Seekriege und Seekriegswesen, Erster Band in ihrer weltgeschichtlichen Entwicklung. Mit besonderer Berücksichtigung der grossen Seekriege des XVII. and XVIII. Jahrhunderts. (part 2 of 4)
Die kleineren Schiffe der IV. Klasse, 50 Kanonen, nehmen zunächst neben ihrer Verwendung als Schlachtschiffe von diesen Aufgaben diejenigen wahr, die Gefechtskraft verlangten; zu ihnen traten für denselben Zweck die größeren der V. Klasse, 40, später vorzugsweise 44-Kanonen-Zweidecker. Für die anderen Aufgaben dienten die kleinen Schiffe; daher die bedeutende Vermehrung der IV.-VI. Klasse. Wenn es auffällt, daß 1688 so wenige derartige Schiffe, besonders leichtere Kreuzer, vorhanden sind, obgleich man doch den Kreuzerkrieg auch in den englisch-holländischen Kriegen führte, so ist dies dadurch zu erklären, daß diese Aufgabe damals noch zum größten Teil von Privatschiffen (Kapern) wahrgenommen wurde; die wachsenden Marinen machten sich später von diesen mehr und mehr frei.
Die 40-60-Kanonen-Zweidecker, nach und nach aus der Linie entfernt, zeigen sich aber im Laufe der Zeit für eigentlichen Kreuzerdienst auch nicht geeignet, weil sie zu schwer und zu unhandlich sind. Sie werden als Kreuzer mit der Entwicklung der schnelleren, kleineren Schiffe (Fregatten, Korvetten usw.) durch die schweren Fregatten (schon 1780 zu 38 Kanonen gebaut) verdrängt. Doch behielt man einige ihrer Stufen, besonders 50- und 44-Kanonen-Zweidecker, noch bis Anfang des 19. Jahrh. bei, da sie geeignet als Flaggschiffe für weniger wichtige Stationen und für kleinere Detachierungen sowie bequem zu Friedenszeiten waren.
Mit diesen letzten Betrachtungen ist etwas vorgegriffen. Es sollte aber damit, wie auch durch die Hinweise auf die spätere Entwicklung der Schlachtschiffe, gezeigt werden, daß sich in den nächsten Zeitabschnitten das System der Klasseneinteilungen auf dem begonnenen Wege weiter ausbildet, so daß man wohl sagen kann, zu Ende des vorliegenden Abschnittes war in dieser Hinsicht ein gewisser Abschluß erreicht; die folgenden Zeiten der Segelschiffahrt bringen eigentlich nur noch Verschiebungen und Vervollkommnungen.
Das Personal.
Mit der Vervollkommnung der Schiffe in seemännischer und artilleristischer Hinsicht hatte das seemännische Personal immer mehr an Wichtigkeit gewonnen (vgl. Seite 52 und 154). Führung, Bedienung und Erhaltung des Schiffes verlangten mehr Kräfte und mehr Fachkenntnisse; auch die neue Hauptwaffe, die Artillerie, brauchte seegewohntes Personal, sie war nach und nach ganz in die Hände des seemännischen übergegangen. Wenn man die Schiffskanoniere, die noch längere Zeit als Hauptgeschütznummern und als Ausbildungspersonal eingeschifft wurden, mit zum seemännischen Personal zählt, wozu man sicher berechtigt ist, so bestand bei Beginn dieses Zeitabschnittes die Schiffsbesatzung größtenteils aus Seeleuten. Soldaten zog man eigentlich nur noch bei Mangel an Seeleuten heran, erst später wurde wieder eine besondere Seesoldatentruppe gegründet. Der Seemann war auch vollwertiger Krieger an Bord geworden; =der Kriegsschiffmatrose war erstanden=.[87]
[87] Besonders benutzte Quellen: Clowes, Teil I, II, III, die Kapitel »Civil history«; de Jonge, I; Jurien: Les marins du XV siècle; Chab.-Arnault.
Den technischen Anforderungen entsprechend, hatten sich $Chargen$ für die Leitung des Dienstes in den $verschiedenen Zweigen$ herausgebildet:
Für Handhabung des Schiffes: der Schiffer (englisch master; französisch maître; holländisch stuurman); für Navigation: der Lotse (pilot; pilote; shipper); für Bedienung und Verwaltung der Artillerie der Konstabel (constable, später gunner; maître cannonier; constabel); für Erhaltung der Takelage und Bedienung des Ankergeschirrs der Bootsmann (boatswain; esquiman; hoogbootsman); für Erhaltung des Schiffskörpers und der Rundhölzer der Zimmermann (carpenter; charpentier; timmermann). Mehr untergeordneter Natur (Unteroffiziersrang): für Verwaltung des Proviants der Bottelier; für Strafvollstreckung der Profoß; für Handwaffendienst der Korporal; der Segelmacher; mehrere Quartiermeister (quartermaster; quartiermaître; kwartiermeester) besonders zur Beaufsichtigung des Steuerns auf den Wachen; endlich traten hinzu der Chirurg und der Zahlmeister für die Verwaltung (clerk, später purser; écrivain; skrijver).
Das Zusammenfassen der Verhältnisse bei verschiedenen Nationen und zu verschieden Zeiten führt bei diesen sowie den späteren Angaben über Personal zu kleineren Ungenauigkeiten; so rangierte z. B. in Holland später der Shipper vor dem Stuurman.
Angaben über den Sold um die Mitte des 17. Jahrh.[88] stellen den Master usw. weit über die anderen Chargen; er ist in allen seemännischen Fragen die rechte Hand des Kommandanten.
[88] Clowes, Teil II, Seite 13, Seite 100; de Jonge, I, Seite 321.
Der Lotse dieser Zeiten ist nicht der im jetzigen Sinne, der Küstenlotse. In Frankreich hieß dieser schon damals pilote côtier, jener pilote hauturier. Der Lotse damaliger Zeit war eben der Navigateur für große Fahrt.
Gunner bezeichnete in England anfangs alle Schiffskanoniere. Diese wurden in England zuerst wieder abgeschafft und die Bezeichnung wurde dort der Titel für den Constable.
Die oberen Chargen, besonders die drei erstgenannten, hatten eine weit größere Bedeutung, als ihre Titel nach jetzigem Brauch andeuten. Der Kommandant (Kapitän), in erster Linie stets militärischer Befehlshaber des Schiffes, war sehr von ihnen abhängig, weil der eine den andern nicht ersetzen konnte und er selbst oft nicht jeden Dienstzweig beherrschte -- ebensowenig sein Stellvertreter, der Leutnant. In Frankreich waren längere Zeit der Kapitän und der Leutnant meist keine Seeleute von Jugend auf, auch in England scheint zuweilen noch der Kapitänsersatz gleich als Leutnant zur Ausbildung zum Kapitän eingetreten zu sein; in Holland rangierte der Steuermann anfangs vor dem Leutnant, was auf ähnliche Verhältnisse schließen läßt, aber bald wird hier hervorgehoben, daß alle Kapitäne und Flaggoffiziere vom Schiffsjungen auf gedient hätten. Im allgemeinen jedoch sind bald wohl überall Kapitän und Leutnant aus einem der höheren Zweige, im Kriegs- oder Handelsdienst aufgewachsen, hervorgegangen.
Die Flottenführer waren noch häufiger und noch längerhin nicht immer Seeleute von Beruf, sondern infolge ihrer Geburt oder hervorragenden Stellung auf ihren Posten berufen; diese bestimmten dann zu Unterführen tüchtige und zuverlässige Kapitäne. Vizeadmiral und Kontreadmiral waren anfangs Funktionen in der gerade aufgestellten Flotte, keine festen Dienstgrade.
Mit der Zunahme der Größe und Armierung der Schiffe erhielten die Leiter der Dienstzweige Gehilfen: master-mates, contre-maîtres, 2. und 3. stuurman; boatswains-mates, quartermaster-mates usw.
Von einem $Seeoffizierkorps$ im jetzigen Sinne war also vorläufig keine Rede; ein fester Bestand an Chargen war überhaupt nicht vorhanden, ausgenommen der erwähnte Stamm von Kapitänen in Holland; das Personal wurde im Bedarfsfalle angeworben, kam aus dem Handelsdienst und trat nach seiner Entlassung in diesen zurück.
Mit dem Wachsen der stehenden Marinen in unserem Zeitabschnitt wurde aber der Dienst in ihnen ein Lebensberuf, sowohl in den höheren wie in den niedrigen Zweigen, und es widmeten sich immer mehr Söhne der besseren Stände dem Seemannsleben. Welchen Fortschritt und Vorteil dies für die Marine bedeutete, wurde bald erkannt, und die Regierungen förderten gern das Interesse für die seemännische Laufbahn. Während bisher der Kapitän und der Leutnant »vor dem Maste« aufgewachsen oder nicht von Jugend auf als Seeleute erzogen waren, stellten jetzt die Marinen dieses bessere Material als Offiziersaspiranten ein (midshipman, aspirant, adelborst); Anfänge hiervon finden sich schon im Anfang des 17. Jahrh., im größeren Maßstabe begann man damit nach dem ersten englisch-holländischen Kriege. Um dieselbe Zeit vermehrte man auch, im Interesse der Disziplin und der militärischen Leitung im Gefecht, die Zahl der Leutnants an Bord auf 2 und bald auf 3; der erste Leutnant war der Vertreter des Kommandanten. Immer mehr ergänzen sich nun die Leutnants aus den Offiziersaspiranten und damit nach und nach auch die Kapitäne, die Flaggoffiziere und endlich die Flottenführer.
Später übernahmen dann die Leutnants teilweise den Dienst der höheren Zweige -- Navigation; Handhabung des Schiffes (als Wachoffiziere) und der Artillerie (als Batteriekommandeure) --, die früheren Leiter verschwinden oder treten, nur noch zur Unterstützung der Offiziere bestimmt, in die Reihen der Leiter der niederen Zweige zurück. So haben wir etwa von 1700 ab den Ursprung eines organisierten Marinepersonals, des jetzigen Seeoffizierkorps, des den Marinen eigentümlichen Deckoffizierkorps -- der Steuermann, Feuerwerker, Bootsmann, Zimmermann -- und des Unteroffizierkorps, die Maate der Deckoffiziere.
Gegen Ende des 17. Jahrh. bestand der obere Stab eines englischen Kriegsschiffes 1. Klasse aus: dem Kapitän, 3 Leutnants, 1 Master, 1 Pilot, 3 Mastersmaaten, 3 Pilotmaaten, 8 Midshipmen, 1 Zahlmeister, 1 Arzt und einem oder mehreren Seesoldaten-Offizieren.
Master und Pilot verschmelzen später zum Master, dem die Navigation obliegt, doch behielt er die Handhabung des Schiffes bei besonderen Gelegenheiten, z. B. im Gefecht. Er war, obwohl besser besoldet als die Leutnants, wie die Deckoffiziere nur warrantofficer, d. h. bestallter im Gegensatz zum patentierten Offizier, und wurde erst in viel späterer Zeit als navigating lieutenant diesen sozial gleichgestellt. In England blieb die Navigation bis vor wenig Jahrzehnten ein Spezialzweig, was besonders für die Aufnahme der Seekarten aller Meere von günstigem Einfluß gewesen ist.
$Die Mannschaft$ wurde im allgemeinen angeworben. In Holland geschah es durchweg, in England griff man bei Mangel zur gewaltsamen Aushebung, dem Pressen von Seeleuten. Auch in Frankreich wurde das Pressen bis zu Colberts Zeit angewandt; dieser führte neben der Anwerbung eine Art gesetzlicher Dienstpflicht der seemännischen Bevölkerung ein. Als aber nach seinem Tode die hierfür festgesetzten Vorteile wegfielen, mußte wieder zum Pressen gegriffen werden.
Teils noch von älterer Zeit stammend, besonders aber wegen Mangels an Seeleuten schiffte man zu Anfang des Zeitabschnittes noch =Landsoldaten= ein, aber nur mit Unteroffizieren; in Holland geschah es stets, in England nur im Notfalle. In Holland bewährten sich diese Soldaten weder in Disziplin noch Leistung, da sie erst unmittelbar vor dem Inseegehen an Bord gesandt wurden und in ganz ungewohnte Verhältnisse kamen. In England dagegen zeichneten sie sich in jeder Beziehung aus, wohl eine Folge des guten Geistes in der Revolutionsarmee und der strengen puritanischen Zucht, die in einem großen Teile des englischen Volkes herrschte. Diese so entgegengesetzten Erfahrungen führten in beiden Staaten um 1664 zur Gründung von =Seesoldaten=-Regimentern, von denen Abteilungen unter eigenen Offizieren zur Auffüllung der Besatzungen, zum Gebrauch der Handwaffen und als Kern der Enterdivisionen und der Landungskorps an Bord der Schiffe kommandiert wurden. Die neue Truppe zeichnete sich hier wie dort nicht nur durch ihre eigene Disziplin aus, wohl eine Folge der rein militärischen Ausbildung gegenüber den ungebundeneren Dienstverrichtungen der Seeleute, sie war auch von gutem Einfluß in dieser Hinsicht auf die ganze Besatzung.
Der =Geist des Personals=. Die Art und Weise, in der im 16. und 17. Jahrh. die Seefahrt betrieben wurde, mit ihrer gesetzlosen Gewalttätigkeit, erzog zwar ein tüchtiges, tapferes und wagemutiges, aber auch rauhes, ja rohes Personal. Die langen Ozeanfahrten, die Seefahrt in den nordischen Gewässern auf noch schlechten Schiffen, der schwere Dienst der Hochseefischerei bildete harte, erfahrene und ausdauernde Seeleute heran; die fast ununterbrochenen Kriege und der notwendige Selbstschutz des Handels auf See und an fernen Küsten machte sie auch zu tüchtigen Kriegsleuten. Der Ausdauer, Härte und Tapferkeit des Personals ist wohl die einzig dastehende, blutige und hartnäckige Durchführung der englisch-holländischen Kriege zuzuschreiben. Aber dieses Leben trug gewiß nicht dazu bei, Sitte sowie Gefühl für Ehre und Pflicht im Seemannsstande zu heben, besonders nicht die Freibeuterei, doch gerade diese lieferte den Kriegsmarinen den geeignetsten Ersatz an Mannschaft und an Offizieren. Der militärische Geist und die Disziplin konnten deshalb auch auf keiner hohen Stufe stehen und auch die Behandlung des Personals war nicht geeignet, hier bessernd einzuwirken. Die Soldzahlung war unpünktlich, die Verpflegung schlecht, die Fürsorge für Kranke, Verwundete und Invalide mangelhaft; trotz harter Strafen waren deshalb grobe Insubordination und Meutereien häufig.
Mit der inneren Entwicklung stehender Marinen und eines Seeoffizierkorps, in dem sich infolge des besseren Ersatzes ein Standesbewußtsein und eine Standesehre ausbildeten, wurden diese Verhältnisse nach und nach besser. Im Laufe der Zeit erlassen alle Staaten immer genauere und bessere Vorschriften über Ersatz und Heranbildung der Offiziere und über die Fürsorge für das gesamte Personal; über Verpflegung, ärztliche Behandlung, Gottesdienst und Pensionen. Es erscheinen zeitgemäß gemilderte Kriegsartikel sowie Instruktionen für den Dienstbetrieb: Routinen, die ersten wichtigsten Rollen, wie Gefechts- und Feuerrolle, Speiserollen usw. Die Entwicklung der stehenden Marinen in allen diesen Dingen kann man besonders von 1660 an rechnen; der erste englisch-holländische Krieg, der als erster großer Seekrieg überhaupt in so vielen Hinsichten durchgreifenden Einfluß auf das Seewesen gehabt hat, ist auch hierin epochemachend gewesen.
Erwähnenswert dürfte noch sein, daß =Uniformen= für Offiziere und Mannschaften erst sehr spät eingeführt sind. In England wenigstens erscheinen die ersten Bestimmungen über Offiziersuniformen erst 1748 (vgl. Clowes Teil III, Seite 20). Den Mannschaften war schon früher Gelegenheit gegeben, Kleider vom Staate nach bestimmtem Schnitt und Preise an Bord zu kaufen; es war aber nicht obligatorisch.
Kampfweise und Taktik.
Zu Ende des vorigen Zeitabschnittes war für die Segelschiffe mit Breitseitarmierung an die Stelle des Kampfes in der Kielrichtung der alleinige =Kampf der Artillerie in der Querabrichtung= getreten (Seite 145); wegen der geringen Treffähigkeit der Geschütze wurde er auf nahe Entfernung -- Musketen- und Pistolenschußweite -- geführt. Vom Manövrieren während des Gefechts war bei den noch unhandlichen Schiffen wenig die Rede, man focht unter kleinen Segeln oder backgebraßt -- ein großer Gegensatz gegen die Ruderschiffe, bei denen man gerade die Bewegung ausnutzte. Wie der Rammstoß nur noch gelegentlich, wenn günstige Umstände dazu lockten, ausgeführt wurde, so trat auch das Entern zunächst zurück. Fast nur bewegungslose Schiffe werden auf diese Weise genommen; erst später, als die Fahrzeuge sehr viel besser waren, tritt es wieder als Ziel des Einzelschiffskampfes auf. Mit zunehmender Segel- und Manövrierfähigkeit der Schiffe, aber auch in artilleristischer Beziehung, gewann die =Luvstellung= im Gefecht an Bedeutung. Dem Gegner zu Luward boten sich viele Vorteile: Er konnte Beginn und Entfernung des Kampfes bestimmen, jederzeit zum Entern oder Rammstoß übergehen, der Pulverrauch störte ihn weniger, brennende Rückstände aus den Geschützen gefährdeten die eigene Takelage nicht. Ein Nachteil war, daß in der Luvstellung zuweilen die Geschütze der untersten Batterie, also gerade die schwersten, nicht zu gebrauchen waren, da man ihre damals sehr dicht über Wasser liegenden Pforten bei starkem Winde oder Seegang in Lee geschlossen halten mußte.
Auch Flotten mußten jetzt in einer Lage an den Feind geführt werden, in der sie diesem nicht den Bug sondern die Breitseiten darboten; an die Stelle der breiten Formationen, Sichel oder Halbmond, war eine tiefe getreten, =die Kiellinie=. Sie erleichterte das Manövrieren um die Luvstellung, und diese bot für Flotten dieselben Vorteile wie für die Einzelschiffe; dazu kam noch, daß die Luvflotte günstigere Gelegenheit für die Verwendung der Brander hatte. Die Vorteile, die eine Leestellung für Flotten bietet, wurden erst später taktisch verwertet.
Vorläufig darf man aber hier nicht an die Kiellinie aus Einzelschiffen denken. Die Gründe, weshalb sie zunächst nicht aus den einzelnen Schiffen formiert wurde, wie es doch bei der Dwarslinie der Ruderschiffe geschehen war, sind seemännischer und militärischer Natur. Die Ruderflotten waren aus an Größe, Geschwindigkeit, Manövrierfähigkeit fast gleichartigen Fahrzeugen zusammengesetzt und mit geschultem Personal bemannt; mit solchen konnte man gutausgerichtete Linien formieren und aufrecht erhalten; die Art des Motors begünstigte dies ebenfalls. Auch die Gefechtskraft der einzelnen Schiffe war ziemlich dieselbe, eine aus ihnen gebildete Linie war also auf allen Stellen gleich stark. »Das Einzelschiff bildete in ihr die taktische Einheit.« Für die ersten neueren Segelschiffsflotten -- von der Zeit der Armada bis zum ersten englisch-holländischen Kriege einschließlich -- hatten sich die Verhältnisse völlig geändert. Die Flotten bestanden aus nur wenigen Kriegsschiffen mit geschultem Personal und einer großen Zahl erst für den Krieg eingestellter Fahrzeuge. Die Segel- und Manövrierfähigkeit war zu dieser Zeit im allgemeinen noch gering, und bei den an Größe und Güte so ungleichen Schiffen sehr verschieden. Mit einer derart zusammengesetzten Flotte war es nicht möglich, gut rangierte Formationen zu halten. Noch mehr verschieden aber war die Gefechtskraft der Schiffe -- starke Kriegsschiffe gab es nur wenige --, und man konnte nicht daran denken, eine Schlachtlinie aus den einzelnen Fahrzeugen zu bilden; sie würde zu viele schwache Punkte geboten haben. Bei der ungeheuren Zahl der Schiffe, aus denen die Flotten in diesen Zeiten bestanden, wäre endlich eine Linie aus Einzelschiffen außerordentlich lang und völlig unlenkbar geworden. Somit war es geboten, aus den schwächeren Kriegsschiffen und den Kauffahrern Gruppen zu bilden, die von den stärkeren Kriegsschiffen geführt wurden (Seite 175). »=Die Gruppen waren jetzt die taktischen Einheiten=«, aus ihnen wurde die Schlachtlinie der Flotte formiert.
Von den Ruderschiffen war die =Einteilung einer Flotte= in drei Geschwader übernommen: Mitte (der Höchstkommandierende), rechter Flügel (der 2. Befehlshaber), linker Flügel (der drittälteste Admiral); zuweilen trat ein viertes Geschwader als Reserve hinzu. Als die Kiellinie allgemein geworden, wurden sie Mitte (centre; corps de bataille), Vorhut (van; avantgarde) und Nachhut (rear; arrièregarde) benannt. Die Geschwader waren aus Unterabteilungen, den Gruppen zusammengesetzt, in denen die Schiffe aller Größen ohne besondere Formation um ihr Führerschiff zu gemeinsamem Wirken geschart segelten. Holland teilte um die Mitte des 17. Jahrh. sehr große Flotten in 5, ja 7 Geschwader; wahrscheinlich war dies von Tromp eingeführt und wurde erst von Ruyter (1666) geändert.
Die $Linie aus Gruppen$ eingeführt zu haben, wird den Holländern zugeschrieben. Englische Quellen[89] erwähnen ausdrücklich, daß sie erst während des ersten Krieges englischerseits von jenen übernommen sei. Der Ursprung der Gruppen an und für sich dürfte älter sein. Wir haben sie ja schon bei der Armada auf englischer Seite gesehen, wo sie infolge der verschiedenen Gefechtskraft der Schiffe gebildet worden waren. Aber vielleicht auch die Art der Aufbietung von Flotten zu damaliger Zeit brachte sie mit sich: Die spanische Armada zeigt die Einteilung der Geschwader nach Provinzen; französische Flotten älterer Zeit werden geteilt in die Geschwader der Bretagne, Guyenne, Provence; holländische in Geschwader der fünf Seeprovinzen; in England stellten die Grafschaften und Städte ihre Kontingente, die wohl unter sich unter Führung von Kriegsschiffen zusammenhielten. Die Einteilung in »Vorhut, Mitte und Nachhut der Flotte« wurde, wie man verschiedentlich sehen kann, außer dieser Einteilung nach Provinz- usw. Abteilungen vorgenommen; diese bildeten also Gruppen in jenen. Vorstehende Behauptung bezieht sich wohl nur auf die Einführung der »Flottenlinie aus Gruppen« durch die Holländer. Diese »Flottenformation« wurde zur Zeit der Armada von den Engländern noch nicht verwendet; ihre Geschwader und Gruppen arbeiten selbständig mit nur lockerer Fühlung untereinander; von der Armada bis zum ersten holländischen Kriege hat England dann keine großen Schlachten auf See geschlagen. Die Erfahrungen, insbesondere die Erfolge gegen die Armada, scheinen die Engländer sogar einer geschlossenen Flottenordnung abgeneigt gemacht zu haben. =Sir William Monson= schreibt 1635:[90] »Eine starre Aufrechterhaltung der Flottenformation (Sichel und Halbmond sind gemeint) hatte Zweck, so lange man nur vor dem Winde segelte. Seit man näher am Winde segeln kann, nämlich seit Einführung der Bulin[91], kann man jederzeit an einer Stelle angegriffen und damit in Unordnung gebracht werden; eine solche Formation ist bei der ungleichen Segelfähigkeit der Schiffe an und für sich schwer aufrecht zu erhalten. Ein Flottenchef soll den Wind gewinnen; im übrigen hat er die Unterführer nur zu instruieren, sich mit ihren geschlossenen Geschwadern oder Gruppen die günstigste Angriffsstelle auszusuchen, wobei sie sich gegenseitig Raum lassen müssen und nur zur Unterstützung bei dringender Gefahr aneinander herankommen dürfen.« Im Anfang des ersten englisch-holländischen Krieges wurde dann vom Admiral Penn der Vorteil der Holländer, in Flottenkiellinie ins Gefecht zu treten, erkannt und ihr Verfahren nachgeahmt.
[89] Clowes, Teil II, Seite 151, 189; Colomb, Seite 88. Beide führen alte Autoren an.
[90] Vgl. Colomb, Seite 87.
[91] Bulin ist ein Tau, das ein Segel straffer spannt.
Man kann wohl sagen, daß um 1648 das Ziel einer guten Taktik darin bestand, die Luvstellung zu gewinnen und von dieser aus die Flotte in möglichst wohlrangierter $Flottenkiellinie aus Gruppen$ mit halbem Winde, mehr leisteten die Schiffe im Durchschnitt kaum, an den Feind zu führen; die Brander standen, auf die Geschwader und Gruppen verteilt, in Feuerlee, d. h. auf der dem Feinde abgewendeten Seite. -- Mit dem Zusammenstoße aber hörte jede Oberleitung auf und auch die bisherige Ordnung ging bald verloren. Taktische Regeln, um an einer Stelle mit Übermacht aufzutreten, gab es noch nicht, dazu fehlten den Führern die Erfahrungen; zu geschickten taktischen Bewegungen wären auch die Schiffe damals kaum geeignet gewesen. Die Flotten waren endlich zu groß zum gemeinsamen Handeln, und das Signalsystem war zu wenig ausgebildet, um einzelne Teile zu leiten.
Nur mit sehr einfachen =Signalen= -- Kanonenschüsse; einzelne Flaggen an verschiedenen Stellen geheißt; Manövern mit Segeln u. dgl. -- konnte man die notwendigsten Befehle geben; längere und wichtige Anordnungen wurden, sogar im Gefecht, durch Boote überbracht. Die Signale setzte anfangs jedesmal beim Zusammentritt einer Flotte der Kommandierende fest; später entstand daraus ein festes Signalsystem, das sich aber nur langsam ausbildete, erst um 1691 scheint man in England soweit gewesen zu sein, daß Flottenbewegungen damit geleitet werden konnten.[92]
[92] Clowes, Teil II, Seite 225 ff.
An den Feind geführt, griff mit seinem Chef an der Spitze jedes der Geschwader, die meist nicht einmal eng aufeinander geschlossen waren und Nachzügler zurückgelassen hatten, für sich an; jede Gruppe, ja wohl jedes Schiff suchte sich seinen Gegner. Diese Art des Angriffs sowie das Bestreben der einzelnen Gruppen oder Schiffe, sich zu unterstützen oder feindliche Gruppen oder Schiffe zu dublieren[93], führte zum baldigen Einbruch in die feindliche Linie. Es mußte infolgedessen noch früher als bei den bewegungsfähigeren Ruderschiffen die Melee eintreten, und um so mehr, als die Fahrzeuge, unter kleinen Segeln nur wenig Fahrt laufend, bei dem dichten Pulverdampf durcheinander trieben. Abbildungen von Schlachten zeigen uns örtlich oft weit getrennte Gruppenkämpfe und Schiffsduelle; Beschreibungen erzählen fast nur von geschickten Vorstößen einzelner Gruppenführer und von besonderen Taten einzelner Kommandanten.
[93] Zwischen zwei Feuer nehmen.
=Es ist die Zeit der Gruppentaktik.= Auf den verschiedenen Stellen wird der Kampf fast ohne Bewegung ausgefochten, Lagen werden auf Pistolenschußweite gewechselt, Brander greifen an, bis derjenige Teil, der durch Artilleriefeuer, Brand und Explosionen die meisten Leute und Schiffe verloren hat, oder dem die Munition knapp wird, Segel setzt und das Feld räumt. Infolge der langsam und unsicher schießenden Artillerie dauert der Kampf stundenlang und es tritt oft Munitionsmangel ein; Explosionen sind wegen der ungenügenden Sicherung der Munitionsräume häufig; es ist dagegen auffallend, wie wenig Schiffe in den großen Schlachten durch Entern genommen werden.
Ebensowenig, wie von planmäßigen taktischen Bewegungen während des Gefechts die Rede ist, tritt nach der Entscheidung eine taktisch angelegte =Verfolgung= ein, weil auch die Schiffe des Siegers zu sehr gelitten haben und die Oberleitung ganz verloren gegangen ist.
Wenn nun den Holländern zugeschrieben wird, die Linie aus Gruppen eingeführt zu haben, so stammt von den Engländern ein weiterer wichtiger Fortschritt in der Taktik. Während die Holländer noch länger im allgemeinen gleich nach dem Zusammenstoß althergebrachterweise durch rücksichtsloses Draufgehn und Einbrechen in die feindliche Linie die Entscheidung suchen (1653, Schlacht bei Scheveningen), wodurch sie den Feind zwar oft verblüffen, aber doch nur Teilerfolge erzielen, fangen die Engländer schon im ersten Kriege an, Wert auf längere Ausnutzung des Artilleriefeuers in geschlossener Ordnung zu legen und den Feind zu erschüttern, ehe sie in die Melee eintreten (ebendort und schon in der Schlacht bei Northforeland-Nieuport). Es ist diese wichtige Erkenntnis unzweifelhaft dem Umstande zuzuschreiben, daß sich in England die stehende Marine und damit das Verständnis für militärische Gesichtspunkte früher entwickelte, wie auch der Ausbildung der Schiffsartillerie dort früher große Aufmerksamkeit zugewendet wurde.
In den schnell aufeinander folgenden Kriegen des Zeitabschnittes erkannte man bald die Nachteile der Gruppenformation und ihrer Kampfweise. Neben der Unmöglichkeit der Übersicht, Leitung und Innehaltung der Ordnung gab sie bei Windveränderungen und außergewöhnlichen Vorfällen Anlaß zu Kollisionen und Havarien, die Schiffe hinderten sich gegenseitig an der Verwendung ihrer Artillerie, den Brandern bot sich in den fast ohne Bewegung zusammenliegenden Haufen von Schiffen ausgezeichnete Gelegenheit zum Angriff. Alles wies auf Verwendung dünnerer Linien im Gefecht hin.
Es führte dies, wie uns bekannt, zum Bau besonderer, starker und gleichwertiger Schlachtschiffe, die ihren Platz in der Linie ausfüllen konnten. Jetzt bildete man die $Kiellinie aus den einzelnen Schiffen$; diese wurden wieder an Stelle der Gruppen die Gefechtseinheiten. Mit dem Ausscheiden der kleinen Schiffe wurden die Flotten kleiner, so daß Übersicht, Leitung und Aufrechterhaltung der Formation leichter war.
Die =Einteilung einer Flotte= in Vorhut, Mitte und Nachhut blieb bestehen; jedes dieser Geschwader wurde bei großer Schiffszahl in drei Divisionen geteilt; die Flaggoffiziere segelten gewöhnlich in der Mitte ihrer Division.
Eine derartige Einteilung ist gut aus den späteren Angaben über die englische Flotte in der Schlacht von Northforeland, 12. Juni 1653, zu ersehen. Dort wird auch darauf hingewiesen, wie aus dieser Einteilung die englischen Flaggoffizierchargen, die Admirale der verschiedenen Flaggen, hervorgegangen sind.
Mit zunehmender Segelfähigkeit der Schiffe wurde die $Kiellinie beim Winde$ die Gefechtsformation, denn sie entsprach am besten allen Anforderungen: Möglichkeit der Übersicht und Aufrechterhaltung und größte Freiheit zu weiteren Manövern; sie war auch nötig zum Gewinnen und Erhalten der vorläufig allgemein angestrebten Luvstellung. Sie bleibt die Normalformation während der ganzen Segelschiffszeit. Zunehmende Kriegserfahrung führt zur Aufstellung von Regeln für Angriff und Durchführung des Kampfes unter verschiedenen Umständen und für die erforderlichen Bewegungen, um an einer Stelle mit Übermacht aufzutreten. So bildet sich eine Taktik aus, die zu Ende des Zeitabschnittes einen gewissen Abschluß erreicht hat.
=Das Gefecht nimmt einen anderen Verlauf.= Der Artilleriekampf wird immer länger von den geschlossenen, parallel zueinander liegenden Flottenlinien geführt, die Melee wird nicht mehr gesucht; an ihre Stelle treten Bewegungen zum Abschneiden und Dublieren einzelner Teile des Feindes, um sie zu vernichten, ehe sie Unterstützung erhalten; die Brander verlieren ihre Bedeutung.
Mit der besseren Ordnung in der Schlacht fiel die $Bedeutung der Brander$ zunächst noch nicht. In den wirren Kämpfen des ersten englisch-holländischen Krieges bot sich ihnen zwar manche günstige Gelegenheit zum Angriff, aber sie mußten auf eigene Faust handeln, wurden von den eigenen Schiffen nur schlecht beschützt und konnten sich leicht in Freund und Feind irren. Als die Ordnung besser aufrecht erhalten wurde, konnten sie von den eigenen Schiffen bis zum Angriff gedeckt und beim Angriff unterstützt werden; sie waren auch im stande, ihr Opfer besser zu wählen und im Auge zu behalten, da auch dieses jetzt an seine Stelle gebunden war. So werden die Erfolge der Brander im zweiten Kriege größer. Im weiteren Verlaufe aber wurden sie dadurch entwertet, daß die Kriegsschiffe infolge besserer Manövrierfähigkeit und schneller sowie sicherer feuernder Artillerie ihnen leichter ausweichen und erfolgreicher begegnen konnten, um so mehr, als sich nun auch der Artilleriekampf der Flottenlinien auf größeren Entfernungen abspielte. Ihre Verwendung wurde immer seltener möglich, und so wurden sie den besser segelnden Kriegsschiffen schließlich ein lähmender Ballast.
Mahan (Seite 102, 105) führt die Ähnlichkeit des Wesens der Brander mit dem der Torpedofahrzeuge an, deren Entwicklung durch ähnliche Gründe beeinflußt ist.
Die eben beschriebene Entwicklung vollzog sich natürlich nach und nach. Die Anweisungen englischer Admirale[94] für das Verhalten im Gefecht, besonders beim Angriff, zeigen, wie zunächst gegen die Halbmond- und für die Gruppenformation und ihre Gefechtsweise gesprochen, wie dann aber immer mehr Wert auf Aufrechterhaltung der Ordnung in der ganzen Flotte und auch schon auf taktische Bewegungen gelegt wird. Aus der Beschreibung der Schlachten werden wir ersehen, daß, allgemein gesagt, im ersten englisch-holländischen Kriege die Kiellinie aus Gruppen und der Gruppenkampf vorherrscht, daß im zweiten Kriege die Kiellinie beim Winde Regel geworden ist und die Bildung der Linie aus Einzelschiffen angestrebt wurde, und im dritten diese durchgeführt war.
[94] Colomb, Seite 87 ff: Auszüge aus den »fighting instructions« von 1635, 1655, 1665.
In vorstehendem ist die $Entwicklung des Seekriegswesens$ während des Zeitabschnittes im allgemeinen besprochen, unter Zugrundelegung der englischen Verhältnisse. Vor jedem Kriege sollen später »die Streitmittel der Gegner« betrachtet werden; es veranschaulicht dies gleichzeitig die Entwicklung der verschiedenen Marinen. Auf die Ausbildung der Taktik wird an gleicher Stelle, sowie bei der Schilderung der Schlachten und in den Schlußbemerkungen zu den Kriegen näher eingegangen werden.
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Drittes Kapitel.
Der erste englisch-holländische Krieg 1652-1654.
Die Kriegsgründe.
Holland und England waren zwar natürliche Verbündete gegen die katholische Weltpolitik Spaniens gewesen, als aber diese ihr Ende gefunden hatte, führte Eifersucht zum Zusammenstoß zwischen den beiden Seemächten; Gründe waren auf allen Meeren vorhanden.
Beide Völker strebten danach, den Spaniern und Portugiesen den Handel auf den Weltmeeren zu entreißen, beide traten ihrem Anspruch, allein Kolonien zu gründen, entgegen; sobald sie darin Erfolge erzielt hatten, blieben Reibungen nicht aus. Beide hatten ferner ihr Augenmerk darauf gerichtet, nach dem Niedergang der Hansa den Seeverkehr in den nordischen Gewässern in die Hand zu bekommen, und endlich bestanden von altersher Zwistigkeiten über die Ausübung der Fischerei in der Nordsee. Schon seit langer Zeit beanspruchte England die Oberherrschaft in den britischen Gewässern, deren Begriff es sehr weit ausdehnte. Nun war der Heringsfang in der Nordsee fast ganz in den Händen der Holländer, sogar nahe an der englischen Küste; an 3000 Fischerfahrzeuge waren dort beschäftigt, die jährlich gegen eine Million Lstrl. verdienten. Karl I. hatte 1636 diese Fischerflotte verjagt und erreicht, daß Holland nur gegen eine hohe Entschädigung die Nordseefischerei betreiben durfte. Während der Revolution hatte England notgedrungen diesen Anspruch fallen lassen, jedoch keineswegs aufgegeben. Im Seehandel hatten die Holländer schon unter der spanischen Herrschaft und auch weiter trotz ihrer schweren Kämpfe gegen diese bis zur Mitte des 17. Jahrh. den Engländern überall den Rang abgelaufen; ein zeitweiser Aufschwung der Engländer war immer wieder durch innere Wirren oder durch Wechsel in den Grundsätzen der Regierung gehemmt worden.
Die bedeutendste Reibung in fernen Gewässern war die sog. =Amboina-Angelegenheit= (Seite 83). Die andauernde Entrüstung in England über diesen Vorfall, der nicht gesühnt wurde, trug nicht wenig zur Schürung des Hasses gegen Holland bei.
Die Grenzen der =britischen Gewässer= oder der four seas, über die England die Herrschaft verlangte, waren: Im Norden der 63. Breitengrad von der Küste Norwegens bis 23° W. Länge Greenwich und im Süden die Breite von Kap Finisterre bis zu genanntem Längengrade. Das Gebiet umfaßte also etwa 20 Längengrade im Atlantik, die Biscaya, den Kanal und die ganze Nordsee; hiermit hing die Forderung an Holland, für die Fischerei in der Nordsee eine Abgabe zu zahlen, zusammen.
Für die =Größe des holländischen Handels= dienen folgende Angaben: 1640 standen im Verkehr durch den Sund 1600 holländischen Schiffen nur 430 englische gegenüber; 1650 verhielt sich der Gesamthandel Hollands zu dem Englands wie 5: 1; Colbert nahm sogar an, daß die holländische Handelsmarine 4/5 der gesamten europäischen betrüge.
Als sich nun unter der tatkräftigen Regierung =Cromwells= ein neuer Aufschwung Englands in maritimer Hinsicht vorbereitete, wurde die Eifersucht auf beiden Seiten in größerem Maße entfacht, namentlich auch in Holland. Die der Entwicklung der Seemacht Englands ungünstigen inneren Wirren während der Revolution waren den Holländern sehr gelegen gekommen. Sie veranlaßten sie sogar, obgleich selber Republik, der Sympathie für das vertriebene Königshaus Stuart Ausdruck zu geben. Dies führte zwar nicht zu tätiger Unterstützung, offenbarte sich aber in verschiedener Weise; so wurde Cromwells Gesandter im Haag ermordet. Auch wurden Vorschläge Englands zu einer engeren Verbindung beider Republiken nach dem Siege der Generalstaaten-Partei über die oranische und nach Abschaffung der erblichen Statthalterwürde in Holland zurückgewiesen; die Bedingungen, unter denen diese Verbindung erfolgen sollte, waren allerdings zu sehr zum Vorteil Englands. Alle diese Umstände trugen wiederum dazu bei, in England den Haß gegen den Nebenbuhler zu vermehren.
Schon im Frühjahr 1651 machte es sich bemerklich, daß beide Nationen sich auf einen Zusammenstoß vorbereiteten, wenn auch beide andere Gründe für ihre Rüstungen angaben; das gegenseitige Mißtrauen wuchs und führte im Juni zur Abberufung der Gesandten. Der letzte, entscheidende Anstoß zum Kriege ging endlich von England aus, als am 9. Oktober 1651 Cromwell die berühmte $Navigationsakte$ erließ, die zum Schutz und zur Hebung der englischen Schiffahrt allen Zwischenhandel verbot. Sie richtete ihre Spitze besonders gegen Holland, in dessen Hand sich eben der Zwischenhandel in erster Linie befand.
Aus dieser Akte ist hervorzuheben[95]: »Von außereuropäischen Plätzen dürfen Waren aller Art nach England und nach allen englischen Besitzungen nur auf Schiffen, englischer Nationalität, deren Kapitäne und 3/4 der Besatzung Engländer sind, verladen werden -- bei Strafe der Konfiskation von Schiff und Ladung. Europäische Waren dürfen, unter demselben Präjudiz im Falle des Zuwiderhandelns, nach England und nach allen englischen Besitzungen nur gebracht werden von englischen Schiffen oder von Schiffen des Landes, von dem sie stammen oder zuerst verschifft werden können. Seefische und sonstige Produkte des Fischfanges dürfen nach England nur von Schiffen des Landes gebracht werden, dessen Untertanen sie gefangen oder bereitet haben; von englischen Fischern gefangen usw. dürfen sie nur auf englischen Schiffen exportiert werden.« Ferner: Erhöhte Einfuhrzölle für die an Bord fremder Schiffe nach England eingeführten Waren, Erneuerung des schon von der Königin Elisabeth erlassenen Verbots des Küstenhandels für Fremde.
[95] Nach Perels, »Das internationale Seerecht.« Seite 16 und Seite 18 Anm.
Diese Akte wurde nach dem zweiten englisch-holländischen Kriege zugunsten Hollands etwas eingeschränkt, im Laufe der Zeiten durch Handels- und Schiffahrtsverträge auch anderen Nationen gegenüber etwas gemildert, aber erst 1854 ganz aufgehoben.
Die Navigationsakte erforderte zunächst auch von England große Opfer. Teuer mußte man selber vieles produzieren, was man bisher billig vom Auslande bezogen; selbst die Schiffahrt, die doch gerade gehoben werden sollte, mußte Opfer bringen, der Schiffbau wurde um 30 Prozent teurer, die Matrosenlöhnung stieg wesentlich. Aber doch wurde durch sie die maritime Entwicklung angebahnt, die England die Beherrschung aller Meere verschaffen sollte. Cromwell hat das »Britannia rules the waves« zur Geltung gebracht, wie er auch kategorisch erklärte: England dürfe nicht dulden, daß ohne seine Genehmigung eine andere Flagge als die englische auf den Ozeanen wehe. Anderseits kann man von Holland sagen, daß es den Gedanken der Freiheit des Meeres -- zuerst gelehrt von Grotius, 1609, als Nachweis der Berechtigung Hollands zum Handel nach Indien gegen die auf die päpstlichen Bullen von 1493 gestützten Bestrebungen Portugals -- zuerst mit Waffengewalt vertrat, allerdings im eigensten Interesse.
Holland erhob sogleich Einspruch gegen die Navigationsakte, jedoch ohne Erfolg. Es wurden ihm vielmehr englischerseits eine große Zahl Klagepunkte entgegengehalten, worunter die noch nicht gesühnte Amboina-Angelegenheit, die Unterstützung Karls II., die Ermordung des Gesandten, verschiedene Schädigungen des englischen Handels und die Ausstände staatlicher Geldunterstützungen von der Zeit Elisabeths her (vgl. Seite 113) die hauptsächlichsten waren. Eine Einigung wurde nicht erzielt, vielleicht auch beiderseits kaum beabsichtigt oder erwartet.
$Der Kriegszustand begann$ mit der an englische Private erteilten Erlaubnis, für vermeintliche Schädigungen Vergeltungsmaßregeln durch Aufbringen holländischer Schiffe zu treffen, und mit der Beschlagnahme holländischer Schiffe auf Grund der Navigationsakte sowohl in englischen Häfen wie in den Kolonien. Die Holländer antworteten mit Gewaltmaßregeln ihrerseits und mit verschiedenen Verstößen gegen das alte, von England beanspruchte Flaggenrecht. Im Verein mit dem Anspruch auf die Oberhoheit in den »britischen Gewässern« verlangte nämlich England in ihnen den =Flaggengruß= für seine Kriegsschiffe von allen fremden Fahrzeugen, sowie das Recht, diese zu untersuchen; dieses Recht gewann durch die Navigationsakte noch an Bedeutung. Beide Forderungen waren um so lästiger für Holland, weil alle seine Handelswege durch die britischen Gewässer führten, ein Umstand, der auch sonst England zu einem besonders gefährlichen Nebenbuhler zur See machte.
Schon seit 1202 gab es ein englisches Edikt, nach dem jeder Kommandant eines königlichen Schiffes jedes fremde, selbst befreundete, Fahrzeug nehmen sollte, das vor ihm nicht die Flagge dippte und gewisse Segel striche; Cromwell, erneuerte diese Bestimmung. Am 28. Mai 1652 zwangen 3 englische Kriegsschiffe 3 holländische, die einen Konvoi Kauffahrer begleiteten, nach kurzem Gefecht zur Befolgung dieser Forderung und wenige Tage später schon führte dieselbe Frage zu einer Seeschlacht (Dover), ohne daß der Krieg erklärt war.
In seinen Kolonien konnte England die Navigationsakte zunächst nicht streng durchführen, weil man nicht über genügende Schiffe verfügte und in vielen die Royalisten die Übermacht hatten. Mehrere Kolonien hielten sogar den Handel mit Holland während des Krieges aufrecht.
Die Streitmittel der Gegner.[96]
$Holland$ glaubte nach dem Westfälischen Frieden, nunmehr mit allen Nachbarn im Frieden und zur See die mächtigste Nation, die ungeheueren Ausgaben, die bisher Heer und Marine gefordert hatten, einschränken zu können; es rüstete in unbegreiflicher Kurzsichtigkeit in jeder Beziehung ab. In Frankreich erwuchs ihm an Stelle Spaniens ein gefährlicher Gegner zu Lande; trotzdem ließ man die Festungsbarriere, die das Bollwerk gegen Spanien gewesen war, verfallen. Englands wetteifernde Bestrebungen zur See erhielten gerade jetzt einen neuen Anstoß und man wußte um die Pflege, die dort dem Seewesen zugewendet wurde; trotzdem löste man die Marine, den Grundpfeiler des Seehandels und der Macht, nahezu auf.
[96] Anschließend an Kapitel II »Die Entwicklung des Seekriegswesens«, sowie an »Die wichtigsten Kriegsmarinen« (Seite 148-151). Hauptquellen: Clowes, Teil II; de Jonge, Teil I.
Von den 130-150 Kriegsschiffen, die um 1648 den Bestand bildeten, wurden 40 für den Schutz des Handels, der Fischerei und der Häfen als genügend erachtet, die übrigen wurden verkauft oder aufgelegt; die letzten verdarben schnell, da die Hilfsmittel zur Erhaltung zu jenen Zeiten überhaupt noch im argen lagen und die Provinzen kein Geld hierfür auswerfen wollten. Die in Dienst bleibenden Schiffe erhielten nur die geringst zulässige Bemannung; die überzähligen Offiziere und Mannschaften, ein kostbares und bewährtes Material, wurden abgedankt und gingen in den Kauffahrteidienst, viele auch in fremden Staatsdienst über.
Von schwerwiegender Bedeutung war ferner der Umstand, daß mit der Abschaffung der Statthalterwürde (1650) zugleich die Stellung des Generaladmirals fiel. Die Admiralitäten der Provinzen traten nun ohne Mittelpunkt und ohne gemeinsame Vertretung in allen Dingen wieder unmittelbar unter die Generalstaaten, was bei der häufigen Eifersucht der Provinzen vom größten Nachteil für die Einheitlichkeit im Seewesen wurde. Den militärischen Oberbefehl erhielt bei Zusammentritt größerer Flotten weiter der Admiralleutnant von Holland und Westfriesland, aber das Vorhandensein von zwei Vizeadmiralen (des von Holland und des von Seeland) führte, trotz erlassener Bestimmungen über deren Anciennität, zu Reibungen zwischen ihnen und den Provinzkontingenten, besonders wenn es sich um Vertretung des Admiralleutnants handelte.
Als sich im Jahre 1651 das Verhältnis mit England so verschärfte, daß man auf einen Zusammenstoß ernstlich gefaßt sein mußte, wurde zunächst der Befehl gegeben und auch schnell ausgeführt, weitere 36 Schiffe in Dienst zu stellen, und im März 1652 beschloß man, noch 150 auszurüsten. Von diesen sollten die Provinzen sofort 50 zwangsweise durch Heuern aufbringen, und zwar Fahrzeuge nicht unter 28 Kanonen, 85 Seeleute und 25 Soldaten, den Rest aber sobald als möglich. Doch kaum die erstgenannten wurden zur beabsichtigten Zeit fertig, die Zahl der letzteren ist während der ganzen Dauer des Krieges nicht erreicht worden; es fehlte an geeigneten, d. h. genügend starken Kauffahrern, an Mannschaft und an Geld.
Vor und während des Krieges schwankte die Volksstimmung zwischen Begeisterung für energische Durchführung der Rüstungen und Hoffnung auf Erhaltung oder Wiederherstellung des Friedens und dementsprechend die Opferwilligkeit; ein planmäßiger Ausbau der Flotte wurde unmöglich, da keine kräftige einheitliche Oberleitung vorhanden war; den Admiralitäten waren oft die Hände durch Geldmangel gebunden. Geldforderungen der Generalstaaten bei den Provinzen führten zunächst meist zu endlosen Schreibereien. Die Geldmittel spielten aber in diesem Kriege gegen das erstarkende England eine größere Rolle als in den Kriegsläuften der letzten Jahre gegen das ermattende Spanien oder gegen die einzelne Stadt Dünkirchen.
Beim Ausbruch des Krieges war, den Verhältnissen der Zeit entsprechend, ein Teil der Flotte zum Schutz des Handels und der Fischerei gegen Seeraub und Freibeuterei abgezweigt. Besonders das Mittelmeer, in dem die Barbaresken den Handel aller Nationen und die Franzosen den der Holländer im besonderen störten, war stark besetzt; wir werden sehen, daß Holland infolgedessen dort beim Ausbruch des Krieges England gegenüber sehr günstig stand. So war die schlagfertige Flotte, die im Mai 1652 unter Admiralleutnant Tromp auslief, nur einige fünfzig Schiffe stark.
=Im Juli= 1652 war sie durch die neuen Rüstungen auf 92 Segel angewachsen, sie enthielt aber nur ein Schiff mit 56 Kanonen -- das Flaggschiff »Brederode«, den einzigen Zweidecker Hollands --, 19 Schiffe mit 30 bis 40 Kanonen, 12 kleinere Kriegsschiffe mit 8-10 Kanonen, 6 Brander; den Rest von 52 bildeten die von den Handelskompagnien gestellten und die sonst geheuerten Kauffahrer, deren Kanonenzahl man im allgemeinen nur zwischen 20 und 30 annehmen kann.
=Im März d=es Jahres 1653 setzte sich der $Gesamtbestand$ zusammen:
Kanonenzahl 56 40-46 30-38 22-28 14-18 Kriegsschiffe 1 13 24 25 3 = 66 Eingestellte -- 1 18 67 2 = 88 ------------------------------------------------- Summe: 1 14 42 92 5 = 154 Segel
=Beim Friedensschluß= 1654 waren $an Kriegsschiffen$ vorhanden:
Kanonenzahl 66 50-58 40-48 30-38 20-28 8-18 Zahl der Schiffe 1 9 27 33 16 15 = 101
Man ersieht, daß während des Krieges viele Schiffe hinzugekommen sind und zwar meist neu als Kriegsschiffe erbaut. Es waren beim Friedensschlusse noch über 30 Schiffe im Bau; auch manche, namentlich größere, der angeführten haben im Kriege keine Verwendung mehr gefunden, da die letzte Zeit keine große Unternehmung brachte.
Vorstehende Angaben sind entnommen aus de Jonge, Teil I, Beilage XXII und XXIII. Wenn Clowes, Teil II, Seite 150, für März 1654: 112 Schiffe von 24-48 Kanonen gegen obige 86 von 20-48 Kanonen angibt, so ist anzunehmen, daß er die Schiffe in Bau -- etwa 30, wovon die Hälfte über 40 Kanonen -- mitzählt; er spricht selber von vielen neuen Schiffen, die bei längerer Dauer des Krieges die holländische Flotte um die Hälfte stärker hingestellt haben würden.
Dieser $Neubau von wirklichen Kriegsschiffen$ und auch besonders von solchen höherer Klassen war die Folge des gleichen Vorgehens in England, wo man schon von vornherein über Fahrzeuge mit größerer Gefechtskraft verfügte. Aber nicht allein in der schwächeren Bestückung lag die Schwäche der älteren holländischen Schiffe; sie waren auch leichter gebaut, aus Fichtenholz mit Holznägeln, so daß sie keine lange Lebensdauer und wenig Widerstandsfähigkeit gegen Geschützfeuer hatten. Auf diese letzte Eigenschaft hatte man bisher, sparsamkeitshalber und noch an die ältere Kampfweise Draufgehn und Entern gewöhnt, kein Gewicht gelegt. Endlich hatten die holländischen Schiffe, entsprechend den flachen Küstengewässern und Häfen, wenig Tiefgang, flache Böden und waren dafür breiter; infolgedessen segelten sie schlecht beim Winde und waren rank. Die neuen Kriegsschiffe baute man nach Vorbild der Engländer widerstandsfähiger, besser segelnd, größer und stärker armiert; alle Schlachtschiffe waren jetzt Zweidecker. Die alten Fahrzeuge hatten nur den Vorteil gehabt, daß sie sich gebotenenfalls bei ihrem geringen Tiefgang hinter Untiefen an der Küste zurückziehen konnten, wovon des öfteren Gebrauch gemacht ist.
In der =Verwendung schwerer Kaliber= stand Holland noch weiter hinter England zurück (vgl. Seite 105). Noch 1654, als in dieser Hinsicht schon wesentliche Verbesserungen eingetreten waren, führte nur das Flaggschiff 36-Pfünder und zwar nur 4, von den Schiffen über 50 Kanonen hatten nur einige 10-12 Stück 24-Pfünder, die übrigen 2-4 Stück; Schiffe von 40-50 und von 30-40 Geschützen führten durchweg nur 2-4 Stück 24-Pfünder, die übrige Mittelartillerie bestand bei allen aus 18- und 12-Pfündern oder nur aus 12-Pfündern.[97] Es kommt hinzu, daß Schiffe gleicher Größe von den verschiedenen Provinzen nicht gleichmäßig in den Kalibern armiert wurden und daß die eingestellten Kauffahrer noch weit schwächer bestückt waren: Fahrzeuge von 28-32 Kanonen führten als schwerste Geschütze nur 6-10 Stück 12-Pfünder, solche von 22-24 oft nur 8-Pfünder.
[97] Angaben nach de Jonge, Teil I, Beilage XXIV.
Auch die $Bemannung der Flotte$ machte Schwierigkeit. Man war ganz auf Freiwillige angewiesen, weil Gesetze und Volkswille das Pressen ausschlossen. Da das Hauptbestreben Hollands während des ersten Krieges dahin ging, Handel und Fischerei im vollsten Maße weiter zu betreiben, so meldeten sich nicht genügend Freiwillige, wenn auch der Dienst auf fremden Schiffen verboten war.
Die Schiffe waren infolgedessen oft ungenügend bemannt, und es mußten, besonders auf den eingestellten Handelsschiffen, auch minderwertige Leute angeworben werden, wodurch dann die Disziplin litt. So stand in Holland, obgleich doch sonst wahrlich im Lande kein Mangel am vorzüglichsten Material war, die Bemannung der Flotte nicht auf der Höhe, die man hätte erwarten können; man besaß allerdings in der eigentlichen Kriegsmarine eine große Zahl tüchtiger Führer sowie Ober- und Unteroffiziere.
In $England$ lagen die Verhältnisse in jeder Hinsicht weit günstiger. Wir wissen (Seite 161 ff.), daß die Republik sogleich in großem Maßstabe mit dem Bau von Kriegsschiffen vorgegangen war -- 60 wurden während des Krieges gebaut -- und daß man die Fahrzeuge leistungsfähiger, »fregattenähnlich«, konstruierte.
Man war sich klar, daß der Strauß mit Holland zu seiner Durchführung eine große Macht verlangen würde. Infolge des stets wachsenden Einflusses Cromwells war kein Mangel an Mitteln; Einheit des Willens begünstigte einen planmäßigen Ausbau der Flotte.
Mit dem Königtum war die Stelle des Lordhighadmirals gefallen. Eine Behörde von »=Kommissären der Admiralität und Marine=« übte das Amt aus, nach und nach immer abhängiger vom Parlament oder eigentlich von Cromwell, dessen Machtwort entschied. Das Kommando über die mobilen Streitkräfte lag in der Hand einer Kommission von 3-5 »=Generalen zur See=«, was jedoch hier nicht zu Reibungen führte.
$Der Schiffsbestand$ der englischen Marine war im März 1651 noch schwach: 3 Schiffe über 60 Kanonen; 10 mit 50-54; 12 mit 40-46; 24 mit 30-34 und kleinere. Da auch hier Schiffe im Auslande waren, mußte ebenfalls auf Kauffahrer zurückgegriffen werden. In wie viel geringerem Maße dies jedoch in England geschah, wird aus einigen Angaben zu ersehen sein. Obige Geschützzahlen zeigen im Vergleich mit den Angaben über Holland für Mai und Juli 1652 die weit stärkere Armierung auf englischer Seite, und dementsprechend enthält auch die sonst nur schwache englische Flotte beim ersten Zusammenstoß am 29. Mai 1652 unter 21 Segeln: 8 Schiffe über 40 Kanonen; 7 über 30, dazu 3 kleinere Kriegsschiffe und 3 Kauffahrer. Noch weit ungünstiger für Holland stehen die Verhältnisse im Jahre 1653. Vergleichen wir die Angaben über Holland für März 1653 mit der Flotte Moncks in der Schlacht von Northforeland am 12. Juni 1653. Beide Flotten bildeten in der Schlacht nicht den Gesamtbestand der Marinen, denn zur englischen stießen am nächsten Tage noch 18 Schiffe und vom Gesamtbestande der holländischen Marine nahmen nur 98 teil, man kann aber die ungeheure Überlegenheit der Engländer, was die Stärke der Schiffe an Geschützzahl anbetrifft, dennoch beurteilen.
Die englische Flotte bestand in der Schlacht aus 100 Schiffen, der holländische Gesamtbestand war 154 (wovon 98 anwesend); nun hatte:
England in der Schlacht Holland im Gesamtbestande Schiffe 12 zu 50-88 Kanonen 1 zu 56 Kanonen 25 zu 40-46 " 14 zu 40-46 " 55 zu 30-40 " 42 zu 30-40 "
Da bleibt für England in der Schlacht nur ein Rest von 8 Schiffen unter 30 Geschützen, für Holland aber gegen den Gesamtbestand ein solcher von 92, und für die Schlacht mindestens von 40; wahrscheinlich aber waren es noch weit mehr, denn man kann nicht annehmen, daß in der Schlacht nur schwächere Schiffe vom Gesamtbestande fehlten, es werden auch stärkere Kriegsschiffe detachiert oder in Ausbesserung gewesen sein. Bei der englischen Flotte in der Schlacht kamen ferner auf 60 Kriegsschiffe nur 29 Kauffahrer gegen 88 Kauffahrer auf 66 Kriegsschiffe im holländischen Gesamtbestande. Endlich seien noch die Angaben über die holländische Marine gegen Ende des Krieges (1654, Juli) und über die englische im Dezember 1653 (vgl. Seite 176; dort nach Klassen, hier nach Kanonenzahl aufgeführt), gegenübergestellt:
Es besaß danach an wirklichen Kriegsschiffen:
Kanonenzahl 100 88 60-66 50-58 40-46 30-39 20-29 6-10
England (Dez. 1653) 1 1 8 16 32 43 16 14 Holland (Juli 1654) -- -- 1 9 27 33 16 15
Welch eine Übermacht auf englischer Seite, besonders an schweren Schiffen über 50 Kanonen!
Es müssen aber auch die in beiden Marinen =verwendeten Kaliber= verglichen werden, wobei wir nur die schwere Artillerie berücksichtigen wollen. Nach den Aufzeichnungen für England von 1652 (vgl. Seite 170, Tabelle) und nach denjenigen für Holland von 1654 führten bei einer:
Gesamtzahl Kanonen 80-100 60-66 50-58 30-46 unter 30 Englische Schiffe min. 24-42- min. 24-32- 20-32- 18-32- 16-32-Pfdr. Holländische " -- 4-36- max. 12-24- max. 4-24-Pfdr. --
Das Übergewicht der englischen Artillerie an Zahl und Kaliber der Geschütze wurde endlich noch verstärkt durch die =bessere Ausbildung der Besatzung=. Diese wird den ganzen Zeitabschnitt hindurch von dem Gegner anerkannt; unter anderen wird gesagt, daß ein englisches Geschütz in derselben Zeit 5 gegen 4 Schüsse bei Holländern und Franzosen abgegeben habe, und es wird hervorgehoben, daß auf den englischen Schiffen sämtliche Matrosen durch nur wenige Spezialisten am Geschütz ausgebildet seien, so daß somit die Hauptwaffe durch Verluste nie lahmgelegt werden konnte. Wir hörten schon, daß die Schiffskanoniere zuerst in England (hier »gunner«) abgeschafft wurden oder im seemännischen Personal aufgingen. Zu bemerken ist ferner, daß sich schon im ersten englisch-holländischen Kriege das englische Feuer hauptsächlich gegen die feindliche Besatzung, das holländische gegen die Takelage richtet. Bis in die späteste Zeit der Segelschiffe hat sich die englische Flotte, meist zu ihrem Vorteil, hierin von ihren Gegnern unterschieden; Mannschaftsverluste auf der einen Seite, Beschädigungen der Takelage auf der anderen bestätigen dies. Holländische Quellen heben im ersten Kriege »einmal« besonders hervor, daß die Engländer auf die Takelage geschossen hätten. Es war dies bei einem Verfolgungsgefecht nach der Schlacht bei Portland und somit richtig, denn hier wollte man einzelne Feinde verkrüppeln und die dann Zurückgebliebenen nehmen.
Abgesehen von der Artillerie war das englische =Schiffsmaterial= auch sonst besser. Größtenteils neu und nur zum Kriegszweck gebaut, waren die Schiffe größer, fester, stabiler, besser segelnd und manövrierend; die Holländer sagen, ihre Gegner hätten in den neuen fregattenähnlich gebauten Fahrzeugen ein Material gehabt, geeignet, Gruppen ihrer Flotte auszumanövrieren und abzuschneiden. Selbst in Hinsicht auf die eingestellten Kauffahrer war England besser daran. Von den 29 Handelsschiffen in der Schlacht von Northforeland führten 26 eine Zahl von 30-46 Kanonen, von den 88 des holländischen Gesamtbestandes hatten nur 19 dieselbe Zahl, der Rest von 69 aber unter 30. Holland verwendete also nicht nur weit mehr Kauffahrer, sondern diese waren auch größtenteils minderwertiger; es scheinen demnach auch die englischen Handelsschiffe dieser Zeit, zwar an Zahl weit geringer, den holländischen überlegen gewesen zu sein, die der beiden großen Kompagnien ausgenommen. Ein Nachteil der englischen Schiffe war vielleicht, daß man gerade in dieser Zeit im Gegensatz zu Holland dazu neigte, sie zu stark zu armieren. Es wird berichtet, daß englische Kriegsschiffe öfters genötigt waren, auf größeren Reisen einen Teil ihrer Geschütze zum Ballast zu verstauen. Da aber der Krieg in den heimischen Gewässern ausgefochten wurde, kam nur der Nutzen der Überarmierung zur Geltung.
Zeitweise auftretende Schwierigkeiten, die =Flotten zu bemannen=, wurden in England durch das Pressen leichter gehoben; es scheint wenigstens, als ob die Schiffe stets genügend besetzt gewesen sind. Allerdings zog man auch Landsoldaten heran, die sich aber, wie bereits erwähnt, besser bewährten als in Holland.
Aus allem kann man =den Schluß ziehen=, daß die Streitkräfte Hollands bei annähernd gleicher Schiffszahl denen Englands unterlegen waren. Das Schiffsmaterial war es entschieden. Mit Recht beklagen sich die holländischen Admirale dauernd darüber; sie führen öfters an, der Feind stelle ihnen 20 Schiffe gegenüber stärker als ihr mächtigstes. Dieser Umstand trug zuweilen dazu bei, die Zuversicht auf holländischer Seite zu erschüttern, und ist wohl der Grund gewesen, wenn mehrmals eine größere Zahl von Schiffen dem Kampfe auswich.
Beiden Nationen stand ein vorzügliches Personal zur Verfügung, in gleicher Weise aufgewachsen und wohl gleich in den Vorzügen und Fehlern der Seeleute damaliger Zeit; aber in Holland machte die Einstellung mehr Schwierigkeit, in England waren dagegen Ausbildung und Disziplin besser. An erfahrenen Flottenführern und höheren Offizieren war Holland anfangs überlegen, galt doch der Admiralleutnant Tromp als der tüchtigste Admiral seiner Zeit. In England dagegen lag die Führung in der Hand von 3-5 Generalen zur See, von denen die meisten nicht Seeleute, sondern Landoffiziere waren, und gerade solche führten im ersten Kriege den Oberbefehl.
Diese Generale waren: Popham (Seemann), ernannt 1649; Dean, 1649, fiel 1653; Blake, 1649; Monck, 1652; Penn (Seemann), 1654; Montagu, 1654. -- Blake und Monck zeichneten sich als Höchstkommandierende aus.
Gewiß zogen diese ihre erfahrenen Unterführer und Kapitäne, Seeleute von Beruf, zu Rate; es war jedoch nicht immer möglich, namentlich nicht in den Gefechten, und so mögen manche Fehler diesem Umstande zuzuschreiben sein. Aber die Generale, mit einer trefflichen Schule aus den Revolutionskriegen, lernten schnell; anderseits trugen sie als Männer von besserer Erziehung und Bildung als die Seeleute, dazu bei, den Geist in der Flotte, besonders im Offizierkorps, zu heben. Als erfahrene Militärs und Leute von weiterem Blick verbesserten sie die Disziplin und haben großen Einfluß auf die Strategie, auf die Änderung der Kriegführung, gehabt.
$Die Verwendung der Flotten Englands und Hollands von 1648-1652$[98] sei kurz angeführt.
[98] Anschließend an Seite 139 und 143. Näheres über England siehe Clowes, Teil II, Seite 118; über Holland in Indien und Brasilien, Zimmermann, Band I und V.
In =England= war die Flotte der Republik von hervorragendem Nutzen zur Vereitlung der Versuche der königlichen Partei, das Königtum wieder aufzurichten. Sie eroberte die Inseln des Kanals, auf denen sich die Royalisten länger hielten und von denen aus sie Freibeuterei trieben; es waren dies unter =Blakes= Führung die ersten größeren Unternehmungen von Seestreitkräften gegen Landbefestigungen. Die Flotte unterwarf die Kolonien Amerikas und Westindiens mit royalistischen Gesinnungen. Ein Teil der ehemaligen Flotte war dem Königtum treu geblieben (vgl. Seite 139) und wurde vom =Prinz Rupert= geführt. Anfangs im Kanal und später im Mittelmeer, von Portugal aus, wo sie Unterstützung fanden, operierten diese Streitkräfte gegen England und gegen den englischen Handel. Der Kampf gegen sie war eine Schule für die Flotte der Republik und für manche der späteren Führer, insbesondere Blake; aus dieser Zeit stammt auch die erste englische Flottenstation im Mittelmeer (aber noch keine dauernde).
Die =holländische Flotte= fand in diesen Jahren mannigfache Verwendung in außerheimischen Gewässern, hauptsächlich aber die Schiffe der beiden großen Kompagnien. Im Mittelmeer hatte sie den Handel nicht nur gegen die Barbaresken, sondern auch gegen französische Freibeuter zu schützen.
Obschon in Europa mit Portugal Frieden herrschte, wurden doch die Kämpfe in den fernen Kolonien, die im Unabhängigkeitskriege mit Spanien begonnen hatten und fortgesetzt wurden, als Portugal wieder selbständig geworden, nur selten auf kurze Zeit unterbrochen. In =Indien= wuchs die holländische Macht weiter auf Kosten Portugals, und in Afrika besetzte Holland 1652 das von Portugal als Eigentum angesehene, wenn auch nicht besiedelte =Kapland=. Weniger glücklich war Holland in =Brasilien=. Hier empörte sich ihre von der westindischen Kompagnie gegründete, aber fast nur von portugiesischen Urkolonisten bewohnte Kolonie (vgl. Seite 88).
Größere Flotten wurden dahin entsandt; sie richteten aber wenig aus, und von Beginn des englischen Krieges an konnte man nichts mehr für die Kolonie tun. Auch in Portugal war 1649 eine portugiesisch-brasilianische Kompagnie gegründet worden. Unterstützt durch deren Schiffe, wurde 1653 Recife von den Aufständischen genommen, und die Holländer zogen sich Ende Januar 1654 ganz aus Brasilien zurück.
Der Verlauf des Krieges.[99]
Ehe wir in die Beschreibung des ersten großen Krieges eintreten, ist es nötig, einige Worte über $Mängel in den Quellen$ zu sagen.
[99] Hauptquellen: Clowes, Teil II; »Vie de Tromp«; »Leben Ruyters«. Zum Vergleich auch Schomberg, Teil I; Allen, Teil I; Yonge, Teil I.
Die besten alten Werke über die englisch-holländischen Kriege stammen aus Holland vom Ende des 17. Jahrh., ihre Angaben machen den Eindruck der Treue. Spätere englische Bücher, die meist auf diesen begründet scheinen, machen einen weit parteiischeren Eindruck, so z. B. in den Angaben über Zahl der Schiffe und über Verluste in den Gefechten; diese werden für die holländischen Streitkräfte meist sehr hoch, für die Engländer möglichst niedrig angegeben. Erst das neueste Buch, Laird Clowes, läßt dem Gegner mehr Gerechtigkeit widerfahren; er vermeidet stets übertriebene Zahlenangaben. Wir folgen seinem Beispiel.
Die sichersten alten Überlieferungen sind die Berichte und Briefe der Admirale usw. Man kann aber daraus den Verlauf der Schlachten und Gefechte nicht übersehen, weil sie meist nur Angaben enthalten über: das Sichten; die Windrichtung, aber nicht immer die Kurse; die Lage der Gegner zueinander in Beziehung auf den Wind (d. h. wer zu Luward stand); die Einteilung der Flotten in Geschwader, aber nicht immer, wie die Unterabteilungen zueinander standen (also nicht die Flottenformation). Dann folgen Aufzählungen hervorragender Taten einzelner Admirale und Kommandanten und Schilderungen von geschickten und mutigen Angriffen oder heldenmütigem Widerstand. Taktische Bewegungen während des Gefechtes werden selten erwähnt und dann auch nur in angedeutetem Sinne, wenn es z. B. einem Geschwader- oder Gruppen-Führer gelingt, sich in eine günstige Position zu setzen. Eine chronologisch fortlaufende Erzählung fehlt fast immer. Der Grund hierfür ist wohl darin zu suchen, daß zu dieser Zeit noch das Gefecht nach dem Zusammenstoß meist gleich zur Melee, zu Einzelkämpfen der Gruppen oder gar der Schiffe wurde; die Oberleitung und damit auch der Überblick ging verloren, man erfuhr später nur, was eine jede Gefechtseinheit für sich erlebt hatte. Diese Angaben stehen nun häufig nach den verschiedenen Quellen, ja selbst nach ein und derselben, in scharfem Widerspruch. Wo es möglich war, sie einigermaßen in Einklang zu bringen, habe ich versucht, den Verlauf der Schlachten darzustellen, wobei ich mich oft an Clowes anlehne, sonst mußte ich mich auf vermutende Andeutungen und auf Hervorheben wichtiger Einzelheiten beschränken. Dieser Mangel tritt besonders zur Zeit des ersten Krieges auf und verliert sich erst später allmählich.
Die Angabe der Daten weicht in den verschiedenen Quellen oft um zehn Tage voneinander ab, je nachdem die Autoren den alten oder neuen Kalender berücksichtigt haben; der Gregorianische Kalender ist in den katholischen Ländern schon Ende des 16., in den protestantischen erst im Laufe des 18. Jahrh. eingeführt. Ich gebe nach bestem Wissen die Daten nach dem neuen Stil. Ferner kommen noch Unterschiede von einem Tage vor; wahrscheinlich sind diese dadurch hervorgerufen, daß aus den Berichten und namentlich aus den Logbüchern das astronomische anstatt des bürgerlichen Datums entnommen ist.
$Das Gefecht bei Dover am 29. Mai 1652.$ Die englische Flotte im Kanal zur Zeit des Beginns der Feindseligkeiten kommandierte =Blake=. Er hatte mit ihr 1651 die von Royalisten besetzt gehaltenen Kanalinseln zur Übergabe gezwungen, dann war Admiral =Ayscue= mit einigen Schiffen der Flotte nach Westindien gesandt, um die dortigen Kolonien dem Parlamente zu unterwerfen. Am 28. Mai 1652 lag ein Teil der Kanalflotte unter =Bourne= in den Downs (Rhede von Deal, geschützt durch die davorliegenden Goodwin-Sände, dem üblichen Ankerplatz für Schiffe, um die Themsemündung zu sichern), Blake selbst lag auf der Rhede von Rye.
=Robert Blake=, 1599 in Bridgewater als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns geboren, übernahm nach kurzem Studium mit 26 Jahren das väterliche Geschäft, führte als Oberst in der republikanischen Armee mit Erfolg die Truppe seiner Heimat und wurde 1649 von Cromwell zum »General at Sea« (mit Dean und Popham) ernannt. Verfolgt 1650 Prinz Ruperts königliche Schiffe bis ins Mittelmeer, zwingt 1651 die Kanalinseln (die Scillys und Jersey) zur Übergabe, kommandiert 1652-54 gegen Holland, bekämpft 1655 die Seeräuberstaaten Tunis und Algier, nimmt 1657 die spanische Silberflotte in Teneriffa unter den Kanonen von St. Cruz. Er stirbt auf der Rückreise 1657 und wird in Westminster begraben. Obgleich bis 1649 dem Seewesen fremd, wurde er einer der größten Seehelden Englands, fast immer siegreich auch den berühmtesten Admiralen gegenüber. Seine Angriffe auf die Küstenwerke -- Kanalinseln, Tunis, Teneriffa -- waren die ersten dieser Art, und die Flotten begannen nach seinen Erfolgen solche Befestigungen gering zu schätzen. Blake tat auch viel für die Vermehrung und die Organisation der Marine. Er war ein ernster, pflichttreuer Puritaner, nicht ehrgeizig, wohlwollend und fürsorglich für seine Untergebenen, ein beliebter Vorgesetzter.
Bourne hatte 9 Schiffe, 7 Kriegsschiffe von 32-52 Kanonen und 2 kleinere Kauffahrer; Blakes Geschwader war 8 Kriegsschiffe von 36-64 Kanonen, 3 kleinere und einen Kauffahrer stark. Am 29. Mai sichtete =Bourne= eine holländische Flotte von 42 Fahrzeugen, die von der flandrischen Küste herüberkam. Zwei von ihr detachierte Schiffe kamen auf die Rhede, salutierten die englische Flagge und überbrachten vom holländischen Admiral =Tromp= die Nachricht, daß er nur durch das Wetter gezwungen sei, zur englischen Küste zu kommen, er habe nicht länger vor Dünkirchen liegen können. Bourne gab zur Antwort, Tromp könne die Harmlosigkeit seiner Absichten am besten durch schleunige Entfernung beweisen; gleich beim Sichten der Holländer hatte er »Klar zum Gefecht« machen lassen und die Nachricht an Blake gesandt, daß er einen Angriff befürchte; nachts ließ er den Feind durch leichte Schiffe beobachten. Mittlerweile hatte Tromp vor Dover geankert, aber die Aufforderung (durch Schüsse) der Befestigung dort, die Flagge zu streichen, unberücksichtigt gelassen.
=Martin Tromp, der Ältere=, Sohn eines Seeoffiziers, 1597 in Brielle an der Maasmündung geboren, ging mit 9 Jahren zur See und wurde mit 11 Jahren von einem englischen Kaper gefangen, auf dem er 2-1/2 Jahre dienen mußte. Er wurde mit 21 Jahren Offizier, mit 23 Jahren Kapitän, 40 Jahre alt Admiralleutnant. Tüchtiger Seemann, unerschrockener Führer, vom Feinde gefürchtet, von den Untergebenen geliebt. Fällt am 10. August 1653 durch eine Gewehrkugel in der Schlacht bei Scheveningen. Er soll in 32 Schlachten und Gefechten siegreich gewesen sein; die wichtigste Tat war die Vernichtung der letzten spanischen Hochseeflotte unter d'Oquendo in den Downs 1639 (Seite 141). In der Biographie seines Sohnes Cornelis »Vie de Tromp« auch Näheres über ihn z. B. Seite 155.
Da der Wind NO. war, so erhielt =Blake= die Meldung bald. Er lichtete sofort Anker und kreuzte nach Osten auf, gleichzeitig sandte er Befehl an Bourne, ihm entgegenzukommen, woraufhin dieser am 29. Mai gegen Mittag ankerauf ging. Zu derselben Zeit verließ =Tromp=, als er Blake sichtete, seinen Ankerplatz und steuerte nach Calais hinüber; nachdem er jedoch mit einem von Westen kommenden holländischen Schiffe gesprochen, halste er plötzlich und hielt auf Blakes Geschwader ab.
Als sich die beiden Flaggschiffe, englisch »James« (48 Kanonen), holländisch »Brederode« (56 Kanonen) etwa querab von Folkestone einander näherten, feuerte Blake als Aufforderung, die Flagge zu streichen, nacheinander drei Schuß, aber ohne Erfolg. Im Gegenteil, auf den dritten Schuß antwortete Tromp mit einer Breitseite, die vom »James« prompt erwidert wurde. In das so entstandene Gefecht griffen die nächsten Schiffe sofort ein; es war aber ein Kampf ohne jede taktische Anlage. Als Tromp seinen Kurs auf die englische Flotte nahm, hatte er sich mitten durch seine Schiffe fahrend an die Spitze gesetzt, ohne Innehaltung einer Ordnung folgten die Seinigen; von der englischen Flotte anderseits waren verschiedene Schiffe weit in Lee und kamen erst nach und nach auf. Die Spitzen stießen aufeinander; die Holländer würden mit ihrer Überzahl die Schiffe der englischen Spitze erdrückt haben, wenn nicht fast gleichzeitig =Bournes= Geschwader herangekommen wäre und den wirren Haufen der holländischen Schiffe seitlich hinten angegriffen hätte. Heiß wurde gefochten, englische Küstenfischer gingen während des Gefechts an Bord der Schiffe und halfen bei der Bedienung der Geschütze; erst die hereinbrechende Dunkelheit trennte die Gegner. Die Engländer sammelten sich vor Hythe, besserten ihre Beschädigungen aus und segelten dann nach den Downs, Tromp steuerte am anderen Morgen zur französischen Küste hinüber.
Die englischen Schiffe haben bei diesem Gefecht schwerere Beschädigungen, besonders auch in der Takelage, davongetragen (namentlich das Flaggschiff), dagegen nahm Bourne zwei holländische Schiffe; es scheinen auch die Verluste an Mannschaft auf holländischer Seite größer gewesen zu sein, so daß man im ganzen wohl den Engländern den Erfolg zusprechen muß.
Wenn $das Gefecht$ auch taktisch wenig bietet, so ist es doch $in verschiedener Hinsicht bemerkenswert$. Es war das erste größere Zusammentreffen der beiden Nationen und zeigt schon die Hartnäckigkeit im Kampf, die die drei großen englisch-holländischen Kriege kennzeichnet und ihre Schlachten so blutig macht. Die Holländer waren an Zahl der Schiffe doppelt so stark und siegten nicht, ein Beweis für die Überlegenheit der englischen Schiffe (Größe, Armierung, Segelfähigkeit, Stärke und Ausbildung der Besatzungen) im allgemeinen und auch wohl die der Kriegsschiffe über eingestellte Kauffahrer. Bei den Engländern kamen hier auf 15 Kriegsschiffe nur drei Kauffahrer, in der großen Zahl der Holländer werden weit mehr gewesen sein; man kann dies mit Sicherheit nach der Zusammensetzung der Flotte annehmen, mit der Tromp einen Monat später auftritt.
Das Fehlen jeglicher Taktik mag seinen Grund darin haben, daß Blake noch wenig seemännische Erfahrung hatte, der sonst erfahrene, bisher stets siegreiche Tromp aber auf die Überzahl rechnete, und daß der Vorfall durch die stürmische Natur des Angriffs den Charakter eines zufälligen Zusammenstoßes erhielt.
Endlich ist zu fragen, weshalb es zum Gefecht kam. Der Krieg war zur Zeit noch nicht erklärt, es waren sogar durch einen außerordentlichen Gesandten Hollands in London neue Unterhandlungen im Gange, die eine friedliche Beilegung in Aussicht stellten. Tromps Order lautete deshalb, den Handel im Kanal zu schützen, der englischen Küste aber fern zu bleiben und Reibungen zu vermeiden. In betreff des Flaggengrußes war ihm überlassen, nach eigenem Ermessen zu handeln, nachdem er auf eine Frage hierüber seiner Regierung geantwortet hatte, der Flaggengruß sei zur Zeit des englischen Königtums wohl üblich gewesen, besonders wenn beim Begegnen die holländische Macht die schwächere war. Da der Krieg noch nicht erklärt war und beide Teile die Schuld des Zusammenstoßes dem Gegner zuschrieben -- auf holländischer Seite wird behauptet, Blake habe zuerst eine Breitseite abgegeben --, wurden beide Befehlshaber zur Verantwortung[100] gezogen. Tromp gab an, zu keiner Zeit feindliche Absichten gehabt zu haben, andernfalls würde er schon am 28. den schwächeren Bourne in den Downs haben vernichten können, er sei sogar, um Reibungen zu vermeiden, nicht einmal auf die dortige Rhede gegangen; am 29. sei der Kampf durch Blakes Breitseite hervorgerufen, die dieser abgegeben habe, obgleich er, Tromp, durch Wegführen der Segel und Dippen der Flagge gegrüßt habe. Beides ist mit Vorsicht aufzunehmen; der Angriff auf Bourne wäre nicht so einfach gewesen, da die Holländer gegen Wind und Strom unter dem englischen Feuer hätten aufkreuzen müssen, und bei der Untersuchung des Falles englischerseits bezeugten auch die gefangenen holländischen Kapitäne, daß Tromp zuerst eine Breitseite gefeuert habe. Tromp führte endlich an, er habe am 29. aufs neue den Kurs zur englischen Küste genommen, weil er von dem ihm begegnenden holländischen Schiffe erfahren hätte, daß von Westen eine Anzahl reich beladener Kauffahrer käme, die durch englische Schiffe gefährdet werden könnte.
[100] »Vie de Tromp«: Berichte beider Führer Seite 15 u. ff., ebendort Briefwechsel zwischen ihnen und Vorstellungen der holländischen Gesandten den Fall betreffend. =Clowes=, Teil II, Seite 148.
So ist denn anzunehmen, daß Tromp am 28. an der englischen Küste erschien, um Stand und Stärke der englischen Flotte zu erkunden, am 29. wollte er wohl zum Schutz der Kauffahrer seine gewaltige Macht zeigen, dabei darauf vertrauend, daß angesichts seiner Stärke die Engländer den Flaggengruß nicht fordern würden. Als dies doch geschah, kam es zum Zusammenstoß, was bei dem herrschenden Haß auf beiden Seiten und bei der damaligen allgemeinen Neigung zu gesetzlosem, gewalttätigem Vorgehen auf See nicht sehr zu verwundern ist.
$Weitere Ereignisse bis zur Kriegserklärung.$ Der Zusammenstoß bei Dover erregte in England große Entrüstung, das Haus des holländischen Botschafters mußte vor dem Pöbel geschützt werden, und die neuen Unterhandlungen[101] zerschlugen sich. Auch die Engländer zogen jetzt Kauffahrer in großer Zahl zum Kriegsdienste ein und preßten in den südöstlichen Grafschaften alle Seeleute zwischen 15 und 50 Jahren. Außerdem traf Anfang Juni =Ayscue= auf seiner Rückkehr von Westindien in Plymouth ein; er führte 36 auf Grund der Navigationsakte genommene Prisen und zwar hauptsächlich Holländer mit sich.
[101] Über diese Verhandlungen, in denen England seine Forderungen verschärfte, näheres in »Vie de Tromp«, Seite 27 ff.
=Blake=, dessen Flotte jetzt stark vermehrt und von ihm in den Downs sorgfältig organisiert war, erhielt Befehl auszulaufen, um die holländische Heringsfischerei an der Nordostküste Schottlands zu zerstören und feindliche Handelsschiffe auf ihrem Wege von der Ostsee oder bei den Shetlands abzufangen. Viele aus dem Atlantik kommende holländische Schiffe wählten zu dieser Zeit den Kurs nördlich um Großbritannien, um die Scherereien und Gefahren -- Visitation und etwaige Beschlagnahme durch die Engländer -- im Kanal zu vermeiden.
=Ayscue= erhielt Befehl, damit die Themsemündung nicht ganz unbeschützt bliebe, =nach den Downs= zu gehen, wo er am 30. Juni eintraf; vorher nahm er noch die Gelegenheit wahr, am 22. Juni bei Lizard ein Konvoi holländischer Portugalfahrer anzugreifen, von denen er einige nach heftigem Kampf mit den begleitenden Kriegsschiffen nahm.
=Blake= segelte am 7. Juli nach Norden mit nunmehr 39 Kriegsschiffen, 2 Brandern, 2 Schaluppen und 18 armierten Kauffahrern; Ayscue blieb mit nur 14 Schiffen, wovon die Hälfte Kauffahrer, in den Downs zurück; die Absicht, ihn von der Themse aus zu verstärken, mußte aufgegeben werden, da Tromp an der Küste erschien.
=Tromp=, der jetzt auch den Befehl erhalten hatte, den Feind nach Möglichkeit zu schädigen, wurde von dem aus London zurückkehrenden Gesandten über Ayscues Schwäche unterrichtet und beschloß, diesen anzugreifen. Tromps Flotte war 92 Segel stark: 20 Kriegsschiffe (30-40 Kanonen), 12 kleinere (Fregatten, 8-10 Kanonen), 6 Brander und 54 armierte Kauffahrer. Sein Angriff, von Norden bei günstigem Winde angesetzt, mißlang jedoch, da Ayscue dicht unter Land, geschützt durch das Kastell von Deal und verschiedene behelfsmäßige Batterien unmittelbar am Strande, lag und der Wind sich zu seinen Gunsten änderte. Tromp folgte nun Blake, kam aber auch hier zu spät; bereits war die holländische Fischerflotte vor dem Firth of Moray in alle Winde zersprengt, die 13 schützenden kleinen Kriegsschiffe (Fregatten) waren bis auf eins genommen und ebenso etwa 100 Fischerfahrzeuge mit 1500 Mann; diese wurden jedoch von Blake wieder freigegeben, um seine Flotte nicht zu schwächen, als er weiter bis zu den Shetlands segelte. Hier fand ihn Tromp am 5. August, es kam aber nicht zum Gefecht, weil ein schwerer NW.-Sturm einsetzte. Die englische Flotte fand Schutz unter Land, die holländische litt schwer. Nur mit 39 Schiffen kehrte Tromp nach Holland zurück; von den übrigen war ein Teil gesunken, der Rest stark beschädigt und zerstreut, und die Heimkehr der letzten Schiffe zog sich bis in den September hinein.
Der Vergleich der beiden Flotten hier zeigt deutlich die mehrfach erwähnte Schwäche Hollands. Bei Blake kamen auf 41 Kriegsschiffe 18 Kauffahrer, bei Tromp auf 32 aber 54.
=Blake= folgte zwar der holländischen Flotte, aber er verfolgte sie nicht. =Tromp= wurde nach seiner Rückkehr vom Kommando entsetzt: er hatte den endgültigen Bruch herbeigeführt, den Handel nicht schützen können, gegen die feindliche Flotte nichts erreicht und endlich die halbe Flotte verloren; außerdem war er als Anhänger der Oranier der Regierung unbequem. An seine Stelle trat =Witte de Witt= als Oberbefehlshaber und unter ihm Ruyter.
$Die Kriegserklärung. Gefecht bei Plymouth am 26. August 1652.$ Erst am 28. Juli war der Krieg erklärt. Das Bisherige war eigentlich nur ein Vorspiel gewesen; auch der kleine Krieg, das Aufbringen von Handelsschiffen durch Kreuzer und Kaper, hatte lange schon vor der Kriegserklärung begonnen. Auch hierin war England durch seine größeren Schiffe im Vorteil; eine holländische Verfügung, die verbot, Kaperbriefe an Schiffe unter 200 tons und unter 20 Geschütze zur eigenen Sicherheit dieser auszugeben, mußte wegen Mangels an besserem Material zurückgezogen werden. Die kriegerischen Unternehmungen nach der Kriegserklärung trugen zunächst denselben Charakter wie die des Vorspiels, nämlich: Schutz des eigenen Handels, Bedrohung des feindlichen. Auf englischer Seite wurde =Ayscue= zu diesem Zweck nach dem Westen des Kanals gesandt, =Blake= stand mit der Hauptmacht im Osten. Von beiden Nationen kreuzten zahlreiche einzelne Schiffe zum Aufbringen feindlicher Kauffahrer und zur Warnung der eigenen.
Auf holländischer Seite erhielt =Ruyter= den Befehl, mit einem Geschwader, das während Tromps letzter Fahrt ausgerüstet war, 50-60 nach auswärts bestimmte Handelsschiffe durch den Kanal zu geleiten.
=Michael de Ruyter=,[102] 1607 zu Vlissingen in dürftigen Verhältnissen geboren, ging mit 11 Jahren als Kauffahrtei-Schiffsjunge zur See, kurze Zeit diente er auch im Heere und 1637 führte er einen Kaper gegen Frankreich. 1640 trat er in den Staatsdienst und wurde der hervorragendste Admiral der Niederlande. Er war unerschrocken, beharrlich, umsichtig, pflichttreu und ein vorzüglicher Seemann; politisch gemäßigter Republikaner. Sein liebenswürdiger, einfacher und doch vornehmer Charakter erwarb ihm die Hochachtung seiner Gegner, die Liebe seiner Untergebenen. Er fiel 1676 als Leutnant-Admiral-General bei Agosta und wurde in Holland mit fürstlichen Ehren unter Teilnahme aller Schichten der Bevölkerung begraben.[103]
[102] Siehe das Titelbild.
[103] Bei »Agosta« später noch einige Angaben über Ruyter. Beste Biographie: »Leben Ruyters«, vgl. Quellenverzeichnis.
Ruyter übernahm das Kommando nur ungern;[104] 1652 zum dritten Male verehelicht, hatte er sich vom Seefahren zurückziehen wollen. Auch scheinen ihm der schlechte Zustand der Flotte sowie das Parteiwesen, das in ihr wie im Lande herrschte, Bedenken gemacht zu haben; nur durch Anruf seiner Vaterlandsliebe ward er gewonnen.
[104] »Leben Ruyters«, Seite 19.
Als =Ruyter= das Kommando am 10. August übernahm, bestand die Flotte nur aus 15 Schiffen. Er erklärte verschiedentlich, mit so wenigen und außerdem den Schiffen der Feinde an Stärke nachstehenden Fahrzeugen die Aufgabe nicht ausführen zu können; er hatte nämlich Angaben über die Stärke Ayscues, die allerdings hinsichtlich der Größe der Schiffe übertrieben waren. Während er bis zum 21. August auf die zu begleitenden Kauffahrer wartete, wurde seine Flotte durch zwei Nachschübe verstärkt. Am genannten Tage segelte er von Gravelines mit großer Vorsicht und mit Verwendung zahlreicher Aufklärungsschiffe den Kanal hinab. Am 26. August traf er südlich von =Plymouth= in der Mitte des Kanals auf =Ayscue= und beide Teile gingen sofort zum Angriff über.
=Ruyters Flotte bestand= aus 30 Kriegsschiffen:[105] 16 zu 28-26 Kanonen mit 120-180 Mann (nur das Flaggschiff »Neptun« hatte bei 28 Kanonen 134 Mann); 4 zu 24 Kanonen, 70-100 Mann; 2 unbekannter Größe; 6 zu 30 Kanonen, 100-110 Mann; 2 zu 40 Kanonen, 200 Mann. Die beiden zu 40 Kanonen waren Schiffe der ostindischen Kompagnie; aber auch sonst werden Kauffahrer darunter gewesen sein, so z. B. die 30 Kanonenschiffe, die eine so geringe Zahl an Mannschaften im Verhältnis zur Kanonenzahl haben. Ein Vergleich der genauen Liste aller Schiffe Ruyters mit englischen Listen, z. B. für Dover oder später Northforeland, zeigt, wieviel schwächer die Holländer armiert und bemannt waren. Ein englisches Schiff von 36 Kanonen (allerdings überarmiert) entsprach an Größe vielleicht einem holländischen von 28 Kanonen; jenes hatte 120-160 Mann, dieses nur 80-120 Besatzung. Hinzu traten noch 3 Gallioten und 6 Brander. Von den Schiffen seines Konvois wählte Ruyter ferner etwa 20 verhältnismäßig stark armierte aus und stellte sie in die Gefechtsformation, die üblichen drei Geschwadergruppen, ein; den Rest sandte er nach Lee. Die Brander wurden zu je 2 auf die Geschwader verteilt mit dem Befehl, die größten Schiffe des Feindes anzugreifen; die Gallioten waren beauftragt, brennenden oder sinkenden Schiffen Hilfe zu leisten.
[105] »Leben Ruyters«, Seite 22.
=Ayscue= war etwa 40 größere Kriegsschiffe (darunter 2 zu 60 Kanonen, 8 zu 36-40 Kanonen), 8 kleinere und 4 Brander =stark=, also an Zahl und Stärke der Kriegsschiffe, wie die Engländer selbst zugeben, überlegen; da aber, wie anderseits die Holländer zugestehen, die eingestellten Schiffe des Konvois zum großen Teil voll ihre Pflicht taten, kann man wohl die Kräfte als gleich ansehen.
Der Wind war NO., die Engländer standen beim gegenseitigen Sichten zu Luward. Über den taktischen =Verlauf des Gefechts= ist sonst nichts bekannt, die Überlieferungen rühmen nur die Taten einzelner Kommandanten; es scheint sofort die Melee eingetreten zu sein. Vom frühen Nachmittag bis zur Dunkelheit wurde heiß gekämpft, wieder scheinen die Holländer den größeren Verlust an Leuten, die Engländer die größeren Beschädigungen an den Schiffen, besonders in der Takelage erlitten zu haben. Beide Teile behaupten, zwei oder drei Gegner vernichtet, selbst aber kein Fahrzeug verloren zu haben. Beide schreiben sich den Sieg zu, da aber Ayscue am andern Tage zum Ausbessern nach Plymouth ging, Ruyter dagegen seinen Konvoi sammelt und mit nur zwei Kriegsschiffen aus seinem Schutze entläßt, weil er keine ernstliche Belästigung für ihn mehr befürchtet, ist wohl den Holländern der Erfolg zuzuschreiben; daß Ayscue trotz seines bisherigen guten Rufes nicht mehr aktiv verwendet wird, zeugt von dieser Auffassung auch englischerseits.[106]
[106] Clowes, Teil II, Seite 157, nimmt an, daß beide Gegner kein Schiff verloren hätten. »Vie de Tromp«, Seite 67, und »Leben Ruyters«, Seite 23, sagen, die Engländer würden vernichtet sein, wenn es Ruyter gelungen wäre, die Luvstellung zu gewinnen und von dort aus seine Brander zu verwenden.
=Ruyter= teilte sogar am 28. August seinen Kommandanten mit, daß er beabsichtige, den Feind in Plymouth aufzusuchen;[107] dieser Angriff sollte am 30. stattfinden, aber ein in der Nacht vorher einsetzender südlicher Sturm zwang die Holländer, den Plan aufzugeben und von der Leeküste frei zu segeln. Ruyter kreuzte noch bis Ende September im Westen des Kanals, dann kehrte er nach Holland zurück, da er die Nachricht erhalten hatte, daß Blake mit der feindlichen Hauptmacht in See sei, um ihn abzufangen; auch hatte seine Flotte in einem dreitägigen schweren Sturme sehr gelitten und verschiedene Kommandanten zeigten sich unbotmäßig[108] oder ungeschickt[108] in der Führung ihrer Schiffe. Auf der Rückreise sichtete er einen Teil der Flotte Blakes (unter Penn), er wich jedoch einem Gefechte aus, wohl mit Rücksicht auf seine durch die Schlacht und die Stürme geschwächten Schiffe und weil er den anderen Teil der englischen Macht in der Nähe wußte. Am 2. Oktober trat er bei =Dünkirchen= unter den Befehl =Witte de Witts=, der die Flotte Tromps übernommen hatte. Diese war aber, wie uns bekannt, eben erst wieder völlig versammelt und bedurfte der Ausbesserung; so hatte Blake schon im Rücken Ruyters mit seinen unversehrten Schiffen den Kanal beherrscht, viele Prisen aufgebracht und war dann westlich gesegelt, um Ayscues ausbesserungsbedürftiges Geschwader dort zu ersetzen. Nach Ruyters Rückkehr war der ganze Kanal in den Händen Englands.
[107] In »Vie de Tromp«, Seite 69, und »Leben Ruyters«, Seite 26, wörtliche Wiedergabe seiner Ansprache. Er spricht darin die Hoffnung aus, den Feind zu überraschen, indem viele Offiziere und Leute am Lande sein würden, und daß diejenigen seiner Kommandanten, die sich in der Schlacht weniger gut benommen, dies wieder gutmachen könnten. Über seine Kapitäne klagte er später noch einmal, als beim Kreuzen häufig Schiffe zu weit abkommen; er spricht dabei von »mutwilligen und dummen« Kommandanten. (»Leben Ruyters«, Seite 28.) Unbotmäßigkeit, Lauheit und Ungeschick wird im ersten holländisch-englischen Kriege den Kommandanten öfters vorgeworfen, wohl eine Folge der politischen Parteien im Lande und mißverstandener republikanischer Ansichten oder auch des Mangels an eigentlichen Marineoffizieren.
$Blake vernichtet am 7. September 1652 ein französisches Geschwader.$[108] Dieser Vorfall kennzeichnet wiederum die Kriegführung zur See und das Verhältnis der Völker auf dem Meere zueinander in dieser Zeit. England war zwar im Frieden mit Frankreich, aber auf der See waren Reibungen an der Tagesordnung. Belästigung des englischen Handels durch französische Freibeuter, die Unterstützung, die den Royalisten in Frankreich zu teil geworden war, die Nichtanerkennung der Republik und endlich Streitigkeiten über die Fischerei auf den Neufundlandbänken hatten seit 1650 zu Gewaltmaßregeln und Aufbringen von Schiffen englischerseits geführt. Es bestand jetzt zur See eine Art Kriegszustand, der Zusammenstöße einzelner Kriegsschiffe, im Mittelmeer gar kleinerer Geschwader, zur Folge hatte. Nun war Frankreich mit Spanien im Kriege (1635-1659, vgl. S. 109). =Dünkirchen=, seit 1646 von Frankreich besetzt, wurde von den Spaniern belagert. Ein französisches Geschwader unter dem =Herzog von Vendôme= sollte Truppen, Munition und Vorräte in die in höchster Bedrängnis befindliche Stadt werfen; =Blake= stieß am 7. September 1652 auf dieses Geschwader, griff sofort an und schlug es in einem laufenden Gefechte. Er nahm oder zerstörte 7 von den 8 begleitenden Kriegsschiffen und zerstreute die Transporter; Dünkirchen fiel infolgedessen wenige Tage später.
[108] Clowes, Teil II, Seite 159; du Sein, Teil II, Seite 572; Troude, Teil I, Seite 104.
Diese Tat war denn doch ein Kriegsakt, der selbst über die Grenzen der damals üblichen Gewaltmaßregeln hinausging, dennoch erfolgte seitens Frankreichs nichts als diplomatische Vorstellungen; Spanien dagegen sprach dem englischen Parlamente seinen Dank aus. Diesen Staat sich geneigt zu erhalten, war auch wohl der Grund zu der unerhörten Tat gewesen; im Mittelmeer nämlich lagen die Verhältnisse nicht zu Englands Gunsten.
=Der Krieg im Mittelmeer.= Im Mittelmeer war der englische Handel, einige gelegentliche Expeditionen gegen afrikanische Piraten abgerechnet, bis zum Jahre 1650 unbeschützt gewesen; im genannten Jahre verfolgte, wie schon früher erwähnt, Blake (später Penn) den Prinzen Rupert bis dorthin, und von dieser Zeit an wurde ein ständiges Mittelmeergeschwader gehalten, das neben dem Schutz des Handels auch dort Zwangsmaßregeln gegen Frankreich ausübte. Bei Ausbruch des Krieges mit Holland aber war dieses Geschwader recht schwach, nur 6 Kriegsschiffe (30-42 Kanonen) und 2 armierte Kauffahrer, während die Holländer gegen 30 Schiffe an verschiedenen Stellen des Westmittelmeeres hatten; von ihnen war die Station kurz vor Kriegsbeginn wesentlich verstärkt worden. Das englische Geschwader war sogar noch in zwei Teile geteilt, der eine Teil unter =Appleton= lag in =Livorno= und wurde nach der Kriegserklärung sofort durch 14 oder 18 Holländer unter =van Galen= blockiert, nur die freundliche Haltung des Großherzogs von Toskana schützte ihn vor Wegnahme. Der andere Teil, 4 Kriegsschiffe unter =Badiley=, begleitete einen Konvoi vom Orient her. Badiley, vom Kriegszustand unterrichtet, versuchte nun ebenfalls nach Livorno zu kommen, wurde jedoch am 6. September 1652 von van Galen, der nur einige Schiffe vor Livorno zurückgelassen hatte, mit großer Übermacht bei =Elba= angegriffen und nach mehrstündigem harten Kampf gezwungen, in =Porto Longone= einzulaufen, wohin er seinen Konvoi bei Beginn des Gefechts vorausgesandt hatte; hier schützte ihn gleichfalls der Gouverneur Elbas.
Ein Schiff (»Phönix«) war bei dem Gefecht in die Hände der Holländer gefallen, wurde aber bald darauf, nachdem es in das holländische Geschwader eingestellt war, auf der Außenrhede von =Livorno= (am 30. September 1652) =durch Boote= des englischen Geschwaders wieder =genommen=. Es ist dies das erste genauer bekannte Beispiel jener kühnen Unternehmungen dieser Art, in denen die Engländer sich später so auszeichneten.
=Kapitän Cox= führte die Expedition; er armierte 3 Boote mit je 30 Mann, nur mit Äxten und Entermessern bewaffnet sowie versehen mit Mehlsäcken, um die Gegner zu blenden. In dunkler Nacht fuhr man ab und erreichte, zweimal durch die Dunkelheit getrennt, beim dritten Male das Schiff, auf dem infolge eines vorangegangenen Festes schlechte Wache gehalten wurde. Verabredungsgemäß hatte die Besatzung des einen Bootes die Ankertaue zu kappen, die des zweiten aufzuentern und Segel zu setzen, die des dritten Bootes alle Luken zu schließen und den Feind niederzuhalten. Es gelang vollkommen, fast ohne Widerstand; der in seiner Kajüte überraschte Kommandant, =Cornelius Tromp= (der Sohn Martins), sprang aus dem Kajütenfenster und erreichte schwimmend oder mit Hilfe des Bootes am Heck ein anderes holländisches Schiff. Kapitän Cox segelte mit dem wiedergenommenen Schiff nach Porto Longone zu dessen altem Geschwader.
Man hatte keine Feuerwaffen gebraucht, um »die Neutralität des Hafens nicht zu verletzen«, ein Grundsatz, den der ältere Tromp selbst aufgestellt haben soll. Der =Großherzog von Toskana= beschwerte sich aber bitter darüber und war von nun ab den Engländern weniger günstig gesinnt, was üble Folgen haben sollte. Vorläufig blieben beide englische Geschwader in Livorno und Porto Longone von den holländischen Streitkräften, die sich durch Zuzug aus dem Westmittelmeer verstärkten, blockiert und zur Untätigkeit gezwungen; man versuchte nun sich durch Armieren von Kauffahrern gleichfalls zu verstärken, was auch in geringem Maße gelang.
$Die Schlacht bei Kentish Knock, 8. Oktober 1652.$ =Witte de Witt=[109], der neue holländische Oberbefehlshaber, zeigte sich am 21. September zuerst im Kanal. =Blake= wurde sofort davon benachrichtigt, aber es gelang ihm bekanntlich nicht, =Ruyter= vor seiner Vereinigung mit der holländischen Hauptmacht abzufangen; die beiden holländischen Führer trafen sich am 2. Oktober zwischen Dünkirchen und Nieuport. Sie unterzogen ihre Schiffe zunächst einer genauen Besichtigung und sandten alle nicht völlig gefechtsfähigen (10 Schiffe und 5 Brander) zur Ausbesserung in die Häfen. Es blieben ihnen etwa 64 Fahrzeuge, während Blake etwa 68 im Osten des Kanals zusammenzog. Obgleich die Unterführer der Holländer, besonders de Ruyter, darauf hinwiesen, daß man dem Feinde namentlich in der Güte und Gefechtskraft der Schiffe unterlegen sei, beschloß de Witt doch, den Feind aufzusuchen. Er glaubte wohl, weil er an Tromps Stelle gesetzt war, unter allen Umständen dessen Mißerfolge ausgleichen und durch einen entscheidenden Schlag, dieses Mal unmittelbar auf die feindlichen Hauptstreitkräfte gerichtet, dem Handel im Kanal Luft schaffen zu müssen. Er beabsichtigte, den Feind auf seinem Sammelpunkte, den Downs, anzugreifen, aber =Blake= war gleichfalls fertig und suchte auch den Kampf.
[109] Witte Cornelius de Witt, 1599 in Brielle geboren, ging mit 17 Jahren zur See und stieg bis zum Admiralleutnant; tüchtig, kampflustig aber hartnäckig, schroff und unbeliebt. Vom Oberkommando entsetzt, diente er später weiter auch unter früheren Untergebenen. Er fiel 1658 in der »Schlacht im Sunde«.
Blake hatte am 8. Oktober morgens bei frischem Westwinde seinen Ankerplatz verlassen und sichtete den Feind gegen Mittag nordöstlich von Northforeland. =De Witt= lag hart beim Winde über St. B. Bug hinter der Bank von =Kentish Knock=, damit beschäftigt, seine Flotte zu rangieren. Es hatte Tags zuvor schwer geweht, und wie gewöhnlich waren verschiedene Schiffe versprengt. De Witt wurde gewissermaßen überrascht und konnte nur durch schnelle Fahrzeuge noch Befehle zur Herstellung der Ordnung ausgeben. Seine Flotte war in 4 Geschwader geteilt: de Ruyter, de Witt, de Wildt; das vierte unter Evertsen bildete eine Reserve mit dem Befehl, an der bedrängtesten Stelle einzugreifen. Der Wind war südwestlich und flauer geworden. Blake führte seine Flotte in drei Geschwadern (Blake, Penn, Bourne) heran und schob sich mit den beiden ersten zu Luward zwischen den Feind und die Untiefen; Bourne stand etwas zurück. Das Gefecht wurde an der Spitze sofort sehr scharf, zwei Holländer waren gleich entmastet, aber verschiedene englische Schiffe, besonders von Penns Geschwader einschließlich des Flaggschiffes, kamen auf der Bank fest oder stießen wenigstens auf sie. De Witt wendete mit allen Schiffen zugleich, wahrscheinlich um die schwersten Schiffe Blakes zu vermeiden und um sich auf das Geschwader Bourne zu werfen; als er aber mit Bourne zusammenstieß, wurde er auch von =Penn= angegriffen. Während nämlich Blakes Schiffe durch ihren Kurs fast vor dem Winde zunächst nach Lee geführt waren, hatte sich das Geschwader Penn, um von der Bank frei zu liegen oder wieder freizukommen, genötigt gesehen, über B. B. Bug an den Wind zu gehen, und war nun in günstiger Lage zum Eingreifen. Penn selbst schreibt: »Der Umstand des Unklarkommens von der Bank, der so verhängnisvoll hätte werden können, trug zum glücklichen Entscheide bei.«
Der Kampf wütete etwa von 3 Uhr nachmittags bis zum Eintritt der Dunkelheit, die Verluste waren schwer auf beiden Seiten, doch waren die Holländer in jeder Hinsicht im Nachteil. Nach englischen Angaben wurden 2 Holländer genommen, 1 verbrannt, dagegen kein englisches Schiff verloren; holländische Quellen geben 600 Tote und Verwundete, sowie schwere Beschädigungen an Schiffen und Takelage zu, behaupten aber, der englische Mannschaftsverlust sei größer gewesen. De Witt wollte am nächsten Tage, hartnäckig und für seine Stellung besorgt, den Kampf wieder aufnehmen, aber im Kriegsrat stimmten seine Admirale entschieden dagegen unter Hinweis auf die erlittenen Verluste und Beschädigungen, auf die minderwertigen und unvollständig bemannten Schiffe sowie darauf, daß die holländischen Schiffe nicht beisammen seien, die Engländer aber Verstärkung erhalten hätten.
Am 9. morgens standen etwa 20 Schiffe weit in Lee und kamen auch nicht heran. Ähnlich hatten schon einige der Versprengten am 8. gehandelt, andere hatten sich im Gefecht lau erwiesen; die bekannte Unbotmäßigkeit und Unfähigkeit einzelner Kommandanten. De Witts Beschwerde später fruchtete nichts; ihre große Zahl und ihre politischen Freunde schützten die Beschuldigten.
Nach »Vie de Tromp« und »Leben Ruyters« stieß in der Nacht eine Verstärkung von 16 Segeln zu Blake, wahrscheinlich die ausgebesserten Schiffe Ayscues.
=De Witt= mußte sich fügen und segelte mittags der heimischen Küste zu. Die Engländer wurden vormittags durch den flauen Wind verhindert, den Feind ernstlich zu engagieren; später folgten sie, brachen dann aber am Abend die Verfolgung ab, um die Gefahren der holländischen Küste zu vermeiden. Sie gingen nach den Downs zur Auffüllung von Vorräten und zur Ausbesserung.
Der Versuch de Witts, den Handel durch Angriff auf die feindlichen Seestreitkräfte frei zu machen, war gescheitert. Der Erfolg der Engländer befestigte ihre Herrschaft über den Kanal noch mehr; ihre kleinen Kreuzer machten reiche Beute.
$Niederlage der Engländer bei Dungeness, 10. Dezember 1652.$ Nach dem letzten Erfolge hoffte man in England, Holland würde geneigt zum Frieden sein, wenigstens erwartete man bei der vorgerückten Jahreszeit zunächst von dort keine größeren Unternehmungen mehr. Die Flotte Blakes wurde deshalb ohne Bedenken sehr geschwächt. Man sandte ein Geschwader von 18 Schiffen in den Sund, da Reibungen mit Dänemark[110] entstanden waren, und 12 Schiffe wieder nach dem Westen des Kanals; Penn begleitete mit 20 Schiffen Kauffahrer und mehrere Schiffe gingen in die Themse, um ausgebessert zu werden; sogar die behelfsmäßigen Batterien bei Deal, die Ayscue in den Downs so gut geschützt hatten, wurden als unnötig eingezogen. In Holland dagegen rüstete man trotz des herannahenden Winters mit aller Kraft, um durch Einstellung von Begleitschiffen den völlig brachliegenden Handel zu schützen. Schon vor der letzten Schlacht war es nötig gewesen, das Auslaufen von Kauffahrern ohne Schutz von Kriegsschiffen zu verbieten; so hatten sich jetzt an 300 nach auswärts bestimmte Schiffe angehäuft, die ihre Reise vor dem Winter antreten mußten, und bei der Insel Ré vor La Rochelle sammelten sich zahlreiche Heimkommende, um durch den Kanal geleitet zu werden, denn auch an diesem üblichen Sammelpunkt war das Verbot des Alleinsegelns bekannt gemacht worden.
[110] Dänemark hielt zu Holland, indem es mit vertragsmäßig dazu bestimmten Kriegsschiffen holländische Kauffahrer schützte, ja sogar konvoiierte, englische Fahrzeuge dagegen aufbrachte. Das erwähnte englische Geschwader wurde durch Sturm verhindert, etwas zu leisten.
Anfang Dezember war eine Flotte von 73 Schiffen mit kleineren Fahrzeugen und Brandern seeklar.[111] Der Oberbefehl war wieder an =Tromp= gegeben, unter ihm standen Ruyter, Jan Evertsen und Floriszoon; de Witt war erkrankt. =Blake= verfügte in den Downs nur über 37 Schiffe nebst einigen kleineren Fahrzeugen. Wahrscheinlich hatte =Tromp= Kenntnis von Blakes Schwäche. Er ließ den Konvoi, die 300 nach auswärts bestimmten Kauffahrer, an der flämischen Küste und erschien am 9. Dezember in der Frühe mit seiner ganzen Flotte hinter Goodwin-Sands; Blake lichtete nach kurzem Kriegsrat Anker. Beide Flotten steuerten südlich.
[111] Im »Leben Ruyters«, Seite 30, wird gerade bei dieser Gelegenheit hervorgehoben, daß sich in der Flotte sehr viel eingestellte Kauffahrer befanden, und daß um diese Zeit zuerst dringende Anträge für den Bau von Kriegsschiffen gestellt seien.
Verschiedentlich ist darüber geschrieben, weshalb der sonst so wohl überlegende =Blake= bei seiner Schwäche diesen Schritt tat. Das Wahrscheinlichste dürfte sein, daß er seinen Ankerplatz nicht für sicher hielt, namentlich da die schützenden Batterien am Lande eingegangen waren; er dachte wohl daran, daß Tromp 1639 hier den Spanier d'Ocquendo wie in einer Falle gefangen hatte. Auch ist es möglich, daß er an dem trüben Wintermorgen die Stärke des Feindes nicht erkannte; später konnte er nicht zurück, da der anfänglich südwestliche Wind nach NW. drehte und stark auffrischte.
Am 9. Dezember verhinderte der starke Wind einen Kampf, Blake ankerte am Abend vor Dover, Tromp einige Seemeilen leewärts von ihm. Am 10. Dezember morgens lichteten beide Flotten Anker und steuerten auf Parallelkursen, über B. B. Bug beim Winde, der Küste entlang, doch konnten die Holländer den Feind erst erreichen, als etwa um 1 Uhr der Lauf der Küste (vgl. Skizze: Dover, Seite 202) die Spitze der Engländer bei =Dungeness= zwang, sich ihnen zu nähern. Es kam zu einem heftigen Kampfe der auf beiden Seiten führenden und schwersten Schiffe, in dem die Holländer an Zahl weit überlegen waren. Die Überlieferungen melden blutige Schiffsduelle;[112] besonders die Admiralschiffe sind beteiligt; erst werden Breitseiten gewechselt, dann wird zum Entern längsseit gegangen; mehrfach liegen 3 auch 4 Schiffe nebeneinander. Wie gewöhnlich trennt erst die Dunkelheit die Gegner. Der Erfolg war auf seiten der Holländer; Blake verlor 5 Schiffe (2 genommen, 3 gesunken), von den Holländern war nur ein Schiff durch einen Zufall aufgeflogen. =Blake= war genötigt, das Feld zu räumen, er ankerte auf Dover Rhede und ging später nach den Downs zurück. =Tromp= machte keinen Versuch, den Sieg bis zur Vernichtung des Feindes auszunützen, sei es, daß er doch auch stark gelitten, sei es, daß für eine derartig energische Kriegführung eben noch kein Verständnis war; man dachte nur an den Konvoi und war mit dem Teilerfolge zufrieden. Er lag einige Tage zur Ausbesserung bei Dungeness und hatte Gelegenheit, einige ostwärts segelnde Engländer abzufangen; er ließ sogar landen, um Vieh zu rauben; dieses Unternehmen brachte jedoch nur Verluste. Dann führte er seinen Konvoi bis zur Insel Ré, von wo aus er die Biscaya beherrschte, während heimwärts bestimmte Fahrzeuge sich dort weiter sammelten.[113]
[112] Unter den sich besonders auszuzeichnenden Schiffen findet man Namen, die seitdem in der englischen Flotte stets wieder erscheinen: »Victory«, »Vanguard«, »Triumph« (Blakes Flaggschiff).
[113] Bei diesen Fahrten soll Tromp einen Besen im Topp geführt haben, als Zeichen, daß er den Kanal reingefegt habe. Nach Clowes, Teil II, Seite 174, ist dies eine Sage: Ein Besen im Topp sei damals das Zeichen gewesen, daß das betreffende Schiff zum Verkauf stehe. So sei die Erzählung wohl ein Witzwort von jemandem, der Tromp in St. Martin auf Ré seine Prisen habe verkaufen sehen. Aber auch dann bezeugt der lange Glaube an die Erzählung, daß die Holländer nach Dungeness einige Zeit die Herrschaft im Kanal hatten.
Wahrscheinlich sind bei Dungeness nicht alle Holländer im Gefecht gewesen, da die schlechteren Segler beim Beginn zu weit in Lee waren; erwiesen ist, daß verschiedene englische Kommandanten sich absichtlich ferngehalten haben, nicht nur solche von armierten Kauffahrern, sondern auch solche von Kriegsschiffen und mit sonst gutem Ruf. Blake bat, bedrückt durch die Niederlage, um Entsetzung von seinem Kommando und forderte eine Untersuchung gegen die Pflichtvergessenen. Sein erster Wunsch wurde nicht erfüllt, es wurde ihm im Gegenteil ein Vertrauensvotum zuteil. Die Untersuchung[114] aber wurde sofort eingeleitet und hatte wichtige Folgen: die Entlassung und Bestrafung mehrerer Kapitäne; die Verordnung, daß Kauffahrteischiffer in Zukunft ihre Schiffe nicht mehr im Gefecht führen sollten; den Neubau zahlreicher Kriegsschiffe, unter anderen von 30 Fregatten (d. h. gut segelnden Schiffen, vgl. Seite 164).
[114] Die Untersuchungsakten liegen nicht mehr vor, so daß der Grund für das Verhalten der Kriegsschiffkommandanten unbekannt ist. Man glaubt, es Einflüssen der royalistischen Partei zuschreiben zu müssen.
$England gibt das Mittelmeer auf.$ Die Schlacht bei Dungeness hatte auch üble Folgen für die Engländer im Mittelmeer; dies sei, zeitlich etwas vorgreifend, hier kurz geschildert. Zunächst war es nicht möglich, eine Verstärkung, wie beabsichtigt, dorthin zu senden, ferner aber wurde die Haltung des =Großherzogs von Toskana= ernster. Holland hatte ihm Vorstellungen über den Neutralitätsbruch durch Wiedernahme des »Phönix« gemacht, und jetzt, wo die Holländer im Norden im Vorteil waren, wollte sich der Großherzog nicht mehr mit Entschuldigungen und Desavouierung der Offiziere englischerseits begnügen, sondern forderte Wiederherausgabe des Schiffes oder Verlassen des Hafens seitens des englischen Geschwaders; die Holländer blockierten deshalb mit ihrer ganzen Macht Livorno. =Badiley= versuchte nun verabredungsgemäß, am 14. März 1653, durch sein Erscheinen vor dem Hafen den Feind abzulenken, um =Appleton= den Weg zu beiderseitiger Vereinigung freizumachen. Die Holländer gingen auch scheinbar zum Angriff auf Badiley vor, als aber =Appleton= nunmehr bei ablandigem Winde zu früh den Hafen verließ, wandten sie sich sofort gegen diesen und vernichteten ihn, ehe Badiley zur Unterstützung herankommen konnte. Appletons Flaggschiff »Leopard«, das einzige Kriegsschiff, und 4 armierte Kauffahrer wurden genommen, ein Schiff flog auf, nur einem gelang es, Badiley zu erreichen. Wie heiß das Gefecht[115] war, kann man daraus ersehen, daß »Leopard« von 200 Mann Besatzung 150 Tote und Verwundete verlor. =Badiley= wurde nicht weiter verfolgt, da seine 4 Kriegsschiffe und 2 armierten Kauffahrer an Größe allen Holländern überlegen waren. Er ging zunächst nach Elba zurück, später nach Messina und endlich im Mai nach England in der richtigen Erkenntnis, daß er, ohne Unterstützung, im Mittelmeer ohne jeden Nutzen sei. Tatsächlich war seine Rückberufungsorder auch schon unterwegs; England hatte sich genötigt gesehen, die Mittelmeerstation vorläufig aufzugeben.
[115] Über das Gefecht etwas genauer: Clowes, Teil II, Seite 176; Allen, Teil I, Seite 44; »Vie de Tromp«, Seite 105. Im letzten Angaben über die Schicksale der einzelnen Schiffe und über den Gesamt-Mannschaftsverlust: Engländer 286 Tote, 293 Verwundete; Holländer 123 Tote, etwa ebensoviel Verwundete. Der holländische Admiral van Galen wurde tödlich verwundet.
$Die Schlacht bei Portland am 28. Februar 1653.$ Wenn auch nach der Schlacht bei Dungeness für einige Wochen der Kanal in den Händen der Holländer war und zahlreiche holländische Schiffe dort mit Erfolg kreuzten, so müssen doch neue Rüstungen und Maßregeln in England bald wieder einen Umschlag herbeigeführt haben; es ist z. B. bekannt, daß schon im Januar 1653 Genua die englische Regierung um einen Freipaß durch den Kanal zur Überführung zweier in Holland erbauter Kriegsschiffe bat.
Mitte Februar 1653 war eine englische Flotte von etwa 70 Schiffen seeklar, darunter viele der neuerbauten schnellen Schiffe (fregattenähnliche!), die sich gut bewähren sollten. Zur Bemannung der Schiffe hatte man stark auf die Armee zurückgreifen müssen. Die Flotte stand unter den Generalen zur See =Blake=, =Deane= und =Monck=. Blake führte das Zentrumgeschwader (rote Flagge), Monck die Vorhut (weiße Flagge), und =Penn= die Nachhut (blaue Flagge); Deane blieb bei Blake an Bord. Jedes Geschwader war wieder in drei Divisionen geteilt, die unter dem betreffenden Geschwaderchef sowie einem Vizeadmiral und einem Kontreadmiral standen.
=Monck= und =Deane= waren wie Blake aus der Armee hervorgegangen; Deane fiel schon 1653 in der Schlacht bei Northforeland-Nieuport. =Monck=, geboren 1608, zeichnete sich als Feldherr bereits unter Karl I. aus, wurde dann aber ein besonderer Vertrauter Cromwells. Nach dessen Tode und seines Sohnes Sturz trat er für Karl II. und Wiedereinsetzung des Königtumes auf; der neue König erhob ihn zum =Herzog von Albemarle=. Er führte im ersten und zweiten Kriege mehrfach den Oberbefehl zur See mit Ruhm, doch erreichte er Blake nicht; er starb 1670.
=William Penn=, geboren 1621, war Berufsseemann; er wurde 1644 Kapitän, 1648 Kontreadmiral, 1650 Vizeadmiral und 1653, nach Deanes Tode, General zur See; er zeichnete sich gerade als »Seemann« aus. Clowes schreibt hierüber z. B.: »Es war (bei Portland) ein Glück für England, daß Deane von seinem Rechte keinen Gebrauch machte, sondern Penn die Führung des blauen Geschwaders überließ; so blieb wenigstens dieses in den Händen eines Seemannes.« Penn starb 1670. Ebenso war =Lawson=, der Vizeadmiral des roten Geschwaders, Seemann von Beruf; auch er zeichnete sich hier, sowie später noch in den höchsten Stellungen aus. Er fiel 1665.
Die nächste Aufgabe der englischen Flotte war, die holländische auf ihrer Rückkehr von Ré abzufangen. =Tromp= war an Zahl der Schiffe, etwa 80, wohl etwas überlegen, doch waren diese wie bisher minderwertig und durch den Konvoi von etwa 250 Handelsfahrzeugen sehr behindert. Am 28. Februar 1653 sichteten sich die Gegner in der Mitte des Kanals auf der Höhe von =Portland=. Tromp geht sofort zum Angriff über, da er die Engländer in einer Lage sieht, die ihm Erfolg verspricht.[116] Die Überlieferungen sind sehr lückenhaft, sie lassen aber doch den Verlauf ungefähr verfolgen; besonders aber kann man erkennen, welchen Einfluß ein selbständiges Handeln befähigter Unterführer, hier Penns und Lawsons, hat. Es ist das erste Mal, daß derartige Fälle genauer bekannt sind.
[116] Schilderung der Schlacht nach Clowes, Teil II, Seite 168; »Vie de Tromp« und »Leben Ruyters« geben nur Taten holländischer Schiffe; die wenigen Andeutungen anderer Art weichen oft von Clowes ab.
=Tromp= kam mit frischem Westnordwestwinde den Kanal hinauf, die englische Flotte steuerte südwestlich, wahrscheinlich in breiter Formation mit halbem Winde. =Monck= war während der Nacht mit seinem Geschwader einige Seemeilen nach Lee geraten, =Penn= stand zwar in Blakes Nähe, aber auch bei diesen beiden Geschwadern waren die Divisionen getrennt und Nachzügler zurückgeblieben, die besseren Schiffe hatten die schlechteren ausgesegelt; bei =Blake= waren nur 10 oder 12 Schiffe in unmittelbarer Nähe. Somit war Tromp die Gelegenheit gegeben, den Feind auf schwachen Punkten mit Übermacht anzugreifen. Er befahl seinem Konvoi, zu Luvard außerhalb des Feuerbereichs zu bleiben, und hielt in Flottendwarslinie aus Geschwadergruppen (vielleicht auch eine Art Halbmondformation) auf den Feind ab, wobei er selbst mit dem Zentrum auf Blake zusteuerte.
Wohl hätte =Blake= dem Angriff ausweichen und sich auf Moncks Geschwader einheitlich zum Gefecht formieren können, aber er verschmähte dies, ging an den Wind und nahm den Kampf an. So kamen seine wenigen Schiffe zunächst mit Tromps ganzem Geschwader ins Gefecht, wurden gleich darauf von =Ruyters= Geschwader seitlich angegriffen und =Evertsens= Schiffe drohten die völlige Umschließung zu vollenden.
Der letzteren Gefahr begegnete =Penn=. Auch er war sofort an den Wind gegangen und kam gegen Evertsen mit den St. B. Seiten zum Gefecht, um aber nicht von Blake getrennt zu werden und um Evertsen von diesem abzuhalten, wendete er, segelte durch den Gegner durch und griff in Blakes Kampf ein; Evertsen behielt seinen Kurs bei und griff Monck an. Eine zweite Unterstützung erhielt Blake durch richtiges Manövrieren seines Vizeadmirals =Lawson=. Dieser stand mit seiner Division etwas zurück und wäre, wenn auch er gleich an den Wind gegangen, durch Ruyter von Blake getrennt gewesen. Er lief deshalb zunächst weiter, bis er imstande war, über St. B. Bug auf Tromp zuzuliegen, dann erst wendete er und verstärkte so den Stoß Penns kurze Zeit nachher.
Auf diesem Hauptkampfplatze wurde mit der Hartnäckigkeit, wie sie eben die Kämpfe dieser Zeit kennzeichnet, in der Melee gefochten; furchtbares Feuergefecht in nächster Nähe, Schiffe werden geentert und wiedergenommen. Als immer mehr Engländer herankommen, die noch fehlenden Divisionen und die Nachzügler des roten und blauen Geschwaders, bricht Tromp gegen 4 Uhr nachmittags das Gefecht ab. Er fühlte sich wohl diesen frischen Kräften nicht mehr gewachsen und fürchtete, daß sich ein Teil gegen den Konvoi wenden würde; er sagt später in seinem Bericht, um 4^h pm habe der Gegner eine Gruppe schneller Schiffe zu diesem Zwecke abgesandt. Verfolgt wurde er nicht, wohl da die stärksten Schiffe der Engländer in dem für sie so harten ersten Zusammenstoß sehr gelitten hatten; es waren auch Blake und Bourne schwer verwundet. Bei dem weißen Geschwader wurde der Kampf bis zur Dunkelheit fortgesetzt, scheinbar jedoch ohne große Erfolge.
Die Verluste waren auf beiden Seiten schwer. Die Holländer verloren nach eigenen Angaben an Schiffen: 1 genommen, 1 aufgeflogen, 3 gesunken, doch sollen noch einige verbrannt sein; von den Engländern ist 1 gesunken, mehrere, darunter 3-4 größere, mußten sofort nach Portsmouth zur Ausbesserung gesandt werden. Der Mannschaftsverlust war beiderseitig auf einzelnen Schiffen ungeheuer groß.
Während der Nacht bessern beide Flotten aus. Aus =Tromps= Berichte kann man entnehmen, daß er nach einem Kriegsrat beschloß, von weiteren Angriffen abzusehen und nur seine Aufgabe, den Schutz des Konvois, zu verfolgen. Er konnte diesen nicht entlassen, weil er fürchtete, daß die Engländer noch weitere Streitkräfte im Osten hätten, und er war nicht stark genug, eine Bedeckung für ihn abzuzweigen; außerdem wurde auf vielen seiner Schiffe die Munition knapp, so daß er sogar den Befehl zu sparsamer Verwendung geben mußte. Er segelte deshalb am 1. März weiter und hielt sich mit der Flotte in Halbmondformation zwischen dem Konvoi und dem Feinde, um jedem ernstlichen Nachdrängen entgegentreten zu können. Die Engländer folgten mit der Absicht, möglichst viele Schiffe abzufangen; sie schießen deshalb bei Zusammenstößen gegen ihren sonstigen Brauch auf die Takelage,[117] um die Schiffe zu lähmen (vgl. Seite 197).
[117] »Vie de Tromp«, Seite 95.
Am 1. März kommt es auf der =Höhe von Wight= zwischen Teilen zu einem schweren Gefecht, in dem besonders =Ruyter= den Feind mehrfach zurückwirft; sein Schiff wird dabei so zerschossen, daß es am Abend in Schlepp genommen werden muß. Dagegen gelingt es =Lawson= mit einigen »Fregatten« -- neuere gute Segler sind gemeint -- 2 Kriegsschiffe und 10 oder 12 Handelsschiffe vom rechten Flügel abzuschneiden und zu nehmen. Viele Schiffe des Konvois verlieren das Zutrauen auf ihren Schutz und brechen aus, um die französische Küste zu erreichen; manche von ihnen werden genommen. Auch am dritten Tage (2. März) greifen die Engländer mehrfach an; die Zahl der holländischen Kriegsschiffe wird immer kleiner, denn viele derjenigen, die die Munition verschossen hatten, suchen ihr Heil auf eigene Faust. Am Abend dieses Tages standen die beiden Flotten unter Land südwestlich von =Kap Grisnez=. Die Engländer ankern, da nach Ansicht ihrer Lotsen dem Feinde während der Ebbe in der Nacht ein Dublieren des Kaps unmöglich sein mußte; der Wind war schon am 2. März flau und östlich geworden. Am Morgen des 3. März aber sind alle Holländer außer Sicht, die Engländer gehen deshalb nach ihrer Küste zurück.
Der größere =Verlust in dieser dreitägigen Aktion= war sicher auf seiten der Holländer, die mindestens 12 Kriegsschiffe gegen nur eins der Engländer verloren. Beide Führer schrieben sich in ihren Berichten,[118] die unmittelbar nach den Begebenheiten und vor Eingang genauer Meldungen abgesandt sind, den Sieg zu. =Tromp= hatte ja auch seine Aufgabe, den Konvoi heimzubringen, gelöst, aber er hatte außer den Kriegsschiffen wenigstens 30 seiner Schutzbefohlenen verloren.
[118] »Vie de Tromp«, Seite 99 und 101, wörtliche Wiedergabe der Berichte Tromps und Blakes.
Tromp gibt den Mannschaftsverlust der Engländer auf 2000 Tote und Verwundete gegen 600 Tote und etwas mehr Verwundete der Holländer an; es ist dies gewiß überschätzt, vielleicht unter dem Eindruck der Verluste der Engländer am 28. Februar an der Stelle, wo Tromp selbst focht. Der große Verlust der Holländer an Schiffen ist damit leicht zu erklären, daß das fechtende Material der Engländer weit besser war, mehr und auch neuere Kriegsschiffe, und daß die Holländer sich zurückzogen, wobei verkrüppelte und versprengte Fahrzeuge dem Verfolger leicht in die Hände fallen mußten.
$Neue Rüstungen.$ In beiden Ländern wurden die größten Anstrengungen gemacht, ihre Flotten baldigst wieder schlagfertig herzustellen. =England= verfügte noch über mehr Schiffe, als bei Portland gefochten hatten, aber die Bemannung machte Schwierigkeit. Die Löhnung war gering und wurde unregelmäßig gezahlt, die Folge davon war Unzufriedenheit, ja Meuterei auf den Schiffen; viele Engländer dienten sogar in Holland, wobei sie, wie Schotten und Iren im gleichen Falle, ihr Gewissen damit entlasteten, daß sie für die Sache ihres rechtmäßigen Königs kämpften. Man mußte wiederum in großem Maßstabe auf das Heer zurückgreifen; übrigens hatten die eingeschifften Soldaten bei Portland durch ihr Gewehrfeuer sehr gute Dienste geleistet. Auch in =Holland= machte die Bemannung zunächst Schwierigkeit, die aber bald durch Lohnerhöhung gehoben wurde; man hatte ferner die Walfischfahrt nach Grönland verboten, um mehr Leute für die Flotte zu erhalten und auch um die Grönlandsfahrer dem Angriff der Engländer zu entziehen. Im Schiffsmaterial blieb Holland weiter im Nachteil. Auf die beständigen Klagen der Admirale hin hatte man zwar eine große Zahl wirklicher Kriegsschiffe auf Stapel gelegt, diese Schiffe waren aber noch nicht fertig. Die Admirale klagten sogar darüber, daß die Ausbesserung der in den Schlachten beschädigten Schiffe vernachlässigt[119] würde.
[119] Nach »Vie de Tromp« war der Bau von 30 Schiffen, nach »Leben Ruyters« Seite 40, sogar der von 60, in zwei Raten, angeordnet; sie werden dort »Fregatten« genannt (vgl. Seite 164.)
Da eigentlich in beiden Ländern in einem großen Teil der Bevölkerung Neigung zum Frieden war, knüpfte Holland neue Verhandlungen an, auf deren Erfolg man namentlich rechnete, als Cromwell im April 1653 das »lange Parlament« aufgelöst und sich der Alleinherrschaft bemächtigt hatte, aber sie zerschlugen sich, weil Cromwell von seinen 1651 aufgestellten Forderungen nicht abging. Bald wurden nun die Feindseligkeiten wieder aufgenommen. =Tromp= erhielt den Befehl, Mitte Mai einen Konvoi von 200 Schiffen, von den verschiedenen Häfen Hollands nach Frankreich und Spanien bestimmt, bis zum Norden Schottlands zu geleiten und in den dortigen Gewässern angesammelte Fahrzeuge heimzubringen. Die englische Flotte unter =Monck= und =Deane=[120] hatte Kenntnis davon erhalten und ging zur holländischen Küste, um womöglich schon das Sammeln der Handelsschiffe und ihre Vereinigung mit der Flotte, sonst aber den Marsch des Feindes zum Angriff zu benutzen.
[120] Blake war zur Zeit der Parlamentsauflösung an der Ostküste Englands stationiert, wie man sagt, da Cromwell seiner Zustimmung zu erwähntem Staatsstreiche nicht sicher war. Yonge, Teil I, Seite 72.
Zur Störung des Sammelns kam man zu spät, auch zu einem Zusammenstoße kam es nicht, da man sich nicht sichtete, obgleich die Flotten am 15. Mai nur wenige Meilen voneinander entfernt waren. =Tromp= führte den Konvoi wohlbehalten nach Norden; wenn er auch den Rückkonvoi verfehlte, so kam er doch mit der Flotte und ebenso der Konvoi Ende Mai ungehindert nach Holland zurück. Die englische Flotte hatte nach seiner Abfahrt die holländische Küstenschiffahrt und Fischerei gestört, einen erfolglosen Versuch gemacht, Schiffe in dem Vlie zu nehmen und die ganze feindliche Küste alarmiert.
Nach der Rückkehr, Ende Mai, erfuhr =Tromp=, daß in den Downs ein kleines englisches Geschwader läge -- es war =Badiley= mit dem Mittelmeergeschwader und einem kleinen Konvoi von 18 Schiffen, kurz vorher aus dem Mittelmeer eingetroffen -- und ging mit der ganzen Flotte hinüber, mit der Absicht, den Feind von beiden Seiten anzugreifen und zu erdrücken. Aber Badiley war gewarnt und in die Themse eingelaufen. Die zuerst ankommenden holländischen Geschwader unter =Ruyter= konnten nur noch einige der Kauffahrer, die nahe am Lande bei Dover und Deal lagen, unter heftigem Feuer der dortigen Befestigungen erbeuten (4. Juni). Inzwischen war auch =Monck= in See gewesen, um Tromp zu suchen. Als dieser erfuhr, daß die englische Flotte am 3. und 4. Juni bei Nieuport an der flandrischen Küste, und am 8. Juni vor Walcheren gesehen und nach Norden gesegelt sei, folgte er. Am 11. Juni lag die englische Flotte auf der Rhede von Yarmouth, die holländische etwa 12 Seemeilen nordöstlich von Northforeland; beide hatten Kenntnis voneinander und beabsichtigten den Kampf, Tromp wollte sich zwischen den Feind und die Themsemündung schieben. Monck ging noch an demselben Tage Anker auf und ankerte wieder außerhalb des Gabart-Sandes etwa 15 Seemeilen südöstlich von Orfordness. Zum ersten Male standen sich jetzt fast die vollen Streitkräfte der beiden Staaten gegenüber, die Holländer dieses Mal nicht, wie bisher in allen großen Schlachten, durch einen Konvoi behindert. Es schien die den Krieg entscheidende Schlacht bevorzustehen.
$Die englische Flotte bei Northforeland am 12. Juni 1653.$
I. =(rotes) Geschwader: Die Generale Monck und Deane (Admirale der Flotte).=
+================================+ | I. Division: Die Generale | | | +---------------+----------------+ | Anzahl | mit | | der Schiffe | Kanonen| Mann | | | pro Schiff | +===============+========+=======+ |1(»Resolution«)| 88 | 550 | |1 | 50 | 220 | |4 | 40-42 |160-180| |1 | 38 | 140 | |1 | 26 | 100 | |1 | 14 | 90 | |3 Brander | 10 | 30 | |4 arm. Kauff. | 36-44 |140-180| +---------------| | | |16 Segel | | | +================================+ | II. Division: Peacock | | (Vizeadmiral) | +---------------+----------------+ | Anzahl | mit | | der Schiffe | Kanonen| Mann | | | pro Schiff | +===============+========+=======+ |1 (»Triumph«) | 62 | 350 | |4 | 40-48 |160-200| |4 | 33-37 |120-150| |3 arm. Kauff. | 34-44 |120-180| |---------------| | | |12 Segel | | | +================================+ | III. Division: Howett | | (Kontreadmiral) | +---------------+----------------+ | Anzahl | mit | | der Schiffe | Kanonen| Mann | | | pro Schiff | +===============+========+=======+ |1(»Speaker«) | 56 | 300 | |1 | 46 | 180 | |3 | 40-50 |170-180| |3 | 30-38 |120-160| |1 | 26 | 100 | |2 arm. Kauff. | 30-34 |110-120| |---------------| | | |11 Segel | | | +===============+========+=======+
II. =(weißes) Geschwader: Admiral Penn (Vizeadmiral der Flotte).=
+================================+ | I. Division: Penn (Admiral) | | | +---------------+----------------+ | Anzahl | mit | | der Schiffe | Kanonen| Mann | | | pro Schiff | +===============+========+=======+ |1(»James«) | 88 | 550 | |1 | 50 | 220 | |3 | 40-42 | 180 | |2 | 32-38 |100-170| |1 | 12 | 90 | |1 Brander | 10 | 30 | |5 arm. Kauff. | 30-46 |100-180| +---------------| | | |14 Segel | | | +===============+========+=======+ | II. Division: Lane | | (Vizeadmiral) | +---------------+----------------+ | Anzahl | mit | | der Schiffe | Kanonen| Mann | | | pro Schiff | +===============+========+=======+ |1 (»Victory«) | 60 | 300 | |1 | 42 | 200 | |5 | 30-38 |110-140| |3 arm. Kauff. | 28-34 |100-125| |---------------| | | |10 Segel | | | +================================+ | III. Division: Graves | | (Kontreadmiral) | +---------------+----------------+ | Anzahl | mit | | der Schiffe | Kanonen| Mann | | | pro Schiff | +===============+========+=======+ |1(»Andrew«) | 56 | 360 | |1 | 40 | 160 | |4 | 30-38 |120-170| |2 | 24-26 | 90-100| |1 arm. Kauff. | 30 | 100 | |---------------| | | |9 Segel | | | +===============+========+=======+
=III. (blaues) Geschwader: Admiral Lawson (Kontreadmiral der Flotte).=
+================================+ | I. Division: Lawson (Admiral) | | | +---------------+----------------+ | Anzahl | mit | | der Schiffe | Kanonen| Mann | | | pro Schiff | +===============+========+=======+ |1(»George«) | 58 | 350 | |1 | 50 | 180 | |3 | 40 |170-200| |2 | 30-38 |120-150| |1 Brander | 10 | 30 | |4 arm. Kauff. | 30-38 |100-160| +---------------| | | |12 Segel | | | +===============+========+=======+ | II. Division: Jordan | | (Vizeadmiral) | +---------------+----------------+ | Anzahl | mit | | der Schiffe | Kanonen| Mann | | | pro Schiff | +===============+========+=======+ |1 (»Vanguard«) | 56 | 390 | |1 | 43 | 200 | |5 | 30-38 |120-160| |1 | 30 | 100 | |3 arm. Kauff. | 30-36 |110-140| |---------------| | | |11 Segel | | | +================================+ | III. Division: Goodsonn | | (Kontreadmiral) | +---------------+----------------+ | Anzahl | mit | | der Schiffe | Kanonen| Mann | | | pro Schiff | +===============+========+=======+ |1(»Rainbow««) | 58 | 300 | |1 | 44 | 210 | |4 | 30-36 |120-150| |1 | 12 | 40 | |4 arm. Kauff. | 30-36 |110-120| |---------------| | | |11 Segel | | | +===============+========+=======+
$Insgesamt$: 105 Segel; darunter 5 Brander und 29 armierte Kauffahrer (englisch genannt: hired merchantmen) mit 16459 Mann und 3840 Geschützen.
$Die Tabelle$ ist ein Auszug der im Clowes, Teil II, Seite 187, gegebenen, in der die Schiffe einzeln mit Namen, Namen der Kommandanten, Stärke der Armierung und Besatzung aufgeführt sind.
Clowes hebt hervor, daß die Schiffe »sogar für die damalige Richtung in der englischen Marine außergewöhnlich« überarmiert gewesen seien.
In der Tabelle ist das »rote« Geschwader als »Erstes« vorangestellt, während es doch wahrscheinlich »die Mitte« der Flottenformation bildete (vgl. Seite 215); ebenso sind die Divisionen, die von den Geschwaderchefs geführt wurden, als »Erste« bezeichnet, obgleich sie doch in der Mitte ihrer Geschwader segelten. Wenigstens war es in beiden Fällen später stets so.
Aus dieser Einteilung einer großen Flotte und aus der Verteilung der Flaggoffiziere ihrem Alter nach kann man die $englischen Admiralschargen der verschiedenen Flaggen$ herleiten. Wir haben die »Funktionen«: Admiral, Vizeadmiral und Kontreadmiral »der Flotte« (Mitte; Vorhut; Nachhut) und dann dieselben in jedem Geschwader. Daher kommen die Admirale der roten, weißen und blauen Flagge als Chefs der Geschwader und die Vize- sowie Kontreadmirale der verschiedenen Flaggen als Chefs der entsprechenden Divisionen. Hierbei ist an die Gesamtflotte Englands oder doch an eine ungeheuer große Flotte, wie z. B. bei Northforeland, gedacht. Da die Flotten später kleiner wurden und kaum je nur eine aufgestellt wurde, entsprachen in der Praxis durchaus nicht immer die Chargen der zu einer Flotte kommandierten Flaggoffiziere ihren Funktionen in dieser.
Die vorstehende Tabelle gibt die $Zusammensetzung der englischen Flotte$. Sie ist so eingehend gehalten, da sie gleichzeitig die Zusammensetzung und Einteilung einer der ungeheuer starken Flotten damaliger Zeit veranschaulichen soll. Die englische Marine teilte jetzt schon fast stets die Flotten in 3 Geschwader und 9 Divisionen (vgl. Seite 187), während die Holländer noch bis 1666, in welchem Jahre Ruyter den Oberbefehl übernahm, häufig mehr Geschwader bildeten (vgl. Seite 147, Tromp).
$Die holländische Flotte$ bestand am 12. Juni, nach Tromps Bericht, aus 98 Schiffen und 6 Brandern. Sie war in 5 Geschwader unter Tromp, de Ruyter, de Witt, Jan Evertsen und Floriszoon geteilt; jedes Geschwader zerfiel in 3 Divisionen.[121] Wir müssen uns wieder vergegenwärtigen, daß die holländischen Schiffe kleiner, schwächer armiert und bemannt waren und daß sich weit mehr eingestellte Kauffahrer in der Flotte befanden.
[121] Genauer »Vie de Tromp«, Seite 118.
Die englische Flotte stellt nahezu den ganzen Schiffsbestand ihrer Marine dar. Holland hätte wohl mehr aufstellen können, wenn die Neubauten, besonders aber auch die Ausrüstungen und Ausbesserung der vorhandenen Kräfte eifriger betrieben wären. Die Admirale hatten aus Mißmut über die geringe Berücksichtigung ihrer ständigen Klagen nur ungern ihr Kommando angetreten.
$Die Schlacht[122] bei Northforeland-Nieuport, 12. und 13. Juni 1653.$ Am 12. Juni mit Tagesanbruch lichten beide Flotten bei leichtem Nordostwinde Anker; die Engländer halten mit achterlichem Winde auf den Feind zu, die Holländer erwarten sie über St. B. Bug hart am Winde liegend, wohl mit dem Bestreben, womöglich gleich die Luvstellung zu gewinnen. =Monck= scheint zuerst die Absicht gehabt zu haben, in breiter Halbmondformation anzugreifen, er hatte dazu seine Geschwader auseinandergezogen; als er aber den Feind eng geschlossen sah, zog auch er seine Kräfte wieder zusammen, was vielleicht bei dem flauen Winde zunächst nicht ganz gelungen ist.
[122] Diese zweitägige Schlacht ist sehr verschieden benannt: Lowestoft; Nieuport; Dünkirchen. Nach dem Ort, an welchem sie begann, scheint mir die Bezeichnung nach Clowes: »Northforeland« die beste; für den zweiten Tag kann man dann wohl »Nieuport« annehmen.
Von dem Versuch, eine Schilderung des Verlaufes der Schlacht zu geben, muß abgesehen werden, da die Überlieferungen sehr lückenhaft und voll von unverständlichen und unlöslichen Widersprüchen sind. Es ist dies sehr zu bedauern, da anderseits in den Überlieferungen hervorgehoben wird, daß in dieser Schlacht auf beiden Seiten verschiedentlich dahin gestrebt sei, durch taktische Bewegungen Vorteile zu erringen; sie wird deshalb ein Markstein[123] in der Geschichte der Seetaktik genannt. So soll mehrfach um die Luvstellung manövriert sein. Hierin scheint zuerst die holländische Flotte Erfolg gehabt zu haben, wenigstens Ruyters Geschwader Lawson gegenüber. Dieser Vorteil geht aber infolge »Verwirrung« in der holländischen Flotte wieder verloren, und die ganze englische Flotte gewinnt die Luvstellung. Es wird ferner erwähnt, daß =Lawson= zum ersten Male mit einigen »Fregatten«, also gut segelnden Fahrzeugen, das Durchbrechen der feindlichen Linie, dieses im folgenden Jahrhundert so wichtige taktische Manöver, mit Erfolg ausgeführt habe. Es wird endlich und vor allem hervorgehoben, daß englischerseits länger als in früheren Aktionen die Ordnung aufrecht erhalten und zum Nahkampf (Melee) erst übergegangen wäre, als der Feind in »Verwirrung« geraten sei. Dies ist wohl so zu verstehen, daß die Engländer, sobald sie die Luvstellung hatten, in Kiellinie aus den Schiffsgruppen gebildet, solange ein Feuergefecht führten, bis der Gegner infolge ihrer stärkeren und besser bedienten Artillerie genügend erschüttert war; der flaue Wind an diesem Tage begünstigte die volle Ausnützung der Überarmierung. Aber es ist, wie gesagt, nicht möglich, die einzelnen Abschnitte des Gefechtes festzulegen. Bei dem ersten Zusammenstoß Ruyters und Lawsons etwa um 11 Uhr werden zwar beide unterstützt durch Tromp und Monck, doch scheinen sonst die anderen Geschwader infolge des flauen Windes nicht voll mit eingegriffen zu haben; später, als die Engländer die Luvstellung hatten, entbrannte der Kampf auf der ganzen Linie, und es wurde hartnäckig gefochten. Ein Beispiel möge dies veranschaulichen: Tromp entert Penn, wird aber zurückgeschlagen und selbst geentert; da klart er sein Schiff durch Aufsprengen des Oberdecks von den Feinden.[124] Erst die Dunkelheit trennt die Gegner; beide bessern während der Nacht notdürftig die Schiffe aus. Zur englischen Flotte stieß in der Nacht Blake mit 18 Schiffen.
[123] Nach Yonge, Teil I, Seite 73, schon in früheren Zeiten in der englischen Marine so bezeichnet.
[124] Nach »Vie de Tromp«, Seite 123 und Allen, Seite 95, trug sich dies erst am 13. zu.
Am 13. Juni steuert =Tromp= der holländischen Küste zu, da in seiner Flotte, besonders in den Geschwadern Ruyters und de Witts, die Munition knapp geworden war. Wenn einzelne Quellen sagen, ein Kriegsrat früh morgens habe beschlossen, noch eine Schlacht zu schlagen, so ist dies wohl nur dahin zu verstehen, daß Tromp beabsichtigte,[125] wenn nötig und unter günstigen Umständen, noch einmal kräftig vorzustoßen, um sich dann in einem Rückzugsgefechte möglichst unbelästigt zwischen die Untiefen unter Land zurückziehen und dort Munition auffüllen zu können. Der Wind war südwestlich geworden. Die Engländer trachteten, möglichst Luv zu gewinnen, um sich dann zwischen den Feind und die Küste schieben zu können; schon um 8 Uhr beginnt teilweise ein Feuergefecht auf weitere Entfernungen. Gegen Mittag war Tromp fast imstande, sich hinter die der Küste zwischen Ostende und Sluys vorgelagerten Sände (die =Wielings=) zurückzuziehen, da wurde es ganz flau. Er liegt hilflos in Lee des Feindes und es gelingt ihm eben noch, seine zerstreuten Schiffe in leidlicher Ordnung zu sammeln, ehe er angegriffen wird. Wieder eröffnen die Engländer in guter Ordnung ein wirksames Feuergefecht und gehen dann mit auffrischendem Winde zum Nahkampf über.
[125] »Vie de Tromp«, Seite 128, Tromps Bericht.
Sie haben vollen Erfolg, bei den Holländern ist die größte Verwirrung[126] und teilweise Panik eingerissen. Die Schiffe sind unklar voneinander gekommen, Führer von Brandern versenken oder verbrennen ihre eigenen Fahrzeuge und retten sich in Booten; viele holländische Schiffe fliehen, obgleich Tromp auf sie feuert. Die Engländer würden vielleicht den größten Teil der Flotte vernichtet haben, wenn sie nicht wegen der anbrechenden Dunkelheit und wegen der Nähe der Sände, besonders mit Rücksicht auf ihre großen Schiffe, gezwungen gewesen wären, den Kampf abzubrechen und zu ankern. So gelingt es der holländischen Flotte am nächsten Morgen mit Tagesgrauen, sich zwischen den Untiefen zu bergen und dann die Häfen zu erreichen.
[126] Auch Tromp nennt in seinem Bericht die Verwirrung eine Folge der »Unwissenheit und Unerfahrenheit vieler Kommandanten«.
=Verluste=: Die Engländer haben in den zwei Tagen 11 Schiffe mit 1350 Gefangenen genommen, 6 versenkt, 2 verbrannt; sie selbst haben kein Schiff verloren, auch nur wenige müssen zur Ausbesserung in die Heimat gesandt werden. Ihr Mannschaftsverlust war nicht unbedeutend: 120 Tote, darunter =Deane=, der am ersten Tage durch eine Kettenkugel (in dieser Schlacht zum ersten Male von den Holländern mit besonderem Erfolg gegen die Takelage verwendet) getötet wurde, und 236 Verwundete. Der Menschenverlust auf holländischer Seite ist nicht bekannt.
Die Niederlage der Holländer war zwar nicht so, daß der Krieg dadurch entschieden würde, aber die =Nachwirkung der Schlacht= war doch bedeutend. Die englische Flotte blieb bei der günstigen Jahreszeit an der holländischen Küste und hielt diese unter strenger Blockade; sie wurde zum ersten Male an einer feindlichen Küste neu ausgerüstet und mit Munition und Vorräten versehen. =De Witt=, der erneute Klagen Tromps und seiner Admirale der Regierung überbrachte, erklärte in der Versammlung der Generalstaaten nachdrücklich, »=die Engländer seien jetzt unbestritten die Herren der See=«. Wieder angeknüpfte Friedensunterhandlungen kamen nicht vorwärts, da Cromwell nach diesem Erfolge seine Bedingungen noch verschärfte.
Die Klagen der Admirale gipfelten zunächst wieder in der Unzulänglichkeit der Schiffe: die Engländer hätten 50 Schiffe, die dem besten der ihrigen überlegen seien, in ihrer Flotte dagegen fänden sich an 30 völlig unbrauchbare, deshalb seien schwerere Schiffe, besser armiert und bemannt, nötig. Ferner wurden bessere Löhnungsverhältnisse, Mitgabe von Munitions- und Proviant-Fahrzeugen verlangt (»Leben Ruyters«, Seite 43).
Wenn unter den früheren Verhandlungspunkten sich nur die Forderung einer »more intimate alliance« zwischen den beiden Staaten fand, so wurde jetzt eine »complete coalition« verlangt; »eine völlige Vereinigung unter einer Regierung«, aber mit einem solchen Übergewicht auf englischer Seite, daß Holland aufgehört haben würde, ein selbständiger Staat zu sein (Clowes, Teil II, Seite 193).
$Gefecht bei Kattwijk und Schlacht bei Scheveningen, 8. und 10. August 1653.$ Der geschilderte Zustand war für Holland unerträglich. Der Handel und die für den Nationalwohlstand fast ebenso wichtige Heringsfischerei waren jetzt völlig lahmgelegt. Die Engländer brachten viele sehr reiche Prisen auf; man mußte sogar auf feindliche Expeditionen in die inneren Gewässer und auf Landungen gefaßt sein und sah sich genötigt, Truppen an die Küste und auf die Inseln bei der Texelmündung zu werfen. Außerdem gärte es in verschiedenen Orten an der Küste, ein großer Teil der Bevölkerung schob die Schuld des unglücklichen Krieges der Regierung zu und verlangte wieder einen Statthalter.[127] Die Regierung arbeitete deshalb mit äußerster Anstrengung an der Wiederbereitstellung der Flotte, um den Feind von der Küste zu vertreiben; auch wurden Verfügungen[128] erlassen, die besondere Belohnungen für kriegerische Leistungen und hohe Entschädigungen für schwere Verwundungen versprachen.
[127] »Vie de Tromp«, Seite 133; »Leben Ruyters«, Seite 44, geben Näheres.
[128] Diese Verfügungen ebendort, Seite 136 bezw. Seite 44.
Die Aufstellung der neuen Flotte erfolgte unter =Tromp= in der Maas und unter =de Witt= in der Texelmündung; die nächste Aufgabe der beiden Führer war, sich zu vereinigen. Am 3. August ging =Tromp= mit 80-90 Schiffen und 5 Brandern in See, er hielt sich mehrere Tage vor der Maasmündung und segelte dann an der Küste entlang, die Engländer zu suchen. Diese hatten, vor Texel liegend, am 5. August bemerkt, daß =de Witt= seine Kräfte, 27 Schiffe nebst 4 Brandern, bei Helder dicht an der Mündung zusammengezogen hatte, um jede günstige Gelegenheit (z. B. Nebel) zum Auslaufen benutzen zu können. =Moncks=[129] Kriegsrat beschloß deshalb am 7. August, mit der ganzen Flotte Tromp entgegenzusegeln und seine Vereinigung mit de Witt zu hindern. Man ging am Abend Anker auf und sichtete am 8. August vormittags Tromps Flotte auf der Höhe von Egmond, etwa 20 Seemeilen südlich von Texel. Die englische Flotte war durch Nachschub an Stelle der ausbesserungsbedürftigen Schiffe etwa gerade so stark wie bei Northforeland, also rund 100 Segel, nach Tromps Bericht vom 8.: 90 größere, 26 kleinere Fahrzeuge.
[129] Monck führte jetzt allein den Oberbefehl, da Deane gefallen, Blake schwer erkrankt nach England gesandt, ein neuer General zur See noch nicht ernannt war; im Dezember 1653 erfolgte Penns Ernennung nebst der eines dritten, der jedoch nie zur See diente. (Clowes, Teil II, Seite 192.)
Tromp steuerte nördlich bei Westsüdwestwind, er würde also die Luvstellung gehabt haben; zunächst lief er auch noch etwas weiter, als aber der Wind nach Nordwesten drehte, wendete er und steuerte an der Küste entlang südlich, denn seine Absicht war, den Feind von der Texelmündung abzuziehen, um de Witts Auslaufen zu erleichtern, und deshalb vorläufig ein Gefecht zu vermeiden. Die Engländer folgten scharf und griffen um 5 Uhr mit ihren schnellsten Schiffen (den neuen Fregatten) die letzten holländischen, schlechte Segler,[130] =auf der Höhe von Kattwijk= an. Von englischer Seite kamen nach und nach an 30 Schiffe heran, die Holländer unterstützten ihrerseits die angegriffenen Kameraden nach Kräften. So nahm das Gefecht weit größere Ausdehnung an, als Tromp beabsichtigt hatte; alle Flaggschiffe waren beteiligt und erlitten schwere Verluste. Wie gewöhnlich trennte erst die Dunkelheit die Gegner. Es war =Tromp= nicht gelungen, ein Gefecht ganz zu vermeiden und seine Flotte unversehrt zu erhalten, doch war es nicht zu einer entscheidenden Schlacht gekommen, und =de Witt= war entsetzt; dieser war in der letzten Nacht in See gegangen, nachdem er das Fahrwasser durch Boote mit Laternen und Fackeln ausgebojt hatte.
[130] »Vie de Tromp«, Seite 139; Tromps Bericht; »Leben Ruyters«, Seite 45.
Am 9. August wehte es hart aus Nordwesten, beide Flotten hatten genug zu tun, sich von der Leeküste freizuhalten. So kam es zu keinem ernsten Schlage; ein großer Vorteil für die Holländer, da de Witt Zeit gewann, heranzukommen. Tromp näherte sich zwar morgens mit einigen Schiffen und wechselte Schüsse, er ging aber wieder auf seine Flotte zurück, als der Feind Miene machte, das Gefecht ernstlich aufzunehmen. Um 5 Uhr nachmittags stieß de Witt zu ihm. Die Gegner blieben die Nacht über in größter Nähe. Am 10. August hatte der Wind abgeflaut und war nach Süd gegangen. Die Flotten lagen bei =Scheveningen=, beide gingen um 7 Uhr zum Angriff vor; =die Schlacht= wurde gleich allgemein und sollte =die letzte und blutigste= des ersten Krieges werden.
Leider sind auch über diese Schlacht die Schilderungen widersprechend[131] und nicht in Einklang zu bringen. Es ist dies wiederum zu bedauern, weil man aus den Andeutungen schließen kann, daß auf beiden Seiten eine gut rangierte Formation eingenommen war, daß diese englischerseits gut aufrecht erhalten wurde, und daß auch mehrfach wohldurchdachte taktische Manöver ausgeführt sind. Es sei über den Verlauf nachstehendes als wahrscheinlich erwähnt.
[131] Vgl. Clowes, Teil II, Seite 195; Allen, Teil I, Seite 48; »Vie de Tromp«, Seite 140.
Beide Gegner waren in Flottenkiellinie aus Schiffsgruppen formiert, auf holländischer Seite führte =Tromp= an der Spitze. Vor dem Zusammenstoß gelingt es ihm mit den meisten Schiffen, nur einige Nachzügler abgerechnet, die Luvstellung zu gewinnen. Er hält jedoch diese Stellung nicht durch, sondern bricht in die feindliche Linie ein. Es war aber nicht das Durchbrechen, um einen Teil des Feindes abzuschneiden, sondern nach altem Brauch ein Einbrechen, Zurücksegeln und Wiedereinbrechen. Die holländischen Quellen der Zeit heben ausdrücklich hervor, daß viele Schiffe »3 bis 4 mal wie bei den Ruderschiffen« die feindliche Linie durchbrochen hätten. Sein Flaggschiff »Brederode« wird dabei schlecht unterstützt und leidet schwer unter konzentriertem Feuer. Als sich der dichte Pulverdampf einen Augenblick lichtet, weht an Bord die Flagge für Kriegsrat. Die holländischen Flaggoffiziere, die in der Nähe sind, eilen an Bord und finden =Tromp= durch eine Musketenkugel =getötet=. Es wird beschlossen, seine Flagge wehen zu lassen, um die Holländer nicht zu entmutigen, die Engländer dagegen anzuspornen. =Jan Evertsen= übernimmt den Oberbefehl.
Der Kampf wird mit äußerster Erbitterung fortgesetzt. Bis gegen 1 Uhr mittags stehen die Chancen gleich; die Holländer sind mit den meisten Schiffen immer noch zu Luward und verwenden von hier aus ihre Brander mit Geschick und Erfolg besonders gegen die feindlichen Flaggschiffe. 2 englische Schiffe werden verbrannt, 2 Admiralschiffe leiden schwer durch Feuer; Admiral Graves verbrennt, Peacock stirbt später an den Brandwunden. Aber auch die Holländer haben starke Verluste, Ruyters und Evertsens Schiffe müssen entmastet nach der Maasmündung geschleppt werden. Gegen 1 Uhr gewinnen die Engländer, scheinbar noch wohl geordnet, die Luvstellung, die holländischen Nachzügler in Lee kommen dadurch noch weiter ab und halten sich dann absichtlich fern. Die Hauptmacht, jetzt unter =de Witts= Oberbefehl, versucht wieder nach Luward zu gelangen; da dies nicht gelingt, hält es de Witt für richtiger, nur hinhaltend zu fechten, um die Schlacht abzubrechen; bald aber kann er nur noch mit einigen dreißig wacker fechtenden Schiffen die Flucht der anderen decken. Er feuert auf die Fliehenden und ruft aus: »Hätte man die Kommandanten gehängt, als sie es früher getan, so könnten sie es jetzt nicht wieder tun!« Mit Munitionsmangel konnte sich dieses Mal niemand entschuldigen, auf Drängen der Admirale waren der Flotte Munitionsschiffe mitgegeben worden. Um 8 Uhr abends wird die Flucht allgemein; die Schiffe setzen Untersegel und was sie sonst tragen können und steuern der Texelmündung zu. Die Engländer verfolgen bei hellem Mondschein bis Mitternacht aber doch nur lau, auch sie müssen zunächst ihre schwer beschädigten Schiffe von der Küste freisegeln. Am 11. August melden die englischen Aufklärungsschiffe das Einlaufen des Feindes in den Texel, und =Monck= führt seine Flotte nach Yarmouth, da sie nicht imstande ist, länger die See zu halten.
=Die Verluste= waren auf beiden Seiten schwer. Die Holländer haben nach eigenen (de Witts) Angaben 14 Schiffe verloren (wahrscheinlich sind darin 5 eingerechnet, die nur sehr schwer havariert waren), 500 Tote, 700 Verwundete, 700 Gefangene; die englischen Angaben über den Verlust des Gegners gehen sogar bis zu 26 Schiffen, 4000 Toten und Verwundeten (8 Kommandanten) und 1300 Gefangenen (1 Admiral und 4 Kommandanten).
Die Engländer verloren nach den eigenen Angaben wenigstens 250 (nach »Penn«) oder 400 Tote (2 Admirale, 5 Kommandanten), 700 Verwundete und 2 Schiffe; holländischerseits werden als englischer Verlust 8-11 Schiffe, worin wohl auch die halbverbrannten oder sonst schwerbeschädigten eingerechnet sind, und bis zu 3000 Tote und Verwundete angegeben. Aber kein holländisches Schiff war genommen und auch die englische Flotte war genötigt, die Häfen aufzusuchen.
Wie schwer die Verluste der holländischen Schiffe waren, die wacker durchgehalten hatten, zeigt Ruyters Flaggschiff: 43 Tote, 53 Verwundete von 150 Mann Besatzung; Groß- und Fockmast über Bord.
Die holländischen Gefangenen waren sämtlich von den sinkenden Schiffen aufgefischt. Es ist behauptet, Monck habe befohlen, keine Prisen zu machen und keinen Pardon zu geben. Dies ist nicht erwiesen; wahrscheinlich ist, daß er erklärt hat, es sei richtiger, die feindliche Flotte zu vernichten, als durch Besetzen von Schiffen Kraft und Ordnung der eigenen Flotte zu gefährden.[132]
[132] Clowes, Teil II, Seite 196.
$Die Folgen der Schlacht bei Scheveningen und der Friedensschluß.$ Bis zu einem gewissen Grade war die Schlacht trotz der Niederlage ein strategischer Erfolg der Holländer. Die englische Flotte war nicht imstande, die Blockade weiter durchzuführen; sie hat sie auch im weiteren Verlaufe des Krieges nicht wieder ernstlich aufgenommen. Schon im September geleitete =de Witt= mit 40 weniger beschädigten Schiffen einen starken Konvoi durch die Nordsee, übernahm bei Skagen von dänischen Kriegsschiffen eine große Zahl Ostseefahrer und holte dann heimkehrende Atlantikfahrer ab, die sich in den norwegischen Häfen angesammelt hatten. Seine Flotte war nach und nach bis an 70 Schiffe verstärkt; mit ihr brachte er im Anfang November den bis gegen 400 Fahrzeuge angewachsenen Heimkonvoi unbelästigt nach Holland zurück, obgleich die Engländer ihre wieder instandgesetzte Flotte, allerdings nur 40-50 Segel stark, an der holländischen Küste zeigten. Aber doch war die den Krieg entscheidende Schlacht geschlagen; es war den Holländern nicht mehr möglich, sich noch einmal zum Widerstande in großem Maßstabe aufzuraffen; um so weniger, als de Witts Flotte bald nach seiner Rückkehr durch einen dreitägigen Sturm, vor der Texelmündung liegend, fast zur Hälfte kampfunfähig gemacht wurde. Derselbe Sturm nötigte auch die Engländer, in die Häfen zu gehen; es wurde dann ein großer Teil ihrer Schiffe für den Winter aufgelegt.
Da England die Blockade aufgeben mußte, sah die Regierung in Holland die Schlacht bei Scheveningen nicht als Niederlage[133] an und wollte durch die Entsendung de Witts sowie dadurch, daß man die Flotte noch im November draußen ließ, der ganzen Welt zeigen, daß Holland nicht unterlegen sei; auch wurde Tromp als Nationalheld mit großen Ehren begraben. Das Abweichen von dem alten Brauch, die Flotte im Spätherbst in die Häfen zu nehmen, wurde anderseits von der Volksmeinung der Regierung zum Vorwurf gemacht.[134]
[133] »Vie de Tromp«, Seite 147; ebendort das Begräbnis Tromps.
[134] »Leben Ruyters«, Seite 52.
Im Winter 1653-54 begannen neue Friedensunterhandlungen und beide Gegner beschränkten sich bis zum Friedensschluß auf den kleinen Krieg: Entsenden von Kreuzern gegen die feindlichen Handelsschiffe und Kreuzer. Die holländische Regierung mußte unter allen Umständen Frieden schließen, auch aus Gründen der inneren Politik. Die aufrührerischen Bewegungen mehrten sich, das Verlangen nach einem Statthalter trat schärfer hervor. Die Folgen des Krieges lasteten zu schwer auf dem Lande und der Handel lag hoffnungslos danieder. In dem kleinen Kriege jetzt mußte Holland weiter im Nachteil bleiben, denn sein Handel war der größere und führte überall durch englische Gewässer.
Der Krieg hat neben den unmittelbaren Kosten für die Rüstungen dem Lande ungeheuere Verluste gebracht. Man nimmt an, daß die Engländer im Laufe der zwei Kriegsjahre 1700 Prisen im Werte von 6 Millionen Lstrl. aufgebracht haben, während sie kaum den vierten Teil verloren. Nur in den außerheimischen Gewässern war der englische Handel der gefährdetere. Wir sahen, daß England das Mittelmeer aufgab, ebensowenig hatte seine Kraft hingereicht, den Handel in Ostindien zu schützen und die Navigationsakte in den amerikanischen Kolonien durchzuführen.
Auch =Cromwell= war jetzt dem Frieden geneigter. Seine neue Stellung als Alleinherrscher wurde durch einen ruhmreichen Abschluß des blutigen Krieges befestigt; es lag ihm ferner jetzt daran, sich mit Holland, das bisher Sympathie für die Stuarts gezeigt, gut zu stellen -- der Friedensschluß war somit ein schwerer Schlag für die Royalisten. Er ließ sehr in seinen Forderungen nach und sah ab von den Bedingungen, freien Handel in der Schelde zu geben;[135] die Kriegsflotte zu vermindern; die Fischereiabgabe aufs neue zu zahlen und dem beanspruchten Rechte, die holländischen Schiffe in englischen Gewässern auf ihre Ladung zu untersuchen. Vor allem wurde der Gedanke, beide Republiken zu vereinigen, fallen gelassen.
[135] Das Abschließen des spanischen Antwerpens von der Schiffahrt -- die Sperrung der Schelde -- war eine wichtige Errungenschaft Hollands im Westfälischen Frieden gewesen.
Am 15. April 1654 wurde der $Frieden von Westminster$ geschlossen. Hart waren die Bedingungen immer noch; von den 32 Punkten sind folgende für uns die wichtigsten: Holland mußte die Navigationsakte anerkennen, den Gruß der englischen Flagge in englischen Gewässern »durch Dippen der Flagge, Wegführen der Marssegel und Abgabe von Salutschüssen« zugestehen und sehr bedeutende Entschädigungen zahlen. Diese setzten sich zusammen aus den alten Forderungen, die schon als Gründe des Krieges erwähnt sind (Seite 191), und neu hinzutretenden: Entschädigung an die englisch-ostindische Kompagnie für Verluste während des Krieges und an die Erben der in Amboina 1623 ermordeten Engländer sowie Ersatz für den Schaden, den der englische Ostseehandel während des Krieges durch die Dänen erlitten hatte.[136] Außerdem verpflichteten sich die Generalstaaten durch eine anfangs geheimgehaltene Klausel, die Angehörigen des Hauses Oranien von allen hohen Staatsämtern und militärischen Kommandos auszuschließen.
[136] Zimmermann, Band II, Seite 142, nennt 85 000 Lstrl. (und Herausgabe der Banda-Insel Palaroon) an die ostindische Kompagnie und 3600 Lstrl. an die Erben der Amboinakaufleute. Clowes, Teil II, Seite 200, spricht von 140 000 Lstrl. für den Schaden des Ostseehandels und von 900 000 Lstrl. als Gesamtbetrag aller Forderungen.
In diesen Frieden wurde =Dänemark= eingeschlossen. Auch =Portugal= hielt es nach den Erfolgen Englands für nötig, sich mit diesem gut zu stellen; es ersetzte die Schäden, die dem englischen Handel durch Prinz Rupert von portugiesischen Häfen aus zugefügt waren. Selbst =Frankreich= nötigte Cromwell zu Gefallen Karl II., Paris zu verlassen und sich nach Köln zu begeben. Die Reibungen zur See zwischen Frankreich und England nahmen ihren Fortgang, bis 1655 ein Handelsvertrag abgeschlossen wurde, nachdem Blake und Penn mit großem Erfolge gegen die französischen Freibeuter vorgegangen waren.
$Bemerkenswertes in diesem Kriege.$ Der erste englisch-holländische Krieg ist für die Seekriegsgeschichte in verschiedener Hinsicht von großer Bedeutung, vor allem durch den Umschwung in der Kriegführung. Bei der Wichtigkeit dieses Umstandes sei das an verschiedenen Stellen schon Gesagte (Seite 107, 143, 160) nochmals kurz zusammengefaßt.
In den Kriegen der älteren Zeiten war das Meer mit wenigen Ausnahmen nur eine Marschstraße für die Heere, um den Krieg zu Eroberungen oder Brandschatzungen in Feindesland zu tragen; daneben schädigte man den Feind durch Wegnahme seiner Handelsschiffe. Von einer planmäßigen Anlage und Durchführung dieser Kriegsart war jedoch keine Rede, weder von einer völligen Inbesitznahme und dauernden Behauptung dieser Marschstraße, noch von einer gänzlichen Unterbindung des feindlichen Seehandels. Beides erlaubten die unzulänglichen Streitmittel nicht. Weder die Ruderschiffe noch die älteren Segelschiffe waren imstande, längere Zeit die See zu halten und so auf dem Meere errungene Erfolge zu behaupten und auszunutzen. Den feindlichen Seehandel zu einem Hauptangriffsziel zu wählen, hatte keinen Zweck, so lange er nicht so beträchtlich war, daß man in ihm die Lebensbedingungen des feindlichen Landes ernstlich bedrohen konnte.[137]
[137] Colomb, Kap. I. »The nature of naval warfare« mit folgender Disposition: Ein wirklicher Seekrieg ist erst möglich, wenn im Seehandel ein großer Teil des Reichtums eines Landes ruht und wenn Schiffe vorhanden sind, die die See halten können. Er war mithin vor der Zeit Elisabeths ausgeschlossen. Erst im Spanischen Kriege wurden diese Voraussetzungen erkannt, besonders von den Admiralen Raleigh und Monson, Das erste Ziel des Seekrieges ist also die Beherrschung der See.
Zu Ende des 16. und im Anfang des 17. Jahrh. wurden die Schiffe seefähiger und der Handel nahm wesentlich zu; infolgedessen sehen wir auch die Kriegführung in ein neues Stadium treten. Es ist aber erst eine Übergangsperiode. Die Unternehmungen gegen den Handel bleiben im allgemeinen noch örtlicher und gelegentlicher Natur, oft mit dem ausgesprochenen Charakter der Freibeuterei; die sonstigen militärischen Unternehmungen sind meist noch Expeditionen gegen das feindliche Land im alten Sinne -- das hervorragendste Beispiel, der Zug der Armada -- oder vereinzelte Vorstöße zu ihrer Verhinderung. Selbst die Engländer, sonst auf dem neuen Wege am weitesten fortgeschritten, fallen oft in die alte Kriegführung -- Brandschatzung als Hauptzweck -- zurück. Es wird noch nicht genügend darauf Bedacht genommen, durch eine planmäßige und andauernde Durchführung des Seekrieges, durch Aus- und Abschließen des Feindes vom Meere, den Krieg möglichst schnell zu beendigen; es gibt noch keine Strategie, die Erringung und Erhaltung der Seeherrschaft zum Ziele hat.
=Der erste englisch-holländische Krieg aber ist nur zur See geführt= und warf doch Holland so nieder, wie es ein siegreicher Landkrieg mit Invasion nicht ärger hätte bewirken können, ohne dem Sieger die Opfer an Menschen und Vermögen aufzuerlegen, die ein Landkrieg gefordert hätte; der Wert der von England gemachten Prisen entsprach allein dem vierfachen Betrage des damaligen jährlichen Staatseinkommens Englands. Die Bedingungen für eine erfolgreiche Kriegführung zur See im neueren Sinne waren hier gegeben; beide Staaten boten dem Gegner einen großen Seehandel als Angriffsziel dar, Schiffe einigermaßen fähig, die See andauernd zu halten, waren vorhanden; der Schiffbau hatte in dieser Hinsicht schon genügende Fortschritte gemacht, wenigstens ausreichend für den beschränkten Kriegsschauplatz. Dieser Krieg war der erste, der andauernd hohe Anforderungen an die Seestreitkräfte stellte und der zahlreiche Erfahrungen sammeln ließ; er gab den Anstoß zur größeren Pflege der stehenden Marinen und dadurch zu der Vervollkommnung des ganzen Seekriegswesens -- des Schiffbaues, des Personals, der Taktik --, wie wir sie im vorigen Kapitel kennen gelernt haben. Die erste Entwicklung einer Strategie zur See während dieses Krieges wird auf Seite 231 betrachtet werden.
Es ist ferner bei diesem Kriege bemerkenswert die Ausdauer und Hartnäckigkeit, mit der man ihn auf beiden Seiten führte und die Rüstungen betrieb. Bei der wichtigen Rolle, die das Material auf See spielt, liegt es in der Natur der Seekriege, daß nach ernsten Zusammenstößen der Hauptstreitkräfte eine längere Pause in größeren Unternehmungen eintritt, die nötig ist, um das Material wieder instandzusetzen. Hier aber werden in einem Zeitraum von 13 Monaten -- von der Kriegserklärung bis Scheveningen -- 6 große Schlachten geschlagen, von denen einige mehrere Tage dauern. Hervorragende Führer, seemännisch tüchtige und tapfere Besatzungen waren auf beiden Seiten vorhanden; gerade auch in Holland wurde stets wieder mit äußerster Anspannung gerüstet. Wenn dieses schließlich doch unterlag, so war es eine Folge seiner schon mehrfach erwähnten Schwächen: der minderwertigen Schiffe, des weniger geschulten und weniger disziplinierten[138] Personals (namentlich auch vieler Kommandanten), kurz, der mangelhafteren eigentlichen Kriegsmarine, sowie des Umstandes, daß Holland in seiner größeren Handelsflotte einen günstigeren Angriffspunkt bot und schwerer geschädigt werden konnte. Dieser Umstand war weit wichtiger als die anderen Schwächen. Die Beschützung des Handels, der während des Krieges nicht, wie es später geschah, aufgegeben wurde, hinderte die holländische Leitung strategisch und oft auch taktisch; der unmittelbare Verlust an Vermögen und die Unterbindung der Lebensbedingungen zwangen Holland zum Frieden.
[138] Als ein krasses Beispiel der Unbotmäßigkeit in der holländischen Marine sei noch erzählt, daß, als 1652 der beliebte Admiral Tromp durch den unbeliebten de Witt im Oberbefehl ersetzt wurde, das bisherige Flaggschiff »Brederode« sich weigerte, de Witt an Bord zu nehmen; er war genötigt, seine Flagge auf einem anderen Schiffe zu heißen.
Eine $Strategie$[139], die eine dauernde Beherrschung des Kriegsschauplatzes zum Ziele hat, finden wir zunächst auch in diesem Kriege noch nicht. Im ersten Jahre geschehen auf beiden Seiten nur und unter Hintansetzung aller anderen Rücksichten große Unternehmungen, um den feindlichen Handel zu schädigen oder den eigenen zu schützen, und auch dieses nur, wenn eine besondere Gelegenheit, wie die Fahrt eines großen Konvois, dazu herausfordert; nebenher schwärmen zahlreiche Kreuzer und Kaper im kleinen Kriege gegen vereinzelte Handelsfahrzeuge. Es werden denn auch von den ersten vier Schlachten drei durch den Angriff englischerseits auf einen Konvoi hervorgerufen, den Holland schützt und verteidigt (Plymouth; Dungeness; Portland); ähnliche Zusammenstöße hindert nur der Zufall (Shetlands, August 1652; holländische Küste, Mai 1653).
[139] Colomb, Kap. II, »The struggle for the command of the sea« bespricht die Strategie im ersten Kriege nach folgender Disposition: »Ein wirklicher Seekrieg kann geführt werden, wenn genügend Eigentum auf dem Meere liegt, um dem Verluste eine ernste Bedeutung zu geben, und wenn seefähige Schiffe zum Angriff vorhanden sind. -- Der Seehandel kann unmittelbar angegriffen und verteidigt werden, wie im ersten Abschnitt dieses Krieges; er kann vernichtet werden, nachdem zunächst die Seeherrschaft durch Niederkämpfung der feindlichen Flotte errungen ist, wie im späteren Abschnitt. -- Mit einzelnen Siegen aber wird die Seeherrschaft nicht dauernd errungen, wenn die besiegte Macht nicht auch vernichtet ist. Die Siege, die von beiden Parteien errungen sind, waren nur Schritte auf dem Wege zur Seeherrschaft; der Kampf um diese war beim Friedensschlusse noch nicht beendet.«
Wir folgen im großen ganzen dieser Disposition.
Die Flotten beider Staaten waren ungefähr gleich stark. Da jedoch der holländische Handel größer und infolge seiner Wege mehr gefährdet war, brauchte er die Seestreitkräfte Hollands ganz zu seinem Schutze; England mit seinem kleineren und infolge seiner geographischen Lage vom Feinde weniger bedrohten Handel konnte freier über seine Flotte verfügen. So wurden die Engländer im allgemeinen die Angreifenden, die Holländer sahen sich in die Defensive gedrängt. Aber zunächst beschränkten sich die Engländer darauf, den feindlichen Handelsschiffen in den englischen Gewässern, die sie passieren mußten, aufzulauern; es werden deshalb alle Schlachten dieses Abschnittes an der englischen Küste geschlagen, selbst wo die Holländer ohne Konvoi den Feind suchen, um den Weg frei zu machen (Kentish Knock).
Wir finden auch in dieser ersten Zeit des Krieges nie die strategische Ausnutzung eines Sieges; stets begnügt man sich auf beiden Seiten mit dem augenblicklichen Erfolge und erhält sich damit eine ständig drohende Gefahr vor Rückschlägen, die auch oft genug eintreten. Der Gedanke, zunächst die feindliche Kriegsflotte vom Meere zu vertreiben, dadurch den eigenen Handel frei zu machen und den feindlichen völlig lahm zu legen, bricht sich aber im Verlaufe des Krieges Bahn; es wird damit dann die Kriegführung kräftiger offensiv. So suchen sich die Gesamtstreitkräfte beider Staaten im Juni 1653 zur Entscheidungsschlacht (Northforeland) auf und England trägt, als es im allgemeinen das Übergewicht gewonnen hat, überhaupt den Krieg an die feindlichen Küsten. Nachstehendes möge dies veranschaulichen.
=Rückblick auf den Krieg.= Die erste Maßregel Englands war die Entsendung Blakes mit der Hauptmacht gegen die holländische Fischerei und Schiffahrt in der Nordsee, Ayscue wird nur mit schwachen Kräften berufen, die Sicherung der Themse zu übernehmen. Der Gefahr durch die ganze feindliche Flotte, der dadurch Ayscue und die Holland naheliegenden englischen Küsten ausgesetzt wurden, scheint man sich gar nicht bewußt gewesen zu sein. Tromp macht aber auch nur einen schwachen Versuch, Ayscue zu vernichten; als ihm dies nicht leicht gelingt -- allerdings überschätzte man damals noch den Wert von Landbefestigungen Schiffen gegenüber sehr --, gibt er den Plan auf und folgt Blake bis zu den Shetlands, in erster Linie doch nur, um holländisches Eigentum zu verteidigen. Ungünstiges Wetter verhindert den Zusammenstoß. Nach Blakes Rückkehr sendet man Ayscue wieder nach dem Westen des Kanals, anstatt mit beiden Flotten gemeinsam die Holländer anzugreifen, wozu sich eine so günstige Gelegenheit bot, da Tromps Flotte schwer gelitten hatte. So gelingt es Ruyter, einen Konvoi wohlbehalten durch den Kanal zu führen, den nur etwa gleichstarken Ayscue bei Plymouth mit Erfolg abzuwehren und den heimwärts bestimmten Konvoi zurück zu geleiten.
De Witt, an Tromps Stelle zum Oberkommando berufen, macht nun zum ersten Male den Versuch, eine größere Entscheidung durch einen Angriff auf die Hauptmacht des Feindes herbeizuführen; Kentish Knock wird geschlagen, ohne daß es sich um einen Konvoi handelt. Die Nebenumstände lassen aber vermuten, daß de Witt mehr unter dem Antriebe, etwas Bedeutendes zu leisten, gehandelt hat, als infolge strategischer Einsicht. Die holländische Regierung verfolgte diese Art der Kriegführung jedenfalls nicht weiter, sondern ordnete auch fernerhin wieder nur die Begleitung großer Konvois durch die Kriegsflotte an. Aber auch die Engländer nützen ihren Sieg nur in altem Sinne aus durch Aufbringen feindlicher Kauffahrer. Wenn auch der hereinbrechende Winter ihren Schiffen den Aufenthalt an der feindlichen Küste unmöglich machte, man sich wenigstens noch nicht zu bleiben getraute, und wenn man auch vom Feinde bei der vorgerückten Jahreszeit nichts Ernstliches mehr erwartete, so durfte doch die englische Flotte nicht zersplittert werden, wie es geschehen ist. Man überschätzte den Erfolg einer einzelnen siegreichen Schlacht, die allerdings für den Augenblick die Herrschaft über die See gebracht hatte. Diese Kurzsichtigkeit führte zur Niederlage Englands bei Dungeness.
Tromp verfällt nach dieser Schlacht derselben irrigen Auffassung. Schon sein Angriff entsprang nur der Absicht, seinen Konvoi sicher weiter zu führen und die sich bietende günstige Gelegenheit einem schwächeren Feinde gegenüber zu benutzen. Anstatt nach dem Siege dahin zu streben, den geschlagenen Feind gänzlich zu vernichten -- die Position in den Downs war nach Abbruch der behelfsmäßigen Batterien nicht mehr so stark --, überhaupt die Offensive den getrennten englischen Geschwadern im Kanal gegenüber aufrecht zu erhalten, beschränkt er sich auf die defensive Aufgabe, seinen Konvoi nach Ré zu geleiten und einen heimkehrenden zurückzuführen. Während seiner Abwesenheit geht die holländische Herrschaft über den Kanal schnell wieder verloren, England hat Zeit, seine Kräfte zu sammeln und ihm bei seiner Rückkehr (bei Portland) entgegenzutreten. Den Zusammenstoß bei Portland hätte Tromp mit dem günstigen Winde vielleicht vermeiden können; er tat es wohl nicht, weil er der Beständigkeit des Windes sowie der Segelfähigkeit vieler seiner Kauffahrer nicht vertraute und daher fürchtete, von den Engländern auf dem Marsche eingeholt und angegriffen zu werden, wie sie es ja auch bei der Verfolgung nach der Schlacht mit großem Erfolge taten. Eine weitere Ausnutzung des Sieges wagen aber die Engländer wiederum mit Rücksicht auf die Jahreszeit nicht.
Im letzten Abschnitt des Krieges wird nun Tromp noch einmal beordert, Kauffahrer auswärts und heimwärts zu geleiten (Mai 1653). Jetzt aber erwarten die Engländer den Feind nicht mehr in ihren eigenen Gewässern, sondern versuchen, schon die Sammlung der Kriegs- und Handelsschiffe an der holländischen Küste zu verhindern. Sie kommen zwar zu diesem Zwecke zu spät und begnügen sich mit Aufbringen von Küstenfahrern und Alarmierung der Küsten, immerhin war es eine bedeutsame Erweiterung der Offensive. Überhaupt zeigen sich die Engländer von jetzt an mehrfach unmittelbar vor den feindlichen Häfen (Ende Mai, Anfang Juni 1653) und halten in den eigenen Gewässern ihre Flotte der feindlichen Küste näher (Yarmouth, Juni). Als nun auch Tromp nach seiner Rückkehr zur Offensive übergeht, indem er zunächst den Vorstoß gegen die Downs macht und dann die englische Hauptmacht sucht, kommt es am 12.-13. Juni 1653 zur Schlacht bei Northforeland-Nieuport, zum Kampf der Gesamtkräfte beider Staaten, ohne daß ein Konvoi den Anlaß gegeben hat. Nach dieser Schlacht nutzen die Engländer den Sieg aus, indem sie den Feind bis vor seine Häfen verfolgen und dann die feindliche Küste unter Blockade halten; ja, zu diesem Zwecke bessern und rüsten sie zum ersten Male dort ihre Flotte aus und kehren dazu nicht wie bisher nach jeder größeren Schlacht in die heimischen Häfen zurück. Der Ausfall Tromps, um die Blockade aufzuheben, führt zur Schlacht bei Scheveningen dicht an der holländischen Küste (10. August). Trotz ihres taktischen Sieges hier mußten die Engländer die Blockade aufgeben, da auch sie zu sehr geschwächt waren. Daß sie dann später den Krieg nicht wieder tatkräftig aufnahmen, ja, sogar mit geringeren Streitkräften als die Holländer auftraten, wird auf Cromwells Neigung zum Frieden zurückzuführen sein.
Beim Friedensschluß war der Kampf um die Seeherrschaft noch nicht entschieden, die holländische Flotte war keineswegs niedergekämpft; nicht sowohl militärische Gründe als die allgemeine Erschöpfung und die Volksstimmung zwangen Holland, Frieden zu schließen. Daß aber die Kriegführung im allgemeinen energischer geworden ist, beweist wohl auch die Tatsache, daß beide Nationen, abweichend vom bisherigen Brauch, versuchen, im Herbst 1653 eine Flotte bis in den Winter hinein ständig auf See zu halten; der erste schwere Wintersturm zeigt dann allerdings, daß die damaligen Schiffe dem noch nicht gewachsen waren.
Der Verlauf dieses Krieges lehrt, daß zur Erreichung großer Ziele auf oder über See -- hier die völlige Lahmlegung des feindlichen Handels, der Schutz des eigenen -- die =unbestrittene Beherrschung der See durch Niederkämpfen der feindlichen Seestreitkräfte= nötig ist. Die Engländer, von Anfang an mehr auf die Offensive hingewiesen und weniger an ihrer Durchführung behindert, tragen zuerst diesem Grundsatz Rechnung. Während sie in der ersten Hälfte des Krieges nur auf möglichst starke Schädigung des Handels, nicht auf schleunigere Beendigung des Krieges hinzielen, richten sie in der zweiten Hälfte ihre Stöße mehr gegen die Streitkräfte des Feindes. Aber auch die Holländer versuchen gegen das Ende, zunächst die feindliche Kriegsflotte aus dem Felde zu schlagen. Sie geben dann in den späteren Kriegen ihren Handel ganz auf, weil sie eingesehen haben, daß ihre Kräfte nicht ausreichen, gleichzeitig diesen zu schützen und um die Seeherrschaft zu ringen. »Der Kampf der Seestreitkräfte miteinander tritt in den Vordergrund.«
* * * * *
Viertes Kapitel.
Nebenkriege 1654-1665.
$England-Spanien 1654-1659. Holland-Portugal 1656-1661.$
$Schweden-Dänemark 1655-1660. Frankreich-Spanien 1635-1659.$
Vor der Schilderung des nächsten großen Seekrieges zwischen England und Holland müssen wir uns mit einigen Nebenkriegen beschäftigen, in denen die Flotten dieser Staaten eine Rolle spielen.
$England$[140] befand sich nach dem Frieden von Westminster und nach dem Abschluß des französischen Handelsvertrages mit allen Völkern im Frieden, es hatte überall seinen Willen erreicht (Seite 229). =Cromwell= jedoch wünschte einen auswärtigen Krieg, um die Aufmerksamkeit des Volkes von der inneren Politik -- der gegen ihn gerichteten Bestrebungen der strengen Republikaner und der Royalisten -- abzulenken; er brach einen $Krieg mit Spanien$ vom Zaune. Reibungen mit diesem Staate hatten in Westindien nie aufgehört, da England hier seinen Einfluß und seine Besitzungen zu erweitern fortfuhr und Spanien dies mit den alten grausamen Mitteln zu vereiteln suchte. So war gerade dieser Krieg von religiösem und kommerziellem Standpunkte aus volkstümlich; er versprach außerdem reiche Beute.
[140] Näheres Clowes, Teil II, Seite 201; Zimmermann, Band II, Seite 136.
Schon im Sommer 1654 wurde die Ausrüstung zweier Flotten betrieben; ihr Zweck ward streng geheim gehalten, so daß man sowohl in Frankreich wie in Spanien in Erwartung eines gegen sich gerichteten Unternehmens stand.
=Penn= erhielt den Befehl über eine dieser Flotten: 18 Kriegsschiffe -- 1 zu 60, 4 zu 54, 3 zu 44, 3 zu 40, 2 zu 36, 4 zu 30 Kanonen --, 20 Transporter. Die kleineren Kriegsschiffe und die Transporter waren vorzugsweise mit Soldaten bemannt, deren insgesamt 3000 Mann unter General =Venables= eingeschifft waren. Die Expedition segelte am Weihnachtstage 1654 nach Westindien, ihr Erfolg war die $Eroberung Jamaicas$.
Auf Barbados und anderen englischen Besitzungen wurde die Stärke der Landtruppen nahezu verdoppelt und ein Landungskorps von Matrosen unter dem Vizeadmiral der Flotte formiert. Am 31. März 1655 verließ die Expedition Barbados und landete am 13. und 14. April 7000 Mann auf Haiti in der Nähe der Stadt Domingo unter Venables Befehl, Penn mit der Flotte als Rückhalt. Am 25. wurde jedoch das Landungskorps mit einem Verlust von 1700 Mann völlig geschlagen, die gänzliche Vernichtung soll nur das Matrosenkorps verhindert haben. Die Landoffiziere gaben nun weitere Unternehmungen hier auf, weil sie ihren Truppen, Strafgefangenen und unzuverlässigen königlichen Soldaten, nichts zutrauten.
Um nicht ganz ohne Erfolg heimzukehren, wandte sich die Expedition nach =Jamaica= und eroberte in wenig Tagen, 10.-17. Mai, die schwach kolonisierte und nur von einer Miliz verteidigte Insel. Diese blieb von jetzt an in englischem Besitz, wenn auch Spanien verschiedene Wiedereroberungsversuche machte und die in die Berge geflüchteten spanischen Kolonisten mit ihren Negersklaven lange noch einen Guerillakrieg gegen die Engländer führten.
Die Landtruppen auf der Insel und einige Schiffe auf der westindischen Station, behufs Schädigung der Spanier, zurücklassend, kehrte Penn nach England heim; er wie Venables kamen wegen des Mißerfolges auf Haiti trotz der wichtigen Eroberung Jamaicas auf kurze Zeit in den Tower.
Die zweite Flotte unter =Blake= segelte am 29. September 1654 nach dem =Mittelmeer=. Sie bestand aus 25 Segeln: 1 zu 60, 2 zu 54, 3 zu 50, 1 zu 46, 2 zu 40, 4 zu 36, 2 zu 34, 2 zu 32, 1 zu 30, 2 zu 22 Kanonen und 5 kleineren.
Blake hatte den Befehl, vorläufig nichts gegen Spanien zu unternehmen. Der Krieg war ja noch nicht erklärt und man wollte die Abfahrt der spanischen Silberflotte nicht stören, um sie womöglich in die Hände Penns fallen zu lassen -- Penns Expedition geschah wieder einmal nach dem alten Grundsatz: »Kein Frieden gilt unter der Linie«, d.h. in außereuropäischen Gewässern --, im Gegenteil, es sollte den Anschein haben, als ob die Flotte Blakes nur zum Nutzen Spaniens wirke, indem sie gegen die Barbaresken vorging. Ihre erste Tat war auch die in ihrer Art berühmte $Vernichtung einer tunesischen Flotte unter den Befestigungen von Tunis$.
=Blake= machte zunächst eine Demonstration gegen den Papst und gegen den Herzog von Livorno wegen ihrer Unterstützungen des Prinzen Ruprecht nach der Revolution und der Holländer im ersten Kriege. Später ging er nach Tunis, wo eine Flotte für den Sultan ausgerüstet wurde. Am 4. April 1655 griff er diese, neun noch ungetakelte aber armierte Schiffe, unter den Kanonen der Forts von Porto Farina an, die =erste große Tat dieser Art=, wie er uns schon als erster Angreifer von Landbefestigungen aus den Operationen gegen die königstreuen Kanalinseln bekannt ist (Seite 198). Er teilte seine Flotte in zwei Divisionen und schickte die leichten Schiffe gegen die feindlichen Fahrzeuge, die schweren gegen die Forts. Seine schweren Schiffe nahmen trotz des heftigsten Feuers in vollster Ordnung ihre Plätze ein und kämpften vermöge ihrer guten artilleristischen Ausbildung die Forts nieder, dann wurden die feindlichen Schiffe durch die armierten Boote genommen.
Mittlerweile war =Penns= Auftreten in Spanien bekannt geworden, und nun erhielt =Blake= den Befehl, die spanischen Küsten zu blockieren, um die Silberflotte abzufangen und das Entsenden von Verstärkungen nach Westindien zu hindern. Der Zustand der Schiffe und seine eigene Gesundheit zwangen ihn jedoch, im Oktober nach England zurückzukehren.
Dem Abschluß des Friedens und des Handelsvertrages mit Frankreich 1655 ließ England bald ein Bündnis mit diesem Staate, der im Kriege mit Spanien war, folgen. Nun wurde auch englischerseits der Krieg erklärt; er sollte die letzte große Tat Blakes, die $Vernichtung der Silberflotte vor Teneriffa, 1656$, bringen.
Im Frühjahr 1656 führte =Blake= eine große Flotte an die spanische Küste und hielt dort trotz seiner gebrochenen Gesundheit ein Jahr die Blockade aufrecht. Einige seiner Schiffe brachten zwei Fahrzeuge der spanisch-westindischen Flotte auf, so reich beladen, daß der Transport der Beute an Gold, Silber und Juwelen von Portsmouth nach London 38 Wagen erforderte. Im Frühjahr 1657 erhielt Blake die Nachricht von der Heimkehr einer neuen Silberflotte, er ging ihr entgegen und traf sie in =Sta. Cruz auf Teneriffa=. Die Spanier waren auf den Angriff vorbereitet, hatten die Schätze gelandet, die Befestigungen verstärkt und die Schiffe zur Rückfahrt nach Westindien klargemacht. Zur eigenen und der Stadt Verteidigung waren 10 Schiffe im Halbkreis längs der Bucht nördlich von der Stadt verankert, die 6 schwersten Galeonen dagegen vor diesen in Linie vermoort, was ein Fehler war, denn sie maskierten das Feuer der anderen 10 Schiffe.
Die Windverhältnisse der Rhede von Sta. Cruz sind einem Angriff unter Segel sehr ungünstig. Entweder weht ein unbeständiger Landwind, der angreifende Schiffe der Gefahr aussetzt, bekalmt[141] zu werden, oder eine gleichmäßige frische Seebrise, die wieder ein Abbrechen des Gefechts schwierig, für beschädigte Schiffe fast unmöglich macht. Um so kühner war Blakes Plan: Mit Seewind und Flut anzugreifen, die Schiffe zu zerstören und dann mit der Ebbe wieder das freie Wasser zu gewinnen. Er gelang. Der Admiral selber beschäftigte die Befestigungen nördlich und südlich von der feindlichen Flotte, sein Vizeadmiral ankerte querab der Galeonen, setzte diese außer Gefecht und enterte sie. Als nun die Forts ihr Feuer auf die Prisen richteten, ließ Blake diese und auch die kleineren Schiffe in Brand setzen. Das Glück begünstigte das Unternehmen. Als die Ebbe einsetzte, kam eine sonst seltene, stetige Landbrise auf und führte die englischen Schiffe sicher von der Rhede; sie hatten zwar nur 40 Tote und 110 Verwundete gehabt, waren aber doch stark beschädigt. Wenn auch keine Beute gemacht werden konnte, so war doch der Verlust der Spanier durch Vernichtung der ganzen Flotte groß.
[141] Durch die Nähe des Landes in Windstille zu geraten.
Blake hatte hier wiederum gezeigt, daß Schiffe mit Erfolg Küstenbefestigungen bekämpfen konnten; schon Schriftsteller seiner Zeit bezeichnen ihn als den ersten Führer, der solches gewagt habe. Er starb, nachdem er noch bis zum Juli die Blockade an den spanischen Küsten geleitet hatte, auf der Rückreise nach England am 7. August 1657 unmittelbar vor dem Einlaufen in Plymouth.
Die $Geschichte Englands$ bietet nun $bis 1665$ besonderes nicht mehr. Die spanischen Küsten wurden weiter blockiert. Die englische Flotte unterstützte durch Blockade die Wegnahme =Dünkirchens= durch die Franzosen 1658. Die Stadt fiel nach dem Pyrenäischen Frieden 1659 laut Vertrag an England, doch verkaufte sie Karl II. 1662 an Louis XIV.; ein ungeheurer Fehler, denn sie wurde ein wichtiger Stützpunkt für die Franzosen, besonders später für den Freibeuterkrieg gegen England.
Die Jahre 1658 und 1659 brachten =Flottendemonstrationen nach der Ostsee=, wo England, Holland und Frankreich bestrebt waren, weder Dänemarks noch Schwedens Macht zu groß werden zu lassen, sich aber auch gegenseitig eifersüchtig beobachteten (schwedisch-polnischer Krieg). Im Anfang der sechziger Jahre endlich wurden weitere Expeditionen gegen die =Barbaresken= sowie zur Einsetzung der englischen Macht in =Tanger=, das als Mitgift seiner portugiesischen Gemahlin an Karl II. (wie auch Bombay) gefallen war, übernommen. 1660 führte ein Geschwader unter Montagu den König =Karl= II. von Holland nach =England= hinüber; in der Marine waren Montagu, Lawson und Penn die Hauptförderer der königlichen Sache gewesen.
$Holland.$[142] Nachdem im ersten englisch-holländischen Kriege die Engländer das Mittelmeer geräumt hatten, waren auch die holländischen Seestreitkräfte dort sehr vermindert. Infolgedessen nahm der Seeraub durch die =Barbareskenstaaten= wieder überhand; kleinere Flotten derselben schlossen fast die Straße von Gibraltar und dehnten ihre Züge bis zur portugiesischen Küste aus. Nach dem Friedensschluß wandte sich auch Holland, wie England, gegen dieses Unwesen und =Ruyter= führte in den Jahren 1654-1657 mit Erfolg drei Züge dorthin.
[142] Hauptquellen: De Jonge, Teil I; »Vie de Tromp«; »Leben Ruyters«, in beiden letzten genaue Beschreibung der Züge nach Mittelmeer, Portugal und Ostsee.
$1656 erklärte Holland den Krieg an Portugal$, nachdem es vergeblich die Rückgabe seiner früheren Besitzungen in Brasilien und Westafrika sowie eine große Geldentschädigung verlangt hatte. Noch in demselben Jahre wurde eine Flotte unter dem Leutnantadmiral =Wassenaer= zur feindlichen Küste gesandt, die, als Ruyter vom Mittelmeer aus zu ihr gestoßen war, aus 28 Segeln bestand. In drei Geschwader geteilt, blockierte sie die Küsten und brachte viele reiche Kauffahrer, besonders Zuckerschiffe aus Brasilien, auf; 1658 führte =Ruyter= 22 Schiffe, alle von der Admiralität Amsterdam gestellt, zu gleichem Zweck dorthin. Zum Schlagen kam es nie, da die portugiesische Flotte die Häfen nicht verließ. -- Dieser Krieg konnte jedoch überhaupt nicht mit voller Energie fortgeführt werden, da man bald die Seestreitkräfte im Norden nötiger brauchte; weitere Feindseligkeiten spielten sich nur in Indien ab, bis 1661 ein Frieden geschlossen wurde, in dem Holland gegen eine Zahlung von 8 Millionen Gulden und freien Handel in allen portugiesischen Kolonien auf Brasilien und die strittigen Punkte in Westafrika verzichtete.
Im Norden spielte sich seit 1655 der $schwedisch-polnisch-brandenburg-dänische Krieg 1655-1660$ ab, in den Holland tätig eingriff, weil es die Erfolge Schwedens mit Besorgnis für seinen so wichtigen Ostseehandel ansah. Wie immer ein Freund der schwächeren Macht in der Ostsee -- wir sahen es auf seiten Dänemarks gegen die Hansa, dann auf seiten Schwedens gegen Dänemark --, trat Holland jetzt auf seiten Dänemarks.
$Der schwedisch-polnische Krieg$:[143] Die Kämpfe um die Herrschaft in der Ostsee, das Erstarken Schwedens in ihnen haben wir bis 1648 verfolgt (Seite 110). 1655 griff =Karl X. Gustav= von Schweden den König =Johann Kasimir= von Polen, der Ansprüche auf die Thronfolge in Schweden erhob, von Pommern und Litauen aus an. Da ein Teil der Polen zu ihm überging, hatte er zunächst großen Erfolg; nach kurzer Zeit war fast ganz Polen in seiner Hand, und der Kurfürst von Brandenburg zur Neutralität gezwungen. 1656 wurde auch Westpreußen bis auf die Stadt =Danzig=, die von einer holländischen Flotte geschützt wurde, erobert. Durch Wiederabfall der Polen gefährdet, gewann der Schwedenkönig sich den Beistand Brandenburgs und erfocht mit ihm den glänzenden =Sieg bei Warschau= 28./30. Juli 1656.
[143] Genaueres über die Tätigkeit der nordischen Flotten in den auf Seite 44 u. 109 gegebenen Quellen. Über ihre Stärke um 1655 vergl. Seite 148.
Nun aber trat ihm eine Liga von Rußland, dem Kaiser und Dänemark entgegen, der sich später auch Brandenburg anschloß. Dänemark glaubte, diese Gelegenheit benutzen zu können, um die Verluste des Friedens von Bromsebrö 1645 wieder gut zu machen.
Karl Gustav warf sich mit aller Kraft auf Dänemark. Seine Flotte wurde zwar zunächst von der dänischen in Schach gehalten, aber mit der Armee eroberte er über Pommern, Mecklenburg, Holstein, schließlich im Januar 1658 über die gefrorenen Belte vordringend, Fünen, Langeland, Laaland, Moen, ging nach Seeland über und belagerte, nun auch von der Flotte unterstützt, Kopenhagen.
So erzwang er den $Frieden von Roeskild$, 26. Februar 1658, worin Dänemark die Provinzen Bleckingen, Schonen, Halland, Bohuslän, Drontheim, sowie die Insel Bornholm abtrat und dem Vorschlage beistimmte, gemeinsam mit Schweden den Sund für fremde Kriegsschiffe zu schließen. Schweden war zum Frieden geneigt geworden, weil ein polnisch-brandenburg-kaiserliches Heer Dänemark zu unterstützen drohte.
Die Sperrung des Sundes durchzuführen, zeigte sich aber Dänemark nicht gewillt, wozu es wohl durch Holland und England in deren eigenem Interesse bewogen oder gar genötigt wurde. Da griff =Karl Gustav= im August 1658 unversehens aufs neue an. Nach den schnellen Erfolgen des vorigen Feldzuges hoffte er wohl durch völlige Niederwerfung Dänemarks den alten Gedanken der Kalmarischen Union jetzt verwirklichen zu können. Er bemächtigte sich Korsörs und belagerte wiederum =Kopenhagen=, von den anderen Inseln waren seine Truppen noch gar nicht zurückgezogen. Die Stadt verteidigte sich tapfer und wurde durch die blutige =Schlacht im Sunde= von einer holländischen Flotte wenigstens auf der Seeseite entsetzt; die Belagerung zu Lande dauerte fast bis zum Friedensschlusse.
Im weiteren Verlaufe des Krieges (1659) eroberten die festländischen Verbündeten Dänemarks: Pommern, Schleswig-Holstein, Jütland, Alsen, Fünen (Nyborg 14. November); an dieser letzten Waffentat nahm wiederum eine holländische Flotte großen Anteil.
=Holland=, =England= und =Frankreich=, die keine der beiden Mächte in der Ostsee zu stark werden lassen wollten, hatten sich im =Haager Konzert=, Mai 1659, vereinigt, um Frieden zu vermitteln. England und Frankreich war der von Holland im Norden erlangte Einfluß zu bedeutend geworden, und so mischten auch sie sich kräftiger ein, sobald die Aussicht auf Frieden mit Spanien ihnen freiere Hand ließ. Die Vermittlung blieb bei der Hartnäckigkeit des Schwedenkönigs längere Zeit ohne Erfolg und eine schnellere kriegerische Entscheidung durch die holländische Flotte auf seiten Dänemarks wurde wieder durch die Anwesenheit einer englischen Beobachtungsflotte und durch die diplomatische Vertretung Frankreichs gehindert. Erst nach dem Tode Karls X. Gustavs, im Februar 1660, kam es im Juni 1660 zum $Frieden von Kopenhagen$ zwischen Dänemark und Schweden (im Mai schon zu Oliva zwischen Schweden und Brandenburg-Polen). Die Bedingungen für das geschlagene Schweden waren sehr günstig: dieselben, die das siegreiche im Frieden von Roeskild errungen hatte; nur blieben jetzt Bornholm und Drontheim bei Dänemark und, das Wichtige für die Vermittler, die geplante Sundsperre fiel weg.
=Schweden= hatte seine Grenzen endgültig an den Sund und an das Kattegat gerückt, hatte die Mitherrschaft über die Einfahrt in die Ostsee errungen, ja, war die =erste Macht in der Ostsee= geworden.
Die $Beteiligung der holländischen Marine$ an diesem Kriege ist sehr bedeutend, während die zur Ostsee entsandten englischen Flotten nirgends tätlich eingriffen. In der ersten Zeit des schwedisch-polnischen Krieges verstärkte Holland nur den Schutz seiner Handelsschiffe in der Ostsee, als aber Karl X. Gustav 1656 =Danzig= bedrohte und man fürchtete, daß diese Kornkammer geschlossen, sowie Ein- und Ausfuhr im Osten zu sehr von den Schweden abhängig werden könnte, beschloß man einzugreifen, um wie elf Jahre vorher zur Erhaltung des Gleichgewichtes in der Ostsee beizutragen. Der Leutnantadmiral =Wassenaer=,[144] unter ihm Ruyter als Vizeadmiral, führte eine große Flotte nach Danzig, deren Erscheinen im Juli 1656 die Stadt vor der Übergabe rettete und die holländischen Handelsverhältnisse vorläufig sicherstellte, bis Dänemark im unglücklichen Frieden von Roeskild gezwungen wurde, dem Vorschlage Schwedens, für fremde Kriegsschiffe den Sund zu sperren, beizustimmen.
[144] Nach dem Tode Tromps in der Schlacht von Scheveningen wurde =Jakob van Wassenaer=, Heer van Opdam, ein Kavallerieoffizier von hoher Geburt, zum Leutnantadmiral von Holland und Westfriesland ernannt. Die drei Provinzen von Holland wagten nicht, ihren nächstältesten Vizeadmiral Witte de Witt dazu zu befördern, da er zu unbeliebt bei seinen Untergebenen war. Um alle Unzufriedenheit durch ein Übergehen zu vermeiden, wählten sie diesen Mann von hoher Geburt. Aus denselben Gründen den Admiralen Seelands gegenüber bestätigten die Generalstaaten Wassenaer auch in der Stellung als Oberbefehlshaber der Gesamtstreitkräfte, er trat aber als solcher während des ersten Krieges nicht mehr in Tätigkeit. Die Ernennung erregte böses Blut bei allen Seeoffizieren. W. selbst versuchte den Posten abzulehnen; später wurde ihm, wie wir sehen werden, oft der Vorwurf gemacht, seine Stellung nicht richtig ausgefüllt zu haben.
Zunächst griff Holland hierauf jedoch noch nicht wieder ein, hoffend, daß diese Bedingung bei Dänemarks Abneigung dagegen nicht durchgeführt werden würde. Als aber nach dem neuen Angriff Schwedens 1658 die Kriegslage sofort für Dänemark so ungünstig stand und Karl Gustav Kopenhagen zu Wasser und zu Lande hart bedrängte, ergriff man die =Offensive=. Wieder führte =Wassenaer= eine Flotte von 35 Kriegsschiffen nach dem Sunde mit dem Befehle: Truppen zur Unterstützung Kopenhagens zu landen, beschlagnahmte Kauffahrer zu befreien und die schwedische Flotte bei günstiger Gelegenheit zu schlagen; sollten Kopenhagen und Kronenburg schon genommen sein, sei der Sache Dänemarks nach eigenem Ermessen bis zum Eintreffen weiterer Befehle zu nützen.
Die Flotte setzte sich zusammen aus: 1 Schiff zu 72 Kanonen; 1 zu 59; 1 zu 50 -- die drei Flaggschiffe --; 10 zu 40-42; 12 zu 30-38; 8 zu 26-28; 2 zu 22-23 Kanonen. Hierzu traten 6 Transporter zu 16-24 Kanonen mit 2000 Soldaten, 28 Transporter mit Proviant usw. für die Flotte und für Kopenhagen. Die Vorhut -- 11 Schiffe, 1 Brander -- führte Admiralleutnant de Witt; das Zentrum -- 13 Schiffe, 2 Brander -- der Flottenchef, die Nachhut -- 11 Schiffe, 1 Brander -- Vizeadmiral Floriszoon.
Wassenaer erschien am 3. November 1658 vor dem Sunde und mußte hier wegen widriger Winde zu Anker gehen. =Kronenburg= war bereits gefallen und der Sund hinter der Linie Kronenburg-Helsingborg durch die schwedische Flotte gesperrt. Diese unter dem Admiral =Karl Gustav Wrangel= war in vier gleichstarke Geschwader geteilt und bestand aus 38 (44?) Kriegsschiffen, die den holländischen mindestens gewachsen waren, wahrscheinlich waren sogar mehr schwerere darunter; ein großer Teil der Schiffsbesatzungen bestand aus englischen und deutschen Seeleuten, viele der Schweden hatten in Holland gedient.
Am 8. November kam frischer Nordwind auf, =Wassenaer= lichtete mit Tagesanbruch Anker und passierte zwischen den beiden Befestigungen, wider Erwarten ohne von ihrem Feuer zu leiden, da die meisten Kugeln die Mitte des Fahrwassers nicht erreichten -- =Karl Gustav= befand sich auf Kronenburg und soll eigenhändig das erste Geschütz abgefeuert haben. Zwischen 10 und 11 Uhr vormittags stieß die holländische Flotte auf die schwedische. Der Verlauf der $Schlacht im Sunde$ ist aus den sonst ausführlichen Quellen nicht zu ersehen; sie geben wie üblich nur die Erlebnisse einzelner Schiffe, besonders der Flaggschiffe (Gruppentaktik).
Anzunehmen ist, daß beide Flotten in Kiellinie waren, die Schweden »beim Winde« den Feind erwartend, und daß die Holländer durch Einbrechen in die feindliche Linie sofort die Melee herbeiführten, wie wir es meist bei ihnen sahen. Kurze Andeutungen scheinen dies zu bestätigen: de Witt läuft bei der feindlichen Vorhut vorbei, ohne ihr Feuer zu erwidern, und greift den feindlichen Oberbefehlshaber an. Gleich darauf erscheint Wassenaer an derselben Stelle, und de Witt finden wir im Kampf mit dem feindlichen Vizeadmiral. Diese beiden Gegner treiben mit dem Strom auf Grund, de Witt wird von einer Anzahl Feinde umringt, enfiliert, geentert, ohne Hilfe zu erhalten, und fällt mit dem Degen in der Faust. Wassenaer setzt Wrangel außer Gefecht (Ruderhavarie), der sich unter Kronenburg zurückziehen muß, wird aber selbst hart bedrängt und erhält erst später Entsatz. Besonders hervorgehoben wird, daß überall die holländischen Flaggschiffe am kräftigsten angegriffen werden; auch Floriszoons Schiff ist längere Zeit in großer Gefahr, er selber fällt. Es scheint also, als ob die Schweden ihre Ordnung besser bewahrt, ihre Schiffe besser zusammengehalten haben, vielleicht unterstützt durch Kenntnis des Fahrwassers und der Stromverhältnisse. Schließlich muß aber doch die größere Kriegstüchtigkeit der Holländer den Ausschlag zu ihren Gunsten gegeben haben.
Der Kampf endete mit dem Siege der Holländer. Der Verlust der Schweden war: 3 Schiffe genommen, 8 vernichtet, 1000 Tote, 450 Gefangene; die Holländer verloren nur das Schiff de Witts (die alte berühmte »Brederode«; sie wurde geentert, sank aber später), 400 Tote, 3 Brander. Obgleich die Schweden nach etwa 5-6 Stunden zu Luward standen und die Holländer mit Wind und Strom südlich getrieben waren, brechen jene das Gefecht ab und gehen unter den Schutz von Kronenburg. Sie gaben also den holländischen Kriegsschiffen und den mit Proviant versehenen Transportern den Weg nach Kopenhagen frei und standen zur See von der Belagerung der Stadt ab. Von Kronenburg aus ging die schwedische Flotte, mit dem König an Bord, bald darauf nach Landskrona, allerdings ihrerseits nun auch unbelästigt durch die holländische oder dänische Flotte.
=Wassenaer= war nach der Schlacht sundaufwärts gegangen, traf bei der Insel Hven einen Teil der dänischen Flotte unter Admiral =Bielke=, der durch den Nordwind am Erscheinen in der Schlacht verhindert worden war, und ankerte an der Küste Seelands nördlich von Kopenhagen; verschiedene Schiffe mußten zur Ausbesserung nach der Stadt. Am 9. trafen dort auch die Transporter mit den Soldaten und Lebensmitteln ein, wodurch die Verteidigung der Stadt wesentlich unterstützt wurde.
An einem der nächsten Tage ging =Bielke= mit seinen und einigen holländischen Schiffen nach Hven, um die schwedische Flotte abzufangen oder doch in =Landskrona= durch Versenken von Fahrzeugen einzuschließen. Zum Abfangen kam man aber zu spät und das Einschließen wurde auch nur unvollkommen erreicht; ein Angriff mit Brandern wurde abgeschlagen.
=Wassenaer= führte in seinem =Berichte= an, viele der Kommandanten hätten nur lau gefochten und die Admirale im Stich gelassen, wenigstens nicht genügend unterstützt -- eine Klage, die wir bereits aus dem ersten großen Kriege kennen. Es erregte diese Äußerung Ärgernis in den Provinzen von Holland, besonders in Amsterdam, da doch bei etwa gleichen Kräften ein großer Erfolg erzielt war. Wassenaer wurde deshalb nach seiner Rückkehr zur Rede gestellt und ihm dabei vorgehalten, er habe vor der Schlacht, wie doch vorgeschrieben oder üblich, keinen Kriegsrat gehalten; seine Unterführer hätten keine Instruktionen gehabt, andernfalls würden seine Schiffe nicht so bald nach dem Zusammenstoß über den ganzen Sund zerstreut gewesen sein und die Niederlage der Feinde wäre eine noch weit größere geworden.
Man nahm auch die Gelegenheit wahr, ihm eine nicht genügende Ausnützung des Sieges vorzuwerfen; er habe ein zweites Mal angreifen oder doch dem Feinde den Weg nach Landskrona verlegen müssen; wenigstens habe er später die Operationen gegen genannten Hafen energischer betreiben und selbst leiten müssen, anstatt sogar holländische Schiffe einem dänischen Admiral zu unterstellen. Die Angelegenheit verlief im Sande, vielleicht durch den Einfluß der Generalstaaten, aber auch die Untersuchung gegen die angeklagten Kapitäne wurde niedergeschlagen.
Man muß wohl zugeben, daß die holländische Flotte mehr hätte leisten können. =Aber lag dies in der Politik der Generalstaaten=? Der Wunsch, Schweden nicht ganz niederzuwerfen, zeigt sich während des ganzen Krieges, wie wir noch sehen werden; auch Dänemark sollte nicht zu mächtig werden, nur Frieden und Gleichgewicht wollte man in der Ostsee haben. So erhielt Wassenaer jetzt schon den Befehl, die genommenen Kriegsschiffe an Dänemark auszuliefern, aufgebrachte Kauffahrer aber an Schweden zurückzugeben, falls von dort das Gleiche geschähe. Im Sinne dieser Politik war es auch, daß man nach der Schlacht den Beschluß faßte, zwar noch mehr Truppen unter Bedeckung einiger Kriegsschiffe nach Kopenhagen zu werfen, den größten Teil der Flotte jedoch aus Sparsamkeitsgründen zurückzuziehen. Diese Absicht wurde scheinbar nur aufgegeben, da auch England die Entsendung einer =großen Flotte= vorbereitete. Der Transport erschien hierdurch gefährdet, die weitere Anwesenheit starker Kräfte anderseits nötig. England war, wie auch Frankreich, argwöhnisch auf den in der Ostsee erlangten Einfluß Hollands geworden; schon 1658 hatte sich dort ein englisches Geschwader gezeigt und 1659 ging in der Tat wiederum eine starke Flotte (42 Segel) unter =Montagu= dahin ab, die wohl in erster Linie die Aufgabe hatte, die Holländer zu beobachten und gegebenenfalls in Schach zu halten.
So sandte man denn trotz des in der Heimat auftretenden Mannschaftsmangels -- die Hochseefischerei mußte teilweise eingestellt werden -- eine zweite starke Macht von 39 Kriegsschiffen, 3 Brandern mit 1743 Geschützen und 7700 Mann unter =Ruyter=, der eben aus dem Mittelmeer zurückgekehrt war, zur Verstärkung Wassenaers ab. 4000 Mann, auf einigen Transportern meist aber auf den Kriegsschiffen eingeschifft, waren zur Verstärkung Kopenhagens bestimmt; ein Konvoi von Kauffahrern schloß sich an. Als Ruyter im Juni 1659 zu Wassenaer gestoßen war, zählte die Gesamtflotte 80 Kriegsschiffe mit 12 900 Mann, ausschließlich der erwähnten 4000 Soldaten; sie war stark genug, wenn erforderlich, der eingetroffenen englischen Macht entgegenzutreten. Vorläufig sollte jedoch die Flotte nicht eingreifen und auch die Truppen durften nicht ausgeschifft werden. Im Haager Konzert war unmittelbar nach Ruyters Abfahrt vereinbart, daß zunächst nichts unternommen, sondern nur durch die Anwesenheit der Flotten auf einen Frieden -- mit den Bedingungen von Roeskild, aber ohne die Sundsperre -- hingewirkt werden solle. Die Frist der Waffenruhe für die holländischen Streitkräfte wurde in der Folge immer weiter verlängert, und es ist interessant, ihre Bewegungen[145] unter steter Beobachtung der englischen zu verfolgen. Die französischen Diplomaten wirkten in demselben Sinne. Die Friedensverhandlungen kamen aber nicht vorwärts. Vor allem wollte Karl Gustav die Sundschließung nicht aufgeben, obgleich der holländische Gesandte auf die Nutzlosigkeit dieser Maßnahme hinwies, indem er sagte: »Ich habe die Schlüssel zum Sunde (die holländischen Kriegsschiffe) doch schon in Amsterdam liegen sehen.«
[145] Sehr genau im »Leben Ruyters«; dort auch die Orders der Generalstaaten, der Verlauf der Friedensverhandlungen usw.
Erst als am 5. September 1659 Montagu mit der englischen Flotte nach der Heimat abging -- unter dem Vorwande, neu ausrüsten zu müssen, in Wahrheit aber, um Monck bei Einsetzung Karls II. zu unterstützen --, kam die holländische Flotte wieder in Tätigkeit. Es folgen nun Operationen an der Küste Schwedens und der Teile Dänemarks, die noch in schwedischem Besitze waren. Sie werden größtenteils geleitet von =Ruyter=, unter ihm Cornelis Evertsen jun., da Wassenaer Anfang November nach Abgang der Engländer gleichfalls mit etwa 20 Schiffen zurückgezogen war, wie denn auch ein weiterer Teil der Flotte zum Handelsschutz abgezweigt wurde.
Die erste und Hauptaktion war die Unterstützung des Angriffs der festländischen Verbündeten Dänemarks von Deutschland aus, der Haupterfolg die $Eroberung Fünens mit der Stadt Nyborg 1659$.
=Ruyter= führte auf seinen und den dänischen Schiffen ein dänisches Heer von 5200 Reitern und 4600 Mann Fußvolk unter General Schack von Kiel nach dem stark besetzten Fünen. Ein Teil seiner Schiffe war nach dem kleinen Belt gesandt worden, um die Aufmerksamkeit der Schweden dorthin zu ziehen und um den Übergang eines brandenburgisch-kaiserlich-polnischen Heeres -- General von Eberstein mit 4000 Reitern und wenig Fußvolk[146] -- nach Fünen bei Middelfart zu unterstützen.
[146] Ich erinnere daran, daß seit der letzten Zeit des Dreißigjährigen Krieges eine Zeitlang die Kavallerie in den Heeren häufig überwog, daß aber ein Teil davon, die Dragoner, vorzugsweise zu Fuß focht.
Auf Fünen standen etwas über 7000 Schweden, davon 4500 Reiter, unter dem General Steenbock und dem Prinzen von Sulzbach. Ruyter und Schack versuchten am 8. November vergeblich, die Landung bei Nyborg zu erzwingen, aber am 10. gelang es unter Ruyters persönlicher Führung, bei =Kerteminde= trotz schwedischer Schützengräben Fuß zu fassen und in zwei Tagen auch die ganze Reiterei auszuschiffen. Am 14. war Eberstein nach Fünen hinübergegangen, und beide Heere vereinigten sich am 19. bei =Odense=. Die Schweden wurden auf Nyborg gedrängt und am 22. unter schweren Verlusten aus ihrer starken Stellung eine Meile vor der Stadt in diese hineingeworfen; bei dem Treffen sollen sich besonders die Holländer ausgezeichnet haben. Bei der nun folgenden =Belagerung Nyborgs= bringt die holländische Flotte die, Stadt und Hafeneinfahrt, deckenden Werke zum Schweigen, legt sich zum Teil in den inneren Hafen und bombardiert, so daß die Stadt am 25. auf Gnade und Ungnade übergeben werden muß und die Insel für die Schweden verloren ist. Die Schweden verloren 2000 Tote und 5000 Gefangene, die Verbündeten nur 500 Tote.
Ruyter ging dann zum Ausrüsten nach Lübeck und von dort nach Kopenhagen. Die naheliegende weitere Unterstützung, die Truppen nach Seeland zum Entsatze der Hauptstadt überzuführen, scheint wiederum unterblieben zu sein, um Schweden nicht zu sehr niederzuwerfen, England und Frankreich nicht zu reizen, wenn auch als Grund die vorgerückte Jahreszeit angegeben wurde.
=Im Winter= 1659/60 fror die Flotte vor Kopenhagen ein, und nun unterstützte =Ruyter= die Verteidigung, da mit dem Falle der Stadt auch seine Flotte arg gefährdet gewesen wäre; er sandte Soldaten und Matrosen in die Werke und ließ die Schiffe durch Aufhauen des Eises gegen Entern schützen. Vom Aufgehen des Eises bis zum Friedensschlusse erfolgten nur noch kleinere Bewegungen zur Überwachung der schwedischen Flotte, da sich mit dem Tode Karl Gustavs die Friedensaussichten sofort günstiger stellten.
Die Erfolge in der Ostsee hatten den alten Ruf der holländischen Marine, der durch den unglücklichen englisch-holländischen Krieg gelitten hatte, wieder hergestellt.
In den Jahren 1661-1663 und auch 1664 wurde =Ruyter=, einmal auch Tromp jun., ins $Mittelmeer$ gesandt. Während Holland im Norden beschäftigt war, hatten die Seeräubereien der Barbaresken aufs neue überhand genommen. Verschiedentlich wurden zwar Verträge abgeschlossen oder Verträge erzwungen, doch wurden diese immer wieder von den Barbaresken gebrochen. Im ersten Jahre hatte der Admiral noch den geheimen Befehl, Spaniens Silberflotten zu schützen, als England und Portugal mit Spanien im Kriege waren. Es ist dies wieder ein bemerkenswertes Kennzeichen damaliger Verhältnisse, denn eben hatte Holland mit Portugal Frieden geschlossen. Dieser Friede wurde aber erst 1662 ratifiziert und gegenseitige Schädigungen, sowie dadurch hervorgerufene Gewaltmaßregeln hörten selbst dann noch nicht auf. In den späteren Jahren kam es in den spanischen Gewässern, sogar bei gemeinsamem Vorgehen gegen die Barbaresken, schon zu Reibungen mit England, oft nur wegen Etikettenfragen. 1664 erfolgte ein Zusammenstoß ernsterer Art an der Westküste Afrikas, der mit Anlaß zum zweiten Kriege gab (vergl. Seite 252).
Wir müssen auch $Frankreich$[147] kurz berühren. Der =Krieg mit Spanien=, der 1635 ausgebrochen war, als Richelieu auf seiten Schwedens in den Dreißigjährigen Krieg eintrat (Seite 109), wurde nach dem Westfälischen Frieden fortgeführt. Er spielte sich zu Lande in den spanischen Niederlanden, an der spanischen Grenze aber auch in den spanischen Besitzungen Italiens und in den nördlichen Provinzen Spaniens ab, da Frankreich verschiedene Aufstände in Katalonien, Aragonien, dem Königreich beider Sizilien sowie auch den Abfall Portugals für seine Zwecke ausnutzte. Die von =Richelieu= neu gegründete Flotte nahm daran lebhaften Anteil durch Unterstützung der Landheere, durch Angriffe auf Küstenstädte und auf die feindliche Flotte, um die Verbindung Spaniens mit seinen Nebenländern abzuschneiden. So kam es zu verschiedenen Gefechten nicht unbedeutender Flotten -- Kampf um die Lerinischen Inseln, Schlachten bei Guetaria und bei Genua, Cadiz, Tarragona -- besonders solange die französische Marine die unter Richelieu ([+] 1642) erlangte Stärke hatte. Bei den Kämpfen im Mittelmeer spielten zwar die Galerenflotten die Hauptrolle; beide Nationen waren etwa gleich stark in dieser Waffe. Es treten aber auch Flotten von Segelkriegsschiffen oder armierten Kauffahrern auf, sowohl in der Biscaya wie im Mittelmeer; in der Schlacht bei Cadiz 1640 soll der französische Admiral =de Brézê=, zu Luward stehend, sogar schon das Manöver gemacht haben, durch einige seiner Schiffe den Feind dublieren zu lassen. Doch bieten im allgemeinen die Ereignisse nichts derart Wichtiges, um hier näher darauf einzugehen.
[147] Du Sein, Teil II, zählt die Gefechte auf; Chab.-Arnault etwas genauer.
=Der Bürgerkrieg der Fronde= lähmte den Krieg gegen Spanien sehr, besonders auch zur See, da =Mazarin= nicht mehr die nötigen Mittel für die Marine flüssig machen konnte, und 1652 traf diese der schwere Verlust des Geschwaders unter Vendôme durch Blake (Seite 208), wodurch auch Dünkirchen in die Hände der Spanier fiel. Anderseits wirkte die Flotte mit zur Unterwerfung der Fronde in Bordeaux (1649 und 1653), bei einem letzten Aufstande in Neapel (1653) und schlug die spanische bei Barcelona (1655). Die Macht der spanischen Marine erlahmte immer mehr, weil dieser Staat seit 1654 mit England im Kriege war und seine Küsten blockiert wurden. Nachdem 1657 das Bündnis mit England abgeschlossen war, wurde, wie schon erwähnt, 1658 =Dünkirchen= mit Unterstützung der englischen Flotte zurückerobert (durch Turenne), zunächst laut Vertrag an England abgetreten, aber 1662 von diesem gekauft. Louis XIV. schuf hier durch Ausbau und Befestigung des schon von den Spaniern gegründeten Kriegshafens einen mächtigen Stützpunkt für seine Seestreitkräfte. 1659 war Spanien gezwungen, Frieden zu schließen -- den $Pyrenäischen Frieden$, ratifiziert 1661. Es verlor die Provinzen nördlich von den Pyrenäen, sowie Teile und verschiedene wichtige Plätze seiner Niederlande; hierdurch näherte sich das immer mächtiger werdende Frankreich den Grenzen Hollands. Der Krieg hatte die Wichtigkeit einer starken Marine für Frankreich gezeigt und Louis XIV. (Colbert) wandte ihr von jetzt ab, allerdings auch für kolonialpolitische Ziele, die größte Sorgfalt zu. In Hinsicht auf diese Punkte hat der französisch-spanische Krieg wohl Interesse für uns. Verwicklungen mit Holland sollten bald eintreten und die neue französische Marine kam zur Geltung; vor ihrem Auftreten im Norden erhielt sie ihre Feuertaufe in Kämpfen gegen die =Barbaresken= 1664 und 1665.
Auf einen =venetianisch-türkischen Krieg= 1645-1669, in dem Frankreich auftrat, soll bei späteren Kriegen zwischen diesen Staaten am Ende des Abschnittes näher eingegangen werden.
* * * * *
Fünftes Kapitel.
Der zweite englisch-holländische Krieg 1665-1667.
$Die politische Lage um 1662. Gründe des Krieges.$ Die Betrachtung der »Nebenkriege« hat uns bis in den Anfang der sechziger Jahre geführt und gezeigt, daß um diese Zeit in den europäischen Gewässern überall Frieden war. Aber der zweite englisch-holländische Krieg lag in der Luft, und in diesem trat Frankreich (sowie auch Dänemark) auf die Seite Hollands.
In $England$ war 1660 das Königtum wieder eingesetzt. =Karl= II. stellte die alte Regierung wieder her, Ober- und Unterhaus sowie die bischöfliche Kirche, und erstrebte den Ausgleich zwischen den Bischöflichen, den Presbyterianern und den Katholiken. Ohne feste Grundsätze jedoch, ließ er sich in seiner inneren wie äußeren Politik vornehmlich durch die Geldbedürfnisse für seine üppige Hofhaltung leiten. So war seine äußere Politik schwankend. Obgleich er von Frankreich, noch unter Mazarin, auf Cromwells Forderung ausgewiesen war, verkaufte er doch 1662 das für England so wichtige Dünkirchen an Frankreich und neigte immer mehr zu Louis XIV. hin, da dieser ihn auch sonst mit Geld unterstützte und dadurch teilweise vom Parlament unabhängig machte.
Wenn Karl II. aber auch in erster Linie mehr auf seinen als auf Englands Vorteil bedacht war, so gab er doch, sobald die Lage bedenklich wurde, der Volkstimmung nach, um nicht dem Schicksal seines Vaters zu verfallen, auch führte ihn sein Haß gegen Holland mit der öffentlichen Meinung zusammen. Ihm war ein Krieg mit Holland erwünscht. Er haßte das Land als Republik, er haßte die augenblickliche Regierung dort, da sie ihn auf Cromwells Forderung ausgewiesen hatte und auch seinen Verwandten, dem Hause Oranien, feindlich gegenüberstand. Es wird ihm aber auch nachgesagt, er habe den Krieg gewünscht, um dafür bewilligte Gelder für sich zu verwenden.
Die Stimmung des Volkes, wenigstens eines wichtigen Teiles, war feindlich gegen Holland. Der erste Krieg hatte den Kampf der beiden Länder nicht zum Austrage gebracht. Besonders auf englischer Seite blieb die Eifersucht auf den immer noch weit größeren und trotz der Navigationsakte weiter zunehmenden holländischen Handel bestehen; die wichtige und erfolgreiche Rolle, die Holland in der Ostsee gespielt hatte, konnte England nicht vergessen. Als sich nach der Thronbesteigung Karls II. im Innern Ruhe eingestellt hatte, trat die Neigung zur Fortführung des Kampfes um die erste Stelle auf den Meeren wieder kräftig hervor; an äußeren Anlässen, diese kriegerische Stimmung zu schüren, fehlte es nicht.
$Holland$ hatte sich von den Folgen des ersten Krieges erholt. Sein Besitz in Indien war weiter gewachsen; der Handel blühte auf allen Meeren wie nie zuvor; seine Finanzen waren geordnet. Letzteres war vornehmlich das Verdienst =Jan de Witts=, der seit dem Tode Wilhelms II. von Oranien während der sogenannten ersten statthalterlosen Zeit (1650-1672) Ratspensionär (erster Beamter) der Provinz Holland, aber in Wirklichkeit durch den Einfluß seiner bedeutenden Gaben der oberste Leiter der ganzen Republik war. Das erfolgreiche Auftreten in der Ostsee, die neu bewiesene Tüchtigkeit der Flotte, die Geschicklichkeit und Festigkeit seiner Diplomatie -- wieder de Witts Verdienst -- hatten Holland überall neues Ansehen verschafft.
Dennoch war es in einer mißlichen Lage. Solange Spaniens Macht groß dastand, hatte es im Interesse Englands und Frankreichs gelegen, die Republik stark und unabhängig zu sehen, als aber Spanien nicht mehr zu fürchten war, drohten Holland gerade von diesen Mächten Gefahren. England gelüstete nach Hollands Handels- und Seeherrschaft, Frankreich wollte die spanischen Niederlande haben. Der Verlust der Handels- und Seeherrschaft mußte der Ruin Hollands werden; das erstarkte Frankreich an Stelle des geschwächten Spaniens als unmittelbaren Nachbar zu erhalten, war militärisch und auch für den Handel nicht unbedenklich, selbst wenn die spanischen Niederlande geteilt wurden, wie es Frankreich zunächst vorschlug. Kam Antwerpen in französischen Besitz, so hatte die Schließung der freien Schiffahrt dorthin wohl ein Ende; aber auch in holländischem Besitz mußte Amsterdam, der Hauptsitz der regierenden Partei, den Wettbewerb dieser in früheren Zeiten so bedeutenden Handelsstadt fürchten. Diesen Gefahren gegenüber hatte es der Leiter der Politik nicht leicht. Im Volke bestanden zwei Parteien: die eine war für das Haus Oranien, die andere für die republikanische Verfassung, wie sie augenblicklich bestand; jene neigte zu England und wünschte eine starke Armee, diese war für Frankreich und eine starke Marine; sie bestand aus den Kaufleuten in den Seeprovinzen und hier vornehmlich in Holland mit Amsterdam und Rotterdam, welche Provinz mehr als die Hälfte der Ausgaben des ganzen, lose geknüpften Staatenbundes trug. Da nun diese Partei, also die Handelsaristokratie, die herrschende war, so konnte die Regierung ihr Hauptaugenmerk auf die Flotte richten und die englische Gefahr war ja auch die ernstere und nächste; es wurde ihr jedoch nicht leicht, schon im Frieden genügend Mittel für die Wehrkraft aufzubringen, da selbst ihre Anhänger nur in der Not zu größeren Opfern bereit waren. Wie es bei einem reinen Handelsvolke ganz natürlich ist, war man in Holland überhaupt einem neuen Kampfe abgeneigt, wenn auch gerade die herrschenden Kreise infolge des demütigenden Friedens und der großen Verluste im ersten Kriege England grollten; man wollte doch die Früchte des Verkehrs im Frieden einheimsen. Die Regierung hatte denn auch Karl II. den Hof gemacht, sobald seine Aussichten auf den Thron stiegen, aber vergeblich, sein Haß überwog. Während die Verhältnisse sich zuspitzten, versuchte man immer noch, durch Unterhandlungen dem Kriege vorzubeugen. Man nahm auch die Vermittlung des scheinbar wohlgesinnten Frankreichs in Anspruch; alles blieb fruchtlos, weil England den Krieg durchaus wollte.
So brach infolge der Handelseifersucht ein zweiter blutiger Krieg aus zwischen den beiden Völkern, die als protestantische und parlamentarische Staaten gegen das katholische und absolute Frankreich hätten zusammengehen sollen; erst die allgemeiner werdende Erkenntnis der Pläne Louis' XIV. führte sie nach dem Kriege für kurze Zeit zusammen, dauernd und ernstlich erst nach der Vertreibung Jakobs II. aus England (1688).
In $Frankreich$ hatte =Louis= XIV. nach dem Tode Mazarins 1661, also bald nach dem Pyrenäischen Frieden, die Regierung allein ergriffen und seinen Ministern erklärt, er werde fortan sein eigener Premierminister sein. Von diesem Zeitpunkte an begann er die Pläne Richelieus und Mazarins mit aller Kraft zu verfolgen: Frankreich an Stelle Österreich-Spaniens zur ersten Macht Europas zu machen und sie auf Kosten dieser Länder auszudehnen. Die absolute königliche Herrschaft besaß er nach Beendigung der letzten inneren Wirren -- durch die Unterdrückung der Fronde --; tüchtige Minister (Louvois, Colbert) schmiedeten ihm die Waffen zu seinen nun bald folgenden Eroberungskriegen.
Zunächst faßte er die Erwerbung der spanischen Niederlande ins Auge; seine Ansprüche leitete er von seiner Gemahlin Maria Theresia, der ältesten Tochter des Königs Philipp IV. von Spanien, her. Zwar hatte diese allen Erbansprüchen entsagen müssen, aber diese Entsagung erklärte Louis XIV. aus verschiedenen Gründen für nichtig und hielt den Erbanspruch auf die Niederlande auch aufrecht, als dem König Philipp später noch ein Sohn geboren wurde. Er stützte sich hierbei auf die eigenwillige Auslegung eines alten Lehnsbrauches in diesen Provinzen, wonach die Tochter erster Ehe vor einem Sohne zweiter Ehe erbte, das »jus devolutionis«, und griff später Spanien in seinen Niederlanden an (1667 der Devolutionskrieg). Noch bei Lebzeiten Philipps ([+] Sept. 1665) begann er diesen Eroberungskrieg politisch vorzubereiten. Von England fürchtete er bei dem Charakter seines Königs keinen Widerstand, wichtiger war das Verhalten des geld- und seemächtigen Hollands. Um sich die dort regierende Partei günstig zu stimmen, schloß er 1662 ein Defensivbündnis mit der Republik. Auf einen Offensivvertrag ließ sich de Witt nicht ein, um nicht gezwungen zu sein, zu der sehr unerwünschten Eroberung selbst mitzuwirken. So aber gewann er die Unterstützung Frankreichs gegen England und behielt doch freie Hand, sich der Vereinigung Belgiens mit Frankreich zu widersetzen. Vor Ausbruch des Krieges übernahm nun Louis XIV. die Vermittlung und trat später (1666) sogar offen auf Hollands Seite.
Es ist aber sehr fraglich, ob seine Vermittlung ernstlich gemeint war und so durchgeführt ist. Es konnte ja nur in seinem Vorteil liegen, wenn die beiden Gegner sich schwächten; jedenfalls hat seine Flotte nicht in den Krieg eingegriffen, als er später als Verbündeter auftrat. Louis wollte wohl diese eben von Colbert geschaffene und in der Entwicklung begriffene Waffe noch nicht aufs Spiel setzen, sondern sie für später bewahren. Je geschwächter Holland aus dem Streite hervorging, um so leichter mußte es der von Louis zunächst vorgeschlagenen Teilung Belgiens geneigt werden. Sein zweideutiges Spiel geht nicht nur aus dieser lauen Haltung Holland gegenüber hervor, sondern auch daraus, daß er, wie schon angedeutet und wie wir noch weiter sehen werden, während der ganzen Zeit mit Karl II. in Verbindung stand. Und wie er die Zwietracht zwischen den beiden Gegnern nährte, so schürte er auch den Hader der Parteien in Holland.
Die äußeren Anlässe zum Kriege. Die Kriegserklärung.
Es fehlte nicht an Anlässen, die kriegerische Stimmung zu steigern, besonders in England. Die Handelskompagnien der beiden Länder stießen überall in den außereuropäischen Gewässern zusammen und bei der Überlegenheit der holländischen meistens zum Nachteil der englischen. Diese erhoben denn auch zuerst Klagen und brachten es dahin, daß England in einer Weise auftrat, die wiederum Holland zwang, scharfe Gegenmaßregeln zu ergreifen. Die Schilderung der Ereignisse[148] wird zeigen, daß sich die Völker schon vor der Kriegserklärung im Kriegszustande befanden.
[148] »Leben Ruyters« (besonders die Ereignisse), »Vie de Tromp« (besonders die Verhandlungen der Staaten), kürzer: de Jonge, Teil I, und Clowes, Teil II, Seite 254 und 422.
Den englischen Handelskompagnien wurde es in allen Meeren schwer, neben den schon weit mächtigeren holländischen festen Fuß zu fassen; sie wandten sich oft Hilfe heischend an das Parlament. Solche Forderungen traten besonders 1663 auf. -- Die englisch-ostindische Kompagnie beschwerte sich, daß die Holländer noch immer die laut Friedensschluß von 1654 abzutretende Bandainsel Polaroon in Besitz hätten, daß sie feindlich gegen die indischen Fürsten und Städte aufträten, die ihr die Anlage von Faktoreien gestattet hätten, daß sie in jeder Hinsicht selbst mit Waffengewalt den englischen Handel hinderten. Großer Schaden sei der Kompagnie, mittelbar und unmittelbar, schon zugefügt; ungeheure Summen wurden dafür vorgerechnet. Man war außerdem in England der Ansicht, daß der berüchtigte Vorfall in Amboina noch nicht genügend gesühnt sei. Ähnliche Klagen liefen gleichzeitig beim Parlament ein von der nach dem Mittelmeer fahrenden türkischen Kompagnie und von der 1662 gegründeten afrikanischen Kompagnie; auch bei dieser handelte es sich um Zurückgabe einiger Plätze, die -- früher in englischem Besitz, dann aufgegeben -- von Holland eingenommen waren, so z. B. Capecoastcastle.
Unberechtigt sind die Klagen wohl nicht gewesen. Wir haben den Verkehr auf dem Weltmeer genügend kennen gelernt, um zu wissen, wie gewalttätig der schon Mächtigere draußen dem Nachkommenden entgegentrat; jedoch ließ auch England nicht ruhig alles über sich ergehen, sondern antwortete, wo es ging, mit Vergeltungsmaßregeln, zu welchem Zweck z. B. 1661 ein kleines Geschwader an die Westküste Afrikas gesandt wurde. Zur Herbeiführung des Krieges waren diese Zusammenstöße aber nur ein Vorwand. Die öffentliche Meinung in England und damit der wirkliche Kriegsgrund finden deutlich ihren Ausdruck in den Monck zugeschriebenen Worten: »Was kommt es auf diesen oder jenen Kriegsgrund an? Was wir brauchen, ist ein Stück mehr von dem Handel, den die Holländer jetzt haben!« Dementsprechend begann man in England zu rüsten -- außergewöhnlich zahlreiche Indienststellungen, lebhafte Tätigkeit auf den Werften, Füllen der Magazine -- und unternahm 1663-1664 eine größere $Expedition gegen holländische Kolonien In Westafrika und Nordamerika$, durch die die befestigte Insel Gorée am Kapverde, Capecoastcastle sowie einige andere Plätze an der Goldküste und vor allem Neuamsterdam (New York) den Holländern abgenommen wurden.
Die Expedition zählte 22 Segel, teils Schiffe der afrikanischen Kompagnie, teils königliche; letztere hatte der =Herzog von York= gestellt, der gleichzeitig Protektor der Kompagnie und Lordhighadmiral war. Sie segelte 1663 unter =Admiral Holmes=, der schon den Zug 1661 befehligt hatte. Holmes machte vom Januar 1664 an die aufgeführten Eroberungen in Afrika und brachte dort viele Schiffe auf. Dann ging er nach Nordamerika und nahm im August mit Hilfe der benachbarten englischen Kolonien Neu-Niederland in Besitz; dem Entsender der Expedition zu Ehren nannte Holmes Neu-Amsterdam jetzt Neu York.
Hollands Vorstellungen wegen der Gewalttat in Afrika fruchteten nichts. Die englische Regierung betrachtete den Zug als eine Privatangelegenheit, versprach Untersuchung, setzte aber ihre Rüstungen fort. Auch in Holland hatte man im Mai 1664 eine größere Flotte als sonst im Frühjahr unter Wassenaer zusammengezogen; wie man sagte, gegen die Barbaresken und spanischen Freibeuter. Sie wurde beständig verstärkt, und bald verlautete, daß sie Befehl habe, an der holländischen Küste zu bleiben, zu üben und durch leichte Schiffe die englische Flotte zu beobachten. Man fürchtete nämlich, diese würde gegen die heimkehrenden Ostindienfahrer vorgehen, die wie stets im Frühjahr von der Biscaya abgeholt wurden; übrigens hatte man die entgegengesandte Bedeckung auch wesentlich verstärkt und befohlen, um Schottland zurückzusegeln. Als nun Holmes' Zug bekannt geworden war, beschloß man zuerst, mit den Frühjahrsschiffen der westindischen Kompagnie eine Verstärkung der Kriegsschiffe nach Afrika zu senden. Da dies aber zu lange gedauert haben würde und auch nicht geheim gehalten werden konnte, gab man gleich darauf Befehl an =Ruyter= im Mittelmeer, nach Guinea zu gehen, die verlorenen Plätze wiederzunehmen und den englischen Handel »in außereuropäischen Gewässern« zu schädigen. Dieser Befehl war streng geheim, damit man in England nicht aufmerksam würde und damit das englische Mittelmeergeschwader unter Lawson nicht folge. Die Geheimhaltung ging so weit, daß selbst einige Mitglieder des Rates, die den Befehl unterschrieben, ihn nicht kannten; er war ihnen nach einer sehr arbeitsreichen Sitzung zur Unterschrift mit untergeschoben worden.[149]
[149] »Leben Ruyters«, Seite 222.
=Ruyter= gelang es, die afrikanischen Besitzungen zurückzuerobern und auch sonst den Engländern in Westindien und im Atlantik großen Schaden zuzufügen.
$Ruyters Zug 1664-1665 nach Westafrika und Amerika$ ist bemerkenswert, weil er die schwierige Aufgabe mit großem Geschick löste.[150] Ruyter war im Mittelmeer gegen die Barbaresken stationiert, englischerseits befand sich Admiral Lawson zu gleichem Zwecke dort. Als Ruyter den Befehl erhalten hatte, nahm er unter allerlei Vorwänden an der spanischen Küste Proviant für ein Jahr. Es gelang ihm, Lawson über seine Bestimmungen zu täuschen, und so erschien er ungehindert und unerwartet Ende Oktober an der =westafrikanischen Küste=. Hier eroberte er zunächst Gorée zurück, dann, auf die holländische Station Elmina gestützt, die an der Goldküste verlorenen Punkte und auch das englische Cormantyne; Capecoastcastle widerstand mit Erfolg. Im Februar 1665 ging er, 12 Schiffe und 1 Brander stark, nach =Westindien=. Nach einem vergeblichen Angriff (29. April) auf eine große Zahl englischer Kauffahrer unter dem Schutz der Batterien auf Barbados verproviantierte er sich auf holländischen und französischen Inseln und ging dann nach =Neufundland=. Vor Guinea, in Westindien und in den nördlichen Gewässern brachte er viele Schiffe auf, die teils verkauft, teils heimgesandt wurden, so daß der Zug reiche Beute eintrug. Ende Juni trat er die Rückreise nach Holland an.
[150] Näheres »Leben Ruyters« und in »Vie de Tromp«.
Schon in Westindien hatte er vom Ausbruch des Krieges gehört; er beabsichtigte deshalb, durch die Nordsee zu segeln und gab als Treffpunkt die Faröer Inseln und dann die Küste Norwegens (Stadtland) an. Wohlbehalten hier angekommen, erhielt er die Nachricht von der unglücklichen Schlacht bei Lowestoft (14. Juni). Da er nun die Engländer in der Nordsee vermutete, um ihn abzufangen -- dies war in der Tat der Fall --, steuerte er mit allen Vorsichtsmaßregeln längs den Küsten der deutschen Bucht und lief am 6. August 1665 in die Westerems ein.
Sobald man in England das Auftreten Ruyters in Afrika erfuhr, ließ man die Maske fallen. Die in den englischen Häfen liegenden holländischen Schiffe wurden mit Beschlag belegt, englische Kriegsschiffe und Freibeuter brachten in kurzer Zeit an 130 feindliche Schiffe auf.
Holland antwortete mit Beschlagnahme von Fahrzeugen, ließ aber den Befehl, feindliche Schiffe auf See aufzubringen, noch nicht in Kraft treten. Immer noch hoffte man, den Frieden erhalten zu können, wobei man besonders auf die Vermittlung Frankreichs rechnete. Die Rüstungen wurden aber ununterbrochen fortgesetzt. Anfangs hatten die Generalstaaten den Provinzen hierfür noch andere Gründe angeben müssen, um sie geneigt zu machen: es würde nötig sein, die Konvois -- z. B. den schon erwähnten nach Guinea -- mit starken Flotten durch den Kanal zu führen; bald aber wurde doch von allen Stellen der Krieg selbst ins Auge gefaßt -- der Konvoi nach Guinea segelte tatsächlich nur mit gewöhnlicher Bedeckung, weil eine Verstärkung der westafrikanischen Station nach Ruyters Erfolg nicht mehr nötig war --, und nun rüsteten alle Admiralitäten mit einer seltenen Einmütigkeit und unter Aufbietung aller Mittel. Es wurde beschlossen, 24 Kriegsschiffe erster Klasse zu bauen, für das kommende Jahr (1665) die Indienststellung aller Schiffe vorzubereiten und dazu die Mannschaften der Flotte von 1664 im Dienst zu behalten. Wassenaers Flotte hatte man auf Wunsch Louis' XIV. während der Verhandlungen wie alljährlich mit Beginn des Winters zurückgezogen, es war jedoch ein größerer Teil der Schiffe als sonst im Winter in Dienst belassen. Am 23. Dezember 1664 wurde ferner sämtlichen Kauffahrern und Fischern das Auslaufen verboten, um sie nicht der Gefahr aufgebracht zu werden, auszusetzen und um die Leute für die Bemannung der Flotte zu haben.
Auch Karl II. zögerte noch mit der Kriegserklärung, wohl der vorgerückten Jahreszeit wegen und um die Rüstungen zu vollenden, zu denen das Parlament noch mehr Mittel bewilligen sollte. Da aber schlug eine letzte Gewalttat Englands dem Faß den Boden aus. Am 29. Dezember 1664 $griff der Admiral Allin$ in der Straße von Gibraltar $den heimkehrenden holländischen Smyrna-Convoi an$.
Der Konvoi bestand aus 30 Kauffahrern mit nur 3 Kriegsschiffen Bedeckung. Allin überfiel ihn mit 7 Kriegsschiffen. Als der holländische Admiral =van Brakel= längsseit kam, um zu salutieren, wurde er mit einer scharfen Breitseite empfangen und dann der Konvoi angegriffen. Dank der tapferen Gegenwehr, auch der Handelsfahrzeuge, fielen nur 3 Schiffe in die Hände der Engländer -- eines war im Kampf vernichtet; zwei versprengte, die ohne Befehl vorausgesegelt waren, wurden abgeschnitten --, die übrigen retteten sich in spanische Häfen, van Brakel fiel.
Nach diesem Gewaltakt »in europäischen Gewässern« beschloß Holland den Krieg. Es erließ nun auch den Befehl, alle feindlichen Kriegs- und Handelsschiffe in europäischen Gewässern anzugreifen (24. Januar 1665) und brach die diplomatischen Beziehungen ab; =der Krieg war erklärt=. Die englische Kriegserklärung erfolgte im Februar; beide Staaten wetteiferten, ihre Schlachtflotten aufzustellen. -- $Frankreich$ trat erst im Januar 1666 durch förmliche Kriegserklärung auf die Seite Hollands, ebenso Dänemark. Es ist bereits darauf hingewiesen, daß die französische Flotte keinen tätigen Anteil an den Kriegsoperationen nahm; du Sein erwähnt in der Geschichte der französischen Marine diesen Krieg überhaupt nicht.
Auch $Dänemark$ kam mit England nur zu kleinen Zusammenstößen in der Ostsee.
Holland sandte die englische Kriegserklärung an alle seefahrenden Mächte mit dem Hinweis darauf, daß auch deren Seehandel durch den von England heraufbeschworenen Krieg schwer leiden würde.
Die Streitmittel der Gegner.[151]
In $Holland$ war es dem Wirken des Ratspensionärs de Witt zu danken, daß nach dem Frieden 1654 die Marine nicht wieder wie um 1648 in Verfall geriet. Er verstand es, in allen Provinzen seinen Einfluß geltend zu machen und die Bewilligung der nötigen Mittel zu erreichen. Die Unternehmungen in der Ostsee und im Süden hielten die Flotte in Übung.
[151] Anschließend an Seite 195 (Holland) und Seite 197 (England) gibt die Betrachtung gleichzeitig ein Bild der Fortentwicklung der Marinen. Quellen: de Jonge, Teil I, und Clowes, Teil II, Kapitel XXII; erstere gibt für diese Zeit genauere Angaben über die englische Marine als letztere.
Das =Schiffsmaterial= wurde wesentlich besser. Wir wissen, daß beim Friedensschluß 1654 70 Kriegsschiffe zu über 30 Kanonen vorhanden waren: 1 zu 60, 9 zu 50-58, 27 zu 40-48, 33 zu 30-38 Kanonen. Es wurden nun die während des ersten Krieges begonnenen (30) und zu bauen beschlossenen (30) Schiffe fertiggestellt; unmittelbar vor und dann während des zweiten Krieges ordnete man weitere Neubauten an: 1664 von 24, Juni 1665 von nochmals 24 und 1666 von 12 Schiffen. Anfangs wurden zwar nur wenige Fahrzeuge über 50 Kanonen gebaut, erst 1664 ging man an solche von 60 bis 80 Kanonen; in der 1665 aufgestellten Flotte waren nur 2 zu 70-80 und 5 zu 60-70 Kanonen, so daß man noch Schiffe dieser Größe von der ostindischen Kompagnie einstellen mußte, aber 1666 konnten schon 2 Schiffe über 80, 11 zu 70-78, 21 zu 60-68 Kanonen verwendet werden. Der Bestand war also an Zahl und Stärke der Schiffe wesentlich gewachsen; 1665 brauchte man nur auf etwa 20 Kauffahrer zurückzugreifen, 1666 war man ganz frei von ihnen. Eine Angabe über den Gesamtbestand zu irgend einem Zeitpunkt fehlt in den Quellen; zum Vergleich mit den englischen Streitkräften ist Seite 258 die Zahl der Schiffe aufgeführt, die an den Hauptschlachten der beiden ersten Kriegsjahre teilnahmen. Es hatten beide Gegner ihre Gesamtkraft aufgestellt, nur wenige Schiffe fehlten, die in fernen Gewässern sich aufhielten oder nicht gefechtsfähig waren. Die Angaben bieten also einen Anhalt über die Stärke der beiden Marinen überhaupt.
Die neueren Kriegsschiffe waren besser gebaut als im ersten Kriege; alle Schlachtschiffe (über 40 Kanonen) waren jetzt auch hier Zweidecker, Dreidecker besaß man jedoch noch nicht. Es ist ferner sehr bemerkenswert, daß man in Holland, wenn auch den Verbesserungen im Schiffbau -- so auch in den Schiffsformen -- im allgemeinen Rechnung getragen wurde, doch nicht zum »fregattenähnlichen« Bau in demselben Maße übergegangen war wie in England. Man zog immer noch weniger tiefgehende, breitere und weniger scharfe Schlachtschiffe vor, teils der Hafenverhältnisse wegen, teils weil man annahm, so stabilere Geschützstände zu haben, wenn auch die Fahrzeuge weniger schnell waren. Dagegen baute man jetzt »fregattenähnlich« eine größere Zahl von Schiffen zu 20-40 Kanonen, meist 26-36 Kanonen. Die Engländer hatten ja ihre größere Segelfähigkeit -- fregattenähnlicher Bau selbst bis zu den mittleren Schlachtschiffen -- des öfteren benutzt, um Schiffe abzuschneiden. Da man nun in Holland den Bau der Schlachtschiffe nicht dahin ändern wollte, sollten diese »Fregatten« dem Übelstande bis zu einem gewissen Grade abhelfen. Sie sollten in gefährdeter Lage befindlichen Schiffen zu Hilfe kommen und zum Abfangen von Kauffahrern geeignet sein. Sie hatten (wahrscheinlich?) nur eine gedeckte Batterie, näherten sich also schon dem Begriff der späteren Fregatte. Der Schiffsbestand wurde endlich auch vervollständigt durch den Bau besonderer kleiner Fahrzeuge für Melde- und Aufklärungsdienst (Advijsjagten) und einiger Ruderfahrzeuge zu ähnlichen Zwecken (Roeijagten und Galeijen) sowie von Transportern für Proviant und Munition, Postschiffen für die Flotten und zahlreichen Brandern.
Man baute aber nicht nur Schiffe mit größerer Kanonenzahl, auch die =Armierung= wurde noch in den Jahren vor und während des zweiten Krieges durch die zunehmende Verwendung schwererer Kaliber verstärkt; die schwere Artillerie (32-Pfünder) und die höheren Kaliber der Mittelartillerie (24- und 18-Pfünder) wurden fast verdoppelt. Auch strebte man dahin, auf gleich großen Schiffen dieselbe Armierung und in den einzelnen Batterien Geschütze gleichen Kalibers einzuführen; besonders seit 1666. 1665 standen auf den Schiffen einzelner Admiralitäten noch 3-4 Kaliber in einer Batterie. Die Admiralität von Amsterdam, die überhaupt den dritten Teil der Gesamtflotte stellte, ging hierin wie in allen Verbesserungen voran; ihre neueren Schlachtschiffe von 48-58 Kanonen waren schon nach englischem Vorbilde in dieser Beziehung armiert. Im allgemeinen ließ alles dies aber noch zu wünschen übrig, vor allem fehlte Gleichheit zwischen den Schiffen der verschiedenen Admiralitäten, und wie sehr die Stärke der Armierung der der englischen Flotte noch immer nachstand, werden die vergleichenden Angaben später zeigen.
Auch in der =Bemannungsfrage= hatten sich im zweiten Kriege die Verhältnisse für Holland weit günstiger gestaltet. Im Frieden war stets genügend Personal für die Flotte vorhanden gewesen; nach Beendigung der Kriege in der Ostsee fanden sich viele kriegserfahrene Seeleute in Holland ein: Holländer, die dort gedient, und auch Fremde, denn der Dienst in der Marine war im Lande sehr beliebt geworden. Da bei Ausbruch des Krieges Seefahrt und Hochseefischerei untersagt wurden, war reichlich Personal vorhanden. Nach der großen Niederlage im ersten Jahre schwand allerdings die Neigung zum Dienst, diesem Übelstande wurde aber durch höheren Sold, Aussetzung hoher Belohnungen für besondere Auszeichnungen und hoher Pensionen für Invalide usw. abgeholfen. Als endlich durch das Freigeben eines Teiles der Schiffahrt zu Ende des Jahres 1666 wieder die Gefahr des Mannschaftsmangels eintrat, wurde sie durch die Bestimmung abgewendet, daß jedes in See gehende Schiff ein Viertel seiner Besatzung zur Marine abgeben oder daß die Rhederei Mannschaften in dieser Höhe stellen mußte. Ferner wurde 1664 eine Seesoldatentruppe gegründet und bald stark vermehrt. So trat ein Mannschaftsmangel in diesem Kriege nicht ein, nötigenfalls wurden weiter Landsoldaten eingeschifft. Die Schiffe waren auch stärker bemannt als früher; daß aber auch hierin England noch immer besser stand, werden wir sehen, und auch in der Kopfzahl der Besatzungen herrschte keine Gleichmäßigkeit bei den Admiralitäten.
Endlich hatten sich auch die Verhältnisse bei den =Kommandanten und Chargen= gebessert. Die Maßregel der Admiralität Amsterdam (Seite 149), sich einen Stamm von Kapitänen zu halten, war dadurch erweitert, daß man noch eine zweite Art Kapitäne schuf. Diese wurden zwar nicht im Dienst behalten, durften sich aber nur mit Erlaubnis der Admiralität auf Seereisen begeben und erhielten für diese Verpflichtung ebenfalls ein Jahrgeld. Dieselbe Behörde hatte ferner erlaubt, daß sich nach dem ersten Kriege andere obere Dienstgrade, die nicht verwendet werden konnten, überetatsmäßig auf indienstgestellten Fahrzeugen einschifften. Die Admiralität der Maas übernahm teilweise diese nützlichen Bestimmungen; so trat bei Ausbruch des Krieges kein Mangel an Kommandanten usw. ein, es war sogar eine Reserve vorhanden.
Eine große organisatorische Veränderung vollzog sich bei den =Flaggoffizieren=. Bis gegen das Ende des ersten Krieges hatten die Niederlande nur einen Leutnantadmiral von Holland und Westfriesland, der beim Zusammentreten der Gesamtstreitkräfte der Republik den Oberbefehl führte, und je einen Vizeadmiral sowie je einen Kontreadmiral von Holland und von Seeland. Dann setzten die Staaten von Holland, deren Seemacht außerordentlich gewachsen war, durch, daß ein Vize- und ein Kontreadmiral für jede ihrer drei Admiralitäten (Maas, Amsterdam, Norderquartier [Westfriesland]) ernannt wurde; es gab also jetzt 1 Leutnantadmiral, 4 Vize- und 4 Kontreadmirale. Vor Ausbruch des zweiten Krieges (Dezember 1664) nahm Seeland sein altes Recht wieder auf und ernannte einen Leutnantadmiral von Seeland; sofort verlangte und erreichte Holland dasselbe für jede seiner Admiralitäten; Friesland, dessen früher sehr unbedeutende Kräfte auch gewachsen waren, folgte bald. So hatten die Niederlande 1665: 1 Admiralleutnant von Holland und Westfriesland, 5 Leutnantadmirale, 5 Vize-, 5 Kontreadmirale für die 5 Admiralitäten. Bei der Eifersucht der Provinzen sollte dies zu manchen Reibungen führen; auch sonst war die Anwesenheit so vieler Flaggoffiziere, teilweise vom höchsten Range, bei der Flotte öfters von großem Nachteil.
Die Entwicklung dieser Verhältnisse findet man in de Jonge, Teil I, Seite 527; 687. Für die Generalstaaten war es schwer, die Anciennität festzusetzen; es führte zu scheinbar verwickelten Bestimmungen. Den Oberbefehl über die vereinigten Kontingente führte weiter der Leutnantadmiral von Holland und Westfriesland. Die zweite Stimme im Kriegsrat stand dem Leutnantadmiral von Seeland zu, die Vertretung des Oberbefehlshabers im Kommando übernahm aber der Leutnantadmiral der Maas. Seeland war die älteste Admiralität, sein ältester Admiral führte stets die aus Seelandschiffen bestehende Vorhut; er war also der zweitälteste Offizier der Gesamtflotte. Den Höchstkommandierenden stellte aber seit langer Zeit (Seite 149) die Admiralität der Maas; daraus wurde gefolgert, daß sie auch den Stellvertreter stellen müsse.
Der Streit über Anciennität der Flaggoffiziere führte zu Verwirrung in Schlachten; er ging soweit, daß Seeland einmal erklärte, sein Kontingent nicht eher auslaufen zu lassen, bis eine Frage zugunsten seines Chefs entschieden sei.
In $England$ hatte man unter =Cromwell= auch nach dem ersten Kriege weiter gebaut, zu seiner Zeit wurde mehr als die Hälfte des Staatseinkommens auf die Marine verwendet. Die Republik fand England schwach zur See vor und übertraf es schon als die stärkste Seemacht, was das Material anbetrifft. Auch =Karl= II. hatte Interesse für die Marine, besonders aber sein Bruder, der =Herzog von York=, der von Jugend auf für sie bestimmt war. So stand auch die englische Flotte bei Beginn des zweiten Krieges weit mächtiger da als zu Ende des ersten. Leider fehlt auch hier eine Bestandsliste[152] für diese Jahre, und man muß deshalb wie bei Holland als Anhalt die Stärke der zu den Schlachten zusammengezogenen Flotten nehmen; ich führe also die Angaben für Holland zum Vergleich hier mit auf:
1654 hatte England (Holland vergl. S. 255) Schiffe zu
Kanonen: 100 86-90 70-80 60-70 50-60 40-50 30-40 20-30 6-16 Zahl der Schiffe: 1 1 -- 8 16 32 43 16 14
1665 in der Schlacht am 13. Juni setzten sich die Flotten zusammen:
England[153] -- 4 3 4 23 30 16 15 6 Holland[154] -- -- 6 5 26 36 24 6 7
1666 vor der Viertageschlacht:
England[155] 1 3 7 14 25 22 8 ? ? Holland -- 2 11 21 18 19 13 1 8
[152] Auch de Jonge z. B. klagt über den Mangel. Clowes gibt die nächste erst für 1688, und da sind es fast nur Schiffe, die nach dem dritten Kriege gebaut sind. Die hier gemachten Angaben sind entnommen: de Jonge, Teil I, Beilagen XXVIII, XXX, XXXII, XXXIV; in XXXa. Namen der holländischen Schiffe und Kommandanten, Kanonenzahl, genaue Einteilung in Geschwader für 1665.
[153] Dazu 8 Kauffahrer unbekannter Armierung, scheinbar größere, denn 1 zu 60 und 1 zu 44 Kanonen werden erwähnt.
[154] Darin enthalten 10 Kauffahrer der ostindischen Kompagnie: 4 zu 70-80, 5 zu 50-60, 1 zu 41 Kanonen. -- 9 Kriegsschiffe und 7 Ostindienfahrer waren außerdem noch in der Ausrüstung.
[155] In der Schlacht fehlte etwa ein Drittel dieser Zahl, als unter Prinz Ruprecht detachiert; als er am dritten Tage wieder zur Flotte stieß, brachte er noch 10 weitere Schiffe mittlerer Größe mit.
Wir sehen also ein starkes Wachsen in beiden Marinen, was die Zahl der Schiffe über 50 Kanonen und besonders die ganz schweren Schiffe anbetrifft. Namentlich die holländische Marine hat ungeheure Fortschritte gemacht und fährt weiter darin fort: 1667 befinden sich in Ruyters Flotte schon 6 Schiffe zu 80-90 Kanonen. Sie ist 1666 mit Schiffen über 60 Kanonen sogar der englischen überlegen. Die englischen 50-60 Kanonen-Schiffe waren jedoch mit ihren schwereren Kalibern den holländischen Schiffen mit 60-70 Kanonen überlegen; Holland hatte eben in der Verwendung schwererer Geschütze England noch nicht erreicht.
Stellen wir zum Vergleich die =Armierung= der holländischen Schiffe um 1666 der der englischen um 1677 gegenüber.
Es führten an schwerer und mittlerer Artillerie Schiffe mit =Kanonen=:
100 90 80 70 60 50 40 30 {26-42 26-32 24-32 26-32 24-24 22-18 38-9 18-9-Pfdr. England {28-24-18 26-24 24-18 26-12 24-12 -- -- -- " { 28-9 26-9 -- -- -- -- -- -- "
100 90 80 70 60 50 40 30 { -- -- 12-36 6-24 22-18 8-18 4-18 4-18-Pfdr. Holland { -- -- 16-24 20-18 22- 8 12-12 14-12 12-12 " { -- -- 14-18 26-12 -- 20- 8 -- -- " { -- -- 12-12 -- -- -- -- -- "
Die Angaben über Holland 1666 aus de Jonge, Teil I, Beilage XXXIII. Bei der Ungleichheit in den verschiedenen Admiralitäten habe ich die stärksten Armierungen ausgezogen.
Die Angaben für England 1677 nach der Tabelle Seite 170 (auch de Jonge, Beilage XXXI). Die Angaben für 1677 sollen auch für den zweiten und dritten englisch-holländischen Krieg schon beinahe zutreffen. Aber wenn wir selbst die Angaben für 1652 der Tabelle nehmen, stellt sich der Vergleich für Holland kaum günstiger. Nur das eine der holländischen 80 Kanonen-Schiffe 1666 führte 36-Pfünder.
Es zeigt sich mithin bei den Schlachtschiffen eine große Überlegenheit auf englischer Seite, nur die Nichtschlachtschiffe zwischen 30 und 40 Kanonen stehen in Holland sehr viel besser da; es sind dies wohl die erwähnten »Fregatten«.
Nach oberflächlicher Berechnung führten die für das Jahr 1666 angeführten Schiffe über 60 Kanonen in Summe:
42-Pfdr. 32-Pfdr. 24-Pfdr. 18-Pfdr. 12-Pfdr. Auf 25 englischen Schiffen 26 256 372 48 518
Auf 34 holländischen Schiffen -- 12 (36-Pfdr.) 276 586 354
Die Hauptkraft lag bei den Engländern also in 42-Pfündern -- deren wahrscheinlich noch 56 mehr vorhanden waren, die dann von den 32-Pfündern abgehen --, in 32-Pfündern und 24-Pfündern, bei den Holländern in 18-Pfündern; dem englischen 12-Pfünder steht dann wieder an Zahl der holländische 8-Pfünder etwa gleich. Die holländische Schwäche wird dadurch ein wenig verringert, daß die englischen Kaliberangaben den holländischen gegenüber etwas zu verkleinern sind, weil das englische Pfund leichter war: der 42-Pfünder würde ein 38-Pfünder, der 24- ein 22-Pfünder usw. werden (vgl. de Jonge, Teil I, Seite 626).
Auch die bessere Bedienung der englischen Artillerie wird weiter gerühmt, und es kommt hinzu, daß die englischen Schiffe stärker bemannt waren. 1666 hatten Schiffe genannter Größen eine =Besatzung von Köpfen=:
England 700 600 520-650 450 320 200-250 150 130 Holland -- -- 470 330 260 200-250 200 120-200
Es konnten also die englischen Geschütze, namentlich bei gleichzeitigen Schiffsmanövern, besser bedient werden und die Schiffe waren beim Enterkampf überlegen; nur die holländischen »Fregatten« stehen in dieser Hinsicht besser da, sie waren ja auch gleichzeitig zum Manövrieren und Fechten gebaut. Wie im ersten Kriege, so scheint auch im zweiten in England im allgemeinen kein Mangel an Personal eingetreten zu sein; auch hier waren jetzt Seesoldaten vorhanden, von einem Auffüllen mit Landsoldaten verlautet nichts mehr.
Die bessere =Segel- und Manövrierfähigkeit= der englischen Schlachtschiffe infolge schärferer Formen, vielleicht mit Ausnahme der schwersten, ist uns schon bekannt; der nach holländischer Ansicht damit verbundene Nachteil, daß man bei Wind und Seegang die untersten Batterien nicht gebrauchen konnte, tritt allerdings in diesem Kriege mehrfach hervor.
Von sonstigen Einrichtungen in der englischen Marine ist noch hervorzuheben, daß Karl II. die Stelle des =Lordhighadmiral= wieder besetzte, und zwar mit seinem Bruder, dem Herzog von York. Dieser soll manche Verbesserungen in der Verwaltung bewirkt haben. Er kommandierte 1665; 1666 wurde das Kommando über die mobile Flotte wieder in die Hände zweier Admirale -- Prinz Ruprecht von der Pfalz und Herzog von Albemarle (Monck) -- gelegt.
In =beiden Marinen= begann in der Zeit zwischen dem ersten und dem zweiten Kriege (vgl. Seite 181) die Entwicklung eines =ständigen Kriegsschiffpersonals=. Es fällt in diese Zeit die Vermehrung der Dienstgrade für die verschiedenen Dienstzweige und auch schon die erste Vermehrung der Leutnants sowie der Beginn des besseren Ersatzes dieser eigentlichen Offiziere. Die Anstellung von Offiziersaspiranten wird allgemeiner; gerade in Holland treten Personen aus den höchsten Ständen ein, einige von ihnen tun schon im zweiten Kriege als zweite selbst als erste Leutnants Dienst. Die Bauten -- =Werften= und =Magazine= -- wurden wesentlich verbessert; York verwandte in England Sorgfalt darauf, in Holland wurden -- besonders wieder in Amsterdam -- die Einrichtungen zum Selbstbau und zum Docken weit größerer Kriegsschiffe als bisher getroffen.
Wichtig vor allem ist das wachsende Verständnis für die Führung der Flotten, die =Taktik=. =In England= erließ der =Herzog von York= 1665 eingehende Instruktionen über das Segeln und das Fechten im Flottenverbande, Verbesserungen der Instruktion von 1655, durch die besonders Aufrechterhaltung der Ordnung im Gefecht -- enggeschlossene Kiellinie beim Winde -- angestrebt wird. Im allgemeinen wird beabsichtigt, den eignen Angriff stets gleichzeitig auf die ganze Linie des Feindes zu richten, doch ist auch schon ein Fall vorgesehen, die feindliche Linie zu durchbrechen und an einer Stelle dann mit Übermacht aufzutreten.
Colomb, Seite 89-90, gibt wörtlich die Artikel dieser »instructions for the better ordering of the fleet in sailing and in fighting«, die sich auf die verschiedenen Gefechtslagen beim Zusammenstoß beziehen; sie folgen hier im Auszuge:
Ist die eigene Flotte zu Luward und der Feind erwartet den Angriff über denselben Bug liegend, soll die Flotte so an den Feind geführt werden, daß Schiff gegen Schiff steht. Liegt der Feind über den andern Bug, so soll die Flotte (außer Schußweite) bis etwa querab der feindlichen geführt, dann »zugleich« gewendet und zum Gefecht herangegangen werden, so daß also wieder Schiff gegen Schiff steht. In beiden Fällen soll während des Kampfes die Luvstellung gehalten werden; zu diesem Zwecke müssen etwaige Manöver des Feindes -- Wenden im Kontremarsch,[156] Wenden zugleich oder Wenden einzelner Geschwader -- in derselben Weise ausgeführt werden.
[156] Das heißt: Wenden der Schiffe einer Kiellinie nacheinander auf derselben Stelle, auf der das erste Schiff gewendet hat.
Steht der Feind zu Luward und greift an, so soll er in guter, enggeschlossener Linie erwartet werden. Greift die eigene Flotte von Lee aus an, was ja bei besseren Segeleigenschaften oder infolge leichter Windänderungen möglich ist, so soll die Vorhut versuchen, die feindliche Linie zu durchbrechen und dann die abgeschnittenen hinteren Schiffe des Feindes von Luward aus angreifen; Mitte und Nachhut sollen das Manöver durch Dublieren der abgeschnittenen Schiffe von Lee her unterstützen, dabei aber die Bewegungen der vorderen Schiffe des Feindes im Auge behalten.
Hervorzuheben ist, daß in der neuen englischen Instruktion im Gefecht stets von der ganzen Flotte die Rede ist, während in der alten von dem Verhalten der Geschwader gesprochen wurde. Es ist ferner bemerkenswert, daß den Schiffen befohlen wird, »Linie« mit ihrem Geschwaderchef zu halten, falls ein Geschwaderchef ausgefallen ist, mit dem Oberbefehlshaber oder mit dem vorn segelnden Flaggoffizier.
Auch in =Holland= ist der Fortschritt in der =Taktik= zu bemerken. Gleich nach der unglücklichen Schlacht 1665 wurden auch hier Bestimmungen über das Segeln in der Flotte, besonders bei Annäherung an den Feind, erlassen.[157]
[157] Durch Bevollmächtigte der Generalstaaten, wie denn überhaupt, bis Ruyter 1665 den Oberbefehl übernahm, dem Flottenchef die genauesten Vorschriften selbst über den inneren Dienstbetrieb gemacht wurden.
Vor der genannten Schlacht war die Flotte in 7 Geschwader geteilt, ein jedes mit 3 Flaggoffizieren; der Grund soll die Anwesenheit so vieler Admirale gewesen sein. Es ist wohl möglich, da man Unzufriedenheit bei ihnen vermeiden wollte, sollte es aber nicht auch eine Folge der älteren Gruppentaktik sein? Tromp der Ältere teilte auch in so viele Abteilungen, und damals lag der andere Grund nicht vor. Nach der Schlacht teilte man die Flotten nun stets wie in England in 3 Geschwader (selten 4) und diese wieder bei großer Schiffszahl in 3 Divisionen. Jetzt befanden sich bei jedem Geschwader viele Flaggoffiziere und zwar bis zu je 2 Leutnantadmiralen, Vize- und Kontreadmiralen. =Ruyter= vervollständigte diese Instruktionen, sie enthielten in der Hauptsache aber eigentlich nur Bestimmungen, die auf die Ordnung beim Marsch und beim Eintritt ins Gefecht hinzielten.
Im »Leben Ruyters«, Seite 305, 315, 361 und auch »Vie de Tromp«, findet man genaue Vorschriften über die Positionen der Geschwader und Divisionen in der Flotte, auch auf dem Marsche strenge innezuhalten; Befehle an die Geschwaderchefs, den Brandern und Fregatten ihre Posten für das Gefecht genau anzuweisen; das strenge Verbot von Manövern oder Angriffen ohne Befehl, dagegen Signale, auf die die einzelnen Geschwader, oder das Ganze, anzugreifen hätten. Es wird ferner befohlen, daß jedes Geschwader täglich einige Fregatten zum Erkunden des Feindes auszusenden hätte; im Gefecht sollten diese Fahrzeuge so postiert werden, daß sie beschädigten oder bedrohten Schiffen Hilfe leisten und die Branderangriffe unterstützen könnten.
Es fehlten jedoch, wie es scheint, eigentliche Dispositionen für die verschiedenen Gefechtslagen. Der Chef will zwar die Teile seiner Flotte in der Hand behalten, die Angriffe scheinen jedoch noch immer vorzugsweise geschwaderweise und mit Einbrechen in den Feind gedacht zu sein. Es ist ferner auffallend, daß in den Instruktionen nie das Wort »Linie« vorkommt. Die Einzelschiffe werden nur angewiesen, »sich bei ihrem Divisionschef zu halten, sich nicht gegenseitig in den Weg zu kommen oder im Feuer zu hindern.« Ein Ausrichten auf den Flottenchef wie in England wird nicht erwähnt.[158]
[158] Bemerkenswert ist es, daß Ruyter Gelegenheit nahm, seine Flotte zu exerzieren; er ließ taktische Bewegungen machen (»Leben Ruyters«, Seite 325: rechts um, links um, öffnen, Schließen »wie bei Landsoldaten!«) und ordnete Gefechtsübungen an.
In beiden Ländern führte der Fortschritt in der Taktik begreiflicherweise zur Vervollständigung des Signalsystems.
So hatten sich beide Marinen weiter zu stehenden im modernen Sinne entwickelt, besonders die holländische, die im ersten Kriege darin sehr zurückgestanden hatte. Beide Länder hatten auf das nachdrücklichste für den bevorstehenden Kampf gerüstet, nicht nur durch Aufstellen von Streitmitteln, sondern auch durch Füllen der Magazine usw., denn man war auf beiden Seiten noch sehr abhängig vom Auslande, besonders von Deutschland und Schweden. Daß Holland in vielem England noch nicht erreicht hatte, haben wir gesehen, und hierbei müssen wir noch einer Frage näher treten: =der abwägenden Beurteilung des Personals=.
In den Geschichtswerken beider Nationen wird behauptet, das eigene Personal sei im zweiten Kriege das in Seemannschaft überlegene gewesen; ich glaube, beide Teile haben in ihrem Sinne recht. Was die rein seemännische Ausbildung anbetrifft, so ist es wohl möglich, daß das holländische Personal überlegen war, daß Holland wenigstens über eine größere Zahl tüchtiger Seeleute -- Vorgesetzte wie Mannschaften -- verfügte; war doch sein Seehandel noch bei weitem größer. Zwar sagt ein englischer Schriftsteller dieser Zeit, der größere Teil der holländischen Kommandanten seien Söhne angesehener Leute, »Bürgermeistersöhne« gewesen, die ihre Stellung nur aus politischen Rücksichten erhalten hätten, doch ist nach allen anderen Quellen im Gegenteil anzunehmen, daß die bei weitem größere Zahl aus dem Kauffahrteidienst herstammte und aus solchem eine reiche seemännische Erfahrung hatte; ebenso die übrige Besatzung. Aber diesem Ersatze, besonders den Kommandanten und Dienstgraden, mangelten noch die militärischen Haupttugenden: Subordination und militärische Treue im Beruf, Berufsbildung und Berufsstolz. Der Umstand, daß die niederländische Marine keine einheitliche, sondern ein loser Flottenbund war, daß die republikanischen Verhältnisse überhaupt nicht geeignet waren, diese Übelstände zu beseitigen und außerdem, wie erwähnt, zu Eifersüchteleien zwischen den Führern und den Kontingenten führten, alles dies lähmte das militärische Zusammenwirken. Von einer eigentlichen, Berufsbildung ist zu dieser Zeit in England zwar auch noch nicht die Rede. Hier aber war noch viel von der militärischen Zucht Cromwells erhalten geblieben, viele der höheren Führer, vor allem Monck, stammten noch aus der älteren Zeit; in dem monarchischen Lande entwickelte sich leichter unter den Offizieren der Kastengeist, der das militärische Element hob und die mangelnde Berufsbildung teilweise ersetzte; die Marine war endlich aus einem Guß. So war die englische Flotte militärisch-seemännisch die leistungsfähigere.
Wenn Holland vielleicht die besseren, wenigstens zahlreicheren, Seeleute, »Teerjacken«, hatte -- soll doch der Herzog von York 1667 bei Ausführung eines schwierigen Manövers verschiedener holländischer Schiffe ausgerufen haben: »that never was or would have been undertaken by ourselves!« --, so besaß England die besseren »Seeoffiziere«; ein Vorteil, der im Gefecht, besonders aber im Gefecht größerer Verbände, hervortrat. Was die holländische Marine im zweiten Kriege leistete, ist wohl in erster Linie dem Genie Ruyters zuzuschreiben; im dritten Kriege hatte sich manches zugunsten Hollands und zuungunsten Englands geändert. Wenn auch noch nicht in der Flotte selbst, so trat doch, wie wir sehen werden, an anderen Stellen ein für sie höchst nachteiliges Nachlassen der alten Pflichttreue und Ordnung in England schon während dieses Krieges ein.
$Frankreich$ tritt zwar in diesem Kriege als Verbündeter Hollands auf. Da jedoch seine Flotte erst im dritten Kriege an den Kämpfen teilnimmt, so soll über die Entwicklung und den Stand der französischen Marine erst im nächsten Kapitel gesprochen werden. Um jedoch zu zeigen, von welchem Werte eine wirkliche Unterstützung für Holland gewesen sein würde, ist vor dem Jahre 1666 die Stärke des für den Krieg scheinbar bestimmten Geschwaders angegeben.
Der Verlauf des Krieges.[159]
$Die Schlacht bei Lowestoft, 18. Juni 1665.$ Nach der Kriegserklärung begannen die Operationen der Flotten nicht sogleich. Es war Winter und demzufolge der größere Teil der Schiffe außer Dienst gestellt; beide Nationen wetteiferten aber in der Ausrüstung aller zur Verfügung stehenden Fahrzeuge, um im Frühjahr gleich zu großen Schlägen bereit zu sein. Wie es in England schon vor der Kriegserklärung geschehen war, so gaben jetzt auch die Holländer Kaperbriefe aus, und bald erschienen ihre Freibeuter im Kanal und in der Nordsee; besonders in Seeland regte sich das alte Wassergeusenblut, es bildeten sich Gesellschaften zu diesem Zweck, deren eine allein 25 Segel stellte, Schiffe von 20-36 Kanonen.
[159] Hauptquellen: Clowes, Teil II; »Leben Ruyters«; »Vie de Tromp«; de Jonge, Teil II; Mahan. Teil I. Über Mängel der Quellen vgl. Seite 199.
Erst im Mai rührten sich die $Kriegsflotten$, deren genaue Zusammensetzung schon genannt ist (Seite 258); insgesamt betrugen die $Stärken$ unter dem Lordhighadmiral =Herzog von York= und Leutnantadmiral =Wassenaer=:
=England=: 80 Schlachtschiffe über 30 Kanonen, 29 kleinere, 21 Brander, mit 21000 Mann und 4192 Geschützen.
=Holland=: 97 Schlachtschiffe und Fregatten über 30 Kanonen, 13 kleinere Segel, 12 Ruderfahrzeuge -- mit 21631 Mann und 4869 Geschützen.
Die englische Flotte war in 3 Geschwader geteilt: Vorhut Admiral Prinz Ruprecht, Mitte Herzog von York mit Admiral Sir William Penn als captain of the fleet, Nachhut Admiral Montagu, Earl of Sandwich; hierzu traten die 3 Vizeadmirale, unter ihnen Lawson beim Zentrum, und die 3 Kontreadmirale der Geschwader.
Die holländische Flotte war in 7 Geschwader geteilt, geführt von: Wassenaer, den Leutnantadmiralen Johann Evertsen (Seeland), Cortenaer (Maas), Stellingwerff (Friesland) und den Vizeadmiralen Tromp, Cornelis Evertsen jun., Schram; hierzu traten weitere 10 Flaggoffiziere und 4 als solche diensttuende als Vize- und Kontreadmirale der Geschwader. (Die Leutnantadmirale Ruyter (Amsterdam) und Meppel (Norderquartier) waren zurzeit zusammen abwesend auf dem Zuge nach Afrika und Westindien.) -- Es wehten mithin in der ersten Schlacht 9 englische und 21 holländische Admiralsflaggen.
Der =Herzog von York=, 1633 als zweiter Sohn Karls I. geboren, war von Jugend auf als Seemann erzogen. Er floh 1648 nach den Niederlanden und nach seines Vaters Hinrichtung nach Frankreich. 1660 wurde er von Karl II. zum Lordhighadmiral ernannt, mußte aber als Katholik 1673 das Amt niederlegen. 1685 bestieg er als Jakob II. den Thron. Als Großadmiral und als König tat er viel für die Marine.
Prinz =Ruprecht von der Pfalz= (engl. Prince Rupert), 1619 als Sohn des Kurfürsten Friedrich V. (des Winterkönigs) geboren, focht im Dreißigjährigen Kriege auf protestantischer Seite. Im englischen Revolutionskriege diente er als Reiterführer und später zur See als Parteigänger der Royalisten. 1666 führte er mit Monck die englische Flotte, 1673 war er erster Lord der Admiralität, er starb 1682. Er war ein tüchtiger Seeoffizier, aber doch nicht von der peinlichen Pflichttreue wie die Generale der Cromwellschen Schule; zu sehr Kavalier.
=Cornelis Tromp=, 1629 als Sohn Martin Tromps geboren, wurde bald nach der Schlacht bei Lowestoft an Stelle des gefallenen Cortenaer Leutnantadmiral. 1675 wurde er von Karl II. zum Baronet und 1676 vom König von Dänemark zum Grafen erhoben; 1677 folgte er Ruyter in der Stellung als Leutnantadmiral von Holland und Westfriesland. Er zeichnete sich in den Kriegen gegen England und Frankreich sowie im dänisch-schwedischen Kriege 1675-1679 in dänischem Dienste aus. Mutiger und tüchtiger Seeoffizier und beliebt bei den Untergebenen, jedoch unvorsichtig, eigenmächtig und ehrgeizig. Biographie: »Vie de Tromp«.
Die englische Flotte ging am 1. Mai zuerst in See, infolge alarmierender Gerüchte über die Bewegungen des Feindes, obgleich sie noch nicht vollzählig bemannt und auch nur notdürftig mit Proviant usw. ausgerüstet war. =York= beabsichtigte, den Feind in dessen eigenen Gewässern zum Kampf zu stellen, vor allem die Vereinigung der Flottenabteilungen, die in der Maas-Scheldemündung zusammentraten, mit den bei Texel versammelten zu verhindern; außerdem hoffte er, heimkehrende Kauffahrer und das zurückerwartete Geschwader Ruyters abfangen zu können. Er blockierte etwa 14 Tage lang die feindlichen Küsten, wurde dann aber durch Proviantmangel und durch einen schweren Sturm, in dem die Schiffe sehr litten, gezwungen, am 19. Mai nach England zurückzugehen.
Gleich darauf, am 22. Mai, führte Leutnantadmiral Evertsen die westlichen Flottenabteilungen nach Texel, und =Wassenaer= ging an den beiden nächsten Tagen mit der Gesamtflotte in See. Er hielt sich zunächst mehrere Tage an der Küste. Einige Quellen sagen, er sei durch flaue Gegenwinde festgehalten, andere geben an, er habe es bei der ihm wohlbekannten Neigung zur Indisziplin und Eifersucht im Personal nach so kurzem Zusammensein der Flotte noch nicht für ratsam erachtet, schon Größeres zu unternehmen. Jedenfalls wurde ihm dieses Zögern sehr verdacht -- er wäre ja auch unter Umständen der schwachbemannten, von Vorräten entblößten und durch den Sturm beschädigten englischen Flotte sehr gefährlich geworden --, und er erhielt von den Generalstaaten ein Mißtrauensvotum sowie den ausdrücklichen Befehl, sobald wie möglich anzugreifen. Man glaubte die feindliche Flotte sehr geschwächt und ihre weitere Bemannung und Ausrüstung sehr in Frage gestellt, weil gerade jetzt in London die Pest ausgebrochen war. Durch die Vorwürfe erbittert, soll Wassenaer nun den Entschluß gefaßt haben, gegen seine sonstige Ansicht den Feind zu suchen und unter allen Umständen zu fechten; nach erhaltenem Befehl ging er zur englischen Küste hinüber. Inzwischen war es ihm am 30. Mai gelungen, eine größere Anzahl Hamburger Kauffahrer mit Material für die englische Marine nebst dem sie deckenden Kriegsschiffe wegzunehmen.
Die englische Flotte lag noch in der Ausrüstung begriffen bei Harwich. Auch sie erhielt auf die Nachricht des höchst unangenehmen Verlustes des Konvois Befehl, wieder auszulaufen; außerdem glaubte =York=, sich auf dem augenblicklichen Ankerplatze keinem Angriffe aussetzen zu dürfen, um nicht zwischen den Bänken gefangen zu werden. Er ging deshalb mit seinen Proviantschiffen nach der =Solebay= (Southwoldbay, damals vermutlich eine größere Bucht als jetzt und deshalb ein beliebter Flottenankerplatz). Hier ankerte er am 11. Juni und hatte das Glück, sofort Fahrzeuge mit Auffüllungsmannschaften anzutreffen, denn schon an demselben Tage wurden die Holländer etwa 18 Seemeilen ab in Ostsüdost gesichtet, bei östlichem Winde zu Luward stehend; York sandte die Transporter nach Harwich zurück und ging weiter in See hinaus. =Wassenaer= war am 11. durch Flaute gehindert anzugreifen, und so fand der Morgen des 12. Juni beide Flotten etwa 8 Seemeilen Südost von =Lowestoft=, die Holländer etwa 5 Seemeilen Südost von den Engländern stehend. Aber auch an diesem Tage kam es nicht zum Gefecht, es war weiter flau; Wassenaer hätte wahrscheinlich angreifen können, er zog es aber vor, weiter vom Lande abzuliegen, um seine infolge des flauen Windes auseinander gekommene Flotte zu sammeln; erst abends näherten sich die Gegner. In der Nacht ging der Wind durch Süd auf Südwest und am 13. Juni 2-1/2 Uhr morgens standen die Flotten etwa 18 Seemeilen Nordnordost von Lowestoft, nun aber die englische zu Luward. =York= ging zum Angriff über, aber auch =Wassenaer= wollte jetzt trotz der ungünstigen Windstellung und der noch immer geringen Ordnung seiner Flotte fechten, und so begann am $13. Juni 1665$ um 3-1/2 Uhr früh die $Schlacht von Lowestoft$.
Die Überlieferungen sind nur dürftig und widersprechend. Wir folgen im allgemeinen den Schilderungen Clowes' und de Jonges. Aus ihnen ist, übereinstimmend mit anderen Quellen, zu entnehmen, daß die Engländer in guter Ordnung waren und diese längere Zeit aufrecht erhielten, daß aber schließlich wieder die Melee eintrat, namentlich, weil die Ordnung der Holländer aus verschiedenen Gründen immer mehr verloren ging.
Als die Flotten ins Gefecht eintraten, war die holländische Flotte keinesfalls in guter Ordnung. Spätere kriegsgerichtliche Feststellungen erklären: »Verschiedene Flaggoffiziere befanden sich nicht bei ihren Verbänden, sondern segelten zusammen; viele Schiffe, selbst Verbände, waren nicht auf ihren Posten, der Befehl zum Angriff kam unerwartet. Ein Zeuge sagt sogar: Es war eine Lust, die englische, aber ein Jammer, die holländische Formation zu sehen.« Also Ordnung und Aufsicht waren mangelhaft. Dies gab verschiedenen Schiffen die Möglichkeit, sich nur flau am Gefecht zu beteiligen. Sie hielten sich in Lee außerhalb der Gefahr; mehrere Fahrzeuge blieben völlig unbeschädigt, ja, einige sollen nicht einmal die Mundpfropfen aus den Geschützen genommen haben.
Die beiden Flotten passierten sich zuerst um 3-1/2 Uhr unter lebhaftem Feuer, in »Kiellinie beim Winde« über verschiedene Buge liegend. Hierbei war die Entfernung ziemlich groß, doch litten die Holländer mehr durch die schwerere, weitertragende Artillerie des Gegners. Sie hatten nur den Erfolg, ein zu weit nach Lee gekommenes englisches Schiff zu nehmen; es sollte ihre einzige Trophäe bleiben. Nach dem Passieren wendeten beide; die Holländer im Kontremarsch, die Engländer zugleich, so daß bei diesen die Nachhut (Sandwich) an die Spitze kam. =Wassenaer= strebte danach, die Luvstellung zu gewinnen. Bei der geringeren Segelfähigkeit seiner Schiffe gelang dies nicht, dagegen führte es dahin, daß die höherliegenden und schnelleren Schiffe vorliefen, andere zurückblieben oder mehr nach Lee kamen. So wurde die Ordnung weiter gestört, wozu auch noch das Bestreben der tüchtigsten Kommandanten, so auch Wassenaers und der übrigen Admirale, schneller und näher an den Feind zu kommen, beitrug. Wassenaer und Tromp sollen bald das Schiff des vor ihnen segelnden Cortenaer (Vorhut) erreicht haben; da ihre besten Schiffe ihnen gefolgt waren, befanden sich nun 3 Geschwader untereinander gemischt.
Es ist nicht klar aus den Quellen zu entnehmen, ob es sich jetzt weiter um ein oder um mehrere Passiergefechte gehandelt und ob vor- und nachstehendes sich demgemäß zur Zeit des zweiten Passierens oder bei späterem ereignet hat. Schon um 5 Uhr fiel =Cortenaer=, der an Stelle des Oberbefehlshabers den Befehl hätte übernehmen müssen. Sein Flaggschiff floh mit wehender Admiralsflagge, etwa 10 Schiffe dieses Geschwaders folgten, so daß eine Lücke entstand. Gegen Mittag brach =Sandwich= durch eine Lücke in der Nähe des Zentrums, vielleicht die eben erwähnte, und teilte damit die feindliche Flotte. Es ist fraglich, ob er dieses Manöver mit Absicht oder durch Zufall -- vielleicht infolge des Pulverdampfes, die Flotten waren sich an dieser Stelle sehr nahe gekommen -- ausgeführt hat. Jedenfalls hatte es den nachdrücklichsten Erfolg, die Verwirrung der Holländer wurde immer größer. Die Engländer greifen nunmehr die standhaftesten Feinde, insbesondere die Admirale, an; die Melee ist da.
Als =Wassenaer= (»Eendracht«, 70 Kanonen) sah, daß das Kriegsglück sich gegen ihn wandte, scheint er von Verzweiflung erfaßt zu sein. Er versucht York (»Royal Charles«, 80 Kanonen) zu entern, wird abgeschlagen, kämpft aber mit Erfolg weiter -- York selbst wird leicht verwundet, neben ihm fallen 3 Kriegsfreiwillige hoher Geburt, sein Schiff wird arg zerschossen --, bis die »Eendracht« um 2 Uhr nachmittags auffliegt. Die Explosion ist wahrscheinlich durch Entzündung von Kartuschen erfolgt, doch sagt das Gerücht, sie sei durch einen Negerdiener des Admirals aus Rache veranlaßt worden. Durch diesen Vorfall entmutigt, halten wieder einige Schiffe ab; andere folgen, weil sie glauben, der Befehl zum Rückzug sei gegeben. Einzelne Verbände und Einzelschiffe halten aber noch wacker stand trotz weiterer Verluste: an einer Stelle werden 4 zusammengetriebene Fahrzeuge durch einen Brander vernichtet, an einer anderen trifft 3 oder 4 vereinzelt dasselbe Los.
Leutnantadmiral =Evertsen= übernahm nach Wassenaers Tode den Oberbefehl. Aber auch =Tromp=, der den Tod Cortenaers und Stellingwerffs erfahren hatte, setzte die Admiralsflagge und übernahm das Kommando über die Schiffe in seiner Nähe; er behauptete später, nicht gewußt zu haben, was aus Evertsen geworden sei. Es würde dies bezeichnend für die Verwirrung sein; vielfach glaubte man jedoch, er habe nur nicht unter einem seeländischen Admiral stehen wollen, denn ähnlicher Eigenmächtigkeiten machte er sich in der Zukunft mehrfach schuldig. Der Versuch dieser beiden Führer und anderer besonnener Männer, das Gefecht in Ordnung abzubrechen, war vergeblich; der Rückzug artete in Flucht aus, die um 7 Uhr abends allgemein wird.
=Evertsen= steuert mit 17 Schiffen, wohl hauptsächlich vom Seeländer Kontingent, nach der Maasmündung, dem nächsten Schutzplatz, der außerdem bei dem Stand der Gezeiten ein sofortiges Einlaufen gestattete und auch als Sammelpunkt ausgegeben war. =Tromp= ging mit dem größeren Teil der Flotte nach Texel und dem Vlie, wo erst mit wechselndem Strom nach einer gefahrvollen Nacht das Einlaufen möglich war. Er wählte, wie er sagte, diesen Kurs, um die vorher dorthin geflohenen Schiffe zu decken; tatsächlich hat er auch mit einigen seiner besten Fahrzeuge den Rückzug der dorthin Segelnden und gewissermaßen den der ganzen Flotte geschützt.
=Die Verluste= der Holländer betrugen nach englischen Angaben: 14 Schiffe vernichtet, 18 genommen -- die Holländer gaben nur 16-20 insgesamt zu --; 4000 Tote, darunter 3 Leutnantadmirale; 2000 Gefangene. Die Engländer verloren: 2 Schiffe; 600 Tote und Verwundete, unter den Toten Vizeadmiral Lawson und 1 Kontreadmiral, und einige Hundert Gefangene.
=Die Schlacht bei Lowestoft ist bemerkenswert= als die erste, in der beide Flotten in »Kiellinie beim Winde« ins Gefecht eintreten und sich in dieser Formation mehrfach passieren, ehe die Melee beginnt; die Engländer haben dabei scheinbar die Linie in guter Ordnung aus Einzelschiffen gebildet. Die Schlacht war eine völlige Niederlage für die Holländer; ihre Flotte hatte stark gelitten und war versprengt in ihre Häfen zurückgetrieben; bei energischer Verfolgung wäre ihr Verlust wohl noch weit größer geworden.
=Die Engländer verfolgten= zwar, doch wurde die Verfolgung während der Nacht lau. Als Grund wird angegeben, der stark auffrischende und auflandige Wind habe es verboten, sich den flachen Gewässern zu nähern, auch seien alle Brander verbraucht gewesen.
Eine mysteriöse Geschichte spielt mit (Clowes, Teil II, Seite 265). Im Kriegsrat nach der Schlacht soll =Penn= geäußert haben, man müsse sich noch auf ernstes Werk gefaßt machen, die Holländer seien nie tapferer als in der Verzweiflung. Daraufhin habe die persönliche Umgebung Yorks gesagt, es sei auch Ehre genug errungen. Als sich der Herzog in die Kajüte zurückgezogen hatte, überbrachte ein Offizier seiner Begleitung den Befehl an Penn, die Flotte solle Segel mindern. Es geschah. Später wunderte sich der Herzog über den ausgeführten Befehl und behauptete, ihn nicht gegeben zu haben, doch nun war es zu spät. Untersucht ist die Sache nicht; Penn blieb in Yorks Gunst, der Überbringer des Befehls wurde entlassen. Man sagt, die Umgebung des Herzogs habe von seiner Gemahlin und auch vom König den Auftrag gehabt, dafür zu sorgen, daß sich York nicht zu sehr gefährde; er war ja der voraussichtliche Thronerbe.
Wie von einer taktischen Verfolgung, so wurde auch von sonstiger strategischer Ausnutzung des Sieges abgesehen; als Tromp bei Texel eingelaufen war, ging York am 14. Juni nach England zurück.
=In Holland=, wo man die eigene Flotte der feindlichen überlegen geglaubt hatte, erregte die Niederlage im Volke große Entrüstung. Diese ging soweit, daß =Evertsen= in Brielle vom Pöbel angegriffen, durch die Straßen geschleift und ins Wasser geworfen wurde, nur knapp entging er dem Tode. Von den Kommandanten, die sich im Kampf feige benommen hatten, wurden verschiedene mit Gefängnis bestraft, andere infam kassiert, einige erschossen.
Auch dem gefallenen =Wassenaer= -- dem man zwar später in der großen Kirche im Haag ein prachtvolles Denkmal errichtete -- wurde =die Schuld= an der Niederlage =zugeschoben=: Er habe unter ungeeigneten Umständen gefochten; ihm habe die Umsicht gefehlt, er habe die Leitung aus der Hand gegeben und nur mit dem eigenen Schiff den Kampf gesucht. Man vergaß, welchen strikten Befehl man ihm zum Fechten gegeben, daß man ihn, einen Reiterführer, trotz seiner Einwendungen zum kommandierenden Admiral gemacht hatte. Wie nach der Schlacht im Sunde (1658) wurde ihm vorgeworfen, er habe vor der Schlacht keinen Kriegsrat gehalten, infolgedessen seien die Admirale und Kommandanten nicht über seine Absichten unterrichtet gewesen. Man vergaß, daß er nach dem Zusammenziehen der Flotte gern etwas Zeit gehabt hätte, um ein gewisses Zusammenschmelzen der verschiedenen Verbände zu erzielen. Liegen nicht auch andere Gründe für die Niederlage ebenso nahe, ja noch näher? Die Unordnung schon bei Beginn des Gefechts darf man doch Wassenaer nicht allein zum Vorwurf machen; es waren noch 20 Flaggoffiziere da, die auf dem Marsch für Ordnung sorgen konnten. Diese große Zahl von Unterführern war anderseits wohl mit schuld, daß Ordnung und Leitung während des Gefechts immer mehr verloren gingen. So viele Unterabteilungen, zunächst schon die 7 Geschwader, von einer Stelle zu leiten, war unmöglich, besonders bei dem damaligen Stande des Signalsystems. Die Einteilung mußte zum selbständigen Auftreten der Abteilungen führen, was ja auch der Kampfweise der bisherigen Gruppentaktik entsprach. Dies konnte aber einem einheitlicheren Wirken gegenüber, wie es der englischen Flotte ihre Instruktion jetzt schon vorschrieb, nur bei großer militärischer Einsicht und Schulung aller Führer und Kommandanten von Erfolg sein. Solche fehlte jedoch gerade dem größten Teile des Personals, daneben vor allem der Sinn für militärische Ordnung, Treue und Disziplin. Dieser Mangel, der schon Bilden und Halten einer Formation außerhalb eines Gefechtes schwierig machte, ist wohl in erster Stelle an der Niederlage schuld.
$Weitere Ereignisse der Jahre 1665 und 1666 bis zur Viertage-Schlacht.$ Ebensowenig wie unmittelbar nach der Schlacht wurde auch später die errungene Seeherrschaft englischerseits energisch ausgenutzt. Der =Herzog von York= hatte den Oberbefehl abgegeben, auch Prinz Ruprecht hatte seine Flagge niedergeholt. =Montagu, Earl of Sandwich=, kommandierte jetzt die Flotte und ging am 15. Juli hinüber zur holländischen Küste wieder mit der Absicht, Ruyter und zahlreich erwartete Ostindien- und Mittelmeerfahrer abzufangen. Er führte aber eine Blockade nicht durch, obgleich sie doch für seinen Zweck und zur Verhinderung der Wiedervereinigung des Gegners der sicherste Weg gewesen wäre. Ob man das Schiffsmaterial nicht für geeignet hielt, eine längere Blockade durchzuführen und dann noch der neuausgerüsteten feindlichen Flotte gegenüberzutreten, oder ob der aus der Armee stammende Kommandierende den Wert der Schließung der feindlichen Häfen verkannte, ist nicht festzustellen. Da man inzwischen erfahren hatte, daß die zurückerwarteten Kauffahrer sich in =Bergen= sammelten, schickte Montagu den Kontreadmiral =Tyddiman= mit 14 Kriegsschiffen und 3 Brandern dorthin zum Angriff, während er sich selbst mit dem größeren Teil der Flotte bis zu den Shetlands hinauf auf die Lauer legte. Daß =Ruyter= unbemerkt Holland erreichte, haben wir schon gehört, auch die Expedition gegen Bergen sollte fehlschlagen, wie wir sehen werden.
In =Holland= hatte man nach der großen Niederlage sofort begonnen, aufs neue zu rüsten. Besonders =Jan de Witt= bemühte sich, dies zu fördern und auch den Geist in der Marine wieder zu heben. Lebhaft unterstützt wurde er durch =Tromp=, obgleich dieser anfangs erklärt hatte, mit Kommandanten, wie sie sich in der Schlacht gezeigt hätten, könne er nicht fechten. Er war sogar gegen den Befehl der Generalstaaten, mit seinen Schiffen bei Texel liegen zu bleiben, in die Häfen eingelaufen. Schon 10 Tage nach der Schlacht lief ein Geschwader von 17 Schiffen unter Kontreadmiral =Bankers= aus, um etwa heimkehrende Kauffahrer aufzunehmen. Den Oberbefehl über die neuaufzustellende Flotte erhielt vorläufig =Tromp= -- er war an Stelle Cortenaers zum Leutnantadmiral der Maas ernannt und wurde später in gleicher Eigenschaft auf seinen Wunsch nach Amsterdam versetzt --, doch wurde ihm eine Kommission von drei Deputierten der Generalstaaten, darunter de Witt, zur Seite gestellt.
Diese echt republikanische Maßnahme, einem Oberbefehlshaber =Deputierte= zur Seite zu stellen, war schon in den Dünkirchener Kriegen Brauch gewesen. Bei Tromp dem Älteren hatte man im ersten Kriege davon abgesehen, obgleich er selbst darum bat, um sich gegebenenfalls der Volksmeinung gegenüber besser rechtfertigen zu können; es war dies ein Zeichen großen Vertrauens. Wassenaer hatte sich gesträubt, Deputierte zuzulassen.
Tromp der Jüngere aber hatte sehr viele Gegner in den leitenden Kreisen. Zwar waren sein Mut, seine Tüchtigkeit und seine Beliebtheit bei den Mannschaften allgemein bekannt, jedoch man fürchtete seine Unvorsichtigkeit, seine Eigenmächtigkeit, und er war Oranier. Gern hatte man ihm das Kommando überhaupt nicht gegeben, aber er war der einzige Leutnantadmiral der Provinzen von Holland, da Ruyter und Meppel noch abwesend waren. Ein neuer Leutnantadmiral von Holland und Westfriesland war noch nicht ernannt und nach altem Brauch trat ja der Leutnantadmiral der Maas als Vertreter ein. Der viel ältere Cornelis Evertsen sen. (Seeland), der an die Stelle seines Bruders Jan getreten war, stellte sich rühmenswerterweise bereitwillig unter Tromp; Jan Evertsen hatte infolge der schmählichen Behandlung in Brielle den Dienst quittiert.
Man beeilte die Rüstungen, um den wertvollen Konvoi in Bergen sichern zu können; als die Flotte seeklar war, hieß es zwar, sie könne widriger Winde wegen nicht auslaufen, doch auch hier zeigte sich die Tatkraft des =Ratspensionärs de Witt=.
Althergebrachte Ansicht der Lotsen war, daß man mit schweren Schiffen die Rhede von Texel bei allen westlichen Winden durch die üblichen Fahrwasser, Landstief und Schlänge nicht verlassen und ein drittes, das spanische Gat, überhaupt nicht benutzen könne. De Witt bewies die Unhaltbarkeit dieser Behauptungen, insbesondere der letzten, indem er das Fahrwasser unter eigener Leitung ausloten ließ und es dann mit dem schwersten Schiffe passierte; es wurde von nun an das Jan de Witt-Tief genannt.
Seinem Einschreiten war es zu danken, daß die Schiffe vom 14. bis 16. August in See gingen und die Flotte nun segelfertig lag. Am 6. August war =Ruyter= in der Ems angekommen; er wurde sofort zum Leutnantadmiral von Holland und Westfriesland ernannt, welche Stelle man für ihn freigehalten hatte, und übernahm am 18. =den Oberbefehl=. Tromp weigerte sich anfangs, in die zweite Stelle zurückzutreten, nachdem er die Flotte organisiert hätte, er fügte sich aber doch. Die Flotte[160] bestand aus 93 Kriegsschiffen, 11 Brandern, 20 Jachten usw. mit 4337 Kanonen, 15051 Seeleuten, 1283 Seesoldaten und 3300 Landsoldaten; sie war in 4 Geschwader geteilt, von denen das eine (Ruyter selbst) als Reserve dienen sollte. Ihre Segelorder war: die Kauffahrer von Bergen abzuholen und den englischen Streitkräften möglichst Abbruch zu tun; schon am 17. waren leichte Schiffe in die Nordsee gesandt, um alle heimkehrenden Handelsschiffe nach Bergen zu leiten. =Ruyter= ging längs der englischen Ostküste bis zu 58° Nordbreite hinauf und hörte hier am 25. August, daß Montagu an der Küste Norwegens gesehen sei; er habe dort einen Teil seiner Flotte zurückgelassen (=Tyddiman=) und sei mit dem Rest nach Westen gesegelt. Am demselben Tage sichtete man auch ein englisches Schiff; die beiden Flotten müssen dicht beieinander gewesen sein, ohne sich sonst zu sehen. Jetzt steuerte der Admiral nach Norwegen hinüber.
[160] »Leben Ruyters«, Seite 309, Namentliche Aufführung der Schiffe mit Angaben über ihre Stärke.
Die $Kauffahrer in Bergen$ -- 10 große Ostindienfahrer von ungeheurem Wert und etwa 60 andere, besonders Levantefahrer -- waren aber schon der Gefahr entzogen; sie $hatten den Angriff$ Tyddimans glänzend $abgeschlagen$; es war nur noch nötig, sie sicher in die Heimat zu führen.
Die Gesandten König Karls hatten vom König Friedrich III. von Dänemark die Zusicherung erhalten, dänischerseits solle ein Wegnehmen der holländischen Schiffe in Bergen nicht gehindert werden. Beide Könige wollten dann die Beute teilen; Friedrich beabsichtigte, sich Holland gegenüber damit zu entschuldigen, daß man ein Bombardement Bergens durch die englische Flotte habe fürchten müssen. --
Die Kauffahrer waren aber auf den Angriff vorbereitet. Sie hatten die Ostindienfahrer und die schwersten sonstigen Schiffe in Halbmondformation vermoort, möglichst viele Geschütze auf den dem Angriff ausgesetzten Seiten aufgestellt, am Lande flankierende Geschützstände errichtet und auch Leute zur Verstärkung der dänischen Befestigungen gelandet.[161] Der dänische Befehlshaber, General =von Alefeld=, gestattete alles dieses und beteiligte sich auch an der Abwehr; er soll zwar von der Abmachung seines Königs schon gewußt, aber noch keinen Befehl erhalten haben; so handelte er, wie es ihm Völkerrecht und Kriegsbrauch vorschrieben. Am 12. August (10.? 13.?) griff =Tyddiman= an. Er hatte sich mit Alefeld noch nicht in Verbindung gesetzt, entweder in der Annahme, daß dieser auch ohne Befehl den Absichten seines Königs folgen werde, oder gar in der Erwartung, daß er unter diesen Umständen dann auch die Beute nicht zu teilen brauche. Die Verhältnisse waren dem Angriff sehr ungünstig. Der aus dem Hafen stehende Wind erschwerte das Herankommen und hinderte die Verwendung der Brander, der auf den Schiffen lagernde Pulverdampf beeinträchtigte ihr Feuer. Nach einem Gefechte von etwa vier Stunden mußte das englische Geschwader die Anker kappen und sich mit schwerbeschädigten Schiffen und großem Mannschaftsverluste zurückziehen. General von Alefeld forderte nun allerdings von den holländischen Schiffen 100000 Taler für den gewährten und noch weiter zu gewährenden Schutz. Er erhielt auch vorläufig 3000, und man war dabei, noch mehr auf den Schiffen aufzubringen, als die Flotte unter =Ruyter= erschien. Jetzt mußten sich die Dänen mit dem feierlichen Dank der Staatendeputierten begnügen; sie hielten aber wenigstens die gelandeten 41 Geschütze zurück: »sie müßten diese zur eigenen Sicherheit behalten, da ihnen im Gefecht sehr viele eigene gesprungen oder zerschossen wären.« (»Leben Ruyters«, Seite 318.)
[161] Vermooren heißt: Ein Schiff mit Bug- und Heckanker verankern, um ein Drehen bei Wind- oder Stromwechsel zu verhindern.
Auf der Rückfahrt wurden =Flotte und Konvoi= durch einen mehrtägigen Nordweststurm =zersprengt=, nur mit 36 Kriegsschiffen stand Ruyter am 13. September südlich von der Doggerbank. Weiter auf den Schutz der zerstreuten Kauffahrer bedacht, kreuzte er noch einige Tage. Von wieder zu ihm stoßenden Kriegsschiffen erfuhr er, daß die englische Flotte in der Nähe sei. =Montagu= war zu rechter Zeit vom Norden zurückgekehrt, um aus der Zerstreuung der Holländer Nutzen ziehen zu können; 8 Kriegsschiffe, 2 Brander, 2 Ostindienfahrer und mehrere andere Schiffe wurden aufgebracht. Weiteres konnte er nicht unternehmen, da auch seine Flotte infolge des Absuchens des Sturmfeldes, vielleicht schon durch den Sturm selbst, zerstreut war. Beide Flotten sammelten sich nach und nach in ihren Häfen.
$Das Jahr 1665$ bringt um nichts mehr von Bedeutung. In =England= scheint infolge der Pest, die in London und einigen anderen Städten wütete, nichts geschehen zu sein, um die Flotte wieder schlagfertig aufzustellen; in kleinen Gruppen lagen die Schiffe auf den verschiedenen Ankerplätzen an der Küste und in den Häfen, ohne ihre Neuausrüstung zu betreiben. Ruyter lief Mitte Oktober zur englischen Küste hinüber, um die vereinzelten Teile des Feindes zu vernichten. Er erschien vor Harwich, Yarmouth, Lowestoft, vor der Solebay und den Downs, wo seine Aufklärungsschiffe Feinde gesehen hatten. Aber überall kam er zu spät, sie hatten sich jetzt in sichere Häfen, meist in die Themse, zurückgezogen; so wurden nur die Küsten alarmiert. Schließlich ging Ruyter vor die Themse in der Erwartung, die englische Flotte herauszulocken, doch vergeblich. Er blockierte die Flußmündung einige Tage und nahm auch Lotungen vor. Da aber jetzt der Winter nahte und auf der Flotte binnen kurzer Zeit der Krankenbestand bedenklich stark zunahm -- in wenig Tagen ein Krankenzugang von über 1000 Mann und 140 Todesfälle --, beschloß der Kriegsrat in Übereinstimmung mit den Deputierten, am 1. November nach Holland zurückzukehren und die Kontingente zu entlassen. Nur ein Geschwader von 18 Schiffen, deren Gesundheitszustand gut war, wurde südlich von der Doggerbank stationiert, um feindliche Hamburg- und Ostseefahrer abzufangen und eigene aufzunehmen; bald wurde es zu einer Winterflotte auf 34 Segel verstärkt und hielt sich bis in den Februar in der Nordsee und an der flämischen Küste. Sonst war der Feldzug für 1665 beendet und die Flotte wurde aufgelegt. Das Jahr hatte eigentlich nur die eine große Schlacht von Bedeutung gebracht, trotz der großen Flotten, die aufgestellt und von Holland bis zu Ende erhalten wurden; für Holland war es in der Hauptsache unglücklich verlaufen.
Auf die gegenseitigen =Handelsschädigungen= und die kleineren, wenn auch oft blutigen Zusammenstöße dabei in Kanal, Nordsee und Mittelmeer näher einzugehen, würde zu weit führen; man findet Ausführlicheres in den Geschichten der beiden Marinen.
Sofort nach dem Auflegen der Flotte beschloß man in $Holland$ die Indienststellung einer ebenso starken Flotte wie im Vorjahre für das Frühjahr $1666$. Man zog jetzt keine Schiffe der ostindischen Kompagnie mehr heran; diese zahlte statt dessen eine besondere Kriegssteuer. Infolge der Neubauten waren genügend Kriegsschiffe, besonders auch der schwersten Art, vorhanden. Die Fertigstellung der Fahrzeuge wurde den Winter über auf das eifrigste betrieben, und Hollands Aussichten schienen sich wesentlich günstiger gestalten zu wollen, da $Frankreich und Dänemark$ ein Offensivbündnis mit ihm schlossen und den Krieg an England erklärten. Die drei verbündeten Mächte waren imstande, eine ungeheure Seemacht aufzustellen; wie bereits angedeutet ist, griffen aber weder Franzosen noch Dänen ernstlich in den Krieg ein.
Nach dem Vertrage mit =Dänemark= sollte dieses den Sund und die Belte für die Engländer schließen und eine Flotte von 40 Schiffen aufstellen. Die Flotte wurde zwar in Dienst gestellt, unternahm aber nichts von Belang.
=Frankreich= sammelte eine Flotte von 40 Schiffen: 11 zu 50-80 Kanonen, 29 zu 30-40 Kanonen, einige kleinere und 15 Brander[162] -- unter dem Befehl des =Herzogs von Beaufort=, dem berühmte Seeleute, wie Chevalier =St. Paul=, =Abraham du Quesne= und =Château-Renault= unterstellt waren. Die Flotte lief schon im Januar 1666 von Toulon aus, erreichte aber erst Ende August La Rochelle, kam nie weiter als bis nach Dieppe, im September, und ging dann nach Brest zurück. Obgleich während der ganzen Zeit Unterhandlungen mit Holland über das Zusammentreffen der beiderseitigen Flotten geführt waren, kam es zu keiner Vereinigung.
[162] Clowes, Teil II, Seite 286, gibt ein Verzeichnis der Schiffe mit Namen, Kanonen- und Mannschaftszahl, als »bemerkenswert«, da es die erste größere Flotte Frankreichs in den nördlichen Gewässern sei; andere Quellen weichen unbedeutend davon ab.
$England$, von einer so mächtigen Liga bedroht, machte gleichfalls mit größter Anspannung mobil und nahm dafür eine bedeutende Anleihe zu hohem Zinsfuße auf.
Die $Flotten der beiden Hauptgegner$ waren zu gleicher Zeit, Ende Mai $1666$, seeklar. Ihre Stärken sind bereits früher (Seite 258) genauer angegeben:
über 40 K. 30-40K. Kleinere Brander England 72 8 unbekannt = 4460 K.; 21085 Mann Holland 71 13 9 9 = 4615 K.; 21909 Mann
Die englische wurde kommandiert von den Joint-Admiralen =Prinz Ruprecht= und =Herzog von Albemarle= (Monck); diese führten die Mitte, die Admirale Ayscue und Allen Vorhut und Nachhut. Jedes Geschwader war in 3 Divisionen geteilt. Die holländische Flotte war jetzt auch in 3 Geschwader geteilt; ihre Mitte führte =Ruyter=, die Vorhut Cornelis Evertsen der Ältere, die Nachhut Tromp. Bei jedem Geschwader befand sich noch ein Admiralleutnant, bei der Mitte noch ein Vize- und ein Kontreadmiral, bei Vorhut und Nachhut je zwei Offiziere dieses Dienstgrades.
Im »Leben Ruyters«, Seite 362, ist die Order des Flottenchefs wiedergegeben, die die Folge enthält, in der die Flaggoffiziere vor und hinter ihm zu segeln haben. Ich möchte sie als Beispiel anführen
{ 1 Vizeadmiral } Aus dieser Segelfolge geht { =Evertsen= 1 Kontreadmiral } die Einteilung in 3 Vorhut { 1 Vizeadmiral } Geschwader klar hervor, { 1 Admiralleutnant } die Einteilung in 3 { 1 Kontreadmiral } Divisionen aber doch nur bei der Mitte. Bei Vorhut und { 1 Admiralleutnant Nachhut sollte man eher eine Mitte { =Ruyter= und 1 Kontreadmiral Einteilung in 2 Divisionen, { 1 Vizeadmiral die dann wieder in je 3 1 Vizeadmiral } Unterabteilungen geteilt { =Tromp= } sind, annehmen; also für Nachhut { 1 Kontreadmiral } jedes dieser Geschwader hier { 1 Vizeadmiral } wieder 6 Gruppen. Jedoch { 1 Admiralleutnant } sprechen die Quellen { 1 Kontreadmiral } ausdrücklich von der Einteilung in 3 Geschwader zu 3 Divisionen. Ruyters Anordnungen für das Gefecht beziehen sich nur auf die Verwendung der 3 Geschwader.
Um Irrtümern vorzubeugen, sei erwähnt, daß der Leutnantadmiral und der Kontreadmiral der Mitte den Namen van Nes führten.
Die Viertage-Schlacht am 11. bis 14. Juni 1666.
=Diese Schlacht gilt mit Recht als eine der berühmtesten.= Auf beiden Seiten ist eine ungeheure Zahl schwerer Schiffe vorhanden; an vier aufeinander folgenden Tagen wird heiß gerungen; die beiden Flottenchefs waren die berühmtesten Seebefehlshaber ihrer Länder. Monck hat für England vielleicht nicht dieselbe Bedeutung wie Blake, Ruyter aber nimmt nicht nur in der holländischen Marine, sondern auch unter allen Seeoffizieren jener Zeit zweifellos den ersten Platz ein. Gerade über diese Schlacht geben auch die alten Quellen genauere und zusammenhängendere Schilderungen als sonst, und sie ist deshalb auch in neuerer Zeit oft bearbeitet worden. Ich folge bei der Beschreibung in der Hauptsache Mahan, einer neueren Bearbeitung; Clowes gibt fast die gleiche Schilderung. Mahan hat einen Aufsatz der »Revue maritime et coloniale«[163] zugrunde gelegt, in dem der erst neuerdings aufgefundene Brief eines Holländers, Kriegsfreiwilligen bei Ruyter an Bord, über die Viertageschlacht veröffentlicht ist. Diese Schilderung ist noch klarer und zusammenhängender als die anderer alten Quellen, die aber zum Teil in den Hauptzügen die Richtigkeit bestätigen, so daß es einigermaßen möglich ist, die vielen Widersprüche, die sich in den alten Berichten finden, zu klären.[164]
[163] Siehe Chabaud-Arnault im Quellenverzeichnis.
[164] Clowes, Teil II, Seite 276, führt die Hauptwerke über die Schlacht auf, etwa 20. Mir haben von diesen vorgelegen: de Jonge, Teil II, darin eine neuere Schilderung; »Leben Ruyters«, genaue Beschreibung einzelner Episoden; »Vie de Tromp« mit Berichten Tromps und Ruyters, einigen Briefen sowie einer amtlichen holländischen »Relation«, etwa 14 Tage nach der Schlacht geschrieben. Nach jedem Schlachttage werde ich etwaige wichtigere Abweichungen dieser Werke gegen Mahan kurz anführen.
Die holländische Flotte war am 3. Juni in den Wielingen, Bänken vor Ostende, zusammengetreten und am 5. vollzählig versammelt.[165] Sie wurde jedoch durch flaue auflandige Winde einige Tage an der Küste festgehalten, erst nach und nach gelang es durch Segeln bei Ebbe und Ankern bei Flut vom Lande abzukommen. Am 10. Juni setzte =Ruyter= bei nordöstlichem Winde seinen Kurs auf Northforeland, um die seit dem 8. in den Downs liegende englische Flotte aufzusuchen.
[165] Als bemerkenswert für uns Deutsche sei erwähnt, daß das Kontingent Amsterdam vor dem Auslaufen am 16. Mai vom Großen Kurfürsten und dem Prinzen von Oranien besucht wurde. Die Schiffe lagen in Flaggengala, der hohe Besuch speiste bei Ruyter, besichtigte verschiedene Schiffe sowie eine Gefechtsübung zweier Fregatten u. a. »Leben Ruyters«, Seite 359.
Die Flotten der Gegner waren nahezu gleichwertig; wenn die Holländer etwas an Zahl überlegen waren, so wurde dies durch die bessere Armierung der Engländer reichlich ausgeglichen. =Englischerseits= wurde jetzt aber vor dem Zusammenstoß ein großer =strategischer Fehler= gemacht. =König Karl II.= hatte die, wie sich später herausstellte, falsche Nachricht erhalten, die französische Flotte nähere sich schon dem Eingange des Kanals behufs Vereinigung mit der holländischen. Er gab deshalb von London aus den Befehl, =Prinz Ruprecht= solle mit dem weißen Geschwader (Vorhut) nach dem Westen gehen, wahrscheinlich bis Wight, hier noch etwa 10 Schiffe aus Plymouth an sich ziehen und den Franzosen entgegentreten. Diese Order erreichte die Flotte bei ihrem Eintreffen in den Downs; der Prinz ging sofort (8. oder 10. Juni) mit etwa 20 Schiffen der Vorhut, die Flaggschiffe jedoch bei der Flotte lassend, nach dem Westen ab, =Albemarle= (am 10.) aber Ruyter entgegen. Ruprecht war den Franzosen gerade gewachsen, Albemarle jedoch mit jetzt nur 58 Schiffen über 30 Kanonen wesentlich schwächer als die Holländer.
=Ruyter= war, da der Wind bei dickem Wetter auf Südwest herumging und auffrischte, in der Nacht vom 10. auf 11. ungefähr in der Mitte zwischen Dünkirchen und den Downs zu Anker gegangen, Albemarle ebenso einige Meilen zu Luward von ihm; beide Flotten sichteten sich am $11. Juni$ um 9 Uhr $vormittags$. =Albemarle= lichtete sofort Anker, um anzugreifen, obgleich er schwächer war. Bei seiner Luvstellung rechnete er mit dem Vorteil, die Wahl des Angriffspunktes sowie Umfang und Dauer des Gefechts in der Hand zu haben. Seine Seeoffiziere waren gerade wegen der Luvstellung gegen den Angriff, da sie richtig voraussahen, daß man bei dem starken Winde und der bewegten See die untersten Batterien nicht würde gebrauchen können. Die Holländer erwarteten aus denselben Gründen auch keinen Angriff und lichteten zunächst nicht Anker, so daß sie später größtenteils kappen mußten; sie strebten auch während der Schlacht nicht danach, die Luvseite zu gewinnen.
Die holländische Flotte lag mit dem Bug nach Südsüdwest, die Nachhut (Tromp) zu Luward, Mitte und Vorhut staffelförmig mehr und mehr in Lee. Albemarle führte seine Flotte über Backbord-Bug an dem Gegner entlang, ließ aber dessen Mitte und Vorhut außer Schußweite und näherte sich erst, als er querab der Nachhut war. Die Holländer gingen nun über denselben Bug auch unter Segel, aber das Gefecht entbrannte zunächst nur, gegen Mittag, zwischen der englischen Flotte und =Tromp=. Wenn auch bei der langen Linie Albemarle nur etwa 35 Schiffe gut aufgeschlossen bei sich sah, weil seine Nachhut etwas zurückgeblieben war und ihre Linie sich geöffnet hatte, so war er doch in den ersten Stunden des laufenden Gefechts der Überlegene (Skizze S. 275: Position 1).
Die holländische Mitte konnte erst allmählich herankommen und in das Gefecht eingreifen, die Vorhut erst gegen Ende der Schlacht. Tromps Schiffe litten schwer; der Admiral selbst mußte noch in der Schlacht auf ein anderes Schiff übergehen, ein (oder gar zwei) Fahrzeuge verbrannten, ein Kontreadmiral fiel. Nach etwa 4 Stunden halste die englische Flotte, alle Schiffe zugleich, da man fürchtete, den Bänken vor Dünkirchen zu nahe zu kommen; Tromp folgte diesem Beispiel. Die fechtenden Schiffe beider Gegner waren etwas nach Lee getrieben, dadurch war es =Ruyter= leichter möglich geworden, heranzukommen (Position 2). Während nun die Engländer über Steuerbord-Bug nach Westen zogen, stieß ihre jetzt schließende Vorhut scharf mit Ruyter zusammen; ihre Schiffe hatten wohl am meisten gelitten und auch die Fühlung verloren, sie wurden nun übel zugerichtet (Position 3), verschiedene Schiffe wurden hier abgeschnitten und außer Gefecht gesetzt; der Vizeadmiral =Berkeley= fiel. Hier konnten jetzt auch schon die ersten Schiffe der holländischen Vorhut eingreifen; ihr Chef, Leutnantadmiral =Evertsen=, wurde dabei getötet (Position 4).
Einige Einzelheiten mögen folgen, um die Kampfweise zu veranschaulichen: Eins der abgeschnittenen Schiffe »Swiftsure«, Flaggschiff des Vizeadmirals Berkeley, wurde umringt und von verschiedenen Seiten geentert. Der Admiral focht schließlich fast allein auf dem Quarterdeck, weil alles um ihn gefallen war, bis ihn eine Pistolenkugel durch die Gurgel traf. Darauf zog er sich in die Kajüte zurück und wurde hier auf dem Kajütstisch ausgestreckt tot aufgefunden. -- An dem bewegungslosen Schiff des Kontreadmirals Harman machte sich ein Brander fest. Dem ersten Leutnant gelang es aber mitten in den Flammen die Fangeisen zu lösen und sich unbeschädigt aufs eigene Schiff zurückzuschwingen. Ein zweiter Brander setzte die Segel in Brand, fast 50 Mann sprangen im Schreck über Bord. Der Admiral selbst trieb mit gezogenem Säbel die Besatzung zum Löschen an; es gelang, aber eine herabfallende Marsraa zerbrach dem Admiral ein Bein. Ein dritter Brander wurde in den Grund geschossen. Jetzt naht Evertsen und fordert zur Übergabe auf. Harman antwortet: »Soweit sind wir noch nicht«, gibt eine Breitseite ab, wodurch Evertsen getötet wird, bringt dann sein Schiff aus dem Gefecht nach Harwich und sucht nach nur eintägiger Ausbesserung und trotz seines gebrochenen Beines die Flotte wieder auf; er kommt aber zum Kampfe zu spät. Ähnliche Beispiele hartnäckiger Ausdauer und unbeugsamen Mutes finden wir auch auf holländischer Seite im »Leben Ruyters«.
Erst die Nacht trennte die Gegner, doch scheint es sich zuletzt nur noch um den Kampf in der Melee einiger Schiffe Ruyters und Evertsens mit den Schlußschiffen der Engländer gehandelt zu haben. Das englische Gros zog Nordwest steuernd ungehindert an dem Evertsenschen Geschwader, das zum größten Teil nicht ins Gefecht gekommen war, vorüber und die Holländer machten sich daran, ihre Beschädigungen auszubessern, darunter Ruyters übel zugerichtetes Schiff.
Mahan sagt zu diesem Tage: »Der Angriff Albemarles war ein taktisches Meisterstück, ähnlich dem Nelsons bei Abukir. Mit schnellem Blick hatte er einen schwachen Punkt des Feindes erkannt und eine beträchtlich stärkere Streitmacht so angegriffen, daß nur ein Teil dieser ins Gefecht kam. Wenn auch die Engländer die größeren Verluste erlitten, so nahmen sie doch das Bewußtsein einer glänzenden Waffentat mit sich, während bei den Holländern Ärger und Niedergeschlagenheit herrschen mußte.«
Er fügt ferner hinzu: »Der (schon erwähnte) Augenzeuge sagt, das Mißgeschick der Engländer habe seinen Grund darin gehabt, daß ihre Linie zu lang gewesen sei; wenn Monck aufgeschlossener gefahren wäre, so hätten die Holländer nicht einige Schiffe abschneiden können.« Die Bemerkung ist richtig, die Kritik kaum. Das Auseinanderkommen war bei soviel Segelschiffen unvermeidlich und eine der Zufälligkeiten, mit denen Monck rechnen mußte.
Ich möchte in dieser Beziehung darauf hinweisen, daß der Stoß auf Tromp allerdings noch wuchtiger gewesen sein würde, wenn beim Angriff Moncks Flotte völlig aufgeschlossen gewesen wäre; dies war durch das zu schnelle Heranführen einer langen Linie von Segelschiffen verhindert. Abgeschnitten wurden nachher aber nur Schiffe, die geschlossen ins Gefecht geführt waren und beschädigt zurückblieben, als Monck der Sände wegen halsen mußte. Hierin kann man also keinen Fehler erblicken.
Beide Flotten benutzten die Nacht, um Beschädigungen auszubessern, Kartuschen zu füllen, kurz, sich auf einen neuen Kampf vorzubereiten; dieser folgte bereits am nächsten Tage.
Die Engländer hatten die Nacht über nach der englischen Küste zu gelegen und kehrten am Morgen zurück; die Holländer waren nach Abbruch des Gefechts zunächst südöstlich gesteuert und standen dann wieder nach Westen hin. Beim $Zusammenstoß am 12. Juni$ lagen die Engländer über Backbord-Bug, die Holländer über Steuerbord; die Engländer standen bei leichtem Südwestwinde zu Luward. Die holländische Linie war weit länger, mindestens 75 Schiffe standen 44 gegenüber, aber sie war nicht gut geordnet, einzelne Fahrzeuge maskierten das Feuer anderer.
=Tromp= sah dies und ging, um den Nachteil auszugleichen, mit der Nachhut auf die Luvseite der Engländer hinüber, als die Spitzen der beiden Flotten querab voneinander waren; er konnte dieses Manöver ausführen, weil die Engländer nicht beim Winde lagen, um die feindliche Linie auf Parallelkurs zu passieren. Er scheint sogar einen kurzen Schlag über Backbord-Bug gemacht zu haben (Skizze S. 278: Position 1). Sein Benehmen mußte Ruyter irremachen; es kam hinzu, daß gleich darauf zwei Flaggschiffe der Vorhut hart abhielten, als sie etwa querab vom feindlichen Zentrum waren; um seine Flotte einigermaßen beieinander zu halten, mußte auch er abhalten (Position 2). So kam Tromp durch die in guter Ordnung weiter segelnden Engländer in große Gefahr; einer seiner Vizeadmirale fiel, er selbst mußte wiederum sein Flaggschiff wechseln. Vielleicht wäre er vernichtet worden, wenn nicht =Albemarle= die Ausnutzung seiner günstigen Lage hätte aufgeben müssen, da =Ruyter= die wiedergesammelten Teile seiner Flotte über Backbord-Bug heranführte und die Luvstellung zu gewinnen drohte (Position 3). Wie schmerzlich Ruyter das Benehmen seiner Unterführer empfand, kam zum Ausdruck, als Tromp in einer Pause nach diesem Gefecht zu ihm an Bord kam: die Matrosen jubelten ihm zu, Ruyter aber sagte: »Es ist jetzt keine Zeit zu Freudenbezeugungen, eher für Tränen.« Die Lage war auch weiter noch höchst ungünstig. Die Ordnung der Holländer war gänzlich zerstört, eine Linie gab es nicht, die Schiffe lagen »wie eine Herde Schafe« zusammen. Die Engländer hätten bei rechtzeitiger Rückkehr den unbehilflichen Haufen umzingeln und zusammenschießen können; Albemarle scheint jedoch noch längere Zeit über Backbord-Bug weiter gelegen und dann wieder passiert zu haben, ohne ernstlich anzugreifen (Position 4). Wahrscheinlich fühlte er sich bei der geringen Zahl seiner Schiffe, die wohl auch vielfach durch Beschädigungen in der Takelage im Manövrieren gehindert waren, nicht stark genug, auf eine solche Weise die Entscheidung herbeizuführen.
Ruyter gewann also Zeit, seine Linie wieder herzustellen, bis Albemarle zum zweiten Male zurückkam. Bei diesem dritten Passieren verlor Ruyters Schiff Großraa und Großstänge, so daß bei einem vierten =van Nes= die Flotte führen mußte; dieser befand sich bei der Mitte und war als Leutnantadmiral der Maas stellvertretender Chef. Nach dem letzten Zusammentreffen brach =Albemarle= ab und zog sich nach Westen zurück. =Der Verlust= an Schiffen scheint am zweiten Tage annähernd gleich gewesen zu sein, 3 oder 4 auf jeder Seite gesunken oder verbrannt. In ihrer Gesamtheit hatten die englischen Schiffe wohl mehr gelitten. Der Rückzug Albemarles war jedoch, auch nach den holländischen Aussagen, ein ehrenvoller, in vollster Ordnung ausgeführt. Mit einer Dwarslinie seiner am wenigsten beschädigten Schiffe (16 oder 28) deckte er die schwerer beschädigten; drei davon verbrannte er, damit sie nicht hinderten und auch nicht dem Feinde in die Hände fielen (Position 5).
Für diesen zweiten Tag sind die =Abweichungen= in den älteren Quellen und Werken nicht unwesentlich. Zunächst sprechen diese von ein oder zwei Passiergefechten, ehe vorstehende Beschreibung einsetzt; dann habe Windstille den Kampf bis gegen Mittag unterbrochen. Dies ist nicht so wichtig, weil hierbei keine ausschlaggebenden Ereignisse vorgekommen sind; wichtiger aber ist, daß bei der Wiederaufnahme des Kampfes, der dann im allgemeinen wie geschildert verläuft, nach einigen Quellen beim ersten Passieren (Position 1) die Holländer zu Luward gestanden haben sollen (so nach der »Relation« und nach »Leben Ruyters«; de Jonge und »Ruyters Bericht« heben es nicht hervor); nur Tromp sei in Lee gewesen, entweder weil er eigenmächtig den Feind durchbrochen habe oder weil er die Luvstellung nicht mit habe gewinnen können, Ruyter habe ihm durch Einbrechen in die feindliche Linie zu Hilfe kommen wollen. Die Verwirrung in der holländischen Flotte sei nach einigen Quellen dann herbeigeführt, weil zu wenig Schiffe Ruyter gefolgt seien, nach andern, weil Ruyter seine Absicht wieder habe aufgeben müssen, da die Engländer Miene machten, ihn von dem Rest der Flotte zu trennen. Von der Position 4 einschließlich an stimmen die Angaben dann überein. Die Verwirrung in der Flotte, die schlimme Lage bei Position 4, ist in holländischen Quellen nur zwischen den Zeilen zu lesen. Die Eigenmächtigkeit Tromps wird nur von de Jonge angedeutet, Ruyter selbst erwähnt sie in seinem Bericht nicht, was wohl mit seinem vornehmen Charakter zu erklären wäre, um so mehr, falls Tromp nur in bester Absicht so gehandelt hatte.
$Am 13. Juni$ setzten die Engländer in derselben Weise (Position 5) bei östlichem Winde den Rückzug fort. =Albemarle= wollte ein Gefecht vermeiden, bis er durch das Geschwader des Prinzen Ruprecht verstärkt wäre. Diesem war sofort beim Erscheinen der holländischen Flotte von London aus der Befehl zur Rückkehr nachgesandt, aber, wie man sagt, aus Unachtsamkeit nicht durch Kuriere und Eilschiffe, sondern mit der »gewöhnlichen Post« nach Plymouth. Die Holländer setzten alle Segel zur Verfolgung bei, verloren aber in dem Bestreben, am Feinde zu bleiben, infolge ihrer im allgemeinen geringeren Segelfähigkeit jede Ordnung. Es kam am 13. zu keinem Zusammenstoß, nur auf weitere Entfernungen wurden einige Schüsse gewechselt. Am Nachmittag kam im Westen ein Geschwader von etwa 25 Segeln in Sicht; zum Glück für die Engländer war es =Ruprecht= und nicht die Franzosen.
Einen Erfolg brachte dieser Tag doch für Holland. Am Nachmittag lief das Schiff des Admiral Ayscue (Vorhut) bei Galloper auf und wurde von Tromp, unterstützt von 2 Brandern, zum Streichen der Flagge gezwungen (Position 5); von seinen Kameraden konnte es nicht unterstützt werden, ohne den ganzen Rückzug zu gefährden. Gern hätte Tromp sein Opfer -- den »Royal Prince«, das stolzeste Schiff Englands -- als Beute heimgeführt, aber Ruyter befahl die Verbrennung. Anhänger Tromps legten dies als eine Mißgunst des Flottenchefs aus, was aber bei Ruyters Charakter höchst unwahrscheinlich ist, und der Vorfall erhöhte die Spannung zwischen den beiden Admiralen. Ruyter war jedoch im Recht; er gab den Befehl, weil er im Hinblick auf das gesichtete Geschwader einen Verlust der Beute fürchten mußte.
Beim Einbruch der Nacht vereinigten sich die beiden englischen Führer und beschlossen, am andern Tage wieder anzugreifen. Die Entscheidung stand bevor, auch Ruyter wollte sie herbeiführen, obgleich die Verhältnisse jetzt nicht mehr so günstig für ihn lagen. An Zahl der Schiffe waren die Gegner zwar nahezu gleich, es standen sich etwa 64 Holländer und 60 Engländer gegenüber -- außer den vernichteten waren viele beschädigte von den Flotten abgekommen --, aber die Engländer verfügten über gut 20 unversehrte Schlachtschiffe mit frischen Besatzungen; schon in der Minderzahl hatten sie sich infolge ihrer besseren Flottendisziplin fast gleichwertig gezeigt. Ruyter steuerte die Nacht über östlich, um freieres Wasser zu erreichen, rief am Morgen seine Kommandanten an Bord, ermahnte sie »noch einen Tag auszuhalten« und suchte dann auch den Feind auf.
$Am 14. Juni$ wehte es frisch aus Südsüdwest, die Holländer waren zu Luward, beide Flotten lagen über Steuerbord-Bug. Die Engländer machen keinen Versuch, die Luvstellung zu gewinnen; beide Führer manövrieren nicht darauf hin, ein Passiergefecht herbeizuführen, sondern benutzen einerseits die Luvstellung, anderseits die bessere Segelfähigkeit dazu, ihre Flotte zum Angriff genau querab vom Feinde zu führen. So entbrennt ein laufendes Gefecht der ganzen Linien unter kleinen Segeln und auf nächste Entfernungen; teilweise berühren sich die Raaen (Skizze: Position 1).
Infolge des Pulverrauchs und der Beschädigungen geht bald die Ordnung verloren, besonders gewinnen viele englische Schiffe die Luvstellung einigen Holländern gegenüber, da sie ja höher beim Winde liegen konnten. So kommt =Tromp= mit 6-8 wahrscheinlich beschädigten Schiffen der Nachhut nach Lee und ist längere Zeit nicht imstande, sich am Gefecht zu beteiligen. Eine zweite Gruppe holländischer Schiffe (14?) unter dem Kontreadmiral =van Nes= kommt dadurch von der Flotte ab, daß sie unter vermehrten Segeln eine, sehr nach Luward aufgesteuerte, englische Gruppe (4? Schiffe) von ihrer Hauptmacht abschneidet, verjagt und verfolgt. Der Rest der holländischen Flotte war so einem überlegenen Feinde gegenübergeblieben. Glücklicherweise hatte =Ruyter= immer noch gegen 35 Schiffe der verschiedenen Geschwader bei sich und stand mit seiner Hauptmacht zu Luward der feindlichen (Position 2); immerhin war es längere Zeit eine schwere Lage für ihn. Hart am Winde, vielleicht auch aufkreuzend, steuerte unter heißem Kampf und teilweise in der Melee diese Hauptschlacht nach Luward auf.
Inzwischen hatte Tromp seine Schiffe in stand gesetzt. Um wieder auf den Kampfplatz zu kommen, preßte er Segel, lief in Lee der kämpfenden Flotten vorbei und riet auch van Nes von der Verfolgung ab. Beide wendeten. Zwar konnten sie die Luvstellung nicht gewinnen, aber sie erschienen doch fast gleichzeitig in Lee der Hauptflotten, so daß die Engländer dubliert waren (Position 3). Als Ruyter dies sah, gab er das Signal zum allgemeinen Angriff, Einbruch in den Feind, wodurch die englische Ordnung völlig zerstört wurde (Position 4). Noch eine kurze Zeit wurde heiß gefochten; nach und nach gelang es aber den englischen Schiffen, sich aus der nun allgemeinen Melee nach Luward in eine gewisse Sicherheit zu ziehen und sich gegen 7 Uhr abends wieder zu sammeln. Einige 20 Segel kamen so zusammen; an 10 bis 12 Schiffe waren an diesem Tage verloren gegangen, viele andere von der Flotte abgekommen. Es wehte jetzt sehr schwer, so daß auch die ermatteten Holländer mit ihren beschädigten Schiffen nicht mehr an eine Erneuerung des Kampfes dachten.
Die =älteren Schilderungen= weichen nur unwesentlich ab: der Wind wird auf Südsüdost angegeben. Dann sagen diese, Ruyter habe gleich bei Beginn des Gefechts den Befehl gegeben, in die feindliche Ordnung einzubrechen; dies sei von den drei Geschwadern an drei verschiedenen Stellen geschehen. Die englische Ordnung sei hierdurch gestört, aber gleich wieder hergestellt worden. Das Manöver sei dann wiederholt worden, aber nicht allen Schiffen gelungen, und Tromp habe sich mit einigen Schiffen aus dem Gefecht zurückziehen müssen. So kommen wir auf diese Weise zu Position 2, von der an dann, einschließlich des Vorfalles van Nes, die Beschreibung die gleiche bleibt. -- Wenn Mahans Augenzeuge[166] sagt, van Nes habe das Manöver mit der Vorhut ausgeführt, so dürfte dies ein Irrtum sein. Nach der Ordre de bataille standen beide van Nes bei der Mitte; da der Leutnantadmiral die erste Division dieses Geschwaders führte, hat vielleicht eine Verwechslung der Personen zu dem Irrtum Veranlassung gegeben.
[166] Mahan, Teil I., Seite 118, dagegen »Leben Ruyters« Seite 362 und 374.
Abends war Nebel aufgekommen, die Holländer fürchteten die englischen Bänke, und so verloren sich die Gegner während der Nacht aus Sicht. Als man am 15. Juni morgens auch von den Toppen kein feindliches Segel mehr sah, führte =Ruyter= seine Flotte nach den Wielingen zurück; sie war nicht mehr imstande, ohne gründliche Ausbesserungen längere Zeit die See an feindlicher Küste zu halten. Es mangelte auch an Munition, doch diese hätte man kommen lassen können. Munitionsschiffe waren vorhanden.
=Die Viertageschlacht war eine große Niederlage der Eng1änder.= Sie selbst geben zu, daß ihr =Verlust= 17-19 Schiffe (die Holländer sagen 32) -- darunter 6 in Feindeshand gefallen --, 5000 Tote und Verwundete, 3000 Gefangene betragen habe und daß die übrigen Schiffe ganz außerordentlich gelitten hätten. Die Holländer verloren 4-7 Schiffe (sie selbst sagen nur 4) und 2-3000 Mann.
Der den Engländern zugefügte Verlust war aber auch der einzige Erfolg der Holländer. Die eigene Flotte war nicht imstande, den Sieg auszunützen, und vernichtet war die feindliche Seestreitkraft nicht, wie sich bald zeigen sollte. Ruyter hatte sich als großer Führer gezeigt, die meisten Holländer hatten wie stets brav gefochten, aber Mangel an Einsicht und Disziplin war doch wieder zutage getreten, während sich die englische Flottendisziplin auch in ungünstigen Lagen glänzend bewährt hatte.
Die zweite Schlacht bei Northforeland am 4./5. August 1666
(Schlacht vor der Themse; St. James' Fight)
und die weiteren Ereignisse des Jahres 1666.
In =Holland= ging man mit großem Eifer an die Wiederherstellung der beschädigten Schiffe oder ihren Ersatz. Schon am 4. Juli waren 59 Kriegsschiffe und 1 Brander, am 6. gar 75 und 7, segelfertig; nach dem Auslaufen traten noch weitere Fahrzeuge, besonders Brander, hinzu. =Ruyter= hatte den Befehl, so schnell wie möglich zur englischen Küste zu gehen, um die Wiederaufstellung der englischen Flotte und die Vereinigung ihrer verschiedenen Teile zu hindern. Zu diesem Zweck waren Vorstöße gegen die Ausrüstungshäfen und Ankerplätze ins Auge gefaßt; man dachte sogar im Haag an eine Landung bei Northforeland unter der Anleitung eines Engländers[167], der als geflohener Republikaner in Holland lebte, und schiffte hierzu 6000-7000 Landsoldaten auf Transportern ein. Für den weiteren Feldzug hoffte man nun fest auf die Unterstützung der Franzosen. Vom 4. Juli an bestand die Absicht, in See zu gehen, aber wiederum erschwerten flaue und auflandige Winde das Auslaufen aus den Wielingen und hielten die Flotte an der Küste fest; erst am 13. erschien Ruyter vor der Themse. Jedoch man hatte den letzten Erfolg überschätzt. Auch =England= hatte seine Schiffe wieder hergestellt und sie infolge des verzögerten Auslaufens des Gegners in der Themse und in Harwich zusammenziehen können, so daß sie an anderen Orten keine Angriffspunkte mehr boten.
[167] »Leben Ruyters«, Seite 383: Samuel Raven in Rotterdam »glaubte dort Freunde zu finden, mit deren Hilfe er einen Aufstand erregen könnte«.
Die Schiffe in Harwich, etwa 20, anzugreifen, wagte =Ruyter= nicht, da die enge Hafeneinfahrt stark befestigt war. In die Themse sandte er am 13. ein Geschwader von 7 Schlachtschiffen und 10 Gallioten. Diese =Erkundungsabteilung= drang auslotend bis in die Höhe des Mittelgrundes vor, englische Vorposten zogen sich auf ihre Flotte bei Sheerness zurück. Man fand alle Seezeichen aufgenommen und alle vielleicht zu einer Landung geeigneten Plätze stark besetzt; ebenso hatte sich die beabsichtigte Landung bei Northforeland als undurchführbar gezeigt. Eine weitere Forcierung der Themse schien bei dem unbekannten Fahrwasser, besonders für schwere Schiffe und mit dem Feinde in Harwich in der Flanke, unmöglich. Der Landungsplan wurde aufgegeben und die Transporter mit Soldaten zurückgesandt, wie man auch ein um diese Zeit ergangenes Anerbieten Ludwigs XIV., in Dünkirchen 2000 Mann zur Einschiffung zu stellen, ablehnte. =Ruyter= blockierte nun den Fluß und beschloß, das Herauskommen des Gegners abzuwarten. Er gab für diesen Fall den Befehl für alle Schiffe aus, sich dann aus der Themsemündung zurückzuziehen, um dem Feinde frei von den Sänden im offenen Wasser entgegenzutreten. Dementsprechend wurde verfahren, als man die Engländer am 1. August mit der Ebbe den Fluß herabkommen sah. Beide Flotten ankerten am Abend dieses Tages, die Engländer noch im Flußrevier. Am 2. kamen diese in See, flaue Winde hinderten jedoch eine gegenseitige Näherung. In der folgenden Nacht setzten schwere Gewitterböen ein, die auf beiden Seiten Beschädigungen verursachten; Ruyter war froh, seine Flotte gerade vorher noch frei von den Gallopersänden geführt zu haben. Am 3. wurde bei umspringenden Winden um die Luvstellung manövriert, auch strebte Ruyter weiter dahin, von den Sänden abzukommen; Abends ankerten beide Flotten wiederum, wahrscheinlich ostnordöstlich von $Northforeland$ in freiem Wasser. Die =englische Flotte= war 89 Schiffe, 20 Brander (nach Clowes 81 und 18) stark; sie stand unter dem gemeinsamen Befehle von =Albemarle= und =Prinz Ruprecht= (beide auf »Royal Charles« 90 K.), die Vorhut führte Admiral Allen, die Nachhut Admiral Smith. Die =holländische Flotte= zählte 72 Schlachtschiffe zu 37-80 Kanonen, 16 Fregatten zu 26-30 Kanonen, 10 Advisjachten und 20 Brander; =Ruyter= (»7 Provinzen« 80 Kanonen) kommandierte die Mitte, Jan Evertsen die Vorhut, Tromp die Nachhut.
Es waren also ähnliche Flotten wie vor der Viertageschlacht, englischerseits 4460 Geschütze, holländischerseits 4704. Über die englischen Schiffe sind genauere Angaben nicht vorhanden. Die holländischen findet man nach Kanonenzahlgruppen näher aufgeführt in de Jonge, Teil I, Beilage XXXV. In »Leben Ruyters« Seite 378 steht die holländische Ordre de Bataille, die aber belanglos ist.
=Jan Evertsen= hatte sich trotz seiner Mißhandlung wieder zum Kommando gemeldet: »um wie sein Vater, einer seiner Söhne und seine vier Brüder, wenn nötig, für das Vaterland zu sterben;« er fand auch seinen Tod in dieser Schlacht.
Am frühen $Morgen des 4. August$[168] lichteten beide Flotten Anker. Es war flau mit häufig eintretenden Stillen. Der Wind scheint zwischen Nordost und Nordwest gespielt zu haben, nur so sind die Widersprüche in den Quellen bei den Windangaben zu verschiedenen Zeiten und an den verschiedenen Orten des Gefechtes zu erklären. Nach den älteren holländischen Angaben haben die Engländer nordöstlich der Holländer zu Anker gelegen und nachher die Luvstellung gehabt; nach Clowes ist der Wind bei Eröffnung des Gefechts Nordwest gewesen und die Holländer haben zu Luward gestanden, aber auch hier wird bald von nördlichem und nordöstlichem Winde gesprochen. Die im übrigen ziemlich gleiche Beschreibung der Schlacht läßt die Luvstellung der Engländer wahrscheinlicher erscheinen. Die englische Flotte war in gut rangierter Kiellinie. Die Ordnung der Holländer ließ viel zu wünschen übrig. Infolge des Ankerlichtens bei flauem Winde mit Stillen und scheinbar erst ausgeführt, als der Feind schon unter Segel gesichtet, waren Vorhut und Mitte zwar aufeinander aufgeschlossen, hatten aber verschiedene Schiffe in Lee stehen; die Nachhut unter Tromp war weiter zurückgeblieben.
[168] Quellen wie bei der »Viertage-Schlacht«, nur Mahan beschreibt sie nicht. Die in England auch gebräuchliche Bezeichnung »St. James' fight« rührt daher, daß sie am St. James-Tage geschlagen wurde.
Mehrere Stunden vergingen, bis die Gegner zusammentrafen, erst zwischen 10 und 11 Uhr begann das Gefecht. Beide Flotten lagen über Steuerbord-Bug, die Engländer wie gesagt wahrscheinlich zu Luward. Zuerst stießen die =Vorhuten= zusammen, dann die =Mitten= und zwischen diesen Flottenteilen entbrannte ein sofort heftiger Kampf; der leichte Wind erlaubte dieses Mal die vollste Ausnützung der schwereren Artillerie seitens der Engländer. Besonders die holländische Vorhut leidet schwer und mit verhängnisvollen Zufällen: Der Chef, =Jan Evertsen=, und ein Vizeadmiral fallen, der zweite Leutnantadmiral =de Vries= wird tödlich verwundet, das Flaggschiff des zweiten Vizeadmirals muß verlassen werden und sinkt dann. Die Folge ist, daß die Vorhut gegen 1 Uhr zu weichen beginnt; sie ist durch Signale Ruyters nicht zu halten, sondern mehrt Segel, hält ab und flieht. Die Mitte hält sich besser, der Flottenchef selbst kämpft hartnäckig gegen die beiden schwersten englischen Schiffe (»Royal Charles« 90 und »Royal Sovereign« 100 Kanonen). Als er aber in einer kurzen Gefechtspause die allgemeine Flucht der Vorhut bemerkt, seine Nachhut nur in weiter Ferne sieht, beschließt er, das Gefecht abzubrechen. Er war um so mehr dazu genötigt, als der Angriff auf seine Mitte noch stärker zu werden drohte. Die englische Vorhut verfolgte nämlich nicht ihren fliehenden Gegner, sondern wandte sich richtigerweise auch gegen Ruyters Geschwader, worauf auch von diesem einzelne Schiffe weichen. Mit etwa 20 Schiffen tritt =Ruyter= unter kleinen Segeln in bester Ordnung den Rückzug an. Er beabsichtigte so, die Fliehenden zu decken, und hoffte sich mit diesen und während der Nacht auch mit Tromp wieder zu vereinigen und dann am nächsten Tage dem Feinde aufs neue entgegentreten zu können.
=Tromp= war, wie erwähnt, weiter zurückgeblieben. In die so entstandene Lücke der holländischen Linie brach nun die englische Nachhut (Smyth) ein -- so sagt Ruyter in seinem Bericht; er wirft auch Tromp vor, das Zurückbleiben selbst verschuldet zu haben -- oder Tromp manövrierte daraufhin, seinen Gegner von dessen Hauptmacht abzuschneiden, oder wie am zweiten Tage der Viertageschlacht zu Luward von diesem und überhaupt schneller an den Feind zu kommen -- so sagt Tromp in seinem Rechtfertigungsbericht. Jedenfalls entspann sich zwischen den =beiden Nachhuten= ein besonderes Gefecht, das sich zunächst über Backbord-Bug mehr und mehr vom Hauptschlachtfelde fortzog. =Smyth= soll dies mit Absicht herbeigeführt haben, da sein Geschwader das schwächste der englischen Flotte, dagegen das Tromps (das Amsterdam-Kontingent) das mächtigste der holländischen war. Tromp war auch im Vorteil, ein großes englisches Schiff ("Resolution« 62) wurde verbrannt. Er ließ sich immer mehr verlocken, verfolgte den Gegner immer weiter, scheinbar später mit westlichem Winde, nach Nordosten hin, so daß die Hauptflotten schließlich aus Sicht kamen. Erst am anderen Morgen brach er das Gefecht in der Nähe von Galloper ab und suchte seine Flotte wieder auf; den nun seinerseits hart folgenden Smyth hinter sich, entging er nur durch Zufall der Gefahr, von diesem und der englischen Hauptflotte in die Mitte genommen zu werden.
$Am Morgen des 5. August$ sah sich =Ruyter= mit nur 7 oder 8 Schiffen von den Engländern mit einigen zwanzig Segeln zu Luward, in Lee und achtern im Halbmond umgeben und wieder angegriffen; vor ihm liefen seine übrigen Schiffe und die der Vorhut auf die Wielinge zu und waren durch kein Signal zum Stehen zu bringen. Tapfer fechtend deckte er das Einlaufen der Fliehenden zwischen die Bänke; der Angriff richtete sich besonders auf sein eigenes Schiff, ein Brander konnte nur durch seine und der nächsten Fahrzeuge Boote abgeschlagen werden. Als auch er eingelaufen war, sandte er sofort ein kleineres Geschwader wieder in See, um Versprengte aufzunehmen. Tromp traf erst am 6. auf der Rhede ein; sein Einlaufen wurde nicht gehindert, da die Engländer zu weit in Lee standen.
=Die Schlacht war eine völlige Niederlage der Holländer.= Doch scheint ihr =Verlust= nicht so bedeutend gewesen zu sein. Englische Quellen geben ihn zwar auf 20 Schiffe (genommene werden aber nicht erwähnt) und 7000 Tote und Verwundete an, aber die Holländer selbst sprechen nur von 2 Schiffen und z. B. bei der Mitte nur von 518 Mann. Die eigenen Verluste beziffern die Engländer auf ein Schiff und 300 Mann. Die =Gründe der holländischen Niederlage= waren: Die mangelnde Ordnung -- in diesem Falle allerdings wohl den ungünstigen Windverhältnissen beim Ankerlichten zuzuschreiben --, die nach dem Fall der Führer eingerissene Mutlosigkeit in der Vorhut -- der alte Mangel an militärischer Einsicht und Gefühl, sowie die mangelnde Erziehung zu einer Flottendisziplin -- endlich das Verhalten Tromps.
Es wurde denn auch gegen mehrere Kommandanten der Vorhut die Untersuchung eingeleitet, jedoch nicht ernstlich durchgeführt. Tromp wurde verabschiedet, allerdings auf sein Gesuch. Man war sich doch klar geworden, daß der im übrigen so tüchtige Mann mit Ruyter nicht zusammenwirken könne. Da er sich auch sonst oft eigensinnig gezeigt hatte und weil er Oranier war, bedauerte die Regierung seinen Verlust nicht allzusehr. Ruyters Verdienst, die Rettung der Flotte vor gänzlicher Vernichtung durch seine Rückzugsgefechte an beiden Tagen, wurde dagegen allgemein anerkannt; sogar Ludwig XIV. verlieh ihm einen hohen militärischen Orden.
=Ruyter beschuldigte Tromp=, dem er die Hauptschuld der Niederlage zuschrieb, schwer. Wie mißlich er die Lage der Flotte angesehen, geht daraus hervor, daß er im Gefecht am zweiten Tage ausrief: »Will denn keine der tausend Kugeln mich treffen.« Auf den Vorschlag seines Schwiegersohnes aber, dem Feinde entgegenzugehen und einen ehrenvollen Tod zu suchen, antwortete er, es sei seine erste Pflicht, die Fliehenden zu decken und auch die Schiffe bei ihm dem Vaterlande zu erhalten. Ferner sagt er in seinem Berichte, am zweiten Tage habe er die völlige Vernichtung der Flotte vor Augen gesehen, nur die lauer werdende Verfolgung -- wohl die Besorgnis der Engländer vor den nahen Sänden -- habe eine solche verhindert.
Er warf nun Tromp vor, durch eigene Schuld sein Zurückbleiben veranlaßt zu haben; auch später habe dieser immer noch das Gefecht rechtzeitig abbrechen und leicht, da er zu Luward stand, mit seinem so starken Geschwader zur Unterstützung herankommen können. Es wurden in Holland selbst Stimmen laut, Tromp habe böswillig aus Eifersucht und Haß gegen Ruyter, ja sogar aus politischen Gründen so gehandelt, da er Oranier, Ruyter dagegen eifriger Anhänger de Witts war. Es ist aber anzunehmen, und so auch aus Tromps Rechtfertigungsbericht zu lesen, daß es wieder ein Ausfluß seines Ehrgeizes und seines hitzigen Temperamentes gewesen ist: Durch die Umstände zuerst zurückgehalten -- Windstille beim Ankerlichten, während die beiden andern Geschwader leichten Wind hatten und absegelten --, versucht er dann ohne Rücksicht auf die Flotte, möglichst schnell an den Feind zu kommen. Durch den ersten Erfolg berauscht, beißt er sich fest, in der Hoffnung, die englische Nachhut gänzlich zu vernichten. Er hielt Ruyter für genügend stark an sich (eigener Ausspruch); auch seine Unterführer haben später ausgesagt, mit dem Vorgehen ihres Chefs ganz einverstanden gewesen zu sein. Sein Hauptfehler war, daß er ohne Befehl und Wissen Ruyters gehandelt und daß er nicht rechtzeitig abgebrochen hat.
Zwar war er ein Gegner Ruyters und Oranier, aber es ist kein Beweis vorhanden, daß es ihm an Vaterlandsliebe selbst bei einer ihm unsympathischen Regierung mangelte. Als er nach seiner Verabschiedung ein sehr vorteilhaftes Anerbieten erhielt, in französische Dienste zu treten, lehnte er es ab und zog sich vorläufig ins Privatleben zurück.
=Die Engländer waren nach der Schlacht die Herren der See= und benutzten dies zu einem Unternehmen gegen die Küste. Nachdem sie einige Tage bei Schooneveld-Bank, einem beliebten Ankerplatz der Holländer, zu Anker gelegen und von hier aus die feindliche Flotte in den Wielingen beobachtet hatten, gingen sie nördlich, brachten Kauffahrer auf und alarmierten die Küste. Auf dem Wege erfuhren sie von einem kassierten früheren holländischen Kapitän, daß in dem =Vlie-Strome=, zwischen Vlieland und Terschelling, eine große Zahl reichbeladener Kauffahrer von nur zwei Kriegsschiffen gedeckt läge und daß wertvolle Magazine des Staates und der ostindischen Kompagnie auf genannten beiden Inseln leicht zu zerstören seien. Kontreadmiral =Holmes=, uns schon von Westafrika her bekannt, wurde am 18. August mit 9 kleineren Kriegsschiffen, 7 leichten Fahrzeugen und 5 Brandern zu einem Angriff auf diese Objekte abgeschickt. Holmes legte die beiden schwersten Schiffe vor die Einfahrt, um jedes Entweichen nach See zu verhindern, ließ durch ein leichtes Schiff Fahrwasser und Lage der Dinge erkunden und ging dann am 19. trotz Gegenwindes und schwieriger Navigation auf die Rhede von Terschelling. Hier setzte er mittels der Brander die Kriegsschiffe und schwersten Kauffahrer, durch seine Boote die übrigen Fahrzeuge -- in Summe etwa 150 Segel -- in Brand. Am nächsten Tage landete er auf Terschelling und legte eine größere Stadt mit Magazinen sowie verschiedene Ortschaften am Strande in Asche; von einem Unternehmen gegen Vlieland mußte des Wetters wegen abgesehen werden. Da man zu einem zweiten Versuch oder sonstigen weiteren Unternehmungen der Gezeiten wegen länger hätte warten müssen und eine dem Auslaufen ungünstige Windänderung fürchtete, ging Holmes zu seiner Flotte zurück.
Es war eine seemännisch geschickt ausgeführte Tat, die mit nur einem Verluste von 20 Mann und den verbrauchten Brandern dem Feinde einen Schaden von 12 Millionen Gulden zufügte, nach damaligen Verhältnissen einen außerordentlich großen; daß man auch die armen Fischerdörfer verbrannte, war grausam aber wohl der Kriegführung der Zeit entsprechend. Aus Rache verbrannten holländische Kriegsschiffe einige Tage später verschiedene englische Kauffahrer bei Glückstadt an der Elbe.
Es ist unverständlich, daß die Holländer nicht wenigstens dem Verluste der Schiffe vorgebeugt haben. Wenn sie wirklich die wenigen Kriegsschiffe, die zu sicherem Schutz nötig gewesen wären, nicht zur Stelle hatten, so hätten sich doch die Kauffahrer zurückziehen können. Der Befehl dazu war gegeben, aber nicht auf die Ausführung gedrungen. Hatte die Regierung nicht die Macht dazu, oder unterschätzte man die Gefahr, obgleich man doch selbst solche Anschläge plante?
Die englische Flotte kehrte nach diesem Unternehmen in ihre Häfen zurück, um auszubessern, auch weil eine ansteckende Krankheit an Bord ausbrach.
$Das Jahr 1666$ sollte nichts von Bedeutung mehr bringen, wir können die $weiteren Ereignisse$ kurz zusammenfassen.[169] Die Holländer hatten zwar ihre Flotte schleunigst wieder instandgesetzt, doch war der Gesundheitszustand auf der Flotte schlecht. Am 5. September bereits ging =Ruyter= mit 79 Schiffen und 27 Brandern in See. Seine Aufgabe war: für heimkehrende Fahrzeuge die Küsten freizuhalten, sobald der Zeitpunkt günstig, den Feind anzugreifen, vor allem aber sich mit =Beaufort= zu vereinigen.
[169] Näheres in den angezogenen Quellen, insbesondere den holländischen.
Die Ankunft der französischen Flotte war gerade jetzt als nahe bevor stehend in Aussicht gestellt, freilich schwebten immer noch endlose Verhandlungen, u. a. auch über Etikettenfragen bei und nach der Vereinigung. So richtete Ruyter seinen Kurs nach dem Westen. Die Engländer folgten ihm von Harwich und Solebay aus; sie waren ebenfalls etwa 100 Segel stark, sollen jedoch in nicht besonders gutem Zustande gewesen sein, vor allem fehlten Brander. Der holländische Admiral hielt sich an der französischen Küste, teils um Beaufort um so sicherer zu treffen, teils um nicht gezwungen zu werden, an der englischen zu fechten. Auf seinem Wege nach Dünkirchen sichten sich am 10. September die Flotten, es kommt aber nicht zum Zusammenstoß. Beiderseits scheint man ihn vermieden zu haben: Ruyter wollte wohl versuchen, erst die Vereinigung mit den Franzosen herbeizuführen, die Engländer manövrierten daraufhin, den Feind von der Küste abzuziehen; außerdem war es stürmisch. =Monck= und =Ruprecht= wollten auch wohl ein Gefecht vermeiden mit Hinblick auf den schlechten Zustand ihrer Flotte sowie auf das doch mögliche plötzliche Erscheinen der Franzosen, sie hielten vielleicht anderseits ihre bloße Nähe für genügend, eine Vereinigung zu verhindern, worin ihnen der weitere Verlauf rechtgab. Am 10. und 11. manövrieren die Flotten in Sicht voneinander; einige Schüsse werden gewechselt, ein durch Sturm beschädigtes Schiff fällt den Holländern in die Hände. Am 11. September abends ankerte Ruyter vor Boulogne, die Engländer gingen zu ihren Küsten zurück, wenigstens kamen sie aus Sicht. Ruyter lag mehrere Tage vor Boulogne. Er erfuhr hier, daß Beaufort am 13. La Rochelle verlassen habe, um nach Brest zu gehen. Den französischerseits geäußerten Wunsch, ihm weiter entgegenzugehen, lehnte Ruyter ab, er versprach jedoch, noch 4 Tage vor Dünkirchen zu warten, und ging am 18. dorthin. Während eines dreitägigen schweren Sturmes hier erhielt er Befehl, nach Holland zurückzukehren. Der Grund hierfür war wohl der schlechte Gesundheitszustand, auch hatte man vielleicht an maßgebender Stelle die Hoffnung auf die Unterstützung der Franzosen aufgegeben.
Diese Order wurde aber gleich darauf widerrufen infolge des großen Brandes in London; vom 12.-16. September war fast die ganze City niedergebrannt.
Neigung zum Frieden hatte sich schon in England bemerklich gemacht; in Holland hoffte man, daß dieses Nationalunglück sie bestärken würde, und beschloß deshalb, die Flotte weiter in See zu halten, um durch drohende Unternehmungen noch mehr Druck auszuüben. Ehe aber etwas Derartiges unternommen wurde, ging =Ruyter= nochmals westwärts. Er hatte am 26. gehört, es habe ein Zusammenstoß zwischen den Engländern und Franzosen stattgefunden. Tatsächlich hatte ein Teil der englischen Flotte nach dem letzten Sturm einige Nachzügler Beauforts überrascht und mehrere Schiffe vernichtet. Aber schon am 28., bei stürmischem Wetter westwärts aufkreuzend, erhielt Ruyter vom französischen Admiral die Nachricht, er sei bei Dieppe gewesen, habe 24 Stunden gewartet, könne wegen der Nähe der Engländer nicht weitergehen und kehre nach Brest zurück. Nun gingen die Holländer wieder ostwärts; die Krankheiten hatten sehr zugenommen und der Admiral selbst mußte sich (3. Oktober) ausschiffen. =Van Nes= führte die Flotte nochmals zur englischen Küste hinüber, am 5. Oktober wurden etwa 60 feindliche Segel gesichtet, aber ein Sturm trennte während der Nacht die Gegner. Die Flotten gingen in ihre Häfen. Auf beiden Seiten begnügte man sich damit, den Winterdienst einzurichten, d. h. die Schiffe im allgemeinen aufzulegen und nur kleinere Geschwader zur Sicherheit der Küsten, zum Decken eigener sowie zum gelegentlichen Abfangen feindlicher Kauffahrer in Dienst zu behalten. In Holland wurde der Winterdienst in diesem Jahre in größerem Maßstabe als sonst üblich angesetzt; es war hier jetzt die große Schiffahrt freigegeben. Um die Mitte des Oktober begannen $Friedensunterhandlungen$. Beide Nationen waren des Krieges müde, da er ihren Handel und ihre Flotten zugunsten der mächtig aufstrebenden Franzosen schädigte.
Der Anstoß zu den Friedensunterhandlungen scheint von England ausgegangen zu sein. Als von Holland aus ein ritterliches Anerbieten erging, die Leiche des gefallenen Vizeadmirals Berkeley feierlich zu bestatten oder nach England überzuführen, erfolgte ein Dankschreiben, das Neigung zum Frieden zeigte. Gerade in England hatte das Volk neben den Kriegsfolgen auch schwer unter der Pest und durch den Brand in London gelitten. Der König unterschlug ferner einen Teil der für den Krieg bestimmten Gelder, so daß selbst der Sold der Flottenmannschaften unregelmäßig gezahlt wurde. In Holland ging man gern auf Verhandlungen ein, wenn auch hier die Verhältnisse günstiger lagen. Bei dem Zutrauen auf die Zuverlässigkeit der Regierung und der Kaufleute fanden bisher beide genug Geld; die eine zu Rüstungen, die anderen zum Überstehen der schweren Zeit.
$Das Jahr 1667. Ruyter in der Themse. Friedensschluß.$ Die Friedensunterhandlungen kamen nicht weiter, obgleich Schweden die Vermittlung übernahm und zum Mai 1667 Gesandte Englands, Hollands, Frankreichs, Dänemarks und Schwedens zu einem =Friedenskongreß in Breda= zusammenberufen wurden. =Karl= II. stellte zu hohe Anforderungen, weil er ganz bei denen blieb, durch die er den Krieg heraufbeschworen hatte. Er haßte Holland zu sehr und hoffte, daß die immer mehr hervortretenden Absichten Ludwigs XIV. bald zu einem Bruche zwischen Frankreich und Holland führen würden und er dann seine Forderungen durchdrücken könne. =Ludwig= XIV. wirkte auch gegen den Frieden. Er hatte tatsächlich für den Sommer dieses Jahres den Angriff auf die spanischen Niederlande geplant, und deshalb mußte es ihm willkommen sein, wenn Holland weiter anderwärts beschäftigt blieb.
Er eröffnete im Mai 1667 den sogenannten =Devolutionskrieg= (vgl. Seite 250) durch den Einbruch eines Heeres von 50000 Mann unter Turenne in Flandern und den Hennegau. Obgleich er in einem neuen Vertrage mit Holland wieder versprach, ihm seine Flotte zu stellen, bot er doch schon am folgenden Tage Karl II. Geld und Truppen zum Umsturz der englischen Verfassung -- Abschaffung des Parlaments -- an, wenn sich dieser verpflichtete, der Einverleibung der spanischen Niederlande nichts in den Weg zu legen.
Er riet deshalb de Witt, noch einen kräftigen Stoß gegen England zu unternehmen, und versprach aufs neue die Mitwirkung seiner ganzen Flotte. Der Ratspensionär de Witt ging darauf ein, da die Verhandlungen doch nicht weiter kamen. Dieser kluge und stets gut unterrichtete Staatsmann wußte, daß England schwächer sein würde als bisher, weil Karl II. in noch größerem Maße als früher die für den Krieg bewilligten Gelder für seine Zwecke verwendete. Somit hielt er es für möglich, nötigenfalls auch ohne französische Hilfe, durch einen großen plötzlichen Erfolg günstigere Friedensbedingungen zu erreichen.
=Der kleine Krieg= war fortgeführt worden. Während des Winters hatten Zusammenstöße kleinerer Flottenabteilungen im Kanal und der Nordsee stattgefunden. In Westindien hatten die Holländer sogar größere Erfolge errungen; sie hatten den Engländern die Niederlassung in =Surinam= abgenommen und auch sonst sie empfindlich geschädigt. In jenen Gewässern waren sie gemeinsam mit den Franzosen vorgegangen, die sich auch in Besitz verschiedener englischer Inseln gesetzt hatten. Als nun am 5. Mai ein neuer Vertrag mit Frankreich abgeschlossen war, beschloß man in Holland ein Unternehmen gegen die Themse. Ein am 4. Juni auf dem Kongreß zu Breda seitens Englands geforderter Waffenstillstand wurde abgelehnt und $Ruyters Angriff auf die Themse$ ins Werk gesetzt. Die Verhältnisse lagen für Holland sehr günstig. Man hatte hier den Winter über die Rüstungen trotz der Friedensunterhandlungen, ja gerade um diese zu fördern, mit großem Eifer betrieben. Für das Jahr 1667 war die Aufstellung einer noch größeren Flotte als in den Vorjahren beschlossen. Es sollten 88 Kriegsschiffe -- darunter wieder 16 auf Kosten der ostindischen Kompagnie --, 12 Fregatten, 24 Brander und zahlreiche kleinere Fahrzeuge in Dienst gestellt und 18 Kriegsschiffe für Ausfälle nach Gefechten bereit gehalten werden; die Mannschaften des Jahres 1666 waren in Dienst behalten.
In =England= dagegen war die Lage anders; de Witt war richtig unterrichtet gewesen. Wenn =Karl= II. im Gegensatz zu seinem Volke nicht ernstlich an Frieden dachte oder doch seine Forderungen durchsetzen wollte, so hätte gerade er die Flotte auf der Höhe ihrer Leistungsfähigkeit halten müssen. Statt dessen hatte er sich einen Plan zurechtgelegt, der ihm zu seinem beständigen Geldmangel paßte: Er wollte nur einen =Kreuzerkrieg= führen, und von einer Verwendung der Schlachtflotte ganz absehen.
Der =Standpunkt des Königs= -- vom Lordkanzler und Lordschatzmeister unterstützt, dagegen von York und wohl auch von Monck hart angegriffen -- war: da der Handel eine Lebensbedingung Hollands sei, da die Versorgung seiner Marine von diesem Handel abhinge und da, wie die Erfahrung gelehrt, nichts das Volk mehr erbittert hätte, als die Schädigung des Handels, so würde man sich englischerseits auf den Kreuzerkrieg beschränken können. Die Holländer würden durch diesen wirksam genug gedemütigt werden, während England nicht wie bisher durch die Ausrüstung großer Flotten erschöpft würde. Da der Gedanke, nur einen Kreuzerzug zu führen, zu allen Zeiten seine Vertreter gefunden hat, werde ich bei den strategischen Betrachtungen am Schluß des Krieges darauf zurückkommen, nachdem wir die Folgen der Maßnahmen Englands kennen gelernt haben.
Infolge dieses Beschlusses blieben nun auch mit dem Eintritt des Frühjahrs die meisten Schiffe und darunter gerade die schwersten aufgelegt, und es wurden für den Sommerdienst nur schwache Geschwader kleinerer Schlachtschiffe und leichterer Fahrzeuge in Dienst gestellt. Sonst waren natürlich Hollands Rüstungen in England wohl bekannt sowie auch, daß man dort etwas gegen einen der größeren Häfen plane. Es wurde deshalb schon im März der Befehl gegeben, die Befestigungen von Portsmouth und Harwich, namentlich aber die an den wichtigsten Stellen der Themse, zu verstärken, hier die außer Dienst gestellten Schiffe soweit wie möglich den Fluß hinaufzuführen, Vorbereitungen zum Sperren des Fahrwassers zu treffen und genügend Brander bereit zu halten. Der König und der Herzog von York hatten die notwendigen Maßregeln in der Themse persönlich an Ort und Stelle angeordnet. Zu allen diesen Arbeiten war Zeit genug. Zwar scheint de Witts Plan schon viel früher fertig gewesen zu sein, der Vertrag mit Ludwig XIV. sich schon im besonderen auf einen Angriff der Themse bezogen zu haben, aber man war noch nicht bereit. Ein lang andauernder, im Mai noch einmal einsetzender harter Winter hatte die Mobilmachung verzögert. Obgleich also der Angriff nicht unerwartet kam, waren doch die Vorbereitungen zur Verteidigung in England arg vernachlässigt. Albemarle, der bei Chatham kommandierte, als der Angriff erfolgte, beklagte sich später bitter darüber, daß die Anordnungen durchgängig nur lässig oder gar nicht ausgeführt seien.
Nach englischen Quellen sollen zu dieser Vernachlässigung besonders zwei Umstände Anlaß gegeben haben: die Holländer hätten in den Friedensverhandlungen erklärt, sie rüsteten schon ab, und die Aufmerksamkeit der Engländer sei durch eine andere Diversion von der größeren Expedition abgezogen. Im April unternahm nämlich der Leutnantadmiral =van Ghent=, von der Begleitung eines Konvois bis zum Norden Schottlands zurückkehrend, einen =Vorstoß gegen Leith=, um die dort liegenden Schiffe, besonders Freibeuter, zu zerstören; es wurden dabei nur einige wertlose Prisen gemacht und Burntisland ohne größeren Erfolg bombardiert.
Diese Gründe können jedoch eine derartige Sorglosigkeit nicht entschuldigen, man wird sowohl gewußt haben, daß Holland weiter rüstete, als auch daß Ghents Geschwader keineswegs die ganze Streitmacht des Feindes war. Die Nachlässigkeit ist wohl der seit Karls Thronbesteigung einreißenden Oberflächlichkeit im Dienstbetriebe zuzuschreiben; selbst der Herzog von York, der sonst Interesse und Verständnis für Marinefragen hatte, soll seinen Dienst etwas oberflächlich getan haben.
=De Witt= war auch hierüber wieder gut unterrichtet und beeilte mit Ruyters Unterstützung die Abfahrt der Expedition, obgleich die ganze Streitmacht der Niederlande noch nicht versammelt war. Das ganze bedeutende Kontingent Seelands und auch der größere Teil von dem Frieslands fehlte, sie waren noch nicht fertig. Uneinigkeiten zwischen den Provinzen, das Parteiwesen in der Republik, Trotz gegen de Witts Machtstellung, waren daran schuld. Seeland war wie die Landprovinzen des Seekrieges müde; als Gründe wurden angegeben: Mangel an Geld und Leuten, die Gefahr des Vordringens der Franzosen usw.
So bestand =Ruyters Flotte= nur aus 64 Kriegsschiffen zu 32-84 Kanonen, 20 kleineren Fahrzeugen, 15 Brandern mit 3330 Kanonen und 17416 Mann,[170] hinzutraten einige Transporter mit Landsoldaten; Vor- und Nachhut führten die Leutnantadmirale van Ghent (Amsterdam), van Nes (Maas). Für Einschiffung zahlreicher Lotsen, die die Themse kannten, war gesorgt, 2 oder 3 Engländer befanden sich darunter; bei den Unternehmungen gegen die Themse in den beiden Vorjahren waren Lotungen vorgenommen und auch sonst hatte man sich nach Möglichkeit Kenntnis des Fahrwassers verschafft.
[170] Nähere Angaben de Jonge, Teil I, Beilage XXXVI und »Leben Ruyters« Seite 423.
=Ruyters Order= war: Soweit wie möglich die Themse hinaufzugehen; Schiffe, Magazine, Befestigungen zu zerstören und dem Feinde in jeder Beziehung Abbruch zu tun; die Art der Ausführung war dem eigenen Ermessen anheimgestellt. Als Deputierter der Generalstaaten befand sich nur =Cornelis de Witt=, Bruder des Ratspensionärs, für die Provinz Holland an Bord; Friesland und Seeland hatten keinen Vertreter gestellt, scheinbar zur größten Zufriedenheit des leitenden Staatsmannes. Die Flotte ging am 13. Juni von Schooneveld, wo sie noch einige Tage auf das Kontingent Seelands gewartet hatte, in See, ritt am 15. vor der Themse einen Südwest-Sturm ab und lief am 17. in den Kings-channel ein.
Am 18. Juni gab =Ruyter= die hier kurz mitgeteilte =Disposition= aus: »Die Hauptflotte bleibt vor der Themsemündung als Rückhalt liegen. Eine Flottenabteilung geht den Fluß hinauf und vernichtet die bei Gravesend und Tilbury (the Hope) liegenden Schiffe -- etwa 20 Westindienfahrer unter Bedeckung von 10-12 Kriegsschiffen zu 30-40 Kanonen --. Dann kommt sie zurück, geht in den Medway, nimmt Sheerness und zerstört die Schiffe und Arsenale in diesem Nebenfluß.« Die zu detachierende =Abteilung= wurde =van Ghent=, unter ihm Vizeadmiral de Liefde, unterstellt und bestand aus: 2 Schiffen zu 60, 6 zu 50, 4 zu 40-45, 5 zu 32-36 Kanonen; 5 Advisjachten sowie fast allen kleinen Fahrzeugen und Brandern. Die Landungstruppen wurden auf die Kriegsschiffe verteilt, leider waren mehrere Transporter während des Sturmes von der Flotte abgekommen; C. de Witt schloß sich der Expedition an. Der erste Teil der Aufgabe gelang infolge ungünstiger Windverhältnisse nicht, der zweite und Hauptteil aber, die $Forcierung des Medway$, wurde ein großer Erfolg.[171]
[171] Wir besitzen zahlreiche Beschreibungen dieses Unternehmens in den älteren Quellen und neueren Werken, die in Clowes, Teil II, Seite 293, aufgeführt sind. Ich habe von diesen bei meiner Schilderung dieselben wie zu den vorhergehenden Schlachten benutzt. Man findet wieder in Clowes, de Jonge und »Ruyters Leben« eine genaue Schilderung, im »Vie de Tromp« die Berichte usw.
=Früh morgens am 19. Juni= ging =Ghent= mit der Flut stromauf, kam jedoch wegen ungünstigen und dabei flauen Windes und wegen der später einsetzenden Ebbe nur bis etwa zwischen Leigh und Gravesend und mußte hier ankern; die englischen Schiffe gewannen hierdurch Zeit, sich noch weiter stromaufwärts in Sicherheit zu bringen. =Ruyter= war mit der Flotte bis zum Mittelgrunde gegangen; er detachierte Schiffe in alle Fahrwasser und bestimmte noch 10 größere Schiffe zur Unterstützung für das Unternehmen gegen den Medway.
Am 20. morgens kam Ghent von dem verfehlten Unternehmen zurück und wandte sich gegen =Sheerness=. Drei Schiffe bombardierten das Fort, 800 Mann unter Oberst =Dollman=, einem englischen Republikaner, landeten. Ein ernster Widerstand wurde bei dem schlechten Zustande der Befestigung nicht geleistet, die Besatzung zog ab und besetzte später eine Schanze bei Gillingham; auch ein kleines Kriegsschiff und 2 Brander, die bei Sheerness gelegen, hatten Anker gekappt und waren den Medway hinaufgegangen. Die Holländer machten die Geschütze und die Befestigung unbrauchbar und räumten oder zerstörten die Magazine; sie glaubten aber die Stellung mit ihrer geringen Zahl Soldaten nicht halten zu können. An demselben Tage wurde auch noch das Fahrwasser des Medway durch leichte Schiffe ausgelotet.
Das Erscheinen der Holländer in der Themse und die Einnahme von Sheerness hatten London natürlich in größte Aufregung versetzt. =Monck= eilte mit Truppen nach =Chatham=, wo er, wie schon gesagt, wenig gemacht fand. Er tat nun sein möglichstes, eine feste Stellung zu schaffen, obgleich er kaum Arbeitskräfte bekam, die halbe Bevölkerung, selbst ein Teil der Arsenalbeamten, war geflohen. Er ließ eine schon längst vorbereitete, aber nicht in Gebrauch genommene Sperrkette oberhalb Gillingham ziehen, deckte sie durch zwei kleine Batterien und legte ein Kriegsschiff, die »Unity«, davor. Sodann verstärkte er die Befestigungen von Upnor-Castle und verankerte die vorhandenen schweren Schiffe, etwa 17, oberhalb der Kette auf dem ganzen Revier in Verteidigungsstellung; auch ordnete er das Versenken von Schiffen an, was aber in der Eile weder durchweg noch richtig ausgeführt wurde, wie es auch nicht mehr möglich war, frühere Unterlassungssünden noch gut zu machen, z. B. die Verstärkung der ungenügenden Armierung der Batterien.
Am 21. Juni unternahmen die Holländer noch nichts. Der Grund hierfür ist nirgend zu ersehen. Vielleicht geschah es, um Ruyter abzuwarten, der auf ausdrücklichen Wunsch C. de Witts weiter stromauf segelte und schließlich mit einigen seiner Schiffe bis Queenborough kam. Am 22. Juni 7 Uhr segelte =Ghent= den =Medway= hinauf. Die Spitze der Vorhut, geführt vom Kapitän Tobias, begann ein Feuergefecht mit der befestigten Stellung an der Kette, das jedoch nicht recht vorwärts kommen wollte. Da erbot sich Kapitän =van Brakel=, mit dem Schiff »Vrede« und 2 Brandern vorzugehen. Er enterte die »Unity«, und der eine Brander sprengte die Kette. Verschiedene kleine Schiffe und Brander segelten nun durch; Brakel bestieg ein kleineres Fahrzeug, enterte das nächste große englische Schiff und brachte dann, auf sein Schiff zurückgekehrt, die kleinen Kettenbatterien zum Schweigen.
Mittlerweile kommen immer mehr Holländer unter Ghents und Liefdes persönlicher Führung heran. Mit Schiffen und Fahrzeugen, mit ausgesetzten Booten wird die erste englische Stellung genommen; die Batterien am Lande werden durch Landungsabteilungen zerstört, von 5 großen hier postierten Schlachtschiffen werden 4 verbrannt, der »Royal Charles« (100 Kanonen) wird genommen. Dieses stolze englische Schiff wurde als Trophäe nach Holland geführt; Monck hatte angeordnet, es weiter stromauf zu bringen, aus Nachlässigkeit oder Mangel an Hilfsmitteln war dies aber nicht geschehen. Der Kampf, zu dessen Ausläufern auch Ruyter auf einem kleinen Fahrzeuge herangekommen war, wurde abends abgebrochen, weil bei fallendem Wasser viele Holländer festkamen. Die Szene auf dem Kampfplatz wird als furchtbar geschildert: »Der Fluß voll von fahrenden Schiffen, Booten und brennenden Trümmern; ununterbrochenes Geschütz- und Gewehrfeuer, und doch übertönt vom Klagen der Verwundeten; Trompetengeschmetter, Trommelschlag und Hurraruf der Holländer nach jedem Erfolge; über allem dunkler Pulverrauch und erleuchtet von den Flammen und dem Blitzen der Feuerwaffen.« Am 23. Juni wurde das Vernichtungswerk fortgesetzt. Mit 4 Schlachtschiffen, einigen Jachten und den Brandern wurden die drei bei Upnor liegenden Engländer angegriffen. Die Befestigungen hier unter Major =Scott= und die gegenüberliegenden unter Vizeadmiral =Spragge=, der in Sheerness kommandiert hatte, kämpften tapfer, konnten aber das Verbrennen der Schiffe durch Brander und Boote nicht hindern; Ruyter und die anderen Admirale leiteten von Booten aus das Gefecht, an dem sich in dem engen Gewässer von größeren Schiffen ja nur wenige beteiligen konnten.
Mit diesem =Erfolge= begnügten sich die Holländer, sie hielten es nicht für ratsam, den Fluß noch weiter hinaufzugehen. Das Fahrwasser wurde immer enger und schwieriger, Schiffe waren versenkt und der Fluß an beiden Seiten mit Batterien und Truppen besetzt, die Brander bis auf zwei verbraucht. So waren die übrigen englischen Schiffe und die Arsenale bei Chatham gerettet.
Immerhin hatte man 2 Schiffe genommen und 6 oder 7 verbrannt, fast alle diese waren bisherige Admiralschiffe; die Engländer selbst hatten außerdem einige versenkt. Erinnert muß daran werden, daß die Schiffe im Medway nur halb armiert und bemannt, einige sogar ganz aufgelegt waren; man hatte diese mit Soldaten besetzt. Auch der Mannschaftsverlust der Engländer muß bedeutend gewesen sein, während die Holländer nur etwa 150 Tote und Verwundete hatten.
Am 24. Juni ging die holländische Flotte in die Themse zurück.
Als die holländische Flotte nach der Durchführung dieses Unternehmens am 24. Juni wieder auf der Themse selbst und in der Mündung des Medway lag, wurde sie verstärkt durch einige friesische Schiffe und durch einen Teil des seeländer Kontingents unter Leutnantadmiral Bankers, so daß sie nun gegen 80 Kriegsschiffe stark und auch wieder im Besitz einiger Brander war. Hiervon wurde gleich ein Geschwader unter Ghent nach dem Norden Schottlands detachiert, um heimkehrende Indienfahrer zu begleiten. =Ruyter= blieb mit dem Gros noch einige Tage liegen, ging dann aber auch stromabwärts, um sich nicht Branderangriffen in dem engen Revier auszusetzen, und übernahm eine strenge =Blockade der Themse=. Er selbst lag vor dem Fluß, ein Geschwader kreuzte zwischen Harwich und den Hoofden, ein anderes zwischen Harwich und der Themse.
Das Erscheinen in der Themse und die Waffentat im Medway waren von der größten moralischen Wirkung in England, selbst aus London waren Einwohner geflohen; von dieser Zeit soll sich die zuweilen übertrieben auftretende Furcht eines Angriffs auf London herschreiben. Die zunehmende Neigung zum Frieden zeigte sich sofort in den Verhandlungen zu Breda, die Blockade der Themse trug weiter dazu bei. Diese war so wirkungsvoll, daß die Preise von Kohlen und anderen Materialien in London bis auf das Zehnfache des sonst üblichen Satzes stiegen. Die Generalstaaten begnügten sich jedoch damit nicht, sondern ordneten weitere Unternehmungen an, um immer mehr Druck zur Beschleunigung der Friedensunterhandlungen auszuüben. Vielleicht hoffte man auch immer noch auf eine wirkliche Unterstützung durch die Franzosen; wäre sie erfolgt, so würde England wohl aufs tiefste gedemütigt worden sein. Aber die französische Flotte lag ruhig in Brest und die jetzt noch bis zum Friedensschluß von den Holländern ins Werk gesetzten $weiteren Unternehmungen$ hatten keine anderen Erfolge als die fortgesetzte Blockade der Themse und die Alarmierung der englischen Küste; sie seien deshalb nur kurz erwähnt. =Ruyter= erhielt den Befehl, =nochmals in die Themse= einzudringen. Er verfuhr ähnlich wie früher und kam mit einem Geschwader leichter Schiffe an der Spitze am 6. Juli bis unterhalb Gravesend. Hier hörte er von auslaufenden flämischen Schiffen, daß in Woolwich eine größere Zahl Kriegsschiffe und 15 Brander bereit lägen, daß das Fahrwasser bis auf eine schmale Rinne gesperrt sei -- für größere Schiffe nur im Schlepp zu passieren -- und daß die Ufer bei Gravesend mit starken Batterien und zahlreichen Truppen besetzt wären.
Bemerkenswert ist, daß diese flämischen Schiffe Truppen abgeholt hatten, die für Spanien geworben waren, obgleich sich England in einer so traurigen Lage befand und obgleich Karl II. doch, wie wir erwähnt, mit Ludwig XIV. in Unterhandlung zuungunsten Spaniens stand.
Der Admiral gab deshalb diesen Plan auf und ging wieder vor die Themse zurück. Er beabsichtigte nun, =Harwich= und die dort liegenden Schiffe zu Wasser und zu Lande =anzugreifen=; seit kurzem hatte er eine Verstärkung von 8 Kompagnien zu Landungsunternehmungen erhalten. Aber auch dieser Anschlag am 12. =Juli= mißglückte. Eine Flottenabteilung war bestimmt, das die Stadt deckende Fort zu bombardieren, eine zweite, in den Hafen einzudringen; beide erreichten ihren Zweck nicht. Infolge ungünstiger Windverhältnisse und ungenügender Kenntnis des außerdem gesperrten Fahrwassers konnte die eine nicht nahe genug heran, die andere nicht hinein. Da so der Landangriff nicht von der Flotte unterstützt werden konnte, wurde er zweimal abgeschlagen und die gelandeten Truppen, gegen 2000 Mann, wurden dann von englischen Entsatztruppen zur Einschiffung gezwungen; alles ging nicht ohne beträchtliche Verluste ab.
=Ruyter= teilte nun auf Befehl seine Flotte. =Ein Geschwader unter van Nes= setzte die Blockade der Themse fort. Auch dieses unternahm nochmals einen =Vorstoß in die Themse=. Am 2. August ging van Nes wieder bis Gravesend und fand dort Schiffe unter =Spragge= vor. Beim Angriff wichen sie zurück; es wurde ein Hauptkampf nur von Brandern ausgefochten, deren die Engländer 11, die Holländer 6 oder 7 verloren; die Befestigungen setzten dann dem Vordringen ein Ziel. Die Holländer gingen bis zum Nore zurück und nahmen hier eine Kampfaufstellung zu Anker ein; Spragge folgte, ohne sich in ein ernstliches Gefecht einzulassen. Der holländische Admiral hielt es aber doch für geboten, die Themse ganz zu verlassen, als am 5. August etwa 20 Schiffe von Harwich aus zu Spragge stießen und er ernstlich angegriffen wurde; das holländische Geschwader würde an diesem Tage in großer Gefahr gewesen sein, wenn die verschiedenen englischen Abteilungen von der Themse, Harwich und dem Medway aus einmütiger operiert und wenn besonders die Brander ihre Pflicht besser getan hätten. Van Nes vollführte seinen Rückzug durch das enge Fahrwasser militärisch und namentlich seemännisch bei Gegenwind musterhaft; es ist dieses jener Fall, der früher bereits als ein Meisterstück holländischer Seemannschaft erwähnt wurde (vgl. Seite 263). Die Blockade der Themse blieb dann ohne weitere Zwischenfälle bis zur Ratifizierung des Friedens in Kraft.
=Ruyter führte den Rest der Flotte.= Seine Aufgabe war, durch =Beunruhigung der feindlichen Küste= einen Druck auszuüben und zu versuchen, verschiedene starke Konvois abzufangen, deren Rückkehr man erfahren hatte. Er kreuzte ständig im Kanal, namentlich im Westen und bei den Scillys. Erkundungsfahrten wurden bis dicht vor die Häfen von Portsmouth, Dartmouth, Torbay, Plymouth und Foway (Cornwall) vorgenommen; auf einer der Scillys wurde gelandet, aber nur um Vieh wegzunehmen. Nach den alten Quellen scheinen diese Erkundungen nur den Zweck gehabt zu haben, eine Vereinigung der englischen Seestreitkräfte zu hindern und die Konvois zu suchen; von diesen hörte man immer wieder, ohne sie jedoch auf See anzutreffen. Am 8. August erfuhr Ruyter vor Plymouth durch einen Parlamentär den Friedensschluß, am 13. erhielt er dienstlich die Bestätigung und am 31. die Nachricht von der Ratifizierung. Da jedoch nach den Bedingungen der Frieden erst am 5. September in Nordsee und Kanal, im Atlantik bis zum Kap Vincent gar erst am 5. Oktober (von dort bis zur Linie am 2. November, auf der ganzen Erde am 24. April 1668) in Kraft trat, hatte er Befehl, bis zu diesem letzten Termin am Eingange des Kanals zu kreuzen. Wegen schlechten Wetters und Krankheit an Bord hielt er sich aber bald den heimischen Häfen näher und lief am 10. Oktober ein.
Der $Frieden zu Breda$, 21. Juli 1667 geschlossen und am 24. August ratifiziert, ist für das siegreiche Holland kaum ein günstiger zu nennen: England behielt die genommene Kolonie Neuniederland (Neuyork), Holland bekam das englische Surinam, obgleich es kurze Zeit nach der holländischen Besetzung durch englische Schiffe zurückerobert war. Holland mußte aber das »Flaggenrecht« weiter anerkennen (vgl. Seite 229 und Seite 189, 191). Nur mit Beziehung auf die Navigationsakte erlangte Holland einen wesentlichen Vorteil: das Verbot, mit seinen Schiffen keine außerholländischen Waren einzuführen, sollte nicht mehr für deutsche Produkte gelten, die Holland auf der Achse oder auf dem Rhein bezogen hatte. Dieser materielle Vorteil tröstete wohl manche in dem ideellen Schmerz über das Flaggenrecht. In dem Frieden mit Frankreich gab dieses an England die genommenen westindischen Inseln zurück, dagegen wurde seine Oberhoheit in Acadia (vgl. Seite 85 und Seite 89) anerkannt.
$Bemerkenswertes beim zweiten Kriege.$ Bei der Betrachtung der =Streitmittel= ist gezeigt worden (Seite 254 ff.), daß die Marinen der Gegner große Fortschritte seit dem ersten Kriege gemacht hatten. Kauffahrer wurden nur noch in ganz geringem Maße verwendet, die Schiffe waren leistungsfähiger und gleichmäßiger und das Personal besser geworden. Besonders hatte Holland in diesen Hinsichten Fortschritte gemacht, ohne indes England zu erreichen.
Beim Manövrieren vor und während der Schlachten um die Luvstellung, besonders aber wenn sie nach günstig verlaufenen Gefechten verfolgen wollen, sind die Holländer im Nachteil; auch der oft hervortretende Mangel an Ordnung in ihrer Flotte ist zum Teil eine Folge der schlechteren Schiffe. Die Überlegenheit der englischen Artillerie tritt weniger zutage; öfters können die Engländer ihre schwerste Batterie nicht gebrauchen, da deren Pforten noch zu nahe über Wasser liegen; einige Male jedoch leiden die Holländer mehr durch die weitertragenden und stärkeren Kaliber des Feindes. Eine weit größere Rolle spielt die Schwäche des holländischen =Personals=. Der Mangel an Subordination, an militärischer Treue, Einsicht und Erziehung bei den Kommandanten und Dienstgraden zeitigt die schlimmsten Folgen: In bedrängter Lage, bei außergewöhnlichen Vorfällen verlieren selbst Führer von Flaggschiffen den Kopf, manövrieren falsch, ja fliehen sogar; die sonst mutigen Taten Tromps sind doch auch Zeichen fehlender Disziplin. Die Unordnung in den Gefechtslinien ist vor allem der mangelnden Einsicht, zuweilen sogar dem bösen Willen der Schiffsführer zuzuschreiben.
Wie weit diese Vorwürfe auch die Mannschaft treffen, ist nicht sicher festzustellen. Doch erzählt z. B. eine Quelle (»Leben Ruyters«, Seite 394): Als Ruyter nach der Schlacht von Northforeland und den beiden heftigen Rückzugsgefechten auf seinem Schiffe die Verluste feststellte, fand man nur 38 Tote und 30 Schwerverwundete bei rund 500 Mann Besatzung. Während des Gefechts waren ihm weit größere Verluste gemeldet, weil »in der Hitze des Kampfes und während der größten Not viele sich hier und da verstecket und aus großer Angst weggekrochen waren, die nun, durch den Hunger getrieben, wieder hervorkamen«. Und dies war Ruyters Schiff!
Wo =Ruyter= in Person war, war das Verhalten des Personals schon besser und wenn es sich später weiter hob, so ist dies seinem Einflusse zu verdanken. Es wird mehrfach hervorgehoben, daß er jede Gelegenheit benutzte, belehrend und ermahnend auf seine Untergebenen einzuwirken. In den englischen Flotten kommen Verstöße ähnlicher Art um diese Zeit noch nicht vor. Daß in England unter der neuen Regierung die Cromwellsche Zucht und Pflichttreue schwindet, bemerken wir zuerst bei den Behörden am Lande: die Ausrüstung der Flotten läßt mehrfach zu wünschen übrig; im Jahre 1667 sind die Befehle zur Sicherung der Küsten nur nachlässig ausgeführt worden. Bei beiden spielte allerdings wohl auch der Geldmangel mit.
Bei der Besprechung der Streitmittel ist ferner auf den Fortschritt in der =Taktik= hingewiesen; die Schlachten zeigen dies deutlich. Die »Kiellinie beim Winde« ist die Normalgefechtsformation geworden; wir finden sie in allen Gefechten auf beiden Seiten. Zwar gilt noch immer die Luvstellung als die unbedingt vorteilhaftere, aber es wird doch fast ebensoviel Wert darauf gelegt, in guter, enggeschlossener Linie an den Feind zu kommen und diese dauernd zu erhalten; beide Flotten sehen gelegentlich ganz davon ab, die Luvstellung zu gewinnen.
Besonders bei den Engländern wird auf die Erhaltung der Formation gesehen, ihre Gefechtsinstruktionen zielen gerade hierauf hin. Ihre Kiellinie scheint auch schon gut aus Einzelschiffen gebildet zu sein. Wenn bei ihnen am ersten Tage der Viertageschlacht die Schiffe der Nachhut nicht so eng auf- und in sich geschlossen waren, so war dies bei der großen Zahl der Schiffe erklärlich. Das Verbessern der Entfernungen der Fahrzeuge voneinander muß bei einer so langen Linie von Segelschiffen leicht zum Lockern in der Nachhut führen, ganz abgesehen davon, daß um diese Zeit das Schiffsmaterial nicht so gleichmäßig war wie später.
Das vorzügliche Festhalten der Ordnung hat sicher zu den Erfolgen der Engländer -- sei es zum Siege, sei es zu nachhaltendem Widerstande gegen Übermacht -- in erster Linie beigetragen. Die Holländer waren auch hierin noch nicht so weit; oft standen Schiffe in Lee der Gefechtslinie oder segelten in mehreren Linien nebeneinander und hinderten sich so gegenseitig im Feuer oder trieben auch im Gefecht zusammen.
Zwei Erklärungen für die oftmalige mangelhafte Ordnung sind bereits gegeben worden: die mindere Güte der Schiffe, die Schwächen der Schiffsführer. Die holländische Flotte wurde aber auch weniger daraufhin angeleitet. Die englische Gefechtsinstruktion verlangte von den Schiffen »Liniehalten mit dem Flottenchef« und hatte stets die »Verwendung der ganzen Flotte« im Auge. Die holländischen Vorschriften weisen mehr auf das »Zusammenhalten der Unterabteilungen unter sich« hin und sehen noch die »Verwendung der einzelnen Geschwader« im Gefecht vor. Die holländischen Schiffe hielten sich unter diesen Umständen zu ihrem nächsten Vorgesetzten, und dies führte -- besonders bei der Anwesenheit so vieler Flaggoffiziere -- unwillkürlich zur Bildung von Gruppen wie früher; in diesen war man geneigt, die Richtung in der ganzen Flotte außer acht zu lassen, im Gefecht eigenmächtiger zu handeln, ja sogar bei Ausfall des Gruppenführers den Kampf ganz zu verlassen. Der Gruppenkampf lag den Holländern scheinbar noch näher. Wir finden in den Schlachten einige kennzeichnende Fälle für die verschiedene Auffassung der Pflichten der Unterabteilungen gegenüber der Flottenleitung: Am 4. August 1666 schlägt die englische Vorhut die holländische aus dem Felde, folgt ihr aber nicht, sondern bleibt beim Flottenchef und greift in dessen Kampf ein. Demgegenüber steht das eigenmächtige Verhalten Tromps an demselben Tage und am 12. Juni 1666 und ebenso auch der Fall des Admirals van Nes am 14. Juni 1666, wo er mit 14 Schiffen 4 englische Fahrzeuge abdrängt und verfolgt und so seine Hauptflotte sehr schwächt.
Die vorzügliche Ordnung der Engländer bei Lowestoft habe ich schon erwähnt. Der Franzose de Guiche, Kriegsfreiwilliger bei Ruyter an Bord, sagt über die Viertageschlacht: »Man konnte nichts Schöneres sehen, als die prachtvolle Ordnung der Engländer auf See. Niemals gab es eine geradere Linie, als die von ihren Schiffen gebildete. So vereinigen sie ihr gesamtes Feuer auf jeden, der sich ihnen nähert. Sie fechten wie eine Linie Kavallerie, die von einer bestimmten Regel geleitet wird und nur darauf bedacht ist, den Feind zurückzuwerfen; die Holländer dagegen gehen wie eine Kavallerie vor, deren einzelne Abteilungen ihren Platz verlassen und getrennt zum Angriff kommen.«
Immerhin war aber auch in der holländischen Flotte schon mehr Ordnung als früher, besonders seit Ruyter führte. Und auch sonst sehen wir Fortschritte in der Taktik: Versuche, ungünstige Lagen und Fehler des Feindes auszunutzen. Hierher gehört vor allem der Angriff =Moncks= am ersten Tage der Viertageschlacht, durch den er einen Teil des Feindes anfangs allein engagiert und fast außer Gefecht setzt; doch in jeder Schlacht finden wir planmäßig angelegte Manöver, um an einer Stelle mit Übermacht aufzutreten, auch Tromps Eigenmächtigkeiten hatten nur diesen Zweck. Das stete Bestreben =Ruyters=, die Gefechte entfernt von Sänden in zum Manövrieren freiem Wasser zu führen, muß man auch als taktische Maßregel ansehen. Durch derartige Manöver und das Bestreben, die Formation zu erhalten, ist der Charakter der Schlacht ein anderer geworden; die Taktik ist nicht mehr damit erschöpft, die Flotten aneinanderzuführen und dann den Kampf in der Melee entscheiden zu lassen. Gerade die »Viertageschlacht« wird von einzelnen Schriftstellern als der =Übergang von älteren Methoden zu einer neuen Taktik= angesehen.
Mit Beziehung hierauf sagt Chaband-Arnault (Revue maritime usw. 1885; hier kürzer zusammengefaßt): »Mehr wie irgend eine andere Schlacht bezeichnet gerade diese einen Übergang. Zum ersten Male sehen wir bestimmte Pläne und können die Hauptbewegungen der kämpfenden Flotten danach verfolgen. Wir fühlen, daß jeder General nur sein Geschwader in der Hand hat und daß auch der Oberbefehlshaber über die Unterabteilungen nach seinem Belieben verfügt. (Wir sagen wohl besser: wenigstens dahin strebt.) Der Admiral hält die Luvseite noch für einen Vorteil, aber sie ist nicht mehr die Hauptsache -- das einzige --, womit er sich beschäftigt. Er trachtet vor allem danach, seine Flotte in guter Ordnung und geschlossen zu halten, um während der Schlacht nach einheitlichem Plane zu leiten.... Als bei Northforeland später große Zwischenräume zwischen den Geschwadern sich bildeten und sich die Nachhut sogar ganz von der Mitte trennte, beklagte Ruyter diesen Fehler als die Hauptursache der Niederlage.«
Infolge des besseren Zusammenhaltens der Streitkräfte während der Schlacht tritt nun auch die taktische Ausnutzung des Sieges mehr hervor; wir finden schärfere Verfolgungen als früher und dadurch hervorgerufene Rückzugsgefechte.
Endlich muß in taktischer Beziehung noch auf die Verwendung der Spezialwaffen hingewiesen werden. Der zweite englisch-holländische Krieg ist die Blütezeit der =Brander=; gerade die zunehmende Ordnung war ihrer Verwendung zunächst günstig (vgl. Seite 188). Sie spielen in den Schlachten und bei den Unternehmungen in feindlichen Gewässern eine große Rolle; Schlachten werden vermieden, Unternehmungen abgebrochen wegen Mangels an Brandern oder wegen Stärke des Gegners in dieser Waffe. Auch bei den anderen Schiffen beginnt eine Trennung sich zu vollziehen, nicht mehr sind wie zur Zeit der ausgesprochenen Gruppentaktik alle Schiffe gleich gut im Kampfe zu verwerten. Das Schlachtschiff geht zwar im allgemeinen noch hinunter bis zu 40 Kanonen, aber kleinere und doch immer noch mit einer gewissen Gefechtskraft, 26-36 Kanonen, werden jetzt mehr zu besonderen Zwecken gebraucht: Zur Bedeckung von Brandern im Gefecht und bei Angriffen feindlicher Schiffe in Häfen usw., zu regelrecht angesetztem Erkundungsdienst, zur Unterstützung beschädigter Schlachtschiffe. Auf solche =Spezialschiffe= haben besonders die Holländer Wert gelegt; sie sind mit ihren zu diesem Zweck gebauten »Fregatten« hierin überlegen; bei ihnen wenigstens stehen Schiffe dieser Größe nicht mehr in der Schlachtlinie.
$Über Strategie.$[172] Auch dieser zweite Krieg war ein reiner Seekrieg. Zwar war es Karl II. gelungen, in dem Bischof von Münster einen Bundesgenossen zu Lande zu finden, doch wurde dessen Angriff von Holland schnell abgeschlagen.
[172] Colombs Disposition für Kapitel III, in dem dieser Krieg besprochen wird: Der schwächere Gegner hat die Unmöglichkeit erkannt, gleichzeitig den Handel zu schützen und um die Seeherrschaft zu kämpfen; er verbietet das Auslaufen der Handelsschiffe. Von beiden Seiten richtet man den Angriff auf die See streitkräfte. Wenn die Seeherrschaft errungen ist, erfolgen Angriffe auf die Schiffe in den Häfen, auch Landungstruppen werden eingeschifft. -- Wir folgen wieder dieser Disposition.
=Der Bischof von Münster= -- ein ehrgeiziger, unruhiger und ausschweifender Prälat -- stellte für Hilfsgelder, die England ihm bot, in Eile ein Heer von 20000 Mann auf und fiel in Holland ein. Da die regierende Partei hier das Landheer vernachlässigt hatte, konnte selbst diesem Gesindel kaum Widerstand geleistet werden. Die Verheerungen des Feindes erregten besonders in den Landprovinzen großen Schrecken und Zorn gegen die Regierung und stärkten so die Partei der Oranier. Da aber gerade dies Ludwig XIV. nicht genehm war, stellte er ein Hilfskorps von 6000 Mann; zu diesem nahm man 12000 Mann von Braunschweig-Lüneburg in Sold. Dem Bischof, der nach der ersten Zahlung von Karl II. kein Geld mehr erhielt, liefen viele Soldaten davon, um so mehr da es sich jetzt nicht mehr um Plündern, sondern um Fechten handelte. Er wurde nun ohne Mühe zurückgetrieben und schloß, auch von Brandenburg bedroht, April 1666 gern Frieden.
Dieser Krieg unterscheidet sich aber wesentlich von dem ersten. Die Holländer hatten eingesehen, daß sie nicht gleichzeitig ihren Handel schützen und um die Herrschaft auf dem Meere kämpfen konnten. Bei einem Kampf um Durchführung des Handels waren sie im Nachteil, da der ihrige immer noch weit größer und wegen seiner Straßen leichter anzugreifen war. Sie verboten deshalb Handel und Fischerei (bis gegen Ende 1666) und trugen den dadurch hervorgerufenen Schaden freiwillig, um einem größeren Verlust und der damit noch verbundenen Bereicherung des Gegners vorzubeugen; außerdem stand nun das ganze seemännische Personal des Landes der Kriegsflotte zur Verfügung. So wurde im zweiten Kriege von beiden Seiten um die Seeherrschaft gekämpft, bis England im dritten Jahre zu seinem Verderben davon abging. Während im ersten Kriege vier große Schlachten um Konvois geschlagen wurden, finden wir im zweiten den Kampf um den Handel nur als kleinen Krieg nebenherlaufend; die Schlachtflotten beteiligten sich daran nur, wenn sich eine besonders günstige Gelegenheit bot, den feindlichen Handel empfindlich zu schädigen. Von Anfang an werden von beiden Seiten mächtige Stöße auf die feindlichen Seestreitkräfte geführt. Erst wenn eine der Parteien die Seeherrschaft errungen hat, geht sie zu größeren Unternehmungen gegen den feindlichen Handel oder gegen das feindliche Land vor; Holland versucht das letztere mit Erfolg, als England freiwillig auf die Seeherrschaft verzichtet hat.
In beiden Staaten ist das Bestreben, dem Feinde mit dem ersten Schlage zuvorzukommen, so groß, daß ihre Flotten, ohne genügend schlagfertig zu sein, zum Angriff vorgehen. Die Engländer gehen $1665$ zuerst in See, um, wie in dem letzten Abschnitte des ersten Krieges, den jetzt beginnenden gleich an die feindliche Küste zu tragen und schon die Vereinigung der feindlichen Flotte zu hindern. Die noch unvollständig ausgerüsteten Schiffe sind aber unter ungünstigen Wetterverhältnissen nicht imstande, eine längere Blockade durchzuführen, und müssen, bald durch Sturm beschädigt, zur Ausbesserung nach einem Heimathafen zurückkehren. Wohl wäre dies ein günstiger Zeitpunkt zum Vorgehen der nun vereinigten holländischen Streitkräfte gewesen, aber der Chef der Flotte hielt auch diese für noch nicht genügend bereit. Trotzdem wird er von seiner Regierung gedrängt und geht in See. Zwar wirft ihm der Zufall eine reiche Beute -- den für den Gegner wertvollen Hamburger Konvoi mit Kriegsmaterial -- in den Weg, als er aber, durch das ihm ausgesprochene Mißtrauensvotum gekränkt, unter ungünstigen Verhältnissen die erste Schlacht annimmt, um unter allen Umständen zu fechten, erleidet er die schwere Niederlage (Lowestoft, 13. Juni), die die See den Engländern völlig preisgab.
Mahan (Teil I, Seite 101) sagt hierzu: »Es scheint, daß Wassenaer sehr bestimmten Befehl hatte, zu fechten; die einem Höchstkommandierenden zustehende Vollmacht, nach eigenem Ermessen zu handeln, war ihm nicht erteilt. Diese Art, sich in die Befugnisse des Kommandierenden im Felde oder zur See einzumischen, ist eine der gewöhnlichsten Versuchungen, denen Regierungen unterliegen; sie ist immer verhängnisvoll.« Mahan führt noch zwei bedeutsame Beispiele dieser Art aus der späteren Seekriegsgeschichte an.
Die Engländer versuchen nun, ihren Erfolg strategisch auszunutzen, aber nicht in der richtigen Weise. Abgesehen von dem Nutzen einer Blockade überhaupt war es möglich, das zurückkehrende Geschwader Ruyters und den großen Konvoi abzufangen. Anstatt hierzu die Gesamtkräfte an der feindlichen Küste zu halten, werden sie zersplittert. Die feindliche Flotte vereinigt sich wieder, und beide Objekte entgehen den Engländern; durch Zufall aber erbeuten sie trotzdem einige Schiffe. Im weiteren Verlauf muß England sogar infolge der Pest dem Gegner das Meer überlassen, aber auch dieser wird durch Krankheit auf der Flotte verhindert, größeren Nutzen daraus zu ziehen. Bemerkenswert ist, daß Ruyter (d. h. wohl auf Anregung des Staatsmannes de Witt) schon jetzt ein großes Unternehmen gegen die Themse ins Auge gefaßt zu haben scheint. Der Winter bringt die übliche Pause im Kriege, doch rüsten beide Staaten für das nächste Jahr; England namentlich, nachdem ihm auch von Frankreich und Dänemark der Krieg erklärt ist.
$Im Jahre 1666$ sind es die Holländer, die zuerst den Feind suchen; England macht vor dem Zusammenstoß den großen Fehler der Detachierung Ruprechts. Die englische Flotte war der holländischen etwa gleich, sie befand sich ihr und dem auch nicht zu unterschätzenden französischen Geschwader gegenüber in einer inneren Stellung. Es wäre also das einzig Richtige gewesen, sich auf die Holländer zu werfen, ehe deren Verbündete eintreffen konnten; unter Umständen auch mit der ganzen Macht den Franzosen entgegenzugehen. Es ist aber nicht zu entschuldigen, die an sich schon schwächere Kraft zu teilen und so zu teilen, daß man dem nächsten und stärksten Feinde bedeutend unterlegen gegenüberstand. Es ist dies immer falsch, besonders zur See, wo höhere Gewalten -- wie Nebel oder Sturm -- leichter als zu Lande das Herankommen des zweiten Feindes aufhalten können.
Mahan (Teil I, Seite 110) sagt hierzu: »Eine Lage wie die der englischen Flotte, in der sie von zwei Seiten bedroht war, bietet eine große Versuchung für den Befehlshaber. Man ist sehr leicht geneigt, seine Kräfte zu teilen und beiden Feinden entgegenzugehen, wie Karl es tat. Wenn man jedoch nicht eine erdrückende Übermacht hat, ist dies stets ein Fehler, da man beide Teile der Gefahr aussetzt, getrennt geschlagen, zu werden. Dies trifft auch hier zu. Die beiden ersten Tage der Viertageschlacht waren verhängnisvoll für die größere englische Division unter Monck, die gezwungen wurde, sich auf Ruprecht zurückzuziehen; wahrscheinlich rettete nur seine sehr gelegen kommende Rückkehr die englische Flotte vor schweren Verlusten oder zum mindesten vor der Einschließung in ihre Häfen. Einen ähnlichen Fehler des englischen Admirals Cornwallis vor Trafalgar bezeichnete Napoleon als ein hervorragendes Beispiel von Dummheit! Die Lehre bleibt zu allen Zeiten gleich richtig.«
Die Folge dieses Fehlers war denn auch die Niederlage in der Viertageschlacht. Monck mußte sich dann auf Ruprecht zurückziehen, und daß die Verluste nicht noch weit größer wurden, ist wohl nur dem rechtzeitigen Wiedererscheinen Ruprechts und der überlegenen Taktik der Engländer zu verdanken. Was wäre aber geschehen, wenn Ruprecht gleichzeitig in ähnlicher Weise durch die Franzosen auf Monck zurückgeworfen wäre?
Holland beeilt sich, seinen Sieg zu verfolgen, und plant wieder einen Stoß in das Herz des Feindes, ein Eindringen in die Themse. Aber man hat Hilfsquellen und Energie des Gegners unterschätzt; als die holländische Flotte bereit ist und zunächst noch durch ungünstige Winde etwas aufgehalten, vor der Themse erscheint, tritt ihr auch die englische wieder schlagfertig entgegen. Die Schlacht von Northforeland wird infolge der alten Schwächen der Holländer eine völlige Niederlage dieser. Die Engländer benützen jetzt die augenblickliche Seeherrschaft dazu, dem Feinde in dem Vlie großen Schaden zuzufügen. Es ist nicht klar, weshalb sich die Engländer hiermit begnügten; Andeutungen in alten Quellen lassen annehmen, daß die immer weiter zunehmende Nachlässigkeit im Verwaltungsbetriebe die nach jeder Schlacht notwendige Instandsetzung der Flotte und ihre Erhaltung in gutem Zustande hinderte.
Die Kriegführung wird jetzt überhaupt auf beiden Seiten lau. Als Ruyter am 5. September wieder ausläuft und die englische Flotte ihm folgt, kommt es zu keinem Zusammenstoß. Jeder der Gegner behauptet, der andere Teil habe ein Gefecht vermieden und Wetterverhältnisse seien hindernd gewesen, aber keiner hat einen Kampf ernstlich gesucht. Der Wunsch, sich vor einer Schlacht erst mit den Franzosen zu vereinigen, auf der einen Seite und das Gefühl der Schwäche (Mangel an Brandern und »other deficiencies«[173] auf der anderen sind mutmaßlich die wahren Gründe gewesen; vielleicht haben auch schon Friedensaussichten sowie der auf beiden Flotten herrschende schlechte Gesundheitszustand dazu beigetragen. Die Franzosen hielt Zaghaftigkeit oder böser Wille zurück. Die Engländer gingen zuerst in ihre Gewässer, die Holländer hielten noch einige Zeit die See, um Druck auf den Fortgang der Friedensverhandlungen auszuüben, aber schon Anfang Oktober trat die Winterruhe ein.
[173] Colomb, Seite 58.
$Das Jahr 1667$ bietet ein ganz neues Bild. Wir haben gehört, daß und weshalb Karl II. den Kampf mit Flotten völlig aufgab. Die damit verbundene Freigabe der See ermöglicht nun de Witt und Ruyter, ihren Lieblingsplan, einen Stoß in das Herz des Feindes, auszuführen; die Unvollkommenheit der Maßnahmen zur Abwehr ist ihnen bekannt, das Fahrwasser ist nach Möglichkeit genau erforscht. Das mit Tatkraft durchgeführte Unternehmen in Themse und Medway und gegen die ganze Küste überhaupt hätte bei Verwendung stärkerer Mittel noch weit verhängnisvoller für England werden können. Immerhin war der dem Feinde zugefügte Schaden groß und vor allem bewirkte der moralische Eindruck der Waffentat, daß England nun ernstlich den Frieden suchte; die weitere Blockade der Themse, die beständige Bedrohung der Küsten beschleunigten die Verhandlungen. Auch diese späteren Unternehmungen waren für Holland nur möglich, weil keine große schlagfertige englische Flotte vorhanden war. Sie wurden wohl nicht schärfer durchgeführt, um nicht zu viel mehr aufs Spiel zu setzen; man hatte seinen Zweck erreicht.
=Der Besitz der Seeherrschaft hat den Krieg entschieden.= Der Kampf um diese ist nicht bis zu Ende geführt worden; so lange darum gefochten wurde, standen die Aussichten ziemlich gleich, der Erfolg war bis dahin bald auf der einen, bald auf der andern Seite. Entscheidend zuungunsten Englands war der falsche Gedanke Karls II., die Niederwerfung des Gegners allein im =Kreuzerkriege= erreichen zu können.
Mahan läßt sich (Teil I, Seite 126-132) über den $militärischen Wert des Kreuzerkrieges$ folgendermaßen aus (im Auszuge wiedergegeben): »Der Kreuzerkrieg -- commerce destroying; guerre de course -- hat stets Verlockendes, wenn Sparsamkeit beobachtet werden soll. Er braucht nur schnelle Kreuzer und man kann auch darin noch durch Ausgabe von Kaperbriefen dem Staate weitere Erleichterung schaffen. Trotzdem kann man durch ihn dem Gegner großen Schaden zufügen, der fremden Regierung bedeutende Verlegenheiten bereiten, ihre Bevölkerung ins Elend bringen.
Aber der Kreuzerkrieg bedarf Stützpunkte: Heimatshäfen, Häfen in entfernten Besitzungen oder eine mächtige Kriegsflotte. Besitzt er nur Stützpunkte in Häfen, so kann er sich nur auf kurze Entfernungen herauswagen. Auch so kann diese Kriegführung zwar vielen Schaden tun, aber sie verwundet nur, sie tötet nicht; ja man darf wohl sagen, sie veranlaßt nur unnütze Leiden. Es leiden nur gewisse Klassen der Bevölkerung: Nicht die Wegnahme einzelner Schiffe oder Convois, seien es wenige oder viele, bringt die Zahlungsfähigkeit einer Nation in Gefahr, sondern der Besitz der Macht, die die feindliche Flotte (besser wohl »Flagge«) von der See verjagt und dem feindlichen Handel die Küsten schließt; dann erst leiden die Regierung und die Nation im ganzen. Führt der eine Gegner den Kreuzerkrieg ohne, der andere aber mit Unterstützung einer starken Flotte, so kann dieser weit mehr erreichen, selbst wenn er genötigt ist, auf den Schutz seines Handels zu verzichten«.
Zur Bekräftigung dieser Sätze führt Mahan kurz die Kriege an, in denen der Kreuzerkrieg eine hervorragende Rolle gespielt hat. Über die Kriege unseres Abschnittes sagt er in dieser Hinsicht: »Nicht die englische Politik von 1667, sondern die mächtigen Flotten Cromwells im ersten Kriege, durch die die Holländer in ihre Häfen eingeschlossen wurden, ließen Gras in den Straßen Amsterdams wachsen und führten den Frieden herbei. Wenn auch sein Handel durch Unterbrechung und Preisgabe schwer litt, so war Holland im zweiten Kriege doch imstande, mächtige Flotten zu halten, und zwang mit ihnen endlich den Gegner zum Frieden, als dieser nur Kreuzerkrieg führte. Auch den dritten Krieg konnte Holland trotz Verlust im Handel gegen England und Frankreich ausfechten. In dem Kriege 1689-1697 litt England unter dem Kreuzerkriege ganz ungemein, weil Frankreich auch große Kriegsflotten in See hatte. Als 1702-1712 Louis XIV. sich wegen Geldmangels auf den Kreuzerkrieg beschränken mußte, wurden zwar ungeheuer viele englische Schiffe genommen, aber das Land und auch besonders die handeltreibenden Kreise gediehen trotzdem weiter; die englischen Flotten hatten zwar den Handel preisgegeben, nahmen aber Gibraltar und Minorca und wirkten auch sonst weit wesentlicher auf den Verlauf des Krieges ein.« -- Die Beispiele werden bis in die neueste Zeit (Sezessionskrieg) fortgesetzt.
Blicken wir nun nochmals auf die =Angriffe gegen das feindliche Land= zurück. Sie werden strategisch richtig nur ins Werk gesetzt, wenn man die Seeherrschaft besitzt. Sie werden taktisch wohl überlegt ausgeführt: das Gros der Flotte liegt in freierem Wasser als Stützpunkt und um den Rücken freizuhalten, ein Geschwader aus leichteren Schiffen wird mit Brandern vorgeschickt. Der erste Angriff gilt der Zerstörung feindlicher Schiffe, dann folgt die Landung. Das erste wird also für das Wichtigere und auch das zweite nur als ein Mittel zu weiterer Zerstörung feindlichen Eigentums betrachtet; ein Festsetzen in Feindesland für größere Unternehmungen scheint nie beabsichtigt zu sein.
Genau wie oben angedeutet, verläuft die einzige derartige englische Expedition im Vlie, zu der Landung stehen nur ganz geringe Kräfte zur Verfügung; nahezu so spielt sich die Holländische in Themse und Medway ab. Hier mißlingt der erste Angriff auf die Schiffe in der Themse, dann wird Sheerness genommen, da man sonst an die Fahrzeuge im Medway nicht herankommen konnte. Zu einem dauernden Festsetzen würden die Truppen auch hier nicht genügt haben, selbst wenn alle dafür bestimmten zur Stelle gewesen wären; höchstens hätte man dann wahrscheinlich Chatham und die dort liegenden Schiffe auch vom Lande her angreifen und so einen größeren Erfolg erzielen können. Die früheren und späteren Versuche gegen die Themse waren nicht zu einer größeren Invasion ausgerüstet, und endlich wurde auch, wie die geringe Zahl der Landungstruppen zeigt, der Landangriff auf Harwich nur unternommen, um leichter und sicherer die Schiffe im Hafen zu vernichten. Wie gesagt, handelte es sich in diesem Kriege bei derartigen Unternehmungen nur darum, den Feind durch einen kurzen Schlag zu schädigen, nicht den Krieg in sein Land zu tragen; wollte man eine Invasion größeren Umfanges ausführen, so hätte dazu ein starkes Heer vorher eingeschifft oder zur Einschiffung bereit sein müssen, um nach der Besetzung eines festen Stützpunktes auf dem Lande sofort folgen zu können. Den Holländern wäre dies bei der Schwäche ihres Landheeres nur mit einer starken Unterstützung von seiten Frankreichs möglich gewesen. Es ist kaum anzunehmen, daß man darauf gehofft hat, wenn auch gerade Ludwig XIV. scheinbar für das Eindringen in die Themse sprach. Nur im Juli 1666 hat man möglicherweise eine größere Landung mit Unterstützung der Franzosen im Auge gehabt. Im nächsten Kriege werden wir aber auf englischer Seite die Absicht finden, durch eine Landung in den Landkrieg einzugreifen.
Zum Schluß möchte ich noch einen =Vergleich zwischen dem ersten und dem zweiten Kriege= ziehen. Beim ersten ist hervorgehoben, mit welcher Energie er durchgeführt wurde: die sechs großen Schlachten folgen schnell aufeinander; im letzten Abschnitt versuchen beide Gegner, zum ersten Male in jenen Zeiten, den Krieg sogar im Winter fortzuführen. Im zweiten Kriege wird zwar in den Schlachten selbst mit gleicher Hartnäckigkeit gefochten, aber wir finden nur drei große Schlachten und die Winterpausen dauern sehr lange, wohl eine Folge der veränderten inneren Verhältnisse beider Länder. Durchweg volkstümlich war der Krieg weder hier noch dort: In England waren nur gewisse Kreise, die großen Kompagnien besonders, interessiert und das Verhältnis zwischen König und Volk war nicht das beste; in Holland waren ebenfalls die Landprovinzen überdrüssig, die Lasten eines Krieges zu tragen, der scheinbar nur den Seeprovinzen -- und hier besonders Holland -- von Nutzen war. In beiden Nationen gelangte man zur Erkenntnis, daß Frankreich bei dem Streite im trüben fische und am meisten gewinne.
Französische Schriftsteller versuchten es stets und versuchen es noch, nachzuweisen, daß von einem absichtlichen Zurückhalten der französischen Flotte keine Rede gewesen sein könne; ein Unparteiischer muß dies jedoch nach allen Quellen annehmen, es paßte ja auch ganz in Ludwigs XIV. Politik, wenn die beiden Gegner sich schwächten und er unberührt blieb.
* * * * *
Sechstes Kapitel.
Der dritte englisch-holländische Krieg. 1672-1674.
Die politischen Verhältnisse, die diesen Krieg herbeiführten.
Wie wir sahen, trug zur Beendigung des zweiten englisch-holländischen Krieges der Umstand wesentlich bei, daß beide Nationen die zunehmende Macht Frankreichs mit Mißtrauen betrachteten; die Erfolge Ludwigs XIV. im Devolutionskriege führten bald (1668) nach dem Friedensschluß sogar zu einem Zusammengehen Hollands und Englands, aber nur für kurze Zeit. Schon 1672 standen sich die alten Gegner aufs neue in einem Seekriege gegenüber, in dem Frankreich jetzt auf Englands Seite erschien. Es war Ludwig gelungen, Karl II. gegen die Neigung des englischen Volkes zur Durchführung seiner Politik zu gewinnen, Holland zu isolieren und ihm außer England auch noch andere Gegner zu schaffen. Um diese politische Strategie Ludwigs XIV. zu veranschaulichen, ist es nötig, die =Entwicklung der politischen Verhältnisse bis zum Kriege= kurz zu betrachten.
Der =Devolutionskrieg= (vgl. Seite 289) -- der erste Eroberungskrieg Ludwigs XIV. --, der Einfall in die spanischen Niederlande Ende Mai 1667, verlief ungemein schnell zugunsten Frankreichs. =Turenne= -- der König führte zwar scheinbar selbst den Oberbefehl -- nahm bis Ende Oktober ohne großen Widerstand eine Reihe der wichtigsten Städte: z. B. Charleroi, Tournay, Douay, Oudenaarde, Lille; Brüssel und Dendermonde hielten sich. Die Staatsschrift, in der Ludwig seine Ansprüche auf die fraglichen Landstriche darlegte, zeigte unverhüllt den ehrgeizigen Charakter des jungen Königs und versetzte ganz Europa in Besorgnis. Besonders Holland mußte sich arg bedroht fühlen; aus Gründen, die wir schon erwähnt haben (Seite 249), war Frankreich wohl gut als Freund, aber nicht als Nachbar. Auch in England fürchtete man, daß Frankreich nach Erlangung des Übergewichtes auf dem Kontinente, nach Eroberung der spanischen Niederlande oder gar Hollands ein gefährlicherer Nebenbuhler um die Seeherrschaft werden könnte als Holland. Zwei große Staatsmänner der bisher feindlichen Nationen verbanden sich deshalb im geheimen, um den französischen Eroberungen Schranken zu setzen. Der Ratspensionär =de Witt= und der englische Gesandte in Holland, =Sir William Temple=. De Witt überwand dabei seinen alten Haß gegen England, die französische Gefahr war ja auch jetzt die größere; er wagte viel bei den geheimen Unterhandlungen, da nach den Gesetzen ein jedes Bündnis von den Magistraten aller Städte beraten werden mußte. Temple, ein Mann voll inniger Vaterlandsliebe, aber auch auf das Wohl aller Staaten bedacht, beachtete nicht die Hinneigung seines Königs zu Frankreich. In kurzer Zeit brachten diese beiden Männer einen Vertrag zustande (23. Januar 1668), dem dann der Gesandte Schwedens beitrat. Diese =Tripelallianz= forderte von Ludwig, daß er von weiteren Eroberungen absähe, und von Spanien die Abtretung der bereits genommenen Gebiete an Frankreich. Die Bundesgenossen verpflichteten sich, den König zu Wasser und zu Lande zu bekriegen, falls er auf die Forderung nicht einginge, und dann Frankreich auf den Stand des Pyrenäischen Friedens zurückzubringen.
Das schwache Spanien stellte sich zwar empört, daß man so über sein Eigentum verfüge, sah aber die Unmöglichkeit ein, dieses selbst zu schützen. Auch Ludwig wagte nicht, der Allianz zu trotzen, ging auf die Verhandlungen ein und bot auf Verlangen der Verbündeten dem spanischen Gouverneur der Niederlande einen Waffenstillstand an, aber zunächst nur bis Ende März. Dieser lehnte ihn jedoch ab mit dem Bemerken, es sei ein Hohn, eine Waffenruhe anzubieten, die der Winter den Franzosen von selbst auferlege. Um zu zeigen, daß er trotz der ungünstigen Jahreszeit seine Eroberungen fortsetzen könne, ließ nun Ludwig die Grafschaft Burgund (Franche-Comté?), die, wenn auch nur dem Namen nach, noch zu Spanien gehörte, im Februar durch den Prinzen Condé besetzen; es geschah fast ohne Schwertstreich. Nach diesem so leichten Erfolge machte der König Miene, die Verhandlungen wieder abzubrechen, aber das energische Auftreten der Allianz und ihre Drohung, alle Staaten Europas seien bereit, sich gegen Frankreich zu waffnen, bewogen ihn doch zum Nachgeben; noch hatte er sich nicht an den Gedanken gewöhnt, ganz Europa zu trotzen. Im =Frieden zu Aachen=, 2. Mai 1668, gab Frankreich die Franche-Comté zurück und behielt die zwölf genommenen Städte Belgiens. Diese wurden sofort durch =Vauban= zu wichtigen Stützpunkten für weitere Eroberungen ausgebaut; besonders galt Lille als eine Musterfestung nach dem System des berühmten Ingenieurs.
=Ludwig= XIV. war erbittert über die Störung seines Planes. Sein Haß richtete sich besonders gegen Holland, in dem er mit Recht die Seele des Dreibundes und wegen dessen geographischer Lage das Haupthindernis seiner Absichten sah; auch erschien es ihm als ein unerträglicher Schimpf, daß eine »Republik von Krämern und Schiffern, die ihm und seinen Vorfahren so viel zu verdanken habe«, den »größten König Europas« in seinem Siegeszuge hemme; Arger über in Holland erschienene Spottbilder und -schriften usw. trat hinzu.
Er beschloß, vorerst Holland zu züchtigen und zu unterwerfen, und dann Belgien; mit allen Mitteln zielte seine =politische Strategie= darauf hin, Holland nicht nur zu isolieren, sondern ihm auch Feinde zu schaffen; dazu brauchte er vor allem die =Auflösung des Dreibundes=. Er versuchte, die alte Verbindung Frankreichs mit Schweden zu erneuern. Zwar war hier im Reichsrate, der für den minderjährigen Karl XI. regierte, anfangs wenig Neigung vorhanden, sich dem unruhigen und kriegslustigen Ludwig anzuschließen, aber nach und nach gewann eine andere Stimmung die Oberhand, wohl infolge Bestechung gewisser Kreise; im April 1672, als auch Ludwigs sonstige Ränke zum Ziel geführt hatten, schloß Schweden mit ihm den Vertrag, gegen Zahlung von Subsidien das Deutsche Reich an einer Unterstützung Hollands zu hindern und hierzu 16000 Mann in Schweden und Pommern bereit zu halten. Ebenso leichtes Spiel hatte Ludwig in England. Karl II. hatte hier 1669 die Minister entlassen und neue genommen, die seinen Plänen gegen Verfassung und Religion des Landes willfährig waren -- deshalb das Kabalministerium genannt --: das Parlament sollte abgeschafft, das Königtum absolut gemacht und die Nation zur katholischen Religion gezwungen werden. Zu diesem Plane paßte die Vernichtung des republikanischen und evangelischen Hollands, infolgedessen gelang es Ludwig XIV., den englischen König am 11. Juni 1670 zu einem Vertrage für die Ausführung der beiderseitigen Absichten zu gewinnen: Gemeinschaftlich erst Holland zu erobern, dann England politisch und kirchlich zu knechten. Auch wurde Karl überzeugt, daß diese beiden Aufgaben gerade in dieser Reihenfolge leichter und sicherer auszuführen seien, da dann das englische Volk keine Unterstützung an dem holländischen finden könne. Von den Niederlanden sollte Seeland, also insbesondere die wichtigen Flußmündungen der Schelde und Maas, an England fallen, die Provinz Holland wollte man dem Prinzen von Oranien als souveränes Fürstentum geben; alle übrigen Provinzen sollten französisch werden. Für den Krieg wollte Frankreich an England 200000 Lstrl. zu Rüstungen und jährlich 350000 Lstrl. Subsidien zahlen, gegen Holland seine Flotte mit der englischen -- unter englischem Oberbefehl -- vereinigen und zur Unterdrückung Englands später Truppen stellen.
Der Abschluß der schon länger laufenden Verhandlungen und besonders die Abmachung, Holland zuerst anzugreifen, war das Werk der Herzogin von Orleans, Schwägerin Ludwigs und Schwester Karls. Wesentlich unterstützt soll diese sein durch das ihr zu diesem Zweck mitgegebene schöne Fräulein de Kerhouent, das die Lieblingsmaitresse Karls wurde.
Der französische Geschichtschreiber Martin (Histoire de France) sagt zu dem Vertrage: »Diese Verhandlungen sind falsch beurteilt. Man hat gesagt, Karl habe England an Frankreich verkauft. Dies ist nur für die innere Politik richtig, er plante mit Hilfe Frankreichs England zu knechten. Die Interessen des Landes nach außen verkaufte er indessen durchaus nicht (d. h. dieses Mal nicht, beim Verkauf Dünkirchens tat er es), da der größere Gewinn bei Niederwerfung Hollands von England eingeheimst sein würde.« Man darf wohl sagen, daß der Vertrag ein größerer politischer Fehler Frankreichs als Englands war. England bekämpfte doch immer seinen derzeit bedeutendsten Nebenbuhler zur See, der ihm sogar im Handel noch überlegen war, wenn ihm dadurch auch ein neuer in Frankreich zu erwachsen drohte. Frankreich aber hatte, durch seine Festlandpolitik in Anspruch genommen, wenig Aussicht, ohne einen Verbündeten dem vom Festland unabhängigen England gegenüber eine Seemacht zu werden, wonach Colbert gerade jetzt strebte. Ein solcher Verbündeter war in Holland gegeben, mit ihm hätte man das Wachstum der englischen Seemacht vielleicht unterbinden können, und dieser Verbündete sollte jetzt vernichtet und sogar seine für die Seemacht wichtigste Provinz an England abgetreten werden. Richelieu hatte aus diesem Grunde Freundschaft mit Holland gesucht, auch, um dort technische Unterstützung zur Schaffung einer Marine zu finden.
Dieser englisch-französische Vertrag wurde streng geheim gehalten. Als de Witt, der doch von Verhandlungen gehört hatte, in London um Auskunft ersuchte, äußerte sich Karl dem holländischen Gesandten gegenüber: Er halte fest an der Tripelallianz; diese sei so heilsam, daß sie geschlossen werden müsse, wenn es nicht schon geschehen wäre. Ähnliche Versicherungen wurden auch in der Folge noch gegeben, und ihre Aufrichtigkeit schien dadurch Bestätigung zu finden, daß Karl Ende 1670 vom Parlament bedeutende Mittel für die Flotte in diesem Sinne forderte. Er sagte: da die französische Flotte in den letzten Jahren verdreifacht sei, verlangten die Verpflichtungen, die die Tripelallianz England auferlege, auch eine große Schlagfertigkeit seiner Flotte für das nächste Jahr. In England hatten die Zunahme des Seehandels und die Kolonialbestrebungen Frankreichs Eifersucht erregt, die Tripelallianz besaß die allgemeine Sympathie, und so bewilligte das Parlament die geforderten Gelder. Das englische Volk und de Witt waren getäuscht.
Wenn nun =de Witt= noch längere Zeit auf den Bestand des Dreibundes und besonders auf Unterstützung durch England rechnete, so versuchte er doch rechtzeitig, sich daneben in Deutschland Bundesgenossen gegen Frankreich zu sichern; aber auch hier trat ihm Ludwig entgegen. Der Herzog von Lothringen, die Kurfürsten von Mainz und Trier fanden sich anfangs bereit, Truppen für Holland aufzustellen. Ehe jedoch die Werbungen begannen, fiel Ludwig (August 1670) in Lothringen ein und besetzte das Land; trotz Einspruch des Kaisers blieb es damals schon 27 Jahre in französischem Besitz. Die Kurfürsten wagten jetzt nicht, zu rüsten und auch nicht auf dem Reichstage für die bedrohten Niederlande aufzutreten; sie würden fast allein dagestanden haben. Die übrigen Fürsten im Westen Deutschlands fürchteten Ludwig oder waren ihm verpflichtet. Auch am kaiserlichen Hofe legte der französische Gesandte »goldene Ketten« (Ausdruck Ludwigs) an; die Minister, vor allen der Premier Fürst Lobkowitz, überredeten den Kaiser zu einem Vertrage mit Frankreich (November 1671), wonach keine der beiden Mächte einen Gegner der anderen unterstützen sollte; der Kaiser wollte sich besonders nicht in einen Krieg mischen, der über den Frieden von Aachen etwa entstehe.
Endlich gewann =Ludwig= XIV. sogar offene =Verbündete in Deutschland= in dem Erzbischof von Köln und dem Bischof von Münster. Da er beim Angriff auf Holland die spanischen Niederlande nicht betreten wollte, um sich selbst in dem schwachen Spanien keinen Gegner zu schaffen, sollte sein Heer den Weg durch das Kölner Land nehmen. Die beiden Prälaten verpflichteten sich aber auch (Anfang 1672), 30000 Mann zu stellen, wofür ihnen bedeutende Gelder und Teile Hollands zugesagt wurden. -- Nur an der Einsicht und der deutschen Gesinnung des =Großen Kurfürsten= scheiterten Ludwigs Künste. Dieser wies den Antrag eines Bündnisses, für das man ihm das Herzogtum Geldern bot, mit Verachtung zurück; er warnte Holland und war entschlossen, für die Rettung der Republik und zur Sicherung Deutschlands zu tun, was in seinen Kräften stand.
So hatte Ludwig XIV. im Frühjahr 1672 =Holland völlig isoliert= und ihm außer England noch zwei festländische Gegner geschaffen; das der Republik wohlgesinnte Brandenburg hoffte er durch Schweden in Schach zu halten.
Als bemerkenswert vom Standpunkt der Seekriegsgeschichte sei hier eines von =Leibniz= dem König von Frankreich unterbreiteten =Planes= gedacht. Dieser deutsche Gelehrte weilte 1672 in Paris, als sich schon erkennen ließ, daß die Pläne Ludwigs auch Deutschland bedrohen würden. Er wollte deshalb den Ehrgeiz des Königs in andere Bahnen leiten, von einer Ausdehnung seiner Macht in Europa zu Lande ablenken und auf Erweiterung der überseeischen und des Seehandels, kurz auf die Erringung der Seeherrschaft, hinführen. Zur Erreichung dieses Zieles sollte Frankreich Ägypten nehmen und mit diesem Lande als Basis die Vormacht im Mittelmeer, in der Levante sowie im fernen Osten gewinnen; Holland würde damit auch am leichtesten und sichersten vernichtet. Der Plan weist also auf eine ähnliche Entwicklung Frankreichs hin, wie sie bald England nahm. Nach Eroberung Ägyptens wäre Frankreich zur Schaffung einer großen Seemacht und zur Besitzergreifung vieler überseeischer strategischer Punkte gezwungen worden, wie es England durch den Besitz Indiens wurde.
(Einen genaueren Auszug aus dieser Denkschrift -- Concilium Aegyptiacum --, insbesondere auf die Gründe mehr eingehend, durch die Leibniz vor 200 Jahren den ehrgeizigen König für den Gedanken gewinnen wollte, gibt Mahan, Teil I, Seite 135.)
Nachdem der Krieg so vorbereitet war, wurden =Gründe zur Kriegserklärung= seitens der beiden Könige leicht gefunden; man kann wohl sagen, an den Haaren herbeigezogen. =Ludwig= XIV. hatte schon vor der Tripelallianz 1667 den Einfuhrzoll für holländische Waren erhöht. Als nun Holland 1671 eine Zollerhöhung seinerseits vornahm, verlangte der König im Tone des Zorns Zurücknahme und Genugtuung. Obgleich Holland um diese Zeit noch auf England rechnete, war man doch zu billigem Ausgleich bereit, aber Ludwig, der gerade damals sein politisches Werk bei den deutschen Fürsten zu Ende gebracht, antwortete: »Im nächsten Frühjahr werde ich tun, was mir für meinen Ruhm und für den Vorteil meines Staates angemessen erscheint.« (Januar 1672.)
Am 7. =April= 1672 erklärte er den Krieg nur mit dem Bemerken: das Betragen der Republik sei den großen Wohltaten nicht angemessen, mit denen er und seine Vorfahren diese überhäuft hätten. Der =Bischof von Münster= kündigte Krieg an, weil sich vier holländische Staatsbeamte gegen sein Leben verschworen hätten. =Karl= II. hatte schon im August 1671 einen Streit wegen des Flaggenrechts herbeigeführt. Eine kleine königliche Jacht, die die Gemahlin des englischen Gesandten Temple vom Haag abholte, erhielt den Befehl, in offenkundiger Absicht durch die holländische Flotte zu fahren und zu feuern, wenn die Flagge nicht vor ihr gedippt würde. Die Jacht lief durch die vor der Maasmündung liegende Flotte und salutierte die Flagge Ruyters. Der Admiral konnte nicht gleich danken, da sein Schiff gekrängt[174] war, doch Leutnantadmiral Ghent beantwortete den Salut und auch Ruyter folgte hierin, sobald sein Schiff wieder auf ebenem Kiel lag. Dennoch schoß der Engländer scharf auf Ghent. Dieser sandte seinen Flaggkapitän ab, um Aufklärung zu fordern, ging sogar dann selbst, da er gleichzeitig die ihm bekannte Dame begrüßen wollte. Der englische Kommandant erklärte, er habe scharf geschossen, weil Ghent die Flagge nicht gestrichen, worauf dieser antwortete, das könne doch von einem großen Geschwader einer einzigen kleinen Jacht gegenüber nicht verlangt werden. Diesen, noch durch die Erdichtung dabei gefallener unehrerbietiger Äußerungen Ghents aufgebauschten Vorfall nahm Karl wahr, um Genugtuung zu verlangen, obwohl weder der bisherige Brauch noch der Wortlaut des Vertrages eine so demütigende Auslegung des Flaggenrechtes rechtfertigten; der Vorfall hatte sich ja außerdem in holländischen Küstengewässern abgespielt. Einige andere nichtige Beschwerden Karls traten hinzu, z. B. Klagen über Medaillen, Bilder, Gedichte, die in Holland zu Ehren des letzten Krieges angefertigt waren.
[174] »Krängen« bedeutet, ein Schiff auf die Seite legen, um den Schiffsboden zu reinigen oder auszubessern.
Holland war bereit, in allem nachzugeben; so sollten in Zukunft auch Flotten die Flagge streichen »als Zeichen der Ehre für einen Bundesgenossen und großen Monarchen«. Als aber die Regierung ihre Vorschläge dem englischen Gesandten unterbreitete, erklärte dieser, es sei zu spät, und reiste ab (Januar 1672). Weitere demütige Schritte in London nützten nichts; im =März= 1672 griff =England= einen holländischen Convoi an und =erklärte= am 29. desselben Monats =den Krieg= für den 7. April, denselben Tag, an dem die französische Kriegserklärung erging. Der Vorfall mit der englischen Jacht im August 1671 hatte Holland schon veranlaßt, die englische Freundschaft mit Argwohn zu betrachten; in den Januar-Verhandlungen war die Maske Karls gefallen.
Bei der $Betrachtung der Streitmittel Englands und Hollands$ in diesem Kriege können wir uns kürzer fassen als bisher (Seite 254 ff.), weil die wenigen Friedensjahre keine wesentlichen Veränderungen in beiden Marinen gebracht haben, wenn diese sich auch in der allgemein besprochenen Weise (Seite 161 ff.) fortentwickelten.
Was das $Material$ anbetrifft, so wurden in =Holland= größere Schlachtschiffe nicht neu erbaut. Man glaubte, an den während des letzten Krieges so zahlreich gebauten genug zu haben. Es mangelte auch an Geld, obgleich der Handel bald wieder in vollster Blüte stand; die Staaten hatten noch Schulden abzuzahlen, einige Admiralitäten waren gar mit Rechnungen, Arbeitslöhnen und Gehältern im Rückstande. In =England= aber sorgte man hauptsächlich für den Ersatz der vielen verlorenen großen Schlachtschiffe. Angaben über den Gesamtbestand fehlen wieder für beide Marinen; nach der Stärke der im dritten Kriege aufgestellten Flotten dürfte die Gesamtzahl auf beiden Seiten annähernd gleich geblieben sein. Zum Beweise hierfür und zum Vergleich sei eine ähnliche Zusammenstellung[175] wie früher gegeben.
[175] Die Angaben für 1672 entnommen aus de Jonge, Teil II, Beilage II und IV; die kleineren englischen Schiffe sind aus diesen Angaben nach Schätzung gruppiert. Beilagen V-VII geben die Flotten für die späteren Schlachten 1672-1674.
Vor der Viertageschlacht 1666 setzte sich zusammen:
Schiffe von Kanonen über 90 80-90 70-80 60-70 50-60 Die englische Flotte 2 2 7 14 25 Die holländische Flotte -- 2 11 21 18
Schiffe von Kanonen 40-50 30-40 20-30 kleinere Brander Die englische Flotte 22 8 ? ? ? Die holländische Flotte 19 13 1 8 9
In der Schlacht bei Solebay 1672:
Schiffe von Kanonen über 90 80-90 70-80 60-70 50-60 England 6 2 3 8 21 Holland -- 3 14 26 12
Schiffe von Kanonen 40-50 30-40 20-30 kleinere Brander England 5 8 4 30 16 Holland 6 6 8 22 36
=Schlachtschiffe= müssen wir von jetzt ab allgemein über 40 Kanonen stark rechnen, dann zählte die holländische Flotte bei Solebay an solchen »Linienschiffen« 61, die englische 45. -- Die Holländer hatten beabsichtigt, noch 18 Linienschiffe (meist kleinere?) in Dienst zu stellen, damit kommen wir als Gesamtbestand auf etwa 80, was der Stärke im zweiten Kriege entspricht; auch die Größe der Schiffe ist ziemlich dieselbe. Bei den Engländern sind mehrere ganz neue Schiffe der schwersten Klasse hinzugetreten, dagegen fehlt gegen 1666 eine große Zahl mittlerer und kleiner Schlachtschiffe, die jedoch sicher vorhanden waren.
Vermutlich war man infolge der schlechter gewordenen Verwaltung nicht imstande, seine ganze Kraft zu entfalten; man rechnete auf die Franzosen, die gerade Schiffe dieser Größen stellten. Einige solcher Fahrzeuge waren auch in den Häfen, besonders der Themse, stationiert. Daß die Zahl der 40-50 Kanonenschiffe so heruntergegangen, hatte wohl auch seinen Grund darin, daß man sie nicht mehr als vollwertige Schlachtschiffe ansah; wir finden dasselbe bei Holland.
Ungefähr dieselbe Stärke zeigen die Flotten bei den späteren Aktionen dieses Krieges, doch erscheinen dann die Holländer mit 5-7 Schiffen zu 80-90 Kanonen. Bemerkenswert ist die große Zunahme an »kleinen Fahrzeugen« in den Flotten für den Melde- und Sicherheitsdienst.
Über die =Armierung= ist schon gesagt, daß die Angaben und Auslassungen für die Zeit des zweiten Krieges auch jetzt noch zutreffen; zu beachten ist aber, daß mit der Vermehrung der Schiffe über 90 Kanonen das Übergewicht der Engländer an »schwerstem« Kaliber noch gewachsen ist. Auf beiden Seiten sehen wir in noch größerem Maße als zu Ende des zweiten Krieges eine Zunahme der =Brander=.
$Das Personal.$ Der Verlauf des Krieges wird zeigen, wie schwierig es dieses Mal infolge des gleichzeitigen Landkrieges den =Holländern= wurde, große Flotten aufzustellen und sie zu bemannen. Um so bewundernswerter ist es, daß die Republik dem vereinigten England und Frankreich doch zur See mit Erfolg gegenüberstand. Es ist ferner fraglos, daß die holländische Marine in militärischer Beziehung große Fortschritte gemacht hatte. Alle Quellen bezeugen die größere Disziplin in ihren Flotten im dritten Kriege. Wenn auch Reibungen zwischen den höheren Befehlshabern vorkommen, so hört man doch nichts mehr von groben Verstößen gegen Disziplin und Taktik von den Kommandanten und von Unzuverlässigkeit der Mannschaften; die Leistung ihrer Artillerie ist besser als die der Engländer. Dies alles und die Fortschritte in der Taktik sind zweifellos das =Verdienst Ruyters=, der dabei von hervorragenden Flaggoffizieren, wie z. B. Ghent, den beiden van Nes, Bankers, Liefde u. a. m., unterstützt wurde. Auch eine wichtige Organisationsänderung trug dazu bei. Im Jahre 1672 übernahm der Prinz von Oranien durch seine Einsetzung als Statthalter auch wieder die Würde des =Generaladmirals= mit den alten Befugnissen (Seite 149), er entfernte mit Ruyters Hilfe ungeeignete Kapitäne und hob die Stellung des tatsächlichen Oberbefehlshabers, durch Ernennung Ruyters zum =Leutnantadmiralgeneral=, den anderen Leutnantadmiralen gegenüber.
Auch in =England= vollzog sich während des Krieges eine wichtige organisatorische Änderung. Als 1673 die »Testakte« im Parlament durchging -- wonach kein Katholik ein Staatsamt bekleiden durfte --, mußte der Herzog von York seine Stellung als =Lordhighadmiral= niederlegen. Karl II. besetzte die Stellung nicht wieder. Er ernannte den Prinzen Rupert zum Oberbefehlshaber der Flotte, gab ihm zwar manche der Befugnisse, die später dem ersten Lord der Admiralität zufielen, behielt sich aber selbst den größten Einfluß im Marinedepartement vor. Diese Teilung soll nach englischen Quellen ungünstig für den Dienst, besonders für die Verwaltung (Ausrüstung der Flotten!) gewesen sein. Das Personal hatte hier an Güte eingebüßt. Die geringere Sorgfalt und Zuverlässigkeit in der Verwaltung haben wir schon im zweiten Kriege kennen gelernt. Jetzt zeigte sich der verderbliche Einfluß eines ausschweifenden Hofes mit Günstlingswirtschaft und des Parteiwesens im Lande auch beim Offizierkorps. Die Cromwellsche Zucht läßt immer mehr nach; die sonst tüchtigen Führer, die Kavaliere York und Rupert, ersetzen doch nicht den alten Soldaten Monck ([+] 1670) in der Aufrechterhaltung der Disziplin. Alles wird schlimmer, je mehr sich das Verhältnis zwischen Volk und König zuspitzt. Als Rupert den Befehl übernahm, erhielt der tüchtige Admiral Holmes, obgleich Rupert selbst es wünschte, keine Stelle in der Flotte, weil er ein Liebling Yorks gewesen war. Anderseits machten jetzt Offiziere der Hofpartei dem protestantischen Prinzen Opposition, und es ereignen sich ähnliche Fälle von Eigenmächtigkeit wie früher bei den Holländern. Die Mannschaft endlich war nicht mehr so gut wie ehemals. Bei der Unpopularität des Krieges mußte der Bedarf größtenteils durch Pressen gedeckt werden. Diese Maßnahme lieferte aber weder genügend noch gutes Material; Auffüllen mit Soldaten war nötig, denn gute kriegserfahrene Seeleute fehlten sehr.
Zum ersten Male müssen wir die $französische Marine$, ihre =Entwicklung und Bestand=[176] um diese Zeit in den Kreis unserer Betrachtungen ziehen.
[176] Quellen: Chab.-Arnault, besonders Colberts Wirken; de Jonge, Teil II, Schiffsbestände, Seite 290 ff.; Mahan, Teil I, über Offizierkorps, siehe dort Sachregister »Marine«; Troude, Teil I, und sonst im »Quellenverzeichnis« die französischen.
Wir haben gesehen (Seite 152), daß in Frankreich verschiedene Versuche, eine Marine zu gründen, ohne dauernden Erfolg blieben. Die letzte und größte Schöpfung dieser Art, die Richelieus, verfiel schon unter Mazarin wegen Geldmangels, besonders während der Fronde; =Colbert= belebte sie wieder nach dem Pyrenäischen Frieden (1659). Wenn Richelieu, als eigentlicher Regent Frankreichs, die Marine mehr als Werkzeug der äußeren Politik begünstigt hatte, wandte Colbert ihr seine Sorgfalt besonders als Handelsminister zu. Es ist bekannt, daß Colbert an der Spitze der Verwaltung dahin strebte, Frankreich aus finanzieller Zerrüttung herauszubringen und seine Wirtschaft auf der festen Grundlage nationalen Wohlstandes sicherzustellen. Zu diesem Zweck wollte er sein Vaterland auch zu einer Seehandelsmacht ersten Ranges machen und hierzu bedurfte er einer starken Marine.
Es liegt natürlich außerhalb unserer Aufgabe, auf die =Tätigkeit Colberts= näher einzugehen, es seien aber doch einige Worte über seine Maßnahmen zur Förderung des arbeitenden Volkes, zur Durchführung seiner Wohlfahrtspolitik gesagt:
Eine gleichmäßigere Besteuerung und eine gerechtere Erhebung der Steuern wurde eingeführt; das Heer der Beamten und Pensionäre beschränkt. Um die Produktion des so reichen Landes zu heben, wurden Landwirtschaft und besonders Industrie unterstützt, zu letzterem Zweck wurden Manufakturen unter staatlicher Aufsicht gegründet und durch Schutzzölle gesichert.
Zugleich wurden Handels- und Verkehrswesen nach allen Seiten, im Innern und nach außen, gefördert durch: Handelsgesetze, Assekuranzkammern, Schiffahrts- und Zollordnungen, die das Speditionsgeschäft in französische Hände bringen und so den Schiffbau heben sollten, durch den dann wieder die einheimischen und die Kolonialerzeugnisse befördert werden sollten, denn den Kolonien wurde gleiche Pflege zuteil; günstige Handels- und Zollverträge; Gründung großer Handelskompagnien nach Ost- und Westindien, Levante; Prämien für im Lande erbaute Schiffe; Gründung von Freihafengebieten, um Frankreich an Hollands Platz als großes Lagerhaus Europas zu setzen, wozu es durch seine geographische Lage hervorragend geeignet erschien; Verordnungen für die Kolonien, die den französischen Schiffen den Alleinhandel von und nach ihnen sicherten; endlich Gründung einer starken Kriegsmarine zur Beherrschung der Meere.
Colbert verfolgte sein Ziel in durchaus französischem Geiste; alles war organisiert, alles ging von dem Kabinett des Ministers aus. »Eine mächtige Armee von Kaufleuten und Fabrikanten zu organisieren, die einer tätigen und einsichtigen Leitung unterstellt war, um so durch Ordnung und Vereinigung der Kräfte einen industriellen Sieg zu gewährleisten und die besten Erzeugnisse dadurch zu erhalten, daß alle Arbeiter zu dem Verfahren angehalten wurden, welches von den erfahrensten Männern als das beste anerkannt war...« und »Seebevölkerung und Seehandel ebenso wie Industrie und Binnenhandel zu organisieren, sowie der Handelsmacht Frankreichs als Stütze eine Marine auf fester und bisher ungeahnt breiter Grundlage zu geben, waren Colberts Ziele.« (Mahan, Teil I, Seite 65/66.)
Da alles von einem Manne, gewissermaßen als Ausführung eines logischen Gedankenganges, ausging, und dieser Mann eine absolute Macht hinter sich hatte, entwickelte es sich sehr schnell. Bald trug es Früchte, der allgemeine Wohlstand wuchs; insbesondere blühte die Handelsschiffahrt schnell auf, Frankreich begann ein gefährlicher Konkurrent Hollands und Englands als Seehandels- und Seekriegsmacht zu werden.
Aber das Wachstum war auch künstlich und hing von der absoluten Macht ab, die es bewachte. Colbert war nicht König und seine Macht zu Ende, als ihm der König seinen Rückhalt entzog; hiermit wurde auch sein Werk erschüttert und brach mit seinem Tode (1683) zusammen.
Bei der Gründung der Marine hatte =Colbert= die bereits vorgeschrittene Entwicklung der holländischen und englischen als Beispiel; wie bei allen seinen Organisationen ging er folgerichtig, geschickt und sorgfältig vor, eine absolute Regierung stand ihm mit ihrer ungehemmten Kraft zur Verfügung; so =erreichte= er =in kurzer Zeit kaum Glaubliches=. Anfangs wurden seine Reformpläne vielfach durch den Admiral von Frankreich, derzeit Herzog von Beaufort, (uns bekannt als Herzog von Vendôme, Seite 208) behindert. Nach dessen Tode 1669 wurde dieser Posten auf Colberts Veranlassung mit einem vierjährigen Kinde -- Graf von Vermandois, Sohn der Lavallière -- besetzt, während Colbert selbst Marineminister wurde. Von nun an hatte er, wie einst Richelieu, freie Hand für seine Pläne und baute auf dem Grunde, den dieser gelegt, weiter.
Zunächst wandte er seine Sorgfalt den alten =Kriegshäfen= zu, wo alles gewissermaßen in Ruinen lag. Befestigungen, Hafenanlagen, Werften und Arsenale wurden ausgebaut: in Brest und Toulon als den Hauptkriegshäfen im Norden und Süden, daneben in Havre und Dünkirchen -- diese beiden waren leider für schwere Schiffe nicht zugänglich, so daß sich in den kommenden Kriegen öfters der Mangel eines Rückzugshafens am Kanal fühlbar machte; für das versandete Brouage wurde La Rochelle an der Biskaya gegründet; die Station der Galerenflotte verlegte man von Toulon nach Marseille, um Reibungen mit der Hochseeflotte zu vermeiden. Ebenso wichtig war die Neueinrichtung der Verwaltung der Anlagen der Marine, wo Trägheit, Schlendrian, selbst Untreue eingerissen waren. Hierbei wich Colbert von Richelieu ab: Bislang stand die Verwaltung unter der militärischen Behörde, dem Chef d'Escadre der Provinz; jetzt wurden alle technischen und Verwaltungsgeschäfte einem Intendanten in jedem Kriegshafen übertragen, die Stationschefs behielten nur die rein militärischen Angelegenheiten. Dies führte zwar oft zu Verdrießlichkeiten und Streit zwischen beiden Behörden, war aber bei der damaligen Beschaffenheit des Offizierskorps nötig; die Leistungen der französischen Werften sollen infolge der herrschenden neuen Ordnung bald die der englischen übertroffen haben.
Bei der schnellen Vermehrung des =Schiffsbestandes= war es anfangs notwendig, die Fahrzeuge wie früher im Auslande, besonders in Holland, bauen zu lassen, aber bald waren die eigenen Werften dazu imstande und die Vermehrung ging nun noch schneller vor sich. Zur Zeit Richelieus, etwa 1640, besaß man 30 größere und 27 kleinere Kriegsschiffe; 1661 waren nur 30 Fahrzeuge überhaupt, darunter nur 3 über 60 Kanonen, vorhanden. Aber nun begann der Bau, und der Bestand an Schiffen war:
Kanonenzahl über 100 80-90 70-80 60-70 50-60 1666 -- 4 -- 6 3 1669 5 5 2 23 13
Kanonenzahl 30-40 20-30 kleinere Brander 1666 17 3 ? ? -------------+-------------- | 1669 44 20
Da sich Ludwig XIV. die Schaffung einer Marine ersten Ranges als Ziel gesetzt hatte, ging der Bau in derselben Weise fort. Das Ziel war etwa 1681 erreicht, man zählte in diesem Jahre 170 Segel, darunter 70 Linienschiffe über 50 Kanonen.
=Das Jahr= 1669 zeigt also schon einen dem englischen und dem holländischen Bestande völlig ebenbürtigen. Die Schiffe waren neu und gut; es ist schon darauf hingewiesen, daß sich die Engländer diese neuen Schiffe als Muster zu Verbesserungen nahmen, was See- und Segeleigenschaften sowie Höhe der Pforten über Wasser anbetraf; die französischen Schiffe waren von größerem Deplacement im Verhältnis zur Kanonenzahl. Ein Vergleich der früher (Seite 168 ff., Seite 259) über die Armierung gemachten Angaben ergibt, daß die Franzosen in Verwendung schwererer Kaliber zwischen den Holländern und Engländern standen. Die =Bemannung= war bei den Franzosen stärker als bei den beiden anderen Nationen, besonders auf den ganz schweren Schiffen, obgleich auch die Engländer bei diesen den Etat erhöht hatten. Es waren eingeschifft auf:
Schiffen über 90 über 70 über 50 Kanonen
Holland -- 400-500 200-400 Mann England 600- 850 500-600 280-400 " Frankreich 700-1200 600-700 300-500 "
Dieselbe Sorgfalt wie dem Material wandte Colbert der Organisation des =Personals= zu. Es ist schon angedeutet, daß unter ihm versucht wurde, eine regelrechte Rekrutierung für die Marine aus der Bevölkerung der Küstenbezirke sicherzustellen (mit Vorteilen: Halbsold, Witwen- und Waisenpensionen u. dgl.); Colbert strebte sogar an, daß die Eingeschriebenen stets auf demselben Schiffe dienen sollten. Aber obgleich in den Listen 1672 schon 60000 Mann geführt wurden, war die Sache doch noch so wenig durchgebildet, daß bei der Mobilmachung zum Pressen zurückgegriffen werden mußte. Colbert gründete auch Seesoldatenkompagnien, doch mußte er diese bald wieder dem eifersüchtigen Kriegsminister (Louvois) abtreten, und die Soldaten an Bord -- etwa ein Drittel der Besatzung -- wurden wieder vom Kommandanten angeworben. Der Minister sorgte auch, wie schon Richelieu es getan, für Ausbildung tüchtiger Schiffskanoniere auf Schulen mit mehrmonatigen Unterrichtskursen. Endlich stellte er eine regelmäßige Löhnungszahlung sowie eine bessere Verpflegung sicher und erließ mehr zeitgemäße Kriegsartikel.
Die Bildung eines Unteroffizier-, Deckoffizier- und =Seeoffizierkorps= vollzog sich hier in Frankreich jetzt leichter als in den beiden anderen großen Marinen, da die Organisation sich nicht wie dort langsam aus sich entwickelte, sondern eben die Erfahrungen dieser Marinen schon vorlagen. 1660 bestand das höhere Offizierkorps aus 1 Admiral von Frankreich, 2 Vizeadmiralen -- alle drei, namentlich aber der erste, Herren von hoher Geburt, selten seeerfahren --, 3 Generalleutnants und den 4 Chefs d'Escadre, d. h. Stationschefs der Seedistrikte. Diesen unterstanden die Hauptkriegshäfen und die Unterhaltung sowie Mobilisierung der Streitkräfte ihres Distriktes, sie führten dann auch das betreffende Geschwader; zur Unterstützung hatten sie einen Kapitän und einige Leutnants des Hafens. Das Offizierkorps für die mobilen Schiffe: Kapitäne, Leutnants, Enseignes (Unterleutnants) und Aspiranten (auch schon von Richelieu eingeführt) war nur spärlich. Colbert trennte also die Administration vom Offizierkorps und vermehrte dieses sehr,[177] wozu er namentlich auch Elemente der höheren Stände heranzog. Er gründete ein Aspirantenkorps, gardes de marine, von 200 Köpfen, davon drei Viertel Edelleute, auch zog er Offiziere der Armee in die Marine. Eine Marineschule mit Prüfungen wurde geschaffen; Schulschiffe zur Ausbildung der Offiziere wurden in Dienst gestellt und genaue Bestimmung über den Dienst an Bord erlassen: Alles mit dem ausgesprochenen Zweck, in den Offizieren Seeleute und Soldaten, also »Seeoffiziere« zu erziehen.
[177] Die beiden Vizeadmirale -- der des Ponant (Atlantische Küsten) und der der Levante (Mittelmeer) -- waren Oberbefehlshaber der Seestreitkräfte in ihren Gewässern; sie führten auch die großen Flotten dort. Doch war dies nicht immer der Fall; wie in England waren die »Funktionen in den Flotten« durchaus nicht an die Dienstgrade gebunden. Generalleutnants führten oft als »Admiral« die Flotte, meist als »Vizeadmiral« die Vorhut, aber auch als »Kontreadmiral« die Nachhut. Die Chefs d'Escadre -- wohl dem jetzigen Dienstgrade des Kontreadmirals entsprechend -- nahmen in den Flotten oft die Geschäfte des Kontreadmirals wahr, meist die Stellungen der Divisionschefs.
Natürlich ließ sich ein größeres Korps nicht so schnell schaffen. 1672 war man genötigt, viele Offizierstellen mit Personal aus der Handelsmarine zu besetzen, obgleich nur ein Teil der Schiffe zum Kriege in Dienst gestellt wurde. Auch ließen sich die guten Grundsätze für einen strengen Dienstbetrieb nicht immer durchführen. Gerade mit dem Adel traten auch Elemente ein, die, gestützt auf ihre hohen Verbindungen, den Dienst leicht nahmen; die Bevorzugung des Adels erregte anderseits Unzufriedenheit bei den andern Offizieren. So stand die französische Marine 1672 im Material wohl stark da, aber der Personalmangel -- vorzüglich an Offizieren und Chargen -- verbot noch die volle Verwendung. Das für den Krieg gestellte Kontingent betrug bei Solebay 1672[178] nur:
Schiffe zu Kanonen 78 70 60-68 54-58 50 38-46 12-14 Brander Anzahl 1 7 3 2 10 7 5 8
von den schon vorhandenen 10 ganz schweren Schiffen ist keines vertreten.
[178] Jal: »du Quesne«, Teil II, Seite 64 bringt die Schiffsnamen dieses Kontingents mit Kanonenzahl und Namen der Kommandanten der Schiffe; Seite 98 für das Jahr 1673.
Ferner mangelte der französischen Flotte die Kriegserfahrung; ihre Führer, auch die tüchtigen älteren Seeleute, hatten keine Übung in der anderen Flottentaktik; die französischen Quellen heben diesen Umstand ganz besonders hervor, die Flotte hatte nur gegen die Barbaresken gefochten. Es ist dies wohl mit ein Grund der auffallenden Führung der französischen Seestreitkräfte: der ängstlichen Vorsicht im zweiten englisch-holländischen Kriege; der Lauheit und der Fehler im dritten, in dem sogar ein erst kürzlich zur Marine übergetretener Landoffizier das Geschwader führte. Wie beim zweiten, so drängt sich aber auch beim dritten Kriege der Verdacht auf, daß Ludwig XIV. seine neue, noch unsichere Waffe schonen wollte; vielleicht stellte er auch deshalb kein stärkeres Kontingent, um so weniger, da er doch die ganze Last des Landkrieges allein trug.
Es ist beachtenswert, daß sich in der französischen Marine das =eigentliche Seeoffizierkorps= -- die Verschmelzung von Soldat und Seemann -- frühzeitig stärker ausbildet als anderswo. Schon zu Richelieus Zeiten hatten die Schiffe 1 Kapitän, 1 Leutnant, 1 Unterleutnant, und 1672 findet man auf einem 60-Kanonenschiff schon 1 Kapitän, 1 zweiten Kapitän, 2 Leutnants, 2 Unterleutnants; die Offiziere scheinen um diese Zeit den Dienst der Maîtres, die seemännische Führung des Schiffes, schon völlig übernommen zu haben. Diesem frühzeitig erstarkten Seeoffizierkorps gab nun die Art seines Ersatzes -- hauptsächlich aus dem Adel, einer damals gerade in Frankreich hervorragend militärischen Kaste stammend --, die hier sorgfältigere Erziehung für den Seekriegsdienst und auch wohl die Eigentümlichkeiten des Volkes den Charakter, den es stets beibehalten hat. Es überwiegt beim französischen Seeoffizier der Soldat gegenüber dem Seemann. In England gewann bei der Verschmelzung der Seemann die Überhand; der englische Seeoffizier des nächsten Jahrhunderts suchte seinen Stolz mehr in geschickten Segelmanövern als in der Entwicklung der militärischen Leistungsfähigkeit seines Schiffes. Dieser Umstand sollte besonders die Leistungen der französischen Flotten in taktischen Beziehungen eine Zeitlang -- in den Kriegen des nächsten Abschnittes -- sehr begünstigen.
$Die Verwendung der drei Marinen von 1867-1672.$ Die Seestreitkräfte =Hollands= und =Englands= fanden in den wenigen Friedensjahren zwischen dem zweiten und dem dritten Kriege im wesentlichen nur Verwendung im Mittelmeer gegen die Seeräubereien der Raubstaaten. In derselben Weise, wie wir es früher gesehen, besonders nach dem ersten Kriege, hielten beide Nationen ständige Geschwader an der nordafrikanischen Küste. Man war zeitweise gezwungen, diese bis zu einer Stärke von 18 Schiffen zu 30-60 Kanonen aufzustellen, da auch die Afrikaner mit Geschwadern von Schiffen gleicher Größe auftraten; es kam zu richtigen Seegefechten, zu gemeinsamen größeren Operationen, die dann für einige Zeit wenigstens dem Unwesen ein Ende machten.[179]
[179] Näheres darüber. De Jonge, Teil II; Clowes, Teil II: minor operations 1660-1714.
Auch die aufstrebende =französische Marine=[180] fand ihre erste Verwendung im Kampf mit den Barbaresken. Eine =erste größere Expedition= brachte das Jahr 1669. Ludwig XIV. sandte unter dem =Herzog von Beaufort= eine Flotte von 20 Schiffen -- 1 zu 94, 3 zu 72, 12 zu 36-60, 4 zu 20 Kanonen -- und 12 Galeren mit einer Armee von 7000 Mann -- gute Regimenter -- =nach Kreta= zur Unterstützung der Venetianer. Die Flotte als solche fand hierbei keine Gelegenheit zur Aktion; auch die Landung wurde, zwar anfangs glücklich, schließlich zu einem Fehlschlage; der Herzog von Beaufort fiel (vgl. »Nebenkriege«, Kapitel X, unter »Venedig«).
[180] Quellen wie Seite 246 angeführt. -- Bonfils, Teil I, genaue Angaben über die Flotte usw. der Kreta-Expedition.
Der Verlauf des Krieges.[181]
Der dritte englisch-holländische Krieg war nicht wie die beiden vorhergegangenen ein reiner Seekrieg, sondern für Holland auch ein Landkrieg; wir müssen deshalb bei der Beschreibung auch die Ereignisse am Lande fortlaufend kurz berühren. Nach den $Kriegsplänen der Verbündeten$ sollte die Republik von drei Seiten angegriffen werden: Durch Frankreich im Südosten, durch Münster und Köln im Osten und durch eine Landung der englisch-französischen Flotte im Norden.
[181] Hauptquellen wie Seite 263. Hierzu Jal: »du Quesne«; Bonfils.
=Holland war in einer schwierigen Lage= (»Holland in Not!«). Wir wissen bereits, daß die regierende Partei das Heer sehr vernachlässigt hatte, und auch die Flotte, die es nun mit zwei mächtigen Gegnern aufnehmen mußte, konnte, wie die Verhältnisse im Innern jetzt lagen, nicht mit gleicher Kraft auftreten wie bisher. Die Uneinigkeiten zwischen den Provinzen waren gewachsen, die Parteien stießen immer schroffer aufeinander. De Witts Einfluß schwand mehr und mehr, die oranische Partei wurde mächtiger; diese setzte sogar am 24. Februar 1672 die Ernennung des Prinzen =Wilhelm von Oranien= zum Generalkapitän der Armee für den bevorstehenden Feldzug durch, wie die Folge zeigen sollte, zum Heile des Landes. Man zankte sich über diese Ernennung, über abzuschließende Bündnisse, über die nötigen Rüstungen zu Wasser und zu Lande. Insbesondere wollten die Landprovinzen ihre Mittel für die Landbefestigungen behalten, aber selbst Seeland zeigte sich wenig geneigt zu Rüstungen auf dem Wasser, nur Holland tat wie bisher seine Pflicht. Auf diese Weise wurden die Rüstungen und im besonderen die Aufstellung einer starken Flotte sehr erschwert.
1668 hatte man nach dem Vertrage der Tripelallianz eine Flotte von 40 Kriegsschiffen im Dienst gehalten, aber nach dem Aachener Frieden wurde sie verringert. Im Jahre 1670 seitens der Provinzen von Holland eingebrachte Anträge, sich gegen Frankreich durch Aufstellung größerer Seestreitkräfte zu sichern, fanden keine Zustimmung, und erst 1671, als man auch England zu mißtrauen begann, wurde eine Flotte von 36 Kriegsschiffen mit den nötigen Fregatten und Brandern in Dienst gestellt; dies war die Flotte Ruyters, von der die englische Jacht im August 1671 den Flaggengruß forderte. Infolge dieses Falles verlangte die Provinz Holland sofort wiederum umfangreiche Rüstungen -- 72 Schlachtschiffe, 24 Fregatten, 24 Brander --, aber nicht vor dem Februar 1672, als man an dem Ausbruch eines Krieges mit Frankreich nicht mehr zweifeln konnte, ging der Beschluß durch, 40 Schlachtschiffe -- darunter 36 über 60 Kanonen -- und 24 Brander in Dienst zu stellen, -- nur eine kleine Flotte, obgleich der Verlauf der Januar-Verhandlungen mit England auf das Ärgste von dieser Seite schließen ließ; erst ein $Gewaltakt Englands$ -- ganz wie beim zweiten Kriege der Angriff eines Convois $vor der Kriegserklärung$ -- war nötig, um eine Verstärkung der Rüstungen zur See herbeizuführen.
Ein =Convoi Smyrnafahrer=,72 Segel gedeckt durch nur 5 Kriegsschiffe von 38-50 Kanonen und eine leichte Fregatte, wurde während des Monats März im Kanal erwartet. Der König von England hatte den Befehl erlassen, ihn zu überfallen; 32 Schiffe unter =Admiral Holmes= waren dazu bestimmt. Infolge nachlässig betriebener Ausrüstung waren jedoch bei weitem nicht alle bereit, als Holmes Mitte des Monats bei Wight liegend von dem aus dem Mittelmeer zurückkehrenden Admiral Spragge hörte, daß der Convoi ihm auf dem Fuße folge. Anstatt nun Spragge seine Order mitzuteilen und sich mit ihm zu verbinden, ließ er ihn weitersegeln, um allein den Ruhm zu ernten. Er hatte nur 8 Schlachtschiffe, unter denen sich aber mindestens 3 zu 70-90 Kanonen befanden, und 3 kleinere Segel. Der Convoi war beim Eingange des Kanals durch leichte Segler von der Heimat her auf die gespannten Verhältnisse mit England aufmerksam gemacht worden und nicht unvorbereitet. Von den Kauffahrern waren 24 armiert; der Führer des Convois, =den Haen=, traf die nötigen Maßnahmen, um mit jenen und seinen Kriegsschiffen einem Angriff entgegentreten zu können.
Die Gegner trafen sich am 23. März auf der Höhe von Wight. Holmes rief den Haen zu sich an Bord, doch dieser sandte nur einen Offizier; der nächsthöhere englische Kommandant verlangte dasselbe vom Führer der holländischen Vorhut, ebenfalls ohne Erfolg. Nun griffen die beiden englischen Flaggschiffe die holländischen an und der Kampf wurde sofort allgemein, dauerte als laufendes Gefecht bis zur Nacht und wurde am nächsten Tage fortgesetzt. Trotz der Behinderung durch die nicht armierten Kauffahrer, trotz des Todes den Haens am ersten, der schweren Verwundung des Vorhutführers und des Todes des Nachhutführers am zweiten Tage und endlich trotzdem, daß Holmes am zweiten Tage noch eine Verstärkung von 4 Schlachtschiffen und einigen kleineren erhielt, gelang es den Engländern nur, ein Kriegsschiff und 3 Kauffahrer zu nehmen. Die Holländer setzten ihren Kurs in bester Ordnung fort -- der erste Offizier den Haens hatte dessen Flagge wehen lassen, um Verwirrung zu vermeiden -- und erreichten durch Nebel begünstigt am dritten Tage Holland. Die englischen Schiffe waren teilweise sehr beschädigt, einige mußten schon während des Gefechtes heimgesandt werden. Das genommene Kriegsschiff sank gleich nach dem Entern; die Beute hätte eine ungeheuere sein können, schon so betrug sie gegen 60000 Lstrl.
Bemerkenswert für die Stimmung in England, vielleicht auch das zunehmende Verständnis für Völkerrecht kennzeichnend, ist, daß dieser Angriff vor der Kriegserklärung selbst hier stark verurteilt wurde. König Karl versuchte abzuleugnen, daß er den Befehl dazu gegeben, der Zusammenstoß sei die Folge der Widerspenstigkeit der holländischen Führer gewesen; Holmes selbst soll dem aber seines eigenen Rufes wegen widersprochen haben.
Nun wurde in Holland eine Vermehrung der Flotte auf 48 Schiffe zu 60-80 Kanonen, 24 kleinere, 24 Fregatten und 24 Brander beschlossen; diese Stärke ist auch nach und nach erreicht worden. Eine im April auf de Witts und Ruyters Antrag beschlossene weitere Verstärkung um 18 Schlachtschiffe konnte nicht mehr durchgeführt werden; der Verlauf des Landkrieges zwang später, noch im Jahre 1672, sogar zu einer wesentlichen Verminderung der Flotte. Gleichzeitig ward die Schiffahrt teilweise -- nach Ostsee, Norwegen, England, Frankreich und durch den Kanal --, sowie die Ausfuhr von Kriegsmaterial und das Dienen der Untertanen in fremden Ländern verboten. Als bald darauf die =Kriegserklärungen= erfolgten (7. April), die Gegner zu Lande ihre Truppen an den Grenzen zusammenzogen und die Ausrüstung ihrer Flotten betrieben, ergriff man weitere Maßnahmen: die großen Kompagnien wurden ermächtigt, im Auslande die Schiffe und Besitzungen der Feinde anzugreifen; die Kaperei in europäischen Gewässern, besonders von den Seeländern gern betrieben, wurde jedoch untersagt und mit Gewalt unterdrückt (bis Ende 1672), um der Flotte Leute und Kriegsmaterial zu erhalten. Baken und Tonnen wurden eingezogen, für Bewachung der Einfahrten und der Küstenplätze mit Magazinen durch Fregatten, durch zahlreich aufgebotene kleinere Fahrzeuge sowie durch Sperren gesorgt. Durch Agenten und kleinere Schiffe ließ man den Fortschritt der feindlichen Rüstungen und die Schiffsbewegungen beobachten. Vor allem aber drängte de Witt auf Fertigstellung der Flotte. Bei der Schwäche der Republik zu Lande war es durchaus nötig, die Seeseite vor einer Landung zu schützen, und äußerst erwünscht, wenigstens zur See gleich einen großen Erfolg zu erringen. Nach =de Witts Plan= sollte die holländische Flotte den Gegnern zuvorkommen, womöglich nach dem Vorbilde des Jahres 1667 in die Themse und andere englische Häfen eindringen und die Schiffe dort vernichten oder der englischen Flotte, falls diese schon ausgelaufen wäre, folgen und sie schlagen, ehe eine Vereinigung mit den Franzosen stattgefunden habe; er scheint auch unter Umständen, z. B. bei hierfür günstigeren Windverhältnissen, einen ähnlichen Schlag gegen Frankreich (Brest) ins Auge gefaßt zu haben. Wenn nun auch der Rückstand in den Rüstungen die Durchführung dieses strategisch so wichtigen Planes vereitelte, so sollte doch Ruyter die Aufgabe, eine Landung zu hindern, glänzend lösen. Er leistete damit bei dem Verlaufe des Landkrieges seinem Vaterlande einen großen Dienst.
Die Bewegungen der Flotten begannen früher als der Einbruch der Feinde vom Lande her, wenden wir uns deshalb zunächst jenen zu.
$Die Schlacht bei Solebay, 7. Juni 1672.$ Der Plan de Witts hatte verlangt, daß die holländische Flotte früher bereit war als die feindlichen. Wir sahen aber, daß überhaupt schon spät der Beschluß gefaßt war, eine große Flotte in Dienst zu stellen; nun traten noch Verzögerungen beim Ausrüsten und Auslaufen ein. Nur die Schiffe der Provinzen Hollands waren Ende April seeklar; in Friesland und Seeland fehlte Geld und es mangelte an Leuten; es stellten sich nicht genügend Matrosen, und die Soldaten waren zur Landverteidigung nötig -- in Seeland soll die seemännische Bevölkerung über das Verbot der Freibeuterei erbittert gewesen sein. Die Regierung von Seeland machte auch Schwierigkeiten beim Auslaufen der fertigen Schiffe: Man wolle die eigenen Küsten nicht entblößen und die Schiffe nicht der Übermacht des Feindes aussetzen. Endlich erschwerten ungünstige Wasserverhältnisse das Auslaufen der in dem Vlie versammelten Schiffe Amsterdams und der schon am 3. Mai in Texel eingetroffenen Fahrzeuge der Maas. So kam es, daß =Ruyter=, trotz eifriger Unterstützung seitens de Witts und der Deputierten auf der Flotte, erst am 10. Mai imstande war, den allgemeinen Sammelplatz Texel mit 35 Schlachtschiffen (nur 1 von Friesland) zu verlassen; zwei Tage mußte er dann vor Seeland auf das Kontingent von dort, vorläufig nur 6 Schiffe, warten und wurde endlich weitere zwei Tage durch Nebel und Stille an der Küste festgehalten. Da inzwischen Aufklärungsfahrzeuge gemeldet hatten, daß die in der Themse ausgerüsteten Engländer den Fluß bereits am 12. verlassen hätten, ging Ruyter am 15. Mai nach den Downs hinüber. Er fand hier keine Feinde, erfuhr dagegen, daß bereits am 14. die Vereinigung der englischen und französischen Flotte bei Wight stattgefunden habe. =Ruyters Order= enthielt die Ausführung der erwähnten Absichten de Witts für die Verwendung der Flotte zu einem Schlage gegen England oder seine Streitkräfte =vor= einer Vereinigung der Gegner. Sollte diese aber schon stattgefunden haben, so sei eine Schlacht zu vermeiden, falls nicht die Umstände einen günstigen Ausgang sicher voraussehen ließen.
Der Admiral war am 15. vor Dover zu Anker gegangen, stürmisches Wetter hinderte bis zum 17. den Zusammentritt des Kriegsrates. In diesem wurde dann der Order entsprechend beschlossen, die Flotte zwischen den Wielingen und der Maasmündung, 5-6 sm von Land, zu halten und von dort je nach den Umständen zu operieren, bei der Übermacht des Feindes möglichst nur an der eigenen Küste zu fechten, um in den Gefechten beschädigte Schiffe leichter bergen zu können. Es beginnt damit die =strategische= und =taktische Führung des Krieges holländischerseits=, wie sie für den dritten Krieg kennzeichnend ist: Die flacheren Wassertiefen und die Sände der eigenen Küste als Ausgangspunkt einer Defensive mit kräftigen Offensivstößen zu machen. Gleichzeitig war es so leichter möglich, die noch in der Ausrüstung befindlichen Schiffe heranzuziehen; es sei vorausgeschickt, daß während der Bewegungen der Flotte vom 17. Mai bis 5. Juni der Bestand nach und nach auf die bei Solebay vorhandene Stärke gebracht wurde. Der größere Teil der neu hinzutretenden Schlachtschiffe wurde wieder von den Admiralitäten Amsterdams und der Maas gestellt. Obgleich nun Cornelis de Witt, der wieder einer der Deputierten war, seinem Bruder gemeldet hatte, daß die englische Flotte die Themse bis auf wenige Schiffe verlassen hätte und diese sich bei einem Angriff hinter die seit 1667 wesentlich verstärkte Stellung von Gravesend zurückziehen würden, kam der Ratspensionär doch immer wieder auf einen Vorstoß in die Themse zurück; er rechnete mit der moralischen Einwirkung auf die Bevölkerung Londons, wie sie das Vorgehen gegen die Schiffe und Arsenale im Medway 1667 hervorgerufen hatte. Um diesem Wunsche Rechnung zu tragen, beschloß der Kriegsrat am 20. Mai, wenigstens ein kleines Geschwader in die Themse zu senden. Ruyter ging zur englischen Küste hinüber, ankerte am 23. vor der Themsemündung beim Königstief und sandte am 24. =van Ghent= mit 15 leichteren Kriegsschiffen und Fregatten, 8 Brandern und 16 Avisojachten das Revier hinauf, während er das Gros bereit hielt, den feindlichen Flotten entgegenzutreten. Wie in der Flotte vorausgesehen, blieb das Unternehmen gänzlich ohne Erfolg; van Ghent sah sich noch an demselben Tage genötigt, es aufzugeben, auch stieß er infolge ungünstiger Umstände erst am 26. wieder zum Gros.
Die englischen Fahrzeuge, 6 kleinere Kriegsschiffe und 5 Brander, hatten sich hinter Sheerness zurückgezogen, und die Befestigungen erwiesen sich derartig verstärkt, daß nichts zu machen war. Der Rückzug wurde durch Gegenwind sehr erschwert, zumal da die Schwierigkeit des Fahrwassers infolge Verlegung der Seezeichen noch gewachsen war. -- Die Expedition scheint wirklich nur, um dem Wunsche de Witts nachzukommen, unternommen zu sein, ohne große Hoffnung auf einen Erfolg zu setzen. Noch am 19. Mai hatte C. de Witt seinem Bruder geschrieben: »Wenn wir unbestrittene Herren der See wären, würde ich den Plan gutheißen, aber den Fluß hinaufzugehen mit einem so mächtigen Feinde im Rücken, halte ich für sehr gefährlich.« Die ganze Flotte setzte man zwar nicht ein, aber leicht konnte van Ghents Geschwader als Opfer fallen.
Am 27. meldete eine Fregatte, sie habe tags zuvor die feindliche Flotte südlich von Godwinsand gesichtet. Da =Ruyter= plangemäß nur unter günstigen Umständen von der eigenen Küste aus fechten wollte, keineswegs aber auf Legerwall[182] der feindlichen, so führte er seine Flotte östlich bis zum Galloper und dann südlich zur holländischen Küste hinüber; hier hielt er sich, bei westlichem Winde an- und abstehend, zwischen Ostende und Walcheren. Schon am 29. kam die feindliche Flotte zu Luward in Sicht und blieb es fast ständig bis zum 31. Sie benützte aber die günstige Stellung nicht, folgte auf Parallelkursen außer Schußweite den Bewegungen Ruyters und kam am 31. aus Sicht.
[182] Ein Schiff ist auf Legerwall, wenn es durch die Nähe der Küste in Lee in seinen Bewegungen behindert, bei Sturm sehr gefährdet ist.
Es ist aus den Quellen nirgend zu ersehen, weshalb der =Herzog von York= -- Oberbefehlshaber der seit dem 14. Mai vereinigten Flotten -- nicht angegriffen hat. Man muß annehmen, daß er während der Bewegungen der Holländer gegen die englische Küste durch die damals herrschenden östlichen Winde bei Wight festgehalten ist und daß er später durch seine Manöver den Gegner von der holländischen Küste hat abziehen wollen; auch soll er die Hoffnung gehabt haben, einen durch die Nordsee zurückerwarteten Convoi Ostindienfahrer abzufangen. Am 31. ging er in die Nordsee (bis zur Doggerbank?) und dann =nach der Solebay= (3. Juni), um Wasser und Proviant aufzufüllen. Ruyter hatte Gruppen von Fregatten zum Suchen des Feindes entsandt, war selbst mit der Flotte am 2./3. Juni bis Northforeland gesegelt und erhielt hier am 6. früh die Meldung, daß York in schlechter Ordnung und ungünstig auf Legerwall in Solebay läge. Sofort sah der Kriegsrat hierin eine der in der Order ausdrücklich erlaubten günstigen Gelegenheiten, den Feind anzugreifen -- selbst an seiner Küste --, die eigene Flotte war ja wesentlich stärker geworden. Gleich nach diesem Beschluß brach Ruyter auf; östlicher Wind begünstigte die Fahrt und ließ erwarten, daß man den Feind auf Legerwall überraschen würde.
Die =Zusammensetzung der Flotten= ist bereits genauer gegeben (Seite 313, 318); danach bestand:
Über über kleinere Brander Besatzung 40 K. 20 K. u. = Kanonen Transporter Die englische: 45 12 30 16 = 3376 22442 Die französische: 26 4 5 8 = 1724 10744 -------------------------------------------------- Verbündeten = 71 16 35 24 = 5100 33186 Die holländische = 61 14 22 36(44?) = 4484 20738
In Dünkirchen standen 2000 Franzosen zur Einschiffung bereit, um nach gelungener Landung übergeführt zu werden; für England wird diese Maßregel nicht erwähnt, ist jedoch wahrscheinlich: 1673 werden 6000 Mann angeführt und auch 1672 hatten die Franzosen Orders über »Zusammenwirken mit den englischen Landungstruppen«; jedenfalls befanden sich auf den englischen Transportern reichlich Soldaten. -- Beide Flotten waren in 3 Geschwader zu je 3 Divisionen geteilt. Bei den Verbündeten führte der =Herzog von York= den Oberbefehl und die Mitte (»Royal Prince« 120 Kanonen), die Nachhut Montagu, Earl of Sandwich (»Royal James« 100 Kanonen); das französische Kontingent bildete unter dem Vizeadmiral =Comte d'Estrées= (»St. Philippe«, 78 Kanonen) die Vorhut, der zweite im Kommando war Generalleutnant =Abraham du Quesne=[183] (»Le Terrible«, 70 Kanonen). Bei den Holländern hatte =Ruyter= Oberbefehl und Mitte (»7 Provinzen« 82 Kanonen), Leutnantadmirale Bankers Vorhut, van Ghent Nachhut, hinzutraten Leutnantadmiral von Nes, 5 Vize- und 5 Kontreadmirale. Die Geschwader waren auf beiden Seiten etwa gleich stark; Ruyter hatte aber eine besondere Anordnung getroffen, wohl in der Hoffnung, den Feind zu Anker oder doch in Unordnung zu überraschen. Von jeder der 9 Divisionen waren 2 Kriegsschiffe und 2 Brander abgesondert; diese bildeten eine besondere Gefechtslinie, um einen Branderangriff in großem Maßstabe auszuführen, unter dessen Wirkung dann die Flotte angreifen sollte.
[183] Über d'Estrées und du Quesne finden sich Angaben gelegentlich der Schlachten von Texel und Stromboli, Seite 349, 367.
$Der Verlauf der Schlacht$: Die Küste bei Southwold läuft annähernd Nordsüd; die englisch-französische Flotte lag ihr parallel, die Vorhut am südlichsten. Noch am 6. Juni soll Montagu den Herzog von York auf die bei dem herrschenden Winde, frischer Ostnordost, gefährliche Lage aufmerksam gemacht haben, aber mit einer kränkenden Bemerkung, »übergroße Vorsicht«, abgewiesen sein. Auch sonst war man sorglos; am 5. war die Meldung eingegangen, Ruyter sei zur holländischen Küste zurückgekehrt, am 7. war ein Teil der Besatzungen mit Booten an Land, um Wasser zu holen. Da lief früh morgens eine französische Vorpostenfregatte mit vollen Segeln vor dem Winde ein; sie meldete durch Kanonenschüsse und Signale das Nahen des Feindes. =Ruyter= kam mit achterlichem Winde heran in zwei Dwarslinien, die erste durch die Branderdivision gebildet. (Skizze Lage 1); die Verbündeten mußten in größter Eile unter Segel gehen.
Der Wind stand recht auf den Strand; dieser war so nah, daß es nicht möglich war, abzuhalten, um eine gute Linie zu bilden. Zum Glück war es flau oder flaute ab, so daß der holländische Angriff wenigstens nicht während des Ankerlichtens und Segelsetzens erfolgte; der so gut vorbereitete Branderangriff hätte sonst verhängnisvoll werden können. Der =Herzog von York= hatte Befehl gegeben, oder gab ihn jetzt durch Signal, über Backbord-Bug nach Norden zu liegen; Nachhut und Mitte verfuhren dementsprechend, die Vorhut (d'Estrées) dagegen ging über Steuerbord-Bug nach Südosten und trennte sich so von der Flotte. Ruyters Angriff war, wie üblich, so angesetzt, daß Geschwader auf Geschwader stieß, so griff Ruyter York und Ghent Montagu an; Bankers wandte sich gegen d'Estrées (Lage 2). Es wird gewöhnlich angenommen, daß Ruyter die englischen Geschwader mit Übermacht angegriffen habe; ich habe aber nirgend ausgesprochen gefunden, daß er zu diesem Zweck eine andere Einteilung seiner ursprünglich gleichstarken Geschwader vorgenommen habe. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß die ganze erste holländische Dwarslinie, in der auch 6 Schlachtschiffe und 6 Brander der Vorhut standen, ihren Angriff auf die englischen Geschwader richtete, als das französische sich von seiner Flotte entfernte. Um diese Zahl war dann Bankers schwächer, Ruyter stärker und somit seinem Gegner gleich oder gar etwas überlegen, wenn auch seine Gesamtflotte schwächer als die des Feindes war.
Der =Hauptkampf zwischen den Holländern und Engländern= begann zwischen 7 und 8 Uhr morgens und wurde ein äußerst blutiger; Ruyter erklärte ihn später für den erbittertsten und hartnäckigsten seines Lebens. Wieder einmal ist leider der Verlauf nicht genau zu verfolgen, da die alten Quellen mehr die Schilderungen einzelner Vorfälle geben, er dürfte ungefähr folgender gewesen sein:[184] Die englische Nachhut (Montagu) hatte ziemlich gleichmäßig Anker gekappt, Segel gesetzt und so den Stoß des Feindes in guter Ordnung aufgenommen. Die englische Mitte, die zunächst in Verwirrung war, fand auch noch Gelegenheit, die Ordnung einigermaßen herzustellen -- teilweise wurden die Schiffe durch Boote auf ihre Posten geschleppt --, da der Angriff Ruyters sich infolge der Flaute verzögerte. Bei dem Angriff stießen die entsprechenden Geschwader und Divisionen, Flaggschiffe gegen Flaggschiffe, ziemlich genau aufeinander, und es entspann sich ein laufendes Gefecht in größter Nähe, bei dem aber die Schiffe bald durcheinander trieben.
[184] Hauptquellen für die nachstehende Schilderung: »Leben Ruyters«; de Jonge, Teil II; Jal: »du Quesne«; Bonfils, Teil I; Mahan, Teil I; Clowes, Teil II.
In dem Kampf der Vorhuten gewannen die Engländer die Oberhand; =Ghent= fiel und nun wurde, obgleich auch =Montagu= beim Verlassen seines brennenden Flaggschiffes ertrank, von verschiedenen Schiffen der holländischen Nachhut flauer gefochten, so daß eine größere Zahl der englischen Nachhutschiffe in den Kampf der Mitten eingreifen konnte. Hierdurch kam =Ruyter= in bedrängte Lage, bis der Vertreter Ghents dessen Geschwader aufs neue gesammelt heranführte und das Gleichgewicht herstellte. Nach einigen Stunden waren die kämpfenden Geschwader dem Strande immer näher gekommen und, mit den Sänden bei Lowestoft voraus, genötigt zu wenden. Der Wind frischte nachmittags etwas auf; dieser Umstand sowie das freiere Wasser gaben Gelegenheit, die Ordnung wieder besser herzustellen. Es geht aus der Beschreibung einzelner Kämpfe hervor, daß beide Gegner davon Gebrauch machten: bedrängte Schiffe oder Gruppen werden herausgehauen und zur Gefechtslinie zurückgeführt; es wird also darauf hingewirkt, eine entstandene Melee wieder zu entwirren. Das allgemeine Gefecht entbrannte dann wieder auf das heftigste, sich nun nach Süden hinziehend. Ruyter und wohl auch York strebten danach, sich den fechtenden Vorhuten zu nähern.
Der =Kampf der beiden Vorhuten= war ein Ferngefecht geblieben. Es ist nicht aufgeklärt, weshalb d'=Estrées= den Kurs nach Südosten gewählt hat. In England und Holland tauchte (wie gegen Beaufort 1666) der Verdacht auf, er habe geheime Instruktion gehabt, seine Flotte zu schonen; dieser Verdacht wird sogar von einzelnen französischen Autoren geteilt (Sue). D'Estrées selbst hat berichtet, er habe wohl überlegt so gehandelt, weil sein Gegner über Steuerbord-Bug herangekommen sei; er habe diesen angreifen, durchbrechen und sich mit York vereinigen wollen. Andere Berichterstatter (Augenzeugen) sagen, es sei für die französischen Schiffe, als am weitesten nach Lee liegend, zu schwer, wenn nicht unmöglich gewesen, den Kurs parallel mit dem nahen Strande durchzuhalten. Dieser Grund erscheint stichhaltig, ja, für die ganze Flotte wäre der St. B. Bug der richtigere gewesen, da er frei von der Küste führte und so auch Raum zum Manövrieren gegeben hätte. =Bankers= folgte den Franzosen auf Parallelkurs, führte aber ein Feuergefecht auf halbe Kanonenschußweite, scheinbar, um sie nur zu beschäftigen und von einer Wiedervereinigung mit York abzuhalten.
Dieses Verfahren entsprach wahrscheinlich einer Anordnung Ruyters, denn Bankers und seine Seeländer waren kampflustige Männer. Ruyter achtete wohl die Franzosen gering oder rechnete mit der erwähnten geheimen Instruktion. In Holland selbst wurde auch gesagt, Ruyter habe Anweisung gehabt, die Franzosen zu schonen, um Ludwig XIV. nicht zu erbittern und dadurch Verhandlungen zu erschweren. In diesem Falle war es aber nicht richtig, den Franzosen die Seeländer gegenüber zu stellen, weil diese vorwiegend oranisch und somit antifranzösisch gesinnt waren.
Diese Absicht gelang. D'Estrées war nicht imstande, ein Nahgefecht herbeizuführen oder gar die Luvstellung zu gewinnen. In seinem Bericht machte er =du Quesne= -- seinem tüchtigsten Flaggoffizier, der die Spitze führte -- den Vorwurf, ihn in seinen Absichten nicht unterstützt, nicht hoch genug gesteuert zu haben; du Quesne wurde auch im nächsten Jahre nicht verwendet, blieb aber in Colberts Gunst. Der französische Admiral mag ein entscheidenderes Gefecht gesucht haben, denn auch er war ein tapferer Mann, aber ihm und seiner Flotte fehlte die nötige Schulung; ein Versuch des Durchbruchs würde den kriegstüchtigen Holländern gegenüber auch wohl sehr ungünstig ausgefallen sein.[185] Gegen Abend brach Bankers das Gefecht ab, steuerte seiner Flotte zu und vereinigte sich bald mit dieser.
[185] Mahan, Teil I, Seite 142, verweist auf einen gleichartigen Versuch der Spanier bei St. Vincent 1797, der verhängnisvoll wurde.
Die Nacht trennte auch die Hauptgegner in der Schlacht zwischen 8 und 9 Uhr abends; beide Teile behaupten, der andere habe abgebrochen. Bei den beiderseitigen Verlusten, Beschädigungen, der Erschöpfung, dem Munitionsmangel und der Dunkelheit war dazu Grund vorhanden. Außerdem war besonders Ruyters Flaggschiff stark beschädigt und anderseits scheint d'Estrées nicht so früh zur verbündeten Flotte gestoßen zu sein als Bankers zur holländischen.
Ruyter setzte beim Angriff seinen Kurs auf York mit den Worten: »Steuermann, das ist unser Mann«; dieser antwortete: »Mein Herr, Ihr sollt ihn haben.« Die »7 Provinzen« wurden auf Pistolenschußweite an den »Royal Prince« herangeführt und beide Schiffe begrüßten sich mit einer Breitseite. Zwei Stunden wurden weitere Breitseiten gewechselt -- Ruyters Schiff soll an dem Tage 3500 Kugeln verschossen haben --, dann mußte Yorks Schiff schwer beschädigt weichen und er seine Flagge auf »St. Michael« setzen; abends war er genötigt, auf »London« überzugehen. -- Van Nes, Vizeadmiral der Mitte, nahm das Schiff des Vizeadmirals der feindlichen Mitte (»Royal Catherine« 80), doch wurde es bald zurückerobert. Van Brackel, uns schon vom Medway her rühmlichst bekannt, griff mit der »Hollandia« (60 Kanonen), einem der Schiffe der Branderlinie, und ihrem Brander den weit stärkeren und höheren »Royal James« (100 Kanonen, Flaggschiff Montagus) an. Lange währte der ungleiche Kampf, bis van Ghent und 2 Brander der »Hollandia« zu Hilfe kamen. Auch jetzt noch wehrte sich Montagu tapfer, schoß 2 Brander in den Grund und löste die Enterhaken der »Hollandia«; van Ghent fiel. Der dritte Brander aber setzte den »Royal James« in Flammen, und Montagu ertrank, wie bereits erwähnt, beim Verlassen des Schiffes. Der gerettete Kommandant klagte später, der Vizeadmiral der Nachhut habe seinen Chef in der höchsten Not zu Luward mit einigen Schiffen passiert, ohne Hilfe zu bringen; der Angeklagte ist einigermaßen zu entschuldigen, er war es, der einen Teil der Nachhut mit richtigem Blick zur Verstärkung Yorks heranführte.[186]
[186] Weitere lesenswerte Schilderungen im »Leben Ruyters«.
Am 8. Juni manövrierten die Flotten in Sicht voneinander, beide wollen vergeblich die Erneuerung des Kampfes gesucht haben; am 9. ging =Ruyter zur holländischen Küste zurück=, ohne daß die Feinde ihm folgten.
Der =Verlust= der Engländer betrug 4 Schiffe und etwa 2500 Mann an Toten und Verwundeten, der der Holländer 2 Schiffe und weniger Leute; der Verlust der Franzosen war unwesentlich. Auf beiden Seiten waren viele Schiffe schwer beschädigt, daß aber nach einem so heftigen Kampfe der Verlust an Schiffen so viel geringer ist, als in den beiden ersten Kriegen, kann doch wohl als ein Beweis des Fortschrittes im Schiffbau gegen den der Artillerie angesehen werden.
=Beide Teile schrieben sich den Sieg zu=! Die Verbündeten behaupteten gewissermaßen das Feld; Ruyter ging zurück, da er durchaus ausbessern und ausrüsten mußte. Er hat aber seine strategische Aufgabe gelöst, denn auch der Feind war für längere Zeit außerstandgesetzt, sein Hauptziel, die Unterstützung des Landkrieges durch eine Landung, zu verfolgen; dies war gerade zu dieser Zeit eine Lebensfrage für Holland.
$Die weiteren Ereignisse des Jahres 1672.$ Der =Landkrieg= hatte sofort beim Beginn einen Verlauf genommen, der verhängnisvoll für die Niederlande zu werden drohte. Ende Mai und Anfang Juni eröffneten die feindlichen Armeen -- 120000 Franzosen, 30000 Mann von Münster und Köln -- den Feldzug. Die Hauptmacht der Franzosen unter =Turenne= und =Condé= erschien vom Kurfürstentum Köln aus vor den Festungen der Südostgrenze, z. B. Wesel; die spanischen Niederlande wurden vermieden und nur ein Beobachtungskorps gegen sie aufgestellt. Die bischöflichen Truppen griffen die Provinz Gröningen an; ein französisches Korps unter dem Marschall von =Luxembourg= operierte zwischen beiden. In den Niederlanden war während der 21 jährigen statthalterlosen Zeit die Armee arg zurückgegangen: die Offizierstellen waren nach Gunst aus den regierenden Familien besetzt, die Soldaten meist Fremde, sonst minderwertiges und nicht geachtetes Material; die Festungen und ihre Armierung waren vernachlässigt. Der neuernannte Generalkapitän, =Wilhelm von Oranien=, zählte erst 21 Jahre, seine Befugnisse waren beschränkt; er fand nur ein Heer von etwa 70000 Mann vor, von dem die Hälfte auf die vielen Festungen verteilt war, ohne aber diesen damit eine genügende Besatzung zu geben. So fielen denn auch in wenigen Tagen den Franzosen fast alle Grenzfestungen in die Hände und die Bischöflichen bemächtigten sich verschiedener Grenzstädte Gröningens. Die feindlichen Armeen drangen dann in die Landprovinzen ein. Im Laufe des Juni besetzten die Franzosen ganz Geldern und Utrecht, ließen vor einigen sich haltenden Festungen Beobachtungskorps zurück und standen somit an der Grenze der Provinz Holland. Die Bischöflichen, denen sich die Provinz Oberyssel ergeben hatte, belagerten Gröningen, die einzige Festung der Provinz gleichen Namens und Frieslands. Prinz Wilhelm hatte sich mit nur etwa 9000 Mann nach Holland zurückziehen müssen, nachdem die Besatzung der sich haltenden Städte verstärkt worden war.
Infolge dieser schweren Schläge verbreiteten sich in den 14 Tagen nach der Schlacht bei Solebay Schrecken und Verwirrung in den Niederlanden, und der innere Hader wuchs. Die Partei der Regierung, namentlich in Holland mächtig, war für schleunigen Friedensschluß und knüpfte schon Mitte Juni Verhandlungen mit England und Frankreich an; ihre Anhänger waren zu den größten Demütigungen bereit, um sich vor den unmittelbaren Folgen einer Invasion und dem Emporkommen der Gegenpartei auf ihre Kosten zu bewahren. Die oranische Partei aber wollte sich den schroffen Forderungen der Feinde nicht unterwerfen.
De Witts Partei war zu folgenden =Friedensbedingungen= bereit: Abtretung aller Landstriche außerhalb der 7 Provinzen in Deutschland, Flandern, Brabant, und Limburg; dies anzunehmen soll Turenne Ludwig XIV. geraten haben. Ludwig XIV. verlangte aber auf Louvois' Antrieb noch: Abtretung eines Teiles von Geldern mit wichtigen Festungen, Zollfreiheit für französische Waren, große Vorteile für die Katholiken in den Niederlanden, 16 Millionen Gulden Kriegskosten, eine jährliche Deputation demütigender Art und endlich die Erfüllung der Forderungen Englands. Diese nun bestanden in: 1 Million Lstrl. Kriegskosten, jährlich 10000 Lstrl. für die Heringsfischerei, die Erhebung Oraniens zum Souverän und als Pfand für die Erfüllung dieser Bedingungen die Abtretung dreier großer Inseln an der Maas- und Scheldemündung. Trotz der ihm zugedachten Erhebung zum Souverän war es gerade Wilhelm von Oranien, der zur Ablehnung der Vorschläge und zum äußersten Widerstande ermahnte.
Von der oranischen Partei wurde der schlechte Zustand der Landesverteidigung, wohl mit Recht, der Hinneigung der Gegenpartei zu Frankreich zugeschrieben, der Fall der Festungen sogar dem Verrat. Der Haupthaß fiel auf de Witt, schon am 22. Juni erfolgte ein Attentat auf diesen, die Partei gewann immer mehr an Macht, und nun sollte gerade von Amsterdam -- dem Hauptsitz der Gegenpartei bisher -- der Anstoß zu einer Verteidigung des Vaterlandes auf Leben und Tod ausgehen: Muyden am Zuidersee -- der Schlüssel zum Hafen der Stadt und wichtig für die Beherrschung der Hauptdeiche -- war durch ein feindliches Streifkorps genommen, der Magistrat war geneigt, zu kapitulieren, da zwang man ihn zu energischen Verteidigungsmaßregeln und stellte 60 Bürgerkompagnien auf; Muyden wurde wiedergenommen, die Deiche wurden durchstochen. Diesem Beispiele folgten sämtliche Städte Hollands, und Wilhelm von Oranien besetzte die schmalen Wege, die aus Geldern und Utrecht zwischen den Gewässern nach Holland hineinführten, mit hinreichender Mannschaft.
Es war der =Wendepunkt des Landkrieges=, der Invasion war eine Schranke gesetzt. Was wäre aber die Folge gewesen, wenn in diesem Monat der Not und Uneinigkeit die verbündete Flotte einen Angriff auf die Küsten gemacht hätte? Hiervon blieb man durch die Schlacht bei Solebay bewahrt.
Sonst aber hatte $die holländische Marine im Jahre 1672$ keine Gelegenheit mehr, sich auf ihrem eigentlichen Felde hervorzutun, wenn auch nochmals eine Landung drohte. Das Zurückgehen der Flotte nach der Schlacht von Solebay wurde von den Gegnern der Gebrüder de Witt wieder als eine Art von Verrat ausgelegt: man habe die Franzosen schonen wollen. Gewiß wäre es richtig gewesen, dem Feinde zur See weiter Abbruch zu tun, aber es war unmöglich; die Flotte bedurfte dringend der Ausbesserung und Neuausrüstung. Nach dem Einlaufen wurde sofort hiermit begonnen, jedoch die Ereignisse am Lande griffen hindernd ein. Man brauchte in den Festungen die vorhandene Munition und auch Mannschaften; auch hoffte man auf Frieden mit England, und die Franzosen allein fürchtete man zur See nicht. So wurde am 24. Juni beschlossen, die Flotte auf 48 Schlachtschiffe und 18 Fregatten herabzusetzen und die Besatzungen der in Dienst bleibenden Schiffe zu vermindern. Die so frei gewordenen Mannschaften stießen in besonderen Verbänden unter ihren bisherigen Führern -- See- und Seesoldaten-Offizieren -- zur Armee oder bildeten die Besatzungen kleinerer Fahrzeuge auf den Flüssen und Binnengewässern. Schon bei Ausbruch des Krieges hatte man diese Schiffe zur Unterstützung des Heeres in Dienst gestellt (auf Maas, Rhein und Yssel); jetzt wurde die Zahl vermehrt, namentlich auf dem Zuidersee (auch im Dollart), weil der Feind dessen östlichen Strand im Besitz hatte. Zu Lande und auf den Flottillen haben die Marinemannschaften während des weiteren Krieges wesentliche Dienste geleistet.
=Ruyters Flotte= -- 47 Schlachtschiffe, 12 Fregatten, 20 Brander, schwach an Munition und Besatzung -- konnte nicht daran denken, sich weit von den Küsten zu entfernen. Der Admiral, dem von dem Prinzen völlig freie Hand gelassen wurde, hielt sich zwischen den Sänden vor der Maasmündung (auf der Goede-Rhede oder der Schooneveld-Rhede), die Seegatten bei Texel und Vlieland wurden durch Fregatten und leichte Fahrzeuge gedeckt; was man an Truppen erübrigen konnte, es war wenig, hatte man nach Texel und Hellevoetsluis geworfen. Die =verbündete Flotte= erschien Anfang Juli, 90 Schlachtschiffe und Fregatten stark und mit einer großen Zahl Landungstruppen an Bord, versuchte zunächst, Ruyter herauszulocken und zeigte sich dann vor Texel. Am 13. und vom 18-20. Juli erschienen kleinere Fahrzeuge, das Fahrwasser untersuchend. Die Holländer mußten hier, wo sie so schwach waren, eine Landung erwarten; Ruyter hatte Anweisung, seine Flotte erst einzusetzen, wenn der Feind wirklich lande. Weshalb dieser zwischen dem 13. und 20. nicht ernstlich vorging, läßt sich nicht erkennen. Vielleicht waren die Windverhältnisse ungünstig, es wehten scheinbar meist frische ablandige Winde; wahrscheinlicher ist es, daß man die segelfertige Flotte Ruyters in der Flanke fürchtete und hoffte, sie durch Scheinbewegungen zunächst herauslocken und dann schlagen zu können. Die Überlieferung schreibt die Abwendung der Gefahr der Vorsehung zu: Als die Verbündeten an dem zur Landung bestimmten Tage auf die Flut warteten, habe die Ebbe 12 Stunden gelaufen. Neuere Quellen verweisen diese Erzählung in den Bereich der Sage. Tatsächlich trat die Vorsehung später für Holland ein. Am 21. Juli begann ein schwerer Südweststurm, der drei Tage mit äußerster Kraft wehte und dann noch fast drei Wochen mit nur kurzen Unterbrechungen anhielt. Die feindliche Flotte wurde durch diesen Sturm nach Norden vertrieben und so zugerichtet, daß sie »wie nach einem scharfen Gefecht« in englische Häfen zurückkehren mußte.
Das Jahr 1672 brachte weitere wichtige Ereignisse zur See nicht mehr. Ruyter blieb in seiner Defensivstellung[187] und seitens der Verbündeten war der Plan zu einer Landung, aus nicht bekannten Gründen, für dieses Jahr aufgegeben. Die Franzosen gingen am 28. September von der Themse nach Frankreich ab. Karl II. wollte sie gern in England behalten; es wurde abgelehnt, da die Ausbesserungen dort teurer als in den heimischen Häfen kommen würden.[188] Ein Teil der englischen Flotte machte noch den Versuch, den lang erwarteten Convoi Ostindienfahrer auf der Doggerbank abzufangen, man verfehlte ihn aber; Ruyter, der die Küste entlang ihm entgegengegangen war, führte die Schiffe glücklich heim. Ende September wurde in Holland der Winterdienst zur Bedeckung der Seegatten eingerichtet und die Flotte sonst aufgelegt; man gab aber jetzt die Kaperei frei. Ein geplantes Unternehmen, mit einem kleinen Geschwader französische Häfen anzugreifen, kam nicht zur Ausführung.
[187] Die Bewegungen Ruyters von nun an und auch schon früher in seiner Defensivstellung fast tageweise im »Leben Ruyters«.
[188] Nach Jal: »du Quesne«, Teil II, Seite 91, nur ein Vorwand.
Wir müssen uns nun nochmals den $inneren Verhältnissen Hollands$ und dem $Landkriege$ zuwenden. Die schimpflichen Friedensbedingungen, die die Gegner stellten, und auch der Schaden, den die Überschwemmung hervorrief, hatten das niederländische Volk aufs höchste erbittert. Es war entschlossen, das, was der Feind und das Wasser noch vom Lande übrig gelassen, aufs äußerste zu verteidigen, ja, wenn dies nicht mehr zu halten sei, auszuwandern und in Ostindien ein neues Holland zu gründen. Die oranische Partei gewann ganz die Herrschaft; Anfang Juli wurde =Wilhelm von Oranien= -- zuerst in Seeland, dann in Holland, schließlich von den Generalstaaten -- zum =Statthalter=, Generalkapitän und Generaladmiral auf Lebenszeit ernannt.
Der Parteihaß führte aber zu blutigen Taten. =Cornelis de Witt= wurde eines Attentatsversuchs gegen den Statthalter angeklagt, gefoltert und zur Verbannung verurteilt; als sein Bruder, =der Ratspensionär=, ihn im Gefängnis besuchte, wurden beide (19. August) auf abscheuliche Weise =ermordet=. Selbst auf Ruyter fiel der Haß eines Teiles des Volkes als einen Freund der Brüder, obgleich er das volle Vertrauen des Statthalters besaß. Der Pöbel wollte im September sein Haus stürmen, nur ein in der Nähe liegendes Kriegsschiff konnte es hindern, im Oktober versuchte sogar ein Mann, ihn zu ermorden.
Die Friedensverhandlungen hatte man vorsichtigerweise noch längere Zeit fortgeführt, um die nur langsam zunehmende Überschwemmung erst wirksam werden zu lassen. Während dieser Zeit hatten sich auch sonst die Verhältnisse im Landkriege bedeutend günstiger gestellt. Der =Große Kurfürst= hatte schon am 6. Mai einen Vertrag mit der Republik geschlossen, wonach er sie mit 20000 Mann unterstützen wollte. Er bewog auch den =Kaiser= zu einem Bündnis (25. Juni) behufs Aufrechterhaltung des Besitzstandes in Europa, wie dieser im Westfälischen, Pyrenäischen und Aachener Frieden festgesetzt war. Im Juli rückten die brandenburgischen und die österreichischen Truppen heran, so daß sich =Ludwig= XIV. genötigt sah, den Prinzen von Condé mit 18000 Mann den Österreichern im Elsaß und Turenne mit 20000 den Brandenburgern in Westfalen entgegenzustellen. Nach dem Plane Friedrich Wilhelms sollten sich die Brandenburger und Österreicher in Hessen-Kassel vereinigen, über den Rhein gehen und so den Franzosen in den Rücken fallen. Aber durch den bestochenen Minister Lobkowitz zurückgehalten, kamen die Österreicher unter Montecuculi nur langsam heran; der Große Kurfürst allein war zu schwach; so bezog man ohne vorherige Waffentaten später überall Winterquartiere.
Immerhin waren die Niederlande entlastet. Wenn auch die übrigen Franzosen unter Luxembourg in Utrecht und Geldern zurückgeblieben waren, so kam doch ihr Vordringen zum Stehen, ja =Oranien= konnte sich einiger Städte wieder bemächtigen. Auch der Angriff der bischöflichen Truppen scheiterte an dem hartnäckigen Widerstande der Festung Gröningen; mit großem Verlust zogen sie nach 40tägiger Belagerung ab; die Provinzen Gröningen und Friesland waren gerettet. Im Dezember 1672 machte Oranien sogar mit 30000 Mann einen allerdings erfolglosen Vorstoß gegen die wichtige französische Festung Charleroi. Mittlerweile hatte starker Frost die Gewässer der Überschwemmungen mit Eisbrücken belegt. =Luxembourg= wollte diesen Umstand und die Abwesenheit Oraniens zur Eroberung Leydens und des Haags benützen, um sich so im Herzen der Provinz Holland festzusetzen. Plötzlich einsetzendes Tauwetter zwang ihn aber zu eiligem Rückzuge auf den Dämmen und nur die Feigheit eines holländischen Oberst entzog die 11000 Franzosen der völligen Vernichtung. Damit waren auch hier die Feindseligkeiten für den Winter vorbei.
Die Lage der Niederlande war zu Ende des Jahres weit günstiger, als man bei Beginn des Krieges hätte erwarten können. Unter der kräftigen Führung Wilhelms von Oranien verweigerte jetzt die Republik die Annahme der Friedensbedingungen, $die sie selbst früher angeboten$ hatte.
Die Schlachten bei Schooneveld am 7. und 14. Juni 1673.
Das Jahr 1673 brachte jedoch wieder einen Umschlag zuungunsten der Niederlande. Die =Kriegsereignisse am Lande= begannen in Westfalen. Der Große Kurfürst war nicht imstande, von hier aus der Republik Hilfe zu bringen, da ihn die Österreicher ohne Unterstützung ließen und die Niederlande die versprochenen Gelder nicht zahlten; die Macht Frankreichs und der Bischöfe war ihm überlegen, sein Land wurde verwüstet. Er schloß am 6. Juni mit den Franzosen einen Neutralitätsvertrag, wonach diese seine Lande räumten und 800000 Lire zahlten, um den geschädigten Provinzen wieder aufzuhelfen. Die Untätigkeit der Österreicher im Elsaß hatte auch hier die Franzosen frei gemacht und Condés Armee konnte gleichfalls zur Unterstützung Luxembourgs herangezogen werden. Die vereinigten Streitkräfte sollten nun die Provinz Holland angreifen und die Seestreitkräfte wiederum gleichzeitig eine Landung in dieser Provinz oder in Seeland bewerkstelligen. Zum Angriff der Provinz Holland von Utrecht und Geldern aus war auch eine große Zahl flachgehender, platter Fahrzeuge auf dem Zuidersee hergestellt -- diese zeigten sich später völlig unbrauchbar --, Oranien sah sich deshalb genötigt, mit seinem Heere auch die ganze Ostgrenze der Provinz Holland zu besetzen und die Abwehr einer Landung wieder nur den Seestreitkräften zu überlassen. Auch die in Holland wohl noch gehegte Hoffnung, wenigstens mit England zum Frieden zu kommen, erfüllte sich nicht; der englische Kanzler erklärte im Parlament am 14. Februar mit Beziehung auf Holland: »Delenda est Carthago.« --
So wurde denn am 10. März die Indienststellung von 48 tüchtigen Kriegsschiffen, worunter 36 zu 60-80 Kanonen, 12 Fregatten und 24 Brandern beschlossen; ein Geheimbeschluß von demselben Tage -- nach de Jonge geheim, um auch den Feind zu einer weniger starken Rüstung zu verleiten -- fügte noch 24 Schiffe und 12 Fregatten hinzu.
Wieder beteiligten sich nur Holland und Seeland an dieser Rüstung; Friesland und Gröningen waren durch den Landkrieg zu sehr mitgenommen und noch immer vom Lande her arg bedrängt; erst vor der letzten Schlacht dieses Krieges stellten sie einige wenige Schiffe.
Die Indienststellung wurde möglichst beeilt, die Kaperei und die Schiffahrt in den europäischen Gewässern aufs neue eingestellt, und Anfang Mai waren 31 Kriegsschiffe -- darunter 4 zu 80 Kanonen, 3 zu 70-76, 9 zu 60-68 -- 12 Fregatten, 18 Brander unter Ruyters Kommando segelfertig. Die Flotte bestand zunächst nur aus Schiffen der holländischen Kontingente, Seeland war infolge Geldmangels noch nicht bereit. Die =Absicht= war, wie im Vorjahre dem Auslaufen der englischen Flotte zuvorzukommen, und im besondern =englische Häfen= durch Versenken von großen, schwerbelasteten Fahrzeugen =zu sperren=.
Schon am 10. Mai erschien =Ruyter= vor der Themse und sandte sofort die Kontreadmirale van Nes und Vlugh mit 2 Schlachtschiffen, 6 Fregatten, 6 Brandern, sowie einigen kleineren Segeln stromauf, um 8 solcher Senkschiffe an zwei wichtigen Stellen des Fahrwassers zu versenken. Nebeliges Wetter hinderte das Vordringen, und am 13. zeigten sich beträchtliche englische Streitkräfte: nach Meldung hiervon zogen sich die detachierten Admirale auf Befehl zur Flotte zurück.
Ruyter und der Kriegsrat hatten beschlossen, das Versenken der Schiffe aufzugeben, weil es sich angesichts des Feindes nicht mit der nötigen Sorgfalt ausführen ließe, und mit der Flotte zur eigenen Küste zurückzukehren, da überraschende Unternehmungen überhaupt nicht mehr möglich erschienen. Man hatte erfahren, daß die Ausrüstung der Engländer in der Themse und in Portsmouth zu weit vorgeschritten und dem bisherigen Mannschaftsmangel abgeholfen sei; auch das Eintreffen der Franzosen mußte man erwarten.
Wohl ist es auffallend, daß die Flotte der Verbündeten nicht früher bereit gewesen ist, um gegen die holländische Küste zur Blockade und Landung vorzugehen, obgleich schon im Februar vom englischen Parlament die Mittel zur Ausrüstung bewilligt waren. Die Verzögerung scheint der Verwaltung zur Last zu fallen, die nach dem Ausscheiden des Herzogs von York als Lordhighadmiral nicht mehr besonders sorgfältig arbeitete. Die Franzosen sollen nicht geneigt gewesen sein, Brest zu verlassen, ehe die englische Flotte in See wäre. Nur der Energie des neuen englischen Oberbefehlshabers, =Prinz Rupert=, gelang es, durch Zusammenraffen aller fertigen Streitkräfte auf der Themse wenigstens den Vorstoß Ruyters abzuwehren. Auch hatte es der englischen Flotte an Seeleuten gefehlt; unmittelbar vor dem Erscheinen der Holländer waren aber verschiedene große Convois vor London eingetroffen, deren Besatzungen nun gepreßt wurden; die bevorstehende Ankunft dieser Convois war Ruyter unbekannt oder er hat sie verfehlt.
Wenn die Verbündeten eine Landung unternehmen oder der Republik ihre Hilfsquellen zur See völlig abschneiden wollten, so mußte ihre erste Aufgabe sein, =Ruyters= Flotte zu schlagen. Dieser wußte sich, wie im Vorjahre nach Verminderung der Flotte, zu schwach, die beiden Gegner auf offener See zu erwarten, zumal da er sich zwischen beiden befand. In Übereinstimmung mit dem Kriegsrat, dem Statthalter und den Generalstaaten beschloß er wiederum, eine Defensivstellung (bei Schooneveld oder etwas südlicher bei Ostende) einzunehmen, von hier aus den Feind zu beobachten, Landungsversuchen entgegenzutreten und nur unter günstigen Verhältnissen zu fechten. Er ging am 14. Mai nach =Schooneveld= zurück und führte in der Folge diese =offensive Defensive= (vgl. Seite 323) meisterhaft durch.
Die nach und nach verstärkte =holländische Flotte=[189] =bestand= am 7. Juni aus:
52 5 9 20 8 10 Schlacht- zu 80-82 K. 70-78 K. 60-68 K. 50-58 K. 42-48 K. schiffen: 340-530Mann 320-420Mann 240-400Mann 230-280Mann 170-225Mann
12 22-36 K. 14 4-12 K. 25 2-4 K. Fregatten: 90-160 Mann Avisojachten: 25-34 Mann Brander: 12-45 Mann
mit im ganzen 3600 Kanonen, 18000 Mann.
[189] Nach de Jonge, Teil II, Beilage V, übereinstimmend mit anderen Quellen.
Während der Ausrüstung erklärten sich die Admiralitäten von Holland bereit, mehr Schiffe zu stellen als ihnen zufiel, jedoch dann schwächer bemannt; bemerkenswerterweise lehnte Ruyter es ab und riet, überflüssige Mannschaft an Seeland abzugeben, wo Mangel herrschte: »Er wolle lieber weniger, aber in jeder Hinsicht tadellos ausgerüstete Schiffe führen.«
Die Flotte war in 3 fast gleichstarke Geschwader zu je 3 Divisionen geteilt[190]: Vorhut Leutnantadmiral =Bankers=, Vizeadmirale Evertsen und Star; Mitte =Ruyter= (»7 Provinzen« 82 Kanonen), Leutnantadmiral van Nes und Vizeadmiral de Liefde: Nachhut Leutnantadmiral =Tromp= »Gouden Leeuw« 80 Kanonen), Vizeadmirale Sweers und Schram, Sweers war aber zur Zeit der ersten Schlacht noch nicht eingetroffen; zur 3. (Nachhut-) Division eines jeden Geschwaders trat noch ein Kontreadmiral.
[190] Einteilung nach »Leben Ruyters« und »Vie de Tromp«. In ersterem auch die Instruktion Ruyters über die Segelordnung bei verschiedener Lage zum Feinde: in Luv oder Lee, über St. B. oder B. B. Bug. -- De Jonge und (danach?) englische Quellen geben Tromp die Vorhut; nach genannter Order war dies aber nur in gewissen Lagen der Fall, wie denn stets der Leutnantadmiral von Seeland, also hier Bankers, den rechten Flügel oder die eigentliche Vorhut führte.
=Tromp= war am 30. April wieder als Leutnantadmiral von Amsterdam angestellt. Wilhelm von Oranien hielt viel von ihm als treuem Anhänger seiner Partei, wie es schon sein Vater gewesen. Der Prinz hatte jedoch vorher dringend eine Versöhnung mit Ruyter verlangt und diese in seiner Gegenwart herbeigeführt. Die Ernennung Ruyters zum Leutnantadmiralgeneral war wohl gerade auch deshalb mit erfolgt, um ferneren Streitigkeiten mit Tromp vorzubeugen. Die beiden tüchtigen Admirale haben sich auch in Zukunft vertragen.
Die =Flotte der Verbündeten= hatte sich Ende Mai bei Wight vereinigt; am 29. Mai wurde sie von Karl II. und York besucht.
Sie bestand aus etwa[191] 81 Schlachtschiffen, 11 Fregatten und 34 (42?) Brandern.
[191] Nach de Jonge, Teil II, Beilage V, und Clowes, Teil II, Seite 310. Genaue Angaben über England sind nicht vorhanden; die französischen Schiffe mit Namen, Kommandanten und Kanonen in Jal: »du Quesne«, Teil II, Seite 48, dort auch die »Namen« der englischen Schiffe.
=England= stellte 54(?) Schlachtschiffe, darunter 3 mit über 100 Kanonen, 4 mit 90, 16 mit 60-80, 9(?) mit 50-58 Kanonen; 8 Fregatten; 24 Brander.
=Das französische Geschwader= zählte 27 Schlachtschiffe, eins mit 100 die übrigen mit 50-70 Kanonen, 3 Fregatten und 10 (18?) Brander.
Die englischen Schiffe führten eine große Zahl Soldaten für die Landung an Bord, 6000 Mann standen in Yarmouth zum Einschiffen bereit. Die Gesamtflotte war eingeteilt: Vorhut =Prinz Rupert=[192] (»Royal Charles« 100 Kanonen), Vizeadmiral Harman, Kontreadmiral Chichely; Mitte =Comte d'Estrées= (»Reine« 104 Kanonen), Vizeadmiral des Ardens (»Terrible« 70 Kanonen), Kontreadmiral de Grancey (»Orgueilleux« 70 Kanonen), (Ardens und Grancey waren dem Range nach Chefs d'Escadre); Nachhut =Admiral Spragge=, Vizeadmiral Kempthorne, Kontreadmiral Butler.
[192] Angaben über Prinz Rupert Seite 264.
Obgleich Rupert den Oberbefehl hatte -- sein Geschwader führte auch die rote Flagge -- nahm er doch die Vorhut und ließ d'Estrées -- Geschwader mit der weißen Flagge --, die Mitte. Nach den englischen und den holländischen Quellen soll es geschehen sein, um die Franzosen zwischen den beiden englischen Geschwadern zu haben, da man ihnen nach den Erfahrungen im Vorjahre nicht traute. Die neuesten englischen Autoren, wie z. B. Clowes, nehmen sogar als feststehend an, daß in der Schlacht am 7. Juni die Division des Ardens in das rote, die Division de Grancey in das blaue Geschwader und dafür englische Divisionen in die Mitte eingestellt seien; Angaben im »Leben Ruyters« scheinen dies zu bestätigen. Die französischen Quellen aber wissen hiervon nichts; daß die Franzosen in die Mitte genommen wurden, geben sie zu; einige von ihnen führen auch als Grund das Mißtrauen der Engländer an.
Die $erste Schlacht bei Schooneveld$, 7. Juni 1673. Am 1. Juni hatte =Ruyter= zur Übung mit seiner Flotte taktische Bewegungen gemacht und war mittags außerhalb der Sände zu Anker gegangen; abends meldeten die Vorposten das Nahen der Verbündeten. Auch diese ankerten, weil es schon zu spät war, um etwas zu unternehmen. Am folgenden Tage gingen zwar beide Flotten unter Segel, es kam aber wegen flauen Windes nicht zur Annäherung, und vom 3. bis zum 6. hinderte stürmisches Wetter weitere Unternehmungen; den 6. benützten beide Flotten, ihre Ankerordnung wieder herzustellen, weil viele Schiffe vertrieben waren. Am =7. Juni= lichteten die Verbündeten vormittags Anker und kamen in Halbmondform (Dwarslinie?) heran. Ruyter hatte den Angriff für diesen Tag erwartet und »kurz Stag« hieven lassen,[193] um zum Gegenstoß im geeigneten Augenblick bereit zu sein.
[193] Die Ankerkette so weit einwinden, daß der Anker nur eben noch hält.
Die Nachrichten über diese Schlacht -- geschlagen an einem holländischen Bußtage und am Jahrestage von Solebay -- sind mangelhaft; ihr wahrscheinlicher Verlauf sei kurz geschildert.[194]
[194] Die beste ältere Beschreibung im »Leben Ruyters«, die beste neuere bei de Jonge, Teil II.
Die Küste erstreckt sich Nordost-Südwest; der Wind war westlich, also günstig zum An- und Abstehen. =Rupert= rechnete, entweder den Feind zum Fechten von der Küste abzulocken, oder ihn zum Rückzug zwischen die Sände bewegen und dabei dann mit Brandern angreifen zu können. Zu diesen Zwecken zweigte er von allen Geschwadern 35 kleinere Schlachtschiffe und Fregatten mit 10 Brandern ab, die vor seiner Schlachtlinie auf den Feind zuliefen und auf große Entfernung das Feuer eröffneten (dies erinnert sehr an Ruyter bei Solebay). Auffallenderweise waren diese vorausgesandten Schiffe keinem gemeinsamen Oberbefehl unterstellt; sie kamen in Unordnung heran und gingen in noch größerer auf ihre Flotte -- jedes Schiff nach dem ihm zunächst befindlichen Geschwader -- zurück, als =Ruyter= ihnen in voller Ordnung entgegentrat. Infolgedessen und auch wohl infolge längerer Fahrt in schwer zu haltender Dwarslinie war die englische Flotte nicht gut ausgerichtet, als gegen 1 Uhr mittags der holländische Angriff erfolgte. =Tromp= auf dem rechten, nördlichen Flügel stieß zuerst mit Rupert zusammen; beide Gegner gingen über Steuerbord-Bug an den Wind und es entspann sich ein heftiges Gefecht dieser Geschwader. Auch Ruyter ging mit Mitte und Nachhut (jetzt =Bankers=) an den Wind, um mit Tromp aufgeschlossen zu bleiben; das Gefecht wurde allgemein. Um 2 Uhr gab Ruyter durch Signal den Befehl zum Wenden, er wollte seinem Hauptplane entsprechend den Kampf in der Nähe der Küste halten.
=Tromp= wendete nicht, obgleich er den Befehl sogar noch durch eine Jacht erhielt. Er hatte sich wohl wieder festgebissen, bei seinem ehrgeizigen Charakter diesmal um so erklärlicher, da sein Gegner das englische Geschwader unter Rupert war. In dem Kampf der Hauptflotte durchbrachen Ruyter und Bankers die feindliche Linie; Ruyter brachte dadurch große Verwirrung in das Geschwader d'=Estrées=', Bankers jedoch war dem englischen Geschwader gegenüber weniger glücklich, sein Flaggschiff ward schwer beschädigt und seine Ordnung ging verloren. Ruyter nutzte deshalb seinen Erfolg nicht aus, sondern entsetzte Bankers und stellte zunächst die Ordnung wieder her. Auch dann nutzte er hier die günstige Lage des Gefechts nicht aus -- verschiedene feindliche Schiffe waren abgeschnitten, der größere Teil der Feinde stand in Lee -- sondern er führte die wiedervereinigte Mitte und Nachhut Tromp zu Hilfe (etwa 6 Uhr). Er sagte: »Das Wichtigste zuerst; es ist besser, dem Freunde zu helfen, als dem Feinde zu schaden.« Tromps Geschwader war arg mitgenommen. Der Admiral selbst hatte zweimal sein Flaggschiff wechseln müssen, nach der Schlacht mußte er nochmals auf ein anderes übergehen; sein Vizeadmiral Schramm war gefallen. Gerade zu rechter Zeit kam Ruyter heran, so daß Tromp ausrief: »Kinder, da kommt unser Großvater (so wurde Ruyter von den Leuten genannt), uns zu helfen! Ich werde ihn auch nie verlassen, so lange ich lebe!«
Nach der Vereinigung mit Tromp wendete Ruyter mit der ganzen Flotte wieder nach Südwesten. Die Verbündeten folgten; sie scheinen aber, obgleich zu Luward stehend, den Nahkampf nicht mehr gesucht zu haben; die Dunkelheit trennte gegen 10 Uhr die Gegner. Ruyter ankerte etwa auf der Stelle, wo der Kampf begonnen hatte, die Verbündeten standen einige Seemeilen nach Norden hin von der Küste ab und gingen dann auch zu Anker.
Die =Schlacht= wurde bis in die neueste Zeit meist »=unentschieden=« genannt, beide Teile schrieben sich den Sieg zu. An Schiffen haben, außer Brandern, scheinbar nur die Franzosen 2, die Holländer 1 (nach der Schlacht gesunken) verloren; die Beschädigungen waren etwa gleich; genommen wurde kein Schiff. Der Mannschaftsverlust ist unbekannt, der englische soll infolge der Überbemannung mit Landsoldaten der weit größere gewesen sein. Die Verbündeten rühmten sich, den Feind zum Rückzuge gezwungen zu haben, aber die neueren Autoren auch dieser Länder erkennen den =Erfolg Ruyters= an: Er hat einen überlegenen Feind angegriffen und ihm gleiche Verluste zugefügt; er hat für den Augenblick den Hauptzweck des Gegners vereitelt. Auch hat er sich keineswegs zu seinem Schutz zwischen die Sände zurückgezogen, sondern ist kampfbereit in See geblieben; daß er wieder auf seinem alten Platze ankerte, aber doch einige Seemeilen weiter seewärts, lag in seinem Hauptplane. Die Verbündeten haben seinen »Rückzug« nicht gehindert und auch in den nächsten Tagen nichts unternommen.
Das Benehmen der Franzosen in dieser Schlacht wurde von den Engländern als vorwurfsfrei anerkannt. Nur die Verwendung der Brander ihrerseits tadelte man; Sie hätten zu früh mit mehr Mut als Überlegung angegriffen, ehe feindliche Schiffe genügend niedergekämpft oder doch bewegungslos gemacht seien.
$Die zweite Schlacht bei Schooneveld, 14. Juni 1673.$ Beide Gegner besserten auf ihren Ankerplätzen aus. Die Holländer waren dabei im Vorteil; sie konnten Material vom Lande beziehen, die Verwundeten von Bord geben, Munition und Mannschaften ergänzen. Auch stießen an Stelle des verlorenen und zweier sehr beschädigten Schiffe (zu 60, 50 und 40 Kanonen) zwei Schlachtschiffe 1. Klasse (zu 84 und 82 Kanonen, eins davon mit Admiral Sweers, Geschwader Tromp), einige Fregatten und Brander zur Flotte, so daß diese fast genau die alte Stärke wieder hatte. Durch beständig am Feinde gehaltene Aufklärer erfuhr Ruyter, daß dem Gegner etwa 30 Segel fehlten, meist kleinere Kriegsschiffe und Brander, die zur Ausbesserung nach Haus gesandt oder verbraucht waren. Ferner waren die Holländer, dicht unter der Küste, kaum einem Angriff ausgesetzt und konnten mit Ruhe arbeiten und sich erholen, während die Verbündeten Tag und Nacht auf einen Angriff gefaßt sein mußten. Die Aussichten der Holländer standen also jetzt in allem günstiger als bei der ersten Schlacht und =Ruyter= beschloß, je eher je besser anzugreifen. Der 14. Juni wurde dazu angesetzt, falls die Windverhältnisse günstig; die Flotte war schon am 12. bereit, man mußte aber die Zustimmung angekündigter Staatendeputierter haben. Diese trafen rechtzeitig ein, und am festgesetzten Tage um 11 Uhr vorm. ging Ruyter bei frischem östlichen Winde unter Segel. Die Berichte über =diese Schlacht= sind nicht nur mangelhaft, sondern auch widersprechend; am wahrscheinlichsten scheint mir folgender =Verlauf=:[195]
[195] Schilderung nach Vergleich von: »Leben Ruyters«; de Jonge, Teil I; Clowes, Teil II; Jal: »du Quesne«.
Die Verbündeten wurden teilweise durch den Angriff überrascht. Rupert war zwar auf ihn gefaßt; da der Wind am 13. abends östlich geworden war, hatte er Vorbereitungen zum schnellen Untersegelgehen getroffen und war selbst die Nacht über aufgeblieben. Admiral Spragge war lässiger und begab sich sogar am 14. früh mit seinem Kontreadmiral an Bord des Flottenflaggschiffes; hier verweilte er zu lange oder konnte nicht schnell genug zurückkommen, als die Holländer erschienen.
Die Küste läuft Nordost-Südwest; der Wind war steif aus Ost, später Nordost; die Verbündeten lagen in Nordwesten der Holländer, das blaue Geschwader (Spragge) am meisten zu Luward. Rupert hatte jetzt mit dem roten Geschwader die Mitte übernommen; ob dieses Mal Engländer und Franzosen in den Geschwadern gemischt waren, ist unsicher. Die holländische Flotte kam in guter Ordnung heran, Tromps Geschwader führte. =Rupert= gab Befehl, Anker zu lichten und über Backbord-Bug die Linie zu bilden. Das rote und das weiße Geschwader führten den Befehl schnell aus; das blaue, das auf seine Flaggoffiziere wartete, verzögerte sich. Die Holländer sagen, die Gegner schienen zuerst den Kampf haben aufnehmen zu wollen, dann aber hätten sie nach Nordwesten abgehalten. Es ist also anzunehmen, daß Rupert zuerst über Backbord beim Winde steuerte, entweder, um die Luvstellung zu gewinnen (holländische Quellen) oder um das noch ungeordnete blaue Geschwader zu decken (französische Quellen). Das erstere mißlang, da Tromp sofort auch hoch beim Winde steuerte, die Deckung wurde unnötig, weil Spragge sich noch rechtzeitig -- wenn auch in Unordnung, es sollen Teile des blauen Geschwaders in die beiden anderen versprengt sein (französische Quellen) -- auf seinen Platz vor dem roten Geschwader begab. Nun hielt Rupert ab, um den Feind von der Küste abzuziehen (englische Quellen).
Die Holländer folgten, das Feuer wurde auf weite Entfernungen eröffnet, aber erst zwischen 4 und 5 Uhr nachmittags kam es zum ernsteren Kampf; sei es, daß Rupert sich jetzt weit genug von der Küste glaubte, sei es, daß Tromp das blaue Geschwader eingeholt hatte und Rupert nun genötigt war, den Kampf auf der ganzen Linie aufzunehmen. Es ist klar, daß Tromp dem Gegner am nächsten sein mußte, und Spragge stand wohl auch noch immer etwas zurück. Jedenfalls kam um diese Zeit die Spitze Tromps mit Spragge ins Gefecht; aufeinanderfolgend griff Tromp selbst ein, Ruyter stieß mit Rupert und Bankers mit d'Estrées zusammen.
Vizeadmiral Sweers, der Führer der ersten Division Tromps, war mit seinem Flaggschiff (»Weißer Elephant«, 82 Kanonen) und 3 Fregatten vorgelaufen. Er kam zuerst an den Feind und wurde so zugerichtet, daß er bald darauf das Gefecht verlassen mußte. Tromp legte dies als Mangel an Tapferkeit aus, eine Untersuchung ergab aber die schweren Verluste und Beschädigungen des »Elephant« und Oranien legte den Streit bei.
Es entspann sich nun ein laufendes Gefecht über Backbord-Bug, das jedoch nur auf mittlere Entfernungen geführt wurde, so daß die wirksame Verwendung der Brander ausgeschlossen war; auch der schon begonnene Nahkampf der Vorhuten wurde infolge schwerer Beschädigungen der Takelage auf Tromps Flaggschiff wieder getrennt. Schon der englischen Küste nahe, wendete Ruyter nach sechsstündigem Feuergefecht bei Eintritt der Dunkelheit (10 Uhr) mit seiner ganzen Flotte und ging unter kleinen Segeln auf seinen Ankerplatz zurück, den er am nächsten Nachmittage unbelästigt erreichte.
Auch diese =Schlacht= galt als =unentschieden=. Auf keiner Seite war ein Schiff verloren. Der Mannschaftsverlust war nicht so schwer als in der ersten und scheint bei den Gegnern etwa gleich gewesen zu sein; bei den Holländern betrug er nur 216 Tote und 285 Verwundete.[196] Zum Nahgefecht war es im allgemeinen nicht gekommen. Die Holländer wollen stets den Nahkampf erstrebt und insbesondere soll Ruyter versucht haben, in das rote Geschwader einzubrechen. Die Gegner jedoch sollen jeden Versuch durch Abhalten vereitelt haben; als die Gelegenheit sich endlich bot, wäre es zu dunkel gewesen. Nach französischen Angaben habe Ruyter überhaupt nur die Absicht gehabt, den Feind für längere Zeit aus dem Felde zu schlagen und ihn zu nötigen, infolge Munitionsverbrauchs und Beschädigungen seiner Schiffe die eigenen Häfen aufzusuchen, ohne dabei im Gefecht die holländische Flotte großen Verlusten auszusetzen. Allerdings scheint Rupert dem Nahkampf ausgewichen zu sein, obgleich er den Vorteil hatte, daß die Holländer vielfach ihre untersten Batterien nicht gebrauchen konnten. Der schlechte Zustand seiner Schiffe, die vielen Verwundeten von der ersten Schlacht an Bord und das Bestreben, den Feind von der Küste abzuziehen, erklären dies wohl. Es wird aber auch auf den Geist in seiner Flotte geschoben, nämlich: Mißstimmung zwischen Engländern und Franzosen -- vom Lobe der Franzosen englischerseits hört man dieses Mal nichts; d'Estrées klagt über Mangel an Unterstützung und mißbilligt in der Folge verschiedene Maßnahmen Ruperts -- sowie Opposition mancher englischen Offiziere, die der katholischen Hofpartei angehörten, gegen Rupert; schon vor dieser zweiten Schlacht waren Stimmen laut geworden, zur Ausbesserung und Ausrüstung nach England zu gehen; am 15., als der Prinz nochmals fechten wollte, drang diese Ansicht im Kriegsrate durch.
[196] Nach holländischen Angaben betrug in =beiden Schlachten= der =Verlust= der Engländer 3000 Tote und Verwundete, bei den Holländern kaum die Hälfte, bei den Franzosen (französische Angabe) 500 Mann.
Ruyter brach das Gefecht ab und ging auf den alten Ankerplatz, die Verbündeten liefen in die Themse ein. Wiederum behaupten diese, den Gegner zum Rückzug gezwungen zu haben, aber =der Erfolg spricht= dieses Mal doch noch mehr =für Ruyter=. Von einem gezwungenen Rückzuge kann nicht die Rede sein. Er brach ab, weil es Nacht wurde und sich der Kampf zu weit von seinem Stützpunkte entfernt hatte. Er ging mit »kleinen Segeln« zurück, zur Fortsetzung des Kampfes am nächsten Tage bereit, und ist nicht verfolgt worden. Zwar scheinen die Verbündeten »nach einigen Stunden« auch gewendet zu haben, sie gingen aber am nächsten Tage nach England, ohne etwas zu unternehmen; am 15. sind sie von den Holländern nicht mehr gesichtet worden. Seinen strategischen Zweck hatte Ruyter in noch höherem Maße als in der ersten Schlacht erreicht; wir werden gleich sehen, daß die Verbündeten für sechs Wochen die See ganz frei gaben, während die Holländer bald wieder weitere Unternehmungen ins Auge fassen konnten.
De Jonge führt an, nach Privatbriefen (z. B. Tromps) sei die holländische Flotte nach der Schlacht wegen Mangels an Munition auch nicht schlagfertig gewesen. Dieser Zustand sei aber von den Behörden geheim gehalten worden; ihm wurde auch nach Möglichkeit schnell abgeholfen.
$Die Schlacht bei Texel. 21. August 1673.$ (In Holland auch Schlacht bei Kijkduin genannt.) Während Ruyter bei Schooneveld ausbesserte, ergänzte und nach und nach nicht unwesentlich durch neue Schiffe verstärkt wurde, hielt er beständig leichte Schiffe an der englischen Küste; am 19. Juni sandte er sogar ein Geschwader von 12 Kriegsschiffen und Fregatten, 2 Brandern und 4 Jachten unter Kontreadmiral den Haen zu einer, wenn nötig gewaltsamen, Erkundung ab. Den Haen trieb feindliche Vorposten in die Themse zurück und meldete am 25., daß die verbündeten Flotten eifrig ausrüstend zwischen Queensborough und Gravesend lägen, und daß große Truppenkörper zur Einschiffung zusammengezogen würden.
Clowes sagt, die Franzosen seien im Juni nach Brest gegangen und hätten sich erst Mitte Juli wieder mit den Engländern vereinigt. Alle anderen Quellen erwähnen dies nicht, so auch nicht die sonst so genauen alten Holländer, die stets nur von »den königlichen Flotten« in der Themse sprechen. Ein Gegenbeweis dürfte auch zu finden sein in Jal: »du Quesne«, wo vermerkt ist, daß Generalleutnant Martel -- vom Mittelmeer gekommen -- am 18. Juni Brest verläßt, um mit einigen Schiffen zu d'Estrées zu stoßen, am 25. an die englische Küste kommt, Dover anläuft und endlich bei beständigem Gegenwinde die »vereinigte« Flotte in der Themse trifft. Auch die Operationen der holländischen Flotte lassen vermuten, daß die Franzosen in England geblieben sind.
=Ruyter= glaubte nicht, daß der Feind schon bald wieder bereit würde, die Zukunft sollte ihm recht geben. Seine Flotte war Ende Juni seeklar, und Kriegsrat wie Deputierte beschlossen, an die englische Küste zu gehen, um dort möglichst viel Schaden anzurichten, vor allem aber um dem Feinde und ganz Europa zu zeigen, daß man nicht in die Häfen oder zwischen die Sandbänke getrieben sei -- wie die Verbündeten ausgesprengt hatten --, sondern die See beherrsche. Es wurde sogar in Erwägung gezogen, sich eines französischen Hafens zu bemächtigen, um die Franzosen vom Landkriege abzuziehen, besonders von der Belagerung Maastrichts, doch kam die Sache vorläufig nicht zum Beschluß und auch nicht wieder zur Sprache; Maastricht fiel am 10. Juli. Am 3. Juli ging Ruyter in See, kreuzte etwa 10 Tage vor der Themse, trieb feindliche Vorposten den Fluß hinauf, kehrte aber dann nach der eigenen Küste zurück, weil sich eine ansteckende Krankheit schnell auf seinen Schiffen verbreitete; sie war zuerst unter den Leuten ausgebrochen, die im vorhergegangenen Winter zum Dienst am Lande und auf den Binnengewässern herangezogen und schweren Strapazen ausgesetzt gewesen waren. Er schiffte die Kranken aus, ersetzte sie nach Möglichkeit und hielt sich wieder in der Nähe Walcherens, um leichte Verbindung mit dem Lande zu haben und um bei den vorherrschend westlichen Winden zu Luward der ganzen holländischen Küste und der Themsemündung zu stehen, weil er die Nachricht erhalten hatte, die Verbündeten würden etwa am 24. Juli seeklar sein; am 28. meldeten dann auch Aufklärer, daß sie am Tage zuvor das Auslaufen beobachtet und bis zum Abend etwa 130 Segel gezählt hätten.
So lange hatte man gebraucht, die englische Flotte schlagfertig zu machen. Wiederum soll der Grund in dem mangelhaften Arbeiten der Verwaltung gelegen haben; es machte aber auch besondere Schwierigkeit, Mannschaften zu erlangen, die Volksstimmung wurde mehr und mehr einem Kriege gegen Holland und dem Bündnisse mit Frankreich abgeneigt; das Pressen brachte minderwertiges Personal, nur wenige gute und kriegserfahrene Seeleute.
=Die Flotten der Gegner= waren stärker als bei den vorhergegangenen Schlachten des Jahres 1673, sie bestanden aus:[197]
England: 60-62 Schlachtschiffen und Fregatten } Frankreich: 28-30 " " " } 28 Brandern ----------------------------------------- Verbündete: 90 " " " 28 " 20-25 Transportern und kleineren Fahrzeugen
Holland: 75 " " " 22 " 18 Jachten.
[197] Nach de Jonge, Teil II, Beilage VII.
Die Klassen entsprachen dabei den früheren Verhältnissen, es waren aber jetzt 6 englische Schiffe über 90 Kanonen und 6 holländische über 80 Kanonen darunter.
Wieder waren auf der englischen Flotte etwa 7000 Mann Landungstruppen eingeschifft und trotz der schlechten Erfahrung im Juni auch wieder auf den Schlachtschiffen. 30000 Mann standen in England, besonders an der Themse, zum Einschiffen bereit und in Frankreich war gleichfalls ein Landungskorps aufgestellt. Die Geschwader und Divisionen wurden von denselben Flaggoffizieren wie im Juni geführt, nur war auf holländischer Seite Kontreadmiral den Haen an Stelle des gefallenen Vizeadmirals Schramm getreten und eine Division des französischen Geschwaders hatte der Generalleutnant de Martel übernommen -- wie du Quesne ein alter, sehr tüchtiger Seeoffizier -- die dritte behielt der Chef d'Escadre des Ardens. Das französische Geschwader bildete die Vorhut der Verbündeten, auf ausdrückliches Verlangen Ludwigs XIV. wie man sagt, auch focht es dieses Mal jedenfalls »unvermischt«.
Das nächste Zusammentreffen der Gegner sollte entscheidend für den Krieg werden, aber drei Wochen vergingen, ehe es stattfand. Ruyter ging am 29. Juli unter Segel, hielt sich in der Nähe der Küste und bekam den Feind am 30. abends in Sicht. Am 31. Juli und 1. August manövrierten die Flotten in Sicht voneinander, die Verbündeten waren bestrebt, den Gegner von der Küste abzuziehen. =Ruyter= aber hatte neue Nachrichten erhalten, daß in der Themse Kauffahrteischiffe zusammengezogen würden, und nahm an, daß Rupert ihn verlocken wolle, in den Kanal hinein zu folgen, damit dann in seiner Abwesenheit die Truppen von der Themse aus nach Holland hinübergeworfen werden könnten; er ging deshalb getreu seinem alten Plan =nach Schooneveld= zurück und der Feind kam am 1. August abends aus Sicht.
=Die verbündete Flotte= zeigte sich nun am 2. vor der Maasmündung, am 3. vor Scheveningen, am 4. vor Egmond, Helder und Texel, zuweilen leichte Schiffe nahe unter Land sendend. Die ganze Küste war alarmiert. Der Strand wurde durch Bürgerkompagnien der naheliegenden Städte besetzt, aber auch reguläre Truppen und Geschütze wurden herangezogen; ein berittener Meldedienst und ein Signalsystem wurden längs der Küste organisiert, um die ernste Bedrohung eines bestimmten Punktes weitermelden zu können. Am 4. August erschien der Prinz von Oranien von der Feldarmee selbst im Haag. Auch die Flotte wurde näher herangezogen; sie ankerte am 8. bei Scheveningen, und hier bat Ruyter um nähere Order. Seine bisherige, »den Feind anzugreifen, falls es zum Vorteil des Landes wäre,« erschien ihm zu unbestimmt, der Übermacht des Feindes gegenüber war ihm die Verantwortung zu groß. Schon die Nähe seiner Flotte hatte ja bisher ernste Unternehmungen des Feindes gehindert; die Gefahr einer Landung war wesentlich abgeschwächt, weil man Zeit gehabt hatte, die bedrohten Punkte zu besetzen. Ruyter lag mithin wohl der Gedanke am nächsten, weiter in seiner abwartenden Stellung zu bleiben und seine Flotte nur im dringendsten Falle einzusetzen.
Aber Holland drohte noch eine andere Gefahr. Man erwartete die Heimkehr des großen ostindischen Convois durch die Nordsee zu jeder Stunde, und der Feind stand zwischen der eigenen Flotte und den dem Convoi nächstliegenden Häfen; das glückliche Einlaufen der Handelsschiffe sollte neue Mittel zur Weiterführung des Krieges liefern. Der Kriegsrat der Flotte sah wohl ein, daß dieser Umstand dafür spräche, alles zu versuchen, um den Feind von der Küste zu vertreiben. Die Generalstaaten traten gleichfalls hierfür bei dem Prinzen ein und ersuchten ihn, die schwachen Besatzungen der Schiffe durch ein Regiment Seesoldaten, das am Lande wohl für kurze Zeit zu einem entscheidenden Schlage auf See zu entbehren sei, zu verstärken.
Beratungen am Lande und auf der Flotte[198] -- Oranien begab sich selbst am 12. August, stürmisch begrüßt, auf Ruyters Flaggschiff -- führten endlich zu dem Beschluß, den Feind zur See je eher je besser anzugreifen, um die Küste freizumachen. Wieder sah das ganze niederländische Volk auf die Flotte als letzte Rettung; in allen Städten wurden tägliche Betstunden für den glücklichen Ausgang der bevorstehenden Seeschlacht abgehalten und man ordnete an, zum allgemeinen Gottesdienst zu läuten, sobald der Donner der Kanonen den Kampf der Flotte verkünde.
[198] Die schriftlichen und mündlichen Verhandlungen, Erlasse und Ansprachen an die Flotte sowie die Bewegungen dieser bis zur Schlacht genau im »Leben Ruyters«.
Am 13. August ging =Ruyter= unter Segel, um den Feind zu suchen, der unter Texel oder Vlieland liegen sollte. Die Windverhältnisse -- sowohl Stille wie Sturm und im allgemeinen stets Gegenwinde -- ließen nur geringen Fortschritt machen, da Ruyter sehr vorsichtig segelte: er war stets bestrebt, nahe der Küste zu bleiben, Beschädigungen zu vermeiden und seine Flotte gut beieinander und in Formation zu halten; mußte er doch bei dem für den Feind günstigen Winde jederzeit auf einen Angriff gefaßt sein.
Erst am 18. ankerte der Admiral wegen frischen Gegenwindes etwa 15 sm. südlich von Helder, zwischen Petten und Camperduin, und blieb hier, besseres Wetter abwartend, am 19. liegen; seine Vorposten hatten den Feind nördlich von Texel, gleichfalls vor Anker liegend, gesichtet. In diesen Tagen fingen die Franzosen einen Ostindienfahrer ab, der dem Convoi vorgelaufen war.
$Der Verlauf der Schlacht.$[199] Am 20. August lichtete =Ruyter= Anker und steuerte bei flauem östlichen Winde Nordnordost. Um 10 Uhr vormittags kam der Feind nördlich voraus in Sicht und hielt mit Kurs Südsüdost auf die Holländer zu, bestrebt, die Luvstellung zu halten oder zu gewinnen. Die Angaben über die Windverhältnisse dieses Tages sind nicht sicher; die alten und neuen Holländer sprechen nur von östlichem Winde, die neueren Engländer und Franzosen sagen, der Wind sei im Laufe des Tages nach Nordwest gegangen. Es ist dies ohne Bedeutung, der Wind scheint sehr flau gewesen zu sein, da die Schiffe zuweilen nur mit dem Strom trieben; nur bei flauem Winde auch konnte Ruyter so manövrieren, wie er tat.
[199] Schilderung nach Vergleich der Quellen Seite 339; besonders Jal: »du Quesne«, hinzu tritt Mahan, Teil I.
Es kam an diesem Tage noch nicht zur Schlacht: Ruyter hielt zurück, weil einige Schiffe nicht auf Position waren; die Verbündeten, die nach übereinstimmenden Aussagen zwar den ganzen Tag die Luvstellung hatten, griffen nicht an, weil sich der Gegner stets nahe unter der Küste hielt. Ruyter wendete am Nachmittag wieder nach Süden, führte unter sorgfältigem Loten seine Flotte bis ganz dicht an den Strand heran und hielt dann nach Mitternacht wieder ab. Die Gegner folgten allen Bewegungen, aber stets in vorsichtig bemessener Entfernung von der Küste. =Ruyters= Manöver nun, gestützt auf seine Kenntnis des Fahrwassers und den geringeren Tiefgang seiner Schiffe sowie auf richtige Beurteilung der Wind- und Stromverhältnisse, hatten den Erfolg, daß er am Morgen des 21., als der Wind aus Ostsüdost auffrischte, zu Luward des Gegners stand -- nur 2 Seemeilen von Land (zwischen Petten und Camperduin), so daß der Seeraum des Feindes nach Luward hin beschränkt war; er =hatte seinen Gegner= in der Dunkelheit =ausmanövriert=.
Als die Holländer jetzt mit vollen Segeln zum Angriff herankamen, wendeten die Verbündeten und erwarteten sie über Steuerbord-Bug beim Winde. Ruyter steuerte zunächst etwas nach Norden, wendete dann geschwaderweise, hielt kühn auf den Feind ab und legte sich ihm querab über St. B. Bug. Geschwader stand gegen Geschwader: Bankers gegen d'Estrées, Ruyter gegen Rupert, Tromp gegen Spragge; die Mitten und die Nachhuten der Gegner waren sich ziemlich gleich, Bankers jedoch war wesentlich schwächer als d'Estrées.
Die allgemeinere Annahme geht nämlich dahin, daß an diesem Tage auf Anordnung Ruyters das Geschwader Bankers nur aus 10 oder 12 Schiffen bestand, die beiden andern holländischen aus je 32 oder 33. Auf diese Weise war die Übermacht der Verbündeten bei Mitte und Nachhut ausgeglichen, während den 30 Franzosen eben nur 10 oder 12 Schiffe gegenüberstanden; Ruyter soll die Absicht gehabt haben, diesen Gegner nur zu beschäftigen. Nehmen wir dies vorläufig als zutreffend an.
Infolge der verschiedenen Art, mit der die Geschwaderchefs der Verbündeten den Angriff aufnahmen, entwickelten sich in dem =ersten Abschnitt der Schlacht drei getrennte Gefechte=:
D'=Estrées= steuerte hoch am Winde, um die Luvstellung zu gewinnen oder doch die Spitze des Feindes von Luward her zu dublieren -- wie er später sagt, auf Anordnung Ruperts; =Rupert= hielt während des Gefechtes beständig ab, um den Feind von der Küste abzuziehen, damit dieser sich bei etwa umspringendem Winde nicht wieder ihres Schutzes bedienen könne; =Spragge= drehte bei, um möglichst schnell zum Kampf auf nächste Entfernungen zu kommen -- er soll aus irgend einem Grunde persönlichen Haß auf Tromp gehabt haben und hatte seinem König versprochen, jenen tot oder lebendig zurückzubringen oder das eigene Leben zu lassen. Diese Gegner trieben natürlich schnell nach Lee (Lage 1 der Skizze). So mußten sich die Einzelgefechte der Geschwader bald voneinander örtlich trennen (Lage 2).
Bei dem =Kampf der Vorhuten= gelang es wirklich dem Führer der ersten französischen Division (Martel) vorzulaufen, zu wenden und die Holländer von Luward aus zu dublieren. =Bankers= aber erkannte die Gefahr. Er hielt sofort ab -- scheinbar ehe =Martel= von Luv aus angriff, da dessen Schiffe infolge etwas umspringenden Windes lange in der Wendung liegen geblieben sein sollen --, lief mit seinen 12 Schiffen durch die in Lee gebliebenen 20 Franzosen, die in sich schlecht aufgeschlossen waren, hindurch und steuerte nach dem Gefechtsfelde der Mitten zur Unterstützung Ruyters. Das kurze Gefecht hier war sehr heftig gewesen, Bankers selbst entging nur knapp der Vernichtung durch einen mit hervorragendem Schneid geführten Brander, aber d'=Estrées= folgte nicht. Die Franzosen brauchten lange Zeit, »die Ordnung herzustellen und auszubessern«; tatsächlich hörte ihre Teilnahme an der Schlacht auf, obgleich Rupert versuchte, sie durch Signal heranzuziehen.
Von dieser Darstellung weichen die holländischen Angaben -- alte wie neue -- wesentlich ab. Sie erwähnen nicht, daß Bankers' Geschwader schwächer gewesen sei. Sie sagen sonst: Anfangs nahmen die Franzosen den Kampf mit Mut auf, dann zog sich d'Estrées nach einem Branderangriff zurück und mit ihm die meisten Schiffe, endlich auch Martel; die Franzosen brachen das Gefecht ab; Bankers ließ 8 Schiffe zu ihrer Beobachtung zurück und segelte mit den übrigen zu Ruyter.
Für diese Auffassung dürfte sprechen, daß Ruyter vor der Aktion kaum genau wissen konnte, welches Geschwader den Franzosen gegenüberstehen würde. Ursprünglich waren die Geschwader gleich stark, Ruyter hätte die Änderung also erst am Morgen vornehmen müssen, und es ist auffallend, daß die sonst gerade in solchen Angelegenheiten so genaue alte Quelle (»Leben Ruyters«) nichts davon erwähnt. Gegen diese Auffassung spricht, daß die englischen und französischen Quellen ausdrücklich so erzählen, wie vorstehend geschildert, auch die alten, z. B. ein Bericht Colberts an seinen König. In einem Bericht des Intendanten von Brest -- beauftragt mit Untersuchung eines Streites zwischen d'Estrées und Martel, von dem später noch die Rede sein wird -- heißt es sogar: »Man konnte glauben, daß sich in allen diesen Schlachten Ruyter niemals die Mühe gab das französische Geschwader anzugreifen, so hatte er in der letzten Schlacht (also hier) nur 10 Schiffe des seeländischen Geschwaders geschickt, um d'Estrées zu beschäftigen.« In diesem Falle fiele also das Verdienst der so erfolgreichen taktischen Maßregel Ruyter zu; Bankers zeigte dann im Gefecht durch sein Verfahren große Umsicht. Nach der holländischen Erzählung stände Bankers in erster Linie das Verdienst zu. Aber sein Verhalten ist auch dann eine Frucht der Erziehung Ruyters; hatte doch dieser dazu das Beispiel am 7. Juni gegeben und immer wieder, so noch einige Tage vor der letzten Schlacht, darauf hingewiesen, den Zusammenhang der ganzen Flotte zu wahren und darauf zu achten, wo gegenseitige Unterstützung nötig sei.
=Der Kampf der Nachhuten= wurde während dieser Zeit auf nächste Entfernungen mit größter Hartnäckigkeit von beiden Seiten durchgefochten, auch =Tromp= hatte beigedreht. Die beiden Geschwaderchefs waren ähnliche Charaktere, wie denn =Spragges= fehlerhaftes Vorgehen hier ganz dem Tromps bei früheren Gelegenheiten gleicht. Sie lagen 3-1/2 Stunden mit ihren Flaggschiffen backgebraßt nebeneinander. Hierbei soll Tromp während der ersten drei Stunden gar keine Verluste gehabt haben -- auch der Verlust einiger anderer Schiffe, z. B. Ruyters, in dieser Schlacht war gering --, was nicht für die bisher so berühmte englische Artillerie spricht; es war wohl eine Folge des erwähnten schlechten Ersatzes. Die beiden Geschwader kämpften in voller Melee; beide Chefs mußten ihre Flaggschiffe wechseln und stürzten dann wieder aufeinander ein; bei einem abermaligen Verlassen seines Schiffes ertrank Spragge, aber auch auf holländischer Seite fiel Vizeadmiral Sweers. Die Engländer hatten im allgemeinen die größeren Verluste und Beschädigungen.
=Im Gefecht der Mitten= scheinen die Aussichten zuerst gleichgestanden zu haben, infolge des beständigen Ausweichens Ruperts kam es nicht zu so nahem Kampfe wie bei der Nachhut; doch wird die gute Ordnung in Ruyters Geschwader hervorgehoben, nur einige Schiffe der Division van Nes waren lau. Als aber Bankers herankam, änderte sich die Lage, nun standen 42 Holländer gegen 30 Engländer. Dabei behielt Ruyter seine Kräfte in der Hand, schnitt durch Abzweigung von 8 Schiffen die Division Chicheley ab und dublierte so die beiden anderen des Feindes. Es spricht für die Engländer, daß diese Divisionen nicht vernichtet wurden, sondern sich sogar nach und nach, allerdings unter schweren Verlusten, der Lage wieder entzogen (Lage 3).
Beide Flottenchefs waren in Unsicherheit und in Besorgnis über das Schicksal ihrer Nachhut, und so steuerten beide nach dem Gefechtsfelde dieser hin; auf Parallelkursen in Schußweite aber wie in stillschweigender Übereinkunft ohne zu feuern. Beide sparten wohl Munition; die Schlacht hatte um 8 Uhr morgens begonnen und die Wiedervereinigung der Mitten mit den Nachhuten fand etwa um 4 Uhr nachm. statt. Wahrscheinlich war es die höchste Zeit für das blaue Geschwader, daß Rupert eintraf. Tromp löste seine Melee, beide Flotten ordneten sich und um 5 Uhr begann ein =neues Gefecht=, von dem die Quellen nur melden, daß es bis 7 Uhr sehr blutig gewesen sei.
=Ruyter= scheint um diese Zeit den Rückzug eingeleitet zu haben, wahrscheinlich weil nun endlich die Franzosen herankamen und weil es dunkel wurde, aber auch die Engländer brachen ab. Die holländische Flotte kreuzte am 22. August vor Texel und ankerte am 23. in See zwischen Texel und Vlieland, um von hier aus die Einfahrten für den erwarteten Convoi zu decken. Ein sofort eingerichteter und ununterbrochen durchgeführter Aufklärungsdienst ergab während der nächsten Tage, daß vom Feinde in gefahrdrohender Nähe nichts zu sehen sei. =Die Verbündeten= hatten gleich nach der Schlacht zur englischen Küste hinübergehalten, um ihre schwerbeschädigten Schiffe in Sicherheit zu bringen. In dieser Schlacht verlor keine Partei Schiffe, außer verbrauchten Brandern; die Beschädigungen scheinen auf englischer Seite größer gewesen zu sein -- nach holländischen Angaben waren hier 12 Schiffe entmastet, während nur 2 holländische gezwungen waren, einzulaufen. Die Holländer verloren die Admirale Liefde und Sweers sowie 6 Kommandanten, die Engländer den Admiral Spragge und 7 Kommandanten; der Offizier- und Mannschaftsverlust war sonst auf englischer Seite wieder weit stärker (nach holländischen Angaben etwa 2000 Tote und Verwundete); wiederum sprach wohl die Überfüllung der Schiffe mit Landsoldaten hierbei mit.
Der =Sieg der Holländer=, so glaube ich das Ergebnis dieser Schlacht bezeichnen zu können, ist in erster Linie der Umsicht Ruyters und Bankers einerseits, der schlechten Führung auf seiten der Gegner anderseits zuzuschreiben. Wie allgemein üblich, hatte Ruyter den Angriff so angesetzt, daß Geschwader auf Geschwader stieß; wenn nun Bankers und Tromp zunächst von ihrer Mitte abkamen, so war das dieses Mal natürlich, es war hervorgerufen durch die Manöver ihrer Gegner. Bankers erfüllte damit auch zugleich seinen Zweck, die Franzosen zu beschäftigen; mit Umsicht und zum allgemeinen Besten wußte er aber abzubrechen und zur Mitte zurückzukehren, als seine Lage gefährlich wurde. Ruyter verstand es dann, die erlangte Übermacht auszunutzen. Auch Tromp ist dieses Mal wohl zu entschuldigen, wenn er den angebotenen Nahkampf annahm; als er dies tat, konnte er wohl kaum übersehen, daß er sich dadurch dauernd von Ruyter trennen würde, später war er zu heiß engagiert, um abzubrechen.
Auf seiten der Verbündeten liegt die Sache ganz anders. Spragge ließ seinen Flottenchef weiter segeln, um, wie bereits gesagt, persönlichen Haß oder Ehrgeiz zu befriedigen. Rupert beschwerte sich bitter über ihn und ebenso über die Handlungsweise d'Estrées'. Dieser warf dagegen Rupert vor, durch sein Abhalten die Trennung herbeigeführt zu haben. Es ist ja auch richtig: Beabsichtigte der Flottenführer, durch solche Manöver den Feind von der Küste abzuziehen, so hätte er es vorher den Geschwaderchefs bekannt geben müssen.
D'=Estrées' Verhalten= gab Anlaß zu vielen Berichten, Verhandlungen und Untersuchungen,[200] deren Ergebnis ungefähr folgendes ist: Warum trennte sich d'Estrées? Er habe Anweisung gehabt, die Luvstellung zu gewinnen; dies habe er mit seiner Spitzendivision erreicht. Der Führer dieser aber, Martel, habe zu spät gewendet, zu spät von Luward angegriffen und dadurch Bankers Durchbruch möglich gemacht. Hiergegen wendet sich Martel schroff, da er seine Aufgabe ausgeführt und den Gegner zu dem verzweifelten Manöver gezwungen habe, d'Estrées' Aufgabe wäre nun gewesen, jenen dabei zu vernichten; ja, d'Estrées habe von Anfang an die Schwäche des Feindes übersehen müssen, ihn (Martel) allein demselben gegenüberstellen und sich zu Rupert begeben können -- dies ein Vorwurf, den auch Prinz Rupert erhob. Warum kam d'Estrées später nicht heran? Er habe geglaubt, gut zu tun, wenn er sich die Luvstellung für einen späteren Kampf (am nächsten Tage?) möglichst sichere; das Signal Ruperts, das ihn heranrief, habe er nicht verstanden. Er sagt, es sei signalisiert: »venir mouiller (ankern) dans les eaux de l'amiral«; Rupert sagt, das Signal habe bedeutet »venir dans les eaux de l'amiral. Möglich, daß das Signal das erste bedeutete, daß bei der Unvollkommenheit des Signalsystems Rupert es zum Heranruf benutzte, und er hat wohl recht mit der Behauptung, es wäre nicht mißzuverstehen gewesen; d'Estrées kam ja aber auch nicht zum »Ankern« heran! Im übrigen behauptet dieser, er habe nur etwa eine Stunde ausgebessert, dann aber Rupert erst am Abend erreichen können, da dieser immer abgehalten habe; Bankers hat doch aber die Mitten bald erreicht, und außerdem sagen die meisten Quellen (auch französische), das französische Geschwader habe mehrere Stunden rangiert. Es liegen doch wohl grobe Fehler d'Estrées' vor; Martels Ausfälle gegen ihn waren derart, daß dieser wegen derselben in die Bastille kam.
[200] Sehr genau in Jal: »du Quesne«, Teil II, Seite 115.
Wiederum ging das Gerücht, der französische Chef habe geheimen Befehl gehabt, seine Flotte zu schonen, worauf wir später zurückkommen werden; anderseits geben =Personalnotizen über d'Estrées= vielleicht auch einige Aufklärung:
D'Estrées war einer jener von der Armee übernommenen Offiziere, bis 1668 Generalleutnant und gleich als Vizeadmiral angestellt, tüchtig und tapfer, aber ohne jede seemännische Erfahrung. Von den alten Seeoffizieren, vor denen er einrangiert, wurde er natürlich scheel angesehen, und dabei stieß er sie durch hochmütiges Wesen vor den Kopf. So hatte ihm 1672 du Quesne weichen müssen, Martel hatte er gleich bei dessen Eintreffen im Juli 1673 durch Unterlassung zustehender Ehrenbezeugungen und später durch den Tenor in schriftlichen Befehlen beleidigt. Er war ferner in übergroßem Selbstbewußtsein unzugänglich für Ratschläge erfahrener Seeleute und mischte sich doch in technische Einzelheiten. Ein schlagendes Beispiel der Art sei gegeben, das auch ein Bild der Seegebräuche dieser Zeit zeigt, ehe sich ein Seeoffizierkorps voll ausgebildet hat: 1678 strandete d'Estrées mit allen 8 Schiffen seines Geschwaders in Westindien. Sein Flaggkapitän erzählt darüber: »Mittags hatte der Admiral mit den Steuerleuten das Besteck in die Karte eingetragen. Als ich in die Kajüte treten wollte, traf ich auf den weinend herauskommenden dritten Steuermann. Er sagte mir, er sei vom Admiral beschimpft, weil er mehr Abtrift angenommen habe als die anderen. Mir sagte dann der Admiral: der Lump läßt mich einen Kurs laufen, der Teufel weiß wohin.« Naiv fügt der Flaggkapitän hinzu: »Da ich nicht wußte, wer recht habe, sagte ich nichts, um nicht einen gleichen Sturm auf mich zu laden.« -- Einige Stunden später ging das Geschwader auf einer Reihe von Felsen, den Avesinseln, verloren.
Einen =Sieg der Holländer= können wir also die Schlacht nennen. Alle die Umstände, die nach den beiden Schlachten von Schooneveld zugunsten der Holländer sprachen, treten hier in =taktischer und strategischer Beziehung= noch weit schärfer hervor: Die Verbündeten haben dieses Mal das Feld geradezu geräumt, weder in der Nähe des Schlachtfeldes geankert, noch eine Verfolgung auch nur scheinbar versucht; sie sind sofort nach der englischen Küste gegangen, um ihre vielen beschädigten Schiffe in Sicherheit zu bringen; ihr Mannschaftsverlust war wieder größer. Der strategische Erfolg der Schlacht war noch bedeutender. Nicht nur war wiederum die augenblickliche Gefahr einer Landung abgewendet, die Verbündeten gaben vielmehr den Plan, von der Küste aus in den Landkrieg einzugreifen, jetzt ganz auf. Wie wir gleich sehen werden, zeigten sich ihre Flotten nicht mehr auf dem Meere, so waren auch die niederländischen Häfen dem Handel wieder geöffnet; der ostindische Convoi kam glücklich ein, einige Schiffe waren den Engländern im Atlantik (bei St. Helena) in die Hände gefallen. Der moralische Einfluß des endgültigen Abschlagens der verbündeten Flotten ging noch weiter, er führte zum Frieden mit England; König Karl konnte das schon lange unpopuläre Bündnis mit den Franzosen nicht länger aufrecht erhalten, nachdem diese sich in den Augen seines Volkes als ungenügende, unzuverlässige, wenn nicht sogar verräterische Verbündete gezeigt hatten.
Die große Bedeutung, die diese letzte Schlacht haben würde, war in Holland allgemein erkannt. Wie angeordnet, strömte das Volk in den Kirchen zusammen, als der Donner der Kanonen in Amsterdam und ganz Nordholland den Zusammenstoß der Flotten meldete, und wohl aus vollem Herzen stieg das Gebet »um den Sieg des Vaterlandes und der gerechten Sache« zum Himmel auf. Den Eindruck auf das englische Volk hatte Oranien vorausgesehen; als er am 12. August die Flotte besuchte, wies er die höheren Offiziere und die Besatzung des Flaggschiffes darauf hin, daß noch ein Erfolg zur See den Frieden mit England und damit eine wichtige Wandlung im Kriege bringen würde.
$Der kleine Krieg gegen den Handel und in den Kolonien$ war gleichfalls zugunsten der Holländer ausgefallen. Wir wissen, daß sie den eigenen Handel in den nördlichen Gewässern verboten hatten; es wird ausdrücklich gesagt »im Kanal und Nordsee«, die fernen Meere werden dieses Mal nicht erwähnt. Die anfänglich untersagte =Kaperei= wurde im Herbst 1672 freigegeben und sofort lebhaft aufgenommen. Allein von Seeland, das wie stets darin voranging, liefen gegen 100 Fahrzeuge aus; sie machten reiche Beute, hatte sich doch der englische Handel in den letzten Jahren sehr gehoben. Während der Indiensthaltung der großen Flotte im Sommer 1673 aufs neue verboten, wurde das Auslaufen der Kaper im Herbst auch wieder erlaubt.
In =Indien= gelang es den Holländern, den Fortschritten der Franzosen wirksam entgegenzutreten. In =Westindien= griff 1673 ein kleines Geschwader, freilich ohne dauernden Erfolg, englische und französische Niederlassungen an. =New York= wurde den Engländern entrissen, diese nahmen die damals noch unwichtige Insel Tabago; die beiden Eroberungen wurden beim Friedensschluß zurückgegeben. Dagegen behielten die Engländer =St. Helena= als wichtigen Stützpunkt gegen die holländische Kapkolonie und für den Weg nach Indien. Die Insel war ursprünglich von Holland besetzt, fiel 1657 an England, wurde 1672 von Holland, aber schon 1673 wieder von England erobert (vgl. über Kolonien auch Kapitel XII).
$Der weitere Verlauf des Krieges bis zum Frieden mit England$ (Westminster 19. Februar 1674) bringt keine wichtigen Ereignisse zur See mehr. Die holländische Flotte wurde schleunigst wieder schlagfertig gemacht und während dieser Zeit der Feind stets beobachtet. Erkundungen und Nachrichten von Kauffahrern ergaben, daß die verbündete Flotte infolge stürmischen Wetters und Gegenwindes erst Anfang September in die Themse eingelaufen sei, später, daß die englische Flotte abrüste und die französische nach ihren Häfen abgegangen wäre. In Holland beabsichtigte man zuerst, sobald als möglich in See zu gehen und den Convoi auf der Doggerbank zu erwarten; als man dann aber vermutete, dieser sei mehr oder weniger versprengt, wurde beschlossen, die Flotte vor die Themse zu senden, um so die einzeln zurückkehrenden Indienfahrer besser schützen zu können und zugleich dem Gegner und Europa zu zeigen, daß man schlagfertig geblieben sei.
Ruyter ging am 12. September in See, aber beständig stürmisches Wetter hinderte die Ausführung des Planes; die Flotte wurde mehrmals versprengt. Am 22. September wurde sie aufgelöst und der Winterdienst eingesetzt, dagegen gab man jetzt die Kaperei frei. Die einlaufenden Kriegsschiffe wurden mit Jubel und Ehren begrüßt; Ruyter und verschiedene Admirale erhielten Dotationen. Die Marine hatte aber auch ihre Pflicht getan; der =Landkrieg= mit Frankreich nahm jetzt eine andere Wendung, da die Truppen von der Küste und auch Mannschaften von der Flotte frei wurden. Wenn er auch noch vier Jahre dauern sollte, so waren doch die Niederlande bald nicht mehr der Schauplatz.
=Oranien eroberte= Naarden am Zuidersee (12. September); wie Muyden wichtig war zum Halten der durch die Überschwemmung geschaffenen Defensivstellung, so war es Naarden zu Offensivunternehmungen, die jetzt von hier aus ins Werk gesetzt wurden. Die Franzosen hielten nicht lange mehr stand, sie waren auch sonst bedroht. Infolge ihres Auftretens im Deutschen Reich, Verletzung der Neutralität in verschiedenen Gebieten, mußte der Kaiser endlich Ernst machen und auch Spanien raffte sich auf; um noch rechtzeitig seine Niederlande vor der Eroberungspolitik Ludwigs XIV. zu sichern. Der =Kaiser= und =Spanien= schlossen am 30. August 1673 ein =Bündnis mit Holland=.
Ludwig versuchte jetzt unter milderen Bedingungen mit der Republik Frieden zu schließen und gab seine Pläne hier vorläufig auf, um den Krieg mit dem Hause Österreich in Deutschland und Spanien durchführen zu können; Holland weigerte sich.
Montecuculi kam den Rhein herab, um Oranien die Hand zu reichen; dieser drang nach Belgien ein und vereinigte sich, durch ein spanisches Korps verstärkt, bei Andernach mit den Österreichern. Gemeinschaftlich eroberten sie Bonn (12. November) und mehrere Festungen am Unterrhein; sie drohten so, den Franzosen den Rückzug abzuschneiden. Ludwig XIV. gab deshalb auf Rat Turennes die gefährliche vorgeschobene Stellung in den Niederlanden auf, seine Truppen räumten schleunigst die Provinzen Utrecht und Geldern -- nicht ohne diese noch gründlich zu brandschatzen; Marschall Luxembourg brachte nur mit Mühe seine Armee an Montecuculi und Oranien vorbei in Sicherheit. Auch die Bischöfe räumten Oberyssel; =das Gebiet der Niederlande war frei vom Feinde=.
Der =Krieg mit England=, und damit der eigentliche Seekrieg, kam bald =zu Ende=. Von Holland angeknüpfte Verhandlungen wurden von Spanien unterstützt. Dieses drohte bei weiterem Kriege sein friedliches Verhältnis mit England abzubrechen; wenn man nun hier auch diesen Gegner nicht hoch einschätzte, so fürchtete man doch, daß dadurch dann der eigene blühende Handel mit Spanien den Niederlanden zufallen würde. Aber auch sonst war schon länger, wie bereits angedeutet, die Volksstimmung für die Holländer und gegen die Franzosen. Jene hatten sich als brave und tüchtige Gegner die Sympathie erworben, diese waren mindestens unzuverlässige Verbündete gewesen; außerdem regte sich immer mehr der protestantische Geist und das Mißtrauen gegen den König und seine Partei mit ihren Plänen hinsichtlich der inneren Politik. Endlich fürchtete man einen neuen Wettbewerb des Seehandels Frankreichs, dessen Aufblühen durch zu großes Schwächen der Republik begünstigt werden würde, mehr als den alten mit Holland. Als Karl II. im Januar 1674 neue Mittel für Rüstungen verlangte: »nur um dadurch den Frieden schneller herbeizuführen«, erwiderte das Haus der Gemeinen einstimmig, es würde nur dann Gelder bewilligen, wenn Holland billige Friedensbedingungen ausschlüge. In Holland hatte man zwar für das Jahr 1674 die Ausrüstung einer sehr starken Flotte -- 84 Schlachtschiffe über 40 Kanonen usw. -- beschlossen, was wohl auch einen Druck auf Beschleunigung der Verhandlungen ausüben sollte und auch ausübte, man war aber doch sehr zum Nachgeben bereit. So mußte auch Karl sich fügen und am 19. Februar 1674 wurde der =Frieden in Westminster= geschlossen.
Wie viel Holland am Frieden lag, zeigen die =Bedingungen=, die immer noch sehr günstig für England waren, wenn sie auch bei weitem nicht den von Karl früher geforderten entsprachen: Holland mußte auf für England vorteilhafte Vereinbarungen über den Handel in Ostindien eingehen und die während des Krieges wiedergenommene Kolonie New York (von nun ab für immer) zurückgeben; 2 Millionen Gulden an Karl zahlen und vor allem das Flaggenrecht in ausgedehntem Maße anerkennen. Sogar die in England geworbenen Regimenter blieben beim französischen Heere; sie wurden nur auf den Aussterbe-Etat gesetzt, ihre Mannschaft durfte nicht weiter ergänzt werden.
=Das Flaggenrecht= wurde strenger und genauer festgesetzt. Der Flaggengruß (Seite 229) wurde jetzt von allen holländischen Kauffahrern, Kriegsschiffen und Flotten jedem englischen Kriegsfahrzeuge gegenüber in den englischen Gewässern verlangt. Da der Umfang dieses Machtbereichs in den früheren Verträgen unerörtert geblieben war, wurde er jetzt auf das uns bekannte weite Gebiet (Seite 189) festgesetzt. Auch wurde jetzt besonders betont, daß Holland damit Englands Vorherrschaft zur See anerkenne, während nach dem zweiten Kriege gesagt war, der Gruß gelte der »Majestät« des Königs.
So endete der für lange Zeit letzte Krieg zwischen England und Holland. Die Beziehungen der beiden hartnäckigen Gegner wurden bald noch inniger durch Abschluß eines Handelsvertrages (Dezember 1674) und durch die Verheiratung =Wilhelms von Oranien= mit =Maria= von York, der ältesten Tochter des späteren Königs Jakob II. Infolge dieser Heirat wurde Oranien, schon durch seine Mutter ein Enkel Karls II., neben Maria König von England (1688).
Mit dem Frieden zwischen England und Holland hört der weitere Krieg Frankreichs und Hollands auf, ein großer Seekrieg zu sein. Diese beiden Länder führten jetzt vorwiegend einen Landkrieg. Zusammenstöße zur See fanden fast nur in fernen Gewässern statt; sie sollen unter »Kolonien« (Kapitel XII) oder unter »Nebenkriegen« (im nächsten Kapitel; insbesondere Ruyters letztes Auftreten bei Stromboli und Agosta) angeführt werden. Der weitere Krieg brachte aber England noch unmittelbar große Vorteile, da ihm während seiner Dauer der europäische Zwischenhandel Hollands größtenteils zufiel.
$Bemerkenswertes im dritten Kriege.$[201] Beim =Material= ist zwar keine große Änderung in der Anzahl der Schiffe eingetreten, aber es sind doch Fortschritte zu verzeichnen. Auf beiden Seiten hat sich die =Vertretung der Klassen= in der Gesamtzahl der Schiffe nicht unbedeutend verschoben. Die Hauptkraft der Engländer liegt jetzt in Schiffen von 50-60 Kanonen und in den ganz schweren über 80 Kanonen. Die alte Überlegenheit der englischen Flotte in ihrer Bestückung ist durch die Vermehrung dieser schwersten Schiffe noch gewachsen, da diese auch das schwerste Kaliber führen, das Holland gar nicht besitzt. Die Hauptkraft der Holländer liegt in Schiffen von 60-70 Kanonen, die aber, wie wir wissen, artilleristisch nicht viel mächtiger als englische 50-60 Kanonen-Schiffe sind; die Franzosen haben bei der Gründung ihrer Marine besonders 60-70 Kanonen-Schiffe und solche über 80 Kanonen gebaut -- diese letzteren treten allerdings nicht auf. Wir rechnen zwar zu den Schlachtschiffen noch immer alle Schiffe über 40 Kanonen, aber die zu 40-50 Kanonen haben bei Engländern und Holländern in den Flotten sehr abgenommen, bei den Franzosen sind sie überhaupt nicht vorhanden. Dagegen ist die Zahl der Schiffe mit 20-40 Kanonen -- bei den Holländern und Franzosen schon ausdrücklich »Fregatten« genannt -- nicht zurückgegangen, die der noch kleineren (in Holland Advisjachten genannt; von 1674 an werden statt ihrer meist »Snauwen« erwähnt: Fahrzeuge mit 8 Kanonen, 36 Mann, Kuttertakelage) ist sogar wesentlich gestiegen. Man ersieht daraus, das einerseits von dem Schlachtschiff (Linienschiff) immer mehr Gefechtskraft verlangt wird -- die Linie wird dadurch mächtiger und auch schon etwas kürzer --, daß anderseits dem Aufklärungs- und Meldedienst mehr Wert beigelegt wird.
[201] Jurien de la Gravière sagt in einem seiner Werke: in den holländisch-englischen Kriegen werden die stehenden Marinen geboren; Colomb führt aus, daß erst in diesen Kriegen eine Kriegführung um die Beherrschung der See auftritt. In unseren Betrachtungen über die Entwicklung der Seestreitkräfte und in den Schlußbetrachtungen zu den ersten beiden Kriegen haben wir gesehen, wie zutreffend diese Aussprüche sind; der dritte und letzte englisch-holländische Krieg zeigt gleichfalls große Fortschritte im Seekriegswesen.
Wir haben früher gesagt (Seite 168 u. 171), der Fortschritt in der =Artillerie= läge in der Zeit des dritten Abschnittes mehr in der planmäßigen Bestückung der Schiffe als in der Verbesserung der Waffe selbst. Im dritten Kriege haben wir nun die auffallende Erscheinung, daß trotz schärfster Aktionen in nächster Nähe der Verlust an Schiffen weit geringer ist als in den beiden ersten Kriegen; die Artillerie muß also mit dem Fortschritt im =Schiffbau= nicht Schritt gehalten haben. Ein Hauptfortschritt im Schiffbau ist in diesem Zeitabschnitt ja ebenfalls die Durchführung einer Klasseneinteilung, aber die Schiffe selbst wurden doch auch besser gebaut. Die Möglichkeit, taktische Manöver besser durchzuführen, spricht ferner für größere Segelfähigkeit der Schiffe; endlich ist es nicht unwahrscheinlich, daß, wenn die Winterruhen noch immer lange innegehalten werden, dieses mehr eine Folge alten Brauches als der ungenügenden Seefähigkeit der Schiffe ist.
Sehr bedeutend ist die Zahl der =Brander= gewachsen. Es werden größere Angriffe mit dieser Waffe geplant (Solebay; erste Schlacht bei Schooneveld), deren Erfolge allerdings durch die Umstände vereitelt werden. Es ist überhaupt bemerkenswert, daß ihre Leistungen gegen den zweiten Krieg zurücktreten; es ist den Schlachtschiffen leichter geworden, ihnen auszuweichen und sie abzuschlagen (Seite 188).
Über die Bewertung des =Personals= zur Zeit dieses Krieges ist bereits bei Betrachtung der Streitmittel (Seite 313 u. 317) gesprochen; das Wichtigste wird in nachstehendem nochmals mit hervorgehoben werden.
Was nach dem zweiten Kriege über den Fortschritt in der =Taktik= gesagt ist, trifft in erhöhtem Maße für den dritten zu: das Bestreben, die Kiellinie beim Winde aus Einzelschiffen zu bilden, diese Linie gut geordnet und eng aufgeschlossen zu erhalten, die Geschwader zusammen zu behalten und die ganze Flotte einheitlich zu leiten; die Melee wird vermieden oder doch, wenn schon eingetreten, wieder entwirrt und die Ordnung hergestellt, um dann zu neuem Kampfe überzugehen. Die Holländer sind jetzt in der Durchführung dieser Grundsätze, in der Gefechtsdisziplin überhaupt, den Engländern gleichwertig, ja überlegen; wenn in den Schlachten getrennte Geschwaderkämpfe eintreten, so ist es bis auf einen Fall (Tromp, 7. Juni 1673) die Schuld der Geschwaderchefs der Verbündeten (Solebay, Texel). Dieser Fortschritt auf seiten der Holländer ist unbedingt das =Verdienst Ruyters=; er gebot ja auch von allen Führern dieser Zeit über die größte Erfahrung. Von Jugend auf als Seemann erzogen und durch alle Dienstgrade gelaufen, war er stets im Kriegsdienste tätig gewesen und hatte die ganze Entwicklung der bis jetzt geschaffenen Taktik in den letzten Kriegen als Divisions-, Geschwader- und Flottenchef durchgemacht. So ist denn =Ruyters Taktik= als der höchste Stand der Taktik jener Zeit anzusehen, und es ist wohl wert, ihre Hauptgrundsätze nochmals hervorzuheben. Ruyter bringt seine Flotte nicht mehr ungestüm nur zum Schlagen an den Feind; er bereitet seine Schlachten bedächtig vor und führt sie dann planmäßig und doch energisch durch; der Überfall bei Solebay und die drei rangierten Schlachten des Jahres 1673 liefern gleichmäßig die Beweise hiervon.
Der Überfall bei Solebay glückte infolge guter Beobachtung des Feindes und vorzüglicher taktischer Navigierung, er würde unter günstigeren Windverhältnissen noch weit verhängnisvoller für den Feind geworden sein; dadurch, daß Ruyter die Franzosen nur beschäftigte, war er imstande, dem gefährlicheren Gegner kräftig entgegenzutreten.
In der ersten Schlacht bei Schooneveld wartet Ruyter kampfbereit den Angriff ab und benutzt dann einen günstigen Augenblick zum energischsten Gegenstoß auf den weit überlegenen Feind. Mit seinem eigenen Geschwader den Franzosen gegenüber erfolgreich, nützt er dies nicht aus, sondern entsetzt nacheinander seine beiden weniger glücklichen Geschwader, ordnet die Flotte wieder, bricht ab, als er seinen Zweck erreicht hat und -- seinem strategischen Plane entsprechend -- nichts mehr aufs Spiel setzen will. In der zweiten Schlacht bei Schooneveld greift er unter den günstigeren Verhältnissen und überraschend an. Die Art, wie der Feind den Angriff aufnimmt -- unter beständigem Ausweichen -- würde in früheren Zeiten sicher zu einer Lockerung der holländischen Ordnung geführt haben. Ruyter aber hält jetzt die Flotte zusammen, bricht wieder ab, als es ihm passend erscheint, bleibt aber völlig kampfbereit. Möglich sogar, daß er überhaupt nicht entscheidend kämpfen wollte, um seine Flotte unversehrt zu erhalten; er erreichte dennoch seinen strategischen Zweck.
Die Schlacht bei Texel ist sein Meisterstück zu nennen. Hier benützt er seine Stellung unter der eigenen Küste nicht nur, wie vor dem Eintreten in die vorhergegangenen Schlachten, zum Schutz, sondern auch dazu, den Feind auszumanövrieren und dann aus günstiger Windstellung anzugreifen. Wieder beschäftigt er nur durch Bankers die Franzosen, erringt selbst durch Abschneiden eines feindlichen Teiles großen Erfolg und bricht endlich wiederum in vollster Ordnung ab, als er seinen Zweck erreicht hat.
Gleich hier sei hingewiesen auf Ruyters letztes Auftreten im Mittelmeer. Dort liefert er uns noch ein für die Geschichte der Seetaktik höchst bemerkenswertes Beispiel (vgl. Seite 378/79).
Unterstützt wurde Ruyter bei der Durchführung seiner Taktik dadurch, daß die Unterführer und Kommandanten in diesem Kriege seinen Befehlen und Absichten folgten. Aber auch dies ist ein Verdienst seiner Erziehung und seines Vorbildes; er hatte für Stärkung der Disziplin und Einbürgerung eines gesunden militärischen Geistes in der holländischen Marine gesorgt. Sein vorgeschrittener militärischer Standpunkt ist schließlich noch daraus zu erkennen, daß er bei der Indienststellung 1673 »lieber weniger, aber gute Schiffe« haben wollte.
Begünstigt wurden seine Erfolge allerdings durch die =Fehler der feindlichen Führer= und durch den schlechteren Zustand der verbündeten Flotten in mancher Hinsicht; diese Fehler und Mängel, sowie ihre wahrscheinlichen Ursachen haben wir bei den Schilderungen bereits genügend hervorgehoben. Gefochten haben die Engländer mit ihrer alten Bravour, wie die Holländer es früher getan, als sie im inneren Wert und in der Taktik unterlegen waren. Die Gegner hatten eben die Rollen gewechselt; York und Rupert, sonst schneidige Männer und tüchtige Seeleute, waren keine Blakes, Moncks und Ruyters, der innere Wert der englischen Marine war gesunken, der der holländischen gestiegen -- diese stand 1673 auf ihrem Höhepunkt.
Es führt uns dies nochmals auf das =Verhalten der Franzosen=, auf den allgemein verbreiteten Verdacht, daß d'Estrées seine Flotte auf Befehl geschont habe. Beweise dafür sind nicht vorhanden. Etwaige Befehle müßten streng geheim gewesen und vernichtet sein; die vorhandenen weisen im Gegenteil alle auf tapferes Fechten hin.
Es ist ja möglich, daß Ludwig XIV. im Jahre 1673 dem Bündnis mit England nicht mehr recht traute; von verschiedenen Seiten ging ihm die Warnung zu, daß in England nur noch der König und sein Hof daran hingen. Aber immer bleibt es schwer, anzunehmen, daß ein Kriegsherr seinem Admiral und seiner Flotte zumuten könnte, eine solche Rolle zu spielen. Jedoch sagt selbst ein französischer Autor (Troude), in der Untersuchung des Streites d'Estrées' gegen Martel habe jener zu verstehen gegeben, daß der König gewünscht habe, »seine Flotte erhalten zu sehen und den Engländern nicht zu sehr zu trauen.« Wie volkstümlich diese Ansicht war, zeigt ein Gespräch holländischer Matrosen. Als einige dieser bei Texel ihre Verwunderung aussprachen, daß die Franzosen den Engländern nicht zu Hilfe kamen, sagt ein anderer: »Ihr Narren! Sie haben die Engländer geheuert, für sie zu fechten; ihr ganzes Geschäft hier ist, zu sehen, daß sie auf ihre Kosten kommen.«
Die französischen Schriftsteller, die die Ausgabe solcher Geheimbefehle bestreiten, schieben das eigentümliche Verhalten ihrer Flotte in beiden Jahren auf die mangelnde Erfahrung ihrer Offiziere im Flotten- und Geschwaderkampf, insbesondere auf die Unfähigkeit d'Estrées' in dieser Hinsicht und auf seine Unzugänglichkeit für Ratschläge erfahrenerer Untergebener. Dem sei nun wie ihm wolle, immerhin werden wir auf zwei wichtige Punkte hingewiesen; zunächst auf ein =neues Verdienst Ruyters=. Im Bericht über die mehrfach erwähnte Untersuchung gegen Martel sagt der Intendant von Brest: »Man konnte glauben, daß Ruyter sich in allen diesen Schlachten nie die Mühe gab, das französische Geschwader anzugreifen, und daß er bei Texel 10 Schiffe lediglich zu dessen Beschäftigung abgeschickt habe.« Ruyter hat dann also diesen Gegner richtig eingeschätzt, dessen Untüchtigkeit oder Unzuverlässigkeit erkannt und seinen Nutzen daraus gezogen; eine wichtige Eigenschaft für einen höheren Führer.
Das Benehmen der Franzosen deckt ferner eine $Schwäche der Bündnisse$ auf. Augenblickliche politische Interessen können zwei Staaten zu Verbündeten in einem Kriege machen. Dabei kann aber bei ihnen eine für die Waffenbrüderschaft gefährliche Abneigung gegeneinander bestehen, und es kann politische Eifersucht dahin führen, daß einer von ihnen die völlige Niederwerfung des gemeinschaftlichen Gegners sowie zu große Erfolge seines Verbündeten gar nicht wünscht. Man ist also nicht sicher, ob und wie weit der Bundesgenosse dasselbe Ziel -- in der Schlacht wie im Kriege überhaupt -- verfolgt, ob er bereit ist, das Gleiche einzusetzen. Es ist dieses in erster Linie ein Punkt politischer, also gewissermaßen strategischer Natur und den Bündnissen für Land- wie für Seekriege in gleicher Weise eigentümlich.
Den =Bündnissen zur See= haftet aber noch eine andere Schwäche in taktischer Beziehung an. Wenn in einer Landschlacht verbündete Streitkräfte auftreten, so spielen die Verschiedenheit und ein ungleicher Grad der Ausbildung, die Schwierigkeit gegenseitiger Verständigung keine so große Rolle wie zur See; den verschiedenen Truppenkörpern können verschiedene Aufgaben, wenn auch unter gemeinschaftlichem Oberbefehl und aneinander anlehnend, gestellt werden; sie schlagen dann bis zu einem gewissen Grade getrennte Schlachten. Anders zur See; strategisch können natürlich verbündete Flotten auch hier miteinander arbeiten, taktisch kaum. Hier ist, bei der Schlacht im offenen Meere wenigstens, nur ein Schlachtfeld; die ganze Streitmacht muß in einer Hand bleiben, kann taktisch nur gemeinsam verwendet werden. Da werden sich Verschiedenheit in Art und Stand der Ausbildung und in formaler Taktik, die Schwierigkeit der Befehlsübermittlung durch ein bisher nicht gemeinschaftliches Signalsystem, der Mangel am gemeinsamen Üben taktischer Bewegungen sehr fühlbar machen; die vorhin angeführten gefährlichen Einflüsse moralischer oder politischer Natur werden gleichfalls schwerer wiegend einwirken. -- Der zweite und der dritte englisch-holländische Krieg lassen die Schwäche von Bündnissen zur See in allen diesen Hinsichten klar erkennen.
$Über Strategie.$[202] Im ersten holländisch-englischen Kriege griffen die Engländer den holländischen Handel an; zunächst, indem sie den Convois auflauerten, später als der Gegner erlahmte, indem sie schon seine Küsten blockierten; die Schlachten entspannen sich um Convois oder bei den Versuchen, für diese den Weg freizumachen. Im zweiten Kriege hatten die Holländer den Handel gänzlich eingestellt, da sie die Unmöglichkeit, ihn genügend zu schützen, erkannt hatten. Das Bestreben beider Parteien ging dahin, die Seeherrschaft zu erringen; erst wenn dies gelungen -- sei es durch siegreiche Schlachten, sei es durch freiwillige Aufgabe seitens des Gegners --, suchte man den Feind durch größere Angriffe auf Handel oder Küstenplätze und durch Blockaden zu schädigen. Im dritten Kriege aber beabsichtigten die Verbündeten, den Feind, der zu Lande von allen Seiten bedroht war, auch von seiner Küste her mit großer Truppenmacht anzugreifen. Die Durchführung dieser Absicht war einerseits für die Angreifer viel schwieriger, der Angegriffene anderseits sah sich in weit größerem Maße bedroht als in den früheren Kriegen; der Kampf um die Herrschaft auf den trennenden Gewässern war deshalb noch wichtiger als bisher. Die Seestreitkräfte der Verbündeten hatten den Weg über See zur sicheren Überführung und ungestörten Landung der Invasionsarmee völlig und dauernd freizumachen; die Holländer, infolge ihrer schwächeren Flotte in die Defensive gedrängt, mußten dahin streben, bei aller Energie im Kampfe um die Seeherrschaft doch ihre Seestreitkräfte möglichst unversehrt zu erhalten, um sie stets im äußersten Falle -- bei der Landung -- noch mit Erfolg einsetzen zu können.
[202] Anschließend an Seite 231 und Seite 300. Plan des Kriegsschauplatzes Seite 301. -- Colomb bespricht (Kapitel IV) den Krieg nach folgender Disposition: die Erfahrung hat gelehrt, daß der größere Handel von einer dem Gegner nur gleichen Flotte nicht geschützt werden kann; Holland verbietet wieder den Handel, bis eine größere Stärke erreicht ist. Der unmittelbare Kampf um die Seeherrschaft wird bei Solebay wieder aufgenommen. Es ist unnütz, Landungen vorzubereiten, ehe die feindliche Flotte vertrieben ist; das Einschiffen von Truppen seitens der Verbündeten war nutzlos.
Der Strategie auf beiden Seiten war also eine bedeutende Aufgabe gestellt. Diese wurde von der holländischen Marine trotz der sonstigen Schwierigkeiten, mit der sie zu kämpfen hatte, glänzend gelöst, wie denn die holländische Kriegführung überhaupt die einsichtsvollere war. Um eine größere Armee sicher an der feindlichen Küste zu landen, war es für die Angreifer nötig, die feindliche Flotte unschädlich zu machen; es war dies möglich: durch Abziehen derselben von der Küste; durch Festhalten an einem Punkte; durch Vernichtung. Es ist nichts davon gelungen. Der Feind ließ sich nicht weglocken, obgleich der Versuch dazu in beiden Kriegsjahren gemacht wurde; er ließ sich auch nicht verleiten, unter ungünstigen Umständen zu fechten; ihn trotzdem zu vernichten, war die Kriegführung der Angreifer nicht energisch genug, und, ihn an einem Orte dauernd festzuhalten, waren sie nicht stark genug. Diese beiden letzten Punkte sind die wichtigen bei Beurteilung der =Kriegführung seitens der Verbündeten=, denn sie lagen in ihrer Hand; sie hängen außerdem eng miteinander zusammen.
Von den vereinigten Mächten muß man annehmen, daß sie imstande gewesen, bedeutend stärkere Seestreitkräfte aufzustellen. Die englische Flotte allein hätte der Hollands überlegen sein können; aber sie war vernachlässigt, und man benutzte hier die Bundesgenossenschaft Frankreichs nicht zur Erlangung einer wuchtigen Übermacht, sondern zum Sparen an Rüstungen. Auch Frankreich besaß schon im Material eine gleich starke Marine, aber sie war entweder noch nicht schlagfertig, oder man hatte »andere Gründe«, ihre Kraft nicht voll zu entfalten; vielleicht sprach beides zusammen.
Ich verweise hierbei auf das, was Seite 356 über die =Schwäche von Bündnissen= gesagt ist. Ein Beweis, daß England (der König) die Bundesgenossenschaft Frankreichs zum Sparen an den eigenen Rüstungen benutzte, dürfte darin zu finden sein, daß Holland mit diesem Umstande rechnete: Es faßte den Beschluß zu größeren Rüstungen 1673 »geheim«, um England zu verleiten, auch weniger zu rüsten. England überschätzte dann den Wert des Bündnisses, anstatt sich auf eigene Kraft zu verlassen.
Die »anderen Gründe«, weshalb Frankreich nicht stärker zur See auftrat, sind dagegen Beispiele zu der Behauptung von der Schwäche der Bündnisse in politischer und strategischer Hinsicht; man wollte die eigene Flotte schonen, die beiden Nebenbuhler um die Seeherrschaft im großen Sinne sich gegenseitig schwächen lassen.
Wenn nun von Seiten der Verbündeten die Rüstungen nicht bis zum höchsten Maße betrieben wurden, so läßt dies darauf schließen, daß man den Feind oder die Schwierigkeit der Aufgabe unterschätzte. Mit einer gemeinsamen Flotte noch einmal so stark als die holländische hätte man versuchen können, den Feind festzuhalten und dennoch gleichzeitig die Truppen unter genügender Bedeckung hinüberzuführen und zu landen; nach der notgedrungenen Herabsetzung der holländischen Flotte im Juli 1672 wären die Verbündeten aber imstande gewesen, mit einer noch weit bedeutenderen Übermacht aufzutreten. Infolge der ungenügenden Rüstungen aber war es notwendig, als ein Ablocken von der Küste nicht gelang, sogar das Blockieren der feindlichen Flotte aufzugeben, um sie durch Demonstrationen an anderen Orten wenigstens zum Verlassen ihrer sicheren Stellung und zum Folgen längs der Küste zu zwingen (1673).
Eine Unterschätzung der Schwierigkeit der Aufgabe ist auch darin zu erkennen, daß man Juni 1673 und, trotz übler Erfahrung, auch im Juli die Flotte selbst mit Anbordnahme von Landungstruppen belästigte. Es erinnert dies an die alte Kriegführung -- handstreichartige Einfälle in Feindesland ohne höheren Zweck als Brandschatzung --, während Holland schon bei seinem Zuge 1667 gegen Themse und Medway die zur Landung bestimmten Truppen nur auf besonderen Fahrzeugen einschiffte.
Tatkraft vermißt man aber auch bei der Kriegführung selbst. In beiden Jahren zeigt sich, daß man mit Recht eine Landung für untunlich hielt, solange die feindliche Flotte unversehrt an der Küste stand. Dachte man nun ernstlich an eine Landung, so mußte auch schärfer vorgegangen werden, sobald sich gezeigt hatte, daß sich der Feind nicht zum Schlagen von der Küste abziehen ließ. Aber nur einmal (Schooneveld, 7. Juni 1673) ist der Versuch gemacht, diesen in seiner geschützten Stellung anzugreifen; nach dem Fehlschlagen wird der Versuch nicht etwa gleich wiederholt, man läßt sich sogar selbst überraschen (Schooneveld, 14. Juni). Mangel an Energie zeigt sich endlich darin, daß die verbündeten Flotten in beiden Jahren erst spät auftraten und nach Mißerfolgen stets längere Zeit, endlich sogar ganz, von der See verschwanden; die wahrscheinlichen Gründe hierfür sind im Laufe der Schilderung des Krieges angeführt.
=Die Kriegführung der Holländer= zeigt sich in einem ganz anderen Lichte; sie ist weit tatkräftiger und dabei planmäßig während des ganzen Krieges. Durch alle Verhältnisse zur Defensive gezwungen, verlieren doch die Leiter -- de Witt und Ruyter; Oranien und Ruyter -- nicht aus dem Auge, welche Vorteile zuvorkommende Offensivstöße haben können.
Im Jahre 1672 wird versucht, die Ausrüstung der Engländer in ihren Häfen zu stören oder sie wenigstens vor ihrer Vereinigung mit den Franzosen zu schlagen, später beabsichtigt man, ähnlich wie im letzten Kriege gegen die Themse vorzugehen; 1673 will man die Themse durch versenkte Schiffe sperren. Alle diese, strategisch so richtigen Pläne konnten leider nicht durchgeführt werden, da die Flotte nicht rechtzeitig fertig wurde; auch den größten Bemühungen der leitenden Personen war es nicht gelungen, die Schwierigkeiten zu überwinden, die sich infolge des Mangels an Zentralisation in der Marineverwaltung und des Streites der Parteien im Lande einer schnelleren Ausrüstung entgegenstellten.
Ein glücklicher Schlag 1672 gegen die englische Flotte in ihren Gewässern vor Ankunft der Franzosen würde wahrscheinlich den Verlauf des ganzen Krieges wesentlich beeinflußt haben, wenn man nach seiner späteren Geschichte urteilen darf: England wäre wohl frühzeitig zum Frieden geneigt gewesen; Frankreich hätte dann allein zur See kaum etwas unternommen, wie wir es nach 1674 sehen werden; Holland hätte alle Mittel für den Landkrieg frei, die Küsten und damit seine Lebenskraftquelle offen gehabt.
Aber der Wachsamkeit, der Umsicht und der Tatkraft Ruyters gelingt es doch, im Jahre 1672 den Feind bei Solebay zu überraschen und dadurch Holland zur Zeit der höchsten Not von der Gefahr einer Landung zu befreien.
Nach den Offensivstößen führt dann in beiden Jahren Ruyter meisterhaft eine offensive Küstenverteidigung durch. Den Feind scharf beobachtend, liegt er an seiner Küste auf Wassertiefen, in denen dieser ihn nicht anzugreifen wagt; er läßt sich nicht herauslocken, bricht aber hervor, sobald die Umstände günstig sind. Im Jahre 1672 genügt seine Anwesenheit, den Feind von ernsten Unternehmungen gegen die Küste abzuhalten, obgleich Holland genötigt war, seine Flotte zu vermindern, um Mannschaften und Kriegsmaterial für den Landkrieg freizumachen. Frühzeitig gehen die Verbündeten in englische Häfen zurück und Ruyter gelingt es, einen Convoi Ostindienfahrer aus der Nordsee heimzuholen. Im Jahre 1673 vertreibt er, rechtzeitig von seinem Stützpunkte aus vorbrechend, durch die Schlachten bei Schooneveld den Feind von den Küsten; er folgt aber nie weiter, als sein Plan, die flacheren Gewässer taktisch und strategisch auszunutzen, erlaubt.
Daß er diesen Plan für den einzig richtigen hielt, zeigt sich auch sonst bei verschiedenen Gelegenheiten: Nur auf Drängen de Witts unternimmt er 1672 noch nach der Vereinigung der feindlichen Flotten den Vorstoß in die Themse; er setzt dabei aber nicht die ganze Flotte, sondern nur ein kleines Geschwader unter Ghent ein. Ebenso fanden auch die Vorschläge -- November 1672 und Ende Juni 1673; wahrscheinlich von Befehlshabern der Armee ausgegangen --, gegen einen französischen Hafen zu operieren, nicht seine Zustimmung.
Stets geht Ruyters Bestreben dahin, die Flotte zum unmittelbaren Schutz der Küste unversehrt zu halten. Selbst als im Juli 1673 die Gefahr einer Landung sehr ernst wird -- eine »Armee« steht in England bereit -- will er nur schlagen, wenn diese wirklich ausgeführt werden sollte; sein schlagfertiges Bereitliegen läßt Zeit gewinnen, die Küsten in Verteidigungszustand zu setzen. Erst als es sich gleichzeitig darum handelt, die Küste für das Einlaufen des großen Convois -- wichtig für die Weiterführung des Krieges -- freizumachen, ist er bereit, die Flotte einzusetzen. Er führt diese nun mit größter Vorsicht heran, benutzt meisterhaft die taktischen Vorteile, die ihm seine Stellung unter der Küste bietet, und vertreibt durch die Schlacht bei Texel den Feind endgültig von der See.
Einen weiteren Fortschritt in der Kriegführung der Holländer, der wesentlich zur erfolgreichen Durchführung ihrer Strategie beitrug, zeigt der =vervollkommnete Aufklärungsdienst= (übrigens auch von den Engländern mehr als bisher gepflegt). Durch Agenten und Erkundungen ist man über den Stand der feindlichen Rüstungen unterrichtet; während des ganzen Krieges, besonders auch gleich nach jeder Schlacht, sind Aufklärungsschiffe oder kleinere Geschwader am Feinde, um seine Bewegungen zu beobachten. Die Holländer waren so vor Überraschungen sicher, konnten selbst überraschend auftreten (Schooneveld II; Solebay) und waren imstande, Demonstrationen an der feindlichen Küste zu unternehmen, wenn der Gegner die See geräumt hatte. Diese Beunruhigungen sowie der Beschluß zur Ausrüstung einer sehr starken Flotte für 1674, obgleich schon Friedensunterhandlungen mit England schwebten, zeigen auch die energischere Kriegführung des schwächeren Hollands und haben zur Beschleunigung des Friedensschlusses beigetragen.
Auch =im kleinen Kriege= war Holland im Vorteil. Sein Handel war in Gewässern, in denen er gefährdet war, eingestellt; seine Kaper machten reiche Beute. Daß in beiden Jahren die wertvollen Ostindienconvois nach siegreichen Schlachten glücklich einkamen, ist ein lehrreicher Beitrag zur Beurteilung des Kreuzerkrieges (vgl. Seite 305).
$Eine Zusammenstellung der Hauptereignisse$ möge vorstehende Betrachtungen belegen und nochmals veranschaulichen, in welcher ruhmreichen und wirkungsvollen Weise die holländische Marine unter schwierigen Verhältnissen in den Krieg eingegriffen hat:
Frühjahr $1672$ Krieg mit Frankreich und England unvermeidlich, dennoch nur die Indienststellung von 40 Schiffen beschlossen. 23. März greifen die Engländer den Smyrnaconvoi an; nun Ausrüstung von 96 Schiffen angeordnet, aber die Ausführung, außer in der Provinz Holland, saumselig; 7. April Kriegserklärung.
15. Mai Ruyter an der englischen Küste; zurück, da die feindlichen Flotten schon vereinigt; 23. Mai Ruyter vor der Themse; nach Ghents Vorstoß, auf Wunsch de Witts unternommen, zurück. 29.-31. Mai vergebliche Versuche der Verbündeten, die holländische Flotte von ihren Küsten abzuziehen.
7. Juni überrascht Ruyter (75 Schiffe) den Feind (87 Schiffe) bei Solebay und geht unverfolgt zurück: hierdurch die Gefahr einer Landung in Holland zur Zeit der höchsten Not abgewehrt. Die Flotte, auf 59 Segel herabgesetzt, wird an der Küste gehalten; die Verbündeten, 13.-20. Juli in Sicht, wagen keine Landung, werden durch Sturm zerstreut und räumen für dieses Jahr die See. Ruyter holt den Indienconvoi ein; Kaper in Tätigkeit.
Zu Lande im Juli die Deiche durchstochen, um die Provinz Holland zu halten. Brandenburg und Österreich schreiten ein und die Niederlande erhalten Luft; Luxembourgs Einfall im Dezember schlägt fehl.
$1673$ Brandenburg und Österreich treten zurück, die Niederlande aufs neue arg bedrängt; wiederum droht eine Landung. 10. Mai versucht Ruyter, die Themse zu sperren; durch Prinz Ruperts Tatkraft vereitelt. 29. Mai verbündete Flotten vereinigt, haben Truppen an Bord und weitere stehen bereit; sie erscheinen 1. Juli an der holländischen Küste (91 Schiffe). Am 7. Juli ihr Angriff mit Brandern bei Schooneveld (erste Schlacht) durch Ruyter (64 Schiffe) abgeschlagen; 14. Juni greift Ruyter überraschend an (zweite Schlacht), die Verbündeten laufen in die Themse ein.
3.-13. Juli Ruyter vor der Themse, dann in seiner Defensivstellung. Die Verbündeten erscheinen Ende Juli: Truppen an Bord, eine »Armee« zur Überführung bereit; sie versuchen am 31. August und 1. September vergeblich, die holländische Flotte in den Kanal zu ziehen und bedrohen dann die Küsten (90 Schiffe). Ruyter (75 Schiffe) geht zum Angriff vor, um dem Indienconvoi die Einfahrt frei zu machen. 21. August sein Sieg bei Texel: Verbündete zur Themse, Franzosen bald nach Brest; sie geben den Landungsplan endgültig auf. Ruyter zu Demonstrationen in See, der Convoi läuft glücklich ein.
19. Februar 1674 Frieden mit England.
Holland ist zur See frei und kann mit Spanien und Österreich zur Offensive übergehen; der weitere Landkrieg wird außerhalb der Niederlande geführt.
* * * * *
Siebentes Kapitel.
Nebenkriege 1674-1688.
$Der französisch-holländische Krieg 1674-1678. Der schwedisch-dänische Krieg 1675-1679. Kämpfe gegen die Barbaresken. Die Franzosen vor Genua 1684.$
Nach dem Frieden von Westminster setzte Holland mit Spanien und Österreich verbündet den Kampf mit Frankreich fort. Durch die Parteinahme anderer Mächte -- das Reich, Brandenburg, Schweden, Dänemark -- wird der Krieg fast zu einem europäischen und bringt uns, wenn auch die Kriegführung zur See nicht mehr die Rolle wie bisher spielt, zwei wichtige Nebenkriege.
Der weitere Verlauf dieses Krieges -- $der zweite Eroberungskrieg Ludwigs XIV$. $1672-1678$ --, von uns bis Ende 1673 (zuletzt Seite 351) verfolgt, sei hier zusammengefaßt. Zunächst schloß sich (1674) der =Große Kurfürst= wieder dem Kaiser an, als Österreich wirklich Ernst machte, und auch das Reich erklärte den Krieg, nachdem Ludwig XIV. das Bistum Trier überfallen hatte; die Bischöfe von Münster und Köln, vom Reiche und Österreich bedroht, schlossen Frieden mit Holland und traten zu den Gegnern Frankreichs.
Nun stellte =Ludwig= 4 Armeen auf: die erste unter =Condé= gegen Holland und die spanischen Niederlande; die zweite unter =Turenne= gegen Österreich und Brandenburg am Oberrhein; mit der dritten bemächtigte er selbst sich der Franche-Comté; die vierte unter =Schomberg= schützte die Provinz Roussillon gegen Spanien. Auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen wurde mit wechselndem Glück gefochten. Im allgemeinen lag der Erfolg auf seiten Frankreichs -- jetzt schon unter schrecklicher Verwüstung der deutschen Lande --, besonders als der Große Kurfürst (1675) durch den Einfall der Schweden gezwungen wurde, vom Rhein nach der Mark zurückzukehren (Fehrbellin).
=Schweden= hatte sich mit Frankreich verbündet, in der Hoffnung, so den verlorenen Einfluß in Deutschland wieder zu gewinnen; nun aber trat =Dänemark= auf die Seite Brandenburgs, um womöglich seine an Schweden verlorenen Provinzen (Seite 240) zurückzuerhalten. Der Krieg zwischen Schweden und Dänemark -- dieses durch eine holländische Flotte unterstützt -- wurde auch wesentlich zur See ausgefochten.
Wenn nun auch Dänemark und Brandenburg Erfolge Schweden gegenüber erzielten (Eroberung Pommerns; Einfall in Schonen; Niederbruch der schwedischen Flotte), so blieben doch Österreich und das Reich am Rhein im Nachteil, Oranien konnte nur eben Holland verteidigen und Spanien war zu schwach, Frankreich ernstlich anzugreifen oder selbst nur seine Niederlande zu schützen. =Spanien= mußte gleichzeitig gegen einen =Aufstand in Sicilien= kämpfen, der von Frankreich durch die Flotte und Landtruppen unterstützt wurde, hier traten holländische Seestreitkräfte für Spanien ein; dem Kaiser hatte Ludwig einen neuen Feind in den Türken geschaffen, die in Ungarn angriffen. Schließlich kam hinzu, daß der Kaiser eifersüchtig und argwöhnisch auf den Erfolg Brandenburgs sah. Anstatt im engsten Bunde mit ihm ganz Deutschland in den Kampf zu rufen, um Franzosen, Schweden und Türken zurückzuschlagen, schloß er den Frieden von Nymwegen (1678). Holland trat diesem bei, da ihm Frankreich günstige Bedingungen stellte; es war durch den langen Krieg erschöpft. Ludwig XIV. war ebenfalls zum Frieden geneigt; auch sein Land hatte schwer gelitten, und seit Anfang 1678 drohte =England=, sich zu den Gegnern zu gesellen. Karl II. hatte auf Drängen des Parlaments ein Offensiv- und Defensiv-Bündnis mit Holland schließen und seine Regimenter vom französischen Heere zurückziehen müssen; er rüstete nun sogar gegen Frankreich. Die englische Nation sah, neben anderen Eifersuchtsgründen, daß die französische Marine der eigenen überlegen geworden war. Ludwig fürchtete nun zwar die Engländer zu Lande nicht, aber zur See fühlte er sich doch den vereinigten Seemächten nicht gewachsen. Er räumte deshalb Sicilien, verdoppelte aber seine Angriffe gegen die spanischen Niederlande. Bisher hatte er diese wegen der englischen Empfindlichkeit in Hinsicht auf die belgische Küste geschont; jetzt brauchte er hierauf keine Rücksicht mehr zu nehmen und bedrohte nun Holland dort, wo es ihn am meisten fürchtete; auch dies bestärkte Hollands Neigung zum Frieden.
Der =Frieden von Nymwegen= (11. August 1678) bezeichnet die Höhe von Ludwigs Macht. Die Hauptzeche mußten Spanien und das Reich zahlen. Spanien verlor die Franche-Comté und weitere zwölf Städte seiner Niederlande; der Kaiser gab die elsässischen Reichsstädte (Straßburg ausgenommen) auf und trat Freiburg ab, welcher strategische Punkt sofort durch Vauban stark befestigt wurde, ebenso blieb Lothringen tatsächlich in Frankreichs Hand. Auch Brandenburg und Dänemark büßten in dem von Ludwig diktierten Frieden (St. Germain und Fontainebleau 1679) mit Schweden die Früchte ihrer Erfolge wieder ein. Holland verlor nur einige unwichtigere Kolonien, aber auf dem Festlande nichts; daß jedoch dieser weitere Krieg nach 1674 ihm mittelbar großen Schaden brachte, werden wir später sehen. Ludwig XIV. nutzte nun noch in den nächsten Jahren die Schwäche des Reiches und Spaniens aus, indem er -- auf Grund der Rechtssprüche der berüchtigten =Reunionskammern= -- seinen Besitz im Elsaß, der Pfalz und den spanischen Niederlanden erweiterte und befestigte, er nahm sogar mitten im Frieden Straßburg weg.
Der französisch-holländische (-spanische) Krieg 1674-1678.
Nach dem Rücktritte Englands zog =Frankreich= seine Flotte vom Ozean zurück; Ludwig hielt sie mit Recht noch nicht für leistungsfähig genug, allein den Holländern gegenüberzutreten, und er faßte den Entschluß, diesen die Herrschaft im Kanal und Atlantik zu überlassen. Hier wurde nur ein geringer Teil der Seestreitkräfte zur Unterstützung der Verteidigung wichtiger Küstenplätze bestimmt, die Hauptmacht zog man =im Mittelmeer= zusammen, um den Landkrieg gegen Spanien zu unterstützen. Auch während der folgenden Kriegsjahre stellten die Häfen am Atlantik weiter Verstärkungen für das Mittelmeer, sonst nur kleinere Geschwader für Westindien. =Holland= verminderte seine Rüstungen zur See, als man sich jetzt dort nicht mehr unmittelbar bedroht sah. Wie wir wissen, war vor dem Frieden mit England beschlossen, für 1674 eine besonders starke Flotte -- 84 Linienschiffe -- in Dienst zu stellen; dieser Etat wurde im April auf 54 Linienschiffe, 12 Fregatten und 18 Brander herabgesetzt. Die dadurch gemachten Ersparnisse sollten verwendet werden, 10 Regimenter (10700 Mann) zur Einschiffung für Expeditionen aufzustellen.
Nach de Jonge, Teil II, Beilage IX, sind tatsächlich ausgelaufen: 3 Schiffe zu 80 Kanonen; 6 zu 70; 14 zu 60-70; 26 zu 40-56, 10 Fregatten zu 28-36 Kanonen; 15 Brander; 12 Bombenfahrzeuge und 66 kleinere Fahrzeuge, Jachten und Transporter. Frieslands Kontingent fehlte wieder wegen Geldmangels, auch waren in der Eile nur 6000-7000 Soldaten zu beschaffen.
Man =beabsichtigte= nämlich, gleichzeitig unter Ruyter -- mit oder ohne die hierzu zugesagte Unterstützung Spaniens --, Frankreich in seinen aufblühenden Besitzungen Westindiens und seinem zunehmenden Handel dort anzugreifen und unter Tromp gegen die französischen Küsten vorzugehen, sich hier festzusetzen, um den Feind vom Landkriege abzuziehen. Diese Pläne wurden sorgsam geheim gehalten; sie kamen aber dennoch zur Kenntnis Ludwigs, da dieser für Spione und Verräter nie Geld sparte. Die Gesamtflotte sammelte sich schon nach vier Wochen in den Wielingen, ging am 24. Mai in See und ankerte am 8. Juni vor Torbay. Hier nahm Ruyter die Teilung für die beiden Expeditionen vor und trat dann selbst mit dem kleineren Teile schon an dem gleichen Tage die Reise nach Westindien an. Da diese Expedition mit anderen Ereignissen in den Kolonien zusammen besprochen werden soll, wenden wir uns zuerst Tromp zu.
$Tromp an der französischen Küste und im Mittelmeer[203] 1674.$ Tromps Flotte setzte sich zusammen aus: 36 Linienschiffen und Fregatten (es traten später noch einige hinzu), 9 Brandern, 12 Mörserbooten (hier für Holland zum ersten Male erwähnt), zahlreichen kleinen Segeln und Transportern; unter ihm kommandierten 3 Leutnant-, 3 Vize-, 3 Kontreadmirale; die Vorhut führte Leutnantadmiral Bankers, die Nachhut Leutnantadmiral van Nes; 3000-4000 Soldaten unter dem Artilleriegeneral Graf van Hoorn waren eingeschifft. Die Franzosen hatten für den Atlantik nur 14 Linienschiffe in Dienst gestellt. Der Vizeadmiral des Atlantik d'=Estrées= führte den Oberbefehl, er befand sich in Brest, die Schiffe lagen aber getrennt in Brest, La Rochelle und Rochefort; sie haben sich auch nicht vereinigt, sie hatten eben den Befehl, im Verein mit den Landstreitkräften die Küste ihres Bezirkes zu verteidigen; später wurden sie zu Angriffen auf den holländischen Handel verwendet.
[203] Hauptquellen: de Jonge, Teil II; »Vie de Tromp«. -- Bonfils; Jal: »du Quesne«.
=Tromp= verließ erst am 18. Juni Torbay; 10 Tage hatte er auf Transporter warten müssen, die Feldgeschütze und Kriegsmaterial brachten; ein übler Vorgang für überraschendes Auftreten. Der Admiral hielt deshalb auch Brest für in zu guten Verteidigungszustand gesetzt, um etwas gegen die Stadt oder auch nur gegen die im Hafen liegenden Schiffe zu unternehmen. So erschien er am 23. =vor der Insel Belle-Isle=; es wurde auf Vorschlag Hoorns hier eine Landung beschlossen und, durch steife östliche Winde verzögert, am 27. ins Werk gesetzt. Unter dem Feuer von 4 Fregatten gegen einige Schanzen, die der Feind am günstigsten Landungsplatze aufgeworfen hatte, wurde gelandet, der Gegner aus den Befestigungen vertrieben und auf ein festes Schloß zurückgeworfen. Dieses aber war gut armiert (200 Kanonen?), hoch und so gelegen, daß die Schiffe es nicht unter Feuer nehmen konnten, sowie durch reguläre Truppen nebst dem Aufgebot von Adel- und Bauernmiliz der Küste stark besetzt. Die Stellung erwies sich als zu fest; die Holländer schifften sich nach zwei Tagen wieder ein, nachdem sie die ganze Insel durchstreift und viel Vieh für die Flotte weggetrieben hatten.
Am 30. Juni ging Tromp wieder unter Segel, um die Küste zu beunruhigen und einen geeigneteren Landungsplatz zu suchen. Als solcher wurde =Noiremoutiers= ausersehen, eine Insel vor dem Loir, nur durch einen bei Ebbe trockenfallenden Meeresarm vom Festlande getrennt. Auch hier wurde die Landung trotz mancherlei Schwierigkeiten -- Schanzen am Strande; ein Teil der Boote verfehlte den durch Bankers ausgesuchten Landungsplatz und traf auf beschwerlichen steinigen Grund, Gewehre und Munition wurden dabei naß -- und tapferer Gegenwehr ausgeführt; die schwache feindliche Streitmacht räumte das Kastell (nur 17 Kanonen) und die Insel. Die Holländer schufen sich hier eine Stellung, fest genug, um einem Angriff vom Festlande her zu widerstehen; Abteilungen der Flotte erkundeten und beunruhigten von hier aus die Küste, sie brachten auch manche Kauffahrer und Fischer auf. Das war aber auch alles. Französischerseits war hier gleichfalls überall die Bevölkerung unter Führung ihrer Edelleute zu den Waffen gerufen und die Küstenplätze hatte man in guten Verteidigungszustand gesetzt; die Holländer waren weder an Seestreitkräften noch an Truppen stark genug, um etwas gegen die Seestädte zu unternehmen oder um von Noiremoutiers aus den Krieg nach dem Festlande hinüberzutragen. Nach drei Wochen (am 26. Juli) gab man den gewonnenen Stützpunkt als unnütz wieder auf und =die Flotte segelte nach= St. Sebastian (=Spanien=).
Hier wurden Tromp und Hoorn von der spanischen Regierung aufgefordert, =ins Mittelmeer= zu gehen, um den Krieg in den Grenzprovinzen durch Vertreibung der französischen Seestreitkräfte zu unterstützen. Im Mittelmeer standen im August etwa 18 spanische Kriegsschiffe und 22 Galeren -- vermutlich nicht in bester Verfassung -- 22 Linienschiffen, 24 Galeren und 8 Brandern Frankreichs gegenüber; die französische Flotte war nicht nur dem Landkriege schon von wesentlichem Nutzen gewesen, sie bedrohte auch die spanischen Silberflotten und den Handel Hollands. Da nun die Instruktion den holländischen Führern die Erlaubnis gab, mit ihrer ganzen Flotte oder einem Teile ins Mittelmeer zu gehen, »falls es sehr vorteilhaft erschiene«, so faßten sie einen dementsprechenden Entschluß. Ein Geschwader von 15 Kriegsschiffen, 3 Brandern und 35 anderen Segeln wurde unter =van Nes im Atlantik= belassen, um weiter den französischen Handel zu schädigen und die Küsten zu beunruhigen; auch die Mörserboote ließ man zurück, sie hielten die Flotte auf und waren nur für etwaige größere Bombardements mitgenommen. =Tromp= segelte mit 24 Kriegsschiffen, 5 Brandern und 14 der bessern anderen Fahrzeuge, auf denen sich der größere Teil der Landungstruppen befand, am 9. August über Cadiz =nach Barcelona=.
=Van Nes= blieb bis Anfang Oktober an der französischen Küste und ging dann heim; besondere Ereignisse fanden in dieser Zeit nicht statt.
Die Franzosen blockierten diese Stadt und hatten Werke zur Belagerung aufgeworfen; bei der Annäherung der Holländer wurden Blockade und Belagerung schleunigst aufgegeben. Tromp segelte weiter nach der Bay von =Rosas=. Hier hielten die Franzosen (jetzt scheinbar 28 Linienschiffe) die Hauptflotte der Spanier fest, die bestimmt war, 7000 Mann zur Unterdrückung des Aufstandes nach Sicilien überzuführen. Tromp hoffte hier, vereinigt mit den Spaniern dem in Madrid gemeinsam gefaßten Plane gemäß, zum Schlagen zu kommen (Ankunft 2. Oktober), aber auch diese Blockade war von den Franzosen aufgegeben; die Spanier hatten sofort Nutzen daraus gezogen und waren nach Sicilien abgegangen. Dieses Imstichlassen seitens der Spanier empörte Tromp und Hoorn; ihre Entrüstung wuchs, als die spanische Regierung nun das Ansinnen an sie stellte, mit ihrer Flotte nach Sicilien zu gehen und bei der Wiedernahme des empörten Messinas mitzuwirken.
Schon mit der Fahrt nach dem Mittelmeer überhaupt hatten die holländischen Chefs eine große Verantwortung übernommen, und tatsächlich wurde Tromp später von der Admiralität Amsterdam -- da der Zug nur so wenig Erfolg gehabt -- wegen der dadurch veranlaßten längeren Indienststellung der Schiffe zur Verantwortung (pekuniären) gezogen; Oranien glich die Sache aus.
Trotzdem erklärten sie sich bereit, 1500 Mann zum Entsatz der belagerten Stadt Rosas zu landen und einige Schiffe zu ihrer späteren Rückbeförderung zurückzulassen. Die Flotte selbst ging =nach Holland= und traf dort am 3. Dezember ein; die zurückgelassenen Schiffe folgten bald, da die Franzosen gleich nach der Landung der Truppen die Belagerung der Stadt abgebrochen hatten.
=Die Expedition Tromps hat also wenig Erfolg gehabt=; Die französische Küste ist beunruhigt worden, aber nichts deutet darauf hin, daß hierdurch französische Truppen von den östlichen Kriegsschauplätzen abgezogen wurden; das verbündete Spanien ist aus einigen Verlegenheiten befreit; das wichtigste Ergebnis war vielleicht, daß man Europa zeigte, wie trotz des vorhergegangenen schweren Krieges die holländische Marine noch immer der französischen gegenüber überlegen auftreten konnte. Aber entsprach dieser Erfolg den Erwartungen, die man auf dies kostspielige Unternehmen gesetzt hatte? Anstatt wie man geplant und gehofft, einen wichtigen französischen Hafenplatz zu nehmen und zu halten oder doch die Schiffe und Anlagen dort zu zerstören, mußte man sich mit der zeitweisen Besetzung einiger unwichtiger Inseln begnügen. »Warum das eine und nicht das andere geschah, ist dunkel,« sagt de Jonge. Als wahrscheinliche Gründe führt derselbe Autor an: »Infolge des längeren Winters« -- diesen Grund haben wir nun schon recht oft gehört -- »war die Flotte zu spät fertig; trotz aller Geheimhaltung hatte Ludwig Kenntnis erhalten und konnte Gegenmaßregeln treffen; man hatte auf eine Erhebung in der Normandie und Bretagne gerechnet, die die eine oder die andere Stadt den Holländern ausliefern sollte -- dies wurde rechtzeitig entdeckt und unterdrückt. Daran endlich, daß nicht wenigstens der französischen Seemacht im Mittelmeer ein schwerer Schlag zugefügt werden konnte, war das Verhalten der Spanier schuld.« Alles dieses trifft wohl zu, man muß aber doch sagen, daß das Hauptunternehmen gegen die französische Küste mit weit stärkeren Mitteln hätte ins Werk gesetzt werden müssen; so hatte es mehr den Charakter der Brandschatzungseinfälle in Feindesland älterer Zeiten.
$Der Krieg in den Kolonien$ (Ruyter vor Martinique 1674; Kampf um Guayana, Tabago und Westafrika 1676 und 77). =Ruyter=[204] war von Torbay gleich nach der Teilung der Flotte am 8. Juni $1674$ in See gegangen, um keine Zeit zu verlieren. Im Frieden von Westminster hatte Holland Neu-Niederland (New York) an England abtreten müssen. Man betrachtete dies mit Recht als einen großen Verlust für die Ausbreitung des Handels und wünschte, durch Erweiterung der Kolonien in Westindien diesen Schaden wieder wett zu machen. Die Eroberung französischer Besitzungen dort, insbesondere =Martiniques=, schien dazu sehr geeignet; Ruyter selbst soll gerade auf diese Insel hingewiesen haben.
[204] Hauptquellen: de Jonge, Teil II, und »Leben Ruyters«, in letzterem der Bericht Ruyters über die Expedition mit genauen Dispositionen für die Landung auf Martinique.
Das für Westindien bestimmte Geschwader bestand aus 18 Linienschiffen und Fregatten, 6 kleineren Segeln, 6 Brandern und 24 Transportern mit zusammen 1100 Kanonen, 4000 Matrosen, 3380 See- und Landsoldaten. Der Admiral beschleunigte seine Reise in jeder Beziehung; so sandte er einige der schnellsten Schiffe nach Teneriffa voraus, um dort alles zu schneller Proviant- und Wasserergänzung vorzubereiten, auch ließ er durch vier andere gute Segler langsame Fahrzeuge in Schlepp nehmen. In Teneriffa verweilte er nur einen Tag (25. Juni) und traf am 19. Juli vor Martinique ein. Es war einem vorausgesandten Schiffe gelungen, einige Einwohner beim Fischen abzufangen; von ihnen erfuhr man, daß seit etwa vier Wochen auf allen französischen Inseln Ankunft, Stärke und Absicht der Holländer bekannt sei; die Besatzungen seien überall verstärkt, die Schiffe (Kriegs- und Handelsfahrzeuge) unter den Schutz der Batterien gebracht. Man beschloß im Kriegsrat, =Fort de France= als den wichtigsten der drei Häfen der Insel anzugreifen. Sein Besitz war nötig, wenn man die Insel dauernd halten wollte, seine Eroberung vom Lande her, falls man zuerst einen andern Platz genommen, schwierig; hier lagen ferner die wertvolleren Schiffe und hier waren am leichtesten Wasser und Brennholz für die Flotte zu erhalten, endlich wußte man, daß die Befestigungen dieses Punktes noch nicht ganz fertig waren. Am 20. schritt man zur Landung und hatte anfangs Erfolg.