Sämtliche Werke 9-10 (part 4 of 5)
Man lachte. Der schuldbewußte Kleine wurde noch röter, purpurrot. Er schwieg und war dem Weinen nahe. Koljä aber erbarmte sich seiner nicht so schnell.
„Um über solche historische Ereignisse, wie die Gründung einer Nation, reden zu können, muß man sich zuerst darüber klar werden, was das eigentlich heißt,“ sagte er streng zur Belehrung. „Übrigens messe ich diesen Altweibergeschichten keinerlei Bedeutung bei, und überhaupt achte ich die Allgemeine Geschichte nicht sonderlich,“ fügte er nachlässig hinzu, diesmal wieder zu allen gewandt.
„Wie, die Allgemeine Geschichte?“ erkundigte sich der Hauptmann fast entsetzt.
„Ja, die sogenannte Allgemeine Geschichte – das ist doch nur die Erlernung einer ganzen Reihe von menschlichen Dummheiten und weiter nichts. Achtung habe ich nur vor der Mathematik und den Naturwissenschaften,“ sagte Koljä majestätisch, indem er flüchtig zu Aljoscha hinüberblickte: es war ja nur dessen Meinung, die er hier fürchtete.
Aljoscha jedoch schwieg die ganze Zeit über und war nach wie vor vollkommen ernst. Hätte er etwas dagegen gesagt, so wäre es dabei geblieben, er aber schwieg, und dies konnte sehr wohl aus Verachtung geschehen. Der Gedanke an diese Möglichkeit machte Koljä geradezu wild.
„Und dann überhaupt – die klassischen Sprachen, zum Beispiel. Das ist doch absolut nichts anderes als Blödsinn ... Sie scheinen wieder nicht mit mir übereinzustimmen, Karamasoff?“
„Nein,“ sagte Aljoscha mit zurückhaltendem Lächeln.
„Die klassischen Sprachen sind, wenn Sie meine ganze Meinung darüber wissen wollen, eine polizeiliche Maßregel, und das ist der einzige Zweck, zu dem sie eingeführt sind!“ Koljä geriet allmählich wieder in Hitze. „Sie sind eingeführt, weil sie langweilig sind und die Fähigkeiten abstumpfen. Es war langweilig, wie sollte man es nun noch langweiliger machen? Es war sinnlos, wie sollte man es nun noch sinnloser machen? Und da dachte man sich denn die klassischen Sprachen aus. Das ist meine Meinung über die klassischen Sprachen, und ich hoffe, daß ich sie nie ändern werde,“ schloß Koljä schroff.
Auf seinen Wangen zeichneten sich zwei rote Flecke ab.
„Das ist wahr,“ sagte plötzlich der kleine Ssmuroff, der aufmerksam zugehört hatte, mit heller und überzeugter Kinderstimme.
„Und selbst ist er der Erste im Lateinischen!“ rief plötzlich ein anderer Knabe laut.
„Ja, Papa, er sagt das so, aber selbst ist er im Lateinischen der Erste in der Klasse,“ sagte gleich darauf auch Iljuschetschka.
„Was ist denn dabei?“ Koljä fand es für nötig, sich zu rechtfertigen, obgleich ihm das Lob nicht unangenehm war. „Ich lerne Latein, weil man es muß, weil ich meiner Mutter versprochen habe, das Gymnasium zu absolvieren. Und meiner Meinung nach muß man das, was man einmal tut, dann auch gründlich tun. Im Herzen aber verachte ich tief den Klassizismus und diese ganze Gemeinheit ... Sind Sie nicht mit mir einverstanden, Karamasoff?“
„Aber warum soll das denn eine ‚Gemeinheit‘ sein?“ fragte Aljoscha und lächelte wieder.
„Aber ich bitte Sie! Sämtliche Klassiker sind doch in alle Sprachen übersetzt, folglich brauchen wir ja nicht zur Erlernung der Klassiker Latein – sondern ... wegen der polizeilichen Maßregel, die darin liegt, d. h. zur Gewöhnung an das ‚du mußt, wenn du auch nicht weißt, warum und wozu‘. Und dann vor allem zur Abstumpfung der Fähigkeiten. Wie gesagt. Und das soll nun keine Gemeinheit sein?“
„Wer hat Ihnen denn das alles eingeredet?“ fragte Aljoscha verwundert.
„Erstens kann ich sehr wohl selbst darüber urteilen, ohne daß ich mir etwas einreden lasse, und zweitens, wissen Sie, hat dasselbe, was ich Ihnen soeben von den übersetzten Klassikern sagte, auch der Lehrer Kolbassnikoff in der Quinta gesagt ...“
„Der fremde Professor ist angekommen!“ sagte plötzlich Ninotschka, die die ganze Zeit geschwiegen hatte.
An der Hofpforte hielt Frau Chochlakoffs Equipage. Der Hauptmann, der den berühmten Arzt schon seit dem Morgen erwartet hatte, stürzte Hals über Kopf hinaus. Das Mamachen richtete sich auf und nahm eine feierliche Miene an. Aljoscha trat an Iljuschas Bettchen und versuchte die Kissen ein wenig zu ordnen. Die Knaben verabschiedeten sich eilig, einige von ihnen versprachen noch, am Abend wiederzukommen. Koljä rief seinen Pereswonn, und der sprang mit einem Satz vom Bett herab.
„Ich gehe noch nicht fort, ich bleibe noch hier!“ flüsterte Koljä eilig Iljuscha zu. „Ich werde im Flur warten und dann wiederkommen, wenn der Professor fortgefahren ist, mit Pereswonn wiederkommen.“
Da trat aber der Professor bereits herein – eine imposante Erscheinung im Bärenpelz mit langem, dunklem Backenbart und glänzendem rasiertem Kinn. Nachdem er über die Schwelle getreten war, blieb er zuerst ganz verdutzt stehen: Wahrscheinlich glaubte er, sich in der Tür versehen zu haben.
„Was soll denn das bedeuten? Wo bin ich denn hier hineingeraten?“ brummte er in den Bart. Er stand verständnislos an der Tür, ohne den Pelz abzuwerfen oder seine Seebärmütze, deren Schirm gleichfalls mit Seebärfell überzogen war, abzunehmen. Die vielen Menschen, die Ärmlichkeit der Stube, die in der Ecke auf einer Schnur hängende Wäsche verstimmten und befremdeten ihn sichtlich. Der Hauptmann bog sich vor ihm das Rückgrat krumm.
„Sie sind hier, hier bei uns,“ stotterte er untertänig, „hier, jawohl, bei uns, zu denen Sie ...“
„Ssnegireff?“ fragte der Professor laut und wichtig. „Herr Ssnegireff – sind Sie das?“
„Ja, ich!“
„Ah!“
Der Professor blickte sich noch einmal angeekelt im Zimmer um und warf dann seinen Pelz ab. An seinem Halse blitzte ein bedeutender Orden, der allen sofort in die Augen stach. Der Hauptmann fing den Pelz auf, und der Professor nahm die Mütze ab.
„Wo ist denn hier der Patient?“ fragte er laut und wichtig.
VI. Frühe Entwicklung
„Was meinen Sie, was wird ihm der Professor sagen?“ fragte Koljä hastig. „Aber was für eine widerliche Fratze der Kerl hat, finden Sie nicht auch? Ich kann die Medizin mit allem Drum und Dran nicht ausstehen!“
„Iljuscha wird sterben. Das ist, glaube ich, so gut wie sicher,“ antwortete Aljoscha niedergeschlagen.
„Die Kanaillen! Diese Mediziner taugen alle nichts! Aber es freut mich ungemein, Karamasoff, daß ich Sie kennen gelernt habe. Ich wollte schon lange Ihre Bekanntschaft machen. Schade nur, daß wir uns unter so traurigen Umständen getroffen haben ...“
Koljä wollte gern etwas noch Wärmeres, Herzlicheres sagen, aber er war wie unter einem Druck. Aljoscha bemerkte dies wohl, lächelte und drückte ihm die Hand.
„Ich habe schon längst gelernt, in Ihnen ein seltenes Wesen zu verehren,“ sagte Koljä verwirrt und erregt. „Ich weiß, Sie sind ein Mystiker und haben im Kloster gelebt. Ich weiß, daß Sie ein Mystiker sind, aber ... das hält mich weiter nicht ab ... Ich denke, die Berührung mit der Wirklichkeit wird Sie schon heilen ... Mit Naturen, wie die Ihrige, ist es ja immer so.“
„Wen nennen Sie einen Mystiker? Wovon heilen?“ fragte Aljoscha ein wenig verwundert.
„Nun so, ich meine Gott und das übrige.“
„Wie, glauben Sie denn etwa nicht an Gott?“
„Im Gegenteil, ich habe nichts gegen ihn. Gott ist natürlich nur eine Hypothese ... aber ... ich gebe ja vollkommen zu, daß er nötig ist ... zur Ordnung ... zur Erhaltung der Weltordnung und so weiter ... – wenn es Gott nicht gäbe, so müßte man ihn sich ausdenken,“ fügte Koljä noch hinzu, während ihm das Blut schon in die Wangen stieg.
Ihn hatte plötzlich der Gedanke durchzuckt, Aljoscha könnte jetzt denken, daß er seine Kenntnisse zeigen und sich als „Erwachsener“ aufspielen wolle. „Das will ich aber durchaus nicht!“ dachte Koljä ungehalten. Und plötzlich ärgerte er sich sehr.
„Ich muß gestehen, ich liebe es gar nicht, mich auf diese verwickelten Diskussionen einzulassen,“ meinte er kurz abbrechend, „man kann doch auch ohne an Gott zu glauben die Menschheit lieben, was meinen Sie? Voltaire hat doch auch nicht an Gott geglaubt und doch die Menschheit geliebt!“ („Schon wieder, schon wieder komme ich mit meinen Kenntnissen!“ dachte er bei sich.)
„Voltaire dürfte wohl an Gott geglaubt haben, nur, wenn ich nicht irre, zu wenig, und die Menschheit hat er, glaube ich, gleichfalls nur wenig geliebt,“ sagte Aljoscha leise und zurückhaltend, doch ganz natürlich, wie wenn er mit einem gleichaltrigen oder womöglich sogar älteren Menschen spräche.
Koljä fiel sofort diese Ungewißheit Aljoschas in seiner Meinung über Voltaire auf: und daß er gewissermaßen ihm, dem kleinen Koljä überließ, über diese Frage zu entscheiden.
„Aber haben Sie denn Voltaire gelesen?“ fragte Aljoscha.
„N–nein, nicht gerade, daß ich ihn ganz gelesen hätte ... Ich habe nur ‚Candide‘ gelesen, in einer russischen Übertragung ... in einer ganz alten, eigenartigen, furchtbar komischen Übersetzung ...“ („Schon wieder, schon wieder!“)
„Und haben Sie ihn auch verstanden?“
„O ja, alles ... das heißt ... warum glauben Sie, daß ich ihn nicht verstanden hätte? Es kommen dort natürlich viele schmutzige Gemeinheiten vor ... Ich verstehe doch, daß es ein philosophischer Roman ist, und Voltaire ihn geschrieben hat, um eine Idee durchzuführen ...“ Koljä verwirrte sich immer mehr. „Ich bin nämlich Sozialist, Karamasoff, ein unverbesserlicher Sozialdemokrat,“ sagte er plötzlich, ohne den geringsten Anlaß zu dieser Bemerkung.
„Sozialdemokrat?“ Aljoscha lachte auf. „Wann haben Sie denn dazu schon Zeit gefunden? Sie sind doch erst dreizehn Jahre alt, glaube ich?“
Koljä fühlte sich tief verletzt.
„Erstens: nicht dreizehn, sondern vierzehn, in zwei Wochen vierzehn,“ sagte er kalt, während ihm das Blut wieder in die Wangen schoß. „Und zweitens: Ich verstehe wirklich nicht, was mein Alter damit zu tun hat. Es handelt sich doch nur darum, welches meine Ansichten sind und nicht, wie alt ich bin. Nicht wahr?“
„Wenn Sie älter wären, würden Sie einsehen, von welch einer Bedeutung das Alter bei Überzeugungen ist. Mir schien es wirklich so, als wenn es nicht Ihre eigenen Worte wären, die Sie sprachen,“ antwortete Aljoscha ruhig und bescheiden, doch Koljä unterbrach ihn ungestüm.
„Ich bitte Sie! Sie verlangen Gehorsam und Mystizismus! Aber Sie müssen doch zugeben, daß der christliche Glaube nur den Reichen und Vornehmen dazu gedient hat, die niedrigeren Klassen in der Knechtschaft zu erhalten! Nicht wahr?“
„Ach ich weiß schon, wo Sie das gelesen haben, das hat Ihnen ja jemand eingeredet!“ rief Aljoscha aus.
„Ich bitte Sie, warum muß ich es denn unbedingt gelesen haben? Und so etwas hat mir so gut wie niemand eingeredet. Ich kann doch auch selbst ... Wenn Sie wollen, bin ich sogar durchaus nicht gegen Christus. Er war eine durch und durch humane Persönlichkeit, und wenn er heute, in unserer Zeit, lebte, so würde er sich sofort den Revolutionären anschließen und vielleicht eine große Rolle spielen ... Das steht fest!“
„Wo haben Sie nun das wieder aufgeschnappt? Mit welch einem Dummkopf sind Sie denn zusammengekommen?“ fragte Aljoscha verwundert.
„Ich bitte Sie! Die Wahrheit kann man nicht verbergen. Ich komme allerdings wegen einer bestimmten Angelegenheit des öfteren mit Herrn Rakitin zusammen, aber ... Das hat ja auch schon unser alter Belinskij, wie man erzählt, gesagt ...“
„Belinskij? Dessen erinnere ich mich nicht. Wenigstens hat er das nicht geschrieben.“
„Wenn er es nicht geschrieben hat, so hat er es ausgesprochen, sagt man. Das habe ich gehört ... von einem ... übrigens, zum Teufel ...“
„Haben Sie Belinskij gelesen?“
„Sehen Sie ... nein ... nicht ganz, aber ... die Stelle in seiner Kritik über Puschkins ‚Jewgenij Onégin‘, wo er auf Tatjana zu sprechen kommt: warum sie nicht mit Onégin ging, habe ich gelesen.“
„Wie das, ‚warum sie nicht mit Onégin ging‘? Ja, können Sie denn das schon ... verstehen?“
„Ich bitte Sie! Sie scheinen mich ja für den kleinen Ssmuroff zu halten?“ fragte Koljä gereizt, mit spöttischem Lächeln. „Übrigens glauben Sie, bitte, nicht, daß ich schon ganz und gar Revolutionär bin. Ich bin sehr oft nicht einverstanden mit Herrn Rakitin. Wenn ich von Tatjana rede, so bin ich noch längst nicht für die Emanzipation der Frauen. Ich bin ganz der Meinung, daß das Weib ein untergeordnetes Wesen ist und gehorchen muß. Les femmes tricotent, wie Napoleon gesagt hat,“ fuhr Koljä kurz auflachend fort, „und in diesem einen Punkte teile ich vollkommen die Überzeugung dieses pseudogroßen Mannes. Zum Beispiel finde ich auch, daß es niedrig ist, das Vaterland zu verlassen und nach Amerika zu flüchten, finde es sogar mehr als niedrig – sogar dumm. Warum nach Amerika, wenn man auch bei uns der Menschheit viel Nutzen bringen kann? Und gerade jetzt! Ein ganzer Berg fruchtbringender Tätigkeit! In dem Sinne habe ich denn auch geantwortet.“
„Wie – geantwortet? Wem? Hat Sie denn jemand schon nach Amerika aufgefordert?“
„Ich muß gestehen, daß man mich dazu bereden wollte, aber ich schlug es ab. Das ist natürlich nur unter uns gesagt, Karamasoff, hören Sie, keinem Menschen ein Wort davon, – ich sage es nur Ihnen. Ich habe durchaus keine Lust, der Dritten Abteilung[24] in die Finger zu kommen und an der Kettenbrücke Lektion zu hören.
‚Das vergißt man nicht so leicht, Das Haus an jener Hängebrücke!‘
Sie kennen doch das Gedicht? Famos doch, nicht wahr? Worüber lachen Sie? Glauben Sie vielleicht, daß ich Ihnen alles nur vorgelogen habe?“ („Was aber dann, wenn er erfährt, daß ich in Papas Bücherschrank nur ein einziges Heft der ‚Sturmglocke‘ gefunden, und mehr als das überhaupt nicht darin gelesen habe?“ fuhr es ihm flüchtig durch den Sinn, und sein Herz zuckte zusammen.)
„Wieso? Ich lache gar nicht, und ich denke durchaus nicht, daß Sie mir etwas vorgelogen haben. Das ist es ja, daß ich es nicht so ansehe, denn alles, was Sie sagen, ist ja leider nicht gelogen! Aber nun sagen Sie, haben Sie denn Puschkin gelesen, den ‚Jewgenij Onégin ...‘ Sie sprachen doch von Tatjana?“
„Nein, ich habe ihn noch nicht gelesen, aber ich will es bald tun. Ich bin ganz vorurteilslos, Karamasoff. Ich will die Meinung jeder Partei hören. Warum fragten Sie?“
„Nur so.“
„Sagen Sie mal, Karamasoff, Sie verachten mich jetzt wohl sehr?“ fragte Koljä ganz plötzlich und reckte sich stramm vor Aljoscha empor, als wolle er sich in Positur stellen. „Haben Sie die Güte, mir ganz ohne Umschweife darauf zu antworten.“
„Ich soll Sie verachten?“ Aljoscha blickte ihn erstaunt an. „Aber weswegen denn? Es tut mir nur leid, daß eine so prächtige Natur, wie die Ihrige, die noch nicht einmal recht zu leben begonnen hat, schon von diesem ganzen rohen Unsinn verdorben worden ist.“
„Wegen meiner Natur brauchen Sie sich weiter keine Sorgen zu machen,“ unterbrach ihn Koljä nicht ohne Selbstgefälligkeit, „aber ich bin sehr argwöhnisch, das ist Tatsache. Geradezu dumm argwöhnisch. Roh und unfein argwöhnisch. Sie lächelten vorhin, und da schien es mir sogleich, daß Sie ...“
„Ach, ich lächelte doch über etwas ganz anderes. Ich werde Ihnen sagen, worüber ich lächelte: ich las vor kurzem die Äußerung eines Ausländers, eines Deutschen, der in Rußland gelebt hat, über unsere gegenwärtige lernende Jugend: ‚Zeigen Sie,‘ schreibt er, ‚einem russischen Schüler die Himmelskarte mit allen Sternen darauf, von der er bis dahin keine Ahnung gehabt hat, und er wird Ihnen morgen diese Karte korrigiert zurückgeben.‘ Überhaupt keine Kenntnisse und grenzenloser Eigendünkel, das wollte der Deutsche damit vom russischen Schüler sagen.“
„Aber das ist ja vorzüglich! das ist ja buchstäblich so!“ Koljä lachte fröhlich auf. „Das ist ja superbissimo! Bravo, Deutscher! Aber dem Tschúchna[25] ist dabei doch die gute Seite der Sache entgangen, was meinen Sie? Eigendünkel – schön, meinetwegen, das kommt von der Jugend, das vergeht, wenn es nötig ist, dafür aber haben sie den unabhängigen Geist von Kindesbeinen an, dafür haben sie die Kühnheit der Gedanken und Überzeugungen, an Stelle ihrer spießerhaften, knechtischen Andacht vor den Autoritäten ... Aber der Deutsche hat das doch gut gesagt! Bravo, Deutscher! Aber trotzdem muß man den Deutschen den Hals umdrehen. Gut, mögen sie da in ihren Wissenschaften so stark sein, wie sie wollen, aber man muß sie doch unterkriegen ...“
„Warum?“ fragte Aljoscha mit feinem Lächeln.
„Nun, ich hab’s nur so gesagt, vielleicht auch nicht. Ich bin zuweilen ein furchtbares Kind, und wenn ich mich über etwas freue, so kann ich mich nicht mehr beherrschen und schwatze womöglich den größten Unsinn zusammen. Aber hören Sie, wir reden hier beide Dummheiten, während der Doktor dort ... warum sitzt der Kerl so lange bei Iljuscha? Vielleicht untersucht er noch das ‚Mamachen‘ und die Ninotschka? Wissen Sie, diese Ninotschka hat mir sehr gefallen. Sie raunte mir plötzlich zu, als ich beim Hinausgehen an ihr vorüber kam: ‚Warum sind Sie nicht früher gekommen?‘ Und mit so einer Stimme, wissen Sie, mit so tiefem Vorwurf! Ich glaube, sie ist ein furchtbar gutes, armes Geschöpf.“
„Ja, ja! Wenn Sie öfter kommen, werden Sie sehen, was das für ein Wesen ist. Es wird Ihnen sehr gut tun, wenn Sie solche Menschen kennen lernen. Das müssen Sie, um noch vieles andere schätzen zu können, ... das werden Sie im Verkehr mit diesem Mädchen lernen,“ sagte Aljoscha warm. „Das wird Sie besser als alles andere erziehen.“
„Oh, wie ich es bedauere und wie ich mich dafür strafen möchte, daß ich nicht früher gekommen bin!“ sagte Koljä erregt.
„Ja, das ist sehr schade. Sie haben jetzt gesehen, was das für eine Freude für den armen Knaben war, und wie hat er sich gequält, während er Sie vergeblich erwartete!“
„Sprechen Sie nicht mehr davon! Sie zerreißen mir das Herz! Aber es geschieht mir jetzt ganz recht: aus Eigenliebe bin ich nicht früher gekommen, ja aus dummer Eigenliebe und gemeiner Selbstsucht, von der ich mich in meinem ganzen Leben nicht werde befreien können, obgleich ich mich seit einer Ewigkeit darum mühe. Das sehe ich jetzt deutlich. Ich bin in vielem ein Schuft, Karamasoff.“
„Nein, Sie sind eine prächtige Natur, wenn Sie auch schon früh verdorben worden sind. Ich verstehe nur zu gut, warum Sie einen so großen Einfluß auf Iljuscha haben konnten. Er ist ein krankhaft empfängliches Kind.“
„Und das sagen Sie mir?“ fragte Koljä ganz verdutzt. „Und ich, stellen Sie sich vor, ich dachte heute schon mehr als einmal, daß Sie mich verachten! Wenn Sie nur wüßten, wie teuer mir Ihre Meinung ist!“
„Sind Sie denn wirklich so argwöhnisch? So jung! Wie sonderbar: als ich Sie dort im Zimmer beobachtete, während Sie erzählten, kam mir derselbe Gedanke – ich meine: daß Sie sehr argwöhnisch sein müssen.“
„Also haben Sie das schon gedacht? Was Sie für eine Beobachtungsgabe haben, weiß Gott! Ich könnte wetten, daß es in dem Augenblick war, als ich von der Gans erzählte. Gerade da schien es mir, daß Sie mich tief deswegen verachteten, weil ich mich anscheinend beeilte, mich als tapferen Burschen aufzuspielen. Und ich haßte Sie sogar deswegen. Und später, das war vorhin hier im Flur, als ich sagte: ‚Wenn es Gott nicht gäbe, so müßte man ihn sich ausdenken,‘ schien es mir wieder, daß Sie mich verachteten, weil ich mich schon gar zu sehr beeilte, meine Bildung hervorzukehren, – und um so mehr noch, als ich diese Phrase in einem Buch gelesen habe. Aber ich schwöre Ihnen, ich beeilte mich damit nicht aus Ruhmsucht, sondern so, ich weiß nicht warum, aus Freude vielleicht, ja, bei Gott, es war, als wenn es aus Freude geschah ... obgleich es doch ein tiefbeschämender Zug ist, wenn ein Mensch vor lauter Freude anderen auf den Hals kriecht. Das weiß ich selbst sehr gut. Dafür aber bin ich jetzt überzeugt, daß Sie mich nicht verachten, daß diese Befürchtung nur eine Marotte von mir war. Oh, Karamasoff, ich bin tief unglücklich! Ich stelle mir zuweilen – weiß Gott was alles vor: daß alle über mich lachen, die ganze Welt, und dann bin ich ... dann bin ich bereit, die ganze Ordnung der Dinge zu vernichten.“
„Und quälen dabei Ihre Nächsten,“ warf Aljoscha lächelnd ein.
„Und quäle meine Nächsten, ganz recht, besonders meine Mutter. Karamasoff, sagen Sie, bin ich jetzt sehr lächerlich?“
„Aber so denken Sie doch nicht immer daran, denken Sie überhaupt nicht daran! Und was heißt das ‚lächerlich‘? Als ob der Mensch selten lächerlich ist oder scheint! Heutzutage fürchten sich fast alle begabten Menschen am meisten vor der Lächerlichkeit, und sie quälen sich deswegen und sind unglücklich. Mich wundert nur, daß Sie dasselbe schon in so jungen Jahren empfinden ... obgleich ... ich es auch schon an anderen Ihresgleichen bemerkt habe. Jetzt leiden ja schon viele, die fast noch Kinder sind, unter derselben Angst. Das ist beinahe wie ein Wahnsinn. In diese Eigenliebe hat sich der Teufel verkörpert und ist dergestalt in die ganze Generation hineingekrochen, niemand anderes als der Teufel,“ fügte Aljoscha nochmals hinzu, ohne aber dabei im geringsten zu lächeln, wie es Koljä, der ihn groß ansah, eigentlich erwartete. „Sie, Koljä, sind wie alle,“ fügte er noch hinzu, „das heißt, wie sehr viele, nur soll man nicht so sein, wie alle sind, das ist es!“
„Selbst wenn alle so sind?“
„Ja, selbst wenn alle so sind. Es ist schon viel, wenn Sie allein nicht so sind. Im Grunde sind Sie ja auch gar nicht so einer, wie alle: haben Sie sich doch soeben nicht geschämt, etwas Schlechtes und sogar Lächerliches von sich einzugestehen. Wer aber tut das heutzutage? Niemand. Man sieht ja nicht einmal mehr eine Notwendigkeit in der Selbstverurteilung. Werden Sie nicht so einer wie alle; und wenn Sie auch nur als einziger anders bleiben, so seien Sie trotzdem nicht so.“
„Großartig! Ich habe mich in Ihnen nicht getäuscht. Sie sind fähig, einen zu trösten! Sie wissen ja gar nicht, wie es mich zu Ihnen gedrängt hat, Karamasoff, wie lange ich schon eine Begegnung mit Ihnen herbeigewünscht habe! Ist es wirklich wahr, daß auch Sie an mich gedacht haben? Vorhin sagten Sie es.“
„Ja, ich hatte von Ihnen gehört und habe daher auch über Sie nachgedacht ... und wenn Sie auch jetzt teilweise aus Eigenliebe fragen, so tut das nichts.“
„Wissen Sie, Karamasoff, unsere Auseinandersetzungen gleichen ja beinahe einer Liebeserklärung,“ sagte Koljä, mit etwas leiserer, gleichsam geschwächter und verschämter Stimme. „Ist das nicht lächerlich, was meinen Sie?“
„Durchaus nicht lächerlich, und wenn es auch lächerlich wäre, so tut es nichts, denn es ist gut,“ sagte Aljoscha mit hellem Lächeln.
„Aber wissen Sie auch, Karamasoff, Sie müssen zugeben, daß auch Sie sich jetzt ein wenig vor mir schämen ... Das sehe ich an Ihren Augen.“ Und Koljä lachte leise: es lag viel Schelmerei und fast eigenartiges Glück in diesem Lachen.
„Warum soll ich mich denn schämen?“
„Warum erröten Sie denn jetzt plötzlich, wenn man fragen darf?“
„Ja, daran sind Sie schuld, daß ich errötete!“ sagte Aljoscha lachend und wurde wirklich über und über rot. „Nun ja, ein wenig schäme ich mich, Gott weiß, weswegen, ich weiß es nicht ...“ stotterte er, sogar ein wenig verwirrt.
„Oh, wenn Sie wüßten, wie sehr ich Sie gerade jetzt liebe und schätze und gerade deshalb, weil Sie sich ‚weiß Gott warum‘ vor mir schämen! Weil auch Sie ganz so sind wie ich!“ rief Koljä in heller Begeisterung.
Seine Wangen glühten und seine Augen glänzten.
„Hören Sie, Koljä, Sie werden im Leben ein sehr unglücklicher Mensch sein,“ sagte plötzlich Aljoscha aus einem unbekannten Grunde.
„Ich weiß, ich weiß,“ bestätigte Koljä sofort. „Wie Sie doch alles voraus wissen!“
„Aber im ganzen werden Sie doch das Leben preisen.“
„Das ist’s ja! Hurra! Sie sind ja ein Prophet! Oh, wir werden uns noch nähertreten, Karamasoff. Wissen Sie, am meisten entzückt mich an Ihnen, daß Sie mit mir ganz wie mit einem Altersgenossen verkehren, wie mit einem Gleichstehenden. Das aber sind wir nicht, nein, das sind wir nicht: Sie stehen viel höher! Aber wir werden uns schon gut anfreunden. Wissen Sie, ich habe mir während des ganzen letzten Monats gesagt: ‚Entweder werden wir sofort Freunde auf ewig werden, oder wir werden gleich nach der ersten Begegnung als Feinde bis zum Grabe auseinandergehen!‘“
„Und als Sie sich das sagten, liebten Sie mich natürlich schon!“ Aljoscha lachte fröhlich auf.
„Ja, da liebte ich Sie schon, liebte Sie furchtbar, liebte Sie und dachte nur an Sie! Aber wie können Sie alles so voraus wissen? ... Ah! da kommt der fremde Professor, Gott, was wird er sagen? Sehen Sie doch, was er für ein Gesicht macht!“
VII. Iljuscha
Der fremde Professor trat aus der Stube, eingehüllt in seinen Pelz und die Mütze auf dem Kopf. Er sah geärgert und angeekelt aus, als wenn er sich hier an irgend etwas beschmutzt hätte. Er warf einen flüchtigen Blick über den Flur und sah darauf Aljoscha und Koljä streng an. Aljoscha trat auf die Treppe hinaus und winkte den Kutscher heran. Die Equipage fuhr sofort an der Hofpforte vor. Der Hauptmann folgte dem Professor eilig mit gekrümmtem Rücken, und murmelte, wie es schien, Entschuldigungen. Sein Gesichtsausdruck glich dem eines zum Tode Verurteilten, und aus seinem starren Blick sprach nichts als Schreck und völlige Verständnislosigkeit.
„Exzellenz ... Exzellenz ... ich kann es nicht glauben ...“ stotterte er und konnte nicht weitersprechen. In seiner hilflosen Verzweiflung breitete er wie unsicher die Arme aus, und wie flehend hing jetzt sein starrer Blick an dem Arzt, als wenn dieser den Urteilsspruch über seinen armen Jungen noch hätte abändern können.
„Ja, wie – ge – sagt. Ich – bin – kein – Gott,“ antwortete in nachlässigem, doch gewohnheitsmäßig scharf accentierendem Tone der Professor.
„Herr Professor ... Exzellenz ... und wird er bald ... bald? ...“
„Ma – chen Sie sich auf al – les – ge – faßt.“ Der Professor betonte jede Silbe. Er senkte den Blick und machte Miene, hinauszugehen.
„Exzellenz, um Christi willen!“ rief der Hauptmann erschrocken und hielt ihn noch einmal zurück. „Exzellenz! ... also nichts, nichts, gar nichts kann ihn mehr retten?“
„Das hängt – nicht – von – mir – ab,“ erwiderte ungeduldig der Arzt, „in – dessen, hm,“ sagte er plötzlich und blieb stehen; „wenn ... Sie, zum Beispiel, Ih – ren Pa – tien – ten ... so–fort und ohne zu säumen (die Worte ‚sofort und ohne zu säumen‘ stieß der Professor nicht nur streng, sondern geradezu wütend heraus, so daß der Hauptmann zusammen fuhr) nach Sy – rakus schicken könn – ten, so ... würde infolge der wohl – tuenden, kli – ma – ti – schen Ver – än – derung ... so könn – te es viel – leicht gesche – hen ...“
„Nach Syrakus!“ stieß der Hauptmann hervor, als könne er ihn nicht begreifen.
„Syrakus liegt in Sizilien,“ sagte plötzlich Koljä wie zur Erläuterung.
Der Professor sah ihn an.
„Nach Sizilien! Um Gottes willen, Euer Exzellenz,“ sagte ganz verloren der Hauptmann, „Sie haben doch gesehen!“ Er wies mit beiden Händen auf die Umgebung. „Und Mamachen, und die Familie?“
„N – nein, die Fami – lie nicht nach Sizilien, Ihre Familie muß in den Kau – kasus, a – ber erst im Frühjahr ... Ihre Tochter muß in den Kaukasus, Ihre Gemahlin aber ... nachdem sie auch im Kau – kasus eine Kur für ihren Rheumatismus durchgemacht hat ... müßte dann so–fort nach Paris in die Irrenanstalt des Psychiaters Le – pelle – tier geschickt werden, ich könnte ihr ein Schrei – ben mit – geben, und da ... könnte sie ... vielleicht ... Bes – serung ...“
„Herr Professor, aber Herr Professor! Sie sehen doch!“ der Hauptmann wies wieder in seiner Verzweiflung mit beiden Händen auf die nackten Holzwände des Flurs hin.
„Das ist – nicht – mehr – meine Sache,“ sagte lächelnd der Arzt, „ich ha – be Ihnen nur sa – gen kön – nen, was die Wis – sen – schaft auf Ihre Fra – ge nach den letzten Hilfs – mitteln sagen kann, das üb – rige aber ... kann ich zu meinem Bedau – ern ...“
„Haben Sie keine Angst, Herr Mediziner, mein Hund wird sie nicht beißen,“ fiel ihm Koljä, da er den etwas unruhigen Blick des Professors auf Pereswonn, der auf der Türschwelle stand, bemerkt hatte, mit lauter Stimme ins Wort. Eine böse Note klang in der Stimme Koljäs. Er sagte mit Absicht „Mediziner“ statt Doktor oder Professor – wie er später selbst eingestand, „um ihn zu beleidigen“.
„Was – soll – das?“ fragte der Arzt, den Kopf erhebend, und sah Koljä erstaunt an. „Wer – ist das?“ wandte er sich plötzlich an Aljoscha, als ob der ihm Rechenschaft geben müsse.
„Das ist der Besitzer des Pereswonn, Herr Mediziner, beunruhigen Sie sich nicht wegen meiner Wenigkeit,“ schikanierte Koljä.
„Swonn?“ wiederholte der Arzt, ohne zu verstehen, was dieser Name bedeutete.
„Er scheint nicht zu wissen, wo er sich befindet. Leben Sie wohl, Herr Mediziner, wir werden uns in Syrakus vielleicht wiedersehen.“
„Wer ist dieser ...? Wer, was?“ der Arzt brauste auf vor Wut.
„Das ist ein hiesiger Schüler, Herr Professor, ein Wildfang, beachten Sie ihn nicht,“ sagte Aljoscha verstimmt. „Koljä schweigen Sie!“ rief er Krassotkin zu. „Beachten Sie ihn nicht, Herr Professor,“ wiederholte er noch ungehaltener.
„Man muß ihm Ruten geben, Ruten, Ruten!“ schrie der Arzt Krassotkin an und stampfte vor Wut mit dem Fuß auf.
„Wissen Sie, Herr Mediziner, mein Pereswonn kann auch beißen!“ rief Koljä mit drohender Stimme, bleich und mit blitzenden Augen. „Ici, Pereswonn!“
„Koljä, wenn Sie jetzt noch ein Wort sagen, so werde ich mit Ihnen auf ewig brechen!“ sagte Aljoscha streng.
„Herr Mediziner, es gibt nur ein Wesen auf der ganzen Welt, das Nikolai Krassotkin befehlen kann, und das ist dieser junge Mensch da (Koljä wies auf Aljoscha): ihm gehorche ich. Leben Sie wohl!“
Koljä stürzte fort, öffnete die Stubentür und trat schnell ein. Pereswonn lief ihm sofort nach. Der Arzt stand noch lange ganz wie versteinert da und starrte Aljoscha an. Darauf spuckte er aus und ging zum Wagen, indem er laut wiederholte: „Dieser, dieser, dieser ... ich weiß nicht, was das für einer ist!“ Der Hauptmann lief ihm nach, um ihm in den Wagen zu helfen. Aljoscha trat ins Zimmer. Koljä stand schon an Iljuschas Bettchen. Iljuscha hielt ihn an der Hand und rief nach seinem Vater. Bald kehrte auch der Hauptmann zurück.
„Papa, Papa, komm her ... wir ...“ stammelte Iljuscha in ungewöhnlicher Erregung, doch außerstande, weiterzusprechen, umarmte er sie beide zusammen mit seinen mageren Ärmchen und preßte sie fest an sich, so stark, wie er es mit seiner kleinen Kraft nur konnte.
Der Hauptmann erbebte am ganzen Körper vor unterdrücktem Schluchzen, und Koljä zitterten die Lippen und das Kinn.
„Papa, Papa! Wie tust du mir leid, Papa!“ stöhnte Iljuscha.
„Iljuschetschka ... Täubchen ... der Professor sagte ... du wirst gesund ... wir werden glücklich sein ... der Professor ...“ brachte der Hauptmann mühsam hervor.
„Ach, Papa! Ich weiß ja, was der fremde Professor von mir gesagt hat ... Ich habe es doch gemerkt!“ rief Iljuscha aus und preßte sie wieder beide aus aller Kraft an sich, wobei er sein Gesicht an der Schulter des Vaters verbarg.
„Papa, weine nicht ... wenn ich sterben werde, nimm dann einen anderen guten Jungen zu dir, einen anderen ... wähle von ihnen allen den besten aus, nenne ihn Iljuscha und liebe ihn statt meiner ...“
„Schweig, mein Sohn, wirst gesund werden!“ unterbrach ihn beleidigt und geradezu barsch Krassotkin.
„Aber mich, Papa, mich vergiß nicht,“ fuhr Iljuscha fort, „komm zu meinem Grabe ... Weißt du, Papa, beerdige mich bitte dort beim großen Stein, zu dem wir beide immer zusammen gegangen sind, und besuche mich dann mit Krassotkin, am Abend ... Und Pereswonn ... Ach, wie werde ich euch erwarten ... Papa, Papa!“
Seine Stimme versagte, alle drei schwiegen sie. Ninotschka weinte leise in ihrem Lehnstuhl, und plötzlich fing auch Mamachen zu weinen an, als sie die anderen weinen sah.
„Iljuschetschka, Iljuschetschka!“ rief sie klagend. Krassotkin befreite sich aus der Umarmung Iljuschas:
„Leb wohl, mein Sohn, meine Mutter erwartet mich zum Mittagessen,“ sagte er hastig. „Wie schade, daß ich sie nicht benachrichtigt habe! Sie wird sich sehr beunruhigen ... Doch nach dem Essen komme ich sofort wieder zu dir, auf viele Stunden, bleibe dann den ganzen Abend bei dir, und werde dir viel erzählen, sehr viel. Pereswonn werde ich natürlich mitbringen, jetzt aber nehme ich ihn mit nach Haus, denn ohne mich würde er zu heulen anfangen und würde dich stören. Also dann – auf Wiedersehen!“
Er lief hinaus auf den Flur, um sich dort auszuweinen. In diesem Zustande fand ihn Aljoscha, als er hinaustrat.
„Koljä, Sie müssen durchaus Wort halten und kommen, denn sonst wird er schrecklich traurig sein,“ beredete ihn Aljoscha.
„Durchaus! Oh, wie ich mich verfluche, daß ich nicht schon früher gekommen bin!“ sagte weinend Koljä, der sich jetzt nicht mehr schämte zu weinen.
In dem Augenblick kam der Hauptmann aus dem Zimmer gestürzt und schloß sofort hinter sich die Tür. Der Ausdruck seines Gesichtes war wie der eines Wahnsinnigen, seine Lippen bebten. Er stand wie geistesabwesend vor den beiden jungen Leuten und schüttelte seine Arme hoch in die Luft:
„Ich will keinen guten Jungen! Ich will keinen anderen Jungen!“ kam es in wildem Geflüster aus ihm heraus, und er knirschte mit den Zähnen, „wenn ich dein vergäße, Jerusalem, so möge ich ...“
Er konnte nicht zu Ende sprechen. Seine Stimme stockte ihm. Kraftlos sank er vor der Holzbank in die Knie. Er preßte seinen Kopf zwischen seinen beiden Fäusten und schluchzte und winselte fast wie ein Hund, wobei er sich aber aus aller Kraft zusammenzunehmen versuchte, damit man sein Winseln in der Stube nicht höre. Koljä lief auf die Straße hinaus.
„Leben Sie wohl, Karamasoff! Sie kommen doch bestimmt?“ rief er Aljoscha schneidend und wütend zu.
„Am Abend komme ich bestimmt.“
„Was sagte er da von Jerusalem? ... Was sollte das bedeuten?“
„Das war aus der Bibel: ‚Wenn ich dein vergäße, Jerusalem‘, das heißt, wenn ich vergessen sollte, was für mich das Teuerste ist, so möge mich ...“
„Ich verstehe, genug! Kommen Sie bestimmt! Ici, Pereswonn!“ rief er barsch dem Hunde zu und eilte mit großen Schritten nach Haus.
Elftes Buch. Iwan Fedorowitsch
I. Bei Gruschenka
Aljoscha ging in der Richtung nach der Kathedrale. Dort am Platz lag das Haus der Kaufmannswitwe Morosoff. Gruschenka hatte nämlich am Morgen Fenjä mit der dringenden Bitte zu ihm geschickt, heute noch bei ihr vorzusprechen. Aljoscha hatte von Fenjä auf seine Fragen hin außerdem erfahren, daß ihre Herrin seit gestern in ganz besonderer Aufregung sei. In diesen zwei Monaten nach der Verhaftung Mitjäs war Aljoscha oft in das Haus der Morosowa gegangen, sowohl aus eigenem Antriebe, als auch mit Aufträgen von Mitjä. Am dritten Tage nach jenen Vorgängen in Mokroje war Gruschenka erkrankt, und darauf hatte sie beinahe fünf Wochen lang das Bett gehütet, und von diesen fünf Wochen war sie eine Woche lang besinnungslos gewesen. Sie hatte sich inzwischen stark verändert: ihr Gesicht war abgemagert und hatte in der Farbe noch immer einen etwas gelblichen Ton, obgleich sie schon seit vierzehn Tagen wieder ausgehen durfte. Aljoscha aber schien es, daß ihr Gesicht dadurch noch anziehender wurde. Er liebte es, wenn er bei ihr eintrat, ihrem ersten Blick zu begegnen. Es war, als drückte sich in ihrem Blick jetzt eine gewisse Festigkeit und seelische Tiefe aus. Er verriet eine geistige Umwandlung und eine gewisse ergebene, doch zugleich gütige und feste Entschlossenheit. Auf der Stirn zwischen den Brauen zeichnete sich eine kleine senkrechte Falte ab, die ihrem lieben Antlitz den Ausdruck in sich gesammelter Nachdenklichkeit verlieh, wenn diese Nachdenklichkeit auch zuweilen auf den ersten Blick etwas Schroffes, Strenges haben konnte. Von der früheren Flatterhaftigkeit war auch nicht eine Spur übriggeblieben. Auch wunderte sich Aljoscha darüber, daß trotz des ganzen Unglücks, das sie getroffen hatte – sie, die Braut eines Mannes, der fast im selben Augenblick verhaftet worden war, in dem sie sich einander verlobt hatten –, daß sie trotz allem, was sie bereits durchgemacht und was ihr noch bevorstand, nicht ihre jugendliche Heiterkeit verlor. In ihren früher so stolzen Augen lag jetzt eine gewisse Stille, obwohl ... obwohl in diesen Augen zuweilen ein gewisses böses Feuer aufflammen konnte, wenn eine frühere Sorge sie wieder einmal heimsuchte – eine Sorge, die in ihrem Herzen nicht erstorben, sondern sich noch mächtig vergrößert hatte. Der Gegenstand dieser Sorge war immer ein und derselbe: Katerina Iwanowna. Von ihr hatte Gruschenka während der Krankheit fast ununterbrochen phantasiert. Aljoscha begriff sehr wohl, daß sie Mitjäs wegen unglaublich eifersüchtig auf dessen frühere Braut war, – selbst jetzt noch, obwohl Katerina Iwanowna ihn kein einziges Mal während seiner Gefangenschaft besucht hatte, was ihr zu jeder Zeit freigestanden hätte. Alles das machte Aljoscha seine Aufgabe, sie zu trösten, nur noch schwieriger: denn nur ihm allein vertraute sie alles an, und ihn allein fragte sie beständig um Rat, er aber wußte oftmals wirklich nicht, was er ihr sagen sollte.
Besorgt trat er bei ihr ein. Sie war vor einer halben Stunde von Mitjä aus dem Gefängnis zurückgekehrt, und allein schon aus der schnellen Bewegung, wie sie von ihrem Lehnstuhl am Tisch aufsprang und ihm entgegeneilte, konnte er ersehen, wie ungeduldig sie ihn erwartet haben mußte. Auf dem Tisch lagen Spielkarten, die zu „Schafskopf“ ausgegeben waren. Auf dem Lederdiwan an der anderen Seite des Tisches war ein Bett aufgemacht, auf dem in Schlafrock und Nachtmütze, sichtlich krank und geschwächt, doch trotzdem freundlich lächelnd, halb liegend – Herr Maximoff saß. Dieses heimatlose, alte Kerlchen war damals, vor zwei Monaten, zusammen mit Gruschenka aus Mokroje zurückgekehrt, und seit der Zeit war er auch bei ihr geblieben. Als sie durch Regen und Schmutz endlich bei ihr angekommen waren, hatte er sich durchnäßt und eingeschüchtert auf diesen Diwan gesetzt und sie schweigend mit schüchtern bittendem Lächeln angesehen. Gruschenka, die von Leid und von dem Fieber der beginnenden Krankheit völlig zerschlagen war, hatte ihn in der ersten halben Stunde vor lauter Anordnungen und Sorgen ganz vergessen. Plötzlich hatte sie sich dann seiner wieder erinnert, sich zu ihm gewandt und ihn einmal durchdringend angesehen: da hatte er in seiner Verwirrung nichts anderes zu tun gewußt, als ganz verloren und mitleiderregend zu lächeln. Gruschenka hatte Fenjä gerufen und für ihn etwas zu essen bestellt. An jenem ganzen Tage war er ohne sich zu rühren, mäuschenstill, auf demselben Platz sitzen geblieben, so daß Fenjä, als es dunkel geworden war, ihre Herrin gefragt hatte:
„Wird er denn auch zur Nacht hier bleiben?“
„Ja, mach ihm auf dem Lederdiwan ein Bett auf,“ hatte Gruschenka gesagt.
Später erfuhr sie von ihm auf ihr Befragen, daß er „gerade jetzt“ nicht wußte, wo er eigentlich bleiben sollte. „Herr Kalganoff, mein-mein Wohltäter, hat mir direkt gesagt, daß er mich nicht mehr empfangen könne, und er-er hat mir fünf Rubel geschenkt.“
„Nun, Gott mit dir, dann bleibe hier,“ entschied Gruschenka in ihrem Kummer und lächelte ihm mitleidig zu. Dem Alten schnitt dieses Lächeln wie ein Messer ins Herz, und seine Lippen erzitterten wie von verhaltenen Tränen. Und so blieb der obdachlose Freischlucker bei Gruschenka. Selbst während ihrer Krankheit verließ er sie nicht. Fenjä und ihre Großmutter, die Gruschenkas Köchin war, schickten ihn nicht fort, sondern gaben ihm täglich gut zu essen und machten ihm abends das Bett auf dem Diwan auf. Späterhin gewöhnte sich Gruschenka an ihn, und wenn sie von Mitjä zurückkehrte (den sie sofort täglich besuchte, sobald sie sich nur, nach der Krankheit, hinauswagen durfte), setzte sie sich immer zu Maximoff an den Tisch und begann dann, um den Kummer zu verscheuchen, mit „Maximuschka“ über alle möglichen dummen Dinge zu scherzen, nur um nicht an ihr Leid denken zu müssen. Bei der Gelegenheit stellte es sich heraus, daß „Maximuschka“ auch kleine Geschichten zu erzählen verstand, und so wurde er ihr zu guter Letzt ganz unentbehrlich. Empfing sie doch außer Aljoscha, der nicht einmal an jedem Tage kommen konnte, keinen Menschen. Ihr „Kaufmann“ lag zu der Zeit schwerkrank danieder, er „ging hinüber“, wie man in der Stadt sagte, und er starb auch bald darauf, – eine Woche nach der Gerichtssitzung, die über Mitjäs Schicksal entschied. Eines Tages, drei Wochen vor seinem Tode, ließ er in der Vorahnung seines nahen Endes seine Söhne mit ihren Frauen und Kindern zu sich rufen und befahl ihnen, bei ihm zu bleiben. Was aber Gruschenka betraf, so verbot er den Dienstboten aufs strengste, sie noch zu ihm zu lassen, falls sie aber käme, sollte man ihr sagen: „Er läßt sagen, Sie mögen lange in Freuden leben und ihn ganz vergessen.“ Indessen schickte Gruschenka fast täglich zu ihm, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen.
„Endlich!“ rief sie freudig, als sie Aljoscha erblickte, warf die Karten sofort hin und begrüßte ihn freundschaftlich. „Maximuschka hat mir die ganze Zeit Angst gemacht, er behauptete, du würdest nicht kommen. Ach Gott, wenn du wüßtest, wie nötig du mir bist. Setz dich hierher an den Tisch. Nun, was soll ich bestellen? Kaffee?“
„Ja, meinetwegen,“ sagte Aljoscha und rückte mit dem Stuhl an den Tisch, „ich habe guten Appetit.“
„Das freut mich; Fenjä, Fenjä, schnell Kaffee!“ rief Gruschenka. „Er kocht schon lange und wartet nur auf dich. Fenjä, bring auch die kleinen Pasteten, aber die ganz heißen! Nein, Aljoscha, ich muß dir doch noch erzählen, was ich heute wegen dieser Pastetchen für ein Donnerwetter über mich habe ergehen lassen müssen. Ich brachte ihm nämlich eine ganze Portion davon ins Gefängnis, er aber, was glaubst du wohl, er stieß sie mir zurück und aß sie nicht. Eines davon schleuderte er sogar auf den Fußboden und zerstampfte es mit dem Fuß zu Brei. Darauf sagte ich ihm: ‚Ich werde sie beim Wächter lassen; wenn du sie dann nicht bis zum Abend aufgegessen hast, so bedeutet das, daß du von deiner Bosheit satt geworden bist!‘ und damit ging ich. Wir haben uns doch schon wieder gezankt. Sobald ich nur hinkomme, zanken wir uns.“
Das alles sprudelte aus Gruschenka in einem Augenblick hervor. Maximoff wurde sofort ängstlich, lächelte und schlug die Augen nieder.
„Worüber habt ihr euch denn diesmal gezankt?“ fragte Aljoscha.
„Ja, weißt du, das hätte ich mir nie gedacht, daß wir uns deswegen zanken könnten! Denk dir nur, er war auf den ‚Früheren‘ eifersüchtig! – ‚Warum unterstützest du ihn?‘ fragte er mich, ‚du hast also jetzt angefangen ihn zu unterstützen!‘ Immer muß er eifersüchtig sein, nein wirklich, ohne Eifersucht geht es schon gar nicht! Ob er schläft oder ißt – eifersüchtig ist er immer. Selbst auf Kusjma wurde er in der vorigen Woche eifersüchtig.“
„Aber er wußte doch schon lange von dem ‚Früheren‘?“
„Na selbstverständlich wußte er davon! Vom ersten Tage an hat er es gewußt! heute aber fällt es ihm plötzlich ein, darüber zu schimpfen. Man schämt sich nur zu wiederholen, was er sagt, es ist gar zu blöd! So ein Dummkopf! Als ich fortging, kam gerade Rakitka zu ihm. Vielleicht ist es Rakitka, der ihn aufhetzt, wie? Was meinst du?“ fügte sie wie zerstreut hinzu.
„Er liebt dich, das ist es, liebt dich sehr. Und dazu ist er jetzt sehr gereizt!“
„Wie sollte er denn nicht gereizt sein, wenn sich morgen alles entscheidet! Ich ging heute gerade in der Absicht hin, um ihm wegen morgen ein Wort von mir aus zu sagen, denn glaub mir, Aljoscha, ich kann noch gar nicht daran denken, was morgen sein wird! Du sagst, er sei gereizt, und ich soll etwa nicht gereizt sein? Und er kommt jetzt mit dem Polacken! So ein Dummkopf! Es fehlte nur, daß er noch auf Maximuschka eifersüchtig wird.“
„Meine Frau hat sich meinetwegen auch immer mit Eifersucht geplagt,“ bemerkte vorsichtig Maximoff seinerseits.
„Ach du!“ – Gruschenka lachte unwillkürlich. „Auf wen war sie denn deinetwegen eifersüchtig?“
„Auf die Stubenmädchen.“
„Ach, schweig, Maximuschka, ich bin heute nicht zum Lachen aufgelegt, mich kann heute eher die Wut packen. Auf die Pastetchen spitz dich lieber nicht, ich erlaube dir jetzt nicht davon zu essen, sie würden dir schlecht bekommen. Und auch Likör bekommst du nicht. Da muß man nun auch noch diesen pflegen! Wirklich, ganz als ob mein Haus eine Armenanstalt wäre,“ sagte sie lachend.
„Ich-ich weiß, daß ich Ihre Wohltaten gar nicht verdient habe, daß ich sie gar nicht wert bin,“ sagte Maximoff mit traurigem Stimmchen. „Sie-Sie sollten lieber Ihre Wohltaten anderen zuteil werden lassen, die es mehr verdient haben, die nötiger sind als ich.“
„Ach, Maximuschka, jeder ist nötig, und woran soll man denn erkennen, wer nötiger ist? ... Wenn es doch diesen Polacken überhaupt nicht geben würde! Jetzt ist es auch ihm eingefallen, krank zu werden. Ich war auch bei ihm, Aljoscha. Jetzt werde ich ihm zum Trotz Pastetchen schicken, ich hätte ihm nichts geschickt, da mir aber Mitjä so ungerechte Vorwürfe gemacht hat, so schicke ich sie ihm jetzt erst recht, zum Trotz! ... Ach, da kommt Fenjä mit einem Brief! Natürlich! Wußt ich’s doch! Wieder von den Polacken, wieder betteln sie um Geld!“
Es war tatsächlich ein Brief von Pan Mussjälowitsch, ein sehr langes und verschnörkeltes Schreiben, in dem er bat, ihm drei Rubel zu leihen. Dem Briefe war noch ein anderer Zettel beigelegt: es war ein Revers mit der Bescheinigung des Empfanges und der Verpflichtung, das Geld in drei Monaten wiederzugeben – von beiden Panen unterschrieben. Solcher Briefe mit Reversen hatte Gruschenka von ihrem „Früheren“ inzwischen eine Menge erhalten. Das hatte gleich nach ihrer Krankheit begonnen, vor etwa zwei Wochen. Sie wußte, daß beide während ihrer Krankheit gekommen waren, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Der erste Brief, den sie von ihm erhalten hatte, war sehr lang gewesen: auf einem Bogen Postpapier größten Formats geschrieben, mit einem riesengroßen Familiensiegel, im Sinn ungemein dunkel gehalten, in ungeheuer hochtrabendem Stil, so daß Gruschenka sich kaum bis zur Mitte des Briefes durchgearbeitet und ihn dann fortgeworfen hatte, ohne von diesem ganzen kunstvollen Wortbau etwas verstanden zu haben. Auch war es ihr doch damals nicht um die Polen zu tun gewesen. Nach diesem ersten Brief war am anderen Tage ein zweiter Brief gefolgt, mit der Bitte Pan Mussjälowitschs, ihm auf eine ganz kurze Frist zweitausend Rubel zu leihen. Gruschenka hatte auch auf diesen Brief nichts geantwortet. Darauf war eine ganze Reihe von Briefen gefolgt, täglich je einer, alle gleich würdig und gedrechselt, nur daß in ihnen die erbetene Summe, die stufenweise herabsank, schließlich bei hundert anlangte, dann bei fünfundzwanzig, fünfzehn, zehn Rubel, und eines Tages erhielt Gruschenka einen Brief, in dem sie um einen einzigen Rubel gebeten wurde – wiederum unter Zusendung eines Reverses, den beide unterschrieben hatten. Da hatten sie ihr leid getan, und sie hatte sich plötzlich in der Dämmerung entschlossen, selbst zu ihnen zu gehen.
Sie hatte beide Polen in der größten Misere vorgefunden, ohne Essen, ohne Holz, ohne Zigaretten und bei der Hauswirtin tief verschuldet. Die zweihundertfünfzig Rubel, die sie in Mokroje gewonnen hatten, waren sehr bald (und unbekannt wofür) draufgegangen. Indessen wurde sie zu ihrer nicht geringen Verwunderung von beiden Panen fabelhaft aufgeblasen und selbstbewußt empfangen, mit der größten Beobachtung der Etikette und mit hochtrabenden Reden. Gruschenka hatte ihnen daraufhin nur ins Gesicht gelacht und ihrem „Früheren“ zehn Rubel gegeben. Und gleich darauf war sie zu Mitjä gegangen, dem sie den ganzen Vorfall lachend erzählt hatte, und dieser hatte gleichfalls darüber gelacht. Doch seit dem Tage ließen die stolzen Pane ihr keine Ruhe: täglich bombardierten sie sie mit Briefen, die alle immer dieselbe verschnörkelte Bitte um Geld enthielten, und sie schickte ihnen jedesmal ein paar Rubel. Und nun plötzlich war es Mitjä eingefallen, deswegen eifersüchtig zu werden.
„Ich war so dumm, auf dem Wege zu Mitjä auf einen Augenblick zu ihm zu gehen, denn er ist doch jetzt gleichfalls erkrankt, mein früherer Pan,“ begann Gruschenka wieder eilig und geschäftig, „und ich erzählte es Mitjä lachend, um ihn zu zerstreuen: ‚Denk nur,‘ sagte ich, ‚mein Pole wollte mir wieder auf der Gitarre vorspielen und die alten Lieder singen, wahrscheinlich in der Hoffnung, das würde mich rühren und mich bestimmen, ihn zu heiraten.‘ Und da springt Mitjä plötzlich wie rasend auf, und das Schimpfen geht los ... Jetzt schicke ich aber zum Trotz den Polen die Pastetchen! Fenjä, wen haben Sie da geschickt, wieder das kleine Mädchen? Hier, gib ihr diese drei Rubel, und dann kannst du noch so zehn Pastetchen in Papier einschlagen und mitschicken. Du aber, Aljoscha, mußt unbedingt Mitjä erzählen, daß ich ihnen Pastetchen geschickt habe.“
„Das werde ich bestimmt nicht tun,“ sagte Aljoscha lächelnd.
„Ach, du glaubst, daß er sich quält? Das hat er doch absichtlich getan, nur um mich glauben zu machen, er sei eifersüchtig, ihm selbst aber ist es doch ganz gleichgültig,“ sagte Gruschenka bitter.
„Wieso absichtlich getan?“ fragte Aljoscha.
„Das kannst du wohl wieder, trotz deines Verstandes – nicht verstehen, Aljoschenka. Sieh, nicht das kränkt mich, daß er meinetwegen, da ich nun einmal so eine bin, eifersüchtig ist. Es würde mich viel mehr kränken, wenn er nicht eifersüchtig wäre. Ja, so bin ich. Nicht die Eifersucht kränkt mich, ich bin ja auch ein hartherziger Mensch, und ich bin selbst eifersüchtig. Mich kränkt nur, daß er mich überhaupt nicht liebt und jetzt absichtlich den Eifersüchtigen spielt, das ist es! Bin ich denn etwa blind! Da fängt er jetzt plötzlich an, mir von jener, der Katjä zu erzählen: dieses soll sie sein und wiederum jenes und dann noch was, ‚und sie hat sogar einen berühmten Arzt aus Moskau hergerufen, um mich zu retten, hat auch den besten, den berühmtesten Advokaten verschrieben‘ ... Daraus ersehe ich doch, daß er jetzt nur sie allein liebt, wenn er sie so unverschämt in meiner Gegenwart lobt. Er weiß ja selbst ganz genau, daß er sich mir gegenüber vergangen hat, und da will er nun die ganze Schuld auf mich abwälzen. Dann heißt es: ‚Du hast zuerst mit dem Polacken angefangen, folglich kann ich jetzt auch mit Katjka anfangen.‘ Ich kenne doch die Männer! Jetzt will er auf mich allein die ganze Schuld wälzen. Absichtlich hat er diese Eifersuchtsszene gespielt. Absichtlich hat er es getan, das sage ich dir, nur werde ich ...“
Gruschenka sprach nicht aus, was sie würde ... Sie beugte den Kopf auf den Arm, der auf dem Tisch lag, und weinte wie im Krampf.
„Dmitrij liebt Katerina Iwanowna nicht,“ sagte Aljoscha überzeugt.
„Nun, ob er sie liebt oder nicht liebt, das werde ich bald selbst erfahren,“ sagte Gruschenka, in deren Stimme diesmal eine drohende Note klang. Sie erhob wieder den Kopf, und ihr Gesicht war fast entstellt. Es tat Aljoscha weh, zu sehen, wie ihr sanftes, ruhig-heiteres Gesicht finster und böse geworden war.
„Sprechen wir nicht mehr von diesen Dummheiten!“ brach sie plötzlich ab. „Habe ich dich doch nicht deswegen herbitten lassen. Aljoscha, Täubchen, sag doch, was wird morgen sein, morgen? Das ist ja das einzige, was mich quält! Nur mich allein quält das doch. Wenn ich euch alle ansehe, so muß ich mir immer sagen, daß niemand außer mir daran denkt, daß es niemanden von euch allen etwas angeht. Sag, denkst du wenigstens daran? Morgen wird doch sein Urteil gesprochen! Erzähl mir, Aljoscha, wie geht es eigentlich zu in einer Gerichtssitzung? Wie wird man denn richten? Es ist doch der Diener, der erschlagen hat, der Diener Ssmerdjäkoff! Mein Gott! Man wird ihn doch nicht statt des Dieners verurteilen? Und wird denn niemand für ihn eintreten? Und den Diener haben sie wahrscheinlich überhaupt noch nicht vernommen, was?“
„Man hat ihn sehr scharf verhört,“ sagte Aljoscha nachdenklich, „aber sie scheinen alle übereingekommen zu sein, daß nicht er ihn erschlagen habe. Ssmerdjäkoff ist noch immer krank. Er ist es seit jenem Tage, seit dem epileptischen Anfall ... Er ist tatsächlich krank,“ fügte Aljoscha nochmals hinzu.
„Gott, geh doch du wenigstens zu diesem Advokaten, Aljoscha, und erzähl ihm alles unter vier Augen. Es heißt doch, er sei für dreitausend Rubel aus Petersburg hergekommen.“
„Ja, wir drei haben es zusammen getan, Iwan, Katerina Iwanowna und ich; den Doktor aber hat sie allein für zweitausend aus Moskau verschrieben. Der Advokat Fetjukowitsch hätte wahrscheinlich mehr verlangt, da aber dieser Prozeß in ganz Rußland bekannt geworden ist, da alle Tageszeitungen und Zeitschriften davon sprechen, so hat er um des Ruhmes willen eingewilligt, herzukommen, denn es ist ein gar zu berühmter Fall geworden. Ich habe ihn gestern gesprochen.“
„Nun, und? Hast du ihm alles gesagt?“ fragte sofort Gruschenka erregt.
„Er hörte mich an und sagte nichts. Das heißt, er sagte nur, er habe sich bereits eine bestimmte Meinung gebildet. Er versprach aber, meine Aussagen zu berücksichtigen.“
„Wie das berücksichtigen? Ach, das sind ja doch nur Phrasen! Phrasen von bezahlten Spitzbuben! Sie werden ihn mir nur noch ins Verderben stürzen! Aber der Doktor, wozu hat sie denn den Doktor verschrieben?“
„Als Experten. Sie wollen beweisen, daß Dmitrij verrückt sei und im Wahnsinn, also besinnungslos erschlagen habe.“ Aljoscha lächelte still vor sich hin. „Nur ist Dmitrij damit nicht einverstanden, er wird es um keinen Preis zugeben.“
„Ach, aber das ist doch wahr, wenn er ihn wirklich erschlagen hat!“ rief Gruschenka lebhaft. „Er war ja damals gar nicht bei vollem Verstande, er war ja wirklich wahnsinnig, und ich, ich Scheusal, ich allein war an allem schuld! Nur ist es gar nicht wahr, daß er erschlagen hat, er hat ihn doch gar nicht erschlagen! Und alle beschuldigen sie ihn, alle sagen, er sei es gewesen. Sogar Fenjä hat so ausgesagt, daß schließlich herauskommt, er habe es getan. Und die Aussagen der Kommis von Plotnikoffs, und jener Beamte. Und dann haben noch alle im Gasthause gehört, wie er gedroht hat! Alle, alle sind gegen ihn, und so schwatzen sie jetzt und schnattern wie die Gänse.“
„Ja, die ungünstigen Aussagen haben sich unglaublich vermehrt,“ bemerkte Aljoscha finster.
„Und Grigorij noch dazu, Grigorij Wassiljitsch! Der behauptet ja nach wie vor, daß die Tür offen gewesen sei, behauptet es steif und fest und ohne sich beirren zu lassen! Ich bin selbst einmal zu ihm gegangen, um mit ihm zu sprechen. Er schimpft einen womöglich noch obendrein aus!“
„Ja, Grigorijs Aussage ist vielleicht die verhängnisvollste für Dmitrij,“ meinte Aljoscha.
„Und was das betrifft, daß Mitjä verrückt sei, so ist er ja jetzt wirklich etwas von der Art,“ sagte plötzlich Gruschenka mit einer ganz besonders besorgten und geheimnisvollen Miene. „Weißt du, Aljoschenka, ich wollte eigentlich schon lange mit dir darüber reden: ich gehe jeden Tag zu ihm und muß mich immer mehr über ihn wundern. Sag du mir, was du über ihn denkst: was meinst du, worüber redet er jetzt immer? Zuweilen fängt er an zu sprechen und spricht, spricht – ich weiß nicht wovon, ich denke schon, nun, das wird was sehr Kluges sein, das ist zu hoch für mich, denke ich, bin wahrscheinlich zu dumm dazu. Nur spricht er jetzt immer von einem ‚Kindichen‘, das heißt, von irgendeinem kleinen Kinde, das er immer ‚Kindichen‘ nennt ... ‚Warum,‘ fragte er, ‚warum ist das Kindichen arm? Für das Kindichen muß ich jetzt nach Sibirien gehn, ich habe nicht erschlagen, aber ich muß nach Sibirien gehen!‘ Was das bedeuten soll, was das für ein ‚Kindichen‘ ist, – davon habe ich keine Ahnung! Mir rollten nur die Tränen über die Wangen, als er sprach, denn er sagte das so eigenartig, er wollte wohl selbst weinen. Als er aber sah, daß ich weinte, da küßte er mich plötzlich und bekreuzte mich mit der rechten Hand. Was hat das zu bedeuten, Aljoscha, sag du mir, was ist das für ein ‚Kindichen‘?“
„Rakitin hat sich jetzt angewöhnt, ihn zu besuchen,“ meinte Aljoscha lächelnd, „übrigens ... das kann nicht von Rakitin herrühren. Ich war gestern nicht bei Dmitrij, heute aber werde ich hingehen.“
„Nein, das ist nicht Rakitka, das ist sein Bruder Iwan Fedorowitsch, der ihn verwirrt, seitdem er zu ihm geht, das ist es, was ...“ Gruschenka stockte plötzlich.
Aljoscha sah sie ganz verdutzt an.
„Wie, Iwan geht zu ihm? Ist er denn jemals bei ihm gewesen? Mitjä hat mir doch selbst gesagt, daß Iwan noch kein einziges Mal bei ihm gewesen sei.“
„Ach ... nun, das war wieder echt von mir! Ich habe mich versprochen!“ Gruschenka war etwas betreten, und sie errötete. „Wart, Aljoscha, schweig, mag es denn auch so sein, habe ich mich einmal verraten, so will ich lieber die ganze Wahrheit sagen: Iwan Fedorowitsch ist bis jetzt nur zweimal bei Mitjä gewesen, das erstemal gleich nach seiner Rückkunft aus Moskau – er kam doch damals sofort wieder zurück, ich war noch nicht einmal gesund geworden. Und das zweitemal ist er vor einer Woche bei ihm gewesen. Mitjä aber hat er befohlen, dir nichts davon zu sagen, und überhaupt niemandem: es sollte ein Geheimnis bleiben.“
Aljoscha saß in Gedanken versunken und schien über etwas zu grübeln. Die Nachricht hatte ihn offenbar nicht wenig stutzig gemacht.
„Iwan hat mit mir kein einziges Mal über Mitjä gesprochen,“ sagte er langsam, „und überhaupt hat er in diesen zwei Monaten wenig mit mir gesprochen, und wenn ich zu ihm gegangen bin, ist er über mein Kommen stets ungehalten gewesen, so daß ich ihn jetzt seit drei Wochen nicht mehr gesprochen habe,“ sagte er gleichsam vor sich hin. „Ja ... Wenn er vor einer Woche bei Mitjä gewesen ist, so – allerdings ... in dieser Woche ist auch mir eine gewisse Veränderung an Mitjä aufgefallen ...“
„Nicht wahr? Nicht wahr?“ griff Gruschenka sofort eifrig auf. „Sie haben ein Geheimnis, sicher ein Geheimnis! Mitjä hat mir selbst gesagt, daß sie ein Geheimnis haben, und weißt du, ein solches Geheimnis, daß Mitjä sich darüber nicht mehr beruhigen kann! Früher war er doch noch so heiter, er ist es ja auch jetzt, nur, weißt du, wenn er so den Kopf schüttelt und auf und ab schreitet und sich so mit der rechten Hand in die Haare fährt und die Haare an der rechten Schläfe zupft, dann weiß ich doch, daß er etwas auf der Seele hat, das ihn beunruhigt ... ich kenne ihn doch! ... Sonst war er immer heiter – auch heute war er es!“
„Du sagtest doch, er sei gereizt gewesen?“
„Ja, gewiß, das war er, aber er war dann auch wieder heiter. Er ist eigentlich immer gereizt, plötzlich aber wird er auf eine Minute ganz heiter, und dann ist er plötzlich wieder gereizt. Und weißt du, Aljoscha, ich muß mich immer nur über ihn wundern: denk doch nur, was ihm bevorsteht, er aber kann zuweilen über die geringsten Dummheiten lachen, ganz als ob er ein kleines Kind wäre.“
„Und ist es wirklich wahr, daß er dir verboten hat, mir etwas von Iwans Besuch zu sagen? Hat er sich wirklich so ausgedrückt: ‚sage ihm nichts davon‘?“
„Ja, genau so: sage ihm nichts davon. Dich fürchtet er ja am meisten, Mitjä meine ich. Denn hier handelt es sich um ein Geheimnis, das hat er mir selbst gesagt ... Aljoscha, Täubchen, geh hin und versuch du herauszubekommen, was es ist? – was sie da für ein Geheimnis haben – und komm dann her und sag es mir!“ wandte sich Gruschenka plötzlich flehend an Aljoscha. „Erlöse mich von der Ungewißheit, sage mir alles, damit ich wenigstens weiß, was mich erwartet! Du weißt nicht, wie das ist, sein verfluchtes Schicksal zu ahnen, und doch nichts zu wissen! Geh, Aljoscha, nur deswegen habe ich dich herbitten lassen!“
„Du glaubst, daß es sich dabei um dich handelt? Dann hätte er doch dir nichts von dem Geheimnis gesagt.“
„Ich weiß nicht, um was es sich dabei handelt. Vielleicht will er es mir sagen, wagt es aber nicht. Er will mich nur vorbereiten. Ein Geheimnis, sagt er, sei es; was für ein Geheimnis aber, das hat er mir nicht gesagt.“
„Aber du, was vermutest du denn?“
„Was soll ich vermuten! Mein Ende ist gekommen, das ist es, was ich vermute. Das haben sie alle drei mir bereitet, denn hier steckt doch Katjka dahinter. Von ihr geht alles aus. ‚Katjä ist dieses und Katjä ist jenes,‘ sagt er, das bedeutet also, daß ich nicht dieses und jenes bin. Das sagt er absichtlich, das schickt er voraus – will mich vorbereiten. Verlassen will er mich, sieh, das ist sein ganzes Geheimnis! Das haben sie sich alle drei ausgedacht – Mitjka, Katjka und Iwan Fedorowitsch. Aljoscha, ich wollte dich schon lange fragen ... vor einer Woche teilte er mir auf einmal mit, daß Iwan Fedorowitsch in Katerina Iwanowna verliebt sein soll, und darum so oft zu ihr hingehe. Hat er mir die Wahrheit gesagt, oder hat er gelogen? Sage es mir auf dein Gewissen, schone mich nicht!“
„Ich werde dir die Wahrheit sagen. Iwan ist nicht in Katerina Iwanowna verliebt, so denke ich wenigstens.“
„Das habe auch ich mir damals gleich gedacht! Er belügt mich einfach wie ein Schamloser, das sehe ich jetzt vollkommen ein! Und darum spielt er auch jetzt den Eifersüchtigen, um dann später alles auf mich abwälzen zu können. Er ist doch ein dummer Junge, er versteht ja nichts zu verheimlichen, er ist doch so aufrichtig ... Aber ich werde ihn, ich werde ihn! ‚Du glaubst,‘ sagt er mir, ‚daß ich ihn erschlagen habe‘ – das sagt er mir, mir, das wirft er mir vor! Nun, Gott mit ihm! Aber diese Katjka wird noch etwas von mir zu hören bekommen vor Gericht! Ich werde ihr dort ein paar Worte sagen ... Oh, dort werde ich alles sagen!“
Und wieder weinte sie verzweifelt.
„Höre, Gruschenka, in einem kann ich dich aufs bestimmteste beruhigen,“ sagte Aljoscha und erhob sich. „Erstens, daß er dich liebt, dich mehr als alles auf der Welt liebt, und zwar dich ganz allein, das kannst du mir glauben. Ich weiß es. Ich weiß es ganz gewiß. Und zweitens erkläre ich dir, daß ich, was das Geheimnis betrifft, ihn nicht ausforschen will. Wenn er es mir heute selbst mitteilt, so werde ich ihm offen sagen, daß ich dir versprochen habe, dich davon zu unterrichten. Und dann werde ich heute noch zu dir kommen, um dir alles zu sagen. Nur ... glaube ich ... daß hier Katerina Iwanowna nicht im Spiele ist, ich glaube vielmehr, daß das Geheimnis etwas ganz anderes betrifft. Davon bin ich fest überzeugt. Und es sieht auch gar nicht danach aus, als ob es sich dabei um Katerina Iwanowna handeln könnte. Wenigstens scheint es mir nicht so. Jetzt aber leb wohl. Auf Wiedersehen.“
Er drückte ihr fest die Hand. Gruschenka weinte immer noch. Aljoscha sah, daß sie seinen Beruhigungen wenig Glauben schenkte, aber auch das war ihr schon eine Erleichterung, daß sie sich einmal hatte aussprechen können. Es tat ihm weh, sie so verlassen zu müssen, doch hatte er keine Zeit, noch länger bei ihr zu bleiben. Es stand ihm vieles bevor, was er noch vor dem Abend auszurichten hatte.
II. Das kranke Füßchen
Ganz zuerst mußte er zu Chochlakoffs gehen. Er beeilte sich, schneller hinzukommen, um sich nicht bei Mitjä zu verspäten. Frau Chochlakoff war schon seit drei Wochen krank; der eine Fuß war ihr, weiß Gott wodurch, ein wenig geschwollen. Sie lag zwar nicht zu Bett, verbrachte aber doch die Zeit in ihrem Boudoir halbliegend auf der Chaiselongue, stets in ein reizendes, doch nichtsdestoweniger wohlanständiges Deshabillé gehüllt. Aljoscha hatte bemerkt, daß sie trotz ihrer Krankheit gerade jetzt angefangen hatte, ganz besonders Toilette zu machen: es waren ihm die vielen duftigen Spitzen, Plissees und Volants an ihren Toiletten aufgefallen, und er glaubte mit harmlosem Lächeln, die Ursache dieser Veränderung erraten zu haben, doch verscheuchte er sofort alle ähnlichen Gedanken als müßig, – verscheuchte sie, nicht ohne Unwillen über sich selbst. In den letzten zwei Monaten hatte sie nämlich, unter den übrigen Bekannten ihres Hauses, auch der junge Perchotin besucht. Aljoscha war seit vier Tagen nicht mehr bei Chochlakoffs gewesen, und als er jetzt eintrat, wollte er geradeswegs zu Lise gehen, denn er war nur ihretwegen gekommen. Sie hatte die Zofe schon am vorhergehenden Tage zu ihm geschickt, mit der dringenden Bitte, so bald als möglich zu ihr zu kommen, da sie ihn in einer „sehr wichtigen Angelegenheit“ sprechen müsse, – was aus gewissen Gründen Aljoscha nicht wenig interessierte. Doch während nun die Zofe zu Lisa ging, um ihn anzumelden, erschien mittlerweile der Diener mit der Bitte Frau Chochlakoffs – die inzwischen erfahren hatte, daß er gekommen war –, „nur auf einen Augenblick“ bei ihr vorzusprechen. Aljoscha überlegte, was er tun sollte, und sagte sich, daß es besser sei, zuerst die Bitte der Mama zu erfüllen, da sie sonst immer wieder zu Lise schicken werde. Frau Chochlakoff ruhte in einem ganz besonders schönen Gewande auf der Couchette in ihrem Boudoir und schien erregt zu sein.
„Jahrhunderte, ganze Jahrhunderte habe ich Sie nicht mehr gesehen! Eine ganze Woche ist es her, schämen Sie sich! ach! nein, richtig, – Sie waren ja vor vier Tagen, am Mittwoch, noch hier. Sie wollen jetzt wieder zu Lise! Ich bin überzeugt, daß Sie auf den Fußspitzen zu ihr schleichen wollten, damit ich es nicht hörte. Ach, lieber, lieber Alexei Fedorowitsch, wenn Sie wüßten, wie sie mich jetzt beunruhigt! Doch davon später. Zwar ist das die Hauptsache, doch trotzdem lassen Sie uns später darüber sprechen. Lieber Alexei Fedorowitsch, ich vertraue Ihnen meine Lise ganz und gar an. Nach dem Tode des Staretz Sossima – gib seiner Seele, Herr, Frieden und Ruh! (sie bekreuzte sich) – nach seinem Tode kommen Sie mir immer wie ein Einsiedler vor, so allerliebst Ihnen auch dieser neue Anzug steht. Wo haben Sie nur hier einen so vorzüglichen Schneider gefunden? Doch nein, nein, das ist nicht die Hauptsache, davon später. Verzeihen Sie, daß ich Sie zuweilen Aljoscha nenne, ich bin doch eine alte Frau,“ sagte sie mit kokettem Lächeln, „und daher ist mir vieles erlaubt, aber auch davon sprechen wir später. Ach, die Hauptsache, wenn ich nur nicht immer die Hauptsache vergäße! Bitte erinnern Sie mich daran, sobald ich mich wieder verliere, sagen Sie einfach: ‚Und die Hauptsache?‘ Ach, wie soll ich wissen, was jetzt die Hauptsache ist! Seit dem Augenblick, da Lise ihr Gelöbnis zurücknahm – ihr kindisches Gelöbnis, Alexei Fedorowitsch, Sie zu heiraten –, haben Sie natürlich eingesehen, daß alles nur die kindische Phantasie eines kranken Mädchens war, das zu lange im Fahrstuhl gesessen hat, – Gott sei Dank, daß sie jetzt wieder gehen kann! Dieser neue Doktor, den Katjä aus Moskau verschrieben hat – für Ihren unglücklichen Bruder, der morgen ... Ach, sagen Sie doch, was wird morgen sein? Ich sterbe schon beim bloßen Gedanken daran! Hauptsächlich aber vor Interesse ... Ach nein, ich wollte doch sagen, dieser Doktor war gestern bei uns, um Lise zu untersuchen ... Aber das war es ja gar nicht, was ich erzählen wollte. Sehen Sie, ich bin jetzt ganz aus dem Konzept gekommen. Ich beeile mich immer so entsetzlich. Warum ich es aber tue, das weiß ich wirklich nicht. Ich höre schon völlig auf, zu wissen ... Für mich hat sich jetzt alles zu einem einzigen Knäuel zusammengewickelt. Ich fürchte schon, daß Sie die Geduld verlieren und plötzlich hinauslaufen werden, und dann habe ich Sie zum letztenmal gesehen. Ach, mein Gott! Da sitzen wir und reden, und ich habe ganz vergessen ... Kaffee, Julija, Glafira, Kaffee!“
Aljoscha beeilte sich, für Kaffee zu danken. Er sagte, daß er soeben getrunken habe.
„Bei wem?“
„Bei Agrafena Alexandrowna.“
„Bei ... bei dieser Person? Ach, sie allein hat ja alle zugrunde gerichtet, doch übrigens, ich weiß nicht, jetzt sagt man, sie sei heilig geworden, nur finde ich, daß sie es dann etwas spät geworden ist. Besser wäre gewesen, sie wäre es früher geworden, als es not tat, denn jetzt, was für einen Nutzen kann das jetzt noch bringen? Schweigen Sie, schweigen Sie, Alexei Fedorowitsch, ich will Ihnen nur so viel sagen, daß ich wahrscheinlich nichts sagen werde. Dieser schreckliche Prozeß ... Ich werde unbedingt hinfahren, ich bereite mich schon vor, man wird mich im Lehnstuhl hineintragen. Ich kann die ganze Zeit sitzen, – Sie wissen doch, daß ich als Zeugin vorgeladen bin? Wie soll ich nur reden? Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll. Man muß doch einen Eid ablegen, nicht wahr?“
„Ja, aber ich glaube nicht, daß Sie so werden erscheinen können.“
„Ich kann doch sitzen! Ach, Sie bringen mich wieder aus dem Konzept. Dieser Prozeß, dieser entsetzliche Prozeß, und dann gehen alle nach Sibirien, andere heiraten wiederum, und alles vergeht so schnell, so schnell, und alles verändert sich, und schließlich ist nichts, alle sind Greise und blicken ins Grab. Nun, meinetwegen, mögen sie doch, ich bin müde. Diese Katjä – cette charmante personne, sie hat alle meine Hoffnungen vernichtet! Jetzt wird sie einem Ihrer Brüder nach Sibirien folgen, und Ihr anderer Bruder wird dann wieder ihr folgen und in der nächsten Stadt wohnen, und alle werden sie sich gegenseitig quälen. Das bringt mich um meinen letzten Verstand. Und vor allen Dingen dieses Gerede! In allen Petersburger und Moskauer Zeitungen ist darüber millionenmal gesprochen worden. Ach ja, denken Sie sich, auch von mir ist dabei die Rede, es heißt, ich sei die, ‚liebe Freundin‘ Ihres Bruders gewesen! – ich will kein häßliches Wort aussprechen, nur denken Sie sich so etwas, können Sie sich das vorstellen!“
„Das ist unmöglich! Wo hat man das geschrieben?“
„Ich werde es Ihnen sofort schwarz auf weiß zeigen. Gestern erhielt ich es – gestern las ich es selbst zum erstenmal. Sehen Sie hier, in der Petersburger Zeitung ‚Gerüchte‘. Dieses Blatt wird erst seit einem Jahr herausgegeben – da abonnierte ich auf dasselbe, denn ich liebe sehr Gerüchte, und das habe ich jetzt davon: Da, sehen Sie, was das für ‚Gerüchte‘ sind! Hier, sehen Sie hier, lesen Sie das.“
Sie reichte Aljoscha ein Zeitungsblatt, das unter ihrem Kissen gelegen hatte, und zeigte ihm die Stelle.
Sie war nicht nur verstört, sie schien plötzlich ganz gebrochen zu sein. Vielleicht hatte sich infolge dieser Zeitungsgeschichte tatsächlich alles in ihrem Kopf zu einem Knäuel zusammengeballt. Die Zeitungsente war allerdings unmißverständlich – und nicht weniger verfänglich. Sie mußte die arme Dame sehr empfindlich kränken, doch zum Glück war Frau Chochlakoff an diesem Tage nicht fähig, nur an eine Sache zu denken, und so konnte sie bereits nach einer Minute die Zeitung mit allen Klatschereien vergessen und sich mit anderem beschäftigen. Aljoscha wußte, daß man in ganz Rußland über den berühmten Karamasoffschen Prozeß sprach, und er hatte in diesen zwei Monaten unter anderen richtigen Nachrichten auch ganz unglaubliche Lügengeschichten gelesen, sowohl über die Karamasoffs im allgemeinen, wie auch speziell über sich. Z. B. hatte es an einer Stelle geheißen, daß er, Aljoscha, aus Angst, nach dem Verbrechen des Bruders Einsiedler geworden sei und sich als Trappist von der Welt abgeschlossen habe; in einem anderen Blatt war diese Nachricht in Abrede gestellt und geschrieben worden, er habe zusammen mit seinem Staretz Sossima die Klosterkasse aufgebrochen und bestohlen und sei dann entflohen. Die jetzt erwähnte Nachricht in den „Gerüchten“ war wie gewöhnlich betitelt: „Aus Skotoprigonjewsk[26] (so heißt nämlich unser Städtchen – leider! Ich habe seinen Namen lange genug verheimlicht). Zum Prozeß Karamasoff.“ Es war nur eine kürzere Nachricht, und über Frau Chochlakoff war direkt nichts gesagt – überhaupt waren keine Namen genannt. Es wurde mitgeteilt, daß der Vatermörder, den man jetzt unter allgemeinem Aufsehen zu richten sich anschicke, Hauptmann a. D. dieses und dieses Linienregiments, in seinem faulen Leben nichts anderes getan habe – abgesehen davon, daß er schon von Natur ein Verbrecher sei und für die Leibeigenschaft eintrete –, als daß er seine Zeit mit Liebeleien verbracht. Besonders aber hätte er „Damen, die sich in der Einsamkeit langweilten“, gefesselt. Nun hätte sich eine von ihnen, „eine von den sich langweilenden Witwen“, die sich jünger machte, obgleich sie bereits Mutter einer erwachsenen Tochter war, dermaßen in ihn verliebt, daß sie ihm noch zwei Stunden vor dem Verbrechen dreitausend Rubel angeboten hätte, allerdings unter der Bedingung, daß er mit ihr nach Sibirien entfliehe, um dort in den Goldgruben Geld zu suchen. Der Bösewicht aber, so hieß es weiter, habe vorgezogen, seinen Vater zu erschlagen und ihn um genau dreitausend Rubel zu berauben, in der Hoffnung, ungestraft zu entkommen und nicht mit den „vierzigjährigen Reizen“ seiner gelangweilten Witwe nach Sibirien ziehen zu müssen. Diese in scherzhaftem Ton gehaltene Korrespondenz schloß, wie es sich gehört, mit Äußerungen edlen Unwillens über die Unsittlichkeit des Vatermordes und der Leibeigenschaft. Nachdem Aljoscha alles interessiert gelesen hatte, faltete er das Blatt zusammen und gab es Frau Chochlakoff zurück.
„Das bin doch ich!“ rief sie sofort ganz verzweifelt aus. „Ich, ich habe ihm doch kaum eine Stunde vor dem Morde gesagt, er solle in die Goldgruben fahren, – und jetzt schreiben sie plötzlich ‚vierzigjährige Reize‘! Habe ich es denn deswegen getan? Das ist absichtlich so geschrieben! Möge ihm der ewige Richter die vierzigjährigen Reize ebenso verzeihen, wie ich ihm verzeihe, aber abgesehen davon – das ist doch ... Wissen Sie auch, wer das geschrieben hat? Das ist ja Ihr Freund Rakitin!“
„Das wäre möglich,“ sagte Aljoscha, „zwar habe ich nichts davon gehört ...“
„Er ist es bestimmt, ich weiß es genau, er, er ganz allein! Ich habe ihm doch die Tür gewiesen ... Sie kennen doch schon die ganze Geschichte?“
„Ich weiß, daß Sie ihn gebeten haben, hinfort Ihr Haus nicht mehr zu betreten, weswegen aber – das habe ich ... wenigstens von Ihnen, noch nicht gehört ...“
„Aha, dann haben Sie es also von ihm gehört? Nun was, ist er sehr empört über mich?“
„Ja, aber über wen zieht er denn nicht her? Doch warum Sie ihm eigentlich verboten haben, Sie zu besuchen, das habe ich auch von ihm nicht erfahren können. Überhaupt sehe ich ihn jetzt nur sehr selten. Ich stehe mich nicht besonders mit ihm.“
„Nun, dann werde ich Ihnen alles sagen und beichten, es ist ja nichts mehr daran zu ändern ... Ich trage nämlich selbst ein wenig Schuld an der ganzen Sache. Aber nur ein wenig, ganz, ganz wenig, so daß davon vielleicht überhaupt nicht die Rede sein kann. Sehen Sie, mein Liebling“ (auf Frau Chochlakoffs Lippen erschien plötzlich ein liebes, schelmisches und doch recht rätselhaftes Lächeln), „sehen Sie, ich vermute ... Sie verzeihen mir doch, Aljoscha, ich rede jetzt mit Ihnen wie eine Mutter ... ach nein, nein, im Gegenteil, wie mit meinem Vater ... denn Mutter paßt hierbei ganz und gar nicht ... Also sagen wir, ich rede zu Ihnen, als wenn Sie der Staretz Sossima wären, und ich ihm beichtete, ja, das wäre der beste Vergleich: Ich habe Sie doch vorhin schon einen Einsiedler genannt. Nun, also dieser arme Junge, Ihr Freund Rakitin – Gott, ich kann mich wirklich kaum über ihn ärgern! Ich ärgere mich, ja, gewiß, aber im Grunde doch nicht sehr! Kurz, dieser leichtsinnige junge Mann läßt es sich plötzlich – denken Sie sich nur! – läßt es sich plötzlich, glaube ich, einfallen, sich in mich zu verlieben. Erst später, viel später bemerkte ich es, zuerst aber, also ungefähr vor einem Monat, begann er mich häufiger zu besuchen, er kam sogar fast täglich, er hatte mir auch früher schon seine Aufwartung gemacht. Ich vermutete zuerst natürlich noch nichts ... und dann kam es plötzlich wie eine Erleuchtung über mich, und ich fing an einiges zu bemerken – zu meiner größten Verwunderung, wie Sie sich denken können. Wie Sie wissen, empfange ich seit einiger Zeit Herrn Perchotin, Pjotr Iljitsch, Sie haben ihn doch so oft hier angetroffen. Nicht wahr, er ist doch ein ernster, würdiger Mann, trotz seiner jungen Jahre? Er kommt ungefähr in drei Tagen nur einmal – und doch könnte er weit öfter kommen. Und immer ist er elegant gekleidet. Ich liebe überhaupt sehr unsere Jugend, Aljoscha, besonders, wenn es talentvolle, wohlerzogene Menschen sind, wie zum Beispiel Sie. Er aber hat, glauben Sie mir, einen fast staatsmännischen Verstand! Und wie wundervoll er spricht. Ich werde unbedingt meinen ganzen Einfluß verwenden, um ihm die Stellung zu verschaffen, die seinen Fähigkeiten zukommt. Das ist doch ein zukünftiger Diplomat! An jenem entsetzlichen Tage hat er mich so gut wie vom Tode errettet, als er in der Nacht herkam! Nun, Ihr Freund Rakitin aber kommt immer in so greulichen Stiefeln und schiebt sie dann noch obendrein so weit auf dem Teppich vor ... mit einem Wort, er begann schon einige Andeutungen zu machen, und einmal drückte er mir beim Abschied ganz unglaublich fest die Hand. Kaum aber hatte er mir so schmerzhaft die Hand gepreßt, als mein Fuß krank wurde. Rakitin hatte auch früher schon Pjotr Iljitsch bei mir angetroffen, und glauben Sie mir, immer gingen sie wie die Kampfhähne aufeinander los, immer versuchte Rakitin, ihn irgendwie anzugreifen. Ich betrachtete sie dann nur stillschweigend und dachte mir mein Teil. Und da, eines schönen Tages saß ich allein, das heißt ich lag damals hier auf der Couchette, und plötzlich wird mir Michail Iwanowitsch Rakitin gemeldet. Er kommt, und stellen Sie sich so etwas vor – er überreicht mir ein Gedicht, das er auf meinen kranken Fuß gemacht hat, er hat das ‚kranke Füßchen‘ in Versen besungen! Warten Sie, wie war es doch:
‚Ach, wie ist doch dieses Füßchen, Das jetzt krank sein soll, entzückend ...‘
oder so ähnlich, ich kann alles eher, als Verse behalten. Ich habe das Gedicht hier irgendwo, ich werde es Ihnen später zeigen. Und wissen Sie, es war darin nicht nur vom Füßchen die Rede, sondern es handelte sich um eine belehrende Idee, nur habe ich vergessen, um welch eine eigentlich. Nun, ich lobte natürlich das Gedicht, und er war offenbar sehr geschmeichelt. Da aber erscheint plötzlich Pjotr Iljitsch, und Michail Iwanowitsch wird finster wie die Nacht. Ich bemerkte sofort, daß er ihm sehr ungelegen kam, da er wahrscheinlich nach dem Gedicht noch anderes hatte sagen wollen. Und da nahm ich denn das Gedicht und zeigte es Pjotr Iljitsch, ohne zu sagen, wer es verfaßt hatte. Ich bin aber überzeugt, überzeugt sage ich Ihnen, daß er sofort erriet, wer der Dichter war, obgleich er auch jetzt noch immer sagt, er hätte es nicht erraten, – aber das tut er ja absichtlich. Nun, Pjotr Iljitsch lachte sofort hell auf und dann begann er zu kritisieren: ganz erbärmliche Verschen wären das, sagte er, die kann höchstens ein Seminarist verbrochen haben, und, wissen Sie, er sagte es mit so einer Sicherheit – und so überlegen urteilte er! Da aber geriet Ihr Freund, anstatt gleichfalls zu lachen, geradezu außer sich. Gott, ich glaubte schon, sie würden handgemein werden. ‚Ich habe dieses Gedicht verfaßt,‘ sagte er plötzlich. ‚Ich habe es nur zum Scherz geschrieben,‘ sagt er, ‚denn im allgemeinen halte ich es für eine Unwürdigkeit, Gedichte zu schreiben ... Nur ist mein Gedicht gut. Ihrem Puschkin will man für seine Gedichte über die Frauenfüßchen ein Denkmal errichten, mein Gedicht drückt aber noch eine besondere Idee aus. Im übrigen,‘ sagt er, ‚sind Sie ja schließlich doch nur ein Anhänger der konservativen Partei, der gegen die Aufhebung der Leibeigenschaft ist. Sie,‘ sagte er, ‚wissen überhaupt nichts von Humanität, von den zeitgenössischen Gefühlen fühlen Sie überhaupt nichts, die menschliche Entwicklung hat Sie überhaupt noch nicht berührt, Sie sind nur ein höherer Beamter, der Schmiergelder nimmt!‘ Da aber unterbrach ich ihn, das war zuviel! Pjotr Iljitsch aber blieb ganz ruhig und kühl: er blickte ihn nur spöttisch an, hörte ihm gleichmütig zu und machte dann seine Entschuldigung. ‚Ich wußte nicht, daß Sie der Verfasser sind,‘ sagte er. ‚Wenn ich es gewußt hätte, so hätte ich das Gedicht gelobt und nicht getadelt ... Die Dichter,‘ sagte er, ‚sind heutzutage alle sehr empfindlich ...‘ Kurz, eine Menge ähnlicher spöttischer Bemerkungen unter dem Anschein der höflichsten Entschuldigungen. Er hat mir später selbst erklärt, daß es Spötteleien waren, zuerst glaubte ich, er meinte es wirklich ernst damit. Ich lag hier, wie ich auch jetzt hier liege, und dachte so bei mir: was soll ich tun, soll ich nun Michail Iwanowitsch die Tür weisen dafür, daß er in meinem Hause so meine Gäste zu beleidigen wagt? Und, glauben Sie mir, ich lag, ich bedeckte die Augen mit der Hand und dachte bei mir: Soll ich es tun oder soll ich es nicht tun? Und ich konnte mich nicht entscheiden, und ich quälte mich, und das Herz klopfte: Soll ich oder soll ich nicht? Die eine Stimme sagte ja, die andere nein. Kaum aber hatte die Stimme nein gesagt – da tat ich es. Und gleich darauf fiel ich in Ohnmacht. Nun, da gab es dann natürlich eine große Aufregung. Darauf erhob ich mich und sagte Michail Iwanowitsch, es täte mir leid, ihm sagen zu müssen, daß ich ihn nicht mehr in meinem Hause empfangen könne. Und das war alles. Ach, Alexei Fedorowitsch, ich weiß ja selbst, daß es nicht gut von mir war, daß es eine erlogene Handlung von mir war, ich ärgerte mich ja gar nicht über ihn, aber es hatte mir plötzlich geschienen – daß es so plötzlich kam, war ja das ganze Verhängnis – es hatte mir geschienen, daß es sich sehr schön machen würde, wenn ich es sagte ... Nur glauben Sie mir, diese Szene war wirklich aufrichtig von mir, ich weinte sogar, und später habe ich noch tagelang darüber geweint ... Nur weiß ich nicht mehr, wie ich eines schönen Tages nach dem Essen plötzlich den ganzen Vorfall vergaß. Und da stellte er denn seine Besuche ein, seit zwei Wochen habe ich ihn nicht mehr gesehen, und so habe ich mich schon gefragt: Sollte er denn wirklich überhaupt nicht mehr kommen? Das war noch gestern. Und da erhalte ich plötzlich abends die ‚Gerüchte‘. Ich las sie und schlug die Hände zusammen! Wer soll denn das geschrieben haben, wenn nicht er? Er ist von mir nach Haus gegangen, hat sich hingesetzt und geschrieben, abgeschickt, und nun haben wir es hier gedruckt! Das war ja doch vor zwei Wochen! Ach, Aljoscha, es ist schrecklich, was ich rede! Und immer gar nicht davon, wovon ich eigentlich reden will! Es spricht sich ganz von selbst.“
„Ich habe heute leider sehr wenig Zeit, ich muß mich beeilen, um noch rechtzeitig zu meinem Bruder ins Gefängnis zu kommen,“ stotterte Aljoscha und machte gleichzeitig den Versuch, sich von der lebhaften Dame zu verabschieden, doch wurde er sofort von ihr unterbrochen.
„Da ist es ja! Gott sei Dank, Sie haben mich daran erinnert! Hören Sie, was ist das, ein Affekt?“
„Was für ein Affekt?“ fragte Aljoscha verwundert.
„Ein gerichtlicher Affekt. Das ist so ein Affekt, ich verstehe es selbst nicht zu erklären, aber jedenfalls wird einem dann alles verziehen. Was Sie auch verbrochen hätten – Ihnen wird sofort alles verziehen.“
„Ich verstehe nicht recht, was Sie meinen.“
„Hören Sie, hören Sie: Diese Katjä ... Ach, sie ist ein so liebes, liebes Geschöpf, nur kann ich auf keine Weise herausbekommen, in wen sie nun eigentlich verliebt ist! Vor kurzem saß sie noch bei mir, ich konnte aber nichts erraten. Um so weniger, als sie jetzt selbst anfängt mit mir so oberflächlich zu reden, sie interessiert sich jetzt scheinbar nur noch für meine Gesundheit und sonst für nichts, und so hat sie jetzt auch diesen Ton angenommen. Ich habe mir schon gesagt: Nun, Gott mit ihr, mag sie doch ... Ach ja, richtig, also der Affekt: Dieser Doktor ist jetzt angekommen ... Wissen Sie, daß er schon angekommen ist? Ach, nun, wie sollten Sie es denn nicht wissen, der die Verrückten durchschaut, Sie haben ihn doch selbst hergerufen, das heißt, nein, nicht Sie, sondern Katjä. Immer Katjä! Nun, das ist einfach so: Es sitzt ein ganz gesunder Mensch, der nicht ein bißchen verrückt ist, und plötzlich hat er einen Affekt. Er weiß sehr wohl, was er tut, er ist vollkommen bei Sinnen, doch trotzdem ist er im Affekt. Nun, so ist denn auch Ihr Bruder bestimmt im Affekt gewesen. Das hat man jetzt, vor kurzem, als die neuen Gerichte eingeführt wurden, sofort entdeckt. Das ist wiederum eine Wohltat der neuen Gerichte. Dieser Doktor war auch bei mir, um von mir zu erfahren, wie Ihr Bruder damals, kurz vor dem Morde, an jenem Abend, sich bei mir aufgeführt habe? Wie soll er denn nicht im Affekt gewesen sein? Er kommt herein und schreit: Geben Sie mir Geld, dreitausend Rubel, sofort, – und dann läuft er hinaus und erschlägt den Vater. Ich will nicht, sagt er womöglich noch, ich will nicht erschlagen, doch da ist es schon gegen seinen Willen geschehen. Deswegen wird man ihn jetzt auch freisprechen, weil er im Affekt, sozusagen gegen seinen Willen, erschlagen hat.“
„Aber er hat ja gar nicht den Vater erschlagen,“ unterbrach sie Aljoscha etwas scharf. Unruhe und Ungeduld erfaßten ihn immer mehr.
„Ich weiß, ich weiß, Grigorij hat Ihren Vater erschlagen ...“
„Was, Grigorij? Wieso?“ rief Aljoscha aufs äußerste erregt.
„Selbstverständlich, wer denn sonst? Nachdem ihn Ihr Bruder mit dem Keulenschlage zu Boden gestreckt hatte, lag er bewußtlos am Zaun, dann aber stand er auf, sah, daß die Tür offen war, ging hin und erschlug Ihren Vater.“
„Aber warum, warum?“
„Ganz einfach, weil er einen Affekt hatte. Nach dem Schlage erwachte er, bekam einen Affekt, ging hin und erschlug. Und was das betrifft, daß er diese Tat leugnet, so ist es doch sehr leicht möglich, daß er sich ihrer gar nicht mehr erinnert. Nur sehen Sie: Es wäre viel besser, wenn Dmitrij Fedorowitsch es getan hätte. Und er hat es ja auch getan, ganz abgesehen davon, daß ich sage, Grigorij hätte es getan. Aber es ist ja bestimmt Dmitrij Fedorowitsch gewesen, und das ist auch viel, viel besser! Ach, nicht deswegen besser, weil der Sohn dann den Vater erschlagen hat, das meine ich nicht, Kinder müssen, im Gegenteil, ihre Eltern immer achten, – nur wäre es trotzdem besser, wenn er es getan hätte. Dann haben Sie doch gar keinen Grund mehr, zu weinen, da er doch, ohne zu wissen, was er tat, den Vater erschlagen hat, oder richtiger, er wußte alles, was er tat, wußte aber nur nicht, was mit ihm selbst geschah. Nein, möge man ihn lieber auf Grund des Affektes freisprechen. Das wäre so human, und zudem würde man endlich einmal die Wohltat des neuen Gerichtes einsehen. Denken Sie nur, ich wußte bis jetzt noch nichts davon, als ich aber gestern davon erfuhr, traf es mich dermaßen, daß ich sofort zu Ihnen schicken wollte, um Sie herzubitten. Und dann, wenn er freigesprochen ist, werde ich ihn unverzüglich zu mir zum Diner einladen – ihn und alle meine Bekannten. Dann können wir auf das Wohl der neuen Gerichte trinken. Ich glaube nicht, daß er gefährlich sein wird, und zudem kann ich ja so viel Gäste einladen, daß man ihn im äußersten Fall bändigen könnte. Und dann könnte er in einer kleinen Stadt Friedensrichter werden oder so etwas Ähnliches, denn wer selbst vor Gericht gewesen ist, der kann am besten andere richten. Sagen Sie doch, bitte, wer ist denn jetzt in unserer Zeit nicht im Affekt? Wir sind es doch alle, ohne Ausnahme: Sie, ich, alle, alle, und wieviel andere Beispiele! Da sitzt zum Beispiel ein Mensch, singt eine Romanze, plötzlich gefällt ihm irgend etwas nicht, er nimmt eine Pistole und erschießt den ersten besten, und darauf wird er freigesprochen, und alle verzeihen ihm. Ich habe das vor kurzem gelesen. Und denken Sie, alle Doktoren geben ihm recht. Die Doktoren sprechen jetzt einen jeden frei, einen jeden. Aber ich bitte Sie, selbst Lise ist bei mir im Affekt, noch gestern habe ich ihretwegen geweint, vorgestern gleichfalls. Erst heute erriet ich, daß es bei ihr einfach ein Affekt ist. Ach, Lise machte mir soviel Sorgen! Ich glaube, sie ist ganz von Sinnen. Warum hat sie Sie hergerufen? Sie hat es doch getan, oder sind Sie von selbst zu ihr gekommen?“
„Ja, sie hat mich gerufen, und ich werde jetzt zu ihr gehen,“ sagte Aljoscha, der sich entschlossen erhob.
„Ach, lieber, lieber Alexei Fedorowitsch, das ist ja vielleicht gerade die Hauptsache!“ rief sofort Frau Chochlakoff mit Tränen in den Augen. „Gott ist mein Zeuge, daß ich Ihnen Lise von ganzem Herzen anvertraue, und es hat ja auch schließlich weiter nichts zu sagen, daß sie Sie heimlich hinter meinem Rücken zu sich ruft. Aber Iwan Fedorowitsch, Ihrem Bruder, – verzeihen Sie, daß ich es so offen sage –, nein, dem kann ich meine Tochter nicht so leichten Herzens anvertrauen, wenn ich ihn auch nach wie vor für den ritterlichsten jungen Mann halte. Und denken Sie sich nur, jetzt ist er plötzlich bei Lise gewesen, und ich habe nichts davon gewußt!“
„Wie? Was? Wann?“ fragte Aljoscha äußerst erstaunt. Er setzte sich nicht wieder hin, sondern hörte stehend zu.
„Ich werde Ihnen sofort alles erzählen, habe ich Sie doch vielleicht nur deswegen herrufen lassen, denn ich weiß wirklich nicht mehr, warum ich es eigentlich tat. Also hören Sie: Iwan Fedorowitsch ist nach seiner Rückkehr aus Moskau im ganzen nur zweimal bei mir gewesen, daß erstemal, um als Bekannter seine Visite zu machen, und das zweitemal, das war vor nicht langer Zeit, da hatte er erfahren, daß Katjä bei mir war, und so trat er denn auf einen Augenblick ein. Ich habe natürlich keine Ansprüche darauf, daß er mich oft besuche, da ich ja weiß, wieviel Scherereien er auch ohnedem schon hat, vous comprenez – toute cette affaire et la mort terrible de votre papa. Und da erfahre ich nun plötzlich, daß er wieder hier gewesen sei, nur nicht etwa bei mir, sondern bei Lise! Das war vor ungefähr sechs Tagen. Er war gekommen, hatte fünf Minuten bei ihr gesessen und war dann wieder gegangen. Ich aber erfuhr das erst nach ganzen drei Tagen durch Glafira, so daß es mich sofort stutzig machte. Ich rief Lise unverzüglich zu mir, sie aber lachte nur: er glaubte, sagte sie, daß Sie schliefen, und sprach bei mir vor, um sich nach Ihrem Befinden zu erkundigen. So war es natürlich auch gewesen. Nur Lise, Lise, o Gott, was sie mir für Sorgen macht! Stellen Sie sich vor, plötzlich hat sie in einer Nacht – das war vor ungefähr vier Tagen, gleich nachdem, als Sie das letztemal hier waren und fortgingen – plötzlich hat sie in der Nacht einen Anfall! Warum habe ich nie solche Anfälle? Darauf hat sie noch am zweiten und dann noch am dritten Tage Anfälle, und dann – gestern war’s – plötzlich dieser Affekt! Mit einemmal schreit sie: ‚Ich hasse Iwan Fedorowitsch, ich verlange von Ihnen, daß Sie ihn überhaupt nicht mehr empfangen, daß Sie ihm verbieten, uns zu besuchen!‘ Ich war einfach starr. Und so plötzlich! Ich sagte ihr nur: Warum sollte ich denn einen so prächtigen jungen Mann nicht empfangen, der außerdem von so fabelhafter Intelligenz ist und nun noch so viel Unglück zu ertragen hat, denn alle diese Geschichten – die sind doch Unglück, aber kein Glück, nicht wahr? Und denken Sie sich, Sie lacht mir daraufhin ganz unverhohlen ins Gesicht und lacht dazu noch so, wissen Sie, so kränkend! Nun, ich sagte mir, du kannst froh sein, daß du sie wenigstens erheitert hast, jetzt werden die Anfälle vergehen, um so mehr, als ich selbst bereits beabsichtigte, Iwan Fedorowitsch wegen seiner sonderbaren Visiten bei meiner Tochter, ohne meine Erlaubnis, zur Rede zu stellen. Heute morgen erwacht Lise, ärgert sich wegen irgendeiner Kleinigkeit über Julija und schlägt sie mit der Hand ins Gesicht. Denken Sie sich – sie gibt ihr eine Ohrfeige! Das ist doch monströs! Aber hören Sie weiter. Plötzlich, nach einer Stunde, umarmt sie Julija, fällt vor ihr nieder und küßt ihr die Füße! Mir aber läßt sie sagen, daß sie überhaupt nicht mehr zu mir kommen werde, daß sie hinfort nie mehr zu mir kommen wolle. Und als ich mich selbst, so gut ich konnte, zu ihr hinbegab, da stürzte sie mir entgegen und bedeckte mich mit Küssen, und küssend drängte sie mich immer weiter zurück, so daß ich schließlich durch die Tür wieder hinaus mußte, aber sie sagte dabei kein Wort, und so war ich denn nicht klüger als zuvor. Jetzt habe ich, lieber Alexei Fedorowitsch, meine ganze Hoffnung auf Sie gesetzt. Das Glück meines ganzen Lebens ist in Ihren Händen. Ich bitte Sie ganz offen, zu Lise zu gehen. Versuchen Sie, etwas von ihr zu erfahren, so wie nur Sie allein das verstehen, und dann kommen Sie her und sagen Sie es mir, mir, der Mutter, denn Sie begreifen doch, daß ich sonst sterbe, einfach sterben muß, wenn sich das noch fortsetzt. Oder ich werde aus dem Hause laufen. Ich kann das nicht mehr ertragen. Ich habe gewiß Geduld, aber ich kann sie doch auch einmal verlieren, und dann ... was wird dann sein? Entsetzlich! Ach, mein Gott, endlich, Pjotr Iljitsch!“ rief plötzlich strahlend Frau Chochlakoff, als sie Perchotin, der sofort nach dem Diener eintrat, erblickte. „Wie Sie sich aber verspätet haben! Nun, setzen Sie sich, bitte, sagen Sie, erlösen Sie mich, nun, wie steht es mit diesem Advokaten? Wohin, wohin gehen Sie, Alexei Fedorowitsch?“
„Ich will zu Lise ...“
„Ach ja! richtig! Aber vergessen Sie nicht, vergessen Sie nicht, um was ich Sie gebeten habe! Hier handelt es sich doch um mein ganzes Leben!“
„Ich werde es nicht vergessen, wenn es nur angeht ... ich habe mich schon so verspätet,“ stotterte Aljoscha, der eiligst verschwinden wollte.
„Nein, bestimmt, bestimmt! Nicht ‚wenn es angeht‘, sonst sterbe ich!“ rief ihm Frau Chochlakoff nach, doch Aljoscha schloß bereits die Tür.
III. Das Teufelchen
Als er bei Lisa eintrat, fand er sie halb liegend in dem Rollstuhl, in dem man sie früher, als sie noch nicht wieder gehen konnte, gefahren hatte. Sie rührte sich nicht, um ihm entgegenzutreten, aber ihr durchdringender, gleichsam scharf und spitz gewordener Blick schien ihn durchbohren zu wollen. Ihre Augen glänzten wie im Fieber, und ihr Gesicht war bleich. Aljoscha wunderte sich darüber, daß sie sich in drei Tagen dermaßen verändert hatte, sie schien geradezu abgemagert zu sein. Sie reichte ihm nicht die Hand. Da trat er zu ihr und berührte selbst ihre schmalen langen Fingerchen, die regungslos auf ihrem Kleide lagen, und setzte sich dann schweigend ihr gegenüber.
„Ich weiß, daß Sie keine Zeit haben, Sie wollen ins Gefängnis zu Ihrem Bruder gehen,“ sagte Lisa scharf, „Mama aber hat Sie zwei Stunden lang aufgehalten und Ihnen von mir und Julija erzählt.“
„Woher wissen Sie das?“ fragte Aljoscha.
„Ich habe gehorcht. Warum sehen Sie mich so an? Ich will horchen, und ich horche, und es ist nichts Schlechtes dabei. Ich will mich durchaus nicht entschuldigen.“
„Sie scheinen durch etwas mißgestimmt zu sein.“
„Im Gegenteil, ich bin sehr froh. Ich habe soeben noch zum dreißigstenmal darüber nachgedacht, wie gut es ist, daß ich Ihnen abgesagt habe und nicht Ihre Frau werde. Sie taugen nicht zum Ehemann. Sie würden, wenn ich Sie heiratete, alles tun, was ich Ihnen sage. Wenn ich Ihnen dann einen Zettel gebe, um ihn dem zu überbringen, in den ich mich nach Ihnen verliebt habe, so würden Sie bestimmt hingehen und ihm den Zettel abgeben und mir womöglich noch die Antwort überbringen. Sie werden vierzig Jahre alt werden und immer noch so meine Liebesbriefe überbringen.“
Sie lachte plötzlich auf.
„In Ihnen ist heute etwas Boshaftes und zugleich doch auch Aufrichtiges,“ sagte Aljoscha, und lächelte ihr zu.
„Das Aufrichtige ist, daß ich mich nicht vor Ihnen schäme. Und nicht nur das, ich will mich nicht einmal vor Ihnen schämen, gerade vor Ihnen nicht. Aljoscha, sagen Sie, warum achte ich Sie nicht? Ich liebe Sie sehr, aber ich kann Sie nicht achten. Wenn ich Sie achtete, so würde ich doch nicht so ohne Scham mit Ihnen reden, das ist doch so?“
„Ja, das wäre so.“
„Aber glauben Sie auch, daß ich mich nicht vor Ihnen schäme?“
„Nein, das glaube ich nicht.“
Lisa lachte wieder nervös auf. Sie sprach schnell und sich überhastend.
„Ich habe Ihrem Bruder Dmitrij Fedorowitsch Konfekt ins Gefängnis geschickt. Aljoscha, wissen Sie auch, wie reizend Sie sind? Ich werde Sie schrecklich lieben, und zwar deswegen, weil Sie mir so schnell erlaubt haben, Sie nicht zu lieben.“
„Warum haben Sie mich heute zu sich gerufen, Lise?“
„Ich wollte Ihnen nur einen meiner Wünsche mitteilen, den ich jetzt beständig habe. Ich will, daß mich jemand foltere, mich heiratete und dann folterte, betröge, mich verließe und fortginge. Ich will nicht glücklich sein!“
„Sie haben die Unordnung lieb gewonnen?“
„Ach ja, ich will vor allem Unordnung! Ich will immer unser Haus anzünden. Ich stelle mir alles ganz genau vor: wie ich so heranschleiche und heimlich anzünde, unbedingt heimlich, das ist sogar die Hauptsache. Und alle kommen und löschen, das Haus aber brennt. Und ich weiß es, doch ich schweige. Ach, Dummheiten! Und wie langweilig es ist!“
Sie machte eine Handbewegung, als wenn es sie anekelte.
„Sie leben im Überfluß,“ sagte Aljoscha leise.
„Ist denn in Armut zu leben, etwa besser?“
„Ja.“
„Das hat Ihnen Ihr verstorbener Staretz in den Kopf gesetzt. Es ist aber nicht wahr. Nun gut, dann bin ich reich, und alle anderen sind arm; ich werde Schokolade und Marzipan essen und Sahne trinken, den anderen aber nichts davon geben. Ach, sprechen Sie nicht, sagen Sie nichts“ (sie winkte ihm heftig mit der Hand ab, obgleich Aljoscha nicht einmal den Mund aufgetan hatte), „Sie haben mir das alles schon früher gesagt, ich kann es ja schon auswendig. Langweilig ist es. Wenn ich arm wäre, so würde ich jemanden totschlagen, – aber auch wenn ich reich bin, werde ich jemanden totschlagen – wozu so stillsitzen! Wissen Sie, ich will Korn schneiden, Roggen will ich schneiden. Ich werde Sie heiraten, und Sie werden Bauer werden, ein richtiger, echter Landbauer; dann kaufen wir uns ein kleines Pferdchen, wollen Sie? Kennen Sie Petruscha Kalganoff?“
„Ja.“
„Er geht die ganze Zeit umher und träumt. Er sagt, warum soll man in der Wirklichkeit leben, besser ist träumen. Vorträumen kann man sich das Schönste, leben aber ist langweilig. Er wird bald heiraten, er hat auch mir seine Liebe gestanden. Verstehen Sie, Kreisel zu treiben?“
„Ja, ich glaube.“
„Sehen Sie, er ist ganz wie ein Kreisel: man stellt ihn hin, wickelt das Peitschenende ums Füßchen, zieht dann die Geschichte los, und er dreht sich, dreht sich, und man peitscht, peitscht, peitscht, damit er sich immer weiter drehe. Ich werde ihn heiraten und ihn das ganze Leben lang so treiben wie Kinder ihren Kreisel. Geniert es Sie nicht, bei mir zu sitzen?“
„Nein.“
„Es ärgert Sie schrecklich, daß ich nicht von Heiligem mit Ihnen spreche. Ich will nicht heilig sein. Sagen Sie, was geschieht mit einem in jener anderen Welt, was wird dort für die ärgste Sünde mit uns getan? Das müssen Sie doch ganz genau wissen.“
„Gott richtet,“ sagte Aljoscha, der sie aufmerksam beobachtete.
„Das ist gut, so will ich es auch haben. Ich würde hinkommen, und sie alle würden mich dort verurteilen, und ich würde ihnen dann ins Gesicht lachen. Ich will schrecklich gern etwas anzünden, Aljoscha, am liebsten unser Haus, – Sie glauben es mir nicht?“
„Warum nicht? Es gibt sogar kleine Kinder, die noch nicht einmal zwölf Jahre alt sind und doch denselben Wunsch haben. Und schließlich zünden sie auch tatsächlich etwas an. Es ist eine Art Krankheit.“
„Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr, mögen das Kinder tun, davon rede ich nicht.“
„Sie halten das Böse für gut. Das ist nur eine vorübergehende Krise, an der vielleicht Ihre frühere Krankheit schuld ist.“
„Aha, Sie verachten mich also! Nein, ich will einfach nichts Gutes tun, ich will nur Böses tun, und von Krankheit ist hier keine Spur.“
„Warum wollen Sie denn Böses tun?“
„Einfach damit nichts mehr übrigbleibt. Ach, wie schön das wäre, wenn nichts mehr übrig bliebe! Wissen Sie, Aljoscha, ich nehme mir zuweilen vor, schrecklich viel Böses zu tun und alles, was es nur Schlechtes gibt, und ich werde es lange, lange ganz heimlich tun, und dann plötzlich werden es alle erfahren. Alle werden sie mich umringen und mit den Fingern auf mich weisen, ich aber werde sie alle ansehen. Das ist sehr angenehm. Warum ist das so angenehm, Aljoscha?“
„So. Das Bedürfnis etwas Gutes zu vernichten oder auch, wie Sie sagen, etwas anzuzünden. Das kommt gleichfalls vor.“
„Aber ich habe es doch nicht nur gesagt, ich werde es doch auch tun.“
„Das will ich glauben.“
„Ach, wie ich Sie dafür liebe, daß Sie gesagt haben: Das will ich glauben. Und Sie lügen ja dabei nicht einmal! Vielleicht aber glauben Sie, daß ich es Ihnen absichtlich nur so sage, um Sie zu necken?“
„Nein, das glaube ich nicht ... übrigens ist vielleicht auch dieses Bedürfnis mit im Spiel.“
„Ein wenig, ja. Ich werde Sie nie belügen,“ sagte sie plötzlich, und in ihren Augen begann ein arges, kleines Feuer zu glühen.
Was Aljoscha am meisten stutzig machte, das war ihr Ernst: nicht einmal ein Schatten von Spott oder Scherz war auf ihrem Gesicht zu sehen, was früher selbst in den „ernstesten“ Minuten nie der Fall gewesen war.
„Es gibt Augenblicke, in denen die Menschen das Verbrechen geradezu lieben,“ sagte Aljoscha, in Gedanken versunken.
„Ja, ja! Sie haben meinen Gedanken ausgedrückt, ich wollte das selbst sagen. Alle lieben es, und immer lieben sie es, immer, nicht nur in ‚Augenblicken‘. Wissen Sie, es ist, als ob sich alle einmal verabredet hätten, in diesen Dingen immer zu lügen, und seit der Zeit lügen sie auch wirklich alle. Alle sagen, sie haßten das Schlechte, im geheimen aber lieben sie es doch alle, alle!“
„Lesen Sie immer noch schlechte Bücher?“
„Ja, ich lese sie immer noch. Mama liest sie und steckt sie unters Kissen, und ich stibitze sie dann und schleppe sie zu mir.“
„Schämen Sie sich denn nicht, sich so zu verderben?“
„Ich will mich verderben. Hier gibt es einen kleinen Knaben, der zwischen den Schienen gelegen hat, während der Zug über ihn hinwegfuhr. Der Glückliche! Wissen Sie, Ihren Bruder wird man deswegen verurteilen, weil er den Vater erschlagen hat, bei sich aber finden das alle sehr gut, und es gefällt ihnen sehr.“
„Es gefällt ihnen, daß er den Vater erschlagen hat?“
„Ja, das gefällt ihnen, allen, allen! Alle sagen, daß das schrecklich sei, im geheimen aber gefällt es ihnen furchtbar. Ich bin die erste, der es gefällt.“
„In Ihren Worten liegt etwas Wahres,“ sagte Aljoscha halblaut vor sich hin.
„Ach, was Sie für Gedanken haben!“ rief Lisa ganz begeistert. „Aber Sie sind doch Mönch! Sie glauben mir nicht, wie ich Sie dafür achte, daß Sie niemals lügen. Ach, ich werde Ihnen einen lächerlichen Traum erzählen, den ich gehabt habe: mir träumt zuweilen von Teufeln; es ist, als wäre es Nacht, ich sitze allein in meinem Zimmer, auf dem Tisch brennt ein Licht. Und plötzlich sind überall Teufel, in allen Ecken und unter dem Tisch, unter den Stühlen, und sie machen sogar die Tür auf, und dort hinter der Tür ist ihrer eine ganze Schar, und sie wollen alle hereinkommen und mich ergreifen. Und schon kommen sie näher, schon fassen sie mich an – da aber bekreuze ich mich schnell, und sie weichen alle zurück, sie fürchten sich, nur gehen sie doch nicht ganz fort, sie bleiben hinter der Tür, in den Ecken, sie warten. Und plötzlich überkommt mich die Lust, laut über Gott zu spotten, und so fange ich denn an Gott zu verspotten, und da kommen sie denn wieder in hellen Haufen auf mich zu, sie freuen sich so darüber, und da fassen sie mich auch schon wieder an – ich aber bekreuze mich schnell, und da huschen sie denn wieder alle flugs zurück. Ach, so lustig ist das, der Atem bleibt einem stehen!“
„Auch ich habe zuweilen denselben Traum,“ sagte plötzlich Aljoscha.
„Ist’s möglich?“ fragte Lisa erstaunt. „Hören Sie, Aljoscha, lachen Sie nicht, das ist sehr ernst: können denn zwei verschiedene Menschen ein und denselben Traum haben?“
„Warum denn nicht?“
„Aljoscha, ich sage Ihnen, das ist furchtbar wichtig!“ Lisa war ganz unverhältnismäßig erregt und betroffen. „Nicht der Traum ist wichtig, sondern das, daß zwei verschiedene Menschen ein und denselben Traum gehabt haben. Sie sagen mir doch nie die Unwahrheit, bitte, lügen Sie auch jetzt nicht: Ist das wirklich wahr? Sie machen sich doch nicht über mich lustig?“
„Es ist vollkommen wahr, was ich Ihnen gesagt habe.“
Lisa war ganz betroffen und verstummte auf eine Weile.
„Aljoscha, kommen Sie öfter zu mir!“ sagte sie plötzlich geradezu flehend.
„Ich werde immer, mein ganzes Leben lang werde ich zu Ihnen kommen,“ antwortete Aljoscha, und seine Stimme hatte, als er sein Versprechen gab, einen festen, ernsten Klang.
„Ich kann doch nur Ihnen allein alles sagen,“ fuhr Lisa fort. „Nur mir und Ihnen sage ich alles. Von anderen Menschen nur Ihnen allein in der ganzen Welt. Und Ihnen sage ich es noch lieber als mir. Und ich schäme mich gar nicht vor Ihnen, nicht ein bißchen. Aljoscha, warum schäme ich mich nicht vor Ihnen? Aljoscha, ist es wahr, daß die Juden zu Ostern kleine Christenkinder stehlen und dann schlachten?“
„Das weiß ich nicht.“
„Ich habe hier ein Buch, darin habe ich von einer Gerichtsverhandlung gelesen: ein Jude hatte einem vierjährigen Knaben alle Fingerchen abgeschnitten, von beiden Händchen, und dann hatte er ihn gekreuzigt, einfach mit Nägeln an die Wand geschlagen. Vor Gericht aber hat er gesagt, der Knabe sei bald gestorben, ungefähr nach vier Stunden. Das ist doch sehr ‚bald‘ – nicht wahr? Er sagt noch, der Kleine habe gestöhnt, die ganze Zeit gestöhnt – er aber hat vor ihm gesessen und sich daran ergötzt. Das muß sehr schön gewesen sein.“
„Schön?“
„Ja, schön. Ich stelle mir zuweilen vor, daß ich den Kleinen so gekreuzigt hätte. Er hängt an der Wand, ich aber setze mich vor ihn hin und esse Ananaskompott. Ich esse sehr gern Ananaskompott. Sie auch?“
Aljoscha blickte sie schweigend an. Ihr bleiches Gesicht verzerrte sich plötzlich, und ihre Augen erglühten.
„Wissen Sie, als ich das von jenem Juden gelesen hatte, habe ich die ganze Nacht geweint und gezittert. Ich stellte mir vor, wie der Knabe schreit und stöhnt – vierjährige Kinder begreifen doch schon – ich aber kann den Gedanken an das Kompott nicht loswerden. Am Morgen stand ich auf und schickte einem gewissen Menschen einen Brief mit der Bitte, unbedingt zu mir zu kommen. Er kam, und ich erzählte ihm plötzlich von diesem Knaben und dem Ananaskompott, erzählte ihm alles, alles, und ich sagte ihm auch, das es ‚schön‘ sei. Da lachte er und sagte, es sei tatsächlich schön. Darauf erhob er sich und ging fort. Er hatte hier im ganzen nur fünf Minuten gesessen. Verachtete er mich, ja? Sagen Sie, sagen Sie doch, Aljoscha, verachtete er mich, oder verachtete er mich nicht?“ Sie saß steif aufgerichtet in ihrem Lehnstuhl, und ihre Augen glühten.
„Sagen Sie mir,“ fragte Aljoscha erregt, „haben Sie ihn selbst gerufen, diesen Menschen?“
„Ja, ich selbst.“
„Sie haben ihm einen Brief geschrieben?“
„Ja, einen Brief.“
„Nur um ihn das zu fragen, das von dem Kinde?“
„Nein, durchaus nicht deshalb, durchaus nicht. Als er aber eintrat, fragte ich ihn sofort, wie er das fände. Er antwortete, lachte, verbeugte sich und ging.“
„Dieser Mensch hat sich ehrenhaft Ihnen gegenüber benommen,“ sagte Aljoscha halblaut.
„Aber er hat mich verachtet? Sich über mich lustig gemacht?“
„Nein, denn er glaubt vielleicht selbst an das Ananaskompott. Er ist jetzt gleichfalls sehr krank, Lise.“
„Ja, er glaubt daran!“ Lisas Augen blitzten auf.
„Er verachtet niemanden,“ fuhr Aljoscha fort. „Nur glaubt er auch niemandem. Wem er aber nicht glaubt, den, versteht sich, den verachtet er auch.“
„Dann also auch mich? auch mich?“
„Auch Sie.“
„Das ist gut,“ sagte Lisa gleichsam knirschend. „Als er lachte und hinausging, da empfand ich zum erstenmal, daß es schön ist, verachtet zu werden. Und auch der Knabe mit den abgeschnittenen Fingern ist schön, und auch verachtet zu sein, ist schön ...“
Sie blickte Aljoscha starr in die Augen und lachte, lachte boshaft – wie in auflodernder Bosheit.
„Wissen Sie, Aljoscha, wissen Sie, ich wünschte ... Aljoscha, retten Sie mich!“ Sie sprang plötzlich auf von ihrem Rollstuhl, stürzte zu ihm und umklammerte ihn krampfhaft. „Retten Sie mich!“ entrang es sich ihr flehend und fast wie ein Gestöhn. „Kann ich denn auch nur einem einzigen Menschen in der Welt alles so sagen, wie ich es Ihnen gesagt habe? Ich habe doch die Wahrheit, die ganze, ganze Wahrheit gesagt! Ich werde mir das Leben nehmen, mich widert alles an! Ich will nicht leben, es ist alles ekelhaft! Alles, alles ist mir ekelhaft! Aljoscha, warum lieben Sie mich denn gar nicht, warum, warum lieben Sie mich nicht!“ schloß sie ganz verzweifelt.
„Doch, ich liebe dich!“ verteidigte sich Aljoscha erregt, und in seinen Worten klang ein heißer Ton.
„Werden Sie aber auch über mich weinen, werden Sie?“
„Bestimmt!“
„Ich danke Ihnen! Ich habe ja nur Ihre Tränen nötig. Die anderen alle, mögen die mich meinetwegen mit den Füßen zerstampfen, alle, alle, ohne auch nur einen einzigen Menschen auszunehmen, jawohl, alle ohne Ausnahme! Denn ich liebe niemanden. Hören Sie, nie–man–den! Im Gegenteil, ich hasse alle! Gehen Sie, Aljoscha, Sie müssen sich beeilen, zum Bruder zu kommen!“ Sie hatte sich plötzlich von ihm losgerissen.
„Aber wie werden Sie denn so zurückbleiben?“ fragte Aljoscha ganz erschrocken.
„Gehen Sie zu Ihrem Bruder, das Gefängnis wird geschlossen, gehen Sie, hier ist Ihr Hut! Küssen Sie Mitjä, gehen Sie, aber so gehen Sie doch endlich!“
Und sie schob Aljoscha beinahe mit Gewalt zur Tür hinaus. Der sah noch unentschlossen und besorgt aus, als er plötzlich fühlte, wie sie ihm ein kleines, hartes Briefchen in die Hand drückte. Unwillkürlich erhob er ein wenig die Hand und warf einen Blick auf das versiegelte Kuvert – er las: „Herrn Iwan Fedorowitsch Karamasoff.“ Aljoscha zuckte zusammen und warf einen Blick auf Lisa. Ihr Gesicht sah fast drohend aus.
„Übergeben Sie es, übergeben Sie es unbedingt!“ befahl sie außer sich, am ganzen Körper zitternd. „Tun Sie es sofort, unverzüglich! Oder ich nehme Gift! Nur deswegen habe ich Sie zu mir gerufen!“
Und heftig schlug sie die Tür zu ... nur eine kleine Spalte blieb. Aljoscha steckte den Brief in die Tasche und ging geradeswegs zur Treppe, ohne vorher noch bei Frau Chochlakoff einzutreten und sich von ihr zu verabschieden. Er hatte sie ganz vergessen. Kaum aber hatte sich Aljoscha entfernt, als Lise sofort die Tür aufriß, ihren Finger an den Türrahmen legte, die Tür wieder zuschlug und sie mit aller Gewalt gegen ihren eingeklemmten Finger preßte. Ungefähr nach zehn Sekunden vergrößerte sich die Spalte, sie zog die Hand zurück und ging langsam und leise zu ihrem Lehnstuhl, setzte sich steif aufgerichtet hin und betrachtete aufmerksam ihr blaurotes, blutunterlaufenes Fingerspitzchen und das dunkle Blut, das sie unter dem Nagel hervorgepreßt hatte. Ihre Lippen zitterten, und sie sagte leise, doch schnell vor sich hin:
„Gemein, gemein, gemein, gemein bin ich!“
IV. Die Hymne und das Geheimnis
Es war schon sehr spät, als Aljoscha am Gefängnistor schellte. Es begann schon stark zu dunkeln – sind doch die Novembertage nicht lang. Aljoscha wußte aber, daß man ihn ungehindert zu Mitjä durchlassen werde. Vorsichtsmaßregeln werden in unserem Städtchen nicht anders als überall in der Welt beobachtet. Anfangs natürlich, als die Voruntersuchung noch nicht abgeschlossen war, da gab es noch verschiedene Schwierigkeiten zu überwinden, wenn man zu Mitjä gelangen wollte, doch mit der Zeit wurden diese Formalitäten, wenigstens für die Verwandten, bedeutend abgeschwächt, und schließlich wurden mit einigen von den Besuchern regelrechte Ausnahmen gemacht. Ja, zuweilen fanden die Zusammenkünfte in dem dazu bestimmten Zimmer so gut wie unter vier Augen statt. Übrigens wurden diese Ausnahmen doch nur mit wenigen gemacht: nur mit Gruschenka, Aljoscha und Rakitin. Gruschenka hatte das dem besonderen Wohlwollen unseres alten Polizeichefs Michail Makarowitsch zu danken. Dem Alten lagen immer noch die bösen Worte, mit denen er sie in Mokroje angeschrien hatte, auf der Seele. Später, als er den ganzen Sachverhalt erfahren hatte, änderte er seine Meinung über sie. Und sonderbar: obgleich er von Mitjäs Schuld fest überzeugt war, beurteilte er ihn, seitdem der „Verbrecher“ hinter Schloß und Riegel saß, doch viel nachsichtiger, empfand schließlich sogar fast Mitleid mit ihm. „Es war vielleicht ein herzensguter Mensch,“ meinte er, „hat sich aber durch Trunk und Ausschweifung selbst zugrunde gerichtet, ja, ja, wie’n oller Schwede bei Poltawa, jetzt ist nichts mehr zu machen!“ Was aber Aljoscha betrifft, so hatte ihn Michail Makarowitsch, der ihn schon lange kannte, aufrichtig ins Herz geschlossen, und Rakitin, der Mitjä in der Folge immer häufiger besuchte, war wiederum ein guter Bekannter von seinen Enkelinnen, die er oft besuchte; außerdem gab er im Hause des Gefängnisinspektors Privatstunden. Aljoscha war gleichfalls gut mit dem alten Inspektor bekannt, da jener gern mit ihm über „Allwissenheit im allgemeinen“ sprach. Iwan Fedorowitsch aber, oh, der! – vor dem hatte der Inspektor nicht nur unermeßlichen Respekt, vor dem fürchtete er sich geradezu, besonders was seine „philosophischen Urteile“ betraf, obwohl er selbst ein großer Philosoph war – versteht sich: „so weit der Verstand dazu ausreicht“. Für Aljoscha aber empfand er eine unbezwingliche Sympathie. Im letzten Jahre hatte sich der Alte an die apokryphen Evangelien gemacht und war dann Sonntags immer ins Kloster gegangen, um seinem jungen Freunde seine Eindrücke und Gedanken mitzuteilen. Zuweilen hatte er mit ihm und den Priestermönchen stundenlang disputiert. So hätte denn Aljoscha, wenn ihm vom Wächter der Eintritt verwehrt worden wäre, nur zum Inspektor zu gehen gebraucht, um trotz der späten Stunde noch seinen Bruder sehen zu können. Zudem hatten sich alle im Gefängnis, bis zum letzten Wächter, an ihn gewöhnt, und ein jeder von ihnen sah ihn gern. Die Wache hatte natürlich nichts dagegen, wenn er nur die Erlaubnis vom Vorgesetzten hatte. Mitjä kam, wenn er gerufen wurde, stets aus seiner Zelle in den unteren Stock, in den Raum, der für den Besuch bestimmt war. Als Aljoscha eintreten wollte, stieß er fast mit Rakitin zusammen, der Mitjä gerade verließ. Beide sprachen sie laut. Mitjä, der ihn zur Tür begleitete, lachte herzlich über irgend etwas, Rakitin aber schien etwas vor sich hin zu brummen. Es war Aljoscha besonders in der letzten Zeit aufgefallen, daß Rakitin ihn nicht gerne sah, jedenfalls vermied, mit ihm zu sprechen, und kaum seinen Gruß erwiderte. Als Rakitin jetzt plötzlich Aljoscha erblickte, runzelte er mit ganz besonders geschäftiger Miene die Stirn, blickte wie suchend zur Seite und tat, als ob er ganz mit dem Zuknöpfen seines großen Paletots, den ein warmer Pelzkragen zierte, beschäftigt wäre. Darauf machte er sich daran, seinen Schirm zu suchen.
„Wenn ich nur nichts von meinen Sachen vergesse,“ brummte er vor sich hin – einzig um etwas zu sagen.
„Gib nur acht, daß du von fremden Sachen nichts vergißt,“ witzelte Mitjä und lachte über seine Bemerkung.
Rakitin war sofort beleidigt.
„Das empfiehl lieber deinen Karamasoffs, deinen Leibeigenschaftspartisanen, aber nicht Rakitin!“ rief er aufbrausend vor Wut.
„Was fehlt dir? Ich habe doch nur gescherzt ... Pfui Teufel! So sind sie ja alle,“ sagte er darauf zu Aljoscha, indem er mit dem Kopf noch zur Seite auf Rakitin wies, der sich schnell entfernte; „er hat die ganze Zeit hier gesessen, gelacht und ist fröhlich gewesen, und dann plötzlich das reine Noli me tangere! Dir hat er nicht einmal mit dem Kopf zugenickt. Habt ihr euch beide denn ganz überworfen? Warum kommst du heute so spät? Ich habe dich vom Morgen an nicht etwa nur erwartet, ich habe mich geradezu nach dir gesehnt, wie, wie, ich weiß nicht wie! Nun, macht nichts. Wir können es ja jetzt nachholen.“
„Warum besucht er dich jetzt so oft? Hast du dich mit ihm etwa angefreundet?“ fragte Aljoscha, indem er gleichfalls mit dem Kopf auf die Tür wies, durch die Rakitin hinausgegangen war.
„Ich mich mit diesem Michail angefreundet? Nein, mein Lieber ... Dieses Schwein! Er hält mich für einen ... Schuft. Scherz verstehen diese Leute gleichfalls nicht – das ist das Charakteristischste. Niemals wird diese Sorte Menschen Scherz verstehen. Trocken sind ihre Seelen, trocken und flach und platt, ganz wie mir damals die Gefängniswände erschienen, als ich hergefahren wurde und zum erstenmal diese Mauern sah. Aber er ist nicht dumm, durchaus nicht dumm. Nun, Alexei, mein Kopf ist jetzt verloren!“
Er setzte sich auf die Bank und zog Aljoscha neben sich nieder.
„Ja, morgen wird das Urteil gesprochen. Aber hast du denn wirklich so alle Hoffnung verloren, Mitjä?“ fragte Aljoscha schüchtern und mitleidig.
„Wieso, wie meinst du das?“ Mitjä blickte ihn seltsam unbestimmt an. „Ah so, du sprichst vom Gericht! Na, zum Teufel damit! Wir haben beide bis jetzt nur über Dummheiten gesprochen, immer nur von diesem Gericht, über das Wichtigste aber habe ich geschwiegen, wenn ich mit dir zusammen war. Ja, morgen wird man über mich zu Gericht sitzen, nur habe ich nicht in der Beziehung gesagt, daß mein Kopf verloren sei. Nicht mein Kopf ist verloren, sondern das, was im Kopf war, das ist verloren. Warum siehst du mich so kritisch an?“
„Wovon redest du, Mitjä?“
„Ideen, Ideen, das ist es! Ethik! Was ist das eigentlich für ein Gewächs, die Ethik?“
„Ethik?“ fragte Aljoscha verwundert.
„Ja, das ist wohl irgendeine Wissenschaft, aber was für eine ist es nun eigentlich?“
„Ja, es gibt eine solche Wissenschaft ... nur ... ich muß gestehen, ich kann es dir nicht so ganz erklären, was für eine das ist.“
„Rakitin weiß es. Der Schuft weiß ziemlich viel ... ach nun, hol ihn der Teufel! Mönch wird er jedenfalls nicht werden. Er spitzt sich auf Petersburg. Dort, sagt er, will er Kritiken schreiben, und zwar mit einer edlen Tendenz. Nun was, meinen Segen hat er, wird vielleicht noch nützlich sein und sich eine Karriere bauen. Oh, was das Karrieremachen betrifft, darin sind diese Leute Meister! Zum Teufel mit der Ethik. Ich aber bin verloren, Alexei, ich! – begreifst du das, du Kind Gottes! Ich liebe dich am meisten von allen in der Welt. Wenn ich dich sehe, weitet sich mein Herz, begreifst du das? Was hat es dort für einen Karl Bernard gegeben?“
„Karl Bernard?“ fragte Aljoscha wiederum verwundert.
„Nein, nicht Karl, wart, wie hieß doch das Vieh? – Ach, richtig, Claude Bernard. Was ist nun das jetzt wieder? Chemie etwa, nicht?“
„Das ist wahrscheinlich ein Gelehrter,“ meinte Aljoscha, „nur muß ich wieder gestehen, daß ich dir auch von ihm nicht viel sagen kann. Ich habe nur den Namen gehört, ich weiß, daß es ein Gelehrter ist, was für einer aber, das weiß ich nicht.“
„Na, dann hol ihn der Teufel, auch ich weiß es nicht,“ schimpfte Mitjä. „Höchstwahrscheinlich ist’s irgendein Gauner und weiter nichts – wie sie es ja alle sind. Rakitin wird sich schon durchfressen. Rakitin wird selbst durch Spalten, durch die kein Floh durch kann, auch noch durchkriechen. Das ist gleichfalls so ein Bernard. Ach, diese Bernards! Weiß Gott, die vermehren sich wahrlich wie Kaninchen!“
„Aber was hast du heute?“ fragte Aljoscha ernst.
„Er will über mich, das heißt über meinen Prozeß, einen Artikel schreiben und damit in die Literatur eintreten, deswegen kommt er her, – hat es mir selbst erklärt. Das soll so eine Chose mit ’ner besonderen Tendenz werden, ungefähr: ‚Er konnte unmöglich nicht morden, die Verhältnisse seiner Umgebung zwangen ihn dazu,‘ oder so was Gutes. Und das geht so endlos weiter, er hat es mir selbst erklärt. Mit einem leisen Hauch von Sozialismus, sagt er, wird es sein. Ach, hol ihn der Teufel samt seinem ganzen leisen Hauch, mir soll’s egal sein. Iwan kann sich nicht seiner Wohlgeneigtheit erfreuen. Rakitin haßt ihn. Für dich hat er gleichfalls nichts Gutes übrig. Nun, ich jage ihn aber nicht fort, er ist trotz alledem ein gescheiter Kerl. Überhebt sich bloß unglaublich. Ich sagte ihm vorhin, als du eintratest: ‚Die Karamasoffs sind nicht Schufte, sondern Philosophen, denn alle echten Russen sind Philosophen, du aber bist, wieviel du da auch gelernt haben magst, doch kein Philosoph, sondern ein ganz gemeiner Knecht.‘ Er lachte, so gehässig, weißt du. Da sagte ich ihm: de Geschmackibus non est disputandum. Ist der Witz nicht gut? Na, wenigstens habe auch ich jetzt mal was Klassisches gesagt.“ Mitjä lachte.
„Aber sag doch, wodurch bist du denn verloren? Du sagtest es doch vorhin?“ unterbrach ihn Aljoscha.
„Wodurch verloren? Hm! Im Grunde ... wenn man so das Ganze nimmt – um Gott tut es mir leid. Sieh, dadurch bin ich verloren.“
„Wie das, warum tut es dir denn leid um ihn?“
„Nun, wart, stell dir vor: Es gibt dort in den Nerven im Kopf, das heißt dort im Gehirn, solche Nerven ... ach, nun, der Teufel hole sie! – es gibt da solche, solche Schwänzchen, nämlich an den Nerven solche Schwänzchen, nun, und sobald sie dort nur anfangen zu zappeln oder zu zippeln ... das heißt, sieh: Ich sehe zum Beispiel mit meinen Augen auf irgend etwas, sieh so, geradeaus, und sie fangen plötzlich an zu zittern, nämlich diese Schwänzchen meine ich ... wie sie aber erzittern, da erscheint denn auch der Gegenstand, das Bild, oder was es da ist, aber es erscheint nicht sofort, da vergeht noch zuerst ein Augenblick Zeit, so eine Sekunde, und dann, heißt es, tritt so ein Moment ein, das heißt, kein Moment, – der Teufel hole die Momente! – sondern ein Bild oder ein Gegenstand oder eine Handlung, – ach, nun, hol sie allesamt der Teufel! – also deswegen sehe ich und denke ich dann später ... weil so ein Schwänzchen da ist, und weil es zippelt, und durchaus nicht darum, weil ich eine Seele habe, und weil ich da so ein Ebenbild Gottes bin, das sind alles nur Dummheiten. Das hat mir dieser Michail noch gestern ganz genau erklärt, und weißt du, es war mir, als hätte er mir Feuer übergegossen. Großartig, bei Gott, ist diese Wissenschaft! Ein neuer Mensch entsteht, das begreife auch ich, Bruder ... Aber trotzdem tut es mir doch leid um Gott!“
„Tut nichts, auch das ist gut,“ sagte Aljoscha.
„Daß es mir um Gott leid tut? Die Chemie rückt ran, Brüderchen, ja, ja, die Chemie! Nichts zu machen, Ew. Hochehrwürden, Sie müssen zur Seite treten, die Chemie kommt! Von Gott aber will Rakitin nichts wissen, oh! den kann er nicht verdauen! Gott ist bei diesen Leuten der wundeste Punkt! Aber sie suchen es zu verbergen. Sie lügen. Verstellen sich. Ich fragte ihn: ‚Nun was, wirst du das gleichfalls in deine Kritiken hineinbringen?‘ – ‚Tja, soweit man’s durchläßt, deutlich wird man sich doch wohl nicht fassen können,‘ sagt er. Lacht. ‚Aber wie ist’s denn jetzt?‘ fragte ich ihn, ‚was ist denn der Mensch noch nach alledem? Ohne Gott und ohne Leben nach dem Tode? Das heißt dann doch, daß alles erlaubt ist, dann kann man ja alles machen?‘ – ‚Und du wußtest das noch nicht?‘ sagt er. Lacht. ‚Ein kluger Mensch,‘ sagt er, ‚kann alles tun, ein kluger Mensch kann auch Krebse fangen, ohne geklemmt zu werden. Nun, du aber hast erschlagen und bist hereingefallen, und jetzt kannst du im Gefängnis lebendig verfaulen!‘ Das sagt er mir, versteh, ins Gesicht! Ein geborenes Schwein! Solches Pack habe ich früher hinausgeworfen ... jetzt hört man ihnen zu. Er spricht aber auch Gescheites. Auch schreibt er nicht schlecht. Riesig klug sogar. Vor einer Woche las er mir hier einen Artikel vor, ich habe daraus drei Zeilen abgeschrieben, wart, ich habe sie, hier, hier sind sie.“
Mitjä zog eilig aus seiner Westentasche ein kleines Papier hervor und las:
„Um dieses Problem zu lösen und seinen abstrakten Sinn richtig zu erfassen, ist die erste Bedingung, daß man seine Persönlichkeit der ganzen Wirklichkeit quer entgegensetzt.“
„Begreifst du was davon?“
„Nein,“ sagte Aljoscha. Er beobachtete interessiert seinen Bruder und hörte ihm aufmerksam zu.
„Ich auch nicht. Dunkel ist es und unklar, dafür aber klug. ‚Alle schreiben jetzt so,‘ sagt er, ‚das Milieu hat sich bereits herausgebildet ...‘ Das ist es ja, sie fürchten, daß die Kollegen den Stil nicht klug genug finden könnten. Auch Gedichte schreibt das Schwein ... Denk doch nur, er hat Frau Chochlakoffs Füßchen besungen, hahaha!“
„Ich weiß, ich habe davon gehört,“ sagte Aljoscha.
„Ja? Und auch das Gedicht?“
„Nein, das Gedicht selbst habe ich nicht gehört.“
„Ich habe es hier, wart, ich werde es dir vorlesen. Du weißt noch nicht alles, ich habe es dir nicht erzählt, das ist ja eine ganze Geschichte. Der Spitzbube! Denk dir, vor drei Wochen war’s, da läßt er sich plötzlich einfallen, mich zu foppen: ‚Da bist du nun wegen lumpiger Dreitausend perdu,‘ sagt er, ‚ich aber werde mir Hundertfünfzigtausend verschaffen, werde hier eine kleine Witwe heiraten und mir dann in Petersburg ein Haus kaufen, ein großes von Stein.‘ Und er erzählt mir, daß er der Chochlakowa den Hof macht, die aber, sagt er, die von Kindheit an keinen Verstand gehabt hat, hätte ihn mit vierzig Jahren vollends verloren. ‚Sie ist fabelhaft sentimental,‘ sagt er, ‚das wird mir aber zustatten kommen. Werde sie heiraten, nach Petersburg mitnehmen und dort eine Zeitung herausgeben.‘ Und dabei wässert ihm der Mund in so gemeiner Lüsternheit, – doch nicht nach der Chochlakowa, sondern nach den Hundertfünfzigtausend. Und täglich kam er her und beteuerte, es ginge famos; sie ergibt sich, sagt er, strahlt vor Freude. Und da wird er plötzlich vor die Tür gesetzt! Perchotin hat ihn aus dem Sattel gehoben! Das hat er großartig gemacht! Ich würde diese kleine Witwe am liebsten zehnmal kräftig dafür abküssen, daß sie ihn vor die Tür gesetzt hat! Er war gerade kurz vorher bei mir gewesen, um mir dieses Gedicht vorzulesen. ‚Zum erstenmal besudle ich meine Hände,‘ sagte er, ‚schreibe Gedichte – um sie zu bezaubern, das heißt also, zu einem nützlichen Zweck. Habe ich erst der Gans das Kapital abgenommen, so kann ich später damit großen sozialen Nutzen bringen.‘ Dieses Pack hat doch für jede Gemeinheit eine ‚soziale‘ Rechtfertigung! ‚Und doch habe ich,‘ sagt er, ‚besser als dein Puschkin gedichtet, denn ich habe es fertig gebracht, in einem närrischen Gedicht ein soziales Malheur auszudrücken.‘ Was er da von Puschkin sagt, das verstehe ich schließlich. Es ist ja wahr. Ein begabter Mensch, der dabei nur Weiberfüßchen besungen hat! Wie aber Rakitin auf sein Gedicht stolz war! Eine Eigenliebe haben die Kerls! So etwas Dünkelhaftes findet man nicht leicht. ‚Zur Heilung des kranken Füßchens meines Objekts‘ – das hat er sich als Überschrift ausgedacht! Nichts zu sagen, ein kühner Mann! Hör jetzt:
Es war einmal ein kleiner Fuß, Der eines Tags erkrankte; Die Ärzte kamen tagtäglich ins Haus, Doch der Fuß es ihnen nicht dankte, – Denn er wurde nicht gesund.
Doch wie dem nun auch sein mag, Ich will deswegen nicht trauern. Mir tut es nur leid ums Köpfchen, Den Fuß mag Puschkin bedauern, – Denn er wurde nicht gesund.
Das Köpfchen fing grad an zu verstehen, Da kam das Füßchen und störte. Ach! mag es doch wieder gehen, Damit das Köpfchen mich hörte! – Denn es wäre sonst gar zu dumm ...
Ein Schwein ist der Kerl, ein geborenes Schwein, aber er hat sich dabei doch ganz flott ausgedrückt. Und er hat sogar den Kummer über das schwache Köpfchen hineingeflochten, und seine ganze ‚soziale‘ Sehnsucht, nach Petersburg zu kommen, liegt in diesem ‚Ach!‘ Wie er aber wütend war, Herrgott! daß sie ihn vor die Tür gesetzt hatte! Er knirschte selbst hier noch vor Wut!“
„Er hat sich auch schon gerächt,“ sagte Aljoscha. „Er hat einen Bericht an die ‚Gerüchte‘ geschickt, in dem er über sie herzieht.“
Und Aljoscha erzählte ihm kurz von der Nachricht aus dem Petersburger Blatt.
„Das kann allerdings nur Rakitin getan haben!“ sagte Mitjä finster, nachdem er unruhig zugehört hatte, und er biß nervös die Unterlippe. „Das ist wieder echt Rakitin! Diese Korrespondenzen ... ich weiß ... wieviel Schändlichkeiten geschrieben worden sind ... über Gruscha zum Beispiel ... Und auch über sie, über Katjä ... Hm!“
Er erhob sich und schritt besorgt im Zimmer auf und ab.
„Mitjä, ich kann heute nicht lange bei dir bleiben,“ sagte Aljoscha nach kurzem Schweigen. „Morgen ist ein unheimlich großer Tag für dich: Gottes Gericht wird sich über dir vollziehen ... und du sprichst heute, anstatt Ernstes zu reden, weiß Gott, wovon ... Das, das wundert mich ...“
„Nein, wundere dich nicht,“ unterbrach ihn Mitjä erregt. „Was soll ich denn immer wieder von diesem stinkenden Hunde reden? Haben wir denn noch immer nicht genug über den Mörder gesprochen? Ich will nichts mehr von ihm hören, von dieser Ausgeburt der Idiotin. Gott wird ihn totschlagen, das wirst du sehen, schweig!“
Anfangs trat er dicht an Aljoscha heran, und plötzlich küßte er ihn. Seine Augen brannten.
„Rakitin würde das nicht verstehen,“ fuhr er fort, als ob ihn Begeisterung erfaßt hätte, „du aber, du wirst alles verstehen. Deswegen habe ich mich auch nach dir gesehnt. Sieh, ich wollte dir schon lange hier zwischen diesen nackten Wänden vieles sagen, aber ich habe bis jetzt doch das Wichtigste verschwiegen: Es war mir immer, wenn ich davon anfangen wollte, als wäre die Zeit dazu noch nicht gekommen. So habe ich unbewußt bis zur letzten Stunde gewartet, um vor dir meine Seele aufzutun. Aljoscha, ich habe in diesen zwei letzten Monaten einen neuen Menschen in mir entdeckt, ein neuer Mensch ist in mir auferstanden! Dieser Mensch war immer in mir verborgen, doch es wäre mir nie zum Bewußtsein gekommen, daß ich ihn in mir trug, wenn Gott nicht dieses Gewitter geschickt hätte. Unheimlich ist das Leben! Aber was liegt daran, daß ich zwanzig Jahre lang dort in sibirischen Erzgruben mit dem Hammer klopfen werde, – das schreckt mich jetzt nicht mehr. Ich fürchte etwas ganz anderes, und das ist meine einzige große Angst: ich fürchte und bange, daß mich der in mir auferstandene Mensch nur ja nicht wieder verläßt! Man kann auch dort in den Erzgruben unter der Erde neben sich in genau solch einem Zwangsarbeiter und Mörder ein menschliches Herz finden, und man kann ihm dort näher treten, denn auch dort kann man leben, lieben und leiden. In diesem Zwangsarbeiter kann man doch das erfrorene Herz wieder beleben, jahrelang kann man ihn pflegen, und einmal wird man die Seele aus der dunklen Höhle zum Licht emporziehen, und dann wird er bereits ein veredelter Mensch sein, ein Mensch mit der Anschauung eines Märtyrers. Ja, so kann man Engel auferstehen machen und Helden wieder beleben! Und ihrer gibt es doch so viele dort unter der Erde, Hunderte, und wir alle haben schuld an ihnen! Warum träumte mir damals vom ‚Kindichen‘, warum gerade in jener Stunde? ‚Warum ist das Kindichen arm?‘ Das war in jenem Augenblick eine Prophezeiung! Für das ‚Kindichen‘ gehe ich hin. Denn alle sind für alle schuldig. Überall gibt es solche ‚Kindichen‘, denn es gibt ja kleine und große Kinder. Alle sind solch ein ‚Kindichen‘. Und so gehe ich denn für alle, denn irgend jemand muß doch für alle gehen! Ich habe meinen Vater nicht erschlagen, aber ich muß hingehen. Ich nehme es auf mich! Das alles ist mir erst hier aufgegangen ... hier zwischen den nackten Wänden. Ihrer aber gibt es doch viele, zu Hunderten sind sie dort unter der Erde, und alle haben sie eine Haue in der Hand. O ja, ich weiß, wir werden in Ketten sein, und wir werden keinen freien Willen haben, doch dann, in unserem großen Leid, werden wir von neuem zur Freude auferstehen, zur Freude, ohne die es dem Menschen unmöglich ist, zu leben, ebensowenig wie Gott ohne sie sein kann, denn Gott gibt die Freude, das ist sein großes Privilegium ... Gott, mein Gott, erweiche den Menschen im Gebet! Wie werde ich denn dort unter der Erde ohne Gott leben? Rakitin lügt: Wenn man Gott von der Erde vertreibt, so werden wir ihn dort unter der Erde willkommen heißen! Für einen unterirdischen Zwangsarbeiter ist es unmöglich, ohne Gott auszukommen, unmöglicher als für einen Nichtzwangsarbeiter. Und dann werden wir, wir unterirdischen Sträflinge dort in den Schachten Sibiriens, aus dem Eingeweide der Erde eine tragische Hymne unserem Gotte singen, unter der Erde hervor unserem Gotte, bei dem die Freude ist! Ach, es lebe Gott, und es lebe deine Freude! – Ich liebe dich, Gott!“
Die Worte stürzten Mitjä fast atemlos über die Lippen. Er war bleich, seine Lippen zuckten, und aus seinen Augen rollten Tränen herab.
„Nein, das Leben ist groß, groß ist das Leben und voll und mächtig ist es! Leben ist auch unter der Erde!“ begann er wieder in seiner Begeisterung. „Du kannst dir nicht einmal denken, Alexei, wie ich jetzt leben will, wie, wie ich lechze nach Leben und Erkennen, welch ein Verlangen danach sich gerade hier zwischen diesen nackten Wänden in mir erhoben hat! Rakitin begreift das nicht, er will nur ein Haus bauen und dann Wohnungen vermieten. Ich aber habe dich erwartet, um dir zu sagen ... Und was ist denn das Leiden? Ich fürchte es nicht, und wenn es auch unermeßlich sein sollte. Jetzt fürchte ich es nicht, früher fürchtete ich es. Weißt du, ich, ich werde morgen vielleicht gar nicht antworten vor Gericht ... Ich glaube, ich habe jetzt so viel von dieser Kraft in mir, daß ich alles besiegen werde, alles werde ich überwinden, alles Leid, nur um mir immer wieder sagen zu können: Ich bin! Unter tausend Qualen – ich bin! Wenn ich mich auch auf der Folterbank krümme – aber ich bin! Und wenn ich auch angeschmiedet bin, so lebe ich doch, so sehe ich doch die Sonne, oder wenn ich sie auch nicht sehe, so weiß ich doch, daß sie ist! Wissen aber, daß die Sonne ist, – das ist schon ein ganzes Leben. Aljoscha, du mein Cherub, mich quälen verschiedene Philosophien, der Teufel hole sie! Bruder Iwan ...“
„Was? was wolltest du sagen von Iwan?“ fragte Aljoscha hastig, doch Mitjä überhörte die Frage ganz.
„Sieh, früher wußte ich nichts von allen diesen Zweifeln, aber es war doch schon alles in mir. Vielleicht war das der einzige Grund, weil diese unbewußten Ideen in mir tobten, warum ich trank und mich herumschlug und ins Leben stürmte. Um sie in mir zum Schweigen zu bringen, um sie zu beruhigen, zu ersticken, darum tobte ich. Iwan ist nicht wie Rakitin, er trägt eine große Idee. Iwan ist eine Sphinx und schweigt, er schweigt immer und zu allem. Mich aber quält Gott. Nur Gott quält mich. Was aber dann, wenn Er nicht ist? Was dann, wenn Rakitin recht hat, daß das nur eine künstliche Idee in der Menschheit ist? Dann, wenn Er nicht ist, dann ist der Mensch der Herr der Erde. Großartig! Wie aber wird er denn tugendhaft sein ohne Gott? Das ist die Frage! Über diese Frage komme ich nicht hinweg. Denn wen wird er dann noch lieben, dieser Mensch ohne Gott? Wem wird er dann noch dankbar sein, wem wird er dann noch eine Hymne singen? Rakitin lacht darüber. Er sagt, man könne die Menschheit auch ohne Gott lieben. Nun, dieser Rotzbub kann schließlich vieles behaupten. Nein, das verstehe ich nicht. Rakitin hat leicht, zu leben. ‚Du,‘ sagte er mir heute, ‚bemühe dich lieber um die Vermehrung der bürgerlichen Rechte der Menschen oder meinetwegen auch nur darum, daß der Preis des Rindfleisches nicht steige; damit wirst du der Menschheit einfacher und unmittelbarer eine Liebe erweisen als mit Philosophien.‘ Da wurde ich wütend. ‚Du aber,‘ sagte ich ihm, ‚wirst ohne Gott selbst noch den Preis des Rindfleisches erhöhen, wenn das nur in deiner Macht steht, wirst womöglich einen Rubel auf jede Kopeke aufschlagen.‘ Er ärgerte sich. Denn was ist Tugend? Beantworte du mir diese Frage, Alexei. Ich habe eine Tugend, und der Chinese hat eine andere – folglich: ein relatives Ding. Oder nicht? Oder nicht relativ? Hm, eine hinterlistige Frage! Lach nicht, wenn ich dir sage, daß ich ihretwegen zwei Nächte nicht geschlafen habe. Ich wundere mich jetzt nur noch über eines: Wie die Menschen so leben können und niemals darüber nachdenken. Wie beschäftigt sie alle sind! Iwan hat keinen Gott. Er hat eine Idee. Das ist zu hoch für mich. Aber er schweigt. Ich glaube, er ist Freimaurer. Ich habe ihn gefragt – er schweigt. Ich wollte aus seinem Brunnen einen Schluck Wasser trinken – er schweigt. Nur ein einziges Mal sagte er ein Wort.“
„Was sagte er?“ fragte Aljoscha gierig.
„Ich sagte ihm: Dann ist also alles erlaubt, wenn es so ist? Er runzelte die Stirn. ‚Fedor Pawlowitsch, unser Vater,‘ sagte er, ‚war zwar ein Schwein, aber er dachte doch vollkommen richtig.‘ Sieh, was er zu sagen fertig brachte. Und das war alles, was er darauf zu erwidern geruhte. Mehr habe ich nicht von ihm gehört. Das ist denn doch sauberer als Rakitin.“
„Ja,“ bestätigte Aljoscha bitter. „Wann war er bei dir?“
„Davon später, jetzt noch von etwas anderem. Über Iwan habe ich dir bis jetzt fast nichts gesagt. Ich habe es immer bis zur letzten Stunde hinausgeschoben. Wenn hier diese Sache ein Ende hat und mein Urteil gesprochen ist, dann werde ich dir etwas erzählen, alles werde ich dir dann erzählen. Hier gibt es so einen besonderen Punkt ... Und du wirst mein Richter sein in dieser Frage. Jetzt aber beginn lieber gar nicht davon, jetzt sei still ... Da sprichst du nun von morgen, vom Gericht, aber wirst du’s mir glauben, ich weiß nichts von alledem.“
„Hast du mit dem Advokaten gesprochen?“
„Ach was, Advokat! Ich habe ihm von allem gesprochen. Ein geriebener Schurke ist er, ein großstädtischer. Auch so ein Claude Bernard! Nur glaubt er mir nicht für eine halbe zerbrochene Kopeke. Er glaubt, daß ich erschlagen habe, denk dir nur, – ich weiß schon, was er glaubt, da sei du unbesorgt. ‚Warum sind Sie denn,‘ fragte ich ihn, ‚gekommen, mich zu verteidigen, wenn Sie mich für schuldig halten?‘ Nun, zum Henker mit der Bande. Auch einen Doktor hat man verschrieben, will mich für verrückt erklären. Das erlaube ich nicht! Katerina Iwanowna will ‚ihre Pflicht und Schuldigkeit‘ bis zum Schluß erfüllen. Bißchen gewaltsam!“ (Mitjä lächelte bitter.) „Die Katze! Ein grausames Herz! Sie weiß, daß ich damals in Mokroje von ihr gesagt habe, sie sei ein Weib, das ‚gewaltigen Zornes fähig ist‘! Das hat man ihr wiedererzählt. Ja, die Aussagen gegen mich haben sich vermehrt wie Sand am Meer! Grigorij besteht auf der offenen Tür. Grigorij ist ein ehrlicher Mensch, aber er ist ein Dummkopf. Viele Menschen sind nur darum ehrlich, weil sie dumm sind. Das ist ein Ausspruch von Rakitin. Grigorij ist mein Feind. Von manch einem kann man sagen, daß es vorteilhafter ist, ihn zum Feinde als zum Freunde zu haben. Das ist in bezug auf Katerina Iwanowna gesagt. Ich fürchte, oh! nichts fürchte ich so, als daß sie morgen von jener Verbeugung bis zur Erde nach den Viertausendfünfhundert erzählen wird! Bis zum Schluß wird sie mir heimzahlen, bis auf den letzten Tropfen! Ich will aber ihr Opfer nicht! Beschämen werden sie mich vor Gericht! Sie wollen, daß ich vor Scham vergehe! Wie werde ich es aushalten? Geh zu ihr, Aljoscha, bitt sie, daß sie es nicht vor Gericht sage, nur dieses eine nicht! Oder geht das nicht? Ach, Teufel, einerlei, ich werde es eben aushalten! Sie tut mir nicht leid. Sie will es ja selbst. Nicht umsonst leidet der Dieb Qualen. Ich, Alexei, ich werde meine Rede halten.“ (Er lächelte wieder bitter vor sich hin.) „Nur ... nur Gruscha, Gruscha, o Gott! Warum hat sie denn diese Qual jetzt auf sich genommen?“ rief er plötzlich mit Tränen in den Augen. „Gruscha tötet mich, der Gedanke an sie tötet mich, tötet mich! Sie war heute bei mir ...“
„Sie hat es mir erzählt. Du hast Sie heute sehr gekränkt.“
„Ich weiß. Hol mich der Teufel dafür, daß ich so einen Charakter habe. Ich wurde eifersüchtig. Als sie fortging, bereute ich es und küßte sie. Um Verzeihung bat ich nicht.“
„Warum hast du das nicht getan?“ fragte Aljoscha vorwurfsvoll.
Mitjä lachte plötzlich fast heiter auf.
„Gott behüte dich davor, du lieber Junge, daß du jemals wegen einer Schuld das geliebte Weib um Verzeihung bittest! Besonders gilt das vom geliebten Weibe, gerade vom geliebten Weibe, wie groß deine Schuld auch vor ihr sein mag! Denn das Weib – das ist, Bruder, – weiß der Teufel, was das ist, aber ich kenne sie doch gründlich, das weiß Gott! Versuche einmal, deine Schuld einzugestehen, soundso, es war schlecht von mir, verzeih, vergib – dann hagelt es Vorwürfe! Unter keiner Bedingung wird sie einfach und sofort verzeihen, sie wird dich zum Lappen erniedrigen, wird dir alles vorzählen, selbst das, was gar nicht gewesen ist, alles wird sie wieder herauskratzen, nichts wird sie vergessen, wird noch vieles von sich hinzufügen, und dann erst wird sie verzeihen. Und das ist noch die beste, die beste von allen! Das letzte wird sie dir noch abschaben und dann alles über dein armes Haupt schütten – so eine, sage ich dir, so eine Lust am Menschenschinden steckt in ihnen, in allen ohne Ausnahme, in diesen Engeln, ohne die zu leben uns unmöglich ist! Sieh, mein Täubchen, ich sage es dir aufrichtig und überzeugt: Jeder anständige Mann muß sich unter dem Pantoffel eines Weibes befinden. Das ist meine Überzeugung; das heißt, nicht Überzeugung, aber so mein Gefühl. Der Mann muß großmütig sein, das aber besudelt keinen. Selbst einen Helden erniedrigt das nicht, selbst einen Cäsar nicht! Nun, aber um Verzeihung bitte du trotzdem niemals und um keinen Preis. Behalte diese Lehre: die gibt dir dein Bruder Mitjä, der sich wegen der Weiber zugrunde gerichtet hat. Nein, ich werde ihr lieber, ohne um Verzeihung zu bitten, etwas recht Liebes tun. Ich bete sie an! Alexei, wenn sie vor mir steht, überkommt es mich immer wie Andacht! Nur sieht sie das nicht. Nein, es ist immer noch zu wenig Liebe für sie. Und wie sie mich quält! Mit ihrer Liebe quält sie mich. Früher! Früher quälten mich nur ihre Launen, das Infernale an ihr, jetzt aber habe ich ihre ganze Seele in meine Seele aufgenommen und bin durch sie zum Menschen geworden! Wird man uns auch trauen? Sonst sterbe ich vor Eifersucht. Jeden Tag sehe ich denn auch ein neues Gespenst ... Was hat sie dir über mich gesagt?“
Aljoscha erzählte alles, was Gruschenka ihm gesagt hatte. Mitjä hörte aufmerksam zu, fragte vieles zweimal und war schließlich zufrieden.
„So ärgert sie sich denn nicht darüber, daß ich eifersüchtig war?“ fragte er freudig. „Ein echtes Weib! – ‚Ich habe selbst ein grausames Herz.‘ Ach, wie ich diese Menschen liebe, die solche Herzen haben! Aber ich dulde nicht, daß man auf mich eifersüchtig ist, das erlaube ich nicht! Werden uns streiten. Aber lieben – lieben werde ich sie unendlich! Wird man uns auch trauen? Werden denn Zwangsarbeiter auch getraut? Das ist die Frage. Ohne sie aber kann ich nicht leben ...“
Mitjä schritt finster auf und ab. Es war schon fast ganz dunkel im Zimmer. Er wurde plötzlich eigentümlich unruhig und besorgt.
„Also ein Geheimnis, sagt sie, ein Geheimnis hätten wir? Also alle drei sollen wir uns gegen sie verschworen haben, und ‚Katjka‘ soll dahinterstecken? Nein, Freund Gruschenka, das ist es nicht. Hierin hast du dich getäuscht, hast es so echt auf Frauenart getan! Aljoscha, Liebling ... ich werde dir unser Geheimnis sagen ... einerlei, was draus wird!“
Er blieb stehen, blickte sich nach allen Seiten um und trat dann schnell dicht an Aljoscha, der nicht weit von ihm stand, heran und flüsterte ihm mit geheimnisvoller Miene ganz leise zu, obgleich sie niemand hören konnte: Der alte Wächter schlief in der Ecke auf der Bank, und bis zu den wachestehenden Soldaten konnte kein Laut dringen.
„Ich werde dir unser ganzes Geheimnis aufdecken!“ flüsterte Mitjä eilig. „Ich wollte es zuerst später tun, wenn das Urteil schon gesprochen ist, denn wie könnte ich mich ohne deine Zustimmung zu etwas entschließen? Du bist mir alles. Wenn ich auch sage, daß Iwan höher steht als wir, so bist doch du mein Schutzgeist. Was du sagst, wird geschehen, das werde ich tun. Vielleicht aber bist gerade du der höhere Mensch und nicht Iwan. Sieh, hier handelt es sich um eine Gewissenssache, eine höhere Gewissenssache, – ein Beschluß von solcher Wichtigkeit, daß ich selbst nie damit zurechtkommen werde, und so habe ich es denn hinausgeschoben, bis du entscheidest. Und außerdem ist es jetzt noch zu früh, man muß zuerst das Urteil abwarten. Werde ich verurteilt, gut, dann entscheide du. Jetzt aber entscheide noch nicht; ich werde dir sogleich alles sagen, du wirst alles erfahren, aber du entscheide jetzt noch nicht. Höre und schweige. Ich werde dir nicht alles ausführlich erklären, – ich werde dir nur die Idee im großen ganzen aufdecken, ohne Details, – du aber schweige. Keine Frage, keine Bewegung! Bist du damit einverstanden? Aber deine Augen, Herrgott, wohin mit denen? Ich fürchte, daß deine Augen das Urteil sprechen werden, selbst wenn du schweigst. Ich habe Angst! Aljoscha, hör jetzt: Iwan schlägt mir vor, zu entfliehen. Die Einzelheiten zum Teufel, die sage ich jetzt nicht, – alles ist vorgesehen, es kann ganz ohne Hindernisse gemacht werden. Schweig, entscheide noch nicht! Nach Amerika mit Gruscha! Ich kann doch ohne sie nicht mehr leben! Nun, versteh, wenn man sie nun dort, in Sibirien, nicht zu mir läßt? Werden denn Zwangsarbeiter getraut? Iwan sagt: Nein. Aber was werde ich denn dort ohne Gruschenka allein unter der Erde mit dem Hammer machen? Ich werde mir doch den Schädel mit diesem Hammer einschlagen! Nun aber andererseits – das Gewissen? Dann bin ich doch vor dem Leiden geflohen! Mir ward ein Fingerzeig Gottes – ich folgte ihm nicht; mir ward ein Weg der Läuterung gezeigt – ich machte linksum kehrt. Iwan sagt, daß man in Amerika ‚bei guten Vorsätzen‘ mehr Nutzen bringen könne als unter der Erde. Aber wo wird dann noch unsere unterirdische Hymne zu Gott emporgesungen werden? Was ist denn Amerika, – das ist doch wieder eitle Sorge um Erwerb. Und es gibt auch viel Schurken, denke ich, in Amerika. Und ich bin dann vor der Kreuzigung – fortgelaufen! Ich sage das dir, Alexei, weil doch nur du allein das verstehen kannst, außer dir aber niemand. Für die anderen sind das Dummheiten, krankhafte Hirngespinste, alles das, was ich dir von der unterirdischen Hymne gesagt habe. Man wird sagen, ich sei verrückt geworden oder sei ein Esel. Aber ich bin nicht verrückt, ich bin weder das eine noch das andere. Oh, auch Iwan begreift die Hymne, oh, er begreift das alles vorzüglich, nur antwortet er mir darauf nicht, er schweigt. Er glaubt nicht an die Hymne. Sprich nicht, sprich nicht, ich sehe doch, was deine Augen sagen. Du hast ja schon entschieden! Entscheide nicht, hab Erbarmen mit mir, ich kann nicht, ich kann nicht ohne Gruscha leben – wart bis das Urteil gesprochen ist!“
Mitjä sprach flehend, sprach wie ein Wahnsinniger. Er hielt Aljoscha mit beiden Händen an den Schultern gepackt, hielt ihn wie mit Klammern fest, und sein gleichsam entzündeter Blick hing flehend, bittend an den Augen des Bruders.
„Werden denn Zwangsarbeiter getraut?“ wiederholte er zum drittenmal angstvoll seine Frage.
Aljoschas Herz klopfte stark, und er hörte ihm in ungewöhnlicher Spannung zu.
„Sag mir nur eines: Besteht Iwan sehr darauf?“ fragte er stockend. „Und wer hat sich das zuerst ausgedacht?“
„Er, er hat es sich ausgedacht, er besteht darauf! Zuerst kam er überhaupt nicht zu mir, und da plötzlich kam er, vor einer Woche ungefähr, und begann gleich damit. Er besteht unglaublich hartnäckig darauf. Er bittet nicht, sondern befiehlt. Er zweifelt nicht an meiner Folgsamkeit, ungeachtet dessen, daß ich ihm, so wie jetzt dir, mein ganzes Herz aufgedeckt und auch von der ‚Hymne‘ gesprochen habe. Er hat mir alles genau erklärt, wie er es machen wird, er hat sich peinlich orientiert, aber davon später. Geradezu krankhaft will er es. Die Hauptsache ist dabei natürlich das Geld: zehntausend, sagt er, gibt er für die Flucht, und zwanzigtausend für Amerika; für zehntausend, sagt er, wird uns die Flucht ohne jede Schwierigkeit gelingen.“
„Und er hat befohlen, daß mir nichts davon gesagt werde?“ fragte Aljoscha nochmals.
„Keinem Menschen ein Wort, vor allem aber dir nicht, dir unter keiner Bedingung! Er fürchtet wahrscheinlich, daß du wie das Gewissen vor mir stehen würdest. Sag es ihm nicht wieder, daß ich es dir mitgeteilt habe! Sag es ihm bitte nicht!“
„Du hast recht,“ sagte Aljoscha, „man muß das Urteil des Gerichts abwarten und dann entscheiden. Nach dem Gericht wirst du es selbst tun; dann wirst du einen neuen Menschen in dir finden, der für dich entscheiden wird.“
„Einen neuen Menschen oder einen Bernard, und der wird dann à la Bernard entscheiden. Denn ich selbst bin, wie es scheint, ein verächtlicher Bernard!“ sagte Mitjä mit bitterem Lächeln.
„Aber Mitjä, hast du denn gar keine Hoffnung mehr, dich morgen rechtfertigen zu können? Wie ist das nur möglich?“
Mitjä zuckte mit den Achseln und schüttelte verneinend den Kopf.
„Aljoscha, mein Liebling, es ist Zeit, daß du gehst!“ sagte er plötzlich eilig, als wollte er ihn schneller forthaben. „Der Aufseher hat schon auf dem Hof gerufen, er wird gleich herkommen. Es ist spät. Wir wollen doch die Ordnung nicht stören. Umarme mich rasch, küsse mich, segne mich, Liebling, segne mich, damit ich das Kreuz morgen tragen kann ...“
Sie umarmten sich und küßten einander.
„Iwan aber,“ sagte Mitjä plötzlich, „schlägt mir wohl vor, mir zur Flucht zu verhelfen, selbst aber glaubt er, daß ich den Vater erschlagen habe!“
Ein gequältes, spöttisches Lächeln erschien auf seinen Lippen.
„Hast du ihn gefragt, ob er es glaubt?“ fragte Aljoscha.
„Nein, ich habe ihn nicht danach gefragt. Ich wollte ihn fragen, aber ich konnte es nicht, die Kraft reichte dazu nicht aus. Doch das bleibt sich ja gleich, ich sehe es ja an den Augen. Nun, leb wohl!“
Noch einmal küßten sie sich eilig, und Aljoscha verließ bereits das Zimmer, als ihn Mitjä plötzlich wieder zurückrief.
„Stell dich vor mich hin, sieh mich an.“
Und er erfaßte ihn wieder mit beiden Händen an den Schultern. Sein Gesicht wurde unheimlich bleich, so daß es selbst in der matten Dunkelheit entsetzlich anzusehen war. Die Lippen verzerrten sich, und der Blick bohrte sich starr in Aljoschas Augen.
„Aljoscha, sage du mir die volle Wahrheit, sage wie Gott dem Herrn: Glaubst du, daß ich der Mörder bin oder glaubst du es nicht? Du, du, ob du es glaubst oder nicht glaubst? Die Wahrheit sage! – Lüge nicht!“ schrie er plötzlich laut in seiner Verzweiflung auf.
Aljoscha war es, als wankte er auf den Füßen unter dem Druck der Hände des Bruders, und über sein Herz, das fühlte er, glitt etwas Scharfes, Spitzes ...
„Was ... was tust du, laß gut sein, genug ...“ stammelte er wie geistesabwesend.
„Die Wahrheit, die Wahrheit! Lüge nicht!“
„Keine Sekunde lang ... habe ich geglaubt, daß du der Mörder wärest!“ stieß Aljoscha mit schwankender Stimme fast atemlos hervor, und er erhob die rechte Hand, als wolle er Gott zum Zeugen für seine Worte aufrufen.
Wie Seligkeit breitete es sich über Mitjäs bleiches Gesicht.
„Ich danke dir ...“ sagte er langsam, als wenn er nach einer Ohnmacht aufatmete. „Du hast mich von den Toten auferweckt ... Wirst du es mir glauben: – bis zu diesem Augenblick habe ich mich gefürchtet, dich zu fragen, dich, dich! – denk nur, Liebling, dich! ... Nun, geh jetzt, geh! Gestärkt hast du mich für morgen, Gott segne dich dafür! Nun, geh ... und liebe Iwan!“ rang es sich noch als letztes Wort aus Mitjä heraus.
Als Aljoscha ihn verließ, stürzten ihm die Tränen aus den Augen. Ein solches Mißtrauen bei Mitjä, solcher Argwohn, so wenig Zutrauen selbst zu ihm, Aljoscha, – alles das deckte plötzlich vor seinen Augen einen so bodenlosen Abgrund von aussichtsloser Verzweiflung und unfaßbarem Leid in der Seele seines unglücklichen Bruders auf, wie er ihn nie geahnt, nie für möglich gehalten hatte. Tiefes, unendliches Mitleid ergriff ihn und quälte ihn so, daß er schon nach einem Augenblick davon müde gequält war. Sein Herz glaubte er zerrissen, es tat ihm unsäglich weh. „Liebe Iwan!“ klang es ihm wieder in den Ohren. Ja, ja, er ging ja schon zu Iwan. Schon seit dem Morgen wollte er zu Iwan gehen. Der quälte ihn nicht weniger als Mitjä, jetzt aber, nach allem, was ihm Mitjä gesagt hatte, jetzt quälte er ihn mehr denn je.
V. „Nicht du, nicht du!“
Auf dem Wege zu Iwan kam er an dem Hause vorüber, in dem Katerina Iwanowna wohnte. Die Fenster waren erleuchtet. Aljoscha blieb stehen, dachte eine Weile nach, und beschloß, einzutreten. Er hatte Katerina Iwanowna seit einer ganzen Woche nicht mehr gesehen. Jetzt sagte er sich, daß er Iwan wahrscheinlich bei ihr antreffen werde, um so mehr, als es doch der Vorabend eines so entscheidenden Tages war. Als er unten geschellt hatte und in den Treppenraum trat, der durch eine chinesische, laternenartige Ampel nur matt erhellt wurde, bemerkte er, daß von oben ein Herr herabstieg. Als er sich ihm näherte, erkannte er in ihm seinen Bruder Iwan. So verließ denn jener bereits Katerina Iwanowna.
„Ach, du bist es nur,“ sagte Iwan Fedorowitsch trocken. „Nun, leb wohl. Du gehst zu ihr?“
„Ja.“
„Das würde ich dir nicht raten. Sie ist ‚erregt‘, und du würdest sie noch mehr erregen.“
„Nein, nein!“ rief plötzlich eine Stimme über ihnen. Katerina Iwanowna hatte im Augenblick die Tür aufgerissen. „Alexei Fedorowitsch, kommen Sie von ihm?“
„Ja, ich war bei ihm.“
„Hat er Sie zu mir geschickt, um mir etwas sagen zu lassen? Treten Sie bitte ein, Aljoscha, und auch Sie, Iwan Fedorowitsch, kommen Sie unbedingt zurück, unbedingt! Hö – ren – Sie!“
In Katjäs Stimme hatte etwas so Befehlendes geklungen, daß Iwan Fedorowitsch nach sekundenlangem Zögern sich doch entschloß, wieder hinaufzugehen, zusammen mit Aljoscha.
„Sie hat gehorcht!“ brummte er angehalten leise vor sich hin, Aljoscha aber hörte es doch.
„Sie gestatten, daß ich im Mantel bleibe,“ sagte er, als er in den Salon eintrat. „Ich bin nur auf eine Minute zurückgekommen, ich werde mich nicht setzen.“
„Setzen Sie sich, Alexei Fedorowitsch,“ forderte Katerina Iwanowna auf, obgleich sie selbst gleichfalls stehen blieb. Sie hatte sich in der Zwischenzeit wenig verändert, nur ihre dunklen Augen glühten und schienen zu drohen. Aljoscha erinnerte sich später, daß sie an jenem Abend außerordentlich schön gewesen sein mußte.
„Was läßt er mir sagen?“
„Nur das eine,“ sagte Aljoscha und blickte ihr offen ins Gesicht: „daß er Sie bittet, sich zu schonen und morgen vor Gericht nichts von ...“ (er stockte ein wenig) „... von dem zu sagen ... was früher zwischen Ihnen vorgefallen ist ... in der Zeit Ihrer ersten Bekanntschaft ... in jener Zeit ...“
„Ah so, Sie meinen die Verbeugung ... damals ... für das Geld!“ griff sie sofort auf und lachte stolz. „Wie, fürchtet er für sich oder für mich – hm? Er hat also gesagt, ich solle ‚schonen‘ – aber wen denn schonen? Ihn oder mich? Sagen Sie es doch, Alexei Fedorowitsch.“
Aljoscha blickte sie forschend an, bemüht, sie zu verstehen.
„Sowohl sich selbst wie auch ihn,“ sagte er leise.
„So so!“ bemerkte sie eigentümlich boshaft, und plötzlich errötete sie heiß.
„Sie kennen mich noch nicht, Alexei Fedorowitsch,“ sagte sie drohend, „– aber auch ich kenne mich noch nicht ganz. Vielleicht werden Sie mich morgen nach dem Zeugenverhör mit den Füßen zerstampfen wollen.“
„Sie werden auf Treu und Gewissen aussagen,“ erwiderte Aljoscha, „und außer der Ehrlichkeit ist nichts nötig.“
„Ein Weib ist häufig unehrlich,“ sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen. „Noch vor einer Stunde glaubte ich, daß es mir schrecklich wäre, dieses Ungeheuer zu berühren ... als wäre er ein Scheusal ... und doch, doch ist er noch ein Mensch für mich! Ja hat er denn überhaupt erschlagen? Hat denn er es getan?“ rief sie plötzlich, fast außer sich geratend, indem sie sich hastig zu Iwan Fedorowitsch wandte.
Aljoscha begriff sofort, daß sie dieselbe Frage vielleicht noch vor zwei Minuten an Iwan gestellt hatte, und nicht zum erstens, sondern zum hundertstenmal, und daß sein Bruder deswegen fortgegangen war.
„Ich war bei Ssmerdjäkoff ...,“ fuhr sie fort, Iwan starr ins Gesicht blickend. „Du bist es, du, der mich davon überzeugt hat, daß Mitjä der Mörder sei! Nur dir allein habe ich es geglaubt!“
Iwan lächelte. Es war aber, als hätte er seine ganze Kraft dazu nötig, um dieses Lächeln zustande zu bringen. Aljoscha war bei dem unerwarteten Du zusammengezuckt. Solche Beziehungen zwischen den beiden hatte er nicht ahnen können.
„Ich denke, jetzt dürfte es genügen,“ sagte Iwan kurz. „Ich gehe. Morgen werde ich wiederkommen.“ Und damit verließ er sofort das Zimmer und ging hinaus.
Katerina Iwanowna ergriff krampfhaft Aljoschas Hände. Es lag etwas Befehlendes in ihren Worten, in ihren Bewegungen.
„Gehen Sie ihm nach! Holen Sie ihn ein! Verlassen Sie ihn keinen Augenblick,“ flüsterte sie ihm fieberhaft erregt zu. „Er ist wahnsinnig! Wie, – Sie wissen es noch nicht, daß er wahnsinnig ist? Er hat Fieber, Nervenfieber! Mir hat es der Doktor gesagt, gehen Sie, laufen Sie ihm nach ...“
Aljoscha verließ sie sofort und eilte seinem Bruder nach. Iwan Fedorowitsch war kaum fünfzig Schritt gegangen. Er blieb plötzlich stehen und wandte sich heftig zurück, als er sah, daß Aljoscha ihm nachlief.
„Was willst du?“ stieß er rauh hervor. „Sie hat dir befohlen, mir nachzulaufen, weil ich verrückt sei. Ich kenne das auswendig,“ fügte er gereizt hinzu.
„Darin täuscht sie sich natürlich, aber in einem hat sie recht: Du bist wirklich krank,“ sagte Aljoscha. „Ich habe soeben dein Gesicht bei ihr gesehen: Du siehst sehr krank aus, Iwan, und du bist es auch.“
Iwan ging weiter, ohne stehen zu bleiben. Aljoscha folgte ihm.
„Weißt du vielleicht, Alexei Fedorowitsch, wie das ist, wenn man verrückt wird?“ fragte nach einer Weile Iwan mit einer ganz anderen, leisen, gar nicht mehr gereizten Stimme, aus der plötzlich die treuherzigste Neugier hervorklang.
„Nein, das weiß ich nicht; ich nehme an, daß es sehr verschiedene Arten von Wahnsinn gibt.“
„Kann man aber auch an sich selbst beobachten, wie man verrückt wird?“
„Ich glaube, daß man sich selbst in dem Falle nicht mehr gut beobachten kann.“ Aljoscha wunderte sich.
Iwan schwieg eine Weile.
„Wenn du mit mir sprechen willst, so habe die Güte und ändere das Thema,“ sagte er plötzlich.
„Hier, um es nicht zu vergessen, ich habe diesen Brief für dich,“ sagte Aljoscha schüchtern, indem er den Brief Lisas aus der Tasche zog und ihn dem Bruder reichte. Sie näherten sich gerade einer Laterne. Iwan erkannte sofort die Handschrift.
„Ah, das ist von jenem Teufelchen!“ sagte er boshaft auflachend, und plötzlich, ohne das Kuvert aufzubrechen, zerriß er den ganzen Brief und warf die Stücke in den Wind. Die kleinen Papierstücke flatterten umher.
„Noch keine sechzehn Jahre, glaube ich, und schon bietet sie sich an!“ sagte er verächtlich und schritt weiter.
„Wieso bietet sie sich an, wie meinst du das?“ fragte Aljoscha erstaunt.
„Man weiß doch, wie verderbte Frauen sich anbieten.“
„Was fällt dir ein, Iwan, was redest du? Das ist doch ein Kind, du beleidigst ein Kind!“ verteidigte sie Aljoscha eifrig und traurig zugleich. „Sie ist krank, sogar sehr krank, sie ist vielleicht gleichfalls dem Wahnsinn nahe ... Ich konnte unmöglich dir den Brief nicht geben ... Ich, ich wollte von dir noch etwas Näheres hören ... um sie retten zu können.“
„Du wirst nichts von mir hören. Wenn sie noch ein Kind ist, so bin ich nicht ihre Amme. Schweig, Aljoscha. Sprich nicht mehr davon. An die denke ich überhaupt nicht.“
Sie schwiegen wieder.
„Jetzt wird sie die ganze Nacht zur Gottesmutter beten, damit diese sie erleuchte, wie sie morgen vor Gericht aussagen soll,“ sagte Iwan wieder ganz plötzlich und boshaft.
„Du ... du sprichst von Katerina Iwanowna?“
„Ja. Soll sie als Mitjenkas Retterin oder Verderberin erscheinen! Auf daß ihre Seele erleuchtet werde, – darum wird sie beten. Sie weiß selbst noch nicht, was sie tun soll; sie scheint noch nicht Zeit genug gehabt zu haben, um sich vorzubereiten. Auch sie hält mich für ihre Kinderfrau und will, daß ich ihr eiapopeia singe.“
„Katerina Iwanowna liebt dich, Bruder,“ sagte Aljoscha, den ein trauriges Gefühl ergriffen hatte.
„Möglich. Nur begehre ich sie nicht.“
„Sie leidet. Warum sagst du ihr dann ... zuweilen ... solche Worte, daß sie hoffen kann?“ Ein schüchterner Vorwurf lag in Aljoschas Stimme. „Ich weiß doch, daß du ihr Hoffnung gemacht hast ... verzeih, daß ich so spreche,“ fügte er ängstlich hinzu.
„Ich kann hierbei nicht so handeln, wie ich müßte: Kann nicht brechen und ihr offen alles sagen!“ sprach Iwan gereizt. „Ich muß abwarten, bis das Urteil über den Mörder gesprochen ist. Wenn ich jetzt mit ihr bräche, so würde sie aus Rache morgen vor Gericht dieses ... Scheusal seinem Schicksal überantworten, denn sie haßt ihn, und sie weiß es, daß sie ihn haßt. Hier ist doch alles Lüge, Lüge auf Lüge aufgebaut! Jetzt aber, das heißt, solange ich nicht mit ihr gebrochen habe, hofft sie immer noch und wird daher jenes Ungeheuer nicht verderben, da sie weiß, wie ich ihn herausziehen will. Wenn doch endlich dieses verdammte Urteil gesprochen wäre!“
Die Worte „Mörder“ und „Ungeheuer“ machten einen schmerzlichen Eindruck auf Aljoscha.
„Aber was hat denn Mitjä von ihr zu fürchten?“ fragte er, bemüht, zu verstehen, was Iwan meinte. „Was kann sie denn so besonders Verhängnisvolles aussagen, woraufhin er verurteilt werden könnte?“
„Das weißt du noch nicht. Sie hat ein Dokument in Händen, Mitjä hat es selbst geschrieben, das mathematisch klar beweist, daß er Fedor Pawlowitsch, unseren Vater, erschlagen hat.“
„Das ist unmöglich!“ rief Aljoscha aus.
„Wieso unmöglich? Ich habe es selbst gelesen.“
„Ein solches Dokument kann es unmöglich geben!“ wiederholte Aljoscha erregt im Eifer. „So etwas kann es nicht geben, denn nicht er ist der Mörder. Nicht er hat den Vater erschlagen, nicht er!“
Iwan Fedorowitsch blieb plötzlich stehen.
„Wer ist dann, deiner Meinung nach, der Mörder?“ fragte er kalt, und es klang ein hochmütiger Ton in seiner Frage.
„Du weißt es selbst, wer,“ antwortete Aljoscha leise und ruhig in seiner Überzeugung.
„Wer? Meinst du etwa die Fabel von dem irrsinnigen Idioten, dem Epileptiker? Meinst du Ssmerdjäkoff?“
Aljoscha fühlte, wie er plötzlich am ganzen Körper zitterte.
„Du weißt es selbst, wer,“ kam es kraftlos aus ihm heraus. Er konnte kaum atmen.
„Aber wer denn, wer?“ schrie ihn Iwan wild auffahrend an. Seine ganze Zurückhaltung war plötzlich verschwunden.
„Ich weiß nur das eine,“ sagte Aljoscha immer noch im selben kraftlosen, gleichsam betäubten Flüsterton: „– nicht du hast den Vater erschlagen.“
„‚Nicht du!‘ Was heißt das, nicht du?“ Iwan stand wie erstarrt vor seinem Bruder.
„Nicht du hast den Vater erschlagen, nicht du, nicht du!“ wiederholte Aljoscha fest.
Sie schwiegen. Lange dauerte das Schweigen.
„Ich weiß es doch selbst, daß nicht ich es getan habe, redest du im Fieber?“ sprach schließlich Iwan, und er lächelte ein bleiches, verzerrtes Lächeln.
Er hatte sich mit den Blicken gleichsam festgesogen an den Bruder. Sie standen sich beide wieder bei einer Straßenlaterne gegenüber.
„Nein, Iwan, du hast dir selbst mehrmals gesagt, daß du der Mörder seiest.“
„Wann habe ich es gesagt? ... Ich war in Moskau ... Wann habe ich es gesagt?“ stotterte Iwan mit abirrendem Blick.
„Du hast es dir mehr als einmal gesagt, wenn du in diesen schrecklichen zwei Monaten allein warst,“ fuhr Aljoscha wieder leise und deutlich fort. Er sprach aber schon, als wenn er nicht mehr bei voller Besinnung wäre, als wenn es nicht sein Wille wäre, der ihn sprechen ließ, sondern, als gehorche er einem fremden Befehle, vielleicht fast gegen seinen Willen. „Du hast dich beschuldigt und hast dir gesagt, daß der Mörder kein anderer sein könne als du. Aber nicht du hast ihn erschlagen, da irrst du dich, nicht du bist der Mörder, hörst du mich, nicht du! Mich hat Gott gesandt, dir das zu sagen.“
Beide schwiegen sie. Lange dauerte dieses Schweigen. Sie standen und blickten sich noch immer in die Augen. Beide waren sie bleich. Plötzlich überlief Iwan ein Zittern, und er packte Aljoscha krampfhaft an der Schulter.
„Du bist bei mir gewesen!“ stieß er in wutknirschendem Geflüster hervor. „Du bist bei mir gewesen, nachts, als er zu mir kam ... Gestehe es ... Hast du ihn gesehen, hast du ihn gesehen?“
„Von wem redest du ... von Mitjä?“ fragte Aljoscha verwundert.
„Ach, nicht von ihm rede ich, zum Teufel mit diesem Scheusal!“ keuchte Iwan außer sich. „Weißt du denn, daß er zu mir kommt? Wie hast du das erfahren, sprich!“
„Welcher ‚er‘? Ich weiß nicht, von wem du sprichst,“ stotterte Aljoscha erschrocken.
„Das ist nicht wahr, du weißt es ... wie hättest du sonst ... es kann nicht sein, daß du es nicht weißt ...“
Da war es, als ob er plötzlich an sich hielt. Er stand und schien nachzudenken. Ein eigentümliches, vielleicht etwas spöttisches Lächeln bog seine Lippen.
„Bruder,“ sagte endlich Aljoscha und seine Stimme bebte, „ich habe es dir nur darum gesagt, weil du meinen Worten glauben wirst, das weiß ich. Ich habe es dir fürs ganze Leben gesagt, dieses ‚nicht du‘! Hörst du, fürs ganze Leben. Und mir hat Gott auf die Seele gelegt, dir diese Worte zu sagen, selbst wenn du mich auch von nun an dein ganzes Leben lang hassen solltest ...“
Doch Iwan Fedorowitsch schien sich bereits wieder ganz in der Gewalt zu haben.
„Alexei Fedorowitsch,“ sagte er mit einem kalten Lächeln, und zum erstenmal sagte er zu seinem Bruder „Sie“, „mir ist nichts so zuwider wie Propheten und Epileptiker, besonders aber wie Abgesandte Gottes, und das wissen Sie ja auch selbst sehr gut. Von diesem Augenblicke an breche ich mit Ihnen, und zwar, denke ich, für immer. Ich bitte Sie, mich hier an diesem Kreuzweg unverzüglich zu verlassen. Übrigens ist das auch der Weg, der zu Ihrer Wohnung führt. Besonders hüten Sie sich, heute noch einmal zu mir zu kommen. Ich denke, wir haben uns verstanden?“
Er wandte sich von ihm ab und ging festen Schrittes weiter, ohne sich noch einmal umzusehen.
„Bruder,“ rief ihm Aljoscha nach, „wenn sich heute etwas mit dir ereignet, so denke an mich und meine Worte! ...“
Iwan Fedorowitsch antwortete nicht. Aljoscha blieb noch an der Straßenecke bei der Laterne stehen und sah seinem Bruder nach, bis dessen Gestalt sich in der Dunkelheit verloren hatte. Darauf kehrte auch er um und bog in die Querstraße ein, um in seine Wohnung zu gehen. Iwan Fedorowitsch und Aljoscha wohnten jeder für sich, in verschiedenen Häusern: keiner von ihnen hatte in dem vereinsamten Hause Fedor Pawlowitsch wohnen wollen. Aljoscha hatte sich ein möbliertes Zimmer in einer ärmeren Familie gemietet; Iwan Fedorowitsch dagegen, der ziemlich weit von ihm wohnte, hatte eine geräumige und komfortable Wohnung gemietet, im Flügel eines schönen Hauses, das einer wohlhabenden Beamtenwitwe gehörte. Doch in diesem ganzen Flügel bediente ihn nur eine fast taube, alte, von Gicht verzogene Dienstmagd, die schon um sechs Uhr abends zu Bett ging und um sechs Uhr morgens aufstand. Iwan Fedorowitsch wurde in diesen zwei Monaten fast wie ein Sonderling bescheiden in seinen Ansprüchen. Er blieb am liebsten ganz allein in seinen Zimmern. Ja, in dem einen Zimmer, in das er sich gewöhnlich zurückzog, räumte er sogar eigenhändig auf, und die übrigen Räume seiner Wohnung betrat er nur äußerst selten. Als er jetzt bei der Haustür angelangt war und schon den Griff der Klingel erfaßt hatte, ließ er die Hand plötzlich wieder sinken. Er fühlte, daß er immer noch am ganzen Körper bebte. Plötzlich stampfte er wütend mit dem Fuß auf, wandte sich um und ging eilig wieder fort. Er begab sich an das entgegengesetzte Ende der Stadt, das etwa zwei Werst von seiner Wohnung entfernt war, zu einem kleinen, vor Alter schief gewordenen Häuschen, dessen Balken von außen nicht einmal mit Brettern bekleidet waren. Dort wohnte Marja Kondratjewna – die frühere Nachbarin Fedor Pawlowitschs, die von Marfa Ignatjewna immer Suppe geholt, und der Ssmerdjäkoff auf der Gitarre vorgespielt hatte. Ihr früheres Haus hatte die Mutter inzwischen verkauft, und jetzt lebten die beiden Frauen in dieser kleinen Hütte am Rande der Stadt. Bei ihnen wohnte seit einiger Zeit auch Ssmerdjäkoff, der seit dem Tode Fedor Pawlowitschs sehr krank war. Zu ihm ging Iwan Fedorowitsch. Ihm war plötzlich ein Gedanke gekommen, den er nicht mehr loswerden konnte.
VI. Erstes Wiedersehen mit Ssmerdjäkoff
Es war jetzt das drittemal, daß Iwan Fedorowitsch nach seiner Rückkehr aus Moskau zu Ssmerdjäkoff ging, um mit ihm zu sprechen. Das erstemal hatte er ihn am Tage seiner Ankunft gesprochen, und dann hatte er ihn, ungefähr zwei Wochen darauf, noch einmal besucht. Doch nach dieser zweiten Zusammenkunft hatte er seine Besuche bei Ssmerdjäkoff eingestellt, und so war denn jetzt bereits mehr als ein Monat vergangen, daß er ihn nicht mehr gesehen hatte. Iwan Fedorowitsch war damals erst am fünften Tage nach dem Tode des Vaters aus Moskau hier eingetroffen, so daß dieser inzwischen schon beerdigt worden war: die Beerdigung hatte schon am Tage vor seiner Ankunft stattgefunden. Der Grund dieser Verspätung Iwan Fedorowitschs lag darin, daß Aljoscha, der nicht wußte, wohin er telegraphieren sollte, zu Katerina Iwanowna geeilt war, um von ihr seine Adresse zu erfahren. Katerina Iwanowna aber hatte sie gleichfalls nicht gewußt, dafür aber sofort an ihre Stiefschwester nach Moskau die Nachricht telegraphiert, in der Hoffnung, daß Iwan Fedorowitsch bald nach seiner Ankunft zu ihrer Tante gehen werde. Iwan war jedoch erst am vierten Tage zu ihnen gegangen und war dann natürlich nach Empfang des Telegramms sofort zurückgefahren. Hier traf er zuerst mit Aljoscha zusammen, doch war er, nachdem er mit ihm über das Geschehnis gesprochen hatte, sehr verwundert gewesen, daß jener den Bruder nicht einmal verdächtigen wollte, sondern ohne weiteres auf Ssmerdjäkoff als auf den Mörder des Vaters hinwies – was den Überzeugungen aller übrigen gerade widersprach. Und als er darauf den Polizeichef und den Staatsanwalt gesprochen und die näheren Umstände der Verhaftung und alle anklagenden Aussagen erfahren hatte, da hatte er sich noch mehr über Aljoschas Behauptung gewundert und sich schließlich diese hartnäckige, „blinde“ Parteinahme mit dem aufs höchste gesteigerten brüderlichen Mitleid und seiner großen Liebe erklärt. Iwan wußte, wie sehr Aljoscha Mitjä liebte. Bei der Gelegenheit will ich noch ein paar Worte über die Empfindungen sagen, die Iwan für seinen Bruder Dmitrij Fedorowitsch hegte: er liebte ihn entschieden nicht, und wenn er auch zuweilen viel, viel Mitleid mit ihm haben konnte, so war doch dieses Mitleid mit großer Verachtung untermischt, einer Verachtung, die sich zuweilen bis zum Ekel steigern konnte. Mitjä war ihm physisch unangenehm, und die Liebe Katerina Iwanownas zu Mitjä rief in Iwan nur Unwillen hervor.
Am selben Tage nach seiner Rückkehr hatte er auch Mitjä im Gefängnis besucht, und dieses Wiedersehen hatte in ihm die Überzeugung von Mitjäs Schuld nicht etwa geschwächt, sondern ihn noch mehr von ihr überzeugt. Er hatte den Bruder in geradezu krankhafter Erregung angetroffen. Mitjä war ungewöhnlich gesprächig, doch sehr zerstreut und unstet gewesen, hatte sehr schroff gesprochen, immer wieder Ssmerdjäkoff beschuldigt und sich nach jedem Satz verwirrt. Am meisten hatte er von jenen dreitausend Rubeln gesprochen, die der Vater von ihm „gestohlen“ hätte.
„Dieses Geld im Kuvert gehörte mir, mir,“ behauptete Mitjä, „so wäre ich, selbst wenn ich es genommen hätte, im Recht.“
Alle Beweise, die gegen ihn sprachen, bestritt er so gut wie gar nicht, und wenn er eine Tatsache zu seinen Gunsten erklären wollte, so sprach er wiederum auffallend zerstreut und unlogisch. Überhaupt machte er stets den Eindruck, als wolle er sich nicht einmal rechtfertigen, weder vor Iwan, noch vor sonst jemandem: er ärgerte sich nur, verachtete stolz die Anklagen, fluchte und brauste auf. Über die Aussage Grigorijs in betreff der offenen Tür lachte er nur verächtlich und beteuerte, der Teufel habe sie aufgemacht, konnte aber keinen einzigen klaren Beweis diesem Zeugnisse des Dieners entgegenstellen. Ja, während dieses ersten Wiedersehens hatte er sogar Iwan Fedorowitsch beleidigt: er sagte ihm plötzlich in schneidend scharfem Tone, daß es denen nicht zustände, ihn zu verdächtigen, die selbst behaupteten, „alles sei erlaubt“. Kurz, er war sehr unfreundlich zu ihm gewesen. – Gleich nach diesem Wiedersehen war Iwan Fedorowitsch dann auch zu Ssmerdjäkoff gegangen.
Schon auf der Rückfahrt hatte er die ganze Zeit im Waggon an Ssmerdjäkoff und sein letztes Gespräch mit ihm am Abend vor seiner Abreise gedacht. Vieles hatte ihn beunruhigt, vieles war ihm verdächtig erschienen. Als er aber darauf vom Untersuchungsrichter verhört worden war, hatte er vorläufig nichts von diesem Gespräch gesagt. Er hatte das noch hinausgeschoben, um unter Umständen nach der Unterredung mit Ssmerdjäkoff darauf zu sprechen zu kommen. Ssmerdjäkoff befand sich damals im Stadtkrankenhause. Doktor Herzenstube und auch der Kreisarzt Warwinskij, den Iwan Fedorowitsch im Krankenhause antraf, antworteten ihm auf seine wiederholten Fragen auf das bestimmteste, daß die Echtheit der Ssmerdjäkoffschen Epilepsieanfälle nicht dem geringsten Zweifel unterliege, und sie wunderten sich nur über die sonderbare Frage: „hat er nicht am Tage der Katastrophe den Anfall simuliert?“ Sie gaben ihm zu verstehen, daß dieser Anfall sogar ein ganz außergewöhnlicher gewesen sei, mehrere Tage lang angedauert und sich immer noch wiederholt habe, so daß sogar das Leben des Patienten entschieden in Gefahr gewesen sei, und daß man erst jetzt, nach den ergriffenen Maßregeln, sagen könne, daß der Kranke am Leben bleiben werde, – „obgleich sehr möglich ist,“ fügte Doktor Herzenstube noch bedächtig hinzu, „daß seine Vernunft teilweise zerrüttet bleibt, wenn auch nicht fürs ganze Leben, so doch ziemlich lange.“ Aber auf die ungeduldige Frage Iwan Fedorowitschs: „Dann ist er also augenblicklich verrückt?“ wurde ihm die Antwort zuteil, daß man so etwas im vollen Sinne des Wortes nicht sagen könne, daß sich aber bereits gewisse Anormalitäten konstatieren ließen. Iwan Fedorowitsch beschloß, sich selbst davon zu überzeugen, was das für Anormalitäten wären. Im Krankenhause wurde er ohne weiteres zugelassen. Ssmerdjäkoff befand sich in einem Zimmer für nur zwei Personen und lag da auf einem harten Krankenhausbett. Daselbst befand sich noch ein anderes Bett, das ein städtischer Kleinbürger einnahm, ein gelähmter, alter Mann, der von der Wassersucht ganz geschwollen war und keine zwei Tage mehr leben konnte – die Unterredung konnte er nicht stören. Ssmerdjäkoff lächelte zweideutig, als er Iwan Fedorowitsch erblickte, in der ersten Sekunde schien er sogar etwas erschrocken zu sein. Wenigstens schien es Iwan Fedorowitsch so. Doch das war vielleicht nur eine Sekunde lang der Fall, während der ganzen übrigen Zeit überraschte ihn Ssmerdjäkoff geradezu durch seine Ruhe. Schon beim ersten Blick auf ihn überzeugte sich Iwan Fedorowitsch, daß er tatsächlich krank war: man sah es ihm an, daß er schwach war; er sprach langsam und schien gleichsam nur mit Mühe die Zunge zu bewegen; er war sehr abgemagert und im Gesicht ganz gelb. Während der Unterredung, die etwa zwanzig Minuten dauerte, klagte er über Kopfschmerz und Gliederreißen. Sein trockenes, an Kastraten erinnerndes Gesicht schien ganz klein geworden zu sein; die früher peinlich gebürsteten Schläfenhaare waren struppig und borstig, und statt des kunstvoll aufgedrehten Haarbüschels über dem Scheitel, starrte nur ein einziges mageres Strähnlein empor. Aber sein zugekniffenes linkes Auge, das beständig zu zwinkern schien, als wolle es einen Wink geben, verriet sofort den früheren Ssmerdjäkoff. „Mit einem klugen Menschen ist auch das Reden ein Genuß,“ fiel es Iwan Fedorowitsch beim Anblick dieses linken Auges ein. Er setzte sich am Fußende des Lagers auf eine kleine Holzbank. Ssmerdjäkoff bewegte seinen Körper mit leidender Miene auf dem Bett, begann aber nicht als erster zu sprechen: er schwieg, und auch sonst blickte er drein, als errege der Besuch nicht sehr seine Neugier.
„Kannst du mit mir sprechen?“ fragte Iwan Fedorowitsch, „ich werde dich nicht gar zu sehr ermüden.“
„Das kann ich sehr wohl,“ sagte Ssmerdjäkoff gleichsam kauend und mit müder Stimme. „Geruhtet Ihr schon vor langer Zeit anzukommen?“ fügte er nach einer Weile gnädig hinzu, als wolle er dem verlegen gewordenen Besucher helfen, über das Peinliche hinwegzukommen.
„Nein, erst heute ... um den Brei, den ihr hier eingerührt habt, auszulöffeln.“
Ssmerdjäkoff seufzte.
„Warum seufzt du, du wußtest es doch?“ fuhr ihn Iwan Fedorowitsch zornig an.
Ssmerdjäkoff schwieg hartnäckig.
„Wie hätte man’s denn nicht wissen sollen? Das war doch im voraus klar zu sehen. Wie aber konnte man ahnen, daß es auf selbige Manier kommen würde!“
„Was kommen würde? Du, mach keine Finten, das sage ich dir! Du hast es doch vorausgesagt, daß du beim Hinabsteigen in den Keller einen Anfall bekommen würdest? Gerade ‚in den Keller‘ hast du gesagt.“
„Habt Ihr das im Verhör schon ausgesagt?“ fragte Ssmerdjäkoff ruhig mit scheinbar nur halbem Interesse.
Iwan Fedorowitsch ärgerte sich plötzlich und geriet in Wut.
„Nein, noch habe ich nichts davon gesagt, aber ich werde es bestimmt tun. Du wirst mir, mein Lieber, noch vieles sofort erklären müssen, und wisse, daß ich nicht mit mir zu spielen erlaube!“
„Von wegen wessen sollte ich denn selbiges tun wollen, wenn ich doch meine ganze Hoffnung nur auf Euch, wie auf Gott den Herrn selber, gesetzt habe!“ sagte Ssmerdjäkoff gleichmäßig ruhig, indem er nur auf einen Augenblick die Äuglein schloß.
„Erstens,“ begann Iwan Fedorowitsch und rückte ihm näher, „ich weiß, daß man bei der Fallsucht nicht voraussagen kann, daß man dann und dann einen Anfall haben wird. Ich habe mich erkundigt, mach also keine Faxen. Tag und Stunde kann man nie voraussagen. Wie nun konntest du mir damals Tag, Stunde und auch noch das mit dem Keller voraussagen? Wie konntest du im voraus wissen, daß du im Anfall gerade in diesen Keller hinabstürzen würdest, – wenn du später den Anfall nicht absichtlich vorgespielt haben willst?“
„In selbigen Keller hatte ich sowieso mannigfach zu gehen, sogar mehrmals am Tage,“ sagte Ssmerdjäkoff, indem er die Worte langsam in die Länge zog. „Akkurat so bin ich auch vor einem Jahr vom Hausboden herabgeflogen. Und was das Vorhersagen angeht, so ist es ganz richtig, daß man nicht Tag und Stunde voraussagen kann, aber ein Vorgefühl kann man doch alleweil voraushaben.“
„Du aber hast ja sogar die Stunde richtig vorausgesagt!“
„Was meine selbige Krankheit anbetrifft, so wär’s doch am besten, Ihr erkundigt Euch, Herr, bei den hiesigen Doktoren, ob es ein echter Anfall war oder ein unechter, dieweil ich Euch über selbige Frage nichts mehr zu sagen habe.“
„Aber der Keller? Wie hast du denn den Keller vorausgewußt?“
„Was Ihr doch alleweil an diesem Keller habt! Wie ich damals so in den Keller hinabstieg, war ich in Angst und Zweifel befangen. Wie sollte ich auch selbiges nicht sein, sintemal ich doch Eurer beraubt war und auf niemandes in der ganzen Welt weder Schutz noch Schirm mehr bauen konnte. Und wie ich so in selbigen Keller hinabsteige, denke ich akkurat: ‚Jetzt wird er gleich kommen – selbigen Anfall meine ich, – was: Werde ich hinunterfallen oder nicht?‘ Und grad von selbiger Angst packte mich im Moment jene unvermeidliche Zange an den Hals, welche die Ärzte Spasmus nennen ... und so flog ich denn kopfüber. Das alles und desgleichen auch das ganze Gespräch am Vorabend mit Euch am Hoftor, wie ich Euch meine Angst mannigfach erklärte, und auch selbiges vom Keller, – das alles habe ich dem Herrn Doktor Herzenstube und dem Untersuchungsrichter Nikolai Parfenowitsch Neljudoff ganz genau erklärt, und das ist alles aufgeschrieben worden. Und was der hiesige Doktor ist, Herr Warwinskij, so hat er es den Herren erklärt, daß der Anfall auch genau so gekommen sein muß – also mit von meinem selbigen Gedanken: ‚werde ich nun hinabfallen oder nicht?‘ Und da hatte mich denn der Anfall erfaßt. So hat man es auch aufgeschrieben, daß es akkurat so hat geschehen müssen, alsomit dieweil ich so gedacht habe und von selbiger großen Angst.“
Nachdem Ssmerdjäkoff langsam seine Rede zu Ende gezogen hatte, holte er, scheinbar unter der Erschöpfung schwer leidend, tief Atem.
„So hast du das schon dem Untersuchungsrichter gesagt?“ fragte Iwan Fedorowitsch etwas verdutzt. Er hatte ihn gerade damit schrecken wollen, daß er von ihrem Gespräch am Vorabend Mitteilung machen werde, und nun erfuhr er plötzlich, daß jener schon selbst alles mitgeteilt hatte.
„Was habe ich denn zu fürchten? Mögen sie doch die ganze wahrhaftige Wahrheit aufschreiben,“ sagte Ssmerdjäkoff fest und ruhig.
„Und auch unser Gespräch am Hoftor hast du Wort für Wort wiedergegeben?“
„N–nein, n–nicht gerade Wort für Wort.“
„Und daß du einen Anfall vorzuspielen verstehst, wie du dich damals dessen vor mir rühmtest, gleichfalls nicht?“
„Nein, das habe ich alsomit gleichfalls nicht gesagt.“
„Jetzt sage du mir, warum du damals wolltest, daß ich nach Tschermaschnjä führe?“
„Dieweil ich fürchtete, daß Ihr nach Moskau fahren würdet, nach Tschermaschnjä aber war es doch alleweil näher.“
„Du lügst, du selbst hast mich noch gebeten, fortzufahren: ‚Fahrt doch,‘ sagtest du, ‚fahrt doch von der Sünde fort‘!“
„Dies habe ich damals einzig und allein von wegen meiner Freundschaft und herzlichen Ergebenheit gesagt, dieweil ich doch selbiges Unglück im Hause ahnte, alsomit geschah es denn aus Mitleid mit Euch. Nur hatte ich alleweil mit mir selber noch mehr Mitleid. Und so sagte ich denn: Fahrt fort von der Sünde – damit Ihr hinwiederum auf selbige Manier begreift, daß es im Hause sonst was geben wird und Ihr hierbliebet, um den Vater zu beschützen.“
„So hättest du es doch deutlich sagen sollen, Schafskopf!“ brauste Iwan Fedorowitsch plötzlich auf.
„Wie wäre es denn deutlicher noch möglich gewesen? Nur die Angst allein sprach in mir, und dann hättet Ihr auch darüber ungehalten sein können. Ich konnte wohl, wie sich von selbst versteht, befürchten, daß Dmitrij Fedorowitsch einen Skandal machen werde, um sich selbiges Geld, wenn nicht anders, so per Gewalt zu verschaffen, da sie doch jene Dreitausend für gerade so gut wie ihr eigenes Kapital hielten, aber wer konnte denn wissen, daß es mit solchem Mord und Totschlag endigen würde? Ich dachte alleweil, sie würden selbiges Geld, das beim Herrn unter der Matratze in einem versiegelten Kuvert lag, nur wegnehmen, sie aber haben nun noch obendrein erschlagen. Wo solltet denn auch Ihr das vorauswissen können, Herr?“
„Du sagst also, daß ich es nicht vorauswissen konnte,“ – Iwan Fedorowitsch überlegte, er strengte sich an, hinter den Sinn der Worte Ssmerdjäkoffs zu kommen – „wie hätte ich es dann aus deinen widersprechenden Andeutungen erraten sollen, und mich auf Grund derselben entschließen können, hierzubleiben? Was faselst du da?“
„Ihr hättet selbiges schon allein daraus erraten können, daß ich Euch riet, nach Tschermaschnjä, anstatt nach Moskau zu fahren.“
„Wieso hätte ich es daraus erraten können?“
„Ihr hättet es Euch sehr wohl schon allein aus selbigem Grunde sagen können, daß ich, wenn ich Euch von Moskau auf Tschermaschnjä ablenken wollte, es alsomit bedeutete, daß ich Eure Gegenwart hier möglichst in der Nähe wissen wollte, sintemal Moskau weit ist, Dmitrij Fedorowitsch dahingegen, wenn sie Euch immerhin in der Nähe wissen, nicht so sehr ermutigt sein würden. Und auch mich hättet Ihr im Fall von irgend etwas schneller verteidigen können, dieweil es von Tschermaschnjä näher ist. In selbigem Gedanken habe ich Euch dann auch auf Grigorij Wassiljewitschs Krankheit aufmerksam gemacht und desgleichen auch auf meine mannigfachen Befürchtungen von wegen der Fallsucht. Und dieweil ich Euch auch von selbigen Zeichen erzählte, mittels welcher man zum alten Herrn eindringen konnte, da sie daraufhin ohne weiteres aufgemacht hätten, und daß selbige Zeichen auch Dmitrij Fedorowitsch durch mich bekannt geworden waren, glaubte ich, daß Ihr dann selber alsomit erraten würdet, daß Dmitrij Fedorowitsch was anstellen könnten, und Ihr dann nicht etwa nur nach Tschermaschnjä, sondern überhaupt nicht verreisen würdet.“
„Der Kerl spricht ja auffallend logisch, wenn er auch seine Worte nur so kaut,“ dachte Iwan Fedorowitsch bei sich. „Von was für einer Zerrüttung der Vernunft spricht denn Herzenstube?“
Und Iwan Fedorowitsch brauste auf: „Überlisten willst du mich, Teufel du!“ Er ärgerte sich maßlos.
„Und ich muß hinwiederum gestehen, ich dachte, daß Ihr alles erraten hättet,“ erwiderte Ssmerdjäkoff mit der offenherzigsten Miene.
„Wenn ich es erraten hätte, dann wäre ich doch hiergeblieben!“ rief Iwan Fedorowitsch wieder heftig auffahrend.
„Nun ja, ich aber dachte, daß Ihr, dieweil Ihr alles erraten hättet, so schnell als möglich von der Sünde fortreistet, einzig um alsomit nur irgendwohin von ihr wegzukommen und sich in der Angst zu retten.“
„Du glaubtest, daß alle so feige sind wie du?“
„Verzeiht, ich glaubte, daß auch Ihr so seid, wie auch ich bin.“
„Natürlich, ich hätte es erraten sollen,“ sagte Iwan erregt, „und ich erriet ja schließlich auch, daß von dir irgend etwas Verfluchtes zu erwarten war ... Nur lügst du, wieder lügst du!“ rief er aufgebracht – ihm war etwas eingefallen – „weißt du noch, wie du an den Wagen herantratst und sagtest: ‚Mit einem klugen Menschen ist auch das Reden ein Genuß.‘ Also freutest du dich darüber, daß ich fortfuhr, denn sonst hättest du doch nicht meinen Entschluß gelobt!“
Ssmerdjäkoff seufzte und seufzte dann noch einmal. In sein Gesicht schien plötzlich etwas Farbe gekommen zu sein.
„Wenn ich froh war,“ sagte er mit etwas knappem Atem, „so war ich selbiges nur deswegen, weil Ihr eingewilligt hattet, wenigstens nicht nach Moskau, sondern nur nach Tschermaschnjä zu fahren; das war aber doch immerhin näher. Nur habe ich Euch selbige Worte nicht wie ein Lob gesagt, sondern vorwürfig. Das habt Ihr nur, wie’s scheint, nicht begriffen.“
„Wieso ‚vorwürfig‘ – was willst du damit sagen?“
„Daß Ihr, wiewohl Ihr alles vorausfühltet, dennoch Euren leiblichen Vater verlassen und uns allesamt nicht beschützen wolltet, dieweil man mich doch von wegen selbiger Dreitausend immer hineinziehen konnte, sozusagen, daß ich sie gestohlen hätte.“
„Der Teufel hole dich!“ fluchte wieder Iwan. „Halt! Hast du auch das von diesen Zeichen dem Untersuchungsrichter und dem Staatsanwalt mitgeteilt?“
„Alles, wie es war, habe ich mitgeteilt.“
Iwan Fedorowitsch wunderte sich wieder über ihn.
„Wenn ich mir damals irgendwelche Gedanken machte, so geschah das einzig in bezug auf dich. Daß Dmitrij Fedorowitsch jemanden erschlagen könnte, das wußte ich, daß er aber stehlen würde – das habe ich keinen Augenblick geglaubt ... Dich aber hielt ich zu jeder Gemeinheit fähig. Du sagtest mir doch selbst, daß du einen epileptischen Anfall vortäuschen könntest – wozu sagtest du mir das?“
„Nur von wegen meiner Treuherzigkeit. Und ich habe noch nie in meinem Leben einen Anfall mit Absicht gemacht oder, wie Ihr sagt, vorgetäuscht; ich sagte selbiges nur so selbentlich, ich wollte dummerweise damit großtun. Ich hatte Euch damals gar zu lieb gewonnen, und so sprach ich denn mit Euch in ganzer Aufrichtigkeit.“
„Mein Bruder aber beschuldigt gerade dich sowohl des Mordes, wie des Diebstahls.“
„Was bleibt ihnen denn sonst übrig?“ Ssmerdjäkoff lächelte bitter. „Aber wer wird ihnen denn glauben nach allen Beweisen? Grigorij Wassiljewitsch hat doch mit eigenen Augen gesehen, daß die Tür offen war, was ist da jetzt noch zu wollen! Aber was, Gott mit ihnen! Sie zittern doch für die eigene Haut ...“
Er verstummte und lag eine Weile ganz still. Plötzlich fügte er, als hätte er sich ein wenig bedacht, noch hinzu:
„Wenn man’s so nimmt, ist ja noch eines dabei zu bedenken: Dmitrij Fedorowitsch wollen alleweil die Schuld auf mich abwälzen, – das habe ich auch schon mannigfach gehört; aber wenn Ihr schon bloß das eine selbst bedenkt, selbiges, daß ich ein Meister sei im Vorspielen eines solchen Anfalles, so sagt doch selbst, ob ich Euch dies gesagt hätte, wenn ich in Wahrheit so eine Absicht in betreff Eures Vaters gehabt hätte? Wenn man schon einmal so eine Absicht hat, wer wird dann noch so dumm sein und selber so etwas aussprechen, womit man ihn doch später mit Leichtigkeit hineinlegen kann – und das dann noch dem leiblichen Sohne, erbarmt Euch! Ist denn das wahrscheinlich? Das ist doch, nach jeder Wahrscheinlichkeit, nie und nimmer möglich. Dieses Gespräch hört jetzt keine lebende Seele, außer der Vorsehung, aber wenn Ihr selbiges dem Staatsanwalt oder dem Untersuchungsrichter mitteilen wolltet, so könntet Ihr mich auf diese Manier gewaltig verteidigen: Denn was ist denn das für ein Räuber und Mörder, der noch kurz vorher so gutmütig offenherzig ist? Das wird man, denke ich, wohl ohne mannigfache Schwierigkeiten begreifen.“
„Hör mal,“ unterbrach Iwan Fedorowitsch, nicht wenig verdutzt durch die letzten klaren Worte Ssmerdjäkoffs, und indem er sich erhob, „ich verdächtige dich durchaus nicht, ich finde es sogar lächerlich, dich zu beschuldigen ... im Gegenteil, ich danke dir, daß du mich beruhigt hast. Ich gehe jetzt, aber ich werde wiederkommen. Also auf Wiedersehen und werde bald gesund. Brauchst du vielleicht irgend etwas?“
„Danke ergebenst. Marfa Ignatjewna vergißt mich nicht und besorgt mir alles, wenn ich wessen bedarf, wie sie immer in ihrer Güte tut. Und gute Menschen besuchen mich alleweil.“
„Dann auf Wiedersehen. Ich werde übrigens davon, daß du die Anfälle simulieren kannst, nichts sagen ... und auch dir rate ich, darüber zu schweigen,“ fügte Iwan Fedorowitsch plötzlich aus irgendeinem Grunde noch hinzu.
„Das verstehe ich sehr gut. Und wenn Ihr das nicht sagen wollt, so werde auch ich unser ganzes Gespräch dazumal am Hoftor nicht vermelden ...“
Iwan Fedorowitsch verließ bei diesen Worten bereits das Zimmer, und erst nachdem er schon ein Stück durch den Korridor gegangen war, wurde er sich plötzlich bewußt, daß sich in diesen letzten Worten Ssmerdjäkoffs wieder jener beleidigende Sinn einer uneingestandenen Mitwisserschaft verbarg. Schon wollte er umkehren, aber da verflog der Gedanke auch schon; er murmelte nur „Dummheiten!“ vor sich hin und verließ mit schnellen Schritten das Krankenhaus. Die Hauptsache war, daß er sich tatsächlich beruhigt fühlte, und zwar beruhigte ihn ausschließlich der eine Umstand, daß er sich überzeugt hatte, nicht Ssmerdjäkoff, sondern sein Bruder Mitjä sei der Schuldige, obgleich man meinen sollte, daß diese Überzeugung das Gegenteil bewirkt haben müßte. Warum das aber mit ihm so war, das wollte er im Augenblick nicht weiter untersuchen, er empfand sogar Ekel bei dem Gedanken, wieder in seinem Inneren wühlen und über seine Gefühle nachgrübeln zu müssen. Es war ihm, als wolle er irgend etwas schneller vergessen. In den darauf folgenden Tagen überzeugte er sich endgültig von der Schuld des Bruders, nachdem er sich von allen erdrückenden Beweisen und Zeugenaussagen eingehender hatte unterrichten lassen. Es lagen allerdings Aussagen vor, die geradezu niederschmetternd waren, so zum Beispiel die von Fenjä und deren Großmutter. Von den Aussagen Perchotins, der Plotnikoffschen Kommis, der Zeugen aus Mokroje gar nicht zu reden. Das Erdrückendste waren die kleinen unumstößlichen Tatsachen. Die Mitteilung von den geheimen Zeichen traf die Juristen fast im selben Maße, wie Grigorijs Aussage in betreff der offenen Tür. Marfa Ignatjewna behauptete auf Iwan Fedorowitschs Frage, daß Ssmerdjäkoff die ganze Nacht hinter der dünnen Bretterwand in ihrem Zimmer, ungefähr nur drei Schritt von ihrem Bett entfernt, gelegen hätte, und daß sie, wenn sie auch sonst fest geschlafen habe, doch mehrmals durch sein fortwährendes Gestöhn aufgewacht sei: „Die ganze Zeit hat er gestöhnt, die ganze Zeit,“ schloß sie überzeugt. Als Iwan Fedorowitsch Doktor Herzenstube seine Beobachtung mitteilte, nämlich, daß Ssmerdjäkoff ihm durchaus nicht irgendwie schwachsinnig erscheine, sondern nur körperlich angegriffen, rief er bei dem alten Deutschen nur ein feines Lächeln hervor. „Aber wissen Sie auch, womit er sich jetzt ganz besonders beschäftigt?“ fragte er Iwan Fedorowitsch lächelnd, „französische Vokabeln lernt er auswendig! Unter seinem Kopfkissen liegt ein Heft, in dem französische Worte mit russischen Buchstaben geschrieben sind, he – he – he!“ So gab denn Iwan Fedorowitsch schließlich alle seine Zweifel auf. An seinen Bruder Dmitrij konnte er nicht mehr ohne Ekel denken. Nur eines blieb immerhin sonderbar, daß Aljoscha trotz allem fortfuhr, so hartnäckig darauf zu bestehen, daß nicht Mitjä erschlagen habe, sondern „aller Wahrscheinlichkeit nach“ – Ssmerdjäkoff. Iwan fühlte, daß Aljoschas Meinung ihm immer sehr wertvoll war, und daß er sie hoch einschätzte – darum wunderte er sich jetzt noch mehr über ihn. Sonderbar war gleichfalls, daß Aljoscha nie mit ihm über Mitjä ein Gespräch angeknüpft, sondern immer nur auf seine Fragen geantwortet hatte. Das war ihm sogar sehr aufgefallen. Übrigens wurde er in jener Zeit noch durch etwas anderes von diesen Dingen abgelenkt. Als er aus Moskau zurückgekehrt war, hatte er sich gleich vom ersten Tage an mit allen Fibern seiner brennenden, sinnlosen Leidenschaft für Katerina Iwanowna ergeben. Es ist hier nicht der Ort, von dieser neuen Leidenschaft Iwan Fedorowitschs, die sich durch sein ganzes späteres Leben zog, zu erzählen. Das alles könnte zum Vorwurf einer neuen Erzählung, eines zweiten Romans dienen, den ich – ich weiß noch nicht recht – auch vielleicht einmal schreiben werde. Doch kann ich auch jetzt nicht ganz darüber schweigen. Vor allen Dingen muß ich bemerken, daß er, als er nachts mit Aljoscha von Katerina Iwanowna nach Haus ging und diesem sagte: „Ich begehre sie aber nicht,“ ganz einfach die nackte Unwahrheit sagte. Er liebte sie sinnlos, doch ist auch wahr, daß er sie zuweilen dermaßen haßte, daß er sie sogar hätte töten können. Es kreuzten sich hierbei viele Gefühle. Katerina Iwanowna klammerte sich jetzt nach all den überstandenen Erschütterungen, die ihr Mitjäs Verhaftung, der Verdacht, der auf ihm lag usw. verursacht hatten, an Iwan Fedorowitsch, wie an ihren einzigen Retter. Sie war gekränkt, erniedrigt, aufs äußerste beleidigt in ihren Gefühlen. Und da kehrte nun derjenige zurück, der sie früher so geliebt hatte, – oh, das wußte sie nur zu gut, – der Mensch, dessen Herz und Verstand sie immer hoch über sich selbst gestellt hatte. Aber ihre strenge Gesinnung ließ nicht zu, daß sie sich ganz als Opfer hingab, ungeachtet der ganzen Karamasoffschen Zügel- und Grenzenlosigkeit der Wünsche des Geliebten und des ganzen berauschenden Zaubers, den er auf sie ausübte. Zu gleicher Zeit aber quälte sie sich beständig mit der Reue darüber, daß sie Mitjä „verraten“ hatte, und in den erregten Augenblicken, wenn sie mit Iwan heftig stritt (und das kam häufig vor), sagte sie ihm rücksichtslos, was sie quälte. Das nun war es, was Iwan an jenem Abend im Gespräch mit Aljoscha „Lüge auf Lüge“ genannt hatte. Hierbei war allerdings vieles nur Lüge, und zwar war es dies, was Iwan Fedorowitsch am meisten reizte und aufbrachte ... doch davon später. Kurz, er vergaß auf diese Weise Ssmerdjäkoff für eine Zeitlang fast ganz. Doch siehe, es waren kaum zwei Wochen nach seinem ersten Besuch bei Ssmerdjäkoff vergangen, als ihn wieder alle diese sonderbaren Gedanken zu quälen begannen. Es genügt wohl, wenn ich sage, daß sich ihm immer wieder die Frage aufdrängte, die er nicht abschütteln konnte: warum er sich damals – in jener letzten Nacht vor seiner Abreise nach Moskau – leise wie ein Dieb zur Treppe geschlichen und gehorcht hatte, was der Vater dort unten treiben mochte? Das war es, was er sich immer wieder fragte. Und warum hatte er sich später immer nur mit Ekel vor sich selbst dieses Augenblicks erinnert, warum war ihm unterwegs am Morgen so schwer ums Herz gewesen, und warum hatte er, als er bei der Einfahrt in Moskau im Morgengrauen wie aus einem Traum erwacht war, sich gesagt: „Ein Schuft bin ich!“ Und jetzt hatte er sich auf dem Wege zu ihr eingestanden, daß er über diesen quälenden Gedanken selbst Katerina Iwanowna womöglich noch vergessen könnte, so unablässig quälten sie ihn! Und gerade, als er sich das gesagt hatte, war ihm Aljoscha auf der Straße begegnet. Er hatte ihn sofort angerufen und die sonderbare Frage an ihn gestellt:
„Erinnerst du dich noch dessen, wie ich damals, als Dmitrij nach Tisch plötzlich hereingestürzt war und den Vater verprügelt hatte, – wie ich dir auf dem Hofe sagte, daß ich das ‚Recht zu wünschen‘ für mich behielte, ... sag, dachtest du damals, daß ich den Tod des Vaters wünschte?“
„Ich dachte es,“ hatte Aljoscha leise geantwortet.
„So war es übrigens auch, es war dabei nichts zu erraten. Aber dachtest du damals nicht auch, daß ich besonders wünschte, ‚daß das eine Geschmeiß das andere Geschmeiß verschlinge‘, das heißt, daß gerade Dmitrij den Vater erschlage, und zwar je schneller, desto besser ... und daß ich sogar nicht einmal abgeneigt wäre, es selbst zu begünstigen?“
Aljoscha war ein wenig erbleicht und hatte stumm in die Augen des Bruders geblickt.
„So sag doch!“ hatte Iwan ungeduldig ausgerufen. „Ich will um alles in der Welt wissen, was du damals dachtest. Ich will die Wahrheit, die Wahrheit!“
Er hatte schwer geatmet und schon im voraus mit einer gewissen Feindseligkeit Aljoscha angeblickt.
„Vergib mir, ich habe auch das damals gedacht,“ hatte Aljoscha kaum hörbar gemurmelt und war darauf verstummt, ohne auch nur einen einzigen „mildernden Umstand“ hinzuzufügen.
„Danke!“ hatte Iwan kurz hingeworfen und war, indem er Aljoscha stehen ließ, schnellen Schrittes weitergegangen.
Seit jenem Augenblick hatte es Aljoscha geschienen, daß Iwan ihn nicht mehr liebte und sich absichtlich von ihm entfernte, so daß er selbst alsbald aufhörte, zu ihm zu gehen. Gleich nach jener Begegnung aber war Iwan Fedorowitsch plötzlich kurz entschlossen vom Wege abgebogen und hatte sich geradeswegs wiederum zu Ssmerdjäkoff begeben.
VII. Der zweite Besuch bei Ssmerdjäkoff
Ssmerdjäkoff hatte inzwischen das Krankenhaus schon verlassen. Iwan Fedorowitsch wußte, wo er wohnte: in jenem kleinen, aus rohen Balken gezimmerten, schief gewordenen, alten Häuschen, das nur aus zwei kleinen, durch einen Flur getrennten Zimmern bestand. In dem einen Zimmer hatte sich Marja Kondratjewna mit ihrer Mutter eingerichtet, und im anderen wohnte jetzt Ssmerdjäkoff ganz allein. Unter welchen Bedingungen er dort lebte, ob er ihnen etwas dafür zahlte, oder ob er ihnen nichts zahlte, das mag Gott wissen. Später vermutete man, daß er sich in der Eigenschaft als Marja Kondratjewnas Bräutigam bei ihnen niedergelassen hatte und vorläufig unentgeltlich dort wohnte. Die Mutter wie die Tochter verehrten ihn grenzenlos und hielten ihn, wenigstens im Vergleich zu sich selbst, für ein höheres Wesen.
Iwan Fedorowitsch klopfte an die Tür. Als ihm aufgemacht wurde, sah er sich zuerst in einem kleinen, schmalen Flur, aus dem er auf Marja Kondratjewnas Weisung geradezu in die „gute Stube“ eintrat, die von Ssmerdjäkoff eingenommen wurde. In dieser „guten Stube“ befand sich ein großer Kachelofen, der stark geheizt war. Die Wände schmückten himmelblaue Tapeten, allerdings ganz zerrissene, und hinter ihnen und in den Rissen krabbelte eine erschreckende Menge großer wie kleiner Schaben, so daß man im Zimmer ein unaufhörliches, eintöniges, schließlich einschläferndes Rascheln hörte. Eingerichtet war das Zimmer selbst für eine Bauernstube ganz erbärmlich: zwei Bänke an den Wänden, zwei Stühle neben dem Tisch. Der Tisch aber war, wenn auch aus einfachen Brettern gezimmert, so doch mit einer rosagemusterten Tischdecke bedeckt. Vor jedem der zwei kleinen Fenster stand je ein Blumentopf mit Geranien. In der Ecke hing ein Schrein mit Heiligenbildern. Auf dem Tisch standen ein kleiner, messingner, stark mit Beulen bedeckter Ssamowar und ein Teebrett mit zwei Tassen. Ssmerdjäkoff hatte schon seinen Tee getrunken, und der Ssamowar war erloschen ... Er selbst saß auf der einen Bank am Tisch, saß über ein Heft gebeugt und malte mit der Feder irgendwelche Buchstaben. Ein kleines Tintenfaß stand vor ihm auf dem Tisch, desgleichen ein einfacher Metalleuchter, in dem eine Stearinkerze stak. Iwan Fedorowitsch sagte sich sofort nach dem ersten Blick auf Ssmerdjäkoff, daß jener sich vollkommen erholt hatte. Sein Gesicht war frischer, voller, die Locke über der Stirn war sorgfältig aufgedreht, und die Schläfenhaare waren glatt angekämmt. Er saß in einem bunten wattierten Schlafrock, der aber schon recht alt zu sein schien und ziemlich zerrissen war. Auf der Nase hatte er eine Brille, die Iwan Fedorowitsch früher nie bei ihm gesehen hatte. Dieser eine nichtssagende Umstand verdoppelte geradezu Iwan Fedorowitschs Gereiztheit. „Solch ein Tier, und da sitzt es nun noch mit einer Brille auf der Nase!“ dachte er wütend. Ssmerdjäkoff erhob langsam seinen Kopf und blickte aufmerksam durch die Brille den Eintretenden an; darauf nahm er die Brille ab und erhob sich von der Bank, tat es aber nichts weniger als ehrerbietig, tat es sogar mit einer gewissen Faulheit, als wenn er nur die unumgänglichste Höflichkeit beobachten wollte, ohne die es nun einmal leider nicht geht. Iwan Fedorowitsch erkannte dies sofort. Vor allem fiel ihm Ssmerdjäkoffs Blick auf, der entschieden feindlich, jedenfalls nichts weniger als willkommenheißend und sogar hochmütig war. Er schien förmlich auszusprechen: „Warum schleppst du dich denn wieder her, wir haben doch dazumal alles erledigt, was willst du denn jetzt noch?“
Iwan Fedorowitsch konnte sich kaum beherrschen.
„Heiß ist es hier bei dir,“ sagte er, noch an der Tür stehend, und riß den Mantel auf.
„Nehmt ihn ab,“ erlaubte gnädig Ssmerdjäkoff.
Iwan Fedorowitsch zog den Mantel aus und warf ihn auf die andere Bank, ergriff mit etwas zitternden Händen einen Stuhl, schob ihn mit einem Ruck an den Tisch und setzte sich. Ssmerdjäkoff war es gelungen, sich bereits früher als Iwan wieder zu setzen.
„Vor allen Dingen – sind wir allein?“ fragte Iwan Fedorowitsch streng und heftig. „Kann man uns nicht im anderen Zimmer hören?“
„Niemand wird was hören. Habt ja selber gesehen, daß ein Flur zwischen ist.“
„Hör mal, mein Lieber: was war es, was du damals faseltest, als ich dich im Krankenhause verließ? Was kautest du da von –: wenn ich nicht aussagen würde, daß du ein Meister im Vortäuschen von epileptischen Anfällen wärst, so würdest auch du dem Untersuchungsrichter unser ganzes Gespräch, das wir am Vorabend beim Hoftor hatten, gar nicht mitteilen? Was meintest du mit diesem ‚unser ganzes Gespräch‘? Drohtest du mir etwa? Was hast du damit sagen wollen? Daß ich mich mit dir verbündet hätte oder verabredet, und dich etwa jetzt fürchten könnte?“
Iwan Fedorowitsch sprach es fast jähzornig; er gab dabei mit Absicht deutlich zu verstehen, daß er jeden Winkelzug verachtete sowie jedes vorsichtige Heranschleichen, vielmehr mit offenen Karten spielen wollte. In Ssmerdjäkoffs Augen blitzte es boshaft auf, und das linke kleine Äuglein zwinkerte wieder, als wollte es prompt zur Antwort geben: „Also offene Karten willst du? – schön, soll geschehen, so offen wie du nur willst.“
„Was ich dazumal mit selbigem meinte und aussprach, war, daß Ihr sehr wohl diesen Mord voraussaht und dennoch abreistet, alsomit Euren leiblichen Vater wohlweislich opfertet und Euch selber fortbegabt, damit die Menschen nicht was Schlechtes von Euren Gefühlen dächten, vielleicht aber auch noch von manchem übrigen. – Selbiges war es, was ich dazumal der Obrigkeit nicht zu sagen Euch versprach.“
Ssmerdjäkoff sprach es zwar langsam und hatte sich augenscheinlich ganz in der Gewalt, doch in seiner Stimme lag jetzt bereits etwas Festes und Sicheres, Boshaftes und frech Herausforderndes. Geradezu unverschämt fixierte er Iwan Fedorowitsch, so daß es diesem einen Moment vor den Augen flimmerte.
„Wie? Was? Bist du verrückt geworden oder noch bei Sinnen?“
„Vollkommen alleweil bei Sinnen.“
„Aber wie sollte ich denn das wissen, daß er ermordet werden würde?“ schrie plötzlich Iwan Fedorowitsch ihn an, indem er heftig mit der Faust auf den Tisch schlug. „Und was heißt das: ‚vielleicht aber auch noch von manchem übrigen‘? – sprich, Schurke!“
Ssmerdjäkoff schwieg und fuhr fort, immer mit demselben frechen Blick Iwan Fedorowitsch zu fixieren.
„Sprich, du stinkender Hund, von was für ‚manchem übrigen‘?“ schrie dieser laut.
„Mit selbigem manchem übrigen meinte ich soeben, daß Ihr dazumal selber sehr den Tod Eures Vaters wünschtet.“
Iwan Fedorowitsch sprang auf und schlug ihn aus aller Kraft auf die Schulter, so daß Ssmerdjäkoff an die Wand zurückprallte. In einem Augenblick war sein ganzes Gesicht von Tränen überströmt, und er sagte nur: „Schämt Euch, Herr, einen schwachen Menschen so zu schlagen!“ worauf er seine Augen mit seinem baumwollenen, blaukarierten, gänzlich vollgeschnaubten Schnupftuch bedeckte und sich in stilles Weinen versenkte. Das dauerte eine gute Weile an.
„Genug jetzt! Hör auf!“ befahl schließlich Iwan Fedorowitsch barsch und setzte sich wieder auf den Stuhl. „Bring mich nicht um meine letzte Geduld.“
Ssmerdjäkoff nahm endlich seinen vollgeschnaubten Lappen von den Augen. Jeder Zug seines runzlichen Gesichts drückte die soeben erlittene Kränkung aus.
„So hast du Schurke damals geglaubt, daß ich zusammen mit Dmitrij Fedorowitsch meinen Vater erschlagen wollte?“
„Eure Gedanken konnte ich dazumal nicht wissen,“ sagte Ssmerdjäkoff gekränkt, „und somit hielt ich Euch auf, als Ihr durch das Fußpförtchen eintreten wolltet, um Euch über selbigen Punkt zu erforschen.“
„Was zu erforschen? Wie?“
„Um doch diesen selbigen Umstand zu erforschen: wollt Ihr nun, oder wollt Ihr nicht, daß Euer Vater bald erschlagen würde.“
Was Iwan Fedorowitsch am meisten empörte, war dieser hartnäckig beibehaltene freche Ton, den Ssmerdjäkoff auf einmal angenommen hatte und nicht mehr verändern zu wollen schien.
„Du bist es, der ihn erschlagen hat!“ rief Iwan plötzlich auffahrend.
Ssmerdjäkoff lächelte verächtlich.
„Daß nicht ich es getan habe, das wißt Ihr doch selber ganz genau. Und ich glaubte, daß mit einem klugen Menschen sich gar nicht mehr darüber noch zu reden lohnt.“
„Aber warum, sag, warum war damals in dir ein solcher Verdacht auf mich aufgetaucht?“
„Wie ich Euch schon mannigfach gesagt habe, einzig von wegen meiner Angst. War ich doch dazumal in so einer Verfassung, daß ich in der Angst alle beargwöhnte. Aus selbigem Grunde beschloß ich dann, desgleichen auch Euch zu erforschen, dieweil wenn auch Ihr dasselbige wie Euer Bruder Dmitrij wünscht, dachte ich, so weiß ich, daß ich alsomit verloren bin, daß die Sache so gut wie geschehen ist, und ich mit eins wie eine Fliege untergehe.“
„Hör mal, vor zwei Wochen sprachst du anders.“
„Ich habe aber vor zwei Wochen im Hospital ganz genau dasselbe gemeint. Bloß glaubte ich alleweil, daß Ihr auch ohne überflüssige Wörter verstehen würdet und ein offenes Gespräch selber nicht wünschtet, wie eben ein sehr kluger Mensch.“
„Sieh mal einer an! Aber antworte, antworte, ich bestehe darauf! Wodurch, sage, wodurch habe ich damals in deiner gemeinen Seele einen so niedrigen Verdacht erwecken können?“
„Totschlagen – so hättet Ihr das selber auf keine Manier getan, und Ihr hättet es auch nicht gewollt. Aber wollen, daß ihn ein anderer totschlage – so wolltet Ihr dies sogar sehr.“
„Und wie ruhig, wie ruhig er es noch sagt! Aber warum hätte ich denn das wünschen sollen, zu welch einer Teufelei hätte ich das nötig gehabt?“
„Wie denn so, zu was nötig? Aber die Erbschaft?“ griff Ssmerdjäkoff geradezu giftig auf, und seinen Augen sah man die Rachelust an. „Dann hättet Ihr doch, wie jeder Eurer Brüder, etwa vierzigtausend Rubel auf einen Ruck bekommen, vielleicht noch viel mehr; hätte aber Fedor Pawlowitsch selbige Dame geheiratet, so hättet Ihr mitsamt Euren Brüdern nicht einen einzigen Rubel gesehen, dieweil Agrafena Alexandrowna die ganzen Kapitalien sofort nach der Trauung auf ihren Namen hätte verschreiben lassen, sintemal sie äußerst wenig dumm sind. Und war es denn dazumal weit von der Trauung? Nur ein Härchen: selbige Dame hätten bloß gebraucht, so mit dem kleinen Fingerchen vor Fedor Pawlowitsch zu machen, und sie wären ihr noch im selbigen Moment mit heraushängender Zunge in die Kirche nachgelaufen.“
Iwan Fedorowitsch wurde es zur Folterqual, sich zu beherrschen.
„Gut,“ sagte er endlich, „wie du siehst, bin ich nicht aufgesprungen, habe ich dich nicht geprügelt, nicht dich totgeschlagen. Sprich weiter: Also deiner Meinung nach hatte ich meinen Bruder Dmitrij dazu bestimmt, auf ihn also hätte ich gerechnet?“
„Wie solltet Ihr denn nicht auf Dmitrij Fedorowitsch rechnen? Dieweil wenn sie den Vater erschlagen, gehen sie aller Adelsrechte verlustig, aller Titel und alles Besitzes und werden nach Sibirien verschickt. Alsomit wäre dann auch ihr Teil nach dem Tode des Vaters Euch und Eurem Brüderchen Alexei Fedorowitsch zugefallen, also grad zur Hälfte, alsomit hättet Ihr dann nicht nur vierzig-, sondern gleich sechzigtausend Rubel geerbt. Wie solltet Ihr nun da nicht alleweil auf Euren Bruder Dmitrij Fedorowitsch rechnen!“
„Nun, weiß Gott, ich erdulde viel von dir! Höre, du verächtliches Subjekt: selbst wenn ich damals auf irgend jemanden gerechnet hätte, so wäre das allenfalls auf dich gewesen, nicht aber auf Dmitrij, und ich schwöre dir, ich ahnte sogar eine Niedertracht von dir ... damals ... ich erinnere mich noch vorzüglich meines Eindrucks!“
„Selbiges habe auch ich eine Sekunde lang gedacht, nämlich daß Ihr auf mich rechnetet,“ sagte Ssmerdjäkoff mit spöttischem Lächeln, „so daß Ihr durch selbiges dazumal noch mehr Unrecht tatet, denn wenn Ihr solch einen Argwohn auf mich hattet und zu gleicher Zeit doch verreistet, so war es doch alsomit geradezu, als wolltet Ihr mir sagen: Du kannst den Vater erschlagen, ich fahre fort, um dich nicht daran zu verhindern.“
„Hund! Das hast du nur so aufgefaßt!“
„Und das kam alles nur durch dieses Tschermaschnjä. Erbarmt Euch! Immer wieder bat Euch Euer Vater, nach Tschermaschnjä zu fahren, Ihr aber weigertet Euch, das Haus auf die paar Tage zu verlassen und selbige Bitte zu erfüllen. Und plötzlich, einzig auf mein dummes Wort hin, seid Ihr einverstanden, hinzufahren! Und was hattet Ihr nur dazumal für einen Grund, darauf einzugehen, nach Tschermaschnjä zu fahren? Wenn Ihr also nicht nach Moskau, sondern ganz grundlos nur auf mein eines Wort hin nach Tschermaschnjä fuhrt, so hieß das doch, daß Ihr etwas von mir erwartetet.“
„Nein, ich schwöre es, nein!“ schrie Iwan wutknirschend.
„Wie denn nicht? Sonst wär’s doch ganz und gar nicht angegangen, daß Ihr, als Sohn Eures Vaters, mich nicht auf der Stelle auf selbige hiesige Polizeiwacht gebracht oder mich durchgepeitscht hättet ... oder wenigstens ohne mir ein paar Maulschellen zu langen. Ihr aber gingt noch, ganz umgekehrt, ohne auch nur eine Spur von Wut, sofort hin und tatet nach meinem dummen Wort, akkurat, was ich gesagt hatte, und fuhrt auch richtig fort, was doch ganz ungereimt war, wenn Ihr selbigen Verdacht auf mich hattet, und es alsomit Eure Pflicht war, hierzubleiben und das Leben Eures Vaters hinfort zu beschützen ... Wie sollte ich nun da nicht selbiges denken?“
Iwan saß mit finsterer Stirn da, die Fäuste wie im Krampf auf die Knie gestützt.
„Ja, schade, daß ich dir keine Ohrfeigen gab!“ Er lächelte bitter. „Dich auf die Polizei zu bringen, ging leider nicht an: es hätte mir niemand geglaubt, und ich hätte doch nichts beweisen können. Was aber die Ohrfeigen betrifft ... ach, schade, daß ich damals nicht darauf verfallen bin! Wenn sie auch verboten sind, so hätte ich doch mit Vergnügen deine Fratze zu Brei geschlagen.“
Ssmerdjäkoff betrachtete ihn fast mit Hochgenuß.
„Im sonstigen gewöhnlichen Leben,“ hub er plötzlich in demselben selbstzufrieden-doktrinären Tone an, in dem er schon einmal, am Tisch Fedor Pawlowitschs stehend, mit Grigorij Wassiljewitsch über den Glauben gestritten und ihn zum besten gehabt hatte, „im sonstigen gewöhnlichen Leben sind Maulschellen heutigentags ganz und gar durchs Gesetz verboten, und so hat alle Welt aufgehört, zu schlagen, was aber die Ausnahmefälle des Lebens angeht, so kann man alleweil sagen, daß man nicht nur bei uns, sondern in der ganzen Welt, und selbst wenn man die französische Republik nimmt, überall ganz genau so fortfährt, alleweil zu schinden, wie zu Adams und Evas Zeiten, und selbiges wird auch nie auf Erden aufhören, Ihr aber habt dazumal selbst nicht einmal in so einem Ausnahmefall zu schlagen gewagt.“
„Wozu lernst du denn jetzt französische Vokabeln?“ fragte Iwan, indem er mit einem Kopfnicken auf das Heft wies.
„Warum sollte ich sie denn nicht lernen, um auf selbige Manier meine Bildung zu erhöhen, wenn ich denke, daß auch ich in jenen glücklichen Ländern Europas vielleicht mal sein werde?“
„Höre jetzt, Teufel, was ich dir sage!“ wandte sich plötzlich Iwan Fedorowitsch mit drohendem Blick und zitternd vor Wut an ihn. „Ich fürchte deine Anschuldigungen nicht! Sage ihnen was du willst über mich. Und wenn ich dich nicht hier auf der Stelle totgeschlagen habe, so geschah das einzig darum, weil ich dich für den Mörder halte und dich noch vor die Schranken bringen will. Ich werde dich schon entlarven!“
„Meiner Meinung nach aber tut Ihr besser, wenn Ihr schweigt. Sintemal, was könnt Ihr denn gegen mich in meiner Unschuld aussagen, und wer wird Euch was glauben? Und wenn Ihr anfangt, werdet Ihr nur das erreichen, daß auch ich dann alles sage; denn wie sollte ich mich nicht selber verteidigen?“
„Du glaubst wohl, daß ich dich jetzt fürchte?“
„Mögen auch die Richter meinen selbigen Worten, die ich Euch hier soeben gesagt habe, nicht glauben, so wird man ihnen doch um so mehr im Publikum glauben, und da werdet Ihr Euch schämen müssen.“
„Das soll wohl wieder heißen: ‚Mit einem klugen Menschen ist auch das Reden ein Genuß?‘ – wie?“ fragte Iwan Fedorowitsch, innerlich wutknirschend.
„Da habt Ihr den Nagel genau auf den Kopf getroffen. Ihr werdet doch alsomit als kluger Mensch nicht Dummheiten machen.“
Iwan Fedorowitsch erhob sich. Er fühlte, wie er am ganzen Körper vor verhaltener Wut zitterte. Er zog seinen Mantel an und verließ, ohne Ssmerdjäkoff noch ein Wort zu sagen, ohne auch nur noch einen Blick auf ihn zu werfen, eilig die Stube. Die kühle Abendluft erfrischte ihn. Es war heller Mondschein. Gedanken und Gefühle wogten in ihm, und doch hatte er die Empfindung, als hielten sie ihn wie unter einem Alb gefangen. „Soll ich unverzüglich hingehen und Ssmerdjäkoff anzeigen? Was aber soll ich denn sagen? Er bleibt trotz allem unschuldig. Er wird dann nur noch mich beschuldigen. Ja, in der Tat, warum wollte ich denn damals nach Tschermaschnjä fahren? Warum, warum nur?“ fragte sich Iwan Fedorowitsch. „Ja, natürlich, ich erwartete etwas, und er hat recht ...“ Und wieder erinnerte er sich zum tausendstenmal, wie er in der letzten Nacht im Vaterhause zur Treppe geschlichen war und gelauscht hatte; doch diese Erinnerung bereitete ihm jetzt solche Folterpein, daß er stehen blieb, als wäre er von einem Speer durchbohrt worden. „Ja, ich erwartete es damals, das ist wahr! Ich wollte, ja, ja, ich wünschte, daß dieser Mord geschehe! Wie, habe ich wirklich diesen Mord gewollt? – habe ich ihn gewollt? Ssmerdjäkoff muß totgeschlagen werden! ... Wenn ich jetzt nicht wage, Ssmerdjäkoff zu erschlagen, so lohnt sich ja überhaupt nicht mehr, weiter zu leben! ...“
Iwan Fedorowitsch ging darauf, ohne bei sich zu Hause vorzusprechen, geradeswegs zu Katerina Iwanowna und erschreckte sie maßlos: Er war wie trunken, war wie ein Irrsinniger. Er erzählte ihr sein ganzes Gespräch mit Ssmerdjäkoff, er bemühte sich, kein Wort zu vergessen. Er konnte sich nicht beruhigen, wie sehr sie ihm auch zuredete; er ging im Zimmer umher und sprach so sonderbar, oft ganz zusammenhanglos und in abgerissenen, nicht zu Ende gesprochenen Sätzen. Endlich setzte er sich, stützte die Ellenbogen auf die Knie und vergrub den Kopf in den Händen. Und plötzlich murmelte er einen sonderbaren Aphorismus:
„Wenn nicht Dmitrij erschlagen hat, sondern Ssmerdjäkoff, so bin ich natürlich mit diesem solidarisch, denn ich habe ihn zur Ausführung seiner Absicht angeregt ... ich habe die Ausführung begünstigt ... Habe ich ihn dazu angeregt? – ich weiß es noch nicht. Wenn aber er erschlagen hat und nicht Dmitrij, so bin natürlich auch ich ein Mörder.“
Als Katerina Iwanowna das gehört hatte, erhob sie sich schweigend von ihrem Platz, ging zu ihrem Schreibtisch, öffnete eine auf ihm stehende Schatulle und entnahm ihr einen Zettel, den sie vor Iwan Fedorowitsch auf den Tisch legte. (Dieser Zettel war jenes Dokument, von dem Iwan Aljoscha als von einem „mathematischen Beweise“ dessen, daß Dmitrij den Vater erschlagen habe, gesprochen hatte.) Es war das ein Brief, den Mitjä in der Trunkenheit geschrieben – am selben Abend, nachdem er am Kreuzwege vor dem Kloster mit Aljoscha zusammengetroffen war. Kurz vorher war es bei Katerina Iwanowna in Aljoschas Gegenwart zu jener Szene gekommen, in der Gruschenka sie so unverzeihlich beleidigt hatte. Mitjä war nach der Trennung von Aljoscha zu Gruschenka geeilt; ob er sie gesehen hatte, weiß ich nicht. Jedenfalls aber war er sehr spät im Gasthaus „Zur Hauptstadt“ erschienen, wo er sich dann gehörig angetrunken hatte. Darauf hatte er Feder und Papier verlangt und diesen für ihn verhängnisvollen Brief geschrieben. Es war ein schwärmerischer, wortreicher und zusammenhangloser Gefühlserguß, gerade so ein echtes Werk der Trunkenheit. Der Brief erinnerte etwa an die Rede eines Betrunkenen, der, nach Hause gekommen, seiner Frau oder sonst einem Hausgenossen eifrig erzählt, wie man ihn soeben beleidigt habe, was für ein Schuft sein Beleidiger sei, was er selbst dagegen für ein prächtiger Mensch sei, und wie er jenem Schufte heimzahlen werde – alles das unglaublich wortreich und mit Eifer vorgetragen, mit Faustschlägen auf den Tisch und unter trunkenen Tränen. Das Papier, auf dem Mitjä geschrieben hatte, war ein schmutziges Stück gewöhnlichen Schreibpapiers schlechter Qualität, auf dessen Rückseite eine Rechnung stand. Der trunkenen Beredsamkeit hatte das Schreibfeld augenscheinlich nicht genügt, denn Mitjä hatte nicht nur alle Ränder und Ecken beschrieben, sondern die letzten Zeilen sogar noch quer über das bereits Geschriebene gesetzt. Der Brief lautete wie folgt:
„Verhängnisvolle Katjä! Morgen werde ich mir das Geld verschaffen und Dir Deine Dreitausend zurückerstatten. Dann leb wohl, – Du großen Zornes fähiges Weib! Doch leb wohl dann auch meine Liebe! Machen wir ein Ende damit! Morgen werde ich von allen Menschen mir das Geld zu verschaffen suchen, bekomme ich es aber nicht von den Menschen, so – das schwöre ich Dir! – werde ich zum Vater gehn und ihm den Schädel einschlagen und es von ihm unter dem Kissen hervorholen, wenn nur Iwan abreisen würde. Ich werde nach Sibirien zu den Zwangsarbeitern gehen, aber die Dreitausend werde ich Dir zurückgeben. Du aber leb wohl. Ich verneige mich vor Dir bis zur Erde, denn vor Dir stehe ich als Schuft da. Vergib mir, Katjä. Nein, vergib mir lieber nicht: dann wird sowohl mir als auch Dir leichter sein! Lieber Zwangsarbeit als Deine Liebe, denn ich liebe eine andere. Du aber hast sie heute nur zu gut erkannt, wie solltest Du da noch vergeben können!? Ich werde ihn totschlagen, der mich bestohlen hat! Ich gehe fort von Euch allen, gehe weit fort in den Osten, um von niemandem mehr etwas zu wissen. Auch von ihr nicht, denn nicht Du allein bist eine Märtyrerin, auch sie ist eine. Leb wohl!
P. S. Ich schreibe einen Fluch, und doch bete ich dich an! Das fühle ich in meiner Brust. Eine einzige Saite ist noch geblieben, und die klingt fort. Besser ist, man reißt das Herz entzwei. Ich werde mich töten, zuerst aber diesen Hund. Ich werde ihm die Drei entreißen, und sie Dir hinwerfen. Wenn ich auch als Schuft vor Dir stehe, so bin ich doch kein Dieb! Erwarte die Dreitausend. Bei dem Hunde unter dem Kissen. Ein rosa Bändchen. Nicht ich bin ein Dieb, sondern ich werde den Dieb, der mich bestohlen hat, erschlagen. Katjä, sieh nicht verachtungsvoll auf mich herab: Dmitrij ist kein Dieb, er wird nur einen Menschen erschlagen! Er hat den Vater getötet und sich selbst zugrunde gerichtet, um aufrecht stehen zu können und Deine stolze Verachtung nicht ertragen zu müssen. Und Dich nicht lieben zu müssen.
PP. S. Deine Füße küsse ich, leb wohl!
PP. SS. Katjä, bete zu Gott, daß mir die Menschen Geld geben mögen! Dann werde ich meine Hände nicht mit Blut besudeln! Gibt man es mir aber nicht – so lade ich eine Blutschuld auf mich! Töte Du mich!
Dein Sklave und Dein Feind D. Karamasoff.“
Als Iwan dieses „Dokument“ gelesen hatte, erhob er sich taumelnd: Er war überzeugt. So war denn der Bruder der Mörder und nicht Ssmerdjäkoff. Nicht Ssmerdjäkoff – das bedeutete, nicht er, Iwan. Dieser Brief erhielt in seinen Augen fast unbewußt sofort die Bedeutung eines klaren, unanfechtbaren Beweises. Jetzt gab es für ihn keinen Zweifel mehr an Mitjäs Schuld. Bei der Gelegenheit mag noch gesagt sein, daß Iwan niemals der Verdacht gekommen war, Mitjä hätte mit Ssmerdjäkoff zusammen den Mord begangen, ganz abgesehen davon, daß die Tatsachen eine solche Annahme nicht zuließen.
Iwan war vollkommen beruhigt. Am nächsten Morgen dachte er nur noch mit Verachtung an Ssmerdjäkoff und dessen höhnische Worte. Nach ein paar Tagen wunderte er sich sogar darüber, wie ihn die Beschuldigungen dieser Dienerseele so qualvoll hatten kränken können. Er beschloß, ihn zu verachten und zu vergessen. So verging ein Monat. Iwan Fedorowitsch zog weiter bei niemandem Erkundigungen über ihn ein, nur hörte er einmal davon sprechen, daß Ssmerdjäkoff sehr krank und nicht bei vollem Verstande sei. „Der wird mit Irrsinn enden,“ hatte sich einmal unser junger Arzt Warwinskij über ihn geäußert, und Iwan Fedorowitsch hatte sich diesen Ausspruch gut gemerkt. In der letzten Woche dieses Monats aber fing er selbst an, sich gesundheitlich sehr schlecht zu fühlen. Er hatte sich auch schon von dem Doktor, den Katerina Iwanowna aus Moskau verschrieben hatte, und der ein paar Tage vor der Gerichtssitzung angekommen war, untersuchen lassen. Und gerade in dieser Zeit hatten sich seine Beziehungen zu Katerina Iwanowna aufs äußerste zugespitzt. Sie waren wie zwei erbitterte Feinde, die sich nur ineinander verliebt hatten. Katerina Iwanownas Rückfälle in ihre frühere Liebe zu Mitjä, die zwar gewöhnlich nur kurz, doch dafür um so stärker waren, konnten Iwan geradezu rasend machen. Doch eines war dabei sonderbar: Bis zu jener bereits wiedergegebenen Szene bei Katerina Iwanowna, nachdem Aljoscha, von Mitjä kommend, mit ihm zusammen eingetreten war, hatte er, Iwan, sie noch kein einziges Mal während des ganzen Monats einen Zweifel an Mitjäs Schuld aussprechen hören, trotz aller ihrer „Rückfälle“ zu Mitjä, die ihm so maßlos verhaßt waren. Bemerkenswert ist ferner noch, daß Iwan, obwohl er fühlte, wie er Mitjä mit jedem Tage immer noch mehr haßte, zu gleicher Zeit sich doch klar bewußt war, daß er ihn nicht wegen dieser Rückfälle Katjäs haßte, sondern einzig und allein deshalb, weil er den Vater erschlagen hatte! Das fühlte er, und das wußte er. Nichtsdestoweniger war er ungefähr zehn Tage vor der Gerichtssitzung zu Mitjä gegangen und hatte ihm den Vorschlag gemacht, zu fliehen, – er hatte ihm seinen ganzen Plan auseinandergesetzt. Augenscheinlich hatte er diesen Plan schon lange ausgearbeitet. Hierbei gab es außer dem Hauptgrund, der ihn dazu bewogen hatte, noch eine andere Ursache, aus der er dies tat: Es war das die noch immer nicht vernarbte Streifwunde in seinem Herzen, die von dem einen kleinen Wort Ssmerdjäkoffs zurückgeblieben war: daß es ihm, Iwan, zustatten käme, wenn man den Bruder verurteilte, da er dann statt Vierzig-, Sechzigtausend erben werde. Deshalb hatte er beschlossen, ganze dreißigtausend Rubel allein von seiner Erbschaft zu geben, um dem Bruder die Flucht zu ermöglichen. Als er aber damals von ihm aus dem Gefängnis zurückgekehrt war, hatte ihn eine traurige, düstere Erregung überfallen: Er hatte plötzlich gefühlt, und er war sich des Gefühls immer bewußter geworden, daß er die Flucht nicht nur deswegen wünschte, um für sie die Dreißigtausend zu opfern, damit die Streifwunde in seinem Herzen vernarben konnte, sondern noch aus einem anderen, halb unbewußten Grunde. „Ist es vielleicht nicht, weil in der Seele auch ich ein ebensolcher Mörder bin?“ hatte er sich damals gefragt. Etwas Fernes, doch Brennendes vergiftete seine Seele. Vor allem hatte in diesem ganzen Monat sein Stolz gelitten, doch davon später ...
... Als Iwan Fedorowitsch nach seinem Gespräch mit Aljoscha an seiner Haustür angelangt war und, schon im Begriff, die Klingel zu ziehen, plötzlich sich entschlossen hatte, nochmals – zum drittenmal – zu Ssmerdjäkoff zu gehen, da hatte er unter dem Einfluß eines jäh ihn überkommenden, bebenden Unwillens gehandelt. Es war ihm plötzlich eingefallen, wie Katerina Iwanowna soeben noch in Aljoschas Gegenwart ausgerufen hatte: „Du bist es, du, der mich überzeugt hat, daß er der Mörder ist! Nur dir allein habe ich es geglaubt!“ Als ihm diese Worte wieder einfielen, ergriff es ihn wie ein Kältegefühl, das ihn erstarren machte, und es war ihm, als würden seine Glieder steif: Nie im Leben hatte er ihr so etwas gesagt oder gar sie davon zu überzeugen gesucht, daß Mitjä der Mörder sei, er hatte doch noch in ihrer Gegenwart sich selbst verdächtigt, damals, als er von Ssmerdjäkoff gekommen war. Im Gegenteil, sie hatte ihn daraufhin von der Schuld des Bruders überzeugt: Hatte sie ihm doch das „Dokument“ gezeigt, das Mitjäs Schuld bewies! Und nun plötzlich sagt sie: „Ich bin selbst bei Ssmerdjäkoff gewesen!“ Wann ist sie bei ihm gewesen? Iwan wußte nichts davon. Also war sie dann doch nicht so überzeugt von Mitjäs Schuld! Und was hatte Ssmerdjäkoff ihr sagen können? Unbändiger Zorn erhob sich in seinem Herzen. Er begriff nicht, wie er ihr vor einer halben Stunde diese Worte hatte durchlassen können. Er hatte schon den Griff des Glockenzuges erfaßt, doch plötzlich wandte er sich zurück und begab sich zu Ssmerdjäkoff. „Vielleicht werde ich ihn heute noch erschlagen,“ dachte er bei sich.
VIII. Der dritte und letzte Besuch bei Ssmerdjäkoff
Er hatte noch nicht die Hälfte des Weges zurückgelegt, als ein scharfer, trockener Wind sich erhob, wie er auch schon am Morgen und Vormittag geweht hatte, und feinen, dichten, trockenen Schnee mit sich brachte. Der Schnee fiel zur Erde, ohne auf ihr haften zu bleiben, der Wind wirbelte ihn wieder auf, und bald begann ein wildes Schneetreiben. In jenem entlegenen Stadtviertel, wo Ssmerdjäkoff wohnte, gab es fast gar keine Straßenlaternen. Iwan Fedorowitsch schritt, indem er unwillkürlich und wie in einem Triebe den Weg verfolgte, durch die Dunkelheit, ohne das Schneegestöber zu bemerken. Der Kopf tat ihm weh, und qualvoll klopfte das Blut ihm in den Schläfen. In seinen Handflächen zuckte es zuweilen wie im Krampf. Das war alles, was er fühlte. Kurz vor dem Häuschen Marja Kondratjewnas erblickte er nicht weit vor sich ein kleines betrunkenes Bäuerlein, in kurzem, altem Wams, das brummend und schimpfend im Zickzack einherwankte. Dann hörte es plötzlich mit dem Schimpfen auf und begann mit heiserer, trunkener Stimme zu singen:
„Ach, mein Wanjka fuhr nach Piter[27] Will nicht warten hier auf ihn ...“
Nach der zweiten Strophe brach er aber ab und fing wieder jemanden zu schimpfen an, um darauf von neuem dasselbe Lied anzustimmen und wieder nach der zweiten Strophe abzubrechen. Noch bevor Iwan Fedorowitsch recht an ihn dachte, empfand er bereits einen wilden Haß auf ihn. Erst nach einer Weile kam er gleichsam zu sich, und sofort ergriff ihn unbezwingbare Lust, das Bäuerlein einfach mit der Faust niederzuschlagen. Dieses Bedürfnis nach einem wuchtigen Faustschlage ergriff ihn übermächtig. Gerade in diesem Augenblick war er ganz nahe an ihn herangekommen, und da stieß plötzlich das wankende Bäuerlein wuchtig mit der Schulter an Iwan Fedorowitsch. In rasender Wut stieß Iwan ihn zurück. Das Bäuerlein taumelte und fiel wie ein Klotz auf die hartgefrorene Erde; er stöhnte nur noch einmal: „Oh – oh, oh!“ und verstummte. Iwan trat an ihn heran. Jener lag auf dem Rücken und rührte sich nicht, schien jedenfalls besinnungslos zu sein. „Der wird erfrieren,“ dachte Iwan und ging seines Weges – zu Ssmerdjäkoff.
Im Flur flüsterte ihm Marja Kondratjewna zu, daß Pawel Fedorowitsch (Ssmerdjäkoff) sehr krank sei, daß er nicht nur zu Bett liege, sondern geradezu wie nicht bei vollem Verstande zu sein scheine und sogar den Tee habe er fortzuräumen befohlen, da er keine Lust habe zu trinken.
„Was, tobt er denn etwa?“ fragte Iwan Fedorowitsch grob.
„Ach wo! Ganz mäuschenstill ist er, nur sprechen Sie bitte nicht lange mit ihm,“ bat Marja Kondratjewna.
Iwan Fedorowitsch öffnete die Tür und trat in die Stube.
Geheizt war sie ebenso stark, wie das vorige Mal, aber es war in ihr sonst einiges verändert worden. Die eine Bank war hinausgeschafft, und an ihrer Stelle stand ein großer alter Lederdiwan, auf dem ein Bett mit ziemlich reinen weißen Kissen aufgeschlagen war. Auf diesem Bett saß Ssmerdjäkoff im selben alten Schlafrock. Der Tisch war vor den Diwan gerückt, so daß es jetzt im Zimmer sehr eng war. Auf dem Tisch lag ein dickes Buch in gelbem Umschlag, doch Ssmerdjäkoff las nicht in ihm, er saß auf dem Bett und tat, wie es schien, nichts. Mit langem, stummem Blick empfing er Iwan Fedorowitsch, ohne sich anscheinend auch nur im geringsten über dessen Erscheinen zu wundern. Er hatte sich sehr verändert, das Gesicht war mager und gelb geworden. Die Augen waren geradezu eingefallen, und die unteren Lider hatten bräunlich-bläuliche Schatten.
„Du scheinst ja tatsächlich krank zu sein?“ sagte Iwan Fedorowitsch, als er eingetreten war, und blieb stehen. „Ich werde dich nicht lange belästigen, ich bleibe im Mantel. Nur – wo kann man sich denn hier setzen?“
Er trat an das andere Ende des Tisches, schob einen Stuhl heran und setzte sich.
„Warum siehst du mich so an, warum schweigst du? ... Ich bin nur mit einer einzigen Frage gekommen und, ich schwöre es, ich werde nicht eher fortgehen, als bis du mir geantwortet hast. Ist Fräulein Werchoffzeff bei dir gewesen?“
Ssmerdjäkoff schwieg lange, betrachtete ihn nur still die ganze Zeit, doch plötzlich winkte er mit der Hand ab und wandte das Gesicht fort zur Seite.
„Was hast du?“ fragte Iwan hart.
„Nichts.“
„Was heißt das?“
„Nun ja, sie ist hier gewesen, was geht das Euch an? Laßt mich in Ruh.“
„Nein, ich werde dich nicht in Ruh lassen! Du sagst es mir sofort, wann sie hier war!“
„Ich hab sogar vergessen, an sie auch nur zu denken,“ sagte Ssmerdjäkoff mit einem verächtlichen Lächeln. Und plötzlich wandte er wieder das Gesicht zu Iwan Fedorowitsch und blickte ihn mit einem so haßerfüllten Blicke an, als wäre er vor lauter Haß bereits irrsinnig geworden. Es war derselbe Blick, mit dem er ihn auch während seines zweiten Besuches vor einem Monat sekundenlang angesehen hatte.
„Wie seht Ihr denn selber aus, warum seid Ihr denn so abgemagert?“ fragte er boshaft.
„Was geht dich meine Gesundheit an, antworte darauf, wonach du gefragt wirst!“
„Aber warum sind denn Eure Augen so gelb geworden, das Weiße vom Augapfel ist ja ganz gelb. Quält Ihr Euch denn so gewaltig?“
Er lächelte verächtlich und brach dann in lautes Lachen aus.
„Hör, ich habe dir gesagt, daß ich nicht ohne Antwort fortgehen werde!“ rief Iwan maßlos gereizt.
„Was drängt Ihr Euch mir auf? Was quält Ihr mich eigentlich?“ fragte Ssmerdjäkoff mit leidendem Ton in der Stimme.
„Ach, Teufel, was gehst du mich an! Beantworte meine Frage, und ich gehe sofort.“
„Ich hab Euch nichts zu antworten.“ Ssmerdjäkoff senkte den Blick zu Boden.
„Sei versichert, daß ich dich zwingen werde, zu antworten,“ sagte Iwan.
„Was kommt Ihr mir alleweil auf den Hals!?“ fragte Ssmerdjäkoff und blickte ihn wieder an, doch lag nicht nur Verachtung, sondern geradezu Ekel vor ihm in seinem Blick. „Wohl weil morgen die Gerichtssitzung ist? Aber man wird Euch doch wegen selbiges nichts tun, dessen könnt Ihr versichert sein! Geht nach Haus und legt Euch ruhig schlafen. Ihr braucht ja nichts zu fürchten.“
„Ich verstehe dich nicht ... warum sollte ich mich vor morgen fürchten?“ fragte Iwan verwundert, und plötzlich überkam ihm tatsächlich eine sonderbare Angst, die ihn wieder wie ein Kältegefühl erfaßte. Ssmerdjäkoff maß ihn mit dem Blick.
„Ihr ver – steht mich nicht?“ fragte er gedehnt und vorwurfsvoll. „Was doch ein kluger Mensch davon haben kann, so eine Komödie aus sich selber zu machen!“
Iwan blickte ihn stumm an. Schon allein dieser ganz unerwartet hochmütige Ton, den dieser, sein früherer Lakei, jetzt plötzlich ihm gegenüber anzuschlagen wagte! ... In solchem Tone hatte er selbst das vorige Mal noch nicht zu sprechen gewagt.
„Ich sage Euch doch, Ihr habt nichts zu fürchten. Ich werde nichts gegen Euch aussagen, und es liegt auch gar keine Verdächtigung vor ... Da sieh doch einer, wie seine Hände zittern. Von wegen was gehn Euch denn die Finger so? Geht nach Haus, nicht Ihr habt ihn erschlagen.“
Iwan fuhr zusammen, ihm fielen Aljoschas Worte ein.
„Ich weiß, daß nicht ich ...“ stotterte er.
„Ihr – wißt – es?“ griff sofort Ssmerdjäkoff gedehnt auf.
Iwan sprang auf und erfaßte ihn an der Schulter.
„Sag alles, ekelhafte Amphibie du! Sprich alles aus! Gestehe!“
Ssmerdjäkoff war nicht im mindesten erschrocken. Er blickte nur in sinnlosem Haß Iwan in die Augen; sein Blick schien sich geradezu in ihn hineinzubohren.
„Dann also habt doch Ihr ihn erschlagen, wenn’s so ist,“ flüsterte er ihm plötzlich wie in überwältigendem Haß leise zu.
Iwan sank auf den Stuhl zurück, als hätte er sich besonnen. Ein böses Lächeln erschien auf seinen Lippen.
„Du redest immer noch von dem vorigen Mal? Auch das vorige Mal sprachst du schon ...“
„Auch das vorige Mal begrifft Ihr alles, als Ihr vor mir standet, und Ihr begreift ja auch jetzt alles.“
„Ich begreife nur, daß du verrückt bist.“
„Er wird es wahrhaftig nicht überdrüssig! Wir sitzen doch Auge in Auge, wozu da, sollte man meinen, einander Sand in die Augen streuen wollen und Komödie spielen? Oder wollt Ihr noch immer alles auf mich allein abwälzen, und das noch mir ins Gesicht? Ihr habt ihn erschlagen, Ihr seid der Hauptmörder, ich aber bin nur Euer Handlanger gewesen, Euer getreuer Diener, und nur auf Euren Wunsch habe ich die Sache ausgeführt.“
„Ausgeführt? Ja, hast du ihn denn erschlagen?“
Kälte überlief Iwan. Es war ihm, als ob in seinem Hirn etwas erschüttert wurde, und er erzitterte am ganzen Körper wie von einem Frostschauer. Da erst blickte ihn auch Ssmerdjäkoff verwundert an: Wahrscheinlich machte ihn schließlich doch die Echtheit des Schreckens, den er an Iwan bemerkte, stutzig.
„Ja, habt Ihr denn wahrhaftig nichts davon gewußt?“ stotterte er ungläubig, indem er ihn mit verzogenem Lächeln anblickte.
Iwan sah ihn immer noch unverwandt an, es war, als ob ihm die Stimme abhanden gekommen wäre.
„Ach, mein Wanjka fuhr nach Piter, Will nicht warten hier auf ihn ...“
klang es plötzlich in seinen Ohren.
„Weißt du was: Ich fürchte, daß du ein Traum bist, daß du als Gespenst hier vor mir sitzt,“ stammelte er.
„Hier ist keinerlei Gespenst, außer uns beiden, und dann ist hier noch ein gewisser Dritter. Zweifelsohne ist er jetzt hier, selbiger Dritte, zwischen uns beiden ist er.“
„Wer er? Wer ist hier noch? Welch ein Dritter?“ fragte Iwan Fedorowitsch erschrocken, indem er sich hastig umsah und mit den Augen jemanden in allen Ecken zu suchen begann.
„Dieser Dritte – das ist Gott, selbige Vorsehung meine ich, hier ist sie jetzt neben uns; nur sucht sie nicht, Ihr werdet sie nicht finden.“
„Das hast du gelogen, daß du ihn erschlagen hättest!“ rief Iwan plötzlich wie rasend aus. „Du bist entweder irrsinnig, oder du willst mich nur reizen und dich über mich lustig machen, wie das vorige Mal!“
Ssmerdjäkoff beobachtete ihn immer noch ohne die geringste Furcht, beobachtete ihn und verfolgte jede Bewegung, jeden Gesichtsausdruck geradezu gierig. Er konnte noch immer nicht von seiner Ungläubigkeit lassen, er glaubte immer noch, daß Iwan „alles wisse“ und sich nur verstelle, um „alles auf ihn allein abzuwälzen“ und ohne sich auch nur zu schämen, ihm das noch ins Gesicht zu sagen.
„Wartet mal,“ sagte er schließlich mit schwacher Stimme. Er zog langsam seinen linken Fuß unter dem Tisch hervor und machte sich daran, die Hose aufzukrempeln. Der Fuß stak in einem Pantoffel und einem langen weißen Strumpf. Ohne sich zu beeilen, band er die Hosenbänder los und schob dann seine Finger tief in den Strumpf hinein. Iwan Fedorowitsch sah ihn an – und plötzlich fuhr er wie in konvulsivischem Schreck zusammen.
„Er ist irrsinnig!“ stieß er keuchend hervor, und aufspringend prallte er zurück an die Wand, an die er sich wie in sinnlosem Entsetzen kerzengerade andrückte, mit starrem Blick auf Ssmerdjäkoff. Dieser jedoch ließ sich keineswegs verwirren, er fuhr ruhig fort, im Strumpfe zu suchen, als bemühe er sich immer noch, mit den Fingern etwas in ihm zu erfassen und herauszuziehen. Endlich hatte er es gefaßt, und nun begann er zu ziehen. Iwan Fedorowitsch sah, daß es irgendwelche Papiere sein mußten oder ein ganzes Paket Papiere. Ssmerdjäkoff zog es hervor und legte es auf den Tisch.
„Hier,“ sagte er, und seine Stimme klang geradezu sanft.
„Was?“ fragte Iwan zitternd.
„Wollt Ihr nicht selber nachsehen,“ sagte ebenso sanft Ssmerdjäkoff.
Iwan trat an den Tisch, ergriff bereits das Paket, um es aufzuwickeln, doch plötzlich zog er seine Finger zurück, als hätte er etwas Scheußliches, Furchtbares und Ekelhaftes berührt.
„Die Finger zittern Euch ja immer noch wie im Krampf,“ bemerkte Ssmerdjäkoff und wickelte dann selbst, ohne sich zu beeilen, das Papier auf. Im Umschlag lagen drei Pakete regenbogenfarbener Hundertrubelscheine.
„Hier sind alle, die ganzen Dreitausend, Ihr braucht nicht nachzuzählen. Nehmt es,“ forderte er Iwan auf, mit einem Kopfnicken auf das Geld weisend. Iwan ließ sich auf den Stuhl sinken. Er war kreidebleich.
„Du hast mich erschreckt ... mit diesem Strumpf ...“ sagte er mit ganz eigenartigem Lächeln.
„Habt Ihr es denn bis jetzt wirklich, wahrhaftig nicht gewußt?“ fragte ihn Ssmerdjäkoff noch einmal.
„Nein, ich habe es nicht gewußt. Ich habe immer gedacht, Dmitrij sei es. Bruder! Bruder! Ach!“ Er umklammerte plötzlich seinen Kopf mit beiden Händen. „Hör, sage: Hast du ihn allein erschlagen? Ohne den Bruder oder zusammen mit ihm?“
„Im ganzen nur mit Euch zusammen; mit Euch zusammen habe ich ihn erschlagen. Dmitrij Fedorowitsch aber sind ganz und gar unschuldig.“
„Gut, gut ... Von mir später. Warum zittere ich nur so? ... Ich kann kaum die Worte aussprechen ...“
„Damals wart Ihr alleweil so kühn: ‚alles‘, sozusagen, ‚ist erlaubt‘, jetzt aber sieh doch einer, wie erschrocken Ihr seid!“ stotterte Ssmerdjäkoff verwundert. „Wollt Ihr nicht Limonade trinken, ich werde sogleich bestellen. Selbige kann sehr erfrischen. Nur müßte man vorher dies hier zudecken.“
Und er wies wieder mit einem Kopfnicken auf das Geld. Er bewegte sich bereits, um aufzustehen, Marja Kondratjewna zu rufen und bei ihr die Limonade zu bestellen, doch suchte er noch nach etwas, womit er das Geld hätte zudecken können. Da er aber nichts fand, und das Taschentuch, das er zu dem Zweck hervorzog, wieder ganz vollgeschnaubt war, so nahm er vom Tisch jenes dicke gelbe Buch, das auf ihm lag, und bedeckte damit das Geld. Mechanisch las Iwan Fedorowitsch den Titel: „Die Predigten unseres von Gott erleuchteten Paters Issaak Ssirin“.
„Ich will keine Limonade! Von mir später. Setz dich und sage, wie hast du das gemacht? Sage alles ...“
„Es wäre besser, wenn Ihr den Mantel ablegtet, sonst werdet Ihr ja ganz in Schweiß geraten.“
Iwan Fedorowitsch riß seinen Mantel ab, als wäre es ihm erst jetzt eingefallen, daß er ihn noch anhatte, und warf ihn, ohne sich vom Stuhl zu erheben, auf die Bank.
„Also sprich jetzt bitte, sage alles!“
Er schien ganz ruhig geworden zu sein. Er wartete mit der vollen Überzeugung, daß Ssmerdjäkoff jetzt alles sagen werde.
„Ihr meint, wie selbiges geschehen ist?“ fragte Ssmerdjäkoff aufseufzend. „Auf die allernatürlichste Manier wurde es gemacht, auf selbige Eure Worte hin ...“
„Von meinen Worten später,“ unterbrach ihn wieder Iwan, doch sprach er die Worte bereits mit fester Stimme klar und deutlich aus, als wäre er wieder ganz Herr seiner selbst. „Erzähle nur ausführlich, wie du es gemacht hast. Alles nach der Reihenfolge. Vergiß nichts. Die Einzelheiten sind die Hauptsache, vor allem vergiß nicht die Einzelheiten. Also bitte.“
„Ihr fuhrt fort, und selbigen Tages fiel ich in den Keller ...“
„War es ein Anfall, oder stelltest du dich nur so an?“
„Versteht sich doch von selbst, daß ich mich dazumal nur so anstellte. In allem habe ich mich nur so angestellt. Ich ging selbige Treppe ruhig hinab, bis ganz nach unten und legte mich dann hin, und als ich lag, da erst stieß ich selbiges Geheul aus. Und dann schlug ich um mich, bis man mich hinaustrug.“
„Erlaub! Und auch später, am Tage nach dem Morde und die ganze Zeit im Krankenhause hast du dich verstellt?“
„Nicht die Spur! Gleich am anderen Morgen, alsomit noch vor dem Krankenhause, bekam ich einen echten Anfall, und der war so stark, wie ich einen seit Jahren nicht mehr gehabt habe. Zwei Tage lang war ich ganz und gar bewußtlos.“
„Gut, gut. Fahre fort, erzähl weiter.“
„Man legte mich auf selbiges Bett hinter der Bretterwand. Das hatte ich schon im voraus gewußt, daß man mich wiederum dorthin bringen werde, denn Marfa Ignatjewna hat mich jedesmal, wenn ich krank war, dort hinter selbige Bretterwand bringen lassen, um mich bei sich ganz in der Nähe zu haben. Sie ist alleweil sehr gut zu mir gewesen, von meiner Geburt an. In der Nacht stöhnte ich, aber nur leise. Ich erwartete Dmitrij Fedorowitsch.“
„Wieso erwartetest du ihn? Wußtest du, daß er zu dir kommen werde?“
„Warum denn zu mir? Ich erwartete, daß sie ins Haus kommen würden, denn es gab für mich überhaupt keinen Zweifel mehr daran, daß sie in selbiger Nacht kommen würden, dieweil sie mich krank wußten und keinerlei Nachrichten hatten. Also mußten sie zweifelsohne selber über den Zaun klettern, um etwas, was es auch sei, anzurichten.“
„Wenn er aber nicht gekommen wäre?“
„Dann wäre auch nichts gewesen. Ohne sie hätte ich mich auch zu nichts entschlossen.“
„Gut, gut ... sprich deutlicher, beeile dich nicht, aber die Hauptsache – laß nichts aus!“
„Ich erwartete, daß sie Fedor Pawlowitsch totschlügen ... das stand für mich alleweil fest ... sintemal ich sie schon so zubereitet hatte ... in den letzten Tagen ... Und die Hauptsache – selbige Zeichen waren ihnen bekannt geworden. Sie mußten alsomit bei ihrem Mißtrauen und Jähzorn, die sich doch in jenen Tagen noch gewaltig aufgehäuft hatten, mittels selbiger Zeichen ganz zweifelsohne in das Haus eindringen. Das war doch klar. Und so erwartete ich sie ...“
„Erlaub!“ unterbrach Iwan wieder. „Wenn er ihn aber nun erschlagen hätte, so hätte er doch das Geld genommen und wäre damit fortgegangen: das hättest du dir doch sagen müssen? Was wäre dann noch für dich übriggeblieben? Ich verstehe dich nicht.“
„Aber sie hätten doch selbiges Geld nie gefunden. Das hatte doch nur ich ihnen so gesagt, daß das Geld unter dem Kissen sei. Das war ja gar nicht wahr. Zuerst, seht mal, hatte es in der Schatulle gelegen, dann aber hatte ich Fedor Pawlowitsch gesagt, da sie doch nur mir ganz allein von der ganzen Menschheit vertrauten, daß es besser wäre, das Geld in die Ecke hinter die Heiligenbilder zu tun, denn dort würde es niemand suchen, besonders nicht, wenn einer Eile hat. Und so lag denn selbiges Paket bei ihnen dort in der Ecke hinter den Heiligenbildern. Es unter dem Kissen aufzubewahren, wäre aber doch ganz lächerlich gewesen. In der Schatulle ist es doch wenigstens verschlossen. Hier aber glauben jetzt alle, daß es unter dem Kissen gelegen hat. Man kann sich über die Dummheit der Menschen alleweil nur wundern. Also wenn nun Dmitrij Fedorowitsch selbigen Totschlag begangen hätten, so hätten sie doch nichts gefunden und wären entweder eilig fortgelaufen, da doch jedes Geräusch schrecken kann, oder sie wären arretiert worden. Alsomit hätte ich dann immer noch, am nächsten Tage oder noch in selbiger Nacht, zu den Heiligenbildern hinaufklettern und selbiges Geld nehmen und fortbringen können, und alles wäre auf Dmitrij Fedorowitsch gefallen. Darauf konnte ich immer hoffen.“
„Aber wenn er ihn nicht totgeschlagen, sondern nur durchgeprügelt hätte?“
„Wenn sie ihn nicht totgeschlagen hätten, so hätte ich das Geld selbstverständlich nicht zu nehmen gewagt, und alles wäre umsonst gewesen. Aber ich hatte hinwiederum auch solche Berechnung, daß, wenn sie ihn nur bis zur Bewußtlosigkeit schlagen, ich dann in der Zwischenzeit doch das Geld fortnehme und nachher Fedor Pawlowitsch einfach sage, daß Dmitrij Fedorowitsch und sonstig niemand das Geld genommen haben.“
„Wart ... du hast mich ganz verwirrt. So hat ihn also doch Dmitrij Fedorowitsch erschlagen, und du hast dann nur das Geld genommen?“
„Nein, nicht Dmitrij Fedorowitsch hat ihn erschlagen. Was! – ich könnte Euch ja auch jetzt noch sagen, daß Dmitrij Fedorowitsch der Mörder sei ... aber ich will jetzt nicht vor Euch lügen, denn ... denn wenn Ihr auch wirklich und wahrhaftig, wie ich selber sehe, bis jetzt noch nichts verstanden und Euch nicht vor mir verstellt habt, um die offenbare eigene Schuld auf mich zu wälzen, ganz unverschämt mir ins Gesicht, so seid Ihr doch ganz allein an allem schuld, denn Ihr wußtet von selbigem Morde und hattet mich ihn auszuführen beauftragt, selber aber verreistet Ihr, wiewohl Ihr alles wußtet. Darum will ich denn heute abend Euch ins Gesicht beweisen, daß hier der Hauptmörder nur Ihr allein seid, ich aber am allerwenigsten der Mörder bin, wenn auch ich es bin, der erschlagen hat. Der wahre aber und einzige rechtmäßige Mörder, das seid Ihr!“
„Warum, warum soll ich der Mörder sein? O Gott!“ rief Iwan, der wieder vergaß, daß er alles auf ihn Bezügliche bis zum Schluß der Unterhaltung hatte hinausschieben wollen, ganz verzweifelt aus: „Du meinst das immer noch wegen der Fahrt nach Tschermaschnjä? Halt, sage zuerst, wozu du mein Einverständnis brauchtest, wenn du die Fahrt nach Tschermaschnjä als Einverständnis angesehen hast? Wie wirst du das jetzt erklären?“
„Wenn ich erst einmal Eures Einverständnisses sicher war, so hätte ich gewußt, ob Ihr wegen selbiger Dreitausend auch kein Geschrei erheben würdet, wenn Ihr zurückkehrt – falls die Obrigkeit aus irgendeinem Grunde mich statt Dmitrij Fedorowitsch verdächtigen oder auch nur für ihren Helfershelfer halten sollte –, daß Ihr mich dann vor den anderen sogar noch verteidigen würdet ... Und wenn Euch dann das rechtmäßige Erbe zugefallen wäre, so hättet Ihr mich alsomit während des ganzen folgenden Lebens belohnen können, sintemal Ihr doch nur durch mich das Erbteil zu erhalten geruht hättet, denn wenn der Herr Agrafena Alexandrowna geheiratet hätten, so hättet Ihr doch nichts als eine lange Nase zu sehen bekommen.“
„Ah! So hattest du also die Absicht, mich auch fernerhin zu quälen, das ganze Leben lang!“ sagte Iwan, innerlich knirschend vor Wut. „Was aber dann, wenn ich nicht fortgefahren wäre und dich angezeigt hätte?“
„Was hättet Ihr denn dazumal anzeigen können? Daß ich Euch zugeredet hätte, nach Tschermaschnjä zu fahren? Das ist doch nur dummes Gerede! Und dann – Ihr wärt doch nach selbigem Gespräch entweder gefahren oder geblieben. Wärt Ihr geblieben, so wäre auch nichts geschehen, dieweil ich dann gewußt hätte, daß Ihr selbiges nicht wollt, und alsomit hätte ich auch nichts getan. Wenn Ihr aber verreistet, so vergewissertet Ihr mich auf selbige Weise dessen, daß Ihr vor Gericht nichts gegen mich auszusagen wagen würdet und mir selbige Dreitausend schenkt. Und Ihr hättet mir ja auch später nichts anhaben können, sintemal ich dann vor Gericht alles gesagt hätte. Das heißt, nicht, daß ich der Dieb oder der Mörder bin – das hätte ich nie gesagt –, sondern nur, daß Ihr selber mir zum Mord und Diebstahl zugeredet hättet, ich aber bloß nicht eingewilligt hätte. Seht Ihr jetzt, wozu ich dazumal Euer Einverständnis brauchte! Damit Ihr keine Möglichkeit habt, mich mit etwas in die Enge zu treiben, sintemal Ihr doch keinen einzigen Beweis vorführen könnt, ich hingegen wieder die Möglichkeit bekäme, Euch alleweil festlegen zu können: ich brauchte somit nur aufzudecken, wie sehr Ihr den Tod des Vaters gewünscht habt, und da habt Ihr mein Wort: im Publikum hätten mir alle geglaubt, Ihr aber hättet Euch dann Euer Leben lang schämen müssen.“
„So habe ich denn, sagst du, so habe ich denn seinen Tod gewünscht?“ fragte Iwan wiederum erbleichend.
„Zweifelsohne habt Ihr es, und mit Eurem Einverständnis habt Ihr mir selbige Tat stillschweigend erlaubt.“
Ssmerdjäkoff blickte ihn fest an. Er war sehr schwach und sprach leise und erschöpft, doch in seinem Inneren mußte etwas verborgen sein, das ihn antrieb und in ihm fortbrannte. Offenbar hatte er eine bestimmte Absicht – das fühlte Iwan.
„Fahre fort,“ sagte er, „erzähl weiter von jener Nacht.“
„Was ist denn da noch weiter zu erzählen? ... Und da liege ich denn so und höre plötzlich, wie wenn der Herr einen Schrei ausgestoßen hätte. Grigorij Wassiljewitsch war aber schon kurz vorher aufgestanden und hinausgegangen, und da höre ich, wie Grigorij auf einmal schreit, und dann ist wieder alles still, dunkel. Und so liege ich denn, warte, das Herz klopft, kann es nicht mehr aushalten. Da stand ich denn schließlich auf und ging, – sehe, rechts ist bei ihnen das Fenster nach dem Garten weit auf, ich gehe noch ein paar Schritt weiter nach links, um zu horchen, ob sie noch dort im Zimmer lebendig sind oder schon tot, und da höre ich, wie der Herr sich hin und her bewegen und stöhnen, also noch lebendig sind. Ach, denke ich! trat ans Fenster und rief den Herrn an: Ich bin es, sozusagen. Sie aber fahren auf: ‚Er war hier, er war hier, jetzt ist er fortgelaufen!‘ Also Dmitrij Fedorowitsch waren dagewesen. ‚Er hat Grigorij erschlagen!‘ – ‚Wo?‘ frage ich flüsternd. – ‚Dort, bei der Zaunecke!‘ zeigen sie und flüstern selber gleichfalls. – ‚Wartet,‘ sage ich. So ging ich denn zu selbiger Ecke und stieß denn auch dort beim Zaun auf den liegenden Grigorij Wassiljewitsch, der ganz blutüberströmt und bewußtlos war. So mußte es denn wahr sein, dachte ich sogleich bei mir, daß Dmitrij Fedorowitsch gekommen waren, und in selbigem Moment beschloß ich auch, alles zu beenden, sintemal Grigorij Wassiljewitsch, wenn er auch noch lebte, doch bewußtlos war und vorläufig nichts sehen noch hören konnte. Nur eine Gefahr war dabei, daß nämlich Marfa Ignatjewna inzwischen aufwachen könnte. Das fühlte ich wohl in diesem Moment, nur hatte mich selbige Gier schon so erfaßt, daß mir sogar der Atem wegblieb. Ich ging wieder zum Fenster des Herrn und sagte: ‚Sie sind hier, Agrafena Alexandrowna sind gekommen, sie lassen bitten, hereinkommen zu können.‘ Wie sie da am ganzen Körper zusammenfuhren, rein wie ein Kind! ‚Wo hier? Wo?‘ fragen sie, stöhnen nur noch vor Aufregung, selbst aber glauben sie noch nicht. – ‚Dort steht sie,‘ sage ich, ‚macht nur die Tür auf!‘ – Da sehen sie mich an, mir gerade ins Gesicht, ich stand draußen am Fensters, mein Gesicht war beleuchtet; und sie glauben und glauben auch wieder nicht, zu öffnen aber fürchten sie sich. ‚Jetzt fürchtet er sogar schon mich,‘ denke ich bei mir. Und – wie lächerlich: da fällt mir plötzlich ein, selbige Zeichen, die ‚Gruschenka ist gekommen‘ bedeuten, an den Fensterrahmen zu klopfen, vor ihren Augen selbiges zu klopfen. Den Worten schienen sie nicht recht zu glauben, sobald ich aber selbige Zeichen geklopft hatte, da glaubten sie sofort und liefen eilig hin, um die Tür aufzumachen. Und sie machten auch auf. Ich wollte schon eintreten, sie aber stehen noch vor, wollen mit dem Körper mir den Eingang versperren, wollen mich nicht ganz hereinlassen. – ‚Wo ist sie? Wo ist sie?‘ fragen sie, blicken mich an und zittern. Nun, denke ich, wenn er schon mich fürchtet – so ist es schon schlimm genug. Und da wurden mir auch die Füße ganz schwach von selbiger Angst, daß sie mich vielleicht nicht zu sich hereinlassen oder um Hilfe rufen würden, oder Marfa Ignatjewna herbeigelaufen kommt, oder sonstig was geschieht, ich weiß schon nicht mehr, ich stand wohl selber ganz bleich vor ihnen. Da flüstere ich ihnen denn ganz leise zu: ‚Aber dort selbentlich, dort unterm Fenster, wie, habt Ihr denn,‘ frage ich, ‚sie nicht gesehen?‘ – ‚Aber so bring sie doch her, bring du sie doch her!‘ sagen sie. – ‚Aber sie fürchten sich doch gewaltig,‘ sage ich, ‚sie haben vom Geschrei Angst bekommen, sie haben sich hinterm Gebüsch versteckt, geht, ruft sie,‘ sage ich, ‚selber aus dem Fenster.‘ Da liefen sie denn zurück, traten ans Fenster, stellten das Licht aufs Fensterbrett: – ‚Gruschenka,‘ rufen sie, ‚Gruschenka, bist du hier?‘ Selber rufen sie es, zum Fenster aber sich hinausbeugen, wollen sie nicht, keinen Schritt wollen sie von mir fortgehen, alles von wegen selbiger Angst, dieweil sie sich vor mir ganz gewaltig fürchteten, und darum wagten sie nicht, von mir fortzugehen. – ‚Aber seht doch, da sind ja Agrafena Alexandrowna,‘ sage ich, gehe zum Fenster und beuge mich selber ganz hinaus, ‚da sind sie ja, dort hinterm Holunderbusch, sie lachen Euch noch zu, seht Ihr denn wahrhaftig nicht?‘ Da glaubten sie mir mit einemmal, erzitterten am ganzen Leibe – waren doch schon gar zu gewaltig in sie verliebt. Und sie kamen ans Fenster und beugten sich selber weit hinaus. Da ergriff ich denn selbigen Briefbeschwerer, Ihr erinnert Euch seiner wohl noch, das ist doch ein Ding von drei Pfund, holte aus und hieb ihnen von hinten gerade auf den Scheitel mit der Ecke. Sie schrien nicht mal auf. Nur sanken sie plötzlich zusammen, ich aber hieb zum zweiten- und drittenmal. Beim drittenmal fühlte ich, daß ich durchgeschlagen hatte. Und da fielen sie plötzlich hin auf den Rücken, das Gesicht nach oben, ganz von Blut überströmt. Ich betrachtete mich darauf selber: ich war nicht mit Blut bespritzt. Ich wischte den Briefbeschwerer ab, legte ihn wieder hin, stieg auf einen Stuhl und nahm selbiges Geld, das hinter den Heiligenbildern lag, nahm das Geld aus dem Umschlag heraus, den Umschlag aber warf ich vor das Bett auf den Fußboden und daneben auch selbiges rosa Bändchen. Darauf ging ich in den Garten, aber mir zitterten noch immer alle Glieder. Ich ging geradeswegs zu selbigem Apfelbaum, in dessen Stamm die Höhlung ist, – Ihr kennt doch selbige Höhlung, ich aber hatte sie mir schon lange gemerkt; in ihr lag auch ein Lappen und Papier, die hatte ich auch schon lange vorbereitet. Ich wickelte selbige Summe in das Papier und dann in das Zeug und stopfte das Paket dann tief hinein. Dort hat es über zwei Wochen gelegen, erst nach dem Krankenhause nahm ich es heraus, selbige Summe meine ich. Nun, und darauf ging ich denn zurück und legte mich wieder in mein Bett und denke so in meiner Angst: ‚Wenn nun Grigorij Wassiljewitsch ganz totgeschlagen ist, so kann es verflucht gefährlich werden, ist er aber nicht ganz totgeschlagen und kommt er wiederum zu sich, so kommt alles wunderschön heraus, sintemal er dann bezeugen wird, daß Dmitrij Fedorowitsch gekommen waren und alsomit sowohl erschlagen als auch das Geld geraubt haben.‘ Und da fing ich denn an vor lauter Zweifel und Ungeduld zu stöhnen, um Marfa Ignatjewna aufzuwecken. Nun, und endlich wachte sie denn auch auf und kam zu mir gelaufen, wie sie aber sah, daß Grigorij Wassiljewitsch nicht da war, lief sie hinaus. Darauf hörte ich denn, wie sie einmal laut aufschrie im Garten. Nun, und dann ging es die ganze Nacht so weiter, ich aber war da schon ganz und gar beruhigt.“
Ssmerdjäkoff hielt inne. Iwan hatte ihm die ganze Zeit wie im toten Schweigen zugehört, ohne sich zu bewegen, ohne auch nur einmal das Auge von ihm abzuwenden. Ssmerdjäkoff dagegen hatte, während er sprach, nur von Zeit zu Zeit flüchtig zu ihm hingesehen, sonst aber immer zur Seite geblickt. Als er seine Erzählung beendet hatte, war er augenscheinlich selbst sehr erregt. Er atmete schwer. Auf seinem Gesicht trat Schweiß hervor. Doch war es unmöglich zu erraten, ob er nun Reue oder überhaupt etwas empfand.
„Wart,“ sagte Iwan, der noch ein wenig zu überlegen schien, „– aber die Tür? Wenn er die Tür erst für dich aufgemacht hat, wie hat dann Grigorij sie schon vor dir offen gesehen? Grigorij war doch vor dir in den Garten gegangen?“
Bemerkenswert ist, daß Iwan dieses mit der ruhigsten Stimme fragte, sogar in einem ganz anderen, auffallend friedlichen Tone, so daß, wenn in dem Augenblick jemand die Tür geöffnet und von der Schwelle sie gesehen hätte, dieser unbedingt geglaubt haben würde, daß sie beide vollkommen ruhig und friedlich über irgendeinen gewöhnlichen, wenn auch vielleicht interessanten Gegenstand miteinander sprächen.
„Was Grigorij Wassiljewitsch da sagt, er hätte diese Tür offen gesehen, so hat ihm das nur so geschienen,“ sagte Ssmerdjäkoff mit spöttisch verzogenem Lächeln. „Das ist ja doch, ich sage Euch, kein Mensch, sondern sozusagen eine Abart von einem störrischen Wallach. Ohne so etwas gesehen zu haben, es ist ihm ja nur so vorgekommen, besteht er darauf, und den wird kein Mensch mehr davon abbringen. Das ist nun schon so ein ganz besonderes Glück für uns beide, daß er sich so darauf versessen hat, denn auf selbige Aussage hin wird man Dmitrij Fedorowitsch zu guter Letzt doch ganz sicherlich verurteilen.“
„Höre,“ unterbrach ihn Iwan Fedorowitsch zerstreut, wie wenn sich seine Gedanken wieder verwirrt hätten und er sich bemühte, irgend etwas zu erfassen. „Höre ... ich wollte dich noch so vieles fragen, ich habe aber vergessen ... Ich vergesse immer und verwirre mich ... Ja! Sag mir wenigstens das eine: warum machtest du das Geldpaket noch im Zimmer auf, und warum ließest du das Kuvert dort liegen? Warum brachtest du es nicht so fort wie es war ...? Als du davon erzähltest, schien es mir, daß du diese Handlung für selbstverständlich und sehr richtig hieltest ... warum aber – das verstehe ich nicht ...“
„Selbiges habe ich aus einem, wie man sagt, ganz speziellen Grunde getan. Denn ein Mensch, der alles weiß und kennt, wie beispielsweise ich, der selbiges Geld schon früher gesehen hat, der vielleicht noch selber geholfen hat, das Bändchen umzubinden, und mit eigenen Augen zugesehen hat, wie das Kuvert versiegelt und mit der Aufschrift bedacht wurde, aus welchem Grunde wird dann dieser Mensch, wenn, sagen wir, er erschlagen hat, das Paket noch aufbrechen und bei seiner Eile das Geld nachzählen, wo er doch schon sowieso ganz genau weiß, was drin ist? Nein, wenn der Räuber beispielsweise einer wie ich gewesen wäre, so hätte er das Paket in die Tasche geschoben, ohne selbiges noch weiter zu untersuchen, und wäre damit verduftet. Hinwiederum hätten Dmitrij Fedorowitsch ganz anders gehandelt: sie wußten von selbigem Geldpaket nur das, was ich ihnen gesagt hatte, selber aber hatten sie es nie gesehen; alsomit hätten sie, wenn sie es, wie man meint, unter dem Kissen gefunden hätten, gleich hier an Ort und Stelle aufreißen und sich vom Inhalt überzeugen müssen, ob denn in ihm auch wahrhaftig selbige Summe drin ist. Das Kuvert aber hätten sie dort liegen lassen, ohne in der Eile nachzudenken und sich zu sagen, daß selbiges Stück Papier gegen sie als Beweis dienen kann, dieweil sie doch nicht zu stehlen gewöhnt sind, denn sie haben doch in ihrem Leben sicherlich noch nie etwas gestohlen, da sie doch ein geborener Edelmann sind. Wenn sie sich aber in diesem Fall auch entschlossen hätten, das Geld zu stehlen, so wäre selbiges für sie, also ihrer Meinung nach, doch nicht wie ein Diebstahl gewesen, sondern sozusagen: ‚Bin gegangen, um mein gestohlenes Eigentum zurückzunehmen,‘ wie sie das ja auch früher in der ganzen Stadt gesagt haben, daß sie gehen und von Fedor Pawlowitsch ihr Eigentum nehmen würden. Selbigen Gedanken habe ich auch bei meinem Verhör dem Staatsanwalt nicht gerade klar und deutlich gesagt, aber ich habe ihn mit anderen Bemerkungen, und als ob ich selber nichts davon begriffe, so geschoben und so gelenkt, daß er schließlich wie von selbst darauf kommen mußte und alsomit nicht ich es ihnen gesagt hätte, so daß der Herr Staatsanwalt sich vor lauter Freude bloß die Oberlippe geleckt hat ...“
„Und das alles, das alles hast du in dieser kurzen Zeit überlegen können?“ fragte Iwan Fedorowitsch ganz entsetzt vor Verwunderung. Wieder sah er Ssmerdjäkoff erschrocken an.
„Erbarmt Euch! Kann man denn so etwas in den paar Sekunden überlegen! Es war doch alles schon voraus überlegt.“
„Nun ... dann hat dir also der Teufel selber geholfen!“ rief Iwan Fedorowitsch aus. „Nein, du bist nicht dumm, du bist viel klüger, als ich dachte ...“
Er erhob sich vom Stuhl, offenbar in der Absicht, zur Beruhigung seiner Nerven ein paarmal im Zimmer auf und ab zu gehen. Er fühlte, daß er die beklemmende Stimmung nicht mehr ertragen konnte. Da jedoch der Tisch den Weg versperrte und er sich zwischen dem Tisch und der Wand fast hätte durchquetschen müssen, so sah er sich nur einmal wie zerstreut um und setzte sich dann wieder hin. Vielleicht war diese Hemmung, daß er nicht hatte gehen können, der Grund, warum er plötzlich dermaßen gereizt auffuhr, als wäre die Wut übermächtig in ihm geworden.
„Höre, du unseliger, du niedriger Mensch! Begreifst du denn wirklich nicht, daß ich, wenn ich dich nicht totschlage, es nur deswegen nicht tue, weil ich dich zu morgen, zur Gerichtssitzung aufbewahre! Gott sieht,“ rief Iwan aus und erhob die rechte Hand, „daß vielleicht auch ich schuldig bin, vielleicht habe ich tatsächlich den geheimen Wunsch gehabt, daß ... der Vater sterben möge, aber ich schwöre dir, so schuldig, wie du glaubst, bin ich nicht, und vielleicht habe ich dich überhaupt nicht dazu angespornt. Nein, nein, ich weiß, ich habe es nicht getan! Aber gleichviel, ich werde mich morgen selbst anzeigen, morgen vor Gericht, ich habe es schon beschlossen! Ich werde alles sagen, alles! Wir werden beide vor die Richter treten! Und was du auch gegen mich vor ihnen aussagen solltest, was du auch gegen mich bezeugst – ich nehme alles auf mich, denn ich fürchte dich nicht! Ich werde selbst alles bestätigen! Aber auch du wirst vor dem Gericht alles gestehen müssen! Du mußt, du mußt es, wir werden zusammen gehen! So wird es sein!“
Iwan sprach es feierlich und energisch, und schon allein an seinem glänzenden Blick sah man, daß es so sein werde.
„Krank seid Ihr, das sehe ich, ganz krank. Eure Augen schimmern ja ganz gelb,“ sagte Ssmerdjäkoff, doch sprach er es ohne jeden Spott, sogar eher mitleidig.
„Zusammen werden wir gehen!“ wiederholte Iwan, „willst du aber nicht mitkommen, einerlei, so werde ich allein alles bekennen.“
Ssmerdjäkoff schwieg eine Weile, als dächte er nach.
„Nichts wird von alledem geschehen, und Ihr werdet auch nicht hingehen,“ sagte er schließlich in einer Weise, als ob sein Ausspruch jeden Einwand ausschließe.
„Du verstehst mich nicht recht!“ sagte Iwan Fedorowitsch vorwurfsvoll.
„Ihr werdet Euch gar zu sehr schämen, alles von Euch einzugestehn. Und noch mehr als Ihr Euch schämen werdet, wird es unnütz sein, dieweil doch ich sagen werde, daß ich Euch nichts von alledem oder auch nur etwas Derartiges gesagt hätte, und daß Ihr entweder irgendeine Krankheit hättet – wonach es ja auch ganz aussieht – oder aber daß Euch das Brüderchen so leid täte, daß Ihr Euch für dasselbe opfern wolltet und daher das alles gegen mich ausgedacht hättet, sintemal Ihr mich alleweil nur für so viel wie eine Mücke gehalten habt, und nicht für einen Menschen. Und wer wird Euch denn glauben, und habt Ihr denn auch nur einen einzigen Beweis?“
„Hör mal, dieses Geld hast du mir doch jetzt gezeigt, um mich zu überzeugen.“
Ssmerdjäkoff nahm das Buch der „Predigten unseres Issaak Ssirin“, das das Geld bedeckte, und schob es beiseite.
„Dieses Geld nehmt an Euch und bringt es fort,“ sagte Ssmerdjäkoff, tief Atem schöpfend.
„Selbstverständlich werde ich es fortbringen! Aber warum gibst du es denn jetzt mir, wenn du dieses Geldes wegen erschlagen hast?“ Iwan blickte ihn verwundert und fragend an.
„Jetzt brauch ich es überhaupt nicht mehr,“ sagte Ssmerdjäkoff mit unsicherer Stimme und winkte müde mit der Hand ab. „Ich hatte früher einmal so einen Gedanken ... daß ich mit selbiger Summe ein anderes Leben anfangen könnte, in Moskau, oder noch besser, im Auslande ... das war einmal so eine Idee. Hauptsächlich aber darum, weil doch ‚alles erlaubt ist‘. Das habt Ihr mich dazumal ganz richtig gelehrt, und gut habt Ihr es mir erklärt: denn wenn es keinen ewigen Gott gibt, so gibt es überhaupt keine Tugend, und dann braucht man sie ja auch gar nicht. Das habt Ihr vollkommen richtig bemerkt. Das habe auch ich eingesehen.“
„Mit eigenem Verstande?“ fragte Iwan mit verzogenem Lächeln.
„Dank Eurer Führung.“
„Und jetzt hast du also angefangen an Gott zu glauben, wenn du das Geld zurückgibst?“
„Nein, das habe ich nicht angefangen,“ murmelte Ssmerdjäkoff.
„So, – warum gibst du es dann zurück?“
„Ach was ... genug davon ... das hat nichts damit zu tun ...“ Ssmerdjäkoff winkte wieder mit der Hand ab. „Ihr sagtet doch dazumal selber alleweil, daß alles erlaubt sei, warum seid Ihr dann jetzig so aufgeregt, Ihr selber, meine ich? Ihr wollt ja sogar hingehen und gegen Euch selber aussagen ... Nur wird davon nichts geschehen! Ihr werdet nichts gegen Euch aussagen!“ wiederholte Ssmerdjäkoff überzeugt und mit fester Stimme.
„Du wirst es sehen!“ sagte Iwan.
„Das kann ja gar nicht geschehen. Klug seid Ihr sehr, Geld liebt Ihr auch, das weiß ich. Achtung und Ehre liebt Ihr gleichfalls, denn Ihr seid sehr stolz. Weiberschönheit liebt Ihr über alle Maßen, am meisten aber doch, reich zu leben und vor niemandem den Hut ziehen zu müssen – das liebt Ihr sogar am allermeisten. Ihr werdet doch nicht dumm sein und Euer Leben auf alle Zeiten verpfuschen – solche Schande vor Gericht auf Euch nehmen! Ihr seid am allermeisten wie Fedor Pawlowitsch, von allen seinen Kindern seid Ihr ihm am ähnlichsten, ganz seine Seele habt Ihr.“
„Du bist nicht dumm,“ sagte Iwan gewissermaßen verwundert; plötzlich schoß ihm das Blut glühend ins Gesicht. „Ich glaubte zuerst, du seiest dumm ... du hast doch jetzt im Ernst gesprochen?“ fragte er, mit einem ganz anderen Blick als bisher Ssmerdjäkoff betrachtend.
„Nur aus Eurem selbigen Stolz habt Ihr geglaubt, daß ich dumm sei. Nehmt das Geld.“
Iwan nahm die drei Geldpakete und schob sie in die Tasche, ohne sie in etwas einzuwickeln.
„Morgen werde ich es vorweisen, wenn wir vor Gericht sind.“
„Es wird Euch dort doch niemand glauben. Als ob Ihr jetzt nicht selber Geld genug hättet, da habt Ihr eben aus dem eigenen Beutel selbige Dreitausend mitgenommen, und weiter nichts.“
Iwan stand auf.
„Ich sage es dir nochmals, daß, wenn ich dich nicht totgeschlagen habe, es nur geschehen ist, weil ich dich zu morgen noch nötig habe. Behalte das, vergiß es nicht!“
„Nun was, erschlagt mich doch. Erschlagt mich jetzt gleich,“ sagte Ssmerdjäkoff plötzlich in ganz eigentümlicher Weise, und der Blick, mit dem er Iwan anblickte, war so sonderbar. „Ihr wagt ja nicht einmal das zu tun,“ fügte er mit bitterem Lächeln hinzu. „Nichts werdet Ihr mehr wagen, Ihr, die Ihr früher so mutig und verwegen waret.“
„Auf morgen!“ Iwan schritt zur Tür.
„Wartet ... zeigt es mir noch einmal.“
Iwan zog das Geld aus der Tasche und zeigte es ihm. Ssmerdjäkoff blickte es an – mehr denn zehn Sekunden lang.
„Nun, geht,“ sagte er, mit der Hand abwinkend. „Iwan Fedorowitsch!“ rief er plötzlich, ihn noch einmal aufhaltend.
„Was willst du?“ Iwan wandte sich, bereits im Fortgehen begriffen, noch einmal zu ihm zurück.
„Lebt wohl!“
„Auf morgen!“ rief wieder Iwan und verließ das Haus.
Das Schneetreiben hatte noch immer nicht nachgelassen. Das erste Stück vom Hause ging er mit festen, sicheren Schritten, doch plötzlich war ihm, als finge er zu wanken an. „Das muß etwas Physisches sein,“ meinte er bei sich lächelnd. Es war ihm, als wenn jetzt geradezu eine große Freude seine Seele ergriffen hätte. Er fühlte eine grenzenlose Festigkeit in sich: die Zweifel und Ahnungen, die ihn in den letzten langen Wochen so gefoltert hatten, waren überwunden. „Der Entschluß ist gefaßt, und ich werde ihn nicht mehr ändern,“ dachte Iwan und fühlte sich glücklich bei diesem Gedanken. In dem Augenblick stolperte er über irgend etwas und wäre beinahe gefallen. Er blieb stehen und gewahrte schließlich in der matten Dunkelheit vor seinen Füßen das von ihm niedergeworfene betrunkene Bäuerlein. Es lag auf derselben Stelle, wo es nach dem ihm versetzten Stoß hingefallen war. Regungslos und bewußtlos lag es da. Der Schnee hatte ihm schon fast das ganze Gesicht verweht. Iwan beugte sich plötzlich zu dem Liegenden nieder, erfaßte ihn und wollte ihn sich auf den Rücken laden. Da erblickte er weiter rechts Licht in einem Häuschen. Er ging hin, klopfte an den Fensterladen und bat den Kleinbürger, den Besitzer des Häuschens, der ihm die Tür aufmachte, ihm zu helfen, das Bäuerlein bis zur nächsten Wachtstube zu bringen, wofür er ihm drei Rubel versprach. Der Kleinbürger kleidete sich an und trat heraus. Ich werde nicht weiter ausführlich erzählen, wie es Iwan Fedorowitsch gelang, sein Ziel zu erreichen, den Bauer in der Wachtstube noch mit der Bedingung unterzubringen, daß sofort ein Arzt zur Untersuchung herbeigerufen werde, wozu er wieder, ohne zu zählen, Geld für die Ausgaben und „die Mühe“ gab. Ich will nur sagen, daß die Sache eine ganze Stunde in Anspruch nahm. Iwan Fedorowitsch war aber sehr zufrieden. Seine Gedanken schweiften unermüdlich umher und arbeiteten in ihm. „Wenn mein Entschluß für morgen nicht so fest gefaßt wäre,“ dachte er bei sich, und der Gedanke machte ihn fast glücklich, „würde ich mich nicht eine ganze Stunde lang mit diesem betrunkenen Bauern abgegeben haben; ich wäre vorübergegangen und hätte darauf gespuckt, daß er erfrieren könnte ... Wie gut ich mich aber beobachten kann,“ dachte er gleich darauf mit noch größerer Zufriedenheit. „Und die glaubten ja schon, daß ich wahnsinnig werden würde!“ Als er bei seiner Wohnung anlangte, blieb er plötzlich vor der unerwarteten Frage, ob er nicht sofort, unverzüglich zum Staatsanwalt gehen solle, um ihn sogleich von allem zu benachrichtigen, auf der Straße stehen. Er entschied jedoch, sich zum Hause wendend: „Morgen – alles zugleich!“ Doch sonderbar: seine ganze freudige Stimmung und die gewisse erhebende Selbstzufriedenheit hatten ihn wie mit einem Schlage verlassen. Als er dann in sein Zimmer trat, war ihm, als wenn etwas Eisiges plötzlich sein Herz berührt hätte, wie eine Erinnerung, oder richtiger, wie ein Erinnertwerden an etwas Qualvolles und Ekelhaftes, das sich gerade in diesem Zimmer befand, und zwar gerade jetzt, soeben, aber auch schon früher dagewesen wäre. Er ließ sich erschöpft auf den Diwan nieder. Die alte Dienstmagd brachte ihm den Ssamowar, er goß sich ein Glas Tee ein, rührte es aber nicht an. Die Alte schickte er fort. Er stützte den Arm auf die Seitenlehne des Diwans – ihn schwindelte. Er fühlte sich krank und völlig kraftlos. Er wollte bereits in der Diwanecke einschlummern, doch trieb ihn eine innere Unruhe wieder auf; er erhob sich und ging im Zimmer auf und ab, um den Schlaf zu verscheuchen. Mitunter schien es ihm, daß er phantasiere. Doch nicht seine Krankheit beschäftigte ihn. Er setzte sich wieder hin; und da begann er zuweilen um sich zu blicken, nicht ununterbrochen, sondern nur hin und wieder, doch je länger desto schärfer, als ob er etwas zu erspähen suchte. Das tat er immer wieder. Schließlich heftete sich sein spähender Blick aufmerksam auf einen bestimmten Punkt. Ein kurzes Lächeln erschien auf seinen Lippen, und das Blut stieg ihm vor Zorn ins Gesicht bis hinauf über die Stirn. Lange saß er so auf seinem Platz, fest mit beiden Händen den Kopf stützend, doch seine Augen spähten immer noch nach jenem einen Punkt, dorthin nach dem Diwan, der an der gegenüberliegenden Wand stand. Augenscheinlich mußte dort etwas sein, das ihn reizte, irgendein Gegenstand vielleicht, der ihn beunruhigte und quälte und doch anzog ...
IX. Der Teufel. Iwan Fedorowitschs Alb
Ich bin kein Arzt, und doch muß ich wenigstens einiges zur Erklärung über die Natur der Krankheit Iwan Fedorowitschs sagen. Er befand sich an diesem Abend kurz vor dem Ausbruch eines Nervenfiebers, das sich schon lange in seinem zerrütteten Nervensystem vorbereitet hatte, und dem er nur infolge seiner hartnäckigen Widerstandskraft bis dahin noch nicht erlegen war. Obwohl ich fast nichts von Medizin verstehe, wage ich doch meine Vermutung auszusprechen, daß er vielleicht in der Tat durch übermäßige Willensanspannung den Ausbruch der Krankheit hinausgeschoben hatte, wahrscheinlich sogar in der Hoffnung, sie durch seinen bloßen Willen ganz zu überwinden. Er wußte, daß er nicht gesund war, doch empfand er einen heftigen Widerwillen bei dem Gedanken, in dieser Zeit krank zu werden, gerade in den bevorstehenden schicksalsschweren Stunden seines Lebens, da es hieß, Zeugnis abzulegen, kühn und entschlossen sein Wort zu sagen und „sich vor sich selbst zu rechtfertigen“. Übrigens war er auch schon einmal bei dem berühmten Moskauer Arzt gewesen, den Katerina Iwanowna gerufen hatte. Derselbe hatte ihn aufmerksam angehört und untersucht und darauf gesagt, daß er vielleicht sogar etwas wie – eine Gehirnzerrüttung habe, und war schließlich durchaus nicht erstaunt gewesen über ein gewisses Geständnis, das Iwan Fedorowitsch ihm, seinen Widerwillen und Ekel niederringend, zu guter Letzt gemacht hatte.
„Halluzinationen sind bei Ihrem Zustande sehr leicht möglich,“ hatte der Doktor gemeint, „obgleich man sie noch kontrollieren müßte ... Im übrigen müssen Sie unbedingt sofort, ohne einen Augenblick zu verlieren, mit einer ernsten Kur beginnen, denn sonst könnte es sehr schlimm werden.“ Iwan Fedorowitsch hatte aber den vernünftigen Rat nicht befolgt, hatte sich nicht hingelegt, und auch sonst nichts für seine Gesundheit getan. „Noch kann ich gehen, folglich reichen noch die Kräfte, falle ich hin – dann mag mich pflegen, wer Lust hat,“ dachte er.
So saß er denn jetzt in seinem Zimmer, wußte beinahe selbst, daß er im Fieber phantasierte, und blickte, wie ich schon vorhin sagte, angestrengt zur anderen Wand, als fixiere er dort einen Gegenstand auf dem Diwan. Dort saß plötzlich jemand! Wie und wann er hereingekommen war, das mag Gott wissen, denn als Iwan Fedorowitsch nach der Rückkehr von Ssmerdjäkoff das Zimmer betreten hatte, war niemand in demselben gewesen. Es war das irgendein Herr, oder richtiger, ein russischer Gentleman von der bekannten Sorte, jedenfalls kein sehr junger Mann mehr, einer „qui frisait la cinquantaine“, wie die Franzosen sagen, mit dunklem, ziemlich langem, dichtem, nur stellenweise leicht ergrautem Haar und keilförmig geschnittenem, gleichfalls etwas grau untermischtem Bart. Gekleidet war er in einen kurzen, augenscheinlich vom besten Schneider gearbeiteten, aber jetzt schon ziemlich abgetragenen braunen Rock, in ein Kleidungsstück, das ungefähr vor drei Jahren gearbeitet sein mochte und somit bereits ganz aus der Mode gekommen war, so daß diese Art Röcke von tonangebenden Herren seit etwa zwei Jahren nicht mehr getragen wurden. Die Wäsche, die lange Krawatte in der Art einer Schärpe, kurz, alles war so, wie es eben elegant gekleidete Gentlemen trugen, doch war die Wäsche, wenn man sie etwas näher betrachtete, schon ein wenig schmutzig und die breite Krawatte recht abgenutzt. Die karierten Hosen saßen tadellos, waren aber wiederum zu hell und irgendwie zu eng, jedenfalls trug man schon lange viel weitere, und ebenso war auch der weiße, weiche Filzhut, den der Gast denn doch etwas gar zu unsaisonmäßig mitgeschleppt hatte, nicht mehr zeitgemäß. Mit einem Wort, das Äußere hatte den Anschein von Wohlanständigkeit bei äußerst knappem Taschengelde. Man konnte glauben, daß der Gentleman jener Klasse von arbeitsscheuen Gutsherren angehörte, die zur Zeit der Leibeigenschaft ein faules Leben geführt hatten. Offenbar hatte er etwas mehr von der Welt gesehen und sich in guter Gesellschaft bewegt, hatte früher einmal Verbindungen gehabt und hielt sie vielleicht auch jetzt noch aufrecht, war aber allmählich durch seine Verarmung nach den flotten Jugendjahren und schließlich nach der Aufhebung der Leibeigenschaft zu einer Art von Schmarotzer „guten Tones“ herabgesunken, der sich als ewiger Gast bei alten Bekannten herumtreibt, die ihn dann seines verträglichen Charakters wegen freundlich bei sich leben lassen. Außerdem war er immerhin ein, nun ja, ein anständiger Mensch, den man sogar in der besten Gesellschaft an seinen Tisch setzen konnte, wenn auch, versteht sich, auf einen bescheidenen Platz. Solche Schmarotzer oder Gentlemen mit erträglichem Charakter, die zu erzählen verstehen und zu einer Partie Karten sich gut verwenden lassen (dagegen eine ausgesprochene Abneigung für jede Art von Aufträgen, mit denen man sie belästigen will, empfinden), sind gewöhnlich alleinstehende Menschen, Junggesellen oder Witwer, die mitunter sogar Kinder haben, doch werden diese Kinder dann immer irgendwo fern von ihnen erzogen, gewöhnlich bei irgendwelchen Tanten, deren aber der Gentleman in höherer Gesellschaft fast nie Erwähnung tut, gleichsam als schäme er sich dieser Verwandtschaft. Seiner Kinder entwöhnt er sich mit der Zeit fast ganz, wenn er auch noch hin und wieder, etwa zu seinem Namenstage und zu Weihnachten, Gratulationsbriefe von ihnen erhält und zuweilen sie sogar beantwortet. Die Physiognomie dieses unerwarteten Gastes war nicht gerade gutmütig, aber wiederum harmonisch und jedenfalls – je nach den Umständen – zu jedem liebenswürdigen Ausdruck bereit. Eine Uhr hatte er nicht bei sich, dafür aber trug er eine Schildpattlorgnette an einem schwarzen Bande. Den Mittelfinger der rechten Hand schmückte ein massiver goldener Ring mit einem billigen Opal. Iwan Fedorowitsch schwieg aus Wut und nahm sich vor, überhaupt nicht zu sprechen. Der Gast wartete und saß genau so, wie ein Krippenreiter sitzen würde, der soeben aus dem oberen Stock, in dem man ihm ein Zimmer zugewiesen hat, zum Tee hinabgestiegen ist, um dem Hausherrn bei Tisch Gesellschaft zu leisten, vorläufig aber noch rücksichtsvoll schweigt – da der Hausherr beschäftigt ist oder über irgend etwas mit gerunzelter Stirn nachdenkt, – jedoch zu gleicher Zeit zu jedem liebenswürdigen Gespräche bereit ist, sobald nur der Hausherr damit beginnen will. Plötzlich aber drückte sich in seinem Gesicht eine gewisse Besorgnis aus.
„Hör mal,“ sagte er hastig zu Iwan Fedorowitsch, „entschuldige, wenn ich störe, aber ich will dich ja nur daran erinnern: Du gingst doch zu Ssmerdjäkoff, um ihn über Katerina Iwanowna auszufragen, und nun bist du doch fortgegangen, ohne das Gewünschte erfahren zu haben, du hast es wohl vergessen ...“
„Ach, ja, richtig!“ entschlüpfte es Iwan, und die Sorge verfinsterte sein Gesicht. „Ja, ich vergaß es ... Übrigens ist das jetzt gleichgültig, ich habe doch alles auf morgen hinausgeschoben,“ murmelte er vor sich hin. „Du aber laß dir gesagt sein,“ wandte er sich plötzlich gereizt auffahrend an den Gast, „– ich hätte mich dessen soeben ganz von selbst erinnern müssen, denn gerade das bedrückte mir das Herz! Warum mischst du dich so vorwitzig ein? So könnte ich dir ja glauben, daß du mich darauf gebracht hast, und nicht, daß ich selbst darauf verfallen bin!“
„So glaub’s doch nicht, wenn du’s nicht willst,“ schlug der Gentleman, leise auflachend, freundlich vor. „Was ist denn das für ein Glaube, den man erzwingt? Zudem helfen doch in Glaubensdingen Beweise überhaupt nicht, besonders keine materiellen. Thomas glaubte nicht darum, weil er den auferstandenen Christus sah, sondern weil er schon früher zu glauben gewünscht hatte. Da haben wir jetzt zum Beispiel die Spiritisten ... ich habe sie sehr gern ... denk nur, sie sind überzeugt, daß sie dem Glauben nützen, weil die Teufel ihnen aus jener Welt ihre Hörner zeigen. ‚Das ist doch schon ein materieller Beweis dafür, daß es jene Welt gibt,‘ heißt es. Jene Welt und materielle Beweise – oje, oje! Und schließlich, selbst wenn der Teufel bewiesen ist, so ist doch noch längst nicht gesagt, daß damit auch Gott bewiesen ist! Ich will in die idealistische Gesellschaft eintreten, werde dort bei ihnen Opposition machen, das heißt sozusagen: ‚Bin Realist, aber kein Materialist‘, he–he!“
„Höre,“ sagte Iwan Fedorowitsch und erhob sich plötzlich von seinem Platz. „... Ich bin jetzt ganz wie ... es scheint mir, daß ich phantasiere ... selbstverständlich tue ich es ... im Fieber ... du kannst dort reden was du willst, mir ist alles gleich! Du wirst mich heute nicht mehr so in Wut bringen, wie das vorige Mal. Nur schäme ich mich irgendeiner ... Ich will im Zimmer umhergehen ... Zuweilen sehe ich dich nicht, und dann höre ich auch nicht einmal deine Stimme, ganz wie das vorige Mal, aber ich errate immer irgendwie, was du da brummst, denn du bist ich, ich, ich selbst rede und nicht du! Nur weiß ich nicht, ob ich das vorige Mal schlief, oder ob ich dich im Wachen sah? Ach was, ich werde das Handtuch mit kaltem Wasser anfeuchten und mir auf die Stirn legen, vielleicht vergehst du dann ...“
Iwan Fedorowitsch ging in die Ecke, nahm ein Handtuch, tat, wie er gesagt hatte, und begann dann mit dem nassen Handtuch um den Kopf im Zimmer auf und ab zu schreiten.
„Es gefällt mir, daß wir uns so ohne weiteres auf Du und Du stellen,“ begann wieder der Gast.
„Dummkopf!“ Iwan lachte. „Soll ich etwa anfangen zu dir ‚Sie‘ zu sagen? Ich bin jetzt bei guter Laune, nur in der Schläfe fühle ich noch einen Schmerz ... und im Oberkopf ... Aber philosophiere bitte nicht, wie das vorige Mal. Wenn du dich von hier nicht fortpacken kannst, so schwatz wenigstens etwas Amüsanteres. Kram doch deine Klatschgeschichten heraus, du bist doch ein Schmarotzer, da wärst du ja beim Klatschen in deinem Element. Daß man so einen Albdruck nicht loswerden kann, das ist doch wirklich ...! Aber ich fürchte dich nicht, ich werde dich überwinden! Man wird mich nicht in die Irrenanstalt bringen!“
„C’est charmant: ‚Schmarotzer‘. Ja, ich bin gerade in meiner Art, was ich bin. Was bin ich denn sonst auf der Erde, wenn nicht ein Schmarotzer? Übrigens – bei der Gelegenheit: Ich höre dich und, offen gestanden, ich wundere mich ein wenig: Bei Gott, es scheint, daß du allmählich anfängst, mich für ein Etwas, für etwas in der Tat Vorhandenes zu halten, und nicht nur für deine bloße Phantasie, wie du das vorige Mal hartnäckig behauptetest ...“
„Keinen Augenblick akzeptiere ich dich als reale Wahrheit,“ schrie Iwan zornig und wild. „Lüge bist du, meine Krankheit bist du, du bist nichts als ein Fiebergespinst! Nur weiß ich nicht, womit ich dich vernichten könnte ... Ich sehe schon, man wird sich eine Zeitlang quälen müssen. Du bist meine Halluzination. Du bist die Verkörperung meines Ich, übrigens nur eines Teiles meines Ich ... meiner Gedanken und Gefühle, aber nur der niedrigsten und dümmsten. Von diesem Gesichtspunkte aus könntest du mich sogar interessieren, wenn ich nur Zeit hätte, mich mit dir abzugeben ...“
„Erlaube, erlaube, ich werde dich sofort überführen: Vorhin, bei der Straßenlaterne, als du plötzlich Aljoscha anfuhrst und schriest: ‚Das hast du durch ihn erfahren! Woher weißt du, daß er zu mir kommt?‘ Damit meintest du doch mich. Folglich glaubtest du doch eine kleine Sekunde lang, glaubtest du also doch, daß ich wirklich bin,“ sagte der Gentleman mit weichem Lachen.
„Ja, das war eine Schwäche der Natur ... Ich weiß nicht, schlief ich das vorige Mal, oder ging ich umher? Vielleicht sah ich dich damals nur im Traum und gar nicht in Wirklichkeit ...“
„Aber warum warst du denn vorhin so unfreundlich zu ihm, zu Aljoscha, meine ich? Er ist doch ein lieber Junge; ich bin vor ihm noch wegen des Staretz Sossima schuldig.“
„Schweig! Kein Wort von Aljoscha! Wie wagst du es überhaupt, du Lakai!“ Iwan Fedorowitsch lachte wieder.
„Du schimpfst und lachst dabei, – das ist ein gutes Zeichen. Übrigens bist du heute viel liebenswürdiger zu mir als das vorige Mal, aber ich begreife ja auch, woher das kommt: Dieser große Entschluß ...“
„Schweig von dem Entschluß!“ schrie ihn Iwan zornig an.
„Ich verstehe, verstehe schon. C’est noble, c’est charmant. Du gehst morgen hin, um deinen Bruder zu verteidigen, und opferst dich selbst ... C’est chevaleresque ...“
„Schweig! – oder ich gebe dir einen Fußtritt!“
„Zum Teil wird mich das freuen, denn mein Zweck wäre dann erreicht: Gibst du mir einen Fußtritt, so glaubst du folglich an meine Realität, denn einem Fiebergespinst verabreicht man doch keine Fußtritte. Aber weißt du, Scherz beiseite: Mir kann’s ja schließlich egal sein, schimpf nur zu, wenn du Lust hast, aber es ist doch immer besser, etwas höflicher zu sein, wäre es auch nur mir gegenüber. Denn sonst: ‚Dummkopf‘ und ‚Lakai‘ – nun, sag doch selbst, was sind denn das für Worte?“
„Indem ich dich schimpfe – schimpfe ich mich selbst!“ sagte Iwan und lachte wieder kurz auf. „Du bist ich, ich selbst, bloß mit einer anderen Fratze. Du sprichst genau das, was ich schon bei mir denke ... und bist überhaupt nicht imstande, mir etwas Neues zu sagen!“
„Wenn meine Worte mit deinen Gedanken übereinstimmen, so gereicht mir das natürlich nur zur Ehre,“ antwortete der Gentleman zuvorkommend und doch mit persönlicher Würde.
„Bloß nimmst du immer nur meine schlechten Gedanken, und vor allem – die dummen. Dumm und gemein bist du. Furchtbar dumm bist du. Nein, ich kann dich nicht ertragen! Was soll ich tun, was soll ich tun?“ murmelte Iwan wutknirschend.
„Mein Freund, ich will immerhin Gentleman sein und auch als solcher genommen werden,“ begann der Gast in einem Anfall echt schmarotzerhaften, schon im voraus nachgebenden und gutmütigen Ehrgeizes. „Ich bin arm, aber ... das heißt, ich will nicht sagen, daß ich gerade sehr ehrenhaft sei, aber ... es ist doch in der Gesellschaft gewöhnlich als Axiom angenommen, daß ich ein gefallener Engel sei. Aber, bei Gott, ich kann mir noch immer nicht recht vorstellen, auf welche Weise ich einmal ein Engel hätte sein können. Wenn ich es aber wirklich einmal gewesen sein sollte, so muß das jedenfalls schon so lange her sein, daß es, denke ich, keine Sünde sein kann, wenn ich es vergessen habe. Jetzt ist es mir nur um den Ruf eines anständigen Menschen zu tun, und ich lebe, wie es gerade kommt, indem ich mich bemühe, angenehm zu sein. Ich liebe die Menschen aufrichtig – oh, man hat mich in vielen Dingen unglaublich verleumdet! Hier, hienieden, wenn ich zeitweilig wieder einmal zu euch übersiedle, fließt mein Leben dahin, als ob es nun auch was Wirkliches wäre, und das ist es gerade, was mir am meisten gefällt. Denn ich selbst leide doch auch, ganz so wie du, unter dem Phantastischen, und darum liebe ich euren irdischen Realismus. Hier bei euch ist alles bezeichnet, alles ist festgesetzt, hier gibt es Formeln, hier gibt es Geometrie, bei uns aber sind immer nur irgendwelche unbestimmte Gleichungen! Hier gehe ich umher und sinne. Ich liebe das Sinnen. Und zudem werde ich hier auf Erden abergläubisch, – bitte lach nicht: Gerade das gefällt mir, daß ich abergläubisch werde. Ich nehme hier alle eure Angewohnheiten an: es macht mir Spaß, in die öffentliche Badstube zu gehen – kannst du dir das vorstellen? – und ich liebe es, mit Kaufleuten und Popen Schwitzbäder zu nehmen. Meine einzige Schwärmerei ist, mich zu verkörpern – aber endgültig und unwiderruflich – in irgendeine dicke, sieben Pud schwere Kaufmannsfrau und an alles zu glauben, woran sie glaubt. Mein Ideal ist – in die Kirche zu gehen und dort von ganzem und reinem Herzen einem Heiligen ein Licht stellen zu können. Bei Gott, so ist es. Dann hätten meine Leiden ein Ende. Ach, richtig, und dann habe ich noch an etwas Gefallen gefunden, das ist: mich hier bei euch zu kurieren. Im Frühling herrschten die Pocken, da ging ich denn ins Findelhaus und ließ mich gegen die Pocken impfen, – nein, wenn du wüßtest, wie zufrieden ich an jenem Tage war! Ich spendete sogar zehn Rubel für unsere malträtierten slawischen Brüder! ... Aber du hörst mir ja gar nicht zu. Weißt du, du bist heute gar nicht wie sonst.“ Der Gentleman verstummte für eine Weile. „Ich weiß, du bist gestern zu jenem Doktor gegangen ... nun, wie steht es mit deiner Gesundheit? Was hat dir der Doktor denn gesagt?“
„Schafskopf!“ schnitt Iwan kurz ab.
„Dafür bist du doch so klug. Willst du wieder schimpfen? Ich habe ja nicht gerade aus Teilnahme gefragt, sondern nur so. Meinetwegen, brauchst ja weiter nicht zu antworten. Jetzt kommt wieder die schöne Jahreszeit, in der das Rheuma zu zwicken anfängt ...“
„Schafskopf,“ sagte Iwan nochmals.
„Das ist wohl alles, scheint es, was du zu sagen weißt. Ich aber holte mir im vorigen Jahr so einen Rheumatismus, daß ich noch jetzt an ihn zurückdenken muß.“
„Kann denn der Teufel auch Rheumatismus haben?“
„Warum denn nicht, wenn ich mich zuweilen verkörpere. Verkörpere ich mich, so muß ich auch alle Folgen auf mich nehmen. Satanas sum et nihil humani a me alienum puto.“
„Wie, was? Satanas sum et nihil humani ... das ist nicht dumm für einen Teufel!“
„Freut mich, daß ich es dir endlich recht gemacht habe.“
„Aber das hast du ja gar nicht von mir genommen!“ – Iwan blieb ganz betroffen stehen. – „Das ist mir niemals in den Kopf gekommen, das habe ich nie gehört oder gedacht ... Das ist sonderbar ...“
„C’est du nouveau, n’est-ce pas? Diesmal will ich ehrlich sein und es dir erklären. Also höre: Im Traum, und besonders, wenn man Albdrücken hat, nun, sagen wir, sei es infolge eines verdorbenen Magens oder sonst aus einem Grunde, sieht der Mensch zuweilen dermaßen künstlerische Träume, so komplizierte und reale Wirklichkeit, solche Ereignisse oder sogar eine ganze Welt von Ereignissen, die mit dermaßen feinen Intrigen und unerwarteten Details verknüpft sind, angefangen von unseren höchsten Erscheinungen bis zum letzten Hemdknopf, daß, ich schwöre dir, selbst Ljeff Tolstoj es nicht fertigbrächte, sich so etwas auszudenken. Und dabei sind es durchaus nicht nur Schriftsteller, die solche Träume sehen, zuweilen sind es sogar die simpelsten Leute, Beamte, Popen ... In dieser Beziehung gilt es, noch manches Rätsel zu lösen. Ein Minister gestand mir sogar schlankweg, daß alle seine besten Ideen ihm während des Schlafes kämen. Nun, und so ist es denn auch jetzt. Wenn ich auch nur deine Halluzination bin, so rede ich doch, wie es auch unterm Albdruck vorkommt, mitunter ganz originelles Zeug. Ich sage sogar Dinge, die dir bis jetzt noch nicht in den Kopf gekommen sind, somit sind es denn nicht deine Gedanken, die ich ausspreche, während ich doch nur dein Alb bin und weiter nichts.“
„Du lügst. Dein Ziel ist gerade, mich zu überzeugen, daß du etwas Selbständiges bist und nicht mein Alb, und da bestätigst du nun selbst, daß du ein Traum bist!“
„Mein Freund, heute habe ich eine besondere Methode gewählt, ich werde sie dir später erklären. Wart, wo blieb ich denn eigentlich stehen, wovon sprach ich doch? Ach so! Also ich hatte mich damals erkältet, nur war das nicht bei euch, sondern noch dort ...“
„Wo dort? Sag, wirst du noch lange bei mir bleiben, kannst du nicht fortgehen?“ rief Iwan verzweifelt aus.
Er gab das Gehen auf, setzte sich wieder auf den gegenüberstehenden Diwan, stützte die Arme auf den Tisch und preßte die Fäuste an die Schläfen. Das nasse Handtuch hatte er sich schon vom Kopf gerissen und gereizt fortgeschleudert: es hatte natürlich nicht geholfen.
„Deine Nerven sind zerrüttet,“ bemerkte der Gentleman in unterhaltend-nonchalanter, doch vollkommen freundschaftlicher Weise, „du ärgerst dich sogar deswegen über mich, weil ich mich habe erkälten können. Indessen geschah es auf die natürlichste Weise. Ich eilte damals gerade zu einer diplomatischen Soiree bei einer höheren Petersburger Dame, die Frau Minister werden wollte. Nun, versteht sich: Frack, weiße Binde, Handschuhe, und dabei befand ich mich noch Gott weiß wo. Kurz, um auf die Erde zu gelangen, stand mir noch bevor, den Raum zu durchfliegen ... das ist natürlich nur ein Augenblick, aber ... braucht doch selbst ein Lichtstrahl von der Sonne bis zur Erde ganze acht Minuten, und da nun, stell dir vor, im Frack und in ausgeschnittener Weste! Allerdings können Geister nicht erfrieren, aber da ich mich nun schon einmal verkörpert hatte, so ... Mit einem Wort, man ist zuweilen leichtsinnig, und ich schoß ab. Aber dort im Weltenraum, in diesem Äther oder Wasser, wenn du willst, – ‚und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste‘ und so weiter – dort herrscht doch solch eine Kälte ... das heißt, was sag ich, Kälte! – das kann man doch überhaupt nicht mehr Kälte nennen – stell dir vor: hundertfünfzig Grad unter Null! Du kennst doch den bekannten Scherz der Dorfmädel: Bei dreißig Grad Kälte fordern sie einen Neuling auf, mit der Zunge über ein Beil zu fahren, die friert natürlich sofort an, und der Tölpel reißt sich die ganze Haut von der Zunge ab. Aber das ist doch bloß bei dreißig Grad, und nun denk dir hundertundfünfzig! Da brauchte man ja nur einen Finger ans Beil zu legen, und, ich denke, er wäre – wie nie gewesen ... wenn ein Beil nur dorthin gelangen könnte ...“
„Kann denn ein Beil dorthin gelangen?“ fragte Iwan Fedorowitsch ganz gedankenlos in der Zerstreutheit.
Er spannte seine ganze Kraft an, um seinen Fiebertraum nicht für Wirklichkeit zu halten und nicht endgültig in Wahnsinn zu verfallen.
„Ein Beil?“ fragte der Gast verwundert.
„Nun ja, was würde dort mit einem Beil geschehen?“ bestand Iwan Fedorowitsch eigensinnig und gereizt auf seiner Frage.
„Was mit einem Beil im Weltenraum geschehen würde? Quelle idée! Wenn es irgendwohin weiter fortgeriete, so, denke ich, würde es alsbald anfangen, etwa in der Gestalt eines Trabanten um die Erde zu kreisen, ohne selbst zu wissen, warum. Die Astronomen würden den Auf- und Untergang des Beiles genau feststellen und alles Weitere berechnen. Man würde es in den Kalender eintragen, und das wäre schließlich alles.“
„Du bist dumm, ganz furchtbar dumm!“ sagte Iwan widerwillig. „Sei doch wenigstens etwas klüger, wenn du faselst, sonst werde ich nicht mehr zuhören. Du willst mich durch Realismus besiegen, willst mich überzeugen, daß du bist. Ich aber will nicht glauben, daß du bist! Und ich werde es auch nicht!“
„Aber ich fasele doch gar nicht, das ist doch alles wahr. Leider pflegt die Wahrheit immer etwas wenig geistreich zu sein. Du erwartest, wie ich sehe, entschieden etwas Großes und vielleicht sogar Wundervolles von mir. Das ist sehr schade, denn ich gebe doch nur das, was ich kann ...“
„Philosophiere nicht, Esel!“
„Wo ist denn da Philosophie, wenn meine ganze rechte Seite wie gelähmt war und ich nur noch krächzend ach und weh stöhnen konnte! War natürlich bei der ganzen Medizin: die Krankheit festzustellen, verstehen sie vorzüglich, den ganzen Prozeß erzählen sie dir wie an den Fingern her, schön, aber kurieren – das gibt’s nicht. Da stieß ich bei der Gelegenheit auch auf so einen von den begeisterten Studenten. Der sagte mir: ‚Wenn Sie auch sterben werden, so werden Sie dafür doch ganz genau wissen, an welcher Krankheit Sie, im Grunde genommen, gestorben sind!‘ Und dann noch Ihre neue Angewohnheit, zu Spezialisten zu schicken: ‚Wir stellen nur die Diagnose,‘ heißt es, ‚aber fahren Sie doch zu dem und dem Spezialisten, der wird Sie dann schon kurieren.‘ Der frühere Doktor, der alle Krankheiten kurierte, ist heutzutage ganz und gar verschwunden, aber ganz, sag ich dir, jetzt gibt’s nur noch Spezialisten, die fortwährend in den Zeitungen annoncieren. Nehmen wir an: Deine Nase ist krank. Schön, man schickt dich nach Paris; dort, heißt es, ist ein europäischer Spezialist, der nur Nasen kuriert. Du kommst nach Paris, er untersucht deine Nase: ‚Ich kann Ihnen,‘ sagt er, ‚nur das rechte Nasenloch kurieren, denn die linken Nasenlöcher kuriere ich nicht, das ist nicht meine Spezialität, aber fahren Sie doch, wenn ich mit Ihnen fertig bin, nach Wien, dort wird Ihnen ein besonderer Spezialist das linke Nasenloch kurieren.‘ Was tun? Ich griff zu den Volksmitteln. Ein alter deutscher Doktor riet mir, mich in der Badstube oben auf der Schwitzbank mit Honig und Salz abzureiben. Ich ging natürlich, allein schon, um ein überflüssiges Mal in die Badstube zu kommen, oder richtiger, einzig und allein darum, schmierte mich vom Nacken bis zum Hacken kräftig ein, aber von Nutzen – keine Spur. In meiner Verzweiflung schrieb ich an den Grafen Mattei nach Mailand, der schickte mir ein Buch und Tropfen, – Gott mit ihm. Und stell dir vor: Hoffs Malzextrakt half schließlich! Ich kaufte ihn ganz zufällig, halb aus Versehen, trank anderthalb Glas, und weg war alles, wie mit der Hand, ich hätte sofort tanzen können. Ich beschloß sogleich, ihm meinen Dank durch die Zeitung zu übermitteln. Jawohl: das Gefühl der Dankbarkeit war in mir zu Wort gekommen. Und nun, was glaubst du wohl, daraus entstand wiederum eine neue Geschichte: In keiner einzigen Redaktion wollte man meine ‚Danksagung‘ annehmen! ‚Es würde sich doch zu rückständig ausnehmen,‘ hieß es, ‚niemand wird daran glauben, le diable n’existe point. Lassen Sie es doch anonym drucken.‘ Nun, dachte ich, was ist denn das für ein Dank, wenn er anonym gesagt wird? Ich scherzte noch mit dem Büropersonal: ‚Nur an Gott glauben,‘ sagte ich, ‚ist in unserem Jahrhundert zu rückständig, ich aber bin doch der Teufel, an mich kann man doch –!‘ ‚Sehr wohl,‘ sagten sie, ‚wer glaubt denn nicht an den Teufel, aber es geht trotzdem nicht, es könnte der Richtung schaden. Oder, es sei denn, daß wir es als Scherz brächten?‘ Nun, als Scherz, dachte ich, wird es nicht geistreich sein. So ist es denn nicht gedruckt worden. Und wirst du’s mir glauben, das liegt mir noch immer auf dem Herzen. Selbst meine besten Gefühle, wie zum Beispiel die Dankbarkeit, sind mir formell verboten, und zwar einzig und allein wegen meiner sozialen Stellung.“
„Fängst du schon wieder mit deiner Philosophie an?“ Iwan knirschte innerlich vor Haß.
„Gott bewahre mich davor! Aber es geht doch nicht, man muß sich doch zuweilen auch ein bißchen beklagen dürfen. Ich bin arg verleumdet worden. Da sagst du mir nun in jedem Augenblick, ich sei dumm. Daran erkennt man sofort, daß du noch ein junger Mann bist. Mein Freund, es kommt nicht immer nur auf den Verstand an. Ich habe von Natur ein gutes Herz und heiteres Gemüt, – ‚ich habe ja doch auch schon etliche Vaudevilles ...‘[28] Du scheinst mich ja entschieden für einen altgewordenen Chlestakoff[29] zu halten, indessen ist mein Schicksal ein viel ernsteres. Durch irgendeine zeitweilige Bestimmung, die mir eigentlich bis jetzt noch nicht recht in den Schädel will, bin ich dazu bestimmt, zu ‚verneinen‘, während ich doch aufrichtig gut und zur Verneinung total unbegabt bin. ‚Nein, geh mal und verneine,‘ heißt es da, ‚ohne Verneinung gibt’s keine Kritik. Was aber wäre denn das für eine Zeitung, in der es keine kritische Abteilung gäbe? Ohne Kritik gäbe es nichts als „Hosianna“. Fürs Leben aber ist „Hosianna“ allein zu wenig, dieses „Hosianna“ muß vorher unbedingt durch den Schmelzofen der Zweifel gegangen sein,‘ nun, und so weiter in dem Tone. Übrigens mische ich mich in diese ganze Sache nicht hinein, denn, schließlich, was geht’s mich an: nicht ich habe geschaffen, folglich trage auch nicht ich die Verantwortung. Na ja, da hat man denn also den Sündenbock ausgesucht, ihn gezwungen, in der ‚kritischen Abteilung‘ zu schreiben, und so gab’s dann Leben. Wir begreifen diese Komödie: Ich, zum Beispiel, verlange für mich einfach und geradezu Vernichtung. ‚Nein, du sollst leben,‘ heißt es da, ‚denn ohne dich würde es nichts geben. Wenn alles auf der Welt vernünftig wäre, so würde nichts geschehen. Ohne dich würde sich nichts ereignen, es ist aber nötig, daß es Ereignisse gibt.‘ Und so verbeiße ich denn meinen Ärger und diene, damit es Ereignisse gibt, und schaffe auf Befehl Unvernünftiges. Die Menschen aber –, die nehmen, und dazu noch bei ihrem unstreitigen Verstande, diese ganze Komödie für etwas Ernsthaftes! Darin besteht denn auch ihre Tragödie. Nun, und sie leiden natürlich, aber ... immerhin leben sie doch dafür, leben sie realiter, und nicht nur in der Phantasie! Denn gerade das Leiden – das ist ja das Leben. Was würde es ohne Leiden für Freuden geben, wo bliebe da die Befriedigung? Alles würde sich in ein endloses Gebet verwandeln. Zwar wäre das heilig, dafür aber auf die Dauer doch recht langweilig, denke ich. Nun, und ich? Ich leide, aber ich lebe doch nicht. Ich bin das X in einer unbestimmten Gleichung. Ich bin irgendein Phantom des Lebens, das alle Enden und Anfänge verloren, und schließlich sogar selbst vergessen hat, wie es sich nennen soll. Du lachst ... nein, du lachst nicht, du ärgerst dich schon wieder. Du ärgerst dich fortwährend, du verlangst immer nur Kluges, ich aber kann dir nur sagen, daß ich dieses ganze Weltenraumleben, alle Titel und Ehren hergeben würde, nur um mich in die Seele einer sieben Pud schweren Kaufmannsfrau verkörpern und Gott Lichte stellen zu können.“
„Also auch du glaubst nicht mehr an Gott?“ fragte Iwan mit gehässigem Lachen.
„Das heißt, wie soll ich dir sagen, wenn du nur im Ernst ...“
„Gibt es einen Gott oder gibt es keinen?“ schrie Iwan plötzlich wie in tierischer Wut auf.
„Ah, so fragst du im Ernst? Mein Lieber, bei Gott, ich weiß es nicht. Sieh, da habe ich ein großes Wort ausgesprochen.“
„Du weißt es nicht und siehst doch Gott? Nein, du bist nicht ein Ding für dich, du bist – ich, du bist ich und sonst nichts! Schmutz bist du, nichts als meine Phantasie bist du!“
„Das heißt, wenn du willst, bin ich mit dir ganz derselben ... Philosophie, – das wäre der richtige Ausdruck, und auch im übrigen das Richtige und Gerechte. Je pense donc je suis, das weiß ich bestimmt, und was das übrige um mich herum betrifft, alle diese Welten, Gott, und sogar der Teufel selbst, – das alles ist für mich nicht bewiesen: ob es an und für sich, sozusagen selbständig besteht, oder einzig und allein meine Emanation ist, die folgerichtige Entwicklung meines Ich, das zeitweilig und individuell existiert ... mit einem Wort: ich breche lieber kurz ab, denn es scheint, daß du sogleich aufspringen und mich prügeln willst.“
„Könntest du nicht lieber irgendeine Anekdote erzählen!“ fragte Iwan krankhaft gequält.
„Das kann ich sehr wohl. Ich habe gerade eine Anekdote, die gut zu unserem Thema paßt, oder vielmehr keine Anekdote, sondern so eine Legende. Da wirfst du mir nun Unglauben vor: ‚siehst und glaubst doch nicht.‘ Aber, mein Freund, ich bin ja doch nicht allein so, dort bei uns sind jetzt alle ganz konfus geworden, und das nur infolge eurer Wissenschaft. Solange es noch Atome gab, fünf Sinne, vier Elemente, nun, da hielt sich alles noch irgendwie im Leim. Atome gab es ja auch in der Alten Welt. Als man aber bei uns erfuhr, daß ihr dort bei euch das ‚chemische Molekül‘ und das ‚Protoplasma‘ entdeckt habt, und weiß der Teufel, was sonst noch, – da fühlte man sich bei uns sozusagen wie begossen und wurde kleinlaut. Der denkbar größte Blödsinn hub an. Vor allem – Aberglauben, Klatsch! Klatsch gibt es ja bei uns ebensoviel wie bei euch, sogar noch ein wenig mehr – und dann zum Schluß die Anzeigen! Bei uns gibt es doch auch so eine Abteilung zur Kenntnisnahme gewisser ‚Nachrichten‘. Nun also, diese verrückte Legende, noch aus dem Mittelalter – aus unserem, nicht aus eurem –, und denk nur, selbst bei uns glaubt niemand an sie, außer den sieben Pud schweren Kaufmannsfrauen, das heißt wiederum unsere Kaufmannsfrauen, nicht eure. Alles, was bei euch ist, ist auch bei uns – das will ich dir mal aus purer Freundschaft aufdecken, obgleich es eines unserer Geheimnisse und euch mitzuteilen verboten ist. Also diese Legende handelt vom Paradiese. Es war einmal, heißt es, hier bei euch auf der Erde so ein Denker und Philosoph, der ‚alles verneinte, Gesetze, Gewissen, Glaube‘, vor allen Dingen aber – das zukünftige Leben. Er starb, glaubte directement in Finsternis, Tod und Nichtsein zu geraten, aber siehst du wohl, da steht vor ihm – das zukünftige Leben. Er wunderte sich und ward ungehalten. ‚Das widerspricht meinen Überzeugungen,‘ sagte er. Nun, und dafür wurde ihm dann der Prozeß gemacht, und er wurde verurteilt ... das heißt, sieh mal, du mußt mich entschuldigen, ich gebe doch nur das wieder, was ich gehört habe, und es ist ja nur eine Legende ... Also man verurteilte ihn zu folgendem: in der Finsternis eine Quadrillion Kilometer zu durchwandern (bei uns rechnet man doch jetzt nach Kilometern), und erst wenn er diese Quadrillion Kilometer hinter sich hat, soll ihm das Paradiesestor geöffnet und alles verziehen werden ...“
„Aber was habt ihr in jener Welt sonst noch für Qualen, außer dieser Quadrillion?“ unterbrach ihn Iwan, plötzlich ganz eigentümlich belebt.
„Was für Qualen? Ach, frage lieber nicht danach! Früher gab es noch dies und das, jetzt dagegen hat man sich fast nur auf die abstrakten, auf die geistigen Qualen verlegt, so – ‚Gewissensbisse‘ und ähnlicher Blödsinn. Das ist gleichfalls von euch eingeführt, infolge der ‚Milderung‘ eurer Sitten. Und wer hat dabei gewonnen? Gewonnen haben nur die ‚Gewissenlosen‘, denn was können ihnen Gewissensbisse anhaben, wenn sie überhaupt kein Gewissen besitzen? Dafür müssen jetzt die anständigen Leute darunter leiden, die noch etwas Gewissen und Ehre im Leibe haben ... Das sind so die Reformen auf unvorbereitetem Boden, und die dazu noch nach anderen Einrichtungen kopiert werden, – nichts als Schaden kommt dabei heraus! Da ist doch das frühere Feuerlein eine ganz andere Sache ... Nun also, dieser zur Quadrillion Verurteilte stand, sah und legte sich dann quer auf den Weg hin: ‚Ich will nicht gehn, aus Prinzip werde ich nicht gehn!‘ Nimm die Seele eines russischen Atheisten und mische sie mit der Seele des Propheten Jonas, der drei Tage und drei Nächte lang im Bauche des Walfischs schmollte, – da hast du den Charakter dieses Denkers, der sich quer über den Weg legte.“
„Auf was legte er sich denn dort hin?“
„Nun, es wird doch wahrscheinlich etwas dagewesen sein, auf was man sich hinlegen konnte. Du lachst doch nicht?“
„Bravo!“ rief Iwan, immer noch in derselben angespannten Belebung. Er hörte mit auffallendem Interesse zu. „Nun, was? und liegt er auch jetzt noch?“
„Das ist’s ja, daß er nicht mehr liegt. Er lag fast tausend Jahre lang, da stand er plötzlich auf und ging.“
„So ein Esel!“ rief Iwan unwillkürlich aus und lachte nervös auf – schien aber dabei immer noch alle Sinne wie im Krampfe anzuspannen, um sich über ein gewisses Etwas klar zu werden oder zu kombinieren. „Kommt denn das nicht auf eins hinaus, ob man ewig liegt oder eine Quadrillion Kilometer geht? Das wäre doch ein Marsch von einer Billion Jahren?“
„Sogar noch viel mehr! Schade, ich habe keinen Bleistift und kein Papier bei mir, sonst könnte man es sofort berechnen. Aber er ist ja schon längst angekommen, und hier erst beginnt die Anekdote.“
„Wie das – angekommen? Wo hat er denn die Billion Jahre hergenommen?“
„Du denkst nun wieder an unsere jetzige Erde! Aber diese Erde hat sich doch vielleicht selbst schon billionenmal wiederholt. Nun, sie hat sich eben ausgelebt, ist vereist, ist gesprungen, auseinandergeplatzt, in kleine Stücke zersprengt, hat sich in ihre Grundelemente zerlegt, dann ward wieder ‚eine Feste zwischen den Wassern‘, und so weiter, dann wieder ein Komet, wieder eine Sonne, aus der Sonne wieder eine Erde, – aber diese Entwicklung hat sich doch vielleicht schon unzählige Mal wiederholt, und immer genau in ein und derselben Form, alles bis aufs Tüpfelchen genau so wie es war. Eine Langweile, sag ich dir, die geradezu kränkend unanständig ist ...“
„Schön, schön, aber was geschah dann, als er ankam?“
„Tja, kaum hatte sich ihm das Paradies erschlossen, kaum war er eingetreten, – versteh: noch war er keine zwei Sekunden im Paradiese gewesen ... nach der Uhr berechnet, nach der Uhr (obgleich seine Uhr, meiner Meinung nach, in seiner Tasche sich inzwischen schon in ihre Grundelemente hätte auflösen müssen) – also, wie gesagt, er war noch keine zwei Sekunden im Paradiese gewesen, als er schon ausrief, daß man für diese zwei Sekunden nicht nur eine Quadrillion, sondern quadrillionmal eine Quadrillion Kilometer gehen könne, auch wenn man diese womöglich noch in die quadrillionste Potenz erhöbe! Mit einem Wort, er sang sein ‚Hosianna‘, verstand aber darin nicht maßzuhalten, so daß dort einige von etwas edlerer Gesinnungsart ihm in der ersten Zeit nicht einmal die Hand reichen wollten. Der war ihnen denn doch gar zu eifrig zu den Konservativen übergegangen. Eine russische Natur. Wie gesagt: eine Legende. Als was gekauft, als das verkauft. Das also wäre noch so ein Beispiel von den bei uns verbreiteten Begriffen über diese Dinge.“
„Jetzt habe ich dich gefangen!“ rief Iwan plötzlich mit geradezu kindlicher Freude aus, als hätte er sich endlich einer bestimmten Sache erinnert. „Diese Anekdote von den Quadrillion Jahren, – die habe ich mir selbst ausgedacht! Ich war damals siebzehn Jahre alt, ich war noch im Gymnasium ... ich hatte damals diese Anekdote verfaßt und erzählte sie darauf einem Mitschüler, Korowkin hieß er, das war in Moskau ... Diese Anekdote ist so charakteristisch, daß ein anderer Autor ganz ausgeschlossen ist! Ich hatte sie nur fast vergessen ... aber jetzt habe ich mich ihrer unbewußt wieder erinnert, – sie ist mir ganz von selbst wieder eingefallen, ich selbst habe mich ihrer erinnert, und nicht du hast sie mir erzählt! Wie man sich eben zuweilen einer Sache unbewußt erinnert, wie einem plötzlich tausend Dinge einfallen, selbst wenn man zum Schafott geführt wird ... sie ist mir im Traum wieder eingefallen. Und dieser Traum bist du! Ja, nichts als ein Traum bist du, du existierst überhaupt nicht!“
Der Gentleman lachte:
„Gerade die Heftigkeit, mit der du mich ablehnst, sagt mir, daß du trotzdem an mich glaubst.“
„Nicht im geringsten! Kein Hundertstel glaube ich!“
„Aber ein Tausendstel doch. Die homöopathischen Bruchteile sind ja vielleicht gerade die stärksten. Gestehe nur, daß du, nun, sagen wir, ein Zehntausendstel doch glaubst ...“
„Keinen Augenblick!“ fuhr Iwan jähzornig auf. „Übrigens ... wünschte ich, an dich zu glauben!“ fügte er plötzlich sonderbar hinzu.
„Aha – a! Das ist mir mal ein Eingeständnis! Aber ich bin gutmütig, ich werde dir auch hierbei helfen. Also höre: Ich habe dich gefangen, nicht du mich! Ich habe dir absichtlich deine eigene Anekdote erzählt, die du so gut wie vergessen hattest, damit du jeglichen Glauben an mich verlörest.“
„Du lügst! Der Zweck deines Erscheinens ist, mich zu überzeugen ... daß du bist.“
„Stimmt. Aber das Schwanken, das Zweifeln, die Unruhe, der Kampf des Glaubens mit dem Unglauben, – das ist doch für einen gewissenhaften Menschen, wie du zum Beispiel, mitunter eine solche Qual, daß er sich lieber erhängt. Gerade weil ich weiß, daß du ein Körnchen Glauben an mich hast, tröpfelte ich dir jetzt eine gehörige Portion Unglauben ein, indem ich dir diese Anekdote erzählte. Ich lenke dich jetzt zwischen Glauben und Unglauben abwechselnd hin und her, und verfolge dabei natürlich meinen besonderen Zweck. Wie gesagt: eine neue Methode. Denn sobald du endgültig jeden Glauben an mich verloren haben wirst, wirst du sofort anfangen mir ins Gesicht zu versichern, daß ich kein Traum sei, sondern wirklich existiere. Ich kenne dich doch. Und dann werde ich eben mein Ziel erreichen. Mein Ziel aber ist ein edles. Ich werde nur ein winziges Körnchen Glauben in dich werfen, und daraus wird eine Eiche erwachsen, – und noch dazu solch eine Eiche, daß du, mit diesem Baume in der Brust, dich noch zu den Einsiedlern und den makellosen Jungfrauen wirst gesellen wollen, denn im geheimen willst du das, sogar sehr. Wirst noch Heuschrecken essen und dich in die Wüste schleppen!“
„Ah! So mühst du Folterknecht dich um mein Seelenheil?“
„Man muß doch wenigstens irgend einmal auch ein gutes Werk tun. Aber ärgern tust du dich – hü! Das tust du wahrlich, wie ich sehe.“
„Narr! ... Doch sag’: hast du schon einmal auch solche versucht, die nur von Heuschrecken leben, siebzehn Jahre lang in der Wüste beten, mit Moos bewachsen?“
„Mein Täubchen, das ist ja das einzige, was ich bis jetzt getan habe! Die ganze Erde und alle Welten vergißt du, sag ich dir, wenn du dich einmal an einen solchen geheftet hast! Ein solcher Brillant ist denn doch gar zu kostbar. Eine einzige solche Seele ist mitunter ein ganzes Sternbild wert! – wir haben doch unsere eigene Arithmetik. So ein Sieg ist dann auch etwas teuer! Stehen doch einige von ihnen in ihrer Entwicklung, bei Gott, nicht unter dir, wenn du mir das auch nicht glauben wirst. Solche Abgründe von Glauben und Unglauben können sie in ein und demselben Augenblick erfassen, daß, Hand aufs Herz, man zuweilen meint, es fehlte nur noch ein Härchen, und der Mensch fliegt hinab – ‚kopfüber mit den Beinen in die Höh‘, wie der Schauspieler Gorbunoff sagt.“
„Nun, und? Bist mit langer Nase abgezogen?“
„Mon ami,“ bemerkte der Gast belehrend, „mit einer langen Nase abzuziehen, ist mitunter immerhin besser, als ganz ohne Nase, wie noch vor kurzem ein kranker Marquis, den wahrscheinlich ein Spezialist behandelt hatte, in der Beichte seinem Geistesvater, einem Jesuiten, gestand. Ich war zugegen – ganz allerliebst, sag ich dir! ‚Pater,‘ ruft er, ‚gebt mir meine Nase wieder!‘ und schlägt sich vor die Brust. – ‚Mein Sohn,‘ antwortet der alte Fuchs salbungsvoll, ‚alles geschieht nach den unerforschlichen Ratschlüssen der Vorsehung, und großes Leid zieht zuweilen einen großen, wenn auch uns Menschen zuerst unsichtbaren Vorteil nach sich. Wenn ein strenges Geschick Sie Ihrer Nase beraubt hat, so ergibt sich daraus für Sie wenigstens der Vorteil, daß Ihnen hinfort niemand mehr wird sagen können, Sie seien mit einer langen Nase abgezogen.‘ – ‚Heiliger Pater, das ist kein Trost!‘ ruft der verzweifelte Marquis, ‚ich würde im Gegenteil überglücklich sein, mein ganzes Leben lang jeden Tag mit einer langen Nase abzuziehen, wenn sie nur an der richtigen Stelle säße.‘ – ‚Mein Sohn,‘ sagt der Pater seufzend, ‚man darf nicht alle Erdengüter zugleich verlangen, das wäre schon Murren wider die Vorsehung, die Sie selbst hierbei nicht vergessen hat: denn wenn Sie so zum Herrn emporschreien, wie Sie es soeben getan haben, daß Sie mit Freuden bereit wären, Ihr ganzes Leben lang mit langer Nase abzuziehen, so hat die Vorsehung mittelbar auch diesen Ihren Wunsch schon im voraus erfüllt: denn indem Sie Ihre Nase verloren, zogen Sie doch gewissermaßen mit einer langen Nase ab ...‘“
„Pfui, wie dumm!“
„Mein Freund, ich wollte dich ja nur erheitern. Aber ich schwöre dir, das ist die echteste Jesuitenkasuistik, und du kannst mir glauben, daß ich Wort für Wort wiederhole, was ich gehört habe. Gerade dieser Fall machte mir viel zu schaffen. Der unglückliche junge Mann kehrte nach Haus zurück und erschoß sich in derselben Nacht; ich wich natürlich nicht von seiner Seite und blieb bis zum letzten Augenblick bei ihm ... Überhaupt bieten mir diese Beichtkästlein der Jesuiten die liebste Zerstreuung in traurigen Lebensstunden. Da will ich dir doch noch einen Fall erzählen, ganz kürzlich erlebte ich ihn. Zum greisen Pater kommt so eine kleine, schmucke Blondine, eine Normannin, von etwa zwanzig Jahren. Ein Stück Natur, sag ich dir, die Formen wie gedrechselt, eine Schönheit – daß ihm der Mund wässert! Sie beugt sich nieder und flüstert dem Pater durch die kleine Öffnung ihre Sünde zu. ‚Was sagen Sie, meine Tochter, sind Sie schon wieder gefallen?‘ ruft der Pater entsetzt. ‚Oh, Sankta Maria, was höre ich: schon mit einem anderen! Aber wie lange wird sich das noch fortsetzen, und schämen Sie sich denn nicht!‘ ‚Ah, mon père,‘ antwortet die Sünderin, in Reuetränen aufgelöst: ‚Ça lui fait tant de plaisir et à moi si peu de peine!‘ Nun, kannst du dir solch eine Antwort vorstellen! Da trat selbst ich zurück: das war der Schrei der Natur selbst, das ist ja, wenn du willst, sogar besser als die leibhaftige Unschuld! Ich erließ ihr denn auch sofort die Sünde und wandte mich schon zum Gehen, war aber sogleich gezwungen, wieder zurückzukehren. Wie ich höre, flüstert ihr der Pater etwas zu: er bestellt sie für den Abend zum Rendezvous! Dabei war er ein Greis, ein Kieselstein – und war doch in einem Augenblick gefallen! Die Natur, die Wahrheit der Natur nahm wieder mal das ihrige! Was, biegst du schon wieder die Nase fort, ärgerst du dich schon wieder? Ich weiß wirklich nicht, womit ich es dir zu Dank machen könnte ...“
„Verlaß mich, du klopfst in meinem Hirn wie ein Albdruck, der nicht loszuwerden ist,“ stöhnte Iwan schmerzgepeinigt – in der Ohnmacht gegen seine Vision. „Du langweilst mich, du bist unerträglich und qualvoll! Viel würde ich dafür geben, wenn ich dich hinauswerfen könnte!“
„Ich rate dir nochmals, mäßige deine Ansprüche, verlange von mir nicht ‚alles Große und Schöne‘, und du wirst sehen, wie freundschaftlich wir uns beide einleben werden,“ sagte der Gentleman eindringlich. „Du ärgerst dich ja im Grunde nur deswegen über mich, weil ich dir nicht irgendwie in rotem Lichte, ‚donnernd und blitzend‘ und mit versengten Schwingen erschienen bin, sondern mich in so bescheidener Gestalt vorgestellt habe. Du bist gekränkt, erstens in deinen ästhetischen Gefühlen und zweitens in deinem Stolze: Wie, denkst du, wie wagt zu einem so großen Manne ein so lumpiger Teufel zu kommen? Nein, in dir steckt doch noch diese romantische Ader, die schon Belinskij so verspottet hat. Was ist da zu machen, junger Mann! Als ich mich vorhin zu dir aufmachte, da dachte ich schon einen Augenblick daran, mich zum Scherz als verabschiedeten Wirklichen Staatsrat vorzustellen, der im Kaukasus gedient hat, mit dem persischen Orden des Löwen und der Sonne auf dem Frack. Aber, offen gestanden, mir fehlte der Mut dazu, denn du hättest mich doch zweifellos schon allein dafür durchgeprügelt, daß ich gewagt habe, mir nur den besagten Stern des Löwen und der Sonne anzustecken und nicht mindestens den Polarstern oder den Sirius. Und immer wieder wirfst du mir vor, daß ich dumm sei. Aber, mein Gott, ich erhebe ja gar keinen Anspruch darauf, mich mit dir, was den Verstand betrifft, irgendwie gleichstellen zu wollen. Als Mephistopheles dem Faust erschien, da sagte er von sich, daß er das Böse wolle, doch stets nur das Gute schaffe. Nun, das mag meinetwegen sein wie es will, ich dagegen bin ganz das Gegenteil. Ich bin vielleicht der einzige Mensch in der ganzen Natur, der die Wahrheit liebt und aufrichtig das Gute wünscht. Ich war zugegen, als das am Kreuz gestorbene Wort in den Himmel einging und mit sich die Seele des ihm zur Rechten verschiedenen Schächers emportrug. Ich hörte das Freudejauchzen der Cherubim, die ‚Hosianna‘ sangen, und den Donnerschrei des Entzückens der Seraphim, von dem der Himmel und das ganze Gebäude der Welten erbebten. Und sieh, ich schwöre dir bei allem, was heilig ist, ich wollte schon in den Chor einstimmen, wollte mit allen Engeln aufjauchzen: ‚Hosianna!‘ Schon drängte es aus der Brust, schon wollte es sich von der Zunge losreißen ... ich bin doch, wie du weißt, sehr sensibel und künstlerisch empfänglich. Aber die gesunde Vernunft – oh, das ist die unheilvollste Eigenschaft meiner Natur – hielt mich auch hier in den pflichtschuldigen Grenzen zurück, und ich versäumte den Augenblick! Denn was, dachte ich im selben Augenblicke, was würde die Folge meines ‚Hosianna‘ sein? Es würde sofort alles in der Welt erlöschen, und kein einziges Ereignis würde sich mehr dort zutragen. Und so war ich denn einzig und allein aus Pflichtbewußtsein in meinem Dienst und infolge meiner sozialen Stellung gezwungen, das Gute in mir zu ersticken und bei den Schweinereien zu bleiben. Die Ehre des Guten nimmt jemand restlos für sich in Anspruch, mir aber ist ausschließlich das Gemeine zugewiesen. Aber ich beneide ihn nicht wegen der Ehre, auf Kosten anderer zu leben, ich bin nicht ehrgeizig. Warum aber bin nur ich allein von allen Lebewesen der Welt den Flüchen aller anständigen Leute geweiht und sogar ihren Fußtritten, denn, wenn ich mich verkörpere, muß ich mitunter auch diese Folgen auf mich nehmen. Ich weiß ja, daß es hierbei ein Geheimnis gibt, aber dieses Geheimnis will man mir um keinen Preis aufdecken, denn es wäre möglich, daß ich dann, wenn ich erraten hätte, um was es sich handelt, mein ‚Hosianna‘ gröhlen würde: und darauf verschwände sofort das notwendige Minus, und in der ganzen Welt höbe ‚Vernünftigkeit‘ an, und damit, versteht sich, hätte alles ein Ende, sogar die Zeitungen und sonstigen Blätter, denn wer würde dann noch auf welche abonnieren. Ich weiß ja, daß ich mich zu guter Letzt aussöhnen, einmal auch meine Quadrillion abgehen und dann das Geheimnis erfahren werde. Bis dahin aber – schmolle ich, verbeiße meinen Ärger und erfülle meine Bestimmung, das ist: Tausende zu verderben, auf daß sich einer rette. Zum Beispiel, wieviel Seelen hieß es da verderben, wieviel ehrenhafte Reputationen verunglimpfen, nur um den einzigen gerechten Hiob zu ergattern, mit dem man mich damals vor Olims Zeiten noch so hundsgemein beschummelt hat! Nein, solange das Geheimnis noch nicht aufgedeckt ist, gibt es für mich zwei Wahrheiten: eine, die dort bei ihnen und mir noch völlig unbekannt ist, und dann die andere, meine Wahrheit. Und noch weiß man nicht, welche von beiden reiner sein wird ... Bist du eingeschlafen?“
„Warum nicht gar!“ stöhnte Iwan haßerfüllt. „Alles, was es nur Dummes in meiner Natur gibt, was ich schon längst überlebt, in meinem Verstande durch- und durchgekaut und wie verwestes Aas fortgeworfen habe, – das trägst du mir wieder vor, als wäre es etwas ganz Neues!“
„Also wieder war’s nicht recht! Und ich glaubte sogar, dich schon allein mit der literarischen Fassung zu gewinnen: Dieses ‚Hosianna‘ im Himmel zum Beispiel, das nahm sich bei mir doch wirklich gar nicht so übel aus? Und dann zum Schluß dieser sarkastische Ton à la Heine, wie, du findest das nicht?“
„Nein, ein solcher Lakai bin ich nie gewesen! Wie hat meine Seele einen solchen Lakai, wie du, hervorzubringen vermocht!“
„Mein Freund, ich kenne einen prächtigen, ganz reizenden russischen Junker: einen jungen Denker und großen Liebhaber der Literatur und Kunst, den Autor eines vielversprechenden Poems, das ‚Der Großinquisitor‘ betitelt ist ... Nur um ihn allein war’s mir zu tun!“
„Ich verbiete dir, auch nur ein Wort vom Großinquisitor zu sagen!“ unterbrach ihn Iwan zornig, heiß errötend vor Scham.
„Nun, aber wie steht’s denn mit der ‚geologischen Umwälzung‘? Erinnerst du dich noch? Das ist mir mal ein Dingelchen, das muß ich sagen!“
„Schweig! – oder ich schlage dich tot!“
„Wen, mich willst du totschlagen? Nein, erlaub schon, daß ich mich ausspreche. Deswegen bin ich ja überhaupt gekommen, um mir dieses Vergnügen zu bereiten. Oh, ich liebe über alles die lodernden Gedankenillusionen meiner stolzen, jungen, vor Lebensdurst bebenden Freunde! ‚Dort gibt es neue Menschen,‘ dachtest du noch im vorigen Frühling, als du dich hierher aufmachtest, ‚sie beabsichtigen alles zu zerstören und wieder bei der Menschenfresserei zu beginnen. Die Toren, warum haben sie mich nicht gefragt! Wozu da so mühevoll zerstören! Das ist ja völlig überflüssig! Man brauchte doch nur einfach die Gottidee in der Menschheit zu vernichten, und alles würde nach Wunsch gehen! Das ist es, das allein ist es, womit man beginnen muß. Diese Blinden aber, die verstehen ja überhaupt nichts. Hat die Menschheit sich erst einmal ganz und gar, das heißt, ausnahmslos von Gott losgesagt (und ich glaube daran, daß diese Periode, als Parallele zu den geologischen Perioden, eintreten wird), so wird die frühere Weltanschauung, und vor allem die ganze frühere Sittlichkeit – ohne jede Menschenfresserei ganz von selbst fallen und dem Neuen Platz machen. Die Menschen werden sich zusammentun, um alles aus dem Leben zu ziehen, was daraus nur zu ziehen ist, doch unbedingt einzig und allein zum Zweck des Glückes und der Freude bloß hier in dieser Welt. Der Geist des Menschen wird sich in göttlichem, titanischem Stolz erheben, und dann wird der Menschgott erstehen. Indem er allstündlich und dann bereits grenzenlos die Natur durch seinen Willen und durch die Wissenschaft besiegt, wird er auf diese Weise allstündlich eine so hohe Befriedigung empfinden, daß sie ihm alle früheren Hoffnungen auf die himmlischen Befriedigungen ersetzen wird. Ein jeder wird wissen, daß er ganz und gar, daß er restlos sterblich ist, daß es keine Auferstehung gibt, und er wird den Tod stolz und ruhig wie ein Gott hinnehmen. Schon allein aus Stolz wird er einsehen, daß er nicht darüber zu murren hat, daß das Leben nur einen Augenblick währt, und er wird seinen Bruder lieben ohne die Bedingung der Gegenliebe. Die Liebe wird nur während des Lebensaugenblicks andauern, dafür aber wird das Bewußtsein ihrer Kürze ihr Feuer um ebensoviel verstärken, als es früher in der Hoffnung auf die endlose Liebe im Jenseits verdünnt wurde‘ ... nun und so weiter in der Art. Ganz allerliebst!“
Iwan saß, hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu und blickte zu Boden, doch allmählich fing er an, am ganzen Körper zu zittern. Die Stimme fuhr fort.
„Die Frage besteht jetzt also nur darin, dachte mein junger Denker: ob es möglich ist, daß eine solche Periode jemals anbricht, oder ob das ausgeschlossen ist. Wenn sie anbricht, so ist alles gelöst, und die Menschheit wird sich endgültig einrichten. Da dies aber, im Hinblick auf die in der Menschheit eingewurzelte Dummheit, vielleicht noch, nun ja, ganze tausend Jahre zum Durchdringen erfordern wird, so ist einem jeden, der schon jetzt die Wahrheit erkennt, im Grunde gestattet, sich völlig nach eigenem Gutdünken einzurichten, also nach neuen Grundsätzen. In diesem Sinne ist ihm ‚alles erlaubt‘. Und damit noch nicht genug: Selbst wenn diese Periode niemals anbrechen sollte, so ist doch, da es ja Gott und Unsterblichkeit sowieso nicht gibt, diesem neuen Menschen vollkommen erlaubt, Menschgott zu werden, wenn auch nur er allein in der ganzen Welt es wird. Und der kann sich dann in diesem neuen Range, versteht sich, mit leichtem Herzen über jede sittliche Schranke des früheren Knechtmenschen hinwegsetzen, wenn es nötig sein sollte. Für einen Gott gibt es kein Gesetz! Wohin Gott sich stellt – dort ist der Platz schon Gottes. Wohin ich mich stellen werde, dort wird sofort der erste Platz sein ... ‚Alles ist erlaubt‘ und damit – Punktum! Das alles ist ja sehr nett; nur fragt es sich, sollte man meinen, wozu er, wenn er nun einmal gaunern will, – wozu er da noch die Sanktion der Wahrheit haben will? – Aber so ist ja unser zeitgenössischer Russe: Ohne Sanktion kann er sich nicht einmal zu Schurkereien entschließen, dermaßen hat er die Wahrheit liebgewonnen ...“
Der Gast ließ sich offenbar immer mehr durch seine Schönrednerei fortreißen, jedenfalls erhob er die Stimme immer lauter und begann sogar, spöttisch zum Hausherrn hinüberzublicken; er konnte aber seine Rede nicht zu Ende sprechen: Iwan ergriff plötzlich wutbebend das Glas vom Tisch und schleuderte es auf den Redner.
„Ah, mais c’est bête enfin!“ rief jener aus, indem er vom Diwan aufsprang und mit den Fingern die Teespritzer von seinem Rock abknipste. „Da ist ihm Luthers Tintenfaß eingefallen! Selbst hält er mich für einen Traum und wirft dabei mit Teegläsern nach mir! Das ist ja Weiberart! Also hab ich richtig vermutet, daß du dich nur so anstelltest, als hieltest du dir die Ohren zu, in Wirklichkeit aber zuhörtest ...“
Ein starkes und beharrliches Klopfen an den Fensterrahmen wurde plötzlich von draußen her hörbar. Iwan Fedorowitsch sprang vom Diwan auf.
„Hörst du, mach lieber auf,“ rief der Gast aus, „das ist dein Bruder, Aljoscha, mit der allerunerwartetsten und wichtigsten Nachricht, dafür bürge ich dir!“
„Schweig, Betrüger, ich wußte früher als du, daß es Aljoscha ist, ich habe ihn vorausgefühlt und ... selbstverständlich kommt er nicht umsonst ... ich weiß, daß er mit einer ‚Nachricht‘ kommt!“ rief Iwan wie außer sich, wie rasend.
„So mach doch auf, mach auf! Draußen tobt der Schneesturm, er aber ist doch dein Bruder. Monsieur, sait-il aussi le temps qu’il fait? C’est à ne pas mettre un chien dehors ...“
Das Klopfen dauerte fort. Iwan wollte schon zum Fenster stürzen, doch plötzlich war ihm, als wären seine Füße und Arme gefesselt. Er strengte sich aus allen Kräften an, wie um seine Fesseln zu zerreißen, aber vergeblich. Das Klopfen an den Fensterrahmen wurde immer stärker und lauter. Endlich: plötzlich zerrissen die Fesseln, und Iwan Fedorowitsch sprang auf vom Diwan. Er blickte sich wild im Zimmer um. Die beiden Lichter waren fast schon ganz heruntergebrannt, das Glas, mit dem er soeben nach seinem Gast geworfen hatte, stand vor ihm auf dem Tisch, und auf dem Diwan an der gegenüberliegenden Wand saß – niemand. Das Klopfen an den Fensterrahmen dauerte zwar noch fort, aber es war doch lange nicht so laut, wie es ihm kurz vorher im Traume geschienen hatte. Im Gegenteil, es wurde sogar sehr vorsichtig geklopft.
„Das war kein Traum! Nein, ich schwöre es, das war kein Traum, das war, das war doch Wirklichkeit!“ rief Iwan Fedorowitsch aus. Darauf schritt er zum Fenster und öffnete es.
„Aljoscha, ich habe dir doch verboten, zu mir zu kommen!“ rief er wutbebend dem Bruder zu. „Sage in zwei Worten: was willst du? In zwei Worten, verstanden?“
„Vor einer Stunde hat Ssmerdjäkoff sich erhängt,“ antwortete Aljoscha von draußen.
„Geh zur Treppe, ich werde dir sofort aufmachen,“ sagte Iwan und ging zur Eingangstür, um Aljoscha hereinzulassen.
X. „Das hat Er gesagt!“
Als Aljoscha eingetreten war, teilte er Iwan Fedorowitsch mit, daß vor etwas mehr als einer Stunde Marja Kondratjewna atemlos bei ihm erschienen sei, mit der Nachricht, daß Ssmerdjäkoff sich das Leben genommen habe. „Ich ging hinein, um den Ssamowar abzuräumen, er aber hängt an der Wand am Nagel.“ Auf Aljoschas Frage, ob sie es schon der Polizei gemeldet habe, habe sie geantwortet: „Nein, noch nicht, niemandem, ich lief sofort los, ganz zuerst hierher zu Ihnen, zu Ihnen ganz zuerst, und ich lief so schnell ich konnte.“ Sie sei wie halb wahnsinnig gewesen, erzählte Aljoscha, und habe gezittert wie ein Espenblatt. Als Aljoscha mit ihr zusammen hingeeilt war, in die Hütte am Rande der Stadt, da hatte Ssmerdjäkoff immer noch an der Wand gehangen. Auf dem Tisch habe ein Zettel gelegen, auf den er geschrieben hatte: „Ich vertilge mich aus eigenem Wunsch und Willen, um niemanden zu beschuldigen.“ Aljoscha hatte den Zettel genau so auf dem Tische zurückgelassen, wie er ihn gefunden hatte, und war dann geradeswegs zum Polizeichef gegangen, um ihn vom Vorgefallenen in Kenntnis zu setzen, – „und von ihm kam ich sofort zu dir,“ schloß Aljoscha, der aufmerksam Iwan ins Gesicht blickte. Und die ganze Zeit, während der er erzählt hatte, hatte er keinen Blick von ihm abgewandt, als hätte ihn etwas, vielleicht ein gewisser Ausdruck im Gesicht des Bruders, betroffen gemacht.
„Bruder,“ rief Aljoscha plötzlich ganz erschrocken, „du bist bestimmt schwer krank! Du stehst da und siehst aus, als wenn du überhaupt nicht verstündest, was ich spreche.“
„Das ist gut, daß du gekommen bist,“ sagte Iwan, wie in Gedanken versunken, und als hätte er Aljoschas Ausruf gar nicht gehört. „Aber ich wußte ja, daß er sich erhängt hat.“
„Durch wen?“
„Ich weiß nicht, durch wen. Aber ich wußte es. Wußte ich es? Ja, er hatte es mir gesagt. Vor kurzem noch sagte er es mir ...“
Iwan stand mitten im Zimmers, und sein Blick haftete am Boden: er sprach immer noch wie in Gedanken versunken.
„Welcher er?“ fragte Aljoscha und sah sich unwillkürlich um.
„Er ist entwischt.“
Iwan erhob den Kopf und lächelte still.
„Du hast ihn erschreckt, du Taube du. Du bist ein ‚reiner Cherub‘. Dmitrij nennt dich einen Cherub. Cherub ... Der Donnerschrei des Entzückens der Seraphim! Was ist ein Seraph? Vielleicht ein ganzes Sternbild. Vielleicht ist dieses ganze Sternbild aber auch nichts weiter als irgendein chemisches Molekül ... Gibt es ein Sternbild des Löwen und der Sonne, weißt du – das vielleicht?“
„Bruder, setz dich!“ sagte Aljoscha angstvoll. „Um Gottes willen, setz dich auf den Diwan. Du redest irre, leg dich hierher aufs Kissen, sieh so. Willst du nicht, daß ich dir ein feuchtes Handtuch um den Kopf lege? Vielleicht würde es dir davon besser werden?“
„Gib es her, es muß hier auf dem Stuhl liegen, ich warf es vorhin fort.“
„Hier ist es nicht. Aber beunruhige dich nicht, ich weiß schon, wo es hängt, da ist es,“ sagte Aljoscha, der in der anderen Ecke des Zimmers auf dem Toilettentisch ein reines, noch zusammengefaltetes, noch nicht benutztes Handtuch fand.
Iwan sah das Handtuch sonderbar an; seine Besinnung schien im Augenblick zurückzukehren.
„Wart!“ Er erhob sich. „Ich habe doch vorhin, vor etwa einer Stunde, dieses selbe Handtuch von dort, von demselben Platz genommen, mit Wasser angefeuchtet und mir um den Kopf gelegt, und dann habe ich es hierher auf den Stuhl geworfen ... wie kann es jetzt trocken sein? Ein anderes war nicht da.“
„Du hast dieses Handtuch um den Kopf gelegt?“ fragte Aljoscha.
„Ja, ich ging im Zimmer auf und ab, vor einer Stunde ... Warum sind die Lichte so herabgebrannt? Wie spät ist es?“
„Bald wird es zwölf sein.“
„Nein, nein, nein!“ schrie plötzlich Iwan auf, „das war kein Traum! Er war da, er saß dort, dort auf jenem Diwan! Als du ans Fenster klopftest, warf ich ihm das Glas an den Kopf ... dieses hier ... Wart mal, ich habe auch früher schon geschlafen und ... aber dieser Traum ist kein Traum! Auch früher kam es vor ... Weißt du, Aljoscha, ich habe jetzt Träume ... aber sie sind keine Träume, sondern ich sehe sie mit meinen Augen, sie sind Wirklichkeit: ich gehe, spreche und sehe ... dabei aber schlafe ich. Aber er saß hier, er war hier, hier auf diesem Diwan ... Er ist unglaublich dumm, Aljoscha, unglaublich dumm!“ Iwan lachte plötzlich auf und begann wieder auf und ab zu schreiten.
„Von wem redest du, Bruder? Wer ist so dumm?“ fragte Aljoscha bange.
„Der Teufel! Er hat sich jetzt angewöhnt, mich zu besuchen. Zweimal ist er schon bei mir gewesen, genau genommen sogar dreimal. Er will mich damit necken, weil ich mich, wie er glaubt, darüber ärgere, daß er nur ein einfacher Teufel ist und nicht der Satan, mit versengten Schwingen, von Donner und Blitz umgeben. Aber er ist nicht Satanas, das lügt er. Er ist ein Usurpator. Er ist einfach ein Teufel, ein lumpiger, kleiner Teufel. Er geht sogar in die Badestube. Kleid ihn aus, und du wirst sicherlich einen langen Schwanz an ihm finden, einen glatten, langen, wie an einer dänischen Dogge, eine Arschin lang, schwarzbraun ... Aljoscha, du bist wohl durchfroren, du warst draußen im Schneesturm, willst du Tee? Wie? Ist er schon kalt? Willst du, ich werde sofort den Ssamowar anmachen lassen. C’est à ne pas mettre un chien dehors ...“
Aljoscha trat eilig zum Waschtisch, tauchte das Handtuch ins Wasser, beredete Iwan, sich wieder zu setzen und legte ihm darauf das Handtuch um den Kopf. Er selbst setzte sich neben ihn.
„Was sagtest du mir vorhin von Lisa?“ begann Iwan wieder. (Er wurde sehr gesprächig.) „Mir gefällt Lisa. Ich sagte dir etwas Gemeines über sie. Das war aber gelogen, sie gefällt mir ... Ich fürchte für Katjä, für die fürchte ich morgen am meisten. Wegen der Zukunft. Sie wird mich morgen aufgeben und mit den Füßen zertreten. Sie glaubt, daß ich aus Eifersucht Mitjä ins Verderben bringen werde, also ihretwegen! Ja, das glaubt sie! Nun, darum erst recht nicht! Morgen kommt das Kreuz, aber nicht der Galgen. Nein, ich werde mich nicht erhängen. Weißt du auch, Aljoscha, daß ich mir niemals das Leben werde nehmen können! Etwa aus Niedrigkeit nicht? Ich bin kein Feigling. Aus Lebensdurst! Vor Durst, vor Sehnsucht nach dem Leben, wirklich zu leben!! Woher nur wußte ich, daß Ssmerdjäkoff sich erhängt hat? Ja richtig, er hat es mir gesagt ...“
„Und du bist fest überzeugt, daß hier jemand gesessen hat?“ fragte Aljoscha.
„Dort auf jenem Diwan, in der Ecke. Du hättest ihn sofort verscheucht. Und du hast es ja auch getan: als du erschienst, verschwand er. Ich liebe dein Gesicht, Aljoscha. Wußtest du, daß ich dein Gesicht liebe? Er aber – das bin ich, glaub mir, Aljoscha, ich selbst. Alles Niedrige, alles Gemeine und Verächtliche meines Ich! Ja, ich bin ein ‚Romantiker‘, er hat mich beobachtet ... Trotzdem ist es eine Verleumdung. Er ist unglaublich dumm, aber gerade damit nimmt er einen. Er ist schlau, tierisch schlau, er wußte, womit er mich rasend machen konnte. Er neckte mich die ganze Zeit damit, daß ich an ihn, wie er behauptet, glaube, und damit zwang er mich, ihm zuzuhören. Wie einen kleinen Jungen hat er mich betrogen. Übrigens hat er mir auch viel Wahres über mich gesagt. Ich selbst hätte mir das alles nie eingestanden. Weißt du, Aljoscha, weißt du,“ fügte Iwan plötzlich ernst und dabei auffallend vertraulich hinzu, „ich wünschte, daß er wirklich er wäre und nicht ich!“
„Er hat dich müdgequält,“ sagte Aljoscha, der den Bruder voll Mitleid ansah.
„Geneckt hat er mich! Und weißt du, geschickt hat er es getan, unglaublich geschickt. ‚Das Gewissen! Was ist das Gewissen? Ich mache es selbst. Warum aber quäle ich mich dann? Aus Gewohnheit. Aus universaler menschlicher Gewohnheit, die den Menschen seit mehr als siebentausend Jahren im Blute sitzt. So laßt uns doch endlich uns davon entwöhnen und seien wir Götter.‘ – Das hat er gesagt, das hat er gesagt!“
„Und nicht du? Nicht du?“ rief Aljoscha unwillkürlich aus und blickte dem Bruder hell in die Augen. „Nun, dann laß ihn, vergiß ihn, versuch, ihn ganz zu vergessen! Mag er alles mit sich fortnehmen, was du jetzt verfluchst, mag er dann nie mehr wiederkommen!“
„Ja, aber er ist boshaft. Verspottet hat er mich, Aljoscha. Frechheiten hat er sich mir gegenüber erlaubt!“ sagte Iwan, gleichsam zuckend unter dem Schmerz der Kränkung. „Doch er hat mich verleumdet, in vielem hat er mich verleumdet. Mir ins Gesicht log er über mich, – über mich, mir ins Gesicht! ‚Oh, du gehst jetzt hin und wirst eine Heldentat der Tugend vollführen, du wirst erklären, daß du den Vater erschlagen hast, daß der Lakai auf dein Geheiß den Vater erschlagen habe‘ ...“
„Bruder,“ unterbrach ihn Aljoscha, „besinne dich: nicht du hast ihn erschlagen. Das ist nicht wahr, was du sagst!“
„Das sagt er, er, und er weiß das. ‚Du gehst hin und wirst eine Heldentat der Tugend ausführen, glaubst aber dabei gar nicht an die Tugend – das ist es, was dich erbost und quält, deswegen bist du auch so rachsüchtig.‘ – Das hat er mir über mich gesagt, er aber weiß, was er sagt ...“
„Das sagst du, aber nicht er!“ rief Aljoscha bekümmert dazwischen. „Und du sprichst im Fieber, im Wahnsinn, du quälst dich!“
„Nein, er weiß, was er sagt. Aus Stolz sagt er, aus Stolz wirst du hingehen, du wirst dich hinstellen und sagen: ‚Ich bin es, der ihn erschlagen hat! Warum windet ihr euch vor Entsetzen? Ihr lügt! Ich verachte eure Meinung, verachte euer Grauen!‘ – Das sagt er von mir, und plötzlich fügt er hinzu: ‚Aber weißt du, im geheimen willst du, daß sie dich dafür loben: ein Verbrecher ist er, ein Mörder, aber was für hochherzige Gefühle er hat, er wollte seinen Bruder retten, und da ging er hin und bekannte sich als den Schuldigen!‘ Doch dies, Aljoscha, dies ist eine so gemeine Lüge, sag ich dir!“ schrie Iwan plötzlich aus sich heraus, und seine Augen glühten drohend. „Ich will nicht, daß diese Leibeigenen mich loben! Das hat er gelogen, Aljoscha, das hat er gelogen, das schwöre ich dir! Dafür warf ich ihm dieses Glas in die Fratze, und es zerschlug an seinem Gebiß ...“
„Wanjä, beruhige dich, höre auf!“ flehte Aljoscha angstvoll.
„Nein, er versteht es, einen zu foltern, grausam ist er!“ fuhr Iwan fort, ohne auf Aljoscha zu hören. „Ich habe es immer geahnt, warum er kommt. ‚Nun gut,‘ sagt er, ‚du gehst aus Stolz, aber es war doch immer noch die Hoffnung vorhanden, daß Ssmerdjäkoff überführt und als Zwangsarbeiter verschickt und Mitjä freigesprochen wird, und daß man dich nur moralisch verurteilt – (hörst du, Aljoscha, bei diesem Worte lachte er!) – die anderen aber werden dich trotzdem loben. Nun aber ist Ssmerdjäkoff gestorben, hat sich erhängt, wer wird jetzt noch von den Richtern dir allein aufs Wort hin glauben? Aber du gehst doch, du gehst ja hin, du wirst ja sowieso hingehen, du hast doch beschlossen hinzugehen. Aber sag doch, warum und wozu gehst du denn nach alledem eigentlich noch hin?‘ Furchtbar ist das, Aljoscha, solche Fragen kann ich nicht ertragen, Aljoscha! Wer wagt es, mir solche Fragen vorzulegen?“
„Bruder,“ unterbrach ihn Aljoscha, fast vergehend vor Angst, doch immer noch in der Hoffnung, Iwan zur Vernunft zu bringen, „wie konnte er dir denn von Ssmerdjäkoffs Selbstmord Mitteilung machen, wenn noch niemand etwas davon wußte? Und es war ja doch noch viel zu wenig Zeit vergangen, als daß es jemand schon hätte wissen können ...“
„Er hat aber davon gesprochen, er sagte es mir,“ behauptete Iwan kurz, ohne auch nur einen Zweifel aufkommen zu lassen. „Wenn du willst, hat er überhaupt nur davon gesprochen. ‚Ich will nicht sagen, wenn du an die Tugend glaubtest,‘ sagte er, ‚wenn du dir sagtest: so mag man mir nicht glauben, ich gehe aus Überzeugung, aus Prinzip. Aber du bist doch ein Schwein, wie Fedor Pawlowitsch, was ist dir Tugend? Wozu also schleppst du dich hin, wenn dein Opfer zu nichts nütze ist? Ganz einfach, weil du selbst nicht weißt: warum und wozu! Oh, viel würdest du darum geben, wenn du wüßtest, wozu du gehst! Und du glaubst, du habest dich schon entschlossen? Du hast dich also noch nicht entschlossen? Ich sage dir: Du wirst die ganze Nacht sitzen und dich fragen: soll ich oder soll ich nicht? Aber du wirst trotzdem gehen, und du weißt, daß du gehen wirst, weißt selbst, daß – zu was du dich auch entschließen solltest – die Entscheidung nicht mehr von dir abhängt. Du wirst gehen, weil du nicht wagen wirst, nicht zu gehen. Warum du es nicht wagen wirst – das errate nun selbst, da hast du jetzt ein Rätsel!‘ Er stand auf und ging. Du kamst, er aber ging fort. Aljoscha, er nannte mich einen Feigling! Le mot de l’énigme –: daß ich ein Feigling bin! ‚Denn wahrlich, anders sind jene Adler geartet, die sich über die Erde erheben und emporschwingen können!‘ Das fügte er noch hinzu, das hat er noch hinzugefügt! Und Ssmerdjäkoff hat dasselbe gesagt! ... Man muß ihn totschlagen! Katjä verachtet mich, das sehe ich schon seit einem ganzen Monat, und auch Lisa wird anfangen, mich zu verachten! ‚Du gehst, damit man dich lobe,‘ – das ist eine tierische Lüge! Und du verachtest mich gleichfalls, Aljoscha. Jetzt hasse ich dich wieder! Und den Auswurf hasse ich, den Auswurf, den Auswurf, das Ungeheuer!! Ich will das Scheusal nicht retten, mag es dort in Sibirien unter der Erde verfaulen! Er singt die Hymne! Oh, morgen werde ich hingehn, werde mich vor sie stellen und ihnen allen in die Augen speien!“
Außer sich sprang er auf, schleuderte das Handtuch fort und begann von neuem auf und ab zu gehen. Aljoscha fielen seine Worte ein, die er kurz vorher gesagt hatte: „Als ob ich im Wachen schliefe ... Ich gehe, spreche und sehe, dabei aber schlafe ich.“ Genau so geschah es auch jetzt: er ging, sah und sprach, als wenn er im Wachen schlief. Aljoscha verließ ihn nicht. Ihm kam wohl der Gedanke, zum Arzt zu laufen und diesen herzubringen, aber er wagte nicht, den Bruder allein zu lassen. Iwan schien allmählich die Besinnung zu verlieren. Er sprach ununterbrochen weiter, doch seine Rede war schon ganz zusammenhanglos. Zuletzt konnte er die Worte nur mit Mühe und nur noch undeutlich aussprechen, und plötzlich wankte er stark. Doch Aljoscha gelang es, ihn noch zur rechten Zeit zu stützen. Iwan ließ sich zum Bett führen, Aljoscha entkleidete ihn, so gut es ging, und deckte ihn zu. Darauf saß er noch etwa zwei Stunden lang am Bett und wachte. Der Kranke schlief fest, regungslos, und atmete leise und gleichmäßig. Da nahm Aljoscha ein Kissen und legte sich in den Kleidern auf den Diwan hin. Vor dem Einschlafen betete er noch für Mitjä und für Iwan. Jetzt wurde ihm auch Iwans Krankheit klar: „Die Qualen eines stolzen Entschlusses, ein tiefes Gewissen!“ Der Gott, an den er nicht glaubte, und seine Wahrheit hatten das Herz bewältigt, das sich noch immer nicht hatte ergeben wollen. „Ja,“ ging es Aljoscha durch den Sinn, als sein Kopf schon auf dem Kissen lag, „da Ssmerdjäkoff jetzt tot ist, wird niemand mehr dieser Aussage Iwans glauben; aber er wird hingehen und so aussagen!“ Aljoscha lächelte still: „Gott wird siegen!“ dachte er. „Entweder wird er im Licht der Wahrheit auferstehen oder ... im Haß untergehen, und sich dabei an sich selbst und an allen dafür rächen, daß er dem gedient hat, woran er nicht glaubt,“ fügte Aljoscha bitter und schmerzlich hinzu und betete nochmals für Iwan.
Zwölftes Buch. Der Justizirrtum
I. Der verhängnisvolle Tag
Am Tage nach den von mir wiedergegebenen Ereignissen wurde um zehn Uhr morgens die Sitzung unseres Bezirksgerichts eröffnet, und die Gerichtsverhandlung gegen Dmitrij Karamasoff nahm ihren Anfang.
Ich muß nun vorausschicken, daß es weit über meine Kräfte geht, alles, was sich vor Gericht ereignet hat, ausführlich oder auch nur in der richtigen Reihenfolge wiederzugeben. Ich glaube, daß, wenn alles erzählt und wie es sich gehört erläutert werden sollte, ein ganzes Buch, und zwar ein umfangreiches, geschrieben werden müßte. Möge man es mir daher nicht verübeln, wenn ich nur das wiedergebe, was auf mich persönlich einen Eindruck gemacht hat, und wessen ich mich besonders erinnere. Vielleicht habe ich Nebensächliches für Hauptsächliches gehalten und die wesentlichsten Punkte ganz übersehen ... Übrigens, wie ich sehe, täte ich besser, mich nicht weiter zu entschuldigen, sondern einfach mit der Erzählung zu beginnen. Ich werde so erzählen, wie ich es verstehe, und die Leser werden zum Schluß selbst einsehen, daß ich mein möglichstes getan habe.
Doch will ich noch vorausschicken, bevor wir den Gerichtssaal betreten, was mich an diesem Tage ganz besonders in Erstaunen gesetzt hat, und eigentlich nicht nur mich allein, sondern, wie sich später gezeigt hat, alle. Jeder wußte, daß sehr viele sich für diesen Prozeß interessierten, daß alle mit Ungeduld gefragt und erwartet hatten, wann er endlich zur Verhandlung kommen werde, daß man seit zwei Monaten in unserer Gesellschaft viel über ihn gesprochen, die verschiedensten Vermutungen geäußert, sich über ihn aufgeregt und ganz Unglaubliches zusammenphantasiert hatte. Auch wußten alle, daß die Sache in ganz Rußland bekannt und berühmt geworden war. Dennoch hatte man nicht erwartet, daß sie so aufregend und in so hohem Maße erschütternd hätte werden können. Zu dieser Gerichtsverhandlung waren nicht nur aus Städten unseres Gouvernements, sondern auch aus anderen Städten Rußlands und schließlich aus Moskau und aus Petersburg viele angekommen, am meisten natürlich Juristen, aber es waren auch einige hohe Persönlichkeiten und sogar Damen unter ihnen. Alle Billette waren vergriffen. Für die höchststehenden, vornehmen und angesehenen Besucher unter diesen waren besondere Plätze, gleich hinter dem Tisch, an dem die Richter saßen, eingerichtet worden; dort sah man nun eine ganze Reihe Lehnstühle, in denen würdige Personen der Sitzung beiwohnten, was bei uns früher nie zugelassen worden war. Damen waren auffallend zahlreich zugegen, sowohl Damen aus unserer Stadt, als fremde, – ich glaube, sie machten nicht viel weniger als die Hälfte des gesamten Publikums aus. Allein der von allen Seiten zugereisten Juristen gab es so viele, daß man nicht wußte, wo man sie unterbringen sollte, da die Billette schon vor langer Zeit erbeten, geradezu erfleht und restlos verteilt worden waren. Ich habe selbst gesehen, wie man am Ende des Saales, hinter der Estrade, in aller Eile eine besondere Einfriedigung herrichtete, in die dann alle diese fremden Juristen hineingelassen wurden: und die hielten sich noch für glücklich, daß sie wenigstens stehend zuhören konnten – denn die Stühle waren, um Platz zu gewinnen, alle hinausgebracht worden. So stand denn diese dichtgedrängte Schar buchstäblich Schulter an Schulter während der ganzen Gerichtsverhandlung. Einige von den Damen, hauptsächlich von den angereisten, erschienen auf dem Chor des Saales in eleganten Toiletten, doch die Mehrzahl von ihnen hatte über dem Interesse für die Sache selbst den Putz vergessen. In ihren Gesichtern las man fieberhafte, fast krankhaft gesteigerte Neugier. Hier muß ich noch einer charakteristischen Besonderheit dieser im Saal versammelten Gesellschaft Erwähnung tun: sie bestand darin, daß – wie sich auch später durch vielfache Beobachtungen bestätigt hat – fast alle Damen, oder wenigstens die übergroße Mehrzahl von ihnen, für Mitjä und seine Freisprechung Partei nahm. Vielleicht geschah das hauptsächlich darum, weil sich von ihm die Vorstellung er sei ein Eroberer aller Weiberherzen, weit verbreitet hatte. Man wußte, daß zwei Frauen, zwei Gegnerinnen, erscheinen würden. Für die eine von ihnen, Katerina Iwanowna, interessierte man sich allgemein und ganz besonders. Man erzählte sich ungeheuer viel Außergewöhnliches über sie, hauptsächlich kursierten über ihre leidenschaftliche Liebe zu Mitjä, trotz seines Verbrechens, wahrhaft wundernehmende Geschichten, und nicht weniger sprach man von ihrem Stolz (sie hatte in unserer Stadt so gut wie niemandem Visite gemacht) und ihren „aristokratischen Verbindungen“. Man behauptete sogar, sie beabsichtige, die Regierung um die Erlaubnis zu bitten, den Verbrecher nach Sibirien begleiten zu dürfen, um sich mit ihm dort irgendwo in den Erzgruben unter der Erde trauen zu lassen. Mit nicht geringer Spannung wurde das Erscheinen Gruschenkas vor Gericht erwartet; war sie doch die „Rivalin“ Katerina Iwanownas. Mit geradezu hysterischer Neugier sah man der Begegnung der beiden entgegen – des stolzen aristokratischen Mädchens und der „Hetäre“. Übrigens war Gruschenka unseren Damen bekannter als Katerina Iwanowna. Man hatte sie, die „Vernichterin Fedor Pawlowitschs und seines unglücklichen Sohnes“, auch früher schon gesehen, und alle ohne Ausnahme wunderten sich darüber, wie Vater und Sohn sich in eine solche „ganz gewöhnliche, eigentlich überhaupt nicht hübsche russische Kleinbürgerin“ dermaßen hatten verlieben können. Kurz, es war nicht wenig gesprochen worden. Ich weiß sogar genau, daß es in unserer Stadt Mitjäs wegen zu mehreren ernsten Zwistigkeiten zwischen Eheleuten gekommen war: viele Damen hatten sich wegen der Verschiedenheit ihrer Auffassung dieser ganzen Angelegenheit mit ihren Männern aufs tragischste überworfen, und daher ist es ja schließlich nur zu begreiflich, daß die Männer dieser Damen – und es waren ihrer nicht wenige –, als sie nun im Gerichtssaal erschienen, gegen den Angeklagten nicht nur voreingenommen waren, sondern ihn in ihrer Erbitterung sogar aufrichtig haßten. Überhaupt kann man sagen, daß, im Gegensatz zum weiblichen Elemente, das ganze männliche gegen Mitjä gestimmt war. Man sah ernste, mürrisch-finstere Gesichter, viele waren sogar unverhohlen wütend, und das war noch obendrein die Mehrzahl. Allerdings kommt hinzu, daß Mitjä während seines Aufenthaltes bei uns viele Herren persönlich gekränkt oder geärgert oder womöglich eifersüchtig gemacht hatte. Natürlich waren einige von den Anwesenden sogar lustig gestimmt, und die standen denn auch dem Schicksal Mitjäs im Grunde völlig teilnahmlos gegenüber; dafür aber hatten sie für den „Fall an sich“ um so mehr Interesse. Alle waren lebhaft auf seinen Ausgang gespannt, die Mehrzahl der Männer wünschte entschieden die Bestrafung des Verbrechers, abgesehen vielleicht von den Juristen, denen es nicht um die sittliche Seite der Sache zu tun war, sondern nur um die sozusagen zeitgenössisch-juridische. Diese Herren regte denn auch am meisten die Ankunft des berühmten Fetjukowitsch auf. Sein Talent war weit und breit bekannt, und es geschah diesmal nicht zum erstenmal, daß er in die Provinz kam, um in einer so aufsehenerregenden Kriminalverhandlung die Verteidigung zu übernehmen. Nach seiner Verteidigung waren solche Prozesse immer in ganz Rußland berühmt geworden und lange in der Erinnerung geblieben. Auch über unseren Staatsanwalt Hippolyt Kirillowitsch und den Vorsitzenden des Gerichtshofes war viel gesprochen worden. Man erzählte sich, daß Hippolyt Kirillowitsch vor diesem „Zweikampf“ mit Fetjukowitsch zittere, daß sie noch von Petersburg her alte Feinde seien, bereits seit dem Anfang ihrer Laufbahn, daß unser eigenliebiger Hippolyt Kirillowitsch, der sich beständig für zurückgesetzt und durch irgend jemanden schon seit seiner Petersburger Zeit für beleidigt halte, da man sein Talent nicht in gebührender Weise anzuerkennen wisse, sich sogar mit dem Gedanken getragen habe, seiner etwas welk gewordenen Karriere durch den „Fall Karamasoff“ wieder neues Leben einzuflößen, daß ihn aber Fetjukowitschs Erscheinen erschreckt und entmutigt habe. Doch muß ich hierzu bemerken, daß diese Beurteilung seines Charakters nicht ganz zutreffend war. Unser Staatsanwalt gehörte nicht zu den Charakteren, die der Mut vor der Gefahr verläßt, sondern im Gegenteil, er gehörte zu denen, deren Eigenliebe nach Maß der Zunahme der Gefahr sich vergrößert, und denen dann womöglich noch Schwingen wachsen. Überhaupt muß ich hier bemerken, daß Hippolyt Kirillowitsch ein auffallend hitziger und krankhaft empfindlicher Mensch war. In gar manche Sache hatte er seine ganze Seele hineingelegt und sie geführt, als wenn von ihrer Entscheidung sein ganzes Schicksal und all sein Hab und Gut abhinge. Unter den Juristen wurde darüber ein wenig gelächelt, denn unser Staatsanwalt hatte gerade durch diese seine Eigenschaft einen gewissen Ruf erlangt, wenn auch gerade keinen sehr großen, so doch jedenfalls einen weit größeren, als man es im Hinblick auf seine bescheidene Stellung an unserem Gerichtshof hätte voraussetzen können. Am meisten spöttelte man wohl über seine Leidenschaft für die Psychologie. Meiner Ansicht nach haben sich alle geirrt: unser Staatsanwalt war, als Mensch und Charakter, wie mir wenigstens scheint, viel ernster, als viele von ihm glaubten. Dieser kränkliche Mensch hatte nun einmal nicht verstanden, sich eine Stellung zu schaffen; wahrscheinlich hatte er es gleich zu Anfang seiner Laufbahn versäumt, und dabei war es denn auch während des ganzen weiteren Lebens geblieben.
Was den Vorsitzenden betrifft, so läßt sich über ihn nicht viel mehr sagen, als daß er ein gebildeter, humaner Mensch war, der seine Sache und selbst die neuesten Ideen kannte. Zwar war er ziemlich ehrgeizig, doch bekümmerte er sich nicht sonderlich um seine Karriere. Das Hauptziel seines Lebens bestand darin, in jeder Beziehung wenigstens einer von den ersten zu sein. Außerdem erfreute er sich guter Verbindungen und besaß Vermögen. Den „Fall Karamasoff“ faßte er, wie sich später zeigte, recht temperamentvoll auf, doch tat er es eigentlich mehr im allgemeinen Sinne: ihn beschäftigte die Tatsache als solche, ihre Klassifikation, die Auffassung derselben als Produkt unserer sozialen Grundlagen, als Charakteristik des russischen Elements usw. usw. Zum persönlichen Charakter der Sache, zur Tragödie, die in ihr lag, wie auch zu den beteiligten Personen, angefangen vom Angeklagten, verhielt er sich ziemlich gleichgültig und rein sachlich, wie es vielleicht auch das einzig Richtige für ihn war – von seinem Standpunkte aus.
Der große Saal war schon lange vor dem Erscheinen des Gerichtshofes gepreßt voll. Dieser Gerichtssaal ist in unserer Stadt der schönste und beste: er ist sehr groß, hat eine hohe Decke und gute Akustik. Rechts von den Plätzen der Herren des Gerichtshofes, die erhöht standen, waren ein Tisch und zwei Reihen Sessel für die Geschworenen; links der Platz des Angeklagten und seines Verteidigers. Ungefähr in der Mitte des Saales stand ein Tisch, auf dem die „Sachbeweise“ lagen: der blutbefleckte weißseidene Schlafrock Fedor Pawlowitschs, die verhängnisvolle Mörserkeule, mit der, wie man mit Bestimmtheit annahm, der Mord vollführt worden war, Mitjäs Hemd mit der blutbefleckten Manschette, sein Rock, der auf der Rückseite über der Tasche (in die Mitjä damals sein blutdurchtränktes Taschentuch gesteckt hatte) große Blutflecke aufwies, ferner dieses Taschentuch, das vom Blut inzwischen ganz hart und gelb geworden war, die Pistole, die Mitjä bei Perchotin geladen hatte, und die von Trifon Borissytsch in Mokroje heimlich versteckt worden war, das Kuvert, in dem die für Gruschenka bereitgehaltenen Dreitausend gelegen hatten, und das dünne rosa Bändchen, mit dem es umbunden gewesen war, und noch verschiedene andere Gegenstände, deren ich mich nicht mehr erinnere. Und dann erst, in einiger Entfernung von diesem Tisch, begannen die Plätze fürs Publikum; doch noch vor diesen, also noch vor der Ballustrade, standen ein paar Lehnstühle für diejenigen Zeugen, die nach ihrem Verhör noch im Saale bleiben sollten. Um zehn Uhr erschien der Gerichtshof, der aus dem Vorsitzenden, einem Beisitzer und einem Friedensrichter bestand. Selbstverständlich erschien sofort auch der Staatsanwalt. Der Vorsitzende war ein wohlbeleibter, stämmiger Mann, dabei nicht einmal mittelgroß, mit einem Hämorrhoidalgesichte, etwa fünfzig Jahre alt, mit dunklem, erst leicht ergrautem Haar, das er ganz kurzgeschoren trug, und mit einem roten Ordensbande (welch ein Orden daran hing, habe ich vergessen). Der Staatsanwalt erschien mir – und nicht nur mir allein, sondern allen – auffallend bleich, sein Gesicht war fast grün. Er schien ganz plötzlich abgemagert zu sein, vielleicht in einer einzigen Nacht, denn noch vor drei Tagen war ich ihm begegnet, und da hatte er wie gewöhnlich ausgesehen. Der Vorsitzende begann mit der Frage an den Gerichtsvollstrecker: „Sind alle Geschworenen erschienen? ...“ Aber ich sehe schon, daß ich in dieser Weise nicht fortfahren kann, schon allein deswegen nicht, weil ich vieles nicht deutlich gehört habe (manches Schleierhafte habe ich versäumt, mir klarzumachen, vieles habe ich vergessen oder mir nicht genau gemerkt), doch hauptsächlich darum nicht, weil man sonst, wenn man alles genau wiedergeben wollte, wie ich schon vorhin gesagt habe, so viel darüber zu schreiben hätte, wie es mir weder Zeit noch Raum erlauben. Ich weiß von den ersten Vorgängen nur noch, daß von den Geschworenen einer- und andererseits, d. h. durch den Verteidiger und den Staatsanwalt, nur wenige ausgeschieden wurden. Der zwölf Geschworenen selbst erinnere ich mich noch sehr gut: es waren das vier von unseren Beamten, zwei Kaufleute und sechs Bauern und Kleinbürger aus unserer Stadt. In unserer Gesellschaft hatten viele, besonders Damen, schon lange vor der Gerichtssitzung nicht ohne einige Verwunderung gefragt: „Ist es möglich, daß man eine psychologisch so feine und komplizierte Sache irgendwelchen Beamten und gar Bauern zur folgenschweren Entscheidung übergibt, und was werden denn diese Leute davon verstehen?“ Es ist ja wahr, alle diese vier Beamten, die zu den zwölf Geschworenen gehörten, waren schließlich kleine Leute von niedrigem Range, Männer mit grauem Haar – nur einer von ihnen schien etwas jünger zu sein –, die in unserer Gesellschaft wenig bekannt waren, von geringem Gehalt ihr Leben fristeten, wahrscheinlich alte Frauen hatten, die man niemandem zeigen kann, und dazu eine ganze Horde vielleicht sogar barfüßiger Kinder, – Männer, für die es viel war, wenn sie sich in ihren Mußestunden mit einer Partie Karten zerstreuen konnten, und die – das versteht sich natürlich von selbst – noch nie ein Buch gelesen hatten. Die beiden Kaufleute sahen allerdings sehr ehrbar und gesetzt aus, doch waren sie eigentümlich schweigsam und unbeweglich; der eine von ihnen hatte ein glattrasiertes Gesicht und trug deutsche Kleidung, der andere hatte einen grauen Bart, und auf seiner Brust hing an einem roten Bande irgendeine Medaille. Von den Kleinbürgern und Bauern lohnt sich natürlich überhaupt nicht zu reden. Unsere Skotoprigonjewskschen Bauern sind nicht anders als alle Bauern, sie mähen sogar. Zwei von ihnen waren gleichfalls in deutscher Kleidung erschienen und sahen vielleicht gerade darum unsauberer und unansehnlicher aus als die anderen vier in schlichten russischen Röcken. So war es denn schließlich begreiflich, wenn viele sich bei ihrem Anblick fragten – wie auch ich es tat –: „Was können denn die von einer solchen Sache verstehen!“ Doch dessen ungeachtet, mußte man zugeben, daß ihre Gesichter einen ganz sonderbar tiefen und fast drohenden Eindruck machten. Sie sahen streng und finster aus.
Endlich kündigte der Vorsitzende laut den Gegenstand der Verhandlung an: den Prozeß wegen Ermordung des verabschiedeten Titularrats Fedor Pawlowitsch Karamasoff. Ich erinnere mich nicht mehr genau, wie er sich damals ausdrückte. Dem Gerichtsvollstrecker wurde befohlen, den Angeklagten hereinzuführen. Mitjä erschien. Alles verstummte im Saal, man hätte eine Fliege summen gehört. Ich weiß nicht wie er auf die anderen wirkte, auf mich aber machte er einen äußerst unangenehmen Eindruck. Schuld war daran vor allem, daß er als ausgesprochener Stutzer erschien, in einem nagelneuen Anzuge. Später habe ich erfahren, daß er sich in Moskau bei seinem früheren Schneider, der noch sein Maß von den früheren Anzügen besaß, die Kleider gerade zu diesem Tage bestellt hatte. Er trug schwarze Glacéhandschuhe und die eleganteste Wäsche. Er trat mit seinen langen Offiziersschritten ein, mit geradeaus gerichtetem, bis zur Starrheit geradeaus gerichtetem Blick: so ging er durch den Gang zwischen den Menschen hindurch und setzte sich mit der furchtlosesten Miene auf seinen Platz. Gleich nach ihm erschien auch sein Verteidiger, der berühmte Fetjukowitsch, und es war, als wenn ein unterdrücktes Getöse durch den ganzen Saal rauschte. Er war ein langer, hagerer Mann, mit langen dünnen Beinen, ungewöhnlich langen, bleichen, dünnen Fingern, rasiertem Gesicht, bescheiden glattgekämmtem, ziemlich kurzem Haar, und mit dünnen, hin und wieder sich halb wie zum Spott, halb wie zum Lächeln krümmenden Lippen. Dem Aussehen nach mochte er etwa vierzig Jahre alt sein. Sein Gesicht wäre vielleicht sogar angenehm gewesen, wenn seine Augen, die an sich nicht groß und nicht ausdrucksvoll waren, nicht so ungewöhnlich nahe, so nahe, wie es nur selten vorkommt, nebeneinandergestanden hätten, so daß sie nur der dünne schmale Knochen seiner länglichen dünnen Nase voneinander trennte. Mit einem Wort, diese Physiognomie hatte etwas so ausgesprochen Vogelartiges, daß sie einen geradezu frappierte. Er war in Frack und weißer Krawatte. Ich erinnere mich noch der ersten, vom Vorsitzenden an Mitjä gestellten Fragen nach seinem Namen, Stand usw. Mitjä antwortete schroff, doch mit ganz unerwartet lauter Stimme, so daß der Vorsitzende zuerst mit dem Kopf zurückzuckte und ihn einen Augenblick groß ansah. Darauf wurden die Namen derjenigen Personen verlesen, die zur Gerichtsverhandlung vorgeladen worden waren, der Zeugen und Experten. Die Liste war lang; vier von den Zeugen waren nicht erschienen: Miussoff, der schon in Paris weilte, doch seine Aussagen bereits in der Voruntersuchung gemacht hatte; Frau Chochlakoff und Maximoff waren krankheitshalber nicht erschienen, und Ssmerdjäkoff wegen plötzlichen Todes, wovon eine polizeiliche Bescheinigung vorgewiesen wurde. Diese Nachricht vom Tode Ssmerdjäkoffs rief eine starke Bewegung und erregtes Geflüster hervor. Die Mehrzahl des Publikums wußte noch nichts von seinem Selbstmorde. Was aber am meisten auffiel, das war – ein unerwarteter Ausfall Mitjäs: kaum war die Mitteilung über Ssmerdjäkoff verlesen worden, als er plötzlich von seinem Platze aus über den ganzen Saal hin laut ausrief:
„Dem Hunde gebührt ein hündischer Tod!“
Ich erinnere mich noch deutlich, wie sein Verteidiger zu ihm stürzte, und wie der Vorsitzende sich zu ihm wandte, mit der Drohung, zu strengen Maßregeln zu greifen, wenn sich ein ähnlicher Ausfall noch einmal wiederholen sollte. Abgerissen und mit ungeduldigem Kopfnicken sagte Mitjä mehrmals halblaut zu seinem Verteidiger:
„Schon gut, schon gut, ich werde nicht mehr! Es ist mir nur so entschlüpft! Ich werde nicht mehr! Schön, schön!“ sah aber dabei keineswegs aus, als bereue er es.
Dieser kurze Zwischenfall diente natürlich nicht dazu, um die Meinung der Geschworenen und des Publikums von ihm zu verbessern. Der Charakter tat sich schon kund. Unter diesem Eindruck wurde vom Sekretär des Gerichtshofes der Anklageakt verlesen.
Er war ziemlich kurz, doch nichtsdestoweniger klar und ausführlich. Es waren nur die Hauptgründe angeführt, warum der und der des Verbrechens angeklagt, warum er dem Gericht unterstellt worden sei usw. Ich muß gestehen, daß diese Verlesung der Anklage einen starken Eindruck auf mich machte. Der Sekretär hatte eine volle, tragende Stimme und las vorzüglich. Diese ganze Tragödie erschien jetzt von neuem vor allen versammelten Menschen in scharfen Umrissen, knapp zusammengefaßt und in verhängnisvollem, unerbittlichem Lichte. Gleich nach der Verlesung wandte sich der Vorsitzende zu Mitjä und fragte ihn mit lauter und eindringlicher Stimme:
„Angeklagter, bekennen Sie sich schuldig?“
Mitjä erhob sich plötzlich von seinem Platz:
„Ich bekenne mich schuldig der Trunksucht, der Ausschweifung,“ rief er wieder mit einer unerwartet lauten Stimme, die diesmal fast zornig klang, „der Faulheit und Schwelgerei. Gerade in dem Augenblick hatte ich mir vorgenommen, auf ewig ein ehrenhafter Mensch zu werden, als der Schicksalsschlag mich traf! Doch am Tode des alten Karamasoff, am Tode meines Feindes und Vaters – bin ich unschuldig! Und auch an seiner Beraubung – nein! Daran trage ich keine Schuld! Nochmals nein! – und ich kann daran auch keine Schuld tragen. Dmitrij Karamasoff kann wohl ein Schuft sein, aber nie und nimmer ein Dieb!“
Nachdem er das hinausgeschrien hatte, setzte er sich wieder auf seinen Platz, sichtbar am ganzen Körper zitternd. Der Vorsitzende wandte sich von neuem mit der kurzen, doch ernsten Ermahnung an ihn, nur auf die Fragen zu antworten und sich nicht zu leidenschaftlichen Ausrufen, die nicht zur Sache gehörten, hinreißen zu lassen. Dann befahl er, mit der gerichtlichen Verhandlung zu beginnen. Hierauf wurden sämtliche Zeugen zur Vereidigung hereingeführt. Da sah ich sie denn alle. Übrigens: die beiden Brüder des Angeklagten wurden unvereidigt zur Zeugnisablegung zugelassen. Nach der Ermahnung des Geistlichen und des Vorsitzenden wurden den Zeugen die Plätze angewiesen, nach Möglichkeit nicht dicht nebeneinander. Und darauf begann man, sie einzeln aufzurufen.
II. Die gefährlichen Zeugen
Ich weiß nicht, ob die Zeugen des Staatsanwalts und die des Verteidigers vom Vorsitzenden in zwei Gruppen eingeteilt worden waren und in einer gewissen, vorher bestimmten Reihenfolge aufgerufen wurden. Doch muß es wohl so gewesen sein, denn die ersten Zeugen, die man verhörte, waren die des Staatsanwalts. Ich wiederhole nochmals, daß ich nicht beabsichtige, das ganze Verhör Wort für Wort wiederzugeben. Zudem würde eine solche Beschreibung ganz unnötig sein, da in der Anklage- wie in der Verteidigungsrede des Staatsanwalts und des Verteidigers das ganze Ergebnis aller abgegebenen Zeugnisse gleichsam in einen Punkt unter greller und charakteristischer Beleuchtung zusammengefaßt wurden. Diese beiden bemerkenswerten Reden habe ich wenigstens zum Teil vollständig aufgeschrieben, um sie dann an gegebener Stelle anführen zu können, sowie auch eine ganz außergewöhnliche und unerwartete Episode der Verhandlung, die sich kurz vor den Plaidoyers abspielte und auf den grausamen und verhängnisvollen Urteilsspruch einen großen Einfluß hatte. Ich bemerke nur noch, daß es schon von den ersten Augenblicken der Gerichtsverhandlung an allen auffiel, wie groß im vorliegenden Prozeß die Wucht der Anklagen war, im Vergleich zu den Entlastungsbeweisen, über die der Verteidiger verfügte. Das begriffen alle, als das Verhör in diesem unheimlichen Saale begann, als die Tatsachen sich zu gruppieren anfingen, und allmählich der ganze Schrecken dieser blutigen Tat so deutlich vor unser Auge trat. Vielleicht wurde es schon nach den ersten Augenblicken allen klar, daß die Sache ja ganz unbestreitbar war, und überhaupt keine Zweifel mehr aufkommen ließ, daß im Grunde genommen irgendwelche Plaidoyers gar nicht mehr nötig waren, daß sie nur der Form wegen gehalten werden mußten, der Angeklagte jedoch „schuldig, unwiderruflich schuldig“ sei. Ich glaube sogar, daß alle Damen, die ausnahmslos die Freisprechung dieses interessanten Verbrechers wünschten, zu gleicher Zeit von seiner Schuld vollkommen überzeugt waren. Ja, wie mir schien, würden sie sich sogar beleidigt gefühlt haben, wenn man an seiner Schuld gezweifelt hätte, denn der Effekt seiner Freisprechung hätte dann nicht so groß sein können. Daß man ihn aber freisprechen werde, davon waren sie sonderbarerweise bis zum letzten Augenblick fest überzeugt. „Schuldig ist er, das ist wahr, man wird ihn aber aus Humanität freisprechen, auf Grund der neuen Ideen und neuen Gefühle, die jetzt überall aufgekommen sind“ usw. usw. Darum waren sie auch mit solcher Unruhe in der Erwartung dieser Freisprechung herbeigeeilt. Die Männer wiederum interessierte am meisten der Kampf des Staatsanwalts mit dem berühmten Fetjukowitsch. Alle fragten sich verwundert: „Was wird denn selbst ein solches Talent wie Fetjukowitsch, aus einer so verlorenen Sache, aus einem so ausgeblasenen Ei, noch machen können?“ Und man verfolgte mit angestrengter Aufmerksamkeit jeden seiner Schachzüge. Doch Fetjukowitsch blieb allen bis zum Schluß – bis zu seiner Rede – ein Rätsel. Erfahrenere Leute errieten denn auch, daß er etwas aufzustellen beabsichtigte, daß er nach einem System vorging und ein Ziel vor sich hatte, doch was für eines das war – das konnten auch sie nicht sagen. Vor allem fielen seine Sicherheit und sein Selbstvertrauen auf. Außerdem bemerkte man mit Genugtuung, daß er, trotz seines kurzen Aufenthaltes in unserer Stadt – er war erst vor drei Tagen angekommen – sich mit der Sache doch schon gründlich bekannt gemacht und sie bis in alle Einzelheiten studiert hatte. Mit wahrer Wonne erzählte man sich später, wie er alle Zeugen des Staatsanwalts „hineingelegt“ hatte, um sie nach Möglichkeit zu kompromittieren, und wie er ihren hohen Sittlichkeitsansprüchen Fallen gestellt, um auf diese Weise auch den Wert ihrer Aussagen zu untergraben. Übrigens behaupteten viele, daß er damit sozusagen nur gespielt habe, um juristisch zu glänzen, und damit keiner der Advokatenkniffe unbenutzt bliebe; war man doch überzeugt, daß alle diese Kniffe ihm trotzdem keinen großen und ausschlaggebenden Nutzen bringen konnten, und daß er selbst das wohl am besten wußte. „Gewiß hat er irgend etwas im Hinterhalte bereit, irgendeine Waffe, die er dann plötzlich im richtigen Augenblick hervorziehen wird. Anfänglich aber spielt er noch und treibt nur Mutwillen, da er ja seiner Sache sowieso sicher ist.“ Zum Beispiel, als man den früheren „Kammerdiener“ Fedor Pawlowitschs, Grigorij Wassiljewitsch, verhörte, und dieser die allerwichtigste Aussage in betreff der offenen Tür machte, da begann der Verteidiger, als an ihn die Reihe kam, den Zeugen zu verhören, dem Alten mit Fragen gehörig auf den Leib zu rücken. Ich muß dazu bemerken, daß Grigorij Wassiljewitsch, der sich weder durch das Gericht, noch durch die Anwesenheit des zahlreichen ihm zuhörenden Publikums einschüchtern ließ, mit ruhiger, fast überlegener Miene dastand. Seine Aussagen machte er mit einer Sicherheit, als hätte er mit Marfa Ignatjewna geplaudert, allenfalls nur ein wenig ehrerbietiger. Ihn aus dem Konzept zu bringen, war unmöglich. Zuerst fragte ihn der Staatsanwalt über alle Einzelheiten der Familie Karamasoff aus, wobei das Familienbild deutlich und grell hervortrat. Man hörte und sah, daß der Zeuge aufrichtig, treuherzig und unparteiisch war. Bei aller Ehrerbietung, die er für seinen ermordeten Herrn bewahrte, erklärte er doch, daß der Herr Mitjä gegenüber nicht recht gehandelt und für die Erziehung der Kinder nicht pflichtmäßig gesorgt habe. „Den kleinen Jungen hätten, wenn ich nicht dagewesen wäre, die Läuse gefressen,“ fügte er noch hinzu, als er seine Erzählung über Mitjäs Kinderjahre beendet hatte. „Auch hat der Vater den Sohn am Erbe seiner leiblichen Mutter geschädigt.“ Auf die Frage des Staatsanwalts, worauf er seine Aussage – daß der Vater seinen Sohn übervorteilt oder „geschädigt“ habe – begründe, konnte Grigorij Wassiljewitsch zur Verwunderung aller gar keine Belege angeben, doch bestand er nichtsdestoweniger fest darauf, daß die Abrechnung mit dem Sohne eine „unrichtige“ gewesen sei und der Vater diesem noch einige Tausend hätte auszahlen müssen. Ich bemerke hier zur Sache, daß diese Frage, – ob Fedor Pawlowitsch Mitjä wirklich nicht alles ausgezahlt hatte – vom Staatsanwalt mit besonderer Beharrlichkeit auch an alle anderen Zeugen, die er nur danach fragen konnte, gestellt wurde, Aljoscha und Iwan Fedorowitsch nicht ausgenommen. Doch von keinem dieser Zeugen konnte er eine genaue Aussage erhalten; alle bejahten sie die Tatsache, aber keiner von ihnen konnte irgendeinen Beweis vorbringen. Die Schilderung der Szene nach Tisch, als Dmitrij Fedorowitsch den Vater geschlagen und ihm gedroht hatte, wiederzukommen und ihn dann einfach totzuschlagen, machte einen niederschmetternden Eindruck auf das Publikum im Saal, um so mehr, als der alte Diener sie ruhig und ohne überflüssige Worte in seiner eigenartigen Sprache erzählte, so daß ihre Wiedergabe geradezu schön und packend war. Über die Kränkung, die er durch Mitjä, der ihn doch zu Boden geschlagen, erfahren hatte, bemerkte er nur, daß er sie ihm längst verziehen habe. Über den verstorbenen Ssmerdjäkoff sagte er nur aus, indem er sich bekreuzte, daß der arme zwar einige Fähigkeiten besessen habe, dafür aber dumm, von der Krankheit „geknechtet“ und dazu noch gottlos gewesen sei, und daß diese Gottlosigkeit ihn sowohl Fedor Pawlowitsch als sein Sohn Iwan Fedorowitsch gelehrt hätten. Doch auf der Ehrlichkeit Ssmerdjäkoffs bestand er fast mit Heftigkeit und erzählte sofort, wie Ssmerdjäkoff seinerzeit das verlorene Geld des Herrn gefunden und es sich nicht eingesteckt, sondern unverzüglich dem Herrn übergeben hatte, und wie der Herr ihm dafür „zehn Rubel“ geschenkt und seit der Zeit ihn in allem zu seinem Vertrauten gemacht habe. Doch blieb er auf seiner Aussage in betreff der offenen Tür der Gartenfassade mit seiner ganzen Hartnäckigkeit bestehen. Übrigens fragte man ihn so viel, daß ich mich nicht aller Aussagen erinnern kann. Endlich kam die Reihe an den Verteidiger, und der fragte ihn zuerst über das Geldpaket aus, in dem sich die „gewissen“ dreitausend Rubel für eine „bestimmte Person“ befunden haben sollten. „Haben Sie dieses Paket gesehen, Sie, der Sie als langjähriger Diener Ihrem Herrn so nahe standen?“ Grigorij antwortete, daß er es nicht gesehen und von diesem Gelde nichts gehört habe, „bis zu der Zeit, wo jetzt alle davon zu sprechen angefangen haben“. Diese Frage nach dem Geldpaket stellte Fetjukowitsch an alle, an die er sie als Zeugen nur stellen konnte, und zwar mit eben solcher Hartnäckigkeit, wie der Staatsanwalt seine Frage nach der Erbschaftsangelegenheit wiederholte, doch von allen erhielt er nur die eine Antwort, daß niemand das Paket gesehen, jedoch ein jeder seit zwei Monaten viel von ihm gehört habe. Die Hartnäckigkeit des Verteidigers in dieser Frage hatten alle gleich von Anfang an bemerkt.
„Gestatten Sie, daß ich mich jetzt an Sie mit der Frage wende,“ sagte plötzlich und ganz unerwartet Fetjukowitsch, „woraus dieser Balsam bestand, oder der sogenannte Kräuteraufguß, mit dem Sie an jenem Abend, vor dem Schlafengehen, Ihr schmerzendes Kreuz eingerieben haben, in der Hoffnung, sich damit zu kurieren?“
Grigorij sah stumpfsinnig den Fragenden an und brummte nach einigem Schweigen:
„Salbei war drin.“
„Nur Salbei? Erinnern Sie sich nicht noch irgendeiner Zutat?“
„Wegerich war auch drin.“
„Und auch Pfeffer vielleicht?“ fragte interessiert Fetjukowitsch.
„Auch Pfeffer war dabei.“
„Und so weiter. Und alles das in Branntwein?“
„In Spiritus.“
Im Saale hörte man unterdrücktes Lachen.
„Nun, was will man mehr, also sogar in Spiritus! Und nachdem man Ihren Rücken damit eingerieben hatte, tranken Sie den Rest der Flasche mit einem gewissen heilbringenden Gebet, das nur Ihrer Frau bekannt ist, aus, nicht wahr?“
„Ich habe es ausgetrunken.“
„Wieviel haben Sie denn ungefähr ausgetrunken? Ungefähr wieviel? Ein Schnapsgläschen voll oder gar zwei?“
„Ein Wasserglas voll wird es gewesen sein.“
„Sogar ein Wasserglas voll? Vielleicht waren es auch anderthalb Gläschen?“
Grigorij schwieg. Er schien etwas begriffen zu haben.
„Anderthalb Glas reinen Spiritus, – das ist gar nicht so übel, was meinen Sie? Da kann man ja selbst die Tore des Paradieses offen sehen, geschweige denn eine Tür, die in den Garten führt!“
Grigorij schwieg immer noch. Wieder hörte man unterdrücktes Lachen im Saal. Der Vorsitzende schien etwas unruhig zu werden.
„Sind Sie sicher,“ drang Fetjukowitsch immer mehr in ihn ein, „daß Sie in dieser Minute, als Sie die Tür zum Garten offen sahen, wach waren? Oder schliefen Sie vielleicht?“
„Ich stand auf den Beinen.“
„Das ist noch kein Beweis dafür, daß Sie nicht geschlafen haben.“ (Leises Gelächter im Saal.) „Hätten Sie zum Beispiel in dieser Minute sagen können, wenn jemand Sie gefragt hätte, nun, zum Beispiel, in welchem Jahr wir leben?“
„Das weiß ich nicht.“
„Im wievielten Jahre nach Christi Geburt leben wir denn jetzt, wissen Sie das wirklich nicht?“
Grigorij stand da mit verdutztem Ausdruck im Gesicht und sah seinen Quälgeist starr an. Sonderbar, er schien wirklich nicht zu wissen, in welchem Jahr er lebte.
„Vielleicht wissen Sie aber, wieviel Finger Sie an den Händen haben?“
„Ich bin hier kein freier Mensch,“ sagte Grigorij plötzlich laut und deutlich – „wenn die Obrigkeit beliebt, sich über mich lustig zu machen, so muß ich es dulden.“
Fetjukowitsch war etwas verdutzt, und der Vorsitzende mischte sich sofort ein und erinnerte den Verteidiger mit ein paar ernsten Bemerkungen daran, daß er sachlichere Fragen zu stellen habe. Fetjukowitsch hörte ihm aufmerksam zu, verbeugte sich dann würdevoll und erklärte, mit seinen Fragen zu Ende zu sein. Indessen blieb im Publikum wie auch bei den Geschworenen doch ein kleiner Zweifel an den Aussagen eines Menschen bestehen, bei dem die Möglichkeit nicht ausgeschlossen zu sein schien, daß er in einem gewissen Zustande während einer Kur die Paradiesestore offen sah, und der außerdem nicht zu sagen wußte, in welchem Jahre nach Christi Geburt er lebte; so hatte der Verteidiger immerhin sein Ziel erreicht. Doch bevor Grigorij entlassen wurde, ereignete sich noch eine kleine Episode. Der Vorsitzende wandte sich an den Angeklagten mit der Frage, ob er nicht zu den gegebenen Aussagen etwas zu bemerken habe?
„Ausgenommen die Behauptung von der Tür, hat er in allem die Wahrheit gesprochen,“ sagte Mitjä mit lauter Stimme. „Ich danke ihm, daß er mir die Läuse ausgekämmt hat, und daß er mir die Schläge verziehen hat, dafür danke ich ihm gleichfalls. Der Alte ist sein Leben lang ehrlich und dem Vater treu ergeben gewesen ... wie siebenhundert Pudel.“
„Angeklagter, wählen Sie Ihre Worte besser,“ sagte, zu ihm gewandt, streng der Vorsitzende.
„Ich bin kein Pudel,“ brummte Grigorij.
„Nun, dann bin ich der Pudel, ich!“ rief Mitjä sofort. „Wenn das beleidigend ist, so nehme ich es auf mich und bitte ihn um Verzeihung: ich war ein Tier und bin grausam zu ihm gewesen! Auch zu dem Äsop bin ich grausam gewesen!“
„Zu welchem Äsop?“ fragte wieder streng der Vorsitzende.
„Nun, dann Narr ... zu dem Vater, zu Fedor Pawlowitsch ...“
Der Vorsitzende schärfte Mitjä nochmals und bedeutend strenger ein, daß er in der Wahl seiner Ausdrücke vorsichtiger sein müsse.
„Sie schaden sich dadurch selbst in der Meinung Ihrer Richter.“
Ebenso geschickt verfuhr der Verteidiger beim Verhör des Zeugen Rakitin. Ich bemerke, daß Rakitin einer der wichtigsten Zeugen war, auf die der Staatsanwalt besonders rechnete. Es erwies sich, daß er alles wußte, bewunderungswürdig viel wußte, überall war er gewesen, alles hatte er gesehen, mit allen gesprochen. Die Lebensgeschichte Fedor Pawlowitschs und aller Karamasoffs kannte er genau. Und dann: von dem Paket mit den dreitausend Rubeln hatte er schon von Mitjä selbst gehört. Darauf wußte er ausführlich von den Ausschreitungen Mitjäs im Gasthaus „Zur Hauptstadt“ zu berichten, alle ihn kompromittierenden Worte und Gesten gab er wieder, wie z. B. die Geschichte mit dem „Bastwisch“, dem Hauptmann Ssnegireff. Doch über den wichtigsten Punkt, ob Fedor Pawlowitsch bei der Abrechnung über das Gut Mitjä noch etwas schuldig geblieben war – konnte auch er nichts aussagen, er beschränkte sich nur auf allgemeine Bemerkungen verächtlichen Charakters: „Wie kann man wissen, wer von diesen unsinnigen Karamasoffs, die sich nicht einmal selbst verstehen und begreifen können, dem anderen was schuldig geblieben ist?“ Die ganze Tragödie des vorliegenden Verbrechens stellte er dar als Produkt veralteter Sitten des Leibeigenschaftsregimes und des in Unordnung untergehenden Rußland, das schwer unter dem Mangel geeigneter Einrichtungen zu leiden habe. Kurz, er konnte einmal seine Meinungen aussprechen, und das war für ihn die Hauptsache. Bei diesem Prozeß zeichnete Rakitin sich zum erstenmal gewissermaßen aus. Auch wußte der Staatsanwalt, daß Rakitin einen Artikel für eine Zeitung über das Ereignis verfaßte, und zitierte in seiner Rede, wie wir später sehen werden, sogar einige Gedanken aus diesem Artikel – folglich mußte er ihn schon früher gelesen haben. Das Bild, das Rakitin von den Karamasoffs entworfen hatte, war sehr düster und unterstützte verhängnisvoll die Anklage. Überhaupt beeinflußte die Auslegung Rakitins das Publikum durch die Unabhängigkeit seiner Gedanken und die Tüchtigkeit seiner Gesinnung. Man hörte sogar zwei-, dreimal kurzen Applaus, besonders, als er von der Leibeigenschaft und dem unter der Unordnung leidenden Rußland sprach. Aber Rakitin machte als junger Mann doch einen kleinen Fehler, der vom Verteidiger denn auch sofort ausgenutzt wurde. Als er auf gewisse Fragen in betreff Gruschenkas antwortete, da erlaubte er sich, wahrscheinlich hingerissen von seinem Erfolge, dessen er sich freilich nur zu bewußt war, sowie von der Höhe der Standpunkte, zu denen er sich aufgeschwungen hatte, – da erlaubte er sich über Agrafena Alexandrowna etwas verächtliche Ausdrücke, wie z. B. „die Geliebte des Kaufmanns Ssamssonoff“. Viel hätte er später darum gegeben, um dieses Wörtchen rückgängig zu machen, denn an ihm wurde er sofort von Fetjukowitsch gepackt. Das konnte natürlich nur geschehen, weil Rakitin nicht für möglich gehalten hatte, daß Fetjukowitsch sich in dieser kurzen Frist mit der Sache so bis in die intimsten Einzelheiten hatte bekannt machen können.
„Gestatten Sie, daß ich mich erkundige,“ begann der Verteidiger mit dem liebenswürdigsten und höflichsten Lächeln, als die Reihe an ihn kam, – „Sie sind wohl derselbe Herr Rakitin, der die Broschüre, die von der Eparchialobrigkeit veröffentlicht worden ist, ‚Das Leben des in Gott entschlafenen Staretz Sossima‘ geschrieben hat, eine Broschüre voll tiefer und religiöser Ideen, mit einer vorzüglichen und ehrerbietigen Widmung an Se. Eminenz, die ich vor kurzem noch mit so großem Vergnügen gelesen habe?“
„Ich hatte sie nicht für den Druck bestimmt ... man hat sie später veröffentlicht,“ brummte Rakitin verdutzt und fast als schäme er sich.
„Oh, das ist vorzüglich! Ein Denker wie Sie kann und muß sogar zu jedem öffentlichen Ereignisse in solcher Weise Stellung nehmen, in so ergiebiger Weise, wie Sie es getan haben. Ihre Broschüre ist auf Veranlassung Sr. Eminenz erschienen und hat großen Nutzen gebracht ... Doch ich wollte Sie hauptsächlich fragen – Sie sagten soeben, daß Sie mit Fräulein Sswetloff so gut bekannt wären ...“
Bei dieser Gelegenheit hörte ich zum erstenmal Gruschenkas Familiennamen.
„Ich kann nicht für alle meine Bekanntschaften verantworten ... Ich bin ein junger Mann ... und wer kann denn für jeden einstehen, den er kennen lernt!“
Rakitin errötete plötzlich.
„Ich verstehe, oh, ich verstehe nur zu gut!“ rief Fetjukowitsch aus, als wäre er ganz konfus geworden, und als wolle er sich entschuldigen. „Sie konnten ja wie jeder andere in Versuchung kommen, sich für eine junge und schöne Frau, die bei sich die Blüte der hiesigen Jugend empfängt, zu interessieren. Doch ... ich wollte mich nur erkundigen, ob Ihnen – wie z. B. mir – bekannt ist, daß die Sswetloff, als sie vor zwei Monaten außerordentlich die Bekanntschaft des jüngsten Karamasoff, Alexei Fedorowitsch, zu machen wünschte, Ihnen fünfundzwanzig Rubel versprochen hat, falls Sie ihn in seiner Mönchskutte zu ihr führen würden? Das ist bekanntlich am Abend jenes Tages geschehen, der mit der tragischen Katastrophe, die der gegenwärtigen Verhandlung zugrunde liegt, endete. Sie haben Alexei Karamasoff zu der Sswetloff hingeführt und – damals die fünfundzwanzig Rubel Belohnung von ihr empfangen. Ich möchte nun von Ihnen hören, ob es sich tatsächlich so verhält?“
„Das war nur ein Scherz ... Ich sehe nicht ein, wie dieser Scherz Sie interessieren kann ... Ich habe sie nur im Scherz genommen ... um sie ihr später wiederzugeben ...“
„Also, Sie haben sie doch genommen. Und Sie haben sie bis jetzt auch noch nicht wiedergegeben ... oder sollten Sie sie ihr schon zurückerstattet haben?“
„Das sind doch Lappalien“ ... murmelte Rakitin, „auf solche Fragen kann ich entschieden nicht antworten ... Selbstverständlich werde ich sie ihr zurückerstatten ...“
Der Vorsitzende wollte wieder eingreifen, doch der Verteidiger erklärte sofort, daß er weiter keine Fragen an Herrn Rakitin zu stellen habe. Rakitin verschwand etwas begossen von der Bildfläche. Jedenfalls war der vorteilhafte Eindruck, den seine „liberale, aufgeklärte“ Rede samt seinen „hohen Standpunkten“ gemacht hatte, etwas abgeschwächt worden, und Fetjukowitsch, der ihn mit seinen Blicken begleitete, schien dem Publikum sagen zu wollen: „Seht, das sind eure ehrenwerten und hochanständigen Ankläger!“ Ich erinnere mich noch, daß auch dieser Vorfall nicht ohne eine kleine Episode von seiten Mitjäs verlief: wütend über den Ton, in dem Rakitin sich über Gruschenka geäußert hatte, rief er plötzlich von seinem Platz aus: „Bernard!“ Als der Vorsitzende nach dem Verhör Rakitins sich an den Angeklagten wandte: ob er seinerseits etwas zu bemerken hätte, sagte Mitjä so laut, daß es schallte:
„Er hat mich noch im Gefängnis angepumpt! Ein verächtlicher Bernard und Streber ist er, der an Gott überhaupt nicht glaubt und Se. Eminenz einfach betrogen hat!“
‚Mitjä‘ wurde wegen seiner unerlaubten Ausdrücke natürlich wieder ein Verweis zuteil, doch damit war Rakitin denn auch endgültig abgetan. Auch mit den anderen Zeugen, mit dem Hauptmann Ssnegireff z. B., hatte der Staatsanwalt kein Glück, dieses Mal aber aus einem ganz anderen Grunde. Er erschien in ganz unordentlicher und schmutziger Kleidung, in schmutzigen Stiefeln, und trotz aller Vorsicht und Umsicht der „Experten“ war er völlig betrunken. Auf die Fragen nach den Beleidigungen, die ihm von Mitjä zugefügt worden waren, antwortete er so gut wie nichts.
„Gott mit ihm. Iljuschetschka hat mich gebeten, nichts zu sagen. Gott wird es mir dort bezahlen ...“
„Wer hat Sie gebeten, nichts zu sagen? Von wem sprechen Sie?“
„Von Iljuschetschka, von meinem Söhnchen: ‚Papachen, Papachen, wie hat er dich erniedrigt!‘ Das sagte er mir damals am großen Stein. Jetzt wird er sterben ...“
Der Hauptmann schluchzte plötzlich auf und stürzte dem Vorsitzenden zu Füßen. Man führte ihn so schnell wie möglich hinaus. Das Publikum lachte. Der vom Staatsanwalt gewünschte Eindruck kam also nicht zustande.
Der Verteidiger fuhr in seiner Taktik fort und setzte uns immer mehr durch seine Kenntnis der kleinsten Einzelheiten in Erstaunen. So z. B. machten die Aussagen Trifon Borissowitschs einen großen Eindruck und waren für Mitjä natürlich außerordentlich ungünstig. Er zählte fast an den Fingern her, daß Mitjä bei seiner ersten Fahrt nach Mokroje, einen Monat vor der Katastrophe, nicht weniger als dreitausend Rubel verausgabt hätte, „oder nur eine Kleinigkeit weniger“. „Wieviel hat er nicht allein den Zigeunern hingeschmissen! Und unseren, unseren Bauernkerlen hat er nicht etwa halbe Rubel auf die Straße geworfen, sondern nicht weniger als zu Fünfundzwanzig-Rubelscheinen geschenkt, weniger gab’s nicht. Und um wieviel sie ihn damals einfach bestohlen haben! Wer aber stiehlt, der läßt seine Hand nicht da, wen soll man jetzt beschuldigen, wenn der Herr es noch dazu freiwillig hingeworfen hat! Denn bei uns sind die Bauern doch nur Räuber und Schurken, ihre Seele hütet doch niemand. Und den Mädels, unseren Dorfmädels, wieviel ist an die gegangen! Seit der Zeit sind sie alle bei uns reich geworden, während sie früher in Armut lebten!“ Kurz, er zählte jede Einzelheit auf und vergaß nichts auf die Rechnung zu setzen. Auf diese Weise wurde die Annahme, daß Mitjä nur Tausendfünfhundert verausgabt und die andere Hälfte zurückbehalten habe, einfach unglaubwürdig gemacht. „Ich habe sie selbst gesehen, in seinen Händen habe ich sie gesehen, wie eine Kopeke, so deutlich mit meinen eigenen Augen, wie sollte unsereiner denn das nicht beurteilen können!“ rief Trifon Borissowitsch beinahe entrüstet aus, da er mit aller Gewalt der „Obrigkeit“ gefällig sein wollte. Als aber nun das Fragen auf den Verteidiger überging, machte der überhaupt nicht den Versuch, diese Aussagen umzustoßen, sondern ging auf etwas ganz anderes über, nämlich darauf, daß der Kutscher Timofei und der Bauer Akim in Mokroje nach der ersten Prasserei, vor drei Monaten, hundert Rubel im Flur auf dem Fußboden gefunden hatten, die Mitjä im trunkenen Zustande verloren haben mußte. Sie hatten den Kassenschein Trifon Borissowitsch übergeben, und der hatte jedem von ihnen einen Rubel geschenkt. „Nun,“ fragte Fetjukowitsch, „haben Sie diese hundert Rubel Herrn Karamasoff zurückerstattet oder nicht?“ Trifon Borissowitsch redete hin und her, doch nach der Befragung der beiden Bauern bestätigte er schließlich, daß er die gefundenen hundert Rubel in Empfang genommen, fügte aber nun hinzu, daß er damals Dmitrij Fedorowitsch alles heilig zurückgegeben habe, und beteuerte bei seiner Ehre, daß der Herr sehr betrunken gewesen sei und sich daher wohl kaum dessen erinnern könne. Da er aber bis zur Aussage der Zeugen die hundert Rubel verleugnet hatte, so unterlag seine Versicherung, sie dem betrunkenen Mitjä zurückgegeben zu haben, doch noch einigem Zweifel. Auf diese Weise mußte wieder einer der gefährlichsten Zeugen, die der Staatsanwalt aufgestellt hatte, in seinem Ruf beeinträchtigt, abtreten. Dasselbe ereignete sich auch mit den Polen. Sie traten stolz und majestätisch auf, sagten laut, daß sie, erstens, beide der „Krone dienten“, und daß „Pan Mitjä“ ihnen Dreitausend angeboten habe, um ihre Ehre zu kaufen, und daß sie selbst gesehen hätten, daß er viel Geld in den Händen gehabt. Pan Mussjälowitsch mischte viel polnische Worte in seine Phrasen ein, und als er bemerkte, daß ihn das in den Augen des Vorsitzenden gewissermaßen hob, so wurde er noch aufgeblasener und drückte sich schließlich nur noch auf Polnisch aus. Doch Fetjukowitsch fing auch sie in seinen Netzen. Wie sehr auch der nochmals herbeigerufene Trifon Borissowitsch Winkelzüge machte, so mußte er doch bekennen, daß das Spiel Karten vom Pan Wrublewskij vertauscht worden war, und daß Pan Mussjälowitsch Karten überschlagen hatte. Das bestätigte zudem Kalganoff, an den jetzt die Reihe kam, und beide Pane mußten mit Schimpf und Schande und unter allgemeinem Gelächter des Publikums abziehen.
Ebenso erging es fast allen gefährlichen Zeugen. Jeden von ihnen verstand Fetjukowitsch moralisch zu vernichten und mit einer langen Nase zu entlassen. Die Juristen waren entzückt, aber sie begriffen doch nicht, was damit endgültig Großes erreicht werden konnte, denn, ich wiederhole es, alle fühlten die Unwiderlegbarkeit der Schuld, die immer tragischer und dunkler hervortrat. Doch aus der Ruhe und Sicherheit des „großen Magus“ ersahen sie, daß er seiner Sache sicher war, und sie warteten: denn nicht umsonst wird ein „solcher Mann“ aus Petersburg herkommen – das ist nicht so einer, der mit einer „langen Nase“ zurückkehrt!
III. Die ärztliche Expertise und die Geschichte von dem einen Pfund Nüsse
Auch die ärztliche Expertise lautete wenig günstig für den Angeklagten. Doch Fetjukowitsch schien auf dieselbe auch nicht sehr gerechnet zu haben, wie sich in der Folge zeigte. Ursprünglich war sie nur deshalb vorgenommen worden, weil Katerina Iwanowna darauf bestanden und zu dem Zweck einen berühmten Arzt aus Moskau verschrieben hatte. Jedenfalls konnte sie für die Verteidigung nicht ungünstig sein. Im übrigen wirkte sie bei der Meinungsverschiedenheit der Ärzte sogar etwas erheiternd. Als Experten erschienen: Der berühmte Doktor aus Moskau, unser Doktor Herzenstube und schließlich noch unser junger Arzt Warwinskij. Die beiden letzteren waren – auf Ersuchen des Staatsanwalts – auch als Zeugen erschienen. Der erste, der in der Eigenschaft eines Experten vernommen wurde, war Doktor Herzenstube. Das war ein ergrauter und kahlköpfiger alter Herr von siebzig Jahren, ein Mann von starkem Körperbau und mittlerem Wuchs. Bei uns in der Stadt wurde er von allen sehr geachtet und geschätzt. Er war ein gewissenhafter Arzt, ein ehrenwerter, prächtiger Mensch, irgendein Herrnhuter oder „Mährischer Bruder“, ich weiß es nicht mehr ganz genau. Er lebte schon seit langer Zeit bei uns und hielt sich außerordentlich würdig. Er war gut und menschenfreundlich, behandelte arme Kranke und die Bauern unentgeltlich, ging selbst in ihre Hütten und Hundelöcher und hinterließ ihnen noch Geld für die Medizin. Doch bei alledem war er eigensinnig wie ein Maulesel. Ihn von einer Idee abzubringen, die er sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, war unmöglich. Indessen war jetzt allen in der Stadt bekannt geworden, daß der angereiste Doktor während seines zwei- bis dreitägigen Aufenthalts sich einige recht beleidigende Bemerkungen in betreff der Begabung Doktor Herzenstubes erlaubt hatte. Das war nämlich so gekommen: viele in der Stadt hatten sich über die seltene Gelegenheit gefreut und waren, ohne auf das Geld zu achten (der berühmte Arzt nahm nicht weniger als fünfundzwanzig Rubel für die Visite), zu ihm gegangen, um sich untersuchen zu lassen. Diese Kranken waren aber vorher von Herzenstube behandelt worden, und der berühmte Arzt hatte nun dessen Kenntnisse außerordentlich absprechend kritisiert. Zu guter Letzt hatte er jeden Kranken, der bei ihm erschienen war, gefragt: „Wer hat denn an Ihnen hier herumgepfuscht, etwa wieder Herzenstube? He – he!“ – was Doktor Herzenstube natürlich alsbald erfahren hatte. Und so erschienen alle drei Ärzte, einer nach dem anderen, zum Verhör. Doktor Herzenstube erklärte natürlich geradeaus, daß man die geistige Abnormität des Angeklagten sofort aus allem ersehen könne. Nachdem er seine Erwägungen auseinandergesetzt hatte, die ich hier übergehe, fügte er hinzu, daß man diese Abnormität nicht nur in den früheren Handlungen des Angeklagten feststellen könne, sondern sogar jetzt, in dieser Minute, und als man ihn bat, zu erklären, woraus er das in gegebenem Augenblick ersehe, da wies der alte Doktor in seiner Gutmütigkeit ganz offen darauf hin, daß der Angeklagte beim Eintritt in den Saal ein ganz ungewöhnliches und den Umständen gar nicht angemessenes Aussehen gehabt habe. „Er schritt wie ein Soldat, die Augen waren starr geradeaus gerichtet, während es doch natürlicher gewesen wäre, daß er nach links geblickt hätte, wo im Publikum so viel Damen sitzen, denn er ist doch ein großer Liebhaber des schönen Geschlechts und hätte daher daran denken müssen, was die Damen jetzt sagen würden,“ schloß der Alte seine Rede in seiner eigenartigen Ausdrucksweise. Ich muß hinzufügen, daß er Russisch viel und gern sprach, obgleich bei ihm jede Phrase auf deutsche Art geformt schien, was ihn indessen nicht im geringsten genierte, denn er hatte die kleine Schwäche, seine russische Sprache für mustergültig zu halten, „für besser sogar, als die der Russen selbst“, und mit besonderer Vorliebe zitierte er russische Sprichwörter, wobei er jedesmal hinzufügte, daß die russischen Sprichwörter die besten und zutreffendsten der ganzen Welt seien. Ich bemerke noch, daß er im Gespräch aus Zerstreutheit oft die allergebräuchlichsten Ausdrücke vergessen konnte, die er vorzüglich wußte, doch die ihm plötzlich nicht in den Sinn kamen. Dasselbe passierte ihm übrigens auch, wenn er Deutsch sprach, und er griff dann immer mit der Hand in die Luft, gerade vor seinem Gesicht, als wolle er das verlorene Wörtchen erhaschen, und dann konnte ihn keiner dazu bringen, in seiner Rede eher fortzufahren, als bis er das ihm entfallene Wort gefunden hatte. Seine Bemerkung, daß der Angeklagte in normalem Zustande auf die Damen hätte blicken müssen, rief im Publikum ein lustiges Geflüster hervor. Alle unsere Damen hatten den Alten sehr gern, denn sie wußten, daß er, der fromm und keusch war, nur deswegen nicht geheiratet hatte, weil er zu hoch und ideal von den Frauen dachte, und sie für entschieden höhere Wesen hielt. Darum erschien diese unerwartete Bemerkung allen sehr sonderbar.
Der berühmte Moskauer Arzt erklärte seinerseits schneidend und bestimmt, daß er den geistigen Zustand des Angeklagten für unnormal halte – „sogar im höchsten Grade“. Er sprach viel und klug über den „Affekt“ und die „Manie“ und wies darauf hin, daß, nach allen Angaben zu schließen, der Angeklagte sich schon einige Tage vor der Katastrophe zweifellos im Affekt befunden habe, und wenn er die Tat vollführt haben sollte, so sei das, wenn auch nicht unbewußt, so doch unfreiwillig geschehen, da er keine Kraft mehr gehabt habe, gegen seine sittlich krankhaften Neigungen, die ihn beherrschten, anzukämpfen. Doch außer dem Affekt konstatierte der Doktor auch Manie, die seiner Meinung nach darauf hinwies, daß er schon auf dem Wege zu vollkommenem Wahnsinn gewesen sei. Ich gebe die Aussagen des Doktors mit meinen Worten wieder; er drückte sich in seiner fachmännischen Sprache sehr gelehrt aus. „Alle seine Handlungen stehen im Widerspruch zur Logik und dem gesunden Menschenverstande,“ fuhr er fort. „Ich will schon von alledem nichts sagen, was ich nicht gesehen habe, das heißt, vom Verbrechen selbst und von dieser ganzen Katastrophe, doch vor drei Tagen fiel mir im Gespräch mit ihm sein sonderbarer, unbeweglicher Blick auf, sein unerwartetes Lachen, wenn es gar nicht am Platz war, seine ewige unverständliche Gereiztheit, seltsame Worte, wie: ‚Bernard‘, ‚Ethik‘ und andere, die gar nicht angebracht waren.“ Vor allem aber sah der Doktor darin eine Manie, daß der Angeklagte ganz besonders gereizt sei, „wenn man von den dreitausend Rubeln spricht, um die er sich betrogen glaubt, während er von allen seinen anderen Fehlschlägen und erlittenen Kränkungen ganz harmlos sprechen kann“. Endlich sei er, nach den eingezogenen Erkundigungen, auch früher schon jedesmal, wenn man von diesen Dreitausend gesprochen hatte, außer sich geraten, „während man doch weiß, daß er uneigennützig und kein Egoist ist“. „Was aber die Ansicht meines gelehrten Kollegen betrifft,“ fügte der Doktor noch ironisch hinzu, nachdem er seine Rede beendet hatte, „daß der Angeklagte, als er in den Saal trat, durchaus zu den Damen und nicht gerade vor sich hin hätte blicken müssen, so sage ich nur, daß, abgesehen von der Scherzhaftigkeit dieser Ansicht, diese außerdem noch absolut falsch ist: denn, obgleich ich darin vollkommen mit ihm übereinstimme, daß der Angeklagte, als er hier in diesen Saal eintrat, in dem über sein Geschick entschieden wird, nicht starr vor sich hinsehen sollte, was durchaus ein Zeichen seines unnormalen seelischen Zustandes im gegebenen Augenblick ist, so behaupte ich doch zu gleicher Zeit, daß er nicht nach links zu den Damen, sondern nach rechts hätte sehen sollen, zu seinem Verteidiger, auf dessen Hilfe er jetzt seine ganze Hoffnung setzt, und von dessen Verteidigung sein ganzes Geschick abhängt.“ Diese seine Meinung sprach der Doktor sehr bestimmt und nachdrücklich aus. Doch wirkten die Behauptungen beider gelehrten Experten durch ihren Widerspruch ein wenig komisch, besonders noch nach der unerwarteten Folgerung des Arztes Warwinskij, der als Dritter befragt wurde. Seiner Meinung nach befand sich der Angeklagte jetzt wie früher in ganz normalem Zustande, und wenn er auch vor seiner Verhaftung außerordentlich nervös und erregt gewesen sein mochte, es könne das doch auf die alleraugenscheinlichsten Ursachen zurückgeführt werden, wie z. B. Eifersucht, Zorn, die fortwährende Betrunkenheit usw. Doch dieser nervöse Zustand brauchte absolut keinen besonderen „Affekt“ in sich zu schließen, von dem soeben die Rede gewesen war. Und was das anbelangt, ob der Angeklagte nach links oder nach rechts hätte sehen sollen, als er in den Saal trat, so mußte der Angeklagte, nach seiner „bescheidenen Meinung“, geradeaus sehen, wie er es auch getan, denn geradeaus vor ihm saßen ja der Vorsitzende und die Gerichtspersonen, von denen jetzt sein ganzes Geschick abhing, so daß er, „indem er geradeaus sah, damit bewiesen hat, wie normal der Zustand seines Geistes im gegebenen Augenblick ist“, schloß mit einigem Feuer der junge Arzt seine „bescheidene“ Aussage.
„Bravo, Doktor!“ rief Mitjä von seinem Platz aus, „genau so war es!“
Mitjä wurde natürlich wieder zum Schweigen gebracht, aber die Meinung des jungen Arztes hatte die ausschlaggebende Wirkung auf das Gericht und auch auf das Publikum, denn, wie sich nachher zeigte, waren alle mit ihm einverstanden. Übrigens sagte Doktor Herzenstube, der auch als Zeuge vernommen wurde, ganz unerwartet und ganz plötzlich noch etwas zugunsten Mitjäs aus. Als alter Einwohner unserer Stadt, der schon lange die Familie Karamasoff kannte, machte er sehr interessante Aussagen zur Entlastung Mitjäs und darauf fügte er, als wäre ihm plötzlich wieder etwas eingefallen, hinzu:
„Indessen konnte dem armen jungen Manne ein besseres Geschick zuteil werden, denn er hatte ein gutes Herz als Kind, wie auch noch später, ich weiß es genau. Ein russisches Sprichwort lautet: ‚Wenn jemand Verstand hat, so ist es gut, wenn aber ein kluger Mensch zu ihm zum Besuch kommt, so ist es noch besser, denn dann werden es zwei kluge Menschen sein und nicht nur einer ...‘“
„‚Ein Verstand ist gut, aber zwei sind besser,‘“ unterbrach ihn ungeduldig der Staatsanwalt, der die Gewohnheit des guten Alten kannte, langsam, gedehnt und umständlich zu reden, ohne sich darüber aufzuregen, daß er andere warten ließ, der, im Gegenteil, selbst sehr von seinem schwerfälligen, fröhlich-selbstzufriedenen Humor eingenommen war. Der gute Alte sprach gern viel und gut.
„Oh, ja, ja, das habe ich ja auch gesagt,“ griff der Alte beharrlich auf, „ein Verstand ist gut, aber zwei sind besser, dasselbe Sprichwort habe ich ja auch gesagt. Doch zu ihm ist niemand mit einem Verstande gekommen, und den seinen hat er selbst herausgelassen ... Wie sagt man das? Dieses Wort – wohin er seinen Verstand ... ich habe es vergessen,“ stotterte er und griff wieder vor seinem Gesicht mit der Hand danach, „ach, ja, spazieren.“
„Spazieren?“
„Nun, ja, spazieren, das habe ich ja auch gesagt. Sein Verstand ist ihm spazieren gegangen und dabei in ein so tiefes Loch gefallen, daß er sich vollständig verloren hat. Doch nichtsdestoweniger war er ein guter und gefühlvoller Junge, oh, ich erinnere mich seiner sehr wohl, wie er noch ganz klein war, von seinem Vater auf den Hinterhof hinausgeworfen, und wie er da ohne Stiefelchen umherlief, und wie die kleinen Höschen an einem Knopf hingen ...“
Eine gefühlvolle und innige Note klang in der Stimme des guten Alten. Fetjukowitsch horchte auf, als hoffe er, sich an etwas anklammern zu können.
„Ja, ja, ich selbst war damals noch ein junger Mensch ... Ich ... nun ja, ich war damals fünfundvierzig Jahre alt, ich war vor kurzem hier angekommen, und mir tat der Junge leid, und ich fragte mich: Sollte ich ihm nicht ein Pfund ... Nun, ja, ein Pfund ... Ich habe vergessen, wie man das sagt ... Pfund von dem, was die Kinder sehr lieben, wie sagt man das, – ach nun, wie ist doch das Wort ...“ (er griff wieder mit der Hand danach) „sie wachsen an Bäumen, man sammelt sie und schenkt sie allen Kindern ...“
„Äpfel?“
„O nein, nein, nein! Ein Pfund, ein Pfund ... Äpfel kauft man nicht pfundweise ... nein, sie sind alle klein, und man bekommt viele auf ein Pfund, man legt sie in den Mund und – krach! ...“
„Nüsse?“
„Nun, ja, Nüsse, das habe ich ja auch gesagt,“ bekräftigte der Doktor gelassen, als hätte er das Wort nie im Leben gesucht, „und ich brachte ihm ein Pfund Nüsse, denn dem Jungen hatte noch niemals jemand ein Pfund Nüsse gebracht, und ich hob meinen Finger auf und sagte ihm auf Deutsch: ‚Junge! Gott der Vater,‘ er lachte und sagte: ‚Gott der Vater.‘ – ‚Gott der Sohn.‘ Er lachte noch mehr und stammelte: ‚Gott der Sohn.‘ – ‚Gott der Heilige Geist.‘ Er lachte wieder und wiederholte, so gut er konnte: ‚Gott der Hei-Heilige Geist.‘ Ich ging fort, und nach drei Tagen, wie ich an ihm vorübergehe, ruft er mir zu: ‚Onkel! Gott der Vater, Gott der Sohn ...‘ – doch Gott den Heiligen Geist hatte er vergessen, ich sagte es ihm wieder vor, und er sprach es brav nach, und er tat mir wieder sehr leid. Dann brachte man ihn fort, und ich sah ihn nicht mehr. Und siehe, es vergingen dreiundzwanzig Jahre. Eines Morgens sitze ich in meinem Kabinett, schon mit weißem Haar, und plötzlich tritt ein blühender, junger Mann bei mir ein, den ich niemals wiedererkannt hätte, doch er hob den Finger und sagte lachend auf Deutsch: ‚Gott der Vater, Gott der Sohn und Gott der Heilige Geist! Ich bin soeben angekommen und habe Sie aufgesucht, um Ihnen für das Pfund Nüsse zu danken, denn Sie allein haben mir ein Pfund Nüsse geschenkt.‘ Ich dachte dann an meine eigene glückliche Jugend im Elternhause und an diesen armen, kleinen Jungen ohne Stiefelchen auf dem Hof, und mein Herz drehte sich in mir um, und ich sagte zu ihm: ‚Du guter junger Mann, du hast dieses Pfund Nüsse nicht vergessen, das ich dir in deiner Kindheit geschenkt habe.‘ Und ich umarmte und segnete ihn. Und ich weinte. Er lachte, doch weinte er eigentlich gleichfalls, denn der Russe lacht manchmal dann, wenn er weinen will. Er weinte, ich habe es gesehen. Jetzt aber, wie traurig! ...“
„Und auch jetzt weine ich, Deutscher, auch jetzt weine ich, du gottesfürchtiger Mann!“ rief ihm plötzlich Mitjä von seinem Platze aus zu.
Auch diese Anekdote machte auf das Publikum einen freundlichen Eindruck. Doch das Hauptereignis zugunsten Mitjäs waren die Aussagen Katerina Iwanownas, die ich sofort wiedergeben werde. Und überhaupt, als die Reihe an die Entlastungszeugen kam, das heißt, an die vom Verteidiger gestellten Zeugen, da schien das Glück Mitjä zu lächeln, und was ganz besonders bemerkenswert war: – dies kam selbst dem Verteidiger ganz unerwartet. Doch vor Katerina Iwanowna wurde noch Aljoscha verhört, der sich plötzlich einer Tatsache erinnerte, die wirklich ein wichtiges Zeugnis gegen den Hauptpunkt der Beschuldigung sein konnte.
IV. Das Glück lächelt Mitjä
Es geschah das sogar für Aljoscha ganz unerwartet. Er wurde unvereidigt vernommen, und ich erinnere mich, daß man sich allerseits, von den ersten Worten des Verhörs an, außerordentlich zartfühlend und sympathisch zu ihm verhielt. Da sah man deutlich, welch eines guten Rufes er sich erfreute! Aljoscha drückte sich bescheiden und zurückhaltend aus, doch aus allen seinen Aussagen brach sein heißes Mitgefühl hervor und seine ganze Liebe, die er für den unglücklichen Bruder empfand. In Beantwortung einer ihm vorgelegten Frage zeichnete er den Charakter seines Bruders als den eines vielleicht unbändigen und von Leidenschaften beherrschten Menschen, der andererseits wiederum edel, stolz und hochherzig sei, und der zu jedem Opfer bereit wäre, wenn man es von ihm verlangen würde. Er gab übrigens zu, daß der Bruder in den letzten Tagen aus Leidenschaft zu Gruschenka und als Gegner des Vaters in einer unerträglichen Lage gewesen war. Doch mit Unwillen wies er die Annahme zurück, der Bruder hätte am Vater einen Raubmord verübt, obgleich er zugeben mußte, daß diese Dreitausend bei Mitjä zu einer fixen Idee geworden waren, daß er sie durch Betrug des Vaters von seinem Erbe entwendet glaubte: während Mitjä sonst nicht im mindesten eigennützig war, so habe er von diesen Dreitausend doch nicht reden können, ohne dabei in Wut zu geraten. Über die Gegnerschaft zweier „Personen“, wie sich der Staatsanwalt ausdrückte – damit meinte er Gruschenka und Katjä –, antwortete er ausweichend, und auf einige Fragen verweigerte er jede Antwort.
„Hat Ihr Bruder Ihnen gesagt, daß er seinen Vater zu erschlagen beabsichtige?“ fragte der Staatsanwalt. „Sie brauchen darauf nicht zu antworten, wenn Sie es für nötig befinden,“ fügte er hinzu.
„Direkt hat er es mir nicht gesagt,“ antwortete Aljoscha.
„Wie dann? Etwa indirekt?“
„Er sprach einmal von seinem persönlichen Haß gegen den Vater, und daß er fürchte ... in einem Augenblick ... daß er in einem Augenblick äußersten Widerwillens ... ihn vielleicht sogar erschlagen könnte.“
„Und als Sie das hörten, glaubten Sie ihm?“
„Ich fürchte mich zu sagen, daß ich ihm glaubte. Ich war aber immer fest überzeugt, daß ein höheres Gefühl ihn in der verhängnisvollen Minute davor bewahren werde, wie es ja auch in der Tat geschehen ist, denn nicht er hat meinen Vater erschlagen,“ schloß Aljoscha mit fester, durch den ganzen Saal laut schallender Stimme.
Der Staatsanwalt fuhr zusammen wie ein Streitroß, das ein Trompetensignal hört.
„Seien Sie überzeugt, daß ich an die vollkommene Aufrichtigkeit Ihrer Überzeugung glaube, ohne dieselbe zu der Liebe, die Sie für Ihren unglücklichen Bruder empfinden, in Beziehung zu bringen. Die eigenartige Anschauung, die Sie von dieser ganzen Tragödie, die sich in Ihrer Familie abgespielt hat, haben, ist uns schon aus dem ersten Verhör bekannt. Ich will Ihnen nicht verheimlichen, daß sie im höchsten Grade persönlich ist und allen übrigen Zeugenaussagen widerspricht. Darum halte ich es auch für nötig, Sie mit allem Nachdruck zu fragen, was Ihre Gedanken darauf gebracht hat, und wodurch Sie eigentlich von der Unschuld Ihres Bruders überzeugt worden sind, und warum Sie an die Schuld der anderen Person glauben, auf die Sie schon früher hingewiesen haben?“
„Beim ersten Verhör habe ich nur auf die Fragen geantwortet,“ sagte Aljoscha ruhig und leise, „ich habe nicht ohne weiteres Anklage gegen Ssmerdjäkoff erhoben.“
„Aber Sie haben doch auf ihn hingewiesen.“
„Ich habe dies auf Grund der Aussage meines Bruders Dmitrij getan. Man erzählte mir noch vor meinem Verhör, was sich bei der Verhaftung meines Bruders zugetragen hatte, und daß er auf Ssmerdjäkoff gewiesen hätte. Ich glaube unerschütterlich daran, daß mein Bruder unschuldig ist. Und wenn nicht er den Vater erschlagen hat, so hat ...“
„So hat es Ssmerdjäkoff getan? ... Warum aber gerade Ssmerdjäkoff? Und warum sind Sie denn so von der Unschuld Ihres Bruders überzeugt?“
„Ich kann nicht anders, als meinem Bruder glauben. Ich weiß, daß er mich nicht belügen wird. Ich habe es an seinem Gesicht gesehen, daß er mich nicht belügt.“
„Nur am Gesicht? Ist das Ihr einziger Beweis?“
„Mehr Beweise habe ich nicht.“
„Und bei der Beschuldigung Ssmerdjäkoffs haben Sie auch nicht den geringsten Beweis, außer den Worten Ihres Bruders und seinem Gesichtsausdruck?“
„Nein, ich habe keinen anderen Beweis.“
Damit brach der Staatsanwalt seine Fragen an ihn ab. Die Aussagen Aljoschas waren für das Publikum eine große Enttäuschung. Über Ssmerdjäkoff hatte man bei uns schon vor der Gerichtssitzung viel gesprochen, der eine hatte dieses gehört, der andere jenes. Und von Aljoscha hatte man gesagt, daß er irgendwelche außergewöhnliche Beweise in der Hand habe, zugunsten des Bruders und für die Schuld des Dieners, und siehe da, – nichts, gar keine Beweise hatte er, außer der sittlichen Überzeugung, die doch schließlich so verständlich war, bei dem leiblichen Bruder des Angeklagten.
Darauf kam Fetjukowitsch an die Reihe. Auf die Frage: wann der Angeklagte ihm, Aljoscha, von seinem Haß gegen den Vater gesprochen und davon, daß er ihn töten könnte, und ob er das kurz vor der Katastrophe getan, etwa beim letzten Zusammentreffen usw. ... zuckte Aljoscha plötzlich zusammen, als ob er sich im Augenblick einer Sache erinnert hätte.
„Ich erinnere mich jetzt eines Umstandes, den ich ganz vergessen hatte ... damals war er mir unklar, jetzt aber ...“
Und Aljoscha erzählte, hingerissen von dem Gedanken, der ihm so plötzlich gekommen war, wie Mitjä beim letzten Zusammentreffen, am Abend, auf dem Wege zum Kloster, dort bei der einsamen Weide, sich auf die Brust geschlagen, „hoch oben auf die Brust“, und dabei einigemal wiederholt hatte, daß er noch die Möglichkeit habe, seine Ehre wieder herzustellen, daß er die Mittel dazu hier auf seiner Brust hätte, „sieh hier, hier auf meiner Brust“ ... „Ich glaubte damals,“ fuhr Aljoscha fort, „daß er, indem er auf seine Brust schlug, von seinem Herzen sprach, davon, daß er aus seinem Herzen die Kräfte schöpfen werde, die große Schande, die er nicht einmal mir zu sagen wagte, von sich abzuwälzen. Ich muß gestehen, ich dachte damals, er spräche vom Vater, und daß er vor der Schande zurückschrecke, zum Vater zu gehen und ihm irgend etwas anzutun, während er, als er damals auf seine Brust schlug, wahrscheinlich auf irgend etwas hinweisen wollte. Ich erinnere mich jetzt, daß mir damals der Gedanke durch den Kopf fuhr, daß das Herz ja doch gar nicht auf der rechten Seite und doch viel niedriger liege; er aber schlug sich ganz hoch auf die Brust, fast unter dem Halse und wies immer auf diese eine Stelle hin. Mein Gedanke erschien mir dumm, doch er hat damals wahrscheinlich gerade auf das Geld, auf die tausendfünfhundert Rubel an seinem Halse hingewiesen! ...“
„So war es!“ rief plötzlich Mitjä, vom Platze aufspringend, dazwischen. „So war es, Aljoscha, genau so, ich schlug damals mit der Faust auf die Brust, auf das Geldsäckchen!“
Fetjukowitsch stürzte sofort eilig zu ihm hin, bat ihn, sich zu beruhigen, und dann klammerte er sich unverzüglich mit seinen Fragen an Aljoscha. Aljoscha war selbst aufs äußerste erregt und sprach lebhaft seine Überzeugung aus, daß die „Schande“ aller Wahrscheinlichkeit nach darin bestanden habe, daß er diese tausendfünfhundert Rubel bei sich trug, statt sie Katerina Iwanowna, als die Hälfte seiner Schuld, zurückzugeben, daß er sich doch nicht entschließen konnte, es zu tun und das Geld zur Entführung Gruschenkas benutzen werde, wenn diese einwilligte ...
„So muß es gewesen sein, genau so,“ rief Aljoscha in großer Erregung aus. „Mein Bruder sagte mir damals, die Hälfte, die Hälfte der Schande – er rief mehreremal aus: ‚Die Hälfte!‘ – Die hätte er sofort von sich abwälzen können, doch wußte er im voraus, daß er nicht die Kraft haben werde, es zu tun!“
„Und Sie wissen genau, Sie erinnern sich ganz deutlich dessen, daß er sich gerade an der Stelle auf die Brust geschlagen hat?“ fragte ihn Fetjukowitsch gespannt.
„Klar und deutlich, denn ich dachte bei mir in dem Augenblick: warum schlägt er sich so hoch auf die Brust, das Herz liegt doch viel niedriger. Und gleich darauf erschien ich mir so dumm, weil ich an so etwas in diesem Augenblick denken konnte ... ich erinnere mich dessen ganz genau ... so dumm ... Daher ist mir soeben auch alles wieder eingefallen. Aber wie habe ich das nur vergessen können! Er wies ja nur deswegen auf diese Stelle hin, weil er damit sagen wollte, daß er die Möglichkeit hatte, tausendfünfhundert Rubel, die Hälfte der Schuld, zurückzugeben! Bei der Verhaftung in Mokroje aber hat er ausgerufen – ich weiß es, man hat es mir erzählt –, daß er es für die schmachvollste Tat seines ganzen Lebens halte, daß er diese Hälfte (gerade die Hälfte) der Schuld Katerina Iwanowna nicht abgegeben hat, um in ihren Augen kein Dieb zu sein, daß er sich nicht hat entschließen können, sie zurückzugeben, und lieber in ihren Augen ein Dieb geblieben ist! Ach, wie hat er sich gequält, wie hat er sich dieser Schuld wegen gequält!“ rief Aljoscha traurig aus.
Natürlich mischte sich der Staatsanwalt sofort in die Sache ein. Er bat Aljoscha, noch einmal zu beschreiben, wie sich das alles zugetragen hatte, und bestand auf der Frage: ob der Angeklagte, als er sich auf die Brust schlug, damit auf irgend etwas habe hinweisen wollen, oder ob er sich einfach mit der Faust auf die Brust geschlagen habe?
„Nicht nur mit der Faust!“ rief Aljoscha erregt aus, „sondern mit den Fingern hat er auf diese Stelle hingewiesen, ganz hoch ... Wie habe ich das nur bis zu diesem Augenblick so ganz vergessen können!“
Der Vorsitzende wandte sich an Mitjä mit der Frage, was er in betreff dieser Aussage zu bemerken wünsche. Mitjä bestätigte, daß alles sich so verhalten habe, daß er auf die Tausendfünfhundert hingewiesen, die er auf seiner Brust getragen, und daß es die größte Schande für ihn gewesen sei, „eine Schande, von der ich mich nicht lossagen kann, die schmählichste Handlung meines ganzen Lebens: es lag in meiner Macht, das Geld zurückzugeben, und ich habe es doch nicht getan! Ich wollte lieber in ihren Augen ein Dieb sein. Die größte Schmach bestand aber darin, daß ich wußte, was geschehen würde: daß ich das Geld nicht zurückgeben werde! Du hast recht, Aljoscha! Ich danke dir, Aljoscha!“
Damit war das Verhör Aljoschas beendet. Wichtig und bezeichnend war gerade der Umstand, daß sich ein Anhalt gefunden hatte, oder wenigstens ein ganz geringer Beweis, oder auch nur ein Schatten von einem Beweise, der immerhin andeutete, daß es das Säckchen mit den Tausendfünfhundert tatsächlich gegeben haben konnte und der Angeklagte bei der Voruntersuchung in Mokroje nicht gelogen hatte, daß die anderthalb Tausend „ihm gehörten“. Aljoscha freute sich sehr; sein Gesicht war vor Freude ganz gerötet, und als er sich auf den ihm zugewiesenen Platz setzte, wiederholte er noch für sich: „Wie habe ich es nur vergessen können, wie habe ich’s nur vergessen können! Und wie ist es mir nur plötzlich wieder eingefallen!“
Darauf begann das Verhör Katerina Iwanownas. Kaum war sie erschienen, als im Saal etwas Ungewöhnliches vor sich ging. Die Damen griffen zu ihren Lorgnons und Operngläsern, die Herren bewegten sich, einige erhoben sich sogar von ihren Plätzen, um besser sehen zu können. Alle behaupteten später, daß Mitjä plötzlich „bleich wie ein Tuch“ geworden sei, als sie eingetreten war. Sie war ganz in Schwarz gekleidet, bescheiden und fast schüchtern näherte sie sich dem ihr zugewiesenen Platz. Ihrem Gesicht konnte man die Aufregung nicht ansehen, aber in ihrem dunklen, umflorten Blick drückte sich Entschlossenheit aus. Später behaupteten viele, sie sei in diesem Augenblick außerordentlich schön gewesen. Sie sprach leise, aber deutlich, so daß man sie im ganzen Saale hören konnte. Sie drückte sich vollkommen ruhig aus, wenigstens gab sie sich den Anschein der größten Ruhe. Der Vorsitzende stellte seine Fragen sehr vorsichtig und außerordentlich ehrerbietig an sie, als fürchte er „gewisse Saiten“ zu berühren, als ehre er ihr großes Unglück. Doch Katerina Iwanowna erklärte selbst auf die ihr gestellten Fragen schon nach den ersten Worten, daß sie die Braut des Angeklagten gewesen sei „bis zu der Zeit, als er mich verließ“, fügte sie leise hinzu. Als man sie nach den Dreitausend fragte, die sie Mitjä übergeben hatte, damit er das Geld durch die Post an ihre Verwandten befördere, antwortete sie entschlossen: „Ich habe ihm das Geld nicht gegeben, damit er es gleich auf die Post bringe: ich wußte damals, daß er Geld brauchte ... gerade zu der Zeit ... Ich gab ihm diese Dreitausend unter der Bedingung, daß er sie im Laufe des Monats abschicke ... Er hat sich ganz unnötigerweise wegen dieser Schuld so gequält ...“
Ich werde hier nicht alle Fragen und Antworten genau wiedergeben, sondern nur den wesentlichen Sinn ihrer Aussagen.
„Ich war fest überzeugt, daß er die Dreitausend sofort ersetzen werde, so wie er das Geld von seinem Vater erhielt,“ fuhr sie fort, als Antwort auf die Fragen. „Ich bin von seiner Uneigennützigkeit, wie von seiner Ehrenhaftigkeit ... von seiner großen Ehrenhaftigkeit ... in Geldsachen, stets überzeugt gewesen. Er hoffte, vom Vater noch dreitausend Rubel zu erhalten, er hat mir oft davon gesprochen. Ich wußte, daß er mit seinem Vater entzweit war, und ich war und bin auch noch jetzt der festen Überzeugung, daß er vom Vater übervorteilt worden ist. Ich erinnere mich nicht, je eine Drohung gegen den Vater von ihm vernommen zu haben. In meiner Gegenwart hat er wenigstens nie etwas Ähnliches geäußert. Wenn er damals zu mir gekommen wäre, so hätte ich ihn sofort wegen der Dreitausend beruhigt, die er mir schuldete, doch er kam nicht mehr zu mir ... und ich selbst ... war in einer solchen Lage, daß ich ihn nicht zu mir rufen konnte ... Und ich hatte auch gar kein Recht, die Rückerstattung dieser Schuld zu beanspruchen,“ fügte sie plötzlich hinzu, und in ihrer Stimme lag eine gereizte Entschlossenheit. „Er selbst hat mir einmal eine viel größere Gefälligkeit in einer Geldsache erwiesen, und ich hatte damals den Betrag, der viel größer als Dreitausend war, angenommen, ohne zu wissen, ob ich jemals imstande sein werde, ihm meine Schuld abzuzahlen ...“
Im Ton ihrer Stimme lag etwas Herausforderndes.
„Das war wohl nicht jetzt, sondern schon zu Anfang Ihrer Bekanntschaft?“ griff Fetjukowitsch vorsichtig auf, da er sofort etwas für Mitjä Günstiges vermutete.
Hier muß ich bemerken, daß er, obgleich er zum Teil auch von Katerina Iwanowna aus Petersburg berufen worden war, doch nichts von diesem ihrem Erlebnis und den ihr von Mitjä in jener Garnisonstadt geliehenen fünftausend Rubel wußte, und ebensowenig etwas vom „Fußfall“. Sie hatte ihm nichts davon gesagt. Und ich glaube, man kann fast mit Sicherheit annehmen, daß sie selbst bis zur letzten Minute nicht gewußt hat, ob sie von dieser „Begegnung“ vor Gericht erzählen würde oder nicht, und daß sie es dann nur auf eine plötzliche Eingebung hin doch tat.
Nein, niemals werde ich diese Augenblicke meines Lebens vergessen können. Sie erzählte, sie erzählte alles, diese ganze Episode, wie auch Mitjä sie Aljoscha anvertraut hatte, auch von der „Verbeugung bis zur Erde“! Und auch davon, was sie dazu veranlaßt hatte, auch von ihrem Vater sprach sie, von ihrem Erscheinen bei Mitjä, doch mit keinem Wort und mit keiner Bemerkung wies sie darauf hin, daß Mitjä ihrer Schwester gesagt hatte: „Schicken Sie Katerina Iwanowna zu mir, ich werde ihr dann das Geld geben.“ Großmütig verschwieg sie das, und sie schämte sich nicht, es so darzustellen, als sei sie selbst aus eigenem Antriebe ... zu diesem jungen Offizier gelaufen ... in der Hoffnung, daß ... daß sie das Geld von ihm erhalten würde. Das war geradezu erschütternd. Mir wurde kalt und heiß, als ich es hörte, und der ganze Saal lag in Totenstille, jedes Wort wurde aufgefangen. Das war etwas Beispielloses. Von einem so selbstbewußten, alles verachtenden, stolzen Mädchen, wie sie es war, hätte man kaum eine solche Aufrichtigkeit, ein solches Opfer und eine solche Selbstvernichtung erwarten können. Und weshalb und für wen? Um ihren Verräter und Beleidiger zu retten, um irgend etwas, wenn auch nur etwas zu seiner Rettung beizutragen, um zu seinen Gunsten wenigstens einen guten Eindruck hervorzubringen! Und in der Tat: das Bild des Offiziers, der seine letzten fünftausend Rubel hingibt, – alles, was ihm für sein ganzes Leben noch geblieben ist – und sich ehrerbietig vor dem unschuldigen jungen Mädchen verneigt, erschien sehr sympathisch und verführerisch vor aller Augen. Doch ... mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen! Ich fühlte, was daraus entstehen würde (und was ja auch daraus entstanden ist) – welch ein Klatsch! Welche Verleumdungen! Mit boshaftem Lächeln sprach man alsbald in der ganzen Stadt, daß die Erzählung vielleicht nicht ganz wahrheitsgetreu gewesen sei, besonders an der Stelle nicht, wo der Offizier angeblich das junge Mädchen „mit einer tiefen ehrerbietigen Verbeugung“ entläßt. Man machte Anspielungen darauf, daß da wohl etwas „ausgelassen“ worden war. „Und selbst, wenn dabei auch nichts ausgelassen, wenn es auch in Wahrheit alles so gewesen ist,“ sagten unsere geachtetsten Damen, „so bleibt es immer noch zweifelhaft, ob es für das junge Mädchen wohlanständig war, so zu handeln, selbst wenn es dadurch den Vater rettete.“ Hatte nun Katerina Iwanowna bei ihrem Verstande, ihrem Scharfblick, wirklich nicht vorausgesehen und gefühlt, daß man so sprechen würde? Natürlich hatte sie das vorausgewußt, und doch hatte sie sich entschlossen, alles zu sagen! Versteht sich, diese schmutzigen Zweifel an der Wahrheit der Erzählung kamen erst später auf. Im ersten Augenblick waren alle erschüttert. Die Herren des Gerichtshofes hörten Katerina Iwanowna mit einem fast andächtigen, fast verschämten Schweigen zu. Der Staatsanwalt erlaubte sich keine einzige weitere Frage über dieses Thema. Fetjukowitsch verneigte sich tief vor ihr. Oh, er triumphierte beinahe. Viel war gewonnen: ein Mensch, der in edler Aufwallung seine letzten fünftausend Rubel hingibt, und ein Mensch, der seinen Vater in der Nacht erschlägt, um von ihm dreitausend Rubel zu stehlen – waren einigermaßen unvereinbar in einer Person. Wenigstens konnte er jetzt den Raub leugnen. Die „Sache“ stand jetzt in einem ganz neuen Lichte. Etwas wie Sympathie für Mitjä hatte sich verbreitet. Mitjä selbst aber – so erzählte man sich später –, habe sich ein- oder zweimal von seinem Platze erhoben, war dann wieder auf die Bank zurückgefallen und hatte mit beiden Händen sein Gesicht bedeckt. Als sie geendet hatte, das weiß ich noch, da rief er plötzlich, ihr beide Hände entgegenstreckend, mit schluchzender Stimme aus:
„Katjä, warum hast du mich zugrunde gerichtet!“
Und er schluchzte laut auf, beherrschte sich aber sofort wieder und rief mit fester Stimme:
„Jetzt bin ich verurteilt!“
Darauf blieb er wie erstarrt sitzen, kreuzte die Arme über der Brust und biß die Zähne zusammen. Katerina Iwanowna blieb im Saal und setzte sich auf einen Stuhl, den man ihr anwies. Sie war bleich und saß mit niedergeschlagenen Augen da. Diejenigen, die in ihrer Nähe gesessen hatten, erzählten später, sie habe lange noch wie im Fieber gezittert. Nach ihr erschien Gruschenka zum Verhör.
Ich nähere mich jetzt der Katastrophe, die sich ganz plötzlich entlud und durch die Mitjäs Sache verloren, sein Leben eigentlich erst zugrunde gerichtet wurde. Denn ich bin überzeugt, und alle Juristen haben es nachher gleichfalls ausgesprochen, daß man, wenn dieser Zwischenfall sich nicht ereignet hätte, wenigstens mildernde Umstände zugunsten des Angeklagten angenommen hätte. Doch davon später. Jetzt noch zwei Worte über Gruschenka.
Auch sie erschien ganz in Schwarz gekleidet; um die Schultern trug sie ihren wundervollen schwarzen Schal. In ihrer leichten, unhörbaren, etwas wiegenden Gangart, wie sie sonst nur volleren Frauen eigen ist, näherte sie sich der Ballustrade. Sie sah weder nach links noch nach rechts, sondern blickte unverwandt auf den Vorsitzenden. Meiner Meinung nach war sie sehr schön in diesem Augenblick und durchaus nicht zu bleich, wie die Damen später behaupteten. Man sagte auch, sie hätte ein böses Gesicht gemacht. Ich denke nur, daß sie sehr gereizt war und als sehr schwer empfand, allen diesen verächtlich-neugierigen Blicken unseres skandalgierigen Publikums ausgesetzt zu sein. Sie hatte einen stolzen Charakter, der keine Verachtung ertragen konnte, einen von denen, die, wenn sie Verachtung argwöhnen, sofort in Zorn aufflammen und eine Gegenwehr suchen. Natürlich war dabei viel Schüchternheit und innere Scham wegen dieser Schüchternheit, so daß es schließlich kein Wunder war, wenn ihre Aussagen ungleich, bald zornig, verächtlich und zuweilen gezwungen grob waren, bald wieder von Herzen kommende Worte, aufrichtige Selbstverurteilung und Selbstbeschuldigung durchklangen. Manchmal sprach sie so, als wenn sie sich in einen Abgrund stürzen wollte: „Einerlei, was dabei herauskommt, aber ich sage es doch ...“ In bezug auf ihre Bekanntschaft mit Fedor Pawlowitsch bemerkte sie nur kurz abweisend: „Das sind alles Dummheiten, bin ich denn schuld daran, daß er sich mir aufdrängte?“ Nach einer Minute aber fügte sie hinzu: „Ich bin an allem schuld, ich lachte über den einen und den anderen, über den Alten, wie auch über – diesen ... und ich habe sie beide bis dahin gebracht. Meinetwegen ist alles geschehen!“ Als man auf Ssamssonoff zu sprechen kam, sagte sie barsch und herausfordernd: „Das geht niemanden etwas an! Er war mein Wohltäter, er hat mich aufgenommen, als meine Verwandten mich aus dem Hause jagten.“ Der Vorsitzende machte sie sehr höflich darauf aufmerksam, daß sie nur auf die Fragen zu antworten habe, ohne sich in unnützen Ausführlichkeiten zu ergehen. Gruschenka errötete, und ihre Augen blitzten auf.
Das Geldpaket hatte sie nicht gesehen, sondern nur durch den „Mörder“ gehört, daß Fedor Pawlowitsch ein Paket mit dreitausend Rubeln bei sich liegen habe. „Aber das sind ja alles nur Dummheiten, ich habe darüber nur gelacht und wäre nie zu ihm gegangen.“
„Wen meinten Sie soeben mit dem ‚Mörder‘?“ erkundigte sich sofort der Staatsanwalt.
„Ich meinte den Diener, den Ssmerdjäkoff meinte ich, der seinen Herrn erschlagen und gestern sich selbst erhängt hat.“
Natürlich fragte man sie sofort, welche Gründe sie zu einer so entschiedenen Anschuldigung besitze, doch konnte auch sie keinen einzigen stichhaltigen Grund anführen.
„Das hat Dmitrij Fedorowitsch mir selbst gesagt, und ihm können Sie glauben. Seine Braut hat ihn zugrunde gerichtet, so ist es, an allem ist nur sie allein schuld,“ sagte Gruschenka zitternd vor Eifersucht und mit gereizter Stimme.
Man erkundigte sich sofort, auf wen sie denn jetzt wieder anspielte.
„Auf das Fräulein dort, auf diese Katerina Iwanowna, auf wen denn sonst! Sie hat mich damals zu sich eingeladen, hat mich mit Schokolade traktiert, um sich bei mir einzuschmeicheln. Kein Schamgefühl hat sie, das ist es ...“
Da aber wies sie der Vorsitzende streng zurück, mit der Bitte, sich in ihren Ausdrücken zu mäßigen. Ihr eifersüchtiges Herz brannte aber schon gar zu heiß, sie würde es selbst dann gesagt haben, wenn dieser Ausfall sie mit Tod und Verderben bedroht hätte.
„Bei der Verhaftung des Angeklagten in Mokroje,“ begann sofort der Staatsanwalt, „haben Sie, als Sie ins Zimmer stürzten, ausgerufen: ‚Ich bin an allem schuld, ich gehe mit ihm zusammen in den Tod!‘ Folglich waren Sie in diesem Augenblick überzeugt, daß er den Vater ermordet hatte?“
„Ich erinnere mich meiner Empfindungen, die ich damals hatte, nicht mehr genau,“ antwortete Gruschenka. „Alle schrien damals, er habe den Vater erschlagen, und ich begriff sofort, daß ich daran schuld war, daß er ihn nur meinetwegen erschlagen haben konnte. Als er mir aber darauf sagte, daß er unschuldig sei, da glaubte ich ihm sofort, glaube es auch jetzt noch und werde es immer glauben: dieser Mensch ist nicht fähig, zu lügen.“
Fetjukowitsch fragte sie, wie ich mich erinnere, unter anderem auch über Rakitin und die fünfundzwanzig Rubel aus, die sie ihm versprochen hatte, wenn er Alexei Fedorowitsch Karamasoff zu ihr brächte.
„Was ist denn dabei Wunderbares, daß er das Geld nahm!“ sagte Gruschenka verächtlich lächelnd, „er ist doch immer zu mir gekommen, um mich anzubetteln, manchmal habe ich ihm an dreißig Rubel im Monat gegeben, und eigentlich war es nur Verschwendung, denn für Essen und Trinken hatte er selbst Geld genug.“
„Aus welchem Grunde waren Sie denn so freigebig zu Herrn Rakitin?“ griff Fetjukowitsch auf, ungeachtet dessen, daß der Vorsitzende wieder eine unruhige Bewegung machte.
„Er ist doch mein Vetter. Seine Mutter und meine Mutter waren leibliche Schwestern. Er hat mich nur immer gebeten, ich solle es niemandem hier sagen, er schämt sich ja meiner so sehr!“
Dieses neue Faktum kam allen ganz unerwartet, niemand hatte etwas davon gewußt, weder im Kloster, noch in der Stadt, sogar Mitjä nicht ausgenommen. Man erzählte sich später, daß Rakitin auf seinem Stuhle vor Scham feuerrot geworden sei. Gruschenka hatte noch vor ihrem Eintritt in den Saal erfahren, daß Rakitin gegen Mitjä ausgesagt hatte, und war deshalb wütend auf ihn. Die ganze Rede des Herrn Rakitin, seine ganze edle Gesinnung, alle seine Bemerkungen über die Leibeigenschaft, über die staatliche Unordnung Rußlands – alles war jetzt vernichtet! Fetjukowitsch war sehr zufrieden. Überhaupt fragte man Gruschenka nicht allzulange, und sie konnte ja auch nichts Neues mehr mitteilen. Im Publikum hinterließ sie einen sehr unangenehmen Eindruck. Hunderte verächtlicher Blicke waren auf sie gerichtet, als sie sich nach beendetem Verhör ziemlich weit von Katerina Iwanowna auf ihren Stuhl niederließ. Mitjä hatte die ganze Zeit, während der sie verhört worden war, geschwiegen und zu Boden gestarrt, als wäre er versteinert.
Da erschien als Zeuge Iwan Fedorowitsch.
V. Die Katastrophe
Er war schon vor Aljoscha aufgerufen worden, doch der Gerichtsvollstrecker hatte dem Vorsitzenden gemeldet, daß der Zeuge infolge plötzlichen Unwohlseins nicht sofort erscheinen könne, sobald er sich aber besser fühle, bereit sein werde, seine Aussagen zu machen. Das war übrigens von niemandem gehört worden, erst später wurde es erzählt. Sein Erscheinen wurde im ersten Augenblick fast gar nicht bemerkt: Die Hauptzeugen, besonders die beiden Gegnerinnen, waren schon verhört worden, die Neugier war vorläufig befriedigt. Im Publikum verspürte man sogar eine leichte Ermüdung. Nur einige Zeugen sollten noch vernommen werden, die aller Wahrscheinlichkeit nach nichts Besonderes mehr aussagen konnten, da doch alles schon ausgesagt worden war. Die Zeit aber rückte vor. Iwan Fedorowitsch näherte sich ganz absonderlich langsam, ohne jemanden anzusehen, den Kopf gesenkt, als dächte er stirnrunzelnd über etwas nach. Er war tadellos gekleidet, doch sein Gesicht machte, wenigstens auf mich, einen krankhaften Eindruck: es war etwas gleichsam Überirdisches in diesem Gesicht, etwas, das dem Gesichte eines sterbenden Menschen ähnlich sah. Seine Augen waren trübe. Da blieb er stehen, erhob seinen Blick und ließ ihn langsam über den ganzen Saal gleiten. Ich sah, wie Aljoscha plötzlich von seinem Stuhl aufsprang und angstvoll ein „Ach!“ hervorstieß. Ich erinnere mich dessen noch ganz genau. Doch nur wenige bemerkten es.
Der Vorsitzende erinnerte ihn zuerst daran, daß er ein unvereidigter Zeuge sei, daß er nach Belieben aussagen oder schweigen könne, doch dafür jedes Wort auf Treu und Gewissen sagen müsse usw. usw. Iwan Fedorowitsch hörte ihm zu und sah ihn mit seinem trüben Blick schweigend an. Plötzlich aber begann sein Gesicht sich allmählich zu verändern, auf seinen Lippen erschien ein Lächeln, und als der Vorsitzende vor Verwunderung zu sprechen aufhörte, da lachte er auch schon laut auf.
„Nun, und was noch?“ fragte er mit lauter Stimme.
Im Saale wurde es totenstill, man schien gleichsam etwas ... etwas vorauszufühlen!
Der Vorsitzende wurde unruhig.
„Sie ... fühlen sich vielleicht noch nicht ganz wohl?“ fragte er unsicher und suchte mit den Augen den Gerichtsvollstrecker.
„Beunruhigen Sie sich nicht, Ew. Exzellenz, ich fühle mich ganz wohl und kann Ihnen etwas sehr Interessantes mitteilen,“ antwortete ihm Iwan Fedorowitsch plötzlich völlig ruhig und ehrerbietig.
„Sie haben also eine besondere Mitteilung zu machen?“ fragte der Vorsitzende immer noch etwas mißtrauisch.
Iwan Fedorowitsch sah wieder zu Boden, zögerte einige Sekunden lang, erhob aber dann seinen Kopf und sagte gleichsam etwas stockend:
„Nein ... ich habe nichts ... Ich habe nichts Besonderes.“
Darauf wurden ihm Fragen vorgelegt. Er antwortete ersichtlich ungern, gezwungen, kurz, sogar mit offenbarem Widerwillen, der sich bei ihm mit jedem Wort noch zu steigern schien – obgleich er übrigens noch ganz verständig antwortete. Auf viele Fragen erklärte er, von den Dingen nicht unterrichtet zu sein. Auch von den Abrechnungen des Vaters mit Dmitrij Fedorowitsch wußte er nichts. „Ich habe mich nicht damit beschäftigt,“ sagte er kurz. Drohungen des Angeklagten gegen den Vater hatte er gehört. Vom Geldpaket hatte er durch Ssmerdjäkoff erfahren ...
„Alles ein und dasselbe,“ unterbrach er sich plötzlich, ersichtlich ganz erschöpft, „ich habe dem Gericht nichts Besonderes mitzuteilen.“
„Ich sehe, daß Sie sich nicht wohl fühlen und begreife Ihre Gefühle ...,“ bemerkte der Vorsitzende, und er wollte sich schon an die Parteien wenden, an den Staatsanwalt und den Verteidiger, mit der Aufforderung, wenn sie es für nötig hielten, an ihn Fragen zu stellen usw. ... als plötzlich Iwan Fedorowitsch mit erschöpfter Stimme sich an ihn wandte:
„Ew. Exzellenz, entlassen Sie mich, bitte, ich fühle mich sehr krank.“
Und mit diesen Worten, ohne die Erlaubnis abzuwarten, wandte er sich plötzlich um und wollte schon aus dem Saal gehen. Kaum aber hatte er einige Schritte gemacht, da blieb er stehen, als hätte er sich plötzlich bedacht, lächelte still und kehrte auf denselben Platz zurück, wo er soeben noch gestanden hatte.
„Ich bin, Ew. Exzellenz, wie jenes Bauernmädchen ... das da singt ... Sie kennen es ... wie war es doch: ‚Will ich – so s-pring ich, will ich nicht – so s-pring ich nicht!‘ Man lockt sie mit dem Sarafan oder mit dem blauen Brautrock, damit sie hineinspringe und man sie binde und zur Trauung führe, sie aber sagt: ‚Will ich – so s-pring ich, will ich nicht – so s-pring ich nicht ...‘ Das ist so ein Brauch bei einem unserer Volksstämme ...“
„Was wollen Sie damit sagen?“ fragte der Vorsitzende streng.
„Sehen Sie hier ...“ Iwan Fedorowitsch zog plötzlich ein Geldpaket hervor, „da ist das Geld ... dasselbe, das in dem Kuvert dort gelegen hat“ (er wies auf den Tisch mit den Sachbeweisen), „und um dessentwillen man den Vater erschlagen hat. Wohin soll ich es tun? Herr Gerichtsvollstrecker, übergeben Sie es.“
Der Gerichtsvollstrecker nahm das Paket in Empfang und übergab es dem Vorsitzenden.
„Auf welche Weise sind Sie in den Besitz dieses Geldes gelangt ... wenn das wirklich dasselbe Geld ist?“ fragte ihn der Vorsitzende verwundert.
„Ich habe es von Ssmerdjäkoff, vom Mörder, erhalten, gestern ... Ich bin bei ihm gewesen, kurz bevor er sich erhängt hat. Er hat den Vater erschlagen und nicht mein Bruder. Er hat ihn erschlagen, ich aber habe ihn zu töten gelehrt ... Wer wünscht denn nicht den Tod des Vaters? ...“
„Sind Sie bei Verstande oder nicht?“ entfuhr es unwillkürlich dem Vorsitzenden.
„Das ist es ja, daß ich bei Verstande bin ... bei gemeinem Verstande, genau so, wie auch Sie und wie alle diese ... Visagen!“ sagte Iwan, indem er sich plötzlich an das ganze Publikum wandte. „Man hat den Vater erschlagen, und plötzlich tun sie alle, als hätte es sie erschreckt!“ rief er knirschend vor Wut und in jähzorniger Verachtung aus. „Der Freund verstellt sich vor dem Freunde! Die Lügner!! Alle wünschen den Tod des Vaters. Das eine Geschmeiß verschlingt das andere Geschmeiß ... Gäbe es keinen Vatermord – so würden Sie sich alle ärgern und sofort wütend auseinandergehen ... Schauspieler! ‚Brot und Schauspiele!‘ Übrigens, auch ich bin gut! Haben Sie hier Wasser, geben Sie mir zu trinken, um Christi willen!“ Er faßte sich plötzlich an den Kopf.
Der Gerichtsvollstrecker näherte sich ihm sofort. Aljoscha sprang auf und rief angstvoll: „Er ist krank, glauben Sie ihm nicht, er ist wahnsinnig!“ Katerina Iwanowna erhob sich von ihrem Stuhle und sah starr vor Schreck Iwan Fedorowitsch an. Auch Mitjä war aufgesprungen, sah ihn mit wildem, bangem Lächeln an und hörte ihm gierig zu.
„Beruhigen Sie sich, ich bin nicht wahnsinnig, ich bin nur der Mörder!“ begann Iwan wiederum. „Von einem Mörder kann man keine schönen Reden verlangen“ ... fügte er plötzlich sinnlos hinzu und lächelte verzerrt.
Der Staatsanwalt beugte sich ersichtlich aufgeregt zum Vorsitzenden. Die Glieder des Gerichtshofes flüsterten erregt und besorgt untereinander. Fetjukowitsch spitzte die Ohren. Der ganze Saal erstarb in fieberhafter Spannung. Der Vorsitzende schien sich plötzlich zu besinnen.
„Zeuge, Ihre Worte sind unverständlich, und hier an diesem Ort unmöglich. Beruhigen Sie sich, wenn Sie können, und erzählen Sie dann ... wenn Sie wirklich etwas zu erzählen haben. Womit können Sie dieses Eingeständnis bezeugen ... wenn Sie nur nicht phantasieren?“
„Das ist es ja, daß ich keine Zeugen habe. Der Hund Ssmerdjäkoff wird aus dem Jenseits keine Beweise schicken ... im Paket. Sie wollen immer nur Pakete haben, und das eine sollte doch genügen. Nein, ich habe keine Zeugen ... Außer dem einen vielleicht ...“ fügte er – mit einem nachdenklichen Lächeln hinzu.
„Wer ist Ihr Zeuge?“
„Mit einem Schwanz, Ew. Exzellenz, das aber würde hier formwidrig sein! Le diable n’existe point! Schenken Sie ihm keine Aufmerksamkeit, er ist ja nur ein ganz elender kleiner Teufel,“ fügte Iwan gleichsam zutraulich hinzu und hörte plötzlich auf zu lachen. „Sicherlich hat er sich hier irgendwo versteckt, sehen Sie dort unter dem Tisch mit den Sachbeweisen! Wo sollte er denn sonst sitzen, wenn nicht dort? Sehen Sie, hören Sie mich an: Ich sagte ihm: ich will nicht schweigen, er aber redet von der geologischen Umwälzung ... Dummheiten! Nun, befreien Sie doch das Ungeheuer! ... Er hat eine Hymne gesungen, und das tut er, weil es ihm leicht ist! ... Was geht es mich an, ob die betrunkene Kanaille grölt ‚Ach, mein Wanjka fuhr nach Piter,‘ ich aber würde für zwei Sekunden Freude eine Quadrillion Quadrillionen geben! Sie kennen mich ja nicht! Oh, wie ist das alles dumm bei Ihnen! So nehmen Sie mich doch jetzt statt seiner! Zu irgend etwas bin ich doch hergekommen ... Warum, warum ist alles, was ist, so dumm, so dumm? ...“
Und er begann wieder langsam und wie tiefsinnig sich im Saal umzusehen. Doch jetzt war alles schon in heller Aufregung. Aljoscha sprang von seinem Platz auf und wollte zu ihm stürzen, doch da hatte der Gerichtsvollstrecker Iwan Fedorowitsch bereits am Arme gefaßt.
„Was soll denn das bedeuten?“ schrie ihn dieser an und blickte dem Gerichtsvollstrecker starr ins Gesicht, – und plötzlich packte er ihn jähzornig an den Schultern und schleuderte ihn zu Boden.
Doch da eilte schon die Polizeiwache herbei und ergriff ihn. Er aber stieß plötzlich einen rasenden Schrei aus. Und die ganze Zeit, während der man ihn bändigte und forttrug, schrie er laut unzusammenhängende Worte.
Es erhob sich ein allgemeiner Tumult. Ich erinnere mich nicht mehr genau aller weiteren Vorgänge, ich war selbst zu aufgeregt, um alles zu verfolgen. Ich weiß nur, daß, als alle sich einigermaßen beruhigt und begriffen hatten, um was es sich handelte, der Gerichtsvollstrecker einen Verweis erhielt, obgleich er dem Gerichtshof aufs bestimmteste versicherte, der Zeuge sei die ganze Zeit über gesund gewesen; der Doktor habe ihn untersucht, als ihm vor einer Stunde etwas schlecht geworden war, vor seinem Eintritt in den Saal habe er aber ganz vernünftig und zusammenhängend gesprochen, so daß etwas Derartiges vorauszusehen unmöglich gewesen wäre; und er fügte noch hinzu, daß der Zeuge selbst sogar darauf bestanden habe, die Aussage zu machen. Doch kaum fing man an, sich zu beruhigen und zu besinnen, als sich schon eine neue Szene abspielte: Katerina Iwanowna bekam einen hysterischen Anfall. Sie weinte und schluchzte laut, wollte aber nicht fortgehen: sie bat und flehte, man solle sie nicht hinausbringen, und plötzlich rief sie dem Vorsitzenden zu:
„Ich muß Ihnen noch etwas mitteilen, sofort ... sofort! ... Hier ist das Papier, der Brief ... nehmen sie ihn, lesen sie ihn, schneller, schneller! Das ist der Brief dieses Ungeheuers, dort, dieses, dieses!“ und sie wies auf Mitjä. „Er hat den Vater erschlagen, Sie werden es sofort sehen, er schreibt mir, wie er den Vater erschlagen würde! Der andere aber ist krank, schwer krank und im Delirium! Ich habe es schon vor drei Tagen bemerkt, daß er wahnsinnig ist!“
So schrie sie außer sich. Der Gerichtsvollstrecker nahm ihr das Papier ab, das er dann dem Vorsitzenden überreichte, sie aber fiel auf ihren Stuhl zurück und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Sie schluchzte konvulsivisch und zitterte am ganzen Körper, bemühte sich aber aus aller Kraft, jeden Laut zu unterdrücken, wahrscheinlich aus Furcht, daß man sie sonst aus dem Saale bringen würde. Das Papier, das sie übergeben hatte, war derselbe Brief, den Mitjä im Gasthaus „Zur Hauptstadt“ geschrieben, und den Iwan Fedorowitsch den „mathematischen“ Beweis der Schuld Mitjäs genannt hatte. Und wehe, dieser Brief wurde denn auch als mathematisch klarer Beweis anerkannt! Wenn dieser Brief nicht gewesen wäre, so wäre Mitjä nicht zugrunde gerichtet worden, oder wenigstens wäre das nicht in so furchtbarer Weise geschehen! Ich wiederhole, es war schwer, alle Einzelheiten zu verfolgen. Auch jetzt noch erscheint mir das alles wie ein Chaos. Wahrscheinlich hat der Vorsitzende das neue Dokument darauf dem Gericht übergeben, dem Staatsanwalt, dem Verteidiger und den Geschworenen. Ich erinnere mich nur noch, wie man die Zeugin zu befragen anfing. Auf die Frage, ob sie sich beruhigt habe, die der Vorsitzende sehr höflich und geradezu mitfühlend an sie stellte, rief Katerina Iwanowna eifrig aus:
„Ich bin bereit, ich bin bereit! Ich bin durchaus imstande, Ihnen zu antworten,“ fügte sie hinzu, augenscheinlich in großer Angst, daß man sie aus irgendeinem Grunde nicht anhören werde.
Man bat sie, alles ausführlich zu erklären, was das für ein Brief sei, und unter welchen Umständen sie ihn erhalten habe.
„Ich habe ihn kurz vor seinem Verbrechen erhalten, geschrieben hat er ihn zwei Tage vorher, im Gasthaus ... Sehen Sie die Rückseite, er ist auf eine Rechnung geschrieben!“ rief sie atemlos. „Er haßte mich in dem Augenblick, weil er selbst eine gemeine Handlung begangen hatte, und diesem verworfenen Geschöpf nachlief ... und vor allem, weil er mir diese Dreitausend schuldete ... Oh, diese Dreitausend kränkten ihn, weil er sich ihretwegen so erniedrigt hatte! Mit diesen Dreitausend verhielt es sich so – ich bitte Sie, ich flehe Sie an, mich anzuhören! Vier Wochen vor der Ermordung seines Vaters kam er eines Morgens zu mir. Ich wußte, daß er Geld nötig hatte, und wußte auch, wozu – gerade, gerade dazu, um dieses Geschöpf verführen und mit ihr entfliehen zu können. Ich wußte damals, daß er mir untreu geworden war und mich verlassen wollte, und ich, ich selbst, gab ihm das Geld dazu, gab es ihm unter dem Vorwande, es meiner Schwester nach Moskau zu schicken, – und als ich es ihm übergab, sah ich ihm ins Gesicht und sagte ihm, er möge es absenden, wann er, wann er es wolle, ‚wenn auch erst nach einem Monat‘. Wie, sollte er wirklich nicht verstanden haben, daß ich ihm gerade ins Gesicht sagte: ‚Du hast Geld nötig, um mit jenem Geschöpf an mir zum Verräter zu werden, so nimm hier das Geld dazu, ich gebe es dir selbst, nimm es, wenn du so ehrlos bist, daß du es nehmen kannst!‘ Ich wollte ihn prüfen! Und was glauben Sie? Er nahm es, er nahm das Geld und ging davon! Und noch in derselben Nacht hatte er es mit diesem Geschöpf verschleudert, dort, in einer Nacht ... Doch er fühlte es, fühlte es nur zu gut, daß ich alles wußte, ich versichere Sie, er fühlte auch, daß ich ihn mit dem Gelde nur hatte prüfen wollen: wird er so ehrlos sein, daß er es von mir annimmt, oder nicht? Ich hatte ihm in die Augen gesehen, und er hatte mir in die Augen gesehen und alles verstanden, alles verstanden, und er behielt es doch, behielt es doch, das Geld, und ging zu ihr!“
„Du hast recht, Katjä!“ rief plötzlich Mitjä laut. „Ich sah dir in die Augen und begriff, daß du mich ehrlos machen wolltest, und nahm trotzdem dein Geld! Verachten Sie den Schurken, meine Herren, verachten Sie ihn alle, ich habe es verdient!“
„Angeklagter,“ schrie der Vorsitzende wütend, „noch ein Wort – und ich gebe den Befehl, Sie hinauszuführen!“
„Dieses Geld quälte ihn aber,“ fuhr Katjä krampfhaft sich beeilend fort, „er wollte es mir wiedergeben, er wollte es, das ist wahr, aber er brauchte das Geld für dieses Geschöpf. Und da hat er denn seinen Vater erschlagen, das Geld aber hat er mir doch nicht wiedergegeben, sondern ist zu ihr in jenes Dorf gefahren, wo man ihn ergriffen hat. Dort hat er auch dieses Geld verpraßt, das er vom ermordeten Vater gestohlen hatte. Und am Tage vor der Ermordung des Vaters hat er mir diesen Brief geschrieben, er hat ihn in der Betrunkenheit geschrieben, das habe ich sofort begriffen, hat ihn aus Wut geschrieben, denn er wußte, er wußte zu genau, daß ich diesen Brief niemandem zeigen würde, selbst wenn er den Mord ausführen sollte. Denn sonst hätte er ihn doch nicht geschrieben! Er wußte doch, daß ich mich niemals an ihm rächen, noch ihn zugrunde richten würde. Aber lesen Sie ihn, lesen Sie ihn aufmerksam, bitte, so aufmerksam wie möglich, und Sie werden sehen, daß er im Brief alles schon im voraus beschrieben hat: Wie er den Vater erschlagen wird, und wo das Geld bei ihm liegt. Sehen Sie, bitte, lassen Sie nichts aus, dort steht eine Phrase: ‚Ich werde ihn erschlagen, wenn nur Iwan abreisen würde.‘ Folglich hat er schon im voraus alles bedacht, wie er ihn umbringen könnte!“ Katerina Iwanowna wies schadenfroh und gehässig auf diesen einen Satz hin. Oh, man sah es, daß sie sich in alle Einzelheiten dieses verhängnisvollen Briefes hineingelesen und jedes Wort in ihm studiert hatte. „Wenn er nicht betrunken gewesen wäre, so hätte er ihn nicht geschrieben, doch lesen Sie nur, alles hat er in ihm schon im voraus angegeben, alles, ganz genau, wie er es später auch wirklich ausgeführt hat, das ist das ganze Programm!“
So brachte sie, außer sich, alle ihre Anklagen vor, und jetzt verachtete sie bereits alle Folgen, die sich daraus ergeben mußten, obgleich sie dieselben schon einen ganzen Monat vorausgesehen hatte. Denn schon lange hatte sie, bebend vor Rachegefühlen, darüber nachgedacht, ob sie diesen Brief nicht vor Gericht laut vorlesen sollte? Nun stürzte sie sich ohne Bedenken „kopfüber hinab“. Der Brief wurde dann laut vorgelesen, vom Sekretär, glaube ich, und machte einen erschütternden Eindruck. Man wandte sich an Mitjä mit der Frage, ob er diesen Brief anerkenne.
„Es ist mein Brief, mein Brief!“ rief Mitjä aus. „Wenn ich nicht betrunken gewesen wäre, so hätte ich ihn nicht geschrieben! ... Aus vielen Gründen haben wir uns gegenseitig gehaßt, Katjä, aber ich schwöre es, ich schwöre es, ich habe dich auch hassend geliebt, du aber hast mich – niemals geliebt!“
Er fiel auf seinen Platz zurück und ballte die Hände in der Verzweiflung. Der Staatsanwalt und der Verteidiger begannen ein Kreuzverhör, hauptsächlich über die eine Frage, was sie dazu bewogen hatte, dieses Dokument zu verschweigen und zuerst in einem ganz anderen Sinne und Ton auszusagen.
„Ja, ja, ich habe alles gelogen, ich habe gegen meine Ehre und mein Gewissen gelogen, aber ich wollte ihn retten, gerade darum wollte ich das, weil er mich haßt und verachtet!“ rief Katjä wie eine Wahnsinnige aus. „Oh, er hat mich tief verachtet, er hat mich immer verachtet, und, wissen Sie, wissen Sie, – er hat mich von dem Augenblick an verachtet, als ich ihm damals für das Geld zu Füßen fiel. Das habe ich wohl bemerkt ... Ich habe es damals sofort gefühlt, doch wollte ich es immer nicht glauben. Wie oft habe ich in seinen Augen gelesen: ‚Immerhin bist du damals selbst zu mir gekommen.‘ Oh, er hat es nie verstanden, nie hat er verstanden, warum ich damals zu ihm gelaufen war, er ist nur fähig, mich einer Niedrigkeit zu verdächtigen! Er beurteilt alle nach sich, er denkt, daß alle so niedrig sind wie er,“ knirschte Katjä jähzornig und schon ganz außer sich. „Heiraten aber wollte er mich nur darum, weil ich die Erbschaft machte, nur darum, darum! Ich habe es immer gewußt, daß er es nur darum wollte! Oh, dieses Tier! Er war überzeugt, daß ich dieser Schande wegen ewig vor ihm zittern würde, und daß er mich darum ewig verachten und über mich herrschen könnte – das war es, warum er mich heiraten wollte! So ist es, so ist es! Ich versuchte, ihn mit meiner Liebe zu besiegen, mit einer endlosen, grenzenlosen Liebe, sogar seinen Verrat an mir wollte ich ertragen, doch er verstand das alles nicht, nichts verstand er davon. Ja, kann er denn überhaupt etwas verstehen! Das ist doch ein Ungeheuer, ein Auswurf der Menschheit! Diesen Brief brachte man mir am folgenden Tage erst gegen Abend, und noch am Morgen, am Morgen desselben Tages wollte ich ihm alles verzeihen, alles, sogar seinen Treubruch!“
Der Vorsitzende und der Staatsanwalt beruhigten sie natürlich. Ich bin überzeugt, es war ihnen selbst unangenehm, ihre Aufregung so auszunutzen und diesen Bekenntnissen zuzuhören. Ich weiß noch, wie sie zu ihr sagten: „Wir verstehen Sie, glauben Sie uns, wir fühlen Ihnen nach, wie schwer es Ihnen sein muß,“ usw. usw., aber nichtsdestoweniger wurden noch weitere Aussagen diesem hysterischen und wahnsinnigen Weibe entlockt. Sie erzählte zuletzt mit außerordentlicher Klarheit – die sich in solchen überspannten Augenblicken zuweilen, wenn auch nur vorübergehend plötzlich einstellt –, daß Iwan Fedorowitsch in diesen zwei Monaten darüber fast seinen Verstand verloren habe, wie er „dieses Ungeheuers, diesen Mörder“, seinen Bruder, retten könnte.
„Er quälte sich maßlos,“ rief sie aus, „er wollte dessen Schuld vermindern, indem er mir eingestand, er selbst hätte seinen Vater nicht geliebt und vielleicht sogar seinen Tod gewünscht. Oh, er hat ein tiefes, abgrundtiefes Gewissen! Und wie hat er sich mit diesem Gewissen gequält! Er hat mir alles aufgedeckt, alles! Täglich kam er zu mir und sprach mit mir darüber, wie mit seinem einzigen Freunde. Ich habe die Ehre, sein einziger Freund zu sein!“ rief sie plötzlich aus, und ihre Augen blitzten, als hätte sie jemanden herausgefordert. „Er ist zweimal bei Ssmerdjäkoff gewesen. Eines Tages aber kam er zu mir und sagte: wenn nicht der Bruder, sondern Ssmerdjäkoff den Vater erschlagen hat (denn man hatte doch die Fabel verbreitet, Ssmerdjäkoff sei der Mörder), so bin auch ich vielleicht schuld daran, denn Ssmerdjäkoff wußte, daß ich den Vater nicht liebte, und kann sich daher eingebildet haben, auch ich wünschte den Tod des Vaters. Da nahm ich diesen Brief und zeigte ihn ihm, und er überzeugte sich, daß sein Bruder den Vater erschlagen hatte, und das schien ihn ganz niederzuschmettern. Er konnte es nicht ertragen, daß sein leiblicher Bruder – ein Vatermörder sein sollte! Noch vor einer Woche bemerkte ich, daß er von allen diesen Qualen krank geworden war. In den letzten Tagen, wenn er bei mir war, redete er irre. Ich sah es, wie der Wahnsinn sich bei ihm vorbereitete. Er ging umher und phantasierte, das hat man ihm sogar auf der Straße angesehen. Der angereiste Doktor hat ihn vor drei Tagen auf meine Bitte hin untersucht und mir darauf gesagt, daß er einem gefährlichen Nervenfieber entgegengehe, und das alles durch ihn, durch dieses Ungeheuer! Gestern aber hat er erfahren, daß Ssmerdjäkoff gestorben ist – und das hat ihn so erschüttert, daß er wahnsinnig geworden ist ... und alles wegen dieses Ungeheuers, alles, nur um dieses Ungeheuer zu retten!“
Oh, versteht sich, so sprechen und alles so bekennen, das kann man nur einmal im Leben – vor dem Tode vielleicht, oder wenn man das Schafott schon bestiegen hat. Doch auch Katjä befand sich in diesen Minuten in einer ähnlichen Stimmung. Das war allerdings dieselbe Katjä, die damals zu dem jungen Wüstling gegangen war, um ihren Vater zu retten, dieselbe Katjä, die soeben noch vor dem ganzen Publikum stolz und keusch ihre Mädchenehre zum Opfer gebracht und von der edelmütigen Handlung Mitjäs erzählt hatte, einzig und allein, um das Schicksal, das ihn erwartete, auch nur um ein geringes zu erleichtern. Und ebenso brachte sie sich auch jetzt selbst zum Opfer, diesmal aber für einen anderen, und vielleicht wurde sie sich erst in diesem Augenblick zum erstenmal dessen bewußt, wie teuer ihr dieser andere war! Sie opferte sich aus Angst um ihn, weil sie sich plötzlich einbildete, er hätte sich zugrunde gerichtet, mit der Aussage, daß er der Mörder sei und nicht der Bruder, – sie opferte sich, um ihn zu retten, seinen Namen, seinen Ruf! Indessen war ein verhängnisvoller Zweifel aufgetaucht: hatte sie nun das über Mitjä Ausgesagte erlogen – alles das über ihre früheren Beziehungen zu ihm? Nein, nein, sie hatte ihn nicht etwa absichtlich verleumdet, als sie ausrief, Mitjä verachte sie – wegen ihrer Verbeugung bis zur Erde! Sie glaubte selbst daran, sie war fest davon überzeugt, vielleicht schon von dem Augenblick ihrer Verbeugung an, daß der treuherzige Mitjä, der sie anbetete, im Inneren über sie lache und sie verachte. Und nur aus Stolz hatte sie sich damals mit ihm verlobt, in hysterischer und plötzlich auflodernder Liebe, die jedoch mehr einem Hasse glich, als einer Liebe. Oh, vielleicht hätte sich diese krampfhafte Liebe in eine wirkliche, große Liebe verwandelt: Katjä hatte ja nichts so sehr als das gewünscht! Doch jetzt hatte Mitjä sie bis in ihre tiefste Seele durch seinen Treubruch beleidigt, ihre Seele aber verstand nicht, zu verzeihen. Der Augenblick der Rache kam für sie so unerwartet, und alles, was sich solange schon und so schmerzhaft in dem beleidigten Mädchen angesammelt hatte, brach jetzt mit einemmal und ganz unerwartet aus ihr hervor. Sie gab Mitjä preis, aber zugleich gab sie auch sich selbst preis! Und versteht sich, kaum war ihr gelungen, endlich sich auszusprechen, als die Spannung auch schon nachließ, und die Scham sie überwältigte. Wieder bekam sie einen Anfall: sie fiel schluchzend und aufschreiend hin. Man trug sie hinaus. In demselben Augenblick aber, als man sie hinaustrug, stürzte Gruschenka mit einem Aufschrei zu Mitjä, so unerwartet und so schnell, daß sie niemand mehr zurückhalten konnte.
„Mitjä!“ schrie sie, „Mitjä, sieh, jetzt hat dich deine Schlange zugrunde gerichtet! Jetzt hat sie euch allen ihr wahres Gesicht gezeigt!“ schrie sie zitternd vor Wut dem Gerichtshof zu.
Auf einen Wink des Vorsitzenden ergriff man sie, um sie aus dem Saal hinauszuführen. Doch sie wollte sich nicht ergeben, sie schlug um sich und wollte zu Mitjä stürzen. Und Mitjä sprang mit einem Schrei auf und wollte gleichfalls zu ihr hin. Sie wurden beide überwältigt.
Ich denke, unsere Zuschauer, besonders die Damen, müssen befriedigt gewesen sein: das Schauspiel war reichhaltig und aufregend genug. Darauf, erinnere ich mich, trat der Moskauer Doktor ein. Ich glaube, der Vorsitzende hatte schon früher den Gerichtsvollstrecker zu ihm hinausgeschickt, damit Iwan Fedorowitsch Hilfe geleistet werde. Der Doktor meldete dem Gericht, daß Iwan Karamasoff an einem Nervenfieber gefährlich erkrankt sei und man ihn unverzüglich fortschaffen müsse. Auf die Fragen des Staatsanwalts und des Verteidigers sagte er aus, daß der Patient vor drei Tagen selbst zu ihm gekommen sei, und daß er ihm damals den nahe bevorstehenden Ausbruch eines Nervenfiebers vorausgesagt habe, doch habe der Patient nichts für sich tun wollen. „Er war schon damals nicht mehr ganz bei gesunder Vernunft und gestand mir selbst, daß er Halluzinationen habe, verschiedenen Personen, die schon gestorben seien, auf der Straße begegne, und daß zu ihm jeden Abend der Satan zu Gaste komme,“ schloß der Doktor. Nach diesem Bericht entfernte sich der berühmte Arzt. Der Brief, den Katerina Iwanowna vorgezeigt hatte, kam zu den übrigen Sachbeweisen. Nach einer kurzen Beratung beschloß der Gerichtshof, die gerichtliche Verhandlung fortzuführen, die beiden unerwarteten Aussagen Katerina Iwanownas und Iwan Fedorowitschs aber zu Protokoll zu nehmen.
Ich werde den weiteren Verlauf der Gerichtsverhandlungen nicht ausführlich beschreiben, denn die Aussagen der übrigen Zeugen waren nur Wiederholungen oder Bestätigungen der vorangegangenen, abgesehen von einzelnen Merkwürdigkeiten. Doch, ich wiederhole es, alles Wichtige ist in der Rede des Staatsanwalts, die ich jetzt sofort wiedergeben werde, übersichtlich zusammengefaßt. Alle waren durch die letzte Katastrophe erregt und wie elektrisiert und warteten mit brennender Ungeduld auf die Lösung, auf die Auseinandersetzung der Parteien und auf das Urteil. Fetjukowitsch war durch die Aussagen Katerina Iwanownas ersichtlich sehr erschüttert. Um so mehr triumphierte der Staatsanwalt. Als die Gerichtsverhandlung beendet war, wurde eine Unterbrechung der Sitzung angesagt, dieselbe dauerte fast eine Stunde. Schließlich eröffnete der Vorsitzende die Plaidoyers. Es war, glaube ich, gerade acht Uhr abends, als unser Staatsanwalt, Hippolyt Kirillowitsch, seine Anklagerede begann.
VI. Die Rede des Staatsanwalts. Die Charakteristik
Als Hippolyt Kirillowitsch seine Rede begann, zitterte er am ganzen Körper. Kalter, krankhafter Schweiß trat auf seiner Stirn und an den Schläfen hervor, und er fühlte, wie ihn Frostschauer und Hitze abwechselnd überkamen. So erzählte er später selbst. Er hielt diese Rede für sein Chef-dœuvre, für das Chef-d’œuvre seines ganzen Lebens. Neun Monate darauf starb er an der galoppierenden Schwindsucht. So hatte er denn so unrecht nicht, wenn er diese Rede mit dem letzten Schwanengesang verglich, denn er fühlte schon damals sein Ende voraus. In diese Rede legte er sein ganzes Herz hinein und alles, was er an Verstand und Geist besaß. Zugleich bewies er damit ganz unerwarteterweise, daß er nicht nur alle Gefühle eines guten Staatsbürgers in sich getragen, sondern sich auch mit unseren „verdammten“ Fragen – wenigstens insoweit sie an unseren armen Hippolyt Kirillowitsch im Leben und in der Praxis herangetreten waren – beschäftigt hatte. Doch den größten Eindruck machten seine Worte dadurch, daß sie aufrichtig waren: er selbst war von der Schuld des Angeklagten überzeugt. Nicht auf Befehl, nicht weil ihn seine Stellung dazu zwang, klagte er ihn an. Nein, als er zur „Sühne“ aufrief, sah man ihm an, daß ihn der Wunsch, „die Gesellschaft zu retten“, erbeben machte. Selbst unser Damenpublikum, das doch schließlich Hippolyt Kirillowitsch feindlich gesinnt war, gab zu, einen außerordentlichen Eindruck davongetragen zu haben. Er begann mit einer schrillen, fortwährend gleichsam abreißenden Stimme, doch bald erstarkte sie und klang dann über den ganzen Saal hin, und so blieb sie bis zum Schluß der Rede. Als er aber seine Rede beendet hatte, war er einer Ohnmacht nahe.
„Meine Herren Geschworenen,“ begann der Ankläger, „die Kunde von der Tat, über die hier Gericht gehalten werden soll, ist wie Donnerschall durch ganz Rußland gezogen. Aber worüber, fragt es sich, ist man denn so erstaunt, weswegen braucht man sich denn so besonders zu entsetzen? Und noch dazu wir, gerade wir? Wir sind doch so gewöhnt an alles! Aber gerade darin liegt ja unser Entsetzen, daß solche dunkle Taten für uns fast aufgehört haben, furchtbar zu sein! Das ist der Grund, warum man sich entsetzen muß: daß wir uns an solche Taten schon gewöhnt haben – und nicht wegen eines einzelnen Verbrechens des einen oder anderen Individuums! Wo liegen nun die Gründe, die Ursachen unserer Gleichgültigkeit, unseres lauwarmen Verhaltens zu solchen Taten, zu solchen Kennzeichen der Zeit, die uns eine wahrlich nicht beneidenswerte Zukunft ankünden? Liegen sie etwa in unserem Zynismus oder in der frühzeitigen Erschöpfung des Geistes und der Vorstellungskraft unserer noch so jungen, doch dafür so frühzeitig gebrechlich gewordenen Gesellschaft? Oder liegen sie in unseren schwer erschütterten sittlichen Grundlagen, oder schließlich darin, daß es diese sittlichen Grundlagen vielleicht überhaupt nicht gibt? Ich will darüber nicht entscheiden, doch nichtsdestoweniger sind diese Fragen qualvoll, und jeder Bürger muß nicht nur, sondern ist sogar verpflichtet, unter ihnen zu leiden. Unsere Presse ist ja allerdings noch etwas zaghaft, aber sie hat doch schon der Gesellschaft gewisse Dienste geleistet, denn niemals hätten wir ohne sie eine einigermaßen zutreffende Kenntnis erlangt von jenen Schrecken des zügellosen Willens und der sittlichen Gesunkenheit, die sie ununterbrochen in ihren Spalten Allen kundtut, – nicht nur den Wenigen, die die Säle des neuen öffentlichen, uns von der gegenwärtigen Regierung geschenkten Gerichts besuchen. Und was lesen wir jetzt fast täglich? Oh, von Dingen, vor denen selbst diese uns jetzt vorliegende Tat erbleicht und fast zu etwas ganz Gewöhnlichem wird. Doch das Wichtigste dabei ist, daß die Mehrzahl unserer russischen, unserer nationalen Kriminalsachen gerade von etwas ganz Allgemeinem Zeugnis ablegt, von einem gewissen allgemeinen Übel, das mit uns verwachsen ist, und von dem uns zu heilen sehr schwer ist, da es eben als allgemeines Übel auftritt. Da haben wir einen jungen glänzenden Offizier aus der höheren Gesellschaft, der kaum erst sein Leben und seine Laufbahn begonnen hat. Und dieser Aristokrat geht hin und ermordet heimlich, gemein, ohne die geringsten Gewissensskrupel, einen kleinen Beamten, der teilweise sein Wohltäter gewesen war, ermordet auch dessen Dienstmagd, um sein Schulddokument und mit diesem zusammen noch das übrige bißchen Geld des kleinen Beamten zu rauben! ‚Das Sümmchen ist doch immerhin nicht zu verachten, es wird mir schon bei meinen Lebemannvergnügungen zustatten kommen oder bei meiner ferneren Laufbahn.‘ Und nachdem er sie beide erdrosselt hat, schiebt er jeder Leiche noch ein Kissen unter den Kopf und macht sich dann davon. Da haben wir einen jungen Helden, der mit Ehrenzeichen für Tapferkeit behangen ist und räuberisch auf der Landstraße die Mutter seines Anführers und Wohltäters ermordet. Indem er seine Helfershelfer zur Mitwirkung überredet, gesteht er noch selbst, daß diese Frau ihn wie einen leiblichen Sohn liebe und daher, wenn sie mit ihm reist, allen seinen Ratschlägen folgen und keine Vorsichtsmaßregeln ergreifen werde. Mag das ein Ungeheuer sein – ich wage jetzt, in unserer Zeit, nicht mehr zu sagen, daß jener ein vereinzelt dastehendes Ungeheuer sei. Ein anderer wird vielleicht nicht ermorden, denkt und fühlt aber ganz so wie jener, ist in seiner Seele ebenso verbrecherisch wie jener. In der Stille, wenn er mit seinem Gewissen allein ist, fragt vielleicht auch er sich: ‚Ja, was ist denn nun die Ehre, und ist Blut nicht nur ein Vorurteil?‘ Vielleicht wird man von mir sagen, ich sei ein kranker, ein hysterischer Mensch, ich verleumde und übertreibe maßlos, ich phantasiere. Mag sein, schön ... Gott, ich wäre der erste, der sich darüber freute, wie gern würde ich das alles sein wollen! Oh, glauben Sie mir meinetwegen nicht, halten Sie mich für einen Kranken, aber behalten Sie nur meine Worte: selbst wenn nur ein Zehntel, nur ein Zwanzigstel meiner Worte wahr ist, – so ist es schon furchtbar! Sehen Sie doch nur, meine Damen und Herren, sehen Sie doch nur, wie die heranwachsende Jugend sich bei uns erschießt – und das geschieht ohne die geringste Hamletfrage nach dem, was dort sein wird, ohne das geringste Anzeichen eines Vorhandenseins solcher Fragen, als wäre dieses Kapitel über unseren Geist und über alles, was uns nach dem Grabe erwartet, schon längst aus ihrer Natur getilgt, als wäre es schon längst begraben und mit Sand zugeschüttet. Und nehmen Sie jetzt unsere Sittenverderbnis, unsere Wollüstlinge. Fedor Pawlowitsch, das unglückliche Opfer des vorliegenden Prozesses, ist ja im Vergleich mit manchen von ihnen fast ein unschuldiges Kindlein, wir aber kannten ihn doch alle, er – ‚lebte doch unter uns‘! ... Ja, mit der Psychologie des russischen Verbrechens werden sich einmal vielleicht die hervorragendsten Geister beschäftigen, sowohl unsere als die europäischen, denn wahrlich, das Thema ist es wert. Doch diese Studien werden erst später einmal gemacht werden, dereinst, wenn die Muße dazu vorhanden und diese ganze tragische Abgeschmacktheit des gegenwärtigen Augenblicks in einen entfernteren Hintergrund zurückgetreten ist, so daß man sie klarer und leidenschaftsloser wird betrachten können, als z. B. Leute, wie ich, dies zu tun vermögen. Jetzt jedoch sind wir entweder entsetzt oder wir tun, als wenn wir entsetzt wären, im Grunde aber kosten wir mit Hochgenuß das Schauspiel, wie eben Liebhaber starker, exzentrischer Empfindungen, die in unseren zynisch-faulen Müßiggang etwas Bewegung bringen, oder schließlich, wir scheuchen die Gespenster wie kleine Kinder mit den Händen von uns fort und pressen den Kopf ins Kissen, bis die furchtbare Erscheinung vergeht, um sie darauf sofort in Heiterkeit und Spielen zu vergessen. Aber irgend einmal müssen doch auch wir unser Leben nüchtern und denkend beginnen, auch wir müssen einmal einen Blick auf uns, als auf eine Gesellschaft, werfen, auch wir müssen doch wenigstens etwas über unser gesellschaftliches Leben nachdenken, wir müssen uns doch etwas unter ihm denken oder auch nur mit dem Nachdenken beginnen. Unser großer Schriftsteller[30] der vergangenen Epoche ruft zum Schluß seines größten Werkes aus, wo er ganz Rußland mit einer Troika, die zu einem unbekannten Ziele jagt, vergleicht: ‚Ach Troika, wilde Troika, wer hat dich erdacht!‘ – und in stolzer Begeisterung fügt er noch hinzu, daß vor der jagenden Troika alle Völker ehrerbietig ausweichen werden. Schön, mag das so sein, mögen sie ausweichen, ehrerbietig oder nicht, doch meinem sündigen Blick will scheinen, daß der geniale Künstler diesen Schluß entweder in einem Anfall kindlich unschuldiger Schönträumerei geschrieben hat oder einfach aus Furcht vor der Zensur. Denn wenn man in seine Troika nur seine Helden einspannen wollte, seine Ssobakewitschs, Nosdreffs und Tschitschikoffs, so würde man mit diesen Trabern nicht weit kommen, wen immer man auch als Lenker in den Schlitten setzen wollte! Und das sind noch Traber von damals, die noch lange nicht an unsere jetzigen heranreichen. Jetzt ist man gewandter ...“
Hier wurde die Rede Hippolyt Kirillowitschs durch Applaus unterbrochen. Der Liberalismus in der Auslegung der Troika hatte gefallen. Zwar wurde nur hier und da vereinzelt ein paarmal in die Hände geklatscht, so daß selbst der Vorsitzende es nicht für nötig fand, sich mit der Drohung, den Saal räumen zu lassen, an das Publikum zu wenden, und sich nur mit einem strengen Blick auf die Ruhestörer begnügte. Doch für Hippolyt Kirillowitsch war es eine Ermunterung: bis jetzt hatte man ihm noch niemals applaudiert! So viele Jahre hatte man ihn nicht hören wollen, und da war plötzlich die Möglichkeit gegeben, zu ganz Rußland zu sprechen!
„In der Tat,“ fuhr er fort, „was ist nun diese Familie der Karamasoffs, die plötzlich eine so traurige Berühmtheit erlangt hat, sogar bis in die fernsten Gegenden Rußlands? Vielleicht übertreibe ich, aber es will mir scheinen, daß in dem Bilde dieser kleinen Familie einige allgemeine Grundelemente unserer gegenwärtigen intelligenten Gesellschaft gleichsam flüchtig festgehalten sind, – oh, nicht alle Elemente, und selbst die flüchtig darin auftauchenden erscheinen nur in mikroskopischer Gestalt, ‚wie die Sonne in einem kleinen Tropfen Wassers‘, aber es spiegelt sich doch etwas darin wieder, es spricht sich doch etwas darin aus. Nehmen wir zuerst diesen unglücklichen, zügellosen und verderbten Alten, diesen ‚Familienvater‘, der ein so trauriges Ende gefunden hat. Von Geburt ist er ein Edelmann; seine Laufbahn beginnt er als mittelloser junger Mann, der bei gastfreundlichen Bekannten sein Leben fristet. Darauf erwischt er durch die plötzliche, unerwartete Heirat ein kleines Kapital, nämlich die Mitgift seiner Frau, und entpuppt sich als geriebener Geschäftsmann, ist aber dabei ein schmeichlerischer Hausnarr mit einem Keim geistiger Begabungen, die übrigens nicht schwach waren. Vor allem aber wird er ein Wucherer. Mit den Jahren, d. h. mit dem Anwachsen des Kapitals, wird er mutiger und stolzer. Die Unterwürfigkeit und das Sicheinschmeichelnwollen verschwinden, es bleibt nur ein spöttischer, boshafter Zyniker und Wollüstling in ihm übrig. Die geistige Seite ist ganz und gar getilgt, die Lebensgier aber ist ungeheuerlich geworden. Das ganze Leben reduziert sich für ihn darauf, daß er in ihm nichts anderes mehr sieht und sucht als Lüstlingsgenüsse. Und sie lehrt er auch seinen Kindern. Von irgendwelchen geistigen Vaterpflichten sehen wir nichts. Er lacht über sie, läßt seine kleinen Kinder auf dem Hinterhof erziehen und ist froh, wenn man kommt und sie ihm fortnimmt. Er vergißt sie vollständig. Alle sittlichen oder vielmehr unsittlichen Grundsätze des Alten laufen darauf hinaus: après moi le déluge. Er ist der Typ alles dessen, was dem Begriffe, den wir von einem Staatsbürger haben, entgegengesetzt ist, die ausgesprochenste Ausscheidung, die krasseste und sogar feindlichste Absonderung von der Gesellschaft: ‚Mag meinetwegen die ganze Welt in Flammen aufgehen, wenn nur ich es gut habe.‘ Und er hat es gut, er ist vollkommen zufrieden, er will noch mit Vergnügen so weiterleben, zwanzig Jahre, dreißig Jahre! Er betrügt seinen leiblichen Sohn um dessen Geld, um das Erbteil seiner Mutter, und mit diesem Gelde, das er dem Sohne nicht auszahlt, will er ihm, seinem leiblichen Sohne, die Geliebte abspenstig machen! Nein, ich will die Verteidigung des Angeklagten nicht dem hochtalentvollen Herrn Verteidiger abtreten. Auch ich werde die Wahrheit sagen, auch ich begreife, wie groß der Zorn gewesen sein muß, den der Vater im Herzen seines Sohnes aufgehäuft hat. Doch genug, genug von diesem Vater, er hat seine Strafe erhalten. Vergessen wir nur nicht, daß das ein Vater war, und zwar einer von den zeitgenössischen Vätern. Oder betrüge ich vielleicht die Gesellschaft, wenn ich sage, daß er einer von – sogar vielen zeitgenössischen Vätern war? Leider nicht! Viele von den zeitgenössischen Vätern drücken sich nur nicht so zynisch aus, wie jener tat, denn sie sind wohlerzogener, gebildeter, im geheimsten Innern aber huldigen sie fast alle – ‚derselben Philosophie‘. Doch schön, mag ich ein Pessimist sein, meinetwegen. Wir sind doch schon übereingekommen, daß Sie mir dies verzeihen werden. Wir können also im voraus abmachen: Sie werden mir nicht glauben, und ich werde reden ... Doch abgesehen davon, erlauben Sie mir, daß ich mich ausspreche, vielleicht werden Sie einige meiner Worte behalten. Da haben wir nun die Kinder dieses Alten, dieses Familienvaters: der eine ist vor uns auf der Anklagebank, von ihm wird später die Rede sein; der anderen will ich nur flüchtig Erwähnung tun. Von diesen anderen ist der ältere einer der zeitgenössischen jungen Männer mit glänzender Bildung und einem recht starken Verstande, der aber an nichts mehr glaubt, der schon vieles, gar zu vieles über Bord geworfen und aus dem Leben ausgestrichen hat, ganz genau so, wie es auch sein Vater getan. Wir alle haben ihn gehört, unsere Gesellschaft hat ihn freundlich aufgenommen. Seine Meinungen hat er nicht verheimlicht, im Gegenteil, sogar ganz im Gegenteil, weswegen ich denn auch jetzt wage, ein wenig aufrichtig über ihn zu sprechen – doch natürlich nicht über ihn als Privatperson, sondern nur über ihn als Familienglied der Karamasoffs. Gestern endete hier, an der Peripherie der Stadt, durch Selbstmord ein kränklicher Idiot, der gewesene Diener und vielleicht der illegitime Sohn Fedor Pawlowitschs: Ssmerdjäkoff. Er hat mir in der Voruntersuchung unter hysterischen Tränen erzählt, wie dieser junge Karamasoff, Iwan Fedorowitsch, ihn durch seine geistige Haltlosigkeit entsetzt habe: ‚Alles ist ihrer Meinung nach erlaubt,‘ sagte der Arme zitternd, ‚alles, was es in der Welt nur gibt, und nichts darf hinfort mehr verboten sein, – das haben sie mir die ganze Zeit über gesagt und gelehrt.‘ Es scheint, daß der Idiot über dieser These endgültig den Verstand verloren hat, obgleich natürlich auch seine Fallsucht und diese ganz schreckliche Katastrophe, die über das Haus hereingebrochen ist, das Ihrige zu seiner Geisteszerrüttung beigetragen haben werden. Trotzdem hat dieser Idiot eine äußerst, äußerst interessante Bemerkung gemacht, die auch einem klügeren Beobachter, als er sein konnte, Ehre gemacht hätte, und eigentlich habe ich nur wegen dieser Bemerkung seiner erwähnt. ‚Wenn es einen von den Söhnen gibt,‘ sagte er mir wortwörtlich, ‚der am meisten Fedor Pawlowitsch dem Charakter nach gleicht, so sind gerade Sie es, Iwan Fedorowitsch.‘ Mit dieser Bemerkung breche ich die begonnene Charakteristik ab, da ich eine Fortsetzung derselben nach dem Gesagten für unzart halten würde. Oh, ich will keine weiteren Schlüsse ziehen und seinem jungen Leben nur Unheil verkünden, wie ein pessimistischer Unglücksrabe. Wir alle haben heute hier in diesem Saal gesehen, daß noch eine unmittelbare Kraft der Wahrheit in seinem jungen Herzen lebt, daß das Gefühl der Familienbande noch nicht durch Unglauben erstickt ist, oder durch sittlichen Zynismus, den er mehr durch Erbschaft erlangt haben mag als durch die eigene Gedankenverirrung. Und nun der andere Sohn. Oh, das ist noch ein Jüngling, ein gottesfürchtiger und demütiger, der, im Gegensatz zur finsteren, zerstörenden Weltanschauung seines Bruders, sucht, sozusagen in den ‚Grundlagen des Volkes‘ Fuß zu fassen, oder in dem, was bei uns mit diesem wohlweisen Ausdruck in gewissen theoretischen Winkeln unserer denkenden Intelligenz so genannt wird. Er, ja sehen Sie mal, er hat sich ans Kloster gehangen: viel fehlte nicht, und er hätte sich scheren lassen, wäre Mönch geworden. In ihm hat sich, wie mir scheinen will, gleichsam unbewußt schon früh jene zaghafte Verzweiflung ausgedrückt, in der sich heutzutage so viele in unserer Gesellschaft – da sie sich vor deren Zynismus und Verderbnis fürchten und dieses ganze Übel der europäischen Aufklärung zuschreiben – an den ‚Heimatboden‘, wie sie sagen, anschmiegen. Das heißt also, daß sie sich in die mütterlichen Arme des Heimatbodens flüchten. Sie sind wie Kinder, die von Gespenstern geschreckt werden, und die es dann an der verdorrten Brust der geschwächten Mutter schließlich nur noch danach verlangt, ruhig einschlafen zu können und womöglich das ganze Leben zu verschlafen, nur um nicht mehr die sie schreckenden Erscheinungen sehen zu müssen. Meinerseits wünsche ich dem guten, begabten Jüngling das Beste, wünsche ihm vor allem, daß seine jugendliche Seelenschönheit und sein Streben zu dem sogenannten Volksboden sich fernerhin nicht, wie es so oft geschieht, von der sittlichen Seite her in einen finsteren Mystizismus und von der staatsbürgerlichen in einen stumpfen Chauvinismus verwandle, – zwei Eigenschaften, die die Nation vielleicht mit noch größerem Unheil bedrohen, als es selbst die frühe Zersetzung durch eine falsch verstandene und umsonst erworbene europäische Aufklärung ist, an der sein älterer Bruder leidet.“
Für den Chauvinismus und Mystizismus wurde wieder ein paarmal in die Hände geklatscht. Hippolyt Kirillowitsch hatte sich natürlich hinreißen lassen. Im Grunde hatte das alles wenig mit der Sache zu tun, ganz abgesehen davon, daß es ziemlich unklar war. Doch der arme schwindsüchtige und verbitterte Mensch wollte sich gar zu gern wenigstens einmal im Leben aussprechen. Später meinte man bei uns, daß er sich bei der Charakterisierung Iwan Fedorowitschs von einem sogar unfeinen Gefühl habe leiten lassen, da jener ihn zwei- oder dreimal in der Gesellschaft gelegentlich eines Disputs festgelegt hatte, und Hippolyt Kirillowitsch in Erinnerung dessen die Gelegenheit benutzt habe, um sich dafür zu rächen. Ich weiß nicht, ob man recht hatte, wenn man das annahm. Jedenfalls war dies erst die Einleitung der Rede. Späterhin sprach er sachlicher.
„Und nun ist da der dritte Sohn dieses zeitgenössischen Familienvaters,“ fuhr Hippolyt Kirillowitsch fort, „er sitzt vor uns auf der Anklagebank. Vor uns liegen seine Taten, sein Leben und sein Charakter: die Zeit kam und alles rollte sich auf, alles wurde offenbar. Im Gegensatz zum ‚Europäismus‘ und dem ‚Volklichen‘ seiner Brüder, stellt er gleichsam das unmittelbare Rußland dar, – oh, nicht das ganze, nicht das ganze, und Gott bewahre uns davor, daß es das ganze sei! Und doch – hier ist es, unser Rußland, hier fühlt und hört man unser Mütterchen. Oh, wir sind ja so unmittelbar, wir sind zugleich gut und böse, in wundernehmender Mischung, wir sind Verehrer Schillers und der Aufklärung, und zu gleicher Zeit toben wir in Gasthäusern umher und reißen unseren trunkenen Zechkumpanen die Bärte aus. Oh, wir pflegen auch sonst gut und edel zu sein, nicht nur dann allein, wenn wir es selbst gut haben. Im Gegenteil, wir lassen uns sogar leidenschaftlich – gerade leidenschaftlich – für die edelsten Ideale begeistern, doch nur unter der Bedingung, daß sie sich ohne unser Dazutun erreichen lassen, daß sie von selbst vor uns auf den Tisch fallen, meinetwegen gleich vom Himmel herab, und die Hauptsache: daß es umsonst, umsonst geschehe, daß wir nichts dafür zu zahlen brauchen. Zu zahlen lieben wir ganz und gar nicht, dafür aber lieben wir sehr, zu bekommen, – in jeder Beziehung. Oh, gebt, gebt uns alle möglichen Lebensgüter – unbedingt alle möglichen, unter dem tun wir es nicht – und vor allem, setzt unserem Temperament nichts in den Weg, in keiner Beziehung, dann werden wir beweisen, daß auch wir gut und edel sein können! Wir sind nicht habsüchtig, o nein, aber einstweilen, gebt uns nur Geld, mehr, mehr, so viel wie möglich Geld, und ihr werdet sehen, wie großmütig, mit welch einer Verachtung für das verächtliche Metall, wir es in einer einzigen Nacht, während eines zügellosen Gelages, um uns werfen werden. Gibt man uns aber kein Geld, so werden wir zeigen, wie wir es uns zu verschaffen wissen, wenn wir dies nur wollen! Doch davon wird noch später die Rede sein; ich will die Reihenfolge nicht unterbrechen. Ganz zuerst sehen wir einen armen, verlassenen Knaben ‚auf dem Hinterhof ohne Stiefelchen‘, wie sich vorhin unser verehrter Mitbürger, leider ausländischer Herkunft, ausdrückte. Ich sage nochmals, – ich trete niemandem die Verteidigung des Angeklagten ab! Ich bin der Ankläger, ich will auch der Verteidiger sein. Ja, auch wir sind Menschen, auch wir verstehen nachzuempfinden, wie tief und schmerzlich sich ihm die ersten Kindheitseindrücke im Vaterhause einprägen mußten, und wir verstehen nur zu gut, wie diese dann auf seinen Charakter eingewirkt haben. Doch da sehen wir den Knaben schon als Jüngling, als jungen Mann, als Offizier. Für wilde Streiche und für die Herausforderung zum Duell wird er in eine der fernen Grenzstädte unseres gesegneten Rußlands geschickt. Dort dient er, dort lebt er wüst drauflos, und, versteht sich, – ein großes Schiff braucht ein großes Fahrwasser. Wir brauchen Mittel, zuerst und vor allem Mittel, und da kommt es denn nach langem Hin und Her zwischen ihm und dem Vater zur Abmachung, daß ihm die letzten sechstausend Rubel von der Erbschaft ausgezahlt werden sollen, dann aber auch nichts mehr. Er erhält das Geld. Beachten Sie wohl: er stellt ein Dokument aus, und es liegt außerdem noch ein Brief von ihm vor, in dem er sich von dem Rest fast lossagt und mit diesen Sechstausend die Streitigkeiten mit dem Vater wegen der Erbschaft abbricht. Darauf kommt es zu jener Begegnung zwischen ihm und dem jungen Mädchen, dessen edlen Charakter wir alle kennen. Oh, ich unterfange mich nicht, die Einzelheiten zu wiederholen, wir haben sie ja soeben gehört: hierbei handelt es sich um Ehre, um Selbstaufopferung, und ich übergehe das weitere. Die Gestalt des jungen Mannes, der zwar leichtsinnig und verderbt ist, der sich aber trotzdem vor dem wahren Edelmut, vor der höheren Idee beugt, trat außerordentlich sympathisch vor unser geistiges Auge. Doch gleich darauf wurde uns in diesem selben Saale ganz unerwartet die andere Seite gezeigt. Wiederum wage ich nicht, mich auf Vermutungen oder Untersuchungen einzulassen, warum das geschah. Dieselbe Dame, die ihn uns zuerst so sympathisch geschildert hatte, sagt uns unter Tränen lange unterdrückten Unwillens, daß er, gerade er der erste war, der sie wegen ihrer unvorsichtigen, immerhin edelmütigen, immerhin großmütigen Handlung verachtete. Bei ihm, bei dem Verlobten dieses Mädchens, erscheint früher als bei allen anderen jenes spöttische Lächeln, daß sie nur von ihm allein nicht ertragen konnte. Und als sie schon wußte, daß er ihr untreu geworden war, im Herzen ihr schon die Treue gebrochen hatte, als sie schon wußte, daß sie alles von ihm werde hinnehmen müssen, selbst seinen Treubruch – bietet sie ihm absichtlich dreitausend Rubel an und gibt ihm dabei deutlich, nur zu deutlich zu verstehen, daß sie ihm das Geld zur Ausführung des Treubruchs anbietet! ‚Wirst du es annehmen, wirst du so zynisch sein?‘ fragt sie stumm mit ihrem kritischen, prüfenden Blick. Er sieht sie an, begreift ihren Gedanken vollkommen – er hat doch selbst hier vor allen Anwesenden gestanden, daß er alles begriffen habe – und eignet sich einwandlos diese Dreitausend an und verpraßt sie in zwei Tagen mit seiner neuen Geliebten! Woran soll man jetzt glauben? Der ersten Legende – dem Ausbruch hohen Edelmuts, der ihn die letzten Mittel, die ihm noch zum Leben übrig geblieben sind, fortgeben und vor der Tugend sich verbeugen läßt, oder der so widerlichen Kehrseite der Medaille? Gewöhnlich pflegt es im Leben so zu sein, daß man bei zwei Gegensätzen die Wahrheit in der Mitte suchen muß. Im vorliegenden Fall ist es aber nicht so. Am wahrscheinlichsten ist, daß er das erstemal aufrichtig edelmütig und das zweitemal aufrichtig niedrig gehandelt hat. Warum? Weil wir eben weite Naturen sind, Karamasoffsche Naturen – darauf gehe ich ja hinaus – Naturen, sage ich, die fähig sind, alle möglichen Widersprüche in sich zu vereinigen und zu gleicher Zeit beide Abgründe zu erfassen, den Abgrund über uns, den Abgrund der höchsten Ideale, und den Abgrund unter uns, den Abgrund der schändlichsten Gesunkenheit. Erinnern Sie sich, meine Herren, des glänzenden Gedankens, den vorhin ein junger Beobachter aussprach, Herr Rakitin, der tief und eingreifend das Wesen der ganzen Familie der Karamasoffs erfaßt hat: ‚Für diese zügellosen, haltlosen Naturen ist die Empfindung der Niedrigkeit ihrer Gesunkenheit ein ebenso großes Bedürfnis, wie die Empfindung des höheren Edelmuts‘. – Und das ist wahr: gerade dieser widernatürlichen Mischung bedürfen sie jederzeit, zu jeder Stunde. Zwei Abgründe, zwei Abgründe in ein und demselben Augenblick, meine Damen und Herren, ohne diese Gleichzeitigkeit sind wir unglücklich und unbefriedigt, ist unser Leben nicht ausgefüllt. Wir sind weite Naturen, weit wie unser Mütterchen Rußland, wir umfangen alles, wir leben uns mit allem ein! ... Übrigens, meine Herren Geschworenen, wir sind jetzt auf diese Dreitausend zu sprechen gekommen und so will ich bei der Gelegenheit etwas vorgreifen. Können Sie glauben, meine Herren Geschworenen, daß er bei seinem Charakter, damals, als er das Geld erhalten hatte, und dazu noch in dieser Weise, für diese Schande, diese Schmach, diese tiefste Erniedrigung, – können Sie glauben, daß er am selben Tage fähig gewesen sei, wie er sagt, die Hälfte des Geldes in ein Zeug einzunähen und darauf die Charakterfestigkeit zu haben, dieses Geld einen ganzen Monat lang am Halse zu tragen, trotz aller Versuchungen und trotz seiner fatalen Geldverlegenheit? Weder bei wüsten Gelagen im Gasthause, noch selbst in den Stunden, als er die Stadt verlassen mußte, um sich von Gott weiß was für Subjekten dieses notwendige Geld zu verschaffen, – um die Geliebte endlich vor den Versuchungen seines Rivalen, seines alten Vaters, in Sicherheit zu bringen – selbst in diesen Augenblicken will er nicht gewagt haben, das eingenähte Geld anzurühren! Meine Herren, ist das glaubwürdig – bei diesem Charakter? Meiner Meinung nach hätte er schon allein aus dem einen Grunde, um die Geliebte vor den Versuchungen des Alten zu beschützen, sein eingenähtes Geld herausnehmen und selbst in der Stadt bleiben müssen, um sie unausgesetzt bewachen zu können, und um dann, wenn sie ihm zusagt: ‚Ich bin dein‘, unverzüglich mit ihr irgendwohin fortziehen zu können, fort aus diesen verhängnisvollen Verhältnissen. Doch nein, er rührt seinen Talisman nicht an. Und aus welchem Grunde will er dies nicht getan haben? Der erste Grund war, daß er, wenn sie ihm gesagt hätte: ‚Ich bin dein, bring mich fort, wohin du willst‘, daß er dann kein Geld zum Fortbringen gehabt hätte. Doch dieser erste Grund trat, nach den Worten des Angeklagten, weit zurück vor dem zweiten. ‚Solange,‘ sagt er, ‚so lange ich dieses Geld noch an meinem Halse trage – bin ich ein Schuft, aber kein Dieb, denn ich kann dann jederzeit zu meiner von mir beleidigten Braut gehen, kann die Hälfte der betrügerisch von ihr angeeigneten Summe zurückgeben und immer noch sagen: ‚Sieh, ich habe die Hälfte der Dreitausend durchgebracht und damit bewiesen, daß ich ein schwacher und unsittlicher Mensch bin, und, wenn du willst, sogar ein Schuft‘ (ich bediene mich der Worte des Angeklagten selbst), ‚aber wenn ich auch ein Schuft bin, so bin ich doch noch kein Dieb, denn wenn ich ein Dieb wäre, so würde ich dieses übriggebliebene Geld, die Hälfte des Ganzen, nicht zurückgebracht, sondern mir gleichfalls, wie die erste Hälfte, angeeignet haben.‘ Wahrlich – eine sonderbare Erklärung der Tatsache! Dieser Wildeste aller Wilden, dieser Leidenschaftsmensch, der so schwach ist, daß er der Versuchung, die dreitausend Rubel zu nehmen, trotz der ganzen für ihn darin enthaltenen Schmach nicht hat widerstehen können, – dieser selbe Mensch findet plötzlich so viel stoische Festigkeit in sich, daß er dieses notwendige Geld einen ganzen Monat unangetastet mit sich herumträgt! Stimmt das mit dem geschilderten Charakter auch nur ein wenig überein? Nein, und ich erlaube mir darzustellen, wie der wirkliche Dmitrij Karamasoff in solchem Falle gehandelt haben würde, selbst wenn er sich wirklich zum Einnähen der Hälfte entschlossen hätte. Schon bei der ersten Versuchung – sagen wir, um der Liebgewonnenen, mit der er bereits die erste Hälfte verpraßt hat, irgendeine Freude zu bereiten – also schon bei der ersten Versuchung hätte er zunächst, nehmen wir an, nur hundert Rubel von dem eingenähten Gelde abgeteilt, denn: ‚Wozu muß ich genau die Hälfte zurückbringen, warum genau tausendfünfhundert? Tausendvierhundert werden doch ganz dasselbe tun, denn, nicht wahr, dann kann ich doch immer noch sagen: Ich bin vielleicht ein Schuft, aber ich bin kein Dieb, da ich doch immerhin tausendvierhundert Rubel zurückgebracht habe, ein Dieb dagegen alles behalten und nichts zurückbringen würde!‘ Darauf wird er nach einiger Zeit wieder das Säckchen auftrennen und einen zweiten Hundertrubelschein herausnehmen, darauf einen dritten, darauf einen vierten und so weiter, bis er spätestens zu Ende des Monats den vorletzten Schein dem Säckchen entnommen hat, denn, nicht wahr, selbst wenn ich nur noch hundert Rubel zurückbringe, kommt es doch immer noch auf dasselbe hinaus: ‚Ein Schuft bin ich, aber ich bin kein Dieb, denn wenn ich auch zweitausendneunhundert Rubel durchgebracht habe, so bringe ich doch wenigstens das letzte Hundert zurück, ein Dieb aber würde das nicht tun.‘ Und schließlich, wenn er auch dieses vorletzte Hundert durchgebracht hätte, würde er das letzte betrachtet und sich gesagt haben: ‚Weiß Gott, es lohnt sich ja wahrlich nicht, diesen lumpigen Hundertrubelschein noch zurückzubringen! Ach was! – gehen wir auch damit noch mal durch!‘ So würde der wirkliche Dmitrij Karamasoff gehandelt haben, derjenige, den wir kennen! Die Fabel jedoch von dem Säckchen mit dem eingenähten Gelde – steht in solchem Widerspruch zu der Wirklichkeit, wie man ihn größer sich nicht gut denken könnte. Alles könnte man sich schließlich noch vorstellen, das aber nicht. Doch davon wird noch später die Rede sein.“
Darauf führte Hippolyt Kirillowitsch der Reihe nach alles an, was der gerichtlichen Untersuchung über die Vermögensstreitigkeiten zwischen Vater und Sohn bekannt geworden war, und nachdem er nochmals darauf hingewiesen hatte, daß man aus den vorhandenen Daten unmöglich ersehen könne, wer in dieser Angelegenheit den anderen übervorteilt habe, kam Hippolyt Kirillowitsch, bei Erwähnung der bei Mitjä zur „fixen Idee“ gewordenen Dreitausend, auch auf die medizinische Expertise zu sprechen.
VII. Der Überblick
„Die Expertise der Ärzte hat sich bemüht, uns zu beweisen, daß der Angeklagte nicht bei vollem Verstande und von einer fixen Idee besessen gewesen sei. Ich behaupte aber, daß er durchaus bei vollem Verstande war, und gerade das halte ich für das Schlimme in diesem Falle, denn wäre er nicht bei vollem Verstande gewesen, so würde er vielleicht viel klüger gehandelt haben. Was jedoch die Aussage betrifft, daß er von einer fixen Idee besessen gewesen sei, so würde ich mich damit in einem Punkte einverstanden erklären, nämlich in dem, auf den auch die Expertise hinweist, – in der Auffassung, die der Angeklagte von diesen Dreitausend hatte, die der Vater ihm noch schulden sollte. Nichtsdestoweniger kann man vielleicht einen unvergleichlich näherliegenden Gesichtspunkt finden, als es der ist, den Angeklagten als zum Irrsinn neigend sich vorzustellen, wenn man sich die andauernde Aufgebrachtheit des Angeklagten dieses Geldes wegen erklären will. Meinerseits stimme ich vollkommen überein mit der Meinung des jungen Arztes, der sich dahin äußerte, daß der Angeklagte sich voller und normaler Verstandeskraft erfreue und immer erfreut habe, im übrigen aber nur gereizt und erbittert gewesen sei. Und das ist das Wichtigste: Nicht die Dreitausend, nicht diese Summe an sich war der Gegenstand, der Grund der heftigen und andauernden Erbitterung des Angeklagten gegen seinen Vater, hier gab es noch eine andere, eine besondere Ursache, die seinen Zorn erregte. Das war – die Eifersucht!“
Nun begann Hippolyt Kirillowitsch äußerst weitläufig und umständlich das Bild der ganzen verhängnisvollen Leidenschaft des Angeklagten für Gruschenka aufzurollen. Er begann mit jenem Tage, an dem Mitjä sich zu dieser „jungen Person“ begeben hatte, um sie „durchzuprügeln“ – „ich drücke mich mit den Worten des Angeklagten aus,“ fügte er zur Erklärung hinzu –, „doch statt sie durchzuprügeln, ließ er sich zu ihren Füßen nieder – das ist der Anfang dieser Liebe. In derselben Zeit hat auch der Alte, der Vater des Angeklagten, auf dieselbe Person sein Auge geworfen. Das ist nun freilich ein etwas sonderbares Zusammentreffen, denn beide Herzen entbrennen zu gleicher Zeit, während beide diese Person auch früher schon gesehen und gekannt hatten, plötzlich aber entbrennen sie in der unbändigsten, wie gesagt, Karamasoffschen Leidenschaft. Und andererseits haben wir ihre eigene Aussage: ‚Ich machte mich über beide lustig.‘ Ja, sie wollte sich sowohl über den einen als über den anderen lustig machen: Früher hatte sie so etwas nicht gewollt, plötzlich aber fällt ihr diese Idee ein, – und es endet damit, daß beide besiegt ihr zu Füßen fallen. Der Alte, der das Geld wie seinen Gott verehrte, setzt sofort dreitausend Rubel aus, um sie zu verleiten, ihn in seinem Hause zu besuchen, ist aber bald so weit, daß er sich glücklich schätzen würde, ihr seinen Namen und seinen ganzen Wohlstand zu Füßen zu legen, wenn sie nur einwilligte, seine rechtmäßige Frau zu werden. Dafür haben wir die sichersten Beweise. Was nun den Angeklagten betrifft, so liegt ja seine Tragödie auf der Hand. Ja, so wirkte das ‚Spiel‘ der jungen Person. Dem unglücklichen jungen Mann wurde von seiner Zauberin nicht einmal Hoffnung gemacht, denn Hoffnung, wirkliche Hoffnung ward ihm erst im letzten, allerletzten Augenblick zuteil, als er, vor seiner Peinigerin auf den Knien liegend, seine schon von dem Blute des Vaters und Rivalen befleckten Hände zu ihr emporstreckte: genau in dieser Stellung wurde er verhaftet. ‚Mich, mich, schickt mich zusammen mit ihm zu den Zwangsarbeitern, ich habe ihn so weit gebracht, mich trifft von allen die größte Schuld!‘ rief diese Frau in aufrichtiger Reue und Verzweiflung aus, als er verhaftet wurde. Der talentvolle junge Mann, der unseren Prozeß beschrieben hat – derselbe Herr Rakitin, von dem ich heute schon einmal gesprochen habe –, schildert in wenigen knappen und charakteristischen Worten den Charakter dieser tragischen Heldin folgendermaßen: ‚Früh erlebte Enttäuschungen, der frühzeitige Betrug und Fall, der Treubruch des Verführers und Verlobten, der sie verließ, dann die Armut, die Ausstoßung aus ihrer ehrenwerten Familie, und schließlich die Protektion eines reichen Alten, den sie übrigens auch jetzt noch für ihren Wohltäter hält. Das junge Herz, das ursprünglich viel Gutes in sich barg, lernte gar zu bald Zorn und Verachtung kennen. So bildete sich auch ihr Charakter danach aus: sie fing an zu berechnen, ein Kapital zusammenzusparen, sie wurde spöttisch und rachsüchtig der Gesellschaft gegenüber.‘ Nach dieser Charakteristik wird es begreiflich, daß sie sich über den einen wie über den anderen nur in boshaftem Spiel lustig machte und sie zum besten hatte. Also in diesem Monat hoffnungsloser Liebe, sittlichen Sinkens, des Verrats an seiner Braut, der Aneignung fremden Geldes, das seiner Ehre anvertraut war, – in diesem Monat wird der Angeklagte außerdem noch aufs Äußerste gebracht, bis zur Raserei, bis zu völligem ‚Außer-sich-sein‘ durch die ewige Eifersucht! Und den Anlaß zu dieser Eifersucht gibt wer? – Der eigene Vater! Und das Wichtigste: Dieser selbe Vater lockt den Gegenstand der Liebe seines Sohnes mit denselben dreitausend Rubeln an, die der Sohn für sein Erbteil hält, das Erbe seiner Mutter, das der Alte ihm von Rechts wegen noch auszuzahlen hätte. Ja, ich gebe zu, daß so etwas schwer zu ertragen sein muß! Da konnte sich bei ihm allerdings eine ‚fixe Idee‘ bilden. Doch nicht um dieses Geld handelte es sich, sondern darum, daß an diesem Gelde mit so ekelhaftem Zynismus sein Glück zerschellen mußte!“
Hierauf ging Hippolyt Kirillowitsch, an der Hand von Tatsachen, auf die Schilderung über, wie in dem Angeklagten der Gedanke an den Vatermord entstanden und allmählich gereift war.
„Zuerst schreien wir nur in den Gasthäusern, daß wir den Vater erschlagen würden, – und das tun wir den ganzen Monat. Oh, wir lieben es, unter Menschen zu leben und diesen Menschen unverzüglich alles, selbst unsere teuflischsten Gedanken, mitzuteilen, wir teilen eben gern mit anderen, und wir verlangen – aus unbekannten Gründen –, daß diese Menschen uns auf der Stelle ihre vollste Sympathie entgegenbringen, auf unsere Sorgen und Aufregungen sofort eingehen, uns in allem beistimmen, und unserem Temperament nichts entgegensetzen.“ (Es folgte die Erzählung der Szene mit dem Hauptmann Ssnegireff.) „Fast alle, die den Angeklagten im letzten Monat gesehen und gehört haben, sagen, sie hätten schließlich gefühlt, daß es in diesem Falle nicht nur beim Schreien und Drohen bleiben würde, und daß bei einem solchen Temperament und einer solchen Wut das Wort sich sehr leicht in Tat umsetzen könnte.“ Hierauf sprach Hippolyt Kirillowitsch von der Familienversammlung im Kloster, dem Gespräch Mitjäs mit Aljoscha im Nachbargarten und von der schmachvollen Szene im Vaterhause, als der Angeklagte den bei Tisch sitzenden Vater geradezu überfallen hatte. „Es fällt mir natürlich nicht ein, zu behaupten,“ fuhr Hippolyt Kirillowitsch fort, „daß der Angeklagte vor dieser Szene schon wohlüberlegt beschlossen habe, den Vater einfach durch dessen Ermordung beiseite zu schaffen. Ich sage nur, daß dieser Gedanke dem Angeklagten nichtsdestoweniger schon mehr als einmal gekommen war, und er ihn bewußt überdacht hatte – zur Bestätigung dessen haben wir Tatsachen, Zeugen und das eigene Eingeständnis des Angeklagten. Ich muß gestehen, meine Herren Geschworenen,“ schaltete Hippolyt Kirillowitsch hier ein, „daß ich noch bis heute nicht sicher war, ob man den Angeklagten beschuldigen könne, das sich ihm, ich möchte sagen, von selbst aufdrängende Verbrechen vorher bewußt überlegt und vorgenommen zu haben. Ich war nur fest überzeugt, daß seine Gedanken sich mehr als einmal mit dieser bevorstehenden, unvermeidlichen Katastrophe, die er doch kommen sah, beschäftigt hatten, daß er den Mord vielleicht auch nur in Betracht gezogen, nur als Möglichkeit, ohne dabei den Tag und das Nähere der Ausführung zu bestimmen oder sich zu überlegen. Ja, der Meinung war ich, – aber nur bis heute, bis von Fräulein Werchoffzeff dieses neue Dokument dem Gericht unterbreitet wurde. Meine Herren Geschworenen, Sie haben ja selbst ihren Ausruf gehört: ‚Das ist der Plan, das ist das Programm der Ausführung des Mordes!‘ – mit diesen Worten bezeichnete sie den ‚trunkenen‘ Brief des unglücklichen Angeklagten. In der Tat, dieser Brief beweist, daß die Tat nach einem ‚Programm‘ und vor allem mit Vorbedacht geschehen ist. Er ist zwei Tage vor dem Verbrechen geschrieben worden, – und so haben wir jetzt den unantastbaren Beweis dafür, daß der Angeklagte achtundvierzig Stunden vor der Ausführung seines ungeheuerlichen Vorsatzes schwört, daß er, wenn er am nächsten Tage das Geld sich nicht anderswoher verschaffen könne, den Vater erschlagen werde, um von ihm das Geld zu nehmen, das unter dem Kissen in einem Kuvert liegt, ‚wenn nur Iwan abreisen würde.‘ Hören Sie es wohl: ‚Wenn nur Iwan abreisen würde!‘ Folglich ist schon alles überlegt, sind alle Umstände erwogen, und – alles ist dann so geschehen, wie er geschrieben hat! Da ist doch jeder Zweifel an der Vorbedachtheit ausgeschlossen, das Verbrechen ist mit der Absicht, das Geld zu rauben, begangen worden, das ist doch schwarz auf weiß geschrieben und unterschrieben! Der Angeklagte leugnet es nicht, daß er den Brief geschrieben hat. Man wird vielleicht sagen: Er hat ihn sicherlich in betrunkenem Zustande geschrieben. Aber das will ja nichts sagen, das macht den Brief sogar noch um so wichtiger: Er hat im trunkenen Zustande geschrieben, was er in nüchternem sich vorgenommen hat; wäre es nicht im nüchternen Zustande vorgefaßt worden, so hätte er es auch in der Betrunkenheit nicht geschrieben. Man wird vielleicht auch noch einwenden: Warum aber hat er dann seine Absicht nicht verheimlicht, warum hat er sie überall ausgeschrien? Wer sich zu so etwas mit Vorbedacht entschließt, der schweigt darüber und verbirgt die Absicht. Das ist wahr, aber er schrie ja nur dann, als er noch keine Pläne und bestimmten Absichten hatte, und nur der Wunsch vorhanden war und die Absicht erst heranreifte. Später spricht er schon weniger davon. An jenem Abend, an dem dieser Brief geschrieben wurde, nachdem er sich im Gasthaus ‚Zur Hauptstadt‘ angetrunken hatte, ist er ganz gegen seine Gewohnheit schweigsam gewesen, hat nicht Billard gespielt, hat allein und sichtlich zurückgezogen gesessen, fast mit niemandem gesprochen und nur einen hiesigen Kommis von seinem Platze vertrieben, doch hat er das fast unbewußt getan, wahrscheinlich nur aus Gewohnheit an Händeln, ohne die er, wenn er ins Gasthaus eintrat, nun einmal nicht auskommen konnte. In der Tat, erst an jenem Abend hat er vielleicht den Entschluß gefaßt, und so mag er sich denn wahrscheinlich unter anderem auch gesagt haben, daß er schon gar zu offenherzig in der ganzen Stadt ausgesprochen, gar zu unvorsichtig über seinen Vater Verfängliches geäußert habe, daß seine eigenen Worte sehr wohl den Täter vermuten ließen, wenn er jetzt die Absicht wirklich ausführte. Aber was tun? Die Worte waren gesprochen: Diese Tatsache konnte man nicht mehr ungeschehen machen. Und dann – hat schon früher der krumme Weg herausgeführt, so wird er es auch jetzt tun! Wir verließen uns auf unseren guten Stern, meine Herren! Ich muß noch zugeben, daß er viel getan hat, um diese Lösung zu vermeiden, daß er sich sehr angestrengt hat, sich das Geld auf eine andere Weise zu verschaffen. ‚Morgen werde ich jeden Menschen um dreitausend Rubel angehen,‘ schreibt er in seiner eigenartigen Sprache, ‚geben aber die Menschen sie mir nicht, so fließt Blut.‘ In der Betrunkenheit ist es geschrieben, in nüchternem Zustande ist es dann so, wie es geschrieben war, ausgeführt worden.“
Hier begann Hippolyt Kirillowitsch die ausführliche Schilderung aller vergeblichen Versuche Mitjäs, sich das Geld zu verschaffen, um das Verbrechen umgehen zu können. Er schilderte seinen Gang zu Ssamssonoff, die Fahrt zu Ljägawyj – alles nach dem Protokoll. „Müde, verspottet, hungrig kehrte er wieder zurück,“ fuhr der Staatsanwalt fort, „nachdem er auch noch seine Uhr verkauft hat (während er dabei tausendfünfhundert Rubel bei sich gehabt haben will!), gequält von der Eifersucht wegen des in der Stadt zurückgebliebenen geliebten Weibes, dabei noch mit der Angst im Herzen, daß sie in seiner Abwesenheit vielleicht zu Fedor Pawlowitsch gehen könnte oder vielleicht schon gegangen ist, – in diesem Zustande kommt er in die Stadt zurück. Doch Gott sei Dank! Sie ist nicht bei Fedor Pawlowitsch gewesen. Er begleitet sie zum Kaufmann Ssamssonoff. (Auffallend ist, daß er auf Ssamssonoff nicht eifersüchtig ist, was in diesem Falle eine äußerst charakteristische psychologische Eigentümlichkeit zu sein scheint.) Darauf eilt er auf den Beobachtungsposten an der ‚Hinterstraße‘. Dort erfährt er, daß Ssmerdjäkoff einen epileptischen Anfall gehabt hat, und daß auch Grigorij krank ist. Das Feld ist also frei und die ‚Zeichen‘ kennt er – welche Versuchung! Nichtsdestoweniger sträubt er sich noch gegen das Verbrechen: er begibt sich zu einer hochgeachteten Dame, die sich augenblicklich vorübergehend hier aufhält, zu Frau Chochlakoff. Diese Dame, die ihn schon seit längerer Zeit beobachtet und bemitleidet hat, gibt ihm einen äußerst vernünftigen Rat: dieses ganze wüste Leben, diese monströse Liebe und das Herumtreiben in den Gasthäusern aufzugeben und nach Sibirien in die Goldgruben zu fahren: ‚Dort ist das Arbeitsfeld für Ihre tobenden Kräfte, die Sie hier so unnütz vergeuden, dorthin gehören Sie mit Ihrem romantischen, abenteuerlustigen Charakter!‘ sagt sie ihm.“ Nachdem Hippolyt Kirillowitsch dann noch den Ausgang des Gespräches mit Frau Chochlakoff wiedergegeben hatte, und auch auf jenen Augenblick zu sprechen gekommen war, wie der Angeklagte auf dem Großen Platz erfahren, daß Agrafena Alexandrowna nur eine kurze Zeit bei Herrn Ssamssonoff geblieben sei, beschrieb er, wie der Unglückliche, bei seinen gereizten Nerven und seiner Eifersucht, nach dieser Nachricht – die ihm den Betrug der Geliebten so gut wie bestätigte – außer sich geraten sein mußte. Ferner lenkte er noch die Aufmerksamkeit auf einen verhängnisvollen Zufall: „Hätte die Stubenmagd Fenjä ihm gesagt, daß ihre Herrin in Mokroje bei dem ‚Früheren‘ und ‚Alleinberechtigten‘ war – so wäre das Unglück nicht geschehen. Sie aber wußte im Schreck und in der Angst nichts anderes zu sagen, als nur zu schwören und ihn einer Sache zu versichern, die er besser wußte, so daß für ihn die Lüge, und folglich auch der Betrug, vollständig bestätigt schienen. Und wenn er diese Stubenmagd dafür nicht auf der Stelle erschlagen hat, so hat sie das nur dem Umstande zu danken, daß er sofort besinnungslos Hals über Kopf fortstürzte – der Geliebten nach! Jetzt ist hier aber noch eine sehr auffallende Tatsache zu beachten: Wie außer sich er auch war, er verfiel dabei doch noch darauf, die messingne Mörserkeule mitzunehmen. Warum nahm er gerade die Mörserkeule, warum suchte er nicht irgendeinen anderen Gegenstand, warum nicht eine Waffe? Ich glaube, wenn wir uns einen ganzen Monat mit einer gewissen Absicht getragen, und uns alle Eventualitäten vorgestellt, alles erwogen und uns auf alles vorbereitet haben, so ist es sehr erklärlich, warum wir uns selbst in dieser Erregung zu helfen wissen und eine Mörserkeule sofort als Waffe erkennen, denn daß man auch mit so etwas einen Menschen erschlagen kann, das haben wir ja schon einen ganzen Monat bedacht. Darum hat er denn auch sofort den Wert dieser Mörserkeule im Augenblick, ohne nachzudenken, trotz seiner Erregung, sehr zu schätzen gewußt. So kann ich denn wohl sagen, daß der Angeklagte die Mörserkeule nicht unbewußt, nicht ohne eine gewisse Absicht ergriffen hat. Und da ist er nun im väterlichen Garten ... Zeugen sind nicht zu befürchten, tiefe Nacht, Finsternis – und Eifersucht! Der Argwohn, daß sie hier ist, bei ihm, bei seinem Rivalen, in seinen Armen, und in diesem Augenblick mit ihm zusammen über ihn selbst womöglich noch lacht – raubt ihm den Atem. Und nicht nur der Argwohn – wo kann jetzt noch von Argwohn die Rede sein! Der Betrug liegt doch auf der Hand, jeder Zweifel ist doch ausgeschlossen: Sie ist bei ihm, dort in jenem Zimmer, aus dessen Fenster der Lichtschein in den Garten fällt, sie liegt dort – bei ihm – hinter dem Bettschirm. Und da schleicht sich der Unglückliche zum Fenster, blickt ehrerbietig durch die Scheiben hinein und schickt sich sittsam drein, weil nun einmal nichts mehr daran zu ändern ist, geht vielmehr vernünftig fort, um sich vom Unheil zu entfernen, und damit nicht gar etwas Gefährliches und Unsittliches geschehe! – Davon will man uns überzeugen, uns, die wir doch den Charakter des Angeklagten kennen, die wir doch begreifen, in welch einer Gemütsverfassung er sich befand, und vor allen Dingen, nachdem wir wissen, daß ihm Zeichen bekannt waren, mittels welcher er ohne weiteres die Tür sich aufmachen lassen und ins Haus eintreten konnte!“ Hier, bei Gelegenheit der Zeichen, verließ Hippolyt Kirillowitsch vorübergehend die Anklage und kam auf Ssmerdjäkoff zu sprechen, um die Verdächtigung Ssmerdjäkoffs ein für allemal auszuschalten. Er sprach sehr sachlich darüber, und man begriff sofort, daß er trotz seiner ganzen Verachtung, die er dieser Vermutung gegenüber zur Schau trug, dieselbe doch für wichtig genug hielt.
VIII. Über Ssmerdjäkoff
„Zuerst will ich fragen: wie ist dieser Verdacht überhaupt aufgekommen?“ begann Hippolyt Kirillowitsch. „Der erste, der gesagt hat, Ssmerdjäkoff sei der Mörder, war kein anderer als der Angeklagte selbst, der die Verdächtigung im Augenblick seiner Verhaftung hinausgeschrien hat, einstweilen aber, bis zur gegenwärtigen Stunde, noch keinen einzigen Beweis für sie oder auch nur eine mehr oder weniger wahrscheinliche Begründung seines Verdachtes hat angeben können. Außerdem wird dieser Verdacht nur noch von drei anderen Personen geteilt: von den beiden Brüdern des Angeklagten und von Agrafena Alexandrowna Sswetlowa. Und von diesen drei hat Iwan Fedorowitsch Karamasoff seinen diesbezüglichen Verdacht erst heute in augenscheinlich krankhaftem Zustande geäußert und zweifellos in einem Augenblick geistiger Anormalität, wahrscheinlich in hohem Fieber. Nun wissen wir aber aufs bestimmteste, daß er während dieser letzten zwei Monate durchaus der entgegengesetzten Ansicht gewesen ist, und das hat er schon allein dadurch bewiesen, daß er uns in dieser Beziehung nicht einmal zu widersprechen versuchte. Doch darauf werden wir noch besonders zu sprechen kommen. Der jüngste Bruder des Angeklagten hat uns vorhin selbst gesagt, daß er keinerlei Beweise zur Bekräftigung seiner Beschuldigung Ssmerdjäkoffs habe, sondern lediglich nach den Worten des Angeklagten, ‚und dem Ausdruck seines Gesichts‘ zu dieser Ansicht gekommen sei. Ja, diese erdrückende Aussage ist sogar zweimal von seinem Bruder gemacht worden. Und die Aussage der Verlobten des Angeklagten ist vielleicht noch erdrückender: ‚Was der Angeklagte Ihnen sagt, daran glauben Sie, das ist kein Mensch, der lügen kann!‘ Und das sind alle vorhandenen Aussagen gegen Ssmerdjäkoff, die zudem noch von drei Personen gemacht werden, die nur zu sehr für das Schicksal des Angeklagten besorgt sind. Trotzdem aber ist die Verdächtigung Ssmerdjäkoffs sehr verbreitet, und sie ist es sogar jetzt noch. Wie ist es möglich, daran zu glauben? Wie stellt man sie sich vor?“
Hippolyt Kirillowitsch hielt es für nötig, zuerst den Charakter Ssmerdjäkoffs, „der sich wahrscheinlich in einem Anfall krankhafter Angst oder in völligem Irrsinn das Leben genommen hat,“ leicht zu skizzieren. Er schilderte ihn als schwachsinnigen Menschen, der sich nach höherer Bildung sehnte, und den philosophische Ideen, die für seinen Verstand zu hoch waren, gänzlich verwirrt hätten – „desgleichen auch gewisse zeitgenössische Auffassungen von Schuld und Pflicht, die ihm überflüssigerweise beigebracht worden waren – praktisch durch das Leben seines verstorbenen Herrn und vielleicht sogar Vaters, an dem von Schuld- und Pflichtgefühlen nichts zu sehen war, und theoretisch durch verschiedene eigenartige philosophische Gespräche mit dem ältesten Sohn aus der zweiten Ehe seines Herrn, mit Iwan Fedorowitsch, dem diese Art Zerstreuung offenbar Vergnügen bereitet hatte – vielleicht auch um die Langeweile zu vertreiben, oder aber aus dem Bedürfnis heraus, andere zu verspotten, und dem daher diese Art Philosophieunterricht die gewünschte Befriedigung geboten zu haben schien. Ssmerdjäkoff hat mir ausführlich seinen Seelenzustand in den letzten Tagen vor der Katastrophe geschildert,“ bemerkte Hippolyt Kirillowitsch beiläufig, „wir besitzen überdies noch die Aussagen des Angeklagten selbst, seines Bruders und sogar des Dieners Grigorij, also dreier Menschen, die ihn sehr gut gekannt haben. Hinzu kommt, daß Ssmerdjäkoff, der mit der Fallsucht belastet war, ‚furchtsam wie ein Huhn‘ gewesen sein soll. ‚Er fiel vor mir nieder und küßte meine Stiefel,‘ sagte uns der Angeklagte beim ersten Verhör, als er noch nicht vermutete, daß eine solche Aussage für ihn selbst nachteilig sein würde, – ‚das ist ein krankes Huhn, das die Fallsucht hat,‘ lautete sein zweiter Ausspruch über den Diener, in seiner charakteristischen Sprache ausgedrückt. Und diesen Menschen erwählt nun der Angeklagte – wie er selbst ausgesagt hat – zu seinem Vertrauten und schüchtert ihn dermaßen ein, daß jener zu guter Letzt einwilligte, für ihn zu spionieren und ihm alles zu hinterbringen. In dieser Eigenschaft eines Hausspions verrät er seinen Herrn und teilt dem Angeklagten sowohl von dem Vorhandensein des Geldpakets, wie von den verabredeten Zeichen alles Nähere mit. Warum hätte er das auch nicht tun sollen! ‚Sie wollten mich erschlagen, das sah ich dazumal ganz genau, und sie hätten mich auch erschlagen,‘ sagte er beim Verhör, und er zitterte sogar vor uns am ganzen Körper, obgleich doch sein Quälgeist schon verhaftet war und ihm folglich nichts mehr antun konnte. ‚Sie verdächtigen mich alleweil, daß ich was verheimlichte, und so bin ich denn von wegen meiner gewaltigen Angst vor ihnen immer von selbst zu ihnen geeilt, um ihnen jedes Geheimnis aufzudecken und sie alsomit von meiner Unschuld zu überzeugen, damit sie mich noch lebendig zur Buße entließen.‘ Das sind seine eigenen Worte, ich habe sie aufgeschrieben und behalten. ‚Und wenn sie mich anschrien, wie selbiges oft vorkam, so fiel ich hinwiederum zitternd auf die Knie vor ihnen.‘ Da nun Ssmerdjäkoff von Natur ein selten ehrlicher Mensch war, und daher seines Herrn volles Vertrauen genoß, so kann man annehmen, daß der unglückliche Mensch sich nicht wenig wegen seines Verrats an seinem Herrn, den er als seinen Wohltäter liebte, gequält hat. Epileptiker, die schwer unter ihrer Krankheit zu leiden haben, sollen, nach dem Ausspruch der bedeutendsten Psychiater, immer geneigt sein zu fortwährender und natürlich krankhafter Selbstanklage. Sie quälen sich wegen ihrer ‚Schuld‘ in irgend etwas und vor irgend jemandem, sie quälen sich mit Gewissensbissen, häufig ohne jede Veranlassung, sie übertreiben alles und denken sich sogar ganze Verbrechen aus, die sie begangen hätten. Und solch ein Geschöpf wird nun in der Tat schuldig, wird es aus lauter Angst nach allen Einschüchterungen, und hintergeht seinen Herrn. Außerdem ahnte Ssmerdjäkoff, daß aus den Szenen, die sich vor seinen Augen abspielten, nichts Gutes hervorgehen werde. Als der zweite Sohn Fedor Pawlowitschs, Iwan Fedorowitsch, kurz vor der Katastrophe nach Moskau abreiste, hat Ssmerdjäkoff ihn flehentlich gebeten, nicht zu verreisen, hat aber in seiner Ängstlichkeit nicht gewagt, ihm alle seine Befürchtungen klar und kategorisch mitzuteilen. Er hat sich mit Anspielungen begnügt, doch diese Anspielungen sind nicht verstanden worden. Ich muß hierzu noch bemerken, daß er in Iwan Fedorowitsch gewissermaßen seinen Verteidiger erblickte, gleichsam eine Garantie dafür, daß, solange derselbe im Hause blieb, kein Unglück geschehen würde. Erinnern Sie sich nur des einen Ausspruchs im ‚trunkenen‘ Brief Dmitrij Karamasoffs: ‚ich werde ihn totschlagen, wenn nur Iwan abreisen würde.‘ Folglich hat die Anwesenheit Iwan Fedorowitschs allen gleichsam eine Garantie für die Ruhe und Ordnung im Hause geschienen. Da aber fährt dieser fort nach Moskau, und Ssmerdjäkoff fällt – noch war keine Stunde seit seiner Abfahrt vergangen – in einem epileptischen Anfall in den Keller. Das aber ist durchaus erklärlich. Hier muß noch erwähnt werden, daß Ssmerdjäkoff, besonders in den letzten Tagen vor der Katastrophe, in denen er durch Furcht und Verzweiflung sowieso schon niedergedrückt gewesen ist, die Möglichkeit eines baldigen Anfalls sehr stark empfunden hat, da ein solcher sich meistens in Augenblicken seelischer Anspannung oder Erschütterung einzustellen pflegt. Tag und Stunde dieser Anfälle kann man natürlich nicht im voraus wissen, dafür aber kann jeder Epileptiker sehr wohl fühlen, ob er zu einem Anfall disponiert ist. Das wird auch von den Ärzten bestätigt. Und nun, kaum hat Iwan Fedorowitsch das Vaterhaus und die Stadt verlassen, als Ssmerdjäkoff, unter dem Eindruck seiner ‚Verwaistheit‘ und Schutzlosigkeit in einer häuslichen Angelegenheit in den Keller geht, und während er die Treppe hinabsteigt, bei sich denkt: ‚Werde ich nun einen Anfall bekommen, oder werde ich nicht, was aber dann, wenn ich ihn jetzt gleich bekomme?‘ Und gerade infolge dieser Stimmung, dieses Zweifels und dieser angstvollen Frage, packt ihn denn auch der Kehlkrampf, der dem Anfall stets vorangeht, und im selben Augenblick fliegt er besinnungslos die Treppe hinab und fällt auf den Boden des Kellers hin. Und nun will man gerade in diesem natürlichen Zusammentreffen eine Verdachtsmöglichkeit sehen, einen Hinweis darauf, daß er sich absichtlich krank gestellt habe! Nehmen wir an, er hat es absichtlich getan, so erhebt sich doch sofort die Frage: warum und wozu denn eigentlich? Aus welcher Berechnung, zu welchem Zweck? Von der medizinischen Wissenschaft will ich weiter nicht reden. Die Wissenschaft, kann man sagen, lügt, die Wissenschaft täuscht sich, und andere, die Ärzte haben es nicht verstanden, Echtheit von Verstellung zu unterscheiden, – schön, schön, aber antworten Sie mir einstweilen auf die eine Frage: wozu hätte er sich verstellen sollen? Etwa um – nachdem er den Mord geplant hat – durch einen Anfall schon vorher die allgemeine Aufmerksamkeit im Hause auf sich zu lenken? Sehen Sie, meine Herren Geschworenen, im Hause Fedor Pawlowitschs waren in der Mordnacht im ganzen nur fünf Menschen: erstens, Fedor Pawlowitsch – aber er hat sich doch nicht selbst erschlagen, das ist ja nur zu offenbar; zweitens, sein Diener Grigorij, aber der ist ja selbst beinahe totgeschlagen worden; drittens, die Frau Grigorijs, die Dienerin Marfa Ignatjewna, – sie sich als Mörderin ihres Herrn vorzustellen, wäre geradezu eine Schande. So bleiben folglich nur noch zwei übrig, die in Frage kämen: der Angeklagte und Ssmerdjäkoff. Da aber der Angeklagte versichert, nicht er habe erschlagen, so muß es folglich Ssmerdjäkoff getan haben, eine andere Lösung der Frage gibt es nicht, denn ein anderer Mörder läßt sich nicht auftreiben: wie man auch suchen wollte, es ist kein anderer da, auf den auch nur der leiseste Verdacht fallen könnte. Daraus, daraus also ist diese ‚schlaue‘ und erdrückende Beschuldigung des unglücklichen Idioten, der gestern seinem Leben ein Ende gemacht hat, entstanden, daraus also, beachten Sie das wohl, meine Herren Geschworenen, nur daraus! Nur aus dem einen, dem einzigen Grunde, weil man keinen anderen finden kann! Gäbe es nur einen Schatten von einem Verdacht auf irgendeinen anderen, einen sechsten, so würde – davon bin ich überzeugt – selbst der Angeklagte sich geschämt haben, einen Verdacht gegen Ssmerdjäkoff auch nur auszusprechen, denn Ssmerdjäkoff dieses Mordes zu beschuldigen, ist einfach absurd!
„Meine Herren Geschworenen, lassen wir einmal die Psychologie beiseite, lassen wir auch die medizinische Wissenschaft und selbst die Logik beiseite, wenden wir uns nur den Tatsachen zu, einzig und allein den Tatsachen, und sehen wir jetzt einmal, was uns diese Tatsachen sagen. Also: Ssmerdjäkoff ist der Mörder, und es fragt sich nur, wie er den Mord begangen hat. Allein oder zusammen mit dem Angeklagten? Untersuchen wir zunächst den ersten Fall, daß Ssmerdjäkoff allein den Mord ausgeführt hat. Wenn er ihn erschlug, so tat er das doch selbstverständlich aus einem bestimmten Grunde, zu einem besonderen Zweck, um einen gewissen Vorteil zu erreichen. Da nun aber bei ihm kein Schatten von ähnlichen Motiven, wie sie der Angeklagte hatte, mitsprechen konnte, als da sind, Eifersucht, Haß usw. usw., hätte Ssmerdjäkoff zweifellos nur des Geldes wegen erschlagen können, um sich diese dreitausend Rubel anzueignen, von denen er wußte, daß der Herr sie ins Kuvert und das Kuvert unter das Kissen gelegt hatte, da er in dem betreffenden Augenblick zugegen gewesen war. Und nun, nachdem er den Mordplan entworfen hat, teilt er unaufgefordert einem anderen Menschen – der zudem noch im höchsten Grade bei der ganzen Sache interessiert ist, nämlich dem Angeklagten – alles Nähere über das Geld und die Zeichen mit: wo das Geld liegt, was auf dem Geldpaket geschrieben steht, womit es zugebunden ist, und teilt ihm vor allen Dingen, vor allen Dingen die ‚Zeichen‘ mit, mittels deren man ins Haus zum Herrn eindringen kann. Wie nun, tat er es speziell, um sich anzugeben? Oder um sich einen Konkurrenten zu schaffen, den es vielleicht gleichfalls gelüsten könnte, hinzugehen und das Geld sich anzueignen? Aber, wird man einwenden, er hat es ihm doch nur aus Furcht mitgeteilt. Wie denn das? Ein Mensch, der sich nicht gescheut hat, eine so tierische Tat auszudenken und später auch auszuführen, – teilt solche Nachrichten mit, die in der ganzen Welt nur ihm allein bekannt sind, und die, wenn er sie nicht verrät, kein einziger Mensch in der ganzen Welt je erraten würde? Nein, wie feig der Mensch auch gewesen sein mag, wenn er selbst einen Mord geplant hätte, so hätte er doch niemals etwas auch nur entfernt Verdächtiges gesagt, am wenigsten natürlich etwas von den Zeichen und dem Geldpaket, oder gar, daß er wüßte, wo es liegt! Das hieße doch, sich im voraus ausliefern. Er hätte sich vielleicht absichtlich etwas anderes ausgedacht, hätte etwas anderes vorgelogen, wenn von ihm nun einmal durchaus Nachrichten verlangt wurden – das aber hätte er unter allen Umständen verschwiegen. Im Gegenteil – ich wiederhole es – wenn er wenigstens von dem Gelde geschwiegen, dann aber gemordet und das Geld sich angeeignet hätte, so hätte natürlich niemand ihn beschuldigen können, wenigstens nicht des Raubmordes, da außer ihm doch niemand das Geld gesehen hatte und niemand außer ihm auch nur wußte, daß es in dieser Weise bereitgehalten wurde. Und selbst wenn man ihn beschuldigt hätte, so wäre er doch immerhin nicht des Raubmordes angeklagt worden, man hätte selbstverständlich geglaubt, er habe es aus irgendeinem anderen, unbekannten Beweggrunde getan. Da nun aber niemand an ihm vorher etwas von solchen eventuellen Beweggründen bemerkt hat, dafür aber alle wußten, daß sein Herr ihn liebte und ihm volles Vertrauen schenkte, so wäre der Verdacht auf jeden anderen eher als auf ihn gefallen, ganz zuerst aber auf denjenigen, bei dem man diese Beweggründe sogar sehr voraussetzen konnte, der sogar selbst überall geschrien hat, daß er diese Motive habe, der sie nicht verheimlicht, sondern allen und jedem aufgedeckt hat. Mit einem Wort, man hätte den Sohn des Erschlagenen verdächtigt, Dmitrij Fedorowitsch. Ssmerdjäkoff wäre der Mörder und Dieb gewesen, den Sohn aber hätte man angeklagt, – ich denke, das wäre für den Mörder Ssmerdjäkoff denn doch ganz vorteilhaft gewesen? Nun, und diesem Sohne Dmitrij Fedorowitsch teilt Ssmerdjäkoff, indem er den Mord plant, alles Nähere über das Geld und die Zeichen mit, – wie logisch, wie klar das ist!!
Es kommt der Tag, an dem Ssmerdjäkoff seinen Plan ausführen will, und er bekommt einen epileptischen Anfall, d. h. er spielt einen Anfall vor. Warum, wozu tut er das? Nun, versteht sich, erstens, damit der Diener Grigorij, der eine Kur vorzunehmen gedenkt, sein Vorhaben aufschiebe und das Haus bewache. Zweitens natürlich zu dem Zweck, damit der Herr, der dann wüßte, daß er nicht bewacht wurde, und aus Angst, der gefürchtete Sohn könnte kommen, sein Mißtrauen und seine Vorsicht verdoppele. Und schließlich – und das ist natürlich der Hauptgrund – damit man ihn, Ssmerdjäkoff, unverzüglich aus seiner Stube neben der Küche, wo er sonst ganz allein schlief, und wohin ein besonderer Eingang führte, in die andere Hälfte, ganz ans andere Ende des Hauses bringe, in Grigorijs und Marfas Zimmer, um dort bei ihnen hinter dem Verschlage hingelegt zu werden, drei Schritt von ihrem Bett, wie das immer geschehen ist, wenn er einen Anfall hatte, sowohl auf Fedor Pawlowitschs Anordnung wie auf Marfa Ignatjewnas Wunsch. Und dann höchstwahrscheinlich deswegen, damit er dort hinter dem Bretterverschlage in möglichst natürlicher Weise den Kranken spielen, stöhnen, d. h. also sie die ganze Nacht immer wieder aufwecken könne – wie es nach Grigorijs und Marfas Aussagen auch geschehen ist. Und alles das, alles das nur zu dem einen Zweck: um bequemer plötzlich aufstehen und dann den Herrn erschlagen zu können!
Aber, wird man vielleicht einwenden, er hat sich gerade deswegen krank gestellt, damit man ihn, den Kranken, nicht verdächtige, dem Angeklagten aber hat er alles Nähere über das Geld und die Zeichen gesagt, um diesen zu verlocken, hinzugehen und totzuschlagen, um dann, sehen Sie mal, wenn jener schon totgeschlagen hat – und mit dem Gelde fortgegangen ist – höchstwahrscheinlich nach einigem Spektakel und Gepolter, das womöglich noch Zeugen herbeirufen könnte – um dann aufzustehen, hinzugehen und – ja was nun noch zu machen? Ganz einfach, um eben noch einmal den Herrn totzuschlagen und das schon fortgetragene Geld nochmals fortzutragen. Meine Herren, Sie lachen? Ich muß gestehen, daß ich mich schäme, solche Voraussetzungen machen zu müssen, indessen ist es gerade das, was der Angeklagte behauptet: ‚Nach mir, als ich aus dem Hause schon hinausgegangen war, Grigorij niedergeschlagen und viel Lärm gemacht hatte, ist er hingegangen und hat den Mord wie den Raub ausgeführt.‘ Hierauf läßt sich natürlich vieles erwidern. Schon allein die eine Frage, auf die ich weiter nicht eingehen will, wie Ssmerdjäkoff gleichsam an den Fingern hätte voraus berechnen und somit vorauswissen können, daß der gereizte und zum Äußersten gebrachte Sohn einzig und allein zu dem Zweck in den Garten kommen würde, um ehrfürchtig durch das Fenster ins Zimmer zu blicken, und (obgleich er die Zeichen in der Hand hat!) sehr sittsam sich wieder zurückzuziehen, und um ihm, dem Diener Ssmerdjäkoff, seine Beute zu überlassen! Meine Herren Geschworenen, ich stelle jetzt nachdrücklich die Frage: Wann war der Augenblick, in dem Ssmerdjäkoff das Verbrechen beging? Geben Sie mir diesen Augenblick an, denn ohne diese Angabe kann man ihn nicht beschuldigen.
Vielleicht aber war der Anfall echt? Der Kranke wachte plötzlich auf, hörte einen Schrei, ging hinaus – nun, und was weiter? Er sah sich um und sagte sich: Ach was, ich werde mal hingehen und den Herrn erschlagen! Woher aber konnte er wissen, was inzwischen geschehen war, er hatte doch bis dahin bewußtlos im Bett gelegen? Ich glaube, meine Herren, daß es auch für Phantasien eine Grenze gibt.
‚Ja, aber,‘ werden scharfsinnige Leute sagen, ‚wenn nun beide im Einverständnis waren, wenn beide den Mord gemeinsam begangen und das Geld geteilt haben, nun, was dann?‘
Ja, das ist allerdings eine wichtige Frage, und – die Hauptsache! – wir haben sofort schwerwiegende Verdachtsgründe, die darauf hinzuweisen scheinen. Der eine erschlägt und nimmt alle Mühen auf sich, der andere aber, der Helfershelfer, liegt auf der Seite und spielt einen epileptischen Anfall vor – um vorher in allen Argwohn zu erwecken, Argwohn im Herrn und Argwohn in Grigorij. Es wäre ungemein interessant zu erfahren, aus welchen Gründen beide Spießgesellen sich einen so verrückten Plan ausgedacht hätten. Doch vielleicht war es durchaus keine aktive Mitwirkung von seiten Ssmerdjäkoffs, sondern sozusagen nur eine passive, duldende: vielleicht hatte der eingeschüchterte Ssmerdjäkoff nur eingewilligt, nichts zu tun, um den Mord zu verhindern. Und so hat er denn, in der Voraussicht, daß man ihn schon allein deswegen bestrafen würde, daß er nicht angegeben, nicht geschrien, sich dem Morde nicht widersetzt hat, von Dmitrij Karamasoff im voraus die Erlaubnis ausgebeten, während dieser ganzen Zeit anscheinend in einem epileptischen Anfall liegen zu dürfen –: ‚Du morde dann soviel du willst, ich bleibe aus dem Spiel.‘ In diesem Falle hätte aber Dmitrij Karamasoff sich doch sagen müssen, daß ein solcher Anfall Ssmerdjäkoffs im Hause eine gewisse Unruhe, Unsicherheit und folglich größere Vorsicht veranlassen werde, und so wäre er denn selbstverständlich auf eine derartige Abmachung nicht eingegangen. Doch nehmen wir selbst an, daß er darauf eingegangen ist. Dann aber käme es doch wieder darauf hinaus, daß Dmitrij Karamasoff der Mörder, der direkte Mörder und Anstifter ist, Ssmerdjäkoff dagegen nur ein passiver Teilnehmer und selbst nicht einmal das, sondern nur ein Hehler, der den Mord aus Angst und wider Willen zugelassen hat. Diesen Unterschied hätte doch das Gericht ohne weiteres eingesehen. Was aber sehen wir? Kaum ist der Angeklagte verhaftet, so wälzt er schon die ganze Schuld auf Ssmerdjäkoff, auf ihn allein. Nicht der Teilhaberschaft mit sich beschuldigt er ihn, sondern ihn allein beschuldigt er: ‚Er hat es allein getan, er hat gemordet und geraubt, seiner Hände Tat ist es!‘ Was sind das nun für Spießgesellen, von denen der eine sofort den anderen hineinlegen will? So etwas ist doch noch nie dagewesen! Und dabei nicht zu vergessen, was für ein Risiko das für Karamasoff gewesen wäre: er ist der Hauptmörder, jener aber nicht, jener ist nur der Hehler, der während der Tat hinter dem Bretterverschlage krank im Bett gelegen hat. Und nun will der Mörder alles auf den Hehler abwälzen! Da müßte er sich doch sagen, daß der andere sich ärgern und schon allein um der Selbsterhaltung willen gar bald die ganze Wahrheit aufdecken könnte. ‚Wir haben es zusammen getan, nur habe nicht ich erschlagen, sondern er, ich habe nur aus Angst den Mord zugelassen.‘ Ssmerdjäkoff hätte sich dann doch sagen müssen, daß das Gericht den Unterschied zwischen dieser und jener Schuld sehr wohl einsehen und folglich auch einen Unterschied in der Strafe machen werde; daß man ihn zwar gleichfalls verurteilen werde, aber immerhin zu einer unvergleichlich geringeren Strafe als den Hauptmörder, der alles auf ihn allein abwälzen will. In diesem Falle hätte also Ssmerdjäkoff unwillkürlich seine geringere Schuld eingestanden und folglich auch den Haupttäter angegeben. Das aber ist nicht geschehen. Ssmerdjäkoff hat nicht die leiseste Andeutung gemacht, die auf eine derartige Abmachung schließen ließe, ungeachtet dessen, daß der Mörder immer wieder hartnäckig ihn allein beschuldigt und auf ihn als den einzigen Mörder hingewiesen hat. Ja, Ssmerdjäkoff hat beim Verhör selbst angegeben, daß er, Ssmerdjäkoff, er selbst dem Angeklagten von dem Gelde und den Zeichen Mitteilung gemacht hat, und jener ohne ihn nichts von alledem erfahren hätte. Wäre er nun wirklich sein Helfershelfer und schuldig gewesen, hätte er dann gleichfalls so offen gesagt, daß er so etwas dem Angeklagten mitgeteilt hat? Im Gegenteil, er hätte vieles zu verschweigen und die Tatsachen zu entstellen gesucht. Er aber hat nichts entstellt, nichts verheimlicht. So kann nur ein Unschuldiger handeln, der nicht zu fürchten braucht, daß man ihn der Teilhaberschaft beschuldigen könnte. Nun hat er sich gestern, wohl in einem Augenblick krankhafter Melancholie, wahrscheinlich infolge seiner starken Anfälle und dieser ganzen Katastrophe – nun hat er sich gestern Nacht erhängt. Das einzige, was er hinterlassen hat, ist ein Zettel mit den kurzen Worten in seinem eigenartigen Stil: ‚Ich vertilge mich aus eigenem Wunsch und Willen, um alsomit niemanden zu beschuldigen.‘ Nun, was hätte es ihm in dem Augenblick ausgemacht, noch hinzuzufügen: der Mörder bin ich und nicht Karamasoff? Er aber hat das nicht hinzugefügt. Ist nun glaubwürdig, daß sein Gewissen, das zu dem einen ausgereicht hat, zu dem anderen nicht ausreichte?
Und weiter: plötzlich wird hierher in diesen Saal Geld gebracht, eine Summe von genau dreitausend Rubel. ‚Das sind dieselben Dreitausend, die in jenem Kuvert, das dort auf dem Tische bei den Sachbeweisen liegt, von Fedor Pawlowitsch geraubt worden sind, ich habe sie gestern von Ssmerdjäkoff erhalten.‘ Sie, meine Herren Geschworenen, Sie erinnern sich wohl noch des betrübenden Bildes von vorhin. Ich werde die Einzelheiten hier nicht wieder auffrischen, ich erlaube mir nur ein paar Einwendungen gegen seine Behauptung zu machen, nur ein paar unbedeutende – denn diese würden, eben weil sie unbedeutend sind, nicht einem jeden einfallen, und außerdem vergessen sie sich leicht. Nehmen wir zunächst einmal an: Ssmerdjäkoff hat gestern, von Gewissensbissen gequält, das Geld herausgegeben und sich darauf erhängt. (Denn ohne Gewissensbisse hätte er das Geld nicht herausgegeben.) Selbstverständlich hat er erst gestern Abend Iwan Karamasoff zum erstenmal seine Schuld eingestanden, wie dieser ja auch vorhin selbst erklärte. Warum hätte er anderenfalls bis jetzt darüber geschwiegen? Also Ssmerdjäkoff hat eingestanden – warum aber hat er denn auf dem hinterlassenen Zettel uns nicht die ganze Wahrheit enthüllt, da er doch wußte, daß am nächsten Tage der unschuldig Angeklagte vielleicht verurteilt werden würde? Dieses Geld allein ist doch noch kein Beweis. Mir und noch zwei anderen Personen hier in diesem Saal ist zum Beispiel ganz zufällig vor einer Woche eine gewisse Tatsache bekannt geworden, nämlich, daß Iwan Fedorowitsch Karamasoff zwei fünfprozentige Bankbillette, jedes von fünftausend Rubel, zusammen folglich zehntausend Rubel, in die Gouvernementsstadt geschickt hat, um sie dort einwechseln zu lassen. Ich führe das nur an, um damit zu sagen, daß ein jeder sich Geld zu einem bestimmten Tage verschaffen kann, und daß man, wenn man genau dreitausend Rubel herbringt, damit noch nicht ausschlaggebend beweist, daß dieses Geld dasselbe Geld ist, das einmal in dem und dem Kasten oder Kuvert gelegen hat. Und dann, wie denn das – Iwan Karamasoff bleibt, nachdem er eine so wichtige Nachricht von dem wirklichen Mörder erhalten hat, ruhig zu Haus? Warum hat er es in dem Falle nicht unverzüglich mitgeteilt? Warum hat er alles bis auf den nächsten Tag hinausgeschoben? Ich glaube mich berechtigt, meine Vermutung über diese Frage auszusprechen: schon vor einer Woche hat er ihm Nahestehenden und auch dem Doktor gestanden, daß er Visionen sehe, daß er Gestorbenen zu begegnen glaube – kurz, am Vorabend des Ausbruchs der Krankheit, wahrscheinlich des Wahnsinns, erfährt er plötzlich den Tod Ssmerdjäkoffs, und er denkt sich sofort folgendes: ‚Der Mann ist jetzt tot, da kann man die Schuld auf ihn schieben, und auf diese Weise werde ich den Bruder retten. Geld aber habe ich selbst genug: ich werde davon Dreitausend nehmen und sagen, daß Ssmerdjäkoff sie mir vor dem Tode übergeben habe.‘ Sie werden sagen, es sei unehrenhaft, auch nur gegen einen Toten falsch auszusagen, es sei unehrenhaft, zu lügen, und wenn es auch zur Rettung des Bruders geschehe und sei folglich von Iwan Fedorowitsch nicht anzunehmen. Schön. Wie aber, wenn er unbewußt gelogen hat, wenn er selbst glaubt, daß es so gewesen ist, gerade nachdem er durch die Nachricht von dem Tode jenes Dieners in seinem Verstande endgültig gestört worden war? Sie haben ja die Szene vorhin gesehen, Sie haben gesehen, in welchem Zustande dieser Mensch sich befand. Wohl stand er aufrecht da und sprach, wo aber war sein Verstand? Und gleich nach dieser Aussage des irre Redenden folgte die Vorweisung des Dokuments, des Briefes, den der Angeklagte an Fräulein Werchoffzeff zwei Tage vor dem Morde geschrieben hat, mit einem so ausführlichen Programm des Verbrechens. Wozu suchen wir nun noch nach einem anderen Programm und anderen Verfassern? Die Tat ist ja Wort für Wort nach diesem Programm geschehen, und zwar hat sie kein anderer ausgeführt als einzig und allein der Verfasser desselben. Ja, meine Herren Geschworenen, ‚es ist geschehen, wie es dort geschrieben steht!‘ Nein, er ist nicht ehrerbietig und ängstlich von dem Fenster fortgelaufen, und dazu noch in der festen Überzeugung, daß die Geliebte dort bei ihm ist! Nein, das widerspricht jeder Wahrscheinlichkeit, das ist absurd. Er ist eingedrungen und hat der Sache ein Ende gemacht. Wahrscheinlich hat er in der Gereiztheit erschlagen, in auflodernder Wut, sobald er den Gegenstand seines Hasses, seinen Nebenbuhler erblickte. Und nachdem er ihn erschlagen hatte, was vielleicht mit einem einzigen Hieb seiner Hand, seiner mit der Mörserkeule bewaffneten Hand geschehen sein kann, und nachdem er sich dann nach einer genauen Untersuchung überzeugt hatte, daß sie nicht im Hause war, hat er natürlich nicht vergessen, die Hand unter das Kissen zu schieben und das Geld hervorzuziehen, dessen Umschlag jetzt hier unter den Sachbeweisstücken auf dem Tisch liegt. Ich sage das nur, um Sie auf einen, meiner Ansicht nach äußerst charakteristischen Umstand aufmerksam zu machen. Wäre der Täter ein geübter Mörder gewesen oder einer, der nur um des Geldes willen erschlagen hätte, – würde der dann das Kuvert so auf dem Fußboden liegen gelassen haben, so unbesonnen, so auffallend ein paar Schritt von der Leiche, wo es später gefunden wurde? Wenn nun Ssmerdjäkoff der Mörder um des Geldes willen gewesen wäre, – so hätte er doch das ganze Paket mitgenommen und fortgebracht und sich nicht zuerst noch die Mühe gegeben, das Paket neben der Leiche seines Opfers zu entsiegeln, da er ja genau wußte, daß gerade in diesem Kuvert das Geld war – hatte doch Fedor Pawlowitsch in seiner Gegenwart das Geld hineingeschoben und das Kuvert versiegelt. Hätte er aber das Paket mit dem Kuvert fortgebracht, so würde doch jetzt niemand sagen können, ob ein Raub stattgefunden habe oder nicht? Ich frage Sie, meine Herren Geschworenen, hätte Ssmerdjäkoff das Kuvert auf dem Fußboden liegen gelassen? Nein, so konnte nur ein Mörder handeln, der übermäßig aufgeregt war und daher nicht mehr überlegte, ein Mörder, der kein Dieb war, der bis dahin noch niemals gestohlen hatte, und der auch dieses Geld nicht wie ein Dieb ‚stiehlt‘, sondern wie einer, der sein Eigentum, das von ihm gestohlen worden ist, dem Diebe wieder abnimmt, – denn das war die Auffassung, die Dmitrij Karamasoff von diesen Dreitausend hatte, und die bei ihm zur ‚fixen Idee‘ geworden war. Und nun, nachdem er das Paket gefunden hat, das er früher nie gesehen, reißt er sofort den Umschlag auf, um sich zu vergewissern, sich zu überzeugen, ob auch wirklich das Geld darin ist, und dann läuft er, mit dem Gelde in der Tasche, aus dem Hause, ohne auch nur daran zu denken, daß er das Kuvert dort liegen gelassen hat, das verhängnisvollste Beweisstück gegen sich. Und das nur deshalb, weil Karamasoff – und nicht Ssmerdjäkoff – nicht mehr nachdenken, nicht mehr überlegen konnte! Wie sollte er das auch? Er läuft fort, er hört den Schrei des ihm nachlaufenden Dieners, der Diener erfaßt ihn, hält ihn fest und – fällt nieder, getroffen von der messingnen Mörserkeule. Der Angeklagte springt vom Zaun ‚aus Mitleid‘ zu ihm herab. Stellen Sie sich das vor, meine Herren, er versichert uns plötzlich, daß er damals aus Mitleid herabgesprungen sei, um nachzusehen, ob er ihm nicht helfen könne. Nun frage ich Sie, war der Augenblick etwa danach beschaffen, daß ein solches Mitleid wahrscheinlich ist? Nein, er sprang nur zu dem einen Zweck herab: um sich zu überzeugen, ob der einzige Zeuge seines Verbrechens tot ist oder noch lebt. Jedes andere Gefühl, jeder andere Beweggrund wäre unnatürlich! Und beachten Sie es wohl: er müht sich ernstlich um Grigorij, er wischt ihm das Blut ab, und nachdem er sich von dessen Leblosigkeit überzeugt zu haben glaubt, läuft er, ganz mit Blut besudelt, wie sinnlos wieder in das Haus des geliebten Weibes. Wie, hat er denn nicht daran gedacht, daß er blutig war und man ihn sofort verhaften könnte? Aber der Angeklagte versichert uns selbst, daß er das Blut überhaupt nicht bemerkt oder wenigstens nicht weiter beachtet habe. Und das ist sehr glaubwürdig, das ist sogar sehr möglich, denn so pflegt es ja meistens in solchen Augenblicken mit Verbrechern zu sein. In dem einen – höllische Berechnung, im anderen – überhaupt keine Überlegungskraft. Er aber dachte in jenem Augenblick nur an eines: wo war sie? Das mußte er so schnell wie möglich erfahren, und so läuft er denn wieder in ihre Wohnung und erfährt dort die unerwartetste, niederschmetternde Nachricht: sie ist nach Mokroje zu ihrem ‚Früheren, Alleinberechtigten‘ gefahren!“
IX. Der Schluß der Rede des Staatsanwalts. Der Gipfel der Psychologie. Die jagende Troika
Hippolyt Kirillowitsch hatte augenscheinlich eine bestimmte aufbauende Methode der Auslegung gewählt, wie das ja schließlich alle nervösen Redner zu tun pflegen, die absichtlich einen streng abgezirkelten Rahmen suchen, um sich nicht zu früh hinreißen zu lassen. Hippolyt Kirillowitsch kam also nun auf den „Früheren und Alleinberechtigten“ zu sprechen, was er sehr ausführlich tat, und bei welcher Gelegenheit er noch einige in ihrer Art recht interessante Gedanken aussprach. „Dmitrij Karamasoff,“ fuhr der Staatsanwalt fort, „der auf jeden bis zur Raserei eifersüchtig gewesen war, ergibt sich vor dem ‚Früheren und Alleinberechtigten‘ widerspruchslos und fast in einem Augenblick seinem Schicksal. Das ist um so sonderbarer, als er früher dieser neuen Gefahr, die ihm in der Gestalt des unerwarteten Rivalen drohte, fast überhaupt keine Beachtung geschenkt hat. Er hatte immer geglaubt, daß es bis dahin noch weit sei, so weit ... Karamasoff aber lebt nur im Augenblick, in der Gegenwart. Wahrscheinlich hielt er ihn sogar für eine Fiktion. Nachdem er aber mit seinem kranken Herzen in einem Nu begriffen hatte, daß die Geliebte vielleicht gerade deswegen diesen neuen Rivalen verheimlicht, deswegen auch ihn noch vor ein paar Stunden betrogen hat, weil dieser neuaufgetauchte Gegner nichts weniger als Phantasie und Fiktion, sondern für sie alles war, alles, ihre ganze Lebenshoffnung – nachdem er das im Augenblick begriffen hatte, ergab er sich. Meine Herren Geschworenen, dieses in der Seele des Angeklagten plötzlich hervortretende Gefühl kann ich nicht mit Stillschweigen übergehen ... Man sollte meinen, daß er unter keinen Umständen dazu fähig gewesen wäre: doch da machte es sich plötzlich geltend in dem unabweisbaren Bedürfnis nach Wahrheit, in der Achtung vor der Frau, in der Anerkennung der Rechte ihres Herzens. Und das wann? – Im Augenblick, da er um ihretwillen seine Hände mit dem Blute seines Vaters befleckt hatte! Wahr ist ja auch wieder, daß das vergossene Blut in diesem Augenblick schon nach Rache schrie, denn er, der seine Seele und sein ganzes Erdenleben in jenem Augenblick bereits ins Unglück gestürzt hatte, er mußte sich doch in jenem Augenblick unwillkürlich fragen, was er jetzt war, was er jetzt noch für sie bedeuten konnte – für sie, die er mehr als seine Seele liebt –, im Vergleich zu jenem Früheren, der reuevoll zu diesem Weibe, das von ihm einmal zugrunde gerichtet worden war, mit neuer Liebe, ehrenhaften Anträgen und dem Gelöbnis, ein neues und nun glückliches Leben zu beginnen, zurückgekehrt war. Er aber, der Unglückliche, was konnte er ihr jetzt geben, was ihr noch anbieten? Karamasoff begriff alles in einem Augenblick, er begriff, daß sein Verbrechen ihm alle Wege versperrt hatte, und daß er jetzt ein so gut wie zum Tode verurteilter Verbrecher war, nicht aber ein Mensch, der noch ein Leben vor sich hat! Dieser Gedanke hat ihn sofort niedergedrückt und vernichtet. Und so bleibt er denn sofort auf einem verzweifelten Plane stehen, der ihm bei seinem Karamasoffschen Charakter nicht anders denn als einziger und fataler Ausweg aus seiner schrecklichen Lage erscheinen kann. Dieser Ausweg ist: der Selbstmord. Er läuft nach seinen Pistolen, die er beim Beamten Perchotin versetzt hat, und zu gleicher Zeit reißt er unterwegs, beim Laufen, sein ganzes Geld, um dessentwillen er seine Hände in Blut getaucht hat, aus der Tasche heraus. Oh, Geld braucht er jetzt mehr als alles andere: Karamasoff stirbt, Karamasoff erschießt sich, und das soll man behalten! Nicht umsonst sind wir eine poetische Natur, nicht umsonst haben wir unser Leben verlebt, als wäre es ein Licht, das man von beiden Enden zugleich brennen lassen kann. ‚Zu ihr, zu ihr – und dort, oh! dort werde ich ein Fest geben, ein Fest über die ganze Erde hin, wie es noch keines gegeben hat, damit man es behalte und sich noch lange davon erzähle. Mitten im wilden Geschrei, bei irrsinnigen Zigeunerliedern und -tänzen will ich auf ihr Wohl den Becher erheben, will ich das Wohl des vergötterten Weibes ausbringen, einen Glückwunsch zu ihrem neuen Glück, und dann – dann falle ich vor ihr nieder und zerschmettere mir vor ihren Füßen den Schädel und richte mich hin für mein Leben! Dann wird sie zuweilen an Mitjä Karamasoff denken, dann wird sie sehen, wie Mitjä sie geliebt hat, oh! und leid wird es ihr um Mitjä tun!‘ Darin liegt viel Dramatik, viel romantische Begeisterung, viel wilde Karamasoffsche Zügellosigkeit und viel Karamasoffscher Gefühlstaumel – und dann noch etwas anderes, meine Herren Geschworenen, noch etwas, das in der Seele schreit, das unermüdlich im Gehirne klopft und sein Herz tödlich vergiftet. Dieses etwas – das ist das Gewissen, meine Herren Geschworenen, das ist das Gericht des Gewissens, das ist des Gewissens unablässiges Nagen! Doch die Pistole wird alles aussöhnen, die Pistole ist der einzige Ausweg, einen anderen gibt es nicht! Dort aber ... Ich weiß nicht, ob Karamasoff in jenem Augenblick auch daran gedacht hat, ‚was dort sein wird‘, und ob Karamasoff überhaupt wie Hamlet darüber nachdenken kann? Nein, meine Herren Geschworenen, dort gibt es Hamlets, bei uns aber vorläufig noch Karamasoffs!“
Hierauf rollte Hippolyt Kirillowitsch bis in alle Einzelheiten das Bild der von Mitjä getroffenen Anstalten auf, die Szene bei Perchotin, dann bei Plotnikoffs in der Kolonialwarenhandlung und später mit Andrei. Hippolyt Kirillowitsch führte eine Menge Worte, Aussprüche, Gesten an, die alle von Zeugen bestätigt worden waren – und das Bild wirkte unglaublich auf die Überzeugung der Hörer. Am meisten wirkte die Geschlossenheit der Tatsachen. Die Schuld dieses fast besinnungslos hastenden, sich überhaupt nicht mehr in acht nehmenden Menschen trat so deutlich hervor, daß jeder Zweifel vollkommen ausgeschlossen schien. „Wozu sollte er sich auch noch in acht nehmen,“ fragte Hippolyt Kirillowitsch, „zwei- oder dreimal hat er ja seine Schuld beinahe schon ganz eingestanden, hat sie jedenfalls angedeutet, nur ohne dabei die Sätze zu Ende zu sprechen.“ (Hier folgten die Aussagen der Zeugen.) „Und dem Andrei, der ihn nach Mokroje fuhr, hat er unterwegs sogar zugerufen: ‚Weißt du auch, daß du einen Mörder fährst!‘ Ganz aussprechen konnte er sich aber doch nicht: zuerst mußte man noch nach Mokroje kommen, und dort erst konnte das Poem beendet werden. Was aber erwartet dort den Unglücklichen? Fast von dem ersten Augenblicke an sieht er und begreift er schließlich vollkommen, daß sein ‚unbestrittener‘ Nebenbuhler durchaus nicht mehr so fest im Sattel sitzt, und daß man von ihm einen Glückwunsch zu dem neuen Glück überhaupt nicht wünscht. Aber Sie kennen ja die Tatsachen aus der gerichtlichen Untersuchung. Der Triumph Karamasoffs über seinen Rivalen wird immer augenscheinlicher, wird unzweifelhaft, und da – oh, da erhebt sich in seiner Seele eine ganz neue Qual, und zwar die allerschrecklichste von allen, die seine Seele je durchlebt hat und jemals durchleben wird! Man kann in diesem Falle wahrlich sagen, meine Herren Geschworenen,“ rief Hippolyt Kirillowitsch aus, „daß die beschimpfte Natur und das verbrecherische Herz – vollständigere Rache geübt haben, als jedes andere irdische Gericht sie üben könnte! Und nicht nur das: das Gericht und die irdische Strafe erleichtern sogar die Strafe der Natur, sie sind für die Seele des Verbrechers eine Linderung, sie sind ihr unentbehrlich: sie sind die einzige Rettung vor der Verzweiflung. Ich kann mir das Entsetzen und die seelischen Leiden Karamasoffs nicht einmal vorstellen, die er durchlebt hat, als er sehen und begreifen mußte, daß sie ihn liebt, daß sie seinetwegen ihren ‚Früheren und Alleinberechtigten‘ zurückweist, daß sie ihn, ihn, ‚Mitjä‘, zu sich ruft, und mit ihm ein erneutes Leben beginnen will, daß sie ihm das ganze Erdenglück zeigt – und zwar wann? In einem Augenblick, da für ihn schon alles beendet und nichts mehr möglich ist! Bei der Gelegenheit will ich hier eine für uns sehr wichtige Bemerkung zur Erklärung des wahren Wesens der damaligen Lage des Angeklagten machen. Dieses Weib, diese Geliebte war bis zu diesem letzten Augenblick, bis zu diesem Augenblick der Verhaftung ein für ihn unerreichbares Glück gewesen, ein leidenschaftlich gewünschtes und ersehntes, doch unerreichbares Wesen. Aber warum, warum erschießt er sich nicht sofort, warum schiebt er die Ausführung seiner Absicht hinaus, warum vergißt er sogar, wo seine Pistole liegt? Weil ihn sein leidenschaftlicher Liebesdurst und die Hoffnung, ihn schon dort, dort schon stillen zu können, noch zurückhalten. Im Lärm des Festes sieht er nur seine Geliebte, die gleichfalls mit ihm trinkt, die ihm schöner und verführerischer denn je erscheint, – er geht keinen Schritt von ihr fort, er kann sich nicht sattsehen an ihr, er vergeht vor ihr. Dieser leidenschaftliche Durst konnte für eine Weile nicht nur die Angst vor der Verhaftung, sondern selbst die Gewissensbisse verscheuchen! Nur für eine Weile, oh, nur für einen Augenblick! Ich stelle mir den damaligen Seelenzustand des Verbrechers in der zweifellos sklavischen Unterordnung unter drei Elemente vor. Erstens: sein trunkener Zustand, das Toben und der Lärm, das Gestampfe des Tanzes, der Gesang der Lieder, und sie, sie, die vom Weine gerötet ist, die gleichfalls singt und tanzt, die trunken ist und ihm zulächelt! Zweitens: der entfernte ermutigende Gedanke daran, daß die Schicksalsentscheidung noch weit, weit vor ihm liegt, oder wenigstens nicht gerade ganz nahe ist – höchstens am anderen Tage, erst am nächsten Morgen könnte man kommen und ihn festnehmen. Folglich bleiben einem immer noch ein paar Stunden bis dahin, das aber ist viel, unglaublich viel! In ein paar Stunden kann man sich vieles ausdenken. Ich nehme an, daß es ihm ebenso erging, wie es einem Verbrecher ergeht, der zum Schafott oder zum Galgen geführt wird: noch hat er eine lange, lange Straße zu durchfahren, und das noch dazu im Schritt, an den Tausenden des gaffenden Volkes vorüber, darauf wird man in eine andere Straße einbiegen, und erst am Ende dieser anderen Straße liegt der furchtbare Platz! Ich glaube, dem auf dem Schinderkarren sitzenden Verurteilten muß zu Anfang seiner Fahrt zum Richtplatz unbedingt scheinen, daß noch ein unendlich langes Leben vor ihm liegt. Aber siehe da, die Häuser gehen zurück, der Karren zieht an ihnen vorüber – aber das hat noch nichts zu sagen, oh, bis zur Wegbiegung ist es ja noch so weit, er blickt immer noch ganz munter nach rechts und nach links und auf das teilnahmslos neugierige Volk, das mit den Blicken starr an ihm hängt, und es scheint ihm immer noch, daß er ebenso ein Mensch ist wie diese anderen. Da aber kommt schon die Biegung in die andere Straße, oh! das hat noch nichts, nichts zu sagen, es liegt noch eine ganze Straße vor einem. Und wieviel Häuser auch schon zurückbleiben mögen, er wird immer noch denken: ‚Es sind ja immer noch viele Häuser vor mir.‘ Und so geht es weiter bis zum Schluß, bis zum Platz. So ist es auch mit Karamasoff gewesen, denke ich. ‚Noch hat man dort zu nichts Zeit gehabt, und Mokroje ist immerhin nicht so nah, noch wird man sich etwas ausdenken können, oh, noch habe ich Zeit genug, um mir einen Verteidigungsplan auszudenken, um zu überlegen, wie ich mich da herausziehen soll, jetzt aber, jetzt – oh, wie wunderschön sie jetzt ist!‘ Dunkel und unheimlich ist es in seiner Seele, aber es gelingt ihm doch noch, die Hälfte von seinem Gelde irgendwo zu verstecken – anders kann ich mir nicht erklären, wo die übrigen Tausendfünfhundert von den Dreitausend, die er vom Vater unter dem Kissen genommen hat, geblieben sind. Er ist ja nicht zum erstenmal in Mokroje, er hat dort einmal schon zwei Tage lang gepraßt. Das alte große hölzerne Haus ist ihm gut bekannt, er kennt alle Galerien, alle Scheunen und Schuppen. Ich bin nämlich überzeugt, daß die eine Hälfte des Geldes damals irgendwo untergebracht worden ist, und zwar gerade in diesem Hause, kurz vor der Verhaftung, und wahrscheinlich in einer Spalte, in einer Ritze, unter irgendeinem verfaulten Balken, in einer Ecke vielleicht oder gar unter dem Dach. Wozu, fragen Sie? Wie, wozu? Die Katastrophe kann jeden Augenblick hereinbrechen, sofort! Wir haben es uns zwar noch nicht überlegt, wie wir ihr entgegentreten sollen, und wir haben ja auch noch keine Zeit dazu, und es klopft in unserem Hirn, und zu ihr, zu ihr zieht es uns! Nun, das Geld aber – Geld kann man in jeder Lage brauchen. Ein Mensch mit Geld ist überall ein Mensch. Vielleicht scheint Ihnen eine solche Überlegungskraft in einem solchen Augenblick unnatürlich? Aber er selbst beteuert doch, daß er vor einem Monat in einem ebenso aufregenden und schicksalsschweren Augenblick von Dreitausend die Hälfte abgezählt und in ein Stück Zeug eingenäht habe, und wenn das auch nicht wahr ist, was wir sogleich beweisen werden, so ist diese Idee doch Karamasoff bekannt, und folglich hat er sie irgend einmal schon erwogen. Und als er später dem Untersuchungsrichter versicherte, daß er vor einem Monat anderthalb Tausend in das Säckchen (das niemals existiert hat), eingenäht habe, da hatte er sich diese Geschichte vom Säckchen vielleicht erst im selben Augenblick ausgedacht, und vielleicht gerade darum, weil ihm zwei Stunden vorher bei der Abteilung der Hälfte des Geldes derselbe Gedanke gekommen war, er aber infolge einer glücklichen Eingebung dann doch vorgezogen hatte, das Geld dort irgendwo im Hause zu verstecken, wenigstens bis zum Morgen, als es bei sich zu behalten. Zwei Abgründe, meine Herren Geschworenen! Sie erinnern sich doch noch, daß Karamasoff beide Abgründe zu erfassen vermag, und beide zu gleicher Zeit! Wir haben in jenem Hause überall nach dem Gelde gesucht, aber wir haben nichts gefunden. Vielleicht ist das Geld auch jetzt noch dort, vielleicht ist es schon am Tage nach der Verhaftung verschwunden und befindet sich noch jetzt irgendwie im Besitze des Angeklagten. Jedenfalls ist er neben ihr verhaftet worden, vor ihr kniend: sie lag auf dem Bett, er hatte zu ihr seine Hände emporgestreckt und hatte in jenem Augenblick dermaßen alles andere vergessen, daß er nicht einmal die Ankunft der Obrigkeit und ihren Eintritt ins Zimmer hörte. Er hatte noch nichts zur Antwort vorbereitet. Er wurde sozusagen in seinem eigenen Bewußtsein völlig überrascht.