs zum Könige von England Philipp nicht mehr als Herrscher anerkannte; vom Kaiser an den König von Frankreich und an Philipp von Anjou, da er Spanien als Eigentum seines Hauses ansah.
In dem Kriegsplane der Verbündeten trat bald eine, für uns besonders wichtige, Veränderung ein. Im Jahre 1703 wurde von allen Verbündeten =Karl von Österreich= als Karl III. zum Könige von Spanien ausgerufen. =Portugal= trat dem Bunde bei und Karl sollte mit Unterstützung dieses Landes sowie der Seemächte sein Reich erobern. In Spanien hatte er besonders in Katalonien und Aragonien Anhänger, während die südlichen Provinzen und besonders Kastilien auf seiten Philipps standen.
Der König von Portugal, =Dom Pedro= II., hatte aus Furcht vor Frankreich Anjou anerkannt, obgleich er im Herzen sein Gegner war; auch er fürchtete für die Zukunft den wachsenden Einfluß Frankreichs in Spanien. Österreich versprach ihm nun Abtretung spanischen Gebietes, England Geldhilfe. Er wollte sich aber nicht erklären, ehe nicht Karl in Lissabon gelandet und damit den Verbündeten die Verpflichtung erwachsen sei, auch auf der Pyrenäischen Halbinsel in einen Landkrieg einzutreten.
Gleichzeitig schlossen Portugal und England den =Methuen-Vertrag= -- benannt nach dem die Verhandlungen führenden englischen Gesandten --, des Inhalts, daß England sich verpflichtete, die Einfuhr der Weine Portugals, Portugal die der englischen Fabrikate zu begünstigen. Wenn der Vertrag auch scheinbar beiden Teilen gleich günstig war, so brachte er doch tatsächlich den Handel Portugals ganz in Englands Hände und führte das Gold Brasiliens über Lissabon nach England; ein Vorteil, der schon in diesem Kriege von Nutzen und von Wichtigkeit wurde.
Von dieser Zeit an blieb Portugal notgedrungen, weil es von England mehr zu hoffen und mehr zu fürchten hatte als von irgend einer anderen Macht, ein treuer Bundesgenosse Englands, mit dessen Häfen als Stützpunkten die englische Seemacht rechnen konnte.
Damit wurden die Seemächte in einen großen Landkrieg auf der Pyrenäischen Halbinsel verwickelt und mußten ihre Seestreitkräfte vornehmlich dafür verwenden, während sich bei der einfachen Durchführung des Vertrages vom September 1701 die Kriegführung zur See wohl neben dem Mittelmeer in großem Maße auf die überseeischen Gewässer und die Kolonien erstreckt haben würde. Wenn bisher mehrfach gesagt ist, in diesem Falle würden die Seestreitkräfte im Mittelmeer nicht nötig gewesen sein, so ist dies nicht richtig. Auch nach dem ersten Kriegsplane lagen wichtige Aufgaben für die Flotten im Mittelmeer, und es dürfte jetzt kein Zweifel mehr sein,[255] daß Wilhelm III. und nach ihm Marlborough vom Beginn des Krieges an und während seines ganzen Verlaufes eine Stärkung der Macht Englands im Mittelmeer im Auge hatten, insbesondere die Beherrschung der Straße von Gibraltar; schon bei den Verhandlungen über die Teilung Spaniens verlangte Wilhelm, daß England einen Hafen an der Straße (Ceuta oder Oran) sowie einen oder zwei innerhalb dieser (z. B. Port Mahon) erhalten müsse, wenn ein französischer Prinz den Thron Spaniens bestiege.
[255] Corbett »Mediterranean«.
Auch der =Herzog von Savoyen=, der anfangs auf französischer Seite stand, trat 1703 der großen Allianz bei; aus dem hochmütigen Auftreten Philipps V., seines Schwiegersohnes, ihm gegenüber schloß er, daß er sich auf Versprechungen Ludwigs doch nicht verlassen könne.
$Der allgemeine Verlauf des Krieges.$ Der Landkrieg spielte sich in den Niederlanden, Deutschland, Italien und Spanien ab. Nur auf den beiden letztgenannten Kriegsschauplätzen griffen die Seestreitkräfte in den Kampf ein, es ist aber doch nötig, einen Überblick über den Gesamtkrieg zu geben -- in dem so viele berühmte Generale fochten --, um den Einfluß des Seekrieges zu verstehen und zu würdigen.
$Im Jahre 1701$ besetzte Ludwig XIV. die spanischen Niederlande und sandte ein Heer unter Marschall =Catinat= nach Italien, um den Österreichern unter Prinz Eugen bei der Veroneser Klause den Weg nach der Lombardei zu verlegen; =Prinz Eugen= aber gelang es, über die Gebirge den Feind zu umgehen und im Mai bei Verona in seinem Rücken zu erscheinen. Obgleich weit schwächer, brachte er dann durch den Überfall bei Carpi (9. Juli) seinem Gegner eine Schlappe bei und schlug, als Catinat infolgedessen abberufen war, den weit weniger fähigen Marschall Villeroi bei Chiari (1. September), ja nahm ihn sogar durch Überfall bei Cremona (2. Februar 1702) gefangen.
Auch das ganze $Jahr 1702$ hindurch hielt sich Eugen gegen den Marschall =Vendôme=; 1703 wurde der Prinz als Präsident des Hofkriegsrates nach Wien berufen und bald darauf zur Niederwerfung des Aufstandes nach Ungarn gesandt.
Im Frühjahr 1702 begann der Krieg in den Niederlanden und in Deutschland. Der Herzog von =Marlborough= sollte mit einem englisch-holländischen Heere die spanischen Niederlande erobern und =Ludwig von Baden= gleichzeitig ein Reichsheer gegen Frankreich führen. Marlborough, durch Brandenburg von Cleve her unterstützt, fiel ins Kölnische ein und nahm Bonn; in den Niederlanden wurde er durch die vielen Festungen aufgehalten und konnte nicht vordringen, um Baden zu unterstützen. Dieser eroberte zwar Landau und schlug die Franzosen, die ihn umgehen wollten, zurück; er konnte aber nicht hindern, daß der Kurfürst =Max Emanuel= mit den Bayern ihn im Rücken bedrohte und die feste Reichsstadt Ulm besetzte.
=Die Flotte der Verbündeten= unternahm 1702 einen fruchtlosen Angriff auf Cadiz (August-September) und vernichtete die Silberflotte in Vigo (23. Oktober). Dieser Erfolg trug nicht wenig dazu bei, Portugal auf seiten der Gegner Frankreichs zu bringen; er zeigte ihm, daß eine die See beherrschende Macht (England) mehr Einfluß auf sein Schicksal habe als die Nachbarlandmacht (Spanien).
$1703$ vereinigte Marschall =Villars= die französische Rheinarmee mit der bayerischen an der oberen Donau; Ludwig von Baden würde den Gegnern erlegen sein, wenn diese einig gewesen wären. Aber der Kurfürst trennte sich von Villars und wandte sich nach Tirol, um sich mit Vendôme in Italien zu vereinigen. Er kam in dem von Truppen entblößten Lande bis zum Brenner, wurde dann durch das aufgestandene Volk unter schweren Verlusten (z. B. die Steinüberschüttung an der Pontlatzer Brücke) wieder verjagt. =Vendôme=, der von Italien aus in Tirol eindringen wollte, war vom Grafen Starhemberg, Eugens Nachfolger, weiter festgehalten. Auf diesem Kriegsschauplatze fanden die Österreicher jetzt Unterstützung an Savoyen, wenn auch dessen Herzog (sein Land von den Franzosen besetzt, Turin belagert, das Heer entwaffnet) sich zunächst auf den kleinen Krieg im Rücken der Franzosen beschränkt sah.
$1704$ machte Ludwig XIV. die größten Anstrengungen, eine baldige Entscheidung herbeizuführen, waren doch Portugal und Savoyen zu den Gegnern getreten; die Seemächte bereiteten einen Angriff von Portugal aus auf Spanien vor, mit Savoyen hatte er seine Rückendeckung in Italien verloren. =Vendôme= stand in Italien mit 60000 Mann, =Villeroi= in gleicher Stärke in den Niederlanden, der Hauptschlag sollte in Deutschland geführt werden. Hierzu waren 100000 Mann aufgeboten; sie standen zum Teil, mit den Bayern vereint, unter =Marzin= bei Augsburg, zum Teil unter =Tallard=, der Marzin verstärken sollte, endlich unter =Coigny= an der Mosel den Brandenburgern im Clevischen gegenüber. =Baden= stand mit nur 30000 Mann zwischen Marzin und Tallard in den Stollhofer-Linien. Zwar rückte =Prinz Eugen= heran, um ihm Luft zu machen, aber nur mit 20000 Mann. Aus dieser schwierigen Lage wurden die Verbündeten durch das selbständige Eingreifen ihrer beiden größten Feldherren, =Eugen und Marlborough=, die sich behufs Vereinigung in Einverständnis gesetzt hatten, befreit; der englische General war bereit, auf der gefährdeten Stelle zu erscheinen. Es war schwierig, denn in England durfte es nicht bekannt werden, weil Ludwig XIV. sonst sofort Kenntnis davon erhalten hätte, und die Generalstaaten wollten das Heer in den Niederlanden nicht geschwächt haben. Aber mit dem Ratspensionär Heinsius im Einverständnis ließ Marlborough nur die Holländer Villeroi gegenüberstehen und marschierte (im Mai) mit den englischen und den von Holland besoldeten deutschen Truppen nach dem Neckar. Wenn nun auch Villeroi zu Tallard eilte und Tallard Verstärkungen für Marzin absandte, so wurde dieser doch abgehalten, weiter auf Wien zu marschieren; er wandte sich nach Ulm, um Tallard zu erwarten.
Eugen, Marlborough und Baden vereinigten sich bei =Groß-Heppach= im Remstal. Baden, der gegen eine entscheidende Schlacht war, beanspruchte anfangs den Oberbefehl, doch einigte man sich darüber, diesen abwechselnd zu führen. Man rückte gegen Donauwörth vor, und als Marlborough am 2. Juli kommandierte, schlug er die Bayern am Schellenberge; Baden ward dann veranlaßt, Ingolstadt zu belagern. =Eugen und Marlborough= schlugen =bei Höchstädt= (Blindheim; englisch Blenheim) am 13. August mit 52000 Mann das feindliche Heer, 58000 Mann, unter Max Emanuel, Marzin und Tallard, ehe der schon in der Nähe befindliche Villeroi herankam. Tallard wurde mit 12000 Mann gefangen genommen; der Kurfürst und Marzin flohen auf Villeroi zurück; Ulm wurde den Bayern, Landau den Franzosen abgenommen. Die Sieger waren aber nicht stark genug, ihren Erfolg auszunutzen, doch wurde mit Höchstädt Deutschland von den Franzosen gesäubert und blieb in der Folge nur noch ein untergeordneter Kriegsschauplatz; Max Emanuel wurde geächtet -- er führte später französische Heere in den Niederlanden -- und Bayern trat von der französischen Verbindung zurück.
=Die Tätigkeit der verbündeten Seestreitkräfte= bestand im Jahre 1703 der Hauptsache nach nur darin, die französische Flotte in Toulon festzuhalten, im Jahre 1704 aber war sie von großer Bedeutung. Eine Flotte brachte Karl III. nach Lissabon, eroberte =Gibraltar= und trieb die französische, die diese Stadt decken oder wiedernehmen sollte, durch die =Schlacht bei Malaga= -- die einzige Seeschlacht dieses Krieges -- zurück; damit war die Erringung einer dauernden Seeherrschaft im Mittelmeer eingeleitet. Der Landkrieg in Spanien wurde in diesem Jahre nur erst schwach an der portugiesischen Grenze geführt.
$Im Jahre 1705$ sollte =Marlborough= die spanischen Niederlande, =Eugen= Italien von den Franzosen säubern, es gelang aber nicht; der Tod des Kaisers Leopold (11. Januar) trat verzögernd dazwischen, die Holländer zeigten sich lau, Eugen war nicht stark genug. Besser stand es auf der Pyrenäischen Halbinsel. Hier wurde die Wiedereroberung Gibraltars, schon seit dem Winter 1904 durch ein spanisches Heer unter dem französischen Marschall Tessé belagert, durch das Wintergeschwader der Verbündeten vereitelt und Spanien von zwei Seiten angegriffen. Das Vordringen von Portugal aus gegen Tessé kam zwar nicht vorwärts, aber mit Hilfe einer großen Flotte wurde Barcelona genommen (3. Oktober) und von hier aus Katalonien, Aragonien und Valencia erobert. Zwar sandte Ludwig XIV. früh $im Jahre 1706$ ein Heer unter =Noailles= nach Spanien, das von Norden her gegen Katalonien vorging, während =Tessé= von Westen herankam, und König Karl wurde auf Barcelona zurückgeworfen und dort mit Unterstützung einer französischen Flotte belagert. Aber auch diese Stadt entsetzte die verbündete Flotte (10. Mai), die französische Armee ging nach Frankreich zurück, die Verbündeten drangen von Portugal aus vor und zogen in Madrid ein (26. Juni); König Philipp floh nach Frankreich. In diesem Jahre wurden auch sonst Erfolge errungen. =Marlborough= schlug Villeroi bei =Ramillies= (23. Mai); =Prinz Eugen=, durch Brandenburger unter =Leopold von Dessau= verstärkt, drängte die Franzosen unter dem Herzog von Orleans (Nachfolger Vendômes) zurück und warf sie durch die =Schlacht vor Turin= (7. September) ganz aus Norditalien hinaus. Nur am Rhein konnte Ludwig von Baden kaum seine Stellung Villars gegenüber behaupten, da die Reichsstände ihre Kontingente nur unvollständig stellten.
=Das Eingreifen der Flotte= war in diesen beiden Jahren von großer Bedeutung: Entsatz von Gibraltar; Überführung des Heeres nach Katalonien; Eroberung Barcelonas und anderer Küstenstädte, sowie Mallorcas; Entsatz Barcelonas. Es muß jedoch darauf hingewiesen werden, daß die Erfolge stets im Winter wieder auf dem Spiele standen, wenn sich die Flotte zurückzog, weil man nicht wagte, sie im Mittelmeer überwintern zu lassen.
$1707$ stand Frankreich also sehr ungünstig da und wäre vielleicht niedergezwungen, wenn ein =Plan Marlboroughs= durchgeführt wäre. Dieser geniale Feldherr und Staatsmann versuchte schon seit Beginn des Jahres 1706, die verbündeten Regierungen zu einem Hauptangriff auf die Provence zu bewegen, um die lange französische Stellung von den Niederlanden bis Spanien in der Mitte zu durchbrechen und Frankreich auch im Mittelmeer von allen Zufuhren abzuschneiden, wie es an den anderen Küsten schon nahezu geschehen war. Prinz Eugen sollte mit dem Herzog von Savoyen, verstärkt durch englisch-holländische Truppen und unterstützt von der Flotte, den Stoß ausführen, gleichzeitig sollte ein kräftiger Vorstoß in den Niederlanden erfolgen und der Krieg in Spanien möglichst gefördert werden; auch mit einer stark wieder auflodernden Erhebung der Protestanten in den Cevennen, die 1703 entstanden und eben erst in der Hauptsache unterdrückt war, wurde gerechnet. Der Plan kam nicht zur vollen Durchführung: Der Vorstoß in den Niederlanden unterblieb; Eugen wurde nach seinen Erfolgen 1706 nicht nur nicht verstärkt, sondern sogar durch Abgabe von Truppen zur Eroberung Neapels für Karl III. (1707) geschwächt. Eugen drang zwar in die Provence ein und belagerte Toulon, beides unterstützt durch die Flotte, mußte aber nach Italien zurückgehen (Juli-August). Marlborough machte in den Niederlanden 1707 noch einige Fortschritte, am Rhein dagegen drangen die Franzosen nach Ludwigs von Baden Tode (Januar 1707) vor und wurden nur dadurch gehemmt, daß sie Truppen nach Toulon senden mußten. Der Vorstoß in die Provence hatte sonst nur den einzigen unmittelbaren Erfolg, daß die Franzosen eine große Zahl ihrer Linienschiffe in Toulon, die sie versenkt hatten, verloren.
Auch in Spanien hatte sich das Blatt schon im Herbst 1706 gewandt. Die Verbündeten konnten sich in Kastilien nicht halten, da sich das Volk erhob und ein neues französisches Heer erschien. Sie zogen nach Katalonien ab und Philipp V. traf wieder in Madrid ein (Oktober 1706). Bei dem Versuch 1707, unter dem Earl of Galway wieder gegen Madrid vorzudringen, wurden sie bei Almansa (25. April) geschlagen und ganz Spanien fiel bis auf Katalonien an Philipp zurück.
Schon 1707 war Ludwig XIV. zum Frieden geneigt; er unterhandelte, geheim und getrennt, mit dem Kaiser und mit England. Jener sah sich ungenügend vom Reiche unterstützt und hatte Aussicht, wenigstens Italien zu erhalten; in England war man gleichfalls wegen der Rückschläge in Spanien und wegen des Fehlschlages auf Toulon teilweise geneigt, doch Marlborough arbeitete dagegen und es wurden dann auch dem Kaiser neue Versprechungen gemacht. Marlborough hatte für England recht, das Ausharren sollte im nächsten Jahre belohnt werden.
$Im Jahre 1708$ schlugen =Marlborough und Eugen= den Marschall Vendôme bei =Oudenaarde= (11. Juli), viele Festungen fielen in ihre Hand und die Franzosen wurden aus Flandern sowie Brabant vertrieben. In Spanien machten die Franzosen kaum noch Fortschritte, dagegen wurde Sardinien und Minorca für König Karl erobert.
=Die Tätigkeit der Seestreitkräfte= war 1707 und 1708 zuerst eng an den Landkrieg geknüpft. Sie führten Verstärkungen von England und Holland nach Spanien, begleiteten längs der Küste den Vor- und Rückmarsch Eugens und wirkten bei der Belagerung Toulons mit; später sicherten sie die Überführungen deutscher Truppen von Italien nach Katalonien. Dann aber brachte die Flotte die Insel Sardinien unter Karls Oberhoheit (August 1708) und unterstützte die von Katalonien ausgehende (General Stanhope, September) Einnahme Minorcas. England sicherte sich wie bei Gibraltar durch alleinige Besetzung =Port Mahon= als Stützpunkt.
Zu Ende des Jahres 1708 war Ludwig in größter Bedrängnis: Italien und die Niederlande verloren; Spanien nur eben zu halten; das Heer geschwächt und das Land erschöpft. Er entschloß sich zu demütigenden Friedensverhandlungen; er wollte für Philipp nur Neapel behalten, das Elsaß, Straßburg, Lille, Tournay zurückgeben. Als ihm aber zugemutet wurde, selbst seinen Enkel mit französischen Truppen aus Spanien zu vertreiben, setzte er den Krieg fort; es sollte jetzt auch ein Umschlag eintreten.
$1709$ errangen zwar Eugen und Marlborough nochmals einen großen Sieg bei =Malplaquet= über Villars (11. September). Ludwig mußte seine Truppen aus Spanien zurückziehen, Karl III. drang wieder vor, siegte später (20. August 1710) bei Saragossa und zog jetzt endlich in Madrid ein. Philipp mußte aufs neue fliehen und auch Ludwig riet ihm nun, Spanien aufzugeben und sich mit Sicilien und Sardinien zu begnügen. Aber Philipp blieb im Vertrauen auf die Kastilier standhaft und auch Vendôme zog wieder zu Felde. Die Lage war günstiger geworden. $Im Jahre 1710$ begann der Bund gegen Frankreich zu verfallen. In England kam die Gegenpartei Marlboroughs ans Ruder, sie war gegen die Fortsetzung des Krieges. Auch im Volke war man zum Frieden geneigt; man war überzeugt, schon jetzt für sich so günstige Bedingungen zu erreichen, daß ein Mehr den weiteren Opfern nicht entsprechen würde. So begannen Unterhandlungen zwischen England und Frankreich, die eifriger betrieben wurden, als Kaiser Joseph (17. April 1711) starb. Karl III. kam dadurch auf den österreichischen Thron und auch seine Wahl zum Kaiser war vorauszusehen; England konnte aber nicht zulassen, daß jetzt Spanien mit Österreich vereinigt würde.
Dementsprechend gab England $1711$ die Sache Karls in Spanien auf; diese war schon dadurch fast unhaltbar geworden, daß Vendôme im Dezember 1710 den österreichischen General Starhemberg bei Villa Viciosa völlig geschlagen und bald darauf den Engländer Stanhope mit seinen Truppen gefangen genommen hatte. Karl III. verließ Ende September 1711 Spanien und wurde am 12. Oktober als Karl VI. zum Kaiser gewählt. Schon am 8. Oktober ward zwischen England und Frankreich im geheimen ein gegenhabsburgischer Vertrag geschlossen und bald darauf eröffnete man die Friedensverhandlungen. Vergebens ging $1712$ (Januar) =Prinz Eugen= nach England, um für seinen Freund Marlborough und für die gemeinschaftliche Sache einzutreten. Marlborough fiel völlig in Ungnade und wurde vom Kommando abberufen; sein Nachfolger unterstützte Eugen und die Holländer nicht mehr, sie wurden von Villars geschlagen (27. Juli bei Denain) und zurückgedrängt, Als dann Philipp V. auf die Thronfolge in Frankreich verzichtete und Ludwig XIV. diesem Verzicht staatsrechtliche Gültigkeit verlieh, wurde zwischen England (nebst Portugal) und Frankreich (nebst Spanien) Waffenstillstand geschlossen; der Friedenskongreß in Utrecht wurde eröffnet, dem Holland notgedrungen beitrat.
=Der Flotte der Verbündeten= fielen in den letzten Jahren des Krieges nur wenig in die Augen springende Aufgaben zu: Deckung von Truppen- und Zufuhr-Transporten von Italien nach Spanien; Hinderung der Verbindung Frankreichs über See mit Spanien, Afrika und der Levante; Druck auf die bourbonisch gesinnten Staaten Italiens. Diese Aufgaben ließen sich jetzt von Port Mahon, wo die Flotte ausrüsten und überwintern konnte, weit besser und vor allem ständig durchführen.
Wir haben die erfolgreiche Mitwirkung der Seestreitkräfte der Verbündeten während der ganzen Dauer des Krieges angedeutet. Daß =die französische Marine= ihnen nicht wirksamer entgegentrat, lag vornehmlich an ihrem Verfall infolge Geldmangels (vgl. Seite 425). In der ersten Hälfte des Krieges wurden ihr noch einige Male (1701, 1704, 1706) Aufgaben von Wichtigkeit gestellt. Sie konnte diese in ihrer Schwäche nicht lösen; das Vertrauen zu ihr sank und mit zunehmender Vernachlässigung schritt der Verfall fort. Wie in den letzten Jahren des vorigen Krieges wurde nur Tatkraft im kleinen Kriege, besonders in den nördlichen Gewässern, entfaltet und auch dem Handel der Seenationen schwerer Schaden zugefügt. Hiergegen und gegen den französischen Handel operierten die Teile der englischen und holländischen Marinen, die im Mittelmeer nicht nötig waren; es geschah dies mit immer mehr Erfolg, weil auch hierin die Kraft der Franzosen nachließ und in den letzten Jahren die Flotte im Mittelmeer vermindert werden konnte.
Am 13. April 1713 wurde der $Frieden von Utrecht$ geschlossen. =Die Bedingungen= waren ganz besonders günstig für England. Ludwig XIV. mußte die von England in Aussicht genommene Thronfolge des Hauses Hannover anerkennen, wodurch die protestantische Regierung in England gesichert war, und den Prätendenten Jakob ausweisen. England erhielt Gibraltar und Minorca -- Stützpunkte für seine Seemacht im Mittelmeer, zu denen bei der engen Verbindung mit Portugal auch noch die Häfen dieses Landes traten -- sowie in Amerika Neufundland, Akadia (die Kap Bretoninsel, der Schlüssel zum Lorenz-Golf verblieb noch bei Frankreich) und die französischen Besitzungen an der Hudsonbai -- der erste Schritt zum Gewinn Kanadas. Von Frankreich und von Spanien erhielt England endlich sehr günstige Handelsverträge bewilligt. Der wichtigste dieser war der Assiento-Vertrag, durch den England allein von Spanien die Einfuhr von Negersklaven in Spanisch-Amerika gestattet wurde; schon an sich lohnend, wurde dieser Sklavenhandel noch wertvoller als Grundlage eines ungeheuren Schmuggelhandels. Von Frankreich an Portugal gemachte Zugeständnisse in Südamerika kamen ebenfalls England zugute.
Philipp von Anjou behielt den spanischen Thron und Spanien seine außereuropäischen Besitzungen; von den spanischen Niederlanden fielen Geldern an Preußen, dessen Königtum gleichzeitig anerkannt wurde, die übrigen Provinzen (Belgien) an den Kaiser, der auch Mailand, Neapel und Sardinien erhielt; an den Herzog von Savoyen, dem man gleichfalls den Königstitel zugestand, wurde Sicilien abgetreten.
Holland erhielt das Besatzungsrecht einiger Städte Belgiens -- die »Barrierenstädte«, teils allein, teils im Verein mit Österreich --; die Sperrung der Schelde im Interesse der holländischen Häfen blieb auch für den Handel der jetzt österreichischen Niederlande bestehen; der Handelsvertrag mit Frankreich gab Holland dieselben Vorrechte wie England.
Das Deutsche Reich kam am schlechtesten weg. Die ungünstigen Bedingungen des Friedens von Ryswijk wurden bestätigt, nur seinen rechtsrheinischen Gewinn gab Frankreich zurück; die Kurfürsten von Bayern und Köln wurden aus der Reichsacht gelöst und erhielten ihre Länder wieder.
Die Bedingungen, die Österreich und das Deutsche Reich betreffen, wurden im Frieden von Utrecht nur vorgeschlagen und erst in späteren Sonderfrieden bestätigt. Der Kaiser setzte den Krieg fort; ohne die Subsidien der Seestaaten und von den Reichsfürsten nur mangelhaft unterstützt -- die östlichen und nördlichen Staaten des Reiches waren in den nordischen Krieg (1700-1721; vgl. Kapitel X) verwickelt -- konnte er aber dem Andringen Frankreichs (Villars gegen Eugen) nicht mehr widerstehen. Es schloß am 7. März 1714 den Frieden von Rastatt für Österreich und am 7. September den von Baden für das Reich mit Frankreich. Mit Spanien wurde von Österreich der Frieden noch nicht geschlossen (erst 1720); Karl verzichtete also noch nicht auf den spanischen Thron.
»Der Frieden von Utrecht ist ein Markstein in der Geschichte.« Von ihm datiert Englands Vormachtstellung zur See; die von England gestellten Forderungen zeigten, daß es in vollstem Maße eine Seemacht geworden und sich dessen bewußt war. Wir kommen hierauf in den Schlußbemerkungen zu diesem Kriege zurück.
$Über die Streitmittel$ (anschließend an Seite 417 ff.).
Da der Spanische Erbfolgekrieg der letzte große Seekrieg unseres dritten Abschnittes ist, soll die innere Geschichte der drei großen Marinen hier gleich bis zum Jahre 1739 fortgeführt werden. Wir haben sie kennen gelernt bis 1697; Als genannter Krieg 1702 ausbrach, hatte sich kaum etwas geändert; große Wandlungen aber sollten während des Krieges und in der Zeit bis zum Beginn des nächsten Zeitabschnittes in den Marinen vor sich gehen: die alte, stolze Marine Hollands verschwand nahezu ganz; die französische sank tiefer und tiefer; die englische schritt fort auf ihrem Wege zur Beherrschung der Meere.
In $Holland$ beginnt mit dem Spanischen Erbfolgekriege der Verfall der Marine.[256] Wir haben gesehen, daß sie im vorigen Kriege noch mächtig dastand; Wilhelm von Oranien war bestrebt, sie auch nach dem Frieden von Ryswijk so zu erhalten, da er voraussah, daß der Friede nicht lange dauern würde. Es handelte sich zunächst darum, die nötigen Mittel zu beschaffen, da die Admiralitäten stark verschuldet waren, besonders die von Seeland, Amsterdam und der Maas, die fast allein die Schiffe gestellt und während des Krieges kaum von den eigenen Provinzen, geschweige denn von den Landprovinzen, die zustehenden Gelder empfangen hatten.
[256] De Jonge, Teil III, Seite 542, 568, Teil IV, Seite 94, 231, bespricht -- blutenden Herzens -- genauer diesen Verfall mit seinen Gründen.
Die Admiralität Amsterdam z. B. hatte von der Provinz Holland 4840000 Gulden und von den andern 1900000 Gulden zu fordern; man war hier sogar den meisten Kapitänen einen 8-17 monatliches Gehalt schuldig.
Es gelang Wilhelm, die Generalstaaten zur Aufnahme einer Anleihe von 12 Millionen zu bewegen; die Admiralitäten wurden dadurch in den Stand gesetzt, die Schiffe auszubessern, die Magazine zu füllen und ihren Kredit wieder herzustellen. Man setzte den Bau der 18 Linienschiffe, die schon vor dem Frieden bewilligt waren, fort und beschloß 1701 weitere 12 (II. und III. Klasse) auf Stapel zu legen. Wilhelm brachte ferner die Formierung von drei Regimentern Seesoldaten durch, die sich, wie die der englischen Marine; im kommenden Kriege nicht nur an Bord, sondern auch am Lande in Spanien sehr gut bewährten.
Der =Schiffsbestand= hatte im vorigen Kriege meist gegen 90 Linienschiffe betragen. Um 1700 waren infolge der Verluste und Ausrangierungen nur noch 74 -- darunter 15 I. Klasse, 80-96 Kanonen; 16 II. Klasse, 70 bis 74 Kanonen; 24 III. Klasse, 60-68 Kanonen -- vorhanden, doch war durch die Neubauten für baldigen Ersatz gesorgt. Die Marine hätte somit im Spanischen Erbfolgekriege ebenso mächtig auftreten können wie im Pfälzischen Erbschaftskriege, aber der Tod Wilhelms trat hindernd dazwischen. Da kein neuer Statthalter gewählt wurde, zeigten sich die Übelstände der früheren statthalterlosen Zeit aufs neue; der Ratspensionär von Holland war zwar bestrebt, die Marine weiter zu pflegen, er besaß aber nicht den Einfluß, den Oranien und auch de Witt besessen hatten. Mit der Statthalterwürde fiel auch die Stelle des Admiralgenerals weg, dessen Befugnisse wieder geteilt an die Generalstaaten, an die Regierungen der Provinzen und an die Admiralitäten übergingen; dem Seewesen fehlte der Mittelpunkt und die treibende Kraft. Die Landprovinzen hatten wie früher kein Interesse oder kein Verständnis für den Seekrieg, der fern im Mittelmeer geführt wurde, aber auch die Seeprovinzen ließen sich öfters mehr von Privatinteressen -- Schutz des Handels -- leiten. Den Admiralitäten wurden außergewöhnliche Mittel, wie sie zum Bau und zur Indiensthaltung größerer Schlachtschiffe nötig waren, nicht mehr bewilligt; die gewöhnlichen Mittel, die nur für die Erhaltung der Schiffe zum Handelsschutz bemessen waren, gingen bald wieder unregelmäßig und unvollständig, von den Landprovinzen häufig gar nicht ein; durch die Indienststellungen für den Krieg gerieten die Admiralitäten bald wieder in Schulden. So kam es, daß von 1701-1713 nur 21 Linienschiffe, nicht einmal die Zahl der 1697 und 1701 bewilligten, gebaut wurden, obgleich Heinsius 1703, 1706, 1710 Neubauten beantragt hatte.
Der Verfall der Marine trat schon bei den Rüstungen während des Krieges zutage. Die Beratungen über die jährlichen Indienststellungen wurden spät begonnen und träge geführt, das dann Beschlossene entsprach nicht der Größe der Marine; die Ausführung wurde infolge Geldmangels verzögert, ja blieb häufig hinter dem Beschlusse zurück. Die Engländer erhoben gegen Ende des Krieges die Klage, Holland habe es anfangs an der Hälfte und von 1707 ab an 2/3 der nach der Abmachung zu stellenden Streitkräfte (England 5/8, Holland 3/8 der gemeinsamen Flotte) fehlen lassen.
Wenn de Jonge, wie wir gehört haben, nachdrücklich Wilhelm von Oranien gegen den Vorwurf in Schutz nimmt (vgl. Seite 419, 422), den Verfall der Marine verschuldet zu haben, so sagt er doch von diesem und von Heinsius später, daß sie beim Eingehen der Verbindlichkeiten für einen großen Land- und Seekrieg gleichzeitig die Kraft der Niederlande überschätzt hätten. Der Landkrieg nahm die Mittel sehr in Anspruch, für ihn stellte Holland ein weit größeres Kontingent als England. Der holländische Seehandel litt nicht allein durch den eigenen Krieg, sondern auch durch ungünstige Handelsverhältnisse in der Ostsee (nordischer Krieg; Epidemien an einzelnen Küsten dort), so daß auch die reichen Seeprovinzen die großen Opfer nicht mehr aufbringen konnten.
Es sind während des Krieges in Dienst gestellt, Linienschiffe:
1702: 20 } 15 } 1707 16 } 16 } 1703: 12 } Mittel- 22 } nördliche 1708 14 } Mittel- 17 } nördliche 1704: 18 } meer- 17 } Gewässer 1709 14 } meer- 16 } Gewässer 1705: 20 } flotte 15 } 1710 14 } flotte 7 } 1706: 18 } 12 } 1711 13 } -- }
Ferner: 8 Fregatten bei der Mittelmeerflotte und 30-40 Convoi- Begleitschiffe jährlich.
Der Frage, wie weit hiernach die englische Klage berechtigt erscheint, werden wir bei den Schlußbetrachtungen über den Krieg näher treten.
Kennzeichnend für die ungünstigen Verhältnisse aber ist, daß von 1707 an auf die Flotte im Mittelmeer aus Sparsamkeit nur ein Admiral kommandiert wurde; man erinnere sich an die übergroße Zahl der Flaggoffiziere auf den Flotten früherer Zeiten.
So hatte der Ruf der holländischen Marine schon während des Spanischen Erbfolgekrieges sehr gelitten, und es kann nicht wundernehmen, wenn die Engländer sie nicht mehr für voll ansahen, wenn bei gemeinschaftlichen Unternehmungen die englischen Befehlshaber auf die holländischen, wie diese häufig klagen, immer weniger Rücksicht nahmen.
Immerhin hat die holländische Marine in diesem Kriege noch eine Rolle gespielt, dann aber wurde ihr Verfall in wenigen Jahren ein vollkommener. De Jonge sagt: »Der Frieden von Utrecht ist ein Wendepunkt in der Geschichte der Niederlande im allgemeinen und in der der Marine im besondern. Bis zu diesem Zeitpunkt sprach die Republik, gestützt auf ihre Seemacht, in allen großen politischen Angelegenheiten, in allen Kriegen und bei allen Friedensschlüssen ein gewichtiges Wort mit. Von jetzt an aber hält sie sich zurück, vermeidet den Krieg mit Ängstlichkeit, schließt Verträge über Verträge selbst mit Gefährdung der Ehre des Staates, um den Frieden zu erhalten, und verwahrlost ihre Land- und Seestreitkräfte.« Wir werden der Marine der Niederlande von jetzt an nur noch als einer sehr untergeordneten begegnen, sie war nicht mehr imstande, den an sie herantretenden Anforderungen zu genügen.
Nach Utrecht blieb die Lage der Admiralitäten in dem traurigen Zustande, wie er nach dem Tode Oraniens eingetreten war. Außergewöhnliche Mittel wurden nicht mehr bewilligt, die Landprovinzen zahlten Jahre hindurch nicht einmal die gewöhnlichen Beiträge. Mühsam gelang es den Seeprovinzen, innerhalb der nächsten zehn Jahre die Schulden ihrer Admiralitäten zu decken, darunter jahrelang rückständige Gehälter der Offiziere sowie Pensionen für Witwen und Waisen.
Von 1715 an erforderte der nordische Krieg eine Machtentfaltung Hollands (und Englands) in der Ostsee zum Schutze des Handels. In diesem Jahre gelang es noch, 12 Linienschiffe zu entsenden; 1716 waren es nur 2 Linienschiffe und 4 Fregatten, 1717 kein Segel. Die Folge war, daß in diesem Jahre nur 200 Kauffahrer zur Ostsee gingen gegen sonst 500. 1718 beabsichtigten die Generalstaaten deshalb, 30 Kriegsschiffe auszurüsten, aber nur 12 waren aufzubringen. Ähnlich war es im Mittelmeer, wo seit 1716 die Belästigung des Handels durch die Raubstaaten wieder zunahm. Erst 1721 konnte man 4 kleine Linienschiffe und 4 Fregatten dagegen aufstellen, später bis 1740 nur noch kleine Divisionen von Fregatten. 1727 und 1729 entsandte man allerdings 5 und 9 Linienschiffe. Diese waren aber ursprünglich in Dienst gestellt, da man eine Störung des europäischen Friedens befürchtete; welch unbedeutende Macht für einen solchen Fall! Gegen die Seeräuber mußte man Kaperbriefe ausgeben und die alte Bestimmung, nach der die Levantefahrer zum Selbstschutz stark armiert und bemannt sein sollten, wieder streng durchführen.
Man war nicht imstande, das Material in seiner Stärke zu erhalten; die Schiffe verrotteten auf den vernachlässigten Werften und der Ersatzbau war ganz unbedeutend. Bis 1723 wurden nur in Amsterdam 9 Schiffe gebaut, dann bis 1740 bei allen Admiralitäten etwa 50, unter allen diesen nur 30 Linienschiffe. Um 1740, bei Beginn des nächsten Abschnitts, war der =Schiffsbestand=: 1 zu 90 Kanonen, 1699 erbaut und in Seeland wohl nur deshalb erhalten, weil diese Provinz das Flottenflaggschiff zu stellen hatte; 5 zu 72 Kanonen, darunter 3 von 1715-1719 erbaut; 8 zu 64 Kanonen, 15 zu 52 bis 58 Kanonen. Insgesamt waren 29 Linienschiffe und 22 kleinere Fahrzeuge vorhanden, von denen 14 und 17 zu Amsterdam gehörten.
In gleicher Weise ging das =Personal= zurück. Bei den geringen Indienststellungen verließen in den Jahren nach dem Kriege viele Offiziere, Deck- und Unteroffiziere, den Dienst, um zu den großen Kompagnien oder ins Ausland zu gehen; der Dienst wurde nicht mehr gesucht. Die im Dienst bleibenden Offiziere wurden alt in ihrem Range und hatten keine Aussicht auf Beförderung, denn freiwerdende höhere Stellen blieben unbesetzt. Der Ersatz wurde infolgedessen ungenügend und, da die Stellen (auch in der Verwaltung) oft nach Gunst vergeben wurden, minderwertig. Auch für die Deck- und Unteroffiziere fand sich nur spärlicher und schlechter Ersatz; ebensowenig waren gute seeerfahrene Matrosen zum Eintritt zu bewegen. Selbst bei den wenigen Indienststellungen machte die Bemannungsfrage die größten Schwierigkeiten; Disziplin und Kriegsfertigkeit litten natürlich unter solchen Umständen. Zu Beginn des nächsten Abschnittes war Holland nicht imstande, auch nur ein größeres Geschwader schlagfertig in Dienst zu stellen; erst ein neuer Statthalter, Wilhelm IV. 1747, versuchte, die Marine wieder zu heben.
Als die Republik in den Österreichischen Erbfolgekrieg hineingezogen war, verpflichtete sie sich (April 1744), zu einer gemeinsamen Flotte mit England 15 Linienschiffe und 5 schwere Fregatten zu stellen. Wer sollte dieses Kontingent kommandieren? In Seeland waren vorhanden: ein Leutnantadmiral, zu alt und zu gebrechlich, um an Bord zu gehen; ein Kontreadmiral, völlig taub; ein Vizeadmiral. Nach altem Brauch mußte aber der Leutnantadmiral von Holland führen und die Admiralitäten von Amsterdam und der Maas verfügten nur noch über einen Kontreadmiral von 72 Jahren. Dieser (Grove) wurde deshalb sofort zum Leutnantadmiral der Maas ernannt, drei schon bejahrte Kapitäne zum Leutnantadmiral von Amsterdam, zum Vize- und zum Kontreadmiral; außer Grove, der die Streitkräfte 1717/1718 in der Ostsee kommandiert, hatte keiner der neuen Flaggoffiziere je einen größeren Verband von Schiffen geführt. Von den zu stellenden Schiffen stießen zunächst nur 8 Linienschiffe und erst im August zu den Engländern -- die Fregatten waren zur Aufnahme des ostindischen Convois entsandt -- und als die vereinigte Flotte kaum vier Wochen in See war, mußten drei Schiffe wegen Krankheit an Bord einen Nothafen aufsuchen; weitere 8 Linienschiffe stießen erst im Winter zur Flotte. Um dieses Geschwader zu bemannen, hatte man Werbeoffiziere nach Hamburg, Bremen und Kopenhagen gesandt, aber dort nur wenig befahrene Matrosen erhalten; man mußte noch mit Sträflingen aus den Gefängnissen auffüllen. Brauchbare Unteroffiziere fehlten, Feuerwerkerpersonal mußte z. B. in Dänemark angeworben werden. Viele der Offiziere waren minderwertig, sie und auch die Kommandanten hatten keine Übung im Geschwaderfahren. Der tüchtigste der Admirale (Schrijver, mit 58 Jahren noch verhältnismäßig jung) erwähnte dies später in einer Denkschrift für den neuen Statthalter und fügte hinzu: »und der Geschwaderchef konnte sie nicht belehren, da er es selber nicht verstand. Wenn die Flotte mit einem gleichstarken Feinde, der Ordnung gehalten hätte, zusammengekommen wäre, so würde das holländische Kontingent durch Unordnung wohl eine Niederlage herbeigeführt haben.«
$In Frankreich$[257] war, wie wir gehört haben (Seite 422 ff.), die Marine seit Colberts Tode zurückgegangen, besonders unter dem Marineminister Louis de Pontchartrin; und es ging weiter mit ihr bergab. 1699 übernahm =Jerôme de Pontchartrin=, der Sohn von Louis, der schon mehrere Jahre unter seinem Vater gearbeitet hatte, das Ministerium. Er gilt gemeiniglich als ein schlechter Marineminister, doch ist das Urteil über ihn wohl durch seine vielen Feinde getrübt. Er war 39 Jahre alt, klug, unterrichtet und von festem Willen, aber auch tyrannisch, hart, ehrgeizig und eifersüchtig in Hinsicht auf seine Autorität. Zweifellos ehrlich bestrebt, den schnellen Verfall der Marine aufzuhalten, beschleunigte er ihn durch seine Fehler, aber ihm allein darf man doch die Schuld nicht aufbürden. Der Hauptgrund war der Mangel an Geld. Jerôme war nicht, wie sein Vater, gleichzeitig Finanzminister, konnte also die Mittel nicht selbst bestimmen. Schon sein Vater hatte nach dem Frieden 1697 das Budget der Marine von 25 Millionen auf 18 herabgesetzt; Jerôme forderte später ununterbrochen genügende Mittel und sagte die traurigen Folgen falscher Sparsamkeit voraus.
[257] Hauptquelle: Chab.-Arnault, dem hier besonders die Kennzeichnung der leitenden Männer entnommen ist. Die Angaben über Schiffsbestände nach Bonfils, Teil II, Seite 177.
Und noch ein zweiter Umstand trat ihm hindernd entgegen. Wir wissen, daß seit Colbert die Verwaltungsbehörden in der Marine eine größere Macht besaßen als die militärischen, daß die Seeoffiziere stets bestrebt waren, diese Macht zu brechen und daß infolgedessen für den Dienst höchst nachteilige Reibungen zwischen den »officiers de plume« und den »officiers d'épée« auftraten. Als Jerôme sein Amt übernahm, war der Admiral von Frankreich, =Graf von Toulouse= (Sohn der Montespan), kein Kind mehr, und durch ihn wurde der Widerstand der Seeoffiziere wesentlich gestärkt. Dies mußte die Tätigkeit des Ministers lähmen; anderseits wird ihm aber vorgeworfen, er habe aus Eifersucht die Rüstungen und die Operationen der Flotte, die Toulouse kommandierte, gehemmt. Unter ihm blieb allerdings, wie unter seinem Vater, während des größten Teiles des Krieges die Tätigkeit der Seestreitkräfte auf den kleinen Krieg beschränkt, aber es ist doch die Frage, ob er es wie dieser aus Mangel an Verständnis für die Kriegführung zur See, oder gar aus Eifersucht getan hat, oder ob er nicht durch die Schwächen der Marine dazu gezwungen war. Gleich bei Beginn des Krieges 1701 entsandte er eine größere Flotte, 1705 eine solche von 50 Linienschiffen und 1706 eine von 30, sie waren nie stark genug oder zu spät bereit, um Erfolge zu erzielen; auch in den Zwischenjahren wurde gerüstet, man zog aber die Kräfte nicht zusammen, und von 1707 ab fanden keine bedeutenden Indienststellungen mehr statt. Stets litt die Marine unter Geldmangel und unter dem schon eingerissenen innern Verfall; sie konnte ihre Kraft nicht entfalten, verlor dadurch an Bedeutung in den Augen des Königs, seiner Räte und sogar des Volkes, was wieder noch geringere Fürsorge für sie zur Folge hatte.
Der Geldmangel führte weitere schlimme Zustände herbei; die Verwaltung geriet in Schulden. Die Lieferanten konnten nicht bezahlt, das technische Personal und die Arbeiter auf den Werften nicht gelöhnt werden; die besten verließen den Dienst und, um den Rest zu behalten, mußten häufig die Vorräte in den Arsenalen usw. zu Schleuderpreisen verkauft werden. Das Einreißen von Unehrlichkeit im Personal der Verwaltung, für das der Finanzminister 1702 gegen 100 neue Stellen geschaffen und an »Meistbietende« verkauft hatte, war eine Folge dieser Mißwirtschaft.
Auch auf das =Personal= der Flotte wirkte sie demoralisierend, der Kreuzerkrieg half dabei. Viele der unregelmäßig besoldeten Offiziere nahmen Dienst auf den von Privaten ausgerüsteten Schiffen und auch auf den vom Staate armierten waren sie auf ihren Vorteil bedacht; im Offizierkorps gingen Disziplin und das Gefühl für Ehre und Pflicht verloren. Ebenso stand es mit der Mannschaft. Da sich bei der Bestechlichkeit der Beamten die Inskribierten, die über einige Mittel verfügten, vom Dienste freimachen konnten, war selbst bei den geringen Indienststellungen der Bedarf nur durch Pressen zu decken; mit Härte mußte diese Maßregel durchgeführt werden, wie Verbrecher wurden die Leute ihren Schiffen zugeführt.
Was aus dem =Schiffsmaterial= unter solchen Verhältnissen wurde, ist klar; die Schiffe verwahrlosten auf den Werften, an Ersatz verlorener oder verbrauchter wurde nicht gedacht. 1696 besaß die Marine 135 Schiffe über 40 Kanonen und 20 von 34-36 Kanonen; 1712 nur 85 Linienschiffe und 10 von 10-44 Kanonen, sämtlich in schlechtem Zustande.
Chabaud-Arnault sagt (Seite 112): »Dahin war es mit der Marine unter Jerômes de P. Amtstätigkeit gekommen, gewiß teilweise durch seine Schuld, aber mehr noch infolge der Verhältnisse und durch die Schuld der anderen Minister und Ludwigs XIV. selber, der der Größe seiner Marine nicht mehr die Wichtigkeit beilegte wie ehemals.«
=Während der Regentschaft= 1715-1723 sank die Marine noch tiefer; Kardinal Dubois wagte nichts zu ihrer Hebung zu tun, um nicht Englands Eifersucht zu erregen. An Stelle des Marineministers trat unter dem Admiral von Frankreich (Toulouse) eine Kommission, bestehend aus einem Präsidenten, Marschall Victor d'Estrées, 3 Seeoffizieren und 3 Verwaltungs-Beamten. Toulouse und d'Estrées hatten wohl den guten Willen, Ordnung in der Verwaltung herbeizuführen, die Schiffe zu erhalten, Disziplin und Geist der Offiziere zu heben; aber auch sie scheiterten am Geldmangel: die guten Kräfte der Werften verließen weiter den Dienst; die Bleibenden und so auch viele Offiziere lebten im Elend; die Seestädte entvölkerten sich. Für 1729 wird der =Schiffsbestand= nur noch auf 45 Linienschiffe, 10 Fregatten und 10 Transporter angegeben.
Mit der Mündigkeit =Ludwigs= XV. wurde wieder ein Marineminister ernannt: der =Graf de Maurepas=, der Sohn Jerômes de Pontchartrin; er blieb es 26 Jahre hindurch. Er war klug, tätig und von bestem Willen beseelt, aber auch er kämpfte vergebens. Wieder fürchtete der jetzige Leiter Frankreichs, Kardinal Fleury (Premierminister 1723-1743), die Eifersucht Englands, und das Marinebudget betrug nur 8 Millionen; unter Ludwig XIV. war es selbst in Friedenszeiten nie unter 18 Millionen gesunken und das Geld war jetzt weit weniger wert. Trotzdem verlor Maurepas den Mut nicht; er strebte an, ein wenn auch geringes so doch gutes Schiffsmaterial zu beschaffen. Doch der Geldmangel erschwerte dies ungemein, die Ersatzbauten wurden in grünem Holz ausgeführt und hatten keine lange Lebensdauer, der Zustand der Werften blieb schlecht.
Ebensowenig Erfolg hatten seine Bestrebungen, das =Personal= zu heben. Aber wie konnte er Lust und Liebe zum Dienst in einem Offizierkorps erwecken, in dem seit 20 Jahren jede Beförderung stockte; der Etat war auf die Hälfte herabgesetzt, es gab gardes de la marine von 40 Jahren. Die Reibungen zwischen den Offizieren und den Beamten nahmen immer mehr zu. Die Schiffskommandos weigerten sich häufig, den Anweisungen der Verwaltung zu folgen, die gelieferten Vorräte und Ausrüstungsgegenstände anzunehmen, Abrechnungen einzureichen, ja sogar das Personal in den Stellungen zu verwenden, für die es überwiesen war; man gab ihnen aber auch erbärmliche Mannschaft, unbrauchbare Bordbeamte, die Ausrüstung wurde ohne Verständnis und von schlechter Beschaffenheit geliefert.
Die Disziplin der Mannschaft -- gepreßt, widerrechtlich festgehalten, unregelmäßig gelöhnt, schlecht gekleidet und verpflegt -- sank soweit, daß man bei Außerdienststellungen Zivilarbeiter heranziehen mußte, da die Besatzung im Hafen nicht arbeiten wollte; selbst auf Rhede gingen die Leute fast nach Belieben an Land, man mußte zufrieden sein, wenn sie beim Auslaufen zur Stelle waren.
Maurepas gelang es immerhin, einiges Gute zu schaffen. Nach und nach führte er eine mildere Behandlung der Dienstpflichtigen ein und die vielfach fortgezogene Küstenbevölkerung mehrte sich wieder, das Wachsen der Kauffahrteimarine sowie das Aufblühen der Kolonien unter Fleury wirkte mit; in das System der Einschreibung für den Seedienst kam wieder Ordnung. Er vervollkommnete den wissenschaftlichen Unterricht der Offiziere, stellte Schul- und Übungsschiffe in Dienst und entsandte in alle Meere Fahrzeuge zu geographischen und hydrographischen Arbeiten; er gründete Schulen für Marineärzte. So wird von ihm wohl mit Recht gesagt, daß er dem späteren Aufschwung der Marine vorgearbeitet habe.
Am Schluß des Abschnittes stand die Marine aber noch traurig da. =Der Schiffsbestand= 1742 war nur 48 Linienschiffe, 15 Fregatten, 14 Transporter[258]; die Fahrzeuge waren in mangelhaftem Zustande, die Werften ohne fähige Arbeiter, Arsenale und Magazine leer. Das Offizierkorps war von 1140 im Jahre 1696 (1040 um 1701) auf 660 Köpfe gesunken. Früher hatte man in Kriegszeiten auch noch eine große Unterstützung durch tüchtige Kräfte der Handelsmarine gehabt (Jean Bart, Trouin usw. stammten daher), die besonders auf kleineren Fahrzeugen, Transportern, Kapern verwendet wurden; die guten Elemente dieses Ersatzes zogen sich, von den aktiven Offizieren immer hochmütiger behandelt, nach und nach ganz zurück. Bei Ausbruch des Krieges 1744 machte nur die Bemannung mit Matrosen weniger Schwierigkeit als früher.
[258] Mahan, Teil I, Seite 249, gibt nach Campbell 45 Linienschiffe und 67 Fregatten, womit wohl überhaupt kleinere Schiffe gemeint sind, an.
Chabaud-Arnault sagt (Seite 133): »Die französische Marine hat von 1713-1744 keine Geschichte, sie wurde durch die leitenden Staatsmänner zur Untätigkeit, ja zu beispielloser Demütigung verdammt, um nicht Eifersucht und Mißtrauen bei den Engländern zu erregen. In zwei Kriegen, in denen die Flotte eine wichtige Rolle hätte spielen können (1719 Quadrupelallianz gegen Spanien; 1733 Polnischer Erbfolgekrieg), blieb sie in den Häfen, nur mit einigen Schiffen wurden unbedeutende Demonstrationen gemacht; im ersten Kriege wurden sogar französische Truppen auf englischen Schiffen an die feindlichen Küsten geworfen.«
In $England$[259] schritt die Entwicklung der Marine stetig fort. =Der Schiffsbestand= betrug:
Schiffe: I. Klasse II. III. IV. (96-100 K.) (80-90 K.) (60-74 K.) (40-54 K.) 1688 9 11 39 40 1702 8 12 45 44
{ (100 K.) (90 u. 98) (80 u. 70) (60 u. 50) 1727 { { 7 13 16, 24 24, 40 --------------+------------ | Dreidecker.
Schiffe: V. VI. Gesamt (28-32 K.) (16-20 K.) 1688 12 6 117 1702 28 16 153
{ (40) (20) (und 14 1727 { Sloops { 24 29 177 4-10K.)
[259] Hauptquellen wie früher: Clowes, Teil II und III; Colomb.
Die Gesamtzahl von 1727 war schon um 1714 erreicht. Auch später wuchs der Bestand weiter, besonders in der III., V. und VI. Klasse. Nach einigen Quellen (z. B. Campbell) soll er in den dreißiger Jahren auf 70 Linienschiffe und 19 Schiffe von 50 Kanonen gefallen sein. (dagegen sagt Clowes, die Marine sei seit 1727 ständig gewachsen), doch waren nach derselben Angabe um 1744 wieder 90 Linienschiffe über 64 Kanonen und 84 Fregatten (wohl Klasse IV-VI) vorhanden.
Die Tabelle zeigt, wie die Entwicklung stetig in der früher geschilderten Weise (Seite 174 ff.) fortschreitet. Schon 1702 sehen wir einen geringen Zuwachs in der III. und IV. Klasse, einen bedeutenden in der V. und VI. 1727 haben sich die Grenzen der Klassen sehr verschoben, in allen ist die Armierung weit stärker geworden und auch der Tonnengehalt gewachsen.[260] Die Zahl der Schiffe von 60 Kanonen aufwärts ist sehr gewachsen, die der I. und II. Klasse jedoch nicht mit. Auch später nimmt der Bestand der III., V., VI. Klasse weiter zu. Die Schiffe der III. Klasse, bald nun 64-84 Kanonen, werden als die geeignetsten Schlachtschiffe erkannt, die der V., nun 30-40 Kanonen, und der VI., nun 20-30 Kanonen, als die geeignetsten Fahrzeuge gegen Kreuzer und Handelsschiffe; die Schiffe der IV. Klasse, nun 50-60 Kanonen, sind für die Linie zu leicht, für letzteren Zweck zu schwer; sie werden im Kolonialdienst verwendet.
[260] Über Armierung nach Kalibern vgl. für 1719 die Tabelle Seite 170; über Tonnengehalt für 1688 und 1727 vgl. Seite 177/178.
In Hinsicht auf die Machtentfaltung der englischen Marine in dem jetzt zu besprechenden Kriege sind leider keine Angaben über die jährlichen Gesamtindienststellungen vorhanden; die Schilderung der Ereignisse sowie die späteren Schlußbetrachtungen werden zeigen, daß man sie auf 70-80 Linienschiffe und alle vorhandenen kleineren Fahrzeuge annehmen kann.
Dem =Personal= ward weiter Fürsorge zuteil. Wir wissen, daß nach dem ersten englisch-holländischen Kriege der Seeoffizierstand anfing, ein Lebensberuf zu werden, daß man anstrebte, Personen der besseren Stände heranzuziehen; schon 1676 waren Bestimmungen erlassen, die dies begünstigen sollten. Um 1700 wurde der Halbsold eingeführt, auf den alle Kommandanten, erste Offiziere und Master, wenn sie ein Jahr als solche gedient, ein Anrecht hatten. 1728 wurde in Portsmouth eine Marineschule (naval academy) mit Schlußprüfung als Vorbildungsschule gegründet. Jedoch nicht alle Offiziere besuchten diese; lange Jahre noch bis 1794 soll es (nach Clowes) vorteilhafter gewesen sein, als Page eines Admirals oder Kapitäns (Junker?) einzutreten. Seit 1688 gab es eine Rangliste, von 1700 an erschien sie von Zeit zu Zeit im Druck. Es entwickelte sich also immer mehr ein festes Seeoffizierkorps und dieses blieb in Übung, da die englische Marine auch nach dem Frieden von Utrecht mehrfach gezwungen war, große Flotten aufzustellen (Nordischer Krieg 1714 bis 1721; Quadrupelallianz gegen Spanien 1718-1720; 1733 eine aufs neue drohende Verwicklung mit Spanien; stets gegen die Barbaresken) und stets eine große Anzahl von Schiffen zur Wahrung der maritimen Interessen im Dienst halten mußte; auch wurden überzählige Offiziere zur Handelsmarine beurlaubt.
In diese Jahre fällt wohl die Ausbildung des dem englischen Seeoffizierkorps des 18. Jahrh. eigentümlichen Charakters im Gegensatz zu dem des französischen (vgl. Seite 319); bei der Verschmelzung des Soldaten und des Seemanns gewann der Seemann die Überhand. Macaulay sagt: »In der Marine Karls II. gab es Sailors und Gentlemen, aber die Seeleute waren keine Gentlemen und diese keine Sailors.« Man muß dabei beachten, daß die Gentlemen eben das militärische Element darstellten. Als nun die Offiziere im allgemeinen den seemännischen Dienst übernahmen, verdrängte der Seemann allmählich den Gentleman und mit ihm den militärischen Ton und Geist. »Selbst Männer aus guter Familie, wie die Admirale Wilhelms III., Herbert und Russell, die wirklich Seeleute waren, konnten nur als solche gelten, indem sie die derben Manieren der Teerjacken annahmen.« Zwischen dem Spanischen Erbfolgekrieg und den großen Seekriegen des nächsten Abschnittes liegen nun 30 Jahre, in denen die englischen Offiziere viel zur See fuhren, aber nie beachtenswerten Gegnern entgegenzutreten hatten. Da wuchs wohl ihre Lust und ihr Interesse am rein seemännischen Dienste immer mehr, und so ist es gekommen, daß sie später -- im Gegensatz zu den Franzosen und längere Zeit zu ihrem Nachteile -- mehr ihren Ruhm in geschickten Segelmanövern als in der Entwicklung der militärischen Leistungsfähigkeit ihrer Schiffe suchten, daß sogar der Taktik für Verbände zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde.
Auch für die Mannschaft wurde von 1700 ab manches getan. Es wurden die Zahlung eines Handgeldes beim Eintritt, Zulagen für gute Führung sowie Pensionen für Witwen und Waisen der Gefallenen eingeführt; das Hospital in Greenwich für Invalide wurde gegründet. Eine wichtige Änderung betraf die Seetruppen. Man hatte bei diesen -- seit 1664 bestehend, jedoch zeitweise und so auch 1699 aufgelöst -- bisher nicht nur den Zweck im Auge gehabt, auf den Schiffen gute Gewehrschützen und Landungsmannschaften zu haben, sondern sie dienten auch zur Auffüllung der Besatzungen. Am Lande wurden sie auf den Werften beschäftigt; Leute, die hier und an Bord einige seemännische Erfahrung gewonnen hatten, wurden dann gern als Matrosen eingestellt. 1702 wurden nun 6 neue Regimenter gegründet, aber nicht mehr als Schule und Ersatz für Matrosen; eine Versetzung zu diesen wurde verboten. Sie waren so eine rein militärische Truppe, stets zur Verfügung der Admiralität für überseeische Expeditionen; als eine stehende Truppe im Gegensatz zu den Matrosen trugen sie jetzt noch mehr als schon bisher zur Hebung der Disziplin und des militärischen Geistes an Bord bei. Es war dies wichtig, denn immer noch mußte bei Einstellung der Matrosen zum Pressen, wobei man in der Wahl der Personen wenig wählerisch war, gegriffen werden; der ungemein stark zunehmende Seehandel schuf zwar zahlreiche und vorzügliche Seeleute, aber diese waren bei Ausbruch eines Krieges über die ganze Erde zerstreut.
Corbett sagt: »Einer der Hauptbeweggründe Wilhelms III. zur Errichtung der Seeregimenter 1702 ist gewesen, eine stehende Truppe für Expeditionen in dem bevorstehenden Kriege zu haben. Gegen ein stehendes Heer hatte sich das Parlament 1699 energisch gewehrt, da waren auch die bisherigen Seetruppen weggefallen; als ein Teil der geliebten Marine wurden sie wieder bewilligt. Daß sie 1704 bereit waren, hat die Erwerbung von Gibraltar und Port Mahon für England sehr begünstigt; 1702 wurde die Entsendung der Flotte ins Mittelmeer durch Mangel an Soldaten sehr verzögert.«
England übernahm im Spanischen Erbfolgekriege wie im vorigen Kriege die Hauptleistung zur See, es verpflichtete sich, 5/8 der gemeinsamen Seestreitkräfte zu stellen; mit dem Nachlassen Hollands mußte es seine Kräfte noch mehr anspannen. Beim Frieden von Utrecht stand die englische Marine allein noch groß da und wurde in der Zukunft so erhalten.
Der Verlauf des Seekrieges.[261]
Schon $im Jahre 1701$ begannen England und Holland zu rüsten. Eine starke gemeinsame Flotte wurde im April in Portsmouth unter =Admiral Sir George Rooke= zusammengezogen, um beim Ausbruch des Krieges bereit zu sein.
[261] Hauptquellen: de Jonge, Teil III und IV; Clowes, Teil II; Bonfils, Teil II; Chab.-Arnault; Mahan, Teil I; Troude, Teil I; Colomb; Corbett »Mediterranean«, Teil II. Besonders genau sind de Jonge und Corbett. Corbett ist sehr eingehend in strategischen Betrachtungen, doch erscheinen diese seinem Zwecke zuliebe (vgl. den genauen Titel des Werkes) etwas gefärbt. -- Wenn eine Quelle Angaben macht, die andere Quellen nicht oder sehr abweichend bringen, wird sie besonders gekennzeichnet werden (z. B. nach Corbett).
Holland hatte 24 Linienschiffe in Dienst gestellt. Der größere Teil davon befand sich unter Leutnantadmiral Almonde bei der gemeinsamen Flotte; da sich aber Holland nach Besetzung der Grenzbefestigungen in den spanischen Niederlanden durch die Franzosen auch zu Lande bedroht sah, blieb der Rest der Linienschiffe bei Schooneveld, und zur Beschützung der Seegatten war eine große Zahl von Fregatten, Convoijers und flachgehenden Fahrzeugen in Dienst gestellt, Truppen waren mobil gemacht und Marlborough stand mit 10000 Engländern in Holland.
Die Flotte blieb lange untätig. Es lag wahrscheinlich (nach Corbett) in der Absicht Wilhelms III., als er sich im Sommer 1701 im Haag befand, um die Verhandlungen mit Frankreich auf Grund der letzten Vermittlungsvorschläge zu leiten, sie nach der spanischen Küste zu senden, um einen Druck auf den Gang der Unterhandlungen auszuüben oder um bei Ausbruch des Krieges sofort einen Angriff auf Cadiz zu unternehmen. Hierdurch wäre nicht nur der spanische Handel arg bedroht gewesen, sondern man hätte auch die Straße von Gibraltar beherrscht und die Verbindung der französischen Seestreitkräfte des Mittelmeeres und des Atlantik unterbrochen. Man mußte sogar darauf gefaßt sein, daß Frankreich sich dieses Stützpunktes bemächtigen würde. Ludwig XIV. hatte gezeigt, daß er mit einem Kampfe um die Seeherrschaft im Mittelmeer rechnete; unmittelbar nach Anerkennung des Testamentes Karls II. von Spanien hatte er die Regentschaftsjunta gebeten, die Befestigungen der spanischen Häfen, insbesondere die von Cadiz, Gibraltar und Port Mahon zu verstärken, und ihr zu diesem Zwecke Offiziere zur Verfügung gestellt. Rooke soll gegen diesen Plan gewesen sein, weil er sich wie die meisten Admirale jener Zeit scheute, so spät im Jahre nach dem Süden zu gehen, daß er gezwungen sein würde, im Herbst mit schweren Schiffen nach dem Kanal zurückzukehren. Wir wissen, daß auch im vorigen Kriege die Seeoffiziere sich sträubten, bis zum Herbst an der spanischen Küste zu bleiben, und damals standen ihnen die spanischen und portugiesischen Häfen zur Verfügung.
Als aber die Verhandlungen nicht fortschritten und man erfuhr, daß ein kleines französisches Geschwader unter Coëtlogon Anfang August mit Truppen und Kriegsmaterial von Brest nach Westindien auslaufen und ein zweites größeres (etwa 10 Linienschiffe) unter Vizeadmiral Château-Renault in See gehen solle, wurden die Operationen zur See begonnen; Rooke erhielt Befehl, Château-Renault zu beobachten, oder, falls dieser schon ausgelaufen, zum Schutz des Handels vor dem Kanal zu kreuzen. Von der Entsendung der großen Flotte nach dem Süden war also abgesehen, sei es, daß Rookes Einwendungen Erfolg gehabt haben, sei es, daß man es nicht für nötig hielt, weil man erfahren hatte, daß die übrigen französischen Schiffe in Brest erst zur Indienststellung im nächsten Frühjahr bestimmt seien. Ein Teil der Hauptflotte sollte jedoch nach dem Süden abgezweigt werden. Rooke ging am 25. August in See, erreichte am 13. September Ouessant und entließ hier das erwähnte Geschwader; er ging dann nach Brest, sah, daß Renault ausgelaufen war und kehrte nach Portsmouth zurück. Bald darauf wurde die Flotte aufgelöst und der Winterdienst eingerichtet.
Der abgezweigte Teil der Flotte -- 25 englische und 10 holländische (Kontreadmiral Wassenaer) Linienschiffe -- unter =Vizeadmiral Benbow= war zunächst bestimmt, auf der Route der spanischen Silberflotte, die unter französischer Bedeckung erwartet wurde, zu kreuzen. Sollte er sie auch vor Ausbruch des Krieges aufbringen, wie man es früher mit holländischen Convois gemacht hatte? In seiner Order war (nach Corbett) gesagt: Die Franzosen zu hindern, sich der Silberflotte zu bemächtigen und »to take care of it for those, who were intitled to it«. Später sollte Benbow dann mit 10 englischen Linienschiffen nach Westindien zur Verstärkung dieser Station gehen. Am 10. Oktober erreichte er die Azoren und hörte hier, daß die Silberflotte schon in Cadiz eingetroffen sei; tatsächlich war sie gar nicht gesegelt. Das französische Geschwader Coëtlogon hatte längere Zeit auf sie gewartet und war dann allein zurückgekehrt (in Brest Februar 1702); die Galeonen waren nicht fertig gewesen oder zurückgehalten, weil man die Bedeckung für ungenügend hielt. Der größere Teil des Geschwaders Benbows ging nach England heim, er selber traf am 13. November in Barbados ein; wir kommen später auf ihn zurück.[262]
[262] Die Ereignisse in den Kolonien sowie die des kleinen Krieges sollen wie bisher später zusammengefaßt betrachtet werden; wir folgen zunächst nur den Operationen der größeren Flotten.
=Château-Renault= war mit seinem Geschwader von Brest (26. August) nach Lissabon gegangen; er sollte auf Portugal einen Druck dahin ausüben, der Verbindung mit Frankreich treu zu bleiben. Von dort ging er nach Cadiz (Ende Oktober). Hier traf er eine französische Flotte unter Vizeadmiral Comte d'Estrées, der durch Aufklärungsschiffe von Benbows Expedition unterrichtet war. Renault ging nun mit 14 Linienschiffen nach Westindien, nahm die Silberflotte in Vera-Cruz unter seinen Schutz (März 1702) und führte sie über Havanna nach Vigo; über seine Vernichtung dort werden wir bald Näheres erfahren.
=D'Estrées= hatte seit Mai an der spanischen Küste einige 20 Linienschiffe, von Toulon aber auch aus Brest, zusammengezogen und nach Cadiz geführt; ein weiterer Beweis, daß auch Frankreich die Wichtigkeit dieser Position erkannt hatte. Durch Renault wäre er sehr verstärkt gewesen, falls es nötig geworden wäre, der Flotte der Verbündeten entgegenzutreten. Nach Renaults Abfahrt verließ auch d'Estrées Cadiz, wo er nur einige Schiffe zurückließ. Er brachte spanische Truppen nach Neapel und Sicilien, wo Aufstände der Kaiserlich-Gesinnten begonnen hatten, und ging dann für den Winter nach Toulon zurück.
Zusammenstöße auf der See hatte also das Jahr 1701 noch nicht gebracht.
$Das Jahr 1702. Angriff auf Cadiz. Vernichtung der Silberflotte in Vigo.$ Im September 1701 war der Vertrag zwischen den Seemächten und dem Kaiser geschlossen, nach dem die spanischen Niederlande besetzt, die italienischen Provinzen für den Kaiser erobert werden und die Seemächte das Recht haben sollten, überseeische spanische Besitzungen für sich zu erwerben. England und Holland beschlossen daraufhin, frühzeitig im Jahre 1702 wieder eine große gemeinsame Flotte aufzustellen.
Es ist nun bisher angenommen, daß man mit dieser Flotte zunächst einen Vorstoß gegen Cadiz, als den reichen und wichtigen Stützpunkt des spanischen Handels nach Amerika, habe machen wollen und daß dann die Seestreitkräfte weiter vornehmlich gegen diesen Handel und gegen die spanischen Kolonien verwendet sein würden. Dies hätte ja auch dem zum Vorteil der Seemächte im Vertrage aufgenommenen Satze in erster Linie entsprochen. Corbett sagt aber, nach den neuesten Forschungen sei es zweifellos, daß Wilhelm III. und mit ihm Marlborough die Einnahme von Cadiz nicht hauptsächlich als einen Schlag gegen den Handel und daneben als eine Diversion, sondern von einem höheren strategischen Standpunkte aus ins Auge gefaßt habe. Er habe von Anfang an beabsichtigt, die Seeherrschaft im Mittelmeer zu erringen, um die französischen Streitkräfte zu trennen, Frankreich von den Zufuhren im Mittelmeer abzuschneiden, in den Landkrieg in Italien einzugreifen, ja, in Frankreich selber vom Süden her einzudringen; hierzu war es nötig, den Verbündeten Stützpunkte zu verschaffen, die England dann wohl behalten wollte.
Da sich die Angaben der anderen Quellen über die Operationen wohl mit dieser Ansicht in Einklang bringen lassen und da anderseits jene Quellen über =die Vorgeschichte der Cadiz-Expedition= Näheres nicht enthalten, so sei eine solche nach Corbett gegeben:
Rooke legte im Januar 1702 dem Könige einen Plan für die Verwendung der Flotte vor. Er rechnete mit einer gemeinsamen Flotte von 80 englischen und 50 holländischen Linienschiffen; was sonst noch an Seestreitkräften vorhanden war, bestimmte er für den Schutz des Handels im Kanal. Von der großen Flotte sollten nur 30 Engländer und 20 Holländer mit 8000 Mann Landungstruppen nach dem Süden gehen, um »irgend etwas« in Spanien oder Portugal zu unternehmen. Über die Verwendung des größeren Restes sagt der Plan nichts; er sollte wohl im Norden bleiben, um französischen Unternehmungen entgegenzutreten oder die feindlichen Küsten zu bedrohen. Es war dies also -- so sagt Corbett -- nicht viel mehr als die unbestimmte Defensivstrategie zur Zeit Elisabeths, gegen die schon Drake energisch gesprochen hatte.
Während nun Holland und die deutschen Fürsten mit diesem Plane wohl einverstanden waren, in der Hoffnung, daß dadurch französische Truppen von ihren Grenzen abgezogen würden, hatte Wilhelm III. (und Marlborough) eben mit den vorhin erwähnten Absichten die Inbesitznahme von Cadiz durch die Hauptflotte im Auge und hiermit stimmten der Kaiser und Prinz Eugen in Hinblick auf den Krieg in Norditalien und auf die Eroberung beider Sicilien überein. Mit Beziehung hierauf sagt Corbett: »Wenn nun bisher angenommen wurde, die Seemächte hätten anfangs den Krieg hauptsächlich gegen Handel und Kolonien führen wollen, das Unternehmen gegen Cadiz habe nur diesem Zwecke dienen sollen und nur durch Zufall -- durch den Ausbruch des Landkrieges in Spanien 1704 -- sei die Haupttätigkeit der Seestreitkräfte ins Mittelmeer verlegt, so ist das nicht zutreffend; Wilhelm schaute weiter. Es wird dies schon durch die erste Instruktion bewiesen, die Rooke erhielt, als der Krieg (4. Mai) erklärt war. (Die Order war nicht mehr vom Könige unterzeichnet, aber in seinem Sinne gehalten.) Sie besagte, Rooke solle Cadiz oder -- falls sich herausstellte, daß dieser Platz zu stark oder von einer zu großen Flotte gedeckt sei -- Gibraltar, Vigo, Ponta Vedra, Coruña oder sonst einen geeigneten Hafen nehmen und den Landtruppen dort ein genügend starkes Geschwader lassen, um ihn zu halten; dann erst solle ein Teil der Flotte mit 2000 Mann nach Westindien abgezweigt werden. Angriffe auf spanische Kolonien standen also nach Zeit und Bedeutung erst in zweiter Linie, einen Stützpunkt für Operationen im Mittelmeer zu gewinnen, war die Hauptsache. Die Befehle für die Flotte in späteren Jahren, auch ehe Karl III. in Portugal landete, bestätigen dies und zeigen auch, daß man schon damals daran dachte, Frankreich vom Mittelmeer aus anzugreifen. Marlborough sagte später im Oberhause, er habe Befehl von der Königin erhalten, mit Prinz Eugen über einen Angriff auf Toulon zu unterhandeln, dessen Eroberung Ihre Majestät von Beginn des Krieges an als das beste Mittel zu seiner Beendigung erkannt habe.«
Nach vorstehendem ist anzunehmen, daß die Operationen für das Jahr 1702 dem Plane Wilhelms entsprechend angesetzt sind, sie wurden aber nicht mit der nötigen Tatkraft begonnen und durchgeführt. Der König befand sich in den Niederlanden, wurde bald schwer krank und starb vor der Kriegserklärung. Die Königin Anna führte zwar die Politik in seinem Sinne fort, konnte aber den Widerstand, der sich dem geplanten Vorgehen zur See von gewisser Seite entgegenstellte, nicht überwinden; Marlborough, der dieses mit aller Kraft weiter vertrat, befand sich bei dem Heere auf dem Festlande.
=Die Rüstungen der Verbündeten= hatten rechtzeitig begonnen. Holland beschloß 48 Linienschiffe in Dienst zu stellen, England hätte demnach 80 zur gemeinsamen Flotte liefern müssen und diese würde 128 Schlachtschiffe stark gewesen sein; mit 130 rechnete ja auch Rooke in seinem Plane. Auf der Flotte, die nach Spanien gehen sollte, wollte man 10000 englische und 5000 holländische Soldaten einschiffen. Es währte jedoch sehr lange, bis eine gemeinsame Flotte operationsbereit war; die Gründe der Verzögerung sind wohl in der Krankheit und dem Tode (8. März) Wilhelms zu suchen.
Wenn auch die holländischen Schiffe sich schon im März in den Seegatten sammelten, so verging doch nach dem Tode Wilhelms lange Zeit mit Verhandlungen, inwieweit der alte Vertrag über die Aufstellung der gemeinsamen Flotte bestehen bleiben solle (endgültig abgeschlossen erst am 9. Juni 1703), und erst am 31. Mai kam das holländische Kontingent in Spithead an. Hier fand es auch die englische Flotte noch nicht bereit; es fehlte besonders an Soldaten für das Landungskorps, weil die neuerrichteten Seeregimenter noch nicht voll aufgestellt waren, aber auch sonst waren die Rüstungen im Rückstande.
Erst Ende Juni lagen bei St. Helens seeklar: 30 englische und 20 holländische Linienschiffe über 50 Kanonen, 13 Fregatten, 9 Brander, 8 Mörserboote und zahlreiche Transporter für Soldaten, Proviant und Kriegsmaterial sowie 6 Hospitalschiffe, insgesamt 160-200 Segel; etwa 9000 englische und 4000 holländische Soldaten, in beiden Ländern meist den Seeregimentern entnommen, waren eingeschifft. Den Oberbefehl führte =Admiral Rooke=, die Holländer kommandierte Leutnantadmiral =von Almonde=; das Landungskorps stand unter den Generalen =Herzog von Ormond= (englisch) und =de Sparre= (holländisch).
Neben dieser Hauptflotte hatte Holland ein Geschwader von 15 Linienschiffen unter Vizeadmiral Evertsen an der flämischen Küste gegen Unternehmungen der Franzosen auf diese im Dienst und England eine Flotte von 30 Schiffen (später noch verstärkt) unter =Admiral Shovel= im Kanal, die bei Abwesenheit der Hauptflotte Brest blockieren und den Handel schützen sollte. In beiden Staaten war also die geplante Stärke der Gesamtindienststellung nicht erreicht.
Aber auch jetzt begannen die Operationen noch nicht, obgleich der Krieg am 4. Mai erklärt war. Wenn nun auch dieser weitere Verzug wohl mit eine Folge des Personalwechsels in den höheren Stellungen der englischen Admiralität nach dem Tode Wilhelms III. war -- Mitte Mai war der Gemahl der Königin Anna, Prinz Georg von Dänemark, zum Lordhighadmiral ernannt; der vorhin angeführte Befehl für die Flotte wurde erst am 7. Juni erlassen --, so wird doch allgemein die Hauptschuld dem Admiral Rooke zugeschrieben. Wieder äußerte dieser mit fortschreitender Jahreszeit seine Bedenken, die großen Schiffe nach dem Süden zu führen; die Order entsprach eben nicht seiner Ansicht. Unterstützt wurde er durch Shovel, der erklärte, mit seinen 30 Schiffen könne er seine Aufgabe nicht lösen; Shovel äußerte auch, wenn man dem Feinde nur gleich sei, könne man nie auf einen entscheidenden Sieg rechnen.[263]
[263] Näheres Corbett, Teil II, Seite 211. Corbett fügt hinzu: Zum Glück haben englische Admirale diese Lehre öfter durch die Tat widerlegt als befolgt.
Die neue Admiralität bestand nun zwar noch energischer auf der Durchführung des Planes Wilhelms -- der Bruder Marlboroughs, der in der Admiralität angestellt war, hatte großen Einfluß auf den Prinzadmiral und arbeitete im Sinne seines Bruders, während der vorhergehende Lordhighadmiral Lord Pembroke die Ansicht Rookes teilte --, sie hatte jedoch in ihrem Streben, Rooke anzutreiben, wenig Erfolg.
Über die =Rüstungen der Franzosen= in diesem Jahre liegen nähere Angaben nicht vor; aus den französischen Quellen kann man entnehmen, daß sowohl in Brest wie in Toulon zahlreiche Indienststellungen stattgefunden haben, die zusammen wohl eine Flotte gebildet hätten, mit der die Gegner rechnen mußten. Kleinere Geschwader oder Divisionen waren wie zu Ende des vorigen Krieges zum Schutz der Häfen, zur Bedrohung des feindlichen Handels oder zu bestimmten Zwecken in Dienst gestellt; einige von diesen (unter berühmten Führern, wie: du Casse, Saint-Pol; Forbin, Trouin) werden uns bei Betrachtung des kleinen Krieges beschäftigen.
Eine solche Abteilung sei hier erwähnt, da sie von Bedeutung für den Landkrieg in Norditalien war. Dort war =Prinz Eugen= auf Zufuhren von Triest über Venedig angewiesen, und im Juni 1702 erschien =Forbin= mit einigen Fregatten im Adriatischen Meere. Es gelang ihm, die Verbindung zu unterbrechen, doch wurde er bald abberufen, weil er zu scharf gegen die neutrale Republik Venedig vorging; immerhin war die Folge, daß die Befehle für die Flotte der Verbündeten später darauf hinwiesen, das Adriatische Meer von französischen Streitkräften freizuhalten.
Eine zweite Abteilung gab den Anlaß zu den ersten Operationen der Hauptflotte der Verbündeten. Eine auf Erkundung im April ausgesandte englische Fregatte meldete, daß sich in La Rochelle ein Geschwader sammle, um Truppen von Ferrol oder Coruña nach Westindien zu bringen sowie Galeonen dorthin zu geleiten. (Es war du Casse mit 6 Linienschiffen und 8 Transportern.) Infolgedessen wurden im Mai 9 Linienschiffe nebst 2 Fregatten ausgesandt, um du Casse abzufangen. Der Führer, =Sir John Munden=, sichtete am 27. Mai 14 Franzosen bei ihrem Einlaufen in Ferrol. Da er sie alle für Kriegsschiffe hielt und auch nach anderen Nachrichten 17 feindliche Linienschiffe in Ferrol vermutete, ging er nach England zurück (Ende Juni dort. In kriegsgerichtlicher Untersuchung freigesprochen, wurde Munden doch der öffentlichen Meinung zuliebe entlassen). Nun beschloß der Kriegsrat der Flotte, zu einem See- und Landangriff gegen Coruña vorzugehen und sich dann gegen Cadiz zu wenden; die Admiralität stimmte bei, hielt aber auch ihre früheren Befehle aufrecht und betonte, falls der Spätherbst vor Lösung der Aufgaben einträte, solle Rooke die schweren Schiffe in dem von ihm genommenen spanischen Hafen bergen; alles zur Neuausrüstung Nötige werde man hinaussenden.
Anfang Juli sandte =Rooke= etwa die Hälfte der Flotte -- 22 Linienschiffe unter Admiral Fairborne -- voraus; sie sollte die Franzosen in Coruña festhalten oder, wenn diese schon ausgelaufen wären, ihn bei Finisterre erwarten. Er selbst verließ mit dem Rest bald darauf St. Helens, blieb dann aber wieder »wegen Gegenwindes« in Torbay liegen; seine Bedenken wegen der schweren Schiffe hatte er immer wieder zur Sprache gebracht. Endlich gelang es der Admiralität, ihn dadurch in Bewegung zu setzen, daß sie verfügte, Shovel solle ihm seine schweren Schiffe gegen leichtere umtauschen, wodurch auch dieser seinem Wunsche gemäß verstärkt würde. Dies paßte Rooke nicht; er verließ, ehe Shovel ihn erreichte, am 1. August den Kanal.
Der Admiralität erschien ein baldiges Auslaufen geboten, weil von Benbow in Westindien die Nachricht eingegangen war (14. Juli), daß Château-Renault im März mit der Silberflotte die Heimreise antreten werde. Diese war, wie wir wissen, im Vorjahre zurückgehalten und Spanien fühlte schmerzlich den Ausfall; mit ihrem Abfangen konnte ihm ein schwerer Schlag zugefügt werden. Es wurde deshalb der Befehl erlassen, daß Rooke die spanische Küste von Cadiz nördlich und Shovel die französische von Brest südlich sperren solle. Im übrigen blieb die alte Order wieder bestehen, nur wurde Gibraltar von den etwa zu nehmenden Plätzen gestrichen und auch dem Admiral freigestellt, mit den schweren Schiffen heimzukehren, sobald ein Hafen genommen sei; er habe dann Shovel durch 10-12 gute Schiffe zu verstärken, falls Renault noch nicht eingetroffen sei. Man glaubte in England und in Frankreich, Renault würde die Silberflotte nach einem französischen Hafen führen.
Am 10. August traf Rooke bei Finisterre ein und stellte fest, daß die Franzosen Coruña verlassen hatten. Sie waren schon vor Fairbornes Ankunft ausgelaufen; dieser war durch Sturm vom Rendezvousplatze vertrieben, vereinigte sich aber am 18. August vor Lissabon mit der Hauptflotte. Jetzt wandte sich $Rooke gegen Cadiz$. Dieses Unternehmen sollte jedoch kläglich verlaufen, da es ohne jede Tatkraft und Umsicht ins Werk gesetzt wurde; dies ist um so auffallender, als es doch so lange vorbereitet war und man die Erfahrungen des glorreichen Angriffes 1596 (Howard und Essex) sowie des Mißerfolges 1625 (Wimbledon) für sich hatte. Der diesmalige Mißerfolg wird von den Quellen den verschiedenen Führern zugeschrieben: die Holländer (z. B. de Jonge) klagen den General Ormond des Mangels an Tatkraft an, hervorgerufen durch Unfähigkeit oder gar böse Absicht, weil er ein Gegner Marlboroughs gewesen sei; englische Quellen (und zwar fast alle) schieben die Schuld mehr auf die Lauheit Rookes und seiner Flaggoffiziere (Fairborne ausgenommen) sowie auf Mangel an Einigkeit zwischen den Land- und Seeoffizieren. Die Schilderung wird zeigen, daß beide Auffassungen ihre Berechtigung haben; hinzu trat noch die Einwirkung des =Prinzen Georg von Hessen-Darmstadt=,[264] der sich als Repräsentant des Kaisers auf der Flotte befand. Dieser sprach gegen jedes allzu schroffe Auftreten, in der Absicht; die Bevölkerung Südspaniens für Habsburg zu gewinnen oder sie wenigstens nicht dagegen auf zubringen; man muß annehmen, daß seine Bedenken dann den englischen Führern ganz erwünscht kamen. Von Rooke sagen Zeitgenossen, er habe von dem Unternehmen so gleichgültig gesprochen, daß man daraus hätte folgern können, er würde dem Feinde nicht viel Schaden tun; er lag auch während der Ausreise und während des Angriffs fast stets krank (?) im Bett. $Der Angriff$ bietet wenig von Bedeutung.
[264] Der Prinz von Hessen befand sich in Portugal, um den König für das Bündnis gegen Frankreich zu gewinnen; als die Flotte erschien, schiffte er sich ein. Die englischen Quellen nennen ihn »den fähigsten Mann« auf der Flotte. Er war im vorigen Kriege als Gouverneur von Katalonien die Seele des Widerstandes gegen die Franzosen gewesen und bei den Spaniern sehr beliebt; er fiel 1705 bei der Eroberung von Barcelona.
Am 23. August ankerte die Flotte in der Bucht westlich von Cadiz. Hier lagen 3 Kriegsschiffe und einige (4-6) Galeren der Franzosen, die in den Hafen einliefen; Fairborne wollte sofort folgen, aber Rooke verbot es. Auf der Reise war öfters Kriegsrat abgehalten, meist Land- und Seeoffiziere getrennt, es bestand jedoch noch kein Plan über das, was man unternehmen und wie weit man gehen wollte. Eine Aufforderung zur Übergabe, gestellt in der Hoffnung auf habsburgische Gesinnung in der Stadt, wurde abgelehnt; man erfuhr, daß die Befestigungen gut im Stande seien, und daß 4000-5000 Mann in der Stadt lägen, und hielt deshalb einen Handstreich für ausgeschlossen. Nach seiner Instruktion hätte Rooke sich jetzt gegen einen anderen Hafen wenden können; die Order scheint nur mit einem Handstreich gerechnet zu haben, sei es, um nicht zu viel aufs Spiel zu setzen oder um nicht zu lange Zeit auf eine Belagerung zu verwenden, sei es, um die Bevölkerung zu schonen, aus demselben Grunde, den der Prinz von Hessen vertrat. Ein gemeinsamer Kriegsrat beschloß aber den Angriff.[265] Der Generalstabschef Ormonds schlug nach einer Erkundung vor, auf der Insel Leon, also möglichst nahe östlich von der Stadt, zu landen; der Kriegsrat lehnte es ab, vielleicht aus seemännischen Gründen (zu offene Küste). Die Truppen wurden zwischen S. Catalina und Rota ausgeschifft und Rota besetzt; beides geschah ohne nennenswerten Widerstand. Erst nach fünf Tagen marschierte Ormond nach S. Maria, das verlassen vorgefunden wurde; auch hier blieb man vier Tage untätig stehen, plünderte aber die Stadt, ja selbst die Kirchen, und diese Plünderung, an der sich sogar Offiziere, auch der höheren Dienstgrade, beteiligten, wirkte höchst nachteilig für die habsburgische Sache. Große Weinlager waren gefunden worden und die schlecht in Disziplin gehaltenen, meist betrunkenen Leute »behaved in a most disgraceful and abominable manner« (nach Clowes). Inzwischen war S. Catalina von den Mörserbooten beschossen und ergab sich sofort einem heranrückenden kleinen Truppenteil.
[265] Vgl. die Skizze von Cadiz, Seite 136, der nur hinzuzufügen ist, daß an der von Puerto S. Maria nach West laufenden Küste von genannter Stadt 5 km entfernt die kleine Festung S. Catalina, und 15 km entfernt die offene Stadt Rota liegt.
Bis dahin waren also Erfolge erzielt, wenn auch langsam; Almonde soll stets versucht haben, durch General Sparre bei Ormond auf lebhafteres Vorgehen hinzuwirken. Jetzt mußte man den Hafen und Cadiz selbst angreifen; hierzu war die Mitwirkung der Flotte nötig. Man wollte das Fort Matagorda nehmen, das dem Fort Puntales gegenüber gelegen die Einfahrt von Osten her deckte, sowohl um der Flotte das Einlaufen in den Hafen zu erleichtern, als auch um von dort die Truppen auf die Insel Leon überzuführen. General Sparre marschierte mit 3000 Mann über Puerto Real vor das Fort, konnte aber wegen der schlechten Wege nicht genügend Artillerie hinschaffen. Die Flotte machte Schwierigkeiten, Truppen usw. von S. Maria oder Rota dorthin zu bringen: die Schiffe müßten erst Wasser nehmen und könnten auch die Boote nicht entbehren. Geradezu ablehnend verhielt sich Rooke nicht, aber er tat auch nichts. Schon waren Schiffe zum Forcieren bestimmt gewesen, falls Matagorda gefallen sei, später jedoch äußerte sich der Kriegsrat der Seeoffiziere wieder, auch dann könnten die Schiffe nicht einlaufen; er schlug vor, zunächst die Stadt in einer »günstigen« Nacht zu beschießen. Hiergegen sprach aber der Prinz von Hessen und auch Rooke fand nie günstiges Wetter. Matagorda hielt sich, unterstützt durch das Feuer der Galeren, und die Spanier versenkten Schiffe in der Einfahrt. Der Kriegsrat der Landoffiziere erklärte, ohne Hilfe der Flotte könne das Landungskorps das Fort nicht nehmen und nicht vor die Stadt gelangen, da es der schlechten Wege und der vielen Wasserläufe halber von P. Reale nicht ganz über Land bis zur Insel Leon marschieren könne; zu einer förmlichen Belagerung fehle ihm überhaupt das nötige Material. So wurde am 16. September allgemein beschlossen, das Unternehmen aufzugeben; nachdem alle Magazine mit Schiffs- und Kriegsvorräten in den besetzten Plätzen verbrannt waren, schiffte man am 25. September die Truppen ein.
Man hatte nichts erreicht als die Vernichtung einiger Magazine, und weit mehr hatte die Plünderung der Ortschaften der allgemeinen Sache geschadet.
Rooke und sein Kriegsrat beschlossen, nach England zurückzukehren, sie hatten nur die Sicherheit der Schiffe im Auge. Es ist möglich, daß auch die Lauheit bei dem Unternehmen teilweise dem Gedanken zuzuschreiben ist, die Flotte unversehrt zu erhalten, falls eine französische sich zeigen sollte. Vergeblich versuchte der Prinz von Hessen, unterstützt durch die Generale und durch Almonde, Rooke zu bewegen, einen anderen Hafen zu nehmen. Der Prinz wies auf die in der Instruktion genannten Städte hin, Rooke fand bei allen seemännische Bedenken; der Prinz schlug einen Hafen an der Ostküste vor -- z. B. Valencia, Aragonien und Katalonien würden sich gegen Philipp V. erheben -- Rooke sagte, seine letzte Order verböte ihm, weiter als Cadiz zu gehen. Eine Rückkehr nach England lag keineswegs in der Absicht der englischen Regierung, wie aus späteren Befehlen zu ersehen ist. Der Admiral hat diese wohl nicht rechtzeitig erhalten; aber auch eine Aufforderung des englischen Gesandten (Methuen) in Portugal, nach Lissabon zu kommen und dort zu überwintern, konnte seinen Entschluß nicht ändern.
Am 1. Oktober verließ die Flotte die Bucht von Cadiz, nahm vor Lagos Wasser, zweigte hier 6 Linienschiffe mit 2000 oder 3000 Mann auf Transportern unter Kapitän Walker nach Westindien zur Verstärkung Benbows ab und trat dann die Reise nach England an.
Einige Andeutungen über die ebenerwähnten späteren Befehle (genauer in Corbett, Teil II, Seite 266): Mitte August wurde Rooke die Einnahme von Cadiz dringender als bisher ans Herz gelegt; man wußte, daß Frankreich wieder im Adriatischen Meere sich zeige, und glaubte, daß von Toulon eine größere Macht dorthin abgehen solle. Mit dem Zurückbringen seiner Schiffe im Winter brauche Rooke nicht zu rechnen; er könne in Cadiz bleiben, weil im Frühjahr eine große Flotte im Mittelmeer auftreten solle. (Marlboroughs Plan gegen Südfrankreich und Eroberung Neapels für den Kaiser.)
Ein zweiter Befehl, Mitte September, als die ungünstigen Nachrichten von Cadiz eingetroffen, weist wiederum auf Einnahme eines anderen Platzes hin. Man wollte Rooke an der spanischen Küste festhalten, weil man wußte, daß die Silberflotte bald ankommen müsse und in einen spanischen Hafen einlaufen wolle.
Die dritte Verfügung, vom 24. September, als man annahm, die Silberflotte müsse schon unbemerkt eingelaufen sein, fordert wieder die Eroberung von Cadiz; jedenfalls müsse Ormond kräftig unterstützt werden, die großen Schiffe solle Rooke, wenn durchaus nötig, nach Lissabon schicken. Methuen teilte ihm mit, er könne dorthin kommen. Der König schwanke schon, seitdem die Flotte an der Küste sei; käme eine Streitmacht in den Tajo, so würde er den Verbündeten beitreten. Diese Nachricht erhielt Rooke in Lagos.
Stürmische Gegenwinde ließen die Reise längs der Küste nur langsam fortschreiten und hierdurch sollte Rooke die Gelegenheit finden, einen großen Schlag zu tun:
$Die Vernichtung der Silberflotte in Vigo.$ =Château-Renault= hatte mit dieser unbelästigt Westindien verlassen können; auf den Azoren hörte er, daß Rooke mit der Hauptflotte an der spanischen Südküste sei. Seinem Vorschlage, die Galeonen nach einem französischen Hafen zu bringen, trat der spanische Admiral entgegen -- »spanischer Stolz« sagen die französischen Quellen; »Mißtrauen gegen ihren Verbündeten« meinen die englischen --, so entschloß er sich, nach Vigo zu gehen. Am 27. (21.?) September traf er dort ein, gerade noch rechtzeitig, denn auch =Shovel= hatte Mitte September den Befehl erhalten, von der französischen Küste nach Finisterre zu segeln. Methuen in Lissabon scheint Renaults Ankunft sehr spät erfahren zu haben, denn erst zehn Tage darauf kam sein Bote mit der Nachricht in Faro an. Die Flotte hatte soeben die Reise fortgesetzt, so daß der Konsul trotz aller Bemühungen Rooke nicht mehr erreichen konnte. Der Bote traf aber noch einige Transporter beim Wassernehmen und der Kommodore der begleitenden Kriegsschiffe sandte sofort eine Fregatte (Kapitän Hardy) der Flotte nach.
Nach einer anderen Erzählung erfuhr der Kommodore die Ankunft der Silberflotte durch beurlaubte Offiziere -- besonders einen Prediger --, denen gegenüber der französische Konsul damit großgetan hatte, daß Renault den Verbündeten entwischt sei; es ist wohl eine Sage.
Daß der Angriff auf die Silberflotte überhaupt ganz dem Zufall zu verdanken sei, wie oft gesagt, ist nicht richtig. England hatte alle Schritte dazu getan: Methuen gab acht, Shovel hatte entsprechenden Befehl und auch Rooke versuchte sich zu unterrichten. Er fragte auf seiner Reise in Faro an und schickte auch ein Schiff nach Lissabon, doch konnte dieses wegen Sturmes nicht gleich wieder auslaufen. Von England waren acht Fahrzeuge an Shovel und Rooke mit dem Befehle abgesandt, Renault auf der Reise oder in Vigo anzugreifen; Shovels Station wußte man und Rooke hatte seine Kreuzer so vor sich verteilt, daß er voraussichtlich jede Nachricht von England erhalten mußte.
Hardy traf die Flotte bei Finisterre (17. Oktober), Rooke rief seine Kreuzer zurück und sandte sie gegen Vigo, um die Richtigkeit der Nachricht zu prüfen; er selber folgte mit der Flotte. Das schlechte Wetter hatte zwölf Stunden die Kommunikation zwischen Hardy und dem Admiral gehindert und erst am nächsten Tage konnte ein Kriegsrat stattfinden, zu dem auch nur die zu Luward stehenden Flaggoffiziere erschienen. Der Angriff auf Vigo wurde beschlossen. Auf dem Wege dorthin erfuhr Rooke, daß Shovel in der Nähe sei. Er rief ihn zur Mitwirkung heran, wartete jedoch nicht auf seine Ankunft. Sobald die Verhältnisse in Vigo erkundet waren, ging man zum Angriff über.
Im Kriegsrat soll ein großer Teil der englischen Offiziere dagegen gewesen sein, in so später Jahreszeit an der gefährlichen Küste etwas zu unternehmen; Almonde soll energisch dafür eingetreten sein, Rooke nur zögernd eingewilligt haben. Rooke fühlte sich auch während der Durchführung des Angriffes zu krank, um die Kajüte zu verlassen!
Château-Renaults Flotte bestand aus 15 (13?) französischen Linienschiffen, darunter 11 über 70 Kanonen, 3 spanischen, einigen kleineren Kriegsschiffen und 3 Brandern; die Silberflotte zählte 13 Galeonen, 20-30 Kanonen, mit Edelmetallen und wertvollen Gütern beladen. Von dem Silber war allerdings der größere Teil schon ausgeschifft und vieles auch schon landeinwärts gebracht. Der französische Admiral hatte sich nach Möglichkeit eine gute Stellung geschaffen. Die meisten Schiffe und die Galeonen waren in die Bucht von Redondela gelegt; das Fort im Süden der nur 3/4 Seemeilen breiten Einfahrt hatte man durch eine Batterie verstärkt (zusammen 38 Kanonen) und eine zweite Batterie im Norden gebaut (20 Kanonen). In die Einfahrt war eine schwere Floßsperre gelegt, flankiert durch 2 der schwersten Linienschiffe, hinter der Sperre waren 5 Linienschiffe im Halbmond vermoort; diese lagen aber etwas zu weit von der Sperre, um die heransegelnden Feinde gerade bei ihr mit vollem Feuer zu überschütten.
Die Flotte der Verbündeten segelte am 22. Oktober trotz rauhen und unsichtigen Wetters in die Bucht von Vigo ein; unbehindert, weil sich außerhalb der Enge nur bei der Stadt einige schwache Befestigungen befanden. Der Kriegsrat der Flaggoffiziere setzte den Angriff für den nächsten Tag an: 15 englische und 10 holländische Linienschiffe, meist über 70 Kanonen und mit allen Flaggoffizieren, sollten in 7 Gruppen von 3-5 Schiffen die Sperre forcieren, unterstützt von den Mörserbooten und Brandern; etwa 4000 Mann sollten landen und die Befestigungen des Südstrandes nehmen. Am 23. mit Tagesanbruch wurde dem Plane gemäß verfahren. =Vizeadmiral Hopson= führte die erste Gruppe (5 Engländer), =Vizeadmiral van der Goes= die zweite (3 Holländer) und nur diese beiden kamen zur Verwendung.
Die Landung ging (2000-3000 Mann) unter dem Schutze einiger Schiffe ohne Widerstand vor sich; spanische Milizen (8000? Mann), die dem Feinde entgegentraten, wurden leicht in die Flucht geschlagen und darauf die Befestigungen trotz tapferer Gegenwehr (300 bis 500 französische Seesoldaten nebst einigen Spaniern) genommen. Das Landungskorps besetzte Redondela und machte hier reiche Beute an schon gelandeten Gütern; wenn sich auch zahlreiche Mannschaften der Schiffe am Lande befanden, so war doch kein Widerstand organisiert, allgemeine Flucht riß ein. Der Angriff zu Wasser war weniger leicht, wurde aber mit Bravour durchgeführt. Mit der Landung hatten die Schiffe Anker gelichtet, mußten aber wegen Windstille gleich wieder ankern. Als bald darauf Wind aufsprang, kappte Hopson sofort sein Kabel und sprengte unter äußerstem Segeldruck die Sperre; der Wind schlief wieder ein, so daß seine Hinterleute nicht dicht aufgeschlossen bleiben und die Sperre nicht beiseite drängen konnten, zwei Holländer z. B. blieben hängen und mußten sich mit Beilen loshauen. Ein englisches Linienschiff legte sich zwar vor die Nordbatterie und kämpfte sie nieder, aber Hopson lag allein zu Anker hinter der Sperre in schwerem Kampf mit den flankierenden Franzosen, bis bei wieder aufkommendem Winde nach und nach die Schiffe der beiden Gruppen durchsegelten.
Nun begann das Vernichtungswerk. Auf den feindlichen Schiffen herrschte Verwirrung und Schrecken, Renault gab selber bald den Befehl, die Schiffe anzuzünden oder auf Strand zu setzen. Der Widerstand war sehr gering; nur Hopsons Flaggschiff wurde durch einen Brander in Flammen gesetzt, mit Mühe wurde das Feuer gelöscht. Bis Sonnenuntergang waren 6 französische Linienschiffe und 5 noch reich beladene Galeonen genommen, die übrigen Schiffe verbrannt oder gesunken. Der Verlust der Verbündeten war sehr gering, nur Hopsons Schiff hatte gegen 100 Tote, am Lande waren etwa 40 Mann gefallen. Der Verlust der Gegner war bedeutender, vornehmlich an Gefangenen, doch wurden diese bis auf die Offiziere -- worunter Renault, mehrere französische Kapitäne und auch der spanische Admiral -- freigelassen.
Wohl mit Recht sagt Colomb, daß es von Renault richtiger gewesen sein würde, nur die Galeonen in die innere Bucht zu legen und mit den Kriegsschiffen den Gegner in der äußeren Bucht zu erwarten, wo er die Breitseiten aller Schiffe hätte zur Verwendung bringen können. Er muß seine Stellung für unbedingt sicher gehalten haben; es ist doch auch auffallend, daß man während der drei Wochen nicht alle Schätze der Galeonen geborgen hatte. Renault wurde zwar später Marschall, doch nicht wieder zur See verwendet; man traute seinem Stern nicht mehr.
Der Erfolg war groß. Frankreich verlor bei Beginn des Krieges ein stattliches Geschwader, Spanien einen großen Teil seiner Hilfsmittel. Die Silberflotte mit der Bergwerksausbeute von zwei Jahren soll eine der reichsten gewesen sein, die je gefahren ist. Portugal erkannte die Macht der Seemächte. Colomb nimmt diesen Fall als Beispiel für das Gelingen von Unternehmungen gegen Land, wenn man die See beherrscht. Daß die Verbündeten die See beherrschten, war eine Folge der falschen Kriegführung der Franzosen, hervorgerufen durch falsche Sparsamkeit oder Unverständnis. Man hätte eine Flotte zur Aufnahme Château-Renaults zusammenziehen können; in Brest, Toulon sowie den kleineren Häfen waren Divisionen im Dienst und an Schiffen fehlte es überhaupt noch nicht.
Für =Rooke= war der Vorfall von großem Nutzen. In England wie in ganz Europa war der Eindruck großartig, er verdunkelte in diesem Jahre die Erfolge Marlboroughs und Eugens; in Holland wurden Dankgottesdienste und Freudensalute in allen Grenzfestungen angeordnet. Der Admiral wurde wieder beliebt, besonders im Unterhause, und die Klagen Ormonds im Oberhause über mangelhafte Unterstützung seitens der Flotte hatten keinen Erfolg. Rooke verteidigte sich dagegen mit der schlechten Vorbereitung der Expedition; eine Sache, auf deren nähere Untersuchung die Minister und die Admiralität lieber nicht eingingen.
Seine Abneigung gegen die Pläne der Regierung zeigte Rooke nochmals gleich nach Vigo. Einige Tage nach dem Ereignis traf Shovel ein, ihm überließ der Chef die weiteren Maßregeln für Verladen der Beute und Kanonen, Segelfertigmachen der Prisen, Zerstörung des Nichtmitzunehmenden, Einschiffen der Truppen; er selbst ging mit dem größten Teil der Flotte, darunter die ihm so sehr am Herzen liegenden Dreidecker, nach England. Shovel folgte einige Tage später. Vergeblich hatten wiederum der Prinz von Hessen und Ormond gebeten, auch die Stadt Vigo zu nehmen, dem Landungskorps ein starkes Geschwader zu lassen und so den gewünschten Stützpunkt zu schaffen. Rooke ging nicht darauf ein, er hatte auch sofort seine Transporter mit Proviant und Material nach der Heimat vorausgesandt. Corbett sagt: »So hat Rooke doch seinen Willen behalten. Der Plan der Regierung war gescheitert, er aber hat »etwas an der Küste getan« (wider Erwarten sogar einen großen Erfolg erzielt) und seine Schiffe vor dem Winter heimgebracht.«
Die Flotte wurde nach Rückkehr aufgelöst, die großen Operationen waren zu Ende.
$Die Jahre 1703 und 1704. Einnahme von Gibraltar, Schlacht bei Malaga.$ Das Jahr 1703 bringt uns wenig Tatsachen, eigentlich nur Pläne, die erst in späteren Jahren zur Ausführung kommen. Im Winter 1702/03 fanden in London Beratungen über die nächsten Operationen statt, denen auch Marlborough und de Almonde beiwohnten; es war für dieses Jahr dem Kaiser versprochen worden, ihn bei der Eroberung beider Sicilien zu unterstützen. Es wurde beschlossen, schon im Februar 30 englische und 12-15 holländische Linienschiffe ins Mittelmeer zu senden; da man annahm, daß Rooke nicht damit einverstanden sein würde, sollte er »mit Rücksicht auf seine Gesundheit« die Admiralität übernehmen. Diesen Plan ließ man jedoch fallen, entweder weil die Schiffe wegen der späten Rückkehr im Vorjahre nicht fertig geworden waren, oder und wahrscheinlicher weil der Kaiser infolge der ungarischen Unruhen keine Truppen stellen konnte. Man setzte nun eine 96 Schiffe starke Flotte im Kanal fest, von der nur 35 Linienschiffe unter =Shovel= für das Mittelmeer abgezweigt werden sollten. Der Befehl für diese[266] lautete: den Frühjahrs-Levanteconvoi sicher bis Malta zu führen; die Verträge mit den Barbaresken zu erneuern und sie womöglich zur Kriegserklärung gegen Frankreich zu bewegen; Toskana und Venedig, die zu Frankreich neigten, zu strenger Neutralität zu zwingen; das Adriatische Meer für Österreich freizuhalten, dieses in Norditalien sowie die habsburgische Partei in Neapel zu unterstützen; bei günstiger Gelegenheit Cadiz, Toulon oder andere spanische oder französische Häfen anzugreifen; endlich im September/Oktober den Levanteconvoi heimzuführen. (Nach Corbett war in einem Begleitschreiben der Hauptwert auf Sicherung der Convois gelegt.) Shovel sollte frühzeitig segeln, wurde aber sehr verzögert und dadurch gehindert, etwas von Bedeutung auszuführen; der Rest der Seestreitkräfte war noch tatenloser, für die Flotte im Kanal stellte Holland kein Schiff.
[266] Genauer Corbett, Teil II, Seite 228 ff.
Holland stellte in Dienst: 12 Linienschiffe für die Nordsee, hauptsächlich zur Deckung der erwarteten Ostindienfahrer; 10 Linienschiffe gegen Dünkirchen und gegen eine Division Galeren in Ostende. Es sollte 18 Linienschiffe für das Mittelmeer stellen, brachte es aber nur auf 12, die erst am 25. Juni in Spithead eintrafen. Außer Amsterdam und Maas klagten die Admiralitäten über Geldmangel; Wilhelm von Oranien fehlte eben.
Die Hauptflotte der Engländer unter =Rooke= trat frühzeitig, aber nur nach und nach zusammen; genaue Angaben fehlen, englische Quellen nennen sie »vast«. Ihre Order war »so altmodisch wie möglich, ganz nach Rookes Geschmack« (nach Corbett): Im Kanal und in der Biscaya die Küsten bedrohen, um französische Truppen vom Landkriege abzuziehen, den Handel zu stören und die feindlichen Divisionen in den Häfen festzuhalten. Selbst hierin wurde nichts geleistet. Rooke blieb untätig in Spithead; als Ende April bekannt wurde, daß ein Geschwader von Brest nach Toulon gehen wolle, erhielt er ausdrücklichen Befehl auszulaufen; er schützte Krankheit vor und gehorchte erst, als man mit seiner Ablösung drohte. Die Flotte kreuzte dann den Sommer über, ohne mit dem Feinde zusammenzustoßen, zu obengenannten Zwecken; dazu würde auch die Hälfte der Streitkräfte genügt haben.
Das langsame Sammeln der Hauptflotte und das späte Eintreffen der Holländer hielten =Shovel= auf, erst am 12. Juli ging er mit 35 Linienschiffen in See. Inzwischen waren zwei wichtige Punkte zu seinen Aufgaben hinzugetreten. Als Portugal sich offen gegen Frankreich erklärt hatte, rüstete Ludwig XIV. ein Geschwader in Toulon gegen dieses Land aus und auch das erwähnte Brestgeschwader war wohl dazu bestimmt -- in diesem Jahre die einzigen Anzeichen für ein geplantes größeres Unternehmen von seiten Frankreichs. Ferner hatten sich in Südfrankreich die protestantischen Bauern erhoben (die Camisarden, Cevennenkrieg) und auch Savoyen zeigte sich den Verbündeten geneigt. Wenn man Savoyen gewann und den Empörern die erbetene Unterstützung, von Cette her, gewährte, mußten die Franzosen in Norditalien in sehr bedrängte Lage kommen. Hierfür erhielt Shovel entsprechende Befehle, auf Portugal brauchte bei seiner Abfahrt schon keine Rücksicht mehr genommen zu werden. Ludwig hatte die Indienststellungen in Toulon aufgegeben, da er die Rüstung der Verbündeten für das Mittelmeer überschätzte; Portugal wurde dadurch überzeugt, daß die Seemächte es schützen könnten. Dies war aber auch der einzige Erfolg der diesjährigen Mittelmeerexpedition, zu allem andern war sie zu spät in See gegangen.
Shovel erreichte erst am 5. August Lissabon. Der Vorschlag Almondes, Cadiz anzugreifen, fand im Kriegsrat keinen Anklang; Shovel erklärte, seine anderen Aufgaben, insbesondere die Unterstützung der Camisarden, gingen vor. Am 9. September auf der Höhe von Cartagena angekommen, beschloß der Kriegsrat, wegen der vorgerückten Jahreszeit nur 2 Kriegsschiffe mit Waffen und Kriegsmaterial an die gefährliche Küste bei Cette zu senden, mit der ganzen Flotte aber und mit den dorthin bestimmten Kauffahrern nach Livorno zu gehen; wieder schlug Almonde vor, gerade wegen der vorgerückten Jahreszeit die Kauffahrer nur unter einer Bedeckung segeln zu lassen und zu versuchen, mit der Flotte doch noch andere der gestellten Aufgaben zu lösen. Die nach Cette gesandten Schiffe kehrten bald zurück, die verabredeten Signale waren von den Aufständischen nicht beantwortet worden. Infolge ungünstiger Winde traf die Flotte erst am 30. Oktober in Livorno ein, die Zeit ihrer Heimfahrt war also schon längst gekommen. Die kurze Spanne, die allenfalls noch geopfert werden konnte, benutzte Shovel zur Einwirkung auf Toskana.
Großen Eindruck soll es in Livorno gemacht haben, als die Flotte auf die Nachricht, daß Karl von Österreich zum König von Spanien ausgerufen sei, Salut feuerte.
In Livorno hörte man, daß zwar noch keine österreichischen Truppen in Neapel seien, daß es aber sehr günstig gewesen wäre, wenn die Flotte dort erschienen wäre, wie Almonde vorgeschlagen hatte. Wir wissen, daß dieser schon im vorigen Kriege oft das Richtige geraten und auch durchgesetzt hatte. Jetzt aber, nach Wilhelms III. Tode, war das Verhältnis zwischen den englischen und holländischen Offizieren sehr viel schlechter geworden; diese beklagten sich mehrfach darüber, daß sie nicht mehr beachtet würden und natürlich gegen die überwiegende Stimmenzahl im Kriegsrate nicht durchdringen könnten.
Die Flotte ging dann nach England zurück, von dem holländischen Kontingent überwinterten 6 Linienschiffe in Lissabon. Erreicht war also nur, daß Frankreich sich im Mittelmeer nicht rührte, daß Toskana eingeschüchtert wurde, und vielleicht hat das Erscheinen der Flotte auch Savoyens Abfall von Frankreich beschleunigt. Eine zu den Barbaresken gesandte Flottenabteilung hatte zwar die Verträge erneuert, aber die Kriegserklärung gegen Frankreich nicht erreicht.
Ein nachgesandter Befehl, ein Geschwader für das Adriatische Meer zurückzulassen, traf Shovel nicht mehr. Er hätte ihn auch nicht befolgen können, da die Schiffe zu schlecht ausgerüstet waren und die Besatzungen sehr unter Krankheit litten.
Nach dem Eintreffen in der Heimat erlitten die so wenig widerstandsfähigen Schiffe ein großes Unglück. In einem schweren und anhaltenden Sturme, Ende November bis Anfang Dezember, gingen in den Downs 9 Linienschiffe und 4 andere Fahrzeuge mit 1500 Mann verloren, die übrigen Schiffe wurden fast zu Wracks. Shovels Flaggschiff rettete sich durch Kappen der Masten; Vizeadmiral Fairborne wurde, vor dem Sturme lenzend, bis in die Ostsee vertrieben, und galt bis zu seiner Rückkehr im Frühjahr für verloren; in diesem Sturme wurde auch der Leuchtturm von Eddystone völlig weggewaschen.
Wie $das Jahr 1704$ im Landkriege sehr bemerkenswert ist, so bringt es auch zur See wichtige Unternehmungen sowie die einzige Seeschlacht dieses Krieges. =Portugal= war den Gegnern Frankreichs nur unter der Bedingung beigetreten, daß der von diesen aufgestellte König Karl III. in Lissabon lande und von hier aus sein Reich erobere; die Seemächte sollten dazu 10000 Mann Infanterie und 2000 Kavallerie stellen sowie ständig eine Flotte in den portugiesischen Gewässern halten. Die Verhandlungen hatten schon im Sommer 1703 begonnen, zogen sich aber so lange hin, daß die Rüstungen erst im November fertig wurden, und nun hinderte die ebenerwähnte Sturmperiode, die am 21. November einsetzte und fast den ganzen Dezember andauerte, das Zusammentreten der Expedition in Portsmouth.
Der größere Teil des für die Expedition bestimmten holländischen Kontingents wurde auf der Fahrt von Texel nach der Maas in die Nordsee vertrieben und traf erst am 3. Januar in Portsmouth ein. In der Maas lag der Rest der Holländer sowie eine Anzahl englischer Schiffe, mit dem König Karl, seiner Begleitung und Truppen an Bord; auch dieser Teil der Flotte konnte erst am 3.-4. Januar nach England hinübergehen. Sowohl in der Nordsee wie in der Maas waren die meisten Fahrzeuge -- Kriegsschiffe, Transporter und Kauffahrer --, denn auch ein Convoi sollte angeschlossen werden -- schwer beschädigt, so daß längere Ausbesserungen nötig waren; die sechs Wochen in der Nordsee gewesenen Schiffe mußten ihre Ausrüstung ergänzen.
Erst am 16. Januar 1704 konnte die Flotte Spithead verlassen und kanalabwärts segeln, wurde aber durch Sturm wieder nach Torbay zurückgetrieben und dort drei Wochen festgehalten, bis sie endlich am 24. Februar die Reise antrat. Den Oberbefehl führte =Sir George Rooke=; die Flotte zählte 17 (18?) englische und 12 holländische (Leutnantadmiral Callenburgh) Linienschiffe, einige Fregatten, 3 holländische Mörserboote und Transporter mit Truppen; ein großer Convoi schloß sich an, so daß gegen 300 Segel beisammen waren. Um König Karl möglichst bald überzuführen, segelten 23 Linienschiffe voraus; der Rest der Kriegsschiffe folgte mit dem Convoi später, traf aber nur wenige Tage nach dem Könige in Lissabon ein.
Holland hatte sich verpflichtet, 24 Linienschiffe zu stellen. 6 waren im Vorjahre in Lissabon geblieben, 12 stießen zu Rooke, es fehlten also 6. Zwar stellte die Republik 1704 wieder 35 in Dienst, behielt aber 17 in den nördlichen Gewässern, geteilt in 3 Geschwader: Schutz der Nordsee; gegen Dünkirchen und die Galeren in Ostende; zum Erwarten der Ostindienfahrer. Zum Handelsschutz traten noch 35 Konvoijers hinzu. Man erreichte, daß in diesem Jahre Handel und Fischerei geringere Verluste erlitten, als je zuvor in diesem oder dem früheren Kriege; die Franzosen wagten nur wenige Vorstöße und diese schlugen fehl. Aber England erhob doch später die Klage, Holland habe die »gemeinsame« Sache vernachlässigt.
England stellte im Frühjahr unter =Shovel= noch eine zweite Flotte auf -- das West-France-Squadron, 25 Linienschiffe, das auch bald ins Mittelmeer ging.
Nach der Landung des Königs und der Truppen, Mitte März, ging Rooke mit dem größeren Teile der Flotte in See, um an der spanischen Küste gegen den Handel zu kreuzen und um eine Vereinigung der französischen Mittelmeerstreitkräfte mit denen des Atlantik zu hindern.
Ludwig XIV. hatte für dieses Jahr noch einmal eine Gesamtverwendung seiner Kräfte ins Auge gefaßt. Im Vorjahre waren die Divisionen in den nördlichen Häfen blockiert, der Handel hatte sehr gelitten und auch die Toulonflotte war am Auslaufen gehindert. Jetzt sollte alles zusammengezogen werden, um, gestützt auf Toulon und die spanischen Häfen, schon von der Straße von Gibraltar an die Seeherrschaft im Mittelmeer zu behaupten. In allen Häfen wurde eifrig gerüstet. Es wurden auch insgesamt etwa 55 Linienschiffe in Dienst gestellt und schließlich vereinigt -- im Norden scheint nur in Dünkirchen eine Division von 3-5 Schiffen zurückbehalten zu sein --, aber wegen Geldmangels blieben die Rüstungen sehr zurück, besonders in Toulon. Die Atlantikflotte, 25 Schiffe unter dem Admiral von Frankreich, dem jetzt 26 Jahre alten =Graf von Toulouse=, lief am 6. Mai von Brest aus und erreichte, wie wir sehen werden, Anfang Juni wohlbehalten Toulon; die Toulonflotte, 30 Schiffe, war aber erst Ende Juli seeklar. Als man in England erfuhr, daß die Divisionen in den atlantischen Häfen bereit seien, erhielt =Shovel= (Mitte April) den Befehl, seine eben erwähnten Kräfte zusammenzuziehen und auszulaufen; er sollte ausgehende Convois sowie die Zufuhren nach Lissabon schützen, die Vereinigung der französischen Divisionen hindern oder, wenn diese schon geschehen, den Gegner in Brest festhalten und, falls dieser schon nach dem Süden ausgelaufen sei, zu Rookes Verstärkung ihm folgen.
Corbett sagt: »Man findet hierin den von Oranien (und Marlborough) zuerst gefaßten und seitdem fast stets durchgeführten Gedanken, daß das Kanal- und das Mittelmeergeschwader als »eine« Flotte zu betrachten ist, die je nach der Verteilung der feindlichen Kräfte innerhalb oder außerhalb der Straße von Gibraltar zusammen oder geteilt verwendet wird.«
Shovel erhielt bei Lizard Mitte Mai die Nachricht, daß Toulouse schon in See sei, er suchte ihn vergeblich vor dem Eingang des Kanals und ging dann nach dem Süden. Ende Juni vereinigte er sich mit =Rooke=, dessen Operationen wir jetzt folgen müssen, da sie allein für den Krieg von Bedeutung sind; in wie enger Verbindung sie mit dem Landkriege standen, zeigen die Befehle, die Rooke erhielt. Der erste Befehl hatte nur besagt, Portugal und König Karl bei der Eroberung Spaniens zu unterstützen und die Vereinigung der Franzosen zu hindern. Bald darauf wurde aber hinzugefügt, der Admiral könne auch an der Küste der Provence zur Unterstützung Savoyens auftreten, und dieser Zusatz erhielt Ende März eine genauere Fassung. Man hatte erfahren, daß Frankreich beabsichtige, Nizza und Villafranca zu erobern, um nach dem Abfall Savoyens eine sichere Verbindung mit dem Heere in Italien, auch über See, zu behalten. Rooke bekam deshalb Befehl, ins Mittelmeer zu gehen und sich so zu halten, daß er den Städten sofort Hilfe bringen könne, wenn er gerufen würde. Der Befehl war sonst ähnlich, wie der Shovel im Jahre 1703 gegebene: Unterstützung des Landkrieges in Norditalien; Abschneiden der Seeverbindung der französischen Heere, ihr Freihalten für die Kaiserlichen; auch der Befehl, die Vereinigung der Franzosen zu hindern, blieb bestehen. Aber der Wirkungskreis der Flotte war doch jetzt ausdrücklich =ins= Mittelmeer verlegt, mit dem Hinzufügen, daß König Karl auch an der Ostküste Spaniens erfolgreich unterstützt werden könne. Rooke erhielt aber gleichzeitig (nach Corbett) geheime Instruktionen und Marlborough stand jetzt in geheimer Beratung mit Prinz Eugen über ihr gemeinsames Vorgehen. Auch hatte der General den Herzog von Savoyen benachrichtigt, daß im Frühjahr 1704 eine mächtige Flotte erscheinen werde, um ihn zu unterstützen; er selbst wolle durch einen kräftigen Vorstoß Ludwig XIV. hindern, seine Truppen in Italien zu verstärken. Rooke wurde nun dahin verständigt, daß der Krieg in Spanien für die Flotte, ja für den ganzen Kriegsplan, nicht die Hauptsache sei. Mit dem Vorstoß Marlboroughs und Eugens an der Donau -- dem linken Flügel der langen französischen Stellung solle durch Savoyen und die Flotte ein Angriff auf Toulon -- die Mitte dieser Stellung und den Stützpunkt der französischen Macht am Mittelmeer -- erfolgen, die Eroberung Spaniens sei nur als eine Diversion auf dem rechten Flügel anzusehen. Die Flotte habe sich an den Unternehmungen in Spanien nur soweit zu beteiligen, als zur Verbergung ihrer Hauptaufgabe nötig sei; wenn der Angriff auf Toulon gelungen wäre, solle Rooke versuchen, Neapel und Sicilien zu gewinnen. Dieser Plan sei streng geheim zu halten, gelte aber als Hauptrichtschnur der Flotte, solange Savoyen mitwirken wolle; nur die Unterstützung Nizzas und Villafrancas sowie das Festhalten der Toulonflotte gehe vor.
Corbett fügt hinzu: Dieses Programm war für Rooke allerdings kaum durchführbar und hing zu sehr von Savoyen ab. Und doch darf es nicht ganz als eine Illusion verworfen werden, sondern kann als einen Hinweis auf die große strategische Kraft betrachtet werden, die in einer Mittelmeerflotte (einer englischen?) liegt. Bei richtiger Auffassung der Lage und dementsprechender Verwendung seiner Streitkräfte konnte Rooke vier französische Armeen festhalten und sie hindern, Verstärkungen nach dem Hauptkriegsschauplatz abzugeben.
=Rooke= erhielt die letzte Order Ende April in Lissabon, als er von seiner Kreuzfahrt zurückkam, und machte sie im Kriegsrate bekannt, soweit sie nicht geheim war; es wurde beschlossen, sofort ins Mittelmeer zu gehen, um in Katalonien für König Karl zu operieren und doch für die bedrohten Städte bei der Hand zu sein. Am 8. Mai verließ Rooke mit 33 Linienschiffen und den 3 Mörserbooten Lissabon; bei Kap Palos wurden 6 Franzosen, die von Toulon ausgelaufen oder in Spanien gewesen waren, ohne Erfolg gejagt; gegen Ende des Monats traf die Flotte in =Barcelona= ein. Der =Prinz von Hessen= war der Überzeugung, daß sich die Stadt für König Karl erklären werde, sobald eine militärische Demonstration gegen sie gemacht würde; es wäre dies auch vielleicht eingetroffen, wenn nicht der Gouverneur ein tatkräftiger Mann gewesen. Am 30. Mai wurden 1600 Seesoldaten ohne Widerstand gelandet und dem Prinzen zur Verfügung gestellt, die Mörserboote legten sich in Schußweite bereit. Aber auf die Aufforderung zur Übergabe eröffneten die Spanier das Feuer gegen die Mörserboote und als diese am nächsten Tage einige Bomben geworfen hatten, wurde bekannt, daß der Gouverneur die vornehmsten Anhänger Karls verhaftet habe, daß andere geflohen seien und daß die Besatzung gewillt wäre, auszuhalten. Zu einer förmlichen Belagerung war das Landungskorps nicht stark genug, eine ernstliche Beschießung der Hauptstadt einer vorwiegend habsburgisch gesinnten Provinz wollte man vermeiden und Rooke mußte ja auch nach seinem Geheimbefehl alle Unternehmungen hier nur als Diversionen betrachten, war also geneigt, sich nicht zu weit einzulassen. Die Einschiffung der Soldaten wurde beschlossen, zu ihrer Deckung und zur Genugtuung der herbeigeströmten karlistischen Landbevölkerung warf man noch einige Bomben, dann ging die Flotte nach den Hyèren-Inseln in See. Eine Division wurde zur Erkundung gegen Toulon abgezweigt, vereinigte sich aber bald wieder mit der Hauptmacht. Bei den Hyèren erhielt Rooke vom englischen Gesandten in Lissabon die Nachricht, daß =Graf Toulouse= mit den Schiffen von Brest auf der Fahrt zum Mittelmeer an der portugiesischen Küste gesehen sei. Da eine der Hauptaufgaben der verbündeten Flotte war, eine Vereinigung der französischen Streitkräfte zu hindern, und da die andern nur gelöst werden konnten, wenn man die See beherrschte, beschloß der Kriegsrat (5. Juni) ganz richtig, Toulouse entgegenzugehen, ihn anzugreifen oder, falls er gesichert in Cadiz läge, nach Lissabon zu gehen, um Shovel, dessen Order man kannte, aufzunehmen und dann Toulouse zu folgen.
Corbett sagt hierzu: Auch nach seiner Geheiminstruktion mußte Rooke so handeln, da sich die Verhältnisse geändert hatten. Als der Gesandte Englands im April nach Turin kam, sah er, daß der Herzog dem Plane eines Angriffs auf Toulon nicht mehr geneigt war; Holland soll, mehr auf den Schutz seines Handels bedacht und deshalb gegen größere Unternehmungen im Mittelmeer gestimmt, von einer so gewagten Operation abgeraten haben. Auch wurde in England bekannt, daß Frankreich von dem Angriff auf Nizza und Villafranca abgesehen habe, um die dafür bestimmten Truppen zur Armee in Piemont (Belagerung Turins) stoßen zu lassen, sowie, daß die österreichischen Truppen in Norditalien zu schwach seien, um einen Erfolg in der Provence zu erzielen. Infolgedessen erging ein neuer Geheimbefehl an Rooke, nach dem neben der Beobachtung der Brestflotte der Hauptwert wieder auf den Krieg in Spanien gelegt wurde; der Admiral habe sich zu diesem Zweck dem König von Portugal und Karl III. zur Verfügung zu stellen. -- Diesen Befehl, von Mitte Mai, kann Rooke allerdings bei den Hyèren nicht mehr erhalten haben, wohl aber vom Gesandten in Turin die Nachrichten, durch die er hervorgerufen war.
Schon am 7. Juni bekamen die Aufklärungsschiffe und am nächsten Tage die Flotte Toulouse in Sicht, 40-50 Segel, darunter etwa 25 Linienschiffe. Die Franzosen standen zu Luward und bildeten die Gefechtslinie; flauer Wind hinderte zwei Tage hindurch die Verbündeten, näher heranzukommen, sowie auch den Versuch, den Gegner von Toulon abzuschneiden -- Clowes sagt, mit dem Abhalten eines Kriegsrates sei Zeit verloren worden. Da sich die Flotten immer mehr Toulon näherten und man damit rechnen mußte, daß aus diesem Hafen Verstärkungen entgegenkommen würden, brach man die Verfolgung ab und nahm die Reise nach Lissabon auf. Den Franzosen war die Vereinigung geglückt.
Rooke traf am 26. Juni in der Bucht von Lagos mit Shovel zusammen. Es war also kein Grund mehr da, nach Lissabon zu gehen, und die Flotte, jetzt 56-58 Linienschiffe, war selbst der vereinigten französischen gewachsen. Die Admirale, die jetzt nur noch diese im Auge hatten, wären gern ins Mittelmeer zurückgegangen, am nächsten Tage aber erhielt Rooke den offenen Befehl, sich ganz den beiden Königen zur Verfügung zu stellen. Er mußte also in Lissabon anfragen, und da er wußte, daß den Königen viel an einem Unternehmen in Andalusien, besonders gegen Cadiz, liege, erklärte er sich bereit, auf dem Weg ins Mittelmeer diese Stadt anzugreifen, falls genügend Landtruppen zur Verfügung ständen. Die Antwort erwartend, ging er zum Wassernehmen nach Malaga -- er mußte sich mit Waffengewalt der Wasserplätze bemächtigen -- und hielt dann die Straße von Gibraltar besetzt. Erst gegen Ende Juli traf die Antwort ein; sie war zustimmend, aber Truppen waren nicht verfügbar. Da faßte der Kriegsrat am 27., 20 Seemeilen östlich von Tetuan, den Beschluß, von Cadiz abzusehen, aber $Gibraltar zu erobern$.
Auf eine Eroberung der Stadt Cadiz zu verzichten, war wohl richtig. Zwei Jahre vorher war sie trotz der Verwendung eines großen Landungsheeres nicht gelungen, jetzt standen nur die Besatzungen der Schiffe zur Verfügung; man durfte auch nicht wagen, die ganze Flotte für eine nicht absehbare Zeit festzulegen, da doch mit dem Erscheinen der französischen Seestreitkräfte gerechnet werden mußte. Bei Gibraltar lag die Sache anders, die Befestigungen waren unbedeutend und die Besatzung schwach; beides war bekannt und man konnte von einem plötzlichen Angriff Erfolg erwarten, ohne viel aufs Spiel zu setzen. Ein Handstreich erforderte weder lange Zeit noch die Verwendung der ganzen Flotte -- sogar weit weniger Schiffe, als tatsächlich dazu herangezogen wurden --, der Hauptteil konnte bereitgehalten werden, den Franzosen entgegenzutreten.
Die von Natur sehr starke Lage der Festung war damals noch nicht ausgenutzt, der Fels noch nicht befestigt Im Mittelalter war die an der Westseite des Felsens terrassenförmig liegende Stadt nur mit Stadtmauer und Türmen umgeben, eine Mole (die alte) bildete den Galerenhafen. Später waren die Mauern durch modernere Umwallungen ersetzt, ein Fort im Süden der Stadt am Strande erbaut, durch eine neue Mole ein Hafen für Segelschiffe geschaffen und dieser durch kleine Kastelle auf dem Molenkopfe sowie am Strande geschützt; immer blieb es nur eine Befestigung zum Schutz gegen Überfälle der Barbaresken. Eine Citadelle war nicht vorhanden, weil das alte maurische Schloß in der Stadt als solche aufgegeben und ein Ersatz noch nicht geschaffen war; die bei Beginn des Krieges von französischen Genieoffizieren geplanten Verbesserungen hatte man noch gar nicht in Angriff genommen. Die Besatzung betrug kaum 100 Mann regulärer Truppen, die sonst zur Verfügung stehenden waren in den wichtigeren Häfen Andalusiens zusammengezogen; mit der Miliz gebot der Gouverneur kaum über 500 Mann und 100 Geschütze, eine Macht, für die selbst die vorhandenen Befestigungen noch zu ausgedehnt waren.
Nachdem der Angriff beschlossen war, ankerte die Flotte in der Tangerbucht. Hier wurden die Dispositionen ausgegeben und die Vorbereitungen getroffen. Ein kleines Geschwader wurde nach Osten gesandt, um auf der Höhe von Malaga als Vorposten gegen die Franzosen zu dienen, die Flotte segelte am 31. Juli zur $Ausführung des Angriffes$ nach Gibraltar hinüber.
Voran liefen 17 Linienschiffe nebst den 3 Mörserbooten unter Kontreadmiral =Byng=; sie waren zum Angriff von See aus bestimmt und ankerten am 1. August dicht unter der Stadt. Rooke mit dem Rest der Flotte, auf dem auch die Seesoldaten der Schiffe Byngs eingeschifft waren, legte sich auf die Westseite der Bucht von Gibraltar. Sofort wurden 1800 Seesoldaten gelandet; sie marschierten unter Befehl des =Prinzen von Hessen= nach der Landenge und schlossen die Stadt vom Festlande ab; der Prinz ließ diese im Namen König Karls zur Übergabe auffordern. Byng war von den Batterien mit Feuer empfangen, da er aber vor der Beantwortung der Aufforderungen die Feindseligkeiten nicht eröffnen sollte, warpte er seine Schiffe aus dem Feuerbereich. Während der Nacht traf keine Antwort ein. Byng gab am 2. August morgens den Befehl, die Beschießungsstellung einzunehmen. Während der Ausführung, die den ganzen Tag bis in die Nacht hinein in Anspruch nahm, kam die Antwort des Gouverneurs, daß er die Stadt als treuer Soldat verteidigen werde; Rooke sandte nun noch 5 Schiffe. Die Schiffe wurden folgendermaßen in eine Linie gelegt: 6 Holländer, 60-70 Kanonenschiffe unter v. d. Dussen, gegenüber der alten Mole; 10 Engländer, 70 Kanonenschiffe unter Byng, gegenüber der Stadt und dem Südfort; 6 Engländer, unter Kapitän Hickes, gegenüber der neuen Mole.
Der 2. August ging ohne ernstlichen Kampf hin. Die Spanier versuchten von Zeit zu Zeit durch ihr Feuer die Manöver zu hindern; Byng ließ während der Nacht, um den Feind zu beschäftigen, von den außer der Linie liegenden Mörserbooten einige Bomben werfen und ein französisches Schiff, das an der alten Mole lag, durch Boote verbrennen. Am 3. August mit Hellwerden war die Stellung eingenommen und zwar so nahe am Lande, daß z. B. Byng nur 1 bis 2 Fuß Wasser unter dem Kiel hatte. Die Spanier eröffneten wieder das Feuer, dieses wurde jetzt aber von allen Schiffen der Verbündeten breitseitweise beantwortet. Man sah noch die Einwohner, Frauen und Kinder, aus der Stadt nach der Kirche S. Maria von Europa, auf der Südspitze des Felsens gelegen, flüchten, dann nahm der Pulverrauch alle Aussicht, so daß Rooke durch Boote zunächst den Befehl geben mußte, das Feuer der oberen Batterien einzustellen, um überhaupt ein Zielen zu ermöglichen, später das Feuer ganz abzubrechen, um den Erfolg festzustellen. Es war gegen Mittag, der Feind hatte seit einer Stunde nicht mehr geantwortet. Das Feuer der Verbündeten scheint nicht viel Wirkung gehabt zu haben -- nach de Jonge; die anderen Quellen schweigen darüber -- nur auf Hickes' Division wurde bemerkt, daß das Fort auf der Südmole außer Gefecht gesetzt war und daß die Besatzung floh. Hickes sandte die Meldung an Byng, daß eine Landung hier Erfolg verspreche. Byng ließ seine sämtlichen Boote armieren und bat Rooke um die der übrigen Schiffe; schon ehe diese kamen, ging Hickes mit seinen Booten vor, die Byngs schlossen sich nach und nach an. Beim Nahen der ersten Boote begannen die Flüchtlinge aus der Kirche nach der Stadt zurückzuströmen; als das Flaggschiff dieses durch einige Schüsse hindern wollte, hielten die andern Schiffe es für das Signal zur Wiederaufnahme des Feuers, was für kurze Zeit geschah.
Die Landung fand keinen Widerstand, brachte aber doch empfindliche Verluste, da ein Pulvermagazin im Molenkastell durch Unvorsichtigkeit der ohne Ordnung Vordringenden aufflog; mehr und mehr verstärkt setzten sich die Gelandeten vor dem Südfort fest. Während des ganzen Tages hatte auch der Prinz von Hessen angegriffen; die Verteidiger waren überall hart bedrängt und die geflohenen Familien von der Stadt abgeschnitten, da schloß denn der Gouverneur auf eine erneute Aufforderung die Übergabe ab. Die Besatzung verließ am 4. August mit allen militärischen Ehren die Stadt. Diese wurde im Namen Karls III. in Besitz genommen; die Eroberung hatte den Verbündeten etwa 280 Mann gekostet, fast das Dreifache der Besatzung an regulären Truppen.
Rooke soll die nach der Übergabe geheißte Flagge Karls niedergeholt und die englische geheißt haben. Corbett sagt, nach neuern Forschungen in spanischen Quellen sei dies nicht der Fall gewesen, und die alte Behauptung sei wahrscheinlich dadurch hervorgerufen, daß die Engländer auf den eroberten Werken zunächst ihre Flagge gesetzt hätten.
So war Gibraltar im Namen König Karls erobert. England besetzte es aber vorläufig und behielt es nach dem Friedensschluß; König Philipp V. mußte damit seine Anerkennung seitens Englands bezahlen. Englische Quellen sagen, die Stadt würde spanisch geblieben sein, wenn Karl III. den Thron behalten hätte. Da England schon lange einen Stützpunkt im Mittelmeer, besonders zur Beherrschung der Straße, wünschte, dürfte dies wohl nicht so ganz ausgemacht sein. Schon in diesem Kriege wurde Gibraltar ein beliebter Sammelpunkt für die Seestreitkräfte der Verbündeten, wenn es auch wegen Mangel an Einrichtungen noch nicht als Stützpunkt dienen konnte; dies blieb Lissabon bis zur Erwerbung Port Mahons.
=Die Besitzergreifung Gibraltars hat dem Namen Rookes eine bleibende Erinnerung gesichert=, das richtige Urteil und der Mut der Verantwortung, die er durch diese Tat bewiesen hat, sind ihm hoch angerechnet. »Mit Recht«, sagt hierüber z. B. noch Mahan, »denn Rookes richtigem Urteil und seinem Mut der Verantwortung verdankt England den Schlüssel zum Mittelmeer.« Neuere englische Autoren, Corbett und Clowes, urteilen aber einschränkender. So führt Corbett aus, daß die Einnahme der Stadt keineswegs eine so hervorragende militärische Leistung gewesen wäre, als die sie so lange angesehen sei. Sie sei auch von andern Admiralen der Flotte, z. B. Byng, für keine schwere Aufgabe gehalten worden, aber »Rooke had always the grand manner and he approached it with all the pomp of a great operation«. Die gegebene Beschreibung dürfte dies bestätigen: 22 Linienschiffe und 2000 Mann gegen schwache Befestigungen und kaum 100 Soldaten.
Ebenso spricht Corbett dem Admiral das Verdienst der Übernahme einer großen Verantwortung ab: Rooke wußte, daß Gibraltar von Oraniens Zeit, ja schon von Cromwells an ein Ziel der englischen Regierung war, der Platz war ja auch in seiner Order als einer der zu nehmenden bezeichnet; er wußte, daß die beiden Könige, denen er augenblicklich unterstellt war, es sehr gern sahen. Rooke führte eine Proklamation Karls an »seine Stadt Gibraltar« mit sich, und der Prinz von Hessen war gewiß mit dem Plane einverstanden, wenn er nicht gar dessen Urheber im Kriegsrate gewesen ist. Rookes einziges Verdienst war, daß er den Widerspruch einiger seiner Unterführer, die mit Rücksicht auf die französische Flotte dagegen waren, überwand.
Corbett belegt auch (Teil II, Seite 276) mit einer Äußerung Marlboroughs, daß dieser stets damit gerechnet hat, Gibraltar für England zu behalten.
Am Tage der Einnahme Gibraltars traf von England und Lissabon die Nachricht ein, daß die französische Flotte nicht wagen würde, Toulon zu verlassen, da sie wesentlich schwächer als die der Verbündeten sei, und Rooke wurde wieder auf Unternehmungen gegen Cadiz und Barcelona hingewiesen. Sein Kriegsrat verwarf Barcelona unbedingt, da es zu spät in der Jahreszeit und die Schiffe ausrüstungsbedürftig seien; er erklärte sich aber bereit, bis Mitte September bei einer Belagerung von Cadiz mitzuwirken, falls eine genügende Armee mit Belagerungstrain erschiene und eine Besatzung nach Gibraltar gelegt würde. Beides war ausgeschlossen und somit der in diesem Sinne nach Lissabon gesandte Bericht eine Weigerung, irgend etwas zu unternehmen; man wollte nur Gibraltar sichern. Wahrscheinlich waren die Admirale anderer Ansicht über die Franzosen und, obgleich sie keine Nachrichten hatten, mit Recht.
=Graf Toulouse= war am 22. Juli von Toulon nach Barcelona gegangen, wohin man die Flotte der Verbündeten beordert glaubte; hier erhielt er die Nachricht vom Fall Gibraltars und den Befehl König Philipps, zur Rückeroberung der Stadt mitzuwirken -- es koste, was es wolle --, ein Heer sei zu diesem Zwecke schon unterwegs. Toulouse war dem Gegner auch nicht unterlegen. Er führte 51 Linienschiffe, zu denen noch französische und spanische Galeren treten konnten, und ging sofort weiter. Rooke besaß auch nur 51 Linienschiffe; er hatte van der Dussen mit 5 Holländern nach Plymouth gesandt, um einen Convoi Kauffahrer sowie einen Transport mit Kriegsmaterial für Portugal zu holen, eine andere Division war nach den Azoren abgezweigt, um den brasilianischen Convoi heimzuführen.
Die Antwort auf seinen Bericht nach Lissabon erwartend, ergriff =Rooke= zunächst Maßregeln, Gibraltar zu sichern. Dem Prinzen von Hessen wurden 1800 englische Seesoldaten als Besatzung überwiesen und die 3 Mörserboote zur Verfügung gestellt; das technische Personal dieser sollte bei der Instandsetzung der Festung helfen. Die Flotte ging (12. August) nach Tetuan und nahm hier geschwaderweise Wasser, um stets bereit zu sein, dem Gegner entgegenzutreten. Am 19. August verließ Rooke den Wasserplatz und hielt östlich von der Straße nach Europa hinüber, 12 Schiffe waren noch beim Wassernehmen. An diesem Tage meldeten die bis Malaga vorgeschobenen Vorposten, daß der Feind gesichtet sei, er käme heran und stehe, bei östlichem Winde, etwa 30 Seemeilen zu Luward. Der sofort zusammengerufene Kriegsrat konnte nicht schlüssig werden: man befürchtete das Abschneiden der Schiffe in Tetuan; man fühlte sich nicht stark genug, ohne diese zu fechten; einige Stimmen waren gar dafür, den Gegner in der Bucht von Gibraltar zu erwarten, um die Festung zu decken. Noch während der Beratung traf die Meldung ein, daß die Franzosen nach Malaga abzuhalten schienen. Toulouse beabsichtigte, nachdem er den Feind gefunden hatte, die dort liegenden Galeren heranzuziehen und Wasser zu nehmen, dessen er dringend bedurfte; hätte er die augenblickliche Schwäche Rookes gekannt, würde er sich wohl kaum die günstige Gelegenheit zum Angriff haben entgehen lassen. Die Verbündeten beschlossen jetzt, die Hälfte der Seesoldaten von Gibraltar holen zu lassen, die Schiffe von Tetuan heranzuziehen und während dieser Zeit, sowie später, solange östliche Winde wehten, gefechtsbereit in der Straße zu kreuzen, um Gibraltar zu schützen; wenn der Wind westlich ginge, wollte man dem Feinde folgen, aber der vorgerückten Jahreszeit wegen nicht weiter als bis Malaga. Dementsprechend wurde verfahren. Die Flotte lag in Gefechtslinie bis zum Morgen des 20. August nach Norden, an diesem Tage brachten die Mörserboote und Brander die Seesoldaten; dann steuerte Rooke nach Süden und vereinigte sich mit den schon am 19. benachrichtigten Schiffen von Tetuan. Während der verflossenen Nacht hatte man Signalschüsse der Franzosen gehört, die jedoch immer schwächer wurden; da am Tage nichts zu sehen war, nahm Rooke an, daß der Gegner ihm ausweichen wolle. Er kreuzte nun mit Segelpressen zwei Tage lang nach Osten auf. Am 23. morgens fürchtete man, daß es Toulouse gelungen sei oder noch gelingen könne, ungesehen nach Gibraltar zu kommen. Der Kriegsrat beschloß deshalb, nach der Straße zurückzukehren, aber kaum war nach Rückkehr der Admirale auf ihre Schiffe der neue Kurs aufgenommen, als die Franzosen, nordwestlich in Lee und vor dem Winde westwärts steuernd, gesichtet wurden.
=Graf Toulouse= hatte am 22. August vor Malaga geankert, erhielt hier die Nachricht vom Herankommen der Verbündeten. Er ging am 23. mit Tagesgrauen wieder unter Segel, begleitet von den Galeren; unter Land laufend, während die Gegner auf einem Schlage nach Süden lagen, hatte er diese passiert, ohne sie zu sichten, und so seine Luvstellung verloren. Auf beiden Seiten mangelte es an Aufklärungsschiffen. Wie leicht hätte Toulouse Gibraltar und die dort liegenden Vorratsschiffe der englisch-holländischen Flotte überraschen können, er konnte aber auch dabei, da Rooke ja rechtzeitig den Entschluß zum Umkehren gefaßt hatte, in sehr gefährliche Lage kommen. Der Zufall hat hier beide Teile gleich gut bedacht.
Die Franzosen standen beim Sichten etwa 25 Seemeilen Süd von Malaga und bildeten sofort die Schlachtlinie über Steuerbord-Bug, auch Rooke formierte sich zum Gefecht und hielt auf den Feind ab. Der leichte und unbeständige östliche Wind hinderte an diesem Tage das Zusammentreffen, aber der Morgen des 24. August fand die Flotten auf etwa 12 Seemeilen Entfernung gefechtsbereit einander gegenüber; Rooke, zu Luward, hielt zum Angriff ab, Toulouse erwartete ihn unter kleinen Segeln (die Marssegel auf die Kappe geführt).
$Die Schlacht bei Malaga$, die einzige dieses Krieges und die letzte von Bedeutung in unserem Zeitabschnitt, entbrannte.
=Die Zusammensetzung der Flotten.=
Schiffe: über 90 K. 80-90 70-80 60-70 50-60
Verbündete Vorhut: 3 3 6 2 1 Mitte: 2 6 11 3 2 Nachhut: 1 -- 3 6 2 ---------------------------------------------------- Summe: 6 1) 9 3) 20 5) 11 7) 5 9) 51 Schlachtschiffe mit 3626 Kanonen.
Franzosen Vorhut: 1 4 2 6 4 Mitte: 3 3 2 3 6 Nachhut: 3 2 2 3 7 ----------------------------------------------------- Summe: 7 2) 9 4) 6 6) 12 8) 17 10) 51 Schlachtschiffe mit 3596 Kanonen
1) 3 Schiffe zu 96 K.; 3 zu 90 K.;} 2) 1 zu 104 K.; 1 zu 102 K.; } Franzosen sehr überlegen. 1 zu 96 K.; 4 zu 92 K.; } 3) sämtlich zu 80 K.; } Franzosen überlegen. 4) sämtlich zu 84-88 K.; }
Die Verbündeten hatten 7-9 Dreidecker, die Franzosen 16.
5) Die englischen zu 70 K.; 1 zu 76 K.;} Verbündeten an Zahl die Holländer zu 72 K.;} sehr überlegen. 6) zu 70 oder 74 K.; } 7) Die englischen zu 60 K.; 1 zu 66 K.;} Holländer zu 64 K.;} 8) 6 zu 60 K.; 6 zu 62-68 K.; } Franzosen an Anzahl 9) Die englischen zu 50 K.; } und Stärke überlegen. Holländer zu 52-54 K.;} 10) 9 zu 58 K.; 5 zu 56 K.; 3 zu 54 K. }
Bemerkenswert zu unseren früheren Betrachtungen über die Schiffsklassen ist die geringe Zahl der Schiffe unter 60 Kanonen bei den Verbündeten, die große Zahl der 70 Kanonenschiffe und die Stärke der Franzosen an Dreideckern; doch schätzte Admiral Leake die englischen Zweidecker zu 80 den französischen Dreideckern zu 84-88 Kanonen an Gefechtskraft gleich.
Die Tabelle ist zusammengestellt nach einer sehr ausführlichen Liste in Clowes, Teil II, Seite 399, nahezu übereinstimmend mit holländischen und französischen Quellen. Die meisten Autoren geben für die Verbündeten 53 Linienschiffe an. Der Unterschied kommt daher, daß Rooke 2 Schiffe zu 50 Kanonen nicht in die Schlachtlinie einstellte, sondern zur Beobachtung der Galeren bestimmte. Clowes, Bonfils, Troude geben die Namen der Schiffe und der Kommandanten.
Hierzu traten bei den Verbündeten 12 leichtere Schiffe (24-50 Kanonen), 7 Brander, 2 Mörserboote; bei den Franzosen 8 kleinere Fahrzeuge (6-30 Kanonen) und 9 Brander, auch verfügte Toulouse über 22 (24?) französische und spanische Galeren, die mit ihren 500-700 Mann und 4-6 schweren Kanonen im Bug, dabei unabhängig vom Winde und geeignet zum Rammen, wohl eine Rolle spielen konnten; sie waren auf die Geschwader verteilt und standen in zweiter Linie.
=Die Flaggoffiziere= waren auf seiten der Verbündeten: Vorhut -- Admiral Shovel, Vizeadmiral Leake; Mitte -- =Rooke=, Kontreadmirale Dilkes und Byng; Nachhut (Holländer) -- Leutnantadmiral Callenburgh, Vizeadmiral von Wassenaer. Bei den Franzosen: Vorhut -- Generalleutnant de Villette, Generalleutnant d'Amfreville, Chef d'Escadre de Belle-Isle; Mitte -- =Graf Toulouse= (als Vorder- und als Hintermann je ein Chef d'Escadre), Generalleutnant de Coêtlogon, Chef d'Escadre de Pointis; Nachhut -- Generalleutnant de Langeron, die Chefs d'Escadre de Septville und de la Harteloire.
=Die Schlacht bei Malaga ist bemerkenswert für die Geschichte der Seetaktik.= Sie gilt als die erste eines Zeitabschnittes, in dem die Engländer immer mehr ausgesprochen eine Taktik nur schematisch durchführen, nämlich: Gewinnen der Luvstellung; Heranführen der Flotte genau Spitze auf Spitze und dann Kampf genau Schiff gegen Schiff, beides unter starrer Aufrechterhaltung der Formation; Absehen von jedem Versuch, schon durch Ansetzen des Angriffes die feindliche Linie an einer Stelle mit Übermacht zu bedrohen. Auf die Nachteile dieser Art des Heranführens der Flotte ist schon mehrfach hingewiesen und auch gesagt worden, daß die Franzosen im nächsten Zeitabschnitte gegen diese Angriffsart eine Defensivtaktik in der Leestellung aufbauten, die die Nachteile mit Erfolg ausnutzte. Diese unwissenschaftliche Angriffsmethode einerseits, die reine Defensivtaktik anderseits schlossen entscheidende Schlachten aus, und man kann mit Recht sagen, daß die Seetaktik gegen die Zeiten der geschickten Manöver Moncks, Ruyters und Tourvilles einen Rückschritt gemacht hatte und bis zu dem Auftreten Rodneys und Suffrens auf einer niedrigeren Stufe stand. Es ist aber wohl gerecht, zu fragen, ob dies wirklich allein, wie lange angenommen ist, dem Mangel an Verständnis oder Interesse für Taktik seitens der Seeoffiziere, vornehmlich der englischen, zuzuschreiben ist oder nicht teilweise eine natürliche Folge der bisherigen Entwicklung der Seetaktik war.
=Corbett= sagt bei der Betrachtung der Schlacht von Malaga: »Es muß daran erinnert werden, daß es erst 40 Jahre her war, seitdem man die alte Gruppentaktik verlassen und die Linie aus Einzelschiffen, ausgesprochen zuerst wohl bei Texel 1665, eingeführt hatte. 1697 veröffentlichte Hoste[267] sein Werk über Seetaktik; seitdem war keine Schlacht geschlagen, seine Ansichten können also wohl als die zu jener Zeit allgemein anerkannten betrachtet werden. Hiernach war es allerdings das Hauptziel, einen Teil des Feindes abzuschneiden und zu dublieren. Man hatte es in der ersten Zeit der neuen Taktik durch Durchbrechen der feindlichen Linie mittels plötzlichen Wendens im Kontremarsch (d. i. ein Schiff der Kiellinie nach dem andern, so daß die Kiellinie erhalten bleibt, im Gegensatz zum »Wenden zugleich« vgl. Seite 260, Fußnote) versucht, dieses Verfahren war aber wegen der damit verbundenen Gefahren in Mißachtung gekommen. Hoste lehrte nämlich, beim Angriff dürfe ein Durchbrechen der Linie nur unter besonderen Umständen angewendet werden, z. B., um sich selber einer Gefahr zu entziehen, oder wenn der Feind durch ungeschickte Manöver eine Lücke darböte; wenn der Feind gute Formation hielte, sei es nicht zu wagen. Ein sonstiges Dublieren solle man nur versuchen, wenn die eigene Linie infolge größerer Schiffszahl die feindliche überrage; dieses Dublieren solle hinten geschehen, also bleibt der Angriff Spitze auf Spitze bestehen. Ein Durchbrechen während der Schlacht solle nur ausgeführt werden, wenn man sich durch Niederkämpfen von 2 oder 3 Schiffen an derselben Stelle eine Lücke geschaffen habe. -- Auf eine Zeit wagemutiger Offensive, die mehr oder weniger besonders hervorragenden Persönlichkeiten zuzuschreiben ist, folgte nun fast naturgemäß als Rückschlag ein defensiveres Verfahren: Abwarten, ob der Feind sich eine Blöße gäbe oder an einer Stelle niedergekämpft werden würde. Daraus mußte die Ansicht entstehen, daß diejenige Flotte die größte Aussicht habe, an einer Stelle mit Übermacht aufzutreten, die am längsten Formation hielte. Das Bestreben, dies zu tun, mußte also für wichtiger gehalten werden als der Versuch, schon durch Ansetzen des Angriffes einen taktischen Erfolg zu erringen.« Diese Auslassungen Corbetts sind gewiß beachtungswert, aber doch wohl etwas zugunsten der Beurteilung der englischen Seeoffiziere geschrieben; die größere militärische Einsicht der französischen Offiziere wird jedenfalls durch den Umstand gekennzeichnet, daß sie zu ihrem Vorteil mit der Taktik der Engländer rechnen lernten, während diese zu ihrem Nachteil bis 1782 daran festhielten.
[267] Der Jesuitenpater Hoste war der Kaplan des Admirals Tourville. Es ist anzunehmen, daß er das, schon Seite 160 erwähnte, Werk »L'art des armées navales ou traité des évolutions navales« nach den Anweisungen Tourvilles -- des neben Ruyter tüchtigsten Taktikers des Zeitabschnittes -- geschrieben hat. Die Weiterentwicklung der Taktik nach 1740 baut sich gewissermaßen auf Hostes Buch auf, es soll deshalb im nächsten Bande näher darauf eingegangen werden. Über den Inhalt des Werkes siehe Quellenverzeichnis.
=Die Schilderung der Schlacht bei Malaga=[268] (24. August 1704) wird zeigen, daß die Engländer dort in vollem Maße diese unvollkommene Taktik verwenden, daß aber auch die Franzosen nur einen schwachen Versuch machen, durch Manöver einen Vorteil zu erringen.
[268] Hauptsächlich nach Corbett, Teil II, mit dem sich die sonst benützten Quellen -- Clowes, Teil II; de Jonge, Teil III; Bonfils, Teil II; Troude, Teil II; Chab.-Arnault -- gut in Einklang bringen lassen, Abweichungen dort wenigstens ohne Einfluß auf Beurteilung. Einige der andern Quellen, so z. B. de Jonge und die Franzosen, bringen Taten einzelner Schiffe, meist ziemlich gefärbt zugunsten ihrer Landsleute.
Beide Flotten lagen über Steuerbord-Bug, die Franzosen in Lee. Um jeder Bewegung des Feindes leichter folgen zu können, steuerte Toulouse mit halbem Winde; nach Hostes Ansicht die gefährlichste aller Lagen, da sie selbst einem schwächeren Gegner die Gelegenheit gäbe, die Nachhut ungestraft zu dublieren. Die französische Mitte war etwas nach Lee eingebogen. Vielleicht war dies ein Zufall, da es aber auch unter Tourville bei Beachy Head der Fall gewesen war, muß man fast eine Absicht annehmen; die englischen Offiziere sollen darin ein vorläufiges Zurückhalten dieses Geschwaders und damit die Vorbereitung eines verstärkten Angriffes auf ihre Vor- oder Nachhut, je nach Umständen, gesehen haben. Rooke machte keinen Versuch zum Dublieren der Nachhut, er führte seine Flotte zum Angriff auf der ganzen Linie heran. Wie gewöhnlich entstanden durch das lange Steuern in Dwarslinie und das schräge Herangehen Lücken zwischen den Geschwadern und Divisionen. Der Führer der Vorhut, Shovel, drehte deshalb auf halbe Kanonenschußweite querab vom Admiral der französischen Vorhut (Villette) bei, um Rooke herankommen zu lassen; die beiden gegnerischen Geschwader lagen sich schweigend und abwartend gegenüber. Nun stand Shovels Flaggschiff um eine Nummer weiter von der Spitze ab als das Villettes, die englische Linie überragte also die französische um ein Schiff. Das französische Spitzenschiff meldete dies durch Zuruf von Schiff zu Schiff seinem Admiral und Villette gab Befehl, aufzusegeln. Shovel folgte diesem Beispiel, um der Gefahr, vorn dubliert zu werden, entgegenzutreten; die Gefahr lag um so näher, als die französische Vorhut zwei Schiffe mehr als die englische zählte. Hierdurch wurde der Abstand zwischen Shovel und Rooke noch größer. Toulouse beabsichtigte jetzt, in diese Lücke einzubrechen, mit seiner Mitte Shovel von Luward aus zu dublieren und seine Nachhut Rooke entgegenzustellen; er hoffte so, die englische Vorhut zu vernichten, ehe noch die feindliche Nachhut ins Gefecht eintreten könnte, und ließ Mitte und Nachhut Segel mehren.
Rooke, der unter Segelpreß herankam, erkannte zwar nicht die wahre Absicht Toulouses, glaubte aber, es handle sich um ein Aufsegeln der ganzen feindlichen Flotte, um die englische vorn zu dublieren. Obgleich er noch nicht so nahe am Feinde war, wie er beabsichtigt hatte, gab er doch seinem Geschwader den Befehl zum Beidrehen und Eröffnen des Feuers, um die feindliche Mitte festzuhalten; es gelang, Toulouse sah von seinem Manöver ab. Die beiden vordersten Schiffe Rookes, unter Dilkes, wandten sich gegen die letzten Schiffe Villettes und glichen so die Minderzahl der englischen Vorhut aus; Rooke befand sich querab von Toulouse, es lagen Vorhut und Mitte beider Flotten genau Schiff gegen Schiff (etwa 10 Uhr vormittags). Die Nachhut der Verbündeten scheint erst nach längerer Zeit zum Gefecht gekommen zu sein. Ihr Führer, Callenburgh, griff Langeron an; da beide Admirale in der Mitte ihres Geschwaders lagen, etwa das 7. bezw. das 9. Schiff von vorn, und nur 12 Holländer 17 (16?) Franzosen gegenüberstanden, müssen die Franzosen vorn um 2 oder 3 Schiffe überragt haben, doch griffen hier wohl die hinten überschießenden Nummern Rookes ein.
Im =Gefecht der Vorhuten= errangen die Engländer Erfolg, sie waren ja auch etwas überlegen. Nach etwa drei Stunden geriet das Flaggschiff Villettes am Heck infolge einer Explosion in Brand und war genötigt, die Linie zu verlassen; ein Teil der andern Schiffe folgte, da sie das Abhalten für ein taktisches Manöver hielten. Admiral Leake war dafür, den Weichenden scharf zu folgen, so die feindliche Formation ganz über den Haufen zu werfen und dadurch auch Toulouse zum Abhalten zu zwingen, um nicht von Lee aus dubliert zu werden. Es wäre wohl richtig gewesen, denn im =Gefecht der Mitten= standen die Engländer nicht gut. Rooke und seine nächsten Nachbarn lagen gerade sehr starken Franzosen gegenüber und im Zentrum der Verbündeten befanden sich außerdem mehrere Schiffe, die bei der Beschießung Gibraltars viel Munition verbraucht hatten; etwa 5 wurden durch Munitionsmangel gezwungen, die Linie zu verlassen. Die übrigen Schiffe der Mitte waren hart bedrängt und litten schwer, so insbesondere Rookes Flaggschiff. Da nun Toulouse Anstalten machte, in die durch Ausfall der Schiffe entstandene Lücke einzudringen, sah Shovel vom Ausnutzen seines Sieges ab und führte die Linie seines Geschwaders über den Hintersteven in diese Lücke. (Durch »backing astern«; das Manöver wurde seinerzeit aufs höchste bewundert.) Er rettete zwar so die Lage der Mitte, aber seine vordersten Schiffe fanden jetzt keine Verwendung mehr; die Linie des Geschwaders blieb erhalten, die überschießenden Schiffe wurden weder zur Verfolgung der weichenden Franzosen noch zum Dublieren der feindlichen Linie vorn benutzt.
Das =Gefecht der Nachhuten= scheint erst kurz vor diesem Ereignis begonnen zu haben. Auch hier wichen die Franzosen nach einigen Stunden nach Lee aus, und dann brach auch Toulouse gegen Sonnenuntergang den Kampf ab; die Verbündeten drängten nirgends nach.
Vom Eingreifen der zahlreichen Galeren hört man fast nichts. Nach de Jonge versuchten einige, das Schlußschiff der Holländer von achtern anzugreifen; sie wurden aber bald abgewiesen, der holländische Kommandant hatte Geschütze achteraus bringen lassen. Auch Branderangriffe werden nicht erwähnt, dagegen sprechen de Jonge und französische Quellen von verschiedenen Enterversuchen, die jedoch sämtlich schon vor dem Zusammenstoß durch Geschützfeuer abgewiesen seien. Nach französischen Angaben sollen die schweren Verluste und Beschädigungen einiger ihrer Schiffe eine Folge von Bombenfeuer der Mörserboote und auch aus Geschützen anderer Schiffe gewesen sein. Englische Quellen bestreiten die Verwendung von Bombengeschützen auf ihren Schiffen, und de Jonge sagt in Hinsicht auf die holländischen Mörserboote, daß sie, auch wenn sie noch bei der Flotte gewesen wären, kein wirksames Feuer hätten abgeben können: die See sei so bewegt gewesen, daß die Franzosen damit das Nichteingreifen der Galeren entschuldigt hätten. Engländer und Holländer schreiben den großen Verlust der französischen Schiffe deren stärkeren Besatzungen und der besseren Artillerie der Verbündeten zu; wir wissen, daß die Engländer von jeher besonders ihr Feuer gegen die feindlichen Besatzungen, weniger gegen die Takelage richteten.
Der Kampf war sehr hartnäckig gewesen, namentlich der der Mitten. Rooke berichtete, alle Schiffe der Verbündeten hätten ihre Pflicht getan, auf seiten der Franzosen habe die Mitte mit großer Tapferkeit gefochten, Vorhut und Nachhut weniger gut. Die Verbündeten verloren nach Clowes, der die Verluste für jedes englische Schiff angibt, in der Vorhut: 215 Tote und 497 Verwundete, in der Mitte: 492 und 1126, in der Nachhut: 95 und 268. Der Verlust der Franzosen betrug nach demselben Autor 1500 Tote und weit mehr Verwundete, französische Quellen führen nur 1500 Tote und Verwundete an. Nach den neuesten Angaben beider Nationen scheinen Schiffe im Gefecht nicht vernichtet zu sein. Clowes sagt, die Franzosen »sollen« im Gefecht eins und später noch vier verloren haben. Das holländische Flaggschiff flog zwei Tage später auf; der Grund ist unbekannt; der Admiral hatte das schwer beschädigte Fahrzeug vorher verlassen. Im übrigen waren die Schiffe auf beiden Seiten schwer beschädigt, besonders die der englischen Mitte.
Man muß wohl die Schlacht als unentschieden bezeichnen; bei einer anderen Art des Angriffs wäre der Ausgang vielleicht anders gewesen. Corbett sagt hierzu: »Rooke machte keinen Versuch, den Angriff anders anzusetzen, da gerade seinem vorsichtigen Charakter die neue defensivere Taktik sehr entsprach; auch teilte er wohl Shovels Ansicht, daß bei gleicher Stärke nie ein entscheidender Sieg zu erringen sei (vgl. Seite 511). Er suchte aber auch einen solchen nicht, da er seine Hauptaufgabe im Schutze Gibraltars erblickte. Wurde er infolge eines mit Gefahr verknüpften Manövers -- als solches sah man jede Abweichung von der gewählten Angriffsart an -- geschlagen, so war Gibraltar sowie die Herrschaft im Mittelmeer verloren und auch die Flotte arg gefährdet, denn von ihrem einzigen Zufluchtshafen, Lissabon, war sie durch den Feind getrennt. Fechten mußte er, aber politisch wie seemännisch war es wichtiger, eine Niederlage zu vermeiden, als einen großen Sieg zu gewinnen; so ist es zweifelhaft, ob er besser verfahren konnte, als er getan hat.« Es ist bemerkenswert, daß Corbett so urteilt, da er sonst kaum je zu Rookes Gunsten spricht.
Die Schlacht wurde in England, Holland und Frankreich als Sieg gefeiert. Aber wenn sie auch vom taktischen Standpunkt aus eine unentschiedene genannt werden kann -- keiner der Gegner hat zunächst das Feld geräumt, die Flotten blieben in Sicht voneinander liegen --, so war sie doch strategisch ein Erfolg der Verbündeten.
Rookes Lage nach der Schlacht war zwar nicht unbedenklich. Auf seiner Flotte herrschte Munitionsmangel, gegen 25 Schiffe sollen in dem Kampfe ihre ganze Munition verschossen haben; eine Folge der Verschwendung bei der Beschießung von Gibraltar. Ferner stand der Feind noch immer zwischen ihm und dem gefährdeten Gibraltar sowie seinem einzigen Stützpunkte Lissabon. Die Franzosen nutzten dies aber nicht aus; Toulouse und einige seiner Offiziere, die den Kampf erneuern wollten, wurden im Kriegsrate überstimmt. Während der Nacht besserten beide Flotten aus, der Wind wurde westlich, so daß die Franzosen am 25. zu Luward standen. Die Verbündeten bereiteten sich auf einen neuen Angriff vor, indem sie ihre beschädigten Schiffe in Lee der Linie nahmen, als sie aber sahen, daß der Gegner weiter ausbesserte, taten sie desgleichen und gaben Munition an die deren bedürftigen Schiffe ab. Abends trat der Kriegsrat zusammen und beschloß, unter allen Umständen nach Gibraltar zu gehen, falls der Feind sich dem entgegenstelle, sich durchzuschlagen; beschädigte oder munitionslose Schiffe sollten ihre Rettung auf eigene Faust versuchen oder sich im äußersten Falle verbrennen.
Am 26. August morgens war es anfangs still und nebelig, später kam leichter östlicher Wind auf. =Rooke= steuerte auf den Gegner zu, der in Schlachtlinie mit nördlichem Kurse auf dem Wege der Verbündeten etwa 12 Seemeilen entfernt lag. Da der Wind so flau blieb, daß ein Zusammentreffen vor der Nacht unmöglich war, drehte Rooke gegen Abend bei, um seine beschädigten Nachzügler zu erwarten und den Durchbruch am nächsten Tage zu versuchen, aber am 27. morgens war der Feind aus Sicht. Der Admiral nahm nun Kurs nach Gibraltar auf. Er glaubte, Toulouse sei ebendorthin oder zur Ausbesserung nach Cadiz gegangen, er hörte aber schon am 28. in der Straße, daß der Feind diese nicht passiert habe; noch zwei Tage wartete Rooke unter Segel und ankerte dann am 31. vor Gibraltar.
=Toulouse= war mit dem größten Teile seiner Flotte über Malaga und Alicante nach Toulon gegangen, er hatte also die Wiedernahme Gibraltars, ja sogar alle Unternehmungen mit den Gesamtstreitkräften aufgegeben. So konnte man in England und Holland die Schlacht bei Malaga wohl als einen Sieg ansehen. In Frankreich rühmte man sich allerdings, durch die Schlacht dem Gegner den Eintritt ins Mittelmeer verlegt zu haben, trotzdem aber war das Auftreten der Flotte bei dieser Gelegenheit der letzte ernstliche Versuch in diesem Kriege, den Verbündeten die Seeherrschaft streitig zu machen. Ähnlich wie im vorigen Kriege hatte man nach dem Mißerfolge Toulouses alles Zutrauen zu der Flotte verloren und ließ ihr immer weniger Pflege zuteil werden.
Bonfils sagt: »Im Volke machte sich eine bedauernswerte Abneigung gegen die Marine geltend. Ihre Verdienste waren vergessen, man glaubte nicht mehr an ihren Wert; die Armee, die mehr in unmittelbarer Berührung mit der Nation stand, hatte deren ganze Gunst.« Bonfils führt aber auch an, der Marineminister Pontchartrin habe aus Eifersucht die Tätigkeit Toulouses gelähmt.
Das Jahr $1704$ bringt zwar noch $weitere Operationen um den Besitz von Gibraltar$, aber die Hauptflotten beteiligen sich nicht mehr daran. Rooke war zu rechter Zeit vor der Stadt eingetroffen, die von Philipp V. entsandten Belagerungstruppen waren schon in größter Nähe. Da der Zustand der Flotte ein Bleiben nicht erlaubte, wurden auf Ersuchen des Prinzen von Hessen sämtliche englische Seesoldaten, 2000 Mann, eine Abteilung von Zimmerleuten und Artilleristen zur Instandsetzung der Befestigungen, Munition und endlich Proviant für 6 Monate gelandet, sowie zwei Mörserboote zurückgelassen. Es wurde ferner beschlossen, die noch diensttauglichsten englischen Schiffe unter Vizeadmiral =Sir John Leake= als Wintergeschwader in den südlichen Gewässern sowie einige sehr schwer beschädigte in Lissabon zur Ausbesserung zu belassen. Darauf ging die Hauptflotte am 5. September heim, traf am 4. Oktober im Kanal ein und wurde dann abgerüstet. Leakes Geschwader, 10 Linienschiffe (11?) und 2 Fregatten, hatte sich bei Kap St. Vincent abgezweigt und war nach Lissabon zum Überholen gegangen; hier wurde es am 30. Oktober durch die holländische Division v. d. Dussen, die mit den von Plymouth abgeholten Transportern eintraf, verstärkt; zu dieser trat bald noch ein Schiff der ebenfalls vorhin erwähnten Azorendivision. Da die portugiesischen Werften in sehr schlechtem Zustande waren, wurde Leakes Geschwader auch erst Ende Oktober wieder seeklar, und es war die höchste Zeit, dem bedrängten Gibraltar Hilfe zu bringen. Toulouse hatte vor Alicante den erneuten Befehl König Philipps erhalten, die Belagerung der Stadt zu unterstützen; er ließ zu diesem Zweck 13 Linienschiffe (10?) und 9 Fregatten unter dem Chef d'Escadre =de Pointis= zurück. Dieser traf im Oktober mit 3000 Mann und großem Belagerungspark vor der schon zu Lande eingeschlossenen Festung ein. Der förmliche Angriff wurde eröffnet, und man rechnete auf den Fall der Stadt zu Mitte November; hartnäckig verteidigte sich =Hessen=, aber eines seiner Mörserboote war in Brand geschossen und die Belagerungsarbeiten schritten vorwärts.
In dieser höchsten Not kam, vom Zufall begünstigt, die Hilfe. De Pointis war nicht vor Gibraltar geblieben, sondern nach Ausschiffen der Truppen usw. nach Cadiz gegangen, um Proviant einzunehmen, nur fünf Fregatten (20 bis 40 Kanonen) zurücklassend. Anderseits hatte Leake, der von Hessen beständig um Hilfe angerufen war, infolge des Eintreffens der Transporter seine Ausrüstung beenden können; er ging am 5. November von Lissabon in See und traf am 9. abends vor Gibraltar ein. Gerade für den 10. hatten die Belagerer einen Hauptschlag geplant. 500 Freiwillige waren in der Nacht heimlich im Süden der Stadt gelandet, sie hatten mit Hilfe von Tauen und Leitern den Felsen erklommen und sich dort verborgen; sie sollten vorbrechen, wenn eine Landung bei der neuen Mole vom Festlande aus, zu der Hunderte von Booten gesammelt waren, erfolgte. Aber gerade als die zur Landung bestimmten Mannschaften eingeschifft wurden, lief Leake in die Bucht ein. Eine der französischen Fregatten, die auf Vorposten war, hatte man schon auf See genommen, die andern sowie ein Brander und ein Mörserboot mit Belagerungsmunition setzten sich jetzt auf Strand und in Brand. Die Landung mußte natürlich aufgegeben werden, die 500 Freiwilligen wurden aufgerieben. Gibraltar war zum zweiten Male gerettet.
Zu verstehen ist nicht, weshalb Pointis so lange in Cadiz geblieben war. Colomb sagt: »Gedrängt, wieder auszulaufen, habe er geantwortet, bei der Anwesenheit von 30 (!) feindlichen Schiffen in Lissabon müsse er in Cadiz bleiben, bis er Verstärkung erhalte; von hier aus könne er wenigstens Zufuhren nach Gibraltar hindern.« Ein Fehler war es allerdings wohl gewesen, sein Geschwader nicht so stark zu bemessen, daß er ein Wintergeschwader der Verbündeten unter allen Umständen von der belagerten Stadt abhalten konnte.
Leake unterstützte einige Zeit die Belagerten durch Beschießen der Parallelen und durch Bootsangriffe auf das feindliche Lager bei Algeciras. Seine Lage war nicht ungefährlich, weil die Winterstürme einsetzten, in denen seine Schiffe viel Ankergeschirr verloren; auch trafen ständig Nachrichten ein, daß sich Pointis zum Inseegehen vorbereite, daß einige seiner Schiffe schon auf der Rhede von Cadiz lägen. Leake ging erst Anfang Dezember auf die Nachricht hin in See, daß ein neuer Transport für Gibraltar in Lissabon angekommen sei und beabsichtige, weiterzusegeln. Obgleich schwach bemannt, ließ er einige hundert Matrosen zurück, da der Prinz von Hessen infolge Krankheit und Verlusten nur noch über etwa 1000 Mann verfügte. Er beabsichtigte, vor Cadiz zu gehen und Pointis dort festzuhalten, während der Transport vorbeisegelte. Sturm und Gegenwinde hielten ihn in der Straße fest, und in dieser Zeit griff Pointis tatsächlich den Convoi an, aber ohne Erfolg.
Pointis lag unter englischen und holländischen Flaggen bei Kap Spartel; der Convoi, 20 Transporter und 4 Kriegsschiffe, näherte sich ahnungslos. Als aber die Franzosen zu früh eine umfassende Formation einnahmen, schöpfte der Convoiführer Verdacht und benutzte die zufällig eintretende Windstille, seine Schiffe durch Boote aus der Gefahr schleppen zu lassen; nur zwei Fahrzeuge fielen dem Feinde in die Hände, zwei andere retteten sich nach Lissabon.
Der größere Teil des Convois erreichte Gibraltar und warf 2000 Mann und reichliche Vorräte hinein, so daß die Festung vorläufig wieder gesichert erschien. De Pointis kehrte nach Cadiz zurück, und auch Leake ging auf die Nachricht, daß die Franzosen hier in den inneren Hafen eingelaufen seien, Anfang Januar 1705 zum Ausrüsten und Bodenreinigen nach Lissabon.
$Die Jahre 1705 und 1706. Entsatz von Gibraltar und Einnahme von Barcelona.$ 1705 begannen die Operationen zur See um den Besitz von Gibraltar, ehe die großen Flotten in Dienst gestellt waren. Französisch-spanischerseits hatte man wegen der Belagerung dieser Stadt den Krieg an der portugiesischen Grenze vernachlässigt, und doch war kein Erfolg errungen worden. Die Festung stand eher günstiger da; denn auch im Januar und Februar trafen, unbelästigt von Pointis, noch mehrere nur schwach bedeckte Transporte mit Kriegsmaterial und Verstärkungen von Lissabon dort ein. Ludwig XIV. rief jetzt den =Marschall Tessé= von der portugiesischen Grenze ab, um die Belagerung zu leiten. Dieser faßte die Aufgabe schärfer an und verlangte vor allem die Unterstützung durch die Flotte, insbesondere durch =Pointis=. So schrieb er z. B. an Condé: »Die Engländer zeigen uns, daß man zu jeder Zeit die See halten kann; sie fahren darauf wie die Schwäne auf Euerem Flusse bei Chantilly.« Pointis erhielt nun den schärfsten Befehl, einzugreifen, trotz seiner weiteren Vorstellungen in Paris und Madrid, daß er besser erst Verstärkungen erwarte. Am 16. März traf er dann mit 13 Linienschiffen vor Gibraltar ein und wurde hier vom Marschall zu einem gemeinsamen Angriff festgehalten, obgleich er bat, auf See gegen Zufuhren für die Stadt kreuzen zu dürfen. Als Seemann fürchtete er, vor Anker sowohl durch die Frühjahrsstürme als auch durch einen plötzlichen Angriff zu sehr gefährdet zu sein; beides sollte ihn gleichzeitig treffen, ehe der gemeinsame Angriff reif war.
In Lissabon war man in großer Sorge. Ein frühzeitiges Erscheinen der großen Flotte war für dieses Jahr in Aussicht gestellt, sie wurde aber nicht rechtzeitig fertig. =Leake= hatte Schwierigkeiten, seine Schiffe in Lissabon instandzusetzen. Anfang März war er noch nicht völlig seeklar. Da traf von England ein Transport mit Kriegsmaterial, sowie eine Division Linienschiffe unter Kontreadmiral Dilkes ein, so daß er um die Mitte des Monats in See gehen konnte. Er war 19 englische (23?), 4 holländische Linienschiffe, sowie 9 portugiesische Kriegsschiffe stark und führte 3 Regimenter (3000? Mann) an Bord; am Abend des 20. März erschien er vor der Bucht von Gibraltar.
Am 18. waren 8 französische Schiffe durch einen schweren Sturm vom Ankerplatz vertrieben und durch die Straße nach Osten gesegelt, Pointis selber wurde mit dem Rest seines Geschwaders am Morgen des 21. durch das Erscheinen des Feindes völlig überrascht; die Signalstationen, die sofort nach seinem Eintreffen längs der Küste bis nach Cadiz errichtet waren, hatten nichts gemeldet; kaum blieb ihm Zeit, Anker zu kappen und unter Segel zu gehen. Leake befahl sogleich allgemeine Jagd ohne Aufrechterhaltung einer Formation. Drei Franzosen wurden nach tapferer Gegenwehr genommen; dem Flaggschiff und dem fünften Schiff gelang es zwar, Enterangriffe abzuschlagen, sie wurden aber auf den Strand getrieben und setzten sich dort in Brand. Die durch den Sturm vertriebenen 8 Schiffe waren bis Malaga gelaufen; als sie das Geschützfeuer hörten, segelten sie von dort ohne Unterbrechung nach Toulon. Gibraltar war zum dritten Male und nunmehr in diesem Kriege endgültig gerettet. Leake landete Mitte April die Truppen; er war bis Malaga gegangen und auf der Rückfahrt durch stürmische Westwinde aufgehalten worden. Tessé hob Ende des Monats die Belagerung auf und ging zu der Armee an der portugiesischen Grenze zurück.
Die Befreiung Gibraltars ist gewissermaßen noch ein Nachspiel des Kriegsjahres 1704. Wenden wir uns jetzt zu dem eigentlichen =Kriegsjahre= 1705. Aus der allgemeinen Schilderung des Krieges wissen wir, daß die Seemächte und Portugal in diesem Jahre beabsichtigten, Spanien von Portugal und von Katalonien aus für Karl III. zu erobern; die Hauptseestreitkräfte wurden zur Unterstützung des Angriffs von Katalonien aus bestimmt.
Corbett sagt hierzu: »Es war dies gegen Marlboroughs Ansicht. Dieser hatte stets weiter im Auge, Frankreich vom Mittelmeer abzuschließen, Toulon anzugreifen, die Seeherrschaft im Mittelmeer völlig sicherzustellen und dazu einen Stützpunkt neben Gibraltar in diesem Meere zu gewinnen. Die Seeoffiziere waren ohne einen solchen Stützpunkt gegen ein Vorgehen auf Toulon, und Marlborough ordnete wie stets seine Ansicht der der Fachleute unter; außerdem waren Savoyen und Österreich nicht in Bewegung zu bringen, letzteres legte mehr Wert auf die Eroberung Spaniens.« Wir wissen, daß Prinz Eugen 1705 zu schwach war, um viel ausrichten zu können.
Zu diesem Zwecke wurde während des Winters von England und Holland die Aufstellung einer Flotte von 48 Linienschiffen -- 18 holländische und 30 englische, einschließlich der schon in den südlichen Gewässern befindlichen -- sowie eines Landungsheeres von 7500 Mann -- 2500 Holländer und 5000 Engländer -- vereinbart;[269] es traten später noch 8 englische und 2 holländische Schiffe hinzu, auch scheinen die Truppen vermehrt zu sein, denn verschiedene Quellen sprechen bei dem Auftreten an der Ostküste Spaniens von 12000 Mann.
[269] de Jonge, Teil III, Seite 678, und Beilage XXIV.
England hatte ferner im Norden ein Blockadegeschwader von etwa 12 Schiffen gegen Brest in Dienst gestellt. Ein zweites unter Dilkes, ursprünglich gegen Dünkirchen bestimmt, wurde später der Mittelmeerflotte zugeteilt. Es wurde sogar vorausgesandt, als Gibraltar so arg bedrängt war; wir sahen Dilkes schon im März bei Leake eintreffen. Holland hatte im Norden, wie 1704 und mit den gleichen Aufgaben, drei Geschwader von zusammen 15 Linienschiffen aufgestellt. Englische Kriegsschiffe und holländische Convoijers traten wie üblich zur Begleitung der Kauffahrer hinzu.
Frankreich rüstete in diesem Jahre in Toulon 35 Linienschiffe unter Toulouse aus. In Brest sollen 16 in Dienst gestellt sein, doch traten in den nördlichen Gewässern nur kleine Divisionen (unter Torbin und Trouin) gegen den Handel der Verbündeten auf, besonders wieder von Dünkirchen aus, sowie zahlreiche einzelne Freibeuter.
Die Hauptflotte der Verbündeten kam erst spät in Tätigkeit, da sich wie gewöhnlich und aus den bekannten Gründen in beiden Ländern die Indienststellungen verzögert hatten. Am 10. Mai ging das holländische Kontingent unter =de Almonde= nach Wight hinüber und, da die Engländer noch nicht segelfertig waren, gleich weiter nach Lissabon, wo es am 13. Juni eintraf; acht Tage später kam der größte Teil der englischen Flotte an. Den Oberbefehl führten der =Earl of Peterborough= und der nunmehrige Admiral of the fleet =Sir Clowdesley Shovel=.
Hier erscheinen zum letzten Male »Joint-Admirals«, doch war Peterborough nicht eigentlich Seeoffizier; er hatte zwar in der holländischen Marine gedient, aber nie ein englisches Schiff befehligt. Während dieses Krieges in Spanien führte er auch mehr das Kommando über die Landtruppen.
Im Kriegsrate wurde beschlossen, daß die Flotte, soweit sie versammelt war, nämlich 48 Linienschiffe, in der Straße von Gibraltar gegen ein Vereinigen der französischen Seestreitkräfte kreuzen solle. Shovel lief am 4. Juli aus, Peterborough blieb in Lissabon, um Truppen aus Irland zu erwarten und um mit Portugal über dessen Beteiligung am Kriege sowie über die Kriegführung überhaupt zu verhandeln. Am 31. Juli stieß er mit den Transportern und dem Rest der Flotte zu Shovel; mit ihm kamen König Karl und der Prinz von Hessen, die sich von dem Angriff in Katalonien mit Recht mehr Erfolg versprachen als von dem nur lau vorgehenden Portugal. Nachdem der König in Gibraltar die Huldigung der Stadt entgegengenommen hatte, trat die Flotte am 5. August -- jetzt 58 Linienschiffe, 11 Fregatten, 9 Mörserboote und einige Brander stark -- die Reise nach Barcelona an und traf nach kurzem Aufenthalt in Altea (11.-16.) am 22. August vor dieser Stadt ein. Schon am nächsten Tage wurden die Truppen ausgeschifft, die Belagerung begann und am =3. Oktober kapitulierte Barcelona=.
Am 23. August begann die Ausschiffung von 12 englischen, 4 holländischen und 1 spanischen Bataillonen Infanterie, 2 Regimentern englischen Dragonern, zusammen 12000 Mann (nach Colomb), in einiger Entfernung von der Stadt; sie ging ohne jede Störung vor sich und war am 25. beendet. Da die Führer bald nach der Landung der Ansicht geworden waren, daß ihre Kräfte gegenüber der Größe der Stadt und der Besatzung nicht genügten, wurde der Angriff zunächst nicht ernstlich betrieben. Zahlreiche Beratungen fanden statt, ohne zu Entschlüssen zu führen, scheinbar herrschte Uneinigkeit zwischen den Land- und Seeoffizieren; beinahe ging im Kriegsrat der Landoffiziere der Beschluß durch, das Unternehmen aufzugeben, da man weder bei den Einwohnern noch bei der Flotte die erwartete Unterstützung fände. Die Schiffe hatten etwa 1000 Mann ihrer Besatzung für die Erdarbeiten und zur Bedienung gleichfalls gestellter Geschütze gelandet. Auf Drängen König Karls beschloß der Kriegsrat endlich, ernstlich vorzugehen, wenn die Flotte weitere Geschütze und noch 1500 Mann lande; die Admirale bewilligten dies unter der Bedingung, daß die Gelandeten stets zur Wiedereinschiffung bereit seien; es konnten ja bedrohliche Nachrichten über die französische Flotte eintreffen. Als diese Abmachung eben erfolgt war, wurde schon ein wesentlicher Erfolg erzielt. Der Prinz von Hessen, der die Befestigung der Stadt als ihr früherer Gouverneur genau kannte, führte mit Erlaubnis Peterboroughs, aber ohne Kenntnis der übrigen Befehlshaber in der Nacht vom 14.-15. September einige auserlesene Truppen gegen das Fort Montjuich und nahm dessen Außenwerke. Das Fort, der stärkste Punkt der Befestigung, lag auf dem steilen Berge südwestlich von der Stadt und beherrschte diese sowie den Hafen; bald darauf wurde ein zweites Fort genommen und damit die Verbindung Montjuichs mit der Stadt unterbrochen. Inzwischen landete die Flotte die Verstärkungen und begann (16. September) aus den Mörserbooten sowie 8 Linienschiffen die Beschießung der Stadt; diese wurde schonend durchgeführt, da die Einwohner dem König Karl wohlgesinnt waren. Bald fiel Montjuich, der Angriff wandte sich gegen die Stadt selber, und es wurde Bresche gelegt; als der Sturm drohte, kapitulierte der Gouverneur auf Drängen der Einwohner.
Daß sich die Admirale mit Rücksicht auf die französische Flotte anfangs nicht zu sehr und auch später nur bedingt engagieren wollten, ist wahrscheinlich und war berechtigt; selbst Peterborough, der am Lande befehligte, soll die Forderung des Landkriegsrates für zu weitgehend und für bedenklich erachtet haben. Es ist möglich, daß Shovel später die Nachricht erhalten hat, die Franzosen seien nicht seeklar oder fürchteten einen Angriff auf Toulon; nach Sue hatte Graf Toulouse den Befehl, die Befestigungen dieses Hafens zu verstärken und die Flotte dort zurückzuhalten.
Nach dem Falle Barcelonas erklärten sich alle Städte Kataloniens für Karl. Diese Bewegung setzte sich durch Aragonien und Valencia fort; bald war der König Herr dieser drei Provinzen, zu deren Schutz die gelandeten Truppen unter Peterborough zurückblieben. Die große Flotte wurde aufgelöst, der größere Teil ging (23. Oktober) zur Heimat; ein Wintergeschwader -- 15 Engländer und 10 Holländer, zu denen später noch 10 und 5 treten sollten -- unter den Admiralen =Leake= und =Wassenaer= segelte nach Lissabon.
Gleich nach Übergabe der Stadt gingen die fünf holländischen Schiffe der Division v. d. Dussen, die jetzt fast zwei Jahre im Dienst waren, heim und nahmen von Lissabon einen Convoi mit. Almonde hatte die Erlaubnis, mit den übrigen Schiffen im Mittelmeer zu überwintern, um weiter die Seeherrschaft zu behaupten, falls die Hauptmacht der Engländer ein Gleiches täte. Diese jedoch erklärten, es sei wegen Mangels an Vorräten und an Material zum Instandsetzen nicht möglich. So wurde nur ein Wintergeschwader gebildet, aber auch dieses war genötigt, zur Wiederinstandsetzung nach Lissabon zu gehen. Leake machte infolge ungünstiger Winde eine unglaubliche Reise: Er war von Ende Oktober bis zum 4. Februar unterwegs, so daß beinahe Hunger- und Wassernot an Bord entstand; das Flaggschiff »Prince George« begrub auf dieser Reise 50 Mann. Es kennzeichnet die Verhältnisse jener Zeit, daß dieses Schiff, das mit Shovel von England gekommen war und stets Krankheit an Bord gehabt hatte, vom 1. April 1705 bis zum 4. Februar 1706 gegen 300 Mann verlor.
Wie die Erfolge in Spanien 1705 nur infolge des Ausbleibens der französischen Flotte möglich geworden waren, so wurden sie $im Jahre 1706$ dadurch wieder in Frage gestellt, daß die Seestreitkräfte der Verbündeten nicht rechtzeitig genügend stark auftreten konnten. Die Franzosen gingen früh im Jahre gegen Karl III. vor. Marschall Tessé griff Katalonien von Spanien aus an, indem er die Pässe an der portugiesischen Grenze nur besetzt hielt; der Herzog von Noailles rückte von Roussillon aus vor. Tessé warf den König bis nach Barcelona zurück und belagerte mit 40000 Mann die Stadt, Toulouse unterstützte Tessé dabei mit 30 Linienschiffen, die Belagerungsmaterial sowie sonstige Vorräte brachten und auch an der Beschießung der Stadt teilnahmen. Peterborough stand in Valencia, zu schwach, um einzugreifen; man hatte französischerseits alles getan, Erfolge zu erringen, ehe die Verbündeten Verstärkungen senden konnten und die See wieder beherrschten.
Als die französischen Vorbereitungen in England bekannt wurden, erhielt =Leake= den Befehl, sein möglichstes zu tun, um die Pläne des Gegners zu vereiteln. Zu ihm war eine Verstärkung von 4 holländischen Linienschiffen, nebst einem Convoi mit Ausrüstungsmaterial, gestoßen, aber ein großer Teil seiner alten Schiffe war noch nicht seeklar. Trotzdem ging er am 9. März mit 18 Schiffen in See.
Es lag in seiner Absicht, schon am 8. zu segeln, weil er erfahren hatte, daß das Auslaufen der westindischen Galeonen aus Cadiz bevorstehe. Als aber das Geschwader am genannten Tage den Tajo abwärts segelte, wurde es durch scharfes Feuer der Außenforts zum Wiederankern gezwungen. Auf die Beschwerden antwortete die portugiesische Behörde, es sei aus Versehen geschossen; die Forts hätten Befehl gehabt, das Auslaufen sämtlicher Kauffahrer zu hindern, damit die Abfahrt des Geschwaders geheim gehalten würde. Nach Annahme der englischen Offiziere aber sind die Kriegsschiffe tatsächlich absichtlich zurückgehalten, um sie zum Schutz des erwarteten Brasilienconvois zur Verfügung zu haben. Jedenfalls wurde das Unternehmen, das die besten Aussichten hatte, durch die Verzögerung von einem Tage vereitelt. Am 11. abends erfuhr Leake von einem holländischen Freibeuter, daß die Galeonen am 10. Cadiz verlassen hätten, auch fing er am 12. zwei Schiffe, die 24 Stunden später gesegelt waren; er hätte also ohne die Verzögerung wohl sicher seinen Zweck erreicht. Jetzt erschien ihm eine Verfolgung aussichtslos, weil der Wind den Galeonen günstig war.
Infolge ungünstigen Windes traf Leake erst am 10. April in Gibraltar ein. Hier stieß am 14. der Rest seiner Flotte, 12 Linienschiffe nebst Transportern mit zwei englischen Regimentern, zu ihm, so daß er nun 30 Linienschiffe stark war. Auf die Nachricht vom König Karl, daß Barcelona von Tessé und Toulouse belagert und schon sehr bedrängt sei, beschloß der Kriegsrat, nach Altea zu segeln, um dort genaue Nachricht über die französische Flotte einzuziehen und diese, wenn sie nicht stärker als 30 Schiffe sei, anzugreifen; die englischen Regimenter wurden zur Verstärkung der nur schwachen Besatzungen auf die Schiffe verteilt. Am 29. in Altea angekommen hörte der Admiral von einem holländischen Kauffahrer, daß ihm ein Transport mit Truppen aus Holland unter Bedeckung von 6 Linienschiffen auf dem Fuße folge; dieser traf am nächsten Tage ein und gleichzeitig die Nachricht, daß ein englisches Geschwader von 14 Schiffen unter =Sir George Byng= nahe. Leake wartete auch diesen ab und ging dann, 50 Schiffe (36 englische, 14 holländische), 6 Fregatten, 2 Brander, 2 Mörserboote stark, nach Barcelona weiter. Auf der Höhe von Tortosa (6. Mai) kam eine neue Nachricht vom König Karl: Die Stadt könne sich nur noch wenige Tage halten, Montjuich sei genommen, der Sturm stünde bevor; nur sofortiges Erscheinen der Flotte könne retten, Toulouse sei 28 Schiffe, 6 Fregatten, 10 Galeren und 5 Mörserboote stark. Leake gab seinen Schiffen sofort den Befehl, ohne Aufrechterhaltung einer Formation Segel zu pressen. Am Morgen des 7. Mai trafen die ersten Schiffe vor Barcelona ein, sie fanden die Rhede leer; Toulouse war, wie im vorigen Kriege Tourville, auf die Kunde vom Nahen des Gegners nach Toulon aufgebrochen; nach französischen Angaben hatte er Befehl, seine Flotte keiner ernsten Gefahr auszusetzen.
Englische Quellen sagen, Byngs Schiffe (wohl die bodenreinsten) seien die ersten Schiffe auf der Rhede gewesen. Nach de Jonge waren es die besten Segler Wassenaers, der die Vorhut führte. Nach Corbett sahen die ersten Schiffe die Nachhut Toulouses gerade noch am Horizont verschwinden.
Noch an demselben Tage ankerte die ganze Flotte und die Soldaten wurden in die Stadt geworfen. $Barcelona$, und damit Katalonien, $war gerettet$. Ja, die Belagerer, insbesondere die spanischen Truppen, scheinen durch das so plötzliche und gerade noch rechtzeitige Erscheinen Leakes völlig entmutigt worden zu sein. =Marschall Tessé= sah sich am 10. Mai genötigt, die Belagerung abzubrechen; er ließ über 100 Geschütze und sogar die Verwundeten zurück. Das französische Heer litt auf seinem Rückzuge nach Roussillon sehr unter Angriffen der katalonischen Bergbewohner: »eine verlorene Schlacht hätte nicht schlimmer sein können« (nach Bonfils).
Colomb sagt (gekürzt): »Barcelona ist die Wiederholung der Geschichte Gibraltars. Beide Plätze werden durch gemeinsame Angriffe von Land und See genommen, bei denen die Admirale infolge der günstigen Aussicht auf Erfolg die deckende Flotte vielleicht stärker eingesetzt haben -- bei Gibraltar durch das Abzweigen so vieler Schiffe für die Beschießung, bei Barcelona durch das Ausschiffen so zahlreicher Leute -- als richtig scheint, denn nur bei vollständiger Beherrschung der See waren die Unternehmungen möglich. Der Feind versucht dann, die Festungen während der Abwesenheit der verbündeten Flotte durch Land- und Seestreitkräfte wiederzunehmen, doch wurden ihre Seestreitkräfte im letzten Augenblick vertrieben.« Man kann hier wohl sagen »ihre nicht genügend starken Seestreitkräfte« und hinzusetzen »teilweise infolge glücklicher Zufälle für den Gegner«.
Die Entsetzung Barcelonas war wie die Gibraltars 1705 gewissermaßen wieder ein Nachspiel des Vorjahres, ein Unternehmen, das den Verbündeten durch das frühzeitige Vorgehen des Gegners im neuen Kriegsjahre aufgezwungen und nur vom Wintergeschwader ausgeführt wurde; dieses war allerdings durch die Verstärkungen, insbesondere durch die beschleunigte Entsendung Byngs mit 14 Schiffen der Hauptflotte, schon zur Größe der bisherigen Sommerflotten im Mittelmeer angewachsen. Eine andere Operation von Bedeutung, die für dieses Jahr geplant war, eine $Landung bei Rochefort$ unter dem Admiral of the fleet Shovel, kam wohl infolgedessen nicht zur Ausführung. Erst im Juli konnte Shovel seine Flagge heißen; er wartete dann vergeblich auf ein holländisches Kontingent und wurde endlich durch Gegenwinde bis in den September bei Torbay festgehalten; dann war die Jahreszeit zu weit vorgeschritten. Dieses englische Kanalgeschwader beteiligte sich nur im Juni an der Belagerung und Einnahme der Stadt =Ostende= durch das Heer in Flandern.
Zu diesem Landungsplane schreibt Corbett: »Marlborough behielt stets als Hauptziel im Auge, Frankreich vom Mittelmeer aus anzugreifen; ihm war auch die beschleunigte Entsendung Byngs zu verdanken. Er wollte sogar in Person mit 20000 Mann in englischem und holländischem Solde nach Italien gehen, um hier mit Prinz Eugen, mit dem er sich besser verstand als mit den holländischen und deutschen Führern, vereint aufzutreten. Vom Ratspensionär Heinsius unterstützt, hatte er die Generalstaaten fast für diesen Plan gewonnen, als die Franzosen am Rhein über Ludwig von Baden Vorteile errangen. Jetzt sahen die Generalstaaten die linke Flanke der Stellung in den Niederlanden bedroht, wollten nur noch 10000 Mann bewilligen und verlangten, daß Marlborough selber in den Niederlanden bliebe. Er fügte sich wiederum, betrieb aber dafür ein Unternehmen, dem er wenigstens den Wert einer für den Krieg in Italien und Katalonien nutzbaren Diversion beilegte. (Er selbst ging zu gleichem Zweck energisch vor, schlug die Schlacht von Ramiliers und bedrohte die Franzosen weiter in Flandern.) Im Frühjahr 1706 hatte ein französischer Réfugié, Comte de Guiscard, eine Landung an der Mündung der Charente vorgeschlagen, um von dort aus den Aufstand in den Cevennen wieder zu beleben. Die Landungskräfte sollten vorzugsweise aus Réfugiés gebildet werden, doch wollte auch Marlborough einige Regimenter stellen.«
Über die Stärke der Flotte Shovels sind keine Angaben vorhanden, sie kann nicht bedeutend gewesen sein. Die auswärtigen Stationen und der Handelsschutz erforderten zahlreiche Schiffe; 36 Schiffe waren im Mittelmeer, und wie im Vorjahre hatte man ein Geschwader zur Beobachtung der französischen Küsten in Dienst gestellt; vielleicht war dieses für die Expedition in Aussicht genommen. Von dem erwarteten holländischen Kontingent erwähnt der sonst sehr genau berichtende de Jonge nichts. Nach de Jonge hatte Holland 1706 im Mittelmeer 18 Schiffe -- gemäß der Abmachung, eine Vermehrung hier war erst für das Ende des Jahres vorgesehen -- und 12 Schiffe, in zwei Geschwader wie früher geteilt, in den nördlichen Gewässern. Es hatte also seine Verpflichtungen erfüllt; zwar waren 5 Linienschiffe weniger im Dienst als im Vorjahre, doch fehlten diese im Norden: das Geschwader gegen die Galeren in Ostende, das nach der Eroberung der Stadt nicht mehr nötig war«.
Wenden wir uns nun wieder zum $Mittelmeer$. Nach dem Abzuge des französischen Heeres von Barcelona wurden auf 4 Kriegsschiffen 600 Mann nach =Gerona= geführt, um die Stadt gegen den nach Norden abziehenden Feind zu verstärken. In längeren Beratungen mit den Ministern und Generalen König Karls beschloß man dann, daß die Flotte alle in Katalonien entbehrlichen Truppen zu Peterborough bringen und mit diesen gemeinsam gegen Alicante, das bourbonisch gesinnt und stark besetzt war, vorgehen solle. Die Soldaten wurden in Valencia gelandet und von dort in Marsch gesetzt. In der Zwischenzeit segelte die Flotte nach =Cartagena=, wo die Partei Karls das Übergewicht hatte. Die Stadt war zwar nicht gleich zur Übergabe bereit, erkannte aber doch Karl III. an, als man Vorbereitungen traf, mit einigen Schiffen in den Hafen einzulaufen und gleichzeitig die Landungsabteilungen der Flotte an Land zu werfen (10. Juni). Nachdem dann in Altea Wasser genommen war, traf die Flotte am 7. Juli vor =Alicante= ein, und auch Landtruppen erschienen am 20. vor der Stadt; da diese aber nur 1300 Mann reguläre Soldaten, sonst bewaffnete Landbewohner, zählten, wurden von den Schiffen 800 Seesoldaten und 800 Matrosen nebst Geschützen gelandet. Die Belagerung wurde eröffnet, 12 Linienschiffe begannen mit Erfolg die Beschießung, indem sie nach und nach die Befestigungen niederkämpften und dann immer näher ankerten. Am 8. August wurden aus nächster Nähe zwei Breschen gelegt, die Stadt durch die Truppen am Lande sowie die Landungsabteilungen gestürmt und geplündert; die Citadelle ergab sich erst am 6. September wegen Wassermangels.